—————— A— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on Eduſard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und LCeſebedingungen. 11. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 3 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus bezahlt werden und eträgt: für muchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Wek. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. „„ 8 r—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben füͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Schon als Knabe hatte er ſich damit beſchäftigt, aus Horn und Holz kleine anmuthige Sächelchen zu drehen, und bald eine nicht geringe Fertigkeit in dieſem Handwerk erlangt. Sein Formenſinn, ſeine geſchickte Hand unter⸗ ſtützten ihn; ohne Martin Greif, der anders entſchied, würde er ſich ausſchließlich dieſer Arbeit gewidmet haben. So konnte er ſie nur in ſeinen Mußeſtunden üben. Aber er trieb ſie mit Neigung und Eifer. Nach ſeinem Austritt— wie er ſeine Entlaſſung Frenzel, Silvia. II. 1 aus der Fabrik beſchönigend nannte— hatte er ſich als ſelbſtſtändiger Arbeiter eingerichtet und eine kleine Kundſchaft bei den Verkäufern dieſer Gegenſtände erworben. Hochmüthig und trotzig wie er war, hatte er wenig dazu gepaßt, unter Vielen ein kaum beach⸗ tetes Rad einer ungeheuren Maſchine zu ſein, eine Arbeit zu verrichten, die in dem Zuſammenhang des ganzen Werkes nicht mehr bedeutete als das Einſchlagen eines Nagels in die Wand. Die hohe Meinung, die er von ſich hatte, wurde nie befriedigt, weder ſein Ehrgeiz noch ſeine Phantaſie fanden in der ihm be⸗ ſchiedenen Thätigkeit einen ausreichenden Spielraum. Wie anders an ſeiner Drehbank! Er konnte den Figuren des Schachſpiels, an dem er eben arbeitete, nach ſeinem Willen Ausdruck und Form geben, wenn ſie nur mit leicht erkennbaren Abzeichen als König und Thurm, als Läufer und Springer auftraten. Und was ihm das Wichtigſte war: er hatte in dieſem Raume keinen Aufſeher, er war in jedem Sinn ſein eigener Herr, ein König im Kleinen. Jawohl, Niemand hinderte ihn. Vor ſechs Wochen, an einem trüben Septembermorgen, hatten ſie die Mutter zum Friedhof hinausgefahren. Von dem Hauſe drüben war der ſchwarzverhängte Wagen gekommen, der Alles in ſich aufnimmt. 4 4 9 5 Uebrigens hatten die Nachbarn ſtaunend und nei⸗ diſch geſagt, es ſei eine ſtattliche Leiche geweſen. Vor der Fülle der ſchönſten Kränze hatte man das ſchwarze Holz des Sarges kaum ſehen können; die Leichenträger ſchienen einen Blumenaufbau zu tragen. Herr Bruno Greif war in Trauerkleidern in Begleitung ſeiner Freunde erſchienen. Mit allen Ehren hatten ſie Frau Wolfhart beſtattet— noch mehr, es war eine wahr⸗ haftige Betrübniß und Ergriffenheit unter den Leid⸗ tragenden geweſen. Am andern Tage hatte Clara den Bitten Ellen's und den Mahnungen des Arztes, der für ihre Geſund⸗ heit fürchtete, wenn ſie nicht dieſer Wohnung der Trauer und des Schmerzes auf eine Weile entrückt würde, nachgegeben und war der Freundin in ihr Haus nach Lützow gefolgt. Fritz hatte die Schweſter mit einer gewiſſen Befriedigung ſcheiden ſehen. Es wäre ihm unerträglich geweſen, an jedem dritten Tage der„engliſchen Schleicherin“ auf der Treppe oder vor dem Hauſe oder gar„in ſeiner Stube“ zu begegnen. Aus der Kammer oben im Giebel war er nun in den vornehmſten Stock hinuntergerückt. Eine alte Frau, die im Erdgeſchoß des Hauſes nach dem Hofe und der Reitbahn zu Küche und Stube innehatte, ſorgte für ſeine geringen Bedürfniſſe. Unter dem Vorwande, ;— I 8 b 2 . 8 4 daß es Erſparniſſe der Mutter wären, hatte ihm Clara beim Abſchiede eine kleine Summe Geldes eingehändigt; es war der Lohn ihrer letzten Arbeiten— und im un⸗ bedachten Leichtſinn weder nach dem Woher noch nach dem Wohin fragend, hatte Fritz dieſelbe angenommen. Einmal aber ganz und ohne Rückhalt auf ſich allein angewieſen, in ungeſtörter Einſamkeit, hatte er eine Kraſt geſpürt, die er bisher nicht in ſich ver⸗ muthet oder wenigſtens nicht geprüft. Sein Ehrgefühl hatte ſich bisher nur in Auflehnung und Widerſetzlich⸗ keit geäußert, in einer Scheu vor Arbeiten, die er für niedrig oder nutzlos hielt; jetzt ſpornte es ihn an, auf eigenen Füßen zu ſtehen. Offen lag der Strom des Lebens vor ihm, keine Mutter, keine Schweſter ſah ihn mit vorwurfsvollen Augen an, ob er ging, ob er kam, ob er thätig war oder ob er träumte. Ihn banden fortan keine Rück⸗ ſichten. 3 „Auf, zeige, was du kannſt!“ rief es in ihm. Er wußte nichts von den erhabenen und erſchüt⸗ ternden Verſen der Dichter an die Nothwendigkeit, die ſie als die ſtrenge Lehrerin und Erhalterin des Menſchengeſchlechts preiſen, aber er glaubte zuweilen ein Antlitz voll Hoheit und Unnahbarkeit ſich gegen⸗ über zu erblicken, das die Lippen nicht öffnete, die ——————::::˖:OOO—C—⸗—F—ꝛ—Y—x—x—x—x—x—x—x—ꝛ—V—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ:yõ— ————=— t Brauen nicht bewegte, weder zur Klage noch im Zorn, und ihn doch an ſeine Drehbank feſtzunageln ſchien. Die tollen Pläne, der Schwager des Herrn Bruno Greif, ſein Compagnon oder ſonſt etwas Großes durch die eigene Klugheit und die Schönheit der Schweſter zu werden, waren ſchnell genug verraucht, das Schickſal hatte durch dieſe Rechnung einen ſchwarzen Strich gezogen. Weſſen getraut man ſich nicht in der Weinlaune! Leider nur, daß die Blaſen, die der Wein in unſerem Gehirn erzeugt, keine beſſere Dauer⸗ haftigkeit haben als die Seifenblaſen der Kinder. Der Wind verweht ſie, und wo ſie mit all ihrem Farbenſchimmer, mit all dem Jauchzen des Kinder⸗ herzens geblieben, das ſich an ſie geheftet, wer kann es ſagen? Wohl träumte Fritz noch von einem abenteuerlichen Glücke, von dem großen Umſturz, der ſocialen Re⸗ volution, die ihn mit einem Schlage aus aller Noth und Mühſal befreien würde, daneben aber war er ein fleißiger Arbeiter geworden, dem die überwundene Schwierigkeit, das gelungene Werk anfingen Freude zu machen. Heute indeſſen, an dieſem nebelgrauen November⸗ nachmittag, wollte es ihm nicht von der Hand gehen. Mehrmals war er ſchon unruhig und unſchlüſſig in ——— dem Gemache auf und nieder geſchritten. Etwas in ihm drängte nach Mittheilung. Wäre nur Clara in der Nähe geweſen! Dann trat er wieder an den Tiſch und beſah die fertig gewordenen Figuren. Die Elefanten mit den Thürmen voll Soldaten, die Bauern mit ihren Spießen und wunderlichen Hüten, welche dem großen Händler, dem er ſie als Probeſtück gezeigt, einen Ausruf der Bewunderung entlockt hatten, wollten ihm nicht mehr gefallen; verdrießlich warf er ſie in die Schachtel, als ärgerten ſie ihn. Ihm war es, als verdichte ſich draußen der Nebel immer mehr, als würden alle Dinge immer grauer, farb⸗ und formloſer. Sollte er zu der Schweſter hinauswandern? Und wenn er ſtatt ihrer Miß Ellen träfe? In eine Bet⸗ ſtunde hineinfiele? Er lachte auf und erſchrak, als das Lachen dur ein Klopfen an der Thür gleichſam erwidert wurde. „Herein!“ brauchte er nicht zu rufen, Schmettow hatte die Thür ſchon geöffnet. „Guten Abend, Fritz! Noch bei der Arbeit? Wirſt Dir die Augen verderben.“ Damit hatte er ſich, den Hut auf dem Kopf, in — den ledernen Lehnſtuhl geworfen und die Beine über⸗ einandergeſchlagen weit von ſich geſtreckt. „Iſt mir ja eine hohe Ehre, Ihr Beſuch! Er⸗ innern Sie ſich noch meiner? Ich meinte, unter Ihren vornehmen Bekanntſchaften müßten Sie mich längſt vergeſſen haben, Herr von Schmettow.“ Er betonte mit einer gewiſſen Ironie das Wört⸗ chen„von“. „Empfindlich? Das iſt auch eine ariſtokratiſche Untugend, die man drüben nicht kennt. Ich Dich vergeſſen? Nein, mein Junge. Du wirſt bald genug erfahren, daß ich Deiner gedenke und wie ein Vater für Dich ſorge.“ „Etwa mit den großen Erwartungen, die Sie mir in den Kopf geſetzt haben? Von meiner Schwe⸗ ſter... „Wohnt ſe. noch immer bei Miß Wood? Haſt Du ſie geſehen?“ „Vor zehn Tagen.“ „Hätte im Grund die Abſicht, den Damen einmal einen Beſuch abzuſtatten. Wäre auch nur ſchieklich. Wollen wir morgen hinausfahren?“ „Trauen Sie ſich nicht allein in die Höhle der Zaubrerin? Der wilde Ruprecht, der ſich vor einem Mädchen fürchtet!“ Schmettow machte eine heftige Bewegung, bei der ihm der Hut vom Kopfe fiel. „Das Ende abwarten, mein kühner Jüngling! In Schweine verwandelt uns dieſe Circe nicht, aber... Dir thun ihre Augen nicht weh, das iſt Alles. Möchte diesmal jedoch nur Deiner Schweſter wegen, daß Du mich begleiteteſt. Bruno Greif iſt in ſeiner Eiferſucht ſonſt im Stande, ſich mit mir zu ſchießen, und, mein Tapferer, ich bin nach drei glücklich überwundenen amerikaniſchen Zweikämpfen nach einem neuen Ehren⸗ handel gar nicht lüſtern.“ „Foppen Sie mich wieder mit Brunv's Liebe zu Clara?“ „Schwager!“ ſagte Schmettow lachend und hielt ihm die Hand hin.„Schlag' ein! Ssß ein Jahr um⸗ geht... alte Liebe roſtet nicht. „If das nun Theilnahme der reBeleidigung?“ „Es iſt der Humor von der Geſchichte. Billig läßt man den Frauenzimmern den Vorrang, auch im Glücksſpiel. Deine Schweſter hat ein großes Loos in der Hand, nun biſt Du an der Reihe.“ „Und drechsle und drehe und boßle weiter.“ „Nicht für immer! Wenn ich Dein C Geſicht hätte, würde ich ſchon jetzt ſtatt einer Drehbank eine reiche Geliebte haben.“ 3 △₰ 9 „Die alte Wittwe an der Ecke etwa, von der Sie neulich behaupteten, ſie hätte ihre Blicke von meiner Wohlgeſtalt nicht losreißen können?“ Er warf verächtlich die Lippen auf. „Ich würde ſie bei alledem heirathen“, ent⸗ gegnete Schmettow und ſuchte nach dem Feuerzeug, um ſich eine Cigarre anzuzünden.„Nimm!“— Er hielt die Taſche dem Freunde hin.„Das Leben, die Welt, das Glück, es iſt Alles eine Wahrſcheinlichkeits⸗ rechnung. Die Frau beſitzt ein Eckhaus in der Fried⸗ richsſtraße, hat fünftauſend Thaler Revenuen, iſt— in Betreff des Alters immer galant gegen die Damen ſein, Fritz, beherzige dieſe goldene Lehre— höchſtens im Schatten der fünfziger Jahre. Calculire alſo, daß Du, Satz gegen Satz, für das Kapital Deiner Jugend zweihundert Procent gewänneſt. Aber ich langweile Dich.“ „Nein, nur machen Sie keinen Eindruck auf mich. Wenn die Ehe mit einer alten Frau für mich das Schwungbret des Glückes ſein ſoll—“ „Ziehſt Du Dich zurück. So iſt die Jugend. Sie weiß den Werth des Alters nicht zu ſchätzen.“ „Ich verkaufe mich nicht.“ „Himmliſche Einfalt! Gekauft wird Alles, auch Du, mein Brutus! Und gleich jetzt werde ich ein 10 Stück von Dir zu kaufen verſuchen. Wie weit iſt es mit den Schachfiguren?“ „In einer Woche habe ich die Arbeit vollendet.“ „Brav! Und ich habe Dir einen Käufer gefun⸗ den— keinen gewöhnlichen, der kauft und die Waare einſteckt, ſondern einen, der ſich ſelbſt mit der Drech⸗ ſelei beſchäftigt hat und Deine Arbeit als Kunſtkenner zu ſchätzen wiſſen wird; dazu einen reichen und vor⸗ nehmen Mann, der es an Empfehlungen im Kreiſe ſeiner Freunde, an Aufträgen für Dich nicht fehlen laſſen wird— den Grafen Reinsberg.“ „Wen?“ rief Fritz aus, zuſammenfahrend, als ſchlüge ein Blitz vor ihm in die Erde.„Den Grafen Reinsberg 2 „Ja.“ „So gibt es ihrer mehrere. Den Grafen.. er hat einen Palaſt in der Wilhelmsſtraße, mit einem Vorhof zwiſchen den Gebäuden, den ein Gitter nach der Straße zu abſchließt... ſeine Tochter—“ „Oho! Sollteſt Du Geheimniſſe vor mir haben? Junger Faun, der die Nymphen oder gar die Göttinnen beſchleicht!“ „Geben Sie mir Antwort— ich brenne vor Un⸗ geduld.“ „Ob Graf Reinsberg eine Tochter hat, weiß ich 11 nicht. Spiele nur am nächſten Donnerstag die dritte Schachpartie im adeligen Caſino mit ihm. Iſt ein mittelmäßiger Spieler, darum laſſe ich ihn gewinnen. Wohnt übrigens in der Wilhelmsſtraße in jenem Hauſe mit dem Garten, dem ſteinernen Brunnen und dem alten Gitter— und nun...“ „Schickſal! Schickſal!“ rief Fritz und ließ die er⸗ hobenen Arme niederſinken. „Das Schickſal pflegen ſonſt nur die Unglücklichen anzurufen, Deine Miene bezeugt eher das Gegentheil.“ „Ich ſtehe rathlos vor einer wunderbaren Ver⸗ flechtung der Zufälle. Sie wiſſen, ich verachte die Pfaffen mit ihren Göttern, ihrer Vorſehung...“ „Abgemacht. In Deinem Alter ſind wir alle Atheiſten. Nun aber haſt Du, wie mir ſcheint, geſtern oder vorgeſtern an Dir ſelbſt erfahren, daß dies herr⸗ liche Syſtem wie alle andern Philoſophien und Reli⸗ gionen dem Siebe der Danaiden gleicht. Durch ein Loch läuft der Fluß der Dinge, den der Verſtand darin feſthalten wollte, gemächlich hinaus. Alſo keine Predigt, ſondern das Ereigniß.“ „Da haben Sie es in fünf Worten: ich habe der Gräfin Reinsberg das Leben gerettet.“ Schmettow ſchlug in die Hände, als klatſchte er im Theater Beifall. 12- „Meinen Reſpekt vor den Unſichtbaren! Das iſt ein ihrer würdiges Stück Arbeit.“ „Geſtern um dieſe Stunde“, fuhr Fritz, haſtig auf und nieder gehend, in ſteigender Aufregung und Verwirrung fort,„aus einer brennenden Stube...“ „Beruhige Dich. Setze Dich und dann erzähle der Ordnung nach.“ Er hatte ſich den Armſtuhl an das Fenſter ge⸗ ſchoben, Fritz nahm auf ſeinem Schemel vor der Dreh⸗ bank ihm gegenüber Platz. Doch litt es ihn nicht lange auf dem Sitz, ſchon nach den erſten Sätzen ſprang er auf, und bald um⸗ herſtürmend, bald ſtehen bleibend, erzählte er ſein Abenteuer. Im Gemache wurde es immer dunkler, nur zu⸗ weilen glühte in einem hellrothen Funken Schmettow's Cigarre auf. „Ich war geſtern zu einem früheren Kameraden aus der Fabrik nach der Ackerſtraße hinausgegangen“, hatte Fritz begonnen. „Für eine Gräfin Reinsberg eine wunderliche Wahl des Aufenthalts. Was hatte ſie dort zu thun?“ „Weiß ich's? Aber es wohnt ſo viel Armuth dort. Sie wird einem mildthätigen Verein angehören.“ „Für arme Wöchnerinnen? Gefallene Mädchen? 13 Oder innere Miſſion? So wird es ſtimmen. Ohne ein wenig Muckerthum geht es bei einer vornehmen Dame nicht mehr an. Trafſt ſie als heilige Eliſabeth in der Hütte des Elends, an der Wiege des Säug⸗ lings... „Ich traf ſie keineswegs dort, wohin Ihre Phan⸗ taſie ſie verſetzt.“ „Ah!“ Schmettow that einen langen, vielſagenden Zug aus ſeiner Cigarre. „Jetzt ſchweige ich. Das verſpricht etwas.“ „Es iſt ein großes ſtattliches Haus, in dem mein Freund in einem Hintergebäude eine kleine Wohnung innehat mit Frau und Kindern. Vornheraus wohnen reiche Leute; den ganzen dritten Stock hat ein Geiſt⸗ licher zur Miethe genommen. Nach dem Hofe hinaus liegt ein dreifenſteriger Saal, in dem er Andachts⸗ ſtunden für eine ſtille Gemeinde abhält. Reiche Frauen ſollen ihn unterſtützen; wie er ausſieht, kann ich Dir nicht beſchreiben, ich bin ihm nur einmal im Vorüber⸗ gehen begegnet. Er und ſeine Anhänger thun in der Nachbarſchaft viel Gutes; einmal hat er auch in dem dortigen Arbeiterverein geſprochen, wie jeder Vernünf⸗ tige, von der Blutſaugerei des Kapitals, dem himm⸗ liſchen Jeruſalem, was bekanntlich...“ „Nur der Communiſtenſtaat iſt. Komme zum Ziel!“ „Wir ſind dabei. Sitze geſtern, wie Sie an die⸗ ſem, ſo an dem Hoffenſter, den Jungen meines Freun⸗ des auf den Knieen. Die Frau iſt eine feine Wäſcherin und plättet und fältelt die Oberhemden des Geiſtlichen drüben. Er heißt Timotheus Theodor Eyſſenhart; in der ganzen Umgegend aber nennen ſie ihn den heiligen Johannes. Mir war das Geſchwätz der guten Frau, die mir auch ſchon von dem Pfaffengift angeſteckt zu ſein ſchien, läſtig, doch mußte ich aushalten, der Ka⸗ merad war noch nicht heimgekehrt. Ich freute mich indeſſen, als ich hörte, daß der heilige Mann wegen unerlaubter Ausübung geiſtlicher Verrichtungen und der Austheilung des Abendmahls mit Geldſtrafen be⸗ legt worden ſei. Dazu iſt der Staat gut, die Pfaffen zu drängen und zu züchtigen. So ſtarre ich denn nichts denkend nach den dunklen verhängten Fenſtern des Saales hinüber. In dem Hauſe war nichts zu hören als Kindergeſchrei und Weiberſtimmen. Die Männer waren noch alle in den Fabriken oder auf ihren Bauten. Plötzlich wird's drüben hell, ein greller Schein fällt über den Hof, mir gerade ins Geſicht. Iſt heute Andachtsübung bei Herrn Eyſſenhart, ſagt die Frau, und ſie ſtecken den Kronleuchter an. Nein, das 15 iſt Feuer, ſchreie ich auf und laſſe den Jungen bei⸗ nahe von den Knieen fallen. Der weiße Tüllvorhang des Saalfenſters loderte auf. Herr Jeſus, Sie haben Recht, lieber Wolfhart! jammert die Frau. Es iſt ja auch viel zu früh für die Verſammlung, erſt ſechs Uhr. Da galt kein Zögern. Ich ſtürze die Treppen hier hinunter und drüben die Treppen hinauf. Der Saal iſt durch einen langen Corridor mit den Zimmern des Vorderhauſes verbunden und das Feuer konnte arg in ihm um ſich gegriffen haben, ehe ſie es dort merkten. Zum Glück brachten das Gekreiſch der Weiber, die weinenden Kinder das ganze Haus bald in Be⸗ wegung. Ich bin der erſte an der Thür— ſchreie, rüttle, tobe, ſie iſt verſchloſſen. Die Andern mir nach, mit einem Eiſen breche ich das Schloß endlich auf und ſtürme hinein. Mitten hinein in dichten Rauch, Qualm und Flammen. Die Vorhänge, die Pfoſten, die Kreuze der Fenſter brennen lichterloh. In dem Kamin iſt Steinkohlenfeuer geweſen und ein böſer Geruch erfüllt den Raum. Auf einem Seſſel liegt ohnmächtig oder betäubt ein Frauenzimmer. Ich trage ſie hinaus, die Weiber helfen mir. Unten im Hofe, mit Waſſer und Riechſalz, kommt ſie wieder zu ſich. Mit einem Blick ſtarrte ſie uns an— Ruprecht, mit einem Blick! Ich habe einmal eine Oper geſehen— Lucrezia Borgia— veerſtehen Sie?“ „Ich verſtehe. Iſt ein Fact, ſolcher Baſilisken⸗ blick.“ „Aus den Fenſtern im dritten Stock ſchlugen die Flammen. Wo iſt der heilige Johannes? ſchrieen die einen. Iſt er verbrannt? Die Feuerwehr! Die Feuer⸗ wehr! Die Conſtabler brüllten die andern von der Gaſſe in Flur und Hof hinein. Deutlich ließ ſich in der Ferne das ſchrille Geläut der Spritzenwagen vernehmen. Führen Sie mich hinaus, befiehlt mir die Dame herriſch; mit einem Ruck hat ſie ihre Kräfte wiedererlangt. Wir kommen auch bis in den Flur, wo die Treppe des Vorderhauſes mündet. Da ſtürzt uns Herr Timotheus Eyſſenhart entgegen. Wie die beiden ſich anſahen! Sie läßt meinen Arm los, ergreift den ſeinen... Wie ſie aus dem Gewühl entſchwunden ſind, kann ich Ihnen nicht genau erzählen. Ich wurde durch die vorrückende Colonne der Feuerwehrleute wieder in den Hof zurückgedrängt— zu meinem Segen oder Un⸗ ſegen, denn in der Nähe des Brunnens erblicke ich auf dem Erdboden ein kleines, koſtbares, geſticktes Täſchchen. Es gehörte offenbar der vornehmen Dame.“ „Steck Licht an! Zeig' es einmal.“ „Ich hab's nicht mehr. Es war viel Geld darin und zwei oder drei Viſitenkarten: Grafenkrone, dar⸗ unter mit gothiſchen Buchſtaben: Irene von Reins⸗ berg. Heute in der Frühe habe ich die Taſche im Palais abgegeben, ich hätte ſie auf der Straße ge⸗ funden, und dem Diener meinen Namen genannt.“ „Merkwürdig! Und ich wette, Du haſt noch merkwürdigere Gedanken über die Geſchichte. Laß nur das Licht unangezündet, es ſitzt ſich beſſer im Dunkeln, wenn man von ſolchen Dingen zwiſchen Himmel und Erde redet.“ „Ich vermuthe gar nichts“, entgegnete Fritz raſch. „Es gibt hundert Erklärungen dafür, daß eine vor⸗ nehme Dame ins Armenviertel kommt...“ „Um Wohlthaten auszuſtreuen. Laß Deine linke Hand nicht wiſſen, was die rechte thut. Aber Dir ſelbſt iſt das Ganze nicht geheuer.“ „Warum zeige ich Ihnen nicht offen mein Inneres? Mich hat die Verachtung geärgert, mit der ſie mich und all die armen Leute behandelt hat, die wir ſie doch nicht ohne Mühe und Gefahr gerettet hatten. Ein gutes Wort, ein freundlicher Blick von ihr und ich würde.. „Du würdeſt ſelbſt mir, Deinem aufrichtigſten Freunde, dies Abenteuer verſchwiegen haben, und das Frenzel, Silvia. II. 2 18 iſt Männerfreundſchaft! Jeder Frauenblick kann ſie ſchmelzen.“ „Mein Herz tadelt mich ſchon, daß ich das Ge⸗ heimniß einer Andern verrathen habe; es iſt häßlich, ſeinem Zorn ſo nachzugeben— aber Sie werden ſchweigen!“ Das Letzte ſagte er mit beinahe drohender Stimme. „Kind, das Du biſt! Macht ſich Scrupel über ein Weib! Und was das Geheimniß der ſchönen Gräfin betrifft, ſo laß dafür nur die andern Weiber ſorgen, die mit Dir darum wiſſen.“ „Das Geheimniß iſt im Feuer erſtickt.“ „Meinſt Du? Und zugleich erwarteſt Du unruhig ein Zeichen aus dem Hauſe in der Wilhelmsſtraße.“ „Ich—“ antwortete Fritz, aber er kam nicht weiter, denn unten wurde die Hausglocke geläutet. „Zünde Licht an, Du erhältſt Beſuch.“ Die kleine Lampe mit halbgrünem Glasſchirm verbreitete eine mäßige Helle, gerade genug, um die beiden Männer, die an der Drehbank ſtanden, zu beleuchten. „Der junge Herr iſt in ſeiner Wohnung“, hörten ſie unten die Pförtnerin ſagen. Ein ſchwerer feſter Tritt klang langſam die ſteile Treppe hinan. 19 Fritz klopfte das Herz. Schmettow ſuchte eine gewiſſe Gleichgültigkeit zu erzwingen und betrachtete die angefangene Königin 3 von Elfenbein. Auf die Aufforderung Fritz', einzutreten, ſchritt ein hochgewachſener Mann in dunklem Ueberrock, mit grauem, kurzem Haar, den Bart nach militäriſchem Schnitt, in freier vornehmer Haltung, ſich unwillkür⸗ lich ein wenig bückend, als könne er ſich das Haupt an dem niedrigen Thürgebälk ſtoßen, über die Schwelle. „Aufgepaßt“, ſagte Schmettow in ſich hinein,„es iſt der Graf ſelbſt. Da hat es etwas Ernſthaftes ge⸗ geben, ſo ein unbeſtimmbarer Nebel um die Ehre des Hauſes.“ „Ich bin der Graf Reinsberg“, begann der Ein⸗ getretene mit klarer Stimme,„und ſuche Herrn Fritz Wolfhart.“ „Ich bin es, Herr Graf“, ſtotterte Fritz und wußte in ſeiner Befangenheit nichts Beſſeres zu thun, als dem vornehmen Beſuch einen Stuhl hinzuſchieben. Der alte Herr lächelte; ſeine Augen, von dem Uebergang aus der Dunkelheit der Treppe in den Licht⸗ ſchein der Lampe geblendet, fanden ſich erſt allmälig in dem Raum zurecht. Er erkannte Ruprecht.. 1 8 20 „Sie da, Herr von Schmettow?“ Und er reichte ihm über die Drehbank die Spitzen ſeiner Hand zum Gruß hin. „Welch glückliches Zuſammentreffen! Sie können am beſten meine Bekanntſchaft mit Ihrem jungen Freunde und Schützling vermitteln.“ „Er wünſcht mich in die amerikaniſchen Felsge⸗ birge“, dachte Schmettow,„aber ich weiche nicht.“ Für ihn gab es kein Schwanken, er war jeder Lage gewachſen und fühlte ſich in dieſem Augenblick ſogar als Herr der Situation. „Wären der Herr Graf fünf Minuten eher ge⸗ kommen, ſo hätten Sie Ihren Namen ſich entgegen⸗ ſchallen hören“, ſagte er luſtig.„In ſolchen alten Häuſern ſchallt's überall. Und wir ſprachen von Ihnen“ Reinsberg hatte ſich geſetzt; den Hut in der lin⸗ ken Hand haltend, mit der rechten beſchattete er ſeine Augen— vor dem Licht und vor den beiden, deren Blicke er nur zu forſchend auf ſich gerichtet wußte. „Da ſtehen ſie noch, die ſchönen Schachſiguren meines Freundes. Nicht wahr, ein Cabinetsſtück? Wie iſt das Alles zierlich, drollig, phantaſtiſch! Nein, ſagte ich, dieſe Arbeit mußt Du zuerſt dem Grafen Reinsberg anbieten. Und Sie möcht' ich fragen, Herr 21 Graf, hab' ich ihn zu ſehr gerübmt; Steckt nicht ein Künſtler in ihm?“ Er klopfte Fritz auf die Schulter und rief lachend: „Durch Feuer und Waſſer vorwärts, mein Junge, sic itur ad astra!“ Eine nach der andern nahm der Graf die fertigen Figuren aus der Schachtel, ſchien ſie zu prüfen, nickte mit dem Kopfe zum Zeichen ſeines Wohlgefallens und legte ſie ſorgfältig wieder zuſammen. „Das iſt eine ſehr ſchöne Arbeit; ſie verbindet eine originelle Erfindung mit einer vortrefflichen Aus⸗ führung. Herr von Schmettow hat Recht, Sie mach⸗ ten mir ein Vergnügen, wenn ſie mir dieſelbe über ließen.“ „So viel Ehre—“ Fritz verbeugte ſich; ſeine Seele weilte nicht bei ſeinem Werk und die Anerkennung, die ſeiner Künſtler⸗ ſchaft ward, rührte ihn kaum. Andere Worte hätte er von den Lippen, aus dem Herzen des Redenden ziehen mögen. Er ſtand hinter Schmettow, der ſich auf dem Schemel neben dem Grafen niedergelaſſen hatte und mit der Schachkönigin liebäugelte. „Sie ſind ein Beſchützer aller Talente, Herr Graf, wer wüßte das nicht! Die Förderung der idealne ——— 7 1 22 Güter des Lebens iſt recht eigentlich der Zweck und die Aufgabe der Ariſtokratie. Wäre ich reich, ich ließe keinen Künſtler müßig gehen. Gegenüber dem Schacherſinn und dem Gründerthum müſſen der Adel und die Künſt⸗ ler, die Gelehrten, die Handwerker zuſammenhalten, einen feſten Damm ererbter Sitte und ererbter Kunſt⸗ fertigkeit, des Rechts und der Freiheit bilden... Vergebung, amerikaniſche Unart, überall vom erſten beſten Tiſch oder Baumſtumpf herab eine olitiſche Rede zu halten.“ „Ich lerne Sie heute zum erſten Male von dieſer Seite kennen, Herr von Schmettow; alſo auch ein Socialpolitiker?“ ſagte der Graf nicht ohne ironiſche Feinheit.„Aber die Kunſt iſt lang zu erörtern und die ſociale Frage auch. Geſtehe ich es nur, Herr Wolfhart, ich bin nicht zu dem Künſtler, ſondern zu dem Retter meiner Fochter gekommen.“ „O, Herr Graf—“ Fritz zitterte und legte die Hand auf den riſch, er hatte das Bedürfniß, etwas Feſtes neben ſich zu fühlen. Es war ihm, als müſſe er hinſtürzen oder durch eine unſichtbare Gewalt in die Höhe geriſſen werden.. „Der jungen Gräfin— das Leben gerettet!“ Man konnte nicht täuſchender und natürlicher den 23 Ueberraſchten ſpielen, als Schmettow ihn ſpielte. Mit einem unnachahmlichen Ausdruck im Geſicht, der wie in gekränkter Freundſchaft zu fragen ſchien: Das konnteſt Du mir verſchweigen? wendete er den Kopf halb nach Fritz herum. Der Graf hatte dieſe Bewegung wohl beachtet; er athmete ſchnell wie erleichtert auf— offenbar war der junge Menſch in ſeiner Achtung geſtiegen, und in⸗ dem er ihm die Hand reichte und ſie haſtig drückte, ſagte er zu Ruprecht: „Ja, aus dem Feuer gerettet!“ „Ich wußt' es ja“, entgegnete Schmettow,„er iſt ein Held...“ „Wo ſoll ich hin? Sie beſchämen mich. Es war ein Zufall. Jeder thäte das Gute, wenn ihm die Ge⸗ legenheit dazu würde.“ „Ich gehe.“ Ruprecht hatte ſich erhoben. „Es ziemt keinem Dritten, den Erguß eines väter⸗ lichen Herzens zu belauſchen. Ich muß ſchon um Ver⸗ zeihung bitten, daß ich ſo lange gezögert habe.“ „Bleiben Sie, Herr von Schmettow“, hielt ihn der Graf mit einer höflichen Geberde zurück,„es handelt ſich um kein Geheimniß. Mit ihrer gewohnten Geſchwätzigkeit werden die Zeitungen ohnedies das ——— — — 24 Unglück, das für ſie nur eine intereſſante Neuigkeit iſt, ausbeuten und ausſchmücken.“ „Was würden ſie erſt in Amerika thun! Eine Lady aus dem Feuer gerettet... Extrablätter mit Holzſchnitten, Ausrufer auf allen Gaſſen... Und der Junge da ſchweigt zu alledem?“ „So weit ſind wir zum Glück noch nicht“, er⸗ widerte Reinsberg.„Aber freilich fängt man auch bei uns ſchon an, jeden Vorfall zu einer perſönlichen Reclame oder für die politiſche Tendenz der Zeitungen zu verwerthen. Und nun gar in dieſem Falle, bei. meiner Stellung! Das Feuer iſt in der Wohnung des Candidaten Eyſſenhart ausgebrochen, eines wun⸗ derlichen jungen Mannes, der meinem Hauſe lange bekannt und anhänglich iſt; er iſt auf einem meiner Güter geboren. Die Frauen ſind gutmüthig, meine Gattin fühlt ſich noch immer verpflichtet, für den Candidaten zu ſorgen, wie ſie ehemals für den frühverwaiſten Bauerknaben ſorgte. Ein wenig miſcht ſich religiöſe Schwärmerei ein, unmerklich führen Mitleid und Wohl⸗ thätigkeitsſinn auch die klügſten Frauen weiter, als ſie ſelbſt im Anfang gehen wollten. Geſtern Abend brachten Mutter und Tochter dem Candidaten für ſeine Armen Geld und Wäſche; während die Gräfin in dem Vorderzimmer mit Eyſſenhart redete, ordnete — — in dem nach dem Hofe gelegenen Saale Irene die kleinen Gaben. Dabei iſt durch irgend eine Unvor⸗ ſichtigkeit eine Gardine in Brand gerathen...“ „Begreife“, nickte Schmettow mit dem Kopfe.„Der Schrecken hat dann das Uebrige gethan. Statt hin⸗ auszueilen und um Hülfe zu rufen, wird die junge Gräfin erſt allein den Brand zu dämpfen verſucht haben...“ „Der grelle Flammenſchein, der Rauch hat das arme Mädchen bewältigt“, betonte Reinsberg.„Nun, Gott hat Alles zum Guten gewendet. Unſer junger Freund hat mein Kind aus dem Feuer gerettet, und wie ich mich heute bei einem Beſuch der Brandſtätte überzeugt habe, iſt der Schaden ein geringer, nur der Saal iſt ausgebrannt und die Treppe beſchädigt. Aber die Sorge, Angſt und Verzweiflung der Mutter, die, aus dem Vorderhauſe fliehend, ihr Kind erſt auf der Straße wiederfand...“ Fritz bewunderte die ruhige Sicherheit, mit der Graf Reinsberg ſeine Erfindungen vortrug. Iſt die gewandte Lüge, die kluge Verſtellung ein Vorrecht der Hochgeborenen? Er würde niemals mit ſo viel An⸗ ſtand und Beſtimmtheit haben lügen können. Dabei glaubte er doch, denn er empfand ein ge⸗ wiſſes Mitleid mit dem Vater, der einen dunklen Vor⸗ gang im Leben ſeiner Tochter mit dem⸗Mantel der 26 Liebe zu bedecken ſuchte, die Schilderung des Grafen durch eine thatſächliche Bemerkung unterſtützen zu müſſen. „Es war bei dem Zuſammenlaufe der Menſchen unmöglich, nach dem Hofe vorzudringen, wohin wir die junge Gräfin getragen“, ſagte er. „Merkwürdig, daß Alles ſo glatt abgelaufen iſt! Habe in San⸗Francisco Aehnliches erlebt, endete aber graufiger. Sind ein Freund von Geſchichten, Herr Graf, erzähle Ihnen einmal nach unſerm Schachſpiel die meinige“, ſprudelte Schmettow heraus, indem er ſich die Handſchuhe anzog. „Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, Herr Wolfhart“, erhob ſich nun auch Reinsberg. „Meinen Dank ſagt Ihnen mein Handdruck, Sie haben mir einen höchſten Schatz gerettet und dieſe That wird Ihnen bei mir, in meiner Familie unvergeſſen bleiben. Doch meine Tochter wünſchte Ihnen perſönlich zu danken; ſie hat ſich geſtern ſo ſchnell, ſo ohne Gruß und Wort von Ihnen entfernt...“ „O, Herr Graf, ſie wollte zu ihrer Mutter“, vollendete Fritz gleichſam den angefangenen Satz. Er begriff, daß die„Dankbarkeit“ der gräflichen Familie Reinsberg ihm nur unter der Vorausſetzung zu Theil ——— werden würde, daß er die Anweſenheit der Mutter beſtätige.„Wiederholt hatte ſie nach ihr gerufen.“ Wie leicht und glatt gleitet man den Abhang der Lüge hinunter! „Gewiß. Aber ſie will heute nachholen, was ſie geſtern verſäumt. Nach der Verſicherung des Arztes hat ſie ſich von ihrer Nervenaufregung beinahe ganz erholt, und ein Wiederſehen, ein Ausſprechen mit Ihnen würde von der heilkräftigſten Wirkung ſein.“ „Ich eile, Herr Graf... nur in dieſem Staub⸗ kittel... „Ich plaudere noch eine Weile mit Herrn von Schmettow, wenn er mir das Vergnügen ſeiner Unter⸗ haltung gönnt.“ Einem Trunkenen gleich ſtürmte Fritz die Treppe zu ſeiner Schlafkammer hinauf, wie im Fieber voll⸗ endete er ſeinen Anzug. Unter ihm hatten ſich die beiden Herren in ein Geſpräch über die Feinheiten des Schachſpiels mit dem Gambitzuge vertieft. Nachher folgte Fritz dem Grafen, der voranſchritt; auf der ſchmalen Stiege konnte nur einer nach dem andern gehen. So gelang es Schmettow, dem Jüng⸗ ling zuzuraunen: der Schönheit berücken. Spiele hoch!“ Auf dem Fahrdamm hielt der Wagen; in leiſem Regen ging der Nebel nieder. Am Himmel kein Stern; durch die Finſterniß flackernd die röthlichen, unſicheren Lichter der Laternen. Mit kühlem Gruß verabſchiedeten ſich Reinsberg und Schmettow. Dann wurde Fritz, an der Seite des Grafen ſitzend, in dem leichten Wa⸗ gen von den raſch ausgreifenden Pferden wie im Fluge dahingetragen. Ihm fiel die alte, längſt ver⸗ geſſene Schulgeſchichte von dem jungen Helden ein, der den Sonnenwagen des Vaters führen wollte. „Phaeton...“ ſeufzte es in ihm. War ihm ein günſtigeres Schickſal beſchieden? Während der Fahrt that der Graf hin und her taſtend einige vorſichtige Fragen nach der Familie, der Vergangenheit Wolfhart's. Im Stillen wünſchte er ſich Glück, daß wenigſtens ein Menſch von einer gewiſſen Bildung, von beſcheide⸗ ner Haltung und von Vertrauen erweckendem Aeußern in dieſer traurigen Begebenheit eine Rolle geſpielt habe. Hätte nicht der tückiſche Zufall einen wüſten Geſellen, einen Abenteurer zum Mitwiſſer eines Geheimniſſes machen können, das ihm für immer die Ehre des Hauſes Reinsberg in die Hände gab? „Halte die Hand aufs Herz. Laß Dich nicht von —— —— 29 Der Graf mochte dieſen Gedanken gar nicht verfol⸗ gen, er freute ſich vielmehr der Antworten, die Fritz mit dem vollen Ton der Wahrheit ertheilte. Weder in ſeiner eigenen noch in der Vergangenheit ſeiner Familie war ein Flecken, den er hätte verbergen müſſen; ohne Rückhalt und ohne falſche Scham konnte er ſich gehen laſſen. Er fand bei ſich ſelbſt eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit zwiſchen dem Unglück ſeiner Familie und dem Schlage, der das Haus des Grafen getroffen, heraus: beide hatte die„Religion“, das Muckerthum verſchuldet. Wenn Miß Ellen Wood und Herr Timo⸗ theus Eyſſenhart heute noch verhaftet, ins Gefängniß geworfen oder, noch beſſer, Arm in Arm miteinander auf die Miſſion zu den Fidſchi⸗Inſulanern geſchickt würden— es ſollten Menſchenfreſſer ſein, wie Fritz aus dem Vortrage eines gelehrten Profeſſors im Hand⸗ werkerverein erfahren hatte— das wäre doch noch einmal ein kühner Griff des Staates geweſen, der leider nur die Männer der Zukunft mit kleinlichen Polizeimaßregeln heimſucht, aber nicht die Pfaffen und die Seelenbräute. 2 Ganz in ſeine Ecke gedrückt, lauſchte der Graf mit ſteigender Befriedigung dem harmloſen Bericht des Jünglings über ſeine Eltern, ſeine Jugend, ſeine Ar⸗ beit. Die tiefen Furchen ſeines Geſichts glätteten ſich, die Hoffnung befeſtigte ſich immer mehr in ihm, daß es ihm und ſeiner Tochter gelingen würde, einen dichten Schleier über das Geſchehene zu ziehen. Die Zeit, die raſchlebende Geſellſchaft, der beſtändig wech⸗ ſelnde Stoff von Neuigkeiten, den eine große Stadt erzeugt, verſenkten dann allmälig den Vorfall in ſtumme Vergeſſenheit. So reichte er Fritz, als ſie den hell erleuchteten Flur ſeines Hauſes betraten und nebeneinander die teppichbelegte Treppe hinaufſtiegen, noch einmal die Hand und ſagte: „Ich rechne Sie fortan zu den Freunden meines Hauſes, Herr Wolfhart.“ In einem reich mit Kupferſtichen geſchmückten Zimmer ließ er ihn eine Weile allein, um ſeine Toch⸗ ter auf den Beſuch vorzubereiten. Für Fritz hatte der Verzug das Gute, daß er ſich an die Pracht der Einrichtung, die doch viel ſtattlicher und prunkvoller war als die im gelben Schlößchen, gewöhnte. Er beſann ſich auf die Ermahnung des alten Greif, die freilich nur den Kindern ertheilt war, aber recht wohl auch für ihn in ſeiner außerordent⸗ lichen Lage paßte: nicht alles Neue unruhig zu be⸗ gaffen oder gar anzutaſten, nicht immer ein Ahl oder — —— 341 O! auf der Zunge zu haben, ſondern ſich überall ſtill und gemeſſen zu verhalten. Im Verein mit ſeinem ſchönen Geſicht, ſeiner ge⸗ fälligen Geſtalt übte denn auch dieſe Ruhe und die Art ſeiner Verneigung einen günſtigen Eindruck auf die junge Dame aus, die ihn, als er von ihrem Vater gerufen durch die Thür kam, nur mit einem verlore⸗ nen düſtern Blick geſtreift hatte. Sie richtete ſich in dem hochlehnigen Seſſel, in dem ſie halb ausgeſtreckt ruhte, in einem einfachen Kleide, eine geſtickte Decke wie eine Leidende bis hinauf über die Kniee gezogen, empor und deutete auf einen Stuhl ihr gegenüber. Die Lampe ſtand ſo, daß ſie ihm voll ins Antlitz ſah und jede Veränderung ſeiner Züge zu beobachten ver⸗ mochte, während er nur ihr langes blondgelocktes Haar, ihre weiße Hand und gelegentlich, wenn ſie ſich vornüber neigte, ihr„griechiſches“ Profil bewundern konnte— griechiſch, das wußte Fritz von ſeinem Zeichenlehrer, war das Höchſte in aller Kunſt und Schönheit. Nach einigen Worten und dem Austauſch der Be⸗ grüßungen und des wiederholten Dankes hatte der Vater das Gemach verlaſſen. Ueber all dieſe Wunderlichkeiten würde ſich ein 32 Anderer vielleicht den Kopf zerbrochen haben, Fritz hatte genug mit ſeinem Herzen zu thun. Der feine Wohlgeruch, der von Irenens Haaren ausſtrömte, der eigene, ihm fremde Duft, von dem das Zimmer erfüllt war, das Lauſchige, Halbdunkle umher, der weiche, über den ganzen Fußboden aus⸗ gebreitete Teppich, in dem der Fuß zu verſinken ſchien— Alles entrückte ihn in eine Märchenwelt. Oder war es nur die ihm gegenüber ruhende, in ſanf⸗ ten, zarten Umriſſen ſichtbare Frauengeſtalt, welche dies Wunder bewirkte? „Geſtatten Sie mir heute, Ihnen zu danken“, ſagte ſie mit einer wie verſchleiert klingenden Stimme, „und vergeſſen Sie, daß ich es nicht ſchon geſtern ge⸗ than habe. Ich war durch den plötzlichen Ausbruch des Feuers betäubt, beſinnungslos, ich ſah und hörte nichts.“ „Die Angſt um Ihre Frau Mutter, gnädige Gräfin...“. 3 Die Mutter— das hatte er ſich aus der Dar⸗ ſtellung des Grafen gemerkt— durfte nicht mehr um⸗ gangen werden. „Ja, ſie hat ernſter von dem Unfall gelitten als ich. Sie wird eine Zeit lang das Bett hüten müſſen. Ich bin, Dank Ihrer Entſchloſſenheit und Selbſtauf⸗ 3—— opferung, mit einem drückenden Kopfſchmerz davonge⸗ kommen. Mein Kopf iſt wüſt und wird von all den ſchrecklichen Bildern noch eine geraume Friſt wüſt und wirr bleiben.“. „Und ich beläſtige Sie noch, gnädige Gräfin—“ Er wollte ſich erheben. „So war es nicht gemeint. Ich habe noch mit Ihnen zu reden. Noch leb' ich ja und bin wieder ge⸗ ſund. Sie waren der erſte in dem brennenden Saal? Nur mühſam beſinne ich mich auf die Einzelheiten des ſchaurigen Vorgangs zurück.“ Sie machte eine leiſe Bewegung nach ihm hin, ſodaß ihr Haar in vollen Locken über die Schulter wallte, von einem Lichtſchimmer goldig angehaucht. „Hand aufs Herz, Fritz!“ ſo mahnte ſich der Jüngling ſelbſt. „Als wir die Thür erbrochen hatten, ſchlug uns dichter Rauch entgegen. Nicht nur vom Brande, auch von den Kohlen im Kamin...“ „Ja, die Kohlen! Der Dampf hatte mich ſchon vorher beläſtigt, ich wollte das Fenſter öffnen; dabei werde ich mit dem Licht der Gardine zu nahe gekom⸗ men ſein...⸗ „Ganz gewiß.“ Frenzel, Silvia. II. 3 34 „Und wie fanden Sie mich? Mir iſt es ein Wunder, meine Rettung.“ „Sie lagen in die Kniee geſunken, mit dem Kopf auf einen Stuhl. Sie ſehen, zu Ihnen vordringen, Sie nach der Treppe hinaustragen, war das Werk einiger Sekunden. Zur Umſchau war keine Zeit für mich, auch hinderten Rauch und Flammen jede Be⸗ obachtung.“ „Und Sie allein hatten den Muth, ſich ins Feuer zu ſtürzen?“ „Ich glaube, ich war in jenem Augenblick der einzige Mann im Saale.“ „Um wie viel tiefer bin ich Ihnen verpflichtet.“ „O, gnädige Gräfin—“ Aus der Glut der Hölle würde ich Sie heraus⸗ reißen, mit Drachen für Sie kämpfen— das ſpru⸗ delte in ihm, doch kam es nicht zum Ausdruck. Mit ihrem feinen Ohr hatte ſie den leidenſchaft⸗ lichen Klang ſeiner Stimme nur zu gut herausgehört und hob wie warnend und beſchwichtigend ihre Rechte, die bisher regungslos auf der buntgeſtickten Decke ge⸗ legen hatte, ein wenig in die Höhe. „Und ein Künſtler ſind Sie?“ begann Irene nach einer kleinen Pauſe.„Mein Vater hat mir von Ihren Arbeiten geſprochen.“ 9 37 39 Fritz erröthete wie ein eben zur Jungfrau erblüh⸗ tes Mädchen, deſſen Schönheit man lobt. „Ein ſchlichter Handwerker... Wäre ich von Jugend auf bei der Kunſt geblieben, hätte etwas Rechtes lernen und mich entwickeln können, ſo würde ich es vielleicht zu etwas gebracht haben. So werde ich im beſten Falle ein geſchickter Drechsler. Jede Kunſt hat eine Seite, die nur mechaniſch und durch beſtändige Hantierung gelernt werden kann. Die vor⸗ nehmen Leute meinen freilich, es käme allein auf Nei⸗ gung und Inſpiration an. Umgekehrt, die Handgriffe ſind das wichtigſte Rüſtzeug, und wer die Zeit verpaßt hat, ſie zu lernen und zu üben, wird ihrer niemals in jedem Sinne Herr.“ „Sie haben früher in der Fabrik des Herrn Greif gearbeitet? Sie kennen Herrn Bruno Greif?“ Die Frage geſchah in einem angelegentlicheren Ton, in einem ſchnelleren Tempo, als die Gräfin ſie bisher, ihres Leidens wegen, gethan hatte. „Mit Herrn Bruno Greif bin ich zuſammen auf⸗ gewachſen“, antwortete Fritz.„Er iſt einige Jahre älter als ich; jetzt darf ich mich nicht mehr rühmen, ihn zu kennen.“ „Iſt er ſo ſtolz?“ „Arbeiter und Fabrikherr paſſen nicht zuſammen, 3 3 36 ngädige Gräfin. Das blutſaugende Kapital, das Bour⸗ geoisthum—“ a Er brach haſtig ab, es war ihm, als hätte ihn Schmettow auf die Schulter geſchlagen. „Davon abgeſehen ſind wir, ich und meine Schwe z ſter, ihm zu Dank verbunden; er hat für unſere arme Mutter in ihrer letzten Krankheit geſorgt, als wäre er ihr Sohn geweſen.“ „Sie haben eine Schweſter, Herr Wolfhart?“ „Eine jüngere...“ 3„Wohnen Sie zuſammen? Oder iſt ſie verhei⸗ rathet?“ 8„Sie wohnt jetzt in Lützow bei Charlottenburg im Hauſe von Miß Ellen Wood, einer Dame, die mit uns zuſammen im Greif'ſchen Hauſe als Gouvernante der Tochter gelebt hat.“ b „Miß Ellen Wood... ich habe den Namen öfter gehört... in den Verſammlungen bei dem Candida⸗ ten Eyſſenhart.“ Es ſchien ihr einige Mühe zu machen, den Namen über die Lippen zu bringen. Um ſo feſter ſprach ſie weiter: 4 „Miß Wood ſoll ein ebenſo ſchönes wie frommes und wohlthätiges Mädchen ſein.“ „Man ſagt's— aber was ſteckt dahinter?“ — — ꝗ%—— 8 — 37 Irene zupfte an den Franſen der Decke. „So iſt Herr Greif ſehr fromm erzogen worden?“ Einer Erörterung über Miß Wood„und was hinter ihr ſtecke“ ſchien ſie mit raſchem Entſchluß aus dem Wege gehen zu wollen. „Im Gegentheil, gnädige Gräfin. Damals— ich meine, in der Jugend Bruno's— war die athei⸗ ſtiſche Periode im gelben Hauſe. Der liebe Gott iſt erſt mit dem engliſchen Fräulein in das Haus des alten ſeligen Herrn Greif eingezogen. Herr Martin Greif war bis dahin ein ganzer Mann geweſen, Kopf und Herz am rechten Fleck, mit Augen ſo klar und ſcharf wie Mittagsſonnenſchein und einem Willen von Eiſen. Als aber der fromme Glaube und der Spiri⸗ tismus einmal eingedrungen waren, haben ſie Haus und Menſchen und Dinge von oberſt zu unterſt ge⸗ kehrt.“ „Ah!“ entſchlüpfte Irenen.„Dieſe Miß Wood muß ein ſehr merkwürdiges Mädchen ſein. Und wie ſich die Anſchauungen des jungen Herrn Greif ſeitdem gewandelt haben, wiſſen Sie nicht?“— „Wenn er an die Verwüſtungen denkt, welche die innere Miſſion in dem Kopfe ſeines Vaters ange⸗ richtet hat, ſo wird er wohl auf ſeinem früheren Standpunkt beharren.“ 38 „Und wenn auch nicht Herrn Greif's, ſo iſt er doch ſicherlich noch der Ihrige?“ 1 Wo es ſich um das politiſche oder religiöſe Glau⸗ 3 bensbekenntniß handelte, hätte es Fritz eines Mannes für unwürdig gehalten, nicht Rede zu ſtehen. „Ja, gnädige Gräfin“, antwortete er mit erho⸗ benem Kopfe. 6 „Darf man ihn kennen lernen?“ *„Er iſt ſehr einfach. Thue recht und ſcheue Nie⸗ mand, ſagte der alte Herr Martin Greif, um das Jenſeits haſt du dich gar nicht zu kümmern.“ Irene hatte den Arm auf die Lehne des Seſſels geſtützt und die ſchöne Stirn nachdenklich in die Hand gelehnt. „Kann man mit ſolcher Nüchternheit ſich zufrie⸗ den geben? Keinen Aufſchwung nach dem Unerforſch⸗ 1 lichen wagen? Haben Sie niemals eines Troſtes be⸗ durft, eines himmliſchen Troſtes, der wie aus dem Himmel in Ihr gequältes Herz fiel oder nach dem Sie doch ſchmachteten wie nach einem Waſſertropfen in der Wüſte?“ „Nie.“. „Weil Sie Glücklicher vielleicht noch niemals et⸗ was Unerſetzliches verloren haben.“. „O doch, meine Mutter. Aber welcher Troſt 39 riefe ſie wieder ins Leben zurück? Welche Hoffnung auf ein dereinſtiges Wiederſehen könnte meine augen⸗ blickliche Sehnſucht ſtillen? Was iſt mir ihr Geiſt, ihre Seele, wo ich nach ihrer lieben irdiſchen Erſcheinung verlange, wo ich ſie mit dieſen Armen faſſen und an ihrem lautſchlagenden Herzen ausruhen möchte? Nein, die Lücken, die der Tod reißt, ſind unausfüllbar, man kann ſie nicht mit Worten und Dunſt ausflicken.“ „Was bleibt uns dann?“ „Die Zeit, die Arbeit, der Wechſel des Lebens. Die Wunde wird zur Narbe, der Schmerz zur Falte auf unſerer Stirn und in unſerem Gemüth.“ Leiſe wiegte Irene den Kopf hin und her. Wer ſich mit ſo geringen Koſten von dem Gaſt⸗ mahl des Lebens erheben könnte! Mit ſo ſicherem Schritt, weil er ſchwindelfrei iſt, an den Abgründen vorüberwandelt! Von einem plötzlichen wunderlichen Einfall erfaßt, bog ſie ſich ein wenig aus ihrer Stellung vor und fragte: „Sie haben nie geliebt, Herr Wolfhart?“ Es war ein Ton zwiſchen Ernſt und Neckerei, aber Fritz fehlte die Gewandtheit und die Stimmung, in ähnlicher Weiſe darauf zu erwidern, zumal in dieſer Minute, wo ihn ein unausſprechliches Gefühl rieſelte. Wäre ſie nur keine Gräfin geweſen, hätte ſie nur nicht der Bann der Hoheit umgeben! Er hätte ihr ſchon antworten wollen, tolle, ſüße Worte über⸗ ſchäumender Leidenſchaft! So jedoch, in dieſem mär⸗ chenhaften Raum, in dem Alles gedämpft war, Farbe, Licht und Klang, wo er ſich in der fremdartig reichen Umgebung gleichſam körperloſer fühlte, ſtammelte er nur verworrene Worte ohne Sinn. Irene lächelte wie jede Schönheit, der das Ver⸗ ſtummen des Mannes die ſchmeichelhafteſte Huldigung darbringt. „Noch haſt du nicht geliebt, aber von dieſem Augenblicke an...“ dachte ſie. Vor einem Tage noch würde ſie hochmüthig oder unwillig die Schulter über die Anmaßung eines Ar⸗ beiters gezuckt haben, der ſie mit andern als mit unterwürfigen oder gleichgültigen Blicken betrachtet hätte; jetzt, wo ihr mehr als dem Vater daran gelegen war, dieſen jungen„bildſamen“ Menſchen ganz zu ihrem Sklaven zu machen, hätte ſie ſich ihres ſchnellen Sieges beinahe gefreut. „Aber wenn Sie liebten, wenn das Schickſal, wenn feindliche Mächte ſich gegen Ihre Liebe ver⸗ in ſanfter und doch unwiderſtehlicher Wallung durch⸗ — ſchworen hätten und Ihnen die Geliebte rauben 5 wollten...“ „O, ich würde meine Liebe nur mit dem Leben aufgeben!“ rief er trotzig.„Solange ich athmete, würde ich mich nicht mit himmliſchem Manna und mit Entſagung abſpeiſen laſſen.“ „Sie würden ſich nicht feig fügen und das Wort Gottes vorſchützen...“ Verſtand er ihre dunklen Anſpielungen? „Ich würde meine Geliebte gegen die Welt und gegen Gott vertheidigen“, unterbrach er ſie. Jählings zuckte ſie auf. „Verzeihen Sie, gnädige Gräfin“, bat er, denn er glaubte, ihre Bewegung gälte ihm und ſeiner Drei⸗ ſtigkeit, aber ſie beruhigte ihn mit einem Lächeln. „Wo ſind wir hingerathen! Sie ſehen aus wie Lohengrin, der für Elſa von Babant ſein Schwert zieht.“ Ihr Scherz that ihm wohl und weh zugleich. Wie gern hätte er noch in ſeiner hitzigen Aufwallung weiter geredet und der unbekannten Geliebten, die ja keine Andere ſein konnte als ſie, die ſo leidend und ſo ſchön, ſo traurig und ſo begehrenswerth vor ihm ſaß, ſein Blut, ſein Selbſt zum Opfer dargeboten! Aber freilich, wie leicht hätte er ſich auch verrathen und durch eine einzige unbeſonnene Aeußerung den luftigen Bau ſeines Glückes wie ein Kartenhaus zer⸗ ſtören können. Würde die vornehme Dame den fre⸗ chen Thoren, der ſich ihr mit einer Liebeserklärung aufdrängte, nicht auf immer von ſich weiſen? Sie handelte klug und freundlich, indem ſie ihn durch ein Wort zur Mäßigung und auf den Pfad des Schicklichen zurückwies. In Irenens Bruſt war während der eingetretenen Pauſe ein Entſchluß, den der erſte Anblick des jungen Mannes geweckt, feſt und reif geworden. Schnell er⸗ hob ſie ſich und ſtand, als er aufſprang, ſchlank und hoch neben ihm, ſo unmittelbar nahe, daß kein Aus⸗ weichen ſeiner Blicke mehr möglich war. Tief und durchdringend ſenkten ſich ihre ſtolzen Augen in die ſeinen. „Ich habe eine Bitte an Sie“, ſagte ſie ganz leije mit halberſticktem Ton. „Befehlen Sie über mich, gnädige Gräfin“, ant⸗ wortete er ebenſo. „Aber ich fordere unbedingten Gehorſam und unverbrüchliches Schweigen, auch gegen meinen Va⸗ ter.“ Er winkte ihr mit der Hand, als ob er ihr ſagen wollte: — — 43 „Genug; wozu der Worte, gebiete doch nur!“ „Sie kennen den Candidaten Eyſſenhart?“ „Ich habe ihn einmal geſehen... Sie wiſſen wo, gnädige Gräfin. Eine ſolche Begegnung vergißt ſich nicht.“ „Er beſitzt Papiere, Briefe, die ich wieder haben muß... verſtehen Sie, muß... um jeden Preis. Wollen Sie mir mein Eigenthum wiederſchaffen?“ „Ich will. In Güte oder mit Gewalt.“ „Ohne Aufſehen!“ betonte ſie. „Wie aber kann ich Ihnen nahen, Ihnen Aus⸗ kunft geben, Ihre Befehle einholen, wenn... wenn der andere Ausflüchte ſucht?“ „Ich werde Mittel finden, Sie zu ſehen... bei Ihrer Schweſter vielleicht, bei Miß Wood... Der Vorhang an der Thür bewegte ſich; der Graf kam zurück. Irene war ſchon wieder in ihren Lehnſtuhl zurück⸗ geſunken und legte wie ſpielend ihren Finger auf die Lippen. Sich tief verneigend, ſchien Fritz ſich von ihr zu verabſchieden. „Du zürnſt mir“, ſagte ſie zu dem Vater.„Für eine Leidende habe ich zu lange mit Herrn Wolfhart geredet. Aber der Gegenſtand unſeres Geſprächs zog —[———y——— 44 uns immer weiter. Er hat mir ſo viel Gutes und Schönes von Herrn Greif, unſerem Freunde, erzählt, von Miß Wood, der Du ja wohl einmal begegnet biſt— und denke nur, Herr Wolfhart und ſeine Schweſter haben erſt kürzlich ihre Mutter verloren...“ So vergingen noch einige Minuten, dann ſtieg Fritz die breite Treppe hinunter, der Portier öffnete ihm die ſchwere Thür, und als ſie mit dumpfem Geräuſch hinter ihm zuſchlug, er draußen ſtand unter dem ſternenloſen Himmel, fröſtelnd an dem feuchten Novemberabend, doppelt empfindlich nach der Wärme, aus der er kam, für den rauhen Wind, der ihm den feinen Nebelregen ins Geſicht trieb, da war es ihm, als fühle und durchlebe er den ewig ungeſtillten Schmerz, der vom erſten Menſchenpaar ſich auf alle nachfolgenden Geſchlechter forterbt, in ſeiner ganzen herzbrechenden Gewalt, den Schmerz, aus dem Para⸗ dieſe verſtoßen zu ſein. Aber nur einen Augenblick, er kannte nun die Pforte, die zu ſeinem Himmel führte, und hoffte auch den Schlüſſel zu beſitzen, der ſie ihm zu jeder Zeit aufthun würde. So übermächtig war der Eindruck der ſchöuen Gräfin auf ihn, ſo herrlich und hoheitsvoll ſtand ihr Bild vor ihm, daß der Verſtand nicht einmal einen Einwand, eine Warnung verſuchte, ihn aus der Be⸗ 45 zauberung der Sinne und der Phantaſie zu reißen. Und während er Pläne über Pläne erfand, um die ſchöne Unglückliche von dem„ſchnöden, argliſtigen“ Pfaffen, aus den Banden des„Aberglaubens“ zu befreien, wie er ſie den Flammen entriſſen hatte, merkte er nicht, daß er ſich ſelbſt immer unlöslicher in dem Netz einer dämoniſchen Leidenſchaft verſtrickte. Ihn ſchreckte nicht das Vergebliche und Ausſichtsloſe des Wagniſſes, nicht das doppelte Geſicht, das eine lächelnd und das andere drohend, das dieſe Schönheit trug, nicht das Zweideutige und Gefährliche in ihr — er ſah in Irenen nur die ſtrahlende Göttin des Glückes, die dem Kühnſten Liebe, Macht und Reich⸗ thum verhieß. 1 1 Zweites Kapitel. Eben hatte Miß Ellen Wood ihre Schülerinnen ent⸗ laſſen. Ans dem größeren, ſaalartig eingerichteten Zimmer auf der einen Seite ihres Hauſes im Erd⸗ geſchoß war ſie mit Clara die Treppe nach ihrem Wohngemach hinaufgeſtiegen. Der November hatte noch einen freundlichen letzten Sonnenblick gehabt; auf den alten Bäumen mit ihren gelbbraunen welkenden Blättern, auf dem Dache und den beiden kleinen Thürmen der Kirche vor Ellen's Fenſter ſchimmerte der Abſchiedskuß der großen Leuchte. Still und ſittig hatten ſich die Mädchen nach den Häuschen von Lützow oder den Straßen zu, die nach Charlottenburg führen, entfernt. Auf dem Platz vor der Kirche war es wieder einſam und ſo lautlos geworden, als breitete ſich ringsumher das ſtille Reich 3 4 1 1 —j* —— 47 der Schatten aus. Kein rollender Wagen, kein Hunde⸗ gebell, weder der Hufſchlag eines Pferdes auf dem ſchlecht gepflaſterten Fahrdamm, noch der ſcharfe Schritt eines eilenden Mannes ſtörte die Ruhe. Nur der Wind raſchelte ſeufzend in dem aufgeſchichteten Laube, das den Raſenplatz und die Stege bedeckte. Die feſtgeſchloſſenen Jalouſien der Häuſer umher — meiſt wohnen Sommergäſte darin, die längſt die Idylle, bei dem Wehen rauherer Herbſtlüfte, aufgegeben hatten— vermehrten noch den Eindruck der Abge⸗ ſchiedenheit. Verſtummt war das fröhliche Geräuſch, das bunte Gewühl des Frühlings und des Sommers. Die kalten blaugrauen Wolken ohne Glanz verbreiteten ein unheimlich bängliches Gefühl der Oede und Trauer. „Wie lange noch“, dachte Clara, indem ſie zu ihnen emporſchaute,„und ihr werdet aus eurer Tiefe die ſchauerliche Schneedecke herabfallen laſſen, die Alles einhüllt, auch mein Herz!“ Zu ſchneidend war der Gegenſatz des tollen Feſtes und der Todesbotſchaft geweſen, die Ellen ihr damals überbracht hatte, als daß Clara ihn in ſo kurzer Friſt ſchon hätte verwinden können. Der Schmerz über den Tod der Mutter, während alle, durch den Schein der Geneſung getäuſcht, mit Hoffnungen auf die 48 Wiederkehr der Geſundheit ſich getragen hatten, erhielt für Clara noch einen ſchärferen Stachel durch den Vorwurf, der ihr nagend im Herzen ſaß, daß ſie durch eigene Schuld der Sterbenden ferngeblieben war, daß andere Hände als die ihren der Mutter die Augen zugedrückt hatten. Sie hatte ſich vielleicht gerade die Roſe lachend ins Haar geſteckt, als die Hand der Mutter kraftlos ins Leere nach einer letzten Stütze gegriffen. In dieſem Gedanken lag eine herbe Bitter⸗ keit; ſo viel Wermuth auch ſchon in den Becher ihres Lebens gefloſſen, dieſer Tropfen war der bitterſte. Wenn Andere ſich in ähnlichen Stimmungen ein Viederſehen, eine Verſöhnung in einem Jenſeits vor⸗ ſtellen und durch den Ausblick in eine dämmernde Unendlichkeit über den Schmerz des Endlichen ſich emporheben, ſo entbehrte Clara dieſes Glaubens. Nach ihrer Ueberzeugung war mit dem Tode Alles für den Menſchen vorüber. Möglich, daß die Atome ſich in einem für unſern Geiſt undurchdringlichen Dunkel zu neuen Bildungen wieder zuſammenfügen, aber das, was Ich und Du einmal waren, wird nie wieder Ich und Du ſein. Wohl war nach dem harten Kampf des Daſeins, den die Mutter geſtritten, der Schlaf ohne Träume, die ewige Ruhe ihr zu gönnen, allein Clara bereitete 8³ 49 dieſe Gewißheit nur neuen Kummer. Undurchbrechbar, unüberſteiglich war die Schranke des Grabes. Weder drüben noch hüben würde ſie jemals wieder der ver⸗ ehrten, geliebten Geſtalt begegnen, ihre Verzeihung er⸗ flehen können, das ſüße Lächeln in dem verklärten Ge⸗ ſicht aufblühen ſehen. Ellen hatte nicht verſucht, den Schmerz der Freun⸗ din zu tröſten oder zu ſtören. Bei der tiefen Verſchiedenheit ihrer Anſichten über die letzten Dinge wäre ein ſolcher Verſuch auch durch⸗ aus vergeblich geweſen, und Proſelyten zu machen oder nur ein Geſpräch über Glauben und Wiſſen, über den unlösbaren Widerſpruch zwiſchen den Dogmen des Chriſtenthums und der Naturerkenntniß abſichtsvoll herbeizuführen, lag nicht in Ellen's verſchloſſenem Charakter. „Gott, der Himmel und die Unſterblichkeit ſind nur für die Auserwählten da, die ſie empfinden und ahnen“, pflegte ſie zu ſagen;„ſie beweiſen zu wollen, iſt nicht allein eine nutzloſe Mühe, ſondern eine Ent⸗ weihung. Wer möchte die Schönheit allem Volke preis⸗ geben?“ So hatte ſie Clara einzig hinſichtlich der äußeren Umſtände bei dem Tode der Mutter beruhigt. Sie ſelbſt, Ellen, war zugegen geweſen, um die Freundin Frenzel, Silvia. II. 4 — ͦ—— —- zu erwarten, ein plötzlich ausbrechender Blutſturz habe jede menſchliche Hülfe unmöglich gemacht. Auch auf die Anklagen und Beſchuldigungen wegen ihres Leichtſinns, daß ſie dem Drängen Bruno's nach⸗ gegeben, die Clara ſo oft mit ſelbſtquäleriſcher Reue wider ſich erhob, antwortete Ellen nicht. Sie hatte weder die Stimme noch die Miene einer Richterin. Kamen die Mädchen auf dieſe traurigen Vorfälle zu ſprechen— und es geſchah nach Ellen's Anſicht nur allzu häufig— ſo bewahrte ſie jene ſtille, ernſte Faſ⸗ ſung, die ſie mitten unter den feſtlich aufgeregten Gäſten Bruno's wie ein Weſen aus einer andern Welt hatte erſcheinen laſſen, wie einen Engel, deſſen ſanfte Schönheit und milde Seele von einem Hauch der Schwermuth über das ihm aufgetragene Werk der göttlichen Gerechtigkeit verdüſtert und umſchattet iſt. Dies Entrücktſein aus der irdiſchen Bedürftigkeit, dieſe ſcheinbare oder klug angenommene Erhabenheit bei aller Demuth hatte Bruno Ellen nie verzeihen können. Aber Clara fühlte ſich von dieſem geiſtigen Hochmuth der Freundin nicht verletzt, weil ſie ſelbſt in ihr etwas Höheres neidlos verehrte, den Frieden und die Heiterkeit der Seele, die ſie in ihren Zweifeln und Kämpfen nach dem Wahren und Guten nicht ge⸗ funden hatte. 51 Seit der jüngſten Vergangenheit weniger als je. Das Geſicht an die Scheiben gedrückt, träumte ſie dem fallenden Laub, dem ſchwindenden Glanz der Sonne, den grau und grauer dahinziehenden Wolken nach. Alles im Wind verloren, verſtreut, ſpurlos... Alles ein Niedergang... Und den neuen Frühling, den neuen Aufgang, wer darf ihn hoffen? Lohnt es ſich überhaupt, dieſem im ewigen Wechſel doch ein⸗ tönigen und einfarbigen Schauſpiel lange beizu⸗ wohnen? Ein Arm legte ſich weich um ihren Leib und 5 Ellen fragte: „Wir haben es von Tag zu Tag verſchoben, Herrn Greif zu beſuchen; wollen wir es heute thun? Es iſt ein heller Tag.“ 3 Clara wehrte ab. „Geh' allein und ſchütze meine aufgeregte Stim⸗ mung, meinen leidenden Zuſtand vor; ich vermag es noch immer nicht, über die Schwelle ſeines S auſes zu 1 ſchreiten.“ „ Was ſoll ich im gelben Hauſe? Nicht mich, 3 Dich hat er hier aufgeſucht. Deinetwegen ſendet er täglich ſeinen Diener, ſich nach unſerem Wohlſein zu erkundigen, Deinetwegen iſt er in unſerer Nähe ge⸗ 74 blieben, ſtatt nach der Stadt zurückzukehren. — 4* „Meinetwegen?“ hauchte Clara verloren vor ſich hin. „Komm' vom Fenſter hierher— die welken Blät⸗ ter gewähren einen ſo traurigen Anblick und mir iſt’s, als hörte ich einen leiſen, ganz leiſen Klagelaut, wenn ſie nieder zur Erde ſinken. Setz' Dich“— ſie hatte die Freundin mit ſanſter Gewalt in einen kleinen, mit dunkelbraunem Wollenſtoff überzogenen Seſſel ge⸗ drängt und war auf einem Kiſſen vor ihr niederge⸗ kniet, die Hände auf Clara's Knieen, zu ihr aufblickend — aß uns vernünftig reden.“ „Von ihm?“ entſchlüpfte Clara's Munde. „Auch von ihm“, lächelte Ellen mit dem Mitleid der höheren Natur, die ſich zur niedern herabläßt. „Aber zumeiſt von Dir, Bändige Deine Thränen und Deinen Gram. Den Zuſammenhang der Dinge klärt Deine Philoſophie nicht auf, der Zufall iſt immer unbegreiflich, und da Du ihn nicht als Gottes Schickung und Rathſchluß zu verborgenen Zwecken betrachten und verehren willſt, ſo ertrage ihn als blindes Schick⸗ ſal oder als Weltgeſetz.“ „Ein toller Wahn hatte mich ergriffen, daß ich ihm folgte— und dann das Gewitter, die Männer, die vielen Lichter, das glänzende Feſt... Wilde Freude, ich war wie ausgetauſcht und verwandelt...“ —-— — 53 „Glaubſt Du, es wird die letzte Verwandlung ſein, durch die Du ſchreiteſt? Nicht ein Wahn be⸗ thörte Dich, die Leidenſchaft zog Dich fort. Und wie wollteſt Du auch gegen ſie kämpfen? Du liebſt ihn, kannſt Du es leugnen? Und drückt ſich nicht auch in all ſeinem Thun die Liebe zu Dir aus? Mächtig treibt es Euch beide zu einander—* „Wie Du redeſt, Ellen! Wohin würde mich dieſe unſelige Leidenſchaft führen, wenn ich ihr nicht wider⸗ ſtände, als in Schmach und Tod?“ „Beſſer aus Liebe ſterben, als ungeliebt verwelken und vergehen“, entgegnete Ellen heftig und ließ ihre Hände von Clara's Schooß gleiten.„Mehr als Schmach und Tod würde ich die Erkaltung der Neigung des Freundes fürchten. Wenn ich liebte, was wäre mir das Urtheil der Menſchen? Was Unehre und Ver⸗ derben? In ſeinen Armen wäre ich glücklich und ge⸗ ehrt, ein Hauch ſeines Mundes blieſe allen Staub von mir, mit dem die Welt mich überſchüttete. Sich hinzugeben, das iſt auch Seligkeit! Und da ſollt' ich knickern und zagen und ängſtlich auf das Geſchwätz der Nachbarinnen lauſchen!“ Sie war aufgeſtanden und ging wie eine Ver⸗ zückte mit ſtrahlenden Augen auf und nieder. Clara's Blicke hingen ängſtlich, unverwandt an ihr. Nun kehrte Ellen zu ihr zurück und ſchloß ſie in ihre Arme. „Ich habe Dich erſchreckt. Nicht wahr, ich rede wie eine Irre? In Dein Leben und für Deine An⸗ ſchauungen paßt dieſer himmliſche Taumel nicht. Aber nur in ihm genießeſt Du Deines Weſens ganz, nur durch ihn kannſt Du zu Gott und zum höchſten Gut aufſteigen.“ „Du liebſt“, ſagte Clara bedeutungsvoll. „Nein, mein Kind“— und ſie kniete wieder auf dem Kiſſen—„ich habe keine irdiſchen Neigungen und mein Gefühl flutet ſo leidenſchaftlich und ſo ſtürmiſch, weil es ungefährlich für mich und Andere ins Unbe⸗ ſtimmte und Grenzenloſe ſich ergießt. Haftete es an einem Begrenzten und Beſtimmten, es würde ſo kalt und keuſch wie Deines ſein.“ „Bin ich kalt, wenn ich mich nicht blindlings in die Arme eines Mannes ſtürze, der mich zu lieben behauptet? Und was denn an mir liebt er? Meine Schönheit, die ihn reizt.“ „So niedrig denkſt Du nicht von Bruno. Er liebt Dein Selbſt. An der Zartheit, mit der er Dir begegnet, an der Rückſicht, die er Deinem Schmerz ſchuldig zu ſein glaubt, könnteſt Du es merken. Aber bedarfſt Du ſolcher Zeichen?“— 55 „Achtet er mich jetzt, ſo ſoll er mich immer achten.“ „Als Magdalena dem Herrn die Füße ſalbte, war ſie nicht ein verachtetes Geſchöpf? Wie nieder⸗ gedrückt von der Laſt ihrer Sünde, von den ſpöttiſchen und unwilligen Blicken der Gäſte verfolgt, ganz in Thränen, und dennoch in ihrem Entzücken ſeliger als ſie alle, ſeliger vielleicht als der Heiland ſelbſt. Das iſt wieder eine Ketzerei für proteſtantiſche und philoſophiſche Ohren. Laß es gut ſein, mein Innerſtes erzittert, wenn die höchſte Liebe es auch nur aus un⸗ endlicher Ferne mit ihrem Strahle berührt.“ Vorſichtig ſteckte der alte Diener ſeinen weiß⸗ haarigen Kopf durch die Thür: der Bruder des Fräu⸗ leins Clara und ein Herr von Schmettow ſeien im Hauſe und wünſchten den Damen ihre Aufwartung zu machen. Im Eifer ihres Geſprächs mochten die Mädchen den Klang der Hausglocke überhört haben; im Uebrigen ging Alles ſtill und beinahe lautlos um Miß Ellen Wood her. Auf den Treppen, in den Corridoren lagen holländiſche Teppichſtreifen, die Thüren öffneten und ſchloſſen ſich ohne Geräuſch. Bei Gottfried's Meldung erſchien ein Schatten des Verdruſſes auf Clara's Stirn; die Störung, ob⸗ gleich es der Bruder war, der ſie verurſachte, berührte ſie unangenehm. So gern hätte ſie eine Unterhaltung fortgeſetzt, die ſie aufregte. Ellen hatte ſich indeſſen ſchon von dem Kiſſen erhoben und als Herrin des Hauſes dem Diener geſagt: „Führe ſie herauf, die Herren ſind uns will⸗ kommen.“ Hier und dort einen Seſſel rückend, die Vaſe mit den Blumen vom Fenſterbret auf den Tiſch ſtellend, glitt ſie durch das Gemach. „Endlich!“ hatte etwas in ihr gerufen, als Gott⸗ fried den Namen Schmettow genannt. Da ſie ſich von Clara unbeachtet ſah, die vor ſich hin träumte, warf ſie einen flüchtigen prüfenden Blick in den Spiegel. Mit der Hand wölbte ſie noch ſchnell ihre Haare an den Schläfen und ein ſonderbares Lächeln ging wie Erinnerung über ihre Züge. Gehoben von ſeinem Glück, durch die Freundlich⸗ keit der Gräfin Irene auch in ſeinem Selbſtbewußtſein als ſchöner, junger Künſtler beſtärkt, war Fritz heute liebenswürdiger und geſprächiger als ſonſt in Gegen⸗ wart Ellen's. Er prahlte ein wenig mit der Bewun⸗ 1 derung, die ſeine Arbeiten bei ſo vornehmen Leuten 1 —„fkeinen aufgeblaſenen Bourgeois⸗Geldpilzen, ſondern echten Ariſtokraten“— gefunden, aber die Mädchen ließen es ihm ohne Rüge hingehen. Sie freuten ſich, 57 daß die Arbeit ihm wieder zum Vergnügen geworden war, und nahmen lebhaft an ſeinen Erfolgen Theil. Ellen zeigte kleine Elfenbeinſchnitzereien aus Indien, die ſie in England zum Geſchenk erhalten, und ein zierlich gedrechſeltes Büchschen mit Fingerhut. Zwanglos miſchte ſich Schmettow, nach einer Entſchuldigung, daß er erſt ſpät nach jenem verhäng⸗ nißvollen Abend ſeiner Pflicht genüge, den Damen ſeine Verehrung darzubringen, in das Geſpräch, mit einer gewiſſen Zurückhaltung, wie einer, der ſeine Kräfte nicht in kleinen Wortplänkeleien zerſplittern will⸗ Es konnte nicht auffällig ſein, daß die Geſchwiſter nach einiger Zeit unter einem Vorwand, den ihnen Ellen gab, das Zimmer verließen. „Clara hat Manches auf dem Herzen“, ſagte Ellen darauf,„was allein für den Bruder gehört... Sie verzeihen darum, Herr von Schmettow.“ „Ich bitte! Wird mir doch auf dieſe Weiſe ein Glück beſchert, an deſſen Gewährung ich ſchon ver⸗ zweifelt hatte— eine kurze Friſt mit Miß Ellen Wood allein zu ſein.“ „Das große Glück! Zwei offene ehrliche Zeilen würden es Ihnen ſchon vor Wochen verſchafft haben.“ Darüber hatte der Diener die Lampe gebracht und die Vorhänge der Fenſter geſchloſſen. —— 58 Wie gewöhnlich trug Miß Wood ein ſchweres graues Seidenkleid mit anſchließenden gepufften Aermeln und ſchwarzen Sammtſchleifen. Ohne Unruhe ſaß ſie ihm gegenüber, die ſchönen ſchlanken Hände läſſig gefaltet im Schooß. Schmettow mußte doch einen andern Empfang und eine ſtärkere Befangenheit ihrerſeits erwartet haben. Er ſtutzte, als ſie die Worte„offen und ehr⸗ lich“ betonte, und ſtrich verlegen mit ſeinen breiten Händen ein⸗, zweimal übereinander hin. „Iſt ein weiter Begriff, ehrlich! Und ſchwierig, einer Dame gegenüber zu definiren.“ „Auch für einen Gentleman? Der ſollte zweifel⸗ haft ſein, wie er einer ehemaligen Freundin zu begeg⸗ nen habe, wenn er ſie nach Jahren unter andern Verhältniſſen und Menſchen wiedertrifft?“ erwiderte ſie, ohne mit den Wimpern zu zucken. „Silvia Das Geſicht des Mannes glühte von einem wilden Feuer; halb hatte er ſich von ſeinem Sitz er⸗ hoben und ſtand wie zum Sprunge bereit. Es war ungewiß, ob er ſie im Haſſe erwürgen oder in Liebe in ſeine Arme ſchließen wollte. Aber Gllen behielt ihre Kaltblütigkeit und Selbſt⸗ beherrſchung. 59 „Wir ſind nicht mehr in der Nevadawildniß, Herr von Schmettow“, ſagte ſie mit ihrer ſanfteſten Stimme,„wo nicht die Sitte und das Geſetz einer ge⸗ ordneten Geſellſchaft, ſondern nur Gott allein regiert. Soll dieſe Unterredung Sinn und Zweck haben, ſo muß ich Sie vor allem bitten, mich für das zu nehmen, was ich bin: Miß Ellen Wood— Ihre freundwillige Dienerin, wenn Sie beſcheiden und klug ſein wollen.“ Vor Aerger über ihre Ruhe biß er mit den Zähnen auf ſeine Unterlippe, allein er ſetzte ſich doch wieder, ſeine Heftigkeit bezwingend, auf ſeinen Seſſel. „Alſo Ellen Wood, nicht mehr Silvia. Werde es mir merken, ſchöne Dame!“ Und er ſuchte in einem Gelächter ſich Luft zu machen.„Iſt ja nichts Merk⸗ würdiges, eine Namensänderung, bei einer ſo weiten Wanderung!“ „Ich habe meinen Namen nicht geändert, ich heiße Silvia Ellen Wood. In Virginia⸗City gefiel es den Leuten, mich nur mit dem erſten zu nennen, in England und hier...“ „Klingt der andere reſpectabler und unſchuldiger.“ „War der erſte es für Sie nicht, Herr von Schmettow?“ X Und ſie richtete ſich herriſch in die Höhe. den Unterricht in der deutſchen Sprache. Von allen Menſchen waren Sie der erſte, von dem ich ein deutſches Wort vernommen.“ „Haben gute Fortſchritte ſeitdem gemacht, in der deutſchen Sprache und im deutſchen Lande, gelt?“ „Ich bin zufrieden. Ihnen ſcheint im Gegentheil die amerikaniſche Luft nicht zugeſagt zu haben.“ „Doch, doch! Bin nur zum Beſuch in dieſem langweiligen Lande. Ich reiſe für große Banquier⸗ häuſer und eine weltverbindende Eiſenbahngeſellſchaft; wollte daneben noch einmal dieſen alten Boden und meine Schweſter wiederſehen.“ „Und in Ihrer erſten Eigenſchaft ſind Sie mit Herrn Bruno Greif bekannt geworden?“ „Bewahre! Das nebenher! Staunen Sie nur, ſind alte Freunde, Bruno und ich! Halbe Duzbrüder voon London her, lange ehe ich von Virginia⸗ City und Silvia etwas wußte!“ Der Pfeil ſaß; trotz ihrer Kaltblütigkeit und Verſtellungskunſt konnte ſich Ellen einer unruhigen Bewegung nicht enthalten. Die Augen nach der Decke gerichtet, plauderte Schmettow weiter: 3 „Ueberdies... das gelbe Schlößchen war ein⸗ „Ich danke Ihnen übrigens noch nachträglich für „—— ————— 61 mal mein Haus, richtiger meines Vaters Haus. Irdiſch genommen, Miß Wood, nicht im Stil des Evangeli⸗ ums. Kenne es genau, wie die Linien meiner Hand. Sie begreifen, daß mein erſter Gang ans Berlin mich hierher führte.“ 8 Um die Pauſe nicht bedenklich werden zu laſſen, ſagte ſie ſchnell: „Ein eigenthümliches Zuſammentreffen! Es iſt in der Familie Greif nie davon geſprochen worden, daß...“ „Ihr Haus ehemals den Schmettows gehört? Wie ſollte es auch! Meine Eltern ſind todt, meine Schweſter lebt in Thüringen und ich war verſchollen. Dafür iſt Ihre Erinnerung um ſo lebendiger im gelben Hauſe. Eine gute Erinnerung; Herr Greif ſpricht mit einer wahren Verehrung von Ihnen.“ „Und Sie?“ Nun wäre doch beinahe ihr Zorn, ihr Schreck übergeſchäumt.„Was haben Sie ihm von mir erzählt?“ „Nichts.“ Und er ſtrich mit der rechten Hand über die Oberfläche der linken. „Tabula rasa. Hatte niemals den Namen Ellen Wood vernommen, entſann mich nur einer tiefver⸗ ſchleierten Dame in Grau, der ich im Wagen der 62 Pferde⸗Eiſenbahn gegenüberzuſitzen das Vergnügen gehabt, mit der ich jenen Namen in Verbindung hätte bringen können.“ „Gut für die Vergangenheit! Aber für die Zu⸗ kunft? Wer bürgt mir für Ihr Stillſchweigen?“ „Oho!“ Er hob betheuernd die Hand in die Höhe. „Die Geheimniſſe einer Dame ſind mir heilig; ich bin ein Edelmann. Sie ſind nicht Silvia, Sie waren nicht unſer Engel, waren nie in Virginia⸗City. Bei dem Gaſtmahl, das ſo traurig endete, haben wir uns zum erſten Mal geſehen. Iſt's ſo recht?“ 4 Sie lächelte. „Es wäre ſchon recht, aber...“ „Freilich“, erwiderte er verſchmitzt,„kommen beide aus dem Lande der Yankees. Liegt hier ein Ge⸗ ſchäft vor, das ſeinen Dollar werth iſt. Soll ich an⸗ fangen, meine Bedingungen zu ſtellen, oder Ihnen den Vortritt laſſen? Calculire, daß Sie gern zurück⸗ ſtehen.“ „In der That, Herr von Schmettow, Sie würden mich verpflichten, wenn Sie mir Ihre Anſichten über 4 I 4 dieſen Fall unverhüllt äußerten.“ „Freut mich, daß Sie ohne jede Sentimentalität das Ding nehmen, wie es liegt. Können uns gegen⸗ 63 ſeitig viel ſchaden und viel nützen. Wiſſen gar Manches voneinander. Ich hoffe, wir werden uns einigen.“ „Ich hoffe es auch“, erwiderte ſie. Was ſie ſelten zu thun pflegte: ſie hatte dabei die Augenbrauen finſter zuſammengezogen, ihre ſonſt ſo glatte und klare Stirn entſtellte eine tiefe Falte, die nicht wich, auch als er ſich ganz zu ihr herum⸗ wendete und auf ein männliches Portrait über ihrem Schreibtiſch in einem goldenen Barockrahmen, der faſt vollſtändig von einem Immortellenkranz bedeckt wurde, 1 mit dem Finger deutend, fragte: „Täuſche mich wohl nicht, Herr Martin Greif?“ „Ja, mein Wohlthäter.“ I„Ah! Hat Sie reichlich in ſeinem Teſtament bedacht? Schön von dem alten Herrn! Aber ich denke, Sie hätten doch noch etwas Klügeres thun ——õʒõõõÿõöõöä⅓ʒʒ——— können, als ſich mit dieſem Häuschen zu begnügen. Wenn Sie jetzt die Herrin des gelben Schlößchens wären...“ 4„Ich verſtehe Sie nicht, Herr von Schmettow.“ b„Zürnen Sie mir nicht über meine Dreiſtigkeit. — Man ſagt, Sie hätten den alten Mann am Fidchen gelenkt, er hüiterd Sie heirathen wollen...“ ——————— 64 1 „Wer ſagt?“ Ihre Stimme hatte einen ſcharfen, durchdringenden Klang.„Herr Bruno Greif?“ „Nicht doch, die Leute, die Diener. Man be⸗ wundert Ihre Uneigennützigkeit.“ „unnöthig! Ich habe den Herrn vermuthlich nicht geheirathet, weil ich nicht wollte.“ „Um als Jungfrau zu ſterben?“ Durch ein Lächeln, das verbindlich und hu⸗ moriſtiſch ſein ſollte, ſuchte er die Unart der Aeuße⸗ rung zu milderr.„ „Sparen Sie Ihren Witz“, ſagte ſie verächtlich. „Hat der Wind Ihre Erfahrungen von Virginia⸗City ſchon verweht?“ Er knirſchte mit den Zähnen vor ſich hin: „Du wirſt es noch büßen!“ Dabei zuckten ſeine Blicke wie Flammen mit be⸗ gehrlicher Glut über ſie hin. „Es war nicht gut gethan, Miß Wood, nich daran zu erinnern. Haben mich damals wie einen— Hund von ſich geſtoßen, getreten, in die Wildniß ge⸗ jagt. Und warum? Weil ich Sie liebte, in meiner 3 Weiſe liebte...“ 3 „So enden wir nicht“, erklärte ſie.„Sie wollten mir Ihre Bedingungen ſtellen.“ „Sie ſind ſehr einfach. Schweigen gegen 65 Schweigen. Mehr als ich beſitzen Sie das Ohr Bruno's, Sie werden ihn nicht gegen mich einnehmen und mich nicht aus ſeinem Umgang zu verdrängen ſuchen.“ „Herr Greif ſpricht nicht über ſeine Freunde mit mir, und Sie trauen mir einen Einfluß auf ihn zu, den ich nicht habe. Aber ich will aufrichtig ſein— in meinen Augen ſind Sie ſein böſer Engel.“ „Wetter, das wäre mir eine große Ehre! Schätzten mich doch drüben für einen ſehr geringen Mann, Dagon, den Philiſtergötzen auf thönernen Füßen... „Wendeten ſich die Juden nicht oft von Jehovah zu den Götzen der Philiſter und Moabiter?“ „Und Sie möchten ihn vor ſolchem Irrthum be⸗ wahren?“ „Ich habe keinen Grund, es zu leugnen. Er iſt der Sohn meines Wohlthäters und war mir ſtets freundlich geſinnt. Welche Frau erſchräke nicht, wenn Sie einen jungen, reichen, lebensunerfahrenen Mann...“ „In der Geſellſchaft ſieht?“ unterbrach er ſie perſiflirend und zeigte auf ſich ſelbſt.„Gretchen!“ ſchlug er ſich vor den Kopf und ſtarrte aufſpringend ſie an. Frenzel, Silvia. II. ☛ ßddo⸗e⸗ —́ᷓ 2——— ——— — 66 mochte ſie ſich ſeine Aufregung zu deuten. Hin und wider ging er eilig durch das Zimmer, ſchlug die Hände zuſammen und lachte überlaut. Dann kam ihm die Ueberlegung, daß ſein Benehmen ihren Arg⸗ wohn reizen müſſe; er eilte zu ihr und bot ihr die Rechte. „Schlagen Sie ein, Miß Wood. Sie haben mit einer Ehrlichkeit geſprochen, die mich entwaffnet. Iſt tapferes Kanſasblut in Ihnen! Indeſſen Sie laſſen den wilden Ruprecht, den großen Goliath an der Seite des jungen Mannes. Dafür verräth er nicht, daß er Ihre liebenswürdige Bekanntſchaft ſchon jen⸗ ſeits des Oceans in freieren Verhältniſſen gemacht hat.“ „Auf die Bedingung ſei's— kein Friede, aber ein Waffenſtillſtand.“ Und ſie legte ihre weiße, kalte Hand in die ſeine, die bei der Berührung zitterte. „Topp! Und will Ihre Güte dann noch Ihrem ewigen Verehrer geſtatten, Sie zuweilen begrüßen zu dürfen... „Ich wehre Ihnen mein Haus nicht, Herr von Schmettow, aber wozu ſoll ein Umgang führen, der Weder verſtand ſie ſeine Anſpielung, noch ver⸗ —— — 67 ſich weder auf Gleichheit der Geſinnung noch auf herzliche Theilnahme ſtützt?“ „Sie verkennen mich hier wie in der Einſamkeit der Fichtenwaldung. Es gab eine Zeit, wo ich wie Wachs in Ihren Händen war, hätten aus mir machen können, was Sie gewollt. Ich war damals in der großen Wandlung begriffen, die wir alle ſo um die Dreißig herum beſtehen; fruchtbares Land für guten Samen wie für Unkraut. Fürchten Sie nicht, daß ich an dem letzten Gerichtstage ſagen könnte: Herr, meine Seele hing an den Lippen dieſes Weibes?“ „Nein! Ich habe mich vor der Lüge und Sie.. „Warum ſtocken Sie? Falle, von einem Wort getroffen, nicht mehr um, Miß Wood.“ „Und Sie vielleicht vor einem Verbrechen be⸗ wahrt. Nun fahren Sie doch auf! Ich hätte Ihnen Liebe heucheln müſſen und Sie— wenn Sie es ent⸗ deckt, wenn Sie meine Untreue erfahren“— „Ich hätte Sie ermordet.“ Er knallte mit den Fingern; es war ihm, als drücke er zwei⸗, dreimal einen Revolver ab. „Kann ſein“, murmelte er und ſein wetterbraunes Geſicht ward fahl,„können Recht haben.“ „Hier in dieſem Lande der Ordnung wäre ein 5* 4 1 68 ſolcher Erziehungsverſuch weniger gefährlich geweſen, dort fuhren die Meſſer und die Piſtolen ſchneller aus der Taſche; Sie wiſſen es wohl“, meinte ſie mit halbem Lächeln. „Weiß wohl! Und's war klug von Ihnen, davonzugehen, ehe ich wiederkam. Was iſt aus dem ſchönen Gibſon geworden? Hat Sie ſitzen laſſen? War Ihre einzige und letzte Liebe?“ „Sie ſündigen unverſchämt im Vertrauen auf den eben geſchloſſenen Waffenſtillſtand.“ Ellen war aufgeſtanden. „Allen Sündern ſei vergeben, vor allen denen, die wie ich aus übergroßer Liebe ſündigen. Zucken Sie nicht die Schultern ſo hochmüthig, Silvia, es kommt der Tag... Iſt ein Fact, daß auch über Bob, den Propheten und Geſchäftstheilhaber Gottes, der Himmel einſtürzte und die Erde unter ſeinen Füßen wich..“ „Es iſt ſpät geworden, Herr von Schmettow“, unterbrach ſie ihn eiſig,„ich habe Geſchäfte im Hauſe.“ „Vergebung! Werde alt, komme nicht mehr aus dem Geſchwätz heraus. Wollen Sie Fräulein Wolf⸗ hart meine ergebenſten Grüße überbringen? Fritz 69 findet ſeinen Weg wohl allein zur Stadt zurück. Guten Abend, Miß Wood.“ Und indem er nach dem Hute, den er auf den Tiſch geſtellt hatte, griff, bemerkte er die weißwollene, am Rande mit goldenen Blumen, in der Mitte mit einem rothen Kreuz im Kranz zwölf goldener Sterne beſtickte Decke. Er drückte den Zeigefinger der rechten Hand un⸗ willkürlich auf das Kreuz, ſagte leiſe:„Schweigen!“ und ſchied mit einer Verneigung. Ellen ſah ihn nicht mehr, ſie hatte die Hände über das Geſicht gelegt, als er das rothe Kreuz be⸗ rührte. Es gab alſo doch trotz ihres Haſſes, trotz ſeiner Wüſtheit ein Band zwiſchen ihnen, das unlöslich ſchien. Was Gott gebunden, ſoll der Menſch nicht löſen; war es in gewiſſer Beziehung auch ihr beider⸗ ſeitiges Schickſal? Der Menſch nicht löſen— aber löſt nicht Alles der Tod? Scheu blickte ſie ſich im Zimmer um, als ob Je⸗ mand darin ſei, der hätte vernehmen können, was ſie doch nicht geſprochen, was dunkel und ausdruckslos in ihr ge⸗ blieben war. Zufällig begegnete ihrem Blick ihr eigenes Bild im Spiegel und ſie wendete ſich ab, um nicht ſeltſame, furchtbare Gedanken auf ihrer Stirn zu leſen. „Solange er in Bruno's Nähe weilt“, ſagte ſie 70 ſich, unruhig auf und nieder gehend,„werde ich keine Ruhe finden. Daß er mich mit ſeiner tollen Leiden⸗ ſchaft verfolgt— mag er doch! Sie wird mich nie er⸗ reichen und faſſen. Aber wird er Bruno gegenüber ſchweigen? Zu meinem Glück durchſchaut er mich nicht, er könnte mich ſonſt mit einem Wort auf immer in Bruno's Meinung verderben. Und ich habe keine Waffen gegen ihn. Was der Mann auch gethan hat, je verwegener und frecher es war, deſto leichter iſt er entſchuldigt. Die wilden Abenteuer ſeines Lebens geben ihm nur einen höheren Glanz, eine Art von Be⸗ deutung. Wehe der Frau, die aus dem gewohnten Geleiſe geſchritten, niemals findet ſie ſich wieder auf der allgemeinen Straße zurecht. Sie trägt etwas wie einen gelben Streifen am Rock, der ſie als eine Ver⸗ worfene oder Ausgeſtoßene kenntlich macht. Wenn wir heucheln und täuſchen, warum klagt ihr uns an? Wir ſpielen ſtets um Alles, was ſetzt ihr ein?— Er muß fort“, grübelte ſie weiter,„eine Mauer muß ich zwiſchen ihm und Bruno aufthürmen, über die kein Ruf dringt. Jahrelang war er verſchollen, wie ausgelöſcht in aller Gedächtniß... Ein Abenteurer iſt heute hier, morgen dort— könnte er nicht aufs neue verſchwinden? Sand und Wind verſchlingen ſeine Spur... Lady Mac⸗ beth!“ entfuhr es ihren Lippen wider Willen ganz leiſe, 71 aber ſie erſchrak vor dem geflüſterten Wort, als hätte es ihr ein Anderer zugeflüſtert.„Nein“, tröſtete ſie ſich dann,„du biſt noch nicht zum Aeußerſten gebracht. Warum ſo niedergeſchlagen? Du haſt eine gefeite Waffe, zwar nicht um dich von dieſem Schmettow zu befreien, aber um Bruno zu beſiegen und ſein weiches Herz mit einem Schlage zu zermalmen. Ich ſollte ver⸗ wunden, was ich liebe— o, um es an meiner Bruſt, mit meinem Blute wieder zu heilen.“ Sie war zu ihrem Schreibtiſch geeilt, als müſſe ſie ſich durch den Anblick ihres Schatzes verſichern, und hatte mit einem kleinen Schlüſſel, den ſie an einem ſchwarzſeidenen Bande um ihren Hals, unter ihrer Halskrauſe verborgen, trug, den Kaſten geöffnet. Das rothe Buch, in dem Martin Greif die wich⸗ tigſten Vorfälle ſeines Lebens aufgezeichnet, lag darin. Sie nahm es heraus, aber wie ſie es öffnen wollte, überfiel ſie ein Schauer. Vielleicht war es nur eine plötzliche Kälte, die ihr vom Fenſter her über Nacken und Rücken lief. In der Einſamkeit des Zimmers fing ſie ſich an zu fürchten und zu grauen. Raſch ſchloß ſie den Kaſten wieder und eilte „Clara! Clara!“ rufend hinaus, über den Corridor nach dem Gemach der Freundin. Unterdeſſen hatte Ruprecht langſamer, als es nö⸗ — 72 thig geweſen wäre, mit Hülfe des alten Gottfried ſeinen Ueberzieher angezogen, war mit ihm die Treppe hin⸗ untergeſtiegen und hatte zwiſchen Thür und Angel ein Geſpräch mit ihm angeknüpft. Das Trinkgeld, das er dem Alten gegeben, hätte denſelben, ſo reichlich es aus⸗ gefallen, ſchwerlich zum Sprechen gebracht, aber Schmettow verſtand es, fremde Zungen zu löſen. Sofort wollte er den Diener erkannt haben und ſich ſeiner noch aus dem gelben Hauſe entſinnen. Und überdies waren die Fragen, die er that, ſo unverfäng⸗ lich, daß Gottfried, wie mißtrauiſch und wortkarg er auch war, gern Rede ſtand. Ob das Haus einen Garten habe? Wie weit er ſich ausdehne? Sei denn im Winter die etwas einſame Straße ſicher? Keine Diebe, keine Einbruchsgeſchichten? Spazierten keine Geſpenſter um die Kirche? Das Alles gleichſam ein⸗ gewickelt in Anekdoten, Höflichkeiten, vermiſcht mit Ber⸗ liner Witzen, unterbrochen von Gelächter, daß der Diener gar nicht merkte, worauf der fremde vornehnne Herr denn eigentlich ziele. Eben wollte Ruprecht, von dieſem Vorpoſtengefecht ablenkend, ſeinen Hauptangriff beginnen und ſich nach dem Leben und Treiben im Hauſe, nach dem Umgang, nach den Bekannten der Miß Wood erkundigen, als über ihnen Ellen's Stimme vernehmbar ward. 5 3 73 Gottfried brach haſtig ab und ſchob Ruprecht bei⸗ nahe aus dem Hauſe hinaus. Zwei Stufen führten von der Thür in den ſchmalen Steg hinab, der, zwiſchen den zierlichen Vor⸗ gärtchen auf beiten Seiten des Hauſes laufend, in die Gaſſe mündete. Am klaren Himmel leuchtete der Vollmond. Im Viderſchein ſeines Lichtes glänzten die hohen Fenſter der Kirche. Der freie Platz umher war von dem bleichen Lichtſchimmer leiſe überhaucht. Deſto ſtärker und düſterer wirkten die tiefen Schatten der gegenüberliegenden Häuſer und Baumgruppen, die kein Lichtſtrahl berührte. Eine Weile blieb Ruprecht vor dem Hauſe, in der Mondhelle ſtehen. Allein nach der Stadt zu gehen oder zu fahren, es war ihm nicht behaglich. Er liebte die Geſellſchaft, die Unterhaltung. „Warte ein Dutzend Minuten, vielleicht langweilt ſich Fritz bei den beiden Frauenzimmern und bricht auf“, dachte er.„Für mich war es die höchſte Zeit, daß ich ging, ein Sturm drohte. Iſt noch immer ein verführeriſches Geſchöpf, dieſe Silvia; klug, gewandt und gefährlich, wie die kleinen giftigen Schlangen im Prairiegraſe. Sie hat es mir angethan. Schäme dich, alter Kerl. Soͤllteſt an deine Finanzen und ihre K —— 4 — 3' H 74 kannſt du dir Liebe, ſo viel und welche du willſt, kaufen; Venus, Diana, Minerva, wie dir der Sinn ſteht. Und doch— ich löſe mich nicht aus dieſem Banne. Iſt es tolle Leidenſchaft, iſt es Trotz, ſie, die mich ſo ſchmählich hintergangen und wie einen Schul⸗ knaben an der Naſe herumgeführt hat, zu demüthigen, zu beugen, ſie ſammt ihrem Tugendſchein und ihrer ſchlau verſteckten Sinnlichkeit zu beſitzen? Genug, der Rauſch hat mich ergriffen, es iſt nutzlos, zu unterſuchen, woher er ſtammt. Zug der Natur, Zug des Geiſtes... Dummes Zeug, ſich darüber den Kopf zu zerbrechen! Ich will! Und diesmal wollen wir klüger und vor allem geduldiger ſein als in Virginia⸗City. Hatte dort oben eine Inſpiration, einen glorioſen Einfall. Sie liebt Bruno, ſo hartnäckig, unerſchütterlich, un⸗ bändig, wie nur ſie lieben kann. Unbewußt hat ſie mit Gretchen's Worten geſprochen und ſich verrathen. Ja, es geht nichts über Schulbildung. Wenn man ſeinen Fauſt auswendig kennt... Sie hat ſich kein kleines Ziel geſteckt. Bruno's Frau, viel Geld, eine Stellung in der Geſellſchaft... und dazu die hübſche Larve, die vornehme Erſcheinung: wäre kein übler Abſchluß eines wunderlichen Lebens, das in der Wild⸗ niß von Kanſas oder in der Stadt der Mormonen Vermehrung denken. Biſt du erſt ein Millionenmann, —— ——— —— —— 75 begann und durch die Tavernen Londons lief. Darum hat ſie den Alten ausgeſchlagen und in der Leidenſchaft nach dem höheren Gewinn den ſichern dahingegeben. Iſt unbedachtſam geweſen, fürchte aber, daß ich mir in dieſem Augenblicke ebenfalls von der Leidenſchaft einen dummen Streich ſpielen laſſe. Wir ſind allzu⸗ mal Kinder, die um Seifenblaſen kämpfen, jauchzen und weinen. Schöne Silvia, bedaure, daß ich trotz unſeres Waffenſtillſtandes deine Pläne durchkreuzen muß. Zum zweiten Male wirſt du mich nicht hintergehen, werde ich dich gutwillig keinem Andern gönnen. Wer weiß, was morgen ſein wird? Eines Tages bin ich vielleicht ſo reich wie dieſer Bruno, habe dazu einen vornehmen Namen— und im Uebrigen bin ich kein Mann, vor dem ſich eine Frau entſetzt...“ — Wie eine Schildwache auf dem Poſten war Schmet⸗ tow in ſolchen Gedanken, mit den Füßen ſtampfend, auf und nieder gegangen. Es war vergeblich, Fritz zu erwarten. Vermuth⸗ lich erzählte er von ſeinem Abenteuer mit der Gräfin Irene, oder die Schweſter hielt ihn feſt. Brummend entſchloß ſich Ruprecht zur einſamen Heimkehr und wollte eben in die kleine anſteigende Gaſſe nach Charlottenburg einbiegen, um einen Wagen zu ſuchen, als ihm ein herriſches„Halt!“ wenien ward. Schmettow war ſo überaſcht, ſo plötzlich heraus⸗ geriſſen aus ſeinen Grübeleien, daß er jäh zuſammen⸗ ſchrecke. Im nächſten Augenblick aber hatte er ſich umgewendet und ſtand feſt auf den Füßen, als gult⸗ es einen Verfolger abzuwehren. „Ich habe Sie längſt erkannt, Herr von Schmet⸗ tow.“ „Guten Abend, Herr Greif! Das iſt eine Ueber⸗ raſchung! Allerſchönſten guten Abend!“ „Sie werden mir Rede ſtehen, Herr von Schmettow“, brachte Bruno, dem der Zorn die Stimme rauben wollte, mühſam hervor.„Unverzüglich!“ „Gern. Aber hier, unter freiem Himmel...“ „Was hatten Sie vor dem Hauſe der Miß Wood zu ſuchen? Ich habe Sie eine Weile bevbahtet. 4 „Eiferſüchtig?“ Und indem er ihn mit beiden Händen ergriff und feſthielt, daß der Mond voll in Bruno's flammendes Geſicht ſchien, lachte er hell auf. „Bei Selenens keuſchem Strahl! Irrthum, Herr Greif. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, daß mich Fräulein Clara Wolfhart nicht kümmert. „Und dennoch verfolgen Sie das Mädchen.“ ⅓ ——— —— „Es wohnen ihrer zwei in dem Hauſe dort drüben“, betonte Ruprecht.„Laſſen Sie uns umkehren, treten wir ein. Es iſt das einzige Mittel, Sie von einem Wahn zu befreien, der mir noch heimtückiſch 3 Ihre Freundſchaft ſtehlen wird. Sie werden Fritz in der Geſellſchaft der Damen finden; ich hatte es für ſchicklich gehalten, ihnen beiden einmal nach dem ſo grauſam geſtörten Feſte— ſind uns allen übrigens ein neues Zauberfeſt ſchuldig, Herr Greif, am Sylveſterabend, wie wär's?— ihnen alſo in aller Ehrerbietung guten Tag zu wünſchen. Iſt mir übrigens ſchlecht bekommen. Während Fritz ſeine Schweſter in Beſchlag nahm, verwickelte mich Miß Wood in ein theologiſches Geſpräch. Wiſſen ja, iſt mein Stecken⸗ pferd, das Unſichtbare und die Geſpenſterwelt.“ „Und vor dem Hauſe ſpannen Sie dieſe Gedanken weiter?“ „Ach„ nein! Ich hatte mich nach der halben Stunde des Anſtandsbeſuchs entfernt und wartete draußen auf Fritz. Iſt's genehm, warten wir noch eine Stunde. In Ihrer Geſellſchaft wird es mir ein Vergnügen ſein.“ „Herr von Schmettow—“ ſagte Bruno ent⸗ ſchuldigend. Die Wahrſcheinlichkeit dieſer Erklärung leuchtete 78 ihm nicht nur ein, er fing jetzt auch an, ſich ſeiner leidenſchaftlichen Erregung zu ſchämen. Ein Verliebter bietet dem Spotte ſo viele Seiten, und er in ſeiner Stellung, mit ſeinem Reichthum erſt, der wie ein Schüler vor den Fenſtern der Geliebten in der Mond⸗ nacht ſeufzt! Und welcher Geliebten— nun regte ſich doch das Gefühl der überlegenen Stellung und Würde in ihm— einer Arbeiterin! So raſch wie dieſe Empfindungen in Bruno auf⸗ ſtiegen und in ſeinem Geſicht ſich ſpiegelten, ſo raſch verſtand ſie Schmettow und erſah ſeinen Vortheil. „Gott Amor iſt groß“, ſagte er und hob die Hand, als wolle er Bruno's Mund ſchließen.„Kein Wort mehr, Herr Greif. In glücklicheren Verhältniſſen, als ich noch nicht mein Geld zu zählen brauchte, hab' ich gerade ſo gehandelt wie Sie. Eiferſüchtig wie Othello! Und wahrlich, oft um nichts Beſſeres als eine häßliche Choriſtin. Sie lieben doch wenigſtens eine große Schönheit, ein liebenswürdiges Mädchen. Mir hat Amor ganz anders mit vergifteten Pfeilen zugeſetzt, früher, als ich den Hunger noch nicht kennen gelernt.“ „Fritz zögert lange bei den Damen.“ „Wiſſen Sie nicht, was ihm begegnet iſt?“ ———————— 79 Und Schmettow nannte den Namen des Grafen und der Gräfin Reinsberg. Die Andeutung ſchien Brunv's Theilnahme zu erwecken, oder ſuchte er nur nach einem paſſenden Vorwand, Schmettow von dem Hauſe Ellen's zu ent⸗ fernen? Er lud ihn ein, den Abend im gelben Schlöß⸗ chen mit ihm zu verbringen, und da Ruprecht die Einladung bedauernd ablehnte— er habe um neun Uhr ſeine Schachpartie mit dem Grafen Reinsberg— ſchlug Bruno vor, in ein Gaſthaus einzutreten und einen Wagen der Pferdebahn zu erwarten. Darauf ging Schmettow bereitwillig ein, ſchon um mit einem Glaſe Grog ſich zu erwärmen. Ein ſtiller Platz war bald gefunden und Ruprecht konnte in ſeiner Weiſe das Erlebniß des jungen Wolfhart mit der Gräfin erzählen. Da er ſich nicht den geringſten Nutzen davon verſprach, wenn er die Geſchichte mit boshaften oder zweideutigen Bemerkungen ausputzte, ließ er, wie es der Graf gethan,„die Mutter mit allem Zubehör“ ihre deckende Rolle in dem merkwür⸗ digen Vorfall ſpielen. Bruno hatte von dem Unfall der beiden Damen gehört, war auch bei ihnen vor⸗ gefahren, aber nicht angenommen worden, da ſie leidend ſeien. Von Fritz' Betheiligung bei der Ret⸗ tung Irenens erfuhr er zuerſt durch Ruprecht. — 80 Im Laufe der hinüber und herüber gehenden Fäden des Geſprächs ſchien Bruno von einem andern, mit den bisherigen Reden nur loſe verknüpften Ein⸗ fall ergriffen zu werden. Er rückte noch näher an Ruprecht heran, um von den vier älteren Herren, die in der entgegen⸗ geſetzten Ecke des Zimmers ihre Whiſtpartie ſpielten, nicht belauſcht zu werden. „Sie bewegen ſich viel an der Börſe, Herr von Schmettow“, ſagte er,„und es heißt, Fortuna ſei Ihnen hold.“ „Mein Einſatz, Herr Greif, iſt ſo klein, daß alles Lächeln der Fortuna ihn nicht zu einem Haufen Goldes machen kann.“ „Von dem Grafen Reinsberg behauptet man das Gegentheil“, fuhr Bruno in ſeinem Gedankengang fort, ohne auf Ruprecht's Einrede zu achten. „Man ziſchelt, aber ſo ein altes Haus ſteht doch feſter als die neuen Gründungen, die über'm Sumpf oder in der Luft ſchweben. Sollten Sie betheiligt ſein?“ „Nein. Indeſſen iſt mir der Graf befreundet und bei dem Eintritt einer Kataſtrophe— ihre Mög⸗ lichkeit einmal vorausgeſetzt— übte er nur das Recht der Freundſchaft, wenn er ſich an mich wendete. Der 81 Graf hat in Oberſchleſien, bei Gleiwitz, ein be⸗ deutendes Steinkohlenlager; ich habe ſichere Anzeichen, daß er die Gruben zu verkaufen, ſie mir anzubieten wünſcht— wollten Sie mir nun einen Dienſt leiſten, Herr von Schmettow, mir und dem Grafen?“ „Mit Vergnügen, Herr Greif“, ſagte er eifrig. „Bin ganz Ohr.“ Es war nicht cavaliermäßig, aber was halfs? Sobald er ein Geſchäft vor ſich ſah, ergriff ihn der Yankeegeiſt. Man wandert nicht unge⸗ ſtraft von Newyork nach San⸗Francisco und wieder zurück. „Wie wäre es, Herr von Schmettow— ich würde Sie bitten, nach Schleſien zu reiſen und ſich die Gruben des Grafen, ihren Betrieb, die Tiefe und Dichtigkeit des Lagers, Mängel und Vorzüge des Unternehmens anzuſchauen. Sie ſind ein erfahrener Mann, kennen die pennſylvaniſchen und engliſchen Gruben, vor allem ſind unabhängig, ein Edelmann. Sende ich einen meiner Beamten oder beauftrage ich einen Advocaten mit der Unterſuchung, ſo wird die Sache, pedantiſch betrieben, vor der Zeit ruchbar und ich bin dem Grafen gegenüber gebunden.“ „Verſtehe Sie vollſtändig, Herr Greif; wollen wiſſen, ob und wie viel Sie auf das Ding bieten können... Frenzel, Silvia. II.. 6 82 „Ja, um im Beſitz Ihres Berichts den Grafen zu fragen, ob er für dieſe Summe mir ſeine Gruben überlaſſen wolle.“ „Calculire, daß Sie ſich da im Lichte ſtehen. Wittere ſo etwas wie Baiſſe in der Luft, dann wird der Graf losſchlagen müſſen.“. „Ich will mich nicht an ihm bereichern, aber ich ich Ihrem Urtheil, Sie werden in dieſem Falle mein und des Grafen Intereſſe gerecht gegeneinander ab⸗ zuwägen wiſſen.“ „Danke, Herr Greif, höchſt ſchätzenswerthes Ver⸗ trauen. Werde morgen reiſen und die Angelegenheit mit möglichſter Schnelligkeit beſorgen, denn hier iſt Zeit doppeltes Geld.“ „Nach Ihrer Muße, Herr von Schmettow. Es iſt gerade Jagdzeit und Sie haben gewiß Bekannte in jener Gegend. Ein Freund, der aus Amerika kommt...“. „Und durch Ihre Güte nicht als verlorener Sohn, ſondern als geheimer Agent des Hauſes Greif und Compagnie! Sprachen vorhin von Fortuna. Sind jetzt die Greifs oben auf dem Rade der Göttin und die Schmettows unten; war einmal umgekehrt. Lachen und ſtaunen Sie nur! Ich habe neulich in einer alten — will auch nichts verlieren. Ganz und voll vertraue⸗ -- 83 Bibel, die ich als Erbſtück meines Geſchlechts— bin der Letzte der Stammlinie Schmettow, ſtoßen Sie an, daß der Aſt noch lange grüne und blühe!— überall mit mir herumſchleppe, eine merkwürdige Entdeckung gemacht.“ „Da bin ich neugierig.“ „Unſere Urgroßväter oder noch weiter hinauf hatten vor mehr als hundert Jahren einen böſen Proceß. Waren die Schmettows hochanſehnliche, reich⸗ begüterte Leute in der Altmark um Stendal— weiß der Teufel, wo all die ſchönen Güter geblieben ſind, welche die Pergamentblätter hinter der Offenbarung St.⸗Johannis aufzählen. Ein Greif beſaß damals eine Schmiede vor den Thoren der Stadt und proceſ⸗ ſirte wegen einiger Landſtreifen mit Jörg von Schmet⸗ tow. Waren beide eiſerne Köpfe und verlor der Schmied in dem unſinnigen Proceß Hab und Gut. Jörg von Schmettow hat triumphirend in der Bibel angemerkt, daß an dem und dem Tage der Schmied ausgepfändet worden. War voreilig ſeine Freude, würde jetzt ein verwünſchtes Geſicht ſchneiden, ſähe er uns zuſammen. Sic transit...“ Und ſein heiſeres Gelächter verſchlang die letzten Worte des Spruches. „Nicht einmal eine Sage iſt von dieſer Geſchichte 6* f ——— — 84 denklich. „Ihr ſeliger Herr Vater, glaub ich, wußte darum. Hat aber kein Wort geſagt, ſondern gehandelt nnd ſich gerächt.“ „Gerächt?“ fuhr Bruno auf. „Nichts für ungut, Herr Greif. Zwiſchen dem Adel und dem Bürgerthum gibt's eine corſiſche Vendetta durch die Jahrhunderte. Blut fließt nicht in dem Kampfe, wenigſtens nicht in Deutſchland. Hier kauft uns das Bürgerthum einfach aus und wir ſelber, Edelleute, ſo alt wie die Hohenzollern und vor ihnen erbgeſeſſen in und auf dieſem Sande, nehmen immer mehr die Sitten Ihres Standes an, wir verbürgern. Darum ſei es auch zwiſchen uns vergeben und ver⸗ geſſen. Der beſte Schluß dieſes Kapitels wäre freilich, der letzte Greif heirathete die letzte Schmettow, aber wir haben Unglück— die Blume der Schmettows zählt dreißig Sommer und vielleicht einen Frühling darüber.“ „Verleumden Sie doch Ihre vortreffliche Schweſter nicht“, unterbrach ihn, wieder fröhlich gelaunt, Bruno. „Herr von Hellburg fand nicht Worte genug, die„ Liebenswürdigkeit, den Verſtand und das Herz dieſer Dame zu rühmen. Daraufhin habe ich es gewagt, mich ihr auf Nebenwegen zu nähern.“ in unſerer Familie geblieben“, ſagte Bruno nach⸗ —— —— 85 „Gratulire im voraus.. 7 „Sie entſinnen ſich noch des Bildes von Kaspar Netſcher, der blauen Dame“— „Meiner Urgroßmutter? Gewiß. Was haben Sie mit ihm gemacht?“ „Es gefiel Herrn von Hellburg ſehr, da hab' ich es ihm geſchenkt, in der ſichern Hoffnung, daß er es ſeiner Freundin, dem Fräulein von Schmettow, über⸗ reichen werde.“ „Das gefällt mir nicht.“ „Warum? Theilt Ihre Schweſter mit Ihnen die Abneigung gegen das Bild Ihrer Aeltermutter?“ „Das nicht. Iſt nur ein verdammter Aberglaube von mir. Es ſchien mir aber doch, als ob auch Sie das Bild nicht recht leiden mochten?“ „Es erinnerte mich an eine Perſon, der ich ver⸗ pflichtet bin und die ich doch nur mit einer gewiſſen Scheu betrachten kann.“ „Eine Aehnlichkeit? Wetter, mußte mir die bis⸗ her entgehen! Miß Ellen Wood, von der Seite an⸗ geſchaut...“ „Was hat Miß Wood mit Ihrer Familie zu ſchaffen?“ „Ja ſo, die alte Geſchichte! Sagte Ihnen ſchon, 86 eine Kaufmannstochter aus Amſterdam. Sie wurde von den übrigen Schmettows und dem märkiſchen Adel nicht für voll angeſehen, von ihrem Manne nicht nach Gebühr behandelt und kam in üblen Ruf. Als ſtrenge Calviniſtin war ſie überdies den lutheriſchen Paſtoren gründlich verhaßt. Mag auch ſonſt etwas Hexenhaftes gehabt haben. Einmal, beſonders gereizt, verfluchte ſie das ganze Geſchlecht der Schmettows, ihren Sohn, der ſich ganz von ihr ab⸗ und dem Vater zugewendet hatte, zuerſt und entfloh aus dem Hauſe. Wie ſie geendet, Niemand weiß es. Ihr Name ſollte im Hauſe nicht wieder erwähnt werden, aber gerade durch dies Verbot erbte er ſich unvergeßlich unter dem Geſinde wie unter der Herrſchaft fort. Ich bin noch als Kind von meiner Wartefrau mit der rothen Ulrike zum Gehorſam und zum Schlaf geſchreckt worden. Und jenes Bild— wir könnten es nicht los werden. Es wurde verkauft, verſchenkt, unter Gerümpel geworfen, Jahrzehnte war es verſchollen— eines ſchönen Tages ſpielte es der Zufall immer wieder in die Hand eines Schmettow. Man entgeht ſeinem Schickſal nicht. Ich ſehe es im Geiſt ſchon über dem Schreibtiſch meiner Schweſter hängen. Denn ſo ſehr wir Männer dieſe Ulrike haßten, um ſo mehr liebten ſie die Frauen..“ daß unſere Aeltermutter eine Holländerin geweſen, Scchhönen zu finden. Mich im Verdacht zu haben! 87 „Dann wird das Bild den Frauen Ihrer Familie auch nur Glück bringen“, begütigte Bruno. „Was iſt Glück? Viel Geld... Guten Abend, Herr Greif, es iſt halb neun und der Burſche da macht mir ein Zeichen, der Wagen naht und ich darf unſern Grafen heute weniger als je warten laſſen. Morgen reiſe ich, die Kleinigkeit reguliren wir nach meiner Heimkehr. Hoffe mit den beſten Nachrichten zurückzukommen und Sie in dem Beſitz Ihrer War nicht freundlich von Ihnen, Herr Greif! Nicht länger ſchmachten, zugegriffen!“ „Gute Verrichtung, Herr von Schmettow.“ Er begleitete ihn bis zur Thür und kehrte da⸗ rauf noch eine kurze Friſt auf ſeinen Platz zurück. Mit dem Geſchäft, zu dem er Ruprecht nach Schleſien geſendet, war es ihm nur halber Ernſt geweſen. Zu der Laſt des Fabrikgeſchäftes, an der er ſchon ſchwer genug trug, ſich freiwillig noch eine neue aufzuladen, ſelbſt wenn ſie einen größeren Vortheil dargeboten, als ihn der Wahrſcheinlichkeit nach der Erwerb der Koh⸗ lenlager abwarf, hatte gerade für ihn etwas Thörichtes und Uebereiltes. Aber wie der Würfel auch fiel, er konnte ſpäter, nach reiflicher Ueberlegung, zugreifen oder ablehnen; zunächſt hatte er ſeinen 88 Zweck erreicht und Schmettow auf einige Zeit, unter einem ſchicklichen Vorwande, der jeden Verdacht aus⸗ ſchloß, entfernt. Sage doch der Eiferſucht, daß ſie aus nichts das häßliche Blendwerk ſchafft, deſſen Anblick dich verwirrt, und einzig aus ihrem eigenen Weſen das Gift zieht, deſſen verderbliche Kraft dein Blut in Gährung bringt! Wider alle Gründe des Verſtandes hielt Bruno an dem Wahn feſt, daß Ruprecht ſeine begehrlichen Blicke auf Clara geworfen hätte. „Sie liebt ihn nicht— nein, tauſendmal nein!“ rief es in ihm;„ſie wird ihn zurückgewieſen haben, aber hartnäckig, wie er iſt, verfolgt er ſie, im voraus ſeines Sieges gewiß.“ Ein Mädchen in ihrer Lage, ohne den Schutz der Mutter, welch ein Mittel hatte ſie, ſich ſeinen Anträgen und Schmeicheleien zu entziehen? Dieſe Stimmung zeichnete ihm, als er das Wirths⸗ haus verlaſſen, unwillkürlich ſeinen Weg vor. Er ſchritt wieder an dem Hauſe Ellen's vorüber. Die kleine Holzgitterthür, die es von der Straße trennte, war jetzt geſchloſſen, die Vorhänge und Jalouſien der Fenſter im Erdgeſchoſſe niedergelaſſen. In den oberen Zimmern brannten Lampen und Lichter. Durch die tiefe Stille, durch den ſteigenden Nebel, den mond⸗ ſcheinumflimmerten, klangen die Töne eines Klaviers. ——ꝙ 89 Zurücktretend, das Geſicht erhoben, ob er vielleicht durch die Scheiben und weißen Vorhänge die Spielerin oder doch Schatten gewahren könne, lauſchte Bruno. Ernſte, mächtige Töne... choralartig, an Händel's und Bach’s majeſtätiſch feierliche Muſik erinnernd, doppelt ergreifend inmitten des Nebels und der Monddämmerung. Von der Spielerin war nichts zu gewahren. Eine höhere Gewalt ſchien ihn doch von dem Eintritt in dies Haus abzuhalten. Bald traf er die Beſitzerin nicht an, bald führte ihm der Zufall, wie vorhin, ſtatt der Geliebten den Nebenbuhler entgegen. Jetzt war es zu ſpät... neun Uhr. Auf morgen, wollte Bruno zu ſich ſagen, aber wie oft war dies morgen erſchienen, ohne ihn ſeinem Ziele näher zu bringen! Andere mochten über ſeine Zaghaftigkeit lachen; war das Bedenken, die Scheu, die ihn zurückhielt, blind dem Drange der Leidenſchaft zu folgen, nur ein Zeichen ſeiner Schwäche, nicht auch ein Zeichen ſeiner edleren Natur? Nichts als Unheil hatte bisher ſeine Liebe über Clara gebracht; ſie allein hatte das Mädchen aus dem ſicheren Daheim des gelben Schlößchens getrieben; ſie hatte der Tochter den letzten Blick der 90 dieſe Liebe führen ſollte, er wußte es nicht. An den entlaubten Kaſtanien, wo die Dorfſtraße ſich von dem Fahrdamme am Ufer der Spree abzweigte, ging er träumeriſch vorbei. Auf dem Waſſer wogten ddie Nebel. Hier und dort, vom Mondſchein beleuchtet, ſtreckten die Weiden ihre nackten, wunderlich gebogenen Aeſte wie die Arme phantaſtiſcher Ungethüme aus. Umſonſt verſuchte er ſeinen Wünſchen und Zu⸗ kunftsträumen eine beſtimmte Form zu geben; geſtalt⸗ los, farblos löſten auch ſie ſich in einen ſchimmernden Nebel auf und zerfloſſen wie dieſer undeutlich, grau in die unabſehbare Ferne. Iſt alles Dichten und Trachten, Leben und Handeln nicht ſolch ein Nebelwallen? Rechts der Fluß, links Zäune, Hecken, niedrige Ziegelmauern, welche die Grenzen der Dorfgärten be⸗ zeichneten. „Hier“, ſagte ſich Bruno,„endet Ellen's Garten.“ Er brauchte nur an den Zaun zu treten, um hineinzublicken; es war eine Thorheit, aber er that's. Von dem Hauſe bis zu dem Pförtchen im Zaun lief zwiſchen Blumenbeeten ein ſchmaler Gang. Hinter den Beeten waren Fruchtbäume, Kugelakazien gepflanzt, ſeitwärts vom Hauſe ſtand der Stolz des Gartens: eine breitäſtige Linde mit einer Rundbank um den Mutter geraubt. Und wenn er ſich fragte, wohin — umſchloſſen ſie ſchon liebende Arme und hielten ſie feſt, 91 Stamm. Langſam zwiſchen den kahlen, ihres Schmuckes beraubten Beeten wandelte eine ſchlanke Geſtalt. Dunkler hob ſie ſich von dem grauen Sil⸗ berton ihrer Umgebung ab; Bruno's ſpähendes Auge glaubte zu bemerken, daß der Nachtwind mit dem ſchwarzen Schleier ſpiele, den ſie über den Kopf und um das Geſicht gebunden. Oder war es nur eine Täuſchung? Glitt nur die Viſion der Geliebten ihn neckend durch den Nebel dahin? Aber die Geſtalt kam näher, jetzt konnte ſie ſein Ruf erreichen.. War es ſein wohlbedachter Wille, war es der unbewußte Drang des Herzens, der„Clara!“ rief? Sie ſtutzte und ſchaute wie freudig erſchrocken umher. Woher war der Ruf zu ihr gedrungen, aus dem Nebel, aus den Wolken? Aber als müſſe ſie der unſichtbaren Stimme antworten, breitete ſie die Arme— ach! nur in die Leere aus und ſeufzte: „Bruno!“ Da ſchütterte der Zaun, die dürren Zweige des Geſträuchs, das an ihm heraufwuchs und im Sommer die grauen Latten mit friſchem Grün und Laub ver⸗ hüllte, krachten und brachen zuſammen. Clara wollte aufſchreien und entfliehen— da 92 Der Schleier löſte ſich von ihrem Geſicht, ſie verbarg es an Bruno's Bruſt und dann begegneten ſich ihre und ſeine Lippen... Schluchzen und Küſſe, inein⸗ ander gemiſcht, ein entzücktes, ſeliges Geflüſter. Hand in Hand ſchritten ſie dem Hauſe zu, eine Wolke ging düſter über den Mond hin, dichter ſchloſſen ſie die Nebel ein; wie ausgelöſcht war Alles für ſie; ſichtbar nur ihre Augen, die aneinander hingen; vernehmlich nur ihre Stimmen, die leiſe ineinander klangen. Drittes Kapitel. Das Feſt, das an dem heutigen Abend in den glänzenden Räumen des Reinsberg'ſſchen Palaſtes ge⸗ feiert werden ſollte, hatte, wie die Dienerſchaft und die näheren Freunde des Hauſes wußten, eine doppelte Veranlaſſung. An dieſem Tage war der Graf Egon Reinsberg ſechzig Jahre alt geworden, und wenn ſchon dies der alljährlich wiederkehrenden Feier ein beſonderes Gepräge verlieh, ſo kam die Rettung der jungen Gräfin aus drohender Lebensgefahr als neuer außerordentlicher Umſtand zur Erhöhung der Freude hinzu. Irene war der Stolz des Hauſes; die Mutter hatte das ſchöne Kind vergöttert, dem erwachſenen Mädchen Alles nachgeſehen. Soweit es ſeine Geſchäfte, die allgemeinen und die eigenen, und der Club ihm geſtatteten, ſich um 94 das Innere des Hauſes zu kümmern, ſtimmte auch der Vater in die Bewunderung der geiſtvollen Tochter ein. Es ſchmeichelte ſeiner Ehrliebe, wenn man Irenens Anmuth, die Vielſeitigkeit ihrer Bildung und den Witz ihrer Antworten rühmte. Bei den Hoffeſten erregte ihre fürſtliche Erſcheinung Aufſehen, in den Geſellſchaften der Ariſtokratie war ſie ſtets der Mittelpunkt des er⸗ leſenſten Kreiſes. Da der Graf Reinsberg mit ſeinem Sohne nach ſeiner Meinung kein Glück gehabt hatte, ſo erfreuten ihn dieſe äußerlichen Erfolge ſeiner Tochter um ſo mehr. Kurt von Reinsberg war ſeinerzeit ein flotter, genialer Offizier bei den Breslauer Küraſſieren geweſen, der Vater hatte eine bedeutende militäriſche oder diploma⸗ tiſche Zukunft für ihn geträumt. Zu„ſeinem Unglück⸗ lernte Kurt in einem ſchleſiſchen Bade ein junges Fräulein aus Pommern kennen, ein ſchlichtes, blondes, blauäugiges Mädchen, an dem der Vater weder Schön⸗ heit noch Geiſt finden konnte, deſſen Beſchränktheit ihm eher mißfiel. Leider war ſie von altem untadeligem Adel, eine Waiſe mit einem Erbgut, das zwar den hochfliegenden Anſprüchen eines Grafen Reinsberg nicht entfernt genügte, aber den Liebenden eine freie be⸗ ſcheidene Unabhängigkeit ſicherte. Und Kurt liebte das Mädchen, der„geniale“ ſchuldenbeladene Offizier ver⸗ 4 95 wandelte ſich im Umgang mit der Geliebten in einen ernſten, ſtillen, arbeitſamen Landwirth. Ein vernünf⸗ tiger Grund, die Ehe zu hindern, lag nicht vor; ein Feind aller heftigen und aufregenden Scenen, gab der Graf endlich widerſtrebend ſeine Einwilligung. Glücklich und zufrieden, in ſteigendem Wohlſtand lebte Kurt ſeit einigen Jahren auf ſeinem pommerſchen Gute. Die innere Entfremdung, die zwiſchen ihm und den Eltern eingetreten war, ſchmerzte ihn wenig; in der Liebe der Gattin, in dem Sohn, den ſie ihm ge⸗ boren, fand er reichlichen Erſatz dafür. Beſuchte er einmal auf eine Woche die Hauptſtadt, ſo war er mit den Seinen dem Anſcheine nach ein hochwillkommener Gaſt in dem Palaſt der Wilhelmsſtraße. Schon ſeiner politiſchen Stellung wegen hielt der Vater ſtreng auf ſolche Aeußerlichkeiten. Aber das ſeeliſche Band, das einſt Vater und Sohn vereinigt hatte, war zerſchnitten. „Kurt iſt ein Landjunker geworden, ohne Schwung, ohne Ehrgeiz“, ſagte verächtlich Graf Egon,„ich und Irene, wir ſind die Ariſtokraten der Familie.“ Wenn er ſich aber auch allmälig in dieſe Lage fügte und vor den Andern den zufriedenen Vater ſpielte, weil es zu widerſinnig geweſen wäre, einen ehrenwerthen vortrefflichen Sohn zu tadeln, in ſeinem Herzen empfand er die Täuſchung ſeiner Hoffnungen 96 bitter genug. Einen Theil ſeiner ehrgeizigen Pläne und Erwartungen wenigſtens ſuchte er auf Irene zu übertragen. Bei ihrer Schönheit, ihrem ſtolzen Namen, bei dem Reichthum, den man dem Grafen zuſchrieb, hatte es ihr nicht an vornehmen Verehrern gefehlt. Aber weder dem Vater noch der Tochter ſchienen die Ver⸗ bindungen, die ſich bis jetzt dargeboten, gefallen zu haben; mit ihren fünfundzwanzig Jahren war Irene noch immer unverheirathet. Die Frauen erklärten, ſie würde nur der Werbung eines Prinzen nachgeben; die Männer nannten ſie eine launenvolle Schöne, der man gern und willig huldige, auf deren Wink man auch ohne viel Beſinnen eine Tollheit begehen würde, die zu heirathen jedoch eine ernſte Prüfung und Ueberlegung erfordere. In dieſer ernſten Prüfung traten dann für die Freier die Schattenſeiten des herrlichen Bildes hervor. Schon die„ökonomiſche“ Frage erregte manchen Bedenken. Irene lebte in verſchwenderiſchem Ueberfluß; wie ihr Vater liebte ſie den Glanz, die Stattlichkeit; in Schmuckſachen, in der Ausſtattung ihrer Gemächer wußte ſie ſchwer Maß zu halten. Ihre Mitgift war zweifelhaft; den Eingeweihten konnte es nicht ver⸗ borgen bleiben, daß der Graf in Allem über ſeine Ver⸗ ö — 97 hältniſſe hinausſtrebe und ſchon einmal das Verderben nur durch eine kühne Börſenſpeculation, die ihm wider Erwarten gelungen war, abgewendet habe. Das Majorat der Familie in Schleſien wurde freilich von einer Kataſtrophe nicht angetaſtet, aber es fiel dem Sohne zu, und das Erbtheil Irenens? Niemand ge⸗ traute es ſich abzuſchätzen; nur darin kamen alle über⸗ ein, daß es zu ihren Gewohnheiten und ihren Wünſchen in keinem rechten Verhältniſſe ſtehen würde. Diejenigen, die reich genug waren, ſich über ſolche Erwägungen hinwegzuſetzen, zauderten dem Charakter Irenens gegenüber mit der Entſcheidung. In dem gewöhnlichen geſellſchaftlichen Verkehr, in dem leichten oberflächlichen Austauſch der Anſichten, wie ihn der Salon einzig erlaubt, hatte Irene etwas Bezauberndes; ſie war nicht allein geſprächig und be⸗ redt, ſie verſtand auch die größere Kunſt, Andere zum Sprechen zu bringen und ihnen zuzuhören. Aus jedem Begabteren wußte ſie einen Scherz, ein treffendes Wort hervorzulocken und dem Unbedeutenden wenigſtens ein Lächeln abzugewinnen. Aber tiefer in ihre Seele einzu⸗ dringen, durfte man nicht wagen. Irene ſtrafte jeden dieſer Verſuche mit kalter Zurückweiſung oder gar mit einem Abbruch des Verkehrs.— Ohne ſie auch nur durch eine Miene hervorzuru⸗ Frenzel, Silvia. II. 7 98 fen, nahm ſie die Huldigungen der Männerwelt als einen Triumph, der ihrer Schönheit gebühre, auf; ob ſie einen Werth darauf legte, war ſchwer zu entſchei⸗ den. Biſt du es nicht, der mir dieſen Dienſt leiſtet, ſchien ſie zu ſagen, ſo iſt es ein Anderer; es iſt dein eigener Schaden, wenn du ungefällig biſt. Ging Irene ganz in dieſem Geſellſchaftstreiben auf? Verbarg ſie abſichtlich ein feineres und tieferes Gemüths⸗ leben? War, was ſie zeigte, eine Maske oder ihr wahres Geſicht? Die Mehrzahl ihrer Bewunderer hielt an der erſten Meiuung feſt: Irene ſei und wolle nichts als eine vollendete Salondame, eine Fürſtin in der guten Geſellſchaft, im Reich des guten Tons ſein, und da die Wenigſten in dieſen Kreiſen ihren Blick darüber erhoben, ſo fanden ſie nicht das Geringſte an der jungen Gräfin auszuſetzen und billigten ihren Chrgeiz. Nur wollte Keiner der Mann dieſer„erſten Frau“ ſein. „Noch iſt ſie keine Kokette“, ſagten die Vorſichtigen, „aber die Jahre werden ſie raſch dazu machen.“ „Ich mag keine Frau“, meinte ein Anderer, „auch wenn ſie die Schönſte und Klügſte iſt, die mehr der Geſellſchaft als mir lebt, die für alle Roſen hat und für mich die Dornen aufbewahrt.“ Anders, aber nicht günſtiger lautete das Urtheil der ernſteren Beobachter. 99 Sie glaubten nicht an Irenens Oberflächlichkeit. Hinter dieſer Anmuth des Benehmens und der Leich⸗ tigkeit der Rede ſchlummerte etwas Räthſelhaftes, Namenloſes. Gerade die Klugheit, mit der Irene jedem bedeutenderen Geſpräch auswich, die Hartnäckig⸗ keit, mit der ſie ſich in ihr ſtolzes Schweigen hüllte, wenn Fragen des Herzens und des Glaubens vor ihr berührt wurden, beſtärkten dieſe Meinung. Irene, hieß es auf dieſer Seite, iſt ein ver⸗ ſchloſſenes Buch, aber ſeine Blätter ſind nicht leer, wie die Thoren behaupten; im Gegentheil, merkwürdige Dinge ſind darauf geſchrieben. Und Keinem gelüſtete es, dieſe Runen zu ent⸗ ziffern. So dachte und ſprach die eitle Männerwelt. Ein wenig hatte die Rachſucht beim Auftrag der dunkleren Farben geholfen. Daß die Gräfin noch keinen unter ihnen allen ihrer Hand für würdig befunden hatte, kränkte die männliche Eigenliebe, die, wenn nicht ſtärker, doch empfindlicher als die des Weibes iſt. Zögerten die Verehrer mit einem beſtimmten Antrage, ſo geſchah es im letzten Grunde nur aus Hoffnungs⸗ loſigkeit. Schon vortheilhaftere Bewerbungen, ſo die des Fürſten Hochberg, hatte Irene, als ſie ſich eben offen erklären wollten, leiſe und vornehm zurückgewieſen, 100 und Niemand, hatte Bruno einmal über dieſe Ange⸗ legenheit zu Benno geſagt, treibt ſeinen Kahn muthwil⸗ lig zum Scheitern gegen die Klippe. Die Frauen hatten am richtigſten in dieſem Herzen geleſen: es erwartete noch ſeinen Sieger— oder hatte ihn ſchon gefunden. Die letzten Wochen hatten eine Veränderung in dem Verhältniß zwiſchen Vater und Tochter hervor⸗ gebracht; ſo vorſichtig man auch das Zerwürfniß’ in den herrſchaftlichen Räumen verborgen halten wollte, in dem Dienerzimmer war es ruchbar geworden. Eines Abends war die junge Gräfin in ſeltſamer Aufregung in einem Miethwagen nach Hauſe gekommen und in eine Art Starrkrampf verfallen. Der Arzt mußte herbeigeholt, der Graf aus dem Club gerufen werden. Nachher erfuhr die Dienerſchaft die Urſache des Leidens: um ein Haar wäre die Gräfin verbrannt. Die Krankheit wurde bald gehoben, nur eine tiefe Schwäche, ein anhaltender Kopfſchmerz und eine trübe Stimmung blieben zurück. Dieſe Zuſtände waren nach einem ſolchen Unfalle erklärlich und boten ſelbſt für die ſpitzen Pfeile, welche die Zunge einer Kammer⸗ jungfer abzuſchießen vermag, keine verwundbare Stelle. Aber ſeit dieſem Tage war Irene ihrem Vater und ihrer Mutter gegenüber eine Andere; ſo mag es —„— 101 einer Fee ergehen, der in der Hand der Zauberſtab zerbrochen iſt. Mit einem Wort, mit einem bloßen Wink hatte ſie bisher jede ihrer Launen durchgeſetzt; innerhalb des Hauſes gab es kaum eine Angelegenheit, die nicht ihr Wille entſchieden hätte. Die Mutter widerſprach niemals, der Vater ſelten. Die Böswilli⸗ gen meinten, daß ſogar ſeine politiſchen Anſichten unter dem Einfluß der Tochter ſtänden. Jetzt hatte ſie durch ein Wunder all ihre Herr⸗ ſchaft verloren, der Geiſt des Widerſpruchs war von ihr gewichen. Zwar wurde in der Gegenwart der Diener Alles vermieden, was deren Argwohn und Verleumdungsſucht hätte erwecken können, aber der Graf hatte, wenn er noch ſo rückſichtsvorull und harm⸗ los mit der Tochter ſprach, eine ſchwere Furche des Grams oder des unterdrückten Zornes auf der Stirn, und Irene fuhr, ohne es vielleicht ſelbſt zu merken, bei jeder unerwarteten Anrede des Vaters zuſammen. „Gebt Acht“, ſagte die Zofe halblaut zu ihren beiden Nachbarn am Tiſch,„nächſtens haben wir⸗Ver⸗ lobung und ſie muß einen nehmen, den nicht ſie, ſon⸗ dern den er will. Die Nuß iſt hart, aber ſie muß ſie knacken.“ Endlich hatten heute die Beſucher, die Glückwün⸗ ſchenden, die zahlreich einlaufenden Briefe und Tele⸗ 102 gramme dem Grafen Reinsberg und den Seinen eine Stunde der Ruhe gelaſſen. Es war nur wie ein Athemholen zwiſchen zwei mühſeligen Arbeiten; die eine war vorüber, die andere, das Feſt, würde bald beginnen. Als der Graf ſich in ſeinem Arbeitszimmer allein ſah, brach ſeine ſtraffe Haltung zuſammen, ſein Blick wurde unſicher, tiefer ſchienen ſich die Runzeln ſeines Geſichts zu graben; der Mann, der vorhin ſeine Gäſte durch die Friſche und Rüſtigkeit ſeines Auftretens über⸗ raſcht hatte, war, aus dem einen Gemach in das an⸗ dere gehend, um zehn Jahre gealtert. Die künſtliche Spannung hielt ihn nicht mehr aufrecht; er fiel bei⸗ nahe in den Lehnſtuhl und verbarg den grauen Kopf in ſeinen Händen. So ſaß er noch, als Irene die Thür öffnete, ein⸗ trat und ſie haſtig wieder hinter ſich ſchloß. „Du hatteſt mir noch etwas zu ſagen, Vater“, begann ſie mit ſtockender Stimme. Wie er nun die Hände kraftlos ſinken ließ und ſie in ſein bleiches, gramentſtelltes Geſicht ſah, erſchrak ſie und ſtürzte mit einem Angſtſchrei, die Augen mit ſtarrer Frage auf ihn geheftet, zu ſeinen Füßen. „Leideſt Du meinetwegen?“ ſtöhnte ſie aus angſt⸗ gequälter Bruſt. —— 103 „Nein, mein Kind“, erwiderte er, ſich aufraffend. „Wir haben einander nichts vorzuwerfen. Was wohl Kurt zu uns ſagen würde? Wie ſind dieſe beiden geni⸗ alen Naturen elend zu Grunde gegangen!“ Die Sorge und die Furcht Irenens wuchſen. Nie hatte ſie ihren Vater ſo zerſtört geſehen, in ſolcher Selbſtverſpottung. Ihr Mund wagte keine Frage mehr, mit ihren Armen ſeine Kniee umfaſſend blieb ſie vor ihm liegen. 3 „Wir haben beide Va banque! geſpielt“, ſagte er abwehrend,„und verloren.“ „Dein Vermögen iſt in Gefahr?“ „Ich denke, wir feiern heute Abend unſer letztes Feſt; morgen in der Frühe kann man mit einem Piſto⸗ lenſchuß die Farce beendigen.“ „Um des Himmels willen.. 6 „Warum entſetzeſt Du Dich? Es iſt ja nur ein Plagiat Deines Entſchluſſes.“ „Hab' ich noch nicht genug den Wahn einer Stunde bereut? Bin ich noch nicht gedemüthigt genug? O, hätteſt Du mich mit einem Schlage getödtet! Jetzt vernichteſt Du mich langſam.“ „Still!“ Der Graf horchte auf, erhob ſich und verſchloß die Thür. 104 „Daß die Mutter uns nicht hört.“ Irene hatte ſich nicht aus ihrer knieenden Stellung gerührt. „Wenn Du Verluſte gehabt haſt, mein Vater, ſie werden zu erſetzen ſein; Deine Güter, dies Haus...“ „Nun freilich, faſſen wir Alles zuſammen und verkaufen wir unſern Beſitz, ſo biſt Du keines Bettlers Kind und ich kein Bankrottirer. Es bleibt uns ſo viel, um an irgend einem ſtillen Ort ſtill zu leben und ſtill zu verlöſchen. Aber kannſt Du ſolchen Sturz ertragen? Willſt Du es? Den Gewohnheiten des Luxus, dem Vorzug des Ranges, all dem, was das Leben erſt liebenswürdig macht, für immer entſagen?“ „Aus Liebe zu Dir, mit Dir, mein Vater— welches Opfer wäre mir zu groß!“ „Ja, wenn die Leidenſchaft Beſtändigkeit hätte! Es iſt mit Deinem Verſprechen wie mit Deiner Nei⸗ gung zu dieſem unſeligen Menſchen— ein Hauch, und ſie iſt fortgeblaſen.“ „Er iſt ein Unwürdiger, mein Vater. Mein Herz konnte getäuſcht werden..“ „Und ein andermal täuſcheſt Du Dich ſelbſt. Und glaubſt Du denn, ich würde verſchmerzen, was ich aufgegeben? Meine Stellung, meinen Ehrgeiz, die Geſellſchaft, die uns ſo lange umſchmeichelt hat, den 4 — 105 1 großen Zug des Lebens? Ich bin kein Mann der Mittelmäßigkeit wie Kurt, kein Krautjunker, dem die Bewirthſchaftung eines erbärmlichen Gutes, die Jagd auf Haſen und Enten und ein Trinkgelage mit den Nachbarn die Welt erſetzen. Mit ſeiner Natur kämpfen iſt vergeblich, ich brauche Glanz und Bewegung um mich her. Che ich die wenigen Jahre, die mir nach ſolchen Schickſalsſchlägen beſchieden ſind, in Dürftig⸗ keit und Verſchollenheit zubringe, von dem Spott oder dem Mitleid der Menſchen verfolgt, eher...“ „Vater!“ unterbrach ſie ihn mit erhobenen Händen; ſie wollte das ſchreckliche Wort nicht noch einmal hören. „Und für Dich und die Mutter wäre es beſſer“, ſetzte er ſeinen düſteren Gedankengang fort,„Ihr würdet zu Kurt ziehen; das Landleben ſoll eine rei⸗ nigende Kraft haben. Wenigſtens für die Jugend, ver⸗ muthe ich. Der Mutter war das große Hausweſen ſtets eine Laſt, die Politik haßt, die Geſellſchaft fürchtet ſie. Auch Dir würde Einſamkeit und Stille gut thun. Die Poeten ſprechen ſo viel von dem Balſam der Natur, etwas Wahres wird doch daran ſein.“ Irene hatte ſich erhoben und war zu ihm getreten, wie er mit verſchränkten Armen vor dem Kamin ſtand, in die glühenden Kohlen ſtarrend. „Meine Augen ſind trocken“, ſagte ſie tonlos,„ich ——= — ————— 106 kann nicht weinen. Das Entſetzen erſtickt meine Stimme und meine Thränen. Fühlſt Du denn nicht, daß jedes Deiner Worte mein Herz zerreißt?“ „Vergib, mein Kind“, entgegnete er,„nach dem, was geſchehen, hielt ich Dich für eine Heldin, ſonſt...“ „Hätteſt Du das Schreckliche ſchweigend“— ſie warf ſich dem Vater um den Hals und die Thränen ſtürzten nun doch unaufhaltſam über ihre Wangen— nich mag es nicht einmal ausdenken. Aber Du haſt Dein Geheimniß verrathen, und wenn es denn ſein muß, werden wir zuſammen ſterben. Sollte es aber keinen Ausweg, kein Mittel aus der Verlegenheit geben? Verkaufe, verpfände, befriedige die ärgſten Dränger; wir können uns einſchränken, ein Jahr auf den Gü⸗ tern leben...“ „Tropfen auf einen heißen Stein“, murmelte er. „Die Conjuncturen zu einem Güterverkauf ſind nicht günſtig. Ich bedarf einer großen Summe; wer würde ſie mir vorſchießen, da den Börſenmännern meine Lage nicht unbekannt iſt?“ „Ich wüßte wohl einen“, ſagte ſie. „Du wüßteſt einen?“ In den Augen des Grafen, die müde und halb erloſchen in ihren Höhlen lagen, blitzte ein Funke auf. War es ein Zeichen ſeiner rückkehrenden Energie oder die Freude des liſtigen und geduldigen Jägers, der endlich das Wild in die Schußlinie vor die Mündung ſeines Gewehres laufen ſieht? „Wen denn, mein Kind?“ Nun hätte ſie doch lieber die Antwort zurückhalten mögen. „Das heißt, wenn er ſo reich iſt, wie das Ge⸗ rücht es ausſprengt, wenn es Dir nicht unmöglich wäre, gerade mit ihm eine ſolche Verhandlung zu führen...“ „Du ſprichſt in Räthſeln.“ Und er rieb ſich die Stirn, als ſuche er im Ernſt die Löſung. „Denkſt Du an Iſaak Goldſtein? Der würde einen Preis fordern, auf den wir nicht eingehen könnten... für ſeinen Erſtgeborenen Deine Hand.“ Bis an die Schläfen ſtieg Irenen die Farbe des Zornes. „Niemals, mein Vater, niemals!“ rief ſie heftig. „Auch dachte ich nicht an ihn, an einen—“ „Ruhig“, unterbrach ſie der Vater.„Es iſt nicht gut, Jemand zu ſchmähen und zu beleidigen, auch nur unter uns beiden, mit dem wir leben und handeln müſſen.“ „Daß wir es müſſen, das iſt das Elend!“ 108 „So nenne Deinen Hexenmeiſter. Iſt er kein Mann der Börſe, des Geſchäfts?“ „Zuerſt und vor allem Andern iſt er ein Gentle⸗ man, Herr Bruno Greif.“ Vor den ſcharfen, beinahe lauernden Blicken des Vaters hatte ſie das Geſicht zur Seite gewendet. „Herr Bruno Greif“, wiederholte der Graf und ging, die Hände auf dem Rücken, nachdenklich auf und nieder.„Welch ein Einfall! Wie biſt Du gerade auf dieſen Namen, auf dieſen Mann gekommen?“ „Er iſt ein Freund unſeres Hauſes— ſoviel ich weiß, ſteht er, ſtand ſchon ſein Vater in Geſchäfts⸗ verbindungen mit Dir. Bei ſeinem letzten Beſuche hat Kurt ihn kennen gelernt und iſt ganz eingenommen von ihm.“ „Du auch?“ fragte Reinsberg, der am Kamin ſtehen geblieben war, forſchend zurück. „Ich?“ erwiderte ſie.„Du weißt es wohl, wie ich meinen Vorſchlag gemeint habe. Ich achte Herrn Greif und glaube an ſeine Redlichkeit und Uneigen⸗ nützigkeit; er wird Deine Lage nicht zu ſeinem Vortheil ausbeuten. Das iſt Alles.“ „Dieſelben Eigenſchaften ſchätze ich an ihm; ſeine Güte, ſeine Freundlichkeit für uns— vielleicht iſt es 109 7 ſogar mehr als Freundſchaft— würden ihn möglicher⸗ 4 . weiſe beſtimmen, für mich einzutreten. „Und Du wäreſt gerettet?“ „Gerettet?“ Der Graf richtete einen verlorenen Blick nach der reich vergoldeten Stuccaturdecke. „Das wage ich kaum zu hoffen, allein ein Auf⸗ ſchub wäre gewonnen, das Ganze hätte ein anderes Anſehen. Die Curſe wandeln ſich mit dem Winde, in ſechs, in acht Wochen könnten die mageren Kühe zu fetten geworden ſein... Doch das verſtehſt Du nicht.“ „So wirſt Du mit Herrn Greif reden? Folge meinem Rath...“ „Ich kann nicht.“ Die Stirn ganz in Furchen, die Arme übereinan⸗ der geſchlagen, näherte er ſich ihr wieder. „Es wäre eine Demüthigung. Mit einer Anſpie⸗ lung, die ſeinerſeits unabſichtlich und dennoch deutlich war, hat er in meiner Gegenwart das verwegene Börſenſpiel verdammt und vor den Andern den Adel getadelt, daß er an ſolchen unſicheren und ſeiner Meinung nach unſittlichen Geſchäften Theil nähme. Ich glaube nun zwar, daß ſich ebenſoviel gegen die übermäßigen Gewinne der großen Fabrikbeſitzer wie gegen die 110 Gründungen und das Börſenſpiel ſagen läßt, aber was willſt Du? Im Augenblick hat er Recht behalten und iſt der Sieger. Und wenn ich mich auch über dieſe Demüthigung hinwegſetzte, aus Liebe zu Dir, um der Mutter und Kurt den Schrecken meines Untergangs zu erſparen, es gibt da noch einen andern empfindlichen Punkt, den ich nicht berühren mag.“ „Ich denke, mein Vater, wir könnten offen und rückhaltlos miteinander ſprechen.“ „Was ſagteſt Du vorhin? Niemals, niemals! Solche Hülfe, wie ich ſie fordere, leiſtet kaum ein Bruder dem Bruder; daß ein Fremder ſeine Bedingun⸗ gen ſtellt, wird ſelbſt Deine Romantik nicht unehren⸗ haft nennen.“ „Gewiß nicht“, antwortete ſie zaghaft. Es war ihr, als zöge erſt jetzt in dieſer pein⸗ lichen, herzkränkenden Unterredung die verhängnißvolle Wetterwolke, die den tödtenden Zlitz in ſich trägt, herauf. „Aber die Bedingungen, die dem Reichen ſehr natürlich und ſehr annehmbar erſcheinen, ſind es darum noch nicht für den Armen. Wenn Bruno Greif dächte wie Iſaak Goldſtein? Wenn er ſagte: Meinem Schwiegervater werde ich helfen, den Grafen Reinsberg kann ich nur bedauern? Du ſiehſt blaß — K2s—— 111 aus. Beruhige Dich, noch hat er nicht ſo zu mir ge⸗ ſprochen, und er iſt eine zu feinfühlige Natur, um Dir oder mir mit ſeiner Werbung Ungelegenheiten zu bereiten.“ „Ich ſtehe da wie betäubt“, entgegnete ſie; alles Blut war aus ihren Wangen gewichen und krampfhaft umklammerte ſie die hohe Lehne eines Seſſels.„Bruno Greif um mich werben? Das iſt eine Täuſchung, mein Vater. Er denkt nicht daran. Was kann Dich nur zu dieſer Vermuthung geführt haben?“ „Frage doch Deinen Spiegel, er wird Dir Ant⸗ wort geben. Bis vor wenigen Tagen war ich übrigens Deiner Anſicht, daß Greif's Huldigungen keinen an⸗ dern Zweck hätten, als Dir gefällig zu ſein und ſich ſelbſt ein Vergnügen in der Bewunderung Deiner Schönheit zu verſchaffen.“ „Nie habe ich ſie anders verſtanden, ich würde ſie ſonſt nicht geduldet haben.“ „Es geziemte Dir wohl, ſanftere Saiten auf⸗ zuziehen.“ Der Unmuth riß ihn hin und ungeduldiger fuhr er fort: „Statt thörichten und unwürdigen Schwärggereien nachzuhängen, hätteſt Du für Dich und füß de 112 klüger gehandelt, wenn Du die Augen für die Wirk⸗ lichkeit offen behalten.“ „Nicht weiter!“ Und ſie richtete den Kopf ſtolz in die Höhe. „Was ich verſchulde, mein Vater, ich bezahl es auch.“ „So bezahle es hier.“ „Mit meiner Hand? Einem Mann ſie anbieten, der gar nicht nach ihr begehrt?“ „Du haſt mich vorhin nicht ausſprechen laſſen. Vorgeſtern empfing ich einen Brief aus Gleiwitz, daß ein Herr von Schmettow die Gegend bereiſe und ſich über meine und die anliegenden Kohlenlager eingehend unterrichte. Dem Anſchein nach wolle er kaufen. Dieſer Herr von Schmettow iſt ein Abgeſandter Greif's...“ „Um ſo beſſer für Dich. Aber was ſoll ich in dieſem Geſchäft?“ „Du ſpielſt die Naive.“ Sein Geduldsfaden war zerriſſen. „Deine Hand wird den Preis der Gruben um das Doppelte erhöhen. Das iſt brutal, aber klar. Kein Aufſchrei, keine Thränen— ich bitte. Nicht Du bringſtezin Opfer, ich muß ein größeres bringen. Ich 3 andere Stellung für Dich erhofft, eine glän⸗ 113 zendere. Früher haſt Du dieſe Ausſichten zerſtört, weil Dein Ideal nicht erſchienen war— dies Ideal, das Du dann in einem verrückten Schwärmer fandeſt; jetzt zerſtört ſie eine harte Nothwendigkeit. Die arme Irene Reinsberg wird vergeblich auf einen fürſtlichen Freier warten, ganz abgeſehen von dem häßlichen Brandfleck auf Deinem Kleide. Die Mißheirathen liegen in der Luft, und bei alledem wirſt Du als Frau eines der erſten unſerer Fabrikbeſitzer— Dir zu Liebe kann er ſich adeln laſſen— noch eine andere Rolle in der Welt ſpielen als Kurt an der Seite ſeiner Bauerfrau. Wenn er nur will, hat Bruno Greif auch in der politiſchen Welt günſtige Ausſichten.“ Mit bebenden Lippen, wortlos, thränenlos hatte ſie ihn angehört. Hätte ſie ſterben können, ehe die Hälfte dieſer für ſie ſchrecklichen Worte ihr Ohr er⸗ reicht! Aber Worte tödten nicht. Hier ſtanden zwei Schuldige einanden gegenüber und nur zu bitter empfand ſie, daß die Eigenſucht des Vaters an ihrer eigenen Schuld ſich entzündet habe. Mit anderem Anſtand, in anderer Hoheit würde ihm die frühere Irene begegnet ſein, gegen die in Irrung und Irrthum Verſtrickte war ihm Alles erlaubt. Sie wollte ſich zu einer Entgegnung erheben, Zorniges, Schmerzliches 8 Frenzel. Silvia. II. aus ihrem Herzen ſich losringen, allein der harte, ver⸗ nichtende Blick, der ſie aus den Augen des Vaters traf, unter den buſchigen zuſammengezogenen Brauen hervor, ließ ſie den Kopf auf die Bruſt ſenken: Magdalena vordem verdammenden Richter. „Ein Mißverſtändniß“, ſagte er eiſig,„iſt zwiſchen uns nicht möglich. Sei heute Abend freundlich und entgegenkommend zu Herrn Greif, ſtoße ihn nicht mit Deinen gewöhnlichen ſtolzen Aeußerungen zurück, wenn er ein wärmeres Wort an Dich richtet. Er iſt unſere — und zumeiſt Deine letzte Stütze. So wenig wie ich biſt Du für die Armuth und die Arbeit geſchaffen. Nicht in den bisherigen Verhältniſſen, nur in neuen kannſt Du wieder geſunden. Unter dem Namen und Titel einer Frau— noch dazu der Frau eines ſo angeſehenen und würdigen jungen Mannes— wird die Vergangenheit des Mädchens leicht begraben und noch leichter vergeſſen werden.“ Mit einem kurzen Winken ihres Hauptes ſchied ſie aus dem Gemach. Düſter ſchaute ihr der Graf nach. „Das iſt nun das Ende“, murmelte er vor ſich hin.„Streit und Haß, wo bisher Friede und Neigung geherrſcht. Ich ſtehe an einem Abgrund, ſie iſt die 115 letzte, einzige Planke, die ich hinüberwerfen kann, um auf die andere, ſichere Seite zu kommen. Dämon des Goldes... bah, will ich mir ſelbſt eine Moral⸗ predigt halten? Die Reinsbergs haben immer aus dem Vollen mit vollen Händen geſchöpft. Welche Summen hat mein Urgroßvater vergeudet! Soll ich beiſeite ſtehen an der Tafel des Lebens? Wir ſind alle Spieler und ich habe noch ein paar treffliche Karten in der Hand. Ob Greif daran denkt, Irene zu heirathen? Verfährt ſie nur klug, ſo wird ſie ihn bald genug an dieſen Gedanken gewöhnen. Vor einem Jahre hätte ſie Fürſtin Hochberg werden können. Vor einem Jahre! Mit dem Schnee vom vergangenen Jahre kann man keine Häuſer bauen. Es iſt das Beſte, daß ſie heirathet und aus unſerem Hauſe ſcheidet. Ein Zuſammenleben zwiſchen ihr und mir wäre für uns beide nach dieſer Scene kränkend und peinigend. Sie hat es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, ihre Thorheit hat ſie von uns getrennt. Mit dieſem Timotheus— auf den Knieen ſollte ſie mir danken, wenn ich ſie aus der Verſtrickung löſe und zur Gattin eines Ehrenmannes mache, bei dem ſie den Frieden ihres Herzens und einen unerſchütterlichen Wohlſtand des Lebens finden wird.“ Dieſe Betrachtungen beruhigten ihn vollends; bei 8* 8 ——— —————ÿy———— 2 9 416 Tiſche— nur wenige Hausgenoſſen waren zugegen, Irene hatte es vorgezogen, auf ihrem Zimmer zu bleiben— zeigte er eine freie Stirn und die heiterſte Liebenswürdigkeit. Nachher widmete er ſich ganz ſeinen Geſchäften als ſorgſamer Wirth, prüfte die Feſträume, alle Anordnungen, überſchaute noch einmal mit der feinen Ueberlegung des erfahrenen Fein⸗ ſchmeckers die Speiſekarte für das Abendmahl und überließ ſich dann, als ſtände er und ſein Glück, ſtatt auf einer Pulvertonne, auf einem Felsgrunde, den Händen ſeines Kammerdieners. Nur wie im Vorübergehen warf er die Frage hin, ob ſich das Befinden der Gräfin Irene gebeſſert. Der Kammerdiener wußte von Mademoiſelle Louiſe, daß ihre Herrin munter ſei und die letzte Wahl hinſichtlich ihres Anzugs träfe. „Gefangen“, dachte der Graf,„ſie iſt in der Schlinge“, und rieb ſich ein wenig die Hände; vor ſeinen Dienern bewahrte er in all ſeinen Aeußerungen und Bewegungen eine ſtrenge Gemeſſenheit. Der Beginn des Feſtes entſprach ſeinen Erwar⸗ tungen. In den ſtolzeſten Tagen ſeines Glückes hatten die herrlich geſchmückten Räume keine glänzendere Ver⸗ ſammlung geſehen. Schönheit, Reichthum, Adel— Krieger und Politiker, Künſtler und Gelehrte, die hohen Beamten und die hervorragendſten Männer des Handels und der Induſtrie, alle begrüßten den Grafen mit Händedrücken und Glückwünſchen. Und es war keine Uebertreibung, wenn ſie ſein friſches, jugendliches Aus⸗ ſehen rühmten; die Geſichtsfarbe Reinberg's war blühend, ſein Gang elaſtiſch, um ſeine Lippen ſpielte das verbindlichſte Lächeln. Viele von den Gäſten ahnten nicht einmal, daß der Boden, auf dem ſie tanzen wollten, unterhöhlt war; Andere, die von den bedenklichen Vermögens⸗ verhältniſſen des Grafen gehört hatten, ſchüttelten im Anblick der Pracht, die ſich vor ihnen entfaltete, un⸗ willig den Kopf über die Verleumdungsſucht der Menſchen; ohne Zweifel hatten Neider und Feinde des Hauſes das boshafte Gerücht verbreitet, das jetzt der Augenſchein Lügen ſtrafte. Aber es war auch Mancher gekommen, für den Reinsberg's Lage nichts Geheimnißvolles hatte, der den Zuſammenbruch dieſes „gläſernen“ Glückes in den nächſten Tagen vorausſah. Mit gemiſchten Empfindungen betrachteten dieſe das Schauſpiel; ſie bewunderten das lächelnde Geſicht, die tadelloſe Haltung des Wirthes und freuten ſich ſchaden⸗ froh, daß dieſe koſtbare, vielbeneidete Einrichtung demnächſt unter den Hammer des Auctionators fallen 118 würde. Dieſe kreiſchende Stimme, dieſer Hammerſchlag, verſicherte leiſe der geiſtreiche Leo Goldſtein, Iſaak's Sohn, ſeiner in gelbe Seide gekleideten Couſine, ſeien jetzt das Loos des Schönen auf der Erde und der Ruf des Schickſals. Vielleicht war Bruno Greif der einzige unter allen Gäſten des Grafen, der ihn wahrhaft bedauerte und den Zwieſpalt in ſeiner Lage und in ſeinem Weſen verſtand. Gerade als er nach ſeinem Hute griff und der Diener ihm den Mantel umgab, um in den Wagen zu ſteigen, der ihn nach Reinsberg's Palaſt führen ſollte, war eine Depeſche Schmettow's eingetroffen: „Viel Jagdglück. Nicht kaufen. In fünf Tagen der Mann platt. Heute hundert, dann fünfzig. Keinen Boock ſchießen. Ruprecht.“ Alſo bis in die Provinz war das Gerücht von Reinsberg's bevorſtehendem Falle ſchon durchgeſickert. Der Amerikaner in Schmettow ſchlug rückſichtsloſes Ausnutzen der Conjunctur vor. Bruno hatte die Depeſche in die Taſche geſchoben und in melancholiſcher Stimmung den Feſtſaal betreten. Er hatte das Gefühl eines Richters, der das erſte Todesurtheil zu verkündigen hat, der weiß, was der — — 1¹9 Angeklagte mit ſtarren Augen, gleichſam den Worten vorauseilend, von ſeinen Lippen zu leſen ſucht. In einiger Aufregung kam ihm der Graf entgegen; er hätte beinahe gefürchtet, unaufſchiebbare Geſchäfte würden Herrn Bruno Greif von der kleinen Abend⸗ unterhaltung ferngehalten haben. Bruno entſchuldigte ſein ſpätes Erſcheinen, begrüßte die Hausfrau und ſuchte einen beſcheidenen, einſamen Platz. In dem Saal war eine Bühne aufgeſchlagen, und er ſaß kaum, als der Vorhang auch ſchon in die Höhe ging... Lebende Bilder mit Beziehung auf das Geburtstagsfeſt des Grafen, Scenen aus ſeiner Vergangenheit, durch Allegorie und Humor verſchönt, mit gefälligen, ſie verbindenden Verſen, in denen ſelbſtverſtändlich der großen Zeit, Wilhelm's des Eroberers und des eiſernen Reichskanzlers gedacht wurde.. in einem ſo patriotiſchen und ſo politiſchen Hauſe ging es nicht anders. Geſchickte Maler ſtellten die Bilder; ein bekannter humoriſtiſcher Dichter hatte die Verſe verfaßt; die Ausſtattung war ebenſo reich wie maleriſch. Ueber die Darſtellenden gab es nur ein einſtimmiges Lob, ein beſtändiges Beifallklatſchen; die ſchöne Tochter des Hauſes ſollte ſich heute in der Auswahl und Anordnung 120 ihrer Coſtüme bald durch Hoheit, bald durch Anmuth ihres Auftretens ſelbſt übertroffen haben; für Bruno hätten chineſiſche Schatten an der dunklen Wand vor⸗ übergeführt werden können, er hätte keinen großen Unterſchied zwiſchen ihnen und den lebenden Figuren bemerkt. Wenn ſeine Nachbarn klatſchten, ſtand er ihnen bei, aber ſeine Gedanken waren nicht bei dem Schauſpiel. Hin und her wog er ſeinen Entſchluß. Wollte er den Grafen retten, mußte er. ihm ſo raſch als möglich ſeinen Vorſchlag wegen des Kaufes der Kohlengruben machen. Oder war es ſchon zu ſpät, hatte der Graf ſchon losgeſchlagen, nur um dies Feſt noch zu ermög⸗ lichen? Welchen Eindruck mußte dann ſein Antrag hervorbringen! Seine grübleriſche und phantaſtiſche Natur führte ihn weit ab von dem vorliegenden Falle. „Wenn du auch einmal dem Verhängniß verfallen ſollteſt? Reichthum, trügeriſches, gefährliches Gut!“ hätte er ausrufen mögen.„Aller Blicke, aller Be⸗ gierden regſt du auf, nach dir ſtrecken ſich alle Hände aus, deinetwegen wagt man das Leben, und wenn wir dich zu halten glauben, verrinnſt du zwiſchen unſern Fingern wie Waſſertropfen oder löſeſt dich in Rauch auf; ärmer, als wir unſern Lauf begonnen 124 haben, ſtehen wir dann in der Mitte der Bahn, wie erwacht aus einem wirren Traum. Immer in Unruhe, Mühe und Schweiß; immer auf der Jagd ſind wir dahingeſtürmt, mehr zu erwerben, mehr zu faſſen, und wozu? Wir wiſſen es nicht, und ach! während wir uns in den Wahn wiegen, Jäger und Eroberer zu ſein, ſind wir nur das arme gehetzte Wild, das der Dämon mit Peitſchenhieb und Halloh als wilder Jäger vorwärts treibt— in die Verzweiflung, in das Grab!“ Vor ſolchen Phantaſiegebilden in düſterem Ton erbleichten freilich die heiteren hellen Erſcheinungen, die auf der zierlichen Bühne vorübergaukelten; es war, als ob Licht und Finſterniß miteinander rängen, aber die Schatten drangen unaufhaltſam vor und verlöſchten die kleinen Lichter. So beachtete Bruno kaum die Schönheit Irenens und die wechſelnden Geſtalten, in denen ſie ſich zeigte. Warum durfte er ihr nicht zurufen:„Wache auf!“ Als der Vorhang zum letzten Male unter dem Jubel der Zuſchauer, welche die ſchön gelungene 4 Gruppe immer noch einmal ſehen wollten, gefallen war, fühlte ſich Bruno wie erleichtert. Das täuſchende Spiel hatte nur dazu beigetragen, 1 122 ſeine Phantaſie zu erhitzen. Ruhiger und ernüchterter faßte er jetzt ſeinen Entſchluß. Indem er dem Grafen und der Gräfin wie billig ſeine Bewunderung über das„herrliche“ Feſt und den „ſeltenen“ Genuß in Alltagsredensarten ausſprach, wußte er durch die Bitte, ſich die Bühne ſelbſt näher anzuſchauen, den Grafen beiſeite zu ziehen. Als gefälliger Wirth war Reinsberg ſogleich bereit, ſeinen Gaſt durch ein Seitenzimmer ſelbſt dahin zu geleiten. Als ſie aus dem Gewühl der Geſellſchaft ſich 1 entfernt hatten und auf den„weltbedeutenden“ Bretern allein waren— nur ein Diener löſchte eben die Lampen, und das fröhliche Gewimmel bunter Geſtalten war zerſtoben, um ſich eilig aus dem Mummenſchanz wieder in die moderne Tracht zu werfen— ſagte der Graf mit eigenem Ton: „Hier iſt es ſtill, man kann in Ruhe ein Wort wechſeln. Aber finden Sie nicht auch, es iſt ſchwül?“ Und er öffnete eine Thür, die nach einem langen, ſchmalen Corridor ſich öffnete, an deſſen Ende die ver⸗. ſchiedenen Ankleidezimmer lagen. Dabei konnte er dem Diener ins Ohr flüſtern, daß er gehen ſolle. Bruno ſchien inzwiſchen die Maße des kleinen Theaters zu nehmen. -—y— 123 „Ich merke“, ſagte Reinsberg lächelnd,„das Spiel der jungen Leute hat einen gewiſſen Eindruck auf Sie gemacht und Sie wollen ihnen ihre Künſte ablauſchen, um die Geſellſchaft nächſtens mit einem glänzenderen, märchenhaften Schauſpiel zu überraſchen.“ „Ich werde mich wohl hüten, mit Ihnen zu wett⸗ eifern— und Sie vergeſſen obendrein, Herr Graf, daß mein Haus noch keine Herrin hat.“ Reinsberg drohte mit dem Finger. „Die Baupläne, von denen Sie neulich mir erzählten, die Veränderungen im gelben Schloſſe... ich hätte Luſt, mir einmal an Ort und Stelle Ihren Entwurf anzuſehen und mit Ihnen darüber zu plaudern. Bauen war auch einmal meine Leidenſchaft.“ „Ihr Beſuch würde mich ebenſo erfreuen, wie Ihr Rath mir nützlich ſein würde.“ „Störe ich Sie morgen, Herr Greif?“ ſagte der Graf lauernd.„Wo nicht, bitte ich Sie um eine Stunde, die Sie mir gönnen wollen.“ „Offen heraus, Herr Graf“, entgegnete Bruno,„ich bin mit derſelben Bitte an Sie hierher gekommen. Unter den Gäſten wagte ich nicht davon zu reden...“ „Iſt es ein Geheimniß und hat es ſolche Eile?“ Reinsberg ſpielte den liebenswürdigen Welt⸗ mann, der gern jedes ernſte Geſchäft auf den nächſten 124 Tag hinausſchiebt, und doch ſpannte ſich jeder Nerv in ihm vor unruhiger Erwartung. „Es hat Eile und mir wenigſtens wäre es erwünſcht, daß es ein Geheimniß unter uns bliebe. Ich hätte ein Geſchäft, ein Kaufgeſchäft mit Ihnen abzureden.“ „Ah lu Die Augen des Grafen blitzten unter ſeinen buſchigen grauen Brauen. „Es iſt gut, verehrter Freund, daß Sie mir eine Andeutung Ihres Wunſches geben. Noch ſind die Gruben frei und mein. Beinahe könnte ich ſagen, ich hätte ſie Ihnen aufbewahrt. Manches Angebot habe ich trotz der ſchlimmen Zeit zurückgewieſen. Schlimme Zeit— Sie lachen! Sie ſollen ein rieſiges Geſchäft mit Rußland abgeſchloſſen haben und ſind, wie Ihr ſeliger Herr Vater, ein Sparer. Hier meine Rechte, Sie haben die Vorhand und morgen ſprechen wir weiter.“ Mii einer Heftigkeit, die wider ſeinen Willen die ſtärkere Erregung verrieth, ſchüttelte er Bruno's Hand und hielt ſie eine Weile in der ſeinen feſt. „Auf morgen! Wann iſt Ihnen mein Beſuch will⸗ kommen, Herr Graf?“ fragte darüber Bruno. „Oho, ſo iſt es nicht gemeint! Ich komme zu Ihnen. Haben Sie ſchon vergeſſen, was wir aus⸗ gemacht? Oder halten Sie in dem gelben Schloß einen Schatz verborgen, den Sie ſorgfältig den Blicken jedes Unberufenen entziehen wollen? Ich breche durch; nicht Rieſen noch Ungeheuer ſollen mir den Weg zu Ihnen verſperren, dem verzauberten Prinzen. So hat Sie nämlich wegen Ihres Ernſtes und Ihrer Schwermuth Irene getauft; ein verzauberter Prinz in einem ein⸗ ſamen Waldſchloſſe, den zuletzt ein Mädchen mit einem Kuſſe aus dem Zauberſchlaf wecken muß. Nicht wahr, eine echte Mädchenphantaſie? Aber nun ſeien Sie luſtig, Sie eiſerner Mann— ich denke, Sie haben heute Abend ein gutes Geſchäft gemacht und können wohl mit der jungen Welt ſcherzen, zu der Sie gehören. Sonſt nimmt Sie Irene ins Gebet. Iſt es Ihnen recht, kehren wir nicht zuſammen in den Saal zurück. So Viele würden die Köpfe zuſammenſtecken! Dort im Corridor die erſte Thür links führt Sie in das Spiel⸗ zimmer.“ Er hatte haſtig geredet, als ob er dem andern gar keinen Einſpruch geſtatten wolle. Erſt nachher beſann ſich Bruno anf das Einzelne der Aeußerungen des Grafen. Er war allein auf der halbdunkeln Bühne zurück⸗ geblieben, um jenem den Vorſprung zu laſſen. Wäre Kee 126 es nicht gegen jede Form der Höflichkeit geweſen, er hätte am liebſten durch den Corridor und die ganz im Dunkel liegende Hintertreppe— der Zugwind wehte von dort herauf— das Haus verlaſſen. Sein Geſchäft war zu Ende und er fühlte nicht die geringſte Luſt, den Scherzen Irenens und der andern jungen Mädchen zur Zielſcheibe zu dienen. Was war ihm Irene! Ein anderes Bild erfüllte ſeine Seele. „Clara! Clara!“ rief es in ihm. Sonſt um dieſe Stunde erwartete ſie ihn; ſtill und verſchlafen waren Haus und Garten. Am Him⸗ mel, bei den ungewöhnlich klaren und milden Abenden, hielten die geduldigen Sterne ihre freundliche Wacht. Wohl wußte ſie, daß er heute nicht zu ihr ſchleichen würde, und ſie ſaß ſtill und träumeriſch in ihrem Ge⸗ mach, aber er glaubte ſie vor ſich zu ſehen, das Schleiertuch um das Geſicht gebunden, am Garten⸗ pförtchen ſeiner harrend, ob er nicht doch den bekannten Weg an den Weiden des Ufers daherkäme, oder das Auge ſehnſüchtig zu den Geſtirnen gewendet. Von dem Ende des Corridors, wo die Ankleide⸗ zimmer der jungen Leute lagen, die bei den lebenden Bildern mitgewirkt, ſchallte fröhliches Gelächter und das Geſumme vieler durcheinander rufender Stimmen. 127 Wenn Bruno noch vor ihnen wieder in dem Saal erſcheinen wollte, mußte er ſich beeilen. Schon hatte er ſeinen Fuß in den Corridor ge⸗ ſetzt, als ganz im Hintergrunde auf der oberſten Treppenſtufe ein helles Gewand, ein Mädchenkopf ſichtbar wurde. Die Stiege knarrte leiſe unter einem ſcharfen Schritt. „Du willſt nicht ſtören“, ſagte Bruno und trat wieder in den Schatten der Bühnendecoration zurück. Aber gerade hierher richtete das Paar— voran das Mädchen, halb von ihm gedeckt ein junger Mann — ſeinen flüchtig ſchnellen Gang. Es wäre Bruno leicht geweſen, hinter einem der Verſatzſtücke ein Verſteck zu finden, allein es widerſtrebte ihm, ein Stelldichein zu belauſchen. Hatte er nicht ohnedies ſchon zu viel geſehen und gehört? „Warten Sie“, ſagte das Madchen flüſternd.„Meine Herrin iſt ſehr unwillig über Ihre Verwegenheit.“ Mit einer trotzigen Bewegung warf ihr Begleiter ſeinen Kopf empor, als wollte er die ganze Welt herausfordern. 5 Dabei beleuchtete ein Strahl der Ampel, die den Corridor erleuchtete, ſein Geſicht; Bruno erkannte Fritz und ſuchte noch eiliger die Thür, durch die er ovrhin mit dem Grafen auf die Bühne getreten war. ———— Das Geräuſch, das die Thür beim Oeffnen wie beim Schließen gab, hätte einen Andern ſtutzig ge⸗ macht, Fritz indeſſen lehnte ſich gelaſſen an einen Schrank und ſchaute in den Corridor hinein. Freilich war ſeine Ruhe nur erkünſtelt; dies Hintertreppenweſen mißfiel ſeinem Stolze aufs höchlichſte. Daß die vornehme Grafenfamilie ihn nicht zu ihrem Feſte einladen konnte, begriff er, aber es wurmte und ärgerte ihn. Noch regiert eben der Standesunterſchied, das Kaſtenweſen dieſe erbärmliche Welt, die ſich dadurch ſelbſt ihr Urtheil ſpricht. Einmal, das war ja gewiß, mußte der große Umſturz kommen, und bei ſeiner Jugend und Stärke war Fritz überzeugt, daß er dieſen „Tag des Priamos“— aus der Schule oder aus einem Vortrag im Arbeiter⸗ Bildungsverein war ihm dies Bruchſtück des homeriſchen Verſes im Gedächtniß haften geblieben— erleben würde; er konnte dann dem Grafen und ſeiner ganzen Sippe, allen Bourgeois⸗ Dickbäuchen gegenüber ſeine Revanche nehmen. Was hätte unter dieſen geputzten, geſchniegelten Männern und Frauen, dieſen geſchnürten Gardeoffizieren und koketten Mädchen ein Held der Zukunft auch geſollt? In ein Bacchanal, wo ſich das Kapital und der Adel, unter dem Vorſitz des Laſters, zu Tiſche ſetzt, gehört 129 die Tugend des vierten Standes nicht. Unverantwort⸗ lich jedoch dünkte es Fritz, daß man ihn auf ſeinen dringenden Brief an die junge Gräfin nicht höflicher behandelte. War er der Mann, um ſich mit ſchnippiſchen Kammerzofen abzugeben, ſich die Hintertreppen hinauf⸗ führen zu laſſen? Ja, wenn es noch ein verliebtes Abenteuer geweſen! So kam er ſich lächerlich,„lakaien⸗ haft“ vor. Hätte ihn nicht trotz alledem die Erinnerung an das ſchöne, glänzende Mädchen, ihm ſelber unbe⸗ wußt, mit dämoniſchen Banden gefeſſelt, er hätte dieſer elenden adeligen Sippſchaft und ihrem mit dem Blut und Schweiß des Volkes bezahlten Feſte verächtlich den Rücken gewendet. Aber da war ſie, im reichſten Schmuck, die Schleppe ihres ſchweren blauſeidenen Gewandes rauſchte über den Corridor hin, und all ſein Unmuth, ſein hochmüthiges Proletarierbewußtſein zerrann vor ihrer Gegenwart wie Aprilſchnee unter der Sonne. „Sie wünſchten mich zu ſprechen, Herr Wolf⸗ hart“, ſagte ſie zwiſchen Stolz und Unruhe,„da bin ich.“ 5 Ein wenig ſchüttelte ſie ihre blonden, kunſtvoll mit Brillanten und Rubinen durchflochtenen Haare, daß eine Welle von Wohlgeruch ihn betäubend an⸗ wehte. 3 Frenzel Silvia. II. 9 —— „Gnädige Gräfin... Vergebung, ich wußte nicht... Wenn Sie befehlen, kann ich ein ander⸗ mal wiederkommen.“ „Nein, reden Sie nur. Ich habe meinen An⸗ zug beeilt und fünf Minuten Vorſprung vor meinen Freundinnen.“ „Ihr Auftrag iſt erfüllt.“ „Ahl“ 5 4 Sie ließ langſam ihre rechte Hand in die linke fallen. Aus dem Corridor, in dem ſie bisher geſtanden, trat ſie in den Schatten der Bühnendecoration. In dem Theaterſaal war es ganz ſtill geworden, die Gäſte hatten ſich in die übrigen Feſträume zerſtreut. Dennoch dämpfte ſie ihre Stimme zum leiſeſten Flüſtern. „Sie haben die Briefe?“ „Hier!“ Er hatte ein kleines verſiegeltes Päckchen aus ſeiner Bruſttaſche gezogen. „Er hat ſie unter meinen Augen zuſammen⸗ gethan...“ Schon hatte ſie danach gegriffen; ihre Hände be⸗ gegneten einander und ruhten eine Weile ineinander. „Ich hoffe, es iſt Alles darin, was Sie wünſchen, gnädige Gräfin.“ „Morgen beſuche ich Miß Wood um drei Uhr; 134 hätten Sie kein Gewerbe bei Ihrer Schweſter? Ich ſagte Ihnen dann, wie Alles ſteht. Und hat er Ihnen die Papiere freiwillig gegeben?“ „Ich bin geſtern am Abend zu ihm gegangen; ger war allein und öffnete mir. Wir ſaßen eine Weile zuſammen in ſeiner Stube, er hatte bei einer kleinen Lampe in ſeiner Bibel geleſen. Dann ſprang ich auf, verriegelte die Thür und zog mein Dolchmeſſer...“ „Um Gotteswillen!“ Sie that entſetzt einen Schritt zurück. „Es hätte keinen Lärm gegeben. Wir maßen uns eine Sekunde mit den Augen, dann merkte er, daß der Zeiger ſeiner Uhr ganz bedenklich dem Tode näher rücke, und nahm die Briefe aus ſeinem Kaſten. Unter dem einen zeigte er mir den Namen Irene, ſchwur auf das Evangelium, daß er nichts mehr von Ihnen beſäße— und ich ging.“ „Neulich retteten Sie mir das Leben, heute machen Sie es mir werth.“ „Gnädigſte Gräfin!“ Sie hatte ihm noch einmal die Hand gereicht, aber mit ſo geringem Lohn wollte er ſich nicht be⸗ gnügen. Gerade die Berührung, der ſanfte Druck ihrer Finger entzündete das Feuer der Leidenſchaft in ihm. Wie von einer ſtärkeren Gewalt vorwärts ge⸗ 9* trieben, preßte er einen leidenſchaftlichen Kuß auf ihre Hand. Im nächſten Augenblicke hatte ſie ihm dieſelbe entriſſen; die einzige auf der Bühne noch brennende Lampe verlöſchte, und während Fritz in der Dunkel⸗ heit nach dem Ausgang taſtete, dem ſchwachen Schimmer der Corridorampel nach, war ſie entſchwunden. Strahlend im Glanz ihrer Schönheit und einer erhöhteren Lebendigkeit— man ſetzte es auf Rechnung des Triumphes, den ſie vorhin in den„lebenden Bildern“ gefeiert— war ſie nachher die Sonne der Geſellſchaft. Ueberallhin ſpendete ſie Glut und Wärme, ſie beglückte mit ihrer Freundlichkeit, ſie be⸗ ſeelte mit ihrem Geiſt. Zuweilen, wie abſichtslos, glitt ihre Hand an ihrem Kleide hinunter; gleich einem Geizigen hatte ſie das Bedürfniß, ſich ihres Schatzes zu verſichern. Zugleich mit dieſen Briefen hoffte ſie eine tolle Vergangenheit zu vernichten, eine Irrung aus ihrem und dem Gedächtniß der Andern zu ſtreichen, die ihr jetzt unbegreiflich, beinahe wie eine Anwandlung vorübergehenden Wahnſinns erſchien. Sie freute ſich der wiedergewonnenen Freiheit und hatte darüber eine Weile der drohenden Zukunft vergeſſen. Um ſo eher, da Bruno nach flüchtigen Worten der Huldigung, die er ihr, als ſie im Kreiſe ihrer Freundinnen ſtand, dargebracht hatte, ſich ge⸗ 133 ſchickt ihren Blicken entzogen. In der Zerſtreuung 3 ihrer Theilnahme an ſo viele Gäſte, die alle ein gutes Wort, ein Lächeln, ein Zunicken mit dem Kopf, einen 3 Wink der Augen von ihr erwarteten, feſſelte und reizte ſie ihn weniger als ſonſt. Dabei beſorgte er, durch eine unvorſichtige Aeußerung ihr ſeine Stimmung, den ſchwarzen Schatten zu verrathen, den er über dies Haus ausgebreitet liegen ſah. Ueber ſeine Ver⸗ muthungen hinaus war die Lage des Grafen bedroht und gefährlich. Durch eine wunderliche Gedankenver⸗ bindung waren ihm vorhin, als er, um Fritz ein 5 Stelldichein nicht zu ſtören, die Bühne verlaſſen hatte, Schmettow's Ausdrücke in der Depeſche eingefallen: In fünf Tagen der Mann platt. Hatte er ſie laut vor ſich hingemurmelt? Indem er raſch durch den leeren Saal ging, legte ihm Jemand von hinten die Hand auf die Schulter.— „In drei Tagen iſt der dreißigſte November. Kann die Differenz nicht zahlen“, ſagte ziſchelnd Herr Iſaak Goldſtein. 8 Die Stimme des Mannes war unverkennbar. „Wer?“ Bruno hatte ſich umgedreht. „Nicht Sie“, lachte Goldſtein's breites Geſicht. Greif und Compagti ſind ſchon nicht mehr Eiſen⸗ ſondern Diamant.“ Dabei hatte er ſeinen Mund d·cht an Bruno's Ohr gebracht. „Den Grafen mein' ich. Gott der Gerechte, es iſ ſchade um den ſtattlichen Mann. Aber thun Sie mir die Liebe, junger Herr Greif, halten Sie die Hand fern von der Geſchichte.“ „Mir iſt der Graf nichts ſhuldig⸗ „Dafür will er Ihnen werden ſchuldig. Ich habe es wohl geſehen, daß er Sie beiſeite führte. Hat er Ihnen vorgehalten einen Blender? Welchen Köder hat er Ihnen vorgeworfen?“ „Gar keinen, Herr Iſaak Goldſtein. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Warnung; Sie haben ſchon mit meinem ſeligen Vater gearbeitet und wiſſen, daß wir Greifs auf keine Luftſchlöſſer bieten oder borgen, ſondern feſten Grund unter den Füßen lieben.“ „Würde kein Wort verlieren, Wertheſter, wenn Sie nicht junge Augen im Kopfe hätten, Augen wie mein Leo. Und der Graf hat nur noch einen Blender, der ihn retten kann: ſeine Tochter.“ „Wirbt Herr Leo Goldſtein um die junge Gräfin?“ entgegnete Bruno in ſeiner kühlen Weiſe.„Sei ihm das Glück günſtig, Baron von Goldſtein klingt gut. A A Ich bin und bleibe ſchlichtweg bürgerlich. Sie handeln mit Papier, warum nicht einmal auch mit Adelsbriefen? Ich handle nach wie vor mit Eiſen.“ Damit hatte er Herrn Iſaak Goldſtein, der in ſich zuſammenfiel wie ein auf offener Straße Ertappter, ſtehen laſſen und ſich einer andern Gruppe zugewendet. Aber wie verzweifelt mußten die Angelegenheiten des Grafen ſein, wenn die Goldſteins auch nur ſolche Hoffnungen träumen konnten! Es war klar, daß der liſtige Banquier in ihm, dem Ahnungsloſen, einen Nebenbuhler ſeines Sohnes Leo witterte. Ein Goldſtein um eine Gräfin Reins⸗ berg werbend! Das„chriſtlich⸗germaniſche“ Blut in Bruno, worüber er ſelbſt ſo oft geſpottet hatte, empörte ſich dagegen. Von ſeinem Vater hatte er den Stolz des Bürgerthums und des großen Geſchäftsmannes geerbt, darum ließ er den Andern ihre Ehre und empfand es wie eine eigene Kränkung, taſtete man ſie mit der demokratiſchen Frechheit an. Mochte ihm immerhin der Verſtand ſagen, daß Irene Reinsberg doch eben nur ein Mädchen wie viele Mädchen und Leo Goldſtein ein gebil⸗ deter und reicher Mann ſei, ſein Gemüth hörte nicht auf, Einſpruch gegen die Möglichkeit dieſer Verbindung zu erheben. Nur trugen derartige Betrachtungen nicht dazu bei, ihm ein längeres Geſpräch mit der jungen 136 Gräfin wünſchenswerth zu machen; er traute ſich nicht die Kraft zu, die Maske der Heiterkeit vor dem Geſicht zu behalten. Was Bruno trieb, die Nähe Irenens zu meiden, war für den Grafen ein Sporn, das Netz immer dich⸗ ter um den Flüchtling zu ziehen. „Das ſtörriſche Mädchen“, ſagte er ſich mit ge⸗ runzelter Stirn,„ſie läßt ihn noch entkommen.“ „Du unterhältſt Herrn Greif ſchlecht“, raunte er ihr ins Ohr.„Dein Eigenſinn wird Alles verderben.“ Allein der Zufall wollte ſich dem Plane des Grafen nicht günſtig zeigen. Der Ball begann, und da Bruno ſich nicht unter die Tanzenden miſchte, ſondern mit einem der älteren Herren in der Geſellſchaft in einem entfernteren Zim⸗ mer ein Geſpräch über Volkswirthſchaft angeknüpft 3 hatte, ſchien jede Annäherung der beiden jungen Leute für dieſen Abend ausgeſchloſſen. So zuckte Bruno denn wie bei der erſten Granate zuſammen, die über ſeinen Kopf ziſchend im Gefecht dahingeflogen war, als Irene plötzlich vor ihm ſtand. Noch dazu verließ ihn ſein einziger Beiſtand. „Sie werden an Ihre Pflicht gemahnt, Herr Greif“, ſagte der alte Herr.„Nehmen Sie ihn tüchtig ins 137 Gebet, gnädige Gräfin. Die Muſen und Grazien haben auch ihre Rechte.“ Lachend ſuchte er das Weite, und in dem kleinen halbrunden Gemach, das auf dieſer Seite die Zimmer⸗ reihe ſchloß, waren Bruno und Irene allein. Die zurückgeſchlagenen Vorhänge geſtatteten dem Blick, durch die feſtlich hellen und bunten Räume bis in den Ballſaal zu ſchweifen; dort einte ſich im Gewühl der Tanzenden das bisher Zerſtreute harmoniſch zu einem farbenreichen Bilde, und die Töne der Muſik, durch die Entfernung gedämpft, fluteten neckiſch und lockend darüber hin, wie klingende, ſpielende Wellen. Kein Wort war noch über Irenens trotzig auf⸗ einander gepreßte Lippen geflohen, doch zeugte ihr ganzes Weſen von einer tiefen Erregung. Ihre Augen, die ſonſt feſt, kalt und klar auf Menſchen und Dingen ruhten, ſchweiften hin und her, und wenn ſie den Blicken Bruno's begegneten, ſuchten ſie bald verſchüch⸗ tert ihnen auszuweichen, bald flammten ſie ihnen leiden⸗ ſchaftlich entgegen. „Zürnen Sie mir, daß ich mich aus dem Geräuſch und Getümmel hierher geflüchtet habe?“ fragte er. „Es iſt eine meiner Unarten, inmitten eines rauſchenden Feſtes am liebſten ſtillen Gedanken nachzuhängen.“ „Gedanken, an denen Sie Niemand einen Antheil gönnen? Diesmal aber, Herr Greif, kenne ich Ihre Gedanken bis auf den Grund.“ „Dann“, meinte er ausweichend,„werden Sie mich nicht der Selbſtſucht beſchuldigen können.“ „Wer weiß!“ Und indem ſie noch näher auf ihn zutrat, als wollte ſie ihm jeden Rückzug abohneiden, ſagte ſie mit ſcharfer Stimme: „Sie wägen mein Geſchick— ich ſinne nur nach, auf welcher Wage, auf der des Freundes oder auf der des Kaufmanns.“ „Gräfin Irene!“ „Bin ich Ihnen Preis genug für die Hülfe, die Sie meinem Vater leiſten ſollen?“ Es lag etwas ſo Schneidendes in ihrem Ton, daß es ihn perſönlich verletzte und ihm zugleich ihret⸗ wegen wehthat. „Verzeihung, Gräfin, Sie befinden ſich in einem für Sie ſchmerzlichen und mich kränkenden Irrthum. Bei dem Geſchäft, das ich mit dem Grafen Reins⸗ 1 berg abzuſchließen wünſche— und ich denke, es wird für uns beide vortheilhaft ſein— ſtand und ſteht die Gräfin Irene außerhalb jeder Berechnung. Ich würde mich freuen, wenn dieſe Verſicherung zu Ihrer 139 Beruhigung und zur Beſchwichtigung Ihres Unwillens beitragen kann.“ „Habe ich Sie beleidigt, Herr Greif? Das war nicht meine Abſicht. Viel eher hätte ich ein Recht zu klagen, daß Sie mich unſanft fühlen ließen, wie wenig ich Ihnen gelte.“ „Welches Wort!“ „Dem Mann“, fuhr ſie eifrig und haſtig fort,„iſt Alles erlaubt; je kühner, je ungeſtümer ſich der Flug ſeiner Hoffnungen erhebt, um ſo mehr bewundert man ihn. Aber die Waare, die er erwerben oder kaufen 5 will, kann zum Unglück für ſeine Eitelkeit ſich auch ihres Werthes bewußt ſein.“ „Nicht weiter, gnädige Gräfin, ich bitte Sie darum. Iſt Ihnen irgend welche Kunde von einer Bewerbung um Ihre Hand voreilig zu Ohren gekommen, ſo hat das Gerücht meinen Namen an die Stelle eines Andern geſetzt. Ich verehre Sie zu ſehr und habe zu lange das Glück und die Auszeichnung Ihres Umgangs genoſſen, um den Beſitz Ihrer Hand anders als auf dem Wege Ihres Herzens zu ſuchen.“ Stumm erwiderte ſie die tiefe Verneigung, die er ihr machte; ſtumm, ſehr blaß im Geſicht, aber mit ſtolzer Haltung verließ ſie das Gemach. Die Portière, die ſich aus ihrem Bande gelöſt, rauſchte hinter ihr —— —————— A ———— 140 nieder. Wie in den Boden gewurzelt ſtand Bruno. Sollte es wahr, ſollte es möglich ſein... Irene Reinsberg ſeine Gattin? Er liebte ſie nicht, aber ihre Schönheit, ihre vornehme Geburt, ihre Stellung in der Geſellſchaft— er hätte ohne Ehrgeiz, ohne die künſtleriſch ariſtokratiſchen Neigungen, die ihm ſein Vater nie hatte verzeihen können, ſein müſſen, wenn dieſe Eigenſchaften ihn nicht geblendet hätten. Mehr als mancher Andere wußte er dieſe Güter zu ſchätzen, und da es ſchien, als brauche er nur entſchloſſen die Hand danach auszuſtrecken... Hatte er in der That die Hand bewegt, um die Entflohene zu ergreifen? Jetzt faßte er nur ins Leere und ſchauerte zuſammen. Um dieſen Schatz zu gewinnen, mußte auch er einen Preis zahlen, einen höheren, als Irene vermuthete. Schon begann der Widerſtreit der Gedanken und Begierden, der Liebe und des Chrgeizes, des Herzens und der Welt in ihm. Als der Graf Reinsberg wenige Minuten ſpäter durch alle Gemächer mit unruhig ſpähenden Augen eilte, fand er ſeinen„zukünftigen“ Schwiegerſohn nicht mehr— unbemerkt hatte ſich Bruno während eines munteren Tanzes der Andern entfernt. Viertes Kapitel. Am nächſten Tage wurde Miß Ellen Wood um die dritte Stunde des Nachmittags durch einen vor⸗ nehmen Beſuch überraſcht und aus dem Kreiſe der kleinen Mädchen, die mit Handarbeiten beſchäftigt um ſie und Clara herumſaßen, abgerufen. Die Kinder waren ganz Ohr für die Geſchichten, die ihnen Clara erzählte, Märchen und Sagen des Volkes, und würden der Entfernung Ellen's gar keine Beachtung geſchenkt haben, hätte nicht ſchon vorher der prächtige Wagen, der vor dem Hauſe vorgefahren, die Dame, die ausgeſtiegen war, ihre Aufmerkſamkeit von der Erzählerin abgelenkt. Es bedurfte der Güte und des Ernſtes, die Clara trefflich zu vereinigen verſtand, um die unruhig neugierige Schaar auf ihren Bänken feſt⸗ — —/—/./˖·—ꝭQꝭQOQOꝑ——Q—/O4—— 142 zuhalten und allmälig wieder zur früheren Samm⸗ lung zurückzugeleiten. Inzwiſchen hatte Miß Wood an dem Tiſch, den die weißwollene Decke mit dem rothen Kreuz und den zwölf Sternen in der Mitte und dem goldgeſtickten Arabeskenſaum ſchmückte, ihren Beſuch, die Gräfin Irene Reinsberg, empfangen. Ellen hatte in den Kreiſen der inneren Miſſion, in mildthätigen Frauervereinen öfter den Namen einer Gräfin Reinsberg als den einer wohlthätigen frommen Dame nennen hören; aber erſt Fritz⸗ Erzählung, der Bericht, den die Zeitungen über den Brand in dem Betſaal einer kleinen Gemeinde brachten, belebten ihr dieſen Schatten mit einiger Form und Farbe. Doch übertraf die Wirklichkeit in jeder Hinſicht ihre Vor⸗ ſtellung. Nicht nur viel ſchöner war Irene, als ſie ge⸗ glaubt hatte, auch der Duft der Frömmigkeit, den Ellen ihr angedichtet, umſchwebte ſie nicht. In Klei⸗ dung und Geberde, in Haltung und Rede gab ſich die Gräfin durchaus als Weltkind. Sie ſchien ſogar mit einiger Aengſtlichkeit darauf bedacht, der prüfenden Beobachtung Ellen's gegenüber ihr Weltthum zu be⸗ tonen. War es dieſe kleine Gezwungenheit in Irenens 143 Auftreten oder der Neid über ihre Schönheit, der ſich in Ellen regte, der erſte Eindruck, den die Gräfin auf ſie machte, war ein ungünſtiger. Neben der majeſtätiſchen Geſtalt, dem edel ge⸗ ſchnittenen junoniſchen Geſicht Irenens mit den großen Augen und der lockenumwallten hohen Stirn erſchien Ellen unbedeutend; durch die bloße Gegenwart der Gräfin fühlte ſie ſich mit dem Argwohn des Neides in eine untergeordnete Stellung herabgedrängt. Die Freundlichkeit, ſelbſt eine leiſe angedeutete De⸗ muth Irenens verwiſchten weder den Gegenſatz noch ſeine Wirkung. Es gab viele Gründe, welche die junge Gräfin in Ellen's Haus geführt: der längſt gehegte, immer durch die kleinen Zufälligkeiten des geſellſchaft⸗ lichen Lebens in ſeiner Ausführung gehemmte Wunſch, eine ſo ausgezeichnete Dame kennen zu lernen, deren Wohlthätigkeit man ebenſo ſehr wie ihren Geiſt be⸗ wunderte; das Verlangen, von ihr ſelbſt über die Ein⸗ richtung und die Grundſätze ihrer Mädchenſchule unterrichtet zu werden— wenn ſie im Frühling mit ihren Eltern ſich wieder nach ihren ſchleſiſchen Gütern begebe, wolle ſie dort eine ähnliche für ein Fabrikdorf gründen— endlich, was die Entſcheidung gegeben, von Miß Wood Näheres über die Geſchwiſter Wolf⸗ hart zu erfahren. Der Graf war dem Lebensretter 144 ſeiner Tochter aufs innigſte verpflichtet, ſie ſelbſt theilte die Empſindungen ihres Vaters. Aber wie dieſen Gefühlen der Dankbarkeit einen geeigneten, nicht verletzenden Ausdruck leihen? Herr Fritz Wolfhart ſei ſo ſtolz wie muthig; bei ſeiner Schweſter ſetze ſie dieſelbe Geſinnung voraus. Darum werde ihr Miß Wood die Störung verzeihen, ſie habe bei Niemand ſich beſſeren Rath erholen können, als bei der Freundin des Geſchwiſterpaares. Dies war das Reſultat eines längeren Geſprächs beider Mädchen, und da alle dieſe Gründe in der That zu Irenens. Entſchluſſe, Miß Wood einmal aufzuſuchen, mitgewirkt hatten, ſo brauchte die Gräfin keine Verſtellungskunſt, ſie vorzutragen. Aber eine Aeußerung war dazwiſchen gefallen, die Ellen ſtutzig gemacht hatte. „Mein Vater hat ein Geſchäft bei dem Herrn Greif“, hatte Irene bemerkt,„und ich denke ihn von hier aus abzuholen. Jedermann kennt das gelbe Schloß, nur ich nicht, und ich bin neugierig, es wenigſtens einmal von außen zu ſehen. Iſt es denn ein ſo merkwürdiges Haus?“ Alles, was Bruno und ſein Haus betraf, ſo harm⸗ los es ſchien oder auch in Wirklichkeit war, hatte für Ellen eine ſchwerwiegende Bedeutung. — — 145 Es war, als ob man zu dem Verbannten von ſeinem Vaterlande, zu dem Ausgeſtoßenen vom Para⸗ dieſe ſpräche. Und mit den Erinnerungen aus der Vergangenheit erwachten Hoffnungen in Ellen, die mit ihrem Denken und Dichten, mit ihrem Herzen zu eins verwachſen waren. Furcht und Mißgunſt ließen ſie in Irenens Aeußerung eine tiefliegende Abſicht vermuthen. Wollte die Gräfin ihr Clara entfremden und durch dieſelbe Einfluß auf Bruno gewinnen? Wollte ſie ſelbſt in das gelbe Haus eindringen, das bis jetzt jedem weiblichen Einfluß unzugänglich geblieben war? Bis zu dem Tage, der ihre Wünſche krönen würde, ſah Ellen in Jedem, welcher ſich Bruno näherte, einen Feind, und die Frage für ſie war nur, ob ſie einen offenen oder einen unterirdiſchen Krieg gegen ihn be⸗ ginnen ſollte. „Das gelbe Schlößchen iſt ein älteres Haus“, ſagte ſie,„und die Rampe davor gibt ihm ein vor⸗ nehmeres Ausſehen. Sonſt wüßte ich nichts Auf⸗ fälligeres darin und daran. Uebrigens erzählen die Leute wunderliche Geſchichten von den früheren Be⸗ ſitzern deſſelben.“ „Herr Greif lebt ſehr eingezogen?“ fragte Irene zurück. Frenzel, Silvia. II 10 146 „Ich weiß es nicht. Herr Greif hat die meiſte Zeit des Jahres in ſeiner Stadtwohnung verbracht und verweilt jetzt nur in dem gelben Hauſe, um aller⸗ lei bauliche Veränderungen darin vorzunehmen.“ „Sein Vater ſoll ſehr einſiedleriſchen Neigungen und Gewohnheiten ſich hingegeben haben?“ Irene hoffte durch ſolche Zwiſchenfragen und Be⸗ merkungen Näheres über Bruno's Charakter und Lebensweiſe zu erkunden. „Diejenigen, die Herrn Martin Greif nur ober⸗ flächlich oder gar nicht kannten, pflegten ihn einen Menſchenfeind zu nennen. Von dieſer Seite mögen Ihnen ſeltſame Gerüchte über ſeine Abſonderlichkeiten zu Ohren gekommen ſein. Mir war er der edelſte und großmüthigſte Freund. Er hat Schweres im äußeren Leben und im Innern ſeines Geiſtes durchzu⸗ kämpfen gehabt und ſuchte nach Gott auf eigener Bahn: etwas, das die Maſſe der Menſchen ärgert und her⸗ ausfordert, was Sie ihm aber, gnädige Gräfin, gewiß nicht zum Vorwurf machen werden.“ Während ſie ſprach, hatte Ellen die Augen nieder⸗ geſchlagen und an den ſchwarzen Sammtſchleifen ihres Kleides gezupft; als ſie geendigt, hob ſie den Kopf und richtete ihren Blick voll und ſtark und groß auf Irene. 147 Sie hatte ein Vorgefühl, daß auch für die Gräfin das Verhältniß zu dem Ueberſinnlichen ein bedenkliches geweſen ſei. In der That verfärbte ſich Irene ein wenig und änderte mit einer Schnelligkeit, welche Ellen nur all⸗ zu deutlich den errungenen Vortheil erkennen ließ, den Gegenſtand der Unterhaltung. „Vergeben Sie mir, Miß Wood, daß ich aus thö⸗ richter Neugier eine Saite berührt habe, die noch ſchmerzlich in Ihnen nachklingt. Wie ſind wir auch auf das alte Haus und die alten Geſchichten gekommen, da ich doch nur wegen meines Schützlings mit Ihnen eine Abrede treffen wollte!“ „Wir ſind trotz alledem mehr bei der Sache ge⸗ blieben, als Sie annehmen, gnädige Gräfin. Die Geſchwiſter Wolfhart haben an Herrn Greif einen thätigen Beſchützer, der nicht einmal geſtatten wollte, —— daß ich mein Beſitzthum mit meiner Freundin Clara theile. Und aus einem einfachen Grunde. Die Wolf⸗ harts waren die Spielgenoſſen, die Jugendgefährten des Herrn Greif, jetzt ſind ſie ihm außerdem noch 4 gleichſam ein Vermächtniß ſeines ſeligen Vaters. Unter dieſen Umſtänden glaube ich Ihnen rathen zu dürfen, nicht in den Lebensgang der Geſchwiſter einzugreifen. Es mag einer ſo vornehmen und ſchönen Dame ſchwer 10* 14 00 fallen, die Rolle der wohlthätigen Fee aufgeben zu müſſen, aber wiegt ein dankbares Herz nicht um Vieles eine dankbare Hand auf?“ Irenens Stolz war tief verletzt, die feinſten Wurzeln ihres Weſens zitterten wie von einem Schlage. Kein beſtimmter Plan wurde ihr vereitelt, ſie hatte nicht daran gedacht, ein Beſonderes für Fritz oder Clara zu thun, und hegte kaum ein lebhafteres Ver⸗ langen, die Schweſter ihres„Retters“ zu ſehen und kennen zu lernen, aber die kühle und ruhige Abweiſung, die ihre Abſichten von vornherein erfuhren, ließ ſie ihre ganze Ohnmacht fühlen. Wer waren denn dieſe Menſchen, die ihre Hülfe verſchmähten? Lebten ſie nicht alle von der Güte Bruno's? Waren ſie nicht die Diener ſeines Hauſes geweſen? Nur eines Wortes bedurfte es aus Irenens Munde, um dieſen Hochmuth zu dämpfen. Wenn ſie einwilligte, Brunv's Gattin zu werden — wie würden dieſe Geſchöpfe ſie umſchmeicheln! Es gelüſtete ſie, als zukünftige Herrin dieſe Miß Wood in ihre Schranken zurückzuweiſen. Aus ihrer Natur wie aus ihrer Stellung und ihren Anſprüchen entwickelte ſich der Gegenſatz und der Kampf der beiden Frauen, noch ehe er ihnen klar und bewußt geworden war. 149 „Sie wollen ihre Beſchützerrolle mit Niemand thei⸗ len“, ſagte Irene mit einem leichten Anflug von Spott, „und ich begreife dieſe Selbſtſucht; es iſt angenehm, Viele von ſich abhängig zu wiſſen.“ „Wen beſchütze ich denn? Die Geſchwiſter Wolf⸗ hart ſind mir lange befreundet, aber ſie hängen nicht von mir ab und bedürfen meiner nicht. Ich habe immer die Freiheit geliebt und die Menſchen geachtet, die ſelbſtſtändig denken und auf eigenen Füßen ſtehen.“ „Wie wenigen unter uns Frauen wird dies ver⸗ gönnt! Wir können nicht alle, meine liebe Miß Wood, von unſerer Arbeit leben. Mißverſtehen Sie mich nicht. Ich hege etwas wie Bewunderung für jede Frau, die erwirbt, aber noch viel mehr Furcht; mich beſchleicht die Angſt, ſie würde auch mich einmal als Stoff zu Erweiterung ihrer Erwerbsthätigkeit benutzen. Verr ſchieden ſind die Gaben vertheilt; ich bin zum Müßig⸗ gang und zur Verſchwendung geboren.“ „Und haben mit der größeren Behaglichkeit Ihres Lebens, gnädige Gräfin, auch eine andere Aufgabe zur Löſung erhalten. Die Armen exiſtiren durch die Arbeit ihrer Hände, aber ſie leben von den Gedanken Anderer. Umgekehrt haben die Reichen nicht für die Nothdurft des Daſeins zu ſorgen, aber wohl für die Bildung ihres Kopfes und ihres Herze ns. Eigene —.d—— Gedanken hegen, ſelbſtſtändig die Wahrheit ſuchen und nach dem Reiche Gottes trachten, wird ſelbſt in dem Kreislauf des Irdiſchen eine höhere Bedeutung haben, als Holz zu ſpalten und Eiſen zu hämmern.“ „Mindeſtens machen Sie mit ſolchen Anſichten den Reichen ihren Reichthum nicht leicht. Denn gerade ihnen treten die ſtärkſten Verlockungen entgegen, um ſie von den Idealen abzuziehen. Dem Armen, dem Ringenden iſt und bleibt das Ideal eine glänzende, berauſchende Fata Morgana, dem Reichen enthüllt es ſich nur zu oft als leere Luft.“ Hatte ſie ſich von dem eigenthümlichen Zuge, der Ellen umwehte, doch zu einer unbedachten Aeußerung hinreißen laſſen, die den Schleier von ihrem Innern ein wenig aufhob? Ellen's Hand ruhte auf dem rothen Kreuz der Tiſchdecke. „Wir wandern durch Nebel; darf es uns da wunder nehmen, daß wir von Dunſtgebilden getäuſcht werden? Zuletzt bricht die Sonne hindurch und ver⸗ ehrend neigen wir unſer Angeſicht.“ „Glaube, Liebe, Hoffnung...“ Irene warf den Kopf zur Seite. „Wohl denen, die davon Muth und Kraft und 1 . 154 Troſt erwarten, welche die Hoffnung erblühen, aber nicht verwelken ſehen.“ „Die Hoffnung hat noch Niemand verlaſſen bis zum letzten Augenblick; der Menſch ändert ſeine Wünſche, ſeine Sehnſucht gibt er nie auf. Ich möchte ſagen, es iſt mit dem Glauben und der Liebe nicht anders. Die Gegenſtände wechſeln, nicht die Empfin⸗ dung.“ In dem ſtillen Hauſe entſtand eine ungewohnte Bewegung, ein größerer Lärm. Irene horchte auf. „Es iſt nichts, meine Schülerinnen gehen aus dem Hauſe. Wenn es Ihnen jetzt genehm iſt, gnädige Gräfin, rufe ich Clara zu Ihnen herauf.“ „Ein andermal, Miß Wood“, wehrte Irene ab. Sie war aufgeſtanden und hatte ſich dem Fenſter genähert. „Es würde heute nur eine flüchtige Begrüßung ſein können. Da kommt mein Wagen und ich fürchte Sie ſchon zu lange von beſſeren Beſchäftigungen fern⸗ gehalten zu haben.“ „Kann es eine beſſere Beſchäftigung geben als den Gedankenaustauſch? Auf Erden kommen unſere Seelen nur durch das Wort einander nahe, und was iſt beglückender, als eine ſchöne Seele kennen zu lernen?“ Irene hatte auf die letzten Worte Ellen's nicht mehr geachtet, ſie war erſchreckt vom Fenſter zurück⸗ gefahren. An der Kirche vorbei eilten zwei Männer, dem Hauſe zu; wollten ſie es zugleich erreichen, oder war es Flucht und Verfolgung? Der eine, der weiter zurückblieb, war Fritz Wolf⸗ hart; nun erkannte ihn auch Ellen. Wie zum Gruß für die Damen ſchwang er luſtig ſeinen ſchwarzen runden Hut. „Es iſt Fritz Wolfhart“, ſagte Ellen zu der jungen Gräfin.„Seine Keckheit hat Sie erſchreckt: ich bin längſt an ſeine Unart gewöhnt und habe es aufge⸗ geben, einen ſolchen Wildling zu erziehen.“ Sie ließ es ſich nicht nehmen, ihren Gaſt die Treppe hinunter zu begleiten, ſo dringend auch Irene dieſe Höflichkeit ablehnte. Der Gräfin war es, als ob die Stiege unter ihr ſchwankte, ſie mußte ſich am Geländer feſthalten, um nicht zu fallen. Die Thür des Hauſes war geöffnet; draußen in dem ſchmalen Gange zwiſchen den beiden Vorgärtchen ſtand Fritz, den Hut in der Hand. Bei ſeinem An⸗ blicke athmete Irene auf; die Fülle ſeines krausgelockten blonden Haares, der zur Seite geneigte Kopf mit den — — halb von ihren Lidern beſchatteten Augen, das ruhige Lächeln, das auf ſeinen Lippen ſaß, gaben ihm einen Ausdruck von Nachdenken und Kraft, der ihre Bangig⸗ keit verſcheuchte. Ihm konnte ſie vertrauen. In dem Flur des Hauſes nahm Irene Abſchied von Ellen. Es war natürlich, daß die Gräfin mit ihrem„Lebensretter“, der ſie erwartete, einige Worte wechſelte. „Vielleicht iſt er ſogar ihretwegen gekommen“, dachte Ellen, als ſie in den Schulſaal trat; nur war es eine Möglichkeit, die weder ihre Theilnahme noch ihre Neugierde erweckte. Uebrigens konnte ſie hinter den Fenſtervorhängen, ſelber ungeſehen, die Entwick⸗ lung des Schauſpiels verfolgen. Irenens Schritt wurde feſter und ſtolzer, als ſie ſich von Ellen's beobachtenden Blicken befreit glaubte. „Ich danke Ihnen noch einmal, Herr Wolfhart“, ſagte ſie zu Fritz, leicht den Kopf gegen ihn neigend, „es fehlt kein Brief. Aber wo iſt er geblieben?“ Fritz zeigte nach der Kirche hinüber, wo unter den kahlen Bäumen jetzt der Mann, den er vorhin vor ſich her gejagt hatte, mit einem Greiſe auf und ab ging. „Dort! Der Andere iſt ein Schwarzrock, ein Pre⸗ diger— er hat mich eingeſegnet. Sie wollen ohne Zweifel mit Miß Wood ein Conventikel über innere Miſſion halten.“ „Ah!“ ging es über Irenens Lippen und ſie ſah ihren Begleiter an. „Umbeſorgt, gnädige Gräfin, ich bleibe in der Nähe.“ Beide ſchienen ſich zu verſtehen. Der Diener hatte ihr den Schlag des Wagens geöffnet— noch ein vornehmes Nicken, ein huldvoller Wink mit der feinen, von einem ſilbergrauen Handſchuh umſchloſſenen Hand— fort war ſie, nur aus der Ferne tönte das immer weiter ſich entfernende, immer ſchwächer verklingende Rollen der Räder auf dem holperigen Steinpflaſter an das Ohr des Jünglings. Horchend ſtand er, als wolle er auch nicht den leiſeſten Wider⸗ hall verlieren, das Auge ſtarr auf den Boden gerichtet, der ihm in ſeiner erregten Phantaſie noch die leichte Spur ihres Fußes zeigte. Aus ſeinem Grübeln ſtörten ihn die über den Kirchplatz ſchreitenden„Schwarzröcke“. Dieſe„Muckerfratzen“ ſollten ihm den Eindruck der holden Erſcheinung, die eben an ihm vorüber⸗ geſchwebt war, nicht verkümmern. Den Hut tief in die Stirn ziehend, ein Lied pfeifend, wich er ihnen —— 455 aus und ſpazierte gemächlich die Dorfſtraße nach dem Fluſſe zu hinab. Eine Minute ſpäter wurde Miß Wood der hochwürdige Herr Pfarrer Andreas Lebrecht und der Candidat Timotheus Eyſſenhart gemeldet. „Heute iſt ja ein Concil bei Dir“, ſcherzte Clara. „Wollt Ihr das Weſen des heiligen Geiſtes ergründen? Ich rette mich und ſuche Fritz auf, der um unſer frommes Haus wie der Wolf um den Schafſtall ſchleicht.“ Schwer wurde es ihr nicht, den leichtſinnigen Bruder aufzufinden. Denn als er die Kaſtanienbäume am Ausgang des Dorfes erreicht hatte, war er wieder umgekehrt und langſamen Schrittes nach dem Hauſe mit den grünen Jalouſien zurückgegangen. „Es ſchiert mich wenig, was die frommen Männer mit der engliſchen Hexe abreden“, dachte er,„aber mit dem heiligen Johannes hätte ich gern einmal wieder geſprochen. Und ringsumher iſt es ſo ſtill und öde, man kann glauben, daß man allein auf der Welt ſei.“ Wie er nun ſtatt auf den Erwarteten auf die Schweſter traf, mußte er hell auflachen. „Haſt Du es auch nicht in der Kapelle aushalten können?“ 156 Seit ſie voneinander getrennt lebten, hatte das Verhältniß der Geſchwiſter wieder an Herzlichkeit und Innigkeit gewonnen. Mit dem Aufhören der beſtändigen gegenſeitigen Berührung waren auch viele Urſachen zu gegenſeitigen Kränkungen und Anklagen weggefallen. 3 Bei aller Liebe und Treue, mit der ſie aneinander hingen, waren ſie in ihrer aufbrauſenden Gemüthsart wenig geneigt geweſen, ſich ihre Schwächen zu ver⸗ zeihen und ſie zu ertragen. So ſtarke, kräftige, jugend⸗ liche Naturen brauchten, um ſich zu entwickeln, wie die Bäume des Waldes einen gewiſſen Raum zwiſchen ſich; unter einem Dache, in der Enge einer ärmlichen Miethwohnung, ſtießen ſie hart zuſammen und ver⸗ letzten einander, oft ohne es zu wollen oder nur zu merken. Jetzt war jedem die Freiheit der Bewegung gegönnt; bei ihren Zuſammenkünften hatte Clara dies, Fritz jenes zu erzählen; nicht mehr mußten ſie dieſelben Vorfälle und dieſelbe Noth des Daſeins ein⸗ tönig und mißvergnügt erörtern! Eins aber, das ihre Seelen heiterer geſtimmt und ſie damit empfäng⸗ licher für alle ſanfteren Regungen gemacht hatte, beachteten ſie in ihrer Sorgloſigkeit nicht: die Sonne des Glückes, die auf ſie herablächelte. 45* Wie ihre Wangen voll Roſenglut, war Clara's Herz voll Liebesleidenſchaft. In jener Nacht, unter den entlaubten Bäumen des Gartens, in der Mond⸗ dämmerung hatte ſich ihre Pſyche den Banden ent⸗ rungen, die ſie ſo lange gefeſſelt. Sie liebte und wurde wieder geliebt. Wie Recht hatte Ellen gehabt, daß man in ſolchem Traum nicht an das Erwachen denkt. Die Gegenwart hatte für Clara Vergangenheit und Zukunft verſchlungen. Ihn zu ſehen, mit ihm zu reden, den Schlag ſeines Herzens zu vernehmen— ſie verlangte und wünſchte nichts darüber. Sich dem Gefühl hinzugeben und auf Alles, was außer ihm liegt, zu verzichten, um wie viel ſeliger war es, als ſie geahnt hatte. Ein goldener Traum umfing ſie. Es war ihr, als wiederholte ihre Liebe die alten Geſchichten der Dichter, als wären ſie und Bruno etwas wie Hero und Leander, wie Romeo und Julia. Unbemerkt konnte er des Abends zu ihr ſchleichen; ſie wohnte in einem Zimmer, das nach dem Garten lag, und Ellen zog es vor, die ſpäteren Stunden des Abends allein mit Leſen und Klavierſpiel zuzubringen. Dann war es ſtill im Hauſe und im feuchten, nebel⸗ übergrauten Garten ſtiller als im Palaſte und unter den Cypreſſen der Capulets. Der Gegenſatz des herbſtlich düſtern Wetters zu dem Frühling, der in ihrer Bruſt aufblühte, wie mit tauſend Blumen, Schmetterlingen und Sonnenſtrahlen, gab dem lieblichen Abenteuer noch einen neuen phantaſtiſchen Reiz. Schon dem Kinde war es Bedürfniß geweſen, zu Bruno als ſeinem Schirmer und Freunde emporzu⸗ ſchauen und auf ihn zu vertrauen. Und was ſeitdem auch geſchehen, ſie hatte ihn in allen Stücken edel und großmüthig gefunden. Hätte ſie jetzt zagen und bangen ſollen, wo ihn und ſie daſſelbe Gefühl über⸗ mächtig dahinriß? Im Gegentheil, ſie glaubte nach ängſtlicher Irrfahrt in dem Labyrinth des Lebens den rettenden Faden wieder erfaßt zu haben, die Hand, die ſie ſanft durch die verſchlungenen Gänge bis zu der dunklen Pforte, hinter der Alles endet, führen, das Herz, an dem ruhend ſie in das Nichts hinüberſchlummern würde. So kannte ſie keine Furcht und kein Mißtrauen; ſo unerwartet, neu und kurz war ihr Glück, daß es den Neid der Götter noch nicht erregt haben konnte. Aehnlich wie ihr war Fritz ein ſchöneres Leben aufgegangen. Die Arbeit hatte ihm Halt und eine innere Sicherheit, die Erſcheinung Irenens Schwung und ein 159 hohes Ziel gegeben. Mit dem Muth der Jugend ſtrich er das Wort„unerreichbar“ aus ſeinem Lexikon aus. Wie unermeßlich auch der Abſtand zwiſchen ihm und der Gräfin war, er hätte ſich ſelbſt mit allen ſeinen demokratiſchen Anſichten und Träumen verachten müſſen, wenn er nicht an die Möglichkeit geglaubt, ihn durcheilen oder über ihn hinwegfliegen zu können. Die Heiligen haben den Himmel, die Helden eine Krone erobert, warum ſollte ein entſchloſſener Mann nicht die Liebe und den Beſitz eines ſchönen Weibes erobern? Das Wie war noch dunkel, aber konnte er nicht eine große That vollführen, ein berühmter Künſtler werden, einen Schatz finden? Wer will das Meer ausſchöpfen oder die Verwicklungen des Zufalls vor⸗ ausberechnen? Schon hatte er vor allen Männern, die der Gräfin huldigten, einen unleugbaren Vorzug; ſie hatte mit ihm ein Geheimniß ihres Lebens theilen müſſen. Und zuletzt, wenn jede Hoffnung trog, mußte ihm ja der allgemeine Umſturz und der Weltconcurs zu Hülfe kommen. In dem idealen Zukunftsſtaate gab es kein Hinderniß, keinen Berg von Vorurtheilen, der ſich zwiſchen ihm und Irenen aufgethürmt. Hand in Hand gingen die Geſchwiſter. Sie waren fröhlicher Dinge, denn trotz der feuchten grauen 460 Dämmerung um ſie her ſchimmerte ihnen von fern das Land der Verheißung ſonnig und blumig ent⸗ gegen. Clara beſeelte das Gefühl ſüßeſter Liebe, Fritz war ſo hochgemuth, als hätte er Schwingen an den Schultern. Ohne zueinander von ihrem Glück und ihren Hoffnungen zu ſprechen, merkten ſie an dem Ton, in dem ſie die kleinen Vorkommniſſe der letzten Tage austauſchten, die Freudigkeit ihrer Herzen. 6 „Iſt ſie nicht ſchön?“ fragte Fritz einmal mit leuchtenden Augen. Er nahm an, daß Clara die Gräfin geſehen habe und ebenſo bewundern müſſe wie er. „Iſt er nicht der edelſte, der beſte der Menſchen?“ fragte Clara darauf bei einer Wendung des Geſprächs, in dem ſie alle Wohlthaten und Freundlichkeiten auf⸗ zählte, die Bruno ihnen erwieſen. So verriethen ſie wider Willen ihr Geheimniß, aber jeder war ſo vollauf mit ſeiner Seligkeit beſchäftigt, daß er an die des andern nicht dachte. Im Anblick der Schweſter, im heitern Geplauder hatte Fritz eine Weile des Candidaten vergeſſen. Eine Aeußerung Clara's, daß jetzt eine arbeitsvolle Zeit ihr bevorſtehe, da Ellen zu einer großen Weihnachtsbe⸗ ſcherung für die Kinder der Armen in der Dorfge⸗ 161 meinde ſich rüſte, brachte dem Bruder wieder den Beſuch der beiden„Mucker“ in Erinnerung. „Kommt der flachsblonde Schleicher öfters in Euer Haus?“ fuhr er heraus. Clara lachte. „Fürchteſt Du, daß er mir gefährlich werden könnte? Sei ruhig, ich habe nichts Anziehendes für einen ſo frommen jungen Mann.“ „Fromm? Er iſt ein Heuchler, ein Betrüger. Pfui über den Staat, der ſolche Verführer und Berücker unſchuldiger Seelen frei und ungeſtraft herumlaufen läßt! Sie verdummen das Volk, der unſterbliche Laſſalle... Die Schweſter legte ihm die Hand auf den Mund. „Du biſt ja nicht im Arbeiterverein. Der Candidat will auch Niemand berücken und betrügen, und Du ſollteſt Achtung vor ihm haben, denn er will ein Werk unternehmen, zu dem Muth gehört. Der Pfarrer hat zuerſt von ihm zu Ellen geredet und ihn heute ihr vorgeſtellt. Der junge Mann will nach Südafrika gehen als Miſſionär zu den Kaffern und Buſchmännern.“ „Er verläßt Berlin?“ „Mach' nur große Augen! Er ſieht ſo zart und ſchwächlich aus, daß ihm Keiner ſolch Wagſtück zutraut, aber es muß im Glauben eine wunderbare Kraft Frenzel, Silvia. II. 11 162 liegen, die über alle Gebrechlichkeiten des Leibes und über alle Schrecken der Seele hinweghebt. Iſt es ein Zauber? Ein Ausfluß der Gottheit? Ein magnetiſcher Strom, der die Erwählten des Himmels näher und ſtärker zu dem Ewigen zieht? Ich weiß es nicht und wünſche auch nicht von ihm berührt zu werden. Allein ich glaube nicht wie Du, daß alle dieſe Männer lügen und heuchleriſch eine Gottheit vorgeben, von der ſie nicht erfüllt ſind.“ „Sie treiben ihren Hokuspokus mit uns; es iſt ein uralter Aberglaube, ſagen die Gelehrten. Was kümmert es mich? Alſo fort will er! Und Du, gutmüthige Seele, denkſt, daß er aus Furcht Gottes und zum Heil der ſchwarzen Menſchenbrüder den Staub Berlins von ſeinen heiligen Sohlen ſchüttelt? Wenn ich reden wollte— doch immerhin, glückliche Reiſe! Es wäre Unrecht, die Buſchmänner um die Bekanntſchaft des Herrn Timotheus zu bringen. Afrika iſt freilich weit ab von der Mark Brandenburg und viele Stationen liegen dazwiſchen, in denen man das Geld der Frommen verjubeln und verſpielen kann. Sammelt Miß Wood etwa für den angehenden Apoſtel und Märtyrer?“ „Du eiferſt ohne Noth. Der Pfarrer hatte um einige Empfehlungsbriefe an fromme engliſche Familien ͤͤ 163 für den Candidaten gebeten; vorſichtig aber wie Ellen iſt... „Sie hat hinter den Couliſſen geſtanden und ſel⸗ ber vielleicht einmal in einer Komödie Gottes Donner und Blitz gemacht.“ „Fritz!“ drohte Clara.„Du brichſt den Vertrag. Solange ich in Ellen's Hauſe wohne, haſt Du ver⸗ ſprochen, kein kränkendes Wort gegen ſie zu ſagen. Beurtheile ein Weſen nicht, das Du nicht verſtehſt, deſſen Tiefe und Güte Deine Faſſungskraft überſteigt.“ Einen langen Pfiff zog Fritz zwiſchen den Lippen hin, aber er widerſprach nicht, und Clara konnte fort⸗ fahren: „Ellen hat den Candidaten erſt ſehen und mit ihm reden wollen, ehe ſie ſich zur Erfüllung ſeines Wun ſches entſchließt. Das iſt das ganze Geheimniß des Beſuchs, der Dich ſo aufgeregt hat. Hätten wir armen Frauenzimmer vorher gewußt, daß zwei Geiſtliche, der fürchterliche Demokrat und Atheiſt Fritz Wolfhart mit einem zukünftigen rothen Vollbart und die wunder⸗ ſchöne Gräfin Irene an einem Tage...“ „Und ſo weiter! Ihr Weiber ſeid alle Spitzbü⸗ binnen! Wie jetzt über mich, wirſt Du nachher Dich über Herrn Timotheus luſtig machen! Du haſt weder vor dem Glauben noch vor der Wiſſenſchaft Reſpekt. 11* 164 Still in ſich hinein lächelte Clara. Was iſt aller Glaube und alles Wiſſen gegen die Liebe? Ein Wagen, der unweit von ihnen vorüberſauſte, daß von den Steinen des Fahrdamms die Funken ſtoben, ſtörte ſie aus ihrer Beſchaulichkeit. Wie zwei rothglühende Punkte leuchteten eine kurze Friſt noch die Lichter aus den beiden Laternen am Wagen durch den Nebel Ahnungslos blickten ihnen die Geſchwiſter nach. „Das iſt der Wagen des Grafen Reinsberg“, ſagte Fritz.. Es trieb ihn gleichſam den eilenden Roſſen nach; er drängte die Schweſter zur Rückkehr, die Nachtluft am Waſſer könne ihrer Geſundheit ſchaden. In träumiſcher Stimmung, mit„Gute Nacht!“ und„Auf Wiederſehen!“ ſchieden beide voneinander. Sie wußten nicht, daß ihr Verderben an ihnen vor⸗ übergefahren ſei. Während Irene mit Ellen geredet hatte, war in dem rothen Zimmer im Erdgeſchoß des gelben Schlöß⸗ chens eine verwickelte, folgenſchwere Verhandlung zu Ende geführt worden. Bruno hatte die Nacht nach dem Feſte im Palaſte des Grafen Reinsberg, ſo geringen Antheil er auch daran genommen, beinahe ſchlaflos zugebracht. Eine 165 große Verſuchung war an ihn herangetreten, und alle Verſuche, die er machte, die verführeriſchen Bilder zu⸗ rückzuweiſen, blieben erfolglos. Denn zwei Mächte griffen ihn vereint an, von denen jede einzelne ſchon ſtark und gefährlich genug erſchien, den Gleichmuth eines Mannes zu Falle zu bringen. Die Schönheit und die vornehme Geburt Irenens hoben und trugen ſich gegenſeitig. Wie frei er ſich auch im Allgemeinen von allen Vorurtheilen wußte, in dieſem beſondern Falle ſchmeichelte es ſeinem Ehrgeiz und ſeiner Eigen⸗ liebe, eine hochadelige Dame ſeine Gattin zu nennen. Der Enkel des Schmiedes von Stendal der Ge⸗ mahl einer Gräfin Reinsberg— es war etwas darin, das zunächſt nicht ſein Herz, aber doch ſeine Phanta⸗ ſie verführte. Freilich konnte er ſich gegen die Nie⸗ drigkeit und Selbſtſucht der Gründe nicht verſchließen, die den Grafen zu einer ſolchen Wahl beſtimmt hatten, gab es jedoch nicht noch andere junge Leute, die für den Beſitz Irenens gern bedeutende Opfer gebracht? Daß man an ihn gedacht, bewies doch den Vorzug, den die Familie ihm zuerkannte. Vielleicht verbarg ſich gerade darin die Neigung Irenens. Waren ihre Heftigkeit und ihr zorniger Schmerz die Vorzeichen einer Liebe, die ſich nicht zu offenbaren wagt, weil ſie die Anklage eines unedlen 166 Urſprungs befürchtet? Muß nicht der Stolz eines Mädchens ſich tödtlich verwundet fühlen, das mit ſei⸗ ner Neigung einen Mann beglücken will und nun er⸗ fährt, daß ihre Hand für ihre Eltern eine koſtbare Waare geworden iſt, die ſie zum Verkauf ausbieten? Hin und her geworfen zwiſchen dieſen Gedanken und Vermuthungen ſchwankte Bruno. Zum erſten Mal in ſeinem Leben fand er weder in ſich noch außer ſich eine Stimme, die ihn geleitet. Früher war es der ſtrenge und feſte Wille des Vaters geweſen, der ihm ſeine Bahn vorgezeichnet; wohl hatte ſich der Sohn im Drang der Jugend kleine Irrungen, manchen Nebenweg erlaubt, aber zuletzt war er doch immer wieder, ſei es aus anerzogenem Gehor⸗ ſam oder aus freier Anerkennung der höheren Einſicht, in die alte Straße und Ordnung eingelenkt. Vor dem Auge ſeines Geiſtes hatte damals ein Etwas wie ein Stern geſtanden, dem er auf dem Meer des Lebens nur zu folgen habe, um den Hafen zu erreichen. Den Fabriken, dem Geſchäftsbetrieb hatte der Vater eine ſo beſtimmte Richtung gegeben, Bruno hatte ſo lange an untergeordneter Stelle arbeiten müſſen, daß er in die⸗ ſem erſten Jahre ſeiner Herrſchaft im Ganzen und Gro⸗ ßen auch nichts Beſſeres hatte thun können, als nach den bewährten Grundſätzen das Geſchäft fortzuführen. 167 Hier tauchte plötzlich eine Frage auf, die er ſelbſt, er allein entſcheiden mußte, hier ſtand er vor einem Scheideweg, an dem der Wegweiſer fehlte. Nicht einmal auf das Beiſpiel ſeines Vaters konnte er ſich berufen. Nie, davon war er überzeugt, würde der alte„eiſerne“ Mann in die Verheirathung ſeines einzigen Sohnes mit der Tochter ſeines ehemaligen Dieners eingewilligt haben. Auf der andern Seite kannte Bruno nur zu gut die tiefgewurzelte Abneigung ſeines Vaters gegen den Adel und ſein verdammendes Urtheil gegen alle ungleichen Ehen. Und daß ſein Sohn nun gar, um einen„Börſenſpeculanten“ zu ret⸗ ten, die Hand einer Gräfin annehmen ſollte, das würde den dünnen Lippen Martin Greif's nichts als ein hartes„Nein!“ entlockt haben. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Die Umſtände waren eben anders als in jenen Zeiten übermüthigſter Junker⸗ und Beamtenherrſchaft in Preußen, aus denen der Vater hervorgegangen war. Langſam hatten ſeit⸗ dem die Stände ſich zu verſchmelzen angefangen. So manchen Gegenſatz hatte der Krieg weggewiſcht, politiſche Feinde waren ſich in der patriotiſchen Hingabe an den Staat begegnet. Der Graf Reinsberg hatte keinen Zug von einem hochmüthigen Ariſtokraten und Irene... Wenn er ſie nur dem Vater hätte zeigen können! Aber das Grab trennt dieſen auf immer von den Lebendigen. 168 Gibt es für die, welche wir auf Erden die Ge⸗ ſtorbenen nennen, ein neues Daſein, wir können ſie dennoch nicht befragen und wiſſen nicht, was ſie von uns und unſern Handlungen denken. Eine Stimme aus dem Jenſeits, die ihn aus ſeiner Verirrung geriſ⸗ ſen— ach, ſie erſcholl nicht und der Kampf in ſei⸗ nem Herzen währte weiter. Er liebte Clara— auch in Irenens Armen würde ihn zuweilen die Erinnerung an die Jugendgeliebte ergreifen— aber ſollte er dieſer Neigung die glänzenden Ausſichten, die ihm eine Ver⸗ bindung mit dem Grafen Reinsberg bot, opfern? Einmal erweckt, regte ſich der Ehrgeiz immer ſtär⸗ ker in ihm. Er war jung— welche Stellungen im Staate konnten ihm im Verlauf der Jahre, wenn ihn Fami⸗ lienbande mit einer der älteſten und einflußreichſten Familien des Landes vereinten, zu Theil werden! Hoch und höher ſtellte er ſich ſeine Ziele. Wie leicht wog dagegen das Schickſal eines armen Mädchens! Hatte er je gedacht, Clara zu heirathen, es war eine Thorheit der Leidenſchaft geweſen. Bruno Greif, der Millionär, der eine Arbeiterin heirathet... es iſt nicht möglich, ſagten die Freunde, die Geſellſchaft. Nur zu bald wird er von ſeiner Tollheit zurückkommen, behaupteten dieſe; um eine romantiſche Laune zu ver⸗ — 169 wirklichen, hat er ſich ſeine ganze Zukunft zerſit, be⸗ dauerten jene. In der That, er durfte nicht durch ſolchen Tho⸗ renſtreich ſich jede Möglichkeit einer rühmlichen Lauf⸗ bahn abſchneiden, nicht in die Alltäglichkeit eines be⸗ ſcheidenen Familienlebens verſinken. Clara mußte ein Opfer bringen, brachte er vielleicht ein geringeres? Auch er mußte eine ſtarke Neigung aus dem Herzen reißen. Wie viele Mädchen haben in der zweiten Liebe das Glück gefunden, das die erſte in ihrer Unruhe und Leidenſchaftlichkeit ihnen nicht gewährte! Was that er ſo Schlimmes? Schmettow würde ſeine Bedenken ver⸗ höhnt haben. Wir alle ſind auf der Jagd nach dem Glück, warum ſollte nur er die Göttin, die jetzt an ihm vorüberſchwebte, nicht am Gewande feſthalten? Weil ein Mädchen ein Recht auf ihn zu haben glaubte? Als ob jedes Liebesabenteuer proſaiſch mit einer Hei⸗ rath ſchließen müßte! Nein, nie hatte er, nie hatte Clara dies häßliche Wort„Ehe“ ausgeſprochen. Liebes⸗ ſchwüre hatten ſie miteinander getauſcht, nichts mehr. Und wenn nun der Geiſt, der Verſtand, das Vorur⸗ theil, die Welt im Widerſpruch zu den Wünſchen und Wallungen des Herzens traten— wie durfte Clara klagen? Die alte Geſchichte, das alte Leid, die ſich ewig in unſern verwickelten Zuſtänden wiederholen werden, immer mit demſelben Ausgang; der Verſtand wird das Herz beſiegen. Wir leben nicht in Utopien, in idyllliſchen Verhältniſſen, unter der holden Herrſchaft der Muſen und Grazien, ſondern in einer Ordnung, in der das Gold, der Beſitz, die Geburt Alles geregelt und eins von dem andern abgeſtuft haben. Eins allein gleicht Alles aus: das Gold— und hatte er es nicht? Heilt der Reichthum nicht eine jede Wunde? Er erleichtert die Schmerzen des Körpers wie der Seele und nimmt ſelbſt dem Tode etwas von ſeiner Furchtbarkeit. Jeden Aufſchrei des Zornes und der gekränkten Liebe übertönt der Klang des Goldes. Un⸗ abhängig, wohlhabend wollte er Clara machen. In andern Verhältniſſen, in einer andern Umgebung würde ſie die Vergangenheit bald vergeſſen. Dennoch empfand er bei all dieſen Einflüſterungen des Hochmuths und der Eitelkeit ein dumpfes Unbe⸗ hagen. Hätte er nur Benno in der Nähe gehabt, um ſeinen Rath einzuholen! Aber war es nicht Benno geweſen, der zuerſt die Möglichkeit einer Verbindung zwiſchen ihm und der jungen Gräfin angedeut et hatte? Auch der Freund würde ſeine Gewiſſensſcrupel übertrieben finden und ihn anſpornen, nicht durch feige Unentſchloſſenheit eine ſo einzige Gelegenheit, zur Größe zu gelangen, vorüber⸗ —* 1 171 gehen zu laſſen. Darüber konnte kein Zweifel ſein, daß eine Gräfin Reinsberg ſeinem Hauſe einen helleren Glanz verleihen würde als Clara Wolfhart. Läſſig und verdrießlich hatte Bruno ſeine Geſchäfte in den Morgenſtunden in ſeinem Bureau und in der Fabrik vollendet und war, von ſeiner Unruhe und Unzufriedenheit getrieben, früher als gewöhnlich nach dem gelben Hauſe wieder hinausgefahren. Ungeduldig zählte er die Minuten bis zu der Ankunft des Grafen, und doch mußte er ſich ſagen, daß er wenig vorbereitet ſei, auf einen beſtimmten Antrag mit einem entſchiedenen Ja oder Nein zu antworten. Hin und wieder griff er das eine und das andere Buch auf, um durch die Lectü re ſich zu ſammeln oder zu zerſtreuen. Aber er vermochte nicht ſeine Aufmerkſamkeit länger auf einen Punkt zu richten und begann eine Wanderung durch die Zimmer; er hatte überdies dem Grafen verſprochen, ihn in ſeine Baupläne einzuweihen. So war er auch in das pompejaniſche Gemach gekommen. Flüchtig blickte er ſich darin um; bald ſollte es eine durchgreifende Aenderung erfahren und mit dem Speiſezimmer, das Bruno zu klein und gedrückt er⸗ ſchien, zu einem großen Saal mit hohen Fenſtern nach dem Garten vereinigt werden; Landſchaften, die Benno 472 ihm zu entwerfen verſprochen, würden die Wände heiter und feſtlich ſchmücken. Wie er ſo umherſchaute, blieb ſein Auge eine Weile auf dem Tiſche haften. Er wußte, das Buch, das darauf lag, war Knebel's Lucrez. Wohin aber war das Tagebuch ſeines Vaters gerathen? Als damals, nach jenem Unglücksabend, an dem Clara's Mutter geſtorben, die Zimmer wieder in Ord⸗ nung gebracht wurden, hatte er es vermißt und die Diener beauftragt, nach ſeinem Verbleib zu forſchen. In dem Drang ſeiner Geſchäfte und Vergnügungen, über Benno's Abreiſe und ſein Liebesabenteuer hatte er das Buch ſo gut wie vergeſſen. Mit ſeinen Fragen über die letzten Tage und Stunden ſeines Vaters war er von Miß Ellen beſchieden worden: nichts als das Plötzliche des Todes ſei ſchrecklich geweſen; über eine gewiſſe Beängſtigung habe der ſelige Herr wohl an ſeinem Sterbetage geklagt, doch hätte Niemand Gewicht darauf gelegt, da dies als das gewöhnliche Leiden des Herrn allen im Hauſe bekannt war. In ihrer ſanften, einſchmeichelnden Weiſe hatte Ellen ihn darauf gebeten, ſich nicht mit ſolchen Erinnerungen zu quälen, Gottes Rathſchluß hätte es einmal ſo gefügt und menſchliche Gedanken könnten weder die Tiefe noch die Weisheit —— —— —— ,— deſſelben ergründen. Des Buches war dann nicht weiter gedacht worden. Heute indeſſen war Bruno in der Stimmung, aus den Aufzeichnungen ſeines Vaters ſich Anhalt und Leitung ſeines Lebens zu ſuchen. Keiner der Diener konnte ihm ſagen, wo das rothe Buch geblieben; ſie entſannen ſich ſeiner kaum. An eine Veruntreuung war nicht zu denken, nur für den Sohn hatten dieſe Blätter Werth, nur er verſtand die oft ſo kurzen Andeutungen, eine hingeworfene Anſpie⸗ lung. Ein feindlicher Zufall mußte es gerade in der Stunde vor ihm verſteckt haben, wo er ſeiner ſo ſehr bedurfte. Von Niemand, außer von ſeinem Herzen, ſollte er über die Geſtaltung ſeiner Zukunft Rath und Entſcheidung nehmen. Trotz ſeiner weltmänniſchen Glätte und Erfahrung traf der Graf Reinsberg, als er bald nach drei Uhr vor dem gelben Hauſe vorgefahren und von Bruno empfangen worden war, im Beginn der Unterhaltung nicht den leichten und freien Ton, der ihm ſonſt zu Gebote ſtand. Das unerwartete Verſchwinden Bruno's von ſeinem Feſte, die halben und unſicheren Antworten Irenens hatten ihn ſtutzig gemacht; Bruno's Befangen⸗ heit und Haſt waren wenig geeignet, das Vertrauen des Grafen auf die Durchführung ſeines Plans zu ſtärken. Die Greifs haben alle einen Querkopf, ſagte er ſich; wenn Bruno nun auf eine Heirath mit Irenen nicht eingehen, meine Winke gar nicht begreifen will? „Nach einem Feſte“, meinte er, um ſich und den andern in Gang zu bringen,„braucht man beinahe immer eine Spanne Zeit, um ſich wieder an das Alltagsgeſicht der Welt zu gewöhnen. Man hat die Menſchen eben noch in ihrem beſten Schmuck, mit ihren ſchönſten Larven geſehen; der Wein, das Licht, die Muſik, das hin und her wogende Rauſchen einer großen Geſellſchaft haben eine Erregung hervorgerufen, welche die Lebensgeiſter des Trägſten anfeuert, wie ſie die des Sorgenvollſten erheitert. Am nächſten Tage haben wir dann genug zu thun, Alles, Dinge, Menſchen, die Eindrücke, die wir empfangen haben, wieder in Ord⸗ nung zu bringen.“ „Vor allen ein Wirth, der mit ſolcher Liebens⸗ würdigkeit und nie nachlaſſendem munterem Eifer ſich ſeinen Gäſten widmet, wie Sie, Herr Graf. Mir war es der Freuden und der Luſt geſtern beinahe zu viel. Ich muß Sie und noch mehr die Gräfin Irene um Verzeihung bitten, daß ich mich wie ein Dieb davon⸗ geſchlichen habe.“ „Herzensdieb?“ drohte der Graf ſcherzend.„Sonſt — 175 wüßte ich nichts, was Sie aus meinem Hauſe davon⸗ tragen könnten.“ „Ich deſto mehr; meinem Hauſe, wie Sie ſehen, fehlt es noch an allem Schmuck, an dem Comfort der modernen Einrichtung. Ich muß es ausbauen oder verkaufen.“ „Langweilt es Sie, wenn Sie mich herumführen?“ Er hoffte bei einer Wanderung durch die Ge⸗ mächer in ſcheinbarer Harmloſigkeit hier und dort ein Wort fallen zu laſſen, das ſeinen Plan halb enthüllte, halb als Plauderei erſchien und den Zuhörer in keinem Falle zu einer beſtimmten Antwort nöthigte. Da er in jüngeren Jahren, ehe er ſich ganz in die Politik und das Vörſenſpiel geſtürzt, viel auf ſeinen Gütern gebaut hatte, war er in der Kunſt wie in dem Handwerk der Architektur nicht unerfahren und beſaß einen richtigen Blick für Raumverhältniſſe und die Ausführbarkeit eines Bauplans innerhalb der ge⸗ gebenen. Wie er lebhaft und kenntnißvoll auf Brunv's Abſichten einging, bald ſich einverſtanden zeigte, bald einen Zweifel andeutete, immer in ſachgemäßer Form, wäre es auch für einen unbetheiligten Beobachter ſchwer geweſen, zu entſcheiden, wie viel von wahrer Theil⸗ nahme, wie viel von Verſtellung in dem Cifer des Grafen war. Zuweilen glitt ein zufriedenes Lächeln über ſeine Züge. „Wenigſtens an Raum für den Flügelſchlag einer ſchönen Seele wird es Irenen hier nicht fehlen“, dachte er. Und als er aus einem Fenſter des oberen Ge⸗ ſtocks in den Garten hinabſchaute und kein Ende der Baumgänge abſah, nickte er ſich ſelbſt gleichſam Bei⸗ fall über die gute Wahl zu, die er für ſein Lieblings⸗ kind getroffen hatte. „Ein herrliches Beſitzthum, Herr Greif“, erklärte er beim Hinabſteigen nach den Zimmern im Erdge⸗ ſchoß,„und ich würde es Ihnen nie verzeihen, wenn Sie es verkaufen ſollten. Ein ſolches, vom Vater auf den Sohn ſich vererbendes, liebevoll gepflegtes, nach Umſtänden verbeſſertes und ausgebautes Haus gibt dem Beſitzer eine würdige Freiheit, eine ruhige Sicherheit. Wo iſt da noch ein Unterſchied zwiſchen dem ehrliebenden, wackeren Bürgerthum und dem höch⸗ ſten Adel? Mein Haus iſt meine Burg, ſagt der Bürger wie der Edelmann; der eine wie der andere, beide blicken ſie auf eine Reihe trefflicher Vorfahren zurück und halten die alten Erinnerungen, die Erbſtücke ihres Geſchlechts, in Ehren. Das Unglück unſerer Zeit iſt nicht die Herrſchaft des Bürgerthums, ſondern ſeine Zerſetzung, das amerikaniſche Weſen, das immer weiter 1,6 um ſich greift, immer ärger unſere Stände und Sitten zerreibt. Heute ſind wir hier, morgen dort; in dieſem Jahre treiben wir dies Geſchäft, im nächſten ein anderes. Nicht um die Arbeit handelt es ſich mehr, ſie gut und angemeſſen zu vollenden, nur noch um ihren Ertrag. Wer das meiſte Geld macht, der gilt überall für den erſten Mann. Niemand bewundert oder prüft auch nur noch das Werk eines Dichters, eines Malers. Was hat er dafür bekommen? Das iſt die Frage. Nächſtens wird man ſelbſt die Helden nicht nach ihren Thaten, ſondern nach dem Gelde abſchätzen, das ſie als Staatsbelohnung dafür erhalten.“ Der Graf brachte gern eine Philippika gegen die Genußſucht und Geldgier der Zeit an; ſo kam er nicht aus der Uebung parlamentariſcher Beredtſamkeit, erntete, da er leicht und flüſſig ſprach, das Lob der Zuhörer und beſchwichtigte zugleich die mahnende Stimme des eigenen Gewiſſens. Weil er an eine thatſächliche Aenderung ſeiner Handlungsweiſe nicht glaubte, nach ſo vielen geſcheiterten Vorſätzen, zur Einfachheit und Natur zurückzukehren, begnügte er ſich mit der mora⸗ liſchen Verurtheilung dieſes Zeitalters und ſeines Götzen, des goldenen Kalbes. Daß er ſelbſt zu den Anbetern deſſelben gehörte, das war ſein trauriges, aber unabwendliches Verhängniß. Frenzel, Silvia. II. 12 478 Heute hätte er noch lange in dem angeſchlagenen Ton fortreden können, der Zwieſpalt zwiſchen ſeinen Worten und ſeinen Thaten würde Bruno kaum berührt haben. Der junge Mann war ganz bei der Auseinan⸗ derſetzung ſeiner Baupläne, freilich in der ſtillen Hoff⸗ nung, damit die Unterhaltung in die Länge zu ziehen und von jedem wichtigeren Gegenſtande fernzuhalten. Wie alle unentſchloſſenen, mit fein empfindender Seele begabten Menſchen liebte er es, die Kataſtrophe hinauszuſchieben und eine Entſcheidung mehr von dem Zufall als von ſeinem eigenen Willen abhängig zu machen. Das Geſchäft wegen der Kohlengruben konnte ja von den beiderſeitigen Notaren morgen, übermorgen abgeſchloſſen werden. Von dem Gedanken, aus den drei aneinander ſtoßenden Zimmern im Erdgeſchoß einen geräumigen Saal herzuſtellen, war der Graf entzückt; nur hätte er ſtatt der Landſchaften die bekannten pompejaniſchen Figuren, Tänzerinnen und Muſen, Centauren und Faune, mit einem Arabeskenkranz von Blumen und Liebesgöttern vorgezogen. Als Liebhaber von Alterthümern betrachtete er ſorglich den großen Schrank im Zimmer Martin Greif's und nahm in dem Seſſel ihm gegenüber Platz. Gehen und Sehen hatten ihn müde gemacht. — — 179 Bruno würde dies Gemach ſicherlich von allen zuletzt zum Ruhepunkt auserſehen haben, aber er mußte ſich der Laune ſeines Gaſtes fügen. „Noch einmal, Herr Greif, ein Haus, ein Garten, um den ich Sie beneide“, begann Reinsberg.„Nicht ſowohl weil ſie ein bedeutendes Kapital darſtellen, ſondern ihrer günſtigen Lage in der Nähe der Haupt⸗ ſtadt und Ihrer Fabriken, ihrer innern Behaglichkeit wegen. Aber einſam müſſen Sie ſich in den weit⸗ läufigen Räumen fühlen— doppelt einſam zur Winterszeit.“ „Ich werde auch ſchwerlich lange hier aushalten und vor Weihnachten ganz in die Stadt ziehen.“ „Wenn wir nur davon einen Vortheil hätten! Doch ob auf dem Lande, ob in der Stadt, Herr Bruno Greif iſt überall ein Einſiedler. Es war nicht fein, daß Sie geſtern vor unſern Damen ſo ohne Abſchied flüchteten...“ „Mir ging ſoviel durch den Kopf, ich hatte eine Depeſche bekommen...“ „Doch nicht aus Schleſien? Daß ich an den Verkauf der Gleiwitzer Gruben denke— oder aufrich⸗ tiger heraus, denken muß? Ich meinte, Sie darüber beruhigt zu haben.“ „Ein Kaufmann iſt nie beruhigt, ehe ein Ge⸗ 12* 180 ſchäft abgeſchloſſen iſt, und geſtern vergaßen wir beide eins: den Preis.“ „Ja, den Preis!“ betonte der Graf.„Ein Herr von Schmettow, hat man mir geſchrieben, bereiſt jetzt dieſen Theil der ſchleſiſchen Kohlenlager. Sie kennen ihn ja wohl flüchtig? Ich auch, vom Schach⸗ ſpielen. Er iſt kein vermögender Mann, allein er ſcheint auch nicht für ſich, ſondern für eine Actienge⸗ ſellſchaft kaufen zu wollen.“ „Herr von Schwettow iſt ein weltgewandter, erfahrener Mann, nur flunkert er ein wenig mit ſeinen amerikaniſchen Freunden und Verbindungen. Ich glaube nicht, daß er einen ernſten Auftrag zu einem Kaufe der Gruben hat.“ „Dies iſt auch meine Ueberzeugung; er will den Werth, die Ertragsfähigkeit der Gruben kennen lernen. Seine Auftraggeber wünſchen unter dem Werth zu kaufen.“ „Und Sie, Herr Graf, ein wenig darüber zu ver⸗ kaufen. Das iſt ſelbſtverſtändlich.“ Reinsberg kreuzte die Arme, lehnte ſich in den Seſſel zurück und erwiderte: „Ich wünſche es nicht nur, ich muß höher ver⸗ kaufen.“ „Um wie viel?“ fragte Bruno zurück. 181 Auf dieſe Eröffnung war er gefaßt. „Sagen wir, um eine runde Summe von hundert⸗ tauſend Thalern.“ „Herr Graf, dieſe Forderung...“ „Ueberſteigt in ſchrecklicher Weiſe Ihre Erwartung oder richtiger noch Ihre Furcht. Ich bin in ſchlimme Verhältniſſe verwickelt und habe in den nächſten Tagen große Schulden zu tilgen; Wechſel, Börſengeſchäfte. Meine Combinationen waren diesmal falſch, alle meine Rechnungen trogen. Ich kenne Ihre Abneigung gegen das Börſenſpiel, aber man will leben, genießen, ſich nicht durch den neugebackenen Adel, durch das Ban⸗ quierthum aus der Stellung, die man bisher in der Welt eingenommen hat, verdrängen laſſen, unwill⸗ kürlich greift man zu der Wünſchelruthe ſeiner Gegner und arbeitet wie ſie mit papierenen Werthen. Was nützt es, jetzt, nach geſchehenem Unglück, zu klagen? Auch ſind Sie zu edel, mir meine Unklugheit, mein Unrecht...“ „O, Herr Graf! Ich ſinne im Augenblick nur nach, wie dieſer Gefahr die Spitze ahzubrechen iſt.“ „Irene!“ rief Reinsberg aus.„Ja, in dem Weibe iſt doch etwas Vorahnendes, Prophetiſches! Eine Stimme des Herzens, die nicht täuſcht. Wenn einer Dir helfen wird, ſagte ſie mir, als wir davon 182 ſprachen, Alles zu verkaufen und ſtill in der Provinz zu leben, iſt es Herr Bruno Greif; auch iſt er der einzige unſerer Freunde, dem Du ohne Unehre Dich eröffnen kannſt.“. Bruno's Geſicht röthete ſich; er fuhr aus ſeiner nachdenklichen Stellung empor und ſagte halblaut: „Irene!“ Es war das erſte Mal, daß er vergaß, ſie Gräfin zu nennen. „Und hat ſie nicht Recht gehabt? fuhr der Graf fort.„Meine verfehlten Speculationen konnten kein Geheimniß bleiben, ſie wurden im Angeſicht der Welt betrieben. Was aber thaten die, welche ſich meine Freunde nennen? Sie freuten ſich nicht allein meines Sturzes, ſie vergrößerten ihn noch durch Zwiſchen⸗ trägereien. Dadurch wurden die Gläubiger dringender, keiner wollte mehr Aufſchub gewähren. Sie allein boten mir unaufgefordert die Hand, Ihr Antrag geſtern Abend drang mir gleichſam ins Herz— auch wenn wir uns über den Verkauf nicht einigen können, nie“ — er war aufgeſtanden und ſchloß Bruno, der ſich mit ihm zugleich erhoben hatte, in die Arme—„nie werde ich Ihnen das vergeſſen. Nein, es iſt nicht Alles Sein und Lüge, Selbſtſucht und Eitelkeit in — 183 unſerer Zeit. Es gibt noch Freundſchaft, uneigen⸗ nützige, großherzige Freundſchaft!“ „Sie beſchämen mich, Herr Graf! Erſt wenn ich Sie aus dieſer Verlegenheit geriſſen hätte, würde ich dieſe ſchönen Ausſprüche verdienen.“ „Ich habe Ihnen meine Lage mit einem Wort geſchildert, ohne ſie zu verſchönern, ohne ſie zu verſchlim⸗ mern. Auf das dürftige Majorat kann ich ſelbſtverſtänd⸗ lich keine Schulden aufnehmen, mein ſonſtiger Landbeſitz iſt überbürdet, zum Theil verpfändet. Die Gruben ſind meine Hoffnung, mit Ihrer Hülfe meine Rettung. Daß ihr Ertrag erhöht werden kann, daß man noch einige Meter tiefer graben ſollte, iſt meine Ueberzeugung, aber ich habe nicht mehr das nöthige Kapital, um ein ſolches Unternehmen anzufangen. Dadurch verliert meine Ueberforderung etwas von ihrer Ungeheuerlichkeit, ein Opfer bleibt ſie immer. Hunderttauſend Thaler gibt man nicht leicht als ein Darlehn, ſelbſt nicht auf die Ehre der Grafen Reinsberg. Und indem ich ſo rede, fällt mir der alte Spruch ein, daß die Ar⸗ muth ja nicht das Aergſte und Traurigſte auf Erden ſei, ſondern ein ſchuldbeladenes Herz. Unſer Geſchäft, denk ich, iſt abgemacht— Sie drücken mich nicht im Preiſe und nehmen die Gruben für zweimalhunderttau⸗ jend Thaler...“ „Abgemacht!“ erwiderte Bruno und ſchlug in die dargebotene Rechte des Grafen ein. „Verkaufe ich dann meine andere Habe, unſere koſtbare Einrichtung— Alles iſt eitel!— verwenden Sie Ihren Einfluß bei Iſaak Goldſtein, daß man mir Zeit läßt, meine Angelegenheiten zu ordnen— ſo ziehe ich als ehrlicher Mann in mein verfallenes Erbhaus. Auf ſtolzem Fahrzeug fuhr ich hinaus, auf einer Planke komme ich ſchiffbrüchig zurück. Wandlungen des Irdiſchen! Ich bin ein alter Mann, auch die Ent⸗ behrung hat ihre Reize, und dann ſieht man in meinen Jahren den Abſchluß aller Dinge, das Grab, faſt greifbar vor ſich...“ „Aber Ihre Tochter? So verſchwinden, ſo aus⸗ löſchen zu müſſen...“ „Warum war ich nicht reicher oder glücklicher! Ja, Irene hätte es verdient, in ungetrübtem Glück ihre Tage zu verbringen, Tage voll Sonnenſchein und Freude! Sie kann nicht in der Armuth oder, was noch peinlicher iſt, in der Entbehrung leben. Wie eine Blume des Südens in unſerem winterlichen Schnee würde ſie darin verkümmern. Von goldenen und ſeidenen Fäden hätte das Gewebe ihres Lebens ſein ſollen. Und mit dem Reichthum wird ſie auch ihre Freunde verlieren müſſen.“ 4 6 „ 185 Es war etwas in der ſchmerzlichen und doch vor⸗ nehm gemäßigten Rührung des Grafen, das Bruno's Mitgefühl hervorrief und ſeiner Antwort einen wärme⸗ ren Ton gab. „Welche trübe Vorſtellungen, Herr Graf! Was hat die wahre, die echte Freundſchaft mit dem wechſeln⸗ den Beſitz zu thun? Wenigſtens die meine werden Sie nicht ſo niedrig ſchätzen.“ „Die Ihre! O, Herr Greif, Ihre Freundſchaft für mich, für meine Tochter ſteht außerhalb der Ge⸗ wöhnlichkeit. Nicht von ihr ſprach ich. Noch bis vor kurzem, ſolange ich mich noch für wohlhabend halten konnte, trug ich einen Plan mit mir herum— einen Plan, der Sie mir näher bringen ſollte. Das Schick⸗ ſal hat auch dies vereitelt. Ein Wort, zur rechten Zeit gefallen...“ „Verſtehe ich Sie recht, Herr Graf?“ Aus den Aeußerungen Reinsberg's erhob ſich ein phantaſtiſches Geſicht, das Bruno berückte: es waren die Züge Irenens, idealiſch erhöht und verklärt. In dem halben Geſtehen, dem halben Verſchweigen des Grafen lag ein viel gefährlicherer Reiz als in dem ein⸗ fachen beſtimmten Ausſprechen ſeiner Abſichten. „Nun ja“, erwiderte Reinsberg, wie einer, der zögernd ſeinen Fuß auf die Eisdecke des Fluſſes ſetzt, „Sie haben mich errathen. Aber es iſt eben zu ſpät. Bleiben Sie ruhig, mein werther junger Freund. Ich habe Ihre Zurückhaltung wohl verſtanden und gewür⸗ digt. Mit dem Stolz, der Ihnen, dem Sohn Ihres Vaters und Ihrer eigenen Thaten, ſo gut anſteht, ha⸗ ben Sie nicht werben wollen, wo Ihnen die Gewäh⸗ rung nicht gewiß ſchien. In jedem Adeligen ſetzt der Bürger Vorurtheile voraus, die er ſchonen zu müſſen glaubt. Sie kennen mich ſchlecht; wie ich die Hand meines einzigen Sohnes freudig in die eines würdigen armen Mädchens gelegt habe, ſo würde ich auch... „Und Ihre Tochter? Irene erwartete ein Wort von mir...“ Der Graf wendete ſich ab, wie von Rührung übermannt. „Mathildens Herz hat Keiner noch ergründet“, ſagte er abgebrochen.„Sie kennen die Schiller'ſchen Verſe. Irene iſt eine ſchöne und muthige Seele, ſie wird ſich in das Loos zu finden wiſſen, das ihr das Schickſal bereitet hat.“ Dabei hatte er ſeine Uhr gezogen. „Es iſt ſpät geworden; ſchon vier Uhr vorüber. Lange genug habe ich Sie mit meinem Unglück unter⸗ halten. Dank, herzlichen Dank für Ihre Theilnahme. ——— Oꝭ—— 187 Wollen Sie einen Ihrer Diener hinausſchicken, ob mein Wagen ſchon wartet?“ „Seit einer halben Stunde“, war die Antwort des Dieners, den die Klingel herbeigerufen. Reinsberg verwirrte ſich. „Entſchuldigen Sie, Herr Greif... ich muß eilen, meine Tochter...“ Der Diener war wieder hinausgegangen. Beide Hände des Grafen hatte Bruno ergriffen. „Irene... Gräfin Irene wartet draußen?“ „Sie hat Miß Wood einen Beſuch gemacht, aber die Unruhe wird ſie vor der Zeit fortgetrieben haben. Zum Glück kann ich ihr ſagen, daß mein Schritt bei Ihnen nicht ganz umſonſt geweſen iſt.“ „Sagen Sie ihr vielmehr, Herr Graf— nein, ohne Worte, laſſen Sie uns eilen, bitten Sie die Gräfin für mich, einen Augenblick in dies Haus zu treten.“ Vor Bruno's Augen hatte ſich das Bild der Welt in den letzten Minuten verändert; wie Andere der Wein, ſo hatte ihn der Ehrgeiz, die Selbſtüberhebung trunken gemacht. Wenn in der Geſellſchaft, wie ſie einmal iſt, das Gold regiert, warum ſollte er, im Beſitz die⸗ ſes Wunderdinges, nicht den König und den Magier ſpielen? Vor ihm demüthigten ſich der Stolz des mäch⸗ 188 tigen Grafen, die Schönheit des herrlichſten Weibes, ſie erwarteten von ſeinem Ausſpruch Leben oder Tod. Es war die Sorge über ihre Zukunft, aber auch die Ungeduld der Liebe, welche Irene hierher geführt. „Vorwärts, vorwärts!“ ſchienen tauſend Stim⸗ men in ihm und um ihn zu rufen.„Dort iſt die Größe, das Glück. Aus der niedern Sphäre der Ge⸗ werbthätigkeit wirſt du den Namen Greif in die Po⸗ litik, in die Verwaltung des Staates tragen. Die neue Zeit fordert neue Menſchen. Große Geſchicke ſtehen dem deutſchen Volke bevor, vielleicht iſt es auch dir vergönnt, eine Rolle darin zu ſpielen...“ In dem Wirbeltanz dieſer Gedanken ſtürzte er aus dem Zimmer, durch den Flurgang, nach der Haus⸗ thür. Kaum konnte der Graf ihm folgen. Bruno litt nicht, daß ein Diener den Wagen⸗ ſchlag öffne. Als ihm nun aber Irene ihre Hand reichte, um auszuſteigen, vermochte er doch nur unverſtändliche Worte zu ſtammeln. Der Graf bot ſeiner Tochter den Arm. „Es iſt ganz vergeblich, dem liebenswürdigen Drängen Herrn Greiſ's zu widerſtehen. Er wäre im Stande, uns die Freundſchaft zu kündigen...“ „Ich würde dies Haus auf immer verlaſſen, wenn — 189 Sie, ihm einmal ſo nahe, nicht über ſeine Schwelle ſchritten.“ „Das nenn ich Galanterie“, lachte der Graf. „Ich thu' es gern“, flüſterte Irene demehingeriſſe⸗ nen Bruno zu. Indem ſie ihrem Vater den Arm gegeben, hatte ſie einen raſchen Blick mit ihm gewechſelt. „Ich gehorche“, las er ohne Mühe in ihren Au⸗ gen, und des Erfolgs gewiß, hob er den Kopf, den er bisher ein wenig niedergebeugt gehalten, ſtraffer und freier empor. Was die Nacht in ihr vorbereitet, hatte der Be⸗ ſuch bei Ellen, die kurze Spazierfahrt, das lange War⸗ ten vor dem gelben Schloſſe in Irenen gereift. Nach der grauſamen Täuſchung, welche die unſinnige Leiden⸗ ſchaft ihres Herzens erfahren, auch noch Entbehrung und Verlaſſenheit zu ertragen, in beſchränkten Ver⸗ hältniſſen von den Erinnerungen früheren Glanzes ver⸗ folgt zu werden, ohne Hoffnung und Genuß weiter zu leben: es war zu viel. Eher hätte ſie ſich noch ent⸗ ſchließen können, im Siechenhaus zu Bethanien, nach zerſtörtem Daſein, Krankenpflege zu üben. An Bruno's Seite, darin hatte der Vater Recht, ſetzte ſie ihr bisheriges Leben in größerer Freiheit und in einem unerſchütterlicheren Wohlſtand fort. Einen 190 beſondern Reiz hatte ihr die ausſchließliche Hofgeſell⸗ ſchaft nie gewährt, ſie bewegte ſich darin mit kühlem Anſtand, eine tiefere Befriedigung hatte ſie nicht darin gefunden. Anfänglich würde es ihr ohne Zweifel ſchwer wer⸗ den, auf den Verkehr mit dieſen Kreiſen zu verzichten, aber ganz ohne Schmerzen geht man nicht aus der einen Form des Daſeins in eine andere über. Kehrte ſie nach einer längeren Reiſe mit ihrem Gatten zurück, ſo hatte ſich das erſte Staunen der Hofwelt über ihre Heirath längſt gelegt. Mit ihrem Vater, ihrer Mutter fanden ſich die alten Bekannten wieder in ihrem Salon zuſammen. Die immer abſonderliche, wunderliche, poetiſche Irene, die bald im Weltſchmerz Lord Byron's, bald in inbrünſtigen Gebeten und myſtiſchen Entzückungen eine Ausfüllung ihres Weſens geſucht, war ſich bis zu⸗ letzt treu geblieben und hatte ſtatt eines Prinzen aus dem Lande Utopien einen Maſchinenmann gewählt. Das würde das Endurtheil der Geſellſchaft über ſie ſein. Mächtiger als all dieſe Ueberlegungen war das Ge⸗ bot der Nothwendigkeit. Zwiſchen dem Entweder der Dürftigkeit und dem Oder dieſer Heirath konnte die Wahl eines Mädchens nicht lange zweifelhaft bleiben, das wohl in romanti⸗ 191 ſchen Träumen für„eine Hütte und ſein Herz“ ge⸗ ſchwärmt hatte, deſſen Wurzelfaſern jedoch im Luxus, in der Vornehmheit und Behaglichkeit einer höheren Lebensſtellung hafteten. Zu dieſen ſtärkſten Antrieben hatten ſich im Laufe des Nachmittags andere Gründe geſellt, unbedeutender und thörichter an ſich, allein von nicht geringerer Wir⸗ kung auf ihr Gemüth. Die Abneigung gegen Ellen, die Laune, dieſes Mädchen von ſich abhängig zu machen; die plötzliche Erſcheinung des Candidaten, die ſie gleich⸗ ſam zwang, raſch und entſcheidend mit der Vergangen⸗ heit zu brechen; der Anblick des gelben Hauſes, das ihr im Abendgrauen noch ſtattlicher und größer dünkte als das ihres Vaters. Als ſie jetzt zwiſchen ihrem Vater und Bruno den Gang entlang ſchritt und endlich im rothen Zimmer niederſaß, betrachtete ſie ſich ſchon im Geiſt als Herrin dieſer Räume. „Ich werde mir Alles heller und freundlicher ein⸗ richten“, ſagte ſie in ſich hinein.„Es wird ſich gut hier wohnen laſſen.“ Und lächelnd erhob ſie ihr Geſicht zu Bruno. Nie hatte er ihr einen beſonders tiefen und ſtar⸗ ken Eindruck gemacht, und auch bei dieſer Begegnung regte ſich nichts zu ſeinen Gunſten in ihrem Herzen, * ————— 192 aber die Gemeſſenheit, das Vorſichtige und Zurückhaltende ſeines Weſens hatten ihr Achtung und Vertrauen ein⸗ geflößt, ſeine vornehme Perſönlichkeit gefiel ihren Augen. „Hier“— und ſie legte die Hand auf ihr Herz —„iſt Alles erſtorben; er wird der richtige Mann für mich ſein, Stütze und Halt...“ „Irene“, rief ihr jetzt Bruno entgegen,„Sie ver⸗ ließen mich geſtern im Zorn; was Sie mir ſagten, was ich Ihnen erwiderte... das Glück, das mich vorhin Ihr Vater ahnen ließ... iſt es nicht zu kühn, Ihnen vor ſeinem Angeſicht den Wunſch zu nennen, der mich erfüllt? Den Wunſch, Ihr Leben unlöslich an das meinige zu ketten? Vieler Worte bedarf es nicht; rührt dieſe Bitte Sie nicht, auch eine wohlgeſetz⸗ tere Rede, mehr Feuer und Schwärmerei würden Sie nicht bewegen. Sie haben nur einen Wink nöthig, mein Schickſal zu beſtimmen.“ „DO, mein Vater!“ Irene hatte ſich in die Arme des Grafen gewor⸗ fen. Es war nun doch die natürliche Erregung— ſo gewaltſam und unvermittelt hatte ſie Bruno's Antrag nicht erwartet— daß ſie ſchluchzte und eine fliegende Röthe bis zu ihren Schläfen hinaufſtieg. Ihre ungekünſtelte Bewegung, die Weiſe, wie ſie ihm, das Antlitz halb an der Bruſt des Vaters ver⸗ —. ——— 193 borgen, die Hand entgegenſtreckte, wirkten magiſch auf ihn zurück.. „Sie verſchmähen mich nicht? Sie lieben mich, Irene?“ „Dein!“ ſagte ſie leiſe, ſchmeichleriſch, mit geſenk⸗ tem Haupte, und bebte nur unmerklich, als ſie ſeine. Arme umſchloſſen. Nachher ſahen Clara und Fritz den Wagen mit den ſchwarzen Rappen an ſich vorüberjagen; ſie wuß⸗ ten nicht, daß drei darinnen ſaßen— der Graf wollte den„Sohn“ noch an dieſem Abend ſeiner Gemahlin vorſtellen. „Frau Greif klingt häßlich, wenn man bisher Irene Reinsberg hieß und Fürſtin Hochberg heißen könnte“, dachte Irene während der Fahrt,„aber ich werde reich und frei ſein.“ Der Graf rieb ſich die Hände, er ſchiffte wieder auf hoher Flut. Bruno war von ihnen allen der Befangenſte; er glaubte an Irenens Liebe, er träumte eine ruhmvolle Zukunft und blickte auf ſein bisheriges Leben und Lie⸗ ben wie auf eine Jugendthorheit und eine harte, karge und nüchterne Lehrzeit zurück. Ende des zweiten Bandes. Frenzel, Silvia. II. 13 1 Verlag von Ernſt Zulius Günther in Kripzig. Frauenherzen. Zwei. Novellen Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 9 Mark. —— Nomaden.. Robert Zyr. 5 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 12 Mark. Zwei Novellen von 4 Robert Byr. Inhalt: Trümmer.— Der Tuwan von Panawang. 4 Bände. 8⁰. Elegant broch. Preis 10 Mark 50 Pf. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Neipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 4 Mark 50 Pf. — Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. * Krieg und Frieden. Novellenbuch von — Levin Schückking. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 7 Mark 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in Keipzig. Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman A. von Winterfeld. 8 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 8 Mark 3 1 Modelle. Humoriſtiſcher Roman 1 A. von Winterfeld. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 8 Mark. Komiſcher Roman— von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 9 Mark. — ffffffffffffffffffffffſſſſſſſſſſſſſ 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19 4 5 — 7 1 8. 4 „ 3 8** 4 5 6 .—