Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Edujard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. b. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mrk. 50 Pf. 2 Wk.— Pf. „ 3 5 3 5„ 2„. 1„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüuckſendung der Bücher auf ihre eigenen Ko ten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 3 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4—ℳ⸗ö————yÿy——ÿꝛ—ℳF,mx—— Koman in vier Püchern von Karl Irenzel. 3 Vierter Band. 5 e eipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. 1 4 1 8 ℳ — ———————————— Erſtes Kapitel. Ein Spätnachmittag in der ruhigen Heiterkeit und den lichten Farben des Frühlings ſenkte ſich auf das ſtille, im weiten Umkreiſe von ſanften Höhenzügen ein⸗ geſchloſſene Thal und auf die kleine Reſidenzſtadt mit ihrem ſtattlichen Schloß und ihrem weitläufigen Park nieder. Noch blühten blau und weiß und roth in den ſchön⸗ ſten Farbenſchattirungen die tauſend Blumen, welche ſeine Wieſen ſchmücken; noch rauſchten voll und fröh⸗ lich mit munterer Geſchwätzigkeit die grünen Wellen des Baches, der bald den Wieſenrand entlang plät⸗ ſchert, bald, wie verborgen unter den überhängenden Zweigen hundertjähriger Bäume, im felſigen Bette da⸗ hinzieht. Auf den Zweigen ſangen die Vögel; weiter⸗ hin, wo auf den Hügellehnen die Halme der Getreide⸗ felder, von Sonnenduft umweht, ſich hoben und neig⸗ Frenzel, Silvia. IV. ten, ſtiegen aus den Furchen die Lerchen auf, dazwi⸗ ſchen klang zuweilen der heiſere Schrei der zierlichen Pfauen, die auf den Raſenplätzen des Gartens prah⸗ 1 leriſch einherſchritten. Der Wechſel des leicht anſteigenden und wieder abfallenden Terrains, überall der Ausblick aus der kunſtvollen Schöpfung des Menſchen in die Freiheit der Natur, bei unmerklichen oder ganz verſchwinden⸗ den Grenzen zwiſchen beiden; die anmuthige Belebung V der„ſtummen“ Natur durch Denkmale und Inſchrift⸗ ſteine, durch Häuſer, die an ſo glücklich gewählter 1 Stelle liegen, als hätte man ſie nur der maleriſchen Wirkung wegen hingeſetzt, und an die ſich doch ſo reiche und unvergeßliche Erinnerungen des Schaffens und Wirkens, der Liebe und der Dichtung knüpfen, verleihen dieſem Parke einen ganz eigenen, ſo nie wie⸗ der zu findenden Reiz. In dieſem Jahre waren linde Lüfte und warmer Sonnenſchein ein wenig ſpät gekommen; noch blühten in dieſen erſten Tagen des Junimonats die Geſträuche des Flieders und die rothen Kaſtanien. In ihrer ſchneeigen Pracht ſtanden die Kirſchbäume. Oben auf der Hohe des Gartens, wo ein im römiſchen Stil erbautes Gartenhaus dem davor ſich ausdehnen⸗ den, von Blumenbeeten durchſchnittenen Raſenplatz als ——— —— 5 wirkungsvoller Hintergrund dient, luſtwandelte ein ein⸗ ſames Paar. Die Stadt iſt zu volksarm für den großangeleg⸗ ten Garten; obgleich er allen offenſteht, wird er doch nur häufiger von der Geſellſchaft des Hofes, den Künſt⸗ lern und den Fremden beſucht und hat dadurch ſeine ariſtokratiſche Stille und Würde bewahrt. Gern ruht in ihm der Geiſt des Dichters und des Malers aus, gern flüchtet in ihm die ſchöne Seele aus dem Geräuſch der Welt an das Herz der Natur. Die zwei einſam auf den kiesbeſtreuten Pfaden Luſtwandelnden waren beſonders befähigt, ſich dieſem Eindruck ſanfter idylliſcher Schönheit hinzugeben und ihn in ſich ausklingen zu laſſen: zwei ſchlanke, vor⸗ nehme Geſtalten, wie ſie in den Rahmen dieſes Land⸗ ſchaftsgemäldes, vor dieſem ſäulengetragenen weißen Hauſe paßten: Benno von Hellburg, der Maler, und Fräulein Adele von Schmettow, die Hofdame. Benno trug einen hohen weißgrauen Hut, der weithin leuchtete und ſchon aus der Ferne anzeigte, daß ſein Träger in dieſem Augenblicke mehr Cavalier als Künſtler war. Trotz der Theilnahme, die das Fräulein ſeinen Schöpfungen widmete, fand er es nicht angemeſſen, ußerhalb ſeines Ateliers mit ihr von der Kunſt zu ſprechen. Er beſorgte immer, da ſie 1* klug war und ein geübtes künſtleriſches Auge hatte, ſie möchte unbewußt eine Bemerkung fallen laſſen, die ſeinen Malerſtolz verletzte und ihn auf den Standpunkt des Dilettanten herabdrückte. Ja, wenn er ſein gro⸗ ßes Werk erſt vollendet hätte— vier idealiſche Land⸗ ſchaften, welche in feinen ſymboliſchen Zügen in der Verſchiedenheit ihrer Stimmung zugleich die Lebens⸗ alter der Menſchen andeuten ſollen— dann war auch für ihn die Zeit gekommen, ausſchließlich nur Künſtler zu ſein. Jetzt hielt er es für genügend, wenn er ſeine Begleiterin auf die maleriſche Wirkung einer vom Sonnenglanz umfluteten Baumgruppe aufmerkſam machte und im Uebrigen ihre Unterhaltung nicht mit Aeſthetik beſchwerte. Mit ihrem weißſeidenen Sonnenſchirm ſchützte Adele von Schmettow ihr Geſicht gegen die ſchräg durch die Baumwipfel fallenden Strahlen; nur zuwei⸗ len bei den Biegungen des Weges ſchlüpfte ein kecke⸗ rer Strahl unter das Schutzdach und ruhte eine kurze Friſt, ſie mit mildem Roth erwärmend, auf der Wange Adelens. Ueber die erſte Jugendfriſche war ſie hinaus; ſchön hatte man ſie ungeachtet ihres länglichen, nicht unregelmäßigen Geſichts wohl nierdals nennen können, aber ſie beſaß zwei große Vorzüge: eine tadelloſe Ge⸗ —— 1 —.— —— 5 ſtalt und eine ſchöne Hand. Diejenigen, welche je mit ihr in nähere Berührung gekommen waren, hoben ſolche„Zufälligkeiten“ nicht hervor; ihnen war Adele das vollendete Bild liebenswürdiger Anmuth und rein⸗ ſter Herzensgüte. In einer nüchternen Welt verkör⸗ perte ſie, wenn auch nur in einem ſchwachen Abglanz, etwas von den Idealgebilden der Dichter; ſcherzend hatte ſie die Herzogin Iphigenie genannt und der Bei⸗ name war ihr mit allem Guten und Bedenklichen, das er einſchloß, geblieben. Urſprünglich hatte Adele auf ein freieres Loos und eine unabhängige Lebensſtellung rechnen können. Ruprecht und ſie waren die einzigen Kinder wohlhaben⸗ der Eltern. Aber unglückliche Speculationen des Va⸗ ters, das wüſte Treiben und die zunehmende Schulden⸗ laſt Ruprecht's, der nun einmal um jeden Preis in der militäriſchen Laufbahn erhalten werden ſollte, hat⸗ ten allmälig den Ruin des Vermögens herbeigeführt. Ohne Rückſicht auf die Tochter, gegen die der Vater alle ſeine Verpflichtungen durch die gute Erziehung, die er ihr hatte angedeihen laſſen, eingelöſt zu haben glaubte, war das Gut in der Provinz, das Haus in der Hauptſtadt, der koſtbare Hausrath geopfert— um⸗ ſonſt, denn Ruprecht's Entlaſſung wurde dadurch nur hinausgeſchoben. 6 Zuletzt hatte er doch den Dienſt quittiren müſſen und war, nach einigen ſchnell geſcheiterten Verſuchen, eine Stellung in andern Lebensverhältniſſen zu gewin⸗ nen, nach England gegangen. Das Letzte wendete die Familie auf, um wenigſtens den Namen der Schmet⸗ tows vor dem ärgſten Schimpfe und der Unterſuchung wegen unſauberer Wechſel zu bewahren. Der Tochter ſchien kein anderer Ausweg offen, als die Zahl unglücklicher adeliger Gouvernanten um eine zu vermehren. Da vermählte ſich eine Anverwandte des Königs⸗ hauſes mit dem Herzog; durch einen glücklichen Zufall war Adele mit der jungen Fürſtin früher ſchon in ei⸗ nen freundſchaftlichen Verkehr getreten. Jetzt erinnerte ſich dieſelbe ihrer, lud ſie an ihren Hof ein und er⸗ wählte ſie zur Hofdame. Ihre Anverwandten, froh, nun für immer der Sorge wegen des Fortkommens „einer von Schmettow“ entledigt zu ſein, ſtatteten ſie mit einer mäßigen Summe aus, die Adelen geſtattete, nicht gar zu ärmlich in ihre neue Laufbahn einzutre⸗ ten. Und harmoniſch fügte ſich Alles zuſammen. Ade⸗ lens Sinn trachtete weder nach Reichthum und Rang, noch nach einer uneingeſchränkten Freiheit. Wie ſie in einer andern Lage ſich freudig den Geboten eines würdigen Mannes untergeordnet haben würde, ſo ge⸗ —— — fiel ſie ſich jetzt in dem leichten Hofdienſt. Durch die Weiſe, in der ſie ihre Pflichten erfüllte, durch die Be⸗ deutung, die ſie auch den kleinen Vorkommniſſen die⸗ ſes Treibens zu geben wußte, erhöhte ſie die Dinge und ſich ſelbſt mit ihnen. Die künſtleriſchen Neigungen des herzoglichen Paa⸗ res, die Theilnahme, mit der ſie allem Edlen und Schönen entgegenkamen, begünſtigten die Anſchauungen und Vorſtellungen Adelens; etwas von dem Traum ihrer Jugend, von einem idealen Muſenhofe, einer eng zuſammenhängenden, innig verbundenen Geſellſchaft guter und großgeſinnter Menſchen ſchien hier verwirk⸗ licht zu ſein. Auf die Länge der Zeit konnten ihr frei⸗ lich die Mängel dieſes Kreiſes und dieſer Form des Daſeins nicht verborgen bleiben, die Schwächen und Eitelkeiten der Menſchen, das Unzulängliche und Klein⸗ liche der Erſcheinung gegenüber der Reinheit und Voll⸗ kommenheit des Gedankens; aber in der Liebenswür⸗ digkeit und dem Stillbegnügtſein ihrer Natur betrach⸗ tete ſie die Welt durch einen roſigen Schleier. In dem ſchweren Geſchick, das ihre Familie betroffen, hatte ſie mit einem feſten Vertrauen auf die Vorſehung und die Güte einer allwaltenden Macht ſich zugleich die Fähigkeit bewahrt, an dem Kleinen ſich zu freuen und auch dem Geringſten und Unſcheinbarſten eine ſchöne mismus nicht durch Betrachtung und Nachdenken er⸗ zeugt worden, noch weniger hatte ſie ſich abſichtlich da⸗ raus eine Weltanſchauung gebildet. Aus der Harmo⸗ nie ihres Weſens, aus ihrer glücklichen Anlage, ſich den Verhältniſſen angemeſſen zu bewegen und ſich einer höhern und ſtärkern Gewalt ſchweigend unterzuordnen, ohne der Würde ihrer eigenen Perſönlichkeit und der Wahrheit Eintrag zu thun, ſchloß ſie auf die harmo⸗ niſche Geſtaltung der Welt. Worin Andere den elenden und grimmigen Kampf um das Daſein ſahen, erblickte ſie nur eine Entwickelung und Entfaltung, die ſich nicht ohne Schmerzen vollzieht, aber zuletzt durch ihre Schönheit und Größe uns Bewunderung abnöthigt. „Wir ſind zu unwiſſend, um das Glück des Lebens auch nur annähernd ſchätzen zu können“, ſagte ſie; „welch verſchwindend kurze Spanne Zeit gaukelt der Falter in der Sonne— wer aber will beſtimmen, welches Wohlgefühl dafür auch der Sonnenſchein und die Blumen ihm gewähren!“ Mit Benno von Hellburg verband ſie eine längere Freundſchaft. Oefters hatte man ſie wohl damit geneckt, daß aus dieſer hochgeſtimmten Seelenfreundſchaft zuletzt eine proſaiſche Heirath hervorgehen werde, allein der Seite abzugewinnen. In ihrer Seele war der Opti⸗ — — erwartete, von den Gutmüthigen begünſtigte, von den Spöttern im voraus belachte Umſchlag war nicht ein⸗ getreten. Heute wie vor Jahren waren Adele und Benno ein Liebespaar ohne Erklärung. Da er ſchon jede kleine Entſcheidung fürchtete, wie mußte er dieſe größte zu vermeiden ſuchen! Wenn er darum an ei⸗ nem Tage dem Ziel einen Schritt entgegengethan, machte er am folgenden zwei zurück. Heute hatte er nur Augen und Aufmerkſamkeiten für ſie, morgen be⸗ trachtete er ſie kaum, weil die Frauen alle wankelmü⸗ thig und betrügeriſch ſind und das Glück, das ſie ge⸗ ben können, nichtig und obendrein problematiſch iſt. In Adelens Seele waren die Empfindungen zu gleichmäßig abgewogen, als daß ohne einen mächtige⸗ ren Anſtoß die eine auch nur vorübergehend in leiden⸗ ſchaftlicher Wallung die andere hätte überfluten können. Der Umgang mit Benno erfreute und förderte ſie; vielleicht war er ſchon, ohne daß ſie es bemerkt, zu einem Unentbehrlichen für ihre Heiterkeit und Ruhe geworden, aber der Wunſch, dies Verhältniß zu än⸗ dern und noch inniger zu geſtalten, hatte ſich um ſo we⸗ niger lebhaft in ihr geregt, als jede Beſorgniß des Verluſtes oder des Bruches fehlte. Nirgends drohte ihrer Freundſchaft eine Gefahr; der Widerſtreit der Meinungen ließ ſie nur, wie ein Gewitterregen die jungen Triebe der Bäume, kräftiger ſprießen; nichts drängte dazu, die eine Gewohnheit des Daſeins, die ſich ſo gut bewährt hatte, mit einer andern zu ver⸗ tauſchen, die allerdings, wie Benno ſagte, dunkel und labyrinthiſch war. Eben hatte er dieſe Worte auf den Fürſten Hoch⸗ berg angewendet, der, bald nach dem Tode ſeiner Gemahlin, ſein in der Nähe gelegenes Schloß verkauft hatte, nach Berlin gereiſt war und jetzt wieder auf Freiersfüßen ging. Adele hatte von einer Freundin einen Brief er⸗ halten, in dem die Verlobung des Fürſten mit der Gräfin Irene Reinsberg als bevorſtehend angezeigt wurde. Noch war in der kleinen Stadt der tragiſche Tod der jungen Fürſtin und Alles, was ſich daran geknüpft, der Gegenſtand der Unterhaltung. In Venedig hatte das herzogliche Paar im vor⸗ jährigen Winter den Fürſten mit ſeiner Gemahlin ge⸗ troffen; beide kehrten über die Lagunenſtadt von ihrer Hochzeitsreiſe, die ſie bis Palermo ausgedehnt hatten, zurück. Die flüchtige Bekanntſchaft, die ſchon zwiſchen dem Herzog und dem Fürſten beſtand, knüpfte ſich feſter. Von der Huld der Herzogin und der Anmuth ihrer Hofdame fühlte ſich die junge, unerfahrene, etwas heftige Frau wohlthuend berührt und gefeſſelt. Ihr Gemahl ward leicht dahin gebracht, ein nicht allzu ge⸗ räumiges, aber für einen Sommer⸗ und Herbſtaufenthalt ausreichendes, einige Meilen von der Reſidenz entfern⸗ tes Schlößchen, das gerade wegen einer Erbtheilung zum Verkauf ſtand, zu erwerben, um ſo eine Verbin⸗ dung, die von beiden Seiten gewünſcht wurde, zu be⸗ ſtärken und zu genießen. Nun hatte der Tod jäh und unwiederbringlich Beziehungen zerriſſen, die eine Weile mit Liebe ge⸗ pflegt worden waren und ſo viel verſprochen hatten. Wenige Wochen nach dem Hinſcheiden der Fürſtin hatte der Fürſt ſein Haus und die Reſidenz des Her⸗ zogs verlaſſen. Mit Bedauern hatte man ihn ſcheiden ſehen; aber wie hätte man es verantworten können, ihn durch Bitten in einer Umgebung und Geſelſſchaft feſtzuhalten, in der ihn Menſchen und Dinge beſtändig an ſeinen ſchmerzlichen Verluſt mahnen mußten? Durch die gereifte Männlichkeit ſeines Charakters, ſeinen fein⸗ gebildeten Geſchmack und ein gewinnendes Weſen hatte der Fürſt an dem kleinen Hofe einen bedeutenden Ein⸗ druck gemacht und eine gute Erinnerung hinterlaſſen. Dies lichte Bild erfuhr eine erſte Trübung, als von den Dienern allmälig zu den Herrſchaften aufſteigend das Gerücht ſich verbreitete, daß er mit ſeiner Gattin 12 in Unfrieden gelebt. Peinliche Geſchichten, die auf dem Schloſſe vorgefallen ſein ſollten, wurden unter dem Siegel der Verſchwiegenheit erzählt, in der einzi⸗ gen Abſicht, daß ſie auf dieſem Wege um ſo ſchneller zur Kenntniß des herzoglichen Paares, das in dieſer Hinſicht beſonders ſtreng dachte, kämen. Bald beſtätigten Nachrichten aus der norddeutſchen Hauptſtadt die umlaufenden Erzählungen. Nur allzu ſchnell hatte ſich der betrübte Wittwer in einen feurigen Liebhaber verwandelt. Der haſtig mit einem Banquier⸗ hauſe abgeſchloſſene Verkauf des Schlößchens deutete ferner unwiderleglich darauf hin, daß der Fürſt die Epiſode ſeines Lebens, die hier geſpielt, für immer beendigt haben wollte. Dieſe Neuigkeiten beſchäftigten Adele und Benno um ſo ſtärker und angelegentlicher, je tiefer das Ge⸗ ſchick des Fürſten in die Verhältniſſe von Perſonen eingriff, die ihnen beſonders theuer waren. Was die Andern nur durch ſeine Neuheit und Thatſächlichkeit anzog, forderte ihre herzliche und bewegte Theilnahme heraus. Durch ihren Bruder hatte Adele ſowie Benno von der Bewerbung Brunv's um die Gräfin Reinsberg ge⸗ hört. Während Benno dem Freunde den beſten Er⸗ . ſſ⁄—— ————.— 13 folg wünſchte, hatte Adele aus ihrer entgegenſetzten Meinung kein Hehl gemacht. „Wenn in der That die Gräfin ſich jetzt wieder zum Fürſten wendet“, ſagte ſie zu ihrem Begleiter, ſo erfüllt ſich damit nur meine Anſicht, daß in der Ehe gleich zu gleich am beſten ſich ſchickt. Es iſt gewiß nicht edel, auch ein nur halb gegebenes Wort zu brechen, aber Sie dürfen Ihren Freund deswegen nicht zu ſehr beklagen. Ihm geſchieht daſſelbe, was er dem armen lieben Mädchen zugefügt hat; ihm bricht man jetzt die Treue aus Ehrgeiz und Eitelkeit, wie er ſelbſt ſie aus dieſen niedrigen Beweggründen gebrochen hatte. Mich würde ſelten etwas inniger erfreuen, als wenn nun dennoch ein gütiges Schickſal diejenigen zuſammen⸗ führte, die von Anfang an füreinander beſtimmt geweſen ſind, durch die gleichen Jugenderinnerungen und durch eine erſte Liebe.“ „Wußt' ich doch nicht, daß Fräulein von Schmet⸗ tow ihre ariſtokratiſchen Neigungen ſo vortrefflich mit einer myſtiſchen Philoſophie der Seelenverwandtſchaft und des alle Hinderniſſe überwindenden magnetiſchen Liebesſtroms zu verbinden verſteht!“ lachte Benno. „Nun ja“, erwiderte ſie gutmüthig,„ich bin Ari⸗ ſtokratin. Allein nicht aus engherzigen Rückſichten des Standes, ſondern aus Achtung für die einzelne Per⸗ 14 ſönlichkeit. Ich habe die Gräfin Irene ein einziges Mal auf einem Hofball geſehen und kenne ſie im Grunde nur aus Ihren und Ruprecht's Schilderungen. Würde ſie nicht, auch im Hauſe des reichſten Fabrikherrn, eine wunderliche Erſcheinung ſein und weder ſich noch ihrem Gatten ein volles Genügen ſchaffen können? Mit dem beſten Willen von beiden Seiten, einander entgegenzukommen, würde es dennoch nie an Miß⸗ verſtändniſſen und Irrungen fehlen.“ „Was wäre die Liebe, wenn ſie nicht die Ein⸗ drücke und die Vorurtheile der Erziehung zu überwinden vermöchte?“ „Als ob ihr von der andern Seite nicht auch Vor⸗ urtheile, feſtgewurzelte, des höchſten Lobes werthe Meinungen und Geſinnungen gegenüberträten! Nein, Herr von Hellburg, Sie überzeugen mich nicht. Nicht das Opfer von Gewohnheiten und Anſchauungen, Sie fordern von der Frau das Opfer ihrer ganzen Per⸗ ſönlichkeit. Der Mann ſoll ihr Alles ſein oder er⸗ ſetzen. Ich dagegen will ihr die Liebe und die Hin⸗ gabe erleichtern. Gräfin Irene wird ſich ſchneller und müheloſer an der Hand des Fürſten in einer Welt, die ihr ſeit der Jugend bekannt iſt, zurechtfinden als in der Sphäre Ihres Freundes. Wie hart würde da der Stolz des bürgerlichen Mannes, der Trotz 15 auf ſeine würdige und großartige Thätigkeit mit dem Hochmuth und der Verwöhnung des Grafenkindes oft zuſammengeſtoßen ſein! Ich gehe noch einen Schritt weiter; nie habe ich mich mit den gemiſchten Ehen — wie häßlich iſt ſchon das Wort!— befreunden können. Je reicher das Empfindungsleben beider Gatten iſt, um ſo üppiger wuchern in ſolchem Falle die Irrungen uud Mißverſtändniſſe als gefährliche Schlingpflanzen darin auf.“ „Aber iſt nicht die Ausgleichung der Stände, die Ausdehnung der Toleranz eins der ſchönſten Ziele der modernen Bildung?“ „Eifere ich denn für das Gegentheil? Ich will nur nicht eine Vermiſchung der Religionen und der Stände in der Ehe— in einer Verbindung, die ſchon an ſich ſo viele Klippen und Untiefen verbirgt. Wie ſagten Sie ſelbſt vorhin? Ein dunkles und labyrinthiſches Meer. Aber wir beide“, ſetzte ſie lächend hinzu, ſchiffen uns ja nicht darauf ein und die Hauptſache für uns iſt, wie Ihr Freund die Untreue ſeiner Verlobten aufgenommen hat.“ „Leider bin ich ohne jede Nachricht von ihm, und da uns auch Ihr Bruder im Stich gelaſſen hat...“ „Ruprecht iſt kein Briefſchreiber. Aber wäre ein ernſter Vorfall eingetreten, ſo hätte er doch wohl 16 zur Feder gegriffen. Er weiß, wie lieb mir das junge Mädchen geworden iſt, das er vor Weihnachten hierher brachte. Indem ich mich zu ſeiner Beſchützerin aufwarf, habe ich wieder mein Ariſtokratenthum be⸗ wieſen, nicht? Soll ich Ihnen etwas geſtehen? Ich beneide Clara und könnte und möchte doch nicht ſein wie ſie Sie gibt der Arbeit eine Weihe und Heilig⸗ keit, die ich nicht darin zu erkennen vermag, und iſt ſich dabei doch des höheren Werthes einer freien Bil⸗ dung und Stellung voll bewußt. Ich getraute mir nicht den Muth zu, beide Seiten zu vereinigen; unge⸗ duldig würde ich aus den Banden der Arbeit hin⸗ ausſtreben.“ „Ariſtokratin!“ hob er lachend die Hand empor. „Aber die eine webt und näht, die andere ſinnt und opfert. Ich könnte mir auch Iphigenie nicht als Penelope denken. Es iſt nur die Frage, welchem Ideale die Frauen nachſtreben ſollen.“ „Bei der Anlage zum Guten, mit redlichem Willen, was verhinderte jede Frau, eine Penelope zu werden?“ „Der Gatte“, meinte mit einem verlorenen Blick in die Wolken Benno.„Ein moderner Odyſſeus, der aus den Armen und den Burgen der Circes, Kalypſos und Nauſikaas kommt... o, Fräulein von Schmet⸗ tow, wir nehmen gewiſſe Dinge tragiſcher als die —,— ———— 8 6 1— harmloſe Jugend des Menſchengeſchlechts. Welche Selbſtüberwindung müßte eine Penelope in unſern Tagen beſitzen! Sie ſelbſt hätten ſie nicht, und doch ſind Sie der Inbegriff aller Tugenden. Aber—“ „Es iſt ſchön von Ihnen, daß Sie doch wenigſtens ein Aber für mich haben und nicht lauter Duft und Schimmer in und an mir ſehen.“ „Aber freilich, die Iphigenien haben es leichter. Sie lieben Niemand.“ „In der That?“ „Oder alle— ſchweſterlich. Das iſt ein Gefühl wie Milch; es nährt die Kinder, aber weder den Jüngling noch den Mann.“ „Und geräth der Mann niemals in eine Lage, in der ihm die ſchweſterliche Zuneigung und Uneigen⸗ nützigkeit tröſtlicher und förderlicher iſt als die heftige Leidenſchaft einer Geliebten? Ich denke mir, daß Ihr Freund, wie Sie ihn mir geſchildert haben, viel leichter ſeinen Irrthum vermieden hätte, wenn ihm eine verſtändige Schweſter zur Seite geſtanden.“ „Die ihn raſch, kopfüber mit Ihrem Schützling, dem Fräulein Wolfhart, verheirathet hätte.“ „Ihm wäre dadurch eine unangenehme Enttäuſchung erſpart geblieben.“ Frenzel, Silvia. IV. 2 „Und wäre er durch die andere Heirath glücklich geworden?“ „Wird der Mann nicht glücklich, der die Geliebte heimführt?“ „Ja!“ rief er, einen Augenblick vergeſſend, daß nicht von ihm, ſondern von Bruno die Rede ſei. Im nächſten Augenblick hatte er ſich jedoch wieder beſonnen und das Problematiſche jeder Ehe warf ſeinen Schat⸗ ten über ihn. „Das heißt in der Dichtung“, ſetzte er bedächtig hinzu und entfernte mit ſeinem Spazierſtöckchen ein paar Kieſel aus dem Pfade.„Wie unbedeutend ſind dieſe Steine und wie Viele könnten doch darüber ſtol⸗ pern! Wenn eine ſorgſame Hand nicht ſchnell und geſchickt aus dem Wege der Ehe die Kieſel beiſeite ſchiebt, gibt es auch da Unfall und Sturz.“ „Das thut die Liebe—“ „Ach, die Liebe iſt blind. Immer zu ſpät erkennt ſie die Klippe, an der ſie ſcheitern ſollte.“ So redend hatten ſie ſich dem Ausgange des Parkes nach der Seite der Stadt zu genähert, wo als letztes der Häuſer, durch einen Gitterzaun und eine lebendige Hecke von der Fahrſtraße getrennt, das freundliche einſtöckige Haus des Hofgärtners ſich erhob. 19 Ueber die tiefer liegenden Häuſer des Städtchens hinweg ſah man jenſeits in der Ferne im violett ſich färbenden Duft des Abends dichtbewaldete Berge ſanft aufſteigen und eine ſchöne geſchwungene Linie am Rand des Horizonts abzeichnen— eine bläuliche, langge⸗ ſtreckte Welle in einem goldenen Meer. „Treten Sie noch ein?“ fragte Benno.— „Ich habe ſeit mehreren Tagen nichts von Clara gehört—“ „Und ſo treibt Sie Ihr gutes Herz und die ſchweſterlichſte der Seelen die ſchmale Stiege hinan...“ „Seit wann ſind Sie unter die Ironiſchen gegan⸗ gen, Herr von Hellburg?“ Benno lüftete melancholiſch den Hut. „Seit mein Haar grau zu werden anfängt. Was Nieswurz für den Körper, iſt die Ironie für den Geiſt; ſie erhält ihn jung.“ „Wollen Sie denn ewig jung bleiben?“ ſcherzte ſie. „Wenn ich an die Schönheit Ihrer Seele und Ihr melodiſches Weſen denke, kommt es mir zuweilen vor, als wäre ich es nie geweſen.“ „Guten Abend, Herr von Hellburg. Rette ich mich nicht ſchleunig, ſo gehe ich in der Flut Ihrer Schmeicheleien unter.“ 2* ———ÿö— 20 „Und mit ſolcher Hartherzigkeit können Sie mich verabſchieden?“ „Ich gehe nur, damit Sie bei unſerer nächſten Begegnung noch einen oder zwei Ihrer Pfeile im Köcher haben.“ Indem er ihre Hand an die Lippen zog, begegneten ſich ihre Augen. Er las in den ihren ſo viel Zärtlichkeit und ſtille Neigung, ſo viel heitere Ruhe und feſte Treue, daß er ein Liebeswort wagen wollte— da hatte ſie ſchon die kleine Thür in dem Gitter geöffnet; mit herab⸗ genommenem Käppchen trat ihr der Gärtner entge⸗ gen. Grauſamer Zufall! wollte etwas in ihm rufen. Aber nein, es iſt Alles zum Beſten in dieſer Welt. Wer ſicherte ihn denn, daß ſie ihn wohlwollend an⸗ gehört? So nahm er ihren Zlick mit ſich, den holden und treuen, und wiederholte den Gang an dem römi⸗ ſchen Hauſe vorüber, den ſie eben gemacht hatten. Die Fliedergebüſche und die Bäume, die Raſenplätze und der Fluß, der unten am Geſtein vorüberrauſchte, Alles war noch wie belebt und erfüllt von ihrer Ge⸗ genwart. Als Ruprecht an jenem bangen Decemberabend auf dem Wege nach der Stadt der tiefgekränkten, — 21 halbgebrochenen Clara den Vorſchlag gemacht, ſie zu ſeiner Schweſter zu führen, hatte er nicht ganz ins Blaue hinein gehandelt. Schon bei ſeiner Ankunft in Deutſchland von Hamburg aus hatte er der Schwe⸗ ſter geſchrieben; in der Ungewißheit über ſeine Zu⸗ kunft mußte er auch den Fall in Rechnung ziehen, der leider während ſeiner Soldatenzeit nur zu oft einge⸗ treten war: über Adelens Sparpfennige verfügen zu können. Als„galanter Mann“ hatte er die Schweſter auf das Unvermeidliche vorbereiten wollen. Sein guter Stern erſparte ihm dieſe Demüthigung. Bald konnte er ihr im Nankeeſtil von ſeinen„fabelhaften Erfolgen“ melden. In ihrer Güte drängte es Adele, nach ſo manchem Jahre den Bruder wiederzuſehen. Seine Fehler, ſeinen Leichtſinn, ſeine Spielſucht hatte ſie ihm verziehen, wie die Eltern ſie ihm verziehen haben würden, wenn ſie noch am Leben geweſen wären. Gewiſſe erſte Eindrücke verwindet der Menſch nie; Ruprecht war als der Held der Familie zu lange angeſtaunt worden, als daß er nicht trotz alledem auch noch jetzt in Adelens Augen für eine heroiſche Erſcheinung hätte gelten ſollen. Ein Briefwechſel knüpfte ſich an, der von ihrer Seite lebendiger unterhalten wurde als von der ſeinen. 22 In einem dieſer Schreiben hatte Adele von einem Verluſte erzählt, der ihr bevorſtände— ihr Kammer⸗ mädchen ſei im Begriff, ſich zu verheirathen, und ſie trenne ſich ungern von der ihr lieb und werth ge⸗ wordenen Dienerin. Daraufhin hatte Ruprecht ſeinen Plan gebaut. Erſt als er mit Clara im Eiſenbahnwaggon ſaß, war es ihm eingefallen, daß Clara ſich ſchwerlich zu einer ſolchen Stellung eignen würde. Indeß die Kugel war einmal im Rollen; auch ohne ihn würde Clara Berlin verlaſſen haben, aus Furcht vor Bruno's Verfolgung und noch mehr aus Furcht vor ihrem eigenen Herzen, das dem Treuloſen noch immer, wenn jetzt auch im Zorne, entgegenſchlug. Ruprecht verließ ſich auf Adelens Feingefühl und Geſchick. „Hat ſie mich nicht zehnmal wieder mit dem Vater verſöhnt, während ich nicht aus noch ein wußte?“ dachte er.„Wird doch für ein Mädchen ein Unter⸗ kommen finden!“ Weder in der Güte noch in der Klugheit ſeiner Schweſter hatte er ſich getäuſcht. Clara's Erſcheinung nahm für ſich ein; Ruprecht's Erzählung von ihrem„herzbrechenden“ Geſchick, die Benno beſtätigte, der Entſchluß des Mädchens, ſich 4 23 aus den Feſſeln einer Leidenſchaft, die keine würdige mehr war, zu befreien, rührten Adele. Niemals verlangte man vergeblich eine Gutthat von ihr. Wie hätte ſie dem Bruder eine Bitte ver⸗ weigern können, die von Clara's Thränen und von Benno's Fürſprache unterſtützt wurde! Das Mädchen in eine durchaus abhängige Stel⸗ lung zu verſetzen, widerſtrebte ihr; auch glaubte ſie nicht, daß Clara auf die Dauer ſich in einen fremden Willen ſchicken würde, obgleich ſich dieſe, in der erſten Rathloſigkeit der Hülfeſuchenden, zu Allem bereit er⸗ klärte. Für beide Theile ſchien es das Räthlichſte, Clara nicht aus ihrer früheren Lebensgewohnheit zu reißen, ſondern ihr in einer Familie einen geſicherten Platz und die nöthige Arbeit in Nähereien und Sticke⸗ reien zu verſchaffen. Vor einem Jahre hatte der Hof⸗ gärtner ſeine einzige Tochter, die Clara's Jahre ge⸗ habt, durch den Tod verloren; er wie ſeine Gattin wünſchten eine Stütze in der Haushaltung. Leicht brachte Adele zwiſchen ihnen und Clara eine Verbin⸗ dung zu Stande. Noch zu keiner Stunde hatte ſie ihre That in den ſechs Monaten, die ſeitdem verfloſſen waren, zu bereuen gehabt. Die ſchönſten, ungetrübteſten Tage ihrer Jugend hatte Clara in einem großen Garten, zum Theil ſelbſt mit der Pflege der Blumen beſchäftigt, verlebt; ſo war es ihr, als ſollten ſich dieſelben auf einem fremden Boden erneuern. Ihre Kenntniſſe, ihre Theilnahme an ſeinem Geſchäfte erfreuten den Gärtner; ihre raſche, immer arbeitſame Hand enthob die Hausfrau mancher Laſt. Ein oberes Stübchen, deſſen beide Fenſter nach dem Park und der von ſchattigen Bäumen umſäumten Fahrſtraße, die, von der Stadt anſteigend, nach einem herzoglichen Luſtſchloß führt, ſich öffneten, war ihr eingeräumt worden. Eine prächtige Linde ſtreckte ihre Zweige faſt bis zu ihr hinein. Abendglanz und 3 Blütenduft füllten das Gemach. Die Wände waren ſchmucklos, aber auf der Commode lagen einige Bücher, Schiller's und Goethe's Gedichte. Ihnen gegenüber ſtand die Nähmaſchine— die getreueſte Freundin hatte ſie Clara mit ſchmerzlichem Lächeln genannt. Heute ſchwirrte und ſummte ſie nicht und Adele horchte auf der Treppe, denn ein anderer Ton ſcholl ihr entgegen— die laute Stimme ihres Bruders. „Guten Abend, Fräulein Wolfhart“, hörte ſie ihn ſagen.„Habe nun genug mit Ihnen geſchwatzt und muß zu meiner Schweſter. Eine californiſche Neuig⸗ keit, he?“ In der Thür begegneten ſich die Geſchwiſter. ☚ 25 „Eben auf dem Wege zu Dir“, ſagte Ruprecht, Adele umarmend,„um ſo beſſer, daß Du kommſt; ſo können wir gleich die große Berathung halten.“ Adele ſchaute ihn überraſcht und noch erſtaunter und erſchreckter Clara an, die mit bleichem Geſicht ihr entgegentrat. Aber Ruprecht ließ ihr in ſeiner Heftigkeit gar nicht die Zeit, nach der Urſache ſeiner unerwarteten Ankunft zu forſchen. „Bin nur auf der Durchreiſe“, rief er.„Habe mir einen Wagen nach Ilmburg beſtellt—“ „Nach Ilmburg? Biſt Du etwa der Käufer des Schloſſes?“ Clara hatte ſie nach dem kleinen Sopha geführt und war ſelbſt neben ihr, die Hand auf die Seiten⸗ lehne geſtützt, ſtehen geblieben. „Wenn ich erſt ſo weit wäre— würde mich hüten, mich in Eurem claſſiſchen Neſt zu begraben. Nein, Herr Greif hat durch die Vermittelung eines Banquiers das Haus gekauft. Vermuthe, um den Fürſten Hochberg zu ärgern. Der eine nimmt die Braut, der andere das Haus; bin neugierig, was vorzuziehen war.“ „Und willſt Du das Gut für Herrn Greif— für Deinen Freund übernehmen?“ 26 Bedächtig ſtrich ſich Ruprecht den rothen Bart. „Nein— eine Dame hat es ſchon übernommen. Du brauchſt die Augen nicht niederzuſchlagen, eine ſehr fromme Dame. Biſt Du Vorſteherin irgend eines wohlthätigen Vereins? Wende Dich an ſie, Deine Armen werden ihre Mildthätigkeit loben. Aber die ganze Geſchichte— ich habe ſie eben erſt Fräulein Wolfhart erzählt—“ „Ich bitte Sie, Herr von Schmettow!“ ſagte Clara.„Welche Rückſichten haben Sie für mich!“ „Clara weiß, welchen Antheil ich an ihrer Zu⸗ kunft nehme“, ſetzte Adele hinzu,„und daß ich noch nicht die Hoffnung aufgegeben habe, ſie wieder mit ihrem Geliebten zu vereinigen.“ „Jetzt iſt es aus, ganz aus!“ ſeufzte Clara und drückte die Hand auf die weinenden Augen. „Fürchte es auch“, brummte Ruprecht und ver⸗ ſuchte ſeinen harten und entſchloſſenen Zügen einen ſchwermüthigen Ausdruck zu geben.„Iſt aber ſo ge⸗ kommen. Miß Ellen Wood hat Herrn Greif mit Be⸗ ſchlag belegt. Wollen das die Damen ganz wörtlich nehmen. Als ich damals im December nach Berlin zurückkehrte, traf ich ihn in dem Hauſe des Grafen Reinsberg; waren noch alle ein Herz und eine Seele. Dann habe ich ihn ganze vier Wochen nicht geſehen; er hatte ſich eine Erkältung zugezogen, die in ein Fieber umſchlug. War nicht lebensgefährlich die Krank⸗ heit, wie ich Dir auch geſchrieben, liebe Adele, um das Fräulein da zu beruhigen; ahnte jedoch nicht, daß ſie deſto gefährlicher für Bruno's Seele werden ſollte. Unter dem Vorwand der Krankenpflege hatte ſich Miß Wood bei ihm eingeniſtet. Iſt ein ſchöner Zug, nicht wahr? Ein junges Mädchen, die Sittſam⸗ keit und Frömmigkeit in leibhafter Perſon, trotzt allen Vorurtheilen und geht in das Haus eines Mannes, um ihn vom Tode zu erretten. Dieſer Mann iſt außerdem noch ihr Feind und hat ſie Jahre hindurch mit großer Geringſchätzung behandelt. Der Lohn iſt denn auch nicht ausgeblieben, Gott beſchützt die Sei⸗ nen.“ „Laß die Gottheit aus dem Spiel“, unterbrach ihn ſanft Adele.„Wozu das Erhabene mit dem Niedrigen miſchen?“ „Meinetwegen; der Dämon und das Glück haben es gethan. Nach Wochen, als ich endlich meinen Be⸗ ſuch anbringen konnte, fand ich einen Mann, den ich nicht wiedererkannte. Daß er ernſter, ein wenig blaſſer und magerer geworden, die Stirn gerunzelter, die Augen eingefallener, war die Folge ſeines Leidens. Sah auch wie eine verdammte— bitte um Verge⸗ dem großen Ulyſſes Grant Richmond geſtürmt und dann zwei Monate lang am Sumpffieber krank ge⸗ legen. Eine ſchlimmere Veränderung als mit ſeinem Leibe war aber mit Bruno's Herzen vorgegangen. gegang Wo er ſonſt Mitgefühl für die ganze Welt— ſeid umſchlungen, Millionen!— und beſonders für ſeine Freunde gehabt, hatte er jetzt einen Stein. Mit dem abgemeſſenſten Betragen und den kühlſten Worten empfing ex mich. Seine Höflichkeit ſtrömte Eiſeskälte aus, ich ſehnte mich ordentlich nach einem Streit mit ihm, aber es war nicht möglich, mit ihm anzubinden oder ihn in Flammen zu ſetzen. Für Alles hatte er daſſelbe verächtliche Lächeln. Ging alſo mit kurzem Gruße, dachte: der Mann war immer ein Querkopf und mag jetzt dir noch mehr als den andern grollen. Wie ich mich aber in der Stadt nach ihm erkundige, hier und dort herumfrage, begegnet mir überall ein mitleidiges Achſelzucken, ein Ausruf des Bedauerns. Herr Bruno Greif iſt vor der Zeit ein alter⸗Mann geworden; auf ein Haar gleicht er ſeinem Vater; er iſt ein Knauſer und ein Menſchenfeind; die religiöſen Schwärmereien haben ihm wie dem Alten den Kopf verrückt. Er geht mit Keinem um, er verſchließt ſich ganze Tage mit ſeinen Büchern und Schreibereien. Curios! Und der Grund bung!— verwetterte Vogelſcheuche aus, als ich unter 29 von alledem? Hat er Verluſte gehabt? Der!. Es wird ja alles Gold, was er anfaßt. Das iſt eben ſein Un⸗ glück. Da hab' ich einen beſſern Grund, flüſterte ein Anderer dazwiſchen; er ſoll— ganz unter uns— um die Gräfin Reinsberg geworben und einen Korb er⸗ 4 halten haben. So redeten ſie in der Stadt über Herrn Greif,'s war gerade um die Faſtnachtszeit.“ „Armer, unglücklicher Bruno!“ rief Clara in ſchmerzlicher Bewegung.. „Richtig von all dieſen Behauptungen“, fuhr Schmettow fort,„war nur die eine: Bruno's Verlo⸗ bung mit der Gräfin war zurückgegangen, ehe ſie über⸗ haupt über den Kreis der Familie hinausgedrungen. Müßte mich ſehr täuſchen, oder die Löſung des Ver⸗ hältniſſes war beiden Theilen recht. Aber warum hatte Bruno ſo raſch und ohne Kampf aufgegeben, wonach er noch vor kurzem ſo begierig getrachtet? Da ſteckte der Knoten. Habe hin und her calculirt, meine Damen, bin nur immer dümmer darüber ge⸗ worden.'s iſt eine unerklärliche Sache um ein Weib — um ein tugendhaftes ſowohl wie um ein laſterhaf⸗ tes.“ „Schmähen Sie Ellen nicht“, bat Clara;„ſie liebt ihn und ihre Liebe iſt zuletzt mächtiger geweſen als ſein Haß.“ „Hm“, meinte Ruprecht,„kann ſein. Nur ſteckt unter dem Graſe noch ein Geheimniß. Haben ſich eben verrathen, Fräulein Wolfhart, und ſind erbleicht. Wiſſen auch darum?“ „Ich weiß es, aber mich bindet ein Eid.“ „Und Miß Wood nicht? Oder ſie hat ſich als eine Heilige, der Alles erlaubt iſt, darüber hinweg⸗ geſetzt?“ „Dränge doch nicht mit Deinen wilden Reden in unſere beſtürzte Freundin“, wehrte ihn Adele ab,„ſon⸗ dern erzähle uns lieber, was ſich weiter mit Deinem Freunde zugetragen.“„ „Nicht viel und vor allem nichts Gutes. Es wurde mir immer ſchwerer gemacht, Zugang zu ihm zu erhalten. Hatten noch miteinander das eine und das andere Geſchäft abzuwickeln, aber er wies mich, Ermüdung und Ueberbürdung vorſchützend, bald an ſeinen Rechtsanwalt, bald an ſeine Bureauchefs. Bin nur in himmliſchen Dingen auf den Kopf gefallen und merkte, daß der Stern der Miß Wood meinen Stern aus dem Felde geſchlagen und daß man jeden vertraulichen Verkehr mit mir abbrechen wollte. Nicht nur für mich, auch für ſeine andern Freunde wurde Bruno unzugänglicher, verſchloſſener, abſtoßender. Die Damen kennen dies Phänomen nicht, ich aber kenne es, von jenſeits des Waſſers her. Nennen es dort die Heiligen einen neuen Adam anziehen oder von Gottes Sturm berührt werden.“ Auf Adelens Stirn zeigte ſich eine leichte Wolke des Unmuths, ſodaß er einlenkte. „Iſt nicht Dein Gott, liebe Schweſter, den ich meine— iſt der ſtarke eifrige Judengott, der in der Wüſte am Sinai und auf den Prairien des Weſtens wohnt; keine freundliche, allſchützende und allliebende Macht, eher ein Dämon, vor dem der Menſch ſich fürchtet. Iſt ſo etwas in Bruno Greif gefahren und treibt nun ſein Unweſen in ihm. Dieſe Stimmung hat Sil— wollte ſagen Miß Wood benutzt und ſich ſeiner bemächtigt. Habe es Ihnen vorausgeſagt, Fräulein Wolfhart.“ „Sie haben es, Herr von Schmettow. Und ſie iſt jetzt mit ihm nach Schloß Ilmburg gereiſt?“ „Sie mag ſchon ſeit einigen Tagen dort verwei⸗ len, er wird morgen oder übermorgen folgen. Das Ganze, der Kauf, die Abreiſe iſt mit einer Heimlichkeit und Geſchicklichkeit betrieben worden, die mir Achtung abnöthigt. Welch ein diplomatiſches Genie iſt Miß Wood!“ „Aber wozu die Heimlichkeit?“ fragte Adele. „Wenn man ſich in der Stille trauen laſſen will, weil es in der großen Stadt zu viel des Aufſehens und der Gerüchte geben würde— und dann, welche Grillen ſtecken in einem ſo ſchönen Kopf!“ Er fuhr mit der Hand lachend über die Stirn der Schweſter. „Und was haſt Du in Ilmburg zu ſuchen?“ „Es könnte ihnen an einem Trauzeugen fehlen und ich bin gern der Helfer in der Noth. Bruno Greif und Ellen Wood vermählt— haha, ein Teufelsſpaß! Und ein gewiſſer Narr von Virginia⸗Chity zum zwei⸗ ten Mal wie ein Gimpel betrogen— ja ſo, das ver⸗ ſtehſt Du nicht! Luſtige Hochzeit indeß, lade die Da⸗ men im voraus ein...“ „Du biſt grauſam— ſieh nur, ſie weint!“ Eine Weile hatte Clara muthig mit ihrem Schmerz und den heftiger ausbrechenden Thränen gekämpft; jetzt mußte ſie ſich abwenden. Sie war zum offenen Fenſter getreten und ſtarrte hinaus. Sie ſah nichts, die Thränen verdunkelten ihre Augen und rannen unaufhaltſam ihre Wangen hinab. Die kaum verharſchte Wunde ihres Herzens war wieder aufgebrochen. Hatte ſie immer noch eine ſtille, uneingeſtandene Hoffung gehegt? In ihr regte ſich ein Gefühl, als hätte ſie ihn nun erſt ganz und ohne Wiederkehr verloren. G 32 50 Mitleidig hatte ſich ihr Adele genähert, während Ruprecht mit den Fingerſpitzen auf der Tiſchplatte ei⸗ nen Marſch trommelte, als wollte er ſich dadurch zur Ruhe zwingen. „Faſſen Sie ſich, liebe Clara“, ſagte Adele und be⸗ rührte die Schulter des jungen Mädchens;„Sie wa⸗ ren muthiger, als Sie zu uns kamen. Was iſt denn geſchehen, daß Sie verzweifeln ſollten? Hat die Freund⸗ ſchaft, die Sie hier gefunden, nicht ſanft Ihre Thränen getrocknet?“ Ruprecht ſtand hinter den Mädchen und ſchaute, ſie überragend, mit ſeinen ſcharfen Augen auf die Fahrſtraße hinaus. „Seht, ſeht!“ rief er und ſtreckte den Arm vor. Auf dem Damm der Straße kam ein offener Wa⸗ gen daher. Durch die Zweige der Bäume blitzten die Strahlen der Abendſonne und beleuchteten die Frauen⸗ geſtalt, die im grauen Kleide, mit wehendem grauem Schleier auf dem Hute darin ſaß. „Sie iſt es— Ellen!“ ſagte Clara und wollte vom Fenſter zurücktreten. 4„Silvia!“ murmelte Ruprecht zwiſchen den Zäh⸗ nen, und indem er mit ausgeſtrecktem Arm unmittel⸗ bar hinter Clara ſtand, hinderte er auch ſie, ſich zu entfernen. Frenzel, Silvia. IV. 3 —— — Das Haus ſprang ein wenig von der Straße zu⸗ rück; das Weinlaub, das den untern Theil ſeiner Mau⸗ ern bekleidete, die ſtattliche Linde vor ſeinen Fenſtern, Alles pflegte den Blick des Wanderers, der von der Höhe der Stadt zuging, unwillkürlich anzuziehen. Sonſt war es einſam ringsumher, die Gruppe am Fenſter belebte die abendſtille Landſchaft, die kleine, vor Ellen's Augen ſich ausbreitende Stadt, den träu⸗ meriſchen Park.. Aus der Ferne hatte ſie nur undeutlich die drei Köpfe unterſcheiden können; jetzt, gerade als ihr Wa⸗ gen unter den weit ſich ausbreitenden Aeſten der Linde dahinrollte, warf ſie einen ſcheuen Blick nach oben. Sie ſah nur ein Mädchengeſicht ſich haſtig abwenden, Ruprecht's breites, trotziges Antlitz mit der herausfor⸗ dernden Bewegung der Hand— dann ſchloß ſie die Augen und lehnte ſich in die Wagenkiſſen. Welch eine Einfahrt war dies! Unter welchem Zeichen betrat ſie dieſe Stadt! Wäre ſie weniger er⸗ ſchrocken geweſen, ſie würde dem Kutſcher auf der Stelle:„Kehr' um!“ zugerufen haben. Nun raſſelten die Räder ſchon auf dem Pflaſter, wiehernd zogen die Pferde ſchneller an und führten ſie, die keiner Entſcheidung mächtige, nach dem Gaſthofe auf dem Marktplatze der Stadt. ☛‿ „Das war Ellen“, wiederholte Clara tonlos und ließ die Arme matt und kraftlos herunterhängen. „Schöne Ueberraſchung das!“ rief Ruprecht und maß mit dröhnenden Schritten das Gemach ab.„Was will ſie hier? Ihnen ſchaden, Fräulein Wolfhart! Sie hat Ihren Aufenthalt ausgekundſchaftet— viel⸗ leicht heute erſt, und kommt herüber, um Sie zu überliſten, zu fangen, zu vernichten...“ „Deine Abneigung übertreibt oder ſchiebt gar Andern ſchlimme und boshafte Beweggründe unter“, entgegnete Adele.„Hundert Urſachen können dieſe Dame nach der Stadt geführt haben, von denen keine weder mit Fräulein Clara noch mit Dir zu ſchaffen hat. Bleiben Sie nur ſtandhaft, liebes Kind! Stand⸗ haft nicht gegen Andere, denn Niemand bedroht Sie, ſtandhaft gegen den eigenen Schmerz. Der böſe Mann da hat Sie mit ſeinen Nachrichten unhold aus Ihrem Frieden geriſſen, aber vertrauen Sie der Kraft, die Sie bisher aufrecht erhalten, der holden Ge⸗ walt der ſchönen Welt, die Sie umgibt— auch dieſer Sturm wird wieder vorübergehen.“ „Bravo! Als ob wir lauter Lotosblumen wären!“ lachte Ruprecht auf.„Wo ein ſo lieber Mund Weis⸗ heit redet, da ſchweige ich. Aber bei alledem aufge⸗ paßt, Fräulein Wolfhart. Wenn auch Miß Wood 3*½ —— — 36— ohne Abſicht gegen Sie hierher gekommen ſein ſollte— in dem Augenblicke, wo ihr Blick Sie erkannt hat, iſiſt auch der böſe Wille in ihr erwacht.“ „Warum haſſeſt Du dieſes Mädchen, das Dir nie etwas Uebles zugefügt hat?“ fragte Adele, welche die Heftigkeit des Bruders, ganz wider ſeine Gewohnheit, die Dinge leicht zu nehmen, in Erſtaunen ſetzte. „Haſſen— wie man's nimmt“, brummte er aus⸗ weichend.„Das verſtehſt Du nicht. Was iſt die Welt? Ein unermeßliches Jagdgebiet. Der Indianer haßt den Anſiedler, der ihm das Wild verſcheucht oder abfängt. So etwas ſpielt zwiſchen mir und Miß Wood. Sie und ich ſind zuſammengeſetzte Charaktere, die nicht nach Arkadien paſſen. Noch ein⸗ mal, der Feind iſt vor Ihnen, Fräulein Wolfhart. Keine Schwäche! Zuweilen ſingen die Sirenen auch, um die Weiber zu verlocken. Und ſomit allerſeits — guten Abend!“ „Du willſt wirklich heute noch nach Ilmburg?“ Adele hatte ihm die Hand zum Abſchied ge⸗ geben. „Gewiß. Ich habe mir gute Pferde beſtellt und 5 denke in drei Stunden dort zu ſein.“ „Tollkopf! Du wirſt in dem Flecken ein ſchlechtes Unterkommen finden.“ 37 „Gute Schweſter, wo hab' ich Alles geſchlafen!“ „Aber wenn die Perſonen, derentwegen Du doch nach dem einſamen Orte zu reiſen ſcheinſt, nicht an⸗ weſend ſind—“ „Um ſo beſſer. Man ſieht Alles genauer, wenn man allein iſt; Freunde zerſtreuen.“ „Du biſt mir unbegreiflich.“ „Und Du, wie immer, verehrungswürdig!“ Lachend küßte er ihr die Hand, ſchüttelte die Clara's, grüßte, ſchnitt, auf der Schwelle der Thür ſich noch einmal umwendend, eins ſeiner wunder⸗ lichen Geſichter und polterte die Treppe hinab. Als Ruprecht vor der Thür ſeines Gaſthofs anlangte, ſah er den Wagen, in dem Miß Wood ge⸗ ſeſſen, noch auf dem Fahrdamm ſtehen; eben wurden die Pferde ausgeſpannt. „Fremde angekommen?“ fragte er in ſeiner lauten Weiſe den Hausmeiſter. „Eine engliſche Dame, Miß Wood, aus Ilmburg, gnädiger Herr“, war die Antwort. „Und wohnt?“ „Nummer drei.“ „Sehr vornehm?“ „Ja, das beſte Zimmer im Hauſe.“ „Eilt Euch, ich will fort.“ ——— „Alſo Zimmernachbarn“, dachte er bei ſich, während er ſich nach ſeinem Gemach begab. Er gehörte zu den Männern, die auch nicht das geringſte Geſchäft ohne Lärm verrichten können. Bald ſchob er ſeinen Koffer, obgleich er ihn noch nicht ein⸗ mal aufgeſchloſſen hatte, hin und her; bald pfiff er, ſeinen Reiſeplaid zuſammenſchnallend. Er ließ ſich auf einen Stuhl fallen, daß er krachte. Jetzt öffnete er das Fenſter, jetzt ſchrie er nach dem Kellner, der ihm eine Flaſche Wein bringen ſollte. Nun ſchenkte er ſich ein, trank ein Glas, marſchirte durch das Zim⸗ mer, daß die Dielen knarrten, und ſang dazwiſchen Leporello's„Keine Ruh’ bei Tag und Nacht!“ In dem Zuſtande, in dem er ſich befand, war aber dieſe Unruhe, dieſer Tumult zugleich die Aeuße⸗ rung und der Verſuch einer Beſchwichtigung ſeines be⸗ wegten Gemüths. Der unerwartete Anblick Ellen's, nachdem er monatelang vergebens nach einer Begegnung mit ihr getrachtet, dies Wohnen Thür an Thür, die Span⸗ nung der Reiſe, die tollen Pläne, die ihm während der Fahrt und jetzt in der Abenddämmerung durch den Kopf ſchoſſen: ſie hatten ſeine Leidenſchaft wieder zu hellen Flammen entzündet. 39 „Silvia! Silvia!“ bat und ſtöhnte, ſchrie und tobte etwas in ihm. Dies Weib hatte nicht nur ſeine Sinnlichkeit er⸗ regt, ſie hatte ſeinen Stolz beleidigt. Einen Schritt noch — und ſie war am Ziel ihrer Wünſche. Oft hatte er in den jüngſt vergangenen Tagen daran gedacht, Bruno zu einem Zweikampf herauszu⸗ fordern und ihn niederzuſchießen. Aber einmal haßte er ihn nicht gründlich genug, um ſein eigenes Leben zu wagen, und dann rächte Bruno's Tod ihn nicht an ihr. Er wollte ſie demüthigen und beſitzen und vermochte das Eine nicht von dem Andern zu tren⸗ nen. „Wenn wir in Californien wären, nur dieſe Thür uns trennte“— ſein glühender Blick richtete ſich auf die ihm gegenüberliegende weißgeſtrichene Thür, als hätte er die Macht, durch das Holz zu dringen—„aber hier, in dieſem Lande der Sitte und des Zopfes! Man ſprengt keine Thür, man führt keinen Revol⸗ ver in der Taſche.“ Und was die Hauptſache war, das Waſſer, wie Ruprecht ſagte, ging ihm noch nicht bis an die Kehle. „Bruno liebt ſie nicht, kann ſie nicht lieben“, grübelte er.„Ein böſer Zauber, ein Liebestrank hält ihn gebunden. Die klugen Leute glauben nicht an 40 Liebeszauber, aber iſt das ein Beweis, daß es keine Magie gibt? Hat nicht auch Clara von einem Ge⸗ heimniß geredet, deſſen Wiſſenſchaft ſie mit Ellen theilt? Sie iſt zu gutmüthig und zu dumm geweſen, es zu benutzen; Silvia hat keine Rückſichten gekannt und ſich Bruno zum Sklaven gemacht. Ein Geheimniß des Hauſes, der Familienehre offenbar— vielleicht war der alte Greif nicht nur ein Filz und ein Mucker, ſondern daneben auch ein Verbrecher. Geſchieht jeden Tag, daß Verbrecher, denen das Geſetz nicht an den Kragen kann, fromm werden. Iſt die Sünde ſtets die ergiebigſte Quelle der Frömmigkeit geweſen. Das iſt der Knoten, den ich aufdröſeln muß.“ Sein Wagen war vorgefahren, die Pferde ſchlugen auf das Pflaſter. Sollte er reiſen, ſollte er bleiben? Nach kurzer Ueberlegung entſchied er ſich für die Fahrt. „Selbſt wenn ſie mir morgen in der Frühe folgt“, ſchloß er,„habe ich den Vorſprung eines Vormittags. Ich beſichtige das Haus, in dem ſie wohnen werden, ich frage die Diener, den Pfarrer, den Wirth nach den neuen Ankömmlingen aus. Etwas bleibt immer hängen, kein Menſch geht ungeſtraft an den andern vorüber, er verliert ſtets eine Flocke Wolle, gerade — 83 4 54 * wie das Schaf, das an einer Dornenhecke vorbeige⸗ trieben wird. Iſt mir das Glück günſtig, faſſe ich Bruno auf einem einſamen Spaziergange ab.... Samiel, Samiel!“ rief er im Ton Kaspar's aus dem „Freiſchütz“. 3 Das Klopfen des Hausdieners, der ſeinen Koffer hinuntertragen wollte, hatte er überhört. „Werden der gnädige Herr bleiben?“ ſteckte der Diener jetzt den Kopf durch die Thür. „Bewahre!“ antwortete Ruprecht laut. So lautlos es im Nebenzimmer war, er wußte, mit klopfendem Herzen lauſchte Ellen an der Verbin⸗ dungsthür. „Warum bleiben?“ „Meinte nur, es iſt ſpät geworden.“ „Fahre immer des Abends. Haſſe den Mittags⸗ ſonnenſchein. Wird übrigens eine helle Nacht werden.“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Zerbrecht Euch wohl den Kopf, würdiger Jo⸗ hann, wohin ich fahre? Warum ich den Kutſcher auf acht Tage geworben? Seht, fahre immer hinaus, hinaus!“ „Ja, Herr Baron, ſind ein ſpaßiger Herr, mit Vergunſt! Ich weiß es noch vom December.“ „Seid aber neugierig, Johann, bis in die Fuß⸗ 42 ſpitzen! Könnt den Koffer nicht feſthalten. Trinkt nachher die Flaſche aus. Und ſperrt Eure langen Ohren auf: ſollt noch eine Eiſenbahn bekommen, gera⸗ deswegs durch den Thüringer Wald. Sitzen in Ber⸗ lin kluge Leute, die Euch damit beſchenken wollen; ſitze mit darunter. Und nun flink— eins, zwei, drei! Vorwärts marſch!“ Er hatte ſeine Lunge nicht für den ehrlichen Jo⸗ hann angeſtrengt. Ein anderes Ohr hatte jedes ſeiner Worte gierig verſchlungen; es war ihm, als müſſe er jetzt nebenan einen tiefen Athemzug der Erleichterung vernehmen. Dabei hatte er nicht einmal gelogen. Er liebte es, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und, was ihm ſeine Angelegenheiten koſteten, von An⸗ dern bezahlen zu laſſen. Das Project einer Bahn durch den Thüringer Wald nach Franken, welche die innern Gegenden der Landſchaft mehr dem Verkehr erſchlöſſe, wurde ſeit einiger Zeit in der Hauptſtadt lebhafter beſprochen. Eine Geſellſchaft von Banquiers, die ſich für das Unternehmen intereſſirten, hatte ihn, der ſchon für eine Art Autorität im Eiſenbahnfache zu gelten an⸗ fing, beauftragt, die Landſchaft zu bereiſen und„unter der Hand“ ſich zu erkundigen, auf welche Beihülfe von 43 ſeiten der Gemeinden, einzelner Banken und reicher Privatleute in den betreffenden Städten der Plan ₰ rechnen könne. Der große, gemeinnützige Zweck war für die ſelbſtſüchtige Abſicht, die Ruprecht hierher führte, die beſtechende Maske. Er leerte noch ein Glas, ſah nach dem Wagen hinunter, ob Alles in Ordnung, nahm ſeinen grauen Havelock um, ſetzte den Hut tief nach dem Hinterkopf, ſodaß ſeine breite Stirn ganz ſichtbar war, fuhr mit dem Taſchenkamm durch den röthlichen Bart und ging— hinaus. 4 . In demſelben Augenblick offnete ſich die Nebenthür und Ellen erſchien auf der Schwelle ihres Zimmers. „Außerordentlich erfreut, Miß Wood“, ſagte Ru⸗ precht,„Ihnen vor meiner Abreiſe noch einen beſſern Gruß anbieten zu können als vorhin von dem Dach⸗ fenſter aus. Bin nur fünf Stunden in dieſem Neſt geweſen, fahre durch das Land...“ „In Geſchäften?“ „Eiſenbahngeſchäften.“ „Sie ſind in Eile und ich will Sie nicht auf⸗ halten. Nur eine Frage: ich ſah Sie vorhin an der Seteite von Fräulein Clara Wolfhart...“ „Iſt Ihnen aufgefallen? Fräulein Wolfhart lebt ſeit Monaten hier— halb und halb im Schutz der 182 herzoglichen Familie und ganz beſonders in dem mei⸗ ner Schweſter.“ Sie ſendete ihm einen ihrer freundlichſten Blicke zu. „Sie handeln wie ein Bruder an dem Mädchen, Herr von Schmettow.“ „Muß wohl, da der andere—“ Mit einer heftigen Handbewegung gebot ſie ihm Schweigen, daß er ſie verwundert anſah, aber ver⸗ ſtummte. „Gewinne ich die Zeit“, ſagte ſie dann langſam, als wäge ſie jedes Wort, bevor ſie es von den Lippen fallen ließ,„ſo beſuche ich das Fräulein morgen. Ich bin nicht ſo unfreundlich wie ſie und pflege nicht ohne Abſchied von denen zu gehen, die mir einmal theuer waren.“ „Theile Ihre Geſinnungen. Alſo, Miß Wood, Ihr gehorſamer Diener, gute Nacht und gute Träume.“ Eine Regung weiblicher Eitelkeit und Schadenfreude riß ſie da zu einer unbedachten Aeußerung hin: „Ich hoffe auf gute Träume, denn ich erwarte morgen meinen Verlobten hier.“ Wie den Stich einer Viper empfand Ruprecht das Wort. „Sind hart am Ziel, Miß Wood“, ſagte er ſtam⸗ melnd und ſich überſtürzend,„wiſſen aber auch, was ich mir geſchworen, beim rothen Kreuz und den zwölf Sternen geſchworen! Bedenken Sie es wohl! Sind beide Leute aus dem Weſten, und wenn der Praire⸗ geiſt über uns kommt...“ Der lange Johann erſchien auf der Treppe und reckte den Kopf nach oben. „Kampf auf Leben und Tod. Gute Nacht, Sil⸗ via!“ ſagte Ruprecht in engliſcher Sprache. „Fahr' wohl!“ entgegnete ſie ebenſo. Sie blieb zwiſchen ihrer Thür und der Treppe, bis er alle Stufen hinuntergeſtiegen war. Dann erſt ging ſie in ihr Zimmer zurück und blieb, von den niedergelaſſenen Vorhängen beſchützt, am Fenſter ſtehen. Herausfordernd tönte ſein freches Lachen zu ihr herauf; er ſteckte ſich eine Cigarre an, ſchenkte eine andere dem Kutſcher, ſtieg in den Wagen... ein Peitſchenknall, die Pferde zogen an... um die Straßenecke war er entſchwunden. „Wenn er ſtürbe!“ ſagte Ellen in ſich hinein. Zweites Kapitel. Von jener Decembernacht, wo ſie, von dem Lärm der ſtreitenden Männer unter ihrem Fenſter aufge⸗ ſchreckt, hinuntergeeilt und in der Angſt und Spannung eines ſich vorbereitenden ſchrecklichen Unfalls ihnen nachgegangen war, bis zu dieſem Abend, als ſie in der Dämmerung Ruprecht’s Gefährt von dem Marktplatz der kleinen Stadt ſich entfernen ſah, hatte Ellen nur glückliche Tage gezählt, Tage, die ihre Wünſche ge⸗ krönt. 8 Bruno's Verwundung hatte ſich als leicht, das Fieber, das ihr gefolgt oder, wie der Arzt meinte, durch die„zwei Schrammen“ zum ſchnelleren und gün⸗ ſtigeren Ausbruch gekommen war, als langwierig, aber nicht als lebensgefährlich erwieſen; ſie aber hatte die Mitwiſſenſchaft jenes Kampfes, die Pflege, die ſie dem Kranken in ſeiner erſten Hülfloſigkeit angedeihen ließ, zu ſeiner Herrin gemacht. Freches Geſindel beunruhigte längſt das einſame Ufer; bei einem ſpäten Spazier⸗ gang, den Bruno unvorſichtig unternommen, war er von einem unbekannten Menſchen angefallen und ver⸗ wundet worden, hatte ſich jedoch ſeiner noch glücklich erwehrt. Er hatte ſich bis zur Thür ſeines Hauſes ſchleppen können, man hatte Miß Wood gerufen, vielleicht hatte der Kranke im erſten Anfall des Fiebers ſelbſt nach ſeiner früheren Pflegerin verlangt: genug, ſie war einmal in dem gelben Hauſe. An dem Arzt fand ſie gleich eine Stütze; er wußte eine ſolche verſtändnißvolle Krankenpflegerin zu ſchätzen. Auf einen ſchweren Kampf war Ellen mit Irene Reinsberg gefaßt und nicht wenig erſtaunt, als im Lauf des Tages ſtatt der jungen Gräfin nur der Graf und Kurt erſchienen, die ſich mit allen getroffenen Maßregeln einverſtanden erklärten und die Hingebung und Theilnahme der Miß Wood nicht genug rühmen konnten. Dann war Irene in Begleitung ihrer Mutter gekommen, zu einer unglücklichen Zeit, als der Kranke gerade eingeſchlafen. Auch ſie hatten Alles gebilligt, was geſchehen, und Ellen die Hand gedrückt.„Wie man einer Dienerin, die man beſonders auszeichnen will, —— 48 die Hand drückt“, hatte Ellen bei ſich geſagt und ſtill gelächelt. Beinahe nur durch die Diener, die mit Nachrichten gingen und kamen, war ſeitdem die Ver⸗ bindung zwiſchen dem gelben Hauſe und dem Palaſt in der Wilhelmsſtraße aufrecht erhalten worden. Der Graf zeigte ſich in längeren Zwiſchenräumen, immer voll verbindlicher Höflichkeit gegen Ellen und wiederholend, daß ſie allein Anſpruch auf Bruno's wärmſte Dankbarkeit habe. Solcher Winke bedurfte es nicht, um Ellen erkennen zu laſſen, daß ſich das Ver⸗ hältniß zwiſchen Bruno und Irenen gelockert, daß die Reinsbergs nach einem Vorwand trachteten, um ohne Aufſehen und Geſchwätz das übereilte Verlöbniß ihrer Tochter rückgängig zu machen. Je weiter Bruno's Geneſung fortſchritt, deſto kälter wurde der Graf. Aber auch Bruno zeigte nicht das geringſte Verlangen, ſeine Braut zu ſehen, zu ſprechen. In ihrer leiſen Weiſe ſpielte Ellen einmal auf dieſe Beziehungen an. Sie erhielt von ihm keine andere Antwort als ein mitleidiges Zucken mit der Schulter.„ Sie hatte ihm an einem milden Märztage eben die erſten Veilchen aus dem Garten gebracht, als der Graf ſich melden ließ. Trotz ſeiner Schwäche war Bruno bereit, ihn zu empfangen. Nach einer längeren ————— 49 Unterredung ſchieden beide Männer, der Graf unter den 3 überſtrömenden Verſicherungen ſeiner Freundſchaft, Bruno mit einer gewiſſen kühlen Ironie, voneinander. „Ich hin frei“, ſagte er nachher zu Ellen.„Eine ſo gemeine Verlockung des gewöhnlichſten CEhrgeizes .— ich ſchäme mich, ihr anheimgefallen zu ſein. Was habe ich mit dieſer adeligen Kokette zu ſchaffen? Mit ihrem Vater, der heute dem Bankrott entgangen iſt, nur um ihn morgen zu erleiden? Gut, daß Alles vorüber iſt. Nun ſind wir beide ganz allein, Sie 44 und ich.“* Dieſe Aeußerung, ſo unbeſtimmt und verloren, mit ſo bitterem Tone ſie geſprochen war, verkündete Ellen ihren Triumph. Seit er das Bett verlaſſen, ging ſie mit einer pedantiſchen Regelmäßigkeit jeden Abend aus dem gelben Hauſe, um es erſt in der zehnten Stunde des nächſten Morgens wieder zu betreten. Die Dienerſchaft war von ihrer Milde und der ruhigen und ſichern Würde ihres Auftretens bezwungen, wie mit einer Stimme ſangen alle ihr Lob. Durch erhöhte Spenden 2 an die Armen und die Bedürftigen ſuchte ſie gleichſam den Himmel zu ihrem Verbündeten zu gewinnen; zu⸗ gleich war ſie demüthig und ſiegesgewiß. Seit eine unſichtbare Hand das Bündniß zwiſchen Bruno und Frenzel, Silvia. IV. 4 Irenen gelöſt hatte, betrachtete ſie ſich ſchon im Geiſte als ſeine Gattin, als die Herrin ſeines Hauſes. Wohl fühlte ſie, daß es zunächſt nur Dankbarkeit für ihre Aufopferung, Furcht vor ihrer Kenntniß der Dinge, die in jener Nacht geſchehen, Ohnmacht des Willens, der ſich unfähig fühlt, länger mit der ſtärkeren Leiden⸗ ſchaft eines Andern zu ringen, daß es Schwäche und der Wunſch nach Ruhe waren, die Bruno an ſie feſſelten und abhängig von ihr machten, aber ſie traute ſich die Kraft und den Zauber zu, unter glücklicheren Verhältniſſen, wenn die Zeit den Stachel der Ereig⸗ niſſe abgeſtumpft hätte, dieſe Empfindungen in eine feurige und zärtliche Liebe zu verwandeln. In dem Halbdunkel der Winternacht, in dem wil⸗ den, lautloſen Ringen der beiden jungen Männer hatte ſie den einen an die abſchüſſige Böſchung des Ufers gedrängt, ſeinen Fuß ausgleiten und ihn hinabſtürzen ſehen. Der Schreck hatte ihr die Sprache geraubt. Kaum daß ſie den Raum, der ſie von den Kämpfen⸗ den trennte, durcheilen und ſich überzeugen konnte, daß es nicht Bruno ſei, der hinabgeſtürzt und zwiſchen die Eisſchollen gerathen war. Dann hatte die Sorge für den Verwundeten jede andere Betrachtung ver⸗ ſchlungen. Ihn ſelbſt hielt eine wohlthätige Betäubung gebunden. Die Zeitungen meldeten indeß nichts von einem im Waſſer Verunglückten. Ein ſcharfer, mehrere Tage anhaltender Froſt war eingetreten und hatte alle Waſſer⸗ arme in ſeine Feſſeln gelegt. Wer wollte ſagen, wo⸗ hin die Wellen die Leiche getragen? Wer, wenn ſie endlich herausgezogen oder ans Ufer geſpült wurde, in der entſtellten eine beſtimmte Perſönlichkeit wieder⸗ erkennen?„Aber“, dachte Ellen oft, wenn ſie vom Fenſter des gelben Hauſes über die glatte Fläche des Stromes zum jenſeitigen Ufer hinüberblickte,„muß er denn ertrunken ſein? Kann er ſich nicht gerettet haben?“ Weder ſo breit noch ſo tief war der Fluß, um dieſe Annahme als Unwahrſcheinlichkeit erſcheinen zu laſſen. Freilich, es war im Grauen der Nacht gewe⸗ ſen, bei Treibeis, nach einem erbitterten Ringen, kopf⸗ über war er hinuntergeſtürzt— und dennoch! meinte ſie. Wochen vergingen, ehe ſie eine Nachforſchung an⸗ ſtellen konnte. Einen Andern mit einer ſolchen Auf⸗ gabe betrauen, hieß ein Verhängniß heraufbeſchwören, Es durfte nicht laut werden, daß Bruno mit Fritz gerungen und ihn in den Fluß geſtürzt habe. So viele Tage nach dem Ereigniß blieben ihre Verſuche erfolglos. Nacheinander hatte die Polizei eine ganze Anzahl verdächtiger Geſellen, die einen ſo frechen An⸗ griff gewagt haben konnten, eingezogen, verhört und 4* wieder entlaſſen. Der Schuldige war nicht entdeckt worden. Bruno hatte ſich wohl gehütet, eine genaue Perſonalbeſchreibung ſeines Gegners zu geben, und nach ſeiner erſten Vernehmung gebeten, die ganze Sache niederzuſchlagen. Das Haus in der Georgenſtraße fand Ellen als Ruine wieder; das ganze Viereck, welches die altbe⸗ rühmte Reitſchule gebildet hatte, war verkauft worden und ſeit dem Anfang des Jahres brachen geſchäftige Hände die ehemaligen Baulichkeiten ab. Von den früheren Bewohnern war keine Spur mehr zu ent⸗ decken; ſie hatten im Ausgang des Decembers das graue Haus geräumt. Nachbarn wollten wiſſen, daß der junge Fritz Wolfhart öfters die Abſicht ausgeſpro⸗ chen hätte, die Stadt zu verlaſſen und eine Wander⸗ ſchaft anzutreten, und da ſie ihn nicht mehr geſehen, ſchloſſen ſie, daß er ſeinen Plan wohl ausgeführt haben würde. Was iſt ein Atom im Ocean? Was ein Menſch ohne Anhang, ohne Verwandte in dem ungeheuren Ameiſenhaufen einer modernen Hauptſtadt? Einer hätte ihr ohne Zweifel Auskunft geben kön⸗ nen: Ruprecht; aber von allen Sterblichen mied und haßte ſie ihn am meiſten. Obgleich Bruno nie von ſeinem Streit und dem — — ——ę————ę—ꝛ—j—ꝭ—C—C—C—CL——— 53 unglücklichen Ausgang deſſelben ſprach, die Namen der beiden Geſchwiſter niemals erwähnte, als hätte eine gewaltige Erſchütterung ſeiner Seele dieſe Erin⸗ nerungen in eine lautloſe Tiefe, wie das aufgeregte Meer Schiffe mit all ihren Schätzen, verſchlungen, ſo merkte Ellen doch bald, daß er nicht nur an Fritz' Tod glaubte, ſondern ſich ſelbſt den größten Theil der Schuld daran zuſchrieb. Halb war es die Furcht, die ihn beängſtigte, wie den Verbrecher die Sorge vor der Entdeckung ſeiner That nicht ruhen läßt, halb eine düſtere, trotzige Stimmung, welche weltverachtend und herausfordernd einem unſichtbaren Frager zu antworten ſchien: Was willſt du? Das iſt der Kampf ums Daſein. Zu genau hatte Ellen jahrelang das edle, aber ſchwache Herz Bruno's beobachtet, um nicht den Vortheil zu gewahren, den dieſe Unruhe, dieſe leiſe, aber beſtändige Anklage des Gewiſſens ihren Plänen verleihen mußte. Sie hütete ſich darum wohl, den wunden Fleck zu berühren oder gar einen Balſamtropfen der Hoffnung darauf fallen zu laſſen. Heimlich gelobte ſie ſich, wenn ſie erſt mit Bruno vermählt, wenn ſiee erſt weit ent⸗ fernt von der Unglücksſtätte auf einer Reiſe, an einem ſchönen ſtillen Orte mit ihm wäre, auch dieſe Wolken von ſeiner Stirn zu zerſtreuen. Jetzt dagegen beförderte 54 ſeine Stimmung, ohne daß er ſich deſſen bewußt wurde, ſeine Abhängigkeit von ihr. Er ſagte es ſich nicht, allein es lag auf dem Grunde ſeiner Gedanken: ſie weiß um deine That, ſie kann ſie der Welt, dem Richter offenbaren. Dieſe Gewißheit würde nur ſeine Abneigung und Feindſchaft gegen Ellen verſtärkt haben, hätte nicht eine andere Wahrheit ihr das Gleichge⸗ wicht gehalten: ſie hat dich zweimal vom Tode ge⸗ rettet, ſie liebt dich. Noch hatte das Verhältniß zwiſchen Ellen und Bruno keinen Namen. Ihn darum zu befragen, wagte Keiner; er war einſiedleriſch und menſchenſcheu ge⸗ worden und wehrte ſeine früheren Freunde und Be⸗ kannten mit kalter Höflichkeit ab. Etwas hatte doch in der Geſellſchaft von ſeiner Werbung um die Gräfin Irene verlautet; er hat ſich die Finger verbrannt, ſagte man ſchadenfroh und be⸗ läſtigte ihn nicht weiter. In dieſem Kreis lebens⸗ froher junger Männer, die bisher den Umgang Bruno's gebildet, war von Miß Ellen Wood kaum jemals die Rede geweſen; der einzige, der in den Angelegenheiten und Geheimniſſen des gelben Hauſes beſſer Beſcheid wußte, Ruprecht von Schmettow, ſchwieg ſich aus. Von außen trat keine Nöthigung an die beiden heran, ihre eigenthümliche Verbindung anders, als ſie das 55 Schickſal bisher geformt, zu geſtalten. Ellen hatte zu lange gewartet, um jetzt überhaſtig nach dem Ziel zu eilen, und empfand vor dem Glück, das ihr ſo nahe war, eine Art Schauer; Bruno hatte durch die Gewalt der auf ihn einſtürmenden Ereigniſſe jeden Glauben an die Möglichkeit, ſein Leben nach ſeinem Willen zu leiten, verloren und überließ ſich den Wellen und dem Schickſal. So ganz anders, als es ſeine Abſicht und ſein Wunſch geweſen, hatte ſich Alles ge⸗ ſtaltet, daß ihm jede That als eine Schuld erſchien. Die dämoniſche Macht des Zufalls bemächtigt ſich der geringfügigſten Handlung und bildet, wenn es ihr ge⸗ fällt, ein Ungeheuer daraus, das uns entſetzt. Schließe deine Augen und laß deinen Kahn treiben— viel⸗ leicht führt ihn ein günſtiger Wind in den Hafen. Eine Aenderung in der ſtillen Lebensweiſe, die Bruno ſeit ſeiner Geneſung einhielt, nicht ſowohl zur Schonung ſeiner noch immer angegriffenen Geſund⸗ heit als aus Verſtimmung und Verdüſterung ſeines Gemüths, war durch eine Warnung des Arztes her⸗ vorgerufen worden. Wenn einer, ſo war dieſer im Bündniß mit Ellen. Ohne daß ſie ſich miteinander ausgeſprochen hatten,— verſtanden ſie ſich. An einem Krankenbett, als barm⸗ herzige Schweſter, hatte Ellen einen Glorienſchein um ————= 56 das Haupt. Auch der ſtkeptiſche, welterfahrene Arzt war dieſer Verzauberung erlegen. Er behauptete, niemals ein Frauenzimmer kennen gelernt zu haben, das ſo viel Geſchick, eine ſolch glückliche Hand und eine ſo große Herzensgüte in der Behandlung von Kranken zeigte als Miß Wood. Bei dem Tode des alten Greif hatte er die Stärke und Gefaßheit ihres Weſens, den faſt männlichen, ſtrengen Zug ihres Wil⸗ lens bewundert. Nach ſeiner Anſicht war ſie die beſte Frau für Bruno. Ihre Lebenskraft würde ihn aus ſeiner Niedergeſchlagenheit emporreißen und ihre Andächtelei, die ihm als einem„ernſthaften Atheiſten“ unangenehm war, ſich allmälig in Bruno's Schwär⸗ merei für die Kunſt und das Ideal verlieren. Ohne um ihre Leidenſchaft für Bruno zu wiſſen, ohne von ihr aufgefordert zu ſein, unterſtützte er ſo ihre Pläne. Bei dem Eintritt der ſchöneren Jahreszeit, als Bruno noch immer nicht ſeinen Mißmuth abſchütteln wollte oder konnte, hatte der Arzt bedenklich die Stirn gerunzelt.„Daß ſich dieſer Trübſinn nur nicht zu einer Gemüthskrankheit ausbildet! Er muß fort, Miß Wood, in eine andere Umgebung, unter einen andern Him⸗ mel.“ Ellen hatte eingeſtimmt. Hier, in dieſem Hauſe, unter dieſen Bäumen, im e 4 57 Angeſicht des Fluſſes, vermochte Bruno die Vergangen⸗ heit nicht zu vergeſſen.„Hier“, ſagte ſie ſich ganz leiſe, „wo der Schatten ſeines Vaters umgeht, wie könnte er zu dir in Liebe reden?“ Der Gedanke einer Reiſe, eines längeren Aufent⸗ halts in ländlicher Stille, den ſie im Geſpräch hin⸗ warf, zündete in Bruno's Gemüth. Auch er ſehnte ſich aus dem Altgewohnten heraus, in der unbeſtimm⸗ ten Hoffnung, in der Fremde ſeiner Unruhe und Ver⸗ bitterung los und ledig zu werden. Unerwartet ſchnell nahm dieſer Plan Form und Geſtalt an. Bruno hörte, daß der Fürſt Hochberg das ehe⸗ malige Jagdſchloß Ilmburg, das er während des ver⸗ gangenen Sommers gekauft, zum Theil neu einge⸗ richtet und bewohnt hatte, wieder verkaufen wolle. Die Luſt kam ihn an, das Beſitzthum des Mannes zu erſtehen, der ihm die Hand Irenens entriſſen. Durch die Vermittelung eines Banquiers ward der Handel, ſehr zu Gunſten Bruno's, abgeſchloſſen; der Fürſt hatte ſich, wie es ſchien, um jeden Preis einer Beſitzung entledigen wollen, deren Erwähnung ſchon ihm peinliche Vorfälle ins Gedächtniß zurückrief. Mit jenem ironiſchen Lächeln, das ſeit einiger Zeit ſeine Lippen umſpielte, hatte Bruno am Abend, als der Contract unterzeichnet worden war, Ellen das Ganze mitgetheilt. „Das iſt nun der erſte Ariſtokrat unſeres Lan⸗ des“, ſagte er,„und er verſchachert das Haus, in dem ſeine Gattin geſtorben, drei Monate nach ihrem Tode. Welche Augen Gräfin Irene machen wird, wenn ſie den Namen des wirklichen Käufers von Ilmburg er⸗ fährt!“ Um die Lage und Ausſtattung des Schlößchens kennen zu lernen, bat er Ellen, die Reiſe nicht zu ſcheuen und es ſich anzuſehen. Der Wunſch, daß ſie dieſen Aufenthalt mit ihm theilen möge, konnte nicht feiner als in dieſer Form angedeutet werden. Ellen wollte die Verantwortung nicht auf ſich allein nehmen und ließ ſich von dem Arzte begleiten. Durchaus befriedigt kehrten beide zurück. Am Ausgang der ECbene, von Bergen und Wäl⸗ dern geſchützt, in der Nähe eines betriebſamen Markt⸗ fleckens, den Blick nach Süden, gelegen, bot das Schloß gerade für ein verſtimmtes Gemüth die mannichfaltigſten Reize. Der Park, der ſich beinahe in den Hochwald verlor, lud zu einſamen Spaziergängen, zum Ausruhen an ſchönen Ausſichtspunkten ein. Mit lebendigem Fall, murmelnd und rauſchend, durchſtrömte ein Bergbach die Landſchaft, um ſich unterhalb des Fleckens in den — 4 59 größeren Fluß zu ergießen. Weithin umgaben nach allen Seiten Kornfelder den Ort. Geiſtige Anregungen und Genüſſe verſprach die herzogliche Reſidenz, die man in einer kurzen und angenehmen Fahrt erreichte. Die idylliſche Natur vereinigte ſich mit den Annehm⸗ lichkeiten des modernen Lebens, die Möglichkeit des Stillgenießens mit dem Reiz einer liebenswürdigen Geſellſchaft, um ein krankes Herz ſanft und langſam zu heilen. Für den Anfang des Junimonats war die Ueber⸗ ſiedelung nach Ilmburg beſchloſſen. Zwei der ver⸗ trauteſten Diener und die alte Haushälterin, die ſich in die Gewohnheiten Bruno's eingelebt hatten, wurden vorausgeſchickt. „Werden Sie mich begleiten, Ellen?“ hatte er ſie dann gefragt. „Wenn Sie es wünſchen, Herr Greif.“ „Haben Sie aber auch bedacht, daß man Sie bald für meine Geliebte ausgeben wird? Die Frau⸗ baſereien einer kleinen Stadt—“ Und er hatte ſpöttiſch gelacht. Bei dieſem Gelächter fühlte Ellen etwas wie Sil⸗ via wieder in ſich erwachen und ſelber lachend hätte ſie ihm um den Hals fallen mögen. Doch hielt ſie 60 an ſich und blickte ihn nur mit ihrem ſchwimmenden, feucht verklärten Blick an. „Da wir ſo lange wie Bruder und Schweſter vor Gott nebeneinander gelebt haben“, ſagte ſie,„warum ſollte ich mich vor Gerüchten und Verleumdungen fürchten?“ „Alſo Sie wagen es mit mir, Ellen?“ „Ich wage es mit Ihnen, Bruno.“ Es war das erſte Mal, daß ſie ihn mit ſeinem Vornamen anredete, und ſie erröthete, nicht aus Scham oder Verlegenheit über ihre Kühnheit, ſondern im Ausbruch der Freude, daß ſie ihm dadurch geſtehen durfte, was er immer für ſie geweſen war. Gab es noch Schatten und Irrungen zwiſchen ihnen, die Einſamkeit, das ungeſtörte Zuſammenſein in Ilmburg würde ſie bald zerſtreuen. Schon hatte ſich Ellen, als ſie vor einigen Tagen, ihm voraus⸗ eilend, auf dem Schloſſe angekommen war und den Pfarrer des kleinen Ortes beſucht und ihm im Namen des neuen Beſitzers eine Summe für die Armen und die Kranken ſeiner Gemeinde eingehändigt hatte, das Bild ihrer Trauung in der alterthümlichen Kirche ausgemalt: an einem ſtillen Sonntag, in Gegenwart der ſchlichten Männer und Frauen, die ſie und Bruno anſtaunten und nichts von ihnen wußten, als daß ſie ——.—— — 64 ebenſo ſchön und reich wie wohlthätig und leutſelig wären. Den Pfarrer hatte ihre Erſcheinung, der fromme Schimmer ihres Weſens, das reiche Geſchenk für die Bedürftigen geblendet. Das war doch eine ganz andere Dame als die Fürſtin Hochberg mit ihren übermüthigen Spöttereien, die ihn kaum einer längeren Unterredung gewürdigt und nie ſeine Kirche betreten hatte. Ueberdies fand Ellen unerwartet in der Pfarr⸗ wohnung einen Freund: den Candidaten Timotheus Eyſſenhart. Aus ſeiner afrikaniſchen Miſſion war nichts geworden. Das gefährliche Fieber hatte den Armen ſo hart mitgenommen, daß er dieſen höchſten Zweck ſeines Lebens zunächſt hatte aufgeben müſſen. Er betrachtete ſich als einen jener Elenden, die Gott von ſeinem Angeſicht nach ſeiner unerforſchlichen Wahl verworfen. Mit dem Pfarrer von Ilmburg, der um einige Jahre älter war, hatte er eine Weile zuſammen ſtudirt; eine Jugendfreundſchaft hatte ſich damals an⸗ geknüpft, die jetzt noch nachwirkte. Denn als der Pfarrer von dem Leiden ſeines Freundes durch die Mittheilung gemeinſchaftlicher Bekannten hörte, hatte er Timotheus zu ſich eingeladen, um ſeine vollſtändige Geneſung von der kräftigenden Landluft und dem Leben in reineren und einfacheren Zuſtänden zu — — 62 erwarten. Als Ellen ihn wiederſah, wohnte er ſchon ſeit zwei Monaten bei dem Pfarrer. Sie hätte ihn nur ſchwer wiedererkannt, wenn er nicht bei dem Klang ihrer Stimme aus einem Nebenzimmer mit dem Aus⸗ ruf:„Der Engel! Der Engel!“ herbeigeſtürzt, vor ihr niedergekniet und vom Pfarrer Timotheus ge⸗ nannt worden wäre. Körperlich wie geiſtig ſchien er gebrochen. Von ſeiner früheren Johannesſchönheit war kaum eine Spur mehr vorhanden. In ſeinen tiefliegenden Augen brannte ein düſteres Feuer, der Brand der Schwärmerei, die ihn verzehrte. Der Pfarrer verſicherte, daß dieſe Anfälle des Irrſinns— er bezeichnete ſie als eine Ueberſpannung des Schuldgefühls und der Empfindung der menſch⸗ lichen Unzulänglichkeit gegenüber der Gerechtigkeit Gottes— immer nur vorübergehend und von kurzer Dauer ſeien. Auch hatte ſich Timotheus bald von ſeiner erſten Ergriffenheit beim Anblick Ellen's erholt. Und wie der Pfarrer von der Anweſenheit der„from⸗ men und engelſchönen“ Dame das Beſte für ſeinen Freund hoffte, ſo konnte Ellen ihrerſeits überzeugt ſein, in Timotheus den beredteſten Vertheidiger, ja ein zu Allem williges Werkzeug zu haben. Inmitten dieſes Glückes waren zwei ſchwarze Punkte am Himmel aufgetaucht, zwei kleine, unſchein⸗ bare, noch fern liegende Punkte, gerade wie die an⸗ fangs kaum ſichtbare Wolke am Morgenhimmel, die dem kundigen Auge des Seemanns einen gewaltigen Sturm zum Abend verkündigt: Ruprecht und Clara. Die eine ein armes Mädchen, eine Arbeiterin, halbwegs eine verlaſſene Geliebte, der andere ein Abenteurer, ein liſtiger und waghalſiger Mann; beide nach Allem, was geſchehen, gegen ſie und Bruno gereizt und zur Rache entſchloſſen. Wenn Bruno Clara wiederſah, wenn es ſich herausſtellte, daß Fritz nicht im Waſſer umgekommen, wie leicht konnte da die echte, die wahre Leidenſchaft wieder aufflammen und das künſtliche Gehäuſe, in das Ellen ihn gebannt hatte, verbrennen! Schon bei dem Gedanken empfand Ellen etwas wie den Todeskampf in ihrem Herzen. In ihrem Ohr hallten noch die Schwüre und Verwünſchungen Ru⸗ precht's nach; aber im Angeſicht der Gefahren, die ſie von links und rechts bedrohten, war auch ihre ganze Energie erwacht. Es galt das höchſte Gut ihres Lebens und ſie fühlte die Wildheit einer Löwin in ſich, die man von ihrer Beute vertreiben will. Wie die Dinge ſtanden, erſchien ihr Clara als die ſchwächere Feindin. Weder war es wahrſcheinlich, 64 daß Bruno einen Verſuch machen würde, ſich ihr zu nähern, ſolange er ſich noch von der ſchweren Schuld belaſtet glaubte, noch daß Clara, die Tiefgekränkte, in ihrem ſtolzen Sinn abſichtlich ſeinen Weg kreuzen würde. In jeder großen Entſcheidung liebte es Ellen, ihre Karten ſo offen als möglich zu zeigen. Ihre Aufrichtigkeit erweckte unwillkürlich auch die ihres Gegners. Sich über Clara's Verhältniſſe, die Gewohn heiten ihres jetzigen Lebens unterrichten, hieß je nach⸗ dem einen Punkt des Angriffs oder der Anknüpfung der alten Freundſchaft finden. Am nächſten Morgen machte ſie dem Fräulein Wolfhart—„Wiſſen Sie, Mylady“, ſagte der Wirth unter beſtändigen Verneigungen,„das Fräulein iſt zwar nur ein armes Mädchen, eine geſchickte Stickerin, aber ſie hat vornehme Bekanntſchaften und einen Fuß bei Hof, wir ſind aber nur ein Kleinſtaat und ein Dorf mit einem großen Schloß daran“— einen Beſuch! Sie traf Clara im Garten, einen breiten Stroh⸗ hut auf den braunen Flechten, mit der Pflege der Blumen beſchäftigt. Welch ein Wiederſehen! In Clara's gutem Herzen überwand doch bald die Erinnerung der früheren Freundſchaft und die Regung der Dankbarkeit für Alles, was Ellen ihr und 65 ihrer Mutter geleiſtet, die Eiferſucht gegen die glück⸗ liche Nebenbuhlerin und den Argwohn, den ihr geſtern einzuimpfen Ruprecht ſich bemüht hatte. Zu edel und zu rein rann ihr Blut, um lange einen fremden, giftigen Tropfen darin zu dulden. Sie ſetzte die Gieß⸗ kanne zur Erde und ſtreckte beide Hände nach Ellen aus. So empfangen, hatte dieſe keine Schwierigkeit, ihre Schmeichel⸗ und Ueberredungskünſte ſpielen zu laſſen. Weit offen fand ſie den Zugang zu Clara's Herzen, den ſie feſt verwahrt gefürchtet. In den Vor⸗ würfen, mit denen ſie in zärtlichem Schmerz die Freun⸗ din überſchüttete, daß ſie ihr ſo hartnäckig ihren Aufenthalt verſchwiegen und nicht das kleinſte Zeichen ihres Daſeins gegeben hätte, war eine gewiſſe Wahr⸗ heit, eine Rührung, die in ihrer Stimme wider⸗ klang. Auf einer Bank im Garten ſitzend, ſprachen ſie dann wie in vergangenen Tagen. Clara ſchien ſtill in ihr Schickſal ergeben zu ſein. Von den goldenen Zukunftsträumen war ſie zurück⸗ gekommen und blickte zu dem Ideal eines freien und ſchönen Lebens wie zu den unerreichbaren Sternen auf. Die Armen haben kein Anrecht auf die Schön⸗ heit; ihnen iſt es nicht erlaubt, ſie zu berühren; wenn Frenzel, Silvia. IV. 5 es ihnen vergönnt iſt, ſie aus der Ferne anzuſtaunen und den ſchwächſten Widerſchein ihres Glanzes im eigenen Buſen zu empfinden, haben ſie ein glückliches Loos gezogen. War es die harte Prüfung durch das Geſchick, war es der Einfluß der Weisheitslehre Adelens, Clara's Trotz und Anſturm gegen die Schran⸗ ken, welche ihr die Geburt und nachher das Unglück ihres Vaters gezogen, hatten ſich beſänftigt, eine mildere Stimmung waltete in ihr und verlieh ihr mit einer größeren Ruhe des Aufretens bei aller Ent⸗ ſagung eine ſtill heitere Gefaßtheit. Aber als nun die Reihe des Erzählens an Ellen kam und der Name Bruno's genannt wurde, erfuhr dieſe Standhaftigkeit doch eine tiefe Erſchütterung. Nicht in Thränen, in Zorn und Klagen brach Clara aus, allein in tauſend unbedeutenden, nur dem beob⸗ achtenden Blick Ellen's verſtändlichen Zeichen offen⸗ barte ſich die Flamme der alten Liebe. Begierig verſchlang Clara jedes Wort der Neben⸗ buhlerin, obgleich jedes nur ihre Qual vermehrte. Die Luſt, von ihm zu hören, wog beinahe den Schmerz, von ihm verlaſſen zu ſein, auf. Daß er leidend, un⸗ glücklich war, milderte ſeine Schuld in Clara's Augen; wenn er auch ihre Liebe nicht mehr verdiente, vielleicht bedurfte er doppelt ihres Mitleids. Und wie klug 67 Ellen ihre Erzählung einrichtete, weder Bruno's lang⸗ wierige Krankheit noch ſeine ſeeliſche Verſtimmung konnte ſie ganz mit Stillſchweigen übergehen. „Zu viel“, ſagte ſie,„hat ihn auf einmal betroffen. Er, ein Kind des Glückes, der im Grunde noch nie einen herben Verluſt erlitten hatte, hat nun die härteſten Schläge hinnehmen müſſen. Erſt Deine Flucht, dann das Zerwürfniß mit der Gräfin Reinsberg, die Auf⸗ hebung einer Verbindung, die ſeinem Stolz geſchmeichelt; dazu die ſchleichende Krankheit, die ihm täglich neue Grillen und neuen Mißmuth ſchuf— zuletzt die Ent⸗ deckung des traurigen Geheimniſſes...“ „Haſt Du es ihm verrathen? Nein, nicht ſo! Hat er es Dir in einem unbewachten Augenblick ent⸗ riſſen?“ fragte Clara in ängſtlicher Spannung. „Ich habe den Schwur gehalten, den wir beide uns an der Leiche des unglücklichen alten Mannes gelobt“, entgegnete Ellen mit einer gewiſſen Feierlich⸗ keit.„Aber Bruno hat irgendwo ein Tagebuch ſeines Vaters gefunden und aus den Aufzeichnungen, die es enthielt, Alles errathen. Sein Schreck, ſein Ent⸗ ſetzen über den Selbſtmord Martin's ſind nach meiner Ueberzeugung die erſte Urſache ſeiner Krankheit ge⸗ weſen. Er hatte Niemand, in deſſen Herz er ſeinen Schreck, ſeine Trauer ausſchütten konnte.“ 5* ————— ſ 3 5 ,¹⅓⅛ „Und jetzt hoffſt Du ihn zu heilen? Du gehſt mit ihm nach Ilmburg?“ „Herr von Schmettow hat es Dir mitgetheilt? Geſteh' es nur, ein treuer Verehrer! Ja, Bruno hat Schloß Ilmburg gekauft und wird dort einige Zeit leben. In Deiner Nähe!“ „Mit Dir!“ „Sollte ich ihn Miethlingen überlaſſen? Im Geiſt und vor Gott ſind Bruno und ich Geſchwiſter. Durfte mich das Gerede der Menſchen kümmern, wo es die Uebung der heiligſten Pflicht gilt?“ „Ich ſchelte Dich nicht...“ „Aber Du gönnſt mir den Platz an ſeiner Seite nicht?“ „Nein“, entgegnete Clara.„Du wirſt nicht das Unmögliche von mir verlangen. Mit allen Kräften meiner Seele habe ich gerungen, mich von ihm loszu⸗ löſen. Es iſt ein vergeblicher Kampf. Immer wird mich der Drang meines Herzens ihm entgegen⸗, ihm nachtreiben, niemals wird mich ſein Bild verlaſſen. Niemals— ich weiß es; wie die Blumen aus Mangel an Licht vergehen, werde ich hinſchwinden, weil ſeine Liebe mir fehlt. Aber ſei ruhig, ich werde Dein Glück nicht zu zerſtören ſuchen. Was bin ich, um gegen Dich zu ſtreiten? Was könnte ich ihm ſein? Ich vermag in ſeinem Herzen keine Wurzel zu ſchla⸗ 69 gen. Wohl werde ich Dich ſtets beneiden, aber wenn Du ihn heilſt und ihm ſein Leben fröhlich geſtalteſt — ſei geſegnet!“ Und als fürchtete ſie, daß die Kraft der Entſa⸗ gung im Anblick ihrer ſiegreichen Nebenbuhlerin ſie endlich doch verlaſſen würde, erhob ſie ſich ſchnell und eilte in das Haus zurück. „Clara! Clara!“ rief ihr Ellen nach.„Geh' nicht ſo von mir— doch ich ſehe Dich wieder.“ Sie war mit dieſem haſtigen Abbruch des Ge⸗ ſprächs nicht zufrieden und hätte gern gewünſcht, ſich Clara's beſſer zu verſichern. Freiwillig würde Clara freilich nicht Bruno auf⸗ ſuchen, allein wer iſt Herr des Zufalls? War es möglich, ihm den Aufenthalt Clara's noch länger zu verbergen? Mußte nicht die flüchtigſte Begegnung mit Schmettow an dieſen Orten in ihm den Gedanken hervorrufen, daß auch Clara nicht fern ſei? „Sie dürfen ſich nicht wiederſehen“, ſagte Ellen auf dem Heimwege nach dem Gaſthauſe zu ſich.„Ich muß die Kluft, die zwiſchen ihnen gähnt, ſo vertiefen und erweitern, daß ſie nicht mehr zu überbrücken iſt. Untreue, gekränkter Stolz— ein Blick, ein Kuß der Liebe ſchließt ſolche Wunden.“ In der Dämmerung, die ſich um ihren Geiſt ge⸗ — lagert, gewahrte Ellen kein Licht; mehr und mehr ver⸗ finſterte ſich ihre Seele, und die Pläne tödtlichen Haſſes verdichteten und ballten ſich zu einem Gewitter zuſammen. Ihr fielen die furchtbaren, ſchönen und dämoniſchen Frauen der jüdiſchen Heldenzeit ein. „Gott“, rief es in ihr,„großer, geheimnißvoller Gott, der in der Wildniß von Kanſas zuerſt zu dem Kinde geredet, zu dem ich, verlaſſen, verſchmachtend, in der Schneewüſte die Hände erhob, gib meine Feinde in meine Macht!“ In der erſten Stunde des Nachmittags begrüßte ſie Bruno auf dem Bahnhofe der Eiſenbahn. Er war heiterer als ſeit vielen Tagen. Die Reiſe, der wolkenloſe Himmel, die Ausſicht auf ſtille, träumeriſche Wochen in einer anmuthigen Landſchaft, die Erwar⸗ tung des Neuen hatten vortheilhaft auf ihn gewirkt. Sie trug, ihm zu gefallen, da er dieſe Farbe liebte, ein Kleid von blauer Seide und ließ ihr roth⸗ goldenes lockiges Haar unter ihrem Hut hervor frei über ihren Nacken wallen. Diejenigen, die ſie früher nur in ihrem klöſterlichen grauen Kleide gekannt hatten, würden, ſie ſo ſehend, ſich über den glänzenden Schmet⸗ terling gewundert haben, der aus der unſcheinbaren Hülle geſchlüpft war. Es war der Anfang der Ver⸗ wandlung; das Kleid ändert die Stimmung, den G 3 71 Charakter des Menſchen, langſam ſollte aus der barm⸗ herzigen Schweſter Ellen die ſchimmernde, lebensluſtige Nymphe Silvia werden. „Da bin ich, Schweſter“, ſagte er mit eigener Betonung, als er den Waggon verlaſſen, und be⸗ trachtete ſie mit einer Neugierde, in die ſich ein Zug des Wohlgefallens miſchte.„Ganz wie die holde Göt⸗ tin des Frühlings!“ „Flüchten wir nicht nach Arkadien?“ erwiderte ſie zwiſchen Sinnigkeit und Schelmerei.„Ich habe das paſſende Gewand dazu gewählt.“ „Und das graue Kleid iſt für immer dahinten geblieben?“— „Ich hoffe es.“ „Wenn wir Erinnerungen ſo leicht wegwerfen könnten wie Kleider, weil ſie alt und häßlich geworden!“ „Und ſind Begebenheiten und Zuſtände etwas Anderes als die Hüllen unſerer Seele? Die Zeit ſelbſt zwingt uns, eine nach der andern abzulegen.“ „Da bleibt nur die Frage, ob es immer ohne Schaden für die arme Seele geſchieht“, meinte er mit ſeinem halben Lächeln. „In unſerem Falle gewiß, denn wir vertauſchen den Winter mit dem Frühling—“ „Und Grau mit Blau. Sie ſind immer in munte⸗ „ rer Laune, Ellen, und ich danke Ihnen dafür. Sie haben ſo viele Mühe mit mir und meinem Mißmuth. Ich komme mir vor wie ein verſtimmtes Klavier. Ge⸗ rade der trefflichſte Künſtler macht die ſchlechteſte Mu⸗ ſik darauf.“ „Laſſen Sie die Töne nur klingen, wie ſie wollen; für mich iſt Harmonie darin.“ Eine halbe Stunde darauf fuhren ſie im offenen Wagen durch die ſonnigen, menſchenleeren Gaſſen der kleinen Stadt. „Dort wohnt Hellburg“, zeigte Bruno auf ein einſtöckiges gelbes Haus.„Wir waren ſo gute Freunde und ſind es noch und verſtehen uns doch ſo gar nicht mehr! Er wird jetzt in ſeinem Atelier ſein und malen und malen! Befreit, beruhigt, füllt das in Wahrheit ein Menſchenherz aus?“ „Sie werden ihn nach Ilmburg einladen und in der ſchönen Freiheit, in dem traulichen Verkehr des Landlebens werden Sie bald wieder die mannichfaltig⸗ ſten Berührungspunkte zueinander finden.“ „Haben Sie ſich vielleicht ſchon mit ihm verſchwo⸗ ren, Timon aus ſeiner Höhle zu jagen?“ „Sie ſollen nicht den Timon ſpielen. Ich will's nicht, Bruno. Sie müſſen wieder werden, was Sie waren, ein Freund Ihrer Freunde, in Ihrem Wirkungs⸗ — „ — „ kreiſe der erſte Mann. Ach, Sie haben mich ſtets ver⸗ kannt und nie einſehen wollen, daß meine Freund⸗ ſchaft für Sie das glänzendſte, das rühmlichſte Schick⸗ ſal erſehnt.“ „Und trotz der Schatten, die mich umringen, ſoll ich Ihre Hoffnungen verwirklichen? Sie überſchätzen meine Kraft, gute Ellen. Das Dämoniſche, das in mein Leben gegriffen hat, läßt ſich nicht durch eine Willensanſtrengung bewältigen, dazu bedürfte es eines andern Zaubers.“ „Des Liebeszaubers?“ fragte ſie flüſternd und ſchaute ihn mit ihren halb ſchmachtenden, halb ſtrahlen⸗ den Blicken an. Sie lag weich zurückgelehnt im Wagen, wie er⸗ müdet vom Mittagsſonnenſchein; ihr Mund war ein wenig wollüſtig geöffnet. Gerade fuhren ſie an dem letzten Hauſe der Stadt vorüber, in die von hohen Linden und Kaſtanien umſäumte Straße hinein. Läſſig wendete Ellen den Kopf nach den Fenſtern zurück, wo ſie am geſtrigen Abend das trotzige Geſicht Ru⸗ precht's und die ſchlanke Geſtalt Clara's erſchreckt. Heute waren die Vorhänge dicht niedergelaſſen. Als Clara das Rollen der Räder auf den Steinen vernahm, hatte ſie ihre Arbeit fallen laſſen und war zum Fenſter geeilt; ſie wußte wohl, daß ſie nur einen Anblick haben würde, der ihr Herz zerriß, aber die Gewalt der Liebe war ſtärker als die Ueberlegung. Nun hatte ſie geſehen und lag auf dem Boden ihres Gemaches und weinte. Wenn das Leben im Schmerz verſteinen, wenn es mit unſern Thränen dahinfließen könnte! Ungetrocknet von einer lieben Hand rannen Clara's Thränen... und draußen entfernte ſich der Wagen weiter und weiter, in der ſonnendurchblitzten Staub⸗ wolke dahinſchwindend, die er um ſich aufwühlte. Genau in demſelben Augenblicke, wo Ellen auf dem Bahnhofe Bruno die Hand reichte, hatte Ruprecht vier Meilen davon im Garten des Schloſſes zu Ilm⸗ burg eine ſeltſame Viſion. Er gehörte zu den Menſchen, denen Andere ſchwer etwas verweigern können. Eine rauhe Liebens⸗ würdigkeit milderte ſein gebieteriſches Auftreten, ſeine Zudringlichkeit bewahrte einen Zug von Vornehmheit. Trotz des Verbots der Miß Wood, Schloß und Gar⸗ ten einem Fremden zu zeigen, hatten die Diener dem Verlangen und einem guten Trinkgeld des Barons von Schmettow nicht widerſtanden. „Schnickſchnack“, hatte er gepoltert,„bin kein Fremder; muß mich ia doch der lange Heinrich und die gute Frau Laufert von mancher fröhlichen Mahlzeit im gelben Schloſſe kennen. Da iſt meine Karte für 4 2 . —=— 75 Herrn Bruno Greif und eine andere für Miß Wood. Und nun ſperrt die Thüren auf!“ In dem ganzen Schloſſe gab es für Ruprecht's Sinn und Geſchmack nichts Merkwürdiges. Ein Ro⸗ cocogebäude, halb Jagd⸗, halb Luſtſchloß einer ſeit ſechzig Jahren ausgeſtorbenen Seitenlinie des thüringi⸗ ſchen Herzogsgeſchlechts. Die Adelsfamilie, die es dann erſtanden, hatte dem Hauſe ein zweites Stockwerk auf⸗ geſetzt und ihm jeden architektoniſchen Reiz genommen. Die innere Einrichtung ſtammte zum größten Theil, wenigſtens in den Empfangsgemächern und in dem großen, mit alten Geweihen und einem Jagdbild in koſtbarem Rahmen geſchmückten Speiſeſaal, von dem letzten Beſitzer, dem Fürſten Hochberg, her. Ruprecht war es auch gar nicht um etwaige Al⸗ terthümlichkeiten oder die Chronik des Hauſes zu thun, die der alte Hausmeiſter— er ſollte heute noch in Bruno Greif ſeinen vierten Herrn begrüßen; er war gleichſam mit dem Schloſſe vererbt und verkauft wor⸗ den— geläufig und redſelig vortrug, er wollte nur bei einem ſolchen Rundgange durch ſeine hin und her ſpringenden Fragen den Dienern die Geheimniſſe Ellen's ablocken. Waren ſie verlobt? Wurde hier eine Trau⸗ ung beabſichtigt? Aber der Caſtellan, der immer noch beim Jahre 1780 verweilte— damals hatte hier eine Geiſterbeſchwörung ſtattgefunden, unter dem Vorſitz eines berühmten Geiſterbanners— konnte Schmettow's Anſpielungen und der lange Heinrich mochte ſie offen⸗ bar nicht verſtehen. Verdrießlich war Ruprecht in den Garten getreten. Anfangs eben, mit Raſenplätzen, Blumenbeeten und Baumgängen beſetzt, ſtieg das Terrain allmälig an. Eine breite Allee führte empor. Plötzlich ſtand Ru⸗ precht auf dem ſchmalen Rande einer jähen, wohl hundert Fuß in die Tiefe abſtürzenden Felswand. Eine Schlucht, vielleicht von uralters her durch die Gewalt des Waſſers geriſſen, trennte die Hügellehne des Gartens von dem jenſeiteigen Bergrücken. Dieſſeits hatte man das Schloß und den Garten, der ſich zu einem kleinen Gehölz ausweitete, drüben lag der Hochwald von Tan⸗ nen und Fichten. Hier, an dieſer Stelle, als er eben noch den Fuß zurückzog, denn den nächſten Schritt würde er in das Leere gethan haben, hatte er eine Erſcheinung. Es war ihm, als verwandle ſich die Landſchaft oder als ſähe er durch einen Schleier: das war der rothe Felſen, in der Schlucht floß der gelbe Bach, drüben war die Fichtenwaldung von Virgina⸗City. Und wie dort führte ein Bret, von einem Felsrand zum andern geworfen, eine leichte Brücke, über den Abgrund. 77 Zwiſchen den Fichtenſtämmen ſchimmerte im blenden⸗ den Sonnenlicht ein weißes Gewand, darüber flatterte eine blauſeidene Schärpe, dann wurden rothgoldene Haare ſichtbar, eine Frauengeſtalt, und jetzt guckte Silvia's Geſicht aus den Zweigen und ihre Stimme rief verführeriſch und ſpöttiſch: „Komm' doch, großer Goliath, komm' doch!“ Ruprecht war die Steile vielleicht zu haſtig hinauf⸗ geſtürmt, er keuchte, er drückte beide Hände vor die Augen, um ſich des lockenden Bildes zu erwehren. Aber als er ſie wieder fortnahm, ſtand drüben Silvia und lachte: „Fange mich doch, großer Teufel!“ Ihm ſchwindelte; wie vom Mittagsſonnenbrand erhitzt, ſiedete das Blut in ſeinen Adern. „Wenn ich der große Teufel bin—“ ſchrie e er. Indem tauchte eine lange, hagere Geſtalt in einem bis beinahe auf die Füße reichenden ſchwarzen Prieſter⸗ rock dicht vor ihm auf, wie über dem Abgrund ſchwe⸗ bend. Ruprecht prallte zurück und ſtrauchelte über eine Baumwurzel. Der Hut fiel ihm vom Kopfe und rollte in die Schlucht. Wie mit einem Schlage war das Geſicht zerſto⸗ ben, ſeine Geiſtesgegenwart kehrte ihm wieder. Die ſchwarze Geſtalt ſetzte den Fuß auf den dieſ⸗ ſeitigen Rand des Abhangs; der Mann war über die Bohlen geſchritten, die, wie Ruprecht nun mit weitgeöffneten, nicht mehr getrübten Augen ſah, in der That als eine Art Brücke vom Garten in den Wald dienten. „Da liegt nun der große Goliath, Gott hat ihn durch den Sohn Iſai's gefällt“, ſagte der Ankömm⸗ ling und erhob den Arm.„Ehre ſei Gott in der Höhe!“ „Meinetwegen“, brummte Ruprecht, der ſich mit dem Rücken gegen einen Baumſtamm lehnte.„Haben aber nicht die geringſte Aehnlichkeit mit dem kleinen David, mein würdiger Herr, und eine Weiſe, ſich vorzu⸗ ſtellen, die etwas ſonderbar iſt. Heiße Ruprecht von Schmettow, mit wem habe ich die Ehre?“ Eine Weile ſtarrte ihn der andere mit einem Ausdruck an, in dem ſich Furcht und Erſtaunen mit der Scheuheit und Bewußtloſigkeit des Wahnſinns theilten. Langſam wich dann die Aufregung aus ſei⸗ nen Zügen, die Erkenntniß, das Beſinnen auf ſich ſelbſt ſchien ihm zurückzukehren. Nicht mehr ein Wüthender, ein Leidender ſtand Ruprecht gegenüber. „Ich heiße Timotheus Eyſſenhart“, ſagte er,„und bin ein unwürdiger Diener des Herrn.“ Und zugleich machte er eine Bewegung, als wolle er wieder über die ſchwankende Brücke gehen und ſich in das Dunkel des Waldes flüchten. „Eyſſenhart? Candidat? Da ſind wir alte Be⸗ kannte“, rief Ruprecht und faßte ihn an der Schulter. „Halt da, mein guter Freund! Ein Nachtwandler kommt mit heiler Haut über den Steg, aber wie Sie jetzt ausſehen, dürften Sie ſich den Hals dabei brechen.“ „Und die Engel Gottes werden Dir den Pfad bereiten...“ „Beim rothen Kreuz! Stillgeſtanden! Der Teu⸗ fel will's.“ „Warum nannten Sie ſich vorhin den großen Teufel?“ fragte furchtſam Timotheus. Sein Arm war noch immer in dem eiſernen Griff Ruprecht's. „Ich 2 Schmettow rieb ſich die Stirn. „Sie riefen es hinüber, als ich in ſtiller Betrach⸗ tung unter den Tannen ging. Ich bin im beſtändigen Kampf mit dem böſen Feinde. Einmal bin ich ihm unterlegen und deshalb von Gottes Angeſicht verw or⸗ fen worden, aber...“ „Das nächſte Mal hoffen Sie Ihre Revanche zu 80 nehmen. Das iſt brav. Wünſche Ihnen im voraus Glück im Zweikampf gegen Satan.“— „Ich werde ihn tödten“, ſagte Timotheus dumpf vor ſich hin und in ſeinen Augen leuchtete wieder der gefä hrliche Blitz der Tollheit. Schmettow wollte ſich vor Lachen ausſchütten. „Iſt hier der verzauberte Wald? Dazu die Mittagsſchwüle. Habe einen Wolfshunger und einen Wüſtendurſt. Sie auch? Iſt die richtige Körperver⸗ ſtimmung, um Geſpenſter zu ſehen und ein Heiliger zu werden. Kommen Sie mit ins Schloß, Herr Can⸗ didat, die Leute werden uns doch eine Flaſche Wein geben können.“ Timotheus war ganz in ſich verſunken und ſchritt ſchweigend neben Schmettow, der ihn unter dem Arm gefaßt hielt, einher. Um ſein eingefallenes Geſicht flatterten ſeine blonden Haare, ein langer Bart floß auf ſeine Bruſt herab. In der rechten Hand hatte er ein Käppchen, das er trotz Ruprecht's wiederholter Mahnung nicht aufſetzen wollte. „Bereiten Sie ſich ſchon für die afrikaniſche Hitze vor?“ „Wer hat Ihnen geſagt...“ „Ich weiß nicht Alles, aber viel iſt mir bekannt. Mephiſto— Sie verſtehen mich? Haben eine afri⸗ 81 kaniſche Miſſion vor, lieber Freund. Calculire, daß Sie eine kühlere Jahreszeit für Ihre Reiſe abwarten wollen. Ich habe mir einmal das Vergnügen gemacht, Sie in Berlin, Ackerſtraße Nummer zehn, zu beſuchen auit Miß Wood.“ „Mit Miß Ellen Wood? Wie dürfen Sie ſich in die Nähe dieſes Engels wagen? Verzeihung, ich vergeſſe, daß Sie Herr von—“ „Schmettow. Der große Goliath oder der große Teufel ſind nichts als Indianerbeinamen, die ich drüben jenſeits des Waſſers nicht ohne einige Berech⸗ tigung führte, gerade wie Miß Wood dort und hier der Engel heißt. Sie ſind der Dame hier ſchon be⸗ gegnet?“ „Ja, mein werther Herr. Der Pfarrer des Orts iſt mein Freund, ich wohne bei ihm. Gleich am erſten Tage ihrer Ankunft hat Miß Wood ihm eine Geld⸗ ſumme für ſeine Armen übergeben. Ihre Stimme hat mich aus der Grube der Trübſal erlöſt. Mein Kopf hat von der langen Krankheit gelitten— Sie müſſen Mitleid und Geduld mit mir haben. Miß Wood wird mir als Schutzgeiſt gegen die Dämonen zur Seite ſtehen, darum habe ich ihren Eintritt in dies Haus als ein Zeichen gedeutet, daß Gott mich noch nicht ganz verſtoßen hat.“ Frenzel, Silvia. IV. 6 — „Armer Schächer der Liebe und der Gottesfurcht“, dachte Ruprecht und reckte ſich zu ſeiner ganzen Höhe auf. „Gut eſſen, gut trinken und nicht zu viel in die Sonne gehen, mein beſter Herr Candidat“, ſagte er laut, „das iſt die beſte Weiſe, um Gottes Gnade zu ver⸗ dienen. Können's einem Manne glauben, der wie der Erzvater Jakob ſeine Proben in dieſem Kampfe ab⸗ gelegt hat.“ „Sie hätten mit Gott gerungen?“ entgegnete Timotheus mißtrauiſch.„Er iſt furchtbar in ſeinem Grimm und zermalmt unſer Herz.“ „Mit Unterſchied. Zuweilen macht er es nur feſter und gelaſſener.“ „Der Teufel iſt kalt. Laſſen Sie mich gehen, mich friert und ſchaudert in Ihrer Nähe.“ „Iſt das Ungewohnte der Bekanntſchaft. Wir werden noch gute Freunde; hören Sie nur erſt, wie viel Gutes Miß Wood Ihnen von mir erzählen wird.“ „Wie die Schlange Eva, als ſie noch im Para⸗ dieſe den Engeln glich, berückte, ſo wollen Sie dies Mädchen berücken, aber ich werde ſie retten und be⸗ freien... Du ſollſt der Schlange auf das Haupt treten... „Dummes Zeug! Schließen wir Frieden mit den bibliſchen Erinnerungen, Herr Candidat. Vermuthe, daß wir bald hochzeitliche Kleider tragen werden, im Alltagsſinn des Wortes. Miß Wood wird ſich ver⸗ heirathen.“ „Verheirathen?“ „Nicht mit mir. Aber ich denke, der Beſuch der Miß bei Ihrem würdigen Amtsbruder hatte ſo etwas wie eine Trauung zum Endzweck.“ Timotheus war in weltlichen Dingen zu harmlos und in ſeiner phantaſtiſchen Ueberſpanntheit zu ein⸗ fältig, um die Falle zu merken, die ihm Schmettow ſtellte. Er fühlte ſich in ſeinem Gewiſſen gedrungen, ſeinen Schutzgeiſt gegen ſolche Behauptungen zu ver⸗ theidigen. Miß Wood war ihm die Verkörperung der reinſten Hingebung, das Abbild der göttlichen Liebe auf Erden. Ausführlich gab er von ihrem Beſuche bei dem Pfarrer Beſcheid. Den Ernſt, mit dem Schmettow ihm zuhörte, nahm er für Ergriffenheit und Zuſtimmung und fand nun kein Ende in der überſcwüngliihen Schilderung der Tugenden Ellen's. „Alſo“, ſagte darüber Ruprecht in ſeiner Seele, „in den nächſten Tagen gibt es noch keine Hochzeit. Zeit gewonnen iſt in ſolcher Lage Alles gewonnen. Kann ich nur einmal mit Bruno reden— Silvia iſt 6* kein Weib für ihn. Er wird es mir ſpäter danken, daß ich ſie ihm entriſſen habe. Bin kein Narr, der für das Glück fremder Leute arbeitet, aber diesmal geht mein Wunſch mit Bruno's Glück Hand in Hand. Ich bin nicht ſo reich wie Bruno, dafür bin ich im Steigen. Ein reſoluter Mann, der weiß, was er will — oho, Miß Wood, der große Goliath iſt noch keineswegs niedergeſchlagen und dieſer Gotteskämpe an meinem Arm wird ihm auch nicht den Garaus machen!— Da kann ſich Ilmburg freuen“, ſchnitt er Timo⸗ theus, als ſie, aus dem Schatten des Laubgangs ge⸗ treten, das Schloß ſich gegenüber liegen ſahen, das Wort ab.„Eine ſo fromme und wohlthätige Herrin hat es lange nicht gehabt. Werden es mir nicht ab⸗ ſchlagen, Herr Candidat, ein Glas auf ihre Geſund⸗ heit zu leeren.“ Den Dienern, die vor dem Hauſe die Zeit mit Nichtsthun tödteten und jetzt, bei dem Anblick des wunderlichen Paares, einander ihre Gloſſen und Späße zuraunten, rief er herriſch zu: 1 „Eine Flaſche Rheinwein und zwei Gläſer.“ Timotheus war„wie unter die Heiden verſchlagen“, er wußte nicht aus noch ein. Ruprecht hatte ihn zu einer Bank geſchleppt, vor der ein kleiner runder Steintiſch ſtand. —— — —nnõ———————— 85⁵ Der lange Heinrich brachte den Wein und die Gläſer. „Munter, Herr Candidat“, ſagte Schmettow ein⸗ ſchenkend.„Es lebe Miß Wood, geſtern und heute wie immerdar! Der Teufel hat Lebensart.“ Und Timotheus trank, ein Glas und noch ein Glas. Seine Wangen rötheten ſich, ſeine Augen fingen an zu glühen. Hin und her ſchwenkte er ſein Käpp⸗ chen, die Blumen, die Bäume, die Sonnenſtrahlen, das Haus, Alles tanzte vor ihm! „Müßten es öfters mit einem Gläschen verſuchen“, lachte Schmettow gutmüthig.„Scheint Ihnen zu be⸗ hagen. Werde mir erlauben, Ihnen ein Dutzend Flaſchen in den Keller zu ſenden, als einen Beitrag zum Miſſionsfonds.“ „Satanas!“ rief Timotheus.„Du willſt mich verführen. Es brennt wie hölliſche Flammen in meinem Gehirn. Aber ich trotze Dir. Kühlung weht mich von oben her an, wie von den Fittigen des weißen Engels. Ich fliehe, ich fliehe— wenn Du mir wieder begegneſt, wird es Dein Tod ſein!“ Und als könne er ſich nicht länger beherrſchen und fürchte, mit der ahnungsvollen Empfindung des Un⸗ bewußten, einen Ausbruch ſeiner Schwärmerei, erhob er ſich und ſtürzte aus dem Garten. Den Dienern war das Ganze nur ein toller Scherz geweſen, den der„immer luſtige“ Herr von Schmettow zu ſeinem und ihrem Vergnügen aufge⸗ führt hatte, und ſie wollten ſich jetzt bei Timotheus' Flucht vor Lachen ausſchütten. Sie waren daher nicht wenig erſtaunt, als er es ihnen verwies. „Iſt hier eine ſchlechte Wirthſchaft bei Euch“, ſagte er.„Der arme kranke Menſch müßte in ver⸗ nünftiger Obhut gehalten werden. Thut ſich und Andern ſonſt noch einmal Schaden.“ „Er iſt gutmüthig und ſtill, gnädiger Herr“, wendete der alte Haushofmeiſter ein.„Er ſpaziert nun ſeit einem Monat und länger in der Irre und redet wüſt. Aber er krümmt Keinem ein Haar.“ „Ich habe Euch gewarnt“, unterbrach ihn Ruprecht. „Herr Greif wird ein Einſehen haben, der Mann gehört in ein Hospital. Und dort oben im Garten ſolltet Ihr ein Gitter ziehen laſſen. Alles in Unordung.“ „Es war auch früher ein Gitter da“, brachte wieder der Alte vor, dem die harten Worte gegen die Ehre des Hauſes gingen, welchem er ſo lange gedient hatte, „aber der letzte Schneeſturm im Februar hat es niedergebrochen und der Fürſt wollte kein Geld daran wenden, es wieder aufrichten zu laſſen.“ „s iſt Eure Sache, ich werde mir den Hals in 87 der Wolfsſchlucht nicht brechen. Guten Morgen! Meine Grüße an Herrn Greif und Miß Wood, wenn ſie am Nachmittag ankommen. Bin dann ſchon fort; bedaure, daß ich ſie nicht habe erwarten können; hoffe aber in drei oder vier Tagen bei meiner Rückkehr ſie im beſten Wohlſein anzutreffen. Baſta, und nun haltet nicht länger Maulaffen feil.“ „Das iſt curios“, ſagte der lange Heinrich und legte bedeutungsvoll den Finger an die Naſe, als Ru⸗ precht mit großem Schritt aus der Garthenthür ſchritt und die Lindenallee zu dem Flecken hinabging, ohne Hut,„das iſt curios!“ ⸗ „Was denn?“ fragte der andere Diener und der Hausmeiſter brummte: „Das iſt ein ſackgrober Kerl!“ „Der fürchtet ſich“, zeigte der lange Heinrich hin⸗ ter Ruprecht her.„Ihm hat der Hals gezuckt. Er hat den Hut verloren. Gebt acht, der bricht ſich hier das Genick.“ „Oder der Teufel dreht es ihm wegen ſeiner Gott⸗ loſigkeit um“, grollte der Alte. „Das iſt Aberglaube, Anton“, belehrte ihn der Lange.„Es gibt keinen Teufel.“ „Wollt Ihr nicht auch den lieben Herrgott ab⸗ ſetzen, Ihr naſeweiſen Großſtädter?“ „u dem reichen wir noch nicht hinauf“, meinte der eine nachdenklich und der lange Heinrich docirte: „Seht Anton, das iſt ein Unterſchied. Der Teufel iſt nicht, ganz gewiß nicht. Im Volksbildungsverein hat es ein Profeſſor nachgewieſen. Zweimal zwei i*ſt vier, aber einen Teufel gibt es nicht. Gott dage⸗ gen iſt ein Problem...“ Und die drei Narren fingen an, in ihrer Weiſe das Welträthſel zu löſen. Still und heiß brannte der Mittagsſonnenſchein auf ihren Köpfen, weithin, gren⸗ zenlos und wunderbar blaute der Himmel, ein feier⸗ liches Schweigen allüberall; es war, als ob der große Pan einen kurzen Augenblick ſein Gefallen an den täppiſchen Geſellen fände, die über ſein Sein oder ſein Nichtſein ſtritten. Drittes Kapitel. 4 Das gute Wetter hielt Beſtand und die nächſten Tage nach Bruno's Ankunft in ſeinem neuen Beſitzthum verfloſſen in ungetrübtem Sonnenſchein. Dabei gab es für ihn ſo viel zu ſehen und bei aller Ruhe doch ſo viel zu ſchaffen, daß er von ſeinem Gram und ſeinen Grübeleien angenehm und unmerk⸗ lich abgezogen wurde. Ein Haus mit einer ſo alten Geſchichte wie Schloß Ilmburg hat einen eigenen Reiz. Auch hier hatten tragiſche Vorfälle geſpielt, Herzens⸗ kämpfe und ſchwere Schickſalsſchläge miteinander ge⸗ wechſelt. Aber dieſe Ereigniſſe berührten Bruno nicht ſchmerzlich, wie die Erinnerungen, die ihm im gelben Hauſe auf Schritt und Tritt begegneten; ſie waren ihm fremd und lenkten ſeinen Geiſt aus der Enge des eigenen Geſchicks zur Betrachtung der unendlichen . ——C—⸗———————:/⸗OCBUO——OQOCOLO——U— Mannichfaltigkeit der Welt. Mit einem gewiſſen Ge⸗ nuß hörte er den weitſchweifigen Erzählungen des Caſtellans zu. Wenn die Gewißheit, daß Andere vor uns und neben uns in denſelben Widerſprüchen des Lebens ſich mühen, daß ſie leiden wie wir und handelnd oder duldend in Schuld verfallen wie wir, eine tiefe Trauer in unſer Gemüth wirft, ſo befreit ſie uns doch auch von ſchwächlichem Jammer und thörichter Furcht. Bruno fing an, ſein Schickſal nicht mehr als ein durchaus einziges und merkwürdiges zu betrachten und aus ſeiner Vereinſamung und Verbitterung wieder ei⸗ nen freieren Blick um ſich zu werfen. Die Leute hier kannten ihn nicht und wußten nicht, unter welchem Verhängniß er ſtand. Für ſie war er der neue Herr, von deſſen Reichthum und Güte ſie ſich die verſchie⸗ denſten Vortheile verſprachen. Mit kluger Vorſicht ließ Ellen ihn nach ſeinem Belieben ſchalten und walten, kommen und gehen. Sie gefiel ſich in der Rolle des guten Hausgeiſtes, der ſich zu jeder Stunde auch unſichtbar zu machen und zu verſchwinden verſteht. Nichts ſollte durch ſie in der Gewohnheit ſeines Lebens geſtört werden. Die Zimmer des Erdgeſchoſſes hatte ſie für ihn einrichten laſſen und ſich ſelbſt nach dem erſten Stock⸗ 4 16 werk zurückgezogen. Hier, neben dem Speiſeſaal und einem geräumigen Gemach, das vormals zum Biblio⸗ thekzimmer gedient, lagen einige kleinere, beſcheidenere Räume, die ſie für ſich in Anſpruch genommen. In dem einen, das ein hohes Fenſter nach Norden hatte, war, wie der Hausmeiſter erzählte, das Atelier der jungen Fürſtin geweſen. In ihren verlorenen Stun⸗ den, deren es nur allzu viele für ſie gab, hatte die Fürſtin Hochberg zu malen angefangen und ihr Ta⸗ lent auszubilden geſucht. Am herzoglichen Hofe ſtand die Malerei in hohen Ehren; die Malerſchule der Re⸗ ſidenz mit ihren hochadeligen Schülern übte einen Ein⸗ fluß auf den Hof. Zu malen oder doch über die Kunſt ein gewichtiges Urtheil abgeben zu können, war eine Empfehlung bei der Herzogin. Grund genug für die Fürſtin, die in ihrer noch haltloſen Jugend und in der Verſtimmung ihrer Ehe nach jedem Mittel der Zerſtreuung griff, ihren längſt vergeſſenen Malkaſten wieder hervorzuholen und bald unter Benno's Leitung eine Landſchaft, bald eine Portraitſtudie zu be⸗ ginnen. Nach dem Tode der Fürſtin und dem Verkauf des Hauſes hatte es der Fürſt weder für werth noch für nöthig gehalten, ſich um dieſe Arbeiten zu bekümmern. Ellen hatte Lane große Anzahl von Skizzen und ange⸗ fangenen Copien vorgefunden und all den Trödel, der nicht im Stande geweſen war, ein heißes, unbefriedig⸗ tes Herz zu ſtillen, zuſammenpacken laſſen, um das Ganze bei der erſten Gelegenheit dem Fürſten zuzu⸗ ſenden. „Wir könnten es an Irene Reinsberg adreſſiren“, hatte ſie ſpöttiſch zu Bruno geſagt,„als die klägliche Hinterlaſſenſchaft ihrer Vorgängerin.“ Dort oben mit dem Blick nach den Bergen wohnte ſie. In dieſen erſten fünf Tagen ihres Zuſammenſeins hatten ſie beide nur des Mittags und des Abends ei⸗ nige Stunden gemeinſchaftlich verbracht. Nach dem Abendeſſen pflegte ſie mit ihm einen Spaziergang durch den Garten zu machen, ſich dann an das Klavier zu ſetzen und eine Weile, bald kürzer, bald länger, darauf zu ſpielen. Die Fenſter waren offen, der Mond ſchaute herein. Sonſt war es dämmerig im Gemach, nur in den Lichthaltern am Klavier brannten die Kerzen. Meiſt wählte ſie ernſte, feierliche Weiſen, die ſie vor⸗ trefflich ſpielte. Die Melodie und die Dämmerung, ihre Geſtalt mit den freiflatternden Haaren, in dem langen weißen Gewande, das durch blaue Sammtſchleifen und Verzierungen gehoben wurde, ihr verklärtes Antlitz und ihr Talent: Alles vereinigte ſich dann, um etwas wie eine heilige Cäcilie italieniſcher Maler aus ihr zu machen. —— ——— v 93 Träumeriſch lauſchte Bruno den Klängen. „Noch“, dachte Ellen,„ſchwebt ein anderes Bild vor ſeiner Seele, aber wie lange noch und meine Ge⸗ genwart wird es vertrieben haben!“ Mit dem Glockenſchlag der zehnten Stunde erhob ſich Ellen, der Diener trat mit einem Licht herein, ihr hinaufzuleuchten. „Gute Nacht, Herr Greif!“ ſagte ſie zu Bruno und gab ihm die Hand. „Gute Nacht, Ellen!“ erwiderte er. Einmal hatte er ihre Finger an ſeine Lippen ge⸗ zogen.. Die übrigen Stunden des Tages hatten auch in der Idylle für ſie wie für ihn die verſchiedenartigſte Arbeit. Ihr lag das ganze Hausweſen ob, das doch erſt allmälig in die muſterhafte Ordnung des gelben Schlößchens gebracht werden konnte; er hatte täglich einen Bericht über die Fabrik zu leſen, in den wich⸗ tigſten Angelegenheiten des Geſchäfts ſeine Entſcheidung zu treffen. Trat Muße ein, ſo liebte er weite, einſame Spaziergänge, um ſich mit der Landſchaft bekannt und vertraut zu machen. Ellen ſah keine Gefahr für ſich darin. Schmettow hatte ſich entfernt, und wenn er wiederkommen ſollte, war ſie zu ſeinem Empfang gerüſtet. „Du haſt es dir zu blutig ausgemalt“, tröſtete ſie ſich,„es wird keine Tragödien geben. Gegen eine Handvoll Geld wird Schmettow Stillſchweigen geloben, bei einer zweiten Handvoll wird er vergeſſen haben, daß er mich liebt. In meiner Phantaſie bin ich im⸗ mer noch in den Wildniſſen des Weſtens, unter den Heiligen und Argonauten. Hier iſt Alles zahm und auch der große Goliath wird ein Einſehen haben. Wiegt das Vergnügen der Rache ein Vermögen auf?“ Um ganz ſicher zu gehen, ſchickte ſie täglich nach dem einzigen größeren Gaſthauſe Ilmburgs und ließ fragen, ob Herr von Schmettow ſchon zurückgekehrt ſei. Im Schloſſe ſelbſt würde nicht Bruno, ſondern ſie ihm entgegentreten. „Mit mir iſt Gott und das Glück“, ſagte ſie, „ich werde ihn bändigen.“ Da die tiefſte Wurzel ihres Weſens nicht im Böſen, ſondern im Guten lag, ſo trieben ihre Empfin⸗ dungen und Gedanken auch nur dann in das Gewalt⸗ thätige und Verbrecheriſche hinaus, wenn ihren Plänen ein Widerſtand geleiſtet wurde. Jetzt hatte der Friede, der über der Landſchaft ausgebreitet ruhte, das ſüße Gefühl des Daſeins, das die Natur mit vollen Zügen einzuſchlürfen und auszuſtrömen ſchien, auch ſie milder und ruhiger geſtimmt; das erſte Erſchrecken bei dem 95 unerwarteten Anblick Clara's und Ruprecht's war der Ueberlegung gewichen, daß die Brücke zwiſchen ihnen und Bruno abgebrochen ſei. Wenn ſie ſelbſt nur den Geliebten feſtzuhalten wußte, wer ſollte ihn ihr ent⸗ reißen? Bis gegen den Abend hin hatte Bruno mit dem Gärtner und dem alten Hausmeiſter den Garten durch⸗ ſtreift, das alte, der Ausbeſſerung dringend bedürftige Treibhaus beſichtigt, hier und dort Aenderungen an⸗ geordnet, dem erfreuten Gärtner eine größere Summe zur Verfügung geſtellt, um den in Verfall gerathenen Park wieder einzurichten und alle Spuren der Ver⸗ wahrloſung zu tilgen. Den äußerſten Rand ſeines Be⸗ ſitzthums dem Walde gegenüber betrat er jetzt zum erſten Male. Der Abendſchein lohte purpurn um die Wipfel der Tannen. Unten in der Schlucht zwiſchen den beiden Berghängen war ſchon ein eigenes, von röthlichem zitterndem Schimmer durchhauchtes Halb⸗ dunkel. Er ſtand lange vor der ſchmalen, aus zwei loſe auf den Steinen ruhenden Bretern beſtehenden Brücke und blickte hinab. „Nehmen Sie ſich in Acht, gnädiger Herr“, rief der alte Mann, der den Abhang hinauf nicht mit ihm hatte Schritt halten können. Der Gärtner hatte ſich ſchon entfernt. 96 Mit übereinandergeſchlagenen Armen ſtand Bruno. Er war ſchwindelfrei und in dieſer ſtillſten Stunde des Tages lockte kein Geräuſch, kein Laut eines Vo⸗ gels, kein Ton, der zwiſchen Himmel und Erde räthſel⸗ haft klingt. Auch kein Geſicht ſchaute fragwürdig aus der Tiefe zu ihm empor. Nur einen größeren, mit gelblichem Moos überwachſenen Felsblock, auf den das Licht röthlicher und kräftiger zu fallen ſchien, konnte er deutlicher unterſcheiden. Er ſtarrte darauf und ver⸗ mochte die Augen nicht davon abzuwenden. Ob ſich ſchon ein Unglücklicher das Haupt daran zerſchlagen hat? fragte etwas in ihm. Und wie als Antwort fiel ihm ein, daß der Selbſtmord ſich fort⸗ erben ſolle. Die Erzählung eines Selbſtmordes, der ſich unter beſonderen Umſtänden zugetragen, habe eine magnetiſche Kraft und übe ihre verderbliche Wirkung auf ſchwache und empfängliche Gemüther aus. Trotz der milden Luft lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Hinter ſich hörte er den keuchenden Athem des Alten. „Das iſt wirklich eine ſchlimme Stelle“, ſagte der Mann vor ſich hin;„es ſieht grauslich aus.“ „Wem gehört der Wald dort drüben?“ wendete ſich Bruno an ihn. „Bis zur Lichtung zum Schloſſe Ilmburg, jenſeits —.. 97 derſelben dem Herzoge. In unſerem Theile iſt kein Wild. Darum wollte der Fürſt ihn auch noch zum Garten ziehen und eine Eiſenbrücke über die Schlucht ſchlagen laſſen; aber der Menſch denkt, Gott lenkt, es iſt bei den Bretern geblieben.“ „Und iſt noch Keiner verunglückt?“ „Solange ich hier hauſe, Niemand, gnädiger Herr. Wer läuft auch hinüber als unſereins? Die hochſelige Fürſtin iſt ein paarmal hinübergegangen, da haben wir aber noch zwei oder drei Breter dazu fügen müſſen.“ Bruno ſah wieder auf den Stein; der rothe Glanz darauf war verſchwunden, kaum daß er noch die Um⸗ riſſe des gewaltigen Blocks gewahrte. „Mir würde doch eine Eiſenbrücke und ein Gitter am Rande beſſer gefallen“, meinte er mit zerſtreutem Lächeln. „Das hat auch der fremde Herr geſagt, der vor einigen Tagen hier war.“ „Wer?“ „Ich habe den Namen vergeſſen, aber Heinrich kannte ihn.“ „Ah, Herr von Schmettow! Ich dachte, der hätte nur am Thore vorgeſprochen.“ „Nein, wir haben ihm Garten und Haus zeigen 1 Frenzel, Silvia IV. müſſen. Er iſt ein hochfahrender und gottloſer Mann.“ Der Hausmeiſter hatte nun einmal einen Wider⸗ willen gegen Ruprecht und konnte es ihm nicht ver⸗ zeihen, daß er über ſeine Geſpenſtergeſchichten gelacht. „Gottlos?“ fragte Bruno zurück.„Habt Ihr mit ihm über ſolche Dinge geredet?“ „Bewahre! Würde ſich für unſereinen einem gnä⸗ digen Herrn Baron gegenüber gar nicht ſchicken. Aber man merkt einem die Gottloſigkeit an, wie einem Andern das Tabakrauchen. Der Herr hat die ver⸗ wunderlichſten Reden geführt. Und Schmettow heißt er? Da iſt er ganz aus der Art geſchlagen. Es gibt ein Fräulein von Schmettow—“ „Das iſt ſeine Schweſter. Kennt Ihr die Dame?“ „Seine Schweſter!“ Der Alte zog ſeine Mütze und behielt ſie in der Hand. „Da hat der liebe Gott das ſeltſamſte Geſchwiſter⸗ paar geſchaffen. Eine ſo fromme, rechtſchaffene, ſchöne Dame! Man ſollte immer nur mit dem Hut in der Hand von ihr reden. Und ob ich ſie kenne? Sie iſt öfters in Ilmburg geweſen mit der Frau Herzogin, und ſie iſt ja die Pathe meines jüngſten Enkelchens.* Aber das iſt eine zu lange Geſchichte zu erzählen. 99 Zuletzt war ſie einen ganzen Tag und eine Nacht über in unſerem Schloſſe als Gaſt der Frau Fürſtin. Sie ſpricht nur Gutes, und wenn man ihr zuhört, wird man beſſer. Iſt man traurig, ſo tröſtet ſie einen, und ich ſage, es kann einem gar keine Ver⸗ ſuchung kommen, wenn ſie in der Nähe iſt...“ „Keine Verſuchung, kein böſer Gedanke?“ warf Bruno ein. „Kein böſer Gedanke, ſo iſt es. Vor Ihrem Bru⸗ der dagegen wolle uns der Herr in Gnaden bewahren! Der ſieht aus und weiß die Worte zu ſetzen wie ein 0 rechter Seelenfänger.“ „Die verſtorbene Fürſtin und das Fräulein waren alſo Freundinnen?“ „Ja, es war eine große Freundſchaft zwiſchen ihnen. Sie haben hier auch einmal geſeſſen und die drei rothen Tannen dort— der gnädige Herr können ſie jetzt nicht mehr ſehen, aber unſereins findet die Bäume auch im Finſtern— gemalt. Ach, ich ver⸗ geßlicher alter Thor! Oben im Schloſſe muß auch noch ein Bild ſein, welches das Fräulein der Fürſtin herübergeſchickt hat, um es abzumalen...“ „Fragt morgen Miß Wood danach, ſie hat die Bilder unter Verſchluß genommen, damit ſie alle dem⸗ nächſt dem Fürſten nachgeſchickt werden. Dem Fräu⸗ 7 ⁵ 3 100 lein von Schmettow wollen wir ihr Eigenthum mit einem artigen Briefe zuſtellen und Ihr ſelbſt ſollt es hinüberbringen.“ Der Alte ſchmunzelte, murmelte ein wenig ganz für ſich, ſchwenkte ſeine Mütze und ſetzte ſie wieder auf. Nachdenklich ſtieg Bruno in den Garten hinab. Auch während der Abendmahlzeit war er einſilbig und Ellen ſann vergebens nach der Urſache ſeiner Schweigſamkeit. Sie ſetzte ſich nachher an das Klavier und begann ein Präludium. Allein ihre Finger irrten unſchlüſſig über die Taſten hin und her, bald hier, bald dort einen Accord hervorlockend und ihn ohne Ver⸗ bindung, ohne Zuſammenhang wieder verklingen laſſend. Als ſie ungeduldig und mit ſich ſelbſt unzufrieden ſich nach Bruno umſchaute, ſah ſie ihn nicht auf ſeinem gewohnten Platz; er war leiſe aufgeſtanden und an das offene Fenſter getreten. „Sie hören mir nicht zu, Bruno? Aber freilich, ich bin heute eine ſchlechte Spielerin. Mein Kopf iſt benommen, die Luft macht ſo träge und ſchwül. Wollen wir durch den Garten gehen?“ Sie war ganz nahe an ihn herangeſchritten und ſtand im vollen Schein des Mondes. „Ich bin müde, Ellen, ich bin hin und her durch den Garten gelaufen...“ 1 ,, “ “ —— ͤͤ“—— — 101 „Wollen wir uns Märchen erzählen?“ fragte ſie lachend. Eine Unruhe regte ſich in ihrem Herzen, die ſie durch einen Scherz am beſten zu verbergen und vielleicht zu erſticken hoffte. Er hatte ihre Hand ergriffen und ſie zu einem Seſſel geführt. „Ja, wir wollen plaudern. Doch nicht von Zau⸗ berern und Feen, ſondern, wenn es Ihnen recht iſt, von uns und von ganz gewöhnlichen Dingen.“ Sie neigte den Kopf auf die Bruſt. „Waren Sie ſchon oben auf der Höhe? An der Brücke nach dem Walde?“ „Als ich mit dem Doctor das erſte Mal in Ilm⸗ burg war. Der Fürſt hat wenig für den Garten gethan und Ihnen liegt nun die größere Arbeit ob; Sie ſollen eben nicht aus der Uebung kommen.“ „Ich baue gern; meine Phantaſie kann ſich in dieſer Beſchäftigung freier bewegen und erhält eine lebendigere Anregung als in der Fabrik, wo der Menſch nichts und die ſinnloſe elementare Kraft Alles iſt.“ „Aber der Menſch hat dieſe Kraft zuerſt gebändigt, und wenn er, threr Wirkung gegenüber, auch zu ver⸗ ſchwinden ſcheint, ſo bleibt er doch ihr Gebieter.“ „Bis ſie eines Tages ihre Sklavenfeſſeln bricht. . So ſchläft lange eine Leidenſchaft in uns, die, durch — —————— 5— einen Zufall erweckt, uns erhebt oder vernichtet, wie es ihr gefällt.“ 3 „Nicht ſo, mein Freund. Wir ſind nicht die Unterworfenen des Dämons, ſondern, bewußt oder unbewußt, willig oder widerwillig, die Kinder Gottes.“ „Und was iſt Gott? Vielleicht, da wir ſein Weſen nicht ahnen und noch weniger es begreifen können, nur die geheimnißvollſte, gewaltigſte dämoniſche Macht. Kann Gott in unſerem beſchränkten Sinne gut und gerecht ſein? Allgüte, Allgerechtigkeit im Zuſammen⸗ hange der Welt, in dieſem unentwirrbaren Gewebe von Entſtehung und Vernichtung, von ewig ſich be⸗ kämpfenden und doch zu einer Einheit verbundenen Gegenſätzen! Gleicht das Ganze nicht einer wilden Jagd, die ein Dämon durch die Unendlichkeit lärmend und zwecklos führt?“ „Welch häßliches Bild! Ich denke mir dagegen das All als eine Stufenleiter, die aus der ungewiſſen und dunklen Tiefe des Chaos zu den lichteſten Ster⸗ nen im Aether emporſteigt. Je höher die Leiter ſich hebt, deſto ſtrahlender glänzt ſie, deſto ſeliger ſind die Geſchöpfe, die ihre Stufen einnehmen. Gott iſt ein nendlicher, unverſieglicher, immer ſich gleich bleibender Ausfluß der Liebe. Sicher in dieſer Liebe, ſuche ich eine Stufe höher die Leiter hinanzuklimmen, durch ,—, 103 Uebung der Pflichten, die mir an meiner Stelle auf⸗ 3 erlegt ſind, durch Stille und Entſagung. Ich habe keine beſondere Offenbarung erhalten und glaube auch nicht, daß ſie irgend einem Menſchen gegeben ward, aber ſo handelnd empfinde ich das höchſte Gut, em⸗ pfinde ich Gott in mir. Freilich können Sie mir er⸗ widern, Bild ſtellt ſich gegen Bild. Allein auch der Wahrheit und der Schönheit kommen wir nur durch Bil⸗ der nahe.“„ „Haben Sie auf der Höhe, bei dem Ausgang des Gartens, den Breterſteig über den Abgrund bemerkt?“ fragte er.„Würden Sie, ſicher in Ihrem Gott, hinüber⸗ ſchreiten?“ „Wenn es ſein müßte! Geſtehen Sie, daß es toll⸗ kühn wäre, das Schickſal ohne Noth herauszufordern.“ „Das Schickſal— alſo doch wieder Gott! Wie der Begriff ſich klug zu verſtellen weiß! Das iſt es ja eben, das Schickſal zwingt uns zu Thaten— wie leicht ſtürzt ein Menſch in die Tiefe! Ein Menſch“— und er warf den Kopf mit einer verächtlichen Bewe⸗ gung in die Höhe—„im Grunde iſt es lächerlich, da⸗ von zu ſprechen. Wer im Kampfe beſiegt wird, iſt der ſchlechtere Mann.“ „Wir wollen eine Brücke über den Abgrund ſchla⸗ gen, leicht und luftig und doch unerſchütterlich, und 104 darüber hintanzen. In Ihrer ſchwermüthigen Laune mögen Sie den tollen Reigen als ein Sinnbild unſeres Lebens betrachten.“ „Eine Brücke und ein Gitter.“ Er raffte ſich aus ſeiner Grübelei auf.„Sie begegnen ſich in derſelben Anſicht mit Herrn von Schmettow...“ „Zum erſten Mal in meinem Leben und zum Glück nur im Realen.“ „Er hat ſich das ganze Schloß zeigen laſſen und den Garten durchſtreift. Was ſucht er in der Gegend 2 Gllen horchte mit geſpanntem Ohr und klopfendem Herzen. „Da er uns ſeinen Beſuch zugedacht hat, habe ich einmal in das Gaſthaus hinübergeſchickt und nach dem Tage ſeiner Zurückkunft gefragt. Es wäre nicht artig, wenn Sie einen Freund auch nur eine Stunde in der kleinen Herberge verweilen ließen...“ „Ich danke Ihnen, Ellen; Sie ſind umſichtig wie—“ „Wie es einer Schweſter zukommt, die einen träu⸗ meriſchen Bruder hat. Aber die Leute drüben wußten nichts Beſtimmtes über ſeine Rückkehr. In ſeiner Weiſe hat er den Flecken auf den Kopf geſtellt; er will den Bewohnern eine Eiſenbahn ſchenken. Was verſchenkt er nicht! Den Mond, wollte ihn nur einer haben. Er iſt aufdringlich und verwegen.“ „ 86 „Sie ſtanden immer im heimlichen Kriege mit ihm.“ „Seit ich ihn kenne!“ betheuerte ſie.„Ich ſah ihn zuerſt an einem unſeligen Tage, in Ihrem Hauſe. Es iſt etwas Unheimliches um ihn...Vergebung, ich habe zu viel des Schlimmen von ihm geſagt, er iſt Ihr Freund!“ „Nicht doch! Er hat ſich in mein Leben einge⸗ drängt und es fällt mir jetzt ſchwer, ihn ganz aus meinem Kreiſe zu entfernen. Auch wäre es unbillig, da er mir in ſchwierigen Geſchäften treue und, was mehr ſagt, geſchickte Dienſte geleiſtet hat.“ „Die Sie überreichlich belohnt haben.“ „Ein Anderer hätte ihn ebenſo gut bezahlt; was ich mit auf die Wage legte, um ihn zu gewinnen, war meine Neigung. Um jeden Menſchen ſollen ein weißer und ein ſchwarzer Engel ſchweben. Sehr möglich, daß Schmettow mein böſer Geiſt iſt. Schon iſt er in⸗ deſſen bis an den äußerſten Umkreis meines Lebens gewichen, durch Ihren Einfluß, Ellen, Sie ſind offen⸗ bar die ſtärkere Kraft, die ihn vertreibt.“ „Ich bin nur ſtark durch meine Liebe— durch Gott, der in mir iſt.“ „Haben Sie nie von ſeiner Schweſter in Ilm⸗ burg ſprechen hören?“ hob Bruno nach einer Pauſe an.„Mir hat der Caſtellan eine ganze Litanei von den Tugenden des Fräuleins von Schmettow vorge⸗ ſungen.“ „Auch der Pfarer hat ſie gelobt...“ „Sie muß doch eine ungewöhnliche Erſcheinung ſein. Die Klugen wie die Unwürdigen ſtimmen in ihrem Lobe überein.“ „Die Güte der Hochgeſtellten gewinnt ohne Mühe die Herzen der Armen. Gewiß aber iſt ſie die treueſte der Schweſtern.“ „Sie ſagen das mit einem Ausdruck, als ſollte ich ein beſonderes Räthſel dahinter ſuchen.“ „Bruno!“ Sie wendete ihm ihr Geſicht ganz zu und erhob wie bittend die gefalteten Hände. „Ich habe Ihnen ein Geſtändniß zu machen. An der Seite des Fräuleins von Schmettow habe ich neu⸗ lich Clara wiedergeſehen.“ Bruno war aufgeſprungen. „Clara!“ ſagte er und ſchwieg dann. Aber ſeine Augen, die forſchend und unruhig auf ihr ruhten, forderten eindringlicher, als es jedes Wort vermocht hätte, eine weitere Erklärung von ihr. „Ja, Clara!“ wiederholte ſie.„Fühlen Sie mir mein Erſtaunen nach. Seit dem Decemberabend, wo 107 ſie mein Haus verlaſſen, hatte ich keine Nachricht von ihr empfangen, war ſie wie verſchollen und unter⸗ gegangen für mich. Und ſie nun hier wiederzufin⸗ Den.... „Mein Herz hatte es längſt geahnt!“ unterbrach er ſie und ſchritt in dem Gemach auf und nieder. „Sie leiden, Bruno! Meine Erzählung bereitet Ihnen Schmerz.“— „Schneide nur weiter, lieber Wundarzt“, ent⸗ gegnete er mit bitterem Schmerz,„ſchneide und brenne! Wie ſoll die Wunde heilen, ehe ſie ausgebrannt iſt? Gibt es ein neues Leben ohne die Vernichtung des früheren?“ Darauf antwortete ſie nicht, ſondern erzählte ihr Zuſammentreffen mit Clara. Sie veränderte nichts an den Thatſachen, ſie ſetzte nichts hinzu, allein die Wendung, die ſie ihrer Darſtellung zu geben wußte, was ſie zwiſchen den Worten, gleichſam wie Licht durch eine leichte Hülle, durchſchimmern ließ, drückte ihre Meinung beſſer und ſchärfer aus, als eine be⸗ ſtimmte Behauptung es gekonnt hätte. Nicht ſie, Bruno hatte nun den Schluß aus dem Allem zu ziehen, den ſcheinbar einzigen, unabwendlichen Schluß, zu dem ſeine eigenen Vermuthungen, ſeine Eiferſucht und die Verwickelungen des Zufalls ihn ſchon geführt hatten: — Clara war die Geliebte Ruprecht's. Es zeugte, wenn nicht von der Herzensgüte, doch von der Sittſamkeit Ellen's, daß ſie das Verhältniß der beiden wie eine Brautſchaft betrachtete, die durch eine Heirath geſchloſ⸗ ſen werden würde, ſobald Schmettow eine feſte Stel⸗ lung in der Geſellſchaft erobert hätte. Dadurch er⸗ klärte ſich auch das Eingreifen ſeiner Schweſter in dies Verhältniß. Bruno hatte ſeinen Platz ihr gegenüber wieder eingenommen und ſtützte den Kopf in die Hände. „Es konnte ſich nicht anders vollenden“, ſagte er dumpf.„Wer will, mag die Nemeſis oder die göttliche Gerechtigkeit, die ſich darin offenbart, bewun⸗ dern und verehren. Ich bin der erſte Schuldige... Aber ſo raſch vergeſſen zu werden, das ſchmerzt! Oder iſt auch das eine thörichte Eitelkeit, die gewöhnliche Ueberhebung des Mannes? Warum ſollen die Frauen weniger treulos ſein als wir?“ „Weil ſie nur in der Liebe ihres Weſens Werth erkennen und den Zweck ihres Lebens finden. Die Arbeit, der Ehrgeiz, der Reichthum befriedigen den Mann, ſodaß er in vielen Fällen darüber hinaus kein höheres Bedürfniß hegt. Aber geben Sie einer Frau eine Kaiſerkrone, ſchenken Sie ihr unermeßliche Schätze, tragen Sie ihr eine Arbeit auf, welche die 109 Unſterblichkeit verbürgt und die für jeden Mann in ſich ſelbſt ihren Lohn und ihren Genuß hätte; über Herrſchaft und Pracht, über Ruhe und Thätigkeit hin⸗ weg wird ſie ſich nach Liebe ſehnen, nach einem Gegen⸗ ſtand, den ſie vergöttern, dem ſie all ihren Beſitz zu Füßen werfen kann.“ „Und haben Männer nicht ebenſo gehandelt?“ „Weibiſche Männer! Und ich bin nicht einmal feſt davon überzeugt. Auch in der Leidenſchaft be⸗ hält der Mann noch ſeine Nebengedanken. Während Hercules am Rocken der Omphale ſpann, ſollte er nie an die Löwen und Drachen gedacht haben, die er bezwungen? Für den Mann iſt die Liebe ein Spiel... „Bei dem er zuweilen das Leben einſetzt und ver⸗ liert.“ Sie ſchreckte zuſammen— gerade ging eine Wolke über den Mond, ſodaß ſtatt des hellen Schimmers wie bisher ein dunkler Schatten durch das Fenſter zu fallen ſchien. „Wir haben uns verirrt“, ſagte ſie leiſe,„zu hoch oder zu tief. Darf ich Sie an meine Himmels⸗ leiter erinnern? Auch mit der Liebe iſt es ſo. Ihre unterſte Stufe liegt im Abgrund der Sinnlichkeit, ihre höchſte endet in Gott. Und auf den Punkt, wo wir gerade ſtehen, ſtürmen Irdiſches und Himmliſches ein. 110 Verdammen Sie Clara nicht, daß ſie die harte Prü⸗ fung nicht beſtanden hat, die ihr das Geſchick auf⸗ erlegte.“ „Sprechen Sie es doch aus, daß ich ſie ſelbſt Schmettow in die Arme jagte. Ich habe ſie geliebt, eine Jugendthorheit. Allein wir paßten nicht zuſam⸗ men, mein Vater hat das ſchon erkannt. Es iſt in ihr ein hartes und ſtolzes Weſen, das beſſer zu Schmet⸗ tow's Charakter und Begabung ſtimmt; der eine iſt ein Eroberer, die andere ein Proletarierkind. Ich bin ein weicher, wankelmüthiger Menſch, nicht geeignet zum Erwerben... und ſo weiter! Iſt es ſo recht? Worüber beklage ich mich? Es iſt Alles vortrefflich in der beſten Welt.“ „Ja, wenn wir ſie nicht mit unſerer Bitterkeit vergiften. Sie erſchrecken mich, Bruno! Und zugleich merke ich zu meiner Betrübniß, wie ich den Namen Ihrer Schweſter ſo gar nicht verdiene. Sie haben mir aus Ihrer Neigung ein ſolches Geheimniß ge⸗ macht, daß ich jetzt von der Heftigkeit derſelben über⸗ raſcht bin. So gelaſſen hatten Sie ſich nach der er⸗ ſten Erregung in Clara's Entfernung gefunden...“ „Vorbei, Ellen!“ ſagte er barſch.„Ziehen Sie ein Kreuz darüber. Wenn wir eine ſchwere Krankheit überwunden haben, ſind wir darum noch nicht vor — 111 jedem Rückfall geſichert. Ueber gewiſſe Dinge und Erinnerungen kommen Herz oder Verſtand niemals ganz heil hinweg. Und Sie wiſſen, wer ich bin.“ Der Mond war wieder durch das leichte Gewölk gedrungen und erfüllte das Gemach mit ſeinem matten Schein. Bruno hatte die Arme auf der Bruſt verſchränkt; wie voll Trotz fiel eine Locke ſeines braunen Haares über ſeine Stirn. „Ich bin der Sohn eines Selbſtmörders“, ſagte er dumpf,„und bin ſchuld an dem Tode meines Jugend⸗ freundes.“ „Nicht ſo, Bruno, nicht ſo!“ Schluchzend hatte ſich ihm Ellen an die Bruſt ge⸗ worfen und umfaßte ihn mit ihren Armen. „Grau am zerreißen Sie mein Herz! Hätten Sie mich doch das unſelige Buch verbrennen laſſen! Es nützte dem Todten nicht, es nützte nicht mir. Wenn ich Ihren Gram, Ihre Verdüſterung ſehe— o, Bruno, ich komme mir wie eine Giftmiſcherin vor, die dazu verurtheilt iſt, den Qualen ihres Opfers beizuwohnen, das ſie unwiſſentlich und gegen ihren Willen traf.“ Er entfernte ſanft ihre Arme von ſeinem Nacken. „Ich ertrage es ja“, ſagte er mit einem heraus⸗ fordernden Blick gen Himmel.„Sie verſchulden nichts, 112 Mein Vater hatte das Buch für mich beſtimmt; augen: ſcheinlich in guter Abſicht, um mein Herz mit einem großen Schlage für alle ſpäteren Streiche und Stöße* des Geſchicks zu härten. Wie die Kur ausſchlägt, wer weiß es? Aber ich hoffe, mit der Zeit guter Stahl zu werden. Und was den unſeligen Fritz be⸗ trifft— es war gerechte Nothwehr in einem verzwei⸗ felten Kampfe— war es nicht?“ Sie neigte den Kopf zu ihm hinüber. „Gewiß, Sie vertheidigten nur das eigene Leben. Niemand wird Sie deswegen anklagen.“ „Und dennoch bleibt es eine Laſt auf meinem Gewiſſen. Dem Glücklichen mag das Göttliche ſich als Milde und Güte offenbaren, für mich iſt es eine dunkle, ſchreckliche Macht. Fritz war nicht mein Bruder, nicht mehr mein Freund, in jenem Augenblicke mein Todfeind, allein daß es dahin kommen mußte, daß ſich immer und überall Kain und Abel gegenüberſtehen, daß wir tödten müſſen, um nicht getödtet zu werden, wie troſtlos iſt dies Daſein!“ „Sie nehmen das Schlimmſte an, Bruno— kann Fritz ſich nicht gerettet haben?““ „Gerettet!“ So leiſe ſie geſprochen hatte, ihre Stimme klang 3 1 2 113 ihm wie der Ruf eines Engels, der die Schläfer er⸗ weckt. „Ich weiß es nicht“, fuhr ſie fort,„aber ich 6 einen unerſchütterlichen Glauben an die Barmherzigkeit Gottes. Er wird die Raſerei eines wüthenden Jüng⸗ lings nicht ſo furchtbar beſtraft haben.“ „Gute Ellen, Sie wollen mich beruhigen. Ich bin härter, als Sie wähnen. Wenn zuweilen auch die alte Wunde aufbricht, die nächſte Stunde ſchließt ſie wieder.“ „Längſt habe ich die Urſache Ihres Trübſinns er⸗ kannt“, ſagte ſie, von der Bewegung, die ſie er⸗ griffen, widerſtandslos fortgeriſſen,„und hätte, ach! wie gern ſie zu entfernen geſucht. Doch wie ſollte ich reden, da Sie ſorgfältig Ihr Herz vor mir verſchloſſen hielten? Die Menſchen ſagen mir nach, daß ich die Heimlichkeit liebe. Ich bin nur zu keuſch, um an dem Geheimniß eines Andern zu rühren. Jeder bewahrt ein ſolches Geheimniß, es iſt ſein eigenſtes Ich, und wenn es ſich nicht freiwillig erſchließt, ſollen wir es nicht gewaltſam ſprengen. So ſchwieg ich, auch hatte und habe ich keine Gewißheit, nur Hoffnungen.. „Ich fürchte die Enttäuſchung. Laſſen Sie uns weiter mit zwei Todten rechnen.“ Frenzel, Silvia. IV. 8 ————————————— „Doch ſo, daß die Rechnung nicht falſch iſt, wenn der eine wiederkehrt.“ „Sie ſind luſtig, Ellen...“ „Nein, eher traurig. Wir wollten uns erheitern, und wie trübſelig haben wir den ſchönen Abend ver⸗ bracht! Einer hat den andern mit den alten Geſchichten angeſteckt. Sind wir nicht wie die Schatten, die nur in der Vergangenheit leben?“ „Recht ſo, ſchelten Sie mich! Ich verderbe Ihnen den Aufenthalt in dieſem ſtillen Thal. Aber Sie haben mich durch Ihre Güte verwöhnt und ſtets allen meinen Launen nachgeſehen.“ „Das iſt Frauenart. Wir verziehen unſere Günſt⸗ linge gern.“ „Und Sie verkümmern ſich dadurch den Genuß der ſchönen Welt.“ „Wäre ſie noch ſchön, wenn Sie mir fehlten?“ fragte ſie haſtig und ihre Augen blitzten.„Ich bin ein ältliches Mädchen...“ „Soll ich widerſprechen?“ „Nein, ich will ſelbſt Ihren Einwurf überneh men Auf der Grenze der Jugend, mit ärmlichen Reſten früherer Schönheit, wozu bin ich noch gut, als zur Pflege, zur Sorge und Hingabe für Sie? Ich habe weder Geſchwiſter noch Verwandte; wie von dem Hauch Gottes bin ich über das Meer hinübergetragen worden und habe hier im fremden Lande Wurzel ge⸗ faßt. Es iſt ſo natürlich, daß ich mich mit dem gel⸗ ben Hauſe, mit Ihnen verbunden fühle...⸗ „Seien Sie überzeugt, Ellen, daß ich Ihnen nie vergeſſen werde, was Sie uns geweſen... was Sie mir ſind.“ „So beſcheide ich mich. Sie lächeln, weil Sie in Ihrem Männerſtolz nicht an ein Glück in ſolcher Beſchränkung glauben, weil Sie noch immer eine andere Ellen vor ſich zu haben wähnen... eine Ellen, die nicht mehr iſt.“ „Ich denke“, entgegnete er nicht ohne einige Ver⸗ wirrung,„daß dies nur eine Anwandlung meiner Melancholie iſt, die Sie mir wie ein Spiegelbild ent⸗ gegenhalten. Warum ſollten Sie auf jedes höhere und reichere Glück verzichten? Wer iſt würdiger, einen erſten Platz auszufüllen und dem Leben eines Mannes Schmuck und Reiz zu verleihen, als Sie?“ Sie war auf dem Fußkiſſen neben dem Seſſel, der ihr gewöhnlich zum Sitzplatz diente, niedergekniet und verbarg ihr Geſicht in den Händen. „Sie ſind es, Bruno, der mir das ſagt! Sie entzücken und zerreißen mein Herz. Ach, es iſt das erſte Wort der Anerkennung, das Sie mir ſpenden.“ 8* „Stehen Sie auf, Ellen! Ich habe Ihren Werth nie verkannt.“ „Aber mein Herz!“ brach ſie mitten unter ihren Thränen leidenſchaftlich aus.„Mußte es erſt ganz ge⸗ brochen werden, damit Sie ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen konnten? Jetzt, wo ich nicht mehr ſchön bin, ſondern kraftlos, häßlich und demüthig vor Ihnen liege und nichts Weiteres von Ihnen als einen ſtillen, als den geringſten Platz in Ihrer Nähe erbitte, jetzt erſt finden Sie, daß ich hätte beglücken und ſelber glücklich werden können! Und damals, als mein ganzes Weſen in einem Sturm des Entzückens Ihnen entgegenwogte, hatten Sie keinen Blick der Theilnahme, ja nur des Erbarmens für mich! Härter noch als Ihre ſpöttiſchen und verweiſenden Worte traf mich die kalte Verachtung, die in Ihren Augen lag. Damals waren Ihnen meine Liebe, mein Schmerz, meine Auf⸗ opferung, die Schönheit ſelbſt, die Andere an mir rühmten, nichts als die klug benutzten oder die ſchlau erfundenen Masken einer Heuchlerin!“ „Sie laſſen mich ſchwer meinen Irrthum büßen, Ellen; nicht jetzt durch Ihre Klagen, ſondern ſchon lange durch die Wohlthaten, die Sie mir erweiſen.“ „Ich rede irre“, unterbrach ſie ihn ſchnell,„zürnen Sie mir nicht, Bruno! Meine Leidenſchaft ſoll Sie A , 414 nicht wieder quälen. Ich ſehe Dich, was will ich noch mehr? Was die Sonne für die Welt, das biſt Du für mich. Ich ſchauere zuſammen, wenn Dein Auge auf mir ruht, aber im Uebrigen habe ich in Deinem Anſchauen jeden Wunſch und jedes Verlangen verloren. Mache mit mir, was Dir gefällt!“ Sie hatte ſich leiſe erhoben. Die Uhr auf dem Kamingeſims ſchlug die zehnte Stunde. In dem Corridor wurden die Stimmen der Die⸗ ner laut. „Gute Nacht, Bruno“, ſagte ſie mit veränderter Stimme, faſt luſtig und ſpöttiſch. Bisher hatte er unter der Flut ihrer leidenſchaft⸗ lichen Betheuerungen wie betäubt dageſtanden, jetzt that er ihr einen haſtigen Schritt entgegen. Aber die ganze Länge des Gemachs war zwiſchen ihnen, ſchon hatte ſie die Thür geöffnet. Draußen wartete der Diener. In dem Glanz des Lichtes, der plötzlich in das halbdunkle Zimmer fiel, wandte ſie noch einmal das Geſicht zurück mit einem verheißenden Lächeln. 4 „Gute Nacht, Bruno—“ war es ein Lockruf ge⸗ weſen? Hieß es: Folge mir? Er liebte ſie nicht, allein der Zauber fing an zu wirken. So durfte das Geſpräch nicht enden, nicht mit dieſem Accord, der ſo heftig angeſchlagen und nicht ausgeklungen war. Eine Auseinanderſetzung mußte ſtattfinden; er wollte ſuchen, ſie zu beruhigen, als Freund, als Bruder ihr zureden... was wollte er? In einer Art Schwindel wußte er es ſelbſt nicht. Noch eine Weile— die Bewegung und der Lärm im Hauſe waren wieder der früheren Stille gewichen. Er ging die Treppe zu ihren Zimmern hinauf. Noch hatte er ſie nicht betreten. Ellen wollte ſie ihm erſt zeigen, wenn Alles darin in ihrem Sinn geordnet wäre. Aus ihrer Lage im Hauſe wußte er nur, daß man von einem Balcon derſelben eine Ausſicht auf den gegenüberliegenden Höhenzug haben müſſe, an dem in dreifacher Windung ſich die Fahrſtraße nach Ilm⸗ burg hinabſchlängelte. Er klopfte ein⸗, zweimal. Nichts regte ſich hinter der Thür. Als er die Hand auf den Thürgriff legte, fragte Ellen— es war ihm, als wäre ſie vom Balcon in das Zimmer zurückgeſchritten: „Biſt Du es, Betty?“ Sie glaubte, es wäre ihre Kammerjungfer, die Einlaß begehre. „Ich bin es, Ellen“, erwiderte Bruno ſtockend. ——— 119 „Nein, nein!“ rief ſie.„Ich bitte Sie, Bruno, nicht jetzt!“ Und ſie bemühte ſich die Thür zu ſchließen. Aber in der Verwirrung fand ſie den Schlüſſel nicht oder der Riegel wollte ihr nicht nachgeben— ſie konnte nur die Hände dagegen ſtemmen. „Ich muß Sie ſprechen, Ellen. Und gleich! Zwiſchen uns ſteht ein Entweder⸗Oder. Wird es nicht heute entſchieden...“ Wenn er ſie in dieſem Augenblicke hätte ſehen können! Höher wogte ihr Buſen, wilder flogen ihre Haare, Alles an ihr drückte den Rauſch des Triumphes aus. Das im Flüſterton geführte Geſpräch, der Kampf, der zwiſchen ihnen ſtattfand, ſo thöricht er war, ſteiger⸗ ten die Erregung. „Gehen Sie, Bruno!“ ſtammelte ſie.„Ich darf Sie nicht einlaſſen.“ Sie hatte, um den Schein des Widerſtandes zu verſtärken, einen kleinen Tiſch vor die Thür geſchoben. Aber indem ſie nun die Hand vom Griffe losließ, gab dieſer dem Druck Bruno's nach; die zurückgeſtoßene Thür warf das leichte Hinderniß um. Mit einem leiſen Schrei, mit einem:„Ich bin verloren!“ das mehr von Enzücken als von Schrecken widerklang, war ſie nach dem Balcon zurückgewichen. Sie hatte ihr Antlitz in den Händen verborgen, aber zwiſchen den Fingern blinzelte ſie ihm zu. Um ihren Mund ſchwebte daſſelbe Lächeln, mit dem ſie ihn unten verlaſſen. Nicht mehr ihre Lippen allein, ihre ganze Haltung ſchien zu ſagen: Mache mit mir, was Dir gefällt! Aber Bruno war nicht mehr derſelbe. Durch die Erſchütterung bei dem Aufreißen der Thür hatte ſich ein in der Wand darüber ſchlecht be⸗ feſtigter Haken gelöſt. Ein Bild war herabgefallen und lag in der Mitte des kleinen Gemachs zwiſchen ihnen. Es hemmte den Fuß Bruno's; er wollte es beiſeite ſchieben, er blickte darauf— in dem Schein der Ampel, die in ihren Bronzeketten bei der Bewe⸗ gung und dem Zugwind hin und her ſchwankte, erkannte er es. Es war die Dame in Blau, die Ahnfrau der Schmettows— das Bild, das ſein Vater gekauft, weil es Ellen glich, das mit dieſer phantaſtiſchen Aehn⸗ lichkeit die Leidenſchaft des Unglücklichen genährt— das Bild, auf dem ſein brechendes Auge geweilt hatte. Der S chauer, den dies Bild ihm immer einge⸗ flößt, ergriff Bruno von neuem. 121 Der unheimliche Zauber, den es nach Ruprecht's Erzählung in ſeiner Familie ausgeübt haben ſollte, wirkte er noch weiter nach? Warum lag es jetzt herab⸗ geſtürzt zu Brunv's Füßen? Ihn zu warnen? Was war er im Begriff geweſen, zu thun? Das Mädchen dort drüben, zitternd und ſchmiegſam, lüſtern und ängſt⸗ lich, hatte die Begierde ſeines Vaters erregt und ſeinen Verſtand bis zum Wahnſinn verwirrt... ohne Ab⸗ ſicht, ohne Schuld vielleicht. Dieſe Liebe war für die verdunkelte, von heftigen, unterdrückten Leidenſchaften randvoll erfüllte Seele des düſtern alten Mannes der Funke geweſen, der die Pulvermine entzündet. Und jetzt ſtand er, der Sohn des Unglücklichen, taumelnd an demſelben Abgrund, unwillkürlich von dem beſtricken⸗ den Reiz jenes Weſens fortgezogen, von den verſchie⸗ denſten Regungen der Dankbarkeit und des Mitgefühls, der geſchmeichelten Eitelkeit und der Selbſtſucht be⸗ ſtimmt, wie in einer Wolke von ſinnlicher Erregung und himmliſcher Verzückung dahingetragen... Mit einem gewaltſamen Ruck warf ſich Bruno zurück. Ellen gewahrte nur, daß er plötzlich ſtutzte, den Tiſch aufrichtete, das Bild vom Boden aufhob; ſie griff mit der Hand nach ihrem Herzen, ſie hatte die Empfindung eines Spielers, der einen hohen Einſatz von dem Rechen des Croupiers erfaßt ſieht und zor⸗ nig, verzweifelnd ſich vom Spieltiſche entfernt. „Ich habe wie ein thörichter Knabe gehandelt; vergeben Sie mir, Ellen“, ſagte er. „Wir hatten zu lange im Mondſchein geſeſſen; ich verdiene nicht geringern Tadel als Sie. Ihnen den Eintritt zu verweigern!“ Und ſchon hatte ſie den Klingelzug ergriffen und läutete ſtark. Bruno war auf den Balcon hinausgetreten, wäh⸗ rend die Zofe, nicht ohne einige Verwunderung im Geſicht, auf Ellen's Gebot die beiden großen Lampen im Ne⸗ benzimmer anzünden und hereintragen mußte. Mit ruhiger Selbſtbeherrſchung hatte ſich, während das Mädchen mit ihrer Arbeit beſchäftigt war, Ellen wieder zu Bruno gewendet. „Sie ſind erſtaunt, dies Bild in meinem Zimmer zu finden; es ſtand unter den andern Gemälden der Fürſtin Hochberg, und ich hatte es hier aufhängen laſſen, um es vor jedem Unfall zu bewahren. Im gelben Hauſe hing ein ähnliches, das ich ſehr liebte.“ „Es iſt daſſelbe. Ich hatte von Schmettow gehört, daß es das Portrait ſeiner Aeltermutter ſei, und hatte es durch Herrn von Hellburg dem Fräulein von Schmet⸗ tow zuſtellen laſſen.“ 2 — . ——— 123 Ellen kicherte ein wenig— ein boshaftes, häßliches Lachen. „Da hätte ich mir beinahe fremdes Gut angeeig⸗ net. Wenn Sie es erlauben, ſende ich das koſtbare Erbſtück morgen ſchon ſeiner Beſitzerin zurück.“ „Aber Sie trennen ſich ungern von ihm. Ich will den geſchickteſten Künſtler bitten, es Ihnen zu copiren.“. „Ich danke Ihnen; da ich weiß, wen es dar⸗ ſtellt, haſſe ich es.“ „Sie ſind gereizt über meine Unart, Ellen. Wer⸗ den Sie mir morgen wieder freundlich blicken?“ „Hätte ich ein Recht, Ihnen ein finſteres Geſicht zu machen? Wer bin ich in Ihrem Hauſe?“ „Meine Schweſter, Ellen“, ſagte er ſanft.„So gut die Herrin dieſes Hauſes, wie ich der Herr deſſelben bin. Sie wiſſen, daß uns ſo vereinigt zu ſehen lange der Wunſch meines Vaters war.“ „Ich beſtrebe mich, ihn zu erfüllen“, entgegnete ſie tonlos. In die peinliche Pauſe des Schweigens ſcholl vom Berge drüben der helle, fröhliche Klang eines Poſthorns. Sie ſtanden beide in der Balconthür; er hatte ihre bebende Hand ergriffen, die ſie ihm willen⸗ los ließ. Den Hügel hinunter rollte der Wagen; bei —— jeder Biegung des Weges blies der Poſtillon ins Horn und knallte vor Vergnügen über ſeine eigene Ge⸗ ſchicklichkeit mit der Peitſche. Der Mond, der über dem Hauſe ſtand, beleuch⸗ tete in der klaren Frühlingsnacht die Fahrſtraße bei⸗ nahe taghell. „Wer mag ſo ſpät nach Ilmburg kommen?“ fragte er abgebrochen. „Vielleicht Herr von Schmettow“, entgegnete ſie ebenſo.„Er hat ja ſchon vorgeſpukt.“ „Ellen, ich darf mit der Gewißheit von Ihnen gehen, daß Sie mir nicht zürnen?“ „Nein, ich zürne Ihnen nicht. Sie handeln, wie Sie wollen, und ich leide und liebe, wie ich muß.“ „Gute Nacht!“ Er zog ſeine Hand langſam aus der ihrigen, die kraftlos an ihrem Leibe herabſank. „Gute Nacht!“ Vor noch nicht einer halben Stunde hatte ſie die⸗ ſelben Worte geſprochen. Ihr war es, als ſei eine Ewigkeit dazwiſchen gerauſcht. Unbeweglich blieb ſie an den Thürpfoſten gelehnt ſtehen und träumte in die Nacht hinaus. Sie vermochte weder einen Gedan⸗ ken feſtzuhalten, noch eine Thräne zu vergießen. Unterdeſſen hatte Bruno das Haus verlaſſen. In — 125 dem Hofe ſchwatzten die Diener und Mägde. Auch ſie hatte die Milde und Helle der Nacht, das Poſthorn, das in dem ſtillen Thal zu ſo ungewohnter Zeit erklang, herausgelockt. 3 „Vielleicht bekommen wir noch Beſuch“, ſagte Bruno, in die Baumallee einbiegend, die in gerader Linie nach dem Flecken hinabführte, zu dem langen Heinrich, der ihn bis hierher begleitet hatte und nun auf einen Wink des Gebieters zurückblieb. Scheinbar ins Ungewiſſe und Zweckloſe ſchritt Bruno hinaus, denn mehr als eine Möglichkeit war es nicht, daß Schmettow in jenem Wagen ſäße— und doch eilte er ihm mit der Ueberzeugung entgegen, ein unerwartetes Glück zu treffen. Er ſehnte ſich nach der Derbheit und dem übermüthigen Humor Ruprecht's, um ganz aus ſeiner Betäubung zu erwachen. Es war ihm, als wehte um Ellen eine ſchwere, dumpfige Luft, von deren Druck ihm noch der Kopf ſchmerze und das Herz beängſtigt ſei. Die Friſche unter den Bäumen that ihm wohl. Kleine, zarte, vom Mondlicht angehauchte Wölkchen flogen über den Wipfeln dahin und ſchienen nach den Klängen, die immer näher kamen, einen wunderlichen Tanz aufzuführen. Anf Ende der Allee lief die Fahr⸗ ſtraße vorüber, gerade auf den Marktplatz des Fleckens zu. 126 Bruno war der erſte am Ziel. Ellen hatte wahr prophezeit: Schmettow ſaß im Wagen. Mit ſeiner Stentorſtimme rief er: „Da iſt das Neſt. Blaſe, Schwager, blaſe! Bald genug wird hier die Locomotive pfeifen!“ Aber er war nicht allein; noch ein Mann theilte mit ihm den Sitz des Wagens. Schmettow hatte ſich aufgerichtet und überſchaute die Straße. Am Kreu⸗ zungspunkt der Lindenallee ſah er Bruno ſtehen. „Guten Abend, Herr von Schmettow!“ rief der hinüber. „Beim rothen Kreuz, das nenn' ich Glück! An⸗ gehalten, Schwager!“ Und beide Hände Bruno ſchon in einiger Ent⸗ fernung entgegenſtreckend, war er vom Wagen geſprungen. Sein Begleiter wußte offenbar nicht, wie er ſich bei dieſer Begegnung zu benehmen habe. Iſt mir eine große Ehre“, ſagte Schmettow, ſeine langen Glieder reckend und dehnend.„Werde em⸗ pfangen wie ein Fürſt, kommen mir bis an die Grenze Ihres Gebiets entgegen. Dort bei der Linde, wo der Weg mündet, beginnt Ihr Terrain. Werden etwas zur Eiſenbahn abgeben müſſen, machen wieder ein gutes Geſchäft; ſind ein Glückskind, Herr Greif. Aber wie haben Sie nur errathen...“ —— —— 127 „Wir ſahen vom Balcon einen Wagen den Berg hinun⸗ terfahren; Miß Wood vermuthete, daß Sie darin wären.“ „Bin ganz beſchämt! Miß Wood...“ Nun fiel ihm doch kein paſſender Schluß des be⸗ gonnenen Satzes ein. Bruno überhob ihn der Mühe. „Sie ſollen ihr ſogleich Ihren Gruß perſönlich darbringen. Es war nicht freundlich, daß Sie mir vorbeifahren wollten, obgleich Sie Miß Wood und mir Ihren Beſuch verſprochen hatten.“ „Hätte mir morgen die Freiheit genommen. Heute konnte ich Ihr gaſtliches Dach nicht aufſuchen, bin nicht allein.“ 1 1 Während dieſer raſch gewechſelten Reden hatte der andere Inſaſſe des Wagens verſchiedene Verſuche gemacht, ſich zu verbergen oder unbemerkt nach dem Flecken zu entkommen. Aus dem Wagen ſelbſt war er glücklich geſtiegen und hielt ſich hinter demſelben verſteckt in der Hoffnung, daß die beiden andern, ohne ſich um ihn zu kümmern, den Weg nach dem Schloſſe einſchlagen würden. Einmal über das andere hatte er ſchon ſeinen Leichtſinn und ſeine Thorheit verwünſcht, die ſich wiederum von den Ueberredungs⸗ künſten Schmettow's hatten bethören laſſen. Jetzt, bei Ruprecht’'s Worten:„Bin nicht allein!“ wollte er ————— 128 ſpornſtreichs davonlaufen, am liebſten in den Wald hinein, wo ihn ſo leicht Niemand verfolgen würde, als Schmettow ſich umſchauend rief: „Fritz! Wo iſt denn der Junge geblieben?“ „Fritz!“ entgegnete ahnungsvoll Bruno. „Nun ja, Fritz Wolfhart. Begreifen, daß ich nicht wohl mit ihm...“ „Fritz Wolfhart lebt?“ „Ja, warum ſollte er todt ſein?“ fragte verwun⸗ dert Schmettow.„Wenn ihn nicht eben jetzt die Erde verſchluckt hat...“ Bei dem Freudeton, der in Bruno's Ausruf erklang, hatte aber auch Fritz nicht länger an ſich halten können. Die ganze Jugendzeit, die Erinnerung der erſten Kindheit erwachte bei dieſem Laut, der ſein Herz noch ſtärker als ſein Ohr traf, in ihm. Alles, was ſeitdem geſchehen, was ſie getrennt, was endlich die Hand des einen gegen den andern erhoben, war zerronnen; wieder rief Bruno den Spielgenoſſen, nachdem er ſich mit ihm geſtritten und dem Kleineren und Jüngeren, wie es dieſem ſchien, bitteres Unrecht gethan hatte, halb ſchmeichleriſch, halb ärgerlich zu ſich heran. Und ge⸗ horſam, wie damals, trat Fritz vor, in derſelben trotzig verlegenen Haltung, mit denſelben treuherzigen, ſchüch⸗ tern fragenden Augen: Biſt Du auch wieder gut? —— 129 „Du lebſt!“ rief Bruno und ſchloß ihn in ſeine Arme.„Du lebſt!“ „Du haſt mir ve rziehen?“ erwiderte Fritz mit furchtſamer Bitte. Zum erſten Male ſeit langen Jahren küßten ſie einander wieder, wie ſie es ſo oft als Knaben gethan. Verwundert betrachtete Schmettow das Schauſpiel. Erſt nach einer Weile, wo ſich die beiden ſtumm an⸗ geſchaut, ſtumm die Hände geſchüttelt hatten, ſagte er: „Da hab' ich in aller Dummheit wohl einen Meiſterſtreich ausgeführt?“ „Das haben Sie, Herr von Schmettow“, ant⸗ wortete Bruno.„Aber ein Wiſſender hätte ihn nie führen können.“ Als er, Fritz am Arm, den Baumgang zum Schloſſe hinaufſchritt, kam er ſich wie ein von ſchwerer Krank⸗ heit Geneſener, aus trauriger Kerkerhaft Befreiter vor. Laut aufjubeln hätte er mögen. Im Hauſe ſtanden die Diener ſchon zum Empfang der ſpäten Gäſte bereit. Der gute Fritz glaubte in ein Traumland ver⸗ ſchlagen zu ſein. Er war ſo froh, daß die ſchwerſte That ſeines Lebens einen ſolchen Ausgang genommen, daß er ohne Widerſtand Alles mit ſich thun ließ; durch den geringſten Einſöruch ſeinerſeits fürchtete er aus Frenzel, Siloia. IV. 9 130 der holden Welt der Täuſchung in die rauhe Wirk⸗ lichkeit zurückgeſchleudert zu werden. In ſeiner Freude war Bruno zu Ellen hinauf⸗ geeilt. „Sie hatten Recht, Ellen“, rief er ihr zu,„Fritz lebt! Er iſt mit Schmettow gekommen, er iſt in un⸗ ſerem Hauſe.“ Sie hatte über ihr Herz und noch mehr über ihr Geſicht ihre volle Herrſchaft wiedergewonnen, ſodaß ſie ſeinen Bitten folgte und die Gäſte, die ja auch die ihrigen ſeien, begrüßte. Hand in Hand trat ſie mit Bruno in den kleinen Saal; gelaſſen, ohne die Farbe zu wechſeln, hielt ſie den ſtechenden Blick Ruprecht’s aus und verneigte ſich auf ſeine langathmige Anrede vornehm und kühl; Fritz reichte ſie freundlich die Hand. „Laſſen Sie es ſich in dieſem Hauſe gefallen; wenn einer, ſo ſind Sie hier mit Schmerzen vermißt worden.“ Als dann Bruno wieder in ſeiner Ungeduld, die Geſchichte von Fritz; Rettung zu vernehmen, den Freund beiſeite führte, näherte ſie ſich langſam Schmettow. „Sie haben ihn hierher gebracht?“ „Zugeſtanden. Calculirte, daß...“ 131 „Wollen Sie nicht morgen auch die Schweſter nach Ilmburg geleiten?“ „Beliebt es Ihnen, warum nicht?“ „Sie verhöhnen mich. Es könnte Ihr Verderben ſein.“ 4 „Unmöglich; kennen ja den Preis, der mich zu Ihrem Sklaven macht.“ „Verlaſſen Sie dies Haus, dieſe Gegend, ich zahle Ihnen jede Summe.“ Er lachte.„Vor ſechs Monaten wäre dies ein Anerbieten geweſen, worüber ſich hätte handeln laſſen — jetzt iſt es zu ſpät, Miß Wood.“ „Alſo Sie oder ich!“ betonte ſie. „Amerikaniſches Duell?“ Er verbeugte ſich.„Miß Wood wird einen ritterlichen Gegner in mir finden.“ Nach einigen flüchtigen Worten, ihnen alle eine gute Unterhaltung und gute Ruhe nachher wünſchend, entfernte ſich Ellen. Bruno geleitete ſie hinaus; es war ihm eine Pflicht und erſchien ihm zugleich als eine Genug⸗ thuung, die er für die Kränkung ſchuldig ſei, welche er ihr vorhin hatte anthun müſſen, ſie vor ſeinen Gäſten mit all der Chrerbietung zu behandeln, die nur ſeine Schweſter oder ſeine Gattin von ihm hätte for⸗ dern können. 9* 132 „Nun wird noch Alles gut“, meinte er zu ihr. „Ich hoffe es wieder“, entgegnete ſie doppelſinnig. Während des Mahles, bei dem Bruno den liebens⸗ würdigen Wirth aus ſeinen beſten Tagen machte, tauſchten ſie Geſchichte gegen Geſchichte. Schmettow hatte von dem verzweifelten Kampf zwiſchen Bruno und Fritz bisher nichts erfahren. Mit Lebensgefahr hatte ſich Fritz aus dem Strom an das andere Ufer gerettet. Betäubt, durchnäßt, halb erſtarrt hatte er eine Weile dort unter den Weiden gelegen und ſich mit letzter Kraft in das nahe Dorf geſchlichen. Unter den Arbeiterfamilien, die hier wohnen, kannte er eine noch von der Zeit her, als er ſelbſt in der Greif ſchen Fabrik gearbeitet. Er fand Aufnahme und Pflege; ſeinem Vorgeben, er ſei unverſehens auf dem jenſeitigen ſchneeglatten Ufer ausgeglitten und in den Fluß geſtürzt, ſchenkte man um ſo eher Glauben, weil man ihn nach der Verſtörung und Aufregung ſeines Weſens für berauſcht hielt. Als er ſelbſt zur Einſicht in ſeine Lage kam, ergriffen ihn das Gefühl ſeiner Schuld und die Furcht vor der drohenden Strafe mit doppelter Gewalt, da er, ans Bett gefeſſelt und einige Tage zur Unthätigkeit verurtheilt, ihnen nicht entfliehen konnte. So reifte der ſchon oft gehegte Plan in ihm, ſobald als möglich Berlin zu verlaſſen. Schmettow unterſtützte ihn darin; er wähnte, die verrückte Leiden⸗ ſchaft für die Gräfin ſetze dem armen Burſchen noch immer zu. Eine Woche nach ſeiner verbrecheriſchen That machte ſich Fritz auf die Wanderſchaft. Er hatte ſich zuerſt nach Dresden, dann nach Erfurt gewendet und dachte nun daran, über Frankfurt ſeine große Tour nach Paris zu machen. In Erfurt hatte ihn Schmet⸗ tow getroffen und ihn überredet, mit ihm nach Ilm⸗ burg zu gehen. Von Bruno hatte er nicht zu ihm ge⸗ ſprochen, aber er hatte Fritz vorgeſchlagen, was ſie jetzt beide feinfühlig verſchwiegen: einmal ihr ſo nahe und bald auf lange ihr entrückt, der Schweſter Lebewohl zu ſagen. Bis nach Mitternacht hatten dieſe Erzählunden ſie wach gehalten. Bruno mußte, als er ſein Lager ſuchte und ihn zum erſten Male ein wohlthuendes Gefühl des tiefſten Friedens durchſchauerte, der Worte gedenken, die er zu Ellen geäußert. Nein, der Gott, der die beiden in ſein Haus ge⸗ führt, war kein Dämon. Viertes Kapitel. Am folgenden Tage erſchien das Schloß wie ver⸗ wandelt. Von der Frühe an herrſchte Bewegung und Lärm darin. Die faſt ängſtliche Stille und Düſterkeit, die darüber gelagert, war nicht nach Ruprecht's Ge⸗ ſchmack. Wenn nicht luſtig, mußte es um ihn wenig⸗ ſtens laut ſein. Er hatte beſtändig etwas von den Dienern zu fragen oder zu fordern und lonnte weder längere Zeit ruhig an einem Orte verweilen, noch ſich dem Schweigen ergeben. Fand er Niemand, der Laune und Muße hatte, ihm zuzuhören, ſo pfiff oder ſang er vor ſich hin. Wie unſympathiſch dies Weſen Bruno auch ſonſt berührt hatte, heute war er nicht nur geneigt, es zu ertragen, ſondern in ſeiner Weiſe ſelbſt Antheil daran zu nehmen. Daß Ruprecht ihm Fritz ins Haus ge⸗ — —— 2 führt hatte, machte in ſeinen Augen Vieles gut. Sein Herz war durch das Wiederſehen des todtgeglaubten Freundes von einer drückenden Schuldempfindung er⸗ leichtert, die Zukunft von einem traurigen Schatten befreit worden. So war auch in ihm etwas, das aufjauchzen wollte. Er mochte ſich dieſe erſten Stun⸗ den reiner Freude nicht durch den Gedanken verbittern, daß Ruprecht ſein glücklicher Nebenbuhler ſei, und dieſer verſtand es, jede Anſpielung auf Clara geſchickt zu vermeiden. Als höflicher Wirth bot Bruno Alles auf, ſeinen Gäſten ſein Beſitzthum im ſchönſten Lichte zu zeigen. Sie gingen durch den Garten, ſie wanderten nach dem Frühſtück nach dem kleinen Städtchen hinunter. Ruprecht war wie immer voll von Plänen. Er ſuchte Bruno für die beabſichtigte Eiſenbahn zu ge⸗ winnen, er hatte allerlei Vorſchläge, den Felsſpalt zu überbrücken und den jenſeitigen Tannenſtrich„künſtle⸗ riſch“ als Abſchluß des Gartens zu verwerthen. An den drei Männern war in dem fröhlichen Juniſonnenſchein Alles heiteres Lebens⸗ und Kraftgefühl. Die Umgebung kam ihnen in derſelben Stimmung gleichſam entgegen. Ganz Ilmburg wogte auf dem Marktplatz, durch die ſteile Gaſſe nach der Wieſe hinab. Morgen, erfuhren die Freunde, ſei der erſte Tag eines 136 großen Jahr⸗ und Pferdemarktes, der in jedem Jahre das bedeutendſte Ereigniß des Fleckens war. Die Bauern aus den Dörfern, die Gutsbeſitzer, ſogar die Bewohner der Reſidenz ſtrömten zuſammen, die einen, zu kaufen und zu verkaufen, die andern, zu ſchauen. Ein und ein anderes Mal hatte ſogar die herzogliche Familie durch ihr Erſcheinen den Markt verherrlicht. Heute waren Alt und Jung mit den Zurüſtungen und Vorbereitungen beſchäftigt. Aus dem Innern der Häuſer hatte man das Leben und Treiben auf die Straße und den Platz verlegt. Auf dem Markte wurden die Ver⸗ kaufsbuden aufgeſchlagen, die verſchiedenen Stände ein⸗ gerichtet. Die Wieſe, die ſich weithin bis an den Fluß ausdehnte, war theils für die Pferde, theils für Ver⸗ gnügungszelte beſtimmt. Außer Rieſen und ſeltſamen Thieren, Marktſchreiern und Bänkelſängern, den Car⸗ rouſſels und Schießbuden, den Panoramen und Wür⸗ feltiſchen hatte ſich auch eine kleine Kunſtreitergeſellſchaft eingefunden und lud einen hohen Adel und ein ver⸗ ehrliches Publikum mit Trommeln und Trompeten, in feſtlich buntem Aufzug zu ihren Vorſtellungen ein. Jen⸗ ſeits des Fluſſes ſtieg der dunkel bewaldete Berg an, auf deſſen ſüdlichſtem Vorſprung in mäßiger Höhe das Schloß mit hellen Fenſtern lag; eine prächtige Einrah⸗ mung für das bunte, mannichfach belebte Bild. 8 — Unter Pferden und Pferdehändlern, unter all die⸗ ſem Zigeunervolk fühlte ſich Schmettow ſogleich hei⸗ miſch. Um Haupteslänge faſt überragte er die Menge; ſeine herkuliſchen Glieder, ſein rother Bart, ſeine laute Stimme thaten das Ihre, die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit auf ihn zu ziehen. Den Kindern, die ſich um ihn drängten, warf er kleine Geldſtücke zu; die Pferde der Kunſtreiter betrachtete er prüfend und fragte den Di⸗ rector— Bruno hatte ein Dutzend Billets für die Vorſtellung am nächſten Tage genommen— ob er ihm einen Platz in ſeiner Geſellſchaft offen halten wolle. Er ſei ſelbſt jahrelang in San⸗Francisco Kunſt⸗ reiter geweſen— und nun band er dem Manne und dem Clown und dem Trapezkünſtler, die ſich zu ihrem Principal geſellt hatten, die tollſten Geſchichten von chineſiſchen Taſchenſpielereien und waghalſigen Sprün⸗ gen und Ritten auf. Das luſtige Geſindel merkte bald, daß der„Herr Graf“ während der drei Tage, wo dieſe Wieſe ihre Heimat war, ihr Patron ſein und die Thaler nicht anſehen würde, und ließ ſich in ſolcher goldenen Hoff⸗ nung gern ſeine Späße gefallen. Auch Bruno wurde in dieſe Verehrung und Be⸗ wunderung mit einbegriffen. Die Bürger des Städt⸗ chens rechneten es ihm hoch an, daß er ſich um ihren 138 Markt kümmere, mit den Verſtändigen ſich beſprach, bei dem Meiſter Schloſſer ſich nach dieſen und jenen Arbeiten erkundigte und herzlichen Antheil an ihren Freuden und Leiden zu nehmen ſchien. Ruprecht's Humor, Fritz' Gelächter hatten ihn angeſteckt, frei und leicht bewegte er ſich unter den lärmenden, hämmernden, hier Pfähle einſchlagenden, dort Gerüſte aufrichtenden, feilſchenden, ſchwatzenden, vor allem ſchauenden Gruppen. Wie in den Waſſerſtrömen iſt auch in einem Menſchenſtrom immer eine beſtimmte Richtung. Da, wo eine kleine Brücke über den Fluß zum Bergwald hinüberführte, erhob ſich ein Zelt mit einer wehenden ſchwarz⸗weiß⸗rothen Fahne. Innerhalb und außerhalb deſſelben ſtanden lange, roh gezimmerte Tiſche und Bänke und vereinzelt ſaßen bei einem Frühtrunk einige Män⸗ ner. Hierher drängten die fahrenden Künſtler, als nach dem richtigen Ziel und Ende ihrer Wallfahrt. Durch die wiederholten Hochrufe auf den Herrn Grafen und den Herrn Baron glaubten ſie den Beweis von der Heiſerkeit ihrer Kehlen und der Nothwendigkeit, ſie durch einen kühlen Trunk aufzufriſchen, vollgültig ge⸗ führt zu haben. „Hier bin ich der Einzige, der zahlen darf“, hatte Bruno lachend zu Schmettow geſagt und den Wirth herbeigewinkt. —ͤͤ — — „„— 139 „Frei trinken!“ ging es von Mund zu Mund. Schmettow war auf eine Bank geſtiegen, einen Bierkrug in der Hand, und brachte dem Wohlthäter der Durſtigen, dem Beſchützer aller freien Künſte, dem Beſitzer von Schloß Ilmburg ein„donnerndes Hoch“ aus. Der Widerhall fehlte nicht; er übertraf Ruprecht's kühnſte Erwartungen, denn der Clown hatte die Trom⸗ mel mitgeſchleppt und ſchlug, während die andern ſchrieen und die Mützen ſchwenkten, einen ohrzerreißen⸗ den Wirbel darauf. Als dann auf einen Augenblick Ruhe eintrat, ward die Stimme eines Einzelnen laut. „Ich ſage Euch“, hob ſie an,„laßt ab von der Völlerei und der frechen Gottloſigkeit. Wendet Euch nicht zu dem großen Goliath—“ Und aus dem Gewühl reckte ſich ein Arm empor. Aber ſchon übertönte das Geſumme, das Geſchrei und der erneuerte Hochruf den ſchwachen Verſuch die⸗ ſes Predigers in der Wüſte. Nur Ruprecht hatte von ſeinem erhöhten Stand⸗ punkt ſeinen Gegner, den Kämpfer Gottes, im ſchwar⸗ zen Rock erkannt und ſah ihn jetzt mit allen Zei⸗ chen des Abſcheus jenſeits der Wieſe in den Wald flüchten. Die Luſt wandelte ihn an, Timotheus nachzu⸗ 140„ gehen. Er lud die Freunde ein, durch den Wald nach dem Schloſſe zurückzukehren. „Gibt's keinen andern Weg, über die Teufels⸗ brücke!“ rief er mit muntern Augen Bruno zu. Die Sonne brannte heißer und der kühle Waldſchat⸗ ten lockte. Bald waren die drei dem Tumult und dem aus⸗ gelaſſenen Treiben der Wieſe entronnen und im Tannen⸗ dunkel geborgen. Unterwegs erzählte Ruprecht von ſeinem Zuſam⸗ mentreffen mit Timotheus. Fritz mußte erröthend ſeine Beichte, wie er mit dem ſeltſamen Menſchen zu⸗ ſammengerathen ſei, ablegen. Doch war er ſchon ſo weit in der Selbſterkenntniß und Entſagung vorge⸗ ſchritten, daß er jenes Abenteuer mit allen Folgen, die ſich für ihn daran geknüpft, als eine harte, aber heilſame Erziehung durch das Schickſal betrachtete. „Ich habe etwas Himmliſches in mein Leben hineinleuchten ſehen“, ſagte er,„und in Schmerzen ge⸗ lernt, daß wir nicht danach greifen dürfen. Ich war zornig und wild darüber; jetzt iſt mein Grimm ver⸗ raucht, allein der Widerſchein des Schönen iſt mir geblieben und tröſtet und erhebt mich.“ So oft und aus verſchiedenem Munde hatte Bruno ſchon Schilderungen des wunderlichen Heiligen ver⸗ 1441 nommen, daß er gern die Gelegenheit ergriff, zugleich ſeinem Gaſte gefällig zu ſein und die Bekanntſchaft des Candidaten zu machen. Aber ſie ſuchten vergebens; Timotheus war beſſer als ſie mit den Schleichwegen und Geheimniſſen des Waldes vertraut. Eine breite, vielfach befahrene Straße führte die Höhe hinan und durchſchnitt die große, durch einen gewaltigen Wind⸗ bruch vor vielen Jahren entſtandene Waldblöße und Lichtung, die jetzt den kleinen Waldbeſitz Bruno's von dem ſtattlicheren der Gemeinde trennte. Dieſen Weg hatten die Freunde eingeſchlagen, da er ſich ihnen zu⸗ erſt darbot und ſich nicht zu tief in das Dickicht hinein verlor. Sie gelangten bald auf die Lichtung; zur rechten Hand hatten ſie die Schlucht, die ein kleines Tannen⸗ gehölz ihnen verbarg, bis Ruprecht, weiter vorſchreitend, zwiſchen den Stämmen die Breterbrücke gewahrte. „Ich hätte wetten wollen“, ſagte er,„daß es zu den täglichen frommen Uebungen unſeres Candidaten gehöre, über dem Abgrund zu ſchweben; allein er ſcheint heute dieſe halsbrecheriſchen Künſte den Seil⸗ tänzern und dem Trapezmann überlaſſen zu haben.“ Ganz unbelohnt ſollte ihre Wanderung indeſſen nicht bleiben. Auf der andern Seite der Lichtung ſchimmerte es aus dem Dickicht wie von altersgrauen “ — —— 142 gebrochenen Mauerreſten. Bruno entſann ſich, daß ihm der alte Caſtellan von einem Thurm im Walde erzählt habe, der zur Schwedenzeit zerſtört worden ſei. Etwas Sonderliches war freilich nicht mehr zu ſehen; was Kugeln und Brand nicht vernichtet, hatten Zeit und Menſchenhand zuſammengeſtürzt. Verwahrloſte, geringe Trümmer der Umfaſſungsmauer in ihrem un⸗ tern Theil, aus denen das Fichtengeſtrüpp aufſchloß, waren noch übrig. Man hatte ſie benutzt, um eine kleine Mooshütte daran anzubauen; urſprünglich wohl nur ein Raum für die Waldarbeiter, um während eines Unwetters unterzutreten und am Abend ihre Geräthſchaften zuſammenzuſtellen. Allmälig hatten dann die Spaziergänger aus der Stadt daran ge⸗ beſſert und in ihrer Weiſe verſchönert. Die Hütte enthielt jetzt eine Bank zum Ausruhen und einen Stein⸗ tiſch davor. Empfindſame Liebespaare hatten in die Rinde der Bäume umher ihre Namen eingeſchnitten. Hier entdeckten die drei endlich eine Spur des Geſuchten. Ein irdener Waſſerkrug ſtand auf dem Tiſch und ein ſchwarzgebundenes Büchlein, das neue Teſtament, lag daneben. Timotheus ſchien die Hütte zu ſeiner Einſiedelei erkoren zu haben. „Vorſtudien zum Leben im afrikaniſchen Urwald“, lachte Schmettow. —— 143 Da ſie anfingen müde zu werden und jede Hoff⸗ nung, Timotheus aufzufinden, aufgeben mußten, ſchlu⸗ gen ſie den Rückweg nach dem Schloſſe ein. Ruprecht hatte die größte Luſt, über die Breter zu ſchreiten, aber Bruno litt es nicht; er hatte ſeinen abergläubiſchen Schauer von geſtern noch nicht überwunden. Etwa hundert Fuß unterhalb fanden ſie es leicht und mühe⸗ los, von dem einen Rande der Schlucht hinab⸗ und an dem andern Abhang hinaufzuſteigen. So aus der Tiefe betrachtet erſchien die Höhe, in der die beiden ſchmalen Breter den Abgrund überbrückten, noch be⸗ trächtlicher; ſie ſelbſt glichen einem dünnen dunklen Streifen. Im Garten kam ihnen Ellen entgegen. Ruprecht hatte ſie in einem ſo reichen und geſchmackvollen An⸗ zuge noch nie geſehen. Er verſchlang ſie beinahe mit ſeinen Blicken. Sorgſam hatte ſie jede Falte des Schmerzes aus ihrem Geſichte verbannt, ſie erſchien harmlos und heiter. In ſo herzlicher und rückſichts⸗ voller Weiſe begegnete ihr Bruno, daß Ruprecht nicht mehr das Einverſtändniß zwiſchen beiden bezweifeln konnte. Das Blut ſtieg ihm zu Kopfe, und als ſie ihn mit einem ihrer halbverſchleierten Blicke ſtreifte, der ihm zu ſagen ſchien:„Ich bin glücklich; Du biſt wieder 144 zu ſpät gekommen wie in Virginia City“— wäre ſeine Eiferſucht losgebrochen, wenn ihm nicht gerade ein Diener einen Brief eingehändigt, der im Verlauf des Morgens unter den übrigen Poſtſachen auch für ihn eingegangen war. „Will ich morgen den Markt mitfeiern helfen“, ſagte er, den Inhalt des Schreibens überfliegend,„muß ich heute noch nach der Reſidenz. Man hat mich ſchon geſtern dort erwartet.“ „Ihre Schweſter?“ fragte Bruno. Fritz hatte ſich abgewendet und ſtudirte eifrig an den Fliedergebüſchen und Hagedorngeſträuchen Botanik. „Nein, Eiſenbahnconferenz“, erwiderte Ruprecht und ſteckte den Brief in die Taſche.„Wäre ſchade, wenn ich morgen im Circus fehlte und bei den Würfel⸗ buden! Haben Sie Glück im Spiel, Miß Wood?“ „Ich weiß nicht, denn ich habe nie geſpielt.“ „Erlauben mir alſo, morgen dreimal für Sie zu würfeln? Habe jetzt eben Unglück in der Liebe...“ „Mein Wagen ſteht Ihnen zur Verfügung, Herr von Schmettow“, unterbrach ihn ſchnell Bruno.„Miß Wood hat angeordnet, daß wir hier auf dem Lande eine frühe Speiſeſtunde innehalten; Sie können vor drei Uhr aufbrechen— unter einer Bedingung ſelbſtver⸗ ſtändlich...“ „Topp!“ „Daß Sie morgen wieder zu uns zurückkehren.“ „Es gilt! Ich komme vielleicht ſchon in der Nacht, wie der Bräutigam zu den ungetreuen Jungf rauen, die ihr Oel verſchüttet haben. Miß Wood, befehlen Sie über mich. Irgend einen Auftrag für die Stadt?“ „Nein. Und doch— ich hätte eine Reiſegefärthin für Sie.“ „Eine Silvia— will ſagen, ein Mädchen aus dem Walde?“ „Sie iſt ſtumm und, wie mir Bruno— Herr Greif geſagt hat, überdies eine Verwandte von Ihnen, eine von den Verwandten, die man nicht gern ſprechen hört, eine Urgroßmutter...“ „Ellen!“ warf Bruno ein. Schmettow hatte ſich verfärbt und ſeine Hände ballten ſich zuſammen. „Böſes Omen“, murmelte er zwiſchen den Zäh⸗ nen. „Es iſt ja nur ein Scherz“, lachte Ellen, der Ruprecht's Aufregung nicht entging. „Verſtehe“, raffte er ſich auf,„die blaue Dame hat ſich wieder eingefunden. Eine verwünſcht anhängliche Perſon!“ „Miß Wood hat geſtern unter den zurückgelaſſenen Frenzel, Silvia. IV. 10 —— 146 Bildern der Fürſtin Hochberg die blaue Dame von Netſcher bemerkt, das Bild, das ehemals im gelben. Hauſe hing“, erklärte Bruno.„Fräulein von Schmettow hat es der Fürſtin geliehen, um eine Copie davon zu nehmen... „Und ich wollte dem Fräulein heute ſchreiben, daß ſich das Gemälde unbeſchädigt in dieſem Hauſe be⸗ findet“, ſetzte Ellen hinzu. „Wenn Sie ein wenig um mein Leben beſorgt ſind, Miß Wood“, bat Schmettow mit komiſchem Ausdruck,„ſo laſſen Sie es an Ihrem Auftrag genug ſein. Er ſoll pünktlich beſtellt werden. Das Bild mag die Poſt befördern, die Poſt iſt nicht abergläu⸗ biſch. Ich aber reiſe nicht ohne Noth mit alten Hexen.“ Bei Tiſche erzählte Bruno von dem Spaziergange, den ſie gemacht hatten, von dem Marktgewühl und den luſtigen Geſellen, die ſich dort tummelten, von den Ruinen und der Mooshütte drüben im Walde. Ruprecht ſchilderte drollig ſeine erſte Begegnung mit Timotheus im Waldgarten und ſchloß, daß es recht eigentlich Miß Wood's Pflicht ie ſich des Unglücklichen anzunehmen. „Wer kann einen Irrenden beſſer auf den rechten Pfad zurückgeleiten als ein Engel?“ — 147 Auch Bruno unterſtützte Ruprecht's Meinung; ſobald die Unruhe der Markttage vorüber und Ilm⸗ burg wieder in ſein idylliſches Stillleben verſunken wäre, möge Miß Wood mit dem Pfarrer ſich über den Kranken beſprechen. Ellen nannte die Sorge der Männer übertrieben; Timotheus ſei ein Schwärmer, der Niemand ein Leid zufügen werde und den man nicht ungeſtüm aus ſeinem Traumleben wecken dürfe; in einer Krankenanſtalt würde das, was doch nur Tiefſinn und phantaſtiſche Erregung ſei, bei ihm vollends in Wahnſinn aus⸗ arten. Sie ſtritten noch darüber, als der Diener meldete, daß der Wagen bereit ſei. Die Zurückgebliebenen empfanden nach Schmettow's Abfahrt eine gewiſſe Erleichterung. Es war ſchwer, in ſeiner Gegenwart ſich einer ruhigen Betrachtung und Stimmung hinzugeben und eine kurze Friſt mit ſich allein zu ſein. In ſeinen guten wie in ſeinen ſchlimmen Eigenſchaften hatte er etwas von einem Sturmwind. „Wir wollen die Windſtille benutzen“, hatte Bruno geſagt und Fritz mit ſich genommen, um mit ihm im Einzelnen die Reiſe des Jünglings nach Paris zu er⸗ örtern. 10* 148 Ellen war in ihr Gemach hinaufgegangen und warf ſich auf ein Ruhebett. Sie hatte die Nacht ſchlaflos zugebracht und war doppelt müde und er⸗ ſchöpft unter der Maske der Verſtellung, die ſie wäh⸗ rend der letztverfloſſenen Stunden getragen hatte. Wäh⸗ rend Verzweiflung und Rache in ihrem Herzen wühl⸗ ten, mußte ſie guter Dinge ſein und die Miene einer Glücklichen bewahren. Hier endlich war ſie unbeachtet, unbelauſcht— „allein!“ ſeufzte ſie. Gab es nach Allem, was geſchehen, noch eine Hoff⸗ nung für ſie? War es nicht das Beſte, vom Kampfe abzuſtehen, ſtatt immer aufs neue nach einem Wolkenge⸗ bilde zu greifen, das zerflatterte, indem man es be⸗ rührte? Bruno liebte ſie nicht; ihm unbewußt war die Neigung zu Clara in ihm mächtig— wie lange noch und die dünne Scheidewand, die Mißverſtändniſſe, Irrungen, ſeine Schuld und die Gereiztheit des ver⸗ laſſenen Mädchens zwiſchen ihnen aufgethürmt, zerfiel in nichts. Was war ſie dann? „Die graue Schweſter!“ grollte es in ihr. Ein Gedanke jagte den andern; ſie wollte das Haus, ſie wollte Deutſchland verlaſſen, unter Fremden ihre geſcheiterten Pläne und ihren Schmerz verbergen und vergeſſen. Die Welt iſt weit, das Leben wechſel⸗ reich— Hunderte von Pfaden, von geraden und ver⸗ ſchlungenen, hinauf und hinab, durchſchnitten es nach allen Richtungen. Sie hatte ein Vermögen, das ihr geſtattete, an jedem Orte angenehm und unabhängig zu verweilen; wie es ihr geſiel, konnte ſie reiſen oder ſtillſitzen. „Zweifelſt du, daß du einen Mann zum Beglei⸗ ter finden würdeſt?“ fragte ſie ſich bitter. Aber welchen Weg ſie auch einſchlagen würde, Bruno's Schatten würde ihr folgen. Bei jedem Schritte vorwärts würde ſie innehalten, um ſich nach ihm umzuſchauen. Die Unermeßlichkeit des Alls diente ihr nur zum Maßſtab für die Tiefe ihres Schmerzes. Wäre ſie ein Mann geweſen, hätte ſie gewaltſam die Hinderniſſe ihres Glücks aus dem Wege geräumt. Ohne zu zögern, hätte ſie jedes Verbrechen gewagt. Allein eine Frau kann ſolche Thaten wohl denken, ſie auszuführen fehlt ihr die Kraft. Sollte ſie nach einem Mordwerkzeuge, nach einem Gift greifen, um Ruprecht, um Clara zu tödten? Nein, zu einem Kampfe gegen Andere iſt das Weib zu ſchwach. Nur gegen ſich ſelbſt iſt es ſtark. Gegen ſich ſelbſt—„tödte dich!“ Sie ſchaute erſchreckt auf; wer hatte geſprochen? Wenn man dieſen Abgrund zu ergründen vermöchte! Wenn Martin Greif doch den beſſern Theil erwählt! Etwas in ihr arbeitete und wehrte ſich gegen den unheimlichen Schauer, der ſie zu umwehen anfing. Sie ſtand auf und ſuchte im Gemach umher nach einer Beſchäftigung oder Zerſtreuung. Doch legte ſie die Stickerei, das Buch, das Album mit den Photographien thüringiſcher Landſchaften nach wenigen Sekunden wieder beiſeite. Auf dem Tiſche bemerkte ſie ihr Schmuckkäſtchen; ſie ſtreifte die Spange von ihrem Arm, ſie nahm die feingearbeitete, altvenetianiſche Goldkette von ihrem Halſe, ſie zog die beiden Ringe von ihrem Finger— den Opal Martin's, den Amethyſt Arthur's. „Auch du!“ murmelte ſie und verſchloß die Ringe in dem Käſtchen.„Bedarfſt du eines ſo prächtigen Kleides, um zu ſterben?“ dachte ſie, als ſie ſich bei einer unabſichtlichen Wendung im Spiegel ſah.„Dir geziemt ein weißes Gewand!“ Und haſtig entkleidete, ſie ſich ihrer ſeidenen Hülle und zog ein einfaches weißes Gewand an. Bei dem Suchen nach dieſen und jenen Kleinig⸗ keiten ihres Anzugs hatte ſie aus dem einen Kaſten unvorſichtig einen ſchweren, harten Gegenſtand heraus⸗ geriſſen. Sie bückte ſich danach— es war das Dolchmeſſer, mit dem Fritz nach Brunos Bruſt ge⸗ ſtoßen. Wie es zu ihren Schärpen, Bändern und 151 Krauſen kam, wußte ſie nicht. Sie entſann ſich nur, daß ihr in jener Nacht das Meſſer von der ſchneebe⸗ deckten Erde entgegengeblinkt und daß ſie es mit raſcher Ueberlegung aufgerafft und verborgen hatte. Seitdem hatte ſie es oft betrachtet und wie eine Reliquie be⸗ wahrt. Auch jetzt öffnete ſie die Schneide. Auf der breiten Klinge glaubte ſie noch einige Blutflecke zu erkennen... Tropfen ſeines Blutes. Sie prüfte die Spitze und Schneidigkeit des V Meſſers... ein raſcher Stoß ins Herz... 4 Aus ihrer Ankleidekammer war ſie wieder in das Balcongemach getreten, das Meſſer in der Hand. Wie über ſich ſelbſt entſetzt, warf ſie es auf den Tiſch. Ihre Zofe kam, nach den Befehlen der Herrin zu fragen, und meldete zugleich, der Candidat ſei unten am Thor und wünſche ſie zu ſprechen, aber die Diener wollten ihn nicht hereinlaſſen. „Führe ihn her“, gebot Ellen.„Er iſt nicht ge⸗ fährlich. Nur die andern ſind es, die ihn reizen und verhöhnen. Wo iſt Herr Greif mit ſeinem Gaſte?“ 4„Herr Greif ſchreibt in ſeinem Zimmer.“ Bald darauf ſtand Timotheus vor ihr. Sein langes, geſcheiteltes Haar, ſein lockiger Bart, die Hager⸗ keit ſeiner Geſtalt, die in dem langen ſchwarzen Rock noch mehr hervortrat, die tiefliegenden düſtern Augen machten ihn wohl für Alltagsmenſchen zu einer fremd⸗ artigen Erſcheinung, aber nicht für Ellen, die ſelbſt für eine Ausnahme galt. Seine Anrede, ſeine Hal⸗ tung waren die eines Mannes, der ſich ſicher und ruhig in den Kreiſen der Vornehmen wie der Niedrigen bewegt hat. „Weil ich nicht die Sprache dieſer Welt rede“, ſagte er,„hält man mich für einen Narren und hätte mir bald den Zugang zu Ihnen gewehrt, und ich komme doch nur, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen.“ „Verzeihen Sie die Unart der Diener; künftig wird Sie Niemand in dieſem Hauſe mehr kränken. Herr Greif nimmt den lebhafteſten Antheil an Ihrem Geſchick.“ „Sie ſagen, ich ſei krank. Aber iſt Gott ſuchen eine Krankheit?“ „Wenn wir darüber unſere Umgebung, die Außen⸗ welt vergeſſen und ihre Formen vernachläſſigen, doch wohl. Was in der Gemeinſchaft der Heiligen erlaubt iſt, kann inmitten der Ungläubigen und Gleichgültigen unziemlich ſein.“ „Als ich mich nach den Gebräuchen der Welt richtete und Gott mit Belial zu vereinen trachtete, bin ich in die Fallſtrice des Dämons gefallen. Nein, 4 — ——-⸗⸗— zwiſchen den Heiligen und den Gottloſen gibt es kein Bündniß.“— „Aber Gott, der die Apoſtel unter die Heiden ausſandte, dieſelben zu bekehren, hat doch auch den Frommen in dieſer Welt des Scheins und der Lüge eine ähnliche Aufgabe ertheilt. Sie ſollen der menſch⸗ lichen Schwachheit nachſehen und ſie durch Freund⸗ lichkeit im Guten ſtärken, ſie ſollen ſich den Geboten der Geſellſchaft fügen, um dieſelbe allmälig zu einem Reiche der Brüderlichkeit und des Glaubens zu ver⸗ klären.“ „Das iſt das leichtere Amt. Damit aber können die ſich nicht loskaufen, die gegen den Geiſt gefrevelt und das Heilige zur Maske für irdiſche Leidenſchaften entwürdigt haben. Wem viel gegeben, von dem wird viel gefordert. Sie ſind der Engel, Sie reinigen und beſſern die Welt durch Ihr Daſein, daß Sie in ihr ſind; ich bin der Kämpfer, der mit ihr ringt.“ „Armer Timotheus! Wer bezwingt die Welt? Wer bändigt ihre ungeſtümen Triebe auch nur in ſeinem eigenen Herzen? Wohl dem, den ſie in Frieden läßt! Nicht wie die Heiligen der alten Zeit würden Sie mit großen Verbrechern, mit ungeheuerlichen Sunden zu kämpfen haben. Das ganz Gemeine und Alltäg⸗ liche ſteht wider Sie auf; kein Drache erhebt ſich wider Sie, kein Goliath, ſondern eine unermeßliche Wolke von Staub und Sand wirbelt empor und hat Sie im nächſten Augenblick ſpurlos begraben.“ „Nein, Miß Wood, auch heutigen Tags gibt es noch Rieſen und Ungeheuer. Hier auf dieſer Stelle habe ich den großen Goliath geſehen.“ Ellen zuckte zuſammen. Woher wußte er den californiſchen Beinamen Ruprecht's? Oder meinte er ihn gar nicht? „Hier?“ fragte ſie ungläubig.„Wie ſollte Goliath nach Ilmburg kommen? Ich denke, daß in Ilmburg viel Schwäche, Irrung und Glaubensloſigkeit wohnt, daß aber der Engel des Zorns Keinen darin finden würde, der ſeines Schwertes würdig wäre.“ „Doch“, erwiderte Timotheus eifrig und dämpfte, ſich zu ihr hinüberneigend, ſeine Stimme,„doch!“ Er ſchien zu fürchten, der unheimliche Feind könne ihn hören.. „Ein großer Mann mit rothem Bart iſt hierher gekommen und wiegelt das Volk zur Schwelgerei und Gottesläſterung auf. Vor mir hat er ſich zum Teufel bekannt und hat mich zum Kampf herausgefordert.“ „Ah, Herr von Schmettow iſt es, auf den Sie deuten. Das iſt ein ſcherzhafter, prahleriſcher Mann.“ „Gott läßt ſich nicht ſpotten. Heute hat dieſer — 82.— 2— “ —y— Eindringling auf der Wieſe alle unſaubern Geiſter um ſich verſammelt...“— Der Eintritt der Zofe unterbrach das Geſpräch. Die Herren ließen ſich Miß Wood empfehlen, ſie wollten noch einen Gang durch die Stadt machen und bäten Miß Wood, ſie um ſieben Uhr im Garten zu erwarten. Die Dienerin ſchien nur gekommen zu ſein, um ſich zu überzeugen, daß ihre Herrin keines Schutzes gegen ihren ſeltſamen Beſucher bedürfe. Ellen beruhigte ſie mit einem Blick, der ſie zu⸗ gleich verabſchiedete. „Bedenken Sie, was Sie vorhaben“, ſagte ſie langſam zu Timotheus.„Beginnen Sie keinen Streit mit dieſem Manne.“ „Ich muß! Mein Amt iſt es, zu rächen und zu ſtrafen.“ „Sie ſind vermeſſen genug, in Gottes Rathſchluß eingreifen zu wollen?“ „Ich vollführe nur ſeinen Befehl. Dieſer Menſch iſt Ihr Feind und ſinnt auf Ihr Verderben.“ „Mein Feind? Hat er zu Ihnen von mir geredet?“ „Er hat falſche Worte gebraucht, aber ich habe ihren wahren Sinn erkannt. Nicht Ihrem Leben ſtellt er nach, den Engel in Ihnen will er zu Fall bringen.“ Lange hielt Ellen das Geſicht von ihm abgewen⸗ det. Sollte ſie die Tollheit des Unglücklichen reizen? Sollte ſie ihr widerſprechen? Als ſie aufblickte, erſchrak ſie doch. Ein ſchräger Sonnenſtrahl fiel durch die halbgeöffnete Balconthür, und irrte über den Tiſch hin. Hell in ſeinem Glanz blinkte das Meſſer, und wie magnetiſch von dem Stahl mit den drei rothen Flecken daran angezogen, hingen Timotheus' Augen ſtarr daran. Eine fieberiſche Glut hatte ſich auf den bleichen, eingefallenen Wangen ent⸗ zündet und die untern Theile ſeines Antlitzes ver⸗ zerrten ſich zu einem Grinſen, das halb furchtbar, halb grotesk war. „Sie würden in dem Kampfe zerdrückt werden, wie das Binſenrohr vom Sturmwind“, ſagte ſie. Er achtete nicht auf ihre Worte. „Da liegt die Waffe“— und er ſtreckte die Hand nach dem Meſſer aus.„Iſt ſie roth vom Blut oder von Gottes Glanz? Was zögerſt du noch, Kämpfer des Herrn? Spring' auf, ſchlage, tödte!“ Er hatte das Meſſer ergriffen und ſchwang es mit erhobenem Arm um ſein Haupt. Wie er ſo auf⸗ recht daſtand, gleichſam geſtählt in dem Feuer des Wahnſinns, mit rollenden Augen, nichts achtend, weil er ſein eigenes Leben nicht achtete und faſt das Be⸗ — ——— 157 wußtſein deſſelben verloren hatte, konnte er auch für einen ebenbürtigen Gegner Schmettow's gelten. Unwillkürlich wich Ellen einige Schritte von ihm zurück. „Verbergen Sie das Meſſer“, flüſterte ſie,„wenn Sie nicht wollen, daß man es Ihnen wieder abnimmt. Aber Sie treffen ihn nicht, er iſt fort.“ „Gott hat ihn für dieſen Stahl gezeichnet“, ſagte Timotheus.„Er kann ihm nicht ausweichen. Droben in der Hütte wird er ſitzen und ſeine ruchloſe Hand nach dem weißen Gewand des Engels ausſtrecken, da wird das Meſſer aus dem Dunkel ihn treffen, wie der Blitz aus der Wolke den Mörder.“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Das ſind wirre und wüſte Gedanken, Herr Timo⸗ theus.“ „Es iſt eine Viſion. Vorbildlich habe ich Alles geſehen, in einem zweiten Geſicht. Vor den Menſchen lade ich mir eine Blutſchuld auf und ich werde ſie büßen, aber ich werde den Dämon niedergeworfen haben und nicht mehr zu den Verworfenen gezählt werden.“ „Sie wagen eine ſchreckliche That.“ „Gott iſt ein zehrendes Feuer. Nur die Unmün⸗ digen halten ihn für den Thau, der ihre Blumen tränkt. 158 Ein Schwert, ein Schwert— wir ſind alle dem Tode geweiht, durch die Pforte des Todes wandeln wir zum himmliſchen Jeruſalem. Gib mir Deinen Segen, wie Du mir die Waffe gegeben...“ „Still, ſtill!“ Und ſie drängte den Unſinnigen hinaus. Sie beſorgte, daß es Lärm im Hauſe geben und die Dienerſchaft ihn feſthalten würde, aber es blieb Alles ſtill. Athemlos horchte ſie eine geraume Weile — nun mußte er längſt das Gebäude verlaſſen haben. Hatte ſie unrecht gethan, ihm nicht das Meſſer zu entreißen? Als ob ſie deſſen fähig geweſen wäre! Und was waren denn im Grunde ſeine ſeltſamen Reden als Spreu? Phantaſtiſche Irrlichter, die nur ſeinem eigenen Verſtande Unheil brachten. Schmettow befand ſich auf dem Wege nach der Reſidenz; wenn er nach Ilmburg zurückkehrte, war dies Strohfeuer längſt verraucht. Und ſollte es wider Erwarten noch glühen — ſie ſtellte Alles in Gottes Hand. Um ſie her war es noch einſamer und ſtiller ge⸗ worden als zuvor. Die Mehrzahl der Diener hatte ſich den Fort⸗ gang des Herrn zu Nutze gemacht und war ebenfalls nach dem Städtchen hinuntergeſchlendert, um die Vor⸗ bereitungen zum Marktfeſte ſich anzuſehen. 159 1 „Wer weiß, was morgen für ein Wetter iſt! hatte der lange Heinrich geſagt. Ellen hatte die Empfindung, als ob ſie im Hauſe und im Garten das einzige lebendige Weſen ſei, und in einem Anfall von Geſpenſterfurcht ſchloß ſie die Thür. Als Timotheus das Meſſer von Ellen's Tiſche nahm, ſahen an der Kreuzung des Baumgangs und der Fahrſtraße Bruno und Fritz erſtaunt den Wagen, in dem Ruprecht vor einigen Stunden vom Schloſſe abgefahren war, im langſamen Trab heimkehren. Von dem Kutſcher erfuhr Bruno, daß ſie jenſeits des Berges, in dem Dorfe, wo man anzuhalten pflegte, um die Pferde verſchnaufen zu laſſen, vor der Schenke einen andern Wagen getroffen, in dem zwei Damen geſeſſen hätten; die wären dem Herrn von Schmettow bekannt geweſen, er hätte ſie begrüßt und ſie hätten lange miteinander in einer fremden Sprache geredet, dann hätte ſich der Baron zu ihnen geſetzt und ſie ſeien ihm voraus nach Ilmburg gefahren. Bruno ſchaute Fritz halb fragend, halb vorwurfsvoll an; der ſchlug die Augen verlegen nieder. Was ſo lange vermieden worden war, mußte nun doch zur Sprache kommen. Bruno's herzliche Freundlichkeit, die faſt einen brüderlichen Zug hatte, die Großmuth, die er dem⸗ jenigen bewies, der ſein Leben bedroht, waren für Fritz ebenſo viele glühende Kohlen geweſen, die der ehemalige„Todfeind“ auf ſein Haupt ſammelte. Die Thatſachen, die ihm damals das Meſſer in die Hand gedrückt: Bruno's Untreue gegen Clara, ſeine Werbung um Irene, die tolle Liebe, die er ſelbſt für die Gräfin gehegt, erſchienen ihm jetzt in einem andern Lichte. Es war traurig für Clara, daß ſie Bruno's Liebes⸗ betheuerungen Glauben geſchenkt hatte, aber wenn alle Brüder für eine verlaſſene Schweſter eintreten ſollten! Für eine Schweſter, die überdies gut aufgehoben war und bei ihrer Jugend und Herzensgüte wohl noch einen Mann finden würde. Es wäre freilich ſehr edel von Bruno geweſen, eine Art Verſöhnung zwiſchen Kapital und Arbeit, wenn er die Schweſter eines Drechslergeſellen geheirathet hätte, aber verlangen konnte es Niemand von ihm, Fritz am wenigſten, der ſelbſt über ſeine Handlungsweiſe in einem ſolchen Falle nicht ohne Zweifel war. Das Alles hatte er Clara bei ihrer Zuſammenkunft ſagen, Bruno vertheidigen und ihr zum Guten zureden wollen. Wie nach einem ſtillſchweigenden Uebereinkommen war bisher der Name Clara's weder von Ruprecht noch von ihm genannt worden; nun hatte der Zufall 161 doch die kluge und freundliche Aüſcht zu Schanden gemacht. „Die Damen“, ſagte Bruno nach einer Pauſe, in der ſie ſtumm nebeneinander dem Städtchen zuge⸗ ſchritten waren—„es wird Ruprecht's Schweſter, es wird Clara ſein...“ „Ich vermuthe es, Herr Greif“, gab Fritz kleinlaut zu.„Clara wird uns ſchon geſtern erwartet haben, ſo hatte ich ihr geſchrieben; in der letzten Stunde wollte Schmettow hier am Ort noch ein dringendes Geſchäft abzuwickeln haben...“ „Nun, ſo ſiehſt Du die Schweſter hier und er⸗ ſparſt die Fahrt“, entgegnete Bruno mit erzwungenem Scherz.„So kannſt Du mir noch einen Tag ſchenken und fährſt von meinem Hauſe aus nach Paris. Das ſoll Dir Glück bringen.“ „Sie ſind zu gütig, Herr Greif. Schmettow hätte bedenken ſollen...“ „Was denn? Daß zwiſchen mir und Clara.. Meine Schuld hat dies Verhältniß aufgehoben. Nenne mein Benehmen, wie Du willſt... Sicherlich bin ich der Letzte, der gegen Clara einen Vorwurf erheben darf.“ „Einen Vorwurf?“ „Nur war es nicht ganz ehrlich, nicht ganz auf⸗ Frenzel, Silvia. IV. 11 richtig von Schmettow, ſeine Neigung für Clara vor mir zu verheimlichen und den Gleichgültigen zu ſpielen, wo alle Zeichen der Liebe ſo deutlich ſprechen.“ „Nein, Sie ſind im Irrthum, Herr Greif. Schmet⸗ tow liebt Clara nicht und hat ſie nicht geliebt. Bei all ſeinem äußerlichen Amerikanerthum iſt er unter der Haut der geborene, eingefleiſchte Ariſtokrat geblie⸗ ben und wird nie mit einer rechtſchaffenen Arbeiterin ein ehrliches Verhältniß anfangen. Er hat ſich nun einmal zu meinem und Clara's Beſchützer aufgeworfen. Warum? Er weiß es vielleicht ſelbſt nicht. Wir haben Freundſchaft mit ihm gehalten, als er noch kein Börſenmann war, das vergilt er uns nun. Und wie er iſt, man kann ihn weder los, noch ihm gram werden. Er hat mit Clara ganz andere Abſichten im Sinn gehabt, als Sie ihm zuſchreiben.“ Bruno hatte Fritz mit keinem Wort unterbrochen und nur ſeine Schritte beſchleunigt, der Einzigen entgegen, von der er volle Aufklärung und Wahrheit erhalten konnte. In den einfachen Reden von Fritz war für ihn etwas wie Muſik. Aber zu vielfach war ſein Herz getäuſcht worden, als daß er jetzt den Schmeichel⸗ tönen getraut. Auch wollte er nicht grübeln, noch fragen, ſondern Alles dem Zufall anheimſtellen, der 163 ihn bisher beſſer als ſeine eigene Ueberlegung und ſein Wille geleitet hatte. Durch die lange Gaſſe des Ortes kamen ſie auf den Marktplatz, deſſen eine Seite die ſchiefergedeckte⸗ Kirche mit dem daranſtoßenden Predigerhauſe einnahm. Gegenüber dehnte ſich die Reihe der Buden und Marktſtände aus. Doch ruhte die Arbeit; die Leute ſtanden zuſammen und guckten nach den Fenſtern des Hauſes, die Kinder tummelten ſich ſpielend und lär⸗ mend um einen Wagen, der davor ſtand. „Was gibt's denn?“ fragte Fritz, der ebenſo neu⸗ gierig und ungeduldig, aber weniger aufgeregt als Bruno war. Die Hofdame der Frau Herzogin ſei angekommen, hieß es, und beim Pfarrer eingetreten, und morgen würden der Herzog und die Herzogin ſelbſt eintreffen und auf ein paar Stunden dem Marktvergnügen bei⸗ wohnen. „Dort alſo“, dachte Bruno und ſchaute auch ſeinerſeits zu den kleinen Fenſtern des unſcheinbaren Hauſes hinauf. „Haſt Du Deine Schweſter lange nicht geſehen?“ wendete er ſich zu Fritz. Es war eine thörichte Fage, denn er wußte es recht wohl und wollte auch nur ſich ſelbſt darauf antwor⸗ 11* 164 ten:„Wie wird ſie uns empfangen! Ob ihre Wangen blaſſer geworden ſind?“ Mit der Sicherheit, die der Reichthum gibt, war er auf das Haus zugeſchritten und hatte Fritz trotz ſeines Widerſtrebens mit ſich gezogen. Seit dem heutigen Morgen war infolge ſeines Spaziergangs durch das Städtchen und noch mehr dank Ruprecht's Prahlereien der„Millionenmann“ eine berühmte Perſönlichkeit und ſein Name in aller Munde. Die Magd, die ihnen auf der Treppe ent⸗ gegenkam, konnte, als ſie den ſteinreichen Herrn Bruno Auge in Auge ſich gegenüberſah, vor Verlegenheit kein Wort hervorſtammeln und wies nur mit der Hand nach der Thür des Beſuchszimmers und nickte mit dem Kopfe, daß der Pfarrer zu ſprechen ſei. Zu einer wirklichen Meldung des Millionenmannes ſchien ſie ſich nicht entſchließen zu können und riß endlich mit dem Ruf:„Herr Greif!“ die Thür auf. Bruno ſtand im Zimmer vor dem Pfarrer und einer ſchlanken, vornehmen Dame, die ſich beide bei ſeinem Eintritt in einiger Verwunderung erhoben hatten. Er war allein; Fritz hatte es doch vorgezogen, in dem Hausflur zu bleiben. Diejenige, die Bruno ſuchte, fand er nicht, aber er glaubte im Nebenzimmer Frauen⸗ ſtimmen zu hören. 165 Eine Einführung ward ihm leicht: man hätte ihm von einer hier beſtehenden milden Stiftung erzählt, welche die Schulkinder an dem Marktfeſte mit kleinen Gaben bedächte, er erlaube ſich, ſein Scherflein beizu⸗ ſteuern. Darauf erwiderte der Pfarrer gerührt: heute ſei ein beſonderer Glückstag für ihn; die Frau Herzogin habe ihm ſo eben durch den beſten Boten, den ſie hätte wählen können— durch Fräulein von Schmettow— freundliche Gaben für die Großen und Kleinen ſeiner Gemeinde geſendet und nun füge Herr Greif eine Summe hinzu, die er ſich faſt ſcheue anzunehmen, ſo groß ſei ſie. Darüber knüpfte ſich ein Geſpräch an, in dem Adele und Bruno ſich gegenſeitig den Wunſch geſtan⸗ den, den ſie ſchon längere Zeit gehabt, einander näher zu treten. Der Pfarrer ſchien zu merken, daß ſich ſeine Gäſte vielleicht Dinge zu ſagen haben könnten, die nicht für das Ohr eines Dritten beſtimmt wären, und bat, ihn eine kurze Weile zu entſchuldigen; er wolle ſeine Gattin, die eben damit beſchäftigt ſei, die Geſchenke der Frau Herzogin auszupacken, die frohe Nachricht von der Spende ihres neuen großmüthigen Mitbürgers mittheilen. 166 Adele lächelte. „Geſtehen Sie es nur, Herr Greif, Sie haben wider Willen unſerem guten Pfarrer eine Freude ge⸗ macht.“ „Wider Willen, gnädiges Fräulein, iſt zu viel. Geben iſt ja immer ſeliger als nehmen. Aber freilich habe ich das Gold nur als Schlüſſel benutzt—“ „Um zu mir oder zu einer Andern zu dringen?“ „Ich vermuthete Ihren Bruder in Ihrer Geſell⸗ ſchaft; ich würde ſonſt meinen Einbruch doch nicht gewagt haben.“ „Mein Bruder wollte ſich die Pferde anſehen und ich habe ihn nicht zurückgehalten. Er gehört nicht unter ein geiſtliches Dach. Ich war beglückt, ihn auf dem Wege geſund und munter anzutreffen. Sie wiſſen nicht, welch eine Sorge ein ſo leichtſinniger Bruder einer Schweſter bereitet, gerade dann zumeiſt, wenn er in ihrer Nähe weilt. Iſt ein Freund in der Ferne, mildert die Ueberlegung unſere Furcht, daß es nicht möglich iſt, an jedem Tage Nachricht von ihm zu empfangen, und ſo ergeben wir uns halb gezwungen, halb willig in dieſe Lage. Wer aber wüßte den Freund in ſeiner Nähe und möchte ihn nicht ſehen, nicht täg⸗ lich mit ihm verkehren?“ „Und doch laſſen Sie mich nun ſchon eine geraume Weile dieſe Folter erleiden. Iſt das großmüthig? Sie haben ein junges Mädchen in Ihrer Geſellſchaft—“ „Clara Wolfhart? Aber ſind Sie ſo ſicher, daß Ihre Gegenwart dem guten Kinde keine Gefahr, kein Erſchrecken bringt?“ „Sind Sie nicht da, um jeden Schaden abzu⸗ wehren?“ Adele hatte ſich nach dem Nebenzimmer gewendet; in der geöffneten Thür erſchien Clara. Sie trug ein einfaches weißes Kleid, die Haare geſcheitelt, die Wangen von höherem Roth überhaucht. Als ſie Bruno erblickte, ſtieß ſie einen leiſen Schrei aus. „Wo iſt mein Bruder?“ fragte ſie ängſtlich und ſchaute hülfeſuchend nach Adelen. 6 „Er iſt mit mir gekommen, Fräulein Wolfhart“, entgegnete Bruno, ſich zur Ruhe zwingend;„er erwar⸗ tet Sie vor dem Hauſe.“ „Und Sie— und Sie...“ Wie ruhig, wie gelaſſen hatte ſie ihm gegenüber⸗ treten wollen und nun zitterte ſie doch und wagte ihn nicht anzuſehen und war keines Wortes mächtig! „Sollen wir ihn heraufholen laſſen?“ fragte Adele. „Nein, ich will zu ihm— ich will allein mit ihm ſein.“ „Darf ich Sie führen?“ Bruno hatte ihre Hand ergriffen. Sie hätte nachher nicht erzählen können, wie Alles gekommen. Sie wußte nur, daß ſie zwiſchen Fritz und Bruno im Sonnenſchein über den Markt gegangen, einer Wieſe zu, auf der Zelte und Buden ſtanden, an deren Rand ein Bach floß; daß ſich plötzlich unter den Leuten auf der Wieſe ein großes Geſchrei erhoben habe, dem eine tiefe Stille gefolgt ſei, und daß ſie mit Bruno über eine Brücke geſchritten, um dem Tumult auszuweichen, und dann jenſeits des Flüßchens in einem tiefgrünen Tannenwalde, deſſen pfeilerartige Stämme im Sonnenuntergang röthlich ſchimmerten, wie in einem ſeligen Traum dahinge⸗ wandelt ſei. Längſt war Fritz hinter ihnen zurückgeblieben, ehe ſie es bemerkt hatten, und dieſe Gewißheit, in der Waldeinſamkeit allein zu ſein, erhöhte ihre freudige Stimmung. Die ſanfte Bewegung in den Lüften, das milde Licht des Abends, der Wald, der ſich immer ſtiller und grüner, wie eine Märchenwildniß, vor ihnen aufthat, der würzige Duft der Tannen, das Geläut der Kirchenglocken, der verworrene Lärm des Menſchengetümmels aus dem Thal, das in verlorenen Klängen zu ihnen hinaufdrang— Alles wirkte be⸗ ruhigend und beſeligend auf ihre Herzen. Sie ſprachen leiſe, oft nur in geflüſterten Worten, darauf ſchwiegen ſie wieder und gingen ſtumm neben⸗ einander, Hand in Hand, eine weite Strecke. Oder war es nicht weit? Gab es für ſie weder Raum noch Zeit? Zuweilen blickten ſie ſich um, als müßten ſie ſich überzeugen, daß ſie nicht in einem Traumlande, ſondern in der Wirklichkeit ſich befänden. Er wollte ſich einer Schuld gegen ſie anklagen, ſie ihn ihrer Liebe verſichern, aber keins von ihnen litt die Klagen oder Betheuerungen des andern. Indem ſie einander anſahen, verſtummten ſie und ſchloſſen ihre Hände nur feſter zuſammen. Unten indeſſen auf der Wieſe tobte die Zwietracht. Mit wildflatternden Haaren war Timotheus auf eine Bank geſtiegen und hatte die Menge mit zürnenden und ſtrafenden Worten angeredet. Er verglich ſich mit dem Prediger in der Wüſte, mit einem aus der älteſten Chriſtengemeinde, der in⸗ mitten des heidniſchen Roms dem Volke, das ſich in bacchantiſchem Jubel nach dem Theater ſtürzt, das Weltende verkündigt. Da er ganz in dieſen Vor⸗ ſtellungen lebte und webte, fehlte es ihm nicht an er⸗ greifenden Bildern; immer war er ein Meiſter der Rede geweſen. Er eiferte gegen die Gottloſen und Sünder, gegen den Unglauben und die Genußſucht der Zeit. In der Uebertreibung des Wahns nannte er die harmloſen Beluſtigungen des Marktes ebenſo viele Fangſtricke und Fallgruben des Teufels und be⸗ ſchwor das Strafgericht des Himmels auf die Seiltänzer und Kunſtreiter, auf all das luſtige Geſindel herab, das, um Ilmburg zu verderben, hier zuſammenge⸗ ſtrömt ſei. Vergebens ſuchten die Verſtändigeren ſich des Armen zu bemächtigen und ihn fortzuführen. Die Mehrzahl fand Gefallen an der Thorheit und ermun⸗ terte durch ihr Gelächter und ihren wilden Zuruf den Redner. Nicht daß ſie mit ſeinen Anklagen und Ver⸗ wünſchungen übereingeſtimmt hätten oder davon er⸗ griffen worden wären, für ſie waren Timotheus' heiliger Eifer, ſeine überſtrömende Frömmigkeit, ſeine Thränen und Verzückungen ein fremdartiges, ergötzliches Schau⸗ ſpiel. Sie trieben ihren Spott mit ihm, und der ungewohnte Reiz einer Predigt unter freiem Himmel ſteigerte die Aufregung und das Vergnügen. In ſeiner Verblendung ſchalt Timotheus die⸗ jenigen, die aus Achtung und Wohlwollen für ihn einer ſo kläglichen Schauſtellung und Caricatur des Heiligen ein ſchnelles Ende zu machen ſich bemühten, ͤ 171 Feinde Gottes und des Wortes und forderte ſeine Anhänger auf, dieſelben vom Platz zu treiben. „Es ſind Zöllner und Wechsler, Händler und Wucherer, ſie gehören nicht in das Haus des Vaters! Der Armen iſt das Himmelreich, nicht der Reichen! Was haben die Mächtigen und Reichen in der Mitte des armen Volkes zu ſuchen?“ rief er. Raſch bildeten ſich zwei Parteien. „Heißt ihn ſchweigen!“ ſchrieen die einen;„Er ſoll weiter reden! Redefreiheit!“ die andern. Die letzten Sätze ſchienen ein ſocialiſtiſches Glau⸗ bensbekenntniß zu verſprechen. Von beiden Seiten drängten die Hitzigſten auf⸗ einander, dieſe, um Timotheus gewaltſam von der Bank zu reißen, jene, die ſich darum wie eine Schutzwache geſchaart, um den Angriff abzuwehren. Schon wurde es dem Redner ſchwer, ſich in dem im⸗ mer lauter werdenden Tumult Gehör zu verſchaffen. „Seid Ihr denn insgeſammt toll geworden?“ erhob ſich am andern Ende der Wieſe, der Bank, auf der Timotheus ſtand, gerade gegenüber, eine mächtige Stimme. Aus der Breterbude der Kunſtreiter war Ruprecht getreten. „Führt doch den armen Narren ins Haus!“ 3 ——— 472 „Nein, nein, die Reichen ſind Blutſauger! Sie möchten die Stimme der Volksredner unterdrücken! Er ſoll weiter ſprechen— von der Sklaverei der Ar⸗ beiter. Das Leben iſt eine jämmmerliche Sklaverei. Er hat ganz Recht, wenn er auch in dem Tone der Pfaffen redet. Das himmliſche Jeruſalem muß zur Erde kommen...“ So durcheinander ſchrie die Menge. Nur mühſam konnte ſich Ruprecht Bahn zu Timo⸗ theus brechen. „Ich will auch reden!“ ſchrie er.„Komme aus Amerika und werde Euch eine Rede halten, daß Euch das Hören vergehen ſoll. Iſt ein freier Platz hier, Gemeindewieſe! Gleiches Recht für alle! Der Mann hat lange genug geredet, er iſt heiſer und kreiſcht wie ein altes Weib. Was kann er noch für Euer Ver⸗ gnügen thun? Platz da, wenn Ihr wahre Demokraten ſeid! Der da oben hat nur noch taube Nüſſe in ſeinem Sack und alte verlegene Waaren, ich aber—“ Noch wenige Schritte war er von Timotheus entfernt. Ihn dauerte der Unglückliche und er hoffte, indem er die Aufmerkſamkeit der nun einmal in ſtür⸗ miſcher Wallung hin und her wogenden Maſſe auf ſich zog, den ruhigen Bürgern Gelegenheit zu geben, den Anſtifter der heilloſen Verwirrung ſtill beiſeite zuſchaffen. 173 Als Timotheus den Feind vor ſich ſah, ſtreckte er die Arme gegen die Abendwolken aus und rief: „Weltend iſt da! Die Rieſen Gog und Magog ſtürmen daher, alles Volk ſinkt vor ihnen nieder. Selig ſind die Armen und die Elenden, die Geduldigen und die Reinen. Falle vom Himmel, göttliches Feuer, falle, lodere, glühe...“ Wie ein röthlicher Schein kam es am Himmel daher. „Feuer! Feuer!“ ſchrie es hinter Ruprecht. Er ſchaute zurück. Aus dem halb vollendeten Dach der Circusbude ſchlugen Flammen und Rauchwolken. Wild auseinan⸗ der raſte die Verſammlung. Der Strom der Menge war ſtärker als er und riß ihn mit ſich. Auch han⸗ delte es ſich jetzt um raſche Hülfe, die Pferde aus dem Stalle zu ziehen, die beiden Leoparden, welche die Truppe mit ſich führte, in Sicherheit zu bringen, das Umſichgreifen des Feuers zu hindern. Das Letztere war keine leichte Aufgabe. Nahe aneinander reihten ſich die hölzernen Buden, die leichten Zelte. Vom Hoch⸗ wald her ſtrich der Abendwind und trug die Funken hierhin und dorthin. Die letzten kleinen Häuſer des Fleckens nach der Wieſe zu, von armen Leuten bewohnt, waren mit Stroh gedeckt; von Minute zu Minute 174 wuchs die Gefahr, wuchſen die Flammen. Die einzige Feuerſpritze des Orts wurde herbeigeſchafft, Waſſer bot der Fluß; aber ehe eine Kette, durch deren Hände die Waſſereimer liefen, vom Ufer bis zum Standort der Spritze hergeſtellt war, ehe ſich alle, die an der Bewältigung der Feuersbrunſt mitarbeiten wollten, den Anordnungen Ruprecht's, als des Entſchloſſenſten und Herriſchſten unter ihnen, gefügt hatten, war das ent⸗ feſſelte Element ſchon für menſchliche Kraft übermäch⸗ tig geworden. „Gottes Finger!“ riefen die einen und ließen die Hände ſinken. Andere klagten und jammerten über den Verluſt ihrer Habe. Stumpffinnig ſtarrten die am ſchwerſten Betroffenen in die lodernde Glut. Nur Ruprecht, Fritz und wenige muthige Männer hielten noch Stand im Kampfe. Die Glocke der Kirche läutete Sturm und rief die Hülfe der Umgegend herbei, um wenigſtens das Städtchen ſelbſt vor Zerſtörung zu bewahren. Fünftes Kapitel. In ihrem Balconzimmer war Ellen durch die Uhr auf dem Spiegeltiſch, welche mit ſcharfem Schlage das Ende der ſiebenten Stunde ankündigte, aus ihrer geiſtigen Abſpannung und Betäubung erweckt worden. Seit Timotheus ſie verlaſſen, hatte ſie die Zeit, auf ihrem Ruhebett liegend, in einem unſichern Zuſtand zwiſchen Wachen uud Träumen hingebracht. Gedanken, Vor⸗ ſtellungen, Bilder, bald die gewöhnlichſten, bald die wunderlichſten, waren gekommen und gegangen, wie im Fluge, unaufhaltſam. Aber ſie hatte auch keine Anſtrengung gemacht, das eine oder das andere feſt⸗ zubannen. Zuweilen ſchloß ſie die Augen, zuweilen ſtarrte ſie durch die weitgeöffneten Fenſter in den blauen Glanz des Himmels. Gab es in der unermeßlichen 176 Tiefe dieſer Bläue eine andere, eine glücklichere Welt? Ein Daſein ohne Schmerzen? Und keine Wolke verdunkelte den Ausſchnitt des Himmels vor ihr; der Nordweſtwind, der ſich erhoben, trieb die Rauchwolken der Brandſtätte in die entgegen⸗ geſetzte Richtung. Nur ätheriſcher wurde in dem Duft des Abends das Licht— eine Unendlichkeit von Blau und Gold ſchimmerte ſtill und groß vor ihren thränen⸗ umflorten Blicken. Im Hauſe hatte nichts die Stille unterbrochen. Der von Ruprecht zurückgeſendete Kutſcher war mit ſeinem Wagen zum Schmied, der ſeine Werkſtatt vor dem Thore des Städtchens hatte, gefahren, um eine leichte Ausbeſſerung an einem Rade vornehmen zu laſſen. Bis auf den greiſen Hauswart und eine alte Magd hatte die Dienerſchaft, die noch im Schloſſe ge⸗ blieben, bei der Nachricht von dem Ausbruch des Feuers ihre Neugierde nicht zu bezähmen gewußt und war unter dem Vorwande, helfen zu wollen, hinuntergeeilt. Hätten ſie nur kräftigere Füße gehabt, ſo würden die beiden Alten ihnen gefolgt ſein; ſo mußten ſie ſich begnügen, vor der Hausthür zu ſtehen und die ſchwar⸗ zen, von röthlichen Streifen durchzuckten Rauchwolken zu betrachten, die gen Süben am Himmel dahinzogen. „Sieben Uhr!“ ſagte ſich Ellen. 177 Um dieſe Zeit wollte Bruno heimkehren. Trotz b aller Labyrinthe, durch die ihre Gedanken gewandert, hatte ſie dies nicht vergeſſen. Sie mochte ihn nicht in ihrem Gemach erwarten, warf einen blauen Shawl über ihre Schultern und ging nach dem Garten hinab. Wie ſie die Treppe hinunterſchritt, dieſe und jene Thür öffnete, fiel ihr die Oede und Einſamkeit im Hauſe auf. Nun rief ſie nach den Dienern— Nie⸗ b mand antwortete ihr. War ſie in einem ausgeſtorbe⸗ nen Hauſe? Ihr lautes Rufen, ihr ſtarkes Klingeln führte endlich den Hausmeiſter herbei. 3 Er berichtete ihr von der Feuersbrunſt und daß alle, um bei den Löſchanſtalten mit Hand anzulegen, nach der Brandſtätte gelaufen ſeien. Ellen trat in den Vorhof hinaus. Dieſelbe Stille wie im Hauſe umfing ſie; ſoweit ſie die Allee hinunter⸗ ſehen konnte, kam kein Wanderer daher. Gewiß be⸗ fand ſich Bruno auf dem Platz des Feuers, aber ſſe fühlte keine Sorge für ihn. Wäre ihm nur das kleinſte Ungemach zugeſtoßen, ſie würde eine Vorahnung davon gehabt haben. Durch die Halle des Erdgeſchoſſes ſchritt ſie in den Garten. Ihre hin und her irrenden Ge⸗ danken hatten durch den Vorfall ein feſtes Ziel erhalten, um das ſie ſich bewegten, eine Art von Beſchäftigung. Die ſelbſtquäleriſche Betrachtung des Frenzel, Silvia IV. 12 178 eigenen Ichs, das Wühlen in der eigenen Wunde hörte auf. Wie iſt das Feuer nur entſtanden? Hat es ſich weit verbreitet? Was thut er jetzt? Alle werden ſeinen Muth und ſeine Unerſchrockenheit bewundern. Dieſe Fragen drängten ſich in ihrer Seele. Nach der Hitze des Tages wehte die Abendkühle ſtärkend und erfriſchend um ihre Schläfen. Wie dun⸗ kel und traurig auch die Zukunft vor ihr lag, etwas wie eine unbeſtimmte Hoffnung dämmerte in ihr auf. Oder war es nur die Befreiung von dem Druck, den der Windhauch und die friſche, duftige Luft des Gar⸗ tens ihr vom Haupte nahmen? Auf der Bank hinter dem Steintiſch ſaß ſie und hatte das blaue Tuch, um ſich gegen den Wind, der ſie zuweilen ſtärker traf, zu ſchützen, wie eine Kapuze halb über den Kopf gezogen. Mit der Spitze ihres Sonnenſchirms malte ſie lang⸗ ſam Buchſtaben in den Sand, um ſie ſchnell mit einem Strich wieder zu verwiſchen, wenn ſie ſich zu einem Namen zuſammenzufügen ſchienen. So bemerkte ſie den Mann nicht, der ſie ſchon eine Weile, auf der oberſten Stufe der Treppe ſtehend, die von dem Hauſe in den Garten hinabführte, betrach⸗ tete. Erſt als er ſich näherte und der Kiesſand unter ſeinem ſcharfen Tritt knirſchte, ſah ſie auf. e ——— — „Guten Abend, Miß Wood“, ſagte Ruprecht mit heiſerer Stimme. Wie einen, der aus einem Jenſeits daherkommt, ſtarrte ſie ihn an, ſo erſchrocken, ſo unfähig eines Lautes und einer Bewegung war ſie. Meilenweit glaubte ſie ihn entfernt, nun ſtand er vor ihr mit zerriſſenem Rock, eine breite Schramme auf der Wange — die Spur eines brennenden Scheites, das beim Herabfallen ihn geſtreift— mit geſchwärzten Händen. Sie ſaß da, wie von Stein; nur das blaue Tuch war von ihrem Kopfe auf ihre Schultern zurückgeglitten. „Sehe aus wie ein Rauchfangkehrer, um nicht zu ſagen wie der leibhaftige Teufel. Nichts für ungut, Miß Wood. Bin zu Ihnen hinaufgeeilt, als zu dem Engel der Harmonia von Virginia⸗City. Iſt kein Scherz; haben da unten eine Schlacht mit dem Feuer gehabt und ſind nur nach hartem Verluſt Sieger ge⸗ blieben. Das Neſt iſt gerettet, aber die Marktherrlich⸗ keit iſt dahin. Die armen Leute ſind ohne Obdach, ohne Nahrung— da haben wir an Sie gedacht.“ „Das Feuer... Sie ſind in den Flammen ge⸗ weſen... Und Bruno, wo iſt Bruno?“ „In Sicherheit. Dachte ihn ſchon hier im Hauſe u finden.“ „Sie verſchweigen mir nichts? Ihm iſt kein Unheil widerfahren?“ „Beim rothen Kreuz, nein!“ Und er lachte mit ſo gutem Humor, ſo überlaut, daß dahinter keine böſe Nachricht ſtecken konnte. „Wird ihn Jemand in dem Getümmel aufgehalten haben. Iſt auch noch kein Diener da, trotzdem daß ich ſie hinaufgeſchickt.“ „Was das Haus bietet, ſteht zu Ihrer Verfügung, Herr von Schmettow. Herr Greif wird meine Worte beſtätigen. Aber ſprechen Sie, ich bin unruhig und ungeduldig, wie iſt das Alles nur geſchehen?“ Nuprecht hatte ſich einen Gartenſtuhl herbeigeholt, lehnte ſich lang darin zurück und wiegte ſich hin und her. In dem Glanz der Abendſonne ſchimmerte Ellen's Haar wie Wellen röthlichen Goldes. Sie erſchien ihm wie die Göttin des Glückes, Schönheit und Reichthum zugleich beſitzend und austheilend. Jetzt oder nie konnte er ſie gewinnen. Sie war mit ihm allein; ſie mußte ihn anhören, vielleicht— nein, gewiß ihm Gewährung ſchenken. Keine Möglichkeit der Flucht oder der Hülfe für ſie; er durch den Kampf mit der Feuersbrunſt auf⸗ geregt, mit geſtählten und geſpannten Nerven, zu jeder Tollkühnheit entſchloſſen, da er eben dem Tode ge trotzt hatte, und im Beſitz einer Waffe, die ſie tödtlich verwunden, die ſie aus Eiferſucht oder Rache in ſeine Arme treiben mußte: Fritz hatte ihm Brunv's Begeg⸗ nung mit Clara erzählt. Wie er ſich in dem Stuhl zwei⸗, dreimal ſo hin⸗ und her ſchaukelte und ſie anblinzelte, hatte er ſeinen Feldzugsplan entworfen. Ellen verharrte ſchweigend, ahnungslos ihm gegen⸗ über. An die Gefahr, in der ſie ſelbſt ſchwebte, dachte ſie nicht. „Wie Alles gekommen?“ ſagte darüber Schmet⸗ tow gedehnt.„Wollten ja nicht an die Bosheit meiner Urgroßmutter glauben. Iſt aber doch an Allem ſchuld. Hatten etwas wie einen Radbruch und ich rieth dem Kutſcher, umzukehren. Ich zog es vor, von Ihnen gehänſelt zu werden, Miß Wood, ſtatt mir auf der Fahrſtraße den Hals zu brechen. Ging aus Lang⸗ weile und aus Furcht vor Ihnen zu meinen Freun⸗ den, den Kunſtreitern, und ritt ihre Pferde. Als ich aus der Bude trat, gab es eine große Volksverſamm⸗ lung. Ihr Schützling, der Candidat.. 8 Ellen erbleichte.„Er hat das Feuer angelegt?“ „Nein, er predigte und die Leute trieben ihren Spott mit ihm. Ich wollte mich ſeiner annehmen—“ „Sie rangen mit ihm?“ —— 182 „Da ſchrieen ſie hinter mir Feuer. Irgend eine fortgeworfene Cigarre, ein ſchlecht ausgelöſchtes Schwe⸗ felhölzchen— nutzlos, darüber ſeine Gedanken anzu⸗ ſtrengen. Der Narr hatte Recht behalten, für das Ge⸗ ſindel war das Weltende erſchienen. Ihre Buden und Gerüſte von Fichtenholz, ihre bunten Zelte— huida, huido! herrlicher Zunder für das Feuer. Im Handumdrehen war Alles lichterloh um uns; hätte das Feuer ſein mögen und in der Zerſtörung ſchwelgen.“ „Und doch ſcheinen Sie Alles gethan zu haben, um es zu bewältigen?“ „Bin ein Menſch, der den Kampf liebt. Ich ringe gern mit dem Schickſal und der Natur; auch mit Ihnen, Silvia.“ „Herr von Schmettow!“ „Sachte!“ ſagte er und legte ſeine großen Hände auf den Steintiſch.„Diesmal dürfen Sie mir nicht entfliehen wie drüben. Ich behaupte ſonſt, Miß Wood hat ſich vor Goliath gefürchtet.“ „Wollen Sie ſich die bekannte Antwort noch ein⸗ mal holen?“ entgegnete ſie.„Zwiſchen uns gibt es keine Verſöhnung, keine Verſtändigung.“ „Wohl. Aber dann müſſen Sie nach der Spiel⸗ regel ſterben. Amerikaniſches Duell— Sie haben ver⸗ loren.“ 183 „Verloren?“ Sie wagte es nicht, ſich von der Bank zu erheben und ins Haus zu gehen. Ihre Hände zitterten, ihre Lip⸗ pen bebten. Plötzlich erweiterten ſich ihre Augen, es war ihm, als ſähe er die Haare auf ihrer Stirn ſich ſträuben. „Clara iſt hier? Sie haben ſie hergeführt. Schänd⸗ liche Verrätherei!“ „Habe ſie hergeführt.“ „Sie iſt bei Bruno...“ „Calculire.“ Ellen war auf ihren Sitz zurückgeſunken; ſie preßte ihr Taſchentuch an den Mund; ſie glaubte, ein Blut⸗ ſturz müſſe ſie im nächſten Augenblick tödten. „Habe Alles gethan, Silvia“, fuhr er fort,„und bin in Ihrer Meinung ein großer Verbrecher. Wären aber meine Pläne ohne die Dazwiſchenkunft des Him⸗ mels ſchwerlich in Erfüllung gegangen. Zuweilen laufen die Lebensfäden zweier Menſchen, wie ſehr auch eine kluge Hand ſich bemüht, ſie auseinanderzuhalten, dennoch wie durch eine geheime, in ihnen verborgene Kraft harmoniſch zuſammen. Meine, daß hierin, im Zuſammenhange der Dinge allein, das Wunderbare und GCöttliche ſteckt. Clara und Bruno gehören zu⸗ einander wie Sie und ich...“ „Wo ſind ſie?“ ſchluchzte Ellen. Es war das Schluchzen der Wuth. „Davon nachher. Zuerſt laſſen Sie mich meine Sache führen. Liebe Sie, Silvia, trotz alledem. Bin ich Eiſen, ſo ſind Sie der Magnet; das läßt ſich nicht durch Vernunftgründe ſcheiden. Wir beide ſind unab⸗ hängig, ohne ſtörende Verwandte— bin ein leidlich reſpectabler Mann geworden und hoffe noch mehr in die Höhe zu kommen, vor allem, wenn mir ein ſo kluges Weſen zur Seite ſteht wie Miß Wood. Vor⸗ urtheile haben wir beide nicht, kennen die Welt und wiſſen, daß nichts darin ohne einen bitterſüßen Beige⸗ ſchmack iſt, weder die himmliſche noch die irdiſche Liebe. Werden darum die Vergangenheit todt ſein laſſen...“ „Iſt das Alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ antwortete ſie. „Alles wenigſtens, was ich in Ruhe vorbringen kann. Wie es in mir lodert, Silvia— legen Sie nicht Ihre Finger darein, Sie würden ſich verbrennen! Sie werden mir erwidern, daß Sie mich haſſen, daß Sie mich zu tödten wünſchen—“ „Ja!“ brach ſie aus.„Hätte ich nur eine Waffe!“ Sie war aufgeſprungen. Der kleine Steintiſch trennte ſie von ihm. 5 A —— 185 „Ich habe leider keinen Revolver bei mir“, lachte er.„Sie ſind ſchön im Zorn, Silvia, wie alle Engel. Aber der Zorn der Engel verraucht. Die wirbeligen Worte trägt der Wind dahin. Zweifle nicht, daß wir uns auf die Dauer gut miteinander verſtändigen würden. Welch Leben hätten Sie mit Bruno geführt! Eine gute Seele und ein mittelmäßiger Muſikant. Schauen Sie doch in den Spiegel, Silvia, in den Spiegel meines Auges, aus dem Ihnen Ihr Blick zu⸗ rückſtrahlen muß; ſind Sie ein Weſen, das auf dem ebenen, ſtaubigen Pfad des Daſeins kriechen kann? Ein Geſchöpf für die Mittelſtraße? Wenn man es verſucht hat, Gottes Boten auf Erden zu ſpielen, kann man nicht die ſtille Frau eines Fabrikbeſitzers werden. Haben ſich verrechnet, Silvia, und verſpielt. Er liebt Sie nicht einmal.“ „Er liebt mich nicht einmal!“ Mit beiden Händen mußte ſie ſich an dem Stein⸗ tiſch halten. 1 „Verurtheile Sie nicht, Silvia, Leidenſchaft macht blind. Liebe Sie darum nur um ſo toller und inbrün⸗ ſtiger. Iſt nichts, auf das unbeſchriebene Blatt eines Mädchenherzens ſeinen Namen zu ſetzen; einen ſtolzen, ſelbſtbewußten Willen zu beugen, eine beſtrittene Herr⸗ ſchaft zu erobern— das iſt der Mühe werth. Und wenn die beiden Stillvergnügten jetzt oben in Timo⸗ theus' Büßerzelle ihre lauwarmen Betheuerungen—“ „Wo? Wo iſt Bruno?“ ſchrie ſie auf und Leben und Farbe kehrten in ihre bleichen Wangen, ihre faſt erloſchenen Augen zurück. Ihr Anblick erſchütterte ihn. „Drüben im Walde. Als der Tumult ausbrach, iſt er mit Clara den Berg hinaufgegangen.“ „O Allbarmherziger! Und Timotheus...“ „Er kann ihnen oben auf der Kuppe im Abend⸗ roth ſeinen Segen ſpenden; da thäte er doch endlich etwas Vernünftiges.“ „Weh mir, ich bin ſeine Mörderin!“ Und ſie ſtürzte auf die Kniee und rang die Hände verzweifelnd gegen den Himmel. Die gleichmäßige, friedliche, ſommerliche Bläue war geſchwunden; in allen Farbenſchattirungen ſchim⸗ merten im Abendglanz die Wolken. Der Wind wehte ſtärker und trieb ſie hin und her. Auf den Berghöhen im Weſten ballte ſich eine dunklere Schicht, von einem purpurnen Streifen grell durchſchnitten, immer dichter zuſammen. „Rette Du ihn, Gott, und nimm mich hin!“ rief Ellen und ſprang empor. „Silvia, was thun Sie!“ 187 Faſſungslos ſtand Ruprecht. Die Plötzlichkeit und Heftigkeit ihrer Bewegungen, ihre Ausrufe, deren Sinn er nicht begriff, ihr ganzes in Verzweiflung und Eiferſucht aufgelöſtes Weſen hat⸗ teen ihm die Schnelligkeit eines Entſchluſſes geraubt. Als er ſie— ihn dünkte es, mit der Geſchwindigkeit eines Vogels— jetzt durch den Garten dahin und die Steile zu den Tannen hinaufeilen ſah, verharrte er faſt ohne Regung an den Steintiſch gelehnt. Ihr weißes Gewand verſchwand hinter dem Fich⸗ tengebüſch. „Silvia, nehmen Sie mich mit!“ ſchrie er und folgte ihr. Die Ahnung eines Schrecklichen packte ihn. Es war wieder wie damals am Morgen nach der wüſten Nacht in Virginia⸗City ein Wettlauf mit dem Unſicht⸗ baren. Aber während es damals galt, einer furcht⸗ baren Gewalt zu entfliehen, galt es diesmal, einer dunklen That zuvorzukommen. „Silvia!“ wiederholte er flehend. Zwiſchen dem Grün tauchte jetzt hier, jetzt dort ein weißer Schimmer auf. War es ein Vogel, der von Zweig zu Zweig hüpft? War es ein Zipfel ihres Kleides? „Silvia!“ 188 Wenn er nur dieſen Saum hätte faſſen können! Aber ſie wendete ſich nicht um; unaufhaltſam eilte ſie jener Stelle zu, wo die ſchwanke Brücke den Garten mit dem Walde verband, unaufhaltſam wie der Pfeil, der zum Ziel fliegt... wie die Seele, die ſich aus den Feſſeln des Leibes emporſchwingt. Das eine Bild vermiſchte ſich mit dem andern in der geſchäftig arbei⸗ tenden Phantaſie Ruprecht’s. Hatte ſie einen zu gro⸗ ßen Vorſprung oder ſah er den Weg nicht recht, daß er bald an einen Baumſtamm anrannte, bald über eine Wurzel ſtolperte und ſo durch die eigene Haſt ſich Hinderniſſe ſchuf, er erreichte ſie nicht. Immer, wie um ihn zu verlocken und zu verhöhnen, war der weiße Glanz vor ihm. Jetzt— er athmete auf: aus dem Dickicht war ſie auf den breiteren Pfad eingebogen, in der röthlichen Dämmerung ſchwebte ſie vor ihm, keine hundert Schritte weit entfernt. Ihr blaues Tuch hatte ſie abgeworfen oder es war an einem Baumaſt hängen geblieben— lang und licht flatterte ihr Haar über den Rücken hin. „Halten Sie ein, Silvia! Ich will Sie nie mehr anſchauen, nie mehr anreden— nur eine Minute hal⸗ ten Sie ein! Es ſoll der letzte Blick zwiſchen uns ſein!“ ſchrie er noch. Da war ſie am Rand der Schlucht; ihm war es, r — — als ſtutzte ſie, als träte in ihrem Lauf eine Verzöge⸗ rung ein, nicht länger, als die Zeit iſt zwiſchen dem Aufleuchten und dem Verlöſchen des Wetterleuchtens. Indem erhob ſich drüben im Walde unter den drei rothen Tannen ein Geſchrei, wie unterdrückter HKülferuf, wie von einer Mädchenſtimme. „Ich bin da, Bruno!“ rief Ellen und lief mit ausgebreiteten Armen auf die Brücke. Schon aber war Ruprecht hinter ihr; er ſetzte den einen Fuß auf das Bret; er ſtreckte ſeinen rechten Arm nach ihr aus; ſie fühlte noch ſeinen brennenden Athem über ihren Nacken hinwehen.. Da ſchwankte das Bret und da. „Silvia!“ ſtöhnte Schmettow und ſank in die Kniee. Unten in der Tiefe an dem moosbewachſenen Stein lag Silvia. „Zu Hülfe, Ihr dort drüben, zu Hülfe! Rettet ſie! Bindet mich! Ich bin ihr Mörder!“ raſte Ru⸗ precht und klomm, unbekümmert um das eigene Leben, in die Schlucht. Abendliche Dämmerung erfüllte ſie ſchon, blaß und blaſſer verglühte das Roth des Sonnenuntergangs. Auf der andern Seite der Schlucht waren Bruno und Clara aus dem Tannendunkel hervorgetreten; Clara voran, denn Bruno befand ſich in heftigem Wort⸗ wechſel mit Timotheus und hatté den Arm deſſelben eng umklammert. Als Timotheus unten auf der Wieſe den plötz⸗ lichen Ausbruch des Feuers in der Kunſtreiterbude, das Entſetzen des Volkes geſehen und das Geſchrei des Jammers und des Zorns gehört hatte, war er davongeflohen. In ſeiner Verblendung glaubte er, daß ſein Gebet vom Himmel das Feuer herabgezogen habe. Wohl hatte er die Zerſtörung der„Altäre Baal's“ gewünſcht, aber der Anblick, der ſich ihm nun darbot: die aufſteigenden, hin und her züngelnden, gefräßigen Flammen, die Kinder und Weiber, die durcheinander ſchrieen, weinten und heulten, die fluchenden und toben⸗ den Männer, fiel ihm ſchwer wie Centnerlaſt auf das Gewiſſen. War er ein Mordbrenner? Er verhüllte ſein Antlitz und flüchtete in den Wald. „Hier und dort ſtand er ſtill und. ſchaute auf das Bild der Zerſtörung zurück. So, auf Sodom. und Go⸗ morrha ſtarrend, war Loth's Weib in eine Salzſäule verwandelt worden. Ihm jedoch erwies ſich Gott ſtrenger und jagte ihm Furcht ins Herz. Höher hinauf floh er in das Dickicht und warf ſich in das Haidekraut und weinte. Unſtät irrte er unter den Tannen und Fich⸗ ten, bis ihn der Durſt zu quälen anfing. Er wollte — — aus der Mooshütte den rrdenen Krug holen, um an der Quelle Waſſer darin zu ſchöpfen. Als er: ſich der Einſiedelei näherte, begegneten ihm Bruno und Elara. Sie waren auf dem Heimwege nach dem Städtchen. In der Stille des Waldes, in dem C Glück, ſich wiedergefunden„ haben, in der Gewißheit, ſich nicht mehr zu verlieren, war die Außenwelt mit ihrem Wirbel und Lärm, ihrem Elend und Schrecken eine ſelige Friſt für ſie wie verſunken geweſen. Was zu ihnen hinaufklang, tönte te ihnen wie fernes friedliches Geläut. Was wiſſen, was ahnen die Wewohzner der hohen Sterne von dem Sturm und der Noth dieſer Erde? Verwundert fuhren Bruno und Clara zurück, als ſie des ſeltſamen und unheimlichen Mannes anſichtig wurden. Ihm verwirrte die Bégegnung, das weiße Gewand Clara's vollends den Sinn. Er redete ſie als den Engel an, er ſprach von Feuer und Flammen⸗ tod und geberdete ſich wie ein Verſtörter. Streng. wies ihn Bruno, der ſogleich errieth, wen er vor ſich habe, zurecht. Nur kam er nicht dazu, den Candida⸗ ten zu beruhigen, ſeine Mahnung ſteigerte nur den Irrſinn deſſelben. Timotheus' Augen begannen zu fun⸗ keln und ſeine Hand haſtete nach dem Meſſer, das er von Ellen's Tiſch genommen. Darüber hatte Clara —— 192. den Angſtruf ausgeſtoßen, der drüben von Ellen und Ruprecht vernommen worden, der Ellen in der Raſerei der Liebe und der Eiferſucht auf das ſchmale ſchwankende Bret getrieben. Clara war am Rande des Abſturzes und bog ſich hinunter. Aus der Tiefe ſchimmerte im Halbdunkel etwas Weißes herauf. Den jenſeitigen Abhang arbeitete ſich mit Händen und Füßen eine männliche Geſtalt hinab. „Sind Sie es, Herr von Schmettow?“ rief ſie hinüber. „Bin's!“ ſcholl es von unten herauf.„Weiß nicht, ob ich ſie noch am Leben finde.“ „Ellen!“ jammerte Clara, von der ſchrecklichen Wahrheit wie durch eine innere Anſchauung belehrt. Einem Donnerſchlag gleich traf dieſer Name das Ohr der beiden Männer, die hinter Clara ſtreitend daherkamen. Bruno ließ Timotheus' Arm los und eilte Clara nach, die unerſchrocken von Stein zu Stein hinabſtieg. Vor dem Geiſte des armen Thoren ſchien der Schleier des Wahns endlich zerriſſen zu ſein. „Miß Wood!“ ſchrie er.„Meine Wohlthäterin! Gib ſie mir wieder, Gott der Barmherzigkeit! Erhalte ſie und nimm mein Leben für das ihre!“ 193 Achtlos gegen die Gefahr, ſtürzte er in vollem Lauf den ſteilen Abhang hinunter. Mit zerſchmettertem Haupt, an dem Stein, der geſtern zur ſelben Stunde wie mit Blut bedeckt Bruno entgegengeblickt, lag Ellen. Vielleicht hatte der Sturz, ſchon ehe ihr Haupt den Stein berührt, ſie getödtet. Sie fühlte es nicht mehr, daß Schmettow ihre Hände mit ſeinen Küſſen bedeckte, ſie hörte das Seuf⸗ zen und die Klagen von Timotheus nicht mehr; aber ſie ſah auch nicht mehr, wie Clara vor dem traurig ſchreck⸗ lichen Anblick laut ſchluchzend an Bruno's Bruſt ſank. Grauſam entſtellt war ihr ſo edles Antlitz, blutig, be⸗ ſtaubt ihr goldenes Haar— ihre Seele jedoch war ruhig und ſtill, kein Dämon hatte mehr Macht über ſie, und diejenigen, die ſchmerzzerriſſen ſie umſtanden, das ſchöne, nun für immer zerſtörte Bild, wußten die dunkle Frage nicht zu löſen, die ſich ihnen aufdrängte: hatte Gott oder hatte die Liebe ſie getödtet? Wie erſchüttert aber auch ihre Gemüther von die⸗ ſem unbarmherzigen und furchtbaren Schickſal waren, zulänglichkeit des Irdiſchen aufforderte, zu laut, zu dringend wurde ihre Thätigkeit, ihre Arbeit von den Frenzel, Silvia. IV. 13 wie mächtig auch das Räthſel des Lebens ſie zu der ſchwermüthigen Betrachtung der Allnichtigkeit und Un⸗ . 5 194 traurigſten und doch unumgänglichen Geſchäften in Anſpruch genommen.* Auf einer Bahre, die Bruno, nach der Wieſe eilend, von den dort noch um die Brandſtätte Verſammelten zuſammenſchlagen ließ, ward die Leiche in das Schloß getragen. Mit dem leichten Sommertuch Clara's hatte Schmettow das entſtellte Antlitz der Geliebten verhüllt. „Sollen keine Gloſſen über ſie machen“, murmelte er in ſich hinein. Unwillkürlich, ohne Zuthun geſtaltete ſich das Ganze zu einem feierlichen Leichenzuge. Aufgeregt, wie ſie war, aus den gewohnten Verhältniſſen und der ruhigen Behaglichkeit durch die Ereigniſſe des Tages geſchreckt, folgte die Menge der Bahre. Unter den Trägern waren Fritz und Ruprecht. Voran ſchritt Timotheus und ſang halblaut die Verſe alter Kirchenlieder vor ſich hin. Paarweiſe, im leiſen Geflüſter gingen die andern, im Abenddunkel ein unabſehbarer Zug, deſſen Spitze wie deſſen Ende ſich zugleich in dem Grau der Dämmerung verloren. Eine arnſte, feierliche Stimmung beherrſchte alle und bändigte jeden heftigeren Ausbruch der Klage. Oben im Schloſſe fand ſich andere Arbeit und andere Noth. Der Bürgermeiſter und der Pfarrer hat⸗ ten ſich hinaufbegeben, um Bruno's Hülfe und Rath ———— bei der Unterbringung der armen Leute zu erbitten, die durch das Feuer ſowohl um ihren Beſitz wie um ihr Obdach während der Nacht gekommen waren. Die wenigen Zimmer und Kammern, welche das Städtchen bei feſtlichen Gelegenheiten den Fremden zur Verfügung ſtellen konnte, hatten die wohlhabenden fremden Käufer und Verkäufer in Beſchlag genommen. Für die Armen war nur eine dürftige Nachleſe übrig. Nun lag abſeits vom Schloſſe eine Reihe baufälliger Wirthſchaftsgebäude, ehemalige Scheunen und Ställe, auf welche in der großen Verlegenheit die Aufmerk⸗ ſamkeit des Bürgermeiſters ſich gelenkt hatte. Wenig⸗ ſtens für die Weiber und Kinder der„Vagabunden“ ſchien hier ein Aſyl vorhanden zu ſein, die Männer moochten die Nacht unter freiem Himmel im Walde zubringen. Zu ſeiner Unterſtützung bei dem reichen, ihm noch unbekannten Manne hatte der Bürgermeiſter den Pfarrer mit ſich geführt. Auch das Fräulein von Schmettow hatte verſprochen, ſowie ſie nur ihres Bruders wieder anſichtig geworden, ihre Bitten mit denen der beiden Honoratioren zu vereinigen. So ſah ſich Bruno ſchon im Hofe ſeines Hauſes in einen Wirbel von Hülfsgeſuchen, Fragen, For⸗ derungen, Anordnungen verwickelt, die ihn unwider⸗ ſtehlich von der Sorge um Ellen's Leiche abzogen. 43* 196 Auch würden die zwei, die mit ihm am tiefſten ergriffen waren, Clara und Ruprecht, ſeine Theil⸗ nahme an dieſer Sorge nicht geduldet haben; beide aus einem dunklen Antrieb der Eiferſucht, nur daß ſich in Clara's Bruſt mit dieſer eiferſüchtigen Regung gegen die Todte, die ihr ſo lange und hartnäckig Bruno's Herz beſtritten, die Angſt für den geliebten Freund verband. Wie leicht konnte der ſchmerzliche Anblick ihm wieder die Seele mit jener düſtern Me⸗ lancholie erfüllen, die kaum von ihm gewichen war! Man hatte die Bahre in das Balconzimmer hin⸗ aufgetragen. Alles war noch darin in derſelben Ord⸗ nung wie vor zwei Stunden, als Ellen es zu ihrem letzten Gange verlaſſen. Schmettow litt nicht, daß die Ampel angezündet oder Kerzen hereingebracht wurden. Stumm ſaß er, in ſich gekehrt, am Kopfende 3 der Bahre, während Clara das lange indiſche Gewand der Freundin hervorſuchte. „Darin will ich begraben ſein“, hatte Ellen ein⸗ mal geſagt. 1 Dann klopften die Frauen, welche der Leiche die 4 „letzten Dienſte“ erweiſen wollten. „Sie müſſen uns nun verlaſſen, Herr von Schmet⸗ tow“, bat Clara mit Thränen in den Augen, „Gehe ſchon“, erwiderte er und faßte noch ein⸗ mal die marmorkalte, marmorgleiche Hand Silvia's. „Iſt immer unheimlich, der Tod. War noch vor kurzem Alles Leben, Glut, Geiſt an ihr und in ihr — und nun Staub! Kann ſich der Haufe Staub hier wieder bewegen, aufſtehen und lachen: Ich bin Silvia? He, reden Sie doch!“ „Ich denke, der Staub ruht— und denke, daß dieſe Ruhe ihm ſüß iſt.“ „Verſprechen mir, bei ihr zu bleiben, bis ſie ge⸗ bettet iſt? Ihre ſchöne Hülle nicht den Händen der rohen Weiber zu überlaſſen?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Sind ein tapferes Mädchen, Clara, wie ſie eins war. Und nun gute Nacht, ſchöne Silvia! Als ich ſie zum letzten Mal vorhin ſah, kam ſie mir wie ein Vogel mit weißen Flügeln vor. Wo biſt Du nun, weißer Zaubervogel? Aufgeflogen in Gottes Reich? Alles in Ordnung!“ Und er ſchlug die Hände zuſam⸗ men.„Früher oder ſpäter ſchließt das Namenloſe jedem Frager den vorlauten Mund. Iſt gut; würde die Welt noch verrückter ſein, als ſie iſt, wenn die Narren eine Antwort erhielten.“ Mit der Scheere ſeines Meſſers ſchnitt er ſich eine Locke ihres Haares ab. 198 „Bin ein ſentimentaler Kerl, nicht wahr? Nichts für ungut! Werde draußen ein paar Flaſchen den Hals brechen. Jeder ſtirbt nur einmal, das iſt der Humor und der Troſt dabei.“ Unten im Hofe, inmitten der Hunderte, war er wieder der alte, geſchwätzige, durchgreifende Schmettow. Er brachte Bruno, der vor der Fülle der an ihn ge⸗ ſtellten Geſuche und Bitten, bei den ſich durchkreuzen⸗ den Fragen und Wünſchen kaum noch Stand zu halten vermochte, die werthvollſte Hülfe. Gegen Mitternacht hatte man für alle Nahrung und Obdach geſchafft. Am nächſten Tage traf das herzogliche Paar, welchem Adele noch in der Nacht durch einen reiten⸗ den Boten einen ausführlichen Bericht über das un⸗ glückliche Ereigniß geſendet, ein. Unter den Vielen, die Neugier oder Theilnahme herbeigelockt, befand ſich auch Benno. So vereinigte ſich Alles, um Bruno vor einem Rückfall in ſeine gramvolle Grübelei und Ver⸗ ſtimmung zu bewahren. Nicht nur eine zärtliche Liebe, die ſich mit ſeinen theuerſten Jugenderinnerungen ver⸗ knüpfte, und eine treue Freundſchaft, die doch, wie ſehr er es auch verkannt hatte, auf einer Gemeinſam⸗ keit der Lebensanſchauungen beruhte, führten ihn mit ſanfter Hand aus dem finſtern Labyrinth, auch an ſeine Thätigkeit und uneigennützige Hingabe ſtellte die 199 nächſte Zeit ſo viele Anſprüche, daß ſeine Gedanken nicht wie früher in die geheimnißvollen Abgründe ab⸗ ſchweifen konnten, ſondern durch die Gewalt der That⸗ ſachen in der Tageshelle feſtgehalten wurden. Er hatte es übernommen, für Hunderte zu ſorgen, und wollte nach Kräften ſeine Pflicht erfüllen. Vor ihm lag eine ganze Reihe von Arbeiten, die ebenſo ſeine Einſicht wie eine unermüdliche Anſtrengung zu erfordern ſchienen und zugleich ſeinem Willen und ſeiner Laune eine größere Freiheit ließen als der Betrieb der Fabriken. Wenn er die Baulichkeiten ſeines Beſitzthums, die ihm in dieſer Noth trotz ihrer Zer⸗ fallenheit ſo treffliche Dienſte geleiſtet, wiederherſtellte, über jene ſchauerliche Stelle eine Brücke ſchlug und ſeinen Garten auf der Höhe durch eine Mauer ſchloß; wenn er zu Ellen's Gedächtniß am Rand der Wieſe eine Schule für die Kinder des Städtchens gründete, that er ſeinem Drange nach Beſchäftigung, ſeiner Schaffensluſt Genüge und wurzelte immer feſter in dem Boden der Wirklichkeit. Indem ſich ſein Streben auf erreichbare, würdige und nützliche Ziele richtete, verlor ſich die Unruhe ſeines Geiſtes, die Sehnſucht ins Ungewiſſe. Die Erinnerung an ſeinen Vater ver⸗ ſchmolz ſich mit der Erinnerung an Ellen, und die dunkle Furcht vor dem einen, die ihn in der andern daraus geſchieden war. ſich wohl, das Geheimniß Silvig's aufzuklären. habenen Heiligen floſſen— hatten der Schmerz und 3 die Trauer Bruno's einer ernſten Gefaßtheit den Platz geräumt. zu erfüllen hatte, traten in den Vordergrund. Hinter ihm lagen zwei Gräber, vor ihm öffnete ſich eine weite thatenreiche Bahn. Kein Schatten, der aus der Ver⸗ gangenheit darauffiel, verdüſterte ſie; kein Vorwurf des Gewiſſens hemmte fortan ſeinen Lauf. Mit ihrer Feinheit und ihrem edlen Sinn ver⸗ geängſtigt, war für immer dem Gefühl dankbarer ſchmerzlicher Wehmuth gewichen. Ohne inneres Er⸗ röthen konnte er fortan an die unheimliche und doch ſüße Liebe des ſeltſamen Mädchens denken, das ſtets wie ein Räthſel im Leben geſtanden und räthſelvoll . So gern Ruprecht Geſchichten erzählte, er hütete Als am dritten Tage nachher Ellen auf dem Kirchhof Ilmburgs in feierlicher Weiſe beſtattet wurde und die Gedächtnißrede, die ihr der Pfarrer an dem Grabe hielt, alle Anweſenden zu Thränen rührte— Thränen, welche der Beſchützerin der Armen, der Leh⸗ rerin der Kinder, der Wohlthäterin Ilmburgs, einer über jeden Zweifel und jede Verlockung der Welt er⸗ Die Pflichten, die er den Lebendigen gegenüber 3 **—— 201 mittelte Adele, ohne daß er es merkte, dieſen Ueber⸗ gang ſeiner Stimmung aus der Trübe zur Helligkeit, aus der unthätigen Selbſtquälerei zur freudigen Wirk⸗ ſamkeit. Vermochte ſie ihn auch nicht zu ihrem in ſich und mit der Welt beglückten Optimismus zu bekehren, ſo lehrte ſie ihn doch wieder den Werth des Daſeins ſchätzen. In ſchöner, blühender Geſtalt ſtand die Hoffnung an ihrer Seite: Clara, die unter dem milden und läuternden Einfluß Adelens ſich zu edler und ſanfter Weiblichkeit entwickelt hatte. Was in ihrem Verhältniß zu Bruno noch plötzlich und heftig geweſen, wie der Sprung aus einem Aeußerſten in ein anderes, glich die Anweſenheit und der Verkehr des Freundes und der Freundin aus. Feſter als je wuchſen die Herzen, die ſich unter einem günſtigen Stern nach her⸗ ber Trennung unerwartet wiedergefunden hatten, in⸗ einander. Nach dem Begräbniß zerſtreute ſich die Menge, die der Markt mit ſeinen Vergnügungen und ſeinem Handel herbeigezogen und die wider Willen und Er⸗ warten Zeugen eines ergreifenden Schauſpiels geworden; Clara kehrte mit Adelen in das Gärtnerhaus am Ein⸗ gang des Parks zurück. Auf dem Schloſſe blieben Benno und Fritz als Gäſte; Schmettow war, nachdem er die drei Handvoll Erde dem„treuloſen Kameraden, der auf der Hälfte des Weges ſich aus dem Schlachtgetümmel geſtohlen“ — Worte, die Niemand ſich zu deuten wußte— auf den blumenbedeckten Sarg geworfen, in den Wagen geſprungen, der am Kirchhofsthor ſeiner harrte, und ohne Abſchied davongefahren. Ilmburg war wieder in ſeine idylliſche Ruhe verſunken. Oben aber auf dem Schloßhügel und auf der Stelle der Wieſe, wo an jenem Abend ſich die Reiterbude erhoben, ward rüſtig und unabläſſig gear⸗ beitet. Auf dem Bauplatz hier, bei dem Brückenbau dort begrüßten die Arbeiter morgens und abends den freundlichen Bauherrn, der rathend, ermunternd, antrei⸗ bend eingriff und das Geld nicht ſparte. In dieſer lebendigen Thätigkeit, die ihn menſchlich mehr und friſcher anſprach als die gewaltige, aber mechaniſch eintönige Arbeit der Maſchinen, erſtarkte Bruno's Geſundheit und die Freiheit ſeines Geiſtes. „Du wirſt“, ſagte ihm Benno,„wenn Du im Herbſt nach Deiner Fabrik heimkehrſt, auch die Kraft Deiner Hämmer und die Geſchicklichkeit Deiner Räder beſſer würdigen; das iſt mit ein Segen der Arbeit, daß der Glanz, der auf einer ruht, ſich auf alle verbreitet, daß ein wohlvollendetes Werk uns auch andere Werke und Schöpfungen verſtehen und ſchätzen lehrt.“ . ℳ 203 Die Nähe der Reſidenz erleichterte einen faſt be⸗ ſtändigen Verkehr zwiſchen den Freunden und Freun⸗ dinnen, und zugleich verlieh die Entfernung, die ſie trennte, dieſem Umgang einen eigenen Reiz. Es war immer eine Art Feſttag, wenn Bruno und Benno den Wagen beſtiegen, der ſie hinüberführte. Clara ſtand am Fenſter ihres Hauſes hinter der hohen Linde und winkte ihnen mit ihrem Tuche den Willkommensgruß. In dem Garten, unter ihren Blumen, in dem Park an dem rauſchenden Flüßchen zauberte ſie Bruno ihre beiderſeitige harmloſe Kindheit vor. Wieder lernte er ſie in einfachen und natürlichen Verhältniſſen kennen. In Ellen's Hauſe hatte auf ihr wie auf ihm eine Schwere und Schwüle geruht, unter der wohl ein leidenſchaftlicher Ausbruch, aber kein friedlicher Genuß möglich war. Halb mochte es das dunkle Bewußtſein einer Schuld, die ſie gegen Ellen begingen, halb die phantaſtiſche Erregung, welche Ellen ihrer Umgebung mittheilte, geweſen ſein, die jeden ſtilleren Austauſch ihrer Gedanken und Gefühle gehindert hatten. Hier dagegen gab ſich Clara, wie ſie war, als ein lebensheiteres, ſonniges Geſchöpf. Der Verſuch, in die Tiefe der Dinge zu dringen, war ihr fehlgeſchlagen; ſie mußte dem Unſichtbaren danken, daß es ihren Vorwitz nicht noch härter be⸗ ſtraft habe. Um ſo feſter und inniger hielt ſie ſich an der Er⸗ ſcheinung, um ſo liebevoller widmete ſie ſich dem Freunde und dem kleinen Kreiſe ihres Wirkens. Adele hatte ihr gezeigt, daß ſie die Schönheit der Welt ebenſo gut genießen und bewundern könne, wenn ſie ihren engen Pfad geradeaus durch das Leben ginge, wie Ellen, die auf den Flügeln der Morgenröthe in die ätheriſchen Höhen ſich aufſchwang. „Im Ballon über der Erde dahinzuſchweben“, äußerte Adele einmal,„iſt vielleicht ein großartigeres Schauſpiel, aber ob auch ein erquicklicheres als ein Spaziergang unſere Wieſe entlang und den kleinen Hügel hinauf? Das Grenzenloſe anzuſtaunen, im Grenzenloſen ſich zu verlieren, erweitert und erhöht den Geiſt, aber das Gemüth ſtimmen das Glück im beſchränkten Kreiſe und die Nähe des Geliebten reiner.“ In dieſem Anſchmiegen an die Wirklichkeit, in dem ruhigen Gleichgewicht ihres Weſens und ihrer friſchen Jugendlichkeit war Clara das rechte Gegen⸗ bild zu Bruno: vereint glichen ſie einander harmo⸗ niſch aus; er trug ſie in ſeinem idealiſchen Fluge empor, ſie feſſelte ihn ſanft an ein Beſtimmtes. Nach der traurigen Feierlichkeit im Beginn des “ Sommers ſah Ilmburg am Ausgang deſſelben, an einem der erſten ſonnigklaren Septembertage, ein fröh⸗ liches Feſt. In ſeiner kleinen alterthümlichen Kirche wurde der Millionenmann mit einem armen Mäd⸗ chen getraut. Neben einem Drechslergeſellen, dem Bruder der Braut, begrüßten die Zuſchauer— ihrer mehr, als die Kirche faſſen konnte— die erſte Dame des Hofes und einen vornehmen Cavalier— bei Feſt⸗ lichkeiten zog Benno ſtets den ordengeſchmückten Ca⸗ valierfrack an— unter den Trauzeugen. Billig hob in feinen und angemeſſenen Worten der Pfarrer die gleichmachende Kraft einer wahren und edlen Liebe hervor, einer Liebe, die nicht nur ſich ſelbſt, ihre eigene Befriedigung ſuche und darin ihr Genüge fände, ſondern Viele freundlich und wohlwollend, in ſchöner Menſchlichkeit, umfaſſe. Mehr als die große Haupt⸗ ſtadt, aus der er ſtamme, wiſſe der kleine, unſcheinbare Ort hier die Verdienſte und die Großmuth des Bräu⸗ tigams zu ehren und Jeder in der Gemeinde würde ihm, dem Pfarrer, zuſtimmen, wenn er an einem ſo feierlichen und bedeutungsvollen Tage dem Brautpaare den Dank und die freudig bewegte Rührung aller ausſpräche. Durch die Rede des Predigers klang der Ton perſönlicher Ergriffenheit, der ſie noch wirkſamer machte; in der Frühe hatte er von dem Arzt einer „ 206 durch die Vortrefflichkeit ihrer Einrichtung ausgezeich⸗ neten Irrenanſtalt, in die man bald nach Ellen's Be⸗ gräbniß auf Bruno's Rath und Koſten Timotheus gebracht, die betrübende Nachricht erhalten, daß ſein unſeliger Freund, wie der Unglückliche von ſich ſelbſt ſagte,„von Gott getroffen“ im religiöſen Wahnſinn dahinſieche. Um keinen bittern Tropfen in den Freu⸗ denbecher zu miſchen, behielt er die Kunde für ſich, aber ſeiner Wehmuth konnte er nicht gebieten. Für die nächſten Zuhörer hatte er nie beſſer geſprochen, denn auch ſie vermochten die Erinnerung an Ellen nicht ganz von ſich zu weiſen. Die guten Leute, die ſich ſonſt zuſammengefunden, bewunderten den Anſtand des Millionenmanns, die Schönheit und das weiß⸗ ſeidene Gewand Clara's und den ſtattlichen Brautzug, wie er aus der Kirche ſich nach dem Schloſſe in Be⸗ wegung ſetzte. Dort im Garten war die Mauer aus Ziegelſteinen vollendet, die ihn nach der Schlucht zu abſchloß, und als Schmettow in ſeinem Humor auf eine Weile ſich ſtill aus dem Feſtſaal geſtohlen hatte und nachdenklich die ſteile Höhe hinaufgegangen war, fand er an der Stelle, wo ihn bei ſeinem erſten Beſuche des Schloſſes die Erſcheinung Silvia's genarrt, in der Mauer ein eiſernes Gitterthor und vor dem Gitter eine kühn über den Ab⸗ —*— 207 grund geſchlagene eiſerne Brücke mit hohem Geländer. Lange ſtand er und ſtarrte vor ſich hin, ohne Gedanken, ohne ſcharfe Unterſcheidung eines einzigen Gegen⸗ ſtandes, ſo viele ihrer auch ſich in ſeinem Auge ſpie⸗ gelten. Zuweilen griff er in ſeinen krauſen röthlichen Bart und knirſchte leiſe mit den Zähnen. „Alles fein ſäuberlich und ordentlich“, brummte er dann,„wie es ſich für die geſitteten Leute im Schloſſe geziemt. Sind nun einig und wünſche ihnen jedes Glück, langes Leben und daß ſie Enkel ſehen mögen, die noch glücklicher ſind als ſie ſelbſt. Amen! Aber für Silvia hätte es nicht gepaßt und für mich auch nicht. Sie war eine Tochter der Freiheit und der Wildniß. Und ich...“ Er ſuchte umſonſt nach einem Schlußſatz für ſich, guckte noch einmal durch das Gitterthor auf die Brücke, in den Abgrund hinab. „Es wird Keiner mehr da hinabſtürzen; wäre auch ſchade, wenn ein gewöhnliches Menſchenkind auf dem Steine ſtürbe, wo ſie ihre Seele ausgehaucht hat.“ Und er kehrte langſam durch den Garten nach dem Saale zurück.„Gott ruhen laſſen und Geld verdienen — das Drüben iſt ein Traum, das Dieſſeits eine taube Nuß.“ Mit dieſem Gedanken trat er wieder in die Verſammlung. 208 Er kam gerade noch zur rechten Zeit, um das Ende einer herrlichen Rede Benno's mit anzuhören, in der er das Glück der Che, die harmoniſche Ver⸗ einigung von Schönheit und Reichthum, den Frieden eines kunſtgeſchmückten Hauſes geprieſen, und konnte mit lautem Zuruf in den allgemeinen Jubel ein⸗ ſtimmen. Er ſah, wie Clara erröthend ihr Haupt auf die Schulter Brunck neigte, wie Benno mit einem leider bisher noch unverſtandenen und vielleicht auch nicht verſtändlichen Blick die Hand Adelens ſittig an ſeine Lippen zog. „Glück in Fülle für kleine Leute“, leerte er mit einem Anſatz ein volles weinſchäumendes Kelchglas. „Aber, beim rothen Kreuz mit den zwölf Sternen, wer hieß die Närrin auch, mehr ſein zu wollen als unſer⸗ eins? Sie lieh ihr reiches Kapital dem Unſichtbaren, und die Unſichtbaren zahlen eine einzige Dividende: den Tod! Stoßen Sie an, Herr Greif, beginnt eine große Zeit“, rief er mit ſeiner mächtigen Stimme, daß all die zerſtreuten Gruppen ſich wieder um die Tafel zuſammenfanden,„haben nun für eine ſchöne Frau und bald für ſchönere Kinder zu ſorgen; eins iſt Alles in dieſer ſchnurrigen Weltpoſſe: gründen, er⸗ obern, Geld verdienen. Vivat Ihre zweite Million!“ 209 „Wenn ich mit der erſten ſo viel Segen verbrei⸗ ten kann, wie ich wünſche und ſtrebe, Vivat!“ ent⸗ gegnete Bruno.„Clara und ich, wir werden nie ver⸗ geſſen, daß der Reichthum mehr verpflichtet, als be⸗ glückt.“ Ende. Frenzel, Silvia. IV. 14 e Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman Karl Wartenburg. Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 4 Mark 50 Pf. ‿ Heſelllchuft. Eine Erzählung 5 von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Krieg und Frieden. Novellenbuch 8 5 — 3 * von Levin Schückking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 7 Mark 50 Pf. 1 Roman von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Der Majoratsherr. Roman aus der Gegenwart von Otto Müller. 3 Bände. Eleg. broch 10 Mk 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. ——ö——