Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Edu von ard Ofktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag v on Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit ei den angenommen. .3.(aution. eines Buches, hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab d wird. nes Tages iſt zu 24 Stun⸗ Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: auf 1 Monat: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: e 4 Bücher:— 4 Mt.— Bf. 1 Mk. 55 Sf. 2 N. f „„ 5. Auswärti, der Bücher au 6. Schadenersatz. 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Aber ſie ſtarrten nicht, wie er ſie zuerſt geſehen, von Schnee und Reif, nicht hing an ihren kahlen Aeſten ein grauer Nebel ſeine flatternden Schleier auf, ſondern der Sommer bekleidete ſie mit ſeinem fröhlichen Laub und durch das dunkle Grün der Gebüſche glitzerten die Sonnenſtrahlen. Und ſchöner noch und lieblicher, als die Welt um ihn war, ſpiegelte ſie ſich für ihn in Magdalenens glänzenden Augen. So erſcheint das Bild der Landſchaft in der feuchten Verklärung eines ſtillen Sees tiefer und herr⸗ licher als die Wirklichkeit. Es war im Ausgang des Junimonats im Jahre 1810. Ein Feſt folgte dem andern in Paris, ſo raſch, Frenzel, Lucifer. V. 1 2 als wollte keins dem andern geſtatten, länger als auf eine kurze Stunde die Leidenſchaften und die Phantaſie zu beſchäftigen. Erſt ſeit den letzten Tagen fing ein Ball, der überdies noch in der Vorbereitung war, an, die Aufmerkſamkeit aller Klaſſen der Geſellſchaft zu er⸗ regen: der obern, welche auf ihm glänzen und tanzen ſollten, der untern, die den Saal bauten und ſchmück⸗ ten oder mit Nadel und Scheere an den Anzügen der Tänzerinnen arbeiteten. Es war das Feſt, welches der öſterreichiſche Botſchafter Fürſt Karl von Schwar⸗ zenberg dem neuvermählten Kaiſerpaar Napoleon und Marie Louiſe zu geben gedachte. Mit erſtaunlicher Pracht ſollte es gefeiert werden, gleichſam ein Zei⸗ chen der Einigkeit und Freundſchaft, die fortan Oeſterreich und Frankreich verbinden und den Frieden Europas ſichern würde. Während der Verhandlungen zu Wien und Schön⸗ brunn im vergangenen September war der Gedanke einer Scheidung von Joſephinen in Napoleon's Seele zum unerſchütterlichen Entſchluß gereift. So oft er ihn früher erwogen, ſo oft hatte er ihn fallen laſſen, als ob ihn eine Stimme aus den Tiefen ſeines We⸗ ſens gewarnt, die Geliebte ſeiner Jugend, die Freun⸗ din und Genoſſin ſeines Ruhms und ſeiner Größe zu verſtoßen. Nach der Wagramer Schlacht, bei den 3 Gerüchten, die ihn von allen Seiten beſtürmten, von der Unzufriedenheit ſeiner Soldaten, von verdächtigen Verabredungen, in dem Gefühl der Unſicherheit des Reichs, das er ſo plötzlich aufgerichtet, hatte ſich die Abſicht, eine neue Ehe mit einer Tochter aus altfürſt⸗ lichem Geſchlecht einzugehen, der Wunſch und die Nothwendigkeit, ſeine Herrſchaft einem Sohne zu ver⸗ erben, mit verſtärkter Kraft geltend gemacht. Bei dem Rieſenkampf mit Rußland, den er vorausſah, war es gut, ſich Verbündete zu erwerben. Um ſich nicht, wie bei der Werbung um die Schweſter des Kaiſers Alexan⸗ der, einer Ablehnung auszuſetzen, brachte er in ſeinen Unterredungen mit dem Fürſten Johann Liechtenſtein ſeine Scheidung, ſeine Wiedervermählung mit einer deutſchen Fürſtin als eine Möglichkeit zur Sprache. Er deutete an, daß ihm eine Dame aus dem öſter⸗ reichiſchen Hauſe die willkommenſte Braut ſein würde. Es fiel der Name Marie Louiſens. Konnte auch, ſo⸗ lange Napoleon noch nicht von Joſephinen geſchieden war, von einer mehr oder weniger offenen Bewerbung um die Erzherzogin nicht die Rede ſein, ſo wurde doch ſtillſchweigend dieſer Punkt von beiden Seiten als einer der entſcheidendſten im Friedenstractate betrachtet: von Napoleon's Seite die Forderung, die ſich in die Form der Bitte kleidete, von ſeiten des Kaiſers Franz die 1* —— 4 Einwilligung, ſeine Tochter dem Uſurpator zu ver⸗ mählen. In ſchneller Haſt war dann im Friljahr der Werbung die Hochzeit gefolgt. Groß war die Bewegung im deutſchen Volke. In alten Sagen wird ſo eine Jungfrau dem Drachen zur Rettung ihres Volkes preisgegeben. Dort indeſſen naht immer zur rechten Zeit der Ritter mit gefeiten Waffen, der das Ungethüm im Kampfe niederzwingt und die Jungfrau befreit. Woher aber ſollte hier der Retter kommen? Nicht Freude und Glück, das Verder⸗ ben ſah man über dem Hauſe ſchweben, in das Marie⸗ Louiſe eintrat. Die Erinnerung an die unglückliche Marie Antoinette wurde lebendig. Düſtere Vorzeichen hatten damals die aus Wien Scheidende begleitet, düſtere Geſchicke ſie in Paris empfangen. Hunderte von Menſchen waren bei einem Feuerwerk, das die Stadt dem Dauphin und der Dauphine zu Ehren ver⸗ anſtaltet, im furchtbaren Gedränge zu Schaden gekom⸗ men. Ungewarnt durch das ſchreckliche Loos der Toch⸗ ter, ſchritt jetzt die Urenkelin Maria Thereſia's den⸗ ſelben Weg. „Ein Opfer, das ohne Nutzen für uns gebracht wird“, ſagte Wolfsegg,„denn nach fünf Jahren wer⸗ den wir Oeſterreicher doch wieder mit den Franzoſen kämpfen.“ 5 Mit welchen Ehrenbezeigungen, mit welchem An⸗ flug liebenswürdiger Ritterlichkeit Napoleon auch ſeiner jungen Gemahlin begegnete, die Sympathie des fran⸗ zöſiſchen Volkes vermochte er ihr nicht darzubringen. Für die Menge war dieſe Heirath der ſichtbare unwider⸗. legliche Beweis ſeines Bruchs mit der Revolution Bisher, was er auch gethan, für ſein Heer, für die Volksmaſſen war Napoleon der Sohn der Revolution geblieben. Sie liebten in ihm den Kaiſer, den ſie ſich ſelbſt gemacht, den Götzen, den ſie ſich erhöht. Er war das Schild und das Schwert der Grundſätze des Be⸗ freiungsjahres 1789. Indem er eine Verwandte der noch immer gehaßten Marie Antoinette zu ſeiner Ge⸗ mahlin erhob, ſchien er ſich feierlich von der Revolution loszuſagen. Die ernſtern, die gebildetern Männer Frankreichs hatten längſt die Selbſtſucht als die einzige Triebfeder aller ſeiner Handlungen, ſeine angebliche Vertheidigung der Ordnung und Freiheit als die betrügeriſche Maske die er vorgenommen, ſein eigenes Volk zu täuſchen und die fremden Könige zu erſchrecken, erkannt; jetzt dämmerte auch in den Andern dieſe Ueberzeugung auf. Der einfache geſunde Sinn ſtieß ſich an der nackten Rohheit der Thatſache, daß der wilde Sieger die Toch⸗ ter des Beſiegten an ſich riß, noch ehe auf dem March⸗ felde das Gras eines neuen Jahres die Todtenhügel der Erſchlagenen bedeckte. War die Menſchheit nach ſo vielen Kriegen un⸗ 4 merklich wieder in die alte Barbarei gefallen? 1 Die vornehme Geſellſchaft, die Beamtenkreiſe, die Senatoren und der ganze Schwarm des Napoleoniſchen Adels mochten ihre Feſte feiern, in Reden und Ge⸗ dichten dieſe Vermählung verherrlichen, die Emigranten herbeieilen, um bei Marie Louiſe die verlorene Stel⸗ 1 lung wiederzuerlangen, Paris war von Schmäh⸗ und Spottverſen aller Art gegen ſie überfüllt. In Handſchriften wanderten ſie von einem zum andern, 44 A man ſang ſie nach Entfernung der Polizeiſpione in den Schenken an den Thoren wie in den Sälen der AKeeichen. Joſephinens Name, ihre Anmuth und ihre Tugend waren in aller Munde, die Fremde, die Oeſterreicherin, erregte nur Kälte und Abneigung. Dagegen hatten ſich niemals mehr Deutſche in V Paris ein Stelldichein gegeben, als im Frühling jenes ihre Landsmännin, vorzüglich für die Oeſterreicher ein Gegenſtand der Theilnahme, der Neugierde geworden. Soweit es ihm möglich war, hätte Jeder gern per⸗ Jahres. Es war natürlich, daß die junge Kaiſerin, ſönlich von ihrem Schickſal erfahren mögen. — 7 Die Politiker glaubten aus der Anweſenheit des Grafen Metternich, der jetzt Oeſterreichs leitender Mi⸗ niſter war, in Paris auf wichtige Berathungen und Verhandlungen ſchließen zu dürfen. Napoleon's Hof beeiferte ſich in Höflichkeiten gegen die Fremden; ſie ſpielten die großmüthigen Sieger, welche ihre Helden⸗ thaten vergeſſen zu haben ſchienen und nur den Ruhm altfranzöſiſcher Feinheit und Liebenswürdigkeit aufrecht zu erhalten ſtrebten. Nicht zu denen, welche politiſche Zwecke oder Vergnügungsluſt nach der Hauptſtadt geführt, gehörten Egbert, Magdalene und Graf Wolfsegg, obgleich die Ankunft des letztern von allen Neuigkeitskrämern in dem politiſchen Sinne gedeutet ward. Von den Ent⸗ ſchlüſſen, die in jener wildbewegten Stunde Magdalene beſtürmt, als ſie das Geheimniß ihrer Geburt erfahren, war nur der eine feſt und unerſchütterlich in ihr geblieben, vor ihrer Verheirathung mit Egbert ihre Mutter zu ſehen. Ohne deren Segen meinte ſie kein ungetrübtes Glück genießen zu können. So würde ſie wenigſtens in ſchwächſtem Grade die Schuld abtragen helfen, die der Aermſten zugefügt worden. Egbert fügte ſich willig in den Aufſchub ſeiner Hoffnungen; ſein Gefühl fand ſich im reinſten Zuſammen⸗ klang mit Magdalenens Verlangen. 8 8 Nach hartem innerem Kampfe gab der Graf nach. Er haßte die Stadt Lueifer's, vielleicht weil er ſie einſtmals allzu heiß geliebt. „Ich ſollte nicht gehen“, ſagte er, in den Reiſe⸗ wagen ſteigend;„mir ſchwebt vor den Augen ein rother Schimmer, wie von einer großen Feuersbrunſt.“ Die jungen Leute ſchauten ſich an und ſenkten die Blicke zur Erde; ſie legten die Feuersbrunſt als den Widerſchein der alten Flamme, als die Furcht des Grafen aus, der ehemals Geliebten noch einmal zu begegnen. Die erſten Tage in Paris verliefen ihnen in den Mühen, ſich einzurichten, die nöthigſten Beſuche zu machen. Mit Zärtlichkeit und Rührung ſchloß Egbert Benjamin in die Arme, der, wie er wider Recht und ohne Anklage gefänglich eingezogen worden war, ſo nach dem Friedensſchluſſe durch eine Laune des Kaiſers ſeine Freiheit wieder erlangt hatte. Er war der alte Menſchenhaſſer geblieben, ſeine Zweifelſucht hatte ſich noch verſtärkt. Gegen den Grafen bewahrte er den Trotz und das Mißtrauen des Plebejers. Doch bot er bereitwillig ſeine Hülfe an, eine Zuſammenkunft zwiſchen Wolfsegg und der Sängerin zu vermitteln. Durch die Pflege, die er ihr während ihrer letzten Krankheit hatte angedeihen laſſen, hatte ſich Benjamin „ einen faſt unbeſchränkten Einfluß auf Athenais erworben. Auch mußte es günſtig auf ſie wirken, daß der Mann, den ſie in ihren Phantaſien ihren Engel genannt, als Bewerber um ihre Tochter auftrat. Dennoch war bei ihrer Reizbarkeit Vorſicht geboten; durch irgend eine Verſäumniß, einen unberechenbaren Zufall konnte die beabſichtigte Verſöhnung in ihr Gegentheil umſchlagen. Zum erſten Mal ſah Magdalene ihre Mutter auf der Bühne, in dem Glanz und Zauber ihrer Kunſt. Klüglich hatte ſich der Graf für dieſe Weiſe des Kennenlernens aus der Ferne entſchieden, um alle trüben Schatten, die der Tochter das Bild der Mutter verdüſterten, zu verbannen. In der That machte das Auftreten der Sängerin einen zugleich erhebenden und löſenden Eindruck auf das reine, für jedes Schöne empfängliche Gemüth des Mädchens. Freudenthränen vergießend ſaß ſie zwiſchen dem Geliebten und dem Vater. Vergangener Zeiten gedenkend, hielt Wolfsegg die Augen geſchloſſen, fernhin von dem mächtigen Wohllaut dieſer Stimme getragen. Mehrmals wendete Athenais ihren Kopf nach der Richtung hin, wo jene ſaßen, ſei es nun, daß ihr Egbert auffiel oder daß eine dunkle Regung in ihrer Seele ihre Augen dorthin lenkte. Nach dieſer Vorbereitung, um Magdalenen das erſte Erſtaunen und die tiefſte Aufregung zu erſparen, hatte der Arzt die entſcheidende Zuſammenkunft in ſeiner Wohnung angeſetzt. Ohne Bedenken würde Athenais zu ihm kommen, für jeden Nothfall ſeine Hülfe unmittelbar bereit ſein. Es war am Morgen des bedeutſamen Tages. Der Graf hatte, während Magdalene ſich noch kaum den Armen des Schlafes entwunden, Egbert zu einem frühen Spaziergang entführt. Unter den Kaſtanienbäumen des Tuileriengartens gingen ſie auf und nieder. Zu dieſer Stunde war weithin kein Menſch zu gewahren, kein Schritt zu vernehmen. Ein eigenthümliches Silbergrau bedeckte den Him⸗ mel, als ob es einen regneriſchen Tag geben ſollte. Hin und her, von den Zweigen auf den Raſen und von dem Raſen wieder hinauf zu ihren Neſtern flogen ängſtlichen Fluges die Vögel. Trotz ihrer Anſtrengungen— zuweilen ſchoß es wie ein verlorener goldener Pfeil durch die Wolken— ver⸗ mochte die Sonne nicht ſiegreich den Rebeldunſ zu durchbrechen. „So kämpft der Wille des Guten gegen die träge Gemeinheit der Welt“, ſagte Egbert unwillkürlich. „Ja“, entgegnete der Graf,„wir ſind auf Erden eben nur Kämpfer, nicht Sieger. Und wie oft müſſen 3 —— 11 wir das Feld räumen! Nicht ohne Unruhe und Be⸗ ſchämung ſehe ich dem Abend entgegen.“ „Wird die Mutter im beglückenden Anblick ihrer Tochter nicht die Vergangenheit vergeſſen? Wird ſie nicht in ihr eigenes Herz greifen—“ „Und dort auch etwas wie eine Schuld finden?“ meinte Wolfsegg.„Ich zweifle, die Frauen geſtehen ſich in der Liebe niemals eine Schuld ein. Gegen den Mann glauben ſie immer im Recht zu ſein. Athenais war eine wilde Natur, mit heftigen Leidenſchaften, plötzlichen Einfällen und unbezähmbarem Eigenſinn. Unbezähmbar— das ſpricht noch der Liebhaber aus mir, der, ſelber ungeſtüm und jung, freilich nicht ge⸗ eignet war, ein ſolches Weib zu beſänftigen und zu zügeln.“ „Aber jetzt, nach ſo vielen Jahren, wird auch die Sängerin ruhiger geworden ſein. Die ſo ganz ver⸗ änderten Zuſtände und Stimmungen der Zeit—“ „Sie haben es getroffen, Egbert. Alle menſchlichen Verhältniſſe, auch die innigſten und ſcheinbar von jeder Windrichtung unabhängigen, nehmen von der allge⸗ meinen Stimmung, von den herrſchenden Sitten und Leidenſchaften ihrer Zeit eine beſtimmte Färbung an. In die Liebe, in die Freundſchaft miſcht ſich ſo ein Element, das ihnen urſprünglich fremd iſt, aber all⸗ 42 mälig ihr ganzes Weſen durchdringt. Ich lernte Athe⸗ nais im erſten Rauſch der Revolution kennen. Noch hatten keine Greuel und keine Tollheiten dieſe groß⸗ artige Erhebung entweiht. Wer irgend in Europa von den Gedanken einer Verbeſſerung der Zuſtände, einer Befreiung des armen gedrückten Volkes, von den Wiünſchen nach einer vernünftigern Staatsverfaſſung, nach einem edlern Recht erfüllt war, ſendete ſeinen Segen dem heldenmüthigen Volke zu, das Europa im Sturm vorauf zum Tempel der Freiheit ſchritt. Ich war noch jung, der jüngſte Sohn meines Vaters, ohne Ausſicht, jemals die Gutsherrſchaft anzutreten, und deshalb vorſorglich von der liebenden Mutter mit dem größern Theil ihres Vermögens bedacht. In Oeſter⸗ reich war ich als Anhänger des edelmüthigſten der Menſchen, Joſeph's II., unſeres unvergeßlichen Kaiſers, in den Kreiſen meiner Standesgenoſſen übel berufen; hier konnte mir kein Glück blühen, mir ein eigenes in der Fremde zu ſchaffen, ging ich nach Frankreich. Auch ich zahlte die Schuld der Zeit. Lachen Sie mich aus; was ich bei Ihnen ſo oft bekämpft, das phantaſtiſche Weltbürgerthum, ich war ganz darin verſunken, ich glaubte an eine Freiheit ohne Vaterland, an eine Ver⸗ brüderung der Menſchen ohne ein beichrünlendes Volksthum!“ —— —— 13 „Danken wir den Franzoſen“, warf Egbert ein, „daß ſie uns dieſen Irrthum gründlich ausgetrieben. Etwas, was der Kaiſer Napoleon nicht gewollt, hat er geſäet: das deutſche Volksgefühl!“ „Wie der Einzelne nur durch Strafen, Stöße und Schläge zur Bildung kommt, ſo werden die Völker nur durch Niederlagen, durch die Bedrückungen ihrer Feinde zum Bewußtſein ihrer Einheit und Kraft er⸗ weckt. Durch dieſe Schule ſollte auch ich gehen. Bei meiner Ankunft ſchwärmte Paris über ſeinen wieder⸗ eroberten König. Unter den Bacchantinnen, welche die königliche Familie aus Verſailles geholt, war Athenais geweſen. Ihrer Schönheit und Lebhaftigkeit wegen hatte man ſie in die Geſandtſchaft, welche dem Könige die Bitten ſeiner getreuen Hauptſtadt überbringen ſollte, gewählt. Eine Straßenſängerin, war ſie von den Ar⸗ beitern gekannt und wurde von ihnen als unübertreff⸗ liche Künſtlerin auf den Händen getragen. Dieſe Ver⸗ ehrung hatte ſie verwöhnt und ihr einen übergroßen Begriff von ihrer Vorzüglichkeit gegeben. Aber im Stolz ſteckt immer eine Tugend; den niedrigen gemei⸗ nen Trieben ihrer Natur hielt er das Gegengewicht. Ihre Mutter hatte ſie ſeit einem Jahre verloren, ihren Vater nie gekannt. Leidenſchaftlich wie alle Frauen der untern Volksklaſſen, hatte ſie ſich in den Strom 14 der Revolution geworfen; die Alten waren Furien und Parzen, die Jungen wilde, aber verführeriſche und liebreizende Mänaden geworden. Ohne Zaum und Zügel raſten ſie hin, ein ſeltſames, ſchreckliches und hinreißendes Schauſpiel. Wenn es jemals eine Walpurgisnacht und einen Hexentanzplatz gegeben, hier waren ſie. Ich kam mit Athenais zuerſt im Ja⸗ kobinerclub zuſammen. Eine glühende Leidenſchaft er⸗ faßte mich. Wurde ſie von denſelben Flammen er⸗ griffen, war es nur geſchmeichelte Eitelkeit, die ſie mir entgegenführte? Genug, wir liebten uns, wir waren glücklich. Indeſſen der deutſche Schulmeiſter ſaß mir bei aller Seligkeit und Liebesvergeſſenheit im Nacken. Ich hielt ihr einen tüchtigen Geſanglehrer, um ihre Stimme auszubilden, das Klavier übten wir zuſammen. In meiner Jugend galt ich für einen guten Spieler, jetzt habe ich es beinahe verlernt, die Taſten zu rüh⸗ ren. Es iſt eine weibiſche Kunſt. Für den Mann gibt es nur eine edle Beſchäftigung, die Beſchäftigung mit dem Allgemeinen, mit dem Staat. Bei uns bei⸗ den überwog damals die Kunſt der Muſik und die Liebe die Revolution. Blicke ich jetzt auf dieſe Ver⸗ gangenheit zurück, ſo wundere ich mich beinahe, daß inmitten dieſes empörten Oceans eine ſo verſteckte Inſel der Romantik, von keinem Sturm verwüſtet, — —————— 15 von keinen brandenden Wogen erſchüttert und über⸗ flutet, beſtehen konnte. Es iſt mir wie ein Traum. Wir haben die Zwiſchenräume, welche die großen Tage der Revolution von einander trennen, vergeſſen. Das Fieber war wohl da, brannte wohl in allen, aber es gab doch Wochen, Monate, in denen es nicht ausbrach, in denen die Menſchen in alter Gewohnheit, in Alltags⸗ arbeit und Alltagsſorge hinlebten und ſich ihrer vor⸗ züglichen Geſundheit freuten.“ Der Graf machte eine Pauſe; es war ihm, als rauſchte es jenſeits der Hecke, an der ſie hin⸗ ſchritten. Auch Egbert ſchaute auf, aber da nichts Beſon⸗ deres zu bemerken war, hielten ſie es für das Geräuſch eines Vogels. Auf einer Bank nahmen ſie Platz und Wolfsegg fuhr in ſeiner Erzählung fort: „Unſer Liebesglück, die Idylle währte bis zur Geburt Magdalenens. Dann fegte der Sturm die Blätter von den Bäumen. Athenais hatte wenig Be⸗ ſtändigkeit in ihren Neigungen, ich ebenſo viel, viel⸗ leicht noch mehr Eiferſucht. Ueber Dinge, von denen ich nichts mehr weiß, brachen Zwiſtigkeiten unter uns aus, jene Zänkereien der Verliebten, die immer mit einer zärtlichen Umarmung ſchließen und gerade des⸗ 16 halb keine Dauer in ſich tragen. Den Zuſchauern muß ein ſolches Verhältniß ſo unbehaglich wie mög⸗ lich erſcheinen, für die aber, welche einmal im Netz gefangen ſind, hat es einen eigenen Reiz, dagegen anzu⸗ kämpfen und doch darin zu verharren. In dieſem Wechſel von heißer Begehrlichkeit und tiefſtem Ueber⸗ druß, jetzt einander anziehend, jetzt abſtoßend, lebten wir beinahe ein Jahr dahin. Ein echtes Zigeunerleben, das von dem politiſchen Gewitter ſeine phantaſtiſche Beleuchtung empfing. Ich glaube nicht, daß wir Nord⸗ länder für ein ſolches Daſein gemacht ſind; wir wün⸗ ſchen Stetigkeit, Ruhe der Empfindung und nehmen dafür die Langeweile gern mit in den Kauf. In einer unglücklichen Stunde hatte ich den böſen Einfall, Athenais von einer Ehe zu ſprechen. Die Vorurtheile wie die Pflichten meines Standes waren in dem Tu⸗ mult der Geiſter noch mehr als in der Uebermacht der Leidenſchaft zu Grunde gegangen. Als meine Gattin, hoffte ich, würde Athenais Maß und Halt gewinnen und im Gefühl ihrer Würde ihre ſo ſchön angelegte, ſo reich begabte Natur ſich adeln. Sind wir nicht Narren und Sklaven unſerer Erziehung? Aus einer Frau, die durchaus im Volke, in ſeinen Neigungen und Wünſchen wurzelte, die ſelbſt die Kunſt am ſicherſten nur bei ihrer äußerlichen, kraftvoll derben Seite zu 17 faſſen verſtand, wollte ich, der Jakobinerariſtokrat, eine neue Art Prinzeſſin machen. Wie ſchade, daß die Re⸗ volution keinen Molidre hervorgebracht hat, welch ein Stoff unter andern wäre für ihn der Edelmann⸗citoyen geweſen! Der Verſuch mißglückte vollſtändig. Statt auf ihr Gemüth einzuwirken, erweckte die Ausſicht, eine Gräfin zu werden, in Athenais nur höhere An⸗ ſprüche gegen mich. Sie blieb ihrer Geſinnung nach, was ſie war, einzig ihr Hochmuth wuchs. Ein ruhigerer Charakter, der ein beſtimmtes, mit ſeiner Stellung und ſeiner Eigenart im Einklang ſtehendes Ziel ſtetig verfolgt hätte, ohne Schwanken und ohne übertriebenen Eifer, würde wohl auch mit Athenais fertig geworden ſein, aber leider war ich das nicht. Nach kurzer Friſt reute mich mein Verſprechen, ſtärker noch als die Vor⸗ würfe meiner Schweſter klagten mich die meines Ge⸗ wiſſens an. In blinder Leidenſchaft war ich an einen Abgrund gerathen, es blieb mir eben nur noch ein Augenblick, mich vor dem Sturze zu bewahren. Darüber hatten die öffentlichen Dinge ein Aus⸗ ſehen gewonnen, das mich anwiderte. Mehr und mehr entſank die Herrſchaft den Gebildeten und den Wohl⸗ habenden und fiel in die Hände der Rohen und Be⸗ ſitzloſen. Der Krieg gegen Oeſterreich, gegen Dautſchland Frenzel, Lucifer. V. 18 war ſo gut wie beſchloſſen. In ihm bot ſich den Republikanern die einzige Möglichkeit dar, die ein⸗ geſchlummerten revolutionären Leidenſchaften wieder wachzurufen, die halb erloſchenen aufs neue zu ent⸗ flammen. Auch den Befangenſten mußte es klar werden, daß aus dieſer Gährung, in der die Elemente des Verderbens ſchon vorherrſchten, kein Segen kommen konnte. Zugleich mit meiner Neigung waren meine politiſchen Hoffnungen getäuſcht worden. Langſam, aber unabwendlich reifte in mir der Entſchluß der Ab⸗ reiſe, der Trennung von Athenais. Wäre unſer Kind nicht geweſen, würde ſich der Abſchied leicht und ſchmerz⸗ los vollzogen haben. Athenais' Augen ſuchten längſt nach einem andern Liebhaber; dabei will ich aufrichtig zu ihrer Entſchuldigung geſtehen, daß es weder eine angenehme noch eine leichte Aufgabe war, mit mir, dem Launenvollen, Verdrießlichen und Ueberſättigten, zu leben. So mußte eine Löſung des Verhältniſſes, das von Anfang an nicht auf Dauer berechnet war, uns beiden wie eine Erlöſung erſcheinen. Zum Unglück liebten wir mit gleich ſtarker und ausſchließlicher Zärtlichkeit das Kind. Mit dem Inſtinkt des Weibes und der Mutter merkte Athenais, daß ich an die Abreiſe dachte, daß ich hin und her einen Plan erwog, die Tochter mit mir zu führen. Nach einem heftigen Streit nannte ſie mich, im ahnenden 419 Geiſte der Zukunft vorauseilend, den Räuber ihres Kindes, aber eher würde ſie es erwürgen, als in meinen Händen laſſen. Solche Reden konnten mich nur in mei⸗ ner Abſicht beſtärken, das Kind um jeden Preis, trotz aller Schwierigkeiten, die für mich daraus erwachſen mochten, mit mir zu nehmen. Unter der Erziehung einer ſolchen Mutter, im Tumult einer zügelloſen Anarchie, der noch kein Ende vorauszuſagen war, konnte es nur zu Grunde gehen. Mein Schreiber Armhart, damals ein liſtiger und gewandter junger Mann, der, Sie werden lachen, nicht ohne Talent zum Revolutionär und Ver⸗ ſchwörer war, ordnete dann den ganzen Plan. Er zog zunächſt die Amme des Kindes in unſer Geheimniß; eine Summe Geld und das Verſprechen, in Brüſſel oder Wien, wieweit ſie uns nun begleiten wollte, für ihre Zukunft zu ſorgen, machte ſie zu Allem willfährig. Athenais' Argwohn einzuſchläfern war ſchwieriger; eine Leidenſchaft, die ſie für einen der tollſten und kräftigſten Männer der Revolution, für Danton, gefaßt, der in jenen Frühlingsmonaten des Jahres 1792 aus niedrigen und unſaubern Verhält⸗ niſſen, halbwegs doch aus Verbrecherhöhlen emportauchte, unterſtützte unſer Vorhaben. Während ſie mich durch Eiferſucht zu erzürnen, raſend zu machen wähnte und ich, kläglich genug, um ſie zu täuſchen, ſolche Scenen mit ihr aufführte, waren meine Gedanken einzig darauf gerichtet, ſie in ihrem neuen Abenteuer feſtzuhalten. Mir war Alles gleichgültig und werthlos geworden, bis auf das Eine, mich und mein Kind aus dem Pariſer Strudel zu retten. Einmal begab ſich Athenais, ich weiß nicht, ob allein, ob mit ihrem Geliebten, nach einem der Dörfer in der Umgegend; dieſen Tag benutzten wir zur Aus⸗ führung unſeres Entwurfs. Mit Armhart, einem Diener, der Wärterin und dem Kinde verließ ich die Stadt; wir hatten zwei gute Wagen, treffliche Pferde, für Vorſpann war geſorgt; unangefochten, unverfolgt erreichten wir Brüſſel und von dort aus den Rhein. Von Athenais kam kein Brief, keine Drohung; es ſchien doch, als hätte die neue Neigung jede Erinnerung an die alte in ihr ausgelöſcht. In Wien angelangt, hatte ich für Magdalene zu ſorgen. Armhart kannte ein Mädchen, das er heirathen wollte. Bisher hatte die Armuth den Abſchluß der Verbindung verzögert. Ich gewährte beiden die Mittel der erſten Einrichtung und verſchaffte ihm eine kleine Stellung in der Staatskanzlei. Ihnen übergab ich mein Kind, ſie haben es wie ihr eigenes gepflegt, geliebt und erzogen. Und daß dieſe Erziehung nicht mißlungen, Sie ſelbſt bezeugen es uns ja.“ ——— ——— 21 Egbert drückte ihm die Hand. „Ihnen und Magdalenen hoffe ich das Glück meines Lebens zu verdanken.“ „Und ich vor allem hoffe auf Ihre Vermittlung bei der Mutter. Ein glückliches Ungefähr hat es ſo gefügt, daß Sie ihr werth geworden ſind. In Keinem wird ſie lieber den Bräutigam ihrer Tochter ſehen als in Ihnen, und wenn ſie von dieſem Ausgang aus auf die Entwicklung der Geſchichte zurückblickt, wird ſie meine Gewaltthat milder beurtheilen. Jahrelang, während der heftigſten Stürme der Revolution, im Kriege hin und her geworfen, hörte ich nichts von Athenais Dechamps; ich mußte annehmen, daß ſie dem Tode die Schuld gezahlt habe und mit ſo vielen Andern verſchollen und verdorben ſei. Die Schilde⸗ rungen aus der Schreckenszeit, aus der wüſten und jeder Anmuth baren Leichtfertigkeit der Directorial⸗ herrſchaft überzeugten mich von der Nothwendigkeit und der Gerechtigkeit meiner That. Ruhigern Tagen über⸗ ließ ich die Sorge, das Verhältniß meines Kindes ſicher⸗ zuſtellen. Da, beinahe gleichzeitig mit der Ernennung Bonaparte's zum erſten Conſul, vernahm ich den Namen Athenais Dechamps wieder. Die Zeitungen, die ſich von neuem mit der Kunſt zu beſchäftigen anfingen, prieſen ſie als eine ſowohl durch ihre Stimme wie 22 durch ihre Schönheit und ihr Spiel ausgezeichnete heroiſche Sängerin, als einen Stern der Opernbühne Bald nachher, als der Graf Cobenzl zu den Friedens⸗ verhandlungen nach Luneville ging und Armhart mit ſich nahm, erfuhr ich durch dieſen Näheres über die ehemals ſo Heißgeliebte. Sie wirkte ſchon ſeit einigen Jahren an der Oper, war aber durch allerlei widrige und mißliche Umſtände bis vor kurzem daran ver⸗ hindert worden, ihre glänzende Begabung zu zeigen. Die Frau des erſten Conſuls hatte ſie da in einer Geſellſchaft getroffen, Geſchmack an ihr gefunden und ſie ſeitdem unter ihren beſondern Schutz genommen. 3 Ob Athenais noch an mich, an ihr Kind zurück⸗ dachte, darüber war natürlich keine Gewißheit zu er⸗ langen. Die Kühnheit, ſich nach Paris zu begeben und der gereizten Löwin ſich vorzuſtellen, hatte Arm⸗ hart nicht, auch mußte uns Alles daran liegen, vor ihr und ihrer Rache verborgen zu bleiben. Nun fragen Sie wohl, warum ich ſeitdem nicht eine Annäherung verſucht habe? Ich fürchtete einmal den Einfluß, den die Mutter auf ihre Tochter aus⸗ üben könnte, und wollte dann aus Eigennutz meine Zärtlichkeit und Sorge für ſie von keinem Andern ge⸗ theilt wiſſen. Wie in allen ſolchen geſpannten Zuſtän⸗ den iſt zuletzt, die klügſten Berechnungen täuſchend, —-———44 23 das Schickſal dazwiſchen getreten und hat Ordnung geſchafft.“ „Ich habe die Zuverſicht“, ſagte Egbert, da Wolfs⸗ egg ſchwieg und immer ſchneller und ungeduldiger mit dem Stock Kreiſe im Sande zog,„daß es heute auch den verſchlungenſten Knoten ſanft und leiſe löſen wird.“ Der Graf war aufgeſtanden. Hatte ihn nun die Erzählung mit den Erinnerun⸗ gen, die durch ſie heraufbeſchworen waren, tiefer, als er es merken laſſen wollte, erſchüttert und ihm das Alleinſein zum Bedürfniß gemacht, oder trieb ihn in der That, wie er vorſchützte, ein Beſuch von dannen, er verabſchiedete ſich von Egbert und ſchlug raſchen Schrittes einen Seitenweg ein, der ihn bald den Blicken des Nachſchauenden entzog. Den blonden Egbert ſtörte eine geraume Weile nichts in dem träumeriſchen Spiel ſeiner Gedanken. Nicht weit entfernt ſaß er von jener Stelle, wo der keck geſchleuderte Muff der Sängerin ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit ihr vermittelt hatte. Der ganze Vorfall malte ſich wieder vor ihm ab: die luſtige Geſellſchaft, die ihn mit freundlichen Grüßen empfing, die lachende Zephyrine und der muſikaliſche, verzückte Marquis mit den weißen Haaren. Unter den Bäumen drüben ging Antoinette ſpazieren, am Arm ihres alten Verwandten. 24 Antoinette! Wo war ſie? Welches Loos war das ihre? Die Zeitüngen hatten mitgetheilt, daß die Marquiſe Antoinette von Gondreville zur erſten Hof⸗ dame der neuen Kaiſerin ernannt worden, nicht ohne hinzuzuſetzen, daß die Kaiſerin ſchon als Erzherzogin in Wien die Marquiſe gekannt und ausdrücklich den Wunſch geäußert habe, dieſe Dame in ihrer Umgebung zu ſehen. Dies war Alles, was Egbert von ihr wußte. Hartnäckig ſchwieg ſich der Graf über ſeine Ver⸗ wandten aus. Antoinettens Vater war dem Beiſpiele der Tochter gefolgt und nach Frankreich gekommen; der Sohn diente als Kapitän in der kaiſerlichen Garde. Nur die Mutter hatte ihren Haß gegen den Uſurpator bewahrt und war in Oeſterreich, mürriſch und vereinſamt, geblieben. So waren es keine an⸗ genehmen Erinnerungen, die eine Erwähnung Antoi⸗ nettens in Wolfsegg hervorrief, und feinfühlig hatten Egbert wie Magdalene ſich jeder Anſpielung ent⸗ halten. Hier aber, unter dieſen Bäumen, dieſem ſtolzen Schloſſe gegenüber, in dem ſie weilte, wie hätte vor Egbert in der ſtillen Morgenfrühe, bei dem leicht wallenden Nebel, nicht ihr Bild aufſteigen, ſeine Gedanken ſich nicht forſchend nach ihr richten ſollen? Niemals hatte ſich ſein Dichten und Trachten ſtark —————,— 25 und begehrlich ihr zugewendet, ſie war für ihn immer der Stern, die Idealgeſtalt geblieben, wie ſie ihm zu⸗ erſt im Schloſſe am Traunſee ſchimmernd aufgegangen; ſo, hätte er gewünſcht, möchte ſie ſtets über ſeinem Leben ſchweben; ein Genius, zu dem man aufblickt, von dem man in allen Lagen und Kämpfen Troſt und Stärkung empfängt. Tief ſchmerzte es ihn, daß ſich zwiſchen ſie und ihn eine Wolke geſchoben, welche die einſt ſo lichten Züge des Ideals mit düſtern Schatten bedeckt. Eine Eingebung ſagte ihm, daß ſie am Tui⸗ lerienhofe nicht glücklich ſei, daß die erfüllte Erwartung ihr nicht gehalten, was die ſehnſüchtige verſprochen. Wenn er in dieſer Stunde des müßigen Sinnens geahnt, wie nahe er der ſchönen Marquiſe war, daß die Minuten, die ſo leicht und klar wie Waſſertropfen aus einer Quelle für ihn dahinfloſſen, für ſie ſchwer, bedeutungsvoll und traurig dahinſchlichen! Durch ein eiſernes Gitter mit vergoldeten Spitzen war in der unmittelbaren Nähe des Schloſſes von dem großen Garten ein kleinerer Raum mit einer am Fluſſe aufſteigenden Terraſſe für den Kaiſer und ſeinen Hof abgeſchloſſen. Hohe dichte Bäume und Taxushecken innerhalb des Gitters hielten überdies noch alle neu⸗ gierigen Blicke ab. In dieſer frühen Stunde ſtörte kein Lauſcher das 26 Paar, das eine der innerſten Alleen des Gartens auf und nieder wandelte, in einem ernſten Geſpräch, ernſt und ſchwermüthig wie die Tannen und Fichten, welche den Baumgang bildeten. Jeder, der zufällig deſſelben Weges gekommen, würde eilig einen andern eingeſchlagen haben, ſobald er den einen Spaziergänger erkannt hätte: es war Napoleon. Nur er redete, die neben ihm einherſchrei⸗ tende Antoinette ſchwieg, die Augen am Boden. Doch mochte es zweifelhaft ſein, ob ſie alle ſeine Worte ver⸗ ſtand. Sie glich mehr einer wandelnden Statue als einem von Empfindung und Leidenſchaft bewegten Weſen. Sie hatte den Schleier ihres großen, ihr Geſicht einrahmenden Hutes niedergezogen, und hinter dieſem Flor, bei der trüben und fahlen Beleuchtung, erſchienen ihre Wangen von einer geiſterhaften Bläſſe. „Warum weiſen Sie die Werbung des Marcheſe zurück, Antoinette?“ ſagte der Kaiſer.„Er iſt von altein Adel, ich ſchätze ihn. Sie glauben mir wohl, daß ich Ihnen zu keiner Verbindung rathen würde, die Ihrer unwürdig iſt. Aber der Marcheſe Zambelli iſt ein verdienſtvoller Mann, er kennt Sie von früher her, er liebt Sie. Und nicht ſeit geſtern; Sie ſelbſt haben es mir geſagt, daß er in Oeſterreich unter ganz —— — 27 andern Verhältniſſen Ihnen ſeine Huldigungen widmete—“ „Und auch, daß ſie mir mehr Furcht einjagten, als Freude machten“, wendete ſie mit Bitterkeit ein. „Das war die Wirkung Ihrer Vorurtheile. Meine Feinde, die öſterreichiſchen Edelleute, redeten dem Rit⸗ ter alles Ueble nach. Sind Sie doch auch von Ihrem Haſſe gegen mich zurückgekommen“— er lächelte und ſie fuhr zuſammen—„jetzt verlange ich von Ihnen, einer thörichten Furcht zu entſagen und der Vernunft ihr Recht zu laſſen. Sie werden an der Seite des Marcheſe nicht unglücklich ſein; er hat in der Luft Deutſchlands gewiſſe Grillen eingefangen, die Sie lie⸗ ben, romantiſche Schwärmereien, die allen Frauen wohlgefallen und die vereint mit gemeinſamen Jugend⸗ erinnerungen Ihre Ehe über das gewöhnliche Maß einer Convenienzheirath erhöhen werden.“ Es war nicht die Abſicht Napoleon's, ſie zu ver⸗ letzen, allein ſeine Stimme war ſo wenig wie ſein Ge⸗ müth zu einer ſolchen Auseinanderſetzung geeignet. Ihr klang Alles, was er, in dieſem Tone fort⸗ fahrend, äußerte, rauh und hart, von einer erſtarrenden Herzenskälte. Er behandelte ſie, wie er gewohnt war, die Menſchen zu behandeln, auch diejenigen, welche ihm vor allen andern theuer und werth zu ſein wähnten, 28 als Ziffern, mit denen ſein überlegener Verſtand rech⸗ nete. Antoinettens Herz empörte ſich dagegen. Wenn er ſie in ſeinem Zorn einmal zertrat— wohl, ſie wollte kein beſſeres Schickſal, allein ſo von ihm bei⸗ ſeite geworfen zu werden, das ertrug ihr Stolz nicht. „Eure Majeſtät“, ſagte ſie herbe,„vergeſſen bei Ihren Rathſchlägen eins, was doch ſonſt bei einer Ehe mitzuſprechen pflegt: mein Herz. Ich liebe den Marcheſe nicht; dies ſollten Eure Majeſtät wiſſen, und wenn von Liebe hier überhaupt nicht die Rede ſein kann, ſo möchte ich meine Freiheit nicht gegen die Sklaverei der Ehe austauſchen.“ „Das Herz! Durfte ich mein Herz fragen, als ich Joſephine verſtieß?“ „Wenn nicht Ihr Herz, ſo fragten Sie Ihren Ver⸗ ſtand. Immer folgten Sie Ihrem eigenen Willen; ich ſoll mich einem fremden unterwerfen.“ 4 „Ja. Aber dieſer Wille iſt der meinige.“ Er ſchleuderte beinahe ihre Hand, die er bisher nicht ohne Zärtlichkeit in der ſeinigen gehalten hatte, zurück, ſo ſehr erbitterte ihn ihr Widerſtand. „Ich fordere Gehorſam, auch von Ihnen, Antoi⸗ nette. Ihr Schmollen wird Ihnen nichts nützen, ich bin kein Liebhaber, auf den dieſe weiblichen Künſte Eindruck machen. Auch ſtehen ſie Ihrem Geſicht nicht ——— — 29 gut. Dieſe Heirath iſt nothwendig; man beargwöhnt Sie. Offen wird man kein Wort gegen Sie wagen, aber heimlich. Man wird die Kaiſerin gegen Sie ein⸗ zunehmen wiſſen. Ich will kein Aufſehen an meinem Hofe. Dieſe Heirath wird jede Verdächtigung im voraus niederſchlagen. Ich beſtehe darauf, weil ſie die einzige iſt, die ſich Ihnen bietet. Erſcheint Ihnen eine andere Ausſicht günſtiger, ſo ſprechen Sie! Als Frau des Marcheſe Zambelli werden Sie nach wie vor Ihre Stellung bei der Kaiſerin ausfüllen, in meiner Nähe ſein“— er ſprach auch dies raſch, haſtig, ohne jede wärmere Betonung—„Ihren Gatten wird der Dienſt bald hierhin, bald dorthin führen.“ Daß ſie plötzlich gegen die Hofſitte ihren Schritt hemmte, während er weiter ging, zwang ihn zum Schweigen. Die Hände auf dem Rücken ſah er ſich nach ihr um. Sein Antlitz zeigte keine leidenſchaftlichere Er⸗ regung, nur eine gewiſſe Verwunderung über die Verletzung der Etikette ihrerſeits prägte ſich darin aus. „Iſt Ihnen nicht wohl, Antoinette?“ fragte er. „Ich warte nur darauf, daß der Kaiſer auch der zukünftigen Frau des Marcheſe Zambelli die Verhaltungs⸗ maßregeln ihres Lebens vorſchreibe.“ 30 3 „Was fällt Ihnen ein! Sie ſind eine deutſche Thörin! Voll ſentimentaler Schwärmereien!“ „Ich bin ein Weib und nicht gewohnt, wie ein Soldat Eurer Majeſtat behandelt zu werden.“ In ihr glühte die Rache eines gekränkten und be⸗ leidigten Weibes; ſie wollte ſeinen Zorn reizen. In ſeiner Wuth war er wenigſtens von einer furchtbaren Schönheit, ſo kam er ihr wie ein gleichgültiger Sklaven⸗ händler vor. Der Wind hatte den Schleier ihres Hutes empor⸗ getragen; auf ihren vorher ſo bleichen Wangen flammte die dunkle Farbe der Empörung. Ihre Augen blitzten, ihre kleine Hand ballte ſich. In ihrem Ausdruck war jenes Unbeſchreibliche, was zugleich zur Truntenhait der Liebe oder zum Haſſe auffordert. Der Kaiſer aber ließ ſich von dem ſchönen Dämon nicht hinreißen, ebenſo ſehr ſchien er die ſiegreiche wie die zornige Venus zu fürchten. Wie das Schauſpiel einer Schlacht ſchien er den Kampf der Leidenſchaft in ihr zu beobachten und den Augenblick der Ermattungzu erſpähen, wo er ſie mühelos ſeinem Willen unterwerfen würde. Er brauchte nicht lange zu warten; unter ſeinem Blick, in dem weder Mitleid, noch Spott, noch die leiſeſte Wallung aufleuchtete, erſchöpfte ſie ſich wie im Ringen gegen eine unſichtbare Macht. 31 In einem Thränenſtrom löſte ſich der Krampf ihres Herzens. „Nun weinen Sie wie ein Weib“, ſagte er,„weil Sie nicht wie ein Mann behandelt werden wollen. Iſt Ihnen das Alles wie ein Blitzſtrahl aus heiterer Luft gekommen? Was wollen Sie denn, Antoinette? So ſprechen Sie doch! Verlange ich Unvernünftiges, Ueber⸗ menſchliches von Ihnen? Haben Sie mich für einen arkadiſchen Schäfer genommen? Gehen Sie doch, als ob Sie ſelbſt eine Schäferin wären! Auf der Bühne, auf der wir beide ſtehen, geziemen uns Anſtand und Würde. Sie müſſen die kleinen Empfindeleien beherrſchen lernen. Ich vertraue Ihrem Verſtande, Sie werden ſich faſſen lernen. Ich will Ihnen wohl, ich liebe Sie. Aber ich bin kein Hercules, der zu den Füßen einer Omphale ſpinnt. Ein Weib wird niemals meine Ent⸗ ſchlüſſe ändern. Ich wiederhole es Ihnen, dieſe Ehe iſt nothwendig. Bei einer ruhigern Ueberlegung wer⸗ den auch Sie ſich dieſer Wahrheit nicht entziehen kön⸗ nen. Was iſt's denn auch? Einen Mann nehmen! Leben Sie jetzt wohl, Antoinette.“ „So gehen Sie von mir?“ klagte ſie. Jetzt glich ſie einer geknickten Lilie. „Glauben Sie den Lauf der Welt mit Ihren Thränen aufzuhalten?“ Und leicht an ſeinen Hut wie zum Gruße faſſend, ging er die Allee hinauf, in der Richtung nach dem Schloſſe, langſam, die Hände auf dem Rücken, ohne ſich noch einmal nach ihr umzuſchauen, die in halber Ohnmacht auf dem Raſen niedergeſunken war. Ueber ihr hingen die Zweige einer Fichte dunkelgrün zur Erde; es war ihr, als läge ſie unter dem Baum begraben, todt und aller Qual entrückt. Wohl hatte ſie damals, als ſie auf jenem Feſte, kurz vor dem Ausbruch des öſterreichiſchen Kriegs, in thörichtem Uebermuth im lebenden Bilde die Sieges⸗ göttin darſtellte und ihm einen Lorbeerkranz reichte, als ſein Auge brennend und fordernd ſich auf ſie richtete und ſie, die ſtumme Frage verſtehend, ſie nicht verneinte, im voraus des tragiſchen Ausgangs gedacht, in dem eine ſolche Liebe enden müſſe. Aber die Lei⸗ denſchaft und der Ehrgeiz waren mächtiger als die abmahnenden Gedanken geweſen. Nach dem Triumphe, den größten und ſchrecklich⸗ ſten Mann des Jahrhunderts in ihren Armen gehalten zu haben, welch ein Unglück konnte ſie treffen? Und lag dieſes Aeußerſte nicht hinter unſagbaren Wonnen, die um keinen Preis zu theuer erkauft wur⸗ den? Die Menſchen um ſie her gefielen ſich in dem Grandioſen des Römerthums. Die Geliebte Cäſar's „— 33. zu ſein, war in dem alten Rom wie in dem neuen, das ihm nacheiferte, für jedes Weib ein Ruhm. In der Bezauberung ihrer Sinne und ihrer Phan⸗ taſie durch den dämoniſchen Mann, der ihre Unbefrie⸗ digung, ihr Suchen nach einem Ziel zu ſtillen verſprach, empfand Antoinette es gleichſam wie einen Stachel des Vergnügens, daß ſie mehr als ein anderes Weib ihm opfern konnte— ihre bisherigen Grundſätze, ihre Familienbeziehungen, ja, wie ſie ſich in unbeſtimmten Worten einredete, eine Liebe, eine ſtille glückliche Zu⸗ kunft. So viele Opfer mußten den Neid der Götter beſänftigen und ſeine Neigung zu ihr feſter und dauern⸗ der machen. Wenn ſie aus ihrer jetzigen Verlaſſenheit und Ver⸗ lorenheit an die Tage ihres Glanzes, ihres Rauſches zurückdachte, ſtellten ſie ſich ihr wie ein tückiſches Gaukelſpiel der Hölle dar. Sie ſo aufzugeben, nein, nicht aufzugeben und zu verſtoßen, wie er es mit Jo⸗ ſephinen gethan, ſondern ſie einem Andern hinzuwerfen, wie eine Frucht, die wurmſtichig geworden, wie der übervolle und überdrüſſige Trinker den umgeſtülpten Becher läſſig dem Nebenmann zuſchiebt! Hatte ſie dieſe Erniedrigung verdient? Konnte ein Mann, in dem auch nur der ſchwächſte Funke der Liebe für ſie geglüht, ſo von ihr ſcheiden? Und wie Frenzel, Lueifer. V. 5 ſ11— 34 ſie ihn vor einem Jahre vergöttert, ſo war ſie jetzt in die entgegengeſetzte Stimmung verfallen, ihn für klein und falſch und lügneriſch zu halten. Sie hatte ſich in ihm all dieſe Zeit über getäuſcht. Er hatte ſie nie geliebt, ſondern nur ſeine Begierde an ihr befriedigt. Sie war ihm nichts als ein Weib geweſen, wie er in den Männern nur Soldaten, die für ihn ſiegen ſollten, oder Beſiegte ſah, die er plün⸗ dern konnte. Dazu wäre die ſtolze, die ſtrahlende Antoinette herabgeſunken? Zu einem Soldatenliebchen? Sie, deren ſeeliſcher Adel einſt die Vornehmheit ihrer Geburt weit hinter ſich gelaſſen hatte? Wie die römiſchen Kaiſer ihre Sklavinnen, ſo verſchenkte ſie der neue Cäſar. In dem Augenblick, wo ſie noch ſelig in ſeinen Armen ruhte, mochte er ſchon denjenigen ausgewählt haben, dem er ſie geben wollte. Tief und tiefer, in wollüſtiger Selbſtqual, verlor ſie ſich in dieſen Abgrund von Niedrigkeit. Aber Napoleon war in ſeinem Betragen gegen ſie nur dem unwandelbaren und unbeugſamen Zuge ſeines Weſens gefolgt. Kaum daß er in ſeiner Jugend ein flüchtiges Verſtändniß für die feinen Regungen und Bedürfniſſe einer weiblichen Seele beſeſſen. Er betrach⸗ tete die Frauen wie ein Römer oder wie ein Man der italieniſchen Renaiſſance; in leidenſchaftlicher Be⸗ gierde wurde er fortgeriſſen; leichter noch als ſeine Sinne gerieth ſeine Phantaſie in Flammen. Nur lo⸗ derte das Feuer nicht lange; mit dem geſtillten Genuſſe löſchte es aus. Wenn keine Frau ſich über ſeine Prahl⸗ ſucht oder über die Bloßſtellung ihrer Ehre durch ihn zu beklagen hatte, ſo konnte ſich auch keine einer be⸗ ſondern zarten Rückſicht ſeinerſeits auf die Empfin⸗ dungen ihres Herzens rühmen. Er nahm dieſe Aben⸗ teuer leicht, nicht anders als einen Zeitvertreib, ſenti⸗ mentaliſche oder tragiſche Scenen erregten ſeinen Wi⸗ derwillen. In ihnen offenbarte ſich jene Kraft des Gemüths, die Begeiſterung und die Schwärmerei, die ihm verhaßt waren, in denen er wie vorahnend ſeine Beſiegerinnen und die Rächerinnen des von ihm mit Füßen getretenen Menſchengeſchlechts fürchtete. Eine Weile hatte ihn Antoinettens Schönheit erfreut und gereizt, eine Weile ihr Geiſt ihn erheitert und gefeſſelt — nun warf er das Spielzeug fort, und er glaubte in ſeiner Weiſe noch ein Uebriges zu thun, wenn er eine frühere Geliebte in der unmittelbaren Umgebung ſeiner Gemahlin duldete. Als Vittorio Zambelli, der ſich ſeit Monaten in ſeiner neuen Würde und ſeinem reichen Beſitzthum ſonnte, in ſeiner Werbung um Antoinettens Hand nicht 3* 3 36 vorrückte, hatte er die Fürſprache des Kaiſers bei der Marquiſe erbeten. Napoleon fand in ſeinem Sinne dieſe Verbindung durchaus wohlanſtändig; von jenen feinen Gefühlen, die Antoinette davor zurückbeben ließen, wußte er nichts; ſie entſprangen nach ihm, wie vorhin iihre Thränen und ihre Wuth, aus weiblicher Schwäche und Eitelkeit. Es war nicht ſeine Schuld, daß ſie eine Angelegenheit, die in ſeinen Augen nur eine geringe Bedeutung hatte, mit dieſem ſchweren Ernſte nahm. So wenig er Antoinette durch ſeine Neigung über die andern Frauen, wie ſie es in ihrer idealiſtiſchen Thorheit gewähnt, hatte erheben wollen, ſo wenig ſollte die Heirath, die er ihr jetzt beinahe drohend anbefahl, Erniedrigung und Verwerfung andeuten. Seine Ge⸗ danken ſchweiften von ihr ab nach andern Zielen; er that noch ein Uebriges, wenn er die Menſchen, die Spielzeuge ſeiner Laune, ſtatt ſie ganz fallen zu laſſen, in eine ſichere Stellung brachte. Sie aber hatte Mühe und Ueberwindung nöthig, ſich in ihrem Schmerz zu faſſen und ihr Haar nicht zu zerraufen. Zu lange hatte ſie in erhabenen Em⸗ pfindungen geſchwelgt, um ſich gleich in der niedrigen Wirklichkeit wieder heimiſch zu finden. Noch war ſie nicht willens, ſich zu unterwerfen. Schmach den Thrä⸗ ¼ 34 nen, Schmach der Klage! Sie wollte ſich als ein he⸗ roiſches Weib zeigen und nicht kleinlich in der Alltäg⸗ lichkeit unterſinken. Mit ihrem Schleier trocknete ſie die Thränen, ord⸗ nete ihr zerknittertes Gewand und ſtand auf. Haſtigen Ganges, um in der äußern Unruhe die innere auszu⸗ toben, flog ſie durch den Garten und trat, ohne darauf zu achten, durch eine geöffnete Thür im Gitter, durch die eben die Gärtnerburſchen hineingegangen waren, in den größern, dem Volke zugänglichen Theil des Tuileriengartens. Egbert hatte ſich von ſeiner Bank erhoben. Schon ſchritten der Menſchen mehr, luſtwandelnd dieſe, geſchäftig jene, die bisher ſo einſame Allee entlang. Eine Dame kam ihm entgegen, von der Seite des Schloſſes her. Zu gleicher Zeit bemerkten ſich beide; ein Still⸗ ſtehen, ein Stutzen, ein ſprachloſes Verweilen, eine Frage auf beiden Geſichtern. Es iſt doch, als ob er wie ſie in dieſen Sekunden nur ein Herz, nur einen Gedanken gehabt. „Herr Heimwald!“ Als eine adelige, an Selbſtbeherrſchung frühzeitig gewöhnte Dame hatte ſich Antoinette zur Begrüßung zuerſt geſammelt. 38 „Gräfin Antoinette!“ So formlos es ſein mochte, ſein Gefühl riß ihn über dieſe künſtlichen Schranken hinweg, er ſtreckte die Hand nach der ihrigen aus, und ſo bedenklich es ihr auch noch vor wenigen Tagen erſchienen wäre, jetzt legte ſie ohne Scheu ihre Rechte in die ſeine. Belebte ſich ihr erſtarrtes Blut nnter dem warmen Handdruck des Freundes? Gab die Nähe einer befreundeten Seele der ihrigen die Schwungkraft? Sie vergaß alle Rückſichten— hatte ſie denn noch überhaupt welche zu nehmen?— und ging neben ihm unter den Kaſtanienbäumen auf und nieder. Viele Fragen beſtürmten nun in ununterbrochener Reihe Egbert nach ſeinen perſönlichen Erlebniſſen während der weltgeſchichtlichen Ereigniſſe, welche das Jahr ſeit ihrer Trennung in ſeinem Kreiſe beſchloſſen hielt. Nach ihrem Oheim ſich zu erkundigen, wagte Antoinette nicht, und Egbert bemühte ſich in ſeinen Antworten dieſen Punkt nicht zu berühren. Als er flüchtig hinwarf, daß er mit dem Kaiſer Napoleon auf dem Schlachtfelde von Aspern zuſammengetroffen ſei, rief ſie mit einer Heftigkeit, die ihn überraſchte: „Sie haben ihn auf der Flucht geſehen? Wie glücklich ſind Sie!“ Mit leidlicher Ruhe hatte er dieſe Abenteuer er⸗ 39 zählt, aber er ſtockte und zauderte, ihr Aufſchlüſſe über den Grund ſeines jetzigen Aufenthalts in Paris zu geben. Sie indeſſen beſtand darauf. „Und was treiben Sie in unſerer Hauptſtadt? Wollen Sie die Erzherzogin als Kaiſerin begrüßen? Es laſſen ſich ihr viele Oeſterreicher vorſtellen und ſie iſt zu allen gütig und huldvoll.“ „Meine Unbedeutendheit ſchützt mich davor, die deutſche Fürſtin auf dem Throne Napoleon's zu ſehen. Dies iſt— die gnädige Gräfin wird meine Geſinnung achten— kein freundlicher, kein erhebender Anblick für einen Patrioten. Es ſind Privatgeſchäfte, die mich hierher geführt.“ „Hätte ich Sie nicht zufällig getroffen, Herr Heim⸗ wald, ich beſorge, Sie wären auch an mir vorüber⸗ gegangen. Iſt das nun die Freundſchaft, die Sie mir gelobt?“ „Unter andern Verhältniſſen ward das Gelübde gegeben. Wir ſind die beiden Schiffe, von denen ich einmal zu Ihnen ſprach: der Wind hat ſie auf dem Meere des Lebens auseinander getrieben.“ „Aber wir ſind uns wieder begegnet—“ „Unter anderer Flagge. Im Schmuck weißglänzen⸗ der Segel das eine—“ 40 „Ja, Sie!“ meinte Antoinette.„Und das andere als verſtümmeltes, von den Wellen hin und her ge⸗ ſchaukeltes Wrack.“ „Gnädige Gräfin!“ Indem er, durch die längere Unterredung mu⸗ thiger geworden, ſie ſchärfer betrachtete, konnte ihm trotz ihrer Selbſtbeherrſchung die Verſtörtheit ihres Weſens nicht verborgen bleiben. Um ihm nicht das Vorrecht einer Frage zu laſſen, ſagte ſie: „Ich bin übernächtig. Die Kühle des Morgens hat mich ins Freie gelockt. Sie haben mir viel be⸗ richtet, aber von Magdalenen haben Sie mir kein Wort geſagt. Zürnt mir das gute Mädchen, daß ich ihr kein Lebenszeichen gegeben? Ach, mein Daſein iſt ſo zer⸗ ſtreut, ſo kometenhaft, von luftigem Schimmer, ohne Kern und Inhalt! Oder iſt ihr irgend ein böſer Zufall zugeſtoßen, den Sie mir nicht mittheilen wollen?“ „Nein, gnädige Gräfin, Magdalene iſt wohlauf“ — und unwillkürlich entfuhr ihm nun das Weitere: „Wir ſind Verlobte, ſie iſt in Paris.“ „Iſt in Paris? Allein mit Ihnen?“ Darauf war die Antwort nicht zu vermeiden: „Der Graf Wolfsegg iſt mit uns.“ 6 41 „Mein Oheim!“ Antoinette zog ihren Schleier dichter um das Ge⸗ ſicht; die leichte Röthe, welche das Wiederſehen Egbert's darauf gezaubert, verlor ſich wieder, die Augen wurden ſtarr und düſter. Egbert ſchwieg betreten. Sie indeſſen dünkte dies Schweigen, das für ſie eine fürchterliche Beredtſamkeit hatte, ſo unerträglich, daß ſie in ihrer abgebrochenen, geſpannten Weiſe äußerte: „Er und meine Mutter ſcheinen mich aus dem Buche ihres Gedächtniſſes geſtrichen zu haben. Hab' ich denn ſo Arges geſündigt, daß ich mich dem Willen Frankreichs unterordnete? Sie übertreiben in ihrer ausſchließlichen deutſchen Vaterlandsliebe, in ihrem Haſſe gegen den Kaiſer meine und meines Bruders Schuld. Wir haben nichts Anderes gethan, als was Tauſende vor uns gethan, was mein Oheim auf dem Felde von Wagram auch hat thun müſſen: ſich dem Mächtigern zu fügen.“ „Aber ſollten Sie uns, den Beſiegten, nicht den Stolz verzeihen, der nicht zuerſt die Hand zur Ver⸗ ſöhnung bieten will?“ „Verlangen Sie meine Demüthigung?“ „Ich verlange nichts, ich ſuche Ihnen nur das Verhalten des Grafen zu erklären.“ „Wie geht es ihm?“ „Sein Leib iſt geſund, ſeine Seele gebeugt.“ „Sie und Magdalene werden ſie wieder aufrichten. Erröthen Sie nicht! Ich weiß um des Oheims Ge⸗ heimniß. Das Glück ſeiner Kinder wird ihn über die Niederlage ſeines Vaterlandes tröſten und ihm die Hoffnung einer einſtigen Erhebung deſſelben gewähren.“ „Und den Theil, den Sie, gnädige Gräfin, zu ſeinem Glücke beitragen können—“ „Ich fürchte, ihm noch mehr Leid zu bereiten. Sie ſind mein und ſein Freund— was ſagen Sie: man will mich mit dem Marcheſe Zambelli verhei⸗ rathen!“ Wohl hatte ſie ſeine Verlegenheit, ſeine Beſtürzung erwartet, aber nicht dieſen Ausdruck des Schreckens, der ſich in ſeinen Zügen ſpiegelte. „Mit dem Marcheſe— mit Vittorio Zambelli? Und wer will Sie verheirathen 2 „Wer? Der Alles in Europa kann, was er will: der Kaiſer Napoleon.“ 4 „Dies kann er nicht wollen. Mag er ein Tyrann ſein, er kann die Entehrung einer Dame von Ihrem Stande und Ihrer Schönheit nicht wollen.“ „Sie reden wie ein deutſcher Thor, würde Ihnen vermuthlich der Kaiſer antworten. Er ſieht keine Ent⸗ * 4 ehrung darin, wenn eine Hofdame ſeiner Gemahlin ſeinen Günſtling heirathet, vielleicht eher eine Erhöhung.“ „Aber das iſt ja nicht möglich, oder der Kaiſer kennt dieſen Mann nicht. Zambelli— Vittorio Zam⸗ belli iſt ein Mörder, iſt Jean Bourdon'’s Mörder!“ „Was ſagen Sie!“ „Auf der Stelle muß der Kaiſer dies wiſſen. Sie werden ihn vorbereiten, alle Ihre Verwandten müſſen für Sie eintreten. Der Graf Wolfsegg, ich ſelbſt, wir werden als Zeugen gegen dieſen Mann auftreten, mit Beweiſen in der Hand, vor denen er ſeine freche Stirn im Staube wird beugen müſſen.“ Die Erregung, in der Egbert ſprach, theilte ſich Antoinetten mit. Von einer abſichtlichen oder freiwilligen Täuſchung konnte hier nicht die Rede ſein. Mit einer ſolchen Ueberzeugung brachte Egbert ſeine Anklage vor, daß Antoinette ihre Widerlegung für unmöglich hielt. So war ihr mitten im Sturz noch ein Sieg auf⸗ bewahrt. Nicht nur vermied ſie die verhaßte Heirath, ſie konnte mit ihrem ganzen Stolz und Trotz dem Kaiſer ſagen: Das ſind Deine Günſtlinge; einem ſolchen Manne, einem Raubmörder wollteſt Du mich aufopfern Es war ihr zu wichtig, dieſe Angelegenheit in all ihren Irrgängen erhellt zu ſehen, und für Egbert's Gewiſſenhaftigkeit eine Pflicht, nicht als ein leichtſinniger 4 Verleumder und Geſchichtenerzähler dazuſtehen; ſo ver⸗ längerte ſich ihre Unterhaltung in ſteigendem Eifer. Ohne es zu bemerken, ſprachen beide deutſch. Egbert achtete erſt darauf, als Antoinette ihm zu⸗ flüſterte: „Man folgt uns. Ich hörte ſchon vorhin in den Gebüſchen ein leiſes Kniſtern und Rauſchen. „Sollte gerade die fremde Sprache den Lauſcher herbeiziehen?“ fragte Egbert. Er entſann ſich, daß der Graf Wolfsegg daſſelbe unbehagliche Gefühl, wie jetzt Antoinette, gehabt hatte. Scharf aufhorchend, glaubte er nun auch eine verdäch⸗ tige Bewegung in den Gebüſchen zu vernehmen, wie von einem, der ſich geduckt dahinſchleicht. Es dauerte nur eine kurze Friſt, ſo tauchte etwas Braunes, wie von einem Frauengewande, in dem Grün auf, zwei Augenſterne leuchteten, um gleich darauf zu verſchwinden. „Ein armes Weib, eine Bettlerin!“ meinte An⸗ toinette beruhigt. Aber Egbert ſchienen die Augen dieſer Bettlerin nichts Gutes zu verheißen; ſie kamen ihm bekannt vor und doch wußte er nicht, wohin er ſie bringen ſollte. Um Antoinette nicht mit ſeiner Sorglichkeit anzu⸗ ſtecken, äußerte er nichts, ſondern fuhr in ſeinen Mit⸗ theilungen über Zambelli fort. In der drangvollen ———— 45 Lage der Marquiſe konnte jede Auskunft für ſie ein Mittel zum Aufſchub, zur Verhinderung der unſeligen Verbindung werden. Klugheit und Liſt vermochten einem ſolchen Gegner gegenüber vielleicht mehr als ein offener Angriff, der auch ihn zum rückſichtsloſen Wider⸗ ſtande nöthigte. Darum glaubte Egbert Antoinetten auch die traurige Geſchichte der braunen Chriſtel nicht verſchweigen zu dürfen. Unter ebenſo ſeltſamen Um⸗ ſtänden, wie ſie in ſein Haus gekommen, war ſie in der Nacht nach jenem zwölften October, wo er zum letzten Mal Zambelli in Schönbrunn geſehen, daraus verſchwunden, entweder freiwillig dem Ritter folgend oder gewaltſam von ihm entführt. Manches war in der Natur und dem Schickſal des Waldmädchens dunkel, die magiſche Gewalt indeſſen, die Vittorio auf ſie ausübte, in zu vielen Zeichen ſicht⸗ bar geworden. Jede Nachforſchung, die Egbert damals nach der Flüchtigen angeſtellt, blieb vergeblich; in dem Wirrſal des Aufbruchs der Franzoſen, die zwei Tage darauf Wien und ſeine Umgegend zu räumen begannen, war die Spur eines irrenden Mädchens ſchnell ver⸗ loren. Während in Antoinettens Herzen, die vordem nie von dem braunen Mädchen gehört hatte, die Er⸗ zählung nur, ſoweit ſie Zambelli betraf, Theilnahme erweckte, war der Name Chriſtel, den er nach ſo langer 46 Zeit wieder ausſprach, für Egbert von tieferer Be⸗ deutung. Er rief ihm ihre Geſtalt, ihre Wunderlichkeit zurück, es durchfuhr ihn wie ein Schauer; jenes un⸗ heimliche Geſchöpf, das an der Hecke und zwiſchen den Büſchen hinhuſchte, es war die Chriſtel, ſie mochte ihn voorhin erkannt haben, als er mit dem Grafen Wolfs⸗ egg auf der Bank ſaß. Sie waren zu einer Biegung des Weges gekom⸗ men. Wie gern Egbert auch noch länger mit der Mar⸗ quiſe geſprochen, ihren Muth aufgerichtet und vor allem ſeine Bitte wiederholt hätte, ſich ihrem Oheim zu eröffnen, er fühlte, daß er für heute die Unter⸗ redung abbrechen und die nächſten Schritte Antoinetten überlaſſen müſſe. „Darf ich, gnädige Gräfin“, ſagte er Abſchied nehmend,„von dieſem Zuſammentreffen Ihrem Oheim eine Kunde geben?“ „Wenn Sie eines guten Empfangs ſicher ſind—“ Keinen weitern Laut brachte ſie hervor, ein Schreckbild ſtand vor ihnen. Ein armes bleiches Mädchen mit abgehärmten Wangen, niederhängenden Haaren, die ſchmale Hand aus dem engen braunen Kleide vorſtreckend, als erbäte und erwarte ſie eine Gabe der Barmherzigkeit. Aber die Augen brannten und ſchienen ein verzehrendes — 47 Feuer auszuſtrömen. Es war der Blick, der Antoinette entſetzte. „Du willſt ihn heirathen, ſchöne Dame? Du!“ ſchrie die Bettlerin und ergriff, ehe ſich die Marquiſe deſſen verſah, die Hand Antoinettens.„Deinetwegen hat er mich verlaſſen und von ſich geſtoßen, mich geſchlagen wie einen Hund. Du!“ Antoinette ſuchte umſonſt aus der Umklammerung dieſer Finger ihre Rechte zu befreien. „Chriſtel!“ rief Egbert, dem kein Zweifel über die Perſönlichkeit des Mädchens blieb, und ſchüttelte ſie an der Schulter. „Nimm, nimm!“ Antoinette hatte in der Verlegenheit über das Aufſehen, das dieſer Vorfall zu erregen drohte— ſchon eilten einige Neugierige aus verſchiedenen Gängen des Gartens herbei— eine goldene Spange vom Arm geſtreift und bot ſie der Bettlerin an. Mit einer heftigen Bewegung ſchleuderte dieſe die reiche Gabe verächtlich von ſich. „So kaufſt Du Dich nicht los! So nicht! In den Tod, in die Hölle mit Dir! Mit mir! Er iſt ein großer Verführer und der Oberſte der Teufel!“ Darüber war es Egbert gelungen, das Mädchen loszureißen. 48 „Chriſtel“, rief er noch einmal,„gedenke der Raben⸗ mühle!“ Dies Wort wirkte wie ein mächtiger Donnerſchlag, der jeden andern Lärm verſtummen heißt. Ein herzbrechendes Schluchzen entrang ſich noch der Bruſt der armen Bethörten. „Herr! Herr! Der Engel des Lichts!“ So ſtöhnend fiel ſie auf die Erde und lag zuckend und in Krämpfen da. Antoinette hatte die Gelegenheit benutzt und war in beflügelter Eile dem jammervollen Schauſpiel, der Qual der Unglücklichen, zu deren Linderung ſie nichts beitragen konnte, entflohen. Leute genug, die bereiter zur Hülfe waren, hatten ſich verſammelt: Arbeiter, die im Garten beſchäftigt wurden, Müßiggänger, ältere und jüngere Frauen, auch an loſem Geſindel fehlte es nicht. „Das iſt eine Wahnſinnige.“ „Eine Zigeunerin, die fremde Lieder ſingt. Ich bin ihr ſchon einmal begegnet.“ „Du täuſcheſt Dich.“ „Nein, nein! Es iſt dieſelbe, die neulich im rothen Löwen, in dem Keller bei dem Temple ſang. Verlaß Dich darauf, es war dieſe braune Hexe.“ „Ach, das arme Ding!“ meinte ein Anderer mit⸗ 49 leidiger.„Gewiß hat ſie ein Vornehmer verführt und darüber iſt ſie wahnſinnig geworden.“ „Ja!“ erwiderte ein altes Weib mit Megärenhaaren und Blicken.„Das Unkraut blüht wieder. Wozu haben wir eine Revolution gemacht?“ „Es wird nicht eher anders, als bis alle Reichen ins Gras gebiſſen haben. Alle, ohne Ausnahme!“ „Da wollen ſie bei dem Oeſterreicher ein großes Feſt geben—“ „Die Oeſterreicher! Es iſt eine Schande für Frankreich! Wir müſſen unſer Blut hingeben—“ „Der kleine Corporal hat eine ungeheure Dumm⸗ heit begangen, daß er die gute Joſephine von ſich ge⸗ jagt und die Oeſterreicherin zu ſich genommen hat.“ „Schlägt ſich mit dem Schwiegervater und hei⸗ rathet die Tochter—“ „Seht Ihr denn hier etwas Anderes? Warum hat der vornehme Schuft die Dirne hier verlaſſen? Um eine Reichere zu heirathen. O heilige Guillotine!“ „Aber, Ihr Leute“, wußte ſich endlich Egbert in dem tollen Wirrwarr Gehör zu verſchaffen,„ſo helft mir doch die Kranke in einen Wagen ſchaffen. Wir wollen ſie nach einem Hospital fahren. Einen Napo⸗ leonsdor, wer der Flinkſte iſt!“ Das Goldſtück führte alle aus ihren lntigen Be⸗ Frenzel, Lueifer. V. 50 trachtungen, Weiſſagungen und Verwünſchungen zur Erde zurück. Zwei Männer ergriffen das Mädchen und hoben es vom Boden auf, ein leichtfüßiger Junge ſprang voran, um am Ausgang des Gartens einen Wagen feſtzuhalten. Die Uebrigen begleiteten Egbert in reſpektvoller Entfernung und rühmten die Menſchen⸗ freundlichkeit und Großmuth des reichen Fremden, nicht ohne ſich ein wenig über ſeine Weiſe und Haltung, die ihnen ſonderbar erſchien, luſtig zu machen. Zu ſolchem Ende war die braune Chriſtel gekom⸗ men. Hierher hatte ſie der Sturm der Leidenſchaft geriſſen. Die erſten Wochen war Alles herrlich und in Freuden dahingegangen. Zambelli hatte ſie einem äl⸗ tern Diener anvertraut, der ſie in einem leichten Wa⸗ gen, ehe ſich die Maſſen des Heeres in Bewegung ſetz⸗ ten, von Wien nach Paris führte. Welch eine fröh⸗ liche, luſtige Reiſe! Jeden Tag gab es Neues zu ſehen, dabei keine Arbeit, keine ſtrenge Hausordnung. Ihr Begleiter war ein mürriſcher, verſchloſſener Mann, der wenig Worte machte, in gebrochenem Deutſch. Aber das war der Chriſtel gerade recht, um ſo unge⸗ ſtörter konnte ſie ſich ihren Gedanken überlaſſen. Die flatterten gar hoch, munter hin und her, wie Schwal⸗ ben im Frühlingsſonnenſchein. Zuweilen klopfte ihr 51 das Herz zwar bänglich im Buſen, wenn ſie an die Freundlichkeit zurückdachte, mit der ſie von Egbert und Magdalenen aufgenommen und behütet worden war, und wie ſchlecht ſie dieſelbe durch ihre Flucht belohnt hatte. Aber dann ſtand Vittorio neben ihr und flü⸗ ſterte ihr ins Ohr; es war eine Täuſchung, allein ſie genügte der Bethörten, um die Stimme des Gewiſſens zum Schweigen zu bringen. In Paris ſetzte ſich der Zauber noch beſtrickender fort. Die große glänzende Stadt, der Flitterſtaat, mit dem ſie ſich ſchmücken konnte, übten ihre Wirkung. Oefter erſchien der Ritter in ihrer kleinen Wohnung in einer entfernten Vorſtadt. Hier, bei alten Leuten, Elſäſſern, die ſich nothdürftig mit ihr verſtändigten, war ſie untergebracht worden. Vittorio's Geld hatte alle Schwierigkeiten geebnet. Wie in einem beſtändigen Traum lebte das braune Mädchen in der fremdartigen, ihr unbegreiflichen und ſie verwirrenden Welt dahin. Nur war dieſer Traum etwas ſo unbeſchreiblich Schönes und Wunderbares, daß ſie gar nicht daraus zu erwachen wünſchte. Wider ihren Willen reifte indeſſen die Liebe alle ihre geiſtigen Kräfte. Einmal aus dem Zuſtande des dumpfſeligen Empfindens herausgeriſſen, konnte ſie nicht mehr in die Dämmerung ihres frühern Daſeins zurückfallen. 4*½ 4* 52 Mit der Leidenſchaft kam die Erkenntniß. Einen Cha⸗ rakter wie den Vittorio's zu durchſchauen, war ſie frei⸗ lich nicht im Stande, aber ſie merkte doch allmälig, daß er ſie von ſich abzuſchütteln ſuche, daß ihre Luſt und Wonne plötzlich in Schmerzen und Schrecken enden würden. Darübererwachte in ihr der Selbſterhaltungstrieb, nicht ohne Kampf wollte ſie den Mann, den ſie liebte, verlieren. Ihre Eiferſucht verdarb Vittorio die Laune. Er quälte, er ſchlug ſie. Es war Zeit für ihn, die Arme, Betrogene in den unermeßlichen Schlund ſtürzen zu laſſen, der Paris heißt. Für ihn war die Liebe nur das Mittel geweſen, ſie aus Egbert'’s Hauſe zu locken, um die einzige lebende Zeugin ſeiner That in ſeiner Gewalt zu haben. Jetzt, wo ſein Ziel erreicht, ihr Leib wie ihre Seele gebrochen war, mochte ſie untergehen; am beſten, die Seine ſchwemmte ſie in den Ocean. Was an ihm lag, ſie dahin zu treiben, that er. Brauchte er doch nur einen dünnen Faden zu durchſchneiden. Seine Beſuche ſtellte er ein; aus einem Reſt von Mitleiden füllte er eins ihrer Käſtchen mit Goldſtücken, wohl wiſſend, daß dieſe dürftige Quelle nicht lange fließen und die Noth nicht abhalten würde, ihr Werk endlich doch zu vollenden. Schnell war die braune Chriſtel auf den Gipfel 53 ihres Glücks emporgehoben worden, noch ſchneller rollte ſie abwärts. Tagelang, wochenlang erwartete ſie, ge⸗ duldig, ungeduldig, bei Tage, in der Nacht, zu jeder Stunde und immer umſonſt den geliebten Freund. War er krank oder verreiſt? Todt vielleicht? Wo in dieſer ungeheuren Stadt, unter Menſchen, die eine ihr fremde Sprache reden— eine Sprache, von der ſie kaum einige Worte gelernt hat— ihn ausfindig machen? Ihre Wirthsleute kannten ihn nicht, wußten nichts oder wollten nichts von ihm wiſſen. Ihnen ſchien Alles in Ordnung zu ſein. Ein ſo vornehmer Herr wird einer Dirne bald überdrüſſig; wenn ſie eine Bettlerin war, warum hatte ſie ſich in der Stunde ihres Glücks nicht beſſer vorgeſehen? Man warf ſie hinaus auf die Straße. Schutzlos, ohne Obdach, ohne Nahrung irrte ſie umher. Sie bettelte, ſie ſang in den Schenken. Der Inſtinkt der Waldgängerin ließ ſie bald hier, bald dort eine Lagerſtätte für die Nacht entdecken. In dieſer Wüſtheit und Traurigkeit verdüſterte ſich ihr Geiſt. Die letztvergangene Nacht hatte ſie in einem Schuppen am Ausgang des Tuileriengartens zugebracht, in dem die Gärtnerburſchen ihre Geräthſchaften aufzubewahren pflegten. Seit dem dämmernden Morgen ſchlich ſie unſtät umher. Da trafen deutſche Worte ihr Ohr; 54 ſie lauſchte. Iſt es ein Wunder? Sie erkannte Egbert, ihren Herrn, ihren Retter und Beſchützer! Zuſammen⸗ gekauert blieb ſie in ſeiner Nähe; aus Scham und Verzagtheit wagte ſie nicht ſich ihm zu nahen, auch fürchtete ſie, die Erſcheinung möchte, von ihr berührt, in leere Luft zerfließen. Erſt wollte ſie die Entfernung des Grafen ab⸗ warten, dann erſchrak ſie vor der ſchönen Dame. Der Name Vittorio Zambelli, der vor ihr ausgeſprochen wurde, zerrüttete vollends ihren Verſtand. Nun fährt ſie nach dem Hospital in der Rue Taranne, gegenüber der Wohnung Benjamin Bourdon's. Wie ein Kind ruht ſie beſinnungslos auf dem Schooß einer Frau, die Egbert zu dieſem Dienſt vermocht hat. Er ſelbſt ſitzt auf dem Rückſitz, aber ihre ſtarren glä⸗ ſernen Augen erkennen ihren Engel nicht. — Zweites Kapitel. „So, hier ſind Sie ſicher, können genau den Gang unſerer Unterredung verfolgen und im geeigneten Augen⸗ blick hervortreten. Wir ſpielen eine Komödie; da es ſich aber um eine Schauſpielerin handelt, wird ſie nicht böſe darüber ſein. Es ereignet ſich nun in Wilklich⸗ keit, was ſie oft auf der Bühne geſehen und ausgeführt hat. Und die Frage iſt noch, ob das Leben wirklicher iſt als die Kunſt. Ich für meinen Theil wünſchte, das Leben wäre nur halb ſo harmoniſch wie das ſchlechteſte Trauerſpiel.“ Mit dieſen Worten führte Benjamin Magdalene und den Grafen in ſeine Bibliothek, die dicht neben dem grünen Zimmer mit dem Meduſenkopf über dem Spiegel lag. Die Gefangenſchaft im Thurm zu Vincennes hatte 56 ſeinem feingeſchnittenen Geſicht einige vorzeitige Run⸗ zeln eingegraben; ſonſt war er auch ſeinem Ausſehen nach der Alte geblieben. Während er dem Grafen gegenüber zurückhielt und ſich hinter Ernſt und Förmlichkeit verſchanzte, thaute ſein Herz vor Magdalenens Freundlichkeit auf. Es war nicht allein die Verlobte des Freundes, die ihn rührte, er fühlte etwas wie einen Zug der Wahlver⸗ wandtſchaft zwiſchen ſich und Magdalenen. Nach ſeiner Anſicht hatte ſie nicht weniger als er von den Ariſto⸗ kraten zu leiden gehabt; thörichte Vorurtheile hatten ihr die Stellung verweigert, die ihr nach natürlichem Rechte zukam. „Wenn es in dieſer unvollkommenen Welteinrich⸗ tung einmal verſchiedene Stände geben muß“, pflegte er zu Egbert zu ſagen,„würde ſie nicht beſſer und wür⸗ diger den Platz einer Edeldame ausfüllen als die Mar⸗ quiſe von Gondreville? Sie wäre eine Freundin der Armen, ohne Prunk und Eitelkeit, ein Vorbild der Tugend, während jene—“ 4 Er verſchluckte den Schluß ſeines Satzes, um den Freund nicht zu kränken. Wenn er jetzt ſo leicht darein gewilligt, bei der Verſöhnung des Grafen mit der Sängerin mitzuwirken, ſo war es ebenſo wohl aus Freundſchaft für die Ver⸗ lobten als aus dem Vergnügen geſchehen, einem Ade⸗ ligen eine Demüthigung zu bereiten. In ſeiner gewandten und verbindlichen Weiſe ſuchte der Graf den Zwang, der in Erwartung der nächſten Stunde auf allen laſtete, durch ein flüchtiges Geſpräch zu heben. Er bewunderte die erleſene Bücher⸗ ſammlung, die Ordnung, die darin herrſchte. Egbert, der auf der Schwelle zu dem grünen Zim⸗ mer ſtehen geblieben war, half ihm nach Kräften, aber die Spannung der Gemüther war doch zu groß. Magdalene wollte vor allem wiſſen, wie es der braunen Chriſtel erginge. Zu der Entwicklung ihres eigenen Geſchicks geſellte ſich nun noch ein fremdes, um ihr Sorge und Unruhe zu machen Aus dem Hospital zurückgekehrt, nachdem er die Kranke den Händen Benjamin's übergeben, hatte Egbert Magdalenen und dem Grafen die Vorfälle im Tui⸗ leriengarten erzählt. Bei der Kunde, daß der Kaiſer Antoinette mit dem Marcheſe Zambelli verheirathen wolle, war Wolfsegg zuſammengefahren, aber er hatte kein Wort geäußert. Für Magdalenens mitleidiges Herz war das traurige Los des armen Mädchens, um deſſen Bildung und Glück ſie ſich ſo lange bemüht, eine erſchütternde Mahnung an die Unzulänglichkeit des Irdiſchen. Benjamin konnte ihr jetzt auf ihre Frage 58 nichts Tröſtliches mittheilen. Chriſtel's Seele war um⸗ nachtet, ihre körperliche Kraft durch Hunger und Elend, durch ihre abenteuerlichen Irrfahrten und Nachtwachen erſchöpft. „Und keine Strafe“, ſetzte er bitter hinzu,„trifft den Verführer des beklagenswerthen Geſchöpfs. Weder für den Mord meines Vaters, noch für ihre Noth gibt es eine Sühne. Im Kampfe gegen Liſt und Gewalt ſind die ſtrengſten Geſetze ohnmächtig.“ „Ich kann und mag noch immer nicht glauben“, erwiderte Egbert,„daß der Kaiſer einen Mann nicht fallen laſſen ſollte, gegen den ſolche Anklagen ſich rich ten. Es gilt nur, ihn über den Charakter Zambelli's aufzuklären.“ Wolfsegg ſchüttelte den Kopf. „Wie in allen Dingen, wird ſich der Kaiſer auch in dieſer Sache einzig von ſeinem Vortheil beſtimmen laſſen; verſpricht er ſich noch Großes von Zambelli's Dienſten, ſo wird er ihn halten; hat er ihn ausgepreßt, wird er ſchnell die Gelegenheit benutzen, ihn wegzu⸗ werfen.“ „Der Schlechte läßt nicht von dem Schlechten, der Tyrann braucht den Mörder“, ſchloß ſich ihm Bourdon an.„Und diejenigen irren, welche meinen, Napoleon werde jetzt an der Seite einer fürſtlichen Gattin auf 59 ſeinen Lorbeeren ausruhen. Nach kurzer Raſt wird er ſich wieder aufs Pferd ſetzen. Nur wenn er in den Krieg reitet, iſt er geſund. Im Frieden würde er dick „werden wie Vitellius und an der Fettſucht ſterben. Unſere gute Freundin aus Malmaiſon, Frau Lenor⸗ mand, hat den Zuſammenhang zwiſchen ſeiner Leibes⸗ beſchaffenheit und ſeinen geiſtigen Anlagen ganz richtig erkannt und danach ihre Prophezeiung eingerichtet.“ „Eine Prophezeiung?“ fragte Egbert.„Laſſen Sie uns hören. Da ſo merkwürdig eingetroffen iſt, was die ſeltſame Frau mir vorausgeſagt—“ „Haben Sie Vertrauen zu der Sibylle gefaßt? Aber bisher iſt doch nur die Hälfte in Erfüllung ge⸗ gangen.“ „Die Hälfte? Haben Sie ſo genau im Gedächtniß behalten, was ſie mir an jenem Abend verhieß?“ „Die Feuersbrunſt, in der die Kaiſerin Joſephine—“ „Eine Feuersbrunſt?“ fragte der Graf.„Wie wun⸗ derlich! Mir ſchwebt beinahe beſtändig, im Wachen wie im Traum, die Glut und der Rauch eines großen Feuers, das uns alle umfängt, unheimlich vor.“ „Die Weiſſagung hat ihre Spitze ſchon verloren“, bemerkte Benjamin.„Damals wurde das Orakel der Karten durch die Ankunft des Kaiſers unterbrochen und blieb darum doppelt dunkel. Mir aber ſchien es, 60 als ſollte die Kaiſerin Joſephine aus Feuersgefahr von unſerm jungen Freunde gerettet werden. Aber Jo⸗ ſephine iſt nicht mehr Kaiſerin.“ „Dafür“, entgegnete Wolfsegg,„haben Sie jett. eine andere. Wenn die Kartenſchlägerin dieſe gemeint— „Schwerlich, obgleich in der letzten Prophezeiung der Lenormand die öſterreichiſche Prinzeſſin eine Rolle ſpielte und auch das Feuer.“ „Ich habe ein Grauen vor dieſem Feſte des Fürſten Schwarzenberg“, fuhr Wolfsegg fort.„Ich weiß nicht, welch ein Schrecken mir dort vorbehalten iſt, aber könnte ich es vermeiden, ich ginge nicht dorthin.“ „Aber wir hindern mit unſern Einwänden Herrn Bourdon, ſeine Geſchichte zu vollenden!“ ſagte Magda⸗ lene, der ſelbſt das Herz in banger Erwartung klopfte, in der Hoffnung, daß die merkwürdige Mittheilung die Gedanken von dem Nächſten abwenden würde. „Ich habe meine Kenntniß aus beſter Quelle“, er⸗ zählte Bourdon;„Desronais iſt mein Gewährsmann, er war Ohrenzeuge. Im December des vergangenen Jahres hatte ſich des Abends bei der Frau Lenormand eine ſehr vornehme Geſellſchaft zuſammengefunden: einige Damen des kaiſerlichen Hofes, die altadeligen Familien angehörten, ein paar ehemaliger Grafen und Marquis, alle begierig, weniger die Zukunft Frankreichs 61 als die eigene aus den Karten zu erfahren. Die bevor⸗ ſtehende Scheidung des Kaiſers von Joſephinen, die Wahl, die er unter den Prinzeſſinnen Europas treffen, ob ihm die neue Gemahlin einen Erben ſchenken würde: dieſe Dinge bewegten den Hof und die Stadt. Unter den Eingeladenen war nur eine fragwürdige Perſön⸗ lichkeit: Desronais; aber von Fouché geſchickt, um Alles zu beobachten, konnte er nicht zurückgewieſen werden. Dicht in ſeinen Mantel gewickelt, hielt er ſich beſcheiden in einem Winkel des weiten Zimmers, fern von dem Tiſch, auf dem die Sibylle die verhängnißvollen Karten ausbreitete. Wie gewöhnlich verlief der Anfang in der bekannten theatraliſchen nichtsſagenden Weiſe, mit der die kluge Frau ihre Zuhörer zuerſt langweilt, dann ermüdet und einſpinnt. Allmälig gewannen die Karten⸗ geiſter Macht über ſie, ihre Stimme ward dumpfer, ihre Bewegungen krampfhafter. In dieſem Zuſtand hat ſie die Heirath mit der Erzherzogin, die Geburt eines kaiſerlichen Prinzen, einen Krieg mit Rußland geweiſſagt. Die guten Damen waren ſchon über dieſe Einblicke in die Zukunft erſtaunt, aber einen politiſchen, mit den ſchwebenden Unterhandlungen und der allge⸗ meinen Lage der Dinge vertrauten Mann wie Desro⸗ nais überraſchten ſie nicht. Plötzlich aber zuckte die Lenormand zuſammen.„Der Kaiſer“, ſprach ſie mit 62 unſicherer, zitternder Stimme,„dringt immer weiter vor, über große Flüſſe, durch öde Haiden und Steppen, eine große Stadt fällt in ſeine Gewalt; ſchon rühmt er ſich hier der Herr der Welt zu ſein, da bricht ein gewaltiges, unermeßliches, nicht zu ſtillendes Feuer aus. Es verzehrt die Stadt, ſeine Hülfsquellen, er muß den Rückzug antreten. An ſeine Ferſen heftet ſich der Feind, der Rückzug artet in ſchimpfliche Flucht aus. Ich ſehe alle Völker und alle Könige Europas ſich gegen ihn erheben, die furchtbare Sündflut ſchwillt und ſchwillt, ſie überwältigt ſeine Heere, ſie wälzt ſich über die Grenzen Frankreichs, Völker vom Kaukaſus und vom Ural tummeln ihre Roſſe auf den Plätzen von Paris, auf einer einſamen Inſel im Ocean ent⸗ ſchwindet der Kaiſer geſtürzt und geächtet den Blicken der Menſchen.“ Sie können ſich den Eindruck dieſer ſchaurigen Worte vorſtellen. Alles floh auseinander; man verwünſchte, einer ſolchen Scene beigewohnt zu haben, und empfand doch ein grauſiges Vergnügen über die Weiſſagung der Sibylle. Man hielt ſie für ein⸗ geweiht in die Geheimniſſe der Schickſalsmächte. Wie mir Desronais bekannte, hat er ſelbſt tagelang den Eindruck nicht verwinden können und noch jetzt, bei der Erinnerung daran, iſt er ergriffen. Die Lenor⸗ mand hatte ohne Befinnung, in der Gewalt eines Traum⸗ 63 geſichts, wie unter magnetiſcher Einwirkung geſprochen; bei vollem Verſtande wäre es das Unterfangen einer Tollhäuslerin geweſen, ſich in ſolchen Orakelſprüchen zu ergehen. Desronais erſtattete einen Bericht, der ſich in all⸗ gemeinen Redensarten bewegte und nur behutſam die Kataſtrophe andeutete, welche die Karten verkündigt. Er rechnete dabei auf das Schweigen derer, die zu⸗ gegen geweſen. Aber entweder waren derſelben zu viel geweſen, oder der Drang, ſo große Dinge mit halben Worten in düſterem Ton vertrauten Freunden zuzuflüſtern, zu mächtig: wenige Tage nach der Ver⸗ ſammlung wußte der Kaiſer das Vorgefallene. Er begnügte ſich damit, die Lenormand aus Paris zu ver⸗ bannen; ſie theilt daſſelbe Loos mit der Frau von Staöl und wird vermuthlich durch den Haß des Imperators berühmter werden als durch ihre Prophezeiungen. Weder Wolfsegg noch Egbert und Magdalene wollten indeß ſo wegwerfend über die eigenthümliche Frau urtheilen; von der Geſchichte Benjamin's waren ſie nicht wenig betroffen. Die Zuverſicht, die ſie im Innerſten nährten, daß die Herrſchaft Napoleon's jäh⸗ lings zuſammenſtürzen würde, erhielt durch dieſe Weiſ⸗ ſagungen eine neue Kraft. Hatte doch der Glaube an Deutſchlands Errettung und Befreiung ſeit der Schlacht von Aspern bei ſchwärmeriſchen Frauen und Jüng⸗ lingen myſtiſche Formen angenommen und äußerte ſich in Träumen und Viſionen, die ſelbſt von den Ungläu⸗ bigen mit Ehrfurcht behandelt wurden. Ohne ein Wunder, ohne ein ſichtbares Eingreifen der Gottheit ſchien eine Wandlung der Dinge unmöglich zu ſein. Die unſichtbare Macht aber liebt es, ſich vorher in Zeichen anzukündigen, ehe ſie ihren Arm aus den Wol⸗ ken ſtreckt; in Zeichen, die den Gewaltigen, dem der Zorn Gottes gilt, nicht aufklären, ſondern ihnt tiefer in Schuld und Verderben locken. Von dieſer feierlich ernſten Stimmung ſeiner deut⸗ ſchen Gäſte war der nüchterne und kauſtiſche Arzt frei. Nicht als eine Eingebung des Unbewußten, ſondern als zufällige, gegenſtandsloſe Thorheiten einer aufge⸗ regten Frau, welche, an die Wirklichkeit anknüpfend, ihre Phantaſie ins Grenzenloſe ſchweifen läßt, betrachtete er die Prophezeiung der Lenormand mit dem ironiſchen Lächeln des Verſtandes. Noch tauſchten ſie gegenſeitig ihre Anſichten dar⸗ über aus, als an der Klingel gezogen ward. „Die Entſcheidung iſt da“, ſagte Benjamin.„Ich fühle mich wohler in der Welt der Thatſachen, wie rauh ſie auch ſein mag, als in dem Reich der Träume. Nur Muth, meine kleine Freundin! Die Tochter wird 65 das Herz der Mutter ſchon erobern, wenn dieſe Mutter auch eine Löwin der Revolution war.“ Eine Minute ſpäter war er mit Egbert in das grüne Zimmer zurückgegangen. Magdalene und der Graf blieben allein in der Bibliothek zurück. Ueber das hohe Dach des gegenüberliegenden Hospitals irrten letzte röthliche Strahlen der Juniſonne hin; ein matter Schein erfüllte das weite Gemach und ſpielte an den langen dunklen Bücherreihen hin. „Das iſt ihre Stimme“, ſagte der Graf, in Ge⸗ danken verloren, als Athenais mit einem lauten:„Guten Abend, Herr Bourdon!“ in das Nebengemach trat. Er ſaß in einem Lehnſtuhl, vergrämten Geſichts; Mag⸗ dalene ſtand neben ihm und hatte ihre Hand auf ſeine Schulter gelegt. „Sie haben eine eigene Weiſe, Ihre Freunde zu behandeln, lieber Bourdon“, fuhr indeſſen die Sängerin raſch und munter fort.„Sie laſſen ſich von den Da⸗ men Beſuche machen. Mir thut es nichts, ich könnte Ihre ältere Schweſter ſein, und Sie haben ein Recht, von mir zu verlangen, was Ihnen beliebt, Sie ſind mein Lebensretter. Aber Ihre Einladung hatte einen ſo ſeltſamen Beigeſchmack, als ob mir eine Ueberraſchung vorbereitet würde.“ „Die habe ich Ihnen auch vorbehalten, Mademoi⸗ Frenzel, Lucifer. V. 5 66 ſelle, und ſie ſteht in der Geſtalt des Herrn Egbert Heimwald leibhaftig vor Ihnen.“ Dabei führte er ihr den blonden Egbert zu, der bisher in der Thürniſche, die nach der Bibliothek ſich⸗ öffnete, geſtanden.— In ihrer lebhaften und um die Form unbeküm⸗ merten Art, die durch ihre Natürlichkeit und Herzlich⸗ keit mit dem Mangel an Feinheit und Schiellichkeit verſöhnte, eilte die Sängerin mit offenen Armen auf Egbert zu und ſchloß ihn an ihre Bruſt. „Sind Sie wieder in Paris? Das iſt ſchön! Ich⸗ habe Ihnen lange gezürnt, daß Sie mich vor einem Jahre ſo ohne Abſchied verlaſſen und mir während der ganzen Zeit auch nicht die kleinſte Mittheilung gemacht haben. Keines, trotz der ſchrecklichen Dinge, die Sie in Ihrem Lande zu überſtehen hatten. Dieſer Napoleon iſt ein Ungeheuer; wir ſind unter uns, und Eulen und Meduſen plaudern nicht. In der Schreckenszeit, nicht wahr, Bourdon, da wußte man doch, was es galt, warum man tödtete! Die ſchändlichen Ariſtokraten, die Treuloſen, die Verräther“— im Nebenzimmer lächelte Wolfsegg mitten in ſeinem Gram bitter und ironiſch —„es war ihnen ſchon recht, daß man ſie einſperrte und ihnen die Köpfe abſchlug! Aber die Schlachten dieſes Tyrannen haben keinen Zweck, ſie werden lang⸗ 67 weilig. Ach, Bourdon, wir ſind ſchön aus dem Regen in die Traufe gekommen. Und nun haben wir noch, Ende gut, Alles gut, eine neue Marie Antoinette als Morgengabe dieſes Kriegs erhalten!“ „Sie müſſen ihr nicht böſe ſein“, begütigte Ben⸗ jamin zu Egbert gewandt,„wenn Mademoiſelle Dechamps die Oeſterreicherin ſchilt, ſie iſt eine treue Anhängerin Joſephinens.“ „Ja, Joſephine war eine Frau nach meinem Ge⸗ ſchmack, zärtlich, leidenſchaftlich, wohlwollend, nicht kalt und ſpröde; ſie war auch einmal jung geweſen wie andere Menſchenkinder—“ „Und ein wenig abergläubiſch“, neckte Benjamin. „Warum nicht? Ich bin auch abergläubiſch. Als ich unſern blonden Joſeph da zuerſt im Tutlerien⸗ garten erblickte, ſagte mir gleich etwas in ſeinen Mie⸗ nen, der wird dir Glück bringen. Lachen Sie doch nicht, Bourdon! Es kommt ja keine Liebesgeſchichte Ich haßte bis dahin alle Oeſterreicher, alle ohne Aus⸗ nahme und einen vor allen! Unſer Freund hat mich zur Hälfte bekehrt.“ „Vielleicht bekehre ich Sie noch ganz“, meinte Eg⸗ bert doppelſinnig. Ihre ſchwarzen Augen blitzten, aber ſie antwortete nicht darauf, ſondern nahm ihre frühere Rede auf. 5* 68 „Abergläubiſch! Freilich, ich würde zum Beiſpiel hier nicht wohnen. Das Hospital drüben erregt mir Schauder und Herzweh, wenn ich daran vorüberfahre. Und von dieſem Fenſter ſieht man gar in den Hof hinein. Wie wüſt und traurig! Ich möchte nicht dort ſein, nicht einmal als Todte. An Ihrer Stelle, Bour⸗ don, könnte ich keine Nacht ſchlafen, immer würde ich fürchten, um Mitternacht von Geſpenſtern erweckt zu werden. Jeder fallende Ziegelſtein, jedes Knarren der Thür würde für mich eine Bedeutung haben. Und wenn ich nun gar eine ſo merkwürdige Kranke drüben wüßte—“ „Welche Kranke?“ „Verſtellen Sie ſich doch nicht! Sie ſollten von der Kranken nichts wiſſen, die heute in früher Morgen⸗ ſtunde von einem jungen Fremden in das Hospital gebracht ward? Oder hätte man ſie Ihnen nicht ge⸗ zeigt? Ganz Paris ſpricht davon.“ „Was ſpricht man denn?“ Benjamin gab Egbert einen Wink, ſich nicht zu verrathen. Und Egbert ſchwieg um ſo lieber, da alle ſeine Gedanken bei Magdalenen in der Bibliothek waren und er nicht ohne Unruhe das Geſpräch ſich immer weiter von dem eigentlichen Zielpunkt entfernen und ſo die Qual der Erwartung für die Lauſchenden ſich endlos verlängern ſah. d 69 „Liebſter Bourdon, wie vermöchte ich Ihnen nur ein Zehntheil der Gerüchte zu erzählen, die Paris durch⸗ ſchwirren! Eine Bettlerin, eine Straßenſängerin iſt das Tagesgeſpräch geworden. Eine unerhörte Geſchichte! Sie ſoll im Tuileriengarten eine vornehme Dame an⸗ gefallen haben. Warum? Das alte Lied! Ein reicher Mann hat das arme Ding verführt und es der Dame wegen im Elend verlaſſen.“ „Und das iſt Alles?“ „Nein, beſter Freund. Darum thäte ich den Mund nicht auf. An dieſem Abgrund bin ich ſelbſt vorbeige⸗ gangen, und iſt man vorüber, lacht man über ſeine eigene Verzweiflung und über die Närrinnen, die hin⸗ einſtürzen. Sie iſt die erſte nicht und, was noch ſchlimmer, ſie wird auch nicht die letzte ſein. Das Schickſal verfügt wie der Tragödiendichter nur über eine geringe Anzahl von Leidenſchaften und Ausgängen, es wiederholt ſich beſtändig. Der Reiz der Geſchichte liegt in ihren Beziehungen nach allen Seiten. Die Bettlerin ſoll um eine verbrecheriſche That ihres frühern Liebhabers wiſſen.“ „Im Ernſt?“ „Man ziſchelt es ſich in die Ohren; vielleicht lügt man. Eins aber iſt gewiß, Mademoiſelle Mars hat es mir auf dem Boulevard erzählt, und ſie kann es 70 wiſſen, denn ſie haßt jene Dame, die Marquiſe von Gondreville— warum lachen Sie, Bourdon, und zwin⸗ gen dadurch unſern Freund zum Erröthen? Der Kaiſer hat jenen Vorfall mit angeſehen.“ „Der Kaiſer?“ fuhr Egbert heraus. „Ja, der Kaiſer. Entweder aus dem kleinen Hof⸗ garten oder von einem Fenſter des Schloſſes aus. Aber ach! was hab' ich da geplaudert! Sie kennen die Dame, um die es ſich handelt, mein theurer Freund. Wahr⸗ lich, Herr Heimwald, ich wollte Sie nicht kränken. Allein es iſt nicht anders, die vornehmen Damen, auch wenn ſie Herzoginnen und Marquiſen heißen, ſind nicht beſſer als wir Künſtlerinnen. Im Gegentheil, ihre Chronik iſt reicher als die unſerige.“ Ein Seußzer zitterte leiſe im Gemach nach. Un⸗ willkürlich war er der gepreßten Bruſt des Grafen entſchlüpft. Der Name ſeiner Nichte, der Name Gon⸗ dreville⸗Wolfsegg in dem Munde der Schauſpielerinnen, der Müßiggänger und Schwätzer der Boulevards! Er mochte ſich für einen der freiſinnigſten Männer, für einen halben Jakobiner halten, über dieſen Punkt kam der Ariſtokrat nicht hinweg. Athenais ſtutzte, als ſie den leiſen Aufſchrei ver⸗ nahm, und wendete ihr Geſicht der Richtung zu, aus welcher der Ton gekommen. 741 „Was war das?“, „Ein Aeolsharfenklang“, ſagte Benjamin und ſetzte mit ſchneller Geiſtesgegenwart, ohne ihr Zeit zur Ueber⸗ legung und zu einer Antwort zu laſſen, hinzu:„Das Gerücht hat übertrieben, Mademoiſelle. Ich kenne die Kranke und Herr Heimwald kennt ſie auch.“ „Herr Heimwald?“ „Er iſt der Fremde, der ſie nach dem Hospital gebracht hat, und nicht einer mitleidigen Regung nach⸗ gebend, ſondern einer Pflicht folgend. Jene Unglück⸗ liche iſt eine Landsmännin von ihm, aus Wien, die ſich von einem franzöſiſchen Offizier hat verlocken laſſen und mit ihm nach Paris gegangen iſt.“ „Aus Wien?“ Ein Zucken durchfuhr den Körper der Sängerin, als liefe ein elektriſcher Schlag vom Scheitel bis zur Sohle durch ſie hin. „Ja, noch mehr“, fuhr Benjamin unerbittlich fort, „ein armes Mädchen aus Herrn Heimwald's Hauſe.“ „Aus Ihrem Hauſe? Ich beſchwöre Sie, mein Herr, iſt es wahr? Oder treibt Bourdon nur ein ſchänd⸗ liches Spiel mit meiner Angſt?“ Ihre Augen waren weit aus ihren Höhlen her⸗ ausgetreten und ihre Stimme bebte unheimlich. „Bourdon redet die Wahrheit, Madame. Ein 72 armes wildfremdes Kind, das ich aufgenommen hatte, das ich mir und meinen Hausgenoſſen treu ergeben glaubte. Nun hat ſie mich doch, zu ihrem eigenen Ver⸗ derben, getäuſcht. Aber ich ahne nicht, welche Be⸗ ziehung, welche Empfindung außer der einer allgemei⸗ nen menſchlichen Rührung Sie beſchleichen kann.“ Er warf Benjamin einen mißbilligenden Blick zu. Die Abſicht des Arztes war leicht zu durchſchauen, Athenais in eine ſolche Aufregung wegen ihrer Tochter zu verſetzen, indem er durchſchimmern ließ, jene Un⸗ glückliche könne ſie ſein, daß Magdalenens Erſcheinen die gequälte Mutter in einen Freudenrauſch ſtürzen mußte. Die Nähe ihres Kindes, die Gewißheit ſeiner Unſchuld und ſeines Glückes würden dann jede Er⸗ örterung, ſelbſt den Zorn gegen den ehemals Geliebten betäuben und erſticken. Aber Egbert widerſtrebte die Grauſamkeit dieſer Löſung. Er vertraute der Reinheit und Schönheit ſeiner Verlobten, der unverfälſchten Natur in Athenais' Herzen, die leichter und ſanfter als jeder klug erſon⸗ nene Plan der Männer die Verwicklung entwirren müßten. Zum Unglück hatte Athenais den Blick, den er mit Bourdon austauſchte, aufgefangen und deutete ihn in ihrer Leidenſchaftlichkeit anders, als er gemeint war. 73 „Sie verſchweigen mir ein Geheimniß“, ſagte ſie zwiſchen Heftigkeit und Bitte,„Sie hintergehen mich. Ich habe Beſſeres von Ihrer Freundſchaft erwartet, Herr Heimwald. O, ich habe jene entſetzliche Geſchichte nicht vergeſſen, die mich vor einem Jahre ſo elend ge⸗ macht hat. Noch zittern alle Nerven in mir. Ein Name wurde genannt, eine Geſtalt tauchte vor mir auf, aus dem trüben Nebel und Dunſt einer ſchuldvollen Ver⸗ gangenheit, ſo weiß und ſchimmernd wie ein Engel! Auf roſigen Wolken ſchwebte die holde Erſcheinung, Troſt und Frieden in ihren Zügen, immer näher mir zu. Aber die Buben ſchleuderten Staub und Schmuz und Steine nach ihr. Sie wollten ihr die Gewänder abreißen und ſie auf die Straße herabziehen, einer vor allen— ah, hättet Ihr mich damals ihn mit meinen Händen erdroſſeln laſſen! Was drängtet Ihr Euch zwiſchen mich und ihn? Er hat mir meinen Engel entführt. Als ich hörte, daß er in Ihrem Schutze war, Egbert, hoffte ich— was hofft ein thörichtes Frauen⸗ herz nicht für ſein Geliebteſtes! Nun iſt Alles aus! Laſſen Sie mich zu Ihrer Kranken, Bourdon, an ihrem Lager iſt mein Platz; Tag und Nacht will ich ſie be⸗ wachen und behüten. Ueber den Verluſt ihres treuloſen Verführers wird ſie das Wiederfinden ihrer Mutter tröſten. Ich habe ihr ſchon Alles vergeben, ſie hat 74 nicht mehr geſündigt als ich. Hab' ich ein Recht zur Klage und zum Vorwurf? Eilen Sie doch, Bourdon! Sie ſtöhnt vielleicht in bitterſten Schmerzen, Miethlinge ſind bei ihr; jeder Augenblick, den ich fern von ihr verſäume, laſtet wie eine Schuld auf mir. Was iſt das? Ein Seufzen, ein Weinen— wieder Ihre Aeols⸗ harfe, Bourdon? Nein, Sie haben die Kranke bei ſich, in jenem Gemache— halten Sie mich nicht auf! Ich komme, da bin ich— Magdalene, mein Kind!“ Sie war aufgeſprungen. Trotz der wilden Be⸗ wegung beſaß ihr Antlitz einen Ausdruck rührender Schönheit. Ihre großen kräftigen Züge verklärten Angſt und Liebe mit einem Schimmer von Sanftmuth; es war zugleich etwas Entſagendes und Erhabenes in ihr. 1 In dieſem Augenblick wurde die Thür, auf die ſie zueilte, von innen geöffnet. „Mutter! Meine Mutter!“ rief Magdalene. Vor dem Anblick des ſchönen Mädchens hemmte Athenais den Fuß und wagte ſich nicht zu rühren. Sie ſtand mit erhobenen Armen. Ihr Herz, das ſich auf Jammer und Entſtellung, auf Krankheit und Elend ihres Kindes gefaßt gemacht, vermochte den jähen Um⸗ ſchlag ihrer Hoffnung nicht für wahr zu halten. Nicht in ihren glücklichſten Träumen hatte ſie ihre Tochter —— 75 in dieſer Kleidung, in dieſem Anſtand, von dieſem Adel des Weſens zu finden erwartet. „Meine Mutter!“ ſagte Magdalene noch einmal. „Ja, ja, Madame“, ſo trat jetzt der Graf aus dem Halbdunkel der Bibliothek in ernſter Würde und Entſchloſſenheit hervor,„es iſt Ihre, es iſt unſere Tochter Magdalene. Bewahren Sie jene Gefühle der Treue und Liebe, die Sie eben für die Unglückliche empfanden, auch der Glücklichen. Ein unentweihtes Kleinod, wie ich Ihnen das Kind entriß, gebe ich Ihnen die Jungfrau zurück. Auch ſie iſt durch eine ernſte und ſtrenge Schule gegangen. An Ihrer Seite wäre ſie viel⸗ leicht eine Künſtlerin geworden, vielleicht auch— fern ſei mir dabei jede Anklage gegen Sie— verdorben, wie die Arme, von der Sie vorhin erzählten. Unter meiner Obhut hat ihr kein beſonderer Stern geleuchtet. Wie Sie Magdalene da ſehen, iſt ſie ein deutſches, be⸗ ſcheidenes, gutes Bürgermädchen. Laſſen Sie mich noch wenige Worte hinzufügen, Athenais. Wohl bricht manche Blüte nach einem Gewitterſturm auf, manches Talent entwickelt und entfaltet ſich im Drang und in der Noth widriger Umſtände; Sie ſelbſt ſind uns ein Beiſpiel dafür. Aber nicht auf ſolche Möglichkeiten kann man die Erziehung eines Mädchens bauen, nicht auf einen Gewinn rechnen, den man aus einem Topf voll tauſend Nieten zieht. Auf beſſern Grundlagen wollte ich meines Kindes Zukunft errichten. Vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen damals wehe thun mußte, Athenais. Noch heute ſind meine Grundſätze dieſelben. Nur in einer mittlern Lebensſtellung liegt ein dauern⸗ des Glück. Außerhalb dieſes Kreiſes, in glänzendern, aber unregelmäßigen Bahnen ziehen der Künſtler und der Imperator dahin. Vor dieſer Größe, wie vor dem Fall, der ihr beſtändig droht, habe ich Magdalene be⸗ wahrt. Es gibt keine Mutter, die ſich dieſer Tochter nicht freute und rühmte. Ein junger Mann, mit dem ſie die ſchönſten Jugendjahre gemeinſam verlebt hat, den Sie achten, wie ich ihn lieben gelernt habe, gibt ihr ſein Herz und ſeinen Namen. Das iſt keine Liebe, wie die unſerige es war, es iſt eine deutſche Liebe, keine ſtürmiſche, aber eine feſthaltende Neigung. Vereinigen Sie Ihre Bitte mit der meinigen, Egbert, um das ſchwergekränkte Herz der Mutter und der Künſtlerin zu verſöhnen.“ Er hatte mit ſo edlem Anſtand, in ſo gehaltener Männlichkeit geſprochen, daß ſelbſt Benjamin, der Ariſto⸗ kratenfeind, nicht umhin konnte, durch ein Nicken mit dem Kopfe ſeine Billigung auszudrücken. Gerade das Einfache und Schmuckloſe der Worte des Grafen machte den tiefſten Eindruck; gleich fern 77 waren ſie der Ueberhebung wie der Anklage geblieben. Und wie er nun Magdalenens Hand ergriff, Egbert ſeiner Verlobten zur Seite trat, hatte die Gruppe dieſer drei etwas ſo Freies, Anmuthiges und Ergreifendes, daß Athenais keine andere Erwiderung fand, als den rechten Arm um Magdalenens Leib zu ſchlingen und die Linke nach Egbert auszuſtrecken. „Klytämneſtra und Iphigenie“, lachte Benjamin, um mit einem poetiſchen Bilde den Vorgang zu ſchließen und die hochwallenden Wogen der Empfindung in ein breiteres und ebeneres Bett zu leiten.„Achill wird zu⸗ gelaſſen, Agamemnon ſteht wie bei allen Poeten zur Seite.“ „Meine Tochter!“ jauchzte darüber Athenais.„Wie ſchön biſt Du! Und Du kommſt zu mir? Du ſchämſt Dich Deiner Mutter nicht?“ „Ich wollte mein Glück nur aus Ihrer Hand, nur mit Ihrem Segen empfangen“, ſagte Magdalene, die ſich trotz alledem vor der leidenſchaftlichen Heftig⸗ keit der Sängerin fürchtete.„Aber Sie dürfen auch meinem Vater nicht mehr zürnen.“ „Sie zürnt mir nicht mehr“, entgegnete Wolfsegg. „Ihre Hand, Athenais! Das waren tolle und doch ſchöne Tage, die wir mit einander durchſchwärmt. Wie könnten wir ſie vergeſſen, auch wenn wir wollten! Ein 78 Morgen, aus dem nun Mittag geworden iſt; wohl uns, daß wir uns noch vor dem Abend wiedergeſehen haben.“ „Ulrich!“ Die Sängerin ließ ihre Tochter los und reichte dem einft geliebten Mann beide Hände hin. „Mit dem Herzen iſt es doch nichts mehr, da neh⸗ men Sie die verſchlungenen Hände als Symbyl der Freundſchaft!“. Und den Kopf nach Benjamin wendend, ſagte ſie: „Agamemnon! Jawohl, ſolch ein Tyrann war er immer; man mußte ſich vor ihm beugen. Damals habe ich im Stillen oft gedacht: Es iſt gut, daß wir keine Deutſchen ſind. Mit zwei Dutzend Edelleuten wie dieſer trotzige Graf da, glauben Sie nicht, Bour⸗ don, unſere Revolution hätte die Partie verloren?“ „Vielleicht wären wir mit ſolchen Herren zu einer Republik Waſhington's gekommen“, meinte Benjamin; „ſo ſind wir im Cäſarenthum ſtecken geblieben.“ Der Diener zündete die Kerzen an; in dem Aus⸗ tauſch von Erzählungen und Mittheilungen, die nur je zuweilen von einem Freudenausbruch der Sängerin über die wiedergefundene Tochter unterbrochen wurden, beruhigten ſich die Gemüther und ſtimmten ſich zu einer friedlichen Harmonie. 79 Zur ſelben Stunde, in der Dämmerung, wanderte der Marcheſe Vittorio Zambelli ruhelos und einſam in den Gängen des Gartens hinter ſeinem Hauſe auf der Chauſſee d'Antin. Wie ſeine Feinde behaupteten, war das kleine, von außen wie im Innern gleich zierliche und koſtbare Haus ſeine„Erſparniß aus dem öſter⸗ reichiſchen Kriege“. Marcheſe, Adjutant des Kaiſers, im Beſitz großer Güter, ſeinem kühnſten und leidenſchaftlichſten Wunſche, die Hand Antoinettens zu erwerben, näher als je ge⸗ kommen, fühlte ſich Zambelli auf dieſem Gipfel ſeines Glücks von einem plötzlichen Schwindel ergriffen. Er hatte an dieſem Tage keinen Dienſt im Palaſte gehabt, aber das Gerücht von jenem Zufall im Tuileriengarten war, wie zu Athenais, auch zu ihm gedrungen. Eine Bevölkerung, wie die heftige und haſtige, eitle und markloſe von Paris, die mehr von einer Auf⸗ regung zur andern zittert, als ruhig in Arbeit, in Ge⸗ danken und Genüſſen lebt, braucht beſtändig Neuig⸗ keiten, um damit zu ſpielen und ſich daran zu erhitzen. Da politiſche Gegenſtände unter der Herrſchaft Napo⸗ leon's nicht öffentlich verhandelt werden durften, blie⸗ ben der Erregtheit und Phantaſie der Pariſer nur die kleinen Vorfälle des Privatlebens, Hof⸗ und Theater⸗ anekdoten übrig. 80 Mit Zlitzesſchnelle hatte ſich darum die Geſchichte der wahnſinnigen Bettlerin verbreitet. Was den Reiz derſelben erhöhte, war die vornehme Dame, die darin mitſpielte. Mit boshaftem Gelächter flüſterte man ſich den Namen der jungen Marquiſe Antoinette von Gon⸗ dreville zu. Man gönnte ihr die peinliche Demüthigung, dieſe Scene, die ſie bloßſtellte. Die altariſtokratiſchen Damen vergaben ihr nicht, daß ſie eine Stellung am Sofe des Kaiſers angenommen; die aus der Revo⸗ lution emporgeſtiegenen haßten ſie wegen ihres Hoch⸗ muths.. Von ihren Beziehungen zu Napoleon wagte Nie⸗ mand zu ſprechen, aber ſie hatten die Mißgunſt und Eiferſucht der Mademoiſelle Mars erweckt, die ſich bis⸗ her in dieſem Punkte für unantaſtbar gehalten. Wenn der Kaiſer überall ſeine Späher hatte, ſo gab es An⸗ dere, die ihn belauſchten: Kammerdiener, denen die Kenntniß der einen oder andern Nichtigkeit in ihren eigenen und in den Augen des Publikums eine unge⸗ meine Wichtigkeit verlieh. Von ihnen hatte Mademoi⸗ ſelle Mars und durch ſie wieder das große Publikum erfahren, daß der Kaiſer unmittelbar nach jener Scene eine lange Unterhaltung mit der Marquiſe gehabt. Dieſe Mittheilungen wirkten niederſchmetternd auf den Marcheſe. Leicht konnte er das Lückenhafte der⸗ 841 ſelben ergänzen. Nicht, wie er gehofft, hatte ſich die braune Chriſtel aus Verzweiflung getödtet, war nicht in dem ungeheuren Babel den Verſuchungen zum Opfer gefallen; ſie lebte, das Graunbild ſeines Verbrechens. Durch irgend einen Zufall hatte ſie von ſeiner Werbung um die Marquiſe gehört, ſich an dieſelbe gedrängt— wer wußte, was das vor Eiferſucht raſend gewordene Mädchen gegen ihn ausgeſagt? So nahe dem Ziel und dennoch ſtürzen! Im Angeſicht des Siegespreiſes herab⸗ geſtoßen, als Raubmörder zu den Galeeren geſchleift zu werden! Wohin er taſtete, nirgends fand er Halt. Eine Weile beruhigte er ſich damit, daß der Kaiſer ihn nicht hatte vor ſich rufen laſſen. Antoinette konnte ihn vor Napoleon keines Verbrechens geziehen haben. Dann fiel ihm wieder ein, daß der Kaiſer ſich klug zu verſtellen und den Schlag, den er führen wollte, lange hinzuhalten pflegte. So hatte er ſeit ſeiner Rück⸗ kehr aus Spanien im Januar 1809 die Wetterwolke über Fouché ſchweben laſſen Erſt in dieſen Tagen war der Blitzſtrahl niedergeſchlagen. Der General Savary war zum Polizeiminiſter ernannt und Fouché ungnädig, unter dem prächtigen Titel eines Gouver⸗ neurs von Rom, in die Verbannung geſchickt worden. Aber auf eine ſo milde Entſcheidung konnte Vittorio, Frenzel, Lucifer. V. 6 im Falle der Wind ſich gegen ihn richtete, nicht rechnen. Gegen einen Fouché hatte Napoleon Rückſichten zu neh⸗ men, ihn ſtieß er mit dem Fuße fort, wie ein häßliches und gefährliches Gewürm. Was fürchteſt du denn? rief daneben der Trotz und die Verwegenheit in Vittorio's Buſen. Wird An⸗ toinette den Worten einer Wahnſinnigen Glauben ſchenken? Und iſt es ſo gewiß, daß überhaupt von mir geſprochen wurde? Können alle dieſe Einzelheiten nicht von Schwätzern und Geſchichtenträgern erfunden worden ſein? Eine Bettlerin naht ſich bittend einer Dame. Bei ihrem Anblick ſtutzt dieſe; ihr kommt das Geſicht der Armen bekannt vor. Auch in dem entſtellten blöden Antlitz der Bettlerin zuckt ein Wiedererkennen auf. Antoinette entſinnt ſich des braunen Mädchens aus dem Aurachgrunde. Als die Bettlerin mit ihrem Namen angeredet wird, ergreift ſie der Krampf, die Tob⸗ ſucht. Konnte nicht Alles in dieſer Weiſe verlaufen ſein? Vittorio wollte Gewißheit haben, noch dieſen Abend. Am nächſten Tage rief ihn der Dienſt an die Seite Napoleon's; bis dahin mußte er in dieſer Angelegen⸗ heit klar ſehen und einen Entſchluß gefaßt haben. Vielleicht lagen die Umſtände ſo, daß es für ihn das Weiſeſte war, durch ein offenes und ſchnelles Ge⸗ 83 ſtändniß jeder Anklage, jedem Vorwurf aus dem Munde des Kaiſers zuvorzukommen. In unſcheinbarer Kleidung machte er ſich auf den Weg. Er begab ſich zu den Leuten, bei denen er Chriſtel zuerſt ein Aſyl verſchafft, in der Hoffnung, von ihnen über das Geſchick und die Stimmung des Mädchens, ſeit er es verlaſſen, Genaueres zu erfahren. Von all dem Geſchwätz, das er mitanzuhören hatte, war ihm nur das Eine von Wichtigkeit, daß die Dirne niemals in Zorn und Verwünſchungen gegen ihn ausgebrochen ſei. Sollte ſie gerade zu Antoinetten ſo geredet haben? Es war unwahrſcheinlich, aber freilich waren faſt zwei Monate ſeit dem Tage vergangen, wo dieſe, Leute die braune Chriſtel aus ihrem Hauſe gewieſen hatten. Wie mochten Armuth und Elend ſie in ſo langer Friſt ver⸗ bittert und ihren Verſtand geſchwächt haben! Gedankenvoll, hin und her überlegend, ob er ſeine Schritte nach dem Hospital in der Rue Taranne oder nach dem Palaſt der Mortigny lenken ſollte, irrte er durch die Straßen. Möglich, daß Antoinette ſchon mit ihren Verwandten Rückſprache genommen; möglich, daß es ihm gelang, bis zu dem Bett Chriſtel's vorzudringen. Wenn ſie der Schreck bei ſeinem unerwarteten Er⸗ ſcheinen tödtete! Daß ihn das Verderben von dieſer Seite treffen 6* 84 würde, hatte er nie befürchtet. Nun kamen Vorwürfe über ſeine Unklugheit zu ſpät. Er hatte nur die uner⸗ trägliche Empfindung, daß Alles um ihn in einem Wirbeltanz ſich bewege und er langſam, aber unauf⸗ haltſam mitten hineingeſtoßen werde. Die Sache ſtaud auf Tod und Leben. Für ihn wie für ſeinen großen Meiſter gab es ein einziges Mittel, ſich der Feindſchaf⸗ ten und der Sorgen zu entledigen: den Tod des Geg⸗ ners. Allein ſicherer als in den Gaſſen von Paris war die Bettlerin vor ihm in dem Krankenhauſe. Ein armes Mädchen, das unter ſo ſonderbaren Umſtänden der öffentlichen Pflege anvertraut wird, erweckt auch die öffentliche Theilnahme und Neugierde. Mit den Aerzten bemühen ſich die Krankenſchweſtern, die Polizei, die Zeitungen um ſie. Hier fiel ihm der Fremde ein, der die Bettlerin in ſeiner Kutſche nach dem Hospital gebracht haben ſollte. Ein Fremder war es? So ſagten die Leute Die Vermuthung lag nahe, daß es ein Deutſcher ge⸗ weſen, da Chriſtel ſich dem Landsman am beſten ver⸗ ſtändlich machen konnte und dieſer wiederum vor allen Andern Mitleid für ſie fühlen mußte. Ein Volksgedränge hemmte ſeinen Weg. Abſichts⸗ los ausſchreitend, mit allen Kräften ſeines Geiſtes in den Irrgängen der Gedanken ſich quälend und arbeitend, 85⁵ war er wieder in die Nähe ſeiner Wohnung, nach der Chauſſee d'Antin gekommen. Dort, vor dem Palaſt Monteſſon in der Straße Montblanc, ſtauten ſich die Menſchenhaufen, zumeiſt Leute aus den niedern Stän⸗ den, aber auch einige beſſer Gekleidete, die, wie er, nicht vorwärts konnten oder verweilten, weil ſie nichts zu verſäumen hatten. Wagen und Karren, mit Tapeten, Wandleuchtern, Spiegeln, Blattgewächſen und anderem Zierrath be⸗ laden, ſtanden vor dem Hofthor. Der anſehnliche und weitläufige Palaſt erhob ſich zwiſchen Hof und Garten. Er wurde jetzt von dem öſterreichiſchen Geſandten, dem Fürſten Karl von Schwarzenberg, bewohnt. Jene Wagenladungen galten dem Ballfeſt, das am erſten Juli von ihm dem Kaiſerpaar gegeben werden ſollte. So groß und ſtattlich auch die Räume ſeines Hauſes waren, für den Glanz eines ſolchen Feſtes, für den Ruhm des habsburgiſch⸗lothringiſchen Hauſes, das er vertrat, für die Zahl der Eingeladenen endlich erſchienen ſie dem Fürſten zu klein und in ihrem Schmuck zu ärmlich. Er hatte deshalb auch noch das neben⸗ liegende Haus gemiethet; überall ſtellten ſeine Baumeiſter die nöthigen Verbindungen her. Die Haupterweiterung des Raums geſchah nach der Seite des Gartens hin Hier hatte man, ſeitwärts von den Prachtſälen des 86 Hauſes, einen Theil des Gartens, der über Raſenplätze, an Blumenbeeten vorbei, zu einem kleinen Gewäſſer, nach der tiefer liegenden Mitte führte, ganz geebnet, mit Balken überdeckt und auf dieſem, aus leichtem Zimmerwerk, den rieſigen Hauptſaal aufgeſchlagen, der den Mittelpunkt des Feſtes, den eigentlichen Tanzraum bilden ſollte. Noch waren alle Arbeiter Tag und Nacht vollauf beſchäftigt. Nachdem einmal der Tag des Feſtes un⸗ widerruflich feſtgeſetzt war, ruhte die Arbeit nicht mehr. Die Baumeiſter und Tapezierer, denen ſie aufgetragen war, hatten gehofft, ſie ſchneller zu beendigen, als es nun doch, ſelbſt bei verdoppelter Anſtrengung, gehen wollte. Immer neue Schwierigkeiten boten ſich dar. Theils aus Schmeichelei, theils in der gewöhnlichen Uebertreibung der Pariſer ſprach man vor dem Fürſten von ſeinem leſchten, ſchimmernden Bau wie von einem Wunderwerke, das Alles, was die Stadt bisher an Pracht und Herrlichkeit eines Feſtes geſehen, weit übertreffen würde, und reizte ihn dadurch, ſeine Forderungen und Wünſche hinſichtlich der Ausſtattung wie der Bequem⸗ lichkeit der Anlage immer höher zu ſpannen. So von ihm angeſpornt, ſuchten die Baumeiſter und Künſtler ſich ſelbſt zu überbieten. Jeder erwartete mit dem klingenden Dank des Fürſten auch einen gnädigen —— 87 Blick des Kaiſers als Lohn ſeiner Mühen und Nacht⸗ wachen. Munter und friſch ſetzte ſich ſo die Arbeit fort, aber Aller, die dabei betheiligt waren, fing ſich all⸗ mälig eine unbeſchreibliche Unruhe zu bemächtigen an. Der Fürſt, ſonſt ſo gelaſſen und von gemeſſener Würde, trieb ungeduldig; ſeine öſterreichiſchen Landsleute, die Franzoſen, denen er die Fortſchritte des Baues zeigte, verfehlten nie, an ihr reich geſpendetes Lob den Wunſch zu knüpfen, das ſo ſchön Begonnene möchte nun auch zur rechten Stunde vollendet ſein. Die Meiſter trieben die Geſellen, die Geſellen die Handlanger. Nach dem Eifer, der alle beſeelte, zu urtheilen, galt es ein Werk für Jahrhunderte zu er⸗ richten, aber in der Ungeduld und Ueberreizung der Arbeit ſpiegelte ſich, den Meiſten unbewußt und von ihnen unempfunden, die ganze Vergänglichkeit und Nich⸗ tigkeit derſelben wieder. Niemand ſprach es aus, und doch ſchienen es die Maſſen der Arbeiter wie der Zu⸗ ſchauer dunkel zu fühlen, daß dieſer prächtige Bau im Schmuck ſeiner loſen und leichten Zierrathe die Nacht nicht überdauern würde, der er gewidmet war: wie der Feenpalaſt, den der Traum aufführt, die holde Ge⸗ urt der Nacht, bei der Morgendämmerung verſinkt. In eine der vor dem Palaſt verweilenden Gruppen 88 war Vittorio gerathen. Er brauchte nicht zu fürchten, erkannt zu werden. In dem Gewimmel verſchwand er unbeachtet wie jeder Andere: ein Atom, nichts mehr. Hin und wieder gingen die Reden, die Ausrufe, die Bemerkungen über das herannahende Feſt, das ſo große, ſo mannichfaltige Vorbereitungen erforderte. Die Volksſtimme erklärte ſich, trotz des augenſcheinlichen Vor⸗ theils, der den Arbeitern wie den Kaufleuten daraus erwuchs, gegen dieſe verſchwenderiſche Prachtentfaltung. In gleicher Ungunſt ſtand bei den Pariſern die öſter⸗ reichiſche Heirath wie das Feſt, das ſie verherrlichen ſollte. „Die Luft weht ſchwuül. Neun Uhr Abends und noch dieſe unerträgliche Hitze“, ſagte einer, den Hut abnehmend und ſich die Stirn mit einem Taſchentuch trocknend. „Die werden ſchwitzen, die da drinnen tanzen müſſen!“ „Glühend heiß ſollen die Steine und die Balken ſein. Die Werkleute müſſen ſie mit Waſſer begießen, damit kein Feuer entſteht.“ „Sei doch kein Narr! Die Oeſterreicher erfinden alle dieſe Fabeln, um mit ihrem Feſte zu prahlen, da ſie es mit ihren Siegen nicht können.“ ᷣ ——— 89 „Und mit ihrer Prinzeſſin auch nicht. Mir war die Joſephine lieber.“ „Als Frau? Danke beſtens. Der Apfel war durch viele Hände gegangen.“ „Darum war er auch verzuckert, als ihn der kleine Corporal erhielt. Es war kein ſchlechtes Geſchäft, Barras' Geliebte zu heirathen.“ „Pſt! uſt!“ machten Vorſichtigere. „Und mit ihr eine Armee als Hochzeitsgeſchenk zu erhalten.“ „Nun iſt die Armee todt und die Frau fortge⸗ ſchickt. Was wird kommen?“ „Nichts Gutes, bei der Hitze! Es ſteckt Fieber in der Luft „Ja, ein Zehrfieber Frankreichs. Ob ihn die Oeſterreicher dort unten irgendwo an der Donau wirk⸗ lich am Kragen gehabt haben?“ „Das ſind Lügen. Leſt doch die Bulletins!“ „Seht den ſeltenen Vogel! Laßt Euch auf den Boulevards ſehen, guter Freund! Einer, der an die Bulletins glaubt!“ Neue Menſchen hatten ſich in die Gruppe der Re⸗ denden gedrängt und ſie zum Theil auseinander geriſſen. „Achtung! Da kommt ein Wagen! Voll Blumen und Raſen.“ 90 „Daß ſich Gott erbarme! Ausgebrannt und ver⸗ trocknet, als ob es aus der Wüſte hergebracht würde!“ „Statt der Kerzen ſollte der Fürſt alles wohl⸗ riechende Waſſer in Paris aufkaufen laſſen, um damit ſeinen Bau zu beſprengen. Iſt das ein Staub und Dunſt!“ „Zuletzt gibt's ein Feuerwerk und ein Gewitter.“ „Es hat lange nicht geregnet. Heute früh tröpfelte es ein wenig, aber es iſt nichts daraus geworden.“ „Ich habe nichts geſpürt.“ „Im Tulleriengarten.“ „Ah, Ihr wart dort? Habt Ihr etwas von n der Geſchichte, die zwiſchen der Bettlerin und der Hofdame vorgefallen iſt, erfahren?“ „Freilich; die Dame ging mit ihrem Liebhaber ſpazieren. Da ſtürzte die Bettlerin hervor, um ihn oder ſie oder beide zu ermorden. Sie hatte ein langes Dolchmeſſer bei ſich, ſo lang— und die Spitze war vergiftet. Desronais hat ſie verhört. Ihr kennt doch Desronais? Das iſt ein Teufelskerl.“ „Unſinn!“ unterbrach ihn ein Arbeiter im blauen Kittel und ſchob ſich die Mütze aus der Stixn zurück. „Ihr irrt Euch, Meiſter. Ich war dabei. Auf dieſen meinen Armen“— und wie zum Zeugniß für die Wahr⸗ heit ſeiner Rede hob er ſeine beiden nervigen Arme 4 8 — 1 3 91 empor—„habe ich das arme Mädchen in den Wagen getragen. Sie war blutjung und leicht wie eine Feder. Dann hab' ich mich zum Kutſcher geſetzt und bin mit ihr nach dem Hospital gefahren. Da hat ſie kein Poli⸗ zeimann, ſondern der Doctor Bourdon—“ „Wer iſt das?“ „Der kleine Bucklige mit dem großen Kopf. Den kennt Jedermann aus den Vorſtädten. Ihr ſeid wohl ein Ariſtokrat, daß Ihr von dem braven Manne nichts wißt?“ „Erzählt doch weiter. Alſo Bourdon behandelt ſie. Der macht ſie wieder geſund, er hat ein Univer⸗ ſalheilmittel.“ „Ihr müßt viel Geld haben“, wendete ſich einer, der dem Arbeiter nicht zu trauen ſchien, an dieſen. „So einen halben Tag zu verſäumen!“ „Das Geld lag für mich auf der Straße“, antwor⸗ tete der Andere.„Der vornehme Fremde, der ſich der Bett⸗ lerin erbarmte, hat mir einen Napoleonsdor geſchenkt.“ „Das nenn' ich anſtändig. Ein Fremder— wie ſah er denn aus?“ „Jung und ſchlank, mit blonden Haaren. Ich denke, es war ein Deutſcher. Und die Bettlerin auch; er nannte ſie Chriſtel oder ſo ungefähr, und ſie ver⸗ ſtand es gleich.“ „Welch wunderliche Geichichte! Da heißt es die Ohren ſpitzen.“ „Ach was! Frankreich bleibt immer daſſelbe. Un⸗ ter Ludwig XV. ſteckte man die Leute, die etwas aus⸗ plaudern konnten, in die Baſtille, jetzt bringt man ſie in ein Irrenhaus. Ob man Ketten ſchleppt oder in die Zwangsjacke gepreßt wird, wo ſteckt da der Unterſchied?“ „Diesmal ſtehe ich Euch dafür, daß die Sache nicht unter den Tiſch fällt“, rief der Arbeiter, ſich in die Bruſt werfend.„Meiſter Bourdon hatte ein langes Geſpräch mit dem fremden Herrn und betrachtete ſich darauf die Kranke mit Augen— ich verſichere Euch, es war nicht zu ſpaßen mit dieſen Blicken.“ „Guckt doch einmal, wie die Straße von Wagen vollgeſtopft iſt! Nicht aus, nicht ein! Weder Arm noch Bein kann man rühren.“ „Ich prophezeie Euch ein fürihtenliches Gedränge für den erſten Juli.“ „Und der umgeworfene Karren dort, und das enge Hofthor— hm, erinnert Ihr Euch noch der Höllenmaſchine in der Straße St.⸗Nicaiſe?“ „Aber, Freund, Ihr habt verwünſcht kitzliche Er⸗ innerungen.“ „Das wäre eine Gelegenheit! In der Nacht, im Gedränge— ein Schuß, ein Stoß!“ 93 „Ihr werdet mit Eurem loſen Maul uns alle ins Gefängniß reden. Ihr Jakobiner, Ihr gehört zum Schweif Robespierre's!“ „Daß ich Dir nicht eins auf den Dickſchädel gebe! Ich ein Jakobiner! Ich bin ein Friſeur. Aber wie ſoll's denn anders enden als ſo?“ Er knallte mit den Fingern, wie um einen Piſto⸗ lenſchuß nachzuahmen. „Du wirſt doch den Napoleon nicht auffreſſen!“ „Das iſt ein Polizeiſpion! Prügelt ihn durch! Was hat er ſich in unſer Geſpräch zu miſchen? Er hetzt und wiegelt auf! Ein Friſeur! Setzt ihm die Per⸗ rücke zurecht! Schlagt ihn nieder!“ So durcheinander tobte die Menge, durch ein Nichts in Flammen geſetzt; und dem armen unſchuldigen Opfer ihrer blinden Wuth dürfte es ſchlimm ergangen ſein, wenn nicht einer auf Vittorio, der ſich aus dem Ge⸗ tümmel zu entfernen ſtrebte— mehr und Gefährlicheres, als er wünſchte, hatte er erfahren— mit der Hand deutend, ausgerufen hätte: „Dort geht der wahre Spion! Der in dem feinen ſchwarzen Rock, er trägt einen Stockdegen. Der Kerl iſt mir ſchon längſt verdächtig geweſen. Als ob er jedes Wort verſchlingen wollte, horchte er auf die Ge⸗ ſchichte, die uns der Nachbar dort von der Bettlerin erzählte. Der läuft nun gleich zu Savary, um zu lügen und zu verleumden.“ „Ihm nach! Ihm nach! Wir ſollten ihn in die Seine werfen!“ „Die Peſt über das ganze Geſindel!“ „Das ändert ſich auch in Frankreich nicht. Schlagt einen König todt, wählt einen Kaiſer; immer obenauf bleibt die Polizei.“ Zum Glück für Vittorio war er ſchon außerhalb des Bereichs der Thätlichkeiten der erzürnten Menge, kaum daß er noch ihre Verwünſchungen hörte. Auch ſchlugen ſie nur wie ein dumpfes Getön an ſein Ohr, ohne Eindruck auf ſeinen Geiſt. Ein einziger Gedanke hatte ſein Sein und Denken erfaßt. Nicht die braune Chriſtel, Egbert Heimwald hatte ihn verrathen. Durch eine wunderſame Fügung des Geſchicks war das Mäd⸗ chen wie bei der Rabenmühle, wie in Wien, ſo hier in dem Garten der Tuilerien an dieſen Mann ge⸗ rathen. Sein Name war in der Menge nicht genannt worden, aber die Schilderung, die der Arbeiter von ſeinem Aeußern entworfen, ſein Mitleid, ſeine Theil⸗ nahme für Chriſtel, Vittorio's eigenes böſes Gewiſſen bezeugten Egbert's Perſönlichkeit. So hatte denn die dunkle Stimme in Vittorio's Bruſt Recht behalten, die ihn in jener Octobernacht 95 im Saal des Schloſſes am Traunſee vor dem blonden Egbert als vor ſeinem Todfeind gewarnt. Alle Ver⸗ ſuche, ihn unſchädlich zu machen, ſein Schweigen zu erkaufen oder zu erzwingen, waren fehlgeſchlagen. Nur das Aeußerſte war noch nicht gewagt worden: ein Mord. Hätte Vittorio den Gegner vor ſich gehabt, ohne ſich zu beſinnen, würde er ihn niedergeſtoßen haben. Nicht umſonſt trug er, wie der gute Bürger richtig errathen, in ſeinem Stock einen Degen. Aber wo Cgbert finden in dieſer unermeßlichen Stadt? Unter aber und aber hunderttauſend Menſchen? Und jede Minute, die vorübereilte, beſchleunigte viel⸗ leicht Vittorio's Verderben. Dieſe Friſt, die er, thö⸗ richt und nutzlos in den Gaſſen umherſchlendernd, ver⸗ ſäumte, war die letzte, die ihm das Verhängniß ge⸗ währte. Auch Egbert hatte einen Zugang zum Kaiſer. Unterſtützte ihn nun gar, woran er nicht länger zwei⸗ feln konnte, Antoinette, die der Heirath mit ihm ent⸗ gehen wollte, ſo ſah er ſich wie einen Hirſch auf allen Seiten von Netzen, Hunden und Jägern unſſtellt. Sein zielloſer Lauf hin und her erſchien ihm wie eine Jagd, er war das gehetzte Wild, mit geſchwungener Geißel trieben ihn unſichtbar die Furien vor ſich her. Er bereute ſein Verbrechen nicht, aber ſein Ge⸗ wiſſen fürchtete die Strafe. — ꝗMu"ſ— —õ— 96 In dem Hospital hoffte er die ſicherſte Auskunft zu finden. Vielleicht wußte der Pförtner Heimwald's Woh⸗ nung. Auch über Chriſtel's Zuſtand erfuhr er Näheres. Schon brachen die Sterne einzeln aus den düſtern ſchweren Wolken des Himmels, als er die Straße Taranne erreichte. Nur wenig hatte ſich die Schwüle des Tages gemildert; noch immer wehte der Südoſt⸗ wind mit erſtickendem Hauch. Athem ſchöpfend, noch einmal überdenkend, was er fragen, was er antworten wolle, eine Hand voll Goldſtücke aus der Börſe holend, um ſie für jeden Fall bereit zu halten, verweilte er unter dem vorſpringen⸗ den Portal des Krankenhauſes. In der tiefen Niſche befand ſich die große, ſchon geſchloſſene Eingangsthür; daran glänzte ihm der meſſingene Klopfer und der Griff der Klingel entgegen. Eine Lampe brannte im Corri⸗ dor, aus dem halbrunden Fenſter über der Thür leuch⸗ tete ihr matter Schein. Wie Vittorio ſo zögernd ſtand, hatte er gerade gegenüber das Haus Benjamin'’s. In dem Halbdunkel der Nachtdämmerung ſah es noch finſterer und phan⸗ taſtiſcher als bei Tage aus. Die hell erleuchteten Fenſter des Arztes fielen ihm auf, Schatten ſchwebten an ihnen auf und nieder. War dort die Verſammlung ſeiner Feinde unter dem furchtbaren Gorgonenhaupt? e— “ 97. Ein Wagen hielt vor der Thür. Schon hatte der Kutſcher, wie um ſeine Anweſenheit anzudeuten, einige⸗ mal unmuthig mit der Peitſche geknallt. Ehe Vittorio die Klingel läutete, wollte er ab⸗ warten, wer das Haus verließe. In einiger Entfernung ſchlug die Thurmuhr einer Kirche die zehnte Stunde. Langſam tauchte, halb von den Wolken verſchleiert, der Vollmond über dem Häuſer⸗ gewimmel auf. Jetzt öffnete ſich drüben die Hausthür. Zwei Damen, die Vittorio nicht zu erkennen vermochte, tra⸗ ten heraus, hinter ihnen ſtand im leiſen Geſpräch eine Gruppe von drei Männern. Die Schatten, die ſie warfen, verriethen Egbert und Benjamin. Der Dritte ſagte, den Damen die Wagenthür öffnend: „Bleiben Sie nicht zu lange aus, Egbert! Ich bin nicht ruhig, bis ich Sie wieder an meiner Seite ſehe.“ Es war die Stimme des Grafen Wolfsegg. Nun noch ein gegenſeitiges Abſchiednehmen, Hände⸗ drücken— dann rollte der Wagen raſſelnd durch die Straße St.⸗Benoiſt in nördlicher Richtung der Seine zu. In der Portalniſche des Krankenhauſes befand ſich eine Bank von Stein; Vittorio fiel beinahe darauf nieder vor Ermüdung, vor Entſetzen. Es war klar, Frenzel, Lucifer. V. 7 —ÿÿ—— — — 98 daß Benjamin und Egbert ihre Schritte nach dem Hospital richten würden. Wenn ſie ihn hier trafen— kein Ausweg, wohin er blickte. Noch verbarg ihn die Niſche. Er faßte den Griff des Degens, ſei es zur Abwehr, ſei es zum Schlage. Die beiden Männer hatten dem fortrollenden Wa⸗ gen nachgeſchaut. „Nun hab' ich doch einmal Glückliche aus meiner Studirſtube entlaſſen“, ſagte Benjamin.„Ich habe ein Recht, den Tag roth im Kalender anzuſtreichen.“ „Welchen Dank ſind wir alle Ihnen ſchuldig! Sie ſind uns ein rechter Arzt der Seele geworden. Möchten Sie es auch dem armen Geſchöpf da drüben werden!“ „Wir werden ja hören, wie ſie den Abend zuge⸗ bracht hat. Vielleicht im Schlaf. Das würde das Wohlthätigſte für ihre zerrütteten Nerven ſein.“ So ſprechend waren ſie aus dem Dunkel des Hauſes bis in die Mitte der Straße vorgeſchritten. Mit einer letzten Anſtrengung hatte ſich Vittorio aufgerichtet; den Rücken an die Thür gelehnt, den Stock in der krampfhaft geſchloſſenen Rechten, ſtand er wie eine Steinfigur des Portals, ſchwer und unbe⸗ weglich, den Hut trotzig tief in die Stirn gezogen, mit ſtarren Zügen, nur die Augen flammten düſter. Von 99 dem untern Ende der Straße kam ein Trupp junger Leute daher; ſie ſangen und trieben Poſſen. „Was iſt das?“ rief ſtutzend Benjamin und ſchaute, ſtehen bleibend, an den Fenſterreihen des Hospitals hinauf. Der Mond leuchtete voll vom Himmel herab und in ſeinem Licht ſchimmerten die Scheiben in bläulich ſilbernen Tönen. Da, wo die beiden Straßen Taranne und St.⸗ Benoiſt zuſammenſtoßen, zog ſich die lange Mauer hin, welche den Hof des Krankenhauſes einſchloß. Jenſeits lag der eine in dieſen Hof vorſpringende Flügel des Gebäudes, die Vorderfront richtete ſich nach der Straße Taranne. Während das Erdgeſchoß ganz von der Mauer verdeckt war, konnte man im Mondlicht jedes einzelne Fenſter der obern Stockwerke von dem Fahrdamm der Straße deutlich erkennen und unter⸗ ſcheiden. Der Richtung folgend, die Benjamin's ausgeſtreck⸗ ter Arm bezeichnete, bemerkten Cgbert's Blicke nun auch den Gegenſtand, der die Aufmerkſamkeit des Arztes erregt hatte. An einem geöffneten Fenſter des zweiten Geſtocks bewegte ſich eine weiße Geſtalt. Zuweilen verſchwand ſie in dem Hintergrund ihrer Zelle, dann erſchien ſie 7* wieder, mit einem langen Betttuch, das ſie an das Fenſterkreuz knüpfte, als wolle ſie ſich zur Flucht daran in den Hof hinunterlaſſen. Plötzlich ſtand ſie auf dem Geſims, mit dem Arm ſich an die Pfoſten haltend. Sie war barhaupt und barfüßig. Ueber dem Hemd trug ſie einen kurzen braunen Unterrock. „Eine Mondſüchtige“, ſagte der Arzt. Obgleich er ihr Geſicht in der Entfernung nicht deutlich gewahren konnte, erwiderte Egbert, von einer Ahnung ergriffen: „Es iſt die braune Chriſtel.“ Dies hören und entſchloſſen die Klingel ziehen, war für Vittorio eins. Zur ſelben Zeit kamen die luſtigen Sänger näher. „Still, meine Herren“, rief ihnen der Arzt zu, „daß Sie die arme Mondſüchtige dort nicht mit Ihrem Geſang erſchrecken.“ Der Trupp machte Halt. Jetzt ſtand die Unglückliche auf dem ſchmalen Ge⸗ ſims ganz frei, wie in der Luft ſchwebend. Ein feſſeln⸗ des und ſchreckliches Schauſpiel— ruhig in den ſilber⸗ grau ſchimmernden Wolken ſchwamm der Mond. Knarrend in ihren Angeln öffnete ſich die Thür des Vorderhauſes. Schon war Vittorio nicht mehr allein unter dem 101 Portal, einige von den jungen Leuten ſuchten wie er auf dieſem Wege in das Haus zu kommen. „Eine Mondſüchtige!“ Damit drängte ſich Vittorio an dem erſtaunten Pförtner vorüber in die Hausflur. Indeſſen hatte Benjamin eine kleine Pforte in der Mauer, zu der er einen Schlüſſel führte und die einen nähern Zugang in das Haus über den Hof erſchloß, geöffnet. Von dem Ruf Vittorio's, dem Geſchrei des Wäch⸗ ters war es im Hauſe lebendig geworden. Die Kranken⸗ wärter, die barmherzigen Schweſtern eilten zuſammen, die einen in den Hof, die andern nach der Zelle der Unglücklichen. Es war jene Bettlerin aus dem Tuileriengarten, die am Morgen als irrſinnig und in Krämpfen liegend herbeigeſchafft worden war. Nach der Behandlung, die ihr Bourdon, der berühmte Magnetiſeur, hatte ange⸗ deihen laſſen, war ſie in einen feſten Schlaf gefallen. Lange hatte eine Wärterin bei ihr gewacht; im Glau⸗ ben, daß der Schlaf der Kranken die Nacht über an⸗ dauern würde, hatte ſie ſich vor kurzem entfernt. Gleich darauf mußte die Kranke erwacht ſein. Vereint mochten die Mondſucht und der Wunſch, aus dem Hospital zu entfliehen, auf ſie gewirkt haben. 102 Die im Hofe Stehenden ſahen mit Grauſen das Mädchen auf dem Geſims hin und her gehen. Vom Fenſterkreuz herab hing das Laken; es reichte bis in den erſten Stock hinunter. Der Wind trieb es hin und her. Die Irrſinnige ſchien indeß ihre urſprüng⸗ liche Abſicht wieder vergeſſen zu haben; ſie ſetzte ſich auf das Geſims nieder, mit den nackten Füßen an die Mauer ſchlagend, mit dem Oberkörper ſich leiſe ſchwan⸗ kend bewegend, als ſäße ſie in einer Schaukel. Eine geringe Stütze bot ihr das Holzkreuz. Auf ihrem blaſſen abgehärmten Geſicht lag der bleiche Glanz des Mondes. Unter ihr rauſchten die Wipfel der Bäume im Hofe heimlich, feierlich. Dies Geſäuſel weckte einen Nachhall in ihrer Seele; es war, als würde Muſik in ihr wach. Sie fing an zu ſingen, in halben Tönen, mit matter, klagender Stimme. Eine ſchmerzliche, bebende Rührung erfaßte alle. Mit dem Flimmer des Mondes umfloß ein Zauber des Seltſamen und Schaurigen die zarte, zerbrechliche Geſtalt der Unglücklichen; eine geknickte Blume, die der nächſte Windſtoß vollends vom Stiele bricht. Auf Benjamin's Rath hatte man eine der großen Feuerleitern des Hauſes herbeigeholt und verſuchte ſie an die Wand zu lehnen, um ſo zu der Mondſüchtigen 5 103 emporzuſteigen. Schon war im Hofe die Kunde ver⸗ breitet, daß ſie die Zelle verſchloſſen habe. Andere ſchlugen vor, Betten auf dem Erdboden auszubreiten, gleichſam um ſie auf denſelben aufzufangen. Egbert, der unter ihnen die Zuſtände des braunen Mädchens, ihr Nachtwandeln und ihre geiſtige Verſtörtheit am beſten kannte, vertraute ihrer natürlichen Behendigkeit, ihrer Geſchicklichkeit im Klettern; er hatte ſie oft die ſteilſten Stege mit geſchloſſenen Augen ſicher wandeln geſehen und rieth von jedem Verſuche, ihr nahe zu kommen oder ſie durch einen Zuruf zu erſchrecken, ab. Nach einer gewiſſen Zeit werde ſie ruhig in ihr Ge⸗ mach zurückkehren. In der That ſchien er Recht behalten zu ſollen. Mit dem Arm das Fenſterkreuz umklammernd, richtete ſich Chriſtel empor und ſtand aufrecht, lauſchend, als vernähme ſie aus der Ferne einen bekannten, geliebten Ton. 3 Im Hofe wurde Alles auf einen Wink Benjamin's ſtill. Unterhalb des Fenſters, in die dort befindlichen eiſernen Krammen, hatte man die Leiter feſtgefügt; es ſchien für einen ſtarken und entſchloſſenen Mann nicht ſchwer, die Kranke von den obern Sproſſen aus zu er⸗ greifen und feſtzuhalten. Bei ihrer Schlankheit und Ju⸗ gendlichkeit war dann das Hinabtragen eine leichte Mühe. — Darüber hatten auch die Leute im Innern des Hauſes in die verſchloſſene Zelle einzudringen verſucht. Ohne Gewalt war die Thür nicht zu öffnen, da ſie von innen verriegelt. „Hat das Zimmer nur dieſen einen Zugang?“ fragte Vittorio. Durch das Herriſche und Beſtimmte ſeines Auf⸗ tretens hatte er unter den Wärtern, Dienern und Mäg⸗ den, welche in der allgemeinen Aufregung Ruhe und Beſonnenheit verloren, trotzdem er allen fremd war, raſch Geltung und Gehorſam erlangt.— Man erinnerte ſich, daß aus Chriſtel's Zelle eine Thür in eine kleine Kammer mit dem Ausgang nach dem Corridor führte, welche während des Winters zur Aufbewahrung von Holz diente. Allein die Mägde verſicherten, dieſe Thür ſei immer geſchloſſen. „Eine Prüfung ſchadet nichts!“ entgegnete Vittorio. Die Kammer war leer; einem kräftigen Handdruck gab die Thür nach. Doch Keiner wollte ſich als erſter in die Zelle der Mondſüchtigen wagen. Entſchloſſen drängte Vittorio die Andern zurück; ſcheu wichen ſie ihm aus; die wilden, in ihm wogenden Gedanken ver⸗ breiteten ein eigenes Grauen um ihn. So ſtand er in der Oeffnung zwiſchen Kammer und Zelle, barhaupt — durch die niedrige Kammer gebückt ſchreitend, hatte 105 er den Hut vom Kopfe verloren— ein dunkler Schat⸗ ten, der weithin auf die mondbeſchienenen Dielen fiel. Nur auf ſeinem Antlitz, das die zerzauſten dunklen Haare finſter umrahmten, irrte ein Flimmern des Lich⸗ tes hin und her. Empfand Chriſtel die Nähe des ſchrecklichen, des geliebten Mannes? Während ſie bisher ihr Geſicht dem Monde zugekehrt, wendete ſie ſich, auf dem Geſims ſtehend, den Arm noch immer um das Fenſterkreuz ge⸗ ſchlungen, der Stelle zu, wo er ſtand, als träfe ſie der Strahl ſeines Blickes und beſtimmte ihr, der Unbe⸗ wußten und Widerwilligen, Richtung und Haltung. Ein leiſer ſüßer Ton ſchwirrte durch den engen dürf⸗ tigen Raum. „Vittorio!“ entſchwebte es als letzter Liebesruf den todblaſſen Lippen des Mädchens. 1 Verdiente dieſer Ruf nicht eine Antwort? „Chriſtel!“ ſagte er nicht laut, nicht leiſe, aber mit jenem ſcharfen, herzdurchbohrenden Ton, den ſie nur zu oft von ihm gehört hatte. Und indem ſie nun die geſchloſſenen Augenlider öffnete, die Arme nach ihm ausbreitete, nicht bemerkend, daß ſie ihre einzige Stütze losließ, verlor ſie auf dem ſchmalen Geſims das Gleichgewicht und ſtürzte rück⸗ lings auf das Pflaſter des Hofes. Eben hatte der 106 blonde Egbert den Fuß auf die Leiter geſetzt, um zu ihr emporzuklimmen. Vielleicht tödtete ſie ſchon der Druck der Luft und die Gewalt des Falles. Unten lag ſie todt, mit zer⸗ ſchmetterter Hirnſchale. Eine finſtere Wolke ging ihn verhüllend über den Mond. In der Dunkelheit, die während einiger Sekun⸗ den die Zelle erfüllte, hatte Vittorio den Riegel von der Hauptthür geſchoben und war hinausgegangen. Niemand hinderte, Niemand bemerkte ihn, noch dachte einer an ihn. Der entſetzliche Ausgang des Schau⸗ ſpiels beſchäftigte alle. Erſt als ein höherer Polizei⸗ beamter im Hauſe erſchien und an Ort und Stelle die Thatſachen über den Tod der Bettlerin aufnahm, welche für einen Augenblick ſogar die Aufmerkſamkeit des Kaiſers auf ſich gezogen, erinnerten ſich die Leute des Fremden, der zuerſt die Zelle Chriſtel's betreten. Aber ihre Beſchreibungen paßten nicht zu einander, und der Beamte ging darüber als 105 einen nichts bedeuten⸗ den Zufall hinweg. Da ward bei der Beſichtigung der Kammer der Hut gefunden. Schweigend nahm ihn der Commiſſar an ſich. Der Hut Vittorio's war in der Hand Desronais' Drittes Kapitel. Wer hätte ſagen wollen, ob in dieſen Abendſtunden des erſten Juli innerhalb oder außerhalb des Palaſtes der öſterreichiſchen Botſchaft zu Paris das Gedränge, die Unruhe, die Erwartung irgend eines unvorherge⸗ ſehenen Ereigniſſes größer und ſtärker war? Drinnen die Geſellſchaft, die eingeladenen Tänzer und Tänzerinnen der großen Oper, die auf einer zu dieſem Zweck eigens hergerichteten Bühne eine Pantomime mit öſterreichiſchen Volkstänzen aufführen ſollten, eine zahlreiche Diener⸗ ſchaft, eine Abtheilung der kaiſerlichen Garde in ihren prächtigſten Uniformen, beſtimmt, im Hofe und an den Eingängen Ehren⸗ und Sicherheitsdienſt zu leiſten; draußen eine ſchauluſtige, aufgeregte, von Minute zu Minute wachſende Volksmenge. Lange vor Anbruch der Dunkelheit war das ganze Haus erleuchtet worden. 108 Aus den tauſend bunten Lampen und farbigen Ballons, die den Garten magiſch erhellten, ſtrömte ein ſchillern⸗ des Licht weithin; halb Paris war in Bewegung. So ausſchließlich hatte das Feſt des Fürſten Schwarzenberg ſeit einer Woche die Gemüther in Spannung erhalten, daß an dieſem Abend Niemand ein beſſeres Vergnügen wußte, als in der Montblanc⸗ ſtraße der Dinge zu harren, die kommen würden. Beſchränkte ſich auch der Genuß der Meiſten nur darauf, die Federhüte der Herren, den Kopfputz der Damen, ein wallendes Kleid in einiger Entfernung zu erblicken, ſo überwog doch der Reiz, dabei geweſen zu ſein, die Geringfügigkeit des Genuſſes. In dem wilden Getümmel hatten die Polizeidiener Mühe, Ordnung und eine freie Bahn für die heran⸗ fahrenden Wagen zu ſchaffen. Denn Alles wollte am Portal die ankommenden Gäſte, den Kaiſer und die Kaiſerin ſehen. Die Neuigkeitskrämer und die Schwätzer waren unerſchöpflich in der erfindung von Anekdoten, Fabeln und Behauptungen. Einige verknüpften das Ballfeſt mit der Geſchichte jener Bettlerin aus dem Tuileriengarten, die ein ſo unheimliches Ende genommen. Schon hieß es, die Unglückliche ſei aus dem Fenſter herabgeſtürzt worden. Trotz der vielen Augenzeugen des ſchrecklichen Vorfalls, die das Gegentheil ausſagten, 109 hing die Volksphantaſie an dieſem Wahn feſt und malte ihn ſich mit Hülfe jener geheimnißvollen Perſon, die plötzlich im Krankenhauſe erſchienen und ebenſo plötz⸗ lich wieder daraus verſchwunden war, und ihres von Desronais erbeuteten Hutes bis in alle Einzelheiten aus. Der Uebergang von der Bettlerin zu dieſem glänzenden Feſte wurde leicht gemacht. Nicht Wenige waren der Meinung, der Schuldige würde ſich gerade während des Balles verrathen. So ganz uumöglich dünkte es Manchem nicht, daß die Bettlerin als rächen⸗ des Geſpenſt unter den Tanzenden auftreten würde. Daneben liefen dann die Gerüchte von Verſchwö⸗ rungen und Mordverſuchen gegen Napoleon, die ſeit der Schlacht von Aspern nicht weichen wollten und gerade aus dem Geheimniß, mit dem der Kaiſer das Attentat des jungen Stapß hatte umhüllen laſſen, die reichſte Nahrung ſogen. In dieſer bunten, lärmenden, neugierigen Menge gab es nicht einen Einzigen, der für ſolche abenteuer⸗ liche Vermuthungen einen beſtimmten Grund gehabt, ja dem ſie nur ernſtlich am Herzen gelegen; es mußte eben die Zeit des trägen Wartens durch Reden ver⸗ kürzt werden. Je tollere Märchen einer vorbrachte, auf deſto lautern Beifall konnte er rechnen. Freilich ge⸗ riethen oft ſchon im nächſten Augenblick ſeine Erfin⸗ 110 dungen über dem Einfall eines Andern oder bei dem Anblick einer glänzenden Carroſſe in Vergeſſenheit. Tiefer als die müßige Menge draußen waren in den geſchmückten Feſträumen der Graf Wolfsegg und Egbert von den Eindrücken der letzten Tage bewegt, von Ahnungen umdämmert. Ihre Gemüther waren nichts weniger als zu Feſtfreude geſtimmt, und es hatte der ausdrücklichen Bitte des Fürſten Schwarzenberg an den Grafen bedurft, ihn zur Annahme der Einladung zu vermögen. Egbert hatte gehofft, in ſeiner beſcheidenen Stellung derſelben zu entgehen, aber Metternich hatte den Fürſten auf ihn aufmerkſam gemacht und zugleich hervorgehoben, mit welcher Ruhe und mit wie günſtigem Erfolge er ſich in La Malmaiſon und in Schönbrunn vor Napoleon bewegt habe. Es ſchien angemeſſen, dem Kaiſer unter ſo vielen Oeſterreichern, die ihm völlig fremd und vielleicht unſympathiſch waren, auch ein be⸗ kanntes Geſicht vorzuführen. Widerſtrebend hatte Egbert ſich gefügt und ſeine Hauptmannsuniform angezogen; er konnte kaum daran zweifeln, daß ihn Napoleon er⸗ kennen und anreden würde. Ihm aber ſchweiften die Gedanken weit hinweg von den tragiſchen Begebenheiten des letzten Jahres, er ſehnte ſich nach Stille und fried⸗ lichem Glück. Wollte der Sturm, der ihn ſo lange umhergetrieben, noch immer nicht enden? Vor den —·—·— 114. Augen des Kaiſers bangte er nicht, allein er mochte dieſen böſen Blick des Imperators nicht mit in ſein neues Leben hinübernehmen. Und nicht nur Napoleon, auch Antoinetten würde er begegnen. Ein Abſchied, diesmal wohl auf Nimmer⸗ wiederſehen, ſtand ihm bevor. Weder ihm noch dem Oheim hatte ſie bisher ein Lebenszeichen gegeben. Wollte oder konnte ſie von ſeiner Eröffnung über den Marcheſe Zambelli keinen Gebrauch machen? Verletzte es ihren Stolz, die Hülfe Wolfsegg's anzurufen? Ge⸗ traute ſie ſich die Kraft zu, ihr Schickſal allein zu geſtalten? In dem Gewühl des Feſtes würde er die Wahrheit erfahren. Das Gewebe, in das er an jenem Octobernach⸗ mittag in der Aurachſchlucht gerathen, hielt ihn uner⸗ bittlich feſt. Wenn er jetzt, einſam unter den vielen Menſchen, darüber nachſann, war es zu ſpät, ſich der Schwäche anzuklagen, daß er nicht rechtzeitig den Ver⸗ lockungen, die ihm ein glänzendes Geſchick vorſpiegelten, widerſtanden, daß er ſein und Magdalenens Glück gefährlichen Prüfungen ausgeſetzt habe; heute that er hoffentlich den letzten Schritt für immer aus dem Zauberkreiſe des Imperators heraus. Dem Wunſch des Fürſten gemäß hatten ſich die Oeſterreicher zuerſt in ſeinem Hauſe eingeſtellt; ſie ſollten gleichſam insgeſammt als Vertreter ihres Landes die franzöſiſchen Gäſte empfangen. Mit ihnen zugleich waren die Mitglieder der preußiſchen Geſandtſchaft gekommen; es lag dem Fürſten daran, dem Kaiſer gegenüber die Einigkeit zu betonen, die zwiſchen den beiden einzig noch unabhängigen Staaten des ehemaligen deutſchen Reichs herrſchte. Jeder wußte, daß dem Kaiſer die Preußen verhaßt waren; auch jetzt noch machte man den Fürſten darauf aufmerkſam, aber er antwortete darauf in ſeiner vor⸗ nehmen Weiſe: „Kann ſein, ich aber liebe ſie mehr als die Fran⸗ zwſen⸗ Und Wolfsegg bemerkte: „Sie thun recht, mein Fürſt; wir credenzen ihm in einem goldenen Becher unſern Wein; wenn ihm der Wein nicht behagt, kümmert es uns?“ Trotz der Heirath der Erzherzogin, trotz des Bünd⸗ niſſes, das Oeſterreich mit Frankreich geſchloſſen, wollte Keiner in dieſem Kreiſe ſeinem Deutſchthum entſagen. Ueber dem Portal des Ballſaals prangte in rieſen⸗ großen Buchſtaben als Transparent die deutſche In⸗ ſchrift: Mit ſanfter Schönheit Reiz ſtrahlt Heldenkraft verbunden, Heil! Heil! Die goldne Zeit iſt wieder uns gefunden! 113 „Die goldene Zeit!“ ſpottete ein Witzbold.„Durch dies Thor gehen wir zu einem Kriege mit Rußland.“ Indeß blieben die lauten Ausbrüche des unver⸗ ſöhnlichen Haſſes vereinzelt; eine heitere Stimmung ſtrömte aus den muntern Klängen der verſchiedenen Orcheſter, der gefälligen Pracht der Räume aus. In ihnen war das Koſtbare mit dem Zierlichen und dem Luftigen anmuthig vereinigt. Von den rohen Breterwänden des Ballſaals war auch nicht die geringſte Spur zu entdecken. Nur aus Gaze, Muſſelin, aus Blumen und Spiegeln, aus gold⸗ durchwirkten Tapeten, aus ſchimmernden Säulen ſchien das Ganze zu beſtehen. Außen ſchützte Wachsleinwand die Decke und die Wände gegen die Einflüſſe der Witterung, vor allem gegen ein Gewitter, das man für den Abend des erſten Juli vorausgeſagt. Selbſt auf Egbert's ſchwermüthige Laune wirkte der Anblick des herrlichen Saales, als er mit den Andern vom Garten her über mehrere breite, wohlan⸗ gelegte Stufen zu dem Portal hinauf und durch daſſelbe hineinſchritt, erheiternd und befreiend. Licht und freudig war hier Alles; mit der Schwere ſchien auch der Trübſinn verbannt. Ein friſcher Luftzug, mit den Düften der Blumen vermiſcht, wehte vom Garten herein. In den Wandſpiegeln, in den Kryſtallen der Frenzel, Lueifer V. 8 114 der Kronleuchter brach ſich das Licht der Kerzen in den Farben des Regenbogens; ein Flimmern und Glitzern überall. Hielten Geiſterhände dieſe mächtigen Kronen in der Schwebe? So leicht hingen ſie an Blumenketten, die von goldenen und ſilbernen Schnüren durchzogen waren, von der Decke herab, daß der Betrachter ſtutzte, ob in der That dieſe loſen und zierlichen Gewinde die ſchwere Laſt tragen könnten. Und dieſe Kränze und Vorhänge, dieſe Schleifen und Guirlanden, die ſich hier in einander ſchlangen, dort aus einander floſſen, ſetzten ſich durch den ganzen Saal fort, ließen nirgends eine Lücke und verbargen die ſtrengen und kahlen Formen der Architektur in ihrem leiſe auf und nieder wallenden Schleier. Ein Saal wie aus ſchimmernden Abendwolken aufgebaut, von Melodien durchrauſcht. Dem Haupteingang gegenüber, im Hintergrunde des Saales, auf einer erhöhten Treppenſtufe, die mit Teppichen belegt war, ſtanden zwei reichverzierte Thron⸗ ſeſſel, mit dunkelrothem Sammt bezogen, für den Kaiſer und die Kaiſerin. Sie ruhten auf vergoldeten Löwenfüßen und die Rücklehnen ſchmückte das Napo⸗ lceoniſche Wahrzeichen. Vor der Eſtrade breitete ſich der Raum für die Tanzenden aus. An der einen Langſeite des Saales, in ſeiner halben Höhe, war eine Bühne für die Muſiker errichtet; ihr gegenüber zog ſich nach der Gartenſeite hin eine im Stil und Schmuck des Saales erbaute Gallerie von mäßiger Länge und Breite, die zugleich in die Gemächer des Hauſes wie in den Garten ſich vielfach öffnete und der Geſellſchaft, im Falle die Hitze im Saale ſelbſt zu drückend, die Ueberfülle zu groß werden ſollte, eine willkommene kühlere Zuflucht bot. Bewundernd ging Egbert an der Seite Wolfsegg's umher. Es war ihm lieb, ſich des Anblicks der ganzen Schöpfung erfreuen und die Schönheit des Einzelnen, noch ungeſtört von dem Andrang der Gäſte, behaglich muſtern zu können. In dem weiten Raum verloren ſich beinahe die Wenigen, die ſchon beiſammen waren. Auch floß das Wort, da jeder ſich unter Gleichgeſinnten wußte, freier und leichter vom Munde. Der Geſchmack wie die Prachtliebe des Fürſten Schwarzenberg fanden die allgemeinſte Anerkennung. Wie ſtark auch die Abneigung der Meiſten gegen das Franzoſenthum und Napoleon war, es ſchmeichelte dem deutſchen Stolze, dem Kaiſer ein ſo würdiges und ſo großartiges Feſt bereitet zu haben. Nur Wolfsegg beharrte bei ſeiner Meinung, dem Sieger müſſe der Beſiegte immer in der Farbe der Trauer, in ſchwarzer Rüſtung entgegentreten. „Geht doch mit all Euren Friedensverſicherungen“, Sr ſagte er unwillig.„Ihr glaubt nicht daran und jener Mann auch nicht. Er erſpäht den Auaentlick⸗ wo er uns ganz zertreten kann, und wir— Er vollendete nicht;, ded Hausherr kam mit der Frage heran, ob den Herren Ales gefiele, ob noch etwas raſch zu beſſern ſei. 84 N 1 „Ich fürchte“, meinte er mit halbem Lächeln,„der Tanz wird hier mehr eine ſaure Arbeit als ein Ver⸗ 1 gnügen ſein. Es iſt jetzt ſchon ſchmüͤl im Saal.“ Als alle im Kreiſe umher ihn des Gegentheils verſicherten, hörte man deutlich eine Stimme ſagen: „Es riecht brandig. 6 Die Unmſtehenden blickten einander ſcher und ver⸗ wundert an; einer ſchien den andern fragen: Haſt du das häßliche Wort aigeeßen? und jeder die Verantwortlichkeit dafür anen Der Fürſt hatte ſich entfärbt, noch tiefer und ſchärfer war der ſorgen⸗ volle Zug um ſeinen Mund geworden, den die ver⸗ trautern Freunde nicht oöhne Unruhe ſeit dem Beginn des Abends in ſeinem Geſicht bemerkt. Unwillkürlich hatten ſich die Augen aller nach den Kronleuchtern gewendeig die Kerzyn brannten ruhig und ſtill. „Wenn doch e ein Unglück—⸗ ſagte der Fürſt ſchwer aufathmend. 117 Raſch kehrte er ſich zu einem der Diener um: „Iſt ein Herr aus der Polizeipräfectur anweſend?“ Und während der Diener davoneilte, ſetzte er er⸗ läuternd für ſeine Gäſte hinzu: „Mir iſt von franzöſiſcher Seite dieſer Wunſch ausgedrückt worden. Bei einem Gedränge der Volks⸗ maſſen— die Herren wollen ſelbſt für die Sicherheit ihres Kaiſers einſtehen—“ Ein Mann in Feſtkleidung wie alle Andern war unverſehens in den Kreis getreten und ſtellte ſich dem Fürſten vor, ihm eine Karte überreichend. „Von dem Herzog von Rovigo“, ſagte Schwarzen⸗ berg, einen Blick darauf werfend.„Sie ſind, Herr Desronais—“ „Polizeicommiſſar. Der General Savary hat mir die hohe Ehre erwieſen, mich zu Ihrem Feſte zu ſen⸗ den, mein Fürſt.“ „Ich freue mich Ihrer Anweſenheit, mein Herr, und danke dem Herzog, daß er von ſeinen trefflichen Beamten den trefflichſten für mich ausgewählt hat. Sie beſorgen nichts, was das Wohlbehagen der kaiſer⸗ lichen Majeſtäten ſtören könnte?“ Drinnen nichts und für die Straße ſind weder Sie, mein Fürſt, noch ich verantwortlich.“ Die Unterredung wurde abgebrochen. Mit der 118 Meldung, daß die erſten Wagen mit den franzöſiſchen Gäſten vorführen, kamen die Diener herbei, der Fürſt verließ den Saal, um ſich zu dem Empfang derſelben nach den Gemächern des eigentlichen Palaſtes zu begeben. Die durch Stellung und Geburt Hervorragendſten unter den deutſchen Herren ſchloſſen ſich ihm an. So gern er an Egbert's Seite geblieben wäre, konnte ſich Graf Wolfsegg dieſer Pflicht nicht entziehen. Eine geraume Weile befand ſich Egbert ſo beinahe allein in dem Ballſaal mit Desrongis. Stumm gingen ſie nebeneinander her; Desronais überflog mit kun⸗ digem Auge Alles, beſichtigte die drei Ausgänge; außer den beiden größern durch die Gallerie und das Haupt⸗ portal gab es noch einen dritten unmittelbar hinter den Thronſitzen durch eine ſchmale, verdeckte Thür nach dem Innern des Hauſes. Plötzlich ergriff er Egbert's beide Hände, ſchüttelte ſie und rief: „Ich freue mich, Ihre liebenswürdige Braut nicht hier zu erblicken. Es wird heiß werden; wohl denen, die draußen ſind!“ „Sie erſchrecken mich, Desronais! Iſt irgend ein tückiſcher Anſchlag vorbereitet, will man boshafterweiſe Hand an dieſen Feſtſaal legen?“ „Wohin gerathen Sie? Ich weiß nichts von Ver⸗ 119 ſchwörungen, nichts von Anſchlägen. Aber das Ganze, das Ihnen ſo bewunderungswürdig erſcheint, kommt mir wie eine ungeheure Mauſefalle vor. Bricht hier durch einen Zufall Feuer aus—“ „Dieſe Vorſtellung beunruhigte vorhin das Gemüth des Fürſten. Man ſollte für Waſſer und Spritzenleute ſorgen.“ Desronais ſchüttete ſich vor Lachen aus. „Weiſer Salomo, ſo klug waren wir auch! Die Leute ſind da und werden ihre Pflicht thun. Allein wider Feuer und Revolutionen— auf Wiederſehen, ich rette mich für einen Augenblick in den Garten und überlaſſe Sie den ſchönen Damen, die dort eintreten.“ Von den Vorſälen des Hauſes aus, durch die Gallerie, drang nun der Strom der Geſellſchaft in den Ballſaal. Selten war in einem Raum ſo viel Schön⸗ heit und Ruhm, ſo viel Glanz und Reichthum ver⸗ einigt. Bei dem Eintritt in den Saal wurde jede Dame mit einem Blumenſtrauß beſchenkt. Die präch⸗ tigen, weich niederfließenden, nach griechiſcher Weiſe lang nachſchleppenden Gewänder, der phantaſtiſche Haarputz von Perlen nnd Edelſteinen, von ſeltenen Federn und Blumen, die maleriſch bald in dieſem, bald in jenem Wurf über die nackten Schultern ge⸗ worfenen Shawls in ihren hellen bunten Farben ge⸗ 120 währten bei der ſtrahlenden Beleuchtung ein herrliches Schauſpiel. Dazwiſchen die verſchiedenartigſten Uni⸗ formen der Männer mit den blitzenden Orden und Schnüren, welche die Schönen in der Mitte des Saa⸗ les, wie ein ſchwerer ſtattlicher Rahmen ein heiteres Bild, umrahmten. Unter dieſen Königen und Königinnen, Fürſten und Fürſtinnen, dieſen Großwürdenträgern eines ſelt⸗ ſamen Reichs, die einen berühmt durch ihre Ahnen, die andern berühmter durch ihre Thaten, dieſe als Heerführer und Staatsmänner gefeiert und gefürchtet, jene mit allen Verbrechen der Revolution beladen, Königsmörder und Diebe mit unreinen Händen— in dieſer Geſellſchaft von Helden und Spitzbuben, von tugendhaften Frauen und gekrönten Dirnen war Egbert wie ein verlorenes namenloſes Sandkorn. Niemand küm⸗ merte ſich um ihn, Niemand beachtete ihn. Viele von den Eingeladenen jedoch befanden ſich in ſeinem Falle: junge Männer, die in einem ſo erlauchten Kreiſe keinen Anſpruch darauf erheben konnten, bemerkt zu werden, und die bis zum Anfang des Tanzes ihr Vergnügen auf eigene Hand ſuchen mochten. An flüchtigen Begrüßungen, an einem kurzen Ge⸗ ſpräch mit einigen der kaiſerlichen Hofherren, die ſich ſeiner noch von jenem Sonntagabend in Malmaiſon —— 4 4 3 1 121 erinnerten, fehlte es Egbert nicht. Doch konnte er ſich ſtill und gelaſſen im Anſchauen des Feſtes ergehen. Es glänzte mehr nach außen, als daß es im Innern freudig und fröhlich geweſen wäre. Jeder lautere Ausbruch der Munterkeit war ſchon durch die An⸗ weſenheit der fürſtlichen Perſonen, durch die Erwar⸗ tung, daß der Kaiſer und die Kaiſerin jeden Augen⸗ blick eintreten könnten, gedämpft. Aber bei aller Mühe, die ſich Deutſche wie Franzoſen gaben, ſich einander zu nähern und einen herzlichern Ton anzuſchlagen, wollte es nicht gelingen, die herrſchende Steifheit und Kälte zu verbannen. Wie man die elenden Breter⸗ wände und Holzbalken mit den feinſten und ſchimmernd⸗ ſten Stoffen bekleidet, ſo verhüllte die Höflichkeit und die gewohnte geſellige Form, in der geſchickten Ver⸗ brämung der franzöſiſchen Sprache, die Mißachtung der Sieger und den Haß der Beſiegten. Leichter fanden ſich dem Anſchein nach die Damen zuſammen. Die beiden Fürſtinnen Schwarzenberg— die eine die Gattin, die andere die Schwägerin des Botſchafters— waren die edelſten und geiſtvollſten Wirthinnen und vermittelten feinſinnig und liebens⸗ würdig hinüber und herüber die Bekanntſchaften. Allmälig hatte ſich der Saal gefüllt. Die Sitze an ſeinen beiden Langſeiten waren von den Damen 122 men eingenommen; hinter den Seſſeln ſtanden die Herren. Schon hatten ſich hier und dort einzelne Gruppen gebildet, die, wie es ſchien, während des Feſtes zu⸗ ſammenbleiben wollten. Als dann ein Trommelwirbel erklang, das Geraſſel der Waffen, der Commandoruf der Offiziere vom Hofe herüberſchallte, die Ankunft des Kaiſers verkündigend, Alles aufſtand, ſich ordnete, das Geſpräch zum Geflüſter herabſank, lag über dem Gan⸗ zen doch ein eigener Zauber. Die Verſammlung ver⸗ einigte in ſich Würde und Anmuth, zugleich das Schöne mit dem Majeſtätiſchen. Marie Louiſe an der rechten Hand führend, ſchritt Napoleon durch die Gallerie; an dem Portal des Hauſes hatten ihn die Familien Schwarzenberg und Metternich empfangen und geleiteten ihn durch die Feſt⸗ räume. Ihm zur Linken ging der Fürſt Karl. Ein glänzendes Gefolge von Hofdamen, Adjutanten, Kam⸗ merherren wandelte ihnen langſam nach. Bei dem Eintritt des Kaiſers in den Saal begann das Orcheſter einen rauſchenden Triumphmarſch zu ſpielen. In die Nähe der für die Majeſtäten beſtimm⸗ ten Bühne gerathen, vermochte Egbert vom günſtigſten Standpunkt aus das kaiſerliche Paar zu betrachten und ſeinen Gang durch den Saal zu verfolgen. Marie Louiſens deutſche Schönheit, ihre volle Geſtalt, ihr blondes Haar, die Güte und Kindlichkeit ihres Ant⸗ litzes bildeten einen merkwürdigen Gegenſatz zu dem dämoniſchen Ausdruck der Perſönlichkeit Napoleon's. Mit ſeinem düſtern Blick überflog er den Raum, die Geſellſchaft; er neigte den Kopf ſeitwärts zu dem Fürſten und ſchien eine Bemerkung des Lobes fallen zu laſſen. Aber ſein Geſicht blieb ſtarr und milderte ſeinen Ernſt nicht einmal durch den Schatten eines Lächelns. Erſt gemeſſenen Schrittes, dann immer ſchneller, als langweile ihn das Schauſpiel, ging Napoleon durch die Mitte des Saales; ehrfurchtsvoll trat die Ver⸗ ſammlung nach beiden Seiten auseinander. Wohl grüßte er, rief auch im Vorüberſchreiten dieſem und jenem ein Wort zu, aber ohne Huld und Freundlich⸗ keit. Solche Feſte ermüdeten ihn, weil ſie ihm einen Zwang auferlegten. Noch zur rechten Zeit, ehe ſich der Kaiſer auf dem Thronſeſſel niederließ, hatte ſich Egbert aus der Nähe des Gewaltigen gerettet und ſuchte durch den Saal, hinter den Stühlen entlang gehend, den Garten zu gewinnen. Es war nicht allein Napoleon, den er floh. Unmittelbar hinter der Kaiſerin, in dem ganzen Stolz ihrer Schönheit, war Antoinette gegangen. Er hatte ſie von ſeiner geborgenen Stätte aus genau beobachten 124 können und nichts von jener Ergriffenheit und dem rührenden Reiz in ihren Zügen entdeckt, die ihm vor wenigen Tagen in der nebeligen Morgenfrühe, unter den Kaſtanien der Tuilerien, ſchöne träumeriſche Stun⸗ den der Vergangenheit zurückgerufen und ſein Herz mit einem unbeſchreiblich ſüßen Gefühl von Wonne und Wehmuth erfüllt hatten. Dieſe ſelbſtbewußte kalte Schönheit mit dem juno⸗ niſchen Haupte auf dem edel geformten Halſe, eine Perlenſchnur um den Nacken geſchlungen, ein antikes goldenes, mit Rubinen und Diamanten beſetztes Stirn⸗ band in dem reichen Haar, hatte keine Aehnlichkeit mit dem verweinten Mädchen von damals. Es war etwas in ihren Augen, das ihm wehe that. Vielleicht zürnt ſie dir, daß du ihr Rathſchläge gegeben; vielleicht hat ſie in das Ehebündniß, das ihr ver⸗ haßt ſchien, dennoch eingewilligt, ſagte er ſich. Warum wollteſt du ihr begegnen? In der Umgebung dieſes Mannes müſſen alle ſanftern Empfindungen abſterben; ſie bereut wohl ſchon, daß ſie ihr Herz vor dir verrieth. Dieſe Gedanken trieben ihn aus dem Saal. Glücklich hatte er den Hauptausgang, von dem die Stufen in den Garten hinabführten, erreicht, als ihn Andere aufhielten, die demſelben Ziele zuſtrebten. Die Hitze in dem Saale machte ſich bemerklich —— 125 und gar Manche, die nicht daran denken konnten, von dem Kaiſer oder der Kaiſerin angeſprochen zu werden, zogen die Friſche draußen vor. „Wollen Sie mich nicht mitnehmen, Herr Heim⸗ wald?“ ſagte in deutſcher Sprache mit einer ſüdlichen Tonfärbung eine Stimme, die Egbert zuſammenfahren ließ. Er ſtand ſtill und wendete den Kopf. Hinter ſich, die Hand zum Gruß erhoben, ſah er den Marcheſe Zambelli ſtehen. „Der Garten iſt frei für alle Gäſte“, erwiderte er ausweichend. Wie ſie ſich ſo gegenüberſtanden, fiel ihm ihr erſtes Zuſammentreffen im Saal des Schloſſes am Traunſee ein. Noch düſterer und forſchender als an jenem Abend ſchauten Vittorio's Augen aus ihren tief⸗ liegenden Höhlen. Schlafloſe, in wirren Gedanken durchwachte Nächte prägten ſich in ſeinem blaſſen, fin⸗ ſtern Geſicht aus. Ein Schauer überrieſelte Egbert. Nicht Furcht vor einem Angriff des Marcheſe beſchlich ihn, ſeine Seele bebte vor der Berührung mit dem unheimlichen Mann zurück. Wollte die dunkle Gewalt, die ſein Leben ſeit ſeiner erſten Begegnung mit Vit⸗ torio beherrſcht, noch nicht von ihm laſſen? Es war ihm, als würde er nicht eher Ruhe finden, als bis 126 der Mord Jean Bourdon'’s an dem Mörder geſühnt wäre. „Wohl iſt der Garten frei“, entgegnete Zambelli, „aber meine Frage enthielt die Bitte, ob ich ſeine Schönheiten in Ihrer Geſellſchaft genießen könnte?“ Noch ſchwankte Egbert, was er erwidern ſollte, als er in ſeiner Nähe Desronais bemerkte, der ihm zunickte. Schweigend verbeugte er ſich darum vor dem Marcheſe, der dieſe Bewegung für eine Billigung ſei⸗ nes Wunſches hielt und hart an Egbert’s Seite trat. Ehe ſie aus dem Saal gingen, blickte Egbert noch einmal zurück. Unwillkürlich folgte Zambelli ſeinem Beiſpiel. Hinter dem Seſſel Marie Louiſens ſtand Antoinette. Ihr Geſicht war nicht zu erkennen; ſie hatte es zu ihrer Gebieterin herabgeneigt und mochte ihr einen Scherz zugeflüſtert haben, denn die Kaiſerin lachte. Unfern von ſeiner Gemahlin ſtand Napoleon, die Hände auf dem Rücken. Eben führte der Bot⸗ ſchafter einen ſeiner Gäſte, den der Kaiſer zu ſprechen verlangt, die Stufen hinauf und nannte gerade jetzt ſeinen Namen. Egbert wie Vittorio konnten gewahren, wie An⸗ toinette zuſammenſchrak, den Kopf haſtig emporhob und mit einem Ausdruck, in dem ſich Angſt, Beſchämung 127 und Zerknirſchung mit Stolz und Zorn bekämpften, wieder ſinken ließ. „Es iſt der Graf Wolfsegg“, ſagten beide mit einem Munde. „Der Kaiſer redet mit dem Grafen Wolfsegg! Ja, es geſchehen noch Wunder!“ bemerkte Desronais, der ſich dem Anſchein nach zufällig zu ihnen geſellt hatte. „Es iſt heute der Tag der Ueberraſchungen. Ich habe vorhin hinter die Couliſſen geguckt. Hut ab vor dem Fürſten Schwarzenberg, er iſt ein Tauſendkünſtler Ein Schauſpiel bereitet ſich vor— ich bin neugierig, wie es wirken wird.“ Der Marcheſe hatte ſchwerlich auch nur die Hälfte der Worte des Schwätzers gehört, ſeine Augen hingen an den beiden Männern, die dort auf der Eſtrade ſich beſprachen, ſich über ihn beſprachen— deutlich glaubte er ſeinen Namen fallen zu hören. Erſt das Drängen der Andern, die in den Garten hinauswollten, riß ihn aus ſeiner Verſteinerung. Schon war Egbert ihm einige Schritte voraus. Desronais hatte die Gabe, plötzlich zu erſcheinen und noch plötzlicher zu verſchwin⸗ den: er war fort. In dem Garten, unter den Bäumen wehte abend⸗ liche Kühle. Die elfte Stunde war nicht mehr fern. Die Laubgänge ſtrahlten im bunten Lampenglanz und 128 doch gab es hier und dort noch lauſchige dunkle Stel⸗ len genug, in den Gebüſchen, in Lauben, in den halb⸗ runden Niſchen, wo Bänke zum Ausruhen und zu heimlichem Geplauder ſtanden. Geſchickt waren Muſi⸗ kanten an geeigneten Orten, hinter Buſch und Hecke, in dem Schutz ſtattlicher Baumgruppen, aufgeſtellt, um das kaiſerliche Paar bei ſeinem Rundgange durch den Garten zu empfangen und abwechſend bald mit ſanf⸗ tern, bald mit rauſchendern Melodien zu geleiten. Auf einem breiten, vortrefflich dazu gewählten Raſen⸗ platz war eine kleine Bühne errichtet; außer den Ein⸗ geweihten wußte Keiner, was ſich darauf abſpielen würde. Dies Geheimniß gab dem kleinen Tempel der Muſen und Grazien, wie ſcherzend bemerkt wurde, noch eine größere Anziehungskraft. Von den im Garten Luſtwandelnden richteten faſt alle ihre Schritte hierher. Es kam hinzu, daß Jeder ſich beizeiten eines leidlichen Platzes verſichern wollte. Nur für den Kaiſer und die Kaiſerin und einige wenige erlauchte Perſonen waren Sitze vor dem Theater aufbewahrt. Nicht ganz ohne Abſicht hatte Egbert denſelben Weg eingeſchlagen. Er ſchloß aus Desronais' Rede, daß ihm dieſer die Gartenbühne als Ziel ſeines Gan⸗ ges mit dem Marcheſe beſtimmt habe, und folgte dem Rath des Freundes. Auch führte einer der Haupt⸗ gänge von dem Feſtſaal durch den Garten darauf hin. Von dem Marcheſe war kein Widerſpruch zu beſorgen. Er war in ein tiefes Schweigen verſunken und ſchien, ehe er ſich zum Reden entſchloß, noch einmal das Für und Wider ſeines Schrittes zu überlegen. Seit dem Tode Chriſtel's war ſeine Unſtätheit, ſeine Verwirrung geſtiegen. Die Einzige, die ihn Auge in Auge der Unthat beſchuldigen konnte, war aus dem Leben geſchieden; noch ſo viele und ſo ſchwere An⸗ klagen mochten ſeine Feinde gegen ihn erheben, es waren und blieben Vermuthungen, kein Sterblicher konnte vor den Richter hintreten und zeugen: Er iſt ein Mörder, ich ſah's! Aber was er einen Augenblick für ſeine Befreiung gehalten, war zum Fluch und zur Qual für ihn geworden. Als er die Unſelige vom Fenſtergeſims herabſtürzen ſah, hatte etwas in ſeiner Bruſt wie jubelnd aufſchreien wollen. Dieſer Jubel hatte die unſichtbaren, die rächenden Mächte erweckt. Wo er ging oder ſtand, ob allein, ob in Geſellſchaft, überall begegnete ihm das Geſpenſt des braunen Mädchens. Die Zeitungen erzählten in immer neuen Wand⸗ lungen ihre Geſchichte; in den Geſellſchaften ſprach man von ihr. Nirgends wurde der Name des Marcheſe genannt; er überzeugte ſich leicht, daß weder Antoinette Frenzel, Lucifer. V. 9 130 noch Egbert ſeine Beziehungen zu der Bettlerin bisher erwähnt hatten, aber es war bei ſeiner Bewerbung um die Hand der Marquiſe natürlich, daß ſich ein und ein anderer Blick fragend an ihn heftete, daß Andeutungen und ſpitze Worte ſielen, die beſtimmt ſchienen, ihn zu reizen und ihn zum Verräther ſeines eigenen Geheim⸗ niſſes zu machen. Er hatte keine Gegenwehr, gleichſam mit unbeſchützter Bruſt mußte er dieſe Dolchſtiche auf⸗ nehmen, in der beſtändigen Furcht, durch eine Bewe⸗ gung, eine Erwiderung ſich ganz bloßzuſtellen. Von Antoinetten konnte er trotz ſeiner Bitten kein Wort, kein Zeichen, das ihre Geſinnung ausgedrückt, erlangen. Unter dem Vorwande, daß die Marquiſe krank ſei, wurden ſeine Beſuche abgewieſen, auf ſeine Briefe erhielt er keine Antwort; der alte Graf Mortigny em⸗ pfing ihn mit eiſiger Kälte, und aller Schlauheit Vit⸗ torio's wollte es nicht gelingen, ihn zu einer vorlauten Aeußerung fortzureißen. Noch räthſelhafter und gefährlicher dünkte ihm das Benehmen des Kaiſers. Er hatte eine Frage Na⸗ poleon'’s erwartet, aber die Frage blieb aus. Jenes Vorfalls zwiſchen der Marquiſe und der Bettlerin, dem der Kaiſer doch zugeſehen haben ſollte, geſchah keiner Erwähnung. Vittorio glaubte ſogar eine gewiſſe Ab⸗ neigung Napoleon's, davon zu hören, bemerkt zu haben; er hatte die Stirn gerunzelt, als man ihm einen Ar⸗ tikel darüber in den Zeitungen zeigte. Wie in einem dunklen ausſichtsloſen Kerker fühlte ſich der Marcheſe gefangen. Die Furcht, die er ſonſt nie gekannt, malte ihm, gerade weil er keinen leibhaf⸗ tigen Feind vor ſich ſah, geſpenſtiſche Schreckbilder vor. Was hatte Egbert Antoinetten geſagt? Wie weit reichte ſeine Kunde in das Geheimniß von Jean Bour⸗ don's Tode? Hatte er ſie Andern vertraut? Ahnte er den innerſten Zuſammenhang der Dinge, die den Sturz des braunen Mädchens verurſacht? Zu reich und zu mächtig war Vittorio geworden, um das Feld ohne Schlacht zu räumen. Als er noch arm und unbekannt, ein Abenteurer geweſen, hatte er in gleich gefährlicher Lage die Flucht gewählt und war auf eine Zeit lang namenlos in der namenloſen Menge untergetaucht. Jetzt hielten die Güter und Ehren, die er erlangt, ihn feſt. Er wollte nichts verlieren, nichts aufgeben, nicht einmal ſeinen Anſpruch auf die Hand der Marquiſe. Zu dieſer Stunde hätte er nicht ſagen können, ob er ſie glühender haſſe oder glühender nach ihrem Beſitz verlange. Die Leidenſchaft verwirrte ſeine Sinne und hatte ſich zur Herrin ſeines Verſtandes und ſeines Willens gemacht. „Herr Heimwald“, ſagte er und ſetzte, wie er be⸗ 3 gonnen, das Geſpräch in deutſcher Sprache fort, um von den neben und hinter ihnen Gehenden nicht ver⸗ ſtanden zu werden,„Herr Heimwald, ich bin Ihnen noch ein Bekenntniß ſchuldig.“ „Mir, Herr Marcheſe? Ich wüßte doch nicht, ſo oft wir uns auch im Krieg und Frieden begegnet ſind, zu welchem Geſtändniß Sie mir gegenüber eine Verpflich⸗ tung, auf welches ich ein Recht hätte.“ „Doch, Herr Heimwald. Ich muß mich ſelbſt vor Ihnen anklagen. Ein Name ſagt Alles: die braune Chriſtel. Fahren Sie nicht auf, ich bitte Sie um ein ruhiges Gehör. Das arme Mädchen liebte mich; in einem unglücklichen Augenblick ließ ich mich bethören, ſie aus Ihrem Hauſe zu entführen. Ein ſchweres Unrecht gegen die Arme, gegen Sie, Herr Heimwald. Wenn der Soldat im Felde liegt, erlaubt er ſich— aber es iſt eines Mannes nicht würdig, ſeinen Fehler mit der allgemeinen Unſitte zu entſchuldigen. Das Verhältniß endete, wie ſolche Verhältniſſe immer zu enden pflegen. Wir ſind im Streit von einander geſchieden; auch hier wird die größere Schuld auf meiner Seite geweſen ſein. Zu ſpät kehrte mir nach Zorn und Ueberdruß die Ueberlegung zurück, daß es unter allen Umſtänden meine erſte Pflicht ſei, für die Verlaſſene zu ſorgen—“ „Ja, zu ſpät!“ ſagte Egbert bitter. 133 „Denn als ich nach ihr forſchte“, fuhr Vittorio unerſchüttert fort,„fand ich ſie nicht mehr in ihrer Wohnung. In dieſer Stadt verwiſcht ſich nur allzu ſchnell die Spur eines Mädchens. Erſt die Zeitungen, welche die Geſchichte der Bettlerin aus dem Tullerien⸗ garten und ihren Tod erzählten, brachten mir Auf⸗ klärung. Welch eine Aufklärung! Wie jammervoll, wie ſchrecklich und ſchmerzhaft für mich! Halten Sie mich nicht für gefühllos, Herr Heimwald, obgleich mein Herz härter vom Schickſal geſtählt ward als das Ihre. Auch ich weine der Unglücklichen meine Thrä⸗ nen nach.“ „In der That“, erwiderte Egbert. Ihn empörte die Verſtellung Vittorio's ebenſo ſehr, wie ihn ſeine Verwegenheit, deren Zweck er nicht abſah, in Verwunde⸗ rung ſetzte. „Aber bei alledem, Herr Marcheſe, was hab' ich mit Ihrem Bekenntniſſe, mit Ihrer Reue ſelbſt zu ſchaffen? Ich fordere keine Rechenſchaft von Ihnen. Die Verführung eines armen Mädchens hat noch nie⸗ mals, ſoviel ich weiß, die Laufbahn eines Offiziers durchkreuzt oder das Wappen eines Edelmanns befleckt.“ „Ihr Ton iſt noch herber als Ihre Worte. Ich könnte für mich die Unfreiheit unſeres Willens, die 134 Gewalt der Leidenſchaft anführen, allein meine Sache würde darum nicht beſſer werden. Und weshalb ich zu Ihnen, Herr Heimwald, darüber ſpreche? Jenes un⸗ glückliche Geſchöpf war eltern⸗ und heimatlos. Sie haben ihr den Vater und den Bruder erſetzt, in Ihrem Hauſe hatte ſie eine Heimſtätte gefunden. Wenn einer von allen Menſchen mich anklagen kann und darf, ſo ſind Sie es; von Ihnen in dieſer traurigen Angelegen⸗ heit nicht falſch beurtheilt zu werden, war mir ein Bedürfniß.“ Mühſam hielt Egbert an ſich; nur die Rückſicht auf den Ort und die Geſellſchaft hemmte den Aus⸗ bruch ſeines Unwillens. Mörder! hätte er ihm den vernichtenden Ruf in das bleiche und trotzige Geſicht ſchleudern mögen. „Ich habe Sie nie falſch beurtheilt, mein Herr Marcheſe“, antwortete er in kalter Ablehnung;„dies Geſpräch iſt in jeder Hinſicht überflüſſig. Ihre Grund⸗ ſätze und die meinigen gehen zu weit auseinander, als daß wir uns je verſtändigen könnten. Zu Ihrem Richter aber bin ich nicht berufen.“ „Auch nicht, wenn eine dritte Perſon Sie um Ihre Meinung befragte? Eine Perſon, die, wie die Marquiſe von Gondreville, Ihnen theuer iſt?“ „Wofür habe ich das nun zu nehmen, Herr 135⁵ Marcheſe? Iſt dies eine Forderung, wozu dann das Gaukelſpiel der Reue? Glauben Sie, daß ich Sie bei der Marquiſe von Gondreville angeſchwärzt habe? Es genügte, ſie an eine Thatſache zu erinnern.“ „An eine Thatſache? Aus meinem Leben?“ „Nicht doch—“ und Cgbert richtete ſich ſtraff und feſt in die Höhe, daß er über Vittorio hinwegſah—„an den Tod Jean Bourdon'’s.“ „Ahl“ Vor der Gewißheit, daß Egbert ihn des Mordes angeklagt, daß er ſich von ihm keiner Schonung zu verſehen habe, ſchwand jedes Schwanken, jede Unſicher⸗ heit aus der Haltung des Marcheſe. Der Gefahr gegenüber wurde er ruhig und feſt, als wären alle Empfindungen in ihm zum Stillſtand gekommen und ſein Leib wie von Erz geworden. „Alſo Sie oder ich, mein Herr!“ ſagte er dumpf. Da ertönte Muſik; der Kaiſer mit der Kaiſerin war in den Garten getreten. Wie durch Zauberei leuchteten Triumphbogen und flammende Vive P'empereur! an Stellen auf, wo bis⸗ her Alles dunkel geweſen war. Raketen und buntfarbige Leuchtkugeln ſtiegen in die Luft. In die Klänge der Muſik miſchte ſich das fröhliche Rufen der Geſellſchaft. Unter dem klaren Nachthimmel, in der Kühle unter den Bäumen lockerte ſich die Gebundenheit, die im Saal alle gefeſſelt; ſie ſchienen ſich hier freier und im Halbdunkel unbeachteter zu fühlen. Das mochte auch einer Dame Muth geben, Egbert's Hand zu er⸗ greifen und ihn ſanft mit ſich fortzuziehen. Nur ſo viel konnte er erkennen, daß ſie über ihr Gewand einen ſchwarzen Domino geworfen hatte. Nach wenigen Schrit⸗ ten öffnete ſie, an der Bühne hin gehend, eine kleine Thür; erſtaunt fand ſich Egbert inmitten des Theaters. Die Lampen waren angezündet, die letzten Vorbereitungen zum Beginn der Vorſtellung getroffen. Desronais vertheilte ſeine Spritzenleute. Neugierig guckten aus den Couliſſen einige vorwitzige Künſtlerinnen kichernd auf den Offizier. Noch ehe ſich Egbert von ſeiner Verwunderung erholt, hatte das Mädchen den Mantel abgeworfen. „Nur eine Frage, mein Herr, dann ſind Sie frei. Wer bin ich?“ Egbert fuhr zurück. „Chriſtel! Zephyrine!“ „Bravo!“ klatſchte die Kleine in die Hände.„Ich ſehe Ihrer braunen Zigeunerin ähnlich. Aus der Ent⸗ fernung wird die Aehnlichkeit noch täuſchender ſein.“ „Aber was bedeutet dies Alles?“ „Danach müſſen Sie Desronais fragen. Ich ſoll 1370 in dem Ballet eine Zigeunerin vorſtellen. Zieh' einen braunen Rock an, mein Schatz, hat er geſagt. Alle Zigeunerinnen in Oeſterreich tragen braune Röcke, er muß es wiſſen. Und dann iſt unter den Zuſchauern einer, der einmal ein braunes Mädchen geliebt hat— das ſind Sie, mein Herr!“ „Ich?“ „Wollen Sie leugnen? Haben Sie mich nicht gleich in dem häßlichen Coſtüm erkannt? Aber von Zephyrine wiſſen Sie nichts mehr!“ „Auseinander!“ rief der Inſpector.„In die Couliſſe, Mademoiſelle Zephyrine!“ Egbert konnte gerade noch einen Kuß auf ihre Hand drücken, dann führte ihn Desronais hinaus. Die hinter dem Vorhang aufgeſtellten Muiler ſtimmten ihre Inſtrumente. „Ich erwarte eine niederſchlagende Wirkung von dieſer Erſcheinung“, ſagte Desronais, als beide wieder im Garten waren. „Auf den Marcheſe? Eitle Mühe! Er hat mir eben an dieſer Stelle in cyniſcher Weiſe ſeine Schuld eingeſtanden.“ „Die ganze?“ „Daß er die Unglückliche verführt und verlaſſen. Was ihn in der Wirklichkeit nicht erſchüttert hat, ſollte 138 ihn das in dem matten Abbild der Bühne tiefer ergreifen⸗ Er wird die Augen wegwenden—“ „Ja, wenn es ſich nur um eine Liebesgeſchichte handelte! Aber da war ein Hut. Mein lieber junger Freund, das menſchliche Leben iſt eine nicht minder verwickelte Maſchinerie wie das Weltgebäude.“ Indeſſen hatte der Botſchafter ſeine Gäſte bis vor die Bühne geführt. Schon hatte auf einen Wink Napoleon's die Kaiſerin Platz genommen. Er ſelbſt ſtand noch im Geſpräch mit dem Grafen Wolfsegg. Seine Gedanken waren nicht bei dem Feſte; ſeine Hal⸗ tung und ſeine Bewegungen ſchienen zu ſagen: Wozu dieſe leeren Spielereien, dieſer kindiſche Zeitvertreib? Da hatten ihn einige Antworten des Grafen Wolfsegg auf ſeine Fragen getroffen. Der Mann flößte ihm eine gewiſſe Theilnahme ein, und theils aus Selbſtſucht, ihn raſch für ſich zu gewinnen, theils um in der Perſon eines ausgezeichneten Deutſchen allen eine Ehre zu er⸗ zeigen, hatte er eine längere Anterhal tung mit ihm angeknüpft. „Zwiſchen den Deutſchen und mir waltet ein Mißverſtändniß“, ſagte er jetzt.„Ich will ſie nicht ſchädigen und ausrotten. Wir alle auf dem Feſtland Europas haben nur zwei unverſöhnliche Feinde: die Engländer und die Ruſſen. Den Handel der Welt 139 haben die Engländer an ſich geriſſen und beuten Europa, Aſien und Amerika zu ihrem Vortheil aus. Ich führe Krieg für die Freiheit des Meeres. Wird Euch dieſe Freiheit nicht ebenſo zu ſtatten kommen wie den Fran⸗ zoſen? Darum bin ich nach Egypten gegangen, darum werde ich bis nach Indien vordringen. Dort allein treff, ich in das Herz dieſes neuen Karthagos.“ „Und als erſten Standpunkt auf dem Wege zum Ganges wählen Eure kaiſerliche Majeſtät Mos⸗ kau?“ „Warum nicht? Ich ſehe, Sie haben Sinn und Verſtand für weite Unternehmungen. Meine Pläne gegen England ſind bisher an der Unfähigkeit der Menſchen, die ſie nicht begreifen konnten oder wollten, geſcheitert. Ich habe keine Flotte. Man ſagt, eine Flotte ließe ſich nicht in wenigen Jahren herſtellen. Thorheit! Alles iſt möglich, wo Kraft iſt und ein mächtiger Wille. Aber ich kann nicht überall ſein, auf dem Meer bin ich von Andern abhängig, zu Lande bin ich der Herr. Trauen Sie mir, Graf, der Krieg mit Rußland iſt unvermeidlich.“ „Ich glaube es, Sire“, entgegnete doppelſinnig Wolfsegg. „Es bedroht Europa mit ſeinen Koſakenſchwärmen, mit einem neuen Barbarenſturm. Unaufhaltſam dehnt 140 es ſich nach Weſten und Süden aus. Man wirft mir Eroberungsſucht vor. Im Oſten werdet Ihr ſie finden, dort in Petersburg ſitzen die wahren Nachfolger Tamer⸗ lan's. Eine Ruſſenflut ſteht uns bevor. Ich thue nichts, als die zerſtreuten Stäbe zu einem Bündel ſammeln. Es war eine Unklugheit von Euch, Polen zu theilen. Aber es iſt geſchehen, es gibt kein Mittel, dieſe Theilung wieder rückgängig zu machen. Wenn jedoch Deutſchland und Frankreich vereinigt ſind, werden ſie den Ruſſen Schranken ſetzen können. Ich hätte zu Tilſit, zu Erfurt die Welt mit dem Czar Alexander theilen können. Für den Beſitz Konſtantinopels hätte er den König von Preußen, ſeinen Freund, hätte er den Kaiſer von Oeſterreich meiner Willkür überlaſſen. Aber ich mag mit dieſen Barbaren nichts zu ſchaffen haben. Es iſt ein Krieg für die Civiliſation, den ich mit ihnen führen muß. Die Deutſchen werden mir beiſtehen, ich werde die Ruſſen in ihre unwirthlichen Steppen, nach dem Ural zurückwerfen und Europa für immer von der Furcht vor ihnen befreien. Sie ſind betreten, Graf?“ „Ich denke nach, wie viel Zeit Eure Majeſtät zur Vollendung ſo ungeheurer Entwürfe brauchen werden.“ „Wie viel Zeit? Ich bin erſt vierzig Jahre. In 141 zwei Jahren werde ich hinlänglich gerüſtet ſein; bis dahin wird ſich zeigen, ob der Czar Alexander in Frieden mit mir leben will. Zwei Feldzüge führen mich dann nach Moskau und nach Petersburg. All meinen Gegnern öffnet man in Petersburg die Arme, dort iſt das Aſyl aller Unzufriedenen gegen mich. Im Rathe des Czars haben die Abenteurer, die Rebellen, die von England beſtochenen preußiſchen Offiziere die Ober⸗ hand. Ich weiß nicht, worauf ſie rechnen. Wiſſen Sie es?“ „Rußland iſt eine Welt für ſich. Sie werden Eure Majeſtät nicht mit Menſchen und Kanonen, ſondern mit der Oede und dem Raum bekämpfen.“ „Bah! Was iſt der Raum? Mein Gedanke durchfliegt ihn, meine Reiter werden es auch thun.“ „Vielleicht meint der Czar, daß ihren Pferden der Athem darüber ausgehen wird.“ „Sie halten den Krieg für gefährlich? Darum wird es auch mein letzter ſein. Es iſt ein Krieg für die Bildung und Geſittung der Welt. Ein neuer Alexanderzug. Auf Jahrhunderte hinaus werde ich der Welt einen dauernden Frieden ſchenken.— Sie haben mir öfter gegenübergeſtanden?“ „Ja, Sire.“ „Nicht vergebens haben ſo viele Tapfere in meinen 142 Schlachten ihr Leben gelaſſen. Es galt der Aufrichtung eines großen Reichs, das, wie einſt das römiſche, alle gebildeten Völker in ſich vereint zur Abwehr der Bar⸗ baren. Nur ſo ſind Wiſſenſchaft und Kunſt, Ordnung und Beſitz wahrhaft geſichert. Soweit meine Adler vor⸗ gedrungen ſind, habe ich neue, beſſere Geſetze verkündigt. Unſere Nachkommen werden die Früchte ernten. Wäre dies nicht meiner Thaten Endziel, wofür hätt' ich gelebt?— Sie haben Kinder?“ „Nur eine Tochter.“ „Die Sie einem braven Manne verheirathen werden. Noch ein Wort, Graf Wolfsegg. Sie ſind mit der Marquiſe von Gondreville, der Hofdame der Kaiſerin, verwandt?“ „Ich bin ihr Oheim, Sire.“ „Ein Mann, der ſich in meinen Dienſten brauchbar erwieſen, der Marcheſe Zambelli, wirbt um ihre Hand und hat mein Fürwort bei der Dame nachgeſucht. Aber es iſt klar, daß nicht meine Meinung, ſondern die Ihrige in dieſem Falle den Ausſchlag geben müßte.“ „Zu viel Gnade, Sire! Meine Nichte iſt ſelbſt⸗ ſtändig und ihre Wahl iſt frei.“ „Aber Ihnen perſönlich gefällt der Marcheſe nicht? Was iſt das mit dieſem Manne? Man murmelt 143 Allerlei um mich her— Weiber⸗ und Dienergeſchwätz. Sie ſind ein Mann, Sie werden mir die Wahrheit ſagen. Sie würden Ihre Tochter nicht mit dem Mar⸗ cheſe verheirathen?“ „Nein, Sire.“ „Und warum nicht? Weil er mir dient? Weil er aus dem öſterreichiſchen Dienſt in meinen überge⸗ treten iſt?“ „Seine italieniſchen Beziehungen hatten ihn ja ſchon früher halbwegs zu einem Unerthan Eurer kaiſer⸗ lichen Majeſtät gemacht. Aber wenn ich auch für einen großen Kriegsfürſten die Nothwendigkeit begreife, nicht allzu empfindlich in der Wahl ſeiner Werkzeuge zu ſein, denn der Krieg braucht rauhe und gewaltthätige Menſchen, einen Mann, den ganz Wien als Spion gekannt hat, auf dem ein dunkler grauſiger Verdacht laſtet, ſollte er nicht in ſeiner Nähe dulden.“ „Ganz Wien, ſagen Sie?“ Der Kaiſer zerknitterte die Krempe ſeines kleinen Hutes. Einen Augenblick befürchtete Wolfsegg eine zornige Entgegnung. Aber Napoleon erſtickte in einem verächtlichen Lächeln ſeine Aufwallung. „Es iſt gut, Herr Graf. Was wollen Sie? Man regiert die Welt nicht mit Philoſophen, ſondern mit Spitzbuben. Verdienen auch im Grunde die Völker ein beſſeres Regiment? Aber wehe dem, der ſich als Spitzbube ertappen läßt!“ Indem er ſich umwendete und ſich auf ſeinen Seſſel niederließ, gab er endlich dem Fürſten Gelegen⸗ heit, das Zeichen zum Aufziehen des Vorhangs zu er⸗ theilen. „Ach!“ rief die Kaiſerin und reichte in über⸗ wallender Freude, die Etikette vergeſſend, dem Fürſten die Hand. Die Decoration der Bühne ſtellte in getreuer Nachbildung das Schloß Laxenburg dar, in dem ſie ihre Kindheit zugebracht. Es war eine ebenſo feine wie anmuthige Aufmerkſamkeit ihres Wirthes. Auch der Kaiſer ſchien befriedigt. Das Lächeln von vorhin zitterte noch um ſeine Lippen. In einem Ballet wurde die Friedensfeier in einem öſterreichiſchen Dorfe dargeſtellt. Ungarn, Czechen, Zigeuner traten neben den öſterreichiſchen Bauern und Bäuerinnen in ihrem Nationalcoſtüm auf und voll⸗ führten mit großer Lebendigkeit und vielem Feuer ihre Volkstänze. Aufs beſte waren die Tänzer wie die Muſtker eingeübt. Zwanglos fügte ſich dem Ganzen die Epiſode des braunen Mädchens ein. Als Bettlerin im braunen Kleide, der braunen Chriſtel täuſchend ähnlich, trat Zephyrine auf. Sie ſagte den Leuten 14 5 aus den Händen wahr und wurde von einem jungen Dorfſtutzer, der zum Gelächter des Publikums ſich halb bäuerlich, halb ſtädtiſch trug und mit ſeinem Hut nach der neueſten Mode die tollſten Schwänke und Narrens⸗ poſſen trieb, mit Liebesanträgen verfolgt. Um ihm zu entgehen, ſprang ſie aus dem Fenſter und lag wie todt auf dem Boden. Ihr nach flog ſein Hut. Die Dörfler verſammelten ſich, der Uebelthäter, den ſein Hut kenntlich gemacht ſollte beſtraft werden; da erhebt ſich die Zigeunerin lachend und ein luſtiger Tanz führt die Verſöhnung herbei. Als Egbert vorhin die Bühne verlaſſen, war es ihm nicht mehr möglich geweſen, nach vorn vorzudrin⸗ gen; er mußte ſeitwärts ſtehen bleiben, an einer Stelle, von der aus er beſſer das Publikum als die Bühne beobachten konnte.. Sich gegenüber ſah er das kaiſerliche Paar; Marie Louiſe gab ſich in der Harmloſigkeit ihrer Jugend ganz dem Eindrucke hin, ihr gutmüthiges Geſicht ſtrahlte bei dieſen fröhlichen und freundlichen Erinnerungen an ihre deutſche Heimat; die Tänze, die ſie ſo gut kannte, die Streiche der kleinen Zigeunerin erregten ihr heiter⸗ ſtes Gelächter; zuweilen wendete ſie ſich nach ihren Damen um, ſie auf dies und jenes aufmerkſam zu machen. Auch dieſe, ſei es nun, um der Gebieterin Frenzel, Lucifer. V. 10 ———— 146 ſich willfährig zu zeigen, ſei es, weil ſie wirklich fröh⸗ lich angeregt waren, äußerten ihre Theilnahme und 4 ihr Vergnügen. Nur eine blieb kalt und unzugänglich. Antoinette ſtand aufrecht, als wäre die Seele aus ihrem Körper geflohen. Nicht einmal das Erſcheinen des braunen Mädchens ſchien ſie zu bemerken. Sann ſie ihrem Schickſal nach? So ſchmal war der Raum, der ſie von ihrem Oheim, von ihrer Jugend trennte, und doch war es eine unermeßliche, unüberſchreitbare Kluft. Was hatte der Kaiſer ſo lange, ſo angelegent⸗ lich mit ihm geredet? An der Zerſtreutheit, mit der Napoleon dem Spiel zuſah, konnte ſie erkennen, daß nicht geringe Dinge in dieſem Geſpräch verhandelt worden waren. Die nächſte Stunde mußte die Ent⸗ ſcheidung für ſie bringen, ſie fühlte, wie ihr Herz immer kälter und ſtarrer wurde. Wohl verſtand Egbert die Symbolik des Spiels, das die ahnungsloſe Zephyrine unter dem Beifall der Zuſchauer aufführte, aber er konnte die Wirkung nicht gewahren, die es auf den Einzigen ausübte, für den es berechnet war. Sollte Desronais, ſollte Benjamin den Marcheſe für ſchuldig an dem Tode Chriſtel's halten? War dieſe Scene nur erfunden, um ihn zu überführen? Vittorio hatte den Platz, der ihm nach ſeinem 147 Rang gebührte, in einiger Entfernung von dem Kaiſer eingenommen, denſelben jedoch mit ſolcher Vorſicht ge⸗ wählt, daß ein Baum ihn beinahe ganz verdeckte. Von hier aus, ſelber vor neugierigen, forſchenden Blicken geborgen, verlor er keine Bewegung der Spielenden. Ob er erbleichte, zuſammenfuhr? Nur der Stern, der durch die Zweige des Baums ihm ins Angeſicht ſchim⸗ merte, hätte es ſagen können. Aber einer, von dem er nichts wußte, ſtand hin⸗ ter ihm. „Schändlicher Hut! Er verräth ſeinen Herrn“, brummte Desronais.„Man bekommt Furcht vor ſei⸗ nem eigenen. Nicht wahr, mein Herr?“ „Um ſo mehr“, entgegnete Vittorio kaltblütig,„wenn man ihn, wie ich, vor einigen Tagen verloren hat.“ „Und wenn ihn nun gar die Polizei gefunden—“ Vittorio kehrte ſich gelaſſen nach dem läſtigen Sprecher um. Er erkannte den Mann, der ſich vor⸗ hin unter dem Portal des Saales ſo aufdringlich in ſein Geſpräch mit Egbert geniſcht. „Sind Sie Hutmacher oder Maskenverleiher?“ fragte er hochfahrend. „Nein, aber ich habe das Glück, verlorene Sachen zu finden, Knöpfe wie Hüte.“ „Als Lumpenſammler? Dann möchte ich Sie doch 10* 148 als Adjutant Sr. kaiſerlichen Majeſtät fragen, mit welchem Rechte Sie in der Nähe ſeiner geheiligten Perſon verweilen?“. „Mit dem beſten; ich bin der Polizeicommiſſar Desronais.“— „Ah!“ machte Zambelli eine halbe Verbeugung und wendete ſich verächtlich, als ſei es unter ſeiner Würde, auch nur ein Wort weiter mit einem ſolchen Manne zu reden, ab. Aber ſeine Verachtung ſollte nur ſeinen Schreck verhüllen. Auf allen Seiten war er umſtellt, umgarnt. So vielen Angriffen gegenüber mußte er mit doppeltem Trotz, mit doppelter Kühnheit zahlen. Seine Feinde hatten eine falſche Rechnung gezogen. Statt ſeinen Muth zu lähmen, entflammte ihn das Spiegelbild, das ſie ihm vorhielten, nur noch höher. Gerade jetzt wollte er erſt recht, ihnen zum Haſſe und zum Neide, leben, herrſchen, genießen. Je drohender die Gefahr des Sturzes für ihn war, um ſo heftiger wurde ſeine Begierde, um ſo unbeugſamer ſein Wille. Das Ballet war zu Ende; unter allgemeinem Beifall war der Vorhang wieder gefallen. Der Rundgang durch den Garten ward fortgeſetzt. Als auch ein prächtiges Feuerwerk, bei dem es an ſinnreichen Verherrlichungen des Kaiſers und ſeiner 149 jungen Gemahlin, an Adlern mit ausgebreiteten Fittigen, an Lilien, aus deren Kelche ein Lorbeer emporwächſt, an ſchmeichelhaften Inſchriften in bunten Flammen nicht gefehlt hatte, ohne Unfall abgebrannt war, verließ den Fürſten Schwarzenberg die ſchwermüthige gedrückte Stimmung. „Dem Himmel ſei Dank“, ſagte er aufathmend zu dem Grafen Wolfsegg,„das Schwerſte iſt überſtanden. Nach dem erſten Tanz wird der Kaiſer das Haus ver⸗ laſſen. Dann mag die junge Welt nach Herzensluſt ſich tummeln. Dann wird's luſtig. Was ſinnt der Kaiſer? Er ſprach ſo angelegentlich mit Ihnen.“ „Er ſitzt im Geiſte zu Pferde und reitet über die ruſſiſche Steppe“, antwortete Wolfsegg. Unter der Führung des Fürſten wendete ſich die Geſellſchaft wieder nach dem Feſtſaal zurück. Dabei gelang es Vittorio, in die Nähe Antoinettens zu kommen. d „Ein Wort“, ſagte er mit einem Ton, in dem ſich die ganze Kraft ſeines Willens zuſammenpreßte, und hielt ſie an einem Zipfel ihres Shawls feſt. „Herr Marcheſe!“ Sind es zwei unverſöhnliche Kämpfer, die an einan⸗ der gerathen, die lautlos den Todesſtreich geben und empfangen? 150 „Ich liebe Sie, Antoinette. Ich bin ein Raſender, ein Verworfener. Aber Sie müſſen mir gehören, ich werde Sie der Hölle wie dem Himmel abtrotzen. Sprechen Sie nichts, nicken Sie mir nur mit dem Haupte Ge⸗ währung zu. Wir verlaſſen dies Land, wir gehen nach Italien, übers Meer, wohin Sie wollen.“ „ uUm dem Schatten Jean Bourdon's zu antiehena⸗ fragt ſie zurück. Krampfhaft hat ſich ſeine Hand um ihren Shawl geſchlungen. Statt fortzutaumeln, tritt er nur näher an ſie heran; ſie fühlt ſeinen brennenden Athem auf ihren Wangen. Will er ſie küſſen oder tödten? „Nein“, flüſtert er ihr ins Ohr,„um die Dirne Napoleon's wieder zu Ehren zu bringen.“ „Ah!“ ſchreit ſie auf, aber ſie hält ſich aufrecht, die Zähne zuſammenbeißend, daß ein Blutstropfen auf ihren Lippen ſichtbar wird. Zambelli iſt von ihrer Seite in die Dunkelheit ge⸗ wichen. Eben war der Kaiſer vor dem Hauptportal des Tanzſaals angelangt und ließ ſich von ſeiner Gemahlin die Transparentinſchrift, die ihm wegen ihrer großen deutſchen Buchſtaben auffiel, erläutern. Mit jenem ſonderbaren Lächeln, das halb Hohn, halb Mitleiden ausdrückte, hörte er ihr zu. 151 „Die goldene Zeit“, murmelte er.„Moskau! Die Stadt mit den goldenen Kuppeln— Moskau!“ Bei dem Schrei, den Antoinette ausſtieß, ſah er ſchnell hinter ſich, aber er ſagte nichts. Erſt im Saale, als ſie ſich der Kaiſerin näherte, ging er auf ſie zu. Soweit es, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen, möglich war, traten die Andern zurück. Niemand wollte den Imperator belauſchen. Hin und her gehend reichten die Diener Erfri⸗ ſchungen umher. Die Muſikanten ſpielten eine muntere Aufforderung zum Tanz. „Wie bleich ſind Sie, Antoinette!“ ſprach er halb⸗ laut.„Was iſt Ihnen geſchehen?“ „Der Marcheſe Zambelli, Sire—“ „Sie haben ihm jede Hoffnung abgeſchnitten? Es iſt gut, ich ziehe mein Fürwort zurück. Ihre Ver⸗ wandten wünſchen dieſe Heirath nicht. Haben Sie ſchon mit Ihrem Oheim geſprochen?“ „Nein.“ „Das iſt ein tüchtiger Mann. Sie ſollten mit ihm nach Deutſchland zurückkehren— auf eine Zeit lang— zu Ihrer Mutter—“ „Sire!“ „Ihre Ablehnung der Werbung des Marcheſe, 152 dieſe ganze Geſchichte hat ein böſes Aufſehen gemacht. Ganz Paris iſt voll davon. Das gefällt mir nicht. Von dem Hauſe Cäſar's ſoll man nicht ſprechen. Solche Gerüchte, ſolche Klatſchereien haben die Bourbonen vor ihrem Sturze dem Gelächter preisgegeben und ihren Fall beſchleunigt. Ihre Abreiſe wird das Geſchwätz verſtummen laſſen; man vergißt leicht in Paris. Wenn Sie dann wieder zu uns zurückkehren, wird ſich Keiner mehr an dieſe Dinge erinnern. Ich will Ihr Wohl, Antoinette; ich bin beſorgt um Sie“, ſetzte er gütiger hinzu.„Ihre Geſundheit iſt erſchüttert. Sie bedürfen anderer Luft, anderer Menſchen, die Sie beruhigen; hier regt Sie Alles auf.“ G Du, Du allein, Schrecklicher, wollte ſie aufſchreien, biſt mein Glück und mein Verderben. Aber ſie ſchaute in zwei düſtere, unerbittliche Augen, in ein Geſicht, in dem für Liebe und Zärtlichkeit kein Raum war. „Ich verſtehe Sie, Sire“, ſagte ſie tonlos,„verſtehe Ihre Abſicht nur zu gut.“ „Auch mein Wohlwollen für Sie, hoffe ich“, ent⸗ gegnete er nicht ohne Strenge.„Ihr Herz geht mit Ihrem klugen Verſtande durch; das ſollte nicht ſein, Antoinette. Reiſen Sie, zerſtreuen Sie ſich. Lernen Sie Welt und Leben leichter nehmen. Nach Ihrer Rückkehr werden Sie die Vergangenheit mit freierer Stimmung betrachten. Laſſen Sie mich den Friedens⸗ ſtifter zwiſchen Ihnen und Ihren deutſchen Ver⸗ wandten machen.“ Er hatte nach ſeiner Meinung der Worte ſchon zu viel verſchwendet, und da ſie kalt und lautlos vor ihm ſtehen blieb— ein Marmorbild, das er nicht zu beleben vermochte, das er nur immer mehr erſtarren ließ— drohte er ungeduldig zu werden, als er unter denen, die in einiger Entfernung mit tiefen Verneigun⸗ gen an der Gruppe vorüber in die Mitte des Saales zu kommen verſuchten, den blonden Egbert bemerkte. „Hauptmann Heimwald!“ rief er mit lauter Stimme. Selten war ihm ein Menſch zu gelegenerer Stunde erſchienen, ihn aus einer peinlichen Lage zu befreien, zu deren Löſung er in ſeinem Geiſte und ſeinem Cha⸗ rakter kein Hülfsmittel fand. 1 Bei dem Klang des deutſchen Namens hatte ſich die Kaiſerin, die ſich bis dahin mit der Fürſtin Pau⸗ line Schwarzenberg, der Schwägerin des Botſchafters, unterhalten, neugierig umgewendet. „Nun ſind wir doch Freunde geworden“, ſagte Napoleon zu Egbert, der in beſcheidener und doch feſter Haltung herangetreten war.„Oeſterreich und Frank⸗ reich! Ich ſehe Sie gern wieder in Paris, Herr Hauptmann.“ 154 Er hatte eine gewiſſe haſtige Liebenswürdigkeit, die in ihrem Uebermaß dem Andern jede Erwiderung und jeden Dank abſchnitt. „Madame“, fuhr er fort, Marie Louiſens Hand ergreifend,„erlauben Sie mir, dieſen jungen Mann aus Wien Ihrer Gnade zu empfehlen. Es iſt der Erſte, der Ihren Namen vor mir ausgeſprochen hat; er und die Marquiſe von Gondreville. Aber nicht wahr, Marquiſe, Sie ſind nicht nur halbe Landsleute, ſondern auch gute Bekannte mit einander? Es wird Ihnen beiden erwünſcht ſein, mit einander zu plau⸗ dern. Nicht ſo ſchwerfällig, mein Herr Hauptmann! Bei Aspern waren Sie ſchneller. Bitten Sie die Marquiſe um einen Tanz. Die Kaiſerin geſtattet es. Und Sie, mein Fürſt, laſſen Sie den Ball beginnen. Die junge Welt würde mir ſonſt zürnen.“ Lächelnd und huldvoll nickte Marie Louiſe; noch äußerte ſie einige Worte, die Egbert überhörte, dann ſetzte ſie mit ihrem Gemahl ihren Gang durch den Saal nach den Thronſeſſeln fort. Die Paare ordneten ſich zum Tanz; die Königin von Neapel mit dem Fürſten Eſterhazy, der Vicekönig Eugen mit der Fürſtin Pauline Schwarzenberg eröff⸗ neten den Ball. Mitternacht war vorüber. In den lockenden verführeriſchen Klängen der Muſik, in dem Glanz und Rauſch des Feſtes lag etwas Sinnbethörendes, das auch Egbert zu verwirren anfing. Vor ihm die ſchöne, die ſtrahlende Erſcheinung! Die Sitte des Hofes hatte ſie gewöhnt, auch den verzehrend⸗ ſten Schmerz äußerlich ſtill in ſich zu verſchließen. Am wenigſten hätte ſie ſich jetzt eine Blöße geben mögen. Schlank und ſtolz ſtand ſie; das Diadem in ihrem Haar, das weiße Gewand verliehen ihr einen prieſterlichen Zug. „Antoinette!“ ſtammelte Egbert. War es nur der Anblick der Tanzenden vor ihm? Alles drehte ſich um ihn. „Gehorchen wir nur“, antwortete ſie bitter. Schon lag ihre Hand in der ſeinen. „Selbſt die Freude möchte uns dieſer Mann be⸗ fehlen, ſelbſt das Glück! Wenn er es nur zu ſchaffen vermöchte! Gehorchen wir, es iſt zum letzten Mal—“ Egbert führte ſie einige Schritte vor. Nun ſchwankte ſie doch und ihre Bruſt hob ſich ſtürmiſcher und ängſtlicher. „Nicht jetzt, mein Freund!“ bat ſie.„Den nächſten Tanz— „Iſt Ihnen nicht wohl? Wozu auch tanzen! Ich führe Sie hinaus. Die Kühle wird Sie erfriſchen.“ 156 „Nein, wir wollen tanzen. So wild und toll! Wir haben nie mit einander getanzt. Es geht ſchon vorüber, die Hitze wehte mich erſtickend an. Aber Ihnen wird es kein Vergnügen machen, mit mir zu tanzen, Sie werden an Magdalene denken. Wenn Sie beide glücklich ſind, vergeſſen Sie mich nicht! Ich bilde mir nämlich ein, ein klein wenig zu Ihrem Glücke beigetragen zu haben, in einem Augenblick, als auch Sie hoch hinaus zu fliegen gedachten. Es iſt einſam und kalt, ſchaurig kalt auf den Höhen!“ „Der Kaiſer hat angelegentlich mit Ihnen ge⸗ ſprochen; beharrt er immer noch bei dem Plan jenes unſeligen Ehebündniſſes?“ „Der Marcheſe Zambelli wird nicht mehr um mich werben. Das iſt aus. Der Kaiſer ſchickt mich fort— ſchickt mich zu meiner Mutter nach Deutſchland.“ „Nach Deutſchland, zu uns! Welch eine Glücks⸗ botſchaft! Und das ſagen Sie mit ſo traurigem Ge⸗ ſicht, Antoinette? Iſt denn das Vaterland, ſind die Jugenderinnerungen, ſind wir alle, die wir Sie lieben und verehren, denn gar nichts gegen dieſen einzigen Mann?“ „Verehren!“ ſagte bleich, mit unterdrücktem Schluch⸗ zen Antoinette für ſich hin.„Wenn man von der Tafel ſeines Lebens etwas wegwiſchen könnte, dann 157 möchte ich wohl wieder an meinem geliebten See ſein! Oder könnte ich geradeswegs von dieſem Feſte in ſeine kühlende, reinigende Flut ſpringen— und ſinken, ſinken—“ „Welche Gedanken! Sie ſind krank im Gemüth; dieſe Stadt, dieſer Hof haben es Ihnen angethan. Kommen Sie zu uns zurück, ſchütteln Sie den ſchweren Traum von ſich ab.“ „Ja, wenn es ein Traum wäre! Wie gern wollte ich meine Mutter wiederſehen, ihre Kniee umfaſſen— aber nicht ſo— nicht ſo!“ „Iſt denn Ihr Oheim nicht da, der Alles ver⸗ mitteln und ausgleichen wird?⸗ „Mein Oheim? Der Kaiſer kennt nur einen Gott, ſich ſelbſt, mein Oheim betet einen andern Götzen an, die Ehre. Was gilt ihnen beiden ein Weib? Gefühl⸗ los opferte mich jeder ſeinem Götzen. Es wäre ja Alles gut, wenn wir nur kein Herz hätten.“ „Sie reden wie im Wirbel, Antoinette! Das Leben verwundet uns beſtändig, aber indem wir es muthig weiter leben, heilt es auch dieſe Wunden.“ „Stille Seele“, ſagte ſie tonlos, abgebrochen darauf,„Du haſt nie den Kuß des Dämons empfunden.“ Ein neuer Tanz, eine Ecoſſaiſe, hatte begonnen. Während deſſelben wollten die Majeſtäten einen Rund⸗ 158 gang durch den Saal machen, nach der rechten Seite hin die Kaiſerin, nach der linken der Kaiſer. Schon war Napoleon aufgeſtanden. „Zum Tanz!“ rief Antoinette mit einem bacchan⸗ tiſchen Aufblick und warf den Kopf in den Nacken zurück.„Mir iſt's, als wäre ich von lauter Flammen umlodert. Ich will ihm nicht wieder begegnen. Fort, Egbert“— und ſie preßte leidenſchaftlich ſeine Hand —„zum Tanz! Könnten wir ſo in das Nichts hinüber⸗ wirbeln— unter Muſik und Jubel, unbewußt, in hol⸗ der Raſerei!“ Die Wildheit, die ſich ihrer bemächtigt hatte, raubte auch ihm die Beſinnung. Im gefälligen Taumel flogen ſie dahin. Ihr Leib ſchmiegte ſich an ihn, ihre Haare, die ſich anfingen aus ihrem verſchlungenen Knoten zu löſen, ſtreiften ſeine Lippen. Die Hände auf dem Rücken war Napoleon hinter den Säulen des Saales, um die Tanzenden nicht zu ſtören, bis zu der Stelle vorgeſchritten, wo die Gallerie, das Verbindungsglied zwiſchen dem Hauſe und dem Feſtbau, in den Saal mündete. Mit Wenigen hatte er im Vorübergehen geſprochen, halbe, zerſtreute Worte. Die Zeit, die er ſich ſelbſt zum entſcheidenden Kampfe ſeines Lebens geſetzt, dieſe erzwungene Ruhe von zwei Jahren, fiel jetzt ſchon, wo ſie kaum begonnen hatte, 159 ſeinem Geiſte ſchwer. Er blieb eine Weile ſtehen und ſah ſtumm dem Tanze zu. Erkannte er in dem Reigen Antoinette an ihren flatternden blonden Locken? „Marcheſe Zambelli“, ſagte er in ſeinem kurzen harten Ton. „Zu Befehl, Sire.“ „Keine Nachrichten aus Spanien, von Ihrem Freunde, dem Oberſt Loyſel?“ „Eure Majeſtät ſind irrthümlich berichtet, der Oberſt Loyſel iſt nicht mein Freund.“ „Sie werden morgen nach Madrid gehen, der Wind iſt Ihnen hier in Paris nicht günſtig.“ „Sire!“ „Oder noch lieber, nehmen Sie Ihren Abſchied. Das deckt viel zu. Hielten Sie mich für blind, Herr? Ich liebe die Verwegenen, aber nicht die Dummköpfe, die ſich überliſten laſſen.“ „Sire!“ „Gehen Sie!“ Die ganze Unterredung hatte kaum eine Minnte gedauert und war von Napoleon mit halber Stimme geführt worden, ohne daß er auch nur ein einziges Mal den Marcheſe angeſchaut oder ſeine Mienen geändert. Einen Augenblick ſchwankte Vittorio und fürchtete niederzuſtürzen. Aber er hielt ſich aufrecht, grüßte militäriſch und trat zurück. War es der Drang des Herzens, war es der Zufall— unbewußt hatte ſich ſeine Hand um den Griff ſeines Degens geklammert. „Durchbohre ihn“, ſprach etwas in ihm,„du be⸗ freiſt die Menſchheit von ihrem ſchlimmſten Feinde und wirſt unſterblich werden wie er!“ „Feuer!“ ward da in der Gallerie, unweit des Ortes, wo ſie geſtanden, gerufen. Der Luftzug, der bei einer plötzlichen Oeffnung der Thüren ungeſtümer hereinwehte, hatte einen der Gazevorhänge zwiſchen den Säulen und der Gallerie gegen die Kerzen eines Wandleuchters getrieben. Im Nu flammte das leichte luftige Zeug. Napoleon ſchaute auf. Mit raſcher Geiſtesgegenwart ergriff der Graf Bentheim den Vorhang, riß ihn herab und trat ihn auf dem Boden aus. Einer der Kammerherren des Kaiſers, der Graf Dumanoir, war ebenfalls hinzuge⸗ ſprungen; mit den Füßen auf die lohende Gaze ſtam⸗ pfend, mit den Händen, den Hüten darauf ſchlagend, ſchienen die beiden Herren das Feuer erſtickt und die Gefahr beſeitigt zu haben. Napoleon warf ihnen einen freundlichen Blick zu und ſuchte, mit der Hand winkend, ſeine Umgebung, die unruhig geworden war, in Ord⸗ nung zu halten. Während aber diejenigen, die über⸗ 4161 haupt von dem Vorfall Kenntniß nahmen, mit dem herabgeriſſenen Vorhang beſchäftigt waren, hatte ſich oben in den Verhüllungen des Gebälks ein Feuerfunke feſtgeſetzt. Wieder loderte über ihren Häuptern der leichte roſafarbene Flor. „Brenne! Brenne!“ rief Vittorio aus der Ver⸗ zweiflung ſeiner Seele heraus und ſchleuderte in einer dämoniſchen Anwandlung ſeinen Hut nach dem neuen Quell des Feuers.„Verſchlinge uns alle!“ Hatte die Flamme nun ſchon zu mächtig um ſich gefaßt, oder zertheilte der Wurf, ſtatt das Feuer zu erſticken, nur die ſprühenden Funken, als ſetzte ſich afu einer mit Pulver beſtreuten Spur mit der Schnellig⸗ keit des Gedankens das entfeſſelte Element fort, ſo ging es rauſchend, kniſternd, ziſchend durch die Roſetten und Puffen von Gaze und Seide, fraß gierig an den im Wind ſich ſchaukelnden Ketten von Blumen hinauf und hinunter, züngelte zur Decke empor, erſt mit einer, dann mit zehn, mit hundert, mit tauſend Zungen, er⸗ griff die buntbemalten Tapeten— in weniger als zwei Minuten ſtand die Gallerie in Brand. Dazwiſchen klangen noch die Inſtrumente, freudig, lockend, gefällig, wogte noch in der Mitte des Saales der anmuthige Tanz. „Feuer! Feuer!“ gellte es durch den Feſtraum. 11 Frenzel, Lucifer. V. 3 162 Sind es Menſchenſtimmen, ſind es Dämonen, die ſo rufen? Wie verwandelt ſtarren alle Geſichter; ein Entſetzen, ein Grauen. „Feuer! Feuer!“ Hat wieder, wie bei Belſazar's Mahl, die Hand Gottes Buchſtaben von Flammen an die Wand ge⸗ ſchrieben? An der Seite Napoleon's ſteht Graf Wolfsegg; beider Augen begegnen ſich. Sucht der eine in den Zügen des andern die Furcht zu entdecken? „In einer Feſtnacht ſtürzte Ilion“, ſagte langſam der Graf. „Aber nicht ich!“ entgegnete der Kaiſer. Unverwandt und unverändert ſchaute er eine Mi⸗ nute noch auf die Flammen, um ſich zu überzeugen, daß jeder Verſuch, des Feuers hier Herr zu werden, unmöglich ſei. Sein Geſicht wurde noch gelblicher und regungsloſer. Mit finſter zuſammengezogener Stirn blickte er ſich nach ſeinen Begleitern um. Die Furcht⸗ ſamſten hatten die Degen gezogen, in dem Wahn, ein Mordverſuch gegen den Kaiſer werde von den Deutſchen oder von den Jakobinern beabſichtigt. Sein Blick ge⸗ nügte, ihre Waffen wieder in die Scheide zu bringen. Langſamer, als es nöthig war, gleichſam um dem Fürſten Schwarzenberg und dem Grafen Wolfsegg, die 163 neben ihm einherſchritten, ein Zeichen ſeines Ver⸗ trauens und ſeiner Unerſchrockenheit zu geben, ging er in den Saal, ſeiner Gemahlin entgegen, die beſtürzt und zitternd von einigen ihrer Damen zu ihm geleitet ward. Als er ihre Hand ergriffen, ſagte er laut und feſt: „Die Gefahr iſt nicht ſo groß, behalten Sie nur die nöthige Ruhe. Der Ausgang iſt noch frei.“ Der Fürſt führte das kaiſerliche Paar nach dem Hauptportal und hinaus in den Garten. „Ich habe die Wagen Eurer Majeſtät nach der Gartenpforte fahren laſſen“, bemerkte er. „Warum?“ fuhr ihn der Kaiſer an.„Weil dort die Straße ſtiller iſt? Glauben Sie auch an Verſchwö⸗ rungen gegen mich, mein Fürſt? Ammenmärchen! Ich fahre von der Stelle fort, wo ich erwartet werde, von meinen Unterthanen oder von meinen Mördern erwar⸗ tet werde. Wer iſt von der Polizei hier?“ Rauchgeſchwärzt, mit verſengten Haaren ſtürzte Desronais herzu. „Ich, Sire, Commiſſar Desronais.“ „Sie ſind mir wohlbekannt und tummeln ſich wacker. Iſt der Saal zu retten?“ „Nein.“ „Und Sie fürchten—“ 11 „Einige werden das Feſt wohl bezahlen müſſen. Ohne Zeche geht es nirgends ab.“ „Und draußen?“ „O, Sire, da die Pariſer an dieſer Feuersbrunſt ein Schauſpiel haben, würden ſie ſelbſt eine Höllen⸗ maſchine im Stich laſſen.“ Es wurde gemeldet, daß die Wagen in der Mont⸗ blaneſtraße vor dem Palaſt ſtänden. „Ich nehme noch keinen Abſchied, mein Fürſt“, ſagte Napoleon, mit einer bezeichnenden Bewegung auf den flammenumzüngelten Saal deutend,„ich komme wie⸗ der. Muth, meine Herren! Die Hülfe kann nicht lange ausbleiben. Vorwärts, Desronais! So leicht wie jenes Holz verbrennt mein Glück nicht, Graf Wolfsegg.“ Mit dem Fortgang des Kaiſers ſchwand der Reſt von Ordnung und Ueberlegung, den ſeine Anweſenheit inmitten der erſchreckten, furchtbar bedrohten Feſtgeſell⸗ ſchaft noch erhalten hatte. Es war, als ob ſein Antlitz die Flammen beherrſcht hätte. Noch einmal ſo wild ſchienen ſie jetzt aufzulodern, als wüßten ſie, daß ihnen kein Widerſtand mehr geleiſtet werden würde. So un⸗ erwartet war der Uebergang aus der Freude in das Entſetzen, aus dem Leben in die Vernichtung geweſen, daß eine Friſt verlief, ehe allen ihre Hülfloſigkeit, ihre gefährliche Lage zum vollen Bewußtſein kam. Die Gallerie glich einem Feuermeer, ſeine röthlichen Wellen ſchlugen mit unheimlichem Geziſch in den Saal. Für die bedrängten Gäſte gab es nur einen Weg der Flucht, durch das große Portal. An den Ausgang, der hinter den Seſſeln des Kaiſers und der Kaiſerin in das Haus führte, dachten bei der Beſinnungsloſig⸗ keit, der Aufregung, dem gräßlichen Geſchrei der Menge die Wenigſten. Alles ſtürzte durcheinander, in dem einen blinden und unbarmherzigen Trieb der Selbſt⸗ erhaltung dem Portale zu. Die leichten Gewänder der Frauen verdoppelten, verdreifachten bei den überall umherſtiebenden Funken die Noth, ihre langen Schlep⸗ pen waren der raſchen Bewegung hinderlich. Schon waren einige im Gedränge kreiſchend, jammernd nieder⸗ geſunken; andere warfen ihre Schärpen, ihre Shawls von ſich und riſſen die flatternden Spitzenbehänge ihrer Kleider von ſich, um ſchneller zu entkommen. Werthlos waren Perlen und Cdelſteine, der koſtbarſte Schmuck geworden, ſie hemmten nur die Flucht. Jeder Unter⸗ ſchied des Ranges, der gerade in dieſer Geſellſchaft als unantaſtbar gewahrt wurde, hatte aufgehört; die Frauen hatten ihre Zurückhaltung, die Männer ihre Ritterlichkeit vergeſſen. Nur das nackte Leben zu retten, gleichviel um welchen Preis, war das Beſtreben aller. Mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte hatten Des ſeine Spritzenleute und einige entſchloſſene Männer aus der Geſellſchaft, die ſich beim Ausbruch des Feuers im Garten befanden, das Mögliche gethan, dem Brande Einhalt zu thun. Aber es waren ihrer zu wenige, um wirkſam Hülfe zu ſchaffen. Kaum hätte auch das Ein⸗ reißen der Gallerie jetzt noch die Vernichtung des Saales gehindert. Die Säulen, welche ſeine Decke trugen, ſtan⸗ den in Flammen. Schon mangelte es an Waſſer, um auch nur die kleinen Spritzen, die man zur Hand hatte, zu füllen. Und noch immer kam kein Beiſtand von außen. Auf dem düſtern Gewitterhimmel flammte der Widerſchein des gewaltigen Feuers weithin. Der Sturm tobte und fachte den Brand wie mit einem hölliſchen Blaſebalg an. Einen Sprühregen von Funken jagte er über den Garten und die Straße hin. Ver⸗ wirrung, Verwüſtung, Verzweiflung; in das Geheul des Windes, das Gepraſſel des Feuers in dem aus⸗ getrockneten Holz ſcholl ſchauerlich das Wuthgeſchrei, der Jammer der Menſchen. Eine halbe Stunde währte dies Schauſpiel des Grauens und des Jammers. Ohnmächtige, Verwundete, Sterbende wurden aus dem Saal in den Garten getragen. Ein ängſtliches, ſchauriges Fragen begann. Wo iſt meine Gattin? Wo iſt mein Vater? Der rief ächzend, weinend nach ſeiner 167 Tochter, jener vermißte ſeine Braut, die ſtill Geliebte— und vor ihnen ein ungeheurer Scheiterhaufen, ein flam⸗ mendes Grab. Wer keinen Freund, wer kein theures Haupt in dieſer Glut hatte, dem konnte wohl bei dem Anblick der ſchrecklichen Wirklichkeit jene alte Sage von dem König Sardanapal einfallen, der ſich mit all ſeinen Weibern, Dienern und Schätzen verbrannt. Denn in⸗ mitten des Ringens zwiſchen dem Element und der Menſchenkraft gab es Pauſen, wo das Feuer ſtockte und jede Thätigkeit der draußen Stehenden und ſchon Geretteten ruhte. Muthig war der Graf Wolfsegg bis zu den Stu⸗ fen des Portals wieder vorgedrungen. „Egbert! Egbert!“ rief er mit ſtarker Stimme. Eine unbeſchreibliche Angſt überfiel ihn. Während des Feſtes hatte er den jungen Mann beinahe ganz aus den Augen verloren; nur zuletzt, als er bei dem Ausbruch des Feuers neben dem Kaiſer geſtanden, glaubte er ihn unter den Tanzenden zu er⸗ kennen. „Egbert!“ erhob er noch einmal ſeinen Ruf. Kein Laut antwortete ihm. „Herr Egbert Heimwald“, ſagte dann ein Mann an ſeiner Seite mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck der Schadenfreude und des Haſſes,„iſt noch im Saale. 168 Er tanzte mit der Marquiſe von Gondreville die Ecoſſaiſe.“ „Mit Antoinetten!“ ſchrie Wolfsegg auf. Das Schickſal überwältigte den ſtarken Mann. Zwei Weſen, die nach ſeiner Tochter ihm die geliebteſten auf Erden geweſen waren, in dieſer Gefahr, in dieſem Graus; er ſchlug die Hände über ſein Geſicht. „Wenn ſie ſterben, ſo ſterben ſie wenigſtens zuſam⸗ men“, meinte der Andere. Wolfsegg hörte ihn nicht mehr. „Egbert! Antoinette!“ rufend ſtürzte er ſich durch die Pforte in den Saal. Düſter ſtarrte ihm Vittorio nach. Nicht die geringſte Anſtrengung hatte er bisher gemacht, die Bedrängten zu retten, den Hülfeleiſtenden beizuſpringen. Er ſtand auf der Schwelle des Eingangs und ſchaute auf den wüſten, in einander verſchlungenen Menſchenknäuel, den die Flammen immer enger um⸗ züngelten. So oft man ihn auch mit und ohne Abſicht von dieſer Stelle, an der er nur die freie Bewegung hinderte, fortgeſtoßen hatte, hartnäckig kehrte er immer wieder dahin zurück, als beſäße dies Schauſpiel des Schreckens und des Todes einen unüberwindlichen Reiz für ihn. Hatte er es ſelbſt mit angefacht, dies unermeßliche Feuer? Hatte nur ein unheimlicher Zufall den Wunſch ſeines Herzens, daß Alles untergehen und zuſammen⸗ ſtürzen möchte, in dem Augenblick, wo er ihn dachte, erfüllt? Ja, Alles— ſeine Feinde; das Weib, das er liebte und haßte; jener Mann, deſſen zauberiſcher Glanz ihn verblendet und zum zwiefachen Mörder gemacht und der ihn jetzt verächtlich von ſich ſtieß. Zuſehen wollte er dem ungeheuren Fall— und nachher? Er wußte es nicht; vielleicht war es das Beſte, ſich zuletzt in den verglimmenden Scheiterhaufen zu ſtürzen. Denn wozu leben, da ſich alle Hoffnungen und Arbeiten, alle Mühen und alle Ehren als eitel und nichtig erwieſen hatten? Sollte er in die Verborgenheit fliehen, ein Ver⸗ bannter, ein Geächteter? War er ſo ſicher, daß der Ungnade des Kaiſers nicht eine Anklage, eine Verur⸗ theilung folgen würde? Schon nahmen ſeine Thaten, des trügeriſchen Schimmers entkleidet, den ihnen ſo lange der Erfolg, die Anerkennung der Welt und die Huld Napoleon's geliehen hatten, vor ihm ſelber andere Farbe und Geſtalt an. Hohläugig, in nack⸗ ter Bläſſe grinſten ſie ihn an: Jean Bourdon, in ſeinem Blute auf der Haide liegend; die braune Chri⸗ ſtel, die auf dem Fenſtergeſims ſteht, die Arme nach ihm ausgebreitet. Sie will ihn an ſich ziehen, mit ſich hinabreißen— ziſcht, Flammen, lodert und ver⸗ 170 zehrt! Könntet ihr doch Gedanken und Erinnerungen verzehren! Da ſtreift in dem allgemeinen Gedränge und Ge⸗ tobe ein Etwas an ihm vorüber, ſo fremdartig, wun⸗ derſam— er fährt zurück. Das braune Mädchen ſchleicht geſpenſtiſch durch die Menge. Hat ſie ihn an ſeinem Rock gezupft? Winkt ſie ihm? Er faßt ſich an den ſchwindelnden Kopf. Was iſt ihm denn? Hat nicht vorher auf der Bühne eine braune Zigeunerin getanzt? Es iſt nichts, ſeine Feinde foppen ihn. Dennoch wagt er ſeine Blicke nicht nach dem Orte zu richten, wo das Mädchen ſteht— aus den Flammen vor ihm tönt es gellend, herzzerreißend in ſein Ohr. „Antoinette! Antoinette!“ Er kann nicht rückwärts, nicht vorwärts— überall begegnet er Geſpenſtern. Indeſſen hat ſich Hof und Garten nicht nur mit den Gäſten des Feſtes gefüllt. Es iſt den Wachen und Dienern nicht möglich geweſen, die Volksmaſſen draußen zurü ckzuhalten. Dieſe ſind durch das Thor gedrungen, Andere durch die Nebenhäuſer gekommen, noch Ver⸗ wegenere haben die Gartenmauer erklettert. Während die Meiſten nur ihre Neugierde befriedigen wollen, denkt das Geſindel an einen kühnen Handſtreich. Nicht umſonſt hat man vor wenigen Stunden lüſternen Blicken eine Fülle unſchätzbarer Koſtbarkeiten zur Schau ge⸗ ſtellt. Unter dem Vorwand zu helfen arbeiten auch die Diebe in dem Chaos mit. Von der Gartenbühne her kommen die Tänzer und Tänzerinnen, viele noch in ihrem phantaſtiſchen Flitterſtaat, unter der Schminke, die noch die Wangen bedeckt, wohnt das Entſetzen. Alles wirbelt, tobt, jammert, ſtöhnt, ſchreit durchein⸗ ander. Nach Egbert, nach Desronais ſucht und ruft die braune Zephyrine. Die wachſende Glut, die um⸗ herfliegenden brennenden Scheite, Lappen, Feuerflocken bedrohen ſchon das Haus. Nun ſpannt ſich jede Kraft auf das äußerſte an; die Gewißheit, daß der Kaiſer zurückkehren würde, wird zum Sporn für eine unaus⸗ geſetzte Anſtrengung. Man fürchtet das Strafgericht, das über die Läſſigen ergehen wird. Allmälig treffen einige Spritzen ein. Arbeiter, Diener, vornehme Herren wetteifern miteinander. Wegen der Hitze und der Un⸗ bequemlichkeit haben ſie ihre Staatskleider von ſich ge⸗ worfen, tragen in Hemdärmeln Waſſer herbei oder ſuchen mit Beilen und Aexten durch Einſchlagung der Umfaſſungswände dem Feuer Einhalt zu thun. Das Uebel iſt nur, daß die Menge der Müßigen, der Hin⸗ und Hereilenden den Geſchäftigen nicht Platz machen 172 will. Von Fragenden und Klagenden iſt Jeder, der ſich aus dem Saal gerettet, umdrängt. Unter der Wucht der Hinüberſtürzenden ſind die Stufen, die von dem Portal in den Garten hinabführten, zuſammengebrochen. Mühſam raffen ſich die Gefallenen, geſtoßen, zerſchla⸗ gen, auf; eine Art Damm bildet ſich vor dem brennen⸗ den Saale, der die Schwierigkeit der Flucht ebenſo wie die wirkſamer Hülfe verdoppelt. Vittorio hat ſich auf⸗ gerichtet; er glaubt in dem Flammenwirrſal eine weib⸗ liche Geſtalt zu erkennen, mit aufgelöſten Haaren, im lodernden Kleide. Eine Rauchwolke entzieht ſie ſeinen Blicken. Iſt es Antoinette? Iſt es ein Phantom, das ſeine Einbildung heraufbeſchwört? Mit gewaltigem Ge⸗ krach ſtürzt der große Kronleuchter von der Decke herab, während die zierlichen Blumenketten, die ihn getragen, kniſternd emporflammen. Ueber ihn erhebt ſich eine dunkle, ſchwärzliche, von rothen Streifen durchzuckte Rauchſäule, wie aus der Eſſe einer Schmiede. Mitten im Tanz hat der Schreckensruf: Feuer! das Ohr Egbert's und Antoinettens erreicht. Er will ſtehen bleiben, ſie aus dem Gedränge geleiten. „Es iſt nichts, ein leerer Lärm“, ſagt ſie und ſucht ihn noch einmal in den Reigen dahinzureißen. Aber die Klänge verſtummen, mitten im Accord brechen die Geigen ab, als wäre nicht mehr zu einem einzigen Bogenſtrich den Muſikanten die Zeit ge⸗ geben. Die Paare löſen ſich; aus dem gefälligen Rhythmus des Tanzes fällt Alles in die wilde, zügelloſe Bewegung der Flucht. Mit den Gelegenheiten des Hauſes bekannt, ſchlägt Egbert, Antoinettens Arm feſt an ſich preſſend, den Weg zu den kaiſerlichen Thronſeſſeln ein; einmal dort auf der Eſtrade, hofft er leicht die innern Ge⸗ mächer zu gewinnen und die Theuere in Sicherheit zu bringen. „Sie zittern, Egbert“, ſagt ſie plötzlich. „Für Sie! Ihr Kleid ſchleppt nach; ziehen Sie es herauf. Wenn es ein Funke trifft!“ „Für mich! Guter Freund, könnten Sie in meiner Seele leſen!“ „Welcher Ausdruck! Was geht in Ihnen vor? Antoinette, kommen Sie!“ Und gewaltſam ſie umſchlingend, ſucht er ſie halb hinwegzuziehen, halb in ſeinen Armen fortzutragen. Aber ſie widerſteht und das Gedränge geſtattet ihm nicht, ſich mit ſeiner ſüßen Laſt freie Bahn zu ſchaffen. „Laſſen Sie mich, Egbert! Ich war vordem ſchon dem Tode geweiht. Er ſitzt mir im Herzen— Semele, die im Feuer des Olympiers verbrennt.“ 174 Hat ſie ſich von ihm losgeriſſen, hat der Menſchen⸗ ſtrom ſie von ihm fortgedrängt? Dort, nur um eines Armes Länge iſt ſie von ihm entfernt. Iſt ſie raſend? Gerade auf die brennende Gallerie ſchreitet ſie zu. Er ihr nach, Alles zurückſtoßend, was ihm den Weg ver⸗ ſperrt. Aber ſie ſchreitet nicht mehr vor ihm her, ſelbſt von Flammen umwogt, in Todesgefahr noch eine Göttin— ſie iſt ausgeglitten, ſie ſchwankt, ſie fällt. Im Gewühl iſt ſie verſchwunden. Indeſſen iſt auf dem Hofe und in dem Garten, wo noch eben Lärm und Verwirrung getobt, eine, plötzliche Stille eingetreten. Einer, der zu befehlen und dem Befehl Gehorſam zu verſchaffen verſteht, iſt auf dem Schauplatz erſchienen. In ſeinem grauen unſchein⸗ baren Ueberrock ſteht der Kaiſer da und gebietet. Nur bis in die Nähe der Tuilerien hat er ſeine Gemahlin begleitet, und während dieſe ſogleich ihre Fahrt nach St.⸗Cloud fortgeſetzt hat, iſt er umgekehrt. „Da bin ich, mein Fürſt“, ſagte er zu dem Bot⸗ ſchafter, der ſchon einen fürchterlichen Verluſt in ahnungsvoller Seele beklagt. Seine Schwägerin, Pauline Schwarzenberg, befindet ſich noch im Saal. Mit Brandwunden bedeckt iſt ſeine junge Nichte an ihm vorübergetragen worden. Nur als halbverkohlte Leiche ſoll er ihre Mutter wiederſehen. 175 Am Himmel dräuen die Wetterwolken dicht über dem Hauſe des Unheils. So droht es auch um den Kaiſer. Ein Bataillon ſeiner Garden iſt in den Hof gerückt und treibt alle Fremden, alle Müßiggänger, alle, die nicht bei den Spritzen und Löſchanſtalten mit Hand anlegen oder zum Hauſe gehören, hinaus. Alle Zugänge und Pforten, die Corridore werden von den Soldaten beſetzt, eine lebendige, undurchdringliche Mauer umgibt den Raum. Pünktlich, ohne Widerrede wird jeder Befehl vollzogen. Napoleon redet nicht. Mit übereinander geſchlagenen Armen ſteht er, hell und doch phantaſtiſch von den Flammen beleuchtet, vor dem ein⸗ geſtürzten Portal. Weit von ihm ſind alle in ſcheuer Ehrfurcht zurückgewichen. Jeder fürchtet ſich, auch nur ſeinen Augen zu begegnen. Statt ſeiner laſſen der Polizeiminiſter Savary, der Polizeipräfect von Paris, der Graf Dubois, die fühlen, daß ſich morgen die Wetterwolke des kaiſerlichen Zorns über ſie entladen werde, im voraus ihren Grimm an den untergeordneten Beamten der Sicherheit und der Feuerwehr aus, in Worten, Schlägen, Fußtritten. Schweigend, blitzend ſteht Napoleon dabei, allein vor dem gewaltigen Brande. Auch diejenigen, die ihn nicht ſehen, ahnen, empfinden ſeine Gegenwart. Das Feuer iſt im Niederbrennen; ſchon kracht oben 176 die Decke, unten der Fußboden des Saales, in wenigen Minuten wird dieſer heitere Feſtbau in ſich ſelbſt zu⸗ ſammenſtürzen und ein häßlicher verglimmender ſchwarzer Scheiterhaufen ſein. Hier iſt nichts mehr zu retten, alle Anſtrengungen können ſich nur darauf richten, die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Wie unterwürfig und furchtſam ſich auch die Um⸗ gebung Napoleon's verhält, ganz gebunden ſind die Zungen doch nicht. Zu unerwartet und ſchrecklich iſt der Umſchlag des Geſchickes geſchehen, um nicht die Herzen, auch die ſtolzeſten, zu zerknirſchen, um nicht die vorurtheilsloſeſten Geiſter mit ſchwermüthigen Ahnungen zu erfüllen. In einem ſchaurigen Bilde prägt ſich allen die Nichtigkeit und Eitelkeit des Ir⸗ diſchen ein. Unter dieſem Eindruck drängen ſich düſtere Gedanken in ſchnellem Flug, Gedanken, die, von dem Augenblick⸗ lichen abſchweifend, in einer nicht fernen Zukunft einen andern, noch gewaltigern Zuſammenſturz eines künſt⸗ lichen Baues beſorgen. In den Rauchwolken, die zum Himmel aufdampfen, gewahrt die erregte Einbildungs⸗ kraft ſeltſame Geſtalten, gleichſam die Schatten eines nahenden Weltuntergangs. Flüſternd, mit den Zeichen der Beſtürzung, erinnern die Abergläubiſchen einander an jene traurigen Vorfälle, welche am dreißigſten Mai 107 * 1770 auf dem Platz Ludwig's XV. bei einem Feuer⸗ werke die Hochzeitsfeierlichkeiten Marie Antoinettens und Ludwig's XVI. ſo vorbedeutend tragiſch beſchloſſen. Heute wie damals waren die Fackeln Hymen's in Blut und Feuer getaucht worden. Es war das alte Verhängniß einer öſterreichiſch⸗franzöſiſchen Heirath. Wieder hatte die Stimme des Volkes, die dieſe Verbin⸗ dung verurtheilt, Recht behalten; dieſer Brand, dies Verderben gab der Ehe Napoleon's und Marie Louiſens eine düſtere Färbung. „Die Tragödien ſchlummern für uns in der Zu⸗ kunft“, raunt einer dem andern zu. „Sagen Sie lieber die Furien“, bemerkte der An⸗ geredete.„Die Deutſchen hat der Kaiſer durch dieſe Verbindung nicht verſöhnt, die Franzoſen hat er ſich dadurch entfremdet.“ Ein Dritter hat das Wort Wolfsegg's bei dem Ausbruch des Feuers von dem Fall Ilions aufge⸗ fangen. „Ja“, ſagt man,„nur wird mehr untergehen als Troja.“ Verdüſtert eine ähnliche ſchmerzliche und ängſt⸗ liche Stimmung die Seele und die Stirn Napoleon's? Erregen auch zunächſt nur die Folgerungen und Deutungen, die das geſchäftige Gerücht aus dieſem Er⸗ Frenzel, Lucifer. V. 12 eigniß ziehen, die Vermuthungen, welche Verleumdung und Bosheit daran knüpfen wird, ſeinen Ingrimm— die Welt ſoll nicht glauben, daß ihm das Schickſal auch nur im Kleinſten ungetreu werden könnte— über den Augenblick hinaus reißt das Schauſpiel ſeine Phantaſie fort. War Aspern das erſte, iſt dieſe Zer⸗ ſtörung das zweite Zeichen, daß ſich die Sonne ſeines Glückes zum Niedergange neigt? Und was kann der Abend Anderes für ihn ſein als ein jäher Sturz in die Tiefe? Packt den Uebermenſchlichen das innerſte Gefühl, das allem Irdiſchen innewohnt, die Vergänglich⸗ keit? Schüttelt ihn der Schauer, der von der ewigen Nacht her uns anweht? Gebietend ſtreckt er den Arm nach den flammenden Trümmern des Saales aus. Feuerwehrleute, Arbeiter, Offiziere ſtürzen auf ſeinen Wink dorthin. Aus dem Rauch und Feuer arbeitet ſich eine Gruppe über die Balken und Breter des eingeſtürzten Portals. Jetzt treten ſie hervor mit zerriſſenen geſchwärzten Kleidern, mit entſtellten Geſichtern, verſengt, verbrannt an Haaren und Armen. Drei Männer, die eine vierte Geſtalt tragen. An dem weißen nachſchleppenden Gewande mit den garſtigen Brandflecken erkennen die Umſtehenden mit Entſetzen, es iſt ein Weib. 179 „Eine Bahre!“ ruft Napoleon.„Holt Aerzte her⸗ bei! Sie lebt noch!“ Er hat eine zuckende Bewegung ihrer Hand be⸗ merkt. „Es iſt ſchon ein Arzt mit mehreren Gehülfen im Hauſe“, antwortet man ihm. „Wer?“ „Der Oberarzt aus dem Hospital in der Rue⸗ Taranne, Benjamin Bourdon.“ „Bringt ihn her!“ Ueber die letzten Balken, die ihnen den Weg ver⸗ ſperren, ſchreiten die drei, nun von Vielen ſchon unter⸗ ſtützt, mit ihrer theuren ſchrecklichen Laſt hinweg. Sie ſind im Garten, ſie halten an. Ein leiſer und doch erſchütternder Klagelaut entringt ſich der Bruſt der Unglücklichen. Bei dieſem Seufzer machen zwei Männer eine Bewegung nach der Gruppe hin: Napoleon und Vittorio. Jede Rückſicht vergeſſend, nur ſeinem Schmerz ge⸗ horchend, eilt Vittorio mit wildem Schrei, mit drohend erhobenem Arm, als wollte er Jeden niederſchlagen, der ihm zuvorzukommen ſuchen würde, an dem Kaiſer vorüber zu der Halbverbrannten. „Antoinette!“ 180 Und wie vom Blitzſtrahl getroffen ſinkt er neben ihr nieder, mit dem Geſicht auf die Erde. Einer von den drei Trägern, es iſt Desronais, ſtößt ihn mit dem Fuße zurück. „Lebt ſie noch?“ fragt Napoleon, der inzwiſchen näher getreten, die beiden andern, Wolfsegg und Egbert. „Um zu ſterben“, antwortet Wolfsegg ſchneidend und trotzig, mit zuſammengebiſſenen Zähnen. Napoleon neigt ſich ein wenig über die Unſelige — ein entſtelltes Schmerzensangeſicht ſtarrt ihm ent⸗ gegen. Noch einmal ſchlägt ſie matt die Augenwimpern auf. Es iſt, als ginge ein Hauch über ihre blaſſen Lippen, ein Hauch, der wie„Semele!“ klingt. Viel⸗ leicht iſt auch das eine Täuſchung. Nun iſt die Bahre, die Dienerſchaft, iſt der Arzt zur Stelle— zehnfach zu viel der Hülfe und der Sorge für eine, die ſcheiden muß. „Bourdon“, ſagt der Kaiſer mit rauher, heiſerer Stimme,„ſie ſoll nicht ſterben.“ Es iſt etwas in ihm, das den Tod zum Gehorſam zwingen will. „Bitten Sie lieber den Himmel, Sire“, entgegnet der Arzt,„daß ſie in dieſer Bewußtloſigkeit hin⸗ überſchlummert.„Das Erwachen würde fürchterlich ſein.“ 3 Und während er mit der Sterbenden, die man weich auf die Bahre gebettet, dem Hauſe zugeht, tröſtet er Egbert, der die Thränen nicht mehr zurückhalten kann: „Muth, mein Freund! Gott iſt barmherzig; in einer Stunde iſt ſie in ſeinem Schooße!“ Auge in Auge einander gegenüber ſind Napoleon und Wolfsegg im Garten zurückgeblieben. „Ein Pferd— ein Schlachtfeld“, murmelt Napo⸗ leon verloren vor ſich hin. Mit einer haſtigen Wendung, die Linke in die Seite ſtemmend, wendet er ſich dem Grafen zu: „Nach Moskau! Die Deutſchen werden mir folgen. Immer weiter, der Sonne entgegen. Zu Krieg und Sieg—“ „Und wenn Moskau verbrennt wie dieſer Saal?“ erwidert Wolfsegg. Mächtig rollt der erſte Donner des Gewitters, das ſtundenlang am Himmel geſtanden, über ihnen, ein Blitz zuckt aus den finſtern Wolken. Hochauf athmet der Graf. „So wird einſt ein Blitz herniederfahren, der Lucifer erſchlägt und die Welt befreit.“ Die Hände in den vordern Taſchen ſeines grauen 182 Ueberrocks vergraben, verläßt der Kaiſer den Garten, das Haus.. In Strömen ſtürzt der Regen nieder, den unge⸗ heuren, noch lohenden und qualmenden Brand aus⸗ löſchend. „Hebt ihn auf“, ruft Desronais, auf den am Boden liegenven Vittorio zeigend, einem ſeiner Leute zu. Der rüttelt und ſchüttelt ihn und kehrt ihn endlich um, als wäre es ein Betrunkener. „s lohnt nicht der Mühe“, ſagt er gelaſſen,„der feine Herr iſt todt.“ Mit milder Sonne, mit ſanften Farben iſt der Herbſt gekommen. Seine ſchmerzlich ſüße, entſagende Stimmung hat er auch den Menſchen mitgetheilt, die an dieſem letzten Septembertage auf dem hochgelegenen Schloß zwiſchen dem Traun⸗ und dem Atterſee ſtill ein fröhliches Feſt begehen. Mit der ſchönen Magdalene, der Adoptivtochter des Grafen Wolfsegg, hält der blonde Egbert Hochzeit. Des trefflichen Jünglings, der jetzt mit der rühmlichen Narbe von Aspern auf der Stirn zum kräftigen ernſten Mann gereift iſt, entſinnen ſich noch die Diener, die Bauern und Jäger, die Bürgers⸗ 183 leute aus dem Städtchen Gmunden von jenen October⸗ tagen des Jahres 1808 her, als Jean Bourdon auf der Haide erſchoſſen und auf dem Calvarienberg be⸗ ſtattet ward. Die Jüngern haben ihn wenige Monate darauf in ſchmucker Uniform auf der Brücke zu Ebelsberg im Handgemenge mit den Franzoſen geſehen. Lieb und werth iſt er ihnen, wie einer, der längſt zu ihnen gehört. Ueber das junge Mädchen, das mit dem Grafen aus Paris gekommen, iſt anfänglich viel des Geredes geweſen; alle haben die Köpfe zuſammengeſteckt und jeder hat eine andere Geſchichte gewußt. Aber in kurzem hat Magdalenens liebreiches Weſen alle gewon⸗ nen; da iſt nichts von vornehmem Stolz und gnädiger Herablaſſung, wie ſonſt wohl die adeligen Damen den Armen und den Landleuten begegnen, und nichts von falſcher Empfindſamkeit. Schnell und ſicher zeigt ſie, daß ſie die Arbeit und die Herrſchaft verſteht. Ein ſtrenger, verweiſender Blick von ihr ſchüchtert mehr ein als das Drohwort der alten Marquiſe, die bitterböſe und unzufrieden mit der ganzen Welt auf der Seeburg bis dahin geſchaltet hat. Wie alle fürchten, das holde Mädchen zu betrüben, ſo freuen ſie ſich über ihr Lob und ihr Lächeln. Selbſt den düſtern Trübſinn des Grafen erheitert ſie. 184 „Wäre das Fräulein nicht im Schloſſe“, ſagt der alte Hausverwalter zu dem rothbärtigen Pater Mar⸗ cellus,„man hinge ſich an ſeinem eigenen Grame auf.“ „Das wäre gottlos“, erwidert der Pater, der in dieſen zwei Jahren einem Fuchſe noch ähnlicher geworden, „ſolange Ihr noch von dem tiroler Rothen im Keller habt und die Hoffnung, im nächſten Jahre den fürchter⸗ lichen Kometen zu ſehen.“ Ueber die Dinge, die der Kapuziner in dem großen Jahre getrieben, gibt es wunderliche Gerüchte. Manche trauen ihm zu, daß er einem Dutzend ſchlafen⸗ der Franzoſen eigenhändig die Hälſe abgeſchnitten habe. Wenn ihm von dieſen haarſträubenden Geſchichten etwas zu Ohren kommt, ſchlägt er die Augen zum Himmel auf, als wollte er ſagen: Des Gerechten Loos iſt Ver⸗ leumdung; oder er fährt wohl dem Schwätzer mit einem: ob er dabei geweſen? ob er Gottes Schreib⸗ tafel führe? durch die Rede. Die Meiſten bringt er damit aus der Faſſung; die Klügſten aber ſind der Ueberzeugung, daß nach wie vor dem Kriege der lange Pulverfaden, der von Wien bis in die tiroler Berge reicht, durch die Finger des rothen Paters läuft. Im Schloſſe iſt er, bei den Dienern wie bei den Herrſchaften, ein angeſehener und beliebter Gaſt, einer, 185 der einen Scherz erträgt und dafür ſelbſt einmal über die Schnur haut. Am Tage nach ſeiner Ankunft aus Paris, im Ausgang des Julimonats, hat der Graf ihn aus ſeinem Kloſter in Gmunden heraufbeſcheiden laſſen und eine lange Unterredung mit ihm gehabt. Der unerſchütterliche Glaube des Paters, daß trotz alledem die Stunde der Befreiung von dem Eiſenjoche Napoleon's heraufdämmere, hat allmälig im Verein mit Magdale⸗ nens zartem Troſt, mit dem Ausblick auf das Glück des theuren Kindes die dumpfe Schwermuth Wolfsegg's gemildert. Nicht allein der Schmerz über den Tod An⸗ toinettens hat ihn gequält, an ſeiner Seele nagt der Jam⸗ mer über die Schmach des Vaterlandes, der ohnmäch⸗ tige Zorn gegen das Glück und den Genius des Kaiſers. Er hat aus Paris nicht wie Andere die Hoffnung eines dauernden Friedens mitgebracht. Auf jenem Feſte hat ſich ihm Napoleon's geheimſter Gedanke ver⸗ rathen: nicht den Frieden, einen ungeheuren Krieg be⸗ reitet er vor. Seine ſcheinbare Unthätigkeit, die Triumphreiſen, die er mit ſeiner jungen Gemahlin unternimmt, die gewaltigen Bauten, von denen ſeine Zeitungen ruhmredig ſprechen, verhüllen nur ſeine Rüſtungen; und wiederum entnimmt Wolfsegg aus den Briefen der Deutſchen in Petersburg, daß auch dort der Czar Alexander unabläſſig ſein Heer und ſeine 186 Vertheidigungsmittel verſtärke. Im Geiſte ſieht er ungezählte Maſſen zu Fuß, zu Pferde auf Rußland ſich ſtürzen, ganz Europa widerhallend von dem Lärm der Waffen, den ganzen Himmel wie getaucht in Blut und Feuer. Werden ſie aus jenen nordiſchen Steppen heimkehren oder darin verſchwinden und im Schneeſturm ſpurlos verwehen? Heute aber ſiegt die Freude des Vaters über den Schmerz und die Sorge des Patrioten. Glücklich am Arm Egbert's ſteht Magdalene, mit holdem Erröthen die Wünſche und Verheißungen der Gäſte empfangend. Egbert iſt es, als ſchwebe in dieſem Saale ſegnend ein ſeliger Schatten um ihn, um die Geliebte. Nicht un⸗ werth iſt er ihrer, männlichen Sinnes hat er ſie errungen. Aus der engen Beſchränktheit eines Lebens, das ſich feindſelig gegen das Allgemeine abſchließen wollte und in ſchöngeiſtiger Selbſtbeſchaulichkeit den einzigen Zweck des Daſeins fand, hat er ſich emporgearbeitet, kämpfend hat er dem Vaterland ſeine Schuld bezahlt. Innig und unlöslich iſt das Geſchick des Einzelnen mit dem des Staates und der großen Gemeinſchaft verknüpft, in die ihn Geburt und Sprache, Erziehung und Ge⸗ wöhnung geſtellt. Nicht ungeſtraft entzieht er ſich dieſem Dienſte. Gerade in der Stunde der Noth und Ge⸗ fahr hat Egbert es empfunden, wie tief alle ſeine Fibern mit dem Boden der Heimat verwachſen ſind, wie mächtig der Odem des Vaterlandes auch ihn beſeelt. Noch iſt die Zeit der Prüfungen, die Oeſterreich und Deutſchland beſchieden ſind, nicht vorüber, aber an Magdalenens Seite wird er ſie rühmlich beſtehen helfen. Schöne, herrliche Tage, voll eines zauberiſchen, unfaß⸗ baren Glücks, ſind für ihn unwiderbringlich dahin. Aber wer ginge durch das Leben ohne Verluſt und ohne Verwundung! Die Betrachtung des eigenen wie des fremden Daſeins, die ſtille Beobachtung der Natur, beide lehren daſſelbe: Entſagung. Mitten im reichſten Segen, wo die Früchte von den Bäumen geſammelt, die Trauben von den Weinſtöcken gebrochen werden, weht von dem Himmel, athmet aus der Erde das Herbſtgefühl uns an. Je tiefer du es im eigenen Herzen empfindeſt, deſto ſicherer biſt du deines wahren Glückes, deſto geſtählter für alle Aufgaben in der Arbeit des Lebens. „Großes und Schweres“, ſagt der Graf, ſein Glas erhebend,„haben wir durchgemacht, das Größte und Schwerſte ſteht uns noch bevor. Durch viel Leid ſind wir geſchritten, aber jedes hat unſere Kraft geſtärkt. Als wir ganz niedergeworfen ſchienen, haben wir den herrlichen Sieg bei Aspern gewonnen. So laßt uns nicht verzweifeln, uns nicht träger Genußſucht und ſchnöder Selbſtſucht hingeben, haltet feſt am Vaterlande, treu wie bisher. Dem einigen, dem unzertrennlichen, dem freien deutſchen Volke galt unſer Streben, ihm ſoll es gelten, bis die Hoffnung Erfüllung geworden. Und ſehen wir Alten nicht mehr das neue Reich, Ihr, meine Kinder, werdet es ſehen, mit Luſt und Stolz es ſehen, denn Ihr habt es erkämpfen helfen. Der Gewaltige, der uns zerſchmettert, hat wider ſeinen Willen uns zum Bewußtſein unſeres Werthes aufge⸗ ſchreckt. In der Nacht hat uns der Hölle Fürſt über⸗ fallen, aber er hat vergeſſen, daß ſeine Fackel nicht nur ihm zum Siege, ſondern uns auch zur Erkenntniß leuchten mußte. In unſern Niederlagen haben wir uns als ein Volk erkennen lernen; Preußens und Oeſterreichs Trennung und Eiferſucht waren die Sproſ⸗ ſen der Leiter, auf der er zu Ruhm und Gewalt emporklomm. Jetzt hat Lucifer ſeine Aufgabe erfüllt; ein ewiges Licht hat er den Deutſchen angezündet, welch Loos ihrer von Frankreich wartet, welche Strafe ihrer Zwietracht folgt. Sein Blick hat Dich, mein Sohn, hat uns alle wie der Blick der Schickſalsmacht getroffen; ihn anſchauend ſind wir aus Träumern und Müßiggängern zu Männern geworden, welche fort und fort der Stachel treiben wird, bis wir eines großen Staates freie Bürger geworden ſind. So, 5 3 4 nach gethaner Pflicht, im Dienſt der Gottheit, deren Willen er unbewußt vollſtreckt, mag und wird er ent⸗ ſchwinden— ich weiß nicht, ob ein Heros oder ein Dämon für die Nachkommen. Füllt die Gläſer: Auf den Sturz Lucifer's! Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Ueue Romane aus dem Verlag von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Humoriſtiſcher Roman von Ulrich Bandiſſin. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Irauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Roman von Otto Müleer. 3 Bände. 80⁰. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Die Türken in München. Roman von Herman Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 20 Ngr. Ueue Aomane aus dem Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. 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