8 —-—-—- N8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nöpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Lum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——yyy— 4 4⁴ Lucifer. . Ein Roman aus der Uapoleoniſchen Zeit von Karl Irenzel. Vierter Band. —85 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Erſtes Kapitel. An der tiefen blauen Donau! Unter einem klaren wolkenloſen Maihimmel, den die ſinkende Sonne mit röthlichen Gluten zu färben beginnt. Von der Höhe des waldreichen Biſamberges am linken Ufer liegt das Marchfeld weithin mit ſeinen freundlichen Dörfern und Schlöſſern, ſeinen kleinen Städtchen, Gärten, Wie⸗ ſen und Feldern wie ein grüner Teppich vor dem Beſchauer ausgebreitet. Hier faßt es der breite, hochangeſchwollene, ſtark— flutende Strom mit vielgetheilten Armen, mit ſeinen Inſeln und Sandbänken, dort im Oſten der Hügelzug ein, der von Weikendorf ſüdwärts ſich hinzieht. Fern im Weſten ragt der Stephansthurm auf, im Goldduft des Abends ſchimmernd. Im Umkreiſe andere Kuppeln, Frenzel, Lucifer. IV. 1 2 Thürme, ſteile Dächer, hier ſchärfer hervortretend, dort verſchwimmend: die ſchöne ſtattliche Kaiſerſtadt, ſeit einer Woche im Beſitz der Franzoſen. Am Mittag des dreizehnten Mai 1809 waren die Franzoſen mit klingendem Spiel und goldenen Adlern in die innere Stadt eingerückt. In Schönbrunn hatte der Kaiſer Napoleon ſein Hauptquartier aufgeſchlagen. Kaum anderthalb Monate währte der Krieg. Wie er es Egbert drohend verſprochen, hatte ihn Napoleon in gewaltigen, überraſchenden Schlägen geführt. Schmäh⸗ lich waren die Hoffnungen der Oeſterreicher zu Schanden geworden. Statt am erſten März, wie es Stadion geglaubt, war die große Armee, die unter dem Erzherzog Karl ſich in Böhmen geſammelt hatte, erſt in den erſten Tagen des April aufgebrochen. Bald hatte es an dieſen, bald an jenen Gegenſtänden der Ausrüſtung gefehlt. Die Nach⸗ richt, daß Napoleon ſelbſt auf dem Kriegsſchauplatz gleich im Beginn des Feldzugs als oberſter Feldherr erſcheinen, daß man vielleicht vor ſeinen Rüſtungen einen kurzen Vorſprung, aber keinen vor der Blitzge⸗ ſchwindigkeit ſeiner Gedanken haben würde, hatte lähmend auf den Geiſt des Erzherzogs gewirkt. Den Marſchällen des Kaiſerreichs fühlte er ſich ebenbürtig, vor dem Genius Napoleon's war der ſeine befangen. Sein Ver⸗ 3 trauter, der Graf Philipp Grünne, beſtärkte ihn in ſeinem Kleinmuth. So ſicher hatten ſie darauf gerechnet, daß Napo⸗ leon ſich nicht aus den ſpaniſchen Wirren werde reißen können, daß ſeine Hartnäckigkeit, die Engländer zu verfolgen und zu vernichten, ihn an das Geſtade des atlantiſchen Oceans, nach Liſſabon und weiter nach Gibraltar fortziehen werde; ſeine plötzliche Ankunft in Paris, ſein Entſchluß, Spanien den Rücken zu kehren und an die Donau zu eilen, warfen ihre Pläne über den Haufen. Von dieſem Tage fingen ſie an, die Kriegsmacht des Gegners zu überſchätzen und in durch⸗ ſichtigen Anſpielungen den leichten Sinn des Miniſters Stadion, die Zuverſicht der öſterreichiſchen Edelleute, ſelbſt die heroiſche Leidenſchaft der Kaiſerin Marie Beatrix zu verurtheilen. Die Federhelden, die Gentz, Schlegel und Hormayr, die fremden Wühler, die engliſchen und preußiſchen Abgeſandten des großen Geheimbundes, der ſich über ganz Europa gegen Napoleon auszuſpinnen begann, kamen in der Umgebung des Erzherzogs noch ſchlechter fort. Grünne erklärte Allen, die es hören wollten, daß es eine Thorheit ſei, von einem aufſtändiſchen Volks⸗ heer Wunderthaten zu erwarten. Ob man im Ernſt die Handwerker der Städte, die Bauern der Dörfer, 1* 4 die Jäger des Gebirgs gegen die Grenadiere und die gepanzerten Reiter Napoleon's ins Feld führen wolle? Das ſei gut auf dem Theater, für Schauſpieler und tragiſche Liebhaberinnen— der Stich traf die Kaiſerin, die in ihrem Haſſe gegen Napoleon etwas von einer zürnenden Medea oder Klytämneſtra hatte— aber auf dem Schlachtfelde würde es ſich ſchlecht bewähren. Zu dem Mißmuth und der Hoffnungsloſigkeit unter denen, welche in dieſer ſchickſalsvollen Entſchei⸗ dung das Schwert und die Fahne Oeſterreichs trugen, geſellte ſich als ſchlimmſte Vorbedeutung für den Feldzug der Streit über den Plan, den man verfolgen ſollte. Drei Heere waren aufgeſtellt: eins unter dem Erzherzog Ferdinand in Galizien, um nach Warſchau vorzudringen und den Ruſſen die Stirn zu bieten, die dem Wort laut des Tilſiter Vertrags und den Verabredungen in Erfurt nach Verbündete der Franzoſen waren, aber nicht die geringſte Neigung zeigten, thatkräftig in die Dinge einzugreifen; ein zweites, das Heer von Inneröſterreich, unter dem Bauernfreund Erzherzog Johann, gegen Italien gerichtet und bereit, dem Aufſtande der Tiroler ſeine Hülfe zu leihen; das dritte endlich, die große Armee, unter dem Erzherzog Karl in Böhmen. Auf ihr beruhte der Sieg, die Hoffnung Deutſchlands. Nooch unverjährt war der Anſpruch Oeſterreichs an —— p„ —r— „. — 5 die deutſche Kaiſerkrone. Vorwärts nach Weſten und Norden ziehend, mußte ſein Heer überall auf die noch zuckenden Glieder des ehemals ſo gewaltigen Reiches treffen. Wer in die Zukunft hätte ſchauen können! Dies ſollte der letzte Augenblick ſein, wo noch einmal das Geſchick dem Enkel Rudolph's von Habsbnrg die heilige Krone und eine glorreiche Auferſtehung deutſcher Welt⸗ macht zeigte. Ueber den Vormarſch dieſer Armee nun gingen die Anſichten im Generalſtabe des Erzherzogs weit aus⸗ einander. Die Einen wollten, unbekümmert um die Donau⸗ linie, nach Bayreuth aufbrechen, den Marſchall Davouſt in Franken überrumpeln und in Sturmſchritten den Main entlang ziehen. Wie im Süden Tirol, würde ſich dann im Norden Heſſen und Hannover erheben, die Preußen würden durch den eiligen Abzug der Fran⸗ zoſen Luft gewinnen, ihre Armee in Schlachtordnung zu ſtellen. In Oeſterreich ſelbſt würden die Landwehren in Ruhe zuſammengebracht werden können, die ungariſche Inſurrection würde ſich ſammeln. Vorſichtiger, zaghafter erwogen die Andern die Gefahren dieſes kühnen Plans. Mit einem Napoleon führe man Krieg; einem Manne gegenüber, der in Er⸗ 6 findung ſtrategiſcher Züge unerſchöpflich, in ihrer Aus⸗ führung durch Schnelligkeit und Kraft unvergleichlich ſei, wolle man ein ſolches Wagniß unternehmen, ſich von ſeinem Hinterlande entfernen, den Donauſtrom aufgeben und dem durch den Schwarzwald und über Ulm vorrückenden Feinde den Weg zum Herzen der Monarchie freilaſſen! In jedem Feldzuge Oeſterreichs gegen Frankreich müſſe es die erſte Aufgabe ſein, die Donau zu halten. 3 Mit einer Erbitterung, die ſich in Für⸗ und Wider⸗ rede täglich ſteigerte, wurden die entgegengeſetzten Mei⸗ nungen verfochten. Darüber verfloß ungenutzt die Zeit, die nicht wieder einzubringen war; arge Feindſchaften brachen unter den Führern aus. Der Generalquartier⸗ meiſter des Heeres, General Mayer, wurde nach einer Feſtung als Platzcommandant verſetzt, da ein einträch⸗ tiges Handeln zwiſchen ihm und Philipp Grünne un⸗ möglich geworden war. Dieſſeits Zerfahrenheit, Unentſchloſſenheit, Wankel⸗ muth, viele Köpfe voll Widerſpruch und Eiferſucht auf einander; drüben ein eiſerner Wille, eine unermüdliche Kraft, von der Einheit des Befehls getragen, eine all⸗ gemeine Siegeszuverſicht. Ja, wenn man Schlachten mit Proelamationen, ohne eine höhere Leitung des kriegeriſchen Verſtan⸗ — 2 des, mit der Begeiſterung der Soldaten gewinnen könnte! „Auf Euch“, rief der Erzherzog ſeinem Heere zu, „auf Euch, meine theuren Waffengefährten, ruhen die Augen der Welt und Aller, die noch Sinn für National⸗ ehre und Nationaleigenthum haben; Ihr ſollt die Schmach nicht theilen, Werkzeuge der Unterjochung zu werden; Ihr ſollt nicht unter entfernten Himmelsſtrichen die endloſen Kriege eines zerſtörenden Ehrgeizes führen; Ihr werdet nie für fremdes Intereſſe und fremde Hab⸗ ſucht bluten; Euch wird der Fluch nicht treffen, ſchuld⸗ loſe Völker zu vernichten, um auf den Leichen erſchlagener Vaterlandsvertheidiger den Weg zum geraubten Throne einem Fremdling zu bahnen. Auf Euch wartet ein ſchöneres Loos, die Freiheit Europas hat ſich unter Eure Fahnen geflüchtet, Eure Siege werden ihre Feſſeln löſen und Eure deutſchen Brüder, jetzt noch in feindlichen Reihen, harren auf ihre Erlöſung.“ Wohl war es die ſchönſte und ſtolzeſte Armee, die Oeſterreich noch unter ſeinem Banner geſehen, muth⸗ erfüllt und entſchloſſen, bis zum Aeußerſten ihre Pflicht zu thun, aber der Mann fehlte, der dies Schwert ſchwingen konnte.. Die„deutſchen Brüder“, auf deren Erhebung man hoffte, hätte nur ein raſcher Vorſtoß, ein großer 8 Sieg herübergeführt. Daß die bairiſchen Soldaten mit fliegenden Fahnen übergehen würden, war ein Wahn. In Franken und Heſſen dagegen blickten Bürger und Bauern ſehnſüchtig nach Böhmen, denn in dieſen Landſchaften war die Napoleoniſche Herrſchaft verhaßt, hier wären die Oeſterreicher als Befreier be⸗ grüßt worden. Aber ſie kamen nicht. Starr und düſter ſah man ſtatt ihrer die Franzoſen unter Davouſt und Oudinot in Gewaltmärſchen nach Regensburg und nach der Donau eilen. Zu ihnen ſtießen die Truppen der Rheinbundsfürſten. Es war wieder wie zu der Römer Zeit, wo deutſche Fürſten im Solde des Auguſtus gegen den Befreier des Vaterlandes auf offenem Gefilde kämpften und in nächtlicher Verſchwörung ihn er⸗ mordeten. Im öſterreichiſchen Hauptquartier hatte man ſich endlich entſchloſſen, Unvereinbares zu vereinen. Während zwei Corps des Heeres in Böhmen blieben, um bei günſtiger Gelegenheit nach Norden oder Weſten vorzu⸗ brechen, ward die Hauptmacht zur Donau geführt. Am neunten April begann ſie den Krieg. Zwiſchen Schär⸗ ding, Mühlheim und Braunau überſchritten die Oeſter⸗ reicher den Inn und rückten in Baiern ein. Das Schickſal des Baiernkönigs Max Joſeph war an das Napoleon's gebunden. War er doch König von des —— 8* — 8* 9 Imperators Gnade. Ihn von dieſem Bündniſſe ſelbſt durch eine theilweiſe Beſetzung ſeines Landes abzuziehen, lag außerhalb jeder Möglichkeit. Mit dem echten Haſſe feindlicher Brüder, der Söhne einer Mutter, die ſich zerfleiſchen, haßten ſich Baiern und Oeſterreicher ſeit einem Jahrhundert. Wohl aber hätten durch ſchnelle Bewegungen und geſchickte Führung die einzelnen zer⸗ ſtreuten franzöſiſchen Corps aufgerieben werden können. Die Langſamkeit der Oeſterreicher raubte ihnen auch dieſe Ausſicht. Waren die erſten Verſuche der Fran⸗ zoſen, an den Feind zu kommen, unſicher und taſtend geweſen, mit der Stunde, wo Napoleon am ſiebzehnten April in Donauwörth eintraf, änderte ſich Alles. Der Kriegsgott ſelbſt ſchien auf den Schauplatz getreten zu ſein. Von dem Drei⸗Kaiſer⸗Kriege im Herbſte des Jahres 1805 her kannte er dieſen Fluß, dieſe Thäler, den nächſten Weg nach Wien. Im Sturm riß er Alles mit ſich fort. Würtemberger und Baiern jauchzten ihm nicht wilder und todesmuthiger ihr:„Es lebe der Kaiſer!“ zu als ſeine alten Soldaten aus Frankreichs Gauen“ Er ritt dahin wie ein unbeſiegbarer, unverwundbarer Held. Den letzten Soldaten wie den erſten Marſchall entflammte ſeine Gegenwart. In ihm war etwas von der Kraft, dem Schwung ſeiner Jugend, etwas Himmel⸗ 10 ſtürmendes. In wenigen Tagen, in den Gefechten bei Tann und Abensberg, bei Eckmühl und Regensburg warf er den Erzherzog nach Böhmen zurück. An Tapferkeit und Opferfreudigkeit hatten die öſterreichiſchen Soldaten mit den Kriegern Napoleon's gewetteifert. Aber kein Genius war unter ihnen, ihre Maſſen zu lenken. Sie hatten keinen Marſchall Lannes, der zuerſt die Leiter an die Mauern Regensburgs legte und ihnen zurief:„Vorwärts, ich will Euch zeigen, daß ich nicht aufgehört habe, Soldat zu ſein.“ Allen vor⸗ an war der Kaiſer, oft in der Nähe des heftigſten Handgemenges, als ob er ſich darin gefallen, dem Gegner zu trotzen und mit dem Tode zu ſpielen. In dem Kampf um Regensburg traf eine matte Flinten⸗ kugel ſeinen Knöchel. Kaum verbunden, ſchwang er ſich aufs Pferd und jngi die Front ſeiner Armee entlang. Während der Crſrzo jenſeits des Böhmerwal⸗ des ſein geſchlagenes Heer wieder ſammelte, ordnete und Wien zu erreichen ſuchte, lag der nähere Weg die Donau entlang nach der Hauptſtadt offen vor dem Sieger. Nur ein ſchwaches Armeecorps der Oeſterreicher, das ſechste, zog ſich unter dem General Hiller vor ihm auf derſelben Straße zurück. 6 11 Beinahe hielt der Kaiſer nach dieſen ruhmreichen fünf Tagen, nach dieſen Silberblicken ſeiner Kriegskunſt, den Feldzug für beendigt. Im Rauſch ſeines Glückes vergaß er ſeiner eigenen Würde und erging ſich in ſeinen Heerberichten in widrigen und gemeinen Späßen. Die Oeſterreicher verglich er bald mit einem Tiger, der eine Freundſchaftsmaske vorgenommen, bald mit dem Eſel, deſſen lange Ohren aus der geſtohlenen Löwenhaut hervorgucken. Mit dem Stolz und Trotz des Fürſten der Unterwelt verband er den grotesken Witz und den ſataniſchen Hohn der Hölle. In jener alten Stadt Regensburg, die ſo lange der Sitz des deutſchen Reichstags und ſomit der ganzen Herrlichkeit und des ganzen Jammers des deutſchen Volkes gewe⸗ ſen war, zog er durch ein Decret die Güter der im öſterreichiſchen Civil⸗ und Militärdienſt befindlichen ehemaligen reichsfreien Fürſten und Grafen ein. Er wollte dieſe unbeugſamen Edelleute, die Hohenzollern und Schwarzenberg, die Liechtenſtein und Fürſtenberg, die Stadion und Metternich, bis ins Herz treffen. Nach kurzer Raſt brachen darauf die Franzoſen in breiter Linie nach Wien an dem rechten Donauufer auf. Ihre vorderſten Schaaren befehligte Maſſena. Bei Ebelsberg, wo eine Brücke über die Traun führt, ſtieß er mit dem zurückweichenden Hiller zuſammen. 12 In dem Marktflecken, um das hochgelegene, zinnenge⸗ krönte Schloß, auf der langen ſchmalen Brücke kam es zu einem furchtbaren Gefecht. Es war am dritten Mai. Hier empfingen der blonde Egbert und der lu⸗ ſtige Hugo in den Reihen der Wiener Freiwilligen die Feuertaufe dieſes Kriegs. Im blutigen Ringen Mann gegen Mann waren die Franzoſen in die Stadt eingedrungen. Schon iſt die Brücke von ihnen beſetzt; trotz des furchtbaren Feuers, das ſie erhalten, ſtürmen ſie vor; immer neue Schaaren ſendet ihnen der Schlachtentummler Maſſena nach. Die Oeſterreicher ſind in Gefahr, auseinander⸗ geriſſen, umzingelt, vernichtet zu werden. Da eilen ehernen Schrittes feſtgeſchloſſen die Bataillone der Wiener Freiwilligen und ein Bataillon vom Regiment Lindenau herbei. Dieſe jungen, nur halb eingeübten Soldaten übertreffen in Schwung und Drang die er⸗ grauten Krieger. Ihre Führer, der Oberſtlieutenant Küffel und die Majore Graf Salis und Paumgarten, wiſſen den günſtigen Moment zu erſpähen; wie eine unwiderſtehliche Windsbraut kommen ſie daher, über⸗ rennen die Franzoſen, ſtürzen ſie von der Höhe hinab, jagen ſie aus dem Flecken, über die Brücke; darüber hin ſauſen die Kugeln der Batterie, welche die Oeſter⸗ reicher auf dem Schloßberge aufgeſtellt haben. Am 13 Abend mußten die Oeſterreicher vor der Ueberzahl der Feinde langſam weichen. Aber ſie hatten dem Gegner drei Adler und viele Gefangene abgenommen. Den einen hatte Egbert's Compagnie erbeutet. Der junge Oberlieutenant, der längſt das Vertrauen und die Liebe ſeiner Leute genoß— ſind es doch zum größern Theil Freiwillige aus dem Bezirk der Land⸗ ſtraße, von Hietzing, Penzing, Hütteldorf her, die ihm alle von Anſehen und Namen bekannt ſind, wie er ihnen— wurde für ſeine Unerſchrockenheit zum Haupt⸗ mann ernannt. Als ſolcher ſteht er heute auf dem äußerſten Vor⸗ poſten am Donauſtrom, in Jedlersdorf am Spitz, Nuß⸗ dorf am rechten Ufer gegenüber, von welchem Punkte aus Napoleon, nach ſeinem Einzuge in Wien, einen vergeblichen, blutig zurückgewieſenen Verſuch gemacht hatte, auf das Marchfeld überzuſetzen. Denn hier, in dieſer ſchickſalsgeweihten Ebene, wo einſt Ottokar's Glück vor Kaiſer Rudolph's heiliger Macht wie Glas zerſplitterte, wo endgültig bis in die fernſte Zukunft entſchieden ward, daß nicht die Slaven, ſondern die Deutſchen in dieſer Oſtmark die Herren ſein ſollen, hatten ſich indeſſen die Schaaren des Erzherzogs Karl wieder mit dem Corps Hiller vereinigt. Am Biſam⸗ berge ſtand die deutſche Heeresmacht. 14 Welche Wochen ſeit ſeiner Heimkehr aus Paris in den erſten Märztagen waren das für den blonden Egbert geweſen! Wochen der leidenſchaftlichſten Auf⸗ regung, aber auch des vollſten, freudigſten Lebens! Ja, mochte er jetzt zuweilen ausrufen, der allein iſt ein ganzer Mann, der die Waffe führt, ſein Liebſtes zu vertheidigen. Den Grafen Wolfsegg fand er zum Aufbruch ge⸗ rüſtet; er wollte nach Böhmen in das Hauptquartier des Erzherzogs Karl. Er ſchien nur noch ihn erwar⸗ tet zu haben, denn Stadion lag Alles daran, in der Nähe des Feldherrn einen angeſehenen Mann von be⸗ deutender Perſönlichkeit zu haben, der den unverſöhn⸗ lichen Krieg mit Napoleon vertrat. In dieſem Sturm des Abſchieds verklang beinahe unvernommen die ſchmerzliche Mittheilung, die Egbert ihm über Antoi⸗ nette machen mußte. Oder ſtellte ſich der Graf nur ſo unerſchütterlich? „Wir müſſen den Becher bis zur Hefe leeren“, ſagte er. Ueber den Entſchluß Egbert's, in die Wiener Frei⸗ willigenſchaar einzutreten, wurde kaum geſprochen; Wolfsegg hatte von ſeinem jungen Freunde nichts Anderes erwartet. Der Hallenſer Student und Zu⸗ kunftsſchauſpieler trug ſchon die Uniform und hatte 4 4 15 mit der angeborenen brandenburgiſchen Geſchicklichkeit für das Soldatenthum die Staffel eines Unterlieute⸗ nants in der militäriſchen Hierarchie erklommen. Mehr Egbert's gutes gewinnendes Ausſehen, ſein Reichthum, die Beſonnenheit ſeines Auftretens als ſein Verdienſt verſchafften ihm eine höhere Stellung. Durch ſeinen Eifer bei den Uebungen erwarb er ſich das Vertrauen der Obern, durch die Freundlichkeit und ruhige Würde, mit der er ſie behandelte, die Neigung ſeiner Untergebenen. Unter der freudigſten Theilnahme der Stadt hatte die Fahnenweihe der Landwehren am elften März ſtatt⸗ gefunden. „Keiner von Euch“, redeten die Führer zu ihnen, „will fremden Hohn und fremde Feſſeln tragen. Dieſer feſte patriotiſche Entſchluß erzeugt Helden und verbürgt den Sieg.“ Solch ein Feſt hatte Wien noch nicht geſehen. Wie ein Meteorglanz ſchimmerte es von Vaterlands⸗ liebe, Kampfbegeiſterung und Hingebung über der alten kaiſerlichen Stadt. In einem freudigen erwartungs⸗ vollen Schauer lebte die Bevölkerung, alle in einem Gedanken, wie von einem einzigen Herzſchlag beſeelt. Beim Frühlingsanbruch des Jahres 1809 ſchlug das Herz Oeſterreichs, das Herz Deutſchlands in Wien. 16 Hierher waren die Blicke aller Vaterlandsfreunde, aller hochgeſtimmten Geiſter gerichtet. Vergeſſen war der Haß und die Zwietracht, die ſo lange Oeſterreich und Preußen getrennt hatten und, wie man es ſich jetzt auf dem Markt als Volkswahrheit zurief, die alleinige Urſache der franzöſiſchen Triumphe geweſen waren. Auf der Höhe des Stephansthurms ſollte ein Feuer entzündet werden, deſſen Widerſchein bis zu den Alpen, bis zu dem Strand der Oſtſee lohte, des alten unzerſtörbaren Reichs neue Morgenröthe. Wenn ſolche Zeichen am Himmel glühen und das Wetter majeſtätiſch in den Nachtwolken leuchtet, wer denkt da der kleinen Kerze, die ihm der Sturm aus⸗ geblaſen! So kam auch Egbert unter den mächtig auf ihn eindringenden Begebenheiten nicht dazu, dem Schmerz über den Verluſt Antoinettens nachzuhängen. War ihm doch kaum eine Spanne Zeit gegönnt, ſich auf die Gegenwart zu beſinnen und das Nächſte zu ordnen. Wie lernte er da den Werth, die Sicherheit und Ver⸗ ſtändigkeit Magdalenens von neuem ſchätzen und ver⸗ ehren! In der Noth und dem Drange dieſer Tage offenbarte ſich die ganze Tugend des herrlichen Mädchens. Wortlos lag ſie in den Armen des Jugendfreun⸗ des, als er ihr ſeinen Vorſatz ankündigte, in das Heer — 17 zu treten, aber ihre Augen ſprachen ihre Billigung, ihr Gefaßtſein aus. In keuſcher Zurückhaltung ver⸗ ſchloß ſie ihr Gefühl. Nur aus der Hingabe, mit der ſie für ihn wirkte und ſchaffte, konnte er erkennen, welche Empfindungen ſie beſeelten. Nicht beklagens⸗ werth iſt das Loos der Frauen, wenn die Männer in den Kampf ziehen. Dann erſcheint das Himmliſche ihrer Natur in ungetrübter Reinheit. Die Aufgabe, die ihnen zufällt, Wunden zu heilen und des Kriegs unvermeidliche Uebel zu lindern, umgibt ihr Haupt mit einem lichten Schimmer. Was in dem Gefühl des Mitleids Häßliches und Selbſtſüchtiges verborgen ſteckt, ſie haben es abgeſtreift; an den Lagerſtätten der Verwundeten, Gaben vertheilend, gleichen ſie den Engeln der Barmherzigkeit, die nicht wiſſen, wie ſchön die Thaten ſind, die ſie üben. Magdalene war unermüdlich in dieſen Sorgen und Geſchäften. Ohne eine Rückſprache mit dem Grafen würde es Egbert ſchon unter friedlichern Umſtänden nicht gewagt haben, ihr das Geheimniß ihrer Geburt zu ent⸗ hüllen, ſo groß auch die Gefahr ſein mochte, daß un⸗ berufene Hände den Schleier aufheben könnten. Jetzt, in der allgemeinen tiefgehenden Aufregung, durfte er noch weniger daran denken, Magdalenens Gemüth mit Frenzel, Lucifer. IV. 2 18 neuer Unruhe zu ängſtigen. Er wollte hierin dem Glück vertrauen und ſchob die Auseinanderſetzung über die Vergangenheit wie über die Geſtaltung ihrer beider⸗ ſeitigen Zukunft auf die Tage des Friedens hinaus. Und doch, wie ſehnſüchtig blickte er jetzt über den breiten Strom nach der Stadt hinüber, in der ein guter Theil ſeines Herzens zurückgeblieben war. Vor wenigen Wochen noch ſo ſtolz und freudigen Muthes, lag ſie nun gedemüthigt zu den Füßen des Siegers. Zwar für die Freundin hatte Egbert nichts zu fürchten; ſie hatte mit ihrer Mutter vor der Beſetzung der Stadt durch die Franzoſen in ſeinem Hauſe in Hietzing bei dem redlichen und entſchloſſenen Verwalter eine Zuflucht gefunden. Hier, unmittelbar unter den Augen des Kaiſers, war keine rohe Gewaltthat von den Sie⸗ gern zu beſorgen. Wieviel Napoleon auch ſeinen Sol⸗ daten durch die Finger ſah, in ſeiner nähern Um⸗ gebung liebte er es, den Schein ſpartaniſcher Zucht zu verbreiten. Aber wie Egbert ſo einſam über das Feld dahinging, dem ſchilf⸗ und binſenumbüſchten Arm des Fluſſes zu, der dicht an Jedlersdorf vorüberſtrömt, von der Hauptwaſſermaſſe der Donau durch eine lang⸗ geſtreckte Inſel getrennt, über die zum Schutz gegen die Flut der Hubertusdamm gezogen iſt, überfiel ihn eine tiefe Schwermuth. Wozu hatte die Erhebung — 19 eines tapfern und hochherzigen Volkes gedient? Wozu der Tod der Tauſende, welche auf der Traunbrücke und auf den Hügeln von Ebelsberg gefallen? Alle Schrecken des Kriegs waren entfeſſelt. So⸗ weit er es verſtand, hatte jeder Mann ſeine Pflicht gethan und ohne Schwanken das Leben in die Schanze geſchlagen. Und all dieſe Opfer, all dieſe Begeiſterung hatten den Gang des Imperators nicht eine Stunde aufhalten können. Napoleon hatte das Wort gelöſt, das er ihm in den Tuilerien gegeben. Noch ehe die drei Monate vollendet waren von jenem zweiundzwan⸗ zigſten Februar her, hielt er Hof in Schönbrunn. War es in den Sternen geſchrieben, daß ſelbſt die heldenmüthigſten Thaten ihm gegenüber ohne Erfolg ſein ſollten? daß ſie mit dem Staube, den ſein Roß aufwühlte, in Vergeſſenheit verwehten? Waltete in ihm etwas Uebermenſchliches, das anzutaſten ein Frevel war? Wenn die Gerechtigkeit der Sache, die Heiligkeit der Güter, die wir vertheidigen, die Mannheit und Standhaftigkeit im Kampfe einen Anſpruch auf den Sieg verleihen, wie konnte er den Oeſterreichern fehlen? Welch ein Räthſel iſt die Ordnung und Entwicklung der Welt, wenn ſie nicht, wie Benjamin Bourdon meinte, nur die Poſſe eines boshaften Dämons iſt! 2* 20 Ueber das Feld hin, aus den nahe gelegenen Dörfern, von den Kirchthürmen von Stammersdorf und Süßenbrunn, klangen die Töne der Abendglocken. Die ſechste Stunde war vorüber. Da, wo zwei Baumſtämme über den ſchmalen Flußarm eine unſichere, aber dafür auch in jedem Augenblicke zu beſeitigende Brücke nach der Inſel hin⸗ überbildeten, hemmte er ſeinen Gang. Das Gewehr im Arm ſtand läſſig der Poſten. Hochgeſchwollen von Frühlingsgewäſſern rauſchte die Donau. Ein friedliches Bild, und dennoch hauchte es in der Luft wie der Athem einer Schlacht. Solange die öſterreichiſche Macht noch ungebrochen auf dem Marchfelde lagerte, konnte ſich Napoleon nicht des ſichern Beſitzes der Hauptſtadt rühmen, waren ſeine Gegner nicht gewillt, ihn um Frieden zu bitten. Wieder mußten die Walküren die Kampflooſe werfen. In ſeinem Siegesübermuth beſchloß der Kaiſer über den Strom zu ſetzen und den Feind aus ſeinen Stellungen zu vertreiben. Auf dieſer weiten Ebene hoffte er ſeine ſtattliche Reiterei mit unwiderſtehlicher Gewalt zu verwenden. Unterhalb Wiens, da, wo das Wiener Waſſer am kleinen Prater vorüber in die Donau tritt, liegt die große, anderthalb Stunden lange und etwa dreiviertel 21 Stunden breite Inſel Lobau. Auf ſie richtete Napo⸗ leon als einen Uebergangspunkt ſein Augenmerk. Vom rechten Ufer, das ſein war, dahin zu gelangen, war nicht leicht; der Strom iſt breit und tief; dafür war der Flußarm, der ſie vom linken Ufer trennte, ſchmal und ohne Mühe zu überbrücken. Den größten Vortheil aber fand der Kaiſer darin, daß die Größe der Inſel die Entfaltung zahlreicher Schaaren, ja die Bildung eines verſchanzten Lagers geſtattete und daß der Wald und das Dickicht, die ſie bedeckten, dem Feinde ſeine Vorkehrungen und Rüſtungen zum Theil verbargen. Seit einigen Tagen ward darum unermüdlich mit jener fieberhaften Thätigkeit, die er in jeder entſchei⸗ denden Stunde den Seinen einzuflößen wußte, an der Herſtellung einer Brücke von Kaiſer⸗Ebersdorf aus über die kleine Inſel, den Schneidergrund, nach der Lobau zu gearbeitet. Siebzig Kähne der größten und ſtärkſten Art, wie ſie auf der Donau von Linz bis Presburg gebräuchlich ſind, wurden dazu verwendet. Bald aber ſtellte ſich eine bedenkliche Schwierigkeit heraus, der nicht abzuhelfen war: es fehlte an Ankern, die Schiffe feſtzuhalten. Um der Ungeduld des Kaiſers zu gehorchen, der vorwärts trieb, begnügte man ſich damit, alte ſchwere Kanonen, die man im Wiener Arſenal gefunden, und Käſten mit Kugeln anſtatt der Anker zu benutzen, Aushülfemittel, die gegen einen mächtigern und reißendern Andrang des Stroms nicht genügen konnten. Schwärme von Tirailleurs und Voltigeurs, die in Barken übergeſetzt worden waren, hatten inzwiſchen den ſüdlichen Theil der Lobau durchſtreift, die ſchwachen Vorpoſten der Oeſterreicher zurückgeworfen und zeigten „ſich an der Nordſpitze im Walddickicht. Gerade ſich gegenüber auf dem linken Ufer ſahen ſie die Dörfer Aspern und Esling in geringer Entfernung vom Strom liegen. Dieſe Bewegungen und Verſuche des Feindes hat⸗ ten den Oeſterreichern nicht ganz verborgen bleiben können. Es war klar, daß die Lobau den Stützpunkt der Franzoſen für ihren Uebergang auf das Marchfeld abgeben ſollte. Selbſt die geringe kriegeriſche Erfahrung, die Egbert ſich bisher in ſeinem Dienſt erworben, ließ ihn das ungeheure Wagniß dieſes Unternehmens erkennen. Ein Gewaltſtoß der Oeſterreicher mußte die Franzoſen in den Fluß werfen. Wer wie er, als Wiener Stadt⸗ kind, die Tücken und Launen der Donau erprobt, traute den leicht geſchlagenen Brücken keine ſonderliche Feſtig⸗ keit zu. Was geſchah, wenn ſie zerriſſen? Heute, hieß es, hätte der Erzherzog mit den Rei⸗ LEeeeeirdent Khen tern Johann Liechtenſtein's eine Recognoscirung nach der Seite der Lobau hin unternommen. Morgen vielleicht ſchon donnerten die Kanonen. Egbert's Seele war ſchlachtbereit. Plötzlich fährt die ſchläfrige Schildwache zuſammen und greift nach dem Hahn des Gewehrs. Auch Egbert ſtutzt. Ein Schuß iſt gefallen, in der Ferne. Nun raſch hintereinander ein zweiter, dritter. Von jenſeits des Waſſers kommt der Schall. Vergeuden die franzöſiſchen Poſten, die bei Nuß⸗ dorf und im Kahlenberger Dörfel ſtehen, dem Sonnen⸗ untergang zu Liebe ihr Pulver? Da wird's auch auf dem Damm vor Jedlersdorf lebendig. Lieutenant Spring, der dort die Wache hat, hißt eine ſchwarzgelbe Fahne auf. Im Lauf iſt Egbert über die Baumſtämme dahin. In der nächſten Minute ſteht er neben dem Freunde auf dem ſteinernen Damm. „Herr Hauptmann, ein Kahn, der herüber will!“ In der Mitte der Donau, von den Wellen wild geſchaukelt, ſchwankt ein Nachen. Zwiſchen Nußdorf und dem Kahlenberger Dörfel aus einer tiefverſteckten Bucht iſt er herausgefahren. Zu ſpät haben ihn die Franzoſen bemerkt. Ihre Kugeln erreichen ihn nicht mehr. Die einzige Gefahr, welche die Inſaſſen bedroht, 24 iſt die Hochflut des Stroms. Aber rüſtig rudern ſie: ein Mann und ein Mädchen. Von dem Damm herab eilen Hugo und Egbert ihnen entgegen. Breter und Seile ſchaffen die Soldaten herbei, um eine Landung zu erleichtern. Es handelt ſich um eine wichtige Nach⸗ richt. Um ein Geringes würde der Fährmann nicht ſein Leben eingeſetzt haben. „Holla“, ruft Hugo, der ins Waſſer gewatet iſt, „holla, Egbert“— die militäriſche Rangordnung iſt vergeſſen—„ich will kein verdorbenes Genie ſein, oder das iſt die braune Chriſtel. Wie das Wettermädel arbeitet! Da ſchlägt die Welle in den Kahn. Aber ſie kommen näher. Hierher!“ Dies Geſchrei, die befreundeten Männer, ihre Winke verdoppeln die Kräfte der Rudernden. Der Nachen fährt unter die Binſen am ſumpfigen Ufer. Mit einem Satz— ſie hat immer noch etwas von einer Wildkatze— ſpringt die braune Chriſtel, glühroth im Geſicht, mit nackten Armen— die Aermel und das weiße Hemd hat ſie aufgekrempelt— von der Spitze des Kahns an den Strand. Ein zuſammen⸗ gefaltetes Papier hält ſie hoch in der Hand. Einen lauten Freudenruf ſtößt ſie aus, als ſie die wohlbekannten Geſichter erblickt. Sie ſtürzt auf Egbert zu und küßt ihm die Hand. — 25 „Was iſt geſchehen? Was bringſt Du? Doch kein Unglück aus Hietzing?“ will er fragen. Aber ſie kommt ihm zuvor. „Es iſt Alles gut im Hauſe“, ſagt ſie.„Das Fräulein iſt wohlauf. Und der Herr Armhart hat ſich auch wieder eingefunden.“ „Was man ihm nach einer ſo langen Abweſen⸗ heit nicht verargen kann“, lacht Hugo.„Viel Ein⸗ quartierung?“ „Einen alten Oberſten, der uns nichts thut“, ent⸗ gegnet ſie.„Doch das Fräulein ſchickt mich nicht, mich ſchickt mein Herr.“ „Wer?“ „Sie meint den Puchheimer“, unterbricht ihn Egbert.„Von dem iſt der Brief? Zeig' her!“ „Ich ſollte ihn den Kaiſerlichen bringen. Es muß Grausliches drin ſtehen. Denn der Herr trieb die Pferde ſo heftig an, daß ſie vor Nußdorf zuſammenſtürzten.“ „Wo kommſt Du denn her? Und wie zu dem Freiherrn?“ „Von Ebersdorf in ſeinem Wagen. Er hat mich ſelbſt gefahren.“ „Dich ſelbſt? Und der Brief? An den durchlauch⸗ tigen Erzherzog! Angetreten, Lieutenant Spring! Nach Jedlersdorf! Die Brücke abbrechen!“ 26 „Habt Ihr hier auch eine Brücke? Die der Fran⸗ zoſen dort unten iſt mitten durchgeriſſen. Es ſchlug gerade drei Uhr vom Schloßthurm zu Ebersdorf.“ „Die franzöſiſche Brücke nach der Lobau zerriſſen!“ ruft Egbert mit blitzenden Augen.„Hugo, morgen ha⸗ ben wir die Schlacht!“ „Schlimmer als bei Ebelsberg kann's nicht wer⸗ den“, entgegnet der Brandenburger, ſeinen Degen feſter ſchnallend.„Ich würde lieber auf einem andern Theater ſterben, um nachher herausgerufen zu werden, indeß ich bin für das Stück nicht verantwortlich, weder für mein Leben, noch für meinen Tod verantwortlich. Gewehr auf Schulter, Leute, vorwärts marſch!“ Auf dem Wege nach dem Standquartier erzählt Chriſtel ihre abenteuerliche Fahrt. Frau Armhart hat ihr in der Frühe geſeattet, nach der Stadt zu gehen, um ſich nach dem alten Joſeph umzuſehen, der als Hüter im Hauſe bei den Saleſianerinnen geblieben. Vor einer Fuhrmanns⸗ ſchenke vor der Mariahilfer Linie ſteht ein Mann im blauen Kittel mit einer langen Peitſche, den ſtaubigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt. Sie guckt ihn an, er ſie— ſchon will ſie aufſchreien, als er ihr ſeine breite Hand auf den Mund legt. Es iſt der Freiherr von Puchheim. ——yy 2 „Willſt mit?“ „Warum nicht?“ Da führt der Knecht einen Wagen vor, der ganz mit Holzbohlen beladen iſt. „Für die franzöſiſche Brücke“, ſchmunzelt Puch⸗ heim.„Steig' auf.“ Sie nicht faul, klettert hinauf, der Herr ihr nach. Und fort geht's, bald langſamer, bald ſchneller, ſüdwärts um die Stadt herum, nach Kaiſer⸗Ebersdorf. Da wird das Gedränge groß. In dichten Reihen ſtehen die Wagen, vom Dorf bis zur Donau, alle mit Bohlen und Pfählen beladen. Vorn am Ufer arbeiten die Sappeurs. Mit rauſchender Muſik ziehen immer neue Regimenter aus der Stadt einher, zu Fuß, zu Pferde. Zuletzt unabſehbare Züge von Kanonen. Endlich rückt Puchheim's Wagen bis zum Ufer vor. Halb vollendet ſteht die Brücke. Viele Soldaten ſind ſchon jenſeits, eben reitet eine Schwadron darüber. Es gibt einige Unordnung. Die Reiter müſſen abſteigen und die Pferde am Zügel führen. Hier und dort müſſen mehr Bohlen gelegt, die Pfähle feſter gerammt werden. Da plötzlich ſteigt das Waſſer ſichtbarlich. Hohl gehen die Wellen. Zwei, drei Schiffe löſen ſich von den Gewichten, die ſie feſt⸗ halten ſollen; der Zug ſtockt, die Brücke iſt geſprengt. Wild brauſend ſchießt das Waſſer durch die Lücke. Bei dieſem Anblick, in der Verwirrung, dem Tumult, der unter den Franzoſen, den Arbeitern und Fuhr⸗ leuten ausbricht, indem die einen rückwärts drängen, die andern vorwärts wollen und ein unentwirrbarer Knäuel ſich zuſammenballt, lacht Puchheim auf, ergreift Chriſtel's Hand und eilt mit ihr nach der Stadt zu. Er muß überall bekannt ſein; im Handumdrehen bringt er den Wirth in Neudörfel dazu, ihm einen kleinen Jagdwagen zu überlaſſen. Während die Pferde ange⸗ ſchirrt werden, ſchreibt er in der Kammer den Brief, * ſteigt mit der Chriſtel auf und jagt durch die Stadt nach Nußdorf. Dort ſtürzt ihm das eine Pferd. Er kümmert ſich gar nicht darum, läßt den Wagen ſtehen und läuft nach dem Ufer. Auch hier weiß er gut Be⸗ ſcheid; er findet einen Schiffer, der im Schilfdickicht ſeine kleine Barke vor den Franzoſen gerettet hat. Aber der Mann will ſich nicht gleich zu der gefährlichen Stromfahrt entſchließen. Die Verſprechungen, das blanke Geld Puchheim's ſtimmen ihn zuletzt um. Da naht eine franzöſiſche Patrouille. „Vorwärts“, ſagt der Freiherr zu Chriſtel,„Du gehſt mit dem Brief hinüber; ich laſſe mich von den Franzoſen feſtnehmen und halte ſie ſo lange auf, bis Ihr draußen auf dem Waſeer ſeid.“ Geſagt, gethan; wie ſie hinübergekommen, hat — ———ʒ:—:— yᷣ 29 Egbert ſelbſt mit angeſchaut. In Jedlersdorf finden ſie ſchon die Compagnie zu ihrer Ablöſung vor; die Hauptmaſſe des Hiller'ſchen Corps zieht ſich zwiſchen Strebersdorf und Stammersdorf zuſammen. Dort vermuthete man für die nächſten Stunden auch den Erzherzog, der die Heeresſtellung entlang ritt und die einzelnen Haufen beſichtigte. Um dem Feldherrn ſchneller die wichtige Meldung zu bringen, nahm Egbert ein Pferd und flog den Seinen voran. Die braune Chriſtel blieb ermüdet und erſchöpft, wie ſie war, zurück. Sie ſetzte ſich auf einen Stein am Wege und ſtillte an einem Stück Schwarzbrod ihren Hunger. Seit Wochen war ſie an den Anblick der Soldaten gewöhnt, ſie fürchtete ſich nicht vor ihnen. Die Ausſicht, wie früher ſo oft, im Walde unter freiem Himmel die Nacht zuzubringen, hatte für ſie einen eigenen verlockenden Reiz. Nach dem ſittigen und ſtrengen Leben, das ſie im Hauſe geführt, war dies wieder ein Tag der Freiheit, des Umherſchweifens, des Verkehrs mit der Natur geweſen. Sie hätte nicht ſagen können, woher die Luſt entſprang, die ſie darüber empfand, aber ein Gefühl des Wohlſeins, des Ver⸗ gnügens erfüllte ſie. Gleichſam mit allen Sinnen athmete ſie den Duft des Waldes und die erfkiſchende Kühle des Abends ein. 30 Die Luft war voll von Klängen: Abendglocken⸗ geläut vermiſchte ſich mit fernem Trommelwirbel, mit Trompetengeſchmetter, mit den Tönen der Hörner. Zuweilen, wenn ſie ſcharf hinhorchte, ward das dumpfe Gebrauſe des Donauſtroms ihrem Ohr vernehmlich. Fort und fort ſchien die Flut zu ſteigen. Von jener Seite kamen die Nebel und legten ſich über das Feld. Dort, wo die dichtere Dunſtwolke ſchwebte, die Ränder roth vom Sonnenuntergang angeglüht, lag Wicn. „Sie werden denken, ich ſei bei dem alten Joſeph geblieben, und ſich nicht grämen“, ſagte Chriſtel zu ſich ſelbſt und kicherte vor ſich hin. Langſam fing ſie an, die Aermel ihrer Jacke wieder 3 herunterzuziehen und das halbſeidene Tüchlein feſter um den Kopf zu binden. Sie war größer und ſtärker geworden. Die regelmäßigere Lebensweiſe, die beſſere Nahrung hatten ſie körperlich vortheilhaft entwickelt. Noch bedeutſamer war der Fortſchritt ihres Geiſtes. Fördernd hatten die Lehre und das Beiſpiel Magda⸗ lenens auf ſie gewirkt. Ihre Stirn war freier ge⸗ worden, das Scheue ihres Weſens hatte ſich gemildert. Dennoch war ihr ein fremdartiger Zug geblieben.; „oöooö Schon die bräunliche Farbe ihres Geſichts, ihre ſchwer⸗ müthigen, feucht glänzenden Augen, ihre wunderliche Art, die Dinge anzufaſſen, unterſchieden ſie von den — 341 Andern. Sie ſah die Welt mit ſeltſamen Augen an. Etwas von der urſprünglichen Zuſammengehörigkeit des Menſchen mit dem Allleben der Natur, ehe die Cultur eine Kluft zwiſchen beiden geriſſen, machte ſich in ihr noch geltend. „Sie wird ſich nie ganz dem dunklen Schooß der uralten Nacht entwinden“, ſagte Hugo im Stil der Naturphiloſophie, wenn die gute Frau Armhart über die Unbegreiflichkeiten der Chriſtel die Hände zuſammen⸗ ſchlug, und zu Magdalenen, die dem Naturkinde ein tieferes Verſtändniß ahnungsvoll entgegenbrachte:„Im Mittelalter war das der Stoff, aus dem Heilige ge⸗ ſchnitzt wurden.“ Sonſt that Chriſtel getreulich ihre Pflicht, war flink zu jeder Arbeit, jedem Wink Magdalenens gehor⸗ ſam und ſchien im Verlauf der Tage eine immer ſtärkere Anhänglichkeit an das Haus zu gewinnen. Jetzt aber, auf dem Felsblock ſitzend, in Einſamkeit— die letzten Reihen der abmarſchirenden Soldaten waren in der Dämmerung hinter den Bäumen entſchwunden— fühlte ſie ſie ſich wieder von jedem Zuſammenhang mit dem Leben und Weſen der Stadt losgelöſt, auf eigene Füße geſtellt, die freie Tochter des Waldes. Sie dachte des Mannes, der, obgleich ſie nie von ihm ſprach, ihr Sinnen und Empfinden beherrſchte. 32 Noch hatte ſie ihn nicht wiedergeſehen, aber ſie wußte es ſo ſicher, wie ſie in jeder ſternhellen Nacht am Himmel die Geſtirne wiederfand, die ihr vor Jahren der fromme Pfarrer in Moos gezeigt, daß er mit den Franzoſen nach Wien zurückgekehrt ſei, daß ſie ihm be⸗ gegnen würde. Einmal war es ihr geweſen, als wäre er im Gefolge des Kaiſers, nicht wie ſonſt in ſchwarzer Kleidung, ſondern in reichgeſtickter Uniform, aus dem Schloßhof von Schönbrunn geſprengt; ihr Herz hatte gezittert; ſchon aber hatte die Staubwolke Alles ver⸗ ſchlungen. In der Hoffnung, ihn zu treffen und einen Blick von ihm zu erhaſchen, war ſie Puchheim's Auf⸗ forderung, mit ihm zu fahren, ſo willig gefolgt. Wieder war ihr das Glück nicht günſtig geweſen, allein ſtärker als Ungemach und Enttäuſchung war in ihr die Hoffnung. Sie ſprang vom Stein herunter, es fröſtelte ſie, und lief den Soldaten nach. Der Biſamberg war das Ziel ihres Wegs, das ſie nicht verfehlen konnte. Indeſſen hatte Egbert auf ſchnaubendem Pferde längſt Stammersdorf erreicht. Hier, auf dem rechten Flügel des Heeres, hatte General Hiller ſein Quartier. Vor dem Wirthshauſe des Dorfes ſtand der Erzherzog Karl im Kreiſe ſeiner Offiziere. Eine kleine ſchmächtige Geſtalt in Generalsuniform mit hechtblauem Rock und 33 rothen Hoſen, fiel der Erzherzog dennoch unter den vielen ſtattlichen und glänzenden Offizieren der Huſaren, Ulanen, der ungariſchen Grenadiere durch die Einfach⸗ heit und Schlichtheit ſeines Benehmens und die lange Gewohnheit des Befehlens auf. „Nachrichten vom Feind!“ rief Egbert, vom Pferde geſprungen, um ſich einen Durchgang zu bahnen. General Hiller erkannte den tapfern Hauptmann der Wiener Freiwilligen aus dem Schlachtgetümmel an der Traunbrücke. Er ſtellte ihn dem Generaliſſimus vor. Kurz und beſtimmt machte Egbert ſeine Meldung und übergab den Brief Puchheim's. Der Erzherzog überflog ihn; ein Strahl der Freude verklärte ſein feingeſchnittenes Geſicht. „Es bleibt dabei, Ihr Herren“, ſagte er zu den Umſtehenden,„morgen werfen wir die Franzoſen in die Donau. Ihre Brücke iſt zerriſſen. Vor Mitternacht, ſchreibt hier ein kundiger Mann, vermöchte ſie ſelbſt nothdürftig nicht wiederhergeſtellt zu werden. Er rechnet, daß bis morgen Mittag ihrer nicht mehr als dreißigtauſend Mann in der Lobau ſein können. Dieſen Abend wollte der Kaiſer ſelbſt hinüberſetzen. Vielleicht iſt er ſchon auf dieſem Ufer. Aber er hat ſich ver⸗ rechnet, dieſes Ufer iſt noch das unſerige. So laßt es uns behaupten. Die Donau iſt uns günſtig, ihn Wellen Frenzel, Lucifer. IV. 34 und die Schiffe, die wir den Strom hinunterſchwimmen laſſen, werden die Brücke zerſtören und den Feind von ſeinen Verbindungen abſchneiden. Darum drauf und dran! Für das Haus Oeſterreich, fürs Vaterland! Solch ein Tag kehrt nicht wieder. Mit einem Schlage woollen wir die Scharten auswetzen, die wir erlitten haben. Ich dank dem Herrn“— nun hatte er ſich ganz zu Eg⸗ bert umgewendet— für die gute Nachricht. Ihr Name?“ „Egbert Heimwald, Hauptmann im dritten Ba⸗ taillon der Wiener Landwehr.“. „Der einen Adler bei Ebelsberg erbeutete“, ſetzte General Hiller hinzu.. „Mit Gott gewinnen Sie den zweiten morgen“, meinte der Erzherzog mit wohlwollendem Lächeln. Die Diener hatten ihm ſein Pferd vorgeführt, ein reichgeſchirrtes weißes Pferd mit grauer Mähne. Es ſcharrte bei den Klängen der Regimentsmuſik ungeduldig den Boden. Das heiter ernſte Antlitz des Feldherrn nahm plötzlich einen Ausdruck eherner Feſtigkeit an. „Auf morgen denn“, ſagte er, als er ſich in den Sattel geſchwungen.„Dies iſt unſer Boden. Laßt uns darauf ſterben, wenn wir nicht darauf ſiegen können.“ Im Galopp ſauſte er von dannen, ſein Gefolge ihm nach. 35 Einige ſeiner Offiziere waren zurückgeblieben, um den Abend mit ihren Kameraden aus dem Hilller'ſchen Corps zuſammen zu verleben. Unter ihnen war der Graf Wolfsegg. Welch ein Wiederſehen war es doch zwiſchen ihm und Egbert! Nach ſolchen Kämpfen, Enttäuſchungen, Gefahren! Der Graf hatte den unglücklichen Feldzug des Erzherzogs in Baiern mitgemacht und war mit ihm nach Böhmen zurückgegangen. Egbert mußte ihm das Schick⸗ ſal der Armharts erzählen; er war ſeit einem Monat ohne Nachrichten von Magdalenen. Dem kommenden Tag ſah er beinahe ohne Hoffnung entgegen. Hier wurde ihr Geſpräch zunächſt von den hinzu⸗ tretenden Kameraden unterbrochen. Liechtenſtein's Reiterei war im Vorgehen zwiſchen den Dörfern Aspern und Esling auf franzöſiſche Reiter, Chaſſeurs und Dragoner, unter dem General Laſſalle getroffen. Es hatte ein Scharmützel gegeben. „Mehr Staub als Blut“, ſcherzten die Offiziere. Von einigen Gefangenen erfuhr man, daß die Diviſionen Molitor und Boudet die beiden Dörfer be⸗ ſetzt hatten und anfingen, leichte Verſchanzungen auf⸗ zuwerfen. In Aspern ſollte die Diviſion Molitor, in Esling die Boudet's übernachten. In dem Winkel zwiſchen beiden Dörfern, nach dem Strome zu, in 3* 36 der Mühlau war das keaiſerliche Zelt aufgerichtet worden. Um dieſe Punkte mußte morgen die Schlacht toben. Ihre Eroberung war der Siegespreis des Tages. Der Plan des Erzherzogs war unter dieſen Ver⸗ hältniſſen einfach und ſelbſt den untern Führern ein⸗ leuchtend. Von Stammersdorf aus ſollte Hiller mit ſeinem Corps anf dem äußerſten rechten Flügel längs der Donau über Stadlau auf Aspern marſchiren. An ihn lehnte ſich weiter oſtwärts die Schaar des General⸗ lieutenants Bellegarde, die über Kagran und Hirſch⸗ ſtetten ſich ebenfalls auf dies Dorf, als den Stützpunkt und Brückenkopf der franzöſiſchen Stellung, richtete. In der Mitte ſtanden die Truppen Hohenzollern's gegen Breitenlee gewendet. In zwei Colonnen theilte ſich das Corps Roſenberg's auf dem linken Flügel; die eine hielt auf Esling, die andere auf Enzersdorf. Sie kamen von Deutſch⸗Wagram her, mit ihnen waren Liechtenſtein'ſche Reiter. In einer größern Entfernung, am Obſtabhang des Biſamberges bei Seyring, bildeten die Grenadiere den Rückhalt. So ſtanden auf verhält⸗ nißmäßig engem Raum neunzigtauſend Streiter zum Gewaltkampf geſchaart. Während der Nacht und in der Frühe des nächſten Tages konnten alle nöthigen —,— —,.,.— 37 Anordnungen getroffen und die Truppen zuſammenge⸗ zogen werden. Dicht vor Stammersdorf im Bivouac lagerten die Wiener Landwehren und Freiwilligen. Langſam entzündete ſich unabſehbar Wachtfeuer an Wachtfeuer. Aus der Ferne klang das Geräuſch der Kanonen und der Munitionskarren, das Geſtampfe der Pferde, der dröhnende Schritt einherziehender In⸗ fanterieregimenter; die Armee ſetzte ſich in Bewegung. In der Nähe des Dorfes aber hielt ſich Alles ruhig, erſt am Morgen ſollte hier der Aufbruch geſchehen. Der General Hiller mit den Seinen hatte den kürzeſten Weg nach Aspern. In der lauen ſternhellen Frühlingsnacht entfaltete ſich das bunteſte Lagerleben. Im Ueberfluß waren Speiſe und Trank vorhanden. Trotz der erlittenen Niederlagen hatte die Stimmung der Soldaten noch ihre Freudigkeit und Gehobenheit bewahrt. Sie hatten das dunkle Bewußtſein, ſich den Feinden ebenbürtig gezeigt zu haben. An keinem Orte hatten ſie es an Tapferkeit fehlen laſſen, es bedurfte nur eines Lächelns des Glückes und ihr Heldenmuth heftete den Sieg an ihre Fahnen. Nur wenigen unter dieſen Tauſenden auf der meilenweiten Ebene glänzten in dem Gewimmel der 38 Geſtirne am Himmel auch jene ewigen und erhabenen Ideen entgegen, für die ſie ihr Leben opfern wollten: Freiheit und Vaterland. Außer dem Ruf der Com⸗ mandoworte kannten die Czechen, die Ungarn, ſo manche Völkerſchaften des vielſprachigen Reichs kaum deutſche Laute, ſicherlich kein deutſches Lied. Sie hätten nicht ſagen können, weswegen man ſie hierher geführt, warum gerade ſie Grund zum Haſſe gegen die Franzoſen und ihren Kaiſer Napoleon haben ſollten. Aber der an⸗ geborene kriegeriſche Trieb erſetzte ihnen die ideale Be⸗ geiſterung. Der Rauſch des Kampfes mußte das Uebrige thun. Und ein ſchwacher Schimmer des Ewigen glühte auch um ſie. Fremdartiger als ſonſt berührte ſie das Weſen ihrer deutſchen Kameraden. Zum erſten Male ſahen ſie reicher Leute Kinder, die Söhne des deutſchen Bürgerſtandes, im Soldatenrock. Mäßiger als ſonſt gebrauchte der Profoß ſeinen Stock. Durch die norddeutſchen Freiwilligen, durch den Eintritt vieler Jünglinge und Männer, die bisher von jedem Kriegs⸗ dienſt befreit geweſen, in das Offiziercorps war ein Geiſt der Freiheit erfriſchend und erneuernd in den alt und morſch gewordenen Organismus des öſter⸗ reichiſchen Soldatenthums gedrungen. Das Gefühl der Gemeinſamkeit, kriegeriſcher Zucht und Ehre, ein ritter⸗ licher Sinn, wie ſie einſt die bunt zuſammengewürfelten .— 39 Schaaren des Prinzen Eugen beſeelt hatten, wachten wieder auf. Mochten die Schwärmer von der kom⸗ menden Schlacht die Befreiung Europas, die Aufer⸗ ſtehung des deutſchen Reichs erträumen, andere nur Rangerhöhungen und Auszeichnungen erwarten und die meiſten in dumpfer, gebundener Empfindung einen ſchweren Tag und eine ſaure Arbeit ahnen, alle waren gewillt, das Banner Oeſterreichs hochzuhalten. Es war ein Palladium, das man verehrt, ohne ſich Rechenſchaft von ſeinem Werth zu geben. Nun lodert Feuer an Feuer auf dem Gefilde. Von den verſchiedenſten Klängen und Tönen widerhallt die Nacht. Da ſchläft einer im Mantel gehüllt ruhig unter den Bäumen, während die Kameraden um ihn ihre Lieder ſingen. Hier geht die Flaſche im Kreiſe von Mund zu Mund. Den lauſchenden Huſaren ſpielt ein Zigeuner, an die Linde gelehnt, heimatliche Weiſen vor. Gelaſſenen Muthes ſchmauchen Andere ihr Pfeiſchen und ſtören ſich nur ſelten durch halbe Fragen und halbe Antworten. Ein alter Soldat, ein bärbeißiger Corporal, der bei Hohenlinden und Auſterlitz mitgefochten, iſt nach einigen Gläſern weich geworden und ſchildert den Neu⸗ lingen, denen er auf dem Exercirplatz immer in un⸗ barmherziger Laune etwas am Zeuge zu flicken weiß, die hundert Todesarten, die morgen auf ſie lauern. 40 Nach eigener Erfahrung hält er ein angenehmes Gruſeln für die beſte Vorbereitung zur Schlacht. Ernſter nehmen es jene, die ihre Waffen unterſuchen, die Schärfe ihrer Säbel, die Schlöſſer und Steine ihrer Gewehre prüfen. Um die Marketenderzelte und Karren iſt das luſtigſte Gedränge. Wo eine von den Schenkinnen ein hübſches Lärvchen hat, will ihr der und jener noch einen Kuß rauben— du lieber Himmel, vielleicht den letzten. Das ſauſt und brauſt, ſingt und trinkt. Um wenige Kreuzer ſpielen ſie mit ſchmuzigen Karten auf einer Trommel. In der Schenke zu Stammersdorf haben ſich die Offiziere niedergelaſſen, die Herren vom Stabe, die Führer der deutſchen Regimenter. Alle Fenſter des Hauſes, die Thüren ſind offen. Viele Kerzen brennen; der Ungarwein füllt immer aufs neue die leeren Gläſer. Irgend woher hat man ein verſtimmtes Klavier in die Gaſtſtube geſchafft, und wen nun die Luſt oder die Begeiſterung ergreift, der ſchlägt auf die Taſten. Eine wilde, tolle, diſſonanzenreiche Muſik! Aber wie in ihr etwas von der Stimmung der Geiſter iſt, ſo wirkt ſie auch wieder auf dieſelbe zurück und erhöht ſie. Hier erwägen ernſte Hauptleute die Ausſichten des nächſten Tages, prüfen die eigene und die fremde Stärke; dort erklingen die Gläſer auf den Sturz des. Impera⸗ tors, auf die Freiheit, Macht und Größe der Deutſchen. 41 In feurigen Worten und Umarmungen gelobt man ſich Waffenfreundſchaft und Treue bis in den Tod. An jenem Fenſter, oft den Blick zu dem geſtirnten Himmel richtend, ſitzt ein junger Mann, den Kopf in die Hand geſtützt, vor ſich ein Papier; er verſucht es, ſeine Seele in wenige, kurze und doch vielſagende Worte zu drän⸗ gen. Ihm liegt es wie ein Alp auf der Bruſt. Er wird die Schlacht nicht überleben. Schreibt er der Mutter oder der Geliebten? Im Hofe ſtehen geſattelt die Pferde und wiehern und heben die Köpfe bei jedem Signal. Beſtändig gehen und kommen Botſchaften. Abſeits von dem Ge⸗ tümmel, auf einem einſamen Fußſteige, der eine Wald⸗ blöße entlang einen Hügel emporklimmt, wandern Eg⸗ bert und der Graf im Zwiegeſpräche. Es willdem Jüng⸗ ling nicht gelingen, den Trübſinn aus dem ſonſt ſo ge⸗ faßten Geiſte Wolfsegg's zu verbannen. „Was wir thun müſſen, wir wiſſen es ja“, ſagt er.„Aber wir ſchlagen uns ſchon nicht mehr um die Befreiung der Welt, ſondern nur noch um die Chre. Stadion, ich und meine Freunde, wir wollten einen Volkskrieg und unſere Feldherrn führen einen Cabinets⸗ krieg. Ein Kaiſer bietet dem andern die Fehde. Wo das Volk aufſteht, wie in Tirol, iſt der Sieg mit ihm; unſere Erzherzoge flieht er.“ 42 „Iſt der Erzherzog Karl nicht der erſte Soldat Oeſterreichs?“ „Sicherlich; zur Noth wird er morgen mit einer Sturmcolonne auf Aspern losbrechen, aber er hat kein rechtes Vertrauen zu ſich und keins zu uns. Das iſt mir zur unumſtößlichen Gewißheit geworden, jenem Lucifer dort drüben iſt kein Sterblicher gewachſen. Etwas Unſterbliches muß wider ihn aufſtehen. Die Kälte, das Feuer—“ Egbert deutete nach Weſten. „Vielleicht dort der Strom!“ „Oder der Haß der Völker, die endlich alle in ihm ihren Todfeind erkennen. Aber unſer öſterreichiſches Volk verſteht nicht zu haſſen. Die Preußen wiſſen es. Vor denen mag er ſich hüten, wenn ihnen einmal die Gelegenheit wird. Ach, durch welche Blutlachen werden wir noch waten müſſen, ehe dieſe Stunde ſchlägt! Zuweilen verzweifle ich daran, ihren Ruf noch zu hören. Der Tyrann wird in allen Ehren auf ſei⸗ nem Throne ſterben. Nach dieſen Tauſenden werden ſich andere Tauſende mit demſelben Wetteifer, dem⸗ ſelben Jubel für ihn tödten laſſen. Wenn er ſie ver⸗ achtet, dieſe Sklaven, wer will ihn ſchelten? Was iſt Gerechtigkeit? Was iſt Vergeltung? Schöne Worte für leere Schatten! Die Uſurpatoren und Eroberer ſterben — 43 nicht aus, weil das Volk ihrer Bewunderer und An⸗ beter nicht ausſtirbt, weil ſie ſehen, daß dem größten Verbrecher das Glück am treueſten folgt, daß ſie um ſo ſicherer vor jeder Vergeltung ſind, je höher ſie Schuld um Schuld auf ſich häufen!“ Egbert fürchtete, durch Widerſpruch die Verbit⸗ terung des Grafen noch mehr zu reizen. Ebenſoviel Nahrung fand ſie in den unglücklichen politiſchen Verhältniſſen als in den perſönlichen Ge⸗ ſchicken, die Wolfsegg getroffen. In die tiefſte Seele hinein hatte ihn der Verrath und Abfall Antoinettens geſchmerzt. Deutlicher als die kargen Mittheilungen Egbert's hatten die Briefe des leidenſchaftlichen, ehr⸗ geizigen Mädchens zu ihm geſprochen. Und daß ſie nun Recht behalten mußte!. Daß ein Unfall nach dem andern Oeſterreich und die Sache, die er vertrat, heim⸗ ſuchte! Nach einer Pauſe des Schweigens hatte ſich Ul⸗ rich geſammelt. Er drückte Egbert’s Hand. „Ich ſtecke Sie mit meinem Mißmuth und meiner Troſtloſigkeit an, mein lieber junger Freund. Und für einen Tag, wie er uns aufdämmert, iſt Freudig⸗ keit des Geiſtes das erſte Erforderniß. Vergeben Sie mir. Aber ich habe beinahe Alles gegen dieſen Mann verſpielt. Im Kampf gegen Frankreich iſt mein Bruder 44 gefallen; meinen Vater hat der Gram getödtet. Meine Nichte— o, weg mit dem Gedanken! Das Schlimmſte erfuhr ich erſt heute: mein Neffe, Franz von Gondre⸗ ville, dient im Heere Napoleon's! Er hat eine Offiziers⸗ ſtelle in der Gardereiterei erhalten. Unſere Degen können ſich im Schlachtgetümmel kreuzen. So reißen die zarteſten, die innigſten Familienbande. Ich ſtehe verlaſſen— nein, ich habe Sie. Treuer als meine Blutsverwandten ſind Sie, der Fremde, mir geblieben, meinem Herzen ſo nahe! Da ſchüttelt mich die Furcht, daß auch Sie mir entriſſen werden könnten, morgen, durch eine Kugel, durch einen Stoß— auch Sie!“ „Sie rühren, Sie erſchüttern mich! Sie waren mir immer wie ein zweiter Vater! Vermag es Ihre Schwermuth zu zerſtreuen, ich beſorge nichts! So ſtark und bang mir vor Erwartung das Herz klopft, meine Seele iſt ruhig. Und warum? Aus Aberglauben. Das iſt ein ſchlechter Troſt, aber im Kriege und auf der Jagd, wo ſcheinbar der Zufall unumſchränkt herrſcht, werden wir durch die Dinge und Begebenheiten ſelber verleitet, den Vorzeichen und Ahnungen, den Träumen und Prophezeiungen Glauben zu ſchenken.“ „Sie hatten einen glückverheißenden Traum?“ „Nein, mehr noch als das. Ich habe die Ver⸗ ficherung der Frau Lenormand, daß ich in einer furcht⸗ 45 baren Schlacht an der Donau mitkämpfen und davon⸗ kommen würde, verwundet zwar, aber nicht lebensge⸗ fährlich.“. „Haben Sie ſich die Karten legen und deuten laſſen?“ „Nicht freiwillig, ich wurde dazu gezwungen. Von der Kaiſerin Joſephine in Malmaiſon. Da ich das Ganze für einen Scherz nahm und das Erſcheinen des Kaiſers, der gleich darauf eintrat, mich in mäch⸗ tigſter Weiſe ergriff und bannte, vergaß ich das Aben⸗ teuer oder dachte, wenn je, wie an eine bedeutungs⸗ loſe thörichte Geſchichte daran zurück. Jetzt iſt mir die Weiſſagung wieder lebendiger eingefallen. Die äußern Umſtände ſind merkwürdig genug eingetroffen.“ „Die zu prophezeien, dazu gehörte keine große Sehergabe!“ „Zugeſtanden. Allein da ſich das Gewaltige ſo zuſammengefügt, warum ſollte ſich auch mein kleines Geſchick nicht nach dem Orakel der Prophetin er⸗ füllen?“ „Es iſt ein unſchuldiger Glaube.“ „Er gibt mir eine gewiſſe Beruhigung. Kann man mehr von einem Glauben verlangen? Wahrheit im ſtrengſten Sinn doch nicht! An die Unſterblichkeit glauben—“ „Unſterblichkeit!“ unerbrach ihn der Graf.„Was würden die Todten auf ihre Leichenſteine ſchreiben, wenn ſie auferſtehen könnten? Ein ſchreckliches Wort: Nichts! Hinter dem Tode iſt nichts. Nur ein Abgrund ohne Namen, in den wir traumlos und zwecklos ver⸗ ſinken, wie die Phantome eines Schattenſpiels!“ „So traurig denke ich mir das Schickſal des Menſchen nicht. Ich glaube nicht an die Vernichtung. Im Tode ſchlafen wir aus dieſer Form in eine andere hinüber. Wir erwachen auf einem jener Sterne, die uns zu Häupten leuchten. Und ſo von Stern zu Stern, von Erkenntniß zu Erkenntniß wandeln wir der ewigen Wahrheit entgegen.“ „Ein ſchöner Wahn!“ „Selbſt wenn es nur ein Wahn wärel Ich dränge ihn Niemand auf, und er hindert mich nicht in meinem Lebensgange. Es iſt ein Sporn und Antrieb zu allem Guten, immer mehr zu lernen, immer höher zu ſtreben. Auch hat mich die Träumerei von ſchönern Welten nicht gegen meine Obliegenheiten in dieſer unzuläng⸗ lichen blind gemacht. Trotz der Karten der Lenormand kann mich morgen der Tod ereilen; in dieſem Falle rechne ich auf Sie, Herr Graf. Sie werden mein Teſtament vollſtrecken und Magdalenen meine letzten Grüße bringen.“ — H — „Egbert!“ Wolfsegg preßte ihn an ſeine Bruſt. Er hatte ein Geſtändniß auf den Lippen, es ſchnitt ihm ins Herz, ſtumm daneben zu ſtehen, während der Andere voll Zärtlichkeit von ihr redete. Aber wie wird er es aufnehmen? warnte ihn dann wieder das Bewußtſein der begangenen Schuld. Willſt du ihm ſagen: Die du verehrſt, iſt bei all ihrer Reinheit und Unſchuld ein Kind der Sünde, die Tochter einer leichtſinnigen Sängerin? Eines Mädchens, das ich verführt, getäuſcht? Nein, es war nicht gut, dieſe Vergangenheit am Vorabend einer Schlacht heraufzu⸗ beſchwören. Daß Egbert's natürliche Empfindung längſt dieſen Knoten gelöſt, ahnte er nicht. „Das gute, das theure Kind!“ ſagte der Graf. Mit welcher Angſt wird ſie jedem Kanonendonner lauſchen, wie um uns bangen und zittern! Aber es ſtand gut im Hauſe? Verſicherten Sie es nicht vorhin? Und nun wollen wir uns gegenſeitig nicht mehr erweichen. Nichts vom Tode, nichts von Teſtamenten! Wir wollen uns noch lange der Sonne freuen und ſiegend oder beſiegt gegen die Macht der Hölle kämpfen.“ Er ſchien ganz wieder der Alte geworden zu ſein, thatkräftig und lebenſprühend. Was plötzlich und erzwungen in dem Umſchlag ſeiner Stimmung ſein mochte, erklärte die geſpannte Lage. Sie hatten ſich wieder dem Dorfe zugewendet. In der Schenke hatte Wolfsegg ſein Pferd gelaſſen; er hatte noch einen tüchtigen Ritt nach Deutſch⸗Wagram zum Erzherzoge vor. Nach wie vor dauerte der Lärm, das kriegeriſche Getümmel fort. Es war nicht zu merken, daß die Nacht vorgerückt. Für diesmal ſchie⸗ nen die Meiſten auf den Schlaf zu verzichten. Vielleicht erwartet mich morgen der ewige Schlaf, ſagte mehr oder weniger deutlich in Jedem die dunkle Stimme, die uns durch das Daſein begleitet. Auch ohne dies hielten Unruhe und Aufregung wach. Um ſo auffälliger war die Stille, die in dem Gaſt⸗ hauſe eingetreten. Kein Geſang, kein Gläſerklang ſcholl daraus in die Nacht. Dennoch ſchimmerte es von Kerzenſchein aus allen Fenſtern. Näher gekommen, erkannten beide die Urſache dieſes Schweigens. Oben im Saal hielt einer eine Rede. Haufenweiſe, mit emporgereckten Köpfen, ſtanden die Soldaten vor dem Hauſe auf der Gaſſe. Nicht jedes Wort, aber doch die Hauptſtellen drangen bis zu ihnen hinaus. „Es iſt Hugo's Stimme“, flüſterte Egbert dem Grafen zu. 49 „Das würdigſte Debut für einen Heldenſchau⸗ ſpieler“, antwortete Wolfsegg.„Treten wir ein.“ Chrerbietig machten ihnen die Soldaten Platz. Im Hauſe ſelbſt war das Gedränge nicht zu durchbrechen. Nur bis zu den unterſten Stufen der Treppe gelangten beide. Doch war die Thür zu dem Zimmer im obern Geſtock weit geöffnet. Der Redner war auf einen Tiſch geſtiegen, um allen ſichtbar zu ſein und den Lärm beſſer beherrſchen zu können. Nun kam es ihm doch zu gute, daß er in die Schauſpiel⸗ kunſt hineingepfuſcht. Seine klangvolle, wohllautende Stimme drang weithin und ſchmeichelte ſich dem Ohr ein. „Kampfgenoſſen, Eidgenoſſen!“ ſprach er.„Da ſtehen wir nun vor der letzten Entſcheidung. Im An⸗ geſicht des herrlichen Wien, im Angeſicht der Mütter und Schweſtern, der Gattinnen und Bräute, die bange des Ausgangs harren. Sollen wir die Stadt in den. Händen des Feindes laſſen? Nein, ruf' ich in EGuer aller Namen, hundertmal nein! Um ſchlechtere Städte ſind Tauſende und Zehntauſende gefallen. Troja war ein elendes Krähwinkel gegen Wien, und doch haben ſich zwei große Völker viele Jahre darum geſtritten, und Helden ſind darüber zu Grunde gegangen, bei denen der Monſieur Bonaparte und die andern Meſſieurs Wenzt Lucifer. IV. 4 50 ſeine Marſchälle, höchſtens Sauhirten und Ziegenhirten geweſen wären. So geſchrieben im göttlichen Homeros, der bei den Griechen das war, was bei uns Schiller iſt. Aber die Griechen waren ein kleines Volk, die Deutſchen zählen viele Millionen. Und wenn wir nicht uneins unter einander geweſen, weil die einen ſchwarz⸗ gelbe und die andern ſchwarzweiße Kappen tragen, niemals wären die Franzoſen über den Rhein und an die Donau gekommen. Aber was ſind Kappen? Setzt Mancher eine Narrenkappe auf und iſt doch ein Weiſer; trägt mancher eine Kaiſerkrone und iſt doch ein Mör⸗ der. Denn nicht der Hut und die Cocarde daran, der Kopf iſt die Hauptſache. In unſere Köpfe ſind zwei Blitze gefahren, ſie heißen Auſterlitz und Jena. Die haben uns erleuchtet mit heiligen brennenden Flammen, daß wir alle einer Mutter Kinder, daß wir Deutſche ſind, ob wir in Brandenburg oder in Oeſterreich, in Berlin oder in Wien geboren. Darum ſind aus Norden und Weſten Kämpfer und Streiter hierher geeilt. Alle, die wir auf dem Marchfelde ver⸗ ſammelt ſind, haben wir ein deutſches Herz und eine allgemeine Sache. Wir wiſſen, um welcher Güter willen wir morgen vorwärts ſtürmen. Unſern Boden gilt es, unſer Beſitzthum, unſere Ehre! Die Franzoſen dagegen kämpfen, weil es ihr Kaiſer will. Wenn wir 51 nicht wären, würde er ſie an das Ende der Welt führen, um mit Wilden und Barbaren zu kämpfen. Er muß Blut einathmen, und ſie müſſen plündern, morden und brennen. So war es ſtets und ſo wird es bleiben bei dieſem Volke. Sie können nicht ruhig bei ſich daheim ſitzen und arbeiten wie wir, ſie ſind die geborenen Feinde des Friedens und der Menſchheit. Sie ſind hämiſch und neidiſch wie die Affen und blut⸗ gierig wie die Tiger. Unter ihnen erhoben ſich von Jahrhundert zu Jahrhundert die großen Völkermörder, um Europas Fluren zu verwüſten. Der ſchrecklichſte von allen iſt ihr jetziger Kaiſer. Er iſt gefräßiger als der alte Moloch, dem zu Tyrus und Karthago die Kinder in die glühenden Feuerarme geworfen wurden, denn er verzehrt jeden Tag an die tauſend Menſchen. Keine Grenzen kennt ſein Hochmuth, keine Geſetze achtet ſein Ehrgeiz, nichts von der Menſchlichkeit weiß ſein marmornes Herz. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land zieht er triumphirend dahin, aber ſeine Siege freuen ihn nicht. Sie erwecken in ihm nur den unbezähmbaren Durſt nach neuen Eroberungen und neuen Kriegen. Im Frieden erkrankt er, nur wenn er zu Pferde ſitzt, iſt er geſund. Was andere Menſchen am liebſten thun⸗ trinken und lachen, er kann es nicht. Und wenn Gott 4*½ 52 ihm heute die Herrſchaft der Erde anböte, morgen würdr er ſagen: Nun will ich auch Deinen Himmel noch dazu haben. Er iſt nicht von unſerer Art; der Dämon der Uneſſättlichkeit, des Stolzes und der Selbſt⸗ ſucht hat in ihm menſchliche Geſtalt angenommen. Nicht einen Eroberer, wir bekämpfen in ihm die Hölle ſelbſt, das urewig Böſe. Wer folgt ihm nach? Eine Rotte Kriegsknechte, der er die Hauptſtädte Curopas zur Plünderung gibt; nicht Männer, die ihr Vaterland vertheidigen, nicht jugendliche Helden, die einer frem⸗ den barbariſchen Welt eine höhere Cultur bringen; um ihn ſind Miethlinge, Söldner, Räuber im Großen und Räuber im Kleinen. Uns aber treibt das Höchſte und Heiligſte in die Schlacht. Freiwillig haben wir uns in Waffen erhoben, ein ſtreitbares Volk. Und wie der Dichter ruft, haben wir getroſten Muths in den Himmel gegriffen und unſere ewigen unveräußer⸗ lichen Rechte heruntergeholt. Zerbrechen wir das Eiſen⸗ joch dieſes Corſen! Aber Eiſen allein zerbricht Eiſen. So ſchlagen wir an die Schwerter, drauf los! Wir ſind Gottesſtreiter im gerechteſten Kampfe, der ſeit den Griechenſchlachten von Marathon und Salamis aus⸗ gefochten wurde. Was ſollten wir fürchten? Den Tod? Gefallen, würden wir mit Achilles und Patroklus zu Nacht eſſen und uns von der Schönheit der Kleopatra überzeugen können. Ueber den Tod hinaus gibt es nichts, er liegt jenſeits der Sorge und der Hoffnung Das Beſte iſt bekanntlich, nicht geboren zu ſein, nie gefroren und nie gedürſtet zu haben; das nächſt Gute daran iſt, in der Jugend und für das Vaterland zu ſterben. So füllt denn die Gläſer! Es lebe der Sieg, wenn's ſein kann; der Tod, wenn's ſein muß; und über unſern Sieg wie über unſern Tod, ohne Wenn und Aber, einer glorreichen Zukunft entgegen unſere Allmutter Germania!“ Unter den wildſtürmiſchen Hoch⸗ und Jubelrufen der Verſammlung war Hugo vom Tiſch geſprungen. Ein Sturm der Begeiſterung rauſchte durch das Haus. Solche Rede hatten die Wenigſten in ihrem Leben ver⸗ nommen. Voll war in ihr der Augenblick, die allge⸗ meine Empfindung ausgeklungen. Nicht zufrieden, die Gläſer zu leeren, zu füllen, an einander zu ſtoßen, die leeren Flaſchen zu Scherben zu ſchlagen, riſſen ſie die Degen aus den Scheiden und ließen Stahl auf Stahl klirren. Aus einer Umarmung flog Hugo in die andere. „Das iſt ein Prachtkerl!“ ging es mit einem „Hoch Deutſchland! Fluch Napoleon!“ bacchantiſch durcheinander.. Aus dem Hauſe ſetzte ſich die kriegeriſche Trunken⸗ 54 heit in die Gaſſe hinaus fort.„Sieg und Tod!“ ſchrieen die Soldaten.„Nieder mit Napoleon! Hoch Oeſterreich, hoch!“ Von den Fenſtern aus ermunterten die Offiziere mit Wort und Beiſpiel die freudige Bewegung, die ihnen für den nächſten Tag von guter Vorbedeutung zu ſein ſchien. Bierfäſſer und Weinflaſchen wurden freigebig geſpendet. „Ein Hoch dem Generaliſſimus, dem Erzherzog Karl!“ ſcholl es tauſendſtimmig durch das Dorf. Aus der Ferne fielen Trompetentöne ein. Der Graf Wolfsegg hatte Egbert noch einmal umarmt, Hugo die Hand geſchüttelt und war mit einem: „Auf Wiederſehen hier oben oder auf Ruhe dort unten!“ davongeritten. Die beiden Freunde blieben eine Weile im halbdunklen Hofe allein. „Ich muß Athem ſchöpfen“, meinte Hugo,„ſonſt erſticken ſie mich mit dem Dunſt und Dampf ihrer Bewunderung.“ „Nun, für einen erſten Verſuch in der Kunſt des Demoſthenes“, lachte Egbert,„haſt Du nicht übel ge⸗ redet und die Herzen mächtig ergriffen.“ „Mein Vater, der würdige Pfarrer, würde ſagen: Zu viel Bilder, zu viel Hyperboliſches! Aber es gibt etwas Beſſeres als dieſe Rede.“ 55 „O ja“, entgegnete Egbert,„ſie wahr machen.“ Aus den Fenſtern ſcholl der Geſang eines Liedes mit dem Refrain:„Pereat Napoleon!“ Unter den Mägden, die Waſſer holend zum Brun⸗ nen gingen, bemerkte Hugo die braune Chriſtel. „Wettermädel, wie kommſt Du denn hierher?“ „Ich bin Euch nachgelaufen, wie Ihr es mir ge⸗ ſagt habt. Hier haben mich die Mädchen gebeten, ihnen zu helfen.“ „Bleib' auch die Nacht über in dieſem Hauſe“, gebot ihr Egbert.„Ich werde mit der Wirthin ſpre⸗ chen, ſie kann Dich in ihre Kammer hinaufnehmen. Morgen mußt Du ſuchen über den Fluß zu kommen. Magdalene wird ſich um Dich ängſtigen, wenn Du nicht zurückkehrſt.“ „Ich will gehorchen, lieber Herr. Aber die Leute und die Soldaten reden alle von einer Schlacht. Was iſt das, eine Schlacht? Ich möchte es mit an⸗ ſehen.“ „Du liebe Unſchuld“, rief Hugo und gab ihr einen Kuß.„Sie will eine Schlacht ſehen. O uner⸗ gründliche Ironie des Weltlaufs! Da rüſten ſich hunderttauſend Menſchen mit Kanonen, Gewehren und Säbeln, nm ſich gegenſeitig zu erwürgen. Und was X 56 iſt der Zweck des Ganzen? Einem Kinde ein neues Schauſpiel zu gewähren!“ „Pereat Napoleon!“ ſchallte es wieder üiber den Hof. Die Gläſer klangen, die Säbel ſchlugen zuſammen. . Dumpf vom Thurme dröhnte die Mitternachts⸗ ſtunde. Zweites Kapitel. „Sieg! Sieg! Laßt zum Sammeln blaſen! Pflanzt die Fahne auf! Dort in der Breſche der Friedhofs⸗ mauer! So ſchallt die Stimme des Oberſten über den Kirchhof von Aspern hin. Mit einem:„Hoch Oeſter⸗ reich!“ antworten die Soldaten des Bataillons, die noch zuſammen in Reih und Glied ſtehen. Von der Kirche her, aus den halbzerſchoſſenen, brennenden, zuſammenſtürzenden Häuſern, aus den Gärten, hinter Zäunen und Hecken her kommen bei dem hellen Hörnerklang die Reſte der ſtattlichen Schaar; die Geſunden mit pulvergeſchwärzten Geſichtern, in ſtaubigen zerriſſenen Röcken, die Waffen ſchwingend, in ſtraffer Haltung und mit ſtolzem Schritt; die Ver⸗ wundeten, die noch gehen können, langſam ſchleichend, den Schmerz verbeißend und mit bleichen Lippen wie⸗ derholend:„Sieg! Sieg!“ Es iſt die Nacht des einundzwanzigſten Mai. Ein Ehrentag ohnegleichen in Oeſterreichs Geſchichte geht zu Ende. Zum erſten Male iſt der Unbeſiegliche zurück⸗ geworfen worden. Hart am Ufer der Donau ſteht er, ein Löwe, der, in ſeiner Höhle angegriffen, verwun⸗ det, ſich noch einmal zu einem Sprunge rüſtet. Der nächſte Tag muß über ſein und ſeines Heeres Schick⸗ ſal entſcheiden. Die kurze Waffenruhe der Nacht dient nur den Vorbereitungen zu einem noch hitzigern Kampfe. Ein theuer erkaufter Sieg iſt erſtritten. Auf die⸗ ſem blutgedüngten Fleck Erde flattert nach fünfſtündi⸗ gen Gefechten die ſchwarzgelbe Fahne Habsburgs mit dem Doppeladler des Reichs. Wie es der Erzherzog angeordnet, war es geſchehen.— Im heiterſten Maienſonnenſchein, bei reiner und klarer Luft, gegen die vierte Stunde des Nachmittags — die Heißſporne hätten gewünſcht, es wäre fünf Stunden früher der Befehl zum Aufbruch gegeben worden, und jetzt in der Nacht wollten die Unzufrie⸗ denen und die Tadler den halben Erfolg des Tages auf dieſe Verſäumniß ſchieben— unter rauſchender Muſik hatte ſich das öſterreichiſche Heer in Bewegung geſetzt. 59 Voran die erſte Linie des Hiller'ſchen Corps unter dem General Nordmann gegen Aspern. Zwei Stun⸗ den ſpäter, rechnete man, würde Roſenberg mit ſeinen Truppen bei Esling eintreffen. Den Raum zwiſchen den Dörfern ſollten das Corps Hohenzollern's und die Reiterei Johann Liechtenſtein's einnehmen. Die Ent⸗ fernung Asperns von Esling beträgt noch nicht eine halbe Meile, es iſt ebenes Feld; der kleine Waſſergra⸗ ben, der von einem Dorfe zum andern zieht, iſt ſo ſchmal, daß er den Reitern keine Schwierigkeiten be⸗ reiten kann. Dieſe Verbindung der beiden öſterreichiſchen Flü⸗ gel zu durchbrechen, war der erſte Gedanke, der ſich Napoleon aufdrängte. Glückte es, ſo war das Heer des Gegners in zwei Theile zerſchnitten. Dazu war dieſer Kampf gegen das feindliche Centrum, die Ver⸗ nichtung deſſelben von jeher der Angelpunkt ſeiner Kriegs⸗ kunſt geweſen. Zunächſt galt es für ihn, Aspern und mit ihm die Brücke am linken Donauufer nach der Lobau im harten Ringen, Mann gegen Mann, zu halten. Aspern iſt ein langgeſtrecktes Dorf, meiſt von ſtei⸗ nernen Häuſern, mit Gärten dazwiſchen, gebildet. Vom Fluß aus durch ein kleines Gehölz führt die breite Hauptſtraße gen Norden. Dort am äußerſten Ende liegt die Kirche, dahinter, von einer Ziegelmauer um⸗ geben, der Kirchhof. Nordwärts befindet ſich eine Art Wall und Bruſtwehr vor dem Dorfe, welche die Fran⸗ zoſen bei ihrer Vertheidigung geſchickt zu benutzen wiſſen. Denn die öſterreichiſchen Plänkler, die ſchon in das Dorf eingedrungen waren, werden von zwei Regimen⸗ tern unter dem Befehl des Generals Molitor wieder hinausgejagt. Und nun beginnt ein unbeſchreibliches hinüber und herüber wogendes Kampfgetümmel. Wa⸗ gen und Pflüge, Hausgeräth, Pfähle und Breter thür⸗ men die Franzoſen auf, um die Straße zu ſperren. Jedes feſtere Haus wird von ihnen beſetzt; aus den Fenſtern, von den Dächern ſpeien ihre Kugeln den Tod auf die Verwegenen aus, denen es gelingt, die Bruſt⸗ wehr zu erklettern und vorwärts zu dringen. Nicht aus der Entfernung treffen hier die männermordenden Geſchoſſe, Jeder ſieht mit blitzenden Augen ſeinen Feind. Der Anblick ſcheint die gegenſeitige Wuth noch un⸗ bändiger zu entflammen. Von Ergebung hier, von Schonung dort iſt nicht die Rede. Auf Vernichtung zielt jeder Gedanke ab. Düſter lagert ſich eine grauſchwarze Wolke, nur durchriſſen von dem Feuerblitz der Kanonen, von der lichten Brandlohe, die aus den Häuſern emporſchlägt, um die Streitenden. Auf engſtem Raume wälzen ſich 64 Zehntauſende, wie die Wogen des aufgewühlten Meeres, über⸗ und durcheinander. Zuweilen, das Gebrüll der Geſchütze und das Geknatter der Gewehre übertönend, ſchallt es:„Vive Pempereur!“ Und auf der andern Seite:„Vorwärts, Haus Oeſterreich hoch!“ Dann tritt wohl eine minutenlange Pauſe ein, wo die Befehlshaber ihre Schaaren aufs neue ordnen, antreibend, ermun⸗ ternd, lobſpendend; wo die Ermüdeten aufathmen, die Verwundeten aus den Gliedern ſich entfernen, die Ster⸗ benden noch einmal ſtöhnen.„En avant!“ heißt es darauf drüben,„In Reih und Glied!“ hüben und die Schlacht raſt weiter.. Ungezählt liegen die Leichen vor der Bruſtwehr, aber jetzt iſt ſie endgültig von den Oeſterreichern er⸗ ſtürmt und genommen. Mit furchtbarem Geſchrei, wie von einem Orkan emporgehoben, ſtürzt die Maſſe mit gefälltem Bajonett darüber hin, eine Sturmflut, welche den Damm durchbricht. In regelloſer Unordnung fliehen die Franzoſen die große Straße entlang, dem Fluſſe zu. Auf der Oſtſeite von Aspern iſt die Colonne Belle⸗ garde's in die Schlachtreihe getreten; mit einem kühnen Sturm gelingt es dem öſterreichiſchen General Vacquant ſich der Kirche zu bemächtigen. Aber das Dorf bleibt noch zu ſäubern, und der Marſchall Maſſena, deſſen Starrheit und Unmenſchlichkeit Hiller's Soldaten ſchon von der Traunbrücke bei Ebelsberg her kennen, iſt nicht gewillt, dieſen Stützpunkt der ganzen franzöſiſchen Stellung aufzugeben. Zähe wie eine Dogge verbeißt er ſich in den Feind. Den erſchöpften Regimentern Molitor's, durch die der Tod den fünften Mann er⸗ wählend geſchritten, ſendet er die Diviſion Legrand's zu Hülfe. Auf dem offenen Felde gehen die leichten Reiter des Generals Marulaz vor. Haus für Haus entbrennt ſo der Streit. Es ſauſen die Kugeln, es fliegen die Ziegel der Dächer auf die Stürmenden. Mit Aexten, mit Flintenkolben ſchlagen dieſe ihrerſeits die Thüren ein und ſtürzen dem Feinde entgegen. In viele Einzelgefechte löſt ſich das ſchreckliche Ganze. Kein ſterbliches Auge, nur die ſinkende Sonne ſieht die ungezählten, die nicht zu ſchildernden Helden⸗ thaten und Greuel. Mitten in dieſe Kämpfe um die Trümmer einer von den Kanonenkugeln zerſtörten Barrikade hier, eines brennenden Hauſes, deſſen Mauern den Einſturz drohen, dort; in den Zweikampf, den ein öſterreichiſcher Jäger, von jener Linde gedeckt, mit einem franzöſiſchen Vol⸗ tigeur unterhält; in den Tumult, der dieſen Garten erfüllt, ſchallen plötzlich raſſelnde Trommelwirbel. Im Laufſchritt kommen die Franzoſen von dem ſüdlichen Eingang des Dorfes daher. Raſch eilen die Oeſter⸗ 63 reicher zuſammen, um dem Gewaltſtoß in dichten Reihen zu begegnen. Horch! Trompetengeſchmetter; draußen hinter den Häuſern wagen die Reiter ihren Angriff. Eine Staubwolke, die einen Augenblick Alles in ein rieſiges Bahrtuch einzuhüllen ſcheint, wirbelt empor. Dann geht es hinauf, hinab, ohrzerreißend, ein Flinten⸗ geknatter, das kein Ende nehmen will. Ein Hagel von Kugeln, ein Schloßenunwetter, das Mann und Roß niederſtreckt. In jäher Flucht, ſich überſchlagend, über die Leichen, über die Lebenden hin jagt der Rei⸗ terſchwarm rückwärts. Mit dem Bajonett werden in⸗ deſſen Legrand's Truppen von den Oeſterreichern in der Dorfſtraße empfangen. Nun erweiſen ſich die Schutz⸗ wehren, welche die Franzoſen hier errichtet, als ebenſo viele Hemmniſſe eines raſchen Vordringens für ſie ſelbſt. Zurückgeſchlagen müſſen ſie ſich begnügen, die letzten Häuſer des Dorfes feſtzuhalten. In dem Wäld⸗ chen, das vor demſelben bis zum Donauarm ſich hin⸗ zieht— junges Holz, meiſt Erlen und Birken— nimmt Maſſena die Beſiegten auf. Er ſitzt auf einem Baum⸗ ſtamm, den Degen zwiſchen den Knieen, barhaupt, mit blutunterlaufenen Augen, ein angeſchoſſener Eber. Inzwiſchen iſt auch der Angriff Napoleon's gegen die Mitte der öſterreichiſchen Stellung geſcheitert. Als der Marſchall Lannes außerhalb Eslings, zu Pferde 64 an der Spitze ſeiner Truppen, zu gleicher Zeit von Roſenberg's⸗Fußvölkern das Dorf zu ſeiner Rechten umſtürmt ſieht, während gegen ihn ſelbſt in dichtge⸗ drängten tiefen Maſſen Hohenzollern vorrückt, nimmt er nach dem Befehl des Kaiſers die ganze vorhandene Reiterei und wirft ſie auf den Feind. Vier Regimen⸗ ter Panzerreiter unter dem General Espagne, vier — Regimenter Chaſſeurs unter Laſſalle, ſo ſauſen ſie da⸗ hin. Es iſt wie eine Wiederholung mittelalterlicher Ritterſchlachten. Aber ſie kommen nicht weit. Wohl hauen ſie die Bedienung der vorgeſchobenen öſterreichi⸗ ſchen Kanonen nieder, an den Vierecken Hohenzollern's, an den vorgeſtreckten Bajonetten, an den Verderben ausſtreuenden Flintenläufen der Grenadiere zerſplittert der Anſturm, wie wenn Glas gegen eine eherne Mauer geeſchleudert wird. Die Reiter wollen nicht ablaſſen; Mann und Pferd ſind von einer Wuth beſeelt. Da fällt der General Espagne; die Ulanen und Huſaren Liechtenſtein's brechen in ihre Flanke ein und treiben ſie vor ſich her. Die Dunkelheit iſt niedergeſunken. Auf beiden Seiten ſind nach der gewaltigen Spannung die Kräfte auf das äußerſte erſchöpft. Die ſtärkere Natur zwingt die widerwilligen Gemüther zur Ruhe. Durch einen kurzen Zwiſchenraum getrennt, ſtehen beide Heere ſtill. 65 Nach dem Lärm des Kampfes macht dieſe Stille bei⸗ nahe den Eindruck der Lautloſigkeit. Nur in langen Pauſen fällt bei den vorderſten Poſtenketten hinüber und herüber ein Schuß. Aspern flammt; die Hälfte des Dorfes iſt ſchon niedergebrannt. Glimmende Balken, geſchwärzte Mauern, Leichenhaufen decken ſeine Gaſſen. Statt vorwärts zu dringen, iſt die Schlachtreihe der Franzoſen gewichen. Sie hält gleichſam nuͤr die letzten Zipfel der beiden Dörfer noch feſt. Um die Brücke zu ſchützen, läßt Maſſena in dem Gehölz und auf der kleinen, links von Aspern liegen⸗ den Inſel Verſchanzungen aufwerfen. Napoleon kann nicht, will nicht glauben, daß er hier zum erſten Mal auf einen unzerbrechlichen Wider⸗ ſtand geſtoßen ſei. Im Laufe des Tages ſind ihm über die wiederhergeſtellte Brücke, von Ebersdorf und Wien, zahlreiche Verſtärkungen gekommen; am Abend treffen die Küraſſiere von St.⸗Germain, die Diviſion Carra St.Cyr's bei ihm ein mit der Nachricht, daß er mit Tagesanbruch neue Streiter, den größern Theil ſeiner Garde, zwiſchen Aspern und Esling haben werde. Brauche ich mehr, um zu ſiegen? ſcheint ſein unwilliger Blick zu fragen, als in ſeiner Umgebung Stimmen laut werden, die zum Rückzuge rathen. Denn weder die Soldaten noch die Führer trauen der Feſtigkeit der großen Brücke. Frenzel, Lucifer. IV. 5 1 66 Die Hochflut der Donau ſchwemmt im reißenden Lauf Baumſtämme, Kähne und Trümmer jeder Art hinunter; Barken mit Zündſtoffen ſenden die Oeſter⸗ reicher nach. Fortwährend zittert, ſchwankt, reißt die Schiffbrücke. Die Wellen ſchlagen darüber hin, die Lücken klaffen. Nur in übermenſchlicher Anſtrengung vermögen die Sappeurs den vollſtändigen Bruch zu verhindern. Aber die Soldaten, die hinübergeführt werden, ſehen die wachſende Gefahr, das brauſende Waſſer, den unſichern Breterweg, der unter ihren Schritten bebt. Auch dem Kühnſten ſinkt das Herz. Gne verzweifelte Stimmung fliegt durch die Reihen. Drüben ſind die Oeſterreicher ſiegesfroh. Der zwei⸗ undzwanzigſte Mai wird vollenden, was der einund⸗ zwanzigſte herrlich begonnen. Dieſe Hoffnung tröſtet über die Opfer, die der Tod gefordert. Im Angeſicht des Siegs ſind ſie geſtorben. An der Nordmauer, der nun zerſtörten, niederge⸗ worfenen, des Kirchhofs von Aspern ſteht Egbert. Vor ſeinen Freiwilligen halten die Truppen des Generals Vacquant vom Corps Bellegarde's die Kirche und die darauf mündende Straße beſetzt. Um die fünfte Stunde iſt Egbert ins Feuer mit den Seinen gekommen, beim Sturm auf die Bruſtwehr der Franzoſen vor dem Dorfe. Gleich die erſte Kugel, 67 die das Bataillon erreicht, reißt ihm den Hut vom Kopfe. „Wünſche Glück“, ſagt der Oberſt, ein ergrauter Soldat, und ſchlägt auf die Bruſt, wo er eine Reli⸗ quie oder ein Amulet trägt;„heute ſind Sie vor den Kugeln ſicher. Einmal berührt iſt man gefeit.“ Der blonde Egbert lächelt. Sollten ſo viele Glück⸗ verheißungen täuſchen? Und mitten unter den Kugeln hinweg, durch die Bajonette hindurch, an brennenden Häuſern vorüber führt ihn ſicher eine unſichtbare Hand. Zweimal zurückgeworfen gehen ſeine Tapfern zum dritten Male vor; er, die Offiziere, mit geſchwungenen Degen voran, danach die Trommler, die den Sturm⸗ marſch wirbeln, zwiſchen der erſten und der zweiten Linie die ſtolz flatternde Fahne mit dem Wappenzeichen Wiens. Unwiderſtehlich iſt der Andrang, die Franzoſen fliehen. Aber um welchen Preis! „Hoch Deutſchland! So weit wären wir! Nun ſetzt ihnen nach! Vielleicht ſchlafen wir heute noch im Zelte Napoleon's!“ hat Hugo gerufen. Da hat eine Kugel ihn in die Bruſt getroffen. Lautlos iſt er vornüber geſtürzt. Nicht im Zelte des Kaiſers ſchläft er nun einen unruhigen Schlaf, im 5*⅔ Schooße Proſerpina's ruht er auf immer. Nach ſeiner eigenen Rede am geſtrigen Abend hat er ein gutes Loos aus der Urne gezogen: jung und ohne Schmerzen iſt er für die edelſte Sache geſtorben. Egbert hat den Freund fallen ſehen; er kann noch zu ihm eilen und ſich überzeugen, daß die Seele hin⸗ über zu den Sternen oder in das Reich des Nichts geſchwunden iſt. Thränen ihr nachzuſenden, iſt keine Zeit, ungeſtüm reißt ihn der Drang der Schlacht mit ſich fort. Allein wie unklare Nebelbilder verſchwimmt und verwirrt ſich ihm Alles, was fortan ſich um ihn begibt. Nur wie durch eine Wolke von Blut und Rauch erblickt er das Entſetzen, das ſich entrollt. Erſt jetzt, nach dem Austoben des Streites, iſt er zur Beſinnung, zur Erinnerung gekommen. Aus der vorderſten Feuerlinie iſt das Bataillon zurückgerufen worden. „Noch immer ohne Hut, Herr Kamerad?“ lacht einer ihm zu. Egbert greift eine Soldatenmütze vom Boden auf und ſtülpt ſie auf ſeine flatternden Haare. Es iſt ihm, als ſiele es wie Schuppen von ſeinen Augen, als wälze ſich ein ungeheurer Stein von ſeiner Bruſt. Der Greuel, die hinter ihm liegen, der Gefahren, denen er entgangen, wird er ſich bewußt. Dem Selbſterhaltungstriebe blind 69 gehorchend, faßt er an ſeinem Körper hin und her. Er findet keine Wunde, aber überall ſchmerzt es ihn. Beulen, Stöße, Schrammen genug hat er empfangen, ohne ihrer zu achten. Kraftlos bricht er dann zuſam⸗ men und ſitzt eine Weile auf dem zerſtampften Erd⸗ wall. Die Wimpern werden ihm feucht. Der Freund iſt ihm geſtorben, der liebſte. Wie im Fluge rauſchen alle die guten Stunden ihm noch einmal vorüber, die ſie gemeinſam verlebt. Jene glück⸗ liche Reiſe, die ſeinem Daſein eine neue Wendung ge⸗ geben, die luſtigen und die ernſten Abenteuer, ſo viele Scherzreden und ſo weiſe Sprüche Hugo's, ſie tauchen aus dem Born der Vergeſſenheit wieder auf. Nun iſt ſie dahin, dieſe friſche Jugendkraft, dies idealiſche Stre⸗ ben, die dem Vaterlande und der Kunſt ſo reiche Blüten verſprachen. Das tödtliche Blei hat ſie in der Knospe vernichtet. Auf immer geſchloſſen iſt der Mund, den die Muſe geküßt; nie wieder wird er lächeln, nie wie⸗ der von großherzigen Gedanken überſtrömen. Vor der Zeit hat eine rohe, ſich ſelber unbewußte Gewalt der Entwicklung wie den Hoffnungen des Jünglings ein jähes Ende gemacht. „Das iſt der Krieg“, ſagt ſich Egbert bitter, und reichlicher fließen ſeine Thränen. Nicht einer, Tau⸗ ſende liegen ſo erſchlagen, aber die Selbſtſucht wen⸗ Cääöäu“ — 70 det ſich ſtets wieder zu dieſem Einzigen zurück, als ob ſein Untergang alle Schrecken des Kriegs in ſich ſchlöſſe, als ob an ihm der Würger Tod ſein Meiſterſtück ge⸗ macht hätte. Ein Soldat glaubt den Hauptmann verwundet; er bietet ihm ſeine Feldflaſche an. Für alle Gebreſten des Leibes und allen Seelenkummer iſt ein Schluck Branntwein, ſeiner Meinung nach, das untrüglichſte, nie verſagende Heilmittel., Halb bewußtlos thut Egbert einen tiefen Zug Wie Feuer rinnt es ihm durch die Adern. Er ſchüttelt ſich. Hier in der Nähe des Fluſſes weht es kühl und heftig. Mit dem Rücken der Hand wiſcht er die feigen und doch ſo menſchlichen, ſo löſenden Tropfen aus den Augen. Er gehört nicht ſich und ſeinem Schmerze, er gehört ſeinen Leuten und dem Staate an. Er ſchaut auf. 3 Die Soldaten haben ſich in ihren Mänteln auf den zertretenen Gräbern des Kirchhofs, auf den Reſten der Mauer und der Bruſtwehr gelagert. Vor ihm brennt die Feuersbrunſt aus Mangel an Nahrung in ſich ſelbſt zuſammen. Rückwärts auf dem Blachfelde von Stadlau nach Breitenlee ſind Wachtfeuer ange⸗ zündet. Von Seyring iſt die Grenadierreſerve im Verlauf des Tages ſo weit gen Süden vorgezogen 741 worden. Unbekümmert um Todte und Verwundete, nicht gedenkend des Entſetzens, das ihrer noch harrt, freuen ſich die Männer des gegenwärtigen Augenblicks und daß ſie den Gefahren entronnen ſind. Der Krieg macht unbarmherzig und entfernt jeden Gedanken, beinahe jedes Gefühl für Andere aus der Seele des hart ringenden Kämpfers. Durch Speiſe und Trank, wenn es geht, durch eine Stunde Schlaf ſuchen ſie die verlorenen Kräfte zu erſetzen und ſich zu der neuen Blutarbeit zu rüſten. Halb eingeſchlafen, mit dem Kopf nickend, ſitzt einer mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, die Füße auf eine Leiche geſtemmt. Andere haben Beſen ergriffen, um die Blutlachen fort⸗ zufegen, und ſtrecken ſich nachher gelaſſen auf derſelben Stelle aus. So nahe an dem Feinde iſt jeder Geſang und jeder Lärm verboten. Selbſt die Schlafenden haben die Waffen im Arm. Krankenträger gehen, Verwun⸗ dete ſuchend, über das Gefilde; große Karren rollen heran, die Leichen aufzunehmen, die man in ſchnell gegrabene Gruben haufenweiſe hineinwirft. Dieſe Vor⸗ ſtellung hat für Egbert etwas Schreckliches und Herz⸗ kränkendes. Nein, ſo hart und unwürdig ſoll dem Freunde nicht gebettet werden. Mit zweien ſeiner Leute, die ſich eine Bahre ver⸗ 62 ſchafft haben, eine Fackel in der Hand, macht er ſich nach der Stelle des Walles auf, wo er Hugo fallen ſah. Zum Glück für die Erfüllung ſeiner frommen Pflicht iſt an dieſem Punkte ſpäter nicht mehr gekämpft worden. Seit ſie einmal vom Wall herabgetrieben waren, iſt es den Franzoſen nicht wieder geglückt, ihn in ihre Gewalt zu bekommen. So wird Hugo's Leichnam bald aufgefunden; ſchon die Offiziersuniform mit den ſilbernen Schnüren macht ihn kenntlich. Mit der Fackel leuchtet ihm Egbert in das bleiche, aber nicht entſtellte, nur vom Schlachten⸗ ſtaub rühmlich bedeckte Geſicht. Er ſchließt ihm die ſtarren gläſernen Augen, läßt ihn in einen weißen Mantel hüllen und auf die Bahre legen. Aber wohin zunächſt mit der Leiche, da er an ſeinen Poſten gebannt und das Schickſal des heran⸗ dämmernden Tages ſo ungewiß iſt? Noch ſteht er ſinnend— die Nothwendigkeit, ſchnell einen Entſchluß zu faſſen, drängt die Klage um den Todten zurück— als der Lichtſchimmer einer Laterne über das Feld da⸗ her ſich ihm nähert. „Holla!“ ruft er, ſeine Fackel ſchwingend.„Hier⸗ her!“ Vielleicht ſind es Leute, denen er den koſtbaren Schatz anvertrauen kann. 73 Seine Erwartung hat ihn nicht getäuſcht. Es iſt die braune Chriſtel, die mit ſeinem Diener, den er in Stammersdorf gelaſſen, bei dieſem Ruf auf ihn zueilt. Die Neugierde, Aufregung und eine dunkle Ah⸗ nung haben das Mädchen aus der Schenke, trotz aller Einſprache der Wirthsleute, dem Herrn nachgetrieben. Der Burſche, eines Arbeiters Sohn von Egbert's Gut in Hietzing, ein anſtelliger treuer Menſch, iſt ihr ge⸗ folgt; in Sorge, es könnte dem Herrn ein Unfall zu⸗ geſtoßen ſein, in Hoffnung, daß die braune Chriſtel, die nun doch einmal mehr wiſſe als die andern Men⸗ ſchen, ihn ſicher zum Ziel geleiten werde. „Ihr lebt!“ ſchreit das Mädchen auf und betaſtet ihn, als müſſe ſie ſich noch beſſer als durch das Ge⸗ ſicht durch das Gefühl von ſeiner Leibhaftigkeit über⸗ zeugen.„Ihr lebt und ſeid heil! Und doch hab' ich einen Todten geſehen mit dem Antlitz am Boden und ein Stöhnen gehört gerade wie damals—“ 4 Sie kann nicht weiter, ſie iſt wie außer ſich und klammert ſich feſt an ihn, als hätte ſie ſo eine Stütze, die ſie vor dem Sturz in einen unermeßlichen Abgrund bewahrte. Er ſchreibt Alles ihrem durch die Schlacht, durch den Anblick ſo vieler Todten und Sterbenden, an denen 74 ſie vorübergeſchritten, leidenſchaftlich aufgewühlten Ge⸗ müth zu. „Ach, arme Chriſtel“, ſagt er,„Du haſt ihn auch verloren. Ja, es gibt einen Todten. Schau' her!“ Er hat ſie an der Hand gefaßt und entfernt ein wenig den Mantel von Hugo's bleichem Geſicht. Das rothe Licht der Fackel wirft einen täuſchenden Schein des Lebens darüber. Schluchzend kniet das Mädchen an der Bahre nieder. Sie iſt ganz aufgelöſt und zit⸗ tert an allen Gliedern. Einen ſcheuen Blick richtet ſie auf den Todten, um entſetzt ihr Geſicht wieder in den Händen und in dem Mantel zu verbergen. „Da ſiehſt Du eine Schlacht“, ſagt Egbert ſchauernd. „Und rings umher liegen ſo die Leichen, brennen die Häuſer— das iſt der Krieg!“ Mit dem Diener redet er das Nöthigſte ab. Er ſoll mit einigen Bauersleuten Hugo's Leichnam nach Stammersdorf ſchaffen, ihn dort in einen Sarg legen und am nächſten Tage mit ihm und der Chriſtel nach Nußdorf hinüberfahren. Von dort wird er Hietzing leicht erreichen, da alle franzöſiſchen Truppen aus dem Norden Wiens ſüdwärts auf Ebersdorf gezogen ſind. Die Leiche ſoll zunächſt im Garten des Gutes beſtattet werden. Auf den Knieen ſchreibt Egbert einige Worte an 75 Magdalene, daß er noch lebe und unverwundet ſei, daß eine traurige Morgengabe in ihr Haus gebracht werde: der gefallene Freund.„Solch Geſchick, liebſte Magdalene, ſteht über der Klage. Schnell und ſchmerz⸗ los hat es ihn dahingerafft. Solange ich lebe, werde ich ſeiner gedenken. Sie aber, meine vieltheure Freun⸗ din, wollen muthig bleiben und das Herz nicht ſinken laſſen. Mich weht's von den Sternen, die über mir aufleuchten, mit heiligem Schauer an. Auf einem jener funkelnden, unbekannten, uns unzugänglichen Ge⸗ ſtirne wacht jetzt die Seele meines Hugo lächelnd zum neuen Leben auf!“ Er hat den Brief vollendet, faltet ihn zuſammen und übergibt ihn dem Diener, noch einmal ſeine An⸗ weiſungen wiederholend. Der dreht verlegen ſeine Mütze zwiſchen den Händen.. „Ich möchte nicht von Euch gehen, Herr. Wenn morgen— Gott behüte Euch!“ „Getroſt, Leopold! Dies iſt mir das Wichtigſte, daß die Leiche in Sicherheit gebracht wird und die Armharts und meine Leute drüben wiſſen, wie es um mich ſteht.“ Er iſt zur Chriſtel getreten und rüttelt ſie auf. „Da hilft nun kein Gebet und kein Weinen mehr, mein Kind. Für uns bleiben die Todten ſtumm und erwachen nicht wieder.“ „Aber ſie werden nicht ewig ſtumm ſein?“ fragt ſie. „Das iſt Gottes Geheimniß.“ „Nicht wahr, der da“— und ſie zeigt auf die Leiche—„wird nichts Böſes von mir reden?“ „Nein, er war gut und liebte Dich. Die Todten haſſen auch die Lebendigen nicht.“ „O wenn das wahr wäre! Aber es iſt anders, ſie verfolgen uns, in der Nacht, im Schlaf.“ „Fort, fort!“ drängt Egbert.„Nach Stammers⸗ dorf!“ Darüber ſind die Träger gekommen und haben die Bahre ergriffen. „Vorwärts, Chriſtel, gib dem Leopold die Hand. Morgen biſt Du in Hietzing und gehſt nicht wieder aus dem Hauſe. Nun weißt Du, um es nie wieder zu vergeſſen, was eine Schlacht iſt.“ „Ich gehe, lieber Herr.“ Plötzlich kehrt ſie ſich zu ihm um und faßt ſeine Hand mit krampfhafter Bewegung. „Habt Ihr noch den Stein— den Stein von Gmunden?“ „Ich hab' ihn noch. Wie kommſt Du darauf, wunderliches Mädchen?“ 74 „Bewahrt ihn wohl!“ „Deine Augen funkeln, Deine Hand glüht, Du biſt fieberkrank. Mach' fort, daß Du Dich aus dieſem Graus retteſt.“ Die Träger voran, Leopold mit der braunen Chriſtel wie Leidtragende hinterdrein, verſchwindet der Zug in der Finſterniß. Zu ſeiner Truppe auf dem Kirchhof kehrt Egbert zurück. Uebermächtig fordert die Natur ihre Rechte. Trotz der verſchiedenſten Bilder, Gedanken und Ahnun⸗ gen, die auf ſeine Seele einſtürmen, ſinkt er in einen tiefen Schlaf. Auf einem halb zerſtampften Grabhügel ruht ſein Haupt. Aus den dunklen Abgründen des Alls ſchimmern in ungetrübter Klarheit und Erhaben⸗ heit ungezählte Welten. Als ihr Glanz mälig vor der Morgenröthe ver⸗ dämmerte, erſchütterten bei den äußerſten Vorpoſten mit ſcharfem Geknatter mehrere Schüſſe die Ohren und die Gemüther aller. Es war vier Uhr Morgens. Die Schläfer fuhren auf, ordneten ihren Anzug, ihre Waffen. In Haſt ward die Suppe bereitet und ge⸗ noſſen. Reichlicher als ſonſt wurden Getränke geſpendet. Eine höchſte Anſtrengung, eine heroiſche That for⸗ derte der Oberfeldherr von der Armee. 78 In Reih und Glied geſtellt, ſchienen Fußvölker wie Reiter ihre Strapazen, ihre Leiden und Gefahren vergeſſen zu haben. Kaum einen Blick warfen ſie auf die Leichenhaufen, die Ruinen, die ſie rings umher anſtarrten. Die wilde Muſik, die Jubelrufe erſtickten jede andere Stimmung. So ſetzten ſich die Oeſterreicher in Bewegung. In Aspern wollten ſie den Angriff Maſſena's erwarten, bis auf dem äußerſten linken Flü⸗ gel Roſenberg Esling eingenommen hätte. Vor der Kirche hatte Vacquant aus den Kampf⸗ trümmern des vergangenen Tages eine Barrikade er⸗ richtet. Schräg gegenüber der Kirche lag ein großes Ge⸗ höft mit einem ſteinernen Hauſe, das noch wenig gelitten hatte. Es bildete eine natürliche Burg, um ſo wichtiger, weil es die Ecke einer engen Gaſſe war, die von der Hauptſtraße des Dorfes nach dem freien Felde zu abbog. Dieſen Punkt aufs äußerſte zu vertheidigen, wurde Egbert mit einer kleinen Schaar abgeſendet. Wenn die Franzoſen im heftigſten Kampfe um die Kirche und um dies Gehöft verwickelt waren, ſollte durch jene Gaſſe ein Vorſtoß geſchehen und ſie auf dem ſchmalen Raum zuſammengedrängt und zur Waffenſtreckung ge⸗ nöthigt werden. Egbert hatte Muße genug, ſeine Vorbereitungen nach allen Seiten hin zu treffen. 79 Ein einſtöckiges, hoch gelegenes Haus, zu deſſen Thür eine Art Rampe führt. Die Fenſter im Erdge⸗ ſchoß und die Thür werden ſo feſt als möglich ver⸗ rammelt, an die obern Fenſter und an die Dachluken die beſten Schützen der Truppe vertheilt. Selbſt im Falle der Feind durch die Thür brechen und die Treppe erobern ſollte, bleibt durch eine Hinterſtiege ein Aus⸗ gang in den Garten frei. Erſt lange Reihen Bohnen⸗ ſtangen, dahinter eine Gruppe alter Rüſtern machen ihn zu einem Vertheidigungskampfe beſonders geeignet. Das große Hofthor hält einen tüchtigen Stoß aus, und ſtürzt es zuſammen, ſo empfängt der Angreifer die Ladung zweier kleinen Geſchütze, die im Hofe auf⸗ geſtellt ſind, voll in ſeine dichtgedrängten Glieder. Seitwärts das Haus und die Mauer, die das Gehöft abſchließt, zu faſſen, verhindert das Feuer, das die Stürmenden vom Kirchhof her im Rücken treffen würde. Auf das Dach geſtiegen, überſchaut Egbert bis Esling die ganze Schlachtlinie der Oeſterreicher nach Oſten und nach Süden bis zur Lobau hin die der Franzoſen. Auf beiden Seiten tummeln ſich die Reiter zwiſchen den Dörfern. Auf den Küraſſen der Franzoſen blitzt ſchillernd die Morgenſonne. In ihrer bunt phantaſtiſchen Tracht jagen die ungariſchen Huſaren, 80 herausfordernd die Säbel ſchwingend, ihnen entgegen. Hinter dieſem Vorhang ſammeln ſich die Maſſen des Fußvolks regimenterweiſe in tiefer Stellung. Von Breitenlee her kommen die Grenadiercolonnen. Gegen Aspern rücken, wider ihre Gewohnheit langſam, trotz der haſtigen Trommelſchläge, endlich die Franzoſen vor. Es ſind zwei friſche Regimenter von der Diviſion St.⸗Cyr, die Maſſena in dieſen Krater, der nun Feuer zu ſpeien anfängt, ſchickt. Die Verwüſtungen und Zerſtörungen eines Ge⸗ fechts, das mehr als fünf Stunden hier getobt, machen das Vorrücken beſchwerlich. Unwillkürlich zögert der Fuß, über Freundesleichen zu ſchreiten; er fürchtet, darüber hinaus derſelben Vernichtung zu begegnen, die aus den bleichen Geſichtern der Kameraden ihn angrinſt. Wo ſie kann, bietet die ſich zurückziehende Poſtenkette der Oeſterreicher dem Feind die Stirn, jedes Hinder⸗ niß auf der Straße, jeden Vorſprung eines Hauſes, die Ueberreſte einer Mauer, eines Zauns zur Deckung benutzend. „Macht Euch fertig“, ruft Egbert, von ſeinem Beobachtungspoſten herabſteigend, den Soldaten zu. „An die Gewehre!“ Die Oeſterreicher haben ſich nach der Kirche ge⸗ flüchtet. Mit einem„Vive'empereur!“ dringen die 8¹1 Franzoſen, nun ganz Feuer und Flamme, nach, als ſie ein wohlgezieltes Feuer, raſch nacheinander drei Salven von dem Hauſe aus trifft. Ihrer fünf ſind todt auf dem Platze geblieben, etwa zwanzig ſchreien und ſtöhnen ob ihrer Wunden und wälzen ſich auf dem Boden. Die Compagnie an der Spitze ſtutzt und weicht. Nur die Kirche im Auge, haben ſie das düſtere Haus zur Seite nicht beachtet. Raſch entſcheiden ſich ihre Führer, mit der einen Schaar das Gehöft, mit der andern die Kirche zu ſtürmen. Ein Nahkampf mit den Feuerwaffen entſpinnt ſich. Mit Artſchlägen zerſchmettern die Franzoſen die Thür und ſtürzen in die lange ſteingepflaſterte Flur. Mit dem Degen in der Hand treibt ſie Egbert hinaus, die Rampe hinunter, in die enge Gaſſe; zur ſelben Zeit iſt das Hofthor geſprengt worden, die Geſchütze don⸗ nern, in blindwüthiger Flucht eilen die Franzoſen bis zur Mitte des Dorfes zurück. Wäre jetzt, wie es verabredet wurde, mit Unge⸗ ſtüm die erwartete Verſtärkung eingetroffen, ſo würde der Sieg an dieſer Stelle entſchieden geweſen ſein. Ihr Ausbleiben aber, da die vorhandenen Kräfte der Oeſterreicher zur Verfolgung nicht ausreichen, erlaubt den Franzoſen, ſich von ihrem paniſchen Schrecken zu erholen. Ihre Oberſten ſammeln ſie wieder. Frenzel, Lucifer. IV. 6 82 Auch Egbert beſichtigt ſeine Stellung und ermun⸗ tert die Seinen. „Einen Sturm halten wir noch aus, Kinder“, ſagt er, während er ſich die Stirn, die der Säbelhieb eines feindlichen Offiziers getroffen, mit einem Tuche verbinden läßt.„Und einen dritten abzuwehren, wird nicht mehr nöthig ſein.“ Da ſchlagen die Trommeln zum neuen Angriff. Mit voller Wucht werfen ſich die Franzoſen diesmal durch das zertrümmerte Thor trotz des Geſchützfeuers in den Hof; ſie hoffen die Kanonen zu erobern und ſich zwiſchen Haus und Garten feſtzuſetzen. Ihre Ueber⸗ macht iſt erdrückend. Sie achten der Todten nicht; mit wüſtem Geheul, mit aufgepflanztem Bajonett ar⸗ beiten ſie ſich vorwärts. Mühſam, keuchend widerſteht Egbert mit ſeiner immer mehr zuſammenſchmelzenden Truppe. 3 In dieſem Augenblick bricht ein öſterreichiſches Bataillon durch die Gaſſe in die Flanke des über⸗ raſchten Feindes. Das Gefecht nimmt eine günſtigere Wendung, aber die Oeſterreicher laſſen ſich zu weit von ihren Stütz⸗ punkten, dem Hauſe und der Kirche, fortlocken, mit einer geſchickten Schwenkung umgeht ſie der feindliche Oberſt; die einen werden gefangen, die andern zerſtreut. 83. Indeß hat Egbert die kurze Pauſe zur Rettung ſeiner Leute und ſeiner beiden Geſchütze benutzt. Ein Lieutenant führt die Hauptmaſſe nach der Kirche. Eg⸗ bert mit zehn entſchloſſenen Männern deckt den Rückzug. Alle Fenſter von Kugeln zerſchmettert, die Thüren ein⸗ geſchlagen, die Mauer niedergeworfen, iſt das Gehöft unhaltbar geworden. Drei Stunden hat es widerſtan⸗ den. Nach menſchlichem Maß hat Egbert ſeine Pflicht erfüllt. Aber die Franzoſen ſind wüthend, daß dieſe kleine Schaar, deren Heldenmuth ſie ſo lange aufgehalten und ermüdet hat, ihnen entkommen ſoll. Wie hungrige Wölfe in der Winternacht dem flüchtigen Wanderer nachjagen, unabläſſig, hartnäckig, ſo ſtürzen ſie ſich auf die Abziehenden, ſchießend, brüllend, zur Ergebung auffordernd. Egbert mit den Seinen würde auf der Stelle umringt worden ſein, wenn die Franzoſen ihre überlegenen Kräfte hätten entwickeln können. Aber der Boden ſtarrt hier wie beſäet von halbverkohlten Balken, Baumäſten, Pflugſcharen, zerſchlagenem Geräth, Leich⸗ namen von Männern und Pferden, welche die Eile des Angreifers hemmen. Zuletzt überwinden die Fran⸗ zoſen alle Hinderniſſe, der Bajonettkampf beginnt. Eine Kugel trifft Egbert; er glaubt ſein Ende ge⸗ kommen, allein er fühlt keine Wunde, keinen ſtärkern 6* 84 Schmerz. Seine Truppe ſieht er jenſeits der Barri⸗ kade auf dem Kirchhof geborgen; mit dem Degen ſucht er die Bajonette abzuwehren, die ſich gegen ſeine Bruſt richten. In der Rechten zerbricht ihm der Stahl, eine zweite Kugel trifft den erhobenen Arm; er nimmt den Degenſtumpf in die Linke. „Das iſt ein Braver!“ rufen die franzöſiſchen Sol⸗ daten einander zu.„Schont ſeiner!“ „Ergeben Sie ſich, mein Herr!“ winkt ihr Führer Egbert zu.„Sie ſind allein.“ Sich umſchauend gewahrt Egbert keine Hülfe in der Nähe. Todt oder verwundet liegen ſeine Leute neben ihm. Schwankend, ſchwindelnd, mit gelähmter Rechten ſteht er auf den Trümmern der Barrikade. „Da haben Sie, was mir noch von meinem Degen bleibt“, ſagt er dem franzöſiſchen Offizier. Es iſt der Oberſt Boyeldieu vom vierten Linien⸗ regiment. „Soldatenloos!“ meint er ſcherzend zu dem Ge⸗ fangenen.„Bei uns würden Sie das Kreuz der Ehren⸗ legion empfangen. Sie haben uns arg zerzauſt.“ Während die Franzoſen ſich zum Sturm auf den Kirchhof anſchicken, wird Egbert durch Aspern nach der kleinen Brücke zur Lobau geführt. Er iſt in bit⸗ terſter, verzweifelter Stimmung. Gefangen— wäre er lieber todt wie Hugo! Ja, es traf doch eine Kugel ſeine Bruſt? Warum tödtete ſie ihn nicht? Prallte ſie zurück? Er hat in die Bruſttaſche ſeines Waffenrocks gegriffen, um ſich Gewißheit zu verſchaffen, daß er noch im Beſitz ſeiner Brieftaſche und einigen Geldes ſei; ſeine Börſe hat er den Soldaten geſchenkt, die ihn gefangen und mitleidig um ſeinen verwundeten Arm eine Binde geſchlungen haben. Seine Finger be⸗ rühren etwas Hartes; es iſt der Knopf mit dem Opal⸗ ſtein, den ihm Chriſtel gegeben— der Stein, der Jean Bourdon's Mörder kennt. Er hat ihn in der Brief⸗ taſche verwahrt; ihn hat die Kugel getroffen und zer⸗ ſplittert. Von dem Adler des Jupiters iſt nichts mehr deutlich zu erkennen. In anderer Lage welch ein ergiebiger Stoff für ſein grübleriſches Gemüth! Jetzt denkt er nur an die Schmach der Gefangenſchaft; ihn tröſtet es nicht, daß die Soldaten, die ihn begleiten, ihn ihren Kameraden mit dem Ruf zeigen: „Ein Hauptmann! Ein tapferer Mann! Vier Stunden hat er ſich mit einer Hand voll Leute ge⸗ wehrt!“ In ſeiner Niederlage ſieht Egbert die Niederlage des ganzen Heeres gleichſam vorgebildet. In dieſer bangen Stunde hat ſich in der That das Schickſal der Schlacht entſchieden; anders, als Egbert's Schwermuth es ahnt. Der Marſchall Lannes geht mit der Diviſion St.⸗ Hilaire zwiſchen Esling und Aspern vor. Anfangs im Glück, bringt er die Oeſterreicher zum Weichen. Schhon bereiten ſich die Küraſſiere zum letzten Stoß vor, um die erſchütterte Linie ganz zu durchbrechen. Da ergreift der Erzherzog Karl in der Mitte der Gre⸗ nadiere die Fahne des Regiments Zach und ſtürmt dem Gegner entgegen, hoch zu Roß, weithin ſichtbar, ein leuchtendes Beiſpiel. Mit begeiſternder Gewalt reißt es auch die Feigen, die Unentſchloſſenen mit ſich fort. Der Generaliſſimus im Kampfgetümmel! Keiner will da zurückbleiben, Jeder den Kranz des Sieges oder die Ehre des Todes mit dem verehrten Feldherrn theilen. So kommt die Schlacht an dieſer Stelle erſt in das Gleichgewicht; dann, bei dem Eintreffen der Reſerve von Breitenlee her, drücken die Oeſterreicher mit immer ſtärkerem Gewicht auf die Franzoſen. Von Minute zu Minute verliert Lannes an Boden. Er ſendet einen ſeiner Stabsoffiziere an den Kaiſer mit der Bitte um Verſtärkung; noch einmal will er es ver⸗ ſuchen, das Geſchick, das ſich gegen ihn erklärt, zu wenden. Zur ſelben Zeit treffen dieſer Bote und der blonde 87 Egbert bei der Ziegelbrennerei von Esling ein. Einige hundert Schritte ſüdwärts von ihr iſt die Brücke über den kleinen Donauarm nach der Lobau geſchlagen. Seitwärts von dem Hauſe, auf einem Feldſtuhl ſitzt der Kaiſer, den Arm auf den neben ihm ſtehenden Tiſch, der mit Karten und Ferngläſern bedeckt iſt, auf den Arm das Haupt geſtützt. Rings umher Adjutanten und Offiziere, lautlos die tobende Schlacht beobachtend. In weiterer Entfernung ſtehen die Diener, die Pferde am Zügel. Der ganze Raum von dieſem Orte zur Donau und nach Esling zu iſt mit den Regimentern der alten Garde angefüllt. Hakenförmig ſind ſie auf⸗ geſtellt. Noch ſtehen dieſe ſtolzen Veteranen mit den hohen Bärenmützen unbeweglich, Gewehr am Fuß. Es iſt die letzte, aber auch eine unbeſiegliche Mannſchaft, die Napoleon einzuſetzen hat. Vor der Ziegelei, gegen Esling zu, iſt eine Batterie von Zwölfpfündern aufge⸗ fahren, die Brücke vor einem plötzlichen Angriff von Enzersdorf her, das ſchon in der Gewalt Roſenberg's iſt, zu ſichern. An ein Durchkommen iſt hier nicht zu denken. Man bedeutet Egbert, ſtehen zu bleiben. Einige Offi⸗ ziere aus der Umgebung des Kaiſers nähern ſich ihm in freundlicher, gefälliger Haltung. An dieſem Tage iſt ein gefangener öſterreichiſcher Offizier eine Seltenheit. 1 88 Wenige Schritte davon iſt der Verbandplatz. Ein Arzt, der ſeine Armwunde unterſucht, findet ſie nicht gefährlich, da kein Knochen zerſchmettert iſt, und legt ihm einen Verband an. Theilnehmend drücken ihm die Franzoſen ihre Bewunderung über die Tapferkeit der Oeſterreicher aus. „Diesmal iſt es an uns, den Kopf hängen zu laſſen“, ſagen ſie zu ihm;„wir ſind in eine lchöne Mauſefalle gerathen.“ Der Kaiſer hat den Abgeſandten des Marſchalls abſchlägig beſchieden. Im Galopp jagt derſelbe in der Richtung auf Esling fort. Aufblickend bemerkt Napoleon die öſterreichiſche Uniform Egbert's; er läßt den Gefangenen vor ſich führen. Mit der Linken, da er den rechten Arm in der Binde trägt und ihn nicht erheben kann, grüßt Egbert militäriſch. Das Auge des Kaiſers, das ihn zuerſt wie ver⸗ ſchlafen angeblinzelt, erweitert ſich plötzlich; das müde, übernächtige Geſicht erhält ſeine Spannung wieder. „Ah, Sie ſind es, mein Herr Heimwald! Ich er⸗ kenne Sie trotz Ihrer Uniform, trotz Ihrer Wunden. Woher?“ „Von Aspern, Sire.“ —— 89 „Wer ſchickt Sie her? Wo wurden Sie gefangen?“ „Oberſt Boyeldieu vom vierten Linienregiment. In einem Hauſe, gegenüber der Kirche.“ „Alſo hatten Sie das Dorf verloren?“ „Bis zur Kirche, ja.“ „Wäre das geſtern geſchehen! Wer befehligt die Oeſterreicher dort?“ „Der General Vacquant; weſtwärts vom Dorf der General Hiller, zu deſſen Corps ich gehöre.“ „Wo iſt das Corps Bellegarde's geblieben, das ſich geſtern in Aspern ſchlug?“ „Es iſt nach der Mitte abgeſchwenkt.“ Der Kaiſer nickt. „Ich merk's. Ihr Erzherzog lehrt mich heute, was jeder Cadet weiß: daß man einen großen Strom nicht im Angeſicht von hunderttauſend Mann über⸗ ſchreiten ſoll. Das iſt ein Thorenſtreich. Aber ich meinte mit den alten Oeſterreichern zu thun zu haben. Hab' ich ein neues Deutſchland vor mir? Ich werde auch damit fertig werden, ich werde.“ Er war aufgeſtanden und verſchränkte die Arme auf der Bruſt. „Haben Sie viel verloren?“ „Von meinem Regiment den vierten Mann.“ „Das iſt heißer als in La Malmaiſon! Warum 90 ſind Sie nicht bei Ihren Büchern geblieben? Bei der Wiſſenſchaft? Sie iſt die wahre Angelegenheit Deutſch⸗ lands.“ Hier wird das Geſpräch unterbrochen. Der Gene⸗ ralmajor Berthier winkt Egbert, beiſeite zu treten; auf ſchaumbedecktem Pferde kommt ein Reiter von der Lobau über die Brücke mit einer Depeſche für den Kaiſer. Die Adjutanten, denen ſich Egbert genähert, ſehen ſich an; noch einmal ſo ſorgenvoll und ernſt werden aller Blicke. Es iſt aus, ſteht darin geſchrieben, die große Brücke iſt zerriſſen. Niemand ſpricht. Egbert ſtreift den einen und will um Entſchul⸗ digung bitten, als dieſer mit ſeinem Gruß ihm zuvor⸗ kommt. Es iſt der Ritter Vittorio Zambelli. Mit eigenen Gedanken betrachten ſie einander. Biſt Du denn unſterblich? ſcheinen die düſtern Augen Vittorio's zu fragen. Warum war keine Deiner Wunden tödtlich? Und Egbert wieder möchte zu ihm ſprechen: Der Stein, der Dein Verbrechen geſehen, hat mir vorhin das Leben gerettet. Aber das allgemeine Schweigen bannt auch ſie. Der Kaiſer hat die Meldung ohne Bewegung an⸗ gehört; er gibt leiſe Berthier einen Befehl. Dann kehrt er ſich um und ruft: „Mein Pferd!“ . 4. ö —— Voll leuchtet die Sonne ihm ins Geſtcht. Es iſt regungslos, von einer furchtbaren Starrheit. Auf dieſer mächtigen marmorglatten Stirn, welche die ſchwarze Haarlocke finſter beſchattet, wohnen gewaltige Gedanken, aber nicht Gedanken des Segens, ſondern des Fluches, nicht der Barmherzigkeit, ſondern des Verderbens. Ruſtan, ſein Mameluk, hat ihm das Pferd vor⸗ geführt; er ſchwingt ſich auf. Mit der feinen ſchmalen Hand ſtreut er die Körnchen Tabak in die Luft und folgt ihnen mit dem Auge, wie ſie der Wind dabin⸗ weht; ſo wirft er Menſchenleben und Menſchenglück in den Abgrund ſeiner Schlachten. Von einer ſonnen⸗ durchblitzten Staubwolke umflogen, wie der Kriegsgott Homer's, ſprengt er über das Marchfeld zu ſeinen kämpfenden Legionen, die dienſtthuenden Adjutanten, unter ihnen Vittorio, hinter ihm her. Geblendet und erſchüttert ſteht Egbert. Ihm iſt es, als nagle ihn dieſer unerbittliche kalte Blick, der Alles zu erfaſſen, aber nichts zu empfinden ſcheint, ſelbſt mit dem ſchwachen Strahl, der ihn getroffen, am Boden feſt. Kaum iſt Napoleon davongeritten, ſo wird es laut um Egbert. „Davouſt kann nicht über die Donau; die Brücke iſt vollkommen zerſtört!“ Verwünſchter Tag!“ „Wir ſtecken alle in einem Sack; ſchnürt ihn Ihr General nur feſt zu— vogue la galère. Wir liegen für alle Ewigkeit auf dem Grunde der Donau.“ „Das iſt nun das Ende der ewigen Menſchen⸗ ſchlächterei.“ „Hätt' ihn die Peſt in der ſyriſchen Wüſte ge⸗ tödtet“, murmelt ein alter Oberſt. Eben hat er ge⸗ hört, daß ſein Sohn getödtet worden. Berthier ſitzt mit kummervollem Geſicht am Tiſche und ſchreibt die Befehle des Kaiſers nieder. Schon fängt ſich der Rückzug der Armee bemerk⸗ lich zu machen an. Der Verbandplatz iſt mit Schwer⸗ verwundeten überfüllt. Sie geben ſchreckliche Schil⸗ derungen von dem Gemetzel, das in der vorderſten Schlachtreihe wüthet. Immer näher raſt die Kriegsfurie. Aspern iſt wieder von den Oeſterreichern erſtürmt worden. In aufgelöſten Haufen flüchten die Franzoſen. Zu der einzigen Brücke, die nach der Lobau führt, drängt ſich Alles. Kaum vermögen in dieſem raſenden Getümmel blutender, erſchöpfter, nach Raſt und Ret⸗ tung verlangender Soldaten die Führer noch eine leidliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Die öſterreichiſchen „Und dabei fängt die Munition an zu fehlen. 93 Gefangenen werden zunächſt hinübergeſchickt. Egbert will ſich ſeinen Kameraden anſchließen, aber Berthier bedeutet ihn, dieſſeits der Brücke zu bleiben. „Der Kaiſer hat mit Ihnen geſprochen“, ſagt er; „es iſt ſehr möglich, daß er bei ſeiner Rückkehr nach Ihnen verlangt.“ Vor Müdigkeit und Blutverluſt ſinkt Egbert an der Brücke auf einem Breterhaufen, der ſeit dem Bau dort liegt, nieder. Von allen Seiten umtobt ihn das Kampfgeſchrei, der Donner der Kanonen, das Geſtampfe der Roſſe. Vor ihm iſt die Brücke mit Flüchtigen, mit Halbtodten, die darauf niederſinken, mit Pulverkarren, mit Geſchützen verſtopft. Wüſter, regelloſer wird die Flucht. In unerſchütterlicher Ruhe, ein bewunderungswür⸗ diger Anblick, ſteht nur die Garde. Ihre Soldaten lachen und verſpotten die Fliehenden. „Heute hat der kleine Corporal ſeine Sache ſchlecht gemacht“, heißt es.„Künftig wird er nicht mehr brum⸗ men, wenn einem Andern eine Geſchichte mißräth. Er weiß nun auch, wie's ſchmeckt und wie die Flöhe beißen!“ „Rennt doch nicht ſo, Ihr verliert ja die Sohlen“, höhnen Andere den Flüchtigen zu. „Und die Hoſen obendrein!“ 94 „Als ob man im Waſſer nicht ebenſo gut ſterben könnte wie im Feuer!“ „Nein mein Alter, das ſind Kröten, die kommen glücklich durch jeden Sumpf.“ Auf der Brücke iſt indeſſen das Getümmel, der Knäuel unentwirrbar geworden. Schon ſuchen die Stärkern, um ſich Bahn zu brechen, die Schwächern hinabzuſtoßen. Von den daherraſſelnden Kanonen werden Einzelne, die nicht ausweichen können, überfahren. Andere klettern über die Karren und die Verwundeten. Unſagliches Geſchrei und Gewimmer, das Toben dieſer, der Jammer jener ſchallen gellend durcheinander. Zu gleicher Zeit ſieht und hört man die Hölle. Der Kaiſer iſt zurückgekommen, über und über mit Staub und Schmuz aus den Waſſerlachen bedeckt, durch die er geritten. „Lannes iſt verwundet“, ſagt er halblaut zu Ber⸗ thier, der eine Bewegung des Schreckens und des Mit⸗ leids nicht unterdrücken kann. Mit dem undurchdringlichen Geſicht geht er an der Front ſeiner Garde vorüber, wie ein Spieler, der in der Hand den letzten Einſatz wägt, kein leidenſchaftlicher, ſondern ein überlegender, kaltblütiger Spieler. Kein „Vive Pempereur!“ empfängt ihn. Tadellos, aber ſchweigend, kerzengerade, das Gewehr präſentirend, ſtehen —— die Veteranen. Ihr Verſtummen iſt ſeine härteſte Ver⸗ urtheilung. „General Mouton!“ ruft der Kaiſer Der General tritt vor. „Mein braver Mouton“, ſagt Napoleon und faßt ihn an einem Kopf ſeiner Uniform, in haſtigen, tonloſen. Worten,„rettet das Heer. Unſer Schickſal hängt an einem Faden. Ich komme aus Esling. Die Oeſterreicher werden es ſtürmen, wie ſie Aspern erſtürmt haben. Nehmt die Füſiliere der Garde. Es ſind die Soldaten von Eylau. Haltet das Dorf. Laßt Euch auf ſeinen Trümmern tödten. Bedenkt, bricht der Feind auch auf jener Seite nach unſerer Brücke durch, ſo ſind wir verloren. Eilt! Ich kenne Euch. Ihr werdet meine Hoffnung nicht zu Schanden machen!“ Der General nickt und geht. Er hat ein deut⸗ liches Zeichen von der fieberhaften Unruhe des Ge⸗ waltigen: der Kaiſer hat ihm den Knopf von der Uni⸗ form gedreht. Während die Regimenter ſich in Bewegung ſetzen, um die Kämpfer in Esling zu unterſtützen, hat Napoleon weitere Anordnungen getroffen. Ein Uebergang über die eine Brücke mit ſolchen Maſſen, dieſen Kanonen, Karren und Wagen, auch wenn man die ganze Bagage dem Feinde opfern wollte, iſt nur in der Dunkelheit 96 möglich, die dem Gegner den Rückzug verbirgt. Napoleon † rechnet dabei auf die übermäßige Vorſicht des Erz⸗ herzogs; er wird nach den empfindlichen Schlägen, die auch er trotz ſeines Siegs erhalten hat, am wenigſten in der Nacht das alte öſterreichiſche Wort, daß man dem Geſchlagenen goldene Brücken bauen müſſe, Lügen ſtrafen. Aber bis zur Dunkelheit muß man Stand halten. Dringen die Oeſterreicher über die beiden Dörfer hinaus vor und erkennen das unbeſchreibliche Irrſal, in dem ſich längs der Donau die franzöſiſchen Heerestrümmer auf und nieder treiben, ſo iſt es um die Armee geſchehen. In zwei Linien wird die Reiterei vorgezogen, die eine zwiſchen Aspern und Esling, die andere zwiſchen Esling und dem Ufer. Dahinter rückt die Garde. Das Geknatter der Flintenſchüſſe hat faſt ganz aufgehört. Nur von Aspern her ſchallt es noch zuweilen. Um die letzten Häuſer am Südende des Dorfes tobt der Einzel⸗ kampf. Es iſt fünf Uhr Nachmittags. Länger als zwei Stunden gilt es an dieſem ſonnigen Maitage für die Franzoſen noch in ihrer ſchwierigen Stellung auszuharren. Und ſie wird immer bedenklicher. Eine furchtbare Kanonade erhebt ſich. Die Oeſterreicher haben ihre zahlreiche Artillerie in die 97 vorderſte Linie gebracht und überſchütten die Feinde mit einem Hagel von Kugeln und Kartätſchen. Dicht um den Kaiſer fliegen die Kugeln. Lang⸗ ſam verläßt er ſeinen Standort und nähert ſich der Brücke. So weit war ſeine Schlachtreihe zurückgewichen, daß zwiſchen ihr und dem Fluſſe nur der ſchmale Raum einer Viertelmeile war. Zu Tauſenden lagen die Ver⸗ wundeten umher. Minute um Minute mehrt ſich ihre Zahl. Nach Waſſer ſchreien alle. Die Aerzte und ihre Gehülfen genügen nicht zum kleinſten Theil den Bitten, Klagen, Forderungen, die an ſie geſtellt werden. Die Brücke ſelbſt iſt nicht mehr überſchreitbar. Zer⸗ brochenes Heergeräth bedeckt das ganze Ufer. Die Grenadiere haben ihre Torniſter, die Reiter ihre Küraſſe abgeworfen, um ſchneller laufen zu können. Verwirrt, verſtört werfen ſich viele in den Fluß, um an das jenſeitige Ufer zu ſchwimmen, wo ſie ſich geborgen wähnen. Bis zu dem Bre erhaufen, auf dem Egbert— längſt nicht mehr allein— ſitzt, iſt der Kaiſer vorgegangen. Egbert ſpringt herab, die Andern rühren ſich nicht. Aſchgrau iſt die Geſichtsfarbe Napoleon's; ſein kleiner Hut ſitzt ihm tief im Nacken. Es iſt, als ob ſich ihm alle Haare darunter ſträubten. „Waſſer!“ ſagt er. Frenzel, Lucifer. IV. Ehe die Diener und Adjutanten den Befehl voll⸗ führen können, iſt Egbert zum Fluß gegangen und hat in ſeinem Hut Waſſer geſchöpft. Er bietet es dem Kaiſer an. Zwei⸗, dreimal fährt Napoleon mit der naſſen⸗ Hand über ſein Geſicht. „Das erfriſcht!“ Mit gekreuzten Armen betrachtet er das entſetzliche Schauſpiel vor ſich. Um ſeinen Mund zuckt ein Zug. der tiefſten Verachtung. „Was iſt das?“ fragt er Zambelli.„Alles fort? „Fegt die Brücke rein! In den Fluß, wer nicht hinüber kann!“ Zu Pferde mit geſchwungenen Pallaſchen traben die Feldgendarmen einher. Ein Wehegeheul, das einer Weile den Kanonendonner der Oeſterreicher übertönt, gellt Egbert zerreißend ins Ohr. Ohne Gnade wird Alles von der Brücke getrieben, fortgeſtoßen, mit Säbel⸗ hieben, von den Hufen der Roſſe. Leichname, Waffen, Karren, Laffetten treiben im hochgeſchwollenen Strom. Viele Unglückliche kämpfen umſonſt mit den Wellen. Nach einer halben Stunde iſt die Brücke frei. Egbert iſt nach dem Verbandplatz hinübergeeilt, um nicht Zeuge dieſer Schreckniſſe zu ſein. Er kommt nur, um andere Greuel zu ſehen. 99 So eben ſind zwei ſchwerverwundete höhere Offiziere auf Tragbahren aus dem Getümmel gebracht worden. Eine öſterreichiſche Uniform; Egbert arbeitet ſich durch das Gedränge. Der Verwundete iſt der General⸗ lieutenant Weber. Vom Pferde ſtürzend infolge ſeiner Verwundung, ward er gefangen. „Bedauern Sie mich nicht, Herr Kamerad“, ſpricht er mit gebrochener Stimme zu Egbert.„Das iſt ein großer Tag! Wir haben den Unüberwindlichen geſchlagen. Was liegt da an unſerem Tode?“ Die beiden Oeſterreicher hat man ſich ſelbſt über⸗ laſſen. Alle ſind nach der andern Bahre geſtürzt. Auf einem Reitermantel ruht dort, in glücklicher Beſinnungs⸗ loſigkeit, mit zerſchmetterten Knieen der Marſchall Lannes. Seine Begleiter haben ihn aufmerkſam gemacht, daß er zu Pferde an der Spitze ſeiner Infanterie den feind⸗ lichen Kugeln eine willkommene Zielſcheibe darböte. Ihrem Drängen nachgebend ſteigt er ab. In demſelben Augenblick erreicht ihn die tödtliche Kugel. Mit Blitzes⸗ ſchnelle fliegt die Trauerkunde durch das Heer und trägt zu der allgemeinen Entmuthigung und dem Un⸗ willen gegen den Kaiſer bei. Lannes iſt einer der edelſten und tapferſten Waffengefährten Napoleon's aus ſeinem erſten Wunderfeldzug in Italien. Unter den Soldaten gilt er für einen Republikaner trotz ſeines 7* 100 Marſchallsſtabes. Die Krieger, die ihn dahergetragen, können ſich kaum der Thränen enthalten, als der gräßliche Schmerz bei der Amputation, welche die Aerzte vornehmen, den Unglücklichen aus der wohl⸗ thätigen Erſtarrung reißt und ſeinen Lippen dumpfe Jammerlaute erpreßt. Ach, was will das Klaggeſchrei dieſes Einen, ſo tapfer und ſo heldenmüthig er war, gegen das unermeßliche Weh bedeuten, das von dieſer Ebene zu der ſinkenden Sonne ſchreit, winſelt und heult! Ehe er nach der Lobau hinüberreitet, um dort einen geeigneten Lagerplatz für das beſiegte Heer während der Nacht zu ſuchen, tritt Napoleon zur Bahre des Jugendfreundes. Krampfhaft ſchließt er ihn in ſeine Arme. „Sie verlieren Ihren beſten Freund“, ſagt Lannes mühſam.„Leben Sie glücklich und retten Sie das Heer.“ „Sie werden nicht ſterben“, entgegnet Napoleon. „Sie müſſen gerettet werden.“ „Wozu? Um in einer neuen Schlacht zu ſterben?“ erwidert ihm der Marſchall, den Kopf ein wenig er⸗ hebend, mit vorwurfsvollem Blick.„Oder ſind Sie in dieſer fürchterlichen Niederlage zur Beſinnung gekommen? Auf Eylau Aspern! Möge es Ihnen eine Mahnung ſein! Sie haben die Blüte Frankreichs Ihrem Ehrgeize geopfert. Wehe, daß ich Ihnen dazu in Italien ſiegen half! O meine Träume und Hoffnungen! An mir iſt wenig gelegen, ich war immer ein Soldat, als ſolcher ſterbe ich. Aber Frankreich, Sire! Es wird die Folgen Ihrer Eroberungsſucht ſchwer büßen, es büßt ſie ſchon. Möge es Ihnen dereinſt nicht fluchen und dieſer Fluch das Ende Ihrer Laufbahn ſein!“ Sein Haupt ſinkt zurück. So leiſe hat er geſprochen, mit röchelnder Stimme, daß nur der Kaiſer allein ihn hat verſtehen können. Eine Weile hält Napoleon noch die Hand des 3 Sterbenden gefaßt, dann läßt er ſie los und wirft ſich auf ſein Pferd. Wie ein Blitz ſauſt er über die Brücke dahin. Mit der kurzen Reitpeitſche ſchlägt er in die Luft, als wolle er Gedanken und Geſpenſter von ſich abwehren. Mit ungeſchwächter Kraft dauert das Geſchützfeuer der Oeſterreicher fort, aber unerſchüttert von ihm bleiben die Grenadiere der alten Garde. So viele ihrer nieder⸗ geſtreckt werden, die andern ſchließen ſich nur um ſo feſter zuſammen. Einen Vorſtoß wagt der Erzherzog nicht; ſei es, daß ihm die Streitkräfte fehlen, ſei es, daß er den beſiegten Napolaum noch mehr als den ſiegreichen fürchtet. 102 Zunächſt werden die Bahren mit den Ver⸗ wundeten über die Brücke nach der Lobau geſchafft; Egbert bleibt neben der Bahre des Generallieutenants Weber. Jenſeits auf der Inſel wiederholt ſich das traurige Schauſpiel menſchlichen Elends, der Zerſtörung und Verwirrung, welches das Ufer des Marchfeldes darbietet. Hier lagern die hungernden, erſchöpften, halb auf⸗ geriebenen Regimenter, die ſeit der Mitte des Tages von den Dörfern hinübergeſchickt worden ſind, weil ſie nicht mehr kampffähig waren. Am Strande, Esling gegenüber, iſt eine Batterie aufgepflanzt, um die vor⸗ dringenden Oeſterreicher in der Seite zu faſſen. Auch gewährt das Walddickicht der Au manchen Schutz und die Möglichkeit einer wirkſamen Vertheidigung. Aber die Soldaten haben das Vertrauen und den Zuſam⸗ menhalt verloren, die Führer ſind mißmuthig und un⸗ zufrieden. Ueberall die heftigſten Anklagen und Spottreden gegen den Kaiſer. Und im Grunde überzeugt ſich Egbert, der die ganze Inſel bis zu dem großen Donauarm durchwandern muß, daß die Soldaten mit ihren Be⸗ ſchuldigungen nicht im Unrecht ſind. Es iſt nicht die Niederlage ſowohl als der Mangel an Vorausſicht, die Noth, in die man ſie geſtürzt hat, die ſie erbittern. Es 103 gebricht an Munition, an Lebensmitteln, an Verbandzeug. Leichtſin nig und übermüthig, der Natur ſpottend, weil ſeine Phantaſie über ihre Geſetze ſich hinwegſchwingt, hat der Kaiſer den Bruch ſeiner einzigen Brücke für unmöglich erklärt. Alles, was er brauchte, und noch mehr würde ihm darüber mit Leichtigkeit zugeführt wer⸗ den können. Nun hat der Strom ſeinen Willen durch⸗ geſetzt und dem neuen Xerxes ſeine Ohnmacht bewieſen. Wenn es ihm beliebt, kann er in ſeiner Wuth die Donau peitſchen laſſen, wie der Perſerkönig den Hellespont. Die Barken und Kähne, die von Ebersdorf mit Lebensgefahr der Schiffer über das Waſſer kommen, bringen wohl Zwieback, Wein und Branntwein nach der Au, aber das ſind Tropfen, die ſich im Meer verlieren. Ueberdies droht die hereinbrechende Dunkelheit der Nacht auch dieſen dürftigen Verkehr aufzuheben. Ein heftiger Wind brauſt über die wildbewegte Flut hin. Den Offizieren, die Egbert beſorgt um ſeine Meinung fragen, muß er die für ſie troſtloſe Antwort geben, daß an ein merkliches Sinken der Gewäſſer vor zwei Tagen nicht zu denken ſei. Fortgeriſſen von den, Wellen treiben die Schiffe, aus denen die Brücke gebildet wurde, ſtromabwärts, nur der wenigſten haben die Franzoſen wieder habhaft werden können. Die Lobau ſelbſt iſt von den Waſſern 104 heimgeſucht und an manchen Stellen unwegſam geworden. Hier und dort ſind Sümpfe entſtanden, die trockenen Rinnſale, welche den Boden durchſchneiden, haben ſich plötzlich mit Waſſer gefüllt und gleichen wilden, vom Gewitterregen geſchwellten Gebirgsbächen. Bald müſſen die Soldaten einen Umweg machen, bald mitten durch das Waſſer waten. In dieſer Noth welch eine Nacht! Die öſterreichiſchen Gefangenen ſind nach dem Punkte, wo noch am Mittag die große Brücke ſich befand, geführt. Zum Glück ſind ihrer nur wenige; ſie haben einige Feldflaſchen und Rationen gerettet und wiſſen ſich zu behelfen. Die Franzoſen, denen ihre Bewachung anvertraut iſt, achten ihrer kaum; ſie ſind auf der Jagd nach Lebensmitteln und Reiſig, um Feuer anzuzünden. Auch iſt eine Flucht. unmöglich; vor ihnen der Strom, hinter ihnen die von Feinden ſtarrende Inſel. Egbert hat von einem Sol⸗ daten einen grauen Mantel erſtanden und ſitzt, eingehüllt darin, auf einem umgeſchlagenen Baumſtamm an der Bahre ſeines Generals, der im Wundfieber ächzt und ſtöhnt. Vor ihm der brauſende Strom. Mit zitterndem, ſchwachem Lichte leuchten die Feuer, die auf dem jenſeitigen, dem rechten Ufer in und vor Ebersdorf angezündet ſind, durch die Dunkelheit und den Sturm der Nacht hinüber. Finſter geballt jagen — 105 am Himmel die Wolken hin. Kaum daß ein und ein anderer Stern aus ihnen emportaucht. Rings umher zittert die Erde. Die große Armee vollzieht ihren Rückzug nach der Lobau. Am Waldſaum flammen Bivouacfeuer auf; die Gewehre werden zuſammengeſtellt, ein wüſtes Stim⸗ mengebrauſe verſchmilzt zu unbeſchreiblichen Tönen mit dem dumpfen Rauſchen der Donau. Halb erſcheint das Ganze Egbert wie ein verworrener furchtbarer Traum, halb wie ein phantaſtiſches Bild des Welt⸗ untergangs. Seine Wunden fangen an zu brennen, 3 wie gebrochen fühlt er ſich an allen Gliedern. Nur * die Fülle der ihm innewohnenden Kraft, die Hoffnung, 3 die ihn nicht verläßt, ſo unwahrſcheinlich ſie auch der verſtändigen Ueberlegung dünken mag, heute noch das rettende Ufer zu berühren, hält ihn noch aufrecht. Sind dann nur erſt ſeine Wunden geheilt, eine längere Gefangenſchaft fürchtet er nicht. Die Franzoſen wer⸗ den ſich beeilen, die gefangenen Offiziere auszuliefern; ſie haben mehr eingebüßt als die Oeſterreicher. Daß der Erzherzog Karl nicht ſchneller den Weichenden nach⸗ gedrängt, iſt Egbert ein Räthſel und erſcheint ihm von ſchlimmer Vorbedeutung. Eins iſt ſicher und in allem Leid ein Troſt: er hat die erſte Niederlage Napoleon's geſehen. 106 Von den franzöſiſchen Offizieren erfährt Egbert, daß der Kaiſer an der Aspernbrücke in der Dämmerung einen Kriegsrath gehalten hat, gegen ſeine Gewohnheit. Er will die Schuld, Frankreich um ſeine ſchönſte Armee gebracht zu haben, nicht allein tragen, meinen ſie. Von den Marſchällen ſind einige der Anſicht ge⸗ weſen, die Lobau um jeden Preis zu verlaſſen und lieber das geſammte Heergeräth und das Geſchütz auf⸗ zugeben, als das Heer länger in dieſer bedenklichen Lage einem ungewiſſen Schickſal auszuſetzen. Maſſena und Napoleon haben des Gegentheil behauptet und ihre Meinung iſt durchgedrungen. „Wir leben von der Gnade des Erzherzogs Karl“, ſagen die Offiziere, die offenbar mit dem Beſchluſſe des Kriegsraths höchlich unzufrieden ſind. Es war nach elf Uhr, als der Kaiſer zu Fuß bei den Trümmern der zerſtörten Brücke eintraf, in ſeinem Mantel, nur von Berthier begleitet. Trotz der Vorſtellungen, die man ihm wegen der Gefährlichkeit der Ueberfahrt machte, wollte er keinen Augenblick mehr auf der Lobau verlieren. Ob ihn nun die Furcht ängſtigte, hier abgeſchnitten zu werden, ob ihn der Gedanke leitete, daß er nur vom rechten Ufer aus, im Beſitze Wiens und ſeiner reichen Hülfs⸗ mittel, ſeinem Heere Erleichterung und Rettung ſchaffen 107 könne, er beſtand darauf, auf der Stelle hinüberzu⸗ fahren. Eine Barke ward leicht gefunden, auch eine An⸗ zahl franzöſiſcher Pontonniere, welche die Führung des gebrechlichen Fahrzeugs übernahmen, aber ſie kannten den Strom nicht und hegten bei der ſtarken, faſt un⸗ widerſtehlichen Strömung die Beſorgniß, weit hinunter flußabwärts getrieben zu werden, ſtatt bei dem Schnei⸗ dergrund vor Ebersdorf zu landen. „Wo iſt der gefangene öſterreichiſche Hauptmann Heimwald?“ fragt Napoleon.„Der junge blonde Mann, mit dem ich bei der Ziegelei ſprach?“ Aus einem unruhigen Halbſchlummer wird Egbert von Berthier aufgeweckt. Schlaftrunken erſcheint er vor dem Kaiſer. „Sie kennen die Donau und die Umgebung“, ſagt ihm Napoleon.„Sie haben in den Tuilerien mit mir darüber geſprochen. Ich will nach Ebersdorf, vor Mitternacht. Hier iſt ein Schiff, hier ſind Ruderer. Wollen Sie das Steuer führen?“ „Wenn es Eure Majeſtät befehlen, will ich es mit dem linken Arm verſuchen.“ „Man wird Sie unterſtützen und Ihre Gebote pünktlich befolgen.“ Die Leute ſind bereit; während ſich Egbert nach Möglichkeit mit ihnen verſtändigt, iſt der Kaiſer mit Berthier eingeſtiegen. Faſt bricht er auf der Bank zu⸗ ſammen. In dem düſtern Licht der beiden Fackeln, welche zwei der Schiffsknechte halten, um die Fahrt zu erhellen, hat er etwas Geſpenſtiſches. Die Unordnung ſeiner Kleidung, die Verſtörtheit ſeiner Züge, die Ueber⸗ anſtrengung ſeines ganzen Weſens erhöhen dieſen Eindruck. Mit den Händen das Geſicht verhüllend, bricht er in ein gellendes Gelächter aus. „Das iſt auch etwas, eine Schlacht zu verlieren, nachdem man dreißig Schlachten gewonnen!“ Hin und her auf den Wogen ſchwankt der Kahn; aber die Leute ſind kräftig und geübt, Egbert hält die Richtung. „Sie ſollen nicht zu früh frohlocken“, fährt Na⸗ poleon im halben Selbſtgeſpräch fort.„Ich bin noch nicht vernichtet. Ich bin noch jung, ich werde noch viele Kriege führen.“ Nun ſchreckt er wie aus einem Traume auf. „Die Küraſſiere vor! Was zögert Ihr? Drauf, drauf! Alle in die Batterien hinein! Was ſind mir hunderttauſend Menſchen? Eine halbe Ernte! Ein paar Sommertage erzeugen eine neue.“ Die Ruderer, ganz bei ihrer Arbeit, hören nicht 888ſſſ“ e 109 auf ihn. Berthier hat ſich neben Egbert an das Steuer geſtellt. „Wie ſteht's?“ fragt er. „Wir ſind über die Mitte des Stroms hinaus“, antwortet Egbert.„Wir werden bei Ebersdorf landen, mein Fürſt.“ „Ihr Beiſtand iſt uns von außerordentlichem Nutzen geweſen, Herr Hauptmann. Was kann ich für Sie thun?“ „Wenn Sie, mein Fürſt, mich auf Chrenwort nach meiner Wohnung bei Schönbrunn entlaſſen wollten—“ „Um Ihrer Wunden zu pflegen. Bewilligt, Herr Hauptmann, bewilligt.“ „Leuchtet“, ruft Egbert,„hier iſt eine Sand⸗ bank.“ Die Fackelträger treten zu ihm. Allein, im Schatten ſitzt der Gebieter und der Schrecken Europas, hülflos gegen das grollende Ge⸗ wäſſer um ihn, unter ihm. Indem ſie alle nach der einen Seite halten, um von der Sandbank fortzu⸗ kommen, ſchlagen die Wellen in den Nachen und be⸗ netzen ſeine Füße. Halb von ſeinen Schultern gefallen, ruht der Mantel auf ſeinen Knieen. Unverſtändliche Worte, Befehle, Flüche murmelt Napoleon. Es ſcheint 110 ihm unglaublich, daß die Glücksgöttin ihrem verzogenen Liebling den Rücken gewendet haben ſollte. „Will dieſer Tag nicht enden?“ ruft er.„Noch nicht hinüber? Eilt Euch, Ihr Trägen. Wenn ich in Aſien wäre! Tamerlan überbrückte die Ströme mit Leichen. Ich will ſchlafen, ſchlafen! O Aſien! Warum habe ich es verlaſſen?“ „Wir ſind zur Stelle“, ſagt Egbert zu Berthier. „Dort iſt der Schneidergrund.“ Der Schimmer, der vor den Fackeln hergeht, hat die Poſten am rechten Ufer ſchon aufmerkſam gemacht, daß in dem nahenden Kahne ſich ein hervorragender Mann befinden müſſe. Diener, Gendarmen, der Ge⸗ neral Savary— halb Diplomat, halb Polizeihaupt⸗ mann— ſind mit Wagen und Pferden gekommen. Napoleon iſt aufgeſtanden und ſteht aufrecht an der Spitze des Nachens. Alles an ihm zeigt die ver⸗ lorene Schlacht; Wetterwolken dräuen auf ſeiner Stirn. Von allen Seiten lodern und glühen Fackeln, Feuer, Lichter. In Ebersdorf ſchlägt es Mitternacht. Es iſt, als ob der Fürſt der Unterwelt aus dem Schooß der ewigen Finſterniß über den ſtygiſchen Fluß daherkäme. „Hauptmann Heimwald!“ „Sire!⸗ „Predigen Sie mir noch den Frieden mit den 2 5 114 Deutſchen? Die Deutſchen, die prahlen werden, mich beſiegt zu haben! Zwiſchen mir und Deutſchland gibt es keinen Frieden. Sie haben heute einen ſtolzen Tag gehabt und mich zu Dank verpflichtet. Morgen iſt mein Tag. Morgen und die Zukunft! Ich werde doch noch nach Indien gehen und am Ganges die Herrſchaft der Engländer vernichten. Gute Nacht!“ In dem Getümmel der Offiziere und Diener, das ihn umgibt, iſt er Egbert entſchwunden; kaum hat er auch wohl eine Antwort von dem Gefangenen erwartet. Wie ein Schiffbrüchiger kommt ſich Egbert vor. Wohin ſich wenden? Wie dieſem Tumult entfliehen? Da ruft einer ſeinen Namen; es iſt Desronais, welcher von Fouché der Feldpolizei beigegeben iſt. Wenige Worte genügen beiden zur flüchtigſten Mittheilung. Desronais verſpricht dem Freunde einen Wagen zu ſchaffen, der ihn nach Hietzing führen wird. „Sie haben ihn über den Strom gebracht?“ ſagt er dann.„Hm, ſeine zurückgelaſſenen Garden plündern eben das Schloß in Ebersdorf rattenkahl! Sie hofften, er würde nicht wiederkommen. Iſt er nicht ein Toll⸗ häusler? In einen Sack hättet Ihr ihn ſtecken ſollen und ins Waſſer werfen. In einen Sack nach tür⸗ 142 kiſcher Art! Hübſche Flut heute! Hätte ihn ins Meer hinausgeſpült. Ihr hättet Frieden und wir hätten die Freiheit. Die Menſchen ſind allgeſammt Feiglinge, Narren und Sklaven. Eine ſo einzige Gelegenheit zu verſäumen!“ — Drittes Kapitel. Schwere traurige Monate, der Frühling und der Sommer, ſind vorüber. In den bunten Farben des Herbſtes, ſcheinbar im glänzenden Feſtkleide, ſteht der Wald. Schon fallen in dieſen erſten Octobertagen die Blätter von den Bäumen im Park zu Schönbrunn. Noch immer beherbergt das ſtattliche, gelblichweiß glänzende Kaiſerſchloß den Welterſchütterer, aber jetzt ſtatt des Beſiegten von Aspern den Sieger von Wag⸗ ram. Der fünfte und ſechste Juli hatten die Schmach ausgetilgt, welche jene beiden Maitage ſeinen Adlern zugefügt. Nicht ſo vollſtändig, wie er es gewünſcht, denn die Trophäen waren zu ärmlich, um mit denen von Auſterlitz und Jena verglichen werden zu können, und nicht geſchlagen, ſondern in ſtolzer und aufrechter Haltung hallen 3 die Oeſterreicher vom Schlachtieid Frenzel, Lucifer. 114 zurückgezogen. Aber es war ein unbeſtreitbarer Sieg; er hatte das Marchfeld erobert und, den Feind nach Mähren verfolgend, ihn vor Znaim, wenige Tage nach dem Treffen, zum Wafefenſtillſtande gezwungen. Langwierige endloſe Friedensverhandlungen ſchlepp⸗ ten ſich ſeitdem zu Ungariſch⸗Altenburg fort. Und da die Miniſter, Metternich von öſterreichiſcher, Champagny von franzöſiſcher Seite, dort mit Schreiben und Reden nicht aus der Stelle rückten, hatte der Kaiſer Franz aus ſeinem Hoflager zu Totis in Ungarn erſt Bubna und dann Johann Liechtenſtein, den„erſten Soldaten von Aspern“, zu Napoleon ſelbſt geſendet, in der Hoffnung, mit dem Herrn leichter als mit ſeinen Die⸗ nern zum Schluſſe zu kommen. Die Hoffnungen, mit denen Oeſterreich den Krieg begonnen, die Männer, die ihn geführt haben, ſind auf der Schickſalswage zu leicht befunden worden. Verweht in leere Luft ſind die einen, vom Schauplatz zurückgetreten die andern. Niemals wird Oeſterreich wieder nach der Aufrichtung des alten deutſchen Reichs, nach der deutſchen Kaiſerkrone der Habsburger ſtreben und ringen; jüngern Kräften muß es dieſe Aufgabe überlaſſen, wenn nicht gar, wie ſich Egbert jetzt oft in ſchwermüthigen Anwandlungen ſagt, das Ende Deutſch⸗ lands herangenaht iſt. Nur dem Namen nach führt —— der Graf Stadion noch das Steuerruder des Reichs; die eigentliche Leitung der Geſchäfte iſt dem Grafen Clemens Metternich überlaſſen. Friedfertig und ruhe⸗ liebend von Natur und Gewohnheit, will der nichts von den abenteuerlichen, aber hochherzigen Plänen, von dem heroiſchen Schwunge ſeines Vorgängers wiſſen Er iſt kein Napoleonshaſſer. Im„Bunde mit dem Mächtigen ſieht er einzig und allein die Zukunft, die Sicherheit und das Glück Oeſterreichs, Deutſchland iſt für ihn ein Name, eine geographiſche Bezeichnung, er hat kein Herz dafür. Wenn er ſich für etwas erwär⸗ men kann, ſo iſt es für ſeine eigene Größe und einen ausſchließlich öſterreichiſchen Staat. Der Jammer der Niederlage, die Vernichtung ſo glänzender Luftſchlöſſer, der Uebermuth der Feinde, die Noth des Allgemeinen wirkten hindernd und hem⸗ mend auf Egbert's Geneſung ein. Erſt in den Morgen⸗ ſtunden des dreiundzwanzigſten Mai hatte ihn Des⸗ ronais in dem Hauſe zu Hietzing der Pflege Magda⸗ lenens übergeben können. Schon ſchien ihn der Tod gezeichnet zu haben. Die übermenſchliche Anſtrengung der beiden Kampftage hatte noch gefährlicher als ſeine Wunden ſeine Geſundheit untergraben. Viele Wochen lag er auf der Grenze des Lebens in Fieber und Entkräftung. Die erfahrenſten Aerzte umſtanden 8* 4 116 ſein Bett, ohne Hoffnung und Troſt ſpenden zu können. Als endlich die Gewalt der Krankheit wenigſtens gebrochen war, als ſie ſich in ſich ſelbſt erſchöpft hatte, brachten die traurigen Kunden von dem Abſchluß des Waffenſtillſtandes und dem Beginn der Friedensver⸗ handlungen die kaum eingetretene Geneſung Egbert's wieder zum Rückgang. Die tiefe Schwermuth der Seele ließ den Körper nicht zur alten Kraft gedeihen. Zu ſtark und grauſam hatte das Geſchick in das zarte Gefüge dieſes Herzens gegriffen. Nicht auf die Dauer vermochte die zärtlichſte Liebe Magdalenens ſchmerzlich ſchreckliche Erinnerungen zu verſcheuchen. Zu den Bildern der Vergangenheit geſellten ſich trübe Vorſtellungen der Zukunft. Was von dem öſterreichiſchen Heere herüberdrang, lautete troſtlos. Seine Widerſtandskraft war gebrochen; an⸗ ſteckende Krankheiten rafften es in den Ebenen Ungarns hin. Das Schlimmſte von Allem: Graf Ulrich Wolfs⸗ egg galt ſeit der Schlacht bei Wagram für einen Ver⸗ ſchollenen. Die Einen behaupteten, ihn als Leiche ge⸗ ſehen zu haben, die Andern wollten wiſſen, daß er in die Hände der Franzoſen gerathen und nach einer Feſtung im Innern Frankreichs abgeführt worden ſei. Von einem ſo wichtigen Gefangenen hatte man 417 indeſſen im franzöſiſchen Hauptquartier nicht die ge⸗ ringſte Kenntniß. Egbert erfuhr es durch die Adju⸗ tanten Berthier's. Dieſer hatte des jungen Haupt⸗ manns nicht vergeſſen und wiederholt während ſeiner Krankheit Erkundigung über ſeinen Zuſtand einziehen laſſen; eine Rückſicht, welche auf das Benehmen der wechſelnden Einquartierung im Hauſe den günſtigſten Einfluß übte. So hatte denn dieſer unerbittliche Krieg nicht nur den liebſten Jugendfreund, ſondern auch den würdig⸗ ſten und großherzigſten Mann, ſeinen Führer auf dem Lebenswege, als Opfer gefordert, einen Mann, den er vielleicht dereinſt noch mit zärtlicherem Namen ge⸗ nannt hätte! Magdalenens Vater— welche unſelige Offenbarung ſtand dem vielgeprüften Mädchen noch bevor, wenn ſie erfuhr— und ſie mußte es doch ein⸗ mal erfahren!— wie nahe ihr der geweſen, in dem ſie bisher nur einen ihr entriſſenen Freund und Be⸗ ſchützer beweint hatte. Die Erinnerungen wie die Ahnungen färbten die Gegenwart doppelt trübe. An einen Wiedereintritt Egbert's in das Heer war nicht zu denken. Wenn auch Berthier ſeine Aus⸗ lieferung auf der Stelle bewirkt haben würde, ſo wider⸗ ſetzten ſich doch die Aerzte einer ſolchen That. Nur 118 zu bald, auf kurzen Spaziergängen, überzeugte ſich Egbert ſelbſt, wie wenig ſeine Kraft noch den Beſchwer⸗ den und der Mühſal des Lagerlebens gewachſen ſei. Von allen Seiten vernahm er, daß die Männer, welche eine Neugeſtaltung Oeſterreichs in dem unfreien Geiſte der erſten Jahre des Kaiſers Franz herbeiführen woll⸗ ten, mit der Auflöſung der Landwehren, mit der Ent⸗ laſſung der Freiwilligen und der fremden, in das Heer eingetretenen Offiziere ihr Werk des Unheils be⸗ ginnen würden. Anſtatt die Waffe eines Volksheeres, die ihnen einen ſo wunderbaren Glanz verſchafft hat, auszubilden, ſo ſpottete Desronais, zerbrechen ſie die⸗ ſelbe eiligſt wieder. Siegen möchten die Könige wohl, aber nicht mit dem Schwerte der Revolution, und ohne dieſes, ohne ein Volk in Waffen wird keine Schlacht mehr gewonnen werden. Sie ſaßen zuſammen auf der halbrunden Stein⸗ bank unter den alten Linden, dem ſchönſten Schmuck des großen Gartens, der ſich hinter dem Hauſe bis zu der dunkel bewaldeten Berglehne des kaiſerlichen Thier⸗ gartens ausdehnte. Hier war auch Hugo die letzte Ruheſtätte bereitet worden. Ein Marmorſtein, der in ſchwarzen Buch⸗ ſtaben ſeinen Namen und den Tag und den Ort ſeines heldenmüthigen Todes anzeigte, zierte das Grab. Schon 119 fing der Epheu es mit ſeinen immergrünen zärtlichen Ranken zu umſpinnen an. Vergebens ſuchte Magdalene den Freund von einer Stelle wegzulocken, die ſeine Melancholie mit ſüßen Schmerzen nährte, ſtets kehrte Egbert hierher zurück; ihm war es, als ruhe nicht allein der Freund, ſondern ſeine eigene Jugend und der Ruhm ſeines Vaterlandes unter dieſem Stein. Die Unthätigkeit, zu der er ſich verdammt ſah— denn was hätte er bei der Nähe und dem Druck des Feindes unternehmen ſollen?— ließ keine friſche Ge⸗ dankenſtrömung in ihm aufkommen. Selbſt das wohlige Gefühl der Geneſung trug ihn nicht über Verſtimmung, Enttäuſchung und Lebensüberdruß empor. Aermlich erſchienen im Vergleich mit den Gütern, die er ver⸗ loren, die Schätze, die ihm noch geblieben. Er wider⸗ ſprach Magdalenen nicht, wenn ſie gefaßten Sinnes von der Nothwendigkeit neuer Arbeit, neuen Schaffens redete und ihm ein Bild ſegensreicher Wirkſamkeit auch im beſchränkten Kreiſe entwarf, aber er glaubte nicht daran. Eine neue Fata Morgana, dachte er, wie der Sieg von Aspern eine geweſen iſt. „Wozu auch ein Heer“, ſagte er jetzt auf Des⸗ ronais' Bemerkung und malte mit ſeinem Stock Figuren 120 in den Sand,„da wir doch nicht mehr kämpfen wol⸗ len? Unumſchränkt herrſcht Napoleon über das Feſt⸗ land von Europa, von den ſpaniſchen Bergen bis zur ruſſiſchen Grenze. Wir müſſen ſtill ſein und gehorchen. Wenn er das deutſche Volk auslöſchen will, können wir's hindern? „Arbeitet nur unverdroſſen weiter und eines Ta⸗ ges werdet Ihr mit ihm fertig werden. So leicht ſtirbt ein Volk nicht und die Revolution ebenſo wenig. Der Meinung, der ich vor zehn Jahren war, bin ich noch heute. Dieſer Mann iſt ein Tollhäusler, dem der Zufall und unſere eigene Dummheit die Waffen, die gottgeſchmiedeten, der franzöſiſchen Republik in die Hand geſpielt haben. Hat er dies Rüſtzeug abgenutzt, und es hat bei Aspern eine unheilbare Beule erhalten, wird die Welt ſtaunend erkennen, wie unbedeutend auf ſich allein geſtellt der Menſch war, vor dem ſie ſich ſo lange gefürchtet hat. Der Kothurn war groß, nicht der Spieler, der ihn anſchnallte. Dann wird, was jetzt nach dem Pantheon duftet, nach dem Narren⸗ hospital riechen. Haben Sie nur Geduld, Wertheſter. Unſer gemeinſchaftlicher Freund, der arme Bourdon, lehrt ſie uns.“ „Wie geht's ihm? Wiſſen Sie etwas Genaueres von ihm?“ . , 121 „Er ſitzt noch immer als Staatsgefangener im Thurm von Vincennes, ohne Urtheil, beinahe ohne Verhör. Wir, wir Männer aus dem Jahre 1793, haben unſer Möglichſtes gethan, ihm die Haft zu er⸗ leichtern. Der da in Schönbrunn glaubt, die Jako⸗ biner beſiegt und ausgerottet zu haben. Daſſelbe denkt er von den Preußen und den Spaniern. Er denkt es, weil er es will und ſeinen Willen für allmächtig hält. Schwer genug wird er dieſe Narrheit büßen. In Frankreich iſt der Geiſt von 1793 unſterblich, ja, in einem Menſchenalter ſchon wird er ſeine Auferſtehung feiern. Darauf wartet Bourdon und ſtudirt inzwiſchen an Katzen den thieriſchen Magnetismus. Uebrigens hat ſeine Gefangenſchaft die längſte Zeit gedauert. Nach dem Abſchluß des Friedens wird ihn der Kaiſer freilaſſen.“ „Aber der Abſchluß dieſes Friedens, der uns ſchon ſo oft verheißen wurde, verzögert ſich von Woche zu Woche.“ „Sie möchten uns los ſein?“ lachte Desronais. „Ich kann es Ihnen nicht verdenken und auch ich bin der Bewachung der guten Wiener herzlich überdrüſſig. Es iſt nicht angenehm für einen Mann der Freiheit und Gleichheit, wie ich einer bin, Leute verhaften und beſtrafen zu müſſen, deren ganzes Verbrechen darin beſteht, ihr Vaterland zu lieben und ſeine Unterdrücker zu haſſen. Selbſt der Kaiſer fühlt ſich nicht behaglich inmitten dieſer ſchweigenden Unzufriedenheit, die ſich in tauſend kleinen Zügen kundthut. Aber es muß irgend einen geheimen Punkt in den Tractaten geben, den er durchſetzen will und den die Oeſterreicher ihm wei⸗ gern.“ „Beſchäftigen Sie ſich auch mit dieſen diploma⸗ tiſchen Irrungen?“ „Ein wenig. Ich bin hierher berufen worden, für ſeine Sicherheit zu ſorgen. Daneben beobachte ich ihn.“ 1 „Im höhern Auftrage?“ verſuchte Egbert zu ſcherzen. Desronais ſah ihn von der Seite mit halb zuge⸗ kniffenen Augen an. „Warum nicht? Im Auftrage des Geiſtes der Jakobiner, oder als freiwilliger unbeſoldeter Irrenarzt. Ich laſſe Ihnen die Wahl. Dieſer Mann brütet über einem Plan, und ich möchte im voraus etwas davon wiſſen, um nicht von der Thatſache überraſcht zu werden.“ „Sollte er uns noch tiefer demüthigen wollen? Den Kaiſer Franz ſeines Throns berauben?“ „Poſſen! Das ſind die großen Worte, mit denen er um ſich wirft, um ſeine wahren Abſichten zu ver⸗ 1 123 bergen und die Hörer ins Bockshorn zu jagen. Und nicht einmal Original! Schlechte Nachahmung Danton's! Nein, diesmal gräbt er nach einer andern Richtung. Was meinen Sie, wenn er an eine öſterreichiſche Heirath dächte?“ Ein Adjutant Berthier's unterbrach das Geſpräch bei dieſer Stelle. Der Generalmajor der franzöſiſchen Armee ließ den Hauptmann Heimwald von der Wiener Landwehr auffordern, morgen bei der Parade in Schönbrunn ſich einzufinden. „Ah“, ſagte Desronais, nachdem ſich der Offizier wieder entfernt,„wir packen alſo doch die Koffer. Zur Heimkehr nach dem ſchönen Frankreich. Er wird mit Ihnen noch eine Großmuthsſcene aufführen und ſich wegen der Ueberfahrt von der Lobau bedanken. Wenn ich und ein halbes Dutzend entſchloſſener Männer in jenem Nachen geweſen, Franzoſen natürlich und keine Deutſchen, die auch vor einem Uſurpator Reſpekt haben, wer kann ausdenken, was dann geſchehen wäre? Aber daß ich nicht dabei war, nicht auf jener Inſel war, wo auch einer ſchießen wollte, aber nicht ſchoß, das eben iſt ja Cäſar's Glück. Indeſſen für Sie war es ohne Zweifel ein günſtiger Zufall— ah, da erſcheint die wohlthätige Hausfee, Demoiſelle Armhart. Meinen 124 allerſchönſten Gruß und die Bitte, mir nicht zu zürnen, wenn ich Ihnen Herrn Heimwald zu einem kurzen Spaziergang entführe.“ Mit Freuden gab Magdalene ihre Zuſtimmung. Der Verkehr mit dem welterfahrenen muntern Franzoſen mußte Egbert's Trübſinn zerſtreuen helfen und in der Einſamkeit des Landaufenthalts ihm mannichfache Anregung bieten. Egbert ergriff Hut und Stock. Auf einem Waldſtege ſchritten ſie oberhalb des Gartens dahin. Magdalene konnte ihnen mit einem Tuche nachwinken, als ſich Egbert noch einmal von der Höhe nach ihr umwendete. Um ſie flimmerte der matte Goldglanz des herbſtlichen Nachmittagsſonnen⸗ ſcheins. „Sie wollen mir noch mehr ſagen, Herr Desronais“, hob Egbert nach einer Weile an, in der ſie ſchweigend neben einander hergegangen waren. „Ja! Und Dinge, die nicht gut in Frauenohren klingen. In Ihrem Garten nun ſchon gar nicht. Alſo kurz: der Zufall, der Sie am Tage von Aspern mit dem Kaiſer zuſammengeführt, hat Sie und Ihr Haus vor einem großen Ungluck bewahrt. Vittorio Zam⸗ 4 belli—“ „Lebt er noch? Da Sie nie von ihm geſprochen —— 125 haben, glaubte ich beinahe, er wäre bei Wagram mit ſo vielen beſſern Männern gefallen.“ „Sie reden mit einem Ton der Entſagung, als wären Sie ſchon ein ſeliger Geiſt. Muth, mein Freund! Ich hoffe, Sie wehren ſich Ihrer Haut. Leben heißt kämpfen und Abſchied nehmen. Muß ich das einem philoſophiſchen Deutſchen ſagen? Der Ritter ſinnt Ihnen Uebles und jetzt mehr als je, wo die Gunſt des Kaiſers ihm ſeine kühnſten Träume verwirklicht. Nach dem Frieden wird es Belohnungen regnen. Man ſpricht von bedeutenden Gütern in der Lombardei und von dem Titel eines Marcheſe, die der Ritter erhalten würde.“ „Um welchen Preis!“ „Eben den Preis, den er gezahlt hat, will er ver⸗ geſſen machen. Verſtehen Sie? Er will auf ſeinem neuen Titel keinen Flecken ſehen und möchte die Er⸗ innerung an ein gewiſſes Ereigniß austilgen. Benjamin Bourdon ſitzt im Gefängniß, der Graf Wolfsegg iſt verſchollen, der Dritte ſind Sie.“ „Und von ſich ſelbſt wollen Sie abſehen, Herr Desronais, und ſind doch, wenn mich nicht Alles täuſcht, der gefährlichſte Mitwiſſer?“ „Das iſt der Fehler in der Rechnung des Ritters. Sie können es übrigens bei jedem großen Verbrecher 126 bemerken. Alles bedenkt, erwägt, berückſichtigt er, einen Punkt überſieht er. Und regelmäßig iſt dies das Loch im Faſſe, aus dem der Wein läuft. Von meinem Daſein hat der Ritter keine Ahnung, und doch bin ich hinter ihm her wie ſein Schatten. So hab' ich denn bald erkundet, daß er Ihr Haus umſchleicht, und nicht aus Freundſchaft. Was er unter andern Umſtänden gewagt hätte? Ich weiß es nicht. Aber wie viele Schandthaten, ein Mord, ein Brand, laſſen ſich auf die Wildheit einer trunkenen Soldateska ſchie⸗ ben! Da hat Sie nun die Freundſchaft des Kaiſers geſchützt. Gegen einen Mann, der den Kaiſer über die Donau gefahren, darf man ſich nicht das Aeußerſte erlauben. Man kann ihn nicht verſchwinden laſſen, ohne daß eine Nachfrage geſchieht.“ „Sie übertreiben, Herr Desronais.“ „Meine Uebertreibung iſt ohne Koſten und ohne Schaden für Sie. Ich rede auch nicht von der Ver⸗ gangenheit, ich möchte Ihren Blick auf die Zukunft lenken. Wenn der Kaiſer Schönbrunn verläßt, wird es hier einen Tag ohne Regierung und Polizei geben. Und dieſe beiden ſind für die Geſellſchaft daſſelbe, was für die Natur die Sonne iſt. Dann aufgepaßt! Dann ſeien Sie der Soldat von geſtern und nicht der Träu⸗ mer von heute. In das Reich der Schatten werden wir immer noch früh genug ſpedirt. Das Hinauf und Hinunter des Lebens— ſolange man noch zu eſſen und zu trinken hat, nehmt die Poſſe doch nicht gar ſo ſchwer!“ Sie waren auf dem ſchmalen Pfade, der nur ihnen beiden erlaubte, neben einander zu gehen, unter einem Baume ſtehen geblieben, um einen jungen Mann, der ihnen entgegenkam, vorüber zu laſſen. Die Sonne beſchien den Wanderer. Er gefiel ſich darin, das welke Laub unter ſeinen Schritten raſcheln zu laſſen, als wäre es eine eigenthümliche Muſik für ſein Ohr. Bei dem Nahen der beiden Männer fuhr er zuſammen, mißmuthig, in ſeinem melancholiſchen Vergnügen geſtört zu werden. „Das iſt auch ein Träumer“, flüſterte Egbert Desronais zu.„Was wollen Sie? Es iſt deutſche Art.“ Unter dem Militärhut, an dem ſtatt der Cocarde nur eine Stahlſchnalle befeſtigt war, ſiel dem Jüng⸗ ling langes blondes Haar auf den ſteifen hochſtehenden Kragen ſeines blauen Ueberrocks. Er trug Stulp⸗ ſtiefel und hatte einen weiten Marſch gemacht. Des⸗ ronais fſiel eine gewiſſe linkiſche Haltung an dem Frem⸗ den auf. Er bemühte ſich ſichtlich, ein ſoldatiſches Weſen zu zeigen und in Gang und Bewegung den jungen Offizieren nachzuahmen. Es konnte aus ver⸗ ——/OñOñOñZñãBaõ——O— 128 zeihlicher Eitelkeit in einer Zeit geſchehen, wo das bürgerliche Kleid ſich überall durch den Waffenrock zurückgedrängt ſah. Egbert's freundliches und noch immer etwas lei⸗ dendes Geſicht mochte dem jugendlichen Wanderer Vertrauen einflößen. Offenbar war er ſeines Weges nicht ganz ſicher. Er grüßte und fragte mit einer ſanften Stimme, an der Egbert ſogleich den Nord⸗ deutſchen erkannte— klang ſie ihm doch wie die Stimme des verblichenen Freundes—: „Die Herren wollen mich entſchuldigen, iſt dies ein Weg nach Schönbrunn?“ „Ja. Gehen Sie ihn nur grade fort bis zu einem Kreuz und dort bergab, ſo kommen Sie unmittelbar auf die große Straße.“ „Ich bin bei dem ſchönen Wetter heute früh von Wien aufgebrochen und in die Berge gegangen und will nun über Schönbrunn zurück“, erzählte der Fremde weiter.„Aber es iſt nun doch ſchon zu ſpät geworden, den Garten zu beſehen.“ „Holen Sie es morgen nach. Da hält überdies der Kaiſer Napoleon eine Parade im Schloßhofe ab und Sie haben ein zwiefaches Schauſpiel.“ „Das wäre! Aber es wird ſchwer anzukommen ſein. Den Kaiſer ſähe ich freilich gern einmal in der Nähe.“ 129 Ihm hatte bei dieſen Worten die Stimme in ſeltſamer Bewegung gezittert. Desronais, der ſeitwärts mit dem Rücken an einen Baum gelehnt ſtand und an dem Geſpräch, da es in deutſcher Sprache geführt wurde, nicht Theil ge⸗ nommen hatte, muſterte ihn angelegentlich. Der Fremde hatte ein hübſches Geſicht, ſo zart wie das eines Mäd⸗ chens, und eine ſchlanke Geſtalt; er konnte das zwan⸗ zigſte Jahr noch nicht erreicht haben. Die Worte „Schönbrunn— Napoleon“ waren von Desronais ver⸗ ſtanden worden. Plötzlich fragte er den Wanderer in franzöſiſcher Sprache:. „Sie ſind nicht aus Wien gebürtig?“ „Nein, ich komme aus Thüringen, ich habe Ver⸗ wandte in Wien“, entgegnete dieſer in leidlich rich⸗ tigem Franzöſiſch. „Aus Thüringen? Aus welcher Stadt?“ „Aus Erfurt.“ „So weit daher?“ „Die Wanderluſt hat mich nach Süden getrieben.“ Desronais machte ein ungläubiges Geſicht, aber er mochte nicht mehr fragen. Für ihn war das Ge⸗ heimniß des jungen Menſchen enthüllt. „Auch ein deutſcher Student“, dachte er,„der bei Frenzel, Lucifer. IV. 9 S —— — 130 dem Gerücht der Schlacht von Aspern ſeinen Büchern Valet geſagt hat und zum großen Kampf gegen den Tyrannen aufgebrochen iſt. Zu ſeinem Unglück iſt er zu ſpät gekommen und muß nun die Rückreiſe zu ſei⸗ nen Erziehern antreten. Aus Furcht vor der Strafe und aus Scham zögert er.“ Indeſſen war der Fremde mit Egbert voraufge⸗ ſchritten, Desronais ging hinter ihnen her. „Ich gehe Ihnen wohl zu ſchnell, mein Herr?“ ſagte der Wanderer, als er bemerkte, daß Egbert einen Augenblick innehielt.„Vergeben Sie mir, Sie ſind lei⸗ dend, und es iſt ſehr freundlich von Ihnen, daß Sie mich auf den richtigen Weg bringen wollen.“ „Mein Arzt würde böſe ſein, wenn ich mit Ihnen Schritt hielte. Ich bin erſt ſeit kurzem von meinen Wunden geneſen.“ „Von Ihren Wunden? Sie waren in den fürch⸗ terlichen Schlachten an der Donau?“ „Ich war bei Aspern.“ „Sie Glücklicher! Ich wollte, ich wäre dabeigeweſen. 4 „Sie ſind noch ſo jung, Sie können noch manche Schlacht erleben; aber reden Sie nicht von Glück und Krieg in einem Athem.“ „Und doch muß es etwas Großes ſein, d den Tod zu geben und dem Tode zu trotzen!“ 1341 „Das Erſte bleibt immer eine harte Nothwendig⸗ keit. Sie würden es empfinden, wenn Sie den tödt⸗ lichen Streich nach dem Haupte eines Gegners führen ſollten.“ „O hätt' ich nur einen Stahl in der Hand und den Feind vor mir!“ Ein wildes Feuer blitzte in ſeinen Augen auf und gab ſeinen an ſich ſo ſanften Geſichtszügen einen un⸗ heimlichen Ausdruck. Schweigend ſchritten ſie weiter his zu einem klei⸗ nen Kreuz, wo ein Fußſteig ſich den Hügel abwärts zu der Dorfſtraße von Hietzing ſchlängelte. „Iſt es Ihnen angenehm“, ſagte Egbert, als der Fremde ſich zum Abſchied anſchickte,„ſo treten Sie eine Weile bei mir ein und raſten. Dort liegt mein Haus. Es iſt kein Umweg für Sie, denn es ſtößt hart an das Dorf.“ „Ich danke Ihnen, Sie ſind freundlich und gütig. Aber ich muß vor Abend in Wien ſein. Vielleicht würden Sie auch morgen ſchon den Tag verfluchen, an dem Sie mir Gaſtfreundſchaft gewährt. Wehe dem Hauſe, in das ich trete!“ Ehe Egbert auf dieſe ſeltſame Rede eine Antwort gefunden, war er, den Hut grüßend erhoben, leichtfüßig den Abhang hinuntergeeeilt. 9* 1 D 4 1 1 a “ „Ein wunderlicher Kauz“, ſagte Desronais, neben Egbert ſtehen bleibend.„Was hat er zu Ihnen geſagt? Er war wie verrückt.“ „Er ſchwärmte für das Glück, an einer Schlacht Theil nehmen zu können. Wahrſcheinlich kommt er ohne Uebergang von Homer und Plutarch in unſere trau⸗ rige Wirklichkeit. Mich ängſtigte ſein phantaſtiſches Weſen.“ „Ich hatte alſo Recht; einer, der zu ſpät gekom⸗ men. Aber er lernt beizeiten ſich an die Bilder des großen Kriegs gewöhnen und wird vielleicht dereinſt ein deutſcher Held.“ „Er ſieht eher wie ein Märtyrer aus.“ Desronais lachte. „Heute ſtecken Sie halstief in der elegiſchen Stim⸗ mung. Wie viel des Schönen läßt ſich nicht zum Lobe des Friedens ſagen! Es lebe Pan und die Idylle! Mich ſelbſt erfüllt der Anblick Ihres freundlichen Hau⸗ ſes und Gartens da unten im Abendſonnenſchein mit allerlei ſentimentalen Gedanken von Familienglück, vom Feuer auf dem eigenen Herde und allumfaſſender Menſchenliebe. Aber, mein lieber Freund, wie lange würden wir uns an dem Schimmer dieſer Seifen⸗ blaſe ergötzen? Wie wird ſich Europa nach den jetzigen Stürmen zurückſehnen, wenn es in nicht ferner 133 Zukunft, ein bezwungener Hercules, jahraus jahrein in dumpfer Ruhe Wolle ſpinnen muß! Der Krieg iſt die unerfreuliche, aber die ewige Aufgabe des Menſchen⸗ geſchlechts. Und auch Sie ſollten den Degen noch nicht an die Wand hängen, ſondern immer an der Seite haben. Zunächſt gegen den einen. Ich habe ihn öfter, wie geſagt, in der Nähe Ihres Hauſes getroffen; er muß ein Einverſtändniß darin haben. Augen auf! Solange der Kaiſer in Schönbrunn iſt, wird er nichts wagen.“ „Und ſolange Monſieur Desronais meinen Schutz⸗ geiſt ſpielt“, drückte ihm Egbert die Hand. „Schutzgeiſt?“ blinzelte der Polizeimann.„Warum nicht? Die Kirche und die Hölle hatten die alten Göt⸗ ter und das alte Fatum abgeſetzt; die Politik und die Polizei haben ihrerſeits die Kirche und die Hölle be⸗ ſeitigt. In dieſem Sinne verdient Ihr unwürdiger Freund allerdings den Namen eines Genius. Ich ſcheide hier. Guten Abend! Grüßen Sie die ſchöne und gute Demoiſelle Armhart. Dabei beſchleicht mich eine Gänſehaut. Wenn man ſeiner Pariſer Geliebten ſo ſicher ſein könnte! Entſinnen Sie ſich noch der ſchelmiſchen Zephyrine? Hole der Teufel bald ſeinen Mann! Ich wollte, ich wäre zu Hauſe!“ Während er bergunter ſchritt und Egbert, über ſeine Warnung nachdenkend, den Weg am Waldſaum langſam verfolgte, ſaßen auf einer Bank an dem großen Waſſerbecken im Garten zu Schönbrunn zwei franzö⸗ ſiſche Offiziere im eifrigſten Geſpräch über die Bewoh⸗ ner des grauen Hauſes in Hietzing. Erſt jetzt hatte die Laune des Zufalls, nachdem der Krieg ſie nach entgegengeſetzten Richtungen ent⸗ fernt, den Ritter Zambelli und Armand Loyſel wieder zuſammengeführt; Armand leichtſinnig, prahleriſch, auf verliebte Abenteuer ausgehend wie immer, Vittorio voll tief verſteckter Pläne.. Beinahe ſchien der Ritter das Ziel ſeiner Wünſche erreicht zu haben. Im hohen Grade beſaß er die per⸗ ſönliche Gunſt des Kaiſers, der ihn wie einen italieni⸗ ſchen Landsmann betrachtete. Hatte er Napoleon ſeine erſten Dienſte im Dunkeln geleiſtet, ſo brauchte, was er auf dem Schlachtfelde von Wagram gethan, das Tageslicht und die Stimme des Gerüchts nicht zu ſcheuen. Mit augenſcheinlicher Lebensgefahr hatte er wenige Tage vor der Schlacht dieſe Gegend des March⸗ feldes und die Stellung der Oeſterreicher erkundet. Seine Berichte hatten den weſentlichſten Einfluß auf den Plan des Kaiſers geübt. Als er dem Marſchall Davouſt mitten im heftigſten Kugelregen die letzten Befehle Napoleon's zum Sturm auf Wagram über⸗ brachte, hatten ſeine Kaltblütigkeit und Geiſtesgegen⸗ wart den Beifall ſelbſt ſeiner Feinde erzwungen. Richtig hatte Desronais Vittorio's Glück, Lage und Abſichten geſchätzt. Die Güter, die er im Namen ſeiner Familie beanſpruchte, ein vornehmer Titel konn⸗ ten ihm nach dem Friedensſchluſſe als Belohnung ſeiner Treue und ſeiner Verdienſte nicht entgehen. Aber hinter ihm erhob ſich das Geſpenſt ſeiner Vergangenheit. Schon der raſche Aufſchwung ſeines Glücks hätte dem Neide genügt, denſelben geheimen und unlautern Mitteln zuzuſchreiben. Auch an den Unbeſcholtenſten würde ſich unter ähnlichen Umſtänden die Verleumdung geheftet haben. Wie viel mehr an Vittorio, der die Neugierde, die Forſchung, den Verdacht herauszufordern ſchien! Zu lange hatte er ſich in das Geheimniß hüllen und ein wunderliches Weſen annehmen müſſen, um nicht endlich dieſem Banne wider ſeinen Willen zu verfallen. Was anfangs nur Maske geweſen, war allmälig zum bleibenden Ausdruck ſeines Geſichts geworden. Von Desronais wußte der Ritter freilich nichts; dieſen Höllenkreis der Polizei, der Schreiber, der kleinen Diebe und der Strolche ſah er tief unter ſich liegen; aber Andere, die Hofleute, die Kriegsmänner in der Umgebung des Kaiſers durchforſchten ſchelſüchtig das V — —— —— 136 Leben des neuen Emporkömmlings. Sie, die Kinder der Revolution, brüſteten ſich ſchon in dem Hochmuth und den Vorurtheilen eines alten Adels; mit Verachtung und Mißgunſt ſchauten ſie auf die nachſtrebende Jugend. herab. Vittorio war zu klug, um die Schlüpfrigkeit des Bodens nicht zu fürchten, auf dem er wandelte, zu kalt, um das Verbrechen ſeiner Vergangenheit ſchein⸗ heilig wegzudeuteln. Es mußte geſchehen; es war der kühne Wurf, der ihm die Pforte des Glückes öffnete. Es iſt doch, als ob eine Blutthat einen magiſchen Ein⸗ fluß auf die unſichtbaren Mächte übte. Gerade iſt ein Jahr vorübergegangen, ſeit Jean Bourdon, wartend, daß ſein Wagen wiederhergeſtellt würde, vor der Rabenmühle ſaß. In einer ſchlafloſen Nacht hatte ſich Vittorio die kleinſten Vorfälle jenes Tages wieder in das Gedächtniß zurückgerufen. Von dem General Andréoſſy in Wien, von Fouché in Paris war er aufgefordert worden, einen Franzoſen, Jean Bourdon, zu beobachten, der von Nancy aus ſich nach Gmunden zum Grafen Wolfsegg begeben habe; wenn möglich, ſolle er ſich in den Beſitz der Papiere zu ſetzen ſuchen, die jener etwa bei ſich führe. Der Graf Wolfsegg, die Gondreville, die ganze Geſellſchaft des vornehmen Hauſes, die Pläne, die ſie ſpinnt, die Verſchwörungen, die ſie anzettelt, ſind dem Ritter längſt 137 bekannt; wiederholt hat er in ſeinen Briefen an Fouché darauf hingewieſen. Er eilt nach Gmunden, er wird der Gaſt des Grafen auf dem Schloſſe Seeburg. In aller Heimlich⸗ keit, wie er erfährt, rüſtet ſich Jean Bourdon zur Ab⸗ reiſe. Sogleich entſchließt er ſich, ihn anzuhalten und zur Herausgabe ſeiner Papiere zu zwingen. Während er von Gmunden aus in der Frühe den Wagenſpuren Bourdon's folgt, iſt ihm nicht ein einziges Mal der Ge⸗ danke durch den Sinn gefahren, daß dies Abenteuer mit einem Morde enden würde. Sein Pferd am Zügel führend, geht er mit Bourdon von der Muhle in den Wald. Ein Wort hat genügt, den ſonſt ſo vorſichtigen Mann ſeiner Ruhe und Beſinnung zu berauben. „Jean Bourdon“, hat ihm Vittorio zugerufen,„in Paris iſt Ihr Sohn wegen einer Verſchwörung wider den Kaiſer verhaftet worden, und Sie ſind ſein Mörder!“ Eine Leichenbläſſe überzieht Bourdon's Geſicht; willig, ſeiner ſelbſt nicht mehr mächtig, folgt er dem Verſucher, der ihn mit liſtigem Geſpräch, bald ſeine Furcht, bald ſeine Hoffnung erweckend, immer weiter von jeder menſch⸗ lichen Wohnung ab auf die öde Hochfläche lockt. Dort fordert Vittorio dem Beſtürzten und Verwirrten ſeine 138 Papiere ab, damit würde er die Rettung ſeines Sohnes erkaufen. Aber Bourdon iſt ſeinerſeits mißtrauiſch geworden und ahnt die Falle, in die er gerathen. Er ſucht das Weite zu gewinnen und ruft nach Hülfe. Die Reitpeitſche, die Vittorio gegen ihn erhebt, ſchlägt er ihm aus der Hand. Da wiehert das Pferd. Sollten Menſchen in der Nähe ſein? Verzweifelnd ſieht Vittorio ſein Spiel verloren. Nur ein Mittel gibt es noch: ein Schuß, ein Knall, der einen lang nachhallenden Widerhall weckt. Auch ein Echo der Jagd, die zur ſelben Stunde der Graf Wolfsegg mit luſtigen Geſellen hält. Niedergeſtreckt liegt Jean Bourdon, röchelnd, im Sterben. Haſtig durchſtöbert Vittorio die Taſchen des Gemordeten, findet die Briefe, die er ſucht, greift ſeine Peitſche vom Boden auf, löſt ſein Pferd von dem Aſt der verkrüppelten Eiche. Aus dem Dickicht ſtarrt ihn ein entſetztes Ge⸗ ſicht an, das Geſicht eines Kindes, eines halbwüchſigen Mädchens. Iſt das jenes Auge Gottes, das auf allen menſch⸗ lichen Thaten weilt? Vittorio iſt kein Mann der Reue und der Nach⸗ gedanken. Mit ſeinem mächtigſten Blick ſieht er das Kind an, das furchtſam und zuckend zuſammenfährt. Auf das Pferd geſchwungen, jagt er davon, die ein⸗ 139 ſamſte Straße wählend, nach Lambach zu, wo er einen nach Paris gehenden Kurier trifft. Ihm übergibt er⸗ ſie in einen Umſchlag hüllend, mit der Adreſſe Fouché's einen Theil der geraubten Papiere; die Durchſicht der an⸗ dern behält er ſich vor. Das war die That. Wie ein Bild im Spiegel, ſo deutlich und klar ſtand ſie jetzt wieder vor Vittorio's Seele. „Und ich würde ſie heute wieder vollführen“, ſagte er mit unbeugſamer Starrheit,„wenn es nöthig wäre.“ Aber er fühlte, daß ſie in ihrer nackten Blöße nie vor den Andern erſcheinen dürfte. Was man ſich über ihn in das Ohr raunte, war ihm gleichgültig, ſo⸗ lange keine offene Anklage, kein unwiderleglicher Beweis gegen ihn vorlag. Stolz und kühn ſtieg der Bau ſeiner Größe empor, allein der Grundſtein, der Alles trug, war nicht feſt. Nacheinander waren Benjamin Bourdon, Ulrich Wolfsegg verſtummt, nur zwei vermochten noch gegen ihn zu zeugen: die braune Chriſtel und der blonde Egbert. „Wie ich Ihnen ſage, Herr Oberſt“— die Schlachten auf dem Marchfelde haben Armand Loyſel die Rang⸗ erhöhung eingetragen—„wie ich Ihnen ſage“, beſchloß Vittorio eben eine längere Erzählung,„die Schöne, deren Kresen 140 Sie damals an jenem Feſtabend im Palais Royal erwähnten, eine Erwähnung, die Ihnen Madame Dechamps ſo übel nahm, lebt hier ganz in unſerer Nähe. Noch mehr, ich habe die Ehre, ſie zu kennen.“ „Das wäre!“ erwiderte Loyſel.„Sie muß ſehr ſchön geworden ſein, eine deutſche Schönheit! 1805 war ſie gerade dem Flügelkleide entwachſen.“ „Demoiſelle Armhart wird alle Ihre Erwartungen übertreffen; ſie iſt ebenſo klug wie ſchön.“ Armand Loyſel drehte ſelbſtgefällig die Spitzen ſeines blonden Bartes. „Einen Beſuch wird man ſich wohl geſtatten dür⸗ fen? Und Sie kennen das Haus? Das Fräulein? Merkwürdig, ich habe Sie niemals für einen Ritter der Damen gehalten.“ „Ich bin es auch nicht in Ihrem Sinne. Aber mir iſt der Beſitzer des Landhauſes, in dem das Fräu⸗ lein mit ihren Eltern—“ „Mit ihren Eltern? Pflegeeltern wollen Sie ſagen, Herr Ritter! Denn nach dem Lärm, den mir die verrückte Athenais machte— als ob ich ſchuld an der Gebrechlichkeit ihrer Tugend geweſen!“ „Nun wohl, mir iſt Herr Egbert Heimwald mehr als betannt. beinahe befreundet.“ „Heimwald? Lebt der junge Menſch noch?“ 141 „Er iſt ein ſtattlicher Mann geworden, Haupt⸗ mann in der öſterreichiſchen Armee.“ „Der Blitz! Dieſer gelehrte Duckmäuſer—“ „Ich muß Ihnen noch ein größeres Wunder be⸗ richten. Heimwald wurde bei Aspern gefangen und ſteht in hohem Anſehen bei dem Kaiſer.“ „Das iſt ja die verkehrte Welt! Sind die Deui⸗ ſchen in dieſem Jahre umgetauſcht worden? Land und Volk machen einen ganz andern Eindruck als in den Tagen von Auſterlitz. Damals empfing man uns mit offenen Armen. Männer und Frauen freuten ſich, daß wir ihre Soldaten beſiegt und den Hochmuth ihrer Edelleute gezüchtigt hatten. Man begrüßte uns als Befreier, man ſtaunte, wie billig, Frankreichs Ruhm und Herrlichkeit an. Keinem gebildeten wohlhabenden jungen Manne fiel es ein, den Soldatenrock anzuziehen. Jetzt drängt ſich Alles in die Armee. Wo wir vorüber⸗ ziehen, ballen die Männer die Fäuſte und die Frauen wenden die Augen weg. Ja, iſt die Sonne Frankreichs denn ſchwarz geworden? Stehen wir nicht mehr an der Spitze der Welt? Was hat der Kaiſer nur mit dieſem Heimwald vor?“ Vittorio zuckte die Achſeln. „Ich weiß nur, daß er mit ihm von der Lobau nach Ebersdorf über die Donau in jener traurigen 142 Nacht gefahren iſt. Uebrigens iſt Heimwald ein lie⸗ benswürdiger Mann, und ich fürchte, Sie haben an ihm von jeher bei der Demoiſelle Armhart einen ge⸗ fährlichen Nebenbuhler gehabt, Herr Oberſt.“ „Bah, Schülerliebe, Herr Ritter!“ meinte Armand, den Kopf aufwerfend. Er konnte keinen Zweifel an ſeiner Unwiderſtehlichkeit dulden.„Deutſche Liebe, wir kennen das, Herr Ritter. Wenn ein Franzoſe will, eine deutſche Frau ſagt ihm nicht nein! Und was jenen Herrn betrifft, wir beide ſtanden 1805 auf dem Sprunge, uns gegenſeitig die Hälſe zu brechen. Was damals verſäumt wurde, kann jetzt ausgeführt werden.“ „Bedenken Sie, die Gunſt des Kaiſers ſchützt ihn.“ „Was ſchiert mich der Kaiſer? Ich miſche mich nicht in ſeine Politik, er hat mir nichts in meinen Angelegenheiten vorzuſchreiben. Mit meiner Ehre und meinen Liebſchaften hat kein Kaiſer etwas zu ſchaffen.“ Er lachte hellauf. „Warum gleich das Aeußerſte bedenken? Vielleicht läßt ſich der gute deutſche Seladon in aller Harm⸗ loſigkeit betrügen. Sollte kein Tropfen von dem fröh⸗ lichen und hitzigen Blut ihrer Mutter in der Demoi⸗ ſelle Madeleine fließen? Gerade dem treueſten Liebhaber pflegen die Mädchen am liebſten einen Streich zu ſpielen. Klügere Leute als unſer Mann ſind gekrönt worden. Hat die Kleine eine Kunde von ihrer wahren Mutter?“ „Ich glaube kaum. Ihr Vater, Graf Ulrich Wolfsegg—“ „Richtig, den Namen hatte ich ganz vergeſſen!“ „Der Graf wird von den Armharts ſtrengſte Verſchwiegenheit in dieſem Punkte gefordert haben. Schon der Zukunft des Mädchens wegen. Ein Kind der Liebe hat in der deutſchen Geſellſchaft einen ſchwe⸗ ren Stand.“ „Welch veraltete Vorurtheile! Wie glücklich ſind wir Franzoſen dagegen! Wer nur Talent und Glück hat, der macht bei uns ſeinen Weg. Ich werde die Demoiſelle über ihre Geburt aufklären.“ „Sie wird Ihnen dankbar ſein. Aber bei meiner Freundſchaft zu Herrn Heimwald—“ „Werde ich in ſeinem Hauſe die Ehre haben, Sie nicht zu kennen“, ſcherzte Loyſel. Er ſah ſich ſchon als begünſtigten Liebhaber der ſchönen Magdalene an, und es war ihm erwünſcht, bei ſeiner Werbung durch keinen Zeugen geſtört zu werden. Mit dem Ausdruck überlegener Ruhe und Zufrie⸗ denheit ſah Vittorio ihn ſich entfernen. Seine Liſt war gelungen, er hatte Egbert einen neuen Feind erweckt. 144 Loyſel's Eitelkeit würde ſich durch eine Abweiſung Magdalenens nicht abſchrecken laſſen, er würde ſeine läſtigen Huldigungen fortſetzen und ſeine Heftigkeit endlich Egbert zum Zweikampf zwingen. Freilich war die Entſcheidung ungewiß, aber wie ſollte unter ſo drängenden eigenen Angelegenheiten Egbert auf Rache gegen den Mörder Jean Bourdon's ſinnen? Und wenn der Degen Loyſel's ſein Herz traf, nun, ſo konnte Vittorio den unglücklichen Freund beklagen und ſeine Vergangenheit mit der Scholle Erde, die er Egbert in die Gruft nachwarf, für immer begraben halten. Die Schatten fürchtete er nicht, nur die Lebendigen. Wie ſein Meiſter war er gewohnt, mit wägbaren Kräften allein zu rechnen und einzig der Gewalt zu vertrauen. Er hatte die Mittel Napoleon's in der Nähe ſtudirt. Nicht wie jener konnte er ſie gegen Völker und Kö⸗ nige anwenden, aber ſie bewährten ſich auch im engern Kreiſe. Der Traum ſeines Ehrgeizes erfüllte ſich; er ſah ſeine Gegner zum Schweigen verurtheilt, verſchollen, todt. Wenn er mit dem Kaiſer nach Paris zurück⸗ kehrte, im Glanz ſeiner neuen Würde, an Ehren und Gütern reich, konnte Antoinette ſeine Werbung ablehnen? Die düſtere Färbung ſeiner Liebe zu ihr war bei An⸗ toinettens Kälte und dem ehrſüchtigen Drang ſeiner 145 Seele nur noch tiefer geworden. Beinahe ein Gefühl des Haſſes, daß ſie ihn verſchmähte, der Wunſch, ihren Stolz zu demüthigen, miſchten ſich verworren in ſeine Leidenſchaft. Das war keine Neigung gleichgeſtimmter Herzen, keine Frühlingsſchwärmerei, ſondern eine grau⸗ ſame, tragiſche Liebe. Vittorio hoffte kaum Glück und Befriedigung in dem Beſitz Antoinettens zu finden, aber dieſe Verbin⸗ dung bildete für ihn einen Abſchluß, war ſo lange das Ziel ſeines Strebens geweſen, daß ſich allmälig die Faſern ſeines Seins, ſein Dichten und Trachten unlöslich damit verknüpft hatten. Eine arme Schön⸗ heit aus niedrigem Stande würde ihn nie gereizt ha⸗ ben, die reiche Tochter der Gondreville und der Wolfsegg blendete ihn, weil ihr Beſitz ſeinem Ehrgeiz eine weitere Bahn zu erſchließen ſchien und der ſicht⸗ barſte Beweis ſeiner Kühnheit, ſeiner Ausdauer und ſeines Erfolgs war. Trotz des Octoberabends wehte die Luft mit trä⸗ gem, ſchwülem Hauch; im Süden braute es in den Wolken, als wäre ein Wetter im Anzuge. Vittorio ſtand auf und ſchritt dem Schloſſe zu. „Das wird eine dunkle regneriſche Nacht“, dachte er, zum Himmel aufblickend,„eine Nacht, um mit der braunen Chriſtel zu enden.“ Frenzel, Lucifer. IV. 10 446 Der Gedanke war da, er hatte ihn nicht gerufen. Oefter hatte er das Mädchen geſehen. Sie ſtand auf der Schwelle des Hauſes, wenn er vorüberritt. Bei einer Muſterung der Soldaten im Schloßhofe traf ihn wohl plötzlich aus der Zuſchauermenge der Blick eines träumeriſchen Auges. In den Gängen des Gartens begegnete er ihr; in einem weiten Bogen ſchien ſie ihn zu umkreiſen. So nahe, daß ſie ihn hätte anreden können, hatte ſie ſich nie gewagt. Aber er hatte ſeit einigen Tagen dieſe Anknüpfung ſelbſt geſucht. Da, wo der Gartenzaun des Egbert'ſchen Hauſes ſich durch eine keine Thür nach dem Walde zu öffnete, unter dem Kaſtanienbaum, hatte er ſie getroffen; nicht zum Lie⸗ besgeſpräch, wie das bethörte Mädchen hoffen mochte, ſondern um ſie über die Bewohner des Hauſes auszu⸗ kundſchaften. Auch ohne Verabredung wußte Vittorio, daß er ſie heute an derſelben Stelle, ſeiner wartend, finden würde. 3 Während ſich ſo die Stürme darüber zuſammen⸗ zogen, lag das graue Haus mit dem rothen Ziegeldach im Frieden unter ſeinen Bäumen. Auf dem Firſt er⸗ glänzte der ſcheidende letzte Sonnenſtrahl, ehe er ſich in dem düſtern Gewölk verlor. Alles ging hier unter Egbert's verſtändiger Leitung ſeinen regelmäßigen ge⸗ ordneten Gang. Treulich ſtanden ihm die Hausgenoſſen zur Seite. In einem ſeitwärts, in der Nähe der Fel⸗ der gelegenen Wirthſchaftsgebäude wohnte der Ver⸗ walter. Hier war auch, mit dem Einzug der Franzoſen in Wien, der geheime Secretarius Armhart zur Freude der Seinen wieder wohlbehalten aufgetaucht. Er führte die Bücher und ſchrieb Briefe und Rechnungen. In jener Nacht, wo er in der Leidenſchaft des Spiels, in der Todesangſt der Vernichtung um ſchnöden Judas⸗ lohn die Depeſche Stadion's dem Ritter ausgeliefert, hatte ihn Hugo in dies Haus geführt und darin ver⸗ borgen. Dem Verwalter war leicht ein Märchen auf⸗ gebunden. 1 Egbert hatte am nächſten Tage Alles gebilligt und ſeinerſeits die nöthigen Vorſichtsmaßregeln ver⸗ ſtärkt. In den erſten Wochen nach ſeinem Abenteuer lebte der Secretarius einſam in einem Hinterſtübchen, eine alte halbtaube Magd wartete ſein. Zu andern Zeiten würde eine ſolche Geſchichte, das Verſchwinden eines Mannes an dieſem, ſein Erſcheinen an jenem Orte, ein langes Gerede, unaufhörliches Nachfragen hervorgerufen haben; unter den Vorbereitungen des Kriegs, in dem Drang und Schrecken, der das ganze Land erfüllte, wurde jedoch dieſer Vorfall kaum beachtet. 10* Viele Arbeiter hatten das Gut verlaſſen; um die Wirthſchaft weiter zu führen, waren neue Kräfte nöthig. Unter ihnen trat dann der Secretarius auf. Der Verwalter, der doppelt ſo viel als ſonſt im Hauſe und auf dem Felde zu thun hatte, überließ ihm nach Egbert's Anordnung das Schreibgeſchäft. Wohl war Armhart einigemal mit ſeiner Frau und Tochter in Egbert'’s Landhauſe geweſen, aber die Leute, die ihn damals geſehen, würden ihn ſchwerlich wiedererkannt haben, und diejenigen, die ihn erkannten, hatten andere Dinge zum Verwundern als ſeine Anweſenheit. Eine große Aenderung war mit dem Geheimſecretär vorge⸗ gangen; raſch und ſichtlich hatte er gealtert, ſein Haar war weiß geworden, ſeine früher ſo beweglichen, fröh⸗ lich unruhigen Züge trugen jetzt den Stempel der Mattigkeit, einer tiefen Niedergeſchlagenheit. Wenn er die koſtbare Doſe mit dem Bilde des Kaiſers Franz in die Hand nahm, ſchüttelte er zweifelnd und ungläu⸗ big den Kopf, als wäre er gar nicht mehr der echte Secretarius Armhart, der mit Thugut und Cobenzl gearbeitet, höchſtens nur noch das Geſpenſt deſſelben. Aus Mitleid hatten ſie ihm die Doſe in ſeinen Sarg gelegt und nun ſtolzirte er als Schatten mit der Ehren⸗ gabe des Lebendigen umher. Vor Karten und Wirths⸗ häuſern hatte er eine unüberwindliche Scheu. Er war 149 aus dem Zimmer gelaufen, als ihn einmal der Ver⸗ walter am Abend eines mühſeligen Tages zu einem unſchuldigen Spiel aufgefordert hatte. Seine wehmüthig grämliche Stimmung erhielt durch die Ankunft ſeiner Frau und Magdalenens noch einen ſtärkern Zuſatz von Scham und Reue. Anfangs wollte er ihnen nicht unter die Augen treten. Die Liebkoſungen Magdalenens, die ſich weinend an ſeinen Hals warf, wehrte er ab; in ſeiner Zerſtreutheit redete er ſie wiederholt„Gnädiges Fräulein!“ an, ſodaß ſie erſchrocken an eine Verſtörung des Vaters glaubte. Hier ſchaffte nun die Mutter Rath und Hülfe; ſie brachte ihren„Alten“ allmälig wieder in ein gewiſſes Gleichgewicht, aber es war das Gleichgewicht der Schwäche und des kleinlauten Gemüths. Die Feder, die ihn früher emporgeſchnellt, war auf immer gebrochen, ſeine Munterkeit dahin. Freilich auch für eine ſtärkere und vom Schuld⸗ bewußtſein freiere Seele als die ſeine zog des Jam⸗ mers genug in das Haus. Erſt der ſiegreiche Feind mit ſeinen läſtigen Forderungen, dann die Leiche des luſtigen Hugo, des Einzigen, der die Grämlichkeit und Theilnahmloſigkeit des Geheimen noch zu erheitern ver⸗ ſtanden; zuletzt der verwundete Egbert. Als ob der Himmel alle Plagen Egyptens auf einmal auf dieſe —— 8* ———* 2——õ——y— 150 Familie ausſchütten wollte! Mit Egbert wäre ihr der Troſt und die Stütze der Zukunft geſtorben. Ver⸗ zweifelnd rang Armhart die Hände und ſaß am Bett des Kranken, ſelber mit dem Tod im Herzen. Egbert's Geneſung entfernte wenigſtens die dun⸗ kelſten Wolken und erfreute alle mit dem erſten Sonnen⸗ lächeln der Hoffnung. Aber die ungewiſſe Kunde über das Schickſal des Grafen Wolfsegg, hinter der ſich nur eine deſto ſchreck⸗ lichere Gewißheit zu verbergen ſchien, brachte neue Unruhe in die von Leiden und Schmerzen kaum auf⸗ athmenden Gemüther. Mit einem Geſicht, von dem die Angſt nicht mehr weichen wollte, ſchlich Armhart durch das Haus. Bald vermied er es, mit Magdalenen in Berührung zu kommen bald ſchloß er ſie heftig ohne jede Veranlaſſung in ſeine Arme und murmelte unverſtändliche Worte, die von ſeinen Thränen und ſeinem Schluchzen erſtickt wurden. Mit ſeiner Frau pflog er lange Verabredungen, bei denen er aus Furcht, belauſcht zu werden, die Thüren verſchloß. In ſeinem eigenen Mißmuth achtete Egbert nicht auf ihn; Magdalene hatte ſich ſchon an die Wunder⸗ lichkeiten des Vaters gewöhnt und legte ihnen weder Abſicht noch Bedeutung bei. Mehr und mehr hatte ſich ihr ganzes Sinnen und Denken auf den Geliebten 151 zuſammengedrängt. Daß ſie für ihn ſorgen und leiden konnte, gab ihrer Liebe in ihren Augen erſt die rechte Weihe. Sie hatte in dieſem Sturm ein feſtes Herz bewahrt und ſich durch den Anblick der größten Uebel und der drohendſten Gefahren nicht erſchüttern laſſen. Noch ſtärker als früher prägte ſich in ihrem Gang und ihrer Haltung die ruhige Zuverſicht ihres We⸗ ſens aus. Im vollen Schein der Kerzen ſtand ſie, mit dem Rücken gegen das Fenſter, das ſie eben geöffnet, vor Egbert, der noch in ſeinem Stuhl am Abendtiſch ſaß. Die Andern hatten nach eingenommener Mahlzeit das Zimmer verlaſſen. Bis auf eine feine Linie auf der Stirn über den Augenbrauen hatte die Sorge ihr Ge⸗ ſicht verſchont; wenn ſeine Farbe ein wenig bleicher geworden, ſo hatte jetzt die Geſchäftigkeit der Wirthin ein ſanftes Roth auf ihre Wangen gemalt. In reicher lockiger Fülle floß goldſchimmernd das Haar auf ihre Schultern. Das ſchwarze Kleid mit dem ſchwarzen Flortuch darüber, das ſie trug, bildete einen wirkſamen Gegenſatz zu den hellen Farben ihres Geſichts. Ihre treuen klugen Augen weilten zärtlich auf Egbert, der, das Haupt zu ihr gewendet, von ſeinem Spaziergang mit Desronais, von der Begegnung mit dem jungen Menſchen erzählte und daran die Frage knüpfte: „Iſt mein Sinn durch dies kleine Abenteuer für Sonderbarkeiten mehr geſchärft worden, oder war die Chriſtel heute bei Tiſche wirklich in außſerordentliche Aufregung?“ Er mochte nicht ſagen, daß Desronais' Warnung ihn zu einer peinlichern Beobachtung des Mädchens beſtimmt hatte. Magdalene lachte. „Sie war ungeſchickter als ſonſt und wurde darum ſcheuer. Aber Sie tragen die Schuld, Herr Egbert“— das vertrauliche Du wollte ihr nur immer in Augenblicken erhöhter Empfindung und ſelbſtver⸗ geſſener Leidenſchaft über die erröthenden Lippen—„Sie haben das Mädchen während des Eſſens mit Augen angeblickt, mit Augen, vor denen mir auch Eſſen und Trinken vergangen wäre. So ſtreng und forſchend! Ich bin nur froh, daß Sie mir jetzt eine Erklärung geben; ich dachte ſchon, die Chriſtel hätte ein Unrecht verübt.“ „Behüte ſie Gott davor! Ich fürchte ſtets, daß alle Ihre Mühe, liebe Magdalene, das Mädchen zu erziehen, zuletzt doch verloren ſein wird. Sie bleibt, wie ſie auf dem Felde bei der Rabenmühle war, ver⸗ ſchloſſen und wildſcheu. Eines Tages wird ſie aus dem Hauſe fliehen und in dem Wald, aus dem ſie gekommen, verſchwinden. Wir ändern die Natur nicht.“ — 153 „Die Chriſtel iſt anhänglich und treu, Herr Egbert. Im Uebrigen müſſen wir Geduld mit ihr haben. War dies eine Zeit zur Erziehung? Unter Kriegslärm und Soldaten! Das Mädchen auf dem Schlachtfelde, mit einem Todten heimkehrend! Ach, es iſt grauſam und herzzeißend! Wie ſollten ſolche Schreckensbilder ſie nicht noch heute verwirren? Sind wir ſelbſt doch ihrem Einfluſſe unterworfen und fahren bei jedem Trompeten⸗ ſtoß zuſammen, als verkündigte er uns den Anfang einer neuen Schlacht.“ „Das iſt eben meine Beſorgniß. Sie ſieht nichts als eine Auflöſung der Sitten, ein Zerreißen der heiligſten Bande. Wohin ſie tritt, ſtößt ſie auf Trümmer und Leichen. Aber neben dem Grauen wohnt der Reiz des Abenteuerlichen. Wenn ſie dem Ritter Zambelli wieder begegnete—“ „Ich habe ihn noch nicht geſehen, obgleich Sie mir ſagten, er ſei Adjutant des Kaiſers und wohne in Schönbrunn.“ „Meine Freunde erzählten es mir. Ich ſelbſt traf ihn auf dem Felde bei Aspern.“ „Nun, uns Frauenzimmern“, ſcherzte Magdalene, „hat er ſeine Gegenwart noch nicht angedeutet. Vor mir wird er ſich wohl hüten. Wie hat er meine Arg⸗ loſigkeit betrogen! Zum Dank dafür, daß ich ihn in 154 unſer Haus gelaſſen, hat er meinen armen Vater ins Verderben geſtürzt. Seitdem will ein ſtiller Vorwurf nicht aus meinem Gewiſſen weichen, als wäre aus meinem Leichtſinn alles Elend, das gefolgt iſt, ent⸗ ſprungen. Ich würde ihm kein Glück bringen, erſchiene ich wieder auf ſeinem Wege. Die Chriſtel aber will ich ins Gebet nehmen.“ „Sie ſollen auch nicht mit dieſem Manne zuſammen⸗ kommen“, ſagte eifrig Egbert und trat zu ihr an das Fenſter.„Sie ſind das Licht, er iſt das Dunkel.“ Eine Weile ſtanden ſie ſo und ſchauten zu dem Himmel hinauf, an dem das Wetter leuchtete. In der Ferne ließ ſich ein dumpfes Brauſen vernehmen: der Sturm, der näher zog. Die Wipfel der hohen Bäume rauſchten in jenen eigenthümlichen, halb klagenden, halb feierlichen Tönen. Vor ihnen breitete ſich der dunkle Garten aus. Von dem Wetterleuchten, von dem Lichtſchein, der aus dem Hauſe fiel, flimmerte es in den Gebüſchen und Zweigen. Unwillkürlich hatten ſich ihre Hände in einander gefunden. „Was thut die Gräfin Antoinette zu dieſer Stunde?“ hob Magdalene plötzlich an.„Denkt ſie noch unſer?“ Egbert ſchüttelte den Kopf. „Nein, Magdalene, ſie hat uns vergeſſen. Dort 155 am Himmel ſchimmerte noch vor wenigen Minuten ein glänzender Stern, jetzt hat ihn die finſtere Wolke verſchlungen. Was ſollten wir auch für ſie ſein, da ihr Vaterland, die Erinnerungen ihrer Familie, ihr Oheim, da all dies ihr nichts war im Vergleich zu der Herrlichkeit des Kaiſerhofes? Möge ſie glücklich ſein!“ „Sie verdient es, ſie war ſo ſchön!“ „Und Sie beneiden Sie nicht um das große Loos, das ihr zu Theil geworden?“ „Wie wunderlich Du fragſt!“ war in ihrem Ge⸗ ſicht zu leſen.„An Deiner Seite, in Sicherheit und Frieden!“ „Auch wenn ich wollte“, ſagte ſie laut,„ich könnte die Gräfin nicht beneiden. Mir fehlt das Bedürfniß nach hoher Ehre und mit ihm das Verſtändniß eines Glückes, das aus der Befriedigung ſolcher Wünſche entſpringt. Der Ehrgeiz iſt eine Tugend der Männer; ich beſcheide mich gern im engen Kreiſe und freue mich an Wieſenblumen. Mein höchſtes Streben, meine ſtol⸗ zeſte Hoffnung wäre es“, fuhr ſie fort,„ein klein wenig zum Glücke derer, die mir theuer ſind, beizu⸗ tragen. Darin findet mein Herz ſein volles Genügen und mein Geiſt eine ausreichende Beſchäftigung. Spiegelt ſich das Licht des Himmels nicht ebenſo im Thautropfen wie im unendlichen Meere?“ 156 „Sie ſind ein Engel, Magdalene, uns allen zum Troſt geſendet.“ „Ein Engel, den Sie mit Ihren Schmeicheleien noch verwöhnen werden. Noch dazu ein armer Engel ohne Flügel.“ „Wollten Sie uns verlaſſen?“ „O hätte ich nur die Flügel der Morgenröthe, um den zu ſuchen, den Sie und ich, den wir alle vermiſſen, um den wir alle trauern: den Grafen Wolfsegg!“ „Hoffen Sie, ihn noch unter den Lebenden zu finden? Ach, Magdalene, ich glaube, wir müſſen uns allmälig in den Gedanken dieſes unerſetzlichen Verluſtes fügen. Wohl iſt es ſchwer, das Leben ohne ihn zu denken, der uns ein Freund und Berather in allen Dingen war. Aber was hülfe es uns, die Wahrheit zu verſchleiern? Einmal würde doch die Hülle zer⸗ reißen.“ „Sie ſind ein Mann, Sie brauchen keine Stütze; für mich, für die Mutter war der Graf ein letzter Halt. Wie traurig, kraftlos und gebrochen iſt der Vater!“ „Und wollen Sie gar nicht auf mich zählen? Soll unſere Jugendfreundſchaft, ſollen die Verpflichtungen der Treue und Dankbarkeit, die mich an Sie feſſeln, 15* ſoll die Gemeinſamkeit unſeres Lebens, ſoll Alles nur eine Schrift im Sande geweſen ſein, die der nächſte Windſtoß verwiſcht?“ „Ach, Egbert! Ich habe mich vor dieſer Aus⸗ einanderſetzung lange gefürchtet. Nun iſt ſie da. Es kann nicht ſo fortdauern. Wir leben von Ihrer Güte und Freundſchaft und nehmen dieſelbe hin, als wäre es der Schein der lieben Sonne, für den auch Niemand dankt, nach deſſen Herkunft Niemand fragt. Nein, ſchauen Sie mich nicht ſo betroffen an. Ich bin nicht engherzig und wäge nicht die Gaben der Freundſchaft ab. In dieſen unruhigen Kriegszeiten thaten Sie an uns, was Sie auch Andern gethan haben würden. Aber im Frieden, lieber Egbert, müßten wir nicht vor uns ſelbſt erröthen? Dieſer Wohlſtand, der uns um⸗ gibt, kommt er uns zu?“ „Alſo der Friede ſollte uns trennen!“ unterbrach er ſie ungeſtüm.„Es fehlte nur noch, daß Sie von meinen Wohlthaten geſprochen! Hab' ich das um Sie verdient?“ „Wie Sie ſtürmen! Sie laſſen mich in Ihrem Eigenthum ſchalten, als ob es das meinige wäre; darf ſich nie in meinem Herzen die Frage regen, mit welchem Rechte ich es thue? Iſt es nicht beſſer, wir beide löſen in alter Freundſchaft dieſe Frage, ehe ſie die 158 Welt für uns in bitterſter Weiſe löſt? Ach, hätte ich nur goldene Worte auf der Zunge, oder wäre der Graf zur Stelle, mir gegen Sie, gegen mein eigenes Herz beizu⸗ ſtehen und das Richtige und Wahre zu vertheidigen, ſo unbarmherzig es uns dünken mag!“ „Und iſt ein Mittler zwiſchen mir und Ihnen nöthig? Können wir ſelbſt nicht den Streit ſchlichten und das Rechte finden? Ja, was reden wir denn noch, als ob wir noch einen Willen hätten, noch rechts oder links gehen könnten! Haben unſere Herzen nicht ſchon ohne Worte die einzig wahre, die einzig gültige Ent⸗ ſcheidung getroffen? Iſt da ein Widerſtand möglich? Magdalene, gibt es für uns eine Trennung?“ „Egbert!“ Sie hatte ihr Haupt an ſeine Schulter gelehnt und weinte leiſe. Er umſchloß ſie mit ſeinen Armen und preßte ſie an ſeine Bruſt. „Sei mein Weib“, bat er.„Durch Natur und Schickſal ſind wir auf einander angewieſen; wollen wir löſen, was ſo lange vereinigt geweſen?“ „Ich habe Dich immer geliebt, Egbert! Aber ich fürchtete mich ebenſo vor dem Glück Deiner Liebe wie vor dem Unglück, nicht von Dir geliebt zu werden. In dieſem ſeligen Augenblick— ein Schauer beſchleicht 159 mein Herz, als wäre dieſe Freude zu groß für mich, als gönnte eine dunkle Gewalt ſie mir nicht! Stürbe ich jetzt in Deinen Armen, nie brauchte ich mehr zu bangen und zu ſorgen!“ „Wir leben unter einer Wetterwolke, Liebſte; wenn ſie vorübergerauſcht iſt, vielleicht genießt ſich dann das Daſein noch einmal ſo ſüß!“ „Ach, ich will keine Zukunft! Du liebſt mich?“ „Ich liebe Dich!“ In dem ſtärkern Toſen des Windes, in dem heftigern Stöhnen und Klagen der Bäume erſtarb ihr Geflüſter. Schon fielen einzelne ſchwere Regentropfen auf die Blätter. Vor dem Zuge, der hereinwehte, drohten die Kerzen zu verlöſchen; Egbert ſchloß das Fenſter. Und während nun draußen der Sturm zu heulen anfing und praſſelnd auf das Dach und gegen die Scheiben der Regenſtrom niederfloß und ſchlug, die Finſterniß gleichſam noch finſterer wurde, ſaß ſie auf der Fußbank zu ſeinen Füßen, ihre Arme auf ſeine Kniee gelegt, und ſchaute ihn mit ihren ſtillen Augen an, die Glückliche den Glücklichen. Einmal fuhren ſie aus ihrem Geſpräche auf und horchten; es war ihnen geweſen, als ob durch Regen und Sturm ein unterdrückter Schrei geklungen. Aber nichts ließ ſich vernehmen als das eintönige Geräuſch 160 des tobenden Wetters, das ſie einwiegte und durch den Gegenſatz ſeiner Unfreundlichkeit zu der Wärme und Behaglichkeit drinnen ihr Wohlgefühl erhöhte. Draußen aber im Regen, unter dem Kaſtanien⸗ baume, weinend, rufend, nicht wiſſend, ob aus Schmerz oder Freude, das Herz zum Ueberquellen von wunder⸗ baren Empfindungen geſchwellt, mit flatternden, ver⸗ wirrten Haaren, die Arme bald zum Himmel erhebend, bald nach einem Schatten ausbreitend, ſteht die braune Chriſtel. Auf eine kurze Friſt ſcheint die Gewalt des Regens gebrochen. Aus den Wolken ſchimmert die Sichel des wachſenden Mondes. Auf der Gloriette von Schönbrunn weilt unſicher ſein zitternder Glanz. Dorthin eilt, auf der Höhe des Hügels, ein Mann im dunklen Mantel; oder iſt Alles nur ein Wahnbild, eine Phantasmagorie ihrer aufgeregten Sinne? Nein, mit dieſen Armen hat ſie ſeinen Nacken umſchlungen, ſeine Hand iſt es geweſen, die ihre Haare zerwühlt, die ihr Mieder aufgeriſſen hat. Auf ihrem Munde haben ſeine Lippen brennend geruht. Waren es ſeine Worte, waren es ſeine Küſſe, die ihr einen Glutſtrom durch die Adern jagten? Wie noch Alles an ihr glüht und klopft und zittert! Was iſt denn in dieſer Stunde, ſeit ſie unruhig vom 161 Tiſche, an dem die Andern zögerten, davongeeilt, mit ihr geſchehen? Obgleich er ihr kein Verſprechen gegeben, obgleich ſie weiß, daß er ſie geringſchätzt, iſt ſie voll Hoffnung, ihn zu finden, nach dem Kaſtanienbaum ge⸗ laufen. Das dunkle Gefühl, daß ſie mit dieſem heim⸗ lichen Verkehr, dieſen nächtlichen Gängen eine Schuld begeht, macht ſie um ſo vorſichtiger und um ſo be⸗ gehrlicher. Es iſt wie das Pflücken einer verbotenen Frucht, in dem Gelüſte wohnt ein ſüßer Schauer. Der Sturm, der ſich brauſend erhoben, ſpielt ihr gleichſam die wilde Muſik zu einem tollen Tanze. Mit ſelt⸗ ſamem, ſchwefelgelbem Schein geht das Wetterleuchten darüber hin. Unter dem Kaſtanienbaum hat Magdalene eine Moosbank aufrichten laſſen; die weit überhängen⸗ den Zweige mit ihrem noch dichten Laub gewähren Schutz. Dort ſitzt die braune Chriſtel mit klopfendem Herzen. Selbſt in der Grauſamkeit der Erwartung liegt für ſie ein unbeſchreibliches Vergnügen. Zugleich fürchtet ſie ſich vor ihm und ſchmachtet nach ihm. Durch den Garten ſchlüpfend hat ſie von der Rüſtern⸗ hecke einen Zweig gebrochen und ein paar ſpätblühende Blumen; nun windet ſie geſchäftig einen Kranz daraus Sie will ſich zu ſeiner Ankunft ſchmücken. Wird er zu ihr, der Armen, Verlaſſenen, der braunen, häßlichen Dirne kommen, er, der glänzende Frenzel, Lucifer. IV. 11 — 162 1 Ritter in ſeinem goldgeſtickten Kleide? Der furchtbare Mann mit dem durchbohrenden Blicke? Der ſo ſchön und ſo ſchrecklich iſt, wie ſie nie einen andern Menſchen geſehen? Was ſollte er auch von ihr? Sie ſpitzt die Ohren. Auf dem einſamen Pfade von dem Schönbrunner Schloſſe nähert ſich einer mit heimlichen Schritten. Niemand geht zur Nachtzeit dieſen Weg als er. Schleicht er zu ihr? Iſt es das grelle Licht des Wetter⸗ leuchtens, das ſie blendet? Chriſtel ſchließt ihre Augen, um ſich, ſie wieder öffnend, in ſeinen Armen zu finden. Was er ihr zugeraunt, ſie weiß es nicht mehr. Von den Geſängen der Nixen hat ſie gehört, welche den Menſchen das Herz aus der Bruſt ziehen. So zaubermächtig und berückend ſind ſeine Worte. Ein einziges hat ſie behalten, es wird den Poſaunenſchall des jüngſten Gerichts in ihrem Ohr übertönen: „Ich liebe Dich!“ Er liebt ſie! Kann es denn ſein? Nun iſt ſie allein in Sturm und Regen; der Mond blickt ihr, ehe er ſich wieder in den Wolken verſchleiert, ſo ernſt in das Geſicht. Iſt denn eine Feuerflocke darauf geflogen? Es flammt, es ſchmerzt ſie; wovon? Sie ſchlägt die Hände darüber. Gedanken, die ſie nie⸗ mals gehabt, Vorſtellungen wunderlichſter Art regen ſich in ihr, unbeſtimmt und ſchwankend. Jetzt iſt es ihr, als blühte etwas duftig und ſchimmernd in ihr auf, und zugleich erfaßt ſie eine unſagliche Traurigkeit. Sie iſt nach der Bank zurückgekehrt; zerriſſen liegt dort der Kranz, den ſie für ihre Stirn gewunden. Arme Blumen, arme Chriſtel! Sagt ſie es? Oder hat im Garten Mangdalene ihren Namen gerufen? Magdalene, Egbert— darf ſie noch vor ihnen er⸗ ſcheinen? Hat ſich nicht eine Kluft zwiſchen ihr und ihnen eröffnet? Lockte er nicht: Komm mit mir! Verlaſſe dies Haus! Zerſplittert iſt der Stein, der ſie bannte; ſie hat ihn nicht wiedererkannt, als ihr Egbert ihn neulich als ſeinen Lebensretter zeigte, den Opal in der goldenen Faſſung. Komm mit! Wohin? Zu welchem Ende? Der Sturm hat das Bruchſtück des Kranzes, das aus ihrer Hand geglitten iſt, mit Ungeſtüm ergriffen und jagt es den Hügel hinab. Wo werden Zweig und Blumen morgen ſein? Iſt die braune Chriſtel mehr werth als eine ſturmzerpflückte Waldblume? Viertes Kapitel. Eine große Menſchenmenge erfüllte den Schloßhof von Schönbrunn. Trotz ihrer Abneigung gegen die Franzoſen widerſtanden die Wiener dem verlockenden Reiz einer Truppenmuſterung und der Hoffnung, den Kaiſer von Angeſicht zu Angeſicht, in greifbarer Nähe zu ſehen, nicht. Heute an dieſem zwölften October begünſtigte ein heiteres, kühles, herbſtliches Wetter die Schau. Nach Mitternacht hatte der Regen aufgehört; der Wind, bis zur Morgendämmerung fortwehend, hatte den Erdboden allmälig wieder getrocknet. Eine fröhliche Sonne grüßte um die neunte Stunde des Morgens vom Himmel. Auf den Stufen der Treppe, die in Hufeiſenform in den Hof hinabſteigt, ſtanden die Offiziere, welche dem Kaiſer eine Botſchaft zu überbringen, eine Bitt⸗ 165 ſchrift zu überreichen hatten, die er ſelbſt zu ſehen ge⸗ wünſcht hatte; unter ihnen, mit einem ungariſchen Huſarenoffizier, der mit ihm ſchwerverwundet bei As⸗ pern gefangen worden war, Cgbert, auf einer der unterſten Stufen. Dem Schloß gegenüber war, vor den Raſenplätzen, Hecken und Alleen des Gartens, ein Bataillon der Garde aufgeſtellt; daneben die als geneſen aus den Hospitälern entlaſſenen Soldaten, Andere, die aus der Gefangenſchaft der Oeſterreicher heimkehrten— ein buntes Bild, in dem die verſchiedenſten Uniformen ſich berührten, das von dem Glanz der Morgenſonne noch lichtere Farben erhielt. Eine freudige Ausgelaſſenheit herrſchte unter den Soldaten; die Zucht hatte nicht wenig im Verlauf des Feldzugs, ſelbſt unter den Augen des Kaiſers, nach⸗ gelaſſen; die Nachricht, daß der Abſchluß des Friedens bevorſtände, hatte ſich verbreitet und fand überall jubelnde Zuſtimmung. Dem beſchwerlichen Felddienſt, den harten Kämpfen, die mit hartnäckigerer Erbittterung als jemals vorher ſeit dem Beginn der Revolutions⸗ kriege geführt worden waren, hatte die muntere krie⸗ geriſche Stimmung der Franzoſen, in der ſie alle ihre Feldzüge begannen, nicht lange widerſtanden. Wie der Mühen, wurden ſie der Gefahren vor der Zeit überdrüſſig. 166 Noch gehorchten alle dem Wink ihres Führers; aber wie in den Tagen nach der Schlacht bei Eylau lief ein düſteres unheimliches Gemurmel durch das Heer, das er nur darum nicht hörte, weil er es nicht hören, nicht verſtehen wollte. Unmerklich noch und dennoch unaufhaltſam fing der kriegeriſche Sinn der Franzoſen zu ermatten an. Zu wild und hoch war der Adler geflogen, ſeine Schwingen erlahmten. Daher war die Friedenskunde allen ein Troſt und eine Er⸗ löſung, jeder ſehnte ſich nach Ruhe. Hinter den Soldaten drängten ſich in den Baum⸗ gängen des Gartens die Zuſchauer. Die Ordnung wurde nicht ſtreng aufrecht erhalten. Die Feldgendarmen drückten ein Auge zu und ließen in den Zwiſchenräu⸗ men, welche die einzelnen Truppentheile von einander trennten, Vorwitzige und Neugierige ſich tummeln. An den Fenſtern des Schloſſes ſtanden reichgeputzte Damen des öſterreichiſchen Adels neben den Herren des kaiſer⸗ lichen Hofes. Als Egbert zufällig einmal in die Höhe blickte, erkannte er an einem der Fenſter den Präfecten des kaiſerlichen Hauſes, Bauſſet, den er am Frühſtücks⸗ tiſch Napoleon's in den Tuilerien getroffen, im Ge⸗ ſpräch mit der Gräfin Bellegarde, der Frau des tapfern Generals, mit deſſen Truppen vereint er die Straßen und Häuſer Asperns erſtürmt und vertheidigt. Es ſchien doch, als wäre ſchon vor der Unterzeichnung der Friedensurkunde zwiſchen den Höfen der beiden Kaiſer eine Annäherung geſchehen, die mehr als eine bloße Beendigung der Feindſeligkeiten, die eine freundſchaft⸗ liche Verbindung für die Zukunft, vielleicht ſogar ein dauerndes Bündniß andeutete. Noch weniger als den ſo dringend geforderten und ſo ſchwer erkauften Frieden konnte Egbert dieſe Eile billigen, ſich dem Imperator zu Füßen oder in die Arme zu werfen. Sollte der Gedanke, das heilige deutſche Reich wieder aufzurichten, ein ſolches Ende nehmen und der letzte deutſche Kaiſer der erſte Vaſall und Waffenträger Napoleon's werden? Egbert's Herz wallte vor Scham und Schmerz auf; um wie viel edler und würdiger erſchien ihm der kalte unbeugſame Trotz und Haß, die ſpartaniſche Armuth, welche die Nord⸗ deutſchen dem ſiegreichen Imperator entgegenſetzten. Von dorther wird der Rache Pfeil die Ferſe Napoleon's treffen, ſagte er ſich, an die Lieblingsverſe des geſtor⸗ benen Freundes denkend, von dorther! Wir ſind auf der Wage des Geſchicks zu ſchwach befunden worden! „In Ordnung!“ ſcholl es unten. Aus ihrer läſſigen Haltung richteten ſich die Gar⸗ den ſtattlich und ſtraff auf. Auch den Unkriegeriſchſten mußte ihr Anblick mit 168 einem Funken des Heldenmuths und der Kampfbe⸗ geiſterung entzünden; etwas wie der Feuerathem der Schlacht ſtrömte aus dieſen ſtählernen Reihen, dieſen wettergebräunten, narbenbedeckten Geſichtern. Der junge Mann im blauen Oberrock mit den Mädchenzügen, dem Egbert geſtern bei Sonnenuntergang auf dem Wald⸗ wege begegnet war, irrte wie ein Trunkener an ihrer Front entlang. Vergebens wieſen ihn die Offiziere, die ihn wegen ſeiner Kleidung für einen Beamten der Mllitärintendantur halten mochten, zurück; er kehrte immer wieder, wie einer, der ſich an dieſem Schauſpiel nicht ſatt genug ſehen konnte. Zuletzt wurde er in die Nähe der Treppe gedrängt, Egbert ſo nahe, daß dieſer ihm ſchon die Hand entgegenſtreckle. Aber der Fremde wendete ſich haſtig ab, mit dem Blick eines Verſtörten. Es ſtand etwas in ſeinem Geſichte, das Egbert nicht enträthſeln konnte, das ihn gerade wegen ſeiner geheimnißvollen Düſterkeit noch mehr erſchreckte. Umringt von einem zahlreichen Gefolge war der Kaiſer aus der Glasthür eines Saals hinaus auf den oberſten Abſatz der Treppe getreten. Er trug wie gewöhnlich ſeine geliebte grüne Uni⸗ form mit dem breiten rothen Ordensbande, den kleinen Hut, die weißen Kaſimirhoſen. Keine Handſchuhe be⸗ deckten ſeine ſchlanken weißen Hände. Er zerknitterte 169 ein Blatt Papier in der Linken und kam langſam die Stufen hernieder. Dem angeborenen Ernſt ſeines Antlitzes hatte ſich heute ein beſonderer Zug der Melancholie um Mund und Augen zugeſellt. Gegen den Sturm, in dem ihn Egbert zuletzt im ſchwankenden Kahn auf der Donau geſehen, ſtach die Ruhe und Stille, die ſein Weſen heute zeigte, bedeutſam ab. Auf einer Treppenſtufe unterbrach er plötzlich ſeinen Gang. Stillſtehend verſchränkte er die Arme auf dem Rücken und ſchaute über die Menſchen unter ihm, über den Garten, zu der Gloriette hinauf. Kam ihm der Gedanke, daß er nie wieder an dieſer Stelle weilen, nie dieſe Bäume, dieſe Laubgänge, die in ihren Schatten ein Unnennbares für ihn zu ver⸗ bergen ſchienen, wiederſehen würde? Ganz leiſe zuckte er zuſammen. Wehte ihn der Schauer des Herbſtes an? Mit einer haſtigen Bewegung zerriß er dann das Papier, das er in der Hand gehalten, und ſtreute die kleinen Stücke in die Luft.— „Berthier!“ rief er, ſich nach ſeinem Gefolge um⸗ kehrend, das zwei Stufen über ihm Halt gemacht, um ihn nicht in ſeinen Betrachtungen zu unterbrechen. „Sire!“ Der Fürſt eilte zu ihm. Napoleon winkte ihm, dicht an ſeine Seite zu treten. . 17⁰ „Wiſſen Sie, was ich eben zerriſſen? Den Bericht eines Polizeicommiſſars, den mir Savary vor einer halben Stunde in der größten Aufregung brachte. Eine Verſchwörung beſteht im Heere.“ „Ich hatte Eure Majeſtät ſchon vor Wochen auf die bedenkliche Stimmung in einzelnen Regimentern der Linie aufmerkſam gemacht.“ „Dieſe Leute ſind müde, wie die Soldaten Alexan⸗ der's in Indien. Jämmerlich, daß die Entwürfe der größten Männer an dieſe elende Maſſe gebunden ſind! Ich werde ein, zwei Jahre raſten, ſie entlaſſen und mir ein neues Heer ſchaffen. Den Franzoſen fehlt die zähe Ausdauer, welche Cäſar's Legionen hatten. Aber Cäſar begegnete zuletzt ſeinen Mördern— und ich? Auch mir war eine Kugel in jener ſchlimmen Mainacht auf der Lobau beſtimmt.“ „Undenkbar, Sire! Es entſetzt mich!“ „Der Bericht war zu genau und umſtändlich, um „erlogen oder nur übertrieben zu ſein. Savary lobt den Mann, der ihn geſchrieben. Merken Sie ſich den Namen, er heißt Desronais. Und was mir für ſeine Glaubwürdigkeit bürgt, er gehörte früher zu den Jako⸗ binern und hat das Organ für Verſchwörungen. Wer ſollte mich auch ermorden wollen außer dieſen Ban⸗ diten?“ 171 „Ich ſtehe noch ganz erſtaunt, wortlos—“ „Soldaten aus dem Regiment des Oberſten Loyſel waren zu der That gedungen. Zwei Rädelsführer hat Savary verhaften laſſen. Erſchießt ſie morgen in der Stille; ich will keinen Lärm und keine Verhandlung. Wo iſt der Oberſt?“ „Oberſt Loyſel!“ rief Berthier den Offizieren zu. Niemand regte ſich. Der Oberſt, da er keinen Dienſt hatte, befand ſich nicht bei der Parade. „Schicken Sie ihn fort“, ſagte Napoleon.„Nach Spanien, mit einer Depeſche an Soult oder an den König Joſeph. Aber ſogleich, daß er in vier Stunden Wien verlaſſen hat! Ich will keine Narren, die den Brutus und Caſſius nachſpielen, in meiner Nähe haben.“ „Vielleicht wäre es beſſer, Eure Majeſtät ließen ihn verhaften.“ „Einen Gecken! Damit er ſich einbildet, ich fürchte mich vor ihm?“ Mit dem Ausdruck der unbeſchreiblichſten Ver⸗ achtung zuckte er die Schulter. „Ich werde nicht an dem Biß einer Viper ſterben. Wo lebte der, welcher mich überwände?“ Noch einmal, während Berthier einige Schritte zurücktrat, blickte er über den Garten, zu der Sonne hinauf. Im gelblichen Glanz ſchimmerte ſein düſter⸗ ſchönes Geſicht, es lag etwas wie ſchmerzlich gefaßte Entſagung darin. Sein Leben war der Krieg, die Nothwendigkeit zwang ihn, Frieden zu ſchließen. So mag der ſtolze Engel geblickt haben, als er den Kampf gegen die himmliſchen Heerſchaaren aufgeben mußte. Mit raſchen Schritten eilte er die noch übrigen Stufen der Treppe, ohne an einen der Offiziere das Wort zu richten, hinab. Erſt die öſterreichiſchen Uni⸗ formen zogen ſeine Augen, die er zur Erde geſenkt hatte, auf ſich. 3 Den Gruß Egbert's und ſeines Kameraden erwi⸗ dernd, blieb er einen Augenblick vor ihnen ſtehen. „Ich bin doch Sieger geblieben“, ſagte er trium⸗ phirend.„Ich gebe Oeſterreich und der Welt den Frieden.“ In der nächſten Fxiſt mochte ihn der Ausruf ſchon reuen. „Was iſt auch eine gewonnene Schlacht mehr für mich?— Sie ſind vollkommen geheilt, Herr Heimwald?“ „Ja, Sirel⸗ „Sie werden an Aspern denken wie ich. Unſer Leben lang! Ich will Sie nach der Parade noch ſpre⸗ chen; Berthier wird Sie zu mir führen.“ Nun war er ſchon im Hofe. Das„Es lebe der Kaiſer!“ umrauſchte ihn unter dem Wirbel der Trom⸗ meln und dem Klang der Hörner und Pfeifen. Von ſeinem erhöhten Standpunkt gewahrte Egbert, wie der Mann im blauen Rock vorſchnell und in unanſtändiger Haſt vorſtürzte, um den Kaiſer zu ſehen, und ihm bei⸗ nahe den Weg zu ſeinen Garden vertreten hätte. Na⸗ poleon bemerkte ihn gar nicht; die Hände auf dem Rücken näherte er ſich den Soldaten. Die Adjutanten riſſen den Blaurock zurück. Andere Offiziere, unter ihnen der Ritter Zambelli, waren auf der Treppe ſtehen geblieben und fingen ein Geſpräch mit den beiden Oeſterreichern an. Mit großer Beſtimmtheit verſicherten ſie alle, ſie würden nie wieder mit den Oeſterreichern eine Schlacht ſchlagen; der Kaiſer hätte dem Fürſten Johann Liechtenſtein geſagt, er wünſche mehr als einen vergänglichen Frieden, er wolle eine dauernde Freund⸗ ſchaft und ein unverbrüchliches Bündniß mit Oeſter⸗ reich ſchließen. Die eigentlichen Feinde Europas ſeien die Ruſſen; wie ſchlecht und treulos hätten ſie ſich in dieſem letzten Kriege gezeigt. Der Kaiſer Alexander hätte zu Erfurt verſprochen, den Franzoſen mit ſeinem ganzen Heere zu Hülfe zu kommen; aber er dächte nicht daran, ſein unerſättlicher Ehrgeiz trachte nur nach der Eroberung Konſtantinopels. Niemals aber würde Na⸗ poleon dies dulden. Franzoſen und Deutſche ſeien 174 berufen, die Bildung des Abendlandes vor einem neuen Mongolenſturm zu bewahren. Mit geheimem Schauer erkannte Egbert, wie in dieſen Worten ſchon ein neuer Krieg ſchlummere, ehe noch das Ende des jetzigen gekommen. Von dem Feld⸗ herrn hatte ſich die Unmäßigkeit der Wünſche, die Un⸗ geduld, ruhig in gleichmäßigem Zuſtande zu verharren, ſeinen Hauptleuten mitgetheilt, und wenn die Aeltern ſich nach dem friedlichen Genuß des Erbeuteten, ihrer Siege und Schätze ſehnten, ſo wuchs nach ihnen im Feldlager eine unruhige, aufſtrebende Jugend auf, die nach neuen Ehren und Abenteuern dürſtete. Darüber war das kriegeriſche Schauſpiel ihnen beinahe ungeſehen vorübergegangen. Langſam war der Kaiſer die Front ſeiner Truppen entlang geſchritten, ſtumm, ohne ein Wort des Lobes und der Aufmun⸗ terung, die er ſonſt gern zu ſpenden pflegte, ſie nur mit ſeinen Augen anblitzend, ob auch in ihren Reihen Verräther wären. Vor denen, die aus der Gefangen⸗ ſchaft kamen, vor den geneſenen Verwundeten verweilte er länger. Er ſprach mit einigen und ließ ſich ihre Schickſale erzählen. Als er die Spitze der Aufſtellung erreicht hatte, kam der General Rapp athemlos und dunkelroth im Geſicht auf ihn zugeſtürzt. Zu gleicher Zeit ſah Egbert, wie der Blaurock, mit verzweiflungsvollem Blick auf den Kaiſer ſtarrend, von zwei Feldgendarmen an den Händen gepackt, in das Wachtzimmer im Erdgeſchoß des Schloſſes geführt wurde. Wären der rings um ihn Stehenden weniger geweſen, hätten die Garden, zum Vorbeimarſch ſchwenkend, nicht die Möglichkeit, an ihnen vorüberzukommen, verhindert, ſo würde Eg⸗ bert nach der Wache geeilt ſein, um dem armen Narren, für den er ein tiefes Mitleiden empfand, eine längere Gefangenſchaft und eine härtere Behandlung zu erſparen. Der Kaiſer hörte die geflüſterte Meldung Rapp's mit jener Undurchdringlichkeit und Bewegungsloſigkeit ſeiner Mienen an, welche der ſichtbare Ausdruck von der Kälte ſeines Herzens und von ſeiner Gleichgültig⸗ keit gegen die meiſten guten oder ſchlimmen Ereigniſſe waren. Ruhig nahm er die Parade ab, ſtieg ruhig die Treppe hinauf, das Geſicht von dem eigenthümlichen melancholiſchen Schatten überflogen, der ihn an dieſem Morgen nicht verließ. Im Vorſaal wartete Egbert mit vielen Andern. Doch war er einer der erſten, die in das Zimmer Na⸗ poleon's gerufen wurden. Der Kaiſer hatte eben mit ſchnellem Federzug eine Depeſche unterzeichnet. „Herr Ritter Zambelli“, winkte er nach der Gruppe 176 ſeiner Adjutanten, die in einer Ecke des Zimmers mit beſtürzten Geſichtern ſtanden. „Sire!“ „Dieſes Blatt an den Oberſten Armand Loyſel. Er muß nach Madrid abgehen. Noch dieſen Vormittag. Er iſt geſtern in Schönbrunn mit Ihnen geſehen wor⸗ den. Sie werden wiſſen, wo Sie ihn am ſicherſten treffen. Es wäre ſeine Pflicht geweſen, ſich mir bei der Parade vorzuſtellen. Ich liebe die Offiziere nicht, auch wenn ſie brav ſind, die ihre Pflichten ſo gröblich vernachläſſigen. Eilen Sie!“ Zambelli nahm erſchreckend das indeß von Berthier zuſammengefaltete und geſiegelte Papier. Wer konnte ihm dieſen Streich geſpielt haben? Während er aus dem Saal ging, trat Egbert, dem der Fürſt ein leiſes Zeichen gegeben, dem Kaiſer näher. Mit einem ſeltſamen Gefühl bemerkte er in der Hand deſſelben ein langes Meſſer. Napoleon, dem dieſer Blick nicht entgangen, ver⸗ ſuchte ſein unheimliches Lächeln, als wolle er damit ſeine Worte in Scherz verkehren oder ihnen doch Bitter⸗ keit und Groll nehmen. „Dies Dolchmeſſer, mein Herr— wer hat mir die friedlichen Geſinnungen, die frommen Tugenden der Deutſchen einmal ſo beredt geprieſen? Hat der Krieg ſie alle verwildert? Mit dieſem Meſſer hat mich ein Deutſcher ermorden wollen!“ „Sire!“ „Es iſt ein Wahnſinniger“, ſagte der Kaiſer ſcharf und kalt und warf das Meſſer auf den Tiſch.„Ich werde einem ganzen Volke nicht die That eines Toll⸗ häuslers anrechnen. Aber das ſind nun die Folgen der unſeligen geheimen Geſellſchaften. Die Gelehrten, die Gebildeten nähren dieſen Haß gegen mich; von ihnen dringt er in die Maſſen ein. Sie haben mir in Tirol eine neue Vendée geſchaffen; bald wird dieſe deutſche Erde eine Höllenmaſchine und einen Cadoudal gegen mich ausſpeien. Ich muß ein Ende machen. Was will Ihre Bewegung ſagen?“ „Es lag in den Händen Curer Majeſtät, es nicht zu dieſem Aeußerſten kommen zu laſſen. Nach dieſem Kriege—“ „Sollte es mir unmöglich ſein, die Welt zu regie⸗ ren, wie ich will?“ unterbrach ihn Napoleon.„Die Wunden heilen, die Niederlagen verſchmerzen ſich. Ihr Oeſterreicher habt erfahren, daß ich noch immer der Mächtigſte bin. Ich konnte Euren Staat zertrümmern, ich hab' es nicht gethan. Unter Frankreichs Oberhoheit kann Deutſchland in Frieden gedeihen.“ Frenzel, Lucifer. IV. 12 „Damit rufen uns Eure Majeſtät zu: Finis Germaniae!“ „Und wenn ich es thäte? Habt Ihr Polen nicht getheilt? Aber ich thue es nicht. Ich habe den Baiern und den Preußen ihre Könige gelaſſen, ich taſte Euren Kaiſer nicht an. Nein, ich bin kein Weltenſtürmer, ich bin ein Erneuerer des alt gewordenen Europa. Meine Kriege dienen ſeiner Verjüngung und der Ausbreitung der wahren Freiheit.“ „Gibt es eine Freiheit ohne Vaterland, Sire?“ „Denken Sie ſich nicht als Deutſcher, denken Sie ſich als Mitglied der ganzen Menſchheit, dann werden Sie auch meine Abſichten beſſer verſtehen. Die Fran⸗ zoſen ſind das Schwert, die Deutſchen das Buch der Welt.“ Und indem er den letzten Ausſpruch wiederholte, ſetzte er mit einer Wendung, die nicht ohne Anmuth war, hinzu: „Damit will ich Ihre Tapferkeit nicht in Zweifel gezogen haben. Ich habe ſie zu gut kennen gelernt. Fortan werde ich das Mögliche thun, um mit Ihnen in Frieden zu leben. Vielleicht gelingt es mir, die Oeſterreicher durch meine Freundſchaft zu verſöhnen. Sie freilich, Sie werde ich nicht überzeugen!?“ „Weſſen wollten mich Eure Majeſtät überzeugen? 179 Ich bewundere Ihren Genius und beklage, daß ihn das Schickſal zum Vernichter meines Vaterlandes ge⸗ macht hat. Das durfte wohl ein Deutſcher ſagen, der in Cäſar's Gefangenſchaft gerathen.“ „Dann muß er auch Cäſar erlauben, ſeinen Gang zu wandeln. Nicht ich habe mir meinen Weg, die Vorſehung hat ihn mir vorgezeichnet. Ich habe Sie zuerſt als Künſtler in Malmaiſon kennen gelernt. Sie hatten der Kaiſerin eine Silhouette der Erzherzogin Marie Louiſe gegeben; ich habe jetzt Gelegenheit ge⸗ funden, bei der Betrachtung eines Bildes der Prin⸗ zeſſin Ihre Treue und Geſchicklichkeit ſchätzen zu lernen. Dem Künſtler wie dem Soldaten bin ich verpflichtet“, meinte er mit eigener Betonung.„Nehmen Sie dies zum Andenken an eine Stunde des Geſchicks.“ Von einem Seitentiſch langte er ein goldenes, zierlich mit dunklen Rubinen beſetztes Medaillon und gab es Egbert. Das auf Email darin gemalte kleine Bild ſtellte das Ufer der Lobau gegenüber Kaiſer⸗Ebers⸗ dorf dar. In das Gold der Kapſel hatte Napoleon ſeinen Namenszug gekritzelt. Den Dank Egbert's ſchnitt er mit einem Nicken ſeines Kopfes kurz ab. „Sie haben Cäſar und ſein Glück gefahren“, ſagte er. 12 180 So lange als es dauerte, bis ſich Egbert durch die Thür nach dem Vorſaal entfernt hatte, behielt das Geſicht Napoleon's den leiſen Schimmer des Freund⸗ lichen und Wohlwollenden bei, der ihm ſonſt ſo fremd war.— Mit einer kurzen Bewegung verabſchiedete er die Uebrigen, nur ſeine Vertrauten blieben um ihn. „Und nun zu Ihrem Gefangenen, Rapp!“ ſagte er barſch.„Was war's mit ihm?“ Der General berichtete, daß ein junger Menſch in auffälligſter Weiſe während der Muſterung ſich in die⸗ Nähe des Kaiſers gedrängt habe; als jede Ermahnung und Zurückweiſung vergeblich geweſen, habe er ihn am Rockkragen ergriffen, um ihn nach der Wache führen zu laſſen. Der Fremde habe ſich loszuringen verſucht, dabei hätte er— Rapp— etwas wie ein Meſſer in ſeiner Taſche gefühlt; es ſei daſſelbe, das jetzt auf dem Tiſche läge. Ungläubig ſchüttelte Napoleon den Kopf. „Sie ſehen Geſpenſter, Rapp, am hellen Tage. Hierher mit dem Mann!“ Während Rapp ging, um den Gefangenen aus dem Wachtzimmer auf einem geheimen Wege herbeizu⸗ führen, fragte Napoleon: „Iſt Corviſart hier?“ „Ja, Sire“, antwortete dieſer. Es war der erſte Leibarzt Napoleon'’s. „Sie ſollen den Gefangenen unterſuchen. Ganz gewiß, er iſt toll. Die Deutſchen neigen zum Wahnſinn wie die Engländer. Berthier, daß uns Niemand ſtört!“ In der nächſten Minute befand ſich außer Napo⸗ leon, Savary, zweien ſeiner Lieblingsadjutanten und dem Arzte Niemand mehr im Zimmer. Ein undurch⸗ dringliches Geheimniß ſollte nach dem Willen des Kai⸗ ſers dieſe ganze düſtere Angelegenheit bedecken. Von zwei Gendarmen an den Armen gefaßt, wurde der Uebelthäter in den Saal geleitet. Man band ihm die mit Stricken gefeſſelten Hände los. Die Wächter wurden wieder hinausgeſchickt. Rapp blieb hinter dem Gefangenen an der Thür ſtehen, ihm jeden Fluchtverſuch abzuſchneiden. Schweigend hatte ihn der Kaiſer während dieſer Zeit betrachtet. Es war der Jüngling mit den langen Haaren und dem feinen blaſſen Mädchengeſicht, das jetzt freilich von Aufregung glühte. „Dies Kind— mich ermorden!“ brach Napoleon ſtürmiſch aus.„Unſinn! Wo hatten Sie nur Ihre Augen, Rapp!“ Er näherte ſich dem Gefangenen, der ihn unver⸗ wandt mit ſchwärmeriſchen Augen anblickte, und redete ihn mit einer gewiſſen Milde an: „Wer ſind Sie?“ „Ich heiße Friedrich Stapß und komme aus Er⸗ furt; mein Vater iſt lutheriſcher Prediger zu Naum⸗ burg.“ „Wie alt ſind Sie?“ „Achtzehn Jahre.“ „Sie haben mich ſchon früher geſehen?“ „Zu Erfurt im October des vergangenen Jahres.“ „und was wollten ſie heute von mir? Warum haben Sie Ihre Eltern verlaſſen? Wozu dies Meſſer?“ „Um Sie zu tödten“, entgegnete Stapß mit der unerſchütterlichen Feierlichkeit des Schwärmers. Die natürliche Schwäche, die Sanftmuth und Bil⸗ dung des Jünglings ſchienen zu dieſem ſo klar und beſtimmt ausgeſprochenen Entſchluß in ſo vollkommenem Gegenſatz zu ſtehen, daß nur eine Umwandlung des Herzens und des ganzen Menſchen zu ihm geführt haben konnte. Der fanatiſche Haß, der ſich darin offen⸗ barte, die Sucht nach dem Martyrium erregte den Zu⸗ hörern dieſer peinlichen Verhandlung einen kalten Schauer. Nur Napoleon blieb gelaſſen. „Sie betrügen ſich ſelbſt“, ſagte er.„Mich tödten! Schauen Sie mich einmal an. Sie ſind entweder ein Jakobiner oder ſchwer krank.“ 8 183 „Ich weiß nicht, was ein Jakobiner iſt, und glaube ſo geſund wie Sie zu ſein.“ Corviſart faßte nach ſeinem Puls. „Nicht wahr, ich bin geſund?“ rief zwiſchen Triumph und Zweifel der Gefangene, als der Arzt ſeine Hand wieder losließ. „Ja, Sie ſind geſund.“ Etwas wie Aerger, Verdruß und Zorn ſchwebte um den Mund des Kaiſers, aber er bezwang ſich. Seine Stimmung machte ihn heute dem Mitleiden einer Anwandlung der Menſchlichkeit zugänglicher als ſonſt. Aus ſeiner unnahbaren Götterhöhe hatte ihn ein dumpfes Schmerzgefühl, die Ahnung, ja die Ge⸗ wißheit eines großen unabwendbaren Verluſtes zu der Tiefe der andern Sterblichen unmerklich hinabgezogen. „Mich tödten!“ ſagte er noch einmal, den ehernen Klang ſeiner Stimme mäßigend.„Beſinnen Sie ſich doch! Sie ſind noch ein Knabe— was habe ich Ihnen gethan? Welcher Beweggrund, welche Leidenſchaft hat Sie zu einem ſolchen Verbrechen angetrieben?“ „Sie ſind das Unglück meines Vaterlandes.“ „Das haben mir ſchon Andere geſagt. Allein dieſe ſtanden mir in Waffen gegenüber. Warum haben Sie nicht ebenſo gehandelt?“ „Sie bleiben Sieger in allen Schlachten; auch 184 wollte ich nicht Ihre Soldaten, ſondern Sie ſelbſt, einzig Sie treffen.“ „Wenn ich überall ſiege, iſt dies nicht ein Zeichen, daß die Vorſehung bei mir ſteht?“ „Gott erhöht die Tyrannen, damit der Ruhm derer, die ſie ſtürzen, deſto leuchtender wäre.“ „Die Gottheit befiehlt kein Verbrechen.“ „Sie tödten iſt keine Sünde, ſondern eine heilige Pflicht.“ „Und Sie ſind ein Proteſtant?“ „Ja.“ 3 Sinnend ſchwieg der Kaiſer eine Weile. Die heftige Erregung und Ueberreizung des Jüng⸗ lings hatte nachgelaſſen, das Feuer ſeiner Augen war erloſchen; ſie hatten jetzt den ſanften gutmüthigen Aus⸗ druck, der im Einklang zu ſeiner Geſtalt und ſeinen Zügen ſtand. Napoleon mochte glauben, daß ihn das Fieber, das ihn bisher geſchüttelt, verlaſſen habe und ein Wort der Güte eine Stätte bei ihm finden würde. „Sie ſind ein kindiſcher Schwärmer; ich werde Ihnen verzeihen und Ihnen das Leben ſchenken“, ſagte er. „Ich will keine Verzeihung, und Sie würden Ihre thörichte Großmuth bald büßen müſſen.“ 5 185 „Im Gegentheil, müßten Sie mir nicht dafür dankbar ſein?“ „Nein! Ich würde Sie doch zu tödten verſuchen.“ Langſam wendete ſich der Kaiſer von ihm ab. Er ſuchte die Enttäuſchung, die er erfahren, zu verbergen, aber er las ſie auf den Geſichtern der Andern. Ihm kam die Erinnerung an jenen Römer, der vor dem König Porſenna die Hand in das Becken voll glühen⸗ der Kohlen ſteckte. „Führen Sie ihn hinweg, Savary“, ſagte er halb⸗ laut,„ein Kriegsgericht mag über ihn urtheilen.“ Mit gekreuzten Armen blieb er am Fenſter ſtehen, mit dem Rücken gegen den Jüngling, den die herein⸗ gerufenen Wächter ergriffen. Mehrere Minuten verrannen ſo, ohne daß ſich der Kaiſer oder irgend ein Anderer in dem Saale rührte. Es war, als hätte ein plötzlicher Zauber ſie gebannt. Die Herbſtſonne fiel durch die Scheiben, ſpielte auf den Bildern an den Wänden, blitzte auf den Epau⸗ letten, auf der goldenen Adlerkrone des kaiſerlichen rothen Sammtſeſſels— und doch hing eine trübe ſchwere Wolke über allen. Mit einer gewiſſen Scheu, als fürchte er ſich, dem Blick des Gefangenen doch noch zu begegnen, an der 186 Stelle, wo er geſtanden, wie ein Geiſterauge, das ſich auf ihn richtete, drehte Napoleon ſichum. „Haben Sie eine Erklärung dafür?“ fragte er. „Iſt es nicht unerhört, daß ein Deutſcher in dieſem Alter, von ſo guter Erziehung, ein Proteſtant ein ſol⸗ ches Verbrechen, einen Meuchelmord hat begehen wollen? Mit kaltem Blute, nach reiflicher Ueberlegung! Was iſt das, Rapp? Was bereitet ſich hier vor?“ „Die geheimen Geſellſchaften, Sire“, antwortete der General, die Worte Napoleon's von vorhin wie⸗ derholend, um doch etwas zu erwidern, ohne an ſeine eigene Bemerkung zu glauben, und war froh, daß der Kaiſer ihm die Fortſetzung des angefangenen Satzes erſparte. Nach ſeiner Gewohnheit ging Napoleon, mehr zu ſich ſelbſt als zu dem Angeſprochenen redend, mit großen Schritten auf und nieder. Er wälzte in dieſen Mo⸗ nologen gleichſam die Gedankenlaſt, die auf ihn drückte, von ſich ab. 4 „Und wer hat dieſe geheimen Geſellſchaften ge⸗ bildet?“ ſagte er, an das Wort Rapp's anknüpfend. „Die Profeſſoren, die Ideologen. Das ſind meine Feinde; die Fürſten, die ich beſiegt, der Adel, dem ich ſeine Vorrechte genommen habe, beſolden ſie. Das deutſche Volk iſt gut, gehorſam und lenkbar, nur dieſe 187 Menſchen verführen es mir. Im Norden, im Süden haben ſie Aufſtände angezettelt. Bin ich ein Nero, ein Caligula? Nein, ſie zwingen mich dazu, dieſe bethörten Jünglinge, dieſe armſeligen Bauern niederſchießen zu laſſen. Was ich will, iſt gut und recht, iſt die Ord⸗ nung und die Freiheit. Einer muß herrſchen, und dieſer Eine, der Mächtigſte, bin ich. Hat mich nicht das Schickſal dazu auserwählt? Aus hundert Schlachten bin ich davongekommen. Wie die Höllenmaſchine hat— mir der Dolch des Mörders nichts anhaben können. Geſchieht dies gewöhnlichen Menſchen? Nein! Geſtehen Sie es ſelbſt, Rapp! Aber der Friede iſt uns nöthig. Die Gemüther ſind zu überſpannt; die Schlacht von Aspern hat die träge Einbildungskraft der Deutſchen in Flammen geſetzt. Sie haben mich ſchon auf der Flucht geſehen und ſind erzürnt darüber, daß ich ihre Hoffnungen bei Wagram niedergeſchlagen habe. Sie ſollen den Frieden haben, um ſich zu beſänftigen, um die Wohlthaten meiner Herrſchaft zu erkennen und zu genießen. Das Geſchlecht der Napoleons wird nicht mit mir enden. Man hat mir die ruſſiſche Großfürſtin verweigert, dieſe öſterreichiſche Erzherzogin iſt mir ſicher. Ich kann die Deutſchen nicht höher ehren, als indem ich eine ihrer Prinzeſſinnen zu meiner Frau mache. Welch Opfer bringe ich ihnen und der Zukunft, welch ein Opfer! Die Dynaſtie der Napoleons wird größer in der Geſchichte daſtehen als alle Königsgeſchlechter, die vor ihr auf Erden erſchienen ſind. Sie wird das Verhängniß Europas ſein.“ So ſprechend war er, in ſeinem Gange innehal⸗ tend, an dem breiten Tiſche in der Mitte des Saals ſtehen geblieben. Karten, Papiere, Berichte, Briefe lagen darauf verſtreut. Achtlos griff ſeine Hand nach einem derſelben. Mit ſchnellem Blicke überflog er es. „Hier ſchlägt mir ein amerikaniſcher Freibeuter vor, er wolle ſich St.⸗Helenas bemächtigen und von dort aus die Verbindung der Engländer mit Indien unterbrechen“, ſagte er.„Sie ſind ein guter Geograph, Rapp— wo liegt dies St.⸗Helena?“ Der tapfere General zog die Stirne kraus, er mußte ſich eine Weile beſinnen, wohin er dieſes ein⸗ ſame Felſeneiland zu bringen habe. „Im atlantiſchen Ocean, Sire“, antwortete er dann,„vor der afrikaniſchen Weſtküſte, etwa fünfzehn Grad unter dem Aequator. Es iſt eine Waſſerſtation für die engliſchen Schiffe.“ „Ich habe dieſe Inſel nie nennen hören und habe keine Luſt, ſie berühmt zu machen. Indien erreichen wir nicht auf dem Waſſerwege, unſere Straße führt über Moskau. Aber nicht jetzt, Rapp, nicht morgen! Dereinſt, ich ſtehe noch im Mittag des Lebens. Melden Sie dem Fürſten Liechtenſtein, ich wäre zur Unterzeich⸗ nung des Friedens bereit. Wir gehen nach Paris. Und daß von dieſer unglückſeligen Geſchichte nichts verlautet. Nichts! Ein Knall, ein Schuß ins Herz— 4 den Rauch verweht der Wind und mit dem Rauch das Gedächtniß dieſes Thoren.— Sie noch hier, Cor⸗ viſart? Er leidet doch an Geiſtesſtörung, wenn auch ſein Puls richtig geht.“ Zur Stunde, als der Kaiſer im Schloſſe mit Eg⸗ bert redete, hatte der Oberſt Armand Loyſel an die Thür des Hauſes mit dem rothen Dache in Hietzing geklopft und Einlaß begehrt. Er freute ſich des Son⸗ nenſcheins, in dem ſeine reichgeſtickte Uniform ſich noch einmal ſo gut ausnahm. Nach dem Sprichwort: Klei⸗ der machen Leute, ſchien ſie ihm ſchon im voraus einen leichten Sieg zu verſprechen. In der munterſten Stim⸗ mung ahnte er nicht das Gewitter, das ſich über ihm zuſammengezogen hatte. Seine republikaniſchen Geſinnungen gingen nicht tief; weil er ſich zurückgeſetzt fühlte, im Uebermaß ſeiner Eitelkeit, hoffte er durch Widerſtand gegen den Kaiſer zu ertrotzen, was dieſer ihm nicht aus Gnade gewähren wollte. Ueberdies waren gerade in dem Regiment, in dem er diente, von einigen ältern Offizieren der Repu⸗ blik verbreitet, die Grundſätze und noch mehr die Redens⸗ arten der Jahre 1792 und 1793 im Schwange. Um ſich beliebt zu machen, hatte Loyſel ſich auf denſelben Ton geſtimmt und dadurch ein gewiſſes Anſehen er⸗ langt. Seit Moreau's Verbannung war im Heere die republikaniſche Geſinnung um mehrere Grade gefallen. Es gab keine republikaniſchen Generale, es gab nur noch republikaniſche Oberſten. „Bald“, ſcherzte Desronais,„wird die Republik bis auf die Unteroffiziere herabgekommen ſein.“ Von den Verabredungen gegen das Leben des Kaiſers wußte Loyſel nichts. Die echten Jakobiner hatten ſich wohl gehütet, den leichtſinnigen Stutzer in ihre kühnſten und verbrecheriſchen Pläne einzuweihen. Ein franzöſiſcher Ofſizier von ſeinem Range, der ſich in aller Sitte als alter Bekannter einführte, konnte von den Frauen nicht zurückgewieſen werden. Der ge⸗ heime Secretarius ließ ſich freilich durch kein Zureden, kein Schmeicheln und kein Zanken ſeiner Frau aus ſeiner Schreibſtube locken. Magdalene hatte kein Arg gegen den Beſuch. Nach der Seligkeit des vergangenen Abends, die ſie noch mit ſanfter Wonneempfindung durchſtrömte, wie es den Blumen zu Muthe ſein mag, wenn ſie lange der laue Weſtwind und die Strahlen der Früh⸗ lingsſonne in ihrer Umarmung gehalten haben, berei⸗ tete ihr das Wiederſehen Loyſel's beinahe einen ſcherz⸗ haften Zeitvertreib. Es füllte die Friſt, in der ſie Egbert miſſen mußte, harmlos und luſtig aus. Sie war in dem glücklichen Uebermuth eines Mäd⸗ chens, das ſich von dem beſten Manne geliebt weiß, und dachte, wenn es ſich ſo fügte, gegen den frühern aufdringlichen Liebhaber, der die halbwüchſige Jung⸗ frau verfolgt, jetzt die gebührende Strafe zu voll⸗ ſtrecken. Dem tapfern Oberſten ſank doch etwas das Herz, als er ſich Magdalene, die ihn heiter empfing, gegen⸗ überſah. Nicht ihre Schönheit bewegte ihn ſo ſehr, als die geiſtige Klarheit und Ueberlegenheit, die ihr Auftreten bekundete. Er hatte ſich thörichterweiſe noch immer das junge, ſcheue und wilde Kind vorgeſtellt, dem er vor Jahren wider ſeinen Willen einen Kuß hatte rauben wollen, und gar nicht bedacht, daß die Zeit aus dem Kinde vermuthlich ein kluges und zurück⸗ haltendes Mädchen gemacht haben würde. Der Ein⸗ druck der Wirklichkeit war nun bei der erſten Begrüßung ſo ſtark, daß er die ſchönen Reden, die er ſonſt zu ver⸗ ſchwenden wußte, nicht auszugeben wagte, ſondern ein wenig kleinlaut den angebotenen Platz einnahm. 192 Im Verlaufe des Geſprächs, durch die Gegenwart der Mutter, bekam er wieder Muth. Mit der Frau Armhart ließ ſich ſchon eher im gegenſeitigen Radebrechen des Deutſchen und Franzö⸗ ſiſchen eine ſpielende Unterhaltung über Nichtigkeiten anſpinnen. Und zugleich war dieſe Unterhaltung für Loyſel nicht ohne Werth; ſie brachte ihm die Gewiß⸗ heit, daß dieſe Frau nimmermehr die Mutter der ſchönen und ſtolzen Jungfrau ſein könne, die mit vornehmem Anſtand daſaß und mit ihrem Lächeln ſeine ſonſt ſo kecke Zunge zügelte. „Wie ein Grafenkind, ganz wie die Dechamps in ihrer Jugend“, ſagte er ſich und merkte nicht, daß ſeine Phantaſie ihm einen Streich ſpielte und in Magdalenen finden ließ, was er darin finden wollte. Freilich war ſie heute, im Bewußtſein und im ſtillen Selbſtgenuß ihres Glückes, beſonders ſchön. Aber der blinde, in ſeinen eigenen Vorſtellungen verrannte Loyſel konnte den wahren Reiz ihrer Schönheit, dieſe Miſchung des Keuſchen, Sanften und anmuthig Ver⸗ ſtändigen, nicht entdecken. Er erzählte, wie ihn erſt jetzt der Dienſt mit ſeinem Regiment nach Wien ge⸗ führt; ſein erſter Gang ſei nach den Saleſianerinnen in das Giebelhaus geweſen, wo er ſo werthe, ſo un⸗ vergeßliche Bekannte, vielleicht, wenn die Damen ihm — n 193 dieſe Hoffnung geſtatteten, Freunde wiederzuſehen er⸗ wartet. Dort habe er erfahren, daß die Familie in Hietzing wohne, daß Herr Egbert Heimwald ſich in der Schlacht bei Aspern vor Andern ausgezeichnet habe. „In der Umgebung des Kaiſers“, ſetzte er hinzu, „ſchallt ſein Lob aus jedem Munde. Wenn er den Dienſt wechſeln und in das Heer Frankreichs treten wollte, würde er eine glänzende Zukunft vor ſich haben.“ Er meinte durch dies Preiſen ſeines Nebenbuhlers das Zutrauen Magdalenens zu gewinnen. Aber ſie erwiderte, zwar mit einem Lächeln, doch mit feſtem und ſtarkem Ton: „Dazu dürfte Herr Heimwald ein zu guter Deut⸗ ſcher ſein; auch iſt er kein Soldat, wie die Herren Franzoſen es verſtehen, er hat die Waffen nur zur Vertheidigung ſeines Vaterlandes ergriffen.“ Der Oberſt lenkte höflich mit der Andeutung des Friedensſchluſſes, der in den nächſten Tagen erfolgen werde, ein. Alsdann würden Frankreich und Oeſter⸗ reich für immer Freunde und Veründbete ſein. Auch ließen ſich ja— es war der erſte Schlag auf den Buſch, den er verſuchte— andere, friedlichere Beziehun⸗ gen denken, die es einem Deutſchen wünſchenswerth machen könnten, in Paris zu leben und franzöſiſcher Bürger zu werden. Frenzel, Lucifer. IV. 13 Darüber erſchien eine verrätheriſche Röthe auf dem Geſicht der Frau Armhart, und ſie ſagte mit eifriger Haſt, Herr Heimwald ſei im Winter des vorigen Jahres nach Paris gereiſt und er werde wohl nicht ſobald wieder dahin zurückkehren. „Ja“, entgegnete Loyſel darauf, der mit Freuden ſichern Boden unter den Füßen fühlte und dreiſter wurde,„ich habe dort von Herrn Heimwald gehört, ihn aber leider ſtets verfehlt. Wir hatten beide eine gemeinſchaftliche Freundin, eine kranke Sängerin. Es iſt kein Geheimniß, das ich ausplaudere.“ „Er hat uns nie eine Silbe davon erzählt“, brach Frau Armhart voll ahnenden Schreckens in ſtotterndem Tone aus. „Ich bitte Sie, eine ſo unbedeutende Geſchichte! Die Dame iſt eine ältere Frau, ſie könnte Ihre Mutter ſein, Mademoiſelle. Eine gewiſſe Athenais Dechamps, eine talentvolle Altiſtin, an die ihn ohne Zweifel der Graf Wolfsegg gewieſen hat.“ Vor den beiden Namen hielt Frau Armhart nicht Stand. Ihr Kopf verwirrte ſich, wie ihr Gemüth ſchon ſeit der Nachricht von dem Verſchollenſein des Grafen geängſtigt und verwirrt war. Sie benutzte den Eintritt einer Magd, die ihr winkte, um, unter dem Vorwand häuslicher Geſchäfte, das Gemach zu verlaſſen. Nun ſtand es bei der Gottheit, ihre Hand zu öffnen und das Geheimniß zu enthüllen oder ſie ſeſter ſchließend es auf ewig zu verbergen. Der Oberſt hatte bei ſeiner Aeußerung weniger auf die Entfernung der Frau Armhart als auf das Erſtaunen und die eiferſüchtige Neugierde Magdalenens gerechnet, um daran ſeine weitern Offenbarungen an⸗ zuknüpfen. Da ſie aber durch kein Zeichen ihre Un⸗ ruhe verrieth, wußte er nicht recht, ob er fortfahren, ob er das Geſpräch in andere Richtung lenken ſollte. Auch meinte er, daß er ſich nicht zu beeilen brauche und noch manche Gelegenheit haben würde, ſeiner ſchö⸗ nen Nachbarin ſein ganzes Herz auszuſchütten. Darüber aber ſagte ſie, aus leicht verzeihlicher Eitelkeit, damit der Fremde nicht glaube, Egbert könne abſichtlich ein Geheimniß vor ihr bewahren, bei ſeiner Rückkehr aus Paris hätte Herr Heimwald andere Dinge zu thun ge⸗ habt, als von ſeiner Bekanntſchaft mit einer Sängerin zu erzählen. Der Spott, der in dieſer Antwort lag, reizte Ar⸗ mand und er rief: „Hier täuſchen Sie ſich doch, Mademoiſelle; auch im wildeſten Kriegsgetümmel wird Herr Heimwald dies Zuſammentreffen nicht vergeſſen haben. Was er von der Sängerin erfuhr, mußte zu wichtig für ihn ſein. 49 3* 196 Aber ich begreife ſein Schweigen. Seine te Verhältniſſe ſeine Beziehungen zu Ihnen würden möglicherweiſe durch die Enthüllung der Wahrheit eine ſonderbare Veränderung erlitten haben.“ „Zu mir?“ entgegnete Magdalene, und eine röth⸗ liche Glut ſchoß ihr ins Geſicht. Sie war nahe daran, mit einer ſtolzen Handbe⸗ wegung den frechen Mann hinauszuweiſen. Lebte ſie denn in einem Lügengewebe eingeſponnen, daß man ihr mit der Wahrheit drohen konnte? Zu⸗ gleich aber wühlte es in ihrem Herzen, und eine dunkle Geſtalt, die Furcht, ſtieg empor, die Furcht, daß der Oberſt ſeine Rede nicht ohne guten Grund gewagt hätte. Dies hielt ihre Bewegung zurück und ihre grau⸗ blauen ſcharfen Augen, die ſie mit einem leiſen Zittern der Wimpern auf ihn richtete, ſchienen halb drohend, halb zagend eine Erklärung von ihm zu fordern. Zu verlieren war hier nichts mehr, der Oberſt hatte durch eine einfache Erzählung der Thatſachen nur zu gewinnen. Und indem er ſich nun auf den Stand⸗ punkt der verrathenen und beleidigten Athenais ſtellte und die Geſchichte in ihrem Sinne ordnete, ſchilderte er ſein Abenteuer mit ihr, die Worte, die ſie ausge⸗ ſtoßen, die ſchwere Krankheit, in die ſie verfallen, in der Benjamin Bourdon und Egbert ſie gepflegt. Er — unterließ jede Anklage; nur zu deutlich ſprang ſie aus ſeinen Schilderungen heraus. Der größte Schuldige war ohne Zweifel der Graf; die Armharts hatten, von ſeinem Gelde verführt, ihm ſeine böſe That vollenden helfen; Egbert endlich hatte, ob aus Schonung gegen Wolfsegg oder aus Sorge, daß Magdalene zu ſchwer von der Wahrheit leiden würde, Alles verſchwiegen. Auch Loyſel behauptete am Schluß ſeiner Erzählung, nur durch eine Verkettung der Umſtände zu dieſen ſon⸗ derbaren Eröffnungen fortgeriſſen worden zu ſein. Aber das Fräulein müſſe geſtehen, daß ihn kein Eigennutz bewege, daß er ihr kein Glück raube, welches er ihr durch die Entdeckung ihrer Mutter nicht hundertfach erſetze. Er beklage es tief, in dieſer Angelegenheit der Verkündiger der Wahrheit geweſen zu ſein; nur durch die Erinnerung an die Freude, die Athenais bei der Kunde geäußert, daß ihre Tochter lebe, in Schönheit blühe und glücklich ſei, werde ſein Schmerz gemindert. Noch lange hätte er in dieſem Tone fortſprechen können, Magdalene würde ihn nicht unterbrochen haben. Starr, keines Lautes wie keiner Thräne mächtig, ſaß ſie da, das Geſicht mit den Händen verhüllend. Aber ein Diener trat ein, ihn abrufend; ein Ad⸗ jutant des Kaiſers habe nach ihm gefragt. Armand Loyſel erhob ſich ſchnell, und als nun 198 Magdalene, ganz wie ein ſchönes kaltes Marmorbild, ſeinen Abſchiedsgruß erwiderte und mit einer Stimme, die ihm, obgleich ſie wie verſchleiert klang, durch Mark und Bein bebte, Lebewohl wünſchte, war er froh, mit leidlichem Anſtand aus dem Gemach und dem Hauſe fortzukommen. Zeit, über die Verwüſtung, die er in dem Herzen des armen Mädchens angerichtet hatte, nachzudenken oder gar Reue über ſeine Bosheit zu em⸗ pfinden, blieb ihm nicht. Draußen erwartete ihn Zam⸗ belli mit dem Befehl des Kaiſers, der ihn nach Spa⸗ nien verbannte. Mit einer letzten Anſtrengung und Ueberlegung war Magdalene, als Loyſel ſie verlaſſen, nach der Thür geeilt und hatte den Riegel vorgeſchoben. Dann fiel ſie, wie vom Blitz gerührt, der Länge nach auf den Boden hin und lag ſchluchzend, unfähig, eins ihrer Glieder zu bewegen. Sie wunderte ſich nur, daß ſie nicht immer tiefer und tiefer hinabſänke, daß es noch etwas Feſtes und Unverrückbares gäbe. Schwankte doch Alles um ſie, war doch mit einem Schlage ihre ganze Jugend, Glück und Heiterkeit in einen unermeßlichen Abgrund geſtürzt. In Sünden war ſie geboren, in Lügen hatte ſie ge⸗ lebt. Schein und Trug war die Liebe ihrer Eltern, die Großmuth des Grafen geweſen. Ohne Warnung — — 199 hatte man ſie ſich in Träume einwiegen laſſen, die nie erfüllt werden konnten. Was ſie für Neigung und Zärtlichkeit gehalten, war nichts als die Sorge der Schuldigen geweſen, ihre böſe That zu verbergen. Statt der Wahrheit die Ehre zu geben, hatten ſie die Lüge verdichtet. Nun war doch die Sonne durch die Finſter⸗ niß gebrochen, aber nicht die Sünder, ſie, die Unſchul dige, hatte das Licht geblendet. Da lag ſie, eine dop⸗ pelt Verlorene. Wenn ihr wahrer Vater noch lebte, wenn ſie ihn wiederſah, konnte ſie ihm ohne Erröthen in die Augen blicken, durfte er ſie ohne Zittern anſchauen? Und ihre Mutter! Wer war ſie? Wie würde ſie von ihr aufge⸗ nommen werden? Mußte dieſelbe in ihr nicht die Treu⸗ loſigkeit des Vaters und die eigene Schwäche haſſen? Langſam hatte ſie den Oberkörper aufgerichtet und ſchaute, auf den rechten Arm ſich ſtützend, mit umflortem Blick umher. Was wollte ſie noch hier? Gehörte ſie in den Kreis der Andern, der Sitte, der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft? War ſie nicht durch ihre Geburt eine Ausge⸗ ſtoßene, durch Gottes unerforſchlichen Rathſchluß eine Verworfene? Ein Kind der Liebe, eine Zigeunerin! Geſtern hatte es ihr Stolz, ihr feines Gefühl unerträg⸗ lich gefunden, in Wohlſtand und Behagen fortzuleben, 200 die nicht ihre Arbeit, ſondern Egbert's Wohlthaten um ſie geſchaffen— und heute? Ja, wie hatte ſie nur in ihrem Herzen den Gedanken nähren können, an ſeiner Seite zu bleiben, ſich ſeinen Namen und ſeine Ehre anzumaßen! Werde ſeine Gelievte, das iſt beſſer, das allein ziemt der Tochter einer ſolchen Mutter! So ſtark war Allem, was der Oberſt berichtet, der Stempel der Wahrheit aufgeprägt, daß ihr kein Zweifel kam. Das Aeußerſte, das ſie noch von ihm vermuthen konnte, war, daß er der Bote ihrer Mutter geweſen. Ihrer Mutter, der man ſie entriſſen und ſo viele Jahre vorenthalten hatte, die ihre Arme im ſehn⸗ ſüchtigen Verlangen nach ihr ausſtreckte! Ihr Mißtrauen, einmal erweckt, richtete ſich in voller Schärfe gegen die Armharts und den Grafen. Hundert kleine, früher von ihr nicht beachtete Züge fielen ihr ein, welche als ebenſo viele eidleiſtende Zeugen die Wahrheit bekräftig⸗ ten. Wie leicht erklärte ſich jetzt das wunderliche Be⸗ nehmen des Secretärs gegen ſie, das Ziſcheln, die Geheimthuerei, als das Gerücht von dem Tode des Grafen ſich verbreitet! Ein heftiger Widerwille gegen die Menſchen, die ihr doch nur Liebe und Wohlwollen bewieſen, erfüllte ſie. In einen Becher edelſten Weines iſt ein Tropfen von einem bitterſten Kraut gefallen und hat ſeinen köſtlichen Inhalt vergiftet; ſo vergiftete der Argwohn Magdalenens Herz. Wo war Aufrichtigkeit, Wahrheit in dieſer Welt ſchmählicher Täuſchungen? Was zögerte ſie noch, den Staub dieſes Hauſes von ihren Sohlen zu ſchütteln und der Lüge zu entfliehen? Nicht hier unter Fremden, an der Seite ihrer kranken, ihrer verlaſſenen Mutter war ihr Platz. Wenn die Sünde ihres Vaters an der Unglücklichen auch nur zum kleinſten Theile gut zu machen war, durch die Liebe der Tochter allein konnte es geſchehen. Nicht ein friedliches glückliches Leben war ihr beſtimmt, in Buße und Unruhe würde ſie den Reſt ihrer Tage verbringen. Dem tiefbekümmerten, leidenſchaftlich gerade in den Wurzeln ſeines Seins und Denkens bewegten Mäd⸗ chen ſchien es, als müſſe der Tod Erbarmen mit ihr haben und ſie bald aus dieſem Thal der Thränen, des Scheins und der Falſchheit befreien. Was iſt dieſe Welt anders als ein Traum, der, ſchön beginnend, zu⸗ letzt mit grauſamen Schrecken die beſtürzte Seele ängſtigt! Ein Klopfen an der Thür ſtörte ſie aus ihren finſtern Gedanken. Der draußen Stehende mochte ſchon mehrmals vergeblich angepocht haben, denn jetzt rief eine Stimme, die ſie, ach! nur zu genau kannte, ihren Namen. Es war Egbert. Das fehlte noch, ihr Elend voll zu machen, daß ſie ihm jetzt begegnen mußte. Vergebens ſah ſie ſich nach einem Ausweg um. Kein Ort, wohin ſie ent⸗ fliehen, wo ſie ſich, ihre Schande und ihren Jammer verbergen konnte. Mühſam erhob ſie ſich vom Boden, ſtrich das Haar zurück, ſchleppte ſich zur Thür und ent⸗ fernte den Riegel. Aber als nun Egbert vor ihr ſtand, mit den treuen Augen, dem ſinnenden Zuge in ſeinem Antlitz, der ſo viel Güte und Wohlwollen, eine ſo feſte und beſchei⸗ dene Ritterlichkeit ausdrückte, hielt ſie ſich nicht länger und mit dem Ruf, der in Thränen und Seufzern er⸗ ſtarb:„Warum haſt Du mir das verſchwiegen!“ brach ſie zuſammen. Kaum, daß er ſie in ſeinen Armen auffangen und auf das Sopha tragen konnte. Er wollte nach der Mutter, nach der Magd rufen; ſie je⸗ doch wehrte ab. „Laß es unter uns beiden bleiben“, ſagten ihre Blicke, da ihr Mund, den der Schrecken geſchloſſen, es nicht vermochte. Schon beim Eintritt in ſein Haus hatte Egbert von der Anweſenheit eines franzöſiſchen Offiziers ge⸗ hört und war von einem Gefühl ungewiſſer Bangig⸗ keit beſchlichen worden Es vermehrte ſich noch, als er —ͦ 203 in der Flur Frau Armhart ängſtlich und haſtig, bei⸗ nahe ohne Gruß, an ſich vorüberhuſchen ſah. Der Zu⸗ ſtand, in dem er Magdalene fand, entſchleierte ihm das Verhängniß, das über ſie hereingebrochen. Vor dem traurigen Abſchluß dieſer Dinge wurde jede Frage, wie Alles im Einzelnen gekommen ſei, gleichgültig und unnöthig. „Warum haſt Du mir geſtern nicht geſagt, was ich heute von einem Fremden erfahren mußte?“ klagte ſie mit ſanftem Vorwurf, und die Unordnung ihres Gewandes gewahrend, zog ſie es mit einer letzten An⸗ ſtrengung zurecht. „Bedenke doch, daß Du für mich immer Magda⸗ lene, meine Jugendfreundin, meine Geliebte biſt und ſein wirſt; daß es mir nicht zukam, Dir ein Geheim⸗ niß zu entdecken, das mir ein Zufall, die Fieberphan⸗ taſie einer Schwerkranken wider ihren Willen anver⸗ traut— ein Geheimniß, das einem Andern angehört. Nur die Lippen durften es Dir enthüllen, die mit ihrem väterlichen Kuſſe die Wunde, die ſie ſchlugen, auch heilen konnten.“ „Mein Vater“, ſagte ſie bitter,„der ſich ſchämt, es zu ſein und mir wie einem Waiſenkinde heimlich die Broſamen ſeiner Zärtlichkeit zuwirft! Nicht er, der verhaßte Armand Loyſel verrieth mir meine Schande!“ 204 „Armand Loyſel!“ Egbert bewunderte die Fügung des Geſchicks, die den Schuldigen ſo ſchnell ereilt. „Er wird Dich nicht wieder beläſtigen, der Kaiſer ſchickt ihn ſchon in dieſer Stunde in die entlegenſte Ferne. Du wirſt das Geſicht des frechen Mannes nicht wiederſehen und nicht mehr zu ſcheuen haben.“ „Weiß er darum weniger, wer ich bin?“ „Wer Du biſt? Das reinſte, das holdeſte Geſchöpf! Laß es doch meine Sorge ſein, Dich zu beruhigen und Deinen Gram zu lindern.“ „Meinen Gram tröſtet Deine Liebe nicht. Siehſt Du nicht, guter Egbert, welche Schlinge ſie Dir über den Kopf werfen wollten? Da iſt eine Verlorene, deren ſie ſich ſchämen, mit der ſie nichts anzufangen wiſſen. Der Zufall führt ihnen den beſten und edelſten Mann entgegen; ihm beſtimmen ſie das Kind der Sünde. Sein makelloſer Name ſoll ihre Unehre zudecken. Und Du denkſt, ich würde mich wiſſentlich zu ihrem Werk⸗ zeuge hergeben? Ich ſollte Dein Weib ſein, ich! Mit dieſem Brandmal auf der Stirn! Mit einer Mutter, die ich nicht kenne, mit einem Vater, der mich nicht kennt! Ich habe keine andere Heimat auf Erden als die Kniee meiner Mutter!“ „Oder die Bruſt eines Vaters, der Dich zärtlich liebt!“ ſagte da ein Mann in Bauerntracht, der viel⸗ leicht ſchon eine Weile auf der Schwelle der ſacht ge⸗ 8 öffneten Thür geſtanden, unbeachtet von ihnen, denn 1 ſie waren ganz in einander verſunken und wie welt⸗ entrückt geweſen. Unwiderſtehlich iſt die Gewalt des Wirklichen. Dieſe Gegenwart des bereits als verſchollen, als todt Beweinten ſchlug alle Einwände und Anklagen eines in ſeiner keuſchen Tugend überſpannten Gefühls ſieg⸗ reich nieder. Da gab es keine Ausflucht, kein Wider⸗ ſtreben. War Wolfsegg auf Magdalene zugeſtürzt, war ſie ihm von einer unſichtbaren Macht entgegenge⸗ trieben worden, ſie lag an ſeinem Herzen mit geſchloſſe⸗ nen Augen. Mit dem rechten Arm umfing Wolfsegg ihren ſchlanken Leib, als wolle er ſie nie mehr von ſich laſſen, die Linke ſtreckte er nach Egbert aus. „O, meine Kinder, wenn ich jetzt ſtürbe, würde ich glücklich ſein!“ ſagte er, ſtolz und freudig und kraft⸗ voll um ſich blickend. Als die erſte Woge ſtürmiſcher Empfindungen ſich geſänftigt hatte, kam die unerwartete Ankunft, die Ver⸗ kleidung des Grafen, die ſie erſt jetzt bemerkten, das Schickſal, das ihn ſeit der Wagramer Schlacht hin und her geworfen hatte, zur Sprache. Als in der Nacht nach dem zweiten verlorenen 1 206 Schlachttage der Erzherzog Karl einen Kriegsrath um ſich verſammelte und zugleich mit dem Rückzug des ) 6* 3 5 8 Heeres auch die allgemeine Lage des Reichs, die Mög⸗ lichkeit einer Fortſetzung des Kriegs in Betracht ge⸗ zogen ward, erſchien es wünſchenswerth, einen vertrau⸗ ten, erfahrenen und entſchloſſenen Mann nach dem auf⸗ ſtändiſchen Tirol zu ſenden. Der Kampf Andreas Hofer's und ſeiner heldenmüthigen Genoſſen erregte die Bewunderung aller; die Frage war nur, ob von dieſen Bergen und Thälern aus ein entſcheidendes Unterneh⸗ men gegen die Rückzugslinie Napoleon's verſucht wer⸗ den könnte. Daneben galt es, die Bauern in ihrem Widerſtande zu beſtärken; nicht ohne die größte Rück⸗ ſicht auf ſie, ihr Land und ihre Gewohnheiten und Gerechtſame zu nehmen, ſollte Frieden geſchloſſen werden. Der geeignetſte Mann für eine ſolche Sendung war der Graf Wolfsegg. Ihn ſchreckte die Gefahr nicht; mit Land und Leuten war er bekannt. Wäh⸗ rend der Vorbereitungen des Kriegs, bei den heim⸗ lichen Zuſammenkünften und Verabredungen hatte er eine einflußreiche Rolle geſpielt; neben jenem Teimer aus Klagenfurt war der rothbärtige Pater Marcellus einer der Führer und Redner der Bauern. Zu ſpät entſchloß man ſich im Hauptquartier zu einer Politik des Volkskriegs, die ganz andere Früchte getragen haben würde, hätte man ſie im Beginn rückſichtslos ergriffen und nicht nur in Proclamationen, ſondern durch Thatſachen anerkannt und ausgeführt. Wolfsegg, der ſtets dieſe Meinung vertheidigt und dieſe Führung der Angelegenheiten empfohlen hatte, konnte ſich ſomit der Aufgabe, die ihm geſtellt wurde, nicht entziehen. Noch in der Nacht verließ er das Heer und eilte durch das ſüdliche Böhmen an die Donau. Abſichtlich ver⸗ breitete man das Gerücht ſeines Todes. An einem von den Franzoſen nicht bewachten Punkte glückte es ihm, hinüberzukommen. Verkleidet entging er ihren Spähern, ihren Soldaten in den Städten. Einmal in den Ber⸗ gen ſüdweſtwärts vom Traunſee, war er geborgen. Hier kannte, verehrte, liebte ihn der Bauer, der Jäger, der Hirt wie der Pfarrer. Während Egbert in hoffnunglos ſcheinender Krank⸗ heit darnieder lag, hatte der Graf in den Tagen vom fünften bis zum vierzehnten Auguſt den ſieg⸗ und ruhm⸗ reichen Gefechten der Tiroler gegen den Marſchall Lefebvre beigewohnt, die den übermüthigen Mann in ſchmählichſter Zerrüttung ſeiner Heermaſſen zur Flucht aus dem Lande zwangen. „Da haben wir geſehen“, rief Wolfsegg in Er⸗ innerung daran mit leuchtenden Augen,„was ein Volk vermag, das ſich einmüthig, dem Tode trotzend, zur 208 Vertheidigung ſeines heimiſchen Herdes, ſeiner heiligſten Güter erhebt! Dieſe Kämpfe ſind für mich die Mor⸗ genröthe unſerer Befreiung. Haben wir auch diesmal verſpielt, ein ſolches Volk kann nicht verderben, kann nicht untergehen!“ Aber wie groß der Erfolg auch war, einen ge⸗ wiegten Mann, der über das geſammte Schachbret ſchaute, blendete er nicht. Aus dem in Zuaim abge⸗ ſchloſſenen Waffenſtillſtande, aus geheimen Botſchaften, die aus dem Heerlager in Ungarn den Weg zu ihm fanden, aus den in immer ſtärkern Schaaren ſich um Tirols Grenzen, den Innſtrom entlang, ſammelnden Franzoſen und Baiern erkannte Wolfsegg die Vergeb⸗ lichkeit eines fernern Widerſtandes, in allen Maßregeln, die auf öſterreichiſcher Seite getroffen wurden, die Vor⸗ boten des Friedens. Um ſeinerſeits dazu beizutragen, daß bei dem Abſchluß deſſelben die Verſprechungen ge⸗ halten würden, die der Kaiſer Franz den Tirolern in feierlicher Weiſe wiederholt gemacht, ſcheute Wolfsegg⸗ die Beſchwerden und Gefahren einer abermaligen Reiſe durch die franzöſiſchen Linien nicht. Ihm unbewußt blickte es durch ſeine Erzählungen hindurch, wie dies abenteuerliche Leben ihn angezogen und den Gram ſeiner Seele zerſtreut habe. In ſeinen Streifereien hatte er zugleich den Sturz ſeiner Hoffnungen, das 209 Unglück ſeines Vaterlandes und die Schuld ſeiner Ju⸗ gend, die ihn bei dem allgemeinen Zuſammenbruch ſchärfer als jemals peinigte, zu vergeſſen geſucht. Seit dem Ausgang des Septembermondes verweilte er am Hoflager des Kaiſers Franz. So nahe und doch ſo fern von denen, nach deren Anblick er ſich Tage, Wo⸗ chen geſehnt, deren Geſchick ihn fortwährend, unabläſſig beſchäftigt— er hielt dieſe Qual der Erwartung nicht aus, und unbekümmert um die Folgen, die ihm aus ſeiner verwegenen That erwachſen konnten, kam er nach Wien. Was noch zu beſprechen, zu beklagen und zu be⸗ reuen war, verſchlang zunächſt die Freude des Wieder⸗ ſehens. Sich aus ſo gewaltigen Stürmen gerettet und im ſichern Port geborgen zu wiſſen, drängte bei allen dreien Vergangenheit wie Zukunft, Schmerz wie Furcht zurück. Auch das Verworrenſte mußte ſich jetzt freund⸗ lich löſen, die Beſonnenheit des Grafen im Verein mit Egbert's Zärtlichkeit Magdalenens erſchüttertes Gemüth beruhigen. Schon erwies ſich die Sorge, die ihr Wolfs⸗ egg's Ankunft bereitete, die Arbeit, als Ablenkerin trü⸗ ber Gedanken. Auch die Armharts kamen mit erhei⸗ terten Stirnen zum Vorſchein. Ueber dem ſo ſchwer bedrohten Hauſe, über dieſen ſo hart geprüften Menſchen war die Sonne des Friedens aufgegangen. Frenzel, Lucifer. IV. 14 210 Nur eine traf ihr Strahl nicht. Abſeits von den Andern trieb die braune Chriſtel ihr abſonderliches Weſen. Saumſeliger, in ſich verlorener war ſie nie geweſen als heute, wo Magdalene ihre Hülfe eifriger in Anſpruch nahm. Eine wunderbare Melodie ſummte ihr im Ohr, wie himmliſches Glockengeläut. Oben in ihrer Kammer lag zuſammengeſchnürt ihr Bündel. Un⸗ ruhig, fragend ſchweifte ihr Blick zu der Sonne empor, warum ſie ſo langſam ginge, ob es denn noch nicht Abend werden wolle? Der Abend mit roſig verdäm⸗ mernden Wolken und dann die Nacht mit ihrem dunklen feuchten Schleier, der Alles umſchloß, für die arme Chriſtel das Glück und die Freiheit. Welche Gefahren, welche Ungeheuer auf ihrem Wege auch lauern mochten, nicht auf immer kann ſich verirren, wer den Pfad in⸗ brünſtiger Liebe wandelt; ſpäter oder früher, einmal wird er ſich wiederfinden ſtill und ruhig in dem Schooß der göttlichen Liebe. Ende des vierten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 3 5 5 Ueue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Zur Ehre Gottes! Ein Zeitgemälde. von Sacher⸗Maſoch. 1 Band. 80⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Falſcher Hermelin. Kleine Geſchichten aus der Bühnenwelt von Sacher-Maſoch. 1 Bd. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Nomaden. Roman von Robert Byr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— * 5 1 Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Maun und Weib. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. Fränlein oder Frau? Erzählung von Wilkie Collins. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 25.Ngr. Die Lovels auf Arden. 3 3 — Roman 4 von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. 3 Autorifirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. ꝛ———— ☛