Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednjard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. DLeih- und Jeſehedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 pfangnahme und Rüctgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückg ſſen, bei Entgegennahme n entſprechende Summe ſt abe von mir zurückerſtattet— wird. “ S i in— 3 9 d 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. ekrägt: 4.. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8——.,————— . auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mer.— Pf. „ 3 3 4„—„ 3„—„ ,5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerrifſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Zurückſendung ————— Komun in vier Büchern“ von 2 —— Sart Frenzelavs. Erſter Band. —— — eipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. Erſtes Kapitel. Auf der Scheide zwiſchen Sommer und Herbſt ſtand das Jahr. Von dem milden, mattgoldenen Sonnen licht eines Septembernachmittags glänzte der weitgedehnte, mit alten, ſchattigen Bäumen beſtandene Park, der von dem Brandenburger Thore der nord⸗ deutſchen Hauptſtadt ſich bis in die Nähe der erſten Gartenhäuſer der kleinen Landſtadt Charlottenburg hinzieht. Auf der glatten, breiten, von Bäumen ein⸗ gefaßten Fahrſtraße vom Thor bis zu dem Schloſſe jenes Städtchens rollte Wagen an Wagen, prächtige und unſcheinbare, leichte und ſchwere, der Omnibus neben der Pferde⸗Eiſenbahn. Es war die Stunde, wo der Städter, von der Tagesarbeit ermüdet, einen Spaziergang zu machen pflegt und in der friſchen 3 Frenzel, Silvia. I. licher aufathmet.. Ueber all dem bewegten und bunten Treiben leuchtete von der Plattform des Thores die eherne, von den Sonnenſtrahlen goldig angehauchte Sieges⸗ göttin auf ihrem ſtolzen Viergeſpann; etwas über ein Jahr war vergangen, ſeit in tragiſchen Bruderkämpfen auf Böhmens Gefilden ſich der Lorbeerkranz in ihrer Hand erneut. In dem dunkelgrünen, von zwei ſchnell ausgrei⸗ fenden Pferden gezogenen offenen Wagen wendete der eine der darin ſitzenden Männer jetzt das Haupt noch einmal nach der Victoria zurück und ſagte lächelnd zu ſeinem Nachbar: „Die Göttin dort oben hat uns zuerſt zuſammen⸗ geführt, möge ſie uns immer treu bleiben!“ „Das iſt doch kein ernſthafter Wunſch, Benno. Wie langweilig wäre das Leben, wenn man keinen Verluſt zu verzeichnen hätte!“ „So redeſt Du, weil Du im Glücke und Reich⸗ thum ſitzeſt.“ „Meinſt Du? Ich quäle mich freilich ſeit Mo⸗ naten mit der Frage, was der Beſitz werth iſt— Be⸗ ſitz, den mir Vater und Mutter, Großvater und Groß⸗ mutter hinterlaſſen haben“ Kühle des Waldes und des Abends freier und erquick⸗ ◻‿ „Und den Du reichlich vermehren wirſt.“ „Wodurch? Da ſteckt's. Durch eine reiche Heirath? Die Kraft zu erwerben und zu erobern iſt unendlich werthvoller als der größte Reichthum. Meine Väter hatten dieſe Kraft; mein Urgroßvater war ein ehr⸗ ſamer Schmied vor den Thoren Stendals, auf einer alten märkiſchen Landſtraße; mein Vater iſt als einer der hervorragendſten deutſchen Fabrikherren geſtorben — ein rechtes Geſchlecht von Eiſen und in Eiſen— aber die erfinderiſche und ſchaffende Kraft hat ſich er⸗ ſchöpft. Ich bin der Enkel mit ariſtokratiſchen Neigungen, der nur zu vergeuden weiß.“ „Du biſt heute in der ſelbſtquäleriſchen Laune.“ „Und aus Furcht, fortzuwerfen, was Beſſere im Schweiß ihres Angeſichts gewonnen haben, werde ich noch ein Geiziger und ein Menſchenfeind werden.“ „Harpagon und Timon in einer Geſtalt!“ Der andere hatte ſeine Hand gefaßt und ſah ihm luſtig in die Augen. „Ein entſetzlicher Entſchluß! Aber mit ſiebenund⸗ zwanzig Jahren iſt man ſo wenig treu in der Liebe wie in ſeinen Vorſätzen. Wenn einer in die Schatz⸗ höhle des arabiſchen Märchens verſetzt würde, plötz⸗ lich, ohne Vorbereitung, durch einen Blitzſchlag, er erſchräke auch zuerſt— doch der Schrecken vor dem 1* —.— a“-— ÿyÿ 4 Reichthum gibt ſich. Der unerwartete, ſchnelle Tod Deines Vaters, der Dich aus heiteren und ſorgenloſen Verhältniſſen herausriß; die ungewohnte Laſt von Pflichten und Geſchäften, die Dir aufgeladen wurde, während Du noch eine Reihe von Jahren frei zum Lernen und zum Genießen vor Dir zu haben wähnteſt: dies Alles klingt noch trüb und ſchwer in Dir nach.“ „Möchteſt Du Recht haben! Nie bin ich mir ſo nichtig vorgekommen, als ſeit ich Herr eines un⸗ geheuren Vermögens bin⸗ Wozu bin ich da? Was kann, was ſoll ich thun?“ „Zuerſt und zuletzt: Deine Pflicht. Mehr als Erfüllung des kategoriſchen Imperativs kann Niemand von Dir fordern.“ „Und was iſt Pflicht? Aber vergib, meine nächſte Pflicht iſt, Dich zu unterhalten, dem willkommenſten Gaſte der freundlichſte Wirth zu ſein. Noch einmal Dank, daß Du gekommen, daß Du Dich von Bergen und Seen auf meine Bitte losgeriſſen haſt und in die lärmende, tobende Stadt, in unſere arme märkiſche Landſchaft geeilt biſt. Seit vielen Tagen der erſte Wunſch, der mir zur Wirklichkeit geworden.“ „Umgekehrt wäre ich Dir zum Danke verpflichtet, daß Du mich meiner Einſamkeit und meiner Faulheit entführt. Man wird ſtumpf und altmodiſch in kleinen ——;— ———õyõ—— — 3 5 Städten, auch wenn ſie den Namen einer herzoglichen Reſidenz tragen. Wenn die Hauptſtadt viel Geiſt und viel Leben verbraucht, ſtrömt ſie auch unermeßlichen Lebensſtoff aus. Und was meine Landſchaftsſtudien betrifft, ſo haſt Du mir verſprochen...“ „Dich je nach Deiner Laune allein mit Kiefern und Eichen, mit Wieſe und Fluß zu laſſen. Aber Du ſiehſt, eine dürftige Schönheit!“ „Aſchenbrödel mit einem Glorienſchein! Die Herr⸗ lichkeiten der Schweiz und des Salzkammerguts ſind ſo oft gemalt worden, daß es mich gelüſtet, mich ein⸗ mal an der Wiedergabe der Armuth zu verſuchen. Das iſt das Schwerſte in der Kunſt, denkſt Du, und ich bin ein Stümper. Indeſſen mich unterhält's und die Andern kümmern ſich nicht darum.“ Der Freund widerſprach und hob hervor, wie ſelbſt berühmte Meiſter die jüngſt ausgeſtellten Bilder Benno's gelobt und nicht nur die tiefe und ergreifende Herbſtſtimmung, die aus beiden Landſchaften den Be⸗ ſchauer angeweht, ſondern auch die kräftige und glänzende Technik als vielverheißen de Zeichen ſeines Talents anerkannt hätten. „Laß gut ſein, Bruno“, entgegnete der andere. „Zum Künſtler muß man geboren ſein; ich bin es aus Ueberdruß geworden, weil ich mich in jeder andern —= 8 2 A——„+ —— ꝗͦ ͦᷣ-———— ——— 6 Dingen iſt Alles Unbeſtand und man lebt zuletzt nur weiter, weil man eben muß. Aber das hört ſich viel tragiſcher und troſtloſer an, als es iſt. Im Strom des Lebens iſt Jeder ein Schwimmer; unbewußt macht er die nöthigen Bewegungen und Anſtrengungen, ſich oben zu erhalten. Wie weit er freilich kommt, das iſt eine andere Frage— wie weit und wohin!“ „Beſtimmen wir uns ſelbſt nicht das Ziel?“ „Beſtimmen? Bald ſchwebt uns dies Loos, bald jenes als begehrenswerth vor, wir jagen ihnen nach... eine Weile, bis uns ein drittes Luftſchloß nach ſich lockt. Irgend ein Etwas, das ich nicht kenne und nicht zu nennen weiß, ſpielt mit uns, und glaub' mir, es iſt das Klügſte, ihm mit geſchloſſenen Augen zu folgen— ſowie ich mich jetzt willenlos Deiner Leitung überlaſſe. Die Wohnungsfrage iſt nicht allein in der Volkswirthſchaft, nein, auch perſönlich für mich eine der wichtigſten; dennoch habe ich mich von dem Augenblicke an, wo Du mich ſo freundlich auf dem Bahnhofe in Empfang nahmſt, noch nicht einmal ge⸗ fragt: wo werde ich wohnen? Wenn ich mein Wort halten will, vier Wochen lang wohnen? Bruno wird des beſſer wiſſen wie du, habe ich zu mir geſagt, und daſſelbe Vertrauen wie dem Freunde ſchenke ich auch Stellung unbehaglich fühlte. In den menſchlichen 3 —— —— — für Sein oder Nichtſein der unſichtbaren Macht. Sie wird im Großen wie im Kleinen wiſſen, was ihrem Geſchöpfe frommt, und zugleich, welchen Werth in ihrem Unendlichkeitsſpiel die Karte hat, die Bruno oder Benno heißt.“ Darüber hatte der Wagen, als er die Brücke über den Landwehrkanal paſſirt, die gerade Straße ver⸗ laſſen und war rechts eingebogen; langſamer fuhr er das Ufer entlang. Zur linken Hand blieb das Dorf Lützow liegen, mit ſeiner kleinen Kirche, ſeinen freundlichen, garten⸗ umhegten Häuſern. Auf der andern Seite, hinter niedrigen Weiden und Buſchwerk, floß die Spree. „Der Weg iſt nicht ſchön“, ſcherzte Bruno,„aber dafür biſt Du ihn auch noch nie gefahren, und ich hoffe, Deine Spannung nach dem, was am Ende liegen wird, wächſt.“ „Einſam und wie geſchaffen für romantiſche Aben⸗ teuer in der Mondnacht, Stelldicheins, Entführungen — um von proſaiſchen Raubanfällen ganz zu ſchwei⸗ gen. Wenn ich nur eine Fee oder eine Nymphe entdecken könnte!“ Da ſcheuten die Pferde einen Moment. Nach dem Dorfe zu bildeten mehrere Kaſtanien eine ſtattliche Baumgruppe, aus deren Schatten jetzt ——————— 8 in den vollen Glanz der Abendſonne, der den Fahr⸗ weg überflammte, eine ſchlanke Frauengeſtalt trat, in einem grauen Kleide mit ſchwarzen Schleifen, auf den blonden geſcheitelten Haaren einen grauen Hut mit zurückgeſchlagenem grauem Schleier. Von den Freunden hätte keiner zu ſagen vermocht, wie ſie dorthin ge⸗ kommen. Sie ſahen ſie erſt, als ſie wenige Schritte vom Wagen entfernt war. Zuſammenzuckend zog Bruno den Hut und grüßte; mechaniſch ahmte ihm Benno nach. Die Dame dankte unterwürfiger als gemeſſen. Zugleich war der Kutſcher ſeiner Thiere wieder Herr geworden und trieb ſie mit einem leichten Peit⸗ ſchenhieb zu geflügelterem Laufe an. Noch zwei Minuten. „Da ſind wir“, ſagte aufathmend Bruno und ſchüt⸗ telte ſich wie einer, der einen leiſen Froſt verſpürt,„und das Unbekannte ſei ſegnend und heilbringend mit Dir bei Deinem Eintritt in dieſes Haus!“ Der Wagen hielt auf der ſteinernen Rampe, die das einfache gelbe Schlößchen im nüchternſten Zopfſtil von der Fahrſtraße ſchied. Der Balcon vor den drei mittleren Fenſtern des erſten Stockwerks war offen⸗ bar eine neuere Zuthat und unterbrach die Geſchloſſen⸗ heit der Architektur. Eine hohe Brüſtung in Rococo⸗ formen, geſchweifte Säulen, mit kleinen Ketten ver⸗ bunden, ſchirmte die Rampe; vor den Fenſtern zu ebe⸗ ner Erde waren zur größeren Sicherheit Eiſenſtangen, die eine Art Viſir bildeten, angebracht. An dem Ganzen war nichts Auffälliges oder Merkwürdiges; die Ausſicht bot ein gefälliges Bild. Unweit des Hauſes zog der Strom mit ſanftem Gemurmel dahin, von größeren und kleineren Kähnen belebt; ab und zu tauchten Schwäne auf ſeiner Flut auf. Am jenſei⸗ tigen Ufer dehnten ſich Wieſenflächen bis zu den Häuſern eines Dorfes aus, deren Ziegeldächer im Abendſonnenſchein dunkelroth leuchteten. Links vom Hauſe führte eine Brücke über das Waſſer und der Weg, der von ihr nach Charlottenburg läuft, trennte das gelbe Schlößchen von dem Garten des königlichen Schloſſes. Dort, unweit der Brücke, befand ſich früher ein Seitenpförtchen, das den Garten öffnete und ſchloß, und die Bewohner des Hauſes waren ſo die unmittel⸗ baren Nachbarn des Königs. „Was unter Umſtänden ſein Gutes hat“, meinte Bruno ſchalkhaft, der, noch auf der Rampe ſtehend, dem Freunde die Lage des Hauſes auseinanderſetzte, „wenn der König Friedrich Wilhelm II. und die Beſitzerin ———— 10 des gelben Schlößchens die Gräfin Lichtenau iſt. Glück⸗ liche Zeiten, wo erlaubt war, was gefiel!“ „Der Gräfin Lichtenau hat dies Haus gehört?“ „Deine Moralität erſchrickt doch nicht? Es iſt lange her; ſiebzig Jahre. Alſo ein Menſchenalter, das hoch gekommen iſt. In den Zimmern ſteckt hier und dort noch Rococo⸗Trödelkram, und da ich Deine Schwär⸗ merei für die alte Herrlichkeit kenne, war es mein erſter Gedanke, Dir hier Herberge zu ſchaffen— keine Herberge der Gerechtigkeit, aber eine Herberge der Kunſt.“ Benno drückte ihm die Hand. „Du biſt doch ein Goldherz!“ „In meinem Wohnhauſe, unmittelbar an den Räumen der Fabrik, bei Dampfhämmern und Rieſen⸗ amboſen, iſt kein Platz für Dich. Jeden Morgen und jeden Abend hätte Dich die Arbeit der Maſchinen geſtört. Hier iſt ein großer Garten, ein ſtilles Haus... ſeit dem Tode meines Vaters ſtand es leer. Auch die Schweſter iſt mir hier geſtorben. Deine Gegen⸗ wart ſoll es mir wieder lieb, werth und vertraulich machen.“ So redend hatte er Benno in das Haus, die 8 breite Treppe hinauf und in die freundlichen Zimmer, ddeeren Fenſter ſich nach dem Garten öffneten, geführt. 4 8 Alles war in Ordnung, der Koffer des Freundes ſchon von der Eiſenbahn angelangt, der Diener ſeiner Befehle gewärtig. 5 „Eine volle Stunde iſt nun Dein“, ſagte Bruno, Abſchied nehmend,„dann erwarte ich Dich an meinem Junggeſellentiſcch. Die Speiſen beſcheren uus die Götter in Geſtalt der guten Frau Laufert, einer alten Dame, der Du ſchon jetzt durch ein ſtilles Stoßgebet Deinen ſterblichen Leib empfehlen magſt.“ Er warf noch einen Blick in ſeine eigenen Zimmer, ertheilte den Dienern einige Aufträge und ging dann langſam in den Garten hinab. Es war ihm eigen zu Muthe und ſein ſchönes, offenes Geſicht, das eben noch vom Widerſchein der Freude über das wohlgefällige Staunen und den Dank Benno's geleuchtet hatte, nahm immer mehr den Aus⸗ druck der Schwermuth an, je weiter er ſich unter den Bäumen in dem einſamen, weiten Garten verlor. An ſeiner Seele flohen die trüben Bilder, die ſchmerzlich erregten Stunden vorüber, die er zuletzt hier verbracht. Im October des vergangenen Jahres hatte ihn, der ahnungslos im Süden weilte— die Folgen einer Wunde aus der Königgrätzer Schlacht zu heilen— die telegraphiſche Depeſche von dem Tode ſeines Vaters zurückgerufen. Ein Herzſchlag hatte .——— ————— ——————— 12 plötzlich dem Leben des noch rüſtigen Mannes ein jähes Ende bereitet. Wie ſehr er auch eilte, Bruno fand ihn nur im Sarge wieder, kam nur, um ihn zur Erde zu beſtatten. Abſeits im Garten unter hohen Fichten ruhte er neben ſeiner Tochter, die ihm voran⸗ gegangen war und deren Tod ihm, wie die Diener meinten, den erſten Stoß in das ſonſt ſo harte, eiſerne Herz gegeben. „Jawohl, ein Herz von Eiſen“, dachte jetzt Bruno. Der Vater hatte ihn nie geliebt. All ſeine Ge⸗ danken hatte der mit jedem Jahre wachſende Fabrik⸗ betrieb eingenommen; die Ausdehnung des Handels, die Erfindungen der Induſtrie, die Anwendung der Wiſ⸗ ſenſchaft auf das Leben und den unmittelbaren Nutzen: das war der Kreis, in dem ſich ſein Geiſt bewegte. Er kannte, ſchätzte und verehrte nur das Wirkliche; er haßte nur eins: das Ueberſinnliche, Ideale. Von Jugend auf war Bruno ſein Widerſpiel. Schon der Knabe zeigte künſtleriſche Fähigkeiten; er zeichnete leicht und trefflich; mit einer Virtuoſität, die über ſein Alter ging, ſpielte er die Geige. Die Mutter, die wohl in der Ehe nicht die Ausfüllung ihrer tiefſten Empfindungen fand, verzärtelte ihn und behandelte, wie es dem Vater ſchien, die beiden andern Kinder mit geringerer Liebe. Solange noch Bruno's Bruder lebte, kamen die Gegenſätze nicht zum Ausbruch. „Mag doch Bruno ein Träumer und ein vor⸗ nehmer Nichtsthuer werden“¹, tröſtete ſich Martin Greif,„Friedrich wird dem Schmied von Stendal Ehre machen und wie ich die tauſendſte, ſo die zehn⸗ tauſendſte Locomotive bauen.“ Da ſtarb der hoffnungsvolle Knabe; mit ihm ſchied der Friede aus dem Hauſe, mit ihm entſchwanden auch die Ausſichten Bruno's, ſich der Kunſt widmen zu dürfen. Harte Zeiten, peinliche Vorfälle folgten; noch jetzt, im Gedanken daran, ſtrich ſich Bruno mit der Hand über die Stirn, als wolle er die böſen Erinnerungen von ſich jagen. Dem Willen des Vaters zu widerſtreben, gab es kein Mittel. Er mußte ſich dem Geſchäfte opfern, den Fabrikbetrieb erlernen, in einem franzöſiſchen, einem engliſchen Maſchinen⸗ werkhauſe als Freiwilliger dienen. Ja, wohl war es eine Märchenwelt, dieſe Welt der modernen Induſtrie und der Wunder der Mechanik, aber ihm war ſie eine ſchauerliche, öde, groteske Welt von lebendigen Maſchinen, von Automaten und Kobol⸗ den, von Menſchen ohne Seele und Gemüth, die nur ein Rad, ein Nagel, eine Kurbel von Fleiſch und Blut waren. In wilden und tollen Vergnügungen —— —— entſchädigte er ſich des Abends für den Zwang, unter dem er am Tage gelitten. Der Geiſt, der Rauſch, die Phantaſtik, welche der Champagner im Kreiſe guter Genoſſen und leichtlebiger Mädchen erzeugt, trat gleichſam als Gegenbild der geiſtloſen Arbeit zur Seite. Nicht lange währte es, ſo war dem Jüngling die Orgie ebenſo ſchal und unerquicklich geworden wie die ihm auferlegte Beſchäftigung. Raſtlos dreht ſich das Rad einer ungeheuern Maſchine herum, es weiß weder, zu welchem Zwecke, noch nach welchen Geſetzen, noch welche Macht es zuerſt in Bewegung geſetzt hat: ſo iſt dieſe Welt und in ihr das Menſchenleben. In dieſem Ueberdruß an Allem erſchien ihm der ausbrechende deutſche Bürgerkrieg wie eine Erlöſung. Der Ruf:„Zu den Waffen!“ war für ihn der Ruf der Freiheit aus leidiger Knechtſchaft. Er trat in das Regiment der Gardedragoner, in dem er ſein Jahr als Freiwilliger abgedient hatte, ein und machte den böhmiſchen Feldzug mit. Gemächlichen Schrittes, ſo grübelnd durch den Garten gehend, war er bis zu dem eiſernen Gitterthor gekommen, das inmitten der von allen Seiten den Park umſchließenden Ziegelmauer ſich nach der breiten, Charlottenburg der Länge nach durchſchneidenden Fahr⸗ ſtraße aufthat.— ———— ————— 15 Wagen, Reiter, Fußgänger tummelten ſich auf den Wegen. Eine Weile blieb Bruno hinker dem Gitter ſtehen, um in der Betrachtung des wechſelnden Schauſpiels ſeine Gedanken zu erheitern. Draußen, ſchlenderte ein Mann mit blondem Vollbart, den bwhe weißen Cylinderhut ein wenig verwegen auf den Kopf geſetzt, mit einem leichten Spazierſtock ſpielend, auf und ab; er mochte Jemand erwarten. Die große, ſtattliche Erſcheinung mußte auch Andern außer Bruno auffallen; in der Haltung wie in der Kleidung prägte ſich eine Miſchung von Vornehmheit und Verlumptheit aus. Während der ſchwarze Rock an den Nähten ſchon grau geworden und in der Farbe verſchoſſen war, ſchienen die perlgrauen Handſchuhe, die der Spaziergänger mit einer gewiſſen Gefallſucht zur Schau trug, eben erſt dem Verkaufsladen entnommen zu ſein. Fühlte er ſich nun von Bruno beobachtet, oder war es nur ein Zufall, er drehte ſich haſtig herum und ſtarrte ſeinerſeits durch das Gitter. In ſeinem bräun⸗ lichen Geſicht ſtand ein trotziger, herausfordernder Zug und ein herausforderndes Lächeln ſaß auf ſeinen Lip⸗ pen, daß Bruno ärgerlich zurücktrat und ſich ſeitwärts nach einem Baumgang entfernte. Es war ihm, als klänge ein unverſchämtes Gelächter hinter ihm her, als 16 würde ſein Name gerufen; allein er wendete ſich nicht zurück, ſondern ſchritt nur ſchneller unter den Platanen dahin. 8. . Ein unangenehmes Gefühl, beinahe wie ein kör⸗ berliches Mißbehagen war in ihm aufgeſtiegen. „Da ſoll man ſich keinen Vorurtheilen, keinem kindiſchen Aberglauben hingeben!“ Und kaum hatte er wieder dies Haus und dieſen Garten betreten, die ihm ſeit ſeiner Jugend unheim⸗ lich geweſen vielleicht gerade weil ſein Vater ſich darin wohl gefühlt— mit dem feſten Willen, ſeiner Abneigung und ſeines Schauers Herr zu werden, ſo begegnete ihm ein Geſicht, das ihn verſtimmte und ver⸗ droß. „Haſt du dieſe grauen ſtechenden Augen denn ſchon einmal geſehen?“ fragte er ſich.„Dies Geſicht mit den ſtarken Backenknochen, der Raubvogelnaſe, wie von rothbraun gegerbtem Leder?“ Er konnte ſich nicht entſinnen, aber es ſtand deutlich vor ihm, als wäre es eine Büſte von Erz, mitten unter den zwölf antiken marmornen Portrait⸗ büſten, die ſein Vater hier zwiſchen den Bäumen auf⸗ geſtellt hatte. „Du wirſt noch öfter mit ihm zuſammentreffen“, 17 glaubte er das Geflüſter der i innern Stimme zu hören, „nimm dich in Acht!“ Der Diener, der ſich ihm mit einigen Frugen hinſicht⸗ lich des Mahles nahte, rief ihn in die Gegenwart zurück. Als aufmerkſamer Wirth beſchloß Bruno, die kleine Tafel ſelbſt zu beſichtigen. Im Erdgeſchoß des Hauſes, in dem Saal mit dem verblaßten Deckenbild einer Aurora, mit der Ausſicht nach dem Garten, in den man durch die Glasthür, mehrere Stufen niederſteigend, trat, war der Tiſch gedeckt, ein⸗ fach und doch reich, der Gediegenheit und Fülle des Hauſes gemäß. Vor dieſer Thür hatte ſein Vater an Sommerabenden am liebſten geſeſſen, vor ſich ſeine wohl⸗ gepflegten Blumenbeete und zwei kreisrunde Raſen⸗ plätze, deren ſammtgrüner Teppich ſeinen Augen wohl⸗ that. Jetzt war die Stelle leer; der Korbſtuhl, das kleine Tiſchchen von Roſenholz fehlten an der gewohn⸗ ten Stelle. „Zünde die Lichter an“, gebot Bruno dem Diener. „Ehe Herr von Hellburg herunterkommt, iſt es dunkel geworden.“ Sonderbar, er konnte hier nicht heimiſch werden. In dem Hauſe neben der Fabrik vor dem Oranien⸗ burger Thore fühlte er ſich als Beſitzer, in dem Land⸗ hauſe des Vaters war er noch immer ein Fremder. Frenzel, Silvia. I. 2 18 Nach dem Tode der Mutter, bei dem Widerſpruch, der in der ganzen Lebensweiſe zwiſchen Vater und Sohn herrſchte, hatte eine faſt vollſtändige Trennung zwiſchen beiden ſtattgefunden. Der Vater zog ſich mit der nervenkranken Tochter ganz nach der Char⸗ lottenburger Beſitzung zurück und kam nur an jedem Tage für mehrere Stunden nach der Fabrik, um in ſeinem Bureau zu arbeiten. Die übrigen Gemächer des Wohnhauſes blieben zu Bruno's freier Verfügung. Er⸗ ſchien er in dem gelben Schlößchen, ſo wurde er von dem Vater wie von der Dienerſchaft als Gaſt empfangen und kühl geehrt. Seit der Beerdigung des Vaters hatte er das Haus bis zum heutigen Tage nicht wieder betreten. Aber ebenſo wenig hatte er an einen Verkauf der Beſitzung gedacht, ſo große Summen ihm auch da⸗ für geboten wurden. „Ich werde die Gräber meines Vaters und meiner Schweſter nicht Fremden überlaſſen“, ſagte er und meinte, wenn ihm die Andern die Koſten für die Er⸗ haltung des Hauſes vorhielten, daß er da wenigſtens für einen Theil ſeiner Renten eine beſtimmte und nütz⸗ liche Verwendung hätte. Schneller, als er es gehofft, hatte ſich ihm nun doch das gelbe Schlößchen als ein werthvoller Beſitz erwieſen. „ 19 Auf dem Schlachtfelde von Königgrätz war es, wo zwiſchen ihm und Benno von Hellburg Freund⸗ ſchaft geſchloſſen wurde. Bei dem Angriff ſeines Re⸗ giments auf ungariſche Huſaren, im Ausgang des Kampfes, hatte er einen Säbelhieb über die Stirn hin erhalten, war vom Pferde geſtürzt und lag verwundet im Getümmel derer, die flohen, in dem unaufhaltſamen Vorſturm der Sieger. Erſt in der Nacht— er war beſinnungslos und hatte längſt mit Tod und Leben abgeſchloſſen— fand ihn der Führer einer auf Vor⸗ poſten die Hügel von Chlum hinabgeſchickten Compag⸗ nie der Gardelandwehr. Seit dieſer Stunde nannte Bruno Benno ſeinen Lebensretter. Ein reger brieflicher Verkehr ſtärkte das Band, das ſich ſo geknüpft hatte. Die beiden jungen Männer — obgleich Benno mit ſeinen fünfunddreißig Jahren ſich gern zu den Alten zählte— erkannten ſich als ſo wohlverwandte Naturen, daß Neigung und Vertrauen ſie immer enger und inniger aneinander ſchloſſen. Bei einem Beſuch, den ihm Bruno im Frühjahre gemacht, hatte Benno verſprochen, eine Zeit lang des Freundes Gaſt in Berlin ſein zu wollen. Mit vieler Würde und nicht ohne einen Anflug poetiſcher Romantik hatte ſich Benno in ſein„Mittel⸗ alter“ und in manche Mißlichkeiten ſeiner Zwitterſtel⸗ 2* 20 lung gefunden. Halb war er ein Hofmann, halb ein Künſtler, eine problematiſche Natur, inſofern er ſich in keiner Lage ganz glücklich und ganz befriedigt und doch wieder durch Humor und Witz über Schwierig⸗ keiten und Verdrießlichkeiten hinweggehoben fühlte. Der arme Sohn eines altadeligen, ehemals reich begüterten Geſchlechts mit einer kleinen Rente, die ihm ein noth⸗ dürftiges Leben ſicherte, hatte er Vieles verſucht und Vieles beiſeite geworfen. Als feuriger Offizier und flotter Tänzer hatte er einige Jahre der Jugend ver⸗ bracht, ein paar andere im diplomatiſchen Dienſt ohne Nutzen, aber mit deſto größeren Koſten vergeudet, dann, wie er zu ſagen pflegte, verſtändig geworden und zur Weisheit Diocletian's bekehrt, der es vorzog, in Salona ſeinen Kohl zu bauen, ſtatt das römiſche Staatsſchiff zu lenken, hatte er einem alten Oheim die Verwaltung der Güter geführt... wiederum für Andere, denn die Güter waren ein Majorat, das nicht ihm, ſondern einer andern Linie zuſiel. Dieſe Abhängigkeit von Fremden, dieſe Arbeit, die nicht ihm zu gute kam, er⸗ müdeten ihn; er entſchoß ſich zu einem Sprung aus allen ſeinen bisherigen engen Verhältniſſen in die unbegrenzte Freiheit und Selbſtherrlichkeit der Kunſt. Mit raſtloſem Fleiß bildete er ſein maleriſches Talent aus. Er hatte ein feines und ſcharfes Auge für die Beobachtung, eine glückliche Hand für die Wiedergabe der landſchaftlichen Natur. Seine Bilder, ſo wenig ſie ihn ſelbſt zufrieden ſtellten, erhielten und verdienten Lob und Ruf. Das Unglück war wieder nur, daß er nicht ausſchließlich ein Landſchaftsmaler werden konnte; daneben blieb er der geiſtreiche, vielge⸗ wandte Edelmann, der an dem kleinen thüringiſchen Herzogshof ſowohl wegen ſeines Namens wie um ſeiner liebenswürdigen Perſönlichkeit, ſeiner Unterhaltungs⸗ gabe und der Fülle mannichfacher Kenntniſſe willen wohl gelitten war. Oft genug wollte er den Kammer⸗ herrnfrack ausziehen und dafür den Sammtrock des Malers„auf immer“ anlegen, aber dies„auf immer“ dauerte niemals länger als bis zum nächſten Hoffeſt, und mit dem Gedanken, daß auch in ſeiner Bruſt zwei Seelen wohnten, legte er ſeufzend Pinſel und Palette nieder, um ſich zu der Geſellſchaft vorzubereiten. Jedes Leben ſchließt ein geheimnißvolles Räthſel in ſich, das ſeine ging vermuthlich mit der ewigen und nie gelöſten Frage hin: wozu ihn eigentlich die Natur beſtimmt habe? An dieſem Abend indeſſen ſchwieg ſein Gewiſſen und forderte keine Rechenſchaft von ihm, ob er als Baron den Tag verloren oder ihn als Maler„ver⸗ ſchmiert“. Nach genoſſenem Mahl hatten die Freunde bei einer guten Cigarre und einer Flaſche Rheinwein, die ihresgleichen nicht ſo leicht fand, draußen im Garten vor dem Hauſe ſich niedergelaſſen. Gerade an der Stelle, wo ſonſt Brunv's Vater geſeſſen, hatte der Diener zufällig und ahnungslos dem jungen Herrn den Stuhl niedergeſetzt. Es war Bruno nicht ange⸗ nehm, aber nicht ohne Auffälligkeit hätte er es ändern können. Am dunklen Himmel ſtanden die Sterne fern und ſtill, eine gefällige Kühle ſtrich durch den Garten. „Die Zimmer gefallen Dir?“ ſagte Bruno. „Das verſöhnt mich faſt mit dem alten Hauſe. Mir wäre eine modern eingerichtete Villa lieber.“ „Du haſt keinen hiſtoriſchen Sinn; Garten und Haus ſind ein Kleinod in ihrer Art. Ich fange an zu glauben, daß Dein Vater einen feineren Geſchmack hatte als Du. Wahrſcheinlich ſtammt auch noch der Wein aus ſeinem Keller.“ „Richtig, aber die Cigarren ſind von mir. Mein Vater gehörte zur alten Schule und rauchte nie. ¹ „Ich thue es auch nur, um Dir Geſellſchaft zu leiſten. Du verwöhnſt mich; ein armer Maler— noch dazu ein armer Edelmann— ſollte nicht der Gaſt 2 eines reichen Handelsherrn ſein; er verdirbt ſich den Magen.“ „Heute noch nicht. Aber freilich denke ich daran, Dich in den Strudel des großſtädtiſchen Lebens zu ſtürzen, Dich und mich. Ich brauche einen Athemzug Freiheit aus der dumpfen Luft der Geſchäfte.“ „Du hüätteſt reiſen ſollen. Ich habe in ähnlicher Stimmung oft erfahren, welche Wandlung und, wenn Du willſt, auch welche Heilung des Gemüths die Ver⸗ änderung unſeres Aufenthalts und unſerer Gewohn⸗ heiten gewährt. In dieſem Sinne iſt die Eiſenbahn ein rieſiger Sorgenbrecher.“ „Da vergißt Du nur, daß neben der Bahn, die uns in die blaue Ferne entführt, der Drahtzug läuft, der, uns überholend, ſchon lange vor dem erſehnten Ziel uns Halt! oder gar ein Zurück! gebietet. Und mich hat dieſer Dämon nur zu unhold aus meinen ſchönſten Reiſeträumen geweckt. Es war meine erſte freie, ſentimentale Reiſe. Früher hatte man mich immer im Dienſte des Geſchäfts in die Welt geſchickt. Das Geſchäft, das war mein Fatum, dem ich noch überdies, was die Götter wenigſtens nicht brauchten, Rechenſchaft über mein Thun und Treiben geben mußte. Im vergangenen Herbſte aber hieß es: du biſt freil Eine ganze Reihe von Luftſchlöſſern lag vor 24 mir, eins herrlicher und luſtiger als das andere. Nizza, das blaue mittelländiſche Meer, Italien, wie eine orientaliſche Schöne ſich langſam entſchleiernd, Sicilien— und ſtatt der gehofften Seligkeiten ein paar elektriſche Funken, die ſchneller als jemals Merkur die Botſchaft trugen: Heimwärts! Herr Mar⸗ tin Greif iſt in der Nacht vom zwölften zum dreizehn⸗ ten October an einem Herzſchlag verſchieden.“ „Armer Freund! Aber Du regſt Dich unnöthig mit ſolchen Erinnerungen auf. Auch das iſt gut, man kann nur einmal den Vater und die Mutter ver⸗ lieren.“ „Ja, ja!“ entgegnete Bruno und ſah den zittern⸗ den Rauchwölkchen ſeiner Cigarre nach, die an der Glaskugel der Lampe vorüberſchwebten, ſich auseinan⸗ der dehnten und ſpurlos verwehten.„Es iſt vorbei; nur verlor ich mit dem Vater zugleich die Freiheit. Wie glücklich biſt Du— ein Künſtler, der überall leben kann, der keinen Herrn über ſich erkennt; ich bin der Sklave meines Geldes.“ „Wirf es zum Fenſter hinaus, wenn Du glaubſt, dann unabhängiger zu ſein. Verkaufe Deine Fabrik.“ Bruno ſchüttelte den Kopf. „Die Umſtände ſind nicht günſtig— und im 25 Ernſt, verkaufte ich heute, bereute ich es vielleicht morgen. Unpoetiſch ſcheltet Ihr die moderne Welt, ihre Einrichtungen, ihr Maſchinenthum— zugegeben, Keiner hat mehr unter ihrer Proſa gelitten als ich, aber geſteht auch ein, daß ſie bei alledem einen furcht⸗ baren Zauber ausübt. Wehe, wenn Du dieſem Rade zu nahe kommſt: es ergreift und zermalmt Dich. So bin ich gegen Willen und Neigung in das Getriebe der Induſtrie gerathen und kann nun nicht wieder heraus— wenigſtens nicht mit ungebrochenen Glie⸗ dern.“ „Ergib Dich drein! Einem Unſichtbaren dienen alle, der Ehre, der Kunſt, der Induſtrie— und wenn ſie uns das Leben reichlich und vergnüglich gönnen, wollen wir ſie in Demuth preiſen, Jeder ſeine Götter.“ Lachend ſtieß er mit ihm an. „Und wenn es Dir im Fabrikrauch und im Markt⸗ getümmel zu ſchwül wird, haſt Du hier ja ein Tus⸗ culum, wohin Du flüchten kannſt, ohne Sorge, ver⸗ folgt zu werden. Die Geiſter, die hier ſpuken, haben mit der Mechanik nichts zu thun.“ „Ganz ohne Mechanik, ganz ohne die geheimniß⸗ vollen Kräfte der Natur wird es hier bei den Geiſter⸗ beſchwörungen, um den blöden Sinn des Königs 26 vollends zu verwirren, auch nicht hergegangen ſein. Nur wiſſen wir den Dampf beſſer zu verwerthen als die Wöllner und Biſchofswerder. Für ſie war er ein myſtiſcher Nebel, für uns iſt er ein Pferd, eine Ge⸗ walt. Behaupten die Gelehrten nicht, alle Götter Griechenlands wären urſprünglich nichts als Natur⸗ gewalten geweſen? So kehrt Alles zu ſeinem Anfang zurück; jetzt iſt der Geiſt wieder Natur und die Gott⸗ heit der unendliche Stoff geworden.“ „Kreislauf des Daſeins, in dem es dann auch in der Ordnung wäre, daß dies Schloß einer könig⸗ lichen Geliebten voll Liebesabenteuer und Zaubereien ſich zur Wohnung eines Mannes— wie ſagteſt Du vorhin?— von Eiſen und in Eiſen umgewandelt hat. Aber wie kam Dein Vater in den Beſitz des Hauſes? Du kennſt meine Vorliebe für alte Häuſer und alte Scharteken.“ „Unüberwindliche Mächte— der rechte Ariſtokrat!“ ſcherzte Bruno.„Deine Neugierde iſt leicht zu be⸗ friedigen, nur hoffe auf keine romantiſche Ge⸗ ſchichte. Nach dem Tode Friedrich Wilhelm's II. mußte die Gräfin Lichtenau das gelbe Haus verlaſſen, der neue König wollte nicht die Verirrungen ſeines Vorgängers unmittelbar und leibhaftig vor Augen haben. Als Gnadengeſchenk ward es einem verdienten 4 8G 2. 1— 38. 1— 27¼ General oder Miniſter überlaſſen; von deſſen Sohn, einem Freiherrn von Schmettow, hat es mein Vater gekauft. „Schmettow? Kannteſt Du die Familie?“ „Was iſt Dir? Gibt es da etwas Beſonderes?“ „Nichts. Ein Fräulein Adele von Schmettow iſt die Hofdame unſerer Herzogin... ein Mädchen an die Dreißig...“ „Das ſtimmt. Ich war ein elfjähriger Knabe, als der Verkauf geſchah, und weiß nur, daß die Schmettows zwei Kinder hatten, einen Sohn und eine Tochter. Ein⸗ und ein andermal mag ich ſie damals geſehen haben, aber mir iſt die Erinnerung wieder verloren. Dem Sohne bin ich in London im Jahre 1860, es war im Mai, in wunderlichen und wüſten Zuſtänden begegnet; er hatte den Offiziersſtand quittiren müſſen und war im Begriff, nach Amerika zu gehen, um in dem drohenden Bürgerkriege dem Süden oder dem Norden— er war darüber noch nicht einig mit ſich— ſeinen unbeſiegten Degen anzubieten. Ein leidenſchaftlicher, gewiſſenloſer Charakter, dem ſelbſt eine dunkle That nicht außerhalb des Vollbringens lag, aber mit genialiſchen Einfällen und Blitzen. Doch kann ich Dir nicht ſagen, ob er ſeinen Entſchluß aus⸗ geführt hat, er iſt mir in London verſchollen. Uebri⸗ gens hatte es der ſeltſame Menſch mir angethan; wieder in Berlin angekommen, erkundigte ich mich nach ihm. Er hatte im erſten Garderegiment geſtanden; viel Erbauliches gab es nicht zu hören. Wiederholt hatten die Eltern für ihn eintreten müſſen. Auch den Verkauf des gelben Hauſes wollte das Gerücht auf die Schulden des wilden Ruprecht— ſo hieß er bei den Kameraden— zurückführen. Daß es dabei nicht ohne Seitenhiebe auf die ſchnöden Mammonsdiener abging, die ſich die Verlegenheiten eines alten ehr⸗ würdigen Geſchlechts zu Nutze zu machen wiſſen, begreift ſich; mein Vater zuckte die Schultern darüber. Das Gold flieht den, der es nicht ehrt. Das iſt meine Kunde von den Schmettows, und die Hofdame...“ „Hat unter dieſen Bäumen geſpielt. Drollig, ich verſichere Dir daß dies Blümchen Tugend; und Got⸗ tesfurcht unter dem Dach der Lichtenau aufgeblüht iſt! Wenn man den Verwicklungen des Zufalls nach⸗ geht, wird man immer feſter in der Ueberzeugung, daß Welt und Leben nichts mehr ſind als eine Komödie. Wüßte man nur, wer ſie erfunden hat und für wen ſie geſpielt wird!“ Bruno neckte: „Spielſt Du vielleicht die alte und ewig junge Komödie mit— der Hofdame? Es iſt ja auch bei 29 Euch elaſſiſcher Boden, Taſſo und die beiden Leo⸗ noren..“ „Ich ende als Hageſtolz, der letzte Hellburg. In mir iſt eine Ader vom Toggenburger, leider noch ohne das theure Bild...“. „Die Nonne? Die könnteſt Du in der Nähe fin⸗ den. Und das mag Dir zugleich beweiſen, daß dieſer Ort von jeher an Widerſprüchen reich und fruchtbar geweſen iſt. Deine gottesfürchtige Adele iſt als Kind von hier geſchieden und hat in ihrer Unſchuld kein Verſtändniß für die frühere Geſchichte des gelben Hauſes gehabt. Ganz anders meine Gotteslilie...“ „Laß mich nicht zu lange ſchmachten! Die Dame in Grau, die uns unter den Bäumen begegnete und die Du für ihre Schönheit ein wenig vornehm und kalt grüßteſt...“ „Wir haben keinen Grund, uns zu lieben“, unter⸗ brach ihn Bruno mit gerunzelter Stirn. Er war über ſich ſelbſt unwillig, daß er leicht⸗ ſinnig das Geſpräch auf jene Frau gelenkt hatte. „Aber Du haſt es errathen, ich meinte ſie.“ Eine Pauſe trat ein; in ſeiner feinen, zurück⸗ haltenden Weiſe enthielt ſich Benno jeder weiteren Frage und wollte eben, um aus der peinlichen Lage zu entkommen, eine nichtsſagende Anekdote beginnen, . 30 als Bruno, der ſich wieder geſammelt hatte, aus⸗ rief: „Jeder Tag hat von Anfang her ſein Zeichen; an dem heutigen ſollen wir in der Vergangenheit wühlen. Da Du einmal in dieſem Hauſe wohnſt, iſt es billig, daß ich Dich mit allen ſeinen Geheim⸗ niſſen bekannt mache.“ „Spukt's irgendwo? Oder iſt die Frau mit dem Goldhaar ein Vampyr?“ „Nein, ſie war die engliſche Gouvernante meiner Schweſter, und nicht einmal ihr Name iſt poetiſch; ſie heißt Ellen Wood.“ „Das iſt freilich nicht ſehr verführeriſch; aber ſie ſchien mir doch jung und ſchön zu ſein und trug keine blaue Brille.“ „Richtig. Sie ſagt, ſie ſei ſechsundzwanzig Jahre, und ich glaube ihr. Schön... darüber ließe ſich ſtreiten, es iſt nicht mein Geſchmack; eine ſchlanke und edle Geſtalt, mit blaſſem Geſicht, ohne Fülle. Freilich, jener Zug, den die ſpaniſchen Maler ihren verzückten Heiligen gegeben haben, ſteht auch in ihrem Antlitz, und es gibt Männer, die dieſem Zauber erliegen.“ „Du hältſt nichts von Heiligenſcheinen?“ „O!“ machte Bruno verächtlich.„In unſern KTagen! In jedem ſogenannten Frommen ſteckt entweder 31 ein Thor oder ein Tartuffe. Sage mir nicht, ich übertreibe. Kann ſein, es iſt nun einmal meine Ueber⸗ zeugung. Ich erhebe mich gar nicht zu der kalten Höhe des Atheismus, ich glaube an ein Licht hinter allen Dunkelheiten, die uns umſchatten, an ein Ewiges hinter dem Wechſel der Erſcheinungen. Zu nennen und zu begreifen vermag ich es nicht und beſcheide mich. In ſolcher Nacht, wie dieſer, wo in den Ab⸗ gründen des Raums die Sterne ſo ſtill, ſo ver⸗ heißungsvoll auftauchen und mein Herz mit wunder⸗ barer Ruhe ſegnen, wie gern gebe ich mich da der Hoffnung hin, daß in mir etwas lebt und waltet, das ſich freudig aus den Banden des Leibes empor⸗ ſchwingen und von Geſtirn zu Geſtirn ſchweben wird! Darüber aber hinaus bleib' mir mit jedem Glauben und jedem Bekenntniß fern. Was der Einzelne verehrt und glaubt, es iſt ihm ja unbenommen. Nur wollen die Prieſter und die Heiligen ſich damit nicht begnügen, ſon⸗ dern die Andern beſſern und bekehren. Das erregt mir die Galle, und ſo möchte ich auch unſerer Heiligen— wie ſagſt Du? Mit dem Goldhaar? Es hat mehr von dem Glanz des Kupfers— nur das Eine zurufen: Lady Tartuffe!“ „Hui, das ſtürmt! Biſt Du ſo hart mit ihr zu⸗ ſammengerathen?“ 32 „Es wäre wohl zum Zuſammenſtoß gekommen, wenn nicht... doch ich erzähle der Ordnung nach. Zur Führung des Haushalts, zur Pflege meiner immer kränklichen Schweſter Emma hatte der Vater nach dem Tode meiner Mutter eine Verwandte zu ſich genommen, ein vortreffliches, heiteres, lebensluſtiges Geſchöpf, über die Jugendthorheiten hinaus, mit klarem Ver⸗ ſtande und einem ruhigen Willen. Ein wahrer Schatz, der nicht genug gehütet und bewahrt werden konnte. Ihre Fröhlichkeit hielt der mürriſchen Grämlichkeit des Vaters, ſeiner Menſchenfeindlichkeit und dem Trübſinn Emmas das erwünſchte Gegengewicht. Hätte ſie länger in dieſem Hauſe verweilt, ſo würde es ihr wahrſchein⸗ lich auch gelungen ſein, zwiſchen mir und dem Vater ein beſſeres Verhältniß herzuſtellen. Indeß es dul⸗ dete ſie nicht in dieſen Räumen. Hier wohnte die Schwermuth, die Bitterkeit, ein finſterer Geiſt; ſie war klug genug, ſich nicht mit ihm in einen ausſichtsloſen Kampf einzulaſſen, und als ihr ein wackerer Mann ſeine Hand anbot, ſchlug ſie ein. An ihre Stelle iſt Miß Ellen Wood getreten. Von einem engliſchen Ge⸗ ſchäftsfreunde wurde ſie dem Vater empfohlen. Gleich bei der erſten Begegnung machte ſie den günſtigſten Eindruck auf ihn und auf Emma. Ich will gerecht ſein: für die arme Schweſter war ſie ein unerſchöpf⸗ ——— —, licher Troſt. Mit bewundernswerther Geduld ertrug ſie die Launen der Kranken; ſie ſaß die Nächte hin⸗ durch an ihrem Bett, an beſſeren Tagen wich ſie nicht von ihrem Rollſtuhl. Ihr, ſelbſt eine überſpannte Natur, wurde es nicht ſchwer, auf die Schwärmereien Emma's einzugehen. Die eine war durch ihre Leiden, die andere durch die Richtung ihres Geiſtes der Wirk⸗ lichkeit entfremdet; ſie erfanden ſich phantaſtiſche Wel⸗ ten, die ſie mit Engeln und Dämonen bevölkerten. Nur vergaß Miß Ellen über dem himmliſchen Jeruſalem nicht das irdiſche Wirrſal. Als ich zum erſten Male mit ihr zuſammentraf, war ihre Macht im Hauſe ſchon feſt begründet. Mir fiel es nicht ein, auch nur mit einer verdrießlichen Miene dagegen zu proteſtiren. In einer Unterredung, die ſie ſehr liſtig herbeizuführen wußte, ließ ich ihr deutlich merken, daß ihre Heilig⸗ keit und Tugend auf mich niemals eine Wirkung aus⸗ üben würden, daß ich aber auch nicht das Geringſte gegen ihr Bleiben und Walten in meines Vaters Hauſe hätte; ſie ſollte mich zur Hölle, ich wollte ſie zum Himmel gehen laſſen.“ „Erlaube, das war ungeſchickt. Dein Widerſtand reizte ſie ohne Zweifel noch mehr, einen ſo ſchönen und reichen Sünder zu bekehren. Du biſt ſchon allen Mädchen gefährlich, ihr alſo warſt Du es dophelt 4 Frenzel, Silvia. I. 34 Bruno hatte ſich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt und ſaß im Schatten; nur über ſeine Stirn, auf der eine widerſpenſtige Locke ſeines braunen Haares lag, glitt der Lichtſchimmer der Lampe dahin. So bemerkte der Freund das Zucken nicht, das um Brunv's Mund ſpielte. „Nein, Benno“, ſagte er nach einer Weile,„Du irrſt, auf mich hatte es die Heilige nicht abgeſehen.“ „Alſo nur auf die Seele Deiner Schweſter?“ „Und auf meinen Vater. Wenigſtens war dies die Meinung der Diener, der Bekannten des Hauſes. Aufgepaßt, ſagten mir die Alten wie die Jungen, aufgepaßt, Greif! Ihr Vater iſt im Begriff, einen dummen Streich zu machen; wäre ſchade um das ſchöne Vermögen! In der Lüäſſigkeit meines Weſens achtete ich nicht darauf. Sollte ich zu den vielen Streitpunkten zwiſchen mir und dem Vater noch einen neuen fügen? Er hatte mir niemals meine Liebſchaf⸗ ten vorgehalten, was kümmerte es mich, wenn er zum zweiten Male heirathete? „Heirathen? Meine Reverenz der jungen Hexe! Einen alten klugen Herrn ſo weit zu bringen, zeugt von Geiſt und Geſchick.“ „Und welchen Mann! Eine kalte, ſtrenge Ver⸗ ſtandesnatur, ohne eine ſtärkere ſinnliche Regung, bei dem nicht einmal ihre Gottſeligkeit verfing. Mein Vater bildete ſich ein, ein großer atheiſtiſcher Philo⸗ ſoph zu ſein. In Schopenhauer fand er, wie er mir oft ſagte, alle ſeine Gedanken wieder, nur habe der Mann noch zu viel myſtiſche Anwandlungen. Du ſiehſt, daß es der Heiligen nicht leicht geworden ſein kann, einen ſolchen Gegner zu beſiegen.“ „Aber die Wandlungen dieſes Kampfes...“ „Du fragſt zu viel. Ich kam nur ſelten in dies Haus, das Geſchwätz der guten Freunde wies ich ab. Einmal, kurz vor ihrem Tode, fragte mich meine Schweſter:„Wenn der Vater Ellen heirathete, was ſagteſt Du?“„Nichts“, antwortete ich;„ich würde Miß Wood die Ehrerbietung erweiſen, welche die Frau meines Vaters von mir fordern kann.“ Die Schweſter ſah mich mit einem verklärten Blicke an und drückte mir die Hand; ſie wünſchte ohne Zweifel dieſe Ver⸗ bindung. Allein der Tod war ſchneller als der Ent⸗ ſchluß meines Vaters. Emma ſtarb, Miß Wood blieb im Hauſe. Schob der Vater nur aus Rückſicht auf den Unglücksfall, der ihn tief erſchütterte, ſeine Ver⸗ bindung auf, oder traten andere Hinderniſſe zwiſchen ihn und die Engländerin? Meinem Grundſatz getreu, blieb ich allen Ränken, jeder Einmiſchung fern. Ich begrüßte den Krieg, der mich aus dieſen bänglichen 3* Verhältniſſen entführte. Verwundet kehrte ich heim und habe in Ellen die rückſichtsvollſte, beſte Pflegerin gefunden; weder eine Gattin noch eine Schweſter hätte mehr für mich thun können. Meinem Vater be⸗ gegnete ſie mit einer faſt kindlichen Ehrfurcht, zu der ſein Betragen in einem wunderlichen Gegenſatz ſtand; es war etwas wie ſcheue Zurückhaltung, die er ihr gegenüber zeigte. Was er plante, was ihre letzte Ab⸗ ſicht war: ſein Tod machte dem Allem ein plötzliches Ende. Merkwürdig iſt, daß er, wie jäh auch der Schlag ihn traf, eine Todesahnung gehabt haben muß. Zehn Tage vor ſeinem Tode hat er ein langes Teſta⸗ ment aufſetzen laſſen, vollkommen, wie die Formel lautet, ſeines Geiſtes und ſeines Körpers Herr; jede einzelne Beſtimmung beweiſt es.“ „Und Miß Wood wurde reich darin bedacht?“ „Nicht übermäßig, wenn man erwägt, wie werth ſie meiner Schweſter geweſen. Außer einem Legat hat er ihr ein kleines Haus mit einem großen Garten in unſerer unmittelbaren Nähe vermacht, in Lützow, dort, wo wir ſie bei unſerer Herfahrt ſahen. Sie iſt Deine Nachbarin und Ihr werdet Euch oft genug auf einſa⸗ men Spaziergängen berühren. Wie alle Engländerin⸗ nen leidet ſie an der Sucht, zu zeichnen und zu aqua⸗ relliren. Alſo auch in dieſem Falle Deine Nebenbuhlerin. † Das iſt die Geſchichte von Ellen Wood und dem gelben Hauſe. Wenn Du kannſt, mache Dir einen Vers daraus.“ „Ich werde mich hüten, aber die Heilige zu beobachten, verſpreche ich Dir. Dahinter ſteckt ein pſychologiſches Problem, das mich reizt. Zu Gulliver's Yahos im Lande der edlen Roſſe gehört ſie unter keinen Umſtänden.“ „Im Gegentheil, ſie iſt eine Zahl, keine Null unter den Frauenzimmern. In meinen Reſpekt vor ihrem Geiſt miſcht ſich ein wenig Furcht; es iſt etwas Geräuſchloſes und Heimliches in ihr, das meiner Natur widerſpricht und ihr unbehaglich fällt. Eine gefährliche Verſuchung ſchleicht ſo an Dich heran, langſam und ſtill; zuerſt wendeſt Du die Augen ab, dann blickſt Du flüchtig hin, darauf immer ſchärfer und aufmerkſamer, zuletzt biſt Du im Bann.“ „Und auf welchem dieſer Standpunkte biſt Du jetzt? „Zu meinem Glücke noch auf dem erſten. Seit dem Begräbniß meines Vaters habe ich Ellen heute zum erſten Male wiedergeſehen.“ „Und was treibt ſie in ihrer Einſamkeit?“ „Gute Werke, vermuthe ich. Was thun Frauen, ———— die aus der Frömmigkeit eine Art Handwerk machen? Sie unterſtützen die Armen und pflegen die Kranken, um Proſelyten zu gewinnen. Ganz ohne Sinnlichkeit, ohne Abenteuer— und wäre es auch nur ein gottſe⸗ liges mit dem Pfarrer oder mit einem Candidaten des Predigtamts— wird auch ſolch ein Frauenleben nicht verlaufen. Schwäche, dein Name iſt Weib. Und wäre es denn ein Unrecht, der Natur zu folgen? Heilige oder Sünder, wir ſind allzumal Gottes Kinder. Wer will entſcheiden, welche von dieſen Bezeichnungen am beſten für uns Sterbliche paßt?“ „Da bin ich ja in eine rechte Burg der Abenteuer gerathen“, ſcherzte Benno,„von der ich mir in der Nähe der nüchternſten und verſtändigſten aller Hauptſtädte nichts hätte träumen laſſen.“ „Und noch dazu in ein Haus ohne Wappenſchilder und Ahnenbilder“, neckte der Freund.„Wenn es hier unterirdiſche Gewölbe und verborgene Thüren gab, ſo ſind ſie längſt vermauert, kein romantiſches Geſpenſt kann Dich erſchrecken.“ Indeſſen war die Nacht vorgeſchritten, das Dunkel unter den Laubgängen noch dunkler und die Stille am Himmel und auf Erden noch ſtiller geworden. In empfindlicherer Weiſe machte ſich die herbſtliche B 3. Kühle geltend, lautlos glitten einzelne Blätter auf den Boden nieder. Die Freunde waren aufgeſtanden und in den Saal zurückgegangen. Indem Bruno die ſchwere Glasthür ſchließen wollte, öffnete von dem Nebenzimmer her ein Diener eine Seitenthür. Ein ſtarker Zugwind erhob ſich und warf die Glasthür klirrend ins Schloß. Auf dem Tiſche zitterten die Flaſchen und Gläſer und das Geräuſch eines fallenden Gegenſtandes, durch die Decke, die über den Fußboden ausgebreitet lag, gemildert, wurde vernehmlich. „Was fiel da, Anton?“ fragte Bruno. Der Diener hatte ſich ſchon nach der Seite, von der das Geräuſch gekommen, umgewendet und hob jetzt ein Bild vom Boden auf, deſſen Haken entweder durch die Erſchütterung oder aus irgend einer andern Urſache nachgegeben hatte. Er überreichte es ſeinem jungen Herrn; es war ein Oelbild, eine Dame in der Tracht des ſiebzehnten Jahrhunderts, auf einem Seſſel ſitzend, in der Weiſe, die Netſcher und Terburg liebten, darſtellend. „Das ſchlägt in Dein Fach.“ Bruno gab es nach einem flüchtigen Blick dem Freunde. Mit dem Auge und der Neugier eines Malers 40 betrachtete Benno das Gemälde, prüfte es ſorgfältig bei dem Licht der beiden großen Lampen und rief endlich aus: „Haſt Du mehr ſolcher Schätze? Ein anmuthiges, zierliches Bild; die ganze Kleinkunſt der Niederländer ſpiegelt ſich darin. Die Zeit mag ihm arg mitgeſpielt haben, aber wie vortrefflich iſt es in ſeinem urſprüng⸗ lichen Glanze wiederhergeſtellt!“ „Es hängen noch mehr holländiſche Schildereien an der Wand dort und haben immer dort gehangen. Ich glaube, mein Vater hat ſie mit dem Hauſe von den Schmettows oder ſonſtwo erſtanden. Du ſtarrſt noch immer wie ein Verzückter darauf. Laß doch einmal ſehen; eine Turandot im Coſtüm der Montes⸗ pan?“ „Mich kümmert nur die Kunſt, nicht der Gegen⸗ ſtand.“ Ueber ſeine Schulter blickte Bruno neugierig auf das Bild.— An einem Tiſch, den eine röthliche und golden gemuſterte Decke verhüllte, ſaß eine Dame in einem blauen, mit goldenen Blumen durchwirkten Brocatge⸗ wande; eine Laute, auf der ſie eben geſpielt haben mochte, lag auf dem Taburet, auf dem die Spitze ihres Fußes ruhte. 3 9 41 „Eigen“, ſagte Bruno kopfſchüttelnd,„eigen iſt es doch! Wer weiß⸗ewie oft ich vor jener Wand ge⸗ ſtanden und die Bilder daran betrachtet habe! In den verſchiedenſten Stimmungen— und nie iſt mir dieſes Bild aufgefallen, das mich jetzt ſogleich feſſelt und anzieht. Es ſieht wie ein Portrait aus, oder täuſcht mich der Schein einer entfernten Aehnlichkeit?“ „Du findeſt eine Aehnlichkeit?“ fragte Benno zurück.„Ich auch. Wäre das Bild nicht echt, würde ich ſagen, Deine Lady Tartuffe hätte im Coſtüm des ſiebzehnten Jahrhunderts dem Maler geſeſſen.“ „Miß Wood— nun ja, aber vielleicht ſpielt uns die Phantaſie einen Streich; wir haben ſo lange von ihr geredet, daß wir in jeder Frau mit blaſſen Wangen, einem verzückten Augenaufſchlag, einem läng⸗ lichen Geſicht und röthlichblondem Haar ſie wieder⸗ finden. Mich reizt es mehr, zu wiſſen, wie und wann dies Bild an jene Wand gekommen. Irre ich nicht, ſo hatte mein Vater ſelbſt ein Verzeichniß ſeiner Kunſtſchätze angefertigt, nämlich wie theuer er ſie be⸗ zahlt und von wem er ſie erſtanden. Jeder hat ſeine Weiſe, die Kunſt aufzufaſſen. Möglich, daß ich aus dieſem Katalog eine Kunde über die Dame im blauen Kleide erlange.“ Benno hatte das Bild auf den Tiſch niedergelegt. —— 42 „Es fällt mir ſchwer, mich davon zu trennen.“ „Morgen früh ſoll es der Diener in Dein Zimmer hinaufbringen“, ſpottete Bruno.„Heute, Jüngling, lerne entbehren. Es möchte Dir die erſte Nachtruhe unter meinem Dache ſtören.“ „Mir ſingen die Sirenen keine Lieder mehr, guter Freund, weder die lebendigen noch die gemalten. Dazu iſt mein Scheitel zu kahl und meine Börſe zu leer. Für mich gibt es nur noch platoniſche Neigungen, Seelenfreundſchaften.“ „Mit Ellen? Oder Adelen? Ich fürchte, die erſte hat es Dir angethan.“ Und er warf ein Tnch über das Gemälde.„Das verſchleierte Bild von Sais, rühr's nicht an— und nun zu Bett! Gute Nacht und einen traumloſen Schlaf!“ 3 Die Hände ſich ſchüttelnd, ſchieden ſie auf der Schwelle des Saales. Von dem Diener, der voranleuchtete, begleitet, ſtieg Benno die Treppe hinauf; Bruno's Zimmer, noch von ſeiner Knabenzeit her, lagen im Erdgeſchoß nach der Flußſeite. Wohl hätte er durch den Corridor zu ihnen gelangen können, er zog es aber vor, den Umweg durch den Saal und eine Reihe öder Gemächer zu machen. An dem Tiſch vorübergehend, riß er das 43 Tuch von dem Bilde und betrachtete es mit dem Ausdruck der Furcht und des Haſſes. Hätte nur ſein Blick die Kraft gehabt, es zu vernichten! Nach einer Weile ergriff er es, verbarg es unter ſeinem Rock und entfernte ſich eilenden Schrittes. Zweites Kapitel. Am nächſten Morgen, nach gemeinſchaftlichem Frühſtück, hatten ſich die Freunde getrennt; Benny war in ſein Zimmer gegangen und fing an, ſeinen Koffer langſam auszupacken, ſein Malergeräth zu ord⸗ nen und ſich häuslich einzurichten. Unten erwartete Bruno das Vorfahren des Wagens, um ſich nach der Stadt zu begeben, als der Diener ihm eine Viſiten⸗ karte überreichte mit der Meldung, der Herr habe ſich durchaus nicht abweiſen laſſen wollen und ſei immer dringender und lauter geworden. Ehe Bruno ſeine Weigerung, hier und in dieſem Augenblick Jemand anzunehmen, wiederholen konnte, ließ ſich in dem kleinen Vorgemach das unangenehme Geräuſch knarrender Stiefel hören. Gegen einen ſol⸗ chen kecken Eindringling vermochte der Diener nichts, der Herr mußte ſelbſt für ſein Hausrecht eintreten. 45 Die Viſitenkarte des Fremden, die er noch nicht angeſehen, in der Hand, öffnete er die Thür. „Mein Herr... Aber er kam nicht weiter. Vor ihm ſtand der Mann mit dem weißen Hut und den grauen Hand⸗ ſchuhen von geſtern, die heute freilich ſchon an den Nähten Riſſe zeigten. „Wollen mich abweiſen, Herr Greif“, ſtieß er unter kurzem, heiſerem Lachen heraus,„ſind ein viel⸗ beſchäftigter Mann, lieben keine Störungen in Ihrer Sommerfriſche— kenne das, iſt ein Vorrecht der Reichen. Aber mit einem alten Freunde“— und nun lachte er noch einmal ſo hell auf—„macht man eine Ausnahme. Weckt Ihnen mein Geſicht gar keine Erin⸗ nerung? Calculire, aus London? Hat ſich der tolle Schmettow drüben über'm Waſſer ſo verändert...“ Bruno hatte die Karte zur Erde fallen laſſen. „Herr von Schmettow!“ Sollte er den Sohn aus dem ehemaligen Hauſe ſeines Vaters fortweiſen? Er gab dem Diener einen Wink, ſich zu entfernen, und lud mit einer kurzen Handbewegung den Mann mit dem weißen Hut, den jener unruhig hin und her drehte, ein, in das Zimmer zu treten. Was hätte es ihm geholfen, den unheimlichen Geſellen fortzuſchicken? Er wäre morgen wiederge⸗ kommen. Irgend einmal mußte doch Abrechnung mit ihm gehalten werden. Mit raſchem Blick überſah Bruno die Lage; vergebens ſuchte der Abenteurer eine tadelloſe vornehme Haltung zu behaupten, unter dem Firniß des Cavaliers, der jenſeits des Oceans bedenk⸗ lich gelitten, brach der Proletarier durch. Keinen an⸗ dern Zweck hatte dieſer Beſuch als einen Angriff auf Bruno's Börſe, und gern hätte der reiche junge Mann, dem nichts peinlicher war als der Anblick der Häß⸗ lichkeit und des Elends, eine größere Summe gezahlt, wenn er ſich damit von der Gegenwart und den Ge⸗ ſchichten des wilden Ruprecht hätte loskaufen können. „Ich freue mich, Sie wiederzuſehen, Herr von Schmettow“, ſagte er mit kühler Ironie.„Aber die Stunde iſt in der That nicht gut gewählt, denn ich muß zur Stadt.“ „Können mich in Ihrem Wagen mitnehmen.“ Eben fuhr der Wagen die Rampe hinan. „Prächtige Thiere, echte Millionärroſſe. Es plau⸗ dert ſich im Wagen noch bequemer als in der engen Stube.“ „Bitte“, unterbrach ihn Bruno.„Ich vermuthe doch, daß ſich unſer Geſchäft beſſer innerhalb dieſer vier Wände abmachen läßt.“ 47 Schmettow hatte ſich in einen mit grünem Leder überzogenen Seſſel geworfen, die Beine lang ausge⸗ ſtreckt übereinander geſchlagen und ſah ſich verwundert um. In der einfachen Ausſtattung des Zimmers— dunkle Eichenmöbel mit geringem Schnitzwerk, die Wände mit grünen Tapeten, mit kleinen goldenen Sternen in dem Muſter, bezogen, der ſchlichte rothe Teppich mit ſchwarzen Arabesken auf dem Fußboden, die weißen Tüllvorhänge an den Fenſtern— ſchien etwas zu liegen, was ihm auffiel und ihm ein„Hm!“ entlockte. „Iſt ein Fact!“ fing er an.„Wohnen ſehr be⸗ ſcheiden für Ihre Verhältniſſe, werther Freund. Er⸗ kenne mich übrigens ganz und gar hier wieder. Wohnte hier als Junge und machte meinem Lehrer viel Sorge. Hätten übrigens die Baracke ausbauen ſollen, dummer Stil das— nicht modern, nicht großartig.“ „Ich bin nicht reich genug, Herr von Schmet⸗ tow.“ Bruno trommelte ungeduldig an den Scheiben. „O, verſtehe! Sie ſind ein guter Name auf der Newyorker Börſe, ein ſehr guter Name. Der Vater geſtorben, der unabhängige Beſitzer... müſſen ſpecu⸗ liren, Herr Greif. Ihr Vater hatte kein transſcenden⸗ tales Genie, war noch ein Fabrikant aus der früheren Zeit, ein deutſcher Kleinkrämer... muß Alles ins Großartige getrieben werden.“ „Wie Sie es treiben, Herr von Schmettow? Mit wie Vielem kann ich dienen?“ Bruno hatte das Geſchwätz ſatt und wollte ein Ende machen. Zu ſeinem Erſtaunen lehnte Ruprecht mit leichtem Kopfſchütteln ab und kniff die Augen zu, als wolle er ſich durch keinen Eindruck von außen— nicht einmal durch eine vorgehaltene Geldrolle— von ſeinen Ge⸗ danken abbringen laſſen. „Ueber die Kleinigkeit nachher. Geben Sie mir eine Cigarre, Verehrteſter!“ Bruno ſchob ihm die Taſche hin. „Bedienen Sie ſich.“ „Komme mit großen Projecten, weltumgeſtalten⸗ den, von drüben“— Schmettow zündete ſich in der Pauſe ſeiner Rede die Cigarre an—„als Agent einer bedeu⸗ tenden Geſellſchaft.“ „Für Auswanderung nach einem weſtlichen Terri⸗ torium?“ „Bewahre! Suche europäiſche Kapitaliſten. Eiſenbahnbauten, Städtegründungen...“ „Da wollen wir's bei den Plänen laſſen, Herr von Schmettow. Calculire, daß Ihre Städte in der Phantaſie wie das himmliſche Jeruſalem ausſehen, in der Wirklichkeit aber...“ „Wenn Sie in der Salzſeeſtadt der Mormonen geweſen wären, würden Sie anders von dergleichen Dingen ſprechen. Ohne Ironie. Iſt hier kein Au- 1 ſchwung, keine Erleuchtung, weder durch Gott noch den Teufel. Europa verkommt. „Ich glaube aber doch, Herr von Schmettow, daß Europa in meiner Wenigkeit im Stande iſt, Ihnen, wenn auch nur für einige Tage, aufzuhelfen. Cavaliere reden ungern von Geldangelegenheiten, mir, dem ge⸗ borenen Plebejer, vergeben Sie es. Alſo, unter Freun⸗ den, ohne Umſtände...“ 5 „Müßten an meiner Freundſchaft zweifeln, wenn ich Ihr liebenswürdiges Anerbieten ablehnte.“. Wider Willen mußte Schmettow ſeine Augen offen 4 4 behalten, die jetzt wie die eines Raubthiers beim An⸗ blick der Beute funkelten, und ſeine Hand ſtreckte ſich unwillkürlich aus. „Hundert Thaler.“. Schweigend griff Bruno nach ſeiner Brieftaſche, die noch mit ſeinen Handſchuhen auf dem Tiſche lag. Dabei ſtieß er an das Bild der Dame im blauen Kleide, das er geſtern nachts aus dem Saale herüber⸗ getragen, und ſchob es zur Seite. Die Blicke Nuprechis Frenzel, Silvia. I. 50 fielen darauf. Mit einem Sprung war er auf beiden Füßen, als müſſe er ſich gegen einen Feind zur Wehre ſetzen, und brach in ſein häßliches Gelächter aus, wäh⸗ rend Bruno das Geld aus der Taſche genommen und es ihm hinhielt... „Dank Ihnen, Herr Greif, wir rechnen noch ein⸗ mal gründlich ab. Gehöre zu denen, die immer ehr⸗ lich ihre Schulden bezahlen“, brachte er keuchend, in Abſätzen hervor und ſteckte die Scheine ein.„Ihr Bild, he?“ Mit gekrümmtem Zeigefinger wies er auf das Gemälde. Erſt jetzt bemerkte Bruno die Veränderung, die in dem Geſicht ſeines Beſuchers ſich vollzogen: die ſtarren Augen, die ſchreckensfahle Farbe, den verzerr⸗ ten Mund. „Kennen Sie das Bild? Mein Vater muß es auf irgend einer Auction erſtanden haben.“ „Ihr Vater? Haha, Eigenthum des Hauſes Greif! Gratulire dazu!“ In ſeine Angſt ſchien ſich ein gewiſſes Triumph⸗ gefühl voll Spott und Bosheit gemiſcht zu haben, deſſen Urſache Bruno nicht zu enträthſeln vermochte. Dies ſeltſame Weſen hielt ihn trotz ſeiner Ungeduld feſt. 51 „Was hat es mit dem Gemälde für eine Bewandt⸗ niß?“ fragte er.„Sie ſcheinen eine nähere Wiſſenſchaft davon zu haben.“ „Wie man es nimmt. Es ſoll eine Dame aus dem Hauſe derer von Schmettow darſtellen... eine reiche Holländerin, die ein Heinrich von Schmettow, als er im Auftrag des großen Kurfürſten am ora⸗ niſchen Hofe verweilte, geheirathet hat... Mißheirath, denn ſie war eine Bürgerliche. Alberne Vorurtheile, wir beide lachen darüber. Aber damals wurde die Etikette in unſerer Familie ſtrenger beobachtet. In gerader Linie ſtamme ich von dieſer Dame ab.“ „Eine Urgroßmutter alſo! Dafür ſieht ſie wun⸗ derbar hübſch aus“, lachte Bruno, für den das Bild mit dieſer Erklärung ſeine Unheimlichkeit verlor. „Benno ſoll es haben“, dachte er bei ſich,„er kann es als Reiſegeſchenk der Hofdame mit heim⸗ bringen, von der er geſtern geſprochen.“ „Teufels Großmutter meinetwegen!“ brauſte der andere auf.„War nicht ſo gutmüthig und ſanft, wie ſie ſich hier darſtellt, ſondern ein böſes Weib mit Haaren auf den Zähnen.“ „Nun, ſie iſt längſt todt und wir leben. Reden Sie Gutes von Ihrer Aeltermutter, Herr von Schmet⸗ tow, Ihnen hat ſie doch nichts Böſes gethan.“ „Wiſſen Sie das ſo ſicher?“ In einem Ton, der ſo merkwürdig gegen ſeine bisherige Weiſe abſtach, ſagte er dieſe Worte, daß Bruno ſtutzte. „Calculire, daß Haß und Fluch über's Grab nach⸗ wirken. Iſt vielleicht auch nur eine ariſtokratiſche Citelkeit, eine ſolche Anſicht. Es iſt gut, daß Sie ſich nicht in dem Spiegel ſehen können, Herr Greif, machen — Vergebung im voraus— ein ſo verlegenes, ko⸗ miſches Geſicht. Unbeſorgt, Sie haben mit den Schmet⸗ tows nicht zu theilen, weder ihre Armuth, noch ihren Fluch.“ „ Mir iſt es peinlich“, entgegnete Bruno, der nach ſeiner edler angelegten Natur die Aufregung Ruprecht's beurtheilte,„daß Sie eins Ihrer Familienbilder in meinem Beſitz finden und daß ich ahnungslos die Un⸗ art begangen habe, es Ihnen gleichſam unter die Au⸗ gen zu bringen. Sollte es durch ein Verſehen beim Verkauf des Hauſes vergeſſen worden ſein—“ „Sachte, ſachte!“ rief Schmettow.„Iſt Ihr wohl⸗ erworbenes Eigenthum. Ich bin ein pietätloſer Ge⸗ ſelle und habe das Bild ſelbſt an einen Trödler ver⸗ kauft. Mich hat es Jahre geärgert— es iſt ein Geſicht, das mich raſend machen konnte. Einmal hatte ich es ins Feuer geworfen, meine Schweſter zog es wieder heraus. Nicht wahr, eine Dummheit der Leidenſchaft, einen echten Netſcher zu verbrennen? Es war viel geſcheidter, ihn zu verkaufen. Dadurch befreite ich mich endgültig von dem verhaßten Anblick und bekam noch obendrein ein paar Louisdor. Wahrhaftig, damals glaubte ich nicht, daß wir beide uns wiederſehen wür⸗ den. Aber bei Frauenzimmern iſt kein Ding unmög⸗ lich. Laſſen Sie ſich niemals fangen, Herr Greif— das ſind die Schlingen des Dämons.“ „Sind Sie unter die Frommen gegangen, Herr von Schmettow? Saul unter den Propheten! Von dem verhaßten Anblick da werde ich Sie ſchnell befreien.“ Er klingelte und übergab dem eintretenden Diener das Bild mit dem Befehle, es zu Herrn von Hellburg hinaufzutragen. In einem Reſt von guter Erziehung war Ruprecht an das Fenſter getreten; erſt als der Diener das Gemach verlaſſen hatte, wendete er ſich wieder um. „Ihre Pferde ſind ungeduldig geworden und Sie auch. Man kommt ins Plaudern, wenn man einen alten Freund wieder antrifft. Und dazu der alte Bau— das Vaterhaus... Lächerlich, wenn man aus Amerika kommt! Aber es ſteckt im Blut, man iſt nicht umſonſt adelig geboren.“ 54 Es war beinahe die erſte Aeußeruug Schmettow's, die Bruno ſympathiſch berührte. „SHaus und Garten ſind frei, wenn Sie die⸗ ſelben beſichtigen wollen.“ „Um nach Vergißmeinnicht zu ſuchen? Danke für die gute Meinung.“ Sie waren durch den Corridor geſchritten und ſtanden auf der Schwelle der Hausthür. Im friſchen thauigen Morgenglanz lächelte die Landſchaft. Ihre zarten und feinen Linien thaten den Augen wohl; da war nichts großartig, ſchwungvoll und bedeutſam, aber ein ſanfter Hauch des Schwermüthigen verklärte das einfache Bild. Der Frieden und die Ruhe, die in ihm waren, ſtrömten auch von ihm aus. Bruno's gedrückte Stimmung hob ſich, die heftige Spannung, in die ihn das Geſpräch mit Ruprecht verſetzt hatte, wich von ihm. „Leben Sie wohl, Herr von Schmettow“, ſagte er, mit dem Fuß auf dem Tritt ſeines Wagens,„und was das amerikaniſche Geſchäft betrifft, ſo verhandeln wir darüber, wenn es Ihnen gefällig iſt, in den Schreibſtuben meiner Fabrik.“ Ein gegenſeitiges Grüßen— dahin flog der Wagen.. 55 Schmettow machte noch eine halbe Schwenkung mit dem weißen Hute— es war ihm, als hätte Bruno ſich noch einmal nach ihm umgeblickt— dann ſetzte er ihn keck auf den Hinterkopf, daß ſeine Stirn in ihrer ganzen Breite hervortrat, und ſchritt die Rampe hinunter. Ueber Erwarten war ihm der Beſuch geglückt. Als er geſtern mit dem letzten Thaler in der Taſche durch das Gitterthor des Gartens Bruno be⸗ merkt hatte, beſchloß er, dieſe Gelegenheit des Glückes nicht ungenutzt vorübergehen zu laſſen. Auf die„alte“ Freundſchaft aus Londons Straßen und Schenken hin konnte man ſchon eine Anleihe wagen. Bruno's Börſe hatte den Freunden immer offen geſtanden. Als Ruprecht nun gar bei ſeinen Erkundigungen in einem nahe gelegenen Wirthshauſe erfuhr, daß der alte Herr Greif geſtorben, ſah er ſeinen Stern aus dem Dunkel ſich leuchtend wieder erheben. Während er läſſig, mit ſeinem leichten Spazierſtock in die Luft ſchlagend, den Weg am Fluſſe verfolgte, mit der Sorgloſigkeit eines Mannes, der ſich für die nächſten Tage im Grunde nur um ſein Vergnügen zu bekümmern hat, malte er ſich die Vortheile aus, die ihm die wieder angeknüpfte Bekanntſchaft unfehlbar verſchaffen würde. Denn die armſeligen hundert Thaler betrachtete er ſelbſtverſtänd⸗ lich nur als erſte Sproſſe der Glücksleiter. — „So luſtig wie in Regentſtreet war der Junge nicht“, dachte er, indem er ſich noch einmal die Einzel⸗ heiten des Vorfalls zurückrief,„etwas zahm und zuge⸗ knöpft. Ich glaube, der Reichthum macht ihm den Kopf ſchwer. Sollſt geheilt werden, Kind, ich über⸗ nehme die Kur. Vielleicht hätte ich auf beſſere Be⸗ handlung Anſpruch gehabt. Hat ſich ein ſolcher Glücks⸗ pilz in unſerem Hauſe eingeniſtet und weiſt dem Sohne des Hauſes beinahe die Thür! Aber freilich— ich überfiel ihn ein wenig ungeſtüm. Nankee⸗Weiſe, die ich mir wieder abgewöhnen muß. Und mein Anzug iſt auch ſchäbig“— er ließ einen verächtlichen Blick langſam an ſich herunter bis zu den Stiefeln gleiten.„Das iſt das Erſte“, gelobte er ſich,„ich muß wieder wie ein Herr von Schmettow gekleidet gehen. Der Rock macht in Europa den Gentleman; auch mein Selbſtbewußtſein wird er erhöhen. Vorhin war ich nur der halbe Ruprecht. Dieſem Bruno gegenüber muß man Willen und Trotz zeigen, dann läßt er ſich wie Wachs in die beſtimmte Form kneten. Bei meiner Großmutter, er ſoll mir nicht ent⸗ rinnen! Ich habe ihn ins Leben eingeführt, die Lehr⸗ koſten iſt er mir noch ſchuldig geblieben. Jetzt ziehe ich Kapital und Zinſen ein. Ob er eine Geliebte, eine Braut hat? Nein, es ſah ſo verwünſcht puritaner⸗ mäßig bei ihm aus. Was ſagte geſtern der dicke Kellner 57 im türkiſchen Zelt? Der alte Greif wäre ein Mucker geworden und an religiöſem Wahnſinn geſtorben? An der Religion ſterben, iſt ein guter Ausdruck; wieder eine Krankheit, die mich nie mehr beläſtigen wird. Der Sturm Gottes hat mich wohl ſchütteln, aber nicht umwerfen können. Sollte Bruno davon ange⸗ ſteckt ſein? Wie er mich dauert! Bei ſeinem weichen Gemüth! Er braucht einen Arzt der Seele—“ und vergnügt klopfte er den Staub aus ſeinen Beinkleidern. „Deine Actien ſteigen, Schmettow...“ Ihm war es, als breitete ſich ein Meer des Ver⸗ gnügens und Genuſſes vor ihm aus; prächtig einge⸗ richtete Zimmer, ſchwelgeriſche Feſtmahle, der Wein über die Tiſche fließend, üppige Mädchen in bacchan⸗ tiſcher Gewandung, viel Lärm, viel Licht— und ein unerſchöpflicher Fortunatusſäckel. Wie im Vorgeſchmack dieſer Freuden ſchnalzte er mit der Zunge und knallte mit den Fingern. Zuerſt die Verwandlung in einen Gentleman und nachher: es lebe die Freude! An der Brücke über den Kanal hielt eine kurze Weile der Wagen der Pferde⸗Eiſenbahn. Schmettow ſchwang ſich hinein. In der Morgenfrühe waren die meiſten Plätze im Innern auf den langen, mit dunkel⸗ braunem Plüſch überzogenen Bänken noch unbeſetzt; er hatte die Auswahl. Eine Dame in einem grauen —-——————,— Kleide fiel ihm auf; obgleich er das dicht in einen grauen Schleier gehüllte Geſicht nicht zu erkennen ver⸗ mochte, glaubte er doch aus ihren ſchlanken und zarten Formen auf Schönheit und Jugend ſchließen zu dürfen. In dem ſichern Gefühl, das ihm der Beſitz von hundert Thalern gab, unter Umſtänden den freigebigen Cavalier ſpielen zu können, ſetzte er ſich mit einem artigen Gruße ihr gegenüber. Schweigend dankte ſie. Ihre Augen hielt ſie zu Boden geſenkt, ohne auch nur einmal den Fremden ſchärfer anzuſchauen. Dafür hatte er völlige Muße, ihre feingliederigen Hände, die ſie gefaltet im Schooße barg, zu bewundern, eine kleine Strähne ihres rothblonden Haares hatte ſich aus dem leicht gepufften Scheitel losgelöſt und⸗ ſpielte um ihre Wange. Sonſt war nichts deutlicher an ihr zu gewahren— weder die Farbe ihrer Augen und ihres Geſichts, noch der Schnitt ihres Mundes; ſie ſchien ihren Schleier wegen der herbſtlichen Kühle doppelt um das Antlitz genommen zu haben. Beinahe regungslos ſaß ſie ihm gegenüber, ein graues Räthſel. Ein Geſpräch anzuknüpfen, mißlang ihm gänzlich; ſie antwortete nicht. Und da er immer von neuem ſeine Verſuche anſtellte, kam ein dritter Inſaſſe des Wagens darauf, ſeinerſeits mit ihm die Unterhaltung über das ſchöne Wetter, die Dividende der Pferdebahn und die vernachläſſigten Sümpfe und Waſſerläufe des Thier⸗ gartens zu beginnen. Darauf zog es auch Schmettow vor, ſich in ein würdiges Schweigen zu hüllen. Den Stock zwiſchen ſeinen Knieen, die rechte Hand auf dem Knopf deſſelben, die Linke auf das Knie geſtützt, dem funkelnden Blicke ſeiner grünlich ſchimmernden Augen durch das Zuſammenziehen der Brauen und der Lider noch eine größere Kraft und Tiefe verleihend, ſaß er da. Von ſeiner Nachbarin ſtrömte ein eigenthümlicher Wohl⸗ geruch, wie der von blühender Reſeda, aus— er war nicht unangenehm, aber er hatte für Ruprecht etwas Scharfes und Erregendes. Immer ungeduldiger kreiſten ſeine Gedanken um die graue Geſtalt, die in ihrer Stille und Unſcheinbarkeit gar keine Empfindung für die Außenwelt zu haben ſchien. Wer verbarg ſich hinter dem Schleier? Ruprecht hätte einen Eid darauf leiſten mögen, daß er ſie kenne, daß ihm eine un⸗ freundliche Offenbarung bevorſtände, wenn ſie die Augen aufſchlagen und auf ihn richten ſollte; allein auf einen beſtimmten Namen, eine beſtimmte Erſcheinung konnte er ſich nicht beſinnen. Sieben Jahre war er von der Heimat fern; da vergißt ſich viel. Wie Schatten irrten die Geſtalten aus dieſer für 60 ihn ſchon ſo entlegenen Vergangenheit an ihm vorüber — Schatten, welche durch die lebhafteren und er⸗ greifenderen Bilder, durch Menſchen von ausgepräg⸗ terem Charakter, durch Begebenheiten in den grellſten Farben, wie er ſie in Amerika gefunden und beſtan⸗ den, faſt ausgelöſcht in ſeinem Gedächtniß waren. Wie hätte er dieſe ſchwankenden Erſcheinungen feſt⸗ halten, ihre blaſſen und unſicheren Umriſſe mit Form und Farbe füllen können! Welche von all den Mäd⸗ chen und Frauen, mit denen er ſeine Nächte verjubelt, die ihn allmälig und halb unbewußt, Nymphen des Sumpfes, immer tiefer hinabgezogen, bis er auf dem Grunde lag, ſteckte in dieſem grauen Kleide? „Ich folge ihr“, beſchloß Ruprecht in ſeiner Grü⸗ belei und klopfte mit der Hand auf das Knie. Es überkam ihn wie Freude über ſeinen glückli⸗ chen Gedanken. Seit mehreren Tagen wanderte er zweck⸗ und ziellos in der Stadt umher. Die ehemaligen Genoſſen fand er entweder nicht wieder oder in Stel⸗ lungen und Lebensanſchauungen, die ihnen auch die entfernteſte Berührung mit dem herabgekommenen, ame⸗ rikamüden Abenteurer verboten. In dem müßig⸗ gängeriſchen Umhertreiben, das ihn zu ermüden und zu langweilen anfing, ſtellte ſich ihm jetzt ein Etwas — dar, das zu ergründen, zu erfaſſen der Mühe zu loh⸗ nen ſchien. Er war wieder in ſeinem Clement, auf der Jagd — und in der Luſt, die in der Beſchleichung und Erbeutung des Wildes für den Jäger liegt, wurde ihm der Gegenſtand ſelbſt, den er verfolgte, beinahe gleichgültig. An der Ecke, wo die Dorotheenſtraße die lange, die Stadt von Norden nach Süden durchſchneidende Friedrichsſtraße kreuzt, verließ die graue Dame den Wagen. Leichtfüßig folgte ihr Ruprecht. Daß ſie auch nicht den geringſten Verſuch machte, ihm zu ent⸗ gehen, keinen ſcheuen Blick hinter ſich warf, ſon dern gelaſſen und geräuſchlos an den Häuſern entlang in nördlicher Richtung ſchritt, ärgerte ihn; ſie hätte ihm die Verfolgung ſchwerer machen ſollen. Dicht blieb er ihr auf den Ferſen; ihm war's, als müſſe ſie ſeinen heißen Athem in ihrem Nacken fühlen, aber ſie ging nicht ſchneller und zeigte auch nicht die geringſte Spur von Unruhe in ihrer Haltung. Eins hatte er indeſſen doch bemerkt, als ſie vom Trittbret des Wagens geſtiegen. Ihre nicht kleinen Füße ſtanden in einem Mißverhältniß zu ihrem ſchlanken Gliederbau und ihren kleinen, zierlichen Händen. Für Frauenſchönheit hatte Ruprecht ein geübtes Auge. 62 Dieſe großen Füße beſchäftigten ihn— ſie iſt eine Engländerin, fuhr es ihm durch den Sinn. Rechen⸗ ſchaft von dieſem plötzlichen Einfall vermochte er ſich nicht zu geben, faſt ohne ſeinen Willen ſpann der Ge⸗ danke ſich in ihm weiter. —— Da bog die Graue rechts um die Ecke in eine ſtille Gaſſe. Nur allzu wohl kannte Ruprecht dieſe Straße; er ſtutzte einen Augenblick. Auf der einen Seite der Georgengaſſe liegt das düſtere Haus mit dem Comptoir, den Stallungen und Remiſen für das Leichenfuhrweſen, daneben, durch einen grauen Breterzaun von dem Wege getrennt, breitet ſich ein wüſter, unkrautverwachſener Platz aus, der den Umwohnern zum Trocknen der Wäſche dient. Gegenüber erhebt ſich mit hohen Fenſtern, die weit über dem Boden liegen, deren Scheiben erblindet, grün geworden oder mit Spinngeweben bedeckt ſind, die Winterreitſchule eines Pferdehändlers. Wie durch Zauber heraufbeſchworen, ſtand ein Stück ſeines frühe⸗ ren Lebens greifbar, farbig vor Ruprecht. Wie oft hatte er hier ſein Roß getummelt, wie oft in präch⸗ tigſtem Coſtüm zu irgend einer Hoffeſtlichkeit die Haupt⸗ probe einer Quadrille„aus dem Zeitalter des großen 63 Kurfürſten“ geritten! Ueber den weiten, ſandbeſtreuten Hof, der ſich von dem Saale der Reitſchule zu dem Vordergebäude in der Dorotheenſtraße ausdehnte, ſah er ſich im Geiſte neben Herrn Gabriel, dem kleinen, weltgewandten jüdiſchen Pferdehändler, hinſchreiten, der nicht um die Geheimniſſe ſeiner engliſchen und arabiſchen Prachtthiere allein, ſondern auch um andere, menſchlichere Dinge wußte... in welchen Geſprächen, mit welchen Bitten und Forderungen an dieſen mo⸗ dernen Shylock! Weiterhin die Gaſſe nach Oſten hin⸗ auf hatte einmal eine ſeiner Geliebten gewohnt... hieß ſie nicht Mathilde? Unwillig hieb er mit ſeinem Stock um ſich und folgte langſamer als bisher der voranſchreitenden Dame.— Von der Reitſchule zog ſich eine niedrige Stein⸗ mauer wenige Schritte lang zu einem wunderlichen Hauſe, das früher einmal zu dem größeren Gebäude gehört hatte und durch einen Gang mit ihm verbun⸗ den geweſen war. Seit geraumer Zeit indeſſen führte es ein Sonderdaſein. Das Erdgeſchoß hatte kein Fenſter nach der Straße und keine Thür; die grün angeſtrichene, immer geſchloſſene Thür befand ſich ne⸗ benan in der Mauer. Erſt zwölf Fuß über dem Bo⸗ den öffneten ſich drei Fenſter; über ihnen ſtieg ein ſchmaler Giebel empor, der ein einziges Fenſter hatte. 64 Die Ausſicht aus dem Fenſter war nicht verlockend; ſie ſchaute auf den Trockenplatz. Unter den andern Alltagshäuſern der Gaſſe nahm ſich dies graue verwitterte Giebelhaus ohne Thür in ſeiner ſchweren Bauart ſeltſam, wie aus einer andern Welt ſtammend aus. Es ſtimmte zu dem geheimniß⸗ vollen Weſen, das die Frau in Grau nun ſchon für Schmettow angenommen hatte, daß ſie vor dieſem Hauſe ſtehen blieb und die Klingel zog. Ein ſchriller Klang, der in der menſchenleeren Gaſſe widerhallte. Ruprecht hatte vor dem Breterzaun drüben ſeinen Platz gewählt und betrachtete, das Glas ins Auge geklemmt, die Bogenfenſter der Reitſchule, als könnte er durch die ſtaubbedeckten blinden Scheiben in das Innere ſehen. Mit Heftigkeit ward die Holzthür aufgeriſſen, und während die Graue ſchattengleich durch die Oeffnung ſchlüpfte, ſtürmte ein junger Mann über die ſteinerne Stufe auf den Fahrdamm der Straße. „Falſche Hexe!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Hatte nun Schmettow's Ohr das Wort„Hexe“ aufgefangen, oder war ſonſt ein Zug in dem Jüng⸗ ling, der Ruprecht Hoffnung gab, von ihm die Lö⸗ ſung des Räthſels zu erfahren, den Hut lüftend näherte —.——— A E * b . er ſich ihm. Wenn er wollte, hatte er noch immer, trotz ſeines Yankeethums, ein einſchmeichelndes, ariſto⸗ kratiſches Betragen. „Um Vergebung, mein Herr, dies iſt doch die ehemalige Reitſchule des Herrn Gabriel? Lebt er noch?“ „Ja“, erwiderte der andere; die unerwartete Frage hatte ihn aus ſeinen Gedanken aufgeſchreckt.„Aber wenn Sie zu ihm wollen, müſſen Sie ſich nach der Dorotheenſtraße bemühen. Hier“— und er wies auf die Thür, aus der er getreten—„iſt kein Durch⸗ gang.“ „So, ſo! Das war zu meiner Zeit anders. Tüchtige Pferde im Stall?“ „Ich bin kein Bereiter“, ſagte der Jüngling und warf den Kopf mit dem ſchwarzen Calabreſer hoch⸗ müthig auf. „Das wollte ich nicht ſagen; aber welcher junge Mann, der in unmittelbarer Nähe einer Reitbahn wohnt, liebte nicht die Pferde und wüßte nichts von ihnen?“ „Ich bin Maſchinenbauer und habe keine Zeit, mich um noble Paſſionen zu bekümmern.“ Schmettow hieb lächelnd durch die Luft. „Ich auch nicht, ich komme aus Amerika.“ Frenzel, Silvia. I. 66 Amerika— das Wort hatte einen Goldklang. Die finſteren argwöhniſchen Blicke des jungen Mannes heiterten ſich auf. „Bin daſſelbe, was Sie ſind“, plauderte Schmet⸗ tow mit ſcheinbarer Gemüthlichkeit weiter,„habe bei William Walkerſon in Cincinnati die erſte Locomotive für die Pacificbahn— wiſſen doch, von Newyork nach San⸗Francisco ein einziger Eiſenſtrich— mit bauen helfen. Komme über's Waſſer einer Erbſchaft wegen. Werde aber ſobald als möglich dies geknechtete Deutſch⸗ land wieder verlaſſen; ich bin zu ſehr an die Sonne der Freiheit gewöhnt. Hier möchte ich zu der Sonne wie unſere Rothhäute zu den Weißen ſagen: du biſt nur ein Bleichgeſicht der Knechtſchaft.“ „Sie waren früher in Berlin?“ Des Jünglings Neugierde wuchs mit ſeinem Zu⸗ trauen. „Manches Jahr. Schlendere nun durch die Straßen und käue Erinnerungen wieder— da ſtößt mir der alte Bau auf, Gabriel, der Roßtäuſcher... Aber was ſtehen wir hier auf offener Gaſſe? Es iſt Frühſtückszeit; wollen Sie mein Gaſt ſein, Menſihen⸗ bruder?“ Und mit lautem Lachen bot er dem andern ſeine große, kräftige Hand. 67 „Vermuthe, Sie machen heute blauen Montag?“ „Ich ſtrike“, antwortete der Jüngling. „Allein oder in Geſellſchaft?“ „Ein halbes Dutzend von uns ſind am Sonnabend aus der Fabrik gegangen, die Tyrannei der Herren iſt himmelſchreiend. Das Kapital ſaugt uns das Mark aus den Knochen.“ „Hat das Kapital einen Namen?“ „Freilich“, rief der andere,„Martin Greif und Compagnie. Gott verdamme die Sippſchaft!“ Einen tiefen Athemzug that Schmettow und warf einen Blick umher, als ob er rufen wollte: Cäſar und ſein Glück! Mußte ihm der Zufall gleich dieſen Fiſch ins Netz führen! Einen halbwegs noch unreifen Burſchen, den er über Bruno, ſeine Lebensweiſe und ſeine Verhältniſſe aushorchen konnte! Denn wie ge⸗ trennt auch Herrenhaus und Fabrikräume ſein mögen, der Wind ſtreicht zwiſchen ihnen hin und her und trägt allerlei Staub auf ſeinen Flügeln. Freundlich ſchob Ruprecht ſeinen Arm in den des jungen Arbeiters; er war in dieſem Augenblick frei von jedem adeligen Stolz und auch äußerlich hatte er ſich ſeines Genoſſen nicht zu ſchämen. Der Weißhut und der Calabreſer nahmen einander nichts, und wenn der eine mit ſeinen Handſchuhen und 5* 68 ſauberer gebürſtet. Durch den Sonnenſchein, der die ganze Straße erfüllte, gingen die beiden, denen„dieſe Welt“ nicht genügte, Schmettow in roſigſter Laune, der Jüngling noch immer in einer Verwunderung, die über ſich ſelbſt nicht klar werden kann. Eine ſtille Weinſtube war bald gefunden, eine Flaſche, ein gutes Frühſtück beſtellt. Von jeher hatte es Ruprecht verſtanden, den liebenswürdigen Gaſtgeber zu machen. Wohl hatte ihn oft genug die Noth ge⸗ zwungen, auch an den Tiſchen Anderer ſeine ge⸗ ſellſchaftlichen Talente leuchten zu laſſen, aber der Verſchwender ſtand ihm beſſer zu Geſicht als der Schmarotzer. Mit den Gläſern anklingend, hatten ſie ihre Namen getauſcht. „Ich heiße Ruprecht“, hatte Schmettow geſagt. „Und ich Fritz Wolfhart“, rief der andere mit blitzenden Augen. Solch ein Wein mochte ſeinen Lippen noch nicht oft geboten worden ſein. Schmettow ſaß im Schatten, mit dem Rücken gegen das Fenſter; das volle Licht lag auf dem Antlitz des neu gewonnenen Freundes. Es waren friſche, ſeinem Stöckchen prahlte, war der Rock des andern 69 nicht unſchöne Züge, die Vertrauen und Wohlgefallen erweckten. Nur wer ſo ſcharf wie Ruprecht beobachtete, erkannte in ihnen den Anſatz zur Verwegenheit und Frechheit, die Spur heftiger Leidenſchaften, denen bisher noch die Gelegenheit und Möglichkeit, ſich aus⸗ zutoben, gefehlt. Je eifriger Fritz trank, je offener er ſeine„Grundſätze“, ſeinen„Atheismus“ und ſein „Proletarierbewußtſein“ hervorſprudelte, deſto deut⸗ licher prägte ſich die geiſtige Wahlverwandtſchaft zwiſchen ihm und Schmettow aus. „Ich bin der alte Satyr“, ſchmunzelte Ruprecht vor ſich hin,„er iſt der junge Faun, den ich erziehen werde.“ Ein verräuchertes allegoriſches Gemälde, das ihm gegenüber an der Wand hing, hatte ihm den Anſtoß zu dieſer mythologiſchen Anſpielung gegeben. „Sind noch jung“, ſagte er und ſtrich ſich den Bart,„ſtecken noch in der Weltverbeſſerung. Das iſt die Kinderkrankheit aller aufgeklärten Köpfe. Hoffe, Sie werden ungeſchädigt davonkommen. Was iſt die Welt? Ein Miſthaufen, auf dem die Sonne brütet. Entweder, wenn Sie Hereules ſind, nehmen Sie einen Kometenſchweif zum Beſen und fegen den Unrath weg, oder laſſen Sie beſſer, da Sie ja doch kein Halbgott ſind, Alles liegen, wie es liegt, und weiter ſtinken. * 70 Halten Sie ſich nur die Naſe zu: calculire, das iſt die Hauptſache. Frei leben, viel Geld und viel Ver⸗ gnügen, lautet mein Wahlſprnch. Möchten Sie nicht immer ſolchen Wein trinken und hübſche Mädchen küſſen?“ „Dazu ſoll uns eben der Communismus ver⸗ helfen. Die ſociale Revolution... der unſterbliche Laſſalle...“ „Weihen wir ihm ein ſtilles Glas. Habe ihn nicht gekannt, dafür aber andere Heilige in Amerika kennen gelernt. Was thaten ſie? Tranken Champagner, machten Geld, verführten Weiber und Mädchen... die einen mit dem Wort Gottes, die andern mit der Kunſt Belzebub's. Keine Flauſen, mein guter, . Junge. Im Anfange war das Ich und am Ende wird auch noch das Ich ſein. Immer und überall müſſen Schafe geſchoren werden, damit wir Röcke tragen können. Calculire, daß es auch in der ſocialen Revolution Schafe geben wird.“ „Die Armen werden geſchoren...“ „Nicht die Armen, nur die Dummen. Klug, entſchloſſen muß man ſein und drauf losgehen. Regnet's Unglück auf Unglück, ſo taucht man eine Weile unter; der Sonnenſchein wird uns ſchon wieder hervorlocken und trocknen. In Ihnen ſteckt doch das 4 71 Zeug zu einem ganzen Kerl. Werden's noch einmal dem jungen Greif gleichthun... he, wie heißt er doch?“ „Bruno“, entgegnete Fritz. „Schlechter, hochmüthiger Herr?“ „Er iſt ein Neuling und die Alten ſagen, er ver⸗ ſtünde gar nichts von dem Fabrikbetrieb, juſtament darum will er Alles ändern. Dabei hat er ein hoch⸗ fahrendes Weſen, und die Werkmeiſter, die es ihm nachthun wollen, übertrumpfen ihn noch. Ich hab's ſatt, das ewige Hämmern, das ewige Schwitzen, dieſe Menſchenſchinderei. Der Teufel hole die Arbeit!“ „Er wird ſich hüten, Euch die Mühe abzunehmen. Schüttelt Euch doch! Nur der iſt frei, der ſelbſt ſeine Kette bricht. Sucht Euch eine andere Hantierung, ich helfe Euch; Müßiggang iſt die beſte.“ „Und wenn ich bedenke“, fuhr Fritz fort, den der Genuß des Weins immer redſeliger ſtimmte,„daß Alles auf ſo glattem Wege war... es iſt, um raſend zu werden!“ 1 „Eine neue Flaſche!“ rief Schmettow dem Kellner zu.„Che wir raſend werden, wollen wir verſuchen, wieder auf den glatten Weg zu kommen. Was hat's denn gegeben?“ „Das iſt eine lange Geſchichte.“ ———O—— „Habt Ihr Eile? Ich habe Zeit. Warten ſie zu Hauſe mit dem Mittagseſſen auf Euch?“ „Ich gehe nicht in das Haus zurück, ſolange die Hexe da iſt“, ſagte finſter Fritz.„Sie iſt der An⸗ fang unſeres Unglücks.“ „Welche Hexe?“ „Haben Sie das Frauenzimmer nicht geſehen, das in die Thür trat, als ich hinausging? Das war Ellen Wood, die ehemalige Geſellſchafterin des Fräuleins Greif.“ „Und die beſucht Euch?“ „Meine Mutter und meine Schweſter beten ſie an, als ob ſie geraden Laufs vom Himmel herunter⸗ käme und eine Botſchaft von Gottvater brächte, ich aber halte ſie eher für...“ „Eine Hexe, ſagtet Ihr vorhin. Aber erzählt, dann wollen wir die Entſcheidung treffen, ob ſie aus dem Himmel oder aus der Hölle kommt.“ Bei der Weitſchweifigkeit, mit der Fritz ſeine Geſchichte vortrug, wurde es Schmettow zuweilen ſchwül zu Muthe, aber er erfuhr auf der andern Seite doch zu viel Einzelheiten, die ihn anzogen und die er für ſeine Pläne auszunutzen hoffen durfte, als daß er nicht geduldig ausgeharrt. — 5 — 73 Dem Jüngling wiederum war es eine Genug⸗ thuung, ſein Herz einmal auszuſchütten und einen Mann, der ihm einen gewaltigen Reſpekt einflößte, in ſeine Verhältniſſe einzuweihen. Der alte Wolfhart, Fritz' Vater, gehörte zu den treueſten und anhänglichſten Dienern des Hauſes Greif. Er war in der Stadt und auf dem Lande, in der Heimat und auf Reiſen immer um Herrn Greif geweſen, als ein Factotum, das ſich in alle Dinge und Lagen leicht zu ſchicken wußte, alle Aufträge mit großer Geſchicklichkeit und Schnelligkeit ausführte und ſchon den halben Wink und Wunſch ſeines Gebieters verſtand. Daraus hatte ſich eine gegenſeitige Zutrau⸗ lichkeit und Abhängigkeit entwickelt, ſodaß die andern Diener, neidiſch auf das Glück ihres Genoſſen, Wolf⸗ hart ſpöttiſch den Vicekönig nannten. So mißtrauiſch Martin Greif ſonſt gegen Jeder⸗ mann war, dieſem einen vertraute er, und es ſchien nicht, als wäre er in ſeiner guten Meinung je ge⸗ täuſcht worden. Nach dem Tode ſeiner C Gattin ſetzte Martin den treuen Diener als Verwalter in das gelbe Schlößchen bei Charlottenburg, der ganze Haus⸗ halt ging durch Wolfhart's Hand. Die Kinder des Dieners ſpielten mit denen des Herrn. Trotz ſeiner „demokratiſchen“ Grundſätze warf ſich Fritz nicht wenig 74 in die Bruſt, als er auf ſeine Jugendfahrten und Streiche mit Bruno zu reden kam, der jetzt ein hoch⸗ müthiger Tyrann und herzloſer Geldſack geworden ſei und ſich der Lhemaligen Freundſchaft ſchäme. Wie er mit dem Sohne, lebte ſeine Schweſter Clara mit der Tochter des Hauſes. Da Wolfhart wohlhabend war, konnte er ſeinen Kindern eine Erziehung und Schul⸗ bildung zu Theil werden laſſen, die ſie auch in dieſer Hinſicht den Kindern ſeines Herrn näher brachte. Freilich merkte Schmettow bald, daß an dem wilden und leichtſinnigen Fritz die Schule ganz vergeblich gearbeitet habe. Aber da er gut zeichnete und mecha⸗ niſche Fertigkeiten entwickelte, hatten doch ſein Vater und Herr Martin Greif große Erwartungen von ihm gehegt. Mit ſeinem fünfzehnten Jahre kam er in die Fabrik,„denn“, ſagte er bitter,„im Hauſe des Alten war es ein Dogma: die Jungen werden Maſchinen⸗ bauer, die Mädchen heirathen Banquiers, abgemacht, baſta!“ Dagegen gab es keinen Widerſpruch. Fritz wäre lieber Künſtler, Schauſpieler, Kunſtreiter, Wein⸗ reiſender— kurz, etwas Freies geworden—„Vaga⸗ bund“, ergänzte ſich Schmettow; er hielt dies Gewerbe im Grunde auch für ſeinen Beruf— aber es ging nicht. Wie in der Schule, wollte es auch in der Fabrik nicht recht vorwärts mit ihm; Klagen genug ——— — 75 liefen über ihn ein, aber der ſonſt ſo ſtrenge und unnachſichtige Martin Greif drückte ſtets für ihn ein Auge zu. Da nahm die Macht und Herrlichkeit des alten Wolfhart ein plötzliches Ende. Die engliſche Geſell⸗ ſchafterin war in das Haus gekommen und kehrte ſeine Ordnung um. Hier fing ſich für Schmettow's Verſtändniß die Erzählung zu verwirren an. Offen⸗ bar übertrieb Fritz in ſeiner Abneigung gegen die Fremde ihren Einfluß und ſchrieb einzig ihr die Wand⸗ lung der Dinge zu, die ſich wahrſcheinlich auch ohne H ihr Zuthun vollzogen hätte. Wie würden Mutter und Tochter ſonſt mit einer Frau freundſchaftlich ver⸗ kehren, die den Untergang ihres Wohlſtandes herbei⸗ geführt! Nach Fritz' Bericht wäre zwiſchen ſeinem Vater und der Engländerin bald nach ihrem Eintritt in das gelbe Haus der kleine Krieg ausgebrochen, aus dem kleinen ſei bald ein großer, ein unbarmherziger Krieg auf Tod und Leben geworden. Ellen Wood ſei ein herrſchſüchtiges und habgieriges Weib, alle 2 hätten nach ihrer Pfeife tanzen ſollen. Martin Greif wäre gleich in ihre Schlingen gefallen; ſie hätte ihn zu ihrem Muckerthum bekehrt und er habe ſie heirathen wollen. Sein Vater habe ſich erlaubt, dem alten * . 8 2. ggf— Herrn darüber Vorſtellungen zu machen, der aber habe die trene Mahnung des Dieners als eine freche Einmiſchung in ſeine Verhältniſſe betrachtet, und als ihm nun gar durch ihre Verrätherei zu Ohren gekommen, daß ſein Sohn und Erbe mit der Tochter Wolfhart's einen Liebeshandel angeknüpft, hätten die Wolfharts auf der Stelle ſein Haus räumen müſſen. „Bruno Greif in Ihre Schweſter verliebt“, unter⸗ brach Schmettow den Erzähler,„und Sie nicht weiter? Wetter, die Liebe eines Millionärs pflegt man doch auszubeuten!“ „Meine Schweſter iſt eine Tugendnärrin“, er⸗ widerte Fritz;„er fing an, ſich nachträglich über Clara's Dummheit zu ärgern. Wenn ſie's richtig einge⸗ fädelt.. „Wäre ſie jetzt die Herrin im gelben Schloſſe und Sie der Schwager des reichſten Mannes“, vol⸗ lendete Schmettow.„Welch ein Glück haben Sie verabſäumt!“ Fritz fuhr ſich durch ſeine braunen lockigen Haare.„ „Ja, es war, als hätte das Schickſal uns alle mit Blindheit geſchlagen! Hätte ich es ſo angeſehen wie jetzt! Bruno iſt gutmüthig und ein Schwach⸗ kopf.“ —j— ö—ö——ö—— 7 7 „Das iſt er“, nickte Schmettow und holte wie zur Beſtätigung ſeiner Meinung einen Geldſchein her⸗ vor, um die Zeche zu bezahlen. „Er würde ſie geheirathet haben...“ „Vielleicht— und wenn auch nur zur linken Hand“, lachte der andere.„Um ſo beſſer für Euch! Eine Geliebte ſteht in höherem Preiſe als eine Frau. Rede aus Erfahrung!“ An dem Reſt der Geſchichte lag ihm wenig; nur widerwillig hörte er noch zu. Der alte Wolfhart hatte ſich ein kleines Vermögen erſpart; die Geldgier erfaßte ihn und lockte ihn zum Börſenſpiel. Nach kurzem Gewinnen verlor er Alles und ſtarb aus Gram, die Seinen in Dürftigkeit und im ſchlimmſten Sinne des Wortes auf die Arbeit ihrer Hände angewieſen zurücklaſſend. Da hatte ſich Ellen Wood wieder zu ihnen gefunden nnd war von der Mutter wie von der Tochter mit offenen Armen aufgenommen worden. Jetzt arbeitete Clara für ein großes Baraanengeihint die Mutter lag krank und Fritz. Das ſah Schmettow: Fritz lebte in Faulheit, Müßiggang und Umſturzgedanken. 78 Die Rechnung war geordnet, die beiden Trinker ſtanden auf. 1 Von dem genoſſenen ſchweren, ihm ungewohnten Weine glühte Fritz das Geſicht, ſeine Stirn brannte und die tollſten Einfälle ſchoſſen wie Irrlichter in ſeinem Kopfe hin und her. Um ſo ruhiger und feſter trat Schmettow auf. Ihm hatte das reichliche Früh⸗ ſtück gleichſam die Grundlage ſeines früheren Cavalier⸗ daſeins wiedergegeben, die in der letzten Zeit ſeiner amerikaniſchen Irrfahrten und im Zwiſchendeck des Hamburger Dampfers bedenklich ins Schwanken gerathen war. Er hielt es jetzt für gerathen, ſich um ſeinen Anzug zu kümmern, eine„anſtändig eingerichtete“ Wohnung zu miethen und ſeine Studien von der niedern auf die höhere Geſellſchaft auszudehnen. Dieſen Vormittag hatte er gut angewendet. „Außerordentlich erfreut, Ihre Bekanntſchaft ge⸗ macht zu haben“, ſagte er auf der Straße, Abſchied nehmend;„hoffe ein baldiges Wiederſehen. Wie wär's, mit Ihrem Fräulein Schweſter? Wünſchte eine junge Dame kennen zu lernen, die einen Millionär aus⸗ geſchlagen. Iſt es Ihnen gefällig, morgen Abend im mittleren Zelt im Thiergarten? Schlicht, bürgerlich, ohne Gefahr für ein anſtändiges Frauenzimmer.. Uebrigens in Ihrer Geſellſchaft... würde mich freuen. —ʒ; — 79 Mit raſchen Schritten ging er über den Fahr⸗ damm und verſchwand hinter den Bäumen des Kaſtanienwäldchens. Noch einmal glaubte Fritz ihn in weiter Entfernung an der hell vom Sonnenſchein beleuchteten Neuen Wache vorüberwandeln zu ſehen— oder war es nur ein täuſchendes Traumbild? Vor den Augen flimmerte es ihm; er ſetzte ſich auf eine Bank im Schatten eines Baumes. Was war mit ihm vorgegangen? Hatte er Wirk⸗ liches erlebt oder nur eine Erſcheinung gehabt? Aber dort drüben lag die Schenkſtube, in der ſie geſeſſen; eben öffnete der Kellner das Fenſter und ſchaute hinaus. In ſeinem eintönigen, ereignißloſen Leben, deſſen Uhr beſtändig dieſelbe Stunde zeigte, war ein Vorfall eingetreten, der für Fritz, je mehr er über ihn nach⸗ ſann, deſto wunderbarere Formen annahm. Ohne Verbindung mit ſeinem vergangenen Daſein, ohne daß er ſie irgendwie mit ſeinen Verhältniſſen hätte verknüpfen können, erſchien ihm dieſe Begebenheit, ſo nichtig an ſich ſelbſt, wie ein Wunder, wie der Ausgangspunkt zu einem neuen, luſtigeren Leben, zu einer Reihe entſcheidender Thaten. Schmettow's Weſen, dieſe Miſchung von Gent⸗ leman und Abenteurer, hatte den tiefſten Eindruck auf ihn gemacht. Hier fand er die dunklen Inſtinkte, die — ſſſſ ö—— eewe ——j 30 in ihm ſchlummerten, ausgebildet; der kecke Ton, mit dem er über Menſchen und Dinge abzuſprechen pflegte, entſprang bei jenem aus der Quelle reifer Welterfahrung. Die ungemiſchte Rohheit ſeiner Kameraden hatte für ihn, dem doch in der Jugend eine höhere Bildung und der Genuß des Reichthums zu Theil geworden war, ſtets etwas Abſtoßendes gehabt; es gab in ihm gewiſſe feinere Saiten, die unter ſo rauher Berührung leiſe und ängſtlich zitterten. Auf der Erſcheinung des wilden Ruprecht dagegen ruhte noch trotz ihrer Ver⸗ kommenheit jener vornehme Schimmer, ſie beſaß noch bei allen Schärfen und Kanten jenen ariſtokratiſchen Schliff, der ſelten ſeine Wirkung auf Halbgebildete und niedriger Geſtellte verfehlt. Vor Fritz wuchs Ruprecht zu einem Helden aus dem amerikaniſchen Bürgerkriege, zu einem Haupt der californiſchen Gold⸗ gräber auf. Mit verächtlich zuckender Lippe hatte Schmettow von der Erbärmlichkeit Europas geſprochen; welche Gefahren, welche Abenteuer nnd Glückszufälle mochte er drüben erfahren haben! Fritz' bewegliche Phantaſie trug ihn ſchon über den Ocean, unter der Führung eines ſolchen Mannes machte er ſeine Lehr⸗ und Wanderjahre in Amerika durch. Das magere Mittagseſſen auf dem Tiſch der Schweſter, das ſeiner jetzt wartete, lockte ihn nicht; 81 heute hatte ihm das Schickſal den Tiſch gedeckt. Er⸗ war ſatt; aus dem phyſiſchen Wohlbehagen hatte ſich eine phantaſtiſche Schwelgerei entwickelt. Glänzende Zukunftsträume gaukelten um ihn. Abber wie vermochte er ſie zu verwirklichen? Da ſummte ihm das Wort Ruprecht's von der ſchönen Schweſter im Ohr... ja, fürwahr, wozu hatte er eine ſchöne Schweſter? Noch mehr, wozu hatte Clara ihre ſchönen Augen, ihr ſchönes langes Haar? Nur um Thränen zu vergießen, um ihr Haar abzu⸗ ſchneiden und es an einen Friſeur zu verkaufen? Ingrimmig lachte er auf. Was hatte Ruprecht geſagt: Nicht die Armen werden geſchoren, nur die Dummen! „Merk dir's mein Herz!“ rief er in ſich hinein und erhob ſich von der Bank.„Drei Gewalten haben ſich die Welt getheilt: der Reichthum, die Klugheit, die Schönheit; wenigſtens ihrer zwei“, dachte er übermüthig,„ſind in dem grauen Giebelhauſe. Wollen verſuchen, was wir mit ihnen erobern können.“ Frenzel, Silvia. I. 6 Drittes Kapitel. An dem mittleren Fenſter in dem großen Gemach, das die ganze Tiefe des Giebelhauſes einnahm, hatten indeſſen in eifrigem Geſpräch zwei Mädchen geſeſſen; die eine, die Hände im Schooß, die eigenthümlichen tiefliegen⸗ den Augen bald mit ſchwärmeriſchem Aufſchlag nach dem kleinen Stück blauen Himmels richtend, das durch die Scheiben zu ſehen war, bald mit prüfendem Ausdruck die andere beobachtend, die emſig an ihrer Nähmaſchine be⸗ ſchäftigt war. Die kleinen Pauſen der Unterhaltung füllte das eintönige Summen und Picken der Maſchine me⸗ lancholiſch aus. Hinter einem Bettſchirm an der ge⸗ genüberliegenden Wand, in der oben ein kleines Fen⸗ ſter nach dem Hofe zu angebracht war, ſtand das Bett der Mutter; die Kranke ſchlief und ſchien weder von 8³ der leiſen Plauderei der Mädchen, noch von dem Ge⸗ räuſch der Maſchine geſtört zu werden. So ärmlich die Einrichtung auch war, wohlthuend ſprach ſich ein Sinn für Ordnung, Sauberkeit und Schönheit darin aus, der dem Geringſten Geltung gab und die ſpärlichen Ueberreſte früheren Wohlſtandes zum gefälligen Schmuck zu verwerthen wußte. Wie an⸗ muthig nahmen ſich auf der weißen gehäkelten Decke über der ſchlichten Commode von rothbraunem Holz die beiden kleinen Porzellanvaſen mit den Sträußen blühender Blumen aus! Im ſchwarzen runden Rahmen hing darüber die Photographie des Vaters; eigentlich ein luſtiges, breites und behäbiges Geſicht, das den kummervollen Blicken der Mutter und der Tochter, wenn ſie jetzt zu ihm aufſchauten, ſeltſam genug er⸗ ſcheinen mochte. Sauber und fleckenlos glänzte der Spiegel über dem altmodiſchen Großvaterſtuhl, den Clara der leidenden Mutter am letzten Weihnachtsfeſte beſchert. Auf der grünen, mit weißen Blumen durch⸗ wirkten Decke, die über den runden Tiſch ausgebreitet war, hatte die graue Dame Früchte und Kuchen, die ſie der Kranken gebracht, niedergelegt. „Du Gute!“ hatte dankend Clara geſagt und ihr die Hand gedrückt. An dem Tage, wo man Wolfhart zur Erde be⸗ 6*. S ——— 84 ſtattete, war bei den troſtloſen Frauen Ellen Wood eingetreten. Während ſie ſich von allen verlaſſen glaub⸗ ten— das Unglück hat keinen Freund und redet ſich nooch überdies ein, daß es keinen haben könne— fan⸗ den ſie bei derjenigen Rath und Beiſtand, die ſie bis⸗ her als ihre Feindin betrachtet hatten. Leicht wurde es Ellen nicht, das Mißtrauen, mit dem Frau Wolf⸗ hart ihr begegnete, zu überwinden. Aber im erſten Schrecken— blitzſchnell waren einander der Verluſt ihres Vermögens durch den Umſchlag der Curſe bei dem Ausbruch des deutſchen Krieges und der Tod des Gatten und Vaters gefolgt— mußten ſie die Hand ergreifen, die ſich ihnen hülfreich darbot. Vor der drohenden Noth, in der plötzlichen Umwandlung ihrer Verhältniſſe hielt der Stolz der edlen Seele nicht Stand. Und Ellen hatte weder die Miene vornehmen Mitleids, noch den leiſen Hochmuth einer Beſchützerin. Als ſie von dem Unglück derer gehört, mit denen ſie noch vor kurzem ein Haus bewohnt, eilte ſie, von ihrem Herzen getrieben, herbei.„Hier bin ich“, ſchien ſie zu ſagen,„verfügt über meine Kraft!“ In der augenblicklichen Rathloſigkeit der Armen war eine ſolche Theilnahme unſchätzbar. Ellen's über⸗ legener Verſtand, ihre Wohlhabenheit verſchafften den Unglücklichen einen Ausweg aus der ſchwierigen Lage; —* —2ö — 85 — ſie eröffnete Clara die erſten Arbeitsquellen. Keine noch ſo unfreundliche Begegnung der Frau Wolfhart ſchreckte ſie zurück, als hätte ſie nicht ſowohl durch ihre Wohlthaten, die ſie gab, wie Keine zu geben verſtand, ſondern durch ihre ſich immer gleichbleibende Sanft⸗ muth und Geduld dies harte und argwöhniſche Herz beſiegen wollen. Clara's ſchwärmeriſche Freundſchaft hatte ſie bald wiedergewonnen, im Grunde hatte ſie dieſelbe nie ver⸗ loren. Schon im gelben Schlößchen hatte Clara voll Staunen zu Gllen emporgeblickt und ihren Vater nicht begreifen können, der forwährend über die Einmiſchung der Engländerin in alle Geſchäfte des Hauſes, über ihre Falſchheit und Frömmelei ſchalt. Für Clara da⸗ gegen umſchwebte etwas wie ein Duft von himmliſchen Roſen die Fremde. Aus eigener Erfahrung wußte ſie, wie ſchwer es war, ſich in die Grillen der kranken, verwöhnten Tochter des Hauſes zu finden. Nur zu oft hatte ihre heitere, lebensfreudige Natur von Emma's Trübſinn und wechſelnden Launen zu leiden gehabt. Ellen hatte Sonnenſchein und Ruhe in die Kranken⸗ zimmer, in den Garten gebracht. Wohl war es ein Frieden und eine Helle, die Clara nicht kannte, nach denen ihr ſiebzehnjähriges Herz nie eine Sehnſucht empfunden, aber der Wirkung dieſer zauberiſchen Wandlung vermochte ſie ſich um ſo weni⸗ ger zu entziehen, je entgegengeſetzter ihr Weſen und ihre Umgebung derſelben waren. Nur auf das Aeußer⸗ liche des Lebens, in Arbeit wie in Genuß, hatte ſich bisher ihr Sinn gerichtet. Jetzt ſtellte Ellen weit über die Erfüllung häuslicher Pflichten, über die unruhige Geſchäftigkeit und die eitlen Freuden des alltäglichen Daſeins ein wunderbares Ideal, ein Vergnügen der Seele auf, das in der Flucht der Tage ſich immer gleich blieb und niemals von Unluſt und Ueberdruß getrübt wurde. Gedanken, Vorſtellungen wie aus einer andern Welt verkündigte ſie, nicht im Ton der Pre⸗ digt, ſondern gelegentlich, wenn die drei Mädchen un⸗ ter den Bäumen im Abendſonnenſchein ſaßen, oder wenn ſie mit Clara allein am frühen Morgen einen Spaziergang über Stadt und Schloß hinaus nach dem Kiefernwalde im Weſten, nach den Höhen zu machte, voon denen der Blick über Fluß und Wieſe und Wald bis nach den Thürmen und Wällen von Spandow ſchweift. Dann war es, als ob aus Ellen's Reden ein Frührothſchimmer aufglühte, in dem die Erde dop⸗ pelt herrlich erglänzte, in dem alle Geſtalten ein an⸗ deres Anſehen gewannen; als ob in dem blauen, ſchein⸗ bar undurchdringlichen Gewölbe des Himmels, das 87 ſich ſo erhaben und ſo räthſelhaft über die ſchwarz⸗ grünen Kiefern ſpannte, ein Thor ſich öffnete, durch das die berauſchte Phantaſie in eine paradieſiſche Wun⸗ derwelt zu ſchauen wähnte. Je feſter Clara mit all ihren Kräften und Wün⸗ ſchen an die Wirklichkeit gekettet war, deſto tiefer und bedeutſamer dünkte ſie dies Alles. Das neue Licht, das ſie am Ende eines dunklen Ganges, in dem ſie traumverloren ſo lange umhergeirrt war, ſchimmern ſah, reizte ſie; entſchloſſen ſchritt ſie darauf los, aber weiter und weiter entfernte es ſich von der Hand, die ſie begierig nach ihm ausſtreckte. „Die Schönheit wie der Himmel“, ſagte ihr Ellen mit unbeſchreiblichem Aufſchlag ihrer ſchönen Augen, „laſſen ſich nicht erobern, nur durch die Gnade werden ſie unſer Eigen.“ Die Ausweiſung ihrer Eltern aus dem gelben Schlößchen löſte das Band zwiſchen Clara und Ellen; die zarten Fäden, die dort im Garten ſich zwiſchen Erde und Himmel geknüpft, waren zerſchnitten. Ganz in die Nüchternheit und Dürftigkeit des Irdiſchen fühlte ſich Clara zurückgeſtoßen. Die Trennung zwiſchen Herrn und Diener war nicht, wie Fritz dem wilden Ruprecht die Sache dargeſtellt hatte, ausſchließlich das Werk Gllen's, im Gegentheil, der alte Wolfhart hatte auch die wachſende Freundſchaft ſeiner Tochter für Ellen mißgünſtig angeſehen. „Dieſes Weib wird mir noch mein Kind ver⸗ führen!“ rief er öfter zornig aus. Und als er nun gar eine Neigung Clara's für den Sohn des Hauſes zu bemerken glaubte, war ſein Entſchluß raſch gefaßt; er wollte ſein Lieblingskind aus dieſem gefährlichen Kreiſe retten. „Entweder ich oder die Engländerin, eins von uns beiden geht“, hatte er trotzig zu Martin Greif geſagt. Es konnte Niemand wundern, daß er gehen mußte. Mit ihrem geſunden Sinn, in der raſch wechſeln⸗ den Stimmung der Jugend hatte ſich Clara in den, Verluſt der Freundin und des„höheren Lebens“ zu ſchicken geſucht. Ihr kam die Betrachtung zu Hülfe, daß Ellen nicht ohne Schuld an dem Bruch ihrer Fa⸗ milie mit den beiden Greifs, Vater und Sohn, ſei. Es ſchien doch, als wäre ſie durch die falſche Freund⸗ lichkeit einer Heuchlerin getäuſcht worden. Die Sorgen der Haushaltung lagen bei der Kränklichkeit der Mut⸗ ter ihr allein ob; in toller Haſt, von der fixen Idee beherrſcht, in kurzer Zeit reich zu werden, hatte ſich der Vater in das waghalſige Spiel der Börſe geſtürzt. Wie auf einen ſchönen, zu ſchnell entſchwundenen 89 Traum blickte Clara auf ihre erſte Freundſchaft, ihre erſte Liebe zurück; von dem Allem war ihr nichts als eine ſüße Schwermuth im Herzen geblieben. Da, im Unglück, hatte ſie die Freundin wiedergefunden, treuer, geduldiger, hingebender als je. „Wie biſt Du bleich“, ſagte jetzt nach einer länge⸗ ren Pauſe, in der ſie das auf die Arbeit niederge⸗ beugte Geſicht Clara's von der Seite betrachtet hatte, Ellen.„So darfſt Du es nicht weiter treiben, Du machſt Dich vor der Zeit alt und krank.“ „Und doch gibt es keinen andern Ausweg aus unſerer Lage und aus meinen noch traurigeren Ge⸗ danken als die Arbeit. Mit der Mutter ſteht es ſchlecht, ſie wird uns plötzlich erlöſchen wie ein Licht. Ich habe nur den einen Wunſch, daß es ſchmerzlos geſchehen möge. Dann wird viel Ruhe um mich ſein, zu viel Ruhe. Aber jetzt gilt es zu ſchaffen, für drei zu ſchaffen, denn Du ſiehſt, daß ich auf den Beiſtand des Bruders nicht rechnen kann, ſondern für ihn ſor⸗ gen muß.“ „Ueberlaſſe ihn ſeinem Geſchick. Fritz iſt ein un⸗ bändiges Gemüth, wie ein wildes Pferd, das nur ein entſchloſſener Reiter zu bändigen vermag. Gottes Hand wird ihn ſchon zu ſeinem Ziele führen.“ „Er iſt mein Bruder; ehe ich ihn in den Abgrund ſtürzen laſſe, an deſſen Rand er leichtſinnig hintaumelt, will ich verſuchen, ob ich ihn nicht halten kann.“ „Damit er Dich mit ſich in die Tiefe reißt? Ach, Du kennſt den Dämon nicht, der unten hauſt.“ „Ich bin ſchwindelfrei. Du haſt es ja ſelbſt oft genug geſagt; mir fehlen, um in die Höhe zu ſchweben, die Flügel, um in die Tiefe zu ſinken, die Schwere. Auf die Mittelſtraße des Lebens und des Empfindens bin ich angewieſen.“ „Wie Martha im Cvangelium.“ „Aber eine Martha, der die frohe Botſchaft um⸗ ſonſt verkündigt wird.“ „Sei nur geduldig, auch Deine Stunde wird ſchlagen. Gott kommt zu Jedem, freilich wann er will, nicht, wann wir ihn rufen.“ „Und was Fritz betrifft“, kam Clara auf den Ausgangspunkt des Geſprächs zurück,„er iſt beſſer, als Du glaubſt. Noch iſt das Ehrgefühl in ihm nicht er⸗ ſtorben. Seine Kameraden rühmen ihn als einen ver⸗ laßlichen Freund, einen geſchickten Arbeiter, einen er⸗ finderiſchen Kopf. Nur der Trotz, der Hochmuth und die ſchlechte Geſellſchaft haben ihn verdorben. Er hat die Krankheit des Vaters geerbt, er will über ſeinen Stand hinaus, will immer andere Dinge ergreifen als das Eine, das er verſteht. Wie richtig hat mich ——+₰—— 91 da mein Gefühl geleitet, als ich Dir und der guten Emma widerſtand, die Ihr mich faſt gewaltſam zu einer Lehrerin und Erzieherin ausbilden wolltet! Fritz verachtet ſeinen Beruf und wirft ſich doch wieder als Arbeiter gegen die Fabrikherren in die Bruſt. Wenn ihm ein gutes Wort von...“ Sie ſtockte und bog das Geſicht noch tiefer auf die Leinwand nieder. „Von Bruno— von Herrn Greif überbracht würde... Clara nickte. Nach einem tiefen Athemzuge ſagte ſie: „Es hat nicht gut gethan, daß wir beide mit den Kindern des reichen Mannes beinahe zuſammen erzogen wurden. Mißverſtehe mich nicht; ich werde es dem Verſtorbenen nie vergeſſen, daß er im ſchönſten Sinn des Wortes unſer Wohlthäter geweſen iſt und mir den höchſten Schatz, den es gibt, den Schatz der Bildung erſchloſſen hat. Aber das Schickſal hat wider ſeinen Willen Alles ins Gleiche gerückt. Arme und Reiche gehören nicht zuſammen, früh oder ſpät rächt es ſich immer, wenn die einen in die Sphäre der andern hinübergreifen. So kann Fritz nicht vergeſſen, daß er der Spielgefährte ſeines jetzigen Herrn geweſen, jedes Wort der Bitte wird ihm ſchwerer; was ſich mit einem Fremden leicht verhandeln ließe, fordert hier eine tiefe Demüthigung...“ Geräuſchlos war Ellen aufgeſtanden, geräuſchlos hinter den Stuhl Clara's getreten; ſanft legte ſie ihre Hand auf das reiche braune Haar des Mädchens, das in üppiger Fülle, beinahe kunſtlos übereinander ge⸗ flochten, zu einem Knoten verſchlungen war. „Wenn ich mit Bruno Greif über Deinen Bruder ſpräche— vergibſt Du es?“ Leiſe zuckte Clara zuſammen, ob unter der Be⸗ rührung, ob von der Frage der Freundin betroffen? Dann wendete ſie ihr erglühendes Antlitz zu ihr empor. „Du wollteſt...“ „Ihm die Wahrheit ſagen, die ich ihm ſchuldig⸗ bin. Höre mich ruhig an, liebes Kind, und zähme Deinen Stolz. Niemand vernimmt uns, der Dir ſpä⸗ ter, um Dich zu kränken, meine Worte wiederholen könnte. Aber ſo undankbar Bruno Greif gegen Euch gehandelt hat, ſo ablehnend und hochmüthig biſt auch Du gegen ihn geweſen. Ihr beide ſeid Kinder dieſer Welt und zwiſchen Euch hätte der Tod ein großer Verſöhner ſein ſollen; iſt er doch für Euch das Ende aller Dinge. Du haſt die Hülfe, die er Dir nach Dei⸗ nes Vaters Tode anbot, nicht angenommen...“ „Du weißt darum?“ fragte erſtaunt Clara. — 93 „Er hat es mir nicht anvertraut, aber ich weiß es.“ „Nun, dann ſollteſt Du auch meine Empfindung kennen, die ſich gegen ſeine Wohlthaten empörte. Ich Almoſen von ihm annehmen! Ein gemächliches Leben führen, das mir ſeine Geſchenke bereitet! Es war eine thörichte Wallung meines Herzens, ihn zu lieben, aber dieſe Liebe galt ihm allein, nicht ſeinem Reichthum. Was wollte er mit ſeinem Gelde? Die verlorene Liebe wiedererwerben oder mir die Vergangenheit abkaufen? Sollte ich ſeine Geliebte werden oder ihm ſeine Schwüre, unſere gemeinſchaftlichen Hoffnungen zurückgeben? Ja, mit all ihren Schmerzen ſind dieſe Erinnerungen mein Schatz und nicht um Goldes Werth werde ich ſie opfern!“ Haſtig hatte ſie ſich erhoben und den Stuhl fort⸗ geſtoßen. Die leidenſchaftliche Erregung verlieh ihren dunklen Augen noch ein tieferes Feuer und ihren Wangen eine lebhaftere Farbe. Hinter dem Bettſchirm ſtöhnte leiſe die Kranke, und während Clara zu ihr eilte und ſich zu ihr herab⸗ neigte, zu lauſchen, ob ſie ſchliefe oder einen Labe⸗ trunk verlange, blieb Ellen in der Mitte des Gemaches ſtehen, ſtill in ſich verſunken, faſt ohne Regung. Es war, als ob ſie in eine unendliche Tiefe blicke und darüber erſtarrt ſei. 94 „Sie liebt ihn noch immer“, ging es wie ein Hauch, verſtändlich nur für ſie ſelbſt, über ihre Lippen. Jetzt kehrte Clara von dem Bette der Mutter zurück. „Sie ſchläft“, antwortete ſie auf den fragenden Rechte auf ihr laut ſchlagendes Herz. Welcher Gegenſatz war doch zwiſchen den beiden marmorartigen Geſichtszügen, deren Weiße noch von dem matt röthlichen Glanze ihrer Haarwellen gehoben ward, mit einem ätheriſchen Zug, der auch die ſchlanke ben ließ, mit Augen, in denen— wenn ſie dieſelben, was ſelten geſchah, voll aufſchlug— etwas Unerklär⸗ liches leuchtete. So ſtellt ſich die Phantaſie die Engel um den Thron des Ewigen vor, die in all ihrer Selig⸗ keit mit ſanfter Trauer die Ahnung von dem Leid der Sterblichkeit beſchleicht. In Clara dagegen waltete das Irdiſche, das jugendlich ſinnlich Bewegte. Leidenſchaftlicher ſprachen ihre Augen, voller blühten ihre Lippen. Ihre ſchön geſchwungenen Augenbrauen und der reizend geformte Mund gaben ihr den Ausdruck anmuthiger Lebendig⸗ ————— Blick der Freundin,„aber wir wollen behutſamer ſein.“ Und mit einem rührenden Lächeln preßte ſie die Mädchen! Ellen eine vergeiſtigte Schönheit, mit edlen, Geſtalt zu beſeelen ſchien und ſie gleichſam dahinſchwe⸗ 4 + 95 keit. Die Noth des Tages mochte ſie ſonſt wie in einen grauen Schleier einhüllen, in dieſem Augenblick hatte ihn die wiedererwachte Neigung zerriſſen und ſie ſtand in ihrer urſprünglichen Schönheit da— den Kopf ein wenig geneigt, eine losgegangene Haarflechte fiel auf ihre Schulter— glühend und erregt, die Hand auf dem Herzen, als müſſe ſie ſelbſt ſich zur Ruhe er⸗ mahnen. „Ich habe den Becher überſchäumen laſſen“, be⸗ gann Ellen wieder;„kannſt Du mich jetzt ohne Unter⸗ brechung anhören? Von allen Gedanken, die Du Bruno zugeſchrieben, iſt vermuthlich nicht ein einziger in ſeine Seele getreten. Der Zufall bringt ihm die Kunde von dem Unglück Deiner Familie, ſo lange iſt Dein Vater, iſt Deine Mutter im Dienſt ſeines Hauſes ge⸗ weſen, was iſt natürlicher, als daß er Dir eine Geld⸗ unterſtützung ſendet und ſich erbietet, für Dich zu ſor⸗ gen? Hätte er zu Dir eilen und mit gefühlvollen, aber kargen Worten Dich über den Tod des Vaters tröſten ſollen?“ „Biſt Du plötzlich eine Anbeterin des goldenen Kalbes geworden?“ fragte Clara nicht ohne Bitterkeit dazwiſchen. „Ich?“ Ellen hob ein wenig ihr Geſicht empor, daß die — —y— 96 Sonnenſtrahlen um ihr Haupt etwas wie einen flim⸗ mernden Glorienſchein bildeten. „Aber die irdiſche Noth bezwingſt Du nur durch irdiſche Mittel. Ich verachte weder, noch liebe ich den Reichthum, allein es gehört Kraft dazu, ihn zu er⸗ werben, und Tugend, ihn zu beſitzen. In der Welt, wie ſie iſt, kannſt Du ohne Geld nicht einmal dem Himmel dienen. Bruno handelte unter dem Eindruck einer natürlichen Empfindung— an Liebe, weder an die vergangene, noch an die zukünftige dachte er da⸗ bei. Ein junger Mann in ſeiner Stellung, von ſeiner Haltung, unter den Verſuchungen, die ſich an ihn drängen, ſeufzt keiner Mondſcheinſchwärmerei nach. Die Sage von der grauſamen, unſeligen, verzehrenden Liebe— nur an uns Frauen wird ſie noch zur Wahrheit.“ Clara hatte die Hände über das Geſicht geſchla⸗ gen; ſo bemerkte ſie die Wandlung nicht, die in El⸗ len's Zügen vorgegangen war. Ein ſinnliches Feuer leuchtete in ihnen auf, das zugleich entzückte und er⸗ ſchreckte. „Wie zerreißt Du mein armes Herz!“ ſeufzte Clara und ließ ihre Hände langſam herabgleiten. „Ach, könnteſt Du wenigſtens zugleich dieſe unglückliche Neigung bis auf die Wurzel herausreißen!“ 97 Schon hatte Ellen's Antlitz wieder den ſtillen, ent⸗ ſagenden Ausdruck. „Dies alſo“, ſagte ſie ſanft,„die herbe Zurück⸗ weiſung eines freundſchaftlichen Anerbietens war Deine Schuld, aber auch Bruno Greif hat ſeine Pflicht gegen Euch nicht erfüllt. So gut wie ich konnte er wiſſen, daß ſein Vater allmälig milder gegen die Hinterblie⸗ benen ſeines treuen Dieners geſtimmt worden war, daß er mir geſtattet hatte, Dich bei mir in dem gel⸗ ben Hauſe zu ſehen, ja daß er, wäre nicht der Tod recht wie ein Mörder in der Nacht—“ „O, ſchweige, ſchweige von jener fürchterlichen Stunde!“ „Du warſt bei mir geblieben, ich wollte Dich an dem regneriſchen unheimlichen Octoberabend nicht nach der Stadt zurückkehren laſſen... Wunderbar ſind Gottes Gerichte!... Entſinnſt Du Dich noch?“ „Wie vermöchte ich es jemals zu vergeſſen! Iſt es mir doch, als erſchienen dort an der Wand die einzelnen Vorfälle wie ebenſo viele Bilder in brennen⸗ den Farben!“ „Und doch haben Dich die feurigen Buchſtaben, die Gottes Finger damals an die Wand zeichnete, nicht zu dem Allmächtigen geführt und mit himmnliſcher. Frenzel, Silvia. I. 98 Liebe erfüllt!“ klang es wie ein milder Vorwurf und ein ſchmerzliches Bedauern aus Ellen’s Munde. Doch in der nächſten Sekunde fuhr ſie fort: „Begrabe das Gedächtniß jener Nacht im unter⸗ ſten Grunde Deines Herzens. Ich wollte nur ſagen: hätte Martin Greif länger gelebt, er würde ſich Eurer angenommen haben; Ihr waret ein Vermächtniß, das er ſeinem Sohn hinterließ. Der aber hat ſich darum nicht gekümmert...“ „Er war erbittert, daß ich ſeine erſte Hülfe abge⸗ lehnt“, ſagte zu ſeiner Entſchuldigung Clara;„ſich aufzudrängen iſt er zu ſtolz.“ „Wenn es ſich nur um Euch handelte, könnteſt Du Recht haben. Allein nicht ſein Hochmuth iſt die Urſache ſeiner Zurückhaltung. Ihm iſt die Erinnerung an ſeinen Vater läſtig; er möchte die Vergangenheit vernichten. Er kam, wie Du weißt, gerade am Tage der Beſtattung heim. Nur mit dem Arzt ſprach er, zu mir kein Wort. Als er nach der Feierlichkeit dem Geiſtlichen für ſeine Anweſenheit und ſeine Rede ge⸗ dankt hatte, ſagte er zu mir:„Fürchten Sie nicht, Miß Wood, daß ich Ihnen läſtig fallen werde, ich fahre in der nächſten Stunde nach der Stadt zurück. Schalten und walten Sie in dieſem Hauſe, wie es Ihnen beliebt.“ Ich erwiderte ihm darauf, daß ich 99 ſchon ſeit geſtern in dem kleinen Hauſe wohnte, das ich der Güte ſeines ſeligen Vaters verdankte. Darauf verabſchiedete er ſich von mir mit einer kalten Ver⸗ neigung.“ „Und Du haſt ihn nicht wiedergeſehen?“ „Flüchtig ein⸗ und ein andermal im Gewirr der Straße, erſt geſtern wieder deutlicher, Auge in Auge. Er fuhr mit einem Freunde nach dem gelben Hauſe. Im Laufe des Jahres hat er die alten Die⸗ ner, ſelbſt den Gärtner mit ſeinen Gehülfen entlaſſen; er hat mit dem Gelde nicht geſpart, um ſich eine an⸗ dere Umgebung zu verſchaffen. Er will durch kein Geſicht an den Vater erinnert ſein; allmälig wird er nun auch das Haus und den Garten umgeſtalten. Sein Freund bewohnt es zunächſt, ein Maler— der mag ihm die Pläne ausarbeiten.“ „Wenn er aber die Vergangenheit ſo ſehr haßt“, hob Clara, da die Freundin ſchwieg und durch die Scheiben drüben nach dem Hofe ſchaute, auf dem lachende und lärmende Mägde die Wäſche über die Leinen legten, wieder an,„warum willſt Du Dich ſeiner Unfreundlichkeit ausſetzen?“ „Um Deines Bruders— Deiner armen Mutter willen“, entgegnete Ellen.„Vielleicht würde ihr Leben noch um Jahre gefriſtet werden, könnte ſie einen Win⸗ 7* 10⁰⁰— ter in milderer Luft zubringen. Und auch Dir würde ein Aufenthalt im Süden, ein Nachlaß in der aufrei⸗ benden Arbeit, Wechſel und Bewegung zuträglich ſein.— Aber das überſteigt unſere Kräfte...“ t „Und Du glaubſt, ich wäre jetzt gedemüthigt ge⸗ nug und vom Schickſal getreten, um nicht zum zwei⸗ ten Male gegen Bruno die Spröde zu ſpielen? Du irrſt, Ellen— ja, ich bin eine Bettlerin, doch mit dem ganzen Stolz der Armuth.“ „Sprach ich von Dir?“ antwortete Ellen.„Nie ſoll Dir Bruno wieder mit einer gut gemeinten Gabe läſtig fallen, Du ſollſt ihn mit keiner Bitte angehen. Was ich mit ihm zu reden gedenke, iſt meine Sache. Deine Mutter bedarf der Hülfe, über Deinen Bruder muß eine ſtärkere Hand walten als die Deinige— dieſe Thatſachen kannſt Du nicht leugnen. Im Uebri⸗ gen, was iſt mir Stolz oder Demuth? Mich leitet der Geiſt, er lebt in meiner Seele und in meinem Willen. Weil Du nicht die Empfindung Gottes haſt, wahrſt Du ſo ängſtlich Dein Ich, wie eine Blume, die vor jeder Berührung zuſammenſchauert.“ „Noch einmal, Ellen...“ „Still 1 Und ſie legte ihr lächelnd und ebieteriſch zugleich den Binder auf den Mund. 101 „Du wirſt nachher Deine Wahl treffen, mein Vorhaben änderſt Du nicht.“ „Du wälzeſt eine neue Laſt auf mein Herz, das kaum die alten erträgt.“ „Sonderbares Geſchöpf! Wenn Dir auch die Freundſchaft zur Bürde wird, was verlangſt Du eigent⸗ lich vom Leben?“ „Freiheit!“ rief Clara.„Ich möchte auf eigenen Füßen ſtehen, reich ſein, aber durch meine Arbeit.“ „Träumerin! Wir befinden uns alle in einer Kette und Jeder hängt, oft ohne es zu wiſſen, von den Andern ab. Ineinander verſchlungen wie die Fäden eines Gewebes ſind die Looſe der Menſchen, nirgends iſt Freiheit, und das Höchſte, was unſere Vernunft erreichen kann, iſt die Erkenntniß unſerer Knechtſchaft. Wie vermagſt Du im Wirrſal der Leidenſchaften und der Zufälle von Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit zu reden? Ob arm, ob reich, immer wirſt Du von Menſchen und Dingen beſchränkt und nieder⸗ gehalten werden, immer morgen ein Anderer ſein, als Du heute es geweſen biſt. Nur das Unbegrenzte iſt ewig, nur das Wandelloſe iſt frei. Und ſo ergib Dich“, wendete ſie ihren Ton,„in das harte Geſchick, eine ſo herriſche Freundin zu haben, wie mich.“ 102 „Du überzeugſt mich nicht, aber es iſt eine höhere Gewalt in Dir, die mich überwindet.“ Ihre beiden Hände hatte Ellen ergriffen und ſah ihr tief in die Augen. „Du biſt ſo ſchön und zum Genuß des Lebens geſchaffen, Glück zu ſchenken und Glück zu empfangen. Es dauert mich, daß Du in ſolcher Umgebung, in harter Arbeit verkümmern ſollſt. Fliege hinaus, armer ſchöner Vogel! möchte ich Dir zurufen, die Welt iſt weit und ihre Freuden ſind groß.“ „Das ſagt mir eine Heilige?“ „Die Einen werden für den Himmel, die Andern ſind für die Erde geboren. Glaubſt Du, daß Gott grämlich und verdrießlich ſei, wie der alte Pfarrer in Charlottenburg? Da er die Luſt geſchaffen hat, ſo wird ein Hauch ſeines Weſens auch in ihr ſein. Was iſt Sünde? Nur die, welche dürftigen und trockenen Herzens ſind, ſündigen; denen, die Gott lieb hat, denen er einen Abglanz ſeiner Schönheit oder ſeiner Güte auf ihrer irdiſchen Pilgerbahn mitgegeben, dienen alle Dinge als Sproſſen der Leiter zu ihm hinauf.“ Nun drückte ſie noch einen leiſen Kuß auf die Stirn des befangenen Mädchens, in deſſen Bruſt die Worte der Freundin ſtürmiſcher nachklangen, als ſie geäußert worden waren, und entſchwand aus dem —————————— — 4 4 103 — Gemach mit der Schnelle und Leichtigkeit eines Schattens. Clara ſtrich mit der Hand über die Stirn, als empfände ſie an der Stelle, wo Ellen ihren Kuß hin⸗ gehaucht, einen brennenden Schmerz. An manche Wunderlichkeiten der Freundin, in der Rede wie in dem Benehmen, war ſie gewöhnt; Ellen hatte es nie verheimlicht, daß ſie einer ſchwärmeriſchen Methodiſten⸗ ſekte angehört und im Geiſte noch angehöre. Aber während ſie ſonſt die lebhaften und heftigen Empfin⸗ dungen Clara's zu beſänftigen geſucht, hatte ſie heute zufällig oder abſichtlich, dieſelben in ihrer Tiefe auf⸗ geregt. Sie war es, die Bruno's Bild wieder leben⸗ diger heraufbeſchworen und abenteuerliche Hoffnungen in Clara's Buſen erweckt. Ja, wohl war das Leben der Pflicht und der Arbeit, das ſie führte, öde, ſchal und angſtvoll; ein beſtändiges Bangen für den näch⸗ ſten Tag, ein Sorgen um das Kleinlichſte; keine Freude, nirgends eine Erhebung aus der gemeinen Wirklichkeit. Clara ſaß an der Nähmaſchine nieder— das Summen des Rades, das Picken der Nadel ſollten, wie ſo oft, die Hochflut ihrer Gedanken und Gefühle mit eintönigem, unerbittlichem Gleichklang ebben laſſen und einſchläfern. Doch heute verſagten Hand und Fuß 104 den Dienſt, ſie ſtützte den Kopf in die Hand und träumte. Es war ihr eine Wohlthat, daß Fritz mit ſeinem lärmenden Gebaren ſie nicht ſtörte. Ungehin⸗ dert gingen und kamen Bilder, Vorſtellungen, Ein⸗ fälle; ſie ſchien der Außenwelt abgeſtorben zu ſein, nur ihr Ohr lauſchte auf die Athemzüge der Kranken. Lange hielt ſie der Halbſchlaf nicht gefangen, ſie ſchüt⸗ telte ſich und trat an das Fenſter. Drüben aus dem traurigen Hauſe fuhr der ſchwarz⸗ behangene Leichenwagen. „Das iſt das Ende“, ſprach ſie vor ſich hin,„und nur das iſt gewiß.“ Um dieſelbe Zeit ſaß Benno im Garten des gel⸗ ben Schlößchens unter einer breitäſtigen Buche und malte die düſtere Stelle, wo Herr Martin Greif und ſeine Tochter nebeneinander begraben lagen. Ein kunſtvolles Gitter von Schmiedeeiſen in Blätter⸗ und Rankengewirr trennte von dem übrigen Garten einen Raſenplatz und eine Gruppe hochſtämmiger Fichten, die, im Halbkreis gepflanzt, eine Art abſchließender Niſche des ganzen Raumes bildeten. Vor ihnen lagen die beiden Gräber, ein jedes mit einer weißen Mar⸗ morplatte bedeckt, auf der in goldenen Buchſtaben der Name, der Geburts⸗ und Todestag des darunter — — Ruhenden eingegraben waren. Drei Immortellenkränze ſchmückten jede Grabplatte. Hinter ihnen, halb von dem Schatten der Fichten verborgen, ragte auf einem künſtlichen Erdhügel ein röthlicher granitener Felsblock auf; auf der einen Seite in ſitzender Stellung lehnte daran der Engel des Schlafes, auf der andern ſtand, in der rechten Hand die geſenkte Fackel, der Engel des Todes, beide Figuren in Marmor und in hoher Vollendung. Sie hatten auch Benno's Blicke, als er den Garten durch⸗ ſtrich, zuerſt an dieſe Stelle gefeſſelt. Seiner Zeit, als ſeine Tochter noch lebte, hatte Herr Martin Greif die Gruppe von dem berühmteſten Bildhauer der Stadt herſtellen laſſen. In vortrefflicher Weiſe hatte der Künſtler ſeine Aufgabe gelöſt und nicht nur den beiden Genien den ergreifendſten und rührendſten Ausdruck gegeben, ſondern auch das ganze Denkmal in eine Uebereinſtimmung mit der landſchaftlichen Umgebung gebracht, daß eine unvergleichliche maleriſche Wirkung daraus entſprang. Sowohl der Künſtler wie der Empfindſame fühlte ſich in Benno mächtig davon angezogen. Schnell holte er ſeine kleine Staffelei, ſeine Pinſel, ſeine Porzellan⸗Palette und ſeine Aquarellfarben her⸗ unter, wählte eine Weile ſeinen Standort, bis er 106 unter der Buche den geeignetſten fand, und war jetzt ſchon eine geraume Friſt in ſeine Arbeit vertieft. Die tiefe Stille umher, die ſchwärzlichgrünen Fichten, von denen die weißen Engelsgeſtalten ſonnenumglänzt ſich wie Geſchöpfe einer andern Welt abhoben, das herbſt⸗ liche Ggfühl, das ſich in der Luftſtimmung, in dem ſich färbenden Laub der Bäume ausſprach, verſchmol⸗ zen zu einer Einheit, für die Benno keinen Namen hatte, deren Eindruck auf ihn zugleich ſchmerzlich und wohlthuend, rührend und kräftigend war. Wiee in ſeinem Weſen ſchien auch in der Natur ein Doppelſinn zu leben und die wunderlich gemiſchte Grundſtimmung ſeines eigenen Charakters auch aus dem landſchaftlichen Bilde ihn anzuwehen. Im Uebrigen hatte ſich Alles auf das glücklichſte für ihn geſtaltet. Er hatte ſich nach dieſer Reiſe, nach der Entfer⸗ nung aus ſeinen gewohnten Verhältniſſen geſehnt und ſie doch wieder gefürchtet. Wenn es die Umſtände über⸗ nahmen, ihm Weg und Ziel zu zeigen, und das höhere Geſetz der Ehre und der Pflicht Bedenklichkeiten und Rückſichten nicht aufkommen ließ, war er voll Ent⸗ ſchloſſenheit und ſtandhaften Muthes; ſchien aber der Entſchluß, den er zu faſſen, die Wahl, die er zu treffen hatte, einzig von ſeinem Willen abzuhängen, ſo ſchwankte 107 er unentſchieden hin her. Neben den Annehmlich⸗ keiten der Reiſe, den Anregungen der großen Stadt, eines reicheren und bewegteren Verkehrs hatte er ſich darum auch die Verdrießlichkeiten, Leiden und Be⸗ ſchwerden vorgeſtellt, die ein Wechſel des Aufenthalts für ihn herbeiführen mußte. Ungern entbehrte er, woran er ſich gewöhnt, und war doch wieder zu rück⸗ ſichtsvoll, ohne die äußerſte Noth dies für ihn Unent⸗ behrliche zu fordern. Unter einem fremden Dache zu ſchlafen, machte ihm ſchon Pein. Endlich hatte er ſich kopfüber in das Abenteuer geſtürzt. Ueber Erwarten fügte ſich Alles gut und ſchön. Bruno zeigte ein Ver⸗ ſtändniß für ſeine Sonderlingsnatur, als ob er ſie bis in ihre feinſten Falten ſtudirt hätte. In dem Garten, in dem Hauſe konnte ſich Benno als Herr fühlen und nach ſeiner Laune leben. Nichts von aufdringlicher Freundſchaft, keine Vergnügungsjagd, der eine ging ſeinen Geſchäften, der andere der Kunſt nach. Die Rococo⸗Romantik, die das Schlößchen um⸗ ſchwebte, fügte dem Behagen Benno's noch ein beſon⸗ ders feines Element zu: es war die Atmoſphäre des kleinen thüringiſchen Hofes, an dem er ſich wohlgefiel. Hoch oben am Hauſe, nach der Gartenſeite, war eine Uhr angebracht; ſie verkündigte eben mit heiſeren Schlägen die dritte Stunde. 8 10 5 Um dieſe Zeit hatte ao aus der Stadt ein⸗ treffen und ihn zum Mittagseſſen abholen wollen. Mit einem Seufzer packte Benno ſein Malergeräth zuſam⸗ men. Während er bisher unverwandt ſein Auge auf das Denkmal gerichtet hatte, kehrte er ſich jetzt— die vorrückende Sonne traf ihn mit ſchrägem Strahl— ſeitwärts und ſah ſich einer grauen Dame gegenüber, die auf einer Bank mit gefalteten Händen, als ſpräche ſie ein Gebet für die Ruhe der Todten, ſaß. Benno war gerade beſchäftigt, ſeine Pinſel und ſeine Palette zu reinigen— eine Beſchäftigung, welche nicht die vortheilhafteſte iſt, in der ein Weltmann die Bekanntſchaft mit einer ſchönen und ſeltſamen Dame machen kann. So viel war am geſtrigen Abend über, Miß Ellen Wood geredet worden, daß Benno es vor⸗ gezogen hatte, ihr in anderer Weiſe zuerſt zu begegnen. Mit einiger Haſt warf er die Pinſel in den Malkaſten, die Palette ins Gras und erhob ſich von ſeinem Feld⸗ ſtuhl. Doch noch ehe er einen Schritt gethan, war El⸗ len aufgeſtanden.. „Ich bitte Sie ſehr um Verzeihung, mein Herr“, ſagte ſie, und eine anmuthige Bewegung verſtärkte noch das Wort,„es war nicht meine Abſicht, Sie zu ſtören. Ich kam der Todten wegen.“ —— 109 Nun bemnerkt Benno erſt, daß ſie neben ſic auf der Bank zwei Epheukränze liegen hatte. „Meine Arbeit iſt für heute vollendet, wie Sie ſehen. Und vielleicht iſt es noch peinlicher, in ſeiner andächtigen Betrachtung als in ſeinem Handwerk ge⸗⸗ ſtört zu werden.“ Er hatte einen unglücklichen Platz. Die Sonne ſchien ihm ins Geſicht, und er mußte mit den Augen blinzeln, während ſie im Schatten ſtand. Schweigend nahm Ellen ihre Kränze, öffnete durch den Druck auf eine Feder das Gitter und legte ſie auf die Gräber; den Kopf auf die Bruſt geſenkt, blieb ſie eine Weile in ſich verſunken vor ihnen ſtehen. In aller Eile hatte Benno darüber ſeine Geräth⸗ ſchaften zuſammengelegt, ſeine Malerei in eine Mappe geborgen, voll Verlangen, ein Geſpräch mit dem Mäd⸗ chen zu beginnen, und doch ungewiß, wie er es an⸗ ſtellen ſollte, ohne unbeſcheiden und neugierig zu er⸗ ſcheinen. Langſam kehrte Ellen jetzt von den Gräbern zu⸗ rück; vorſichtig wußte ſie ſich immer im Schatten zu halten. „Der beſte Freund, den ich auf Erden gefunden, und das ſchönſte Mädchenherz ruhen mir dort“, ſagte 110 ſie;„das mag mich entſchuldigen, daß ich ohne Anfrage und Bitte dieſen Garten betreten habe.“ „Um eine fromme Pflicht zu üben, bedarf es keiner Erlaubniß. Denjenigen, dem jetzt dieſe Gräber gehören, wenn Gräber außer den Todten Jemand an⸗ gehören, kann Ihre Pietät nur rühren. Wie viel beſ⸗ ſer wäre mein Freund in dieſem Augenblick an meiner Stelle; er würde die richtigen Worte finden, Ihnen— zu danken.“ „Ich will ihn erwarten“, entgegnete ſie unbefangen. „Ich kam, ihm eine Bitte vorzutragen— nicht an dieſem Orte“, ſetzte ſie mit melancholiſchem Lächeln hinzu. „Mein Herz führte mich zuerſt hierher, wo ich ſicher ſein durfte, ihn nicht zu treffen. Denn was hätten Jugend, Kraft und Reichthum bei den Todten zu ſuchen? Was könnten ſie hoffen von ihnen zu er⸗ fahren?“ „In der That nicht viel, da die Todten bekannt⸗ lich ſtille Leute ſind. Aber das Letzte, denke ich, gilt ebenſo gut für meinen Freund wie für Sie, meine Gnädige.“ „Nicht ganz, mein Herr. Mich beſtärkt dieſer Anblick in der Entſagung und in der Erkenntniß von der Nichtigkeit der Welt.“ „Bedarf es einer Grabplatte, um uns zu ſagen, 3 ¹ —* — 4 — 111 1 daß Alles eitel ſei? Jede welke Blume und jede leere Flaſche predigen daſſelbe. Und immer umſonſt, denn wir leben ruhig weiter in der Citelkeit dieſer Citelkeiten. Sollte da ein geiſtreicher Menſch—“ und er machte ihr eine artige Verneigung—„nicht zu der Ueberzeugung kommen, daß jede Weiſe, zu leben und zu denken, gleich nichtig und leer ſei, daß weder der Genuß noch die Entſagung das große Räthſel löſen, ſondern ewig in gebührender Entfernung rechts und links von ihm bleiben?“ „Gilt es denn, ein Räthſel zu löſen? Unſer Glück, unſere Ruhe iſt die Hauptſache, und beide wer⸗ den für den Einzelnen wie für alle beſſer in der Be⸗ ſchränkung als in der Eroberung gewonnen. Betrachtung iſt ſeliger als Handlung.“ „Warum nicht? Es lebe der Müßiggang! Das wohlige Gefühl, nichts zu thun und nichts zu denken, träumeriſch in die Abendwolken zu ſtarren, wer kennt es nicht? Aber man muß aus dem Holz der Heiligen geſchnitzt ſein, um lange darin aushalten zu können.“ „Gewiß“, erwiderte ſie mit gelaſſenem Stolz;„ſind Sie etwa der Meinung, daß die Seligkeit für Jeder⸗ mann ſei? Ungleich durch die Geburt, ungleich durch die gemeinſten Fähigkeiten, ungleich im Leben wie im Sterben, ſollten alle Menſchen den gleichen Anſpruch 112 3 auf das Reich Gottes haben? Es wird Ihnen nicht einfallen, dem Thürhüter Ihres Hauſes Ihre Geheim⸗ niſſe mitzutheilen.“ „Ich verſtehe; in Hinſicht auf das Ewige gehöre ich zu den Thürhütern. So weiß ich doch, wenn wir uns drüben wiederſehen ſollten, was meine Pflicht Ihnen Ben nüder iſt, meine Gnädige.“ „Sie ſpotten und doch machen Sie innerhalb Ihrer Kunſt dieſelbe Eintheilung, wie ich innerhalb der Religion. Zeichnen, mit Farben arbeiten kann Jeder, dieſer beſſer, jener ſchlechter. Aber wie Wenige erlernen die Geſchicklichkeit des Malens! Unter dieſen wieder verdient nur eine Minderzahl den Namen eines Künſtlers, unter der Minderheit iſt nur ein einziger— Rafael! Angehaucht von religiöſem Geiſte ſind alle, von ihm erfüllt und durchdrungen zu ſein, iſt eine Begnadigung, ein Talent, wenn Sie dies Wort lieber hören.“ „Mindeſtens begreife ich es leichter; es gibt Reli⸗ gionspfuſcher und Religionskünſtler. Die Pfarrer und die Mönche rechnen wir, Ausnahmen zugegeben, zu den erſten, zu der zweiten Klaſſe ſcheinen mir vor allem die Frauen beſtimmt zu ſein.“ 1 „Kaum!“ antwortete ſie, immer in derſelben unerſchütterlichen Ruhe. 4 113 „Da wäre ich neugierig...“ „Einem Manne von ſolchem Scharfblicke“— er wehrte die Schmeichelei ab—„ſollte der Grund doch nicht entgangen ſein. Ihrer Natur nach miſcht die Frau in jede Betrachtung, in jede Empfindung ein Sinnliches und Irdiſches. Ihre Gottesliebe wird darum ſtets den Erdgeſchmack der irdiſchen Liebe haben.“ Und als beläſtige ſie das Spiel des Windes mit ihrem grauen Schleier, zog ſie ihn dicht über das Geſicht herab. Dieſe Bewegung mochte Benno als Zeichen des Rückzugs nehmen; er ſelbſt wurde dadurch aus einer Verlegenheit befreit. Ihm fehlte die rechte Waffe, ihr zu begegnen. Er hatte ſich Miß Ellen Wood„ganz anders“ vor⸗ geſtellt, unheimlicher, dämoniſcher— er hätte ſich über ſeine Phantaſterei auslachen mögen. Das war eine lehrhafte engliſche Methodiſtin aus einer Provinzial⸗ ſtadt, wo in der rauchigen, qualmigen Luft der Fabrikſchlote die Diſſenters die erſte Geige ſpielen und alle Saiten auf„geiſtlich“ und„erweckt“ ge⸗ ſtimmt ſind; von einer Lady Tartuffe konnte er keinen Zug in dieſer ſeraphiſchen, aber kalten und lang⸗ weiligen Schönheit entdecken. Nur ihre letzte Aeußerung ſchien unter der glatten Oberfläche eine bewegtere Frenzel, Silvia. I. 8 114 Tiefe zu verrathen. Aber er hatte nicht mehr die Muße, darüber nachzuſinnen. Eben hatte Ellen ihren Schleier heruntergezogen, als Bruno von dem Hauſe daherkam. Er war in der fröhlichſten Laune. Trotz ſeines Idealismus fühlte er ſich durch eine kaufmänniſche Geſchäftsangelegenheit gehoben, in ſeiner Thätigkeit wie im Bewußtſein ſeiner Kraft geſtärkt. Vor einer Stunde hatte er mit den Vertretern einer ruſſiſchen Staatseiſenbahn zur Lieferung einer größeren Anzahl von Locomotiven einen vortheilhaften Vertrag abge⸗ ſchloſſen. Eine Fabrik iſt eine proſaiſche Einrichtung, die Mechanik liegt weit ab von der Schönheit, aber bei alledem, der Gedanke hatte einen poetiſchen Reiz und befriedigte den Ehrgeiz, der ſich in der Bruſt Bruno's unwillkürlich regte, der Gedanke, daß auf einem Feuer⸗ und Dampfwagen, der den Stempel„Greif und Com⸗ pagnie“ trug, die Cultur und das Ideal durch die Barbarei des Oſtens fahren würden, bis zu den alten Grenzen Europas. So verdarb es ihm denn auch nicht die Stim⸗ mung, als er ſchon in einiger Entfernung in der Dame, mit der Benno prach, Ellen erkannte. „Ich wußte es ja“, ſagte er lachend, dem Freunde die Hand entgegenſtreckend und die Dame leicht be⸗ —— 415 grüßend,„daß Miß Wood die erſte Bekanntſchaft ſein würde, die Benno von Hellburg im gelben Hauſe macht. Ein Freund“, fuhr er fort, ihn gleichſam noch einmal vorſtellend,„deſſen Namen Sie während meiner Krankheit oft genug von mir gehört haben, Miß Wood, und der mir das Ein und All, das wir eine Weile beſitzen, das Leben, gerettet hat.“ 8 Mit vollendeter Anmuth erwiderte Ellen dies freundliche Entgegenkommen. Sie geſtand, daß ſie ſchon in einen Streit der Meinungen mit Herrn von Hellburg gerathen ſei. „Aber die reißende Tiefe des Stroms, der zwiſchen uns fließt“, ſchloß ſie,„hindert nicht, daß wir uns freundlich begrüßen und nach dem Fährmann rufen, der den einen zum andern führe.“ Seine Geräthe, die noch umherlagen, gewährten Benno einen ſchicklichen Vorwand, ſich zu entfernen und Ellen nach dem Wunſche, den ſie vorher angedeutet, mit Bruno allein zu laſſen. Ueber Bruno's Stirn lief ein Schatten, als der Freund ging, und der hartnäckige Wind entführte Ellen's Schleier, wie feſt ſie ihn auch gehalten. Um einen halben Ton hatten ſich ihre Wangen geröthet, ihre Wimpern ſenkten ſich tief über die graublauen Augen. „Wollen Sie nicht Platz nehmen, Miß Wood?“ 8* 116 Bruno deutete auf die Bank. „Ich ſollte mich beklagen, daß Sie dieſen Garten, den Sie ſo ſehr zu lieben ſchienen, jetzt gefliſſentlich meiden. Das iſt wider die Abrede, die wir bei un⸗ ſerem letzten traurigen Zuſammentreffen an dieſer Stelle ſtillſchweigend eingingen. Beinahe fürchte ich, die Leute werden ſagen, ich hätte Sie vertrieben.“ ſelbſt wenn ſich ein ſolches falſches Gerücht verbreitet, hätten Sie nach der Meinung der Welt zu fragen? Mancherlei hat mich bisher verhindert, von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch zu machen, nicht am wenigſten die Scheu, den Schmerz meiner Seele zu erneuern, wenn ich die Stätten beträte, wo ich ſo glücklich und ſo unglücklich geweſen bin. Die Erin⸗ nerung iſt wie ein geheimnißvolles Heiligthum, nicht ohne Schauer geht man über ſeine Schwelle.“ „Darum denke ich auch daran, Haus und Garten mir wohnlicher einzurichten und aus dem Heiligthum die Schatten zu verbannen. Unſer Lebensſchiff würde unterſinken, würfen wir nicht zuweilen den Ballaſt über Bord.“ „Ein Mann, der in weiten Kreiſen wirkt, Vielem vorſteht und für das Allgemeine ſorgt, erſcheint um ſo muthiger und entſchloſſener, je ſchneller er mit einer „Ihr Großmuth iſt zu bekannt, Herr Greif, und —————— 117 alten Arbeit, einer alten Geſchichte fertig wird, je kräftiger er ſich der gegenwärtigen Aufgabe widmet Dem Handelnden ſteht es an, nichts zu bereuen und Vieles zu vergeſſen.“ „Nur nicht Alles... So in unſerem Falle möchte ich weder die Erinnerungen meiner Jugend, die ſich an dieſe Bäume und dieſe Mauern knüpfen, noch an die Pflege, die Sie, Miß Wood, meiner Schweſter und mir darin erwieſen haben, jemals darangeben.“ „Ihre Worte ermuthigen mich, ſchneller mit der Bitte hervorzutreten, die mich hierher geführt.“ „Mit einer Bitte? So ſagen Sie doch, Miß Wood! Es iſt unrecht, daß Sie mich von Ihren Wohlthaten ausſchließen. Gute Thaten bleiben zum Glück ebenſo wenig verborgen wie die böſen, und ich habe gehört, mit welch edler Hingabe Sie ſich dem Dienſt der Armen und Kranken im Orte widmen.“ Sie wehrte ab. „Es iſt kein Opfer, ſondern eine Beſchäftigung, die mich zerſtreut. Aber nicht darum handelt es ſich, — eine Familie, die Sie näher angeht... die Wolfharts...“ 1 Bisher hatte Bruno in ruhiger Haltung, mit höflicher Gleichgültigkeit ihr gegenüber geſtanden. Bei 118 dieſem Namen zuckte er leicht zuſammen, und als ihn nun ein durchbohrender Blick Ellen's traf, verlor er etwas von ſeinem vornehmen Gleichgewicht und der Ton ſeiner Stimme wurde heiſerer. „Die Wolfharts? Was iſt's mit ihnen? Ein neues Unglück?“ „Die Mutter liegt ſchwer krank darnieder, der Sohn iſt aus Ihrer Fabrik entlaſſen worden..“ „Wegen ſeiner Widerſpenſtigkeit. Seine vorge⸗ ſetzten Meiſter haben wiederholt über ſeinen Trotz und ſeine Nachläſſigkeit geklagt; er iſt ein unruhiger Kepf/ der die Leute aufſtachelt.“ „Es iſt natürlich, Herr Greif, daß ein junger Menſch wie Fritz Wolfhart, den Ihr ſeliger Vater ſo ſehr bevorzugte, ſich nicht willig einer Ordnung fügt. „Die ihn dorthin ſtellt, wohin er gehört“, unter⸗ brach ſie Bruno.„Mein Vater glaubte, daß Fritz ein großer Erfinder werden würde... Was glaubte der Vater nicht Alles von Andern aus Haß gegen mich! Indeſſen, wir waren Spielgefährten und ich bin der Aeltere. Was wünſchen Sie, Miß Wood, für Ihren Schützling?“ „Arbeit, wie für jede Kraft, die brach liegt“, ent⸗ gegnete ſie.„Mein Schützling iſt er nicht, Herr Greif; —x 119 wenn ich für ihn ſpreche, geſchieht es ſeiner armen Schweſter wegen, deren Leben ſich in dem Sturm der Sorgen, im Kampf um das tägliche Brod verzehrt.“ Wieder ging eine Erſchütterung durch Bruno's Geſtalt, aber er bezwang ſich und preßte die Lippen hart aufeinander, um den ehemals geliebten Namen, der ſich aus dem Herzen emporringen wollte, nicht über ſie ſchlüpfen zu laſſen. „Das thut mir leid, Miß Wood, ſehr leid... Und von Ihnen muß ich dies Alles zuerſt erfahren!“ ſetzte er in aufwallender Bitterkeit hinzu. Wie unter einem Schlage beugte ſie den Kopf. „Vergeben Sie mir, daß ich mich der Armen annahm und Ihnen vorgriff. Auch meine Freund⸗ ſchaft hat ein Anrecht an Clara's Unglück.“ Bruno hatte einen peinlichen Augenblick. Sie hatte geholfen und getröſtet, wo aus den zwingendſten Gründen zu helfen und zu tröſten ſeine Pflicht geweſen wäre! Wozu beſaß er ſeine Reich⸗ thümer, wenn er ſie nicht einmal dazu verwendete, einer Jugendfreundin die Laſt des Daſeins zu er⸗ leichtern? Wie oft mochte Clara in ihrer Noth ſeiner als ihres Retters gedacht haben! Er hatte ſie vergeſſen — aus Trotz und Zorn leichtſinnig vergeſſen! 120 Jetzt mußte er ſich von Ellen an ſeine Pflicht mahnen laſſen. Ueberall kreuzte dies Mädchen ſeinen Weg, ſie ſchien gutmachen zu wollen, was er verabſäumt oder gefehlt. Schon vor ſeinem Vater war ſie in dieſer Weiſe für ihn eingetreten und hatte dadurch ſei⸗ ne Empfindlichkeit gereizt. So lange hatte er ſich ſchweigend in den Willen eines Andern ſchicken müſſen, daß er noch immer einen Eingriff in ſeine Rechte und ſeine Selbſtſtändigkeit argwöhnte. Und nun hatte ſie ſich ſogar in eine Angelegenheit gemiſcht, die er— was auch geſchehen— als eine Angelegenheit ſeines Herzens betrachtete! Er mußte ihr noch Dank wiſſen, daß ſie ihm das Geſchick derer mittheilte, die ihm vor einigen Jahren ſo nahe geſtanden, daß ſie ihm er⸗ laubte, an der Hülfe, die ſie geſpendet, Theil zu nehmen. Sein Stolz war tief verletzt, ſeine Abneigung und Furcht vor Ellen erhielten neuen Grund und neue Stärke. „Sie haben mich mißverſtanden, Miß Wood“, ſagte er langſam, um ſeine Ruhe und das Gleichmaß ſeines Weſens wiederzugewinnen;„ich bin nicht ei⸗ ferſüchtig, daß Ihre Wohlthaten den meinen zuvor⸗ kommen. Nur meine eigene Läſſigkeit klagte ich an. Sie haben etwas von der Schnelligkeit und dem —* ————— 121 Scharfblick der himmliſchen Boten: wo die Noth am größten, da ſind Sie! Wir Andern hinken Ihnen nach und müſſen zufrieden ſein, wenn wir unſere Gabe der Ihrigen hinzufügen dürfen.“ „Verliert ſie dadurch an Werth, daß ſie durch meine Hände geht?“ erwiderte ſie ſanft.„Aber ich habe niemals daran gedacht, Herr Greif, die Rolle einer Vermittlerin zwiſchen Ihnen und den Wolfharts zu ſpielen. Erſchüttert von dem Anblick eines edlen Mädchens im Kampf mit einem widrigen Schickſal, von jenem Mitleid erfaßt, das den Armen mit dem Armen verbindet, kam ich zu Ihnen, aus eigenem Antrieb, ohne Abſicht auf Dank oder Lohn. Ich wünſche für Sie nichts mehr zu ſein als eine namen⸗ loſe Stimme, die Ihnen eine ſchmerzliche Wahrheit verkündigt. Mein Geſchäft iſt zu Ende.“ „Bleiben Sie, Miß Wood!“ Und in ſeiner Haſt ergriff er ihre Hand und hielt ſie feſt. „Es iſt nun einmal mein Unglück, Sie zu kränken. Clara— Fräulein Wolfhart iſt zu ſtolz, um mir die geringſte Freundlichkeit zu erlauben. Ihre— dieſe Hand allein vermag zu heilen, zu lindern, die meine ſchlägt nur Wunden. Mein Vater pflegte Ihren prak⸗ tiſchen Sinn zu rühmen; thun Sie, was Ihnen gut ſcheint, wie es Ihnen gefällt. Verfügen Sie über mich, ohne mich zu nennen.“ „Und glauben Sie nicht, Clara würde bald er⸗ rathen...“ „Ich vertraue Ihnen, Miß Wood. An Fritz will ich ſchreiben; ich ſende in den nächſten Wochen einige Leute nach Rußland zur Unterſuchung einer Eiſenbahnlinie, er kann ſich ihnen anſchließen. Mutter und Tochter empfehle ich Ihnen... denn ich... Mit welchen Empfindungen werden beide meinen Namen ausſprechen!“ „Mit Rührung gedenkt Clara der Stunden, die ſie hier verlebt hat. Wir begegnen uns beide in den⸗ ſelben Gefühlen für Sie und dieſes Haus“, ſagte ſie mit klugem Doppelſinn. Er mochte eine andere Antwort erwartet haben. „Freilich“, meinte er abgebrochen,„der Traum iſt vorüber, und es war gut, daß wir zur rechten Zeit erwachten.“ „Für Clara gewiß, ſollte ihr die Möglichkeit eines Glückes außerhalb der Traumwelt gewahrt bleiben.“ „Wohl! Ich werde dieſe Möglichkeit nicht hindern. Noch einmal, Miß Wood, Sie ſind die Herrin, Alles nach Ihrem Willen zu ordnen, was zur Pflege der Kranken, was zum Beſten des Fräuleins geſchehen *1 123 ſoll. Für die Heiligen hat unſer Dank keinen Werth, ſie werden durch den Drang ihres Genius zum Guten getrieben, wie der Künſtler zum Schönen. Laſſen Sie es mich dennoch ſagen, daß ich Ihnen von neuem und tiefer verſchuldet werde.“ „Sie vergeſſen, Herr Greif, daß Ihre und Ihres Vaters Güte mich erſt reich genug gemacht hat, um Andern wohl zu thun. Laſſen Sie mir dies Gefühl der Abhängigkeit, es iſt ſüß.“. „Leben Sie wohl, Miß Wood, der Freund harrt meiner ſchon. Und dieſen Garten— meiden Sie ihn nicht mehr.“ Während er mit ſchnellen Schritten in zwieſpältiger Stimmung nach dem Hauſe eilte, nahm Ellen ihren Platz auf der Bank wieder ein. Nichts hatte ſich an ihr verändert, nur ihre Augen ſtrahlten von Triumph und Leidenſchaft. „Sein Mißtrauen, ſein Haß ſind noch nicht über⸗ wunden“, ſagte ſie ſich,„aber der erſte Sieg iſt er⸗ rungen. Ich habe wieder in dieſem Hauſe einen Punkt, von dem aus ich es bewegen kann. Gleich⸗ gültig bin ich ihm nicht, und der grimmigſte Haß kann ſich wandeln. Worin ſich wandeln?“ Sie hüllte ſich in ihren grauen Schleier, und als ſie eine Weile darauf— die ſchnellen Pferde hatten 124 Bruno und Benno ſchon längſt dem Umkreiſe des gelben Schlößchens entführt— den Garten verließ, ſagten die Diener untereinander: „Ein wunderhübſches, ſtattliches Frauenzimmer, aber leider fromm oder verrückt!“ —— ÿ Viertes Kapitel. Mild und ſternenreich ſenkte ſich die September⸗ nacht hernieder. Leichte, vom Mondſchimmer durch⸗ blitzte Nebel ſtiegen von dem Fluſſe auf, der ſtill an dem weidenumbüſchten Ufer und dem Schloſſe Bellevue mit ſeinen dunklen Baumgruppen dahinfloß. Einzelne Kähne mit jungen Burſchen und Mädchen, von kräf⸗ tigen Armen gerudert, ſchwammen auf der Flut. Durch das Schweigen der Natur klang das fröhliche Gelächter und der Geſang der Menſchen. Hier, auf der nordweſtlichen Seite des Thiergartens, liegen, im Rücken die Spree, die drei Zelte, altmodi⸗ ſche Vergnügungsorte, deren goldene Zeit, als ſie die Mittelpunkte der bürgerlichen guten Geſellſchaft der Stadt bildeten, längſt vorüber iſt. Nur das mittelſte Gaſthaus mit den ſtattlichſten Sälen und dem größten 126 Vorgarten hat noch einen Schatten ſeines alten Rufes und Glückes bewahrt. Vor den Häuſern dehnt ſich ein weiter, mit hohen Bäumen beſtandener runder Platz aus; viele Wege führen an ihnen vorüber, dem Fluſſe zu oder in die Tiefen des Parks. Aus dem hell erleuchteten Garten tönte eine luſtige Muſik; eine Militärkapelle ſpielte, alle Stühle um die Tiſche waren beſetzt. Es war ein Gewoge von Gehen⸗ den und Kommenden an den mit bunten Lampen feſt⸗ lich geſchmückten Eingängen des Gartens. Arm in Arm kamen Bruno und Benno des We⸗ ges, langſam folgte ihnen auf der Fahrſtraße der Wagen. Das Mittagseſſen bei dem Grafen Reinsberg, mit dem Benno weitläufig verwandt war—„ſelbſt wenn ich Dir den Stammbaum auf den Tiſch zeichnete, würdeſt Du den Zuſammenhang dieſer Verwandtſchaft nicht ganz verſtehen“, ſagte Benno dem Freunde,„da⸗ zu muß man Ariſtokrat ſein“— und deſſen Kohlen Bruno's Oefen heizten, hatte ſich bis zu dieſer ſpäten Stunde hingezogen. In der Geſellſchaft waren einige kenntnißreiche Männer, einige liebenswürdige Frauen geweſen. Der Tochter des Hauſes, Irene Reinsberg, ſprach man gern den Preis der Schönheit und der Klugheit zu. Die Mutter hielt ſich beſcheiden im Schatten, Irene 127 war die Seele der Geſellſchaft. Durch Geburt und Stellung übte der Graf Reinsberg in ſeiner heimat⸗ lichen Provinz einen nicht geringen Einfluß aus; ſeit dem tollen Jahre liebte er es, ſich ſtark und lebendig an der conſervativen Politik zu betheiligen, und da er als Redner im Herrenhauſe einige Erfolge gehabt, war ſein Ehrgeiz geſtiegen. Jetzt, unter größeren Verhältniſſen, im Reichs⸗ tag des norddeutſchen Bundes, glaubte er ſich zu einer hervorragenden Rolle berufen, zur Schöpfung einer ver⸗ mittelnden Partei zwiſchen der liberalen und altconſerva⸗ tiven Seite des Hauſes. Die Gegner behaupteten, daß er nach einem Miniſterpoſten trachte; diejenigen, die ihm wohlwollten, bedauerten, daß ſeine politiſchen Neigun⸗ gen und Pläne ihn das Nothwendigſte, ſeine eigenen Geſchäfte, arg verſäumen ließen.„Er hätte nichts dagegen“, meinte jetzt Bruno, da dieſe Verhältniſſe im Geſpräch berührt wurden,„wenn ich ihm einen Theil ſeiner Geſchäfte abnähme und gegen einen guten Kauf⸗ ſchilling ſeine ſchleſiſchen Kohlengruben an mich brächte; er braucht baares Geld. Daher die Freundlichkeit der Familie gegen mich.“ „Biſt Du ſo mißtrauiſch“, entgegnete Benno,„daß Du in der Höflichkeit des Wirthes nur eine eigennützige Abſicht ſiehſt?“ „Reichthum macht argwöhniſch. Wer ſo häufig 128 wie der Kaufmann nicht nach dem Werth ſeiner Per⸗ ſönlichkeit, ſondern nach ſeinem Beſitz geſchätzt wird, der gewöhnt ſich leicht, überall nur nach Soll und Haben zu fragen. Wie glücklich iſt der Künſtler, der mit ſeinem Werk eintritt, den man um ſeiner ſelbſt willen ſucht! Wir verſchwinden hinter unſern Fabriken oder unſern Geldſpinden. Verſtehe mich recht; der Graf Reinsberg iſt ein ehrenwerther, vortrefflicher Mann, ein Ariſtokrat in der glänzendſten Form; in dieſem trüben Winter habe ich beinahe die einzig guten Stun⸗ den in ſeinem Hauſe zugebracht— ich finde es durch⸗ 1 aus in der Ordnung, daß er lieber mit mir ein Ge⸗ ſchäft abzuſchließen wünſcht als, von der Noth gedrängt, mit dem erſten, der ſich dann anbietet; mein Vater hat mich ja immer einen halben Ariſtokraten geſcholten.“ „Zum mindeſten hatte die Freundlichkeit, mit der Dich Irene auszeichnete, nichts mit den Geſchäften zu thun. Dieſe Huld galt doch Bruno und nicht dem Chef des Hauſes Greif.“ „Glaubſt Du?“ antwortete Bruno, den Zerſtreu⸗ ten ſpielend.„Es iſt immer mißlich, die Launen eines Mädchens deuten zu wollen. Mit ihrem lebhaften Geiſt nimmt die junge Gräfin regen Antheil an Allem; die Unterhaltung wendete ſich heute zu meinen Gunſten und ich konnte munter ihren Fragen und Einfällen 129 begegnen. Aber wie oft haben wir uns ſtumm gegen⸗ über geſeſſen, wie oft hat ſie über mich hinweggeſehen! Das iſt wie Regen und Sonnenſchein an einem April⸗ tage.“ „Legſt Du ſo gar keinen Werth darauf?“ „Willſt Du mich fangen? In allen meinen Be⸗ ziehungen zu dem gräflichen Hauſe ziehe ich lieber den Verſtand als das Herz zu Rathe. Ich bin nicht mehr jung genug, um einen Liebesſchiffbruch erleiden zu können, ohne lächerlich zu werden.“ „Liebe macht uns ſtets von neuem jung.“ „Romantiſche oder leidenſchaftliche— mag ſein. Doch trifft weder die eine noch die andere bei mir zu.“ „Du biſt von einer bedenklichen Proſa. Als ich ſo jung war wie Du—“ „Alter Herr! Weil Du Dich jetzt wohnlich in der Burg des Junggeſellenthums eingerichtet haſt und nur nach dem Unerreichbaren trachteſt— nach dea Liebe einer ſchönen Fürſtin, die verheirathet iſt, oder nach der Liebe einer Hofdame, die aus Seelenadel nicht heirathen will— möchteſt Du mich gern auf Freiersfüßen ſehen. Vom ſichern Hafen aus iſt das Schauſpiel des Schiffbruchs bekanntlich großartig und anziehend.“. „Als ob ſolch ein Schiffbruch nicht auch für den 9 3 Frenzel, Silvia. I. ——— 130 ſchiffbrüchigen Odyſſeus ſeinen Zauber hätte! Ich bin ſchon vier⸗ oder fünfmal in dieſer Lage geweſen. Der Menſch ſoll Alles erproben, auch die Wertherſtimmung. Man iſt viel zu gebildet, viel zu ſehr Mann des neun⸗ zehnten Jahrhunderts, um die Piſtole wirklich abzu⸗ drücken, man legt ſie gemächlich wieder beiſeite und faßt den heldenmüthigen Entſchluß, ſich nun erſt recht auszuleben. Du biſt freilich in dieſer Hinſicht unter keinem glücklichen Stern geboren: Du wirſt nie einen Korb erhalten, weder von einer Gräfin noch von einer Arbeiterin.“ „Oho!“ „Aus drei Gründen: einmal biſt Du jung, reich und dann biſt Du furchtſam. Mit dieſen drei Eigen⸗ ſchaften aber iſt es ſchwer, ſich bei den Frauen eine Niederlage zu holen. Der Reichthum blendet ſie, die Jugend gefällt, und die Schüchternheit zieht ſie an. Je vorſichtiger Du auftrittſt, deſto kecker werden ſie.“ „Alles eigene Erfahrung?“ ſcherzte Bruno.„Oder Goethe'ſche Weisheit in zweiter Auflage? Nur paßt ſie nicht auf mein Verhältniß zu der Gräfin Irene. Ich liebe ſie nicht, noch reizt es mich, eine ſo vor⸗ nehme Dame zur Frau zu haben. Vor allem aber ſei überzeugt, daß„ich meine Freiheit ſo lange als möglich bewahren werde. Nach der Abhängigkeit von 31 — meinem Vater erſcheint mir die Sklaverei der Liebe als die ſchlimmſte.“ „Und hoffſt Du ihr zu entgehen?“ „Den Sirenen nicht, aber den Furien. Es lebe die Freude und das Abenteuer!“ Darüber waren ſie, ohne daß es ihre Abſicht ge⸗ weſen, in den Garten getreten, halb von dem Men⸗ ſchenſtrom fortgetrieben, halb den Klängen der Muſik folgend. Sie ſuchten nach einem Tiſch, an dem ſie ſich niederlaſſen könnten. In ihrer Nähe rüſtete ſich eben eine Geſellſchaft zum Aufbruch; hell fiel das Licht einer Gaslaterne auf die beiden Männer und das Mädchen, das zwiſchen ihnen ſtand. Bruno ſtutzte und wollte ausweichen, indeſſen war es ſchon zu ſpät; ein grauer Hut wurde geſchwenkt und eine laute Stimme rief: „Schönſten guten Abend, Herr Greif!“ Es war Ruprecht; allein nicht an ihm hingen Bruno's Blicke. Neben dem wilden Schmettow hatte er Clara erkannt. Blaß und ſchlank ſtand ſie in einem ſchwarzen Kleide, die Hand auf die Lehne des Stuhls geſtützt; alles Blut war ihr zum Herzen gedrungen. Sollte ſie fliehen, ſollte ſie bleiben? Gewaltſam machte der Bruder ihrer Unentſchloſſen⸗ heit und dem peinlichen Auftritt ein Ende. Mit einem 132 kurzen„Gute Nacht!“ zu Schmettow und einem trotzi⸗ gen, widerwilligen Gruß gegen Bruno riß er die Schweſter mit ſich fort. In dem Gewühl der Men⸗ ſchen waren ſie bald entſchwunden. „Wollen Sie mir die Ehre geben, meine Herren—“ Schmettow fühlte ſich in ſeiner ganzen Ueber⸗ legenheit. Zu ungeſtüm verlangte Bruno nach einer Auf⸗ klärung über Ruprecht's Beziehungen zu den Geſchwi⸗ ſtern, als daß er gezögert hätte, den leeren Stuhl neben ihm einzunehmen. Benno wurde vorgeſtellt; es ergab ſich, daß Schmettow vor Jahren mit einem Verwandten Benno's in derſelben Compagnie der Garde gedient hatte. Von dem verzweifelten und niedergedrückten Aben⸗ teurer, der vor fünf Tagen im gelben Hauſe einen letzten Verſuch, ſich aus dem Meer des Elends zu retten, gewagt hatte, war kaum noch eine Spur an Ruprecht zu entdecken. Nur zuweilen verrieth ein ge⸗ wiſſes lautes und prahleriſches Benehmen den Glücks⸗ pilz, der ſich in ſeinem neuen Reichthum noch nicht zurechtgefunden hat. 3 Bruno's Geld hatte ihm hundertfältig Frucht ge⸗ tragen. Unter den Linden war er einem ehemaligen Bekannten von der Newyorker Goldbörſe begegnet. —.— 133 „Schmettow“, hatte der Mann gerufen, der ſich hier in einigen Jahren zu einem bedeutenden Banquier emporgearbeitet,„ſind Sie es wirklich?“ Wie die Hände, hatten ſich die Geiſter bald ge⸗ funden. Der Banquier wollte amerikaniſche Papiere, Californien⸗ und Oregon⸗Ciſenbahnactien auf den Markt bringen. „Sie kennen das Land, Schmettow“, ſagte er, „und thäten mir einen Gefallen, wenn Sie die glän⸗ zenden Ausſichten der Bahnen in einem Proſpect ſchilderten, den man den Zeitungen mittheilte. Sie führen einen ſtolzen Namen, der hier in Preußen ſeine Wirkung nicht verfehlen würde.“ Das ſah Schmettow ein, und da der andere ein bedeutendes Honorar zahlte und Liebesdienſte für die Zukunft verſprach, entwarf Schmettow eine meiſterhafte Schilderung von dem Luftſchloß der Oregon⸗Eiſenbahn. Da er viel in jenen Landſchaften umhergewandert war, konnte er ſeine Beſchreibung mit einer Fülle von That⸗ ſachen ſchmücken und ihr die lebendigſte Farbe leihen. Nicht ohne eine Anwandlung von ſchriftſtelleriſcher Eitelkeit hatte er heute in allen größeren Zeitungen an bevorzugter Stelle ſeinen Aufſatz geleſen. Was demſelben an Feinheit und Abrundung fehlte, wurde durch einen deutſch⸗amerikaniſchen Duft und Ton er⸗ 134 ſetzt, der den Eindruck der Treuherzigkeit und der Wahrheit hervorbrachte. In ſeiner Ungeduld und Aufregung hätte ſich Bruno beinahe eine Blöße gegeben und ſeine Theil⸗ nahme für Clara in unbedachter Weiſe laut werden laſſen, aber Ruprecht kam ihm zuvor. „Hatten eben von Ihnen geredet, Herr Greif, oder vielmehr von Ihren Fabriken und Ihrem Export nach Rußland“, ſagte er.„Suchte wie Sie einen Platz im Garten, bemerkte hier noch einen Stuhl... ein ſchönes Mädchen in der Nähe... Kennen meine alte Paſſion für dunkle Augen, Herr Greif... ſaß alſo neben dem jungen Paare nieder. Ein Geſpräch knüpfte ſich an, mir fielen die klugen Antworten des Mädchens und die Keckheit des Jünglings auf. Müſſen eine gute Erziehung genoſſen haben; erfuhr dann, daß beide längere Zeit in Ihrem Hauſe geweſen. Eine ſehr anziehende Erſcheinung, das junge Frauen⸗ zimmer, voll Anmuth und Zurückhaltung. Wäre etwas für einen Maler... dachte manchmal an die ideali⸗ ſirten Arbeiterinnen aus den Romanen der Sand. Wäre neugierig, ob der Schmelz eine Berührung aus⸗ hielte!“ Bruno ballte die Fauſt und entgegnete mit einem zornigen Beben der Stimme: 135 „Ich wünſche, Herr von Schmettow, daß Sie in dieſem Falle Ihre Neugierde nicht befriedigen. Das Mädchen war die Geſpielin meiner Schweſter.“ Und zu Benno ſich hinüberneigend, gab er ihm einen kurzen Aufſchluß über Clara und ihren Bruder. „Nicht im Traum fällt es mir ein, ſelbſt den Verſuch zu machen“, ſagte Schmettow mit einem Sa⸗ tyrgrinſen dazwiſchen,„habe andere Dinge im Kopf als Weibertugend. Iſt immer wie ein Fahrzeug, das Waſſer zieht. Auch dieſe ſtolze Fregatte wird einmal auf eine Klippe ſtoßen; iſt überall das Loos der Ar⸗ muth und der Unſchuld, Herr Greif. Aber ich bleibe aus dem Spiel, weit weg. Haben Sie meinen Ar⸗ tikel über die California⸗Oregon⸗Eiſenbahn geleſen? Sollten in das hieſige Comité eintreten, reiner Gewinn von fünfzehn Procent.“ „Zunächſt begnüge ich mich, Ihren Stil zu be⸗ wundern, Herr von Schmettow.“ „Wollen abwarten, wie der Haſe läuft. Vor⸗ ſichtiger, deutſcher Geſchäftsmann... Waren in London waghalſiger, Herr Greif!“ „Ich bin ſeitdem um ſieben Jahre älter geworden und wirthſchafte nicht mehr aus fremder Taſche.“ „Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Man baut nie herrlichere Paläſte als mit dem Gelde Anderer.“ Ruprecht ſtrich ſich vergnügt ſeinen Bart. Benno's Maleraugen fühlten ſich von der eigen⸗ thümlichen Geſtalt und dem ſcharfgeſchnittenen Kopf des Abenteurers angezogen. In ſeinen abgeriſſenen, haſtig herausgeſtoßenen Aeußerungen lag ein gewiſſer übermüthiger Humor, eine Zigeuner⸗Philoſophie, mit einer reichen Lebenserfahrung gepaart, die Benno, 4 gerade wegen ihres Gegenſatzes zu ſeiner eigenen Natur und Weiſe, feſſelten. Er miſchte ſich mit Fragen über die Weſtſtaaten der Union in das Geſpräch, das einzuſchlafen oder einen gereizten Charakter anzunehmen drohte. Während Ruprecht bereitwillig Antwort gab— übertriebene und fabelhafte und dann wieder ver⸗ ſtändige und geſcheidte— brütete Bruno finſter vor ſich hin. Seine Seele war bei Clara. Was hatte ſie hierher, an die Seite Schmettow's geführt? Ruprecht's Erklärung ſchenkte er keinen Glauben. „Nein“, grübelte er mit dem ſelbſtquäleriſchen Scharfſinn der erwachenden Eiferſucht,„es war kein zufälliges Zuſammentreffen.“ Und die Hoffnung, endlich doch noch das Geheim⸗ niß der Beziehungen zwiſchen Ruprecht und Clara aufzuklären, war es, die ihn in der Nähe des verhaß⸗ ten Mannes verweilen ließ. So jung, ſo hülflos, wie — 137 Clara war— in welche Netze und Fallſtricke konnte ihre Unerfahrenheit fallen! Sie bedurfte eines Wäch⸗ ters, eines Schützers, ihn beſtimmten Pflicht und Ju⸗ gendfreundſchaft dazu. Die ſchlimmen Abſichten, die Ruprecht gegen das Mädchen hegte, zu durchkreuzen, mußte ſeine nächſte Aufgabe ſein, bis er ſie ihm auf immer entrückt hatte. „Der Wein wird ihn zum Sprechen bringen“, dachte er und ſchlug vor, aus dem Garten in den Saal zu treten und noch eine Stunde zu verplaudern. „Gute Bekannte, die ſich nach ſo langer Zeit ſo unerwartet wiederſehen, wie wir“, ſagte er zu Schmet⸗ tow,„müſſen die einzige Gelegenheit mit Champagner begrüßen; ein guter Zufall verdient, daß man ihn feiert.“ „Einverſtanden! Fortuna liebt wie alle Weiber den Champagner.“ Der Wirth ſelber war herbeigekommen, die vor⸗ nehmen Gäſte zu bedienen. In dem Saal zu ebener Erde, deſſen hohe Fenſter faſt bis zum Boden des Gartens hinabgingen, wurden die Gasflammen ange⸗ zündet— nur wenige, um nicht bei der Milde der Nacht eine allzu große Wärme zu erzeugen. So blieb der weite Raum im Halbdunkel liegen. Durch die oberen Scheiben ſiel ein verlorener Mondſtrahl und 138 malte zitternde, flimmernde Arabesken an die gegen⸗ überſtehende dunkle Wand. Bald verſtummte auch das Summen und Lärmen der Menſchen draußen, die meiſten hatten den Garten verlaſſen. Dieſe plötzlich eingetretene Stille, die ſchweren tiefen Schatten in den Ecken und Niſchen des Saales, die ſpäte Stunde— elf Schläge ließ die alte, in einem hohen Holzgehäuſe befindliche Uhr eben mit unheimlichem Geräuſch, das wie ein Röcheln klang, vernehmen— Alles wirkte zu⸗ ſammen, um dem Trinkgelage der drei, wie Benno bemerkte, ein Rembrandt''ſches Colorit zu geben. Er war der mäßigſte, Schmettow der ſtärkſte und dabei gelaſſenſte Trinker. Nachdem Bruno haſtig ein Glas hinuntergeſtürzt hatte, lehnte er ſich in den Stuhl zurück und ſeine ſchönen Augen ſchweiften unruhig an der Decke umher, als ſuchten ſie dort ein geliebtes Bild. „Ich möchte wohl unſere Schöne von vorhin in dieſer Beleuchtung ſehen“, ſagte Benno achtlos.„Die ſchlanke Erſcheinung, der hübſche Kopf, das dunkle Gewand in dieſem großen, etwas wüſten Raum: es wäre recht ein Bild zum Malen.“ 1 „Wir hätten die jungen Leute nicht gehen laſſen ſollen“, meinte Schmettow und blinzelte zu Bruno hinüber.„Sie hätten einmal einen guten Abend ge⸗ — 139 habt, was ihnen nicht oft geſchehen mag, und wir hätten ein Mädchengeſicht von Champagner erglüht geſehen, was immer drollig und angenehm iſt. Noch dazu ohne Gefahr— wir ſind unſerer drei!“ „Ich bin nicht mehr aufgelegt zu ſolchen Scherzen“, fuhr Bruno ärgerlich dazwiſchen.„Armuth und Un⸗ ſchuld ſollten uns heilig ſein.“ „Sentimental oder fromm?“ ſcherzte Ruprecht. „Sind ein Wunder, Herr Greif! Wenn einem jungen Manne der Vater geſtorben iſt, wohlverſtanden mit Hinterlaſſung eines Vermögens— ſonſt hole der Teufel die Väter!— pflegt er ſich des Lebens zu freuen und ſeines Reichthums zu genießen. Noch dazu in Ihrem Falle... nehmen Sie's nicht unwirſch auf, Ihr Vater war ein großer Mann— ich ziehe den Hut vor Jedem, der eine Million nicht nur erworben, ſon⸗ dern auch behauptet hat— aber ein Knauſer. Er hat Sie kurz gehalten; wollen Sie's ihm nachthun und die Zügel des Lebens noch ſtraffer ziehen?“ So wenig die rohe Sinnlichkeit Ruprecht's Benno behagte, in dem einen Punkte ſtimmte er mit ihm überein, daß Bruno's Weſen an einer unerklärlichen Schwermuth, einem Ueberdruß und einer Verzagtheit litt, die er wohl zu Zeiten abzuſchütteln vermochte, die jedoch immer wiederkehrten und jedesmal ſtärker ———— 140 auf ihn eindrangen. So beſtätigte er denn auch jetzt Schmettow's Bemerkungen. „ ꝛDu biſt ein gefährlicher Kranker“, ſchloß er, „Du leideſt wie König Midas am Golde. Raffe Dich auf, zwei Wege liegen vor Dir: erwirb noch mehr oder verſtreue, was Du haſt.“ X „Bravo!“ ſchlug Schmettow in die Hände.„Das iſt die ganze Weisheit, erwerben oder verſchwenden. Wetter, Herr Greif, Sie wiſſen nicht, welchen Zauber⸗ ſtab Sie beſitzen. Was ſind heutzutage Scepter, Kro⸗ nen, ſiegreiche Schwerter? Altes Blech oder altes Eiſen gegen eine runde volle Million! Damit erkauft man, was es auf Erden gibt— calculire, könnte man nur zu den Sternen hinauf, ſo würde man mit dem Dollar auch dort Geſchäfte machen. Ehre, Ruhm, Schönheit und Tugend, vor dem Dollar erbleicht Alles. Wollen Sie ein großer Erfinder werden? Kaufen Sie einem armen Schlucker ſeine Erfindung ab. Ein Po⸗ litiker? Für ein Lumpengeld wählt man Sie, conſer⸗ vativ oder liberal, wie Sie wollen. Reichthum macht beredt— für eine Handvoll Thaler ſchreibt Ihnen irgend ein herabgekommenes Genie eine unvergleichliche Rede; Sie gründen ſich eine Zeitung. Sie kaufen die Män⸗ ner wie die Weiber. Die öffentliche Meinung? Bah, füttert Sie nur mit Geld und ſie wedelt wie ein — ———— 141 Schooßhündchen. Alle wollen wir leben und grüßen den, der uns leben läßt. Erde, Himmel und Hölle— der Reichthum bindet ſie. Was nach der neueren Kritik Gott nicht kann, er kann es, er thut Wunder. Wüſteneien ſchafft er zu Paradieſen um. Schlägt er mit ſeiner Goldruthe auf den ſterilſten Boden, fängt dieſer zu blühen an. Was wollen Sie ſein, Herr Greif, was wollen Sie kaufen? Die Welt iſt nichts als ein Jahrmarkt; habt Ihr Geld im Beutel, ſteht Euch jede Bude offen.“ Um ſich von der ungewohnten Anſtrengung einer ſo langen Rede zu erfriſchen, goß er raſch ein paar Gläſer Wein hinunter und wiederholte dann: „Geld im Beutel und im Uebrigen— vogue la galère!“ „Es iſt mit dem Reichthum wie mit allen Gütern des Lebens“, ſagte Bruno.„Diejenigen, die heftig nach ihnen ſtreben, malen ſich ein wunderbares Glück in ihrem Beſitz aus und vergeſſen darüber den Doppel⸗ ſinn des Irdiſchen. Doch gebe ich Dir gern zu, Freund Benno, daß ich ein Träumer bin und mir Unluſt und Verdruß aus nichts ſchaffe. Seit meines Vaters Tode werde ich eine unbeſtimmte Unruhe nicht los; ich fürchte etwas, ohne einen Namen dafür zu haben, ohne einen Anhalt für meine Sorge. Anfänglich“— — 8 6 1. 142 hatte ihn nun der Champagner redſeliger geſtimmt oder ergriff er die Gelegenheit, ſich auszuſprechen— „anfänglich vermuthete ich eine bedenkliche Lage des Geſchäfts, eine drohende Geldkriſis, aber ich überzeugte mich bald, daß der Vater mir Alles in muſterhafter Ordnung und in blühendem Zuſtande hinterlaſſen. Dann ſuchte ich nach irgend einem Geheimniß, einer Schuld aus der Vergangenheit, die ich wieder gutzumachen hätte, und was dergleichen Einbildungen ſind. Nach allen Forſchungen, die ver⸗ geblich blieben, kehrte ich immer wieder zu meinem früheren Zuſtand, dem einer grundloſen Beängſtigung zurück. Vielleicht biſt du krank, ſagte ich zu mir, und deine Sorge iſt nur die Vorbotin eines inneren⸗ Leidens. Ich zog die Aerzte zu Rathe; ſie thaten Alles, mich zu beruhigen. Allmälig haben Zeit und Gewohnheit die Aufregung gemildert, die Furcht be⸗ ſänftigt, allein der friſche, fröhliche Muth, ins Leben hineinzugreifen, fehlt mir nach wie vor. Noch immer erfaßt mich, oft in der glücklichſten Stimmung, das Gefühl, ein unſichtbarer Gegner ſtehe hinter mir, Menſch, Ding oder Zufall, und erſpähe den günſtigen Augenblick, über mich, den Ahnungsloſen, herzufallen.“ „Weil Dir in der Wirklichkeit keine Hinderniſſe begegnen, ſchaffſt Du Dir phantaſtiſche. Heirathe oder —— — 143 beginne einen großen Bau; Beides zerſtreut und wird Dir ſo viel Widerwärtigkeiten und Annehmlichkeiten im bunten Wechſel bereiten, daß Du keine Muße mehr finden wirſt, Deine krankhaften Einbildungen zu pflegen.“ „Hm!“ Und Schmettow ließ den Nagel des Zeigefingers an das Champagnerglas anklingen. „Kenne die Empfindung, die Sie ſchildern. Hatte ſie in den californiſchen Bergen, in Nevada auf der Wacht den Indianern gegenüber. Ueberfällt einen wie das kalte Fieber oder der Sturm Gottes. Will Ihnen ſagen, Herr Greif, ſind auf einem böſen Ab⸗ hang. Die Leute erzählen, Ihr ſeliger Vater ſei am Ende ſeiner Tage ein Pietiſt geworden. Woher? Warum? Iſt meine unmaßgebliche Meinung: aus Furcht vor dem Tode, vor dem Jenſeits, aus jenem namenloſen Schreckensgefühl, unter dem auch Sie zu⸗ weilen leiden. Schütteln Sie ſich, Freundchen, müſſen wieder warm werden! He, was halten Sie vom Ueberſinnlichen?“ In dem Munde Ruprecht's hatte dieſe Frage 3 etwas ſo Merkwürdiges, daß Bruno und Benno, ſtatt ihm zu antworten, Blicke miteinander wechſelten, „ die zu ſagen ſchienen: Spricht der Wein aus ihm in 144 feurigen Zungen? Entweder bemerkte Schmettow dieſen ſtummen Gedankenaustauſch nicht, oder zog es vor, ihn nicht zu beachten. „Verſtehe Ihr Schweigen“, ſagte er und Fins mit den Fingern an in den Weintropfen und Schaum⸗ perlen, die auf die Tiſchplatte gefallen, hin und her zu tupfen.„Wer unter den Gebildeten glaubt noch an Geſpenſter, an Offenbarungen der überſinnlichen Welt? Iſt ein überwundener Standpunkt! Was iſt Gott? Ihr könnt lange nach dem Abſoluten ſuchen, in logi⸗ ſchen Denkproceſſen und in chemiſcher Analyſe; Ihr werdet es nicht finden. Die Welt iſt das größte me⸗ chaniſche Kunſtſtück, aber der Werkmeiſter iſt ver⸗ ſchwunden.“ „Gut, wir können ihn nicht entdecken, nicht nennen, noch begreifen“, unterbrach ihn Bruno,„glauben wir darum weniger an das Göttliche? Irgend ein Er⸗ habenes und Unendliches nimmt Jeder an. Daß der eine es Gott, der andere es Univerſum heißt, darüber mögen ſich die Pfaffen des Glaubens und des Un⸗ glaubens ſtreiten. Sind Sie jenſeits des Waſſers unter die Propheten gerathen?“ „Iſt Philoſophie, was Sie einwenden, Freund! Trockener, verſteinter Glaube meinetwegen, aber nicht der echte Glaube, der Glaube im Fluß, der einem — —— 145 raſenden Bergbach, einem glühenden Lavaſtrom gleicht. Nur in dieſem iſt Leben und Bewegung, Leidenſchaft und Wildheit. Gebe zu, kann nicht mehr in Europa gedeihen, ſolcher Glaube. Er braucht eine großartigere Natur mit geheimnißvollen Schrecken, wüſte Geſellen und ſeltſame Weiber. Dann aber... man erlebt curioſe Dinge, Geſchichten wie aus einem Irrenhauſe. Meine, daß man unter der Einwirkung des Ueber⸗ ſinnlichen in der That toll wird. Indeß, ſo oder ſo, es gibt mehr Dinge zwiſchen Himmel und Erde... und ſo weiter, wie Prinz Hanlet ſagt.“ „Sie ſchildern wie einer, der dieſe Eindrücke an ſich ſelbſt erfahren“, fing Benno nach einer Pauſe an; „erzählen Sie doch! Sie werden uns nicht mit halben Andeutungen entlaſſen wollen.“ „Halb zwölf“, lachte Bruno gezwungen,„die rechte Stunde für Geiſtergraus und Geſpenſtergeſchich⸗ ten. Uebrigens, Herr von Schmettow, iſt Ihr Gottes⸗ ſturm und Ihr Gottesſchrecken eine uralte Erſcheinung. Die arkadiſchen Hirten und Waldgänger kannten ſie, wenn ſie am heißen Mittag über die Felswand hin, an der ſie ruhten, ein Geſicht gucken ſahen und ent⸗ ſetzt mit dem Ruf flohen: Der große Pan kommt!“ „Richtig. In dem Pansſchrecken ſteckt die ganze Ueberſinnlichkeit im Keime; und weil in Eurer glatten Frenzel, Silvia. I. 10 146 3 Civiliſation, bei Eurer Polizei, bei Euren langweiligen Alltäglichkeiten, in dem ewig gleichen und eintönigen Maß Eures Lebens der große Pan nichts zu ſuchen hat, ſo denkt Ihr, er ſei geſtorben und die Geiſterwelt eine Lüge. Iſt drüben anders.— Kellner, noch eine Flaſche! Das Trinken befördert die Liebe und die Gottesfurcht.“ Draußen war es ganz ſtill und dunkel geworden; die letzten Gäſte hatten den Garten verlaſſen, die La⸗ ternen waren ausgelöſcht. Auch das Wetter ſchien ſich verändert zu haben; ein heftiger Wind brauſte in den Bäumen und rüttelte an den ſchlecht ſchließenden Fenſtern. „War alſo drüben“, begann Ruprecht und fing in amerikaniſcher Gewohnheit an, ein Stückchen Holz, das er irgendwo aufgeleſen, zu zerſchnitzeln,„auf der Grenze von Nevada und Californien, in einer kleinen Stadt. Hieß Virginia⸗City und war jungfräulicher Boden. Zählte die Niederlaſſung noch keine zehn Jahre, als ich über die Felsgebirge, über die Stadt der Mormonen am großen Salzſee mit einer Schaar Aus⸗ wanderer und Glücksritter ſie betrat. War ſo um den Mai 1861 herum.“ „Dachte, Sie wären gleich in eine der beiden Armeen eingetreten, die damals der Norden und der —— 147 Süden zu rüſten anfingen“, warf Bruno ein;„wenig⸗ 4 3 9— ſtens war das in London Ihre Abſicht.“ „Hatte meinen Plan in Newyork geändert“, ent⸗ gegnete Schmettow,„und ließ mich überreden, auf den Prairien des Weſtens mein Glück zu ſuchen. Sind die Amerikaner daran, dort ein großes Reich zu gründen, und die Burſchen, die vorangehen, haben etwas von Jaſon und ſeinen Argonauten. Gold iſt genug vor⸗ handen, millionenmal mehr als im alten Kolchis, und daß es auch an Zaubrerinnen nicht fehlte, ſollte ich bald erfahren. War alſo in Virginia⸗City mit einigen Jungen aus Kanſas liegen geblieben und hatte die Wahl der Arbeit. Nicht weit davon in den Vor⸗ bergen der Sierra Nevada, in den Flüſſen und Bächen um Sacramento herum hauſten die Goldgräber; an⸗ dere, vorſichtigere Leute hatten ſich eines Stückes Lan⸗ des bemächtigt und brannten den Wald nieder. Nörd⸗ lich von Virginia⸗City wurde die Linie gezogen, auf der einmal die Eiſenbahnwagen vom atlantiſchen Ocean zur Südſee rollen ſollen. Konnte, wer wollte, ſich da als Zeichner, Ingenieur, Erdarbeiter verdingen, der bevorſtehende Krieg zwiſchen dem Norden und Süden fing an, Hände und Arme theurer zu machen. Dabei ein beſtändiger Kampf, bald ein heimlicher, bald ein offener mit den Rothhäuten, mit Sioux und 10* 148 Cheyennes und wie ſonſt die bemalten Teufel heißen mögen. Sagten, die Straßen, die wir durch ihre Jagdgründe zögen, vertrieben ihnen die Büffel und die ſchwarzſchwänzigen Hirſche. Ohne Büffel aber keine Rothhaut, folglich war der Krieg zwiſchen ihnen und uns ein Fact. In Virginia⸗City ſtrömten alle dieſe Elemente zuſammen. War ein maleriſches und abenteuerliches Treiben, hätte aber Niemand rathen wollen, ohne Revolver und Bowiemeſſer es ſich anzu⸗ ſehen. Keine Verſicherungsgeſellſchaft hätte auch nur für einen Pfifferling das Leben eines einzigen unter uns verſichert. In der Hauptſtraße war jedes zweite Haus eine Whiskyſchenke, eine Spielhölle oder ein Tanzboden. Von San Francisco waren ein paar Chineſen herübergekommen, die einen Barbiere, der dritte hatte einen Opiumladen eröffnet— hinter dem Laden ein halbdunkles, qualmiges, düſteres Loch mit einem Fenſter auf den Hof hinaus, wo die Gäſte ihr Opium rauchten und ihren Rauſch ausſchliefen. Wenn man in der Stadt der Intelligenz, in einem ſchlichten, bürgerlichen Gaſthauſe, unter Gentlemen, bei einem Glaſe Champagner das erzählt, klingt's wie ein wüſter, halb verwiſchter Traum. Komme mir jetzt ſelbſt wie ausgetauſcht vor, fehlt die Lokalfarbe, der Höllen⸗ brodem.“ —— 149 „Sie haben unſerer Phantaſie einen ſolchen Schhwung gegeben“, verſetzte Bruno,„daß ſie eine Weile die Bewegung von ſelbſt fortſetzt.“ „Wäre auch lächerlich, wollte ich abbrechen, nach⸗ dem ich mich einmal ſo weit vorgewagt. Was dunkel bleibt— die Herren mögen's entſchuldigen. In jeder Geſpenſtergeſchichte bleibt ſolch ein unaufgeklärter Punkt. So auch in den Umwälzungen einer Men⸗ ſchenſeele, etwas darin iſt Myſterium. Das ewig Weibliche zieht uns hinan, ſingt Goethe. In Virginia⸗ City war's ſchlecht mit dem Weiblichen beſtellt. Aben⸗ teurerinnen, deutſche Harfenmädchen, Nymphen und Megären hatten ſich eingefunden, aber in der ganzen Stadt gab es meines Wiſſens außer einem halben Dutzend älterer anſtändiger Frauen nur eine jugend⸗ liche Lady, die Lehrerin der Kinderſchule. Wurde Miß Silvia genannt, hatte ein vornehmes, ſtilles Weſen und erfuhr von Groß und Klein unbedingte Verehrung. Sah ſie doch in ihrem weißen, hoch bis an den Hals hinaufgehenden Kleide, das ſie mit einem blauſeidenen Bande gürtete, ihren langen, goldſchimmernden Haaren, die ihr über Schultern und Rücken wallten, wie ein Engel aus. Als ich nach dem Neſte verſchlagen ward, lebte ſie ſchon etwa ein Jahr darin. Liefen zwei Meinungen darüber um, wie ſie nach Virginia⸗City gekommen. Nach der einen wäre ſie ein Mormonen⸗ mädchen geweſen, das aus Scheu und Widerwillen, die ſiebente oder zwölfte Frau eines der Aelteſten der wunderlichen Heiligen zu werden, aus Utah entflohen ſei; nach der andern hätte ſie der verſtorbene Sheriff des Ortes, ein thätiger Mann, dem das Aufblühen der Stadt am Herzen lag, aus Lawrence in Kanſas herübergeholt. Bekümmerte mich nicht ſonderlich um das Gerede; iſt mit den Lehrerinnen drüben wie bei uns mit den Balletmädchen. Je hübſcher eine iſt, deſto ſchlechtere Geſchichten weiß die ganze Stadt von ihr. Dies war ein Fact: Miß Silvia war die ſchönſte, geachtetſte Lady in Virginia⸗City. Diejenigen, die ſie näher kannten, gingen noch weiter, behaupteten, daß ſie im Verkehr mit der Geiſterwelt ſtände und von Gott beſonderer Offenbarungen gewürdigt würde. Auf der Straße, in der Kirche, im Concerthauſe grüßte ſie Jedermann— einer nicht; dieſer eine war ich.“ „Ah!“ machte Benno.„Nach Ihrer Schilderung des Mädchens hätte ich eher eine Liebeserklärung Ihrerſeits erwartet.“ „Will Ihnen ſagen, Herr von Hellburg, liebte damals Karten und Würfel und war und bin aber⸗ gläubiſch wie alle Spieler. Saßen am Abend nach meiner Ankunft unſer vier in einer Schenke und —,— ꝑp 151 würfelten; war im Zuge und das Glück ſtand hinter mir. Da verſpüre ich plötzlich ein Fröſteln in den Gliedern und die Hand, in der ich den Becher hatte, zittert. Richtig, werfe elende ſieben Augen und ver⸗ liere. In demſelben Augenblicke ſpringen meine drei Kumpane auf, machen ehrerbietig Platz— kommt aus der Wohnſtube des Schenkwirths von ſeinem kranken Kind ein Frauenzimmer und ſieht mich mit einem Blick an, daß es mich überläuft. Wußte nun, woher mein Unglück rührte, und hatte keinen Grund, Miß Silvia zu lieben. Und das nicht allein. Mich ärgerte das Anſehen, das dies Mädchen genoß; bin ein auf⸗ geklärter Mann, dem alles Muckerthum, Tiſchrücken und die Geiſterklopferei verhaßt ſind. Schon wieder⸗ holt war ich darüber mit Amerikanern, die ſonſt in jeder Hinſicht verſtändige Männer, ja geriebene und durchtriebene, verwegene und gefährliche Burſchen waren, hart zuſammengerathen. Muß hier etwas in ihrem Kopf verrückt ſein oder es liegt in der Luft. Stärker aber als in Virginia⸗City hatte ich dieſe abergläubiſche Stimmung noch nicht verbreitet gefun⸗ den; mochte ſich zum Theil von der Kleinheit der Stadt herſchreiben, wo jedes Gerücht und jede Krank⸗ heit bald von allen getheilt ward. Bald nach der Miß Silvia war ein älterer Herr mit dem weißen 152 Bart und Haar eines Propheten in der Stadt er⸗ ſchienen, hatte ein nicht unbedeutendes Vermögen und galt für den geheimen Theilnehmer eines reichen Hand⸗ lungshauſes in St.⸗Louis. Arbeitete ſeinerzeit viel⸗ leicht mit ſchwarzem Fleiſch und verkaufte die Miſſouri⸗ Neger weiter nach dem Süden, war dann von Gottes Finger berührt und erleuchtet worden, hatte ſich zurück⸗ gezogen und das Geſchäft, das er verachtete und ver⸗ dammte, ſeinem Compagnon überlaſſen— natürlich die Einkünfte aus dem Sklavenhandel verſchmähte er nicht. Dieſer Mann nun, Robert Wilſon, war nach dem Weſten gekommen und predigte eine neue Lehre. Er litt offenbar an Größenwahnſinn und wollte es dem Mormonen⸗Propheten Brigham Young nachthun. Der heilige Bob! hatten ſie anfangs hinter ihm nach⸗ geſpottet, allmälig bekehrten ſich einzelne zu ſeinem Glauben. Wie die Pfaffen überall bei den Weibern die beſten Geſchäfte machen, ſo auch hier. Die Dirnen, die Kupplerinnen, die anſtändigen Frauen— alle liefen ſie zu ſeinen Predigten. Mit Miß Silvia hatte er ſich bald verſtändigt; vermuthe, daß ſie beide ſchon früher in der Salzſeeſtadt miteinander bekannt ge⸗ worden. Hatten ſich die beiden die Reinigung von Virginia⸗City vorgeſetzt, ſollten alle Kopfhänger und ſtille Leute werden. Warum ich blieb? Das Schau⸗ 453 ſpiel war mir neu: auf der einen Seite loſes Geſindel mit Spiel und Zechgelagen, Whisky⸗Bacchanalien, vor denen Bacchus und ſeine Mänaden erröthend entflohen wären, Mord, Todtſchlag und Zweikampf jeden Tag; auf der andern Pſalmen, Gebete, Reuethränen und Offenbarungen, die wiederum mit communiſtiſchen Liebesmahlen und ſinnlichen Erregungen gewürzt waren— und Alles ohne Polizei, ohne Conſtabler! Wahrlich, darin ſteckte etwas, das auch einen tieferen Geiſt als den meinigen nachdenklich ſtimmen konnte.“ Er hatte das Stück Holz zerſtückelt, ſchob die Späne vom Tiſch, wiegte ſich in ſeinem Stuhl und fuhr fort: „Blieb alſo, um mir den Spaß mit anzuſehen; war ſelber neugierig geworden, wer in Virginia⸗City den Sieg davontragen würde, Gott oder der Teufel. Etwa eine Viertelſtunde vor der Stadt lag die Kapelle des heiligen Bob; war ein einfaches Haus von Holz und Eiſen, himmelblau angeſtrichen. In der Mitte nahm der Betſaal die ganze Breite des Hauſes ein. Es war ein Rechteck, rechts und links hintereinander ſtanden braune Holzbänke, zwiſchen ihnen lief ein enger Gang; die eine Schmalſeite bildete eine Niſche, zu der man auf drei Stufen emporſtieg. Darüber wölbte ſich die Decke und war wie ein Ausſchnitt des Him⸗ 154 mels blau gemalt mit goldenen Sternen. Wohl an die zwölf Fuß in die Höhe vom Boden an waren die Holzwände mit rothem Tuch bekleidet; von der Decke hingen Teppiche und Büſchel immergrüner Bäume herab. Die Niſche verhüllte ein weißwollener Vor⸗ hang, in deſſen Mitte ein von zwölf Sternen um⸗ gebenes rothes Kreuz geſtickt war. In einem eiſernen Kronenreifen brannten vierundzwanzig Wachslichter und erhellten bei den Verſammlungen dämmernd den Saal. War einmal drinnen geweſen, um den großen Redner zu hören. Verſtand aber wahrſcheinlich ſein Engliſch nicht und ging enttäuſcht wieder hinaus. Sie behaupteten, daß die Eingeweihten nach der Predigt und den Gebeten ein Feſtmahl hielten mit vielen Buß⸗, thränen, Küſſen und Umarmungen. Machten mich aber die alten Weiber, die ich da ſitzen und ſchluchzen ſah, nach ihren Schweſterküſſen nicht lüſtern. So ſtanden die Sachen, als ein paar ſchlimme Geſchichten vorfielen. Beim Spiel erhitzten ſich ihrer zwei und ſchoſſen auf einander; eine Kugel traf einen Unſchul⸗ digen, der mit dem Streit und dem Spiel nichts zu ſchaffen hatte— er ſtürzte vornüber und war todt. Das empörte Andere, die in dem zufälligen Todtſchlag vorbedachten Mord ſahen; waren nämlich der Getödtete und der Mörder längſt als Feinde und Nebenbuhler — — 155 bekannt. Entſtand eine allgemeine Rauferei, aus dem Wirthshaus auf die Straße ſich hinwälzend; es gab Todte und Verwundete. Drei Tage darauf war die Frau eines Kaufmanns mit einem jungen Geſellen durchgebrannt; der gute Mann, von wüthender Eifer⸗ ſucht erfaßt, trotz meines Abmahnens— hatte eben⸗ falls das Vergnügen, ſeine Frau zu kennen— ihnen nach, trifft das ſaubere Paar und ſchießt die Frau nieder. Dazu noch Pferdediebſtähle in jeder Nacht und Gerüchte, daß die Indianer uns einen Beſuch zu⸗ gedacht hätten— war ſelbſt für eine Stadt im Weſten des Guten zu viel. Eines Morgens wache ich früher als gewöhnlich auf; ich glaube, die unheimliche Stille hat mich aufgeſchreckt. Springe auf und eile hinunter. Vor Planter's Hotel iſt der größte Platz in Virginia⸗ City, drängen ſich da drei Viertel der Bevölkerung zu⸗ ſammen, ſogar die chineſiſchen Barbiere ſind gekommen. Der heilige Bob iſt auf ein Faß geſtiegen und redet. Vor ihm ſchwenkt Miß Silvia eine Fahne, auf der ich die Worte leſe: Friede, Verſöhnung. Diesmal verſtand ich vortrefflich, was der Mann wollte: Säuberung der Stadt von den Ungläubigen, den Mördern und Chebrechern, den Dieben und Spielern; Einſetzung eines Comités von guten Bürgern, welche die Ordnung und die Lynchjuſtiz handhaben ſollten. ——————-——— 156 Wenn nicht— wird der Engel des Herrn über Ba⸗ bylon kommen in Geſtalt der rothen Teufel und die Stadt vom Angeſicht der Erde vertilgen. Machte eine tiefe Wirkung die Rede, ein Zug ordnete ſich, voran Miß Silvia mit der Fahne, darauf die Kinder aus der Schule mit grünen Zweigen in den Händen, dann Frauen und Männer, alle„Friede!“ rufend, die einen thränenüberſtrömt, die andern zum Himmel blickend, als müſſe dort in den Wolken die Herrlichkeit des Menſchenſohnes erſcheinen. War ein wunderſchöner Junitag, ein glänzender Himmel, wie in Verklärung ſtrahlend. Durch die ganze Stadt ging der Zug; erſt ſchweigend, dann fingen ſie an, ihre Pſalmen zu ſingen. Der Geſang verdoppelte die Wirkung. Noch einmal⸗ ſprach Bob Wilſon zum Volk; ſeine Rede ward immer kühner, drohender, ſchrecklicher. Ich begleitete den Zug, die Hände in den Hoſentaſchen, trotzte allen Blicken, die ſie mir zuſchleuderten; hatte zwei Revolver und ein Bowiemeſſer. Wußte recht wohl, daß mir und einem halben Dutzend toller Geſellen der ganze Lärm galt. Was aber konnten wir dafür, daß die Bürger⸗ ſchaft ſich in unſere Angelegenheiten miſchte? Machten unſere Rechnungen untereinander ab, lebten in einem freien Lande. Und wie wir ihnen ihren Hokuspokus ließen und uns nicht in ihren neuen Templerbund 157 3 miſchten, ſo hatten ſie ſich nicht um unſere Karten und Dirnen zu bekümmern. Sah ſie mir darum der Reihe nach an und lachte. Ich. war ſtark, unter ihnen der Stärkſten einer, ein altmärkiſcher Edelmann, ein guter Schütze und hatte die Taſchen voll Dollars. Im Lande der Freiheit iſt der Dollar König— da⸗ zumal, da König Baumwolle an der Kriegsſchwind⸗ ſucht darniederlag, obendrein der einzige König. Die Leute ſuchten raſch an mir vorüberzukommen, ſei es nun, daß ſie mich als Ausſätzigen mieden oder mein Meſſer fürchteten, das ihnen zwiſchen die Rippen fahren könnte. Nur Miß Silvia ſtreifte mit ihrem weißen Gewande meine ſchmuzigen Stiefel und ihre halb träumeriſchen, halb funkelnden Augen ſchauten mich ſo ſonderbar an; man konnte nie ſagen, was dieſe Augen ausdrückten, Sinnlichkeit oder Verzückung, Liebe oder Weltverachtung. Dazu ſchrieen die Jungen, mit den Fingern auf mich zeigend:„Der große Go⸗ liath!““— So ſehr hatte er ſich in ſeine Erzählung vertieft, daß er darüber vergeſſen, ſein Glas wieder zu füllen, und jetzt nach dem leeren griff. Bruno beeilte ſich, die Verſäumniß nachzuholen. „Danke“, ſagte Schmettow und ſchlürfte den Schaum.„Glich ſolch leerem Glaſe, als der Zug endlich ein Ende genommen und ſich alle wieder ver⸗ laufen hatten. Kopf und Herz waren leer, hatte keinen rechten Entſchluß, keinen feſten Willen; ſchlenderte in der Umgegend umher und kehrte gelangweilt in das Gaſthaus zurück. Ich ärgerte mich über die Dumm⸗ heit der Menſchen, die mich nichts anging; über mich ſelbſt, daß ich dem alten Narren zugehört hatte. War eine ganz merkwürdige Kraft in der Rede geweſen, und ich hatte doch ſchon Strafpredigten genug ver⸗ nommen, in allen Tonarten, von Vater, Mutter und Schweſter. Es iſt das Neue, das dich verwirrt, ſagte ich zu mir ſelbſt, hat ſeit Jahr und Tag dir Niemand ins Gewiſſen geſprochen. Und hier, faſt am Ende der Welt! Wenn doch in der Geſchichte vom verlorenen Sohne ein Körnlein Wahrheit ſteckte; wenn Gott uns auf verſchlungenen Wegen durch Irrung und Sünde zu ſich führte... Thorheit, gibt's einen Gott, ſo muß er mit mir vorlieb nehmen, wie ich mit ſeiner verwünſchten Weltordnung. Leben in einem freien Lande... ſetzte mich hin, aß und trank. Allmälig kamen die Andern, die der heilige Bob als den Un⸗ flath von Virginia⸗City gebrandmarkt hatte. Wir waren da richtig um den Tiſch eine ſaubere Geſell⸗ ſchaft Galgenvögel, aber, meine Herren, jeder von ihnen ein Held, wie dereinſt Jaſon's Argonauten. 159 „Meine“, ſagte Maſter Planter, der uns wohlwollte, ſoweit Wirthe ihren Gäſten wohlwollen,„meine, Gentlemen, ſolltet an den Aufbruch denken. Geht nach Sacramento; wird hier bald nicht mehr geheuer für Euch ſein.“ Und er rieb ſich mit dem Rücken der Hand ſeinen feiſten Hals. Ein höhniſches Gelächter unſererſeits war die Antwort. Wir wollten uns nicht von den Pſalmenplärrern ins Bockshorn jagen laſſen; im Gegentheil, allerlei Pläne wurden erwogen, ihnen einen Schabernack zu ſpielen und ſie einzuſchüchtern. In der Erwartung eines trefflichen Einfalls fingen wir an Karten zu ſpielen. Stand mir immer das Schattenbild von Miß Silvia gegenüber, regungslos, mit erhobenem Finger. Das brachte mir Unheil und berückte mir den Sinn; ich verlor, verlor— um elf Uhr Abends hatte ich meinen letzten Dollar verſpielt. War mir ſchon öfter paſſirt, an dem Tage aber mochte mir der Wein, der Whisky und die Gottesfurcht zu Kopf geſtiegen ſein— und der weiße Schatten auf der andern Seite des Tiſches kicherte ſo boshaft. „Verflucht!“ ſchrie ich.„Das iſt falſches Spiel.“ Sie begreifen, daß nun ein greulicher Tumult ausbrach; die Meſſer blitzten, die Hähne der Revolver knackten. Ich bekam einen leichten Riß in die Wange.„Platz da“, ſchrie ich,„für den großen Goliath!“ und drückte 160 ab. Fiel einer zuſammen, der Wirth mit ſeinen Kellnern ſtürzte herein— ich hinaus; hörte hinter mir noch das Haus verſchließen und war allein auf dem dunklen einſamen Platz. Der Wind pfiff kalt von der Sierra her, barhaupt ſtand ich unter den Sternen. Was thun? Die Kühle der Nacht hatte ein wenig ernüchternd auf meinen Rauſch gewirkt; es war wün⸗ ſchenswerth, nach einem Nachtlager auszuſchauen. Aber wo eine Stätte finden? Ein Bettler, ein Spieler, vielleicht ein Mörder— ein Graus packte und ſchüttelte mich. War etwas hinter mir her, wie das Heran⸗ rollen der Wogen bei der Flut, das immer näher kam. Ich lief durch die finſteren, menſchenleeren Gaſſen ... halt, da iſt ein Licht! Eine bunte Papierlaterne ſchwankt ängſtlich im Winde über der Ladenthür Ming's, des Chineſen. Will der ſcheußliche Kerl— ſah aus wie der Gnom in unſern Kindermärchen, mit ſeinen ſchiefſtehenden Augen, ſeinem gelben, auf⸗ gedunſenen Geſicht und dem fettglänzenden Zopf— eben die Thür ſchließen.„Iſt noch Platz?“ rufe ich ihn an und drücke ihm ein paar Centſtücke, den Reſt meines Geldes, in die Hand. Er nickt, läßt mich ein... und bald liege ich auf der Erde, auf einer Binſenmatte, in dem ſchmierigen Hinterzimmer, ſchla⸗ fend, ſtöhnend, träumend im Opiumrauſch. 161 War nun aber die Doſis, die mir der ſchuftige Chineſe gegeben, zu gering, oder der große Geiſt, was ich bisher nicht geglaubt, noch ſtärker als Opium— ich ſchlief wohl ein, doch es war ein unruhiger, unterbrochener Schlaf; ich träumte wohl, aber die Träume quälten und äng⸗ ſtigten mich ebenſo wie meine Gedanken beim Wachen. Ob ich die Augen öffnete, ob ich ſie ſchloß— hatte immer etwas Rothes vor mir, bald wie eine Blut⸗ welle, bald wie eine Feuerwolke. Kurz, konnte es auf dem ſchmuzigen Lager in dem ſtinkigen Gemach nicht aushalten, richtete mich in die Höhe... Ein grauer Streifen fiel durch das Fenſter, es war das erſte ſchwache Aufdämmern des Morgens. Neben mir lagen zwei Schläfer, entſtellte, widerliche Geſichter mit einem greulichen, ſtehen gebliebenen Lachen auf den Lippen. Und rochen! Schüttelte mich, ſtieß den einen Kerl mit dem Fuß beiſeite und taſtete mich glücklich in dem Halbdunkel aus dem Hauſe hinaus. Ich ſchmachtete nach Waſſer, meine brennende Zunge zu kühlen, mein Geſicht, das von Schmuz und Blut klebte, zu reinigen, einmal nur meinen heißen Kopf in die Wellen zu tauchen. Mechaniſch murmelte ich das Wort des Pſalmiſten für mich hin:„wie ein Hirſch lechzt nach den Waſſerbächen—“ kam aber nicht weiter, ich hatte den Schluß vergeſſen. Den Kopf auf die Bruſt ge⸗ 11 Frenzel, Silvia. I. 166 ſenkt, ging ich dahin, fürchtete mich umzuſehen, als könnte ich einem andern Auge begegnen. War eine dumme Sorge; es mußte die vierte Stunde des Mor⸗ gens ſein und Virginia⸗City glich in der unheimlichen Stille, bei der bleichgrauen, fahlen Beleuchtung einer Stadt der Todten. Ich ſuchte das Freie; dort ſprang von einem Felſen eine klare Quelle; immergrüne Eichen ſtanden umher. Trotz des Sommers war es auf den Hochebenen kurz vor Sonnenaufgang bitter kalt. In meinem leichten Anzug, ohne Plaid, ohne Hut, fror ich entſetzlich, während mir zugleich im Kopf ein Feuerbrand glühte. Das Waſſer that mir wohl, ich blieb eine Weile auf dem thaufeuchten Raſen liegen und ſtarrte nach dem grauen Himmel. Nur wie ganz ſchwache Lichtfünkchen ſchimmerten hier und dort noch einzelne Sterne; auch ſie verſchwanden einer nach dem andern. Die Stadt deckte mir der Felsvorſprung hinter mir, unabſehbar, unermeßlich dehnte ſich vor mir das Gefilde aus, gerade wie über mir der Him⸗ mel. Alles grau, die Formen ſchmolzen in der Däm⸗ merung zuſammen, keine Farbe hatte ihren beſtimmten Ton. Ein Gefühl der tiefſten Leere, des unbeſchreib⸗ lichſten Ekels erfüllte mich ganz und gar— Katzen⸗ jammer und Spleen, die ſchaurige Gewißheit einer abſolut leeren Taſche und die Nothwendigkeit der 163 Flucht miſchten ſich in einander. Nichts war mir ge⸗ blieben als meine Waffen. Zog ſie hervor und wog ſie in der Hand; freute mich beinahe, doch noch etwas mein zu nennen. Da wird es mir wieder roth vor den Augen... mir gegenüber glüht an dem bisher grauen Himmel ein breiter röthlicher Saum auf. Und bei dem Widerſchein deſſelben auf der weiten, nur von niedrigem Gebüſch, Prairiegras und Stink⸗ kraut überwucherten Ebene wird ein Gebäude vor mir ſichtbar, das ich bisher nicht bemerkt oder das mir die Schleier der Dämmerung verhüllt hatten— das Bethaus Bob Wilſon's. Auf dem Dache wehte eine Fahne im Morgenwind und die hölzerne ver⸗ goldete Spitze fing leiſe zu leuchten an. Mir war's, als hätte ſich mein Todfeind trotzig mir gegenüber aufgerichtet. Der Anblick gab mir Muth und Kraft wieder. Sollte ich davonlaufen und dem weißbärtigen Narren und der hochmüthigen Silvia den Triumph laſſen, den Rieſen Goliath vertrieben zu haben? Und womit? Durch die bloße Gewalt des Wortes? Steck' das Ding in Brand! kam mir ein hölliſcher Gedanke. In der Frühe, wo noch alle in der Stadt ſchlafen, iſt keine Rettung möglich, ſteht das Ganze in lichter⸗ lohen Flammen, ehe die Spritze kommt. Wäre neu⸗ gierig, ob Gott des Hauſes wegen ein Wunder thäte. 11* —— — Mit einem Sprung war ich auf beiden Füßen. Fort mußte ich doch, meines Bleibens in Virginia⸗City war nicht mehr, wollte ihnen wenigſtens ein Angedenken an mich hinterlaſſen. Entſchloſſen raffe ich ein Bün⸗ del Reiſig zuſammen, ſpähe noch einmal über das Blachfeld... iſt Alles ſo ausgeſtorben wie vorher, nur der Streifen im Oſten iſt breiter geworden, ein gelbliches Licht zuckt durch die röthlichen Wolken.. Schelten Sie mich einen ſchwachmüthigen Narren, der will und nicht will, reden Sie von der Stimme des Gewiſſens oder preiſen Sie meinen guten Engel— wünſche Ihnen nur das Eine, daß Sie niemals er⸗ leben mögen, was ich nun durchmachen mußte. Erhebt ſich hinter mir ein Sauſen, erſt undeutlich, verworren, dann wird's eine Stimme und ruft:„Wohin gehſt Du?“ Ich will mich umſehen, aber ich wage oder ich kann es nicht mehr. Hinter mir iſt ein ſchreckliches Antlitz, ein Meduſenkopf, der mich in Stein verwan: deln wird, blicke ich auf ihn. Alſo vorwärts— ich fliehe, als ob Sir Lynch mit dem unfehlbaren Strick mich verfolgte. Ein Wettrennen mit dem Unſichtbaren — der Athem ſtockte mir, die Haare ſträubten ſich. „Wohin gehſt Du?“ ſcholl es hinter mir, ſpöttiſch, herausfordernd. Ein glühender Athem ſchien meinen Nacken, meinen Schädel zu berühren. Jetzt packt's mich— weh, ich bin verloren! Nein, noch nicht— ich ſchüttle mich und laufe, laufe. Der Todesſchweiß ſtand auf meiner Stirn, mein Herz hämmerte gegen die Rippen... Der Tod uud das Nichts, Gott und Satan, Ewigkeit und Unendlichkeit wirbelten für mich ineinander, durcheinander, jede Vorſtellung war gleich fürchterlich, gleich vernichtend. Meine Augen wollten aus ihren Höhlen ſpringen, ſuchten nach Rettung, nach Hülfe, nach einem Dach, einer Höhle, wo ich unter⸗ kriechen könnte— vor dem Unſichtbaren. Nichts war zu ſehen; es geißelte mich weiter, ärger als mit der neunſchwänzigen Katze oder mit Skorpionen. Ver⸗ zweiflungsvoll erhebe ich die Arme gen Himmel und ſchaue empor und rufe:„Gott! Gott!“ Da blitzt die Sonne mir blendend ins Geſicht und ich ſtürze nieder und liege da wie ein Todter.“ Keines Wortes mächtig ſaßen Bruno und Benno Ruprecht hatte die Erzählung warm gemacht; die Erinnerung an das Ereigniß, wieder lebhafter erweckt, bebte und klang in ihm nach, aufs neue mochte ihn ein Hauch jenes Schauers durchrieſeln. Er ſtand auf und ſchritt ein⸗, zweimal durch den Saal. „Erlauben, daß ich ein Fenſter öffne“, ſagte er. 166 „Iſt hier ſo ſchwül! Kennen keine Ventilation in Deutſchland.“ Der Wind wehte herein und trieb von den Ka⸗ ſtanienbäumen welke Blätter in das Gemach. „Bin nachher“, begann Schmettow wieder, nach⸗ dem er ſeinen früheren Platz am Tiſch eingenommen, „in ruhiger Stimmung als Feldmeſſer und Mathema⸗ tiker den Weg von Bob Wilſon's Hauſe bis zu dem Felſen gegangen; war genau eine Entfernung von vierzehn Minuten fünfundzwanzig Sekunden. Muß ſie damals in weniger als fünf Minuten zurückgelegt haben. Fünf Minuten... iſt curios, was Gott aus der Zeit machen kann! Waren mir eine Ewigkeit des Leidens geweſen! Dicht vor der Thür der Kapelle war ich niedergefallen ohne jedes Wunder; von der Sonne geblendet, war ich über einen Feldſtein ge⸗ ſtolpert und hatte mir dabei den Fuß gebrochen. Der barmherzige Samariter, der mich aufhob, war Bob Wilſon, der jeden Sonnenaufgang mit Gebet begrüßte. Sie begreifen, daß ich die Hülfe dankbar annahm und zerknirſcht in meines Nichts durchbohrendem Gefühle das Walten Gottes verehrte. Meine Bekehrung ver⸗ breitete ſich wie ein Lauffeuer in der Stadt, unter den Farmern in der Umgegend, bei den Arbeitern in den Minen. Der Schrecken Gottes fuhr in alle Herzen. Denke mir, daß im Mittelalter ſolch ein Sturm die Geißlerſchaaren zuſammentrieb. Wochenlang war Vir⸗ ginia⸗City ein himmliſches Jeruſalem. Keine Karten, keine Würfel; der Opiumladen Ming's wurde nieder⸗ gebrannt, die Chineſen und die Harfenmädchen aus der Stadt gejagt, vermuthe ſogar, daß die Whisky⸗ läden eine Weile geſchloſſen blieben. Dagegen waren die Predigten, die Gebete und Weiſſagungen im Schwunge. Mich hatten Bob und Miß Silvia wie einen Bruder gepflegt, ich trat in ihre Gemeinde der Reinen ein. Möglich, daß meine Frömmigkeit ſchon einen ſehr bedenklichen irdiſchen Bodenſatz hatte— ich war in den weißen Engel verliebt und hätte ohne die Unterſtützung der Gemeinſchaft verhungern müſſen. War mir von jener Nacht noch eine Schwäche in den Gliedern gebliehen, die mich zu jeder Arbeit untauglich machte. Aber ich wollte doch auch den ſo ſchwer er⸗ rungenen Glauben feſthalten, eine Eroberung nicht auf⸗ geben, die mir einen Theil meines Herzblutes gekoſtet hatte, ich wollte nach dem Entſetzen Gottes auch ſeine Entzückungen ſchmecken. Merkte indeſſen bald, daß es ganz vergeblich iſt, Gott zu ſuchen. Die Erregung, die mich einmal ergriffen, kehrte nicht wieder. Jeden Tag ging die Sonne auf und nieder, aber ſie ſah mich nie wieder an wie an jenem Morgen. Hörte — “ 168 noch manchen Sturm brauſen, aber nie wieder war die Stimme eines Unſichtbaren darin. Die guten Leute, in deren Gemeinſchaft ich getreten, waren ge⸗ nügſamer als ich, und wenn ſie ſich durch Geſänge und Gebete, durch Handdruck und Kuß, durch ein langes ödes Schweigen, was ſie andächtige Verſenkung nannten, in eine gewiſſe weiche, rührſelige Stimmung verſetzt hatten, die Hitze in dem engen Raum uner⸗ träglich wurde, die Wachskerzen trübe brannten und dann Bob Wilſon oder Silvia auf die Eſtrade in der Niſche traten und predigten, glaubten ſie alle, in Gottes Schooß zu ſein. Es war der Ton und das Weſen der Quäker, mit ſocialen Verbeſſerungen ver⸗ bunden. Jeder arbeitete für ſich, das erworbene Geld jedoch kam in eine gemeinſame Kaſſe. Daraus ver⸗ theilten die Aelteſten Jedem nach ſeinem Bedürfniß. Der Tag ſchloß mit dem Gottesdienſt und einem ge⸗ meinſchaftlichen Mahl. Bob behauptete, das wäre ein vollkommenes Abbild der erſten apoſtoliſchen Gemein⸗ den. Wenn hübſche Frauenzimmer unter uns geweſen wären, vermuthe, man hätte auch für ſie die Allge⸗ meinſamkeit eingeführt. Waren aber die meiſten Frauen im kanoniſchen Alter und die andern nicht von ver⸗ führeriſcher Schönheit; ſo iſt die Geſchichte armſelig ſittlich mit Bruder⸗ und Schweſterkuß verlaufen. Von 169 kleinen Scherzen ſpricht ein galanter Mann nicht. Miß Silvia— die jedoch ſtand außer der Reihe. Sie hieß der Engel und die Engel ſind jungfräulich. Auch war ſie zu klug und zu herrſchſüchtig, um ſich die geringſte Blöße zu geben. Hatte aber etwas auf den Lippen, wenn ſie küßte, das keineswegs nach dem Paradieſe ſchmeckte. Selbſtverſtändlich empfand ich die irdiſche Süßigkeit erſt, als ich ſchon wieder auf dem Abhang der Sünde war. Denn daß mir dieſe Unthätigkeit und Gedankenloſigkeit, dieſe Gleichmäßigkeit und uner⸗ gründliche Langeweile des Lebens nicht auf die Dauer behagen konnte— dafür bin ich eben Ruprecht von Schmettow. Ich brauche Lärm, Bewegung, Kampf und Vergnügen, in der Enge wäre ich erſtickt. Kein Gentleman kann ewig Pſalmen ſingen. Um mir die Zeit zu vertreiben, als der Rauſch der Neuheit, das Seltſame der Frömmigkeit und Zerknirſchung aus⸗ gekoſtet waren und der Reſt mich anekelte, wie die Hefe im Becher, fing ich ein Liebesverhältniß mit Miß Silvia an— heißt das, ich liebte ſie. Muß mich aber ſehr dumm und ungeſchickt benommen haben, oder ſie hatte einen phyſiſchen Widerwillen gegen mich, wurde von oben her wie von Jehovah's Thron zurückgewieſen. Am nächſten Tage erhielt ich einen Antrag, mich einer Geſellſchaft als Feldmeſſer anzuſchließen, die das 470 6 Innere des Territoriums bereiſen und aufnehmen wollte— war eine anſtändigere Form der Verbannung. War ein räudiges Schaf in der Heerde. Und da ich keinen Cent in der Taſche hatte, mußte ich wohl gehen. Vergebung, wenn ich Sie gelangweilt. Wollte nur meine Meinung mit einem Beiſpiel bekräftigen, daß man mit dem Abſoluten nicht ſpaßen ſoll— am beſten, man geht ihm aus dem Wege, wie einem hohen Herrn, deſſen Launen man nicht kennt und die für unſereinen ſehr gefährlich werden können.“ „Und was wurde aus Silvia? Was aus der Bibelcommuniſten⸗Gemeinde?“ fragte Benno. Und ehe Schmettow noch antworten konnte, rief Bruno mit einem beinahe ängſtlichen Ton: „So hatte in Virginia⸗City Gott gewonnen?“ Ueber Ruprecht's Züge lief ein fauniſches und boshaftes Grinſen. Er räuſperte ſich und murmelte: „Will mir erſt die Kehle rein ſpülen!“ Während er ſein Glas vollgoß und es mit einem Zuge leerte, ſchlug die Uhr die zwölfte Stunde. „Mitternacht!“ nickte er.„Ende gut, Alles gut. Nein, Herr Greif, nach unſerem Sprachgebrauch blieb in Virginia⸗City der Teufel Sieger. Und wie? Kam V nach etwa ſechs Monaten wieder hinein. Wo iſt Miß .. * LesSAe BJeete Be e ettee eer. 65—232öIſſ“ 8 171 Silvia? Wollten die Frommen mit der Sprache erſt nicht heraus, es gab aber ſchon wieder Spieler, Schlemmer, Trunkenbolde in der Stadt. War im September ein hübſcher Kaufmann aus San⸗Francisco gekommen, ein Millionenmann, ging nach Newyork, wollte ſich den Oſten anſehen, eine Tour nach Europa machen, brauchte eine Geliebte— ſah, liebte, nahm Miß Silvia. Mit dem Verſchwinden des Engels fiel das Glück der reinen Brüder zuſammen. Ueber die Geſellſchaftskaſſe brach Concurs aus, Bob entwich nach dem Salzſee, das himmelblaue Haus mit dem weißen Vorhang und dem rothen, von Sternen umgebenen Kreuz wurde verſteigert... war eben Mr. Planter daran, ein Vergnügungslokal daraus zu machen. Habe Miß Silvia nicht wiedergeſehen, hoffe aber feſt, ihr noch einmal zu begegnen. Gehen wir? Könnten bis zum Morgen reden und trinken und kämen doch nicht hinter das Räthſel Gottes.“ „Und das unſeres eigenen Herzens“, ſetzte Bruno ſchwermüthig hinzu. 3 — Fünftes Kapitel. Seit dieſem Abend war Ruprecht öfter in der Geſellſchaft der beiden Freunde. Er beſaß Klugheit genug, ſich nicht aufzudrängen; wie zufällig ließ er ſich bald in den Theatern, bald in den vornehmeren Reſtaurants finden. Einmal be⸗ ſuchte er unter dem Vorwand, ſich die Fabrik, ihre Einrichtungen uud ihren Betrieb anzuſehen, Bruno in ſeinem Bureau und entwickelte bei dem Rundgang⸗ durch die Räume und Höfe ſo viele ſachliche Kennt⸗ niſſe, daß auch der Geſchäftsmann in Bruno den Abenteurer mit andern Augen zu betrachten anfing. Ganz ohne Nutzen hatte Schmettow ſeine Lehrjahre in Amerika nicht verbracht; wie es ſchien, hatte er von allen Handwerken und Künſten einiges Wiſſen und Können ſich erworben. 173 Bruno's⸗Abneigung gegen ihn blieb beſtehen, allein ſeine Anſicht über Ruprecht’ s Charakter erfuhr eine Milderung. Weder war derſelbe tieferer Em⸗ pfindungen bar, noch fehlte ihm der Sinn des Rechten. Durch manche Verirrungen, auf den bedenklichſten Ab⸗ wegen mochte Ruprecht geſchritten ſein; die angeborene ariſtokratiſche Scheu vor ernſter Arbeit, die nur der bitterſten Nothwendigkeit wich, und ein unüberwind⸗ licher Leichtſinn konnten ihn zuweilen in die ſchlimm⸗ ſten und unwürdigſten Lagen geſtürzt haben; es wollte Bruno bedünken, daß er ſich dennoch einen Grund von Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit bewahrt habe. Auch vermied Ruprecht ſorgfältig Alles, was —. Bruno, überhaupt in der Geſellſchaft ſuchte er wieder 3 feſten Fuß zu faſſen. Von zu kecken Sprüngen hielt — ihn ſchon die Beſchränktheit ſeiner Mittel zurück. Uebrigens wucherte er mit ſeinen amerikaniſchen Erfahrungen. Sein Aufſatz war in den Börſen⸗ und Handels⸗ kreiſen aufgefallen; ſein„guter“ Freund empfahl ihn, es kamen Anträge von Handelszeitungen, ihnen einige Artikel über die weſtlichen Landſchaften der Union zu ſchreiben, über die Ausſichten der Pacificbahn, die dieſe gute Meinung zerſtören konnte. Nicht nur bei 174 ihrer Vollendung immer näher ging. Zu ſolcher Ar⸗ beit war Ruprecht gern bereit; er hatte in der That Neues zu ſagen und fiel bei dieſer Thätigkeit nicht aus der Rolle des Cavaliers. Viele ſeiner Standes⸗ genoſſen mochten glauben, er ſchriebe aus Vergnügen und ohne Entgelt. Mit dem Gelde und den Actien, die ihm der Banquier für ſeine erſte literariſche Leiſtung gegeben, hatte er an der Börſe geſpielt und gewonnen. So unbedeutend der Einſatz und der Ge⸗ winn geweſen, für ihn, den Mittelloſen, war es ein großer Erfolg. Er hatte ſich mit Glück auf die ſemſchwie⸗ rigen Boden eingeführt, die nächſte Zukunft geſichert und ſogar für den äußerſten Fall die Ausſicht auf Credit erworben. Mit ſelbſtgefälligem Stolz ſah er auf das Tagewerk dieſer Wochen zurück. Wenn Ruprecht durch den Verkehr mit Bruno und Benno gleichſam ein Zeugniß ſeiner Untadel⸗ haftigkeit erhielt, ſo verdankten ihm dieſe Unterhaltung und Anregung. Die Kraft ſeines Willens wurde für beide ein Sporn. Aus dem Geſpräche mit ihm ſchied der immer mit ſeinen Schöpfungen unzufriedene, an ſeinem Talente zweifelnde Maler mit erhöhtem Selbſt⸗ vertrauen, mit jenem verwegenen Muthe, ohne den auch in der Kunſt nichts Bedeutendes geleiſtet wird. Eine noch ſtärkere Wirkung übte Ruprecht' s wieder⸗ 175 holte Verherrlichung des Reichthums und der Macht zum Genießen und Schaffen, die er verleihe, auf Bruno. Mit erhöhter Geſchäftigkeit widmete ſich der junge Fabrikherr den Aufgaben, die an ihn herantraten, und als fände ſein ungeſtümer Drang, ſich zu bethäti⸗ gen, in der Anknüpfung von Handelsverbindungen, in der Aufſuchung neuer Abſatzwege, in den Arbeiten ſeiner Werkſtätten noch keine ausreichende Befriedigung, fing er an, nach einem Unternehmen zu ſuchen, das er als eigenſtes Werk ſeines Geiſtes bezeichnen und in dem er ganz ſeiner Laune und Eingebung folgen könne. „Baue!“ hatte ihm Benno oft geſagt; zuletzt war das Wort haften geblieben. Vor zwanzig Jahren war das gelbe Schlößchen ein werthvolles Beſitzthum geweſen, das auch den höchſten Anforderungen an Bequemlichkeit und Pracht der Einrichtung entſprach. Aber ſeitdem waren die Anſprüche aller geſtiegen. Die reichen Handelsherren bauten ſtattliche Häuſer, zierliche Villen; nach außen wie innen ſchmückten ſich die Häuſer mit den neuen Erzeugniſſen des Kunſtgewerbes. Dagegen ſtach das gelbe Haus unvortheilhaft ab. Sein Stil war ſo altfränkiſch wie die Ausſtattung ſeiner Gemächer. Man mußte Benno's Neigung für Alterthümlichkeiten 176 haben, um ſich behaglich darin zu fühlen. Je länger Bruno jetzt in dem Hauſe verweilte, deſto verdrießlicher ſtimmte ihn das Dürftige und Geſchmackloſe deſſelben. Und da er ſeine Stadtwohnung wegen der Nähe der Fabrik, deren Räumlichkeiten ſich mit jedem Jahr erweiterten, nicht umgeſtalten und ausbauen konnte, bot ſich ihm das gelbe Schlößchen als der geeignetſte Gegenſtand für ſeine Baupläne dar. Denn wie häß⸗ lich auch die Architektur des Hauſes ſein mochte, der Garten in ſeiner Weite, mit ſeinen unvergleichlich ſchönen und mannichfaltigen Baumgruppen, die Aus⸗ ſicht auf den Fluß mit der Brücke und die gegen⸗ überliegenden Wieſen waren, ſo hart vor den Thoren der Hauptſtadt, von unſchätzbarem Werth. Noch ein anderer Gedanke beſtärkte, ihm ſelber unbewußt, Bruno in ſeinen Abſichten. Er wollte die Stätte, die ihm verhaßt war, ſo vollkommen umwandeln, daß ihn nichts mehr darauf an das erlittene Ungemach erinnere. Neu und ſchöner ſollte das Haus aus ſeiner Hand hervorgehen, der Ernſt, die Schwere und die Härte des eigenen Cha⸗ rakters, die der Vater Allem aufgedrückt, einer heiteren Anmuth weichen. 4 Mit dem Feuer eines Künſtlers ging Benno auf die Pläne des Freundes ein. 177 Lachend erzählte Bruno, daß einmal ein eng⸗ liſcher Phrenolog bei Unterſuchung ſeines Kopfes den Bauſinn ſtark bei ihm entwickelt gefunden habe; nun werde es ſich zeigen, wie weit ſeine Erfindung und ſein Talent reiche. Beide begannen das alte Haus, wie die Diener⸗ ſchaft, die dadurch aus ihrem ſüßen Nichtsthun auf⸗ geſtört wurde, mürriſch bemerkte, auf den Kopf zu ſtellen. Bis auf wenige Gemächer, die man für Benno eingerichtet hatte, war Alles in demſelben Zu⸗ ſtand verblieben, in dem es Martin Greif ſterbend ge⸗ laſſen. Bruno's Befehl, nichts daran und darin zu ändern und zu berühren, war genau befolgt worden. Die neuen Diener, die er eingeführt, hatten noch weniger Veranlaſſung als die alten gehabt, ſich ſon⸗ derlich um den Hausrath in den verſchloſſenen Zim⸗ mern zu kümmern, die nur der nothwendigen Reinigung wegen allmonatlich aufgeſperrt wurden. Eine Durch⸗ ſicht des Vorhandenen, eine Ausſcheidung deſſen, was der Bewahrung werth ſchien, was nicht, empfahl ſich jetzt um ſo dringender. „Aber ich würde allein nie dazu geſchritten ſein“, ſagte Bruno zu ſeinem Freunde;„der Anblick all dieſe, Dinge, die mir meiſt unangenehme Stunden und peinliche Vorfälle ins Gedächtniß zurückrufen, das Frenzel, Silvia. I. 12 178 Wühlen in dem Staube einer freudloſen Jugend hätte mich unſaglich traurig geſtimmt, und ich hätte die Arbeit, kaum angefangen, wieder aufgegeben. In Deiner Geſellſchaft iſt es anders, da erhält dies Kra⸗ men, Suchen, Anſchauen ſogar einen gewiſſen Reiz. Ein Gedankenaustauſch, eine Mittheilung knüpft ſich an jedes einzelne Stück und mildert oder verwiſcht ganz und gar das Unangenehme, das für mich aus der Vergangenheit daran haftet.“ Dennoch hatte er die Unterſuchung und Aufräu⸗ mung der Zimmer, die ſein Vater innegehabt, in deren einem er vom Todesſchlag getroffen worden war, immer noch hinausgeſchoben. Sie lagen im Erdgeſchoß nach dem Garten hinaus. Aus dem Speiſeſaal trat man in ein kleines, mit dunkelblauer Tapete bezogenes Gemach, das den Arbeitstiſch, ein Bücherſpind und ein paar Seſſel enthielt. Das größere Zimmer daneben war im pom⸗ pejaniſchen Stil roth ausgemalt, mit den ſchwebenden Tanzfiguren und Centauren an den Wandflächen. Gar nicht paßte zu dieſem Schmucke der ſchwere, mit vielen feinen Holzarten moſaikartig ausgelegte, reich mit vergoldeten Beſchlägen und Schlöſſern ge⸗ zierte Augsburger Schrank aus dem ſechzehnten Jahr⸗ hundert, der eine halbe Wandbreite einnahm und 179 den Pferdeleib des Centauren beinahe ganz be⸗ deckte. An dem großen runden Tiſch in der Mitte ſtand ein Armſtuhl mit ſchwarzem Lederbezug; auf ihm, zu⸗ rückgelehnt, eine deutſche Ueberſetzung des Lucretius in der Hand, war Martin Greif geſtorben. Das Buch— es war die Knebel'ſche Uebertragung— in einem prächtigen Einband, der aber, an vielen Stellen abgegriffen, einen häufigen Gebrauch bezeugte, lag noch auf dem Tiſche neben der Aſtrallampe auf bron⸗ zenem Fuß. Das daranſtoßende einfenſterige Zimmer hatte als Schlafgemach gedient; es war das letzte auf dieſer Seite des Hauſes. Heute hatte ſich Bruno endlich zu einer vorläu⸗ figen Durchſicht der Räume entſchloſſen; bei dem vielen in ihnen aufgehäuften Geräth würde es manche Stun⸗ den gekoſtet haben, Ordnung zu ſchaffen. Und dazu fehlte ihm gerade an dieſem Tage Geduld und Muße. Er hatte einige Bekannte, Schmettow unter ihnen, zu einem Junggeſellendiner eingeladen und wollte die Zeit bis zu ihrer Ankunft mit einer Art von Beſchäf⸗ tigung ausfüllen. Auch Benno weilte in der Stadt, einige Gemälde⸗ ausſtellungen zu beſichtigen. „Wenn Du uns doch eine von den vielen gemalten 180 Nymphen, denen Du begegnen wirſt, als lebendige mit⸗ bringen könnteſt“, hatte ihm Bruno lachend bei der Abfahrt nachgerufen;„ein Tiſch, um den ein halbes Dutzend junger und älterer Männer ohne Mädchen ſitzt, hat etwas Trübes und Langweiliges.“ „Wir können ja Schmettow's angebliche Urgroß⸗ mutter, die Dame in Blau, auf einen Sammtſeſſel ſetzen und ihr feierlich den Vorſitz übertragen“, hatte Benno erwidert.„Wenigſtens wird ſie uns durch ihr Geſchwätz nicht ſtören.“ So war Brunp allein in den Gemächern, die er ſo lange nicht betreten. Die Flügelthür nach dem Saal und die Fenſter nach dem Garten ſtanden offen. Heiß und ſchwül wehte die Luft; ein letztes Gewitter, mit dem der Sommer Abſchied nimmt, ballte ſich am Himmel zuſammen. Bruno hatte ſich gegen eine tiefe Erſchütterung waffnen zu müſſen geglaubt, wenn er die Dinge ſähe und anfaßte, auf die das brechende Auge ſeines Vaters geſtarrt, nach denen ſeine Hand im Krampf des Todes gegriffen; nun wunderte er ſich, daß der Eindruck ſchwächer war, als er ihn erwartet. Gleichgültig ſchob er den Lucretius, ſchob er die Lampe beiſeite. Wollte er aus den Verſen des Römers Troſt wider die Todesfurcht ſchöpfen in dem Augen⸗ 181 blick, wo der Schlag ihn traf und hinwegraffte? dachte er. Wie wunderlich ſpielt das Schickſal mit uns! Als er dann aber mit einiger Mühe die vielen ſichtbaren und verborgenen Käſten des großen Schrankes zu öffnen anfing, bereute er doch ſeine bisherige Nach⸗ läſſigkeit. Mit peinlicher Sorglichkeit und Ordnungs⸗ liebe hatte der Vater hier die Familienpapiere ge⸗ ſammelt. Da waren die Briefe der Mutter, der Schweſter, ſeine eigenen, die Lichtbilder, die von ihnen in verſchiedenen Jahren angefertigt worden waren, die Zeichnungen, Geburtstagswünſche, die ſie dem Vater dargebracht, verſtaubte, verblaßte und doch rührende Kindheitserinnerungen. In einem andern Kaſten fand Bruno eine An⸗ zahl kleiner Schmuckſachen, ein zierlich gearbeitetes Petſchaft, ein paar Ringe, eine alte Uhrkette, die der Vater getragen, ein Medaillon mit dem Miniatur⸗ bildniß ſeiner Schweſter... beinahe an jedem der Gegenſtände war ein Zettel mit dem Namen deſſen befeſtigt, dem er beſtimmt war. Das Teſtament hatte dieſer Kleinigkeiten nicht erwähnt; um ſo ſchwerer fiel die begangene Saumſeligkeit auf Bruno's Gemüth. Ein Ring, den der Vater beſonders geſchätzt— ein antiker ge⸗ ſchnittener Opal— ſollte Miß Ellen Wood, das ——yÿ———— 5—] 4—— — 182. Medaillon mit Emma's Bilde Fräulein Clara Wolf⸗ hart zum Andenken gegeben werden. Die letzte Beſtimmung erregte Bruno's Erſtaunen. Hatte der Vater ſeine Abneigung gegen das Mädchen aufgegeben, war er zu ſeiner früheren freundlichen Ge⸗ ſinnung für die Wolfharts zurückgekehrt? Daß der Vater ſeiner auch nicht mit dem kleinſten Erinnerungs⸗ zeichen gedacht, ſchmerzte ihn im Anblick dieſer Liebes⸗ gaben um ſo tiefer, aber es war ja nur der Ausfluß und die Folge eines gegenſeitigen Widerwillens, den Zeit und Nothwendigkeit wohl hatten mildern, doch nicht aufheben können und der die Gelegenheit, wo er keine Rückſicht zu nehmen brauchte, zu einer letzten grauſamen und unbarmherzigen Aeußerung benutzte. Oder hatte er ſich getäuſcht? Waren die feindlichen Gefühle, die er dem Vater andichtete, nur in ſeiner eigenen Seele, die ſelbſt der Tod nicht zu verſöhnen vermochte? Hatte er im Trotz und Uebermuth der Jugend Haß geſcholten, was nur der Gegenſatz ihrer beiden Charaktere verſchuldet, was auf der Seite ſeines Vaters nur eine ſtrenge Liebe geweſen war? Denn in einem andern Käſtchen erblickte er ein Päckchen mit der Aufſchrift: Für meinen Sohn Bruno, und darunter, als hätte ihn eine Ahnung ſeines Todes beſchlichen, das Datum des 11. October 1866. Mit welcher Haſt, mit welchem Herzklopfen löſte Bruno die rothe Schnur, die es umwand, die Siegel, die es ſchloſſen! 1 In einem Futteral lag eine Uhr, als hätte ihn der Vater zuerſt und zuletzt an den Werth jeder ver⸗ lorenen, nie wieder einzubringenden Minute mahnen wollen; um den Rand der goldenen Kapſel las Bruno in einer zierlichen Arabeskenverzierung den Vers des Horaz eingravirt: „Omnem crede diem tibi diluxisse supremum.“ Eine Thräne trübte ihm den Blick. Am Schluſſe eines jeden Tages ihn als den letzten des Lebens be⸗ trachten, nicht, darauf rechnen, daß uns die Sonne wieder aufgehen werde, kein Unheil von einem kom⸗ menden Morgen fürchten, aber auch keine Freude er⸗ warten, immer fertig mit ſeiner Arbeit und ruhig in ſich ſein! Glücklich, der es kann! Ach, dem Vater waren in Wirklichkeit keine neuen Tage geſchenkt worden, ſeit er hier die verhängnißvollen Siegel an⸗ gelegt. War er ſelbſt, der Vorſchrift ſeiner Lieblings⸗ dichter getreu, gefaßten Sinnes geſtorben? Was waren ſeine letzen Beſchäftigungen, ſeine letzten Worte geweſen? O, über den undankbaren Sohn, der, mit dem kalten und klugen Bericht des Arztes zufrieden, nicht weiter nach dem Ausgang des Vaters, nach den näheren Umſtänden ſeines Todes geforſcht! Am Abend des zwölften October hatte der alte Herr über Müdigkeit ge⸗ klagt, Miß Ellen Wood, die ihm vorzuleſen pflegte, früher als gewöhnlich entlaſſen und ſich in ſeinem Armſtuhl ausgeſtreckt. Er mochte darüber eingeſchlafen ſein; als Miß Wood, die über ihm wohnte, von einer Ahnung oder einem unheimlichen Geräuſch erſchreckt, nach Mitternacht hinuntergeeilt und den Kammer⸗ diener gerufen hatte, fanden ſie den Herrn in ſeinen Kleidern, halb vom Stuhl geglitten, auf dem Teppich, röchelnd, ohne Beſinnung ſtarr daliegend. Sie brachten ihn auf das Lager; in einer halben Stunde war der Arzt zur Stelle. Gerade als er auf der Schwelle des Gemachs erſchien, erlag der Kranke einem zweiten Schlaganfall. Das war Alles, was Bruno von dem Hinſcheiden ſeines Vaters wußte. Jetzt ergriff ihn ein ungeſtümes Verlangen, mehr von dieſer traurigen Begebenheit zu erfahren. Es ſchien ihm, als habe er dem Todten eine Schuld zu zahlen, als müſſe er durch die Geſchichte der letzten Tage ſeines Vaters zu einer gerechteren Würdigung des Mannes kommen. Wer aber ſonſt konnte ihm dieſe Aufklärung geben als Miß Wood? Ja, im eigentlichen Sinne des Wortes hatte dies Mädchen ihm das Herz des * — = —— 185 Vaters geſtohlen und die Erinnerung an ihn vergällt. Denn auf welchen Vorfall der letzten vier Jahre er zurückblickte, überall begegnete er ihrem Bilde. Und doch trieb es ihn mit einer gewiſſen Heftigkeit zu ihr, zu der Einzigen, mit der er ohne Scheu und Falſch⸗ heit über ſeinen Vater ſprechen konnte. Die Andern hätten ſeinen Eifer für Heuchelei, für die Maske kindlicher Liebe genommen; keinem Be⸗ kannten des Hauſes war das Zerwürfniß zwiſchen Vater und Sohn gänzlich verborgen geblieben. So ſtark war der Drang, daß Bruno nur eine Weile flüchtig und unaufmerkſam in dem Buche blätterte, das mit der Uhr in dem für ihn beſtimmten Packet einge⸗ ſchloſſen lag. Es war in rothes Leder gebunden, ohne jeglichen Zierrath und beinahe ganz vollgeſchrieben. Durcheinander drängten ſich Notizen und Gedanken; hier fand Bruno die Angabe ſeiner Geburt, ſeiner Taufe, ſeines erſten Schulgangs, ſeiner Einſegnung, ſeiner Reiſe nach England; dort eine Bemerkung, daß die Mehrzahl der Menſchen ihres eigenen Wohles wegen von der Natur zu einer Art von Sklaventhum und beſtändiger Abhängigkeit beſtimmt ſei. Der Wille der Meiſten iſt verkehrt, ihre Kraft unzulänglich, ſich ſelbſt zu erhalten“, hatte der Vater geſchrieben;„nur als Heerde vereint, unter einer ₰ K 186 tüchtigen Leitung, vollbringen ſie Menſchenwürdiges und erheben ſich ſelbſt aus dem Schlamme.“ Auch die Notiz über das Bild von Kaspar Netſcher ſtieß ihm auf. „Ein holländiſches Bild, gekauft wegen einer leichten Aehnlichkeit mit Miß Wood... nimmt ſich nach der Reſtauration vortrefflich aus... ein gutes Geſchäft; hat mir Gutmann ſchon das Zehnfache des Kaufſchillings dafür geboten, veräußere es aber nicht.“ Noch manche anziehende Thatſache, manchen wich⸗ tigen Aufſchluß mochte das rothe Buch enthalten— es heute durchzuſehen fehlte Bruno Stimmung und Geduld. Die Buchſtaben tanzten ihm vor den Augen. Auf der Stelle wollte er zu Ellen, morgen war vielleicht ſeine Stimmung verwandelt oder der Zufall entfernte ihn von ſeinem Entſchluß. Er legte das Buch auf den Tiſch neben den Band des Lucretius und ſperrte den Schrank mit allen ſeinen Schätzen wieder zu. Nur um ſeinen Beſuch bei Miß Wood beſſer einzukleiden, hatte er den Ring, den der Vater ihr vermacht, zu ſich geſteckt. Leicht mußte die Gabe des Verſtorbenen das Geſpräch auf die Nacht ſeines Todes führen. Zwiſchen der Hauptſtraße der kleinen Gartenſtadt ——— „ — 187 Charlottenburg und dem Fluſſe liegt wie verborgen unter ſchattigen Bäumen mit ſeinen niedrigen, ein⸗ ſtöckigen, langgeſtreckten Häuſern das freundliche Dörfchen Lützow. In der Mitte, in einer ſanften Senkung des Bodens, von Raſenplätzen eingefaßt, ſteht die Kirche, ein faſt ſchmuckloſer Ziegelbau. Ihr gegenüber wohnte Miß Ellen Wood in dem fünf⸗ fenſterigen Hauſe mit dem zierlichen Vorgarten und den grünen Jalouſien. Bruno kam vom Ufer daher; ein greller, ſtechender Sonnenſtrahl— noch einmal unter der ſchwarzgelben Gewitterwolke hervorleuchtend — beſchien den Raum zwiſchen Haus und Kirche. Eine Frauengeſtalt redete mit dem alten Diener, der ſchon im gelben Schloſſe beſonders um Ellen beſchäf⸗ tigt geweſen war. „So wirſt du denn endlich einen Blick in dieſe merkwürdige Häuslichkeit thun“, ſagte ſich Bruno und beeilte ſeine Schritte. Wie wohnte, wie lebte Ellen? Er hatte nur gehört, daß ſie eine Fortbildungsſchule für die armen Mädchen der Gemeinde eingerichtet, in der ſie ſelbſt und Andere, Frauen und Männer, die ſich ihr ange⸗ ſchloſſen, ohne Entgelt und in voller Freiwilligkeit der Lehrenden wie der Lernenden Unterricht ertheilten; wußte nur, daß die Freiſinnigen im Ort den Kopf —— — ͦ—— 188 darüber ſchüttelten und das gute Werk eine Mucker⸗ colonie nannten. Nun konnte er ſich durch den Augen⸗ ſchein überzeugen, was Wahrheit, was Uebertreibung des Gerüchts war. Aber ſeine Neugier ſollte nicht befriedigt werden. Eben hatte ſich der alte Diener mit einer ſteifen Ver⸗ beugung in das Haus zurückgezogen und die Dame ſtand unſchlüſſig, den wetterdrohenden Himmel be⸗ trachtend, als Bruno, näher gekommen, ſie erkannte. „Clara!“ „Herr Greif!“ Gegen die Macht des Augenblicks wäre jeder Kampf vergeblich geweſen. Ob ſie dieſes Zuſammentreffen erſehnt oder ge⸗ fürchtet, ob ſie mit freiem Willen es geſucht oder ver⸗ mieden hätten, jetzt nahmen ſie es beide wie ein Geſchenk des Himmels an. „Mir ſo nahe“, ſagte Bruno,„und Sie wollten mir vorübergehen?“ „Vergeben Sie, Herr Greif, es iſt nicht Undank⸗ barkeit, die mich ferngehalten hat, wo wir Ihnen ſo ſehr, ſo unausſprechlich tief verpflichtet ſind...“ „Mir verpflichtet? Hat mir Fritz nicht in aller Höflichkeit für meinen Antrag, mit meinem Ingenieur nach Rußland zu reiſen, gedankt? Er zöge es vor, 189 hier zu bleiben. Nein, Fräulein Clara, Sie haben keine Verpflichtung gegen mich, aber es ſchmerzt mich, daß Sie den Jugendfreund ſo ganz in mir vergeſſen haben.“ „Ach, Bruno... Warum, Herr Greif, verſtellen Sie ſich? Soll ich nicht wiſſen, was Sie für mich — für meine arme Mutter thun? Miß Wood nennt Ihren Namen nicht, allein mein Herz...“ Nun ſtockte ſie doch und bog das glühende Ge⸗ ſicht zur Seite. Bruno hatte ſie niemals ſchöner gefunden. In ihren Augen, auf ihrer Stirn glänzte der Widerſchein der Freude und des Glücks. Die Sorge und die Arbeit hatten ihren lebensfriſchen Zügen nur einen gewiſſen feineren Ton verliehen, einen ſanfteren und weicheren Schmelz, ohne ihrer Schönheit Eintrag zu thun. Und dieſe Schönheit ſchien unter ſeinen be⸗ 4 wundernden Blicken noch voller aufzublühen, ihr Reiz noch lieblicher, ihr Gang noch leichter und kühner zu 4 werden. „Wie geht es Ihrer Mutter?“ fragte er. „Viel beſſer; ſeit einigen Tagen hat ſie das Bett verlaſſen. Ihre Hülfe, Herr Greif, hat wunderkräftig gewirkt. Eine ſchlimme Demüthigung“, ſetzte ſie mit einer Wendung hinzu, die ihn entzückte,„hat mein b I . ———— —— —O ͦůö— 190 Stolz dabei erfahren. Mit dem Gelde des reichen Mannes kam der Segen, nicht mit dem kärglichen Lohn meiner Arbeit, in unſer Haus. Schreitet die Beſſerung der Mutter wie bisher weiter fort, ſo gibt der Arzt Hoffnung, daß ſie eine Reiſe nach Metan wird antreten können.“ „Nach Meran! Und Sie würden mit ihr gehen?“ Clara fuhr ein wenig zuſammen. „Hat Ihnen Miß Wood nicht davon geſprochen? Sie hat ſo eifrig für dieſe Reiſe geredet, ſo bereit⸗ willig, mit einer ſo unwiderſtehlichen Gewalt der Freundſchaft mir die Mittel dazu gegeben, daß...“ Sie vermochte nicht, ihn anzuſehen, und ſchlug die Augen, die in Thränen ſtanden, nieder. „Ja— ich entſinne mich“, meinte Bruno in einiger Verlegenheit und Beſtürzung über dieſen Reiſe⸗ plan.„Miß Wood hat eine Andeutung darüber fallen laſſen. Aber Sie weinen, Clara!? „Es ſind Thränen der Freude, des Dankes für Ihre Güte! Welch ſchweres Unrecht habe ich meinen Gedanken Ihnen zugefügt! Ach, die Armuth macht bitter und ſtolz.“ „Kein Wort weiter, Clara! Sie wollen fort und ich fürchte faſt, Sie hätten die Stadt verlaſſen, ohne — 191 mir Lebewohl zu ſagen. Welch ein ſchlechter Schluß unſerer Freundſchaft wäre das geweſen!“ „Nein, Herr Greif“— und in Befangenheit und Erröthen ſuchte ſie nach Worten—„ich war zu Miß Wood hinausgegangen, um mit ihr zu beſprechen, in welcher Weiſe ich Ihnen meinen Dank...“ „Immer dieſe Fremde! Hat ſie denn ein bos⸗ haftes Geſchick dazu erleſen, wie ein drohender Schat⸗ ten zwiſchen mir und Allem, was ich liebe, zu ſtehen? Wies Ihnen denn Ihr Herz nicht den richtigen Weg?“ „Dies Herz, Bruno...“ ſchluchzte ſie in über⸗ wallender Leidenſchaft.„Quälen Sie mich nicht! Was ich am meiſten fürchte, iſt mein Herz.“ „Geliebtes Mädchen!“ wollte er ausrufen, aber Leute, die vorübergingen und ihn grüßten, nicht ohne neugierig fragende Blicke auf das ſchöne Mädchen zu richten, das neben ihm dahinſchritt, erinnerten ihn an die Nothwendigkeit einer gemeſſenen Haltung. „Miß Wood iſt nicht in ihrer Wohnung?“ fragte er, um auch ihr Gelegenheit zu geben, die verlorene Ruhe wiederzugewinnen. „Nein, und der alte Gottfried weiß auch nicht zu ſagen, in welcher Stunde ſeine Herrin zurückkehren wird; ich hätte ſie ſonſt erwartet.“ 192 In ihrem Geſpräch hatten ſie des Himmels nicht weiter geachtet, nur miteinander beſchäftigt, ganz aufgegangen in dem Streben, die flüchtigen Minuten dieſes Wiederſehens auszunutzen, als könnte es ſo nicht wiederkommen. Miteinander zu reden, ſich ſtumm anzuſchauen und die Augen noch ſchneller, als ſie dieſelben erhoben, wieder zur Erde zu ſenken, un⸗ willkürlich einander zu berühren: es war wie ein Rauſch des Glückes, der ſie die Außenwelt vergeſſen ließ. Nicht auf lange; der Sturm, der wild in den halbentblätterten Bäumen zu ſauſen anfing und ſie mit einer Wolke Staubes überſchüttete, verſetzte ſie unſanft in die Wilrklichkeit. „Sie kommen nicht mehr bis zur Halteſtelle der Pferdebahn, Clara; es gibt ein ſtarkes Gewitter. Hören Sie den Donner? Da iſt mein Haus— ein⸗ mal war es auch das Ihrige. Laſſen Sie es auf eine kurze Weile Ihr Aſyl ſein. Ruhen Sie ein wenig; iſt die Wuth des Gewitters gebrochen, führt Sie der Wagen ſchnell nach der Stadt zurück.“ So eilig, ſo abgebrochen hatte er geredet, ohne andere Abſicht, als ſie vor dem Regen und Sturm zu ſchützen, daß der Wunſch, dies Zuſam⸗ menſein zu verlängern, ihren Anblick noch zu genießen, ihre wohlklingende Stimme noch zu vernehmen, erſt 193 in ihm erwachte, als ſie auf der Rampe des Schloſſes ſtanden. Willenlos war ihm Clara gefolgt; die leiden⸗ ſchaftliche Bewegung ihrer Seele empfing von dem Aufruhr der Natur einen neuen Anſtoß. Wenn ſie in dieſer Aufregung, die ihr ganzes Weſen durchzitterte, überhaupt noch klare und be⸗ ſtimmte Gedanken hatte, in ſeiner Bitte, in ihrer Sehnſucht, die unausgeſprochen, ihr ſelber halb unbe⸗ wußt, ſeinen Worten entgegeneilte, wären ſie unter⸗ geſunken. Den Dienern fiel das ſchöne Mädchen, mit dem der Herr heimkehrte, wohl auf, aber ſie nahmen ſie ihres einfachen Anzugs wegen für eine Bitſſtellerin, die an den reichen und allgemein als wohlthätig be⸗ kannten Mann irgend ein Anliegen hätte. „Legen Sie ab, ruhen Sie aus“, ſagte Bruno, nachdem er ſie in ein kleines Empfangszimmer geführt, und ſchob ihr einen Seſſel zu.„Ihr Tuch iſt feucht. Wie Sie glühen! Wir ſind zu lange draußen im Sturm geblieben.“ Sie ſaß in dem Seſſel, ſie ſtemmte ihre Füße auf ein geſticktes Fußkiſſen— war ſie es, war es ein Anderer geweſen, der ihr den Hut, das grauweiße Wollentuch abgenommen hatte? Frenzel, Silvia. I. 13 f—„ 194 Mit ihren Händen ſtrich ſie die Locken ihres Haares zurück und fuhr über Stirn und Augen, als müſſe ſie ſich verſichern, daß ſie nicht träume. Bruno ſtand am Fenſter und blickte in den Ge⸗ wittergraus hinaus. Wild praſſelnd, mit Hagelkörnern untermiſcht, ſchlug der Regen an die Scheiben; durch die graue Dämmerung, welche die Landſchaft umhüllte und nicht das jenſeitige Ufer deutlich mehr erkennen ließ, zuckten mit grellem Schein die Blitze. Rollend auf den Flügeln des Sturmes kam der Donner näher und näher. „Sauſt nur, ihr Winde, tobt ärger, ihr Donner!“ hätte Bruno ausrufen mögen. Dies Unwetter hielt ſeine Gäſte wahrſcheinlich noch auf eine Stunde fern— ſeine Gäſte, wie er dieſe Einladung verwünſchte! So ausſchließlich hatte ihn Clara's Gegenwart in Anſpruch genommen und ſo ſehr Alles, was nicht zu ihr gehörte, aus ſeinem Geiſte verdrängt, daß er erſt bei dem Eintritt in ſein Haus, in den blumengeſchmückten Flur ſeines Feſtes gedachte. Welch ein unglückliches Zuſammentreffen... aber er wendete ſich trotzig vom Fenſter zurück, ſeiner 195 ſchönen Schutzbefohlenen zu. Fort mit den Grillen, wozu biſt du denn reich! lag in dieſer Bewegung. „Da ſitzen Sie nun wieder in dem Gemach, wo wir ſo oft miteinander geſeſſen... Sie und Emma und ich“, begann er.„Das Feuer brannte im Kamin und warf ſeinen Widerſchein glühroth an die Decke. Ueber die Ampel hatten wir einen bunten Papier⸗ ſchirm ſtecken müſſen. Emma ſchmerzte das helle Licht. Draußen heulte wie jetzt der Wind, aber wir lachten und erzählten uns Märchen und Geſpenſtergeſchichten. Ab und zu blickte die gute Tante herein... Es waren glückliche, frohe Zeiten! Freilich, ſie hatten keine Dauer. Als Miß Wood in das Haus kam...“ „Sie thun ihr Unrecht, Herr Greif“, redete begüti⸗ gend Clara ein.„Sie war hier fremd, in andern Gewohnheiten erzogen, wir begegneten ihr anfangs nicht freundlich. Mein Vater und meine Mutter haß⸗ ten ſie; welch ein Segen, welch ein Schatz aber war ſie für Ihre Schweſter, Herr Greif! Mit den Geſun⸗ den hatte ſie nichts zu ſchaffen, zu der Kranken war ſie gerufen worden.“ „Verkleinern Sie ſich doch ſelbſt nicht, Clara! Hätten Sie Emma nicht dieſelbe Pflege erwieſen?“ „Nein, Herr Greif. Ich bin zu rauh für eine 13** —— —— 196 ſolche Kranke, und gerade jene ſeeliſchen Tröſtungen, nach denen die arme Emma ſchmachtete, hätte ich ihr niemals zu ſpenden vermocht. Mir fehlt nicht die Sehnſucht nach dem Himmel, aber der Glaube an ihn. Und damals war ich vielleicht noch härter und eigen⸗ williger, ich kannte das Unglück noch nicht.“ „Sie hätten es nie kennen lernen ſollen— ſo ſchön und heiter, wie Sie ſind, müßten Sie immer im Sonnenſchein leben; Sie gehören zu den Blüten, die den Schatten nicht ertragen.“ „Und werde doch wohl im Schatten weiter leben müſſen.“ „Nicht, wenn Sie mir einen Einfluß auf die Geſtaltung Ihres Daſeins geſtatten. Gegenſeitig haben wir uns manches Leid und manchen Kummer zuge⸗ fügt, indem wir uns ſo lange vermieden. Daß ich Sie liebte, Clara— ich ſchweige ſchon; als Sie dies Haus verließen, haben Sie mir geſagt, daß Alles aus ſei. Hartnäckig haben Sie bis heute jede An⸗ näherung meinerſeits abgelehnt. Aber nun ſprechen wir miteinander, ich ſtehe vor Ihnen; es zeigt ſich, daß wenigſtens das Immergrün der Freundſchaft noch in unſern Herzen fortkeimt... Epheu, der die Reſte zärtlicherer Gefühle umſchlingt. In Ihr Leben einzu⸗ 497 greifen, iſt das Recht meiner Freundſchaft. Sie ſollen nicht in Armuth und Arbeit um das tägliche Brod verkümmern. Die Reiſe wird Ihnen wohlthun und Ihren Blick erweitern, geſtärkt werden Sie heimkehren — dann wollen wir gemeinſam den Plan Ihres Le⸗ bens feſtſtellen.“ „Sie erſchrecken mich, Herr Greif; die Ausſicht, die Sie mir eröffnen, iſt für mich ſo blendend und verwirrend wie die Sonne für einen, der von langer Blindheit geheilt iſt. Mir macht das Glück angſt.“ „Heute ſoll ja nichts entſchieden werden. Wir ſind thöricht, uns mit der Zukunft zu beſchäftigen, während die Gegenwart unwiederbringlich uns entflieht. Sie wollen reiſen, Clara, und ich... wir ſehen uns heute wohl zum letzten Male für viele Monate.“ Er ſtand ſo dicht vor ihr, daß ſie ſich nicht ge⸗ traute, ſich aus ihrer Stellung zu rühren; ſie fürchtete an ſeine Bruſt zu ſinken. Die Arme auf ihre Kniee geſtützt, das Geſicht in ihren Händen verborgen, ſaß ſie da, ihr weiches brau⸗ nes Haar flutete über ihren Nacken und ihre Schul⸗ tern. „Haben Sie mir nichts zu ſagen?“ fragte er leiſe. 198 „Kein Wort des Herzens nach ſo grauſamer Trennung, keinen Troſt für den neuen Abſchied?“ „Ach, Bruno—“ ſtammelte ſie und ſtreckte ihm die Hände entgegen. Da zuckten Blitz und Donner zu einem Schlage vereint hernieder, ein fahler Lichtſchein erhellte unheim⸗ lich das Gemach. Zugleich entſtand im Hauſe eine allgemeine Be⸗ wegung, ein Hin⸗ und Herlaufen der Dienerſchaft. Es war, als klänge von der Straße durch Wind und Regen ein Hülferuf. Erſchrocken hatte ſich Clara aus dem Seſſel er⸗ hoben, Bruno ſchellte dem Diener. Aber Niemand kam; ſtatt deſſen ward die Haus⸗ thür geöffnet. „Bruno! Bruno!“ hörte er Benno rufen. Hatte den Freund ein Unfall getroffen? Und was nun mit Clara beginnen, die rathlos im Gemache ſtand? „Da biſt Du!“ ſtürmte Benno herein, durchnäßt, beſchmuzt, den zerknickten Hut noch in der Hand, mit zerzauſten Haaren, in durchaus fragwürdiger Geſtalt. „Eine ſchlimme Geſchichte— der Wagen iſt umge⸗ worfen...“ In demſelben Augenblick bemerkte er das junge 1 8 —— — 199 Mädchen, das ſich in Scham und Beſtürzung in die entfernteſte Ecke geflüchtet, und ſeine eigene jammer⸗ volle Erſcheinung im Spiegel. „Vergebung“— er machte Clära eine tiefe Ver⸗ neigung—„Du haſt Beſuch...“ „Fräulein Clara Wolfhart“, ſagte raſch Bruno. „Freund Benno von Hellburg...“ „Durchaus der Ritter von der traurigen Geſtalt und in einer Verfaſſung... Aber komm' hinaus und gib Deine Befehle.“ Mit einem Blick und einem Wink der Hand, die Clara über Alles, was geſchehen und noch geſchehen könnte, beruhigen ſollten, folgte Bruno dem Freunde. „Iſt hier keine Verſenkung, in der ich verſchwin⸗ den kann?“ ſagte draußen im Vorflur Benno voll ko⸗ miſcher Verzweiflung. „Warum? Deines zerſtörten Anzugs wegen?“ „Hältſt Du mich für ſo eitel? Bin ich ein Geck?“ „Aber was gibt's denn? Haſt Du Schaden ge⸗ nommen? Den Wagen werden die Diener wieder aufrichten.“ „Den Wagen, ja— doch die, welche drinnen ſind? Um Herrn von Schmettow würde ich keine Sorge haben, der iſt aus andern Fährlichkeiten heil 200 3 und geſund entronnen. Vernimm— o, ihr gerechten Götter, wie ſchnell beſtraft ihr den Leichtſinn!“ Und er ſchleuderte ſeinen Hut ergrimmt zur Erde, als trüge dieſer die alleinige Schuld an dem Unglück. „Eine Dame iſt mit uns gefahren.“ Der klägliche Ton ſeiner Stimme und ſeine zor⸗ nige Bewegung wirkten durch ihren Gegenſatz ſo drol⸗ lig, daß Bruno, wie unangenehm ihm auch die Stö⸗ rung war, wider Willen lachen mußte. „Eine Dame? Da bin ich doch neugierig, welche Sirene Du aufgefiſcht haſt.“ „Ich?“ entgegnete Benno in tugendhafter Ent⸗ rüſtung.„Meine Gutmüthigkeit, meine Ritterlichkeit haben mich in die arge Verlegenheit verſtrickt.“ „Sind denn ſchon Leute hinausgegangen, die Ver⸗ unglückten hereinzuführen?“ wendete ſich Bruno an einen Diener, der eben mit Tüchern, Decken und Schirmen den Flur entlang eilte. „Ja, Herr Greif. Die Pferde ſind bei der Lützower Ecke, als der Blitz vor ihnen niederfuhr, ſcheu ge⸗ worden— ſo erzählt Johann— und haben den Wa⸗ gen an einen Prellſtein geſchleudert; wir holen die Herrſchaften.“ „Nun, Ritter der Damen, dann wollen wir ſie A ——-B— am Thor erwarten“, ſagte Bruno zum Freunde.„Aber wer iſt denn die Dame? „Wir haben ſie neulich bei dem Banquier Minkus getroffen, der mein Bild im Künſtlerhauſe gekauft hat; ich habe an ihrer Seite bei Tiſche geſeſſen, weil, wie der Herr des Hauſes meinte, gleich zu gleich und Kunſt zur Kunſt gehört.“ „unſere naive Liebhaberin, Dora Erk? Nun, ſie beſitzt wenigſtens den nöthigen Humor, ſich in ihr Schickſal zu fügen, und wird uns den Empfang nicht gar zu ſchwierig und ceremoniös machen. Doch ich bin ſo klug wie zuvor; ich begreife noch immer nicht, wie der Firſtern Deines Ritterthums und Deiner un⸗ wandelbaren Toggenburgerliebe mit dieſem leichtfertigen Irrſtern zuſammengerathen iſt.“ „Nenne die Verknüpfung der Dinge das Werk eines boshaften Kobolds und Du wirſt in den meiſten Fällen das Richtige treffen. Langſam fahre ich in Deinem Wagen die Linden entlang, als ich Schmettow im Geſpräch mit einer Dame an den Schauläden auf und nieder wandeln ſehe. Ich bin aus Höflichkeit und Rückſichten zuſammengeſetzt, ich laſſe halten, ſteige aus und nähere mich ihnen, um Schmettow nachher im Wagen mitzunehmen. Die Dame iſt Fräulein Erk, Schmettow kennt ſie, wie er alle Welt kennt. Ein Wort gibt das andere; er und ich überbieten uns in ſchönen Schilderungen Deines Gartens und Deines Hauſes.„Sie machen mich neugierig“, ſagt ſie.„Fahren Sie mit uns hinaus“, lacht Schmettow,„werden mit fürſtlichen Ehren begrüßt werden.“—„Aber...“ entgeg⸗ net ſie. Nun geſtehe ich Dir meine Schwachheit; um meine Verlegenheit, meinen Aerger über dieſen tollen Vorſchlag nicht zu verrathen, redete ich mich in eine Begeiſterung über Deine Freude wegen eines ſolchen Beſuchs hinein... genug, da ſind ſie!“ Der Anblick des armen Fräuleins drängte jedes weitere Wort Benno's und jedes Gefühl des Verdruſſes bei Bruno zurück. Von Schmettow und einem Diener halb getragen, ſchwankte Dora herein. Ein Glasſplitter des zerſchmetterten Wagenfenſters hatte ihr die Stirn blutig geritzt, bei dem Fall war ihr die Hand beſchädigt worden. „Da ſehen Sie das Opfer einer empfindſamen Reiſe nach den Schönheiten der Natur“, ſagte ſie mit einem matten Lächeln, das wie unterdrücktes Weinen ausſah, zu Bruno. Nun war es doch als eine glückliche Fügung des Zufalls zu preiſen, daß Clara im Hauſe war. Unter den Männern allein hätte ſich Dora doppelt unbehag⸗ — 203 lich fühlen müſſen. Bruno eilte der Verunglückten voraus in das Zimmer, in dem Clara, noch immer keines Entſchluſſes mächtig, wie im Boden feſtgewur⸗ zelt ſtand. Der Wille, eine dunkle Ahnung trieb ſie fort, aber es ſchien, als wollte ſie der Boden dieſes Hauſes nicht fortlaſſen, als wäre ſowohl ihre Seele wie ihr Körper unlöslich mit ihm verwachſen. Wohin ſie blickte, ſprach Alles vertraut ſie an: die engliſchen Kupferſtiche in den ſchwarzen Ebenholzrahmen, die rothe Ampel, die an ſeinen bronzenen Ketten von der gemalten Decke herabhing, der Kamin mit der Statue einer Muſe in Elfenbeinmaſſe, der Teppich nach perſiſchem Muſter— holde Bilder der Vergangenheit ſtiegen auf und um⸗ gaukelten ſie, dieſe lebloſen Dinge führten eine ſo ver⸗ führeriſche Sprache. Während vom Corridor her der Lärm und die Unruhe in gebrochenen Tönen ſcholl, befand ſie ſich wie in einer verzauberten Welt. Da kehrte Bruno zurück. „Liebe Clara, wir haben eine Verwundete im Hauſe, wollen Sie uns Ihren Beiſtand leihen?“ Eine ſolche Aufforderung würde ſie niemals müßig gelaſſen haben, und nun gar aus ſeinem Munde, in ihrer wunderlichen Lage. War es doch, als ſetzte der . 4—— ö ——— * A——— 204 Zufall das Spiel ihrer Phantaſie fort und verwan⸗ delte die Erinnerungen eines vergangenen Lebens in unmittelbare Wirklichkeiten! Die beiden Mädchen blieben in dieſem Flügel des Hauſes allein; Benno und Ruprecht hatten genug zu thun, ihre zerſtörte Toilette wieder in leidliche Ord⸗ nung zu bringen, Bruno mußte eine andere Anord⸗ nung ſeiner Tafel treffen. Der Anſtand forderte eine Einladung der Damen, auch wenn ſie dieſelbe aus⸗ ſchlagen ſollten. Schon hatte das Luſtige in dem Abenteuer all ſeine Bedenklichkeiten zerſtreut. Was war es denn auch weiter als ein fröhlicher Abend? Morgen, übermorgen ſollte ihm das Dampf⸗ roß Clara entführen— auf wie lange, in welche Ver⸗ hältniſſe, wer wußte es? Anders, als ſie gegangen, würde ſie heimkehren. Bei ihrem Anblick, vor den Zeichen der Liebe, die ſie nicht ganz verbergen konnte, war auch in ſeinem Herzen die Leidenſchaft wieder ſtärker erwacht und mit ihr regte ſich die Sorge und die Angſt, das geliebte Mädchen auf immer zu ver⸗ lieren. Einmal war ſie ihm durch das Gebot des Vaters entrückt worden, das ſie aus dem Hauſe verbannte und ihn durch Geſchäftsreiſen entfernte; Verſtimmungen, 205 Irrungen hatten dann den Bruch vollenden helfen, den nur eben heute die Gunſt eines ſo nie ſich wieder⸗ holenden Zufalls geheilt. Tiefer noch als vordem war durch die Umſtände die Kluft geworden, die ſie von jeher getrennt hatte: der reiche Fabrikherr und die arme Handarbeiterin ſchienen nicht füreinander beſtimmt zu ſein. Zwiſchen ihnen konnte es keine Ehe, ſondern nur eine wilde, heiße Liebe geben. Aber dieſe Ueberzeugung, die von der erregten Leidenſchaft ihre beſten Gründe borgte, machte ihn zu⸗ gleich begehrlicher und eiferſüchtiger. Die flüchtigen Stunden, die ihm mit ihr zu verleben vergönnt waren, wollte er ausgenießen. In dem alten Hauſe war es ſo lange öde, ſtill und traurig geweſen, nun ſollte es einmal hoch und fröhlich hergehen. Eine übermüthige Laune hatte ihn erfaßt, kaum vermochten die Diener ſeine haſtigen, ſich überſtürzen⸗ den Befehle zu vollführen. Ein Blick genügte dem wilden Ruprecht, als er mit Benno wieder zum Vorſchein kam— Benno hatte noch etwas von dem Ausſehen einer geknickten Lilie, da ſich ſeinem Bart und ſeinem Haar durchaus nicht mehr der kühne Schwung hatte geben laſſen, den er ſelbſt mit gerechtem Wohlgefallen ſonſt täglich 206 im Spiegel zu bewundern pflegte— um in Brunv's Seele zu leſen. „Drolliger Spaß, Herr Greif!“ Und er ſtreckte ihm beide Hände mit jener breiten Gutmüthigkeit ent⸗ gegen, die ihm in ſeltenem Maße zu Gebote ſtand und als natürlicher Ausfluß ſeines Weſens erſchien. „War eigentlich ein dummer Streich, in Ihr La Trappe eine ſolche Circe einzuſchmuggeln, freue mich aber, daß Sie der Thorheit die beſte Seite abgewinnen. Was iſt ein Feſtmahl ohne Frauenzimmer? Auſtern im Sommer!“ Mit Rath und That half er bei der Ausſchmückung des kleinen Saales, der Bruno nun plötzlich geſchmack⸗ los und von dürftiger Ausſtattung dünkte. Aus dem Treibhauſe wurden trotz des ſtrömen⸗ den Regens noch mehr Blumen und Palmen herbeige⸗ ſchafft; wo Bruno irgend in den Zimmern ein koſt⸗ bares Geräth wußte, ließ er es hereinbringen und ſuchte die Stelle, an der es die bedeutendſte Wirkung üben und ſich harmoniſch dem Ganzen einfügen würde. Dieſe Improviſation war ſo heiter, die Einfälle, in denen ſich Ruprecht und Bruno überboten, hatten ſo viel des Witzigen und Anregenden, daß auch Benno „ in den Strudel übermüthiger Laune mit fortgeriſſen wurde. Anfangs hatte ihm das Abenteuer wenig behagt, er liebte das Zarte, Sittige, Vornehme und vermied das Maßloſe. „Und bei einem ſolchen Feſte“, ſagte er ſich, „weiß man wohl, wie es beginnt, aber nicht, wie es aufhört; wie es jedoch auch enden mag, ganz ohne Makel und Verdacht wird der Ruf des Toggenburgers nicht daraus hervorgehen.“ Vor der Geſchäftigkeit, den Scherzen, der Ausge⸗ laſſenheit der Freunde hielt indeß ſeine Scheu und ſeine 'ſelbſtſüchtige Philoſophie nicht Stand. „Der alte Adam erwacht“, ſpottete Ruprecht.— „Erinnerſt Du Dich endlich, daß Du auch einmal jung geweſen?“ lachte Bruno, als Benno nun auch ſeinerſeits die Topfgewächſe maleriſch zu ordnen, die Blumen in die Vaſen zu vertheilen anfing. Bei dem Eintreffen der andern Gäſte— Bruno's Arzt, ein hochberühmter Landſchaftsmaler, der in den Kreiſen der Hauptſtadt ſowohl durch ſeine Kunſt wie durch die Anmuth ſeines Geiſtes gleich willkommen war, und zwei jüngere Leute aus der Geſchäftswelt vervoll⸗ ſtändigten die Geſellſchaft— prangte der Saal in ge⸗ fälliger Schönheit, im warmen Glanz der Kerzen. Die .— — ꝗͦ———— ——— u 8————— 208 Vorhänge und Laden der Fenſter und der Glasthür nach dem Garten hatte man wegen des noch immer tobenden Sturmes und der unerfreulichen Ausſicht in die regneriſche graue Dämmerung geſchloſſen. Die Gäſte auf die Ueberraſchung, die ihnen be⸗ vorſtand, vorzubereiten und die Anweſenheit der beiden Mädchen ſchicklich zu erklären, hatte der immer zungen⸗ gewandte und nie verlegene Schmettow übernommen. Auf ſeinen trotz aller Verbeſſerungen und der Nach⸗ hülfe aus Bruno's Garderobe mißlichen Anzug deutend, begann er ſein und Benno's Abenteuer in jener über⸗ müthig heiteren Weiſe zu erzählen, die den Hörer feſſelt und gewinnt, indem ſie ihm ein Lächeln ab⸗ lockt. 8 Es braucht nicht viel Worte, daß die Herren ein⸗ ſtimmig beſchloſſen, die Damen inſtändigſt zu erſuchen, durch ihre Gegenwart ihr kleines Feſt zu verherr⸗ lichen. Als die Würdigſten wurden Bruno, der Arzt und der Profeſſor der Landſchaftsmalerei auserwählt, ihnen die Bitte zu überbringen. Die Mädchen hatten indeſſen Zeit gehabt, vor⸗ ſichtig einander näher zu treten. Jede hatte vor der andern etwas wie ein Geheimniß zu hüten. Wie Dora nicht gern ihren Leichtſinn eingeſtehen mochte, ſich in einer unbeſonnenen Laune den beiden Männern —— 209 angeſchloſſen zu haben, ſo wußte Clara kei nen aus⸗ reichenden Grund für ihre Anweſenheit in dem gelben Hauſe. Doch hatte ſie zu lange darin gewohnt, kannte zu genau alle ſeine Gelegenheiten und erſchien in ihren Aufträgen an die Dienerſchaft ſo ſicher und beſtimmt, um von Dora nicht entweder für die Haushälterin, eine entfernte Verwandte Bruno's oder doch für die Tochter eines Bedienſteten gehalten zu werden. Daß ſie aufeinander angewieſen ſeien, empfanden ſie, ohne es auszuſprechen, mit weiblichem Feingefühl. Dora's Verletzungen waren leichter Art und, wie ſie lachend verſicherte, keines Verbandes und keines Pflaſters werth, nur die Erſchütterung des Sturzes lähmte ſie noch. Der Schrecken, der in ihr nachzitterte, und Clara's Aufregung floſſen wie zwei verwandte ſeeliſche Strömungen zuſammen. So verſchieden auch die Urſachen ihrer leidenſchaftlich erhöhten Stimmung waren, jetzt umgab ſie dieſelbe elektriſche Wolke. Un⸗ ruhig, erwartungsvoll fragten ſie ſich mit ſtummen und doch beredten Blicken:„Wie wird das enden?“ und fürchteten zugleich, daß der luſtig ſchöne Traum durch die Meldung eines Dieners geſtört werden würde:„Der Wagen iſt vorgefahren.“ Der Wagen, der ſie dieſer phantaſtiſchen Welt entführen ſollte! Frenzel, Silvia. I. 14 210 Claras Herz krampfte ſich zuſammen. Jetzt von ihm ſcheiden, unter den Augen einer Fremden, mit doppelt kühlen Worten, mit kalter Zurückhaltung! Scheiden ins Ungewiſſe, in die Ferne! Wieder das Fahrzeug ihres Lebens den unberechenbaren Zufällen anheimgeben, die es, wie ſchon einmal, vielleicht weit von dem geliebten Strande verſchlügen! Ein Schauer durchrieſelte ſie, wenn ſie an das Giebelhaus in der Georgenſtraße dachte, an das öde, traurige Zimmer, wo ſie wieder wie alle Abende vor ihrer Nähmaſchine bei der geiſtloſen und aufreibenden Arbeit niederſitzen würde! So ſaß ſie, die Lippen ge⸗ ſchloſſen, trotzig aufeinander gedrückt, das Herz über⸗ Mutter erwartete ſie nicht, ſie glaubte ſie im Hanſe Ellen's; eine Nachbarin hatte verſprochen, für die Leidende Sorge zu tragen. Auch hatte ja der Arzt und ihr erlaubt, halbe Tage außerhalb des Bettes zuzubringen. Nicht in Ordnung und Klarheit, ſtoßweiſe wie Wolken, die der Sturm am Himmel auf und nieder jagt, gingen dieſe Gedanken durch Clara's Gehirn. Hätte ihr ein Zauber den Wunſch, der ſie ganz er⸗ füllte, gegenſtändlich im Spiegel gezeigt, ſo würde ſie voll, zum Zerſpringen oder zum Ueberſchäumen! Die⸗ ſchon ſeit einer Woche ſie außer jeder Gefahr erklärt 8☛ erſchreckt davor zurückgefahren ſein— und dennoch wollte und konnte ſie nicht ſcheiden. Wenn ſie die muntere Schauſpielerin an ihrer Seite betrachtete, die allmälig ihren Humor wiederge⸗ funden hatte, ſtiegen Neid und Eiferſucht in ihr auf. Während ſie in die Dunkelheit hinausführe, ſollte dies Mädchen ſeine Gegenwart genießen, neben ihm ſitzen, mit ihm ſcherzen und lachen. Da baten die Herren um Einlaß und brachten ihre Einladung durch Bruno's Mund, wie der ſchalk⸗ hafte Profeſſor bemerkte,„in beweglichen Worten“ vor. „Aber in dieſen Kleidern!“ wendete Dora ein. „Suchen wir denn die Kleider?“ antwortete man ihr.„Wir ſuchen die Grazien.“ Dorg's Widerſtand war nicht ernſtlich gemeint, ſie dürſtete nach Licht und Glanz, nach Wein und Fröhlichkeit. Ein ſo toll begonnenes Abenteuer konnte nach ihrer Lebensphiloſophie nur mit einem heiteren Feſtmahl ſchließen. Nach einigen Scherzen hinüber und herüber war ſie bereit, die Waffen zu ſtrecken. „Allein ich habe hier nichts zu beſtimmen“, ſagte ſie und reichte ihrer Gefährtin die Hand,„Fräulein Clara hat die Entſcheidung.“ 3 14* 212 Den Blick am Boden, im Wechſel des Erröthens und Erblaſſens, hatte Clara ſchweigend geſtanden. Aus dem Ton von Bruno's Stimme klang es ihr ent⸗ gegen, daß ſeine Bitte ſich einzig an ſie richtete. Dieſe Gewißheit gerade machte ſie noch befangener Uud jetzt war die Wahl in ihre Hand gelegt! Erwartungsvoll betrachteten die Männer das ſchöne Mädchen, deſſen anmuthige Formen durch die Einfachheit ihres blauen Kleides noch mehr hervor⸗ gehoben wurden, deſſen Geſicht, von den breiten braunen braunen Augen um ſo ſchöner ſtrahlte, je weniger es von der Kunſt Farbe und Schmuck geborgt hatte. Niemals war Clara noch ſo ausſchließlich der Gegen⸗ ſtand einer allgemeinen Aufmerkſamkeit geweſen. Sie zauderte, eine Stimme hinter ihr, in ihr ſchien ihr zuzuraunen: Geh nicht! Aber ſchon hatte Bruno ihre herabhängende linke Hand ergriffen. 4 „Sie haben ſo oft unten im Saal an unſerem Tiſch geſeſſen, wollten Sie es heute verſchmähen, weil ich— weil wir Sie darum bitten?“ und unentſchloſſener. An ihren Putz würde ſie zuletzt gedacht haben; andere Bedenken hielten ſie zurück. Flechten umrahmt, mit dem ſammtweichen Glanz der 8 —— 213 „Ich folge Ihnen“, entgegnete ſie leiſe; ſie hatte Mühe, ſich zu faſſen. „Triumph!“ lachte der Doctor. „Das war auch ein rechter Triumph!“ ſpottete Dora.„Drei Römer, die zwei Sabinerinnen rauben!“ In dem Saal wurden die Eintretenden mit Muſik empfangen; Benno hatte ſich an das Piano geſetzt und ſpielte den Einzugsmarſch in den Wartburg⸗ ſaal aus Wagner's Oper„Tanhäuſer“. So lange nicht berührt, hatte das Klavier einen eigenthümlichen Ton, der in ſeinem ſcharfen Klang zu dem Uebermuth des ganzen Aufzugs ſtimmte. Der Raum bot mit ſeinen vielen Lichtern, Blumen und Gewächſen, mit der reich ausgeſtatteten Tafel einen maleriſchen, bunten Anblick. In der Eile der Anordnung hatte ſich das Entgegengeſetzte zuſammen⸗ gefunden. Friedlich ſtanden die beiden großen, breit⸗ bauchigen und ſchmalhalſigen chineſiſchen Vaſen von feinſtem Porzellan und zierlicher Malerei, blau und golden, neben einer alten ſilbernen Renaiſſanceſchüſſel mit Reliefdarſtellungen und kunſtvollem Rankenwerk. Ein paar venetianiſche Gläſer und Nürnberger Krüge mußten ſich die Nachbarſchaft modernſter Genoſſen aus weißem und grünem geſchliffenem Glaſe gefallen laſſen. Auf dem Kaminſims überragte eine kleine marmorne Nachbildung der capitoliniſchen Venus eine Fülle von Meißener Rococoſiguren. Zu keinem andern Zwecke als dem der Lichtwirkung hatte man im Kamin ein leichtes Feuer angefacht und der dunkelrothe Widerſchein der verglimmenden Kohlen zitterte uhan⸗ taſtiſch durch den hellen Saal. Das wunderlich Zuſammengewürfelte entſprach in ſeiner Verſchiedenheit und Buntheit der Stimmung der Geſellſchaft. „Wie luſtig iſt das Alles!“ Katſcht Dora in die Hände. Und als ſie nun um den Tiſch ſaßen, die Männer das erſte Glas geleert, die Mädchen daran genippt, der Landſchaftsmaler eine ergötzliche Geſchichte von einem Abendeſſen in einem chineſiſchen vornehmen Hauſe— vor wenigen Monaten war er erſt von einer Reiſe um die Welt zurückgekehrt— zum Be⸗ ſten gegeben hatte, thaute das Eis; freier wurde das Gemüth und ſchneller die Zunge. In ihrer Stellung, in der Leichtlebigkeit ihres Weſens lag es, daß Dora ſich bald in Harmloſigkeit und naiver Sicherheit dem Wohlgefühl hingab, das ihre Umgebung und das heitere Abenteuer ihr er⸗ weckten; Clara fand wenigſtens darin einen Anhalt, daß ihr in dieſem Raum nichts fremd war, daß ſie oft, wenn Martin Greif nur mit ſeiner Tochter und ſeinem Sohn geſpeiſt, ebenſo wie Miß Ellen ihren Platz an dieſem Tiſch gehabt hatte. Mit kluger Vorſicht hatte Bruno ihr überdies ihre Nachbarn ausgewählt: Benno, der durch ſeine Erzählung ihre Schickſale kannte und ſie ſo vor jeder vorlauten Aeußerung eines Andern zu ſchützen ver⸗ mochte, während er ſelbſt aus Mitgefühl für ihre Lage ihr doppelt rückſichtsvoll begegnete, und den Profeſſor, der durch ſeine Beredtſamkeit ihre Schweig⸗ ſamkeit verdeckte. Die Kenntniß der engliſchen Sprache, die ſie ſich im Umgang mit Ellen erworben, die zaghafte Anmuth, mit der ſie ſich darin ausdrückte, als ſie dem Profeſſor auf eine ſcherzhafte Frage Antwort gab, erhöhte ſie in den Augen der Geſellſchaft und beſtärkte ihr Selbſtvertrauen. Eine ihm ſonſt fremde Znrückhaltung den Damen gegenüber bewies heute Schmettow; es ſchien, als ob der Feinſchmecker und Weinkenner in ihm jede Regung der Galanterie zurückgedrängt habe. Oder wußte er ſich von Bruno beobachtet, der ihm eine heftigere Leidenſchaft für Clara andichtete? Mit Unrecht, denn wenn ihm auch das ſchöne Mädchen gefiel und ſeine Sinnlichkeit reizte, zunächſt 216 war Schmettow viel zu ſehr mit dem Gelderwerb und dem Börſenſpiel beſchäftigt, um ſich mit„Liebes⸗ allotrien“ zu bemühen. Wäre es noch eine Geſchichte geweſen, die heute beginnt und morgen geendigt iſt, aber Clara glich nicht einer gefälligen oder auch nur leicht zu erobernden Schönen. „Dieſer arme Bruno“, ſagte ſich Schmettow in einer Pauſe zwiſchen Fleiſch und Fiſch,„wie er ſchmach⸗ tet! Er iſt ſchon halb verbrannt an der Glut dieſer braunen Augen und noch niemals dazu gekommen, ſie zu löſchen! Iſt ſie ſo ſtandhaft oder er ſo ſchüchtern?“ In jedem Falle war ſie nichts für ihn, den wilden Ruprecht. Er hätte auf ihren Stuhl lieber die„Graue“ ſitzen ſehen. Alles, was er über Miß Wood aus hingeworfenen Aeußerungen, halben An⸗ deutungen vernommen, von Fritz und Bruno, hin und her horchend, von Kellnern und Bürgersleuten, mit denen er in den Schenken von dem„engliſchen Fräu⸗ lein“ geredet, hatte den erſten Eindruck, den er in dem Wagen der Pferde⸗Eiſenbahn von ihr empfangen, nach dem Geheimnißvollen zu vertieft. Selbſt wenn er die Uebertreibungen des Gerüchts abrechnete, mußte ſie ein eigenthümliches Mädchen ſein, die abſeits von der breitgetretenen Heerſtraße des Lebens ihren Weg für ſich allein ging. Die Heiligen wie die großen Sünder laufen nicht in demſelben Schritt mit der Mittelmäßigkeit, und hätte Ruprecht nur mehr Muße zur Jagd nach dem ſcheuen grauen Vogel gehabt, in ſeiner Eitelkeit war er überzeugt, daß er ihn gefangen hätte. In dieſem Saal wehte gleichſam noch ein Duft, ein Hauch von Ellen; ſo lange hatte ſie hier gewaltet, daß der Raum noch einen Theil von ihr bewahren mußte, ein Etwas, das freilich nicht zu greifen, aber doch zu empfinden war. Dieſe Hexe nach den Einen, dieſen Engel nach den Andern einmal nach ſeiner„Abſtammung“ zu fragen, dieſer„Spaß“ hatte für Ruprecht ſeine verlockende Seite. Nur gehörte Geld zu einer ſolchen Prüfung, viel Geld— Jupiter's bekannter goldener Regen. Denn nach Ruprecht's Weltkenntniß war es eine unumſtößliche Wahrheit, daß Amor dieſſeits wie jenſeits des großen Waſſers goldene Flügel habe. Dieſe Meinung beſtätigte eben auch der vielge⸗ reiſte Maler. „Gibt es Liebe in Indien und China?“ hatte ihn neckend Dora gefragt. Er galt für einen Weiberfeind. „Bei den Dichtern ja, in der Wirklichkeit macht ſich die Sache einfacher. Willſt Du mir den Reis kochen? ſagt dort Adam zu Eva. Sie nickt und Alles 218 iſt gut. Unſere Liebe iſt viel zu koſtſpielig, gerade wie unſere Kleidung, als daß beide im Oſten ſich einbürgern könnten. Zärtlichkeit iſt eine europäiſche Erfindung.“ „Und Sie würden ſie auch nicht erfunden haben“, erwiderte ſie. „In Ihrer Geſellſchaft— wer weiß! Aber wenn ich Ihnen eine Japaneſin ſchildern ſollte, in einem Theegarten...“ „Ich halte mir ſchon im voraus die Ohren zu, lieber Profeſſor!“ „Nun wohl, die Liebe kennt man im Sonnenauf⸗ gaugslande nicht; die wenigſten Menſchen haben Geld und Geiſt genug dazu, allein die Treue ſteht dafür in Ehren.“ „Treulos wie die Welle, das gilt nur für uns“ — und ſie zeigte auf Clara und auf ſich.„Eine liebens⸗ würdige Schmeichelei!“ „Ich war noch viel unliebenswürdiger, als Sie vermuthen. Ich dachte weder an meine ſchöne Nach⸗ barin, noch an mein ſchelmiſches Gegenüber bei meiner Aeußerung. Wo die Verſuchung ſo ſtark iſt wie in unſerer modernen Geſellſchaft, wird die Treue bei⸗ nahe nnigſa 4 , ſagte Benno, die Hand auf dem Herzen, ier 3 Troue 1 11 219 Seine Bewegung und ſein Ausruf waren zugleich ſo ernſthaft und ſo drollig, ſo voll herzlicher Empfin⸗ dung und unfreiwilliger Komik, daß Bruno unter dem Gelächter der Andern ſein Glas erhob. „Es lebe der Ritter der Treue!“ Als der Lärm des Anklingens und der Hochrufe ſich wieder beruhigt hatte, ſagte Schmettow: „Hat ganz Recht, unſer Profeſſor. Zerbrechen ſich weder die Rothhäute noch die Chineſen um der Liebe willen den Kopf. Gleich aber unter allen Himmels⸗ ſtrichen iſt die Macht der Schönheit. Sie wirkt überall wie der Dollar: dämoniſch.“ „Nicht dämoniſch“, entgegnete Bruno.„Die Schönheit beſänftigt und beſeligt. Wie der Anblick einer ſchönen Landſchaft einen Zauber der Ruhe auf unſer bewegtes Gemüth ausübt, ſo erfüllt uns der Anblick eines ſchönen Menſchengeſichts mit einer ſtillen Freude, wir ahnen ein Höheres, im Vergänglichen ein Ewiges und beugen uns willig, ohne Kampf. Ich glaube, die Marquiſe von Pompadour hat es geſagt, im Antlitz einer ſchönen Frau ſchimmert der Wider⸗ ſchein Gottes.“ Clara erglühte und ſuchte hinter der großen Blumenvaſe, die vor ihr ſtand, ihr Geſicht ſeinen Blicken zu entziehen. War es thörichte Eitelkeit oder 220 erzitternde Scham, daß ſie ſeine Worte auf ſich be⸗ zog? Um ſo unbekümmerter rief Dora aus: „Das nenn' ich geſprochen, Herr Greif! Die garſtigen Männer da drüben ſollten ſich an Ihnen ein Beiſpiel nehmen! Wenn ich Frau Venus wäre, würde ich Ihnen einen Kuß geben.“ „Vortrefflich“, erwiderte Schmettow,„hat Herr Greif den Eindruck der Schönheit bezeichnet. Iſt aber doch ein Loch in ſeiner Rede! Solange es bei der reinen Betrachtung des Schönen bleibt, iſt Alles gut; allein wer ſähe die Schönheit und möchte ſie nicht be⸗ ſitzen?“ „Die Sterne, die begehrt man nicht“, antwortete man ihm von allen Seiten. „Sterne, meinetwegen! Und ſelbſt da, wer hätte nicht einmal den Arm nach ihnen ausgeſtreckt? Ein ſchlechter Mann, der nicht Unerreichbares träumt. Bin ein viel umhergeſchleudertes Wrack und der Aermſte unter Ihnen, hoffe nichtsdeſtoweniger eine Million zu erwerben. Und ſo in Allem. Was ge⸗ fällt, reizt, und was reizt, will man erobern. Damit beginnt der Kampf und das Spiel des Dämons.“ „Wenn Sie es ſo verſtehen“, antwortete Bruno, „voßl. Aber in dieſem Falle iſt doch mehr unſere — —— ——y— ——— 3 —— 221 Selbſtſucht und unſere Habgier als die Schönheit an⸗ zuklagen. In den Satyrn, Faunen und Centauren, welche die Nymphen verfolgen und miteinander um den Beſitz der ſchönſten ringen, wohnt das Dämoniſche, nicht in den Nymphen.“ „Und trachtet die Schönheit nicht ihrerſeits nach Geld oder Herrſchaft? Iſt doch nicht mehr bedürfniß⸗ los wie im goldenen Zeitalter. Was koſtet nicht allein die Toilette! Wenn unſere reizende Künſtlerin ſich mit dem einfachen Coſtüm der drei Göttinnen am Fuß des Ida begnügen ſollte!“ „Ja, ja“, lachte Dora.„Die Putzſucht verdirbt die Tugend. Sind Sie nun zufrieden, Ungeheuer?“ „Die Einen wollen kaufen, die Andern müſſen verkaufen, daher ein ewiger Krieg, der bald mit Liſt, bald mit Gewalt geführt wird.“ „Aber die wahre Schönheit“, entgegnete Bruno, „wo im ſchönen Körper die ſchöne Seele wohnt, läßt ſich nicht erkaufen. Und ſie ſelbſt verlangt auch weder nach Macht noch nach Reichthum oder nach unſerer Verehrung. Denn ohne Anſtrengung fällt ihr, wo ſie erſcheint, die Herrſchaft, ohne Streit der Sieg zu.“ „Idealiſtiſche Anſchauungen, die in der Kunſt ihre Wahrheit haben, nicht im Leben“, behauptete der hartnäckige Schmettow.„Wie ſagen wir alle mit ——.————. 222 Darwin: Kampf ums Daſein! Wäre merkwürdig, ſollte in dieſem Kampfe die Schönheit keine Rolle⸗ ſpielen!“ „Sie ſind ein unverbeſſerlicher Materialiſt“, er⸗ widerte ihm Benno, der dem Freunde zu Hülfe kam. „Zugegeben. Wer jung, ſchön und reich iſt wie Sie, glaubt an leichte Siege. Ein alter Pionier aus dem Weſten, nur noch mittalterliche Reſte, hat gröbere Nerven und gröbere Anſichten. Vermuthe, daß über⸗ all Mann und Weib ſich ihrer natürlichen Waffen bedienen, ſchon aus dem Trieb der Selbſterhaltung.“ „So oder ſo“, miſchte ſich der Profeſſor wieder in das Geſpräch,„es hindert nicht, daß wir uns an der Schönheit erfreuen. Niemand, der in Meluſinens Geſicht blickt, denkt an ihren Fiſchſchwanz. Das iſt doch nur eine Frage für den Grafen, der ſich in ſie verliebt und ſie heirathet. Und in dieſem Punkte muß man die Augen offen halten; wo müßte man es übrigens nicht?“ „Ihnen wünſchte ich, daß Sie mit offenen Augen in Ihr Verderben liefen“, drohte Dora.„Sie ſind noch ſchlimmer als Herr von Schmettow. Der fürch⸗ tet ſich wenigſtens vor uns, Sie aber ſehen über uns Frauen weisheitsſtolz hinweg.“ „Ich armer fünfzigjähriger Hageſtolz? Ach, ich 223 — ſtand immer wie der bekannte graue Freund zwiſchen zwei Heubündeln, zwiſchen der Kunſt und der Liebe...“ „Nun machen Sie mich gar zum Heubündel! Ihr Sündenregiſter ſchwillt rieſig an.“ „Zum Glück habe ich einen Engel zur Seite“— und er neigte ſich zu Clara—„nicht wahr, Sie wer⸗ den mich vor den hölliſchen Flammen dadrüben beſchützen?“ „Wenn die Schönheit eine dämoniſche Gewalt iſt, was vermöchte ich dagegen?“ erwiderte ſie. „Auch die Engel ſind ſchön“, rief ſich vergeſſend Bruno.„Sanct⸗Michael hat ein Schwert wie Lueifer.“ „Es lebe die himmliſche Schönheit!“ Und der Profeſſor hielt ihr ſein Glas zum An⸗ ſtoßen entgegen. „Die himmliſche Schönheit!“ Alle ſtimmten ein, nur Schmettow meinte: „Und die irdiſche Liebe! Dann allein gibt's einen Klang!“ Eine feſtliche Stimmung ſchwebte durch den Saal. Wie die einzelnen Accorde und Töne in einem Muſikſtück in den allgemeinen Strom der Harmonie dahinfluten, ſo wogten die Gedanken, die Reden der Geſellſchaft gleich ebenſo vielen leiſer oder lauter rau⸗ ſchhendell Wellen in der Empfindung der Heiterkeit, im fröhlichen Lebensgenuſſe auf und nieder. Auch Clara's ſo lange von Zaghaftigkeit und Unruhe zu⸗ rückgehaltene Seele regte freier die Schwingen; ſie war dem Beiſpiel Dora's gefolgt und hatte ſich eine Spätroſe aus dem reichen Blumenflor der Vaſe ins Haar geſteckt. Nur des Augenblickes ſind wir ſicher, wohl denen, die den freudigen auszugenießen wiſſen! Benno hatte ſich zum Klavier geſetzt. Dora, die gern ihre anmuthige Stimme und ihren dramatiſchen Vortrag leichter Lieder bewundern hörte, wollte einige Volkslieder ſingen. Eben berührte Benno prüfend die Taſten, als die Thür, die nach einem Seitenzimmer führte, ſich behutſam aufthat und ein Diener hereinſchlüpfte— nicht ſo behutſam, daß es nicht ein ſtörendes Geräuſch gegeben, nicht ſo vorſichtig, daß Bruno, der am Tiſch der Thür gegenüberſaß, nicht eine Geſtalt in jenem Zimmer bemerkt hätte, deren Anblick ihm mit einem plötzlichen Schreck das Blut aus den Wangen trieb. Haſtig erhob er ſich, dem Diener entgegen, der verlegen ſeine Meldung vorbrachte. Bruno konnte nicht bleicher werden, als er es ſchon war, aber er hoffte, da Benno jetzt lebhafter zu ſpielen begann und die Gäſte ſich um ihn und Dora, 225 die, als bedürfe ſie unter ſo vielen Männern eines Schutzes, Clara mit halbem Arm umſchlungen hielt, neugierig verſammelt hatten, unbemerkt den Saal ver⸗ laſſen zu können. Aber er hatte das Auge der Liebe vergeſſen, das ihm folgte. Den Kopf nach ihm zu⸗ rückgewendet, eine Frage im Blick, warum er ſich ihr entzöge, hatte ihn Clara erblaſſen und nach der Thür eilen ſehen. Als er ſie öffnete, riß ſie ſich, nicht mehr Herrin ihrer Gefühle und einer verworrenen Schreckensahnung, aus Dora's Umarmung los. „Ein Unglück iſt geſchehen!“ Ein Unglück... Benno brach ſein Spiel mit einer ſchrillen Diſſonanz ab, Dora erhob die Hände, als müſſe ſie den Schutz der Götter anflehen, die andern traten auseinander, aller Augen aber waren nach der geöffneten Thür gerichtet. Ju der weißen Umrahmung der Pfoſten und des Gebälks, hell von Kerzen und Lampen beſchienen, im grauen Kleide und grauen Hut, den Schleier noch über dem Geſicht, ſtand Ellen Wood— vor ſich den geſchmückten Saal, die erregte Geſellſchaft, die feſtliche Tafel, noch Alles wie umhaucht von dem letzten Ton eines verklingenden Lachens, des verſtummenden Jubels — ſtill und ernſt wie ein abgeſchiedener Geiſt. Frenzel, Silvia. I. 15 226 „Du kommſt von meiner Mutter!“ rief Clara, in der eine fürchterliche Ahnung zur Gewißheit ſich wan⸗ delte, und ſank zu ihren Füßen nieder. „Armes Kind!“ entgegnete Ellen und breitete ihre Arme aus, um ſie darin zu empfangen. „Ach“, ſchrie das unglückliche Mädchen auf,„ſie iſt todt! Dein Geſicht ſagt es!“ Ohnmächtig lag ſie auf dem Teppich des Fuß⸗ bodens. Unter die Zuſchauer dieſes erſchütternden Auf⸗ tritts, die bisher wie erſtarrt dageſtanden, kam jetzt Bewegung; Jeder ſuchte der Beſinnungsloſen Hülfe zu leiſten und durch dieſe Thätigkeit, ſo gering⸗ fügig ſie war, ſich von dem unheimlichen Banne zu befreien, der alle zu umfaſſen drohte. Auf den Rath des Arztes trug man Clara aus dem heißen Saal in ein kühles Nebenzimmer. Als ſie die Augen aufſchlug, fand ſie ſich in dem Lehnſeſſel des pompejaniſchen Gemaches wieder, in dem Martin Greif geſtorben. Während Ellen, der Arzt und Benno um die Leidende beſchäftigt waren, ſtürmte Bruno wie ein Verzweifelnder umher. Der Gegenſatz ſeines Feſtes, des blumengeſchmückten Mädchens zu der in einſamer Kammer ſterbenden alten Frau, die mit verlöſchendem Blick die Tochter ſuchte und nicht fand... die —— 227 Tochter, die er in einem tollen Freudenrauſch zurückge⸗ halten... eine peinigende Selbſtanklage erhob ſich für ihn daraus. Und mit der Anklage zugleich die Sorge um Clara's Geſundheit, die Furcht, daß dieſe Erinnerung beſtändig zwiſchen ihnen ſtehen würde! Bald horchte er ängſtlich in das Zimmer hinein, wo Clara ſich allmälig erholte, und hatte doch nicht den Muth, ihr zu nahen; er wollte in ihren Augen nicht den ſchweren Vorwurf leſen, der ihn traf; bald gab er den Dienern die widerſprechendſten Befehle oder forderte die Gäſte, die ſich mit Dora leiſe in eine Niſche des Saales zurückgezogen hatten, auf, ihn nicht zu verlaſſen. „Ich will nach Hauſe zu meiner Mutter“, ſagte darüber ſich aufraffend Clara und bemühte ſich, auf⸗ recht zu ſtehen. Ellen unterſtützte ſie. Schnell wurde der Wagen gerüſtet, Decken und Mäntel herbeigeſchafft. „Ich bleibe bei Dir“, hatte Ellen Clara zuge⸗ flüſtert. Daß der Arzt die beiden Mädchen begleiten würde, war ſelbſtverſtändlich. Am Arm der Freundin ſchwankte Clara in den Saal. Aus ihren Locken war die Roſe entblättert 15* zur Erde gefallen, um ihr bleiches Geſicht hingen wirr und wild die Haare; wie weggewiſcht war der ſon⸗ nige Glanz ihrer Wangen, ſtarr und regungslos blickten ihre Augen, als ob ſie die eines Steinbildes wären. Bei ihrer Beſchäftigung um die Ohnmächtige hatte Ellen Tuch und Hut abgelegt, ſie hatte beide in der linken Hand, während ſie mit dem rechten Arm die Kranke unterſtützte. So ſchritt ſie, mit einem leichten Gruß gegen die zurückbleibende Geſellſchaft, durch den Saal, Bruno gab ihnen das Geleite. Er wollte Clara's Hand ergreifen, aber ſie hatte ſie erſchrocken auf ihre Bruſt gepreßt. „Die Wandlungen des Irdiſchen“, ſagte ihm mit leiſem, zitterndem Ton und mit jenem unbeſchreiblichen Augenaufſchlag nach oben Ellen Wood. Als die Saalthür ſich hinter ihnen geſchloſſen, ging ein lautes„Ach!“ der Erleichterung, als hätten alle Lippen es zugleich unbewußt ausgeſprochen, durch den Raum. Von dem Fenſter, an dem er während des ganzen Vorfalls halb von den Vorhängen gedeckt als ſchweigender, aufmerkſamer Beobachter geſtanden, trat Schmettow an den Tiſch und goß ſich ein Glas voll Champagner. „Das alſo war Miß Ellen Wood“, ſagte er zu Benno und rieb ſich die Hände, als ob er Feuer aus ihnen hervorlocken wollte.„Habe die Anſicht ihres Heiligenſcheins nur von der Seite genoſſen, iſt mir aber eine curioſe Erleuchtung gekommen!“ Und mit einem Zuge leerte er das Glas. „Bleibe eine Sünderin, mein Schatz!“ rief er Dora zu, die ärgerlich einen Schritt zurücktrat— ſie hielt ihn für berauſcht. Wie von einem Taumel ſchien er erfaßt zu ſein. „Eine Heilige! Haha!“ Er hatte das Glas auf die Eiſenplatte des Kamins geworfen, wo es in tauſend Scherben zerſplitterte. „Da liegen die Reliquien und die Gottesfurcht 17 Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von 3 Karl Wartenburg. 2 Bände. 8o0. Eleg. geh. Preis 4 Mark 50 Pf. f 8 3 Gelellſchuft. Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 89. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schüking. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 7 Mark 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Der Majoratsherr. Roman aus der Gegenwart von Otto Müller. 3 Bände. Eleg. broch. 10 Mk 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in Keipzig. Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 8 Mark Aodelle. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 8 Mark. Der lephank. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 9 Mark. —— — 7—j— 1 3