ng. Eduard interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruͤckerſtattet onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: —,—— e lorene und ich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſt das zerriſſene, beſch — — dDdie Ahnen. Roman — . von 1. 8 6uiſtav Freytag. Dritte Abtheilung. Die Brüder vom deutſchen Hauſe. eUW 4 Leipzig — Verlag von S. Hirzel. 1874. 2————— ⸗ Guſtav Freytag. e wee Leipzig Verlag von S. Hirzel. 1874. Das Recht der Ueberſetzung iſt vorbehalten. An der Sonnenſeite des Hauſes lief eine zierlich geſchnitzte 4. Im Jahr 1226. Auf dem Wege von den rothen Bergen naß lag in einer Niederung der Hof von Ingersleben, von einem Gebirgsbach, deſſen Waſſer die ſchut Gräben füllte. Dahinter ragten die feſten Mau den Ecken und über dem Thor niedrige runde Thürme, räumig genug, um einen Standbogen oder eine groß Schleuder aufzunehmen. Wer über die Zugbrücke durch das Thorgewölbe trat, der ſah vor ſich einen weiten Hof von niedrigen Wohngebäuden, Ställen und Vorrathsräumen eingefaßt, zur Seite das anſehnliche Herrenhaus; im Un⸗ terſtock wölbten ſich Steinhallen, der vorſpringende Oberſtock— war aus großen Holzbalken und Ziegeln zuſammengefügt. Gallerie entlang, und vor der Hausthür ſtanden zwei alte Linden, deren Stämme mit Bänken umgeben waren. Neben dem Herrenhauſe erhob ſich ein mächtiger viereckiger Thurm, von welchem die Sage kündete, daß er ſo alt war als der Herrenſitz des Geſchlechtes. In den geſchwärzten Mauern liefen hier und da Riſſe, aus denen kleines Freytag, Die Ahnen. III. 1 Geſträuch und Grasbü chel wuchſen, aber im Ganzen wmar das feſte Gefüge erhalten, noch ſtand der Thurm trotzig und kriegeriſch da, gleich einem Hünen der Vorzeit, und er vermochte wohl bei einer Belagerung als letzte Zu⸗ flucht zu dienen. 4 Von der Höhe des 3 urms überſah man eine frucht⸗ bare Landſchaft, zur inken die Waldhügel von Erfurt, zur Rechten ſüdwärts die rothen Berge mit drei Burgen und mehren Wartthürmen. Einſt war der ganze Thal⸗ grund und alle Berghöhen dahinter Eigenthum deſſelben edlen Ge hlechtes geweſen, welches für eines der älteſten in Thünttgen galt. Aber was ihm von je Ehre gegeben hatte. ſtaß es frei auf eigenem Grunde ſaß, das hatte ihm die Dauer des zuſammenhängenden Beſitzes dert. Denn nach thüringiſcher Volksſitte war das ſeie Erbe unter die Kinder getheilt worden, vieles Land war durch Heirath und Schenkung, durch Fehde und Krieg in fremde Hände gekommen, und man hatte in dem Herrenhofe zuweilen erfahren, daß gerade freie Erbſchaft Habe und Gut zerſplittert und die Angehörigen ſcheidet, während Dienſtbarkeit und Lehnbeſitz die Stammgenoſſen zuſammenhält und ein Geſchlecht erhöht. Auch das Schickſal der großen Landſchaft Thüringen war dem Wachsthum der Familie hinderlich geweſen; die Häupter hatten in alter Zeit treu zu den Sachſen gehalten und zweimal war die Blüthe der männlichen Ju⸗ gend in den Kämpfen der Sachſen mit den Franken auf dem Schlachtfelde dahingeſchwunden. Unterdeß kam durch die Gunſt der Frankenkönige ein anderes Herren⸗ —,—— — ———— 1* nützigen Mann, der ſeinem Neffen Ivo wenig C geſchlecht herauf, welches dr waltig herrſchte, nicht nurt Heſſen und Meißen, und we Fürſtenmacht im Reiche inne Die Edeln aber, welche ſi eines alten Helden Ingram zu an Dörfern und Höfen, welche Dienſtmannen und höriger Leute dar zerſtreut lagen; die Herren ſelbſt ſaßéen, getheilt, noch auf altem Erbe ihrer Ah zwiſchen dem Hofe von Ingersleben, in w. Ivo waltete, und zwiſchen der Mühlburg, auff Graf Meginhard hauſte, beſtand kein gutes Einve Der alte Meginhard galt für einen harte ganz Thüringen in zwei Häuſer gönnte, und da er ſelbſt kinderlos war, ſeinen Beſitz dem zugebrachten Sohn ſeines Weibes verlaſſen wollte, einem ungefügen Geſellen, der nicht einmal aus altem Ritter⸗ geſchlecht war. Der Graf hatte es freilich verſtanden,. durch Hilfe der Landgrafen ſeinen Beſitz zu mehren, er 3 trug Güter von ihnen zu Lehn und ritt gern als Vaſall in ihrem Dienſt und Gefolge. Aber die Leute wußten, daß die beſte Kraft des Geſchlechtes in dem Hofe des jungen Herrn Ivo fortlebte, welcher noch nach der alten Weiſe freier Landherren auf ſeinem Grunde gebot. Ivo war fröhlich aufgeblüht, ſeine Eltern, die er kurz nach einander verlor, hatten ihn als das einzige Kind ſorglich in allem Hofbrauch erzogen; ſeit er zum Mann er⸗ wachſen war, wurde er von den Landgenoſſen als ein 1* 4 ehrbarer Nachbar gerühmt der jede Bedrückung der Schwächeren mied, und von hen fahrenden Sängern als ein ritterlicher Held, der miilbe und ſorglos ſpendete und nach Ehren ſtrebte, wie einem edlen Herrn geziemte. Heut hatte die Frühlingsſonne ihre Fahrt am Himmel in heller Freude begonnent; zuerſt umzog ſie die Zinnen des alten Thurmes mit roſigem Schimmer, kurz darauf ſtrahlte ihr rundes Antlitz in den Hof und ſie ſah lachend zu, wie alich der Hof ſich zu glänzender Aus⸗ fahrt rüſtete.„Bwiſchen den Wohnhäuſern und den Ställen eilten geſchäftig die Männer und Knaben, der eine in buntem Feſtkleid, der andere noch in Hemds⸗ ärmeln ivie Knechte zogen ſtarke Turnierpferde an der Trenſe ins Freie und hingen die geſchmückten Decken, welche den Leib der Roſſe umhüllen ſollten, über die wsggeſtelle. Behende Knappen trugen in den Armen das Feſtgewand ihrer Ritter nach den Herrenkammern und tauſchten im Lauf neckenden Zuruf mit ihren älteren Gefährten, welche Harniſch, Schwert und Dolch der Herren putzten und zuweilen gegen die Sonne hielten, um den Glanz zu prüfen. Auch drüben in der Küche tummelte ſich der Koch mit ſeinen Gehilfen, um ein Frühmahl zu bereiten für das edle Hofgeſinde und für die Vaſallen, welche erwartet wurden. Durch die Knechte und Roſſe ſchritt gewichtig Herr Henner Marſchalk, der an⸗ ſehnlichſte Ritter des Hofes und Aufſeher über alles Ritter⸗ werk, ein langer Mann nit ſcharfblickenden Augen und graulichem Haar und Schnurrbart, dem die ſtrenge Amts⸗ miene den gutherzigen Ausdruck nicht zu bannen ver⸗ welchem er belehnt war, orgte ſeine Hausfrau um Mägde und ſtrafte ihre em Edelhofe herrſchte igen Fahrten umherzog. a Blicke in jede Ecke, Hufe und gönnte den Vorte je nach ihrem mochte. Der kleine Hof lag ſeitwärts im Dorfe, Küche und Stall, ſchalt Knäblein, während der Herr und mit ſeinem Gebieter auf 1 Herr Henner warf ſeine ſchne unterſuchte jedes Roß bis auf die Knechten ſtrafende oder ermunternde Verdienſt. Längere Zeit beſchaute er hagen die neuen Gewänder, in welche die werden ſollten, die ſchöne blaue Leinwand, goldener Borte umſäumt war und die kunſtvoll a Waffenbilder des Hofes. Endlich trat er in ein Seitengebäude, die der anſehnlichen Hofleute. Es war ein großes ſchut loſes Gemach, in einer Ecke ragte der rundliche Ofen mit ſeiner vielbegehrten Bank, der übrige Raum war mit ſtarken Tiſchen und Schemeln beſetzt, in der Höhe ſtand auf Wandbrettern kleines Hausgeräth, dar⸗ unter hingen Waffen, Harniſchtheile und anderes Rüſt⸗ zeug des Krieges und der Jagd. Am Tiſche ſaß ein junger Krieger, der ſich in einem Handſpiegel betrachtete und ſeinen Schnurrbart mit den Fingern abwärts zu drehen ſuchte.„Gefällt es euch, Herr Lutz,“ begann der Marſchalk ſtreng,„ſo ſtreicht euer Haar tiefer in die Stirn und gewöhnt ihm ſein Gekräuſel ab; nicht ohne Abſicht habe ich euch eine ſcharfe Bürſte als ein Präſent geboten. Denn übel ſtände euch heut die bäuriſche Un⸗ ordnung, wenn wir zum Hofe des Landgrafen reiten.“ — Der Jüngling errö kein wenig und ſtrich eilig mit Bürſte und Hand, idem er murmelte:„Keine Salbe aus Wachs und Butter vermag ſie zu zwingen.“ ttzerlich einen Schemel, ließ ſeinen langen Leib darauf nißher und ſah der Arbeit des An⸗ dern mit väterlichem Antheil zu.„ Es iſt eure erſte Fahrt unter die Mannen des Landgrafen, ſeit der Herr euch den Ritter angelegt hat, und ich ſorge um euch, mein Knabe, duß ihr uns auch Ehre macht. Denn Soörgt nicht, Herr Henner,“ tröſtete der Junge, ill eurer Lehren gedenken.“ ch bitte dich, Lutz,“ fuhr der Marſchalk vertrau⸗ her fort,„halte dich courtois, ſprich wenig und florire deine Rede zuweilen mit einem neuen Wort. Sage nicht Roß ſondern Pferd, und daß du mir nicht von Roßdecken ſprichſt, ſondern von Couvertüren, und vor Allem warne ich dich, daß du während des Mahls den Becher nicht öfter hebſt als dreimal und daß du dir nicht einfallen läßt, Jemandem zuzutrinken, wie du ge⸗ ſtern Abend in unſerer Companei wagteſt. Drängt euch auch nicht unter den Andern vor, Herr, laßt eure Blicke nicht unverſchämt umherſchweifen und glotzt nicht auf die Frauen, ſondern ſteht beſcheiden hinten eurer Jugend ein⸗ gedenk, denn nicht euretwegen ſeid ihr dort, ſondern um eurem Herrn die Ehre zu vermehren. Und vernehmt noch ein nützliches Wort. Unſer Herr Jvo reitet heut ungerüſtet zum Landgrafen, denn ſo iſt es Brauch bei ſein Hofgeſinde tragen zur Ehre unſeres Herrn peer begrüßen, wenn ſie begehren. Sollte jedoch en, ſich in unſer Spiel dir nicht mit unſerm mit leichten Spee⸗ Denn der Land⸗ arken Stößen, einem Herrenbeſuch; wir Helm und Eiſenhemd, dar die Landgräflichen mit der ein ritterliches Rennen von u der Landgraf ſelbſt Luſt gewin zu miſchen, ſo denkt daran, Kernholz gegen ihn rennen, ſor ren, die bei ſanftem Stoß zerſplitt graf iſt zwar ein tapferer Herr, aber wie ſie auf unſerm Hofe geübt werden /mit im Sattel ſchwanken. Uns aber wäre der ſtäubt, wenn wir den Stolzen vor ſeinem den Staub legten. Gegen erlauchte Herren geziemende Nachſicht üben. Sie lohnen es wier ihre Gnade, wenn man ſie nicht merken läßt, wenig vermögen.“ 4 „Nun, Marſchalk,“ verſetzte der Jüngere,„bei un⸗ ſerm Herrn trifft eure Rede nicht zu.“ „Bei unſerem,“ rief Herr Henner ſich aufrichtend, ‚das iſt ein ganz anderes Ding. Habe ich ihn nicht ſelbſt auf der Rennbahn unterrichtet ſeit dem Jahre, wo er ſeinen kleinen Kinderſpieß zuerſt auf das Rüſteiſen legte. Und doch, Lutz, er iſt auch nicht zum ſtärkſten Speerbrecher des Landes geworden, ohne daß ich ihm etwas nachgegeben habe, Denn als ich merkte, daß ihm noch Eines zu vollkommenem Vertrauen fehlte, nämlich daß er mich, ſeinen Lehrer, nicht in den Sand zu rennen vermochte, da kann es wohl ſein, daß ich mich einige⸗ mal mit gutem Willen hinter das Roß auf den Grund ſetzen ließ. Es war, wie p. meinen Leib ein ſchwerer all, aber es half, denn ſeit der Zeit hat er ſeinen d öwenmuth. Dabei merkt, jun⸗ ger Herr, daß auch ei ine Ehre des Dienenden iſt, den Herrn ſtark zu machen, wo es ihm fehlt.“ Der junge Ritter ergriff achtungsvoll die Hand des Aelteren:„Lieber Herr und Vater, es iſt ein heimlicher Streit in unſerer Companei und oft wird darüber ge⸗ redet, wer jetzt der Stärkere im Anritt iſt, ob unſer Herr oder ihr, denn ſelten fordert euch Herr Ivo auf gegen ihn zu reiten, und dann ſcheint es immer ein gleicher Kampf.“ Herr Veten zog ſein Geſicht in Falten und ſah vor ſich nieder. Als er endlich zum Jüngling außblickte, zuu dir denken kannſt, für gläßtzten die grauen Augen in guter Laune.„Es bleibt am beſten unentſchieden, auch du unterfange dich nicht darüber zu reden und zu grübeln. Denn manche Dinge giebt es, die ein höfiſcher Mann ſich ſelbſt und Anderen bergen muß, wenn er die Treue bewahren will.“ „Ich weiß,“ verſetzte der Andere leiſe,„keiner von uns wagt zu fragen, wohin unſer Herr reitet, wenn er zuweilen allein ſeinen Hof verläßt, ohne Gefolge, ja ſo⸗ gar ohne ſeinen Knaben. Obgleich Alle ſich verwunder⸗ ten, als er neulich zurückkam mit durchnäßtem Gewande wie ein armer Mann, der zu Fuß durch tiefe Pfützen gewatet iſt.“ Der Alte ſah finſter auf ſeinen Schüler.„Ich er⸗ ſuche euch, Herr Lutz, angenehm zu reden und ſtatt Pfütze lieber Riviere zu ſagen ihr ſolche dreiſte Rede üben Alle haben die Ehre, die Wen Theil wird, daß wir einem Frau cher Leib und Leben ſeiner Herri ſein und unſer Ruhm unter den L auf merken und ſpähen, wer die er ihr dient, ob mit Erhörung oder möchte ſeine Neugier Verderben bere er zu unſerm Hofe gehört, ſo dürfte ſein Tafelrunde bald leer werden.“ „Ich will Alles thun, wie ihr verlangt,“ ar der Jüngling lächelnd.„Es wird heut ein warmet darf ich für euch, lieber Vater, noch einen Fr ausbitten, dort geht Herr Godwin, der Kämmerer d hinter ihm der Schüler Nicolaus mit der Kanne.“ 2 „Möge dieſem ſeine Schreiberei übel gedeihen,“ rief der Marſchalk,„der Unheilſtifter hat das Ohr des Herrn. Aergerlich iſt es für einen Kriegsmann, wenn ein müßi⸗ ger Schreiber im Hofe ſtolzirt. Lieber will ich einen Schwerthieb abwehren als den Schlag ſeiner Zunge. Wendet euch weg, damit er nicht hier eindringe.“ „Er trägt aber die Kanne,“ erinnerte der Jüngere. Herr Henner warf durch das Fenſter einen ſtrengen Blick nach dem Schüler, doch die Miene wurde friedlicher, während er die Kanne beobachtete, denn er erkannte die gute Meinung ſeines Geſellen. Dennoch fuhr er grollend fort:„Ein Schadenfroh iſt er, und ich hoffe den Tag zu erleben, an dem er ohne Ehren und ich mahne euch, daß t völlig meidet. Wir gen in dieſem Lande zu witter angehören, wel⸗ lobt hat. Das iſt en; will einer dar⸗ in iſt und wie und ein ehrliche T Aber der Nicolaus war eir runden röthliche lin in mittleren Jahren mit einem ; Naſe und Mund waren etwas röthet um hübſch zu ſein, aber zwei anden darüber, deren Brauen ſich ſchräg inunter ſchwangen. Er trug das Haar veiſe kurz geſchnitten, ſein Schülermantel dunklem Stoff aber von ſorgfältiger Arbeit, hatte ihn ſelbſtgefällig zurückgeſchlagen, damit man höne blaue Futter ſehe, an ſeinem Gürtel hing ein er in ſilberner Scheide und eine Kapſel, welche das ntenhorn und die Rohrfedern enthielt.»Benedicta sit sodalitas,« begann der Eintretende mit leichter Ver⸗ neigung,„ich grüße die edle Companei, gefällt den Herren ein Frühtrunk, ſo ſei mir die Ehre gewährt ihn einzu⸗ ſchenken.“ Ohne ſich an das feierliche Ausſehen des Marſchalks zu kehren, welcher ſteif auf ſeinem Stuhle ſaß, ſetzte er die Kanne auf den Tiſch, holte vom Holz⸗ geſims drei zinnerne Becher, rückte ſich einen Schemel, goß ein und ſchob die gefüllten Becher den Rittern zu, indem er mit der Miene eines Wirthes einlud:„Wohl bekomme den Herren der Trunk. Es iſt Würzwein, Herr Marſchalk, und ich ſelbſt habe ihn gebraut, darum mögt ihr ihn für gut halten. Denn dieſe Kunſt lehrte mich eine Herzogin in Ungarland, die deßhalb unter Chriſten und Heiden berühmt iſt.“ Herr Henner hörte n widerſtand eine Weile dem Becher aufſtieg. Doch hob er auch die Kunſt lehrte,“ entſchied leiſen Seufzer,„der Trank iſt er „Und Niemand iſt würdiger, Rhein und Welſchland zu koſten als Schüler.„So ſprach auch neulich euch mit ſeinen Rittern reiten ſah: diesiii krone, worauf ein Herr ſtolz ſein kann, unde ſchalk gleicht immer der Roſe in der Mitte. eine gute Neuigkeit habe ich mitzutheilen, vernahm zufällig, daß ihr ein ſtarkes Rennp gehrt, und daß dunkelbraun euch die liebſte iſt. Vorgeſtern ſah ich auf der Weide eines Ba ein Thier, ganz wie ihr es zu einem Pferde für eus gebraucht, einen unmäßig ſtarken Hengſt. Der Bauer weiß ſchwerlich, wie viel ſein Roß werth iſt und ich denke es euch billig zu ſchaffen, vielleicht gegen Tauſch.“ „Wenn ihr es ernſthaft meint, ſo ließe ſich darüber reden,“ verſetzte Herr Henner freundlicher.„Nur daß ihr nicht einen der Streiche ſpielt, wie ihr neulich gegen Frau Jutte, meine Hausfrau, wagtet. Denn als ſie mit uner⸗ träglichem Zahnweh behaftet war, legtet ihr neunerlei Kräuter, wie ihr ſagtet, auf eine Kohlenpfanne und gebotet der Frau Thür und Fenſter zu ſchließen und ſo lange rings um die Pfanne zu wandeln, als ſie es irgend ertragen würde. Ueber dem greulichen Dunſt kam ſie ins Straucheln und ſchlug an die glühenden Kohlen. Sie behielt ihren langſam:„Wer euch abſetzend mit einem beſten Wein vom ſchmeichelte der Herr, als er aden dazu, und der garſtige nus dem Gemach weichen. Ihr d von ihr zu erwarten.“ links im Kreiſe ſtatt rechts, das völlig verdorben, und ich hatte ſie antwortete Nicolaus bedauernd. Arzt die Schuld, wenn der Kranke 9 „ elerlei Künſte, Nicolaus,“ warf der junge itdem er mit einiger Scheu nach dem Schüler Wäret ihr wie ich viele Jahre durch die weite gewandert, ſo würdet auch ihr noch andere Dinge t haben als Roſſe zu zäumen und Holz zu ver⸗ 1 n,“ antwortete der Schüler übermüthig,„denn wenig Kunſt der Weiſen, in der ich nicht ein wenig unterrichtet bin. Nur den Hafer im Sieb ſchwingen und mit dem Flegel auf die Tenne ſchlagen, vertrage ich nicht, dann zu reden vermag ich in vielen Sprachen der Welt, Lieder ſinge ich lateiniſch und deutſch und ich möchte den ſehen, welcher mehr Geſchichten am Heerdfeuer zu erzählen weiß als ich, Briefe kann ich ſchreiben von jeder Art, Roſſe kann ich heilen und den Hunden die Ohren ſtutzen, ge⸗ heime Mittel kenne ich gegen das Fieber und viele andere Leiden, und wenn ihr es einmal von mir begehrt, ſo verſtehe ich auch euer Mädchen zu zwingen, daß ſie euch am Abend die Kammerthür williger öffnet. Wer in Noth änder der Erde giebt es, die ich nicht kenne und keine überfällt meine Glieder ein gefährliches Reißen. Aber iſt, dem bin ich hilfreich, u Wappen aller edlen Geſchlechte macht, daß ich nicht nöthig habe harren wie Andere. Wo mir's wo ich kalten Gruß finde, da ge Roß, doch zu Fuß.“ „Dann müſſen wir euch dankbar ſe ner,„daß ihr gnädig bei uns aushal ſchmäht, unſern Wein zu trinken und allerlei in das Ohr zu flüſtern. Ich mei preiſt die Heiligen, daß er euch erſtarrt im Schnes den hat.“ rLande. Solche Kunſt auf einem Hofe zu be⸗ ällt, bleibe ich und cch, wenn nicht zu „“ ſpottete Hen⸗ und nicht ver⸗ ren Weibern Herr Ivo „Vielleicht dankt er den Heiligen,“ verſetzte der ler mit verändertem Tone,„wie auch ich thue, daß damals Erbarmen bewieſen hat. Denn um euch Alles zu ſagen, ich habe einen Feind, der mich zwingt, und dieſer iſt der kalte Winter; wenn die Staare fortgezogen ſind, wird mir ſchwer um's Herz und meine Kunſt wird ſchwach, erſt der Mai macht mich wieder zu einem Helden. Manchesmal habe ich im Winter meine Kunſt vor dummen Dorfleuten geübt und an ihrem Heerde ge⸗ ſungen.“ „Jetzt aber iſt Maienzeit,“ mahnte Herr Henner, „ich hoffe, daß ihr jetzt ausfliegt.“ „Ihr vergeßt, daß ich erſt dem Bauer das Roß verleiden muß, das ihr begehrt,“ antwortete der Schüler lächelnd,„auch bin ich nicht unempfindlich gegen die gute Behandlung, die ich bei euch, ihr Herren, gefunden habe. Denn glaubt mir, Schüler und Ritter gehören zuſammen, eeht der Andere.“ Er holte aſche, ſchlug die Pergament⸗ eifrig zu leſen. Herr Henner näher an den des jungen Ritters Ermahnungen fort. Allmählich auf den Schüler zu achten, der über ſſchte, und dieſer vernahm, daß Herr ßerte:„Wenn nur dem Landgrafen llt, daß er uns beim Mahle auf der läßt, was man jetzt champiren nennt. Denn dlen und ihre Frauen empfangen dicke Polſter oder ühle, wir aber müſſen uns im Eiſenhemd auf ünnen Teppich lagern und von unten dringt die in den Leib.“ Dieſe Rede mußte dem Marſchalk mißfallen und mahnte wieder mit umwölkter Miene:„So lange hhr auf dem Pferde ſprengt, Chevalier, will ich euch ver⸗ trauen, aber wenn ihr an der Tafel ſitzet oder zum Tanze ſchreitet und wenn die Herren und Frauen mit artigen Reden ſchimpfiren, dann fürchte ich, daß ihr nicht joly antwortet, ſondern gleich einem Tölpel. Denn an ge⸗ fügiger Rede und vollends an ſüßen Worten für die Frauen leidet ihr noch Mangel.“ „Ich weiß Eine, die dieſe Meinung nicht hat,“ ver⸗ ſetzte der Jüngere gekränkt. „Meint ihr, Herr Gelbſchnabel, daß ihr den Frauen dort oben daſſelbe bieten dürft, was ihr eurem Dorf⸗ mädchen in die Ohren raunt? Schämt euch, Herr Lutz, von eurer Kundſchaft im Dorfe zu prahlen.“ vergaßen die He das Buch gebe Aber der Jüngling ſang leiſe:„Sind ihre Füßel auch zerkratzt vom Stroh, ihr fhe Mund⸗ ihr weißer Leib, ſie machen froh.“ „Noch einmal ſage ich euch, Cheh vg alier, ſchämt euch und ſchweigt. Ihr mögt eurem Berchtel oder wie ſie ſonſt heißt, in Erfurt einmal eine ſeidene Borte kaufen oder einen Ring von Glas und Silber und ihr Möget ſie heimlich herzen ſo viel ihr wollt, Niemand w d euch das ver⸗ denken; ja ihr dürft ſie auch, wenn ihr erſt gekommen ſeid und gewürdigt werdet ein§ halten, zu eurer ehelichen Hauswirthin machen Mutter eurer Kinder; aber niemals werdet ihr euch fallen laſſen, ſie als eure Frau zu rühmen, der ritterlich dient. Das bringt euch arge Unehre. G Lutz, das iſt der Punkt, wo ich an dir auszuſetzen ha Du reiteſt im Gefolge eines Herrn, der dem ganzen Lande ein glänzendes Vorbild von Ehre und Zucht iſt, auch von dir wird gefordert, daß du um die Minne einer edlen Frau wirbſt, ſei ſie Herzogin oder Gräfin. „Ich weiß aber keine,“ verſetzte Lutz.„Die Henne⸗ bergerin iſt zu alt, die von Orlamünde hat nur ein Auge und die Gleichen gilt für ein böſes Weib. Ich kenne Niemanden, der mir gefiele, als Frau Elſe die Land⸗ gräfin.“ Henner machte ſchnell eine abwehrende Bewegung und blies durch die Zähne, daß ſich ſein Schnurr⸗ bart ſträubte.„Von dieſer rathe ich euch abzuſehen. Dennoch eilt eine andere zu finden; bei Männern und Frauen werdet ihr erſt Geltung gewinnen, wenn man erkennt, daß euch denkt und edle Minne begehrt.“ gedrückt und überlegte. Da be— freundlicher Stimme:„Darf ich in dieſer Noth Rath geben, obwohl ich nicht dem Schildamt angeht Ganz in der Nähe weilt eine ritter⸗ liche Frau und für Jedermann wäre es ehrenvoll um verben. Wählt Frau Jutte zu eurer er ſtarrte in maßloſem Erſtaunen bald auf den er und bald auf ſeinen Zögling, allmählich zog ſich Heſicht finſter zuſammen und er griff an ſein hwert.„Wollt ihr alt werden im Sonnenlicht, ſo hültet euch ſolchen Unfug zu ſagen oder zu denken, Tropf, dies Eiſen hier würde ſchnell jeder Werbung eeiin Ende bereiten.“ verſetzte der Schüler. „Geſtattet, wenn ich euch in aller Höflichkeit ſage, ihr ſeid ein Unverſchämter und ich bin nicht der Mann, welcher ruhig zuſieht, wenn in ſeinem Hofe ein fremdes Hähnchen kräht. Doch ich erweiſe euch zuviel Ehre, daß ich über euren thörichten Einfall zürne; auch iſt Frau Jutte nicht ſo ſanft geartet, daß ſie irgend welche Frechheit mit Wohlgefallen ertragen würde, denn ſie ſchwingt kräftig ihren großen Kochlöffel, wie wir Alle . redliches Weib iſt.“ „Das denke ich auch,“ verſetzte der junge Ritter,„und „Er würde doch nur thun, was ihr von ihm fordert,“ wiſſen, und auch ich laſſe mir das gefallen, weil ſie ein — ich will euch nicht kränken, wenn ich thue, was ihr ge⸗ bietet.“ ö „Es freut mich, daß ihr eu währt,“ antwortete Henner ruh dieſer Frauendienſt nichts nützen; nießt die Ehre ihres Hauswirthes u Kind, doch ſie wurde in Dienſtbarke und ich, ſie iſt gar keine Freie und ſie im Traume nicht berühmen, vom Ad aber vermögt durch Frauendienſt nur dan werben, wenn ihr einer edlen Herrin gefallt.“ „Es iſt mir auch ganz recht, daß ihr mir de verwehrt,“ erklärte der Andere ehrlich. Dem Marſchalk jedoch war die Laune verdorbén⸗ erhob ſich, winkte ſeinem Genoſſen und ſchritt mit di klirrend aus der Thür, ohne den Schüler weiter beachten. Während der Hof um die Ausfahrt ſorgte, ſtand Herr Jvo allein auf der Gallerie ſeines Hauſes, die über den kleinen Hofgarten vorſprang. Aus den üppig ge⸗ ſchwellten Knospen der Sträucher brachen die zarten Blätter und umhüllten als grüner Flor das Geflecht der Aeſte. Jvo ſtand wie im frohen Traume und tippte mit dem Finger im Takt auf das Geländer, während ganz nahe vom höchſten Zweige ein Vogel mit ſchmetterndem Schlage ſang. So oft der Vogel ſchwieg, ſpitzte Ivo ſeinen lachenden Mund und pfiff leiſe eine Melodie dem Vogel zur Antwort. Das freute wieder den Vogel, er neigte den kleinen Kopf und hörte zu; und wenn Herr 2 verſtändigen Sinn be⸗ „Auch würde euch denn Frau Jutte ge⸗ war eines Ritters geboren, wie ihr wird ſich auch zu ſein. Ihr re zu er⸗ Freytag, Die Ahnen. III. s Neue und noch kunſtvoller ſeine Flügel und hob das Ivo wieder auf das Holz und So trieben es die Beiden län⸗ während die Himmelsſonne Alle aden Knospen, den Finken und den Pleich hellem Gold glänzten die Locken tz des Mannes, welcher im langen ie es vornehme Herren damals trugen, n kaſtand, als ein ſchönes Bild männlicher Hoheit. in Eingange regte ſichs leiſe, der alte Kämmerer war eingetreten; er neigte das Haupt mit weißen Haar und Schnurrbart, hielt in der d einen kleinen Silberbecher und erwartete achtungs⸗ woll die Anrede ſeines Herrn. Ohne ſich umzuwenden, frug Ivo zurück:„Biſt du's, Nicolaus? Ich hoffe, ich habe das Lied im rechten Tone zuſammengebracht, nimm ſchnell dein Rüſtzeug und ſchreibe, bevor mir die Worte entweichen.“ „Es iſt diesmal der alte Godwin,“ antwortete der Kämmerer und ſtellte den Becher auf einen Tiſch. Ein leichter Schatten flog über das freudige Ant⸗ 3 litz des Hausherrn, denn die Störung war ihm peinlich, aber er faßte ſich ſogleich und dem Alten die Hand bie⸗ 4 tend, ſprach er gütig:„Ihr bemüht euch meinetwegen ſeelbſt, dann bitte ich, Herr, denkt auch an euch, damit ihr mir Beſcheid thun könnt.“ „Ich danke meinem Herrn,“ verſetzte der alte Käm⸗ ſeinen Sang, breitet, Krönlein. Dann tip. lachte ſelig vor ſich gere Zeit miteina umſtrahlte, die b⸗ e— ſtehen ohnedies beſſer. für ſich von den großen Kannen, ein kleiner Napf, der reichen würde, bis an lche Enthaltſamkeit iſt das junge Geſchlecht Die alte Sitte nk.“ Jvo lächelnd, Vater? ich euch nicht merer.„Eure Hofleute zu ſorgen, als ihr für die Nicolaus bereitet, gelang kaum für einen Vogel im den Mund meines Herrn. neuer Brauch, und ich fürchte wird ihn nicht ohne Schaden ertreh war: der beſte Mann, der ſtärkſte „Bleibt bei eurem Brauch,“ ver „und laßt mir den meinen. Doch wie, ſehe euch im Hauskleide, ich hoffe, ihr verſa der Fahrt.“ „Ein Alter bedarf wenig Zeit ſich zu bere Frauen lächeln ihm nicht mehr zu.“ „Was beſchwert euch den Sinn, Vater? ernſthafter drein als mir heut lieb iſt.“ Verzeiht. Ich dachte, wie das Alter pflegt, die Zeit der Jugend. Euer Vater ritt ungern in die Höfe des ſtolzen Geſchlechtes, welches ſich über den Freien im Lande gelagert hat, und er verſchmähte es zuweilen, dort im Frühling den Ehrentrunk zu holen, den der Landgraf eurem Geſchlechte ſchenken muß.“ Jvo ergriff die Hand des Alten.„Ich verſtehe, worauf ihr zielt. Soll ich dem Landgrafen Fehde an⸗ ſagen, und ſoll ich mit den Goldketten, die aus dem Erbe meiner lieben Mutter übrig ſind, Reiter zu einem Heere anwerben, um ihn aus Burgen und Land zu treiben? Wollte ich das, ihr Alle würdet mich unſinnig ſchelten.“ „Das könnte euch Niemand rathen,“ verſetzte der 2* Alte.„‚Doch euer edler iente im Heere des gro⸗ ßen Kaiſers und brachte ſe Beute heim.“ welſchen Meere und der Knabe in ſeinem Namen über das bisher wenig gethan, wofür ein ziehen könnte. Nein, mein Vater, fremder Begehrlichkeit zu dienen; § Geſinde eines Fürſten, und ſei er Harniſch zu reiten, damit ſeine Herr⸗ „weit von hier ſitzt er Heinrich, der als Reich walten ſoll, Edler freudig ins Fel ich bin zu ſtolz, ich vermag ch als Diener die Knöchlein benage, die der Fuchs übrig läßt. Und ganz unwürdig dünkt eigene Fauſt Beute zu gewinnen, wie wohl heim auf der Mühlburg und mancher andere Edle Werdet Ihr, Herr Godwin, mich loben, wenn die Erfurter ihrer Ballen beraube oder den Bauern Roſſe und Rinder bei Nacht davon treibe?“ „In ehrlicher Fehde einen Waarenballen gewinnen,“ verſetzte der Kämmerer mit einem ſehnſüchtigen Blicke nach der Gegend von Erfurt,„iſt nicht ſo übel, Herr; man weiß nicht, was darin iſt, das Aufſchneiden hat ſchon Manchen gefreut, freilich auch geärgert, wenn er Sackleinwand fand. Und was ein gutes Pferd auf fremder Weide betrifft, ſo wird kein bedächtiger Mann leugnen, daß der Raub ein Unrecht iſt; doch freilich kommt es manchem friſchen Knaben hart an, daran vor⸗ über zu traben. Denn das Roß gehört zum Reiter und man ſagt, daß auch die Pferde denſelben Stolz haben. r werde und er ſein Haupt höher hebe, Richter in die Hände zu ge denke ich anders, Herr; ihr ſelbſt, daß dieſer werkt. „Ja,“ rief Ivo ſtolz,„weng ich in die Schlacht reite für meinen Ruhm und mein nich aber, wenn ich für einen Gierigen, den ich e brauche, Seele und Leib daran ſetze. iun euch, Vater, auch ich habe wilde Stunde denen ich Fehde und Krieg erſehnte, und icht Gedanken meine Ahnen verklagt, daß ſie dies der Ludwige zu übermüthigen Landesherren herau ließen. Jetzt aber ſehe ich die Welt froh im; Alle preiſen den jungen Landgrafen als einen Herrn; weiß nicht, ob ich ein beſſerer wäre. Da hab auch ich mir gewählt, was für mich übrig bleibt und was mir Ehre giebt im Lande. Ich mühe mich redlich zu ſein, wie meine Väter, und mild gegen Jedermann. Geringere Freude macht mir der Goldſchmuck, den ich in der Truhe berge, als das Lachen und der herzliche Gruß der Kleinen, wenn ich das Gold in höflicher Weiſe aus⸗ theile. Der Gewaltigſte vermag ich nicht zu ſein zwiſchen Saale und Werra, ſie ſollen von mir ſagen, daß ich der adligſte bin. Darum haltet die Truhen geöffnet, denn wenig liegt mir, ſo lange der Sommer lacht, an Spa⸗ ren und Knauſern. Und wißt, mein Vater, wenn ich zum Landgrafen ziehe, um mir den Feſttrunk zu holen, ſo thue ich das gerade heut in heimlicher Freude. Da⸗ ßt auch ihr die Sorgen zu eut meinen lieben Vater un⸗ faßte den Alten bei ſeinem ihn. er blickte ſeinen Herrn mit feuch⸗ ch ich widerſpreche nicht mehr,“ 3 denn ich vertraue der guten Art o lange ihr habt, um zu ſpenden, t Stolz bewahren, Anderen auszutheilen, r merkt, daß euch die Habe fehlt, dann derſelbe Stolz treiben, Habe und Gut von vieder zu gewinnen. Es giebt auf den Bur⸗ Sprichwort: wer ſich in der Jugend dem einer Frau angelobt, der wird im Alter ent⸗ 4 der ein Mönch oder ein ſparſamer Herr.“ Von unten klang Hufſchlag und lauter Zuruf, der Alte trat auf den Söller und blickte zur Seite nach dem Brückenthor.„Sie kommen,“ rief er,„die ihr zur Aus⸗ fahrt geladen. Ich erkenne Herrn Diether vom rothen Spring, Herrn Werner und den jungen Eberhard mit ihren Knechten. Der Marſchalk begrüßt die Vaſallen, euer Gefolge iſt verſammelt.“ Eijlt, Vater, ſie an meiner Statt in die Halle zu führen, ich folge euch, ſo bald ich vermag. Doch vorher, bitte ich, ſendet mir noch Nicolaus den Schreiber.“— zufrieden ſehen.“ weißen Haupt und Als Nicolaus von ſeinem Herrn entlaſſen war, eilte er, während die Ritter und Knappen beim Früh⸗ ————— — — mahl ſaßen, nach der Kü genoß als in der Herrenſtub Biſſen erlangt hatte, holte Stall und ritt allein auf die 2 ſelben Weg, welchen Herr Ivo trabte luſtig dahin, ſummte und ang bald lateiniſch, bald deutſch und verzog das Geſicht bher die Worte des eigenen Liedes. Dann ſah er wieder dem Stand der Sonne und trieb ſeinen G lerem Lauf. So kam er in die Nähe des Dorfes Frie⸗ mar, wo Herr Jvo nach alter Gewohnheit tu raſten pflegte, ſo oft er gen Weſten zog. Der Schuͤlle bog ab von der Dorfſtraße, und ritt nach einem welches in der Niederung dicht am Dorfanger la ſtieg er ab, band ſein Thier in dem Dichicht feſt, eilte an den Rand des Gehölzes, wo er den Anger und das Dorfthor überſah. Nicht lange und er ver⸗ nahm vom Dorfe her den Klang einer Sackpfeife und bald darauf die laute Stimme, mit welcher Berthold, der Vortänzer, durch die Gaſſen ſang:„Aus der Stube, ihr ſtolzen Kinder, zieht euer beſtes Gewand an. Ur⸗ laub nahm der Winter von der Haide, zum Reigen ladet euch der Mai.“ In der Gaſſe rührte ſich's, und die Dorfleute kamen durch das Thor auf den Anger, je zwei, die einander die liebſten Geſpielen waren, oder in kleinen Haufen; viele Mädchen mit ihren Müttern, welche den Reigentanz nicht weniger begehrten als die Töchter. Auf dem Anger ſtanden ſie nach Würden geſondert, die Frauen erkennbar an dem Hut oder Tuch, womit ſie Rößlein aus dem ſtraße hinaus, den⸗ nſchlagen wollte. Er jien unter ihnen, in bunte und hielten zuſammen wie chen trugen über den Zöpfen Grün oder auch von ſchön ge⸗ der von buntem Glas. Auch die ſehnlich daher, jeder führte die Waffe war ein großes Dorf und es war Verſammlung, denn nur wenige der Ael⸗ ni zurückgeblieben, um die Höfe zu behüten. Haufen bewegte ſich der Vortänzer Berthold, des Richters Bernhard, mit dem Selbſtgefühl, m ſein Ehrenamt gab, ein hübſcher Knabe, der rothen Hut ſchräg über das krauſe Haar geſetzt ; das geſtickte Wams umſchloß ein ſilberbeſchlagener Gürtel, an ſeinem grünen Rock flatterten die langen Hängeärmel, und vor dem Ohr hing ihm eine lange Locke bis auf den Hals hinab, an der er zuweilen zierlich drehte, wie freie Hofherren zu thun pflegen. Der Schüler muſterte hinter einem Strauch kauernd die wohlbekannten Geſichter, endlich erhob er ſich freudig. „Dort kommt Friderun,“ erſcholl es aus dem Haufen.— Aller Blicke richteten ſich nach dem Rain, auf wel⸗ chem die Tochter des Richters, von einer jüngern Ge⸗ ſpielin begleitet, mit ſchnellen Schritten herankam.„Gu⸗ ten Tag, Geſellſchaft,“ vief ſie, die Hand erhebend, den Dorfleuten zu,„Heia tirilei, gelobt ſei der Mai.“ Die Burſchen jauchzten und eilten ihr entgegen, e und wie eine Herrin ng, eine hochgewachſene in dem runden Ge⸗ ihr blondes Haar as Haupt geſchlun⸗ is tief über den ken Brauen gaben lachten ro⸗ die Mägde drängten ſich empfing ſie Gruß und Huld kräftige Geſtalt von vollen Foö ſicht ſtrahlten zwei tiefblaue At war ſo lang, daß ſie die Zöpfe u gen trug, und doch hingen ſie i Gürtel hinab. Die hohe Stirn, die ſte ihr einen ernſthaften Ausdruck, darunter! ſige Wangen, ein kleiner Mund und am Kinn. Sie trug ein rothes Kleid von fe ſtoff, die blaue Jacke an den Rändern mit bu geſtickt, über den Zöpfen einen Kranz von jungen und blauem Schleier und einen andern, der in der Weiſe gewunden war, am linken Arm. Sie neig ein wenig vor den Frauen und trat, ohne die Knaber ſonderlich zu beachten, unter die Mägde, nach allen Sei⸗ ten grüßend und Scherzworte tauſchend.„Freut euch, ihr ſtolzen Kinder, ich ſehe, Ruprecht der Spielmann iſt hier mit ſeiner Geige, heut wollen wir nach dem Rei⸗ gen auch ein Hoftänzel treten.“ „Womit fangen wir an,“ frug Berthold in Amts⸗ eifer die Schweſter. „Der Ball iſt immer das erſte Spiel,“ riefen viele Stimmen. „Tretet auseinander,“ gebot Berthold, den Stab des Vortänzers erhebend.„Die Weiber hierhin, die Männer dort in die Reihe, ſo iſt Wind und Sonne gleich ge⸗ theilt, damit wir vor Allem erfahren, welche Paare heut zuſammen tanzen. Wer von euch Kindern den Ball ind halte, der will heut mit „Wirf, liebes Berthel, wir wüchſige Mädchen aus ſeiner hierher, Gevatterlein,“ bat auch welche noch gern mit den jüngſten Der ſchmucke Geſell ſtand vor der Reihe Männer, hob neckend den großen Ball und neigte ſiche fängt, den ich in mei mir im Reigen ſpr fangen,“ ſchrien eine ber die gehobenen Arme und die Geſichter, in Himmel ſtarrten; endlich ſchleuderte er ge⸗ Magd zu, die er am liebſten hatte; dieſe fing Kährend er jauchzte, trat ſie vor und warf den Ball in die Höhe, zum Zeichen, daß ihr nichts mehr da⸗ iege, wer von den Männern ihn erhalte. Dennoch ing ihn befliſſen ein anderer Dorfknabe. So ging das Spiel weiter, lauter wurde das Lachen und ſchneller die Bewegungen. Wenn der Ball einmal auf den Boden ſank und in Sprüngen dahinhüpfte, liefen Frauen und Männer, ſo ſchnell ſie vermochten, ihm nach, denn es war Ehre für jede Partei, ihn der andern abzugewinnen. Als er einmal ſo auf dem Boden rollte, ſprang Friderun Allen vor, und ihn vor der Reihe ſchwingend ſang ſie: „Ich ſtehe auf der Brücke und harre auf einen Tanz, ich bin ein tapfer Mägdlein, und behüte meinen Kranz.“ Und ſie warf den Ball mit einer Kraft, um die ſie Mancher beneidete, ſo weit, daß Niemand ihn erreichen konnte, denn er ſprang abwärts über den Graben auf den ſtaubigen Weg. Dennoch blieb er nicht ohne Bewerber. Auf der Landſtraße waren Reiter herange⸗ eſtiegen und ſah dem aber von der Nicolaus herzu, Reiter riß ihn Schüler.“ Und ſprengt, einer von ihnen wo Spiele zu. Er lief nach de andern Seite flog auch der G und dieſer hob den Ball, doch aus ſeiner Hand und gebot:„hin von dem zornigen Nicolaus verfolg Haufen der Spielenden und rief:„We hat das Recht mitzuſpielen, ich hoffe, ehret den Brauch,“ dabei grüßte er herablaſſen tänzer Berthold. Die Männer murmelten unzufri „Ritter Konz,“ und ein trotziger Geſelle end „Wir Bauern begehren nicht auf der Mühlburg mit Weibern den Ball zu werfen, uns liegt wenig daßs daß ihr herabſteigt, um unter uns zu ſpringe Aber Berthold entſchied eifrig,„der Brauch iſt für Herrn Konz, wir dürfen's nicht wehren, ſeid willkommen.“ „Ich aber widerſpreche,“ rief Nicolaus zornig,„denn wie ihr Alle ſahet, fing ich den Ball.“ „Den Ball fing Keiner,“ rief Friderun herüber, „Nicolaus aber hat ihn aus dem Staube gehoben.“ „Das graue Mehl ſoll ihm nicht umſonſt den Aer⸗ mel beſchüttet haben, der Schüler ſoll gleiches Recht gewinnen,“ entſchied Berthold, und das Spiel ging wei⸗ ter. Herr Konz ſtellte ſich in die Mitte und begann: „Jetzt ſtehe ich auf der Brücke und werfe den Ball zu⸗ rücke, fange ihn, ſchöne Friderun,—“ und da er den vier⸗ ten Reim nicht ſogleich fand, warf er ihr ſchnell den Ball zu, aber unglücklich; denn Friderun hob nicht die Arme, ſondern neigte ſich zur Seite, und der Ball fuhr bei ihr vorüb Der Schüler ja ſang:„Herr Ko die kleine Graſe linen Mädchen an den Kopf. prang auf ſeinem Platze und mit gutem Glücke, er wählte und Alle lachten. een Herrn über dich ſchicken, der rief Herr Konz dem Schüler zor⸗ Knüttelholz nig zu. ute einen böſen Hofhund,“ entgegnete Ni⸗ den Knüttel einen Herrn nannte, weil er a Halſe trug.“ kältet Frieden im Spiel,“ geboten die Dorfkna⸗ ud der Ball flog wieder hin und her unter fro⸗ Zuruf und Geliächter. den Zall zur Seite.„Tretet zuſammen, ihr, die der Ball geſellt hat, und ihr Mädchen übet Huld und gönnt euren Geſellen die Kränze für den Reigen. Hat aber eine keinen Tänzer gefunden, dem ſie ihren Kranz auf⸗ ſetzen kann, die harre, ob einer kommt und darnach begehrt.“ Jetzt entſtand ein Suchen und Drängen. Fri⸗ derun hielt vielumworben den Kranz an dem Arme. Von der einen Seite redete Ritter Konz in ſie hinein und von der andern der Schüler, dieſer aber mit grö⸗ ßerer Vorſicht, wobei beide einander feindſelige Blicke zuwarfen. Herr Konz wiegte ſelbſtgefällig ſein Haupt auf den hohen Schultern und faßte an ſeinen Schwert⸗ griff:„Sehet her, ſchöne Magd,“ ſprach er herablaſſend, „an der Seite des Knopfes iſt ein kleines Spiegelglas Endlich klatſchte Berthold in die Hände und warf ganz kunſtvoll eingefügt, ihr wenn ihr hineinblickt,“ und dar telte, fuhr er drängend fort: werdet darin einen rothen Mund küſſen würde, wenn er ſich mir zurd Friderun aber antwortete über ſehe am liebſten in den eigenen& vüun niemals euer Bild darin zu ſchat Herr Konz ſich gekränkt abwandte, raunte i ler zu:„Achtet nur, wie er den Kopf zurückwir er nicht einem ſatten Täuberich, der mit voller auf einem Kornkaſten ſitzt.“ Konz trat zu Berthold.„Du haſt dein Verſprechd übel gehalten. Deine Schweſter zeigt mir keinesweg günſtigen Sinn, denn ſie verweigerte mir ſogar in meiner Spiegel zu ſehen und deutete ganz merklich an, daß ſie gar nichts mit mir zu thun haben wolle. Wenn dir an meinem guten Willen liegt, wie du ſagſt, und wenn du den Wunſch haſt, einmal in meinem Gefolge eine rühm⸗ liche Ritterfahrt mitzumachen, ſo ſorge dafür, daß ſie freundlicher mit mir ſpricht. Denn obwohl ſie mir ſehr gefällt, ſo ziemt es mir doch nicht, daß ein Bauer⸗ mädchen ihr Spiel mit mir treibt, und ich ſage dir, ich bin beleidigt.“ „Ihr wißt ja, Herr, daß die Schweſter ſich anders hält als die übrigen Mägde. Auch ich vermag wenig über ſie. Schon als Kind, als ſie auf dem Cdelhofe bei der Mutter des Herrn Jvo hauſte, hat ſie gegen den jungen Herrn ihre trotzige Art bewieſen, denn ſie mden Kopf ſchüt⸗ doch hinein, ihr i ee, den ich gern als er hübſch mit ihr thun n ſandte ſie kurz darauf nach aaß ich meiner Schweſter nichts delfrau hat auch ſpäter viel von rer letzten Krankheit verlangte ſie zur Pflegerin. So hat dieſe ſich gewöhnt, zu antworten, und jetzt ſieht ihr der raufte ihm eine Lo tung hält. Darum rathe ich, daß ihr nicht d verliert, wenn ihr im Ernſte an ſie denkt, iede Magd will, daß man um ſie werbe.“ Hat deine Schweſter den Joo feindſelig an ſeinem opf gefaßt, ſo iſt ſie mir deshalb um ſo lieber,“ ant⸗ ortete Herr Konz vergnügt.„Ich kenne mehr als eine Gräfin, welche froh wäre, wenn ich ſie ebenſo begrüßte, wie ich mit deiner Schweſter thue; aber ich weiß nicht, was mir die Hexe angethan hat. Und wenn der alte Herr Meginhard einmal die Augen ſchließt, ſo mag ihr das Glück blühen, daß ſie die Hausfrau eines edlen Ritters wird, und auch du wirſt der Gemeinſchaft mit dieſen Dorftölpeln enthoben. Daran rathe ich dir zu denken.“ Berthold trat eifrig zu ſeiner Schweſter.„Herr Konz will mit uns im Reigen ſpringen und begehrt dich; ich fordere, daß du dich ihm nicht verſagſt, denn ehrenvoller iſt es für uns, wenn du dich an der Seite eines Ritters ſchwingſt, als mit einem von unſern Tölpeln.“. „Gehörſt du nicht ſelbſt zu denen, die du ſchiltſt?“ „Hat er dir geſagt, daß ind, ſo gilt viel⸗ nichts Beſſeres. chwätz mit den uter den wil⸗ wohl, wie du egen Morgen in verſetzte Friderun unwillig. deine Geſpielen von ungeſchlach leicht er ſelbſt unter ſeinesgleich Hüte dich, Berthold; dir bringt Mühlburgern und das heimliche den Geſellen keinen Segen. Ich hö dein Roß in der vorletzten Nacht erſt den Stall zogſt.“ Berthold wandte ſich verlegen ab un ſetzte ihren Kranz einem ehrbaren Nachbar auf verneigend ſprach ſie:„Gefällt's euch, Herr G ſo führt ihr mich zum Reigen.“ „Wo iſt der Vortänzer! Berthold, führe den gen!“ riefen die Dorflnaben ungeduldig. Der Spi mann ſtrich auf ſeiner Geige, die Paare liefen ſich in die Reihe zu ſtellen, und Berthold ergriff die Hand ſei⸗ ner Tänzerin, nachdem er noch leiſe mit dem Ritter ge⸗ ſprochen hatte, der ſeinen Aerger bezwingend, ſich her⸗ abließ einem andern Dorfkind die Hand zu reichen. Auch dem Schüler blieb nichts übrig als eine rundliche Bäuerin zu werben, die ihm ſchon früher zuweilen zu⸗ gelacht hatte und im letzten Winter mit Keſſelfleiſch und Wurſt freundlich geweſen war. Der Vortänzer ſtimmte den Reigen an und Alle ſangen in herzlicher Freude nach, die Männer laut mit Jauchzen, aber die Frauen zarter. Darauf ſchwangen ſich die Paare zuerſt einzeln im Kreiſe, dann alle miteinander in vielen Win⸗ dungen des langen Zuges, bis Ruprecht der Spielmann ſich an die Spitze ſtellte und die Kette vom Anger auf⸗ deg entlang zu dem lichten Ge⸗ hen Hügel, auf welchem eine Wahrzeichen des Dorfes, weit Haltet zuſammen,“ rief Berthold daß keiner mit ſeiner Tänzerin aus he, ſonſt zahlt er die Buße.“ So um die Linde ſchlang ſich der Reigen, gen zeigten die Männer ihre Kraft, ob⸗ die Schwerter an ihrer Seite führten, die glühten und die Haare flogen in der Früh⸗ une. Endlich hielt der Vortänzer den Stab in Höhe, der Spielmann ſetzte die Geige ab, die Kette iſte ſich und die Tänzer ſchwirrten lachend und rufend Archeinander. Friderun ſtand unter dem Baume und fächelte ſich mit einem gepflückten Zweige Kühlung zu, ſie beugte ſich ſchnell zur Erde und rief, die geſchloſſene Hand empor⸗ hebend:„Wer vermag zu rathen, was ich in meiner Hand feſthalte? Vernehmt die Frage: Aus der Erde ſprang es, auf niederem Stuhle ſaß es und trug in milder Sonne ſein winterlich Gewand, doch kündet's Heil und Wonne dem, der es fand. Was iſt das?“ „Wenn es aus der Erde ſprang und Gutes bedeutet, ſo mag es wohl ein Wieſel ſein,“ rief der ſtolze Adel⸗ hun, einer von den freien Knaben des Dorfes, welcher auch beim Tanze ſein Eiſenhemd trug und ein langes Schwert, das an den Ferſen klirrte. Friderun ſchüttelte den Kopf. Da rieth der Schü⸗ Es iſt ein weißes Veilchen.“ r:„ “ — „Ihr habt's getroffen, und i es euch Glück bringen,“ antwo nickend und gab dem Frohen da Darüber wurden die Dorfknahs Wunder, daß der Schreiber den höhnte Adelhun,„er iſt gewöhnt nach lei Zungen zu reden, aber es giebt Man Worten mißtraut.“ „Herr Adelhun iſt eine Blume des D ſetzte der Schreiber ärgerlich,„ſeine Locken wehe chen Loden, wie man an dem Haupt des Löwen der auf der Burg des Landgrafen gehalten wird.“ „Adelhun ſpricht recht,“ riefen einige drohen Stimmen. „Was ein öder Gänſerich ſchreit, ſchnattern die andern nach,“ entgegnete der umſtellte Nicolaus, indem er ſich hin und her wandte. „Adelhun hat dennoch recht,“ rief auch Herr Konz. Der Schüler beachtete ihn nicht und ſprach zu Fri⸗ derun:„Könnt auch ihr errathen, was ich in meiner Hand halte: Ich weiß ein feſtes Haus, der dicke Wirth zog aus, er aß das volle leer; die Thür ſteht offen, nur Kehricht fliegt umher.“ „Der Spruch meint die hohle Nuß,“ rieth Friderun lachend. Nicolaus öffnete ſeine Hand, in welcher eine Nuß lag, aber er verſetzte, nach dem Ritter Konz blickend:„Nein, der Spruch meint einen Kopf auf hohen Schultern, welchen ich ſehe; denn keine hohle Nuß iſt ſo leer als dieſer.“ Freytag, Die Ahnen. III. 3 Hofbrauch in aller⸗ der ſeinen eck!“ rief Herr Konz,„ich will een, was in deinem Kopf zu finden Schwert. treit an unſerer Linde,“ ſchrien die ntär,„wollen die Fremden unſer Spiel ihnen die Meſſer und ſcheucht ſie über die allen Seiten blitzten die Waffen. Da ihrem Bruder den Stab und unter die pringend hieb ſie auf die Schwerter und ſchalt: 3 Spiel verdirbt, zahlt die Buße, wir Frauen ihn mit dem Stock über die Hände.“ Die Männer wichen zurück und das Mädchen ſtellte ſich ſchützend vor den Schüler, der behend hinter den Baumſtamm ſchlüpfte. „Steckt das Eiſen ein,“ gebot eine tiefe Stimme. Ein Reiter ritt in den Haufen, gefolgt von ſeinem Knechte.„Der Richter,“ murmelten die Doefleute und wichen zurück. Ein breitſchultriger Mann mit harken Zügen und langem weißem Haar ſtieg ab und trat in den Kreis. „Wer erhob den Streit,“ frug er finſter umherſehend. Niemand antwortete, nur Friderun ſchnipfte mit den Fingern:„Es war nicht der Rede werth, Rich⸗ ſie ſind noch vom Tanze heiß, und weil Einige von ihnen nicht Witz genug hatten mit Worten zu treffen, griffen ſie an das Eiſen; wir Frauen ſind ihnen geringen Dank ſchuldig.“ „Ich grüße euch Richter,“ begann Konz, um ſich vor den Andern vornehm zu erweiſen, nachdem er vor⸗ ſtören, 8 Grenze.“ 2 35 be,„der Streit de werth, denn her weislich ſein Schwert eingeſt war, wie euer Kind ſagt, nicht der er ging um den Schüler dort und ſein Worte.“ 55 „Kommen Fremde ungeladen in unſeren Spielen Theil zu nehmen,“ ant ter ernſthaft,„ſo gebührt ihnen vor Ande und Hand den Frieden zu bewahren, damit Gaſtrecht ehren; denn ihr wißt, Herr, wer Stir regt, verliert den Schutz.“ „Wollt ihr ſagen, daß wir ungebetene Gäſte ſtud,“ verſetzte Konz hochmüthig,„ſo wartet, bis wir euch in die Häuſer treten. Kommt ihr einmal der Mühlburg nahe, ſo wird auch euch nichts daran gelegen ſein, wenn ihr kalten Willkommen findet.“ „Wenn ich durch das Land reite,“ entgegnete der Alte ruhig,„thue ich es in des Kaiſers Amt und wer mit dem Fronboten naht, der ſorgt nicht um kalten Gruß.“ Herr Konz ſah düſter auf den berittenen Knecht, von deſſen Sattel das Strangbündel herabhing, die furcht⸗ bare Waffe des Richters.„Wohl, Richter, ich kam durch Zufall hierher und ſah das Spiel eine Weile an, wie Nachbarn zu thun pflegen, und ich meine, die Luft iſt für Jedermann frei und frei die Straße.“ Er nickte ſtolz mit dem Haupte und wandte ſich abwärts. Der Richter trat unter die älteren Bauern. Aber die Nähe des ſtrengen Mannes wirkte erkältend auf die Luſt der Jungen, ſie ſprachen leiſe miteinander und zer⸗ ſtreuten ſich in das Gehölz. Friderun wandte ſich zu 3* t, mit Mund wir das Zeige deine Kunſt, Ruprecht, mit en, damit das junge Volk auf andere Der Spielmann nickte dienſtbefliſſen, auf der Geige umher und nachdem Geiſe geſpielt hatte, begann er mit lauter fingend halb ſprechend eine lange Sage twurm, der einſt in den Steinen dieſes g hatte, und von einem fremden Ritter, der kand kam und das Ungeheuer erlegte. riderun ſaß auf einem Steine, ſie hielt die Hände ber dem Knie gefaltet und hörte mit ſtrahlenden Augen dem kunſtloſen Geſange zu, obgleich er ihr wohlbekannt war. Auch als ſie viele Roßtritte hörte und über die Achſel blickend erkannte, daß Herr Jvo mit großem Gefolge herangerikten war und mit dem Vater ſprach, blieb ſie allein ſitzen, während die Landleute neugierig zu den Reitern traten, Grüße tauſchten, Waffen und Ge⸗ wand muſterten. Sie mahnte den Spielmann durch ihr Kepfnicken fortzufahren, bis ein Herrenpferd dicht neben ihr den Dampf aus ſeinen Nüſtern blies und eine Stimme ſie ſcherzend anredete:„Guten Tag, ſtolze Friderun, der junge Mai ſitzt auf grünen Zweigen, wie kommt's, daß ihr allein auf alte Mähren lauſcht? Iſt kein friſcher Geſell zur Hand, der euch ein neues Lied 8 in das Ohr ſingt?“ Friderun ſtand erröthend auf, aber ihre Brauen zogen ſich finſter zuſammen:„Wenn euch die alte Sage wenig gilt, weil ſie nicht vornehm klingt, ſo wäre doch freundlicher, wenn ihr eure Verachtung vor uns bergen — 37 eurem Ge⸗ Hier, hn im giftigen wolltet. Denn die Sage kündet ſchlechte, und wir im Dorf denken g wo der Baum ſteht, lag einſt euer † Dampfe des argen Wurms und um ih Flamme.“ „Und ein Weib aus eurem Dor Freie,“ verſetzte Ivo,„ich habe den Sand oft genug vernommen.“ Ruprecht fiel mit kräftiger Stimme e zalf ihm ins der Spielleute 8 Eine Magd ſprang durch die Flammen mit Namen Fr Sie ſah auf dem Leib des Drachen den müden Ritter ruhn Sie ſchlang um ihn die Arme, ſie hob den jungen Leib, Sie trug ihn aus der Lohe, das wunderkühne Weib. „Dies iſt die Sage,“ fuhr Friderun ernſthaft fort, „und euer Roß würde ſchwerlich gegen mich fauchen, wenn nicht ein Weib unſeres Hofes eurem Ahnherrn ihre Treue bewieſen hätte. Denn wir im Dorfe meinen, daß es ohne Eltern keine Kinder giebt, und daß die Enkel gut thun an die Mühen ihrer Vorfahren zu denken.“ „Ihr habt Recht, Friderun,“ antwortete Jvo, er⸗ götzt durch den Eifer des Mädchens.„Und wenn eure Ahnin, die der Fiedler rühmt, noch am Leben wäre, ſo würde ich vor der alten Frau mich in Ehrfurcht neigen. Dennoch geſtehe ich, daß ich lieber eure roſige Wange ſehe, wenn ihr auch mit mir unzufrieden ſeid.“ Er rührte mit der Hand leiſe an ihren Kranz.„Wenn euch einmal der trotzige Muth in Sehnſucht dahinſchwindet, und wenn eurem Vater gefällt, daß ihr den Kranz in eurem Haar 38— auſcht, ſo bitte ich, geſtattet auch ochfeſt Brautführer zu werden, denn ich daß meine liebe Mutter euch werth wandte ſein Roß, die Schaar ſtob ab⸗ un ſtand allein, ſie nahm den Kranz, den thrt hatte, vom Haupte und ſchleuderte 4 Gipfel des Baumes. Dann ſetzte ſie if den Stein, drückte ihre Hände zuſammen, Blut daraus wich und rief dem Spielmann ge⸗ d zu:„Singe weiter, Ruprecht.“ „ 2. Am Gofe des Landgrafen. Der junge Landgraf Ludwig war ein Herr nach dem Herzen ſeiner Zeitgenoſſen: ſcharf, hart, gen waltſam und eigennützig, wo es galt, ſeine Herrſchaft zu vergrößern, redlich und gutherzig in ſeinem Hauſe, gegen die Getreuen und gegen das arme Volk. Sein verſtorbener Vater, ein kraftloſer Mann, hatte den fah⸗ renden Sängern für ein Muſterbild ritterlicher Tugenden gegolten; auch der junge Fürſt machte in müßigen Stunden gern den modiſchen Ritterbrauch mit, dem ſich kein großer Herr entziehen durfte, wenn ihm an ſeinem guten Rufe etwas lag; aber im Grunde dachte er lieber an die ausgeſtreckten Hände bezwungener Burgmannen, welche ihm den Treueid leiſteten, als an die behen⸗ den Finger der Sänger, welche das Saitenſpiel rührten. Alles war ihm bisher wohl gelungen und ſeine Gedan⸗ ken flogen hoch. Grade jetzt bereitete er einen Zug nach Welſchland zum Kaiſer Friedrich, ſeine Boten waren ſeit dem Winter hin⸗ und hergeritten und ſeine Hofleute erzählten ſich, daß ein fremder Gaſt, die Gräfin Hed⸗ Hof gekommen ſei, um ihre Baſe, die eſſuchen, ſondern auch um dem Landgra⸗ ſchaft des Kaiſers zu überbringen. var im Hofhalt nichts von den Sorgen und Reich zu merken, der Landgraf war efolge von der Kreuzburg nach Gotha ge⸗ ter vor der Stadt einen ſchönen Meierhof dort nach alter Gewohnheit den Mai zu be⸗ Bei dem einſamen Hofe drängte ſich ein zahlreiches Gefolge, geſchmückte Frauen, edle Herren im Feſtkleid, Ritter im Kettenhemd und Troß der Diener. Die Roſſe, welche in den Ställen nicht Unterkunft fanden, ſtampften in langer Reihe an den Pfählen eines Ge⸗ heges; auf dem Küchenheerde loderte das Feuer und die Köche bereiteten Speiſen, welche ein geduldiges Eſel⸗ paar im Rüſtwagen herangeführt hatte. Rudolph der Schenk ließ die Fäſſer mit Wein und ſtarkem Bier an⸗ zapfen und zählte den Knaben, welche bei der Tafel aufwarten ſollten, die Silberbecher zu. Aus der klei⸗ nen Stadt Gotha liefen die Leute ſchauluſtig herbei und ſtellten ſich in ehrfurchtsvoller Entfernung auf. ☛ Sie wieſen einander die berühmten Mannen ihrer Herr⸗ ſchaft und die vornehmen Gäſte, zumeiſt aber ſtaunten ſie über ſchwarzbraune Männer im Turban, mit blitzen⸗ den Augen und mit Krummſchwertern, welche zum Ge⸗ folge der fremden Gräfin gehörten. Unterdeß führte der Landgraf die Frauen aus dem —— Beſitz, die alte Burg, welche einſt die feld erbaut hatten, und eine Stelle welche der Landgräfin gerade jetzt ſehr. weil ſie dort als gutes Werk einen klei armen Siechen zu bauen gedachte. Plötzlich verdüſterte ſich das freundliche Landgrafen, er berührte die Schulter eines alte herrn und wies nach der Landſtraße.„Seht, 4 Walter, dort naht der König Mai mit Helm und Scd rand wie zum Kampfe gerüſtet.“ Walter von Vargula lächelte.„Es iſt Herr Ivo mit ſeinen Hofgeſellen, der bei meinem Herrn ein altes Recht, den Ehrentrunk ſucht.“ „Mir aber mißfällt ein Vorrecht, welches den Lan⸗ desherrn daran mahnt, daß Andere in ſeinem Lande ſitzen, die ſich ihm gleich dünken,“ verſetzte der Fürſt.„Den⸗ noch, was er zu fordern hat, ſoll ihm gewährt ſein, aber nichts darüber.“ „Dann geſtattet auch,“ erſuchte Herr Walter wohl⸗ meinend,„daß ich ihm Anruf und Gruß entgegen ſende, und daß ich unſere jungen Hofherren auf die Pferde mahne. Denn nicht umſonſt wollen dieſe mit Helm und Schild hergeritten ſein und eine Kränkung wäre es für euren Gaſt, wenn ihr ſeinem Geſinde den ritterlichen Willkommen verſagtet.“ „Denkt an uns Frauen, Vetter, und daß wir zu⸗ weilen gern das Brechen der Speere hören,“ bat eine me mit fremdländiſcher Betonung. ungem weißem Gewande, die nach dem Südens Haupt und Hals mit dichtem wunden trug, trat zum Landgrafen und nach dem Wege, auf welchem die Rei⸗ hehe, was euch gefällt, Baſe Hedwig,“ tetehder Landgraf wieder in guter Laune, ‚wiſſet, Held, welcher meinen Wein begehrt, iſt mit Dienſtmannen im ganzen Lande wohlbekannt, weil hhelos ſein Roß auf der Rennbahn treibt.“ Herr Walter hatte unterdeß den Speerruf nach dem Hofe geſendet; von dort erklang ein vielſtimmiges„Urra wurra!“ als Antwort, die Knechte liefen zu den Roſ⸗ ſen, die Ritter ſchnallten an ihrem Harniſch und ſchrieen nach den Speeren. Gleich darauf ſprengte eine kleine Schaar, geführt von Rudolph Schenk, dem Sohne des alten Walter, grüßend vor dem Landgrafen und den Frauen in den Grund, der zu dem Rennen geeignet war. Herr Rudolph ritt voraus, tauſchte mit den Fremden die übliche Begrüßung und beſprach in der Eile mit Hen⸗ ner Marſchalk das Rennen, ſechs Kämpfer von beiden Seiten und jedem zwei Speere. Auf der andern Seite des Kampfplatzes hielt Ivo mit ſeinem Gefolge, während die Bewaffneten in ſcharfem An⸗ lauf mit den Speeren gegeneinander ritten, zuerſt Herr Henner und Herr Rudolph, nach ihnen die übrigen ein⸗ zeln, dann ſechs gegen ſechs. Die Roſſe ſchnoben, die Speere krachten und die Reiter erwieſen ihre Kunſt, es war ein untadeliges Rennen, ehrenvo auch der Landgraf freute ſich und wu als Ivo abſtieg und vom Herrn Walte kam, da trat er ihm freundlich entgegen. „Dein Hauswirth ſpricht lange mitt begann Frau Hedwig zu Elſe und ſah mi Augen neugierig auf die Schaar der Män ſteht, wie ich ſehe, in ſtolzer Haltung.“ Leute rühmen ihn als einen freudigen Helden,“ a tete Frau Elſe und leiſer ſetzte ſie hinzu,„er dient ein Herrin in Zucht und Ehre, doch wunderlich dünkt es Allen, daß Niemand errathen kann, wer ſie iſt.“ „Geheimer Dienſt iſt nur halber Dienſt,“ verſetzte Hedwig lachend,„wenn wir einem Ritter erlauben uns zu dienen, ſo ziehen wir mit der einen Hand den Schleier über unſere Neigung, mit der andern lüften wir den Zipfel, denn eines Helden Huldigung mehret auch uns die Ehre.“ „Sicher bringt ſein Dienſt Ehre,“ fuhr Elſe fort, „denn für den ſtärkſten Speerkämpfer gilt er im Lande und iſt voran bei jeder rühmlichen That. Sieh dort die bunten Bilder auf dem Gewande der Herren in Farben gemalt und geſtickt. Wenn Herr Jvo Jedem, den er im Speerkampfe beſiegt, nur ein Bild aus dem Ge⸗ wande ſchneiden ließe, er könnte ſeiner Herrin einen weiten Mantel machen laſſen, der ſie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte.“ „Wahrlich,“ rief Hedwig ſpottend,„wenn ſeine Her⸗ 44— eendes Weib iſt, welches gelernt hat, een durch das Land zu ziehen, ſo würde werden, ſeinen Mantel zu tragen, als zu gewinnen.“ lüler und Spielleute ſingen auch Lieder, erfunden hat, denn er iſt des Geſanges tig, wir merkten, daß ſeine Frau ſich ihm rſagt, denn voll Sehnſucht und Klage ſind e, und er iſt uns deshalb um ſo werther.“ „Nun, er ſieht nicht aus wie einer, der ohne Er⸗ ng wirbt,“ antwortete Hedwig trocken. „Dennoch iſt es ſo,“ erklärte die Landgräfin eifrig, und mit zartem Erröthen fügte fie hinzu:„Es gab be⸗ reits müßiges Geſchwätz, daß er eine, die uns nahe iſt, in ſeinem Sange preiſt. Aber mein Hauswirth und ich, wir wiſſen beide, daß die Meinung falſch iſt.“ Hedwig ſah ſcharf in das unſchuldige Geſicht und berührte leiſe die Wange der Landgräfin.„Er hätte keine holdere Herrin finden können. Sieh, dein Wirth führt ihn zu uns, laß ſehen, ob er auch zu ſprechen vermag.“ Der Landgraf wies nach der Begrüßung auf die Frauen.„Folgt mir, daß ich euch zu denen geleite, welche euer Lob am liebſten verkünden. Ihr findet einen ſeltenen Gaſt, des Kaiſers Nichte Hedwig, ſie und die Frauen in ihrem Gefolge ſind wohl werth, daß ihr ihnen huldigt.“ Jvo berührte mit der Hand ein Tuch, welches er um den Hals geſchlungen trug.„Habt die Güte, mich bei den edlen Frauen zu entſchuldigen, we unhöflich diene. Mir iſt verboten, meinen Bli⸗ Frau eures Hofes zu erheben, und ich dar treten mit geſenktem Haupt und niedergeſch gen; unlieb wäre mir, wenn ſie mich hielten.“ „Nun, beim heiligen Georg,“ rief der erſtaunt,„eure Herrin übt eine harte Herrſchaßt haben unſere Frauen ſich über niedergeſchlagenst der Gäſte und der Schildtragenden zu beklagen.“ ernſthafter fuhr er fort:„wir wiſſen den Dienſt ei verlobten Mannes zu ehren, mögen die Gäſte ſich ſtrei ten über die Farbe eurer Augenſterne.“ Mit tiefer Verneigung trat Jvo vor die Fürſtin⸗ nen, das lockige Haar, welches er nach Gebrauch ſeines Hauſes lang trug, umſäumte ein männliches Antlitz. Als er ſo ſchweigend ſtand, ruhig, von hohem Wuchs, ein Bild der Kraft und vornehmen Zucht trotz ſeiner niedergeſchlagenen Augen, da wandten ſich Alle wohlge⸗ fällig ihm zu und die Frauen im Gefolge der Fürſtin⸗ nen nickten und flüſterten einander in die Ohren. So⸗ gar die alte Dame Wendelmuth, welche den Kammer⸗ dienſt und das Hüteramt bei Frau Hedwig hatte, gönnte ihm einen theilnehmenden Blick und ſprach halblaut zu ihrem Begleiter, dem fremden Kämmerer Volko, der mit düſterer Miene unter den Thüringen ſtand:„Wahrlich, manchem von unſeren jungen Rittern wäre ſo züchtige Scham zu wünſchen,“ und dieſer beſtätigte es durch ein leiſes Brummen. ihnen — 46— m durch ein Gelübde verboten, euch, edle Zuſehen,“ erklärte der Landgraf,„dennoch gönnt Id, denn allen Frauen gereicht zum Ruhme, Einer in Züchten dient.“ agen wir zuweilen,“ antwortete die klang⸗ mne der Hedwig,„doch wir denken nur ſo, ven Ritterdienſt einer andern lieber gönnen elbſt. Verlangt ihr ſolche kalte Huld für euren 8 wird ſie gern gewährt.“ „Ihr verſteht zu demüthigen, indem ihr Gnade ¹ verſetzte Jvo ſtolz. „Verzeiht, Herr, wie kann ein Gaſt gefallen, der uns nicht geſtattet zu prüfen, ob ſein Blick treuherzig oder falſch iſt?“ entgegnete die Fremde, und ſich zum Land⸗ grafen wendend, rief ſie:„Seht, Herr Ludwig, gerade über euch ſchwebt ein Reiher, iſt Niemand da, der eurem Edelfalken die Kappe löſt?“ Alle ſahen nach der Höhe, doch Jvo widerſtand der neckenden Verſuchung.„Nichts für ungut, Vetter,“ fuhr die Dame lachend fort,„es war nur eine Probe für euren Gaſt.“ „Da er die Probe beſtanden hat, Baſe Hedwig, ſollt ihr die Buße zahlen. Ich bitte euch, legt den Schleier ab, der euch Stirn und Kinn verhüllt, und laßt meine Helden euer Angeſicht ſchauen. Iſt auch in eurer Heimath die Sitte ſtrenger, wir in Thüringen ſind ge⸗ wöhnt beim Feſte das Antlitz ſchöner Frauen zu betrachten. Geſtattet unſerer Sonne, daß ſie euch die weiße Haut bräune.“ Die Verhüllte berührte ſchmeichelnd die Wange der 4 3 Herrin Elſe.„Deinem roſigen Antlitz ſieh an, daß die Maienſonne ihm ſein Weiß und mindert hat. Nur wir Verſchleierten tragen⸗ den, denn Naſe und Wänglein verbrennent wenn wir einmal das Schleiertuch lüften, in der Mitte des Antlitzes roth gemalt. D die Wappenfarbe, die unſere Hausherren an liebſten ſehen, obwohl jeder Blick auf den Spieg weinen macht.“ Sie löſte die Enden des Schle ſchlug ſie über den weißen Nacken zurück und wies edles Angeſicht, an dem von Sonnenbrand freilich nicht zu merken war. Als ſie ſo neben der Landgräfin ſtand in voller gereifter Schönheit, und mit ihrem Arm die Hausfrau umſchlang, da freuten ſich die Herren über den Anblick und unwillkürlich erklang ein lauter Heilruf von den Lippen der Hofleute; ſelbſt die Augen des Herrn Jvo zuckten, aber er bezwang ſich, und der Land⸗ graf rief:„Wahrlich, das iſt Frühlingswonne, und wir wollen den Tag in einer Tafelrunde feiern. Den Hofhalt des Königs Artus ſpielen wir heut und ihr, edler Ivo, ſollt Ritter Iwein ſein oder ein anderer Held, der euch am beſten gefällt. Breitet die Teppiche, rüſtet das Mahl, und ihr, edle Frauen, windet Kränze für euch und uns.“ Die Frauen flogen ſummend wie Bienen durch Garten und Anger. Doch waren der Blumen nur wenige außer Veilchen und Himmelsſchlüſſeln und die zar⸗ ten Hände mußten zum Schlehdorn und Weißdorn hinauf langen, deren Blüthen noch die kalte Farbe des Schnees — 48— gegen vertheilte Frau Elſe bunte Bänder Korbe, den eine ihrer Frauen vom Rüſt⸗ g, und lachend mühten ſich die Sammelnden ite, Blumen und Bänder auf biegſame Ru⸗ den und dieſe in runde Kronen zuſammenzu⸗ Frau Elſe bot ſelbſt dem Gaſte den Kranz und de drückte den ihren auf das Haupt des Land⸗ Auf ſonniger Anhöhe ſtand ein mächtiger Ahorn, ig gewachſen, aber mit breitem Wipfel. Daß ſeine aubknospen noch wenig Schatten gaben, war Keinem unlieb, denn zartes Gewölk wehrte die Strahlen der Sonne ab und barg das Antlitz der milden Herrin, ſo daß man nur in dämmrigem Licht und mattem Schatten ihre Gegenwart merkte. Unter den Ahorn wurde die Tafel⸗ runde geſetzt, genau ſo, wie der junge Lutz geargwöhnt hatte, die edlen Gäſte auf niedrige Seſſel, die Frauen auf kleine Schemel und nur die Helden auf einen Teppich, der über den Raſen gebreitet war; denn die Landgräfin ſah ungern, wenn ihre Frauen ſich neben den Männern auf den Boden lagerten, obwohl dies ſonſt Brauch war. Rudolph Schenk hatte heut den Dienſt die Paare zu geſellen, nicht gerade wie es jedem der Gäſte am liebſten geweſen wäre, ſondern mit bedächtiger Rückſicht auf die Ehren, welche jeder zu fordern hatte: zwiſchen den Hofherrn und Frau Elſe die fremde Grä⸗ fin und auf die andere Seite des Landgrafen den Herrn 3 Ivo, neben die Landgräfin aber ſeinen eigenen Vater, den alten Herrn Walter von Vargula, welcher der wür⸗ — 49— digſte Ritter des Landgrafen war, ein Hüter Elſe und zugleich ihr ergebener Freund. Auch Ingersleben erkannten, daß ſie durch ihre S Landgrafen geehrt wurden. Denn der Kän weißen Haupthaar tauſchten gute Gedanken a die Abrichtung der Falken, welche in den Höfen i Herren auf der Stange ſaßen. Herr Henner aben hielt die alte Frau Wendelmuth zu ſeiner Kran noſſin und Herr Lutz die junge Bertha, die Tochter de Kämmerers von Fahnern, welche für die ſchönſte Magd am Hofe galt. Und Herr Henner drückte den Kranz, den ihm Frau Wendelmuth mit ſteifem Arm reichte, recht zart in das grauliche Haar, indem er ſprach: belle graze, nahm ihre Fingerſpitzen in die ſeinen und führte ſie zu dem niedrigen Tiſche. Er dachte wohl daran, daß er ſie vor vierzig Jahren zu Mainz am Hofe des alten Kaiſers Friedrich Rothbart geſehen hatte, aber er hütete ſich das zu ſagen, um ihr nicht durch ſein gutes Gedächtniß verleidet zu werden. Doch begann er von alter Zeit zu ſprechen, ſpielte ſich mit gewandter Rede nach Mainz auf das größte Kaiſerfeſt, welches jemals in deutſchen Landen gefeiert worden war, und erzählte, wie er damals als Knappe einer Magd des Hofes, die von einem Ritter gerade zum Tanz aufgeführt wurde, den Mantel vom Boden gehoben hatte, als ihr dieſer im Gedränge durch einen ungefügen Helden abgeſtoßen war; und der Schlaue ſetzte hinzu:„Ach und weh! Freytag, Die Ahnen. III. 4 50 en mir als die ſchönſte Magd von allen, und ke noch, von rother Seide war der Mantel.“ Frau Wendelmuth in die Falle, welche er ihr ann als eine ſcharfe und gewiſſenhafte Frau e nicht unfreundlich, doch noch ſäuerlich: ihr euch der Magd ſo wohl erinnert, wie ihr o müßtet ihr auch wiſſen, daß der Mantel gold⸗ var,“ worauf Herr Henner ſiegesfroh ausrief: hätte ich gewagt, euch an den armen Knappen zu eeinnern, der euch die Hülle aufhob. Da ihr aber ſelbſt des gelben Mantels gedenkt, ſo darf ich euch ſagen, daß ich heut beim erſten Blick euch wieder erkannte, ſo wie ihr damals waret, und daß ich euch in meinen Gedanken mit derſelben goldenen Hülle vor mir ſehe.“ Durch dieſe Rede machte er die ſtolze Frau vertraulich und ſie ſprachen ſeitdem wie alte. Bekannte von den ruhmvollen Tagen des Kaiſers Barbaroſſa und von vielem Aer⸗ gerlichen, das ſie ſpäter erlebt. Dazwiſchen aber blickte Herr Henner ſorgenvoll über den Tiſch, ob ſein junger Geſelle ſich auch beſcheiden auf dem Teppich lagere, und wie er ſich gegen ſeine Nach⸗ barin geberde. Ihn freute, daß Beide leiſe miteinander redeten, aber er ſah mit Entſetzen, daß Herr Lutz plötz⸗ lich die Beine unter das Geſäß zog, weil ihn der Erd⸗ boden zu ſehr kühlte; und er huſtete leiſe. Seine Nach⸗ barin, welche mit ſpähendem Blick jedes Ereigniß in der Tafelrunde beobachtete, erkannte ſogleich den Grund ſei⸗ nes Huſtens; und da ſie alle Noth bei Hofe verſtand, ſo that ſie für ihn ſelbſt, was noch niemals ein Frem⸗ der von ihr genoſſen hatte; ſie faßte hint einer Decke, die zoſemmmengebunden im Bereie ner und winkte ihm, daß er ſie unterlege. 4 Marſchalk, der die Wohlthat zu würdigen wußte, he mit der Hand ganz unmerklich nach, und warf ihy einen dankbaren Blick zu, während ihm die welken S üſſel⸗ blumen über die Augen hingen.* Aber die Herrſchaft am oberen Tiſche ſaß uena ſehr feierlich, nur der Landgraf ſprach Einiges zu ſe Gäſten, bis er endlich zufrieden von dem ausruhte, was der Koch für das Feſt bereitet hatte. Da erhob er die Stimme:„Uns Alle will ich mahnen, daß wir den jungen Sommer begrüßen, wie es einer frohen Tafel⸗ runde gebührt. Bringt das Saitenſpiel und legt es in die Hände des Gaſtes. Gefällt es euch, Herr Ivo, ſo laßt unſere Frauen, denen ihr nicht zulachen dürft, doch euren Geſang vernehmen.“ Jvo hatte bis dahin in ſtolzer Zurückhaltung vor ſich niedergeſehen und nur auf die Fragen des Land⸗ grafen geantwortet, ſo daß die Landgräfin heimlich zu Frau Hedwig ſagte:„Sieh, gleicht er nicht unter den Sorgloſen einem Leidtragenden, der ſein geheimes Weh mit Mühe bändigt?“ „Oder einem Gefangenen, der widerwillig beim Mahle des Siegers ſitzt,“ verſetzte die Fremde. Jetzt antwortete Ivo, wie ſichs gebührte:„Die Bitte des erlauchten Wirthes iſt dem Gaſte Gebot; übt Nachſicht, denn meine Stimme iſt rauh und meine Weiſe 4* unſtreich als andere, die ihr zu vernehmen ge⸗ d.“ Er griff kräftig in die Saiten, ſpielte ein d ſang, was damals aus ſeinem Munde den n weit lieblicher klang, als jetzt aus dem Buche: Bote geh und künde meiner Fraue: lo mein Hoffen hat der Reif zerſtört, Da die Blumen lachten auf der Aue rt' ich, ob ſie noch mein Flehn erhört. Troſtlos find' ich, wenn der Morgen tagt Vereiſt die Haide, In Sehnſucht und Leide Vergangen die Freude, das ſei vor ihr geklagt.“ Er hielt inne. Die Herren murmelten ihr Lob deutlich, die Frauen leiſe, aber nicht weniger ehrlich, und der Landgraf rief:„Wohlgeſungen. Wir hörten die Klage; iſt Niemand unter den Frauen, der ihm Ant⸗ wort giebt? Baſe Hedwig, vielleicht beliebt es euch, dem edlen Gaſt das Widerſpiel zu halten.“ Hedwig rückte das Saitenſpiel zu ſich, mit nach⸗ läſſiger Handbewegung fuhr ſie über die Saiten und ſang eine Antwort, indem ſie die fremde Weiſe, welche ſie eben erſt gehört hatte, wiederholte und zierlich wandelte: „Weh, des Mannes Werbung ſchuf mir Sorgen, Sprach die Frau, verſchloſſen bleibt der Mund, Meine Liebe trag ich ſtill verborgen, Wie das Meer die Perle birgt im Grund. Troſt noch findet, wer ſein Lieben klagt, Die ſich ſehnt und leidet Und Rede meidet,. Der Armen iſt ihr letzter Troſt verſagt. — auch Herr Jvo lächelte und der Hofherr ſprache wird unſer Gaſt euch den Preis geben, Baſe, habt ſeinen Sang geehrt, indem ihr ihn zur Stelle ahmtet.“ Und Jvo verſetzte:„Auch ich danke meiner gerin, obgleich ihr Lied den Troſt nicht verheißt, mächtig iſt wie wenige. Vielleicht, wenn ihr, erlau Herr und euer Gemahl die Dame bitten, verſagt ſie uns nicht die Freude, ihr Spiel zu hören.“ Die Gräfin nickte gleichgiltig und griff ſogleich nach der kleinen Harfe, die ſie vor ſich niedergeſetzt hatte. Und ſie ſpielte in Wahrheit mit ſolcher Kunſt, wie die Meiſten aus der Geſellſchaft noch niemals gehört hatten. Der Landgraf war voller Bewunderung, ergriff ſeinen goldenen Becher und rief:„Hebt euch von den Sitzen, ihr ſtolzen Helden; nie ſah ich und nie hörte ich die Finger einer Frau ſo behend durch die Saiten greifen, denn ſchnell wie der Blitz bewegtet ihr die kleine Hand, Baſe, und ich vermochte mit den Augen kaum dem Spiele zu folgen. Darum trinken wir Heil der Herrin, welche ſo ſeltener Kunſt mächtig iſt.“ Als der Beifallsſturm ſich gelegt hatte, fuhr der Wirth fort: „Gern vernähmen wir noch mehr von euch und unſer Ohr würde nicht müde vom Zuhören. Laßt ſingend oder ſagend eure Stimme noch weiter tönen, denn am Hofe unſeres Herrn, des Kaiſers, habt ihr, wie jedes Werk der Sänger geübt, ſo daß auch die über euch ſtaunen. dwig lachte.„Ihr wollt's, nehmt vorlieb. Und r hier unter Blumen und Klee im Baumſchatten ſo hört ein kleines Abenteuer, es heißt wie dieſer der Ahorn.“ Und ſie hob die Hand nach der Darauf begann ſie mit klangvoller Stimme eine chte in Reimen, welche Folgendes verkündete: Ein g im Lande Spanien hatte eine Tochter, welche ſo ſtolz war, daß ſie ſich ſelbſt in den Arm zwickte, wenn ſie einmal einen Mann gegrüßt hatte. Sie ritt am liebſten allein auf ihrem Rößlein durch Anger und Wald. Im Holze ſtand ein alter Ahorn, ein kaltes Brünnlein quoll an ſeinem Fuß und blaue Glockenblu⸗ men blühten darum. Als die Magd einſt an einem heißen Tage dort anhielt, löſte ſie die Spangen ihres Gewandes und kühlte Wangen und Bruſt am klaren Quell. Da hörte ſie ein leiſes Athmen, ſie glitt um den Stamm und ſah auf der andern Seite deſſelben einen Jüngling, der ſich am Brunnen gekühlt hatte und mit offnem Gewande unter den Blumen entſchlafen war. Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden, bis er auf wachte und ſie anſah. Da ſprach das Königskind „Du ſiehſt das Maal an meiner Bruſt, wie ich das deine ſah; küſſe mich oder ich küſſe dich.“ Von dieſem Tage trafen die Beiden einander oft unter dem Baunie und ſie wurden eins dem andern lieb vor Allem auf der Welt. Unterdeß überzog ein wilder Mohrenfürſt den Va⸗ ter des Königskindes mit Krieg, ſo daß dieſer ihm einen Theil ſeines Reiches und die Tochter zur Gemah hieß. Die beiden Trauten ſaßen ſorgenvoll Baume, das Herz wollte ihnen vor Gram zerſpri ihre Thränen floſſen in den Quell. Da erhob ſi ihnen die Waſſerfrau, welche in dem Brunnen wohnte, der Fluth:„Salzig wird mein ſüßer Quell durch Noth,“ und ſie bot jedem von ihnen einen hö Armring, in welchen ein Zauberdorn geflochten „Legt ihr den Ring um, ſo vermag er euch Seele(und Leib zu ſcheiden, ſo lange ihr es begehrt, und als Däm⸗ mervögel fliegt ihr ins Freie über Berg und Thal zu meinem Baume; doch hütet euch, daß der Rückweg euch nicht geſperrt werde.“ Da beſprachen die beiden Trau⸗ rigen, daß ſie einander am Baum wiederſehen wollten, in jeder Sommerzeit, bei jedem vollen Mond. Der Mohr aber ſchloß die Königstochter auf ſeiner Veſte ein, die er ſich auf ſteilem Felſen erbaut hatte, und ſie durfte Niemanden ſehen und ſprechen, nur eine treue Magd, welche ihr gefolgt war. Als nun der volle Mond in ihre Schlafkammer ſchien, da ſprach ſie zu ihrer Genoſ⸗ ſin:„Schließe die Thür und öffne das Fenſter. Wache und ſorge nicht um mich, ich weiß eine, die mit dem Mondenſtrahl fliegt, wenn die Leibeshülle leblos liegt.“ Und ſie legte den Armring an. Da ſank ſie ſogleich auf ihr Lager zurück und aus ihrem Munde flog ein winziges Vöglein, und»verſchwand durch das offene Fenſter in der Dämmerung. Die Dienerin wachte in Sorgen, denn ihre Herrin lag wie tot, das Herz ſchlug nicht und ſie athmete nicht. Als aber die Tages⸗ g am Himmel aufſtieg, ſchwebte wieder ein chatten durch das Fenſter und das Königskind ſich von dem Lager auf und ſprach:„Am Aſtloch r Geſelle mein, ihm troff der Thau vom Flüge⸗ So trieb ſie es den ganzen Sommer. Doch e Nächte lang wurden und weißes Geſpinſt um die ren Halme glänzte, da wurde der Dienerin mühſam Vollmond den Schlaf von ihren Augen fern zu hal⸗ und als die Königstochter ſich aufrichtete, ſprach ſie: „Ein Bartuch ſah ich weben über Flur und Hain, meinem Geſellen hing die Flocke am Bein.“ Und wieder ſchien der Vollmond in langer banger Nacht, der kalte Sturm⸗ wind fuhr durch das Land, er heulte um die Burg und ſchlug das geöffnete Fenſter zu. Die Dienerin aber hatte ihr Haupt verhüllt und war entſchlummert, der Morgen kam und ſie merkte es nicht, und als ſie er⸗ wachte cien die bleiche Winterſonne in das Gemach. An die ge ſloſſene Thür ſchlug der Mohrenfürſt bis ufſprang und er ſah das Königskind leblos lie⸗ gen, den Zauberring am Arme. Da riß er ihr zornig den Ring ab und befahl den Leib in einem ſteinernen Sarg zu bergen, wo nicht Mond, nicht Sonne ihn be⸗ ſchien. Und als die Kunde durch das Land lief, daß die Königstochter geſtorben war, da fanden die Knappen des Ritters am nächſten Morgen ihren Herrn regungslos auf dem Lager, ſein Herz ſchlug nicht und er athmete nicht. Wer aber am Vollmond zu dem Quell kam, der ſah um den Baumeswipfel einen kleinen Schatten ſchweben 1 * — 57— 8 und ſie ſagen, es war der treue Geſelle, we ſehnte und harrte.“ Die Erzählerin hielt inne, über ihrem zwitſcherte es in den Aeſten.„Seht,“ rief ſie mi änderter Stimme,„dort iſt das Aſtloch und dort hebt e Sänger den Fittig, vielleicht iſt es eine der beide benden Seelen, welche einander ſuchen. Sei tauſen mal gegrüßt, du Armer, der du einſam dahinz mußt.“ 95 Sie ſchwieg und Alle lächelten über das Ende, welches anders war als ſie erwartet hatten. Doch zeig⸗ ten ſie auch, wie ſich für Hofleute ſchickt, daß ſie ge⸗ rührt waren und bedauerten das Schickſal der Liebenden. Frau Wendelmuth begann leiſe zu ihrem Kranzge⸗ noſſen, indem jetzt ſie die Falle ſtellte:„Auch zu eurem Amt, Herr Marſchalk, gehört, daß ihr bisweilen einem Vogel das Fenſter offen erhaltet. Fliegt euer Vogel in weite Ferne und müßt ihr lange harren, bis er zurück⸗ kehrt, ſo habt ihr einen ſorgenvollen Dienſt.“ Aber Herr Henner erkannte die forſchende Neugier und ant⸗ wortete bedeutſam:„Wir Thüringe hängen an der Hei⸗ math; ja ſelbſt wenn wir ganz außer uns ſind und wenn wir vor Liebe aus der Haut fahren, wir kommen in kurzer Zeit wieder zu uns ſelbſt.“ Da nickte Frau Wendelmuth und blickte nach der Landgräfin hinüber, denn in ihrem Ohr klangen noch die herrlichen Worte, mit denen Frau Elſe vor Kurzem den Gaſt gelobt hatte. Die Landgräfin aber war ſtill geworden und ſah mit gerötheten Wangen vor ſich nieder. Doch auch ſie ihren Antheil von den Ehren des Mahles. ärts der Tafel ſaß auf der Bank ein geiſtlicher dem ſein Amt die Theilnahme an der bekränzten ellſchaft verbot. Daß der Herr zum Hofe gehörte, ieth die tiefe Verneigung, welche die aufwartenden nicht unterließen, ſo oft ſie bei ſeinem Sitze vor⸗ gingen. Er aber ſah von ſeinem Buche häufig der Ackustafel. Jetzt erhob er ſich geräuſchlos, nach dem Hofe, wo die Kinder des Landgrafen mit ihren Wärterinnen weilten, der vierjährige Sohn und die kleinere Tochter, gebot die Kleine ihm nachzutragen, und faßte ſelbſt den Knaben bei der Hand. Als dieſer ungern folgte und ſchrie, wollte der Geiſtliche ihn heftig fortziehen, aber er bezwang ſich, freundlich zu reden, gab ihm einen grünen Zweig in die Hand, hob ihn auf ſeine Arme und trug ihn einige Schritte. So trat er hinter den Landgrafen und begann mit gedämpfter Stimme, welche aus dem Munde des Prieſters feierlich in das Ohr drang:„Auch die Kinder wagen im Mai ihren lieben Vater zu begrüßen und ſie erbitten für ſich die Liebe der Eltern.“ Der Landgraf wandte ſich überraſcht um, ſein Geſicht verklärte ſich, als er die Kleinen ſah, er küßte den Sohn auf den Mund, nahm die Tochter in ſeine Arme, lachte ihr zu und rief über die Tafel: Verzeiht, edle Brüderſchaft des König Artus, wenn ich Ungehöriges vollbringe; hier aber ſind Geſchenke meiner Elſe und mir lieb vor Allem,“ und die Kinder der Wärterin zu⸗ rückgebend, nickte er dem Geiſtlichen dankend zu, welcher noch leiſe ſagte:„Auch ihr werdet im heiligen Pſa begrüßt mit dieſen Worten: Wohl dir, wenn du Herrn fürchteſt, dein Weib wird ſein wie ein frucht Weinſtock und deine Kinder wie die Oelzweige um deitt Tiſch her.“ Als der Prieſter darauf den Knaben Mutter führte, grüßte Frau Elſe den klugen M mit inniger Dankbarkeit und ſprach:„Ihr thut mer das Gute,“ ſie beugte ſich tief auf ſeine Hand hift unter, daß er ſie ſchnell wegzog und zurücktrat. Die düſtere Geſtalt des Geiſtlichen und ſeine Schrift⸗ worte verdarben den Artusrittern die poetiſche Stim⸗ mung. Jvo ſtarrte noch ernſthafter vor ſich nieder als vorher, ſogar die Nichte des Kaiſers betrachtete erſtaunt das große Geſicht mit geſchwollenen Stirnadern, und mit zwei tiefliegenden, mächtigen Augen, um welche Schwer⸗ muth und geheime Trauer zuckten, und ſie frug den Land⸗ grafen:„Wer iſt dieſer Unglücksvogel mit geſchorener Krone?“ „Es iſt Meiſter Konrad von Marburg, ein Richter des heiligen Vaters über Glaubensſachen und uns ein vertrauter Rathgeber.“ „Dann möge ſein Rath euch alles Glück bringen, das ihm ſelber fehlt; denn ihn anzuſehen macht traurig.“ Der Wirth aber winkte dem Schenken Rudolph, welcher aufſprang und einen großen Becher herantrug. Der Landgraf erhob ſich und zugleich mit ihm die Her⸗ ren und den Becher haltend begann er:„Altem Brauche zu Ehren ſei dieſer Wein euch, edler Ivo, geboten, denn es iſt ein Recht eures Geſchlechtes aus der Väter Zeit, 60 der Landgraf ſelbſt euch einmal im Jahre, wenn Kuckuk ruft, den Becher ſchwenke, ein Edler dem rn, damit er die Ehrbarkeit eures Geſchlechts vor den Mannen beſtätige.“ Und er reichte ihm den Becher. Lvo verneigte ſich und den Becher faſſend ſprach „dagegen:„Aus erlauchter Hand empfange ich die ee, damit ich Heil trinke für euch, den mächtigen bieter in dieſem Lande, für euer edles Gemahl und euer ganzes Geſchlecht.“ Er trank, die Andern riefen das Heil nach und der Landgraf bot ihm die Hand. Als Alle ſaßen, fuhr der Landgraf fort:„Ich danke euch, Herr Ivo, daß ihr mir Gutes wünſcht. Und da wir hier zwiſchen Wald und Flur unſerer Hei⸗ math in Frieden geſellt ſind, ſo laßt euch noch etwas ſagen, was mir längſt im Sinne liegt. Ungern ſehe ich, daß ihr euch von meinem Hofe fern haltet. Ihr findet hier Manchen, der euch wohlgeneigt iſt, auch mir iſt es eine Freude, euch bei mir zu haben. Ungern ent⸗ behre ich auch euren ſtarken Speer, wenn ich einmal gegen meine Feinde in den Stegreif trete.“ Tdiefe Stille entſtand und Aller Augen richteten ſich auf den Gaſt, welcher ruhig entgegnete:„Laßt mich ant⸗ worten ſo offen als ihr fragt. Ihr ſeid ein gnaden⸗ voller Herr, kein Fürſt auf beiden Seiten des Rheins darf ſein Haupt höher tragen als ihr, und oft hörte ich preiſen, daß ihr guten Dienſt reich zu belohnen wißt. Dennoch zürnt nicht, wenn ich meine eigenen Wege reite, nicht umſonſt botet ihr mir heut den Becher. Ich habe nicht gelernt zu dienen, ſondern als Herr ül Dienenden zu walten, und ich vermag keinem Sterblich den Treueid zu leiſten, als meinem und eurem H dem Kaiſer.“ Frau Elſe ſah beſorgt, daß das Antlitz ihres Ge mahls ſich röthete, und als ſie ſich Hilfe ſuchend zun Fremden wandte, wurde ſie wieder durch das Lächeln derſelben gekränkt. „Stolze Worte ſprecht ihr, Herr,“ rief der La graf gereizt,„und wenn der Becher, den ich bot, euch ſo hohen Muth verleiht, kann ich den nichtigen Brauch fernerhin nicht loben. Ihr ſelbſt wißt, wer als Land⸗ gebieter ſeine Macht bewahren will, den kränkt es, wenn zwiſchen ſeinen Vaſallen und Gerichtsſtühlen kleine Herren ſitzen, welche bei jeder Fehde ſtolz überlegen, ob ſie zu Hauſe bleiben oder vielleicht gar gegen den Landesherrn reiten.“ „Beſchwert euch das, Herr,“ verſetzte Ivo feſt,„ſo zürnt nicht mir, ſondern der alten Ordnung des Landes.“ „Ich will euch nicht kränken, edler Ivo,“ fuhr der Landgraf fort,„denn mir liegt daran, euch zu gewinnen. Doch giebt auch der Kaiſer mir Recht, wenn ich dafür eifere, daß der Eigenwille mancher Edlen im Lande ge⸗ mindert wird. So iſt des Kaiſers Wunſch, daß der große Stand der Reiſigen, welche den Rittergurt tragen, in ſeiner Ehre erhöht werde. Denn die ärmlichen Ritter, welche jeder der Edlen und Freien ſich nach ſeinem Be⸗ lieben ernennt, bringen dem Stand arge Unehre, ſchwei⸗ fen durch das Land und ſchädigen als Räuber das arme — 62— Auch euer Oheim Meginhard verzichtet darauf, en reiſigen Knechten den weißen Gurt umzulegen d er überläßt mir dieſe Begabung. Ich weiß wohl, err, daß ihr auf Rittertugend achtet, dennoch würdet uch ihr gut thun, wenn ihr in Zukunft eurer Hof⸗ gend die Ehre gönntet, daß der Landgraf ſelbſt ſie aus eechten zu Herren macht.“ Ivo drängte mit ſtarker Anſtrengung den Zorn zu⸗ uck, der in ihm aufſtieg, und er ſah nur etwas bleicher aus als ſonſt, indem er ruhig erwiderte:„Es war bei dieſem Frühlingsfeſte ſchon allzuviel von alter Zeit die Rede; doch zürnt mir nicht, wenn ich noch einmal daran mahne. Es geht die Sage im Lande und meinem Hofe, daß der erſte Ludwig, den ihr als euren Ahnherrn auf dem Landgrafenſtuhle ehrt, Sohn eines fränkiſchen Va⸗ ſallen aus den Buchen war. Den Knaben zog ein Ahnherr meines Hauſes, ſeit er den Vater verloren hatte, getreulich auf, und als der Knabe zu ſeinen Jah⸗ ren kam, bekleidete er ihn mit dem Schwertgurt. Da euer eigener Vorfahr ſeine Ritterwürde meinem Hauſe zu danken hat, ſo bitte ich, ertragt in Huld, daß auch ich fortfahre, die Ehre zu verleihen, die eurem Ge⸗ ſchlechte ſo gut gefrommt hat.“ Die Landgräflichen ſahen vor ſich nieder, denn die Antwort war allen peinlich. Ivo aber erhob ſich und fuhr fort:„Ich kam hierher, erlauchter Herr, als euer Gaſt, ich fürchte, daß meine Fahrt euch unwillkommen war. Doch bevor ich euch bitte, mich und die Meinen zu entlaſſen, will ich auch noch ſagen, wie mir gegen euch zu Muthe iſt. Und da heut in dieſer Runde Abenteuer von einem Baume erzählt wurde, ſo ſtattet mir huldreich, daß ich ein anderes berichte kunſtlos und in wenigen Worten, welches ihr die Ei benennen mögt:— Zwei junge Edle, von denen der eine reich und mächtig war, der andere auf mäßi Erbe ſaß, lebten in Unfrieden, wie Nachbarn oft ſchieht. Vieles irrte die Beiden, am ärgerlichſten w ein Streit über die Hirſchjagd im Waldgebirge. Mächtige hatte mit ſeinen Jägern und Hunden den Wald des andern durchzogen und auf die Beſchwerde, die dieſer erhob, eine ſtolze Antwort geſendet. Da ging der Gekränkte allein mit Schwert und Armbruſt in den Wald, um ſein Recht zu behaupten und die Einbrecher zu ſtrafen, wo er ſie fände. Sein Muth war zornig und er dachte am liebſten daran, ſeinen Gegner ſelbſt zu treffen und auf grünem Mooſe Mann gegen Mann den Streit zu entſcheiden. So ſtand er mit wilden Gedanken lauernd hinter einem Urbaum, an dem die Mönche ein Bild der Gottesmutter befeſtigt hatten zum Nutzen der frommen Waller, welche auf dem Fuß⸗ ſteig über die Berge ziehen. Der Harrende vernahm, daß Zweige brachen, ſein Gegner trat bewaffnet wie er ſelbſt aus dem Dickicht. Da wollte er aus dem Ver⸗ ſteck ſpringen, der Andere aber legte ahnungslos die Waffen ab, warf ſich mit entblößtem Haupte vor dem Heiligenbild auf die Knie, betete dort inbrünſtig mit ſeinen eigenen Worten und that ein Gelübde in großer Bewegung. Der Racheluſtige trat zurück 64— d vernahm wider Willen die Worte des Beten⸗ Ich darf nicht künden, Herr, was ein Geheim⸗ iß des Waldes bleibt, aber ich ſage, das Gebet drang aus der Seele eines warmherzigen und ehrlichen Man⸗ nes, welcher den lieben Heiligen für alles Glück ſeines Lebens dankte, vor Anderem für ſein liebes Ehegemahl ind für die Hoffnung auf einen Erben, in der er damals bte. Und er flehte zu den Fürbittern, daß ſie ihn or argen Gedanken behüten möchten und vor arger That, damit er würdig werde ſeines Glückes und ein rühmlicher Herr für Alle, die ihm angehörten. Und als er ſein Flehen und Gelübde vollendet hatte, ſchritt er ohne Kenntniß der Gefahr bergab. Der Andere aber, welcher wider Willen ein Vertrauter geheimer Gedanken geworden war, kniete an ſeiner Stelle nieder, faßte an den Baum und gelobte, daß er ſelbſt dies Vertrauen ehren wolle und gegen den Andern nur ſolchen Wider⸗ ſtand üben, wie man ihn gegen einen befreundeten und zugeneigten Mann übt, mit Schonung und Geduld, und indem er die Dienſte von Vermittlern erbitte. Dieſen Schwur hat er gehalten; der Streit um die Hirſche wurde bald durch gute Geſellen vertragen, ohne daß der Ge⸗ ſchädigte ſein Recht verlor. So lautet das Abenteuer von der Eiche.— Und jetzt, erlauchter Herr, erbitte ich Urlaub für mich und die Meinen.“ Die ganze Tiſchgeſellſchaft erhob ſich, der Landgraf aber breitete die Arme gegen den Gaſt aus und rief: „Nein, bleibe Jvo, jetzt wo ich dich kenne, wie du gegen mich geſinnt biſt, laſſe ich dich nicht mit kaltem Gruß 65 von mir ziehen. Leid thut mir meine Heftigkeit, ich muß erfahren, daß du mir darum nicht grollſt. Noch einmal rücken wir die Sitze zuſammen, nicht als Artusbrüder, ſondern als Nachbarn, welche einander in Glück und Unglück vertrauen. Setzt euch zu uns, Herr Walter von Vargula, ihr wart es, der damals wegeßt der Hirſche dem Uebermüthigen die Beſinnung zurück gegeben habt. Helft mir heut Einen feſthalten, de unter uns ein ſeltener Gaſt bleiben will, damit wir u noch mit redlichem deutſchem Herzen an einem guten Trunk erfreuen.“ So geſchah es. Die Männer ſetzten ſich, das Spiel vergeſſend, näher aneinander und auch Ivo hob jetzt im Kreiſe guter Geſellen die Augen und ſah frei⸗ müthig umher. Als die Frauen allein waren im Gemach der Land⸗ gräfin, trat Elſe heftig vor Hedwig.„Schöner biſt du als ich und unter den Männern weißt du die Worte zierlich zu ſetzen, des Sanges biſt du kundig und deine Stimme dringt in das Herz. Auch meinem Gemahl gefällſt du gar ſehr und ich merkte wohl, wie er bewun⸗ dernd auf dich ſah. Allen Ruhm gönne ich dir, Jedem magſt du beſſer behagen als ich, denn einfach iſt mein Sinn und ungeübt bin ich in aller höfiſchen Kunſt; nur Einen laß mir, daß ich nicht unſelig werde; von mei⸗ nem Hauswirth wende deine Augen und deine Kunſt, denn damit quälſt du mich. Nichts habe ich auf Erden als ihn und die Kinder, verliere ich ſeine Huld, ſo bin ich elend. Eine Feindin ſollſt du in mir finden. Freytag, Die Ahnen. III. 5 klagen will ich dich im Himmel und mein Recht will ich gegen dich vertheidigen vor den Menſchen.“ Sie varf ſich in einen Seſſel und verbarg das Geſicht in den Händen. 3 Hedwig vernahm erſtaunt dieſen Ausbruch der Lei⸗ denſchaft und rief die Achſeln zuckend:„Sie liebt ihren igenen Hauswirth!“ und der Weinenden die Hand auf das Haupt legend, ſang ſie leiſe:„Traut' Elſelein, laß die Sorgen ſein. Auch ich ſaß unter dem Baume, wo der Zauberbrunnen quillt; dort ſchau' ich im Wachen und Traume eines trauten Geſellen Bild.“ Die Helden von Ingersleben aber freuten ſich der gelungenen Fahrt, als ſie bei ſinkender Sonne heim⸗ ritten. Das Gefolge rühmte die tapfere Haltung des Herrn und JIvo ſang und lachte wie ein glücklicher Knabe. Als Henner ihm anvertraute, daß auch die Frauen am Fürſtenhofe ſich wohlgefällig über ſeine Höf⸗ lichkeit geäußert hatten, verſetzte er gleichgültig:„Zu⸗ weilen gefällt man am leichteſten, wo man am wenigſten um den Beifall ſorgt.“ Und als ſie zum nächſten Dorfe kamen, lenkte er ſein Pferd neben das des Marſchalks und gebot:„Ich raſte mit meinem Knaben hier im Dorfe. Mir ſang ein Vogel gute Nachricht in das Ohr und kündete mir eine Stelle, an welcher ich geheime Botſchaft finde; führet ihr die Schaar nach unſerm Hofe, morgen früh bin ich daheim.“ Henner nickte gehorſam und trieb die Pferde zu ſchnellem Lauf, während Ivo mit dem Knaben allein durch das Dorfthor ritt. —— 3. Der Ritt nach dem Mantel. Mit glühenden Wangen ſprengte Ivo am nächſten Morgen in ſeinen Hof, er hob die Hand zum Gruß gegen ſeine Dienſtmannen und frug athemlos:„Wo iſt der Schreiber?“ ſprang aus dem Sattel und eilte in ſein Gemach. Als Nicolaus eintrat, ſtieß der Herr den entblößten Dolch in den Tiſch, um den Schreiber an ſeinen ſchweren Treueid zu mahnen, und ein zuſammen⸗ gefaltetes Pergamentblatt aus dem Gewande ziehend, gebot er:„Tritt vor das Meſſer und lies mir, was in dieſem Briefe geſchrieben ſteht, treu und genau, ſo wahr du leben willſt,“ und Nicolaus las Folgendes: „Ein armes trauriges Käuzlein ſchrieb an ſeinen Geſellen dieſen Brief.— Ich, das Käuzlein, vernahm, wie zwei Frauen zu einander von einem Ritter redeten. Die eine lobte in guter Meinung ſeine Kunſt im Speerkampf und ſagte: er vermöchte wohl die Wappenzeichen am Ge⸗ wande der Helden, welche er vom Pferde wirft, zu ſam⸗ meln und ſeiner Herrin daraus einen wallenden Mantel zu gewinnen. Die andere Frau aber, welche aus der 5* — 68— de gekommen war, lachte ſpöttiſch in argen Ge⸗ anken. Dennoch ſage ich, könnte dieſer Frau ihr Rit⸗ ter einen ähnlichen Mantel erwerben, ſie würde ihn mit Freuden ſtatt ihres Gewandes umthun, wenn ſie einmal mit ihrem Geſellen allein wäre. Manche, die ich hart geberdet, verbirgt mit Mühe vor ihren Hütern Leid und Sehnſucht. Liebe du mich, wie ich dich. Der DBrief muß liegen auf grünem Aſt, ob ihn ein günſtiger Wind erfaßt, ob ihn die Pfote des Katers packt, oder ſchloß Nicolaus verwundert. „Lies noch einmal,“ gebot Jvo, der neben ihm mit heißen Wangen auf das Pergament ſtarrte.—„Und zum drittenmal, damit ich jedes Wort feſthalte.“ Darauf riß er den Dolch aus dem Tiſch und winkte dem Schüler Entlaſſung. Als er allein war, barg er den Brief nahe bei ſeinem Herzen und rang die Hände.„Ja, du ſagſt es, arme Nachtvögel ſind wir beide, endlos treibt die Sehnſucht, verhaßt iſt mir das Leben, ſo lange ich von dir getrennt bin, und wenn ich einmal vor dein Ange⸗ ſicht trete, wird auch das Wiederſehen zur Qual, denn das eherne Gitter ragt bis zum Himmel zwiſchen uns Beiden und kein Flügelſchlag vermag darüber zu erheben.“ Er warf ſich in den Seſſel und barg ſein Geſicht in den Händen. Doch nicht lange unterlag er dem Schmerze, denn ihm fiel, wie Liebenden geſchieht, wieder etwas Günſtiges ein, er ſprang auf und lachte:„Verſtehe ich meinen Kauz recht, ſo wäre ihm die Kappe lieb, von der die beiden Frauen zu einander ſprachen. Eine frohe ob ihn der Specht zerhackt.— Der Brief iſt zu Ende,“ 1 4 Verkündigung finde ich in den Worten, daß ſie ſich darei hüllen will, wenn das Glück uns zuſammenführt. Ich denke, Geliebte, daß ich dir den Mantel gewinne. Einen Marritt wage ich dir zu Ehren und das Tuch für dich hole ich mir im Speerkampfe von den Edlen dieſes Landes.“— Er ſchritt haſtig auf und ab und überlegte Endlich lud er ſeine Getreuen, Godwin und Hen ner, zu geheimer Berathung. Die wilden Kampfſpiele zu Pferde, durch viele Jahr⸗ hunderte Stolz und Leidenſchaft der Deutſchen, waren in der Zeit des Herrn Ivo ſehr ungleich dem Speer⸗ kampf ſpäterer Zeiten, wo dicke Eiſenſchienen den ganzen Leib des Reiters ſchützten und wo das gepanzerte Roß die meiſten Stöße der feindlichen Speere auszuhalten hatte. In jener alten Zeit war nur Haupt und Hals des Reiters durch einen Eiſentopf geſchützt und die obere Bruſt durch eine Eiſenplatte, die über das Kettenhemd geſchnallt wurde; der Stoß des Speeres, welcher mit kurzer ſtumpfer Spitze bewehrt war, wurde durch einen hölzernen Schild aufgefangen. Das Roß trug keine Eiſenrüſtung, der Reiter beugte ſich beim Anritt ſtark nach vorwärts, die hohe Rücklehne ſeines Sattels half verhüten, daß er durch einen kräftigen Stoß hinter das Pferd geſchleudert wurde. Schon damals waren die Spiel⸗ kämpfe mit Helm und Schildrand ein Vorrecht Aller, welche den Rittergurt trugen, das höchſte und am meiſten beneidete Vorrecht, welches einen Stand, der zu den Dienenden gehörte, in die Kampfgenoſſenſchaft der Edlen heraufhob. — 70— Der Matritt aber, den Herr Jvo beſchloſſen hatte, galt für die ruhmvollſte Aufforderung zum Speerkampfe, welche ſich an alle Ritter des Landes richtete. Das Spiel ſelbſt wurde in der Hofſprache Foreſt, Waldrennen, ge⸗ nannt und verlief nach herkömmlicher Spielordnung. Wer zu ſolchem Rennen herausforderte, der zog mit ſeinem Gefolge durch das Land und hielt zu vorbeſtimmter Zeit an bezeichneten Raſtſtellen, um dort Gegner zu erwarten, denen der Ort gut gelegen war. Zu Raſtſtellen wur⸗ den gewählt ebene Gründe an lichtem Laubwald, wo ein klares Bächlein rann oder ein Quell zum Tränken der Roſſe. Unter dem Grün der Zweige wurde ein Zelt auf⸗ geſchlagen, in dem der Held ſich wappnete; auch die Gegner brachen am liebſten aus einer Lichtung des Waldes, hervor. Dann ritt der Herausforderer mit den einzelnen Gegnern im Speerkampf um einen begehrenswerthen Preis, den er ausgeſetzt hatte. Am letzten Tage pflegte dem Rennen gegen Einzelne— welches in der Sprache des Herrn Henner Tjoſt genannt wurde— ein Maſſen⸗ kampf zu folgen, das Turnier, ebenfalls nach ſtrenger Spielordnung. Ivo gab ſeinem Marritt ſolche Geſetze, wie ſie einem vornehmen Herrn gebührten. Für jeden Renn⸗ tag ſetzte er vier Raſtſtellen, an jeder Raſt war er ver⸗ pflichtet dreimal zu rennen, und nur wenn er wollte, öfter, an jeder Raſt erhielt einer von den Gegnern, welche ehrenvoll widerſtanden hatten, nach Ivo’'s Wahl einen goldenen Fingerring. Wer vom Pferde geworfen wurde oder ſonſt nach Rennbrauch für beſiegt galt, der ſollte nicht Roß und Rüſtung verlieren, wie in der Regel geſchah, ſondern nur ein Stück des langen Ueberwurfs, den der Ritter damals über dem Kettenhemd und den eiſernen Beinſtrümpfen trug. Denn der Herausforderer verkün⸗ dete, daß er ſeinen Mairitt unternehme, um von den Helden des Landes Tuch für einen Frauenmantel zu er⸗ bitten. Am letzten Tage der Fahrt ſollte ein Turniek in der Nähe von Erfurt den Einzelkämpfen folgen. Sogleich begann in dem Hofe ein emſiges Rüſten. Joo ſelbſt ritt nach Erfurt, goldene Ringe für die Gegner, Gewänder und Zierrath für ſich und ſein Gefolge zu beſtellen. Der Kämmerer Godwin hatte die ſchwierigere Aufgabe, das Geld für die Fahrt zu gewinnen, und dieſer ſah einige Tage ſorgenvoll aus, bis es ihm endlich bei den Juden in Erfurt und bei den Mönchen in Rein⸗ hardsbrunn gelang. Die größte Arbeit aber fiel dem Marſchalk zu und vom Morgen bis zum ſpäten Abend klang ſeine befehlende Stimme um die Ställe und auf der Rennbahn am Hofe. Die Pferde wurden geprüft, die Knechte und die jungen Knaben zum neuen Spiel angelernt und eine ganze Wagenladung Speerſtangen wurde geſchnitzt, ſorgfältig geprobt und zuletzt mit blau und weißer Farbe ſchön bemalt. Nicolaus ſchnitt unterdeß eine große Rolle Perga⸗ ment zu zahlreichen Briefen und Zetteln an die Herren in den Höfen und an die Burgmannen der Städte, und ſchrieb die Aufforderung ſo oft ab, daß ihn die Finger ſchmerzten. Im Hofe aber ſammelte ſich an den nächſten Morgen ein Haufe von fahrenden Leuten, welche hier 72— nd da im Lande hauſten und welche bei ritterlichen Feſten als Rufer und Boten zu dienen pflegten. Sie empfingen die Briefe und lernten eine mündliche Ver⸗ kündigung, die ihnen der Schüler oft vorſagte. Damit zogen ſie durch das Land zwiſchen dem Bergwald und dem Harz, ſangen ihren Spruch in den Burgen und bergaben die Briefe an vornehme Edle und an die Obrigkeit der Städte. Sogleich rührte ſichs in der ganzen Landſchaft, ehrenvoll und luſtig erſchien der angebotene Wettkampf, in wenigen Tagen war er in Aller Munde als das große Ereigniß des Frühlings. Wer den Rittergurt trug, erkannte eine Mahnung, der er ſich ungern ent⸗ zog, und nicht weniger ungeduldig wurden die Tage des Spieles von Anderen erwartet, welche als Zuſchauer daran Theil nehmen wollten, beſonders von den Frauen. Aber am Hofe des Landgrafen brachte das Aus⸗ ſchreiben nicht Jedermann Freude. Als der Kanzler die ſchön geſchriebene Einladung vorgeleſen hatte und Herr Ludwig beifällig ausrief: „König Mai will eine neue Ausfahrt halten!“ ſaß Frau Elſe erſchrocken mit zuſammengeſchlagenen Händen ohne ein Wort zu ſagen, die Frauen flüſterten einander leiſe zu und Frau Wendelmuth lächelte ſpöttiſch. „Was haſt du, Baſe!“ frug Hedwig leiſe. „Gedenkſt du der Worte, die ich neulich im Scherze zu dir ſprach. Jetzt will er thun, was mir damals ein⸗ nommen hat als du und etwa unſere Frauen. Wer fiel, und was doch Niemand aus meinem Munde ver⸗ — hat ihm meine thörichte Rede zugetragen, und was meint er damit, daß er ſie durch das Land rufen läßt?“ „Manches Ohr hat deine Worte gehört,“ tröſtete Hedwig,„wie darf dich wundern, daß ſie ihm gefielen? Er ſelbſt hält es ſicher für eine Huldigung gegen dich und deinen Gemahl, daß er ſeinen Willen nach der guten Meinung richtet, die du von ihm hegteſt.“ Und zum Landgrafen gewandt fuhr ſie fort:„Wir wiſſen auch, Vetter, wie euer Herr Ivo auf den Gedanken gekommen iſt, um einen Mantel für ſeine Herrin zu reiten. Denn Elſe und ich waren es, welche damals, als er hier weilte, zuerſt im Scherz die Kappe für ſeine Herrin for⸗ derten. Will er euch und uns dadurch ehren, daß er den luſtigen Einfall eures Hofes zu einem Geſetz macht für ſeine Ritterfahrt, ſo haben auch wir Grund, ihm Gutes zu wünſchen.“ „Wenn Frau Hedwig mit meiner Elſe zu der Kappe gerathen hat,“ verſetzte der Landgraf ſorglos,„ſo wünſche ich ihm, daß ſeine Herrin das nicht erfährt, damit ihr die Freude an der bunten Hülle nicht durch die Eifer⸗ ſucht verdorben werde. Doch rühmlich iſt die Fahrt auch für uns Andere, ſie giebt meinen Thüringen Ehre unter den Fremden, den Edlen aber und ihrer Ritter⸗ ſchaft durch einige Wochen Arbeit und Unterhaltung, während ich abweſend bin. Vielleicht reite ich vorher ſelbſt noch gegen ihn.“ Und kampfluſtig ging er mit Herrn Walter nach den Ställen. Auch auf der Mühlburg erwachte die Kampfluſt, aber mit gehäſſigen Gedanken gegen den Nieederhof. Der alte Graf Meginhard war im Dienſte des Land⸗ grafen nach dem Süden gezogen, Herr Konz ſaß an ſei⸗ ner Stelle gebietend unter den Dienſtmannen und hielt mit ihnen vertraulichen Rath über eine Ritterfahrt. Da ihm aber ſeine eigenen Gedanken nicht recht gefielen, ſo ritt er abwärts nach Friemar, lud den jungen Berthold aus dem Hofe und verhandelte heimlich mit dieſem, daß er den Schüler Nicolaus verſöhnen und zu einer Unter⸗ redung beſtimmen möge.„Vermagſt du mir dieſen Ge⸗ fallen zu thun, ſo ſollſt auch du dem Kampfe zuſehen, nicht von der Heerſtraße, ſondern als unſer Geſelle im, Feſtkleide mit meinen Farben.“ Der Jüngling war freudig bereit, den Schüler zu gewinnen und Nicolaus willigte ſchneller ein, als der Bote gehofft hatte, mit dem Ritter in einem Gehölz zuſammenzutreffen, das zwiſchen dem Niederhofe und der Mühlburg lag. „Berthold von Friemar hat dir geſagt, daß ich einen Dienſt von dir begehre,“ begann Herr Konz von ſeiner Höhe auf den Schüler herabblickend. „Er hat mir etwas geſagt,“ verſetzte Nicolaus kühl. Konz griff in ſeine Taſche, ſuchte aus der hohlen Hand einige Silberſtücke und bot ſie mit geſpitzten Fin⸗ gern.„Wenn etwa früher Widerwärtiges zwiſchen uns geſprochen wurde, ſo ſoll es ungeſagt und vergeſſen ſein. Nimm dies, damit du mir in einer Sache, die mir am Herzen liegt, Gutes räthſt.“ Nicolaus wog das leichte Silberblech in ſeiner Hand⸗„Von Fremden nehme ich ungern gebotenes Geld, zumal wenn es wenig iſt. Doch noch unlieber iſt mir, das Geld abzuweiſen,“ und er verſenkte das Silber nach⸗ läſſig in ſein Gewand.„Fragt, und ich will antworten, ſo weit ich darf; aber wißt, auf leichte Münze folgt leichter Dienſt.“ „Du ſollſt mehr erhalten, wenn ich erkenne, daß dein Rath mir frommt,“ ermunterte Konz.„Bevor ich aber meine Frage ſtelle, gelobe mir Stillſchweigen auf 8 dieſes Kreuz, du kannſt in dem Schwertknopf deine ſchlauen Augen ſehen, wenn du ſchwörſt.“ Und er hielt ihm den Kreuzgriff des Schwertes hin. Nicolaus gelobte bereitwillig Verſchwiegenheit. „Sage mir, in welcher Farbe und mit welchen Zeichen wird Herr Jvo ſeinen Speerritt durch Thürin⸗ gen vollbringen?“ „Niemand weiß das, Herr, als die in ſeinem Ver⸗ trauen ſind.“ „Darum gerade ſollſt du es mir ſagen,“ verſetzte Herr Konz ungeduldig,„denn ich gedenke ihm einen guten Poſſen zu ſpielen, wenn ich in denſelben Farben und Abzeichen gegen ihn reite.“ Nicolaus überlegte.„Ihr mögt denken, daß Herr Jvo ſolchen Schimpf nicht freudig aufnehmen wird.“ „Das eben will ich,“ rief Konz.„Sein Zorn iſt mir ganz recht und ich hoffe ihn auf den Grund zu ſtechen, daß er dem Rennen für lange entſagt, denn unerträglich iſt ſein Hochmuth und ich gönne ihm wenig Gutes.“ „Wenn ihr ſo kühn ſeid, ſo fragt den Schneider in Erfurt,“ antwortete Nicolaus mit ausbrechendem Un⸗ willen. „Das ſteht mir nicht an, wohl aber dir; darum eben begehre ich deinen Dienſt.“ Der Schüler dachte nach und in ſeinen Augen glänzte die Schelmerei.„Ich vernahm, daß er ſich und ſein Roß mit den Farben decken wird, die er ſonſt trägt, und nach dem neuen Brauch, der jetzt aufkommt, wird er auch ſein Waffenthier, den Raben, auf ſeinem Ge⸗ wande führen und auf der Roßdecke.“ „Das iſt gute Botſchaft,“ verſetzte Herr Konz ver⸗ gnügt,„denn wir von der Mühlburg vermögen dieſelben Farben und daſſelbe Zeichen zu führen, und ich bedarf in dieſem Fall deiner Dienſte nicht mehr.“ „Dennoch mögt ihr mir einen Einwurf geſtatten; zumal mir der Ritterbrauch aus manchem Lande bekannt iſt,“ warf Nicolaus demüthig ein.„Die vom Nieder⸗ hofe wollen nicht leiden, daß ihr ſelbſt den Raben aulls Zeichen führt, wie Herr Ivo mit ſeinem Geſinde thut, da ihr nicht von ſeinem Geſchlechte ſeid. Kommt ihr damit vor allem Volk zum Spiel geritten, ſo wird Ernſt aus Scherz.“ „Das iſt mir recht,“ verſetzte Konz, die ſtarken Arme aus ſeinen Schultern reckend. „Vielleicht werden ſie euch ganz den Kampf verſagen und alle Herren, welche etwa gegenwärtig ſind, werden ihnen beiſtimmen. Möglich auch, daß ſie euch wegen dieſer Kränkung zu ſcharfem Speerſtoß fordern, nicht nur Herr Ivo, auch ſeine Dienſtmannen.“ — 77˙ 1— „Du meinſt doch nicht, daß ich die fürchte?“ fuhr Konz auf, aber ſeine Augen blickten unſicher umher. „Auch werdet ihr vor dem ganzen Lande wenig Ehre gewinnen, wenn ihr das Ritterſpiel unhöflich verderbt.“ Das gab Herr Konz durch ſein Schweigen zu. „Dennoch gedenke ich den Raben nicht zu meiden,“ ver⸗ ſetzte er endlich mit Trotz. „Dann rathe ich, daß ihr wenigſtens ſein Ausſehen ändert. Auch die Brüder des Landgrafen geben dem Löwen auf ihrem Schilde ein Abzeichen, damit man ſie unterſcheide. Was dieſe thun, wird euch ohne Min⸗ derung eurer Ehre erlaubt ſein.“ „Damit bin ich zufrieden,“ verſetzte Konz,„doch welches Abzeichen denkſt du dir?“. Nicolaus überlegte wieder.„Die Alten im Lande nennen die Mühlburg das Vogelneſt, und ſie wiſſen darüber auch eine Sage. Darf ich euch Gutes rathen, ſo laßt unter dem Raben ſein Neſt oder doch ein Ei anbringen. Führt ihr ſolch eigenes Abzeichen, ſo dürfen jene euch das Kampfſpiel nicht weigern, wie ſehr ſie ſich auch darüber ärgern.“ Herr Konz überlegte, ihm ſelbſt fiel durchaus nichts Beſſeres ein. Deshalb gab er ſeine Einwilligung und verpflichtete den Schüler noch einmal zur höchſten Ver⸗ ſchwiegenheit, und dieſer erbot ſich endlich gutwillig, ſelbſt den Schneider des Ritters anzuweiſen. Es war ein wonniger Morgen, oben am blauen Himmel zogen in langer Reihe kleine Lichtwolken und 1 — 78— unten auf der Landſtraße zog die geſchmückte Schaar des Frauenritters dahin, an der Spitze Herr Henner, hinter ihm der Poſaunenbläſer und der Rufer, dann Ivo mit ſeinem Gefolge, zuletzt ein Haufen Knechte und Diener, welche ledige Rennroſſe und eine Reihe Rüſtwagen führten. So oft die Fröhlichen durch ein Dorf zogen, rann⸗ ten die Leute an die Straße und ſtarrten neugierig auf den glänzenden Zug. Viele riefen Heil und Siegwunſch zu, wenn ſie den Herrn der Schaar erkannten, denn die ganze Landſchaft war ſtolz auf ſeine Reitertugend. Bar⸗ beinige Dorfknaben liefen den Reitern meilenweit nach,. um auch etwas von dem Rennen des großen Herrn zu ſchauen.. Als ſie an eine Krümmung des Weges gelangten, wo ein lichtes Gehölz die freie Umſicht verbarg, da klang durch die lachende Landſchaft der Ton einer Poſaune und aus dem Holz ritt ein Rufer ihnen entgegen und hielt auf der Höhe, ſo daß ſein reiches Gewand und die Poſaune, welche er hoch empor ſtreckte, in der Morgen⸗ ſonne glänzten. Die Fahrt wurde gehemmt, der Gegen⸗ ruf erſcholl.„Schlagt den Pavillon auf unter dem Baumſchatten,“ gebot Herr Henner, nahm den ſchweren Helm aus der Hand ſeines Knaben, ſtürzte ihn auf und band ihn mit der ſeidenen Schnur am Halſe feſt, dann ließ er ſich Schild und Speer reichen und ritt vor. Der fremde Rufer grüßte und verkündete mit lauten Worten, daß ſein Herr, der Ritter vom gekrönten Löwen, in dem Holz lagere und von Herrn Jvo Ritterſpiel begehre. Und der —. 79— Marſchalk antwortete wie ſich gebührte, daß Jenem das Ritterſpiel gewährt ſei, drei Rennen nach Brauch ihm und ſeinen Begleitern, und daß Herr Ivo den Löwen erwarte. Im nächſten Augenblick regte ſich's in dem grü⸗ nen Holz, und aus dem Waldverſteck brach eine geſchmückte Schaar von Rittern und Knappen, die Helme aufgebun⸗ den, ſo daß ihr Antlitz verborgen war; alle in rothem Gewande, geſtreifte Löwenbilder auf den Schilden und auf den langen Roßdecken, in ihrer Mitte mit glänzender Rüſtung der Herr, kenntlich durch ein Krönlein auf dem Helm. Ivo rief mit ſtrahlendem Antlitz dem meldenden Marſchalk entgegen:„Gutes Glück, es iſt der Landgraf ſelbſt, der uns die Ritterfahrt einweihen will. Sein Wappenbild ſoll, wenn mir die Heiligen beiſtehen, das erſte Stück Tuch zu dem Mantel geben.“ Henner hörte bekümmert dieſe Rede, doch wagte er nicht zu wider⸗ ſprechen, er wandte ſich wieder der fremden Schaar zu, von welcher jetzt ein Hofherr ſich ablöſte, um mit dem Mar⸗ ſchalk den Rennplatz auf dem ebenen Naſengrund zu be⸗ ſtimmen. Feierlich begrüßten die beiden Würdenträger einander mit ritterlichen Worten.„Seid willkommen, Meſſire Chevalier du Lion,“ begann Henner, ich ſehe, aus fremdem Lande kommt ihr und ſucht Goldringe als Beute.“ „Der König Löwe,“ verſetzte der Andere ſtolz,„iſt nicht um die Ringe zur Jagd gezogen, er begehrt ſich eure Roſſe und euer Heergewand, wahret euch vor ſeinen Sprüngen.“ Nach dieſem feierlichen Gruße ritten Beide ſeit⸗ — 80— wärts, um auf ebener Stelle die Stäbe zu ſtecken, damit Wind und Sonne unter die Kämpfer gleich vertheilt ſei. Unterdeß lagerte der Haufe des Herrn Ivo auf der andern Seite der Straße und Ivo wappnete ſich in Helfer des Kampfes ſich von der übrigen Schaar ge⸗ trennt hatten, begann Henner in ganz anderem Ton: „Wir freuen uns nach Gebühr der Ehre, Rudolph Schenk; dennoch wäre beſſer geweſen, wenn ihr den Löwen überredet hättet, ſich dieſer Sprünge auf grüner Haide zu enthalten, denn ihr wißt ja ſelbſt, daß es für euren Herrn ein ungleicher Kampf wird, und ich bin von eurer guten Geſinnung verſichert, auch ihr wollt nicht, daß der Landgraf meinem Herrn einen Groll nachtrage, was er ſicher thun wird, wenn er auf den Grund rollt.“ Der Schenk von Vargula zuckte die Achſeln. Er war ſo begierig nach dem Abenteuer, daß ihm keiner zu widerſprechen wagte, an euch iſt es, dafür zu ſorgen, daß euch nicht ſpäter ein Schaden entſteht.“ „Ihr ſprecht gut,“ beſtätigte Henner,„aber auch meiner iſt ſo begierig nach Beute, daß alles Zureden nichts fruchten wird. Es iſt unmöglich, daß er der Ehre entſagt, die Haut des Löwen für das Gewand zurecht zu ſchneiden.“ „Ihr ſeid ſcharf, Henner. Solltet ihr ja vielleicht gegen den Herrn das beſſere Glück haben, ſo ſind An⸗ dere unter uns, um ſeinen Fall zu rächen.“ „Nun, Schenk,“ verſetzte Henner,„ihr habt eine dem ſchnell aufgeſchlagenen Zelte. Als aber die beiden — 81— feſte Fauſt, aber wenn euch gelänge, was eurem Herrn mißglückt, ſo würde euer gutes Glück euch ſelbſt kalten Dank bei eurem Gebieter eintragen.“ „Dann müſſen wir zuſehen, wer den Schaden trägt,“ antwortete der Schenk zornig.„Auch die Frauen haben den Landgrafen beſtärkt, Frau Hedwig bat ſich den Fingerring aus, den er gewinnen wird, und Frau Elſe ſah zwar anfangs traurig darein, doch im Grunde vertraut ſie feſt ihrem Gebet und der unübertrefflichen Tugend ihres Hauswirthes.“ Henner nickte.„Dennoch muß hier Hilfe geſchafft werden. Thut, was ihr vermögt, ich will's an mir nicht fehlen laſſen.“ Die Beiden drängten die Roſſe aneinander und verhandelten leiſe durch die Helmlöcher. Nach dieſer Beredung verliefen die drei Rennen beſſer als Henner gefürchtet hatte. Hell klangen die Poſaunen, die Herren ſprengten auf ihren Stand, der durch ein Fähnlein bezeichnet war, ſie grüßten ein⸗ ander mit würdiger Neigung des Hauptes, ſenkten die Speere, hoben die Schilde und rannten von der Stelle in geſtrecktem Lauf gegeneinander. Aber während dem ſchnel⸗ len Ritt hob Jvo ſeinen Speer, ſetzte ihn auf das Knie und empfing ohne Gegenſtoß den Anritt des Landgrafen. Dieſer traf mit der ſtumpfen Spitze auf die Eiſen⸗ platte, welche als Bruſtſtück über das Panzerhemd ge⸗ legt war, die Stange zerſplitterte, Ivo ſaß unbeweglich und neigte das Haupt tiefer, als die Reiter ſo nahe an⸗ einander vorüberflogen, daß ihre Knie ſtreiften.„Speere her,“ riefen Beide und die aufgeregten Helden, welche Freytag, Die Ahnen. III. 6 82— in zwei Schaaren getheilt um den Kampfplatz hielten, ſchrieen ihnen die Worte nach. Die beiden Marſchälle ritten herzu, prüften mit ſcharfem Blicke die Rüſtung der Kämpfer und die Riemen des Geſchirres und legten die neuen Speere in die Hand der Leibknappen. Diesmal antwortete der Löwe auf die Huldigung im erſten Ren⸗ nen dadurch, daß er ſeinen Speer aus der eiſernen Auflage hob und unter den Arm ſchlug. Jvo erwies ſogleich dieſelbe Artigkeit, und auch dies Rennen blieb, wie zu erwarten war, ohne Gefahr, der ſchwache Stoß des Landgrafen traf wenigſtens den Schild des Gegners, ſo daß der Speer zerbrach, und Herr Jvo hatte nach der Mitte des Schildes gehalten, wo die Widerſtandskraft des Gegners am größten war. Beide Kämpfer ſaßen, als ſie an einander vorüber gejagt waren, feſt im Sattel. Wieder riefen die Mannen Heil! und Waffen!, aber eine Unruhe war erkennbar, Jeder wollte den Ernſt des Spieles ſehen.„Jetzt kommt's,“ ſeufzte Hen⸗ ner; ſorgfältiger prüfte er den Harniſch ſeines Herrn und damit beſchäftigt ſprach er leiſe:„Von eurem Vater und von eurem Großahn vernahm ich, ſo oft ſie gegen einen gekrönten Helm ritten, ſtachen ſie nach der Krone. Da auch heut der Löwe ſich nicht enthalten konnte zu zeigen, daß er ein Herr ſein will über uns Alle, ſo wäre es ein gutes Werk, ihm das Krön⸗ lein zu kappen.“ Der kluge Rath half, beide Herren trieben ihre Roſſe weiter rückwärts von den Fähnlein, um ſtärkeren Anlauf zu gewinnen und ſprengten kräftig gegen einander. Der Speer Ivoss traf genau die Krone, — 83— das vergoldete Holz flog rückwärts und fiel in Trüm⸗ mern zur Erde, der Speer des Landgrafen brach regel⸗ recht an dem Schilde, der Graf ſchwankte im Sattel, aber er hielt ſich. Und beide Kämpfer warfen die End⸗ ſtücke der Speere auf die Bahn und neigten ſich grüßend gegen einander. Wieder klang lauter Beifallsruf, der Landgraf nahm ſeinen Helm ab und ſtreckte mit gerö⸗ thetem Antlitz lachend ſeinem Gegner die Hand entgegen, welche dieſer ehrerbietig ergriff. Dem Kampf der Gebieter folgte eifriges Rennen des Gefolges, viel Eſchenholz wurde kunſtvoll zerbrochen und kein größeres Unglück war zu beklagen, als einige ver⸗ ſtauchte Daumen und ein harmloſer Fall auf den Raſen. Darauf raſteten die Roſſe, die Herren ſaßen am Birken⸗ gehölz auf weichen Polſtern, tranken vergnügt welſchen Wein und ſprachen von Rüſtungen, Pferden und Fal⸗ ken, wie Brauch. Mit ehrlichem Heilwunſch ſchied der Landgraf, nachdem er noch Herrn Jvo eine gute Strecke begleitet und vergnügt den Ring empfangen hatte. Auch an den nächſten Raſtſtellen wurden die Reiſen⸗ den von rüſtigen Rittern der Umgegend erwartet und die von Ingersleben merkten mit ſtolzer Freude, daß der Beginn ihrer Rennen Glück und Ruhm verhei⸗ ßend war. Es war am zweiten Tage der Fahrt, als die Schaar zu einem Platz auf einſamer Heide gelangte, wo ſie keinen Gegner zu finden glaubte. Dennoch hielt auch dort ein kleiner Haufe mit gehobenen Waffen. Es war Herr 6* — 84— Konz mit ſeinem Gefolge, er ritt vor und ſchwenkte ſeinen großen Speer, hochragend auf ſtarkem Roſſe, ein gefährlicher Gegner, in ſeiner Rüſtung ganz ähnlich dem Herrn Ivo, nur breitſchultriger und plumper. Jedoch die Zeichen auf ſeinem Wappenrock und auf dem Behang ſeines Pferdes waren übel gerathen. Allerdings war ein Rabe ſorgfältig aus ſchwarzem Tuch geſchnitten und über den blauen Perkan genäht, auch ein Krönlein trug er aus vergoldetem Taffet, aber da der Schneider den Vogel gewiſſermaßen in häuslicher Thätigkeit dargeſtellt hatte, über ſeinem Neſt ſchwebend, ſo hatte er ihm den Schwanz gehoben, und was darunter lag, als Ei und Neſt, war weißlich, undeutlich und erregte Zweifel über die Beſchäftigung des Vogels. Und wie Herr Konz ſelbſt waren auch ſeine Begleiter gezeichnet. Die Schaar des Herausforderers ſah befremdet auf die ungewöhnlichen Wappenzeichen. Einer wies dem An⸗ dern den Vogel, bald hefteten ſich Aller Augen darauf, zuerſt lachten die von Ingersleben, bald aber erkannten ſie in dem Reiter und ſeinem Vogel eine Kränkung, die ihnen angethan wurde, ſie ſchrien laut Hui! und Pfui! und faßten nach den Schwertern. Henner ritt vor und rief ſeinem Herrn zu:„Erlaubt, daß ich den Dreiſten für ſeine Frechheit bezahle, denn unwürdig iſt er eures Speeres und ſchnell ſoll die Unehre getilgt ſein, die er euch bereitet hat.“ Ivo winkte Gewähr und Henner ſpornte ſein Pferd zum Anritt.„Den Herrn Jvo be⸗ gehre ich zum Kampf,“ ſchrie Konz aus der Ferne; doch Henner ref:„Zuerſt der Marſchalk, ob euch dann — noch ein zweiter Ritt gelüſtet! Heran, wenn ihr kein Feigling ſeid, oder ich kehre den Speer um und ſchlage euch mit dem Holz, wie ihr verdient.“ Da erhob ſich lautes Getümmel, von beiden Seiten klang wilder Zornes⸗ ruf. Die beiden Kämpfer fuhren gegen einander; nicht zum Heil für Herrn Konz, denn wie ſtark er ſich dünkte, er war im Nu rückwärts aus dem Sattel ge⸗ ſchleudert und lag betäubt auf dem Grunde.„Die Scheere her,“ rief Henner vom Roſſe.„Und ihr, Man⸗ nen des edlen Ivo, rückt im Kreiſe um die Spieß⸗ geſellen des Geworfenen, laßt keinen entweichen, der das Zeichen unſeres Herrn ſo unhöflich führt. Euch aber, ihr Fremden, fordere ich auf, gutwillig abzuſteigen und euer Gewand abzulegen, oder bei allen Heiligen, die Schäfte unſerer Speere ſollen euch den Rücken bläuen.“ Doch die Begleiter des Mühlburgers ſpornten ihre Roſſe und eine helle Stimme rief:„Nimmer gebe ich euch Gewalt über Kleid und Leib trotz eurem Drohwort, Marſchalk; wahret euch vor dem Freien.“ Es war Berthold's Stimme, er riß ſein Schwert von der Seite und fuhr gegen den Marſchalk los. Aber im Nu war er umringt, vom Roſſe geworfen, des Gewandes entkleidet und geſchlagen, ind wie er die Andern. Und Henner warf die Streifen der zerſchnittenen Decken hoch in die Luft, indem er rief:„ſo ſei der Hohn gerächt nach Reiterbrauch, vorwärts, ihr Herren, zu einer Stelle, wo man höflichere Sitte übt; ihr aber tragt den Schaden.“ Herr Jvo winkte ihm dankend zu und ritt davon. Flüchtig im Reiten ſah er noch das Antlitz des jungen Berthold bleich und verſtört, er ſah — 386— einen Arm, der ſich wie zum Schwur gen Himmel hob und ein Auge voll Zorn und Seelenqual, das auf ihn ſtarrte. Und wieder blieſen die Pfeifen, ſpielten die Geigen und dröhnten die kleinen Trommeln, die bunte Schaar flog lachend und jauchzend über den grü⸗ nen Grund und ließ gebrochene Speere, geknickten Stolz und totwunde Herzen an der Erde zurück. Größer wurde der Zug und lauter die Fröhlichkeit, als ſich die Sonne abwärts neigte; die Schaar war faſt zu einem Heere gewachſen, einige der Herren, welche im Rennen rühmlich ihren Ring gewonnen hatten, ſchloſ⸗ ſen ſich dem Gefolge an, viele Landleute, die an den Kreuzwegen gewartet hatten, begleiteten meilenweit die Maireiter. Vollends die fahrenden Leute waren aus der ganzen Landſchaft zuſammengeſtrömt, die anſehnlichen auf Pferden und Eſeln, die Mehrzahl zu Fuß: Spiel⸗ leute mit ihrem Geräth, Gaukler und Luftſpringer, Wei⸗ ber in buntem Gewande mit herausforderndem Blick, auch Solche, welche ein Gewerbe daraus machten, Pferde zu heilen und kranke Pferde um ein Billiges zu kau⸗ fen, dazu Alle, die mit dem Brauch der Speerrennen und Turniere vertraut waren und als Rufer und ge⸗ wandte Diener ihren Lohn zu gewinnen hofften; dieſe ſchaarten ſich achtungsvoll um ihre Genoſſen, welche dem Herrn Jvo während der Fahrt treuen Dienſt geſchworen hatten und einen ſchönen blauen Ueberwurf ſo wie am Arme einen ſilbernen Ring trugen mit dem Bilde eines Raben als Abzeichen. An ſie ſchloß ſich ein ruhmleſer — — 87— Haufe von verlorenen Kindern der Heerſtraße, welcher keinerlei Kunſt aber große Begehrlichkeit beſaß, und durch Heilrufe und Geſchrei ſeine Spende zu verdienen ſuchte. Hinter dem Zuge der Herren und Knechte wälzte das fahrende Volk ſich mit Lachen, Geſchrei und Zank dahin, lauernd ſpähten die Augen aus den ſonnenverbrannten Geſichtern, und der erſte Rufer des Herrn hatte Mühe, die Frechen, welche ſich mit Scherzreden und Schmeiche⸗ leien an die Reiter drängten, durch eine zähe Gerte zu⸗ rückzuhalten, die er über ihnen ſchwenkte. Die Abendſonne ſchien golden auf die Thürme und Mauern einer anſehnlichen Stadt, auf dem Felde davor. ſprengten Reiter und große Haufen von Neugierigen harrten der Gäſte, denen die Luft ein Getöſe von Hörnern, Pfeifen und kleinen Handtrommeln grüßend zutrug. Henner ritt zu ſeinem Herrn:„Das ſind die luſtigen Bürger von Mühlhauſen, anſehnlich wiſſen ſie ſich zu halten und nicht wenige treue Geſellen er⸗ kenne ich, welche ihre Ritterſchaft erweiſen wollen. Sie haben euch, wie ich vernehme, gute Herberge bereitet und hoffen auch bei einem Abendtrunk Ehre einzu⸗ legen. Da das Volk hier drängen wird, ſo umzäune ich mit der Schnur einen Roſengarten, in dem ihr reiten könnt.“ Er winkte den Rufern, und eilend liefen dieſe hinter ihm mit den ſpitzen Stäben und der rothen Schnur; nach artiger Begrüßung wurde der Plan abge⸗ ſteckt und das Zelt des Herrn aufgeſchlagen. Die Burg⸗ mannen, welche den Ritterſchild führten, waren zahlreich gekommen, unter ihnen hielt auf einem mächtigen Roſſe, — 883— Johannes der Kaufmann, den ſie Langhans nannten, und ſogar der alte Bertram Schultheiß, ein runder Mann mit fröhlichem Geſicht, als kluger Sprecher wohl bekannt in den Städten. Ihm wurde nicht bequem auf das Roß zu ſteigen, aber man wußte auch, daß er nicht leicht herunter zu bringen war, wenn er ein⸗ mal feſt ſaß. Als Ivo gewappnet aus ſeinem Zelte trat und ſich auf das Pferd ſchwang, begrüßte ihn wieder lauter Zu⸗ ruf, Geſchrei und Getöſe der fahrenden Muſiker und als er in die Schranken ritt, drängten ſich von allen Seiten die Zuſchauer heran und ihre Augen richteten ſich auf den entzegengeſetzten Eingang, wer zuerſt gegen den berühmten Kämpfer anſprengen würde. Es war der dicke Schultheiß Bertram unter einem ſchweren Helm in ſchönem feuerfarbenem Ueberwurf, zwar mit verdecktem Antlitz, aber wohl kenntlich an ſeiner Run⸗ dung; darüber freuten ſich die Mühlhäuſer, jauchzten und nickten einander zu. Alles glückte in dem Speergarten, zumal Herr Henner die Speere in freundlicher Geſinnung wählte und ſeinem Herrn auch einmal zuraunte:„Seid nicht zu ſcharf.“ Die Burgmannen aber erwieſen ſich ge⸗ waltig, der Schultheiß gewann den Fingerring und rief fröhlich dem Herrn Ivo zu:„Den trage ich, dieweil ich lebe, zu eurem Gedächtniß.“ Nur Herr Langhans entging dem Unglück nicht, er wurde aus dem Sattel geſchleudert, daß er der Länge nach auf den Rücken fiel und mit den Händen in der Luft fingerte. Aber da er in der Stadt nicht ſehr beliebt war wegen übergroßer Hoffart, ſo hielten die von Mühlhauſen ſeinen Fall für keine Krän⸗ kung, auch er ſelbſt trugs leidlich, da ihm Aehn⸗ liches ſchon früher begegnet war. Ja er verſuchte ſo⸗ gar trotz ſeinem Schmerz zu lächeln, als Henner ſich über ihn beugte und dem Knappen mit der Scheere zu⸗ winkte, den vorderen Theil eines Ueberwurfs von koſt⸗ barem Sammet wegzuſchneiden, indem er artig ſagte: „Geſtattet, Chexalier, daß wir nach unſeren Devoir thun, wenn wir auch weniger geübt ſind, Gewand zu ſchneiden, als ihr ſelbſt.“ Jedesmal, wenn Herr Ivo von einem Rennen auf ſeine Stelle zurückritt, erhob ſich das Freudenge⸗ ſchrei des Haufens, der mit ihm gekommen war, zu⸗ mal der fahrenden Leute, welche dichtgedrängt am Ein⸗ gange ſtanden und einander ſtießen, um den Schranken am nächſten zu ſein. Denn alsdann griff Herr Henner in die Geldtaſche, welche er an der Seite trug und warf kleine Silbermünzen in den Haufen. Sobald er an die Taſche rührte, hoben ſich die Arme der Fah⸗ renden und ſie ſchrien:„Segen über euch, Herr Rit⸗ ter, hierher, hierher!“ ſie bückten ſich nach der fallen⸗ den Münze, ſchlugen und balgten ſich zum Ergötzen der Zuſchauer. Als Jvo einmal ſo an den Schranken hielt, unter dem Helme tief athmend und ſich mit einem Tuch durch die Helmloͤcher Kühlung zuwehend, hörte er neben ſich eine bebende Stimme, welche wie die Andern rief:„ſpendet mir,“ er ſah die zitternde Hand eines alten Mannes in elendem Reiſekleide, und als die Hand nichts zu fangen vermochte, den mat en Blick eines Ent⸗ — 90— ſagenden. Da frug er über die Schranken:„wer biſt du, Alter?“ „Ein Elender, den der Hunger zwingt, während er ſich nach der Heimath ſehnt,“ klang es leiſe zurück. Er gehört nicht zu uns,“ ſchrien die Fahrenden neben ihm, feindſelige Blicke auf den Fremden werfend, der ſich in ihre Brüderſchaft eindrängte. In dem Klang der Stimme und dem gramdurch⸗ furchten Angeſicht war etwas ſo Verzweifeltes, daß dem Herrn das Herz weich wurde, er lenkte, ſeiner Ritter⸗ pflicht gedenkend, das Pferd zum Marſchalk, griff in die Ledertaſche und holte einen Goldgulden heraus. Als er ſich wieder zu dem Fremden wandte, war dieſer vor Erſchöpfung an den Schranken zuſammengebrochen. Da winkte er einem Knechte, dem Liegenden beizu⸗ ſpringen und warf ihm das Goldſtück in den Schooß. Gierige Hände der Umſtehenden griffen darnach, aber der Knappe eilte dem Manne zu Hülfe und dieſer rief, die Hand hebend:„Möge der Himmelsherr dich bewahren, daß du ſelbſt niemals in ſo bitterer Noth für eine Gabe danken mußt, wie ich dir danke.“ Die Fanfaren klangen, Ivo wandte ſich ab, faßte nach dem Speer, und hatte bald unter den Grüßen der Mühlhäuſer und beim feſtlichen Abendtrunk in der Raths⸗ ſtube den Jammer des fremden Bettlers vergeſſen. Es war am vierten Tage der Maienfahrt, die ritterliche Schaar kehrte von Norden her in die Umgegend — — 91— von Erfurt zurück; wieder trug die Natur ihr ſchönſtes Feierkleid, die Thautropfen blitzten wie Edelſteine an Gras und Blumen, die Amſel pfiff im Gehölz und von der Höhe trillerte die Lerche. Harte Stöße hatte der uner⸗ müdliche Speerbrecher empfangen, aber noch ſtärkere hatte er ausgetheilt, mit Stolz blickte er rückwärts auf ein Bündel, welches mit ſeidener Decke umhüllt an ſeinem Sattel befeſtigt war, denn es enthielt zehn Stücke bunten Stoffes, die ſein Marſchalk aus den Wappenröcken ge⸗ worfener Ritter geſchnitten hatte. Beinahe war der Stoff geſammelt für einen Mantel, und doch war im Turnier noch der meiſte Zuwachs zu erwarten. Sah man dem Herrn und ſeinem Gefolge auch die Anſtren⸗ gung der letzten Tage an, ſein Herz war froh, denn ſein Ruhm war hoch geſtiegen, die ſtärkſten Ritter der Landſchaft hatten vergebens ihre Roſſe geſpornt und mäch⸗ tige Speere gegen ihn eingelegt, und die Spielleute zählten bereits in langen Gedichten ſeine Gegner auf, den Schmuck ihrer Rüſtungen, und den Verlauf ſeiner ſiegreichen Kämpfe. Ivo's Lippen bewegten ſich und er ſang leiſe vor ſich hin. Da hielt der Zug. Auf einer kleinen An⸗ höhe ſtanden Roſſe, Helme blinkten und Bewaffnete lagerten am Rand eines Gehölzes.„Gutes Glück,“ rief Herr Henner,„dort harren edle Gäſte, weckt ſie aus ihrer Ruhe, denn mir ſcheint, ſie haben den Ausguck verſäumt und wir überraſchen ſie.“ Heraus⸗ fordernd klang die Poſaune, aber kein Gegenruf ant⸗ wortete und die fremden Reiter traten nicht einmal an — 92— die Roſſe.„Sie ſchlafen,“ rief Ivo verwundert,„blaſt zum zweiten Mal.“„Sie haben ſich träge verlegen und vermögen die Glieder nicht zu rühren,“ ſpotteten ſeine Ritter. Auch der zweite Klang weckte keine Antwort. Der Marſchalk ritt vor, aber nach wenig Roßſprün⸗ gen wandte er um und rief ſeinem Herrn zu:„Sie führen nicht Wappen, nicht Decken, nur ein ſchwarzes Kreuz erkenne ich an den Mänteln und die Vollbärte der Geſichter. Es ſind Marienbrüder vom deutſchen Hauſe in Jeruſalem.“ Mehre aus dem Gefolge bekreuzigten ſich. Ivo hielt ſein Pferd an:„Wir vernehmen zuweilen von ihren Thaten im gelobten Lande, doch wir ſelbſt ſehen wenig davon; denn bei uns ſchleichen ſie wie die Mönche, bergen ihr Antlitz in den Siechhöfen und ſtellen ſich, wie man ſagt, ungern zum Speerkampf. Dennoch begehre ich ihr ſchwarzes Zeichen als Beute, wenn es auch nur ein trauriger Schmuck iſt. Wir reiten näher, ob wir ſie herauslocken.“ Er ritt vom Marſchalk begleitet zu den Fremden. Aus dem kleinen Haufen der Gelagerten erhob ſich ein Bruder und antwortete ernſthaft dem Gruße, ein Mann von mittleren Jahren, der über dem Kettenhemd einen braunen Ueberwurf von grobem Wollſtoff trug, über der Bruſt ein großes Kreuz von ſchwarzen Tuchſtreifen und um die Schultern einen weißen Mantel. Sein voller Bart war mit Grau gemiſcht, die feſten Züge des Antlitzes von ſüdlicher Sonne gebräunt. „Geſchloſſene Helme ſehe ich hier,“ begann Jvo, „und Schwerter, welche am Rittergurt hängen, aber auf die Ladung meines Rufers kam von euch keine frohe Antwort. Iſt keiner unter euch, ihr Herren, der ſich einen goldenen Fingerring begehrt, wenn er mir ehrlich widerſteht, oder meine Roſſe und Rüſtungen, wenn er mich wirft. Schwingt euch vom Boden und ergreift die Speere.“— Einige der Jüngeren ſprangen auf, der Führer aber hob die Hand und die behenden Knaben traten zurück.„Euer Ring, edler Herr, ſoll die Brüder nicht locken, ſie dürfen kein Gold tragen, nicht am Finger, nicht am Harniſch und Gewand; auch eure Roſſe und Rüſtungen düpfen ſie nicht erwerben, denn ſie führen nicht eigenes Noß und nicht eigene Waffen, ſie gebrauchen nur, was ihnen die Bruderſchaft zutheilt.“ „Lockt euch der Preis nicht,“ rief Ivo wieder,„ſo kämpft, wenn euch an der Huld guter Frauen gelegen iſt; einer Herrin zu Ehren fordere ich euch, habt ihr eine Frau, welcher ihr dient, ſo ſtreitet für ihren Ruhm, denn ich hoffe, Ehre erwirbt bei Männern und Frauen, wer mich aus dem Sattel zu ſchwingen vermag.“ Aber ungerührt antwortete der Bruder:„Keiner von uns dient einer irdiſchen Frau und das einzige Weib, welches wir anflehen, iſt die hohe Gottesmutter. Auch euch, Herr Ivo, ziemt nicht, die Himmelskönigin gegen ein irdiſches Weib herauszufordern.“ MNun denn,“ verſetzte Ivo gereizt,„wenn ihr nicht um Beute kämpfen wollt und. nicht für Frauenminne, ſo ſchwingt euch in den Sattel, weil ihr Ritter ſeid, damit euch die Leute nicht ſchelten, daß ihr ruhmlos die Waffen führt.“ Wieder regten ſich die Jüngeren und zornige Blicke drohten dem Herausforderer. Doch der Bruder wies auf einen Speer im Boden, an welchem die ſcharfe Eiſen⸗ ſpitze glänzte.„Wir treffen mit dem Speere nur, wenn wir den Tod geben und erwarten, zu Reiterluſt und Spiel führen wir die Waffen nicht.“ „Wohlauf, ihr Herren, iſt euer Brauch ſo un⸗ mild, ſo weiß ich euch mit gleicher Waffe zu begeg⸗ nen; auch ich führe Speerholz, an welchem der Todes⸗ ſtachel befeſtigt iſt. Ihr ſeid geladen zum Kampf nach eurer Weiſe.“ „Wir töten Ungläubige, wenn ſie uns trotzig widerſtehen,“ verſetzte der Bruder.„Unter den Chriſten iſt unſer Amt nicht, Wunden zu ſchlagen, ſondern zu heilen. Wir üben hier die Bruderpflicht.“ Er trat zurück und wies auf die Gruppe am Boden. Ivo hob ſich im Sattel und ſah, daß zwei Brüder einen ent⸗ blößten und blutigen Mann in den Armen hieelten, während ein dritter mit dem Verband beſchäftigt war. Er war als Sohn einer harten Zeit gewöhnt, ohne Schrecken über Wunde und Tote zu ſehen, aber der ſchweigſame Ernſt, mit welchem die Brüder um den Kranken bemüht waren, und ihr fremdartiges Ausſehen feſſelten ſeinen Blück; er zwang ſein bäumendes Roß zu halten.„Iſt der Sieche von eurer Geſellſchaft?“ Es iſt ein armer Landfahrer, den Andere ſchlu⸗ gen, welche an Nächſtenliebe und Gnade ärmer waren als er.“ „Und was wollt ihr mit ihm beginnen, Herr?“ Der Bruder zeigte in das Gehölz, wo zwei der Jüngeren Holzſtangen zu einer Trage zuſammenbanden. „Wir tragen ihn, bis wir gute Leute treffen, welche ihn um Chriſti willen aufnehmen.“ „Und wenn ihr die Höfe an der Landſtraße ver⸗ ſchloſſen findet?“ frug Ivo.„Wer kennt das Schickſal, das der Arme ſich bereitet hat, und wer weiß, welchen Fluch er mit ſich durch das Land trägt?“ „Einer weiß es, der uns Barmherzigkeit geboten hat,“ verſetzte der Bruder feierlich. Jvo ſchwang ſich aus dem Sattel und trat näher, aber er fuhr unwillkürlich zurück, denn der Verwundete hob gegen ihn das Haupt, wimmerte leiſe und ſtreckte die geöffnete Hand in die Höhe; Jvo erkannte jenen Dürftigen, dem er vor wenig Tagen ein Goldſtück in den Schooß geworfen hatte.„Ich gab ihm Geld vor vieler Augen,“ murmelte er,„und ich fürchte, um des Goldes willen liegt er heut am Boden.“ Der Krieger, welcher den Verband angelegt hatte, erhob ſich, und ſprach zu dem Führer einige Worte in fremder Sprache. „Mein Bruder ſagt, daß das Leben bei guter Pflege vielleicht erhalten wird,“ erklärte der Anführer und neigte das Haupt zum Abſchiede, während die jüngeren Brüder den Kranken vorſichtig auf die Trage aus Baumäſten hoben. Ivo warf noch einen traurigen — 96— Blick auf das Opfer ſeiner Milde, beſtieg das Roß und ſprengte nach dem Wege. Lauter Zuruf der Seinen grüßte ihn, die Spielleute blieſen auf den Pfeifen und ſchlugen die kleinen Handtrommeln. Er aber hielt ſtill und ſenkte das Haupt:„Fröhlich ſangen die Sommer⸗ vögel in mein Herz, da klang der Schrei eines Ha⸗ bichts durch die Luft, die kleinen Sänger bergen ſich im Laub und ich vernehme ihre Stimme nicht mehr.“ Er ſah um ſich und erkannte das große Dorf, welches im Grunde vor ihm lag, wandte das Pferd und ritt ſchnell zu den Brüdern zurück. „Sucht ihr ein Obdach für euren Schützling, ſo nehmt freundlich mein Fürwort an. Ich kenne den Richter im nächſten Dorfe, und hoffe ihn zu bereden, daß er dem Kranken und euch Herberge ſchafft; gefällt es euch, ſo geleite ich euch dorthin.“ Er wies auf das Thor von Friemar, aus dem die Landleute in hellen Haufen ſtrömten, um die Herrlichkeit der geſchmückten Roſſe und Reiter zu ſchauen. Der Fremde verneigte ſich dankend, die dunklen Geſtalten folgten dem feſtlichen Zuge, vier Brüder trugen den Verwundeten. Als die Reiter den Anger betraten, wurden ſie auch hier durch Heilruf und vertrauliche Grüße empfangen. Die Kinder liefen zu beiden Seiten der Schaar auf und ab, ſchrieen vor Aufregung und zeigten einander die bekannten Herrn. Die Frauen ſtanden mit unterge⸗ ſchlagenen Armen und manche hübſche Magd erröthete und ſchlug ihre Zöpfe auf die Schulter zurück, wenn die jungen Ritter ihr grüßend Scherzworte zuriefen. Im Dorf warteten auch die Alten neugierig vor ihren Höfen; die Hunde bellten, die Spielleute blieſen und ſangen. So kamen die Gäſte vor den Hof des Richters, der mitten im Dorfe am freien Platze lag. Dort aber war das Thor geſchloſſen, kein Menſchenhaupt an Thür und Fenſtern zu ſehen, vergebens ſuchte Ivo nach den lan⸗ gen Zöpfen der Magd Friderun; die Landleute traten ſcheu zurück und tauſchten kopfſchüttelnd leiſe Worte. Der Knappe Ivo's ſtieß mit der Speerſtange an das Thor, aber Alles blieb ſtill.„Iſt der Richter daheim?“ rief Ivo in den Haufen. „Ich vermuthe, daß er im Hauſe iſt,“ verſetzte ein alter Bauer. Der Knappe öffnete die kleine Thorpforte, Ivo ſtieg ab, bedeutete die Brüder, ſeine Rückkunft zu er⸗ warten, und trat ein. Auch im Hofe war Niemand zu finden, nur der Hahn rief mißtrauiſch ſein Federvolk zu⸗ ſammen und der Hofhund zerrte wüthend an ſeiner Kette. Jvo öffnete den Drücker der halben Thür, welche in das Wohnhaus führte, trat auf die Schwelle und ſah in den dämmrigen Hausflur. Im Holzſtuhl am Heerde ſaß der Richter, und ſtarrte mit gebeugtem Haupt vor ſich hin, das weiße Haar hing ihm über ſein gramdurch⸗ furchtes Geſicht. Neben ihm auf den Stufen der Bühne ſaß die Tochter, bleich und verweint, beide unbeweglich in ſtillem Jammer. Als die Geſtalt des Eintretenden den Raum verdunkelte, hob der Richter das Haupt und blickte auf den geſchmückten Ritter, ſein Antlitz röthete ſich, die buſchigen Brauen zogen ſich zuſammen, und indem Freytag, Die Ahnen. III. 7 er ſich langſam erhob, frug er mit rauher Stimme: „Was wollt ihr, Herr, in dem Trauerhauſe?“ „Wo iſt euer Sohn Berthold?“ rief Ivo. „Tot,“ antwortete der Bauer und ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Heerd. „Er iſt fortgeritten von uns nach der Mühlburg,“ ſprach die Tochter leiſe,„weil er den Hohn eurer Ritter nicht ertragen konnte.“ „Trieb ihn der Groll über die erlittene Kränkung in den Hofdienſt?“ verſetzte Ivo betroffen.„Dann iſt mir von Herzen leid, daß es die ſchnellen Hände meines Gefolges waren, die ihn aufſchreckten. Denn ſeit unſerer Kinderzeit war ich ihm freundlich geſinnt.“ „Für euren freundlichen Sinn ſage ich euch geringen Dank, Herr,“ begann der Richter wieder,„und wenig liegt mir daran, wenn ihr mir und denen, die mir ge⸗ hören, lächelnd zunickt. Zu ehrlicher Arbeit hatte ich mir einen Sohn erzogen und nicht zur Geſellſchaft für euresgleichen. Ob er jetzt als ein Gauch durch das Land zieht mit bunten Lappen behangen, oder ob er in der Dämmerung dahinreitet, um die Rinder des Land⸗ volkes fortzutreiben, das iſt für mich ein geringer Unter⸗ ſchied. Und ich ſage euch, edler Herr im lichten Sommer⸗ kleide, ich bin nicht dankbar dafür, daß ihr euch herab⸗ laßt, mich in meinem Hauſe zu begrüßen. Haben auch die Kornſäcke lange meinen Nacken gedrückt, euch gegen⸗ über iſt er ſteif, wenn ihr Willkommen von mir begehrt. Denn ihr und euresgleichen habt mir den —— 1 — 99— Sohn genommen, für deſſen Ehre ich mich gemüht habe, ſo lange ich meine Bauernſchuhe trage.“ „Ich aber denke daran,“ antwortete Jvo gemeſſen, „daß ihr ein alter Mann und in ſchwerem Kummer ſeid, wenn ich eure Rede ohne die Antwort ertrage, die ich euch leicht geben könnte. Heut, Richter, kam ich nicht um meinetwillen, ſondern weil ich eure Hilfe für einen Andern begehre. An der Grenze eurer Flur lag ein Schwerverwundeter, den die Brüder vom ſchwarzen Kreuz aufgehoben haben, ſchon allzu lange harren ſie mit dem Kranken vor eurem Thor. Sie werden euch fragen, ob ihr den Armen aufnehmen wollt. Mich reut's, daß ich unternahm, bei euch Fürſprech zu ſein; dennoch mahne ich euch an eure Pflicht, tretet hinaus und gebt den Frem⸗ den Beſcheid.“ 4 „War's auf unſerer Flur?“ murrte der Alte,„kennt ihr ſo genau das Maaß der Bauernäcker?“ Die Tochter ergriff ſeine Hand:„Geht vor das Thor, Vater.“ Als der Alte die Hand der Tochter an der ſeinen fühlte, griff er heftig darnach, die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, er zog ſein Kind zu ſich, legte ſein Haupt auf das ihre und ſchluchzte laut. Ivo trat leiſe in den Hof zurück und ſah über Holzhaufen und Scheuren, der Hahn ſchritt ſtolz ohne ihn zu beachten durch das Stroh, der Hund knurrte ihn aus ſeiner Hütte mißtrauiſch an; hinter dem Hofthore ragten die bunt⸗ bemalten Speerſtangen und klang das Summen der Menge, aber ihm kam vor, als gehöre er ſelbſt nicht 7* — 100— zu der Genoſſenſchaft, welche draußen auf Ritterſpiel hoffte. Nicht lange und der Richter ſchritt aus dem Hauſe und öffnete mit feſter Hand die Pforie. Als er vor die Menge trat, hoch aufgerichtet, mit ſeinem weißen Haar und dem runden großen Haupte, war er in ſeiner Trauer ſo ehrwürdig, daß ihn Alle mit Scheu betrachteten. Die kleine Schaar der Brüder hielt unbeweglich, der Führer lenkte ſchweigend ſein Roß zur Seite, ſo daß der Richter den Wunden auf der Trage vor ſich ſah. Er betrachtete den Mann. „Es iſt ein Fremder,“ ſagte er kalt. „Es iſt ein Todwunder,“ antwortete der Bruder, „unſer Amt iſt den Kranken zu heilen und wir bitten euch, daß ihr uns dafür Obdach gewährt.“ „Wollt ihr bezeugen, daß er auf unſerem Dorf⸗ grunde lag?“ frug der Richter. „Wir kommen nicht, für ihn zu zeugen, ſondern ihm Liebe zu werben. Zum andern Mal bitte ich euch, nehmt ihn unter eurem Dache auf und uns dazu, da⸗ mit wir ihn pflegen. Denn unſer Erlöſer ſpricht: was ihr dem Geringſten auf Erden thut, das habt ihr mir gethan.“ Doch der Bauer hob abweiſend die Hand und ver⸗ ſetzte finſter:„Tragt ihn unter das Dach der ritter⸗ lichen Herren, welche bereit ſind, ſolche Wunden zu ſchlagen.“ „Wir aber ſtehen vor eurer Thür,“ fuhr der Bruder fort,„und drei Mal zu bitten iſt uns befohlen. Darum — 101— flehe ich zum dritten Mal, daß ihr ihn aufnehmt und uns dazu. Und wir mahnen euch mit den Worten, die unſer Herr Chriſtus ſelbſt geſprochen hat, als er ſagte: ich ſuche nicht meinen Willen, ſondern ich handle nach dem Willen meines Vaters, der mich geſandt hat.“ Der Hofwirth ſah ſchnell auf, und frug:„Steht das geſchrieben in dem heiligen Buche, aus dem wir nur dann in unſerer Sprache hören, wenn die Pfaffen ſich ein Roß begehren oder ein Stück unſeres Ackers? Steht das in Wahrheit geſchrieben, ſo iſt es eine weiſe Rede, denn auch der Sohn Gottes dachte daran, daß er der Sohn war und gab ſeinem Vater die Ehre. Und weil ihr mir dieſe Worte ſagt, ſo will ich euch aufnehmen als ein Vater, der ſeinen Sohn verloren hat, und ich will euch einführen in das verlaſſene Haus.“ Er ſchlug den Holzriegel des Thors zurück.„Tretet ein, ihr Herren.“ Die Bärtigen betraten hinter dem Richter den Hof, die nachdringenden Dorfleute wies dieſer mit einer Hand⸗ bewegung zurück und führte die Gäſte zu einem Gebäude, welches kleiner als das Wohnhaus, mit der Langſeite an der Straße ſtand. Auf der Schwelle hielt er und be⸗ gann finſter:„Hier wohnte einſt mein Vater, als er mir den Hof übergeben hatte. Dann ein Jüngling, den ſeine Mutter, während ſie lebte, zu adlig hielt in Kleidung und Sitte.“ Er öffnete zögernd die Thür. In dem leeren Gemach waren die Fenſterladen geſchloſſen, durch die Ritze fiel ein ſpärliches Licht auf die Dielen und das Lager an der Wand. Der Richter riß den Laden auf, — 102— die Bewegung wollte ihn übermannen und er gebot mit heiſerer Stimme:„Dort iſt das Bett, legt den Elenden hinein und dies ſei eure Herberge, wenn ſie euch, ihr Fremdlinge, genügt.“ Er wandte ſich zur Thür.„In meinem Pferdeſtalle iſt ſeit der letzten Nacht Raum geſchafft für zwei Roſſe; begehrt ihr ſonſt noch etwas, ſo iſt mir eine Tochter geblieben, ſie ſoll für euch ſorgen.“ „Ich danke euch, Richter,“ verſetzte der Anführer. „Einem Bruder mit ſeinem Knecht und zwei Roſſen bitte ich Obdach zu geben und ſo viel Koſt, daß ſie nicht Noth leiden, bis wir jenen dort in unſer nächſtes Haus ſchaffen können. Wir Andern reiten zur Stelle unſern Weg. Für euer Erbarmen können wir euch nichts bieten; wir werden jeden Abend für euch beten, daß der Himmels⸗ herr euch Gnade erweiſe und die Trauer von eurem ehr⸗ würdigen Alter nehme.“ Der Richter neigte das Haupt ein wenig, ſchritt zu ſeinem Heerde zurück und ſaß dort wie zuvor. Während der Alte mit den Bärtigen verhandelte, trat Ivo zu Friderun:„Der Vater hört auf eure Worte; ſorgt mit gutem Bedacht, daß er nicht ungerechten Groll gegen mich und meinen Hof bewahre. Denn ſein altes Haupt iſt mir vertraut und ehrwürdig. Und euer Bru⸗ der war es, der zuerſt das ſcharfe Schwert gegen die Meinen entblößte.“ „Als ein Freier ritt der Bruder mit dem Mühl⸗ burger, euer Ritterſpiel in der Nähe zu ſchauen,“ antwor⸗ tete Friderun,„fremd war er und unbetheiligt an euren — 103— Händeln; da haben eure Dienſtmannen ihn vom Roſſe geriſſen und ihre unfreien Hände haben den Freien ge⸗ ſchlagen. Die Alten im Dorfe gedenken noch, wie der Großvater eures Herrn Henner, der jetzt ſo ritterlich * prangt, im ſchmuckloſen Kleid eines Knechtes die Hammel durch unſere Dorfgaſſe trieb.“ „Ihr irrt,“ verſetzte Ivo,„nicht als ein Freier zog der Bruder in der Schaar meines Gegners, ſich und ſein Roß hatte er in die Farben des Andern gekleidet, und ein fremdes Abzeichen trug er wie ein Dienender.“ „Fremde Farben und fremdes Abzeichen!“ wieder⸗ holte Friderun leidenſchaftlich.„Waren es nicht auch eure Farben, die er trug? Und iſt der Rabe darauf euch ſo unbekannt? was konnte mein lieber Knabe da⸗ für, daß euch die Bilder ſeines Begleiters nicht gefielen. 1 O du mein armer Bruder! als du noch ein Kindlein warſt, hat man dich gelehrt, deine kleinen Arme auszu⸗ ſtrecken und zu jauchzen, ſo oft das blaue Herrengewand und ſein Wappenbild in unſerm Dorfe zu ſehen war. Theuer haſt du für die Zuneigung bezahlt, die du in deinem treuen Gemüthe bewahrteſt. Denn aller Troſt, den Herr Jvo unſeren Herzen zu geben weiß, ſind nur die ſtolzen Worte: es iſt ihm Recht geſchehen.“ „Nicht ſo, Friderun; euren Bruder erkannte nicht ich und kaum einer von den Meinen, als er verkleidet im Haufen ritt. Erſt als er auf dem Boden ſaß, ſah ich ſein verſtörtes Angeſicht, und glaubt mir, ich dachte dabei an euch und den Vater und ſein Unfall that mir wehe.“ — 104— „Ihr aber rittet hoch zu Roß vorüber, ſtatt anzu⸗ halten und ihn mit eurer Hand aufzuheben.“ „Wie durfte der Verletzte, wenn er ein Mann war, in der Stunde der Kränkung die Hand des Gegners faſſen?“ „Wundert euch alſo,“ rief Friderun,„daß in dem Bruder die Scham brennt und daß er darauf denkt die Schmach zu rächen in eurer Weiſe? Hat euch der Vater ſchwere Worte geſagt, ſo haben eure Dienſtmannen die. verſchuldet, denn einſam habt ihr ſein Alter gemacht und auf ſein weißes Haupt das bitterſte Leid gehäuft. Sie ſagen, daß euch der Mantel, um den ihr ſtecht, hohen Ruhm ſchaffen werde, wenn ihr ihn eurer Herrin um die Schultern hängt; denkt auch daran, daß eure Fahrt Trauer unter Leute gebracht hat, die bisher treu zu eurem Hauſe hielten und die ſich in der Stille freuten, wenn euch Alles im Leben gut gelang.“ „Bei allen Heiligen,“ erwiderte Ivo unwillig,„ſelten hörte ich ein Weib, das ſo ſcharf mit ſeiner Zunge zu ſchneiden verſteht als ihr, ſchon da ihr ein Kind wart, haben ſich die Leute gewundert, und auch die Mutter hat euch darum geſcholten.“ „Eure liebe Mutter iſt zu den Engeln heimgegangen, von denen ſie zu uns kam. Meint ihr, daß ſie ſich über Alles freuen würde, was ihr thatet, um Gold und Silber für eure Ritterfahrt zu gewinnen? Von einem Manne aus Erfurt erfuhren wir, daß ihr den alten Stadthof eures Geſchlechtes aus der Hand gegeben habt; und doch hielt eure ſelige Mutter viel auf den Hof, und ſie ſagte zuweilen, daß der Thurm im Stadtfrieden ihrem Geſchlecht einmal werthvoller ſein könne, als manche Hufe auf dem Lande.“ Jvo fühlte ein ſcharfes Mißbehagen über die dreiſte Rede, doch antwortete er gutherzig:„Heut darf ich euch nicht zürnen, wenn ihr ſcheltet, ihr übt in eurem Schmerze nur ein altes Vorrecht; und ich weiß wohl, eure Meinung iſt gut, wenn ihr auch um die Ehren des Ritteramtes wenig ſorgt.“ Aber ſeine freundlichen Worte bezwangen nicht den Zorn der Jungfrau. „Mögen Andere euer ritterliches Abenteuer preiſen, unſere freien Bauern wundern ſich, daß ihr, der Edle aus dem alten Blut der Thüringe, eure Habe und eure Glieder übermüthig preisgebt dem Speerholz jedes groben Geſellen, dem einmal ſein Herr den weißen Riemen um ſeinen Knechtsleib geſchnallt hat. Geringen Ruhm finden wir darin, daß ihr Solche wie euresgleichen ehrt, die als Kuhdiebe durch die Nacht reiten, Unfreie, deren Leib und Leben unter dem Hofrecht eines Herrn ſteht, die als Hnechte Schläge und Feſſeln ertragen müſſen und die in Wahrheit nur wie Roßknechte ge⸗ braucht, werden, auch wenn ihr ſie nach eurer höflichen Sitte Herren nennt. Und wir Freien halten es für einen ſchlechten Brauch in der Welt, daß der unfreie Knecht, wenn er den Eiſenhelm empfängt, ſich unter die Edlen ſetzt und über die Schulter auf die Freien im Bundſchuh herabſieht. Auch ihr helft dazu, daß die — 106— alte Freiheit im Lande untergeht und Mancher trauert, daß wir das von eurem Geſchlecht erleben.“ „Oft habe ich vernommen,“ verſetzte Jvo erſtaunt, „daß die Bauern mit Mißgunſt und Neid nach den Höfen der Ritter ſchauen und auch gegen die Edlen geheimen Haß bewahren, aber in eurem Hofe, Friderun, hätte ich beſſeren Verſtand gehofft.“ „Meint ihr ſo,“ rief Friderun mit blitzenden Augen, „dann reut mich jedes Wort, das ich euch ſagte. Bin ich euch nur die Magd aus dem Bauerhofe, ſo fahrt dahin in eurem Stolz, ich behalte den meinen.“ Die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen, aber gleich darauf zog ſich ihr Geſicht finſter zuſammen, und ſie wandte ſich ab. Noch einen düſtern Blick warf Jvo auf die Ge⸗ ſpielin ſeiner Kinderzeit, dann ſchritt er durch das Thor und ſchwang ſich auf ſein Pferd. Gegen Abend kam der Richter aus ſeinem Hauſe in den Hof, er ſah zuerſt, wie er gewohnt war, nach dem Stand der Sonne, an der Thür des Stalles fuhr er zurück, doch bezwang er ſich und trat hinein. Schwei⸗ gend betrachtete er die fremden Roſſe, denen der junge Knecht das Futter ſchwang.„Woher kam der Braune in unſere Thäler?“ frug er endlich den Knecht. „Aus dem heiligen Lande,“ antwortete dieſer unter⸗ würfig. „Du aber ſtammſt, wenn ich deine Sprache richtig erkenne, aus Thüringen. Haſt du einen Vater, und wo lebt er?“ „Mein Vater war ein Schmied von der Naumburg, die Eltern ſtarben an der Peſt, da nahm mich mein Herr Arnfried aus dem leeren Hauſe und zog mich bei der Bruderſchaft auf.“ „Ich hoffe, er war ſtrenge gegen dich.“ „Er iſt gut wie ein Engel des Himmels, aber der Orden iſt ſtreng,“ verſetzte der Jüngling mit weicher Stimme. „Ich denke mir's,“ ſprach der Richter zu ſich ſelbſt, „darum gefielen mir die Männer. Iſt Jener, der bei dem Kranken ſitzt, dein Herr Arnfried?“ „Nein, Herr,“ antwortete der Knecht,„der Andre war's, welcher mit euch am Thore ſprach, er ritt von dannen. Der jetzt am Lager wacht, iſt Bruder Gott⸗ fried, der von den Sarrazenen ſtammt.“ Der Richter ſah verwundert auf das Pferd:„Laß mich ſeinen Braunen von vorn ſehen.“ Er ſchüttelte den Kopf und ſchritt nach der Gaſtwohnung. Der Bruder grüßte vom Lager des Verwundeten mit einer Handbewegung und wandte ſich wieder dem Kranken zu. Der Richter aber ſetzte ſich abſeits und be⸗ deckte das Geſicht mit der Hand. Als der Kranke einmal ſtöhnte, richtete er ſich auf und betrachtete das dunkle Ant⸗ litz und den ſchwarzen gekräuſelten Bart des Bruders, wel⸗ cher die Lippen des Liegenden mit einem Trank anfeuchtete und vorſichtig die Decke zurecht rückte.„Fremdländiſch iſt euer Roß und fremd ſeid ihr ſelbſt, ich hoffe, ihr ſeid ein Chriſt.“ Der Bruder antwortete das Haupt neigend mit fremder Betonung:„Ich glaube an Gott den Vater. — 108— den Sohn und den heiligen Geiſt und ſie ſind Eins und in gleicher Hoheit anzubeten.“ Der Kranke ſeufzte und machte eine Bewegung, der Richter ſchlug ſein Kreuz und ſprach:„So ſind auch wir im Glauben gelehrt. Von euch aber vernahm ich, daß ihr aus der Heidenſchaft ſtammt, giebt es bei euch Söhne, die ihren Vätern ungehorſam ſind? „Auch dort iſt ein Geſetz, daß der Sohn den Vater ehre, ſo lange dieſer lebt, und wenn er getödtet wird, ſeinen Tod an dem Feinde räche.“ „Habt auch ihr ſo gehandelt gegen euren Vater?“ Der Bruder wies auf ſein Haupt, an welchem eine rothe Narbe vom Scheitel nach der Stirn herablief: „Ein Edler meines eigenen Stammes erſchlug meinen Vater. Ich nahm an ſeinem Leben die Rache und ver⸗ fiel darum den Schwertern ſeiner Blutgenoſſen. Als ich mit ſolchen Wunden in der Sonne lag, fanden mich die Brüder, in ihrem Hauſe erwachte ich zum Leben, ſeitdem diene ich ihnen.“ Der Richter nickte beiſtimmend:„Ich merke, ihr ſeid ein treuer Bruder. Ein geiſtliches Leben führet ihr, aber anders als unſere Mönche und Pfaffen, denn ganz verdorben ſind dieſe, nur auf Wohlleben denken ſie, auf koſtbare Gewänder und ſchöne Weiber und ich ſorge, kraftlos ſind ihre Gebete für uns Laien. Für den Reichen beten ſie aus Habgier, um den kleinen Mann kümmern ſie ſich wenig. Doch vernahm ich, daß jetzt allerlei neune Brüder in das Land kommen, welche als armſelige Leute leben, ſich ihre eigene Koſt an den Thü⸗ —-— — — 109— ren betteln und am liebſten für die armen Laien beten. Ich denke, auch ihr gehört zu dieſen Bittenden.“ Der Bruder erhob ſtolz das Haupt.„Ich bin ein Krieger und kein Bettelmönch, ich diene nur durch gute Werke im Hospital oder mit den Waffen auf dem Schlachtfeld.“ „Und wer ſind eure Feinde?“ „Die der Meiſter uns nennt.“ Der Richter ſchüttelte ſein weißes Haupt, aber er blieb ſitzen, bis er draußen den Peitſchenſchlag ſeiner heimkehrenden Knechte hörte. Nach Sonnenuntergang kam er zurück, begleitet von ſeiner Tochter, welche den Tiſch mit einem weißen Tuch bedeckte und kräftige Koſt aufſetzte, der Alte ſelbſt brachte eine Kanne vom beſten Bier, das er in ſeinem Keller bewahrte, ſtellte ſie vor den Gaſt und ſchüttelte wieder das Haupt, als dieſer ſich mit wenigen Biſſen begnügte und auch dem ſtarken Trunk nicht volle Ehre erwies. Eine ſtämmige Magd trug dem Fremden Streu in eine Ecke und brei⸗ tete darüber das Polſter, die Decke und ein weiches Kopfkiſſen. Der Richter blieb ſchweigend auf ſeinem Schemel, endlich begann er:„Gedenket der Ruhe, Bru⸗ der,“ und als der Sarrazene auf den Kranken wies, fuhr er fort:„Sagt mir, was ich dieſem thun ſoll. Denn ruhelos iſt für mich die Nacht, und ich ſorge, wenn ich allein liege, werde ich Einem fluchen, der nicht hier iſt. Darum laßt mich an eurer Stelle ſitzen, Frem⸗ der. Ihr ſeid eurem Vater treu geweſen bis über den — 110— Tod, darum ſollt ihr jetzt ſchlafen und ein armer Vater will ſtatt eurer wachen.“ Der Bruder ſah ihn dankend an und gab in weni⸗ gen Worten die Anweiſung. Dann ſprach er am Lager knieend leiſe die Gebete und ſchob, bevor er ſich ausſtreckte, das weiche Kopfkiſſen, welches ihm nicht erlaubt war, bei Seite. Der Richter aber ſaß bei dem Kranken und ſtarrte auf das hagere Geſicht des Liegenden, der zuweilen zuckte und ſtöhnte. So durchwachte der Alte die Nacht, zu⸗ weilen aufgerichtet mit finſterer Miene und geballter Fauſt, dann wieder mit gebeugtem Haupt und gefalteten Händen. Jwoo hatte ſich mit kurzem Abſchied von den Bär⸗ tigen getrennt und zog in ſeiner luſtigen Schaar da⸗ hin. Aber er nahm nicht Theil an der geräuſchvollen Fröhlichkeit der Andern. Dem hochherzigen Manne waren die harten Reden des alten Bauern und ſeiner Tochter läſtiger als er irgend Jemandem geſtanden hätte, auch das Unglück des Knaben Berthold beſchwerte ihm den Sinn. Seit der Kinderzeit hatten ihn die Thränen, welche Andere in ſeiner Nähe vergoſſen, beunruhigt, manchem Knecht hatte er die verdiente Strafe abgebeten und dem Traurigen heimlich gute Biſſen zugetragen. Auch Friderun bewahrte in ihrer Lade ein Geſchenk, das er ihr als Knabe aus gutem Herzen gemacht hatte, eine bunte Holzpuppe, welche ein luſtiges Männlein vorſtellte. Zog man an einem Faden, ſo bewegte das Närrchen den Kopf und die Arme. Ivo's Mutter hatte es einſt dem Sohne von Erfurt mitgebracht und der ganze Hof hatte ſich gefreut, wenn der Knabe mit dem Gaukel⸗ mann ſpielte und aus dem Stegreif poſſierliche Worte dazu ſprach, wie er ſie von fahrenden Leuten gehört hatte. Gerade damals war die kleine Friderun nach dem Tode ihrer eigenen Mutter auf den Hof gebracht worden, weil die Edelfrau ihre Pathe war; das Kind ſaß in einer Ecke, bangte ſich unter der fremden Um⸗ gebung und weinte, als wollte ihm das lleine Herz brechen. Da ging Ivo leiſe zu ihr und legte ſein Spielzeug in ihren Schooß. Das Geſchenk hatte ſie auch ein wenig getröſtet, nicht ſowohl wegen des närriſchen Ge⸗ ſichtes, als deshalb, weil ihr die gute Meinung des Knaben wohlthat, und die Mutter, welche von ihrem Ehrenſitz die Kinder beobachtete, hatte genickt und dem Mädchen erlaubt, das Bild zu behalten. Heut, wo Ivo die Jungfrau in Thränen geſehen hatte, mußte er immer wieder an jenen Tag denken, an dem das fremde Kind mit ſeinen großen Augen ſo verſtört zu den Füßen der Mutter geſeſſen hatte. Er fühlte ihr Leid mit wie da⸗ mals als Knabe und ihm war, als müßte er ihr etwas recht Gutes erweiſen. Doch er ſelbſt hatte ihr den Bruder aus dem Hauſe getrieben und er hatte Schuld an den Thränen, die ſie heut weinte. Vergebens ſpornte zer ſein Roß, um der ſchwächlichen Gedanken ledig zu werden. Henner aber, der ſeinen Herrn nicht aus den Augen ließ, ſprach bekümmert zu ſeinem Genoſſen Lutz:„Ich ſorge um ihn, er iſt triſte und penſant, er ſieht müde aus, er hat heimliche Maladey. Die Bärtigen und die Bauern haben ihm ſeine Kraft gemindert, und er wird ſie jetzt mehr brauchen als zuvor. Denn wißt, Kumpan, wir ſind ſeither faſt nur gegen gute Geſellen geritten, die außer der Ehre nur den Ring begehrten. Jetzt kommen wir unter die Erzbiſchöflichen von Erfurt und werden mit den Grafen von Gleichen und ihren Dienſtmannen zuſammenſtoßen, von denen viele einen alten Groll gegen uns bewahren; harte Rennen ſtehen bevor, ungefüge Speere und böſe Abſicht, welche unſerm Herrn den Mairitt verderben möchte. Strengt euren Witz an, daß wir erfinden, was ihn wild macht, denn zu hurtigem Rennen gehört ein ganzer Mann und ein ſcharfer Wille, ſonſt hilft nicht ſtarker Rücken, nicht feſte Schenkel.“ „Ich habe ihm die zwei beſten Pferde geſpart,“ tröſtete der ruhige Lutz,„auf den Fuchs kann er ſich verlaſſen.“ „Aber nicht auf ſich ſelbſt,“ entgegnete Henner.— „Alle guten Geiſter, mir ahnte, daß uns Unheil bevor⸗ ſteht. Dort hält der Rettbacher am Wege, der alte Rennteufel bringt uns heut in Noth.“ „Er kommt nicht um zu ſtechen, er iſt ganz allein.“ „Er kommt zu ſpähen und ſinnt Arges. Reitet flugs zu den Knechten, welche die Pferde führen und leidet nicht, daß er ſich an die Thiere heran drängt.“ „Guten Tag, Henner,“ grüßte der Rettbacher, ein ſtämmiger Mann mit einem Stiernacken, kurzem Ober⸗ leib und ſtarken Schenkeln, der im Lande für einen der gewaltigſten Speerkämpfer galt, und ein Schrecken in den Rennbahnen war, weil er ſich wenig um die Ehre, aber — 113— ſehr um die Kampfbeute kümmerte.„Ein ſchöner Zug,“ fuhr er fort,„ich ſehe viele Hufe, die ihr dem Sieger als Preis geſtellt habt. Wie viel mögen ihrer wohl ſein?“ „Gewinnt den Preis, und ihr könnt ſie gemächlich zählen,“ ſpottete Henner.„Doch ich ſehe, daß ihr ohne Speer kommt.“ „Vielleicht reite ich doch,“ lachte der Andere ſchlau. „Dann rüſtet euch, wir haben nicht weit bis zur nächſten Raſtſtelle.“ „Sie liegt einſam im Felde,“ verſetzte der Rett⸗ bacher.„Manchem wird lieber ſein vor einer großen Menge zu ſtechen. Auf der Haide könnte es dem Sie⸗ ger ſchwer werden euch von den Roſſen zu heben und aus den Rüſtungen zu ſchälen.“ „Was wollt ihr damit ſagen, ihr Kobold?“ „Nichts gegen eure Ehre, Henner. Doch Vorſicht iſt gut. Nicht Jedermann hat aus eurer Aufforderung verſtanden, ob auch die Rüſtungen und Roſſe der Dienſt⸗ mannen in den Preis geſtellt ſind, oder nur die des Herrn und ſeiner Knechte.“ „Nehmt an, daß der Sieger Alles erhält, was unter dem Wappenzeichen unſeres Hofes reitet.“ „Herr Ivo handelt immer großartig. Gebt ihr die Beute ſelbſt oder zahlt ihr den Werth in Geld?“ „Wie dem Sieger beliebt,“ antwortete Henner un⸗ willig. „Schätzt der Sieger nach eignem Ermeſſen 2“ „Ihr wißt ja ſelbſt, daß er das Recht hat,“ rief Henner noch zorniger. Freytag, Die Ahnen. III. 8 „So iſt's in der Ordnung,“ beſtätigte der Andere und ſah mit Luchsaugen auf die vorbeiſchreitenden Pferde. „Da iſt ja auch der Fuchs,“ ſagte er nachdenklich und ritt heran. „Zurück, Wilhelm, oder euer Pferd macht einen Bockſprung ins Grüne,“ rief Lutz, den Zudringlichen mit der Speerſtange abtreibend, wir leiden nicht, daß eine Bremſe um die Ohren unſerer Roſſe ſummt.“ „Vorſicht iſt immer gut,“ wiederholte der Ritter ungerührt durch den Verweis.„Die Zahl ſtimmt mit meiner Rechnung. Eure letzte Raſt haltet ihr ja wohl bei Erfurt?“ „Habt ihr gezählt? dann beeilt euch, heut die Beute heimzutreiben,“ höhnte Henner,„denn morgen würde die Zahl nicht ſtimmen.“ „So?“ brummte der Rettbacher,„ich verſtehe, ihr wollt heut noch in euren Hof führen, was ihr morgen nicht gebraucht.“ „Dürfen wir den Erfurtern weniger Pferde zeigen als den Bauern im Lande? Unſer Herr denkt weit anders, wir hoffen, morgen mehr und beſſeres zu wei⸗ ſen als ihr hier ſeht. Meint ihr, daß wir unſere beſten Pferde wie Roßtäuſcher durch das Land führen?“ „Euer Fuchs iſt doch hier,“ bemerkte der Rett⸗ bacher. „Es iſt wohl möglich, daß der morgen Ruhe hat. Den Stolz des Stalles hebt jeder für das Ende auf. Die vier Pferde, welche uns morgen zugeführt werden, findet ihr nicht im Zuge.“ ——— — 115— „Vier?“ frug der Schlaue,„wir haben doch nichts von neuen Rennpferden bei euch gehört.“ „Wir wiſſen einen Vortheil geheim zu bewahren,“ verſetzte Henner. 3 „Ihr ſeid nicht von geſtern,“ ſchloß der Rettbacher achtungsvoll.„Alſo vier? Gute Fahrt, Herr, vielleicht ſehen wir uns wieder.“ Und er trabte mit kurzem Gruße nach Erfurt zu. „Was wolltet ihr mit den vier Pferden?“ frug Lutz neugierig. „Vielleicht meinte ich die Gäule, welche uns den Hafer nach Erfurt ſchaffen,“ lachte Henner.„Merkt auf, Lutz: er wollte heut Abend gegen uns reiten und es iſt wohl möglich, daß unſere Feinde ihm allein die drei Speere gelaſſen hätten. Unſer Herr aber darf heut die⸗ ſem alten Stoßvogel nicht im Kampfe begegnen, ſonſt erleben wir Malheur. Ueber Nacht findet Herr Ivo wohl ſein Vertrauen wieder und morgen iſt großes Ge⸗ dränge, da muß der Habgierige ſich mit einem Speer begnügen, deshalb habe ich ihm die Beute, die er ſich bereits gezählt hat, ſo ſtattlich gemehrt.“ So geſchah es. Der kluge Henner wußte bei dem letzten Raſten ſeinem Herrn leichten Kampf zu verſchaffen, die Schwäche Ivo's ging vorüber. Am nächſten Morgen freute ſich der Marſchalk über das Feuer, mit welchem er in den Sattel ſprang und über die Gewalt der Stöße, welche er austheilte. 8* 4. Der Herrin Dank. Eine halbe Wegſtunde von Erfurt waren auf großer Wieſe die ſtarken Pfähle der Turnierſchranken errichtet und durch Querriegel verbunden, mit zwei Eingängen auf den entgegengeſetzten Seiten. Der freie Raum rings umher ſtieg allmählich zu den bewaldeten Höhen. Dort ſtanden unter den erſten Bäumen die buntfarbigen Zelte der Kämpfenden; wo ein Ebler ſich gelagert hatte, wehte ein Banner mit ſeinen Farben und Wapperzeichen, bei jedem Zelte ſtampften Rennpferde und drängten ſich bunt⸗ gekleidete Knechte, Spielleute und neugierige Zuſchauer. Dazwiſchen hatten die Erfurter Buden und Tiſche aufge⸗ ſtellt, in denen ſie Speiſe und Trank feilboten, hier und da war in Holzhütten ein Heerd errichtet mit dem Blaſe⸗ balg und die Schmiede warteten mit ihren Hämmern am Ambos, um an Rüſtungen und Hufbeſchlag ihre Kunſt zu erweiſen. Zwiſchen dem Waldesrand und den Schranken trieben ſich Städter und Dorfleute umher zu Fuß und zu Roß, Viele waren aus großer Entfernung aufgebrochen und hatten die Nacht bei Bekannten in der Nähe oder — 117— gar im Freien am flammenden Feuer zugebracht. Lange vor Beginn des Feſtes ſchallte der Lärm zum Himmel; die Sänger, welche die Fahrt begleitet hatten, ſangen von den Thaten ihrer Helden, die Geiger ſpielten luſtige Reigen, Roſſe wieherten, die Verkäufer luden ſchreiend zu ihren Buden, die Menge ſchwatzte und lachte; um Je⸗ den, der Beſcheid wußte, ſammelte ſich ein Haufe Neu⸗ gieriger, der ſich die Wappen und Namen der Ritter 4 erklären ließ und ſeine Vermuthungen über das Glück der Einzelnen austauſchte. Während Herr Godwin mit ſeinen Knechten in den Schranken umherritt, dieſelben von Knaben und vorwitzigem Volk frei zu halten, ſtanden die fahrenden Leute, welche als Turniergehilfen der Kämpfer in Sold genommen waren, in großen Haufen unweit der Ein⸗ gänge, denn als Helfer der Knappen mußten ſie ſich in das Gewühl der Männer und Roſſe werfen, um Ge⸗ worfene zu retten, Speertrümmer aus dem Wege zu räu⸗ men, Speereaufzuheben, kleine Schäden an Riemzeug und Rüſtung zu beſſern; und ſie thaten dies nicht ſtill⸗ ſchweigend, ſondern mit Geſchrei. Die Uebung half ihnen, aalgleich wußten ſie ſich zwiſchen den Reitern und unter den Roſſen durchzuwinden, wenn aber einer von ihnen getreten und verwundet wurde, hatte er den Schaden und geringen Dank. 2 Unterdeß trugen in Erfurt die Knappen der Ritter, welche an dem Turnier Theil nehmen wollten, die Schilde anmeldend nach der Herberge, in welcher der alte Graf von Orlamünde als erwählter Turnierrichter ſaß. Durch — 118— nach ihrem Wunſch entweder Herrn Henner oder einem Dienſtmann der Grafen von Gleichen zugewieſen. Denn Markwart von Gleichen hatte die Führung der Gegner übernommen und Alle, welche dem Herrn Ivo abgeneigt waren oder ihre Kraft gegen die Herausforderer ver⸗ ſuchen wollten, ſammelten ſich unter ſeinem Banner. Die Mehrzahl der Kämpfer aber ging zur Meſſe und that heimliche Gelübde für einen guten Ausgang, denn der Kampf im Turnier bedrohte mit weit größerer Ge⸗ fahr als das Speerrennen der Einzelnen. Wer in die Hände der Gegner fiel oder gar vom Roß geſchleudert wurde, der hatte ſchlechte Behandlung und Schaden an Leben und Gliedern zu beſorgen. Lange harrten die Zuſchauer auf dem Rennplatz, endlich klangen die Poſaunen und vier Schaaren Gehar⸗ niſchter ſprengten mit geſchloſſenen Helmen auf der Straße heran, jede gefolgt von ihren Knappen. Die Kämpfer im Helm hielten, von den Marſchällen geführt, durch die beiden Thore ihren Einritt; es waren im Ganzen etwa achtzig Speere, welche ſich ſo aufſtellten, daß die Herausforderer den Oſten und Süden, die Gegner den Norden und Weſten des umhegten Raumes erhielten, die gegenüberſtehenden Haufen hatten abwechſelnd gegen ein⸗ ander zu reiten. Wer den Speer verſtochen hatte ode⸗ wer ſich an die Schranken drängen ließ, galt für wehr⸗ los und durfte nach Turnierrecht durch Schläge gezwun⸗ gen werden, den Helm abzubinden und ſich gefangen zu geben. Roß und Rüſtung verfielen dem Sieger. ihn wurden die Kämpfer in zwei Parteien getheilt und 1 — 119— Die vier Schaaren ordneten ſich jede in zwei Glieder, die Partei Jvo's kenntlich durch einen weißen Schleier, die Gegner durch ein Tannenreis an den Hel⸗ men. Als die Herren ſo hielten und die Roſſe ſchnoben und ſtampften, da dachten die Zuſchauer mit Stolz daran, daß ſie die Blüthe ihres Adels und der waffentüchtigen Hel⸗ den vor ſich ſahen, im Heergewande, in ihrem ſchönſten Kriegerſchmuck, die großen Helme zum Theil bemalt mit den Wappenfarben, bei manchen Edlen gekrönt durch einen Aufſatz, der ein geſchnitztes Wappenthier wies, einen Fächer, einen Mohrenkopf, oder was ſonſt den Herren als Zierrath gefiel. Die Holzſchilde, mit ſchwarzem, grauem oder weißem Pelzwerk überzogen und zuweilen mit dem Wappenzeichen verſehen, die langen Gewänder über Rüſtung und Roß, von farbigem Stoff mit Bil⸗ dern geſchmückt, waren den Leuten ein prachtvoller Anblick. Poſaunen und Pfeifen erklangen, das Kampfſpiel begann. Jvo ritt mit ſeinem Haufen in ſchnellſtem Lauf gegen die Schaar des Grafen Markwart von Gleichen, die ihm entgegen ſprengte, um den Anprall nicht ſtehenden Fußes zu erwarten. Laut krachten die Speere des erſten Gliedes in jeder Schaar, die Trümmer ſanken zu Boden, und im Nu fuhr das zweite Glied durch die Zwiſchen⸗ räume des erſten in den Vorkampf, damit die ſpeerloſen Genoſſen Zeit erhielten, von den Knappen, welche ſich in das Gewühl ſtürzten, neue Speere zu empfangen. Mit dieſen Waffen drängte, wer von der erſten Reihe freie Hand behielt, wieder den Genoſſen nach, um die Reihen — 4— der Gegner zu vurchbrechen und die Hinterſten des feind⸗ lichen Haufen an die Schranken zu drücken. Ein wildes Getümmel erhob ſich, von allen Seiten tönte der Schlacht⸗ ruf und das Geſchrei nach Speeren und an der einen Seite des Kampfplatzes wogte ein unſägliches wirres Durcheinander von Roſſen und Menſchenleibern. Auch die Zuſchauer ſchrien und jauchzten in wilder Aufregung, bis ſich die beiden kämpfenden Schaaren nach den ent⸗ gegengeſetzten Seiten der Schranken auseinander zogen, während ihre Gefangenen von den Knappen gewaltſam aus der Umfriedung gezerrt wurden. Jetzt ſprangen die fahrenden Leute in den Rennplatz und ſäuberten ihn von dem gebrochenen Holze und den geſtürzten Roſſen, die ſich nicht aufzurichten vermochten. Wieder rief die Poſaune, die beiden anderen Schaaren, welche gegen⸗ über hielten, rannten eben ſo wie die erſten zuſam⸗ men; unterdeß zogen ſich die Kämpfer des erſten Ren⸗ nens hinter ihnen auf den früheren Stand. In ſolcher Weiſe wurde viermal gerannt, damit jede der Schaaren ihren langen Anlauf erhielt. Dann erhob ſich nach einer Pauſe, in welcher nur Einzelne gegen einander ritten, ein allgemeiner Kampf der beiden Parteien. Die Zahl der Streitenden war kleiner geworden, aber der Eifer geſtiegen, die Reihenfolge im Abritt war nicht mehr zu bewahren, auch der Zuſammenhalt der Schaaren wurde gelockert, von allen Seiten ſtießen die Wilden nach der Mitte und ſuchten ſich die Gegner, welche ihnen am leidigſten waren; immer ſchärfer gellten die Rufe der Kämpfenden, die Pfeifen und Poſaunen ſchrieen da⸗ — 121— zwiſchen und gleich dem Gebrüll empörter Meereswogen tönte Zuruf, Jubelgeſchrei und Klage der Schauenden um das ſinnbethörende Schauſpiel. Der Rettbacher ſtieß mit Henner zuſammen.„Wo ſind eure neuen Roſſe?“ ſchrie er, ſein Pferd zum Anlauf wendend.„Am Heu⸗ wagen,“ rief Henner zurück,„hütet euch, daß ihr heut euren Gaul bewahrt.“ Und ſie ſtießen zuſammen wie zwei Felsblöcke, welche gegen einander geſchleudert wer⸗ den, beide blieben unbewegt ſitzen und beiden kamen die nächſten Genoſſen zu Hilfe, während ſie ſich, neue Waffen ſuchend, dem Getümmel zu entziehen ſuchten. Aber die von Ingersleben waren zahlreicher, Lutz ſchleuderte mit ſeinem Roſſe die herzueilenden Knappen des Rettbachers zur Seite und der Waffenloſe mußte, indem er unab⸗ läſſig nach einem Speer ſchrie, den Rücken wenden und durch die Windungen ſeines Pferdes den Verfol⸗ gern zu entrinnen ſuchen, welche ihn den Schranken näher trieben. Unterdeß blieben die Führer im dichten Kampf⸗ gewühl, denn um beide ſchaarten ſich am engſten die Genoſſen, weil die Ehre der Partei daran hing, daß ihr Vorkämpfer nicht gefangen wurde.„Gebt Raum,“ rief Ivo, den zugereichten Speer einlegend, jetzt bring ich's zum Ende,“ und er fuhr mit ſo gewaltigem Roß⸗ ſprunge auf Herrn Markwart zu, daß dieſem das Thier auf das Hintertheil geſetzt wurde und mit dem Reiter zu Boden rollte. Hilflos lag der Graf unter dem Roſſe und um ihn begann das Stoßen und Zerren, ſo daß die Zuſchauer in dem tollen Gewirr nich.s deutlich er⸗ — 122— kannten, nur einen Strudel von Helmen und Roßhäup⸗ tern, der ſich kreiſend um den unſichtbaren Mittelpunkt be⸗ wegte. Aber die Mannen von Ingersleben drängten mit ihren Speeren dicht um den liegenden Grafen, und Ivo rief ihm zu:„Nur das Wappenbild auf eurem Gewande begehre ich. Gebt euch, Graf Markwart, damit meine Knaben euch nicht die Arme ſchnüren.“ Der Betäubte vermochte kaum zum Zeichen der Er⸗ gebung die Hand zu heben. Jvo ſprang herab, löſte ihm die Schnur des Helms, und half ihm auf das zitternde Roß, aber die behende Scheere ſeines Knappen hatte dem Gefallenen bereits den ſeidenen Ueberwurf gekürzt. Da gab der Kampfrichter den Bläſern ein Zeichen, das Ende auszurufen. Wer nach dem letzten Poſaunen⸗ ton noch weiter kämpfte, verlor ſeine Rüſtung, darum ſchwand allmählich das Getöſe, die Kämpfer banden ihre Helme ab und ſuchten ihre Stelle in den geminderten Haufen. Jvo aber ſprengte mit entblößtem Haupt in die Mitte des Raumes, rief den Theilnehmern am Turnier ſeinen Dank aus und zog dann langſam mit ſeiner Schaar in den Schranken umher, während der Beifallsruf der Zuſchauer wie Donner erklang. Die Gefangenen entließ er, ſoweit er Macht über ſie hatte, ohne Löſegeld. Es war ein kleines, aber ruhmvolles Turnier. Die Gegner Ivo's hatten den größeren Verluſt an geworfenen Helden, wie an zerbrochenen Rippen, und die Erfurter rühmten als beſondern Zufall, daß kaum zwei gefährlich — 123— verwundet waren. Nur die Beuteluſtigen grollten dem Sieger, weil er das Waffenſpiel allein auf Speere und nicht auch auf die ſtumpfen Schwerter eingerichtet hatte, welche ſonſt nach dem Speerkampf geſchwungen wurden und reichlicher zu Gefangenen verhalfen. Ganz unzu⸗ frieden war der Rettbacher, denn die Herren von Ingers⸗ leben hatten ihn gefangen, und weil er ſich ſträubte, mit Riemen geſchnürt. Am Abend lag Jvo müde auf ſeinem Lager, Henner hatte ſich nicht nehmen laſſen, den Herrn eigenhändig mit wohlriechendem Oele zu ſalben, er umhüllte ihn ſorglich mit der weichen Decke und mahnte:„Gönnt euch die Ruhe. Nie wurden Stöße ruhmvoller empfan⸗ gen, und die Anſtrengung dieſer Tage war größer, als wohl ein anderer Mann ertrüge.“ „Wahrlich,“ lachte Ivo, ſich mühſam ausſtreckend, „an den Blumen rühmen wir im Liede die Farben Roth, Blau und Braun, aber auf der Haut bereiten ſie nicht das größte Behagen.“ Unterdeß kniete Nicolaus auf dem Boden und breitete vor dem Herrn den Gewinn des Kampfes, die bunten Stücke Tuch und Pelzwerk aus, er rief dabei noch begeiſterter als der Marſchalk:„Das Leid währt nicht lange, denn nicht ein Finger wurde gebrochen, und ſelig preiſen wir den Helden, der dafür Ruhm in allen Landen davonträgt. Es wird ein Mantel, den eine Königin mit Stolz tragen kann, oben das weiche Pelzwerk und unten die wilden Thiere, und in der Mitte die ganze Herrlich⸗ — 124— keit des Himmels, Sonne, Mond und Sterne.“ Und er ſummte vor ſich hin: Non leo rugiens, neve bos mugiens, nec hircus hinniens, cornibus quatiens insanit totiens, quam miles saliens dominae serviens.*) Henner verließ das Zelt mit einem argwöhni⸗ ſchen Blick auf den Schüler und Ivo ſprach müde zu Nicolaus:„Sage mir, was du lateiniſch geſungen haſt.“ Die Miene des Schülers änderte ſich, als er mit Ivo allein war, und an das Bett tretend antwortete er nicht wie ein Dienender, ſondern wie ein Sänger, der zu ſeinem Genoſſen redet:„Es giebt nichts auf Erden, was ſich ſolchem Ritterſpiel vergleichen läßt, als der Kampf zweier Stiere auf dem Anger oder auch zweier übermüthiger Böcke, wenn ſie mit den Hörnern zu⸗ ſammenſchlagen. Um funfzehn Lappen Zindel und Perkan habt ihr euch funfzehn Todfeinde gemacht, ſeid ſicher, ſie werden's euch nachtragen.“ „Mögen ſie,“ verſetzte Ivo gleichgültig,„nicht Alle bewahren ihre Tücke ſo dauerhaft als du; und wenn ſie es thun, ſo weißt du auch, daß ich wenig darnach frage.“ „Nur Eines mindert euren Ruhm,“ fuhr Nicolaus fort,„daß ihr mit ziemlich heiler Haut davon gekommen *) Nicht der brüllende Löwe, noch der brummende Ochs und nicht der meckernde Bock, der mit den Hörnern ſtößt, be⸗ geht ſo viel Unſinniges, als der Speere verſtechende Ritter, welcher ſeiner Herrin dient. — 125— ſeid, weit ritterlicher wäre es, wenn ihr wenigſtens ein Bein gebrochen hättet.“ „Ich bin dir dankbar für die guten Wünſche.“ „Nicht ich denke ſo, denn das Schickſal hat mich davor bewahrt, ein Reiter zu werden, aber euresgleichen hegt ſolche Gedanken. Es iſt Art der Welt, Herr, die Liebenden zu bewundern, wenn ſie Unglück haben. Der junge Held Leander ſchwamm zu ſeiner Herrin Hero über ein großes Waſſer, wäre er nicht ertrunken, ſo würde kein Hahn nach ihm krähen. Jetzt rühmen die Sänger in allen Landen ſeinen Heldenmuth. So würden auch euch die Frauen lieblicher zulächeln, wenn ihr wenigſtens halbtot am Boden liegen wolltet, denn das brächte ihnen mehr Ehre.“ „Eine weiß, daß mir wenig am Leben gelegen iſt,“ verſetzte Ivo lachend. „Wäre es noch auf dem Wege zur Herrin oder lieber von ihr,“ antwortete der Schüler.„Aber für ein Gewand das Leben zu wageu, ſolcher Dienſt iſt nicht nach meinem Sinn.“ „Nein,“ murmelte Ivo,„ſonſt wäreſt du ſchwerlich ein fahrender Schüler.“ „Was kann ich dafür?“ frug Nicolaus.„Jedes Geſchöpf hat ſeine eigene Natur, und ich bin nicht in die Welt geſetzt, um mit Schwert und Spieß zu hantieren. Das merkte ich neulich, als Ritter Konz und die Dorfknaben ihre Schwerter gegen mich zogen und die Magd Friderun dazwiſchen ſprang. Mich ängſtigte das kalte Eiſen, dennoch freute ich mich über — 126— das Weib, denn ſie achtete um meinetwillen die Schwerter weniger als Rohrhalme.“ „Um deinetwillen?“ wiederholte Jvo, aus ſeiner Mattigkeit erwachend. „Ja, Herr,“ verſetzte der Schüler,„ich hoffe, daß ſie mir wohl will, und wenn mir einmal beſſeres Glück zu Theil werden ſollte, ſo denke ich ſie als meine Haus⸗ frau heimzuführen.“ Jvo richtete ſich auf.„Du?“ frug er kalt. „Warum nicht? Jedermann denkt in der Stille gut von ſich, und rechnet auf beſſeres Glück.“ Und wieder an das Bett tretend, fuhr er eifrig fort:„ich weiß, auch ihr achtet mich im Grunde nicht viel mehr, als eure Ritter thun, die einen leeren Kopf in dickem Eiſentopfe verſtecken. Und trüget ihr euren Ritter⸗ gurt grade ſo wie die Andern, ich würde euch nicht lange dafür danken, daß ihr mich aus dem Schnee ge⸗ hoben habt, ſondern ich würde meinen Stab weiter ſetzen und das Zauberweib Fortuna anflehen, daß ſie mir anderswo ein Unterkommen bereite, am Küchentiſch eines luſtigen Biſchofs oder in einer kalten Schneewehe. Aber Herr, obwohl ihr ſo fleißig Speere zerſtecht, daß die Spreizel durch das ganze Land fliegen, ſo habt ihr doch andere Gewohnheiten, welche ich lieber verehre. Wenn die Nachtigall ſingt, ſo zwitſchert auch in eurem Herzen ein kleiner Vogel, wenn ihr einen Nothlei⸗ denden ſeht, ſo röthet ſich eure Wange in Mitgefühl, wenn ihr lacht, ſo klingt das herzlicher, als bei den meiſten Menſchen und es macht auch Andere froh. Und — 127— nicht zum wenigſten dankbar bin ich euch deßhalb, weil ihr den Witz habt, mich zu ertragen, wenn ich rede, wie ich denke, und weil ihr einmal zu mir geſagt habt: nur die Lüge will ich nicht leiden, ſage mir die Wahrheit und ich gelobe, dir niemals zu zürnen und dir auch Unrecht zu verzeihen, ſo lange ich das vermag. Das ſpracht ihr, Herr, und ich thue darnach. Andere habe ich oft belogen, gegen euch bin ich ehrlich geweſen. Wollt ihr mich ſo nicht mehr dulden, ſo ſagt mir's, ich laufe von dannen. Für eure Lieder werdet ihr leicht einen andern fahrenden Sänger finden, der ſie euch zurecht ſetzt und im Lande verbreitet, und für eure vertraute Schreiberei noch eher einen gefälligen Pfaffen, den ihr durch Eide feſt⸗ binden könnt.“ Jvo ſtreckte den Arm von ſeinem Lager:„Bleibe bei mir, Nicolaus.“ Der Schüler beugte ſich über die Hand und ver⸗ ließ leiſe das Zimmer. Jvo legte ſich ſeufzend zurück. Die Siegesfreude, welche er eben noch empfunden hatte, war ihm geſchwunden. Vergebens mühte er ſich, das Bild der Herrin feſtzuhalten und an die Ueberraſchung zu denken, die ihr der Mantel bereiten werde; immer wie⸗ der kam ihm das zornige Antlitz des Landmanns vor Augen, dem der Sohn entwichen war, und dazwiſchen hörte er die klagenden Worte der Magd Friderun. Er machte mit der Hand eine heftige Bewegung, um die fremden Gedanken los zu werden, aber ſie warfen ihn lange umher, bis ſie endlich als undeutliche Traumbilder entſchwebten. Einige Tage darauf traten Frau Elſe und Hedwig aus den Frauengemächern der Wartburg in den kleinen Hof, welcher zu ihrem Gebrauch abgegrenzt war. In den Steinhallen der Burg loderten die Kaminfeuer, aber draußen ſchien die Abendſonne warm auf den Felſen. Der Landgraf war mit großem Heergefolge nach Italien zum Kaiſer gezogen, auch Hedwig rüſtete ſich zur Ab⸗ reiſe nach Augsburg an den Hof des jungen Königs Heinrich, wo ſie zu weilen pflegte. Die Frauen waren allein, nur in einer warmen Mauerecke kauerte, das rothe Turbantuch über der braunen Stirn, fröſtelnd ein ſtummes Sarrazenenmädchen, die vertraute Dienerin der Fremden. Beide ſtiegen aus dem Hofe einige Stufen hin⸗ auf zu einem Söller von zierlichem Schnitzwerk, der oben an die Mauer gefügt war; von dort ſahen ſie über Felſen und Baumwipfel hinab auf ein enges Thal, in welchem die Hirten mit ihrem Heerdenvieh lagerten. Durch die ſtille Luft klangen einzelne Töne der Sack⸗ pfeife wie ein Gruß, den das Thal der Höhe zu⸗ ſandte. „Es iſt niedrige Kunſt, die jene dort üben,“ be⸗ gann Hedwig,„aber fröhlicher iſt ihr Muth als der meine, denn hinter vergoldeter Pforte ſtehe ich in der Klauſur und der Blick ins Freie macht mich traurig. Du biſt glücklich, Elſe, daß du ohne Wächter mit offe⸗ nem Antlitz über Berg und Thal ziehen darfſt. Es iſt lange her, ſeit ich mit meinen Füßen auf offenen Anger trat und für mich Blumen zum Kranze las.“ = 120.— Nahe vor ihren Füßen ertönte leiſer Geſang, die Frauen ſahen einander an.„Das klingt nicht wie Lied eines Bauern, es iſt eine ritterliche Weiſe,“ ſagte Hedwig und beugte ſich über die Brüſtung. Unter dem Söller fiel der Fels ſteil zur Tiefe. Auf einem Vor⸗ ſprung, der kaum dem Stehenden Raum gab, lehnte ein Mann in ärmlicher Tracht, dem das Haar wirr um das Geſicht hing; einen großen Filzhut, wie ihn die Landfahrer trugen, hatte er abgenommen und hielt ihn, nach der Höhe blickend, über ſich, als wollte er eine herabgeworfene Gabe auffangen.„Klimmen bei euch die Bettler mit Lebensgefahr nach Almoſen?“ frug Hedwig. „Kann ich ihm ſpenden, ſo thue ich's, denn er wagt ſeinen Hals oder doch ſeine heile Haut, wenn ihn die Wächter auf der Zinne erblicken.“ Sie ſuchte in der Taſche, welche ihr an der Seite hing.„Fange auf,“ rief ſie hinab und warf Etwas in den Hut, ein undeut⸗ licher Dank wurde gehört, dann klang die frühere Weiſe fort. Während die Frauen lauſchten, ſchwebte plötzlich ein dunkler Gegenſtand vor ihnen in der Luft, ein Bündel mit Stoff umwickelt ſank vor ihre Füße; die Frauen ſprangen auf und ſahen über die Mauer, der Felsblock war leer, der Fremde verſchwunden.„Ihn deckt der Laubwald, wir aber haben ein Gegengeſchenk empfangen,“ rief Hedwig muthwillig,„bücke dich nicht darnach, Elſe, wer mag wiſſen, was darin iſt.“ „Ich ſehe ſilberne Borten glänzen,“ verſetzte Frau Elſe erſtaunt.— „Rufen wir eine unſerer Frauen, daß ſie es öffne.“ Freytag, Die Ahnen. III. 9 — 130— Sie klatſchte ſchnell in die Hände, ihre Dienexrin flog von der Mauerecke herzu, Hedwig gebot ihr in fremder Sprache. Die Dienerin löſte die Bänder und ent⸗ rollte einen bunten Mantel, ſeltſam aus vielen Stücken zuſammengenäht, mit allerlei ritterlichen Zeichen, Sternen und Fabelthieren bedeckt. Die Landgräfin ſah erſchrocken darauf und rang die Hände.„Das iſt der Mantel, den Herr Ivo im Kampfe für ſeine Herrin erworben hat.“ „Weißt du, wer die Herrin iſt?“ frug Hedwig mit blitzenden Augen. Elſe neigte wie betäubt das Haupt. Wieder machte Hedwig eine heftige Bewegung, die Dienerin raffte den Mantel zuſammen.„Was ſoll aus der Speerbeute wer⸗ den?“ frug ſie wieder. „Nie habe ich ihm ein Recht gegeben,“ klagte Elſe, micht durch Wort, nicht durch Miene, mir ſo dreiſt ſein Geſchenk zu ſenden. Rein hielt ich mich vor dem Him⸗ melsherrn und vor meinem lieben Hauswirth.“ „Eine andere Frau würde ſtolz ſein, ſo theuer ge⸗ wonnene Spende zu empfangen,“ verſetzte Hedwig kalt. Frau Elſe aber ſtieß mit dem Fuß an das Bündel. „Hinweg damit, eine Verſuchung erkenne ich, die mir der Böſe ſendet, meinem Hausherrn will ich die Krän⸗ kung klagen.“ „Willſt du Herrn Ivo töten oder deinen Gemahl und vielleicht Beide, weil ein Ehrengeſchenk über die Mauer geflogen iſt, welches keine Königin mißachten wird? Warlich, beſcheiden und demüthig rollte der Bund vor unſere Füße. Merke auf, Elſe, kränkt dich das — 131— Gewebe, ſo ſtrafe den, der es geſandt hat, durch Kälte in Blick und Wort; aber mache keinen Mann zum Ver⸗ trauten, keinen, Elſe, denn du ſelbſt möchteſt die Folgen beweinen. Von der Gabe, die der Werber vor unſere Füße geſandt hat, denke ich dich ſchnell zu befreien.“ Sie frug die ſtumme Dienerin:„brennt das Kamin⸗ feuer in meiner Kammer? Trag den Bund eilig hinauf, ſchließ die Thüre, wirf ihn in die Flammen und harre, bis er zu Zunder verbrannt iſt.“ Und ſie fügte einige fremde Worte hinzu. Als das Sarrazenenmädchen die Treppe hinauf eilte, trat ihr ein Mann in dunklem Prieſterkleide ent⸗ gegen, es war Meiſter Konrad. Er riß das Bündel aus ihrer Hand, und während die Stumme heftig mit den Armen gegen ihn ſchlug und mißtönendes Geſchrei ausſtieß, lüftete er das loſe Band, ſah die Zipfel des zuſammengerollten Tuches und gab es mit finſterer Miene zurück. Als das Mädchen entſprungen war, blickte er forſchend in die Landſchaft hinaus. Unterdeß ſtanden die Frauen einander ſchweigend gegenüber. Endlich wies Hedwig nach einer Eſſe, aus welcher ein dicker Qualm aufſtieg.„Dort ſchweben in braunem Dampfe Greifen und Löwen den Wolken zu,“ rief ſie übermüthig.„Getilgt iſt der Zauber, mit dem der Kühne edle Frauen umſtricken wollte. Stecht ihr wieder einen Mantel zuſammen, Herr Ivo, ſo ſorgt dafür, daß er unverbrennbar werde. Sei ruhig, Eſſe, wären wir Bauernkinder wie die dort unten, ſo würden wir den Glasring, den uns ein kecker Werber an den 9* —ÿ—ÿ——:—;⸗;⸗;—————⸗—ꝛ———nꝗ— Finger drückt, entweder in den nächſten Bach werfen oder auch heimlich bewahren, und uns fröhlich im Reigen weiter ſchwingen. Küſſe du deinen Trauten um ſo herz⸗ licher, wenn er zur Heimath kehrt, ſchweig und vergiß. Denn wir ſind nicht allein, dort naht der finſtere Meiſter, der wenig ſpricht und auf Alles merkt, und der in dieſem Hauſe mehr gebietet als einem leichten Herzen frommt.“ Konrad verneigte ſich gemeſſen vor den Frauen. „Ein Bauer rief klagend in den Schloßhof, daß ihm ein Bär aus den Bergen in ſeinen Zaun gebrochen ſei, Herr Walter rüſtet eine Jagd gegen das Unthier.“ Und zu Frau Elſe tretend, fuhr er leiſe fort:„Was ſoll mit dem Mantel werden’“. Elſe wies nach der Höhe.„Er iſt verbrannt, mein Vater.“ Der Meiſter nickte zufrieden mit dem Haupt. Als Frau Elſe ſich nach demüthigem Gruß dem Hauſe zugewandt hatte, trat Konrad zu Hedwig, die ihn mit zuſammengezogenen Brauen erwartete.„Enthaltet euch, edle Frau, eure Kunſt an meiner Herrin Eliſabet zu üben. Sie iſt ſeither unſträflich gewandelt in einer verdorbenen Welt, die Unſchuld eines Kindes hat ſie ſich als Hausfrau und Mutter bewahrt, ihr Sinn iſt völlig lauter, ihre Rede wahrhaft, und ſie gleicht einem Engel des Himmels, ſoweit irdiſcher Unvollkommenheit ſolche Hoheit gegönnt iſt. Ich aber habe vor Gott und den Heiligen gelobt, ihr Gemüth dem Himmel rein zu be⸗ wahren, wie ich es empfing. Darum rathe ich euch, verlockt ſie nicht in das weltliche Treiben, das euch die Seele füllt. Denn obgleich ich ſelbſt ein ſündiger Menſch —,— — . — 133— bin, bei dieſer Reinen will ich ſtehen wie der Wächter vor dem Paradiſe, der den Gefallenen wehrt, das Hei⸗ ligthum zu betreten.“ Er ſprach in großer Bewegung und ſeine Augen flammten. Hedwig antwortete ſtolz:„Seid ihr zum Wäch⸗ ter einer Frau geſetzt, die in weltlichen Freuden leben darf, ſo hütet euch, Herr, daß ihr nicht Eifer für den Glauben nennt, was Herrſchſucht und Neid gegen Andere iſt. Wiſſet, daß ich unter den Sündern die Kunſt gelernt habe, durch die Augen der Menſchen in ihr Herz zu ſchauen. Ich ſah zuweilen, daß ein Prieſter ein Weib mit der Geißel zur Nonne ſchlug, weil er ſie anderen Männern nicht gönnen wollte und daran ver⸗ zweifelte, ſie für ſich ſelbſt zu gewinnen.“ Aus den Augen des Prieſters brach ein heißer Blick des Zornes, aber er erblaßte und ſprach leiſe: „Ich ſagte euch, daß ich ein ſündiger Menſch bin. Habe ich mit ſchweren Gedanken zu ringen, ſo wiſſen meine hohen Fürbitter, daß ich mich ſelbſt mit ſtren⸗ ger Buße ſtrafe. Ihr aber ſprecht nur wie ein böſer Feind von den geheimen Sorgen einer frommen Seele, denn ihr vermögt nichts von der heiligen Freude zu ahnen, die ein Lehrer haben darf über eine Schülerin wie jene iſt. Verſtändet ihr die Kunſt, in dem Gemüth Anderer zu leſen, ſo würdet ihr auch an meinem Herzen erkennen, daß ich ein treuer Diener meines Gottes bin und daß ich keine Schonung übe, wo ich Unglauben und Herrſchaft des Teufels erkenne, ſei der Sünder hoch oder niedrig, Landfahrerin oder Fürſtin.“ — 134— „Ihr ſprecht zu einer Nichte eures weltlichen Herrn, des Kaiſers,“ verſetzte Hedwig kalt,„und zu einer Frau, welcher der heilige Vater ſelbſt ihre Rechtgläubigkeit be⸗ reitwillig beſtätigt hat. Und ich rathe euch, daß ihr euer menſchenfreundliches Werk zu Rom beginnt unter den Großen der Kirche; denn man ſagt, daß Hof⸗ fart, Geldgier und was ihr als Sinnenluſt und Werke des Teufels verfolgt, nirgend mehr in Blüthe ſtehen als dort.“ Sie wandte ihm den Rücken und er ſah ihr zor⸗ nig nach. Die Nacht war gekommen, der Vollmond ging am Himmelsgewölbe, das wolkenlos wie ein dunkler Kryſtall die Erde umſchloß. Nur hoch über der Burg ſchwebte eine ſchwarze Wolke, vielleicht war es der zuſammengeballte Dampf eines verkohlten Gewebes. Auf den Höhen und im Thal war kein Windeshauch zu ſpüren, regungslos ſtarrte das junge Laub an dem Gehölz, welches den Fuß des Burgfelſens umgab. Auch der Hof hinter der Mauer lag einſam mit dunklen Schatten und hellen Lichtern. Da klang eine Frauenſtimme leiſe wie ein Hauch von der Mauer herab:„Ein Käuzlein ruft das andere.“ Von unten aus dem Schatten des Felſens kam eben ſo die Antwort zurück:„Dein Geſelle hängt am Steine, er hört die Stimme, die ihn ſelig macht, das Antlitz vermag er nicht zu ſchauen; denn dunkler Schatten birgt das Licht deiner Augen und ich erkenne nicht, ob dein Mund mir zulacht.“ Und von der Höhe ſprach's wieder:„Ich aber möchte — 135— alle Finſterniß der Nacht über dich decken, denn mir bangt um dich und mich ängſtet dein Stand auf dem ſchmalen Stein. Schnell weichen die Schatten, der erſte Mondenſtrahl, der auf dich fällt, verräth dich den Wächtern.“ „Sorge nicht,“ antwortete es,„grau iſt der Stein und grau das Gewand deines Kauzes. Ach, eine Lüge war unſer Spiel mit dem Käuzlein, ſo klein iſt der Raum, der mich von dir trennt, und doch fehlen die Flügel, auf denen ich mich zu dir ſchwinge.“ „Harre unten, Geſelle,“ flüſterte es,„die Späher wachen. Ich weiß eine, die ihrem Ritter dankbar iſt, und die ihre Kappe treu bis zu der Stunde be⸗ wahrt, wo ſie ſich damit umhüllen darf. Wiſſe auch, arge Noth bereitete das Geſchenk, welches zwiſchen zwei Frauen ſiel, und nur eine Liſt vermochte es vor dem Feuer zu retten. Wie gefiel dir's, mein Kauz, als die fremde Frau in der Tafelrunde eine Geſchichte erzählte, die wir beide am Baume erlebt?— Die Heiligen mö⸗ gen uns vor einem gleichen Ende bewahren.“ „Sinnvoll ſprach die Frau, denn in dem Aſtloch fand ich den Brief meines Geſellen. Aber hart war dein Gebot, die Augen zu ſenken.“ Oben klang leiſes Lachen.„Arme Schattenvögel ſind wir. Wenn wir bei Sonnenlicht gegen einander blinzen, errathen uns die Späher. Ich bewahre ge⸗ duldig die Kappe, ertrage auch du das Geheimniß um meinetwillen.“ „Ob ich in deiner Nähe athme,“ antwortete der — 136— Mann,„oder ob ich von dir getrennt bin, immer fühle ich den Zauberring, den du um meinen Arm gelegt haſt. Auch, wenn du in der Ferne weilſt, iſt der beſte Theil meines Lebens bei dir. Und ich ſage dir, Herrin, ganz wie im Traume wandle ich dahin, unabläſſig ſchwe⸗ ben meine Gedanken um den Baum und den Quell, an dem ich dich küßte, als du noch frei durch Flur und Hain zogſt. Alle meine Sinne ſind durch deine Macht ge⸗ fangen und mir ahnt, nicht eher werde ich den Frieden wiederfinden, als bis ich dich an meiner Seite ſchaue, wie einſt in ſeligen Tagen am Quell.“ In der Höhe ſchwieg's, erſt nach einer Weile hauchte es leiſe mit bebender Stimme:„Ich aber ſorge anders um dich, du kindiſcher Mann; auch unter den Fremden freue ich mich in meinen Gedanken des Ge⸗ liebten; wenn ich dein Lob höre, ſo pocht mir das Herz, und gern ſinne ich darüber, wie ich alle Herrlichkeit um dein Haupt ſammeln könnte. Deinen Ruhm will ich erhöhen und als ſieghaften Helden will ich dich unter deinesgleichen ſehen. Ich hoffe, bald kommt der Tag, wo du dem großen Herrn der Chriſtenheit werth wirſt; vielleicht, daß du durch die Gunſt des Kaiſers einen Preis gewinnſt, den du dir, wie du ſagſt, am meiſten erſehnſt.“ 3„Ungleich iſt unſere Liebe,“ ſprach es traurig in der Tiefe,„du begehrſt für mich Kampf und Heldenthat, da⸗ mit du ſtolz ſein kannſt auf einen Ritter, der dir dient. Ich aber ſehne mich in deine Arme, dein holdes Lachen will ich hören und die ſüßen Worte, die du mir einſt 5 —— in das Ohr ſprachſt. Lade mich, daß ich das Mohren⸗ ſchloß breche, welches dich umſchließt, und ich will, wie hoch die Mauer auch rage, zu dir eindringen, dich auf mein Roß heben und meine Beute behaupten gegen Jedermann, ja auch gegen Kaiſer und Reich. Aber tröſte mich nicht mit der Gunſt Anderer und hoffe nicht, Geliebte, daß Fremde für meines Herzens Seligkeit thun werden, was wir ſelbſt nicht zu thun vermögen. Allein ſind wir Beide auf der Welt mit unſerer Liebe und nur auf uns ſelbſt dürfen wir vertrauen.“ Die Frauen⸗ ſtimme antwortete nicht, nur ein Seufzer drang in das Ohr des Mannes, der ernſthaft fortfuhr:„Bitter und ſchwer wird mir die Entſagung, in der ich wie ein Mönch lebe, und für meine Liebe iſt es die härteſte Prüfung, daß ich deinen Willen ehre, auch wenn du dich mir verſagſt. Wiſſe, du Holde, wenn ich mein Haupt hoch trage unter den Edlen dieſes Landes und wenn ich gering achte, was Andere mit wilder Begier erfüllt, ſo gewinne ich die Kraft nur darum, weil ich mich würdig halten will für den holden Gruß, den ich von deinen Lippen hoffe und für das Umfangen deiner Arme.“ Eine kleine Hand hob ſich wie zum Segen über die Mauer. ‚Nicht um meinetwillen ſollſt du ſtolzer ſein als deinesgleichen, und nicht mir verdankſt du es, wenn du dich edler hältſt als Andere, denn du folgſt nur dem hohen Sinn, der dir ſelbſt eigen iſt. Ja, du hatteſt Recht, den Ehrgeiz zu ſchelten, mit dem ich dir durch Fremde eine größere Herrſchaft bereiten möchte. So, wie du biſt, ſollſt du dich mir bewahren. Glücklich —x::-⸗⸗õↄAↄęC——-— — 138— war ich in der Stunde, in welcher du dem Herrn dieſer Burg antworteteſt, du, ein hochſinniger Edler einem Begehrlichen. Daß du nicht um Gunſt und Lohn der Mächtigen ſorgſt, darum will ich dich lieben und wie ein Lied in reinem Tone ſoll dein ganzes Leben er⸗ klingen nach deiner eigenen Art.— Wehe mir, die Schatten ſchwinden, und das Mondenlicht umſäumt dein bleiches Antlitz. Drücke dich an den Felſen und ver⸗ nimm meinen letzten Gruß. Immer liebe ich dich. Selig fühlte ich mich in deiner Heimath, ſelten ver⸗ ging ein Tag, wo nicht unter den Frauen dieſes Hauſes von dir die Rede war, aus der Ferne ſah ich die Stätte, wo deine Wiege ſtand und ſie zeigten mir den alten Thurm deines Hofes. Täglich habe ich dir mit dem Schleier Grüße zugeweht und deine Liederweiſe vor den kleinen Vögeln deines Landes geſungen. Iſt deine Sehnſucht heiß, ſo wiſſe, auch ich gehe jetzt in das Elend, da ich dich meiden muß.“ Von unten hob ſich ein Arm in die Höhe, ver⸗ gebens bemüht, die Hand der Geliebten zu faſſen, welche ſich nach ihm ausſtreckte. Da erſcholl vom Thurme ein feindlicher Ruf und ein Pfeil flog zwiſchen den aus⸗ geſtreckten Armen an den Felſen.„Lebe wohl, gedenke mein,“ flüſterte es noch traurig hinauf. Im nächſten Augenblick glitt die Geſtalt eines Mannes abwärts, von der Höhe ſtarrten zwei Frauenaugen angſtvoll in die Dämmerung hinab. 5. In harter Zeit. Auf den ſonnigen Mai folgte ein regenloſer Som⸗ mer, jeden Tag warf die Sonne feurige Strahlen auf die trockene Erde. Die Obſtbäume in den Gärten hatten überreichlich geblüht, jetzt fielen die grünen Früchte welk auf den Boden; auf den Ackerbeeten hatte die Saat wie ein grünes Meer gewogt, jetzt ſah man graue Schollen zwiſchen den ährenloſen Halmen; der bunte Blumenteppich der Wieſen war geſchwunden und ver⸗ brannt lag der Raſen auf dem Anger und der Haide; die Quellen verſiegten, in dem Bett der Gebirgsbäche rann die dünne Waſſerader kaum ſichtbar zwiſchen kahlen Steinbänken; das Heerdenvieh drängte ſich hungrig an die ſchattigen Ränder des Laubwaldes, ſogar das grüne Gewand der Bäume hing dünn und durchſichtig um die Zweige. Den Menſchen ſchwand der kecke Sommer⸗ muth in banger Sorge um die Zukunft, wenn ſie über die lechzende Flur ſahen, auf hungrige Heerden und in leere Scheuren. Aber noch war das Schlimmſte zu⸗ rück, denn als die Landleute gerade ihr Werkzeug ſchärf⸗ — 140— ten, um die ſpärliche Ernte einzubringen, barg ſich die Sonne hinter dicken Wolkenmaſſen und der Regen ſtrömte herab, täglich, ohne Ende. Der Donner krachte und die Blitze zuckten um das Waldgebirge, das Waſſer ſtürzte in Strömen durch die Thäler; wie viel auch der verſengte Boden einſog, der Schwall rauſchte doch aus den Ufern, übergoß die Felder und wälzte ſich zer⸗ ſtörend durch die Dörfer, er hob die Brücken, ſchwemmte Ställe und Hütten von ihrem Grunde und riß Thiere und Menſchen in tollem Strudel abwärts. Da kam der größte Schrecken über das Land, ein Gefühl menſch⸗ licher Ohnmacht gegenüber den feindſeligen Gewalten der Natur. Die Leute liefen zu den Heiligthümern, beteten und thaten Gelübde. Ueberall erſchienen neue Mönche in braunen Kutten, mit einem rohen Riemen oder Strick gegürtet; unter den Dorflinden und auf den Kirchhöfen der Städte, wo ſich ſonſt die Paare im Reigentanz ge⸗ ſchwungen hatten, hielten ſie ihr kleines Holzkreuz in die Höhe und ſchrieen den Zorn des Himmels aus, mahn⸗ ten zur Buße und verkündeten die Schrecken des jüngſten Gerichts. Viele von den armen Laien verzweifelten am Leben, die Trotzigen geſellten ſich zu Haufen, welche gegen die Höfe der Wohlhabenden die Fäuſte erhoben und auszogen, um durch Raub und Einbruch ihrer Noth abzuhelfen, die Schwächeren unterlagen dem Mangel und den Seuchen, welche ſich plötzlich mit furchtbarer Macht in Stadt und Dorf ausbreiteten. Jedermann litt und klagte, auch der Reichſte frug bekümmert, wie das Volk die lange Zeit bis zur nächſten Ernte ertragen werde. — — — 141— Von der Wartburg ſtieg Frau Elſe jeden Tag nach Eiſenach herab, dort loderte das Feuer in vielen Küchen, für welche ſie ſorgte, und vielen hundert Nothleidenden wurde dort täglich die Koſt bereitet. Aus den Scheuren und Ställen ihres Gemahls ließ ſie herbeifahren was ſie vermochte, um unter der Aufſicht des Meiſter Kon⸗ rad den Darbenden zu ſpenden. Vergebens mahnte Herr Walter Maß zu halten und vergebens zürnten die Brüder des Landgrafen, daß ſie das Gut des edlen Hau⸗ ſes vergeude, ihr Herz war ganz aufgelöſt von Angſt und Mitleid, ſie ſaß ſelbſt bei den Kranken in den Siech⸗ höfen, faſtete und büßte in härenem Gewand, um den Zorn des Himmels von ihrer Landſchaft abzuwenden. Dabei grämte ſie ſich über die Abweſenheit ihres Ge⸗ mahls, dem ſeine Kriegsfahrt in Italien gar nicht glücken wollte. Auch auf dem Hofe des Herrn Ivo ſah man ernſte Geſichter, die Ausgaben in der Maienzeit waren groß geweſen, jetzt kamen ſtatt neuer Einnahmen von allen Sei⸗ ten Klagen der Vaſallen und Nothrufe der hörigen Leute. In dem eigenen Dorfe, welches ſeitwärts vom Hofe lag, hatten die Bauern in milder Dienſtbarkeit gelebt und ſich lange wohl gefühlt, jetzt ſah Ivo täglich bleiche Kinder und Frauen mit Herrn Godwin verhandeln, und wenn die Armen ihn ſelbſt erblickten, ſo faßten ſie ihm flehend an Hände und Gewand und ſchrieen um Nahrung für ſich und für die letzten Häupter ihres Stalles. Er öffnete warmherzig ſeine Scheuren und mit Mühe rettete der Kämmerer dem Herrenhofe den nothdürftigen Winter⸗ bedarf; aber was Ivo auszutheilen vermochte, wollte nirgend reichen, und oft ſtand er bei Herrn Godwin in ſorgenvoller Berathung. Zum erſtenmale in ſeinem Leben empfand er bit⸗ teres Weh darüber, daß er nicht reicher und mächtiger war, und daß er nicht als Herr für Andere, welche auf ihn hofften, ſo zu ſorgen vermochte, wie ihm ſein milder Sinn gebot. Er dachte auch zuweilen daran, daß jenes Gold, welches im Frühling vom Schmiede zu Fingerringen geſchlagen war, jetzt Manchen aus der letzten Noth erlöſt hätte. Aber ſolcher Gedanke erſchien ihm wieder als ein Unrecht gegen die Herrin und er bat ſie in der Stille um Verzeihung. Nur einmal war er heim⸗ lich nach dem Süden geritten und hatte aus der Höh⸗ lung eines Baumes, den er kannte, einen Brief geholt; daraus wußte er, daß auch die geliebte Frau mit ſchwe⸗ ren Sorgen rang. Deshalb war ihm das Herz ſelten ſo leicht, daß er nach dem Saitenſpiel griff, und Nico⸗ laus, der ihm ſonſt die Lieder ſchrieb und mit ſeiner ſchönen Stimme vorſang, hatte müßige Tage. Oft zog den Schüler der Wunſch, Friderun zu ſehen, nach ihrem Dorfe; doch trotz ſeiner Dreiſtigkeit wagte er lange nicht, den Hof des Richters zu betreten, denn ſein argliſtiger Rath hatte das Unglück Bertholds herbeigeführt, er hatte wohl gemerkt, daß ſeit jener Zeit der Verkehr zwiſchen den Herren von Ingersleben und dem Hofe des Richters aufgehört hatte, und er fürchtete für ſich ſchnöde Behandlung, die ihn anderswo weniger — 143— gekümmert hätte. Von den Dorfleuten vernahm er, daß der fremde Bruder mit dem ſchwarzen Bart noch immer bei dem Richter hauſte, und daß zu dem einen Kranken ein zweiter gekommen war, ein hilfloſer Mann aus dem Orte ſelbſt. Um ſeine Feinde auf der Mühlburg ſorgte er nicht ſehr. Denn Ritter Konz hatte ſich mit Berthold und einigen Knechten dem Zuge des Landgrafen nach Welſchland angeſchloſſen, weil ihm nach ſeiner Nieder⸗ lage ganz lieb war, für längere Zeit der Heimath den Rücken zu kehren. Als nun Nicolaus einmal im Spätſommer das Haus des Richters ſpähend umkreiſte, ſah er durch die offene Pforte, daß Friderun über den Hof nach dem kleinen Garten ſchritt. Da konnte er ſich nicht enthal⸗ ten ihr nachzuſpringen, und er begann verlegen:„Guten Tag, Magd Friderun. Ich wollte ſehen, ob der wilde Birnbaum, unter dem ihr ſteht, in dieſem traurigen Jahr Früchte trägt. Ich denke wohl daran, daß ihr mich einmal ſpottend mit einer wilden Birne verglichen habt, die erſt genießbar wird, wenn ſie Runzeln bekommt, und dann auch nicht ſehr. Beim lichten Himmel, der Baum trägt über und über, ich glaube, er iſt der einzige in der Welt.“ Sein Geſicht verklärte ſich, als Friderun ihm eine freund⸗ liche Antwort gab und ſogar frug, wie es während der langen Zeit im Edelhofe ergangen ſei. Sogleich ſchnellte ſein Selbſtgefühl in die Höhe.„Ich habe wenig Ge⸗ legenheit, dort meine Kunſt zu üben, auch die behelm⸗ ten Raubvögel, welche dort ſitzen, laſſen die Flügel hängen und Herr Jvo hat den Geſang faſt verlernt.“ — 144— Friderun nickte:„Er ſingt euch zuerſt ſeine Lieder vor, weil ihr ſelbſt ein Sänger ſeid.“ „Ich helfe ihm auch, wenn ihm eine Silbe fehlt oder ein Reim nicht ſäuberlich klingt, denn er arbeitet lüderlich, wie Herren pflegen.“ „Iſt er immer gütig gegen euch?“ frug Friderun ſchnell. „Fragt lieber, ob ich es gegen ihn bin,“ verſetzte Nicolaus übermüthig. Aber er bereute zur Stelle dieſe Worte, denn die Augen der Friderun blitzten ſo ſcharf gegen ihn, daß er zurücktrat. 3 „Ihr ſeid in ſeinem Dienſt und ihr ſollt euch nicht vor Fremden gegen ihn erheben, das iſt nicht redlich, Nicolaus, denn ihr vermögt ſeine edle Geſinnung beſſer zu verſtehen, als mancher Andere.“ „Ihr habt Recht,“ bekannte Nicolaus reuig,„doch bedenkt, daß auch ich ein Sänger bin und nicht geringer als er.“ Seid ihr ihm im Geſange überlegen,“ fuhr Fri⸗ derun mahnend fort,„ſo zeigt das ihm allein mit Be⸗ ſcheidenheit, damit ſeine Kunſt ſich mehre.“ „Ich ſpreche auch nur gegen euch ſo, weil ich Ver⸗ trauen zu euch habe,“ ſagte Nicolaus und ſetzte mit ſtockender Stimme hinzu:„denn glaubt mir, vor allen Anderen möchte ich euch gefallen.“ „Euer Handwerk verlangt, daß ihr Vielen zu ge⸗ fallen ſucht,“ antwortete Friderun freundlicher,„und ihr wißt, daß ich euch zuweilen gerne ſehe und eure luſtigen Reden anhöre.“ Sie nickte ihm zu und wandte ſich ——— ——— abwärts zu den Häuſern der Bienen, welche ihr und dem Vater Ehrfurcht bewieſen, aber dem Schüler furcht⸗ bar waren. Nicolaus folgte ihr mit den Augen, bis ihre Ge⸗ ſtalt hinter den Stöcken verſchwand. Dann glitt er auf eine Bank, barg trübſelig ſeine Augen mit der Hand und lange Zeit zwitſcherten ſeine kleinen Kumpane im Laube, ohne daß er darauf achtete, endlich ſummte er leiſe: „Die Schwalbe baut aus Lehm ihr Häuſelein, ich aber habe keins. Wirth und Wirthin fliegen aus und ein, ich aber ſchweife durch die Welt in Lieb' und in Leide allein, allein.“ Eine ſchwere Hand legte ſich auf ſeine Schulter, er fuhr in die Höhe, der Richter ſtand vor ihm. Der Schü⸗ ler zwang ſich zu ſorgloſem Ausdruck und ſuchte in den Zügen des Alten zu leſen, ob dieſer ihm Uebles ſinne, aber er ſah eine nachdenkliche und trübe Miene. „Man ſagt von euch, Nicolaus, daß ihr weit in der Welt umherkommt und daß ihr auch einmal geiſtlich geweſen ſeid. Nicolaus antwortete mit mehr Aufrichtigkeit, als er ſonſt einer forſchenden Frage vergönnte:„Ich ſaß zu Würzburg in der lateiniſchen Schule und mit Manchem, der jetzt als ein ſtolzer Biſchof durch die Länder fährt, habe ich zuſammen gelernt. Ich war auch zwei Jahre in Paris bei weiſen Meiſtern. Und ich meine, nicht vergebens habe ich die Dichter geleſen, denn einige Lie⸗ der, die ich erdacht habe, ſingen die Schüler noch heut an den lateiniſchen Bänken.“ Freytag, Die Ahnen. III. 10 — 146— „Dann ſagt mir doch, wenn es euch gefällt, wa⸗ rum ihr ein ſchweifender Landfahrer geworden ſeid, ſtatt eines feiſten Pfaffen oder Mönches.“ „Ich ſchäme mich der Wahrheit nicht, ob ihr ſie glaubt oder bezweifelt,“ verſetzte der Schüler ſtolz,„ich konnte das Haupt nicht lange demüthig beugen und das Schafskleid tragen, ganz zuwider wurde mir ihre Heuche⸗ lei und ihre Falſchheit.“ „Wir ſind nicht gewöhnt, an fahrenden Leuten die Wahrhaftigkeit zu loben,“ ſagte der Alte. „Dennoch dürft ihr mir glauben, Vater. Läuft meine Rede auch nicht immer auf geraden Wegen, meine Verachtung kann ich nicht hinter der Zunge bewahren. Unſer Herr Chriſtus ging, wie die Schrift verkündet, demüthig zu Fuß und ritt höchſtens auf einem Eſel, käme er jetzt, die Pfaffen in Seide und Purpur würden ihn nicht als ihren Herrn erkennen.“ Der Bauer ergriff kräftig die Hand des Schülers. „Ihr ſprecht gute Worte. Wir haben Wunderliches an den neuen Mönchen geſehen, welche jetzt unter den Ar⸗ men predigen. Wißt ihr, wie es mit dieſen ſteht?? Vorſichtig verſetzte der Schüler:„Es ſind heilige Männer unter ihnen, aber auch unverſchämte Bettler, als die Hündlein des Papſtes laufen ſie ſpähend und bellend durch die Chriſtenheit, mancher hofft, daß ſie uns ein neues Heil bringen, zumeiſt ſolche, denen daran gelegen iſt, daß der Kaſten unſeres Vaters, des Papſtes, mit Geld gefüllt wird.“ „Mich dauert das Loos der Laien,“ fuhr der Rich⸗ — 147— ter fort.„Manchmal rühmen die Pfaffen, daß der Him⸗ melsherr unſer Vater ſei, voll Liebe und Erbarmen, und manchmal ſcheuchen ſie uns mit ſeinem Zorn und ſeiner Rache, wir aber müſſen dies leiden, denn ſie allein bewah⸗ ren die heiligen Bücher, in denen, wie wir vernehmen, das ganze Geſetz verzeichnet i*ſt und auch die Rechte, die wir als Chriſten an den Himmel haben. Ich muß den ſelig preiſen, der ſelbſt die Wahrheit zu erkunden vermag, weil er der Schrift mächtig iſt und der heiligen Sprache, und ich möchte wohl von euch wiſſen, Schüler, ob ihr ſo glücklich ſeid.“ Nicolaus hob ſich und ſeine Augen glänzten. Der Vater des Mädchens, welches er ſich erſehnte, pries ſeine Vorzüge und er antwortete ſchnell:„Ich bin der Schrift kundig und oft habe ich in den heiligen Büchern geleſen, nicht nur in der Schule, auch ſonſt.“ Der Richter ſchwieg lange Zeit und der innere Kampf verrieth ſich in ſeinem Geſicht, während er zu⸗ weilen forſchend auf den Schüler blickte, endlich faßte er die Hand des Andern und führte den Erſtaunten an ſeinen Heerd.„Ich gedenke euch noch etwas zu fragen,“ begann er feierlich,„wenn ihr mir ſchwören wollt, daß ihr gegen Jedermann ſchweigt von dem Ge⸗ heimniß, das ich vielleicht bei euch ſuche. Wird euer Sinn und eure Zunge untreu, ſo wiſſet, daß ich euch ſchädlich ſein will, wo ich kann und darf.“ „Schon Andere haben erfahren, daß ich Geheimes zu bewahren weiß,“ antwortete der Schüler.„Und mit Freuden gebe ich euch den Schwur.“ 10* — 148— „Ich würde mich lieber offenbaren,“ ſprach der Bauer mißtrauiſch,„wenn ihr weniger leichtfertig gelobtet. Dennoch muß es ſein.“ Und zögernd frug er:„Iſt es ſchwer, des Leſens kundig zu werden?“ „Es iſt jahrelange Arbeit für einen Jüngling, und einem älteren Manne wird die Mühe nur ſelten ge⸗ deihen.“ „Ich aber will es verſuchen; vielleicht gönnt mir der große Gott, daß ich's erlange.“ Der Schüler frohlockte:„Und ihr woll, daß ich's euch lehre?“ „Wenn euch das gelingt,“ verſetzte der Richter,„ſo bin ich bereit, euch anſehnlichen Lohn zu geben. Ein gutes Roß oder zwei Rinder, ſofern ihr die begehrt, dazu ein neues Gewand. Und ihr ſollt, ſo lange ihr mich lehrt, an jedem Sonntage, wenn ihr vorſprecht, die beſte Koſt finden.“ „Ich begehre nicht Roſſe, nicht Gewand,“ rief Nicolaus feurig,„ich will mich auf den Lohn beſinnen. Zuvor aber ſagt mir noch Eins: wozu erſehnt ihr euch die ſchwere Kunſt? Es iſt nicht unnütz, daß ich es weiß. Denn wollt ihr Briefe leſen über Verleihungen und Schenkungen, wie ich annehme, ſo ſind dieſe in lateini⸗ ſcher Sprache geſchrieben und es würde euch wenig from⸗ men, wenn ihr auch der Schrift kundig wäret, ihr könntet die fremden Worte doch nicht verſtehen.“ Der Richter antwortete zögernd:„Ich begnüge mich, wenn ich deutſche Worte zu leſen vermag.“ 1 Nicolaus lachte.„In deutſcher Mundart aber iſt 8 — 149— wenig Anderes zu finden als die Lieder und Brieflein, welche einander ſolche zuſenden, die gerade in Liebe ſind, ich denke nicht, daß ihr daran Freude haben könnt; oder ſeid ihr im Geheimen nach Sagen begierig, wie von Herrn Sigfrid und von Kaiſer Karl? Ich habe niemals bemerkt, daß ihr mir freundlichen Gruß geboten habt, wenn ich einmal vor den Bauern ſagte und ſang.“ „Vielleicht will ich alte Sagen leſen,“ antwortete der Richter. „Dann wird euch am beſten frommen, wenn ich des Sonntags an eurem Heerde das Saitenſpiel rühre oder auch aus geſchriebenem Buch vorſage, denn Viele haben meine Kunſt darin gerühmt.“ „Euren Geſang begehre ich nicht, ſelbſt will ich leſen.“ Der Schüler ſah noch immer erſtaunt auf den Alten, der in tiefem Ernſt vor ihm ſtand, aber die Hoffnung, der Tochter mit gutem Rechte nahe zu ſein, war ihm ſo erfreulich, daß er in die dargebotene Hand ſchlug und frug:„Und wann wollt ihr das ſchwere Werk beginnen?“ „Am nächſten Sonntag, ſobald das junge Volk auf den Anger zum Reigen geht. Ihr habt mir Geheimniß gelobt, hütet euch, gegen irgend Jemand ein Wort von unſerer Schule zu ſprechen. Fragen die Neugierigen, ſo mögen ſie erfahren, daß ihr mir alte Urkunden deutet.“ Am Abend ſaß der Richter neben ſeiner Tochter am Heerdfeuer und ſah durch die Thüröffnung ſchweigend in den dämmrigen Hof, auf welchen wieder ein dichter Re⸗ gen herabſtrömte. Da begann Friderun: Vater, wie ſoll es werden zwiſchen uns und dem Herrn Jvo?“ Der Richter ſtrich mit der Hand über die Ecke des Heerdes.„Es iſt aus zwiſchen uns. Seine Ritter haben deinen Bruder geſchlagen, als er noch in unſerm Hauſe war, und ich habe dagegen den reiſigen Herren unſern Hof geſperrt, keiner von Beiden kann das ungeſchehen machen.“ „Er aber hat ſich gegen uns entſchuldigt, denn der arme Berthold trug in ſeinem Unbedacht das Kleid eines fremden Dieners.“ „Iſt der Bauer ſchärfer geweſen als der Edle,“ ent⸗ gegnete der Alte,„und hat der Edle die beſſere Entſchul⸗ digung, ſo haben wir den härteren Stolz. Vielleicht thut mir manches Wort leid, das ich in meinem Zorne ſprach, aber einem Edlen gegenüber bitte ich es niemals weg. Das lobte auch der fromme Bruder drüben, mit dem ich neulich den Streit beſprach.“ „Der Bruder mag ein guter Mann ſein,“ antwor⸗ tete Friderun lebhaft,„aber er iſt ein Mohr und kann nicht Rathgeber werden für die Höfe der Thüringe Dies iſt keine Zeit, Vater, in welcher redliche Leute ein⸗ ander feindlich den Rücken zukehren dürfen.“ Der Rich⸗ ter ſchwieg und Beide hörten auf das Rauſchen des Re⸗ gens.„Ich denke, Vater,“ begann Friderun wieder, „wenn Herr Jvo durch unſer Dorf reitet, ſo dürft ihr am Thore ſtehen, und wenn er euch zuerſt grüßt, ſo dürft ihr ihn einladen, in euren Hof zu treten, und — 151— von den harten Worten braucht nicht mehr die Rede zu ſein.“ „Er aber wird ebenſo wenig anhalten und grüßen,“ entgegnete der Vater,„wie ich es thun würde.“ „Ich will ihn fragen,“ entſchied Friderun.„Mor⸗ gen gehe ich die Neſſe hinauf zur Baſe nach Frienſtädt, da will ich am Edelhof vorſprechen, wenn ihr nicht da⸗ wider ſeid.“— „Du?“ frug der Vater befremdet.„Hüte dich, Fri⸗ derun, ein Kind iſt mir in den Ritterburgen geſchwun⸗ den, der Verluſt des zweiten wäre ein ärgeres Leid, und könnte traurig enden für dich und mich.“ „Sprecht nicht ſolche Worte, Vater,“ verſetzte Fri⸗ derun, ihren Arm um ſeine Schulter legend, ihr wißt recht gut, daß ihr mir vertrauen könnt. Ich aber er⸗ kenne, daß euch die Feindſchaft mit Herrn Jvo faſt ebenſo viel Sorge macht als mir, und was ich thun will, iſt gut für uns Alle; darum laßt mich gehen.“ Der Alte ſchwieg und Beide ſaßen wieder neben einander am Heerde, zu ihren ſtillen Gedanken kniſterte das Feuer und rauſchte der Regen. Am nächſten Nachmittage trat Herr Godwin eilig in die Gallerie, von welcher Jvo auf die Nebelwolken ſah, wie ſie im Regen über dem Boden ſich ballten und die Niederung mit wogendem Schleier bedeckten.„Ver⸗ zeiht, Herr, draußen vor der Brücke ſteht im Regen eine Magd, die einſt ein lachender Gaſt des Hofes war, ſie weigert ſich einzutreten und doch begehrt ſie mit euch zu reden.“ b V — 152— „Das iſt Friderun,“ rief Ivo Hut und Kappe er⸗ greifend. Friderun ſtand an der Landſtraße, gehüllt in einen grauen Regenmantel, das Waſſer rieſelte ihr über Stirn und Wange.„Ich wußte, ihr würdet zu mir heraus⸗ kommen,“ begann ſie in tiefem Ernſt.„Bevor ich euch meine Botſchaft ſage, möchte ich gern von euch hören, daß ihr mir wegen der heftigen Worte nicht zürnt, die ich in meinem Schmerze gegen euch ſprach. Ich hatte in Manchem Recht und zurückdeuten kann ich nichts, aber ich hätte euch nicht ſo dreiſt mahnen ſollen.“ „Ihr wart durch unſere Schuld in Trauer verſetzt,“ antwortete Ivo freundlich.„Heut aber iſt es Unrecht, daß ihr in Regen und Wind vor meiner Schwelle ſteht.“ „Ich darf nicht näher treten an euer Haus als drei Schritt vom Wege, denn zwiſchen unſerm Hofe und dem euren iſt der Friede geſchwunden.“ „Kommt ihr als freundlicher Bote, um ihn wieder⸗ zubringen, ſo dürft ihr auch die Halle beſuchen,“ er⸗ mahnte Ivo,„im Kamin brennt ein Feuer, legt die Hülle ab, denn ihr gleicht einer Waſſerfrau mit triefendem Ge⸗ wande.“ „Das Himmelswaſſer iſt ein guter Freund der Bauern, wenn es uns auch dies Jahr ängſtigt; es hilft heut unſerer Rede, denn es mahnt zur Eile. Ich komme, euch zu erſuchen, daß ihr meinem alten Vater nicht nach⸗ tragt, was er euch an rauhen Worten geſagt hat.“ „Ich habe immer an ſein weißes Haar und ſeinen Verluſt gedacht,“ verſetzte Jvo. — 153— Friderun ſah ihn dankbar an.„Wenn ihr das nächſte Mal durch unſer Dorf reitet ohne eure Herren, ſo bitte ich, haltet an unſerm Hofthor, und wenn der Vater in die Pforte tritt, ſo grüßt ihn zuerſt, weil er ein Greis iſt. Vielleicht dankt er euch und for⸗ dert euch auf einzutreten. Dann bitte ich, reitet ein und ſitzt an unſerm Heerde nieder und von dem alten Zorn ſoll nicht mehr die Rede ſein. Denn dem Vater thut Manches leid, aber ſein Stolz iſt alt und der eure iſt jünger; ihr ſeid der Edle, er iſt der Freie und da ihr über ihm ſitzt, fühlt er ſich leichter beſchwert. Der Stolz eines wackeren Mannes geht nach oben und nicht abwärts, und deshalb könnt ihr dem Vater mehr nachgeben als er euch, ohne daß eure Ehre gemin⸗ dert wird.“— Ivo überlegte:„Ich kumine morgen, Friderun.“ „Ich danke euch, Ivo,“ rief das Mädchen, und in ihren Augen leuchtete ſo warme Freude und Rüh⸗ rung, daß Jvo hingeriſſen ihr die Hand entgegen⸗ ſtreckte. Sie aber trat zurück und ſchlug den naſſen Mantel dichter um ſich.„Ihr werdet morgen den Vater allein finden, denn ich habe auswärts zu thun. Lebt wohl, Herr. Der Weg in der Niederung iſt über⸗ goſſen, ich muß einen Umweg nehmen. Der liebe Gott ſegne euch.“ Sie hob die Hand gegen ihn, dann wandte ſie ſich ſchnell um und ſchritt im Regen auf der Land⸗ ſtraße dahin.. Am nächſten Tage hielt Ivo zu derſelben Stunde mit ſeinem Knappen vor dem Hofe; der Alte öſſ⸗ — 154— nete die Pforte, die Männer tauſchten ernſthaften Gruß und der Bauer lud den Edlen ein in ſeinen Hof zu reiten. Bald ſaßen die Männer am Heerde, ihre Ge⸗ danken über die Noth des Jahres austauſchend und Jvo erkannte, daß der verſtändige Rath des Andern auch ihm für die Sorgen ſeines Hofhaltes nützlich war. Seit⸗ dem lenkte er zuweilen, wenn er allein ausritt, dem Hofe des Richters zu. Der Winter kam, der Froſt bändigte den Sturz der Waſſer, der Sturmwind fegte die dürren Blätter vom Waldesrand über die mißfarbige Flur; dann fiel der Schnee in großen Flocken und barg die ſpärliche Winterſaat unter ſeiner weißen Decke. Auch im Hofe Jvo's glitzerten die weißen Schneekappen auf den Zinnen der Mauer und auf dem alten Thurme; der junge Hofherr ſah ſtatt der bunten Sommervögel jetzt ſchwarze Krähen um die ent⸗ blößten Aeſte ſchweben und hörte ſtatt des fröhlichen Liedes der kleinen Hofſänger das Gezänk der Sperlinge, welche nach den Körnlein am Boden pickten. Herr Henner hauſte in ſeinem Hofe bei Frau Jutte, in der Wolljacke ſaß er am Heerde, und ſchnitzte ſeinen Söhnen Armbruſt und Pfeile, damit ſie ſich an den Krähen übten; wenn er aber in den Herrenhof kam, ſchritt er im Pelzrock und Mütze wie ein wohlhabender Landmann. Die jüngeren Geſellen des Hofes ritten zuweilen auf dem Anger, wo ſie ſich mühſam eine Bahn gefegt hatten, und Ritter Lutz zimmerte mit eigener Hand einen Holzſchlitten, übte zwei Roſſe, das leichte Ge⸗ — 155— 3 ſchirr zu ziehen und freute ſich auf den Tag, wo er neben ſeinem Mädchen über die Flur gleiten werde. Nur Herr Godwin ſah ſtrenger aus als ſonſt, und die Hofleute klagten, daß er ſehr genau war im Zumeſſen von Getreide und Küchenkoſt, ſelbſt die Kannen, in denen Nicolaus den Würzwein braute, wurden kleiner. Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters, aber er ſah Friderun ſelten daheim, und fand allmählich langweilig, neben dem düſtern Alten zu ſitzen, dem es gar nicht gelingen wollte, die Striche der Buchſtaben auf vorgelegtem Pergament zu unterſcheiden; obgleich er mit finſterem Eifer darauf beſtand. Auch wenn der Schüler vor den Hofleuten ſang oder aben⸗ teuerliche Geſchichten erzählte, wurde ihm ſchwerer, ſeinen Zuhörern ein herzliches Lachen abzugewinnen, als in der Sommerzeit. Der Verkehr zwiſchen den Höfen der Umgegend war dürftiger als einſt, denn Jedermann ſaß mit trübem Muth bei den lodernden Holzſcheiten, und wenn die Männer zum Jagdſpieß griffen und mit ihren Hunden in den Bergwald zogen, ſo hatten ſie auch dort geringe Freude; das Wild war durch die Ungunſt des Jahres ebenſo gemindert wie die Heerden der Landleute; nur die Wölfe trotteten frech um die Dörfer und wagten ſich bei hellem Tag an die Höfe. Die Sonne ſchien leidlich warm und die Bäume trugen ihren Winterſchmuck, die Reifkryſtalle, als Ivo nach längerer Zeit wieder einmal am Hofthor des Richters hielt. Verwundert ſah er an dem Nebenhauſe, welches längs der Straße lag, einen Holzſchild mit großem ſchwarzem Kreuze und eine neue Thür, welche nach dem Dorfplatz führte. Noch befremdlicher war ihm der Ton einer Geige, die aus dem ſtillen Hofe klang. An der Thür des Wohnhauſes drängten ſich Knechte und Mägde, und in ihrer Mitte ſprang eine vermummte Geſtalt in einem umgewendeten Pelzrock mit einer rothen Kappe, an welcher zwei große Ohren und lange Loden von Werg befeſtigt waren. Das Ungethüm hob bisweilen die Beine zum Sprunge, begleitete ſich aber ſelbſt die wilden Bewegungen durch wohlklingendes Saitenſpiel. Als Ivo herantrat, wichen die Zuſchauer zurück, der Vermummte begrüßte ihn durch lächerliche Verbeugungen und eine Magd des Hofes redete ihn gewichtig an:„Meine Herrin Friderun findet ihr heut nicht, ſie iſt zur lichten Himmels⸗ frau geworden und bereitet ſich, die Dorfkinder zu be⸗ ſuchen.“ In der Mitte des Hausflurs ſtand Friderun, ein weißer Mantel, mit glänzenden Sternen verziert, wallte bis zum Boden, die Fülle des langen blonden Haares hing gelöſt über den Mantel und umgab ihr Haupt und Leib wie ein goldener Schleier. In ſolcher Hoheit ſtand das Mädchen, daß Jvo ſich unwillkürlich bekreuzigte und rief: „Sei gegrüßt, Maria, du Stern des Meeres.“ Auch Friderun empfing ſeinen Gruß anders als ſonſt, denn ſie gedachte in frommem Sinne, daß ſie ſich zu halten habe, wie einer Himmelsherrin gebührt, deshalb neigte ſie ſich mit gefalteten Händen ein wenig gegen ihn, nur daß ſie dabei erröthete. Doch ſogleich fiel ihr auf's Herz, daß er, der vor ihr ſtand, ein Gaſt des Hofes — 157— war, und ſie fügte vertraulicher hinzu:„Der Richter wurde gefordert und ritt mit ſeinem Knecht über Land, und mir iſt's zugetheilt, den Kindern im Dorfe zu er⸗ ſcheinen. Sonſt ging ich in größerem Zuge, aber die Könige habe ich dies Jahr gebeten, wegzubleiben, weil einer von ihnen fehlt.“ Der Gaſt errieth an dem Zucken ihres Mundes, daß Berthold der Fehlende war.„Auch die Narren und Wichtelmänner ſind zu Hauſe geblieben, weil manchem die Luſtigkeit mangelte, doch Ruprecht der Geiger iſt da, die Frau erſcheint heut nur bei der Freundſchaft des Hofes und wo in den armen Hütten kleine Kinder ſind. Deshalb zürnt nicht, wenn ihr Niemanden am Heerde findet.“ „Geſtattet ihr's, ſo folge ich euch,“ bat Ivo. Aber Friderun verſetzte:„Die Frau muß allein gehen, nur unter den Leuten, welche ſich an der Schwelle drängen, dürft ihr ſtehen.“— Sie gebot dem Haufen an der Thüre:„Tretet näher, ihr Mädchen, und hebt eure Laſt, denn die Kleinen harren und ſehnen ſich.“ Als zwei handfeſte Mägde die gefüllten Säcke, welche am Heerd lehnten, gefaßt hatten, neigte die Jungfrau das Haupt und die Männer zogen die Mützen; ſie ſprach leiſe ein Abe Maria, dann winkte ſie zum Aufbruch; der Kobold Ruprecht begann kräftig auf der Geige zu ſtreichen und der Zug ſetzte ſich in Bewegung.„Schweig ſtill in den Dorfgaſſen, nur in den Höfen darfſt du ſpringen und ſpielen,“ gebot Friderun am Thore. So ſchritt ſie mit ihrem Gefolge hinaus in den Schnee, auch der fremde Bruder vom deutſchen Orden trat aus dem — 158— Vorderhauſe und folgte mit entblößtem Haupt. Als er neben Ivo dahinging, begann dieſer:„Wie ich ſehe, habt ihr hier eine Heimath gefunden.“ „Gutes brachte uns euer Geleit,“ antwortete der Fremde,„der Richter hat die Bruderſchaft begabt mit dem Vorhauſe und mit einer Wieſe für zwei Roſſe.“ Sobald der Zug in einen Hof trat, empfing ihn der Wirth fröhlich an der Hausſchwelle, Ruprecht ſprang, nachdem er ſich der Geige entledigt hatte, zuerſt in die Stube, ſagte luſtige Reime her und frug, ob die Kinder ſäuberlich waren und ob ſie züchtig ihren Eltern dienten. Und die er als unordentlich erkannte, bedrohte er mit Gefängniß in ſeinem ſchwarzen Sack, ſo daß über Gute und Böſe ein heilſamer Schrecken kam. Dann erſt trat die Jungfrau ein und mahnte durch einen alten Spruch Jedermann zum Fleiß im Stall und am Rocken. End⸗ lich lud ſie die Kinder zu ſich und wenn dieſe mit ge⸗ falteten Händen herumſtanden, theilte ſie ihnen zu, was ihr die Mägde aus den Säcken reichten, am häufigſten ſüßes Pfeffergebäck, zu dem die Bienen ihres Gartens den Honig geliefert hatten. Ivo gedachte, daß auch ihm ſeine Mutter als lichte Himmelsherrin erſchienen war und Geſchenke gebracht hatte, und ſah in dem Haufen der Anderen von der Schwelle zu, ohne daß Jemand auf ihn achtete. So kamen ſie auch in eine niedrige Hütte; der Span, welcher am Heerde ſteckte, warf ſein flackerndes Licht auf eine Stätte der Armuth, der Hausherr fehlte, die Wirthin lag krank in dürftigem Bett, fünf Kinder — 159— kauerten in der Ecke und erwarteten mit ſtarren Blicken die vornehmen Gäſte. Da winkte Friderun dem Kobold, ſich ſeiner Sprünge zu enthalten, ſie trat an das Bett, ſprach leiſe den frommen Gruß und auf dem Schemel ſitzend, hielt ſie die Hände, welche die Kranke ihr ent⸗ gegen ſtreckte. Die Kinder ſchnellten eins nach dem andern aus ihrer Ecke auf und kamen langſam mit ſtockendem Schritt näher zu der vornehmen Frau, nur das kleinſte ſtand fern und hielt bedenklich den Finger im Munde. Plötzlich rannte es mit ausgebreiteten Armen auf die Jungfrau zu und umſchlang ihre Knie. Da lachte Friderun ihm entgegen und hob es in ihren Schooß und das Kind wand ſich zu ihr hinauf und ver⸗ ſuchte die Arme um ihren Hals zu ſchlingen. Im Nu war auch den anderen Kindern das Bangen geſchwunden, ſie ſchmiegten ſich von allen Seiten an die Sitzende, umfaßten ihr Hände und Knie und tauchten unter ihrem Mantel empor, ſo daß das Antlitz der Jungfrau mit ſeinem wallenden Haar ganz umgeben war von den helllockigen Kinderköpfen. Sie winkte ihren Begleiterinnen und theilte reichlich aus, während die kranke Frau den Segen des Himmels auf ſie herab betete. Kobold Ruprecht, welcher ſtill an der Thür ſtand, vergaß eben⸗ falls ſeine Bosheit und theilte dem Herrn Jvo mit: „Hier iſt die Noth am größten, aber die Jungfrau kehrt jeden Tag zweimal ein, bringt Speiſe und Trank und erhält die Zucht. Wundert euch nicht, daß ſie die Kinder ſo herzlich küßt, denn ſie ſelber hat ſie heut wie alle Tage gewaſchen.“ Als Jvo näher trat und eine Spende auf das Bett der Kranken legte, wandte Friderun ſich ihm zu und ihr Auge ruhte wie verklärt auf ihm. Mit ſchnel⸗ len Schritten verließ er den Raum. Am Abend ſaß er in ſeiner Halle an dem großen Kamin, in welchem die Holzklötze brannten; der Winter⸗ ſturm fuhr um das Haus und ſtieß zuweilen in den Schlot, daß der Rauch in das Zimmer ſchlug. In tiefen Gedanken ſtarrte Ivo auf die züngelnde Flamme und auf die glühenden Kohlen. In dem Feuer ſah er den hellen Mantel der Jungfrau Maria wallen und viele blondhaarige Kinderköpfe um ſie herum, welche ſehnſüchtig zu ihr aufblickten. Als aber der Luftzug die Flamme niederdrückte und eine dunkle Rauchwolke in das Zimmer trieb, fuhr er in die Höhe, und ihm kam vor, daß der dämmrige Raum öde war und daß er einſam auf ſeinem Seſſel ſaß. Da fiel ſein Blick auf Herrn Henner, der leiſe eingetreten war und den Fenſterladen öffnete, um den wirbelnden Rauch zu entfernen. „Es tobt ein wilder Kampf rings um die Höfe und auf dem Anger,“ begann Jvo,„der bittere Froſt und ſein Gefährte der Hunger bedrängen das Volk, und alle Fröhlichkeit der Welt ſchwand in Dunkelheit und Noth. Setzt euch zu mir, Henner, es iſt einſam in der alten Halle, auch das Feuer will nicht wärmen.“ „Den Knechten drücke der üble Teufel den Kragen, weil ſie meinem Herrn naſſes Holz in den Kamin ge⸗ ſchichtet haben; ich wollte, eine Hausfrau, wie Frau Jutte, führe ihnen über die Köpfe.“ Jvo lächelte und ſtarrte wieder in die Flamme. „Sagt mir, Henner, welchem Heiligen vertraut ihr euch am liebſten?“ Henner räuſperte ſich und dachte nach.„Es kommt darauf an, Herr, in welchen Nöthen ich bin. Da ich jung war, ſuchten unſere Hofleute noch zuweilen die Für⸗ bitte des Hersfelder Wigbert, aber ich fürchte, daß dieſer Heilige träge und ſäumig geworden iſt, die Bitten der Gläubigen anzuhören. Die auf der Mühlburg prieſen mir vor Jahren ſehr ihren Meginhard, aber wie er auch ſei, wo die vom Berge ihre Noth klagen, vermögen wir im Thalhofe für uns wenig Gutes zu hoffen. Am beſten hat ſich mir immer noch St. Georg erwieſen, er hat ritterliche Gewohnheiten und ich hoffe, er iſt gutherziger als andere gegen die kleinen Sünden, welche einem Reiter über den Weg laufen.“ „Viele weiß ich,“ fuhr Jvo in ſeinen Gedanken fort, „welche Sinn und Herz der reinen Jungfrau zugewandt haben, die als Himmelskönigin waltet, denn ſie beſchützt nicht nur die unſchuldigen Kinder, auch den Kriegern neigt ſie ſich huldreich zu und hebt ſie von dem Schlacht⸗ felde hinauf in den Saal der ewigen Freude.“ „Ich höre, daß die bärtigen Brüder ihr vertrauen und auch die Schiffer in den wilden Nordmeeren,“ warf Henner ein, ganz erſtaunt über die ſchweren Gedanken des jungen Helden.„Doch weiß ich nicht, ob die Jung⸗ frau auch dem zulächelt, welcher ſich einer irdiſchen Herrin gelobt hat, denn die Frauen verlangen gern, daß die Gelübde der Männer ihnen allein zukommen.“ Freytag, Die Ahnen. III. 11 — 162— Zoo ſeufzte:„Es naht die gnadenvolle Zeit der zwölf Nächte, in welcher einſt unſer Herr Chriſtus ge⸗ boren wurde; er lag als Kindlein in ärmlicher Hütte und als er ein lachender Knabe war, hielt ihn die Jungfrau in ihren Armen. Mich wundert nicht, daß ſo viele Helden der Chriſtenheit nach dem heiligen Lande gefahren ſind, denn wahrlich, es muß Wonne ſein, an den Stätten zu knien, wo einſt der Herr leibhaftig gewandelt iſt.“ „Die Pfaffen ſagen, daß ſolche Fahrt alle Sünden eines Mannes austilgt. Auch Godwin und ich hatten ein gutes Vertrauen, als wir mit eurem Vater das Kreuz nahmen, doch blieben wir auf halbem Wege in Italien ſitzen, und ich bin unſicher, ob die im Himmel den Willen für die That nehmen.“ Jvo ſah wieder in das Feuer.„Den Mantel ſehe ich und die Kinderköpfe darunter und darüber hold⸗ ſelig das Antlitz der reinen Magd.“ Beide ſaßen in langem Schweigen, das Feuer brannte herunter, die blauen Flammen züngelten aus den glühenden Kohlen, ſie ſchwanden und fuhren auf's Neue empor, wenn die Luft ſtärker in den Schlot wehte. Endlich rüttelte ſich Ivo auf und blickte in dem dunklen Raum umher und über die lange Geſtalt des Treuen, welcher ach⸗ tungsvoll auf dem Schemel ſaß und den nächſten Ein⸗ fall ſeines Herrn erwartete.„Wie ſteht es drüben in eurem Hofe!“ frug Ivo. „Ich denke, Frau Jutte ſchafft am Heerde und ſorgt für die Abendkoſt,“ verſetzte Henner gleichgiltig,„und die — 163— jungen Wölfe werden nicht weit ab ſein, denn ſie ſind eßluſtig.“ „Jſt es euch recht, Herr, ſo will ich heut euer Gaſt ſein und eine Kanne Wein zum Abendtiſch ſteuern, wenn Frau Jutte mich ſehen will.“ „Das iſt hohe Ehre,“ rief Henner,„erlaubt, baß ich vorausgehe und die unartigen Knaben auf ihr Lager ſcheuche, damit ſie nicht um euch glotzen und heulen, denn ſie gleichen noch zu ſehr ungeleckten Wildthieren.“ „Nein, laßt ſie, wo ſie ſind. Der Knecht mit der Kanne ſoll uns begleiten, ich will nicht, daß eure Haus⸗ frau mich anders halte, als einen guten Geſellen ihres Wirthes.“ Die Männer brachen auf, und Ivo ſaß den Abend am Heerde ſeines Dienſtmannes, rief die Knaben zu ſich, hörte auf ihre kindlichen Reden und erzählte ihnen Geſchichten, die er als Kind vernommen hatte, bis er ſelbſt in die Stimmung kam, zu ſpielen und zu lachen, wie ein ſorgloſer Knabe. Die Tage wurden länger, der Winter, der grau⸗ ſame Herr, mußte mit ſeinen Rittern Reif und Froſt das Land räumen und die kleinen Vögel, denen er lange den Geſang gewehrt, flatterten wieder durch die grünen Baumknospen. Die Schneewurz und das Veilchen hoben ihre Häupter aus dem Grunde und der Frühlingswind wehte warm über Berg und Thal. Wieder tummelte ſich die Dorfjugend auf dem Anger und der Ball flog zur Lerche empor. Aber die Zahl der Springenden war 11* — 164— gemindert, Mancher, der ſich im letzten Mai mit ſtolzem Muth über die Genoſſen gehoben hatte, lag ſtill unter grünem Raſen, Viele ſaßen kummervoll in dem leeren Hofe und Andere ſchweiften mit wilden Gedanken in der Ferne und mieden die Nähe des Richters und ſeiner Schergen. Ivo ſtand im Bergwalde auf dem Grund ſeiner Väter, gelehnt an den Stamm einer alten Eiche, deren Aeſte der Sturmwind durchfahren hatte, bevor die erſten Kirchenglocken in den Thälern erklangen. Die Zügel des müden Roſſes hatte er um eine aufſpringende Wurzel des Baumes geſchlungen, er ſelbſt ſah über die Wälder hinab nach der Gegend, in welcher ſein Hof lag; um ihn rauſchten die Wipfel, am Himmel trieben die Wolken ſchnell unter der Sonne dahin und warfen Schatten und dämmrige Lichter auf die Landſchaft. Auch die Gedanken des Mannes flogen unſtät umher; wieder war ſein heim⸗ licher Ritt nach dem Quell und Baum fruchtlos geweſen, er hatte keinen Brief der geliebten Frau gefunden und von den Leuten der Umgegend erfahren, daß man ſie nach Welſchland geführt habe.„Der Sonne lichter Schein vergeht,“ ſprach er leiſe,„und graue Schatten fahren durch meine Seele, der fröhliche Muth iſt ge⸗ ſchwunden, mit dem ich im vorigen Jahr über die Flur ritt. Der Rettbacher höhnte meine Hofleute mit einer Sage, die durch das Land geht, daß die Frauen auf der Landgrafenburg ein Gewebe verbrannt haben. Iſt das Geſchwätz auch unwahr, mir thut es doch wehe. O zürne mir nicht, geliebte Herrin, wenn ich ſorge, daß — 165— der Mantel ein kindiſches Werk und des langen Reitens nicht werth war.— Aus dem Harzwald weht der Duft und die Vöglein im Laube ſingen wie ſonſt, der Früh⸗ ling hat jedes Feſtgewand in Wald und Flur wohl be⸗ reitet, aber die Menſchenwelt um mich ſehe ich verwan⸗ delt und verwandelt bin ich ſelbſt. Langweilig wird mir das Reiterſpiel unter meinen Geſellen und wenn ich in der Halle meiner Väter ſitze, empfinde ich die kalte Oede des Winters. Im Herzen ſchelte ich eitel und nichtig, was ich gerade treibe, mir zucken die Glieder und die Fauſt ballt ſich, als könnte ich etwas Großes thun und mein Leben wagen für ein heilbringendes Werk. Wahr⸗ lich, Gefahr würde mich tröſten und heißer Kampf.— Wofür?— Sie ſagen, daß der Mann den höchſten Preis erringe im Kampfe um die heiligen Stätten, wo die Gottesmutter unſern Herrn auf ihren Armen trug. Manches Geſchlecht vergangener Helden iſt nach dem Oſten gefahren und hat fruchtlos ſein Blut vergoſſen, zwei meiner Ahnen ſind denſelben Weg gezogen und mit gebrochener Kraft zurückgekehrt. Aber auch der Glaube iſt kalt geworden und wir zweifeln, ob es in Wahrheit Got⸗ tes Wille iſt, daß wir im Heergewande über das Meer ziehen.— Hier iſt die Stelle, wo ich den Landgrafen knieen ſah. Jetzt iſt er aus Welſchland zurückgekehrt, es war ein kühles Wiederſehen, ſein Muth war beſchwert und gern habe ich ihm in dieſem Jahre den Ehren⸗ trunk erlaſſen. Man ſagt, daß er jetzt eine neue Fahrt rüſtet.“ Aus der Tiefe läuteten unabläſſig die Kloſter⸗ — 166— glocken.„Zu welchem Feſte laden die luſtigen Mönche von Reinhardsbrunn ſo dringend?“ Er neigte ſich vor dem Bilde der Gottesmutter am Baum, band ſein Pferd los und ritt langſam über ſeine Mark dem Klo⸗ ſter zu. Als er in die Waldlichtung hinabkam, welche das Kloſter umgab, fand er den Grund mit Roſſen und Reiſigen gefüllt und erkannte das Gefolge vieler Edlen aus der Umgegend, darunter auch die Knechte ſeines Oheims Meginhard. An der Kloſtermauer war ein großes rothes Kreuz aufgerichtet. Dort drängte ſich das Landvolk um einen Bettelmönch in brauner Kutte, der mit heftigen Armbewegungen eine neue Kreuzfahrt aus⸗ ſchrie und hohen Lohn Jedem verkündete, der mit ſeinen Waffen zur Befreiung des heiligen Landes ausziehen werde, völlige Vergebung aller Sünden und dreijährigen Frieden und Schutz für Habe und Eigen, Weib und Kind in der Heimath. Einige der Zuhörer waren niedergekniet, hoben die Arme nach dem Kreuz und be⸗ gleiteten die Worte des Mönches mit Stöhnen und Aus⸗ rufungen des Entzückens. Die Meiſten aber ſtanden ſchweigend in ſtumpfer Neugier, oder ſchüttelten den Kopf und ſprachen zu einander. Da übergab Jvo einem Knaben ſein Pferd und ſchritt durch das offene Thor zu dem Kloſterhof, in welchem die Kirche lag. Leiſe trat er ein und blieb unter den Knappen an der Thür. Er fand eine erwählte Geſellſchaft. Der Landgraf ſelbſt ſtand auf den Stufen des Chors, ein rothes Kreuz au der Schulter, aber er blickte zerſtreut und in trüben Gedanken um ſich. Neben ihm lag Frau Elſe vor dem — 167— Altar, bitterlich weinend und ganz aufgelöſt in Schmerz. Denn lange hatte der Gemahl ihr verborgen, daß er ſchon in Welſchland ſich der Kreuzfahrt zugelobt und hatte das Zeichen der Fahrt heimlich auf dem Unterkleide ge⸗ tragen. Dort hatte ſie es in vertrauter Stunde ent⸗ deckt und jetzt fühlte ſie ihr Elend. Auf der andern Seite der Altarſtufen aber ſah Ivo einen fremden Mann in der Rittertracht der Marienbrüder, mit einem großen goldenen Kreuz am Halſe, umgeben von Zugehörigen des Ordens. Der ganze Raum der Kirche war von knienden Edlen und ihren Rittern angefüllt, gegen welche Meiſter Konrad oben am Altar ſtand. Von den Knien⸗ den erhob ſich einer nach dem andern und ſtieg zu dem Prieſter hinauf, der ihm das rothe Kreuz anheftete und ihn ſegnete, während rings umher feierlich der Chorgeſang der ſchwarzen Mönche erſcholl. Jvo ſah, wie ſein Oheim Meginhard das Kreuz empfing und nach ihm Ritter Konz und noch ein junger Knappe, Ber⸗ thold, der Sohn des Richters. Als Meiſter Konrad die Knienden ſämmtlich gezeichnet hatte, erhob er mächtig ſeine Stimme und rief:„Ihr aber, die ihr von fern ſteht, bedenket euer Heil. Wer ein Schwert zu ſchwingen vermag, der rüſte ſich zum Kampfe, denn der Herr ſpricht: Vater und Mutter ſollt ihr verlaſſen und mir nachfolgen, von Haus und Hof ſollt ihr euch ſcheiden und mein Kreuz auf euch nehmen, damit die Welt erkenne, wer zu mir gehört. Auf, auf, ihr Helden, zur heiligen Reiſe, Gott will es!“ Und die Verſammelten riefen die Arme hebend:„Gott will es!“ Da eilten noch Manche aus — 168— dem Hintergrunde zum Altar, warfen ſich vor die Füße des Prieſters und ließen ſich zeichnen. Aufs Neue er⸗ hob Konrad die mächtige Stimme und rief zum Kreuze und Ivo meinte zu erkennen, daß der Prieſter mit finſterem Blicke nach ihm hinſah und ihn durch ſeine Rede anmahne. Er aber neigte das Haupt und blieb ſtehen. Als die Mönche einen neuen Geſang begannen, trat er leiſe zurück und verließ die heilige Stätte, ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt in tiefen Gedanken ſeinem Hofe zu. Am nächſten Tage ſaß er auf der Gallerie ſeines Hauſes und ſprach zu Nicolaus:„Du ſelbſt warſt im heiligen Lande, wie kommt es, daß du lieber von An⸗ derem erzählſt als davon?“ „Ich war jung,“ antwortete Nicolaus,„mich be⸗ drückte meine Sünde noch wenig, auch ſtand ich mit lee⸗ rem Magen auf dem Oelberg, und der Hunger iſt der Andacht hinderlich. Das Beſte, was man dort fühlt, läßt ſich nicht ſagen und was man erlebt, iſt nicht viel Gutes.“ Jvo fuhr in ſeinen Gedanken fort:„Als ich aus dem Kloͤſterhofe trat, ſchrie der Mönch draußen an der Mauer gerade wie Meiſter Konrad drinnen:„wer kommt noch mehr?“ Und als er einen ernſthaften Mann nahe bei ſich ſtehen ſah, rief er dieſen vor Anderen zu ſich: „kommt Freund, und nehmt das Kreuz auf euch.“ Der Mann aber antwortete:„ich war bereits dort.“ Da wandte ſich der Mönch ab und der Andere auch und ſie ——— — 169— hatten nichts mehr mit einander zu reden. Das wun⸗ derte mich. Weißt du, was das bedeutet?“ Der Schüler ſah nach, ob die Thüre geſchloſſen war, bevor er die Antwort gab:„Ich traf einſt einen fahrenden Mann, der gegen eine kleine Spende den größten Narren auf Erden zu zeigen verſprach. Wer die Taſche aufthat, dem öffnete er einen verhüllten Kaſten und ſprach dazu:„haltet's geheim vor Jedermann.“ Alle ſchieden verlegen von dem Kaſten. Was meint ihr wohl, was in dem Kaſten war? Ein kleines Spiegelglas. Jeder behielt für ſich, daß er ſich als Narren geſchaut hatte. Jener Mönch und der Andere, beide wußten, was in dem Kaſten zu finden war.— Dennoch wünſche ich euch, daß ihr einmal die heilige Fahrt unternehmt. Macht's auch nicht froher, es macht klüger.“ Ein Hornruf des Thürmers verkündete das Nahen Bewaffneter. Die Knechte des Hofes liefen zu der Brücke und Herr Godwin trat in das Thor. Ivo vernahm die Hufſchläge der Einreitenden, im nächſten Augenblick kam die Meldung, daß Hermann von Salza, der Meiſter der Marienbrüder, im Hofe ſei. Er eilte dem berühm⸗ ten Krieger auf die Schwelle entgegen und geleitete ihn in das Gaſtgemach, während das Gefolge durch die Dienſt⸗ mannen in der großen Halle begrüßt wurde. Neugierig betrachtete Ivo den vielgenannten Helden in der Nähe und er war überraſcht, daß dieſer, den er ſich wie einen ſtolzen Krieger gedacht hatte, als ein Herr von mittler Größe vor ihm ſtand, mit einem Geſicht, deſſen vor⸗ ſtechender Zug gutherzige Freundlichkeit war; nur die * klugen Augen und die Falten der Stirn verriethen, daß große Gedanken und ſchwere Sorgen durch ſein Haupt gegangen waren. Einfach wie das Ausſehen des Frem⸗ den war auch ſeine Anrede und ſeine Sprache klang ſo vertraulich in das Ohr, daß dem jungen Hofherrn vor⸗ kam, als begrüße ihn ein alter Bekannter:„Ihr habt euch dem Kreuze verſagt, edler Herr. Als ich in meine Hei⸗ math ritt, um dem Zuge des Kaiſers ritterliche Schwert⸗ genoſſen zu gewinnen, da hoffte ich, daß ihr in der frommen Schaar nicht fehlen würdet, denn ich weiß, euer Beiſpiel gilt viel in den Burgen.“ „Ich ſah eine große Zahl bewährter Krieger, welche eurem Rufe gefolgt iſt,“ antwortete Ivo,„ich aber habe nur geringe Erfahrung auf dem Schlachtfelde gewonnen.“ „Soll ich euch in das Geſicht rühmen?“ frug der Meiſter mit einem wohlthuenden Lächeln:„Was einen Helden locken kann, biete ich euch; erſehnt ihr Helden⸗ that und Ruhm, kein Kampf iſt ehrenvoller als gegen die Ungläubigen, und die Sänger verkünden das Lob des Siegers in allen Sprachen der Chriſtenheit. Ihr wißt, daß auch der heilige Vater hohen Preis auf ſolche Fahrt geſetzt hat, wie ihn die Kirche zu ſpenden vermag.“ Jvo verſetzte mit höflicher Zurückhaltung:„Vieles hören wir von Frevel und Thorheit der Chriſten im Morgenlande, was uns das Herz erkältet.“ „Ihr könnt nur wenig von dem gehört haben,“ ver⸗ ſetzte Hermann ernſt,„was ich ſelbſt mit Sorgen er⸗ lebte. Wilde Miſſethat der Eifrigen und harte Klugheit der Großen, welche mehr an den eigenen Vortheil denken als an die Pflicht des Kreuzes. Um unſerer Sünden willen hat, wie ich fürchte, der große Gott uns entriſſen, was die Frömmigkeit eines früheren Geſchlechtes gewann. Aber grade darum, weil die Argen dort zahlreich ſind, ſollen die Redlichen der Fahrt nicht widerſprechen, damit der Himmel wieder gnädig unſeren Waffen beiſtehe.“ „Uns aber, Herr,“ entgegnete Ivo,„bedrängt jetzt die Noth in der Nähe. Ohne Freude ſage ich, was ich doch nicht verſchweigen darf, die Ritterfahrt in das hei⸗ lige Land gilt bei uns für koſtbar, und wohlbekannt iſt der Wucher und die Bosheit, mit welcher die Chriſten auf dem weiten Wege den Wallenden betrügen.“ „Hindert euch dieſe Sorge, welche ich verſtändig nenne, ſo wißt, edler Herr, der Kaiſer hat mich nicht ohne Goldſchatz in das Land geſandt, und ich vermag euch an Geld zu bieten, was die Rüſtung und Reiſe⸗ zehrung koſtet.“. „Wie darf ich Gold nehmen, damit ich mich dem Dienſt des Himmelsherrn gelobe,“ rief Ivo verletzt, „mich wundert, daß ihr mir ein ſolches Angebot thut.“ „Ich wollte euch nicht kränken,“ verſetzte der Gaſt ruhig.„Doch wiſſet, edler Ivo, ſolche Reiſeſpende iſt ein gewöhnlicher Handel und die höchſten Herren be⸗ gehren ihn, denn an Geld zur Rüſtung fehlt es ihnen immer und manchmal iſt das für Andere ein Glück. Auch Graf Meginhard, euer Oheim, bereitet ſich zur Kreuzfahrt mit dem Golde, welches ihm der Landgraf aus dem Schatze des Kaiſers zahlt.“ „Es thut mir wehe, wenn ich nicht loben kann, was mein Oheim thut,“ antwortete Ivo finſter.„Mir ver⸗ bietet die Ehre, das Werbegeld des Kaiſers zu empfangen, und ich denke, Herr, auch ihr würdet an meiner Stelle fremdes Gold nicht nehmen.“ „Ich bin nur ein Dienſtmann der Jungfrau,“ ſagte der Andere,„und ich denke ungern daran, was ich thun würde, wenn ich nicht in den Schuhen des Bru⸗ der Hermann ſtände. So wie ich bin, lobe ich den edlen Stolz, der ſich weigert um Gold zu pilgern, aber ver⸗ zeiht mir, wenn ich den Ritterſinn eines Chriſten nicht preiſe, der ſich weigert, für den Himmelsgott die Waffen zu tragen, weil ihm ſolcher Dienſt zu viel Geld koſtet.“ Jvo erröthete bis an die Schläfe und Hermann fuhr fort:„Der kühne Turnierkämpfer, welcher, um ſei⸗ ner irdiſchen Herrin im Spiel zu gefallen, Goldringe austheilte, wird mir nicht im Ernſt ſagen, daß ſeine Truhen leer ſind, wenn es eine Fahrt zu Ehren des Erlöſers gilt.“ Jvo fühlte tief den Vorwurf, doch er antwortete ehrlich:„Streng ſind eure Worte, Herr, aber ihr habt Recht. Ich ſelbſt, wenn ich unzufrieden war mit mir und mit Anderen, habe zuweilen daran gedacht, daß ich den freudigen Muth wiedergewinnen könnte durch guten Schwertſchlag am Oelberge. Dennoch, Herr, darf ich euch nicht bergen, daß ich in meinem Innern auch eine warnende Stimme vernehme, welche mir dieſe Speer⸗ reiſe widerräth. Wenn der Himmelsherr das gelobte Land der Chriſtenheit gönnen wollte, er vermöchte das zu thun ohne unſere Waffen.“ „Sprecht dieſe Worte nicht nach, edler Ivo, ein ſatter Pfaffe hat ſie erdacht, und ihr ſcheltet dadurch mich ſelbſt einen Thoren,“ antwortete der Meiſter mit Nachdruck.„Gott wirkt ſeine größten Werke durch die Ge⸗ danken und den Willen der Menſchen, welche ihm dienen. Seit zwanzig Jahren fahre ich raſtlos über die wilde See und durch die Länder der Chriſten und Heiden, um die Kreuzfahrt möglich zu machen, zu welcher ich euch lade. Darum habe ich verzichtet auf Gut und Eigen, auf ein Ehegemahl und auf Söhne aus meinem Blut. Ich habe gekämpft gegen den Eigennutz und die Bosheit der Mächtigen und gegen die dumpfe Trägheit der Reichen.“ Er war aufgeſtanden wie Ivo, jetzt wies er auf die Seſſel:„Gönnt einem Vielgeſchäftigen noch einmal Raſt unter eurem Dache. Ihr wißt, ich bin ein Thüring wie ihr, der Hof, in dem ich geboren wurde, liegt ſo nahe an dem euren, daß ein Roß den Reiter in einem Tage hinträgt. Ich ſah einſt euren Vater, und was ich von ihm kennen lernte, macht mir den Sohn werth. Darum ver⸗ nehmt mit günſtiger Geſinnung eine Mahnung, die ich nicht in die weite Welt hinausrufen darf. Als ich, faſt noch ein Jüngling, nach dem Morgenland kam, fand ich allen Landbeſitz der Chriſten und alle Gewalt in den Hän⸗ den der Welſchen, zumal der Gallier. Franzöſiſch war Sprache und Sitte, mit Hochmuth und Verachtung blickten ſie auf die Männer unſeres Volkes herab. Auch die beiden mächtigen Bruderſchaften vom Tempel und St. Johannes gehörten den Fremden, kam einer unſerer — 174— Landsleute zu ihnen, ſo mußte er ſich ſchnell der heimi⸗ ſchen Weiſe entledigen, wenn er unter ihnen gelten wollte. Ihrem Schwert allein und ihrer Heldenkraft ſchrieben ſie die Eroberung des heiligen Landes zu. In Jeruſalem ſah ich das Grabmal des ſtärkſten Helden im Kreuzheere, des Schwaben Wigger, der mit ſeinem Schwert einen raubenden Löwen zerſchlug, und unter König Gottfried zuerſt über die Mauer von Jeruſalem ſprang, durch die Eitelkeit der Fremden zerſchlagen und geſchändet, damit die unwillkommene Erinnerung an unſer Volk dahinſchwinde.“ „Die gottloſen Buben,“ murmelte Ivo zornig. „Meine Fauſt ballte ſich, als ich den Frevel ſah, wie jetzt die eure beim Hören,“ fuhr Hermann fort.„Da lernte ich unſere heimiſche Art mit der fremden vergleichen und ich fand, daß wir nicht ſchlechter waren als jene. Ich erkannte auch, wie Jeruſalem durch Schuld der Chriſten verloren ward. Zuchtloſe Kreuzfahrer aus allen Ländern der Chriſtenheit ſaßen dort durcheinander in Hader und Untreue, in Wahrheit heimathloſe Abenteurer, nur auf den eigenen Vortheil bedacht, oft einer im Kampf mit dem andern und den ungläubigen Heiden verbündet. Soll Jeruſalem wieder gewonnen werden und die Herr⸗ ſchaft der Chriſten dauern, ſo müſſen ſie alle einem ſtar⸗ ken Herrn dienen, der ſeine Macht nicht ihnen dankt, ſondern der ſie ſelbſt zu ſchützen, zu bändigen und zu ſtrafen vermag. Dieſer Herr aber iſt unſer Kaiſer Friedrich. Und gegen die Verdorbenheit und Untreue der Fremden ſollen Männer eines Volkes, dem die Red⸗ lichkeit nicht zum Spott geworden iſt, als Hüter des heiligen Grabes geſetzt werden, und dieſe Männer ſollen eure und meine Landsleute ſein. In ſolcher Meinung will Kaiſer Friedrich die neue Kriegsfahrt rüſten, auf die Wehrhaften unſeres Volkes hat er ſein ganzes Ver⸗ trauen geſetzt. Vor Anderen aber ſind es Edle und Ritter des thüringer Landes, auf die er hofft. Denn wie ein Herzland liegt es in der Mitte und die größte Kraft iſt hier geſammelt, ich darf das zum Lobe meiner Heimath wohl ſagen. Wenn wir jetzt in edler Schaar über das Meer ziehen, ſo thun wir dies auch, um den Namen der Deutſchen zu Ehren zu bringen und eine Herrſchaft unſeres Blutes über die Länder am Südmeere zu begründen. Das zu bewirken, iſt das hohe Ziel meines Lebens. Darum bin ich vor euch getreten mit hoher Mahnung, als Thüring und als Meiſter einer Bruderſchaft, welche ſich vom deutſchen Hauſe nennt. Und darum ſtrecke ich jetzt bittend meine Hand gegen euch aus, damit ihr ein Jahr eurer Jugend dem hei⸗ ligen Werke weihet als ein Chriſt und als ein Edler unſeres Volkes.“ Gefeſſelt durch die warme Rede des mächtigen Mannes ſaß Jvo mit gerötheten Wangen. Zum erſten⸗ mal, ſeit er lebte, wurde er gerufen, weil er ein Deut⸗ ſcher war; und verwundert dachte er nach, welchen Werth ſolche Aufforderung für ihn haben könne. Aber wäh⸗ rend er den Grund eines tiefen Quells erſchauen wollte, gewahrte er darin plötzlich ſein eigenes Bild. Ihm ſtieg das Blut in's Geſicht, als er fühlte, daß eine Kränkung ſeines Volkes auch Kränkung ſeiner eigenen Ehre war; und die Hand erfaſſend, antwortete er:„Ihr habt meine Seele nicht vergebens daran gemahnt, daß ich als ein Kriegsmann meinem Volke zu dienen ſchuldig bin. Denkt nicht gering von mir, wenn ich heut das Ja nicht aus⸗ ſpreche, das ich gern geben möchte. Ich bin nicht ganz ſo frei, wie ihr meint, auch ich ſtehe unter einem Gelübde; und ich darf nur ſagen, daß ihr meinen guten Willen gewonnen habt; entſcheiden über meine Zukunft kann ich erſt, wenn ich da gefragt habe, wo ich diene.“ Der Meiſter bewegte beiſtimmend das Haupt:„Ich ehre die Rückſicht auf ältere Pflicht. Habe ich euren guten Willen gewonnen, ſo vertraue ich, daß ihm die That nicht ſäumig folgen wird.“ Und nachdem er noch Einiges über Zeit und Ort der Heeresverſammlung mit⸗ getheilt hatte, brach er auf und die Hand Ivo's feſt⸗ haltend, ſagte er:„Es war eine kurze Begrüßung, aber ich werde mit Freude daran denken. Auf Wiederſehen, will's Gott, im Hafen, wenn ein guter Fahrwind dem heiligen Lande zuweht.“ Damit ſchied er vom Hofe. Eher als Jvo dachte, erhielt er einen Gruß ſeiner Herrin, der die Unſicherheit beendete. Von Gotha ritt ein Knecht des alten Walter von Vargula bei ihm ein mit der Nachricht, daß Frau Elſe ihm mündlich eine Botſchaft mitzutheilen habe. Jvo ſchwang ſich auf ſein ſchnellſtes Pferd und traf vor der Stadt mit Herrn Walter zuſammen, der nach der Begrüßung klagte: „Meine Herrin weilt unter den Siechen, dort will ſie euch ſehen. Ich fürchte, ihr werdet ſie verändert ——OO; ę˖——— —O—O—O——— finden, die Trennung von Herrn Ludwig hat ihr dies⸗ mal faſt das Herz gebrochen, drei Tage dauerte der Abſchied, ſeitdem lebt ſie nur für ihre Kinder und die Armen.“ Am Bette der armen Kranken ſah Ivo die Land⸗ gräfin in klöſterlicher Tracht, verweint und erblichen, hinter ihr ſtand wie ein dunkler Schatten Magiſter Kon⸗ rad. Als Frau Elſe ihm entgegen trat, zog eine flüch⸗ tige Röthe über ihr vergrämtes Geſicht und mit einem Blick auf den Prieſter begann ſie:„Man hat mir geſagt, daß ich ein gutes Werk thue, wenn ich euch ſpreche. Es war der Wunſch meines lieben Hauswirthes, ihr möchtet euch der Fahrt, welche ſie die gnadenvolle nennen, nicht entziehen, denn er ſagte mehrmals, lieber würde er euch in ſeiner Nähe ſehen, als daheim. Auch Frau Hed⸗ wig, die ihr einſt bei uns getroffen habt, ſchreibt mir durch einen Boten vom Kaiſerhofe dieſe Worte über euch: „„Sorge nicht, denn Alles verheißt der Schwertreiſe in's gelobte Land gutes Glück und am ruhmvollſten zieht ihr Thüringe daher. Manche unter uns meinen auch, daß euer ſtarker Speerbrecher, Herr Jvo, nicht fehlen wird, da es jetzt gilt, der heiligen Jungfrau zu Jeruſalem ſtatt des alten Gewandes, das die Sarrazenen zerriſſen haben, ein neues zu erkämpfen.““ Nur das wollte ich euch ausrichten, Herr; verzeiht, daß ich euch bemühte,“ ſchloß die Land⸗ gräfin, das Pergament zuſammenlegend und verneigte ſich wie zum Abſchiede. Dieſe Worte entſchieden den inneren Kampf Jvo's. Mit Entzücken erfüllte ihn die Hoffnung, daß er ſeine Freytag, Die Ahnen. III. 12 — 178— geliebte Herrin in Welſchland treffen könne, ja daß ſie vielleicht, wie Frauen oft thaten, ſelbſt die Pilgerreiſe im Gefolge des Heeres wagen werde; deshalb antwortete er zur Stelle:„Die Mahnung, die mir durch euren Mund komnt, ſoll nicht verloren ſein. Ich denke mich zur Fahrt zu bereiten.“ Mit großen Augen, wie erſchrocken über ſeine ſchnelle Bereitwilligkeit, ſah ihn Frau Elſe an und wieder röthete ſich ihre Wange ein wenig; dem Scheidenden folgte der finſtere Blick des Prieſters Konrad. 6. Kaiſer Friedrich. Die Reiſewege nach dem gelobten Lande waren zur Zeit Ivo's den Leuten beſſer bekannt, als in ſpäteren Jahrhunderten, jedes Kloſter bewahrte Beſchreibungen der Fahrt; kaum einen Hof und kein größeres Dorf gab es, aus welchen nicht ſeit Menſchengedenken Einzelne die Pilgerreiſe gemacht hatten, entweder im Kreuzheer oder als friedliche Waller. Die Burgmannen von Köln, Bremen und Lübeck fuhren auf ihren hochbordigen See⸗ ſchiffen, den Koggen, häufig mit Pilgern und Waaren in das ſüdliche Meer, kämpften dort gegen die See⸗ räuber und warfen ihre Anker an den griechiſchen Inſeln und der ſyriſchen Küſte neben den Galeeren der reichen Handelsherren von Piſa, Genua und Venedig. Auch im Innern des Landes waren die Waaren des Orients begehrte Handelsartikel, in jedem wohlhabenden Haushalt beſſerten die Frauen den herben Wein mit indiſchem Pfeffer und Zimmt; die Goldarbeiten, Rüſtungen und Seiden⸗ gewebe der Griechen und Syrer galten für den werth⸗ vollſten Schmuck der Vornehmen, und Ivo ſelbſt dachte 12* — 180— jetzt gern daran, daß er mit Waſſer aus dem Jordan getauft war, welches ein Bruder ſeiner Mutter heim⸗ gebracht hatte. Seit mehr als hundert Jahren war die chriſtliche Ritterſchaft nach dem Morgenlande ge⸗ fahren, jetzt hatte ſich die fromme Begeiſterung in den Herzen gemindert, aber die Abenteuer und Helden⸗ thaten früherer Geſchlechter wurden doch in den Edel⸗ höfen und unter der Dorflinde gern als Sagen er⸗ zählt. Zumal die Thüringe waren ſtolz auf die Reiſen ihrer Herren ins heilige Land, denn jeder der letzten Landgrafen hatte mit ſeinem Heeresgefolge ſich dort kriegeriſch gerührt. Man wußte in den Burgen auch Beſcheid über die chriſtlichen Herrengeſchlechter, welche noch im Oſten herrſchten: auf Cypern, im Herzogthum Antiochien und dem ſyriſchen Tripolis, man kannte den Namen des Sarrazenenkönigs Elkamil, welcher jetzt um den Beſitz des Königreichs Jeruſalem mit ſeinen Ver⸗ wandten haderte, und man hatte vernommen, daß der neue Zug von der Hafenfeſtung Accon, die noch in den Händen der Chriſten war, nach Jeruſalem gerichtet würde. Jvo fand ſchwer, ſeine Fahrt in der Eile zu rüſten, und ſein Kämmerer Godwin hatte weit größere Mühe, als im vorigen Jahre durch Verkauf und Verpfändung von Dörfern und Hufen das Reiſegeld zu beſchaffen. In den letzten Tagen vor der Fahrt ritt Ivo nach dem Hofe des Richters. Der Alte ſchloß auf einen Wink des Edlen die Thür des Hauſes und in geheimem Geſpräch vertraute dieſer ſeine letzten Sorgen um Habe 4½ und Hof dem Nachbar. Als er ſich zum Abſchied er⸗ hob, war Friderun verſchwunden und der Vater mußte wiederholt ihren Namen rufen, bevor ſie aus dem Garten trat. Bleich und ohne ein Wort zu ſprechen legte ſie ihre Hand in die des Scheidenden, und als Joo ernſthaft ſagte:„auf Wiederſehen, im nächſten Mai, will'’s Gott,“ da ſah ſie ſo ſtarr und angſtvoll in ſeine Augen, daß Ivo den Blick gar nicht vergeſſen konnte. Die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne ver⸗ goldeten den Firſt des Herrenhofes, und die Roſſe ſtampften ungeduldig unter den gewappneten Reitern, als Ivo zur Reiſe gerüſtet über die Schwelle trat. Er ſtreckte die Hände nach den Leuten des Hofes und Dorfes aus, welche ſich in dichtem Haufen herandrängten. Den alten Kämmerer Godwin küßte er herzlich und empfing mit geſenktem Haupte den Segen des ſchluchzenden Greiſes. Sobald er ſich auf das Pferd geſchwungen hatte, ſtimmte Nicolaus das fromme Kreuzlied an:„In Gottes Namen fahren wir,“ und als er ſich vom Wege nach ſeinem Hofe umwandte, ſah er den alten Godwin inmitten der Brücke auf den Knien und um ihn die Weiber und Kinder, mit aufgehobenen Armen des Himmels Segen für ihn herabrufend. Ueber die Mauern und Dächer des Hofes aber ragte der alte Thurm ſeines Geſchlechtes in düſterm Grau, nur die Zinnen leuchteten in feurigem Scheine.. Das erſte Lebende, welches dem Ausfahrenden im Freien aufſtieß, war ein Habicht, der vor ihm aufflog und hoch in der Luft über ihm kreiſte. Während er — 182— dies gute Vorzeichen ſeinen Genoſſen wies, geſellte ſich ein zweiter Raubvogel zu dem erſten und beide entſchwebten miteinander in ſchnellem Fluge nach Oſten, ſo daß Henner kopfſchüttelnd ſagte:„Sie weiſen nach dem Morgen, aber nicht über die Alpen.“ Es war ein kleiner Haufe, der unter dem Kreuze dahinfuhr, außer den Dienſtmannen Henner und Lutz noch ein Vaſall, der junge Eberhard, welcher frei⸗ willig folgte, zuſammen vier Ritter und ebenſoviel Knechte mit zwölf Roſſen und drei Rüſtwagen, von denen zwei, welche Reiſevorrath führten, nur ſo lange zu fahren hatten, bis ſie geleert waren. Nicolaus aber ſollte, weil er der fremden Sprachen am beſten mächtig war, die Geſellſchaft bis zu ihrer Einſchiffung im Hafen von Brindiſi begleiten, und dann, wenn es ihm gefiele, in den Hof zurückkehren und dort den Winter ver⸗ 4 bringen. Aber ſchon an den erſten Raſtſtellen vergrößerte ſich die Zahl der Begleiter, denn hier und da ſchloſſen ſich ritterliche Pilger an, und dieſe wählten Ivo zu ihrem Führer und ſie gelobten einander bis zu den Schif⸗ fen treue Genoſſenſchaft. So lange die Reiſenden durch deutſches Land zo⸗ gen, war es eine fröhliche Fahrt, Jvo ſelbſt fühlte eine Zufriedenheit, die ihm lange gefehlt hatte. Vor ſich ſah er ruhmvolle Arbeit eines Kriegers und dabei träumte er von dem Wiederſehen der Geliebten. Die Freude lachte ihm aus den Augen und er ſang mit Nicolaus um die Wette. Als die Waller aber über die Alpen in das Land der Lombarden hinabſtiegen, wurden die — 2 — 183— Mienen ernſter, denn ihre Roſſe zogen müde dahin im Sonnenbrand und die Pilger fanden faſt überall kalte Blicke, vernahmen ſpöttiſche Reden und ärgerten ſich über unchriſtliche Preiſe, welche die Welſchen von ihnen forderten.. Und wie ſcharfe Windſtöße ſchlugen üble Nachrichten von dem Kreuzheer ihnen entgegen: daß die Schiffe nicht zur rechten Zeit gekommen, daß das Heer Hunger leide, daß ein großes Sterben ausgebrochen ſei, daß auch der Kaiſer und der Landgraf von der Krankheit ergriffen worden. Bald ſahen ſie ſelbſt die Beſtätigung. Elende Haufen von Männern und Frauen zogen ihnen auf der Landſtraße entgegen, zuweilen in ſtummem Jammer, die meiſten mit Geſchrei und Klage, ſie verſammelten ſich um die Reiter, hoben flehend die Hände, drängten ſich an die Rüſtwagen und griffen gierig hinein; es waren Fremde von allerlei Volk, meiſt Engländer und Franzoſen, in ihrer Sprache verwünſchten ſie den Kreuzzug und ſchrien Rache über Geiſtliche und Laien, welche ſo viele fromme Seelen in das Verderben geführt hätten. Je näher die Pilger der Stadt Brindiſi kamen, deſto kläglicher wurde, was ſie erblickten. Die Landſchaft ſah aus wie ein un⸗ geheures Schlachtfeld, überall Kreuze an unordentlich geſchichteten Erdhaufen, Leichen von Pferden, bald auch von Männern und Frauen, beraubt und entblößt. Schwärme von Geiern und kleinen Raubvögeln ſchwebten träge auf, ſobald die Reiſenden vorüberkamen und kehrten dreiſt zu ihrer eklen Beute zurück. Den mißfarbigen Boden bedeckten widerwärtige Lagertrümmer, dort rauchten — 184— noch die verkohlten Bretter einer Holzhütte, hier ſchlichen um Strohdächer bleiche Geſtalten und aus den Fenſter⸗ öffnungen drang das Aechzen der Kranken, welche zu⸗ ſammengeſchichtet darin lagen. Am Wege ſtand ein Franziskaner, der einen ſchwe⸗ ren Querſack trug; er ſchrie den vorbeireitenden Schüler mit mißtönender Stimme an:„Hallo, ſingender Klaus, kommſt auch du zum Gaſtmahl, welches hier für alle unnützen Vögel bereitet iſt? Die vornehmen Wirthe ſind weggezogen und haben nur den Küchenabfall zurückgelaſſen. Deine Schelmlieder kannſt du hier vor den Todten und Sterbenden ſingen.“ Nicolaus verfärbte ſich:„Biſt du es Dorſo? Seit wann trägſt du die Kutte? „Seit du dich dem Teufel verſchrieben haſt,“ war die unhöfliche Antwort.. Als Ivo die deutſche Rede vernahm, lenkte er ſein Pferd heran; vor ihm ſtand ein vierſchrötiger Mann mit gekrümmtem Rücken und unmäßig ſtarken Armen und Beinen, der auf dem kurzen Hals einen übermäßig großen Kopf trug, ſo daß er ausſah wie ein verknorzter Rieſe.„Wo iſt das Heer?“ frug Jvo. Der Mönch wies höhniſch auf einige helle Punkte in der glitzernden See:„Die Letzten, welche noch leben, fahren dort hinaus. Wollt ihr nach dem gelobten Lande, ſo mögt ihr auf euren Gäulen durch das Meer ſchwimmen.“ „Wo iſt der Kaiſer?“ „Wenn ihr die Heiligen des Himmels nach ihm fragt, ſo werden ſie euch ſchwerlich guten Beſcheid geben, denn ſeine Untreue hat die frommen Gläubigen in Noth gebracht.“ „Biſt du ein Deutſcher, du Schuft, ſo ſprich mit Ehrfurcht von unſerm Herrn,“ rief Ivo, ſeine Gerte erhebend. „Ihr ſelbſt werdet, hoffe ich, eure Ehrfurcht völlig verbrauchen, wenn ihr erſt einige Wochen in dieſem Roſengarten lagert,“ verſetzte der ungeſchlachte Mönch. „Der Herr verleihe euch chriſtliche Geduld, und wenn ihr bei dieſen Hütten in den letzten Zügen liegt, ſo vergeßt nicht den Schuft holen zu laſſen, damit er euch den letzten Segen ertheile; ſonſt wird St. Peter eurer armen Seele die Himmelsthür zuſchließen, weil ihr einen Diener des Herrn geläſtert habt.“ Er rückte ſeinen Querſack auf die Achſel, ſo daß das Metall darin klirrte, und kehrte den Reiſenden ſeinen Rücken. Schweigend ritten die Genoſſen der großen Stadt zu, das Thor war bewacht, mit Mühe erhielten ſie Einlaß. Aber in der Stadt fanden ſie gehäuftes Elend. Längs der Mauer lagen die armen Kranken unter Dächern von Brettern und Segeltuch, durch die Straßen zogen Mit⸗ glieder der frommen Bruderſchaften mit Kreuzen und Lichtern, alle Häuſer waren mit traurigen Fremden ge⸗ füllt, die Straßen durch Unrath und umgeſtürzte Karren faſt unwegſam. Und als ſie zu dem Hafen durchge⸗ drungen waren, fanden ſie ihn leer, kein Segel darin, die ganze Umgebung wie ausgeſtorben. Unten ſchlugen —.—— —ꝛ—x—ꝛ————— — 186— die Wellen an die kahle Steinmauer und darüber wehte der Seewind an verſtörte Geſichter. „Harret hier,“ gebot Ivo den Genoſſen,„wo die Luft rein iſt und der Jammer nicht den Sinn betäubt.“ Er ſelbſt ritt mit Nicolaus zurück in die Straßen der Stadt, ſie hielten oft an und frugen, vernahmen aber nichts Tröſtliches. Endlich lenkte Ivo zu einem kleinen Hauſe, an dem ein weißes Schild mit ſchwarzem Kreuze hing, dem Spital der deutſchen Marienbrüder. Ein alter Ordensmann, der dort unter den Siechen zu⸗ rückgeblieben war, gab willigen Beſcheid:„Der Kaiſer und der Meiſter hatten eine Kriegsfahrt waffentüchtiger Männer aus unſerer Heimath gerüſtet; dem heiligen Vater aber lag eine allgemeine Fahrt der Chriſtenheit mehr am Herzen und er ſandte daher die Bettelmönche durch alle Länder. Denn es gab Manche, welche uns Deutſchen die Ehre beneideten. Da ſammelte ſich gleich Heuſchrecken ein ungeheurer Schwarm wilden Volkes aus jedem Lande, außer Männern und Weibern auch Kin⸗ der. Für ihn reichten weder Schiffe noch Lebensmittel. Der verlorene Haufe lagerte ſich um die Stadt, zuerſt ſang er, dann raubte er, bis er aus Mangel ver⸗ ging, und uns die Seuche zurückließ. Jetzt erhebt ſich Geſchrei und Fluchen gegen die, welche die Kreuzfahrt zugerichtet haben. Darf ich euch rathen, Herr, ſo weicht ohne Zaudern von dieſer Stätte des Unheils. Ich ver⸗ nahm, daß zwei Tagereiſen ſüdwärts im Hafen von Otranto Schiffe aus Bremen angelegt haben; auch der —— Landgraf wollte landen. Vielleicht gewinnt ihr dort die Ueberfahrt.“ Ivo ſchied mit Dank von dem Landsmanne und die Reiter wendeten ſogleich die Häupter ihrer Roſſe dem Süden zu und athmeten frei auf, als ſie dem Dunſt und dem Geſtöhn des Kreuzlagers entronnen waren. Als die Reiſenden ſich am zweiten Tage darauf der Burg Otranto näherten, fanden ſie den Weg durch ein hölzernes Gatter geſperrt, dahinter lag ein ſteinernes Wachthaus, vor welchem ein Wächter mit Schwert und kurzem Spieß auf einer Bank ſaß. Henner ritt vor und forderte Durchlaß, der Wächter ſchrie ohne aufzu⸗ ſtehen in welſcher Sprache nach dem Wachthauſe zurück, gleich darauf traten zwei Männer heraus mit dunk⸗ len faltigen Geſichtern, und riefen in ſtrengem Tone über die Schranken Befehle, die Herr Henner nicht ver⸗ ſtand. Hilflos ſah er ſich nach dem Schüler um, wel⸗ cher vorreitend erklärte:„Sie gebieten uns abzuſteigen.“ „Wie,“ rief Henner entrüſtet,„dieſe Männlein wagen uns von den Pferden zu drängen? ſagt ihnen, wenn ſie ihre ſchlotternde Haut unverſehrt nach Hauſe tragen wollen, ſo ſollen ſie ſich beeilen, die Sperre zu öffnen.“ „Ich widerrathe ſolche Drohung,“ ſagte Nicolaus ernſthaft,„ſo weit ich den Brauch dieſes Landes kenne, ſind es Beamte des Kaiſers, und ſie haben ein Recht zu ihrer Forderung.“ „Beamte?“ frug Henner verächtlich.„Seit wann lungern die Herren, welche dem Kaiſer dienen, an der ſtaubigen Landſtraße?“ — 188— Der Schüler rief in Latein zurück:„Wir ſind Kreuzfahrer und reiten im Gefolge eines edlen Herrn.“ Aber ungerührt entgegnete einer der Schwarzhaa⸗ rigen mit einem Wirbel fremder Worte, und begleitete ſeine Rede mit drohender Geberde. „Was ſprudelt der Zwerg?“ frug Henner aufs Höchſte entrüſtet. „Sie wollen unſer Reiſegeräth durchſuchen, ob etwas Zollbares darin iſt, und fordern unſern Paſſier⸗ ſchein.“ „Zollbares? wir ſind nicht Kaufleute; und was be⸗ deutet ein Paſſierſchein? wenn das Geſchriebenes iſt, ſo mögen ſie ſich bei einem Pfaffen darnach erkundigen.“ „Das iſt in Apulien und Sicilien ſo Brauch,“ be⸗ lehrte der Schüler.„Ueberall hält der Kaiſer Bewaff⸗ nete zu Roß und zu Fuß, welche die Reiſenden nach Freibriefen fragen und ſolche in Haft nehmen, denen das fehlt, was ſie die Legitimatio nennen. Ich rathe euch, Herr, nachzugeben, ſonſt entſteht Unheil.“ „Bei St. Georg,“ ſchwor Henner, das mag unter Sarrazenen und Mohren gebräuchlich ſein, aber einem chriſtlichen Deutſchen wäre es Schmach, ſich ſolcher Zu⸗ muthung zu fügen. Oeffne, du Mißgeſtalt,“ rief er, noder ich renne dir das Gitter ein.“ Als der Apulier die drohende Bewegung des Rei⸗ ters ſah, winkte er ſeinen Begleitern, welche ſich in ach⸗ tungsvoller Entfernung vor dem Schlagbaum quer über den Weg ſtellten, worauf die beiden Beamten ſich hinter — 189— dieſe Hecke zurückzogen und heftige Worte gegen die Fremden richteten. „Hier muß ein Ende werden,“ rief Henner,„dort naht bereits unſer Herr, habt die Güte, Lutz, die Valets anzurufen, daß ſie eine Art vom Rüſtwagen bringen.“ Mit mächtigem Satze trieb er das Pferd über das Git⸗ ter, brach durch die Bewaffneten und packte mit jeder Fauſt einen der Beamten beim Kragen, ſchwenkte ſie an den Sattelknopf und drückte ſie feſt, daß ſie jämmerlich ſchrien. Als Lutz ſeinen Marſchalk im Angriff ſah, zö⸗ gerte er nicht ihm auf demſelben Wege zu folgen, er riß dem einen Wächter den Speer aus der Hand und ſtieß den andern bei Seite, ſo daß beide brüllend davon liefen.„Ich erbitte euren Riemen, Herr Lutz,“ fuhr Henner erfreut fort,„damit ich meine Haſen am Sattel befeſtige.“ Unterdeß ſprengte ein Knecht durch Axtſchläge das Gitter und als Herr Ivo, den der Schüler ängſt⸗ lich geholt hatte, herankam, war das Werk gethan.„Ich ſorge, Marſchalk, dies wird ein böſer Handel,“ ſagte Jvo,„und erſuche euch, die beiden Männer loszubinden, denn ſie haben, wie ich vernehme, nur nach dem Befehl des Kaiſers gehandelt.“ Als Henner zögerte, nahm er ihm die Riemen aus der Hand und da ihm der Schüler zuflüſterte:„gebt ihnen Geld, das iſt hier das letzte Mittel ſolchen Streit zu vergleichen,“ griff er in die Taſche, drückte jedem der Männer ein Silberſtück in die Hand und löſte die Riemen. Die Beamten ſchloſſen die Finger über dem Gelde, aber nur um die Fauſt zu ballen, ſich feindlich auf den Weg zu ſtellen und die — 190— flüchtigen Wächter zurückzurufen. Von Neuem begann das Geſchrei und der Schüler rieth ängſtlich:„Gebt ihnen mehr, noch ſind ſie nicht zufrieden.“ „Sie haben doch Geld genommen,“ verſetzte Ivo und rückwärts gewandt rief er:„Schließt euch um den Wagen zuſammen, mögen ſie es jetzt verſuchen uns zu hindern.“ Auf einem Hügel in der Nähe wurde ein Trupp Reiter ſichtbar, die Abendſonne vergoldete Rüſtungen und Gewänder, Jvo grüßte den Speer ſenkend und die Reiſekappe lüftend. Er bemerkte, wie die Wächter zu dem Trupp liefen, dort niederfielen und die ge⸗ hobenen Arme heftig bewegten. Gleich darauf löſten ſich einige Reiter von der Geſellſchaft und ſpreng⸗ ten auf die Fahrenden zu. Jvo ritt ihnen entgegen, nannte ſeinen Namen und die Abſicht der Fahrt und entſchuldigte die Gewaltthat ſeiner Mannen ſo gut er vermochte. Die ſtrenge Miene des Anführers entwölkte ſich und er antwortete in deutſcher Sprache:„Ihr werdet euch gefallen laſſen, daß die Beamten mit ihren Augen euer Reiſegeräth muſtern, damit dem Gebot des Kaiſers Genüge geſchehe, ich will ſorgen, daß ſie euch nicht wei⸗ ter beläſtigen. Vermeidet in der Stadt Herberge zu ſuchen, ſie iſt überfüllt durch das Gefolge des Kaiſers und der Kaiſerin, habt ihr Zelte, ſo ſchlagt ſie nahe am Hafen auf. Einer meiner Speerreiter ſoll euch beglei⸗ ten.“ Ein junger Krieger jagte pfeilſchnell an die Spitze des Zuges. Der Turban, den er über der Eiſenkappe trug, ſein runder Schild und ſein Speerſchaft aus Rohr verriethen, daß er zu der mauriſchen Leibwache des Kai⸗ ſers gehörte.„Wenn ihr aus Thüringen ſeid,“ ſprach der Reiter beim Abſchiede mit ernſter Miene,„ſo kommt ihr nicht zu froher Stunde.“ Bevor Jvo weiter fragen konnte, war der Herr zurückgeſprengt. Die Reiſenden zogen im Abendlichte dem kleinen Hafen zu. Auf der grünen Fluth ſchwebten eine Anzahl Schiffe, welche der Kreuzflotte angehörten, längs dem Hafendamm lagen ſieiliſche Galeeren, dahinter an ihren Ankern rundliche Kielſchiffe aus den Nordmeeren; Böte fuhren hin und her, ein Theil der Reiſenden war aus⸗ geſchifft und hatte die Zelte am Strande aufgeſchlagen. Aber der freudige Ruf, mit welchem die Ankommenden die erſehnten Fahrzeuge begrüßten, wurde ſogleich gedämpft, denn ſie erkannten Verwirrung und Trauer an den Bor⸗ den und am Ufer. Ueber den Schiffen wehten die ſchwar⸗ zen Flaggen, die Bewaffneten am Ufer rannten durcheinan⸗ der oder ſtanden in unordentlichen Haufen und von den Verdecken erſcholl Trauergeſang und laute Totenklage. Henner ritt zu einem Haufen der Landgräflichen, und als er zurückkam, laſen die andern die Schreckenskunde in ſeinen Zügen, bevor er noch zu rufen vermochte: „Der Landgraf iſt tot.“— Schweigend hoben ſich die Reiter aus den Sätteln und warfen ſich auf den Boden, für die Seele des Herrn zu beten. Jedem kam vor, als ob die blutloſe Hand des Todes ſich drohend gegen ihn ſelbſt erhebe, Ivo dachte, während ihm die Thränen von den Wangen rannen, an die Stunde, wo er den Herrn zuletzt vor dem Altar geſehen hatte wie in düſterer — 192— Vorahnung ſeines Endes und neben ihm am Boden die verzweifelnde Gemahlin. In ihrem Kummer achteten die Pilger nicht darauf, daß die Reiter, an denen ſie vorübergezogen waren, näher herankamen und unweit ihrer Raſtſtätte hielten, während zwei Männer von den Roſſen ſtiegen und in ihre Mäntel gehüllt dem Uferdamm zuſchritten. „* Der eine von ihnen war Hermann, der Meiſter des deutſchen Ordens, und der andere ein Herr von mäßiger Größe und zarten Gliedern. Sein Antlitz, fahl wie das eines Erkrankten, erſchien noch bleicher durch die röthlich blonden Locken des Haupt haars, aber die Krankheit hatte nicht vermocht, die ſtolze beugen, in welcher er daherging. Dieſe Kaiſer Friedrich. „Es war ein heller Frühlingsmorgen, der dort in Trauerwolken untergegangen iſt,“ begann Hermann zu den Schiffen gewandt. „Wahrlich,“ antwortete der Kaiſer,„nicht wie einen Fürſten des Reiches, ſondern wie einen König betrauert das Volk dieſen Toten. Einem ſonnigen Morgen ver⸗ gleichſt du ſein Leben, aber ein heißer Wettertag wäre es für den Kaiſer und das Reich geworden, denn in ſeiner Seele lebte der Herrenſtolz. Ein Glück, daß ſeine Brüder ihm nicht gleichen. Mancher wird ſagen, daß ſein Tod eine Strafe des Himmels war. Denn höheren Preis als jeder andere hat er von mir erzwungen, bevor er das Kreuz auf ſich nahm; das Land Meißen, welches er dem Söhnlein ſeiner Schweſter mit den Waffen ent⸗ — 193— riß, habe ich ihm bewilligen müſſen ſammt allen Ein⸗ künften des Reiches; vergebens hat die fromme Elſe ſich geweigert, das Brot aus den geraubten Kornkammern zu eſſen und vergebens hat ſie, wie man erzählt, einen kranken Bettler in das Bett ihres Gemahls gelegt, um durch ſchwere Liebeswerke die rächende Vergeltung von ſeinem Haupte abzubitten.“ „Und doch hat eure Majeſtät ihm ſelbſt ſeine Würde erhöht.“ „Auch du haſt deshalb meine Klugheit gelobt. Wie kann ich in dem fernen deutſchen Reich die Ordnung er⸗ halten, Sicherheit auf der Landſtraße und Ehrfurcht vor meiner Würde, wenn nicht durch die Fürſten und Bi⸗ ſchöfe, welche als Gebieter mächtig auf ihren Stühlen ſitzen. Hier in Apulien und Sicilien bin ich Herr, ich allein, und ſie nennen mich einen ſcharfen Herrn der ihnen in jeden Topf guckt. Daher gehorcht mir das ganze Land wie ein gutgeſchultes Roß. Auch für meine Deutſchen hoffe ich eine beſſere Zeit. Bin ich erſt Gebieter über die Oſtländer an dieſem blauen Meer, dann ſollen die Deut⸗ ſchen erkennen, daß ihre Fürſten ohnmächtig ſind gegen den Kaiſer.“— „Mehr vermögt ihr als ein anderer Mann auf Erden,“ verſetzte Hermann,„dennoch ſeid auch ihr ein ſterblicher Menſch, und die Jahre bändigen eure Kraft. Ihr ſeid Einer, die Fürſten aber gleichen zuſammen einer großen Bruderſchaft, die Brüder wechſeln und ſterben, die Bruderſchaft dauert.“ Der Kaiſer lächelte.„Das ſpricht einer, der ſelbſt Freytag, Die Ahnen. III. 13 — 194— ein Ordensbruder iſt. Dennoch merke, Meiſter, alles Große und Dauernde auf Erden hat nicht eine Geſell⸗ ſchaft von Schwachen geſchaffen, die ſich zuſammenſchwor, ſondern ein Held, der höher dachte als die Andern alle. Du vertrauſt deinem Orden, deine Brüder jedoch hoffen auf dich, du biſt der Starke, welcher Kleine groß zu machen verſteht, weil du klüger und feſter biſt als die Andern.“ Der Meiſter ſchwieg, Friedrich lauſchte auf den Trauergeſang, welchen die Abendluft von den Schiffen herübertrug.„Auch ich war in ſeiner Geſellſchaft zu⸗ weilen fröhlich. Noch war er des Kaiſers Freund. Uns beiden wurde Antwort erſpart auf die Frage: wie lange?“ 3 Hermann wies auf die Stelle, an welcher der Haufe Ivo's die Zelte aufſchlug:„Nicht alle Herren aus Thüringen folgten dem Banner des Landgrafen.“ „Das iſt der Recke, deſſen Heldenkraft mein Gitter zerbrach und meine Wächter ſchlug,“ verſetzte der Kaiſer unfreundlich. „Er war der einzige unter den Edlen aus Thüringen, der meine Goldgulden ablehnte, obgleich er nicht auf reichem Erbe ſitzt.“ „Boteſt du ihm zu wenig?“ „Er meinte, es mindere ſeine Ehre, wenn er Geld nehme, um für den Himmelsherrn zu reiten.“ Und der Meiſter berichtete Einiges über Ivo. „Ha,“ rief Friedrich, das Haupt hebend.„Schon — 195— früher habe ich aus anderem Munde ſein Lob gehört; ruf ihn her.“ Hermann eilte nach den Zelten. Die Sonne war untergegangen, aus dem Meere ſtieg die Dämmerung ſchnell am Himmel empor, als Jvo ſeinem Kaiſer gegen⸗ übertrat.„Aus Thüringen ſeid ihr, Herr?“ begann Friedrich,„und doch raſtet ihr abſeit von dem trauern⸗ den Haufen am Strande; ſeid ihr Jenen verfeindet?“ „In der Heimath habe ich Herrn Ludwig als meinen Nachbar geehrt, jetzt traure ich über ſeinen Tod. Zur Kreuzfahrt aber zog ich aus eigenem Willen und das Schwert würde ich ungern unter einem andern Banner ſchwingen, als unter dem meines Kaiſers.“ „Bewahrt dieſen Stolz,“ ſagte Friedrich ſchnell. „Wer hoch von ſich denkt, der ſteckt ſich wohl auch ein großes Ziel. Wird euch das Erbe eurer Väter zu klein, für treue Dienſte kann der Kaiſer es mehren.“ „Wenig habe ich bis jetzt um Gut und Eigen ge⸗ ſorgt,“ antwortete Ivo ehrlich.„Bevor ich das Kreuz auf mich nahm, diente ich in freiem Jugendmuth da, wo mir mein Herz gebot.“ Friedrich lächelte.„Hat euch die Herrin in die Fremde geſchickt? ich meine, ſolche Entſendung gleicht dem Thorenwerk eines Mannes, der mit der Säge den Aſt abſchnitt, auf dem er ſaß.“ „Beide begehren wir vom Himmel, daß er uns gnädig ſei.“. Wieder lächelte der Kaiſer und betrachtete den jungen Helden, deſſen Antlitz durch den letzten Abendſchein ge⸗ 13* — 196— röthet wurde.„Auch einen Mann macht es fröhlich, euch in die Augen zu ſehen, Herr; mich wundert nicht, daß die Frauen euch preiſen; ich hoffe, ihr ſollt den braunen Damen im Harem des Kalifen manche Angſt⸗ ſtunde bereiten, wenn ihr gegen ihre Helden ſprengt. Trägt man in Thüringen ſolch buntes Tuch als Collier, wie ihr um den Hals geſchlungen habt?“ Jvo antwortete erröthend:„Des Kaiſers Majeſtät weiß, daß Wallende die Gabe einer geliebten Frau unter dem Kreuzeszeichen tragen, wenn ſie der Herrin Antheil geben wollen an dem Heil, welches ihnen die Fahrt bereitet. Der Kaiſer nickte:„Auch ich trage den Schleier meiner Herrin,“ und er wies auf ein feines Gewebe aus Goldfäden, welches ebenſo unter dem Kreuz an der Schulter befeſtigt war.„Doch ich ſorge, die Unbekannte, welcher ihr dient, iſt eine ungläubige Sarrazenin; denn auf dem Zipfel unter dem heiligen Kreuze ſehe ich fremde Buchſtaben in Gold geſtickt; verſteht ihr die verſchlunge⸗ nen Linien zu deuten?“ Und den Zipfel faſſend, fuhr er ſpottend fort:„Es ſind arabiſche Worte, ſie be⸗ deuten: Allah iſt Gott und Muhamed iſt ſein Prophet. Ich hoffe, der Spruch, dem unſere Pfaffen fluchen, wird eurer Seligkeit nichts ſchaden. Zufällig vermag ich dies Geheimniß zu künden, denn ich ſelbſt ſchenkte einſt ein Tuch, dieſem ähnlich, einer edlen Frau, die mir verwandt iſt. Noch vor wenig Tagen hättet ihr euer Tuch mit dem ihren vergleichen können. Jetzt iſt die Dame durch ihren Herrn nach Deutſchland zurückgefordert.“ Ivo zuckte und trat einen Schritt zurück.„Bleibt ruhig, Meſſire Ivo,“ fuhr der Kaiſer lachend fort, aber ſeine Augen ſahen ſcharf auf den Betroffenen.„Ich verrathe die Helden meiner Tafelrunde nicht.“ Er winkte Entlaſſung und ſprach auf dem Wege zu ſeinem Begleiter:„Dieſem kann man vertrauen, und ich gedenke ihn in meiner Nähe zu behalten. Aber ich fürchte, er iſt von einfältigem Herzen.“ „Er iſt ein Deutſcher,“ antwortete der Meiſter. „Das bin auch ich,“ verſetzte der Kaiſer ſchnell. „Wie, Hermann, du birgſt dein Lächeln nicht? Was meinſt du? ſprich, bin ich ein Deutſcher oder nicht?“ „Verzeiht, wenn ich in einem Gleichniß antworte. Als ich zuerſt nach dem Morgenlande zog, empfing ich als Geſchenk eine Silberplatte aus Goslar. Ein arabiſcher Goldſchmied ſchlug ſie mir zu einem Becher, mit römiſchen Goldmünzen, die ich ihm gab, überzog er das Silber, und fügte in der Kunſt, welche die Ungläubigen verſtehen, zierliche bunte Farben, zu dem Golde. Jetzt hat der Becher langen Reiterdienſt gethan; die arabiſchen Farben und das römiſche Gold ſind an vielen Stellen abgeſcheuert und das deutſche Sil⸗ ber kommt zum Vorſchein; möglich, daß der Becher für Fremde unſcheinbar ward, mir iſt er jetzt theurer, als ehedem. Ich weiß nicht, ob ich zu den Heiligen flehen darf, daß auch bei eurer Majeſtät durch den Druck der Jahre das deutſche Metall an's Tageslicht gebracht werde.“ Friedrich lachte.„Ich hoffe, deine Treue wünſchet — 198— mir kein Unglück. Immerhin danke ich dir, daß du mich wenigſtens mit einem ſilbernen Napfe vergleichſt. Doch meine ich, Meiſter, du trinkſt aus zwei Bechern, der eine heißt Kaiſer, der andere heißt Papſt. Aus welchem Metall iſt der alte Mann, welcher grollend in Rom ſitzt, der dein zweiter Herr iſt und dazu der meine?“ „Da er mein Herr iſt, wie ihr ſagt, ſo verbietet mir die Ehrfurcht, gegen euch ſein Metall zu ſchätzen. Doch der hochwürdige Vater, welcher auf dem Stuhl St. Peters ſitzt, darf ſagen: wie auch das Gefäß ſein mag, der Wein, den ich berge, iſt immerdar ein Himmels⸗ trank und das Heil der Chriſtenheit.“ „So laß du dir in deinem Gleichniß ſagen,“ rief der Kaiſer eifrig,„daß drei Töpfe aus ſchlechtem Thon von den thörichten Völkern der Erde angebetet werden als die Bewahrer göttlichen Segens. Der erſte ſtammt von Moſes und der letzte von Muhamed, und der mitt⸗ lere iſt der, den der Alte zu Rom ſo herriſch ſchwenkt. Könnte ich wie ich wollte, ich zerſchlüge alle drei, um die Welt von finſterer Tyrannei zu befreien.“ Her⸗ mann bekreuzigte ſich.„Sei ruhig und entſetze dich nicht, du weißt, ich bemühe mich um die Gunſt der Heiligen und bin zur Zeit in dem frömmſten Geſchäft meines Lebens. Verliere nicht das Zutrauen zu mir, vielleicht kommt die deutſche Einfalt, die du bei deinem Herrn Ivo rühmſt, auch an mir noch einmal zu Tage, ſo daß ich da⸗ hinfahre als ein treuer und hochgelobter Sohn der Kirche wie der junge Landgraf.— In Wahrheit, gerade jetzt wäre mir willkommen, bei unſerem Vater Papſt eini⸗ — 199— gen guten Willen für mich zu finden.“ Er blieb ſtehen. „Vernimm du zuerſt, was bald ruchbar ſein wird. Die Kreuzfahrer, welche hier verſammelt ſind, führſt du nach dem gelobten Lande, nicht ich. Ich folge dir erſt im nächſten Frühjahr.“, Der Meiſter ſtand ſtill und in ſeinem Geſicht zuckte eine heftige Bewegung, der ſtaatskluge Mann fand keine Antwort. Sieben Jahre waren es her, ſeit der Kaiſer den Kreuzzug gelobt hatte, immer hatte er ihn verſchoben und Hermann hatte mehr als einmal ſeine ganze Kunſt aufgewandt, den erzürnten Papſt zu neuem Aufſchub zu bewegen; jetzt, wo die Fahrt begonnen war, ſah er die reifende Frucht mühevoller Arbeit durch einen Einfall des Kaiſers verdorben.„Du zürnſt mir in deinen Gedanken,“ begann Friedrich endlich,„Niemand hat ſo viel Recht dazu; denn dir, Hermann, danke ich, daß ich in den letzten Jahren frei von Bann und Verwünſchung des Al⸗ ten die zuchtloſen Füllen dieſes Landes an meinen Zaum gewöhnen konnte. Alles, was du ſagen kannſt, um mich zu treiben, weiß ich ſelbſt, und glaube mir, heißer iſt mein Drang, im Morgenlande die Krone über dies Inſel⸗ meer zu holen, als dein Wunſch, deinen Brüdern dort Burgen und eine Herrſchaft zu gewinnen. Darum ver⸗ nimm du allein, was mich hindert. Zwei Frauenlippen waren es und wenige holde Worte, die mir in das Ohr geflüſtert wurden, aber ſie wiegen ſchwerer, als die alte Pflicht und als der Kriegsruf aus dem Heere, das du für mich geſammelt haſt. Ja, und auch du, der du dem Weibe entſagt haſt, wirſt mich nicht ſchelten. Denn eine neue — 200=— Zeit kommt heran, und alte Verkündigung wird zur Wahrheit. Wiſſe, ſechs Wochen ſind es jetzt, daß mein Gemahl, die Erbtochter des Königreichs Jeruſalem, zum letzten Mal an meinem Halſe lag. In derſelben Nacht ſtand mein weiſer Omar auf der Zinne des Schloſſes und ſpähte nach dem Stand der Himmelslichter, an denen unſer Aller Schickſal hängt. Grade als wir uns von Brindiſi eingeſchifft hatten zur gelobten Fahrt, brachte mir eine ſchnelle Galeere auf der See den Gruß der Kaiſerin: die goldene Kapſel, in der ſie ſonſt ihre Reli⸗ quien bewahrt, ein aufgebrochener Granatapfel lag darin. Verſtehſt du dies Zeichen? Es bedeutet geheimes Hoffen. Und der Bote verkündete, daß ſie hier meiner harre. Darum ſind wir gelandet. Der Landgraf vermag nicht mehr die Pilzer zu führen, das macht auch mir leichter zu bleiben, denn ungern hätte ich den jugendlichen Helden unter meinen Deutſchen allein im gelobten Land geſehen, — obgleich er nicht der Mann war, mit den Kindern Muhamed's zu handeln. Sieh hinauf, Hermann,“ er wies nach dem dunkeln Himmel, an welchem einzelne Sterne ſichtbar wurden,„dort wandeln unter den andern Geſtirnen die großen Wahrſager unſeres Schickſals ihre geheimnißvollen Bahnen, dort glänzt der Stern meines Geſchlechtes, Almuſtari, den die Römer Jupiter nennen. Lautlos ziehen ſie und doch enthüllen ſie dem Kundigen, daß in wenig mehr als ſieben Monden der heiße Wunſch meines Lebens erfüllt wird, der König über Gläubige und Ungläubige wird geboren, die Herrlichkeit eines neuen Reiches wird heraufſteigen aus dem Meere und — 200— in neuem Glauben werden die Stämme mit ſchwarzen und blauen Augen einträchtig bei einander wohnen.“ „Zürnt mir nicht, mein kaiſerlicher Herr,“ entgegnete der Meiſter traurig,„wenn ich euch nicht folge zu den Luftbahnen, welche die Sterne wandeln. Ein deutſcher Ordensmann bin ich und mein Amt iſt, nicht an mich zu denken, ſondern an ſdas Wohl meiner Bruderſchaft. Für dieſe aber ſind eure Majeſtät und Papſt Gregor die beiden Leitſterne, welche unſer Schickſal da beſtimmen, wo unſere eigene Kraft nicht reicht. Und deshalb ge⸗ ſtattet mir noch einmal euch zu mahnen. Sieben Monate ſind von euren Wahrſagern als Friſt gegeben für die Fahrt, in heißen Landen für uns die beſte Jahreszeit, nach dieſer Zeit mögt ihr zurückkehren und euch des Glückes freuen, das ihr ſo ſicher erhofft.“ „Doch wenn ich nimmer zurückkehre?“ frug Friedrich mit finſterem Blick.„Du weißt, Hermann, nicht jedem meines erlauchten Stammes glückte, aus dem gelobten Lande den Rückweg zu finden. Und wenn ich heim⸗ komme, wähnſt du, daß ich die Kaiſerin und die Hoff⸗ nung, die mich jetzt froh macht, ungeſchädigt wieder finde?“ „Man ſagt, daß des Kaiſers Frauengemach einer zugemauerten Burg gleicht, ſo unzugänglich wie der Harem des Kalifen, und daß die fremden Wächter den Zudringlichen mit ſcharfer Waffe begrüßen.“ „Die Feinde, welche wir Beide kennen, dringen durch jede Thür, ſie geben Siechthum mit der Hoſtie und raunen Tödliches in das Ohr der Betenden. Hermann, ich darf mein Weib in dieſer Zeit nicht verlaſſen.“ — 202— „Wenn aller Welt verborgen bleibt, was euch bis zu nächſtem Frühjahr bei eurem Gemahl feſthält, Einen giebt es, dem dies Geheimniß dennoch zugetragen wird, und dieſer Eine iſt der heilige Vater. Den Erben be⸗ gehrt ihr dem Volke zu zeigen, bevor ihr ihm das gelobte Land gewinnt, eure Gegner in Rom aber drängen, daß ihr das Land erwerbet, nicht für euer Geſchlecht, ſondern für einen Oberherrn, den heiligen Vater ſelbſt. Keinen Grund des Zögerns weiß ich, der den Zorn des Papſtes ſo heftig entflammen muß, als dieſer geheime, der dem Kaiſer ſo wichtig iſt. Bei Strafe des Bannes habt ihr euch verpflichtet, in dieſem Sommer zu ſegeln; wird der Bann gegen euer hohes Haupt geſchleudert, ſo verdirbt er euch die heilige Fahrt und verdirbt die Arbeit und die Hoffnungen vieler Jahre.“ Und vor dem Kaiſer niederkniend, rief er in heißem Schmerz: „O laßt euch warnen, Herr, wenn ihr je Treue und gute Meinung in meinen Worten erkannt habt, ſo hört jetzt auf mein Flehen, ſetzet nicht Alles auf's Spiel um einer unſicheren Hoffnung willen, die jeder kommende Tag vereiteln kann.“ „Steh auf, Hermann,“ ſprach der Kaiſer, den Knienden erhebend,„du ſprichſt redlich, wie du immer gegen mich geſinnt wareſt. Aber du begreifſt nicht, wie dein Kaiſer denken muß. Hoch über alle Häupter der Chriſten⸗ heit hat der Erhalter der Welt mein Geſchlecht erhöht, an dem neuen Leben, welches er in mein Haus ſendet, hängt das Schickſal von Millionen. Nicht ein Kind wie jedes andere iſt der Sohn, welcher dem Kaiſer geboren — 203— wird, ſondern eine Verheißung für die Völker der Erde. Du mahnteſt mich an meine Sterblichkeit und mein Alter, in meinen Söhnen liegt die Verjüngung meiner ſelbſt, und die Bürgſchaft dafür, daß die Gedanken, die ich in mir trage, und mein Wille, eine neue Ordnung in die zuchtloſen Seelen der Menſchen zu pflanzen, nicht mit meinem Leben vergehe. Nur auf zwei Augen, auf dem Knaben Heinrich allein, ruhte bisher die ganze Zu⸗ kunft meines Geſchlechts. Jetzt iſt die neue Hoffnung verkündet. Darum ſage ich dir, der König wird geboren werden, ſo wahr ich unter dem Schein die⸗ ſes Sternes vor dir ſtehe. Ich werde ihn den Völ⸗ kern zeigen und ich werde für ihn die Krone der heiligen Stadt gewinnen, gebannt oder nicht, mit gutem Willen des Papſtes oder mit böſem. Wie mein Sohn Heinrich die Diademe des deutſchen Reiches tragen wird, ſo ſoll ein anderer Sohn als Meerkönig die Kronen von Sicilien und Jeruſalem auf ſeinem Haupte ver⸗ einigen. Und ich mit meinem Geſchlecht, wir werden die Welt befreien von der Tyrannei des Alten, der zwiſchen den ſieben Hügeln thront und der ſich zum Herrn gemacht hat über die Majeſtät der Könige und über das Schickſal der Völker.“ Hermann bewegte abweiſend das Haupt. Da faßte Friedrich die Hand des Vertrauten am Gelenk und ſchüttelte ſie in leidenſchaftlicher Aufregung.„Die Völker leben in Siechthum und die Könige werden Sklaven. Da ich noch ein Knabe war, haben die Prieſter mich gezwungen, ihrer Liſt und Untreue zu begegnen mit gleicher Verſtellung. Du haſt zuweilen die Kunſt ge⸗ rühmt, mit welcher ich meine Gegner überraſche und die Mäßigung, mit der ich für mich nur begehre, was erreichbar iſt; wiſſe, mein Freund, theuren Preis habe ich für dieſe Kunſt gezahlt, es iſt die Schlauheit eines Unfreien, der unabläſſig die Kette fühlt, die er mit ſich ſchleppt. Durch ſie bin ich geſcheuert wie dein Becher, von dem du ſprachſt, und wenn ich jetzt in der Stille vor dir tobe, ſo nimm an, daß es mein deutſches Silber iſt, ein empörtes Gemüth, was an mir zum Vor⸗ ſchein kommt.“ Und ſeine Bewegung bezwingend, ſchloß er:„Gieb dich, Hermann, ſprich mir nicht mehr von dem, was unabänderlich iſt, ſondern vernimm, was ich noch von dir begehre. Die Luft wird kühl und der kranke Leib fordert Ruhe.“ Das Dunkel der Nacht lag über dem Hafen, aus dem die Maſten der Schiffe ſchwarz gegen den Ster⸗ nenhimmel ragten; die Totenklage war verſtummt, nur die Fluth rauſchte aus der Tiefe. Ivo ſtand am Ufer, ſein Auge haftete an einem bleichen Lichtſtreif, der oſt⸗ wärts auf hoher See glänzte.„Dort hinaus liegt das Land der Verheißung. Eine hohe Pflicht habe ich auf mich genommen und ich ahne, daß ſie mir den freien Sinn einhegt und mich enge und düſter umſchließt wie die Schwärze dieſer Nacht. Von den Freuden meiner Jugend habe ich mich geſchieden, auch von der geliebten Herrin ſoll mich weites Land und wildes Meer trennen. Wer mag ſagen wie lange? Das Tuch mit den fremden⸗ Zeichen, welches uns beide einem Fremden verrieth, löſe — 205— ich vom Halſe, heimlich will ich es an meinem Herzen bewahren als die einzige Habe, die mir aus ſeligen Tagen geblieben iſt. Still berge ich fortan meine Liebe und meine Sehnſucht, nur für mein neues Amt will ich leben, damit der Himmelsherr meinen Dienſt gnaden⸗ voll annehme und mit mir thue wie ihm gefällt, ob die furchtbare Todesmahnung, die mir auf dem Wege hier⸗ her wurde, auch an mir in Erfüllung geht, oder ob mir geſtattet wird, die Treuen zur lieben Heimath zu⸗ rückzuführen.“ Er kniete nieder und betete für Alle, die er in der Heimath lieb hatte. Als der Meiſter des deutſchen Ordens am Abend in ſeine Herberge kam, gelang es ihm, wie ſehr er ge⸗ wöhnt war ſich zu beherrſchen, dennoch nicht, ſeine Be⸗ wegung den harrenden Brüdern zu verbergen. Mit ſtummem Gruß winkte er die Entlaſſung, lange ſaß er ſchweigend gebeugten Hauptes, während Arnfried, ſein Neffe und liebſter Geſell, ehrerbietig an der Thür harrte.„Wie lange iſt es her, daß wir vom Maſtkorb auf die Mauer von Damiette ſprangen?“ frug er end⸗ lich. ‚Seitdem trage ich rollende Steine den Berg hinauf in mühſam fruchtloſer Arbeit. Der Kaiſer iſt anderen Sinnes geworden und verweigert die Kreuzfahrt.“ „Wir vernahmen Aengſtliches von der Krankheit des Kaiſers.“ „Er iſt krank und ſeine heidniſchen Aerzte rathen ihm Ruhe, obgleich ſie ihn ſchwerlich von der Falken⸗ jagd abhalten werden. Doch nach einem Aufſchub von wenigen Wochen vermöchte er dem Kreuzheer zu folgen, — 206— und dieſe Verzögerung würde wenig ſchaden. Er aber hat den Willen erſt im kommenden Jahre zu fahren.“ Arnfried ſtarrte erſchrocken den Meiſter an und dieſer fuhr leiſe fort:„Der Grund des Aufſchubs iſt Ge⸗ heimniß. Er iſt nicht auszutilgen und erfüllt ihm die ganze Seele. Drei Kronen ſchweben über ſeinem Haupte, aber ſein edler Geiſt erträgt nicht ohne Scha⸗ den dieſe irdiſche Verklärung; ihm ſchwillt das Herz bei dem Gedanken an die Majeſtät und den Pomp ſeines Amtes. Jetzt bleibt er zurück, weil er die Hoffnung hegt,— wahrlich, eine unſichere Hoffnung — im nächſten Frühjahr der ſtaunenden Welt von hohem Gerüſte großartige Worte zu verkünden. Schon heut freut er ſich des Tages. Alles, was dazwi⸗ ſchen geſchehen muß, erſcheint ihm gering gegen dieſe Verkündigung vor dem Volke. Er iſt ein weiſer und kühner Herr, und doch leidet er durch geheimen Schaden. Kennſt du ſein Unglück, Arnfried? Ihm iſt in die Wiege gelegt, daß er elf Stunden des Tages klüger, ſtärker und größer ſein ſoll als wir Anderen alle, die zwölfte Stunde aber ein unartiges Kind.— Wir fahren morgen, um zu retten, was möglich iſt; nur du folgſt ſpäter. Dich ſende ich vorher auf den Wunſch des Kaiſers zum heiligen Vater, um Entſchuldigungen hinzutragen. Leicht⸗ herzig hofft er den Greis Gregor für neuen Aufſchub zu gewinnen, er will nicht wiſſen, wie groß die Unge⸗ duld, das Mißtrauen und die Abneigung des Papſtes iſt. Ein neuer Streit wird entbrennen zwiſchen den beiden Häuptern der Chriſtenheit und die Heiden werden — 207— frohlocken, denn nie war eine Fahrt ſo furchtbar für ſie und ſo glückverheißend für uns, als dieſe.“ Und als der Meiſter ſeinem Vertrauten vieles Andere aufgetragen hatte, fügte er noch hinzu:„Sorge auch, ſoweit du ver⸗ magſt, für unſern Landsmann, welcher jetzt mit ſeinen Rittern vergebens nach einem Fahrzeug ausſpäht.“ „Ihr meint den Edeln von Ingersleben?“ „Der Kaiſer möchte ihn in ſeiner Nähe feſthalten, aber der junge Held wird unter den Welſchen und Sarrazenen ſchwerlich gedeihen. Ich habe ihn auf meine Seele genommen, denn ich habe ihn durch hohe Mah⸗ nung zu der Fahrt geladen.“ „Ihr wißt, daß die Spielleute in der Heimath ihn den König nennen. Leidet auch er an dem Fluch, der nach eurer Meinung an der Königswiege hängt?“ „An einem andern, mein Bruder. Wer den Sinn eines Königs hat ohne die Macht, der vermag ſchwerlich zu beſtehen im Kampfe gegen die wilde Welt.“ —— ͦY——— —— —ꝭ—ꝭ—Q˖ꝑ— — 7 Bei Accon. Auf dem Deck einer ſtarken Kogge aus Lübeck ſaßen die Pilger, den Blick nach der aufſteigenden Küſte von Cypern gerichtet. Ihre Wangen waren gebleicht durch den Meerwind und das ungewohnte Schaukeln des großen Waſſerroſſes, und oft hatten ſie ſich reiſemüde gewundert, daß es ſo viel wildes Gewäſſer auf Erden gebe. Jetzt harrten ſie ſchweigend des Landes, nur der ſorgloſe Lutz ſang leiſe einen heimathlichen Reigen. „Wer kann hier tanzen,“ ſprach Henner unzufrieden, „wenn er nicht vom Geſchlecht der Meerweiber oder der Seehechte iſt, denn großmäulige und habgierige Geſellen wälzen ſich um uns.“— ‚Segel ahi,“ rief der Maat über die Bruſtwehr des Gerüſtes, welches oben am Maſt⸗ baum ragte. Gleich darauf ſchrillte derſelbe Ruf wieder und wieder. Der Schiffer trat zu Ivo.„Es ſind Schiffe des Kreuzheeres, welche von Accon heimkehren, ihr werdet im Hafen Neues aus dem heiligen Lande erfahren.“ Bald ſahen die Pilger eine ganze Flotte, welche von Oſten her einfuhr oder bereits landete, viele Böte fuhren an das Land und doch ſtanden die Leute auf den Fahrzeugen Kopf an Kopf gedrängt. „Geht der Kreuzzug rückwärts?“ frug Ivo ver⸗ wundert,„auch Banner der Edlen ſehe ich an den Maſt⸗ bäumen; die Krieger haſten nach dem Ufer zu kommen, aber ſie ziehen nicht gleich Siegern daher.“ Als er mit ſeinen Begleitern im Boote durch das Gewirr der Schiffe an's Land fuhr, riefen ihm Stim⸗ men entgegen:„Kehrt um, nutzlos iſt eure Reiſe, die Kreuzfahrt iſt vergangen.“ Henner wies zur Seite.„Seht dort Geſichter, die wir in der Heimath nur zu gut kannten. Graf Megin⸗ hard, euer Ohm, hebt ſich an den Strand.“ Ivo ſprang aus dem Boote. War auch daheim nur geringe Freundſchaft zwiſchen ihm und ſeinem Ver⸗ wandten geweſen, hier pochte ihm doch freudig das Herz, als er dem Mann ſeines Blutes entgegentrat.„Seid gegrüßt im fremden Lande,“ ſagte er fröhlich. Der Graf antwortete kalt der Begrüßung.„Ihr kommt zu ſpät, JIvo, wenn ihr geſonnen ſeid, weiter oſtwärts zu fahren. Wir Thüringe haben geringe Ur⸗ ſache, die Treue des Kaiſers zu rühmen, er hat uns verlaſſen, und der Zorn des Papſtes hat die gewappneten Pilger von ihrem Gelübde gelöſt. Das ganze Heer läuft auseinander. Umſenſt haben ſich die Pfaffen in der Heimath heiſer geſchrien und ganz umſonſt haben wir unſer Geld aufgewandt.“ 1 „Der Kaiſer aber wird kommen.“ Der Graf lachte.„Dann mag er allein die Heiden Freytag, Die Ahnen. III. 14 in ihre Sandwüſte ſcheuchen, die Hilfe der Chriſten hat er verloren. Eilt euch,“ rief er ſeinen Begleitern zu, „damit wir Herberge in der Stadt finden, bevor der Schwarm der Fahrenden eindringt. Wundert euch darum nicht,“ ſchloß er, ſeine Mütze gegen Jvo lüftend,„wenn ich euch verlaſſe. Wollt ihr euch weiſe berathen, ſo wendet den Kiel eures Schiffes einer andern Ritter⸗ fahrt zu.“ Jvo erkannte im Gefolge des Grafen den leidigen Herrn Konz und den jungen Berthold, welche mit den Herren vom Niederhof feindliche Blicke tauſchten. Er rief dem Oheim nach:„Wollt ihr mir noch ſagen, wo der Meiſter des deutſchen Ordens weilt?“ „Er müht ſich zu Accon Waſſer in einem Siebe zu tragen,“ antwortete der Graf über die Achſel zurück. Da ſprach Jvo zornig zu ſeinen Geſellen:„Ich aber meine, daß jetzt ein anderes Sieb geſchwenkt wird, welches die Spreu des Heeres vom Weizen ſondert.“ Am dritten Tage darauf lag die Küſte des heiligen Landes vor den Augen der Pilger, Alle knieten auf dem Verdeck, ein alter Prieſter ſprach die Gebete und ſtimmte den Hymnus an, zu welchem die Laien das Kyrie ſangen, indem ſie ſehnſüchtig die Arme gegen das Land ſtreckten. Als der Gottesdienſt mit heißer Andacht vollendet war, deutete der Geiſtliche den Thüringen die ſichtbaren Strecken des Landes.„Dort gegen Norden ragen die beſchneiten Gipfel des Libanon, jener blaue Fels im Süden iſt der heilige Berg Karmel und hier vor uns liegt Accon, der eherne Schirm der Chriſtenheit, denn dreieckig, gleich — 211— einem Schilde liegt es da, an zwei Seiten von den Wellen umſpült.“ Er wies auf einen alten Thurm, der auf einer Klippe trotzig in die See hinausgebaut war, als äußerſte Wacht des Außenhafens.„Dies iſt der Fliegenthurm, dort hinten ragen die Zinnen der Königs⸗ burg, dies ſind die ſtarken Thürme und die Baſteien der Brüder von St. Johannes und weiter abwärts hinter den Hügeln liegt das Pilgerſchloß, die Burg der Templer, welche nicht ihresgleichen auf Erden hat.“ Als das Schiff in den Binnenhafen fuhr, läuteten die Glocken und dröhnten große eherne Pauken den Gruß der Stadt. Eine unzählbare Menge war zuſammenge⸗ laufen und antwortete den winkenden und grüßenden Pilgern durch lautes Geſchrei. Wie Geſtalten einer fremden Sage ſchwebten und drängten die Menſchen vor den erſtaunten Augen der Landenden, ſie fanden ſich um⸗ geben von Trachten, die ſie niemals geſchaut, und angeru⸗ fen durch Laute menſchlicher Rede, dergleichen ſie niemals gehört. Neben dem Griechen im langen bunten Gewande ſtanden der Jude im Kaftan, der ſyriſche Chriſt mit weißem Turban und Wollgürtel, Frauen, welche Stirn und Kinn verhüllt trugen, aber mit Auge und Hand zu ſich heran⸗ winkten, und Lateiner aus jedem Volk des Abendlandes vom braunen Portugieſen bis zum hagern Schotten. Unter den Erwachſenen wanden ſich aalgleich halbnackte Kinder, weiß, braun und ſchwarz, und hoben begehr⸗ lich die geöffneten Hände. Abſeits von dem Volksge⸗ tümmel aber harrten ſtolze Krieger des Chriſtenheeres, viele im ſchwarzen Mantel der Johanniter oder im weißen 14* — 212— der Templer, Leibwächter des Patriarchen mit vergoldeter Rüſtung und georgiſche Reiter, Mann und Roß in glän⸗ zende Schuppenpanzer gehüllt. Zwiſchen die Menſchen ſchoben ſich Eſel und Maulthiere der Führer, welche die Reiſenden und ihr Gepäck in Empfang nehmen wollten, dahinter ragten die langen Hälſe und Höcker der Kameele. Und der ganze ſeltſame Schwarm grüßte, winkte, ſchrie.„Wir hörten eine Sage über den Thurmbau zu Babel,“ murmelte Henner,„hier iſt Einiges aus dem Wirrwarr übrig geblieben. Weiche zurück von meiner 3 Taſche, Geſindel.“* „Heil ſei allen tapferen Deutſchen,“ ſchrie ein vier⸗ ſchrötiger Mann ſeine Nachbarn zurückſtoßend,„hierher, ihr Herren, hier ſteht der ächte Blitzſchwab, bei mir findet ihr Herberge und heimiſche Koſt, berühmt ſind die Klöße und vielgeprieſen iſt der Wein des Wirthes zum Greifen.“ „Segen über eure goldenen Locken, ihr edler Herr,“ rief von der andern Seite eine ältliche Frau, die ein rothes Turbantuch um die Schläfe trug und am Hals⸗ 4 bande ein großes ſilbernes Kreuz.„Nimmer hätte ich mir träumen laſſen, euch, ihr ruhmvollen Helden, hier zu ſehen. Habt ihr nie von der Wirthin zum heiligen Georg gehört? Ein Erfurter Kind bin ich, und ich ſah Manchen von euch, da er nicht größer war als ſo hoch.“ Ein Ritterbruder von St. Johannes nahte hinter einem Knappen, der mit ſeinem kurzen Spieße rückſichts⸗ los auf die Schienbeine der Zudringlichen ſchlug, ſo daß —,— — — 213— ſie ſcheu zurückfuhren und dem Ritter eine Gaſſe bis zu Ivo öffneten.„Seid willkommen, edler Herr,“ be⸗ gann der Bruder höflich zu Ivo,„der hochwürdige Meiſter ſendet euch und den Herren ſeinen Gruß und erbietet ſich zu jedem guten Dienſt, den ein Fremder in dieſem Lande begehren mag. Geſtattet ihr's, ſo führe ich euch vor ſeine Augen, denn er ſelbſt iſt zur Stelle.“ Jvo trat mit ſeinen Rittern zu einer Gruppe von Johannesbrüdern, aus deren Mitte der berühmte Mei⸗ ſter Bernard ihm entgegentrat. Der Lothringer ſegnete ihn in deutſcher Sprache und bot ihm verbindlich das Gaſthaus des Ordens zur Herberge an. Da Jvo ſich aber nicht in der erſten Stunde ſeiner Ankunft einer Bruder⸗ ſchaft verpflichten wollte, ſo dankte er artig und der Meiſter, ein geheimes Mißvergnügen bergend, entließ ihn mit wiederholtem Angebot ritterlicher Dienſte. Sogleich hingen ſich wieder die Erfurterin und der Schwabe an ihn.„Begehrt ihr den Greif oder St. Georg,“ frug Henner,„mir ſcheint, die Ehrbarkeit iſt in beiden gleich.“ „Die Landsmännin ſoll uns haben,“ verſetzte Ivo lachend, wie ſie auch ſei.“ „Sehr klug thatet ihr,“ lobte vertraulich die Frau, „daß ihr die Scorpione in den Strohſäcken der Weiß⸗ kreuze vermieden habt, die vom Johannes ſind gieriger als alle Anderen und mißgönnen ſogar einer ehrlichen Frau ihre kummervolle Nahrung. Heda, Jacob, wo biſt du und wo ſind die Eſel?“ Ein ſyriſcher Mann zerrte ſeine Thiere am Halfter herzu und mit vielem Aufwand von Worten und Ge⸗ berden führte die Wirthin ihre Gefangenen triumphirend in die Stadt. Durch enge ſchmutzige Gaſſen, zwiſchen den rückſtrömenden Haufen drängte und ſtieß ſich der Zug bis zur Herberge, während Henner und Lutz mit den Knechten im Hafen zurückblieben, um das Ausſchiffen der Roſſe und der Heeresrüſtung zu überwachen. Der Abend kam heran, bevor die Thüringe ſich mit ihren Thieren unter dem Schutz des heiligen Georg geborgen hatten und in einem weiten Hofe, der mit Fließen gepflaſtert war, an Tiſchen und Bänken zuſam⸗ menſaßen. Der ganze Raum füllte ſich mit Gäſten, auch hier ſchwirrten viele Sprachen des Abendlandes durcheinander, doch blieb das Deutſche obenauf. Es wa⸗ ren zum Theil Leute von achtbarem Ausſehen, neben ihnen Andere mit deutlichen Gaunergeſichtern und gefäl⸗ lige Weiber, bunt aufgeputzt, mit frechen Blicken; auch deutſche Spielleute fehlten nicht, bald klang die Sack⸗ pfeife und die Flöte, bald ſang ein Wanderer, der den ſilbernen Armring ſeines Herrn trug, zu der kleinen Harfe. Auf allen Tiſchen ſtanden Kannen mit dem feurigen Wein Paläſtinas, oft gefüllt von den gefälligen Töch⸗ tern des Gaſthofes, die zwar einer Mutter gehorchten, aber in verſchiedenen Mundarten auf die Befehle der Gäſte antworteten. Die Angekommenen hatten keinen ruhigen Sitz, denn um ſie kreiſte neugierig und begehrlich der Schwarm. Manche frugen wehmüthig nach der Heimath, Andere prieſen ihre Waaren, die ſie in Körben vorzeigten, — — 215— oder erboten ſich zu jeder Art von Dienſten, auch zu unſäuberlichen. Sogar Brüder von St. Johannes ſaßen in dem Haufen, und Ivo wunderte ſich, daß die Ordensregel das luſtige Zechen nicht hindere. Aber er war doch froh, als derſelbe Bruder, der ihn am Hafen begrüßt hatte, zu ſeinem Tiſche trat, denn der ſchwarze Mantel deſſelben ſcheuchte ſogleich alle Zudring⸗ lichen aus der Nähe, und dem Bruder höflich Sitz und Becher bietend ſprach er:„Mit frommen Gedanken be⸗ traten wir das Land der Verheißung und erwarteten Bußgeſänge zu hören, aber wir vernehmen hier welt⸗ liches Getöſe, lauter und wilder als daheim.“ Der Bru⸗ der lachte.„Jeder Ankommende hegt dieſelben Gedan⸗ ken, und Mancher, der betend landet, lernt hier das Fluchen. Doch,“ fügte er höflich hinzu,„eure Fröm⸗ migkeit iſt zuverläſſig größer als die der meiſten Pilger, da euch das Herz treibt, zu kommen, während die Anderen abziehen.“ „Wir vernahmen auf dem Wege, daß der heilige Vater aus Zorn gegen den Kaiſer die Waller von ihrem Eide entbunden hat.“ Der Bruder verſetzte vorſichtig:„Traurig war für uns der Tag, wo die Botſchaft verkündet wurde. Was ſoll aus dem Weinberge werden, wenn der Aufſeher ſelbſt die Arbeiter hinaus ſcheucht.— Jetzt aber ſind wir Alle begierig, Neues zu hören, und ihr werdet auch deshalb meinen Brüdern eine Freude machen, wenn ihr unſeren Hallen die Ehre eures Beſuches vergönnt.“ Jvo neigte ſich ſtumm, der Bruder fuhr fort: — 216—. „Ihr habt heut, edler Herr, den Antrag meines Meiſters zurückgewieſen, ſicher aus wackerem Stolz. Verzeiht aber die Frage: gedenkt ihr lange in dieſer Herberge unter Dieben und Trunkenbolden auszuharren?“ „Wir kamen hierher, mit den Ungläubigen zu kämpfen.“ „Kämpfen?“ antwortete der Bruder verwundert.„Wir leben ſeit Jahren im Waffenſtillſtand oder im Frieden mit den Sarrazenen, nur daß wir eingeſchloſſen ſind. Die Ruhe ſoll dauern bis der Kaiſer kommt, wer weiß, wann?“ Die Thüringe ſahen einander betroffen an.„Wurde das Kreuzheer dazu aufgeboten, um hier ruhmlos zu liegen?“ frug Ivo. „Das Heer iſt zum großen Theil verlaufen,“ er⸗ klärte der Bruder,„was noch kriegsluſtig unter den Waffen ſteht, vermag den Kampf im freien Felde nicht aufzunehmen. Derweilen vertreiben wir die Zeit, in⸗ dem wir miteinander zanken, und da Fehde und Zwei⸗ kampf unter dem Kreuze verboten ſind, ſo müſſen wir uns begnügen mit der Zunge zu ſtechen. Hätten wir nicht die Frauen, welche uns zuweilen ein Lächeln gön⸗ nen, ſo wäre das müßige Sitzen gar nicht zu ertra⸗ gen. Wir haben eine Tafelrunde als Liebeshof einge⸗ richtet, die Nichte des Patriarchen Gerold iſt Groß⸗ meiſterin. Jeder Neue wird geprüft, ob er hoher oder niederer Minne dient, und erhält alsdann eine Lehr⸗ meiſterin.“ — 217— „Die haben wir Thüringe nicht nöthig,“ bemerkte Lutz.„Sitzt ihr dabei auf dem Erdboden?“ „Die Paare, welche ſich geſellen, ruhen auf weichem Polſter, ſie ſchmiegen ſich nahe zu einander und die Leuchte brennt zuweilen dunkel. Seid ihr dem Sange und fröhlichem Minneſpiel nicht abhold, ſo könnt ihr euch dort manche Stunde verkürzen.“ Ivo ſah vor ſich nieder und Henner brummte. „Ich hoffe, ihr brecht unterdeß fleißig Eſchenholz.“ „Ihr wißt ja ſelbſt, daß der heilige Vater die Tur⸗ niere verboten hat, dafür ſtechen wir in der Rennbahn nach hölzernen Mohrenköpfen.“ Der Bruſt des Mar⸗ ſchalk entrang ſich ein beiſtimmender Laut, der einem Stöhnen glich. Auf der Straße gellte ein verzweifelter Schrei nach Hilfe, mancher Gaſt wandte das Geſicht neugierig dem Eingange zu, aber die lärmende Unterhaltung wurde nicht unterbrochen, bis zwei Männer einen Verwundeten, dem das Blut aus großer Bruſtwunde lief, in den Hof trugen. Die Wirthin ſtürzte ſich wild aus ihrer Burg, einem hohen Verſchlage nahe der Thür, von dem ſie. mit ſcharfem Blick alle Tiſche überſchaute, und die Ein⸗ tretenden abwehrend ſchrie ſie:„Hinaus, ihr heilloſen Trroöpfe, wollt ihr mir den Fußboden beſchmutzen. Legt ihn auf die Straße und ruft die Wache des Balif.“ Henner erhob ſich und durchſchritt das Gewühl:„Es ſind Schiffskinder des Lübeckers.“ „Er iſt von unſerer Back,“ klagten die Seeleute gegen Ivo.„Er wankte allein wenige Schritte vor uns — 218—„ durch die Gaſſe, da warfen ſich die Mörder über ihn und raubten ihn behende aus. Unſere Geſellen verfol⸗ gen die Feiglinge.“ Der Johannesbruder beugte ſich über den Erſchla⸗ genen.„Es iſt vorbei mit ihm, der Stoß kam von ge⸗ übter Hand,“ ſagte er achſelzuckend.„Warum trug er kein Stahlhemd unter der Jacke? Sorgt für die Be⸗ ſtattung, ihr guten Männer, und wenn ihr Rache be⸗ gehrt, ſo nehmt ſie an der erſten Nachtmotte, der ihr begegnet; es iſt kein Mangel daran.“ Noch andere Matroſen traten ein, verſtört und grimmig.„Wir ver⸗ folgten die Böſewichter bis zu einem großen Hauſe, ſie ſprangen hinein, vor uns ſchlug man die Thür zu; das weiße Zeichen von St. Johannes hing darüber.“ Die zornigen Geſichter der Seeleute wandten ſich gegen den Bruder, welcher ſtolz entgegnete:„Sie haben das Aſyl⸗ recht gefordert. Das weiße Kreuz ſchirmt Jeden, der ihm vertraut. Naht morgen bei Tage höflich der Pforte und klagt bei dem Hauscomthur.“ Und zu Ivo ge⸗ wandt, fügte er entſchuldigend hinzu,.„Wundert euch nicht, wenn ihr hier mehr von heimlichem Ueberfall ver⸗ nehmt, als daheim. Der heilige Friede, welcher hier ge⸗ boten iſt, trägt die Schuld. Denn wer ſich mit dem Schwert nicht rächen darf, bezahlt zuweilen ein Meſſer.“ Doch als er aus der ernſten Haltung Ivo's erkannte, daß auch dieſer gekränkt war, leerte er ſein Glas und em⸗ pfahl ſich mit zierlichen Worten künftiger Gunſt. Auch der Tote wurde hinausgeſchafft, eine ſchwarze Tochter ——— — der Wirthin fuhr mit einem großen Schwamm über den Fußboden und der Lärm tobte weiter. Die Wirthin im Turban aber trat zu Ivo, und auf den leeren Sitz des Bruders deutend ſprach ſie leiſe: „Da ihr ein Thüring ſeid, ſo traut dieſem Ritter nicht, denn er iſt aus Franken, und ſelten bezahlt er einen Becher, den er bei mir trinkt. Ihr habt wohl ſelbſt gemerkt, daß er nur gekommen iſt, um Schakale zu locken.“ „Was bedeutet das?“ frug Ivo. „Verzeiht, wir nennen die neuen Pilger ſo. Denn Schakal iſt hier ein Thier, dem Fuchſe ähnlich, welches hinter dem Löwen hertrabt und dieſem das Wild jagen hilft, dafür läßt der Löwe dem Schakal den Abfall der Beute.“ „Begehrt die große Bruderſchaft den Beiſtand der Pilger, damit dieſe unter ihrem Banner fechten?“ „Fechten? hier wird ſeltener gefochten als daheim,“ ver⸗ ſetzte die Wirthin.„Gewöhnlich müſſen die Fremden ihnen um Gotteslohn Säcke tragen, Mörtel miſchen und Steine heben für ihren Burgenbau. Wie könnten die Brüder als Herren unter uns ſitzen in ihren Paläſten, wenn die Pilger ihnen nicht mit ihrem Schweiß die Mauern zuſammenfügten?“ „Das mag gute Arbeit ſein für die armen Waller, die in ihrer Heimath Aehnliches gethan haben, doch ſchwerlich für Solche, welche das Waffenkleid tragen.“ „Ihr irrt, Herr. Wiſſet, daß für den Pilger in dieſem Lande jede Arbeit, die er den Heiligen zur Ehre — 220— thut, ein gutes Werk iſt, welches ihm den Himmel öff⸗ net, und die niedrigſte Arbeit das heilſamſte. Ich ſelbſt ſah Fürſten und Grafen die Mauerkelle ſchwingen, und auch mich dünkt es ein rühmliches Thun, wenn gerade die Noth bedrängt. Die Bruderſchaften aber ſinnen un⸗ abläſſig auf Vergrößerung, und deshalb fangen ſie den neuen Pilger in ihren Herbergen ein, damit er ſich ihnen gelobe und ihnen diene, wozu ſie ihn gebrauchen. Erſt vor wenig Tagen haben die Templer einige tauſend Mann des Kreuzheers entführt, damit ſie ihnen die Mauern der Stadt Saida wieder aufrichten.“ 3 „Wie kommt's, daß die Brüder vom Tempel nicht auch in eurer Herberge werben?“ „Die ſind zu ſtolz, um in die Schenken zu gehen,“ antwortete die Wirthin,„ſie verſtehen darum den Fang nicht weniger gut.“ „Und haben die Brüder vom deutſchen Hauſe den⸗ ſelben Brauch?“ Die Wirthin zuckte mit den Achſeln.„Dieſe ſind ſtille Männer, aber ſie ſind arm und haben wenig Ge⸗ walt. Ihre kleine Herberge iſt überfüllt durch die Kran⸗ ken. Wollt ihr den Rath einer geringen Frau beach⸗ ten, ſo traut hier Niemandem, denn jeder ſorgt nur für ſich ſelbſt.“ „Auch ihr, Mutter?“ frug Ivo lächelnd. „Ach, edler Herr,“ rief die Frau beweglich,„ihr werdet es mit einer Wittwe nicht zu genau nehmen. Bedenkt, wir ſind hinausgeſtoßen an die äußerſte Grenze unter die Heidenſchaft, wir ſind es, welche für die ganze — 221— Chriſtenheit das Aergſte wagen und dulden, damit wir frommen Pilgern hilfreich ſein können.“ Ihre Rede ſtörte ein plumper Geſell mit borſtigem Haar, einem Schlächter ähnlich, welcher die Mütze in der Hand her⸗ zutrat:„Solltet ihr ſelbſt einmal eine ſichere Hand be⸗ dürfen bei Tage oder bei Nacht, ſo gebt mir und meinem Geſellen den Vorzug, weil ich ein Deutſcher bin und in dieſen Hof gehöre.“ „Was iſt dein Amt?“ frug Ivo mit Widerwillen. Der Mann wies auf das breite Meſſer an ſeiner Seite und machte eine kurze Bewegung mit der Hand. Da winkte ihm Jvo zu entweichen und ſprach finſter zu der Wirthin:„Herbergt ihr auch ehrloſe Geſellen dieſer Art?“ „Heilige Magdala,“ rief die Wirthin,„ſcheltet mir nicht meine Sangliers. Wie ſoll eine fromme Frau unter dem wilden Volke haushalten, wenn ſie nicht einige Trotzköpfe hat. Die meiſten Prälaten und die großen Laien halten ſich dergleichen. Ich nähre nur zwei, damit ſie dort vor meinem Stuhl ſitzen und die frechen Trunkenbolde ſchrecken. Der Wirth zum Greifen aber bewahrt ein ganzes Rudel und vermiethet ſie auch, was ich niemals thue. Denn ich achte, ſoviel ich vermag, auf Ehrbarkeit.“ Am nächſten Morgen begann Ivo zu ſeinen Ge⸗ fährten:„Wir find in dies Land gekommen, um Allerlei zu lernen. Was die Kreuzespflicht gebietet, das wollen wir thun bis auf's Aeußerſte, fremdem Brauch fügen wir uns nur, wenn er unſerer Ehre nicht zu nahe tritt. Wir ſchlagen noch heut Zelt und Hütte draußen im — 222— Lager auf und verhalten uns dort nicht als Werkleute, ſondern als Krieger. Denn darum ſind wir gekommen, und die Heiligen werden uns nicht zürnen, wenn wir V uns nach Sitte der Heimath unedler Arbeit verſagen. Immer aber laßt uns, ihr Herren, treu zuſammen b ſtehen und ein gutes Vertrauen bewahren.“ Als die Pilger aus der Herberge traten, umfing V ſie wieder betäubender Lärm der großen Stadt. Von dem Syrer Jacob, ihrem Dragoman geführt, wanden ſie ſich durch das Gewirr der engen Gaſſen und kletter⸗ ten halsbrechende Stiegen zwiſchen den Häuſern, welche gleich zahlloſen Burgen um ſie ragten, weiß getüncht, mit ſpärlichen Lichtöffnungen und platten Dächern. Un⸗ ter den ſchmuckloſen Wohnungen kleiner Leute ſtanden mächtige Steinthürme und reichverzierte Paläſte, die Burgen edler Geſchlechter, dazwiſchen eine große Anzahl Kirchen und Kapellen, deren Glocken faſt unabläſſig läu⸗ teten. An den freien Plätzen aber lagen die ſtattlichen Höfe der Kaufherren aus Piſa mit gewölbten Lauben, wo hinter metallenen Gittern Waaren des Morgen⸗ und Abendlandes ausgeſtellt waren. Bei jedem Schritt haftete der erſtaunte Blick der Thüringe auf feilgebotenen Früchten und Lebensmitteln, von denen heimkehrende Pilger Wun⸗ derbares berichtet hatten; auf koſtbaren Stoffen und edlem Metallſchmuck, von deren Pracht und Fülle ihnen ſelbſt das Lied des Sängers nichts verkündet hatte. Sie ſahen die reiche Stadt von Meer und Ebene abge⸗ ſchloſſen durch zwiefache hohe Mauern, die aus Fels⸗ ſtücken wie für die Ewigkeit gebaut waren, darüber — 223— ragten mächtige Thürme und als Vorwerke große Ba⸗ ſtionen, die Barbakanen, welche gerundet oder im Win⸗ kel gegen den Strand und die Ebene vorſprangen; jede war ſelbſt eine kleine Feſtung, trug auf der Plattform ihre Wurfgeſchoſſe und enthielt im Innern große gewölbte Räume und Gemächer, in denen ſich eine ganze Schaar bergen konnte. Auf dieſen Baſteien wehten die Banner der Bruderſchaften und einzelner Edlen; an der nörd⸗ lichſten Ecke beim Thore von St. Leonhard auch das Banner der Marienbrüder. Draußen in der weiten Ebene aber lagen einzeln an Quell und Bach die burgähnlichen Wohnhäuſer der ſyriſchen Landbauer zwiſchen großen Wein⸗ und Orangengärten, in der Niederung breiteten ſich Feigenbäume und Olivenwälder, am Rand der Bäche wuchs der Oleander, auf den Höhen ragten Cy⸗ preſſen und flachgewipfelte Pinien. Der Syrer wies in die Ferne:„Dort hinter den Bergen liegt Jeruſalem.“ Und die Pilger neigten ſich ehrfürchtig der heißerſehnten Stadt zu. In der Barbakane der Marienbrüder fand Ivo ihren Meiſter.„Ich dachte wohl, daß ihr beharren würdet,“ rief ihm dieſer grüßend entgegen. „Der Kaiſer kommt zum Frühjahr,“ ſprach Ivo, „er hat es mir, da ich Urlaub nahm, feierlich beſtätigt.“ „Er kommt als ein Gebannter,“ murmelte Hermann. „Euch aber, edler Herr, beweiſe ich meine Achtung, wenn ich in dieſem Lande den Rath gebe, helft euch ſelbſt und ſchlagt euch als ein Freier durch alle Hinderniſſe. Sucht ihr den Beiſtand eines erfahrenen Mannes, ſo werde — 224— ich immer bereit ſein. Meine Bruderſchaft aber ge⸗ horcht einem ſtrengen Geſetz, ſie naht freiwillig nur dem Kranken und dem Feinde, und ſie verrichtet ohne Entgelt nur Werke des Erbarmens und des Krieges. Wer uns ſonſt gebraucht, muß uns rufen, und wer von uns begehrt, muß uns leiſten. Denn nur unſeren Dienſt vor Augen gehen wir ſtill unſeren Weg zwiſchen den Guten und zwiſchen den Argen und ſuchen Beide für uns zu be⸗ nützen. Deshalb iſt der beſte Wunſch, den ich für euch hege, daß ihr niemals unſern Beiſtand gebrauchen mögt.“ Jvo meinte, daß dies kalte Worte eines Mannes waren, den er im Herzen verehrte, und er nahm ſich vor, die Dienſte des Meiſters und ſeiner Brüder ſo lange als möglich zu entbehren. Er meldete ſeine Ankunft dem Herzoge von Limburg, welcher an Kaiſers Statt Führer des Heeres war, und rückte mit ſeinem Gefolge an dem⸗ ſelben Morgen auf die Ebene unweit des Strandes, wo die Zeltgaſſen verödet lagen. Sein Zelt wurde aufge⸗ ſchlagen, einige leere Hütten geſäubert und ausgebeſſert und es war für Alle der erſte frohe Augenblick ſeit vielen Tagen, als Henner das Wappenbild ſeines Herrn auf der gemalten Speerſtange befeſtigte und ſein Haupt ent⸗ blößend, rief:„Fliege in Ehren über getreue Herzen.“, Das Jahr neigte zum Ende, die Pilger freuten ſich über die milde Luft der erſten Wintermonate, und Henner richtete hinter den Hütten eine kleine Rennbahn ein, auf welcher die Thüringe ſich und ihre Roſſe eifrig — — 225— im Speerkampf übten. Wurde das ritterliche Stechen auch von der Kirche nicht gelobt, die Krieger durften ſagen, daß ſie es als Uebung nicht entbehren konnten. Bald war die Bahn in dem trägen Lager ein geſuchter Ort, nicht nur Landsleute, auch Fremde ſammelten ſich darin, und über den Trümmern der gebrochenen Speere gewannen die Thüringe gute Kundſchaft mit vielen fröh⸗ lichen Geſellen. Der Herzog von Limburg verſtach ſelbſt zuweilen gegen Ivo ſeinen Rohrſchaft und rühmte den Helden und ſeine Ritter vor den Häuptern des Heeres. Aber die Ungunſt des Winters ſtörte das ſorgloſe Treiben. Ein kalter Nordoſt hinderte die Schiffahrt, die Zufuhr blieb aus, eine unleidliche Theuerung be⸗ gann. Denn Waizen und Gerſte, die unentbehrlichen Lebensmittel, wurden zumeiſt mit den Summen erkauft, welche fromme Chriſten des Abendlandes zu dem Kreuz⸗ zuge geſteuert hatten. Immer war die Vertheilung unbillig geweſen, der kleine Haufe, für welchen Hen⸗ ner zu ſorgen hatte, wurde gegen andere Schaaren zu⸗ rückgeſetzt, die großen Bruderſchaften und die mächtigen Gebieter nahmen gern das Beſte vorweg, und mit viel ſcharfem Wortgefecht hatten die Thüringe kaum das Nothdürftige behauptet. Jetzt war gar nichts zu erhalten, alle Beſchwerden Ivo's blieben fruchtlos; der Herzog ſchalt heftig auf die Vertheiler, vermochte aber die Par⸗ teilichkeit nicht zu brechen. Und Henner mußte aus der Geldtaſche, welche er als leichte Laſt über ſeinem Herzen bewahrte, den Tagesbedarf zu unerhörtem Preiſe ein⸗ kaufen. Sein Zorn wurde größer, wenn er ſah, wie Freytag, Die Ahnen. III. 15 — 226— wohlgenährt die Pferde vom Tempel und Johannes wa⸗ ren. Denn die Brüder hatten durch große Magazine weislich für ihren Bedarf geſorgt, ſie beſaßen eigene Laſtſchiffe und Unterhändler in anderen Häfen. Darum ging der Marſchalk mit umwölkter Miene einher, be⸗ müht, ſeinem Herrn die Noth zu bergen. Unterdeß ſuchten Lutz und Eberhard, die jungen, durch Jagdbeute der Küche zu helfen. Doch in der Nähe des Lagers war das Wild faſt gänzlich getilgt, ſie mußten weit in das Land ziehen und ſtießen mehr als einmal mit feind⸗ lichen Bodwinen zuſammen, welche auf ihren Roſſen ſchweifend das Lager umlauerten und unter den braunen härenen Mänteln gerade dann hinter einer Erdwelle auf⸗ tauchten, wenn die Pilger ein Rudel Rehe oder Ga⸗ zellen beſchlichen hatten.„Ein Glück iſt, daß dieſe Haide⸗ traber im weißen Hemde niemals einen Pfeil verſenden,“ tröſtete ſich Lutz, als er einen Rehbock durch einen Lanzen⸗ ſtich im Arme erkauft hatte.. Als Jvo einſt in der Rennbahn ritt, erkannte er unter den Zuſchauern weiße Mäntel der Templer, und Herr Peter von Montague, ihr Meiſter, kam grüßend heran und rühmte die gute Hofzucht der Pferde. ‚Sie haben nicht ihre volle Kraft,“ antwortete Henner, ein wenig getröſtet durch das Lob des ſtolzen Helden, der von dem ganzen Kreuzheere mit Scheu betrachtet wurde. „Schwer haben ſie ſich an das Futter des Landes ge⸗ wöhnt, und jetzt wird es ihnen knapp zugemeſſen.“ Der Meiſter lächelte ein wenig und ſagte im Da⸗ vonreiten:„Solltet ihr einmal Luſt haben, Pferde eurer — 227— Zucht zu verkaufen, ſo bitte ich, denkt vor Andern an die Brüder vom Tempel.“ Henner ſah ihm finſter nach. Wenige Tage dar⸗ rauf begann Ivo beim Lagereſſen:„Feiern wir im vor⸗ aus das Oſterfeſt, ihr Herren? täglich bietet der Koch geſottene Fiſche. Wie kommt es auch, Herr Eberhard, daß ihr ſo verſtört ſitzt und den Arm verbunden tragt?“ „Ich fiel, als wir Fiſche aus der Bucht holten, von der Klippe in die See,“ antwortete der Vaſall, „und ich wäre nimmer aus der kalten Fluth getaucht, wenn mich mein Geſelle Lutz nicht an den Haaren her⸗ ausgezogen hätte.“ Da ſtieß Henner plötzlich ſein Schüßlein bei Seite und große Thränen liefen ihm aus den Augen.„Es iſt mir nur um die Pferde,“ ſeufzte er,„ſie wollen durchaus nicht mit Gräten vorlieb nehmen.“ Ivo ſtand auf und winkte dem Marſchalk in's Freie.„Sagt mir Alles, Henner.“ „Die Geldtaſche iſt leer,“ verſetzte Henner,„und wir ſind am Ende.“— Ivo nahm die ſchwere Goldkette vom Halſe, den einzigen Schmuck, welchen er trug:„Nimm.“ Hen⸗ ner wog die Kette in der Hand.„Oft habe ich ſie in Gedanken geſchätzt, ſie iſt die letzte Bürgſchaft für eure Heimkehr.“ „Für die Zukunft vertrauen wir dem, in deſſen Dienſt wir hierher gekommen ſind,“ antwortete Zvo. „Sie hilft auch nur auf kurze Zeit, Herr.— 15* — 228— Eberhard trägt eine Schiene um den gebrochenen Arm und wird ihn den Sommer ſchwerlich im Ernſte ge⸗ brauchen. Er ſehnt ſich heimlich nach Hauſe, nur daß ihn die Scheu abhält, euch das zu ſagen?“ „Und ihr, Henner?“ „Ihr werdet doch nicht ohne mich und meinen Ge⸗ ſellen Lutz in Jeruſalem einziehen wollen?“ Jvo zerriß die Kette in zwei Theile.„Die Hälfte ſei für Eberhard und ſeinen Knecht zur Heimfahrt, die andere Hälfte für uns, damit wir hier aushalten. Zwölf Roſſe hatten wir bis jetzt, verkauft die Hälfte den Tem⸗ plern, ſo bleibt dem Manne ein Pferd.“ Es war für Henner der ſchwerſte Ritt ſeines Le⸗ bens, als er am Nachmittage in die Burg der Templer zog, die Pferde anzubieten. Der Meiſter empfing ihn mit ausgeſuchter Höflichkeit.„Schätzt die Pferde ſelbſt und empfangt zur Stelle den Preis. Wir füttern und gebrauchen ſie für euch, begehrt ihr ſie einſt zurück, ſo mögt ihr ſie wiederkaufen. Und findet ihr es zu ſchwer, unter eigenem Banner beſſere Zeit zu erwarten, ſo wißt, daß meine Brüder ſich freuen werden, euch von unſeren Vorräthen mitzutheilen, ſo viel ihr wollt.“ „Dieſe verſtehen beſſer als Andere, für ſich zu wer⸗ ben,“ ſagte Ivo mit trübem Lächeln, als ihm Hen⸗ ner die Unterredung berichtete.„Mein Stolz gleicht einer Espe, von welcher der Sturmwind einen Aſt nach dem andern bricht, unruhig zittern die Blätter der letzten Zweige, wie lange, und die karge Friſt, welche wir er⸗ langt haben, wird verronnen ſein.“ — 229— Die Worte ſollten bald Wahrheit werden. Die warme Frühlingsſonne umkleidete wenige Tage darauf die Landſchaft mit buntem Farbenglanz. Während in der Heimath die erſten Veilchen und Schneeglocken ſich furchtſam an die kalte Luft wagten, leuchtete hier die Ebene gleich einem geſtickten Teppich, die weißen Lilien und die Roſen öffneten die geſchwellten Knospen, die Turteltauben girrten auf den Sycomoren und die Nachti⸗ gall ſchmetterte aus dem Citronenhain ihre Lieder. In dem Lager liefen die Krieger zuſammen, denn aus der Stadt bewegte ſich unter Glockengeläut und geiſtlichem Geſange, geführt von dem Herzoge von Limburg und dem Patriarchen, ein langer Zug mit dem wallenden Banner der Marienbrüder; ſie kamen nicht im kriege⸗ riſchen Schmuck, ſondern trugen Schanzzeug und Bauge⸗ räth, und in langer Reihe folgten Laſtthiere und Karren. Mit düſterem Blick ſahen die Templer, welche bei Ivo's Rennbahn hielten, auf den großen Schwarm, als er das Kreuzlied ſingend, durch die Ebene zog, und der Johannesbruder barg nicht den Ausruf:„Niemals hätte ich gedacht, daß das Marienſpital eine ſolche Schaar für ſich erbeuten würde.“ Da dachte Ivo, daß es Deutſche waren, welche auszogen und er folgte mit ſeinen Rittern. Eine gute Meile landeinwärts erhob ſich ein anſehn⸗ licher Hügel, an deſſen Fuß mehre weiße Häuſer ſyri⸗ ſcher Landbauern glänzten. Der Zug erſtieg die Höhe, die Karren wurden zuſammengefahren, das Heer umſchritt ſingend den Gipfel, dann trat es in großem Ringe zu⸗ ſammen und der Patriarch rühmte, daß das beabſichtigte — 230— Werk eine heilige That und die Theilnahme daran für Jeden heilbringend ſei; er weihte die Stätte und ertheilte den Segen. Darauf wurde die geſammte Schaar unter Ordensbrüder vertheilt und zur Arbeit ge⸗ führt. Um den abgeſteckten Raum begann ein Theil der Pilger den Graben zu ziehen und einen Wall zu er⸗ höhen, während andere Haufen die Abhänge des Berges von Bäumen und Geſtrüpp reinigten. Der Herzog von Limburg und der Ordensmeiſter thaten den erſten Spaten⸗ ſtich und beide arbeiteten tapfer mit Hacke und Grab⸗ ſcheit, ringsum klangen die Aexte und Hauen laut an Holz und Stein, denn wohl mehr als tauſend kräftige Männer ſchufen am Werke.. Jvo ſah eine Weile ſchweigend zu. Als dem Meiſter ein großer Stein, den er aus dem Boden heben wollte, abglitt, ſprang er herzu, hob die Laſt und lachte, als der Meiſter ihn mit freundlichem Kopfnicken grüßte. Bald faßte er ſelbſt eine Haue und half friſch bei der Arbeit. In der Raſtzeit trat er zu Hermann und ſprach das Haupt neigend:„Nehmt mich zum Arbeiter an, auch für mich iſt die Zeit gekommen zu dienen, und ich will es am liebſten für euch thun, da ihr mich im Namen unſeres Volkes zur Pilgerfahrt geladen habt.“ Der Meiſter antwortete ernſthaft:„Ich empfange euren Dienſt, den ihr mir als ein Freier bietet, ihr aber nehmt, ſo lange ihr an unſerem Werke ſchafft, auch unſere Hilfe für euer Leben. Keine unrühmliche Arbeit iſt es, edler Jvo, der ihr euch weiht. Dies iſt ſtreitiges Land zwiſchen uns und den Sarrazenen, uns aber ge⸗ — 231— hören die Meierhöfe, welche ihr in den wonnigen Thälern vor uns ſeht. Starkenburg ſoll dies Kaſtell heißen, ein Schutz für Accon und zur Behauptung der Land⸗ ſchaft. Vielleicht ſind auch ſchon die Stätten beſtimmt, an welchen weiter abwärts die nächſten deutſchen Burgen gebaut werden. Meine Brüder leiten die Arbeit, denn ſie haben darin Erfahrung; Bruder Arnfried von Naum⸗ burg gebietet den Maurern auf der Höhe,— ihr ſeht ihn mit Richtſcheit und Meßſtock ſchreiten— und dort unten bereitet Bruder Siebold aus Bremen ein Heer⸗ lager für die Arbeiter; dieſem will ich euch zutheilen.“ Ohne Freude empfing ihn der Alte:„Was fiel meinem Meiſter ein, daß er mir einen Gehilfen ſendet, der zuverläſſig nichts verſteht als Roſſe zu drücken und der außerdem ein Edler iſt. Kennt ihr das Geheimniß der Zahlen?“ „Wie der Knabe es auf dem Zahlbrett lernt.“ „Wißt ihr die Zahlzeichen auf eine Wachstafel zu ſchreiben?“ Das wußte Jvo nicht.„Verſteht ihr die Linien auf dieſem Pergament zu deuten?“ und er hielt ihm einen gezeichneten Plan hin. Jvo fand die Linien unverſtändlich. Der Bruder bewegte mißbilligend das weiße Haupt:„Ich dachte mir's wohl, es iſt geringe Freude, einen Ungeſchickten anzulehren.“ „Habt Geduld mit mir,“ bat Jvo, den aufſpringen⸗ den Stolz unterzwingend.„Ich will mir eifrig Mühe geben, euch zu gefallen. „Haltet wenigſtens die Meßſchnur,“ gebot der Bre⸗ mer und Jvo faßte an. — 232— Am Abend war es ihm gelungen, dem ſtrengen Alten ſo weit zu gefallen, daß dieſer ſagte:„Ich ſehe, ihr ſeid willig. Dafür will ich euch Zeichen in den Sand ritzen und erklären, damit ihr ſie morgen bei Sonnen⸗ aufgang merkt. Legt ein Brett darüber, ſonſt tilgt euch ein plumper Fußtritt die Wiſſenſchaft.“ Früh am nächſten Morgen ſaß Ivo auf dem Sande in der Wolljacke, ein Schurzfell um die Hüften, er zog mit einem Schnitzmeſſer gerade Linien auf ein dünnes Breti ſägte vorſichtig das umriſſene Stück ab, und rief ſeine Arbeit in die Höhe haltend, dem Marſchalk zu: „Wißt ihr, Henner, was ein Winkel iſt?“ Er mußte die Frage wiederholen, denn rings um ihn krachten die Aexte; auch ſeine Ritter und Knechte waren in Werk⸗ leute verwandelt, welche Balken und ſtarke Pfoſten zu⸗ recht hieben. Endlich antwortete Henner, ſeine lange Geſtalt reckend und den Schweiß von der Stirne wiſchend: „Ich kenne nur einige Winkel in Erfurt, in welchen nicht viel Gutes zu finden iſt. Doch die Heiligen hier haben andere Gewohnheiten als bei uns, für die Seele mag ihre Sitte heilſam ſein, aber dem Rücken thut ſie weh. Wir merken, Herr, daß dies die Heimath des heiligen Joſeph iſt, der, wie ſie ſagen, ein Zimmermann war.“ Wieder half Ivo dem Alten, und war eifrig bei der Arbeit, denn er erkannte allmählich das Sinnvolle der Zeichen, welche er machen half. In der Mitte des Lagers ſah er einen großen freien Raum, den Ring zum Marktverkehr und zur Sammlung beim Alarm, in der Mitte des Ringes das Wachthaus und dahinter nach — 233— der Zahl der Apoſtel die Stellen der zwölf Schenken und Kaufbuden, ſeitwärts den Kirchhof, auf dem die Kapelle der Jungfrau Maria gezimmert werden ſollte. Von den vier Ecken des Marktes liefen vier Lagergaſſen nach zwei gegenüber liegenden Thoren, und kleinere Gaſſen nach den Pforten auf den beiden anderen Seiten, längs der Gaſſen wurden die Hüttenräume für je zwölf Schüſſel⸗ genoſſen abgeſteckt und in Quartiere getheilt; um den ganzen Raum wurde die Furche für den Wall und Graben gezogen. Mit dem Werke gewann Jvo auch den Bruder lieb, denn er merkte wohl, daß dieſer in ſeiner Art ein vielerfahrener und weiſer Mann war. Als ſie Alles abgegrenzt hatten und die Pfähle mit verſchiedener Farbe bezeichnet in Reihen ſtanden, ſah der Alte zufrieden auf ſein Werk und ſprach im Selbſtgefühl eines Meiſters „Auch ihr habt jetzt die Kunſt gewonnen, ein Lager ab⸗ zuſtecken, welches ſo groß iſt, daß zweitauſend Mann darin bequem wohnen und zugleich den Wall verthei⸗ digen können. Glaubt aber nicht, daß ihr deshalb ver⸗ ſteht, auch das Lager für weit größere Anzahl zu er⸗ richten, indem ihr nach eurer Willkür die Quartiere ver⸗ größert, ihr würdet nur ein ungefüges Werk zu Stande bringen und die Mannſchaft würde ſich entweder drängen oder nicht im Stande ſein, den ganzen Wall zu ver⸗ theidigen. Denn jedes Maß ändert das andere, und eine Zahl hängt von der andern ab. Dies größere Ge⸗ heimniß aber darf nur ich wiſſen und der Orden, denn der Lehrherr muß etwas voraus behalten vor dem Lehrling.“ — 234— Das gab Jvo ergeben zu und der Alte fuhr fort: „Dieſe Kunſt, die wir jetzt üben, vermag man hier im fremden Lande nicht zu gewinnen, wo Vieles unordent⸗ lich zugeht. Sie iſt aber ein Geheimniß, das wir Nord⸗ fahrer und zum Theil eure Nachbarn, die Magdeburger, ergründet haben, wenn wir mit unſeren Meerſchiffen den Strand der Heiden im kalten Oſten anliefen oder unter den Fremden handelten. Merket auch, daß dieſes Lager zugleich eine Stadt werden kann für die Siedler, wenn dieſe hier dauern. Wo wir das große Alarmhaus ge⸗ ſetzt haben, wird ein Stockwerk übergebaut für den Rath der Gemeinde, und die zwölf Apoſtel dahinter werden zwölf Kaufhäuſer, aus den Lagergaſſen erſtehen die Straßen und aus den Hütten die Wohnungen mit ihrem Hofraum. Dann mögen ſich die neuen Burgmannen ſtatt des Holzgerüſtes eine Kirche bauen und ſtatt des Pfahlwerkes eine Mauer errichten. Solche Werke ge⸗ deihen bei uns überall, wo die Kaufleute ihre Bank unter den Oſtleuten aufſchlagen und die Bauern ihnen nachziehen, um auf neuer Scholle zu ſiedeln.“ Jvo ſah über das Lager auf die fruchtbare Land⸗ ſchaft, um ſein Haupt ſangen die Sommervögel, die Natur blühte und duftete und er rief begeiſtert:„Wahr⸗ lich, keinen beſſeren Wohnſitz kann ich denken für Männer meines Volkes. Bald ſoll, wenn unſer Schwert hilft, hier ein neues Heimweſen gegründet werden. Und ich denke, auch euer Meiſter hat das gewollt, als er die Arbeiter bei der neuen Burg anſiedelte.“ Der Alte ſchwieg, endlich ſprach er in ſeinen Ge⸗ danken:„Viel bin ich umhergezogen über das ſalzige Meer in Sturm und Eisfroſt unſerer Heimath. Und in manchem Lande fremder Menſchen habe ich, als ich noch ein freier Mann war, die Waarenballen auf⸗ geſchnürt, gekauft und getauſcht, um in Reichthum meine Tage zu enden. Wiſſet, Herr, eine Sturm⸗ nacht vertilgte die Hoffnungen meiner Seele, zwei ge⸗ wappnete Söhne verſanken mir mit ihrem Schiffsvolk im Oſtmeere. Seitdem wurde mir die Sorge um mein einſames Leben verächtlich und ich dachte oft an den Saal der ewigen Freude, in dem ich meine lieben Jungen wiederfinden könnte. Da übergab ich mich und mein Gut der Bruderſchaft und kam in dieſes Land. Mit gutem Grunde ſagt ihr, daß das Land erfreulich iſt für Auge und Herz und doch kennt ihr noch wenig da⸗ von. Ich aber habe das Schönſte darin geſchaut, was einem Paradieſe gleicht.“ „Ihr meint das heilige Jeruſalem,“ frug Ivo. Der Bruder ſchüttelte das Haupt.„Dort wurde der Herr gemißhandelt und gekreuzigt, und wenn ſie auch ſagen, daß große Verheißung an der öden Stätte hängt, mir war, als ich dorthin pilgerte, das Herz ſchwer bedrückt. Nein, ein anderes Thal preiſe ich, wo ich ſelbſt ſterben möchte. Seht dort grade vor uns hinter den Bergen liegt das geſegnete Nazareth, in wenigen Stunden könnte euch ein Roß hintragen. Dort wuchs unſer lieber Herr bei ſeiner Mutter und dem treuen Joſeph auf. Dort ſtand ich mehr denn einmal als Waller und ich ſage euch, nichts auf Erden gleicht der 1 — 236— Seligkeit dieſer Stunden. Denn ich ſah in meinem Geiſte das liebe Kind mit ſeinen treuen Augen vor mir, als es vor dem Hauſe ſaß und ſpielte, wie Kinder thun, und ich kniete an der Quelle, zu der ihn gewöhnlich ſeine Mutter ſchickte das Waſſer zu holen, und hörte in meinem Geiſte, wie die Himmelskönigin, wenn er das Krüglein brachte, zu ihm ſprach:„Lütte Putje, wat vor⸗ ſumſt du di?“ Da dachte ich an meine eigenen Jungen.“ Den Alten übermannte die Bewegung, er ſetzte ſich auf einen Stein zur Seite und faltete die Hände. Ivo ſtand ſtill neben ihm und legte den Arm über ſeinen Hals. Auch er dachte an die Heimath, obwohl kein blondhaariger Knabe ſeine Rückkehr erwartete. Nach einer Weile fuhr der Bruder traurig fort:„Ihr ſagtet, aus dieſem Lager hier mag eine Stadt unſeres Volkes werden und wie ihr, denken vielleicht Andere; ich aber ſorge, dieſe Hoffnung wird nicht in Erfüllung gehen.“ „Die Ankunft des Kaiſers ſteht bevor, Vater; ver⸗ traut auch ihr, daß die träge Ruhe ein Ende nimmt und die Heiden vor unſeren Waffen entweichen.“ „Wenn Waffen dies Land feſthalten könnten,“ ent⸗ gegnete der Alte kopfſchüttelnd,„ſo wäre es nicht ver⸗ loren worden, trotz unſerer Sünden. Wir Kaufmänner aus Bremen haben darüber andere Gedanken. Die Edlen und Ritter haben durch das ganze Land unabläſſig Burgen erhöht und unzählige Chriſten haben ihr Blut vergoſſen, ſie zu behaupten. Aber das Beſte wollte nicht gelingen, die Chriſten haben nirgend im Lande eine —,—z — 237— Stadt gebaut, und nur die Küſte vermochten ſie feſtzu⸗ halten, weil die Schiffahrt und der Handel ihnen ge⸗ hören. Denn eines fehlt hier, unſere Bauern und Arbeiter, die hinter dem Stadtwall hauſen und von da das umliegende Land in Frieden bezwingen.“ „Mögen ſie hier beginnen,“ rief Ivo. Viele kräf⸗ tige Ackerleute unſeres Volkes kommen in den Kreuz⸗ heeren.“ Da ſprach der Alte leiſe:„Sie gehen wieder oder verderben, denn ſie vermögen hier nichts. Wundervoll iſt, was dieſes Land den Menſchen gewährt, und zwie⸗ fältig iſt der Segen. Denn die Wolle wächſt nicht nur auf den Schafen, ſondern noch zarter auf einem Geſträuch des beackerten Bodens; den ſüßen Seim ſam⸗ melt nicht nur die Biene, auch die Menſchen kechen ihn aus einer koſtbaren Rohrpflanze, die ſie im Sumpfe bauen. Fremdländiſch iſt der Bau, und unſere Lands⸗ leute ſind den fleißigen Syrern an Kunſt nicht über⸗ legen, ſondern die Syrer ihnen. Und ebenſo ſind dieſe hier in vieler Handwerksarbeit voraus. Darum können unſere Landgenoſſen ſich nur mühſam durch ihrer Hände Arbeit behaupten und ſie finden es leichter als müßige Herren über den Arbeitern zu ſitzen. Dies iſt der Grund, daß unſere Hüttenlager ſich niemals in Städte verwandeln, und deshalb wird um die Burgen der Kampf toben, ſo lange wir hier ſind.“ „So lange wir hier ſind?“ wiederholte Jvo.„Meint ihr, Vater, daß die Chriſtenheit einmal aus dem theuren Lande entweichen wird?“ * — 238— Der Alte vermied die Antwort.„Ein Bremer Kaufherr hatte, da ich jung war, ein Sprüchwort, welches Viele verlachten: der Untreue vergeht, der Redliche be⸗ ſteht. Ihr ſeid ein billig denkender Mann, und auch ich gehöre zu einer Bruderſchaft, welche auf Treue hält, aber ich hörte manchen frommen Mann bitterlich klagen, daß die Sarrazenen gerechter und wahrhafter ſind als die Lateiner, denen auch wir zugezählt werden. Das beachten die alten Einwohner dieſes Landes ſehr wohl, auch wenn ſie Chriſten ſind; und ſie werden darum den Sarrazenen williger dienen als uns Abendländern. We⸗ nige wagen davon zu reden, Einer aber weiß es, der vorſichtig für uns Alle denkt.“ Und der Alte wies nach dem Hügel, auf dem der Meiſter ſeiner Bruder⸗ ſchaft ſtand. Während Jvo in der Fremde, da, wo er kühne Ritterthat gehofft hatte, die Meßſchnur hielt und den friedlichen Lehren des alten Bürgers lauſchte, war in ſeiner Heimath der Friede geſchwunden und eine ge⸗ panzerte Fauſt hob ſich gegen die andere. Vor An⸗ dern erfuhr die ſchuldloſe Frau Elſe mit ihren Kindern die Rache des Schickſals. Wie ihr Gemahl ſein Schweſter⸗ kind aus den Burgen von Meißen verjagt hatte, eben ſo trieben jetzt die Brüder des Landgrafen ſie mit ihren Kindern aus der feſten Wartburg, und die Thüringe erzählten einander mit Schrecken, daß die Landgräfin zu Fuß aus der Burg gewandert war und wie eine Bett⸗ lerin mit ihren Kleinen Obdach in der Stadt Eiſenach — 239— erbeten hatte. Der tote Landgraf hatte aber auch als ſtrenger Herr die Raubluſt in den Burgen gebändigt und mehr als einen frechen Miſſethäter gezwungen, bar⸗ beinig und auf den Knien Genugthuung zu geben. Jetzt brannten überall neue Fehden auf, man ſah den Himmel oft von niedergeſengten Höfen geröthet, und vernahm von geblendeten Bauern und weggetriebenen Heerden. In dem Hofe Ivo's ſtand der alte Godwin trübe zwi⸗ ſchen Ställen und Scheuren. Von den entfernten Dörfern kamen unwillkommene Nachrichten, noch hielt die Theurung an und viele Hinterſaſſen waren nicht im Stande, dem Herrenhofe die Gebühr zu leiſten, Andere entzogen ſich aufſätzig ihrer Pflichten, da die Hand des Gutsherrn nicht über ihnen war. Zwar ſollte Hof und Gut den hohen Frieden genießen, welchen die Kirche verkündet hatte, aber mancher gewaltthätige Nachbar umlauerte die Grenzen und enthielt ſich durchaus nicht eigennütziger Eingriffe. Auch der alte Graf Meginhard kam mit ſeinem Gefolge über die Brücke geritten, rief die Hof⸗ leute herriſch an, ſah in die Ställe und ſaß in der Halle nieder, weil er bei der langen Abweſenheit ſeines Neffen um das Erbe des Geſchlechtes zu ſorgen habe; und am gräulichſten war dem Kämmerer, daß ſogar Ritter Konz unverſchämt über den Hof ſchritt und ein junges Roß von der beſten Zucht am Halfter aus dem Stalle führte, um es nach der Mühlburg zu nehmen. Nur mit Mühe vermochte Godwin durch den alten Grafen dieſe Gewaltthat zu hindern. — 2389— Lange hatte der Kämmerer ungeduldig nach Nicolaus ausgeſehen, der ihm lieber geweſen war, als den anderen Rittern des Hofes, und der ihm jetzt Nachricht aus Welſch⸗ land bringen ſollte. Aber der Schüler blieb lange aus. Und als er endlich ſpät im Winter zurückkehrte, war ſein Uebermuth ganz geſchwunden und er wollte wenig von dem berichten, was er ſelbſt erlebt hatte. Auch ihm war nicht Alles wohl gelungen. Ivo hatte, während er vom Kaiſer feſtgehalten bei Otranto auf die Abfahrt wartete, zuweilen wieder die Saiten der Harfe gerührt und ein neues Lied an die Herrin erdacht. Vor dem erſehnten Tage der Abreiſe legte er ſeinem Liedergeſellen Nicolaus die Verſe ans Herz, damit die⸗ ſer ſie, wie er bisher gethan, vor den Landsleuten ſinge, und Jvo machte ihm vor Allem zur Pflicht, nach Augs⸗ burg an das Hoflager des jungen Königs Heinrich zu gehen, ſich dort in den Haushalt der Gräfin von Meran zu ſchmeicheln und das Lied vor ihr und ihren Frauen zu ſingen. Dies war für Nicolaus ein will⸗ kommener Auftrag. Denn er ließ ſeine Stimme am liebſten vor ſchönen Frauen ertönen. Als er nach Augs⸗ burg kam, erkundete er leicht das anſehnliche Thurmhaus, in welchem die Herrin wohnte. Er fand Einzelne aus dem Gefolge, denen er ſchon einmal bei den Landgräflichen in Thüringen vorgeſungen hatte und gewann den Ein⸗ tritt in die untere Steinhalle. Schnell machte er die Hofleute, welche darin ſaßen, durch ſeine Lieder und Scherzreden gutwillig, und lauerte auf eine Gelegenheit, die ihm das Gemach der Herrin öffnen würde. Als — 241— Frauenroſſe an das Thor geführt wurden und zierliche Hofknaben zur Schwelle eilten, um der Gebieterin auf⸗ zuwarten, trat er aus der Halle in den Flur, ſtellte ſich ſo auf, daß man ihn ſehen mußte, griff in die Saiten der Harfe und hob mit lauter Stimme den Ton des Herrn Ivo an. Eine verhüllte Frau, welche ge⸗ ſtützt auf den Arm ihres Kämmerers herankam, hielt ſtill, ſobald ſie den Geſang vernahm und hörte einem Verſe aufmerkſam zu, dann winkte ſie mit der Hand und ſprach: „Eine wohltönende Stimme ward euch zu Theil, Sänger, und gern vernehme ich bei Gelegenheit mehr davon, meldet euch, wenn ihr wiederkommt, vor meiner Kammer.“ Sie rauſchte vorüber und wurde auf das Roß gehoben, während der Schüler, ſeines Glückes froh, ſich tief ver⸗ neigte. Aber ſein Behagen ward jämmerlich geſtört, als ein Herr mit braunem, gefurchtem Geſicht, welcher einem Welſchen glich, in den Flur trat und mit ſcharfer Stimme gebot:„Führt den Fahrenden in mein Gemach und harret vor der Thür.“ Scogleich fühlte ſich Nicolaus ge⸗ packt und widerwillig fortgeſchoben. Als er im ver⸗ ſchloſſenen Gemach dem Fremden gegenüber ſtand, ſprach dieſer:„Auch ich bin ein Freund des Geſanges. Singe mir das Lied, das du unten an der Thür erſchallen ließeſt.“ Der Schüler hielt für das Beſte, dem un⸗ freundlichen Mann ſeinen Willen zu thun. Dieſer hörte abgewandt zu.„Ich kenne die Weiſe deines Liedes, denn öfter wird nach derſelben in dieſem Hauſe geſungen. Mit welchem Namen benennt ihr Sänger die Weiſe.“ „Es iſt der Ton des Herrn Jvo,“ verſetzte Nicolaus, Freytag, Die Ahnen. III. 16 — 242— „und er heißt ſo, weil der edle Ivo von Ingersleben in dieſem Tone zu dichten pflegt.“ „Du aber biſt der Fahrende, der in ſeinem Solde ſingt?“ „Ich bin, wie ihr ſeht, ein lateiniſcher Schüler und ſinge ſeine Lieder.“ „Und dein Herr hat dich geſandt, damit du ſie in dieſem Hauſe ſingen ſollſt?“ Solche Frage dünkte dem Schüler ungehörig.„Ich ſang das Lied hier, wie ich es überall ſinge, wo man mich hören will.“ Im nächſten Augenblick fühlte er die Spitze eines Dolches an ſeinem Halſe und vernahm entſetzt die Worte: „Geſteh, oder dies Eiſen durchbohrt dir die Kehle.“ Da vermochte er in der Todesangſt die Wahrheit nicht zu bergen, zumal ſie ihm nicht verboten war, und ſeußzte: „Es ward mir befohlen.“ „Und wie heißt die Dame, vor der du ſingen ſoll⸗ teſt?“ Da nannte er traurig den Namen. Der Herr öffnete die Thür und gebot den Dienern:„Faßt die Riemen und geißelt ihn hinaus. Läßt du dich noch einmal in dieſem Hauſe oder in der Nähe blicken, ſo haſt du zum letzten Mal das Sonnenlicht geſchaut.“ Behende entſprang Nicolaus den Knechten, eilte in die Herberge und kehrte noch an demſelben Tage der ungaſtlichen Stadt den Rücken. Lange war ihm aller Geſang verleidet, auch die Rückkehr in den Edelhof miß⸗ fiel ihm, denn er gedachte, daß er in ſeiner Angſt die Wahrheit geſagt hatte, wo ſie ſeinem Beſchützer nicht — 243— frommte. So flatterte er unſtät umher wie ein Vogel, dem der Marder das Neſt zerriſſen hat, und erſt die Win⸗ terkälte trieb ihn unter das ſchützende Obdach. Er hütete ſich, Herrn Godwin etwas von ſeinem Abenteuer zu geſtehen, als er aber in den Hof des Richters kam und Friderun ihn mit herzlicher Freude empfing und das Beſte hervorholte, was ſie aus Küche und Keller ihm anzubieten hatte, da ging ihm das Herz auf, und nachdem er die ganze Reiſe des Herrn Jvo bis zum Hafen berichtet und vielen Fragen der Magd geantwortet hatte, vertraute er ihr auch über den Heerd hinüber Einiges von ſeinem ſpäteren Schickſal, vor Allem den Unglimpf, welchen er im Dienſte des Herrn Ivo erfahren hatte, und er freute ſich, daß Friderun ihn da⸗ bei aus ihren großen Augen ſo entſetzt anſtarrte, als hätte ſie ſelbſt das Unglück erlebt. Da er aber zuletzt gedrückt hinzufügte:„ich ſorge, die Dame ſelbſt oder eine ihrer edlen Frauen iſt ſeine Herrin,“ und darauf zu der Magd herüberſah, war ihr Sitz leer und ſie ſelbſt wie ein Geiſt verſchwunden. Dagegen ſtand in der Thür eine große Geſtalt und die Hand des Richters fiel ſchwer auf ſeine Schulter. „Ihr haltet übel den Vertrag, dem ihr euch gelobtet.“ Beunruhigt durch die finſtere Miene des Alten, ſagte Nicolaus:„Ich dachte, Herr, die mühſame Arbeit ſei euch ſelbſt verleidet.“ „Ich aber rathe euch, daß ihr eures Eides gedenkt,“ verſetzte der Alte feierlich.„Folgt mir, denn die Zeit iſt gekommen, wo ihr mir deuten ſollt, was ich ſelbſt 16* = 244— nicht zu leſen vermag.“ Er führte den betroffenen Schüler in die Kammer, öffnete eine Truhe, hob einen Pack heraus, den er ſorgfältig in Leinwand geſchlagen hatte und enthüllte eine Anzahl Pergamentblätter, ge⸗ bräunt und viel gebraucht, das Außenblatt durch dunkle Flecke entſtellt. Der Richter ſetzte den Daumen an die Flecke.„Der mir dies gab, ſagte aus, daß hier Blut eines Mannes iſt, welcher getötet wurde, weil er dieſe Blätter zu leſen vermochte.“ Nicolaus ſah entſetzt auf das Pergament, ſein Grauen überwindend ſchlug er die Blätter um, aber er legte ſie nach wenigen Augenblicken wieder weg, ſein röthliches Antlitz war erblichen und ſeine Augen fuhren angſtvoll umher, während er den durchbohrenden Blick des Richters auf ſich gerichtet fühlte. „Verſteht ihr, was in dem Buche ſteht?“ „Es iſt die Verkündigung, welche ſie das Evange⸗ lium des Marcus nennen, und es iſt in deutſcher Sprache geſchrieben. Dieſe Bücher ſind ein Geheimniß der Un⸗ ſeligen, welche von den Pfaffen Abtrünnige und Ketzer genannt werden. Ein ſolches Buch leſen, bringt, wie ich fürchte, den Tod.“ „Gilt bei den Schriftkundigen für Wahrheit, was hierin geſchrieben ſteht?“ „Es iſt ein Theil der heiligen Offenbarung.“ „Dann will ich es verſtehen, trotz allen Pfaffen,“ rief der Richter mit ſtarker Stimme,„was mir auch darum geſchehe. Denn ich erkenne, nicht umſonſt wurde 8 das Buch in mein Haus getragen. Vernehmt, Nicolaus, am Tage, wo ich meinen Sohn rerlor, forderten mich die Kreuzbrüder zur Hilfe bei einem guten Werke. Einen Landfahrer, der auf der Straße verwundet worden, nahm ich auf und half ihm zur Geneſung. Er war ein Mann, der wegen der Pfaffen aus ſeiner Heimath am Rhein entwichen war, flüchtig zog er gen Oſten, um ſein Haupt unter dem Böhmervolk zu bergen. Das Einzige, was ihm die Räuber gelaſſen hatten, war dieſe hohe Ver⸗ kündigung. Ich habe manche Nachtſtunde neben ihm ge⸗ ſeſſen und ſeltſame Worte gehört, und ich ſage euch, er, der heimathlos auf Erden umherirrte, war ein frommer Mann, der unſerm himmliſchen Vater unter Thränen diente. Vieles hat er mir geſagt, was hier ungeſprochen bleibt, und große Worte hat er mir zugeraunt von dem Tage, an welchem Himmel und Erde vergehen werden und den Niemand weiß, nicht die Engel, auch nicht der Sohn, ſondern nur der Vater; und dazu andere Worte, die zu ſeiner Zeit der Herr Jeſus in Todesnoth ge⸗ ſprochen hat: Vater, nicht wie ich will, geſchehe, ſondern wie du willſt.— Habt ihr jemals dieſe hohe Rede ver⸗ nommen?“ „Ich kenne die Worte,“ antwortete der Schüler mit geſträubtem Haar. „Dieſe Stellen in dem Buche will ich ſelbſt erkennen, damit ich die Wahrheit erſchaue. Dies ſind Worte, die ein treuer Sohn zu ſeinem Vater ſprechen muß, und ſie ſind der Grund eines ächten Glaubens; denn ich hoffe, auch im Himmel gilt der Vater mehr als der 4 = 246— Sohn, und was uns die Pfaffen von der gleichen Würde des Sohnes vorreden, iſt Trug.“ „Schwer iſt es, Richter, die Verkündigung zu ver⸗ ſtehen, und ich lebe die Beſcheidenheit des Mannes, der in ſo großer Sache der Deutung weiſer Lehrer vertraut.“ „Wer ſind die weiſen Lehrer?“ frug der finſtere Richter.„Sind es die Mönche, welche betteln, oder die andern, welche ſich mit den größten Weinfäſſern im Lande berühmen? Iſt es der Papſt, der unſern Herrn Kaiſer in den Bann gethan hat, während dieſer die Fahrt zum heiligen Grabe bereitet? Die Welt iſt zerrüttet und die Rachſucht tobt, wo Liebe herrſchen ſoll und Erbarmen. Ich aber bin ein Richter und führe Schwert und Strang gegen die Miſſethäter, ich will auch Richter ſein über Recht und Unrecht in dem Glauben, an dem meine eigene Seligkeit hängt. Wenn mir Jemand klagt, dieſer Mann hat Miſſethat geübt, ſo lade ich die Zeugen; jetzt will ich Zeugen rufen in einer Sache, die mir zu⸗ meiſt am Herzen liegt.“ Und er legte die Fauſt auf das Pergament. 8. Bis zu den Meſſern am Grenzſtein. „Der Kaiſer kommt,“ riefen die Kreuzfahrer ein⸗ ander freudeſtrahlend zu, als ein ſchnelles Ruderſchiff die Nachricht nach Accon gebracht hatte, daß Friedrich mit ſeiner Flotte auf Cypern gelandet ſei. Mit gehobenem Haupt ſchritten die Deutſchen einher, auch die Partei des Papſtes: Lombarden und Provenzalen, Templer und Johannesbrüder vermochten das frohe Gefühl nicht zu unterdrücken, daß jetzt die träge Ruhe zu Ende ſei und eine große Entſcheidung bevorſtehe. Der Kaiſer kam als Gebannter und kam gegen den Willen des Papſtes, der den verſpäteten Kreuzzug vor der geſammten Chriſten⸗ heit als neuen Frevel und Ungehorſam verklagt hatte. Aber daß er dennoch ſein Gelübde erfüllen wollte, und daß er in ſtolzem Muthe wagte, trotz der Verdam⸗ mung des heiligen Vaters im Dienſt des Erlöſers zu kämpfen, das feſſelte für den Augenblick die Herzen der Menſchen in Bewunderung und hemmte die Bosheit der Unverſöhnlichen. Und als Kunde auf Kunde einlief, daß der gewaltige Herr das ganze Königreich Cypern — 248— ohne Schwertſtreich, nur durch die Wucht ſeines Willens und durch blitzſchnelle Ueberraſchung unter ſeine Ge⸗ walt gezwungen habe, und daß er ſeine hochfahrenden Gegner gleich Unterworfenen mit ſich führe, da bezwang die Furcht ſelbſt die Unbotmäßigſten; die Fürſten von Antiochien und Tripolis, alle Grafen und Barone des nördlichen Syriens riefen nach ihren Roſſen und beeilten ſich gen Accon hinabzuziehen, um dem Oberherrn der Chriſtenheit zu huldigen. Die Johannesbrüder luden ihre Comthure aus den großen Burgen am Libanon, um dem Kaiſer die Helden ihrer reichen Genoſſenſchaft vorzu⸗ ſtellen, und ſogar die hochfahrenden und eigenmächtigen Templer beſchloſſen, ſich vorläufig vor der überlegenen Macht zu beugen. Da endlich ſeine Flotte in Sicht kam, ſtrömte Alles nach dem Hafen, die Edlen, die Kreuz⸗ fahrer, die Bürger der Stadt, und er ſetzte ſeinen Fuß auf den Boden des gelobten Landes unter einem Jubel⸗ geſchrei, das bis zum Himmel ſtieg. Auch der Patriarch mit ſeinen Biſchöfen ſtand grüßend am Ufer und der Kaiſer beachtete wenig, daß der Stellvertreter des Papſtes ihm, weil er gebannt war, den Friedenskuß verſagte. Sein Antlitz ſtrahlte vor Freude, als er die Führer der Chriſtenheit und einen unzählbaren Schwarm des Volkes vor ſich ſah, wie ſie niederknieten und begeiſtert die Hände zum Himmel hoben, um ihn als Kaiſer und Herrn und als ihren Retter zu begrüßen. Groß war die Freude der Chriſten, doch noch größer die Beſtürzung der Muhamedaner. Zu ihnen flog die Kunde, daß der große Emperor gekommen ſei, — 249— wie ein Wüſtenſturm, der den Horizont mit rothem Dampfe verhüllt, Wolken von heißem Sande aufwühlt und durch ſeinen Athem das Mark der Glieder und das Grün des Bodens verſengt. In jedem Weiler und in jeder Burg der Sarrazenen lauſchten die Leute der Verkündigung, in den Oaſen der Wüſte ſaßen die Haufen der Bodwinen nachdenklich die Bärte ſtreichend, und die wilden Krieger des Libanon, die den Sarra⸗ zenen verfeindet waren wie den Chriſten, ſprengten durch die Felsſchluchten und ſchrieen die Neuigkeit in die Thäler. Es war nicht das kleine Kreuzheer, welches den einge⸗ borenen Söhnen des Oſtens ſolche Scheu einjagte, ihre Späher hatten oft in die leeren Lagergaſſen der Chriſten geſchaut und auch die Schiffe der kleinen Flotte gezählt, welche der Kaiſer heranführte. Es war der Name des einen Mannes, der die Kühnſten mit banger Sorge er⸗ füllte. Nicht grundlos war die Scheu, mit welcher ſie ihn betrachteten, denn ſie hatten im Guten und Böſen die Gewalt ſeines Weſens erfahren. Er hatte Sicilien den Helden ihres Volkes entriſſen, jeden Widerſtand niedergeſchlagen, alle ſeine Feinde vom Erdboden ver⸗ tilgt. Sie wußten, daß er erlittene Kränkung nicht ver⸗ gaß und daß er Untreue zu rächen wußte, ausdauernd, kalt die Stunde erwartend, aber ſicher und erbarmungs⸗ los gleich einem Geiſte der Luft, der unſichtbar den tötenden Hauch entſendet. Doch wie er ſie mit Schrecken erfüllte, ſo verſtand er ihnen auch zu gefallen durch vornehmen Stolz, durch ſein prachtvolles Weſen und durch das hochſinnige Vertrauen, welches er den unter⸗ — 250— worfenen Bekennern des Islams ſchenkte. Denn aus ihnen wählte er die Leibwache, die ihn immer umgab. Mit den Kalifen der Sarrazenen verkehrte er durch Geſandte wie mit ſtammverwandten Fürſten und gern tauſchte er mit ihnen Geſchenke; die arabiſchen Gelehrten und Dichter pilgerten zu ſeinem Hofe, er ſelbſt kannte ihre heilige Sprache und hatte Verſtändniß für die Weis⸗ heit und Kunſt des Morgenlandes. Wo er als Herr waltete, hielt er ſtreng darauf, daß die Muhame⸗ daner in ihrem Glauben nicht geſtört wurden, ihre Muezzim riefen in Palermo und Meſſina zum Gebet wie in Kairo und Damaskus und gern verkündeten ihre weiſen Männer, daß er kein Chriſt ſei wie die andern, ſondern eher ein Bekenner des Propheten. Während das Mißtrauen der päpſtlichen Partei jede That ſeines Lebens feindſelig deutete, empfing ihn die Bewunderung der Ungläubigen als einen Mann, der an Stärke und Weisheit Allen überlegen ſei. „Hier haſt du mich, Meiſter,“ rief Friedrich fröhlich dem Bruder Hermann zu,„denke an den Abend von Otranto, es iſt gekommen, wie ich hoffte.“ „Auch wie ich fürchtete,“ antwortete der Meiſter ernſt. „Ja,“ ſagte der Kaiſer,„der Alte hat mir Noth genug gemacht; dennoch verſpreche ich dir, ich gehe nicht eher von hier fort, bis ich dich und deine Brüder in Je⸗ ruſalem eingeführt habe. Vermögen wir nicht mit dem Blitz zu treffen, ſo wollen wir durch Donner betäuben. Vor Allem will ich deinen Mißgönnern von St. Johann — 251— die Herrenfauſt zeigen. Beim Einfahren ſah ich Brüder vom weißen Kreuz in der Mauth lagern, ſie ſollen ſo⸗ gleich erfahren, daß dieſer Hafen mit ſeinen Einkünften mir gehört. Und wir werden das Geld gebrauchen.— Das Heer muß aus der verdorbenen Luft hinein in's Land.“ „Die neue Burg iſt geſchanzt, welche des Kaiſers Heerlager gegen Sultan Elkamil decken ſoll,“ verſetzte Hermann.. „Du thuſt immer ſtill das Richtige,“ lobte der Kaiſer.„Wo lagern die Sarrazenen? Und zur Stelle begann ein eifriger Austauſch von Nachrichten. Unterdeß ſtand Ivo in der Halle des Königsſchloſſes unter einer glänzenden Verſammlung von Edlen. Als der Kaiſer mit ſeinem Gefolge eintrat, erſcholl wieder donnernder Jubelruf und er dankte mit ſichtlicher Freude. Einer der Herren nach dem andern nahte huldigend, und da auch Meiſter Montague vom Tempel ſein Knie beugte, flog ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des Friedrich und er ließ ihn einen Augenblick knien, bevor er ihn aufhob und küßte. Während er den knienden Ivo erhob und mit einem Kuß ehrte, ſagte er leiſe:„Ihr ſeid einer von den Treuen und hier gedenke ich euch nicht von mir zu laſſen. Denn ihr ſeid erwählt die deutſchen Ritter anzuführen, mit denen ich mich umgeben will. Einſt wart ihr zu ſtolz, die Reiſe mit meinem Golde zu rüſten, jetzt lege ich euch an eine goldene Kette.“ Als Ivo in das Gemach des Kaiſers trat, ſich für den neuen Dienſt zu melden, fand er den Herrn im Geſpräch mit einem Edlen, dem ſein ſchwarzes kurzge⸗ ſchnittenes Haar und das hagere gefurchte Geſicht das Anſehen eines Italieners gaben.„Kennſt du den Edlen von Ingersleben, Humbert?“ frug Friedrich und ſetzte, zu Ivo gewandt, hinzu:„Mein Vetter, der Graf von Meran.“ „Ich ſah den Herrn niemals vor dieſem Tage,“ antwortete der Graf ſtolz. Der Kaiſer ſetzte ſich und betrachtete mit ſtillem Behagen die beiden Helden, welche ſich förmlich gegen ein⸗ ander neigten.„Vertragt euch unter dem Kreuz als gute Geſellen,“ rieth er gemüthlich. Als er den Grafen ent⸗ laſſen hatte, berührte er mit der Hand die Schulter Jvo's da, wo er einſt die Stickerei eines Tuches gemuſtert hatte, und ſagte auf die Thür deutend vertraulich:„Er iſt ſtill und ſcharf. Mir hat er gute Dienſte geleiſtet, da wir Beide jünger waren und ich im Kampf gegen die empörten Sarrazenen Siciliens. Dieſe haben zuweilen erkannt, daß er Feinde nicht ſchont. Ihr wißt vielleicht, daß er durch Heirath meinem Hauſe nahe verbunden iſt; ihn und ſein Gemahl habe ich nach Deutſchland weg⸗ gegeben, damit der junge König Heinrich, der die Nähe des Vaters entbehren muß, von Angehörigen meines Geſchlechtes berathen ſei. Zu der Kreuzfahrt lud ich den Grafen, weil er mit Sprache und Brauch der Sar⸗ razenen ſo gut bekannt iſt wie Wenige. Könnt ihr nicht ſein Freund ſein, Jvo, ſo ſeht zu, daß er nicht euer Feind wird, denn er iſt ſeinen Gegnern läſtig.— Aber ich habe noch Jemanden, der euch kennen muß.“ Er — 233— ſchlug dreimal an eine tönende Erzſchaale. Durch eine Seitenthür trat ein alter Mann herein mit ſcharf ge⸗ ſchnittenen Zügen und forſchenden Augen in langem wallendem Gewande.„Dies iſt mein Lehrer Omar,“ ſprach der Kaiſer herzlich,„einer von den Weiſen, der die tiefen Geheimniſſe der Zahlen und der Sterne ver⸗ ſteht und der auch aus den Seelen der Menſchen Geheimes zu leſen weiß. Betrachte dieſen, Omar, und ſuche von ihm die Conſtellation zu erfahren, wenn er ſelbſt die Stunde ſeiner Geburt kennt, denn meine Deutſchen ſind darin ſorglos.“ Der Araber ſchaute prüfend auf den jungen Helden, dem dabei gar nicht wohl zu Muthe war, er bat ihn ſeine Hand zu öffnen und ſah lange hinein, frug nach Tag und Stunde, und nickte zufrieden, als Ivo nicht nur das Jahr der Geburt zu ſagen vermochte, ſondern auch, daß er am hohen Pfingſtſonntag geboren ſei, grade als das Glöcklein zur Mette läutete. 5 Seit dieſem Tage wurde Ivo von dem Kaiſer mit ſo gütigem Vertrauen behandelt, daß er ſich ſelbſt dar⸗ über wunderte und daß der Neid Anderer erwachte. Viel⸗ leicht verdankte er die unerwartete Gunſt einem Horoskop, welches Omar anfertigte, vielleicht einem andern ge⸗ heimen Bande, welches ihn nach der Meinung des Kaiſers zu treuem Dienſt feſſelte.. Im glänzenden Kriegerſchmuck, mit wehenden Ban⸗ nern rückte der Theil des Kreuzheeres, welchem der Kaiſer am meiſten vertraute, aus der Nähe des Hafens zwei Tagemärſche in das Land. Am Ufer eines klaren Baches — 251— wurden die Gaſſen gezogen, die Zelte geſchlagen; Jeder lebte in ungeduldiger Erwartung des Kampfes, denn drei Sarrazenenkönige zogen mit ihren Heerhaufen heran, und der mächtigſte von ihnen, Elkamil, Sultan von Egypten, welcher die Herrſchaft über Paläſtina an ſich geriſſen hatte, lagerte ſo nahe, daß jeden Tag ein Zuſammen⸗ ſtoß zu erwarten war. Doch keine Poſaune rief zum Kampf, nur Geſandte der Chriſten und Sarrazenen ritten zwiſchen den beiden Heerlagern. Unterdeß wurde es nicht leicht, das Heer zu er⸗ nähren, am ſchwerſten, den Roſſen das Futter zu ſchaffen, die leichten Reiter der Sarrazenen ſtreiften umher, lauer⸗ ten hinter Felſen und Sandhügeln und die ausgeſandten Haufen der Chriſten hatten faſt täglich kleine Kämpfe zu beſtehen und kehrten oft vergeblich zurück, gemindert an Zahl und Vertrauen. Einſt erhielt Lutz den Befehl, mit einer Anzahl Knechte nach Lebensmitteln auszureiten. „Ich denke mit gefüllten Karren heimzukommen oder gar nicht,“ ſagte er des Auftrages froh zu Henner. Bei früheren Jagdfahrten war er viel durch das Land geſtreift, auch diesmal wußte er ſeinen Zug auf Umwegen weit hinein zu führen, bis er von der Höhe auf ein Thal blickte, das von einer reichen Quelle bewäſſert, in tiefem Frieden dalag.„Hier hat noch Niemand geſengt, die Häuſer ſind unverſehrt, ich ſehe Kameele und weidende Roſſe.“ Die Reiter wanden ſich durch ein Gehölz vor⸗ ſichtig in den Grund, wo ihr plötzliches Erſcheinen arge Verwirrung hervorbrachte. Eine kleine Karawane hatie ſorglos am Quell geraſtet, verhüllte Frauen rannten zu — 255— den Kameelen und ihre Wächter ſprangen zu den ange⸗ pflöckten Roſſen. Doch ſie wurden umringt und ent⸗ waffnet, bevor ſie zum Widerſtand bereit waren, und Lutz rief ihnen durch den ſyriſchen Dragoman zu:„Werft euch mit den Geſichtern auf den Boden und rührt euch nicht, an euch iſt uns wenig gelegen.“ Die Knechte durchſuchten die Häuſer und öffneten die gemauerten Gruben, in denen das Getreide lag. Während ſie aber haſtig die Karren beluden, kam von der entgegengeſetzten Seite ein anderer Haufe des Kreuzheeres herangejagt mit ähnlicher Abſicht; Lutz erkannte die Mäntel der Johanniter und ritt ihnen entgegen:„Sucht euch andere Gelegen⸗ heit, hier ſind wir Wirthe.“ „Wir theilen die Beute,“ rief ein Bruder,„oder beim heiligen Kreuz, ihr ſollt gar nichts erhalten, denn wir ſind die Stärkeren.“ „Wir aber waren die erſten,“ verſetzte der Thüring, „und deshalb füllen wir vor euch.“ Er gab ſeinen Beglei⸗ tern das Zeichen vorzuſprengen und gebot die Karren zum Schutz des kauernden Haufens an den Seiten aufzufahren. „So halte ich meine Speerbeute in der Wagenburg ge⸗ ſchloſſen,“ rief er,„will einer von euch durchbrechen, ſo erhält er Hiebe.“. Die Brüder ritten ſcheltend und drohend durchein⸗ ander, ihr Führer ſchrie zornig herüber:„Hört meinen letzten Vorſchlag, nehmt eure Säcke und macht euch da⸗ von, uns aber laßt die Weiber und Kameele.“ „Ihr ſeid gütig,“ ſpottete Lutz.„Ich will euch nicht in Verſuchung bringen, euer Gelübde zu brechen. Wir — 256— halten Quell und Thal beſetzt und haben keine Eile ab⸗ zuziehen, ſeht zu, ob ihr's ſo lange aushaltet als wir,“ und er rief zu den Karren zurück:„Nehmt einen Ham⸗ mel, ihr Knaben, und bereitet ſäuberlich eine Mahlzeit, denn wir fühlen Hunger.“ „Ihr ſeid ganz nahe an dem Lager der Sarra⸗ zenen,“ mahnte der Bruder,„jeder Augenblick Säumen kann euch die Todespforte öffnen. Ganz unſinnig muß ich euch ſchelten, daß ihr ſo ſorglos lagert.“ „Bedrängt euch die Nähe, ſo macht euch fort,“ antwortete der Thüring,„ich gedachte euch, wenn ihr ruhig harret, von dem gebratenen Hammel anzubieten.“ Die Brüder zögerten Gewalt zu brauchen, denn ob⸗ gleich ihr Gewiſſen ſie nicht gehindert hätte, den Gegner anzufallen, ſo ſcheuten ſie doch das ſtrenge Lagergeſetz. „Wiſſet, ſtarrköpfiger Deutſcher, daß wir ausge⸗ ſchickt ſind, den Haufen zu fangen, welchen ihr zwiſchen den Karren feſthaltet. Es iſt werthvolle Beute, denn die Weiber ſind aus dem Harem des Sultans und uns ward ihre Reiſe verrathen. Wagt ihr ſie zu weigern gegen den Befehl unſeres Feldherrn?“ „Gewiß weigere ich ſie,“ entgegnete Lutz.„In meiner Heimath iſt nicht Brauch, daß ein Ritter auf den Fang von Weibern ausgeht, ſondern dieſe haben Frieden bei den Fehden der Männer, zumal edle Frauen. Gehören die Verhüllten zum Hofhalt des Sultans, ſo ſollt ihr ſie erſt recht nicht erhalten.“ Und als er ſo für die fremden Frauen ſprach, fiel ihm der Vorwurf ein, den ſein Lehrer ihm zuweilen machte. „Niemals trifft ſich eine beſſere Gelegenheit, dem Mangel abzuhelfen.“ Er gebot ſeinen Begleitern:„Fällt die Speere, daß ſie nicht gegen euch vorbrechen,“ und den Dragoman rufend ritt er zum Haufen der Gefangenen und begann mit höflicher Handbewegung:„Iſt eine Edle unter den Frauen hier, ſo erſuche ich ſie in allen Ehren, daß ſie für mich ein Stück ihres Schleiers abſchneide und mir freiwillig übergebe, damit ich ihr als Ritter dienen kann, denn ich gedenke nicht zu leiden, daß jene ſchreienden Helden euch wegführen.“ Eine der Frauen, welche mit verhülltem Geſicht an dem Kameele lag, erhob ſich, riß einen Zipfel ihres Schleiers ab und hielt ihn dem Ritter hin, Lutz er⸗ kannte, daß zwei dunkle Augen ängſtlich auf ihn ſtarr⸗ ten. Er dankte ehrbar.„Dagegen weihe ich mich eurem Dienſte, habt die Güte, jetzt ein wenig aufzublicken,“ und ſein Roß ſpornend, rief er den Brüdern entgegen: „Wiſſet, ich bin Ritter jener weißen Taube geworden, und wenn ihr etwas gegen ihre Freiheit und Ehre ſinnt, ſo werdet ihr mir einen Speerkampf nicht verſagen. Werft ihr mich, ſo folgt euch die Dame, werfe ich euch, ſo laßt mich die Schweife eurer Roſſe ſo bald als mög⸗ lich ſehen. Das iſt ehrliche Bedingung.“ Die Langmuth des Johanniters war zu Ende, mit einem lauten Fluch wandte er ſein Pferd zum Anlauf, beide rannten gegen einander, und als die Speere ge⸗ brochen waren, zogen ſie die Schwerter und ſchlugen, daß die Helme klangen. Da gab einer der Brüder ein Freytag, Die Ahnen. III. 17 ſchrilles Zeichen, der Johanniter wandte ſein Pferd, und Alle jagten, ſo ſchnell ſie vermochten, von dannen. „Ich ſehe, was euch den Kampf verleidet,“ rief Lutz, als eine Schaar Sarrazenen in der Entfernung ſichtbar wurde.„Ihrer ſind viele, und wir müſſen auf den Rück⸗ zug denken.“ Er berührte den alten Haremswächter mit der Speerſtange.„Ihr Fledermaus, der ihr weder Vogel noch Maus ſeid, nehmt eure Damen unverſehrt in Empfang,“ und ſich zu der Verhüllten wendend, welche dem Kampf vom Rücken des Kameels zugeſehen hatte: iihr ſeid frei, Herrin, erweiſt auch mir die Gunſt, Jenen dort Stillſtand zu gebieten, während ich meine Karren abwärts führe. Lebt wohl, ich fürchte, daß ich euch niemals wiederſehe und mein Lebelang die Sehnſucht nach euch herumtrage.“ Die Frau ſprach einige arabiſche Worte zu dem Alten, welcher den Sarrazenen entgegen ritt. Lutz aber gebot noch ſchnell auf die Karren zu werfen und über die Sättel zu hängen, was erreichbar war, deckte die abfahrende Ladung und gelangte glücklich an das Lager, ohne von den Feinden verfolgt zu werden. Als er von Ivo und Henner eingeholt den Zel⸗ ten nahte, begegnete den Thüringen der Kaiſer. Ivo berichtete zur Stelle den Ritterdienſt ſeines Mannes und wies auf den Schleier. Da dem Kaiſer die gute Be⸗ handlung des Harems ſehr willkommen war, ſo lachte er und redete das Gefolge an, was er ſonſt ſelten that: „Erkanntet ihr ein wenig, Herr, wie eure Dame aus⸗ ſieht?“ „Ich ſah nur zwei Augen wie die einer Eule,“ ver⸗ ſetzte Lutz ehrlich,„und zwei trippelnde Füße. Wenn ſie unter der Dorflinde im Reigen ſpränge, würde ſie Mühe haben, ſich neben unſeren ſtolzen Mägden zu be⸗ haupten.“ Henner wurde traurig über die ungefüge Antwort. Der Kaiſer bemerkte die ſtrenge Miene des langen Ritters und frug ergötzt:„Wie behagt es meinen Thüringen im gelobten Lande?“ „Da dies ein heiliges Land iſt,“ antwortete der Marſchalk ehrerbietig,„ſo darf ein billig denkender Mann nicht zu viel weltliche Ergötzlichkeit erwarten. Den⸗ noch iſt es ein jämmerlicher Gedanke, daß zwei wür⸗ dige Heilige wie die Jungfrau Maria und Joſeph in ihrem Leben hier ſoviel Herzeleid erduldeten. Sicher wäre ihnen auf Erden Manches beſſer gediehen, wenn ſie aus dieſer dürren Gegend fröhlich nach Deutſchland ausge⸗ wandert wären, ſie hätten dort größere Courtoiſie gefun⸗ den, und dazu mehr Reodlichkeit.“ „Ihr vergeßt, Marſchalk,“ mahnte der Kaiſer,„daß in dieſem Fall die Kreuzigung und die Erlöſung ausge⸗ blieben wären, und wir müßten alle mit einander zur ſchwarzen Hölle fahren. Obwohl es auch in Deutſch⸗ land an Pfaffen nicht gefehlt hätte, denen die Heiligen verdächtig geworden wären. Denn auch deutſche Prieſter ſind begierig Holz zum Scheiterhaufen zu ſchichten.“ Als die Lagergenoſſen verwundert den goldgeſtickten Schleier muſterten, erklärte Lutz zufrieden:„Die Herrin 17 ½ iſt bräunlich und ſitzt in einem Harem, ich hoffe, das wird meiner Berchtel um ſo lieber ſein.“ Aber er wurde noch an das Abenteuer erinnert. Denn als kurz darauf ein Geſandter der Sarrazenen in das Lager kam, öffnete der Dragoman des Kaiſers die Thür ſeiner Hütte und führte einen nubiſchen Knaben herein, welcher vor dem jungen Ritter niederkniete und einen Selam ſprach, zuerſt arabiſch, dann ziemlich ver⸗ ſtändlich in der Sprache der Lateiner: daß die Herrin des Schleiers dies ihrem Ritter als Dank ſende, worauf er ſich ſelbſt und einen zierlichen Kaſten vor die Füße des Thürings ſetzte. „Der Knabe iſt aus der lateiniſchen Schule des Sultans Elkamil,“ erklärte der Dragoman,„wie ich ſelbſt aus der arabiſchen zu Meſſina; er iſt zum Erklärer er⸗ zogen, und vermag euch und dem Herrn wohl zu dienen.“ Lutz ſah die Sendung bedenklich an.„Oeffne den Kaſten.“ Als er eingemachte Datteln darin fand, ſchob er ihn dem Sclaven hin:„Iß von dieſen Pflaumen, ſo lange ſie reichen, denn weiter habe ich dir nichts an⸗ zubieten;“ er ſelbſt ergriff eine Bürſte und rieb ihm damit kräftig die Haut.„Lange begehrte ich dieſe Probe zu machen.„Die Schwärze geht über alle Schornſtein⸗ fegerei, ſie iſt untilgbar und dies iſt das rechte Raben⸗ kind und ganz ſicher ein Heide und Höllenſohn.“ Verlegen brachte er den Knaben ſeinem Herrn. Der Schwarze erwies ſich anſtellig und empfänglich für die Freundlichkeit, mit welcher ihn die neuen Herren be⸗ — 261— handelten, er wurde bald der verzogene Liebling der Hütten und Ivo vertrieb manche müßige Stunde damit, den jungen Ali Reiterdienſt zu lehren und ſich arabiſche Worte vorſagen zu laſſen. Die gehobene Stimmung, in welcher die Kreuz⸗ fahrer den Kaiſer begrüßt hatten, ſollte nicht dauern. Friedrich hatte einen großen Kriegsrath nach Accon be⸗ rufen und ritt frohen Muthes hinab. Es war eine er⸗ lauchte Verſammlung: der Patriarch und die Biſchöfe des gelobten Landes, die Meiſter der drei Orden, die Edlen des Kreuzheers und der chriſtlichen Beſitzungen in Syrien. Als der Kaiſer die Verhandlung über den Feldzug er⸗ öffnen wollte, erhob ſich der Patriarch und meldete eine Botſchaft des heiligen Vaters, welche an die Ver⸗ ſammlung gerichtet ſei. Zwei Franziskaner traten ein und überreichten kniend das Schreiben des Papſtes. Feierlich begann er zu leſen, daß der Statthalter Chriſtt den Geiſtlichen und Laien des Kreuzheeres verbiete, dem eidbrüchigen und gebannten Kaiſer, dem nach ſeinem erſten Ungehorſam die Pilgerreiſe verſagt worden, und der in ungehorſamem Trotz dennoch ge⸗ fahren ſei, irgend welchen Gehorſam zu leiſten. Damit aber das verſammelte Kreuzheer nicht führerlos werde, beſtelle der heilige Vater ſelbſt zu Feldherren des Heeres für die Abendländer Hermann von Salza, für die Mor⸗ genländer zwei andere edle Barone. Als die Vorle⸗ ſung beendet war, herrſchte Totenſtille im Saale, und Ivo, der hinter dem Stuhl des Kaiſers ſtand und ge⸗ ſehen hatte, daß dieſer wie im Krampf die Lehne des Thronſeſſels packte, war erſtaunt, als er mit ruhiger Stimme begann:„Der heilige Vater iſt trotz ſeiner hohen Jahre eifrig für das Wohl der Chriſtenheit be⸗ ſorgt. Mir möge die erlauchte Verſammlung nicht ver⸗ denken, wenn ich den Eifer ſeiner Mahnung für allzu groß halte, nicht meinetwegen, denn als ein treuer Sohn weiß ich mich auch, wenn er zürnt, ſeinem Willen zu fügen; wohl aber ſorge ich um die begonnene Kreuzfahrt und unſer Aller Ehre. Denn das Heer iſt klein und jeder Zwieſpalt in demſelben nimmt die Hoffnung auf Sieg. Erachten die hochwürdigen Väter der Kirche und meine Edlen für heilſam, dem Wunſche des Papſtes zu gehorchen, ſo werde ich nicht widerſtehen; aber ich werde als Streiter Chriſti und weltlicher Oberherr dieſer Län⸗ der mit dem Heere ziehen, ſelbſt gegen den Willen des heiligen Vaters, denn dies iſt mein Recht als Kaiſer und König, als Ritter und als Chriſt.“ Da erhob ſich unter den Deutſchen ein Summen des Beifalls und auch die Welſchen waren durch die Nachgiebigkeit des Kaiſers freundlich geſtimmt. Doch Pe⸗ ter von Montague zerriß die Verſöhnung, welche ſich anknüpfte, indem er hochfahrend begann:„Die Brüder vom Tempel ſind nur dem Gericht und der Ober⸗ hoheit des Papſtes unterthan und vermögen nicht im Rath zu ſitzen und nicht in einem Lager zu dienen mit einem weltlichen Fürſten, den unſer Oberherr ge⸗ bannt hat. Wir verſagen uns ſeinem Befehle wie der Theilnahme an ſeinen Verhandlungen mit den Feinden, ⸗ — 263— und wir ſchlagen unſere Zelte geſondert von den ſeinen auf.“ Daſſelbe erklärte Bernard der Johanniter, die Geiſtlichen und die meiſten Laien des Morgenlandes. Heftig eiferten die Parteien gegen einander, während der Kaiſer, ohne ein Wort in den Streit der Meinungen zu werfen, auf ſeinem Stuhle ſaß; mit Mühe vermochte zuletzt Hermann von Salza durchzuſetzen, daß die Herren, welchen der Papſt den Oberbefehl überwieſen hatte, von der Verſammlung als Feldherren ausgerufen wurden. Schweigend ritt der Kaiſer in das Lager zurück. Aber als er mit wenigen Getreuen in ſein Zelt trat, ſagte er heiter:„Lange Jahre ſpiele ich mit dem Alten von den ſieben Hügeln das Königſpiel, welches ſie Schach nennen, und ich habe Manches von ihm gelernt; jetzt hat der hitzige Spieler einen falſchen Zug mit ſei⸗ nem Elephanten Gerold gethan, er ſoll mich nicht ver⸗ leiten, in den gleichen Fehler zu fallen. Du, Hum⸗ bert, haſt von je gute Freundſchaft mit Templern und Johannitern gehalten, bewahre die Vertraulichkeit, ſo ſehr du kannſt, damit wir zu rechter Zeit erfahren, was ſie in ihrem Lager erſinnen.“ Jvo wollte das Zelt mit den anderen Herren des Gefolges verlaſſen, da hielt ihn der Kaiſer durch ein Zeichen zurück und als ſie allein waren, ſagte er herz⸗ lich:„Bleibe noch, mir iſt heut einſam zu Muth, er⸗ zähle mir, was du willſt, am liebſten Fröhliches.“ Er reichte ihm die Hand und als Jvo ſich gerührt darüber beugte, preßte er ihm heftig die Finger zuſammen.„Und du weißt nicht einmal das Aergſte, denn während ich — 264— hier mit Chriſten und Heiden ſtreite, rüſtet der fromme Vater der Chriſtenheit daheim ein Heer, um mich aus meinem Erblande zu verjagen. Dennoch hoffe ich, daß ich diesmal ſein Meiſter bleibe.“ Und er ſaß im nächſten Augenblick mit Königsmiene auf ſeinem Stuhl, ließ ſich von der Jagd im Bergwalde Thüringens erzählen und belehrte Ivo über die Vorzüge der norwegiſchen Schnee⸗ falken: Unterdeß erhob ſich in den Zeltgaſſen Lärm und Getümmel, die Krieger eilten auf den Erdwall, welcher das Lager umgab, ſtarrten in die Ferne und riefen einander heftig zu, während ausgeſtellte Wachen auf ſchäumenden Roſſen vor das Zelt des Kaiſers jagten. Als dieſer heraustrat, empfing er von den Aufgeregten die Nachricht, daß ein fremder Krieger ſich einen Ritter aus dem Chriſtenheer zum Zweikampf fordere. Gering⸗ ſchätzig ſagte Friedrich:„Ich denke, er wird nicht ver⸗ geblich ſchreien, die Helden in unſerem Heere haben ſo lange über unſern Müſſiggang geklagt, daß ſie in einen Baumſtamm hacken würden, dem man einen Turban aufſetzt,“ und zu dem ſarrazeniſchen Leibwächter gewandt frug er:„Kennſt du deinen Glaubensgenoſſen? Wer iſt der brüllende Wüſtenlöwe?“ 5 Mit einer Geberde des Abſcheues antwortete der Mann: ‚Kein Bekenner des Propheten, Herr; ſie ſagen, daß es Haſſan der Ismaelit iſt, einer von den Ver⸗ fluchten, welche dem Scheikh in den Bergen dienen. „Wie?“ frug der Kaiſer neugierig,„ſenden auch die Aſſaſſinen des Libanon ihre Helden gegen uns herab? Ich 7 rathe, ihr Herren, daß wir den Unhold betrachten.“ Er ritt mit ſeinem Gefolge aus dem Thor; auf der Höhe vor ihnen ragte im Sonnenlicht ein Reiter, Mann und Roß in hellglänzendes Metall gehüllt, über der Stahl⸗ kappe trug der Fremde eine ſpitzige rothe Mütze und über der Rüſtung einen ſchneeweißen Ueberwurf. Hinter ihm hielt ein kleiner Trupp ſeiner Genoſſen in ähnlichem Kriegsſchmuck, näher am Lager ſchrie ein Syrer in der Sprache der Morgenländer und Lateiner die Ausforderung gegen das Chriſtenheer und zwei Reiter mit Pauken und langen Poſaunen begleiteten die Verkündigung durch miß⸗ tönenden Lärm. Die Kreuzfahrer drängten ſich mit zornigen Geſichtern um das Gefolge des Kaiſers, und der Herzog von Limburg meldete:„Derſelbe Fremdling war geſtern vor Accon bei den Zelten der Johanniter, er hat einen der Bruderſchaft geworfen und erlegt und iſt dar⸗ auf ſchnell wie ein fallender Stern in der Ferne ver⸗ ſchwunden.“ „Vieles haben wir im Abendlande von den un⸗ holden Bräuchen der Rothmützen vernommen und von der Dreiſtigkeit, mit welcher ſie das Meſſer führen,“ ver⸗ ſetzte der Kaiſer,„ich merke an den beſtürzten Mienen, daß ſie auch von meinen Helden mit Scheu betrachtet werden.“ „Ihr Meſſer hat den Grafen Bohemund von Tri⸗ polis getötet,“ rief einer der Edlen, und ein Anderer: „Zwei Comthure von St. Johannes und ein Meiſter der Templer ſind durch ſie gemordet.“ — 266— „Es iſt eine Bruderſchaft ehrloſer Schufte,“ erk der Graf von Meran,„die Meuchler, welche ſie gegen ihre Feinde ausſenden, ſchleichen durch jede Thür und dringen durch jeden Ring der Leibwache. Auch die Sul⸗ tane des Islams hegen in ihrem Harem Angſt vor ihnen und kaufen ſich durch Jahrgeſchenke los von der täglichen Sorge um heimlichen Mord.“ „Dann ſind dieſe Heiden in der Kunſt des Meſſers beſſer erfahren, als deine Welſchen, Humbert, denen es an gutem Willen auch nicht fehlt,“ verſetzte der Kaiſer un⸗ gerührt. „Die Templer haben ihren Brüdern verboten,“ fuhr der Graf fort,„gegen das Ungethüm dort zu kämpfen, weil ſie demſelben ritterliche Ehre nicht zugeſtehen. Sie allein unter allen Anwohnern des Libanons werden von den Mördern gefürchtet, denn ſie haben ihnen Land ab⸗ genommen und die Burg Safitah darauf erbaut.“ „Wir haben zuweilen die Redlichkeit kennen gelernt, mit welcher die Templer ihre Gegner in Worten und Werken behandeln,“ ſagte Friedrich verächtlich;„und es giebt ein Sprüchwort, daß auch der üble Teufel nicht ſo ſchwarz iſt, als die Leute ihn ſchildern. Jener dort kommt doch nicht mit dem Meſſer, ſondern mit dem Speere und fordert ritterlich zum Kampfe, ich denke, wenn er einen Johanniter geworfen hat, werden meine Deutſchen ihm den Gegengruß nicht ſchuldig bleiben.“ Er ſah im Kreiſe umher, eine Zahl Edler ſprengte aus dem Haufen, des Kaiſers Blick haftete auf Ivo. ‚Reitet 267— nans Herr, und faßt mir dieſen Uhu, gegen welchen alle meine Raubvögel die Federn ſträuben.“ Ivo winkte ſeinem Marſchalk und eilte ſich zu waffnen, während Henner mit dem Dragoman und einem Rufer in das Feld ritt. Das ganze Heer ſammelte ſich zu dem bevorſtehenden Streite auch der Kaiſer hielt er⸗ wartungsvoll auf der Stelle; der Fremde aber ſprengte, als der gebotene Kampf angenommen war, von der Höhe herab und tummelte ſtolz ſein Roß, den Anritt des Gegners erwartend. Als Jvo im Harniſch aus dem Lager kam, laut begrüßt von den Kreuzfahrern, begann Henner, der den Ismacliten ſeither nicht aus den Augen gelaſſen hatte, vertraulich:„Er iſt ein kräftiger Geſell, und im Schwertkampf wird er euch Noth machen. Aber er iſt noch jung und verſteht ſeine Kunſt nicht zu bergen, immer wieder wirft er ſein Pferd zur rechten und gleich darauf zur linken Hand, um dann ein Stück in Rabbia gradeaus zu ſprengen. Er will das Thier an ſeine Kunſt mahnen. Kommt ihr ihm im Anritt nahe, ſo wird er das Pferd umlenken, das grade Rennen vermeiden und euch wie ein Blitz à travers anfallen. Solche Künſte ſind auf unſerer Rennbahn auch bekannt, nur daß ſein Thier mehr einem Aale gleicht als einem Pferde. Seht, Herr, wie ein Wunder ſchwingt es ſich. Wenn ihr im rechten Augenblick zum Gegenſtoß dreht und euer Fuchs nicht verſagt, ſo mögt ihr ihn wohl überrennen.“ „Ihr rathet gut,“ verſetzte Ivo eifrig,„laßt blaſen, ich bin bereit.“ Die Kämpfer ritten auf den Platz, Ivo grüßte X ——— — 268— die Lanze neigend, der Ismaelit antwortete in derſelben Weiſe.* Der Fremde wandte ſich nach Norden und Ivo nach der Gegend, wo Jeruſalem lag, während Beide ihr Gebet ſprachen. Dann klangen hell die Fanfaren und Beide rannten gegen einander; unterdeß hielt der Mar⸗ ſchall die Hand auf ſein klopfendes Herz. Aber der lautloſen Stille im Chriſtenheere folgte helles Siegesge⸗ ſchrei, denn dem gefährlichen Anfall auf die ungedeckte Seite begegnete Ivo durch ſchnelle Wendung im Laufe, ſein Speer zerbrach am Metallſchild des Andern, aber die Wucht des ſchweren Reiters und ſeines mächtigen Pferdes warf wie der Stoß eines Sturmbocks den Gegner und ſein ſchwächeres Roß zu Boden. Der Ismaelit lag von dem Roſſe geklemmt, der Helm war ihm abgeſprungen und aus ſeinem jugendlichen Geſicht ſtarrten die dunklen Augen auf Ivo, den Todesſtoß er⸗ wartend. Dieſer war zu Boden getaucht und hielt die Schwertſpitze über den Hals des Gegners, welcher kein Zeichen gab, daß er Schonung begehre.„Gut geritten, Jvo,“ rief der Kaiſer herzureitend,„ſchenke mir ſein Leben, wenn er es ſelbſt nicht begehrt. Löſt ihn vom Roſſe, entwaffnet ihn und ſchafft ihn zu unſeren Zelten, mein arabiſcher Arzt ſoll nach ſeinen Schäden ſehen. Ich bin dir dankbar, Ivo, daß du dieſen Scheucher für meinen Vogelheerd eingefangen haſt.“ Die Begleiter des Fremden waren während des Kampfes näher geritten, ſie ſtießen nach dem Fall ihres Gefährten einen gellenden Klageſchrei aus und verſchwan⸗ den hinter den Hügeln. Der Geworfene, welcher ſchwer — 269— am Bein beſchädigt war, wurde auf einer Trage zu den Hütten geſchafft, welche das kaiſerliche Zelt umgaben, und Friedrich trug dem Sieger die Sorge und Wache über den Kranken auf. Als Ivo mit einem Dragoman an das Lager des Ismaeliten Haſſan trat, begegnete ſeinen forſchenden Augen ein wilder Blick voll geheimer Seelenqual, aber ſeinem gehaltenen Gruß antwortete der Fremde in gleicher Würde, indem er mit der Hand an Bruſt und Haupt rührte. Der Wächter meldete:„Er hat ſich geweigert Nahrung zu nehmen und hat auch den Trank zurückge⸗ wieſen, den der Arzt bereitet hat.“ Da ſagte Ivo: „Während du als Gefangener des Kaiſers unter uns weilſt, habe ich die Pflicht, für deine Sicherheit und für dein Wohl zu wachen. Ich bitte dich erſchwere mir nicht mein Amt.“ Der Fremde antwortete finſter:„Habt ihr mein Leben bewahrt, um ein Unterpfand zu erhalten, durch welches ihr meinen Stamm demüthigen könnt, ſo iſt eure Hoffnung vergeblich. Sind mir auch die Waffen ge⸗ nommen, ich weiß auf dem Lager die Löſung zu finden, die mir dein Schwert verſagt hat.“ Er legte ſich zurück und wandte ſein Haupt ab. „Du ſprichſt, wie einem Tapfern gebührt,“ verſetzte Jvo erfreut über den Stolz des Anderen,„doch du. kennſt unſere Sitte nicht. Wer im ritterlichen Kampf Gefangener des Kaiſers wird, dem muthet dieſer nichts zu, was für einen Helden ſchmachvoll wäre. Unterdeß rathe ich dir, für deine Geneſung zu ſorgen, denn grade ſo wie jetzt, biſt du auch ſpäter Herr deines Schickſals, wenn dir das Leben verleidet wird.“ „Wenig liegt an dem Leben eines Beſiegten,“ rief der Ismaclit. „Du haſt dich unſerm Kampfbrauche gefügt und mein Roß ſtärker gefunden als das deine, hätten wir den Kampf ausgefochten in der Weiſe deines Volkes, ſo würdeſt vielleicht du der Sieger ſein,“ tröſtete Ivo. „Darum verzweifle nicht, ſondern denke muthig auf neuen Streit. Bringt ihm Trank und Koſt, damit ich's ihm anbiete.“ Ivo aß ein wenig von der Speiſe und ſetzte den Trank an die Lippen.„Nimm,“ lud er freundlich ein,„und laß dir die Heilung gefallen. Beide ſind wir jung und haben in unſerem Leben noch Ruhm und gutes Glück zu hoffen.“ Der Fremde empfing den Becher aus der Hand ſeines Wirthes und ſah ihn mit dankbarem Blicke an. Einige Tage darauf ſprach Ivo am Lager des Is⸗ maeliten:„Bei uns iſt Sitte, daß ein gefangener Held ſich durch hohen Eid verpflichtet, während der Haft nichts gegen das Wohl ſeiner Wirthe zu thun und nicht durch Flucht zu entweichen. Gern würde ich dir deine Gefangenſchaft erleichtern, wenn ich wüßte, ob dich ein Eid bindet und wie dieſer Eid lautet. Doch zürne mir nicht, wenn ich dir auch ſage, daß Viele unter uns den Männern deines Volkes nicht vertrauen, weil ihr fremde und unehrliche Bräuche übt und heimliche Todesboten gegen eure Feinde ſendet.“ Der Ismaelit ſah finſter vor ſich nieder.„Ich bin — 221— ein Krieger und gehöre nicht zu der kleinen Zahl der Geweihten, denn nur dieſe dienen unſerm Scheikh mit dem Meſſer. Wiſſe, Franke, verſchieden ſind die Pflichten des Lebens unter uns, grade ſo wie bei euch. Stehen wir auch Alle als Schwurgenoſſen zu einander, ſo folgt doch Jeder dem Geſetz, welches ſeinem Berufe ge⸗ geben ward. Sieben ſind der Stufen zu dem höchſten Amt, auch bei uns arbeitet der Landbauer ſorglos auf ſeinem Acker, der Edle bewahrt ſeine Ehre, die Weiſen hüten die Gedanken des Volkes und unſer Vater, der Scheikh, ſorgt als ein Heiliger über Alle. Die Krieger und Weiſen geben ihm Rath, wenn er ihn verlangt, ſie ſprechen Recht in den Thälern und kämpfen mit den Feinden. Nur was gegen die Fremden geſchehen muß zur Ehre des Glaubens und der ganzen Bruderſchaft, darüber waltet der Scheikh allein, denn dazu iſt er von Gott begnadet und ſein Ausſpruch, an dem wir nicht deuten, iſt unfehlbar.“ „Wie mögt ihr euch, wenn ihr Männer ſeid, ſolcher Herrſchaft eines Mannes fügen, der eure Seelen und Gedanken führt, wie der Hirt die Schafheerde.“ „Auch ihr gehorcht, wie wir vernehmen, einem Scheikh, den ihr den heiligen Vater nennt, er öffnet und ſchließt euch die Thore des Chriſtenhimmels, und auch ihr dient ihm willenlos auf den Knien.“ Erzürnt rief Ivo:„Wage nicht, eure teufliſche Lehre mit dem milden Geſetz der Chriſtenheit zu vergleichen. Unſer Glaube iſt durch heilige Verkündigung feſtgeſetzt und alle unſere Biſchöfe und frommen Väter haben da⸗ — 2472— rüber zu wachen, daß er rein bewahrt werde. Unſer heiliger Vater iſt nur der erſte unter ihnen, und wir dienen ihm, ſoweit er weiſe und redlich iſt. Mehr als einem Papſt haben Geiſtliche und Laien widerſtanden und er wurde herabgeworfen von ſeinem Stuhl, weil er un⸗ würdig war.“ Der Fremde legte ſich ohne zu antworten auf ſein Lager zurück. Als Jvo dem Kaiſer die Unterredung berichtete, ſprach dieſer:„Zeige ihm Vertrauen, ich wette, es iſt mehr Redlichkeit in dieſem Heiden, als in manchem Chriſten.“ Und auf Ivo's ehrerbietige Mahnung, daß die Sicherheit des Kaiſers Vorſicht gebiete, verſetzte er gleichgiltig:„Wiſſe, du ſorgſamer Deutſcher, wenn Meſſer und Gift eines Meuchlers den Kaiſer zu erreichen ver⸗ möchten, ſo wäre er längſt aller irdiſchen Sorge ent⸗ hoben. Oft war ich begierig, das Geheimniß zu er⸗ kunden, welches die Bruderſchaft vom Meſſer verbin⸗ det, denn ihr Scheikh, wie er auch ſei, hat doch etwas Großes bewirkt, ſein ganzes Volk gehorcht ihm bis zum Tode. Wären ſie die Böſewichter, wozu ihre Nachbarn ſie gern machen, ſo hätten ſie ſich längſt unter einander gleich Ratten vertilgt. Biſt du des Helden Haſſan beſſer verſichert, ſo will ich ihn ſelbſt ausfragen. Denn er gilt in ſeinem Volke für einen großen Mann und er iſt wie die Templer behaupten, ein Schweſterſohn und Liebling des Scheikhs.“ Friedrich widerſtand der Verſuchung nicht lange; eines Abends trat er verhüllt in die Hütte, redete den — — 273— Ismaeliten in arabiſcher Sprache an und als er nach langer Unterredung ſchied, ſagte er befriedigt zu Ivo: „Sie haben verrückte Bräuche und ihre Meſſer ſind in Wahrheit unhöflich. Die Scheikhs haben für ſie einen eigenen Glauben gemacht, indem ſie vorgeben, daß die göttliche Offenbarung von Moſes zu Chriſtus gekom⸗ men ſei, von dieſem zu Muhammed und daß ſie jetzt aufs Neue verkündet werde von ihnen ſelbſt. Dennoch ſind ſie nicht ganz Teufelskinder. Dein Gefangener frug ganz verſtändig nach dem Geſetz der Chriſten. Ich habe ihm ſeine Freiheit angekündigt, und ſobald er geneſen iſt, mag er zu ſeinen Bergen ziehen. Vielleicht gelingt es uns, dieſe Wilden an beſſere Sitte zu gewöhnen.“ Trotz dem Vertrauen des Kaiſers bewachte Ivo doch ſorgſam die Hütte des Fremden, denn ihm kam vor, als ob dieſer geheimen Verkehr unterhalte, und die Wachen mußten einigemal fremdartige Geſtalten verſcheuchen, welche ſich in die Nähe drängten. Aber der Argwohn gegen den Ismaeliten ſchwand in größerer Sorge. Eine Geſandtſchaft des Sultans Elkamil war in das Lager gekommen, und als Jvo bei dem Kaiſer ein⸗ trat, fand er dieſen in einer zornigen Aufregung, welcher der kluge Fürſt ſelten unterlag.„Weißt du, was der Bote des Sultans mir zugetragen hat? Daß die Treue von den Chriſten gewichen und zu den Heiden gezogen iſt, ich ſtehe hier von meinen Mitchriſten preisgegeben und verrathen und ich verdanke nur dem Hochſinn eines Sarrazenen, daß ich nicht ein Gefangener bin. Zwei Briefe ſendet der höfliche Sultan, welche Chriſten an Freytag, Die Ahnen. III. 18 — 274— ihn geſchrieben haben, der eine iſt von dem heiligen Vater ſelbſt, welcher den Sultan warnt, mit mir zu verhandeln, denn ich ſei gebannt und alle Verträge, die ich ſchließe, ſeien nichtig; der andere Brief des Schurken Montague verräth dem Heiden gar die Stunde, in der wir täglich mit kleinem Gefolge in das nahe Thal reiten, um dort zu baden, damit der Sultan uns durch ſeine Reiter ergreife. Wie gefällt dir, du deutſcher Sänger, die neue Weiſe, in welcher meine Feinde den Sarra⸗ zenen in's Ohr ſingen? Und wer hat den Templern zuge⸗ tragen, daß wir im Bade zu faſſen ſind?“ „Gebt uns Deutſchen die Erlaubniß,“ rief der em⸗ pörte Ivo,„den Böſewicht Montague zu greifen, und wir reißen ihn mitten aus ſeiner Bruderſchaft, und führen ihn gebunden an die Sättel unſerer Pferde in dies Lager und vor euer Gericht.“ „Ich weiß, daß ihr Thüringe behende ſeid, wider⸗ wärtige Leute an eure Sättel zu binden,“ antwortete der Kaiſer ein wenig beſänftigt durch den Zorn des Ge⸗ treuen.„Aber ſo lange du mir dieſen Ritterdienſt nicht gegen alle Feinde erweiſen kannſt, danke ich dir dafür; denn er würde das Uebel nur ärger machen und uns ſchnell aus dem heiligen Lande hinaustreiben. Anderes gebietet dem Kaiſer ſein Amt. Willſt du wiſſen, was?“ Er nahm zwei Briefe von der Tafel, warf ſie in einen Kaſten und ſchlug den Kaſten zu.„Schweigen und ſtill⸗ halten, bis der Tag der Rache kommt. Unterdeß ſind dieſe Briefe für mich nicht geſchrieben, und auch du ver⸗ giß, daß du von ihnen gehört haſt.“ Der Kämmerer trat ein.„Zürnt nicht, wenn ich Nichtiges melde. Zwei Fremdlinge, die mehr bartloſen Knaben als Männern gleichen, erflehen Zutritt. Sie tragen ſich wie ſyriſche Landleute, doch ſprechen ſie nur arabiſch, und auch davon kam wenig über ihre Zunge.“ „Frage ſelbſt, was ſie begehren,“ befahl Friedrich abweiſend. „Nur dem großen Emperor dürften ſie den Auftrag ſagen.“ „Dann kommen ſie wegen geraubter Frauen oder Hammel. Der Sarrazene Abdallah ſoll mit ihnen reden.“ Aber im nächſten Augenblick trat der gerufene Leib⸗ wächter ein, entſetzt, als hätte er einen Geiſt geſehen. „Sie kommen vom Scheikh aus den Bergen, es ſind ver⸗ kleidete Fedavie mit den Meſſern. Geſtatte, daß wir ſie niederhauen, bevor ſie ſtechen.“ „Ich bin dem Alten dankbar, daß er gleich zwei ſeiner Wespen an uns verſchwendet,“ ſagte Friedrich be⸗ troffen.„Thorheit,“ unterbrach er ſich ſelbſt.„Ich habe ihm nie etwas zu Leide gethan. Ladet den Helden Haſſan zu mir, doch geleitet ihn durch den anderen Eingang; alsdann führt die Boten herein, ich will ſie ſelbſt ſehen.“ Als Haſſan waffenlos, mit tiefer Verneigung ein⸗ trat, hob der Kaiſer ein reichgeſchmücktes Krummſchwert, wie es die Morgenländer zu führen pflegten, aus den aufgeſtellten Rüſtungen und reichte daſſelbe dem Ismaeli⸗ ten.„Ich empfange Boten deines Scheikhs, ſie ſollen dich als freien Mann unter uns erkennen, nimm die Waffe und ſtelle dich neben mich.“ 18* Ivo warf einen flehenden Blick auf den Kaiſer und beugte das Knie.„Gut,“ nickte Friedrich,„ich halte mich ſeitwärts, du magſt an meiner Statt in die Mitte treten; ihr Wachen lüftet die Klingen und bringt ſie her.“ Zwei unanſehnliche Geſtalten mit fahlen verlebten Geſichtern und glanzloſen Augen traten herein, warfen ſich am Eingang zur Erde und ſchlugen mit dem Haupt auf den Teppich, dann griff der Eine in das Gewand, brachte einen Brief, der mit goldener Schnur umwunden war, hielt ihn an Herz und Haupt und legte ihn ehr⸗ furchtsvoll in Ivo's Hand. Dieſer überreichte den Brief dem Kaiſer.„Der Alte führt ein Siegel wie andere große Herren,“ murmelte Friedrich neugierig,„und ſo⸗ gar ſein Wappenzeichen, das Meſſer.“ Er las, ihm entſchlüpfte ein Ausruf des Erſtaunens, und er gab den Brief an Haſſan. Lies, Held, und ſage mir, ob Alles ehrlich gemeint iſt, was in dieſen Zeilen ſteht.“ Der Ismaelit rührte mit der Hand an ſeinen Hals und verſetzte ſtolz:„Mein Haupt ſei dir Unterpfand, verächtlich iſt die Lüge in den Bergen, auch unſere Feinde haben nie an der Wahrheit unſerer Rede gezweifelt.“ Der Kaiſer blickte ihm ſcharf in die Augen.„Ich vertraue dir. Wiſſe, Jvo,“ begann er gutgelaunt in deutſcher Sprache, die Keiner der Anweſenden verſtand: „Dieſer Tag bringt vieles Unerwartete; nicht nur der Sultan, auch der Scheikh aus den Bergen erweiſt ſich als ein wohlgefälliger Nachbar. Er dankt ganz höflich für die gute Behandlung ſeines Neffen Haſſan, ſchreibt Ehren⸗ — 2277— volles über die Hochherzigkeit, die ich dieſem bewieſen habe und bittet mich, einen Weiſen zu ſenden, der mit ihm und ſeinen Gelehrten über den Glauben der Chriſten verhandeln könne.— Er weiß nicht, daß ich gebannt bin, und daß ich nicht ſogleich einen frommen Vater auftreibe, der in arabiſcher Sprache zu ſtreiten vermag.— Zu⸗ letzt beweiſt er ſeine Achtung vor unſerem Chriſtenthum dadurch, daß er mir dieſe hier zum Geſchenk ſendet.“ Er wies auf die beiden Boten, welche am Eingange des Zeltes kauerten mit geſenkten Häuptern und ſtieren Augen gleich Stumpfſinnigen. Jvo ſah in Widerwillen auf die Geſandten.„Was ſollen eurer Majeſtät dieſe kraftloſen Männer?“ „Auch der Alte wird ſchwerlich auf ihre Stattlichkeit ſtolz ſein, aber er hält ſie für nützlich. Zwei Seelen ſeiner Geweihten ſchenkt er mir und zwei Meſſer, damit ich ſie, wie der wilde Heide ſchreibt, gegen meine Feinde gebrauche. Denn wiſſe, ſo kläglich ſie ausſehen, ſie ſind begeiſtert in ihrem Glauben, kein Hinderniß und keine Gefahr hemmt, wie er behauptet, den Todesgruß, welchen ſie tragen, und keine Marter lockt ihnen ein Geſtändniß ab. Wunderlich iſt eine Macht, welche ſo über das Leben Anderer verfügt, ſchneidende Werk⸗ zeuge ſind dieſe Knaben in der Hand ihres Herrn, und dieſer Herr ſoll fortan ich ſein.“ „Mein Kaiſer aber wird dem Geber die fluchwürdige Gabe zurückſenden,“ bat Ivo. „Du biſt ſchnell,“ verſetzte Friedrich mit düſterm Behagen auf die Willfährigen blickend.„Wer die Ge⸗ — 278— ſchenke eines Morgenländers ablehnt, beleidigt ihn ſchwer, und der Alte in den Bergen vermag ein werthvoller Freund zu werden, ja noch mehr, er findet ſogar ein Wohlgefallen an unſerem Glauben.“ „Begehrt er in Wahrheit gutes Einvernehmen mit den Chriſten,“ fuhr Jvo flehend fort,„ſo iſt die erſte Bedingung, daß er dem teufliſchen Gebrauche der Meſſer entſage, denn kein Zutrauen iſt möglich zu einem Volk, deſſen Glaube ehrloſe Thaten heiligt. Niemand aber ver⸗ mag ihm das ſo eindringlich zu ſagen, als des Kaiſers Majeſtät, wenn ihr ſeiner Sendung entgegenhaltet, daß ſie mit dem Geſetz unſeres Glaubens unverträglich ſei.“ „Du haſt ganz Recht,“ verſetzte der Kaiſer ruhiger, „wenn du ihre Meſſer ehrlos nennſt. Handeln aber die Chriſten anders?“ Er wies auf das Käſtchen.„Waren das nicht auch ehrloſe Dolche, die gegen mich geſchwungen wurden?“ „Viele Miſſethat geſchieht unter uns, welcher wir fluchen,“ entgegnete Ivo,„doch die Miſſethäter trifft in dieſer Welt Zorn und Verachtung der Redlichen und vielleicht der Arm des irdiſchen Richters; und in jenem Leben, wie wir belehrt ſind, die Schrecken der Ewigkeit.“ „Dein Kaiſer iſt auf Erden der höchſte Richter,“ antwortete Friedrich,„und er hat oft gefühlt, daß in Noth⸗ zeiten ſein Arm ſchwach iſt, die Miſſethäter zu ſtrafen. Da die Römer noch Heiden waren, bildeten ſie ihren höchſten Gott Jupiter ab, wie er ein Bündel rächender Blitze in der Hand hielt, ſie konnten kein beſſeres Zeichen göttlicher Macht erfinden. Wahrlich, dieſe Knaben, welche ſich für ihren Herrn dem Tode geweiht haben, ſind ſolchen Blitzen vergleichbar.“ Erſchreckt durch dieſe Worte warf ſich Ivo dem Kaiſer zu Füßen und rief:„O mein gnadenvoller Herr, bannt die finſteren Gedanken aus eurem edlen Geiſte, denn der üble Teufel verſucht die Guten durch ſeine Un⸗ holde, die er ihnen in den Weg ſendet. Auch der Höchſte und Beſte auf Erden ſoll ſich hüten, daß ihm nicht in ſchwerer Stunde die dienſtwilligen Boten der Hölle als gute Gehilfen erſcheinen für eine ehrliche That. Eurer Rache dienen die Schwerter der Redlichen und die Gewalt des laut verkündeten Richterſpruches, nicht die heimliche Waffe der Verſchwörer, ein heller Tagesfürſt ſeid ihr uns und nicht ein Gebieter finſterer Schatten.“ „Erhebt euch, Herr,“ rief der Kaiſer unwillig, „allzu dreiſt mahnt ihr vor Zeugen euren Gebieter.“ Da Jvo traurig zurücktrat, fügte er freundlicher hinzu:„Du meinſt es gut, das weiß ich wohl, aber hege ein beſſeres Zutrauen zu mir. Seh ich aus wie einer, der Meuch⸗ ler ſendet, um ſich läſtiger Feinde zu entledigen? Wahr⸗ lich, meine Gegner dürfen ſich nicht beklagen, daß ich ihnen die Freude, mir zu ſchaden, unredlich verkürze. Wenn ich etwas von Nothfällen ſagte, ſo waren es nur ſolche, die ein König allein verſteht. Tröſte dich, Jvo, jene Stummen mögen abwarten, bis wir den Alteg ſelbſt auf beſſere Gedanken gebracht haben, vielleicht behältſt du Recht, und ich kann ſie ihm zurückſenden, ohne daß er ſich gekränkt fühlt.— Du, Haſſan, ſprich zu den ver⸗ lorenen Kindern deines Volkes, ihr Anderen aber achtet — 280— darauf, daß ſie nicht im Lager umherſchweifen und über⸗ laßt ſie ſonſt ihren eigenen tiefen Gedanken.“ Der unabläſſigen Sorge, mit welcher Ivo die Be⸗ hauſung der unheimlichen Geſellen bewachte, wurde er bald darauf durch den Kaiſer ſelbſt enthoben. „Sattle, Held,“ rief Friedrich dem Eintretenden zu, ndu ſollſt einen weiten Weg für mich reiten. Nach dem Norden entſende ich dich mit einer Botſchaft an den Sultan von Damaskus, du wirſt ihn und ſein Heer am Libanon finden, wo er mit den Johannitern um die Grenz⸗ ſteine hadert. Von dort magſt du ihn nach Damaskus be⸗ gleiten, dort kannſt du den Hofhalt eines reichen Morgen⸗ länders ſchauen, Geſchenke bringen und empfangen.“ Jvo dankte durch einen frohen Blick.„Deine Augen ſind unhöflich,“ lachte der Kaiſer,„ſie verrathen, wie glücklich du biſt, meiner Nähe zu entrinnen. Entſchuldige dich nicht,“ fuhr er gütig fort,„und eile zurückzukehren. Auch deinen Schützling, den Ismaeliten, wirſt du ent⸗ laſſen; ich ſende zugleich mit dir den Grafen Humbert nach dem Libanon, er ſoll dem Scheikh ſeinen Helden übergeben und meinen Dank für die Meſſer zurücktragen, die der Alte mir geſandt hat. Ich meine, dir wäre der Auftrag unwillkommen.“ „Ich danke, daß des Kaiſers Majeſtät mich dieſer Fahrt enthebt,“ verſetzte Ivo ernſthaft.„Möge eure Huld dem Haſſan eine ehrliche Heimkehr ſichern, denn er hat ſich unter uns unſträflich gehalten und doch ge⸗ ringe Freundlichkeit gefunden.“ „Du ſelbſt kannſt für deine Speerbeute ſorgen, V — 281— denn du reiteſt bis zu den letzten Burgen der Chriſten mit dem Grafen Humbert zuſammen.“ Jvo machte eine Bewegung.„Ihr lebt beide unter dem Kreuz,“ mahnte Friedrich ernſthaft.„Die Heiligen, denen ihr jetzt dient, fordern mancherlei Entſagung. Das Land iſt unſicher, und ihr werdet gut thun, ſcharf aus⸗ zuſehen.“ Der Graf trat ein mit anderen Herren des Ge⸗ folges. Bevor der Kaiſer ſie anredete, ſchlüpfte aus der Seitenthür ein mauriſcher Knabe und übergab kniend ein kleines Pergamentblatt. Friedrich las, ſeine Miene um⸗ wölkte ſich, er ſetzte ſich ſchweigend in den Seſſel, las wieder und ſah prüfend auf Ivo und den Grafen. Endlich erhob er ſich, und nachdem er die Aufwartenden entlaſſen hatte, begann er in gebietendem Tone gegen Beide von der vertrauten Sendung. Aber Ivo ver⸗ mochte ſeine Ueberraſchung nicht zu bergen, als der Kaiſer dem Grafen Humbert die Geſandtſchaft an den Sultan von Damaskus auftrug, ihm aber die Reiſe zu dem Alten vom Berge. Der Graf warf von der Seite einen wilden Blick des Triumphes auf Ivo, und verneigte ſich dankend gegen den Herrn. Als der Thüring folgen wollte, trat Friedrich auf ihn zu und ihn ſcharf anblickend, ſprach er:„Ich habe dir zuweilen gezeigt, daß du mir werth biſt. Wenn du jetzt in ſtillem Verdruß die unwillkommene Reiſe antrittſt, ſo wiſſe, Jvo, daß ich dir einen größeren Beweis meiner Neigung nicht geben konnte, als grade den, daß ich dein Amt und das eines Andern vertauſchte.“ Er gab ihm mündliche Auf⸗ — 282— träge, das Schreiben an den Scheikh, das Verzeichniß der Geſchenke und ſchloß:„Deine Ritter würden dir in dem fremden Land ohne Nutzen ſein, nimm ſtatt ihrer einen Beritt meiner Leibwächter, welche Sprache und Sitte des Morgenlandes kennen, du kannſt dich für Leben und Tod auf ſie verlaſſen. Um deine Thüringe werde ich unterdeß ſorgen. Sende mir den Haſſan, damit ich ſelbſt ihn entlaſſe.“ Sonſt war Jvo jedem neuen Abenteuer fröhlich entgegengezogen, als er heut aus dem kaiſerlichen Zelt trat, war ihm das Herz ſo ſchwer, wie niemals in ſeinem Leben und er ſchalt ſich ſelbſt darüber. Auch ſeine Ritter trauerten.„Zum erſten Mal reitet mein Herr ohne mich unter Feinden,“ klagte Henner, und Lutz bat: „Nehmt wenigſtens den Rabenſohn mit euch, der uns aus dem Harem zugeflogen iſt, denn er verſteht das Schnarren und Krächzen alles Geziefers in dieſem Lande.“ Mit ſechs mauriſchen Leibwachen und den Saum⸗ roſſen ritt Ivo, begleitet von Haſſan und dem jungen Nubier, zum Sammelplatz des Lagers, gleich darauf kam der Graf von Meran mit großem Gefolge, darunter Brüder von St. Johannes und dem Tempel, welche nach ihren Burgen im Norden reiſten. Ivo ſah, daß in der ganzen Geſellſchaft kein Deutſcher war, nur Provenzalen und Welſche. Graf Humbert gab das Reiſezeichen und die kleine Schaar ſprengte aus dem Lagerwall der Küſte zu. Als ſie eine Strecke geritten waren, trieb der Graf ſein Pferd zu IJvo heran.„Der Kaiſer will, daß ihr die Reiſe bis zu den Grenzburgen — 283— in meiner Geſellſchaft macht. Da ihr ein Deutſcher ſeid, ſo iſt nicht unnütz, euch zu erinnern, daß ich den Befehl habe und daß ihr euch meinem Gebot fügen werdet wie ein Anderer.“ Jvo antwortete:„Der Oberbefehl gebührt euch mit Recht, da ihr der Aeltere ſeid. Was ihr zum Nutzen der Fahrt meinen Leuten gebieten müßt, das laßt mich wiſſen, und zwar mit der Höflichkeit, welche ich im Amt des Kaiſers von euch zu fordern habe. Außer durch mich kommt kein Befehl an den Ismaeliten Haſſan und an meine Lanzenträger, denn die Leibwachen führe ich und für den Fremden bin ich dem Kaiſer verant⸗ wortlich.“ Mit hoher Miene antwortete der Graf:„Ich bin nicht gewöhnt, den Befehl mit Andern zu theilen.“ Ivo wandte ſein Roß.„Dann geſtattet, daß ich zur Stelle zurückreite und den Entſcheid des Kaiſers erbitte.“ „Ihr wißt das Vorrecht eines Günſtlings keck zu benutzen,“ verſetzte der Andere mit Hohn und ſprach arabiſch zu dem Führer der Leibwache. Dieſer ant⸗ wortete ehrerbietig und machte gegen Ivo den Gruß des Untergebenen.„Da die Leibwachen ſagen, daß ſie an euch gewieſen ſind,“ ſchloß der Graf unzufrieden,„ſo überlaſſe ich euch der Geſellſchaft eurer Ungläubigen.“ Er ſprengte vorwärts, die Schaar bewegte ſich in zwei Haufen dahin, die Genoſſen des Grafen lachend und in ſorgloſem Geſpräch, Ivo allein unter den Morgenländern in trüben Gedanken. — 284— „Meiden ſie dich,“ frug Haſſan, ‚„weil du mit einem Sohn der Berge reiteſt?“ und ſein Flammenblick folgte dem Grafen. „Ich fürchte vielmehr, Held Haſſan, daß deine Reiſe beſchwerlich wird, weil ich ſelbſt Jenem verfeindet bin.“ „Und warum reitet ihr nicht ſeitwärts in ein Thal, um euren Streit auszufechten.“ Ivo wies auf das Kreuz an ſeiner Schulter.„Beide haben wir der Rache entſagt, ſo lange wir das heilige Zeichen tragen.“ „Solches Geſetz verdirbt den, der es am meiſten ehrt,“ verſetzte der Fremde. Fünf Tage zogen die Geſandten längs der Küſte dem Norden zu. Oft ritten ſie auf hartem Ufer⸗ ſand umweht von dem milden Seewinde, oder blickten von der Höhe weit hinaus auf das blitzende und wogende Meer. Sie kamen durch die berühmten Hafenburgen der Chriſtenheit, welche von früheren Kreuzfahrern über den Trümmern vergangener Städte Phöniziens aufgemauert waren, vor ihnen aber erhob ſich zur Rechten gewaltig das Gebirge des Libanon, unten fruchtbare Gelände, darüber Höhen mit dunklem Bergwald und Alles überragend die langgeſtreckten Schneegipfel. Am ſechſten Tage lenkten die Reiſenden vom Küſten⸗ pfade den Bergen zu, welche rings um ſie aufſtiegen, hier als ſteile Felsklippen, dort durch dunkles Nadelholz gekrönt. Sie betraten das Grenzgebiet, welches die Templer den Ismaeliten entriſſen hatten und durch ihre Burgen feſthielten. Beim Aufbruch aus dem Nachtlager bemerkte — 285— Ivo, daß der Ismaelit nicht mehr das reichverzierte Krummſchwert trug, welches ihm der Kaiſer geſchenkt, ſondern ſeine Waffe, die er im Zweikampf verloren und bei der Entlaſſung zurückerhalten hatte, und er frug: Willſt du die Ehrengabe ablegen, jetzt, wo wir deinen Bergen nahen?“ „Für den Kampf vertraut der Krieger am liebſten dem Stahl, welchen er erprobt hat,“ verſetzte Haſſan. „Sinnſt du auf Schwertſchlag?“ frug Ivo.„Wir ziehen im Frieden und du weißt, daß ich dem Kaiſer mit meinem Leben für deine Heimkehr hafte.“ Haſſan neigte höflich das Haupt.„Vor mir liegt das Land meiner Väter und bei uns gilt das Sprüch⸗ wort, daß der Fuß des Heimkehrenden am leichteſten an der Schwelle des eigenen Hauſes ſtrauchelt.“ Sie ritten den Tag menſchenleere und öde Höhen entlang, zwiſchen Felſen, welche ſteil gen Himmel ragten, zuweilen ſahen ſie in ein lachendes Thal, welches noch im Spät⸗ herbſt mit hellem Grün prangte, aber die vereinzelten Steinhäuſer, welche gleich Burgen an den Felſen hin⸗ gen, waren durch Feuer ausgebrannt und die verkohlten Balken lagen umher. Hier und da erſchienen und ſchwanden Reiter auf den Höhen, einigemal glaubte Ivo die Tracht der Templer zu erkennen. Am Abend kamen ſie an einen großen Chan, und traten in niedrige Hallen, welche ſich nach einem weiten ummauerten Hofraum öff⸗ neten, an dem Eingange hing das rothe Kreuz der Templer. Dort wurden die Reiſenden von einigen Brüdern des Ordens begrüßt, Tiſche waren aufgeſtellt und ein reiches Mahl gerüſtet für die Herren und Knechte und geſondert für die mauriſche Leibwache nach dem Brauch ihres Glaubens, dieſe bediente ein ſarrazeniſcher Koch und ein Bruder des Ordens.. Die Sonne war untergegangen und große Feuer verbreiteten im Hofe Licht und Wärme, als eine Schaar von Templern heranſprengte, in ihrer Mitte ſah Ivo mit Erſtaunen die düſtere Geſtalt des Meiſters Montague, den er weit im Süden beim Kreuzheer ver⸗ laſſen hatte. Der mächtige Mann begrüßte als Wirth die chriſtlichen Gäſte, auch zu Ivo trat er:„Da hier die Wegſcheide iſt für die beiden Boten des Kaiſers, ſo bin ich zur Grenze gekommen, um für die edlen Herren zu ſorgen, ſoweit die Bruderſchaft vermag. Wiſſet, Herr, ihr zogt bis jetzt im Schutze des Tempels, denn meine Brüder haben die Bergpfade bewacht.“ Bald ſchwirrte laute Unterhaltung in verſchiedenen Sprachen, Graf Humbert war in beſſerer Laune als onſt, und Ivo beachtete wohl, wie vertraulich er mit den Templern lachte und Scherzworte tauſchte. Auch Ivo wurde von einem Bruder deutſcher Zunge, der mit dem Meiſter gekommen war, in ein leichtes Reiterge⸗ ſpräch gezogen, und die Gäſte rühmten freudig die leckere Koſt, während behende Knaben der Templer den heißen Wein des Libanon ſchenkten. Dennoch war bei dem Gelage ein Zwang erkennbar, öfter als ſonſt geſchieht ſprachen Einzelne leiſe miteinander und lautes Gelächter wechſelte mit unheimlicher Stille. Als Ivo aufſtand, nach dem Helden Haſſan zu ſehen, fand er ihn allein — 287— neben dem nubiſchen Knaben auf dem Boden ſitzen, mit dem Rücken an die Mauer des Chans gelehnt. Da nahm er einen gefüllten Becher und bot ihn dem Js⸗ maeliten:„Du verſchmähteſt unter uns nicht den Lieb⸗ lingstrank der Chriſten, trinke nach unſerem Brauch auf ein gutes Ende der Fahrt.“ Haſſan wies dankend den Becher zurück.„Auch nicht, wenn ich dir zutrinke?“ Der Andere weigerte ſich wieder, und wies nach den Templern.„Ich und jene ſchenken einander nichts als den Tod. Willſt du dein eigenes Wohl berathen, ſo halte dich fern von mir.“ Da gebot Jvo dem nubiſchen Knaben, daß er ihm das Nachtlager an der Seite des Ismacliten bereite, er ſelbſt trat zu den Leibwachen und fand, daß auch dieſe ſtumm vor unberührten Speiſen ſaßen. Als er frug: „Verbietet heut euer Geſetz das Nachtmahl?“ antwortete der Führer düſter:„Sonſt, wenn uns der Knappe des Meiſters zum Mahle lud, koſtete er von Speiſe und Trank vor, wie ſich's gebührt, heut unterließ er die Höflichkeit. Dagegen forſchte er prüfend, ob wir im Fall eines Kampfes das Schwert für den Ismaeliten ziehen würden.“—„Und was ſagteſt du ihm?“ „Daß wir thun werden, was du gebieteſt.“ Jvo nickte.„Achtet auf die Pferde, daß ihnen kein Gegner nahe. Du, Abdallah, wende deine Augen nicht von dem Fremden und ſchütte dein Lager dicht an unſerer Seite.“ Als er ſich dem Tiſch zuwandte, trat der Meiſter der Templer ihm entgegen.„Gefällt's euch, Herr, ſo gönnt mir auf einige Augenblicke eure Geſellſchaft,“ und — 288— das Thor des Chans öffnend, lud er ein:„Folgt mir hinaus in die Nachtſtille.“ Ivo ſah zögernd nach dem Ismaeliten; da ſetzte der Templer hinzu:„Ihr werdet ihn hier wiederfinden, wie ihr ihn verlaßt.“ Im Freien be⸗ gann er:„Euer Kaiſer erforſcht gern die Zukunft aus den Sternen; auch meine Brüder ehren dieſe Wiſſen⸗ ſchaft. Sie frugen die Himmelslichter nach dem Schick⸗ ſal jenes Sohnes der Meſſer, den ihr mit euch führt, und ihnen wurde verkündet, daß dies ſeine letzte Reiſe iſt und daß er gefällt wird, bevor er eine Burg ſeiner Genoſſen betritt.“ „Ich bin des Kaiſers Bote, Herr,“ antwortete Jvo, „und der Fremde iſt meiner Ehre anvertraut.“ „Die Macht des Kaiſers iſt nichtig in dieſem Lande, keinen andern Gewaltigen giebt es hier, als den ſcharfen Stahl. Jener aber gehört zu einer Rotte von Mördern; ſie werden von ihren Nachbarn erlegt, wie man den Wolf und die wilde Katze erſchlägt, welche, allen Wald⸗ thieren ſchädlich, im Dunklen ſchleichen. Ein unchriſt⸗ licher Einfall des Kaiſers war es, dem Heiden das Leben zu bewahren, als er unter eurem Schwerte lag, und ihr begeht ein Unrecht gegen die Chriſtenheit, wenn ihr ihn heimzuführen ſtrebt.“ „Ihr wißt, Herr, daß mir als einem Geſandten nicht anſteht, den Werth des anvertrauten Mannes zu ſchätzen.“ „Dann fürchte ich,“ antwortete Montague ruhig, „daß ihr ſelbſt durch euer Amt beläſtigt werdet. Denn als meine Brüder in den Sternen laſen, daß Jener — 289— dort dem Tode verfallen iſt, da erſpähten ſie auch, daß Jeder, der für ihn das Schwert zieht, von dem gleichen Schickſal bedroht wird. Da ihr ein Edler und ein Chriſt ſeid, ſo hielt ich für Recht, euch zu warnen.“ „Wiſſet auch, Herr,“ rief Ivo ſtolz,„daß ihr ſelbſt euch durch dieſe Rede in meine Hand gebt.“ Der Meiſter lächelte finſter.„Ein Thor warnt, wo er verderben will, ich ſpreche in guter Meinung. Und ich ſage euch nur, was unſere Weiſen aus den Sternen erforſcht haben. Thut mit der Warnung, was euch gefällt, ruft ſie in die Berge, klagt ſie dem Him⸗ mel oder ſchreit ſie laut in den Hof. Blickt um euch, Herr, die grauen Mäntel, welche ihr vielleicht rings im Dämmerlichte ſeht, mögen euch die Sicherheit geb daß die Templer in dieſer Nacht um euch wachen. Zuletzt vernehmt noch dies: meinen Brüdern verbietet ihr Eid, einen Chriſten, zumal wenn er das Kreuz trägt, mit ihren Waffen anzugreifen, außer in eigener Noth zur Vertheidigung.— Gefällt's euch, ſo kehren wir zum Abendtrunk zurück.“ Jvo ſchritt im Hofe zum Grafen von Meran und rührte ihn am Arm. Dieſer zuckte, als er den Mahnen⸗ den erkannte, aber ſo feierlich war der Ausdruck und die Haltung des Gegners, daß er ſich erhob und zur Seite trat.„Ich bin gewarnt,“ ſprach Ivo,„daß mir und meinen Begleitern vor dem Ende der Reiſe ein Ueber⸗ fall droht und ich hege Verdacht, daß er von Chriſten ausgeht, welche Gegner des Kaiſers ſind. Wie denkt ihr euch dabei zu verhalten?“ Freytag, Die Ahnen. III. 19 — — — 290— „Mich zwingt mein Amt, zum Sultan von Damas⸗ kus zu reiten,“ verſetzte Graf Humbert,„ſcheut ihr euch, eure Reiſe zu wagen, ſo ſchließt euch meinem Gefolge an, und wenn ich euch geſund heimbringe, ſagt dem Kriſen daß ihr Furcht hattet.“ „Solche Antwort habe ich erwartet,“ ſagte Jwo ruhig, doch war es meine Pflicht, von der drohenden Gefahr gegen euch zu reden; denn es handelt ſich hier um das Wohl eines Fremdlings, der in kaiſerlichem Schutze reiſt, und um die treuen Leibwächter, für deren Heil ich zu ſorgen habe.“ „Da ihr euch den Befehl über den Fremden und die Mauren vorbehalten habt, ſo müßt ihr auch allein die Verantwortung für ihr Heil übernehmen.“ „Ihr ſprecht wieder, Herr, wie ich erwartete,“ ant⸗ wortete Ivo,„und damit Alles zwiſchen uns geordnet ſei, bevor ihr euren Weg fahrt, ſo vernehmt noch die letzten Worte, welche ich eurem und meinem Herrn durch euch ſende, da ihr vielleicht dem Kaiſer eher vor Augen treten werdet als ich. Der hochwürdige Bruder Montague ſagte mir, daß die Templer einen Kreuzfahrer nur in eigener Noth zur Vertheidigung angreifen. Werde ich aufgehalten, ſo ſind andere Chriſten weniger bedenklich geweſen.“ Er kehrte dem Grafen den Rücken. Der Graf von Meran trat zurück und ſah un⸗ willig nach dem Meiſter der Templer, der daneben ſtand und die Worte Jvo's beſtätigend mit dem Haupt nickte. „Seit wann haben die Brüder vom Tempel den Brauch zu warnen, bevor ſie treffen?“ frug er leiſe. — 291— „Seit ſie für Unrecht halten, in dieſem Lande alte Kränkung zu rächen. Und ich ſage dir, Humbert, meine Brüder ſollen ſeinen Tod nicht auf ihre Seele nehmen, wenn es zu hindern iſt.“ Die Feuer brannten nieder, der Meiſter brach mit ſeinem Gefolge nach der Burg Safitah auf, die Ge⸗ ſandten des Kaiſers bereiteten in den Hallen ihr Nacht⸗ lager. Jvo ſtreckte ſich neben dem Ismaeliten auf den Teppich und befahl dem jungen Nubier, zwiſchen ihnen zu kauern, damit er im Nothfall leiſe Worte von einem Ohr zum andern trage. Der Knabe erwies ſich herz⸗ haft und flüſterte:„Schlaft, Herr, ich wache.“ Es war eine ſtille, bange Nacht, Ivo lag auf den Arm geſtützt unbeweglich, aber ſeine ganze Seele war geſpannt in Auge und Ohr; der Lärm in den Mauern war ver⸗ ſtummt, er vernahm nur das Stampfen der Roſſe und leiſe Seufzer der Schlafenden, und draußen in der Wildniß den Schrei eines Nachtvogels und das Gebell der Raubthiere. Zuweilen erhob ſich der Knabe und warf ein Scheit in das niedergebrannte Feuer. So verging die Nacht den Schlafloſen. Als kaum der erſte Tagesſchimmer über den Himmel flog, rief der Marſchalk des Grafen von Meran zum Aufbruch. Eilig wurden dem Grafen und ſeinem Gefolge die Roſſe geſattelt, die Herren ſchwangen ſich auf, und ritten ohne Abſchiedsgruß davon. Jetzt erſt erhoben ſich die gewarnten Helden, ſie waren allein und Jvo athmete auf, als er in's Freie trat; vor der Herberge war Alles ſtill, nirgend ein Feind zu ſehen, der Bergwind wehte friſch an die heißen Schläfe, 19* 292— und das aufſteigende Tageslicht weckte in allen Herzen neues Vertrauen. Jvo ergriff die Hand des Ismaeliten: „Vermögt ihr allein euch leichter zu retten als in unſerer Geſellſchaft, ſo laßt mich das wiſſen.“ „Säße ich auf meinem Roß, das die Berge kannte wie ich ſelbſt, ſo würde ich die Verfolgung der Templer verlachen, aber dieſes Thier iſt aus der Ebene und nicht behender als die euren.“ „Dann reiten wir als treue Genoſſen zuſammen,“ entſchied Ivo.„Euch, Held Haſſan, gebührt uns zu führen.“ Haſſan winkte zu den Pferden, er ſelbſt ritt vor⸗ an und lenkte ſeitwärts in die Berge. Es war ein heißer Ritt um das Leben, Felſen hinauf und hinab, zwiſchen die Stämme mächtiger Cedern, in grüne Thä⸗ ler, durch angeſchwollene Waldbäche und wieder ſteile Berglehnen hinauf. Die Roſſe ſchnoben und ſtrauchelten, hoch aufgerichtet ſaß der Sohn der Berge, ſeine Augen fuhren ſpähend über Nahes und Fernes, oft änderte er die Richtung oder lenkte zurück auf bereits durchlaufenen Weg. Als Jvo ihn bei ſolcher Umkehr fragend anſah, wies er in die Ferne, und da Jvo nichts zu erkennen vermochte und mit dem Haupt ſchüttelte, hob er zwei Finger in die Höhe und rief mit einem Blick wilden Abſcheues:„Es ſind Templer, ſie verſtehen ſich auf die Jagd in den Bergen.“ Die Sonne ſtieg höher, die Pferde ermüdeten und traten unſicher, Joo fühlte unter den Leichtbewaffneten den Druck ſeiner ſchweren Rüſtung. Und wieder wies er warnend auf die ſtöhnenden Pferde. — 293— „Sie müſſen aushalten, oder wir verderben,“ ver⸗ ſetzte der Ismaelit. Weiter ging die Fahrt über Steine und durch ſtürzendes Waſſer. Endlich hielt Haſſan vor einer ſteilen Klippe, ſchwang ſich vom Roß, zog ein rothes Tuch aus dem Gewande und in die Höhe klim⸗ mend ließ er das Tuch in das Thal wehen. Als er zurückkehrte, blickte Ivo in ein freudiges Geſicht.„Noch ſind wir nicht am Ziele,“ ſagte Haſſan,„aber Kinder der Berge wiſſen, daß wir nahe ſind und ihre Reiter jagen mit der Botſchaft in die nächſte Burg.“ Und ſich wieder auf das Pferd ſchwingend, führte er einen Berg⸗ rücken entlang durch den Hochwald. Vor ihnen fiel die Höhe ſteil ab in ein kleines Thal, welches von einem reißenden Gebirgsbach durchſtrömt wurde.„Dort liegt das Land meiner Väter,“ ſagte er mit einem Blick des Triumphes hinüberweiſend,„der Bach iſt die Grenze. Vermögen wir vor einem Anfall der Feinde hinüber zu dringen, ſo ſind wir der Gefahr enthoben, denn dort ſammeln ſich jetzt meine Brüder.“ Vorſichtig ſtiegen die Reiſenden in das Thal, drangen durch den kalten Bach, der ſeinen Schaum zu den Schaumflocken der zittern⸗ den Pferde warf, und trabten, die letzte Kraft aufbietend, den Hügel hinan, auf welchem ein hoher Grenzpfeiler ſtand, der ihnen ein Kreuz als Zeichen zukehrte. Jvo neigte ſich vor dem heiligen Symbol, bevor er es hinter ſich ließ, dann glitten ſie in eine Senkung des Bodens hinab, die von hohen Cedern umſchloſſen war. Haſſan hielt ſein Roß an, ſein dunkles Antlitz ſtrahlte von ſtolzer Freude, er wies nach dem Grenzſtein zurück, in — 294— welchem auf dieſer Seite zwei Meſſer eingehauen waren: „Hier iſt meine Heimath.“ Und würdig grüßend ſprach er:„Seid willkommen. Wir lagern und harren der Meinen. Mir däucht, ſchon höre ich den Klang der Hufe durch den Wald.“ Die ermüdeten Reiter ſtiegen von den Pferden, Ivo band den Helm ab, warf ſich erſchöpft neben den Andern auf den Boden und faltete ſeine Hände zu ſtillem Gebet. Plötzlich ſtieß Haſſan einen wilden Schrei aus, Zvo fuhr auf, die Stätte war von dunklen Geſtalten in ſchwarzer Kriegertracht umringt, von allen Seiten flogen die Wurſſpeere, und ein gellendes Kampfgeſchrei folgte der Stille. Er zog ſein Schwert und eilte dem Ismaeliten zu Hilfe, der am Boden liegend gegen einen ganzen Haufen Feinde rang. Da fprang ein einzelner Gegner gegen ihn, dieſem war die ſchwarze Kurdenmütze abgefallen und Jvo ſtarrte in ein Angeſicht, das er wohl kannte; er rief ſein Schwert wegwerfend:„nimm dein Recht“ und das Meſſer des Andern bohrte ſich durch die Rüſtung in ſeine Bruſt. Seußzend ſank er über den Leib des Ismaeliten. Im nächſten Augenblick waren die Mörder verſchwunden, die Roſſe der Getöteten ent⸗ führt, lautloſe Stille lag wieder über dem Thale des Todes, nur der Bergwind rauſchte in den Wipfeln der Bäume. Ungeduldig erwartete der Kaiſer die Rückkehr ſei⸗ ner Geſandten. Er war mit dem Heere nach Süden aufgebrochen und lag bei Jaffa an der Straße nach Jeruſalem. Seinem Vorſatz getreu vermied er den Kampf mit den Sarrazenen, aber er wußte trotz der Schwäche ſei⸗ nes Heeres die Zauberkraft zu bewahren, welche ſein Weſen auf die feindlichen Fürſten ausübte, und benützte in den Verhandlungen meiſterhaft die Uneinigkeit, welche die Sul⸗ tane des Morgenlandes an gemeinſamer That hinderte. Endlich ritt der Graf von Meran in das Lager ein mit guten Verſprechungen und reichen Geſchenken des Sultans von Damaskus, ihm war Alles wohl gelungen; von der andern Geſandtſchaft wußte er nichts zu berichten, als daß er ſie in der Herberge einer Grenzburg zurückgelaſſen hatte. Vergebens ließ der Kaiſer durch ihn bei Templern und Johannitern, den nächſten Nachbarn der Ismaceliten, umfragen. Endlich kam vom Norden her ein Gerücht in das Lager, die Geſandtſchaft ſei von wilden Kurden, welche in dem Grenzland nach Raub umherſtreiften, ge⸗ tötet worden. Da ſprach der Kaiſer traurig zu ſeinem Vertrauten Omar:„Du hatteſt falſch gerechnet. Nur was du mir prophezeiteſt, als er zuerſt in mein Zelt trat, iſt zur Wahrheit geworden, daß ſein Dienſt kurz und wohlthätig für mich ſein würde. Aber das Ende hat ſich weit anders gefügt.“ Der Araber eilte beſtürzt zu ſeinen Kreiſen und Sterntafeln, kehrte zurück und behauptete, der Géſchwundene müſſe noch wiederkehren. Da hoffte Friedrich aufs Neue. Als aber Woche auf Woche verrann, ſah er ſich nach einem andern Boten in die Berge um und fand endlich einen redlichen Mönch aus ſächſiſchem Kloſter, der des Arabiſchen mächtig war; ihn ſandte er mit einem Briefe heimlich über Damaskus — 296— in das Gebiet des Scheikhs. Doch der Mönch brachte den Brief zurück, den Herrn der Berge hatte er gar nicht geſehen, denn er war in einer Grenzburg deſſelben aufgehalten worden, über das Schickſal der Geſandtſchaft hatten die Ismaeliten ein finſteres Schweigen bewahrt und nur mündlich die ſtolze Antwort gegeben: Sie wünſchten dem Kaiſer als einem hochſinnigen Helden Glück gegen ſeine Feinde, aber ſie hätten erkannt, daß er zu ſchwach ſei, um Treuloſigkeit und Verrätherei der Chriſten zu bän⸗ digen. Und der Glaube, dem ſo viele Schlechte vertrau⸗ ten, ſei ihnen verleidet und verhaßt. Als die erſte Nachricht von dem Ueberfall der Kur⸗ den zu den Zelten der Thüringe kam, ſchritt Henner ſchweigend in den Stall, ſattelte ſein Pferd und ſprengte aus dem Lager, um ſeine Verzweiflung den Jüngeren zu verbergen. Da Lutz, beſorgt um ſeinen Geſellen nacheilte, fand er ihn auf der Höhe unter einem blätter⸗ loſen Baume ſitzen, ganz verwandelt und weit älter als ſonſt. Er ſetzte ſich zu ihm und faßte ſchweigend die Hand.„Du biſt jung und du wirſt wieder lachen,“ ſprach Henner,„ich aber habe ihn auf meinem Arm gehalten, da er ein Kindlein war, mir iſt unerfreulich, daß ich ihn überleben ſoll, und ich ſah aus, ob ich einen ſchwei⸗ fenden Haufen von Bodwinen oder ähnlichem Heidenvolk erblicken könnte, um an dieſen die Rache zu nehmen und ihm nachzufolgen.“ „Denkt auch daran, Marſchalk, daß er vielleicht noch lebt,“ tröſtete Lutz,„und daß er euch finden muß, wenn er zurückkehrt.“ — 297— „Tröſtet ihr euch mit dieſer Hoffnung!“ ſtöhnte Henner, ſchlug die Hände vor ſein Geſicht und weinte. „Wir vernehmen oft,“ begann der Jüngere wieder, „daß die Wüſtenräuber gierig nach Löſegeld ſind und lieber gefangen nehmen als töten.“ „Unſer Herr iſt nicht leicht zu fangen,“ verſetzte der Marſchalk rauh, ihr ſolltet doch wiſſen, daß er ſich nicht ergiebt und am wenigſten dieſen unritterlichen Böſe⸗ wichtern.“ Das mußte Lutz ſeufzend zugeben und ſie ſaßen wieder ſchweigend bei einander. „Wenn er aber dennoch am Leben wäre und zu den Seinen zurückkäme,“ begann Henner endlich,„ſo ſoll kein Auge ihn eher erblicken als das unſere, und wenn er zu Fuß kömmt als ein müder Wandrer, ſo ſoll er hier eines unſerer Roſſe finden, damit er in das Lager reiten kann als ein Krieger. Merkt, Herr, daß dies von heut an unſere Warte iſt, von der wir nordwärts blicken, denn hinter jenen Bergen ging verloren, was die Freude und Ehre unſeres Lebens war.“ Seit dieſem Tage ritt der Marſchalk täglich hinaus zu dem Baume und führte ein leeres Pferd an der Trenſe mit ſich. Bald wußte man im Lager, daß die Beiden dort auf ihren Herrn harrten, die Chriſten, welche des Weges zogen, ſahen ſcheu hin⸗ über und Mancher ſprach ein ſtilles Gebet für den Ver⸗ lorenen. Der Vertrag des Kaiſers mit dem Sultan war geſchloſſen, der Kaiſer erwarb die heiligen Städte Jeru⸗ 1 — 298.— ſalem und Bethlehem, und die Herbergen auf dem Wege von der Küſte bis Jeruſalem. Als ihm das große Werk gelungen war, ließ er die beiden Dienſtmannen vor ſich laden und ſprach:„Die Kreuzfahrt wird vollendet, wir brechen morgen nach Jeruſalem auf, und auch ihr Herren werdet mich um des Verlorenen willen begleiten, denn ich verſpreche euch, durch die Fürſten der Sarrazenen unter den Horden, welche im Lande umherziehen, nach⸗ zuforſchen, damit wir Sicherheit gewinnen über ſein Leben oder ſeinen Tod.“ Da rieth Lutz ehrerbietig:„In der Begleitung des Herrn war ein ſchwarzer Knabe. Das Heidenkind iſt ſchlau und vermöchte wohl Auskunft zu geben; ich denke, daß es nicht getötet iſt, ſondern irgendwo als Sklave weilt.“ Der Kaiſer nickte:„Ich kenne den Knaben. Zwar iſt die Hoffnung gering, hier im Lande einen Neger bei den Händlern aufzufinden, dennoch will ich auch daran denken.“ Als die Kreuzfahrer die Kuppeln und Mauern Jeru⸗ ſalems vor ſich ſahen, loderte in dem müden und entzweiten Heere die fromme Begeiſterung auf's Neue in hellen Flam⸗ men empor, die Pilger warfen ſich zur Erde, küßten den Boden, ſchlugen die Bruſt, ſeufzten, ächzten und weinten und zogen unter Bußgeſängen in ungeheurer Prozeſſion durch die Thore. Der Kaiſer aber ſtellte überall ſeine bewaff⸗ naeten Haufen auf, damit die Entzückten den Sarrazenen in der Stadt nichts zu Leide thäten. Da ihm die chriſt⸗ —. 299.— lichen Prieſter zürnten und das Hochamt zu ſeiner Krönung verweigerten, ſo erſtieg er ſelbſt in der hei⸗ ligen Grabkirche die Stufen des Hochaltars, hob die Königskrone Jeruſalems vom Altare und ſetzte ſie ſich auf unter dem hellen Jubelgeſchrei des Heeres. Den deutſchen Ordensbrüdern aber verlieh er zur Belohnung für ihre Treue die Königsburg von Jeruſalem und ſetzte die Bruderſchaft, welche ſich bis dahin mühſam gegen die anderen behauptet hatte, in den berühmteſten Herren⸗ ſitz als Wächter der heiligen Stadt. Und während ſeine Kreuzfahrer in vielen wallenden Haufen vor den zahlreichen geweihten Stellen knieten, tauſchte er ſelbſt höfliche Grüße und Verſicherungen der Freundſchaft mit den Sarrazenen und veranſtaltete zu ſeinem Ver⸗ gnügen Wettgeſpräche der Weiſen aus dem Morgen⸗ und Abendland, in denen dieſe mit den ſchärfſten Waffen ihrer Dialektik und Rhetorik mit einander kämpfen mußten. Heimlich aber blieb ſein Sinn auf die Heimkehr gerichtet, denn was er längſt gefürchtet hatte, war geſchehen, ſein Erbland, das Königreich Sicilien, war von einem päpſt⸗ lichen Heere überſchwemmt. Die Ritter des Herrn Jvo hielten ſich auch in der heiligen Stadt geſondert von den Uebrigen unter traurigen Gedanken und Henner fand ſeinen einzigen Troſt in den Reden ſeines Geſellen Lutz, welcher feſt an der Meinung hielt, daß ihr Herr noch am Leben ſei. Auch aus Jeru⸗ ſalem ritten die Beiden täglich zu der Straße, welche von Norden heranführte, ſie hatten ihren Sitz auf hohem Felsblock gewählt, von dem ſie ein weites Land über⸗ ————— — 300— ſahen. Dort begann einſt Lutz:„Ich rathe, Marſchalk, daß wir bisweilen an das Heil unſerer Seelen denken, damit wir nicht den Segen verlieren, der dem Pilger zu Theil wird, wenn er an den heiligen Stätten kniet.“ Doch der Marſchalk entgegnete finſter:„Thut ihr, was euch frommt, ich aber vertraue, daß die Heiligen mein Gebet auch von dieſem Stein erhören werden. Denn ich habe nicht viele Bitten an ſie zu richten, ſon⸗ dern nur die eine, daß ich bald eben dahin fahre, wo mein Herr weilt, ſei es auf Erden oder im Himmel oder ſonſt wo.“ Am Tage vor ſeiner Abreiſe ritt Friedrich mit Hermann von Salza aus den Mauern von Jeruſalem. „Hier iſt meine Arbeit gethan,“ begann er,„eine härtere erwartet uns in der Heimath. Das Banner des Kaiſers weht über der heiligen Stadt und die Abendländer kön⸗ nen auf den heiligen Steinen ihre Knie wund reiben, ohne von den Ungläubigen gemißhandelt zu werden. Ich habe für mich und meinen Sohn die Krone vom Altar ge⸗ hoben, auch dich und deine Brüder habe ich anſehnlich gemacht vor den Leuten, ich höre, die deutſchen Ritter drängen ſich jetzt an die Pforten deines Hauſes, um bei euch die Gelübde abzulegen. Beide haben wir gewonnen, was die Herzen der Gläubigen an uns feſſeln muß, und die hohe Meinung der Welt ſoll uns Bürgſchaft werden für künftige Siege. Wir brauchen ſie, Hermann,“ fuhr er mit düſterm Lächeln fort,„denn in Wahrheit reitet jetzt der Kaiſer neben dir als ein König ohne Land. Und ich würde theuren Preis dafür bezahlen, wenn ich mit dir — 301— auf dem Zaubermantel eines weiſen Meiſters nach Ita⸗ lien fliegen könnte, denn mir brennt das Herz darnach, an meinen Feinden Rache zu nehmen. Wer ſind Jene,“ unterbrach er ſich nach der Höhe weiſend,„die über dem Grabe der alten Kaiſerin Helena die Speerwache halten?“ „Es ſind die Dienſtmannen des edlen Jvo,“ ant⸗ wortete der Meiſter ernſthaft,„ſie wollen der Hoffnung nicht entſagen, daß ihr Herr zurückkehre.“ Friedrich ritt an die Traurigen und ſprach zum Marſchalk:„Vergeblich war alles Hoffen, ihr Treuen; gern werde ich ſelbſt euch in meinem Dienſte behalten, in Italien habe ich ſcharfe Arbeit für eure Schwerter. Auch Held Ivo würde mir ſeine Waffe gegen die welſchen Feinde nicht verſagt haben.“ Henner antwortete mit bebender Stimme:„Möge der Majeſtät des Kaiſers Alles wohl gelingen. Uns zürnt nicht, wenn wir noch hier beharren, bis wir un⸗ trügliche Kunde erhalten, ob unſer Herr aus dieſer Welt geſchieden iſt. Denn ganz Verworrenes reden die Leute. Wir aber meinen, daß er uns in dieſem Lande ſinden muß, wenn er dennoch zurückkehrt, und wenn die Kunde erſchallt, daß er irgendwo am Leben iſt, ſo müſſen auch wir zur Stelle ſein, um ſie ſogleich zu vernehmen. So⸗ bald wir unſerer Pflicht gegen das Kreuzheer enthoben ſind, denken wir nordwärts zu reiten, und ſelbſt im Grenzlande zu ſuchen.“ Da gebot der Kaiſer, daß ſie ſich noch bei ſeinem — 302— Kämmerer melden ſollten, um Reiſegeld zu empfangen, und ſprach traurig zu Hermann:„Dies iſt das Land, wo ſich Jeder für ſeinen Glauben unſinnig gebehrdet. Aber das thörigte Vertrauen dieſer zwei armen Männer iſt ehrwürdiger, als manches Pochen auf hohe Verheißung.“ 9. Fridernn. Jahr aus Jahr ein ſäeten die Thüringe die golde⸗ nen Halmfrüchte in den Ackergrund, aber die alte Frucht⸗ barkeit des Bodens, durch welche ſie kräftig und ſtolz geworden waren, wollte nicht zurückkehren. Die Som⸗ merglut dörrte, die ſchützende Schneedecke blieb aus, der Roſt befiel die Aehren und die Feldmaus tilgte das Saatkorn. Darum blieben die Leute ärgerlich, und fuh⸗ ren unruhig durcheinander. Noch Anderes kränkte die alten Bauerdörfer am Neſſebach. Als die Landgenoſſen ſich einſt verſammelt hatten zu gebotenem Ding unter der Gerichtslinde in der Nähe von Friemar, kam ein Zug landgräflicher Reiter herangeſprengt mit Edlen der Um⸗ gegend, mit Geiſtlichen und Hofherren. Und der Kanzler las dem erſtaunten Ring der Verſammelten große Briefe vor von Kaiſer und König und von dem Landgrafen, in denen verkündet wurde, daß das kaiſerliche Gericht der freien Thüringe aufhöre und daß alles Recht fortan im Namen des Landgrafen verkündet werde. Denn der Kaiſer hatte den großen Gebietern in Deutſchland dies — 304— Herrenrecht mit vielem Anderem gewähren müſſen, da⸗ mit ſie auf ſeine Seite traten und bei dem heiligen Vater die Löſung vom Banne betrieben. Als die Briefe geleſen waren und die Landleute ſchweigend und erſchrocken ſtanden, ritt Graf Meginhard vor und ſprach gegen den Richter:„Wollt ihr dem Land⸗ grafen den Eid leiſten, wie ihr ihn einſt dem Kaiſer geleiſtet habt, ſo möget ihr euer ſtrenges Amt auch in der neuen Ordnung bewahren.“ Da antwortete der Richter ſein Haupt erhebend: Viel Neues ereignet ſich jetzt auf Erden und alter Brauch vergeht ſchnell, ob das Neue beſſer ſein wird, darüber mag ein jüngeres Geſchlecht urtheilen, wenn es den Schaden fühlt. Ich aber ſtehe unter dieſer Linde als ein alter Mann; im Namen meines Herrn, des Kaiſers, bin ich geritten mit meinem Knecht, bis mein Haar weiß wurde. Soll der Name des Kaiſers fernerhin ver⸗ ſchwiegen bleiben, wenn die Schöffen unter der Linde ſitzen oder ſtehen, ſo thue ich mich ab von meinem Amte, und ein Anderer mag mit meinem Werkzeuge rei⸗ ten, wenn es ihm gefällt.“ Er legte den Strang und das Schwert auf die Gerichtsbank und trat finſter zurück in den Ring. Friderun ſtand auf dem Hügel unter der Linde, der Herbſtwind ſchüttelte den Wipfel und ſie ſprach leiſe vor ſich hin:„Ich weiß eine Magd, die einſt in ſtolzem Muthe ihren Kranz auf die Zweige warf, das iſt lange her. Seit ich traure, trug die Linde dreimal ihr grünes — 305— Kleid und dreimal zerriß es im Winterſturm. Als er hinausritt in die Fremde, ſprach er: auf Wiederſehen will's Gott im nächſten Mai. Es währte lange, da kam der Mai ins Land und mancher frohe Sommervogel flog heran und baute ſein Neſt in der Linde. Er aber blieb aus, und wenn die Magd die Kleinen im Laube nach ihm frug, ſo ſangen ſie ihr die Antwort: iſt er nicht da, ſo kommt er wohl bald. Die Sänger flogen davon und die Krähen ſchrien auf den Aeſten. Doch als die Tagvögel zum andernmal kamen, und als die Magd wieder frug, klagten ſie traurig: weit iſt die Reiſe, nicht Jeder, der ausflog, kehrt zurück. Und da ſie zum drittenmal Beſcheid geben ſollten, flatterten ſie ſcheu da⸗ von und weigerten die Antwort; und wenn die Magd hinausſah auf die grüne Haide, ſtanden die Blumen welk und fahl und ſie hatte Niemand, den ſie fragen konnte, als Wolken und Wind. Der Sturm fegte die Blätter hinab, die Wolken fuhren um den bleichen Mond, und ſie rief in den wilden Sturmwind hinein: dir will ich klagen, du ſollſt von dem Einen Botſchaft ſagen. Da war ihr, als rufe aus den Wolken zur rechten Hand ein Reiter auf grauem Nebelroſſe: er liegt gefangen im Heiden⸗ land. Doch von links rief ein ſchwarzer Reiter: er liegt ſtill und tief unter dem Raſen. Seitdem war alles Hoffen der Magd geſchwunden und ſie weinte, wo Niemand ihre Thränen ſah.“ Friderun ſetzte ſich auf einen Stein und barg das Geſicht in den Händen. Aus der Ferne klang Hufſchlag.„Die Reiter kom⸗ men,“ rief ſie aufſpringend.— Freytag, Die Ahnen. III. 20 — 306— Auf dem Wege von Erfurt nahte ein Ritter mit ſeinem Knecht, er ſtieg am Holze ab, warf dem Begleiter die Zügel zu und eilte zu dem Steine. „Berthold, mein Bruder!“ grüßte Friderun,„Du trägſt den Rittergurt?“ „Meine Lehrzeit iſt vorüber,“ verſetzte Berthold ſtolz. „Und auch die drei Jahre gingen zu Ende, in denen Jene dort der heilige Frieden beſchützte.“ Er wies zornig nach der Gegend des Niederhofes. „Die Rache hinkt, welche gegen die Toten reitet,“ antwortete Friderun. „Noch leben Manche, welche meine Fauſt fühlen ſollen. Das ganze Erbe gehört jetzt zu Recht dem Grafen Meginhard und es iſt wohl möglich, daß er einen ſeiner Getreuen ausſtattet mit dem Hofe, in dem meine Feinde ſtolzirten.“ „Du denkſt dich ſelbſt in dem fremden Hofe nieder⸗ zulaſſen, du ritterlicher Knabe?“ frug Friderun zornig. „Was der Graf thut, mag er vor dem Himmelsherrn verantworten. Wenn aber du aus dem Bahrtuch eines edlen Geſchlechtes für dich ein neues Knechtsgewand zu ſchneiden hoffſt, ſo wiſſe, Berthold, daß du einen Feind finden wirſt, der dich als untreu verklagt und dieſer Feind will ich ſein.“ „Du!“ rief der junge Ritter unwillgg.„So höre auch du, Schweſter, was ich dir ungern ſage, die Zeit iſt vorüber, wo ich deine ſtolze Weiſe geduldig ertrug. Ich bin ein Mann geworden, und nach dem Vater, der grollend in ſeinem Hofe ſitzt, werde ich dein Herr, und mir ſteht es zu, über deine Zukunft zu beſchließen.“ „Und was haſt du beſchloſſen?“ frug Friderun, die Arme übereinander ſchlagend. „Ich meine es gut mit dir und will, daß du die Frau eines ehrlichen Ritters wirſt. Mein Geſelle Konz, gegen den du dich immer ſo hochmüthig hältſt, kann das Wohlgefallen an dir nicht verwinden und ſprach erſt geſtern von ſeinem Wunſche dich zu freien. Ich denke, der Vater wird ſich fügen, wenn du nur willſt. Sollte aber der Alte widerſtehen, ſo iſt mein Geſelle auch bereit, ſeine Zeit abzuwarten, ſobald du ihm nur gutwillig zulachſt.“ „Ich bin euch beiden, ihr ſtrengen Ritter, dankbar für das Loos, welches ihr mir bereiten wollt,“ ant⸗ wortete Friderun verächtlich. Doch ſogleich fuhr ſie in anderm Ton fort:„Mein armer Bruder! es war ein ſchweres Schickſal, das dich unter dies Reitervolk ge⸗ ſchleudert hat. Dennoch hätte ich von dir mehr Liebe erwartet, als daß du mich dem ungeſchickten Manne ver⸗ mählen wollteſt.“. „Er iſt immer freundlich gegen mich geweſen,“ ver⸗ ſetzte der Bruder,„weil er auf dich gehofft hat; auch daran ſollteſt du denken.“ „Ja, Berthold, die Schweſter iſt der Preis geweſen, durch den du dich in der Gunſt deines Genoſſen einge⸗ kauft haſt. Das war nicht treu gegen mich und du mußt es jetzt tragen, wenn er dir wegen meiner Weigerung zürnt. Denn niemals werde ich ſeine Hausfrau.“ 20* — 308— „Was ſoll aus dir werden?“ frug der Bruder zornig. Die Magd ſah zum Himmel hinauf.„Ich bleibe bei dem Vater, er bedarf meiner Dienſte mehr als ſonſt, denn ſein Muth iſt beſchwert und er grübelt über die arge Zeit. Auch um deinetwillen bleibe ich. Täglich, wenn ich deinen Sitz an unſerm Heerde leer ſehe, denke ich daran, wie wir als Kinder miteinander im Heerdloch kauerten, ich als Hauskatze und du als Schäferhund. Jetzt iſt mein Hündlein unter die Wölfe gerathen und ich fürchte, es wird entweder ſeinen frommen Sinn ver⸗ lieren, oder die Argen werden es zerreißen.“ „Sprich nicht ſolch wehmüthiges Zeug, das hier ganz ungehörig iſt,“ verſetzte Berthold unruhig,„und höre verſtändig auf meine Worte.“ „Ich bin verſtändig, Bruder,“ ſprach Friderun, ſeine Hand feſthaltend.„Setze dich zu mir, Berthold. Mutter⸗ los wuchſen wir zwei Geſchwiſter auf und wenn der Vater hart war, ſuchten wir Troſt bei einander. Mir iſt oft einſam im Hofe und die Sehnſucht nach dir und deinem ſorgloſen Lachen verläßt mich nicht. Ich denke mir, daß auch du unter den Fremden keine Schweſter gefun⸗ den haſt, mit der du vertraulich reden kannſt, wie du einſt mit mir thateſt.“ Berthold ſetzte ſich willig zu ihr, ſie ſah ihn liebe⸗ voll an.„Du biſt mannhaft geworden und ich muß dich loben, du eitles Kind, deine Löckchen hängen dir luſtig um die Wange. Aber dein Auge fährt unruhig umher, und ich fürchte, ſie haben dich zu mancher That verleitet, deren ein redlicher Mann ungern gedenkt.“ — — 309— „Jeder Dienſt verlangt Gehorſam,“ ſagte der Bru⸗ der trübe. „Du warſt ein Freier und an friedliche Sitte ge⸗ wöhnt. Doch Vergangenes macht Niemand ungeſchehen,“ fuhr ſie ſeufzend fort.„Da du ein Ritter geworden biſt, müſſen wir beide darauf denken, daß dir dein Leben nicht in fremdem Dienſt verdorben werde. Vernimm, mein Bruder, was dich tröſten ſoll. Du haſt jetzt keine Hoff⸗ nung, den Zorn des Vaters zu verſöhnen, aber was ich als ſeine Tochter thun darf, um dir dein Erbe zu be⸗ wahren, darauf beſtehe ich. Deshalb verpflichte dich nicht gegen die Mühlburger.“ Berthold erhob ſich:„Du biſt eine treue Schweſter, doch du verſtehſt nicht, was ritterliche Pflicht gebietet.“ „Kannſt du dich nicht heut und nicht morgen von ihnen befreien, ſo thue es allmählich. Denke immer dar⸗ an, daß deine Zukunft nicht von ihrer Gunſt abhängt, und daß es noch Andere giebt, die um dein Glück be⸗ ſorgt ſind. Und laß mich dein vertrautes Geſicht bald wiederſehen, mein Bruder.“ 3 Friderun ſah dem ſcheidenden Berthold traurig nach. „Ein ungethümer Drache wälzt ſich um den Edelhof, nicht lange, er dringt hinein und verzehrt Habe und Gut. Der Held aber, der dieſen Drachen erlegt, iſt geſchwun⸗ den. Auch dem Hofe des Bauern wird der Untergang des edlen Hauſes zum Verhängniß, der Sohn zieht un⸗ ſtät auf wilden Wegen und die Tochter wird auf dem Steine ein altes Lied ſingen, bis ein neues Geſchlecht ſie und ihren Geſang verlacht.“ Sie ſprang erſchrocken — 310— auf.„Eine Mahnung erhalte ich vom Schickſal, ſchwarz iſt das Roß, welches dort herankommt und ſchwarz iſt der Reiter; ich weiß, was mir der Huſſchlag bedeutet.“ Bleich und ſtarr ſah ſie auf den Weg. „Seid gegrüßt, Magd Friderun,“ rief ein bärtiger Krieger ihr zu,„ein gutes Vorzeichen ſoll es für mich ſein, daß ich zuerſt euch finde.“ „Lange weiltet ihr in der Fremde, Bruder Gott⸗ fried,“ antwortete die Magd tonlos,„das Kreuz der Bru⸗ derſchaft hing über leerem Hauſe.“ „Wir kommen und gehen, wie der Meiſter gebietet, diesmal denke ich nur kurze Zeit bei euch zu bleiben.“ „Ihr kommt aus dem Morgen, bei uns wurde es Abend. Was bringt ihr Neues für die Meinen und mich?“ „Aus Accon, einer Burg der Chriſtenheit, bin ich herzugereiſt, und euch bringe ich Botſchaft aus dem Li⸗ banon.“ „Sprecht, ich höre,“ murmelte Friderun unbeweglich. Der Bruder griff in ſein Gewand und bot ihr ein ſeidenes geknotetes Tuch, das mit vielen Schnüren um⸗ wunden war. ‚Ein ſächſiſcher Mönch, der als Waller von Antiochien nach Damaskus zog, empfing dies heim⸗ lich in einem Thal der Ismaeliten von einem thüringi⸗ ſchen Manne, traurig war der Geber und ein Noth⸗ zeichen nannte er die Gabe, er gebot dem Mönch, ſie in einem Haus unſeres Ordens abzugeben zugleich mit dem Wahrſpruch: Friderun aus Friemar ſprang in die Flamme.“ Die Jungfrau ſtürzte auf die Knie, die zitternden Finger löſten und riſſen an der Schnur, ſie ſchlug das — 311— Tuch zurück, ein Strang Menſchenhaare ringelte ſich in ihrer Hand und ſie ſchrie:„Die Haarlocke iſt es, das letzte Nothzeichen des Bedrängten. Sein Haar iſt es, er weiß, daß ich die Farbe kenne, er lebt und ruft nach Hilfe.“ Sie warf ſich an dem Baume nieder, hob die Arme gen Himmel, lachte und weinte zu gleicher Zeit. Am Abend ſaß eine kleine Zahl älterer Männer am Heerdfeuer des Freihofes, die Thür war verſchloſſen gegen Regen und Sturm, die Flamme ſchien auf graue Häupter und gefurchte Geſichter; es waren Bauern des Dorfes, die meiſten ſeit alter Zeit dem Geſchlechte des Rich⸗ ters Bernhard verwandt. Hinter ihnen auf der Bühne ſtand Friderun, den Arm auf das Geländer geſtützt ſah ſie zu, wie die Flamme loderte und der Rauch in der Höhe ſich zu dicken Wolken ballte. Und ein alter Bauer be⸗ gann:„Ueber dem Wald ſieht man hellen Feuerſchein, dort werden Häuſer geſengt und neue Frucht verbrannt, denn es iſt Fehde zwiſchen den Dienſtmannen des Henne⸗ bergers und den Landgräflichen.“ „Nie dachte ich zu erleben,“ fuhr der Schöffe Iſen⸗ hard fort,„daß der grobe Mann, den ſie Ritter Konz von der Mühlburg nennen, jemals auf dem Grafen⸗ ſtuhl Gericht halten ſollte über freie Bauern; ſonſt ehrte der Richter in Wort und Geberde den höchſten Herrn der Chriſtenheit, diesmal war von dem Herrn nicht mehr die Rede. Ganz unordentlich und greulich hielt der Plumpe das Gericht, denn er mengte die Worte und herrſchte die Schöffen an, als ob ſie von ſeinem Ge⸗ ſinde wären.“ — 312— „Ich gedenke noch der Zeit,“ ſprach Hartmann, ein treuer Nachbar des Hauswirths,„wo die Leute bei uns lachten und fluchten, wenn Jemandem einfiel, den Herrn Papſt zu rühmen. Damals war ein großer Streit in der Chriſtenheit, wer ſtärker ſei, der Kaiſer oder der Papſt, doch jetzt iſt dies anders geworden, man vernimmt wenig vom Kaiſer und viel vom Papſte.“ „Vielleicht iſt das beſſer, vielleicht auch nicht,“ ant⸗ wortete vorſichtig der erſte Bauer. „Damals,“ fuhr Hartmann nachdrücklich fort,„frugen die Leute, ob der Vater der Chriſtenheit zu Rom mit ſeinem Gefolge in Wahrheit die Gewalt habe, das Him⸗ melreich den armen Seelen zu öffnen oder zu ſperren. Ich merke, daß jetzt Niemand darüber ſpricht und ich möchte wohl wiſſen, ob es noch Viele giebt, die den Zweifel hegen.“ „Die Meiſten fürchten ſich zu fragen,“ verſetzte der erſte Bauer. Die Männer ſahen einander bedeutſam an. Da ſprach Bernhard mit ſtarker Stimme:„Eine Verkündigung vernahmen wir, daß vor dem Ende der Welt eine neue Ordnung kommen ſoll und eine Herr⸗ ſchaft des Antichriſts, welcher ſich auf dem Stuhle niederſetzt, der für unſern Herrn Jeſus, den Sohn des Himmelsgottes, errichtet iſt; in dieſer Zeit wird der Sinn von Geiſtlichen und Laien verkehrt und ſie werden dem falſchen Gott dienen, der ſich frech vermißt, an Stelle des Herrn zu herrſchen. Manche von uns ſorgen, daß dieſe Zeit der Bethörung nahe ſei, denn der Acker — 313— beharrt darauf, die Frucht zu verſagen, das alte Recht ſchwindet und ärger als je zuvor reiten die Diebe aus den Burgen und ſchnüren dem Landmann das Haupt mit ſeiner Peitſchenſchnur, damit er ihnen den Verſteck eröffne, in dem er ſein Geld birgt. Braune Mönche ſchweifen durch das Land, rufen die armen unfreien Leute, welche uns ſeither dienten, auf, daß ſie die ächten Gottes⸗ kinder ſeien, und hetzen die einfältige Menge gegen uns.“ „Wir wiſſen,“ ſprach Iſenhard tröſtend,„daß Vieles auf Erden in das Arge verkehrt iſt. Aber manche ſchwere Zeit erlebten wir, und ihr folgten beſſere Tage. So denke auch ich, daß die beiden neuen Bedrücker, welche uns den Frieden in Unfrieden verkehrt haben, die ſchweifenden Bettler, welche ſich Mönche des heiligen Vaters nennen, und die ſchlechten Richter, welche den Kaiſer verleugnen, nicht ewig dauern werden. Denn wir ſind nicht herrenlos, noch lebt unſer Kaiſer. Alle verkünden, daß er ein weiſer und machtvoller Herr iſt, der den Pfaffen und Mönchen gewaltig widerſteht. Aber er iſt fern von uns, und er weiß in der Fremde nicht, was uns, den Freien am Walde, Sorgen bereitet. Käme er zu uns und ſähe das Leiden, er würde es an ſich nicht fehlen laſſen. Denn das iſt ſein Amt; und wir Alle haben von unſern Vätern gehört, daß die Kaiſer einſt durch das Land geritten ſind mit großem Gefolge, den raubenden Rittern haben ſie die Burgen gebrochen und die Miſſethäter an die Bäume gehenkt, an grüne und an dürre, je nach dem Maß ihrer Un⸗ thaten. Darum ſoll, ſoweit ich erkenne, unſere Sorge — 314— ſein, ob wir den Kaiſer zur Hilfe rufen können gegen die wilden Mönche, welche mit dem Holzſtoß drohen, und gegen die Räuber, welche prahlen, daß ſie im Dienſte eines Herzogs oder Landgrafen mit unſerer Habe und unſeren Kindern zu ſchalten vermögen, wie ihnen beliebt.“ „Ihr ſprecht verſtändig,“ verſetzte Bernhard,„aber wer wagt ſo laut zu ſchreien, daß ſeine Klage über deutſches und welſches Land hinausſchallt bis an das Meer, wo die Heiden wohnen, denn dort waltet der Kaiſer. Vieles und Schweres haben wir ihm zu kün⸗ digen, vielleicht,“ fuhr er mit leuchtenden Augen fort, „auch Manches, was ihm ſelbſt ein theurer Gewinn ſein kann. Denn er lebt in ſtarker Feindſchaft mit dem Manne zu Rom, der ſich für den Herrn der Welt aus⸗ giebt, weil er ein Nachfolger der heiligen Apoſtel iſt. Die Apoſtel aber haben wieder die Herrſchaft empfangen von dem Sohne des Himmelsherrn. Darum erlügen die Pfaffen, daß der Sohn gleiche Macht und Herr⸗ lichkeit habe wie der Vater, damit ſie den Mann in Rom und ſeine Gebote gleich machen dem Himmels⸗ herrn und den Geboten des alten Gottes ſelber. Wir aber haben erkannt und wir wiſſen, wie unſer lieber Herr und Heiland in ſeiner Demuth ſelbſt bezeugt hat, daß ſein Vater mehr iſt als er. Hat der Herr Papſt ſeine Macht von dem Sohne, ſo hat unſer Herr Kaiſer ſein Recht und ſeine Macht von dem Vater; denn der Vater ſelbſt hat in dem Erdgarten die Menſchen geordnet und jedem ſein Amt und ſeine Arbeit feſtge⸗ ſetzt. Dies heilige Geheimniß haben wir erkundet und — 315— wir ſind bereit, daſſelbe vor aller Welt zu bezeugen. Denn wir beſitzen einen unumſtößlichen Grund dafür, das eigene Wort des Herrn, wie es nniiedergeſchrieben wurde und beſprengt mit dem Blute eines redlichen Be⸗ kenners. Das könnte dem Kaiſer zum Sieg verhelfen in ſeinem harten Streit mit dem Papſt zu Rom, wenn er die heiligen Worte erfährt, welche ſein Recht beſſer machen, als das des andern, und wenn er ſolche Wahr⸗ heit verkünden läßt durch alle Lande, damit Jedermann ſie wiſſe. So vermöchten auch wir dem Kaiſer zu helfen, wie er uns helfen ſoll. Und wieder beklagen wir, daß der Kaiſer uns verlaſſen hat; denn wer von uns Bauern kann mit ſolchem Gruß viele hundert Meilen über un⸗ geheure Berge und über das wilde Meer zu ihm dringen.“ Die Männer ſahen in die Flamme und ſchwiegen; von oben klang eine Frauenſtimme:„Die Freien von Friemar hatten einſt unter den Edlen einen Genoſſen, welcher bei den Königen das Wort für ſie führte.“ „Die wir einſt hatten, wir haben ſie nicht mehr, ſie ſind verdorben und geſtorben,“ verſetzte der Vater. „Hat auch die Grafen auf der Mühlburg ihr Hof⸗ dienſt verdorben, die Herren im Niederhofe haben uns billigen Sinn bewährt, ſie vermöchten am erſten ihre Stimme für euer Recht zu erheben und den Kaiſer, dem ſie lieb ſind, an eure Noth zu mahnen.“ „Was rufſt du die Toten, Friderun, der letzte von ihnen, der unter uns ſein Haupt hoch trug, iſt getilgt.“ „Er lebt,“ rief Friderun,„ſo wahr auf die Nacht der Morgen kommt und auf Wetterſturm das milde — 316— Sonnenlicht! Er lebt, aber er liegt in Noth und Ge⸗ fängniß und er fordert von uns Hilfe für ſich.“ Sie ſtieg die Stufen herab und zog aus dem Gewande ein ſeidenes Tuch hervor, ſchlug es auseinander und hielt eine Locke in die Höhe.„Dies iſt Haar von ſeinem Haupte, welches er in unſern Hof ſandte, damit wir ihn retten. Der Bärtige brachte dieſen Gruß aus dem heiligen Lande, ein Pilger empfing ihn von Herrn Jvo, der in Haft liegt bei dem wilden Heidenvolk, welches ſie die Ismaeliten nennen. Dies iſt in Wahrheit ſeine Locke, und als er ſie dem Boten gab, ſprach er einen Wahrſpruch dazu, welchen nur wir kennen. Darum, mein Vater, beſchließt, wie ihr ihm helfen mögt.“ Die Landleute ſahen ſcheu auf das ehrwürdige Noth⸗ zeichen, welches Friderun unter ihnen in der Hand hielt. „Iſt das Zeichen ächt,“ begann der Richter,„ſo mahnt die Tochter nicht ohne Grund; denn wiſſet, ihr Freunde und Eidgeſellen, ich bewahre Einiges von ſeiner Habe, was er mir beim Abſchied anvertraute. Iſt er ein Gefangener, der durch Löſegeld befreit werden kann, ſo mag ihn vielleicht retten, was er meinem Heerde übergab.“ Wieder ſaßen die Männer nachdenklich, bis Iſen⸗ hard begann:„Ihr dachtet daran, ihn als Helfer zu ge⸗ winnen, und er begehrt eure Hilfe für ſich, ſo wächſt zu der alten Sorge die neue. Schon war der Wagen überladen, wie vermögen die Roſſe zu ziehen, wenn eine größere Laſt dazu kommt.“ — 317— „Darf ich ſprechen in eurem Rath, Vater?“ frug Friderun. „Wollt ihr mein Kind hören? Iſt ſie auch ein Weib, ſo wurde ihr doch die Gabe nicht verſagt, guten Rath zu finden.“ Die Männer nickten bedächtig.„Wir wiſſen, daß etwas in dir iſt, Friderun,“ ermunterte Hartmann,„was Manchen mit Scheu erfüllt, mich aber mit Freude.“ „Sendet einen Boten zum Kaiſer,“ rief Friderun mit blitzenden Augen,„vertraut dem Boten an, was euch beſchwert und vertraut ihm den Schatz an, damit er ihn in die Hand des Kaiſers lege. Denn wenn irgend ein Mann, ſo vermag der Kaiſer den Herrn Ivo zu löſen. Seine Herrlichkeit iſt gefürchtet im Abend und im Morgen, und man ſagt, daß auch die Heiden⸗ könige ſich vor ihm neigen wie vor einem Herrn und ihn durch reiche Geſchenke ehren. Und Vater,“ rief ſie begeiſtert und kniete nieder ſeine Hand ergreifend:„Der Bote will ich ſein, laßt mich ziehen.“ „Du?“ rief der Richter und ſein Antlitz erblich in der heftigen Bewegung.„Du biſt mein letztes Kind und du biſt ein Weib. Soll ich auch dich verlieren.“ „Nicht verlieren ſollſt du mich, Vater, ſondern beſſeres Glück durch mich gewinnen. Pilgern nicht all⸗ jährlich viele Frauen nach Rom und kehren ungekränkt zurück. Warum ſoll mir es ſchwer ſein, zu unſerm Kaiſer zu dringen? Bedenke, Vater, daß wir beſſere Hilfe haben als viele Andere,“ und ſie legte ſchnell die Hände zuſammen, wie die Bärtigen thaten, wenn ſie — 318— mit den Zugewandten der Bruderſchaft Gruß tauſchten. „Ich bin ein Kind der Thüringe und fürchte mich nicht vor den Fremden.“ Da der Richter nicht antwortete, ſo erhob ſich der alte Hartmann und ſprach feierlich zu ſeinem Genoſſen: „Ob ihr als Vater die Tochter an ſolche Botſchaft wagen wollt, das ſteht bei euch allein, und wir Andern dürfen nicht zureden und nicht abmahnen. Doch es handelt ſich um ein großes Werk und das Schickſal von manchem unter uns mag daran hängen. Und deshalb ſage ich hier nach meinem Gewiſſen, daß die Freien von Frie⸗ mar keinen beſſeren Boten durch die wilde Welt ſenden können als unſer Kind Friderun. Denn wir Alle wiſſen und vertrauen, daß ſie eine reine Magd iſt, welche niemals einem Manne heimlich zugelächelt hat wie an⸗ dere Mädchen im Dorfe. Einer ſolchen gelingt aber auf Erden, was einem ſtarken Manne verſagt iſt, und ſie iſt begnadigt vor anderen Menſchen, daß die Argen ſie ſcheuen und die Gefahr von ihr weicht und die liebe Sonne freundlicher auf ihrem Wege ſcheint als vor Anderen. Darum ſorge ich auch nicht übermäßig um die Gefahren einer weiten Fahrt, nicht wegen der Räuber, wenn ſie einen Schatz trägt und nicht wegen der Heiden, wenn ſie durch ihre Schwerter wandelt. Einen Edlen vermögen wir dem Kaiſer nicht zu ſchicken, aber wir ſenden ihm das Vornehmſte, was wir haben, eine Jung⸗ frau, welche den Menſchen und den Engeln lieb iſt, und welcher die Gabe der Rede zugetheilt wurde und zuweilen große Gedanken, denen auch wir Alten willig Gehör geben.“ — 319— Friderun ſtand mit geſenktem Haupt, während der Alte ſprach, jetzt neigte ſie ſich wieder zu ihrem Vater herab, und faßte Knie und Hand. Dem Alten rannen die Thränen über ſein ehrwürdiges Angeſicht, er legte den Arm um ſie, küßte ſie auf die Stirn und ſprach: „Geh, und ſage auch unſerem Kaiſer, daß Bernhard, der ſein Richter war, ihm das Liebſte ſendet, was er noch auf Erden ſein nennt.“ Am nächſten Morgen ging Friderun nach dem Edelhofe. Der Hof war leer wie ausgeräumt, die Stall⸗ thüren ſtanden offen, die Roſſe waren bis auf zwei Klepper entführt. Als die Magd ein klägliches Brüllen hörte, trat ſie in den Kuhſtall, dort fand ſie die letzte Kuh vor leerer Krippe. Sie ſprang auf den Futter⸗ boden, holte von dem geringen Heuvorrath und legte der Hungrigen vor. Dann eilte ſie über den öden Hof nach dem Herrenhauſe, öffnete die Thür der Stube, in welcher Herr Godwin hauſte und rief auf der Schwelle: „Er lebt.“ In ſeinem Bett lag Godwin ſchwach und verfallen, an der Seite ſaß Nicolaus und las ihm aus einem kleinen Pergamentband Gebete vor. Als die Beiden Friderun erkannten, welche freudeſtrahlend mit gehobener Hand die Verkündigung brachte, erhoben ſie ſich aus ihrer Bekümmerniß, Godwin ſtarrte mit gefalteten Händen nach der Thür und Nicolaus ſprang auf, um der Magd entgegen zu eilen, aber er hemmte den Schritt, da er ihre Verklärung erkannte, denn ihm kam plötzlich die Er⸗ kenntniß, daß die Magd um einen Andern mehr ſorge, — 320— als um ihn.„Der Herr lebt,“ wiederholte Friderun zu dem Lager tretend,„er liegt im Morgenlande gefangen und ein Bote wird zu unſerm Kaiſer wandern, damit ſein Wort die Befreiung verſchaffe. Ihr zuerſt ſollt das wiſſen, Herr Godwin und Niemand anders, denn ſchädlich wäre es, davon zu reden, nur damit ihr aus⸗ dauert, ſage ich's euch; will's Gott, kehrt er dennoch wieder.“ Der Alte hatte ſich aufgerichtet, er beugte jetzt ſchweigend ſein Haupt über die heftig zitternden Hände. „Die Mühlburger haben den Hof geräumt,“ ſagte Nicolaus leiſe,„ſeitdem iſt ſeine letzte Kraft gebrochen, und ich fürchte, es geht bald mit ihm zu Ende.“ Godwin faßte die Hand der Magd und wollte ſie an ſein Lager ziehen, ſie aber ſprach über ihn ge⸗ beugt:„Ich darf mich nicht ſetzen und ich darf nicht raſten, denn Großes liegt mir auf der Seele, und ich bin nur hier wie die Schwalbe, wenn ſie ſich im Fluge durch den Hof ſchwingt, bevor ſie den weiten Weg in die Fremde beginnt.— Wie kommt's, Nicolaus, daß Frau Jutte nicht nach dem Vieh im Stalle ſieht; ihr müßt ſie bitten, ich darf nicht zu ihr gehen, weil ihr Hauswirth unſer Geſchlecht gekränkt hat.“ „Auch dort iſt Noth und Kummer,“ klagte der Schü⸗ ler,„die Knaben ſind krank.“ „Ich ſende euch noch heut aus unſerem Hofe, was ihr zunächſt brauchen mögt, ſpäter ſoll der Vater für euch ſorgen.“ „Ich frage nicht,“ begann Nicolaus traurig,„wer — 321— der Bote zum Kaiſer ſein ſoll. Laßt mich euch begleiten, Friderun.“ Die Magd ſchüttelte das Haupt.„Nimmer, Nico⸗ laus; ihr habt einmal von eurem günſtigen Willen zu mir geſprochen, und ich habe euch Beſcheid gegeben wie ich mußte. Wollt ihr dem Herrn, dem ihr euch einſt gelobt habt, eure Treue erweiſen, ſo verlaßt den Kranken nicht, und gewinnt ihr Zeit, ſo ſeht nach meinem lieben Vater, denn in ſchwerer Sorge um ihn ziehe ich aus dem Lande.“ „Wie wollt ihr allein über Berg und Thal in die Fremde,“ frug Nicolaus, die Hände ringend. „Es iſt für mich geſorgt, ein Bruder von den Bärtigen geht von der Naumburg zu ſeinem Meiſter nach Welſch⸗ land, ihm vertraue ich mich, damit ſein Kreuz mich ſchütze.“ Wenige Tage darauf hielt ein alter Ritterbruder mit ſeinem Knecht vor dem Hofe Bernhards und ſah ſchweigend zu, wie die weinende Friderun ſich vom Halſe des Vaters löſte und noch von ihrem Rößlein den Segen des Himmels für den Hof erflehte. Erſt als ſie eine gute Wegſtrecke geritten waren, redete er die Traurige an:„Die Sorge für euch iſt mir von Bruder Arnfried auferlegt, und was ich bis jetzt von euch geſehen habe, gefällt mir recht wohl. Doch mögt ihr ſelbſt denken, daß es mir geringe Freude iſt, mit einem Weibe durch das Land zu ziehen, zumal ich in gewichtigen Sachen reiſe und eilig bin. Ich fürchte, ihr werdet mich auf⸗ halten.“ Freytag, Die Ahnen. III. 21 — 322— „Duldet mich, ſo lange ihr dürft,“ bat Friderun. „Auch ich habe Eile und reite für Leben und Freiheit eines Anderen.“ „Sagt mir nichts, was ich nicht zu wiſſen brauche, denn wir Brüder kümmern uns nicht um fremde Ge⸗ ſchäfte; nur was für den Weg nöthig iſt, laßt mich erfahren. Wollt ihr auf eurer Pilgerfahrt bei Heilig⸗ thümern eintreten oder ſonſt wo?“ „Nein, ehrwürdiger Bruder, zwiſchen euch und mir muß Vertrauen ſein,“ antwortete Friderun,„ſollt ihr für mich ſorgen mit freudigem Willen, ſo müßt ihr vorher wiſſen, daß ich eurer Sorge nicht unwerth bin. Wenn ihr auch rauh zu mir ſprecht, ſo habe ich doch bemerkt, daß ihr ein gutherziger Mann ſeid, als ihr im letzten Dorfe dem Knaben über die Wangen ſtricht. Darum verſchmäht nicht mein Geheimniß zu hören, ſoweit ich es ſagen darf. Ich ziehe aus der Heimath, um Hilfe zu werben für einen Gefangenen im Morgenlande, und ich gleiche dem Mädchen, das über die Erde bis an den Himmel ging, um die drei ſegensreichen Geſtirne zu fragen. Mein Mond iſt Frau Elſe, die Landgräfin, welche jetzt auf der Marburg wohnt, der Morgenſtern iſt eine Verwandte des Kaiſers, zu der mich die Land⸗ gräfin weiſen ſoll, und das dritte Geſtirn iſt die lichte Sonne, unſer Herr Kaiſer ſelbſt, zu dem ich dringen muß, um zu verkünden, daß ein Verlorener wiederge⸗ funden iſt, und daß er, den ſeine Freunde als tot be⸗ weint haben, Botſchaft aus dem Berge Libanon ge⸗ ſandt hat.“ — 323— Der Bruder hielt ſein Pferd an.„Meint ihr einen Thüring, den edlen Ivo?“ „Ihr kennt ihn?“ rief Friderun in heller Freude. „Gewiß kenne ich ihn,“ verſetzte der Bruder,„und manchen Tag habe ich mit ihm vor Accon an demſelben Werke geſchafft. Einiges, was wir damals mit einander redeten, iſt jetzt der Erfüllung nahe. Wagt ihr die Reiſe für ihn, um den auch ich getrauert habe, ſo ſollt ihr mir lieb ſein, und ich will treu für euch ſorgen, bis ich euch zum Meiſter bringe, welcher jetzt bei dem heiligen Vater weilt oder doch in der Nähe.“ Im ſicheren Schutz des Bruders Sibold gelangte Friderun bis zu der Marburg, wo neben den frommen Stiftungen der Landgräfin auch ein Spital des deutſchen Ordens war. Der Bruder führte Friderun in die Burg und empfahl ſie dort dem Meiſter Konrad, welcher mit den Bärtigen in gutem Einvernehmen lebte. Prüfend frug der ſtrenge Prieſter:„Was begehrſt du, Pilgerin, von der gottſeligen Frau?“ „Verzeiht, ehrwürdiger Vater, wenn ich meine Bitten zuerſt der Herrin ſelbſt anvertraue. Doch darf ich euch ſagen, ich komme um Leben und Freiheit eines armen Kreuzträgers im Morgenlande.“ „Du beräthſt dich übel durch dein Mißtrauen. Doch bitteſt du für einen, der unter dem Kreuzeszeichen gelitten hat, ſo will ich dir den Zutritt nicht wehren.“ Er ſchritt vor ihr in das Gemach. Die Landgräfin ſaß in Nonnentracht unter den dienenden Frauen, der roſige Schimmer ihrer Wangen 21* war geſchwunden, ihr Leib hager von Gram und ſtrengen Büßungen, und ihre Augen ſtrahlten in dem Glanze, welcher zuweilen das Antlitz des Menſchen ver⸗ klärt, wenn ihm nur noch ein kurzes Leben beſtimmt iſt. Sie hob die Magd, welche an der Thür nieder⸗ gekniet war, gütig auf:„Du kommſt aus Thüringen, wo ich oft mit meinen Gedanken weile, gutwillig höre ich, was du mir zu ſagen haſt.“ Sie ſetzte ſich und Friderun begann ihren Bericht, daß ſie der Mutter des Verlorenen großen Dank ſchuldig ſei und daß ſie jetzt Fürſprache für ſich ſelbſt erſehne durch die Landgräfin und durch Frau Hedwig, damit ſie bei dem Kaiſer gnädigen Em⸗ pfang finde. Während ſie erzählte, flog ein heller Schimmer wie vom Abendlicht über das Antlitz der Frau Elſe, und der Prieſter, welcher zur Seite ſtand, betrachtete beſorgt die Miene der Herrin. Als Friderun geendet hatte, ant⸗ wortete die Landgräfin:„Es iſt lange her, ſeit ich mit meiner Baſe die letzten Briefe getauſcht habe. Doch um des Herrn Ivo willen will ich dir gern einige Zeilen anvertrauen, denn ich kannte ihn, als ich hier auf Erden im Glücke war,“ und mit leiſem Lächeln fügte ſie hinzu: „er war auch mir wohlgeſinnt, und dies iſt eine Ge⸗ legenheit, wo ich ihm als Chriſtin meinen Dank dafür erweiſen darf.“ Sie erhob ſich; doch als ſie zu dem Schreibepult trat, ſtand der Prieſter neben ihr, legte ſeine Hand auf das leere Pergamentblatt und frug in gebietendem Tone:„Ziemt der Gedanke an eitlen Ritter⸗ dienſt einer gottgeweihten Seele?“ — 325— Frau Elſe hob das Haupt und in ihren Augen blitzte der Stolz einer Fürſtin:„Nehmt die Hand vom Pergament, Herr, mein Berather und Lehrer ſeid ihr, und wahrlich, die Heiligen wiſſen es, ein ſtrenger Leh⸗ rer, doch zu ihrem Hüter hat euch die Landgräfin nicht beſtellt.“ Als er erſtaunt und mit gefurchter Stirne wich, that der Herrin die eigene Strenge leid und ſie fuhr demüthig ſort:„Einſt war ich nicht nachſichtig mit einer weltlichen Huldigung, obgleich ſie in Ehrerbietung dar⸗ gebracht wurde; aber hartherzig kann ich nicht werden gegen die Wenigen, welche meinem lieben Gemahl und mir redliche Geſinnung erwieſen haben.“ Sie ſchrieb den Brief, übergab das geſchloſſene Pergament Friderun mit einem Segenswunſch für Ivo, und fügte hinzu:„die Gräfin iſt, wie ich vernehme, mit dem Königshofe nach Speyer gezogen, dort wirſt du ſie finden.“ Aber die Magd bemerkte wohl, daß Frau Elſe bedrückt war durch ihren eigenen Widerſtand gegen den mächtigen Meiſter, und als ſich die Thür hinter ihr ſchloß, vernahm ſie laute Worte des Mannes. „Gütigen Schein ſpendete mir das Mondenlicht,“ ſprach Friderun, dem Bruder das Pergament weiſend, „aber der Prieſter Konrad entließ mich feindſelig.“ „Er iſt heiß in allem Thun,“ antwortete der Bruder,„und Viele halten ihn für furchtbar. Doch unſerer Bruderſchaft iſt er ein treuer Gehilfe, denn er ſpricht für uns bei den Großen und im Volke, und ich denke, wir werden in Kurzem ſeinen mächtigen Beiſtand gebrauchen.“ —— — 326— Die Reiſenden zogen in Frieden ſüdwärts; als ſie ſich aber der ruhmvollen Königſtadt Speier näherten, begann der Bruder, den ſtolpernden Gaul der Magd am Zügel faſſend:„Wer zu Roſſe ſitzt, ringt nicht ohne Gefahr die Hände. Verändert finde ich euer Weſen, Friderun, der Weg zu dem goldenen Stuhle, dem ihr jetzt nahet, wird euch mühevoll.“ Friderun ſah den Bruder mit ſo bitterer Seelen⸗ qual an, daß dieſer ihren Kummer durch Schweigen ehrte.„Gern würde ich mich an den Weg ſetzen und ausweinen,“ ſagte ſie. „Manchem hilft das,“ ermunterte der Bruder,„ich warte auf euch.“ „Vorwärts,“ rief die Magd tief aufathmend. Kurze Stunden darauf ſtand ſie in einem reichge⸗ ſchmückten Gemach der Gräfin von Meran gegenüber. Hoch aufgerichtet ſah ſie von der Schwelle auf die vor⸗ nehme Dame, ſo daß ſich dieſe verwundert erhob, doch im nächſten Augenblick neigte ſie ſich tief und überreichte den Brief der Frau Elſe. Hedwig ging zum Fenſter, las und faßte mit dem Arm die Stuhllehne, ſo ſtand ſie lange Zeit abgewandt, und die Magd frug ſich, ob ſie vor Freuden weine. Endlich trat ſie zu der kleinen Harfe, welche auf einen zierlichen Tiſch geſtellt war und fuhr mit der Hand durch die Saiten. Friderun wußte wohl, daß dies die Weiſe des Herrn Ivo war und dachte bei ſich: ich höre ſie oft erklingen, auch wenn Niemand an die Saiten rührt, doch in den letzten Wochen habe ich nicht an ſeine Lieder gedacht. Plötz⸗ — 322— ich wandte ſich die Gräfin zu ihr, faßte ihre Hand und ſah ſie ſo weich und dankbar an, daß Frideruns Trotz dahinſchwand.„Seit wann kennſt du ihn?“ „Da ich ein Kind war, weilte ich einige Jahre im Edelhofe,“ antwortete die Magd vor dem forſchenden Blick die Augen niederſchlagend. „Wann hat er dich zum letzten Mal geküßt?“ frug Hedwig lächelnd. „Nimmer ſeit ich heranwuchs,“ rief Friderun ge⸗ kränkt. Beide ſchwiegen und betrachteten einander mit gerötheten Wangen. „Weiß Jemand in dieſem Hauſe, weshalb du zu mir kommſt?“ „Nur Wenige erfuhren, weshalb ich reiſe, in dieſer Stadt ſeid ihr die Einzige.“ 3 „Du ſprichſt verſtändig. Wenn dir ſein Leben lieb iſt, birg das Geheimniß vor Jedermann. Jetzt ſetze dich zu mir und erzähle, wie du die Nachricht er⸗ hielteſt und zu dem Entſchluß kamſt, für ihn, der einſt dein Geſpiele war, die weite Fahrt zu machen.“ „Niemals zeige ich ihr die Haarlocke,“ dachte Fri⸗ derun,„ihr Auge ſoll nicht darauf ſehen und ſie ſoll mein Eigenthum nicht von mir fordern.“ Deshalb ſprach ſie vorſichtig:„Einer von den Bärtigen, der im Hofe meines Vaters Kranke gepflegt hatte, brachte uns die Botſchaft, daß er als Gefangener im Libanon lebe und als Wahrzeichen Wcorte eines alten Liedes, das in unſerem Dorfe be⸗ kannt iſt. Denn bevor Herr Jvo unter dem Kreuze auszog, übergab er meinem Vater Goldſchmuck und edle Steine, das Erbe ſeiner Mutter, damit der Vater den Schatz in unſerem Heerd berge bis zu ſeiner Rückkehr. Dieſen Schatz ſoll ich zum Kaiſer tragen als Löſegeld.“ Hedwig lächelte.„Und warum wurdeſt du der Bote und nicht dein Vater?“ „Der Vater iſt alt und der Hof kann ihn nicht entbehren.“ Hedwig nickte:„Du warſt ſeiner Mutter vertraut. Sprich mir von ihr.“ „Sie war aus dem Grafenhaus von Orlamünde, wie ihr wiſſen werdet, und eine ſtolze Wirthin, doch klüger als Andere und von gütigem Herzen. Daß ſie ſtarb, war ein Unglück für den Hof, Herr Jvo lebte ſorglos und ritt durch das Land, und ein Herren⸗ hof bedarf Hände, die ſparſam zuſammenhalten, denn wo Viele begehren, wird leicht unnütz verſchwendet und auch die Treuen gewöhnen ſich aus dem Vollen zu leben.“ Wieder lächelte Hedwig.„Wie war Herr Jvo als Knabe?“ Friderun ſchwieg.„Fragt mich, was ihr über ihn wiſſen wollt,“ ſprach ſie endlich mit Zurückhaltung. „Sage mir, wie er gegen dich war?“ „Wir ſpielten mit einander. Wer die Gerte in der Hand hielt, führte den Andern als Roß an der Leine.“ „Doch als du größer wurdeſt?“ „Wir zankten uns zuweilen, doch ſaßen wir auch bei einander und ſangen Lieder um die Wette. Als Knabe hatte er eine liebliche Stimme,“ berichtete Fri⸗ derun kurz. — 329— „Und wann ſchiedeſt du aus dem Hofe „Da er in die Zucht des langen Marſchalks kam und der Vater meiner bedurfte.“ „Ich erkenne,“ begann Hedwig überlegend,„daß du ſchnell und klug zu antworten weißt; ich hoffe, du ver⸗ ſtehſt ebenſo zu ſehen und zu hören. Frau Elſe ſchreibt mir, daß du mein Fürwort beim Kaiſer gebrauchſt. Ich gebe dir keinen Brief, doch ein Zeichen, daß du von mir kommſt.“ Sie zog einen Ring vom Finger.„Auch den Ring bewahre geheim vor Jedermann. Willſt du dem Kaiſer angenehm und werthvoll werden, ſo mußt du ihm Einiges von ſeinem Sohne, dem König Heinrich, berichten können, denn wenn du ihm meinen Ring giebſt, wird er auch darnach fragen. Ich will dir Gelegenheit verſchaffen, den jungen König zu ſehen und zu hören, ohne daß er und ſeine Herren dich mit Fragen beläſtigen, doch mußt du dich vorſichtig ſtill halten. Verweile hier, bis ich dich rufe, mich zwingt meine Pflicht als Hauswirthin, dich zu verlaſſen; laß dir die Zeit nicht lang werden und wun⸗ dere dich nicht, wenn ich die Thür zuſperre, damit die Diener nicht eindringen.“ „Ich ginge lieber,“ verſetzte Friderun. „Wenn du für Herrn Jvo ſorgen willſt, ſo bleibe,“ ſprach Frau Hedwig mit ſo hohem Ernſt, daß die Magd ſchweigend einwilligte. Hedwig verließ das Zimmer und Friderun hörte, daß die Thür geſperrt wurde. Lange ſaß ſie in un⸗ ruhigen Gedanken. Endlich kehrte die Gräfin zurück. „Folge mir ſchnell und vorſichtig,“ gebot ſie, und Fri⸗ — 330— derun erkannte, daß eine finſtere Entſchloſſenheit auf dem bleichen Antlitz lag. Sie folgte der Führenden wenige Stufen einer Seitentreppe hinab und wurde erſt ihrer Sorge enthoben, als ſie ganz in der Nähe Ge⸗ lächter und das frohe Geräuſch eines Gaſtmahls ver⸗ nahm. 10. Vor drei großen BHerren. In einer dürftigen Herberge der ſyriſchen Hafenſtadt Tripolis ſaßen Henner und Lutz einander gegenüber. Jedermann merkte, daß ſie nicht im Glück lebten, ihr Gewand war abgetragen, das Eiſenhemd darunter roſtig und an den Rändern zerriſſen, und ihre Miene ſehr be⸗ kümmert. Sie waren ruhelos am Libanon umhergeritten und hatten vergeblich in allen Burgen nachgeforſcht. Als das reiche Geſchenk des Kaiſers aufgezehrt war, hatten ſie in der Noth einem der ſyriſchen Barone in ſeinen Grenzfehden gedient, um ſich rittermäßig durchzubringen. Oefter waren ſie mit Kurden und Arabern zuſammen⸗ geſtoßen und mit Mühe der Knechtſchaft entgangen, zweimal auch waren ſie in das Land der Ismaceliten ein⸗ gedrungen, aber die Grenzwächter hatten ſie trotzig ab⸗ gewieſen, denn jedem bewaffneten Fremden war das Gebiet des Scheikhs verſchloſſen.„Das letzte Pferd iſt verkauft,“ begann Henner. „Dann brauchen wir's nicht zu füttern,“ verſetzte Lutz,„und ſind die größte Sorge los.“ — 332— „Das Geld fordert der Wirth,“ fuhr Henner fort, „er behauptet, ein Thüring und ein Ei aus den Dörfern des Hennebergers zu ſein. Aber die heiße Sonne hat ihn hart geſotten und von Erbarmen iſt nichts mehr an ihm zu finden.“ Lutz, welcher unnöthige Worte gern vermied, ſchwieg ſtill und Henner begann nach einer Weile wieder:„Ein Krieger, der Knecht und Roß verloren hat, iſt nicht glück⸗ ſelig zu preiſen; wir ſind jetzt Bettler, Chevalier, von dem Orden der armen Ritter, denen ich daheim manch⸗ mal mit Mißvergnügen ein Almoſen zugeſteckt habe. Darum frage ich euch, was ſoll aus uns werden?“ „Wir faſten wieder, wie einſt,“ rieth Lutz,„im Meer ſind Fiſche genug, es iſt hier nicht leicht zu ver⸗ hungern.“ „Ich ſorge nicht um unſern Magen, Herr,“ ant⸗ wortete der Marſchalk, ‚aber Tag und Nacht muß ich an den Brief denken, den uns unſer Geſelle Godwin durch Nicolaus ſchreiben ließ. Denn was die deutſchen Brüder vorlaſen, war ganz widerwärtig, die Mühlburger wollen unſern armen Herrn bei lebendigem Leibe beerben.“ „Wüßten wir nur erſt ſicher, daß er lebendig iſt,“ bemerkte Lutz verſtändig,„dann wollten wir die Mühl⸗ burger flur von Hof und Gut jagen.“ „Seit dem Briefe verläßt mich der Gedanke nicht, daß wir zu Hauſe nöthiger ſind, als hier, und die Angſt um den Hof wächſt mir mit jedem Tage, den wir in dieſem bösartigen Lande verweilen. Auch Frau Jutte mit den Knaben jammert mich.“ — 333— „Der Schiffer aus Bremen war hier,“ warf Lutz ein,„er will euch mitnehmen, wenn ihr euch während der Fahrt dem Schiffe als Kriegsmann gelobt.“ „Mich?“ frug Henner unwillig, ‚wir ſind aber zwei.“ Lutz antwortete ausweichend:„Denkt daran, Herr, daß Weib und Kinder an eurem Heerde ſitzen und daß der alte Godwin ſich nicht auf dem Gute behaupten wird, wenn nicht eure Fäuſte ihm helfen. Ich aber habe nur Eine, um die ich ſorge. Seht ihr mein Berchtel, Henner, ſo ſagt ihr, daß ſie das Strumpf⸗ band losbinden ſoll, welches ich ihr um ihr weißes Bein 1 gelegt habe; denn ich kehre ſchwerlich zurück.“ Er ſtützte den Kopf in die Hand. „Laßt euch ſagen, Lutz,“ ſprach der Marſchalk ge⸗ rührt,„daß ihr gewiſſermaßen beſeſſen ſeid. Ich lobe die Treue, ihr aber werdet hartnäckig ohne Nutzen.“ „Vielleicht kommt er doch wieder,“ verſetzte Lutz. „In ſeinem Hofe bin ich erzogen und er hat mich bei ſich behalten und einen Mann aus mir gemacht, deshalb denke ich in ſeiner Nähe zu bleiben. Sprecht mir nicht dawider, Marſchalk, euer Amt iſt, den Hof zu bewahren und meines iſt, auf den Herrn zu warten.“ Henner erhob ſich.„Wahrlich, Geſelle, ihr habt das Richtige gefunden; was geſchehen muß, ſoll geſchehen ohne viele Worte, und wenn wir es Beide vermeiden können, ohne Wehmuth. Begleitet mich, wenn's euch be⸗ liebt, zum Schiffe.“ Als Lutz von ſeinem Gefährten Abſchied genommen — 334— hatte und das Schiff zum Hafen hinausfuhr, ſtand er am Strande und ſtarrte nach der hagern Geſtalt des Marſchalks, der immer wieder die Hand nach ihm aus⸗ ſtreckte, bis ihm das Schiff und der Freund darauf wegen rinnender Thränen undeutlich wurden. Bald aber fand er ſeine bedachtſame Ruhe wieder und ſprach zu ſich ſelbſt:„Bisweilen iſt einer mehr als zwei. Mein Ge⸗ ſelle war allzu ritterlich. Wir haben ſeither vielerlei Um⸗ wege gemacht, ich gehe gradeaus zu dem grimmigen Meſſerſchmied in den Bergen und ſage ihm auf den Kopf zu, daß er den Herrn gefangen hält, und daß es endlich Zeit iſt, ihn zu entledigen.“ Er eilte in das kleine Hospital, welches die deutſchen Brüder vor Kurzem in Tripolis gegründet hatten, bat um ein altes Pilger⸗ kleid und gab dafür ſein Ritterſchwert zum Pfande. So verließ er die Stadt als ein armer Waller und zog längs der Küſte nordwärts, um das Grenzgebiet der Templer und Johanniter zu vermeiden; denn dieſe hielten ſcharfe Aufſicht über alle Reiſenden, die nach den Bergen der Ismaeliten oder von dort nach der Küſte gingen. Zwei Tage lief er in Pilgerweiſe und nahm Koſt und Her⸗ berge bei barmherzigen Leuten, am dritten kam er an eine kleine Hafenſtadt, welche früher den Ismaeliten gehört hatte und jetzt von den Johannitern bewacht wurde. Dort ſchlug er ſich in die Berge. Als er die Grenz⸗ wächter der Ismaeliten von fern erblickte, eilte er auf ſie zu und ſagte, ſo deutlich er es mit arabiſchen Worten ver⸗ mochte, daß er zu ihnen gedrungen ſei, um in einer großen Sache ihren Vater, den Scheikh, zu ſprechen. Er wurde — 335— auf ein Pferd geſetzt und durch das Land geführt bis zu einer großen Burg, welche mit Thürmen und Mauern auf ſteilem Fels ragte, ſo daß man nicht erkannte, wo die weiße Klippe aufhörte und wo das Menſchenwerk begann. In der Burg blieb er ſtrenge bewacht bis zu dem Tage des Verhörs. Endlich wurde er in eine weite Halle geführt, zwiſchen reichverzierte Säulen und Bögen; in einer Niſche auf erhöhtem Raume ſtand ein Haufe der Geweihten im weißen Kaftan, kenntlich an der ſpitzen rothen Mütze und dem rothen Leibgurt, und längs den Wänden ſaßen auf Polſtern Weiſe und Edle des Volkes. Lutz ſah nach dem furchtbaren Alten umher, von dem er gehört hatte, aber vor ihm waren viele bejahrte Männer, er fand viele blitzende Augen auf ſich gerichtet und nicht wenige weiße Bärte hingen bis zu den Gürteln herab, ſo daß er dachte,„wenn ich nicht wüßte, wie rachſüchtig ſie ſind, würde ich ſie für die ehrbarſte Geſellſchaft halten, die ich je geſchaut. Doch wer unter wilde Thiere geht, hüte ſich, ihren Zorn zu erregen,“ und er verneigte ſich tief zu beiden Seiten. Nach langem Schweigen winkte ein Greis dem Dragoman und begann:„Freiwillig kamſt du in unſere Berge, o Franke, verkünde, wer du biſt und was du begehrſt.“ „Ludwig von Ingersleben iſt mein Name, ein Dienſtmann bin ich des edlen Ivo, den ihr, wie ich vernehme, gefangen haltet; ſeinetwegen komme ich, euch zu bitten, daß ihr ihn frei gebt.“ — 336— „Wer hat dir die Kunde zugetragen, daß dein Herr als Gefangener bei uns weilt?“ „Unter den Chriſten an der Grenze läuft die Sage,“ behauptete Lutz kühnlich, und er hatte in der That unter vielem anderem auch dies vernommen. „Wer von Fremden holen will, muß vorher bringen. Was gedenkſt du zu bieten?“ frug der Alte weiter. „Geld bringe ich nicht,“ verſetzte Lutz ehrlich,„doch vermag mein Herr euch Löſegeld zu zahlen, wenn ihr ihn nicht unmenſchlich ſchätzt; ich aber erbiete mich, an ſeiner Statt als Gefangener bei euch zu bleiben, bis ihr das Geld empfangt.“ „Wenn Geld die löſen könnte, welche wir feſthalten, ſo wäre Mancher frei, der hinter Mauern weilt.“ 1 Ein langes Schweigen folgte, dem Thüring aber kam vor, als ob ſein Herr wahrhaftig hier in Gefangen⸗ ſchaft ſei, und er hütete ſich ſeine Freude zu verrathen und Ungeduld zu zeigen.„Haſt du ſonſt etwas zu bitten und zu bieten,“ frug der Greis wieder,„ſo ſprich, doch meide unnütze Worte.“ „Wohlan, ihr Herren, wenn ihr ein Recht zu haben glaubt an ſeinen Leib, ſo fordere ich, gewährt auch mir ritterliches Recht und ſtellt mir einen Kämpfer, damit ein Gottesurtheil entſcheide, ob das Leben meines Herrn euch gehört, oder ſeinen Freunden.“ Wering iſt dein Ausſehen, wie magſt du wagen, unſere Helden zum Kampfe zu fordern?“ Lutz öffnete ſein Pilgerkleid und wies auf den weißen Rittergurt.„Ich bin ſchwertlos gekommen, um euch 2 — 337— nicht zu erzürnen, aber ich trage die Ehrenzeichen eines Ritters und kein Fürſt darf mir den Kampf verweigern, wenn ich ihn in ehrlicher Sache fordere.“ „Meinem Volke aber wird deine Forderung ver⸗ ächtlich; nur ein Unſinniger kämpft ohne Noth um ein Gut, das ihm bereits gehört.“ „Ich dachte mir's,“ murmelte Lutz.„Dann alſo, alter Herr, laßt mich mein letztes Gebot thun. Wenn euch ſo viel daran liegt, einen Ritter aus Ingersleben in eurem Thurm zu bewahren, ſo laßt meinen Herrn frei, behaltet ſtatt ſeiner mich und macht mit mir, was ihr wollt.“ „Du nennſt dich ſelbſt ſeinen Diener, ihn deinen Herrn, auch bei euch tauſcht der Jäger nicht den Falken gegen die Amſel.“ Wieder folgte langes Schweigen, endlich begann der Alte:„War der, welchen du deinen Herrn nennſt, ein Chriſt?“ „Gewiß war er das,“ verſetzte Lutz. „Wie kam es doch, daß wir ihn am Grenzſteine ge⸗ fällt fanden ohne einen Glaubensgenoſſen, mitten unter Bekennern des Islam?“ „Er war von dem großen Kaiſer zu euch geſandt mit mauriſchen Leibwächtern, weil dieſe eurer Sprache und Sitte mächtig ſind. Hätte ich mit meinen Geſellen ihn begleitet, dann wäre die Miſſethat nicht vollbracht, oder ich würde nicht lebend vor euch ſtehen.“ Der Ismaelit gab ein Zeichen, einer der Geweihten trug ein blutgetränktes Tuch herzu, welches der Dragoman dem Thüring wies, und dieſer vermochte ſeine Bewe⸗ Freytag, Die Ahnen. III. 22 — 338— gung nicht zu bergen, als er das Tuch erkannte, welches ſein Herr einſt am Halſe getragen hatte. „Auf dem Gewebe ſteht ein Spruch, den die Mu⸗ hamedaner für heilig halten; bewahren die chriſtlichen Franken ein ſolches Amulet über ihrem Herzen?“ Erſtaunt vernahm Lutz die Bedeutung der goldge⸗ ſtickten Zeichen.„Ich weiß nur, daß das Tuch eine Gabe der Herrin iſt, welcher er ſich geweiht hatte; wer die Herrin war, blieb ſein Geheimniß. War ſie eine Sarrazenin, ſo wiſſet, daß wir auch fremdländiſchen Frauen unſeren Dienſt widmen. Ich ſelbſt bewahre das Schleiertuch einer Dame, der ich diene, obwohl ſie im Harem eines Sultans lebt.“ Und er brachte bereitwillig aus ſeinem Gewande den zerriſſenen Schleier hervor, den er einſt bei den Kameelen gewonnen hatte. Zum erſtenmal bemerkte er unter den Ismaeliten eine Regung der Neugierde, leiſe Ausrufe wurden ge⸗ hört und Mehre ſtrichen zufrieden die Bärte.„Du ſelbſt biſt der Ritter, welcher mit den Johannitern kämpfte, um die Mutter des Sultans Elkamil vor der Gefangen⸗ ſchaft zu bewahren?“ frug der Alte. Lutz hatte bis jetzt nie erfahren, daß die Herrin des Schleiers ſo ehrwürdig war, und er fand ſeltſam, daß die Wilden im Libanon das wußten. Als er in den Mienen der Ismaeliten die Billigung erkannte, dachte er„ihr würdet anders denken, wenn ihr jünger wärt,“ aber er antwortete beherzt:„ich bin der, welchen du meinſt.“ Da traten die Geweihten auseinander, er ſah auf der — 339— Höhe einen Greis im weißen Gewande ſitzen und merkte, daß ihm erſt jetzt der Anblick des Scheikhs vergönnt wurde. Der Weißgekleidete ſchlug in die Hände, zwei Gewapp⸗ nete führten einen jungen Neger herein, der mit aus⸗ gebreiteten Armen auf Lutz zueilte, ſich vor ihm nieder⸗ warf und das Geſicht an ſein Gewand drlückte.„Ali, mein Rabenkind,“ rief Lutz, die ganze Umgebung ver⸗ geſſend,„wo weilt unſer Herr?“ „Sprich nicht mit dem Knaben,“ warnte der Dra⸗ goman dazwiſchen tretend. Die Stimme von der Höhe frug:„Du kennſt den Sklaven?“ „Er war ein Geſchenk, welches mir die Frau, von der ich ſprach, in das Lager des Kaiſers ſandte, und er war der Einzige aus unſeren Zelten, der meinen armen Herrn auf der Reiſe begleitet hat.“ „Im Thal des Todes fanden meine Söhne den Schwarzen,“ ſprach der Scheikh.„Sprich wahrhaft, Franke, was haſt du im Lager des großen Emperor über die Blutthat vernommen?“ „Daß umherziehende Kurden die Miſſethat verübten.“ „Unſchuldig ſind die Kurden an der That, Held Haſſan und dein Herr fielen unter den Meſſern deiner Glaubensgenoſſen.“ Der Thüring ſah erſchrocken um ſich. Was der Scheikh behauptete, klang ihm nicht fremd in das Ohr, ſchon im Lager war Allerlei über die Templer geflüſtert worden, und er ſelbſt hatte ſich mit ſeinen Geſellen ſchwere Gedanken gemacht wegen der Feindſchaft, die zwi⸗ ſchen Jvo und einem Verwandten des Kaiſers beſtand. 22* ————— werr 2 ——— ——— — 340— Nachdrücklich fuhr der Scheikh fort:„Rache begehren wir für den Tod des Helden Haſſan und für die Miſſethat, welche hinterliſtig von Chriſten auf unſerem Grunde verübt wurde. Darum handelt der Chriſt thöricht, welcher von uns hohen Dienſt begehrt, ohne den Gegendienſt zu leiſten, welcher uns werthvoll iſt. Das Geſetz in den Bergen lautet: Leben für Leben, begehrſt du deinen Freund lebendig zu ſchauen, ſo hilf uns, daß ein Anderer gefällt werde.“ Lutz überlegte.„Vieles darf ich für meinen Herrn thun und willig gab ich Freiheit und Leben in eure Hand, aber wenn ihr mich gebrauchen wollt, daß ich an Stelle eurer Knaben irgendwie einen Chriſten oder Heiden hinterrücks treffe, ſo habt ihr euch gröblich in mir ge⸗ irrt und ich antworte euch, ich thue es nimmer und um keinen Preis. Darum macht mit mir, was ihr wollt, aber ein Mörder werde ich nicht.“ „Meine Söhne gebrauchen nicht fremde Hilfe, um einen Feind, der ihnen gewieſen wird, zu verfolgen; ſie tragen die Rache über Land und Meer und wiſſen in Alexandrien und Meſſina den Todesgruß zu bieten. Die Miſſethat aber, um welche wir trauern, blieb auch uns geheimnißvoll. Darum begehren wir deine Hilfe, daß du den Mann erkundeſt, welcher die That geleitet hat, und daß du nach den Gebräuchen des Abendlandes das Leben des Mörders austilgſt. Wir fordern von dir nur, was in deinem Volke für ehrenwerth gilt, willſt du den Gefangenen befreien, ſo ſei unſer Kämpfer, um die Blutthat zu rächen.“ — 341— Nachdenkend verſetzte der Thüring:„Wegen der ſchweren That, welche an dem Gaſt und dem Geſandten meines Kaiſers verübt wurde, darf ich den Gerichtskampf fordern als Chriſt und Ritter. Doch, Herr, erſt muß ich glauben, daß ein Chriſt Anſtifter und Vollbringer wurde und ich muß wiſſen, wer der Thäter war. Wie könnt ihr mir Sicherheit darüber geben, da ihr ſelbſt, wie ihr ſagt, in Zweifel ſeid? Der Scheikh neigte das Haupt.„Zwei Zeugen übergebe ich dir, der eine iſt der ſchwarze Knabe, den wir in dem Thale des Todes fanden, er weiß von der Unthat zu berichten, doch iſt er ein Sklave. Der an⸗ dere Zeuge aber iſt dieſes Werkzeug.“ Er winkte, einer der Geweihten trug ein Dolchmeſſer herbei, deſſen Spitze durch eine goldene Kapſel geſtochen war, wie ſie kaiſer⸗ lichen Briefen angehängt wurde, um das Siegel zu be⸗ wahren.„Dies Meſſer durchbohrte das Tuch und den kaiſerlichen Brief, welche dein Herr auf der Bruſt trug, beide hemmten die tötende Gewalt des Stoßes. Den Knaben und das Meſſer ſollſt du ohne Säumen zu deinem Kaiſer tragen mit dieſer Botſchaft aus unſeren Bergen: Gemeinſam ſei der Schimpf, den er und die Ismaeliten erduldet, darum ſenden wir an ihn die Zeugen und den Rächer, nach der Sitte ſeines Lan⸗ des, damit er ſelbſt für unſere und ſeine Rache ſorge. Dies iſt der Dienſt, den wir von dir begehren, denn wir haben erkannt, daß du nicht zu den Argen gehörſt, ſondern zu den Treuen. Leiſte uns einen Eid nach 4 deinem Glauben, daß du von hier ohne Aufenthalt über das Meer vor das Angeſicht des Kaiſers eilen willſt.“ Da hob der Thüring die Hand in die Höhe und ſprach den Eid.„Geſtattet mir, bevor ich ſcheide, meinen Herrn zu ſehen.“ „Du wirſt ihn wiederſehen,“ antwortete der Scheikh, „wenn er durch dich entledigt zwiſchen Meſſer und Kreuz am Grenzſteine ſteht, nicht eher. Geendet ſei die Rede, meine Söhne geleiten dich. Nimm die Zeugen mit dir und gedenke deines Eides.“ Während Lutz mit dem Knaben Ali zum Thor der Burg hinausritt, lag der Gefangene wenige Bogenſchüſſe von ihm entfernt auf dem Dach eines morgenländiſchen Landhauſes. Vor ihm öffnete ſich ein lachendes Thal, tief in das Gebirge eingeſenkt, von allen Seiten mit hohen Felſen umſchloſſen. Ueberall brachen ſtarke Quellen aus dem weißen Geſtein, ſie ſtrudelten und rauſchten, bis ſie ſich unten zu einem See vereinigten. Bei dem milden Herbſtlicht wies der Grund ein üppiges Grün, denn kleine Rinnen von Menſchenhand gezogen verbreiteten weithin das Leben ſpendende Waſſer. In heiterer Ruhe lag das Thal wie geſchieden von der Welt. Ueber mäch⸗ tige Fruchtbäume ragten auf kleinen Anhöhen die Thurm⸗ häuſer der Landleute, am Fuß der Felſen kletterten genäſchige Ziegen und große Koppeln edler Roſſe tum⸗ melten ſich im Gehege. Der Gefangene war nur an dem blonden Bart und der helleren Hautfarbe als ein Fremder zu erkennen, er trug das reiche Gewand eines Morgenländers und redete — 343— arabiſch mit ſeinem Wächter Achmed, einem Jüngling, der ſeinem älteren Bruder Haſſan in Geſtalt und Gebehrde ähnlich war.„Lange weilt der Knabe Ali auf der Burg,“ begann Ivo. „Unſer Vater, der Scheikh, hat ihn zu ſich befohlen,“ antwortete Achmed. „Es geſchah zum erſtenmal,“ murmelte Jvo unruhig, und da er die verwunderte Miene ſeines Gefährten ſah, ſetzte er lächelnd hinzu:„Wer nicht von großer Sorge bedrängt wird, der ſchafft ſich kleine. Der Jüngling wies hinab in den Hof, wo braune Mädchen in leichtem Gewande ſich zum Klange einer arabi⸗ ſchen Laute zierlich im Kreiſe drehten.„Sie zeigen dir ihre beſte Kunſt, es wird ſie kränken, daß du ſo wenig auf ſie achteſt, denn der Sklavin iſt der freundliche Wunt des Herrn der beſte Lohn.“ „Auch ſüßer Trank wird verleidet,“ antwortete Ivo mit ernſtem Lächeln,„ihre behende Kunſt gleicht dem Geſange der Nachtigallen in deinem Thal. Bei mir da⸗ heim gilt derſelbe Vogel für den lieblichſten Sänger und wir lauſchen ihm freudig. Hier aber hörte ich im Früh⸗ ling nicht einzelne ſingen, ſondern ſchaarenweis ſchmet⸗ terten ſie im Laube und nahmen mir jede Nacht den Schlummer. Viel Wonniges iſt hier gehäuft. Zürne mir nicht, Achmed, wenn ich des Reichthums überdrüſſig mich nach der Armuth meines Landes ſehne.“ „Kommt dich die Schwermuth an,“ verſetzte der Jüngling,„ſo laß ich dein Roß ſatteln und wir reiten durch das Thal.“ — 344— „Auch die Wege dieſes Thals haben wir durchmeſſen. Von Balſam duftet der Grund und täglich erblühen neue Blumen, dennoch iſt es für den Gefangenen ein geringer Unterſchied, ob er die Schritte zählt von einer Kerker⸗ wand zur andern, oder die Sprünge des Roſſes von Fels zu Fels.“ „Sonſt warſt du anders,“ rief unzufrieden der Jüng⸗ ling. „Habe Geduld, du treuer Wächter. In Thüringen erzählen die Leute, daß eine holde Göttin, Frau Minne, im Innern der Berge wohnt und junge Helden zu ſich lockt, ſie beharren lange bei ihr in Freuden, zuletzt ver⸗ zehrt ſie doch der Kummer nach der Oberwelt. So habe ich hier gelebt wie im Traume, und wenn du mich den Sinn eurer Lieder lehrteſt, ſo war mir zuweilen, als könnte ich im Morgenlande heimiſch werden; jetzt iſt auch für mich der Zauber gelöſt. Wiſſe, mir gelang es, aus deinen Bergen einen heimlichen Gruß in die Heimath zu ſenden, ich ſage dir nicht wie? damit du Niemandem zürnſt. Mit dem Gruß wandert jetzt meine Seele jeden Tag, ungeduldig folge ich dem Boten auf Schritt und Tritt; ich ſehe ihn am Hafen und auf dem wilden Meer, und wie er die Botſchaft in die Hand eines Weibes legt, der ich gern vertraue. Wahrlich, neulich am Abend erkannte ich die blonden Zöpfe der Magd Friderun neben der braunen Tänzerin dort unten und ich ſchob das Mädchen zur Seite, um das Haar der Deutſchen zu faſſen. Zu Roß, Geſelle,“ ſchloß er ſich aufrichtend,„fliegt der Rappe dahin wie ein Pfeil, und ſauſt die Luft um die Schläfe, — 345— ſo höre ich wohl auf, dir gleich einem Weibe Klagelieder zu ſingen.“ Von der Burg jagte ein Reiter heran, Achmed empfing die Botſchaft und kehrte beſtürzt zurück.„Unſer Vater, der Scheikh, fordert dich vor ſein Angeſicht.“ Gleich darauf klang von der Höhe ein ſcharfer, eherner Ton über das Thal und aus der Ferne antwortete der Gegenklang.„Die Männer meines Geſchlechtes werden aufgeboten zum Wafefenritt.“ „Mir ahnt,“ ſagte Ivo ernſt,„dies verzauberte Leben nimmt ein Ende. Ich bin bereit; nur mein altes Eiſenhemd thue ich um, denn mir ziemt nicht, im Gewande dieſes Thals vor deinen Herrn zu treten. Dir aber, Jüngling, danke ich, wenn ich nicht wiederkehre, für deine Sorge, denn treu wie ein Bruder warſt du dem frem⸗ den Mann.“ Ivo hatte nur einmal, als er mit ſeiner Wunde in den Burghof getragen war, den Herrn der Berge undeutlich geſehen, denn der Greis ſtieg niemals von ſeiner Höhe in die Thäler hinab. Als er jetzt in die Halle trat, fand er den Scheikh allein auf ſeinem Polſter ſitzen, er ſah eine hohe gefurchte Stirn und zwei Augen, welche ſcharf wie die eines Adlers nach ihm blickten. Dann ſenkte er nach der Sitte des Oſtens ſein Haupt und harrte der Anrede. „Zwei Sommer weilſt du bei uns, nicht als Gaſt, denn du beharrteſt nicht freiwillig; nicht als Gefangener, denn meine Söhne haben dich geehrt gleich einem Gaſt⸗ freund. Zwei Sommer war dein Mund verſchloſſen und die Pforte deiner Heimkehr blieb verſchloſſen, weil du — 346— dich geweigert haſt vor deinem Kaiſer und deinem Volk Kläger zu werden über verruchte Miſſethat. Doch bevor das Laub vom Baume fällt, wandelt, es ſein Grün in bunte Farben, auch du wandelſt wohl, bevor du aus dem Thal des Lebens ſcheideſt, deine Gedanken. Darum frage ich dich in der letzten Stunde: willſt du unge⸗ ſprochen mit dir nehmen, was nach der Sitte deines und meines Landes Racheruf fordert?“ „Ich muß ſchweigen, Herr,“ antwortete: Jo,„was mir auch darum geſchehe.“ „Dann ſcheideſt du, Chriſt, wie du kamſt, nicht Freund nicht Feind, als ein Fremder, an den wir den⸗ ken wie an die Wolke, welche vorüberzog. Meine Söhne gewähren dir die Entlaſſung, wandle dahin, ungeſcholten und ungegrüßt.“ Jvo vermochte nicht zu antworten, in der Freude bebte ihm das Herz; er ſah ſich in dem Hauſe ſeiner Väter, ihm war, als hörte er auf ſeinem Söller den Geſang der kleinen Vögel und den Speerruf ſeiner Ritter, und er neigte ſtumm das Haupt. Der Alte fuhr fort:„Einem Sohn meines Volkes haſt du Treue be⸗ wieſen, wir fanden dich blutend über dem Leibe des Toten; die Männer des Geſchlechtes Haſſan achten dar⸗ auf, dich in Ehren zu entſenden. Sie können dir nicht Gaſtgeſchenke bieten, die der freundliche Wirth giebt, und die der Gaſt nicht ausſchlagen darf, du ſelbſt magſt dir vom Boden heben, was für dich bereit liegt. Der Alte winkte und führte in den Hof, dort waren zwei — 347— Teppiche gebreitet, auf dem einen ſeidene Gewänder, dar⸗ über ein Schwert in goldener Scheide, der Griff mit einem großen Edelſteine geſchmückt; daneben hielt Achmed das arabiſche Roß, auf welchem Jvo durch das Thal geſprengt war und den ritterlichen Speer mit dem Rohr⸗ ſchaft. Auf dem andern Teppich lag ein Pilgerkleid mit Hut und Stock, wie arme Chriſtenwaller trugen.„Wähle,“ ſprach der Scheikh. Joo trat an die Seite des Roſſes, ſtrich am Halſe herab und ſagte ihm leiſe in das Ohr:„Lebe wohl, Rappe.“ Dann hob er Pilgerkleid und Hut vom Teppich. Der Scheikh neigte das Haupt, machte das Zeichen der Entlaſſung und trat in die Halle zurück. Ivo aber hob den Arm gegen das Thal, welches in der Tiefe vor ihm lag:„Möge der hohe Vater im Himmel auch hier die Guten beſchützen und ihnen mildere Sitte verleihen.“ Er zog das Pilgerkleid über ſein Eiſenhemd und ergriff den Stab, da führte Achmed traurig das Roß zu ihm und ſprach: Noch einmal ſoll es dich tragen bis zum Grenz⸗ ſteine, denn ich und mein Geſchlecht geben dir das Ge⸗ leit. Ivo ſchwang ſich auf und ſprengte aus dem Hofe, draußen hielt ein Haufe Bewaffneter, an ihrer Spitze flog er neben Achmed den Felſen hinab in das Thal. Er zog ſtill wie im Traume dahin, auch der Jüng⸗ ling ehrte durch Schweigen die ernſten Gedanken, doch war er immer herzlich um ihn bemüht und wenn der Chriſt des Weges nicht achtete, rief er dem Roß leiſe Mahnungen zu. So ritten ſie Stunde auf Stunde in geſtrecktem Lauf, bis ſie an die Wildniß kamen, welche — 348— das Gebiet der Bruderſchaft von dem Lande der Chriſten ſchied. Vor ihnen erhob ſich weit ſichtbar ein weißer Stein mit den Grenzzeichen, der Jüngling hob den Arm gegen ſein Gefolge, die Ismaeliten riefen laut ihren Kriegsruf, fuhren auf ihren flüchtigen Roſſen blitzſchnell durchein⸗ ander und ſchleuderten das Holz der Wurfſperre an die metallenen Schilde, den Scheidenden im Getümmel umkreiſend, dann hielten ſie plötzlich ſtill und Jvo neigte dankend das Haupt. Achmed ſprang ab, erxgriff den Zügel des Rappen und ſagte, auf einen Haufen der Geweihten zeigend, der dicht geſchloſſen jenſeit des Grenzſteines hielt:„Dieſen muß ich dich übergeben,“ und eine Taſche von der Seite löſend ſetzte er mit ſtockender Stimme hinzu:„Nimm hier und ſei geſegnet.“ Ivo ſah ihn dankbar an. So lange ich lebe, bin ich deiner eingedenk. Laß mich gehen wie ich kam.“ Doch der Jüngling hielt noch einmal mit geſenkten Augen die Taſche hin:„Nimm nur ſo viel von mir, daß du dir Nahrung kaufen kannſt beim erſten Hunger.„Da hob Ivo aus der Taſche zwei der kleinſten Silbermünzen und ſagte: „Einſt mahnte mich ein Darbender, dem ich ein Goldſtück zuwarf, an den Tag, wo auch ich eine Spende aus fremder Taſche ſuchen würde. Lebe wohl.“ Der Ismae⸗ lit wich zurück und Jvo ſchritt an dem Grenzſtein vor⸗ über gegen die Sonne, welche ſich zum Abend neigte. Die Reiter vor ihm ſtoben auseinander und er ſah auf dem Felde den Knaben Ali ſtehen und neben dieſem einen Chriſtenpilger. Im nächſten Augenblicke fühlte er ſich an der Hand gefaßt und vernahm mit Entzücken die * — 349— deutſchen Worte:„Guten Tag Herr, ſeid willkommen zur Reiſe in die Heimath.“ Bis nach der Stadt Anagni, wo Papſt Gregor am liebſten weilte, geleitete Bruder Sibold ſeinen Schütz⸗ ling. Dort hielt er vor einem Frauenkloſter, und eilte, nachdem er Friederun der Sorge frommer Schweſtern empfohlen, zu ſeinem Meiſter, welcher ihn ungeduldig erwartete.„Bringſt du die Urkunde aus dem preußiſchen Grenzlande, ſo ſei dreimal geſegnet, denn der heilige Vater iſt feurig für unſere Fahrt gegen die preußiſchen Heiden und ſorgt täglich um unſere Verträge mit all den chriſtlichen Nachbarn, welche Anſpruch auf das Heiden⸗ land erheben.“ Mit der Urkunde eilte der Meiſter zum Papſt. Wenige Tage darauf ſtand er neben dem hei⸗ ligen Vater in einer Kapelle der Kathedrale und Papſt Gregor, ein ſtattlicher alter Herr mit großen munteren Augen begann: „Du haſt aufs Neue deine Kunſt bewährt zu ver⸗ ſöhnen. Ich habe den Kaiſer bei unſerem Wiederſehn demüthiger gefunden als ich erwartete, ich hoffe, der ver⸗ lorene Sohn, welcher zu ſeinem Vater zurückgekehrt iſt, 8 in den Jahren des Bannes Beſcheidenheit gelernt.“ „Oft habe ich ſeine Weisheit im heiligen Lande be⸗ wundert,“ antwortete Hermann.„Alles, was den Heiden abgerungen wurde, hat nur er durchgeſetzt. Da er ge⸗ bannt war, konnte er wahrhaftig nicht mehr erreichen.“ „Willſt du mir andeuten, mein Sohn, daß die Zucht⸗ ruthe zu ſchnell geſchwungen wurde?“ verſetzte der Papſt in guter Laune.„Du freilich haſt immer zur Geduld mit dieſem argen Weltkinde gerathen. Gern vertraue ich deiner Einſicht und Redlichkeit, aber du gleichſt nur einer von den vielen Pfeifen in dieſer Orgel, andere ſind die Biſchöfe und Mönchsorden, und noch andere deine Gegner, die Johanniter und Templer. Ich aber gebrauche für das hohe Lied, welches zur Ehre Gottes erklingt, alle Töne des heiligen Inſtrumentes, bald dieſen, bald jenen. Jetzt iſt die Stunde gekommen, wo ich dir, du wohltönendes Rohr der Kirche, den Mund öffne, damit du eine neue Weiſe zu Ehren der hohen Gottesmutter intonirſt. Ich erkenne, daß für die nächſte Zukunft in dem gelobten Lande keine Mehrung unſerer Würde durchzuſetzen iſt. Deshalb will ich die neue Kreuzfahrt in die Nähe richten, und dir und deinen Brüdern die Unterwerfung der heidniſchen Preußen anvertrauen. Ich habe auch die Urkunde erhalten, durch welche der Polenherzog Konrad deinem Orden ſeine Grenzen öffnen will, damit ihr ein Kreuzheer in das Preußenland geleitet. Aber eine ſo lüderliche und thörichte Schrift habe ich kaum jemals geſehen, das Datum fehlt und jede gebührliche Form, und ſogar die Hauptſache iſt verſchwiegen, eure Kreuzespflicht das Land Preußen zu erobern, damit ihr es unter meiner Oberhoheit beſitzet. Ich fürchte, der Herzog und ſein Kanzler waren nach ihrer Unſitte ſauren Weines voll.“ „Die Brüder klagen, daß mit den Polen ſchwer zu ver⸗ handeln iſt,“ verſetzte ehrerbietig der Meiſter,„am Mor⸗ gen ſind ſie voll Argwohn und am Abend behende mit Umarmungen, aber unfähig zu bedachtſamer Rede.“ — 351— „Dennoch fordere ich, daß die Urkunde ein ehrbares Anſehen habe, denn ſie ſoll uns in saecula saeculorum dienen. Er muß eine andere ausſtellen und meine Kanzlei ſoll ſie ihm ſelbſt vorſchreiben, damit er ſie nur unter⸗ zeichne.“ „Meine Brüder werden auf eine Gelegenheit harren müſſen, wo der Pole wieder einmal ihre Dienſte erſehnt“. bemerkte Hermann. „Wende nur einige edle Pferde oder auch Geld an den Kanzler,“ rieth der Papſt,„von ſolchem Geſchenk muß er ſeinem Herrn abgeben, dergleichen Linſengericht macht dieſe Söhne Eſaus gutwillig. Dem Magiſter Konrad in Heſſen habe ich gebieten laſſen, das Kreuz zu errichten und eine Preußenfahrt zu verkünden. Er wird es an ſich nicht fehlen laſſen. Und wahrlich, es thut Noth, in Deutſchland die Seelen an den Dienſt der Heiligen zu mahnen, denn Trauriges vernehmen wir von Unglauben und ruchloſer Ketzerei, welche dort heimlich in die Seelen ſchleichen. Du aber, mein Sohn, nimm als Lohn für die Verſöhnung mit dem Kaiſer das neue Amt auf dich. Gern vertraue ich dir, denn du haſt immer den Frieden betrieben, wäh⸗ rend Andere eifrig waren, den Zwiſt zu nähren. Auch deiner Bruderſchaft vertraue ich gern, denn deine Deut⸗ ſchen ſind, wenn ſie etwas beginnen, hartnäckig und wüthend gegen ihre Feinde, und lieber ſehe ich die neue Eroberung in euren Händen, als in der Gewalt meiner Söhne von St. Johannes, welche allzureich und weltlich werden. Und Bruder Peter vom Tempel läßt es zwar an Ehrfurcht gegen uns nicht fehlen, und er ſendet auch reich⸗ — 352— licher Geld als ihr Andern, aber ich fürchte, die Chri⸗ ſtenliebe gedeiht in ſeinen Conventen nicht allzuwohl. Doch wegen jenes Mordes, der vor Jahren an der kaiſer⸗ lichen Geſandtſchaft begangen wurde, haben ſie ſich ent⸗ ſchuldigt. Denn durch ſie wurden nur Ungläubige gefällt, wie du wiſſen wirſt.“ „Ich habe nur vernommen, was das Gerücht kün⸗ det,“ verſetzte Hermann vorſichtig. Der Papſt aber fuhr redſelig fort: Und wie der arme Biſchof von Valenia meinem Kämmerer ſchrieb, ſoll jener Geſandte auch gar nicht tot ſein, ſondern den Mör⸗ dern entronnen und bereits zu Schiffe auf der Heimkehr. Hatte Jemand bei dem ſchlimmen Handel Schuld gegen einen Chriſten, ſo mag der Kaiſer den Thäter unter Sol⸗ chen ſuchen, die er für ſeine Treuen hält, obgleich die heilige Kirche manchen von ihnen beſſer kennt als er. Gehe alſo mit meinem Segen. Ich weiß, du kluger Rath, ich erfülle dir jetzt einen Herzenswunſch, den du lange in geheimer Seele bewahrt haſt.“ Als der Meiſter in ſeine Herberge zurückkehrte, ſagte er zu Bruder Sibold:„Nirgend erfährt man ſo viel Neues aus der Welt als hier, und dem heiligen Vater macht es zuweilen Freude, davon zu erzählen. Sorge dafür, daß dein Schützling ſeine Worte in Acht nimmt, denn die frommen Schweſtern werden ſie neugierig aus⸗ fragen. Schaffe ihr auch das Gewand einer Mitſchweſter, damit ſie in meinem Gefolge nach Otranto reiſen kann, dort werde ich den Kaiſer treffen.“ Bange Wochen vergingen der Pilgerin, zuerſt auf — 353— der Fahrt im Gefolge des Meiſters, dann zu Otranto in einem Frauenkloſter, bis Hermann ſie in die kaiſerliche Burg geleitete. Auf dem Wege wies der Meiſter nach dem Hafen:„Das Schiff, welches dort einfährt, kommt aus dem heiligen Lande, die Kreuzfahne der Pilger ſteckt am Maſt. Vielleicht bringt es auch dir Neues.“ Als Hermann für die Magd Zutritt erbat, frug der Kaiſer ſpöttiſch:„Du, ſtrenger Meiſter, führſt mir ein Weib zu?“ „Sie iſt im Geheimniß des ſchwarzen Kreuzes,“ ver⸗ ſetzte Hermann,„ſie und ihr Vater haben der Bruder⸗ ſchaft Gutes gethan.“ „Und du wilſt, ich ſoll für die Dienſte bezahlen, die ſie deinem Orden erwieſen hat. Iſt ſie jung und hübſch? eine Edle oder doch unter dem Ritterſchild geboren?“ „Es iſt Friderun aus Thüringen, die Tochter Bern⸗ hards, der des Kaiſers Richter war. Sie kommt nicht mit leichtem Herzen; eure Nichte, die edle Hedwig, über⸗ gab ihr ein Zeichen für euch.“ Der Kaiſer ſah verwundert auf.„Laß ſie allein ihr Leid klagen.“ Als Friderun in die Halle trat, kniete ſie nieder, hob flehend den Ring in die Höhe und bot ihn dem Kaiſer dar, der ſie von ſeinem Seſſel forſchend anſah. Während Friedrich das Juwel betrachtete, war⸗ tete ſie mit geſenktem Haupt und gefalteten Händen auf die Anrede. „Bringſt du mir eine Botſchaft von der Dame, welche dir dieſen Ring gab, ſo ſprich.“ Freytag, Die Ahnen. III. 23 „Ich komme eine Klage zu verkünden, welche die Landgenoſſen zwiſchen Berg und Thal einander leiſe in das Ohr ſprechen. Die Welt iſt in Noth und Trauer; wenn die Bäume grünen und wenn der Winterſturm durch kahle Aeſte ſauſt, Jahr aus Jahr ein, harren wir vergeblich auf den höchſten Herrn der deutſchen Erde, der über Recht und Frieden waltet.“ „Senden die Bauern aus Thüringen ſolche Bot⸗ ſchaft an den Kaiſer?“ frug Friedrich verwundert. „Auf dem Berge ſteht der Baum,“ fuhr Friderun begeiſtert fort,„an welchen der Kaiſer ſeinen Heerſchild hängen ſoll. So verkünden die Alten. Manche behaup⸗ ten, daß dieſer Kaiſer längſt geſtorben ſei und nur noch als Geiſt in der Tiefe des Berges hauſe; wenn der Nachtwind brauſt, meinen ſie ihn zu hören, wie er herrlich durch die Lüfte fährt, und ſie entſetzen ſich. Der Vater aber ſagt, nicht ein Nachtgeiſt, ſondern unſer Herr, der unter der welſchen Sonne wohnt, werde über die Berge in das Land dringen mit ſeiner Heeresmacht, um ſein armes Volk aus der Bedrückung zu retten, die wir von den falſchen Richtern und von den raubenden Rit⸗ tern erdulden. Ihr ſeid der Herr und auf euch hoffen wir.“ Friedrich ſah ſie betroffen an, er dachte daran, daß er erſt vor Kurzem die eigene Richtergewalt den deut⸗ ſchen Fürſten geopfert hatte. Und das Mißbehagen dar⸗ über niederkämpfend ſpottete er:„Ich bin eurer Treue dankbar, daß ihr mir das Amt des großen Königs Karl zuſchreibt, einmal aus dem Schlaf zu erwachen und eure Räuber an den Baum zu hängen. Unterdeß ſaßen wir hier nicht müßig, du deutſche Sagenerzählerin. Euch aber fehlt, wie ich hoffe, in eurer Verlaſſenheit ein chriſtlicher Troſt nicht: der heilige Vater iſt eifrig, die Guten zu locken und die Böſen zu erſchrecken.“ „Wir vernahmen, daß zwei Schwerter vom Him⸗ melsherrn in die Welt geſandt ſind, um die Völker zu regieren, das eine führt ihr und das andere der Papſt in Rom, den ſie den heiligen Vater nennen.“ Der Kaiſer ſah wieder auf:„Wir aber im Dorfe wiſſen, daß zur Zeit der Vorfahren nur ein Herr über uns gewaltet hat, der von deutſchem Blute war, unſer Kaiſer.“ „Iſt das Bauernmeinung?“ frug Friedrich,„hüte dich, du ſchöne Ungläubige, daß dich kein Pfaffe hört. Wiſſe, Kaiſer und Papſt ſind wieder gut Freund.“ „Wir bewahren ſolche Gedanken vor Jedermann, außer vor euch, denn ihr ſeid uns der Höchſte auf Erden.“ Friedrich rührte mit der Hand an ihr Haupt und ſprach gütig:„Steh auf und ſprich mit deutlichen Worten, was du von mir begehrſt. Denn nicht deiner Bauern wegen haſt du den Ring empfangen.“ „Laßt mich knien, Herr,“ bat Friderun,„Schweres habe ich euch zu verkünden und ihr ſollt, wenn ihr mir darum zürnt, nicht vergeſſen, daß ich eine arme Flehende bin.“ „Rede, wie du willſt. Weshalb haſt du die weite Fahrt zu mir gemacht?“ „Damit eure Macht den Herrn Jvo befreie, denn er liegt gefangen am Berge Libanon.“ 23* — 356— Friedrich fuhr auf:„Was ſoll die Rede? Du begehrſt des Kaiſers Hilfe für einen Toten?“ Die Magd zog die gebundene Locke aus ihrem Ge⸗ wande.„Er lebt, ſo wahr dies Haar von ſeinem Haupte iſt, dies Zeichen ſandte er aus einem Volke, von dem ſie Furchtbares erzählen.“ „Und dir ſandte er den Nothruf? Nicht du biſt die Vertraute, welche die Farbe ſeines Haares kannte.“ Friderun ſenkte den Blick.„Ich lebte als Kind auf dem Edelhofe.“ „Wahrlich; dies iſt kein Trug,“ fuhr Friedrich fort, ſie ſcharf betrachtend,„und mein alter Omar behält am Ende Recht. Doch weshalb kommſt du, für ihn zu reden, da du nicht von ſeinem Geſchlechte biſt?“ „Vor alter Zeit, als die Flamme loderte, die aus dem Rachen des leidigen Wurmes kam, rettete eine Frau meines Stammes ſeinen Ahnherrn, darum meinten wir, daß wir dem Nachbar die alte Treue erweiſen müßten. Ich trage heimlich mit mir, was ihn be⸗ freien mag, wenn die Fremden Löſegeld nehmen. Seht her,“ ſie zog aus ihrem Gewande ein Tuch, knotete es am Boden auf und wies es gewichtig dem Kaiſer, der darin edle Steine und Goldſchmuck ſah in derber Faſſung, wie ſie auf deutſchen Edelhöfen bewahrt wurden.„Es iſt der Schatz ſeiner Mutter,“ erklärte Friderun,„ich bringe ihn euch, Herr Kaiſer, ihr werdet am beſten wiſſen, wie man ihn zu ſeiner Rettung verwendet.“ Friedrich ſah lächelnd auf den Knäuel.„Packe ein, — 357— du Einfalt, und erzähle mir genau, was du von ſeiner Gefangenſchaft erfahren haſt.“ Die Magd berichtete, was ihr der Bärtige zugetragen hatte und darauf von ihrer Reiſe. Unterdeß hielt der Kaiſer nachdenklich den Ring in der Hand.„Du ſahſt den König Heinrich?“ unterbrach er ihre Rede. „Ich ſah ihn,“ antwortete Friderun zögernd. „Wie ſah er aus, was ſprach er zu dir? Rede, Magd, du warſt erſt ſo ſpruchreich, jetzt ſtockt dir das Wort in der Kehle. Durch den Ring weiß ich, daß du mir Ernſthaftes zu ſagen haſt.“ „Frau Hedwig zog mich auf eine Bühne; an der Wand eines großen Saales war dieſe erhöht und durch einen Teppich verſchloſſen. Hier harre und höre, flüſterte ſie, verräthſt du deine Nähe, ſo wird es dein Verderben. Durch eine Oeffnung ſah ich hinab in den Saal, wo fünf vornehme Herren beim Becher ſaßen. Vernimm auch die Namen, raunte ſie mir zu, damit du ſie melden kannſt. Der bleiche Jüngling iſt König Heinrich und der Starke mit dem gelben Bart iſt Herzog Ludwig von Baiern.“ Der Kaiſer ſtand auf.„Weiter!“ „Jener iſt der Biſchof von Straßburg und der Rothe im Pelzrock ein Geſandter aus Böhmen.“ „Wenn meine bitterſten Feinde nach Speier reiten, um mit dem Sohne zu trinken, ſo wird der Vater wohl die Koſten des Gelages zu zahlen haben,“ murmelte Friedrich.„Fahre fort.“ „Die Herrin verließ mich, ich ſtand allein und ver⸗ — 358— nahm Vieles, was ich nicht verſtand, bis die Frau ſelbſt durch eine Thür in den Saal trat und von ihrem Sitz den Namen unſeres Herrn, des Kaiſers, nannte. Da vernahm ich Gelächter und frevelhafte Reden und einer rief: das Roß des deutſchen Reiches iſt es müde, zwei Reiter zu ertragen, der eine ſitzt darauf, der andere will's von fern an der Leine lenken. Zerſchneidet die Leine, daß der junge König frei durch das Land reite. Und ein Anderer ſprach: Unwürdig iſt es, einen König am Gängelband zu führen, eine Königin begehrt er ſich nach ſeinem Herzen, die verhaßte Gemahlin, welche ihm der Sarrazene Friedrich aufgedrungen hat, jagt er aus ſeinem Hauſe und wählt ſich ein ſchmuckes Königskind aus Böhmerland. Und ein Dritter rieth: Durch Seufzen und Schelten wird nichts gebeſſert, ſteht feſt zuſammen, werft die hohen Briefe, welche über die Alpen zu uns fliegen, in's Feuer und ſperrt die welſchen Thore.“ Der Kaiſer faßte die Magd hart am Arme und ſchüttelte ſie.„Und was ſprach König Heinrich?“ Fri⸗ derun ſchwieg.„Rede, wenn dir dein Leben lieb iſt, Horcherin.“ Friderun erhob ſich.„Nehmt mein Leben, aber die Horcherin verklagt nicht den Sohn bei ſeinem Vater. Schon zu viel habe ich euch von dem geſagt, was ich mit Unrecht hörte, und wer mir zornig droht, ſchließt mir die Lippen, auch wenn er mein Herr und Kaiſer iſt.“ Friedrich ſchritt heftig auf und ab, bis er vor Friderun ſtehen blieb, welche ſich wieder auf ihre Knie niedergelaſſen hatte.„Du haſt Recht, Magd, es bringt — 359— Unglück, die Geheimniſſe der Könige zu erlauſchen. War Keiner, der den dreiſten Reden widerſprach?“ „Keiner,“ antwortete Friderun. „Vier Namen nannteſt du mir, wer war der fünfte?“ „Die Frau nannte ihn nicht.“ „Ein finſterer Mann mit ſchwarzem, geſchorenem Haar, der Gräfin Hausherr.“ „So war er und dieſer gebot den Dienern. Als die Knaben mit goldenem Geräth eintraten, erhob ſich die Frau, welche ſtumm unter den Männern geſeſſen hatte, und wieder trat ſie an die Thür des Verſſtecks, zog mich hinaus und ſprach:„Was du vernommen haſt ſei dein, verſchweige es oder gebrauche es nach deinem Gefallen. Samen der Zwietracht ſchwenke ich aus dem Thor, ob er verwehe, ob er hafte, ob er Heil bringe oder Verderben.“ Und mit bleichem Antlitz ohne Gruß entließ ſie mich. Auch ich ſah nicht rückwärts, als ich aus dem Hauſe entfloh.“ Langes Schweigen folgte ihren Worten. Friedrich warf ſich in den Seſſel und beugte das Haupt.„Die undeutlichen Worte gleichen dem mißtönenden Schrei einer Eule,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wer ſie ab⸗ wägen will, der vermag keinerlei Beweis zu finden, und doch regen ſie eine wilde Fluth von Schmerz und Sorge auf, denn ſie ſtimmen zu anderen Berichten und ſind Beſtätigung einer Ahnung, die ich vor mir ſelbſt ver⸗ barg“ und der große Herr der Erde barg das Geſicht in ſeiner Hand. Es war ſo ſtill in dem Gemach, daß man die — 360— Stechfliegen ſummen hörte, welche an dem Schleiertuch des Fenſters auf⸗ und abfuhren und Einlaß begehrten. Da drang aus den Lippen des Kaiſers leiſe der Jammer⸗ laut:„Heinrich, mein Sohn! Gegen den kinderloſen Alten ſtand ich in frohem Vertrauen auf den Nachwuchs meines Geſchlechts. Mein Werk ſollte fortleben in meinen Söhnen, die Fäden habe ich gezogen über Land und Meer, damit, wenn ich ſcheide, meine Knaben das Gewebe vollenden; jetzt zerreißt der eigene Sohn ruchlos die Arbeit meines Lebens.“— Draußen klang der Ruf der Wachen und kriegeriſche Muſik, darauf Saitenſpiel und das Schwirren und Lachen Sorgloſer. Das Sonnen⸗ licht fiel gedämpft durch den Vorhang in den Raum und umſäumte das Haar des Kaiſers, im Schatten kniete das Mädchen aus Thüringen, der graue Mantel der Bruder⸗ ſchaft wallte ihr um den Leib, daß ſie ausſah wie ein Geiſt der heimathlichen Berge. Endlich erhob ſich Friedrich, ſein umherirrender Blick haftete auf der frem⸗ den Frau und wild zogen ſich ſeine Brauen zuſammen. „Was kauerſt du hier, Unglücksgeſtalt? Ich ſagte dir, daß es Tod bringt, in die Geheimniſſe der Könige zu dringen.“ 1 „Ich weiß, wie einem Vater um's Herz iſt, der um den verlorenen Sohn trauert,“ antwortete Friderun, „habe ich euch Unglück verkündet, ſo zürnet dem Boten nicht, ich durfte nicht verſchweigen, was ich widerwillig gehört; denn wie der Vater im Himmel größer iſt als der Sohn, ſo ſoll auch auf Erden der Kaiſer mehr ſein, als der junge König. Er iſt jung, Herr, und er lachte — 361— ſorglos wie ein leichtherziger Knabe. Er ſieht euch auch ähnlich, hoher Herr, und Jedermann muß merken, daß er von eurem Geſchlecht iſt. Leicht wird ein Sohn verlockt, wenn argliſtiger Rath in ſein Ohr dringt. Das haben auch wir in unſerem Hofe erfahren.“ „Du ſprichſt gut,“ murmelte der Kaiſer;„gegen den Argliſtigen hebt ſich die Hand des Rächers.“ Aus dem Hofe klang vielſtimmiger Freudenruf und gleich darauf die Totenklage, welche unter den mauriſchen Kriegern gebräuchlich war. Der Kaiſer trat zornig an das Fenſter:„Vergeſſen auch meine Leibwachen die Ehr⸗ furcht vor ihrem Herrn? Was verſtört ihnen die Zucht? Ein Leibwächter meldete eilig:„Der Knabe Ali ſteht unten und bei ihm ein deutſcher Ritter.“ „Herein,“ befahl Friedrich. Er öffnete die Thür eines Nebenzimmers und gebot der knienden Friderun: „Tritt zur Seite.“ Als er ſich umwandte, erkannte er den Thüring Lutz mit dem nubiſchen Knaben.„Steht auf, Mann. Ich ſah euch zuletzt auf trauriger Warte bei Jeruſalem, und ich merke, nicht fruchtlos war euer Harren, denn ihr habt etwas von dem gefunden, was ihr ſuchtet. Vernahmt ihr von dem Gefangenen?“ „Mein Herr Ivo harrt am Thore auf die Er⸗ laubniß, vor des Kaiſers Angeſicht zu treten.“ „Ihr bringt ihn,“ rief Friedrich in freudigem Er⸗ ſtaunen,„warum ſendet er euch voraus?“ „Ich habe einen Handel gemacht wegen ſeiner Rück⸗ kehr mit dem weißbärtigen Alten im Libanon und ge⸗ — 362— dachte zuerſt dem Heiden meine Treue zu erweiſen. Denn, Herr Kaiſer, durch hohen Eid bin ich verbunden, die Miſſethat zu rächen, welche beim Grenzſteine der Meſſer verübt wurde an meinem Herrn, an dem Helden Haſſan, an dem Mauren Abdallah und an deſſen fünf Begleitern. Als Kläger ſtehe ich hier gegen einen Chriſten, den die Heiden im Gebirge mit ihrer ſchleichenden Rache nicht zu erreichen wiſſen. Ich bringe die Zeugen mit mir und fordere, wenn des Kaiſers Majeſtät den Schuldigen er⸗ kennt, Kampf gegen ihn im Gottesgericht.“ „Du meinſt Peter Montague vom Tempel,“ rief Friedrich. „Die Templer hatten Theil an der That, denn ihr Meiſter ſelbſt hat vorher meinen Herrn gewarnt; aber der Stifter und Führer des Ueberfalls war ein Anderer.“ „Weißt du den Namen?“ frug Friedrich mit flam⸗ menden Augen. „Ich denke, daß ich ihn kenne,“ antwortete Lutz vor⸗ ſichtig.„Möge mein Herr und Kaiſer ihn ſelbſt durch das Zeugniß erfahren. Die Mörder kamen als ein großer Haufe in der Tracht ſchweifender Kurden, nur der Knabe Ali entrann in den dunklen Wald. Die letzten Worte, welche er vernahm, rief ein Kurde in der Sprache der Lateiner, als er ſich gegen Herrn Jvo warf, und die Worte waren: Hier, Minneſänger, nimm den Dank. Als die Ismaeliten herzueilten, fanden ſie die überfalle⸗ nen Männer am Boden, die Roſſe entführt, meinen Herrn über der Leiche des Heiden Haſſan, in ſeiner Rüſtung dieſe Waffe.“ Er wies dem Kaiſer den Dolch, an deſſen — 363— Spitze noch die goldene Kapſel ſteckte.„Die Ismaeliten meinten, der große Kaiſer werde an dem Meſſer und an den Worten des Knaben den Thäter erkennen.“ Friedrich warf einen Blick auf den kunſtvoll gear⸗ beiteten Griff der Waffe und ſchleuderte ſie auf den Tiſch. „Ich ſah ſie ſchon früher.“ Er wandte ſich zu dem Kna⸗ ben und ſprach arabiſch mit ihm. Dann trat er an den Tiſch und ſtarrte auf die Waffe.„Es iſt lange her, mein Vetter, daß du deine Wahl getroffen haſt zwiſchen Vater und Sohn. Den vereitelten Ueberfall im Bade darf ich wohl auch auf deine Rechnung ſchreiben. Seitdem habe ich manches Mal deine Falſchheit geahnt. Was ich dir gewähren konnte, hatteſt du erreicht, als vertrauter Rath des Knaben Heinrich hoffteſt du der große Gebieter der Chriſtenheit zu werden. Die Ver⸗ ſuchung war für dich zu groß und mein war die Schuld, daß ich dir zu lange vertraute. Immer warſt du klug und ohne Bedenken und faſt hätteſt du mich überliſtet. Aber einmal haben Neid und Eiferſucht dir doch die kalte Ruhe genommen, eine Thorheit war der kurdiſche Mummenſchanz, durch ihn haſt du dein Spiel verloren. Hinweg.“ Er warf ein Tuch über die Waffe und trat zu Lutz:„Ihr habt als ehrlicher Ritter eure Pflicht ge⸗ than, die Vollſtreckung der Strafe, welche ihr den Is⸗ maeliten gelobtet, nehme ich euch ab, der Kaiſer ſelbſt wird Rächer der Miſſethat.“ Lutz griff verlegen an ſeinen Schwertgurt. Ver⸗ zeiht, Herr Kaiſer, um meinen Herrn zu retten, habe — 364— ich bei meiner Ehre gelobt, gegen den Leib des Thäters zu reiten.“ „Sorgt nicht,“ verſetzte Friedrich mit wildem Lächeln, „des Kaiſers Rache zieht vielleicht nicht auf einem Ritter⸗ roß durch das Land, aber ſie trifft das Leben.“ Er faßte an ſein Schwert.„Ich gelobe, Herr, euch und euren Heiden ſoll Genüge geſchehen. Jetzt aber eilt, mir einen Lebenden herbeizuführen, an den ich lieber denke.“ Lutz und der Knabe verließen das Gemach, gleich darauf lag Jvo zu den Füßen des Kaiſers, der ihm über ſein Haupt ſtrich und ihn küßte.„Daß du lebteſt, wurde mir wenige Stunden vor Deiner Ankunft durch deine Haarlocke angekündigt. Eines ſage mir vor Allem, wie kam's, daß der wilde Alte dich nicht ſelbſt als Rächer entließ?“ „Herr, ich durfte den Heiden niemals geſtehen, daß ich Chriſten als Thäter erkannt hatte und euren Boten als Anſtifter. Jener aber meinte nur mich.“ Jvo be⸗ rührte mit der Hand ſeine Schulter, an welcher der Kai⸗ ſer einſt das Tuch erkannt hatte. „Ich verſtehe,“ ſprach Friedrich,„aber wozu mußte der Böſewicht ein ſolches Gemetzel erſinnen? konnte er nicht warten, bis es Zeit war, euren Handel zu einem ehrlichen Ende zu bringen?— Für dich Ivo, bewahre ich zwei Getreue, welche ſich deiner Rettung freuen wer⸗ den, Beide ſind, wie ich fürchte, Ungläubige.“ Er öffnete die Seitenthür, winkte der Magd einzutreten und verließ das Gemach. Als Friederun ſich plötzlich dem Jugendgeſpielen — 365— gegenüber ſah, ſtieß ſie einen Schrei aus und lehnte ſich an die Wand. Sie fühlte ſich umfaßt und einen Kuß des Mannes auf ihrer Stirn und ſie ruhte einen Augenblick Alles vergeſſend in ſeinen Armen, doch bald entzog ſie ſich ihm und ſprach mit bebender Stimme und niedergeſchlagenen Augen:„Die Bauern von Friemar grüßen euch vor den Anderen.“ Hinter dem Kaiſer trat der weiſe Omar ein. Der Araber faßte die Hand des Wiedergefundenen und legte ſie ſich an Herz und Haupt.„Auch der Alte freut ſich in ſeiner Weiſe,“ ſagte der Kaiſer lächelnd,„denn deine Rückkehr hat ſeine Wiſſenſchaft zu Ehren gebracht. Wiſſe Ivo, als ich dich und zugleich einen Anderen entſendete, ſuchte Omar, wie er zuweilen für mich thut, den Er⸗ folg eurer Reiſen zu erkunden. Nachdem ich dir bereits den Auftrag gegeben hatte, erhielt ich das Prognoſtikum, welches mir und ihm ſeitdem Kummer gemacht hat, denn es lautete: die Sendung zu dem Herrn der Meſſer mag vergeblich ſein, doch der Bote kehrt gerettet zurück, und ferner: die Botſchaft nach Damaskus ſchafft dem Kaiſer Glück, aber dem Boten mag ſie zum Unheil werden. Da tauſchte ich dir zu Liebe die Aemter und ich habe mit dieſem gegrollt, weil du nicht wiederkehrteſt. Jetzt hat ſich die Verkündigung, welche dich anging, als wahr erwieſen— und,“ ſetzte er finſter hinzu:„auch was dem Andern gedeutet wurde, mag ſich erfüllen. Du aber erzähle, wie du bei den wilden Männern im Berge gelebt haſt, denn ganz als ein Sagenheld ſtehſt du vor mir.“ * Die Heimkehr. Als Jvo einige Tage ſpäter mit Friderun zur Reiſe gerüſtet vor dem Kaiſer ſtand, ſprach dieſer:„Zwingt dich die Sorge um Hof und Gut in deine Heimath, ſo darf ich dich nicht feſthalten. Doch wird dir einmal das Reiten unter den Nachbarn verleidet, ſo komme zu mir und verſuche, wie ſich's in meinem Dienſte lebt. Für den Knaben Ali laß mich ſorgen, er würde in euren Hö⸗ fen ſchwerlich gedeihen.“ Als die Reiſenden zum letzten Abſchiede die Knie beugten, flehte Friederun:„Die Dorfleute werden mich fragen, wann unſer Kaiſer zu uns kommt, um Frieden zu bringen und eine neue Herrlichteit Was darf ich den Alten ſagen, Herr?“ Da lächelte Friedrich wieder über die nreuherzige Frage, aber gleich darauf flog ein düſterer Schatten über ſein Antlitz:„Ruhelos kämpft der Kaiſer gegen ſeine Feinde, auch wenn die Deutſchen nichts vom Waffenlärm ver⸗ nehmen. Grade jetzt ſteht ihm neuer Streit bevor. Du aber ſage den Weiſen deines Dorfes: der Kaiſer vertraut, — 367— daß der große Himmelsgott, welcher ihn in ſein Amt eingeſetzt hat, ihm zuletzt Sieg verleihen wird über alle ſeine Gegner. Und ſo lange dies Vertrauen mich erhebt, ſollen auch meine Deutſchen ſich die Hoffnung bewahren, daß ich in beſſerer Zeit bei ihnen ſitzen werde am Gerichtsbaume unter meinem Heerſchild.“ Er ſtand in ſeiner Majeſtät vor ihnen, glanzum⸗ floſſen und kraftvoll, umringt von ſeiner mauriſchen Leibwache, während unten in der Stadt die Glocken der biſchöflichen Kirche läuteten. Oft gedachten die Reiſen⸗ den an dieſen Abſchied. Eilig zogen die Thüringe nordwärts. Es war kurz vor dem Winter, auch in dem warmen Lande trug der Herbſtwind die Kälte von den Bergen und entlaubte die Bäume, mißfarbig war der Grund und graue Wol⸗ ken deckten die Sonne, aber Jvo und Friderun achte⸗ ten wenig auf die wilde Jahreszeit; ſie zogen neben einander dahin ſo glücklich, wie ſie in der Kinderzeit über Hügel und Feld der Heimath gewandert waren. Die Magd wurde nicht müde zu fragen und während Jvo erzählte, durchlebte ſie in Gedanken die Abenteuer der Kreuzfahrt; er aber freute ſich an dem Verſtand, mit welchem ſie die Gebräuche fremder Menſchen und das Leben im Morgenlande betrachtete. Auch ſie be⸗ richtete von der Heimath; war auch Vieles unerfreulich, er vernahm es aus einem Munde, der ihm dabei herzlich zulachte, Alles, was ſie ſagte, klang ihm wie ein Lied aus Thüringen, entzückt lauſchte er auf die heimiſche Sprache und die kräftige und treuherzige Weiſe, in der ſie zu reden — — 368— wußte. Und obgleich ihr Mantel grau war und ohne Flitterſterne, ſo ſah ſie ihm doch zuweilen aus wie die Jungfrau Maria, welche zu armen Kindern herniederſteigt. Freilich dünkte ſie ihm nicht immer ſo vornehm. Einſt, als ſie in der Mittagſonne auf einem Steine ſaßen, während Lutz die Pferde am nahen Quell tränkte, war ihr eine der Flechten, welche ſie mühſam unter dem Pilgerhut zuſammenhielt, am Rücken hinabgefallen, da konnte er ſich nicht enthalten, die Flechte zu ergreifen und zu küſſen, und als ſie das merkte und mit heißem Erröthen die verſchobene zurecht rückte, geſtand er ihr, daß er in der Ferne oft an ſie gedacht hatte, zuweilen wie an eine gute Geſpielin mit zwei langen Zöpfen, und ein andermal wie an eine übermenſchliche Frau, in wallendem Haarſchleier, er wußte ſelbſt nicht, ob Göttin ob Heilige. „Wie war euch die Magd lieber?“ frug Friederun, mit abgewandtem Geſicht trockne Grashalme pflückend. „Immer grade ſo am liebſten, wie ſie mir vor⸗ kam,“ verſicherte er ehrlich,„und wenn ich heut die Flechte berührte, ſo that ich dies in Erinnerung an einen früheren Tag, wo ſich ein wildes Mädchen zu mir geſellte und ich ſie zur Seite ſchob, weil ich wahrhaftig beim Schein der Leuchte euch neben mir ſah.“ Da aber blickte ihn Friderun kummervoll an und ſprach ſchnell aufſtehend.„Sagt mir ſo etwas niemals wieder, Herr Ivo. Am nächſten Morgen ritt ſie niedergeſchlagen an ſeiner Seite und als er nach dem Grunde ihrer Trauer frug, begann ſie erröthend:„Viele Tage müßt ihr mich — 369— mitnehmen und oft müſſen wir bei fremden Leuten ein⸗ kehren; ſind ſie auch fremd, mir thut weh, wenn ſie Unrechtes von mir denken, denn einer Magd ziemt es nicht ſo zu reiſen, wie ich mit euch fahren muß. Darum flehe ich, Herr, laßt mich in einem Frauenkloſter, wo ſie gegen arme Pilgerinnen gütig ſind, bis ich eine Ge⸗ legenheit zur Heimkehr finde.“ „Wie dürft ihr mich durch ſolche Gedanken kränken,“ rief Ivo,„keine höhere Pflicht habe ich jetzt, als euch unverſehrt in den Hof eures Vaters zu bringen.“ „Ich weiß, daß ihr's gern thätet. Ich aber war muthvoll, da ich ging, und furchtſam kehre ich heim.“ „Sagt, wie ihr mit uns reiſen wollt,“ bat Ivo, „wir haben den Schatz der Mutter, ich will euch ein Gefolge werben, damit ihr nach dem Brauch anſehn⸗ licher Frauen, umgeben von euren Hütern dahin ziehen könnt, und wir begleiten euch als dienende Reiter. Friderun lachte trotz ihrer Sorge.„Das würde dem Bauernkinde nicht ziemen, auch würde es das Uebel nur ärger machen, wenn uns ein Thüring begegnete und Kundſchaft von uns erhielte, denn die Lands⸗ leute wandern ſehr in der Welt umher, und da ich mit dem Bärtigen reiſte, habe ich mehr als einen getroffen. Ich merke, Herr, ich bin in Noth, es iſt nicht die größte und ſie geht mich allein an, doch iſt ſie ſchlimm genug für mich und meinen alten Vater.“ „Mir fällt eine Hilfe ein,“ tröſtete Ivo.„Als ihr bei uns im Hofe wart, ſpielten wir zuweilen, daß der Bruder verloren ging und die Schweſter ihn ſuchte beim Freytag, Die Ahnen. III. 24 — 379— Traume, beim Baume und beim Rößlein im Stall. Jetzt ſeid ihr wieder ausgezogen mich zu finden, laßt uns denſelben Brauch üben, wir reiſen als Pilger und Geſchwiſter, und Herr Lutz ſei unſer Hüter. Leicht werden uns die Leute dafür halten und ihr ſeid müßi⸗ ger Fragen ledig.“ „Das würde mir gefallen,“ ſprach Friderun leiſe, „doch wenn zwei eine lange Fahrt zuſammen thun, ſo verpflichten ſie ſich gegen einander durch ein Gelöbniß, treue Geſellen zu ſein. Wollt ihr geloben, mich als eine Schweſter zu halten und zu ehren, ſo will ich wei⸗ ter mit euch ziehen und der liebe Gott möge unſere Reiſe behüten.“ „Da gelobte Ivo. Am nächſten Tage trug er über dem Eiſenhemd wieder ein Pilgergewand und Fri⸗ derun zog mit beſſerem Vertrauen neben ihm dahin. Nur ein Erlebniß ihrer Reiſe hatte ſie ihm ver⸗ ſchwiegen, den Beſuch bei Frau Hedwig. So oft ſie davon anfangen wollte, ſchnürte es ihr die Kehle zu⸗ ſammen. Endlich aber bezwang ſie ſich.„Er muß es wiſſen, da ſie ſeine Herrin iſt.“ Und obgleich ihr vorkam, als verderbe ſolches Geſpräch die ganze Selig⸗ keit ihrer Reiſe, ſo begann ſie doch:„Ich war auch bei Frau Hedwig, der Gräfin.“ „Ihr?“ rief Ivo heftig. Sie ſah, daß er tief er⸗ röthete und fühlte einen Stich im Herzen wie von einem Meſſer.„Sprecht, wie war die Begegnung?“ frug er nach einer Weile.—„Als ich ihr ſagte, daß ihr lebet, ſpielte ſie eure Weiſe auf ihrer Harfe. Dann frug ſie — —— mich aus über Allerlei, um zu erforſchen, ob ich mit Bedacht reden könnte. Sie verſprach mir auch den König Heinrich zu zeigen, damit ich dem Kaiſer von ihm er⸗ zähle und ließ mich ein Geſpräch belauſchen, das ich lieber nicht gehört hätte. Auch davon mußte ich dem Kaiſer wider Willen berichten.“ „Was vernahmt ihr Friderun?“ „Das bleibt mein Geheimniß, Herr,“ antwortete die Magd. Jvo frug nicht mehr und Beide zogen ſtillſchwei⸗ gend nebeneinander. Lutz, welcher den Reiſenden bald vorausſprengte, bald den Rücken deckte, ritt zu ſeinem Herrn:„Ich ſorge, unſere Fahrt wird beobachtet; blickt nach rück⸗ wärts. Seit zwei Tagen ſehe ich einen Mann in un⸗ ſerer Spur, er hält ſich fern, aber folgt jedem Schritt unſeres Weges.“ Jvo wandte ſich um.„Es iſt ein einzelner Reiter, und ſo weit ich erkenne, klein und ohne Rüſtung, wahr⸗ ſcheinlich ein furchtſamer Händler, der in einem Noth⸗ fall unſere Hilfe begehren will.“ „Dann würde er näher heranreiten, denn wird er überfallen, ſo vermöchten wir aus der Ferne doch nicht zu helfen. So oft wir anhalten, hält er auch, um uns nicht nahe zu kommen und ſobald wir aus dem Nacht⸗ lager aufbrechen, zeigt er ſich in der Entfernung. Merkt Herr, er beachtet, daß wir nach ihm hinſchauen, denn er hält.“ „Vielleicht werdet ihr ſeiner in der Herberge hab⸗ haft,“ verſetzte Ivo gleichgiltig. 24* Sie kamen in die lombardiſche Ebene und zogen den Alpen zu, da begann Lutz wieder: ‚Das dunkle Männlein folgt uns immer noch. Die Sonne beſcheint ihn auf der Höhe, ihr mögt ihn jetzt deutlich erkennen; ein Händler iſt er ſchwerlich, denn er führt weder Pack noch Saumthier, und ſein Roß iſt ſo beharrlich wie er ſelbſt, denn es kann mit dieſen Pferden aus dem kai⸗ ſerlichen Stalle Schritt halten. Er ſchleicht hinter uns, wie im Morgenlande das Raubthier hinter der Kara⸗ wane.“ „Bleibe bei der Magd,“ gebot Ivo, ich betrachte die Geſtalt in der Nähe.“ Er fuhr in geſtrecktem Laufe zurück. Der Fremde wich der Begegnung nicht aus, ſondern ſtieg vom Pferde und kauerte auf dem Boden, die Ankunft erwartend. Jvo ſah einen dürfti⸗ gen Geſellen vor ſich in geringer Tracht mit hagerem, braunem Geſicht und ſtierem Blick. Er prallte mit ſeinem Roß entſetzt zurück, denn er hatte dieſelbe Ge⸗ ſtalt, ebenſo kauernd vor Jahren im Zelte des Kaiſers geſehen; und an die Waffe faſſend frug er in arabiſcher Sprache:„Was ſuchſt du auf meinem Wege, Un⸗ gläubiger?“ „Mir iſt geboten, auf deiner Spur nach Norden zu gehen“, antwortete der Andere. „Wohin und gegen wen?“ frug Ivo. Der Mann ſchwieg und ſah gleichgiltig vor ſich nieder.„Haſt du das Bellen verlernt, Schakal,“ rief Ivo zornig und rührte ihn mit dem Fuße am Bein. Der Mann zog das Bein an ſich und frug gleichmüthig:„Haben ſie dich — 323— in den Bergen mit dem Fuße geſtoßen, wenn du ihrer Frage die Antwort verſagteſte“ Da ließ Jvo's Hand den Schwertgriff los.„Mir i*ſt es greulich, dein Führer zu ſein, darum weiche von meinem Wege, du Unglücksgeſtalt.“ „Mir aber iſt geboten, auf deiner Spur nach Nor⸗ den zu gehen,“ wiederholte der Fremde und ſenkte der Reden überdrüſſig das Haupt. Jvo kehrte in finſterm Schweigen zu ſeinen Be⸗ gleitern; als Lutz ihm fragend in das verſtörte Geſicht ſah, antwortete er nur:„Du nannteſt ihn mit Recht ein Raubthier, hinweg aus ſeiner Nähe.“ Eilig zogen ſie vorwärts und hatten den Ismaeliten bald aus dem Ge⸗ ſicht verloren. Sie kamen in die Schneeberge und wanderten mit Führern mühſam auf rauhem Pfade, oft: ſahen die Männer, wenn der Weg abwärts lief, nach der Höhe zurück, aber ſie erſpähten die Schattengeſtalt nicht mehr. Als ſie von der ſchweren Bergfahrt in deutſches Land hinabſtiegen und die bleiche November⸗ ſonne Thal und Hügel mit mattem Schein erhellte, athmete Ivo leicht auf und ſprach leiſe zu Lutz:„viel⸗ leicht hemmten ihm Eis und Schnee den Weg.“ Aber Lutz wies rückwärts, auf der Höhe bewegte ſich Etwas durch den Schnee, kaum ſichtbar dem Auge, und wie⸗ der ſpornte Ivo ſein Roß, daß es bäumte. Die Nacht verbrachten ſie in der engen Herberge eines Gebirgsdorfes, die Männer hatten ſich in ihren Mänteln auf den Boden geſtreckt, Friderun ſaß am Ofen und hörte auf den Nachtwind, der um das Haus — 374— tobte.„Ich war ihm gut,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, „ſeit ich denken kann. Wie man der Sonnenſtrahlen froh wird und des ſingenden Vogels, ſo freute ich mich, wenn ich von ihm hörte und an ihn dachte. Wenn ich ihn aber als erwachſene Magd im Hofe des Vaters ſah, da kränkte mich, daß er als ein edler Herr anders zu mir ſprach wie damals, wo wir als Kinder zuſammen ſpielten; und ich wurde trotzig gegen ihn und eine hoch⸗ müthige Thörin. Erſt als die Trauer um den Ge⸗ ꝛ¹z ſchwundenen über mich kann, merkte ich wie ſehr mein Herz an ihm hängt. Und ſeit er mir die Locke ſandte, iſt es mir angethan. Die haben wohl Recht, welche ſagen, daß von dem abgeſchnittenen Haar ein Zauber ausgeht für den, der es bewahrt. Ich habe einen Theil von ihm, den ich an meinem Herzen trage, und den ich Niemandem gönne. Seitdem hat mich der Muth in ſeiner Nähe verlaſſen. Sonſt wäre mir das höchſte Glück geweſen als ſeine Schweſter neben ihm zu wandeln, jetzt macht mich auch dieſer vertraute Gruß traurig.“ Jvo bewegte ſich unruhig im Schlafe.„Peitſcht mir den Hund aus meiner Seele,“ murmelte er. „Auch ihm iſt das Herz ſchwer“, fuhr Friderun fort,„er merkt wohl, daß ihn Hartes in der Heimath erwartet. Aber dort iſt er wieder der Edle, welcher im Dienſt ſeiner Herrin reitet, und ich die ungeſchickte Dorf⸗ magd, welche das Drachenlied ſingt. Arme Friderun.“ Sie erhob ſich, denn zwiſchen dem Brauſen des Stur⸗ mes und dem Dröhnen im hölzernen Hauſe vernahm ſie ein leiſes ſingendes Murmeln, wie von einer Men⸗ — 375— ſchenſtimme, dicht an der Hauswand. Sie bändigte den erſten Schrecken, indem ſie dachte:„Bleibt ein Menſch in der kalten Nacht dort draußen, ſo wird es ihm ſchädlich.“ Entſchloſſen drückte ſie die Thür auf und trat in das Freie. Nahe der Schwelle am Fenſter kauerte eine dunkle Geſtalt, welche das Haupt hin und her bewegte und unverſtändliche Worte vor ſich hin ſang ohne die Nahende zu beachten. Da ſchloß ſie die Thür, rührte ängſtlich an Ivo's Arm und flüſterte:„Draußen unter dem Fenſter ſitzt einer, der trunken iſt oder unſinnig, denn wie verſtört ſingt und gurgelt er vor ſich hin.“ Jvo ſtützte ſich auf den Arm, um zu hören, aber im nächſten Augenblick ſprang er auf und faßte ihre Hand: „Bete, Friderun, für eine arme Seele; denn dieſer Nachtgeſang bedeutet einem fündigen Menſchen ehrloſen Tod.“ Und Beide flehten zu dem Gott des Erbarmens, während draußen der Bergwind tobte und ein Verzückter von den Freuden des Paradieſes träumte. Am Morgen ſah Jvo vor die Thür, der Fremde war verſchwunden. Da gebot er ſeinem Begleiter Lutz: „Wir reiten nach Speier, den Grafen von Meran zu grüßen.“. Einige Tage darauf hielten die Reiſenden vor dem Hauſe, in welchem Humbert von Meran wohnte. Ivo winkte ſeinem Begleiter, Beide ſtiegen ab und gaben die Zügel an Friderun. Dem dienſtthuenden Kämmerer rief Ivo zu:„ein Pilger, der geheime Botſchaft vom Kaiſerhofe trägt,“ und Beide folgten dem Manne in das Gemach des Grafen. Jvo nahm den Pilgerhut ab, und als der Graf — 376— erſchrocken zurückfuhr, rief er:„Ein Verräther ſeid ihr an eurem Kaiſer, Graf Humbert, und für die heilige Woche der Kreuzigung und Auferſtehung ladet euch der Thüring Jvo zum letzten Kampf.“ Er warf ihm das Fehdezeichen hin und fuhr fort:„Wollt ihr den Tag des Kampfes erleben und ein ehrliches Ende finden, ſo entweicht zur Stelle hinter geweihte Mauern und bergt euer Haupt, wo kein Fremder euch nahen kann; denn wiſſet, die Meſſer vom Grenzſteine ſind über euch.“ Und bevor der Graf einer Antwort mächtig war, verließ er mit ſeinem Begleiter das Haus und ritt von dannen. Jahrelang hatte Ivo mit heißer Sehnſucht an die Tage gedacht, wo ihn Gruß und Brauch der Heimath empfangen würden, wo er im alten Eichwald ſtehen und den Vogelgeſang vernehmen würde, der ihm aus der Kindheit vertraulich war. Jetzt kehrte er gelöſt aus wilder Fremde zurück, er ritt an der Seite eines Weibes, das ihm liebgeworden war und eines Treuen, dem er die Freiheit verdankte. Und dennoch wurde ihm das Herz immer ſchwerer, je näher er der Heimath kam; fremd und rauh war der Gruß der Leute, kalt der Himmel, die Bäume entlaubt und die Vögel entflogen. Die Schwermuth und geheime Angſt, welche den Deutſchen beim Nahen des Winters überfällt, bedrückte ihn ärger als jemals zuvor. Auch wenn er an ſeinen Hof dachte und an die ritterlichen Genoſſen der Landſchaft, wurde ihm nicht wohl. Zwar um den begehrlichen Oheim und um wi⸗ derſpenſtige Vaſallen ſorgte er nicht allzuſehr, denn er vertraute ſeinem Arm und guten Helfern, und er ſcherzte 7 377 mit Lutz über das Erſtaunen und die geringe Freude Aller, welche ſich frech in ſeinem Erbe niedergelaſſen hatten. Aber auch wenn er ſich in ſicherem Beſitz des Hofes und der Turnierroſſe dachte mitten unter ſeinen Dienſtmannen, und wie er vielleicht einmal dem Schü⸗ ler Nicolaus ein neues Lied vorſagen werde, erſchien ihm ſein ganzes früheres Leben wie ein abgelegtes Gewand, und er empfand daſſelbe Mißbehagen, welches ihn zu der Kreuzfahrt getrieben hatte, vorahnend wieder. Noch ein anderer Streit arbeitete in ſeiner Seele, alte Lei⸗ denſchaft und wilde Hoffnungen waren lebendig gewor⸗ den, und dazwiſchen fühlte er etwas Unheimliches, das zwiſchen ihn und ſeine Herrin trat, er wußte nicht zu ſagen was es war, aber ſo oft ihm dieſer Schatten durch die Seele fuhr, wurde es ſein beſter Troſt, die Stimme der Magd Friderun zu hören. Denn wenn ſie von der Heimath erzählte, an der ihre ganze Seele hing, konnte er träumen, daß er dort ſein Glück finden werde. Als die Wanderer über den Main gedrungen wa⸗ ren und an dem Kirchhof einer anſehnlichen Stadt vor⸗ über ritten, wies Lutz zur Seite.„Wir kommen und dieſe wollen gehen,“ und Ivo ſah wieder ein rothes Kreuz aufgerichtet, dabei einen Bettelmönch, welcher dem aufgeregten Haufen neue Briefe des heiligen Vaters vor⸗ las und für den nächſten Mai große Vergebung der Sünden Allen verkündete, welche einen Sommer unter dem Kreuz gegen das wilde Preußenvolk kämpfen würden. Da ſprach Ivo lächelnd zu ſeinem Gefährten:„ich — ₰4 — ————————ę—x—xx˖:˖—,—.,.„.„.ö.ö.õ— — 378— denke, wir haben genug davon,“ und er wunderte ſich, als Lutz antwortete:„Nach Allem, was man hört, haben dieſe Heiden doch größere Luſt zu fechten als die Sarrazenen, und ein ehrlicher Kriegsmann könnte dort Sommerfreude finden. Die Reiſenden waren um Gotha, die letzte Stadt⸗ burg ihres Weges geritten und Jvo ſuchte von der Höhe die Stelle des Thales, wo der Ahorn ſtand, aus dem er einſt den Brief ſeiner Herrin geholt hatte. Da ſcheute das Pferd der Magd an das ſeine, er fühlte ſich beim Arme gefaßt und ſah in das verſtörte Geſicht ſeiner Begleiterin. Auf der andern Seite der Straße bewegte ſich ein trauriger Zug; voran auf einem Eſel ein ungeſchlachter Bettelmönch, der ein rohes Holzkreuz wie eine Waffe auf der Schulter hielt, hinter ihm ein Mann und ein Weib, blutrünſtig, mit Riemen an einander ge⸗ bunden, und um die Gefangenen ein Haufe bewaffneten. Geſindels. Als der gebundenen Frau die Knie ein⸗ knickten, zerrte ſie der Mönch am Riemen und der Haufe dahinter höhnte und pickte mit Speer und Meſſer gegen ſie.„Wie mögt ihr ein Weib ſo rauh fortſchleifen, Bruder,“ rief Ivo an den Mönch reitend.„Wie mögt ihr ſo unverſchämt fragen,“ ſpottete ihm der Mönch nach. „Die Thiere, welche ich treibe, ſind eine neue Art von Ungeziefer, welches in dieſem Lande zum Vorſchein kommt.“ „Wer ſeid ihr und mit welchem Recht führt ihr dieſe?“ frug Ivo unwillig. „Dorſo haben mich die getauft, denen mein Rücken nicht gefiel, und ich rathe euch, nicht an meiner Heilig⸗ keit zu zweifeln, denn ich bin der Handlanger meines hochwürdigen Meiſters Konrad und führe hier Markt⸗ waare für das Höllenfeuer. Verdammte Ketzer ſind es, welche Meiſter Konrad zu Erfurt auf dem Holzſtoß ſengen wird. Soll ich euch Gutes rathen, ſo haltet euch fern von ihnen, denn dies traurige Laſter ſteckt an. Doch halt, Bruder Pilger, auch ihr ſeid mir ſchon über den Weg gelaufen. Wart ihr es nicht, der mich im Kreuzlager anherrſchte und gröblich ſchmähte? Seid ihr damals den Leichenvögeln entgangen, ſo ſeht zu, daß ihr nicht jetzt den Krähen in die Hände fallt, welche nach meinem Gebote fliegen, denn ſie verſtehen mit den Schnäbeln zu hacken und ihr Krächzen bedeutet ein feuri⸗ ges Ende.“ Seine Begleiter lachten und ſchrien Beifall; die Reiter ſpornten ihre Pferde, um der unheimlichen Nähe zu entkommen, während IJvo Friderun zu unter⸗ ſtützen ſuchte, welche ſich kaum auf ihrem Roſſe zu er⸗ halten vermochte. Ivo aber ſprach finſter:„Wir haben auf dieſer Fahrt die Rache des Kaiſers und des heiligen Vaters auf der Landſtraße geſehen, die eine ſchlich ſcheu und verkleidet, die andere fährt trotzig am Tageslicht. Wir zweifeln nicht mehr, welcher der beiden Herrn im deutſchen Lande gebietet.“ Als ſie an das Dorfthor von Friemar kamen, bat Friderun, die bis dahin ihr ſtarres Schweigen nicht ge⸗ brochen hatte:„laßt mich allein meinen lieben Vater be⸗ grüßen, kommt aber bald, damit die Nachbarn ſich eurer — 380— freuen.“ Sie wandte ihr Roß zum Thore, er ſah ihr nach, bis ihre Geſtalt zwiſchen den Höfen verſchwand. Ivo jagte in geſtrecktem Lauf vorwärts, und als Lutz warnte:„Herr, den Pferden dünkt die Eile zu groß,“ verſetzte er:„mit heißem Wunſch habe ich dieſen Tag erſehnt und oft an das Glück gedacht, Berg und Thal der Heimath wiederzuſchauen, heut iſt mir alle Freude geſchwunden, ein Unglücksahnen laſtet mir auf der Bruſt und ich höre die Warnung des toten Haſſan: der Fuß des Heimkehrenden ſtrauchelt an der Schwelle des Hauſes. Er wies mit der Hand nach der Ferne.„Dort ragt der alte Thurm, hinein in den Hof, denn nicht im Frieden finden wir ihn wieder.“ Sie jagten bei bewaffneten Knechten vorbei, welche auf dem Anger hielten; ſchon vor dem Thore vernahmen ſie Zank und wildes Geſchrei, als ſie einritten, fanden ſie den Hof mit Bewaffneten zu Fuß und Roß gefüllt, und erkannten viele der Nach⸗ barn: Dienſtmannen der Grafen von Gleichen und den Rettbacher; auch Ritter Konz war da und Graf Megin⸗ hard und dieſer ſtand zu Fuß inmitten des Haufens gegenüber dem Thurme. Der alte Graben um den Thurm war vertieft, ein ſchmaler Steg darüber gelegt und auf der Thurmſeite ſtand Herr Henner mit wenigen Knechten bei einem Stellbogen, der ſo aufgerichtet war, daß er den Steg beſtrich. Die Ankommenden drückten die Eiſenhüte in die Augen und Niemand achtete auf ſie, den Knechten im Hintergrund galten ſie für Geſellen der Angreifer und die Vorderen haderten mit Herrn Henner.— —— t * 41 — 381— „Zum letzten Mal will ich euch mahnen, Mar⸗ ſchalk,“ rief Graf Meginhard,„wie ein Toller gebehrdet ihr euch; wir aber ſind nicht hergekommen, um Mährchen zu hören, bei uns werden die Toten nicht lebendig und eure Sommerritte mit dem leichtgeherzten Fant haben ein Ende. Im Namen des Landgrafen fordere ich, daß ihr euch ergebt, oder ihr und die Thoren, welche euch folgen, büßen mit ihrem Leibe für den Ungehorſam gegen euren Herrn.“ Henner aber rief zurück:„Nicht als Herr des Gutes kommt ihr, Graf Meginhard, mit euxen Kumpanen, ſon⸗ dern als ein raubluſtiger Einbrecher, und wie Räuber will ich euch empfangen. Wer Miene macht, herüber zu dringen, den nagelt mein Pfeil an den Boden.“ „Macht ein Ende,“ ſchrie der Rettbacher den Knech⸗ ten zu,„ſchlagt Balken aus den Dächern und legt ſie über den Graben, damit wir dem Schreier ſeinen Mund ſtopfen.“„Macht ein Ende,“ ſchrie auch Herr Konz, „Balken her.“ „Kommt nur herüber, Wilhelm,“ entgegnete Henner zornig,„ihr findet im Thurme die vier Pferde, die euch vor Jahren entgingen, und eine Halfter, mit der wir euch am Halſe ſchnüren.“ Da rief eine helle Stimme über den Haufen: „Was ſucht ihr Herren in meinem Hofe? Ich grüße euch, Oheim, vor dem Thurm unſerer Väter.“ Durch die Beſtürzten, welche nach allen Seiten zurückwichen, ritt Ivo mit ſeinem Begleiter an den Graben und ſtellte ſich gegen ſie auf, Lutz ſprang vom Pferde und das — 382— widerſtrebende über den Steg treibend, rief er ſeinem Geſellen zu:„Bewahrt den Gaul, Henner, er kommt aus gutem Marſtall. Mit geſchloſſener Fauſt ſtand der Graf und hörte finſter auf den jauchzenden Heilruf, der von der andern Seite des Grabens für ſeinen Neffen erſcholl.„Beweiſt, daß ihr es ſeid,“ murmelte er endlich, und der Rett⸗ bacher rief:„er iſt ein Betrüger, auf ihn, und macht ein Ende.“ Ivo nahm ſeinen Hut ab:„Wer mich nicht wieder erkennt, der reite heran, damit ich ihm mit der Schwert⸗ hand beweiſe, wer ich bin.“ Da kam Niemand, aber mehre der Hinterſten ritten weiter zurück und ſprachen leiſe miteinander. Doch Graf Meginhard ſtand trotzig:„An euren hohen Worten er⸗ kennen wir euch, doch fürchte ich, daß ihr eurer Heim⸗ fahrt nicht ſo froh werdet, als ihr meint; denn euer Gut und Hof iſt mir als Erbe zugefallen, und ihr habt euch mit mir zu vergleichen, bevor ihr wieder in den Herrenſchuh treten dürft.“ „Thut das, Herr, und zur Stelle,“ rief Lutz,„es fehlt hier nicht an guten Geſellen, welche nach einem Vergleich begierig ſind.“ Und blitzſchnell packte er den Grafen mit ſtarkem Griff und ſchwenkte ihn auf den Steg.„Herbei, Henner und haltet eure Waffe über ihn.“ So unerwartet war die kecke That, daß Niemand ſie hinderte, doch im nächſten Augenblick erhob ſich helles Geſchrei, und die Mühlburger drangen gegen Jvo, der ſie mit ſeinem Schwert vom Stege abtrieb.„Weicht zu⸗ rück,“ rief Henner,„oder bei St. Georg, euer edler Ge⸗ b noſſe zahlt zuerſt für den Schaden.“„Weicht, ihr Her⸗ V ren,“ rief auch Jvo,„daß ich mit dem Grafen friedlich verhandle; ihr aber, Marſchalk, geleitet ihn höflich an den Thurm. Haltet hier Wache, ihr Treuen, und laßt Niemand hinüber.“ Lutz ſprang vor, und während die bei⸗ den Dienſtmannen jenſeit der Brücke gegen den unſchlüſſi⸗ gen und ſchreienden Haufen Wache hielten, ergriff Ivo den beſtürzten Oheim bei der Hand und führte ihn in das Thurmgewölbe.„Ich bin im Vortheil, Graf Megin⸗ hard, und es bedarf zwiſchen uns nicht vieler Worte. Ungern übe ich gegen einen Verwandten Gewalt; ihr ſelbſt tragt Schuld, wenn ihr in dieſem Thurme, den euer Ahn gebaut, als Gefangener bleiben müßt. Denn. nicht lebend verlaßt ihr dieſe Mauern, wenn ihr nicht l herausgebt von Hufen und Habe, was ihr als zuge⸗ fallene Erbſchaft in Beſitz nahmt. Ihr ſchaltet vor Fremden den leichten Sinn, mit dem ich ſonſt dahin lebte, ihr zuerſt ſollt erkennen, daß ich aus der Fremde zu⸗ rückkehre ſcharf und hart, um mein Recht zu behaupten.“ Der Graf blickte in dem düſtern Raume umher und erkannte in dem Geſicht ſeines Neffen eine finſtere Ent⸗ ſchloſſenheit, darum verſetzte er:„Ihr ſprecht mit gutem Grunde, daß es zwiſchen uns nicht vieler Worte bedarf; und gern erſpare ich euch die Unehre, daß ihr euren Blutsverwandten im Kerker haltet. Schafft einen Schrei⸗ ber und gute Männer von beiden Seiten, welche ver⸗ mitteln und zeugen, ich bin bereit, mich dem Vortheil zu fügen, den ihr über mich erlangt habt. Jedoch merkt, Neffe; mich könnt ihr zwingen, Frieden zu halten, nicht alle Feinde, welche über das herrenloſe Gut eingebrochen ſind. Ich will euch loben, wenn ihr ſcharf und hart auf eurem Rechte beſteht, aber ich ſorge, die Erkenntniß iſt euch zu ſpät gekommen.“ Ivo ſtand wieder als Herr in dem Hofe ſeiner Väter. Der zudringliche Erbe war hinausgeſcheucht, ein Theil der entführten Roſſe und Rinder zurückgege⸗ ben, den Schatz der Mutter hatte er zu Gelde gemacht, um Knechte zu werben und die Schäden der letzten Jahre zu beſſern. Dennoch fand er es ſchwer, den al⸗ ten Beſitz, welcher durch die ganze Landſchaft zerſtreut lag und Jahrelang für herrenlos gegolten hatte, wie⸗ der zu gewinnen. Bauern, welche ihm zinspflichtig wa⸗ ren, hatten ſich ſelbſtwillig anderen Herren untergeſtellt, um Schutz für Leben und Habe zu finden, ritterliche Vaſallen weigerten ſich ihre Lehnspflicht zu erfüllen, benachbarte Edle hatten ſich Wälder, Weiden und Wieſen angeeignet, und waren entſchloſſen, ihren Raub mit den Waffen zu behaupten. Viele Grundſtücke waren vor der Kreuzfahrt durch Verpfändung und Leihkauf in andere Hände übergegangen, wo ſollte Ivo die Summen ſchaffen, um das Verpfändete einzulöſen, ſelbſt wenn die Gläu⸗ biger guten Willen hatten es gegen die gezahlte Summe zurückzugeben? Auf allen Seiten fand er ſich in Händel verſtrickt und er empfand, daß er als freier Herr auf ſeinem Erbe viel ſchlimmer daran war als ein großer oder kleiner Vaſall, denn er ſtand allein gegen zahlreiche Feinde. Ohne Hilfe vermochte er ihnen nicht zu widerſte⸗ — — 385— hen, und Verbündete konnte er nur durch neue Opfer an Geld und Hufen erhalten, weil Niemand bereit war, im Harniſch für ihn Leib und Glieder zu wagen, wenn er nicht einen Vortheil für ſich zu hoffen hatte. Die größten Herren der Landſchaft, das Haus des Landgra⸗ fen und der Erzbiſchof von Mainz, welcher von Erfurt aus gebot, waren ihm abgeneigt und begünſtigten ſeine Geg⸗ ner, die Mühlburger und die Gleichen. Jeder der an⸗ deren großen Herren hatte ſeine Feinde, mit denen er in Händeln und Fehde lebte, und wenn ein ſolcher be⸗ reitwillig war einen Vertrag zu ſchließen, daß Freunde und Feinde gemeinſam ſein ſollten, ſo war für Ivo ſicher, daß er zu ſeinen Feinden noch zahlreiche neue erhielt, aber ſehr unſicher, ob er grade da, wo es ihm darauf ankam, die thatkräftige Unterſtützung ſeines Verbündeten gewinnen würde. Jvo hatte früher mit Widerwillen die kleinen Fehden ſeiner Nachbarn betrachtet, das Nieder⸗ brennen der Dörfer und das Wegtreiben der Heerden, jetzt fand er ſich in der Lage, an dieſelben rohen Zwangsnittel zu denken, denn wie konnte er ſeinen Gegnern anders furchtbar werden, als wenn er ihnen Schaden zufügte? Sehr verändert war das Ausſehen des Herren⸗ hofes. Statt der zierlichen Knaben, welche ſonſt dem Herrn aufgewartet hatten, lagerten jetzt narbige Knechte mit harten Fäuſten in Saal und Zimmern, die Bo⸗ ten welche aus⸗ und einritten, trugen nicht Einladungen zu ritterlichen Stechen, ſondern Fehdebriefe oder Klage⸗ ſchreiben, an den Speerſtangen blitzten ſcharfe Eiſen und ſtatt der ſchnellen Turnierpferde ſtampften derbe Kriegs⸗ Freytag, Die Ahnen. III. 25 — 386— gäule in den Ställen. Oft trauerte Henner über dieſe Veränderung und er wunderte ſich, daß ſein Herr unter allem Widerwärtigen die heitere Faſſung nicht verlor. Gleich am erſten Tage, nachdem der Hof von den Frem⸗ den geſäubert war, hatte er ihn in die Kammer geführt, wo der gute Godwin geſtorben war: er hielt auf die⸗ ſer Erde aus, bis ich in den Hof kam ihm die Augen zuzudrücken, und er ſtarb als Ritter und Chriſt mit einem Segenswunſch für ſeinen Herrn.“ Da legte Ivo die Hand auf die Stelle, wo das Haupt des Alten ge⸗ ruht hatte und ſprach:„Ich gedenke deiner Worte, Va⸗ ter, jetzt iſt die Zeit gekommen, wo ich als ein ſpar⸗ ſamer Herr um das Meine zu ſorgen habe, und ich ver⸗ ſpreche dir, muß ich Buße zahlen für das ſorgloſe Treiben meiner Jugend, ſo ſoll Niemand meine Trauer darüber er⸗ kennen. Ich ſorge, Marſchalk, wir werden fortan nicht um das Lächeln der Herrin unter dem Schilde reiten, und auch Nicolaus wird ſchwerlich Verſe ſchreiben, ſondern grobe lateiniſche Urkunden. Wo weilt der Schüler?“ Er ver⸗ nahm, daß Nicolaus ſeit Godwins Tode den Hof ver⸗ laſſen hatte und unſtät in der Gegend umherzog. Un⸗ geduldig erwartete Ivo das Eintreffen des Wandervogels. Aber Nicolaus beeilte ſich nicht, in das alte Neſt zurück⸗ zukehren auch nachdem er vernommen hatte, daß ſein früherer Liedergeſell daheim ſei. Erſt an einem kalten Abend, als Jvo allein bei der knatternden Flamme des Kamines ſaß, vernahm er draußen die wohlbekannte Stimme, welche durch ein Lied Einlaß begehrte. Sei⸗ nem warmen Gruß antwortete Nicolaus in einer ge⸗ „ drückten Weiſe, die dem dreiſten ſonſt fremd geweſen war, bis er nach den erſten Reden vor den Hausherrn trat und frug:„Soll zwiſchen uns Beiden auch ferner gelten, was wir einſt wegen meiner Wahrhaftigkeit be⸗ ſprochen haben?“ und als Ivo antwortete:„es ſoll,“ da begann Nicolaus die Erzählung von ſeinem Abenteuer in dem Hauſe der Frau Hedwig und ſchloß:„pielleicht wäre ich in der rauhen Nacht lieber wo anders einge⸗ kehrt als bei euch, aber heut erfuhr ich, was mir aller⸗ lei Gedanken macht und wohl auch euch. Jener grobe Mann iſt ſtill geworden, und das Eiſen, welches er da⸗ mals mir gegen die Kehle zückte, hat er mit beſſerem Recht gegen ſich ſelbſt gebraucht. Ein Kaufmann, der von Frankfurt über den Main kam, erzählte die neue Mähr. Man fand den Unhöflichen in dem Flur ſeines Hauſes auf den Steinen und ein Meſſer in ſeiner Bruſt, und als die Leute näher zuſahen, war es ſeine eigene Waffe. Doch vernahm der Kaufmann auch Wunder⸗ liches von dem Meſſer, denn der Tote ſoll es ſeit Jahren vermißt haben, und man ſagt, kurz vor ſeinem Ende ſei ihm ein Geiſt erſchienen, habe ihm das Meſſer zurück⸗ gebracht und ſein bevorſtehendes Ende angezeigt.“ Jvo ſank ſchweigend auf ſeinen Sitz und Nicolaus fuhr ihm gegenüber ſchadenfroh fort:„Wer jetzt eine ritterliche Weiſe in dem Hauſe ſingt, wird den Weg zur Herrin von Riemen und Eiſen frei finden.“ „Er iſt geſchwunden und die Herrin iſt frei,“ hallte es in Ivo's Seele nach, er ſtand auf und verließ das Zimmer. 25 12. Der Mitbruder. Wieder wehte der Mai mit warmem Hauch durch das Land und hing ſein grünes Gewand um die ent⸗ laubten Bäume, wieder regte ſich das frohe Leben auf Haide und Flur und die Herzen der bekümmerten Men⸗ ſchen erhoben ſich in neuer Hoffnung. Auch in dem Edelhofe war der goldene Schein zu erkennen, welchen das Sonnenlicht in die Seelen warf. Jedermann ſchritt ſtolzer einher, wer den ganzen Winter kein Lied geſun⸗ gen hatte, der ſummtte jetzt die faſt vergeſſene Weiſe; aus den Kammern der Knechte erklang jeden Abend ein luſtiger Rundgeſang, Lutz, der ſich wenig über den Win⸗ terfroſt gegrämt hatte, bürſtete viel über Bart und Haar und betrachtete vergnügt die glänzende Borte, welche er ſeinem Mädchen als Gürtel ſchenken wollte; Nicolaus war oft über ſeiner neubeſaiteten Laute zu finden und ſogar der Marſchalk ehrte die frohe Jahreszeit, indem er eigenhändig einen großen Topf mit Farbe über den Hof trug und den Knechten gebot, das Speerholz ſäu⸗ berlich ni den Wappenfarben des Herrn zu bemalen. — 389— Jvo blickte wieder von der Gallerie herab auf das kleine Baumgehege an der Mauer und hörte lachend auf den Gruß des thüringiſchen Finken, den er Jahrolang nicht vernommen hatte. Oefter als ſonſt ließ er ſein Pferd ſatteln, um nach dem Hofe des alten Bauern zu reiten. Denn dort erwartete ihn ein Weib, das er ſeit der Heimkehr gern als ſeine Schweſter begrüßte. Aber mit dem Frühling kam auch die Unruhe und Reiſeluſt in das Volk; überall ſprachen die Leute von der neuen Kreuzfahrt, die den Seelen ebenſo heilſam ſein ſollte als die früheren und doch weit weniger mühſam. Oft verließ die Dorfjugend den Anger und das Spiel mit dem bunten Ball, um auf die heißen Mahnungen eines brauen Mönches zu hören, der auf dem Kirchhofe zur Fahrt in das Preußenland trieb und dabei von der Fülle guter Dinge berichtete, welche dort für begehrliche Weltkinder zu finden ſeien. Zu⸗ weilen zogen auf der Landſtraße wandernde Haufen mit Geſang und Geſchrei dem Oſtlande zu, meiſt leichtfer⸗ tiges und unſtätes Volk, die erſten Schaumwellen der beginnenden Strömung, doch war auch mancher ehren⸗ werthe Mann darunter, und in den Dörfern der Um⸗ gegend nannte man bereits die Namen ſeßhafter Wirthe, welche ebenfalls daran dachten, ſich zu erheben. Stär⸗ ker als in anderen Jahren arbeitete das Sommerleben in der Natur und in den Seelen der Menſchen, der Frühling war ſpät gekommen, aber als ein heißer und ſtarker Gebieter. Faſt plötzlich bedeckte ſich der Grund mit Grün und die Obſtbäume mit ihrem weißen ——— — 390— Blüthenſchmuck, in unaufhörlichem Wechſel folgten hei⸗ ßes Tageslicht und befruchtender Regen, und wenn der Ackersmann auf die üppig wuchernde Saat ſchaute, ſo ſchüttelte er wohl das Haupt über die unerwartete Herr⸗ lichkeit und ſorgte, daß der kalte Feind noch einmal zer⸗ ſtörend in das Land dringen werde. Nach einem warmen Tage trat Ivo auf den Söl⸗ ler ſeines Hauſes. Er ſtaunte über den Wohlgeruch, wel⸗ cher von der Wieſe und den Blüthenbäumen aufſtieg, die Sonne war glühend roth geſunken, kein Tropfen Thau hing am Boden und die ſtille Luft wurde ihm ſo ſchwül, daß er ſein Gewand aufriß. In der Höhe zogen die Wolken haſtig um die Mondſichel, unter den kleinen Lichtflocken ſchoben ſich graue unförmliche Gebilde dahin, jedes mit lichten Rändern umſäumt, während über den rothen Hügeln und dem Bergwald die ſchwere ſchwarze Finſterniß lagerte; dort ſammelten ſich die Gewaltigen der Luft zu einer großen Schlacht, und die Kinder der Erde harrten in bangem Schweigen auf den bevorſtehenden Kampf. Ivo war den Tag im Hofe Bernhards geweſen und Friderun hatte zum erſtenmal von ihrer Sorge um den Vater geſprochen, von ſeinem düſtern Grübeln und von dem wilden Feuer, mit wel⸗ chem er ihr und den Nachbarn das erforſchte Geheim⸗ niß der heiligen Lehre verkündete.„Sie geht ſtill durch Hof und Haus“, dachte Ivo„ſchafft unabläſſig für den Vater und ſorgt warmherzig um viele Andere, immer iſt ihre Rede muthvoll, aber ihr Lächeln wird traurig, ich ſwege ihr Herz iſt ſchwer bekümmert und ſie lebt — 391— in Erwartung eines Unheils.“ Lange ſtand er und ſah in die dunkle Landſchaft, aus dem Hofe klang ein kriegeriſches Lied, welches Nicolaus den Knechten vorſang, auf dem Lande lag tiefes Schweigen. Der Mond war verſchwunden und dichte Finſterniß deckte Himmel und Erde, vergebens ſah er aus nach einem Blitz und hätte ſich gefreut, das Rollen des Donners zu hören. Da ſuchte auch er mit einem Seufzer ſein Lager. Dort warf er ſich unruhig umher, bis ihm endlich ein bleiſchwerer Schlaf die Glieder lähmte. Er ver⸗ nahm nicht, daß ſich der Wetterſturm erhob, daß er die Baumblüthen raufte und Aeſte brach, und mit wilden Stößen um das Haus fuhr, durch den Hof fegte und an die Stallthüren ſchlug, bis die Roſſe bäumten und die Rinder in Angſt brüllten. Die Blitze zerriſſen das ſchwere Wolkendach, der ganze Himmel loderte von Flammen und der Donner krachte und rollte unaufhör⸗ lich. Henner ſprang auf dem ſchmalen Steg, der von ſeinem Hofe über den Wallgraben führte, zu den Kam⸗ mern der Knechte, er fand die Männer wach und er⸗ mahnte ſie auf den Hof und das Herrenhaus zu achten. „Wir Thüringe wiſſen, was ein tüchtiges Wetter heißt, aber ſolche Wuth der Wolken hat noch Keiner erlebt, denn armesdick fallen die feurigen Strahlen;“ Lutz, wel⸗ cher Thürme und Wall des Hofes beſchritten und den erſchrockenen Thorwächter getröſtet hatte, rief durch das Brauſen:„von den rothen Bergen hebt ſich ein Feuer⸗ ſchein gegen den Himmel, dort liegt das Wetter über dem Thalkeſſel, mir ſcheint, es verſengt den Mühlbur⸗ — 392— gern ihre Schlafdecken, und der Regen bleibt aus, der ihnen beim Löſchen helfen ſollte.“ Im erſten Morgen⸗ grau öffneten die Männer das Thor und drangen müh⸗ ſam durch den tobenden Sturm zu der nächſten Anhöhe, dort wieſen ſie nach den Höhen und hoben die Arme. Als Henner zu ihnen kam, ſah er von jeder der drei Bur⸗ gen, welche auf den Bergen ſtanden, eine Flamme und eine Rauchwolke aufſteigen zu dem ſchwarzen Him⸗ mel, aus dem noch immer die Blitze um den miß⸗ farbigen Dampf zuckten. Da rief er bekümmert:„Dort fährt die Lohe aus den drei Steinringen, in denen vor Zeiten das Geſchlecht meines Herrn aufgewachſen iſt, und Herr Jvo ſchläft. Ich war in ſeiner Kammer, doch ich ſcheute mich ihn zu wecken.“ „Blieb doch unſer Hof verſchont,“ tröſtete Lutz. „Dennoch darf er nicht liegen, während ihm der Himmel dieſe drei Lichter angezündet hat,“ ſprach Henner und kämpfte ſich zurück nach dem Hofe. Jvo fuhr empor, als ihn der Treue am Arm zog, er richtete ſich auf und hörte erſtaunt auf das Toſen im Freien.„Mir träumte ſo deutlich, wie ich euch vor mir ſehe, daß ich auf meinem Lager hingeſtreckt war, meine Hausfrau hielt ich im Arme, ihr Haupt und ihr langes Haar war an meiner Bruſt und ich fühlte den Schmerz in meiner Wunde. Um mich hörte ich Kampfgeſchrei, über mir flammte das Hausdach und es kniſterten die brennenden Balken. Doch war es nicht dieſes Haus. Ihr aber, Henner, ſaßet abgewandt von mir am Fuß meines Lagers, das Schwert in den Hän⸗ ———— — 393— den. Der Donner dröhnte, da wecktet ihr mich. Gern wüßte ich, was der Traum bedeutet.“ „Saht ihr Flammen im Traume, ſo mag er euch eine gute Neuigkeit verkünden,“ antwortete Henner ernſt⸗ haft.„Dem Andern aber, der abgewandt von euch ſaß, weiſſagt er Uebles. Steht auf Herr, denn auch drau⸗ ßen hat das Wetter ein Zeichen aus den Wolken ge⸗ ſandt, das euer Geſchlecht angeht.“ Als der Morgen kam, ſahen die im Hofe ringsum den Schaden der Sturmnacht: geworfene Baumſtämme, niedergelegte Zäune, zerraufte Dächer und am Horizont hier und da aufſteigende Rauchwolken. Noch immer rollte der Donner, der Wind trieb die Wolken in hoher Luft und hinderte den Regen. Jvo ſtieg von dem al⸗ ten Thurme herab und winkte dem Schüler:„es brennt in der Richtung von Friemar, wirf dich auf den Gaul, frage, wie es um den Hof des Alten ſteht.“ Nicolaus ſattelte willig ſein Rößlein und trabte aus dem Hofe, während ſein Schülermantel wie ein ſchwarzes Segel über den Kopf flog. Die Sonne ſtieg höher, es ſauſte und pfiff in der Luft und Jedem war, als ſei das ungeheure Wet⸗ ter nicht zu Ende; da klang der Hornruf des Thürmers, welcher das Nahen Bewaffneter anzeigte. Gleich darauf jagten fremde Reiter heran und Lutz, der über dem Thore ſtand, erkannte mit Staunen die Turbane und Rüſtun⸗ gen mauriſcher Leibwachen. Er rief, alter Genoſſenſchaft eingedenk, den Ungläubigen von der Zinne arabiſchen Gruß entgegen und empfing die Botſchaft eines reich⸗ — 394— geſchmückten Knaben, der zwiſchen den Bewaffneten her⸗ vorritt und meldete, die Herzogin Hedwig von Staufen erbitte auf ihrem Wege nach Erfurt die Gaſtfreundſchaft des Hofes. Athemlos trug Lutz ſeinem Herrn die Nachricht zu. Jvo empfing ſie ſchweigend, das Blut ſchoß ihm zum Herzen und übergoß gleich darauf ſeine Wangen mit dunkler Röthe.„Bereitet euch, ſie zu empfangen,“ rief er ſich umwendend, entließ den Boten und ſprang auf das Thor, um dem Flüchtigen nachzuſehen, ganz betäübt durch die große Erwartung. Henner kam eilfertig heran: „Der Hof iſt übel für den Beſuch einer Fürſtin vor⸗ bereitet, darf ich Frau Jutte rufen, damit ſie der er⸗ lauchten Frau zu Dienſten ſei.“ Jvo wehrte:„Treibt eure Hausfrau nicht in ihr Feſtgewand, ich denke, die Herrin wird Nachſicht in einem Reiterhaushalt üben.“ Ein glänzender Zug ſtob heran, Schleier und bunte Gewänder wehten im Winde, Henner erkannte Frau Wendelmuth und den Kämmerer Volko und hin⸗ ter den mauriſchen Kriegern auch beladene Saumthiere. Jvo trat der Herrin auf der Brücke entgegen und als er das Knie beugte, lachte ihn Hedwig von ihrem Roſſe herzlich an:„Wir ſuchen bei dem ritterlichen Herrn Schutz gegen die wilden Wetter des Landes, nehmt gü⸗ tig die Zudringlichen auf und bietet uns Willkommen wie alten Freunden.“ Jvo ſtand unter den ſtrahlenden Augen des ſchö⸗ nen Weibes und auf's Neue umfing ihn der Zauber. „Nehmt vorlieb, der Wirth war lange in der Fremde 8 — 395— und der Hof iſt verwüſtet,“ rief er, indem die helle Freude ſein Antlitz verklärte. Er ſelbſt führte ihr Roß am Zügel in den Hof und als er zur Seite trat, um ſie herabzuheben, griff ſie lachend in ſein langes Haar, und hielt ſich daran, während ſie zu Boden glitt. Als er ſie in das Haus führte, warf ſie einen ſchnellen Blick umher und ſprach halb zu dem Gefolge: „Nicht lange denken wir euch zu beläſtigen, und da dem Hauſe die Herrin fehlt, ſo bitte ich, geſtattet meinen Frauen, daß ſie mein Reiſegeräth in der edlen Her⸗ berge ausbreiten.“ Ivo wies für das Gefolge auf die Hallen des Unterſtocks und führte Frau Hedwig hinauf in ſeine Behauſung, den einzigen wohnlichen Raum ſeit der Rückkehr.„Ich merke wohl, daß ich euch nichts bieten kann, als meine Freude,“ ſagte er entſchuldigend. „Hier iſt euer Heimweſen? nirgend will ich lieber weilen,“ antwortete Hedwig.„Ich ſehe die Rüſtungen an der Wand, die Harfe und hier einen Söller, den ich kannte, bevor ich ihn ſah.“ Sie winkte der ſtummen Dienerin, das Mädchen flog hinab, im nächſten Augenblick wur⸗ den umhüllte Ballen herzugetragen und die Kammer und das Gemach mit Polſtern und Teppichen belegt. Wieder ein Wink der Herrin und die Diener verſchwan⸗ den, Hedwig ſtand Jvo allein gegenüber. Sie ſah ihn innig an und hielt ihm die Hand entgegen.„Da haſt du das Käuzlein,“ ſprach ſie mit zuckenden Lippen. Hin⸗ geriſſen von der holden Mahnung ſenkte Jvo in tiefer Bewegung das Knie. Leiſe berührte ſie ihm das Haupt.„Steht auf, — 396— Joo, uns Beide hat die Zeit verwandelt und der Scherz des jugendlichen Frauendienſtes mag uns nicht mehr geziemen. Kommt, ſetzt euch zu mir und laßt uns Beide wiſſen, wie jetzt die alte Liederweiſe in unſern Herzen klingt. Heut iſt der Tag, wo ich mein Trauer⸗ gewand abgethan habe, dieſer Tag ſollte dem Manne gehören, der mir vor Anderen vertraut war.“ „Liebe Herrin,“ rief Ivo. „Still Geſelle,“ mahnte ſie,„laß mich bedächtig re⸗ den. Es iſt lange her, ſeit ich dich als fahrenden Hel⸗ den bei der Burg meines Vaters entdeckte, wie du am Quell lagſt und ſchliefſt. Der erſte Kuß, den ich einem Manne gab, haftet an deinen Lippen, das kann ich nicht vergeſſen, IJvo. Uns Beiden iſt dadurch das Le⸗ ben ſchwer geworden. Der Kaiſer zwang mich, einem verhaßten Manne zu folgen und ich habe die traurige Kunſt der Frauen geübt, mich zu verſtellen und zu la⸗ chen, während ich in meiner Seele die Bitterkeit fühlte. Du aber haſt, als ich dir entfremdet wurde, treu zu mir gehalten; du weißt nicht, wie oft der Gedanke an deinen demüthigen Dienſt mein einziges Glück war, an dem ich mich aufgerichtet habe, indem ich unter den Argen lebte. Aber dir und mir hat unſere Liebe zuletzt Noth gebracht, und ſcharfes Eiſen hat in das Band geſchnit— ten, welches zwiſchen uns geſchlungen war. Ich bin hier, um zu prüfen, ob das alte Bündniß noch dich und mich zuſammenhält.“ Jvo wußte nicht, daß ſie in derſelben Stunde, in der ſie die Kunde von ſeinem Leben erhielt, einen — 397— Andern dem Arm des Rächers preisgegeben hatte; aber ihm fiel aufs Herz, daß eine wahrhafte Magd in der Nähe mit Unwillen an die Liſt dachte, durch welche ſie da⸗ mals zur Zeugin gemacht worden war. Und der Ge⸗ danke an Friderun hing ſich wie ein Reif an die Freu⸗ den ſeiner Mailiebe. Darum erwiderte er mit Haltung: „Beide hatten wir einem Fremden Anrecht gegeben, un⸗ ſere Liebe zu haſſen, daß er die Rache nehmen würde in ſeiner Weiſe, haben wir erwartet und wir mußten die Rache ertragen.“ Hedwig ahnte, daß ihr Falke anders flog als ſie wollte und ſie frug ſich in der Stille angſtvoll, ob er Alles wiſſe und ob er ihr deshalb zürne. Aber als ſie Ivo's Blick unſicher und fragend auf ſich gerichtet fand, erhob ſie ſtolz das Haupt:„ZJetzt ſind wir Beide frei. Wiſſe,. Jvo, ich war ſeitdem bei dem Kaiſer. Er nannte deinen Namen nicht, als er von meiner Zukunft ſprach, aber gleich darauf begann er in großer Güte von dir zu reden, daß er dir das Beſte gönne, und daß er dir Hohes ge⸗ währen werde. Und er ſagte: Ich vernahm, daß ihm ſein Haus zerrüttet iſt, weil er in meinem Dienſt über⸗ lange verweilt wurde, mir wäre ganz recht, wenn eine Frauenhand ihn dieſer läſtigen Sorge enthöbe.“ Frau Hedwig ſah auf ihre eigene Hand, als ſie fortfuhr: „Sieh zu, Jvo, ob du eine ſolche Hand findeſt.“ Das waren ruhige Worte, aber ſie regten in der Seele des Mannes einen wilden Sturm von Gedanken auf. Hier ein enges Leben, gefüllt mit Demüthigungen und einem endloſen Streit gegen widerwärtige Nachbarn, — 398— an ihrer Seite Reichthum und Glanz des Kaiſerhofes, Herrſchaft und Kriegsruhm. Er athmete tief, als er wie im Scherz antwortete:„Wir loben den Heldenmuth des Mannes nicht, der ſich durch ein Weib aus der Be⸗ drängniß retten läßt. Iſt die Mitgift der Hausfrau zu groß und die Morgengabe des Gatten zu gering, wie kann der Wirth die Herrſchaft im Hauſe bewahren.“ „Denke ſtolzer von dir, Ivo; du ſelbſt rühmteſt einſt in meiner Gegenwart gegen den Landgrafen die Hoheit deiner Ahnen. Wiſſe Held, dies Geſchlecht der Land⸗ grafen iſt dem Kaiſer verleidet, und wenig Gutes er⸗ wartet er in Zukunft von ihm, vielleicht iſt der Tag nicht fern, wo er ſogar gegen ſie rüſtet. Wer ihm das Heer führt und die ſtolzen Häupter dieſer Herren wirft, der mag ſelbſt in ihrem Stuhle niederſitzen.“ Das ſprach ſie in tiefem Ernſte, Ivo wußte recht wohl, daß es nicht eitle Worte waren, und in ſeinem Auge blitzte der alte Stolz ſeines Hauſes. Doch während Hedwig ſich über die Gluth freute, die ſie in ihm entzündet hatte, fühlte ſie den feſten Druck ſeiner Hand und vernahm die traurigen Worte:„Lade nicht die Gewaltigen der Welt zu Bundesgenoſſen unſeres Glückes. Aus Herrſch⸗ ſucht und Ehrgeiz darf ich dein Gemahl nicht werden, von ſolchem Elend haſt du zur Genüge gekoſtet. Nur wenn wir Beide uns im Herzen vertrauen, und wenn du in treuer Liebe zu mir ſtehen kannſt, wie es mir auch in meinem Leben gelinge, nur dann ſollſt du dich zu mir neigen wie einſt. Rühmte der Kaiſer gegen dich meine Treue, ſo ſage ich dir, ich ehre in Demuth den — 399— großen Geiſt des Herrn, aber ich vermag ihm nicht zu folgen in ſeinen Gedanken und nicht auf ſeinen Wegen. Einfach bin ich in Sinn und Sitte. Wie enge und klein das Leben iſt, in dem ich aufwuchs, habe ich in der Fremde völlig erkannt. Dennoch will ich die heimiſche Art nicht von mir abthun; redlich will ich bleiben in Liebe und Haß, die gewundenen Gedanken und die kalte Liſt des Kaiſers Friedrich kann ich nicht loben und ich will keinen Theil daran haben. Frei gedenke ich zu leben nach meinem Gewiſſen auch gegenüber ſeinem Willen. Und darum ſage ich dir, Diener und Werkzeug der Hohenſtaufen wird der Mann nicht, welcher ſich einſt im Mairitt vor dir berühmte, ein Nachkomme des alten Helden Ingram zu ſein.“ Hedwig trat abgewandt auf den Söller und blickte nach den geballten Wolken.„Du zürnſt, Herrin,“ fuhr Jvo traurig fort,„merke wohl, heut ſchauſt du das Ge⸗ wand deines Kauzes beim Tageslicht, da erſcheint es dir weit anders als ſonſt im Dämmerſcheine und ganz ins Fahle und Schmuckloſe gewandelt. Halte mich darum nicht für unſinnig, wie die Tagesvögel mit dem Käuzlein thun. Dort an der Seite ſiehſt du den alten Thurm, die einzige Erinnerung an meine Vorfahren, er iſt zer⸗ riſſen und geflickt, ein guter Aufenthalt für Nachtvögel, nicht lange, und er ſinkt in Trümmer. Aber ſo lange ſein Haupt gegen die Berge ragt, bewahre ich mir den Stolz, ein kleiner Herr zu ſein und nicht ein mächtiger Diener. Hedwig wandte ſich zu ihm und lachte; ſo zutraulich — 400— und herzlich war ihr Lachen, daß auch er nicht ganz ernſt⸗ haft blieb.„Wir ſind Beide kindiſch, daß wir in der erſten Stunde des Widerſehens vom Kaiſer und von den Vätern reden ſtatt von uns Beiden.„Ivo, geliebter Mann, ahnſt du nicht, was ich dir bringe? Es iſt die Erfüllung des Verſprechens, das wir als Frau und Ritter einander gaben, ſieh her.“ Sie öffnete die Thür des kleinen Gemaches, in welchem die ſtumme Dienerin geſchäftig geweſen war; über das Lager, welches ſonſt dem Haus⸗ herrn diente, war ein großer Hermelinmantel gebreitet und dabei lag die Speerbeute des Mairittes, die wal⸗ lende Kappe, welche aus Wappenzeichen zuſammengenäht war. Hedwig warf die Kappe um ihre Schulter.„So komme ich zu dir, mein Ritter, wie ich dir verhieß, Gabe um Gabe, du gewannſt mir den Mantel, ich bringe dir die Frau.“ Sie warf ſich in ſeine Arme und drückte ihn feſt an ſich. Die heißen Küſſe des Mannes ſchloſſen ihr den Mund. Ivo hörte nicht den Hufſchlag des Pferdes und nicht die Menſchenſtimme, welche ihn aus der Ferne ängſtlich rief. Gleich darauf lärmte es im Hauſe und pochte wild an die Thür und der Schüler rief:„Zu Hilfe, Herr Jvo.“ Als Jvo öffnete, ſtand Nicolaus ganz außer ſich mit ſchlotternden Gliedern vor ihm:„Friderun und ihr Vater ſind gebunden, der Teufel Dorſo führt ſie wegen Ketzerei nach Erfurt. Rettet ſie,“ ſchrie er, die Hände ringend,„ſie werden zum Holzſtoß getrieben.“ Jvo ſtarrte wie einer, der aus dem Traume er⸗ — 401— wacht.„Die Magd ſprang in die Flamme,“ murmelte er, und frug, nach dem Harniſch an der Wand greifend: „welchen Weg ziehen ſie?“ „Die Straße jenſeit der Neſſe; der Alte iſt ver⸗ wundet, Beide ſind auf einen Karren gebunden. Seitdem iſt faſt eine Stunde vergangen, obwohl ich mit dem Winde ritt.“ „Rufe den Hof zu Pferde.“ Nicolaus flog die Treppe hinab, gleich darauf klang der Ton eines Hornes über den Hof.„Verzeiht, Herrin,“ ſprach Jvo tonlos, „wenn ich euch verlaſſe, gröblich fehle ich gegen die Pflichten eines Wirthes,“ und er warf ſich das Eiſenhemd über. Hedwig ſtand bleich wie er ſelbſt.„Iſt jene, um deren Rettung ihr reiten wollt, die Magd, welche für euch zum Kaiſer ging?“ „Sie iſt es,“ antwortete Ivo über ſeiner Arbeit, nihr wißt, ich bin ihr Dank ſchuldig.“ „Sendet eure Dienſtmannen mit meinen Speer⸗ reitern,“ rief Hedwig, ihm den Arm haltend.„Nur ihr verlaßt mich nicht in dieſer Stunde.“ „Die Hilfe der Heiden, welche einen Mönch an⸗ greifen, würde das Verderben der Gebundenen vollen⸗ den. Verzeiht mir, ich bitte,“ wiederholte er,„unhöflich handelt der Hausherr, welcher den Gaſt allein läßt.“ „Nicht deinen Gaſt kränkſt du, wenn du jetzt von mir ſcheideſt, ſondern ein Weib, welches, die Liebe im Herzen, zu dir kam.“ „Auch ihr könntet mich nicht lieben und nicht ehren, wenn ich treulos handelte gegen meine Freunde.“ Freytag, Die Ahnen. III. 26 — 402— Und wieder faßte Hedwig ihn am Arm und rief mit blitzenden Augen:„Willſt du der Nichte des Kaiſers Schimpf anthun in deinem eigenen Hauſe, um die Bauern⸗ dirne zu retten?“ „Ich gehe die zu retten, welche in Noth iſt,“ ant⸗ wortete er ſein Schwert umgürtend.„Uebt Großmuth, Hedwig und entlaßt mich ohne Vorwurf.“ Sie aber hielt ihm den Arm feſt.„Jvo, ich kenne den Prieſter Konrad, dem es eine wilde Luſt iſt, der büßenden Landgräfin den nackten Rücken zu peit⸗ ſchen. Du ſelbſt wirfſt dich, wenn du gehſt, in Todes⸗ noth, aus welcher keine Erdenmacht dich erlöſt.“ „Das iſt wohl möglich,“ antwortete Jvo zerſtreut und ſuchte in ſeinen Waffen,„Meiſter Konrad verſteht, zu haſſen.“ Hedwig trat zurück und neigte ihr Haupt über die Harfe, ſie fuhr mit den Fingern heftig durch die Saiten, die Weiſe des Herrn Jvo ſpielend; immer ſchneller und ſtürmiſcher wurden die Griffe, bis die Saiten mit ſchril⸗ lem Mißton zerriſſen, da fuhr ſie auf und ſtarrte nach ihm, und als er den Helm ergriff und die ber⸗ gende Eiſenhülle über ſein Haupt legte, faßte ſie das Saitenſpiel, und ſchleuderte es in wildem Schwunge vor ſeine Füße, daß es klirrend zerbrach. Sie aber warf ſich auf das Lager und verhüllte das Haupt. Jvo ſprang aus der Thür. Im nächſten Augenblicke dröhnte Huf⸗ ſchlag der Davonreitenden auf der Brücke. Als Nicolaus am Morgen nach ſcharfem Ritt in das Dorf gekommen war, hatte er keinen Wetterbrand — 403— gefunden, aber eine aufgeregte Gemeinde. Schon in der Ferne vernahm er zu ungewohnter Stunde unabläſſiges Glockengeläut und bei der Kirche hörte er predigen und erkannte die mißtönende Stimme des Mönches Dorſo. Dieſer ſtand über der Kirchhofmauer, umgeben von ſeinen Handlangern und von fremden Landläufern, welche mit dem rothen Kreuz gezeichnet waren, und las einen Brief vor, in welchem Kaiſer und König geboten, die Ketzer, welche Meiſter Konrad verklagen würde, in weltlichem Gericht abzuurtheilen, damit ſie an Leib und Leben ge⸗ ſtraft würden. Und der Mönch rief:„Hier ſtehe ich in heiligem Amte, um die Böcke von den frommen Schafen zu ſcheiden und die Ruchloſen zum Holzſtoß zu führen. Hohen Preis hat der heilige Vater für die Treuen geſetzt, welche einen Irrgläubigen, den ſie etwa kennen, anzeigen; denn Habe und Gut ſoll dem Un⸗ treuen genommen und den Treuen zugetheilt werden, Haus und Hof des Ketzers wird den eifrigen Kindern Gottes preisgegeben, damit ſie ſich daraus auch irdiſchen Lohn holen für ihre Frömmigkeit.“ Und das Holzkreuz ſchwenkend, ſchrie er:„Darum weiſe ich das Kreuz und lade die frommen Zeugen zum erſten, zweiten und dritten Male vor mein Angeſicht, ſcheuen ſie ſich laut zu rufen, ſo mögen ſie mir ihren Argwohn leiſe anvertrauen, denn dazu bin ich hier.“ Da erhob ſich unter den Wirthen, welche umher⸗ ſtanden, ein unwilliges Gemurr, und aus dem Haufen trat ein alter Mann mit weißem Haar und feſten Zü⸗ gen und ſprach mit lauter Stimme:„Wir aber halten eure 26* — 404— Verkündigung für ungerecht, denn leichtfertige Angeber und falſche Zeugen lockt ihr durch wilden Preis, und jeden Herrn über Haus und Hof liefert ihr in die Macht habgieriger Böſewichte. Wir Alten im Dorfe wollen uns wahren gegen ſo freche Forderung, und wir rathen euch, euer Holzkreuz wieder auf die Schulter zu nehmen und abzu⸗ ziehen aus unſerer Flur.“ „Holla,“ rief der Mönch erſtaunt,„ich höre, der ſchwarze Höllenmohr hat ſich einen weißhaarigen Knappen geworben. Haſt du nicht die Briefe gehört? willſt du es wagen den Geboten des heiligen Vaters und des Kaiſers zu widerſtehen? Mißfällt dir ihr Inhalt, ſo giebſt du deine eigene Bosheit zu erkennen und ich will ſogleich mit dir den Anfang machen und forſchen, wie es mit deinem Glauben beſtellt iſt.“ Da drang ein Weib durch den Haufen und Fri⸗ derun faßte flehend den Arm des Vaters.„Antwortet ihm nicht, Vater, und kehrt dem Wilden den Rücken.“ Aber der Alte ſchüttelte ſie heftig ab:„Meinſt du ich werde ſchweigen, wo es gilt, die Wahrheit zu bekennen und die theure Offenbarung,“ und er warf dem Mönch ent⸗ gegen:„An die kaiſerlichen Briefe glauben wir nicht, denn wir wiſſen beſſer, wie unſer Herr und Kaiſer ge⸗ gen uns Landleute geſinnt iſt. An der Aufforderung des Papſtes aber, welchen ihr den heiligen Vater nennt, erkennen wir, daß ſie hohem Zeugniß der Schrift wider⸗ ſtrebt.“ „Er läſtert die Ordnung der hohen Apoſtel,“ ſchrie der Mönch zu ſeinem Haufen gewandt,„er beſtreitet die — 405— Gewalt der heiligen Kirche,“ und ſein Gefolge heulte ihm die Worte nach.„Ein gottverdammiter Ketzer biſt du Schriftgelehrter im Bauernrocke, und du ſelbſt haſt dir das Urtheil geſprochen. Werft euch auf ihn und faßt mir den Schurken.“ Ueber die Kirchhofmauer ſprang der wüthende Haufe gegen den Alten ein, um ihn ſammelte ſich ein Theil der Dorfleute und in wildem Tumulte blitzten die Waf⸗ fen, der Mönch aber erhob ſich auf der Mauer, ſtreckte ſein Kreuz in die Höhe und warnte mit dröhnender Stimme:„Verflucht ſei, wer die Hand für ihn hebt, er i*ſt gezeichnet und verdammt; weicht zurück ihr Chriſten⸗ leute, flieht vor dem Kerker auf Erden und vor dem Höllenfeuer.“ Da wichen die Leute bleich und entſetzt zurück, auch die Alten des Dorfes ſtanden finſter zur Seite und mancher ſchlich ſich nach ſeinem Hauſe. Bernhard aber warf ſein Schwert auf den Boden und rief:„Der Tag iſt gekommen, Zeugniß zu geben; fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten, denn die Seele vermögen ſie nicht zu töten. Hier ſtehe ich als ein Bekenner des Herrn, Trotz zu bieten den Pfaffen und Phariſäern, welche uns die Herrlichkeit der Gotteslehre verderben.“ „Hört ihr den Empörer prahlen,“ ſchalt der Mönch aufs Neue.„Packt ihn und bereitet ihn für das Ge⸗ richt.“ Die Schaar ſtrömte gegen ihn, ein roher Ge⸗ ſell führte mit dem Hebebaum den erſten Schlag, daß der Alte in der tobenden Menge zu Boden ſank. Ueber ihn warf ſich die Tochter, um die Streiche mit ihrem Leibe ———— — — 406— aufzufangen, Beide wurden emporgeriſſen und gebunden nach ihrem Hofe gezogen. Nicolaus ſah noch, wie das Geſindel raubluſtig in Ställe und Kammern drang, und wie der Mönch die Gebundenen auf einen Karren des Hofes heben ließ und mit einem Theil ſeiner Be⸗ gleiter in der Richtung nach Erfurt abzog. Dann jagte der Schüler faſt beſinnungslos vor Angſt und Grauen dem Edelhofe zu. Als Dorſo mit ſeinen Gefangenen in die Nähe von Erfurt kam, merkte er, daß jenſeit der Brücke, welche über den Neſſebach führte, ein Trupp Bewaffne⸗ ter den Weg ſperrte. Er ritt vor, hob das Kreuz und rief von ſeinem Eſel:„Als Beamter des hochwürdigen Meiſters Konrad reiſe ich, öffnet die Straße.“ Aber die Hand eines Gehelmten fiel ſchwer auf ſeinen Arm und hielt ihn mit ſeinem Thiere feſt, wie ſehr er ſich ſträubte und ſchrie, während die übrigen Reiter ſchweigend um den Karren rückten, das andringende Ge⸗ ſindel mit den Speerſtangen abtrieben und die Pferde des Karrens in einen Seitenweg ſüdwärts lenkten. Auf einen Ruf des Anführers fuhr der Karren, um⸗ ſchloſſen von den Reitern in ſchnellem Laufe von dan⸗ nen. Der Anführer, welcher bis dahin den wüthenden Mönch mit eiſernem Griff gehalten hatte, ſprengte nach, und durchſchnitt mit dem Dolche die Riemen der Gebun⸗ denen. Als Jvo mit dem Karren am Cdelhofe ankam, fand er den Marſchalk ſeiner wartend.„Kalt war der Abſchied der hohen Gäſte,“ meldete dieſer bekümmert, — — 407— „im Sturme ſind ſie gekommen und verſtoben. Dafür, Herr, werden ſich jetzt andere Gäſte in Kutten einfinden, welche uns feſter um den Hals faſſen.“ Vielleicht vermögen wir Jene dort noch in die Berge zu retten. Wir kennen manchen Verſteck,“ ſprach Ivo leiſe. „Der Mönch iſt nicht nach Erfurt gelaufen, wie ich hoffte, wandte Lutz ein, die ganze Meute trabt hinter uns her und wir werden ſie in Kurzem am Thore hören. Auf unſere Knechte iſt kein Verlaß, Herr, ſie ſtutzten und redeten leiſe mit einander.“ „Wer kann ſie darum ſchelten?“ ſagte Jvo mit kaltem Lächeln.„Die Verfolgten bergen wir in dem Ge⸗ wölbe des alten Thurmes; die Leute unſeres Dorfes ent⸗ bieten wir nicht zur Vertheidigung der Mauern, denn auch dieſe würden uns verſagen. Unterdeſſen beſetzt die Thürme mit Wachen, hebt die Brücke und ſperrt das Thor.“ Die Brücke ſtieg auf, kurz darauf klang von der Landſtraße Geſang der Wallfahrer, eine rauhe Stimme ſang vor und die Andern wiederholten die Worte. Dorſo ritt auf ſeinem Eſel gegen die Zugbrücke und ſchrie über den Graben:„Wer mit Irrgläubigen Geneinſchaft hält, wer den Verdammten Obdach gewährt, Speiſe und Trank, und wer eine Hand hebt für ihre Verthei⸗ digung, der wird theilhaftig ihrer Miſſethat und theil⸗ haftig der irdiſchen und der ewigen Flammen. Gebt heraus, ihr groben Burgleute, die ihr mir entführt habt.“ — 408— „Ihr ſeid ein unverſchämter Narr,“ ſprach Henner zurück. „Vernehmt die luſtigen Worte des Abtrünnigen,“ rief der Mönch zu ſeinem Haufen,„ verflucht ſei dies Ketzerneſt und preisgegeben euren Fäuſten.“ Ein gellendes Geſchrei antwortete. Der Mönch ritt zurück, lud ſeine Haufen zuſammen und Henner erwartete einen Anlauf. Aber nichts dergleichen wurde verſucht, der Schwarm theilte ſich wieder, ein Theil zog in das Dorf, andere bewachten in einiger Entfernung das Thor, noch andere drangen oberhalb durch den Bach und ſtellten ſich dort als Wächter auf. Unterdeß war Friderun im Gewölbe des Thurms um den verwundeten Vater bemüht, welcher nach dem furchtbaren Schlage auf das Haupt lange in Betäubung gelegen hatte, jetzt aber in wilde und irre Reden ausbrach; ſie ſah, wie dem Schüler, der ihr zu helfen bemüht war, die Hände in der Angſt flogen, und ſprach gefaßt: „Längſt habe ich einen ſolchen Tag in der Stille ge⸗ fürchtet; ich weiß, daß wir dem Tode geweiht ſind, und daß auch Herr Ivo uns nicht davor bewahren wird. Aber weshalb wollt ihr euch dem Mönche in die Hand geben? vielleicht könnt ihr euch noch retten. Entflieht, auch um unſeretwillen.“ Sie holte aus ihrem Gewande ein kleines ſchwarzes Kreuz, welches in geſchloſſener Hand zu bergen war. ‚Eilt nach Erfurt, Nicolaus, zum Hauſe der deutſchen Brüder, gebt dies dem erſten Bruder ab, den ihr dort findet, und ſagt ihm, wir ſenden dies und der Vater liege hier in Noth. Vermögen die Brüder — 409— auch nicht uns das Leben zu retten, lieber wollen wir 4 in ihrer Haft vergehen, als unter den Händen des wü⸗ thenden Mönches.“ Nicolaus nahm das Dargebotene und lief dem Stege zu, der nach dem Hofe des Marſchalks führte; grade als Lutz im Begriff war den Steg zu heben, ſprang er hinüber, wand ſich unbemerkt hinter dem Dorfe herum und rannte der Stadt zu. Es war ſtill geworden im Hofe und draußen, nur der Wind heulte und in der Höhe flogen die Wolken. 1 Jvo trat zu Friderun, und als er ihr liebevoll Troſt zuſprechen wollte, antwortete ſie mit verklärtem Blick:„Ihr habt an uns gehandelt, wie eurer würdig iſt, ich klage auch nicht um eure Gefahr, ich flehe zu unſerm Vater im Himmel, daß er mich annehme als Opfer und euch errette.“ 1 So verrann Stunde auf Stunde bis die Sonne ſich zum Abend neigte. Jvo ſtand bei Henner auf dem Thorthurm.„Sie haben ſich Hilfe geladen und wollen wie Krieger uns belagern. Verſtehen wir ſie bis zur Nacht hinzuhal⸗ ten, ſo kann uns wohl gelingen, über ſie hinwegzu⸗ reiten.“ „Der Mönch verſteht ſein Handwerk,“ verſetzte Hen⸗ 4 ner und wies auf den Weg, der von der Mühlburg 9 heranführte.„Seht dort Gewappnete, ſie kommen ſchwer⸗ lich, um euch das Geſindlein zu verſcheuchen.“ Lutz kam eilig herzu:„von Gotha zieht ein Haufe Kreuz⸗ — 410— fahrer heran, ich vernahm das Lied der Wallenden, der Mönch ritt ihnen entgegen.“ „Was bringſt du, Martin!“ frug Jvo einen hand⸗ feſten Knecht, welcher das geworbene Geſinde im Hofe anführte. „Herr,“ begann der Kriegsmann bekümmert,„meine Kumpane im Hofe weigern ſich zu fechten, ſie ſagen, ihr Eid verpflichte ſie nur gegen eure irdiſchen Feinde das Eiſen zu heben, nicht aber gegen die Heiligen des Himmels.“ „Und was wollen ſie thun, um den Heiligen zu gefallen?“ „Sie gedenken nichts gegen euer Haupt zu wagen, aber ſie werden ſich abſeit halten in ihren Kammern und ſobald der Hof geöffnet wird, davon ziehen.“ „Sage ihnen, ſie mögen handeln nach ihrem Ge⸗ wiſſen,“ verſetzte Ivo kalt. Als der Mann kummervoll die Treppe hinab ſtieg, ſprach Jvo:„Wir ſind allein, ihr Herren,“ und Beiden die Hände reichend fuhr er mit ſtolzem Lächeln fort: „es iſt nicht nöthig, daß wir alle Drei bei dem alten Thurm die Totenwache halten; ihr ſeid jung, Ludwig, und ihr, Henner, habt Weib und Kind.“ „Wir aber dachten nicht, daß unſer Herr uns je⸗ mals den Dienſt aufkündigen würde,“ antwortete Henner gekränkt.„Wir ſind nicht auf Zeit gedungen, Herr Jvo, ſondern unſere Ehre iſt, wenn wir nicht mehr auf Er⸗ den euch begleiten können, eurer lieben Seele nachzu⸗ folgen, wohin der große Gott ſie fahren läßt.— Dort — 411— hebt ſich das Banner des Landgrafen in der Fauſt eines Mühlburgers. Der Bannerträger blickt nach dem Raben unſeres Hofes umher, denn er hat von je ſeine Freude an dem ſchwarzen Vogel gehabt.“ Von der andern Seite des Grabens rief eine be⸗ fehlende Stimme:„Im Namen des Landgrafen, öffnet das Thor.“ „Wie kommts, daß ihr unter dem fremden Wappen⸗ thier reitet, Ritter Konz?“ frug Henner von der Zinne. „Scheut ihr euch, unter eurem Raben dahinzufahren, weil er den Schwanz gegen euch hebt.“ Den höhnenden Worten folgte helles Geſchrei der Mühlburger, die anderen Haufen antworteten, und im Getümmel breiteten ſich die Angreifer gegen den Gra⸗ benrand. „Sie wiſſen, daß es uns an Händen fehlt, ſie ab⸗ zutreiben, ſprach Ivo. Zu unſerer Veſte ihr Herren.“ Die Bedrängten eilten nach dem alten Thurme, ihrer letzten Zuflucht.„Ich rathe, den Steg nicht zu werfen,“ ſprach Henner„damit den ritterlichen Feinden der Anlauf leichter werde.“ Und er ſtellte ſich mit Schild und Schwert am Grabenrande auf. Sie vernahmen das Geſchrei und Brauſen der Menge, welche von allen Seiten mit Balken und Dachleitern gegen Thor und Mauer anlief. Nicht lange, und ſie ſahen hier und da Bewaffnete über die Mauer ſpringen, hörten das Klirren der Ketten und das Dröhnen der geöffneten Brücke. In hellen Haufen dran⸗ gen die Belagerer über den Hof, ein Theil rannte nach Haus und Stall, Beute zu holen, der größere Schwarm zog ſich zu dem Thurme; voran Ritter Konz, der vom Pferde geſprungen war und in wildem Muthe den Schild erhe⸗ bend gegen den Steg lief. Als Henner den Verhaßten im Anſprunge ſah, vermochte er ſich nicht zurückzuhalten, er ſtürmte ihm über die Bretter entgegen und die bei⸗ den Starken ſchlugen auf einander. Aber dem Mar⸗ ſchalk war kein ritterlicher Kampf geſtattet, die Knechte des Mühlburgers ſtachen mit ihren Speeren gegen ihn, und während er ſich ihrer erwehrte, traf ein ſtarker Schwertſchlag des Ritters ſeine Schulter, daß er blutend zurückſank. Konz ſchrie freudig auf, doch es war ſein letzter Ruf, denn in demſelben Augenblick fuhr ein mächtiger Pfeil des Stellbogens ihm durch Harniſch und Bruſt, daß er ſtöhnend zurückſank. Während die Mühlbur⸗ ger erſchrocken zu ihm liefen, ſprang Lutz vor, hob ſei⸗ nen Geſellen und half ihm über den Steg. Dann riß er das Brett, welches auf dem jenſeitigen Grabenrand ruhte, zurück, und einen neuen Pfeil auf den Stellbogen legend, drohte er:„Heran, wer die zweite Gabe begehrt.“ Von der Landſtraße ritt ein Geiſtlicher, begleitet von Dorſo und einem andern Mönche in den Hof. Es war Meiſter Konrad ſelbſt.„Tretet zurück,“ gebot er den Haufen,„damit nicht ohne Noth das Leben frommer Chriſten gefährdet werde. Euch aber, der ihr Herr dieſes Hofes ſeid, mahne ich noch einmal, daß ihr den ruchloſen Widerſtand aufgebt gegen das Geſetz des Himmels und der Menſchen, und daß ihr euren Leib überantwortet dem irdiſchen Richter, damit die Fürbitte der Heiligen eure Seele errette aus der ewigen Verdammniß.“ — 413— Vom Thurme her antwortete Ivo:„Vergeblich iſt eure Ladung, ihr ſtolzer Prieſter; die hier verſammelt ſind, vertrauen einem barmherzigeren Richter als ihr ſeid.“ Der Meiſter erhob die Hand. Die Mönche be⸗ gannen ein Bußlied, zu welchem die Anderen das Kyrie eleiſon ſchrien und die Haufen ſtrömten von allen Sei⸗ ten gegen den Graben, ſchichteten Holzſcheite, trugen Bal⸗ ken und ſchoſſen mit Brandpfeilen nach den Fenſteröffnun⸗ gen des Thurmes. In dem Thurmgewölbe war Jvo mit Friderun um die Wunde Henners beſchäftigt, nur Lutz kniete, gedeckt von ſeinem Schilde draußen am Stand⸗ bogen und wartete auf die Gelegenheit, um an einem Verhaßten die letzte Rache zu nehmen. Eine Dampfwolke brach aus dem Luftloch des Thur⸗ mes. Brennendes Werg und Theer, die um einen Pfeil gewickelt waren, hatten in dem Raume gezündet, wo den Roſſen für einen Fall der Noth das Heu ge⸗ ſchichtet war. Mit den Windſtößen wogte der Dampf um die Mauern und umhüllte den Fuß des Thurmes. Ein wildes Freudengeſchrei erſcholl aus den Haufen. Da ſchmetterte von draußen eine Poſaune. Ueber die Brücke ritten vier Brüder vom deutſchen Hauſe mit ihren Knechten, und Bruder Arnfried von der Naum⸗ burg rief über die Menge.„Wo weilt der Herr des Hofes, damit wir ihn grüßen und fragen.“ Meiſter Konrad antwortete:„Er birgt ſich im Thurme, verſtrickt in dem Dampfe, den fromme Chriſten ihm entzündet. Was führt euch her, ihr Brüder?“ Arnfried verſetzte:„Einer, der die Heimlichkeit des —— — 414— Ordens weiß, liegt hier in Noth und ſandte uns ſein Zeichen.“ „Die dort liegen, ſind Verbrecher an der heiligen Kirche und Verächter des Landesherrn, die Boten des Landgrafen und meine Schergen begehren ihren Leib, und ich vertraue, die frommen Brüder deines Hauſes werden uns nicht hindern.“ „Du weißt, wir gehen in Frieden unſern Weg und üben unſere Werke. Wir hindern dich nicht in deinem Recht, wir ſuchen nur das unſere; wir kommen, weil wir gerufen ſind, und wir begehren nur was uns gehört.“ „Einen Alten und ein Weib, die meinen Boten höhnend trotzten und ruchloſe Ketzerei ausſchrien, hat der Mönch gefaßt für mein Gericht, Beide gehören mir.“ „Iſt der Alte mit dem Weibe ein Zugewandter un⸗ ſerer Bruderſchaft und finden deine Späher Irrglauben in ihm, ſo ſoll ihn ein frommer Prieſterbruder unſeres Or⸗ dens belehren, und wenn er der Belehrung widerſteht, ſo ſtraft und richtet ihn die Bruderſchaft, nicht du, nicht der Landgraf, auch nicht der Kaiſer. Erſt wenn er ſich unſerer Strafe verſagt und aus dem Orden ſcheidet, magſt du ihn nehmen und mit ihm thun, was deines Amtes iſt.“ Und er ritt vor gegen den Grabenrand. Da ſprang der Mönch Dorſo wüthend hervor und ſchrie:„Hinweg, wagt es nicht, das brennende Ketzerneſt zu betreten, denn ver⸗ dammt ſind Alle, die dort im Qualme haufen.“ „Ob die Flamme lodert, ob der üble Teufel im Wir⸗ bel fährt, wir reiten, wohin uns die Pflicht führt,“ verſetzte — 415— Arnfried; und an den Grabenrand ſprengend rief er hin⸗ über:„Iſt ein Chriſtenmann dort drinnen, ſo öffne er den Weg. Die Jungfrau mit dem Kinde begehrt Einlaß. 4 Jvo trat aus dem Thurm und grüßte den Bruder. „Nicht freiwillig drangen wir in euren Hof, edler Ivo,“ ſagte Arnfried,„wir kommen euch nicht zu Hilfe und nicht zu Leide, nur eure Gäſte holen wir, weil ſie ſich das begehren.“ „Nehmt ſie und ſeid geſegnet für eure gute That,“ ſprach Ivo dagegen. Lutz hatte behend die Bretter des Steges zuſammengefügt, er hob mit Jvo den alten Bern⸗ hard vom Boden, trug ihn über den Graben und legte ihn vor die Roſſe der Bärtigen; Friderun folgte. Die Rit⸗ ter traten zurück an den Thurm, Bruder Gottfried, der Sarrazene, ſtieg ab und ſchloß den Alten in ſeine Arme. Da rief Meiſter Konrad unwillig:„Du haſt genom⸗ men, Arnfried, was deiner Bruderſchaft gehört; jetzt fordere ich, weiche von jenem Andern, der mir gehört.“ Friderun warf ſich vor dem Roſſe Arnfrieds nieder: „Rettet ihn, ehrwürdiger Bruder, nur weil er meinen Vater und mich dem raſenden Haufen entriß, hat der böſe Mönch die Menge gegen ihn gehetzt.“ „Vertheidige ihn nicht,“ antwortete Arnfried traurig, „ich bin nicht Kläger und Richter über Unglauben, aber Jene ſind die Kläger, und ſie üben ihr heißes Recht; ein freier Mann iſt Herr Jvo und frei hat er ſich ſein Schickſal gewählt. Wir aber vermögen nur den zu ſchützen, der zu uns gehört.“ Und er ſprach über den Graben:„Habt ihr, edler Ivo, mir noch etwas zu — 416— ſagen, was man einem wohlmeinenden Manne vor dem letzten Scheiden anvertraut, ſo ſprecht.“ „Sorgt mit, der Treue, die ich an euch kenne, für die Magd, die dort vor euren Füßen liegt.“ Da ritt Meiſter Konrad aufs Neue heran und begann: Wieder bitte ich dich, Arnfried, daß du nicht freundlich zu dem Schuldigen redeſt, der gegen meine Rechte gefrevelt hat, denn du irrſt mir die Menge und minderſt das Anſehn meines heiligen Amtes.“ „Ich ehre und ſcheue dein ſchweres Amt, Konrad, wie dem frommen Chriſten gebührt. Aber denke auch, daß Jener dort in unſeren Augen nichts Arges that, als er deinen Schergen die entzog, welche nicht vor dein Gericht gehörten, ſondern vor das unſere. Hat gx dir die Ehre des Amtes gekränkt, ſo ſiehe zu, was dir dein Amt und dein Gewiſſen gegen ihn erlauben; uns aber zürne nicht, wenn wir ihm in ſeiner letzten Noth noch danken, ſoweit wir dürfen.“ Meiſter Konrad wandte ſein Roß, ſprach leiſe zu dem Mönche Dorſo, der ihm mit rachſüchtiger Freude zuſtimmte, und verließ darauf den Hof. Er hielt vor der Brücke noch bei dem Haufen der Mühlburger an, welche um den totwunden Konz verſammelt waren und ſprach über dieſem die Gebete, dann ritt er abwärts. Im Hofe hielten die Bärtigen finſter gegenüber dem brennenden Thurme; die Flamme ſchlug aus den Oeffnungen und zün⸗ gelte an dem Mauerwerk empor; Dorſo aber und ſeine Be⸗ gleiter thürmten auf der Windſeite Holzwerk und was ſie ſonſt an Brennbarem fanden, zu einem Walle und Dorſo —— — rief höhnend hinüber:„Ihr habt die Ketzerküchlein mir entführt, jetzt halten wir euch in eurem Bau umſchloſſen, kommt ihr nicht gutwillig heraus, ſo räuchern wir euch,“ und er hielt eine Pechfackel an den Holzſtoß. Ivo legte die Hand auf die Schulter des jungen Ritters, der ſich hinter ſeinem Schilde am Graben niedergeſetzt hatte und wies über den Steg; doch dieſer ſchüttelte das Haupt. Da neigte ſich Ivo gegen die deutſchen Brüder zum letzten Gruß, und die Hand gen Himmel hebend rief er mit heller Stimme.„Aus feuriger Lohe ſtieg mein Geſchlecht hernieder in dies Land, hier ſtehe ich unter der letzten Mauer, die mir von dem Erbe meines Geſchlechtes geblieben iſt; in ihrem Brande will ich ver⸗ gehen als ein Freier; ehrlich habe ich gelebt und ehrlich ſterbe ich, und meine Seele empfehle ich der Gnade des erbarmenden Gottes.“ Und er wandte ſich nach dem Thurme. Aber ein alter Bruder ritt an den Grabenrand und rief zornig hinüber:„Willſt du als ein König der Spiel⸗ leute untergehen auf den Trümmern deiner Herrſchaft? Ich denke, du haſt gelernt, neue Burgen zu bauen. Ich mahne dich, Geſelle, daß du mir im Preußenlande die Meßſchnur halteſt.“ Als Ivo die Stimme hörte, hielt er an und hob das Haupt, da ſprang von der Seite des wunden Va⸗ ters Friderun empor und rief:„Vater, ich thue, was ich muß,“ und über den Steg eilend, warf ſie die Arme um den geliebten Mann:„Haſt du den Willen, in den Flammen zu ſterben, ſo will auch ich nicht leben. Freytag, Die Ahnen. III. 27 — 418— Darfſt du im Leben mir nicht gehören, ſo will ich dein ſein im Tode.“ Ivo umſchlang die Magd und küßte ſie auf den Mund, er hielt ſie in ſeinen Armen und rief: „Ich will mit euch leben, Sibold.“ Wie eine Beſchwörung erklangen dieſe Worte zwi⸗ ſchen Erde und Himmel. Einem Wunder gleich er⸗ ſchien es, daß zugleich das Toſen des Sturmes aufhörte. Die Flamme, welche der Mönch am Grabenrand ent⸗ zündet hatte, um die Eingeſchloſſenen durch Dampf zu töten, flackerte aufwärts und die Rauchſäule ſtieg gegen die Wolken. Die Brüder aber rückten um den Steg und Arnfried ſprach:„Wer unſer Bruder ſein will, der muß um Bruderſchaft bei uns werben.“ „Ich werbe,“ antwortete Ivo. „Wer Bruderſchaft des Ordens begehrt und dabei in weltlichen Ehren leben will, fuhr Arnfried fort,„der muß uns einen Antheil geben, groß oder klein, an ſeiner Habe und an ſeinem Gut, an ſeinen Gedanken und an ſeinem Willen, damit der Welt kund werde, daß er mit uns diene, und ich muß euch fragen, ſeid ihr dazu bereit?“ „Ich bin bereit,“ antwortete Ivo, der Magd in die Augen blickend. „Harret, während ich die Brüder frage, ob ſie euch als Mitbruder empfangen wollen in unſere Gemeinſchaft.“ Die Bärtigen ſtiegen von den Roſſen, traten zuſammen und verhandelten leiſe. Und Arnfried begann aufs Neue: „Komm zu uns, Jvo, und knie nieder.“ Da trat Ivo — 419— 2 mit Friderun über den Steg und beugte das Knie, während Arnfried die Worte der Aufnahme ſang:„Deus meus, salvum fac servum tuum, mein Gott, exrette deinen Knecht.“ Er ſegnete ihn mit dem Kreuz, hob ihn auf, küßte ihn auf den Mund und gebot: Legt ihm das Gewand um.“ Dorſo aber rief in Wuth: ‚Heillos ſeid ihr ſelbſt und mit Ketzern haltet ihr Gemeinſchaft, herbei, ihr frommen Pilger, helfet gegen die Verräther.“ Da erhob ſich unter den Brüdern ein zorniger Ruf: „er läſtert den Orden, werft den bellenden Hund in den Graben.“ Doch Arnfried gebot:„Nicht ſo, führt den Mönch an der Hand über die Brücke und entlaßt ihn in Frieden, denn er hat nicht Theil an unſerer Arbeit, und wir nicht an der ſeinen. Ihr Brüder aber entrollt das Banner der Jungfrau und ſtoßt es in die Zinne des Thors, damit die Pilger und das Landvolk erkennen, daß die deutſchen Brüder hier eine Heimath haben und ein Hoſpital. In dem Hauſe unſeres Mit⸗ bruders bereitet die Lager und ſorgt um die Verwunde⸗ ten, denn das iſt unſer erſtes Amt.“ Dem Befehl des Bruders gehorchten nicht nur die Bärtigen, auch Viele der Eingedrungenen riefen ihm Heil zu, die erſchrockenen Knechte kamen eifrig hervor, und dieſelben Hände, welche vor Kurzem das Holz ge⸗ ſchichtet hatten, zerwarfen jetzt die Flammen. Aus den Wolken ſank friedebringender Regen, und das Himmelswaſſer rauſchte hernieder auf die Mauern des ausgebrannten Thurmes. e —1 * 3 — 420— Arnfried aber ſprach zu Jvo:„in Freuden faſſe ich deine Hand, mein Bruder; denn dieſer Tag verbindet einen Mann von edlem Sinne zu ehrlichem Dienſte mit Ande⸗ ren, welche auch zu den Guten unſeres Volkes gehören. Du ſelbſt magſt den Antheil beſtimmen, den du der Bruder⸗ ſchaft an deinem Erbe gewähren willſt, und ſei er groß oder klein, du wirſt gut dabei fahren, denn der Orden vermag jetzt dein Recht zu vertreten, und unter dem ſchwarzen Kreuze wirſt du der meiſten Gegner ohne jeden Kampf ledig. Mit unſerer Mitſchweſter Friderun wird einer von un⸗ ſeren alten Prieſtern gutwillig wegen ihres Irrglaubens ſprechen, ihr Vater aber wird bald vor einem Richter ſtehen, der die Seelen und Gedanken der Menſchen mit anderem Maaße mißt, als wir zornigen Sünder.“ An Henners Lager kniete neben der Hausfrau des Ritters Friderun und klagte, über ſeine Hand gebeugt:„für mich und meinen Vater empfingt ihr die Wunde, und bitter ſchmerzt mich, daß ich euch gezürnt habe.“ „Gehabt euch darum nicht pleurant, liebe Magd,“ verſetzte Henner rückſichtsvoll,„ich that euch Willkom⸗ menes und eurem Bruder Widerwärtiges, beides in meinem Amte.“ Und die Hände Jvo's feſthaltend ſprach er mit Anſtrengung:„Sorgt für die Kummervollen, welche ich zurücklaſſe. Zu den lieben Engeln nehme ich den Ruhm, daß ich mit dem adligſten Herrn in Thürin⸗ gen geritten bin, keinem war er untreu und kein Speer hat ihn jemals vom Pferde geſtochen, ich aber war ſein Marſchalk.“ Er ſank ſterbend zurück. —— 13. Schluß. Aus dem Hügellande Thüringen bewegte ſich ein reiſi⸗ ger Zug oſtwärts nach den Ufern der Weichſel. In der Urzeit hatte das gelbe Waſſer des großen Stromes die Vandalen und Burgunder getrennt von Slaven und an⸗ deren Völkern fremden Stammes. Damals hatten ſich die Germanenkrieger aus ihren öſtlichen Sitzen erhoben und waren wie Meereswogen eingebrochen in den Ländern des Weſtens, mildere Sonne und ein reicheres Leben begehrend. Jetzt ſtrömte die Volkskraft der Deutſchen in vielen kleineren Wellen wieder zurück von Weſten nach Oſten, und tauſend Jahre nach der Auswanderung je⸗ ner alten Germanen begannen die Thüringe und Sach⸗ ſen an der Stromgrenze aufs Neue den Kampf gegen die Fremden, mit ſtärkeren Waffen und feſterer Kraft. Der Haufe, welcher jetzt von den rothen Bergen und dem Neſſebach über die Saale zog, glich in Vielem den Schwärmen alter Germanen, welche tauſend Jahre vorher aus dem Oſten gekommen waren; denn nicht nur ge⸗ wappnete Krieger bildeten die Schaar, ein langer Troß —— — 422— von Wagen und Karren folgte mit Kindern und Frauen, gezogen durch ſtarke Rinder, beladen mit Saatkorn, Häusrath und Feldgeräth. Und es war nicht allein die unruhige Jugend, welche auszog, auch grauhaarige Bauern mit ihren Hausfrauen ſaßen auf den Wagen oder ſchritten, das Kreuzlied ſingend, nebenher. Der alte Hartmann aus Friemar ritt in dem Haufen, der Freiſchöffe Iſenhard und andere anſehnliche Nachbarn von der Neſſe, welche Baugrund in einem Lande begehr⸗ ten, wo ſie als Chriſten ehrwürdig waren, und wo man um Anderes ſorgte als um ihre Gedanken über die Macht des Vaters und des Sohnes. Auch deutſche Or⸗ densleute zogen in der Schaar, Bruder Sibold führte ſie, und Ivo ritt als Mitbruder neben ſeinem Gemahl Friderun und in ſeinem Gefolge waren Ritter Lutz und ein rothwangiges Dorfkind, das Berchtel aus Frien⸗ ſtädt. Als der Zug über die Saale geſetzt hatte und auf der Höhe anhielt, damit die ſcheidenden Pilger noch ein⸗ mal das Land ihrer Väter begrüßten, beſtiegen Ivo und Friderun einen Felſen und blickten Hand in Hand hinüber nach dem blauen Streifen des Waldgebirges. Da klang in der Nähe Hufſchlag eines einzelnen Reiters und Berthold ſtand vor ihnen. Wild und drohend war ſein Ausſehen, als er die Hand der Schweſter ergriff und ſprach:„Du trägſt den Segen des alten Mannes auf deinem Haupte, meiner hat er nicht gedacht. Ich aber war in dem Hofe, den die Horden des Mönches ausgeraubt haben, ich kniete nieder am Heerde und — 423— gelobte, den Vater zu rächen an ſeinem Mörder. Lebe wohl, Friderun, und ihr, der ihr über meine Schweſter Herr geworden ſeid, macht an ihr gut, was euer Geſinde an mir gefrevelt hat. Vernehmt ihr von ſchwerer That, ſo wißt, daß es der Sohn des Richters i*ſt, welcher eine Brandfackel in unſerem Lande austilgt.“ Und ohne Gruß trat er zurück und jagte den Ber⸗ gen zu. Je weiter die Fahrenden nach Oſten drangen, deſto größer wurde ihre Schaar, mehr als einmal kamen ſie bei ähnlichen Haufen gerüſteter Auswanderer vorüber, dann liefen die Fahrenden mit frohem Gruß zuſammen als künftige Nachbarn und Streitgenoſſen. Während der Nächte raſteten ſie in der Wagenburg, die ſie aus ihren Kar⸗ ren zuſammenſtießen, auf einem Dorfanger oder in der Nähe einer ummauerten Stadt, bis ſie das wilde Waſ⸗ ſer der Weichſel erreichten. Dort lagerten ſie am Ufer und zimmerten Fähren. Bruder Sibold aber fuhr mit Ivo über den Strom zu der Stelle, wo andere Brüder bereits um einen alten Eichbaum die kleine Holz⸗ burg gezimmert hatten. Dort ſteckten die Beiden mit ihren Gehilfen Pfähle für ein Standlager, welches zu einer feſten Stadt werden ſollte und zu einer neuen Grenzburg der Deutſchen. Den Brüdern gefiel, die neue Stätte Toron zu nennen, und ſie dachten dabei mit Freude an einen Berg bei Accon, unter dem die Bremer vor vierzig Jahren das erſte Spital des Ordens aus Segeltuch errichtet hatten. Die Kreuzfahrer aber thaten jetzt am Geſtade der Weichſel dieſelbe Arbeit, welche frü⸗ —— here Waller im heiligen Lande geübt hatten, ſie warfen die Gräben, erhöhten den Wall, richteten darüber aus Pfählen den Zaun einer Stadt und bauten in dem um⸗ ſchanzten Raum ihre Hütten. Fehlten ihnen in dem Flachland die Steine, ſo ſchichteten ſie die Baumſtämme ves Waldes. Wie durch Zauber wuchs das neue Men⸗ ſchenwerk aus dem Boden, und auf dem Markt und in den Straßen der Stadt bewegte ſich wenige Monate nach der Ankunft geſchäftig die wohlgeordnete Gemeinde, der Kaufmann bot ſeine Waaren feil, der Handwerker ſchnitt und hämmerte, und der Landbauer fuhr auf ſeinem Erntewagen den erſten Hafer ein. In dem neuen deutſchen Lager gründete auch Ivo ſein Heimweſen. Zuerſt war es ein Blockhaus, bald wurde es ein künſtlicher Bau, welcher anſehnlich unter den Hütten ragte. Als Kriegsmann ritt er mit dem Kreuzheer gegen die Heiden und bei der erſten Ausfahrt führte er das Banner der thüringiſchen Pilger, wie einſt ſeine Ahnen in den Kämpfen des Reiches das Banner ihrer Landſchaft getragen hatten. Bald wurde er im Grenzlande ein vielgenannter Held, die Freude ſeiner Nachbarn und den Feinden furchtbar. Und ihm ſelbſt hob ſich das Herz in ſtolzem Behagen, als er ſah, wie hier das Heidenland ſich ganz nach dem Willen des weiſen Sibold mit Burgen und Städten füllte, denn jeder Kreuzhaufe, der über die Weichſel kam, zimmerte eine neue Burg oder Veſte und ließ Anſiedler für Dörfer oder eine neue Stadt zurück, und durch jede dieſer Anſiedlungen wur⸗ den neue Meilen des Bodens den Heiden entriſſen und mit ———— — — — 425— deutſchen Anſiedlern beſetzt. Als Mitbruder blieb er auch den Bärtigen vertraut und obgleich er nur ein Zuge⸗ wandter war, welcher nicht im Rathe der Bruderſchaft ſtand und kein Ehrenamt bekleidete, ſo ſaßen die Andern, welche ſich der Jungfrau gelobt hatten und Eigenthum und Haushalt entbehren mußten, doch lieber an ſeinem Heerde nieder als anderswo, und mancher von ihnen betrachtete das Haus, in welchem Frau Friderun wal⸗ tete, als ſeine Heimath. Auch an wandernden Landsleuten fehlte es nicht, welche neue Kunde aus der Heimath zutrugen. Als erſter kam Nicolaus mit ſeiner Laute. Ihn hatte die Furcht vor dem Mönch Dorſo aus der Heimath vertrie⸗ ben, er berichtete von dem frommen Ende der Frau Elſe, und von den wunderbaren Heilungen, welche ſie in der letzten Zeit verrichtet, und klagte, daß ſeit ihrem Tode der Grimm des Prieſters Konrad wie ein wildes Feuer durch das Land fuhr und unzählige Unglück⸗ liche zum Holzſtoß führte. Als ihn Ivo aufforderte im Preußenlande zu bleiben, wo ſeine Schreibekunſt den neuen Bürgern werthvoll ſein könne, da ſah er traurig nach Friderun und ſchüttelte das Haupt. Doch einige Jahre ſpäter blieb er, und ſeit er das anſehnliche Amt des Stadtſchreibers in einem neuen Burgſitz gewann, wurde er wohlhäbig und überwand ſeinen geheimen Gram, nur machte er noch zuweilen lateiniſche Verſe, in denen die Anfangsbuchſtaben, ohne daß es Jemand merkte, zu dem Namen Friderun zuſammenſtimmten. Im nüächſten Jahre zog ein anderer Gaſt, Berthold, mit — 426— einem ſächſiſchen Kreuzhaufen durch das Stadtthor. Aber erſt am Abend betrat er Jvo's Haus, dem Diener, welcher ihn ankündigte, nannte er einen fremden Namen, und im erſten Morgengrau ritt er, durch Jvo über die Stadtmark geleitet, zum Kampfe mit de iden von dannen. Die thüringiſchen Anſiedler abeherfuhren von anderen Wallern, daß Meiſter Konrad auf der Heer⸗ ſtraße durch unbekannte Rächer erſchlagen, und die Brandfackel Deutſchlands in Blut ausgelöſcht ſei. Als endlich der große Ordensmeiſter Hermann ſelbſt über die Weichſel kam, da war Ivo's Haus die erſte Herberge, welche er auf dem neuen Grunde der Deut⸗ ſchen beſuchte. Er ſaß zwiſchen Friderun und ihrem Gatten und begann:„Dir, Schweſter, bringe ich einen Gruß der Herzogin Hedwig, welche am Kaiſerhofe lebt, von Vielen umfreit und von den Sängern geprieſen. Sie ſprach zu mir: Grüßt die Hausfrau, und nicht ihn, damit ſie erkenne, daß ich ihr Recht ehre und ihr Gutes wünſche.“ Darauf erzählte er, daß Kaiſer Friedrich über die Alpen nach Deutſchland gekommen ſei.„Wie war ſein Heerge⸗ folge, Meiſter?“ frug Jvo. „Er zog ohne Heer. Dreißig Kamele trugen ihm Kiſten nach, darunter einige mit Gold gefüllte für die deutſchen Fürſten.“ „Wie widerſteht er bei uns der Herrſchaft des heiligen Vaters? Denn wir hören, daß die großen Häup⸗ ter der Chriſtenheit wieder uneinig ſind.“ „Er hat, um ſeine Gläubigkeit zu erweiſen, mit ſeinen Schultern den Sarg der Frau Elſe getragen, da 427 dieſe als Heilige beigeſetzt wurde,“ antwortete der Mei⸗ ſter ernſthaft. Die Männer ſahen einander an.„Oft muß der große Kaiſer thun, was er im Geheimen miß⸗ billigt oder verachtet,“ fuhr Hermann traurig fort,„und doch wird ſeine Herrſchaft im Reiche allmählich ſchwach und zu eitlem Scheine. Er iſt ſo ſtolz auf die Majeſtät ſeines kaiſerlichen Amtes und doch wurde ſein Schickſal, daß er ſich ſelbſt die Wurzeln ſeiner Herrenmacht zerſtören muß.“ „Die Leute hier ſorgen oft, daß die Herrlichkeit des Reiches klein werde, und ſie fürchten Unheil auch für unſere Burgen im Preußenland.“ „Der beſcheidene Mann meidet vergebliche Sorge. Du weißt, wir Brüder deuten nicht und grübeln nicht, wir ſchaffen ſchweigſam und warten überall unſeres Amtes. Hier im Lande ſäen wir deutſche Saat. Wenn einſt die Zeit der Erndte kommt, dann mögen Andere zuſehen, die nach uns leben.“ Er wies auf zwei blondhaarige Knaben, welche an die Knie der Mutter geſchmiegt den fremden Herrn anſtarrten. Auch die deutſche Saat, bei welcher Ivo thätig war, wurde zuweilen durch die Kriegsroſſe der heid⸗ niſchen Preußen niedergetreten. Es war ein harter Kampf und es war ein ſorgenreiches Wachsthum, aber ihm erſchien es als groß und als heilſam für Alle, die er lieb hatte. Wenn er mit ſeinem treuen Geſellen Lutz gegen die Feinde ritt oder wenn er im Rathe der An⸗ ſiedler tagte, ſo oft er den alten Sibold gleich einem Ahnherrn zwiſchen der Kinderſchaar ſitzen ſah, welche in — 428— ſeinem Hauſe aufblühte, und immer wenn er das muthige⸗ 5 und hochgeſinnte Weib im Arme hielt, welches ſich ihm— in der Todesnoth verlobt hatte, freute er ſich des Tages, wo er ein Mitbruder des deutſchen Hauſes geworden war und aus einem thüringiſchen Edeln der Jvo, den ſie den König nannten, ein Burgmann von Thorn. remamn, Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 2 2 — —— ffffffffffffffffffffffffſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1