2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednjard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 V Seih- und Leſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe[muß voraus zbezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 2„=„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 5 — 8 ——y— —— oilvia —.— Boman in vier Bückern Karl Frenzel. Dritter Band. Leipzig, 1875. Erſtes Kapitel. In den erſten Tagen des December war Schmettow von ſeiner Reiſe zurückgekehrt. Er hatte ſich vortrefflich unterhalten: bei ehemaligen Freunden aus ſeiner Sol⸗ datenzeit, die jetzt auf ihren Gütern lebten, ein paar luſtige Jagden mitgemacht, gut gegeſſen, gut geſchlafen und vor allem durch ſeinen Witz und ſeine nie ver⸗ ſiegenden Geſchichten ſeine Zuhörer in Erſtaunen ge⸗ ſetzt. In amerikaniſcher Weiſe wußte er zu prahlen, groß aufzutreten und bei geeigneter Gelegenheit mit dem Gelde nicht zu knauſern. Weislich hatte er ſeine Spielleidenſchaft gezähmt, und das eine und das andere Mal, wo die Karten hervorgeholt wurden, war ihm das Glück treu geblie⸗ ben. Aber auch mit ſeinen Erfolgen hinſichtlich des Frenzel, Silvia. III. 1 2 „Geſchäfts“ durfte er zufrieden ſein. Ebenſo fein wie großmüthig verſtand es Bruno, dem Freunde die Un⸗ koſten der Reiſe zu vergüten. Schmettow's Aufzeichnungen und Bemerkungen über die Gruben, ſeine Vorſchläge zu ihrer beſſeren Ausnutzung behielten ihren Werth, obgleich die Ver⸗ handlung über den Hauptzweck ſeiner Sendung, den Kauf der Kohlenlager, bei ſeiner Ankunft in Berlin ſchon abgeſchloſſen war. Ruprecht konnte ſich im erſten Erſtaunen darüber nicht enthalten, Bruno Vorwürfe zu machen; er fand es jedem Geſchäftsbrauch zuwider, daß man am Montag für zweimalhunderttauſend Thaler kaufe, was man am Donnerstag für hundert⸗ fünfzigtauſend Thaler erhalten müſſe. „Hat Sie gewiß bei dem Plebejerſtolz gefaßt, dieſer Graf Reinsberg“, brummte er.„Alter Ariſtokra⸗ kenkniff dem bürgerlichen Reichthum gegenüber. Ich hatte eine beſſere Meinung von Ihnen, Herr Greif.“ Um ihn zufriedenzuſtellen und das Geheimn iß ſeiner Verlobung mit Irenen vor dieſen Späheraugen noch eine Weile zu verbergen, übertrug ihm Bruno, im Verein mit ſeinem Rechtsanwalt die Angelegenheit des Verkaufs im Einzelnen zu ordnen. Ihm wie dem Grafen war es erwünſcht, eine Mittelsperſon in ihren Geſchäften zu haben; die öffentliche Meinung konnte 3 dann doch nicht geradezu behaupten, daß Bruno Greif den Grafen Reinsberg aus arger Verlegenheit gerettet und als Lohn dafür die Hand der Gräfin Irene er⸗ halten habe. Dieſe Rückſicht gegen den Anſtand und die Sitte beſtimmte beide auch zu der Geheimhaltung der Ver⸗ lobung. Es war Zeit genug, ſie zu verkünden, wenn die Verhältniſſe des Grafen keinen Gegenſtand der Unterhaltung im Börſenſaal mehr bildeten, ſondern zu ihrer früheren Feſtigkeit und Sicherheit zurückgekehrt ſchienen. Irenens Stolz hätte zu heftig darunter ge⸗ litten, daß böſe Zungen ſie in unmittelbare Beziehuug zu einem Geldgeſchäft gebracht; Bruno wollte die kurze Friſt der ihm noch beſchiedenen halben Freiheit dazu benutzen, unter irgend einem Vorwand Clara zur Abreiſe zu bewegen, ihr in der Ferne eine ruhige und ehrenvolle Stellung zu bereiten und ſchmerzbewegt einen ſchmerzvollen Abſchied von ihr zu nehmen. Wider Willen mußte er, von den dunklen Mäch⸗ ten des Lebens gezwungen, die Geliebte laſſen, die widerwillig von ihm ging. Ob er den Muth haben würde, ihr Alles zu geſtehen, wie er ihr das Traurige und doch Nothwendige mittheilen würde, noch hatte er keinen Entſchluß gefaßt, aber er wollte vor allem nicht, 1* 3 daß ein Anderer ſeinen Plan durchſchaue und ihm zu⸗ vorkomme. Niemand hatte er in dieſer Beziehung mehr zu fürchten als den tollen Ruprecht, der ſeine Liebe zu Clara kannte, Vieles ausſpürte, noch mehr errieth und in ſeiner Geſchwätzigkeit halb abſichtslos, halb aus Bosheit ſeine Wiſſenſchaft ausplauderte. Wieder aber konnte er ſich von dieſem Manne, ſo unſympathiſch er ihm in vielen Beziehungen war, nicht losmachen, und wenn er es gekonnt, würde er es jetzt nicht einmal gewollt haben. Schmettow's Willenskraft, die Art, wie er zuzugreifen und feſtzuhalten wußte, übte auf: den ſchwankenden Charakter Bruno's ihre geheime Anziehungskraft aus. „Dies iſt ein Helfer in der Noth“, ſagte etwas in Bruno's Innerem zu Ruprecht's Gunſten.„Be⸗ wahre ihn dir.“ Auch ſchmeichelte es ihm, einen Mann von ſolcher Begabung, mit einem ſo vornehmen Namen, der jetzt Alles that, ſeine Jugendſünden in Vergeſſenheit zu bringen, beinahe in ſeinen Dienſten, das Talent deſ⸗ ſelben zu ſeiner Verfügung zu haben. In Bruno's Beziehungen zu dem gräflichen Hauſe war keine auffällige Aenderung eingetreten. Daß er häufiger, als es ſonſt geſchehen, ſeinen Beſuch machte, 3 4 1 — 5 länger verweilte, oft den Abend über allein mit den Damen verbrachte, erregte höchſtens die Neugierde der Dienerſchaft. Hier wagten wohl einige vorlaute Stimmen ein keckes Wort, daß eine Verlobung in der Luft ſchwebe, aber mit ſichtlicher Entrüſtung wieſen die Kammerzofe Irenens und der Kammerdiener des Grafen den bloßen Gedanken einer ſolchen„Mesallianee“ zurück. Um jedes Gerücht gleichſam im Keime, ehe es noch aus dem Palaſt in die Oeffentlichkeit gedrungen war, zu erſticken, kam zur gelegenen Zeit Kurt von ſeinem pommerſchen Gute in die Stadt. Ein Brief ſeines Vaters hatte ihn herbeſchieden; Kurt's Zuſtim⸗ mung zu ihrer Heirath ſollte alle Zweifel unterdrücken, die ſich noch je zuweilen in Irenens Seele regten. Da Bruno und Kurt ſchon vordem eine gewiſſe Nei⸗ gung zueinander gefaßt hatten, konnte unter dem Deckmantel dieſer Freundſchaft der Verkehr der beiden Verlobten, unbeargwohnt von der Geſellſchaft, fortge⸗ ſetzt werden. Trotz ſo vieler Vorſichtsmaßregeln, ſo dichter Schleier wäre die Wahrheit vielleicht Schmettow nicht entgangen, hätte er für Bruno's Haſt und die Sucht, ſich aus einem Vergnügen in ein anderes zu ſtürzen, nicht eine untrügliche Erklärung zu beſitzen geglaubt. Es war ſo natürlich, daß die Liebe einem ſo gutmüthigen, 8 — ———— — ſchüchternen Menſchen arg zuſetzte; Clara's Widerſtand ſtimmte ihn ſchwermüthig und trieb ihn in eine ver⸗ zweifelte Laune; ihre Willfährigkeit rief bei ſeiner Ge⸗ wiſſenhaftigkeit andere Bedenklichkeiten auf. Die Ehe iſt immer eine ſchlimme Feſſel, und nun gar mit einem Mädchen, das in der Meinung der Geſellſchaft ſo tief unter Bruno ſtand. Schmettow war der Ueberzeugung, daß der„arme Junge“ nicht aus noch ein aus dieſer Liebesgeſchichte wiſſe und ſich auch nicht getraue, ihm, dem erfahrenen Freunde, ein offenes Geſtändniß ſeiner „Dummheit“— wahrſcheinlich hat er dem Mädchen die Heirath zugeſchworen, ſchaltete Schmettow für ſich ſelbſt als Parentheſe ein— abzulegen. Um auch ohne Bruno hinter das Geheimniß zu kommen, war Ruprecht heute in dem Hauſe mit den grünen Jalouſien erſchienen.„Selbſt iſt der Mann“, das war jenſeits des Waſſers Schmettow's Wahlſpruch geworden; Alles, was uns wichtig dünkt, mit eigenen Augen ſehen, das Greifbare mit der eigenen Hand an⸗ rühren und faſſen: er wollte es auch in dieſem Falle thun; mit der Kunde, die er ſich ſelbſt erworben, konnte er nach ſeinem Belieben ſchalten, Niemand war er dann Dank oder Schweigen ſchuldig. Er fand Miß Wood zum Ausgehen gerüſtet und ward über Erwarten gut aufgenommen. Ellen legte —— — —— — den Mantel wieder ab und ſaß eine Weile neben Clara nieder. In dem Hauſe war Alles ſo ſtill, das Zimmer von einem leichten Roſenduft durchhaucht wie damals, als er zum erſten Male es betreten. Clara's Augen leuchteten dunkler, ihre Lieder ſchienen ihm wie von Thränen geröthet. Aber das Geſpräch floß ruhig fort; auch Clara betheiligte ſich daran in ihrer klug verſtändigen Weiſe, ſodaß Schmettow an ſeiner Be⸗ trachtung irre ward. Ellen hatte nur wenig geredet, jetzt ſagte ſie: „Herr von Schmettow, darf ich von Ihrer Ritter⸗ lichkeit einen Dienſt erbitten? Ich habe einen Beſuch in der Stadt vor, bei dem mir unſer Pfarrer ſeine Be⸗ gleitung verſprochen hatte.“ „Und nun ſoll ich den Pfarrer erſetzen?“ lachte Schmettow.„Das iſt drollig. Auf Ihre Verantwor⸗ tung, Miß Wood! Im Uebrigen bin ich zu Ihren Befehlen.“ „Ich verlange nicht das Unmögliche, Herr von Schmettow“, entgegnete Ellen.„Sie ſollen nicht die Rolle des Pfarrers, überhaupt keine Rolle ſpielen. Nur wie der Bruder die Schweſter...“ Ihre Blicke hatten eine Richtung eingeſchlagen nach dem rothen Kreuz inmitten des Sternenkranzes auf der weißwollenen Tiſchdecke. ——— —— —— „Auch ohne dieſen feierlichen Aufruf konnte Miß Wood meines Gehorſams ſicher ſein“, meinte er. „Iſt es nicht der erſte Ruf von Menſch zu Menſch geweſen? Wird es nicht der letzte ſein?“ Der Abſchied, den die beiden Mädchen vonein⸗ ander nahmen, kam Schmettow kühl vor. „Calculire, ſie werden ſich gezankt haben“, dachte er, neben Ellen die Treppe hinabgehend.„Oder Ellen iſt gar dahinter gekommen, daß ſie die gefährlichſte Nebenbuhlerin im eigenen Hauſe beherbergt. Aufgepaßt, Ruprecht! Das könnte die Saat für Dich reifen laſ⸗ ſen. Wenn die Engel in Liebe entbrennen“— und er überflog lüſtern und begehrlich die ſchlanke Geſtalt des Mädchens, welche die Stufen leiſe hinabſchwebte— „gibt es ein wildes Feuer, ein Feuer, an dem man ein Dutzend gewöhnlicher Liebesfackeln anzünden kann.“ Als ſie vor dem Hauſe ſtanden, ſchaute Ellen zu dem klaren Nachmittagshimmel auf; die winterliche Sonne färbte ihn mit röthlichen Streifen. „Wir haben einen weiten Weg vor uns, Herr von Schmettow, aber es iſt heiteres Wetter.“ „Mit Ihnen, Miß Wood, gelten mir Sonnen⸗ ſchein und Regen, Licht und Finſterniß gleichviel. Je länger der Weg, deſto länger genieße ich das Bei⸗ ſammenſein mit Ihnen. Iſt mir ſeit Jahren nicht zu ———— 8 Theil geworden. Es war nicht ſchön von Ihnen, da⸗ mals ohne Abſchied von mir zu gehen.“ „Hätte ich Abſchied genommen, ſo ſchritten wir wohl ſchwerlich jetzt nebeneinander...“ „Nach dem Halteplatz der Charlottenburger Pferde⸗ Eiſenbahn. Ganz meine Meinung.“ „Darum ſollten Sie mir Dank wiſſen. Denen, die ſich vor dem rothen Kreuz einander zu Freundſchaft und Bruderſchaft gelobt haben, iſt hüben oder drüben ein Wiederſehen gewiß.“ „Sie glauben noch immer, daß dort oben—“ Er deutete nach dem Himmel, dorthin, wo die Sonne in purpurgefärbte Wolken zu verſinken ſchien. „Wodurch ſollte ich meinen Glauben verloren haben? Weil Sie ſich einreden, daß der Tod Sie ganz vernichten wird?“ „Ich rede mir nichts ein, Miß Wood. Habe ſe it meinen Erfahrungen an dem rothen Felſen und dem gelben Bach von Virginia⸗City keine metaphyſiſchen Studien mehr getrieben. Werden mir als kluge Perſon Recht geben. Meine erſte Bekanntſchaft mit dem Unſichtbaren hat mir jedes zweite Zuſammentreffen mit ihm im voraus verleidet. Wer löſt das Unend⸗ lichkeitserempel? Bin ein reſoluter Menſch, und als ich einmal meine Unfähigkeit in dieſer Wahrſcheinlich⸗ keitsrechnung, um das abſolute x zu finden, eingeſehen hatte, habe ich zu mir ſelbſt geſagt: Ruprecht, du biſt ein Dummkopf; laß die Welt laufen, wie ſie will, du kannſt ſie weder erklären noch, wenn ſie auseinander⸗ fiele, wieder einrichten.“ „Und ein Bedürfniß nach der Gottheit haben Sie nie empfunden?“ „Ich bin hungrig nach Geld und dürſte nach Ihrer Liebe. Sachte“— er legte die große Hand auf den Mund —„ſonſt iſt Niß Wood im Stande, kein Wort mehr mit mir an dieſem Tage zu reden. Bin der richtige Wolf, mit rohen Inſtinkten, ohne höhere Bedürfniſſe. In dieſem Augenblick würde ich die ganze Methaphyſik, Theologie und Myſtik obendrein für ein himmelblau ausge⸗ ſchlagenes, auf Gummirädern dahinrollendes Coupé ver⸗ ſchenken, um mit Ihnen zu fahren bis ans Ende der Welt. Schändlich, daß wir beide in dieſen Kaſten kriechen müſſen.“ Damit waren ſie in den langegeſtreckten, ſchmalen Wagen der Pferdebahn geſtiegen, der ſich nach kurzem Halt ſchwerfällig wieder in Bewegung ſetzte. Ellen mußte über die komiſche Verzweiflung ihres Begleiters lachen. „ War die Poſtkutſche, die von Virginia⸗City nach Sacramento fuhr, nicht noch ſchlechter?“ — 41 „Ja, dort im Weſten! Dafür hatte man aber auch, wenn man mit ganzen Gliedern angekommen war, das wohlthuende Gefühl, einem halben Dutzend Lebens⸗ gefahren entronnen zu ſein. Hier jedoch! Jämmer⸗ liche Verhältniſſ! Man muß Handſchuhe anziehen und ariſtokratiſche Gewohnheiten annehmen, um nicht als Lump behandelt zu werden.“ „Da bin ich meinen demokratiſchen Grundſätzen treuer geblieben.“ „Sind noch nicht ſo reich, wie Sie es verdienen, Miß Wood.“ „Nein, der Unterſchied zwiſchen Ihnen und mir liegt in einem andern Punkt. Ich bin aus Armuth und Dienſtbarkeit zu Wohlſtand und Unabhängigkeit emporgeſtiegen...“ „Und ich habe den entgegengeſetzten Weg gemacht. Kann ſein. Der adelige Proletarier klebt mit größerer Zähigkeit an den Vorutheilen und Sitten ſeines Standes als der reiche Graf. Schade, daß die tiefſte Selbſt⸗ erkenntniß uns zu keinem neuen Rock und noch weniger zu einer neuen Haut verhilft.“ Allmälig verlief, da die andern Inſaſſen des Wagens ſchon anfingen, auf das eigenthümliche Paar — ſie ſahen eben nicht aus wie Dutzendmenſchen — aufmerkſam zu werden, ihre Unterhaltung unter längeren Stockungen im Sande der Alltäglichkeit. Am Brandenburger Thore ſtiegen ſie aus und Ellen ſchlug vor, die Linden entlang zu gehen, ehe ſie eine Droſchke nähmen; wenn zu keinem andern Zweck, meinte ſie, ſo doch zur Zähmung ſeiner vornehmen Neigungen. Ohne Zögern legte ſie ihren Arm in den ſeinen; es ſchien, als wäre ſie über ſeine Empfindungen zu ihr durchaus beruhigt und wollte ihm ein rückhaltloſes Vertrauen beweiſen. In Schmettow's Bruſt kämpfte das Vergnügen über ihre Nähe, ihr Zuſammengehen mit dem Aerger über die Weiſe, wie ſie ihn behan⸗ delte. Sie betrachtete ihn mit jener kühlen Freundlich⸗ keit, die, wie ſie ſelbſt von jedem wärmeren Gefühle frei iſt, es auch bei dem Andern ausſchließen möchte. Schmettow aber war von der männlichen Eitelkeit er⸗ 4 füllt, daß ihn Ellen haſſen oder lieben müßte. Nach dem, was zwiſchen ihnen vorgefallen, dünkte ihn ihre Gleichgültigkeit eine Unmöglichkeit. In Furcht oder Hoffnung ſollte ſie ſeiner gedenken. Noch ehe dieſer Tag zu Ende gegangen, wollte er ſie zwingen, ihm gegenüber Farbe zu bekennen. Nach und nach jedoch überwog die Luſt, Arm in Arm mit ihr dahinzuwandeln, 13 den kleinen Schmerz, den ihre Gelaſſenheit ſeiner Eigen⸗ liebe verurſachte. Auf der Straße war ein lebhaftes Treiben hinauf und hinab. Die friſche reine Winterluft röthete die Geſichter und beflügelte die Schritte der Menſchen. Ein leichter Reif lag wie ein dünner, hier und dort zerriſſener Silberſchleier auf den Aeſten der alten Bäume, die in vier Reihen gepflanzt ſtattlich die Mitte der Straße einfaſſen. In den Läden, den hohen Schaufenſtern wurden die Gasflammen angezündet, ob⸗ gleich der weſtliche Rand des Himmels noch von der letzten matten Röthe des Sonnenuntergangs überhaucht war. Unwillkürlich gedachte Schmettow des Ganges, den er Hand in Hand mit ihr nach dem Fichtengehölz jenſeits des Baches von Virginia⸗City auch an einem Abend gemacht, an einem milden Sommerabend... unter den Strahlen des Mondes... wie er ihr da ſein Herz ausgeſchüttet, gewaltſam ihre Liebe gefordert hatte, wie ſie ihn von ſich geſtoßen und entflohen war, einem zürnenden Engel gleich, deſſen weißes Gewand noch eine Weile vor den geblendeten Augen des Sünders flattert, während er ſelbſt längſt in den Wolken ent⸗ ſchwunden iſt... Der Engel war nicht wiederge⸗ kommen; mit einer ſchlanken Dame in Grau ſpazierte er die Berliner Linden entlang. Er rieb ſich mit der — j q—; õÿõ½, Hand die Augen, als wolle er den Reſt eines Traums verſcheuchen. Wo aber waren Ellen's Gedanken? Gerade als Schmettow mit dem Rücken der linken Hand über die Augen fuhr, kreuzten ſie die Wilhelms⸗ ſtraße. „Die Gräfin Reinsberg wohnt hier“, ſagte Ellen; „können Sie mir ihr Haus zeigen?“ „Dort auf der rechten Seite, das altersgraue zwei⸗ ſtöckige Haus mit dem Brunnen davor.“ Ihre Frage hatte ihn in Verwunderung geſetzt und er ſah ſie prüfend an. Ohne eine Miene zu ändern, antwortete ſie nach⸗ läſſig: „Ich bin der jungen Gräfin einen Beſuch ſchuldig, daher meine Neugier.“ In der Nähe des königlichen Palaſtes bat ſie ihn, einem Wagen zu winken. „Sie ſind ein merkwürdiger Menſch, Herr von Schmettow“, ſagte ſie, während die Droſchke gemächlich dem Rufe gehorchte,„ich habe Sie damals doch unter⸗ ſchätzt...“ „Es iſt nie zu ſpät, einen Irrthum wieder gut zu machen.“ „Das iſt wider die Abrede. Aber Ihre Zurück⸗ 15 haltung hat mich gewonnen. Auf dem ganzen Wege haben Sie mich nicht ein einziges Mal gefragt, wohin ich Sie führe...“ „Erde oder Waſſer, Himmel oder Hölle ſind für mich in Ihrer Geſellſchaft nicht zu unterſcheiden, alle Dinge nehmen von Ihnen einen Goldglanz an.“ „Ackerſtraße zehn!“ rief Ellen dem Kutſcher zu. Schmettow hatte ihr die Wagenthür geöff⸗ net. In dem Wagen war es ſo dunkel, daß einer die Züge des andern nicht mehr deutlich erkennen konnte, Nur zuweilen fiel der Widerſchein der Straßenlaternen hinein. „Ackerſtraße zehn“— in Ruprecht's Geſicht hatte es gezuckt. Dies war das Haus, in dem Fritz vor einigen Wochen die junge Gräfin aus einem plötzlich in Brand gerathenen Zimmer gerettet. Miß Wood beſuchte den Candidaten Eyſſenhart, er ſelbſt war des Anſtandes wegen mitgenommen worden,„als Duenna“, lachte er für ſich hin. Auch ließ ihn Ellen über das Ziel und den Zweck der Fahrt nicht länger im Unklaren. Der Pfarrer Lebrecht hatte ihr einen jungen Mann, Timotheus Eyſſenhart, vorgeſtellt, der ſich nach dem 4 8* 3 ——,y—. Caplande zur Bekehrung der Eingeborenen begeben wollte. Sie geſtand, daß ſeine Erſcheinung, ſeine Bil⸗ dung und ſein ſchwärmeriſcher Glaubensmuth einen ungewöhnlichen Eindruck auf ſie gemacht. Da er ſie um Empfehlungsſchreiben nach England gebeten, hätte ſie es für ihre Pflicht gehalten, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Ueberall habe ſie Gutes und Rühm⸗ liches über ihn gehört; daß die nüchternen und geiſtes⸗ leeren Orthodoxen ſeine Ueberſpanntheit, ſeinen Myſti⸗ cismus beklagt, hätte ihn in ihrer Meinung nur noch mehr erhoben. Seit einer Woche ſei der junge Mann, wie es ſcheine, gefährlich erkrankt; in rührenden Briefen habe er ſie beſchworen, zu kommen, ſeine Seele zu retten, die Beichte eines Sterbenden zu hören. Zögernd habe ſie ſich heute zu dem ſchweren Gange entſchloſſen. „Ich fürchte Dinge zu vernehmen, die mir nach⸗ her als Laſt auf der Seele bleiben“, endete ſie. „Immer noch der Samariterzug, Wunden zu ver⸗ binden, Kranke zu pflegen“, erwiderte Schmettow mit ſpöttiſchem Anflug. „Was wollen Sie? Ich bin in dieſer Arbeit der Barmherzigkeit groß geworden. Der Pflege eines ſchwerkranken Mädchens verdanke ich meinen Wohlſtand. Selbſt wenn ich anders dächte und fühlte, aus den Kreiſen, in denen ich jetzt lebe, könnte ich nicht mit 17 einem wilden Sprung heraus. Immer würde es mich nachher reuen, ein Talent nicht mehr zu üben, das ich mit ſo vieler Mühe ausgebildet habe.“ „Eine Kunſt obendrein, die Anſehen vor den Leuten und einen Heiligenſchein verleiht.“ „Auch das, Herr von Schmettow! Ich bin ehr⸗ geizig und will in der Welt etwas gelten. Als alte Kameraden und Brüder des rothen Kreuzes können wir aufrichtig miteinander ſprechen. Dem Manne ſtehen viele Wege durch das Leben offen, der Frau nur wenige. Hätte ich eine künſtleriſche Erziehung er⸗ halten, wäre ich hinter den Couliſſen eines Theaters geboren worden, ſo bewunderten Sie mich jetzt vielleicht als Schauſpielerin oder Sängerin. Aber in Kanſas trieb man ſolche Künſte nicht. Es war eine herzlich ſchlechte Muſik in Utah, wie in unſerer Harmonie. Wiſſen Sie noch“— unterbrach ſie ſich plötzlich—„wie Sie ein⸗ mal auf dem Klavier in Planter's Hotel die Ouverture zum Freiſchütz ſpielen wollten? Waren das tolle Tage!“ „Jawohl, tolle Zeiten!“ fuhr Schmettow auf. „Es lebe der ferne Weſten für immer! Dorthin geht die Sonne und die Freiheit! Gott verdamme mich, Silvia, wollen wieder hinüber.“ „Ich möchte Ihnen doch lieber rathen, hier zu bleiben“, entgegnete ſie. Frenzel, Silvia. III. 2 18 Seine Heftigkeit kühlte ihr die Erinnerung. „Sir Lynch iſt dort drüben ein ſchlechter Kame⸗ rad. Von der Kunſt alſo war ich ausgeſchloſſen; zwei Pfade lagen nur vor mir: rechts der Weg zur Tugend, links der Weg zur Sünde. Auf beiden kann man ein glänzendes Ziel erreichen. Mehr als eine Magdalena, die nichts weniger als Buße that, iſt Grä⸗ fin, Herzogin, Kaiſerin geworden. Aber ich beſitze die dauerhafte Natur nicht, die dazu gehört, eine Weile im Schlamm auszuhalten, ohne darin zu erſticken. So hat mich mein Weſen und mein Geſchick zu Gott ge⸗ wieſen.“ „Es iſt eine Speculation wie eine andere“, meinte Schmettow,„auf imaginäre Werthobjecte— ein Tun⸗ nel von San⸗Francisco nach Yeddo, eine Eiſenbahn durch die Sahara.. nicht. Die erſte Dividende iſt für Sie nicht ſchlecht ausgefallen und Sie vermuthen, daß dieſelbe mit der Zeit immer beſſer werde?“ „Ich hoffe es.“ „Und am letzten, fernſten Ziel des Weges, wenn Sie alle Stationen hinter ſich gelaſſen haben, was er⸗ warten Sie von der Arbeit im Dienſte des Unſichtba⸗ ren? Calculire, daß Sie noch lange nicht willens Kann ſein, kann ſein auch — —— — — — —— — — 49 ſind, die Ewigkeitsrente im himmliſchen Jeruſalem zu verzehren?“ fragte er lauernd. „Nein“, entgegnete ſie, auf ſeinen Ton eingehend, „calculire, daß die irdiſche Welt mich zunächſt noch näher angeht, ich habe mit dem Leben noch nicht ab⸗ geſchloſſen. Was ich erwarte, erſehne? Daſſelbe wie Sie, Herr von Schmettow: das Glück.“ „Nur daß Ihr Glück anders ausſehen dürfte als das meine.“ „Wer weiß“, erwiderte ſie doppelſinnig und fal⸗ tete die Hände. „Sie iſt zähe“, dachte Ruprecht;„ſo Aussſichtalos ihre Neigung zu Bruno erſcheint, ſie hält feſt daran. Nur den einen Zweck haben alle ihre Handlungen, ihn immer dichter mit ihrem Netz zu umſtricken, ihn an ſich zu ziehen, ſich ihm unentbehrlich zu machen. Dafür iſt ihr kein Mittel zu ſchlecht oder zu klein. Da ſie daran verzweifelt, ſeine Liebe zu erwecken, will ſie ſeine Herrin ſein, wie die Spinne über Leben und Tod der Fliege verfügt, die ſich achtlos in ihrem Gewebe ver⸗ fangen hat. Dieſer armſelige Narr, der das Chriſten⸗ thum ausbreiten will, iſt ihr ſo gleichgültig als die Schneeflocke, die auf ihr Kleid fliegt und im nächſten Augenblick zerſchmilzt. Aber ſie hat etwas von ſeinen Beziehungen zu der Gräfin Reinsberg gehört; ſie weiß, 2* daß Bruno mit der gräflichen Familie verkehrt— und flugs übt ſie ein neues Werk der Barmherzigkeit...“ Ruprecht konnte ſich nicht enthalten, leiſe in die Hände zu ſchlagen, wie einer, der Beifall klatſcht. Jede rückſichtsloſe Energie erweckte ſeine Theilnahme; er hätte ſie in die Arme ſchließen und ausrufen mö⸗ gen:„Wir beide vereint würden die Welt erobert haben.“ In der Pauſe, die eingetreten war, hatte Ellen ſich ſein Schweigen anders ausgelegt. „Sie ſchelten mich unerſättlich, nicht wahr, Herr von Schmettow? Für den Engel aus einer kleinen⸗ Landſtadt des amerikaniſchen Weſtens habe ich es weit genug gebracht, ich beſitze ein ruhiges Daheim, ich ge⸗ nieße die Achtung guter Menſchen. Fern hinter mir liegt eine dunkle Vergangenheit voll harter Prüfungen; wohl hätte ich ein Recht, ſtill zu ſitzen und mich des Erworbenen zu freuen...“ „Fällt mir nicht ein, Miß Wood, Ihnen ſolche Armſeligkeit und Altjungferntugend zu rathen. Sie ſind eine Zaubrerin, und wenn Sie vor der Zeit den magiſchen Schleier ablegten... wären wie eine von der Sonne verſengte Prairieblume. Wünſche nur Eins: daß Ihre und meine Hoffnungen niemals zuſammen⸗ ſtoßen mögen.“ 21 „Ich denke, dieſe große Stadt hat Raum und Glück für uns beide.“ Ein toller Gedanke umſchwirrte ihn. „Wenn du ihr den Mund mit deinen Küſſen ver⸗ ſchlöſſet? Sie iſt in deiner Gewalt, der Kutſcher fährt dich, wohin du willſt. Weiber ſind unberechen⸗ bar; vielleicht lacht ſie nachher beim Champagner über deine Keckheit. Zeige ihr, daß du der Herr biſt, nicht mehr der verwirrte, girrende Schäfer. Mit der Leiden⸗ ſchaft in ihrem Herzen, mit ihrem abenteuerlichen Le⸗ ben, was bedeutet die Tugendmaske? Reiße ſie ihr vom Antlitz und ſieh, was dir entgegenblickt!“ Da hielt der Wagen. In dichten Flocken fiel der Schnee; ſie eilten, in das Haus zu kommen.— In einem kleinen Vorzimmer empfing ſie eine äl⸗ tere Frau in der Tracht der Krankenwärterinnen. Wie⸗ derholt hätte der Candidat ſchon nach Miß Wood ver⸗ langt und jeden andern geiſtigen Troſt zurückgewieſen; vor wenigen Minuten hätte er wie in einer Verzückung ausgerufen:„Sie kommt!“ Der Arzt erklätte die Krankheit für ein ſchweres Fieber, doch habe er die Hoffnung, den Kranken durchzubringen, nicht aufge⸗ geben. 22 „Wären nur die böſen Träume und wahnwitzigen Vorſtellungen nicht!“ ſagte die Frau. „Eigentlich habe ich nun wohl meine Pflicht ge⸗ than“, flüſterte Ruprecht Ellen in engliſcher Sprache zu, „und der Mohr kann gehen.“ „Ich hatte darauf gerechnet, daß Sie mich aus dieſem Stadttheil wieder hinausbegleiten würden.“ Er neigte ein wenig das Haupt. „Verfügen Sie über mich, Miß Wood.“ „Ein Herr aus England, der ſich ſehr für den Herrn Candidaten intereſſirt“, ſagte Ellen zu der Kran⸗ kenpflegerin.„Vielleicht iſt der Kranke ſo ruhig, daß ich ihn mit ſeinem Gönner bekannt machen kann.“ „Wollen der gnädige Herr nicht eine Weile in die Bücherſtube treten?“ bat die Wärterin.„Ich weiß doch nicht, ob der unerwartete Beſuch...“ „Gern, gute Frau“, antwortete Schmettow, und ſein Geſicht zu Ellen neigend, fragte er: „Womit ſoll ich mir die Zeit vertreiben? Wird eine langweilige halbe Stunde werden!“. „Leſen Sie im Evangelium des Lukas die Ge⸗ chichte vom verlorenen Sohn. Sind wir nicht alle Gottes verlorene Kinder?“ Die Frau hatte die Thür geöffnet, ein Licht an⸗ zündet und winkte Schmettow, einzutreten. — 8 23 Es war ein mäßig großer, kahler Raum; außer einem Schreibtiſch in der Mitte des Gemachs und einem Korbſtuhl davor befanden ſich an den Wänden aufgeſtellt eine Anzahl Bücherbreter. Auf dem Tiſch ſtand hinter dem Schreibzeug, jetzt hell von dem Licht beſchienen, ein Crucifix von Elfenbein; vor dem Stuhl lag ein reichgeſticktes Fußkiſſen: das waren für Schmet⸗ tow die einzigen Spuren von Frauenfreundſchaft und Frauenwalten ringsumher. Sonſt gähnte ihn die Um⸗ gebung öde und troſtlos an. Der Ofen war kalt, vom Fenſter her wehte ein feiner Zugwind, in dem das Licht zu flackern anfing. Ruprecht ſchüttelte ſich, ihn fror; er knöpfte ſeinen Rock dichter zuſammen, ſtreckte ſich in dem Korbſeſſel aus, ſtemmte die Füße auf das Kiſſen und ſchloß die Augen. Im Nebenzimmer hörte er ſprechen; das Bett des Kranken mußte in der Nähe der Thür ſtehen. Er un⸗ terſchied die weiche, klare, ruhige Stimme Ellen's von den haſtigen, bald laut, bald leiſe ausgeſtoßenen Wor⸗ ten des Kranken.„Pfui, ein Edelmann und horchen!“ ſagte er und ſchlug, halb vor Kälte, halb um ſich ge⸗ gen jede Verſuchung zu ſichern, den hohen Kragen ſei⸗ nes Ueberrocks empor. In dem daranſtoßenden Gemach, an dem Bett des Kranken, ſaß Ellen. Die Wärterin hatte ſich die Pauſe, die damit in der Erfüllung ihrer ſchweren Pflicht eingetreten war, zu Nutze gemacht und war nach der Küche gegangen, ſich ihr Vesperbrod zu bereiten. Von der Lampe, deren Licht noch obendrein durch einen Papierſchirm gedämpft wurde, fiel nur ein mat⸗ ter Schimmer auf den Kranken. Das Leiden hatte das zarte Geſicht des Candida⸗ ten noch mehr verklärt. Mit dem Spitznamen des hei⸗ ligen Johannes hatten die Umwohner den Eindruck ſeiner Perſönlichkeit trefflich bezeichnet. Wie in den Legenden und auf den Bildern der Kirchen der Lieb⸗ lingsjünger des Herrn erſcheint: blondlockig, eine ſchlanke Jünglingsgeſtalt, mit ſanft gerötheten Wangen, ſo ſahen ſie Timotheus, Wohlthaten übend, mit milden Worten die Armen tröſtend, mit einer unerſchütterlichen Zuverſicht die Leidenden auf das Reich Gottes hin⸗ weiſend, ſeit zwei Jahren in ihrer Mitte verweilen. Sein Wandel war fleckenlos, ſeine Uneigennützigkeit und Freigebigkeit hatten ſie alle erfahren. Zwar lach⸗ ten die meiſten Männer des Bezirks, die ihrer Mehr⸗ zahl nach dem Arbeiterſtande angehörten und harte und rauhe Geſellen waren, über das„fromme Geſchwätz“, aber ſie ließen ſich doch in Krankheit und Noth die Hülfe des Candidaten gefallen. Und als nun eine —— —— —— ——— ————— 25 kleine Gemeinde von„vornehmen Leuten“ ſich um Ti⸗ motheus bildete, Bet⸗ und Lehrſtunden von ihm abge⸗ halten wurden, fanden ſie im Hinblick auf die Samm⸗ lungen für die Armen dieſe„Muckerei“ nicht nur harmlos, ſondern auch vortheilhaft für ſich. Ueber⸗ dies ſtand Timotheus mit dem„officiellen“ Vertreter der Religion, dem Pfarrer der Gemeinde, beinahe in offenem Zwieſpalt; ſeine milde, ſchwärmeriſche Weiſe konnte ſich mit dem zelotiſchen Eifer des Mannes nicht zu gemeinſamer Wirkſamkeit verbinden. Dieſe Geg⸗ nerſchaft hatte für den Candidaten manche Reibung mit der Polizeigewalt zur Folge; dadurch ſtieg er auf der andern Seite wieder in der Meinung des Volkes. Aber wie die Männer auch über ihn denken mochten, die Frauen, reiche wie arme, waren von ſeiner Schön⸗ heit und Beredtſamkeit hingeriſſen. Doch konnte Nie⸗ mand ſagen, daß er ſeinen großen Einfluß jemals un⸗ edel angewendet habe, ſei es nun, daß ihm die Kraft zur Sünde fehlte, oder daß der Heiligenſchein ihn vor jeder Verlockung bewahrte. Ellen war es gewohnt, mit Kranken umzugehen. Sachte rückte ſie dem Leidenden die Kiſſen zurecht und ordnete die Decke. Dabei berührte ſie ſeine Stirn ſanft mit der Hand und er lächelte ihr dankbar ent⸗ gegen. Schon ihre Gegenwart, das Geräuſchloſe ihres — 26 Waltens that ihm wohl; ſie hatte aus langer Uebung für die feineren Bedürfniſſe eines ſolchen Kranken eine ganz andere Empfindung als eine ihren Dienſt hand⸗ werksmäßig betreibende Wärterin. Was Timotheus' Zuſtand betraf, ſo fand ſie ihn fieberfreier, als ſie es gedacht. Sie war denn auch willig, ſeine Beichte zu hören, als er ſich nach einigen einleitenden Worten dazu anſchickte. „Es iſt mein Verderben geweſen“, ſagte Ti⸗ motheus leiſe,„daß ich Sie zu ſpät kennen gelernt habe. Wie Sie jetzt den Dämon des Fiebers von mir ſcheu⸗ chen, ſo würden Sie auch den Verſucher von mir ferngehalten haben.“ „Ohne Verſuchung, was wäre die Tugend? Ge⸗ rade aus der Tiefe einer Verirrung ſchwingt ſich der Geiſt am mächtigſten empor; er gleicht der Lerche, die aus der dunklen Erdfurche ſich mit ſtarkem Flügelſchlag in den Morgenhimmel erhebt.“ „Weil Sie der Gnade ſo ſicher ſind—“ „Mein lieber Freund“, unterbrach ſie ihn,„ſoll ich Ihnen ehrlich meine Meinung ſagen? Sie kämpfen mit Schattenbildern, Sie werfen ſich Sünden vor, wie Andere ſich mit eingebildeten Krankheiten quälen. Ein ſchweres, ſchmerzliches Ereigniß bedrückt Ihr Gemüth“ — er nickte ihr mit dem Kopfe Beiſtimmung zu.„Er⸗ leichtert es Sie, ſo ſprechen Sie ſich aus. Aber hören 27 Sie auf, aus den Verwickelungen irdiſcher Dinge Selbſtanklagen gegen ſich zu ziehen. Ich weiß im voraus, daß Sie unſchuldig ſind.“ „Iſt Schwäche nicht Schuld?“ fragte er dagegen „Doch Sie werden richten. In Ihre treue Bruſt kann ich mein unſeliges Geheimniß verſenken ohne Furcht, daß—“ „Ruhe!“ Sie drückte ihm die Hand. „Außer zu den Geiſtern, die uns umſchweben— wenn ſie uns verſtehen— ſprechen Sie nur zu mir.“ „Ich bin ein Waiſenkind, in einem Dorfe von armen Leuten geboren“, begann Timotheus.„Die Gutsherrſchaft nahm ſich nach dem Tode der Eltern meiner an und ließ mich auf ihre Koſten von dem kinderloſen Pfarrer und ſeiner Frau erziehen. Da ich gute Gaben zeigte, wurde ich zum Studiren beſtimmt. Von den früheſten Tagen meiner Kindheit an bildeten die Geſchichten der Bibel, das Wort Gottes die Sphäre, in der ich lebte. Damals goß ſich der Glanz des Himmels über mich aus, Gott erfüllte mich ganz. Je weiter ich in meinen Vorſtellungen und Kenntniſſen fortſchritt, deſto inniger bewunderte ich ſeine Güte, deſto demüthiger neigte ich mich vor ſeiner Allmacht. — Ich war wie verloren in dem Abgrund ſeiner Göttlich⸗ keit. Auf der Univerſität hatte ich harte Kämpfe mit dem Unglauben meiner Mitgenoſſen, noch mehr mit der ſtarren ſteinigen Gläubigkeit derer zu beſtehen, welche ſich für Pfeiler der Kirche hielten. In der ei⸗ genen Bruſt regte ſich mir der Zweifel, aber das über⸗ wältigende beſeligende Bewußtſein meiner Gotteskind⸗ ſchaft bändigte ihn, wie der Erzengel Michael den Dra⸗ chen der Tiefe.“ „Sie regen ſich zu leidenſchaftlich auf“, ermahnte Ellen und reichte ihm den kühlenden Trank. De Sie den Feind überwunden—“ „In anderer Geſtalt hat er ſich um ſo gefährli⸗ cher erhoben“, ſeufzte Timotheus.„Ich kehrte von der Univerſität mit hohen Ehren heim, zweimal hatte ich akademiſche Preiſe gewonnen und eine glänzende Prü⸗ fung beſtanden. Nicht nur meine Pflegeeltern, auch meine Wohlthäter waren meines Lobes voll. Ich konnte mich faſt wie ein Mitglied ihres Hauſes betrachten. Sie wohnen jetzt in der Hauptſtadt und inmitten der vor⸗ nehmen Geſellſchaftskreiſe, die ſich mir bei ihnen er⸗ öffneten, erwachte der Ehrgeiz in mir. Durch meine Begabung, durch die Stellung, durch Würde und Reich⸗ thum, die ſie mir erwerben ſollte, hoffte ich mir dau⸗ ernd einen Platz in dieſer Welt zu verſchaffen und 29 dann eigenem Verdienſt und eigener Arbeit zu verdan⸗ ken, was ich jetzt, wie ich wohl merkte, nur der Gunſt und Großmuth meiner Beſchützer verdankte. Ich Un⸗ ſeliger! Im Dienſte Gottes verfolgte ich nur meinen irdiſchen Vortheil; ich predigte ſein heiliges Wort, ich that Gutes in ſeinem Namen, ich ſuchte die in Genuß⸗ ſucht erſchlafften und auf der Jagd nach dem Mam⸗ mon erſtarrten Herzen wieder durch den Hinblick auf die unſichtbare Welt und die Unendlichkeit zu läutern und zu beſeelen... ach, habe Erbarmen mit mir, ewige Güte! Auf meinem Schmerzenslager habe ich erkannt, daß all mein Thun nicht den Ruhm Gottes, noch die Ausbreitung ſeines Reiches bezweckte, ſondern die Folge einer ſchuldvollen Liebe und eines maßloſen Ehrgei⸗ zes war.“ Erſſhöpft hielt er inne, von Seufzern und Stöh⸗ nen unterbrochen, die ihm ſein körperliches Leiden und ſeine Gewiſſensqual zugleich erpreßten. Ellen, die bisher theilnahmlos zugehört, wendete ihm voll ihr Geſicht zu, half ihm in eine beſſere Lage, ſchob die Lampe noch mehr beiſeite— Alles mit jener Stille und jenem ſeraphiſchen Ausdruck, die nicht von dieſer Welt zu ſein ſchienen. Dann ſaß ſie wieder er⸗ wartungsvoll an ſeinem Bette nieder und nahm ſeine heiße Hand in die ihre. —— 30 „Sie liebten— aber welche Schuld läge darin?“ „Ich liebte die Tochter meines Wohlthäters— o, über mich Elenden! So ſchwer mich Gottes Ruthe für den Mißbrauch ſeines Namens gezüchtigt hat, ich liebe ſie noch und werde ſie ewig lieben!“ Heiße Thränen rannen über ſeine eingefallenen Wangen. „Was ängſtigt Sie nur?“ erwiderte tröſtend Ellen. „Heirathen in dieſem Lande nicht oft die Töchter aus den edelſten Geſchlechtern einen Prediger? Zuweilen einen ganz unbedeutenden Mann, ohne Talente, ohne den Gotteseifer, der Sie erfüllt.“ „Es war doch für mich eine doppelte Schuld! Eine Schuld gegen den heiligen Geiſt, als deſſen Strei⸗ ter und Verkündiger ich auftrat, während es das Bild und der Name eines Mädchens waren, die mich ent⸗ flammten. Wohl redete ich in Zungen, aber es waren Zungen der Liebe und Weltgier, die aus mir ſprachen; es war der Rauſch und das Stammeln der Luſt, die ſich für himmliſche Verzückung ausgab. Und wie ich gegen Gott ſündigte, fehlte ich auch gegen das Mäd⸗ chen. Ich hätte ihr ſagen müſſen, daß unſere Liebe 5 5 3 hoffnungslos ſei, daß ihr Vater andere Pläne mit ihr vorhätte, als ſie einem Geiſtlichen zu verloben, deſſen Vater und Mutter auf dem Gutshofe gearbeitet— ich ——xE—-õ ——e—— —— 31 ließ mich dagegen von ihrem feurigen Geiſte, den die Schwierigkeiten unſerer Lage nur reizten, weit und weiter reißen. Leidenſchaftlich hatte ſie ſich zu meinen religiöſen Anſchauungen bekannt— ich fürchte, nicht weil ſie von der Wahrheit derſelben überzeugt war, ſondern weil ihre Neuheit ſie anzog; vielleicht ſpürte ſie auch in ihnen, unter heiligen Symbolen verborgen, das Wehen der Liebe. Sie hätte es nicht ertragen, daß der Mann, den ſie bevorzugte, in dem ausgefah⸗ renen Gleiſe der Alltagsmenſchen wandelte, ſie ſpornte mich zu immer kühneren Unterſuchungen an.“ „So können Sie den Einfluß dieſes Mädchens doch nur einen wohlthätigen nennen. Was wäre das Chriſtenthum ohne die Frauen! Das iſt der Vorzug unſerer Religion und die Gewähr ihrer Ewigkeit, daß in ihr allein von allen Religionen auch dem Genius des Weibes Raum zu ſeiner Entfaltung gegönnt iſt.“ „Nur entfernte mich dieſer Drang, nach dem Wunſche der Geliebten, eine neue Leuchte der Lehre in dieſer finſtern Zeit allgemeinen Stumpfſinns zu werden, ganz von der Demuth und der Schlichtheit der wahren Jünger Chriſti. Selig ſind die Armen im Geiſt— für mich war dies tiefſinnige Wort nicht geſprochen. Stolz erhobenen Hauptes ſchritt ich vor⸗ wärts auf dem Pfade des Hochmuths. Es war mir, 32 als müſſe Gott ein Wunder thun, um meine Ver⸗ bindung mit der Geliebten möglich zu machen. Aber ſtatt deſſen reckte er ſeine Hand über uns aus und verwirrte uns, daß wir uns ſelbſt ſchlugen.“ Wieder trat eine längere Pauſe ein, in der Timo⸗ theus Kraft zu einem letzten Bekenntniß zu ſammeln ſchien. „Mein Verhältniß zu der Geliebten war verborgen geblieben. Mit politiſchen Angelegenheiten beſchäftigt, beargwöhnte der Vater unſern Verkehr nicht. Er nahm mich für einen phantaſtiſchen Schwärmer, den er zu gelegener Zeit auch einmal für ſeine politiſchen Zwecke ausnützen könnte, und ſah der Tochter die geiſtliche Laune— wie er ſpottete— nach. An der Mutter hätten wir eine Freundin und Beratherin ge⸗ habt, und wie Vieles wäre anders gekommen, wenn wir ihr vertraut! Aber ſie war eine zu reine und kindliche Natur, als daß wir, im geheimen Bewußtſein unſerer Schuld, uns ihr zu nahen gewagt. Schon daß unſere Liebe die Dunkelheit aufſuchte, hätte uns über ihre Verwerflichkeit aufklären ſollen. Da ſchien es der Geliebten plötzlich, als habe der Vater Kunde von unſern Beziehungen erhalten. Sie drang in mich, durch einen entſchiedenen Schritt aller Ungewißheit ein Ende zu machen. An dieſer Stelle ſchüttelte mich 33 ₰ der Zorn Gottes und knickte mich wie ein Binſenrohr zuſammen. Die Heftigkeit und die Leidenſchaft der Geliebten erſchreckten mich; wie in einer plötzlichen Offenbarung erkannte ich meine Schwäche, mit ihrem gewaltſamen Charakter Schritt zu halten. Furchtlos vor ihren Vater hinzutreten und ihn um ihre Hand zu bitten, wäre die That einer muthigen Verzweiflung geweſen, zu der ich mich nicht aufraffen konnte. Ich fühlte, daß er Recht haben würde, wenn er mir zu⸗ riefe: Sie ſind ein Wahnſinniger! In ſchauerlichen Nächten ſah ich mich ſchon in der Zelle eines Irren⸗ hauſes. Vergebens erflehte ich im Gebet Troſt und Stärke. Nur meine Seelenangſt ſtieg, denn immer klarer wurde mir mein Verbrechen, daß ich ein ſchnödes Spiel mit der Wahrheit getrieben und Gott zu betrügen geſucht hatte. In dieſer Noth und Reue, die Hölle im Herzen, lebte ich eine Weile hin; ich wollte mich von der Geliebten losreißen, die Stadt verlaſſen— und folgte doch jedem ihrer Winke. Sie überredete mich, mit ihr zu entfliehen— nicht weit, nach dem Gut ihres Bruders, der uns vor dem erſten Zorn des Vaters ſchützen würde. Vor der Thatſache, vor unſerer Kühnheit würde ſein Zorn überdies bald verrauchen...“ Frenzel, Silvia. III. 3 „Mein armer Freund! Und Sie haben dieſen tollen Streich ausgeführt?“ Er ſchüttelte traurig ſein Haupt, das durch die Krankheit noch ſchärfer den Ausdruck des Martyriums angenommen hatte. „Unter ihren Augen, unter dem Bann ihrer Schönheit und ihres Willens verſprach ich Alles und hätte es in ſolchem Augenblicke vollführt. Aber in der Zwiſchenzeit, die bis zu dem verabredeten Tage verlief, kehrten meine Bedenklichkeiten vor einem ſolchen Wagniß, kehrte mir der Reſt von Tugend und Ent⸗ ſagung, der noch in mir war, zurück. Ich, ein Lehrer des Wortes, einer, der ſich vermeſſen, dem Unſichtbaren näher zu ſtehen als die Andern, ich ſollte den Eltern ihr Kind rauben, Schmach in den Augen der Welt über die Familie meiner Wohlthäter bringen und ein edles Mädchen, das jetzt nur eine wilde Leidenſchaft, Trotz und Zorn vorwärts jagten, auf immer unglücklich machen? Nein, um den Preis meines Lebens, nein!“ rief er und richtete ſich hoch im Bette auf.„Verſtrickt wie ich in Schuld und Irrthum war, wollte ich mich durch einen freiwilligen Tod daraus löſen.“ „Unglückſeliger!“ ſchrie Ellen auf, und es war —— 35 ſchwer zu ſagen, wer von ihnen beiden entſetzter ausſah. Von ihrem Sitz emporgefahren, hielt ſie ſich an der Lehne des Stuhls feſt und ihr Antlitz war ſo weiß wie die Decke, die den Kranken verhüllte. Darüber ſank Timotheus wieder in die Kiſſen zurück. „Gott hat es gnädiger gewendet“, ſagte er leiſe, „als ich es verdient. Sie, die mich aus meiner Bahn gelenkt hatte, ſollte am Rande des Abgrundes meine Retterin werden. Zwei Tage vor dem Abend, den wir zu unſerer Flucht beſtimmt, hatte ich beſchloſſen, zu ſterben. Ich wollte mich durch Kohlendampf tödten, damit Jeder meinen Tod einer zufälligen Urſache zu⸗ ſchreiben müſſe. Ein Zimmer meiner Wohnung, das fern ab von dieſen Gemächern nach dem Hofe zu liegt, hatte ich zum Schauplatz meiner Unthat auserwählt. Dort hatte ich oft zu andächtigen Zuhörern von Gott geredet, während einzig der Name der Geliebten in meinem Herzen widerhallte. In der Verwirrung meiner Gedanken und Empfindungen wollte ich mich ſelbſt der beleidigten Gottheit zum Opfer bringen. Beklagen Sie mich, meine Freundin, ich war wahn⸗ ſinnig.“ „Nach Gott trachten iſt für den Verſtand ſo ge⸗ 3* ———— fährlich, wie für die Augen, in die Sonne zu ſehen⸗ ſagte Ellen für ſich hin. Aber er hatte ſie doch verſtanden. „Gott erſchließt ſich nur den einfältigen Herzen. Dort alſo ſaß ich. Es war eine plötzliche Kälte ein⸗ getreten und es konnte der Dienerin nicht auffallen, daß ich ſie den eiſernen Ofen und den Kamin ſtark heizen ließ. Dann hatte ſie das Zimmer verlaſſen, ich war allein geblieben bei verſchloſſenen Thüren und erwartete den Tod. Da hörte ich ihre, der Ge⸗ liebten, Stimme draußen, die Einlaß begehrte. War es ein Traum? War ich ſchon im Elyſium? Ich öffnete, ſie ſtand vor mir. Noch dieſen Abend, noch dieſe Stunde müßten wir fliehen, ihr Vater hätte unſer Verhältniß entdeckt. Wenn ich ein Mann ſei, wenn ich ſie liebte, könnte ich noch einen Augenblick zögern? Was nun folgte, zerreißt mir in der Erin⸗ nerung noch das Herz und wird die beſtändige Qual meiner Gedanken ſein. Dann will ich mit Dir ſterben! rief ſie verzweifelnd, als ſie meinen Entſchluß nicht ändern konnte, und ſtürzte ohnmächtig, gegen den Tiſch ſchlagend, nieder. Die Erſchütterung hatte die Lampe umgeworfen, das Petroleum Feuer gefaßt und brannte auf dem Boden nach den Gardinen zu weiter. Ich ſchleppe die Ohnmächtige nach einem Stuhl hin, da verliere auch ich in dem Dunſt und Qualm das Bewußtſein...“ Ellen legte ihre Hand auf ſeine mit hellen Schweiß⸗ perlen bedeckte Stirn. „Ich errathe den Reſt, mein armer Freund. Gottes Fügung rettete Sie beide aus den Flammen—“ „Und riß uns für immer auseinander. Als die Thür, die nach außen führte, aufgeſtoßen ward, weckte mich das laute Geſchrei der Herandrängenden aus meiner Betäubung. Ich ſah einen Mann die Geliebte vom Stuhl reißen und hinaustragen— ich rufe ihm nach, raffe mich auf, kann aber nicht mehr durch Flammen und Rauch dringen und ſtürze mit verſengten Haaren nach den Vorderzimmern, die Treppen hinunter... An dem Fuß derſelben kommt ſie mir ſchon entgegen, ganz verändert, mit dem Blick unverſöhnlichen Haſſes. Ich begleite ſie auf die Gaſſe zu einem Wagen, ich will ſprechen, aber vor ihren drohenden Augen ſtockt mir das Wort in der Kehle.“ Tief aufathmend fuhr er nach einer Pauſe fort: „Tage des Jammers, des Elends und der Reue 3 ſchlichen mir vorüber. Mein Leben wagte ich nicht noch einmal freventlich anzutaſten, aber ich ſann lange vergebens, wie ich das mir aufs neue ſo wunderbar 38 geſchenkte Gut Gott wohlgefällig verwenden könnte. Ebenſo unnütz und verworfen wie das Unkraut im Aehrenfelde kam ich mir vor. Dabei konnte meines Bleibens in dieſer Stadt nicht länger ſein, wo mir jeder Stein meine Sünde vorzuwerfen ſchien. In dieſem Jammer erleuchtete mich ein Strahl der Gnade und ich beſchloß, die Miſſion nach Afrika anzutreten. Dort, in der Wildniß, war mein Platz. Wenn in meinem Wort eine göttliche Kraft, dort konnte ſie ſich bethätigen. Meine Schwärmerei, meine Anſichten, die hier ſo Vielen Aergerniß bereitet hatten, dort fanden ſie ein freies Feld; dort konnten Gemeinden, wie ich ſie träumte, in der Gemeinſamkeit der erſten chriſtlichen Genoſſen⸗ ſchaften, in Liebe und Brüderlichkeit gedeihen und ein neues Blatt am Lebensbaum des Chriſtenthums bilden. Ich ſah Sie, ich hörte Ihre ſanfte Stimme, und Troſt und Hoffnung umſchwebten mich wieder. Zu früh hatte ich triumphirt; die tückiſche Krankheit hat mich auf das Bett geworfen, und ich weiß nicht, ob ich von ihm erſtehen werde. Ach, der Herr wird mich zu ſchwach gefunden haben, ihm die Fahnenwacht in der Wildniß zu leiſten. Ich beuge mein Haupt, was bin ich als ein Sandkorn, das ſein Sturm durch die Wüſte der Welt treibt? Aber ich wollte nicht in einem falſchen Schein von Ihnen ſcheiden. Wenigſtens Sie —— 7 ſollen nicht von mir ſagen, daß ich unwürdig Ihr Vertrauen getäuſcht habe.“ „Ihre Erzählung erhöht meine Freundſchaft für Sie und beſtärkt meine Ueberzeugung, daß Sie zu den wenigen Auserwählten gehören. Die harten und kargen Herzens ſind, mögen ſich einbilden, nie zu irren und nie zu ſündigen. Aber vom Weſen der Gottheit ſind ſie weiter entfernt als die Schuldigen, welche bereuen.“ „Ich habe“, ſagte Timotheus, nun freier aufblickend, als hätte ſie eine Wolke von ſeinem Geiſte und ſeinen Augen entfernt,„meinem Wohlthäter ein aufrichtiges Bekenntniß meiner Schuld geſchickt und ihn um ſeine und ſeiner Gemahlin Vergebung angefleht. Es iſt ein Irrthum des Herzens geweſen, der mein Leben, aber nicht die Zukunft ihres Kindes zerſtört hat.“ „Die Zukunft?“ ſagte Ellen mit ſchärferem Ton. „Weh mir!“ ſtöhnte der Kranke.„Ich bin ver⸗ dammt. Ich kann ſie nicht vergeſſen, ich kann ſie nicht in den Armen eines Andern ſehen— tödte mich, gerechter Gott, tödte mich!“ So wild fuhr er mit den Armen umher, daß Ellen Mühe hatte, ihn zu beruhigen. Zum Glück kehrte die Wärterin in das Zimmer zurück. Der Arzt war ſo eben gekommen, mit ihm ein anderer Herr, der ſich nach dem Befinden des Candi⸗ 40 daten erkundigen wollte. Die Wärterin hatte beide in die Bücherei gewieſen.. Ellen lachte in ſich hinein. „Da kann ſich ja Schmettow's Zunge für das lange Schweigen reichlich entſchädigen. Zwei Fremde auf einmal! Welche Geſchichten wird er ihnen auf⸗ binden!“ Die beiden Herren waren ſich auf der Treppe begegnet und hatten ſchon dort ein Geſpräch über den Zuſtand des Kranken angeknüpft, das ſie im halblauten Ton beim Betreten der Bibliothek noch fortſetzten. Der eine, den der Arzt etwas ceremoniös mit „Herr Graf“ anredete, ſchien durch den Bericht deſſelben in ſeinem Entſchluß, mit dem Leidenden ſelbſt zu ſprechen, ſchwankend geworden zu ſein und noch nähere Auskunft zu wünſchen. Der Arzt hatte ihm den Vor⸗ tritt in das Studirzimmer gelaſſen. Bei dem Knarren der Thür war Ruprecht aus ſeinem hindämmernden Zuſtand zwiſchen Schlafen und Wachen jäh aufgefahren. Er rieb ſich die Augen, ſchlug den Kragen ſeines Rockes nieder und erhob das flackernde Licht, um ſich die Eindringlinge näher an⸗ zuſehen. Fernab, nach einer der Niederlaſſungen der neuen Argonauten im wilden Weſten hatte ihn die Pyantaſie im Halbtraum geführt. n —* ——õõõõ— War es nun Ruprecht's Geſicht oder der grelle Lichtſchimmer— der zuerſt Eingetretene ſtutzte, ob er weitergehen oder umkehren ſolle. „Eine unheimliche Begegnung!“ murmelte er. Ruprecht hatte den Leuchter wieder auf den Tiſch geſetzt und ſchien die Anrede des andern zu erwarten. „Guten Abend, Herr von Schmettow.“ Der Gruß war ihm offenbar ſchwer geworden. „Erwidere Ihre Freundlichkeit, Herr Graf“, ant⸗ wortete Ruprecht,„und räume Ihnen zugleich meinen Platz mit Vergnügen ein.“ „Sind Sie auch unter die Samariter gegangen?“ fragte Reinsberg mit halbem Scherz.„Mich geht der Kranke näher an, er iſt etwas wie mein Pflegeſohn.“ „Ich bin ohne jede gute Abſicht gekommen“, ent⸗ gegnete Ruprecht.„Nur aus Ritterpflicht. Der Ort ſoll feuergefährlich ſein. Ich höre, man bricht drinnen auf. Wünſche Ihnen guten Abend und dem Kranken Geneſung, meine Herren.“ An der Heftigkeit, mit der er im Vorzimmer Ellen's Hand ergriff, merkte ſie, daß etwas Unerwar⸗ tetes geſchehen ſein müſſe. Schweigend ließ ſie ſich von ihm die Treppen hin⸗ abführen. Auch vor dem Hauſe gingen ſie noch eine Weile wortlos nebeneinander, dann hemmte er den eiligen Schritt. Der Schnee fiel noch immer, langſam, unaufhörlich. „Vergebung, Miß Wood, daß ich Sie ſo unge⸗ ſtüm fortgezogen. Wollte aber nicht, daß Sie dort oben mit dem Grafen Reinsberg zuſammengerathen wären.“ „Er war der Fremde, der mit dem Arzt ge⸗ kommen?“ Sie war ſtehen geblieben. „Ich vermuthe, daß ihm beſonders jetzt das Be⸗ finden des Candidaten am Herzen liegen muß...“ „Seine Geſundheit oder ſein Tod?“ unterbrach ſie ihn leiſe. „Die Todten pflegen bekanntlich nichts auszuplau⸗ dern“, erwiderte Ruprecht ausweichend.„Aber laſſen Sie uns gehen, Miß Wood. Fällt auf, wenn in dieſer einſamen Straße ihrer zwei unter der Laterne bei ſolchem Wetter zuſammen ſtehen.“ „Will der Graf ſeine Tochter verheirathen? Sie kommen häufig in ſein Haus?“ „Der Reinsberg'ſchen Kohlengruben wegen. Denke zu kaufen.... „Für eigene Rechnung?“ „Geſchäftsgeheimniſſe, Miß Wood. Entſchuldigen Sie mein Schweigen; beim rothen Kreuz, diesmal ſteckt kein Frauenzimmer unter der Decke— oder ich nehme den Schwur lieber zurück. In dieſen Dingen kann man nur für ſich ſelbſt gut ſagen.“ „Nicht für den geheimen Geſchäftstheilhaber, nicht für Herrn Bruno Greif?“ „Es iſt hoffnungslos, mit Ihnen Komödie ſpielen zu wollen. Obgleich Irene Reinsberg...“ „Mir gefällt dies hochmüthige Mädchen nicht“, ſchal⸗ tete Ellen mehr für ſich als für Schmettow ein. „Meine alſo, daß Irene Reinsberg und Bruno Greif ſchwerlich ein Paar abgeben werden. Die junge Gräfin ſoll ſehr ſchön und geiſtreich ſein, dazu ihr Name, ihre Verwandtſchaft— wäre an ſich keine üble Partie für meinen jungen Freund.“ Er fühlte, wie ihr Arm auf dem ſeinigen zitterte. „Und der Nachſatz zu alledem?“ „Wenn ein Drittes zwiſchen ihnen beiden ſtände?“ „Timotheus? Das iſt eine Thorheit. Wenn er nach Afrika reiſt... wie bald iſt ein Menſch ver⸗ ſchollen! Auch hatten Sie ihn mit Ihren dunklen Worten am letzten im Sinn.“ „Mich wundert, daß Miß Wood dieſen Dritten oder dieſe Dritte ſo weit ſucht. Ich ſah heute in Ihrer Nähe rothgeweinte Augen.“ „Clara?“ fragte ſie ſcharf. „Sie wiſſen, daß 44 Herr Greif ſie liebt? Freilich“, ſetzte ſie boshaft hinzu, „was wüßten Sie nicht!“ „Was aus dieſer Liebe geworden. Aber ich würde das Mädchen herzlich bedauern, wenn das Glück, das ſie träumt, ſich in Unglück verwandeln ſollte. Hat mir 3 es angethan, in allen Ehren, und würde ihr gern helfen.“ „Erſetzen Sie ihr doch den verlorenen Liebhaber!“ Sie war in ſo gereizter Stimmung, daß ſie die Mäßigung in Wort und Ausdruck, die ihr zur zweiten Natur geworden war, beinahe vergaß. „Handelt ſich gar nicht darum, ſondern ihr den. alten zu bewahren.“ „Herr Bruno Greif wird niemals die Gräfin heirathen“, rief ſie mit zornbebender Stimme,„niemals! Zunächſt aber“— und aufathmend ſuchte ſie einzulenken —„glaube ich an Ihre Hirngeſpinnſte nicht.“ Ruprecht erkannte ſeinen Vortheil; die hingewor⸗ fene Aeußerung hatte Ellen an der empfindlichſten Stelle verletzt. Wie von einem Tropfen Gift war ihr Blut in Wallung gerathen. Vorſichtig wollte er die Wir⸗ kung abwarten, ehe er einen neuen Angriff wagte. 2* Wortlos ſchritten ſie durch den fallenden Schnee dahin. Das Geräuſch der Räder, der Hufſchlag der Pferde, die Schritte der Menſchen— Alles klang von — — * auf ſie einſtürmten, vereinigten ſich, ihren Willen zu der weichen Decke dumpf im gebrochenen Ton zurück. Jezuweilen unterbrach das ſcharfe Geläut eines Schlit⸗ tens die Stille. Geſpenſtiſch ragten die Häuſer zu beiden Seiten der Straße auf, mit ihren oberen Stock⸗ werken und Dächern ſich in dem endloſen, von wirbeln⸗ den Schneeflocken erfüllten Raum verlierend. Dieſe winterliche Kälte, das abendliche Grau, die weiche weiße Hülle, die aus der Höhe herniederſinkend Alles zu bedecken und zu beruhigen ſchien, thaten Ellen wohl. Trotz des Schleiers trafen Wind und Schnee ihr Ge⸗ ſicht, aber es war ihr, als kühlten ſie ihre heißen Wangen— heiß von der Glut, die in ihrer Bruſt loderte. Der Schneefall hatte die ſchlechtgepflaſterten Straßen des Arbeiterviertels faſt unwegſam gemacht, bald glitt ihr Fuß aus, bald verſank er. Immer ſtärker mußte ſich ihr Arm auf den Schmettow's ſtützen. Nirgends gewahrten ſie einen leeren Wagen; jede Droſchke, die ſie anriefen, eilte vorüber. Ellen hatte das unbe⸗ ſtimmte ängſtliche Gefühl, daß ſie ſich ſeit jener Wande⸗ rung durch die Fichtenwaldung des rothen Felſens an der Hand deſſelben Mannes, der ſie heute führte, nie⸗ mals in einer größeren Gefahr befunden; ihre Auf⸗ regung, ſeine Gegenwart, die Eindrücke, die von außen 46 lähmen und von der Gewalt eines Stärkeren abhängig zu machen. Viel beſſer, ſie irrte allein durch die Gaſſen als an ſeinem Arm. „Wenn Ihre Vermuthung ſich beſtätigen ſollte“, begann ſie, da ihr ſein Schweigen unheimlich wurde, „wie beklagenswerth wäre Clara! Ich muß ſuchen, ſie aus meinem Hauſe, aus der Stadt zu entfernen... vielleicht heilt die Entfernung ihren Schmerz.“ „Wollen ſie auch nach Afrika ſchicken! Gründen 8 eine Colonie von unglücklich Liebenden... Gar kein übler Gründungseinfall...“ „Mir iſt im Gedanken an meine Freundin nicht ſcherzhaft zu Muthe, Herr von Schmettow.“ „Mir ebenſo wenig. Ich habe das Geſchwiſterpaar gern, ſind brave junge Leute“, und er nahm einen Gönnerton an.„Lache auch nur über das Geheim⸗ mittel, Liebe durch Verbannung nach England oder Afrika zu heilen.“ „Sie werden mir doch zugeben, daß es Clara peinlich ſein muß, Garten neben Garten mit.. 4 „Ihrer Nebenbuhlerin zu wohnen. Einverſtanden, Miß Wood. Das hatte mein Dickſchädel nicht über⸗ legt. Aber wohin mit dem Mädchen?“ „Sie kommen aus der Provinz, von guten Freun⸗ den. Wüßten Sie keine Familie, die eine Geſellſchaf⸗ b 9 47 terin, eine Lehrerin für kleine Mädchen, eine Haushäl⸗ terin braucht? Daß Clara Ihrer Empfehlung keine Schande...“ „Ueberflüſſig, Miß Wood. Kenne das Gold am Klange. Iſt mir jedoch, als redeten wir ins Blaue oder vielmehr ins Weiße hinein. Was wird morgen ſein? Möglich, daß mich ein Kobold geneckt hat, daß weder die Gräfin Reinsberg noch Bruno Greif an eine Hei⸗ rath denken. Sind mir im Grunde auch beide gleich⸗ gültig und beſorge in dieſem Augenblicke nur, daß Sie ſich naſſe Füße und eine böſe Erkältung in dieſem Un⸗ wetter holen werden. Sollten in ein Gaſthaus unter⸗ treten— ſo lange, bis ein Diener Ihnen einen Wagen beſorgt hat.“ „Ich danke Ihnen, Herr von Schmettow, aber mich friert nicht. Ich bin abgehärtet gegen Sturm und Regen.“ „Hat uns freilich nicht verwöhnt, die Luft Cali⸗ forniens. Dennoch, Miß Wood, Sie ſagen nicht die ganze Wahrheit. Sie fürchten ſich, mit mir eine Gaſt⸗ ſtube zu betreten. Sind zimperliche Sitten in dieſer Stadt... „Die wir ehren müſſen, da wir darin leben.“ „Als ob ſich die Menſchen um uns beide beküm⸗ mern würden! Um einen Mann und um ein Weib!“ — 48 „Gerade ein Weib thut wohl daran, auch den böſen Schein zu meiden.“ „Der Zukunft wegen? Denn die Vergangenheit — Silvia, Silvia!“ ſagte er gepreßt, um die Leiden⸗ ſchaft, die ihn verzehrte, nicht ausbrechen zu laſſen. „Hätten Sie ſich nicht meinem Schutz anver⸗ traut.. „Was würden Sie mir ſonſt ſagen?“ „Ich leſe bis auf den Grund Ihrer Seele, Ihr tiefſtes Geheimniß iſt mir nicht verborgen: Sie lieben Bruno Greif.“ Sie ſenkte den Kopf auf die Bruſt und ſuchte mit einer raſchen Wendung ihren Arm aus dem ſeinen zu ziehen. Aber er hielt ihn wie mit einem eiſernen Ring umfaßt. „Sie lieben Bruno“, wiederholte er haſtig, flüſternd, und doch hätte ſie vor ſeinen Worten wie vor dem ſchmetternden Klang einer Trompete ihr Ohr verſtopfen mögen.„Ihr Denken und Ihr Trachten hat nur den einzigen Zweck, ihn zu gewinnen oder zu unterjochen. Aber Sie werden nicht ſiegen, Silvia. Nicht zum zweiten Male gönne ich Sie einem Andern. Es mag Haß ſein, was Sie gegen mich beſeelt, ich will ſo lange auf dieſen Haß hummern. bis der Funto der Liebe herausſpringt.“ 49 „Sie werden mich tödten, Herr von Schmettow, aber niemals beſitzen.“ Seine Heftigkeit gab ihr einen Theil ihrer frü⸗ heren Kälte und Ueberlegenheit wieder; ihn hatte ihr Ausruf: Sie werden mich tödten! wie die Voraus⸗ ſagung eines düſtern Geſchicks getroffen. Er ſtand be⸗ täubt, eine Weile keines Wortes mächtig. „Ich— Ihr Mörder, Silvia!“ keuchte er dann. „Bringen Sie mich nicht zur Raſerei...“ Raſch entſchloſſen hatte ſie ſeine Unſicherheit be⸗ nutzt, ſich von ihm gelöſt und eilte leichtfüßig über den Fahrdamm der Straße; auf der andern Seite hatte ſie eine einſam dort haltende Droſchke bemerkt. „So ſollſt du mir nicht entkommen!“ rief es in Ruprecht's Bruſt; er glaubte ihr feines ſpöttiſches Gelächter herüberſchallen zu hören. Unbedachtſam ſtürzte er ihr nach. Eben war ein Wagen um die nächſte Ecke gebogen und ſauſte daher. Vergebens ſchrie der Kutſcher„Halt!“ und ſuchte die Pferde anzuhalten. Ihr Anprall hatte Schmettow, der nichts als die fliehende Ellen ſah, ſchon niedergeworfen. Zum Glück gehorchten die Pferde dem Zuruf und dem Zügel und ſtanden. Ein Mann ſprang aus dem Wagen und half dem Liegenden auf; es war Graf Reinsberg. „Danke“, ſagte Ruprecht und fuhr mit der Hand Frenzel, Silvia. III. 4 50 über Stirn und Kopf.„Iſt noch ganz der Schädel. Nur eine Schramme mehr...“ Er ſchaute unabläſſig nach der Stelle hinüber, wo⸗ hin Ellen geeilt. Die Droſchke war fort, ſeine Augen umflorten ſich. Die Erſchütterung des Falles machte ſich doch ſtärker geltend, als er es in ſeinem Ueber⸗ muth merken laſſen wollte. So half ihm denn kein Widerſtreben, er mußte ſich der Bitte des Grafen fügen und in den Wagen heben laſſen. Uebrigens hatte er die kleine Verletzung, die er auf die Steine ſchlagend, am Hinterkopf erlitten— in etwas hatte der hohe Schnee die Spitze und Schärfe der Steine gemildert— nicht allzu ſchwer zu beklagen. Nicht allein legten ihm Irenens ſchöne Hände den erſten Verband an, er traf auch im Reinsberg'ſchen Hauſe Bruno an. Was ein Einfall geweſen, wurde ihm hier nach kurzer Beobachtung zur Gewißheit: Irene und Bruno waren Verlobte. In der Nacht hatte er ein leichtes Wundfieber mit phantaſtiſchen Träumen. Einmal ſetzte er ſich im Bette aufrecht und lachte. In der dämmerig von einer kleinen Lampe erhellten Schlafſtube ſchien aus den niedergelaſſenen Vorhängen des Fenſters ein Ge⸗ ſicht zu lauſchen. r via... Haha, wir ſchlagen dem lieben Gott von 541 „Nur näher, ſchöne Sivia“, murmelte er im Halb⸗ ſchlummer,„biſt willkommen, nur näher! Gelt, haſt Dich beſonnen? Es iſt nichts mit Deinem Bruno— ich habe auch eine Million und habe Dich, ſchöne Sil⸗ Virginia⸗City ein Schnippchen...“ Und er lachte noch einmal, wollte mit den Fingern knallen... ſank zurück und ſchlief ein. 4* Zweites Kapitel. In einer Aufregung, welche ſie ihre körperliche Ermüdung weniger fühlen ließ, war Ellen an dieſem Abend in ihrem Hauſe angekommen. Ihre erſte Frage an Gottfried war nach Clara. Das Fräulein ſei in ihrem Zimmer und ſchreibe, lautete die Antwort. „An ihn“, dachte Ellen mit einem häßlichen Zucken um den Mund.„An ihn, weil ſie ihn vergebens er⸗ wartet hat.“ 3 Während ſie ihre naſſen Schuhe und Kleider mit friſchen vertauſchte, wirbelten die Ereigniſſe des Tages, die Reden Ruprecht's, Timotheus' Bekenntniſſe, ihre eigenen Gedanken und Empfindungen chaotiſch in ihr durcheinander. Obgleich ſie nicht den kleinſten Beweis —— 184 53 für ein Einverſtändniß Bruno's und Irenens hatte und Ruprecht es vielleicht nur angedeutet, um ſie zu kränken, ſo zweifelte ſie in ihrer Eiferſucht und ihrem Neide längſt nicht mehr daran. Nur ſie war die Thörin geweſen, die eine ſolche Möglichkeit nicht vorausge⸗ ſehen und vorausberechnet. So Vieles hatte ſie in dieſen Jahren der Erwartung und Prüfung ertragen, ſo oft Sieg und Niederlage, wodurch ſie dieſen er⸗ ringen, was jene herbeiführen könnte, erwogen, daß ſie jetzt über ihren Leichtſinn wie über eine Unbegreif⸗ lichkeit erſtaunte. Den Punkt zu überſehen, der doch ſo nahe lag, daß Bruno plötzlich hinter ihrem Rücken eine Verbindung eingehen würde! Sie hatte ihn ſo feſt gebunden geglaubt, ſolange der Vater lebte, durch deſſen ſtrengen, unbeugſamen Willen, und nun durch ſeine Neigung zu Clara...“ Wieder zeigte es ſich einmal, daß die Liebe im Kampfe mit dem Ehrgeiz und der Größenſucht der ſchwächere Theil iſt. Wie ſie jetzt auch hin und her ſann, ſie fand keine Waffe, den drohenden Schlag abzuwehren oder zurückzugeben. Wenn Bruno Irene geliebt, ſo hätte vielleicht die Beziehung, in der die junge Gräfin zu dem Candidaten geſtanden, eine Verſtimmung und Störung zwiſchen beiden hervorgerufen, aber eine 54 Verbindung, die von beiden Seiten mit kalter Ueber⸗ legung der Vortheile wegen, die ſie bietet, abgeſchloſſen wird, erleidet durch eine ſolche ſchwärmeriſche Mädchen⸗ überſpanntheit keinen Bruch. War Bruno bereit, ſeine Jugendliebe zu opfern, um die Tochter des Grafen heimzuführen, ſo konnte es keinen Eindruck auf ihn machen, daß ſeine vornehme Braut ſich einmal in die romantiſche Rolle der Frau eines Heidenapoſtels geträumt habe. Die empſindliche Saite des Liebhabers mochte durch ſolche Erinnerung ſchmerzlich berührt werden, der berechnende Verſtand erkannte darin nur ein Band, um das ſtolze Edelfräulein für immer an das bürgerliche Haus zu feſſeln. Und ſo ſollte ſie die Frucht ihrer Geduld, ſo bitterer Herzkränkungen verlieren? Auf ſeinen Um⸗ gang, auf ſeine Hand, auf den Beſitz des gelben Schlößchens verzichten? Trotzig preßte ſie die Lippen zuſammen. Nein und tauſendmal nein! hätte ſie ſchreien mögen. Wie eingeſchloſſen in einem Kerker kam ſie ſich in ihrem ſtillen, freundlichen Zimmer vor. Sie wollte zu ihm eilen, durch Nacht und Graus, ſich ihm zu Füßen werfen, in tollen, jauchzenden, herzzerreißenden Lauten ihre Liebe geſtehen, ſeine Kniee umklammern, ſich von ihm zertreten laſſen und ſterben.„Bruno! ——— —, Bruno!“ rief ſie und breitete die Arme aus, als müßte ihr Wille die Kraft haben, ihn zu beſchwören. Die Hände ringend, halbe Worte ſtammelnd ſchritt ſie durch das Gemach; aufgelöſt in röthlichgoldenen Wellen floß ihr das Haar über Schultern und Nacken; dann kauerte ſie am Kamin nieder, ſtarrte in die verglimmenden Kohlen und weinte. War es ihr be⸗ ſtimmt, ruhelos auf der Woge des Lebens umherge⸗ ſchleudert zu werden? Heute trieb ſie das Schickſal, morgen der Drang des eigenen Herzens aus Sicherheit und Frieden. Wie manche bange Nacht hatte ſie ſchon in Thränen dagelegen, in Verzweiflung ſich das Haar zerraufend, die Bruſt zerſchlagend! Hatte ſie den weiten, mühſeligen Weg aus den Wildniſſen von Kanſas bis hierher vollendet, um im Angeſicht des Hafens elend zu ſcheitern?— Welchen Weg! In Schattenbildern, als wäre es ein Schauſpiel aus der Laterna Magica, rann ihr noch einmal ihres Lebens bunter und ach! wie ſie jetzt aus tiefſtem Herzen aufſeufzte, nichtiger und eit⸗ ler Inhalt vorüber... Vanity fair. Vor einer Blockhütte am Saume eines Fichten⸗ waldes hatte ſie die Sonne zum erſten Mal in ihrem rothglühenden Untergang erblickt. Ihr Vater war ein Farmer, ihre Mutter eine ehemalige Lehrerin aus einer Landſtadt Pennſylvaniens. Die kleine Ellen gehörte zu den ſchönen und frühreifen Kindern. In dem Unterricht bei ihrer Mutter lernte ſie leicht und viel; bald übertraf ſie ihre Geſpielinnen in der auf⸗ blühenden Niederlaſſung ſowohl an Kenntniſſen wie an richtigem, ſcharfem Urtheil. Aber die Mutter ſtarb vor der Zeit, das Kind blieb ſich ſelbſt überlaſſen in der Einſamkeit des Waldes. Es ſtählte ſich die Kraft ſeines Willens, es wuchs in ihm der Hang zum Aben⸗ teuerlichen. Die Schwärmerei ihres frommen Vaters, dem ſie täglich am Abend ein Kapitel aus der Bibel vorleſen mußte, gab ihrer Einbildungskraft den Zug 3 nach dem Phantaſtiſchen und Ungewöhnlichen. Send⸗ linge der Mormonen waren auch in dieſe entlegene Ortſchaft gekommen; bei Ellen's Vater fanden ihre wunderlichen Lehren ſchnellen Eingang. Mit ſeinem zehnjährigen Kinde wanderte er nach der Salzſeeſtadt. Die großen Gaben des Mädchens erhielten in den Schulen der Mormonen ihre Ausbildung; wenn ein Reiſender aus Europa, von Neugierde und Wiſſens⸗ durſt getrieben, die ſeltſamen Heiligen am Ausgang der Culturwelt heimſuchte, war Ellen eine von den Schülerinnen, die man ihm vorführte, um ihn an einem glänzenden Beiſpiel die Unterrichtsmethode der Mormonen und die Fülle des Wiſſenswerthen be⸗ ————— 57 wundern zu laſſen, die man in Utah den Kindern ſpielend beizubringen wußte. Solche Auszeichnungen weckten den Stolz Ellen's; ſie fing an ſich für ein beſonderes, von Gott begnadig⸗ tes und erleuchtetes Geſchöpf zu halten, war aber klug genug, ihren Hochmuth hinter der Maske der Demuth und Beſcheidenheit zu verbergen. Denn nur die Demüthigen wurden belobt und belohnt, jedes Verdienſt, das ſich ſelbſtſtändig zu machen ſuchte, das ein Bewußtſein ſeines Werthes äußerte, herabgeſetzt und unterdrückt. Dieſe Atmoſpäre von Heuchelei, falſcher Frömmigkeit und myſtiſch⸗ſinnlicher Schwär⸗ merei, dieſer Glanz von falſchen Heiligenſcheinen, in denen ſie zur Jungfrau heranwuchs, konnte kein Sturm, kein Gewitter ihres ſpäteren Lebens zerſtreuen; ſie blieben wie eine Wolke um ſie hergebreitet. Dem ſchönen Mädchen mit den rothgoldenen Haaren und der blendend weißen Geſichtsfarbe fehlte es nicht an Verlockungen, Nachſtellungen und Anträgen. Gegen die Verführung ſicherte ſie ihr Stolz; ſie hielt ſich für auserwählt zu hohen Thaten, für ein Gefäß zu einer neuen Offenbarung Gottes und fürchtete, in den Armen eines Mannes nicht nur ſich, ſondern die Gottheit ſelbſt zu entweihen. Dem Antrag eines Aelteſten aus der Gemeinde, ————— 58 der ſie zur vierten Frau begehrte und dem ihr Vater nicht zu widerſprechen wagte, ging ſie aus dem Wege; ſie entfloh mit einem Zuge von Auswanderern, die, von den Oſtſtaaten kommend, jenſeits der Felsgebirge ihr Glück gründen wollten. Nach manchen Abenteuern ward ſie nach Virginia⸗City verſchlagen, wo ſie im Hauſe des Sheriffs ein Aſyl und in ſeiner Schweſter eine Freundin fand. Aus Todesnoth war ſie von dem wackern Manne gerettet worden. Ein Schneeſturm hatte die Karawane überraſcht und auseinander geſprengt. Auf dem Wege, unter einem vorſpringenden Felſen verborgen, war Ellen liegen geblieben; erſchöpft hatte ſie ſich niedergekauert und ihre Seele Gott empfehlend die Augen geſchloſ⸗ ſen. Als ſie, von einer ſtarken Hand geſchüttelt, die⸗ ſelben wieder aufſchlug, ſtanden die Sterne glänzend und voll am Nachthimmel. Von einem weiten Ritt kehrte Maſter Dalmouth heim, ſeine Dogge begleitete ihn. Vor dem Felſen, der einen breiten Schatten in der Mondnacht warf, ſcheute ſein Pferd, der Hund ſprang ins Dickicht und bellte. Halb leblos, erſtarrt lag Ellen; der Mann wickelte ſie in ſeine Decke, nahm ſie aufs Pferd und brachte ſie ſicher in ſein Haus. In Virginia⸗City begann ein zweiter Abſchnitt in Ellen's Leben. 59 Sie wollte ſich ihrer neuen Umgebung nützlich machen und eröffnete mit der Unterſtützung Dalmouth's eine Kinderſchule, die erſte in der kleinen Stadt. Der Zulauf war groß; in kurzem hatte ſie die Liebe der Kleinen, die Hochachtung der Eltern gewonnen. Miß Silvia— im Scherz hatte ſie der Sheriff ſo genannt, weil er ſie in der Nähe eines noch ungerodeten, von den Indianern als Jagdgrund beanſpruchten Waldes gefunden, und der Name war ihr geblieben— galt für ein Wunder. Als Robert Wilſon in der Stadt erſchien, ſpielte Ellen ſchon darin die Rolle einer Fürſtin und Seherin. Die Abergläubiſchen neigten zu der Anſicht, daß ſie mit der überirdiſchen Welt in einem eigenthümlichen Verkehr ſtände. Die Gemeinde der Bibelchriſten und der Brüder des gemeinſamen Lebens, als deren Stifter und Prophet Wilſon auf⸗ trat, erhielt erſt Stärke und Feſtigkeit durch Ellen's Uebertritt zu ihr. In allen höheren Fragen und An⸗ gelegenheiten war ſie das Orakel von Virginia⸗City. Robert Wilſon gefiel ihr, weil er ihrem Vater glich, weil ſeine Erklärungen des evangeliſchen Textes, ſeine communiſtiſchen, halb theokratiſchen Grundſätze ſie an die Reden ihres Vaters erinnerten, wenn ſie ihm des Abends in der ſturmumtobten Blockhütte aus der Bibel hatte vorleſen müſſen. ——— 60 Dunkle Tiefen ihrer Seele wurden durch Wilſon's Predigten aufgewühlt, während ihre engelhafte Er⸗ ſcheinung, ihr ſeltſam heiliges Weſen auf ihn wie auf die übrigen Mitglieder der Genoſſenſchaft einen faſt zauberiſchen Einfluß ausübten. Neben dieſer Anziehungs⸗ kraft, die ſie gegenſeitig zueinander hinzog, und der Uebereinſtimmung ihrer Anſchauungen verband ſie die Erkenntniß, daß ihr Vortheil Freundſchaft und ge⸗ meinſames Handeln erheiſche. Bisher war Ellen in einer Art Selbſttäuſchung hinſichtlich ihrer Stellung zu den unſichtbaren Mächten der Welt befangen geweſen; die ſtarken, lebhaften Ein⸗ drücke, die ſie in ihrer Kindheit von einer einſam wilden, ſchaurig großartigen Natur, von dem Leben unter den Heiligen am Salzſee empfangen, hatten unverlöſchliche Spuren in ihrem Gemüth und ihrer Phantaſie zurückgelaſſen; jetzt, bei reiferem Verſtande, mit ihrer Klugheit und ihrem Scharfblick merkte ſie, daß man die Frömmigkeit wie ein Geſchäft betreiben könne. Zu der unbewußten Heuchelei geſellte ſich die bewußte; ſie dachte da wohl, daß die delphiſchen Prieſter⸗ innen, von denen ſie geleſen, ähnlich verfahren ſeien und die Kunſt Gottes virtuos ausgebildet hätten. Auf dieſer Scheide ihrer Entwicklung hatte ſie Ruprecht kennen gelernt. Wüſte Geſellen hatte ſie ——— 61 genug geſehen und war an ihnen unerſchreckt und ungerührt vorübergegangen. Keiner aber von ihnen allen hatte die Kenntniſſe, die Lebensgewandtheit, die für Ellen ganz neue vornehme Weiſe des Auftretens und der Haltung beſeſſen, wie dieſer Deutſche. Durch die Wüſtheit und Rohheit eines californiſchen Gold⸗ gräbers brach immer wieder der märkiſche Edelmann, der Gardeoffizier, der Schüler der preußiſchen Kriegs⸗ akademie durch. Ein Gentleman kommt auf den tollen Einfall, ſich als Indianer zu bemalen und indianiſche Tänze aufzuführen; wie gut er auch den Rothhäuten nachahmt, ganz kann er den Gentleman nicht verleug⸗ nen. So erſchien Schmettow dem zwanzigjährigen Mädchen. Der Gegenſatz ihrer Naturen und ihrer Stellungen trieb ſie anfänglich zur Feindſchaft. Wie zwei Parteihäupter, an der Spitze der Frommen und der Gottloſen, ſtanden ſich der Engel und der große Goliath gegenüber. Im Kampfe erlag der Rieſe und in dem phantaſtiſch⸗abergläubiſchen Zuge, der ihr ein⸗ geboren war, ſah Ellen in dieſem Siege ein Wunder Gottes und zugleich einen Beweis ihrer eigenen Ueber⸗ legenheit und Berufung durch den Herrn des Himmels und der Erde. Vielleicht würde Alles in einer irdiſchen Liebe ge⸗ endet haben, wenn nicht Ellen einen unbezwingbaren 4 ——— —— — — 62 phyſiſchen Widerwillen gegen Ruprecht empfunden hätte. So gern ſie mit ihm redete, ſo aufmerkſam ſie ſeine Erzählungen von den großen reichen Städten Europas und dem bunten, mannichfaltigen Leben und Genuß in ihnen lauſchte, ſo peinlich war ihr jede, auch die leiſeſte körperliche Berührung ſeinerſeits. Allmälig indeſſen entzündete ſeine Leidenſchaft ihre Sinnlichkeit; Bilder der Luſt, die ihrer Erziehung und Umgebung gemäß ſich in einen myſtiſchen Schleier hüllten, fingen an, ihre Phantaſie zu beſchäftigen und ihr Herz zu beunruhigen. Doch Ruprecht war es nicht beſtimmt, die Blume zu brechen. Sein gewaltſames Weſen erſchreckte ſie, und als ſie einmal von einem Spaziergange mit ihm in wilder Flucht zurückkehrte und ſich, mehr gegen ihre eigenen Gedanken als gegen ihn um Schutz flehend, dem greiſen Wilſon zu Füßen warf, klagte ſie ihn in ihrer Aufregung an. Wilſon hielt ebenſo eiferſüchtig auf die Herrſchaft innerhalb ſeiner Gemeinde wie auf die Unſchuld des „Engels“. In einer Berathung mit den Aelteſten brachte er den Fall Ruprecht's zur Sprache. Deſſen Sündenmaß war trotz ſeiner Bekehrung ſchon wieder voll geworden; ſeine ungeſtüme Werbung um Siliva ließ es überlaufen. Unter einem ſchicklichen Vorwand ward er aus Virginia⸗City verbannt und ihm ange⸗ —2T „ —— 63 deutet, daß er mit Sir Lynch in unangenehme Berüh⸗ rung gerathen würde, ſollte er trotz des Verbotes ſich wieder in der Harmonia, im Verſammlungshauſe, vor dem rothen Kreuz im Sternenkranz ſehen laſſen. Ruprecht war gegangen; zwei Wochen nach ſeinem Auszug traf Arthur Gibſon, ein junger Millionen⸗ mann, der Erbe eines alten Goldgräbers von Sacra⸗ mento, aus San⸗Francisco in der kleinen Stadt ein. Mitten in ihrem Gram ſpielte jetzt ein Lächeln um Ellen's Mund und von einigen heller aufleuchtenden Kohlen glitt ein röthlicher Schimmer über ihr Geſicht. Leibhaftig ſtand er wieder vor ihr, ein hübſcher, hochaufgeſchoſſener Jüngling mit blondem Backenbart, einem koſtbaren Diamantring am Finger und einer blauſeidenen Cravatte. Er war des langweiligen, aufreibenden Lebens in den Comptoirſtuben San⸗ Franciscos überdrüſſig geworden, Geld genug hatte ſein Vater gemacht, er wollte genießen und auf der großen Tour ſeine überflüſſige Zeit und ſein Gold in angenehmer Weiſe verbringen. Durch einen Zufall war er nach Virginia⸗City gekommen; ſein Gefährte, der bis Chicago mit ihm gehen wollte, hatte hier mit Ro⸗ bert Wilſon ein Geſchäft abzuwickeln. Bei dieſer Ge⸗ legenheit ſah Arthur Gibſon Miß Silvia und verliebte ſich in den„Engel“. 64 In Ellen zitterte noch die Bewegung nach, die Ruprecht's Leidenſchaft in ihrem Gemüth erweckt hatte; die Ausſicht, aus dieſem öden, verſchollenen Erdwinkel endlich herauszutreten, die weite Welt zu durchſtreifen, ſchöne Kleider, goldene Armſpangen und Perlenketten zu tragen, einmal andere Reden als die eintönigen über Gottes Wort und den Tag des tauſendjährigen Reiches, andere Lieder als das Geplärr düſterer oder abgeſchmackter Pſalmen zu vernehmen, verband ſich mit der erwachenden ſinnlichen Neigung; ſo ſehr ſie ſich von Ruprecht's Perſönlichkeit abgeſtoßen, ſo lebhaft fühlte ſie ſich von der des jungen Arthur angezogen. Ihr ſelbſt unbewußt mochte der Reichthum des einen und die Armuth des andern in dieſe verſchiedenen Empfindungen mit hineinſpielen. Wie die Dinge lagen, mußten ſich die Liebenden zur Flucht entſchließen. Schwerlich hätte der heiligen Bob ſeinen Engel gut⸗ willig mit einem Moabiter in die Welt Satans ziehen laſſen. Die Entführung glückte; unangefochten kamen Ellen und Arthur nach den glänzenden Städten des Oſtens. Zuerſt war wohl von einer Heirath zwiſchen ihnen die Rede geweſen, dann aber zog es der ſchöne Gibſon vor, dieſen zarten Punkt nicht weiter zu berühren, und Ellen beſtand nicht darauf, weil ſie etwas wie eine Weigerung ſeinerſeits befürchtete und klug berechnete, daß eine Geliebte auf einen Mann wie Arthur ſtets einen größeren Einfluß haben würde als eine Gattin. Das war eine tolle Zeit geweſen. In Ellen's Herzen keimten alle Sünden auf. Sie liebte den prächtigen Schmuck und die ſchwelgeriſchen Feſte. Wie in der andächtigen Verſammlung in der Harmonia gab ſie auch bei einem Bacchanal die Königin ab. Wohlig umrauſchte ſie der Strom irdiſcher Luſt, wie ehemals die Flut göttlicher Liebe. Den gutmü⸗ thigen, ſinnlichen Gibſon leitete ſie ohne Mühe nach ihren Launen, langſam zerrann ſeine Million zwiſchen ihren Fingern. Von Newyork hatten ſie ſich nach Paris begeben, um dort in der Stadt der Freude den Becher des Genuſſes bis auf den Grund auszukoſten. In Silvia — denn ſo nannte ſie ſich noch immer— war eine Unerſättlichkeit; ſie hatte zu lange in der Askeſe bei dem Unſichtbaren gedürſtet und gehungert und wollte gleichſam den verſäumten ſinnlichen Genuß von Jahren in Monaten nachholen. Wo ſie erſchien, fiel ihre Schönheit, durch die Anmuth ihrer Bewegung und den Wohlanſtand ihres Benehmens unterſtützt, durch ein glänzendes Gewand gehoben, allen auf; den Männern Frenzel, Silvia. III. 3 — ☛ᷣ — — — — 66 war ſie ein Ziel ihrer Wünſche, ihrer Sehnſucht und Begierde, den Frauen ein Gegenſtand des Neides. Die Abhängigkeit von Arthur, die ſie in Newyork ertragen, wurde ihr in Paris läſtig. Während er jetzt wieder voll Eifer den Heirathsplan hervorholte, war ſie weiter als je von dem Gedanken einer dauern⸗ den Verbindung mit ihm entfernt. Unter den Männern, die ſie in der franzöſiſchen Hauptſtadt kennen lernte, nahm er an Bildung und Feinheit einen ſehr nie⸗ drigen Platz ein. Viele übertrafen ihn an Schönheit und Witz, manche an Reichthum. Ueberdies dachte Gibſon ſeinen hinſchwindenden Dollars und Bankbilleten gegenüber an eine Einſchränkung ſeiner Ausgaben. Er wurde, wie es Miß Silvia bezeichnete, zum ſchmuzigen Knauſer. Nicht Gibſon hatte ſie fallen laſſen, ſie hatte ihm eines Tages erklärt, daß ſeine Beſuche ihr läſtig wären, und war, da die Jahreszeit gerade rauh aus mildem Spätherbſtwetter in winter⸗ liche Kälte umgeſchlagen, nach Nizza abgereiſt. Von Arthur Gibſon hatte ſie ſeitdem kein Lebenszeichen mehr empfangen, weder von ihm noch von Andern. Er mochte das beſte Theil erwählt haben und mit dem Reſt ſeines Vermögens nach Californien zurückgekehrt ſein. „Bob Wilſon kann ihm das Verſöhnungskalb ſchlachten“, ſpottete Silvia ihm nach,„und mit ihm 67 grübeln, ob in dem Kind des Waldes urſprünglich— ein Engel oder ein Dämon geſteckt hat.“ Sie wußte es ſelber nicht. Zuweilen glaubte ſie wie der Engel des Morgens einen Himmelsſturz er⸗ litten zu haben; aus ſeinen lichten Höhen habe ſie Gott in den dunklen Pfuhl der Sünde, ihren geiſtigen Hochmuth zu ſtrafen, hinabgeſtoßen; ein anderes Mal, wenn ſie, herrlich geſchmückt, einen Kranz von Wein⸗ laub und Roſen im Haar, zum Feſt bereit, vor ihrem Spiegel ſtand und ſich anlächelte, war ſie überzeugt, daß erſt jetzt ihre wahre Natur zum Durchbruch gekom⸗ men, erſt jetzt der Schmetterling ſich entpuppt habe. Ihre Gebete, ihre andächtigen Verzückungen aus der Jugendzeit betrachtete ſie als die Verirrungen einer kindiſchen Phantaſie und eines weltunerfahrenen Herzens. Nicht drüben, hienieden allein war Luſt und Genuß zu finden; das Jenſeits erſchien ihr wie eine unermeß⸗ liche grüne Wieſe voll wandelloſer Stille, ohne Wech⸗ ſel, ohne Ausblick, die Seligkeit wie der gähnende Schlund der Langweile. Es waren Vorſtellungen für die Thoren und die Feigen, welche den Tod fürchten. Einem muthigen Geiſt wie dem ihrigen vermochte der Gedanke, daß mit dem Erlöſchen des Lebensfunkens Alles vorüber ſei, keinen Schrecken einzujagen. Dennoch pflegte ſie ſo wenig als möglich über die letzten Tage 5* 68 nachzuſinnen. Die Wellen kommen und gehen, ſo die Tage und Schickſale der Menſchen; nach dem Woher und Wohin zu fragen, bleibt ewig vergeblich. In Utah, in Virginia⸗City konnte ſich ein armes, von dem Glanz des Lebens ausgeſchloſſenes, in eine traurige und wüſte Geſellſchaft von Strolchen und Farmern, von Bäuerinnen und Dirnen, von verrückten Heiligen und gewaltthätigen Abenteurern gerathenes Mädchen ſolchen Einfällen überlaſſen, in Paris, in Nizza hatte es Beſſeres zu thun. Jeden Tag ange⸗ nehm zu verbringen, an jedem neue Eindrücke einzu⸗ nehmen, das iſt die große und die ſchwere Kunſt des Lebens. In dem weiten Kreiſe von ſogenannten guten Freunden und Freundinnen, in dem Strudel von Feſten und Zerſtreuungen, in dem ſich Silvia befand, wäre es ihr auch in anderer Stimmung nicht leicht geworden, den Erinnerungen aus der Vergangenheit nachzuhängen. Erforderte es doch ſchon eine Anſtrengung, bisweilen einen Blick aus der Gegenwart vorwärts in die Zu⸗ kunft zu werfen und inmitten des hellen Heute ein wenig für das dämmernde Morgen zu ſorgen. In Nizza war ihres Bleibens nicht lange geweſen; ein Duell, ihretwegen unternommen, mit unglücklichem Ausgang für einen jungen Italiener, den einzigen — — 69 Sohn und Erben eines vornehmen Geſchlechts, machte ihr den Aufenthalt peinlich und verhaßt, nicht ſowohl wegen des Todes ihres Anbeters— ſie hatte ſchon die Kälte und Selbſtſucht des Herzens gewonnen, die dazu gehört, um die Männer auszubeuten und die Löwin der Geſellſchaft zu ſein— ſondern weil ihr das Aufſehen, das der Vorfall erregt hatte, die Ruhe ſtörte. Mit einer Freundin, einer polniſchen Gräfin, ging ſie nach London. In aller Tollheit und dem raſchen Wechſel ihrer Launen wußte ſie doch den Werth des Geldes zu ſchätzen. Arthur Gibſon hatte ihr im erſten Rauſch der Liebe eine nicht unbedeutende Summe geſchenkt und ſie hatte bisher mit derſelben waghalſig und glücklich an der Börſe geſpielt. So war ſie nicht mittellos und konnte ſich in London eine freundliche Heimſtätte ſchaffen; ſie wohnte mit ihrer Freundin zuſammen. An Freunden würde es ihnen bald nicht gefehlt haben; vielleicht bethörte Silvia's Lied ſogar einen irrenden Odyſſeus— in Träumen ſah ſie ſich ſchon als Lady, als Viscounteß oder gar mit der Herzogskrone auf der Stirn in dem Empfangsſaal der Königin. Was ſo vielen Sirenen geglückt war, warum ſollte es ihr nicht glücken? Da kam unerwartet die Heimſuchung. Nach einer frei und toll durchſchwärmten Nacht 70 war ſie von einer heftigen Krankheit ergriffen worden. Der Arzt erklärte das Leiden mit einem bedenklichen Geſicht für ein typhöſes Fieber und drang ſelbſt darauf, daß ſie um der beſſeren Pflege und Wartung willen ihre Wohnung, die überdies in einem von der Seuche ſtark heimgeſuchten Bezirke lag, verließe und in einem der erſten Hospitäler ein beſonderes Zimmer nähme. Hier ſchwebte ſie viele Tage zwiſchen Tod und Le⸗ ben, allein, ohne das Geſicht eines Freundes zu ſehen oder die Stimme einer Freundin zu hören, nur von den Wärterinnen und den Aerzten der Anſtalt umge⸗ ben, auf ein kurzes und karges Geſpräch mit ihnen als auf ihre einzige Unterhaltung angewieſen. Die Bücher, die man ihr brachte, als ſie, endlich geneſen, nach Lectüre verlangte, waren die Bibel, anglikaniſche Ge⸗ betbücher, Milton's„Verlorenes Paradies“ und Bunyan's „Pilgerreiſe.“ So wurden ihre Gedanken wieder in den Kreis jener Anſchauungen und Vorſtellungen zurückgeführt, die einſt das Kind und die heranreifende Jungfrau be⸗ ſeligt, in jene ſtille Sphäre voll heiligen Schauers, aus der ſie nie trotzig und eigenwillig hätte fliehen ſollen. Das Bild ihrer früheren Reinheit, des Frie⸗ dens, den ſie ehemals genoſſen, ſtellte ſich wie ein ide⸗ aliſcher Zuſtand der traurigen Gegenwart gegenüber. xN xN Aber ſo leicht wich die Sünde nicht; es bedurfte noch 71 ſtärkerer Schläge, ehe die Wandlung zum Durchbruch kam. Geneſen, wenn auch noch nicht wieder im Voll⸗ beſitz ihrer Kräfte und ihrer Schöhnheit, hatte Silvia die Heilanſtalt verlaſſen; die Vorſteher des Hauſes, der Geiſtliche, die Aerzte bis hinunter zu den Diene⸗ rinnen fanden kein Ende, ihre Geduld und Sanftmuth, ihre Frömmigkeit und Herzensgüte zu loben. Gern hätten ſie das eigenthümliche Mädchen in ihrem Hauſe behalten, ſie glaubten ihren Beruf zur barmherzigen Schweſter erkannt zu haben. Allein Silvia hatte auf die Vorſchläge, die ihr in zarter Weiſe gemacht wur⸗ den, ſtets eine ausweichende Antwort gegeben, und ſtärker in ſie zu dringen wagte Niemand. Als ſie zum erſten Mal nach drei Monaten wie⸗ der auf die Straße trat, war es ihr doch wie einem, der, dem Gefängniſſe entflohen, die langentbehrte Luft der Freiheit einathmet. Nein, ſie war noch nicht wil⸗ lens, die Welt und die Freude aufzugeben. Zwar, was ſie befürchtet hatte, traf ein: ihre Wohnung war von Fremden eingenommen, ihre Freundin verſchwun⸗ den, mit ihr das ganze Beſitzthum Silvia's. Die theu⸗ ren Schmuckſachen, die prächtigen Kleider, ſo viele zierliche und koſtbare Geräthſchaften, das Geld— die ——— ——— —— — 72 Freundin hatte Alles als eine herrenloſe Erbſchaft be⸗ trachtet. „Sie hat mir kein ſo zähes Leben zugetraut“, ſagte Silvia, runzelte die Brauen und legte die Hände zuſammen.„Muth, ich muß von neuem an⸗ fangen!“ 1 Sollte ſie den glücklichen Zufall oder ihre eigene Vorſicht preiſen? Bei ihrer Ueberſiedelung nach dem Hospital hatte ſie eine größere Summe zu ſich geſteckt, um die Koſten des Aufenthalts zu decken und im äu⸗ ßerſten Falle„mit Anſtand“ begraben zu werden. Es fiel ihr ein, daß dies ihr letztes Wort zu der treuloſen Freundin geweſen war. Den Reſt dieſer Summe, eine Hundertpfundnote, hatte ſie in der Taſche, um den Hals an goldener Kette noch eine theure Uhr, an dem Finger einen Ring mit einem Amethyſt; es war das erſte Geſchenk Arthur's geweſen, Amethyſte bringen Glück... „Bringen Glück!“ ſeußzte ſie jetzt und fuhr empor. Wieder wie an jenem Frühlingsmorgen unter den Bäumen des einſamen Cavendiſh⸗Square zwiſchen der Oxrford⸗ und Harleyſtreet rückte ſie an dem Ringe und ließ den Stein beim Feuer des Kamins blitzen. Neben dem Amethyſt Arthur's ſchmückte der dunkle —— — 73 Opal Martin Greif's ihren Finger.„Und ſie haben mir beide das Glück nicht gebracht!“ Warum hatte ſie damals, wo ſie verlaſſener, är⸗ mer, hülfloſer als in ihrer jetzigen Lage geweſen war, dennoch der Zukunft freudiger und entſchloſſener ent⸗ gegengeblickt? Waren es die fünf Jahre, die zwiſchen heute und jenem Tage lagen, unter deren Laſt ihr Geiſt ſeine Kühnheit und Spannkraft eingebüßt hatte? Oder hielt ſie eben nur noch eine, die letzte Karte in der Hand und fürchtete ſich, ſie auszuſpielen? Sie hatte ſich einen Stuhl an das Feuer gerückt und die Augen geſchloſſen, um weiter zu träumen. Die Stille im Hauſe, das Halbdunkel im Gemach, die körperliche Ermattung trugen dazu bei, ihre einmal erregte und in eine beſtimmte Richtung gewieſene Phan⸗ taſie nicht mehr aus dem Zauberkreis der Vergangen⸗ heit zu laſſen. „Du brauchſt dich nicht zu verkaufen und nicht zu verhungern“, hatte ſie ſich damals geſagt und beſchloſ⸗ ſen, den leichten Kahn ihres Lebens durch den Ocean Londons zu ſteuern. Eine kleine Wohnung war ſchnell gefunden; wie noch überall kam ihr auch hier wieder die Beſcheiden⸗ heit ihres Auftretens, der ſchwer zu beſchreibende und ſtets wirkſame Heiligenſchein und Duft, der ſie um⸗ 74 ſchwebte, zu Hülfe. Ihre Wirthsleute waren von der ſtillen, frommen jungen Dame, die Miethe und Koſt⸗ geld, ohne zu feilſchen, zahlte, entzückt. Ihrem ganzen Weſen nach hielten ſie Miß Ellen Wood— den Namen Silvia hatte ſie„für eine Weile“ über Bord geworfen — für eine Lehrerin. Der erſte Feind, dem Ellen auf ihrer Bahn be⸗ gegnete, war die Langeweile.„Was thun?“ fragte ſie und ſtarrte in die Wolken. Bisher hatte ſie immer Beſchäftigung und Zerſtreuung gehabt. In der Salz⸗ ſeeſtadt hatte ſie zu lernen, in Virginia⸗City zu lehren. Die unſichtbare Welt beſchäftigte ihren Geiſt, ihre Hände arbeiteten für die Kinder, die Armen und die Kranken. In Arthur's Geſellſchaft hatte ein Vergnügen das an⸗ dere abgelöſt, täglich gab es für ſie etwas Beſonderes zu ſehen und zu genießen. Ein ganzer Schwarm hul⸗ digender Anbeter hatte ſie umgeben; für den einen, der ging, traten zwei neue ein. Alle wetteiferten mit⸗ einander, ihre kleinſten Wünſche zu erfüllen; für nichts als für den raſchen Wechſel ihrer Launen hatte ſie zu ſorgen. Dies freundliche, zu jeder Tollheit aufgelegte, Zeit und Geld mit gleichem Muthwillen vergeudende Ge⸗ dränge— wo war es? Vielleicht hätten wenige Zeilen von ihrer Hand 475 genügt, den einen und den andern Freund ſchnell wie⸗ der in ihre Arme zu führen. Aber ihr Stolz ſträubte ſich dagegen; ſie wollte nicht ganz in die Gewalt eines Mannes fallen. Und wenn ſie trotzdem überlegte, wem von allen ſie den Vorzug geben ſollte, füllte ſich ihr Herz mit einem tiefen Widerwillen— ſie liebte kei⸗ nen, nicht einmal mit dem Leichtſinn eines Weibes, das nur für einen Augenblick Zerſtreuung wünſcht. Waren es die Nachwehen ihrer langen und ſchmerz⸗ haften Krankheit, die bacchantiſche Freude, die ausge⸗ laſſenen Feſte reizten ſie nicht mehr. In dem Becher der Luſt hatte ſie den Tropfen Wermut gekoſtet, der auf ſeinem Grunde ruht. Wohl ſahen die Männer auf den Straßen und in den Parks dem ſchönen Mädchen nach, folgten ihr auch, redeten ſie an— wie oft hätte es für Ellen nur eines Augenwinks bedurft, um das frühere Leben zu beginnen, aber ſie fand keinen lie⸗ benswürdig genug, um auch nur ſein Geld durchzu⸗ bringen, wie ſie verächtlich zu ſich ſelbſt ſagte. Er⸗ nüchtert aus dem Rauſch der Leidenſchaft und des Vergnügens erwacht, ſeufzte ſie nach einer ſentimenta⸗ len Liebe und nach einem idylliſchen Glück. Mehr noch die fürchterliche Leere der Stunden als das trovfenweiſe Hinſchwinden ihres kleinen Schatzes zwang ſie zur Arbeit. Sie war nicht unerfahren —y— — — —— 76 in feineren Nähereien und Stickereien; leichter, als es jeder Andern gelungen wäre, erhielt ſie, von ihrer Erſcheinung und ihrer Anmuth unterſtützt, Arbeit. Al⸗ lein ihre Gedanken, ihre Phantaſien wurden von dieſer mechaniſchen Thätigkeit weder ausgefüllt, noch beruhigt; ſie erhielten im Gegentheil dadurch eine ſtarke Ueber⸗ reizung. Ellen's feine Nerven ertrugen dieſe mühſelige und anſtrengende Arbeit nicht lange. Eines Abends— es war im Mai, und ſie hatte, um eine Seidenſtickerei zu beendigen, bis in die zehnte Stunde gearbeitet— ſagte ſie:„So geht es nicht länger; willſt du das Einzige, was du beſitzeſt, deine Schön⸗ heit, einer ſolchen Grille opfern? Biſt du für die Nadel geboren? Biſt du tugendhaft?“ Sie hatte ihren Strohhut aufgeſetzt, ein Tuch um⸗ geworfen und verließ ihre Wohnung. Was ſie beab⸗ ſichtigte, wohin ſie ihre Schritte richten ſollte— ſie wußte es nicht und war in ihrer das Schickſal heraus⸗ fordernden Stimmung nur neugierig, wer ihr begegnen würde, Gott oder der Teufel. Wie magnetiſch von der Fülle der Lichter, dem auf und nieder wogenden Menſchenſtrom angezogen, eilte ſie nach der Regentſtreet; ſie ſehnte ſich, noch ein⸗ mal bunte Kleider, lachende Geſichter zu ſehen. Kurz vor ſeinem Erlöſchen verbreitete das Licht der Saiſon „ „ 7⁶ ſeinen letzten Glanz. Die Luft war frühlingswarm und ſchien mit ihrem milden Hauche die Herzen all der Luſtwandelnden mit Hoffnungen und Heiterkeit zu beleben. Wenigſtens dünkte es Ellen, als ſei ſie die Einzige in dieſer Menge, die freudlos und ziellos da⸗ hinſchritte. Und wie ſie auf und nieder ging, ohne daß einer ſie anredete, ohne daß etwas ihre Aufmerkſamkeit ſelte, wie ihretwegen weder im Guten noch im Böſen ein„Wunder“ geſchah, erblaßte allmälig der Schim⸗ mer, wurden die Farben des Bildes dunkler. Selbſt die Gasflammen brannten trüber, hohler klang das vorher noch ſo fröhliche Lachen, und das dumpfe Stimmengebrauſe ſcholl um ſie her wie das Geräuſch der ſteigenden Flut, welche den unvorſichtigen Wan⸗ derer auf der Düne überraſcht hat. Sie ſuchte ihr, in eine Seitengaſſe biegend, aus⸗ zuweichen und verlor ſich mehr und mehr, von Straße zu Straße wandernd, ohne die Richtung zu beachten, in dem Häuſerlabyrinth der Rieſenſtadt. Es fiel ihr nicht auf, daß ſie in einen andern Stadttheil gekom⸗ men, da auch hier die Gaſſen viel von Fußgängern, Omnibuſſen und Wagen belebt waren. Dann aber wurde es ſtiller um ſie, die Mitternachtsſtunde rückte näher. Aus dem Erdgeſchoß eines Hauſes mit verhäng⸗ ten Fenſtern, hinter denen viele Lichter ſichtbar waren, 5* 8 ——— —————õ—y ———2D2öö— 78 tobte Lärm und Geſang; durch das rohe Geſchrei der Männer klang zuweilen eine Frauenſtimme. Im Schatten des gegenüberliegenden Hauſes blieb Ellen ſtehen; die Frauenſtimme ſchien ein Lied zu ſingen, in deſſen Refrain die Männer mit den Gläſern anklingend einfielen. „Wenn du einmal auch ſo ſingen müßteſt!“ dachte Ellen und ſchauderte. Da war in der Schenke Streit ausgebrochen, ein wüſtes Getümmel, ein Geraufe, ein Wuthgebrüll— und nun wird die Hausthür aufgeriſſen und eine dunkle, ſchwankende Geſtalt hinausgeſtoßen, daß ſie ſchwer aufſtöhnend auf das Pflaſter der Gaſſe nieder⸗ ſtürzt. „Fort mit dem Lordsſohn!“ ſchreien und höhnen die andern hinter ihm her.„Was hat er unter uns zu ſuchen? Möge er auf der Straße ſterben! Singe weiter, Minnie!“ Damit ſchließt ſich die Thür wieder— und un⸗ weit von Ellen's Füßen liegt der Unglückliche, blutend, ſtöhnend ſich hin und her wälzend... iſt es im Rauſch, iſt es im Todeskampf? Das fahle Licht der Gasla⸗ terne fällt auf ein bleiches, entſtelltes Geſicht. In einer Rogung des Mitleids hat ſich Ellen zu ihm herabge⸗ neigt. Er hat einen Meſſerſtich in die linke Seite er⸗ 79 halten und hält die Hand krampfhaft auf die Wunde gepreßt. Hat ſie Gott hierher gewieſen? Iſt dies das Abenteuer, das ſeine Allmacht ihr vorbereitet hat? Ein Cab kommt langſam herangefahren. „Ihr Name, Ihre Wohnung, Sir?“ ſucht ſie den Verwundeten aufzurütteln. Keine Antwort, er lallt nur. Verwundete, Trunkenbolde hat Ellen genug in den Minen Californiens, anf den Haiden von Kanſas ge⸗ ſehen, und ein Schauſpiel, das andere Mädchen ent⸗ ſetzen würde, hat für ſie ſogar den Reiz des Unge⸗ wöhnlichen verloren. Um ſo ſtärker regt ſich das Mit⸗ leid in ihr und vielleicht, wenn ſie ihre Empfindungen noch genauer zergliedern könnte, eine unbeſtimmte Hoff⸗ nung, die das Wort„Lordsſohn“ erweckt hat; ihre Selbſtſucht hat dadurch einen Anſtoß erhalten, der nacheinander die Kräfte ihrer Seele in Bewegung ſetzt. Mit Hülfe des Kutſchers bringt ſie den Verwundeten in den Wagen, ſetzt ſich zu ihm und ſchafft ihn ihre Wohnung. Der Kutſcher, der herbeigeholte Wundarzt mochten ſie für eine leichte Dirne halten, ihre Wirthsleute den Kopf ſchütteln; unbewußt, dem innern Drange folgend, hatte Ellen mit ihrer raſchen That eine Wandlung ihres Lebens herbeigeführt. Aus den Papieren, die der Verunglückte bei ſich trug, las Ellen noch in derſelben Nacht, daß er der zweite Sohn des Lords Darlington auf Folkeſtone in Somerſetſhire ſei. Die Mutter ſchrieb dem ungerathe⸗ nen Sohn in zärtlich rührenden Ausdrücken, wieder zu ihr zurückzukehren, ſie hätte ihm die Verzeihung des ſo tief von ihm gekränkten, an der Gicht darniederliegen⸗ den Vaters erwirkt. Aus den zerſtreuten Mittheilungen, in halbzerriſſenen Briefen und Notizblättern, ſchien her⸗ vorzugehen, daß der junge Menſch, mit ſeinem Vater längſt zerfallen, aus unſinniger Liebe zu einer Stra⸗ ßen⸗ und Tavernenſängerin das Haus verlaſſen und in London einige Monate lang ein wüſtes Leben hin⸗ gebracht habe. Da der Arzt die Wunde des Jünglings nicht für unmittelbar gefährlich erklärt hatte, fand Gllen die Muße, in einem wohlüberlegten Briefe Lady Darling⸗ ton das Geſchehene noch in derſelben Nacht zu ſchildern. Drei Tage nachher trat die Lady in Ellen's Zim⸗ mer. Wenn ſie trotz des Briefes, der echten Bildung, von der jeder Satz deſſelben, der heroiſchen Uneigen⸗ nützigkeit und Barmherzigkeit, von der die That ſelbſt zeugte, doch noch einen leiſen Verdacht gegen die Ret⸗ terin ihres Sohnes im Herzen gehegt hatte, ſo vertrieb ihn Ellen's Anblick völlig. Sie mit Geld zu belohnen, — 81 vünkte die vornehme, feinfühlige Dame ebenſo unwür⸗ dig wie unmöglich; ſie lud das merkwürdige Mädchen ein, eine Zeit lang auf Folkeſtone ihr Gaſt zu ſein. Sobald der Zuſtand ihres kranken Sohnes die Reiſe erlaubte, wiederholte die Lady ſo dringend ihre Bitte, daß Ellen, die ſie zuerſt in beſcheidener Zurück⸗ haltung abgelehnt hatte, nachgeben mußte. Auch der Lord empfing ſie würdig und freundlich. Durch ſein Leiden an das Bett und den Lehnſtuhl gebannt, war er ein eifriger Leſer der Bibel und theo⸗ logiſcher Schriften geworden Keine beſſere Geſellſchaf⸗ terin hätte er ſich da wünſchen können als Ellen. Mit der Hartnäckigkeit eines Autodidakten, der, ſtolz auf die durch eigenes Nachdenken erworbene Wiſſen⸗ ſchaft, die Studien der ‚„Fachgelehrten“ verachtet, hatte er eine Erklärung der Offenbarung des Apoſtels Jo⸗ hannes bis in die kleinſten Einzelnheiten des phantaſti⸗ ſchen Buches ergrübelt und quälte ſeine Umgebung mit dieſen Erläuterungen. Bisher war der Pfarrer des Dorfes das einzige, geduldig ausharrende Opfer ſeiner Gelehrſamkeit geweſen, Ellen wurde das zweite. Mit einem Anflug übermüthigen Humors ergab ſie ſich in ihr Geſchick. Hatte ſie doch ſchon eine gewiſſe Sicher⸗ heit und Uebung im Umgang mit den Narren des Un⸗ ſichtbaren erlangt. Dazu reizte ſie der Stoff; auch für 6 Frenzel, Silvia. III. —— ——mmiĩmmm————————ᷣÿjÿÿÿÿÿÿÿÿ½4 82 ſie war das himmliſche Jeruſalem, das der Seher in den Wolken des Abends als goldene Stadt mit Edel⸗ ſteinen und Perlen geſchmückt, herniedergefahren aus dem Himmel Gottes, zu erblicken gewähnt, einmal in Stunden ſchaurig ſüßer Verzückung eine irdiſche Er⸗ wartung geweſen. Zuweilen ließ ſie ſich von dem alten Herrn über⸗ zeugen, noch häufiger ſtritt ſie mit ihm. Klüglich hatte ſie ihre Vergangenheit verſchwiegen; ſie war eine Ame⸗ rikanerin aus Maſſachuſetts, aus einer alten echten Methodiſtenfamilie, die mit einem beſcheidenen Erb⸗ theil nach Europa gekommen war, aus Reiſetrieb und um ſich in den Wiſſenſchaften zu vervollkommnen, wie ſie denn jetzt mit beſonderem Eifer die deutſche Sprache bei dem Pfarrer lernte, der einige Jahre auf deutſchen Univerſitäten ſtudirt hatte und vor dem Lord für einen„Freidenker“ galt. Sowohl ihre religiöſe Geſinnung wie die Pflege und Sorge, die ſie ihm widmete, verſchönten das freud⸗ loſe Daſein des Lords. Seine Gemahlin lebte nur ihrem jüngſten Sohne, ihrem Lieblinge, und ſuchte in der Nachbarſchaft eine glänzende und reiche Heirath für ihn; ihren Gatten, für deſſen theologiſches Stecken⸗ pferd ſie eine tiefgewurzelte Abneigung hatte, weil ſie dieſer Liebhaberei und der beſtändigen Beſchäftigung 52 —— 7 83 mit„übernatürlichen Vorſtellungen“ ſeine Grämlichkeit, die ſchlechte Erziehung ſeiner Söhne und den Verfall ſeines Vermögens zuſchrieb, vernachläſſigte ſie. Ihrer Zeit war ſie eine muntere Frau geweſen, welche die Geſellſchaft und die Vergnügungen der großen Städte geliebt. Erſt als ſie die Unordnung in den Geldan⸗ gelegenheiten des Hauſes entdeckt, hatte ſie ſich nach Folkeſtone, wo der Lord ſchon lange einſam hauſte, zu⸗ rückgezogen, um die Leitung des Hauſes in ihre Hand zu nehmen. Sie fürchtete, daß bei dem Tode des Va⸗ ters ihr Liebling Francis ganz mittellos daſtehen würde. Ihrer Klugheit und Entſchloſſenheit war die Wieder⸗ herſtellung des zerrütteten Wohlſtandes gelungen. In dieſen irdiſchen Dingen befangen, fand ſie freilich, wie Lord Darlington achſelzuckend bemerkte, keine Zeit für die höheren Güter. So gereichte auch für ſie Ellen's Eintritt in das Haus zum Segen. Das junge Mäd⸗ chen enthob ſie der drückenden Laſt, für die Unterhal⸗ 1 tung und die gute Laune des Lords zu ſorgen. Alles ſchien ſich zu vereinigen, Ellen hier eine ſichere und behagliche Ruheſtätte zu bereiten. Mit Ach⸗ tung und Freundlichkeit kam ihr die Lady entgegen; Francis ſah zu ihr mit einer gewiſſen ſcheuen Ehrfurcht, wie zu einem ſtrafenden und doch rettenden Engel auf; der Lord überhäufte ſie mit Liebenswürdigkeiten. 6* „ 84 Sie ſelbſt hatte zunächſt keinen Wunſch. Während des Sommers und eines ſchönen Herbſtes war der Land⸗ aufenthalt in einer lieblichen Gegend, unter ſchattigen Bäumen, auf grünenden Wieſen, am Ufer eines klaren Baches, mit dem Ausblick auf maleriſche Hügelreihen, ohnedies dem Verweilen in London vorzuziehen. Dazu das wohleingerichtete Haus, die Sorgloſigkeit des Le⸗ bens, daß ſie nicht mehr, wie in den letzten Tagen in London, an jedem Morgen ängſtlich ihre Ausgaben zu berechnen und den Inhalt ihrer Börſe zu prüfen brauchte; der phantaſtiſche, verklärende Schein um ihr Haupt: Ellen wäre eine Thörin geweſen, hätte ſie ohne Noth eine ſolche Stellung aufgegeben. Ihre Geſundheit kräftigte ſich in der friſchen klaren Luft; ihrem Geiſte öffneten ſich neue, bisher verſchloſſene Gebiete des Wiſſens. Sie lernte den dogmatiſchen Aufbau des chriſtlichen Glaubens kennen, der ſo lange nur als Gefühl des Göttlichen in ihr gelebt. Auch das Rüſt⸗ zeug der Theologen, die Bibelwiſſenſchaft, wurde ihr geläufig. Aber ſoviel ſie an Kunſtfertigkeit in der Behandlung der letzten Fragen und des Unſichtbaren gewann, ſo viel verlor ſie an innerer Ueberzeugung, an Hingeriſſenheit und Schwärmerei. Die unbewußte leiſe Heuchelei und Selbſttäuſchung, die jeder religiöſen Verzückung anhaftet, verwandelte ſich ihr allmälig — — 85 zu einer Kunſtfertigkeit, die ſie nach Belieben hervor⸗ rufen konnte. Früher war es eine Wolke geweſen, die ſie um⸗ ſchwebte, ſie machte ſich einen Schleier daraus, in dem ſie ſich kunſtvoll drapirte. Ob es einen Gott als Schöpfer und Lenker der Welt, ob es eine Unſterblichkeit der menſchlichen Seele gibt? Sie ließ ihre Gedanken und ihre Zweifel nicht bis auf die Tiefe des Brunnens der Erkenntniß dringen. Ihr ganzes Dichten und Trachten, ja ihr Leben hatte ſich auf dieſer Grundlage erhoben, ſie wollte ſich nicht den Boden muthwillig unter den Füßen fortziehen. Schon wußte ſie aus eigener Erfahrung, daß in dieſem Reiche zwiſchen Him⸗ mel und Erde derjenige am beſten die Andern täuſcht, der ſich ſelbſt zuerſt getäuſcht hat und dieſe Täuſchung zu erhalten verſteht. Es war nicht ihre Schuld, daß eine Verwickelung eintrat, die ihr den Aufenthalt in Folkeſtone unmöglich machte. Leicht hatte ſie die Abſichten der Lady, ihren Sohn Francis vortheilhaft zu verheirathen, durchſchaut und unterſtützte dieſelben nach Kräften. Sie liebte den jungen Mann nicht und war zu klug, ein aus⸗ ſichtsloſes Verhältniß zu beginnen. Ja, wenn er der Erbe geweſen wäre! Aber der älteſte Sohn war ver⸗ heirathet und wenige Wochen nach Ellen's Ankunft * in Folkeſtone war ihm ein Knabe geboren worden. Nur durch eine reiche Frau konnte ſich Francis aus der beſcheidenen Stellung, die ihm in der Zukunft be⸗ ſtimmt zu ſein ſchien, erheben. In dieſem Sinne hatte ſich die Mutter unter den Töchtern des Landes nach einer Lebensgefährtin für ihn umgeſehen und dieſelbe in der Miß Alice Perkins gefunden. Alice war die Tochter eines angeſehenen, wohl⸗ habenden Londoner Banquiers, mit dem die Lady in längerer Geſchäftsverbindung ſtand. Mit ſeiner Tochter hatte er einige Monate zwei Jahre hintereinander als gern geſehener Gaſt auf Folkeſtone zugebracht. Dieſe Beſuche hatten die jungen Leute einander genähert, Alice hatte eine heftige Neigung für Francis gefaßt, die leider nicht von ihm erwidert wurde. Jetzt, nach dem unglücklichen Ausgang ſeines Abenteuers, das ihn an den Rand des moraliſchen und phyſiſchen Todes gebracht hatte, glaubte ihn die Mutter zer⸗ knirſcht und reumüthig genug, um ihn ohne Wider⸗ ſtand ihre Wege zu führen. Aber Francis blieb un⸗ beugſam. In ihrer Eiferſucht bildete ſich Alice ein, da man ihr die ſchlimmere Hälfte von dem tollen Streich ihres„Zukünftigen“ verſchwiegen hatte, daß die Geſellſchafterin des Lords das Haupthinderniß ihrer Verbindung ſei. Ihr Verdacht wurde, als ſie — —— 87 unerwartet mit ihrem Vater„auf einen Tag“, im „Vorüberfahren“, auf Folkeſtone eintraf, durch den Anblick Ellen's zur Gewißheit beſtärkt. Umſonſt ver⸗ ſuchte die Lady, ihr den Argwohn zu benehmen. Wohl überzeugte die beſorgte Mutter, die ihren Lieblings⸗ plan ſo von zwei Seiten her bedroht ſah, den Banquier von der Grundloſigkeit des Verdachts, aber Alice ſchöpfte aus Allem, was Ellen ſagte oder that, Nahrung für ihre Eiferſucht. Schnell gefaßt, wie ſie es ſtets in den großen Entſcheidungen ihres Lebens war, er⸗ klärte Ellen der Lady, daß die Stunden ihres Auf⸗ enthalts in Folkeſtone gezählt ſeien und daß ſie ſich zur Abreiſe rüſte. Nicht nur die Lady war betrübt und unzufrieden über den Abbruch eines Verhältniſſes, von dem ſie ſich des Guten und Schönen ſo viel, beſonders für ihren Gatten verſprochen, auch Perkins empfand es ſchwer, daß einer Grille ſeiner Tochter wegen eine ſo liebenswürdige, gebildete und wahrhaſt fromme junge Dame, wie ihm Miß Wood erſchienen, ihr ſicheres Heim verlieren ſollte. Er betrachtete es als eine Ehren⸗ ſchuld, ihr eine andere, noch beſſere und freiere Stellung, als die war, die ſie in Folkeſtone genoß, zu verſchaffen. Freundlich bahnte der Zufall einen Ausweg aus all dieſen Verlegenheiten. 88 Von ſeinem deutſchen Geſchäftsfreunde Martin Greif erhielt in dieſen Tagen Perkins einen Brief mit der Bitte, ihm für ſeine leidende Tochter eine engliſche Geſellſchafterin zu empfehlen, das Kind habe ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, eine engliſche Freundin um ſich zu haben. Perkins kannte die Verhältniſſe im Hauſe Martin Greif's ziemlich gut; der Sohn ſeines Geſchäftsfreundes hatte ein Jahr in ſeinem Comptoir gearbeitet; vor einer Gefahr wie dieſe, die Ellen jetzt aus Folkeſtone vertrieb, war ſie dort wenigſtens ſicher. Der junge Greif verliebte ſich ſicherlich nicht in eine Dame, die der Vater ins Haus gerufen. So unter⸗ richtete der Banquier Miß Wood von dem Auftrag, der ihm geworden. Er ſchilderte ihr die Vortheile der neuen Stelle ſo lebendig, daß Ellen, wie überwunden von ſeiner Beredtſamkeit, nachgab. In kurzem mußte ſich doch das für ſie bisher ſo gaſtfreundliche Haus in ein feindliches verwandeln; ſie zog es vor, durch ein freiwilliges edelmüthiges Opfer die Ruhe der Familie zu ſichern und ſelbſt die boshafte Alice zur Anerkennung ihrer„höheren Natur“ zu zwingen. Ganz heimlich regte ſich die Furcht in ihr, der Nebenbuhlerin möchte es einmal gelingen, die Geheimniſſe ihrer Ver⸗ gangenheit aufzuſpüren. In Deutſchland war ſie auch vor ſolchen Enthüllungen für immer bewahrt. — 89 Reich ausgeſtattet durch die Güte der Lady und des Banquiers, von den Segenswünſchen des Lord Dar⸗ lington und den ſchmerzbewegten Abſchiedsgrüßen des jungen Francis begleitet, der ſich endlich mit gebrochenen Flügeln in die Liebe Alicens gefügt hatte, war ſie nach Berlin abgereiſt. Die Ferne zu ſehen, neue Menſchen kennen zu lernen, hatte für ſie immer einen eigenen Reiz gehabt. Sie war dreiundzwanzig Jahre und glaubte, daß ihr weiterer Weg durch das Leben nun feſt vorgezeichnet und durch Schranken, die ſie weder überſteigen noch durchbrechen könnte, geſchloſſen ſei. Die Briefe Perkins', das Zeugniß der Lady, die ihr vorangegangen waren, hatten ſie dem Herrn des Hauſes, das ſie fortan bewohnen, und dem jungen Mädchen, dem ſie ſich widmen ſollte, als eine unge⸗ wöhnliche Erſcheinung, mit dem Heiligenſchein um das Haupt, geſchildert. In ihrem Vortheil lag es, dieſe Beſchreibung nicht Lügen zu ſtrafen; auch merkte ſie bald, daß ſie aus gewiſſen Gewohnheiten ſich nicht mehr herauszureißen vermöchte. Wie ein enganliegendes Gewand hatte ſich die Frömmigkeit um ſie und an ſie geſchmiegt. Wieder⸗ holt hatte ſie ſich geſagt:„Was hilft es dir, wider den Stachel zu lecken? Gott läßt dich nicht mehr los!“ Und jetzt— nach vier Jahren! Nein, in dieſem Augenblick war ſie nicht Gottes, ſondern des Dämons. Die verzehrendſte Leidenſchaft erfüllte ſie. Wo ſie auf dem Punkte ſtand, den geliebten Mann für immer an eine Andere zu verlieren, fachte die Eiferſucht das Feuer der Liebe um ſo heftiger an. Wie hatte ſie gekämpft, welche Demüthigungen ertragen, welche Ausſichten von ſich gewieſen— ein⸗ zig in dem Gedanken, doch noch einmal ſeine Neigung zu erringen! Wenn nur die Stunde ſchlug, wo ſie ihr Inneres vor ihm enthüllen, wo ſie ihm beweiſen konnte, daß der Antrieb zu all ihren Handlungen, den guten wie den ſchlimmen, die Liebe zu ihm geweſen, eine blinde, unbändige, nichts achtende, von nichts wiſſende Liebe— ſie traute ihrer Schönheit noch immer die Kraft zu, ihn zu feſſeln und feſtzuhalten. Aber ſtatt näher zu rücken, ſchien dieſe Stunde ſich immer weiter zu entfernen. Wie oft hatte ſie geglaubt, daß ein Wort alle Geheimniſſe zwiſchen ihnen aufklären, alle Vorurtheile verbannen müſſe, und jedesmal hatten die Umſtände nur die Kluft zwiſchen ihnen erweitert! Wie oft hatte ſie ihm:„Ich liebe Dich!“ zurufen wollen und war ſtets durch ein Zittern ihres Herzens zurückgehalten worden— durch die Ahnung, daß er ſich kalt von ihr abwenden und daß damit Alles zwiſchen ihnen aus ſein würde! 9¹ Vom Beginn ihrer Bekanntſchaft an hatte es Irrung nach Irrung, Mißverſtändniß und Feindſchaft zwiſchen dem Sohne des Hauſes und der engliſchen Gouvernante gegeben. Je mehr Ellen ſuchen mußte, dem Vater zu gefallen, um überhaupt im gelben Schlöß⸗ chen bleiben zu können, deſto ſicherer mißfiel ſie Bruno. Auf ſie hatte ſeine Erſcheinung den ſtärkſten Eindruck geübt, ihn ließen Ellen's goldenes Haar und ihre Engelsmiene kalt. In ihren ſchüchternen Annäherungs⸗ verſuchen ſah er nur die liſtigen Bemühungen eines ränkeſüchtigen Weibes, mit einem reichen jungen Manne einen verhängnißvollen Roman zu ſpielen. Ihm war die Religion gleichgültig, ihr war ſie einſt die Sache ihres Herzens, ihrer Phantaſie geweſen und dann allmälig zu dem Inſtrumente geworden, auf dem ſie ihre Kunſtfertigkeit zeigte. Sie konnte ſich nicht mehr von dieſem„frommen Weſen und Schein“ tren⸗ nen, und was würde es ihr auch ihm gegenüber ge⸗ nützt haben? Er hätte über die entlarvte Heuchlerin triumphirt. Wenn einmal zwiſchen Perſonen, die nicht jede Berührung miteinander vermeiden können, Abneigung und Verſtimmung eingetreten iſt, ſo erheben ſich aus den Umſtänden und Begebenheiten wie unter einer höheren Leitung ſtets neue Gründe und Urſachen der 92 Feindſchaft. Ellen's wachſender Einfluß bei ſeinem Va⸗ ter erzürnte Bruno; hitzig und ſtolz, wie er war, ver⸗ argte er es ihr, daß ſie Vater und Sohn verſöhnen wollte. Was ſie aus Liebe zum Frieden, aus der Fülle ihres Herzens heraus, beinahe ohne jeden ſelbſt⸗ ſüchtigen Zuſatz und Nebengedanken that, ſchalt er hochmüthige Ueberhebung. Durch ihre Vermittelung wünſchte er ſeinen Frieden mit dem Vater nicht zu machen. Als die Wolfharts das gelbe Haus verlaſſen mußten, wurde ihr die Möglichkeit einer Verſtändigung mit Bruno abgeſchnitten. Er wie alle Freunde und Diener Martin Greif's betrachteten ſie als die Urhe⸗ berin dieſer Verbannung. Gewiß, ſie hatte Nothwehr geübt und dem alten Wolfhart redlich ſeinen Haß heimgezahlt; von Eiferſucht gepeinigt, hatte ſie das aufkeimende Liebesverhältniß Clara's und Bruno's be⸗ wacht, aber ihr Schrecken und ihre Beſtürzung, als ihr Martin Greif ſeinen unabänderlichen Entſchluß ankündigte, waren nicht minder groß als der Schmerz und der Unwille der von einem ſo harten Befehl Be⸗ troffenen. Nicht allein empfand ſie auf der Stelle, daß ihr Bruno dieſe Vertreibung der Geliebten nie verzeihen würde, ſie fürchtete auch, daß ſeine Liebe zu Clara jetzt alle Rückſichten von ſich werfen und nur ihrem eigenen Sturm und Drange folgen möchte. 93 Da dies nicht geſchah, ſchöpfte ſie Hoffnung. Bru⸗ no's Neigung zu Clara ſchien nicht von jener Heftig⸗ keit der Leidenſchaft erfüllt zu ſein, die Allem Trotz bietet, um zu ihrem Ziel zu gelangen. In dieſer Er⸗ kenntniß knüpfte Ellen nach dem Tode des alten Wolf⸗ hart den Verkehr mit Clara wieder an. Was ſie da⸗ mals wie aus unbewußter Eingebung nur in dem halb unklaren Wunſche, die Nebenbuhlerin unter ihren Augen zu haben, gethan, das hatte ſich ſeitdem als kluge Berechnung erwieſen. Ohne Clara hätte ihr jede Anknüpfung mit Bruno gefehlt, durch Clara ſtand ſie in engſter Verbindung mit ihm. Hatte Schmettow richtig geſehen? War Bruno's Liebe nicht bei Grüßen und Worten ſtehen geblieben? Sie hätte vor Wuth laut aufſchreien mögen und lachte doch nur— ein böſes Lachen mit zuſammengepreßten Lippen. Abſichtlich hatte ſie die Augen über das Abenteuer, das ſich in ihrem Hauſe abſpielte, geſchloſ⸗ ſen und auch dem überall herumſpähenden und hor⸗ chenden Gottfried befohlen, in dieſem Falle nichts zu ſehen und nichts zu hören. Ein Abenteuer— ſie hoffte auf einen tragiſchen Schluß. Haß und Neid, die ſo lange auf dem Grund ihrer Seele gegen die beglücktere Nebenbuhlerin ge⸗ ſchlummert hatten, erhoben ihre ſchlaugenumringelten 94 Häupter. Gerade durch ihre Liebe hatte ſie Clara verderben wollen. Nach einem kurzen Rauſch der Lei⸗ denſchaft würde Bruno ſie verlaſſen— wer konnte vorherſagen, zu welchem äußerſten Entſchluß verletzte Liebe, Schmach und Elend ein unglückliches Mädchen treiben würden? Dann wäre Ellen als Rächerin der Freundin vor dem erſchütterten Bruno erſchienen, dann der entſcheidende Augenblick gekommen, wo ſie ihm die ganze Wahrheit hatte ſagen und das Räthſel ihres Lebens löſen wollen. Tolle Träume! Nicht ſie, eine Andere hatte Clara aus ſeinem Herzen verdrängt— eine Andere, die ſie weder zu verderben, noch in ihre Kreiſe zu zwingen die Macht beſaß. In Clara's Geſchick wurde ſie ſelbſt mit verwickelt. Wenn Bruno ſich von der Geliebten losriß, welches Band gab es noch, das ihn an Ellen gefeſſelt? Dennoch freute ſie ſich in ihrem Elend, die erſte zu ſein, die Clara die Treuloſigkeit des Geliebten ankündigen könnte. War es befriedigte Rachſucht oder nur die Sehn⸗ ſucht, ihren Schmerz in eine gleichgeſtimmte und noch tiefer von ihm berührte Seele auszuſtrömen, daß ſie jetzt bei einem leiſen Klopfen an der Thür ihre Thrä⸗ nen trocknete und das Geſicht mit einem ſeltſamen Ausdruck der Eintretenden entgegenwendete? — 95 „Ich hörte von Gottfried“, ſagte Clara,„daß Du ſchon ſeit einer Weile wieder zurückgekehrt biſt. Aber wie ſiehſt du aus! Deine Wangen glühen und Deine Hände ſind kalt, Du hockſt am Feuer— biſt Du krank?“ „Nicht kränker als Du. Deine Augen ſind roth vom Weinen.“ „Was fällt Dir ein! Ich habe zu anhaltend ge⸗ arbeitet.“ Ellen rührte ſich noch immer nicht aus ihrer Lage. Clara hatte ihr gegenüber auf einem kleinen Seſſel Platz genommen und die Hände mit einer Be⸗ wegung tiefer Erſchöpfung und Niedergeſchlagenheit in den Schooß ſinken laſſen. „Es war eine ſchauerliche, endloſe Fahrt“, ſagte Ellen langſam, vor ſich hinſtarrend.„Mich fror, die Seele wie der Körper.“ „Ich dachte, daß Herr von Schmettow Dir den ſchweren, traurigen Gang ein wenig erheitern würde. Er weiß ſo viele Geſchichten und nimmt alle Dinzge und Lagen mit gleichem Humor hin.“ „Gefällt Dir Herr von Schmettow?“ „Er hat ſich gegen Fritz und gegen mich ſtets ſo freundlich benommen und bei aller Derbheit ſeiner Reden iſt ihm doch ein...“ 96 „O, Herr von Schmettow iſt ein feiner Mann. Wie gut, daß Du Vertrauen zu ihn haſt! Du wirſt ihn gebrauchen können.“ „Ich— ihn? Wie verſtehſt Du das?“ fragte Clara zurück. In ihrem Erſchrecken gab ſich ihre mühſam un⸗ terdrückte Aufregung kund. Ellen achtete nicht weiter darauf und fuhr fort: „Dieſer arme Herr Eyſſenhart... wie er mich dauert! Ich fürchte, er kommt nicht wieder auf. Wenn auch der Arzt ſein Fieber heilt, die Wunde ſeines Herzens kann er nicht ſchließen. Eine ſo ſchwärmeri⸗ ſche, ſo unglückliche Liebe!“ Länger duldete es Clara nicht auf ihrem Seſſel; ſie ſprang auf und umfaßte die Freundin. Umſonſt widerſtrebte Ellen und ſuchte ihr Geſicht abzuwenden. Angſtvoll hielt Clara ihre thränenfeuch⸗ ten Augen auf ſie gerichtet. „Du hintergehſt mich nicht mit Deinen Reden“, ſchluchzte ſie.„Du biſt ſo gut, Du willſt mich nur auf andere Gedanken bringen, aber wider Willen bricht die Wahrheit durch. Es iſt eine traurige Neuigkeit, die Du mir verſchweigſt.“ Von den Armen der Freundin umſchlungen, hatte —— —— ſich Ellen erhoben und legte das Haupt auf Clara's Schulter. „Wir werden uns trennen müſſen“, flüſterte ſie; „lieber heute als morgen.“ „Du ſtößt mich fort, von Dir— aus dieſem Hauſe?“ Clara hatte ſie losgelaſſen. „Ja, wie iſt mir denn?“ Und ſie griff mit den Händen nach ihrer Stirn. „Biſt Du es, meine Ellen, die ſo zu mir ſpricht? Du, mir Troſt und Stütze in jeder Noth! Eben wollte ich mich zu Deinen Füßen werfen und Dir meine Herzensangſt...“ „Reiſe, rette Dich!“ unterbrach ſie Ellen.„Was ich beſitze, iſt Dein. Seit einer Stunde liege ich auf dem Boden vor Gott im Gebet und flehe um Verge⸗ bung einer großen Schuld. Aber nicht an ihn, an Dich habe ich mich zuerſt zu wenden. Ich trage die Mit⸗ ſchuld an Deinem Unglück.“ „An meinem Unglück...“ „Sieh meine Reuethränen“, brach Ellen aus, und der eigene Schmerz verlieh ihren Worten den Klang und ihren Zügen den Ausdruck wahrer Verzweiflung;„fühle meinen Jammer und fliehe. Ich kann nicht ruhig werden, ehe ich Dich fern und in Sicherheit weiß.“ 7 Frenzel, Silvia. III. — ⸗-—— 98 „Und ich weiche nicht eher, bis Du mir geſagt haſt... Wie mit übermenſchlicher Stärke drückte Ellen die Freundin in den Lehnſtuhl nieder, bemächtigte ſich ihrer beiden Hände und rief: „Du willſt es wiſſen, Unſelige? Bruno Greif heirathet Irene Reinsberg.“ „Ach!“ ſtöhnte Clara und ſank mit umflorten Augen zurück. Während Ellen die Thränen über die Wangen liefen, beobachtete ſie doch mit ſchadenfroher Genug⸗ thuung das blaſſe, ſchmerzentſtellte Geſicht der Neben⸗ buhlerin. „Es kann nicht ſein!“ rief Clara wie aus der Tiefe ihres Herzens heraus.„Wenn Du die Schwüre gehört...“ „Waren Männer je karg mit Liebeseiden und Gelöbniſſen?“ fragte Ellen beinahe ſpöttiſch dagegen. „Sind Männer treu?“ „Du verleumdeſt ihn. Vergib, ich rede irre. Ein Gerücht hat Dich getäuſcht. Mir ins Geſicht ſoll er es ſagen und dann...“ „Und dann?“ wiederholte Ellen. „Dann gehe ich“, ſagte Clara mit einem Ton, 99 deſſen Kälte und Beſtimmtheit ſcharf gegen ihre Erregt⸗ heit abſtach. „Du!“ Ellen hatte ſich hoch aufgerichtet und hielt warnend und beſchwörend die drei Mittelfinger ihrer rechten Hand empor. Statt jeder Antwort ſenkte Clara das Haupt, als ob ſie im Geiſte ihr Leben gegen ihr Leid wöge. So vergingen in tiefem Schweigen einige Minuten. „Noch iſt Alles, was jenſeits dieſer Stunde liegt, dunkel vor mir“, ſagte ſie darauf.„Aber ich bin ſtill — erzähle mir nun, was Du von ihm erfahren haſt.“ 7*½ Drittes Kapitel. Es war am dritten Morgen nach dieſem Abend voller Stürme und Schmerzen, daß Ellen einen Brief von Schmettow empfing, der ihren unſicher hin und her ſchwankenden Gedanken ein beſtimmtes Ziel gab. Ihres ganzen Einfluſſes und ihrer Ueberredungskunſt hatte es bedurft, um Clara von einem äußerſten, nach Ellen's Meinung nicht geziemenden Schritte abzuhalten. Das leidenſchaftliche, aufs tiefſte gekränkte Mäd⸗ chen hatte zu Bruno eilen und von ihm Wahrheit fordern wollen. „Willſt Du ihm noch ein neues Vergnügen be⸗ reiten?“ hatte ſie endlich Ellen gefragt.„Ihm Gelegen⸗ heit geben, Dir ſein Mitleid und ſeine Großmuth zu beweiſen?“ 101 Aber auf die Dauer war die Ungewißheit, die Spannung nicht zu ertragen. Von den Dienern des gelben Schlößchens hatte der alte Gottfried nichts erfahren können; Herr Greif ſei viel beſchäftigt und habe während der letzten Tage ſich in ſeinem Landhauſe gar nicht blicken laſſen. Dadurch ſchien Schmettow's Vermuthung über Bruno's Verlobung eine Beſtätigung zu erhalten, doch blieb immer noch ein Zweifel möglich. Nur der Augen⸗ ſchein, Bruno's eigenes Geſtändniß konnten Ellen wie Clara überzeugen. Und zugleich berechnete Ellen, daß Clara's erſchütterte Seele noch eines Anſtoßes bedürfe, um ganz unterzuſinken. Auch die letzte dürftige Planke, mußte der Schiffbrüchigen entzogen werden. Der drohende Zuſammenſturz ihrer Hoffnungen hatte in Ellen's Bruſt die ſchlimmſten Eigenſchaften er⸗ weckt; die Furcht, die Erbitterung, die Eiferſucht machten ſie erbarmungslos. Hatte das Schickſal etwa Mit⸗ leid mit ihr gehabt? Wenn ſie jetzt das Fahrzeug in die Luft ſprengte, befand ſie ſich nicht ſelbſt darauf? Der Tag war ſchön, ein heiterer, ruhiger Decem⸗ bertag. Blendend glänzten die Schneeflächen im Sonnen⸗ ſchein. Die Fahrſtraße, die durch Charlottenburg nach den neuen Villenanlagen von Weſtend und weiter hin⸗ auf nach den kiefern⸗ und birkenbeſtandenen Höhen vor 102 Spandow führt, war in eine beinahe ſpiegelglatte Bahn für Schlitten verwandelt. Mit luſtigem Schellen⸗ geklingel tummelten ſich ſeit der Mittagsſtunde denn auch zahlreiche Schlitten darauf, hinab und hinauf; von dem kümmerlichen Droſchkenſchlitten mit magerem Pferde bis zu den zierlichen, reich mit Pelzwerk und Decken geſchmückten und wohlverwahrten herrſchaftlichen Schlitten, die ſtattliche Roſſe, unter ihren bunten Federn und Seidenſchleifen, mit dem ſilbernen Geläut, noch einmal ſo ſtolz ſchnaubend und wiehernd, pfeil⸗ geſchwind dahinzogen. So konnte es Clara nicht auffallen, daß Ellen ihr eine Spazierfahrt nach der Spandower Höhe vorſchlug. „Du brauchſt Zerſtreuung, Du verkümmerſt vor der Zeit in Gram“, meinte ſie, als Clara ſich ſträubte. Solch freundlicher Bitte war nicht zu widerſtehen. Wieder mußte Clara die liebenswürdige Sorge der Freundin um ſie, die zarte Schonung ihres Leids be⸗ wundern; in allen Lagen blieb ſich Ellen gleich, hin⸗ gebend, barmherzig und nachſichtig. Von den Zeilen, die ihr Schmettow geſchrieben, hatte Ellen nur die Nachricht mitgetheilt, daß er am Abend bei ihnen vorſprechen würde, um ſich zu erkun⸗ digen, ob ihr die Samariterfahrt zu dem Candidaten keinen Schnupfen eingebracht. A Ein Schlitten war ſchnell bereit; ein weniger argloſes, weniger mit ſeinem Gram beſchäftigtes Ge⸗ müth als das Clara's hätte aus dieſer Bereitſchaft, aus dem Treiben Ellen's, der heute Alles zu langſam ging und jede verlorene Minute unerſetzlich ſchien, auf eine Abſicht geſchloſſen; ſie indeſſen konnte nur der drängenden Freundin Recht geben, daß man den Sonnen⸗ ſchein und die gute Stunde benutzen müſſe. Wie im Fluge ging es dahin. Die ſcharfe Luft röthete trotz der Schleier, in die ſie ſich gehüllt, ihre Geſichter; ein friſcherer Hauch des Lebens umwehte ihre Stirnen. Obgleich die Bäume, die Felder, die Strecken, die ſonſt als grünende, blumige Wieſen das Auge ergötzt, vom Schnee bedeckt waren und alles Lebendige wie erſtarrt unter ihm lag, webte und arbeitete es überall in der Natur. Weder an Licht noch an Schatten fehlte es dem Landſchaftsbilde. Dort blitzten die von den Aeſten des Baumes lang niederhängenden eiſigen Zacken wie ſilberne Spitzen im Sonnenſchein, hier ſchüttelte ein Windſtoß die feinen Schneeſtäubchen von den Zweigen. Gegen die ſchneeigen ſonnenbeſchienenen Flächen, von denen man geblendet die Blicke abwenden mußte, ſtachen andere, welche im Schatten lagen, bläulich dunkel im Ton ab. Die Spatzen freuten ſich des Lichts und ſchwirrten und zankten durcheinander, wo ſie nur ein 104 paar Körner auf dem Wege gewahrten. Höher in den Lüften flogen Krähen und Dohlen hin und wieder; auf den Wipfeln der kahlen Bäume, auf dem Thurm der Kirche hockten die ſchwarzgefiederten Vögel, um ſich nach kurzer Raſt krächzend von neuem aufzu⸗ ſchwingen. Durch das langgeſtreckte Eiſengitter, das den Garten des gelben Schlößchens nach der Charlotten⸗ burger Straße zu einhegte, konnte man den Laubgang faſt bis zum Hauſe entlang ſehen. Unwetter, Sturm und Kälte hatten die ſchützende Hecke gelichtet und die entlaubten Bäume boten dem neugierigen Blicke kein Hinderniß mehr. Auch das Grabdenkmal unter den Fichten ſchimmerte in ſeinen Umriſſen hervor, oder war es nur die lebhafte Phantaſie Ellen's, die es greif⸗ bar vor ſich zu ſchauen glaubte? Sie ſtreckte die Hand noch der Richtung aus, in der es liegen mußte, und ſeufzte: „Wenn die Todten nach um die Thaten der Leben⸗ digen wiſſen, noch einen Eindruck von denſelben em⸗ pfangen— was empfinden dann jetzt die, welche dort ruhen?“ „Daß ſie nichts mehr fühlen, iſt ja ihre Selig⸗ keit“, entgegnete Clara.„Viel fürchterlicher wäre es, wenn die Lebendigen wüßten, wie ſie geſtorben. Aber ————— —— — — 6 1 105 zu unſerem Glück plaudert das Grab ſeine Geheimniſſe nicht aus.“ „Glaubſt Du?“ fragte Ellen zerſtreut und ſtrich über die das Fell eines Tigers in ihrer Farbe nach⸗ ahmende Decke.„Jede That hat eine Stimme, die früher oder ſpäter hörbar wird.“ „Sprich nicht ſo— ich fürchte mich vor Dir. Die Entdeckung würde ihn... o, Ellen, Du wirſt dieſe Stimme nicht ſein!“ „Gewiß nicht, ich halte meinen Eid. Sind die Todten wirklich ſo ſtumm, wie Du denkſt, ſo wird ihn nichts beunruhigen.“ Jenſeits des königlichen Schloſſes wurden die Häuſer ſeltener, nach allen Seiten erweiterte ſich die Gegend. Die anſteigende Höhe gewährte einen Rück⸗ blick auf die in der Tiefe, in einem grauen Dunſtnebel liegende Hauptſtadt, eine Ausſicht über die Kiefernwal⸗ dung im Vordergrunde. Jetzt im winterlichen Nach⸗ mittagsſonnenſchein lohte ein röthlicher Schimmer über die weißbetupften ſchwärzlichen Wipfel hin, dann be⸗ wegten ſie ſich leiſe, als hätten ſie ſich etwas zuzu⸗ flüſtern, und hier und dort fiel von ihnen eine Flocke Schnee langſam zur Erde. Nicht ohne Mühe hatte das Pferd die Höhe er⸗ reicht; nun eilte es unter dem Zuruf und dem auf⸗ ———— 8— 106 munternden Peitſchengeknall des Kutſchers um ſoſ chneller auf der Hochfläche hin. Es ſpitzte die Ohren, es witterte den Stall; vor und hinter ihm Schellenge⸗ klingel und luſtiges Halloh und Huſſah Ellen wendete ihr Geſicht zurück; hintereinander fuhren drei prächtige Schlitten mit wohlgeſtimmtem Geläut die Anhöhe hinan. Einen Augenblick war es ihr, als ſtände ihr Herz ſtill. 8 „Vorwärts!“ mahnte ſie darauf den Kutſcher. Ihr Pferd behauptete den Vorſprung. Dampfend hielt es vor dem großen Gaſthauſe, das hier an einem gefälligen Ausſichtspunkte— am Fuße der Erhebung fließt die Spree durch Wieſengründe der Havel zu— im Sommer wie im Winter zahlreiche Gäſte herbei⸗ lockt. Die vornehmeren verweilen nur eine kurze Friſt, um eine kleine Erfriſchung zu nehmen und ihre Thiere verſchnaufen zu laſſen. Gerade als Ellen und Clara aus dem Schlitten ſtiegen, fuhren die drei andern, die ihnen während des letzten Theils der Fahrt gleichſam auf den Ferſen ge⸗ weſen waren, vor dem ſchlichten Holzportal, das den Eingang zum Garten bezeichnet, vor. Mit verdrieß⸗ lichem Geſicht ſprang ein älterer Herr heraus; es — 1 — 7 107 ärgerte ihn, in dem Wettlauf den Kürzeren gezogen zu haben, und er betrachtete mit einiger Neugier die beiden Damen, ſeine Siegerinnen. Unter ihrem grauen Schleier lächelte Ellen; Clara blickte theilnahmlos zu den Wolken empor. So eigenthümlich war die Er⸗ ſcheinung der beiden Mädchen, daß der Herr in ihrem Anſchauen beinahe vergaß, ſeiner eigenen Dame aus dem Schlitten zu helfen. Darüber waren ihmſſeine Begleiter zuvorgekommen, zwei jüngere Männer, von denen der eine jetzt einer älteren Dame, der andere einer jungen den Arm reichte. Ellen machte eine haſtige Bewegung, um ſich mit ihrer Freundin den Blicken der Geſellſchaft zu entziehen; dieſe Bewegung riß Clara aus ihrem träumeriſch ver⸗ lorenen Starren. Wie angewurzelt blieb ſie ſtehen; dicht an ihr vorüber ſchritt Bruno mit Irenen. Hinter einem tiefen Gruße ſuchte er ſeine Beſtürzung, ſeine Verlegenheit zu verbergen; artig folgten die andern Herren ſeinem Beiſpiel. Förmlich dankte Ellen. Clara hatte ſich nicht gerührt; erſt als die Vor⸗ anſchreitenden ſich weiterhin in den Garten entfernt hatten, athmete ſie wieder auf. Es dünkte ſie ein Wunder, daß ſie in dem ſchrecklichen Krampf, der ihr —— 8 ————— 108 Herz bei ſeinem Anblick ergriffen hatte, nicht laut auf⸗ geſchrieen habe oder niedergeſunken ſei. Ellen's Gefaßtheit verleugnete ſich auch in dieſem ängſtlichen Augenblicke nicht: ſchweigend hatte ſie Cla⸗ ra's kalte Hand ergriffen und zog ſie mit ſanfter Ge⸗ walt ſich nach. Sie hatte es wohl bemerkt, daß Bruno mit ſeiner Geſellſchaft— es waren der Graf Reins⸗ berg mit der Gräfin und Kurt mit ſeiner Gattin— den Pfad, der in die Höhe ſtieg, eingeſchlagen; ſie wählte den andern, der den Hügel abwärts in mancher⸗ lei Windungen zu den Wieſen und dem weidenum⸗ büſchten Ufer des Fluſſes führte. Auf der Stelle um⸗ zukehren, würde bei den Kutſchern und Dienern, die vor dem Hauſe Zeugen der Begegnung geweſen waren, Aufſehen und Geſchwätz erregt haben; vielleicht erzählte nachher der eine oder der andere der ſtolzen Irene, daß die beiden Damen„Reißaus“ genommen; Ellen aber war nicht willens, auch nur dem Schein nach und in der Meinung dieſer Leute ihrer Nebenbuhlerin zu weichen. „Du zitterſt— ſtütze Dich auf meinen Arm“, ſagte ſie leiſe zu Clara.„Wir dürfen den Müßigen kein Schauſpiel geben.“ „Wohin führſt Du mich? Ich kann, ich mag ihn. jetzt nicht wiederſehen.“ 109 „Wir treffen nicht mehr mit ihnen zuſammen. Auch er wird eine abermalige Begegnung vermeiden.“ „Wie er erbleichte! O, Ellen, dieſe Männer ſind alle Verräther und Feige!“ „Und wir ſind ſchwach genug, uns ihnen hinzu⸗ geben. Armes Kind, wenn Du gewähnt haſt, daß Bruno eine Ausnahme machen würde!“ „Sie iſt ſchön“, ſagte Clara und nickte mit dem Kopfe vor ſich hin.„Viel ſchöner und vornehmer als ich! Warum haſt Du ſie mir ſo reizlos geſchildert?“ „Weil ich keinen Geſchmack für dieſe Statuen habe. Erniedrige Dich doch nicht ſelbſt vor einer Andern, um einen Treuloſen zu entſchuldigen.“ „Ich war es nicht werth, ſeine Gattin zu ſein. Kann ich ihm einen Vorwurf machen, wenn er mich nicht mehr liebt?“ „Immer, denke ich, biſt Du zu gut und zu ſchön, um die Rolle ſeiner verlaſſenen Geliebten zu ſpielen.“ So ſprechend, waren ſie an das Ufer des Fluſſes gekommen. Eine Eisdecke überſpannte ihn. Fröhliche Knaben liefen Schlittſchuh darauf. Auf dem jenſeitigen Ufer iſt ein Eiſenbahndamm erhöht; brauſend, ziſchend, eine gewaltige ſchwarze Dampfwolke aus ihrem Schlot 3 gegen die rothe Sonnenglut am weſtlichen Himmel ſendend, kam eine Locomotive von der Hauptſtadt daher, 3 1 4 — 110 die einen langen Wagenzug nach ſich ſchleppte. Es iſt ie Schienenſtraße, die nach Hamburg läuft— und wie die Wagen dumpf donnernd über den Damm da⸗ hineilten, von unſichtbaren, mächtigen Geiſtern vor⸗ wärts geſtoßen, in die unabſehbare Ferne hinaus, und in wenigen Sekunden jenſeits der Wälle und Thürme Spandows, das den Blick nach Weſten hin begrenzte, zauberhaft im Goldduft des Abends, durch den die rothen ſpitzen Ziegeldächer der kleinen Stadt in dunk⸗ lerer Farbenſtimmung ſchimmerten, mit der Geſchwin⸗ digkeit eines niederzuckenden Blitzes verſchwanden und nur die Rauchſäule über ihnen noch ihr Daſein ver⸗ kündigte: da wendeten ſich auch Clara's bittere, ſchwer⸗ müthige, dumpfe Gedanken aus der Enge ihres Kum⸗ mers in die unermeßliche Weite der Welt. Ihr Herz war gleichſam erſtarrt und lautlos ge⸗ worden, nur eine Sehnſucht empfand ſie, ſo wie die Rauchwolke, die immer kleiner, immer blaſſer wurde, zu entſchweben und zu verwehen. „Laß uns fort“, bat ſie Ellen, die in nicht ge⸗ ringerer Ergriffenheit das Schauſpiel des Sonnenunter⸗ gangs über der ſchweigenden Landſchaft mit ihren Kiefernhaiden und kleinen Gewäſſern in Eis und Schnee betrachtete.„Du hatteſt Recht, ich hätte mir dieſen Anblick, dieſe Demüthigung erſparen ſollen. Wäre — ———:Oꝑᷓn —— 111 ich geſtern aus Deinem Hauſe, aus ſeiner Nähe ge⸗ gangen!“ Für Clara hatte das Maß und der Begriff der Zeit aufgehört; als ſie einmal wieder im Schlitten ſaß und die ſchnell eintretende winterliche Ddämmerung alle Gegenſtände verhüllte, die durch ihre beſtimmten Formen ihren Augen wehe gethan, hätte ſie, ohne an⸗ zuhalten, ohne etwas Anderes als das graue Halb⸗ dunkel vor und um ſich zu ſehen, fort und fort fahren mögen, nicht fragend, wohin, nicht wiſſend, wozu. Der Oſtwind, der ihnen ſcharf entgegenwehte, machte das Sprechen beſchwerlich; bald hatte Ellen den Verſuch aufgegeben, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Auch wenn ſie das Zauberwort gekannt hätte, Clara aus ihrer Dumpfheit zu löſen, ſie würde es nicht ausgeſprochen haben. Clara war dem Geſchick verfallen; je ſchreck⸗ licher es ſich vollendete, um ſo gewaltiger mußte der Rückſchlag auf Bruno's Herz ſein. Zu dieſem Punkt der Selbſtſucht war Ellen vorgeſchritten, daß ſie in dem Untergang der Freundin etwas wie einen Hoff⸗ nungsſchimmer für ſich ſelbſt erblickte. Nicht tröſten durfte ſie die Unglückliche, um ihrer ſelbſt willen mußte ſie die Niedergeſchlagenheit derſelben verſtärken, den Zorn reizen, die Möglichkeit einer Ausſöhnung ausſchließen. Auf ihren Befehl hatte der Kutſcher bei dem Char⸗ 8 112 lottenburger Schloſſe den Weg das Flußufer ent⸗ lang eingeſchlagen. Auf der rechten Seite der Straße glänzten ihnen aus den hohen Fenſtern eines Hauſes Lichter und Fackelſchein von der Rampe entgegen. Das Geläut ihres Schlittens aus der Ferne hatte die Dienerſchaft herbeigezogen, welche die Herrſchaft er⸗ wartete. Der helle Schein zerſtörte die Luftgebilde der Dämmerung. „Wo ſind wir?“ fragte Clara, aus ihren Träumen auffahrend. „Am gelben Hauſe. Er wird ſeine Braut und ihre Eltern feſtlich bewirthen wollen.“ Der Gedanke an das unſelige Feſt, das ſie ſelbſt in dieſen Räumen vor noch nicht vielen Wochen mit⸗ gemacht hatte, tauchte in Clara auf und zeigte ihr den jähen Wechſel des Irdiſchen in greller Beleuchtung. Jener Tag, der Rauſch, der ſich ihrer bemächtigt hatte, die grauſame Ernüchterung, die ihm mit dem Tode ihrer Mutter gefolgt war, ihre heiße Liebe, ihre hin⸗ gebende, unſinnige Verblendung: Alles ward wieder vor ihr und in ihr lebendig. Aus dem Wirrſal des Verhängniſſes, worin ſie verſtrickt war, und der Empfindungen, die ſie quälten, gab es nur eine Rettung— die Flucht. Wohin, war — ihr gleichgültig, nur fort von dieſem Boden, auf dem ſie ſo elend geworden war. „Ich gehe noch heute“, ſagte ſie tonlos zu Ellen. „Uebereile nichts. Er kann zu Dir zurückkehren, Deine Verzeihung erflehen...⸗ „Ich will mich und ihn gegen die Schwachheit ſeines eigenen Herzens ſicherſtellen und uns beiden eine neue Schuld erſparen.“ Noch ein Peitſchenknall— der Schlitten hielt vor dem Hauſe mit den grünen, ſchon niedergelaſſenen Ja⸗ louſien. Gottfried kam ſeiner Gebieterin entgegen. Der Herr Pfarrer hatte nach ihr geſchickt und ſie bitten laſſen, eine Abendſtunde bei ihm in Sachen ihres Wohlthätigkeitsvereins zuzubringen. „Nachher, nachher!“ wehrte Ellen den Diener ab. Was war ihr in dieſem Augenblicke das Reich Gottes? Clara war ſtill nach ihrem Zimmer gegangen und ordnete wie im Traum wandelnd ihre Habſeligkeiten. Unangerührt beſaß ſie noch das kleine Kapital aus der Theilung des mütterlichen Erbes, eine geringfügige Summe, doch immer groß genug, um aus der Stadt nach einem andern Orte überſiedeln zu können. Aus früherer, glücklicherer Zeit hatte ſie noch ein ige 8 Frenzel, Silvia. III. Schmuckſachen gerettet— ihr theuer, weil er ſie ihr gegeben, als Geſchenke ſeiner Schweſter— jetzt brannten ſie ihr in der Hand. An einem Geldſtück, das durch tauſend Hände gelaufen, klebt weder der Schweiß des Arbeiters, der es erworben hat, noch haftet irgend eine glückliche oder unglückliche Erinnerung daran. Sie dachte, wenn ſie dieſes Armband, dieſes Medaillon, dieſe goldene Kette als unnützen Tand verkaufte, würde ſie auch ſein Angedenken den Winden preisgegeben haben, und weinte doch heiße Thränen auf das Käſtchen, in dem ſie die Koſtbarkeiten verwahrte. Die Ausſicht auf eine harte Zeit, der Gedanke des Alleinſtehens in einer unbekannten fremden Welt, der nie raſtenden Arbeit für den nächſten Tag, Armuth und Sorge hatten für ſie nichts Furchtbares; ein Jahr lang hatte ſie in ſolch unſichern Zuſtänden am Bett einer kranken Mutter, im Streit mit einem leichtſin⸗ nigen Bruder hingelebt. Ihre Willenskraft brauchte nur durch die Noth wieder aufgerufen zu werden; ſie fühlte ſich geſtählt und erprobt in dem Kampfe, den wir Daſein nennen. Mit den müßigen Stunden des Sinnens, mit den ſchmeichleriſchen Hoffnungen, welche die Liebe, mit den Grillen und Thränen, welche die ſüße Melancholie er⸗ zeugt, hatte die jüngſte Vergangenheit ſie verweichlicht. 115 Wohl war es ſchön, liebliche Vorſtellungen ſich auszu⸗ malen, ſeinen Betrachtungen ſich hinzugeben, in Ent⸗ zückungen des Gefühls zu ſchwelgen, die Sterne zu begrüßen, die ſo hold und ſo geduldig dem Geliebten allnächtlich den Pfad zu ihr gewieſen, in leichter Ar⸗ beit für Andere nur ſich ſelbſt Genüge zu thun: aber das war nicht ihre Beſtimmung. Eine Weile hatte ſie geglaubt, in ſeiner Liebe das Loos der Glücklichen theilen zu können, nun hatte das Schickſal jeden wieder an ſeinen Platz geſtellt: die Arbeiterin an die Nähmaſchine, den reichen jungen Mann in den Saal des Grafenhauſes. Uebervoll war ihr das Herz, aber nur verſtohlen floſſen die Thränen über ihre Wangen. Wie bitter der Kelch war, ſie wollte ihn leeren; wie groß die Enttäuſchung, ſie wollte ſie überſtehen. Nur nicht an dieſem Ort, wo jedes Ding ſie an ihn erinnerte, wo im Garten draußen ihr der Mond ſeinen Schatten auf der weißen Schneefläche vorgaukelte; in dieſem Zimmer, wo Alles zur Träumerei einlud— dem ach! zum Unglück für ſie ſo nahe die Lichter ſeines Hauſes geglänzt hatten. So packte ſie, ohne ſich eine klare Rechenſchaft von ihrem Thun abzulegen und das Wozu zu erörtern— nur um durch die Unruhe der Beſchäf⸗ tigung ihren Gram zu lindern, indem ſie ihre Aufmerk⸗ 8* 116 ſamkeit von der Betrachtung ihres Elends ablenkte — ihre Reiſetaſche zuſammen. Mit ſanfter Gewalt mußte ſie Ellen, die ihr langes Ausbleiben bekümmerte und betrübte, aus dem Gemache führen und ihr Speiſe und Trank aufnöthigen. „Ich bin heute für Dich eine ſchlechte Geſellſchaf⸗ terin“, ſagte ſie,„aber ich verlaſſe Dich dennoch nicht.“ „Geh' unbeſorgt, man erwartet Dich in der Ver⸗ ſammlung— ich thue mir kein Leid an.“ „Freilich würden ſie ſich wundern, wenn ich nicht käme! Ob ſie ſchon die große Neuigkeit von der Ver⸗ lobung des Herrn Greif mit der Gräfin wiſſen? Wie lange noch und ſie wird unſere Vorſteherin ſein, die Vorſehung der Gemeinde, die Heuchlerin! Gott lieben iſt ſchwer, aber die Heilige ſpielen ſo leicht. Doch ich bleibe— wir wollen vom Frühling, von Reiſen reden, Luftſchlöſſer bauen...“ Clara erwiderte nichts; in ſich gekehrt ſaß ſie da. Noch dieſen Abend wollte ſie von der Freundin Abſchied nehmen, in der Stadt bei ihrem Bruder über⸗ nachten und morgen in der Frühe aufbrechen. Nicht einmal ihre Spur ſollte der Treuloſe wieder auffinden. Sie ſann nur nach, wie ſie ihren plötzlichen Entſchluß vor der Freundin rechtfertigen und ihre Begleitung ablehnen könnte. 3 4 1 Das Unglück macht mißtrauiſch und ein unbe⸗ ſtimmter, räthſelhafter Argwohn gegen Ellen war in ihr aufgeſtiegen. In beruhigterer Stimmung würde ſie ſich Vorwürfe deswegen gemacht und die Bösartig⸗ keit ihres Herzens angeklagt haben— jetzt war die Empfindung zu ſtark, als daß ſie dieſelbe hätte über⸗ winden können. Sie hatte nicht darauf geachtet, daß der Diener ins Zimmer getreten war, um Ellen eine Meldung zu bringen. „So mag er kommen.“ Damit hatte Ellen den alten Gottfried entlaſſen und wendete ſich zu ihr zurück. „Es iſt Herr von Schmettow, der uns zu begrüßen wünſcht. Vielleicht zerſtreut uns ſein Geſchwätz. Iſt es Dir nicht unangenehm, ſo laſſe ich Dich eine kurze Zeit mit ihm allein und gehe zu dem Pfarrer hinüber.“ „Wie es Dir gefällt. Nur werde ich eine ſtumme Geſellſchafterin abgeben.“ „Um ſo beſſer für Herrn von Schmettow; er iſt nur dann in ſeinem Humor, wenn er ſich ſprechen hört. Clara“, rief ſie haſtig, von einer Einbildung ergriffen und überwältigt, aus und fiel ihr weinend um den Hals,„meine arme Clara!“ „Cllen!“ Und ſie lagen ſich in den Armen und 118 küßten ſich unter Thränen und Schluchzen.„Leb' wohl!“ hauchte Clara in einem letzten Kuß. Ein leiſes Klopfen riß ſie auseinander. 64 Ellen hatte nicht mehr die Zeit gefunden, auf Clara's Lebewohl zu antworten— nur einen ſeltſamen Blick warf ſie ihr zu.. Beſcheidener und weniger ungeſtüm als ſonſt trat Schmettow ein. Nach ſeiner Ausdrucksweiſe war, wie der Augenſchein ihm zeigte, hier die Bombe geplatzt. Er hatte Ellen von der Schlittenfahrt der Reinsberg'ſchen Familie mit Bruno eine Mittheilung gemacht, um die Hochmüthige zu ärgern und für die Verletzung, die er ihretwegen davongetragen, zu ſtrafen. Zugleich fand er Bruno's Benehmen gegen ihn, ſeinen„beſten“ Freund und Vertrauten, hinterliſtig; er hätte wohl, ſchon der ſchleſiſchen Reiſe wegen, vor allen eine„Verlobungs⸗ anzeige“ verdient. Wenn„Herr Greif“ jetzt zwiſchen zwei Feuer gerieth— Ruprecht rieb ſich die Hände. „Freund oder Feind?“ fragte er, nach dem Aus⸗ tauſch der gewohnten Begrüßungsformeln, leiſe Ellen. „Sie haben mir meine Flucht aus Ihrem Schutz heimgezahlt“, erwiderte ſie ebenſo;„ich denke, wir ſind quitt.“ „Sind Sie böſe auf mich? Wie viel großmüthiger ſind wir Männer! Ich trage auch nicht den kleinſten 119 Groll wider Sie in mir, Miß Wood. Jedes muthige Frauenzimmer hat meine Hochachtung, ſelbſt wenn ich von ſeiner Hartnäckigkeit zu leiden habe“, ſetzte er mit ſeinem breiten Lachen hinzu.„Liebe Alles, was Krieg heißt.“ „Ich zürne Ihnen auch nicht meinetwegen“, ent⸗ gegnete ſie halblaut,„denn was geht mich am Ende Herr Bruno Greif und ſeine Verlobung an? Aber daß ihr ſchönes Herz darüber brechen ſollte—“ Und ſie blickte zu Clara hinüber, die theilnahmlos, ihnen faſt den Rücken zukehrend, am Kamine ſaß. „Armes Ding“, brummte Schmettow.„Aber da iſt nichts zu machen. Die Liebe ſtirbt nicht aus und ihr Schmerz auch nicht.“ „Nur wäre ihr der Troſt nöthiger als mir. Ver⸗ ſuchen Sie doch die Macht Ihrer Beredtſamkeit bei meiner armen Freundin.“ „Tröſtet ſich ſchlecht in ſolcher Lage, wenn man nicht die Abſicht hat, ſelbſt den Verluſt zu erſetzen und den treuloſen Liebhaber auszuſtechen. Bin nicht der Mann dazu— kennen ja die gewiſſe Silvia, die mir den Kopf verrückt hat.“ „Wollen Sie mir einreden, Sie wären dieſer Silvia ſieben Jahre lang treu geblieben?“ Und indem ſie wieder auf Clara zeigte, die von — —— — — —— 120 dem halblaut geführten Geſpräch nur in Zwiſchenräumen einzelne Worte vernahm, fragte ſie: „Iſt ſie nicht ſchön?“ So leiſe hatte ſie geſprochen, daß Schmettow kaum ſie verſtanden, wären nicht ihr Blick und ihre Bewegung geweſen. „Viel ſchöner und jünger als Silvia.“ Ruprecht kraute bedächtig in ſeinem blonden Bart und ſchien, mit den halbzugekniffenen Augen nach den bbeiden Mädchen hinüberſchielend, die Wahrheit dieſer letzten Behauptung prüfen zu wollen und lachte dann über das ganze Geſicht. „Schlagen mir da ein Tauſchgeſchäft vor, Miß Wood... Unwillkürlich hatte Clara ihren Stuhl gerückt. „Ich muß um Verzeihung bitten, Herr von Schmet⸗ tow“, ſagte aufſtehend Ellen,„wenn ich Sie auf eine halbe Stunde verlaſſe. Ein unaufſchiebbares Ge⸗ ſchäft. „Innere Miſſion, Bekehrung der Kaffern, Strümpfe mit Unſterblichkeitshoffnungen für die Barfüßigen— wäre heidniſch von mir, wollte ich davor nicht gern zurückſtehen, Miß Wood.“ „Sie bleiben in der beſten Geſellſchaft zurück, Herr von Schmettow; ich hoffe Sie wiederzuſehen.“ 121 Sie hatte ſich zu Clara herabgeneigt, ſtreifte flüchtig die Stirn der Freundin mit ihren Lippen und entſchwand geräuſchlos. Noch einmal hatte Clara die Arme nach ihr aus⸗ geſtreckt und ließ ſie nun müde niederſinken. Schmettow ſtand in der Mitte des Zimmers, die Hände auf dem Rücken, und ſtarrte auf das rothe Kreuz der Tiſchdecke. Sollte er ſeinen Hut ergreifen und mit einer ſtummen Verneigung zu ſeiner ſtummen Nachbarin hinüber ſich entfernen? Dies Zuſammenſein war durchaus nicht nach ſeinem Wunſch. Unter andern Umſtänden würde er es nicht verſchmäht haben, den Tröſter einer ſo ſchönen Verlaſſenen u ſpielen; weder im Leben noch im Lieben kannte er Scrupel und be⸗ trachtete Egmont's Mahnung an den jungen Ferdinand: „Du wirſt ſie nicht verachten, weil ſie mein war“, als das erſte Geſetz für jeden„galanten“ Mann in Bezug auf alle Clärchen und Gretchen, die ihm begegnen könnten. Aber er wollte Ellen nicht den Triumph gönnen, ihn in eine Falle gelockt zu haben. Ihr Verſchwinden dünkte ihn Berechnung; vielleicht hoffte ſie durch eine Liebeserklärung, zu der er ſich gegen Clara hinreißen ließ, ſein Verhältniß zu Bruno für immer zu trennen. Von dem gereizten Weibe, das ihn vor vier Tagen, ohne ſich nur nach ihm umzu⸗ 122 ſchauen, auf dem Pflaſter der Straße unter den Pferden hatte liegen laſſen, war ein ſolch liſtiger Streich wohl zu befürchten. Dieſe Ueberlegung würde ſelbſt eine hitzige Leidenſchaft gedämpft haben. Ruprecht dagegen em⸗ pfand nur ein herzliches Wohlwollen für Clara, und da ihm nichts einfiel, was er ihr Beruhigendes und Verſtändiges hätte ſagen können, blickte er mit nicht eben klugem Geſicht auf die Tiſchdecke und zählte— er wußte nicht mehr, zum wievielſten Male— die zwölf Sterne, die das Kreuz umgaben. Darüber erhob ſich Clara von ihrem Stuhl, ſagte gepreßt:„Guten Abend Herr von Schmettow!“ und wollte an ihm vorbeigehen. Nun erſt ſah er ihr voll in das Geſicht und ge⸗ wahrte die Zerſtörung, die der Schmerz in ihren Zügen angerichtet. Eine Regung des Mitleids beſchlich ihn. Beinahe hätte er ſich ſelbſt anklagen mögen, nicht ganz ohne Schuld an ihrem Elend zu ſein. „Haſt du nicht auf dieſe Stunde gewartet, wo der Schmelz von ihren Fittigen geſtreift ſein würde, ſchlech⸗ ter Kerl?“ wollte er rufen.„Willſt du jetzt den armen Falter, der nur noch zappelt, zur Erde fallen laſſen, damit ihn der erſte beſte Fuß zertritt? Hollah, meine Fräulein—“ und er ſtellte ſich mit dem Rücken gegen die Thür, ihr den Weg ver⸗ ſperrend—„ſo haben wir nicht gewettet. Habe nicht die geringſte Luſt, hier trübſelig allein zu ſitzen, bis für die Seligkeit der Kaffern genügend geſorgt iſt, und bin der Meinung, daß auch Ihnen eine ſcherzhafte Unterhaltung nicht ſchaden würde.“ „Ich tauge nicht zum Scherz und würde heute eine hinderliche und unaufmerkſame Zuhörerin ſein. Bitte, laſſen Sie mich gehen.“ „Wenn Sie mir ſagen wollen, wohin. Aha, Sie können mir nicht in die Augen ſehen! Leſe bis in Ihre Seele, Fräulein Wolfhart, und leſe Dinge darin, die mir nicht gefallen. Beim rothen Kreuz und den zwölf Sternen, Kopf oben, Herz ganz!“ Er hatte ihre Hand zwiſchen ſeine beiden großen Hände genommen und blickte ſie mit einer Miſchung von Gutmüthigkeit und Frechheit an. „Meine Hand iſt rauh von der Arbeit“— und ſie verſuchte ihm dieſelbe zu entziehen. „Iſt eine tapfere Hand“, ſagte er, ſie loslaſſend, „und ich liebe ſolche Hände. Sie haben vom Schick⸗ ſal einen harten Schlag auf Kopf und Herz erhalten — nun, weinen Sie nicht, die Welt iſt weit und jedem Abend folgt ein Morgen.“ „Ich weine nicht“, entgegnete ſie trotzig,„und danke Ihnen für Ihr Mitleid. Aber Sie können mir ——— unbeſorgt die Thür öffnen, ich gehe nicht in den Fluß.“ „Bravo! Freut mich, daß Sie zu den Muthigen gehören, die auch auf verlorenem Schlachtfelde aus⸗ halten. Sind ein Frauenzimmer, mit dem ſich ver⸗ nünftig reden läßt; erleichtern mir darum mein Ge⸗ ſchäft.“ Und mit einer gewiſſen Ritterlichkeit, die ihm wohl anſtand, führte er ſie, als wäre ſie auf einem vornehmen Balle ſeine Tänzerin geweſen, zu ihrem Stuhl zurück. „Da Sie nicht in der nächſten Viertelſtunde die Bekanntſchaft mit dem Gevatter Tod machen wollen, können Sie mir noch das Vergnügen Ihrer Gegenwart eine Weile gönnen. Bin Ihr Freund, Fräulein Wolf⸗ hart“— er zog ſich einen Seſſel ohne Lehne herbei und ſetzte ſich ihr kerzengerade gegenüber,„Ihr Freund“, betonte er,„und die Männer ſind in der Freundſchaft ehrlicher als die Weiber.“ Es war ein Pfeil, der auf Ellen zielte, und Clara hielt ſich für verpflichtet, die abweſende Freundin zu vertheidigen. „Miß Wood hat mir immer Treue und Liebe be⸗ wahrt, und wenn ich jetzt ihr Haus verlaſſe...“ „Aha, Sie wollen fort? Iſt wieder ein Entſchluß, 125 der uns einander näher bringt. Der Geruch in dieſem Hauſe gefällt mir nicht, ſchlägt auf Lungen und Kopf, und Sie müſſen frei athmen, in der ſcharfen Luft der Wirklichkeit, nicht in dieſem romantiſchen Duft des Jenſeits. Halten nichts davon?“ Und verächtlich wies er nach der Decke des Zimmers. Seine Bewegung war ſo komiſch, daß wider ihren Willen der Schatten eines Lächelns um Clara's Lippen ſchwebte und ſie in ſeinem Ton erwiderte: „Halte nichts davon, aber ich fühle heute zum dritten Male in meinem Leben, welchen Troſt und welche Stärkung der Glaube an ein ſeliges Jenſeits und an eine gerechte Ausgleichung dort oben denen gewährt, die ihn haben.“. „Je nachdem. Wollen alſo von hinnen? Und warum?“ „Herr von Schmettow!“ „Iſt eine unbeſcheidene Frage. Weil Bruno Greif eine Gräfin Reinsberg heirathet. Eine Andere als Sie ſagte vielleicht: Warum ſoll die Geliebte der Gat⸗ tin weichen? und behauptete ihren Platz. Fahren Sie nicht auf, ich bin unverſchämt. Gehen Sie immerhin, fliehen Sie den Undankbaren, aber wohin?“ „Mit Ellen's Hülfe und Rath hoffe ich irgendwo ein Unterkommen zu finden.“ „Wollen Sie mir folgen“, bog er ſich zu ihr hin⸗ über,„ſo ſuchen Sie ſich ſelbſt den Weg und ver⸗ ſchwinden auch aus den Augen der Miß Wood.“ „ Zum zweiten Male läſtern Sie meine Freundin; ich ſollte und will ſolche Reden nicht mehr anhören.“ „Sachte! Sind Sie ſo blind? Dieſes Mädchen liebt mit raſender Leidenſchaft Bruno Greif und Sie wollen ihr trotzdem Ihre Zukunft anvertrauen?“ Vor Clara's Geiſt zerriß ein Schleier. „Meine Ahnung!“ rief ſie aus. Das war der dunkle Grund ihres Argwohns gegen Ellen geweſen, Ruprecht hatte ihn aufgedeckt. Auf alle Handlungen Ellen's, auf die ſcheinbaren Widerſprüche ihres Charakters, auf die kleinen Dunkel⸗ heiten ihres Treibens fiel damit ein neues, eigenthüm⸗ liches Licht. Die Geſtalt, das Angeſicht der Freundin veränderte gleichſam Form und Farbe. „Meine Ahnung!“ wiederholte Clara und ſtützte niedergeſchmettert das Haupt auf die Hand. „Thue Ihnen weh“, ſagte er und dämpfte wie aus Rückſicht für ihren Schmerz ſeine laute Stimme. „Denke aber, die bittere Arznei wird Ihnen fürs Leben gut thun. Die Welt ſteckt voller Täuſchungen und Teufeleien. Gegen alle muß man auf der Hut ſein und an Allem zweifeln. Auf Erden und im Himmel 1— —, ͦ—— 12⁷ gibt es nichts, wohin ſich nicht die Selbſtſucht ver⸗ kriecht.“ „Jetzt habe ich ihn ganz und ohne Hoffnung ver⸗ loren“, klagte Clara für ſich hin.„Wie könnte ich neben ihr beſtehen? Sie iſt ſchöner und beſſer als ich. Wenn er ſie verſchmäht hat...“ „Keine Großmuthskomödie! Das greift meine Nerven an. Munter, Fräulein! Laſſen Sie Miß Wood nur allein ihre Geſchäfte beſorgen, ihre Actien ſtehen nicht gut. In einem brennenden Hauſe iſt ſich Jeder ſelbſt der Nächſte.“ „Um ſo eher werden Sie mich nicht länger hindern, aus dieſer Thür zu gehen.“ „unter der Bedingung, daß Sie meine Begleitung nicht ablehnen. Können noch immer kein rechtes Ver⸗ trauen zu mir faſſen? Meine es gut mit Ihnen wie mit Ihrem Bruder...“ „Zu ihm will ich. Brauche ich eine Stütze, ſo iſt er die einzige, die ich annehmen darf.“ „Einverſtanden. Und da er im Augenblick nicht zu haben iſt, verſchmähen Sie meinen Arm nicht, um Sie zu ihm zu führen. Im Ernſt, es iſt nicht geheuer im Thiergarten. In ſolcher Stunde, an einem Winter⸗ abend, ein einſames Frauenzimmer. Uebrigens hätte ich Ihnen einen Vorſchlag zu machen, aber er iſt zu lang, als daß ich ihn in einer Minute erörtern könnte — und Sie ſind ungeduldig.“ Seine Hartnäckigkeit, ihr ſeine Hülfe anzubieten, war nicht ohne Eindruck auf Clara geblieben. Wer ſich wie ſie von allen verlaſſen fühlt, wem dieſelbe Stunde die theuerſten Güter, Liebe und Freund⸗ ſchaft, raubt, der iſt, auch wenn er ſich dagegen ſträubt, für das Entgegenkommen und den Zuſpruch eines An⸗ dern empfänglicher, als er glaubt. Allmälig ändern freundliche Worte ſeine mürriſche Stimmung und brechen ſeine herbe Zurückhaltung. Seit Clara Ruprecht kannte, hatte ſie ſich ſtets von ihm mit Achtung und Gemeſſenheit behandelt geſehen und nie eine kecke Anſpielung oder eine fade Galanterie hinnehmen müſſen. Es war ihr aufgefallen, daß er mit ihr in einem beſcheideneren Tone als mit Ellen verkehrte, gleichſam als ſei er ihr, der Armen und Alleinſtehenden, doppelte Rückſicht ſchuldig. An ſeine wunderlich fahrige und großſprecheriſche Weiſe hatte ſie ſich bald gewöhnt; war doch in Allem, was er ſagte, ein Kern von Lebenserfahrung und Weltkennt⸗ niß, der ſie zugleich belehrte und unterhielt. Heute lag überdies in ſeiner Stimme ein ſolch überzeugender Ausdruck von Gutmüthigkeit, in ſeinem ganzen Be⸗ nehmen ſo viel Schonung ihres Liebesſchmerzes, daß — 129 auch ein Mädchen, das mehr Freunde uud Hoffnungen beſeſſen als Clara, endlich ſeinen Bitten das Ohr ge⸗ ſchenkt hätte. „Einen Vorſchlag?“ fragte ſie auf ſeine letzte Aeußerung hin.„Haben Sie eine Zuflucht, eine Stel⸗ lung für mich?“ „Ich habe Ihnen ſchon einmal von meiner Schwe⸗ ſter geredet, ſitzt da in Thüringen an einem Herzogs⸗ hofe als Hofdame— ſtiller kleiner Ort, halb ſo volk⸗ reich als Charlottenburg— halb Kartenhaus, halb Reliquienſchrein; vermuthe, daß die Luft Ihnen dort ſehr zuträglich ſein würde...“ „Herr von Schmettow—“ Noch mehr als das freundliche Anerbieten über⸗ raſchte ſie die verlegene Miene, mit der er es vorbrachte; er ſchien zu befürchten, daß ſein Antrag ſie verletzen möchte, und gerührt reichte ſie ihm die Hand. „Ich merke es wohl, daß Sie es ehrlich mit mir meinen, aber...“ „Ueberlegen wir's, auf dem Wege, mit Ihrem Bruder... Still, man ſchleicht durch den Corridor. Iſt, als ob nur Katzen im Hauſe wären, Katzen oder Geſpenſter.“ Es war Gottfried, der Clara ein zuſammenge⸗ Frenzel, Silvia. III. faltetes Papier zuſteckte und zuraunte, ein Diener aus dem gelben Hauſe habe es gebracht. Eine haſtige Röthe überflog ihre bleichen Wangen; eine Sekunde ſchwankte ſie zwiſchen Unwillen und Neigung, dann brach die Neigung das Siegel des Briefes. „Erwarte mich an der Gartenthür“, ſchrieb Bruno, „nach zehn Uhr hoffe ich frei zu ſein. Das Schickſal will nicht, daß wir einander angehören. Beklage mich, mein Loos iſt härter als das Deine.“ Nur ganz leiſe zuckte ſie die Schulter und zer⸗ knitterte das Papier in der Hand. „Er ſoll mich nicht mehr finden!“ Dieſer Ent⸗ ſchluß ſtand unwiderruflich feſt bei ihr. Als ſich Schmettow, der ſich, um ſie nicht in der Lectüre des Briefes zu ſtören, indeſſen mit der Be⸗ ſichtigung eines Albums voll landſchaftlicher Photo⸗ graphien beſchäftigt hatte, wieder zu ihr kehrte, ſah er an ihrer Haltung, daß Alles entſchieden. Eine Weile darauf verließ ſie mit ihm, ihre Reiſe⸗ taſche in der Hand, das Haus mit den grünen Jalouſien. Dem verdutzten Gottfried hatte ſie aufgetragen, Miß Wood über ihr Verſchwinden zu beruhigen, ſeine Herrin wiſſe ſchon, welche Bewandtniß es damit habe. —.— 131 Den harten Thaler, den ihm Schmettow beim Abſchiede in die Finger gedrückt, würde der Alte darum gegeben haben, wenn er ſich die Begebenheiten des heutigen Tages hätte zuſammenreimen können. Er ſetzte ſich in der Küche am Herd nieder, auf dem die Magd das Waſſer für den Thee der Miß kochte, und indem er ihr noch einmal Alles erzählte, was ſich zu⸗ getragen, hoffte er mit ihrer Hülfe den Grund von all dem Seltſamen zu entdecken. Aber ſie ſtrengten ihren Verſtand umſonſt an, der Knäuel war nicht zu entwirren. Er verſchlang ſich nur noch dichter, als Miß Wood heimkam und weder Verwunderung noch Beſtürzung über Clara's Aus⸗ gang mit Herrn von Schmettow bezeigte. Ihr Ge⸗ ſicht war undurchdringlich und ausdruckslos. „Haſt Du die Thür zu Fräulein Wolfhart's Ge⸗ mach verſchloſſen?“ fragte ſie. Sie habe es ſelbſt gethan und ihm den Schlüſſel gegeben. „Es iſt gut. Noch etwas?“ Anfangs ſtockte Gottfried und ſtotterte, dann be⸗ dachte er, daß es für ihn das Beſte wäre, die ganze Wahrheit zu ſagen, da die abenteuerliche Geſchichte ein ſchlechtes Ende, vielleicht gar vor der Polizei und den Gerichten, nehmen könne, und berichtete: der lange 9*½ ——— —-——————— — — Otto, der Diener des Herrn Greif, habe ihm athemlos vom Lauf einen Brief des jungen Herrn für Fräulein Clara überbracht, ebenſo eilig habe er das Schreiben dem Fräulein gebracht; ſie habe es auf der Stelle geleſen und ſei eine Viertelſtunde ſpäter mit Herrn von Schmettow davongegangen. „Herr Bruno Greif hat eine wichtige Verabredung mit mir zu treffen“, entgegnete Ellen mit erkünſtelter Ruhe, obgleich ihr das Herz zum Zerſpringen klopfte; „möglich, daß er noch heute Abend vorſpricht. Oeffne die Gartenthür, er wählt wohl den näheren Weg.“ „Iſt ſie verrückt geworden?“ murrte es inwendig in Gottfried's Bruſt, und er ſchaute ſeine Gebieterin furchtſam von der Seite an. Dabei ſah er ſelbſt einem Geſtörten nicht unähnlich. Abſichtlich verzögerte er ſich im Gemach und rückte an der Theemaſchine, klapperte mit den Löffeln und Taſſen, bis Ellen ihm: „Geh' nur, ich bedarf Deiner nicht mehr, und erwarte Herrn Greif!“ zurief und mit einem ſtrengen Blick verjagte. „Das iſt die verkehrte Welt!“ Kopfſchüttelnd ſchlich er die Treppe hinab. „Gerade wie an dem Abend, als der ſelige Herr Martin Greif ſtarb! Wenn er mir nur nicht in der Nacht erſcheint!“ — öͤſͤſͤͤſſ- 133 Von dem Sopha, auf dem ſie gelegen, war Ellen, als der Alte das Zimmer verlaſſen, aufgeſprungen und hatte die Thür verriegelt. Sie wollte nicht noch einmal von ihm geſtört werden. Mit dem Inſtinkt der Liebe und Eiferſucht hatte ſie errathen, daß Bruno in ſeinem Briefe Clara um eine letzte Zuſammenkunft gebeten. An der Stelle der Geliebten würde er jetzt ſie finden. Ueber die Schwelle ihres Hauſes getreten, würde er mit ihr, und ſei es auch nur um des Scheines vor den Leuten willen, einige Worte wechſeln müſſen. An ihrer Geſchicklichkeit und Kunſt lag es, den Augen⸗ blick feſtzuhalten und zu einer glücklichen Stunde aus⸗ zudehnen. Aber im Anblick der Gelegenheit, die ſie ſo lange und ſo innig herbeigeſehnt, fing ſie an zu zittern. Was wollte ſie denn? Seine Liebe? Wenn der Chrgeiz und eine große Ausſicht ſeine Liebe nicht er⸗ ſtickt, ſo gehörte dieſelbe Clara. Seine Hand, ſeinen Namen, ſeine Reichthümer? Er hatte ſie der jungen Gräfin verſprochen. Wie ſie auch ſann, in ſeinem Leben wie in ſeinem Herzen ſchien kein Platz für ſie da zu ſein. „Bin ich denn ſo häßlich, daß ich nicht mit dieſen beiden Mädchen ſtreiten und ſie verdrängen kann?“ fragte ſie ſich ſelbſt. Sie zündete die Kerzen an ihrem Toilettenſpiegel an und betrachtete ihr Geſicht prüfend in dem hellen Glaſe. Zug um Zug wollte ſie ſich mit ihren Neben⸗ buhlerinnen vergleichen, ruhig, geduldig, keiner die Schönheit abſprechen, die ſie beſaß, und die eigene weder überſchätzen, noch verkleinern— thörichte Ge⸗ danken, wunderliche Grillen! Sie kam in der Prüfung nicht weit, ihr Gegenbild im Spiegel erſchreckte ſie. War es die Ermüdung, eine Erſchaffung der Nerven oder die ſorgenvolle Aufregung— nie hatte ſie nach ihrer Meinung ſo blaß und übernächtig, mit verwirr⸗ ten Haaren und glanzloſen Augen ſo entſtellt ausge⸗ ſehen als eben jetzt, wo ſie dem Manne, den ſie ver⸗ götterte, ihre Liebe geſtehen wollte. Ein ſolcher Wider⸗ wille und ein ſo tiefes Mitleid gegen ſich ſelbſt er⸗ griffen ſie, daß ſie ihr Geſicht mit den Händen bedeckte und es, als ſei es noch nicht verhüllt genug, in die Kiſſen des Sophas verſteckte. So lag ſie lange und weinte bitterlich. Ueber ihre Lippen ſchlich es nicht, aber in ihrer ganzen faſſungsloſen, aufgelöſten, ſchmerzlichen Haltung prägte es ſich aus, das furchtbare Wort: Verblüht! Wie anders— und ſie mußte an jene Mitternachtsſtunde zurückdenken, wo ſie auf dem Pflaſter der Londoner Gaſſe Francis Darlington getroffen— wie anders —— 135 war ſie damals geweſen! Hatten der Gram, die Ent⸗ täuſchung, die unglückliche, verſchwiegene, verzehrende Lei⸗ denſchaft ſie vor der Zeit ihrer Reize beraubt? Oder hatte die Heiligkeit ſie mager gemacht und von ihren Wangen die friſchen Farben geſtreift? Gab es nichts mehr in ihr und an ihr, das reizen, verführen, das glücklich machen konnte, als den fahlen Schein einer erheuchelten Tugend? Wie hatte ſie in den Tagen ihrer Luſt ge⸗ blüht; in Newyork, in Paris und Nizza war Miß Silvia die gefeiertſte Schönheit geweſen! Nichts hatte ſich damals mit der Glätte und Weiße ihrer Geſichts⸗ farbe, mit dem goldenen Glanz ihrer wallenden Haare, dem bezaubernden Ausdruck ihrer Augen vergleichen laſſen. Welch ſteifer Seraph war aus der lieblichen, neckenden Sirene geworden! Hart iſt der Dienſt Gottes und ſein Lohn iſt nichtig. Wenn ſie ſich noch jetzt aufraffte und mit dem Reſt ihrer Schönheit in den Strudel des Lebens ſtürzte, auf ein, zwei Jahre des Glückes und des Uebermuthes, mochte ſie nachher in die Tiefe hinab⸗ gezogen worden— wer weiß, wer weiß! Was iſt Tugend, was iſt Sünde in dieſem Falle, da beide für den Zuſammenhang der Dinge und die Harmonie der Welt gleich werthlos ſind und dem Einzelnen weder die Selbſtüberwindung noch der Genuß ein ——— — dauerhaftes Glück bereitet? Welche Rolle wir in der Komödie des Lebens geſpielt haben, was liegt daran, wenn wir im Abgrund des Todes ſchlummern? Auf der ſanften Höhe eines Hügels glänzt dem Wanderer ein herrlicher Bau entgegen, ein Haus der Ruhe und des Ueberfluſſes, ein Tempel des Glückes und des Friedens; rüſtig ſchreitet er darauf los und nähert ſich ihm; da öffnet ſich vor ihm ein Erdſpalt oder ein niederfahrender Blitzſtrahl ſchreckt ihn zu⸗ rück. Er beginnt ſeine Wanderung von neuem, aber belehrt über die Schwierigkeiten, die auf dieſer Seite ſeiner warten, verſucht er von der entgegengeſetzten aus die Spitze und das ſchimmernde Haus zu gewinnen. Wieder kommt er ihm nahe, um troſtlos auf einem Stein am Wege niederzuſitzen; was in der Ferne blinkte, blendete und zum Genuß und zur Ruhe ein⸗ lud, was vorn ein Tempel ſchien, iſt hinten eine wüſte, verfallene Trümmerſtätte voll wuchernden Unkrauts. Einſt hatte Ellen das höchſte Gut im Vergnügen, in der Luſt, in ſchönen Kleidern und rauſchenden Feſten gefunden und in dieſem Treiben ihr Leben zu beſchließen gehofft. Das Schickſal hatte ſie aus dieſer Sphäre geworfen und ſie gezwungen, ein neues Leben anzufangen. Unwillkürlich, allmälig hatte ſich das Irdiſche in das Himmliſche verwandelt. In ihrem 137 Sinne hatte ſie nach dem Reich Gottes getrachtet— und jetzt erſchien ihr daſſelbe als ein verworrener öder Garten, glanzlos, verblüht wie ſie ſelber. Was iſt Wahrheit, was iſt Blendwerk? Aber wenn ſie auch verzweifeln mußte, ſein Herz zu rühren oder den von ihm beſchloſſenen Ehebund mit der Gräfin zu löſen, nicht länger wollte und brauchte ſie in einem falſchen Lichte vor ihm zu ſtehen. Gleichviel, wie er dieſe Entdeckung aufnahm, er erfuhr wenigſtens, was ſie ſeinetwegen, aus einer blinden und unüberwindlichen Liebe zu ihm geopfert hatte. Nicht mehr würde er ſie in ſeinen Gedanken eine hab⸗ ſüchtige Heuchlerin ſchelten können, welche Aufopferung und Hingebung predigte, während ſie nach Ehre und Beſitz geizte. Und litt er unter dieſer Offenbarung, die ihm zugleich eine ſchreckliche Tragödie enthüllte, hatte ſie nicht unter der Wucht des Geheimniſſes, von der Gewalt der Leidenſchaft gelitten, litt ſie nicht noch darunter? „Es iſt Alles aus“, ſagte ſie, ſich aufrichtend, ſo mag dies denn das Ende ſein.“ Ihrer Bande ledig, floſſen ihre röthlichgoldenen Haare über Schultern und Rücken; ihr langes weißes Gewand— einem indiſchen Nachtgewand ähnlich, das ihr auf Folkeſtone Lady Darlington geſchenkt und in dem ſie, wie der Lord geſagt, dem Engel aus der Offenbarung, der mit mächtiger Stimme ruft: Wer iſt würdig, das Buch aufzuthun und ſeine Siegel zu brechen? glich— hob, ohne daß ſie daran dachte oder darum wußte, die Schlankheit und Feinheit ihrer Ge⸗ ſtalt vortheilhaft hervor und gab ihr etwas Prieſter⸗ liches. Sie wuſch die Thränenſpuren von ihren Wangen, ſah noch einmal mit dem Blick völliger Ent⸗ ſagung in den Spiegel und löſchte die Lichter daran aus. Das Zimmer war plötzlich dunkler geworden und ſie kam ſich wie ein Schatten vor, der am Rande des Acheron von dem Fährmann zurückgelaſſen worden iſt, im Halbdunkel, auf der Grenze, wo die Wirklichkeit und das Reich der Schatten ſich ſcheiden und zugleich ineinander fließen, und nun mit ſtillem Neide ſeine Gefährten aus der Letheflut Vergeſſenheit ſchlürfen ſieht, während ihn noch irdiſche Begierden, Furcht und Hoffnung peinigen, ohne daß er zur Oberwelt zurück⸗ kehren kann. Sie ſchüttelte ſich und wandelte ein- und noch einmal durch die ganze Länge des Gemachs. Mit angeſtrengter Kraft horchte ſie nach außen auf das leiſeſte Geräuſch. Es war ihr, als ſei eine Bewegung im Hauſe — — 139 entſtanden; entſchloſſen holte ſie das rothe Buch Martin Greif's aus ihrem Käſtchen, lehnte ſich auf das Ruhebett zurück und blätterte in den alten Papieren. Aber nur mechaniſch ſchlug ihre Hand Blatt um Blatt um, nur ihre Augen blickten auf die ſcharfgezogenen eckigen Buchſtaben— ihr Geiſt war nicht in ihnen. Es war, als hätten ſich alle ihre Fähigkeiten im Ohr geſammelt. „Endlich!“ fuhr ſie zuſammen. Diesmal war es keine Täuſchung, Unter Tau⸗ ſenden würde ſie Bruno's Stimme erkannt haben. Er redete heftig und eindringlich mit dem alten Diener und ſein gebieteriſches Weſen ſchien denſelben gänzlich eingeſchüchtert und rath⸗ und ſprachlos gemacht zu haben. Nun kamen raſche, ſcharfe Schritte die Treppe herauf, eine kräftige Hand faßte den Thürgriff „Wer iſt da?“ fragte Ellen. Sie konnte kaum ſprechen, ſo ſtark klopfte ihr das Herz und das Blut drohte ſie zu erſticken. „Ich bin es, Bruno Greif; öffnen Sie, Miß Wood, ich muß Sie ſprechen— einen Augenblick ſprechen!“ In dem nächſten Moment ſtanden ſie ſich gegenüber. Bruno's Augen flogen durch den Raum, als ſuchten ſie eine geliebte Geſtalt und müßten ſie finden. Dieſe Nichtachtung, die er ihr unabſichtlich erwies, gab Ellen — ͦ——— —- ⁰éõ ——— einen Stich ins Herz, aber mit dieſem Stich auch ihre Ruhe und Ueberlegenheit. Um ſo genauer betrachtete ſie ihn. Er war noch in der Feſtkleidung, nur einen ſchwarzen Mantel hatte er übergeworfen. Sein Geſicht glühte, ſeine erhobene Hand zitterte; er war wie außer ſich. „Das iſt eine ſchlimme, eine unfreundliche Störung“, ſagte er, langſam zu ſich ſelbſt kommend.„Aber ich muß es von Ihnen ſelbſt hören, Miß Wood, um es zu glauben. Ihr Diener hat gelogen“, und er lachte wild auf.„Es iſt unmöglich. Sie hat ſich irgendwo verſteckt und Sie ſind mit in der Verſchwörung.“ „Wollen Sie mir nur ſagen, wonach Sie begehren, was Sie ſo aufregt?“ „Lady Tartuffe!“ ſchrie er.„Keine Winkelzüge! Geben Sie mir Clara heraus! Antwort—“ Und er packte ihre Hand ſo heftig, daß ſie hätte aufſchreien mögen. „Iſt ſie mit Herrn von Schmettow fortgegangen — vor einer Stunde fortgegangen?“ „Ich glaub' es wohl“, entgegnete Ellen, ihn ruhig anſehend.„Wenigſtens war dies ihre Abſicht... Aber Sie thun mir weh.“ Bruno ließ ihre Hand los; ein breiter rother Streifen um ihr feines Handgelenk— ſie legte die Hand auf den Tiſch, als müſſe ſie ſich daran ſtützen, — 141 ſodaß der Schein der Lampe hell auf die geröthete Stelle ſiel— leuchtete ihm als ein beſchämendes Zeichen ſeines Zornes entgegen. „Herr von Schmettow hatte uns am Abend beſucht“, fuhr ſie fort,„und da Clara zu ihrem Bruder wollte, ſo wird er ſie begleitet haben. Ich ſpreche ſo, weil ich ein Geſchäft bei dem Pfarrer hatte und erſt nach ihrem Weggang zurückkehrte. Das Alles iſt ſo einfach und natürlich...“ „Sie kennen Herrn von Schmettow, Sie haben ſein Verhältniß zu Clara begünſtigt...“ „Herr Greif, dies Haus iſt zwar immer in meinem Sinne noch Ihr Eigenthum, allein gerade darum ſollte ich in ihm am ſicherſten vor Ihren Kränkungen ſein. Wenn es ein Verhältniß gab— Sie wiſſen wohl, daß es nicht dieſes war. Herr von Schmettow iſt dreimal in dieſem Zimmer geweſen und ich bereue es nicht, ſeine Bekannſchaft gemacht zu haben.“ „Aber Clara—“ „Wo Clara's Gedanken waren— frage ich Sie.“ Stolz und drohend hob ſie ihr Geſicht ihm entgegen. „Glauben Sie, daß ich nicht längſt dieſen Ort verlaſſen und mit Clara an den entlegenſten Ort der Welt geflohen wäre, hätte ich geahnt... O, daß dies unglückliche Kind erſt heute mir ſeine Bethörung ein⸗ geſtand! Erſt heute, wo ihr ſchönes Herz ge⸗ brochen!“ Aus dem Angreifer war er zum Geſchlagenen geworden, der ſich nur mühſam vertheidigt. „Sie ſind hart und grauſam, Miß Wood. Habe ich Sie beleidigt, vergeben Sie mir. Ich bin das Opfer der Verhältniſſe, meines Reichthums, wenn Sie wollen. Hätte ich mich raſch zu einer Heirath mit Clara entſchloſſen...“ 3 „Aber wie hätten Sie es gekonnt? Bei der Ab⸗ neigung Ihres Vaters gegen dieſe Verbindung...“ Sie ſchien Mitleid mit ſeiner Pein zu fühlen und ihm Hülfe bringen zu wollen. „Ja, mein Vater. Doch er iſt todt und ich war Herr meiner Entſchlüſſe.. 34 Mitten in ſeiner Rede ſtockte er und ſeine Blicke hefteten ſich ſtarr auf einen Punkt, als würden ſie durch eine geheime Kraft angezogen und feſtgehalten, auf ein rothes Buch, das auf dem Sopha lag. Ellen war mit ihren Augen der Richtung gefolgt, die ſeine Blicke eingeſchlagen hatten; ein unterdrückter Schrei entfuhr ihr, ſie wollte haſtig um den Tiſch her⸗ umeilen, der zwiſchen ihr und dem Ruhebett ſtand... „Dies Buch, Miß Wood“, rief Bruno darüber, 8 8 — 143 „iſt mein Eigenthum. Wie iſt es in Ihre Hände ge⸗ rathen?“ „Durch einen Zufall, für den ich Gott täglich danke. Es iſt nicht für Sie beſtimmt.“ „Welch ein Zufall? Soll ich in Ihrem Hauſe lauter Räthſeln begegnet? Antworten Sie mir ehrlich.“ „Als damals Clara in Ihrem Hauſe erkrankte, die Ohnmächtige in das rothe Zimmer gebracht wurde, müſſen die Diener mit den Decken und Kiſſen, die ſie nach dem Wagen trugen, auch das Buch ergriffen haben— vielleicht lag es auch in einer Decke. Erſt in Clara's Wohnung fand es der Doctor und gab es mir... „Und Sie behielten es...“ „Ja, und werde es behalten. Ich würde es ver⸗ nichtet haben, wenn es nicht von Ihrem Vater her⸗ rührte.“ „Gerade darum gehört es mir. Werden Sie mir mein Eigenthum ſtreitig machen?“ „Ja!“ Mit einem ſchnellen Griff hatte ſie ſich des Buches bemächtigt und erhob es hoch über ihr Haupt hin. „Sibylle!“ lachte Bruno ingrimmig, ſpöttiſch und doch von dem Anblick Ellen's mit ihrem blaſſen Geſicht, ihren fliegenden Haaren, dem düſtern Ausdruck ihrer Augen ergriffen.„Soll ich wie der römiſche König um die ſibylliniſchen Bücher feilſchen?“ Und er ſuchte ſich ihres linken Armes, den ſie zur Abwehr gegen ihn ausgeſtreckt hatte, zu bemächtigen. „Sibylle“, rief ſie ihm entgegen,„Sie haben es ſelbſt geſagt!“ Und ſie ſchleuderte das Buch auf die im Kamin noch glimmenden Kohlen. Die Gefahr, daß ſie es verzehren würden, war ge⸗ ring, allein nicht darauf achtete Bruno in ſeiner Hitze, er ſah nur die heftige Bewegung Ellen's, eine Hand⸗ lung, die ſo ſehr von ihrer ſonſtigen Ruhe und Ge⸗ meſſenheit abſtach und dafür zeugte, daß ſie dieſe Blätter, ſoweit es in ihrer Kraft und in ihrem Willen lag, ihm entziehen wollte. Um ſo ungeſtümer wurde ſein Verlangen, ſie in ſeinen Beſitz zu bringen. „Unſinnige!“ Er ſtieß ſie zurück, kniete am Kamin nieder und riß das Buch aus der glühenden Aſche. Ellen war auf einen Stuhl niedergefallen. Die Strähne ihres Haares bedeckten mit ihrem röthlichgoldenen Schimmer ihr Geſicht, deſſen Weiße eigenthümlich zwiſchen ihnen hervorſchimmerte. Wie ſie in halber Ohnmacht dalag, war etwas Zaube⸗ riſches um ſie; regnungslos, mit geſchloſſenen Augen, glich ſie einer Todten, ihr weißes Gewand trug zu 145 der Täuſchung bei, und zugleich verbreitete die Gold⸗ flut ihres Haares, die leiſe Bewegung ſeiner zitternden Spitzen einen letzten Hauch und Schein des Lebens um ſie. Vom Kamin aufſtehend, das Buch triumphirend an ſich preſſend, betrachtete ſie Bruno; das Lachen des Siegers erſtarb auf ſeinen Lippen. Die Beſchämung und Ernüchterung, das Gefühl, eine Gewaltthat be⸗ gangen zu haben, kamen über ihn. „Gute Nacht, Miß Wood“, ſagte er halblaut, ohne die Blicke von ihr wenden zu können.„Ich habe nur mein Eigenthum genommen... Miß Wood...“ „Geben Sie mir dieſe Blätter zurück!“ flehte ſie tonlos; all ihre Kraft hatte ſie verlaſſen. „Wenn ich ſie geleſen— vielleicht. Und Clara iſt bei ihrem Bruder? Sie ſchwören es mir?“ Ellen konnte nur mit der Hand winken... Wortlos ſchied er von ihr. Sie zog die Haare wie einen Schleier dicht über ihr Geſicht; ſie wagte nicht aufzublicken, noch ſich ihres Erfolgs zu freuen. Das Gift trug er mit ſich, aber wie würde es wirken? Und wie ſie ſo in ſich ver⸗ loren daſaß, das Geräuſch ſeiner Schritte verhallte, ſprach ſie in einer Art Betäubung und Traum die Verſe der Offenbarung:„Sieh die Heiligen in weißen Frenzel, Silvia. III. 10 ———— Gewändern, die aus großer Betrübniß zum Herrn kommen; ſie wird nicht mehr hungern, noch dürſten; es wird auch nicht auf ſie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze, und Gott wird abwiſchen alle Thrä⸗ nen von ihren Augen!“ Viertes Kapitel. Wie ein Taumelnder hatte Bruno das Haus Ellen's verlaſſen; taumelnd ſchritt er durch den ſchnee⸗ bedeckten Garten dahin. Mit einer Laterne in der Hand zeigte ihm der dienſteifrige Gottfried, in der Erwartung eines großen Trinkgeldes, den Weg. An der Gartenthür herrſchte ihn Bruno an, zurückzubleiben, er wollte nicht mehr etwas wie ein Bleigewicht an ſeinen Füßen haben. Ueber den niedrigen Zaun ſchaute ihm mit langem, verdrießlichem Geſicht der Diener nach, während er me⸗ chaniſch den Schlüſſel im Schloß umdrehte und den ſchweren Holzriegel vor die Thür ſchob; er hatte die Mühe gehabt, ohne auch nur ein„Schönen Dank“ dafür zu empfangen. Jedem das Seine, war Gott⸗ fried's Wahlſpruch; da war Herr von Schmettow doch 10* 148 ein anderer Mann; über das reichgewordene filzige Bürgerpack! Gottfried ſuchte ſich über die getäuſchte Hoffnung mit dem Gedanken zu tröſten, daß der alte Knauſer Martin Greif und ſein geiziger Sohn wenig⸗ ſtens im himmliſchen Jeruſalem keinen Platz haben würden. Draußen vor dem Garten, an den Weidenbüſchen des Ufers, ſtand Bruno ſtill. Ob er ſich in den Wa⸗ gen werfen, ſpornſtreichs nach der Stadt fahren und Clara trotz der ſpäten Stunde aufwecken ſollte? Aber lohnte das, was er ihr zu ſagen hatte, die Störung, die Unruhe und den Schrecken, die ſeine plötzliche An⸗ kunft hervorbringen mußte? Ja, wenn er noch als reuiger Geliebter zu ihren Füßen zurückgekehrt wäre, wenn eine zärtliche Verſöhnung das Abenteuer hätte beſchließen können! Um Abſchied zu nehmen, war auch am Morgen noch Zeit. 1 Er hatte heute genug der Klagen und bittern Worte gehört und durch die Aufregungen dieſes Abends ſo ſehr die Herrſchaft über ſich ſelbſt verloren, daß er befürchtete, von der Schwäche ſeiner Natur oder von der Hitze ſeiner Leidenſchaft zu Handlungen fortgeriſſen zu werden, die er ſein Leben lang bereuen würde, ohne ſie je wieder gutmachen zu können. Zu dem ſeeliſchen Unbehagen kam ein phyſiſches; es war eine kalte ihm, als ächzten die Geiſter der Tiefe unter der Eis⸗ decke des Fluſſes. Zu den Sternen wagte er nicht aufzublicken; nicht freundlich wie ſonſt, drohend funkel⸗ ten ſie ihm entgegen. Die unheimliche Einſamkeit der Straße, der Schnee, der unter ſeinen Füßen knirſchte, ſein eigener Schatten, der in dem Licht der einzigen Laterne, die hier den Weg bezeichnete, neben ihm her⸗ huſchte, trieben ihn in ſein Haus. Die Dienerſchaft war noch in voller Bewegung, üllerall war Licht und Wärme verbreitet. Wie ſehr hatte Bruno ſonſt die Stunde nach dem Ende eines Feſtes gehaßt! Die Unordnung in den Zimmern, die geſchäftige Haſt der Diener, Alles wieder in den früheren Zuſtand zu bringen, die häßlichen Spuren des ſo raſch vorübergeflohenen Vergnügens, denen der Wirth hier und dort begegnet— Alles hatte ihn in eine mürriſche und gereizte Stimmung verſetzt. Heute war ihm der Lärm, der Anblick des Feſtſaales beinahe willkommen. Er hatte eine Wirklichkeit vor den Au⸗ gen, feſten Boden unter ſeinen Füßen und athmete auf wie einer, der, aus einem wunderlichen Traum erweckt, ſich in ſeinem Bette, in ſeiner wohlbekannten Schlafkammer wiederfindet. Mag ſie noch ſo ärmlich und unerfreulich ſein, ſie iſt doch eine Wahrheit, ein Nacht. Schaurig ſtöhnten die kahlen Bäume, es war —— —— — 150 Ding an ſich, ein unwiderlegbarer Beweis der Außen⸗ welt, gegenüber den loſen und leeren Gebilden des Traumes und der Phantaſie. Bruno hatte ſich nach ſeinem Zimmer begeben. Außer der Ampel, die in erzenen Ketten von der Decke über dem Tiſch herabhing, erhellten zwei große Lam⸗ pen den Raum. In dem dämmerigen Gemach Ellen's wohnten Schatten und Schemen, in dies helle Licht trauten ſie ſich nicht. Und ſie ſelbſt, deren Bild ihn immer noch mit dem Ausdruck und in der Haltung vorſchwebte, wie er ſie zuletzt geſehen hatte, verlor in dieſer Beleuchtung nicht wenig von ſeiner Seltſamkeit. Die Sibylle, bei deren Anblick und dunklen Reden ein Schauer wie von zukünftigen Uebeln und Gefahren her ihn ergriffen hatte, ſank wieder zu dem verſchmitz⸗ ten, heuchleriſchen Weibe herab, das mit der Kenntniß, die es von ſeinem und ſeines Vaters Charakter und Verhältniſſen hatte, gerade wie mit dem Worte Gottes ein kluges Gaukelſpiel trieb. Und wie von Ellen, war nun von dem rothen Buch, das vor ihm lag, im Be⸗ reich ſeiner Hand, jeder Zauber gewichen. An den Ecken hatte es die Kohlenglut leicht verletzt. Nicht aufs neue ſollte es ihm der Zufall entrei⸗ ßen, Blatt für Blatt wollte er es durchleſen und noch in dieſer Nacht das Geheimniß entdecken, deſſen Kunde ſie ihm ſo leidenſchaftlich vorenthalten. — 151 Nach den erſten Seiten war er überzeugt, daß ſie nur eine romantiſche Komödienſcene mit ihm aufge⸗ führt. Er las in dem Tagebuch des Vaters nichts als die gewöhnlichen Vorfälle des Lebens: Geburten und Sterbefälle, die Ausbreitung der Fabrik, das Wach⸗ ſen des Geſchäfts, von Verluſten in dieſem, von einem erhöhten Auffchwung in jenem Jahre; dazwiſchen lie⸗ fen einzelne Gedanken, Betrachtungen, Lebensblicke, die oft von einer großen Schärfe und Herbigkeit des Gei⸗ ſtes und einer merkwürdigen Einſicht in Politik und Handel zeugten, zuweilen aber auch den untrüglichen Stempel einer augenblicklichen Stimmung, eines Ein⸗ falls trugen. Gewiß mußten ihm, dem Sohne, dieſe Blätter mit der Handſchrift des Vaters, gleichſam der Auszug und die Quinteſſenz ſeines Denkens und ſeiner Thaten, überaus theuer und werthvoll ſein und er fühlte, daß er noch oft zu ihnen zurückkehren würde; aber das, was er in dieſer Stunde darin ſuchte, was Ellen hatte bewegen können, das Buch ſo ſorgſam vor ihm zu hü⸗ ten, vermochte er nicht darin zu finden. Hier und dort ſtand eine Aeußerung über ihn; der Vater klagte über ſein fahriges und läſſiges We⸗ ſen, ſeine geringe Anſtelligkeit in allen praktiſchen Dingen, er verurtheilte ſeine künſtleriſchen Liebhabe⸗ reien, ſein vornehmes Weſen, die Verzärtelung, die ihm die Mutter zu Theil werden ließ. Es war für Bruno heute peinlicher als jemals, folgendes ſtrenge Urtheil zu leſen: „Bruno hat den ſchlimmſten Fehler für einen Mann, der Vielen gebieten und einem großen Fabrikweſen vorſtehen ſoll: er läßt ſich weder von feſten Principien leiten, noch von einer ſtarken Leidenſchaft fortreißen, ſondern handelt nach zufälligen Eindrücken und Ge⸗ müthswallungen, iſt heute verwegen genug, eine Mil⸗ lion aufs Spiel zu ſetzen, und fürchtet ſich morgen vor dem Verluſt von tauſend Thalern. Er möchte reich ſein und weiß nicht, ob er ſeinen Reichthum ver⸗ mehren, weiſe genießen oder thöricht vergeuden ſoll. Am liebſten würde er noch alles Drei zuſammen thun, wenn es ginge. Einmal ſpielt er den ſtolzen, unbeug⸗ ſamen Herrn, das andere Mal ſchwärmt er für die So⸗ cialiſten und wird es verſuchen, nach den Lehren die⸗ ſer Tollhäusler ſeinen Arbeitern ein menſchenwürdige⸗ res Daſein zu bereiten. Er iſt im Stande, ſich in ein Fabrikmädchen zu verlieben und einen Monat lang den Gedanken mit ſich herumzutragen, ſie zu heirathen. Daß ihm dann nur keine Prinzeſſin oder Gräfin in den Weg kommt— ſonſt baſta! mit dem Fabrik⸗ mädchen.“ Das waren bittere Worte— um ſo bitterer, da die Prophezeiung des Vaters bis auf den letzten Punkt eingetroffen war und auch darin ſich erfüllt hatte, daß ihn nicht eine übermächtige Leidenſchaft, weder der Liebe noch des Ehrgeizes, vorwärts getrieben, ſondern daß er, ſeinen Stimmungen, den Zufällen, den Ver⸗ wickelungen des Lebens gehorchend, in Schuld und Ir⸗ rung gefallen war, wie einer, der einen ſanften Ab⸗ hang allmälig hinabgleitet. Allein wie weh ihm das Urtheil des Vaters auch that— es lohnte ſich nicht, ein Buch zu verbrennen, damit ihm dieſe Zeilen nicht vor Augen kämen. In ſchlimmerer Weiſe waren Vater und Sohn im Leben ſchroff und gefährlich aneinander gerathen. Jetzt konnte Bruno mit einer gewiſſen Wahrheit zu ſeiner eigenen Rechtfertigung ſagen: Ja, ſo bin ich, ein ſchwacher, eindrucksfähiger Menſch. Aber wer hat mich ſo gemacht, wer hat meine Willenskraft gebrochen, als die Erziehungsmethode meines Vaters? Er hat mich in die Zwangsjacke eines Geſchäftsmannes geſteckt; hätte ich meinen Neigungen folgen können! Als ob wir einen Willen neben ihm haben durften— und nun ſpottet er über unſere Schwäche! Je weiter er in der Lectüre des Tagebuchs vor⸗ ſchritt, deſto ſtärker trat ihm die düſtere Weltanſchau⸗ ung, die Verbitterung, die Härte des Vaters gegen ſich und gegen Andere entgegen. Er hatte ſeinen Va⸗ ter niemals für glücklich gehalten, aber nicht geglaubt, daß er ſelbſt die Troſtloſigkeit ſeines Zuſtandes und ſein Unbefriedigtſein, bei all ſeinem Reichthum, inmit⸗ ten ſeiner Arbeit und Geſchäftigkeit, ſo lebhaft empfun⸗ den habe. Vollends ſchienen der Tod ſeines Lieblingsſohnes, ſeiner Gattin, das wachſende Leiden ſeiner Tochter, das ſich als ein unheilbares herausſtellte, ſein Gemüth verdüſtert zu haben. Als ein klarer, nüchterner Kopf, ein Skeptiker in Allem, was die Welt der Gedanken und Phantaſien betrifft, war er den Tröſtungen der Religion wie der Philoſophie unzugänglich. „Wir müſſen uns fügen“, hatte er unter die Be⸗ merkung, daß die Aerzte Emma's Krankheit für eine unaufhaltſam vorſchreitende Nervenzerrüttung und Lähmung erklärt, geſchrieben,„da wir Würmer ſind, Staubgeſchöpfe, deren höchſte Beſtimmung darin be⸗ ſteht, den Staub zu vermehren; aber man verlange von uns nur nicht Bewunderung des Schöpfers oder des herrlichen Weltalls. Das Leben iſt ein Fluch. Und das Elend der Menſchen iſt es, daß wir uns nicht einmal an der Urſache, der wir dieſen Fluch ver⸗ danken, rächen können. Schreie doch, brülle, ſtöhne, 455 wimmere, raſe— lächerlicher Prometheus, wer hört's, wer beachtet's? Duck' dich und verrecke!“ Da machte es denn doch einen merkwürdigen Ein⸗ druck auf Bruno, als er unter dem Datum des 30. October 1863 las: „Die engliſche Geſellſchafterin angekommen. Auf dem Hamburger Bahnhof. Wolfhart hatte ſie in das Haus gebracht. Ihre Erſcheinung entſpricht der Schil⸗ derung, die mir Perkins und Lady Darlington von ihr gegeben; ſie nennt ſich Ellen Wood und ſah bei Lampenlicht wie ein Engel aus, den ich einmal in Dresden auf einem italieniſchen Bilde lange angeſehen hatte— weiß nicht mehr warum und habe auch den Namen des Malers vergeſſen. Sie ſpricht gebrochen deutſch.“ In eigenthümlicher Spannung las Bruno weiter: „15. November 1863. Miß Wood gefällt mir immer beſſer; ſie iſt ſtill, anſpruchslos und hat ein leiſes Weſen. Für Emma hiätte ich keine beſſere Ge⸗ fährtin finden können; ſie verſteht es, das Kind zu unterhalten, zu zerſtreuen und mit einer Aufmerkſam⸗ keit, die ebenſo rührend wie unermüdlich iſt, für ſie zu ſorgen. Emma iſt erſichtlich munterer geworden, ſeit ſie im Hauſe iſt. Ihr Methodiſtenthum will mir nicht behagen, aber was kümmert's mich? Jeder nach 156 ſeiner Facon. Und zum Kopfhänger und Mucker iſt Niemand bei mir zu machen. Wenn ſie der armen Emma die Herrlichkeit des Paradieſes in Roſenfarben ſchildert, um ſo beſſer. Da hat die traurige Kranke doch eine Hoffnung, eine Ausſicht in eine himmliſche Landſchaft. 6. December 1863. Ein ſehr gutes Geſchäft ab⸗ geſchloſſen; zwanzig Locomotiven ſind bei mir beſtellt worden. Meine Papiere geſtiegen. Eine neue Dampf⸗ maſchine geprobt, die weniger Feuerung gebrauchen ſoll. Wann werden wir bei unſerer ſündhaften Ver⸗ ſchleuderung der Kohlen die letzte in Rauch verwandelt haben? Alter Träumer, du wirſt es nicht mehr erle⸗ ben. Ob die Erde einmal erkaltet, erſtarrt, zerſpringt, ſich in Weltnebel auflöſt? Kann ſein, kann ſein, auch nicht. Alles iſt möglich und gewiß iſt nichts. Ich philoſophire noch unter der Einwirkung unſeres Tiſch⸗ geſprächs. Wir waren heute unſer ſechs, Emma, Miß Wood, Clara— die Mädchen hatten zuſammen eine Spazierfahrt gemacht und es wäre hart geweſen, das arme Ding vom Tiſch auszuſchließen; iſt aber ein Unrecht gegen ſie; man verdreht ihr den Kopf, ſie iſt doch nur eine Dienerin, ich werde ihr unter meinen Werkmeiſtern einen guten Mann ausſuchen— alſo die drei Mädchen, unſer Arzt, mein alter Freund 157 Rumberg und ich. Wir haben, wie Miß Wood ſagen würde, über die Geheimniſſe Gottes geſprochen. Sie hat ſich ſehr tapfer gegen uns vertheidigt— es hielt ſich natürlich Alles in den Schranken der Plauderei. Dabei iſt mir ein neuer Zug an Miß Wood aufgefallen; ſie iſt ſehr ſtolz und blickt mit einer gewiſſen Verachtung auf uns Ungläubige herab; das Schlimme iſt, daß ſie ihren Hochmuth hinter einer übertriebenen Beſcheiden⸗ heit und Süßlichkeit der Rede verbirgt. Das gefällt mir nicht. Uebrigens hält ſie ſich vortrefflich; ſie iſt ernſt, zurückhaltend, immer nützlich beſchäftigt, ganz anders als die laute, ruſchelige Clara, die ſtundenlang müßig in die Wolken ſtarrt. Das Frauenzimmer muß heirathen... Sollte in Miß Wood doch ein weibli⸗ cher Tartuffe ſtecken? Auf ſeiner Hut ſein kann nicht ſchaden. 20. December 1863. Immer glücklicher Fort⸗ gang meines Geſchäfts, meiner Unternehmungen, und immer größer wird die Einſamkeit um mich her, immer krauſer meine Stirn. Ich bin allein, ohne rechte Freude und Theilnahme an meiner eigenen Arbeit, an dem, was Andere ſchaffen. Ja, meine Maſchinen. Aber die Maſchinen ſind fühllos und ſtumm. Meine Arbei⸗ ter— eine rohe ungeberdige Maſſe, die, durch ver⸗ rückte Narrenspoſſen aufgeſtachelt, jetzt nur noch durch 158 Strenge in Zucht und Ordnung gehalten wird. Wer's noch erleben könnte, das Schauſpiel der neuen Welt, den Staatscommunismus! Das heilte mich vielleicht von meinem Menſchenhaſſe, wenn ich ſie in blinder Wuth ſich einander wie Beſtien zerreißen oder alle am Hungertode ſterben ſähe. Dann dauerten ſie mich wohl, während ich ſie jetzt verachte. Höhere Bildung, Menſchenwürde, Gleichberechtigung für Geſchöpfe, die nicht im Stande ſind, auch nur für den nächſten Tag zu ſorgen, die mehr Lohn verlangen, um mehr ver⸗ praſſen zu können, die mit jeder Bildungsphraſe, die ſie erhaſchen, um drei Zoll größer zu werden glauben. Ich bin ich— und nicht jeder Strolch, der als Hand⸗ langer in meine Fabrik tritt, iſt mein Bruder. Ich danke ſchön für dieſe Ehre. Er werde erſt, was ich bin, durch Kraft und Glück, dann wollen wir weiter ſehen. Drei Viertel der Menſchheit werden bis ans Ende der Erde in Dürftigkeit und Rohheit leben und ſchließlich verkommen, ſo war's vor ſechstauſend Jah⸗ ren in Egypten, ſo wird es nach ſechstauſend Jahren auch noch ſein. Klagt, jammert, verſucht's, den Him⸗ mel zu ſtürmen, ändern werdet ihr das Weltgeſetz nicht. Wer muthig iſt, kann ſich ja durch einen Sprung ins Nichts leicht und anſtändig ſalviren. Der allge⸗ meine Fortſchritt iſt ein blödes Wort. Einzelne that⸗ 459 kräftige Leute ſind überall emporgekommen; in Aſien ſind aus Sklaven Könige geworden. Armuth und Reichthum gehen wohl von dem einen zu dem an⸗ dern über, aber ſie ſelbſt bleiben ewig, wie die Pole der Welt, ſich gegenüber. Und ſind wir Reichen denn glücklich? Was iſt mein Leben? Aengſtlich be⸗ wache ich den Athem eines kranken, unrettbar einem frühen Tode verfallenen Mädchens. Für wen habe ich gearbeitet? Für einen Sohn, der mich ſo wenig liebt, wie ich ihn liebe. In ſeiner Weiſe iſt Bruno gut und edel, aber von allen Menſchen wäre er der letzte, den ich mir zum Erben und Nachfolger auserwählt. Wel⸗ chen Zweck hatte alſo mein Daſein? Ich kann das Geld mit vollen Händen verſtreuen— an Unwürdige; für gemeinnützige Ziele und Anſtalten, will ſagen, zur Beförderung des Müßiggangs, der Bettelei und der bettelhaften Geſinnung. Alle denkbaren Genüſſe kann ich mir verſchaffen, um mir allerlei Krankheiten und Schmerzen, Langeweile und Ueberdruß theuer zu kau⸗ fen. Schal, eitel, nichtig, unheilſchwanger ſind die Freuden dieſer Erde. Und die drei großen GCöttinnen: Liebe, Freundſchaft, Tugend— ſie müſſen ſich vor meinen grauen Haaren und den Runzeln meines Ge⸗ ſichts fürchten, denn ich bin ihnen noch nicht begegnet. Die Handlungen der Menſchen entſpringen aus Selbſt⸗ 160 ſucht und vor einem Haufen Geldes werden die tu⸗ gendhafteſten Männer zu ſchweifwedelnden Hunden und die ſittſamſten Frauen zu frechen Buhlerinnen. Der Menſch iſt gleich bereit, ſich zur Waare zu erniedrigen, ſobald nur der angemeſſene Preis geboten wird. Aber auf tauſend und aber tauſend fällt es Niemand ein zu bieten und ſie bleiben, was die andern tugendhaft nennen, weil ihnen Gelegenheit und Verſuchung fehlen. Viele haben eine übertriebene Meinung von ihrem Werthe und verſchmähen den geringen Preis, den der Käufer für ſie zahlen will; ſo ſpielen ſie anfangs die Verachter des Goldes, bis ſie zuletzt in die Klaſſe jener hinabgeſunken ſind, die als unverkäufliche Waa⸗ ren den großen Kehrichthaufen der Welt bilden. Welch ein Thor bin ich, mit meiner Galle das Pa⸗ pier zu beflecken! Wem nützt es? Ich will noch eine Seite im Lucretius leſen. ,6. Januar 1864. Bruno iſt von ſeiner Reiſe durch Frankreich zurückgekehrt. Im Ganzen ſieht er männlicher aus und ſcheint ſeine Zeit doch nicht ganz nur mit Kindereien, Phantaſtereien und noblen Paſſio⸗ nen hingebracht zu haben. Er hat die großen Maſchi⸗ nenanſtalten des Landes nicht ohne Nutzen beſucht. Wir haben uns beide Mühe gegeben, in der erſten Un⸗ terredung frühere Streitigkeiten zu vergeſſen, ein herz⸗ 161 licher Ton iſt aber doch nicht aufgekommen. An gutem Willen läßt er es nicht fehlen, allein es geht ihm wie mir wider die Natur. Er wird nicht hier wohnen, ſondern ganz nach der Stadt überſiedeln. Emma gefiel dieſer Entſchluß offenbar nicht, dafür hatte er meinen ganzen Beifall. In demſelben Hauſe würden wir zu oft an⸗ einander gerathen. Ich bin neugierig, was Miß Wood über ihn urtheilen wird. Ich glaube, Emma hatte ihm heimlich die Photographie ihrer neuen Freundin geſchickt, denn er bezeigte nicht die geringſte Verwun⸗ derung bei dem Anblick der Miß Wood. Und ſie iſt doch eine ſo eigene Erſcheinung, daß ſie Jeder mit Intereſſe betrachtet. Sie hatte ſich dagegen von ihm eine andere Vorſtellung gemacht; ſie ward blaß und zitterte, als er ſie anredete. Bei Tiſche iſt er zu Emma ſehr liebenswürdig geweſen. 7. Januar 1864. Drei Stunden— wahrhaftig drei volle Stunden mit Miß Wood allein geredet! Die Freude über die Ankunft ihres Bruders hat die arme Emma tief erſchüttert; ſie hat heute früher als ſonſt ihr Bett aufſuchen müſſen und Clara auf⸗ gefordert, bei ihr zu bleiben. Was iſt das? Die beiden Mädchen haben heute fortwährend die Köpfe zuſammengeſteckt. So darf es nicht länger gehen, Clara wird verbildet, läuft am Ende zum Theater oder fällt Frenzel, Silvia. III. 11 162 der Schande anheim. Ich ſaß alſo an unſerem Tiſch mit Miß Wood zuſammen— waren einſt unſer fünf darum geweſen... Miß Wood verſtand und wür⸗ digte meine Stimmung; ihr ruhiges, geräuſ chloſes Walten, ihre Aufmerkſamkeit auf meine Wünſche hat ſchon für ſich allein etwas Wohlthuendes und Befreiendes. Da iſt keine heftige Geſchäftigkeit, die mich verdrießt, keine Aufdringlichkeit, Alles geht mit einer gewiſſen Stille vor ſich. So hatte ſie bald meine Verſtimmung und meinen Trübſinn nicht verbannt, aber doch gemildert. Ich bemerkte jetzt erſt, daß ihre bloße Anweſenheit Be⸗ haglichkeit ſchuf. Nachdem wir von Emma's Zuſtand geſprochen, kamen wir auf Bruno zu reden. Sie hoffte, daß die Lebhaftigkeit des Bruders günſtig auf die Schweſter zurückwirken würde, und rühmte die Friſche ſeiner Darſtellung— er hatte uns viel von den Werk⸗ ſtätten und Hohöfen im Creuzot erzählt. Taktvoll überging ſie jede weitere Erörterung. „Ein junger Mann und ein junges Mädchen, wenn ſie ſich zum erſten Male ſehen“, ſagte ich,„empfangen doch einen ſehr beſtimmten Eindruck voneinander, einen erſten Anklang von Liebe oder Haß. Halten Sie mit Ihren Empfindungen nicht zurück, Miß Wood.“ Ihre klug gewählten Ausdrücke waren mir wie Heuchelei und Verſtellung erſchienen. 163 „Von Liebe oder Haß wird nie zwiſchen Herrn Bruno Greif und mir die Rede ſein“, entgegnete ſie mit jener vornehmen Gemeſſenheit, die mich ſo recht das Unpaſſende meiner vorlaut barſchen Frage em⸗ pfinden ließ.„Ich ſchätze ihn hoch als Ihren Sohn und kann keinen andern Wunſch haben, als mir ſeine Achtung zu erwerben, ſolange ich das Glück habe, in Ihrem Hauſe zu ſein. Darüber hinaus trennt eine tiefe Kluft, nicht nur der Stellung und des Ranges, ſondern auch der Anſchauungen, ihn und mich.“ „Der Anſchauungen?“ mußte ich nun doch lachend erwidern.„Hat Ihnen Emma von ſeiner Freigeiſte⸗ rei vorgeplaudert? Aber wir können doch nicht alle gläubig ſein— ich bin es noch weniger als mein Sohn, und wir beide ſind bisher doch leidlich mit⸗ einander ausgekommen, meine Sie, Miß Wood, und mich.“ „Das beweiſt nur meine Anſicht, daß bei Ver⸗ ſchiedenheit der religiöſen Vorſtellungen Menſchen ſich wohl gegenſeitig hochſchätzen und freundlich nähern können“, antwortete ſie,„aber daß darüber hinaus ein innigeres Verhältniß unmöglich iſt oder mir doch unmöglich erſcheint.“ „Oho, was hat die Liebe mit Gott und Unſterb⸗ lichkeit zu ſchaffen?“ 114 164 Ich fand plötzlich ein Vergnügen daran, ſie in die Enge zu treiben. Aber ich wurde ſchön abgefertigt. „Die Liebe, Herr Greif, von der Sie doch allein ſprechen können“, ſagte ſie ohne jede falſche Ziererei, „die tugendhafte Liebe ſollte der Hoffnung entſagen können, daß ſie über das Grab hinaus dauert?“ Darauf wäre nun Manches zu erwidern geweſen, aber ſie hatte Recht, ich durfte ihr nicht mit Schopen⸗ hauer'ſchem Naturtrieb und Naturalismus kommen. So fingen wir denn ein anderes Geſpräch an, das unmerklich doch wieder in das frühere Geleiſe einlief. Sie erzählte mir von ihrem Leben in Folkeſtone bei der Familie Darlington. Wie merkwürdig! Sie iſt ein überſpanntes, romantiſches Frauenzimmer, der aber die Wunderlichkeit ſo leicht und hold ſitzt wie ihre Kleider. Immer fällt mir der Engel ein, der mit dem Lilienſtabe in der Hand der Maria die Botſchaft Gottes bringt. Von einem Londoner Straßenpflaſter einen Betrunkenen und Verwundeten mit ſich nehmen, ihn verbinden, pflegen, ſich Unannehmlichkeiten und falſchen Gerüchten ſeinetwegen ausſetzen— und das Alles aus Mitleid, ohne zu wiſſen, weſſen man ſich er⸗ barmt... Wenn mir Perkins nicht in ſeinen Briefen dieſe Geſchichte angedeutet hätte, der Brief der Lady mir nicht vorläge, würde ich das Ganze für eine Fabel 1 165 halten. Und dieſe Seelengröße des Mädchens ver⸗ leugnet ſich auch ſpäter nicht. Der junge Menſch ver⸗ liebt ſich in ſie— ſehr natürlich, Bruno würde in dem gleichen Falle denſelben dummen Streich machen; er hat Ausſicht, einmal die Pairie zu erben, da ſein älterer Bruder, wie Ellen ſagt, kränklich und hinfällig iſt; Himmel und Erde ſetzt er in Bewegung, das Mädchen zu einer heimlichen Trauung zu bewegen, ſelbſt der Vater wird für den Plan gewonnen— ſie bleibt in ihrer Entſagung unerſchütterlich und verläßt lieber das Haus, als daß ſie den Frieden zwiſchen Mutter und Sohn geſtört hätte. „Das iſt heldenmüthig“, habe ich ihr am Ende ihrer Geſchichte geſagt.. „Wenn Gott in uns und mit uns iſt—“ ent⸗ gegnete ſie mit jenem Augenaufſchlag, der mir immer noch zu rathen aufgibt. Bald nachher haben wir uns gute Nacht gewünſcht. Sie iſt das eigenthümlichſte Frauenzimmer, das mir in meinem Leben begegnet iſt. Während ich ſonſt alle Ueberſpanntheiten und Schwärmereien haſſe, finde ich ſie dem Ausſehen, der Haltung, dem Gange— er hat etwas Schwebendes— der Rede der Miß Wood durch⸗ aus angepaßt und in Harmonie mit Allem; es würde mir jetzt ſchon etwas fehlen, wenn ſie weniger wunder⸗ 166 lich wäre. Wunderlich oder ſeraphiſch? Das Deutſche ſpricht ſie jetzt ſchon fließender, natürlich mit manchen Irrungen. 12. Februar 1864. Einen großen Zank mit dem alten Wolfhart gehabt. Was dieſe Menſchen ſich ein⸗ bilden! Er hat mir treu und redlich gedient, iſt er darum mein Herr geworden? Kümmert es ihn, daß ich Miß Wood mein Vertrauen ſchenke? Thut ſie ihm Eintrag? Die Einrichtungen, die ſie getroffen hat, be⸗ zwecken nur Emma's und meine größere Bequemlichkeit. Nicht die geringſte Thatſache hat er wider ſie vor⸗ zubringen gewußt. Statt jedes Beweiſes wiederholte er ſein beſtändiges:„Und ſie iſt doch eine Muckerin!“ —„Hindert Dich das, Deine Pflichten zu erfüllen?“ Darauf iſt er mir die Antwort ſchuldig geblieben. Der Neid verzehrt dieſen Menſchen; habſüchtig und prahleriſch war er immer. Nun demüthigt ihn die höhere Natur, die Uneigennützigkeit und Beſcheidenheit dieſes Mädchens. 13. Februar 1864. Mit Miß Wood über die Wolfharts geſprochen. Welch ein Friede, welche Stille iſt doch über und um ſie ausgegoſſen! Sie hat den ganzen Zwieſpalt auf Mißverſtändniſſe des Alten zu⸗ rückgeführt; nicht entfernt habe ſie bei ihren Anord⸗ nungen die Abſicht, ihn zu kränken, gehabt. Hoffentlich ———yjjjÿ ————— 167 nimmt der alte Bär Vernunft an. Ich ſehe aber in der ganzen Angelegenheit ſchon klarer als Miß Wood. In ihrer Unbefangenheit hat ſie auf alle meine Fragen geantwortet, ohne deren tieferen Sinn zu merken. Es ſcheint ein Liebesverhältniß zwiſchen Bruno und Clara zu beſtehen— offenbar noch eine Kinderei. Aber die Wolfharts haben Luftſchlöſſer darauf gebaut und ſich im Geiſt als halbe Herren im gelben Schloſſe be⸗ trachtet. Die Ankunft der Miß Wood, die Aufnahme, die ſie bei mir gefunden, muß ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Sie fürchten wohl, daß Bruno die Engländerin ihrer braunen Zigeunerin vor⸗ ziehen könnte. Läppiſches Zeug— aber ich muß da⸗ zwiſchen fahren. Solche Schwiegertochter fehlte mir noch gerade, um das Glück des reichen Mannes voll zu machen. Wozu hat man Kinder? Die guten ſter⸗ ben vor der Zeit und füllen unſere Augen mit Thränen und unſere Herzen mit Trauer; die ungerathenen ge⸗ deihen herrlich wie das Unkraut und vergiften mit ihren Schlechtigkeiten uns Spei ſe und Trank. Je mehr Kinder, deſto mehr Unruhe, Sorge und Pein... Mein einziges Vergnügen iſt der Gang der politiſchen Dinge. Bismarck, das iſt mein Mann; Blut und Eiſen und ein geſunder Krieg. Die Schwätzer zum Thor hinaus⸗ gefegt, die Schreier in den Soldatenrock geſteckt, Trommel⸗ 5 168 wirbel und dann in die Schlacht. Wenn ſie ſterben, thun ſie doch etwas fürs Vaterland. Die Völker ſchreien nach Freiheit, während ſie nur in der Knecht⸗ ſchaft dauern können. Bald genug werden die Ame⸗ rikaner erkennen, welch Unheil ſie ſich mit der Skla⸗ venemancipation eingebrockt haben. Am Ende des Jahrhunderts werden ſie nach einem Despoten jam⸗ mern, wie die Juden ehemals nach dem Meſſias riefen. 1. März 1864. Es iſt richtig, mein Herr Sohn hat eine Liebesgeſchichte mit der Clara angefangen, zum Glück in höchſt kindiſcher Weiſe. Er wird es poetiſch nennen. Sie ſchreiben ſich zärtliche Briefe und gehen im Mondſchein ſpazieren. Aus Furcht vor mir wagt er die Sache nicht weiter zu treiben; ich hab' es ja ſtets geſagt, daß er ein Burſche ohne Feuer und Leidenſchaft iſt. Wenn er noch ſpielte, das Mäd⸗ chen in der That verführte— mit Geld läßt ſich Alles zudecken; es wäre doch ein männlicher Zug darin und ich könnte hoffen, daß er dereinſt, nachdem er ſich die Hörner abgelaufen, ein ganzer Mann werden würde. Aber das lebt nicht unſittlich und nicht tugend⸗ haft, nicht gut und nicht böſe, ohne Eifer für die Arbeit, ohne Rauſch im Genuß dahin. Uebermorgen reiſt er nach Steiermark, um ſich die dortigen Eiſen⸗ ——— —— — ———— 169 werke anzuſehen; dem Wolfhart werde ich zeigen, wo ihn der Schuh drückt. Baſta! 20. März 1864. Heute war ein außerordentlich milder und ſonniger Tag; wir hatten bis Sonnen⸗ untergang fünfzehn Grad Wärme. Emma, die ſich erholt hat und recht gut ausſieht, und Miß Wood haben mich in der Mittagsſtunde aus der Fabrik im Wagen abgeholt und all mein Sträuben hat mir nichts geholfen, ich habe mit ihnen nach dem Schlößchen Tegel hinausfahren müſſen. Dorthin hatten die Liſti⸗ gen ſchon einen Diener vorausgeſchickt, wir haben im Gaſthauſe den Tiſch gedeckt gefunden, Emma ihren Rollſtuhl, um ſich durch den Garten fahren zu laſſen. Den See entlang über Saatwinkel ſind wir nach dem gelben Hauſe zurückgekehrt. Ein reiner Freudentag. Emma hat wie ein Kobold gelacht, daß ſie mich über⸗ liſtet und mich einmal„freigehalten“; auch Miß Wood hat herzlich in den Scherz eingeſtimmt. Ich hätte nie gedacht, daß ſie ſo aus voller Kehle lachen kann— und wie gut ſteht ihr dies Lachen! Wie ſie ſich in meine und Emma's Eigenheiten eingelebt hat, iſt kaum zu beſchreiben. Ihre angeborene Herzensgüte, ihre Selbſtloſigkeit erleichtern ihr freilich eine ſolche Hin⸗ gabe, ein ſolches Aufgehen in und für Andere, aber man merkt ihr auch nicht den Schatten eines Zwanges 170 an. Sie bewegt ſich in unſerer Mitte, nur für uns ſorgend, in einer Freiheit, Würde und Anmuth, daß man ſie ſich gar nicht in einer andern Stellung, in einem andern Rahmen denken mag. Was ſollte aus uns werden, wenn ſie uns verließe?“ Das erſte„uns“, ſah Bruno jetzt, war ausge⸗ ſtrichen und„Emma“ darüber geſchrieben, als hätte der trotzige Mann ſich ſpäter eines ſolchen Bekennt⸗ niſſes geſchämt. „31. März 1864. Nach Tiſche habe ich mit Miß Wood ein längeres intereſſantes Geſpräch geführt. Wir fingen von Reiſeplänen an; der Arzt will Emma der Zerſtreuung und der guten Luft wegen auf zwei Monate nach Wiesbaden und Schlangenbad ſenden; kamen dann auf den Zuſtand der theuren Kranken und verirrten uns allmälig in den Abgrund des Todes. Miß Wood hat ſich eine eigene Theorie, halb nach indiſchen Muſtern, über das Leben nach dem Tode ausgedacht; die Seele wandert nach ihr von der Erde, nach den nächſten Planeten, je nach ihren Fähigkeiten und nach einem längeren Verweilen an dieſem Auf⸗ enthalt, nachdem ſie dort zugleich weiſer und mora⸗ liſch beſſer geworden, ſchwingt ſie ſich zu einem an⸗ dern Sterne auf. Eine unendliche, unabſehbare Wanderung! Ich warf ihr ein, daß ſie nur das ————— ——.— 171 irdiſche Sein fort⸗ und fortſetze und durch ihre An⸗ nahme einer ewigen Pilgerſchaft die Menſchheit um das einzig wirkliche Glück brächte: die Ruhe, die uns der Tod verheißt; denn das Paradies der Chriſten ſei ein ſeliges Ausruhen, und die Vernichtung, an welche wir Materialiſten glaubten, ſchlöſſe endgültig das Daſein des Einzelnen ab, Beides wäre im letzten Grund daſſelbe. Aber ſie wehrte ſich wacker; meine Auffaſſung ſei gut für die Müden und die Feigen, die Tapferen und die Strebenden gingen bis ans Ende der Welt. „Und all die Millionen Seelen viehiſcher, roher, wilder und dummer Menſchen— denn die Mehrzahl der Menſchen iſt elender, dümmer und armſeliger als die Thiere— wollen Sie auf die Sterne verſetzen?“ „Warum nicht? Fliegen die Spatzen nicht auch in die Luft? Nur kommen ſie nie dahin, wo der Adler horſtet.“ Und ſo weiter. Flauſen, ſo das Eine wie das Andere. Aber iſt es nicht angenehm, ein junges hübſches Mädchen um ſich zu haben, mit dem man über ſolche Dinge plaudern kann, ohne befürchten zu müſſen, daß ſie einem davonläuft oder dabei einſchläft? Miß Wood hat einen ernſten Sinn, ſie ſtrebt und ſucht nach der Wahrheit; keineswegs ſchlägt ſie wie die heuchleriſchen Pietiſten oder die introleranten Pfaffen ein Kreuz gegen 172 ein philoſophiſches Buch. Kennen lernen will ich Alles, hat ſie mir neulich geſagt, allein mein Glaube wird durch mein Wiſſen ſchwerlich eine Aenderung erfahren; die Empfindung iſt die Wurzel des Lebens und des Glaubens, nicht der Verſtand. 5. April 1864. Jeder muß das Exempel ſeines Daſeins auf eigene Weiſe löſen und es gibt die ver⸗ ſchiedenſten Arten, es glücklich zu löſen. Es iſt eine Täuſchung, daß mehr des Unglücks als des Glücks auf Erden vorhanden ſei; eine Täuſchung, die daher entſpringt, daß der Betrachter bei aller Weite und Schärfe ſeines Blickes doch immer nur die eine Art Glück, die er fühlt, verſteht und würdigt, in den menſchlichen Zuſtänden ſucht und die übrigen überſieht. Meinungen Miß Wood's gegen Schopenhauer's Welt⸗ elend. Als Beweis erzählt ſie folgende Thatſache: Ein ſchrecklich durch eine Maſchine verſtümmelter Ar⸗ beiter ward nach Folkeſtone gebracht und dort verpflegt; er litt die furchtbarſten Schmerzen. Da erlaubte ihm der Arzt zu rauchen. Der Lord ſchenkte ihm ein Dutzend guter Cigarren, und in ſeine Rauchwolke ſich einhüllend, vergaß der Verſtümmelte ſeine Leiden und war nach ſeiner eigenen Behauptung der glücklichſte Menſch. Dies für das Phyſiſche. Und ſie fragt weiter: kann ſich ein Philoſoph, der an keine Götter —e 3 — 173 glaubt, auch nur annähernd eine Vorſtellung von dem unbeſchreiblichen Genuß machen, mit dem eine arme Wittwe an einem Sonntagnachmittag in ihrem An⸗ dachtsbuche lieſt und in die Hoffnung ewiger Seligkeit und des Wiederſehens ihrer Geliebten ſich vertieft? Weil der Philoſoph dieſen intell ectuellen Genuß nicht empfindet, ſtreicht er ihn einfach aus. So verketzern alle die Liebe, wenn ſie frei von ihr ſind, niemals, wenn ſie unter ihrem Zauber ſtehen... Es hört ſich ganz gut an für diejenigen, die ihr Lebensexempel richtig herausgerechnet haben, ich habe leider das X meiner Gleichung nicht gefunden. Oder wäre der Rechnungsfehler vermieden worden, hätte ich dies außerordentliche Frauenzimmer zehn Jahre früher kennen gelernt? 2. Mai 1864. Aergerlicher Auftritt mit Bruno, der vor einer Woche zurückgekommen. Er nimmt Partei für die Arbeiter, die ſich gegen die neue Fabrikordnung auflehnen. Fehlte mir noch, einen aufrühreriſchen Sohn im Hauſe zu haben. Die Herren Arbeiter können ſich zum Teufel ſcheren; ſie ſind ohne Zweifel freie 3 Leute, aber ich bin auch ein freier Mann. Im gelben Sauſe Zank mit Wolfhart. Es wird nicht eher gut, bis ich ihn aus dem Hauſe gewieſen habe. Sollte mir leid um ihn thun. Nein, warum iſt er ein Wider⸗ . Pein, Sorge, Verdruß, ein beſtändiges Hetzen hin und her... wo iſt Ruhe und Glück? Im Grabe. 7. Mai 1864. Ich habe meine Fabrikordnung nun doch durchgeſetzt. Alle wollten gehen, und wie viele ſind gegangen? Noch nicht ein Dutzend. Ja, Hunger thut weh und ſo viel wie Martin Greif zahlt Keiner. Bruno war ganz verdutzt, als die furchtbare Rebellion wie eine Seifenblaſe zerplatzte. Sei du nur ſelbſt ein Mann von Eiſen, du zwingſt die Andern, du zwingſt zur Noth auch die Cötter. 15.— 20. Mai 1864. Reiſe nach Wiesbaden. Eine paſſende Wohnung und Einrichtung für Emma und Miß Wood gefunden. Sonſt macht mir das Reiſen kein Vergnügen. Die vielen Menſchen, mit denen man gezwungenermaßen in Berührung kommt, widern mich an; ſie ſind zudringlich, neugierig, Schwätzer und Lärmmacher. Das ganze Affenthum der Menſchheit kommt auf Reiſen zum Ausdruck. Ich lobe mir ein ſtilles, wohlverſchloſſenes Haus. Im Eiſenbahnwaggon, im Gaſthofe, an der Table d'hôte— überall Hansnarren, die ſich als Weiſe aufſpielen, jeder in einem andern Humor und alle gleich unausſtehlich. Von den Wei⸗ bern iſt gar nichts zu ſagen. Miß Wood erſcheint mir mehr und mehr als eine Ausnahme ihres Ge⸗ beller? Wer mein Brod ißt, hat mir zu gehorchen. e „—— 175 ſchlechts. Ihretwegen habe ich mich ſchon in. ganz curioſe Ideen verloren. So auf der Nachtfahrt hier⸗ her. Hat dies Mädchen ſchon einmal einen Mann geliebt? Dummheit, bin ich ihr Beichtvater? 29. Mai 1864. Vor einiger Zeit auf einer Bilder⸗ auction ein holländiſches Bild gekauft, eine Dame in Blau, das mir wegen einer leichten Aehnlichkeit mit Miß Wood auffiel. Ich habe es heute von dem Re⸗ ſtaurator erhalten, es nimmt ſich nach der Reſtauration vortrefflich aus. Die Aehnlichkeit mit ihr tritt jetzt noch ſtärker hervor; es iſt der Schnitt ihres Geſichts, die Farbe und das Wellige ihrer Haare. Während ihrer Abweſenheit wird es mich an ſie erinnern. Ich habe mich ſo an ihre Gegenwart, ihr Walten im Hauſe gewöhnt, daß es mir ſchwer werden wird, ſo viele Wochen ohne ſie hinzuleben... Uebrigens iſt es ein gutes Geſchäft geweſen, der Banquier Gutmann, der vorhin das Bild bei mir ſah, hat mir gleich das Zehn⸗ fache des Kaufſchillings dafür geboten, veräußere es aber nicht. 3. Juni 1864. Emma und Miß Wood ſind heute nach Wiesbaden abgereiſt; Bruno begleitet ſie. Er iſt ein beſſerer Reiſemarſchall als ich; er hat eine vornehme Weiſe, das Geld auszugeben, ſpielt dabei gern den engliſchen Lord und iſt zu weltſchmerzlich, 176 um ſich über Kleinigkeiten zu ärgern. Nun bin ich ganz allein. Der Garten iſt ſchön, der Raſen grün, golden ſchien die Sonne und doch hat mich ein ſtunden⸗ langes Umherwandeln unter den Bäumen nur ver⸗ drießlich und traurig geſtimmt. Nachher habe ich mit Cursbuch und Karte ihren Weg verfolgt— gerade als ob ſie nach der Negerſtadt Timbuktu reiſten. Iſt es das Alter, das mich ſo wehmüthig macht? 4. Juni 1864. Sie ſind glücklich angekommen. — Hat Lucretius Recht, daß einzig die Furcht die Götter geboren hat? Freilich, bei der Mehrzahl der Menſchen wird er das Richtige getroffen haben. Sie fühlen ſich nur wohl unter der Peitſche, und den un⸗ ſichtbaren Göttern gab ihre Angſt die ſtärkſte Geißel in die Hand. Aber die Klugen, die Pfiffigen? Sind alle Prieſter Betrüger? Das iſt eine unſinnige Be⸗ hauptung, und doch, was können ſie noch fürchten? Immer noch die alten Fabeln, den Tartarus, die Hölle und die ewigen Strafen? Miß Wood ſagt, der Glaube wird aus der Sehnſucht geboren, aus der Sehnſucht nach Harmonie, nach einer Vereinigung von Güte, Wahrheit und Schönheit. So wäre ſeine tiefſte Wurzel die menſchliche Armſeligkeit, das Gefühl der Unzulänglichkeit dieſer Erde, unſeres eigenen Weſens. Mit der Freiheit und Vollkommenheit der Menſchheit 177 hörte die Gottheit auf, oder Beides, Sterbliches und Unſterbliches, verſchmölze ineinander? Tolle Phantaſien, die Menſchen werden ſtets der Peitſche des Sklaven⸗ halters bedürfen, eines irdiſchen wie eines himmliſchen. Und ich, der ich dieſem Zwange entwachſen bin, der ich keine Furcht empfinde— ich haſſe die Menſchen, ich verachte die Welt, ich bin allein. 5. Juni 1864. Summa einer dreiundvierzig⸗ jährigen Thätigkeit, ſeit meinem fünfzehnten Jahre, wo ich das erſte Geld verdiente— eine Million und ein verpfuſchtes Leben. 6. Juni 1864. Zwei Briefe auf einmal erhalten, von Miß Wood und Bruno. Emma iſt von der Reiſe angegriffen und hat ihm nur ihre Grüße und Wünſche in die Feder dictiren können. Miß Wood beruhigt mich indeß über den Zuſtand der Kranken. Der Arzt, habe ſie wohler gefunden, als er nach der Schilderung unſeres Hausarztes vermuthet. Als ob ſolche Anſichten, ſelbſt das beſſere Ausſehen Emma's das Ende um mehr als um Tage und Wochen hinausſchieben könnten! Und doch fühlt man ſich einen Augenblick getröſtet und beruhigt, in einem Tag Aufſchub ſieht man einen Gewinn. Ich quäle mich zwiſchen Furcht und Hoffnung und ſollte doch, da der Ausgang der Krankheit unab⸗ wendlich iſt, der Leidenden ein ſchnelles, ſchmerzloſes Frenzel, Silvia. III. 12 178 Ende wünſchen. Iſt das nun Theilnahme oder Selbſt⸗ ſucht? Ich fürchte, das Letztere. 9. Juni 1864. Bruno iſt zurückgekehrt. Pünktlich thut er, was ihm vorgeſchrieben iſt, aber zugleich läßt er merken, daß er ſich nur dem Zwange fügt. Er verachtet ſich ſelbſt, daß er gehorcht, und hat doch nicht den Muth, offen mit mir zu brechen und der Schmied ſeines eigenen Glückes zu werden.— Miß Wood überſchätzt ihn; ſeine gefällige Form, ſeine Hamlet⸗Stimmung ſcheinen ſie angezogen zu haben. Daß ein ſo ruhiges und überlegenes Frauenzimmer ſich von einem jungen Menſchen, der, im Vollgenuß des Reichthums, aus Abneigung gegen jede nützliche praktiſche Thätigkeit das verkannte Genie ſpielt, ſo täuſchen laſſen kann! Wenn ich nicht zu ſicher wüßte, daß ſie freiwillig eine ganz andere Partie ausgeſchlagen hat, als er eine iſt, würde ich beinahe dem alten Wolfhart Glauben ſchenken. Aber Miß Wood, die engliſche Gouvernante, auf der Jagd nach dem ein⸗ zigen Sohn des reichen Hauſes— das iſt eine Läſte⸗ rung. Unſeliges Mißtrauen, das mit mir groß ge⸗ worden! 7. Juli 1864. Ereignißloſe Wochen. Das Einer⸗ lei der Arbeit und des Lebens gleicht genau dem Auf⸗ und Niedergang einer Maſchine; jetzt fährt der durch 179 Dampfkraft getriebene Hammer nieder, jetzt ſteigt er empor. Waren zu dieſem Zwecke höher begabte Ge⸗ ſchöpfe nöthig? Wie halten wir es nur in dieſer Tretmühle aus? Iſt der Menſch vielleicht die Krank⸗ heit, der Auswuchs der Erde, eine verderbliche Ueber⸗ ſpannung ihrer ſchöpferiſchen Kraft? Mißmuthig ſehe ich Tag um Tag träge dahinſchleichen und weiß nicht, ob ich mich freuen ſoll, daß wieder einer vorüber iſt, oder klagen, daß ein neuer anbricht. Und dabei die Gewißheit, daß die Hand keines Gottes die Urne, aus der tropfenweiſe die ewige Zeit quillt, umzuſtürzen vermag, daß trotz aller Weltuntergänge irgendwelche Weſen ſtets ein Heute und ein Morgen haben werden — man hat ſolchen Gedanken gegenüber nur die Wahl, verrückt zu werden oder dem Abſoluten eine Fratze zu ſchneiden. 3. September 1864. Endlich nehme ich das Buch wieder vor. Wozu dieſe Kritzeleien? Aus Ge⸗ wohnheit. Warum webt die Spinne ihr Netz? Die Langeweile und Oede im gelben Hauſe waren mir uner⸗ träglich geworden, ich bin am 12. Juli nach Wiesbaden . gereiſt und geſtern mit den beiden Mädchen zurückge⸗ kommen. Die Kur in Wiesbaden und Schlangenbad hat Emma gut gethan, ihre Stimmung iſt gehobener. Dieſen Herbſt und Winter bringen wir das theure 12* 180 Kind durch, hat mir heute unſer alter Arzt geſagt, und dabei rieb er ſich freudig die Hände, als verkündige er mir einen großen Sieg oder eine wunderbare wiſſen⸗ ſchaftliche Entdeckung. Dieſen Herbſt und Winter— und dann? Darauf bleibt der Jünger Aesculap's die Antwort ſchuldig. Medicin und Theologie— ein Char⸗ latan mit zwei Geſichtern; beide Künſte verſprechen uns Rettung und machen rathlos dem Tode Platz. Gleich unerforſchlich iſt der einen wie der andern das Geheimniß des Lebens. Wie groß iſt Molière, der beide verſpottet!— Auch mich hat die Reiſe erfriſcht, der Aufenhalt in einer ſchönen Natur, der Müßiggang. Aber ich bin ungerecht, ich vergeſſe die Hauptſache. Was würde das Alles genützt haben ohne die Gegen⸗ wart Ellen's? Eine Kranke und einen Grillenfänger — wahrlich, ſie hatte eine tüchtige Laſt an uns; und mit welch himmliſcher Geduld hat ſie unſere Launen ertragen! An guten und böſen Tagen iſt ſich ihre Aufopferung, ihre Heiterkeit immer gleich geblieben. Ohne Uebertreibung, ohne ein Uebermaß von Hingabe, hinter dem ſich nur eine ſelbſtſüchtige Berechnung ver⸗ ſteckt, hat ſie anſpruchslos und ſtillbeſcheiden die ganze Seelenſchönheit ihrer Natur entfaltet. Wie lange hat ſie ſich geweigert, den kleinen Türkiſenſchmuck von mir anzunehmen, den ſie in dem Schaufenſter eines Ju⸗ 181 welierladens bewundert! Dabei machte ihre Schönheit, ihr anmuthiges Benehmen auf der Promenade, in den Concerten Aufſehen. Sie hatte für Niemand einen Blick— und doch, wenn ſie wollte! Sie würde bald einen reichen Freier finden. Was feſſelt ſie an mein Haus? Die Freundſchaft für Emma? Ihre Armuth? Aber wie leicht müßte ſie ſich eine beſſere Stellung, einen hervorragenderen Platz in der Geſellſchaft erwerben können! Es iſt und bleibt ein Räthſel in ihr. Wozu dieſe Grübelei? Statt dankbar ihre Gegenwart, ihre Anhänglichkeit als ein Geſchenk des Schickſals hinzu⸗ nehmen und Alles zu thun, ſie feſtzuhalten, ſinne ich über Dinge her und hin, die mich nichts angehen. Sie wird bleiben, weil es ihr im gelben Schlößchen gefällt. Ihre Vergangenheit— alter Narr, kannſt du im Ernſt glauben, daß ein Mädchen mit ſolchem Geſicht, mit ſolchem Verſtande vierundzwanzig Jahre hinter ſich hat, ohne Leidenſchaften erweckt und empfunden zu haben? Handelt es ſich um deine Schätze, deine Waaren? 30. September 1864. So wäre nun auch dies Verhältniß gelöſt. Ich habe dem alten Wolfhart den Dienſt kündigen müſſen. Iſt mir übrigens ganz recht geſchehen; warum habe ich die Unverſchämtheit dieſes Mannes ſo viele Jahre lang großgezogen. Von den Menſchen Treue und Dankbarkeit erwarten, iſt über⸗ haupt eine Dummheit, und nun gar von denen, die in unſerer Abhängigkeit ſtehen. Sein Betragen gegen Miß Wood artete in grobe Flegelei aus; je mehr ſie ſich bemühte, ſeine Ungehörigkeiten mit dem Mantel der Liebe zu bedecken, deſto frecher und herausfordernder wurde er. Dabei dauerte das Verſteckſpiel und die ſentimentale Briefſchreiberei zwiſchen Bruno und Clara fort. Als ich dem Alten einen braven jungen Mann aus der Fabrik, meinen tüchtigſten Werkmeiſter mit auskömmlichem Gehalt, von geſetztem Charakter, für ſeine Tochter zum Gatten vorſchlug, lachte er mir beinahe ins Geſicht: Clara ſei ihm nicht für einen Baron feil. Der Hochmuthsteufel iſt in die ganze Familie gefahren. Im Laufe des Octobers müſſen ſie dies Haus räumen; eher wird die Ruhe hier nicht einkehren. Mag er ſich dann einen Grafen für ſeine Tochter ausſuchen. Das Mädchen iſt über ihren Stand erzogen und wird ein ſchlechtes Ende nehmen, ſie hat hitziges Blut und Gefallen am Putz. Da wir alle verderben, verſchlägt's freilich nicht, auf welche Weiſe dieſer oder jener zu Grunde geht. 15. October 1864. Die Wolfharts ſind ausge⸗ zogen; die Einzige, die geweint hat, war Clara. Die beiden Alten ſind beinahe ohne Gruß geſchieden. Fritz ——; 183 wird in der Fabrik weiter arbeiten; er iſt ein wilder Burſche, aber er hat einen trotzigen Willen. Schein⸗ bar geſchah der Auszug ſo über Hals und Kopf, um meine Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit vor den Leuten in das rechte Licht zu ſetzen. Der alte Schelm hatte dabei ſchon ſeit Monaten eine Wohnung in der Stadt gemiethet und eingerichtet. Warum nicht? Er hat mich ja, wie ich heute aus dem Rechnungsbuche der Miß Wood erſah, zwanzig Jahre lang beſtohlen und betrogen. Pfui über das Geſindel! Ich will ein Kreuz über die ganze Geſchichte machen. 30. October 1864. Heute iſt es ein Jahr, daß Miß Wood ins Haus gekommen.„Iſt ſie nicht ein Engel?“ fragte Emma und ihr bleiches Geſichtchen ſtrahlte wie von einem überidiſchen Glanze.„Ant⸗ worte, Papa.“ So nahe mir die Thränen waren, ich zuckte nicht mit den Wimpern und gab nur Miß Wood ſchweigend die Hand. Was ſie für Emma iſt— ich kann es ihr nie vergelten. Bruno hat meine Einladung, zum Mittagseſſen herauszukommen, abgelehnt; in ſeinem Kalender mag der Tag ſchwarz angeſtrichen ſtehen. 27. November 1864. Wie mir das Haus, das Leben ohne Miß Wood vorkommen würde? Ob ich dies läſtige, langweilige, verdrießliche Daſein noch er⸗ — rq— 3 — 1 2 184 träglich fände? Gleich einem warmen Sonnenblick er⸗ heitert und erleuchtet ſie die Dämmerung meines Alters. Wenn ſie mir einmal fehlen ſollte, wie mir eines Tages Emma fehlen wird? Ich weiß nicht, was dieſen ab⸗ ſcheulichen furchtbaren Gedanken in mir erweckt hat, aber er iſt da, mir gegenüber, ein geſpenſtiſcher Schatten, der nicht weichen will. Unnöthige Furcht; wie man gewiſſe Kränkungen der Ehre nicht erträgt, ohne zum Degen zu greifen, ſo überlebt man auch gewiſſe Ver⸗ luſte nicht. Um eines elenden Bankrotts willen haben ſich ſchon Viele das Leben genommen— wenn das Herz, der Geiſt, die Kraft, die uns leben macht, erloſchen ſind, wer wäre ſo feig, den phyſiſchen Faden nicht zu zerſchneiden, der uns in dieſer Jammerhöhle feſthält? 5. December 1864. In allen Sätteln iſt ſie ge⸗ recht. Mit welcher Aufmerkſamkeit hat ſie mir heute zugehört, als ich ihr den Betrieb der Fabrik, die Aus⸗ dehnung des Geſchäfts auseinanderſetzte! Wie klug waren ihre Fragen, welchen lebhaften Antheil nahm ſie an meinen Plänen! Dann haben wir beide bis über Mitternacht hinaus von der Luftſchifffahrt ge⸗ ſchwärmt, ein lenkbares Luftſchiff erfunden und ſind über Gebirge und Meere, über alle Zollſchranken und Grenzpfähle unaufhaltſam hinweggeflogen, hoch über der Erde, in den Lüften, wie der Condor oder noch beſſer der Vogel Greif. Ja, das wäre noch eine Ent⸗ deckung, die zugleich die Schranken des Irdiſchen er⸗ weiterte und den menſchlichen Geiſt von tauſend Vor⸗ urtheilen befreite, die mitzuerleben ſich lohnte. Ihre Augen glänzten von Begeiſterung... ich glaube, wir waren nahe daran, unſer phantaſtiſches Schiff an einen Felszacken der Gebirge des Mondes zu binden, als die Uhr eins ſchlug. Wir ſahen uns beide an und lachten. Aber mit einem ſo geſcheidten, geiſtreichen Frauenzimmer zu reden, iſt ein Genuß, in dem man nur allzu gern und willig die Zeit vergißt; von ihren Lippen klingt ſelbſt das Tolle anmuthig und wie eine höhere Vernunft. 17. December 1864. Emma hat ein kleines Feſt gegeben; ſie hat noch einmal alle ihre Freundinnen um ſich verſammeln wollen. Es hat Miß Wood Mühe genug gekoſtet, ſie davon abzubringen, auch Clara Wolf⸗ hart einzuladen. Auch Bruno iſt erſchienen und hat ſich ſehr liebenswürdig benommen. In ſolchen Dingen iſt er tadellos; ich komme mir da ihm gegenüber immer wie ein alter Bär vor. Er wird die Gaſtfreundſchaft und Geſelligkeit des gelben Hauſes ganz anders in Ruf bringen, als ich es gethan habe. Recht ſo; wenn die Erde erhalten bleiben ſoll, müſſen die Winde bald von Oſten, bald von Weſten her wehen; auf den Gei⸗ 186 zigen und den Murrkopf muß ein Menſchenfreund mit freigebiger Hand folgen. Das Feſt war hübſch; die jungen Mädchen nahmen ſich gut aus und hatten die Köpfe voll Flauſen. Ich konnte freilich die trübe Ahnung nicht los werden, daß dies Feſt ſich im nächſten Jahre für die arme Emma nicht wieder erneuern werde. Wer, was bläſt uns nun ſolche Gedanken und Vor⸗ ahnungen ein? Sie war munterer als je und der Arzt iſt hoffnungsvoll, ſoweit man eben bei ihrem Zuſtande von Hoffnung ſprechen kann. Bin ich ver⸗ dammt, Alles ſchwarz zu ſehen? Obgleich viele unter den Mädchen jünger waren als ſie, war Miß Wood doch die Schönſte. 1. Januar 1865. Wieder ein Jahr zu Ende, ein neues angefangen. Mit denſelben Unbequemlich⸗ keiten, Störungen, falſchen Bezeigungen der Freund⸗ ſchaft und der Theilnahme, den lächerlichen Wünſchen, dem ganzen kindiſchen Hokuspokus wie die früheren. Ich bin in dieſem Jahre nur auf einen unermeßlichen Verluſt gefaßt, den meines Kindes, und bereite mich auf den Schlag vor, feierlicher und ernſter als auf meinen eigenen Tod. Alles verliert an Schrecklichkeit, wenn nan ſich, will ſagen, ſeine Sinne daran gewöhnt. Aber das Gefühl der Oede und Troſtloſigkeit in uns 187 ſelbſt bezwingen wir durch keine Gewöhnung, es wird ſtärker, je mehr wir es pflegen. 15. Februar 1864. Viel Arbeit, Alltäglichkeiten. Es iſt nichts vorgefallen, was ſich zur Aufzeichnung eignete. Für wen ſchreibe ich überhaupt? Ich ſelbſt werde mein Leben nicht wieder im Geiſte durchleben, dazu war es zu ſorgen⸗ und mühevoll, eitel Stück⸗ werk. Aus alter Gewohnheit, vielleicht auch aus Trotz. Denn ich gelte in den Augen derer, die von mir wiſſen, für einen glücklichen Mann. Kommt her und leſt: das iſt das Glück eines Millionenmannes, eines Mannes, der ſich ſelbſt emporgebracht hat und ſtets in eigenen Schuhen ſtand. So groß iſt dies Glück, daß er um keinen Preis ſein Leben noch einmal durch⸗ machen möchte und den Augenblick, wo es ſich auf immer für ihn ſchließt, für den einzig wahrhaft glück⸗ lichen hält. Miß Wood iſt anderer Meinung; ſie behauptet, daß ich die Wirklichkeit nicht rein und ſtill auf mich wirken ließe, ſondern in meinem trotzigen und ſtolzen Sinn Gottes Schöpfte g unwandeln wollte; daß nicht die Dinge Höcker hätten, ſondern daß meine Melancholie ſie ihnen andichte. Meinetwegen; wer hat denn dieſe Melancholie, dieſen unausrottbaren Mißmuth in meine Seele gepflanzt? Bin ich daran ſchuld oder hat mich das Schickſal ſo geformt? Iſt 188 der Menſch nicht ebenſo wie der Grashalm das Kind der Scholle? Miß Wood's Beiſpiel beſtätigt das. Sie hat mir vor einigen Tagen aus ihrer Jugend er⸗ zählt. Wir kamen darauf, als ich ſie fragte, von wem der Amethyſtring herrühre, den ſie nie von ihrem Finger abzöge. Sie iſt in einer kleinen Landſchaft von Maſſachuſetts in einer Methodiſtenfamilie ge⸗ boren; ihre Mutter hat ſie früh verloren und hat ihren Vater als Kind nach England begleitet. Ein Onkel iſt ihr dort in Liverpool geſtorben; er war im Beſitz eines kleinen Geſchäfts und ihr Vater, dem es in der Heimat nicht gut gehen mochte, hat ſich zur Ueberſiedlung nach Europa entſchloſſen, um den Handel des Bruders fortzuſetzen. Während der Ueberfahrt iſt Feuer auf dem Schiff ausgebrochen, ein anglikaniſcher Geiſtlicher, der ſich viel mit dem lebhaften, hübſchen Kinde beſchäftigt, hat ſie mit Gefahr ſeines Lebens aus den Flammen gerettet und in das Boot gebracht Von ihm hat ſie den Ring beim Abſchiede erhalten; ſie trägt ihn zur Erinnerung an ihn, an den erſten Menſchen, der ihr die Größe und Herrlichkeit der Schöpfung, die Tiefe der göttlichen Liebe und Barm⸗ herzigkeit erſchloſſen hat, ſoweit es ihr kindiſcher Ver⸗ ſtand damals begreifen konnte. Nach ihrer Trennung im Hafen von Liverpool hat ſie ihn nie wiederge⸗ —— 189 ſehen. Sie hat eine ſehr gute Erziehung erhalten und iſt noch bei Lebzeiten ihres Vaters als Gouvernante in eine vornehme Familie getreten. Mit der hat ſie Paris und Nizza beſucht. Der Tod ihres Vaters hat ſie zur Erbin eines kleinen Vermögens gemacht; eine unabhängige Stellung ſich zu ſchaffen iſt ſie nach Lon⸗ don gegangen und hat dort den jungen Darlington getroffen. Das Uebrige wußte ich ſchon. Bei einem ſolchen Lebenslaufe begreife ich, daß ſie ſich ein Kind Gottes nennt und ihren Beruf in der Pflege der Kranken, in der Aufopferung für Andere findet. Sie iſt eben ein ſeraphiſches Gemüth. Wem anders gebettet wurde, der hat auch andere Träume. Das Leben ein Traum— wenn er nur anmuthiger wäre dieſer Traum, ein Opiumrauſch, kein Alpdrücken. 3. April 1865. So. Die Chriſten malen ein Kreuz. Requiescat in pace. Das iſt auch vorüber. Fünf Wochen hat ihr Hinſcheiden gedauert; viele Qualen, viele Schmerzen hat ſie aushalten müſſen, aber zuletzt iſt ſie ſanft in das Nichts hinübergeſchlummert. Ihr Tod glich dem Verglühen eines Frühlings⸗Abendroths. Seele meiner Emma, wo du auch biſt, tröſtet ſich Ellen, Gottes Liebe zieht dich zu ſich empor. Ein ſeliger Glaube, den ich nicht mit meinen Einwänden berunuhigen will. Geſtern haben wir ſie unter den Fichten im Garten beſtattet. Ich werde täglich an ihrem Grabe ſitzen und weiß doch, daß ſie nicht mehr iſt, weder über, noch unter, noch auf der Erde. Aus ſolchen Widerſprüchen ſetzt ſich der Menſch zuſammen. In die Bewachung und Pflege der theuren Kranken habe ich mich mit Ellen getheilt. Auch die Dienerſchaft iſt willig und anſtellig geweſen. Soll ich Ellen vor mir ſelber loben? Ohne ſie würde ich dieſen Schlag nicht überſtanden haben. Ihre Unterhaltung richtet mich auf; ſo wenig ihre Anſichten über die Unſterb⸗ lichkeit unſerer Seele, über ein Wiederfinden der Ge⸗ liebten auf irgend einem Sterne der Wahrheit ent⸗ ſprechen, ſo liegt doch etwas Tröſtliches, Stilles und Beruhigendes darin. Oder ſind es nicht ihre Reden, iſt es nur der Klang ihrer Stimme, der die Ver⸗ zweiflung in mir einwiegt? Sie will das Haus ver⸗ laſſen, unter dem Vorwand, daß ihr längeres Verweilen darin keinen Zweck mehr habe— ahnt, merkt ſie nicht, daß es für mich kein Leben mehr ohne ſie gibt? Mit einem Male Emma und ſie verlieren, das iſt zu viel. Die Finſterniß, die einbräche, würde zu grauſig ſein; und ſie wieder und wieder mit dem dürftigen Licht des Verſtandes durchwandeln zu wollen— der Ge⸗ danke iſt Wahnſinn. 4. April 1865. Es freut mich, daß Bruno 191 meiner Meinung iſt; er glaubt, daß er die einzige Urſache ſein könne, die Ellen aus dem Hauſe treibt. Häßlich genug hat er ſich gegen ſie benommen: er iſt ablehnend und abſprechend, durchaus poſitiv und blaſirt und findet ihree Träume und Viſionen ebenſo ver⸗ ächtlich wie meine Speculationen. Darum will er noch heute mit ihr reden und ſie zum Bleiben bewegen. Du haſt dich an ſie gewöhnt, Du bedarfſt weiblicher Pflege, hat er zu mir geſagt, unmöglich iſt es, daß ſie jetzt fortgehen kann. Ich hindere ſie hier nicht; was wir beide zu beſprechen haben, läßt ſich leichter und beſſer in der Fabrik verabreden als in dieſem Hauſe. 5. April 1865. Sie bleibt; Bruno muß ihr geſtern Abend eindringlich ins Herz geſprochen haben; ſie ſah beim Frühſtück verwirrt, übernächtig, verſtört aus, in ſolcher Aufregung, wie ich ſie vorher nie gefunden. Wir redeten lange miteinander; ſie bedauerte das Miß⸗ verſtändniß, welches zwiſchen mir und Bruno, nun meinem einzigen Kinde, herrſche; es ſei natürlich, daß ſie ſich habe fragen müſſen, ob ihre Gegenwart nicht zur Verſtärkung und Verbitterung der Gegenſätze bei⸗ trüge? Ob ihr Scheiden aus dem Hauſe nicht eine Annäherung Brunv's zu mir herbeiführen würde? Wie immer iſt ſie großherzig, uneigennützig und ſchiebt ihre Anſchauungen und Grundſätze gern den Andern unter. Von dem Egoismus der Menſchen, von der Stärke des Haſſes, von einer unüberwindlichen Gegenſätzlich⸗ keit zweier Naturen ſcheint ſie ſich keine Vorſtellung machen zu können. Zwei Männer von hellem Ver⸗ ſtande, beide gut und edel, Vater und Sohn, wie kön⸗ nen ſie einander ewig fern bleiben? fragt ſie ſich. Daß unſere Lebensauffaſſungen, unſere Handlungsweiſen ent⸗ gegengeſetzte ſind; daß es mich wurmt, ihn zum Erben meiner Arbeit zu haben; daß es ihn empört, meinem Willen gehorchen zu müſſen, will ſie nicht als Grund zur Feindſchaft gelten laſſen. Aber ſie bleibt. Plötz⸗ lich iſt ſie vom Tiſch aufgeſprungen und ſchluchzend davongeeilt. Ich hatte unvorſichtig einen zarten Punkt berührt. Als ich einmal in der Nacht an Emma's Bette ſaß, hatte ſie meine Hand ergriffen und geſagt: „Du würdeſt mir eine große Freude bereiten, lieber Vater, wenn Du mir verſprächeſt, nach meinem Tode Ellen zu heirathen. Ich ſchiede ruhiger von hinnen, wüßte ich Dich in ihrem Arm geborgen. Sie würde Dir meine ſelige Mutter erſetzen und Dich zugleich an Deine Emma erinnern. Bleibt ein Etwas von mir auf Erden zurück, ſo geht es auf ſie über und wird ſie als ein ſanfter Hauch umſchweben. Wenn Du dann mit ihr redeſt, wird meine Seele bei Euch ſein.“ Ich antwortete nicht, allein ich ließ ihre meine Hand. 193 Hat die Sterbende das als ein Verſprechen betrachtet? Vorhin nun, als ich mit Ellen von Bruno redete, ent⸗ fiel mir das Wort:„Wie jeder Erbſohn mag er fürch⸗ ten, daß ſich der alte Vater noch einmal verheirathet.“ Wie von einem jähen Blitzſtrahl erſchreckt, floh ſie aus dem Zimmer. Ich hatte nicht an ſie, nicht an Emma'’s Bitte gedacht... es iſt klar, daß Emma auch mit ihr von dieſer Sache geredet hat. Möglich, daß Bruno eine ironiſche Anſpielung darauf gewagt hat. Er wahre ſich, in mein Recht zu greifen! Sie heirathen— Unſinn, ich bin mehr als dreißig Jahre älter, ein mürriſcher, jähzorniger, rechthaberiſcher Mann. Alles, was ihrer Jugend Vergnügen machen, was ſie reizen und verlocken muß, iſt mir gleichgültig oder ver⸗ haßt. Und doch... Iſt einmal ein Widerhaken in das menſchliche Herz geworfen, je mehr er es zerreißt, deſto feſter hält er es und alle Anſtrengungen unſeres Verſtandes, ihn herauszuziehen, vermehren nur die Schmerzen der Wunde. Hin und her wenden wir den Haken, bohren ihn immer tiefer und laſſen immer reichlicher dabei unſer Herzblut verſtrömen.“ In einem Zuge, ohne ſich zu unterbrechen, ohne beinahe von dem Buche aufzublicken, hatte Bruno bis zu dieſer Stelle geleſen.— Unter den ſchlichten, flüchtig hingewarſenen, ganz Frenzel, Silvia. III. von der augenblicklichen Stimmung und dem zufälli⸗ gen Eindruck abhängigen Aufzeichnungen ſeines Vaters ſah er das Feuer einer heftigen Leidenſchaft glinzmen und langſam um ſich greifen. Noch ſchien der Schrei⸗ ber von dem Brande nichts zu ahnen, der ihn ver⸗ zehren ſollte. „Zurück! Halt' ein!“ hätte ihm Bruno zurufen mögen, aber er beſann ſich, daß es zu ſpät ſei, daß er eine Tragödie läſe, die für immer ausgeſpielt hatte. Sein Mitleid, die Neigung für den Vater, die in ihm erwachte, richteten ſich ins Leere, nur die Theilnahme wuchs, das Ende dieſes Dramas kennen zu lernen. In dieſe Spannung miſchten ſich Unruhe und Furcht. Was er bis zu dieſem Abſatz des Buches geleſen, hatte ihn mit wehmüthiger Trauer erfüllt; deutlich ſtand das Bild der geliebten Schweſter wieder vor ihm; die Spaziergänge, das Liebesverſteckſpiel mit Clara gingen ihm wie die einzelnen Accorde einer Muſik, deren Ver⸗ bindung und melodiſchen Zuſammenhang wir verloren, durch die Seele; aber Thatſächliches, Neues und Un⸗ bekanntes berichteten ihm dieſe Blätter nicht. Sie ent⸗ hüllten ihm in hundert kleinen Zügen und Aeußerungen den Seelenzuſtand eines Mannes, der halb unbewußt mit einer dämoniſchen Leidenſchaft ringt und, ohne es zu merken, dem Zauber eines Weibes erliegt. Die 195 Entwickelung der Tragödie dagegen mußte für Bruno noch eine Ueberraſchung enthalten— eine furchtbare Ueberraſchung. Er hatte gleichſam ein Vorgefühl davon, als er das verhängnißvolle„Und doch—“ ſeines Vaters wiederholte. Der Angſtſchweiß perlte ihm von der Stirn, er wollte aufſpringen, das Buch von ſich werfen. „Bring' es zu Ende“, ſagte da wieder eine andere Stimme in ihm;„das ſei deine Sühne, daß du deinem Vater ſo lange, ſo tief und ſo ungerecht gegrollt haſt!“ „9. Mai 1865. Der Raſen grünt um Emma's Grab, die Blumen blühen. Die Zeit mildert Alles, ſagen diejenigen, die in dieſer beſten Welt nun ein⸗ mal einen Troſt für jedes Leid finden wollen. Wir werden ſtumpfer, das iſt's. Wenn man dem Wolfe die Zähne ausgebrochen, muß er auch mit elendem Fraß vorlieb nehmen. Was kann ein alter Mann wie ich Beſſeres thun, als ſich im Sonnenſchein wärmen und ſeine Blumen begießen? Aber nein— meine Energie iſt noch nicht gebrochen, ich bin noch kein Tropf, der froh iſt, vor dem Gewitterregen irgendwo unterkriechen zu können. Ich ſpüre noch eine eiſerne Ader in mir. Gibt es kein Ziel mehr, das mich lockt? Die Million hab' ich— aber was iſt das Geld? Ein Mittel, um zu Macht, zu Anſehen, zum Genuß zu 13* gelangen. Ich ſoll eine milde Stiftung gründen, meint Gllen, die meinen oder Emma's Namen auf eine dank⸗ bare Nachwelt bringt. Verachte aber den Dank der Nachwelt noch mehr als den der Mitwelt und habe mein Geld nicht für die Strolche und Bettler erworben. Das Schickſal hat kein Mitleid mit mir gehabt, warum ſollte ich es mit Andern haben? Wir leben ſo ſtill aneinander hin; von den Beſchwerden und Nacht⸗ wachen während Emma's letzter Krankheit fängt ſich Ellen langſam zu erholen an. Heute fiel es mir auf, daß ſie kein engliſches Wort mehr in ihren Reden ge⸗ brauchte, wie bisher ſo oft. Ich ſagte es ihr und ſie erwiderte, daß ſie fortan wohl keine andere Sprache als die deutſche reden würde. Darüber erröthete ſie und biß ſich auf die Lippen, als wollte ſie die voreiligen beſtrafen, und ſetzte dann raſch hinzu, ich dürfte mich über ihre ſchnellen Fortſchritte in der deutſchen Sprache nicht wundern, ſie habe in ihrer Jugend eine deutſche Familie in Liverpool gekannt und ſchon damals Worte und Sätze erlauſcht und behalten. „Und Sie bleiben gern in Deutſchland?“ fragte ich darauf. „So kurz mein Aufenthalt bei Ihnen iſt“, ent⸗ gegnete ſie,„iſt mir Ihr Haus doch ſchon zur zweiten Heimat geworden.“ 197 Dabei ſah ſie mich mit einem bittenden Blick an und ich wagte nicht weiter in ſie zu dringen. 11. Juni 1865. Sie hat eine Einladung, bei einer Freundin Emmass einige Wochen auf einem Land⸗ ſitz bei Dresden zuzubringen, ausgeſchlagen; ſie will mich nicht verlaſſen. Mein Trübſinn hätte zugenommen; ob es keine Heilung, keine Zerſtreuung für ihn gäbe? Ich ſollte eine größere Reiſe unternehmen. Dazu bin ich zu ſchwerfällig und allein zu reiſen iſt in meinem Alter kein Vergnügen. „Ihr Alter?“ unterbricht ſie mich und lacht wider Willen. „Wenn ſie mich begleiten könnten“, entfuhr es mir.„Jeder würde Sie für meine Tochter halten.“ Und ſie darauf: „In dieſem Falle, Herr Greif, ziehe ich die Wahr⸗ heit vor: ich bin Ihre Dienerin.“ „Was wäre es ſo Großes, wenn ich Sie adoptirte?“ „Sie haben einen Sohn—“ „Einen ungerathenen— „Den ich achte und in deſſen Augen ich nicht niedrig erſcheinen möchte. Herr Bruno Greif liebt mich nicht, aber er hat mir bisher Gerechtigkeit widerfahren laſſen; ich möchte ſeine gute Meinung auch nicht durch falſchen Schein verſcherzen.“ 198 „Sie ſind ſehr vorſichtig, Miß Wood.“ „Ich bin aufrichtig, Herr Greif, und zugleich über⸗ zeugt, daß Sie mich gar nicht anders wünſchen, als ich bin.“ „Wiſſen Sie, daß Sie im Augenblick wie eine kleine, verſchlagene Hexe ausſehen?“ „Das wußte ich in der That nicht“, entgegnete ſie, bleich werdend,„und bedaure das Mißverſtändniß —“ verneigte ſich und ging. Zum Abendeſſen iſt ſie nicht heruntergekommen. Iſt ſie beleidigt? Was ſtachelt mich auch nur, ſie mit meinen Fragen zu quälen und mit ſchnöden Reden zu kränken? Zweifle ich an ihrer Reinheit und Uneigen⸗ nützigkeit? Elender, der du tauſend Beweiſe vom Gegentheil haſt. Geſtehe es dir doch nur, daß ſie mit dir machen kann, was ſie will. Daß du nicht mehr ohne ſie leben magſt, daß dein Haus, dein Geld, dein Blut ihr gehört. Und ſie ſollte es nicht längſt ge⸗ merkt haben? Wenn ſie eine Kokette, eine heuchleriſche Hexe wäre, wie würde ſie dich ausbeuten! Vielleicht dienteſt du ſchon der Welt zum Kindergeſpött, als neues Beiſpiel der alten Frage: Wie theuer kommt die Liebe den Greiſen zu ſtehen? Alter, grauhaariger Thor— und du willſt die Unſchuld dieſes Mädchens begeifern? Du, den ſie als Schemel für ihre Füße benutzen könnte, wenn es ihr ſo gefiele!... Das ———ʒ——, — —=— + . 1 iſt eine wirre Faſelei, eines Mannes unwürdig. Ich bin einigemal durch die Zimmer gegangen und mein Blut hat ſich beruhigt. In der That ziemt ſich der leichtfertige Ton nicht von mir zu Miß Wood; es muß wieder Ruhe und Gleichmäßigkeit in das Ver⸗ hältniß kommen. 12. Juni 1865. Ellen hat ſich vortrefflich nach der geſtrigen Scene benommen und nicht die geringſte Empfindlichkeit merken laſſen. Nicht mit der leiſeſten Anſpielung iſt des Vorfalls gedacht worden. Am Mittagstiſch erſchien Bruno; ſeit zehn Wochen war er nicht im gelben Hauſe geweſen. In der höflichſten und kühlſten Weiſe hat er ſich Ellen genähert, nur ein⸗ und ein andermal warf er ihr einen ſeiner herausfordernden ſpöttiſchen Blicke zu. Nach Tiſche ſind ſie miteinander in den Garten gegangen. Ich war in meinem Zimmer in meinem Lehnſtuhl eingenickt, das Fenſter ſtand offen und der Wind trug den Schall ihrer Worte— ſie wandelten dicht am Hauſe auf und nieder— zu mir herein. Ich hörte anfangs nicht darauf, bis Bruno ſeine Stimme ſchärfer erhob und ſagte: „Ich halte mich für verpflichtet, Miß Wood, Ihnen ein Gerücht mitzutheilen, das unter der Bekanntſchaft unſeres Hauſes umhergeht; man ſpricht davon, daß Sie meinen Vater heirathen würden.“ —— —— —— 200 „Glauben Sie es?“ erwiderte ſie. „Ich wünſchte nur“, fuhr er fort, ohne ihre Frage zu beantworten,„daß Sie um Ihret⸗ und um unſer aller willen Ihre Entſcheidung bald träfen.“ „Iſt das eine Warnung oder Drohung?“ „Keins von Beidem, Miß Wood; eine einfache Bitte, einem unleidlichen Zuſtande ein Ende zu machen.“ „Wer leidet denn?“ fragte ſie.„Sie wollen nicht verſtehen, daß mich die reinſte Hingebung, die Dank⸗ barkeit und die Zärtlichkeit einer Tochter an Ihren Vater feſſeln— ach, Herr Greif, wenn Sie in meinem Herzen leſen könnten!“ „Es iſt genug“, unterbrach er ſie hart und kurz.„Sie wiſſen nun, Miß Wood, daß ich kein Hinderniß Ihrer Pläne bin.“ Er iſt feig und ſchwach wie immer; ſo ſehr er ſie haßt und meine etwaige Heirath verwünſchen würde, getraut er ſich doch nicht, ihre oder meine Ab⸗ ſichten zu durchkreuzen. Aber dieſem albernen Gerede muß der Grund entzogen werden. Mir freilich iſt ſolch Geſchwätz gleichgültig, ich habe mein Lebtage das Menſchengeſchmeiß gründlich verachtet und nun gar die Müßiggänger und Anekdotenjäger der Hauptſtadt; allein Ellen ſoll nicht länger unter ſolchen Mißdeu⸗ tungen leiden. Sie liebt mich wie einen zweiten Va⸗ 3 ter... Ich will verſuchen, mich auf dieſen Ton zu ſtimmen. Möglich, daß eine Reiſe alle Grillen ver⸗ ſcheucht. Abweſenheit ſoll ja eine Probe der Neigung ſein. Sie ſoll nach Dresden zu ihrer Freundin gehen und ich— nun, ich werde irgend einen ſtillen Ort für mich finden. Murrſt du, altes, trotziges Herz? Hand darauf— iſt es auch eine Wunde, die ich mir ſelbſt zufüge— abgemacht, baſta! Ich will doch einmal ſehen, ob mein Verſtand nicht mehr Kraft genug hat, meinen tollgewordenen Willen zu bändigen. 20. September 1865. Nun ſind wir wieder ſeit fünf Tagen zuſammen. Weder in ihren noch in meinen Geſinnungen hat die Trennung, die Reiſe, der Ver⸗ kehr mit fremden Menſchen die leiſeſte Aenderung her⸗ vorgebracht. In der ungeheucheltſten Weiſe hat ſie ihre Freude ausgedrückt, mich wiederzuſehen. Die Seeluft von Oſtende hat mich in der That gekräftigt und erfriſcht. Es war drollig, wie ſie verrieth, daß ſie in Dresden trotz der Kunſtſchätze der Bildergalerie und aller Zerſtreuungen, die ihre Freundin für ſie erſann, mit heimlicher Sehnſucht an das ſtille gelbe Haus zurückgedacht habe. Da hütete ich wohl meine Zunge und mein Geheimniß. Wenn ſie wüßte, daß ich das Bildniß der blaugekleideten Dame mit mir geführt— nur um täglich etwas wie einen Schatten⸗ riß von ihr vor Augen zu haben! Die ſeelenloſen Photographien kann ich nicht leiden. Scheinbar iſt Alles beim Alten geblieben, aber eine Wandlung iſt doch in mir vorgegangen. Ein Entſchluß iſt in mir gereift— ich werde mein Glück bei ihr verſuchen. Aeltere Männer als ich haben geheirathet, junge Mäd⸗ chen, eitle, flatterhafte, unverſtändige Kinder, und ſind mit ihnen glücklich geworden. Warum ſollte es mir bei dieſem liebenswürdigen, ruhigen und an⸗ muthig gemeſſenen Frauenzimmer fehlſchlagen? Kein vernünftiger Einwand läßt ſich gegen dieſe Ehe erheben. Geſchwatzt, geſpottet, verleumdet wird genug werden — ohne Schwätzer und Verleumder, könnte die men⸗ ſchliche Geſellſchaft, wie ſie einmal iſt, überhaupt be⸗ ſtehen? Und zuerſt und zuletzt: ich will! Sie und ſie allein iſt die letzte Planke meiner Rettung und meines Glücks— ich muß ſie beſitzen oder untergehen. Da will ich doch lieber kämpfen, werben, erobern, anſtatt zu verzweifeln. In mir iſt eine bisher verborgene oder verſchlafene Kraft erwacht, mächtigere Hinderniſſe, als mir hier entgegendrohen, würde ich überwinden. Iſt es der Athem des Meeres, der mir das Herz ge⸗ weitet hat? Jeden Nebenbuhler würde ich beſiegen, vernichten— ſachte, am Ende haſt du gar keinen Nebenbuhler, ſondern nur deine Zaghaftigkeit und ihre 4 203 Scheu und Empfindlichkeit zu beſiegen, die ſich ſträubt, den reichen Mann zu heirathen, weil die Welt ihr Liſt und Heuchelei, Ränkeſucht und Eigenuntz vorwer⸗ fen könnte. Als ob ich nicht beſſer darüber Beſcheid wüßte! Baſta, vorwärts— aber nichts überſtürzt! Ich muß ſie allmälig mit meinem Vorhaben vertraut machen. 1. October 1865. Liebt ſie mich oder liebt ſie mich nicht? Das iſt die Frage. Am Ende eines langen, arbeitsmüden Lebens, nach Gedanken und Betrachtungen, die ſich ſehr weiſe, ſehr tiefſinnig dünkten, auf dieſe Frage eines Jünglings ſich zurückgeworfen zu ſehen! Es fehlte nur noch, daß ich die Blumen zerzupfte und ihren Namen in die Rinde meiner Lieblingsbäume ſchnitte! Aber nein, das iſt es nicht. Die Leiden⸗ ſchaft eines Mannes hat eine düſtere Färbung; je reiner und himmliſcher ſie vor mir ſteht, um ſo wilder und dämoniſcher iſt die Begierde in mir. Bisher haben die Frauen in meinem Leben keine Rolle geſpielt und das Franzöſiſche cherchez la femme! wäre bei mir ganz vergeblich geweſen. Ich habe zu früh über die Narren der Liebe triumphirt— mir war die Tollheit für den Reſt meines Lebens aufgeſpart. Da wirkt das Gift kräftiger. Täglich, ſtündlich ſchlürfe ich es ein— ich ſehe, ich bewundere ſie— warum finde ich den Muth und die Worte nicht, ihr meine Gefühle für ſie zu bekennen? Ich brauche ihren Spott nicht zu fürchten, ich bin keine lächerliche Figur. Was ich beſorge, iſt ihre Erſchütterung. Die ängſtliche Sorge, ihren Ruf rein zu bewahren, treibt ſie vielleicht aus dem Hauſe. Ja, wenn ſie ein Weib wäre wie die andern! Aber was kann einen Seraph verführen? Narr, der ich bin! Habe ich es denn ſchon verſucht, ſie zu verführen? Habe ich den Beweis in Händen, daß ſie der Leidenſchaft, dem Reichthum, dem Glanz einer hervorragenden Lebensſtellung widerſteht? Wie einfach ſie ſich auch kleidet, es iſt immer ein auser⸗ 3 leſener Geſchmack in ihrem Anzug; ſie liebt die Edel⸗ ſteine— ich glaube gar, der Narr in mir will ſie mit ſeidenen Kleidern und einem Armbande beſtechen! 17. October 1865. Nun iſt es heraus— wenig⸗ ſtens die Einleitung. Wir ſind heute bei warmem Wetter lange im Garten umherſpaziert. Der Bild⸗ hauer hat mir die Entwürfe für das Denkmal gebracht, das dereinſt mein und Emma's Grab ſchmücken ſoll. Idee und Ausführung haben Ellen ſehr gefallen, aber ſie hat mich getadelt, daß ich beſtändig von meinem Tode ſpräche und traurigen Gedanken nachhinge. Als ob ich noch eine Freude im Leben hätte, auf ein großes Glück noch rechnen könnte! habe ich geantwortet. —am·· 1 205 „Im Ernſt, Herr Greif, es gibt nichts mehr auf Erden, was Sie erfreut?“ „Sien, habe ich hingeriſſen erwidern müſſen,„Sie, Ellen.“ Sie iſt über und über erröthet und einen Schritt von mir zurückgetreten, dann hat ſie ſich gefaßt und mit möglichſter Ruhe entgegnet: „Das iſt freilich eine ſehr beſcheidene Freude.“ „Es iſt meine letzte; verſprechen Sie mir, bei mir, in meinem Hauſe zu bleiben—“ „Ich habe es ſchon gethan, Herr Greif—“ „Nicht zu gehen, wenn ich Ihnen auch etwas ſagen müßte—“ „Was denn? Sie zittern! Es iſt doch kein Unglück geſchehen?“ „Nein, aber ich hätte Ihnen vielleicht einmal ein Wort zu ſagen, das Ihr Verhältniß zu mir ändern könnte.“ „Herr Greif!“ „Nun ſind Sie Ihrerſeits erſchrocken, Ellen. Sie wiſſen, daß ich Sie liebe— wie eine Tochter liebe, allein Sie kennen auch die böſen Zungen der Welt.“ „Darüber bin ich ſtiller und kühler geworden. Zwei Menſchen, an deren Achtung mir vor allem liegt, verkennen mich nicht, das genügt mir.“ ————-——y— 3.““ ͤöͤͤͤͤͤ11 206 „Und dieſe beiden?“ „Sie ſind es, Herr Greif, und Ihr Herr Sohn.“ „Meinetwegen“, ſagte ich haſtig— mich hatte die Erwähnung Bruno's verſtimmt—„mag Ihnen dieſe Ueberzeugung und das Urtheil des eigenen Ge⸗ wiſſens genügen, allein auf die Dauer werden wir unſer Verhältniß zueinander nicht aufrecht erhalten können. Es iſt etwas Schiefes darin. Um wie viel genußreicher hätten wir den Sommer verlebt, hätten Sie mich nach Oſtende begleitet, Ellen. Wonach wir uns täglich ſehnen, was wir begierig herbeiwünſchen — genug, die Qualen des Tantalus ſind fürchterlich, aber wer ſie ſich freiwillig auferlegt, iſt ein Wahn⸗ ſinniger oder ein Heiliger. Ich bin keins von Beidem; da der Zweig im Bereich meines Armes iſt, will ich verſuchen, den Apfel daran zu brechen. Können Sie es tadeln?“ „Nein“, antwortete ſie und ſtarrte befangen zu Boden. „Ellen“, rief ich aus und breitete ihr die Arme entgegen,„Sie geſtatten mir, um Sie zu werben— „Nicht heute, nicht morgen!“ ſtammelte ſie und drückte die Hände an die Schläfen.„Ich ſtehe wie betäubt. Laſſen Sie mir Zeit zur Ueberlegung.“ Dabei ſah ſie mich mit ihren wunderbaren Augen 207 an, verſchüchtert, holdſelig, halb furchtſam und halb ſiegesgewiß, wie die Bewohnerin eines glücklicheren Sternes, die durch ein Mißgeſchick auf unſere trübe und kalte Erde gerathen iſt, und ſetzte dann leiſe hin⸗ zu:„Ich entfliehe Ihnen ja nicht.“ Hab' ich gewonnen, hab' ich verloren? In mir iſt die Hoffnung ſtärker als die Furcht. 25. October 1865. Hänge dich auf, grauer Narr, hänge dich auf! Kann ſich einer, der eine verwickelte Sache ſo dumm anfängt wie du, über ſeine Niederlage verwundern? Sie verehrt mich wie ihren zweiten Vater, ſie widmet mir die Liebe und den Gehorſam einer Tochter, aber heirathen kann ſie mich nicht. Dieſe Erklärung habe ich von ihr heute bei⸗ nahe gewaltſam erpreßt. In der That, ſolche Be⸗ lohnung verdienten auch meine Thränen, meine Be⸗ theuerungen, meine Wuth. Was haſt du auf deine alten Tage noch den Liebhaber zu ſpielen? Du haſt deine Abfertigung fürs Leben erhalten— das Stück iſt aus, hänge dich auf, es ſoll ein kitzlich angenehmer Tod ſein. 26. October 1865. Warum will ſie mich nicht heirathen? „Lieben Sie einen Andern?“ „Nein.“ „Bin ich Ihnen unangenehm, zu alt, zu häßlich?“ „Nein.“ „Sind Sie verheirathet? Sind Sie Wittwe?“ „Nein. Und das Alles mit einem Ton, einer Miene, keine Veſtalin in Rom hat jemals ſo ſchön und ſo unnahbar ausgeſehen. „Haben Sie geſchworen, Jungfrau zu bleiben?“ „Ich habe nichts geſchworen— ich habe nur eine unüberwindliche Abneigung gegen die Ehe.“ Ich käue ihre Nein wieder, als ob mir das zu einem Ja helfen könnte. Verbirgt ſich hinter ihrer Ablehnung ein Widerwille gegen meine Perſon oder ſteckt ein Mann dahinter? Ich wollte, ich hätte einen Nebenbuhler. Mit meinen Händen würde ich ihn er⸗ würgen. Seine Vernichtung würde das Ziel aller meiner Gedanken und Pläne ſein. In jedem Menſchen ſteckt ein Verbrecher— nein, ein Held. Wer ſeinen Feind niederſchlägt, beweiſt wenigſtens, daß er Muth hat und das Leben verachtet. Sie muß einen Mann lieben, den ſie mir vorzieht— ich will einen Gegen⸗ ſtand für meine Eiferſucht, für meinen Zorn haben... ich will triumphiren... 27. October 1865. Einen Mann, aber wen? Ich kenne Jeden, mit dem ſie verkehrt. Liebt ſie den 209 jungen Darlington? Hofft ſie auf ihn? Aber ſie corre⸗ ſpondirt beinahe gar nicht nach England. Selten geht ſie aus, und kehrt ſie heim, gibt ſie von jeder Geſellſchaft, in der ſie geweſen, von jedem Concert, von jeder Theatervorſtellung, der ſie beigewohnt hat, eine ſo umſtändliche, gelaſſene Schilderung, daß ich wohl merke, ihr Herz iſt unberührt geblieben. Ich habe ſie früher oft wegen ihrer Unempfindlichkeit ge⸗ neckt, warum will ich ſie in meinem eigenen Falle nicht gelten laſſen? Wie die andern Männer bin auch ich ihr gleichgültig. Mit meinen Runzeln, meinen grauen Haaren, meinem Murrkopf, iſt das zum Er⸗ ſtaunen? Nein, es kränkt nur die Eigenliebe aufs tödtlichſte, nicht einem Andern weichen zu müſſen, ſon⸗ dern für die Geliebte ein Nichts, ein Schatten zu ſein. Seinen Gegner tödtet man, Haß kann man in Liebe verwandeln, aber Gleichgültigkeit? Oder verwirrt ihr irgend ein religiöſer Wahn den Sinn? Will ſie ſich zu einer jungfräulichen Heiligen aufſpielen? Halte feſt, mein Kopf, ſonſt macht meine ſechzigjährige Eitel⸗ keit noch Gott Vater zu meinem Nebenbuhler. 30. October 1865. Das war ein Leben dieſe Tage über wie in der Hölle. Dante's Verdammte haben es beſſer, ſie können doch miteinander reden, klagen, fluchen. Ich hatte Niemand zum Vertrauten Frenzel, Silvia. III. 14 210 als mich ſelbſt. Uns beiden iſt es heute unerträglich geworden. „Entlaſſen Sie mich aus Ihrem Hauſe!“ hat ſie mich gebeten. „Meine Liebe, meine Tollheit treibt Sie forte, habe ich geantwortet. Es gab eine herzzerreißende Scene. Was ich ihr geſagt, wobei ich ſie beſchworen— es iſt mir wie ein wüſter Traum. Auf den Knieen habe ich vor ihr gelegen und zugleich hätte ich ſie erwürgen mögen. Aber ſie iſt ſtark geblieben:„Ich kann nicht!“. Damit iſt ſie ohnmächtig zuſammengeſunken. Als ich nach Hülfe ſchrie, haben mich die Diener mit einem Blick angeſehen, als trauten ſie mir eine Gewaltthat, einen Mord zu... Nun ſitze ich da und ſtarre auf das Papier und von der Wand her grinſt mich der Centaurenkopf an. Buch zu, ſo ſchlag' auch das Leben zu. 31. October 1865. Unter der Bedingung, daß ich ihr nie wieder mit meinem Antrage komme, will ſie bleiben. Ich habe nur mit dem Kopfe genickt. 3. Januar 1866. Eine unermeßliche Leere. Auf unbewegtem Waſſer, in fürchterlicher Windſtille liegt das Schiff meines Lebens. Sie iſt ſchön, ſtill und heilig wie immer. Ein paarmal ſind wir zuſammen 211 im Theater geweſen. Ich fange mich langſam an die Rolle des alten Onkels zu gewöhnen an. Bald wird es Leute geben, die erklären, daß ſie mir vortrefflich ſteht. Wie gut, daß uns Niemand ſo in das Herz wie in die Augen ſehen kann. Auch Ellen hat meine Ruhe getäuſcht; ſie glaubt, daß meine Leidenſchaft er⸗ loſchen iſt. In meiner Bruſt aber hat ſich ein Feuer angeſammelt— zuweilen, in der Nacht, wenn ich aus einem Traum auffahre, erſchrecke ich ſelber vor der Glut, die ich in mir fühle; einen von uns dreien — ſie, mich oder den Unbekannten— wird der Aus⸗ bruch meiner Wuth vernichten. Den Unbekannten— denn ſie muß lieben. Es iſt etwas in ihren Augen, es zuckt etwas um ihren Mund— ich kenne jetzt zu genau die Spuren der Leidenſchaft, um mich zu be⸗ trügen. Aber an wen richtet ſich dieſe Liebe? Ewig unbefriedigt wie die meine? An einen Lebenden, an einen Todten? Neulich habe ich mit einem unſerer berühmteſten Irrenärzte geſprochen; er war geneigt, die heilige Katharina und die heilige Tereſa für Irre aus religiöſer Ueberſpanntheit zu erklären, und hat einen Zuſammenhang zwiſchen der weiblichen Natur und ge⸗ wiſſen Vorſtellungen dieſer Heiligen nachgewieſen, der mich überraſcht hat. Sollte auch bei Ellen die ſinnliche Leidenſchaft, die in ihr ſteckt, durch irgend einen Um⸗ 14* 242 ſtand, Zufall, eine ſchreckliche Begebenheit, eine häßliche Erfahrung vom Natürlichen ſich ab zum Himmliſchen, zum Unſichtbaren gewendet haben? Aber ich habe mir ſelbſt verſprochen, gelaſſen zu bleiben, bis... 21. Januar 1866. Mit Bruno wird mir der Umgang immer ſchwieriger und unleidlicher. Hier heraus kommt er nur noch in den ſeltenſten Fällen, meiſt nur, wenn ich eine größere Tiſchgeſellſchaft habe und er ſicher iſt, Ellen nicht zu begegnen. Aber ſelbſt in der Fabrik gerathen wir fortwährend aneinander. Sind die Zügel der Herrſchaft ſchlaff in meiner Hand geworden? Er hat ein ſelbſtſtändigeres Weſen ange⸗ nommen, trifft Anordnungen auf eigene Verantwor⸗ tung... oho, mein Junge, noch bin ich nicht todt! Dazu muß einer der Diener im Hauſe geplaudert und ihm allerlei Fabeln über Ellen zugetragen haben; er macht mir ſtets ein ſo freches Geſicht, als wollte er ſagen: Hat dich die Hexe ablaufen laſſen? Ich bin kein franzöſiſcher Komödienvater, er beſſert ſich— oder geht. 5. März 1866. Mit Ellen iſt keine Aenderung geſchehen. Sie ſcheint meine Leidenſchaft vergeſſen zu haben und meiner Gelaſſenheit zu vertrauen. Wie vordem iſt ſie freundlich, liebenswürdig, rückhaltlos. Daß ich ſie wie ein Argus bewache, merkt ſie nicht. 213 Aber ſie thut freilich auch nichts, was irgendwie meinen Argwohn rechtfertigen könnte. Ich umgebe ſie mit Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, ich überhäufe ſie mit Geſchenken— harmlos nimmt ſie Alles hin. Mir zu Gefallen putzt ſie ſich und freut ſich, wenn ich ihren Anzug lobe. Will ich ſie durch die Citelkeit zu Fall bringen, durch Geſchenke ködern?— Draußen in der Welt fängt es zu ſtürmen an. Am politiſchen Himmel ſteigt ein Gewitter auf. Ich glaube an meinen Bis⸗ marck, daß es zum Kriege kommt. Um ſo beſſer! Wenn Könige und Völker raſen, was bedeutet da meine Raſerei? Wenn Städte in Flammen auf⸗ gehen, kann ich ja auch mein kleines Haus in Brand ſtecken! 15. April 1866. Es geht los. In Oeſterreich, in Italien, bei uns überſtürzen ſich die Rüſtungen. Bruno hat mir heute erklärt, daß er freiwillig in das Gardedragonerregiment, in dem er früher ſein Jahr abgedient hat, eintreten werde; er will den Krieg mit⸗ machen. Das iſt ein heldenmüthiger Zug, den ich ihm im Grunde nicht zugetraut habe. Ellen iſt in großer Bewegung; der Gedanke an blutige Schlachten, an all die Greuel und Uebel, die ein Krieg im Gefolge hat, zerreißt ihr mitleidiges Herz. Ich lobe den Krieg. Kampf und Leben iſt eins. Beſteht nicht zwiſchen 214 mir und Ellen auch ein heimlicher, unterirdiſcher Krieg? 2. Mai 1866. Was iſt das? Bei der Mit⸗ theilung, die ich ihr machte, daß Bruno geſtern wieder des Königs Rock angezogen habe und vielleicht ſchon in den nächſten Tagen nach Schleſien abmarſchiren würde, wurde Ellen bleich wie eine Todte und konnte ſich nur mühſam aufrecht halten. „Und Sie laſſen ihn ziehen“, brachte ſie endlich hervor,„Ihren einzigen Sohn?“ „Im Dienſt des Vaterlandes— er iſt nicht der einzige Mutterſohn in des Königs Heer.“ Sie preßte die Lippen ſo feſt aufeinander, daß auch nicht ein Athemzug hindurchſchlüpfen mochte, wie ſie immer thut, wenn ſie in großer Bewegung iſt, und ſah mich mit einem merkwürdigen Blicke an. Ein Geſpräch wollte nicht mehr recht in Gang kommen. Sollte Bruno der Unbekannte ſein, den ich ſuche? Der Nebenbuhler, den ich... Bin ich zu ungeheuerlichen Thaten auserleſen? Er ſtößt ſie zurück, er behandelt ſie mit kälteſter Gleichgültigkeit— aber die Frauen lieben am meiſten die Männer, die ſich von ihnen ab⸗ wenden, die zur Liebe gleichſam gezwungen werden müſſen. Wäre es möglich? Aber er zieht fort in den Krieg— ich bleibe. Ich habe ſie in meiner Gewalt, 215 ich bin der Herr des Goldes. Hölle und Teufel, ſie ſollen mich nicht ungeſtraft zum Narren gehabt haben. 3. Mai 1866.„Sie lieben Bruno, geſtehen Sie es!“ Sie ſchaute mich groß an. „Wenn ich es thäte, warum ſollte ich es Ihnen nicht geſtehen?“ Ich ſtand wie betäubt:„Weil Sie meinen Zorn fürchten.“ „Ich?“* Sie richtete ſich ſtolz wie eine Prieſterin gegen mich auf. „Ich habe nie den Zorn eines Menſchen gefürchtet.“ „Nie? Und wenn ich Sie tödte?“ rief ich mit funkelnden Augen und packte ihren Arm. Sie machte nicht die geringſte Bewegung.„Ich fürchte für Sie, Herr Greif, nicht für mich.“ Sie war wehrlos, keine Hülfe in der Nähe, ich hätte... Wären nur die Augen nicht geweſen! Zu⸗ weilen hatten ſie den verklärten, feuchten Glanz, der in den Augen der Märtyrinnen auf alten Bildern ſchimmert, dann aber blitzten ſie dämoniſch wie die Augen einer Schlange, die ihr Opfer anſtarrt und feſſelt. Ich konnte endlich ihre Blicke nicht mehr er⸗ tragen, ich ließ ihren Arm los; in meiner Wuth hatte 216 ich die Schleifen von dem Aermel ihres Kleides ge⸗ riſſen. „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Greif?“ fing ſie mit ihrer ſanften Stimme an.„Wie ſehr bedaure ich Sie! Hätten Sie mich doch vor Monaten aus Ihrem Hauſe entlaſſen, ſo wäre ich nicht die Zeugin eines Vorfalls geworden, der mich mit dem tiefſten Schmerz erfüllt. Zu ſpät erkenne ich, mit welchem unnatürlichen Haß Sie Ihren Sohn verfolgen. Weil ich mein Mitleid, meine Angſt und Sorge für einen jungen Mann ausdrücke, deſſen Mutter ich ſein würde, wenn ich Ihren Wünſchen nachgegeben, behandeln Sie mich wie eine Dirne, die Ihnen die Treue gebrochen hat. Ja, tödten Sie mich, wenn das Ihre Wuth befriedigen und Ihren Haß auslöſchen kann!“ So oder ähnlich hat ſie auf mich eingeredet. Mir ſauſte es vor den Ohren; ich blickte unverwandt auf die blaue Schleife, die zwiſchen uns beiden auf der Diele lag; ſie kam mir wie ein Dolch vor. Was ſollte ich ihr erwidern? Ich kann nicht den Schatten eines Grundes für meinen Argwohn anführen, aber der Pfeil ſitzt. Ich weine Thränen der Eiferſucht, des Ingrimms. Des Lebens Inhalt iſt Bitterkeit. Liebt ſie ihn? Ich möchte ihr das falſche Herz aus 217 der Bruſt reißen— Läſterung, ich ſollte mich vor ihr niederwerfen und ihr Alles abbitten. 7. Mai 1866. Heute hat Bruno Abſchied von ihr genommen. Ich habe mich doch getäuſcht. Er hatte ſeine überlegene Miene und ſprach mit erkünſtelter Blaſirtheit von Schlacht und Tod. Es iſt lächerlich, daß ein ſo empfindſamer, willenloſer Burſche den Bla⸗ ſirten ſpielt. Das iſt die Mode der gegenwärtigen Jugend. Sie bewahrte eine ſehr würdige und ruhige Haltung. Wußte, fühlte ſie ſich beobachtet? Aber ſie hat Recht— wenn ſie jetzt ſeine Stiefmutter wäre, könnte ich ihr verbieten, beſorgt und gerührt zu ſein? Und ich will der Freien, die keine Pflicht, kein Ver⸗ ſprechen bindet, eine ſo natürliche Ergriffenheit vor⸗ werfen? Nein, ſo trennen ſich Liebende nicht... Er iſt nun fort aus ihren Augen, bald werde auch ich ihn nicht mehr ſehen— bald... Wird es ein Glück oder Unglück ſein? 15. Juni 1866. Der Krieg iſt da. Es lebe Preußen! Heute früh iſt der alte Wolfhart geſtorben. Er hat ſein ganzes Vermögen verloren. Iſt ihm nach Verdienſt geſchehen. Alle Spieler müſſen verderben. Statt ſein kleines Kapital zuſammenzuhalten, hat er über Nacht reich werden wollen. Nun hat er die Frucht des Reichthums geſchmeckt. 218 18. Juni 1866. Ellen iſt zu der Wittwe Wolf⸗ hart gegangen; ſie will ſich Clara's annehmen. Wie beſchämt ſtehe ich vor dieſem Mädchen da! Sie ver⸗ gibt ihren ärgſten Feinden, ſie iſt mildherzig, frei⸗ gebig... Wenn ein Gott in ihr wirkt und waltet, iſt es ein großer und ein guter Gott. Aber ſind Götter? Preisaufgabe für Akademien. Bruno hat geſchrieben, er iſt wohlauf. 19. Juni 1866.„Was ſoll ich Bruno von Ihnen ſchreiben, Ellen?“ „Daß ich ſeiner oft gedenke und für ihn bete.“ „Sie denken oft an ihn?“ „Sie nicht? Ja, gibt es denn keine Zukunft für Sie?“ „Doch!“ „Und Sie hätten ſich nie gefragt, was die Zukunft für Sie ſein würde, wenn eine Kugel Ihren Sohn dahingerafft?“ „Ich würde nicht einſamer ſein wie jetzt.“ „Sie ſind furchtbar, Herr Greif, Sie— „Will es nicht weiter gehen? Ich komme Ihnen zu Hülfe: Sie wünſchen den Tod Ihres Sohnes! Das wollten Sie mir doch zurufen. Ich wünſche ihn nicht, aber ich bin gefaßt auf Alles.“ „Sein Leben ſteht in Gottes Hand. 219 „Sind Sie Ihres Gottes ſo ſicher?“ fragte ich ſpöttiſch. „Sicherer“, antwortete ſie zwiſchen Mitleid und Trauer,„als Sie Ihres Unglaubens.“ 1. Juli 1866. Nun ſind ſie ſchon wiederholt hart aneinander geweſen. Er iſt unverſehrt geblieben. Hier verkriechen ſich Bismarcks Feinde, armſeliges Nachtgevögel. Der Begriff der Unterordnung wird dem Geſindel wieder eingebläut. Nur wenn ſie ihre Ohnmacht fühlt und demüthig zu etwas Höherem em⸗ porſchauen muß, befindet ſich die Mehrzahl der Menſchen in der Lage, die allein für ſie paßt. Clara iſt ein⸗ mal ins Haus gekommen; ſie ſieht abgehärmt aus. Ellen hat ihr Arbeit gegeben. Würde ſie eine Neben⸗ buhlerin mit ſolcher Güte behandeln? Sie iſt ängſt⸗ lich, aufgeregt, jede Nachricht vom Kriegsſchauplatz verſchlingend— aber ſie macht gar kein Hehl aus ihrer Unruhe. „Welch ein verworfenes Geſchöpf müßte ich ſein, wenn ich für den Sohn meines Wohlthäters nicht bangte!“ 5. Juli 1866, 7 Uhr Abends. Vor einer Stunde traf eine Depeſche ein, unterſchrieben Benno von Hell⸗ burg. Bruno iſt bei Königgrätz lebensgefährlich ver⸗ wundet worden. Mit dem Nachtzug reiſe ich. 220 „Er iſt todt!“ ſchreit ſie und ſtürzt beſinnungs⸗ los nieder, die Hände aufs Herz gepreßt. Haha, das Herz, das ſich nun doch verrieth! Schöne Schlange, und zertrete ich dich jetzt, wer kann es mir verargen? Oder ſtraft mich durch dich jener Gott, von dem ich nichts wiſſen wollte? Sie liebt ihn— und ich reiſe, um ihn zu holen! Statt meinen ſchlimmſten Feind umzubringen— o, über das ver⸗ fluchte Gaukelſpiel des Lebens! Pfui unſerem Willen, pfui unſerem Denken! Und wenn ich ihr eine Leiche ins Haus brächte? Gott, wo biſt Du? Entſcheide! 12. Auguſt 1866. Fünf Wochen lag er zwiſchen Leben und Tod. Heute haben ihn die Aerzte außer jeder Gefahr erklärt; ſie hoffen, daß in drei, vier Wochen ſeine Geneſung ſo weit vorgeſchritten ſein wird, daß er eine Reiſe nach dem Süden antreten kann. Gott hat entſchieden, er hat ihn erwählt und mich verworfen. Zum Glück weiß ich, was der Ver⸗ lierer in einem amerikaniſchen Duell zu thun hat. Spielſchulden ſind heilig und ich will auch dem Un⸗ ſichtbaren gegenüber ein Ehrenmann bleiben. Sie hat ihn mit zärtlichſter Liebe gepflegt, aber, ſchienen mir öfters ihre Blicke zu ſagen, wenn ich ſie bei ihrer aufopfernden Thätigkeit beobachtete, habe ich nicht daſſelbe für Emma gethan? Würde ich es nicht thun, 221 wenn nicht er, ſondern Du auf dem Schmerzenslager mit dem Tode rängeſt? Aber ihre Mienen täuſchten mich nicht mehr, ſie liebt ihn— ſie wird ihn vom erſten Augenblick an, wo ſie ihn geſehen hat, geliebt haben. Ich habe keine Luſt, weiter in der Poſſe mit⸗ zuſpielen. Er wird meine Rache übernehmen und ver⸗ wöhnt, wie er wegen ſeiner Jugend und ſeines Reich⸗ thums von den Frauen iſt, wird er ſie im beſten Falle eine Weile als ſein Spielzeug liebkoſen und dann zerbrechen und die Stücke auf den Miſt werfen. 30. Auguſt 1866. Stetig ſchreitet ſeine Gene⸗ ſung vor, er iſt milder gegen mich und dankbarer gegen ſie geworden. Die Galle ſchwillt mir an— ruhig! Das Einzige, was von dir auf Erden übrig bleibt, iſt er. Die Frucht deiner Arbeiten wird er ge⸗ nießen und ernten, wo du geſäet haſt. Iſt das nun Gottes Gerechtigkeit oder die Ironie des Weltlaufs? Zu ſpät erkenne ich das Glück derer, die ſich Kindern gleich mit gläubigem Gemüth in die Arme eines Gottes werfen, nicht forſchen, nicht grübeln, ſondern Alles ſtill hinnehmen und ertragen in der Ueberzeugung, daß Gutes wie Böſes zu ihrem Heile dienen wird. Es iſt keine Weisheit für mich, aber für die Menſch⸗ heit gibt es keine beſſere. 10. September 1866. Heute iſt er abgereiſt; in ———xx——— 8 ———— 8 —-ö—. 5—— 222 langſamen Tagereiſen wird er nach Nizza gehen. An der Weiſe, wie er ihr für ihre Pflege dankte und Lebewohl ſagte, konnte ſie wohl merken, daß er ſie nicht liebt. Mit gefaßter Reſignation erduldet ſie es; ihre Angſt, die Anſtrengungen, denen ſie ſich unter⸗ zogen, haben ſie mager und bleich gemacht. Ich und ſie, wir beide haben nie wieder von Liebe und Leiden⸗ ſchaft geſprochen und gehen furchtſam aneinander hin. Ich wage ſo wenig wie ſie, ein ernſthaftes Geſpräch zu beginnen. In mir ſchläft etwas, das ich nicht auf⸗ wecken mag. 17. September 1866. Sie hat mich um die Erlaubniß gebeten, Clara öfter zu ſich einladen zu dürfen. Ohne Anſtand habe ich es ihr bewilligt; ſie bedarf einer Freundin, der Zerſtreuung. Ich verſinke mit jedem Tage mehr in mich ſelbſt. Die indiſchen Heiligen unter ihrem Feigenbaum, die Om ſagen und in ſich erſtarren, kommen mir mit einem Male als ganz vernünftige Menſchen vor. Nur iſt die Procedur des Sterbens zu langſam und zu langweilig. Hätte ich nur erſt alle meine Geſchäfte in Ordnung ge⸗ bracht! 20. September 1866. Sehr freundlich mit den beiden Mädchen geredet. Ellen beobachtete mich miß⸗ trauiſch; ſie konnte ſich meine Geſprächigkeit nicht er⸗ 223 klären. Ich aber war bei dem Bildhauer geweſen und hatte das Denkmal für mein Grab beinahe vol⸗ lendet geſehen und mir dann das bewußte Fläſchchen beſorgt. Dieſe Tropfen ſollen auf der Stelle wirken und helfen und man wird nachher am leichteſten den Leuten ein X für ein U vormachen können. „Ich leide jetzt häufig am Schwindel, lieber Doctor; habe ich Ausſicht zum Schlagfluß?“ „Sie bleiben doch ein ſpaßiger Mann, Herr Greif. Ich glaube nicht, daß—“ „Lieber Doctor, nichts verſchworen! Was iſt des Menſchen Leben?“ Und ſo weiter! Wenn er nicht ganz dumm iſt, wird er am ent⸗ ſcheidenden Tage wiſſen, was er in den Todtenſchein 3u ſetzen hat. 1. October 1866. Mitternacht iſt vorüber. Ich hatte mich nicht niedergelegt, meine Rechnungen, Ar⸗ beiten hielten mich wach. Mir gegenüber hängt die Dame im blauen Kleide. Es iſt etwas Lockendes, Ge⸗ fährliches, Diaboliſches in ihrem Geſicht, was ich ſonſt nie bemerkt hatte— vielleicht war es eine beſonders ſcharfe Beleuchtung, die ihr dieſen Zug gab, oder meinerſeits eine Hallucination. Ein toller Einfall taucht in mir auf; ich zünde ein Licht an, ſchleiche aus dem Zimmer, die Treppe hinauf in das erſte — — Stockwerk, in dem ihre Gemächer liegen. Alles todten⸗ ſtill, nur manchmal ein leiſes Stöhnen, Gott weiß, woher und von wem. Sie pflegt ihre Thüren nicht zu verſchließen. So komme ich bis zu ihrem Bett; ſie hatte die Decke bis faſt zu ihrem Halſe hinaufge⸗ zogen und hielt ſie mit ihrer Hand feſt. Ich ſetze das Licht weit weg, damit ſein Schein ſie nicht auf⸗ wecke. Lange ſtand ich vor ihr. Das Wildeſte und das Weichſte, das Frechſte und das Zärtlichſte wir⸗ belten ineinander und durcheinander in meinem Ge⸗ hirn, in meinem Herzen. Jetzt liebte ich ſie, jetzt wollte ich ſie tödten, bald die Decke von ihrem Leibe ziehen, bald vor ihrem Bette niederknieen und beten. Ihr Geſicht war ſanft, ein paar ihrer goldenen Locken lagen darauf und bewegten ſich ein wenig von den ruhigen, gleichmäßigen Athemzügen ihres Mundes. Da lächelte ſie ſelig und flüſterte:„Bruno!“ Ich floh davon und ſitze nun wieder hier unten in troſtloſer Einſamkeit, mit lechzenden Lippen— ein Elender. 4. October 1866. Das war ein arbeitſamer Tag. Meine Bücher⸗ſind geſchloſſen, ich hoffe, daß kein Fehler ſich eingeſchlichen haben wird. Mein Teſtament iſt regelrecht gemacht und verſiegelt. Bruno kann ſich freuen, er erbt eine runde Million. Wenn er ſie ver⸗ 225 geudet, thut er klüger daran als ich, der ſie mühſelig zuſammengebracht hat und darüber ſich und An⸗ dern zum Ueberdruß und Ekel geworden iſt. Mit Ellen über Alles zwiſchen Himmel und Erde geplaudert. Das Reſultat iſt immer das nämliche: das Leben iſt ein Kampf, alle ſtehen gegen den einen und der eine hat ſich gegen alle zu wehren. 9. October 1866. Auch das Schreiben widert mich an. Es iſt Alles eitel und nichtig, ein ewiges Kommen und Gehen. Das Leben iſt ſo gleich⸗ gültig wie der Tod. Diejenigen, die Gott ſuchen, ſind nicht beſſer daran als diejenigen, die ihn fliehen. Das Wünſchenswertheſte iſt noch ein eiſernes Herz, ein guter Magen und eine gründliche Menſchenverach⸗ tung. Ueber die Unluſt und Langeweile helfen freilich auch ſie nicht hinweg. Ich bin neugierig, ob ſie uns bis in den Abgrund des Todes verfolgen und ob uns auch dort Enttäuſchungen und Ueberraſchungen bevor⸗ ſtehen. Wer weiß, ob nicht die unerfreulichſten? In wenig Tagen werde ich es wiſſen...“ Frenzel, Silvia. III. 15 Fünftes Kapitel. Wie erſchrak der Diener, als er, in der Frühe des nächſten Morgens in das Zimmer tretend, ſeinen jun⸗ gen Herrn in dem Lehnſtuhl ſitzen ſah— in der Klei⸗ dung, die er am Abend getragen, den Mantel halb umgeworfen, um ſich gegen die zunehmende Kälte zu ſchützen, eine Decke über die Kniee gezogen, bei dem zitternden Licht der Lampen, die zu erlöſchen drohten. „Herr Greif!“ ſtammelte er; faſt hätte er ge⸗ glaubt, einem Todten gegenüberzuſtehen. Da bewegte ſich Bruno und fuhr auf. „Mach' Feuer!“ gebot er und fing an, mit gro⸗ ßen Schritten im Zimmer auf und nieder zu gehen. Die ſchnellere Blutwallung, welche die Bewegung hervorbrachte, that ihm wohl: ſeinen Gliedern, die wie erſtarrt geweſen, ſeinen Nerven, die wie aus einer dumpfen Lähmung zur Thätigkeit erwachten. 227 Das rothe Buch, das er— er wußte nicht mehr genau, ob aus Entſetzen oder im Halbſchlummer — hatte fallen laſſen, hob er vom Boden auf, blickte noch einmal auf die letzten Zeilen, die ſeines Vaters Hand hineingeſchrieben hatte, und verſchloß es ſchau⸗ dernd in dem innerſten Kaſten ſeines Schreibſchrankes. „Ich muß beim Leſen eingeſchlafen ſein“, ſagte er zu dem Diener, der von ſeinem Geſchäft, Feuer im Kamin anzuzünden, zuweilen aufſah und verſtohlen ängſtliche Blicke auf ſeinen Herrn richtete. Dem äußern Anſcheine nach kam ſo allmälig Alles wieder in das frühere Geleiſe. Es war eben eine wunderliche Nacht geweſen. Die Räder der Ma⸗ ſchine, die zuerſt gekreiſcht und geſtöhnt, als ob ſie ge⸗ brochen wären, drehten ſich von neuem, die Federn ſpielten wieder. Aber im Innern Bruno's hatte ſich eine Wand⸗ lung vollzogen. Der geheimnißvolle Druck, der ſo lange und ſo ſchwer auf ihm gelaſtet, hatte jetzt ſeine Erklärung ge⸗ funden. Nicht der Schlagfluß— Gift hatte ſeinen Vater getödtet, Gift, das er aus Lebensüberdruß, Verzweiflung, unerwiderter Liebe, aus Haß und Eifer⸗ ſucht gegen ſeinen Sohn genommen. Vielleicht auch noch aus hundert andern Gründen, aus phyſiſchen 15 228 Leiden, in einem plötzlichen Anfall des Wahnſinns— wozu half es, die Urſachen einer Handlung zu zerglie⸗ dern, die weder zu ändern noch gutzumachen war? Derjenige, der ſich in dieſen Irrgängen verlor, wagte tollkühn den eigenen Verſtand und das Leben. Ellen, die über den Zimmern des Vaters wohnte, mochte in jener verhängnißvollen Nacht ein unheimliches Geräuſch unter ſich gehört haben; ſie war die erſte im Gemach des Sterbenden geweſen, ſie und der Arzt mußten die Urſache ſeines Todes leicht erkundet und ſich dann raſch verſtändigt haben, ſie für immer zu verſchweigen. Von dem rothen Buche, dem Martin ſeine Schmerzen und ſein Geheimniß anvertraut, hatte ſie keine Kennt⸗ niß, bis es der Zufall ihr in die Hand geſpielt. Auch darüber, ob es nicht klüger geweſen, dieſe Blätter ungeleſen vom Feuer verzehren zu laſſen, hin und her zu grübeln, war nun zu ſpät. Wie er mit dieſer traurig ſchrecklichen Wiſſenſchaft ſich abfinden, wie er mit und trotz ihr ſein Leben einrichten könnte — das allein war Bruno's Aufgabe. So tief und ſchmerzlich fühlte er ſich davon be⸗ troffen, daß er überzeugt war, ganz würde ſein Herz nie von dieſem Schlage geſunden. Der Schleier, der ſeinem Vater die Schönheit der Welt verborgen, ſenkte ſich auch vor ihm auf die Dinge nieder. Hatte ihn — 2 229. ſchon ſein Doppelverhältniß zu Clara und Irenen, in das ihn Schwäche und Eitelkeit geſtürzt, ſeine Treu⸗ loſigkeit gegen die eine und ſeine erheuchelte Neigung für die andere beunruhigt und verſtört, ſo geſellte ſich zu dieſen Gewiſſensbiſſen und Selbſtanklagen eine neue. War er unſchuldig an dem Tode ſeines Vaters? Ja, was ging ihn die tolle Liebe Ellen's an! Er hatte ſie nicht geſucht, nicht ermuntert, nicht gewünſcht; nie⸗ mals hatte er aus ſeiner Gegnerſchaft gegen die An⸗ ſichten Ellen's, aus ſeiner Gleichgültigkeit gegen ihre Perſon ein Hehl gemacht. Auch hatte ihn der Vater mit keinem Wort beſchuldigt— und doch! Unwiſſent⸗ lich, ahnungslos war er der Stein des Anſtoßes ge⸗ weſen. Wollte er ſich nicht ſophiſtiſch andere Gründe Cllen's, ſeinen Vater nicht zu heirathen, vorſpiegeln, ſo hatte nach einem ſchwer zu widerlegenden Zeugniß ihre Leidenſchaft für ihn einzig und allein ihre Wei⸗ gerung hervorgerufen. Er war jetzt überzeugt, daß er Ellen neidlos als die Gattin ſeines Vaters geſehen haben würde! Und wäre es auch zu einem unheil⸗ baren Bruch gekommen— wie hätte er jetzt dieſen Bruch geſegnet! Der Vater hätte ihn enterbt; mit einem Pflichttheil des Vermögens wäre er in die Welt gegangen, für ein arbeitſames Leben hätte es immer ausgereicht, und ſtatt ein reicher, unſeliger, an eine 230 Fabrik geſchmiedeter, mit widrigen Geſchäften über⸗ häufter, durch Stand und Stellung gebundener Mann zu ſein, würde er jetzt in freier, ſelbſtgewählter Thä⸗ tigkeit, wie der gute Benno, ein ſtilles, genußreiches, von Kunſt und Freundſchaft verklärtes Daſein führen. Sein Vater lebte im Glück, an ihn ſelber wäre nie die Verſuchung in der Geſtalt Irenens herangetre⸗ ten. Ein eiſernes Herz und ein guter Magen— noch zur rechten Zeit fiel ihm der letzte Zuruf ſeines Vaters ein, um ihn von ferneren Speculationen und Ver⸗ irrungen der Gedanken fernzuhalten. Soviel es ihm möglich war, mußte er ſuchen, die Vergangenheit zu vergeſſen, die ganze Vergangenheit. Wehe dem, der nach idealen Gütern trachtet; uur der wird glücklich im Kampf des Lebens beſtehen, der ſich mit irdiſchen Genüſſen begnügt. In Allem, was wir thun oder ablehnen, unent⸗ wegt dem Entſcheide der Selbſtſucht folgen; in allen Genüſſen das Maß bewahren, um ſie nicht vor der Zeit in Ueberdru und Ueberſättigung zu verachten; gelaſſen aufgeben, was ſich uns hartnäckig widerſetzt, in der Ueberzeugung, daß der Beſitz auf die Dauer doch nicht den Kampf lohnen würde: das war zuletzt die einzige Lehre, die er, wenn er den Sinn der Dinge enträth⸗ ſelte, aus den Aufzeichnungen, aus dem Beiſpiele, ja aus dem Selbſtmorde ſeines Vaters ziehen konnte. Nur Wenige wußten um dieſe That, vielleicht nur zwei: Ellen und der Arzt. Dem letztern gegenüber hoffte er leicht eine eherne Stirn bewahren zu können. Was die erſtere betraf, ſo war ſeine Lage ſchwie⸗ riger. Wie ſollte er vor ihr den Unbefangenen ſpielen? Sich von ihrem Umgang, von jeder Verbindung mit ihr loszumachen, ſie nie wiederzuſehen, erſchien als das Räthlichſte; aber wiederum durfte er ein Mädchen, das ein ſolches Geheimniß kannte, nicht beleidigen. Ihr Muth und ihre Selbſtbeherrſchung hatten ihn trotz ſeiner Abneigung für ſie eingenommen; die Liebe, die ſie zu ihm hegte, wie wenig er ſie auch erwiderte, wel⸗ ches Verhängniß dieſelbe auch heraufbeſchworen, ſchmei⸗ chelte doch ſeiner Eitelkeit. Mitten in dieſe Betrachtungen drängte ſich die Sorge um Clara's Schickſal. Was hatte ſie beſchloſ⸗ ſen? Wollte ſie in der Stadt bei ihrem Bruder blei⸗ ben? Bedeutete die Flucht aus Ellen's Hauſe die feſte Abſicht, ihrer Liebe zu entſagen, oder war es nur ein Mittel, den Geliebten ſich nachzuziehen? Hatte ſie viel⸗ leicht nur deshalb Ruprecht zu ihrem Begleiter gewählt, um Bruno durch die erregte Eiferſucht wieder an ſich zu feſſeln? In dem Argwohn, den ihm alle einflößten, in der Furcht vor jeder Entſcheidung, in dem Ekel vor jedem Geſchäft fand Bruno weder Kraft noch Stimmung, ſich zu einer Unterredung mit Clara aufzuraffen. Sie würde ſeine Niedergeſchlagenheit und Troſtloſigkeit be⸗ merken; es würde zu Erörterungen kommen, die, immer weiter ausgeſponnen, zuletzt auch das Ereigniß jener Octobernacht berührten... Wenn Clara ebenfalls das Geheimniß wußte, das man ihm ſo lange verborgen hatte... Nein, er wollte nicht heute, nicht morgen daran erinnert werden. Er warf einige Zeilen auf das Papier, in denen er ſie beſchwor, ihn nicht ungehört zu verurtheilen und ihm noch eine letzte Zuſammenkunft zu bewilligen. Als er das Geſchriebene dann überflog, erſchienen ihm alle ſeine Ausdrücke ſo ſteif und froſtig, daß er zögerte, den Brief zu ſiegeln und abzuſenden.„Mach' ein Ende“, ermuthigte er ſich ſelbſt,„ſie wird den Wunſch der Trennung herausleſen und Alles wird aus ſein.“ Der Morgen verging ihm in Unruhe und Miß⸗ muth. Später als gewöhnlich war er nach ſeiner Fabrik gefahren. Er durchſchweifte ihre Räume, die Werkſtätten, die erweiterten Anlagen; er ſah der Ar⸗ beit der Maſchinen zu und ſtarrte, bis ihm die Au⸗ —-———y———y—C——— — 3— 1e— 233 gen wehthaten, in die mächtig lodernden Feuer. Die Dichter vergleichen gern eine ſolche moderne Fabrik mit der Schmiede der Cyklopen, denn etwas Ueber⸗ menſchliches, Elementares ſcheint in ihr mit der Dampf⸗ kraft zu leben. Unter dem unzerbrechlichen Joch des menſchlichen Willens ſchnaubt und ſtöhnt, brauſt und ächzt die bezwungene Natur. Es ſchwingen und ſau⸗ ſen die Räder, es dröhnen die gewichtigen Hämmer, auf dem Ambos wird das glühende Eiſen geformt, es brodelt das Waſſer, es ziſcht der Dampf— und die eigenthümliche, feuchte, graue Dampfwolke, die durch die weitgedehnten Hallen hinſchwebt, hüllt das Ganze wie mit einem phantaſtiſchen Schleier ein. Aber Bruno rührte heute weder das Erhabene noch das Dämoniſche des Schauſpiels. Ihm war es gleichgültig, ob die Naturgewalten gehorſam in ſeinem Dienſte arbeiteten oder ſich empörend ihn ſammt ſeinem Hauſe vernichteten. Er ſprach mit einigen Arbeitern, fragte, wie es ihnen ginge, lobte ihren Fleiß— allein er hätte eben⸗ ſo gut zu den rieſigen Maſchinen reden können, die mit hundert Armen, ſchnaufend, brummend, unaufhörlich ſchafften; er hörte nicht, was die Angeſprochenen ihm erwiderten. Als er wieder in ſein Arbeitszimmer trat, ſauſte es ihm im Ohr wie ein Chor von tauſend Stimmen, aber Stimmen, die nicht von dieſer Welt ſind, ſon⸗ dern aus dem Schattenreich heraufdrangen. Deutlich glaubte er die Stimme ſeines Vaters unterſcheiden zu können, die ihm zurief: Ein eiſernes Herz! Oder war es nur der Schall des Dampfhammers, der gleichmäßig auf den Ambos fiel, was in ihm dieſe Täuſchung er⸗ zeugte? Haſtig unterſchrieb er die wichtigſten Papiere und Briefe, die ihm der erſte Buchhalter vorlegte, ver⸗ ſchob Anderes auf den nächſten Tag, beſprach einige Arbeiten mit den Ingenieuren und Werkmeiſtern und fuhr dann in demſelben Sturm, in dem er angekom⸗ men, wieder davon. Wie es ihn draußen im gelben Schlößchen nicht hatte leiden wollen, ſo litt es ihn auch nicht in der Fabrik. Er hatte ein Bedürfniß, Men⸗ ſchen zu ſehen, in einer Menge ſich zu verlieren; es dünkte ihn, als ob er dort ſicherer vor der Verfolgung wäre, ohne daß er hätte ſagen können, von wem er ſich denn verfolgt wähnte. Der Unſchuldige, auf dem der Verdacht eines Verbrechens laſtet, thut gut daran, ſich in der Oeffent⸗ lichkeit zu zeigen, an Geſchäften und Vergnügungen Theil zu nehmen, um zugleich ſeine Seelenruhe und ſein Vertrauen auf die Gerechtigkeit ſeiner Sache zu zeigen. So glaubte Bruno plötzlich, Jedermann hege 235 einen dunklen, unbeſtimmten Argwohn hinſichtlich des Todes ſeines Vaters und er müſſe durch ſeine Kalt⸗ blütigkeit, durch ſein Erſcheinen an vielbeſuchten Or⸗ ten, durch eine harmloſe Miene dieſen Verdacht zer⸗ ſtreuen. Iſt Selbſtmord ein Verbrechen? Wirft eine ſolche That nicht nur auf den Thäter, ſondern auch auf ſeine Kinder einen ſchwer wieder zu verlöſchenden Makel? Alle dieſe Bedenken und Grillen waren gleich⸗ ſam die Blaſen, welche ſein aufgeregtes Blut und ſeine unter den Schrecken der Nacht noch nachzittern⸗ den Nerven aufwarfen. In der Hoffnung, Schmettow dort anzutreffen, war er nach der Börſe gefahren. Er gehörte zu den ſeltenen Gäſten in dieſem Saal; man umringte ihn von allen Seiten, man ſuchte ihn auszuforſchen, wa⸗ rum er gekommen. Um ſeiner Anweſenheit doch einen ſcheinbaren Grund zu geben, ertheilte er einige Kauf⸗ ordres in beliebten Spielpapieren. Das Gewühl, der Tumult, die Gier der einen, die Sorge der andern, das bewegte Spiel unterhielten ihn; von andern Ge⸗ danken erfüllt, ſchaute er wie von einer unnahbaren Höhe auf die habſüchtigen, ſchreienden, ſich ſtoßenden Menſchen mit ihren erhitzten und verzerrten Geſichtern herab. Seine Gegenwart, ſeine Kaufluſt hatten der Hauſſe, y——— 236 die an dieſem Tage von der Baiſſe hart bedrängt worden war, einen neuen Anſtoß gegeben; wider ſei⸗ nen Willen und ſein Erwarten ſah er ſich in die vor⸗ derſte Reihe der Partei gedrängt und half ihr einen Sieg erfechten. Am Schluß der Börſe waren alle Curſe in die Höhe gegangen. „Graf Reinsberg kann ſich bei Ihnen bedanken“, ſagte biſſig Iſaak Goldſtein, indem ſie beide, durch Zufall aneinander gedrängt, die Stufen des Hauſes hinabſchritten;„Sie haben alle Actien, die er beſitzt, auf⸗ getrieben, und ſind doch faule Papiere. Würde Ihr ſeliger Herr Vater nie gekauft haben, ſolche Papiere. Gratulire zum Schwiegervater.“ Der Neid und die Niederlage ſprachen aus dem Mann; Bruno achtete nicht weiter darauf. Aber die Erwähnung Reinsberg's hatte ſeiner Unruhe ein neues Ziel gegeben. Es war nur ſchicklich, bei den Damen anzufragen, wie ihnen die geſtrige Schlittenfahrt be⸗ kommen ſei. Mit beſonderer Herzlichkeit wurde er von dem Grafen empfangen. Dem hatte das Gerücht ſchon die Wandlung der Börſe zugetragen. Bruno geſtand mit einem verlegenen Lachen, daß er an dem Sieg der Hauſſe unſchuldig ſei. Um allen Fragen über eine Verhandlung, die er neulich mit dem Handelsminiſter —õ—õõõõ— 237 wegen Beſchaffung von Locomotiven für eine Staats⸗ bahn gehabt, zu entgehen, habe er einige tauſend Thaler gewagt und ohne ſein Verdienſt den Curs der Papiere dadurch erhöht. „Sie haben eben in Allem Glück, was Sie berüh⸗ ren“, meinte der Graf. Der Beſuch verlängerte ſich. Irene wollte den Verlobten nicht ſo bald wieder von ſich laſſen; für den Abend ward ein Zuſammentreffen im Opernhauſe ver⸗ abredet. War in all dieſem Treiben auch keine tiefere Befriedigung, kein ideales Glück zu finden, ſo zerſtreute es doch Bruno. Zum erſten Male ſeit ſeiner Verlobung mit Irenen fühlte er ſich wieder in dieſem Kreiſe be⸗ haglicher. Es war ihm nicht entgangen, daß an die Stelle ſeines frühern ungezwungenen Verkehrs mit der jungen Gräfin von der Stunde an, wo das verhäng⸗ nißvolle Wort zwiſchen ihnen gefallen, eine Zaghaftig⸗ keit, eine befangene Höflichkeit und Unſicherheit getre⸗ ten ſei. Irenen war das neue Verhältniß ohne Zweifel ebenſo überraſchend gekommen wie ihm ſelbſt; ſie hatte ihren adeligen Stolz und die Demüthigung zu verber⸗ gen, welche die Nothwendigkeit ihr zugefügt. Um kei⸗ nen Preis durfte ſie es ſich merken laſſen, daß zuletzt doch nur das Unglück ihres Vaters ihr die Einwilli⸗ gung zu der Verlobung mit einem bürgerlichen Fabrik⸗ beſitzer abgenöthigt hatte, und er ſeinerſeits hatte den zärtlichen und aufmerkſamen Liebhaber zu ſpielen, wäh⸗ rend die Leidenſchaft für Clara noch keineswegs aus ſeinem Herzen gewichen war. Heute war Irene ihm ruhiger und gelaſſener entgegengetreten, in heiterer Liebenswürdigkeit, als wäre ſie nun durchaus mit ihrem Schickſale verſöhnt; ihn hatte bei ihren, bei ihres Vaters und ihrer Mutter Anblick der quälende Ge⸗ danke, der ihn ſo lange umhergejagt, verlaſſen; in die⸗ ſem Kreiſe wenigſtens brauchte er nicht zu beſorgen, einer peinlichen Erinnerung zu begegnen. Seine Nei⸗ gung zu Clara war von den ſtärkeren Eindrücken, welche die Lectüre des unſeligen Buches auf ihn aus⸗ geübt hatte, gleichſam überflutet; Ueberdruß und Er⸗ müdung hatten ihn nach einem ſo langen Kampfe zwiſchen dem Herzen und dem Verſtande ergriffen. In der Geſellſchaft Irenens verſchwanden die düſteren Phantaſien; das Leben war trotz alledem des Lebens werth, wenn man es mit nüchternen Augen betrachtete und nichts Ueberſchwängliches von ihm forderte. In beſſerer Stimmung, als er erwartet, kehrte er aus der Opernvorſtellung, von einem kleinen Mahle mit dem Grafen und Kurt zurück, nicht nach dem gel⸗ ben Hauſe— es war ihm ſeit der geſtrigen Nacht —— — noch unheimlicher geworden als je zuvor— ſondern in ſeine Stadtwohnung, die in dem Vorderhauſe des großen Fabrikterrains lag. Er fing an, über die Ver⸗ gangenheit in ſeinem Gemüth ſtiller zu werden und der Zukunft gleichgültiger entgegenzuſchauen. Seines Vaters Fahrzeug hatte Schiffbruch gelitten, weil es im Alter auf die Klippe der Leidenſchaft geſtoßen war. Er aber hatte ſchon in der Jugend die herbe Enttäu⸗ ſchung erfahren, die Keinem erſpart bleibt: daß im Leben Alles unzulänglich iſt und die höchſten Güter nur in der Einbildung vorhanden ſind. Je heftiger einer danach trachtet, ſie zu verwirklichen, deſto ge⸗ wärtiger kann er ſeines Untergangs ſein; er gleicht dem Luftſchiffer, deſſen Ballon zerreißt. Von den Men⸗ ſchen nur Gemeines, von dem Zufall nur Alltägliches erhoffen, die einen geringſchätzen, den andern hin⸗ nehmen und beide ausnutzen: das allein war Weis⸗ heit. So Viele übten ſie; unter den Männern ſeines Alters hatte er bisher für einen Träumer und Schwärmer gegolten; längſt hatten ſie alle idealen Anſchauungen als unnöthigen Lebensballaſt über Bord geworfen, warum ſollte er ihn allein weiter⸗ ſchleppen? Ohne eine Miene zu verändern, hörte er von ſei⸗ nem vertrauten Diener, dem er am Morgen den Brief 240 an Clara übergeben, daß er er zweimal in der Woh⸗ nung des Fräuleins geweſen ſei, ohne ſie anzutreffen. „Auch ihren Bruder nicht?“ „Nein.“ „So ſprich doch, Menſch! Du hältſt mit einer un⸗ angenehmen Nachricht hinter dem Berge.“ „Gnädiger Herr, ich glaube, das Fräulein iſt geſtern in der Nacht oder heute in der Frühe verreiſt.“ „Verreiſt?“ „Eine alte Frau wohnt in dem Hauſe und es gelang mir, ſie zum Sprechen zu bringen. Nachher mochte es ihr leid thun, ein Geheimniß des Fräuleins verrathen zu haben, denn ſie ſuchte Alles wieder zu⸗ rückzunehmen oder durch Zwiſchenreden zu verwirren.“ Bruno wollte nichts mehr hören; er ſchwieg und verabſchiedete den Diener. In ſeinem Kopf verknüpfte geſchäftig die Eiferſucht die verſchiedenen Fäden. Mit Schmettow hatte Clara Ellen's Haus verlaſſen; jetzt war ſie entſchwunden und Schmettow hatte ſich weder im Börſenſaal noch im Opernhauſe gezeigt— zwei Orte, an deren einem er ſonſt mit Sicherheit zu treffen war.„Sie ſind beide zuſammen aus der Stadt ge⸗ gangen“, ſchloß Bruno und war in der erſten Auf⸗ wallung willens, ihnen nachzueilen und ſie bis ans Ende der Welt zu verfolgen. Zu ſeinem Glück wußte er nicht, wohin ſie ſich gewendet. Und wenn er ſie erreichte, welche Rolle wollte er ihnen gegenüber ſpielen? Was rächen? Seine eigene Untreue hatte Clara frei gemacht. Freilich wäre es viel idealiſcher geweſen, wenn ſie am gebrochenen Herzen geſtorben; ſie hatte ihm ein Beiſpiel gegeben, wie man ſich ohne Lärm in dieſer realiſtiſchen Welt über den Verluſt eines Liebhabers tröſtet. Wie häufig wechſeln Lebemänner ihre Geliebten! Ein ſolcher Wech⸗ ſel hat ſeinen Reiz und gibt der abgeſtandenen Speiſe einen prickelnden Zuſatz.„Eigentlich bin ich beiden Dank ſchuldig“, endete er ſeine Betrachtung;„ſie überheben mich eines rührenden Abſchieds und der thränenreichen Verſicherung einer unvergeßlichen liebenden Erinnerung.“ Während Bruno ſich ſo immer mehr verhärtete und ſeinen Egoismus den andern andichtete, um vor ſich ſelbſt freier von Schuld dazuſtehen, wollte Ellen in Vorwürfen und Anklagen des eigenen Herzens vergehen. Warum hatte ihr der Zufall Martin's Tagebuch, ehe es der Sohn geleſen, in die Hand geführt? Der Zufall— nein, die Vorſehung Gottes, die ihr noch einmal zu einem ſtillen, entſagenden Leben ihren hülf⸗ reichen Arm aus den Wolken reichte. Und was hatte ſie gethan? Statt das Buch und mit ihm jede Hoff⸗ nung auf den Beſitz Bruno's zu vernichten und ſich Frenzel, Silvia. III. 16 “ 8 1 242 in Demuth zu beſcheiden, hatte ſie das Gnadenmittel Got⸗ tes in einen Dolch verwandelt, um den geliebten Feind damit zu verletzen. Zuweilen war es ihr, als gäbe es nur noch ein Glück für ſie— den Tod von Bruno's Hand. Für alle Leiden, die ſie ihm zugefügt, wäre es die gerechte Strafe geweſen und zugleich eine ſüße Strafe, durch ihn zu leiden. Während der Nacht und des Morgens hatte ſie von Stunde zu Stunde einer Botſchaft aus dem gelben Hauſe geharrt; ſie wagte ſich nicht zu fragen, welcher Art dieſelbe ſein würde, aber ſie wartete des Zeichens, das ſie zu ihm hinüberriefe. Als aber Niemand kam, keine Nachricht zu ihr gelangte, als ſie, aus ihrem Garten hinaus auf die einſame ſchneebedeckte Straße tretend, das Haus grau, düſter und unheimlich wie immer vor ſich liegen ſah, Schnee auf der Rampe, überfiel ſie eine unſagliche Angſt, daß Bruno erkrankt ſein, daß er ſich in einem Anfall von Trübſinn ein Leid zugefügt haben könne. Alle Rückſichten und jede Scheu beiſeite ſetzend, war ſie unter dem Vorwand, ein paar Kränze auf den Gräbern niederzulegen, nach dem Gartenthor gegangen. Bereitwillig hatte ihr der Gärtner geöffnet und ſie nach dem Trauerplatz beglei⸗ tet. Es wurde ihr nicht ſchwer, von dem einfachen Manne zu erfahren, was ſie wiſſen wollte. Der Herr war an dieſem Tage wie an jedem nach der Stadt gefahren. Ein müßiger Diener geſellte ſich zu ihnen, um dem„engliſchen Fräulein“ ſeine Dienſte anzubieten und dabei mit unziemlicher Neugier ſie ſich eine Weile „ganz in der Nähe“ anzuſehen. Mit halber Beruhigung, in halber Unzufriedenheit war Ellen geſchieden; beruhigt, weil ſich ihre Befürch⸗ tungen in nichts aufgelöſt hatten, unzufrieden, weil ſie über die Wirkung der Enthüllungen auf Bruno's Gemüth nach wie vor im Dunkel geblieben war. Am Abend ſendete ſie Gottfried nach dem gelben Hauſe. Herr Greif bliebe die Nacht über in der Stadt, berichtete der Späher bei ſeiner Rückkehr. Dieſe Kunde war für Ellen etwas wie die An⸗ kündigung des Todesurtheils für den Verbrecher. Nur zu gewiß erſchien es ihr, daß Bruno fortan das Haus, in dem ſo Schreckliches geſchehen, meiden würde— nicht das Haus allein, vor allem ſie ſelbſt. In der Stadt war er ſicher, ihr nicht zu begegnen; da gab es nichts, was ihn an ſie erinnert hätte. Wenn noch ein zweites Band ſie bisher verbunden hatte, ſo wollte er es jetzt durch ſeine Entfernung allmälig lockern; eines Tages würde es dann, ohne daß er daran zu reißen brauchte, von ſelbſt gelöſt ſein. Sie weinte, 16* 244 ſie zerraufte ihr Haar, ſie beſchuldigte, ſie verwünſchte ſich— weder Klage noch Fluch brachten ihn zurück. Der zweite, der dritte, der vierte Tag nach jener Nacht, von der Bruno eine neue Epoche ſeines Lebens datiren zu müſſen glaubte, gingen vorüber. Von ſei⸗ nes Vaters Tode war ſo wenig die Rede wie während der ganzen früheren Zeit. Es fiel Niemand ein, in ihm den Sohn eines Selbſtmörders zu vermuthen. Der alte Greif war todt und vergeſſen, Keiner gedachte ſeiner noch. Abſichtlich hatte er den Arzt kommen laſſen, der den bergenden und allbereiten„Herzſchlag“ feſtgeſtellt und bezeugt hatte. Aber der geheime Medi⸗ cinalrath, der langjährige treue Berather der Familie Greif in allen leiblichen Schäden, unterſuchte ſo gleich⸗ müthig wie immer den Puls Bruno's, fand ihn ein wenig aufgeregt, ſchrieb ſein Recept und erzählte ſeine Stadtanekdoten mit demſelben ſarkaſtiſchen Lächeln und der feinen Ironie, die Bruno nun ſchon ſeit Jah⸗ ren an ihm kannte. „Der iſt im Stande“, ſagte ſich Bruno,„wenn ich ihm das Tagebuch meines Vaters zeigte, mir zu erwidern:„Und Sie halten dieſe Tollhäuslereien für wahr? Sie ſehen Geſpenſter am hellen Tage, mein lieber junger Freund. Welcher Menſch weiß, wenn er ſtirbt? Martin Greif⸗— und dabei zieht er ſein gelbſeidenes 4 245 Taſchentuch und fährt ſich über Stirn und Augen— „iſt an einem echten, ſchönen Schlage beinahe ſchmerz⸗ los geſtorben. Könnte mir ſelbſt nichts Beſſeres wün⸗ ſchen! Romeo mit ſechzig Jahren! Ueberlegen Sie ſich doch— dummes Zeug!““ Dafür konnte Bruno nun freilich die Aufßzeich⸗ nungen ſeines Vaters nicht erklären, aber es zwang ihn auch nichts, ihnen eine höhere Bedeutung beizule⸗ gen. Es war eben ein abgeſchloſſenes Trauerſpiel, eine Geſchichte, über die Gras gewachſen. Die unruhigere Lebensweiſe in der Stadt bewies ſich auf die Dauer doch als ein guter Ableiter. Ge⸗ ſchäfte, Beſuche, Vergnügungen drängten einander. Sonſt hatte Bruno Alles ſchnell abzuwickeln geſucht, um nur nach dem Landhauſe, in die Nähe Clara's zurückeilen zu können, aus dem Lärm in die Stille; jetzt war ihm kein Tag voll genug. Häufiger, als es früher geſchehen, ſah man ihn in der Geſellſchaft Irenens; es ſchien ge⸗ boten, ihr Verhältniß bald auch öffentlich zu erklären. Er hatte noch einen Verſuch gemacht, Clara's Aufenthalt zu entdecken, aber der Diener war, ſtatt auf die Pförtnerin, auf Fritz geſtoßen und ſo ſchnöde von ihm abgewieſen worden, daß Bruno ſich dadurch von jeder Verpflichtung für losgebunden hielt. Nichts ſchreitet unaufhaltſamer vor als die Selbſtſucht, als 246 ob man, einen Abhang herabfahrend, den Pferden die Zügel hat ſchießen laſſen. Los und ledig von jeder Feſſel, wollte Bruno jetzt, wie er ſich einredete, das Opfer ſeiner Jugendliebe nicht umſonſt gebracht haben und Irenen jede fernere Zögerung und jedes Schwan⸗ ken unmöglich machen. Der heutige Abend, mit unfreundlichem Sturm und gelegentlich niederfallendem Schnee und Regen, lud zu einer Liebesplauderei ein; es war in der Woche vor dem Weihnachtsfeſte, wo jede Familie, mit den Vorbereitungen zum heiligen Abend beſchäftigt, für ſich in einer gewiſſen Zurückgezogenheit lebt, keine Feſte gegeben und keine Beſuche gemacht werden. Bruno rechnete darauf, in einem langen Alleinſein mit Irenen durch keinen Fremden geſtört zu werden. Um ſo un⸗ angenehmer war er überraſcht, Fritz Wolfhart im Salon des Grafen zu finden. Obenhin hatte er von dem Ritterdienſt, den ſein ehemaliger Spielkamerad, der dann in ſeiner Fabrik ein geſcheidter, aber wider⸗ ſpenſtiger Arbeiter geweſen, der jungen Gräfin geleiſtet hatte, erzählen hören. Das Abenteuer war vor ſeiner näheren Verbindung mit den Reinsbergs geſchehen und er hatte von demſelben keine weitere Kenntniß, als ihm der Graf und Irene davon zu geben für gut befunden. Ueber die Anweſenheit des jungen Arbeiters 247 im gräflichen Hauſe konnte er ſich nicht wundern, ſie war leicht erklärt. Fritz hatte ſein Schachſpiel dem Grafen überreicht; die glückliche Erfindung, die ſorgfältige und liebevolle Ausführung verdienten das Lob, das dem jungen Manne geſpendet wurde. Seine Augen ſtrahlten vor Stolz und Vergnügen. Um den Tiſch, auf dem das kleine Kunſtwerk aufgeſtellt war, hatten ſich die Fami⸗ lienglieder in jener weihnachtlichen Stimmung verſam⸗ melt, die ſchon im voraus Tannenduft und Kerzen⸗ glanz um die Dinge webt. Und wenigſtens Kurt und ſeine junge Frau mit ihrer fröhlichen Naivetät und die Mutter, die an Fritz ihr Wohlgefallen hatte, brauchten ſich nicht künſtlich in dieſe Stimmung zu verſetzen. Irene ſaß in einem Seſſel, den Kopf auf den Arm geſtützt, und blickte mit halb geſenkten Wimpern hin⸗ über. Der Graf hatte gerade eine Rede über das Kunſt⸗ handwerk begonnen... Bruno's Eintritt ſtörte die Gruppe; der Graf unterbrach ſich, um ſeinem zukünf⸗ tigen Schwiegerſohn die Hand zu reichen. Irene er⸗ hob ſich von ihrem Stuhl und eilte mit dem Ausdruck der Freude, wie eine, die ſich aus einer unerträglichen Lage befreit ſieht, Bruno entgegen. Vernachläſſigt, unbeachtet ſtand Fritz allein an dem Tiſch, die Röthe der Scham und des Unwillens ſtieg ihm ins Geſicht. Nur Kurt's Gattin war bei ihm geblieben und flüſterte ihm zu, ihr ein ähnliches Schachſpiel anzufertigen, ſie wolle ihren Mann damit überraſchen. „Zu Befehl, gnädige Frau“, erwiderte er. Aber es ſchnitt ihm ins Herz, daß er im Augen⸗ blick, wo der reiche Mann eingetreten, für ſie alle, die ihn eben noch mit Freundlichkeiten überhäuft hatten, wieder zu dem armen Arbeiter geworden war, in deſſen Geſellſchaft man ſich unbehaglich fühlte. Daß der Graf Bruno zu dem Tiſch heranzog, um auch ihn die drolligen Figuren der Bauern, den weißen Ele⸗ phanten mit dem zinnenreichen Thurm auf ſeinem breiten Rücken bewundern zu laſſen, verbitterte nur die Empfindung des Jünglings. Die Worte, die Bruno an ihn richtete, klangen ſchmeichelhaft für den Künſtler, aber der Ton, in dem ſie geſprochen, und der Blick, von dem ſie begleitet waren, empörten den Menſchen in Fritz. Dieſer Mann, der ihn, ſoviel an ihm lag, durch die Ausweiſung aus der Fabrik in das Elend getrieben, der jetzt ſeine Schweſter ver⸗ führt und dann von ſich geſtoßen hatte— der wagte es, ſich als ſeinen Gönner aufzuſpielen, ihm ſeine Kundſchaft anzutragen! 249 Fritz bewies nach ſeiner Anſicht einen übermenſch⸗ lichen Muth, daß er an ſich hielt und dieſen„Ehr⸗ loſen“ nicht vor Irenens Augen entlarvte. Vor Irenens Augen? Was war das? Stand ſie nicht Hand in Hand mit dem Verhaßten in einer Fenſter⸗ niſche? Neigte ſich nicht ihr Haupt mit einer ver⸗ rätheriſchen Beugung ihm zu? Das war zu viel, der Faden ſeiner Geduld geriſſen; die Wildheit, die in ihm ſchlummerte, drohte auszubrechen. So athmete er ſelbſt wie erleichtert auf, als ihm der Graf mit ſeinem verbindlichſten Lächeln die Hand zum Abſchied gab. Als Fritz die Thür hinter ſich ſchloß, glaubte er ein leiſes Gelächter zu vernehmen— ein Gelächter, das ihm wie der Hohn der Hölle dünkte. Wer konnte es ausgeſtoßen haben als Bruno? „Er oder ich!“ dachte Fritz, als er die breite Stiege nicht wie das erſte Mal, wo er über dieſe Stufen geſchritten, in einem Wonnerauſch, ſondern mit knir⸗ ſchenden Zähnen, mit Mordgedanken hinunterging. Dieſer Bruno durfte ungeſtraft ſeine Frevlerhand nach Irenen ausſtrecken? Wie zum Dank dafür, daß er Clara's Leben gebrochen, vereinigte ihn jetzt das Geſchick mit der jungen Gräfin? Haha, ewige Ge⸗ rechtigkeit! Wenn nur der Nichtswürdige Geld hat und wieder Geld, ſo kann er ſich Alles erlauben, ſo gelingt ihm das Frechſte wie das Verwegenſte. Die Geſellſchaft ſpendet ihm Beifall; die eine Hälfte der Menſchheit zertritt er, die andere umſchmeichelt ihn. Eine Weile während ſeiner Arbeit, in ſeinem hoff⸗ nungsvollen Liebestraum hatten die ſocialiſtiſchen Zau⸗ berformeln von der Vernichtung dieſer und dem Auf⸗ bau einer beſſeren Welt, von dem Sklaventhum der Arbeiter und dem blutſaugenden Vampyr Kapital ihre Wirkung auf Fritz verloren; jetzt gewannen ſie ihre alte dämoniſche Gewalt wieder. Er kam ſich als der Märtyrer und der Vertreter des Proletariats vor. Der reiche Mann entehrt die Schönheit und zerbricht die Kraft der Armuth. Zwiſchen ihm und Bruno ſpielte ſich der uralte Kampf ab. „Er oder ich!“ wiederholte er halblaut noch einmal, als er durch das Gitterthor des Palaſtes ſchritt, und blieb, an einen Laternenpfahl gelehnt, ſtehen, mit drohend erhobenem Arm und funkelnden Augen nach den hellerleuchteten Fenſtern ſtarrend, hinter deren niedergelaſſenen Vorhängen er die beiden Schatten zu erkennen glaubte, die für ihn ſeines Herzens Haß und Liebe, ſeines Lebens Glück und Elend bezeichneten. So traf ihn ein Vorübergehender, der an ihm vorbei in den Vorhof des Palaſtes wollte. 251 Es war Ruprecht von Schmettow. „Habe immer Glück“, rief er lachend und klopfte Fritz auf die Schulter.„Aufgewacht, Träumer! Wie verdutzt er mich anblickt! Als ob ich aus der Unter⸗ welt käme! Komme aber eben nur aus der Georgen⸗ ſtraße, wo ich Dich aufgeſucht habe, um Dir die Grüße Deiner Schweſter zu bringen.“ „Meine Schweſter— ich dachte gerade auch an ſie. Die Unglückliche! Aber ich werde ſie rächen.“ Und er fuhr mit den Armen wild durch die Luft. „Hier? Der Ort erſcheint mir wenig dafür ge⸗ eignet. Welchen Lärm erhebſt Du!“ Er faßte ihn hart an und zwang ihn, von der Laterne weg mehr in den Schatten zu treten. „Ihr habt mich hintergangen, Sie und Clara. Warum hat ſie mir nicht offen geſtanden, daß ſie die Treuloſigkeit dieſes ſchändlichen Blutſaugers—“ „O“, brummte Schmettow und legte ihm die Hand auf den Mund,„pfeift der Vogel wieder dieſe Weiſe?“ „Euch allen zum Verderben wird er ſie pfeifen. Die ſchöne Geſchichte, die Sie erfunden haben, Herr von Schmettow—“ Ruprecht blinzelte ihn an. „Was habe ich erfunden, Herr Fritz Wolfhart, 5 252 wenn wir in dem Ton reden wollen? Ihr Fräulein Schweſter hat einen kurzen, guten, runden Entſchluß gefaßt, einen amerikaniſchen; ich habe ihr meinen Bei⸗ ſtand zur Ausführung angeboten. Abgemacht, das iſt Alles! Daß ſie Ihnen verſchwieg, was Sie nicht zu wiſſen brauchten, war klug.“ „Aber jetzt weiß ich es. Um Irenens willen—“ „Erſte Regel des guten Tones, Jüngling: nie den Namen einer Dame zu nennen. Calculire mir das Ganze zuſammen. Du haſt oben Herrn Greif getroffen. Schlafe aus und nimm Dir an Deiner Schweſter ein Beiſpiel. Weißt ja, ich habe eine Sym⸗ pathie für Euch beide.“ „Sie iſt in Sicherheit? Es geht Clara gut?“ Nun verdrängte doch die geſchwiſterliche Neigung alle andern Gedanken. Auf und nieder gehend berichtete Schmettow über die Reiſe und den jetzigen Aufenthalt Clara's. Im Bewußtſein einer uneigennützigen That kam er ſich ſelber wie„um drei Zoll höher gewachſen“ vor. Er konnte Fritz einen Brief der Schweſter übergeben und von ihrer Faſſung und Standhaftigkeit erzählen. „Schlaf' auch Du Deinen Liebesrauſch aus“, ſetzte er hinzu,„dann wirſt Du einſehen, welche fürchter⸗ liche Dummheit Du begangen haſt, Dich in eine 253 Ariſtokratin zu verlieben. Iſt eines Mannes der Zu⸗ kunft ganz unwürdig. Zuerſt wird Dir die Welt ganz katzenjämmerlich vorkommen; iſt aber auch nach dem ſchönſten Opiumtraum nicht anders. Im Uebri⸗ gen kann es Dir für Dein ganzes Leben eine heil⸗ ſame Lehre ſein. Wer früh ſeine Erfahrungen mit den Frauen macht, hat Ausſicht auf ein glückliches Alter.“ Damit hatte er ſich wieder dem Reinsberg' ſchen Hauſe zugewendet. „Sie wollen hinauf...“ „Dem Grafen guten Abend zu ſagen. Glauben ſonſt, ich projectirte ſchon wieder eine Fahrt über den Ocean. Iſt mir aber noch zu früh.“ „Aber haben Sie vergeſſen— Sie treffen ihn dort.“ „Ihn? Herrn Bruno Greif? Brauche doch nicht vor einem alten Freunde die Flagge zu ſtreichen?“ „Es wird Streit geben; er wird Sie fordern... Daß Sie ihn nicht anrühren! Dieſer Menſch gehört mir.“ „Nach Hauſe, mein Junge, Du biſt im Fieber. Lies den Brief Clara's und— ja ſo, da fällt mir noch ein Zettel in die Finger. Von Deiner Schweſter an Miß Wood. Willſt Du ihn beſorgen? Sie wird Dich ausfragen, wohin Clara gegangen. Laß Dich nicht übertölpeln.“ 254 „Von der!“ Fritz machte eine Bewegung der Geringſchätzung. „Hexe iſt Hexe!“ entgegnete Ruprecht.„Die dort oben wie die jenſeits des Thiergartens. Auf morgen denn! Und fort mit der Verzweiflungsrunzel! Sei ein ganzer Kerl, der dem widrigen Geſchick ein Schnipp⸗ chen ſchlägt. Oder heirathe Dein Gegenüber, die alte Wittwe.“ Fritz ſah ihn durch das offene Gitterthor, an dem in der Mitte des Hofes errichteten ſteinernen Brunnen⸗ gehäuſe vorüber, die vier Stufen zu der Hauptthür des Hauſes hinangehen und dann im Innern ver⸗ ſchwinden. Rathlos ſtand er ſelbſt noch unter der Laterne— er ſchlug ſich vor den Kopf, als müſſe ihm ſo ein Plan, ein Entſchluß kommen und ſchritt zögernd, zuweilen hinter ſich blickend, den Linden zu. Oben im Salon war nach Fritz' Entfernung die Unterhaltung freier geworden; Irene und der Graf mochten das unerwünſchte Zuſammentreffen des jungen Arbeiters mit ſeinem ehemaligen Herrn in ihren Räumen als eine Veranlaſſung zu unholden Fragen und Er⸗ klärungen noch mehr fürchten als bedauern und gaben ſich einer erhöhteren Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit hin, um jeden unangenehmen Eindruck in Bruno's 255 Seele zu verwiſchen und keine Anſpielung aufkommen zu laſſen. Es gelang ihnen um ſo leichter, da Bruno zu kalt und zu ſtolz war, der Anweſenheit Wolfhart's irgend eine Bedeutung beizulegen, und aus Gründen, von denen weder der Graf noch ſeine Tochter ihrerſeits et⸗ was ahnten, jede Erörterung gern vermied. Doch war er verſtimmt; der Anblick des Bruders hatte ihm die Schweſter zurückgerufen. Zwar ſchien es ihm, als läge zwiſchen dieſer Stunde und der letzten, in der er Clara geſehen, eine unermeßliche Zeit, als wäre er ſeitdem um zehn Jahre älter, klüger und bitterer 4 geworden und hätte nun erſt das wahre Angeſicht der Welt kennen gelernt. Dennoch war die Erinnerung an Clara einmal erweckt und er brauchte eine gewiſſe 1 Friſt, ſie zu überwinden. Die Verwandten hatten die Verlobten ſich allein überlaſſen; der Graf hatte ſich in ſein Zimmer be⸗” geben, die Abendzeitungen zu leſen und an einem Commiſſionsbericht für das Herrenhaus zu arbeiten; 3 Kurt, ſeine Gattin und die Mutter plauderten leiſe in der Kaminecke des ſaalartigen Raums von dem bevorſtehenden Feſte und von den Ueberraſchungen, die ſie den andern vorbereiteten; Bruno und Irene waren an dem kleinen Moſaiktiſche ſitzen geblieben, 256 auf dem noch Fritz' Schachfiguren ſtanden. Zuweilen drang von drüben her ein lauter geſprochenes Wort zu ihnen. „Sie ſprechen vom heiligen Abetby, ſagte Irene und fuhr mit anmuthiger Neckerei— ſie war heute in der Gebelaune— fort:„Denken Sie denn auch daran, Bruno, mir etwas beſonders Schönes aufzu⸗ bauen?“ „Was wäre ſchön genug für Sie, wenn nicht ein Luft⸗, ein Feenſchloß? Aber Feenſchlöſſer pflegen über Nacht einzuſtürzen und am Morgen finden wir nicht einmal die Trümmer mehr.“ „Soll mich das ſchon im voraus für eine ſchlimme Enttäuſchung tröſten?“ lachte ſie übermüthig.„Oho, mein Herr, ſo entkommen Sie mir nicht! Sie müſſen ſich Mühe geben und Ihre Phantaſie für mich an⸗ ſtrengen. Die Armen ſind beſſer daran als die Reichen; ſie müſſen, um ihre kleinen Gaben herauszuputzen, etwas von ihrem Geiſte, ihrem Geſchmack und Ge⸗ müth hinzuthun; wir kaufen das Theuerſte und laſſen den Preiscourant für uns ſprechen. Das iſt häßlich. Iſt ein Strauß von Wieſenblumen, den eine geliebte Hand gepflückt und gebunden hat, nicht ſchöner und werthvoller als das koſtbarſte Bouquet?“ 257 „Die Rückkehr zur Natur? Und die wollte Gräfin Irene wagen?“ „Fürchteten Sie ſich davor? Fliegen wir nicht alle einmal mit Wachsflügeln zur Sonne empor? G Und da der Flug nicht glückt, verſuchen es die Ge⸗ ſtürzten mit der Beſcheidenheit und begnügen ſich, auf der Erde fortzukommen. Auf die Dauer können die Sterblichen nicht den Aether des Ideals einathmen. Sie ſind immer thätig geweſen, in Dampf und Rauch groß geworden, Bruno, Sie können mir nicht nach⸗ empfinden, wie ich mich aus dem nichtigen Traum⸗ leben eines vornehmen Mädchens herausſehne. Manch⸗ mal beneide ich Kurt's Frau, die hat doch wenigſtens ihren Hühnerhof zu verwalten. Ich helfe Ihnen am Ende noch eine neue Maſchine erfinden.“ 8 Gleichviel, ob es Wahrheit oder nur die Laune des wunderlichen Mädchens war, das ſtets den Sprung von einem Aeußerſten zum entgegengeſetzten Ende ge⸗ s liebt hatte, was ſie ſagte, ſchien doch den Wunſch auszudrücken, ihm zu gefallen und ihrs Verbindung zu beſchleunigen. „Um aber die Maſchine mit mir erfinden zu können“, entgegnete Bruno,„müßte der ſchöne er⸗ finderiſche Kopf doch erſt mir gehören. Souſt würde Frenzel, Silvia. III 258 ich mich hüten, ihm meine Gedanken und Geheim⸗ niſſe mitzutheilen.“ „Sehe ich wie eine Verrätherin aus? Uebrigens würde ich Ihre techniſchen Bezeichnungen gar nicht ver⸗ ſtehen. Ja, wenn ich wie Miß Wood jahrelang im gelben Hauſe gelebt hätte!“ „Miß Wood? fragte er zurück. Was war das? Soltte ſie eiferſüchtig ſein? „Dieſe Dame hat ſich wohl nie um Maſchinen und um die Dinge dieſer Welt gekümmert.“ „Und doch ſagt man ihr nach, daß ſie die Egeria in Ihrem— in Ihres Vaters Hauſe geweſen und ſich ein Vermögen dabei erworben habe“, unterbrach ſie ihn und ſah ihn ſcharf an. Bei der Erwähnung ſeines Vaters hatte ſich Bruno verfärbt; er fand nicht gleich eine gelaſſene Antwort. „Man muß Miß Wood bei Ihnen verleumdet haben. Als treue Pflegerin meiner Schweſter galt ſie bei meinem Vater viel; das haben ihr die andern nicht verziehen. Sie iſt ein überſpanntes Mädchen, dem ſeine Eigenthümlichkeit, wohl auch ſeine fremd⸗ ändiſchen, engliſchen Gewohnheiten den Anſchein einer übertriebenen und darum erheuchelten Frömmigkeit geben.“ „Sie vertheidigen Sie ſehr warm“, ſchmollte Irene. 259 „Halten Sie eine aufrichtige Schwärmerei, eine heilige Verzückung in unſerer Zeit, bei unſerer Bildung über⸗ haupt noch für möglich?“ „Warum nicht? Bei Frauen vorzüglich, die eine Neigung zur Träumerei haben, bei denen die Liebe zu Gott, wenn wir auf den Grund ſehen könnten, vielleicht in einer unglücklichen Liebe, in einem an Enttäuſchungen reichen Leben wurzelt. Ich weiß nicht, welche dieſer Urſachen oder ob keine von ihnen bei Miß Wood zu⸗ trifft. Aber diejenigen, die zu Ihnen von dieſer Dame geſprochen haben—“ „Es iſt gelegentlich von ihr die Rede geweſen. Sie intereſſirt ſich für einen jungen Prediger, der als Miſſionär nach dem Caplande gehen will— er iſt auf einem Gute meines Vaters geboren und die Mutter hat ſich ſeiner von Jugend auf angenommen“, ſagte Irene mit zerſtreutem Blick dazwiſchen.„Sie nehmen meine Neugier zu tragiſch, Bruno.“ „Weil ich immer mit Miß Wood in unfreund⸗ lichen Beziehungen gelebt habe, bin ich verpflichtet, ſie zu vertheidigen, wo ſie das Gerücht ungerecht anklagt.“ „Das iſt ritterlich— und dennoch!“ Sie drohte ihm ſchalkhaft mit dem Finger. „Ich wünſchte doch, Miß Wood wohnte etwas weiter entfernt von dem gelben Hauſe.“ 260 „Wenn Sie erſt als Herrin darin einzuziehen ge⸗ ruhten—“ „Haben Sie nicht darüber zu beſtimmen?“ ent⸗ gegnete ſie leiſe. „Iſt dies— ſoll die Ankündigung unſerer Ver⸗ lobung mein Weihnachtsgeſchenk ſein?“ „Für den bewußten Phantaſieſtrauß“, flüſterte ſie und gab ihm die Hand, die er zärtlich an die Lippen zog,„als Gegengabe— ja.“ Bruno erhob ſich mit dem Gefühl des Siegers. Er hatte in ſeiner mißtrauiſchen Art immer noch einen Widerſtand ihrerſeits gegen die beabſichtigte Verbindung gefürchtet. Nun war ſie ſeiner Bitte bei⸗ nahe zuvorgekommen. Welche Gründe ſie beſtimmt haben mochten, ſeinen Antrag endgültig anzunehmen — er hatte die ſchönſte Frau gewonnen und mit ihr ſeinem Ehrgeiz eine neue Bahn geöffnet. In dieſem Augenblick trat der Gra, aus ſeinem Arbeitszimmer, ein Zeitungsblatt in der Hand, mit allen Zeichen einer tiefen Bewegung, und zugleich meldete der Diener den Baron von Schmettow. Indeſſen achtete Niemand beſonders auf dieſe Meldung, alle erwarteten die Mittheilung des Gra⸗ fen... „Die Fürſtin Hochberg iſt geſtorben, geſtern früh, A—— 261 nach langen und großen Schmerzen; bei einem Spazier⸗ ritt iſt ſie verunglückt“, ſagte Reinsberg, ſcheinbar zu allen, aber im Grunde waren ſeine Worte einzig nur an ſeine Tochter gerichtet, wie ſeine Augen nur auf ihr ruhten. Auf einen Moment ging eine Verwandlung in Irenens Zügen vor ſich; der ſchmachtende, ein wenig gelangweilte Ausdruck, den ſie bisher gehabt, ward wie von dem Schimmer einer großen Hoffnung verklärt, als ſähe ſie ein Herrliches greifbar vor ſich. Unwill⸗ kürlich hatten ſich ihre Lippen zu dem Ausruf eines zwiſchen Erſchrecken und Freude ſchwankenden Wortes geöffnet, als der Graf in ſeiner bedächtigeren Klug⸗ heit ihr jede Aeußerung abſchnitt. „Die Fürſtin Hochberg“, hatte er ſich zu Bruno gewendet,„war wie der Fürſt uns innig befreundet; vor ihrer Verheirathung iſt ſie die Zierde unſeres kleinen Kreifes geweſen...“ „Die arme Fürſtin!“ ſagte mit ſeiner lauten Stimme Schmettow, der darüber eingetreten war. „So jung zu ſterben! Hatte das Glück— grauſames, entſetzliches Glück, ihr Pferd zum Stehen zu brin⸗ gen...“ „Sie, Herr von Schmettow?“ fragte vor den andern zuerſt Bruno mit einer ſo ſpöttiſchen Be⸗ 262 tonung und einer ſo herausfordernden Wendung, daß der Zorn und die Eiferſucht, die er gegen dieſen Mann hegte, ſich auch den andern verrathen haben müßten, wenn ſie darauf geachtet hätten. „Ja, ich, Herr Greif. Und auf die natürlichſte Weiſe von der Welt. Aber ich muß die Herrſchaften zuerſt vielfach um Verzeihung bitten; ich hatte nur mit dem Herrn Grafen ein paar Worte zu wechſeln; man hat mich hierher gewieſen und ich ſtöre... Noch ganz Hinterwäldlerart...“ „Sie werden uns doch erzählen, Herr von Schmet⸗ tow“, unterbrach ihn der Graf,„die telegraphiſche Depeſche der Zeitung iſt ſo abgeriſſen...“ „In zwölf Worten bin ich zu Ende“, antwortete Schmettow.„Ich war in weihnachtlicher Stimmung — denken die Damen nur, habe neun Jahre keinen deutſchen Weihnachtsbaum geſehen!— und wollte mir ein recht ſonderbares Geſchenk machen. Reiſte alſo vor vier Tagen zu meiner Schweſter hinüber an den herzoglichen Hof. Der Fürſt Hochberg mit ſeiner jungen Frau lebt ſeit dem Sommer auf einem Schloß in der Nähe der Stadt, in enger Freundſchaft mit dem herzoglichen Paar. Vorgeſtern unternahmen die Herrſchaften einen Morgenſpazierritt durch den Wald, der ſich unmittelbar an den Park anſchließt. War —Q————————————— 265 „Sie haben mir einen ſchlechten Dienſt erwieſen, Herr von Schmettow, mit Ihrer Neuigkeit, die obendrein nach Californien und amerikaniſcher Senſation ſchmeckt.“ „Meinen den Sturz und den Tod der Fürſtin? Etwas illuſtrirt, gebe es gern zu. Ein Fact an ſich iſt ſo nüchtern. Ich hatte aber mit dem Grafen nöthig zu reden; ſein Advocat hat uns da ein endgültiges Inſtrument über den Verkauf der Kohlengruben mit allerlei Clauſeln zugeſendet, die mir nicht gefallen. Sprach vor zwei Stunden mit Ihrem Rechtsbeiſtand darüber und ging flugs hierher. Werde Ihnen morgen den Contract vorlegen. In Geſchäften bin ich pünkt⸗ lich und gewiſſenhaft. Und was meine Neuigkeit betraf, der Graf hatte ſie ja ſchon aus der Zeitung vorgeleſen. Will Ihnen aber eins ſagen, Herr Greif, halten Sie feſt, ſonſt entſchlüpft Ihnen die Braut.“ „Sie ſind—“ „Ohne Eifer. Der Fürſt hat vor zwei Jahren um die junge Gräfin geworben. Warum nichts aus der Sache geworden, weiß ich nicht. Jetzt hat ſich der Wind gedreht— alte Liebe und ſo weiter. Seien Sie kein großmüthiger Plebejer; zwingen Sie Vater und Tochter zu einer öffentlichen Erklärung. Noch können Sie dem Alten, wie es drüben im Weſten heißt, die Augen mit dem Daumen ausdrücken. Iſt die Gräfin erſt Ihre Frau— bah, ſind ein ſchmucker Mann und brauchen hunderttauſend Thaler nicht zu achten. Damit kirrt man jeden Vogel und jedes Weib.“ „Ich werd's“, ſagte Bruno ſcharf und kühl. Schmettow ſtutzte; er hatte einen ſolchen Ton von Bruno noch nicht gehört und ſolch Geſicht noch nicht an ihm geſehen. Darüber war Bruno's Wagen herangefahren. „Noch eine Frage, Herr von Schmettow: Sie waren bei Ihrer Schweſter?“ „Bei meiner Schweſter und Herrn von Hellburg, der Ihnen grollt, weil Sie ihm ſo lange nicht ge⸗ ſchrieben haben. Iſt übrigens fleißig bei Ihren Land⸗ ſchaften—“ „Schon gut. Und Fräulein Wolfhart?“ „Fräulein Wolfhart habe ich am vierzehnten De⸗ cember des Abends nach acht Uhr pünktlich bei ihrem Bruder abgeliefert— rein, weiß und heil, wie damals der Schnee war. Fragen Sie Miß Wood; die beiden Mädchen waren in Streit gerathen...“ „Und Sie wiſſen nichts Weiteres von ihr?“ „Wie ſollt' ich! Haha— Sie glauben doch nicht gar, daß ich ſie an den herzoglichen Hof mitgenommen habe? Als Theaterſchneiderin etwa? Uebrigens 267 4 in Dingen, welche Ladies angehen, bleibt jeder Gent⸗ leman am beſten für ſich allein.“ „Guten Abend, Herr von Schmettow— ich er⸗ warte Sie morgen vor der Börſenſtunde in meinem Comptoir.“ Das Rollen des urtſahrenden Wagens ſcholl bis zu dem Ohr Irenens hinauf; wenigſtens hatte ſie bis dahin unverwandt am Fenſter geſtanden, in die Dunkel⸗ heit hinausträumend, und kehrte ſich erſt, als das Geräuſch der Räder dumpf verklang, wieder nach den andern um. Der Vater war dicht an ſie herange⸗ treten. „Was wirſt Du thun, Irene?“ „Das Schickliche; ich werde dem Fürſten mein Beileid ausdrücken.“ „Und Du haſt noch eine Hoffnung?“ Sie blickte ihn groß an, als ob ſie fragen wollte: „Bin ich häßlicher geworden?“ Der Blick erſchreckte ihn. „Nichts Voreiliges, Irene— ich bin nocj nicht im Hafen.“ „Sei unbeſorgt, ich werde nicht ſo ſchlecht ſpielen, um eines Morgens von beiden verlaſſen dazuſtehen. Ich ſinne nach, welches Lied die Sirenen ſangen.“ ————ꝛ:—— 3— 3 t „ 268 Das Letzte hatte ſie laut geſagt und lachte und ſchüttelte die Locken. Bruno hatte dem Kutſcher den Auftrag gegeben, nach dem gelben Hauſe zu fahren. Es war in der neunten Stunde des Abends, die Diener hatten den Herrn nicht mehr erwartet. Er verlangte auch nur nach dem Gärtner, ging mit ihm nach dem Treib⸗ hauſe, ſuchte unter den Blumen aus, was ihm zu einem Strauß für Irene am nächſten Morgen paſſend ſchien, und trat in ſein Zimmer, um eine kurze Friſt auszuruhen. Schmettow's Warnung, die Beute feſtzuhalten, wollte ihm nicht aus dem Sinn. Unmöglich war es nicht, daß der Tod der Fürſtin ehrgeizige Hoffnungen in Irenen von neuem erweckte. Wenn der Graf und ſeine Tochter in der That nur darum nach ihm ge⸗ griffen, weil kein Beſſerer da war, und ihn fallen ließen, ſobald ſich ein vornehmerer Bewerber zeigte? Dieſer Gedanke war für ihn quälend und beſchämend, als hätte er einen Schlag ins Geſicht erhalten. Das ganze Geſpräch, das er mit Irenen geführt, wurde ihm wieder lebendiger; er erinnerte ſich jeder Ein⸗ zelnheit, jeder Wendung. Egeria hatte ſie Miß Wood genannt. Waren doch mehr als bloße Gerüchte über das Verhältniß ſeines Vaters zu Ellen jenſeits des — gelben Hauſes und ſeiner Gartenmauer laut ge⸗ worden? Unbedachter Thor— er ſchlug ſich vor die Stirn. Er hatte das rothe Buch nicht mit ſich nach ſeiner Stadtwohnung genommen. Wie leicht hätte man während ſeiner Abweſenheit den Schrank öffnen und ſich des Buches bemächtigen können! Es dünkte ihn plötzlich ein Schatz, der einen großen Werth und eine noch größere Anziehungskraft für alle beſitzen müßte, und er ſteckte es zu ſich, als ob es auf ſeiner Bruſt am ſicherſten geborgen wäre. In der Stimmung, in der ſich der Graf und ſeine Tochter befanden, durften ſie nicht erfahren, daß er der Sohn eines Selbſtmörders ſei. Das könnte ihnen einen Vorwand zum Bruch geben, flüſterte ihm das Mißtrauen zu. Und woher ſtammte die Abneigung Irenens gegen Miß Wood? Entſprang ſie aus einer Laune weiblicher Eiferſucht oder aus tieferen Gründen? Welche Bewandtniß hatte es mit jenem Candidaten? Welche— aber die Antwort auf alle dieſe Fragen hatte er ja vor der Thür, er brauchte nur zu Ellen zu gehen. Wie das Schickſal ſie beide einmal zu⸗ einander geſtellt hatte, konnten zwiſchen ihnen die bänglichen Rückſichten, die geſellſchaftlichen Formen der Alltagswelt keine Schranke mehr aufrichten. Er befahl, daß der Wagen ihn auf der Charlot⸗ 270 6 tenburger Fahrſtraße, wo der Weg vom Dorfe Lützow darin mündet, erwarten ſollte, und machte ſich auf den Weg nach dem Hauſe mit den grünen Jalouſien. Von der Seite des Fluſſes, der trotz des einge⸗ tretenen Thauwetters noch ſchwer mit Eisſchollen be⸗ deckt ging, kam er daher. Eben ſetzte die Uhr der Kirche an, die neunte Stunde zu ſchlagen. Ueberall lag noch Schnee, aber ſtatt in blendendem Weiß zu ſchimmern, hatte er eine ſchmuzige graue Farbe ange⸗ nommen. Die Waſſerpfützen, die ſich hier und dort gebildet, waren von der kälteren Luft des Abends, unter einem ſcharfen Nordoſtwinde, getrocknet und leicht überfroren. Unter den Tritten des ſchnell ein⸗ herſchreitenden Mannes brach kniſternd ihre leichte Eis⸗ decke. Der Himmel war trübe, weithin von durchein⸗ anderjagenden Wolken, die nur ſelten einem funkelnden Stern aus ihrer Umhüllung hervorzulauſchen erlaubten, umzogen. Wenige Schritte war Bruno noch von Ellens Hauſe entfernt, als ein Mann aus der Thür trat. Es war Fritz, der in ſeinem Unmuth es vorgezogen hatte, Clara's Brief noch heute Miß Wood zu über⸗ geben und ſo durch einen tüchtigen Marſch ſein Blut zu beruhigen, anſtatt in ſeiner einſamen Stube ſich ſeinen Grillen zu überlaſſen. 271 Bei dem Nahen eines Andern blieb er an dem Staketzaun des Vorgärtchens ſtehen. Um dieſe Stunde, in dem wie ausgeſtorben daliegenden Dörfchen, in dem nicht einmal fernes Hundegebell oder der Hufſchlag eines Pferdes erklang, Jemand zu begegnen, war eine ungewöhnliche Thatſache. So prallten die beiden jungen Männer aufeinander. „Fritz!“ „Herr Greif!“ Fritz ſtand auf dem ſchmalen Pfade, der zwiſchen den beiden Gärtchen zur Thür des Hauſes führte; um vorwärts zu kommen, hätte ihn Bruno fortſtoßen müſſen. Empfanden beide das Verhängnißvolle dieſes Zuſammentreffens, das Keiner von ihnen gewollt oder geſucht hatte? Die Augen des jungen Wolfhart fun⸗ kelten; ſtraffer richtete er ſich zu ſeiner ganzen Höhe auf. „Geben Sie Raum, mein Herr“, ſagte Bruno mühſam mit zornbebender Stimme,„ich will ins Haus.“ So viel des Widrigen und Aufregenden hatte ſich an dieſem Abend gegen ihn vereinigt, daß er ſeine Kälte jetzt bei Fritz' Anblick verlor. Auch ihm ſchoß das Blut in das Geſicht. „Sie werden mir erſt Antwort auf ein paar Fragen ertheilen müſſen, ehe ich weiche“, erwiderte Fritz und verſchränkte die Arme. Ein Stoß, ein Schlag, ein Kampf war unver⸗ meidlich. Ueber ihnen ſchien ein Fenſter leiſe zu zittern, als ob man es geräuſchlos zu öffnen ver⸗ ſuche. Dieſer Ton gab Bruno für einen Augenblick ſeine Gemeſſenheit wieder. Während Ellen vielleicht hinter den Jalouſien lauſchte, mit ſeinem ehemaligen Arbeiter aneinander zu gerathen... „Sie ſollten eine beſſere Zeit zu Ihren Fragen wählen und einen andern Ort“, ſagte er halblaut. „Auch gut, gehen wir die Straße entlang.“ Es gab kein Mittel, ohne Streit dem Drängen des Jünglings auszuweichen— die letzte Möglichkeit, durch unerſchütterliche Ruhe Lärm und Aufſehen zu vermeiden. Wahnſinnige und wilde Thiere bändigt der Menſch durch einen feſten und ruhigen Blick; Bruno hoffte auch Fritz dadurch zu überwinden, wenigſtens den Aus⸗ bruch ſeiner Wuth zu mäßigen. Schweigend, dicht nebenemander, als beſorgten ſie, der eine oder der andere möchte einen Fluchtver⸗ ſuch machen, entfernten ſie ſich von dem Hauſe, nach dem Fluſſe zu. An den Kaſtanienbäumen hemmte Bruno ſeine Schritte. „Ich bin Ihnen lange genug gefolgt, Fritz Wolfhart, nicht wegen Ihrer Drohungen, ſondern ein⸗ gedenk unſerer Knabenfreundſchaft. Reden Sie!“ „So hochmüthig? Sie haben meine arme Schweſter verführt, verlaſſen—“ „Hat ſie Ihnen etwa das Rächeramt übertragen?“ „Ich ſtehe für mich allein. Wie wagen Sie es nur, mit dieſer Schuld auf dem Gewiſſen ſich in die Nähe der Gräfin Reinsberg—“ „Sind Sietoll?“ unterbrach ihn Bruno.„Beſinnen Sie ſich, Fritz Wolfhart, wer Sie ſind und von wem Sie reden!“ „Ich bin immer noch mehr als ein reicher Nichts⸗ thuer, ich bin ein freier Mann! Werden Sie mir Ge⸗ nugthuung geben, Bruno Greif?“ Und er packte Bruno's Arm. „Zurück!“ wehrte ihn dieſer ab.„Entweder muß ich Sie für einen Betrunkenen halten oder für einen—“ „Nichtswürdiger, Du willſt nicht büßen?“ ſchrie Fritz und ſtieß mit dem raſch aus der Taſche geriſſe⸗ nen Meſſer nach der Bruſt Bruno's. Von dem rothen Buch, das Bruno in der Taſche des zugeknöpften Rockes trug, glitt der Stoß ab. Ein Ringen begann; vergebens ſuchte Bruno dem Wüthen⸗ den das Meſſer zu entreißen. Schon hatte er einen Stich in den linken Arm und eine Schramme auf der Frenzel, Silvia. III. 18 274 Stirn. Nun raubte auch ihm der Grimm den Reſt von Kaltblütigkeit, den er noch bewahrt. Hier galt es, das eigene Leben zu vertheidigen. Er war ſtärker und größer als ſein Angreifer und drängte ihn, ohne es ſelbſt zu merken, mehr und mehr an den Rand der Uferböſchung. Noch einmal gelang es Fritz, ſeinen Arm zu er⸗ heben, dann hatte ihn Bruno zu Boden geworfen— den Abhang hinab rollte der Unglückſelige, überſchlug ſich, ſtürzte in den Fluß und verſchwand unter den Eisſchollen. „Fritz!“ ſchrie Bruno auf. Das Haar ſträubte ſich ihm vor Entſetzen. Sein Geſicht war mit Blut bedeckt— er griff mit der Hand nach der Stirn, nach dem Halſe, wohin Fritz zuletzt geſtoßen, und zog ſie blutig zurück. Alles trüb, unheimlich, nichts deutlich zu erkennen — Himmel, Erde und Waſſer... Nur ein häßlicher, gurgelnder Ton, als ob die Flut etwas hinunterge⸗ ſchlungen hätte, zuweilen ein Kniſtern und Knacken im Eiſe... „Fritz!“ wiederholte Bruno, aber leiſer, furcht⸗ ſamer, ſtöhnender als das erſte Mal. Sollte er hinuntereilen, um den Verunglückten zu 275 retten, wenn es noch möglich war? Seine Diener aus dem Hauſe herbeirufen? Indem war es ihm, als tauche aus dem Waſſer eine Hand, ein Kopf empor— das Haupt eines Todten, eines Gemordeten. Er wendete zitternd ſein Antlitz ab und ſah hin⸗ ter ſich. Hinter ihm ſtand eine weiße Geſtalt— die Ver⸗ hüllung, die ſie um das Haupt getragen, hatte der Wind und der eilige Lauf herabgeriſſen; ſie ſtand un⸗ beweglich wie ein Steinbild und zugleich wie ein Bote Gottes, der mit einem Geſicht voll Schrecken und Er⸗ barmen auf die Miſſethaten der Menſchen ſchaut. „Ellen!“ rief Bruno und ſtürzte, von unbeſchreib⸗ lichen widerſtreitenden Gefühlen zerriſſen, vom Kampf und Blutverluſt erſchöpft, zuſammen. Ende des dritten Bandes. * — ä 5 8 fffffnff 9 10 11 12 13 14 15 16 17 4 = S ee