4—— Leibbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 8 0. 6. Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. . Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückinde der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Ulyr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 3 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von ſjedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 6— 5 3 4 4, Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt wer en und eträgt: 3. für niochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 4 5. Auswärtig der Bücher au 3 feſtgeſett und wird as Weiterverleihen der Bü jjenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geli ſtehen haben. 3 — Ein Roman aus der Uapoleoniſchen Zeit von Karl Irenzel. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. 1 5 — — 1 — Erſtes Kapitel. Damals, in den glücklichen Tagen Napoleon's, war Paris die erſte Stadt der Welt. Mit Recht konn⸗ ten ſeine Lobredner rühmen, daß die Menſchheit ſeit dem Rom der erſten Cäſaren nichts Aehnliches geſehen. Nie hatten ſo viele Zeichen des Siegs, ein ſo großer Wohlſtand, eine ſo weit verbreitete Bildung, bei einer ſtrengen und eiferſüchtigen imperatoriſchen Herrſchaft eine ſolche Freiheit der Bewegung und der perſönlichen Unabhängigkeit eine Stadt ausgezeichnet, wie Paris. Wohl war es ein Wunder, das ſich hier den ſtau⸗ nenden Augen bot. Auf dem durchwühlten, von einem furchtbaren Erdbeben zerriſſenen Boden der alten Ge⸗ ſellſchaft war eine neue Ordnung aufgeblüht. Wie ein Märchen, wie längſt verſchollene Geſchich⸗ Frenzel, Lucifer. III ten mochte es bedünken, daß durch dieſe Straßen, über dieſe Plätze hin, die nun eine fröhliche, bewegliche, bunte Menge, Erwerb oder Genuß ſuchend, belebte, die Stürme der Revolution geraſt. Ein Mann, ein ein⸗ ziger, hatte dieſe ungeheure Wandlung vollendet, den Abgrund der Revolution geſchloſſen, den innern Frie⸗ den wiederhergeſtellt und jedem Einzelnen ſein Haus und ſeinen Beſitz geſichert. Mit den Kirchen hatte er zugleich die Tempel der Muſen wieder aufgerichtet. Wie die Religion zu den Ungläubigen, war die Sitte zu den Verwilderten zurückgekehrt. Nur hier und dort gewahrten die forſchenden Blicke der Fremden die blutigen Spuren, die klaffenden Riſſe der Umwälzung; wie von Lady Macbeth's Hand das Blut des ermordeten Duncan ſich nicht will fort⸗ wiſchen laſſen, ſo will aus der Geſinnung und dem Auftreten des Pariſer Volkes der Stempel der Revo⸗ lution nicht verſchwinden. Aber nicht umſonſt prangt an den öffentlichen Ge⸗ bäuden, an Paläſten und Muſeen, an Säulen und Triumphpforten das gekrönte, von Lorbeerzweigen um⸗ gebene N. Frankreich hat einen Herrn. Mit der Kraft ſeines Genius hat er die große Nation aus der Tiefe des Abgrunds geriſſen und ſie zur erſten der Welt ge⸗ macht; aber er hat ſich auch zu ihrem Führer und —— —ö— 3 Kaiſer aufgeworfen. Für Alle hat er den Willen und den Gedanken; er ſättigt ſie mit Gold und Ehren, er ſchafft ihnen Arbeit und ergötzt ſie durch koſtbare Schau⸗ ſpiele; um den Preis, daß ſie ihm dienen, mögen ſich die Franzoſen die Weltgebieter nennen. Iſt er Frank⸗ reichs Ruhm und Sonne oder ſein Verhängniß, wer will es ſagen? Noch umflammt der Glanz und Zauber der Unbeſiegbarkeit ſein Haupt. Die Völker des Feſt⸗ landes huldigen ihm; eben iſt er dabei, die beiden, die ihm noch zu widerſtehen wagen, zu züchtigen. Im ra⸗ ſchen Siegeslaufe hat er die Spanier auseinanderge⸗ jagt; jetzt iſt er in Burgos, jetzt reitet er durch den Paß von Somo⸗Sierra, dieſe Thermopylen Spaniens, denen nur die Spartaner fehlten; jetzt zieht ſein Heer in Madrid ein; in weniger als vier Wochen iſt der Feldzug geendigt. Lachend nehmen es die Pariſer hin; ſie ſind an dies Blitzgefunkel gewöhnt, und das Aben⸗ teuerlichſte iſt ihnen ſchon zum Wahrſcheinlichſten ge⸗ worden. In dieſen Tagen, erzählt man ſich, iſt der Marſchall Soult mit dem Löwengeſicht bei der Arbeit, die Engländer in den atlantiſchen Ocean zu werfen. Es iſt im Januar des Jahres 1809. In un⸗ unterbrochener Folge drängen ſich Feſte, Bälle, Ver⸗ gnügungen in der glänzenden Stadt. Der Kaiſer kargt nicht mit dem Geld des Staates oder mit der Sieges⸗ 1* beute, aber er verlangt von ſeinen Marſchällen und Senatoren, daß ſie ihrerſeits verſchwenden und durch äußere Pracht ſich ihrer Stellung würdig zeigen. Nach ihm bringt der Luxus Handel und Gewerbe in die Höhe. Willig kommen ſeine Diener ſeinem Worte nach. Der ſpaniſche Krieg, den die Schwarzſeher als den An⸗ fang des Unheils, als das Vorzeichen des Zuſammen⸗ ſturzes der kaiſerlichen Herrlichkeit betrachtet— denn es gibt im Faubourg St.⸗Germain manche Kreiſe, die bei a.lem Schein der Huldigung und Ehrfurcht doch das Reich dieſes neuen Karl's des Großen für einen Mär⸗ chentraum halten, von dem eines ſchönen Tages nichts übrig bleiben wird als eine Legende— der ſpaniſche Krieg hat nicht eine Feſtlichkeit verzögert, nicht einen Tanz gehindert. Alles wiegt ſich in Ruhm, Reichthum und Luſt. Einige erbitterte Feinde der Regierung kla⸗ gen zwar über die Handelsſperre gegen England, über den Niedergang der Geſchäfte, die Abnahme der haupt⸗ ſtädtiſchen Bevölkerung, der Fremde aber merkt von dieſem Verfalle nichts. Ihm ſtrahlt in den herrlichſten Farben das Bild einer rieſigen, wunderbaren Weltſtadt entgegen, mit unzähligen Kuppeln und Thürmen, Säu⸗ len und Paläſten; ihn umrauſcht die gewaltige Har⸗ monie eines kriegeriſchen und großartigen Lebens, in der ſelbſt die Diſſonanzen des Gemeinen und Niedrigen — 5 den erhabenen Zuſammenklang des Ganzen befördern helfen. Finden ſich in Wirklichkeit unter dieſer Ober⸗ fläche verborgene Quellen des Unglücks, ſo liegen ſie in einer Tiefe, die der Blick der Menſchen nur ſelten durchdringt. Schon durch ihre Ausdehnung, ihre einzig ſchöne Lage zwiſchen den vielfachen Krümmungen der Marne und der Seine, in der Abwechslung von Berg und Thal, wo im Norden hart an der Stadtmauer mit ſeinen alterthümlichen Windmühlen der Montmartre, im Weſten der einſame, faſt ganz von Häuſern freie Mont Valérien aufragen und von ihren Kuppen aus eine entzückende Rundſicht über die weite Landſchaft gewähren, macht die franzöſiſche Hauptſtadt auf Alle, die ſich ihr von Oſten nähern, einen bedeutenden Ein⸗ druck. Rings umher iſt ein reich angebautes Land; Dörfer, die zwiſchen Gärten und kleinen Waldungen liegen, ſtattliche Schlöſſer, Königswohnungen und Her⸗ renſitze mit den größten, durch die Kunſt zu ganz eige⸗ nen Gebilden umgeſchaffenen Parks ergötzen in man⸗ nichfaltigem Wechſel das Auge des Reiſenden. Auch im Winter hat dieſe Gegend noch ihren Reiz. Man betritt einen claſſiſchen Boden, man athmet mit dieſer Luft gleichſam hiſtoriſches Leben, tragiſche und heitere Erinnerungen ein. Wie einſt die ewige Stadt der ſieben Hügel zählt auch dies Paris tauſend Jahre ei⸗ ner ſtetig fortſchreitenden Cultur. Meilenweit vor der Stadt empfindet der Ankömmling ſchon ihre Nähe. Er fährt durch Dörfer mit ſchmucken zierlichen Häuſern, wie ſie in ſeiner Heimat in mancher Stadt nicht ſo gefällig und groß zu finden ſind; anfangs ſind noch Gärten zwiſchen den Häuſern zu unterſcheiden, dann ſteht ein ſteinernes Gebäude neben dem andern, eine lange, unabſehbare Straße. Ohne daß es ihm aufge⸗ fallen wäre, iſt ſein Wagen durch die Barrièren ge⸗ fahren. Nun wird das Volksgewühl dichter, der Lärm lauter, das Wagengeraſſel auf dem holperigen Pflaſter ohrenzerreißender; an den Läden rieſige Schilder mit grellen Malereien und ellenlangen Buchſtaben: der Rei⸗ ſende iſt in Paris. Seit einigen Wochen wohnte Egbert im Hotel des Princes, äußerlich in der behaglichſten Lage, innerlich noch immer nicht von einer gewiſſen Betäubung frei. Zu mächtig laſteten die neuen Eindrücke auf ihm. Wohl kam er aus einer großen Stadt, aber das Le⸗ ben Wiens drängte ſich auf einen engen Raum, in ſchmalen Gaſſen, auf kleinen plätzen, zuſammen. Um einen Ausblick zu gewinnen aus der dumpfen Umgebung der himmelhohen Häuſer, mußte man auf die Feſtungs⸗ 7 wälle ſteigen oder in die Vorſtädte flüchten. Da wa⸗ ren keine breiten, baumumhegten Spaziergänge, wie hier die Boulevards, keine Quais an einem ſchönen Strom, keine Prachtgebäude mit ſo freien und ſtolzen Fronten, wie der Louvre, das Tuilerienſchloß, der Lu⸗ rembourgpalaſt mit ſeinem Garten. In Wien über⸗ raſchte die Verſchiedenheit der Trachten, der Sprachen, der Völker, die ſich dort zuſammengefunden; in Paris hat das Gemeinſame und Gleichartige Aller etwas Ueberwältigendes. Nach Kräften ſucht der Fremde, der Provinziale ſeine Beſonderheiten abzulegen und im Schnitt ſeiner Kleidung wie in der Weiſe ſeiner Rede und ſeines Auftretens als Pariſer zu erſcheinen. Ein lebendiges Ideal ſteht hier vor ihnen, dem ſie nach⸗ ſtreben. Um keinen Preis will man der Lächerlichkeit anheimfallen. Mit dieſer Furcht vereinigt ſich in allen Kreiſen derſelbe Drang nach Auszeichnung, dieſelbe ſchauſpieleriſche Eitelkeit. Es erregte Egbert's höchſtes Erſtaunen, ſelbſt bei den Gegnern des Kaiſers, mochten ſie ſich nun im Stillen als Republikaner oder als An⸗ hänger der Bourbons zu erkennen geben, eine Schwär⸗ merei für das Kreuz der Ehrenlegion zu bemerken. Wer das rothe Band im Knopfloch trug, dünkte ſich über die Menge ſeiner Mitbürger erhaben. An ſolchen Fäden, ſagte ſich Egbert, wird eine geiſtreiche Nation gelenkt, ein Volk, das noch vor we⸗ nigen Jahren Freiheit und Gleichheit auf ſeine Mau⸗ ern ſchrieb. In ihm ſteigerte Alles, was er ſah und hörte, die Bewunderung vor dem großen Manne, der ſo Un⸗ geheures vollbracht. Hier im Mittelpunkt der Napo⸗ leoniſchen Macht fühlte er ein abergläubiſches Grauen 8 vor dieſem dämoniſchen Glück. Er begriff, daß der Kaiſer ſelbſt ſich für einen Mann des Schickſals, für einen Auserwählten unter allen Sterblichen hielt, daß er wie ſeine Umgebung blindlings ſeinem Stern ver⸗ traute. Wie hohl und wurmſtichig die Grundlagen dieſes babyloniſchen Thurms waren, durch welche furchtbaren und nichtswürdigen Mittel, Treubruch, Ver⸗ rath, Diebſtahl und Mord, nach dem Vorbild italie⸗ niſcher Banditenführer, dieſe Weltherrſchaft zuſammen⸗ gebracht war, das konnte der geblendete Sinn des Jünglings nicht erkennen. Ihn riß die Fülle der Kunſt und der Pracht hin, die in Paris wie aus einem unerſchöpflichen Füllhorn quoll. Wenn er im Muſeum Napoleon’s vor den Kunſt⸗ werten weilte, die aus allen Ländern Europas als herr⸗ lichſte Sieges beute hier vereinigt waren, bedauerte er wohl ddiejenigen, denen ſie entriſſen worden, aber hatten die ————— —— Römer anders gehandelt? Führten ſie nicht die Koſt⸗ 4 4 F ——— 9 barkeiten einer Welt nach ihrem Capitol, nach ihren Kaiſerburgen auf dem palatiniſchen Hügel? Eine weltumfaſſende Cultur kann nicht entſtehen, wenn die Schätze der Wiſſenſchaft und der Kunſt über die ganze Erde hin verſtreut ſind, wenn das Leben des Einzelnen darüber hingeht, von einer dieſer heili⸗ gen Stätten zur andern zu reiſen. Einen Lichtpunkt muß es geben, von dem aus Allen Glanz und Wärme zuſtrahlt. Die Möglichkeit eines raſchen, gleichmäßigen Fortſchritts aller Völker hängt davon ab, daß in einer Stadt ſich alles Vorzüglichſte beiſammen findet. Solche Gedanken, die damals hundertfach mit größerer oder geringerer Beredtſamkeit geäußert wurden, hatten Eg⸗ bert's volle Zuſtimmung. Beſtändig erſcholl das Geſchmetter kriegeriſcher Trompeten, das Geraſſel der Trommeln, aber inmitten dieſes Tumults und der Schlachtfelder, die hier noch von unbegrabenen Leichen ſtarrten, während dort in nicht ferner Zukunft ſchon neue aufdämmerten, ſehnten die Menſchen den ewigen Frieden und die Weltver⸗ brüderung herbei. So ſchön und natürlich dieſe Wünſche im Herzen und auf den Lippen Egbert's waren, ſo ſchauerlich, wie ein ſataniſcher Hohn, nahmen ſie ſich im Munde des gewaltigen Kriegsfürſten aus, wenn er im Kreiſe ſeiner Hauptleute, vor den Abgeordneten ——y 10 des Volkes von ſeiner Friedensliebe und dem Haſſe und der Feindſchaft des treuloſen Albion redete. Ein Helden⸗ und Tyrannenſpieler, der ſich im Schäferhut und Schäferſtab gefällt! Aber für ein aufrichtiges, den Idea len hingegebenes Gemüth, für eine ſchwärmeriſche Einbildungskraft hatten dieſe Verſicherungen, in dem feierlichen und pomphaften Stil des Imperators, den Klang der Wahrheit. Sein wichtigſtes Geſchäft, die Ueberreichung der ihm anvertrauten Depeſche, hatte Egbert noch am Tage ſeiner Ankunft vollzogen. Nach dem Empfang, der ihm von ſeiten des Gra⸗ fen Clemens Metternich, nachdem dieſer Einſicht von dem Schriftſtück genommen, zu Theil wurde, mußte er zu der Ueberzeugung gelangen, daß es ſich um wich⸗ tigere Dinge gehandelt, als er geahnt. Der Geſandte überhäufte ihn nicht mit Alltagshöflichkeiten, wie ſie einem ſo feingebildeten Cavalier für Jedermann zu Gebote ſtanden, ſondern behandelte ihn wie einen eben⸗ ſo ausgezeichneten als ihm perſönlich werthen Lands⸗ mann. Um die Stimmung in Wien, im deutſchen Reich befragt, gab Egbert gewiſſenhaft Kunde, eine Kunde, die dem gewiegten Politiker thatſächlich nichts Neues bieten konnte, aber hinſichtlich der Geſinnung, der 11 Hoffnungen der Jugend und des Volkes ihm die ſchätz⸗ barſten Einblicke gewährte. Schon damals war der Graf Metternich jeder Volksbewegung ein Feind, und er würde nicht wie der Graf Stadion, die öſterreichiſche Ariſtokratie und die von Bonaparte und den Rheinbundsfürſten beraubte und zertretene Reichsritterſchaft das Geſchick des Staa⸗ tes und vielleicht der Dynaſtie an eine Erhebung des Volkes in Waffen geknüpft haben; allein er war ein zu treuer Diener ſeines Herrn, um die Politik, die man in der Hofburg gewählt, nicht zu vertreten. Rech⸗ nete man einmal bei dem bevorſtehenden Kriege gegen Napoleon auf einen Aufſtand in Tirol und Vorarl⸗ berg, in Schwaben und Heſſen, auf ein preußiſches Bündniß, ſo mußte es dem öſterreichiſchen Geſandten in Paris werth und erwünſcht ſein, ſtatt aus officiellen, hell oder ſchwarz malenden Depeſchen, von einem harm⸗ loſen, viel mehr romantiſchen als politiſchen Reiſenden die Wahrheit zu erfahren, nicht wie man ſich in der Staatskanzlei den Sturm des Volkes vorſtellte, nein, wie das Volk ſelbſt ihn auszuführen gedachte. Eine tiefe Gährung in der Landbevölkerung in dem ganzen ſalzburgiſchen Gebiet, den Ingrimm und die Wuth der Heſſen gegen den ihnen aufgedrungenen König Hierony⸗ mus ſchilderte Egbert. 12 8¾ „Indeſſen“, ſchloß er,„eine allgemeine Erhebung wird nur dann ausbrechen, wenn wir entſcheidend ge⸗ ſiegt haben.“ „Und Sie glauben nicht an dieſen Sieg?“ ent⸗ gegnete fein Metternich. Egbert ſchwieg verlegen. „Darum“, fuhr der Graf ſchnell gefaßt fort,„bin ich auch der ſichern Ueberzeugung, daß unſere Zwiſtig⸗ keiten mit dem Kaiſer Napoleon friedlich ausgeglichen werden. Einen Sturm wird's geben, einen ſchlimmen Sturm! Unſere Rüſtungen haben ſeinen Argwohn und ſeinen Zorn erweckt. Er iſt fürchterlich in ſeinem 1 — ——— Zorn. Und ich werd's ausbaden müſſen! Mich fällt er zuerſt an!“ Das Geſpräch hatte ſich dann auf den Ritter Vit⸗ torio Zambelli gewendet. In der Depeſche Stadion's hatte der Name ge⸗ ſtanden. Metternich wußte nichts von ihm, in Paris ſei. er nicht geſehen worden. Egbert erzählte, unter welchen merkwürdigen Um⸗ ſtänden er mit dem Ritter zuſammengetroffen, ohne ſeines ſchlimmſten Verdachts gegen ihn zu er⸗ 3 wähnen. „Das muß ein gefährlicher und ein bedeutender b — —— Menſch ſein“, meinte der Geſandte,„einer, wie ihn Napoleon braucht.“ Durch die Vermittlung Metternich's hatte ſich Eg⸗ bert die kriegeriſche Ariſtokratie des Kaiſerreichs ge⸗ öffnet. An ſeinem bürgerlichen Namen fand hier Nie⸗ mand einen Anſtoß. Waren doch Viele unter ihnen, die jetzt mit wunderlichen Fürſten⸗ und Grafentiteln, wie in einer Faſtnachtsmaskerade, geziert einherſtolzir⸗ ten, aus den niedrigſten Volksſchichten emporge⸗ ſtiegen. Egbert's Beſcheidenheit, ſeine ungeheuchelte Be⸗ wunderung vor dem Kriegsruhm der großen Nation gefiel den Männern, ſeine Schönheit und Ritterlichkeit noch mehr den Frauen. Er galt für einen jungen deutſchen Gelehrten, den der Glanz und die wiſſen⸗ ſchaftlichen Schätze der Stadt angezogen. Wetteifernd bemühte man ſich, ihm das Leben angenehm und ſeine Studien nutzbringend zu machen. Der Geſandte hatte es ſich nicht nehmen laſſen, ſeinen Schützling auch der Kaiſerin Joſephine in St.⸗ Cloud vorzuſtellen, die in ihrer huldvoll beſtechenden Weiſe einige freundliche Worte an ihn gerichtet. Nie⸗ mals aber hatte ihn noch in dieſen glänzenden Geſell⸗ ſchaften das Glück mit Antoinetten zuſammengeführt. Sie lebte einſam und zurückgezogen im Hauſe des Gra⸗ 14 fen Mortigny, deſſen Gattin eine Schweſter ihres Va⸗ ters war. 4 Vor dem Freunde hatte ſie das Geheimniß ihrer Trauer, das ſie von jedem Feſte fernhielt, nicht be⸗ wahrt. Das Kriegsgericht hatte in Vittoria ihren Bruder zum Tode verurtheilt, der Kaiſer ihn zur Ge⸗ fangenſchaft auf den Pontons in Breſt begnadigt. Bis⸗ her waren alle Bemühungen der Mortigny, alle Bitt⸗ geſuche, die Antoinette an die einflußreichſten Perſonen gerichtet, vergebens geweſen; man vertröſtete ſie auf die Rückkehr des Kaiſers nach Paris. Gern würde die Kaiſerin Joſephine ihr eine Audienz bei Napoleon vermitteln; dann hinge es von ihrer Beredtſamkeit, von ſeiner Stimmung ab, die Freiheit ihres Bruders zu erlangen. Der junge Marquis befand ſich jetzt, das erfuhr der Graf Metternich von dem Kriegsminiſter, mit andern ſpaniſchen Gefangenen auf dem Marſche nach ſeinem Beſtimmungsort. Mit dieſem Schmerz im Buſen konnte die ſchöne Deutſche— ſo nannten ſie Alle, die ſie geſehen— kein fröhliches Feſt zieren. Die Einſamkeit war ihr die liebſte Nahrung der Seele. Im warmen Mittagsſonnenſchein iſt der Tuilerien⸗ garten von Spaziergängern überfüllt. Keine Wolke weithin am blauen Himmel und die Luft ſo mild, als 45 wäre ſchon der März gekommen. Der Reif, der noch am Morgen die Erde und die Zweige und Aeſte der Bäume bedeckte, hat den ſchärfern Pfeilen der Sonne nicht Stand halten können. Nur wo ein Baum ganz im Schatten ſteht, glänzt er fernhin noch wie mit fei⸗ nen ſilberweißen Pünktchen und Sternen beſäet. Lachend, ſchwatzend, gaffend drängt ſich die Menge vor dem Schloſſe, in den Alleen, auf den Raſenplätzen. Obendrein iſt heute ein Sonntag, der zweiundzwanzigſte Januar. Neben den vornehmen Damen und Herren tritt der Bürgersmann aus der innern Stadt mit Weib und Kind, der Arbeiter aus der Vorſtadt St.⸗Antoine in ſeinem Kittel auf. Da ſind die neu aufgerichteten Eiſengitter mit den vergoldeten Spitzen, um die Blumenparterres des Gartens zu bewundern, die Neubauten nach der Seite des Louvre hin. Dort hat ſich ein dichter Kreis um einen Neuigkeitskrämer geſammelt. Er will wiſſen, daß der Kaiſer in den nächſten Tagen ſchon wieder in Paris eintreffen würde. „Warum?“ fragen Andere.„Hat er die Englän⸗ der gefangen?“ „Nein, es gibt wieder Krieg, da herum in Deutſch⸗ land.“ „Paff, das macht unſern Bärenmützen keine Sorge.“ 46 „Oh, diesmal iſt es eine neriwürdige Geſchichte.“ „Was denn?“ „Der Graue iſt dem kleinen Corporal begegnet.“ 1 „Der Graue? Wer iſt das? Ein Herzog von Marzipan?“ Die Pariſer lachen über all die neu ernannten Herzöge und Fürſten mit Beſitzungen und Landſchaften, von denen ein echter Müßiggänger der Boulevards nie gehört hat und die er folgerichtig ebenſo gut auf dem Monde oder dem Sirius als in Europa ſuchen könnte. „Habt Ihr niemals den Grauen geſehen?“ „Sacre bleu, nein!“ „Kennſt Du ihn denn?“ „Er geht immer zu dem Kaiſer ein, wenn große Dinge im Werk ſind.“ „Was Ihr ſagt!“ „Da hinter den Kaſtanienbäumen, durch die kleine Pforte, vor der keine Schildwache ſteht—“ „Da?* „Dort ſchlüpft er hinein. Um Mitternacht.“ „Aber, Dummkopf, in Spanien ſind doch keine Tuilerien—“ „Laßt mich doch ausreden! Auf offenem Felde, am Bivouacfeuer iſt der Graue ihm erſchienen, im Ange⸗ —— ,mÿ 17 ſicht der Soldaten, die gar nicht wußten, was ſie von ihm halten ſollten.“ „Was iſt er denn?“ „Der Wettermacher“, ſagte der Hauptſprecher mit geſenkter Stimme. Alle ſpitzen die Ohren. „Der Wettermacher, der ihm nebeliges Wetter machte, als er von Egypten kam— Ihr entſinnt Euch noch, vor zehn Jahren, mitten durch die Flotte der verdammten Engländer hindurch—⸗ „Ja, ja! „Der die Sonne von Auſterlitz juſt da durch den Nebel brechen ließ—“ „Als der Kaiſer ſie brauchte“, unterbricht ihn ein Spaßvogel. „Habt Ihr noch nie geſehen, wie der Profeſſor der wunderthätigen Phyſik, Giraud, den Mond aus ſeinem Aermel hervorgehen und in dem Elephanten auf dem Baſtilleplatz verſchwinden läßt?“ „Der Elephant, der nie fertig wird? Das iſt zum Todtlachen.“ „Aber wenn er fertig iſt und aus ſeinem Rüſſel Waſſer ſpeien wird—“ „Der Kaiſer iſt der Wohlthäter der Stadt Paris.“ „Wenn er leben bleibt—“ Flenzel Lucifer. III. 2 „Wenn man von Sr. Majeſtät ſpricht“, ſchreit ein Anderer hitzig,„nimmt man den Hut ab!“ Aber vergeblich ſchwenkt er den ſeinen mit krampf⸗ hafter Anſtrengung hin und her, Keiner folgt ſeinem Beiſpiel. „Der Graue“, kommt nun der erſte Redner wieder auf ſeinen Lieblingsgegenſtand zurück,„ja, der Wet⸗ termacher! Bis jetzt hat er dem kleinen Corporal noch immer Wind und Sonne zur Verfügung geſtellt, aber—“ „Was denn?“ rufen Alle. „Einmal“, ſagt ein unterſetzter Mann,„einmal wird er ihm untreu werden. Und dann liegt das Kartenhaus auf der Erde.“ „Der Kaiſer? Das Kaiſerreich?“ „Platt auf dem Boden! Als ob nicht Alles ein Ende hätte! Ihr glaubt ja ſelbſt nicht, daß dieſe Ge⸗ ſchichte ewig dauern könnte! Wie war es denn mit Robespierre? Sauve qui peut!“ Jawohl, rette ſich, wer kann! Bei der Nennung dieſes ſchrecklichen Namens, dieſer Anſpielung auf die Revolution, welche der Kaiſer haßte, wie nur je Nero ſeine Mutter Agrippina gehaßt, ſtiebt der kleine Kreis auseinander— Tauben, die der Habicht ſcheucht. Dazwiſchen jagen und tummeln ſich die Kinder in 19 ihren pelzbeſetzten Röckchen; ſie ſpielen mit ihren Ham⸗ pelmännern oder treiben Reifen vor ſich her, die einen allein, die andern an der Hand ihrer Wärterinnen. Glückliche, harmloſe Kindheit, die nichts von der Re⸗ volution weiß und den ängſtlichen kaiſerlichen Märchen⸗ traum noch nicht träumt, vielleicht niemals träumen wird! Geputzte Damen wandeln vorüber, in Begleitung junger Stutzer mit hohen Vatermördern, wie ſie in England Mode geworden— tootz der Feindſchaft gegen die Engländer und der Continentalſperre ahmen die Männer, ſoviel ſie können, die engliſche Tracht nach und halten ſich engliſche Pferde— und alter Gecken. Sie plaudern vom Theater, von Talma's Spiel und den Keckheiten der Mademoiſelle Mars, die ſich Alles er⸗ lauben darf, da ſie den Schlüſſel zu einem gewiſſen Schlafzimmer beſitzt. Dann kichern die Damen, und die Herren laſſen ihre Blicke ſeitwärts ſchweifen. Von der Chronik des Geſtern wendet man ſich dem Morgen zu. Für einen der nächſten Tage iſt eine neue Tragö⸗ die angekündigt, ein„Hector“ von Luce de Lancival. Schon im voraus ſpöttelt man darüber. Die Kritiker werden ihn im Staube herumſchlei⸗ fen, wie Achill die Leiche Hektor's, heißt es. Ein Anderer behauptet, das Trauerſpiel ſei ganz griechiſch und ganz aus Homer genommen. 9 „Haben wir keine Lebendigen mehr zu plündern“, ruft ein Dritter,„daß wir ſogar die Todten ſchon be⸗ ſtehlen müſſen?“ „Das Ergötzlichſte wiſſen Sie alſo noch gar nicht“, lacht eine der Damen, nicht mehr die jüngſte, aber eine junoniſche Geſtalt mit dunklen feurigen Augen, die aus dem hohen und weiten Seidenhut herausfordernd umherſchauen, in koſtbarem Sammtkleide, mit einem braunen Muff in der Hand. „Das Ergötzlichſte, Mademoiſelle Athenais? Eine Couliſſengeſchichte?“ „Zu uns armen Verlaſſenen der Oper kommt ja immer nur der ſchwächſte Nachhall. Der Kaiſer liebt die Muſik nicht.“ „Wie ſollte er auch, ein Mann, der jahraus jahr⸗ ein nur Pfeifen und Trommeln hört! Das waren an⸗ dere Zeiten, als die gute Marie Antoinette die Opern des göttlichen Gluck aufführen ließ. O Iphigenie!“ Der Mann iſt über das ſechzigſte Jahr längſt hinaus, ſeine Runzeln und weißen Haare bekunden es ſchon, aber er iſt ein Geck geblieben wie in ſeiner Ju⸗ gend; er verzieht das Geſicht und verſucht mit verlieb⸗ ten Augen und zitternden Lippen eine Arie aus der tauriſchen Iphigenie zu beginnen. „Bei der Kälte!“ unterbricht ihn Athenais.„Sie 21 ‿ können uns nachher bei Véry beim Deſſert und einer Flaſche Champagner meinetwegen den ganzen Orpheus vorſingen und Oreſt obendrein, lieber Herr von Fondrette, aber hier, unter den Bäumen des Tutile⸗ riengartens—“ „Und mit leerem Magen!“ „Was wollten Sie uns von Hektor ſagen, Made⸗ moiſelle? Wir ſind davon abgekommen. Iſt ihm An⸗ dromache durchgegangen?“ „Nein, aber der dort“, und ſie wies mit ihrem Muff nach den Fenſtern des Schloſſes,„hat ſeine Hand darin gehabt.“ „Nicht möglich! Der Kaiſer macht Verſe!“ „Warum nicht? Er ſoll ganz erträgliche Liebes⸗ briefe ſchreiben“, entgegnet eine der Damen. „An die gute Joſephine?“ Athenais klatſcht in die Hände. „Laßt doch die Thorheiten! Er iſt dabei bethei⸗ ligt. Talma hat ſich neulich zu einem unvorſichtigen Wort hinreißen laſſen, als er eine Stelle aus dieſem „Hector“ declamirte. Griechiſche Nacktheit und Staub und Blut, nur Wilde oder Corporale können ſolche Verſe ſchreiben. Als man dieſe Bemerkung machte, rief Talma:„Es iſt göttlich, das verſteht Ihr nur nicht, es iſt von ihm.““ —ͤͤͤ „Im Ernſt? Da darf man die Vorſtellung nicht verſäumen.“ „Natürlich“, meint Athenais boshaft,„man kann ſich durch Klatſchen auszeichnen.“ „Seht nur den jungen hübſchen Mann, der dort ſo nachdenklich den Spielen der Kinder zuſchaut“, 1 terbricht die Jüngſte in der Geſellſchaft das Gefrrig, das eine perſönlich bittere Gereiztheit anzunehmen droht. „Wo denn? Der dort am Gitter? Mit den blon⸗ den Haaren? In dem blauen zugeknöpften Oberrock?“ „Ja doch! Das iſt kein Pariſer. Wie groß und ſchlank er iſt!“ „Du haſt keinen üblen Geſchmack, Zephyrine“, lacht Athenais.„Mir iſt der junge Mann auch ſchon aufgefallen, neulich in der Oper. Er ſaß in der vor⸗ derſten Reihe und war ganz vertieft in die Muſik, wie verzaubert.“ „Dann war es ein Deutſcher“, entſcheidet einer der Herren.„Die Deutſchen ſind Schwärmer, Myſtiker. Haben Sie“, und nun ſenkt er klüglich ſeine Stimme, „einen Blick in das Buch der Frau von Staöl über Deutſchland geworfen? Ein ausgezeichnetes, wunder⸗ bares Buch! Es läuft nur in Handſchriften um. Der Kaiſer wird niemals den Druck geſtatten. Nach Cha⸗ 23 teaubriand's„Atala“ iſt es das größte Werk der Epoche—“ „Sie wollten uns ſagen, was darin ſteht, Arthur; ſchweifen Sie nicht ab!“ „Er hat es gar nicht geleſen!“ „Deutſchland, meine Damen, iſt ein Land voll Nebel, niemals ſcheint da die Sonne ſo leuchtend—“ „Und doch iſt die Sonne von Auſterlitz darin auf⸗ gegangen!“ „Das war einmal, zu Ehren des Kaiſers und der großen Armee“, ſagt ſchnell gefaßt Arthur.„Sonſt nichts als Nebel und Dämmerung, alte Häuſer mit Spukge⸗ ſchichten, Geſpenſter, Erlenkönige, und die Menſchen platoniſch in ihrer Liebe, unwandelbar in der Treue—“ Darüber hat ſich Egbert der Gruppe zufällig ge⸗ nähert. Er läßt ſich nicht träumen, daß er ſchon eine Weile ihr den Stoff zu einer lebhaften Unterhaltung gewährt. Ihm iſt die Junoniſche aus der Ferne be⸗ kannt erſchienen, von der Opernbühne her, auf der er ſie vor drei oder vier Abenden geſehen hat. Als eine Mademoiſelle Dechamps war ſie auf dem Theaterzettel angekündigt geweſen. Er entſann ſich, daß der Graf Wolfsegg ihm vor ſeiner Abreiſe in Wien von dieſer Dame mit einer unverkennbaren Theilnahme geſpro⸗ chen hatte; jetzt will er die Gunſt des Augenblicks be⸗ 24 nutzen, die Dame in der Nähe, ohne die künſtliche Ver⸗ kleidung des Theaters, zu betrachten. Der Sonnen⸗ ſchein fällt ihm blendend in das Geſicht, und er muß die Augen zur Seite wenden; da liegt ein brauner Muff zu ſeinen Füßen. Iſt er der Dame bei ihren heftigen Bewegungen unverſehens aus der Hand geglitten, iſt es abſichtlich geſchehen? Der blonde Egbert iſt ein Neuling auf dem Pariſer Pflaſter, für ihn gehört der zweite Fall nicht zu den Möglichkeiten. Er hat den Muff aufgehoben und bietet ihn der Dame mit einer leichten Verneigung an. „Madame“, ſagt er artig,„wenn Sie es nicht verſchmähen, Ihr Eigenthum aus meiner Hand zu empfangen—“ „Im Gegentheil, mein Herr“, dankt ſie,„es ge⸗ winnt dadurch noch einen beſondern Werth. Aus den Händen eines ſo verſtändnißvollen Freundes der Muſik—“ „In der That“, drängt ſich der alte Herr von Fondrette vor— er hat ſein Augenglas vorgenomm en und erkennt jetzt erſt den jungen Mann als einen Be⸗ kannten, dem er mehrmals im Opernhauſe begegnet iſt— „Sie verehren die göttliche Kunſt, Sie verſäumen keine bedeutendere Vorſtellung. Ach, mein Herr, in unſerer Zeit ſind die Liebhaber der ſchönen Künſte ſelten ge⸗ worden.“ „Ich bin nur nach Paris gekommen, mein Herr, um all die künſtleriſchen Genüſſe vollauf zu genießen, die Ihre ſchöne Stadt in ſo reichem Maße wie aus dem unerſchöpflichen Füllhorn des Ueberfluſſes ver⸗ ſchwendet. Im Uebrigen rühm' ich mich einer muſika⸗ liſchen Vaterſtadt.“ Man ſteht in einem kleinen Kreiſe zuſammen; Eg⸗ bert ſcheint ſchon zur Geſellſchaft zu gehören. So kann es nicht auffallen, daß Athenais ſagt: „Sie verzeihen, mein Herr, aber meine Neugierde iſt ſo natürlich; Sie kommen aus Wien, aus der Stadt des unſterblichen Meiſters, des weltberühmten Gluck?“ „Mademoiſelle Athenais Dechamps, die vorzüg⸗ lichſte Sängerin der Klytämneſtra“, ſagt Fondrette halblaut, um den jungen Mann über die Fragende aufzuklären. „Aus Wien, Mademoiſelle, Sie haben es getrof⸗ fen, und ich war entzückt und beglückt, die Klänge hier wiederzufinden, von denen ich mich in der Heimat nur mit ſchwerem Herzen losgeriſſen. Die Muſik erſchafft ein ſchönes, unſichtbares, klangreiches Vaterland für alle Menſchen; jeder Unterſchied der Sprachen und der 26 Völker iſt hier verſchwunden, hier erkennen ſich Alle als Brüder.“ Fondrette hat ſeine Arme geöffnet, Egbert an ſein Herz zu drücken. „Hatt' ich Recht?“ wispert der Stutzer mit dem blauſeidenen Halstuch ſeiner Nachbarin zu.„Ein My⸗ ſtiker von den deutſchen Univerſitäten, wie aus dem Buch der Frau von Stal geſchnitten.“ „Ob er Geſpenſter geſehen hat oder magnetiſiren kann?“ fragt die Kleine, eine Tänzerin, zurück. Egbert will eben ſeinen Hut ziehen und ſich aus der Gruppe entfernen, als auf der andern Seite der Allee der Graf von Mortigny, ſeine Verwandte am Arm führend, vorübergeht. Ebenſo durch ihre Schön⸗ heit wie durch ihre tief ſchwarze Kleidung, die unter den farbigen Gewändern und bunten Kaſchmirtüchern der Uebrigen beſonders hervorſticht, feſſelt Antoinette die Blicke der Herren und Damen. Und da nun Egbert's Gruß mit einer gewiſſen Freundlichkeit von dem jungen Mädchen erwidert wird, ruft Athenais, die überhaupt in Bewegung und Sprache etwas Heftiges und Herriſches hat: „Ach, die ſchöne Deutſche! Sieht ſie nicht wie eine Göttin Canova's aus? Sie kennen ſie, mein Herr? Eine Landsmännin ohne Zweifel?“ 27 Den Familiennamen Antoinettens wagt Egbert nicht auszuſprechen; die Gondreville ſind noch nicht von der Emigrantenliſte geſtrichen. Die Frage der Sängerin gibt ihm unmittelbar den Ausweg aus ſeiner Verlegenheit an. „Ja, eine Landsmännin“, antwortet er,„die Nichte des Grafen Wolfsegg.“ „Weſſen?“ fragt Athenais mit dunkelrothem Ge⸗ ſicht.„Wolfsegg's, Ulrich Wolfsegg's Nichte?“ „In welch ein Wespenneſt haſt du da geſchlagen?“ denkt Egbert und ſucht nach einer Ausrede, um den herandrohenden Sturm zu beſchwichtigen. Aber Athenais erſpart ihm die Mühe. Mit der Geſchicklichkeit, die ſie das Leben auf der Bühne gelehrt hat, weiß ſie ihre innere Erregung zu unterdrücken und ihrem Antlitz den Ausdruck der Spannung zu nehmen. „In meiner Jugend“, ſagt ſie,„habe ich einen Grafen Wolfsegg gekannt. Welch ein merkwürdiger Zufall, wenn— allein das iſt ein Trugbild der Phantaſie! Mein Herr, noch einmal meinen Dank! Darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Egbert Heimwald, im Hotel des Princes in der Rue Richelieu.“ „Und Sie vergeſſen mich nicht ganz? Es würde 28 mir eine Ehre und ein Vergnügen ſein, mit Ihnen von deutſcher Muſik zu reden.“ Nun hat ſie doch in der Haltung und dem Weſen, wie ſie davon rauſcht, die Andern um ſie her, das Anſehen einer Königin.. Freilich nur einer Theaterprinzeſſin, meint Egbert zu ſich ſelbſt, aber in dieſer Komödie des Le⸗ bens ſind wir nicht alle Schauſpieler? Iſt der Thron in dem Tuilerienſaal etwas Anderes als der goldene Wagen, auf dem Klytämneſtra mit ihrer Tochter in das Lager der Griechen fährt? Der Thron wie der Wagen ſind nach Iſabey's Zeichnungen angefertigt worden und beide von Holz. Während die Geſellſchaft, in deren Mitte Egbert auf eine Weile ſo unvermuthet gerathen war, den Weg aus dem Garten des Schloſſes nach der Rue Rivoli einſchlägt, wendet er ſich der Flußſeite zu und wandelt gemächlich die Quais entlang, der Brücke der Künſte zu. Sein Ziel iſt das Haus Benjamin Bour⸗ don's in der Rue Taranne, in der Nähe des großen Krankenhauſes. Er hatte für dieſen Abend eine Zu⸗ ſammenkunft mit dem Arzte verabredet und muß jetzt ſein Verſprechen rückgängig machen. In der Frühe des Tages hat ihm ein Hoffourier eine Einladung zur —— 29 Kaiſerin Joſephine nach ihrem Schloſſe Malmaiſon überbracht. Die Erwartung, die ihm von dieſem Feſte ein verführeriſches Bild vorgaukelt, die Erinnerung an den freundlichen Zufall, dem er die Ehre dieſer Einladuug verdankt, drängen das eben erlebte Abenteuer bald in den Hintergrund ſeiner Gedanken. Wiederholt er die Ereigniſſe und Eindrücke jedes Tages, die ihm in Paris geworden, ſo ſchlägt ſein Herz in fröhlicher Befriedigung. Iſt es ihm doch, wie er Magdalenen geſchrieben, als hätte er in dieſem kurzen Zeitraum mehr erlebt, als in der ganzen Spanne ſeines bisherigen Daſeins. Das Glück hat ſeinen Liebling nicht verlaſſen; außer den kleinen Unfällen und Leiden, die Keinem erſpart bleiben, iſt ihm keine Widerwärtigkeit zugeſtoßen. Auf glatten Wellen hat ein günſtiger Wind ſein Schiff⸗ lein dahingetragen. Vom Bache iſt er in den Strom, vom Strome in das Meer hinausgekommen. Aber ſeine Bahn bleibt ruhig und eben, ſonnenbeſchienen. Oft ſchon hat er in dem Strudel der hauptſtädtiſchen Bewegung Paris mit Rom und ſich mit einem deut⸗ ſchen Jüngling verglichen, der aus den nordiſchen Wäldern zu dem Hofe des Auguſtus gewandert iſt. Um den jungen Barbaren zu gewinnen, ſtellt man ihm Alles willig zur Schau. Die Größe, Neuheit und Pracht — — — — — ᷣ—— — W * —— ſſ 30 blendet, verwirrt ihn; er muß ſich geſtehen, daß die Heimat klein davor zuſammenſchrumpft, und doch regt ſich in ihm ein unwiderſtehliches Gefühl, das ihn nach ſeinem ſchlichten Hauſe, unter einem rauhern Himmel, im düſtern Walde, zurückzieht. Egbert empfindet eine ſtille Genugthuung, daß dieſes Gefühl noch ſo lebendig und unwandelbar in ihm iſt, daß Schönheit und Herrlichkeit, wie ſehr ſie auch ſeinen Geiſt und ſeine Phantaſie anregen, den tiefſten Grund ſeines Herzens nicht geändert haben. So darf er in jeder Beziehung mit frohem Vertrauen der Zukunft entgegenſchreiten. 3 Iſt es da die Nachwirkung ſeiner grübleriſchen Betrachtungen, die ihn plötzlich an den Neid der Göt⸗ ter und den Fall der Glücklichen mahnen, daß ihn ein heimliches Unbehagen beſchleicht? Oder will ihn das Unbewußte, der Selbſterhaltungstrieb, vor einer noch unſichtbaren Gefahr warnen? Er fühlt, ja er weiß, daß ihm Jemand nachgeht, Schritt für Schritt, in Langſamkeit, in Beſchleunigung ſich nach ihm regelnd. An der Brücke hält er mit ſeinem Gange inne und blickt zurück. Aber in dieſem Gewühl von ſonntäglichen Spaziergängern, die ſchein⸗ bar alle mit ihm denſelben Weg verfolgen, wie will er den einen unterſcheiden, der ihm dieſe unbeſtimmte 31 Beängſtigung einflößt? Soweit er ſehen kann, gewahrt er nur gleichgültige Geſichter; um ihn ſcheint ſich Nie⸗ mand zu kümmern. Zwar ſind Manche, als er ſtill⸗ ſtand, ſeinem Beiſpiele gefolgt, aber die einen ſchauen, über das Geländer der Brücke gelehnt, in den Strom hinab, die andern zum Himmel hinauf, einem Flug Tauben nach, die ſich jetzt auf dem Dach des Louvre niederlaſſen, jetzt von ihm auffliegen. Egbert fängt an, ſich ſeiner Furcht zu ſchämen. Am hellen Mittag, was kann ihm geſchehen? Unter ſo vielen Hunderten? Er hat unter ihnen allen keinen Feind und iſt ſich ſelbſt keines Worts, keiner Handlung bewußt, die irgendwie die Aufmerkſamkeit Anderer auf ihn hätten lenken können. Vor der Polizei Fouché's, die ſich gern und ohne Noth in Alles miſcht, auf der Hut zu ſein, hat ihm ſelbſt der Graf Metternich empfohlen; allein die Polizei kennt ſeinen Namen, ſeinen Aufenthalt. Braucht ſie ſich an ſeine Sohlen zu heften? Vermuthlich, wenn ſie allwiſſend iſt, weiß ſie auch um ſeine Begeiſterung für den Kaiſer. Darüber hat er die Brücke überſchritten und iſt am andern Ufer der Seine. Das verdächtige Geräuſch hat ſich nicht wieder vernehmen laſſen. Doch kaum iſt er in die Auguſtinerſtraße eingebogen, als er es wieder hinter ſich zu hören glaubt. 32 „Du leideſt an Hallucinationen“, ſagt er ſich,„dein Ohr wiederholt deine eigenen Schritte, daher die Täu⸗ ſchung. Vielleicht iſt es die Spannung des heutigen bends wegen, die dich in ſolche Aufregung verſetzt hat und deine Nerven bei der leiſeſten Berührung er⸗ zittern läßt. Es iſt nur gut, daß du zu einem Arzt gehſt.“ An der Ecke, wo die Straße Taranne mit der Straße St.⸗Benoiſt zuſammenſtößt, erhebt ſich ein al⸗ tersgraues vierſtöckiges Haus; die untern Fenſter, ob⸗ gleich ſie zwölf Fuß über dem Erdboden liegen, ſind vorſorglich mit Eiſenſtäben vergittert; die obern hat der Beſitzer erweitern und mit beſſern Scheiben und Rahmen verſehen laſſen. Der vierte Stock endlich mit ſeinen Manſardenfenſtern iſt neu aufgeſest. Ein Haus, an dem man das Maurerhandwerk von hundertfünfzig Jahren ſtudiren kann, im Eindruck düſter, plump und ungefällig. Dies Düſtere wird noch dadurch vermehrt, daß dem Hauſe gegenüber ſich das große Hospital er⸗ hebt. Hier wohnt Benjamin Bourdon. Er iſt einer der Oberärzte des Krankenhauſes und hat deshalb die wenig freundliche Wohnung jeder andern vorgezogen, um immer in der Nähe derer zu ſein, die ſeine Hülfe in Anſpruch nehmen. Unermüdlich iſt er in den Sä⸗ len des Schmerzes und des Todes thätig, lindernd, 33 aufrichtend, heilend, ſoweit ſeine Kunſt und Kraft im Kampfe gegen die ewigen Zerſtörerinnen des Menſchen⸗ geſchlechts, die Krankheit und die Noth, es vermögen. Auch jetzt kommt er aus dem Hospital über die Straße daher. „Herr Egbert Heumvaldn Und zu mir! Das iſt ſchön. Ueberdies erſparen Sie mir einen Beſuch.“ So redend, hat er Egbert begrüßt, ihm die Hand geſchüttelt und dabei, nach Art des Arztes, ohne Ab⸗ ſicht ſeinen Puls gefühlt. „Was iſt das? Ihr Puls geht wie im Fieber! Sind Sie ſo haſtig gelaufen?“ „Es mag wohl ſein. Mich plagte ein unerträg⸗ liches Gefühl, als verfolge mich Jemand.“ „Nun, hier ſind Sie ſicher. Außer uns iſt Nie⸗ mand auf der Straße.“ „Doch“, entgegnet Egbert, in die Straße St.⸗ Benoiſt, aus der er gekommen, hineinſchauend,„ſehen Sie nur auf dem Fahrweg den Mann im ſchwarzen Mantel! Er ſteht ſtill und ſcheint Umſchau zu halten.“ „Ich ſeh' ihn, offenbar noch ein junger Mann. Jetzt wendet er ſein Geſicht. Eigenthümlich! Aber Sie fah⸗ ren zuſammen, mein Freund, Sie wechſeln die Farbe—“ „Sehen Sie ſich den Mann genau an! Es iſt der Ritter Vittorio Zambelli.“ Frenzel, Lncifer III. 3 „Der!“ Der Mann im ſchwarzen Mantel hat den Rück⸗ weg nach Norden, zu den Quais des Fluſſes, ange⸗ treten, wie einer, der merkt, daß er ſich verirrt hat und ſeinen Weg eilig zurückmacht. 3 Benjamin und Egbert ſind indeſſen die Stufen zu dem Eckhauſe hinaufgeſtiegen und hinter der ſchwe⸗ ren, von einer vorſpringenden Wölbung beſchützten Thür verſchwunden. Wie Wolfsegg es in Wien ſeinem jungen Freunde vorausgeſagt, war es eingetroffen. Mit warmer Herz⸗ lichkeit hatte ihn Benjamin Bourdon aufgenommen. Den zärtlichen Schmerz, den Egbert aus ſeiner weichern Gemüthsſtimmung heraus ihm angedichtet, hatte er bei Benjamin nicht gefunden; dem äußern Anſcheine nach ertrug dieſer den Tod ſeines Vaters, ſoviel des Gräßlichen und Geheimnißvollen, gleichſam zur Ver⸗ dopplung des Kummers, ſich auch daran knüpfen mochte, mit gelaſſenem Leid. Eine ſolche philoſophiſche Er⸗ gebung in das Unabänderliche ſchrieb ſich nicht allein von Benjamin's Charakter und Beruf her— für einen Arzt hat der Tod ſeinen Schrecken wie ſein Erſchüt⸗ terndes verloren— Egbert überzeugte ſich bald, daß ein tiefer politiſcher Zwieſpalt Vater und Sohn ge⸗ trennt habe. Denn Benjamin machte kein Hehl aus 35 ſeinen republikaniſchen Grundſätzen und verſchwieg nicht, daß er die abenteuerlichen Reiſen ſeines Vaters zu den Gondreville nach Oeſterreich nie gebilligt habe. Daß es ſich bei dieſen Fahrten um noch gefähr⸗ lichere Dinge, als es der Verkehr eines Franzoſen mit Emigranten ſchon an ſich war, gehandelt hatte, ahnte Egbert wohl, aber er wie Benjamin berührten dieſen Punkt nicht. Zu bald und zu ſcharf hatte ſich der Gegenſatz ihrer Anſchauungen hinſichtlich des Staates und ſeiner Ordnung und Verfaſſung herausgeſtellt, als daß ſie nicht beide Alles vermieden, was in ihren Geſprächen ſie darauf hätte führen können. Im Uebrigen hatte der eine an dem andern die wünſchenswertheſte Ergänzung. So deutſch wie Egbert, ſo franzöſiſch dachte, fühlte, war Benjamin. Nicht nur ein merkwürdiges, ſeltſames Ereigniß, auch daſſelbe Studium, dieſelbe Wiſſenſchaft vereinigte ſie. In prak⸗ tiſcher Thätigkeit hatte ſich Egbert als Arzt nie be⸗ währt und konnte ſich in keiner Weiſe mit dem Freunde vergleichen, aber er hatte lange und viel über die Heil⸗ kunſt nachgedacht und vermochte dem verſtändigen, durchaus auf das Einfache und Ausführbare gerichteten Sinn Benjamin's das Portal zu jener myſtiſchen Na⸗ turphiloſophie zu erſchließen, in der damals die geiſt⸗ reichſten und tiefſinnigſten Köpfe in Deutſchland etwas 3*½ wie ein neues Evangelium, Welt⸗ und Menſchheiter⸗ löſung ſuchten. Neben dieſen ernſten Dingen gab es angenehme Beſchäftigungen und Zerſtreuungen, die ſie miteinander theilten; Benjamin, obgleich in der Provinz geboren, war frühzeitig nach der Hauptſtadt gekommen, hatte, aus dem Knabenalter zum Jüngling heranwachſend, die Schrecken und Wunder der Revolution miterlebt lund kannte ſein Paris beinahe bis auf jeden denkwür⸗ digen Stein. Welch ein Genuß war es für Egbert, mit einem ſolchen Führer bei Tag und Nacht durch die Gaſſen zu wandern! „Der alſo!“ wiederholte der Arzt mit dem Aus⸗ druck tiefen Nachſinnens, als ſie in ſein Zimmer im erſten Stock getreten waren. Während ſie die Treppe hinaufgeſtiegen, hatte er ſo wenig wie Egbert ein einziges Wort geäußert; ſo ſtark war der Bann, den die Erſcheinung Vittorio's auf beide geübt. Ein großes düſteres Eckzimmer mit zwei hohen Fenſtern, von denen eins auf den Hof des Hospitals und die Platanen und die Fliedergebüſche darin, das andere auf die Straße St.⸗Benoiſt hinausſchaut. Mit Tapeten von grünem Grund, den eine ſchwerfällige Goldarabeske durchzieht, ſind die Wände beſpannt; die 3 5 37 vier Landſchaften Claude Lorrain's: Morgen und Mit⸗ tag, Abend und Nacht, zieren ſie in ſchönen Stichen und einfachen Rahmen. Ueber dem hartgepolſterten Sopha mit weißlackirter durchbrochener Lehne hängen in ſchwarzen runden Ebenholzrahmen die Portraits von Waſhington, Franklin, dem zu Ehren Benjamin ſeinen Vornamen erhalten hat— zur Zeit, als der Buch⸗ händler von Boſton der volksbeliebteſte Mann in Paris war, iſt er geboren worden— und Vergniaud. „Ein tugendhafter Mann, der einzige Republi⸗ kaner, den Frankreich gehabt, und der größte Redner, den die Welt gehört hat“, behauptet Benjamin. Die Seſſel ſind mit grünem Wollendamaſt über⸗ zogen, ein grüner Teppich, einfach gemuſtert, bedeckt den Fußboden. Auf dem breiten Tiſch, der mit Büchern und chirurgiſchen Inſtrumenten belegt iſt, ſtehen zwei antik geformte Lampen, auf bronzenen Ständern ruhend. Ueber der Thür hockt die Eule der Minerva und in die Wand über dem Spiegel iſt die Meduſenmaske eingelaſſen; eine Stelle, die für die Betrachtung nicht gerade günſtig iſt. Aber wer die Thür öffnet, deſſen Blick begegnet zuerſt das verſteinernde Bild des Grauens und des Schmerzes. „Denn das iſt ja doch in den meiſten Fällen das Ende unſerer angeblichen Kunſt“, ſagt Benjamin.„Ich 38 will nicht falſche Hoffnungen in den Leuten erwecken, die zu mir kommen, als beſäße ich den wunderthätigen Schlangenſtab des Aeſculap. Die Medicin iſt eine ernſte, trübſinnige, traurige Kunſt, keine freund⸗ liche.“ Dagegen hat Cgbert früher mit heftigem Eifer geſtritten, ſo oft er das Zimmer Benjamin's betreten. Ihn verletzt die Meduſe in dem Gemach eines Arztes; nicht an die Unzulänglichkeit der Heilmittel und der Wiſſenſchaft ſolle der Hülfeſuchende erinnert werden, ſondern an die Milde und den Troſt, die in ihnen liegen. Heute aber indet keiner von ihnen zu ſolchen Betrachtungen die Muße. Ohne den Hut vom Kopf zu nehmen, iſt Benjamin nach dem Fenſter geeilt, das auf die Straße St.⸗Be⸗ noiſt hinausgeht. „Dort biegt er um die Ecke. Auch er blickt noch einmal um. Wir wirken gegenſeitig in die Ferne. Aus!“ Von dem Fenſter zurücktretend, wirft er den Hut auf einen Seſſel. „Das war die Urſache Ihres Unbehagens, mein Freund! Der Ritter iſt Ihnen nachgegangen. Sagten Sie mir nicht, daß Sie ihn haßten? Er wird kein an⸗ 39 deres Gefühl für Sie empfinden. Und er iſt ein großer Magnetiſeur?“ „Wenigſtens mir iſt der Vorfall mit dem jungen Mädchen, den ich Ihnen erzählt habe, nur durch dieſe Annahme erklärlich.“ „Er hat kein Alltagsgeſicht“, murmelt Bejamin, „und wir werden uns wiederfinden.“ Auf ſeine Bitten hat indeß Egbert Platz genom⸗ men, er ſelbſt haſtet noch unruhig im Gemach auf und nieder. Sein Kopf, der für ſeine zarte und feine Ge⸗ ſtalt zu groß gerathen, mit der ſtark ausgebildeten Stirn und dem reichen dunklen Haar, ſeine rechte ver⸗ wachſene Schulter geben ihm in Verbindung mit ſeiner Beweglichkeit einen ſeltſamen Zug des Koboldartigen, der durch ein leiſes ſpöttiſches Gelächter, mit dem er gern ſeine Reden begleitet, noch vermehrt wird. Der Ausdruck ſeiner braunen Augen iſt mild und ſchwär⸗ meriſch, aber er bemüht ſich, ſei es aus Abſicht oder infolge einer Angewöhnung, durch das Zuſammen⸗ ziehen der Augenbrauen und der Stirn, wenn er Je⸗ mand betrachtet, finſter und ſtreng auszuſehen. „Woran denken Sie, Egbert?“ fragt er und bleibt, die Hände auf dem Rücken gefaltet, vor dem Freunde ſtehen. „An den Tod Ihres Vaters. Ich rief mir noch einmal all die Umſtände zurück, die ihn begleiteten. So ſtark iſt der Eindruck jener Begebenheit auf meine Phantaſie geweſen, daß es nur einer geringen An⸗ ſtrengung meines Gedächtniſſes bedarf, um mir auch das Kleinſte und Geringfügigſte wieder anſchaulich vor die Seele zu führen. Mich drückt das Geheimniß, das dieſe That umnachtet. Sollte der Opal mit dem Adler uns doch nicht endlich auf die Spur leiten?“ Benjamin ſchüttelte ſein trotziges Haupt. „Nein! Die Reitpeitſche, zu der jener Stein als Knopf gehörte, wird längſt auf den Kehrichthaufen ge⸗ worfen ſein, wo Alles endet, Dinge und Menſchen. So viel wird dem Reiter, der in Ihrer Geſchichte eine o dunkle Rolle ſpielt, ſein Streich doch eingebracht haben, um ſich eine neue Peitſche zu kaufen.“ „Und doch, trotz Ihres unerbittlichen Verſtandes, der mich einen Träumer ſchilt, ich glaube an die Ver⸗ geltung.“ „An die Nemeſis? Das iſt ein eigenthümlicher Glaube in Paris. Jedes vierte Haus in der Rue Ri⸗ voli und auf den Boulevards predigt das Gegentheil. Wer beſitzt es? Lieferanten, die unſern armen hun⸗ gernden Soldaten die Schuhe, die Decken, das Brod geſtohlen haben und noch immerfort ſtehlen; feile Schmeichler, die jetzt dem Kaiſer die Stiefel küſſen, 41 wie ſie vordem vor Danton und Robespierre krochen; Sumpfkröten, welche ihr Peſtgift ringsum in ſtets weitern Kreiſen aushauchen; Fouché's Geſchöpfe, der Auswurf aller Parteien, mit mehr Schandthaten auf der Seele als Haaren auf dem Schädel! An ihrer Spitze ein gekrönter Eidbrecher, Dieb und Mörder! Ich bin ſchon ſtill, Sie bewundern den Mann, und in ſeiner Weiſe iſt er auch ein beſonderer Dämon. Aber die Andern? Dieſe nichtsnutzigen, nichtswürdigen Teufel der Ratten und Flöhe? Vielleicht iſt die Nemeſis eine zu an⸗ ſtändige und reinliche Göttin, um ſich mit ſolchem Un⸗ geziefer abzumühen. Indem ſie es todtdrückte, würde ſie ſeinen Geſtank einathmen müſſen.“ „Sie ſind erbittert, weil ſich Ihr Ideal nicht er⸗ füllt und Frankreich das Kaiſerreich der Republik vor⸗ gezogen hat. Aber in der entſcheidenden Stunde war eben nur ein Cäſar und kein Brutus da.“ „Sie ſind ein Fremder, Egbert, und werden nie⸗ mals recht wiſſen, was dieſer Mann aus Frankreich gemacht hat. Bis ins innerſte Mark hat er uns ver⸗ dorben und das Volk mit einem ſchmählichen Sklaven⸗ ſinn und einem kriegeriſchen Rauſch erfüllt. An dieſen beiden Krankheiten wird Frankreich ſterben. Die Frei⸗ heitsbäume läßt er niederſchlagen, um die Säulen ſei⸗ nes Ruhms aufßzurichten. Eines Tages wird man 42 auch dieſe Säulen zerbrechen, und wie der Ruhm wird die Freiheit dahin ſein. Jetzt deckt ihn ſein Glück, das noch unermeßlicher iſt als ſeine Frevel, aber das Glück iſt treulos wie der Wind, die Welle und das Weib.“ „Die Enttäuſchung macht Sie ungerecht. Sie ſehen nur die einzelnen Schatten, nicht den Glanz und die Herrlichkeit des Ganzen.“ „Ich bin ein Menſchenfeind, ich verachte die Welt“, ſpottet Benjamin und zieht unwillkürlich die Schulter noch höher.„Habe ich Urſache, dieſe beſte Welt zu lie⸗ ben? Ich mit meinem Leibe, meinem Schickſal! Meine Mutter habe ich verloren, ehe ich ſie gekannt. Meine ganze heiße Liebe wendete ich der Freiheit, dem Vater⸗ lande zu. Kämpfen konnte ich nicht, ich konnte nur Wunden heilen. Wehrlos mußte ich mit anſehen— genug, genug! Auf den Schlachtfeldern wird man kein Bewunderer der Gottheit und von der Menſchheit ge⸗ wahrt man da nur die Beſtie. Jetzt haben ſie mir den Vater getödtet und ich ſtehe wieder ohne Waffen da, ein Schwächling! Und warum getödtet? Weil er ein gutmüthiger Narr war, die Kaſtanien für Andere aus dem Feuer zu holen, für hochmüthige, freche Ari⸗ ſtokraten! Haha, das ſind Gründe, die Welt und ihre Einrichtung vortrefflich zu finden!“ 43 „Ich theile Ihren Schmerz, mein Freund! Aber Ihr Vater iſt im Dienſt einer guten Sache geſtorben. Der Graf Wolfsegg hat nichts von einem übermüthi⸗ gen Edelmann, wie ſeinen Bruder hat er Ihren Vater beweint, und die junge Gräfin—“ „Iſt bei der Trauernachricht viel gerührter gewe⸗ ſen als ich. Thränenbäche ſind dem Andenken des treuen Dieners gefloſſen. Diener— o, wie dies Wort frißt! Und warum keine Thränen? War dieſe ſchöne, liebreizende Antoinette doch das verwöhnte Schooßkind des ganzen Schloſſes! Mein Vater ſchaukelte ſie auf ſeinen Knieen, froh und ſtolz, daß er die kleine Prin⸗ zeſſin mit ſeinen bäueriſchen Händen berühren durfte, und ich ſtand beiſeite, ich, der verwachſene, häßliche, dumme Junge! Sie haben andere, ſchönere Jugender⸗ innerungen, Sie werden darum niemals meinen Haß verſtehen.“ „Sind Sie der Bitte der jungen Gräfin nachge⸗ kommen und haben ſie aufgeſucht?“ „War es doch eine Dame, die bat und noch da⸗ zu durch Sie bat“, lacht Benjamin auf.„Ich habe ſie geſehen. Wie groß und ſchön iſt ſie geworden! Und die Trauerkleidung ſteht ihr ſo vortrefflich! Die Weiber wiſſen das. Ich hoffe ihr heute Abend wieder zu be⸗ gegnen.“ 44 „Heute Abend?“ „Ja; das ſollte der Anfang unſeres Geſprächs ſein, und wohin ſind wir gerathen! Welch abhängige Sklaven des Zufalls ſind wir doch und rühmen uns unſerer Freiheit! Weil wir beſtändig im Dunkeln hin⸗ tappen, bemerken wir die Bande nicht, die uns feſſeln! Ungern muß ich heute Abend auf Ihre Geſellſchaft verzichten, die Kaiſerin hat mich zur achten Abend⸗ ſtunde nach Malmaiſon beſcheiden laſſen.“ „Das iſt luſtig, da bleiben wir beiſammen“, ruft Egbert,„ich habe dieſelbe Einladung.“ „Sie! Ein eigenthümliches Zuſammentreffen. Da⸗ hinter ſteckt eine Abſicht. Die Dame von Malmaiſon liebt die Ueberraſchungen.“ „Hören Sie nur, die Sache iſt doch einfacher und natürlicher, als Sie glauben wollen. Wie Sie aus⸗ ſchauen! Wie der Oberprieſter zu Delphi, der die Sprüche der Pythia den Fragenden verkünden ſoll und ſelber über deren Tiefſinn erſchrocken iſt.“ „Erzählen Sie! Mir iſt's, als würden wir noch oft über dieſe Geſchichte zu reden haben.“ „Ja, wie über das anmuthigſte kleine Abenteuer, das mir in Paris beſchieden war. Vor einigen Tagen ging ich zu dem Maler Redouté—“ „Dem Blumenmaler?“ — — 4) „Demſelben“, fährt Egbert in ſeiner Erzählung fort.„Ich hatte ihn bei unſerem Geſandten kennen gelernt und war in ein Geſpräch mit ihm gerathen. Bald hatte er meine Vorliebe für Blumen entdeckt und lud mich in liebenswürdigſter Weiſe ein, ſeine Mappen mit den Blumenmalereien zu beſchauen. Die Blumen von Malmaiſon, alle dieſe ſeltſamen Prachtgewächſe, darunter die Bonapartea speciosa, welche die Kaiſerin in Töpfen aufzieht! So etwas läßt man ſich nicht zweimal ſagen. Eines Morgens ſteige ich zu Redouté hinauf. Ich ziehe die Glocke, man läßt mich ein. In dem Vorzimmer finde ich eine Dame in gewählter, durch Einfachheit ausgezeichneter Kleidung; ſie macht ein verwundertes Geſicht bei meinem ſchnellen Eintritt, faßt ſich aber geſchwind und bittet mich, eine Weile hier zu verziehen, Herr Redouté habe Beſuch. Im Ne⸗ benſaal höre ich ihn reden, die Thür iſt halb offen; er ſcheint einer Dame ſeine Zeichnungen und Malereien vorzulegen. Es gehört die ganze deutſche Tölpelhaf⸗ tigkeit dazu—“ „Sagen Sie doch lieber Harmloſigkeit und Un⸗ ſchuld!“ „Wie Sie wollen. Man mußte eben unter ſolchen Umſtänden ein Deutſcher ſein, um den Zuſammenhang nicht zu errathen. Die Dame hat mich in die Fenſter⸗ 46 niſche geführt, um mich nicht die Unterhaltung zwiſchen dem Maler und ihrer Begleiterin belauſchen zu laſſen; und ich, meinerſeits, um ihr zu zeigen, wie wenig mir daran liegt, Ohrenzeuge eines fremden Geſprächs zu werden, fange muthig eine Plauderei mit ihr an. Meine deutſche Betonung, die vielen kleinen Verſtöße, die ich gegen die Pariſer Ausſprache begehe, beluſtigen ſie; nun ſchwatzen und lachen wir beide lebhaft mit einander. Von den Blumen kommen wir auf die Kai⸗ ſerin. Aus vollem Herzen lobe ich ſie, die Huld und Güte, die ſie mir bei meiner Vorſtellung bewieſen. „Schade nur“, ſage ich übermüthig,„daß man bei ſolchen Gelegenheiten vor Ehrfurcht und Zwang ver⸗ geht und ſich nicht jener herzlichen Bewunderung über⸗ laſſen darf, die eine ſo ſchöne und anmuthige Dame, wie Ihre Kaiſerin iſt, verdient.” Meine Partnerin droht ſchalkhaft mit dem Finger, im Nebenzimmer höre ich ein leiſes Lachen, aber ich Dummkopf merke noch immer nichts. Ihrerſeits iſt die Dame, die ſich ſo willig in ein Geſpräch mit mir eingelaſſen hat, bei der Entdeckung, daß ich in den Tuilerien vorgeſtellt bin, muthiger und vertrauensvoller geworden.„Sie ſind ſo aufgeräumt, mein Herr“, ſagt ſie mir,„als hätte Ihnen Frau Lenormand die herrlichſte Zukunft ver⸗ kündet.“ Und ich darauf:„Nein, Madame, ich habe 47 die berühmte Kartenſchlägerin noch nicht beſucht. Uebri⸗ gens ſind mir alle Prophezeiungen der Zukunft in die⸗ ſem Augenblick gleichgültig, wo ich das Glück genieße, unter den ſchönſten Blumen der Welt zu Ihnen und von Ihrer Kaiſerin zu ſprechen, unter Blumen zu und von den Sternen.“ Darüber verliert denn doch die Dame, die noch immer, uns den Rücken zukehrend, Redouté's Mappen beſichtigt, das ruhige Gleichgewicht und mit dem Ausruf:„Das iſt zum Todtlachen! Wer iſt denn der Herr?“ tritt ſie auf uns zu. Was nun folgte, meine Beſchämung und Beſtürzung, geſtammelte Entſchuldigungen, die fortwährend von der Heiterkeit der Damen unterbrochen werden, die engelhafte Güte der Kaiſerin, das Schmunzeln des guten Redouté, der klüglich im Hintergrunde bleibt und ſich vergnügt die Hände reibt, das denken Sie ſich beſſer, als ich es er⸗ zählen kann. Da Redouté ſich den Fuß ein wenig verletzt hat und die Treppe nicht hinabſteigen kann, wird mir die Ehre zu Theil, die Kaiſerin an den Wa⸗ gen zu geleiten. Eine ſeltene Pflanze war in ihren Gewächshäuſern zu Malmaiſon zur Blüte gekommen und ſie ſelbſt iſt zu Redouté geeilt, ihm dies Ereigniß mitzutheilen. Daher der unerwartete Beſuch. Schon hat die Kaiſerin von dem Maler Abſchied genommen; ich halte den Thürgriff in der Hand, ihr dieſelbe zu —ͤͤ 48 öffnen.„Und Sie fürchten die Karten der Lenormand nicht?“ fragt ſie.„Unter Ihrem Schutz, Majeſtät? Nein!“ entgegne ich.„Wir wollen ſehen.“ Damit geht ſie und heute in der Frühe erhalte ich die Ein⸗ ladung.“ „Dacht' ich es doch, ſie hat etwas vor.“ „Was denn? Mit der Lenormand? Sie glauben doch an dergleichen Thorheiten nicht? Ich begreife, daß bei dem wunderbaren Schickſalswechſel der Kaiſerin, bei der natürlichen Aengſtlichkeit einer Frau, die einen geliebten Mann beſtändig den Kugeln auf den Schlacht⸗ feldern, den Dolchen und Höllenmaſchinen der Ver⸗ ſchworenen trotzen ſieht, der Aberglaube und der Wunſch ſich ausbilden mußten, den Schleier von den zukünfti⸗ gen Dingen zu heben. Aber wir ſind nicht in derſel⸗ ben Lage. Welches Schickſal, ſelbſt wenn ſie es vor⸗ her wüßte, könnte mir die Sibylle verkündigen, das mich überraſchte? Und Sie, mein Freund, der Sie an nichts glauben—“ „Weil ich über Ihre Weltſchöpfung und Ihre Un⸗ ſterblichkeitseitelkeit lache? O, ich glaube an das grau⸗ ſame Geſetz, daß alles Gute zum Böſen ausſchlägt. Die Lenormand beunruhigt mich nicht. Nur das pſy⸗ chologiſche Problem, das ſie und noch mehr die An⸗ dern, denen ſie ihre Künſte vorſpielt, der Betrachtung 49 darbieten, beſchäftigt mich. Dies iſt ſo recht ein Stoff für den Arzt und den Naturphiloſophen. Das Sinn⸗ liche und das Ueberſinnliche, das Körperliche und Dä⸗ moniſche durchdringen ſich hier in ſcheinbar unlöslicher Miſchung. Wir werden ein merkwürdiges Schauſpiel haben.“ „Wo nehmen Sie nur all die Flauſen her, Meiſter Benjamin, möcht' ich fragen? Sonſt bin ich der Phan⸗ taſt, heute ſcheinen Sie meine Rolle zu ſpielen.“ „Ich ſetze nur die Thatſachen zuſammen. Die Kaiſerin iſt in ungewöhnlicher Erregung und leidet ſeit einer Woche an ihren Nervenanfällen. In den Pauſen iſt ihr die Zerſtreuung durch Geſellſchaft, Muſik, Wun⸗ derlichkeiten ein Bedürfniß. Trotz der Siegesnachrich⸗ ten aus Spanien ſind die ſeltſamſten Gerüchte im Volke verbreitet; man ſpricht von einem neuen Kriege mit Ihrem Kaiſer, von Verſchwörungen—“ „Daran glauben Sie nicht?“ Benjamin machte ein undurchdringliches Geſicht. „Die Furcht des Tyrannen iſt die fruchtbare Mut⸗ ter der Verſchwörungen. Da er es nicht vergeſſen kann, daß er uns die Freiheit geſtohlen hat, iſt er überzeugt, daß auch wir es nicht vergeſſen haben. Die alte Ge⸗ ſchichte vom Schwert des Damokles. Wir brauchen es nicht aufzuhängen, es hängt dennoch immer über Frenzel, Luoifer. III. 4 50 dem Uſurpator. Er hat die Republikaner wie die Roya⸗ liſten betrogen, eingekerkert, getödtet, und in beiden Parteien gibt es entſchloſſene Männer, die nichts ver⸗ zeihen. Den Zwiſchenraum, der noch zwiſchen ſolchen Geſinnungen und der That liegt, füllt Fouché mit ſeinen Gehülfen geſchäftig aus.“ „Und alle dieſe Stimmungen, Vermuthungen, Re⸗ den wirken auf die Kaiſerin—“ „Auf die hitzige Phantaſie einer Creolin. Die Luft enthält gleichſam einen abergläubiſchen Beſtand⸗ theil, eine Orakeleſſenz. Dazu gibt die Abweſenheit des Kaiſers ihr die günſtigſte Gelegenheit, die Karten zu befragen. Er verachtet ſolche Ammenmärchen und Be⸗ trügereien, um deſto feſter an der Ueberzeugung zu halten, daß er unverwundbar und unbeſiegbar ſei, gerade wie Alexander ſich einbildete, eines Gottes Sohn zu ſein, bis ihn das Gift des Antipater eines Beſſern belehrte. Es iſt eine Komödie; der eine ſchwört bei ſeinem Stern, die andere beim Kaffeegrund.“ „Eine Weltkomödie! Nur daß wir darunter tra⸗ giſch zu leiden haben.“ „Ihr Deutſchen nehmt Alles zu ſertimental Das ganze Leben, ob ein Napoleon oder ein Timon es le⸗ ben, iſt nur eines Gelächters und einer tiefen Verach⸗ tung werth. Haben Sie aber jetzt nichts dagegen, mein 51 Herr Philoſoph— es iſt drei Uhr Nachmittags— ſo wollen wir uns mit der Frage beſchäftigen, wo wir zu Mittag eſſen.“ „Sie führen, ich folge.“ „Gute Nahrung, gute Gedanken! Geben Sie Acht, gegen die Engländer wird Napoleon dereinſt den Kür⸗ zern ziehen, ihr Beefſteak wird unſern Zwieback ſchla⸗ gen“, ſagt Benjamin, ſich zum Ausgang rüſtend.„Geht mir doch mit Euren moraliſchen Antrieben! Der Menſch handelt, wie er ernährt wird.“ „Alſo gut eſſen, gut trinken, und wir werden heute Abend vor der Sibylle beſtehen können. Iſt ſie ſehr alt?“ „Frau Lenormand? Keineswegs! Noch nicht vier⸗ zig Jahre, eine Frau, die manche Toilettengeheimniſſe geſchickt zu benutzen weiß. Eins bedaure ich, daß wir in Malmaiſon auf den Ritter im ſchwarzen Mantel verzichten müſſen. Ich wollte, er wäre bei der Tafel⸗ runde.“ „Er iſt ein geiſtvoller Geſellſchafter und würde ſich nichts abgewinnen laſſen.“ „Will ich ihm denn etwas abgewinnen?“ ant⸗ wortet Benjamin mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck im Geſicht.„Er iſt für mich, nach Ihren Schilderungen, zunächſt nur eine Naturmerkwürdigkeit, ein Phänomen.“ 4 4* „Wie die Meduſe?“ meint halb fragend, halb la⸗ chend Egbert, indem ſie das Zimmer verlaſſen. „Meinetwegen. Es iſt jetzt Sitte geworden, die ſogenannten Helden und großen Verbrecher heroiſch zu drapiren. Reißt man ihnen aber den Mantel ab, was ſteckt darunter? Eine arme hungrige Beſtie. Der Hunger macht den Wolf, er macht Cartouche und Napoleon und vielleicht auch unſern Ritter.“ —11111—— Zweites Kapitel. Inmitten der vielen Windungen der Seine, auf der Weſtſeite von Paris, zwiſchen den prächtigen Königsſchlöſſern von St.⸗Cloud und St.⸗Germain, liegt das beſcheidene Schlößchen von Malmaiſon. Ihm gegenüber erhebt ſich der ſteile Mont Valérien, der die ganze Landſchaft weithin beherrſcht. An ihm vorbei führt die große Fahrſtraße von der Hauptſtadt nach St.⸗Germain⸗en⸗Laye. Zwiſchen ihm und dem Berge, mehr nach Norden zu, breitet ſich das freundliche Dorf Rueil mit jenem Landhauſe aus, in dem einſt zur Zeit ſeines Glanzes der Cardinal Richelieu gewohnt hatte. Damals ſaß in La Malmaiſon ſein Gardekapitän Guiton de For⸗ lagues, immer auf der Wacht und bereit, bei dem er⸗ ſten Wink der rothen Eminenz mit ſeinen Soldaten zu ihrem Schutz zu erſcheinen oder den Streich aus⸗ zuführen, der ihm befohlen war. Jaeetzt baute und ſchmückte nun ſchon in das elfte Jahr Joſephine dieſen Wohnſitz mit künſtleriſcher An⸗ muth aus. Es war ihre liebſte Beſchäftigung. Als der General Bonaparte ſeinen wunderſamen Feldzug nach Egypten machte, hatte ſie die Beſitzung von Herrn Lecoulteux du Moley gekauft. Seit der Revolution galt La Malmaiſon als Nationaleigen⸗ thum und war ſo in die Hand des Pariſer Kaufmanns gerathen. Ein kleines, vernachläſſigtes, beinahe ver⸗ fallenes Haus mit deſto ſchönerem Park. Rings um⸗ her gab es nichts Lieblicheres, Frühlingsfriſcheres. Alte hohe Bäume gewährten Schatten, die Nähe der Seine brachte erquickende Kühle. Nach Oſten zu ſchloß der trotzige Mont Valérien in eigenthümlicher Starr⸗ heit das reizende Landſchaftsbild. Raſch wie das Glück Bonaparte's entfaltete ſich auch Malmaiſon; mit jedem Jahre entwickelte es ſich mehr zu einem Wohnſitze, welcher der Kaiſerin Frank⸗ reichs würdig war. Joſephine liebte Blumen, Bilder, zierliche Koſtbarkeiten. In den großen Gewächshäuſern zog ſie die ſeltenſten Pflanzen. Durch Ankäufe auf der Seite nach Rueil hin wurde der Garten erweitert 55 und im engliſchen Geſchmack ausgeführt. Ein Schwei⸗ zerhaus durfte nicht fehlen. 3 In ſeinem Gedichte„Die Gärten“ hat Jacques Delille dieſem entzückenden Aufenthalt einige Verſe ge⸗ widmet, die er ſelbſt nicht weniger als ſeine Zeitge⸗ noſſen bewunderte. Wie zur Zeit der römiſchen Bür⸗ gerkriege wurde auch jetzt wieder die Poeſie des Land⸗ lebens, der Friede der Natur, das Ausruhen unter der breitäſtigen Buche beim Abend⸗Sonnenuntergang ge⸗ prieſen. Von Madrid bis zum Niemen ſtarrt Europa von Schlachtfeldern, unaufhörlich jagt der Imperator auf ſeinem Kriegsroß hin und her; aber daheim vergießt die große Nation Thränen der Rührung, wenn in Möhul's gefeierter Oper Joſeph in Egypten ſeine Brü⸗ der wieder begrüßt, und freut ſich wie ein Kind an der Märchenprinzeſſin Aſchenbrödel. Die glücklichſte Zeit Joſephinens, die Sonnentage Malmaiſons waren die vier Jahre, während deren Bonaparte als erſter Conſul die Geſchicke Frankreichs lenkte. Die Pforte des Janustempels ſchien nach den Siegen von Marengo und Hohenlinden für immer ge⸗ ſchloſſen zu ſein. In der Bruſt des gewaltigen Man⸗ nes ſchliefen die unerſättliche Begierde und die kriege⸗ riſche Wuth eine Weile. Das trotz ſeiner Eroberungen und ſeiner erbeuteten Schätze tief zerrüttete Frankreich bedurfte der Sammlung und der Erholung. Nicht gleich war eine neue Ernte von Menſchen für die Sichel des Todes reif. In Anläufen und Verſuchen erprobte der große Verſchwörer die Geduld und Einfalt dieſer Nar⸗ ren der Freiheit und Gleichheit. Ihn ſelbſt ſetzte es in Erſtaunen, wie willig ſie ſich ſeinem Joche fügten. Damals verhärtete ſich die Menſchenverachtung, die einen Grundzug ſeines Weſens von jeher gebildet, mehr und mehr in ihm. Vom Letzten zum Höchſten wurden Alle für ihn nur Werkzeuge. Noch rühmten ihn die Schwärmer als den Lichtbringer, den Erneuerer des alten Europa, einen größern Waſhington, während er ſchon längſt auf die Unterdrückung der Welt ſann. Ihn erfreute einzig die Macht und der Lärm der Schlacht, aber als erſter Conſul in Malmaiſon ſpierte er den Beſchützer der Künſte. Er lobte Joſephine, wenn ſie einen Kreis von Gelehrten und Künſtlern um ſich verſammelte. Raſch hatte ſich ein Hof gebildet, der zum Ver⸗ gnügen des Herrn kleine Komödien vor ihm aufführte. Zuweilen miſchte er ſich unter die Spielenden, die im Garten auf dem großen Raſenplatz den Ball ſchlugen oder ſich im Wettlauf maßen. Zu andern Stunden ſaß er unter einer Linde und ließ ſich Chateaubriand's — ——— —————— 57 „Weſen des Chriſtenthums“ vorleſen. Von dieſen Ta⸗ gen ſagten die Schmeichler, daß man in Malmaiſon den Salon Aſpaſia's unter dem Zelt des Perikles fände. Die Freude währte kurz. Zu der Rolle eines klu— gen friedliebenden Auguſtus beſaß Bonaparte keine Ruhe und keine Anmuth. Der Kaiſer verdrängte den Conſul, St.⸗Cloud Malmaiſon. Hier war die ei⸗ gentliche Quelle ſeiner Größe. Hier hatte er am neun⸗ zehnten Brumaire den Rath der Fünfhundert mit ſei⸗ nen Grenadieren auseinandergeſprengt und, wie er meinte, den Abgrund der Revolution geſchloſſen. St.⸗ Cloud ſollte das Ruhmesſchloß ſeiner Herrlichkeit werden. Darüber trat Malmaiſon für ihn zurück. Um ſo inniger wuchs es Joſephinen an das Herz. Ihr wurde es niemals wohl unter dem kaiſerlichen Man⸗ tel, in dem goldenen Käfig der großen Schlöſſer. Je⸗ den Tag, den ſie ſich abmüßigen konnte, brachte ſie in dem geliebten Hauſe zu. In einer halben Stunde führte ſie der Wagen auf gut gehaltenen Wegen durch den Wald, an Wieſen vorüber, von St.⸗Cloud nach Malmaiſon, aus einer öden und langweiligen Hoffeſt⸗ lichkeit zu ihren Blumen, die eine nach der andern Redouté in ſeine Mappen, in naturgetreuem Abbild, ſammelte.„Ihre Blüten welken ſchnell“, pflegte die 58 Kaiſerin zu ſagen,„freundliche und vergängliche Blü⸗ ten eines Tages; wenigſtens in Ihren Zeichnungen, mein lieber Redouté, werden die Blunen von Mal⸗ maiſon ewig leben.“ Auf die großen Verhältniſſe des Staates und ſeines Lebens hatte Napoleon ſeine Gattin niemals auch nur den Schatten eines Einfluſſes gewinnen laſſen. Allmälig hatte ſich auch innerhalb des Hauſes ihre Macht verringert. Immer mehr ward dies Haus zu einem Capitol, zu einem Punkte, nach dem die Augen der ganzen Welt ſich richteten. Jeder idyllliſche, jeder romantiſche Zauber wurde davon abgeſtreift. In dem Hauſe Cäſar's gab es keine traulichen Verſtecke, keine verſchwiegenen Lauben, Alles war großartig, feierlich ſteif und öffentlich. Nur Staatsactionen und Tragö⸗ dien konnten ſich hier noch abſpielen, und Joſephine hatte weder das Herz noch das Maß einer tragiſchen Heldin. Seit ihrer Krönung in der Notredame⸗Kirche zu Paris lebte ſie in der beſtändigen Furcht eines ſchrecklichen Sturzes; ſie glaubte nicht an die Dauer ihres Glückes, und indem ſie ſich ihren Niedergang ausmalte, gewöhnte ſie ſich im voraus daran und tröſtete ſich mit elegiſchem Schmerze über das unab⸗ wendbare Verhängniß. Während des Conſulats, als Verſchwörungen in 3 —— — 59 faſt ununterbrochener Folge das Leben ihres Gatten bedrohten, er noch zur höchſten Höhe emporſtrebte und, in Augenblicken des Mißmuths, des Fehlſchlags und der Beſorgniß, des Troſtes der Freunde bedürftig war, hatte ſie ſeinem Herzen und ſeinem Schickſal näher geſtanden. Aus allen beſiegten Parteien wendeten ſich Einzelne an ſie und nahmen ihre Güte und ihr Für⸗ wort bei Napoleon in Anſpruch; am eifrigſten die alt⸗ adeligen Familien der Emigranten. Die Republikaner warfen ihr vor, die Neigung des erſten Conſuls für den Adel zu beſtärken, die Söhne und Töchter der heftig⸗ ſten Feinde der Revolution in ihre Nähe zu ziehen, mit Wohlthaten zu überhäufen und ſo im Kleinen das Bild des ehemaligen Verſailler Hofes zu erneuern. Dieſe Klagen waren verſtummt, aber auch der Einfluß Joſephinens war dahin. Nur in kleinen An⸗ gelegenheiten ſuchten die Bittſteller noch um ihre Ver⸗ wendung bei dem Herrn der Welt nach. Er lebte mehr auf den Schlachtfeldern und im Lager als in ſeiner Hauptſtadt. Was hätte ſie auch in ſeine politiſchen Liſten und Ränke, in ſeine Kriegspläne hineinſprechen können, ſelbſt wenn ſie gewollt! Jedes gemüthlichere Beiſammenleben zwiſchen beiden hörte auf; an keinem Geſpräch, das von der Staatskunſt, von der Geſchichte und Kriegswiſſenſchaft abſah, fand er Gefallen. Je 60 mehr Lorbeern er auf ſeinem Scheitel häufte, deſto marmorner wurde ſein Herz. Jene Anmuth, jener beinahe ſchwärmeriſche Zug, die ſeine Jugend ausge⸗ zeichnet und den Verkehr mit ihm ſo verführeriſch ge⸗ macht hatten, waren ſtrengen und harten Formen, ei⸗ ner imperatoriſchen Kälte oder einem dämoniſchen Zorne gewichen. Völlig beherrſchte ihn das Bewußtſein, eine heroiſche Rolle zu ſpielen, das Gefühl, eine Art Wun⸗ der zu ſein. Zu manchen Irrungen und Entfremdun⸗ gen, an denen dieſe Ehe, trotz Joſephinens Zärtlichkeit und Napoleon's Freundſchaft für ſie, oft genug gelitten, hatte ſich, um ſie ganz zu zerrütten, ſeit einiger Zeit der Wunſch des Kaiſers geſellt, einen Sohn und Er⸗ ben ſeines Namens und ſeiner Macht zu haben. Den Ausruf, den er einmal gethan, daß in fünfzig Jahren ſeine Dynaſtie die älteſte in Europa ſein würde, wollte er zur Wahrheit durch ſeine Nachkommenſchaft gemacht ſehen. Seine Liebe, wenn in Napoleon's Seele etwas wie Liebe war, hatte Joſephine von jeher mit andern Frauen theilen müſſen; jetzt ſchien es ihr beſtimmt, auch ſeinen Thron zu verlieren. Diejenigen, die er ſeine Freunde nannte, mußten ihr Leben auf dem Schlacht⸗ felde für ihn opfern, ſeine Gattin den Reſt des ihrigen in Einſamkeit und Thränen vertrauern. 61 Unter dieſer Wetterwolke der Scheidung lebte Jo⸗ ſephine ein ängſtliches und unruhiges Leben. Soviel ſie konnte, vermied ſie es, ſich bei großen Feſten zu zeigen. Sie hatte ſich in den engen Kreis ihrer Ver⸗ trauten, auf ihre Lieblingsneigungen zurückgezogen, auch dem kleinſten Antheil an politiſchen Geſchäften entſagt und prüfte gleichſam im voraus, ehe das Loos ſie ge⸗ troffen, die Stärke ihrer Seele als geſchiedene Kaiſerin. Einige Damen und Herren waren an dieſem Abend in dem kleinen Saal von Malmaiſon um ſie verſammelt. Wer wie Egbert dieſe Räume zum erſten Mal betrat, bewunderte die Fülle der zierlichen Koſt⸗ barkeiten darin. Tiſche mit florentiniſcher Moſaik und Vaſen von Lapis Lazuli und Achat ſtanden in den Niſchen, an den Fenſtern und den Wänden. Auf den Marmor⸗ kaminen prangten Bronzefiguren von feinſter Arbeit, ein Reichthum von Sèvres⸗Porzellan. Mit einigem Stolz machte ihn eine der Hofdamen der Kaiſerin, dieſelbe, mit der er bei dem Maler Redouté geſprochen, auf die geſtickten Bezüge der Seſſel und Kanapees im Saal— der Grund war von weißer Seide, in der Mitte ein doppeltes J von vollblühenden Roſen umſchlungen— als auf ein Werk der Kaiſerin und ihrer Frauen aufmerkſam. 62 „Penelope iſt alſo keine Dichtung“, erwiderte Egbert. Ueberall, als Krönung der Thüren und Vorhänge, trat ihm das kaiſerliche N mit dem Adler auf der Fahnenſtange und der Krone darüber entgegen. Die verhältnißmäßige Enge der Räume ſchien ſich dadurch ins Ungemeſſene zu erweitern. Vor der geblendeten Phantaſie erhoben ſich hier aus dem Sand der Wüſte die rothbraunen Pyramiden, dort ragte der ſchneebe⸗ deckte St.⸗Bernhardsberg der Alpen auf, über den der erſte Conſul ſein Heer zur Schlacht von Marengo führt. Dieſes N und dieſer Adler bedeuteten ſie nicht daſ⸗ ſelbe, was einſt die Zeichen: der Senat und das römiſche Volk, der unterworfenen Welt verkündigt hatten? 3 Eine ſolche Umgebung würde für Egbert in ſei⸗ nem ſteifen Hofkleide— weißſeidene Strümpfe, ſchwarze Kniehoſen und ein blauer mit goldenen Knöpfen be⸗ ſetzter Frack— ihr Niederdrückendes gehabt und jeden Schwung ſeines Geiſtes gelähmt haben, wäre die Ge⸗ ſellſchaft eine feierlichere und die Liebenswürdigkeit und Güte der fürſtlichen Frau weniger herzgewinnend geweſen. Aber hier bewegten ſich Alle in einer ge⸗ wiſſen ſchönen Freiheit; auch nicht im leiſeſten Aus⸗ druck offenbarte ſich der Unterſchied des Standes, der 63 Gegenſatz des Bürgers zu dem Edelmann. Unverkenn⸗ bar war die Arbeit der Revolution. Unter den Männern fanden ſich neben Redouté und Benjamin Bourdon der Maler Iſabey, der be⸗ rühmte Schauſpieler Talma; auf eine kurze Weile er⸗ ſchien Denon, der Napoleon nach Egypten begleitet hatte und für Joſephine jetzt eine auserleſene Samm⸗ lung von geſchnittenen Steinen und Medaillen zuſam⸗ menſtellte. Die Herren vom Hofſtaate der Kaiſerin vermittelten freundlich die Bekanntſchaften. Die all⸗ gemeine Beſorgniß, daß es wieder zu einem Kriege mit Oeſterreich kommen würde, flößte Allen unwillkür⸗ lich eine größere Theilnahme für den blonden Egbert ein. In dieſem Kreiſe wurde der Krieg nicht laut, aber deſto heftiger und einſtimmiger im geheimen ver⸗ urtheilt. Jeder bemühte ſich, nach der höflichen und feinen Sitte der Franzoſen, dem Fremden eine Artig⸗ keit zu ſagen. Dazu geſtattete eine Wendung des Ge⸗ ſprächs Egbert, ſich im beſten Lichte zu zeigen. Man hatte von Erfurt und Weimar, von Goethe und Wieland geſprochen und daß der Kaiſer dem erſten jener Dichter mit beſonderer Neigung begegnet ſei. Der Leidensgeſchichte des jungen Werther ward Erwähnung gethan. Die Damen wünſchten mehr davon zu erfah⸗ ren, und Egbert war der Einzige, der durch eine aus⸗ 64 führlichere Erzählung die Neugierde zu befriedigen wußte. Die eigene Weiſe, in der er ſprach, ſeine Ge⸗ ſtalt, ſein blondes Haar— die Damen fanden plötzlich zwiſchen ihm und dem Helden ſeiner Geſchichte eine merkwürdige Aehnlichkeit— erhöhten noch das Vergnügen der aufmerkſam ihm Lauſchenden. Fortan galt er für einen ebenſo ausgezeichneten Gelehrten als anziehenden jungen Mann. Während noch einige der Damen und Herren um ihn die Unterhaltung über die deutſche Dichtung fort⸗ ſetzten, hatte Joſephine ihren Arm um den Nacken der ſchlanken Antoinette gelegt, wie es ſo ihre Weiſe war, wo ſie ſich gehen laſſen durfte, und ſie beiſeite in ein Nebenzimmer gezogen, mit jener Gewalt ſiegreicher An⸗ muth, die gar nicht des kaiſerlichen Titels bedurfte, um über Alle, die ſich ihr näherten, zu herrſchen. Obgleich ihr Leben ſchon ſeine Mitte überſchritten hatte und jenſeits der vierziger Jahre im Nachmittags⸗ ſonnenſcheine ſtand, war Joſephine noch immer eine ſchöne Frau; ſchön zumeiſt durch ihre dunklen feurigen Augen, ihr reiches glänzendes Haar, ihre feine zierliche Geſtalt und die Gefälligkeit ihrer Bewegungen. Sie war nicht geiſtreich und beſaß die Gabe des tiefſinni⸗ gen und witzigen Wortes nicht. Aber das Lächeln, das ihr zu Gebote ſtand, verlieh auch dem Unbedeu⸗ 65 tenden, was ſie ſagte, einen Reiz. Gegen Napoleon's Trockenheit und Einſilbigkeit bei den alltäglichen Ge⸗ ſprächen des geſellſchaftlichen Verkehrs ſtach ihre Plau⸗ derei und Harmloſigkeit vortheilhaft ab. Den zarteſten Schmelz hatte ihr freilich das Alter mit ſeinen Sorgen abgeſtreift, allein es hatte der Kaiſerin zum Erſatz da⸗ für den Zauber des Elegiſchen gegeben. Diejenigen, die ſie in der Blüte ihrer Jugend und ihres Glückes nicht geſehen, konnten ſie ſich nicht ohne dieſe ſanfte Schwermuth, dieſen thränenſchweren Blick der Augen denken, die ſie in dem letzten Jahre vor ihrer Schei⸗ dung verklärten und die ihr dann, in der ausgleichen⸗ den Gerechtigkeit der Geſchichte, als Merkmal ihres Weſens geblieben ſind. Heute ſtand Joſephine das ſilbergraue, langwallende glatte Kleid mit kurzer Taille und kurzen Aermeln, die ihre ſchön gerundeten Arme zur vollen Geltung kommen ließen, beſonders gut zu Geſicht. Das Haar trug ſie einfach auf dem Kopf zuſammengeflochten, über der Stirn einen Schmuck von Rubinen und Brillanten. Wie ſie jetzt mit Antoinetten durch den Saal ſchritt, 3 ſchleppte der koſtbare rothe türkiſche Shawl, den ſie um die Schultern genommen, zurückgeglitten auf dem Boden nach. In einem Armſeſſel nahm ſie Platz und winkte Frenzel, Lucifer. II I. 5 66 dem Fräulein, ſich zu ihr auf einen kleinern Seſſel zu ſetzen.— „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, liebe Marquiſe“, ſagte ſie.„Der Brief, den Sie mir durch die Gräfin Mortigny übergeben ließen, hat mich in dieſer trau⸗ rigen Geſchichte bis auf den Grund ſehen laſſen. Die Großfürſtin Katharina alſo war ſeine Erwählte! Ja, was bin ich gegen eine junge Großfürſtin, eine Toch⸗ ter aus dem älteſten und mächtigſten Herrſcherhauſe Europas? Ich hatte wohl von dieſen Abſichten und Verhandlungen ein und ein anderes Wort verlauten hören, aber das Ganze hielt man mir verborgen. Um ſo wichtiger iſt mir dieſer Brief.“ „Mir iſt es eine Genugthuung, daß ihn Eure Majeſtät erſt jetzt empfangen hat, wo Sie ihn beruhigt wie ein Actenſtück betrachten können, das von vergange⸗ nen und halbwegs vergeſſenen Dingen handelt.“ Joſephine ſchüttelte den Kopf. „Sie kennen den Kaiſer nicht. Er und einen Plan aufgeben, weil er auf Hinderniſſe ſtößt! Dieſe entflammen nur ſeinen Eifer und verdoppeln die Kraft ſeines Genius. Ich glaube, er beſitzt zur Stunde nicht ein einziges Kriegsſchiff, und doch iſt die Vernichtung Englands, eine Landung an ſeinen Küſten der unwan⸗ delbare Traum ſeiner Nächte. Die Weigerung des ruſſiſchen Hofes, ihm eine Großfürſtin zur Gemahlin zu geben, wird ihn nöthigen, ſeine Augen nach einem andern Fürſtenhofe und mit beſſerem Erfolge zu rich⸗ ten. Und zum zweiten Male wird er keine Abweiſung erfahren oder dulden.“ „O“, wallte es in Antoinettens Bruſt auf,„welcher Fürſt würde ſeine Tochter dem Uſurpator opfern wollen!“ Aber in demſelben Augenblick fuhr ſie zuſammen, ſie entſann ſich der Märchen, in denen eine Jungfrau zum Wohl des Landes dem Drachen ausgeſetzt wird. Andromeda an den Felſen gekettet und kein Perſeus zu ihrer Rettung da! „Es gibt nur wenige Prinzeſſinnen“, ſagte ſie laut,„denen der Kaiſer ſeine Hand anbieten könnte.“ „Seien Sie ſicher, mein gutes Kind, er wird eine finden. Was liegt auch an mir? Ich bin eine alternde Frau, über mein Verdienſt hat mich das Glück und die Freundſchaft des großen Mannes erhöht. Welche Tage habe ich genoſſen! Nur zu lange, werfe ich mir oft vor, habe ich auf einer Bühne geglänzt, für die ich zu klein war. In Malmaiſon, da bin ich an mei⸗ nem Platz. Aber in den Tuilerien! Seh' ich aus wie die Frau Cäſar's? Und da ich ihm den Sohn nicht geben kann, den er wünſcht, iſt es Zeit für mich, zu ſcheiden. Unter meinen Blumen werd' ich noch eine 1 —— —u,u,⅓ 68 kurze Weile weiter leben. In Erinnerungen! Welche Frau könnte ſich rühmen, größere gehabt zu haben!“ „Und welche Frau, möchte ich fragen, zierte ſchö⸗ ner dieſen Thron als Eure Majeſtät? Würde nicht mit Ihnen ſein guter Stern von dem Kaiſer ſcheiden?“ „Unſere Sterne gehen ſchon ſeit Jahren ihre be⸗ ſondern Bahnen. Jetzt rufen die Undankbaren, die er aus dem Schlund der Revolution emporgeriſſen hat, der ſeine ſei von Wolken umhüllt und neige ſich. Sie murmeln, daß ihn ein Dolchſtoß in Spanien oder eine Kanonenkugel an der Donau treffen würde. Ich hab' auch meine Stunden höchſter, tödtlichſter Angſt; aber dann tröſte ich mich wieder, daß ihn Gott noch zur Vollendung großer Dinge beſtimmt hat. Nur zu⸗ weilen will ihn das Glück daran mahnen, daß es doch noch mächtiger iſt als er, und es fordert ein Opfer von ihm. Diesmal bin ich zum Opfer auserleſen. Ich gelte ſchon für eine gefallene Größe. Neulich wagte dieſer abſcheuliche Fouché mich aufzufordern, ſelbſt die Scheidung zu verlangen, um dem Kaiſer eine peinliche Verlegenheit zu erſparen.“ „Der Unwürdige! Dies kann doch nicht des Kai⸗ ſers Wille ſein.“ „Getroſt“, lachte Joſephine gezwungen und rich⸗ 69 tete ſich aus ihrer halb liegenden Stellung ein wenig auf,„noch bin ich die Herrin. Man kann mich in die Verbannung ſchicken, aber ich werde nicht freiwillig aus thörichter Großmuth mich ſelbſt verbannen. Und ſo viel Einfluß werde ich noch haben, meine liebe Antoinette, im Verein mit Ihnen Ihren unglücklichen Bruder loszubitten.“ „Ohne mich, Majeſtät!“ Antoinette drückte die Hand der Kaiſerin an ihre Lippen. „Wie dürfte ich, in meinem Kummer und meiner Verlaſſenheit, meinen Worten auch nur das Gewicht einer Feder zuſchreiben! Das Geſchick meines Bruders ruht ganz in den Händen Eurer Majeſtät.“ „Der Kaiſer ſieht ſchöne Frauen gern. Nur liebt er es nicht, daß ſie ſich in ſeine politiſchen Geſchäfte miſchen. Wie hat er die arme Königin von Preußen geſcholten, weil ſie nach ſeiner Meinung den König zum Kriege gegen ihn gereizt! Wir ſollen lachen, ſcher⸗ zen, ihn unterhalten. Für uns Frauen ſoll die Welt ſeiner Gedanken nicht vorhanden ſein. Früher war unſerem Geſchlecht in Frankreich ein beſſeres Loos ge⸗ fallen. Aber zu einer ſolchen Bitte aus Ihrem Munde wird er nicht nein ſagen. Nur laſſen Sie dieſen Fouché nicht merken, was Sie an unſern Hof geführt. 70 Dieſer Menſch miſcht ſich in Alles, will Alles wiſſen, um Alles zu verrathen.“ Indem ſie ärgerlich mit der Hand auf die Lehne ſchlug, ſetzte ſie heftig hinzu: „Er iſt der größte Spitzbube in Frankreich.“ Kaum war ihr das Wort entfahren, ſo bereute ſie es und ſuchte durch ein Lächeln ihm die Spitze ab⸗ zubrechen. In der offenen Thür zu dem Saal erſchien Ben⸗ jamin Bourdon. „Ich rede Ihnen wohl zu lange und zu eifrig, Doctor?“ rief ſie ihm zu.„Sie machen mir ein ſo ſtrenges Geſicht!“ „Für die Nerven Eurer Majeſtät wäre es beſſer, Sie ließen uns reden, aber Ihr Herz würde leiden, wenn Sie ſähen, daß Sie uns durch Ihr Schweigen etwas wie den elektriſchen Strom entzögen, der uns bewegt.“ „Auch Sie ein Schmeichler, Bourdon?“ „Wenigſtens galt die Schmeichelei nicht der Kaiſerin.“ „Das iſt ein hartgeſottener Sünder“, wendete ſich Joſephine, auf ihn deutend, zu Antoinetten zurück. „Ein altrömiſcher Republikaner.“ „Dem zum Unglück die römiſche Republik fehlt“, 71 entgegnete Bourdon,„und der darum zu der Klaſſe der Ideologen gehört.“ „Ideologen?“ fragte Antoinette. „Der Kaiſer pflegt die Republikaner, die Philo⸗ ſophen und die Hälfte der Deutſchen ſo zu nennen. Wir ſind Schwärmer, und das große Räthſel iſt nur, warum wir eigentlich auf Erden ſind. Ich habe manche ſchlafloſe Nacht darüber vergrübelt. In einem Amei⸗ ſenſtaat hätte man uns längſt als Schmarotzer vor die Thür geſetzt. Die Ameiſen ſind klüger und poli⸗ tiſcher als die Menſchen.“ „Die Ameiſen ſind vermuthlich immer geſund“, ſcherzte die Kaiſerin,„bis ſie ſterben. Wir aber krän⸗ keln am Leibe und an der Seele, und deshalb brau⸗ chen wir einen Arzt wie Sie, einen Dichter wie Delille und Herrn von Goethe, von dem der junge Deutſche vorhin ſo begeiſtert geſprochen— wo iſt er denn?— und einen Schauſpieler wie Talma: lauter Ideologen, unſere Wunden zu heilen und unſer Herz zu erheitern.“ „Talma“, antwortete Bourdon,„muß Eure Maje⸗ ſtät von der Liſte ſtreichen; er iſt kein Ideolog, er ſpielt nur Könige und Helden und hat den Fürſten zu Erfurt gezeigt, wie man am ſtattlichſten den Purpur⸗ mantel trägt.“ Die Anſpielung war keck. In dieſem Kreiſe wußte — ⁴D-yõ——õõõõ·⅓⅛⅓ es Jeder, daß Napoleon unter der Anleitung Talma's im kaiſerlichen Ornat mehr als eine beſchwerliche Probe durchgemacht hatte, ehe er bei dem Schauſpiel ſeiner Kaiſerkrönung als Hauptperſon vor den ſpottſüchtigen Pariſern aufzutreten wagte. Seit ſeiner glücklichen Kur an der Kaiſerin durfte ſich Bourdon indeſſen ein freies Wort erlauben. Joſephine erhob nur mahnend die Hand. Mit dem Eintritt Egbert's, den der Kammerherr auf die Frage der Kaiſerin nach ihm aus dem Saal herbeigerufen hatte, verlor die Unterhaltung das Spitze und Herbe, das ihr der beißende Witz des Arztes ge⸗ geben, und wurde luſtiger und harmloſer. Die All⸗ tagsgeſchichten einer großen Stadt, die Theatervor⸗ ſtellungen, die Kunſtwerke traten in den Vordergrund. Zuletzt kamen die Blumen an die Reihe. Die Kaiſerin war entzückt über das Lob, das Egbert ihren Sammlungen ſpendete. Eine kleine Ge⸗ ſchicklichkeit, die er hatte, in ſchwarzem Papier Blu⸗ men und Figuren auszuſchneiden, bot ſich ihm zur guten Stunde als eine gefällige Erheiterung der Ge⸗ ſellſchaft dar. Dringend hatte ihm Redouté gerathen, ſein Licht nicht unter den Scheffel zu ſtellen. Wie durch Zauberei wurde Papier und Scheere herbeige⸗ ſchafft. Es glückte Egbert, gleich zuerſt die Lieblings⸗ 73 blume Joſephinens in keuntlicher Weiſe zu treffen. Nun war des Rühmens ſeiner Kunſt kein Ende. Alle Damen wünſchten von ihm zum Angedenken eine ſchwarze Blume zu haben. Rings umher ſchien die fröhlichſte Laune zu wal⸗ ten. Die große Ueberraſchung, die Bourdon erwartete, wollte ſich noch immer nicht zeigen. Doch ſah er die Kaiſerin öfters nach der Uhr im bronzenen Gehäuſe auf dem Kamin blicken und die Zeichen einer nervöſen Ungeduld ſich bei ihr mehren. „Ich, mein Herr“, ſagte da die Hofdame, welche die nähere Verbindung Egbert's mit der Kaiſerin ver⸗ mittelt hatte, ſcherzend zu ihm,„ich bin mit einer Blume nicht zufrieden. Ich bin in dieſem Saal nach Ihrer Majeſtät der Kaiſerin Ihre älteſte Freundin— denn alle dieſe Damen haben Sie erſt heute kennen gelernt— und verlange darum etwas Beſonderes von Ihnen.“ „Das iſt recht“, nickte ihr die Kaiſerin zu,„trei⸗ ben Sie ihn in die Enge, meine liebe Pauline.“ „Bin ich nicht ſchon bedrängt genug?“ entgegnete Egbert und zeigte auf die ausgeſchnittenen Blumen, die auf dem kleinen Moſaiktiſch lagen.„Was ver⸗ langen Sie denn, Madame?“ „Eigentlich wollte ich den Schattenriß Ihrer Ver⸗ 74 lobten haben; alle Deutſchen, ſagt man mir, verloben ſich, ehe ſie auf Reiſen gehen.“ „O Madame!“ Egbert warf einen hülfeflehenden Blick auf Antoi⸗ nette; ihm drohte die Scheere aus der Hand zu ſinken. „Aber ich bin nicht ſo grauſam, ich begnüge mich mit dem Bild der ſchönſten Prinzeſſin, die Sie in Wien haben.“ „Ja, ja!“ ſchlug Joſephine die Hände zuſammen. „Die ſchönſte habsburgiſche Prinzeſſin! Zeigen Sie Ihre Kunſt! Das wird drollig ſein!“ „Wolle doch Eure Majeſtät gnädigſt bedenken“, wendete Egbert ein,„daß ich die kaiſerlichen Prinzeſ⸗ ſinnen nur flüchtig und ſelten geſehen habe, vor allem, daß ich ein Dilettant, kein Künſtler bin.“ „Es hilft Ihnen nichts“, ſagte Joſephine,„ſchnei⸗ den Sie! Hier, die Marquiſe von Gondreville kennt die Erzherzoginnen und ſoll entſcheiden, inwieweit Ihr Schattenriß dem Urbilde ähnlich iſt.“ Im Innern widerſtrebend fügte ſich Egbert. Seine Verlobte? Ja, welchen Phantaſiekopf hätte er dieſen neugierigen Damen als das Portrait ſeiner Geliebten ausſchneiden ſollen? Er fürchtete, daß ein neckiſcher Kobold ſeine Scheere führen und eine Aehn⸗ lichkeit mit Antoinetten hervorzaubern würde. Da 75 war es klüger, er verſuchte ſein Heil mit dem Geſicht einer Prinzeſſin und ließ ſich auslachen, wenn es ihm mißlungen. Beſſer, er gab ſeine Kunſt preis als das Geheimniß ſeines Herzens. Die Herren waren eben⸗ falls näher getreten, eine gewiſſe Spannung drückte ſich in den Zügen Aller aus. „So“, ſagte Egbert und legte ſein Kunſtwerk vor der Kaiſerin nieder;„möge Eure Majeſtät meine Stüm⸗ perhaftigkeit entſchuldigen und das Original meine Kühnheit verzeihen.“ „Nicht doch! Wie reizend iſt das! Ein junges ſchönes Mädchen“, rief Joſephine überraſcht und be⸗ trachtete ſinnend den Schattenriß.„Sagen Sie uns doch, liebe Gondreville, welche der Prinzeſſinnen von Habsburg der junge Schwarzkünſtler dargeſtellt hat.“ Nur einen flüchtigen Blick brauchte Antoinette auf den Schattenriß zu werfen. „Es iſt die Tochter des Kaiſers Franz, die Frau Erzherzogin Maria Louiſe; Herr Heimwald hat ſich ſelbſt übertroffen.“ „Wohl eine große Schönheit?“ ſagte die Kaiſerin halb fragend und hielt die Silhouette in der Hand. Ein kleines Stück dünnen Papiers, und doch war es ihr, als würde es von Minute zu Minute ſchwerer. 76 „Schauen Sie her, meine Damen, die Erzherzogin Maria Louiſe! Vielleicht haben Sie einmal das Glück, dies junge Mädchen auf einem Throne von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen.“ Der dienſtthuende Kammerherr neigte ſich zu ihr und flüſterte ihr einen Namen zu. „Endlich“, meinte Joſephine und legte den Schat⸗ tenriß vor ſich auf die Tiſchplatte nieder.„Laſſen Sie Frau Lenormand eintreten, ſie iſt mir willkommen.“ Die Erwähnung der berühmten Sibylle, deren Prophezeiungen aus den Karten damals in Paris in derſelben hohen, von Grauen umwehten Achtung ſtanden, wie nur je im Alterthum die Orakel des delphiſchen Apollo, erregte eine Bewegung in der Geſellſchaft, zu⸗ meiſt bei denen, die nicht zu den zewahalen Gäſten in Malmaiſon gehörten. Egbert tauſchte mit Bourdon einen Blick des Er⸗ ſtaunens, im Uebrigen war er froh, durch die Ankunft der Kartenſchlägerin von ſeinem Poſten abgelöſt zu werden. Nothwendigerweiſe mußte ſich jetzt die Auf⸗ merkſamkeit von ihm abwenden. In der Stadt war die Vorliebe, ja die Freundſchaft Joſephinens für Anne Lenormand ein öffentliches Geheimniß. Die Vertrauten der Kaiſerin entſchuldigten ſie mit dem ihr angeborenen Aberglauben, die Witzbolde ſpotteten; ſie traue ihrem 77 eigenen Glücke nicht und ſuche es durch die Karten der Lenormand zu ſtützen. Oft hatte ſie ſchon Napoleon's Tadel und Unwillen über ihren Verkehr mit der Wahr⸗ ſagerin aushalten müſſen, aber der Hang ihres Weſens war ſtärker als die Furcht vor Verlegenheiten. Gern pflegte ſie zu erzählen, daß ſie in ihrem Rechte ſei, wenn ſie dieſen Prophezeiungen Glauben ſchenke; auf der Inſel Martinique, in dem Landhauſe ihres Vaters, des Hafenkapitäns Taſcher de la Pagerie, ſei ihr einſt, als ſie noch im Kindesalter geweſen, von einer alten Frau aus den Linien der Hand verkündet worden, ſie werde die Frau eines gewaltigen Kriegers und Kaiſerin von Frankreich werden. Andere gingen weiter und wollten wiſſen, daß der Kaiſer ſelbſt der Kartenſchlägerin verpflichtet ſei. In der erſten Zeit ſeiner Herrſchaft hätten die Prophe⸗ zeiungen der Frau Lenormand über die Zukunft Frank⸗ reichs das Ihrige zur Befeſtigung ſeiner Macht beige⸗ tragen. Ihre Karten hätten beſtändig ihn als den Retter der Nation bezeichnet. Tacitus erzähle von einer Giftmiſcherin, die unter den erſten Cäſaren ein wichtiges unentbehrliches Werkzeug in der Hand der Gewalthaber geweſen; eine ähnliche Rolle habe Frau Lenormand geſpielt. Seine Feinde mit Gift oder Dolch aus dem Wege zu ſchaffen, läge nicht mehr in den 78 Sitten des Jahrhunderts; allein ſie zu blenden, zu verwirren und zu betäuben durch die Vorſtellung, daß in ihm ſich die Schickſalsmacht ſelber ehern und un⸗ überwindlich offenbare, das ſei dem Charakter des Kai⸗ ſers durchaus angemeſſen. Unwillkürlich hatte ſich die Geſellſchaft in zwei Grup⸗ pen getheilt; die eine, die kleinere, war um die Kaiſerin ver⸗ ſammelt geblieben, die größere in den Saal zurückgekehrt. Frau Marie Anne Lenormand, in ein einfaches ſchwarzes Atlaskleid mit langer Schleppe gekleidet, die Arme gegen die Mode der Zeit von engen Aermeln bedeckt, in ſchwarzen Handſchuhen, um die Schultern einen dunkelrothen Shawl, ſchritt langſam, mit tiefem, aber ſteifem Gruß nach allen Seiten durch dieſen Raum auf die Kaiſerin zu. „Es ſcheint“, ſagte einer der Herren am Kamin zu ſeinem Nachbar,„daß wir die Ankunft des Kaiſers in den nächſten Tagen noch nicht zu erwarten haben.“ „Sie meinen, weil“— Er zeigte auf die Lenor⸗ mand.„Nach dem alten Sprichwort, daß die Mäuſe über die Tiſche ſpringen, wenn der Kater nicht zu Hauſe iſt?“ „Ich ſprach heute mit Fouché. Ein Kurier war angekommen, der den Kaiſer am 16. Januar in Val⸗ ladolid verlaſſen hatte.“ „Und was ſagt Fouché?““ „Er glaubt nicht, daß er vor dem Ende dieſer Woche in den Tullerien ſein wird.“ „Dann möchte ich Ihnen eine Wette anbieten, daß er noch in dieſer Nacht in Paris eintreffen wird.“ „Wozu dieſe Eile?“ „Weil der Kaiſer Fouché und Talleyrand über⸗ raſchen will. Die beiden ſchlauen Rechner haben ſich arg getäuſcht. Welche Thorheit, zu hoffen, daß dem Kaiſer ihre geheimen Zuſammenkünfte nicht verrathen würden! Der Kaiſer hält ſich mehr und klügere Spione als Fouché in Paris. Kann er ſie doch beſſer bezahlen.“ „Biſt Du etwa einer“? mochte der Blick des ſo An⸗ geredeten fragen; er wich beſtürzt einen Schritt zurück. Der Andere entwickelte ſeine Anſichten eingehender. „Soll der Kaiſer ſeine Hauptſtadt noch länger in dieſem Zuſtand fieberhafter Unruhe laſſen? Dulden, daß zwei Großwürdenträger ſeines Reichs ſich über die Maßregeln beſprechen, die im Fall ſeines plötzlichen Todes zu treffen ſeien?“ „Im Fall ſeines plötzlichen Todes!“ Der Arme, der verurtheilt war, ſolche Dinge mit anzuhören, wurde weiß wie das Marmorgeſims des Kamins, an den er ſich lehnte. „Ja, todt, ermordet durch einen ſpaniſchen Fana⸗ 80 tiker. Leben Sie ſo ganz den Viſſenſchaften“, ſetzte er ironiſch hinzu,„daß nicht ein Laut von dieſen Ge⸗ rüchten zu Ihnen gedrungen iſt? Und doch ſchwirren ſie zu Tauſenden in der Luft von Paris. Es iſt die⸗ ſelbe Verſchwörungsatmoſphäre wie zur Zeit Pichegru's und Cadoudal's. Tolle Tage! Da kommt Bourdon, der Stoiker. Halten Sie ihn auf, er ſoll uns ſagen, was im Lager der Republikaner vorgeht.“ „Nichts“, antwortete der Arzt, deſſen feines Ohr die leiſe Aeußerung vernommen.„Sie geben dem Kai⸗ ſer, was des Kaiſers iſt, und halten ihr Pulver trocken.“ „Gut gegeben“, dachte der Furchtſame, denn der kecke Politiker, der ihn mit ſeinen Verſchwörungsreden geängſtigt, ſah nun ſeinerſeits den Arzt verdutzt an. Um aber zu verhindern, daß in ſeiner Gegenwart das Geſpräch ſich wieder zu hochverrätheriſchen Plänen ver⸗ ſtiege, fragte er: „Was macht Ihre Majeſtät?“ „Sie ſieht zu, wie Frau Lenormand die Karten legt.“ „Wem? Doch nicht Ihrer Majeſtät? Das wäre gegen jede Etikette. Die Kaiſerin ſpielt wohl Karten, aber—“ „Ohne Sorge, Herr Kammerherr. Ihre Majeſtät 81 läßt nur einen Andern, den jungen Deutſchen, Herrn Heimwald, ſeine Zukunft aus den Karten erfragen. Iſt das erlaubt?“ „Warum nicht?“ „So habe ich auch gedacht. Wie werden Schlach⸗ ten gewonnen? Indem man Andere kämpfen und für das Vaterland Arme, Beine oder Köpfe verlieren läßt. Alles für das Vaterland und den Kaiſer! Da kann die Kaiſerin ſich wohl das Schauſpiel gönnen—“ „Einen jungen Mann vor den Prophezeiungen der Sibylle erſchrecken zu ſehen? Jawohl! Und wir wollen es uns auch gönnen.“ Er faßte Bourdon's Arm und zog ihn nach dem kleinen Saal an den Tiſch der Kaiſerin zurück. Mit ebenſo natürlicher wie berechtigter Neugierde hatte Egbert die merkwürdige Frau betrachtet. Nach ſeiner poetiſchen Weltanſchauung gehörte es nicht zu den Unmöglichkeiten, daß auserwählten Menſchen ein Vorausblick in die Zukunft, eine Viſion des in der Ferne, im Abgrund der Zeit und des Raums Liegen⸗ den gegeben ſei. Selbſt denen, die nicht ſo fein orga⸗ niſirt ſind, um die leiſen Berührungen des Unſichtba⸗ ren zu empfinden, werden zuweilen unbegreifliche wun⸗ derbare Ahnungen und Erſcheinungen zu Theil. Leicht kann der Verſtand im Allgemeinen das Daſein einer Frenzel, Lueifer. III. 6 4 3 5 K ½ 82 Geiſterwelt leugnen und die Weſenloſigkeit der Ge⸗ ſpenſter und der Prophezeiungen nachweiſen; den ein⸗ zelnen Fall des zweiten Geſichts, dieſer und jener ein⸗ getroffenen Prophezeiung jedoch vermag er weder zu widerlegen, noch aufzuklären. Und wenn alle Vorfälle und Dinge in einem harmoniſchen nothwendigen Zu⸗ ſammenhange ſtehen, warum ſollte ſich uns nicht in geweihten Augenblicken dieſe geheimſte Verbindung des Gegenwärtigen und Künftigen, des Sichtbaren und des Unſichtbaren offenbaren? Von jener Ueberzeugung oder vielmehr von jenem Hochmuth, daß Alles in beſtimmten, dem menſchlichen Geiſte zugänglichen Grenzen beſchloſ⸗ ſen ſei und daß darüber hinaus nichts Ewiges, Uner⸗ forſchliches ſich erhöbe, daß über der erkennbaren, meß⸗ und wägbaren Welt keine andere ſich bewege, war er weit entfernt. Nur ſollte nicht Jeder thöricht oder übermüthig an dem Schleier der Iſis zupfen, nicht Jeder ſeine Viſion erwarten. So mächtig ihn die eigen⸗ thümliche Kraft und Gabe dieſer Frau, die er nicht beſtritt, anzog, ebenſo tief fühlte er ſich durch ihre handwerksmäßige Ausbeutung derſelben abgeſtoßen. „Wie kann ſie nur“, hatte er Bourdon gefragt, „das Dämoniſche, das dunkel in ihr waltet, zum ge⸗ meinen Erwerbe mißbrauchen?“ „Weil gar kein Dämon, ſondern ein Charlatan ——— 83 in ihr wohnt, der auch in die Säue fahren würde, wenn er von einem ſtärkern Zauberer beſchworen würde“, hatte der Arzt geantwortet. Für den feinen, maßvollen Sinn Egbert's hatte das Auftreten und Gebaren der Lenormand einen ſchauſpieleriſchen unwahren Zug. Sie war nicht, ſie ſpielte die Sibylle. Wie durch das ganze franzöſiſche Volk in ſeinem politiſchen und kriegeriſchen Dichten und Trachten das Beſtreben ging, das römiſche Weſen nach⸗ zuahmen, ſo verſuchte ſich auch Marie Lenormand nach antiken Vorbildern. Sie wollte zugleich den Heiligen⸗ ſchein einer Prophetin bewahren und als vornehme Dame ihre geheimen Künſte nicht laut werden laſſen. Aus dem Orakelton fiel ſie in eine hohle Geſchwätzig⸗ keit und rührte Myſtiſches und Alltägliches zu einer ſeltſamen Miſchung zuſammen. Nicht über das, was ſie ſagte, nur über den Ein⸗ druck, den ſie damit auf die Kaiſerin und deren Um⸗ gebung hervorbrachte, erſtaunte Egbert. In ihrer äußern Erſcheinung war nichts Auffäl⸗ liges; eine Frau von mittlerer Größe, in dem Aus⸗ gang der dreißiger Jahre, mit einem feingeſchnittenen, weder häßlichen, noch ſchönen Geſicht, mit ſchönen wohlgepflegten Händen, mit einem Betragen und einer Art der Bildung, in der ein ſchärferer Beobachter noch . 6* — 81 die Spuren klöſterlicher Erziehung durch die Benedic⸗ tinerinnen in Alençon entdeckt haben würde. Schwie⸗ riger wäre es geweſen, in ihren Aeußerungen zu un⸗ terſcheiden, was ſie in Wahrheit ihrer dämoniſchen Eingebung, was ihrem ungewöhnlich reichen Wiſſen verdanke. Auf dieſer Ueberlegenheit und der Kühnheit ihrer Sprache, ſo wollte es Egbert ſcheinen, beruhte ihre Herrſchaft über die ſchwache, reizbare Joſe⸗ phine. In Bildern, die, aus der Offenbarung des heiligen Johannes entlehnt, in ihren Farben gemildert waren, redete ſie von ſchrecklichen Heimſuchungen, vom Zuſam⸗ menſturz großer Reiche; das Alles hatte einen tiefern Sinn für die aufgeregte Joſephine, für die Hofleute, welche den ſpaniſchen Krieg verabſcheuten, ſich nach Frieden ſehnten und ihrem geheimen Unmuth gegen den Kaiſer auf dieſe Weiſe einen Ausdruck geliehen ſahen. So betrachtet war die Kartenſchlägerin nur das Sprachrohr der allgemeinen Stimmung. Aber Egbert bemühte ſich vergeblich, in ihren Weiſ⸗ ſagungen ein Beſtimmtes und Charakteriſtiſches zu fin⸗ den. Es verſchwamm und zerrann jedes Bild, ſobald er es ins Auge faſſen wollte, in den apokalyptiſchen Nebel. Er war nahe daran, Bourdon Recht zu geben und ſich von einem Schauſpiel enttäuſcht und verletzt — —y ——4 85 abzuwenden, das ihm wie eine Caricatur des Heiligen vorkam. Indem machte die Unterhaltung einen Sprung, aus der Ferne in die nächſte Nähe. Frau Lenormand erzählte von einem Ruſſen, der ſie beſucht, damit ſie ihm den Geiſt des ermordeten Czaren Paul aus der Hölle heraufbeſchwöre. In der drolligſten Weiſe ahmte ſie den ruſſiſchen Bojaren, den ſie vermuthlich ſich ſelbſt erfunden hatte, nach. Daran knüpfte ſich die Bemerkung von dem großen Zuſammen⸗ fluß der Fremden in Paris während dieſes Winters. Jetzt erſt ſchien ſich die Kaiſerin ihres Schützlings wie⸗ der zu entſinnen; ſie ſtellte Egbert der Frau Lenor⸗ mand vor. „Er iſt ein Deutſcher“, ſagte ſie ein wenig bos⸗ haft,„und glaubt nicht an Ihre Kunſt.“ Die Prophetin richtete ihre ausdrucksvollen Augen, die ſie ſonſt nicht lange an einem Gegenſtand haften ließ, auf ihn. Ihr mochte ſeine Ruhe und Gelaſſen⸗ heit nicht gefallen. „Hätten Sie den Muth, meine Kunſt auf die Probe zu ſtellen?“ fragte ſie. Es war etwas Verſchleiertes in ihrer Stimme. Den Muth? Cgbert würde laut aufgelacht haben, wäre die Kaiſerin nicht zugegen geweſen. Nie war 86 ihm weniger feierlich und bänglich ums Herz ge⸗ weſen. Er mußte der Buden im Prater gedenken, wo Zigeunerinnen, leider auch ſchon von der Cultur be⸗ leckte, für ein Silberſtück den Leichtgläubigen die Zu⸗ kunft wahrſagen. „Wenn Eure Majeſtät es erlauben“, wendete er ſich zu Joſephinen. „Und Sie fürchteten ſich nicht?“ meinte dieſe lachend; aber das Lachen klang erzwungen. Das Ganze war eine tolle Komödie. Schon hatte ſich der Kreis der Zuſchauer geſchloſſen; Frau Lenor⸗ mand gab Egbert ein Spiel Karten. Beide ſtanden ſich an dem Tiſche gegenüber, auf deſſen Moſaikplatte— ſie ſtellte ein Blumenſtück mit Schmetterlingen dar— noch der Schattenriß der Erz⸗ herzogin Marie Louiſe lag. Ehe er die Karten auf⸗ deckte, blickte Egbert noch einmal umher. Es war ihm, als müſſe er ſich überzeugen, daß er nicht träume. Rings umher ziſchelte, lächelte man. Die Kaiſerin war die Bewegteſte; krampfhaft ſpielte ſie mit ihrem Fächer. Antoinette hatte ſich ganz aus dem Kreiſe zurückgezo⸗ gen und ſtand in einer Fenſterniſche neben ihrer Baſe, der Gräfin von Mortigny, in ſich verſunken. Sie dünkte dieſe Herausforderung des Schickſals frevelhaft. „ „ 87 Wenn Cgbert noch eine Wahl gehabt, vielleicht hätte er, als er in dem Geſicht Antoinettens dieſe ſtille Ab⸗ mahnung las, die Karten beiſeite geworfen. Aber es war zu ſpät. Auch regte ſich die innere Stimme ab⸗ rathend nicht in ihm. Eher drängte ihn etwas vor⸗ wärts. So mag dem Spieler zu Muthe ſein, der ſich im Gewinnen ſieht. Magdalenens Bild tauchte plötz⸗ lich ungerufen, unbeſchworen vor ihm auf. Es ſchien ihm Glück zu verheißen. Nun lagen die Karten vor ihrer Auslegerin. So hatte es der Zufall gefügt, daß der Schattenriß gleich⸗ ſam die Spitze des ganzen Spiels bildete. In der Stellung einer ſinnenden Muſe, mit halb⸗ geſchloſſenen Augen, als hätte ſich die Kraft aller ihrer Sinne nach innen gekehrt, verharrte Frau Lenormand eine Weile. Der blonde Egbert hatte die eine Hand leicht auf den Rand der Tiſchplatte gelegt; den Kopf hoch und frei, erwartete er den Spruch der Wahrſagerin. Offen⸗ bar hatte ſie mehr Mühe, ihr Orakel zu verkündigen, als er Sorge, es zu vernehmen. Jetzt fuhr ſie mit der Hand über die Stirn, erhob das Geſicht und zog die Brauen zuſammen. Dadurch gewann ihr Blick eine Kraft und Tiefe, die ihm Egbert nicht zugetraut. Auch wenn es nur Kunſt war, ſie 88 hatte jetzt etwas Ueberwältigendes. Die Erhöhung ihres Weſens wirkte unmittelbar auf den Zuſchauer. Egbert's Hand ließ den Rand des Tiſches los. „Sie ſind ein Kind des Glückes“, ſagte ſie lang⸗ ſam, Karte für Karte prüfend,„reich begütert, mit einem guten und edlen Herzen begabt. Eine Mordthat“ — hier ſchauerten die Damen zuſammen, die Kaiſerin zog ihren Seſſel näher zu dem Tiſche, Egbert hatte Mühe, ruhig zu bleiben und wagte nicht, die Augen auf Antoinette zu richten—„eine Mordthat, die Sie nicht hindern konnten, deren ſchlimme Folgen unſchäd⸗ lich zu machen Sie hier in Paris ſind, hat Ihrem Daſein eine neue, von Ihnen nicht gewünſchte Wen⸗ dung gegeben. In große und gefährliche Dinge ſehe ich Sie verwickelt. Eigen iſt der Faden Ihres Lebens mit dem Schickſal erlauchter Perſonen verwickelt. In einer fürchterlichen Schlacht werden Sie kämpfen.“ Einzelne Ausrufe wurden laut. „Krieg mit Oeſterreich“, murmelte man. „Ein Zufall wird Sie retten“, fuhr die Lenormand fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten, mit ſchau⸗ ſpieleriſchem Geſchick ſich wie abweſend ſtellend und mit dem Zeigefinger der rechten Hand von einer Karte zur andern fahrend.„Sie fahren mit dem Kaiſer über einen breiten Strom. Es iſt wie eine Flucht.“ —— 89 „Die Donau“, hieß es wieder hinter Egbert. Unter dem lauten Schlagen ſeines Herzens be⸗ wahrte er eine gemeſſene, ſtille Haltung. „Und aus dem Waſſer ins Feuer—“ Unwiderſtehlich trat ein Lächeln auf ſeine Lippen. „Wie in Mozart's Zauberflöte Tamino's und Pami⸗ na's Prüfungen!“ wollte er rufen. „Ein großes Feuer lodert auf. Es iſt in Paris, bei einem großen Feſt. Sie ſind mitten darin und da — um Gotteswillen, was iſt das? Eine Kaiſerin—“ Ihre Augen hatten ſich umflort und ihr Finger, von den Karten abſchweifend, ruhte auf dem Schatten⸗ riß Marie Louiſens. Die Lenormand ſchwankte und drohte in Ohnmacht zu ſinken. „Unwürdige Gaukelei“, ſagte halblaut Bourdon und näherte ſich der Kaiſerin, die ſich ſchreckensbleich von ihrem Seſſel erhoben hatte.„Eure Majeſtät wer⸗ den nicht in einer Feuersbrunſt umkommen. Das ſind Tollhäuslereien—“ Indem trat die Gräfin Mortigny vom Fenſter. „Im Hofe iſt ein großer Lärm. Fackeln lodern. Ein Bote—“ „Vom Kaiſer? Ein Kurier aus Spanien?“ Schon herrſchte in den Corridoren, auf der Treppe, — ⁴-⸗-———— V 90 in den Vorzimmern die lebhafteſte, eine ungewöhnliche Bewegung. Die Kammerherren eilten zum Saal hinaus um ſich nach der Urſache des Lärms zu erkundigen. Athemlos ſtürzte einer zurück, Joſephinen ent⸗ gegen. „Seine Majeſtät der Kaiſer! So eben iſt er aus dem Wagen geſtiegen.“ Der Kaiſer! Während die Hofdamen die entſetzte Lenormand nach dem Schlafzimmer Joſephinens führten — eine Hintertreppe geht von dort in den Garten hinab— rafften die Andern— Egbert iſt unter ihnen— die unglückſeligen Karten zuſammen. Bourdon ſteckte ſie in die Taſche mit den Worten: „Bei mir ſucht er ſie nicht.“ Die Damen holten ihre ausgeſchnittenen Blumen hervor und gruppirten ſie um die Silhouette der Erz⸗ herzogin. Iſabey und Redouté wurden an den Tiſch gezogen, Egbert mußte wieder die Scheere in die Hand nehmen. „Herr Talma“, befahl eine der Damen,„nun ſtel⸗ len Sie ſich uns gegenüber an dem Kamin auf, und wenn er kommt, declamiren Sie einen Chorgeſang aus der„Eſther“.“ „Ein idylliſches Bild für einen Welteroberer“, ſpottete Bourdon. 7 ——V—B—V—ÿʒÿ³—·— 91 Indeſſen war Joſephine dem Kaiſer bis zur Treppe entgegengegangen. Er war ſchon auf der Mitte der Stufen, als ſie aus ihren Gemächern trat. Hand in Hand kehrte er mit ihr in den Saal zurück. „Da bin ich, Madame“, ſagte er mit ſcharfer, faſt rauher Stimme.„Geſund und unverwundet. Tho⸗ ren, die wähnten, daß mich ein ſpaniſches Meſſer er⸗ reichen könnte! Die Spanier ſind ein feiges Volk, ſie kämpfen mit den Beinen. Am neunzehnten Januar war ich in Bayonne und bin in einem Zuge hierher gefahren. Zuerſt zu Ihnen, Madame, weil ich wußte, daß Ihr Herz am bekümmertſten um mich war.“ „O, Sire—“ Auf Joſephinens Wangen trat eine leichte Röthe, wie ein Schimmer des Glückes. Eine Uhr ſchlug. „Halb elf!“ ſagte der Kaiſer.„Ich bitte Sie um eine halbe Stunde Gaſtfreundſchaft, Madame. Um Mitternacht will ich in den Tullerien ſein.“ Er war bis in die Mitte des Saals gekommen und ſtand unter dem Kronleuchter, Joſephine noch im⸗ mer an ſeiner Seite, mit einiger Unruhe umherblickend, ob irgend einer unter den Anweſenden ſeinen Unwillen —y——— 92 reizen, ein Etwas ſeinen Tadel hervorrufen könnte. Wie verwünſchte ſie jetzt ihren Einfall, gerade heute die Lenormand nach Malmaiſon eingeladen zu haben! Und während ihre Phantaſie noch von den Vorſtellun⸗ gen einer ſchrecklichen Feuersbrunſt, bei der ſie ſelbſt Lebensgefahr laufen würde, wild aufgeregt war, mußte ſie lächeln und eine heitere Geiſtesgegenwart zeigen, um jedem der heftigen und unberechenbaren Einfälle Na⸗ poleon's zu begegnen. Auf der Stirn des Weltgebieters lag ſie beſchat⸗ tend eine Locke ſeines dunklen Haares; für diejenigen, die ihn kannten, ein Zeichen tiefen und andauernden Nachdenkens, aber auch der Vorbote eines Sturms. Er trug einen grauen, bis zu den ſchwarzen ſteifen Schäften ſeiner hohen Stiefel hinabreichenden Oberrock, darunter eine grüne Uniform mit dem rothen Bande der Ehrenlegion. Den kleinen Hut hielt er in der Hand. In dem Glanz der vielen Kerzen ſah ſein ſchö⸗ nes und ſtrenges Geſicht wie das Antlitz eines römi⸗ ſchen Imperators von gelbem Marmor aus. Ueber Alle wehte ein Schauer der Ehrfurcht und des Schreckens hin. So gewaltig und erſchütternd hatte ſich Antoi⸗ nette, die von den hier Verſammelten zum erſten Male den Augen des Kaiſers begegnete, den Eindruck ſeiner Perſönlichkeit nicht gedacht. Ins Unbedeutende ſank 93 jeder andere Mann vor dieſem einzigen hinab. Selbſt ihr Oheim, den ſie bisher am höchſten geſtellt, erſchien neben ihm nur wie ein gewöhnlicher Sterblicher neben einem Halbgott, wie das Beſchränkte vor dem Gigan⸗ tiſchen. Zu zwei Halbkreiſen hatte ſich die Geſellſchaft geordnet, rechts die Damen, links die Männer. Mit einem Blick überflog ſie der Kaiſer. Er bemerkte kein Geſicht darunter, das ihm beſonders widerwärtig und verhaßt geweſen. Mit der rechten Hand ſtrich er die Locke von der Stirn zurück, langſam, als wolle er die Kleinheit, Zart⸗ heit und Schönheit dieſer Hand bewundern laſſen. „Das iſt recht“, ſagte er zu Joſephinen,„Sie ver⸗ ſammeln die Künſte und Wiſſenſchaften um ſich. Die würdigſte Aufgabe für eine Fürſtin. Ich liebe die Königinnen nicht, die hinter dem Rücken ihres Gatten und ſeiner Regierung Politik treiben. Sie ſind das Verderben der Völker.“ Er ſchritt an den Männern entlang— Joſephine, mit der Ahnung, daß es doch zu einem Ausbruch kom⸗ men würde, blieb in ſeiner Nähe— und redete die einzelnen mit einer gewiſſen Freundlichkeit an. We⸗ nigſtens Egbert hatte die Empfindung, daß der Kaiſer ſich damit nur einen Zwang anthäte und daß ſein Herz 94 nichts von den Gefühlen wüßte, die ſein Mund aus⸗ ſpräche. „Guten Tag, mein lieber Graf Meneval“, ſagte er.„Ihr Neffe hat ſich tapfer bei Somo⸗Sierra ge⸗ ſchlagen. Er hat eine Kugel in dem Arm, aber es iſt nicht gefährlich.“ Und nun ſchon zu einem Andern: „Wie geht'’s, Fontaine? Rücken unſere Bauten vor? Es würde ein Ruhm mehr für meine Regierung ſein, wenn der Louvre unter ihr vollendet würde. Das iſt Ihre Sache, Fontaine, Ihre Sache!“ „Jedes Handwerk hat ſeine eigenen Schwierig⸗ keiten, Sire“, antwortete der Architekt.„Pläne ſind leichter zu entwerfen, als auszuführen.“ Napoleon zuckte unmerklich, wie aus Mitleid, die rechte Schulter. Er hatte Talma erblickt. „Ah, Talma! Sie ſehen gut aus! Die Tage von Erfurt ſind Ihnen wohl bekommen. Sie haben mir und Frankreich damals viel Ehre gemacht.“ „Zu viel Gnade, Sire!“ „Ich weiß nicht mehr, welcher unſerer gelehrten Herren vom Inſtitut uns einmal von der Herrlichkeit des ſpaniſchen Theaters geſprochen hat—“ „Ginguené“, flüſterte ihm Joſephine, die ein be⸗ wunderungswürdiges Gedächtniß hatte, leiſe zu. 95 „Ja, Ginguené! Und nun, meine Damen“— er hatte ſich zu den Damen gewendet—„was haben wir in Spanien geſehen und gehört? Elende Poſſen, von elenden Schauſpielern dargeſtellt. Die Hauptſache iſt der Tanz; immer derſelbe Tanz, nach derſelben Melo⸗ die. Fandango nennen ſie ihn. Ich würde ihn in Paris nicht dulden, die franzöſiſchen Damen würden ſämmtlich meiner Meinung ſein. Es iſt ein Tanz von Halbbarbaren. Wir müſſen Spanien civiliſiren, wir können es, gibt es doch keine Pyrenäen mehr. Dies iſt mehr, als Ludwig XIV. und Karl der Große von ſich ſagen durften.“ Mit einer jener raſchen Bewegungen, die ſeine Umgebung ſo oft überraſchten, wo der Körper wie der Geiſt einen Sprung zu machen ſchien, war er wieder zu Talma getreten. „Wie weit ſind Sie mit dem„Hector“ vorgeſchrit⸗ ten?“ „Wir hoffen, Sire, in den erſten Tagen des näch⸗ ſten Monats das Stück vor Ihnen ſpielen zu können.“ „Gut. Es iſt ein vorzügliches Trauerſpiel. Ganz im griechiſchen Stil. Es begeiſtert zu kriegeriſchen Tugenden, es ſtellt in der häuslichen und zärtlichen Andromache das Ideal eines Weibes dar, es feiert die Vaterlandsliebe. Das iſt der Zweck der Poeſie bei 96 einem großen Volke. Andere Völker, die weniger krie⸗ geriſch ſind als die Franzoſen, die Deutſchen zum Bei⸗ ſpiel, können ſich in ihrer Dichtung romantiſchen Lau⸗ nen überlaſſen. Verſprechen Sie ſich Beifall, Talma?“ „Ich beſorge, Sire—“ „Was? So reden Sie doch! Sie ſind im Fach des Theaters ein beſſerer Richter als ich.“ „Man bemerkt im Publikum, daß Herr von Lanci⸗ val einen Stoff gewählt hat, der zu entlegen und fremd für die Pariſer ſei, Sire. Auch wäre der beſiegte und von Achill geſchändete Hektor kein paſſendes Schauſpiel für einen großmüthigen Sieger. Das Paris, welches die Theater beſucht, wünſchte, daß ihm Begebenheiten vorgeführt würden, die einen innigern Zuſammenhang mit unſerer Geſchichte hätten, Ereigniſſe, in denen man vorbildlich die Gegenwart zu erkennen vermöchte.“ „Sie haben Recht“, unterbrach ihn Napoleon,„ganz Recht, Talma! Die Dichter laſſen uns im Stich. Warum ſchildern ſie uns nicht die Wiederherſtellung des fränki⸗ ſchen Reichs durch Karl den Großen? Die Merovinger hatten es in Elend und Noth geſtürzt, wie jetzt die Bourbonen. Er riß es aus dem Abgrund heraus. Seine Siege über die Sachſen, über die Longobarden, ſeine Kaiſerkrönung, das ſind Stoffe! Virgil hatte keinen größern. Warum habe ich“— er verbeſſerte ſich raſch mit einem unwilligen Zucken ſeines Mundes—„warum hat Frankreich keinen Dichter mehr? Tödten die Kriege, die uns das treuloſe England zu führen zwingt, den poetiſchen Genius? Sagen Sie uns, Fontanes, was iſt Ihre Meinung darüber?“ „Sire, wenn ich die Geſchichte befrage“, antwor⸗ tete der gelehrte Kritiker,„ſo finde ich, daß die Künſte niemals unter der Einwirkung ſiegreicher Kriege ge⸗ litten haben. Eher ſcheint ihnen die mächtige Bewe⸗ gung neue Antriebe, einen neuen Schwung gegeben zu haben. Als die Griechen bei Salamis ſiegten, dichtete Aeſchylos. Die Schlacht bei Actium beſangen Horaz und Virgil. Mitten unter den Bürgerfehden ſeiner Vaterſtadt Florenz wuchs Dante auf. Ludwig XIV. ſah Boileau, Molière, Racine in Verſailles um ſeinen Thron verſammelt.“ „Das iſt auch meine Anſicht. Es liegt an der Nation, nicht an der Regierung. Wir werden uns die Dichter aus Deutſchland holen müſſen. Wieland und Goethe ſind die größten Poeten des Jahrhunderts; weiſe verſtändige Männer, welche mir Dank wiſſen für Alles, was ich der Welt geleiſtet. Sehr vortheil⸗ haft unterſcheiden ſie ſich von gewiſſen Scriblern in Paris, die beſſer einen Strickſtrumpf zur Hand nähmen als eine Feder.“ Frenzel, Lucifer. III. 3 98 So redend war er vorwärts geſchritten und ſtand jetzt vor Egbert. Das fremde Geſicht fiel ihm auf. Fragend wen⸗ dete er ſich zu Joſephinen um. „Ein junger Deutſcher, Egbert Heimwald“, ſagte ſie, den Jüngling vorſtellend,„den uns der öſter⸗ reichiſche Geſandte, der Herr Graf Metternich, empfoh⸗ len hat, Sire.“ Dem Jüngling klopfte jählings das Herz. „Alſo ein Oeſterreicher?“ herrſchte ihn der Kai⸗ ſer an. „Ja, kaiſerliche Majeſtät, aus Wien.“ Egbert hatte ſeinen ganzen Muth zuſammenge⸗ nommen. Es war ihm, als ſtände Ulrich Wolfsegg neben ihm, mit der gedrungenen Geſtalt, den feſten, treuen klaren Augen, und ſagte zu ihm: Gedenke des Vaterlandes, des kategoriſchen Imperativs. Jetzt gilt's! „Aus Wien?“ rief Napoleon, und indem er den Kopf ſchüttelte, fiel die widerſpenſtige Locke wieder auf ſeine Stirn zurück.„Es ſcheint, daß bei Wien nicht mehr die Gewäſſer der Donau, ſondern daß der Lethe⸗ ſtrom fließt. So ſchnell vergißt man dort die Lehren der Erfahrung. Brauchen Sie neue, mein Herr? Oeſter⸗ reich ſoll ſie haben, aber diesmal ſchreckliche, nieder⸗ ſchmetternde. Ich bürge dafür. Ich will keinen Krieg, 99 ich nicht! Ganz Europa iſt mir Zeuge, daß alle meine Anſtrengungen, meine ganze Aufmerkſamkeit auf Spa⸗ nien gerichtet ſind. Dies Schlachtfeld hat ſich Eng⸗ land gewählt, dort muß ſich der Kampf zwiſchen mir und ihm entſcheiden. Schon einmal hat Oeſterreich die Engländer gerettet, 1805, als ich bereit war, hin⸗ überzuſegeln und London im Sturm einzunehmen. Jetzt hält es mich in meinem Siegeslauf in Spanien auf. Auf ſeine Gefahr! Ich werde Ihre Heere ſchla⸗ gen, vernichten, Ihren Kaiſer“— Der Sturm war da. Die lange angehäufte Wuth ſtrömte über, wie aus dem Krater des Veſuvs die Lava. Egbert war der Erſte, an dem der Ingrimm des Kaiſers ſich auslaſſen konnte. In ſolchen Augenblicken war etwas von der Ma⸗ jeſtät des Schreckens, der Alles niederknirſcht, um Na⸗ poleon. Sein Antlitz nahm einen unbeſchreiblichen Ausdruck der Härte und Unerbittlichkeit an und ge⸗ wann, da ſeine Züge ſtolz und edel blieben, eine furcht⸗ bare Schönheit. Alle waren in ſchweigender, zitternder Erwartung, alle Blicke am Boden. Und doch ging es durch An⸗ toinettens Seele:„Das iſt der größte aller Sterb⸗ lichen; größer waren Alexander nicht und Cäſar!“ 7* 1 100 Egbert hatte in ziemlicher Faſſung den Ausfall des Kaiſers ausgehalten. Die Beſinnung mußte dem Zornigen ja wieder zurückkehren und ihm ſagen, daß dieſer junge beſcheidene Mann nichts mit Frieden oder Krieg zu ſchaffen habe. Dieſe Gewißheit ſtärkte Eg⸗ bert's Muth. In keiner Bewegung verleugnete er ſeine Ruhe. Als der Kaiſer jetzt plötzlich innehielt, erhob er das Haupt und ſagte laut: „Eure kaiſerliche Majeſtät irren ſich in mir. Ich bin weder Soldat, noch Staatsbeamter, ich bin ein Gelehrter.“ Joſephine wurde noch bleicher; Widerſpruch pflegte Napoleon nur noch mehr zu reizen. Diesmal ſtutzte er. Er blitzte den Jüngling mit ſeinen Augen an, beſann ſich, und wie erzürnt über ſeine Heftigkeit, warf er ſeinen Hut zur Erde. Während der Kammerherr ſich bückte, ihn aufzu⸗ heben, fragte er: „Sie haben mich ſchon einmal geſehen?“ Er konnte ſich die Gelaſſenheit Egbert's bei ſeinem Anblick nicht anders erklären. „Ja, Sire! In Schönbrunn, drei Tage vor Auſterlitz.“ Bei dieſem Namen athmeten die Meiſten auf. Eine Erinnerung an die Drei⸗Kaiſer⸗Schlacht ſtimmte „——— 10¹1 Napoleon immer heiter und glücklich. Ihm war ſie nicht nur einer ſeiner glorreichſten Siege, ſondern auch einer der Silberblicke ſeiner Kriegskunſt. „Auſterlitz! Und doch wollen Sie, will es Ihr Kaiſer um ein neues Auſterlitz mit mir wagen!“ „Sire, wer Sie damals geſehen, wie ich, wird kei⸗ nen Krieg zwiſchen Frankreich und Oeſterreich wünſchen.“ „Wenn Oeſterreich auf der Stelle entwaffnet“— er ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden, als müſſe er ſich dadurch ſelbſt zur Ruhe zwingen.„Sind Sie ſchon lange in Paris?“ „Sechs Wochen, Sire.“ „Sie heißen?“ „Egbert Heimwald, Sire.“ „Sie ſind ein Gelehrter? Sie ſehen aus wie die jungen Leute in den norddeutſchen Univerſitätsſtädten, in Halle und Jena. Ja, meine Damen, es iſt dort eine ſchöne, kräftige Jugend, alle mit blonden Haaren. Schade, daß man ihnen falſche Grundſätze einflößt und ihren Hang zur Träumerei und Grillenhaftigkeit ver⸗ mehrt. Unter meinen Fahnen, was würde dieſe Ju⸗ gend vollbringen! So hat Deutſchland keine Natur⸗ forſcher, keine Mathematiker, keine Erfinder. Das Genie des deutſchen Volkes ſteckt noch im Nebel. Was trei⸗ ben Sie, mein Herr Heimwald?“ — 402 „Ich habe die Arzneiwiſſenſchaft ſtudirt, Sire, durch den frühzeitigen Tod meiner Eltern aber—“ „Sind Sie reich und unabhängig geworden und haben die Wiſſenſchaft vernachläſſigt?“ „Sie treffen es, Sire. Ich bewundere jetzt in Ihrer Stadt die reichen Schätze der Kunſt, die Ihre Siege und Ihre Weisheit hier aufgehäuft haben. Paris iſt dadurch zum Mittelpunkt des geiſtigen und künſt⸗ leriſchen Lebens geworden, die ſeltene Vereinigung alles Herrlichſten an einem Ort kommt der ganzen gebilde⸗ ten Welt zu gute.“ „Es freut mich, daß ein Deutſcher ſolche Ge⸗ danken äußert. Wenn ich die Kunſtwerke aus halb⸗ verfallenen Kirchen und Schlöſſern hierher bringen laſſe, aus dumpfen Klöſtern, aus kleinen Städten ſie hier in lichten weiten Sälen aufſtelle, warum geſchieht es? Der Kunſt wegen. Damit ihre Werke von Allen bewundert werden können, welchen die Gottheit einen Sinn dafür gegeben hat. Dieſe Werke waren nicht für ſtumpfſinnige Mönche, für Krämer und Bauern, im beſten Fall für hochmüthige Biſchöfe, die nichts als ihr Brevier leſen können, geſchaffen. Aber man verkennt meine beſten Abſichten. Die Nachwelt wird mich richten. Ihre Landsleute ſind ſchlecht auf mich zu ſprechen. Sie ſchreiben mir die Kriege zu, die ich 103 gegen Deutſchland habe führen müſſen. Ihre Fürſten, Ihr Adel haben mich dazu gezwungen. Dieſe ſind un⸗ verbeſſerlich. Das Volk iſt dankbarer und gehorſamer als das franzöſiſche. Ein großes Volk, dem ein mäch⸗ tiges Geſchick in der Zukunft aufbewahrt iſt. Wenn es einmal einen Führer erhält, der ſeiner würdig iſt, wird es weit gehen und die Welt in Erſtaunen ſetzen.“ Er blickte Egbert erwartungsvoll und durchdringend an, die Rechte in die Seite geſtemmt, einer Antwort gewärtig. „Viele Deutſche ſind der Meinung, daß uns in Ihnen, Sire, der Mann der Vorſehung und ein neuer Karl der Große erſchienen iſt“, entgegnete Egbert. „Aber das iſt nicht Ihre Meinung?“ fuhr der Kaiſer auf und wiegte ſich, wie es ſeine Gewohnheit war, hin und her. „Ich habe hier keine Meinung; vor dem Genius habe ich nur Bewunderung.“ Und da es ihm war, als könne man dies Wort der Schmeichelei anklagen, ſo wahr und unverfälſcht es auch aus ſeinem Herzen quoll, ſetzte er hinzu: „Ich habe nicht die Ehre, Unterthan Eurer Maje⸗ ſtät zu ſein, und darf darum wohl eine ſolche Aeuße⸗ rung wagen.“ Der Kaiſer lächelte, die Andern ſahen in dem 104 jungen Deutſchen ſchon einen Günſtling des Gewalti⸗ gen. Aber für Egbert hatte dies Lächeln etwas Ab⸗ ſchreckendes; nur der Mund Napoleon's lächelte, un⸗ beweglich ernſt und düſter blieben Stirn und Augen; die Stirn wie Marmor, die Augen zwei Blitze, die ruckweiſe über Menſchen und Dinge hinfuhren. „Ich hoffe, Sie nicht zum letzten Mal geſehen zu haben, mein Herr“, ſagte er mit faſt unmerklichem Kopfnicken und ſchritt weiter. Joſephine warf Egbert ihren freundlichſten Blick zu. Ueber jedes Vermuthen gewandt und glücklich hatte der Jüngling die gefährliche Prüfung beſtanden und durch ein paſſendes und gemäßigtes Wort den Imperator in eine verſöhnlichere Stimmung verſetzt. Wohl der Demuth und Unterwürfigkeit, aber niemals der boshaften Zungen ſeiner Hofleute ſicher, liebte Na⸗ poleon die offen ausgeſprochene Bewunderung der Fremden vor ihm. Er verſprach ſich davon eine Rück⸗ wirkung auf die Meinung der Franzoſen und glaubte trotz ſeiner grenzenloſen Menſchenverachtung, daß in dem Lobe, das ihm Deutſche oder Engländer ſpendeten, mehr Wahrheit und weniger Heuchelei ſei, als in den pomphaften Lobreden ſeiner Franzoſen und Italiener. So war Joſephine auch heute von der günſtigen Wirkung überzeugt, die Egbert's Aeußerungen auf Na⸗ ——y—y,—:— „ 105 poleon's Laune geübt. Jede Gefahr ſchien ihr dadurch beſeitigt. Die Verlegenheit, in deren Bann ſie ſich bisher befunden, verließ ſie. Heiter und anmuthig wußte ſie auf ſeine Fragen Beſcheid zu geben. Sie credenzte ihm ſelbſt ein Glas Chambertin, den einzigen Wein, den er gern trank. Während er es leerte, nahm er die ausgeſchnittenen Blumen von ſchwarzem Papier in die Hand, beſichtigte ſie und warf ſie wieder auf den Moſaiktiſch. Er ſprach dabei halblaut mit der Kaiſerin; daran, daß er den Kopf flüchtig nach Egbert zurückwendete, erkannten die Aufpaſſer und Späher, die jeden ſeiner Blicke und jedes ſeiner Worte erhaſch⸗ ten, daß die Rede noch von dem jungen Deutſchen war. Der Kaiſer hatte das Glas niedergeſetzt, die Schat⸗ tenriſſe gefielen ihm. Wer wollte ſagen, wohin ſie ſeine ſtets geſchäftige Phantaſie entführten? „Und wer iſt dies?“ Er hatte die Silhouette eines weiblichen Kopfes ergriffen. „Man ſagt, der Ausſchnitt ſehe der Erzherzogin Marie Louiſe von Oeſterreich ſehr ähnlich, Sire. Eine meiner Damen hat Herrn Heimwald zu dieſer Probe ſeiner Geſchicklichkeit aufgefordert“, erwiderte arglos Joſephine. 106 Im hohen Grade beſaß Napoleon die königliche Gabe der Verſtellung. Beſtändige Uebung unter den ſchwierigſten Verhältniſſen hatte das angeborene Talent zur Vollendung ausgebildet. Es gefiel ihm, den Er⸗ ſtaunten und Unzufriedenen zu ſpielen, obgleich er in ſeinem Innern ſich Glück wünſchte, daß der Hof ſeiner Gemahlin ſich mit ſolchen harmloſen Zerſtreuungen die Langeweile vertrieb. Nach den Schilderungen, die ihm ſeine Vertrauten gemacht, ſollten dieſe Geſellſchaf⸗ ten ein Neſt geheimer Umtriebe ſein; man ſollte hier den Unmuth Joſephinens gegen ihn ſchüren und ſchon bei ſeinen Lebzeiten den Schickſalsumſchlag, den ſein Tod herbeiführen würde, in Erwägung ziehen. Statt der Verſchwörer, der Freunde Fouché's und Talleyrand's fand er die Künſtler und Gelehrten, die er bevorzugte, einen Fremden, deſſen Aufrichtigkeit und muntere Jugend auch nicht den Schatten eines Ver⸗ dachts aufkommen ließen, Alle endlich mit Tändeleien beſchäftigt, wie ſie in ſeinem Sinne nicht kindiſcher und zweckloſer gedacht werden konnten. Dennoch hielt er es für gerathen, einen Schlag, wenn auch nur in die leere Luft hineinzuthun, um die etwaigen Unzu⸗ friedenen, die Grollenden und die Murrenden erzittern zu laſſen. „Iſt man an unſerem Hofe ſo gut öſterreichiſch?“ —— 107 fragte er mit heftiger Stimme.„Bewahrt man die Bildniſſe öſterreichiſcher Erzherzoginnen als Reliquien? Herr von Talleyrand ſchilt den ſpaniſchen Krieg eine Tollheit; hat er vielleicht auch ſchon über einen mög⸗ lichen Krieg an der Donau ſeine Anſichten verbreitet? Beklagt er im voraus das Geſchick der Habsburger, wie das der ſpaniſchen Bourbons? Wer hat Ihnen geſagt, Madame, daß dieſe Silhouette ähnlich ſei? Der Künſtler ſelbſt ſchwerlich, der iſt zu beſcheiden dazu.“ So ganz unerwartet, ſo außer jeder Vorausſicht gelegen war dieſer Ausbruch, daß Joſephine die Faſſung verlor. Der Kaiſer hatte indeſſen unter den Damen eine ihm fremde Erſcheinung bemerkt, in einem dunk⸗ len Sammtkleide, das auffallend von den hellen Ge⸗ wändern der übrigen abſtach. Noch mehr aber feſſelte ihn die Schönheit dieſer Geſtalt, der Adel und der Ausdruck dieſes Geſichts. Kaum entſann er ſich, ein ſchöneres Weib geſehen zu haben. An ſie richteten ſich ſeine Worte, obwohl ſeine Augen ſie nicht zu gewah⸗ ren ſchienen. Dem peinlichen Auftritt ein Ende zu machen, trat Antoinette ein wenig vor. „Ich habe die Ehre, Sire, die Frau Erzherzogin perſönlich zu kennen“, ſagte ſie. 108 Er überflog ſie mit ſeinem zuckenden Blick. „Ah, Madame, Vergebung! Ich wußte nicht, daß eine Dame des öſterreichiſchen Hofes gegenwärtig ſei.“ „Zur Hälfte, Sire, bin ich eine Oeſterreicherin, zur Hälfte Ihre Unterthanin, die zu Ihren Füßen—“ Egbert wollte das Herz vor Unwillen zerſpringen, als er Antoinette bereit ſah, die Kniee vor dem Kaiſer zu beugen. Es war ihm eine Entweihung ſeines Ideals. Laut hätte er ausrufen mögen: Beuge dich nicht! Wie kann deine freie Seele ſich ſo weit erniedrigen! Aber der Kaiſer ſelbſt kam der Bewegung des jungen Mädchens zuvor und faßte ihre Hand. 3 „Nicht doch, Madame“, ſagte er mit all der Milde, der ſeine Stimme fähig war,„kein ſolches Schauſpiel! Haben Sie eine Bitte an mich? Sprechen Sie! Sie ſind aus Deutſchland zu uns gekommen?“ „Sire, das Leben, die Freiheit meines theuerſten Verwandten hängt von Ihrer Gnade ab. Ich bin An⸗ toinette von Gondreville, die unglückliche Schweſter—“ „Des jungen Marquis Frangois von Gondreville, der die Waffen in Spanien gegen uns geführt?“ „Er glaubte als ein öſterreichiſcher Offizier ſeiner Pflichten gegen Frankreich ledig zu ſein.“ „Nichts kann einen Franzoſen von der Pflicht der Treue gegen den Kaiſer und Frankreich losſprechen“, —,——— 109 entgegnete Napoleon ſtreng.„Aber beruhigen Sie ſich, Mademoiſelle.“ Er hielt noch immer ihre Hand feſt. „Sie ſind ein tapferes Mädchen. Ihr Bruder, wie mich der König von Spanien hat wiſſen laſſen, hat ſich heldenmüthig geſchlagen. Ich liebe die Braven. Ihres Bruders Schickſal iſt noch nicht entſchieden. Wollten nur alle Franzoſen, die noch im Auslande leben, Vertrauen zu mir faſſen wie Sie. Ich heiße Sie im voraus willkommen in den Tuilerien, Made⸗ moiſelle von Gondreville.“ Und indem er ſich zu Joſephinen kehrte, ſagte er: „Sie haben mir da eine angenehme Ueberraſchung bereitet, Madame, ich danke Ihnen. Gleich bei meinem Eintritt in Paris kann ich zeigen, daß ich den Irrthum eines braven, falſch geleiteten Jünglings ſehr wohl von den hinterliſtigen Ränken gewiſſer Menſchen zu unterſcheiden verſtehe, die ihr böſes Gewiſſen und ihre greuelvolle Vergangenheit nicht ruhen laſſen. Ich bin kein Tiberius, aber es ſoll ſich auch Niemand erdrei⸗ ſten, unter meiner Regieruug den Sejanus ſpielen zu wollen. Derlei Verſchwörungen, Madame, wie Sie eben hier eine eingefädelt, billige ich. Sie machen Ihrem Herzen Ehre. Ich empfehle dies gute ſchöne Mädchen Ihrem Schutze.“ 110 Gerade ſchlug die Uhr die elfte Stunde. Aus den Händen des Kammerherrn hatte er ſei⸗ nen Hut genommen. Sein Antlitz glänzte von dem Widerſchein der Heiterkeit und der Zufriedenheit, ſo⸗ wohl über den Eindruck, den er gemacht, als auch über die Perſonen und die Lage der Dinge, die er in Mal⸗ maiſon gefunden. Niemals konnte ſich der Emporkömm⸗ ling in ihm ganz verbergen. Es gewährte ſeinem Stolz eine beinahe unbegreifliche Genugthuung, daß ein Mädchen aus einem altadeligen Hauſe in Gegen⸗ wart des Hofes ihn um Gnade für ihren Bruder an⸗ gefleht. Die Anhänger der Bourbonen, die ſich ihm unterwarfen, galten ihm mehr als die Revolutions⸗ männer, die mit ihm emporgeſtiegen waren. Entweder hielt er die letztern für neidiſch und eiferſüchtig auf ſeine größere Macht oder für unverbeſſerlich in ihren Umſturzgedanken. Die Rückkehr einer Familie von dem Rang und dem Namen der Gondreville an ſeinen Hof dünkte ihm ſo gut ein Triumph, wie der Sieg von Burgos über die Spanier. Da, als er gehen wollte, bemerkte er Benjamin Bourdon. „Sie auch hier, Bourdon?“ Er hatte die Krempe des Hutes feſter gefaßt. „Warum ſind Sie nicht mit mir nach Spanien ———— — o— —— 111 gegangen? Sie hätten dort die Phyſiologie des Fana⸗ tismus ſtudiren können.“ „Es gibt auch in Paris dergleichen Krankheiten, Sire.“ Der Arzt galt für einen der wenigen Menſchen, die ſich von dem Zorn des Kaiſers nicht einſchüchtern ließen. „Jawohl, Ihre Freunde zum Beiſpiel, die Re⸗ publikaner“, ſagte Napoleon mit geringſchätzigem Ton. „Narren und Ideologen, gerade wie Brutus und Caſ⸗ ſius. Und noch dazu ſind es nur Maulhelden und Wortdrechsler. Kennen Sie einen gewiſſen Bo⸗ nelly?“ „Wenn Sie es mir erlauben, Sire“, entgegnete Bourdon ruhig, obwohl er blaß wurde,„ihn zu kennen, warum nicht? Jeder Beamte Ihrer Polizei weiß es ja, daß man in den Briefen einiger Narren Eure Ma⸗ jeſtät mit dieſem Namen bezeichnet.“ „Sie finden es unwürdig und lächerlich, wie ich? Sie ſind ein geſcheidter und furchtloſer Menſch, Bour⸗ don, ich habe Sie bei Eylau geſehen. Es ſollte mir leid thun, wenn Sie ſich in ſolche Narrenſtreiche ver⸗ wickelten. Ihr Vater iſt vor kurzem geſtorben, Sie ſind ein reicher Mann geworden und haben bedeutende Güter in Lothringen. Sind Sie unentbehrlich in Paris? 412 Ueberlegen Sie es ſich. Ich brauche den Arzt; Ihren Tacitus können Sie auf dem Lande leſen.“ Und ihm den Rücken zukehrend, nach beiden Sei⸗ ten hin grüßend, ſagte er: „Guten Abend, meine Damen! Guten Abend, meine Herren!“ Einigen ſchien es, als hätten ſeine Blicke noch einmal Antoinette geſucht. Solange man ihn und die Kaiſerin mit dem Gefolge noch im Vorzimmer hörte, ſprach Niemand ein Wort, kaum rührte ſich einer aus ſeiner Stellung. Nur wie ein leiſes tiefes Aufathmen nach vor⸗ übergegangenem Gewitter ging es durch den Saal. „Muß er denn immer einem oder dem andern et⸗ was Unangenehmes ſagen, ehe er ſcheidet?“ fragte dann halblaut der Architekt Fontaine, der noch immer die Pille nicht verſchluckt hatte, die ihm der Kaiſer gegeben. „Er würde ſonſt, umgekehrt wie Titus, den Tag für einen verlorenen halten“, erwiderte Bourdon. Doch zogen ſich Alle ſichtlich von ihm zurück, wie von einem, den der Blitz getroffen. Egbert allein drückte ihm die Hand. Um ſo eifriger drängte ſich die Geſellſchaft um Antoinette. Man wünſchte ihr Glück über ihre Geiſtesgegenwart. Nun ſei ihr Bruder aus aller Noth, verſicherten Andere. So gnädig wie zu 113 ihr ſei der Kaiſer ſelten geweſen. Die Herren baten, daß ſie fortan ihre Zurückgezogenheit aufgeben möchte; die Damen beeiferten ſich, ihr die Dienſte der zärtlich⸗ ſten Freundſchaft anzubieten. Mit ſchmerzlichen Empfindungen betrachtete ſie Egbert aus der Entfernung. Nicht das kleinſte, arm⸗ ſeligſte Wort fiel ihm ein, das er ihr in Betreff der Befreiung ihres Bruders hätte ſagen können. Warum war ſie ſo freudig erregt, ſo ſtrahlend und ſchön? An⸗ toinette ſtand da im Bewußtſein und Stolz ihres Sie⸗ ges. Mit einem einzigen Blick, mit ihrer ſanften Stimme hatte ſie den Zorn des Imperators entwaffnet. Die Macht ihrer Schönheit hatte ſich bewährt. Zum Vorbild für eine Statue der ſiegreichen Venus hätte ſie ein Bildhauer nehmen können. Aber Egbert ſtimmte dieſe Freude des Mädchens traurig. Dunklen Gewal⸗ ten ſah er ſeine Göttin verfallen. Die Trunkenheit, die auf ihrem Geſichte ſchimmernd lag, offenbarte ihm die ehrgeizigen Triebe, die in Antoinettens Seele ſich ſtärker als jemals erhoben. Hatte der Dämon des gewaltigen Mannes auch das Dämoniſche in ihr entfeſſelt? Darüber war die Kaiſerin zurückgekehrt. In der tiefen Stille vernahm man das Fortrollen des kaiſer⸗ lichen Wagens. Um Joſephinens Lippen ſpielte ein Frenzel, Lucifer. III. 8 114 heiteres Lachen. Sie ging zuerſt auf Bourdon zu und gab ihm die Hand. „Sie bleiben, es war nicht ſo ſchlimm gemeint.“ Und heimlich ſetzte ſie hinzu: „Ich hab' eine Aeußerung über Fouché gethan. Wie ſeine Augen flammten! Der wird's nun auszuba⸗ den haben.“ Während ſie Antoinette umarmte und ausrief: „Sie hatten die Ehre des Abends, mein ſchönes Kind!“ plauderten die Herren leiſe mit einander. „Der Sturz Talleyrand's iſt gewiß und ebenſo gewiß ein Krieg mit Oeſterreich“, hieß es.„Dieſem Manne iſt nur wohl, wenn er zu Pferde ſitzt.“ „Was kümmerte es uns“, erwiderte ein Anderer, „wäre nur Frankreich nicht das Pferd, das er reitet.“ Die Diener reichten Erfriſchungen umher; die un⸗ erwartete Ankunft des Kaiſers hatte den Dienſt in Verwirrung gebracht. Einige Gäſte fingen an, ſich zum Aufbruch zu rüſten. Es war doch immerhin eine gute Stunde Fahrt von Malmaiſon bis an die Thore von Paris. Man glaubte, daß die Kaiſerin ſich bald zurückziehen würde. „Ja“, ſagte ſie,„die Damen und Herren ſind um die Wahrſagungen der Frau Lenormand gekommen. Sie ſelbſt iſt glücklich aus dem Schloß—“ 115 Sie ſuchte nach einem Wort. „Entwiſcht, wenn Eure Majeſtät nichts dagegen haben“, vollendete eine muntere Hofdame den Satz. „Entwiſcht, iſt gut: Wo ſind denn die Karten ge⸗ blieben?“ „Hier, Eure Majeſtät!“ Bourdon legte ſie auf den Tiſch. „Wie ſchlecht aber die Geiſter, die darin ſtecken ſollen, unterrichtet ſind, haben Eure Majeſtät heute er⸗ fahren. Von Gefahren zu Land und Waſſer wußten ſie zu erzählen, von ihm jedoch—“ „Ach, er hat nichts gemerkt!“ Joſephine wollte ſich vor Lachen ausſchütten. „Talma, haben wir gut Komödie geſpielt?“ Drittes Kapitel. Napoleon's Ankunft hatte die Stadt mit Er⸗ ſtaunen und Beſtürzung erfüllt. Während man ihn noch tief in Spanien wähnte, ſaß er ſchon in den Tuilerien, über neuen Kriegsplänen und Eroberungen brütend. Die Politiker tadelten ihn hart, daß er die eine und wichtigſte Angelegenheit des Tages, die Unterwer⸗ fung Spaniens, die vollſtändige Zerſtreuung der ſpa⸗ niſchen Volksheere, nicht vollendet, ſondern in der Mitte abgebrochen habe. „So iſt alles Blut vergebens gelloſſen“, murrten ſie;„die Banden werden ſich in der Mancha und in Andaluſien wieder ſammeln und der Kampf wird von neuem beginnen. Diesmal mit geringerer Siegezaus⸗ ſicht für Frankreich als vordem.“ 117 Schwerer aber als dieſe Bedenken laſtete auf Al⸗ len die Gewißheit eines dritten Kriegs mit den Deut⸗ ſchen. Nur durch die Gefahr ließ ſich die Eile des Kaiſers, den Schauplatz ſeiner Siege zu verlaſſen und nach Paris zurückzukehren, erklären. „Hat er nicht genug an Ulm und Auſterlitz, an Jena und Eylau?“ fragte man. Die Armen fürchteten die Aushebung, die Reichen den Niedergang ihres Vermögens. So wenig Wurzeln hatte das Kaiſerreich in dem Boden Frankreichs ge⸗ ſchlagen, daß jeder Krieg es in Frage zu ſtellen ſchien. Egbert gewahrte, daß die Franzoſen trotz ihrer Eitel⸗ keit und Ruhmſucht nur ein ſehr geringes Vertrauen in die Zukunft ſetzten. Ueber ſeine Träume von der endlichen Einkehr des Friedens, von einer Weltmonarchie, die Menſchenalter hindurch unter ihrem majeſtätiſchen Schutz Handel und Gewerbe, Künſte und Wiſſenſchaf⸗ ten aufblühen ließe, lachten ſie. „Das Kaiſerreich wird eines Tages zuſammen⸗ ſtürzen und vom Erdboden verſchwunden ſein“, ent⸗ gegneten ſie,„wie die Paläſte der Feen in den Zau⸗ berpoſſen. Entſinnen Sie ſich nicht aus den Märchen, daß jeder Liebling des Glückes einmal das Zauberwort vergißt, einmal den Zauberſtab verliert, an die ſeine Herrlichkeit geknüpft iſt? Nicht anders wird das Schick⸗ 118 ſal dieſes Mannes ſein. Eines Morgens wird er ſo ſchwach und arm erwachen wie wir alle.“ Vielen ſchien dieſer verhängnißvolle Morgen ſchon heraufzudämmern. Hinter den Sorgen für das Wohl des Kaiſers und Frankreichs verſteckte ſich die allge⸗ meine Unluſt, ſich wieder in ein neues Abenteuer zu ſtürzen. Von den Marſchällen und Würdenträgern, die endlich in Ruhe das Erworbene genießen wollten, ver⸗ breitete ſich dieſe Stimmung bis in die unterſten Volks⸗ ſchichten. Aber ſie war nicht mächtig genug, die Be⸗ fehle des Imperators auch nur eine Stunde aufzuhal⸗ ten. Im geheimen mochten ſie ihn verwünſchen, öf⸗ fentlich fügte ſich Alles. Mit ſchneller Pünktlichkeit vollzogen ſich die Trup⸗ penaufſtellungen. Raſtlos ward in allen Arſenalen gear⸗ beitet. Ein furchtbarer Ausbruch des kaiſerlichen Zor⸗ nes gegen den Fürſten Talleyrand hatte den Wider⸗ ſtrebenden am Hofe das tiefſte Stillſchweigen aufge⸗ nöthigt. Nach der Entlaſſung Talleyrand's aus ſeiner Stellung als Großkämmerer erwartete auch Fouché aus dem Polizeiminiſterium gejagt zu werden. Nur erſchütterte dieſe Ausſicht den ſturmerprobten und viel⸗ gewandten Schreckensmann nicht. „Dieſer Menſch glaubt ohne uns regieren zu kön⸗ nen“, äußerte er ſich zu einem Vertrauten über Napo⸗ 119 leon;„ein, zwei Jahre lang mag das noch ſo hingehen, dann iſt er unten und wir ſind oben. Die Revolution hat Danton und Robespierre verſchlungen; es lohnte nicht der Mühe, ſie gemacht zu haben, wenn ſie nicht auch ihn verſchlänge.“ In der unmittelbaren Nähe des Kaiſers bemerkten ſeine bisherigen Günſtlinge mit Verdruß einen Fremden von einſchmeichelndem Weſen in allen äußerlichen Din⸗ gen und von großer Verſchloſſenheit und Liſt in jeder wichtigern Angelegenheit. Er nannte ſich Ritter Vit⸗ torio Zambelli. Einige erinnerten ſich ſeiner vom Hofe Eugen's, des Vicekönigs von Italien, her und ſuchten die frühere Bekanntſchaft eifrigſt zu erneuern. Sogleich nach ſeiner Ankunft in den Tuilerien hatte ihn der Kaiſer zu ſich beſcheiden laſſen. Faſt jeden Tag ar⸗ beitete er mit ihm zuſammen. Da der Ritter aus Oeſterreich kam, konnte über den Gegenſtand dieſer Verhandlungen und Beſprechungen kein Zweifel ſein. Im rothen Zimmer der Kugel bei St.⸗Peter in Wien hatte ſich Vittorio's Schickſal entſchieden. Längſt war es ſeine Abſicht geweſen, im Dienſte Napoleon's eine hervorragende Stellung zu erringen. Manche Pro⸗ ben hatte er ſchon abgelegt von ſeiner Treue, Kühnheit und Verſchlagenheit, aber der Gewalthaber hatte es noch immer für gut befunden, ihn mit Geld zu be⸗ 120 lohnen. Er ſchien ihn für einen geſchickten und vor keiner That zurückweichenden Spion und Abenteurer zu halten, einen Mann, den ein Imperator gebraucht, den er mit Gold bis zum Erſticken überhäuft, deſſen Nähe und Berührung er jedoch meidet. Der Ritter fühlte dieſe Kälte, und Lepic's erſte Andeutung, daß eine Aenderung in Napoleon's Anſich⸗ ten über Vittorio eingetreten ſei, war für denſelben der Glockenſchlag eines neuen Lebens. Nur ſeine Lei⸗ denſchaft für Antoinette hatte ſeinen ehrgeizigen Wün⸗ ſchen und verrätheriſchen Plänen noch ein geringes Hemmniß geboten. Allein die Wage war zu Napo⸗ leon's Gunſten geſunken, als Vittorio zu erkennen glaubte, daß Antoinette ihn niemals lieben würde. „Niemals“, ſagte er ſich,„das heißt, bis ich als Marſchall, als Herzog vor ſie hintrete. Sie iſt noch ehrgeiziger als ich. Vorwärts alſo, zum Kaiſer, nur an ſeiner Seite erreiche ich das Ziel meines Strebens.“ Dieſen Entſchluß reifte die Depeſche, die ihm Arm⸗ hart auslieferte, zur That. Jetzt hatte er ein Pfand bei ſich, das der Kaiſer nicht verſchmähen würde. Der unglückſelige Geheimſecretär hatte in dem zu⸗ fälligen Beſuch Vittorio's halb eine Verſuchung des Teufels, halb eine Rettung aus verzweiflungsvoller Lage geſehen. Ueber und über in Schulden hatten ihn — 4 — 121 das Spiel und mißglückte Unternehmungen geſtürzt. Rings um ſich her gewahrte er nur Eigenſucht und Verſchwendung. Jeder beutete das Allgemeine zu ſei⸗ nen beſondern Zwecken aus und bereicherte ſich mit mehr oder weniger Anſtand von dem Gute des Staa⸗ tes. Er war ſo lange ehrlich geweſen, daß er zum Geſpött ſeiner Mitbeamten geworden. Immer hatte er gehofft, ſich durch eine Wendung des Glückes wieder emporzuraffen. Vergeblich, es ſchlug ihm Alles fehl. In dieſem Elend erſchien der Ritter vor ihm wie der gekrönte Verrath. Obgleich ihn Alle einen Spion ſchal⸗ ten, lebte er in der vornehmſten Geſellſchaft, in Glanz, Ehren und Reichthum. Dies Beiſpiel war für den bedrängten Armhart zu verführeriſch. Im Spielzimmer, als ſich wieder die Karten gegen ihn wendeten, ver⸗ kaufte er Vittorio das wichtige Papier. Beizeiten zog der ſchlaue Italiener ſich mit einem ſolchen Schatze aus dem Gemach zurück. Noch in der⸗ ſelben Nacht verließ er ſpornſtreichs Wien. Zu dem Vorſprung, den er hatte, geſellte ſich ſeine Liſt, die Verfolger zu täuſchen; er entkam der öſterreichiſchen Langſamkeit. In den Gebieten der Rheinbundsfürſten war er in Sicherheit. Mit einem Paſſe und einer Empfehlung Andréoſſy's ausgerüſtet, überſchritt er ungehindert die 422 franzöſiſche Grenze. Erſt in Paris bereitete Fouché ſeiner Weiterreiſe ernſtliche Schwierigkeiten. Der Polizei⸗ miniſter vermuthete, daß der Ritter die wichtigſten Nach⸗ richten bei ſich trüge, und wollte ihm nicht das Verdienſt gönnen, ihr Ueberbringer an den Kaiſer zu ſein. Er gedachte Vittorio abzufinden oder gewaltſam feſtzuhalten, um inzwiſchen den Hauptlohn für ſich einzuſtreichen. Aber in Vittorio ſollte er bald ſeinen Meiſter erkennen. Der Ritter gewann das Vertrauen des Polizeipräfecten von Paris, Dubois, der ein geſchworener Feind Fouché's war. Nicht zufrieden da⸗ mit, Vittorio die Mittel zu verſchaffen, um zu dem Kaiſer nach Spanien zu gehen, gab er ihm auch die genaueſten Mittheilungen über die Verräthereien des Polizeiminiſters, ſeine Verabredungen mit Talleyrand, ſeinen unterirdiſchen Verkehr mit den bourboniſchen Prinzen mit auf den Weg. Als Fouché nach einigem Schwanken ſich entſchloſſen hatte, Vittorio in Haft zu nehmen, war dieſer ſchon über Bordeaux hinaus. Am zweiten Januar 1809, auf der königlichen Heerſtraße, die von Valladolid in Caſtilien durch das Königreich Galicien nach Coruna führt, unweit von Aſtorga, erreichte der verwegene Abenteurer den Kaiſer an der Spitze ſeiner Soldaten, der in der Verfolgung der Engländer begriffen war. 423 Ein entſcheidendes Zuſammentreffen! Unter fürch⸗ terlichem Schneegeſtöber, in Eis und Wind. Der Kaiſer, in dem koſtbaren Pelzrock, den ihm der Czar Alexander zum Geſchenk gemacht, hielt ſein Pferd an, als Zam⸗ belli im flatternden Mantel, ſeine Papiere hochhaltend, daherjagte. „Depeſchen aus Frankreich.“ „Sie zittern ja vor Kälte“, ſagte der Kaiſer. Tag und Nacht war Zambelli geritten, um von dem Staatskurier, den die Miniſter in Paris all⸗ wöchentlich an den Kaiſer ſendeten, nicht überholt zu werden. „Nein, vor Freude, Sie zu ſehen, Sire“, erwiderte er, vom Pferde ſpringend.„Es iſt der größte Augenblick meines Lebens.“ Gleich die erſte Depeſche des Polizeipräfecten, die Napoleon öffnete, erſchien ihm ſo wichtig, daß er ſeitwärts von der Straße ein Bivouacfeuer anzünden ließ. Rieſige Eichen boten hier, in einer Gruppe zu⸗ ſammenſtehend, ein Obdach gegen Wind und Schnee. Er lud den Ritter ein, mit ihm an dies Feuer zu treten. Wohl eine Stunde ſprach er mit ihm. Vittorio erzählte ſeine Flucht aus Oeſterreich, daß er mit Lebensgefahr— er hatte Muße genug gehabt, dieſe Fabel zu erfinden— in den Beſitz wichtiger Acten⸗ 124 ſtücke ſich geſetzt habe; er überreichte dem Kaiſer die Depeſche, in der Graf Stadion die verhängnißvollen Worte geäußert:„Am erſten März 1809 ſind die Rüſtungen Oeſterreichs vollendet und ohne Verzug werden wir den Krieg beginnen.“ Noch mehr, Vittorio konnte Napoleon die Einzelnheiten dieſer Rüſtung ſchildern, die Zahl der Regimenter, die Art ihrer Bewaffnung, wie weit die Einübung der Landwehren vorgeſchritten ſei, welche Hülfe, welchen Rückhalt ſie der Feldarmee ge⸗ währen würden. Er bereitete den Kaiſer auf auf⸗ ſtändiſche Bewegungen in Deutſchland vor und zeigte ſich in allen Dingen als ein ſcharfſinniger Beobachter und ein treu ergebener Anhänger. Tief nachdenklich ſtieg der Kaiſer wieder zu Pferde und ſetzte ſeinen Weg nach Aſtorga fort. Auf dieſem Ritt faßte er eine folgenſchwere Entſcheidung. So dringend ſchien die Gefahr, die von Deutſchland her drohte, ſeine Gegenwart in Paris zu fordern, damit er ſelbſt Maßregeln zu ihrer Beſeitigung träfe, daß er die Verfolgung der Engländer aufgab und nach zwei Tagen Ruhe in Aſtorga wieder nach Valladolid zurückkehrte. Vittorio war in ſeinem Gefolge. Dies Schwanken des Kaiſers rettete das engliſche Heer. Den franzöſiſchen Generalen hielt der engliſche Feldherr John Moore Stand und brachte, ſelbſt auf —y— den Tod verwundet, ſeine Soldaten und ſein Material in Sicherheit auf die Schiffe, die ihn auf der Rhede von Coruna erwarteten. Vor dem Kaiſer, dies war die allgemeine Ueberzeugung in Paris, würden die Eng⸗ länder die Waffen geſtreckt haben. Damit würde das einzige Heer, das in Spanien den Franzoſen noch Wider⸗ ſtand leiſten konnte, vernichtet worden ſein. Aber zu allen Zeiten hat es Schwätzer gegeben, welche die Hand⸗ lungen der unvergleichlichſten Kriegsmänner ihrer Beur⸗ theilung unterwerfen und unerſchöpflich in den Behaup⸗ tungen ſind, um wie viel klüger ſie gehandelt hätten, um wie viel geſchickter ſie den Schwierigkeiten begegnet wären. Seit jener Unterredung auf der Straße des Königs, unter den Eichen von Aſtorga, war Vittorio fort und fort in der Gunſt Napoleon's geſtiegen. Jetzt belohnten ſich ihm reichlich die Demüthigungen, die er in den Geſellſchaften des öſterreichiſchen Adels erduldet. So hatte er ſich eine Kenntniß der Menſchen, ihrer Verhält⸗ niſſe und Charaktere verſchafft, die ihn für Napoleon im Falle eines neuen Kriegs zu einem ebenſo werth⸗ vollen wie unentbehrlichen Werkzeug machte. Mit ſeiner überlegenen Durchdringung der ſelbſtſüchtigen Triebe und Leidenſchaften der Andern erkannte Napoleon in dem Ritter eine Natur, die der ſeinen wahlverwandt, aber ihr untergeordnet war. 126 In den Legenden des Mittelalters herrſcht ſo Lucifer als der Herr der Hölle über Satan und die andern Teufel. In den Kreiſen des Hofes und der Stadt erhob Vittorio indeſſen nicht nur die Gunſt des Herrn, ſondern auch ſeine Perſönlichkeit und das Geheimniß, das ſie umſchwebte. „Wie vom Himmel war er unter uns gefallen“, erzählten die Adjutanten und Hofleute, die den Kaiſer auf dem ſpaniſchen Zuge begleitet hatten;„Niemand von uns kannte ihn oder hatte jemals ſeinen Namen gehört. In kürzeſter Friſt gewann er die Neigung des argwöhniſchen Herrſchers. Das ſtreift an das Wunder.“ „Er beſitzt einen magnetiſchen Zauber“, verſicherten die Frauen, die ſein Blick bannte. Auch in der kleinen Geſellſchaft guter Freunde, die heute Benjamin Bourdon in ſeinem Zimmer ver⸗ ſammelt hatte, war des Ritters mehrfach gedacht worden. Benjamin hatte Egbert verſtändigt, ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit Vittorio nicht zu verrathen, damit die Andern ſich deſto freier und harmloſer ausſprächen. Ueberdies hatten beide ihn ſeit jenem Sonntag, wo er— ein Geſpenſt am hellen Mittage— vor ihnen aufge⸗ 127 taucht und wieder entſchwunden war, nicht mehr ge⸗ ſehen. Alle ſchrieben dem Abenteurer ungewöhnliche Gaben zu und verkündigten ihm eine glänzende Zukunft. Der Kaiſer bevorzuge ſolche Menſchen, die ſich rückhaltslos ihm hingäben, die Schiffe hinter ſich an⸗ zündeten und Heil und Hoffnung auf ihn allein ſetzten. Dabei zeige der Ritter eine große Klugheit, er ſpiele weder den Günſtling noch den Allwiſſer, ſei weder ein Verſchwender und Wüſtling, noch ein Geiziger und Duckmäuſer; gerade in der rechten Mitte halte er ſich, in ſeinem Betragen und ſeinen Reden, wie im Genuß des Daſeins. „Und doch iſt er von wilden Leidenſchaften ver⸗ zehrt“, ſagte einer der Gäſte, dem, nach dem Ausdruck feines von Pockennarben zerfreſſenen Geſichts und nach ſeinen früh gebleichten Haaren zu ſchließen, die Leiden⸗ ſchaften nur zu bekannt und vertraut waren,„er hat ſeine Hand in irgend einer ſchweren That gehabt.“ Egbert wagte von ſeinem Teller nicht aufzuſchauen, aber Bourdon ſagte: „Heraus mit der Sprache, Desronais!“ „Ich weiß nichts. Nur rief Fouché neulich in ſeinem Zorn aus:„Und ich könnte dieſen Schurken mit einem Wort auf die Galeeren bringen!““ 128 „Wohin er viele ehrliche Männer gebracht hat“, entgegnete Bourdon kühl.„Schwörſt Du auf Fouché?“ Desronais und Benjamin waren Schulfreunde. Der erſtere, um fünf Jahre älter, war durch alle Wand⸗ lungen der Zeit wie durch ebenſo viele Maskenanzüge geſchlüpft, hatte die Baſtille als Pariſer Straßenjunge und die Tuilerien als Jüngling mit erſtürmen helfen und trug jetzt den Rock des Kaiſers als Commiſſar der Criminalpolizei. Bei der Gefangennahme Cadou⸗ dal's hatte er ſich ausgezeichnet. Unverbrüchlich treu war er dem Freunde und, wollte man Bourdon Glau⸗ ben ſchenken, auch ſeinen republikaniſchen Grundſätzen geblieben. Gegen Cadoudal hatte er eine Art Blutrache aus⸗ geführt; in dem Vendéekriege war ſein Bruder gefangen und erſchoſſen worden, das Gerücht ſagte, von Cadou⸗ dal's Leuten. Den Kaiſer liebte Desronais nicht, wie denn Egbert bald herausgefühlt hatte, daß die Mehr⸗ zahl der Geſellſchaft aus eifrigen und verbitterten Re⸗ publikanern beſtand. Es war ein einfaches Mahl, das Benjamin ſeinen Freunden bereitet. Muntere geiſtvolle Geſpräche würzten es. Trefflicher Burgunderwein erhöhte die Fröhlichkeit. Je zuweilen fehlte, gleichſam im Hinblick auf die Me⸗ 129 duſenmaske, die geiſterbleich aus dem Halbdunkel auf ſie herniederſah, auch ein tiefſinniges Wort nicht. Hier konnte Egbert ſo recht den Unterſchied deut⸗ ſchen und franzöſiſchen Weſens erwägen. Daheim würde das Geſpräch gleichgeſtimmter Freunde, wenn es ſich aus dem Kreiſe des Engen und Perſönlichen zum All⸗ gemeinen erhoben, mit Vorliebe um poetiſche oder philoſophiſche Ideale ſich bewegt haben, in dieſer Ge⸗ ſellſchaft hatte nur die Politik einen Werth. Als heran⸗ wachſende Jünglinge hatten dieſe Männer die Revo⸗ lution durchſchritten; an ihre Ereigniſſe knüpften ſich ihre lebendigſten Erinnerungen. Welch heitere Jugend in idylliſcher Abgeſchiedenheit auch einzelne genoſſen haben mochten, vor jenen gewaltigen Erſchütterungen waren die lieblichen Bilder erblaßt. Wie deutſche Männer, auf ihre Jünglingstage zurückkommend, von ihren Studien, ihren Lehrern ſprechen, ſo redeten die Franzoſen von Mirabeau und den Girondiſten, von den Sitzungen des Convents, von Volksverſammlungen und Straßenaufſtänden. Das Leben im Staat ſchien Nur auf ihn richteten ſich ihr Ehrgeiz, ihr Wunſch und ihre Hoffnung. Ihr Amt, ihre Beſchäftigung hatten keinen höhern Zweck, als ihnen die Nothdurft des Daſeins zu verſchaffen oder über ſeine unausbleib⸗ Frenzel, Lucifer. III. 130 liche Langeweile hinwegzuhelfen. Was Höheres und Edleres in ihnen waltete, drängte ſich dieſem einen Ziele zu. In der politiſchen Sphäre lagen für ſie alle Ruhm und Gliück beſchloſſen, für den einzelnen wie für das Vaterland. Auf die Einwendung Egbert's, daß er doch die gebildete Geſellſchaft der Hauptſtadt vielfach mit den nich⸗ tigſten Dingen beſchäftigt, von Thorheiten hingeriſſen und darin verloren gefunden habe, antwortete man ihm: „Sie täuſcht die Oberfläche. Um den Verdacht und den Zorn des Tyrannen nicht zu erwecken, ſtellt man ſich, als vermeide man die Politik wie den Aus⸗ ſatz. Aber laſſen Sie ihn ein großes Unglück erleiden, eine beiſpielloſe Niederlage—“ „Wer ſoll ihn beſiegen?“ erwiderte Ehlerk„Die rnhmreichſten Heere hat er niedergeworfen. Aus dem Boden ſtampft man doch keine neuen.“ „Doch, wir thaten's!“ rief Benjamin.„In der Revolution! Als alle Könige Europas ſich gegen uns verſchworen und den heiligen Boden Frankreichs mit ihren Söldnern überſchwemmt hatten, mit barbariſchen Horden, die Brand und Mord durch unſere friedlichen Gefilde trugen.“ „Im Auslande“, ſetzte ein Anderer hinzu,„über⸗ ſieht man die eigentliche Stärke dieſes Mannes. Ihm 131 ſchreibt man alle ſeine Siege zu, auf ihn häuft man die Lorbeerkränze. Und was iſt im Grunde ſeine Kraft? Die Revolution, die Republik. Sie haben ihm die Heere gegeben, vor denen jetzt die Welt erzittert. Nich weil ſeine Adler über ihnen fliegen, ſondern weil ihnen die Gedanken der Freiheit und Gleichheit voranziehen. Das iſt der Stab, den er nur zu ſchwingen braucht, um hoch und herrlich dazuſtehen. Aber wie lange kann ſolch Gaukelſpiel dauern? Wie ein Thor vergeudet er die Männer und Schätze Frankreichs. Europa bewun⸗ dert ihn als einen Heros. Er iſt nichts als ein liſtiger, glücklicher Dieb. Jeder von uns würde daſſelbe leiſten, wenn er die Mittel, die ihm ein großes Volk in einem Augenblick des Irrthums und der Verwirrung anver⸗ traut hat, mit derſelben Rückſichtsloſigkeit gebrauchte.“ Gegen dieſe Männer war nicht anzukommen. Sie konnten und wollten dem Kaiſer ſeine Gewaltthat am neunzehnten Brumaire, den Umſturz der Republik nicht verzeihen. „Und glauben Sie uns nur“, meinte Desronais, „der Tag iſt nicht fern, wo das ganze Frankreich ihm ſeinen Groll ins Angeſicht ſchleudern wird. Wir ſind die erſte unter allen Nationen, das Volk der Revolu⸗ tion. Eine Weile bändigt man uns wohl, nicht auf immer. Es gibt keinen Löwenbändiger, der nicht zu⸗ g⸗ 13² letzt von ſeinen Löwen zerfleiſcht worden wäre. In Frankreich wird es keinen König und keinen Kaiſer geben, der ruhig auf dem Thron endete. Die Ver bannung oder der Tod auf dem Schaffot wird ihr Loos ſein.“ „Und Sie ſind ein Diener des Geſetzes!“ ſagte Egbert verwundert. „Und halt' es aufrecht, bis eine Revolution ein beſſeres ſchafft. Ueber allen Geſetzen ſteht das Recht des Volkes. Die Revolution iſt heilig.“ „Das Hergebrachte, das Gewordene nicht? Die Vergangenheit hätte gar kein Recht gegen die Zukunft?“ In Egbert empörte ſich das innerſte Gemüth gegen die Verherrlichung des Aufſtandes, der Rohheit und Neuerungsſucht der Menge. „Sie ſind ein Deutſcher und folglich ein Ariſto⸗ krat“, lachte Benjamin.„Sie verſtehen uns nicht.“ „Die Wenigſten unter meinen Landsleuten wür⸗ den ſich dieſen Grundſätzen anſchließen.“ „Unſere Siege ſuchen ſie bei Ihnen einzubürgern“, bemerkte man mit einem gewiſſen Hochmuth.„Wir hoffen noch, daß alle Deutſche einſt franzöſiſche Bür⸗ ger ſein werden.“ „Laſſen Sie uns lieber unſere Eigenart und be⸗ halten Sie die Ihrige. Wir lieben unſere Einrichtun⸗ 1 gen und Verfaſſungen; was veraltet und wurmſtichig darin iſt, ſuchen wir ohne Uebereile mit beſſernder Hand zu beſeitigen, zu ändern. Vielleicht iſt es der größte Fehler Ihres Kaiſers gegen uns geweſen, daß er dieſe unſere Beſonderheit nicht geſchont und die Mannichfaltigkeit, in der wir uns gefielen, zu einer regelmäßigen, eintönigen Gleichförmigkeit umgewandelt hat.“ „Nicht doch! Die Vernichtung des deutſchen Reichs, dieſer mittelalterlichen Ruine, iſt ſeine größte That. Daran erkennt man den Sohn der Revolution!“ „Aber uns waren Kaiſer und Reich das herrlichſte Zeugniß unſerer Einheit und Zuſammengehörigkeit und werden es immer bleiben.“ „Trödel und Plunder! Aus der Garderobe eines Maskenverleihers!“ „Uns war dieſer Trödel werth“, ſagte Egbert verletzt.„Er mahnte uns an eine glorreiche Geſchichte. Wenn Sie die Freiheit ſo ſehr lieben und vertheidigen ſo ſollten Sie doch auch uns das Recht laſſen, uns nach unſerem Gefallen innerhalb unſerer Grenzen ein⸗ zurichten.“ „In einer allumfaſſenden Republik werden wir. alle glücklich ſein“, erwiderte man ihm.„Weltver⸗ brüderung—“ 134 „Aber wenn wir nun keine Republik wünſchen?“ „Monarchien können wir an unſern Grenzen nicht dulden, wir werden Euch zur Freiheit zwingen. Uebri⸗ gens ſind wir die Mächtigen und unbeſiegbar.“ „Das käme doch noch auf die Probe an! Ihr Herren habt geſiegt, weil ein Napoleon an Eurer Spitze ſteht. Wer weiß, wenn er Euch fehlte. Darum iſt eben Euer Schmähen gegen ihn ſo ungerecht.“ „Sie lieben den Unterdrücker Ihres Vaterlandes? Sie zuerſt müßten ſeinen Untergang wünſchen!“ „Ich liebe ihn nicht, ich bewundere ihn und finde es nur ſeltſam, daß Franzoſen ihn haſſen, deren Reich er bis zur Elbe ausgedehnt hat. Was Sie als Ihre Hoffnung ausſprechen, die Unterwerfung Deutſchlands, er erfüllt es. Können Sie darüber erſtaunen, daß wir zwiſchen einer franzöſiſchen Republik und dem fran⸗ zöſiſchen Kaiſerreich fortan keinen Unterſchied machen? Gegen beide ſträubt ſich unſere Geſinnung, unſer Weſen. Bis aufs Aeußerſte darf man es nicht reizen. Wir ſind, mit Ihnen verglichen, ein geduldiges Volk, aber an jedem Bogen ſpringt die zu ſcharf geſpannte Sehne. Das ſollte der Kaiſer bedenken. Eins indeſſen iſt noch gewiſſer: eher werden wir wie unſere Altvordern, die Sachſen, einem Karl dem Großen gehorchen, als einem republikaniſchem Convent, der in Paris tagt.“ 135 „Es ſind Spartaner, die einen König brauchen“, beruhigte Benjamin das Geſpräch, das in einen Sturm auszuarten drohte. „Jedem Menſchen und jedem Volke ſein Denken und Fühlen bewahren, Keines Recht kränken und das Geſetz ehren, das iſt die Freiheit, die ich meine“, ſagte Egbert.„Auf dieſem Boden würden die Deutſchen und Franzoſen, ſtatt ſich zu bekämpfen, Brüder ſein können.“ „Frieden, Frieden!“ klangen die Gläſer zuſammen. „Es ſind ja nur die Könige, welche Krieg führen“, ſchloß Benjamin.„Die Völker würden ſich immer leicht verſtändigen, wie wir.“ Ungläubig ſchüttelte Egbert den Kopf, laut mochte er nicht widerſprechen. Waren es nicht die kriegeriſchen Triebe, der Drang der Franzoſen nach Eroberung, aus denen Napoleon die Möglichkeit ſchöpfte, ſich aus einem Krieg in den andern zu ſtürzen? Gaben ſie ſeiner eigenen Unerſättlichkeit nicht immer neue Nahrung? Egbert ſtand hier vor dem merkwürdigen Problem eines Volkes, das im Namen der Freiheit eine unge⸗ heure Umwälzung begonnen hatte und ſeit einem Jahr⸗ zehnt Alles that, einem Despoten den Erdtheil zu er⸗ obern. Wie mit Blindheit geſchlagen taumelte es, in der einen Hand die Fackel, in der andern das Schwert, von Land zu Land und merkte nicht, daß es mit jeder Ausdehnung ſeiner Grenzen nur um ſo tiefer in die Knechtſchaft verſank. Unfähig und unluſtig, die er⸗ habenen Grundſätze der Freiheit, die es doch zuerſt ge⸗ predigt, im eigenen Staatsweſen durchzuführen, ſchien es vom Schickſal nur noch zum Zerſtören fremden Glückes und fremder Unabhängigkeit beſtimmt. Nicht zum Segen, zum Fluch der Andern war es empor⸗ geſtiegen; wie Schuppen fiel es von Egbert's Augen. Die Andern redeten inzwiſchen über die Wechſel⸗ fälle des bevorſtehenden Kriegs gegen Oeſterreich. Nicht das Elend, das er über ſo viele Tauſende brin⸗ gen mußte, ſie erwogen nur den Rückſchlag, den der Sieg oder die Niederlage des Kaiſers auf die innern Verhältniſſe Frankreichs ausüben würde. Darüber kamen alle überein, daß ihr Land einer gefährlichen Probe entgegengehe. Ein wenig mäßigte die Gegenwart eines Fremden die allzu kecke und unvorſichtige Sprache. Daraus jedoch machte Niemand ein Hehl, daß der Tod des Kaiſers von ihnen als eine Erlöſung betrachtet würde. „Auch ihn kann eine Kugel treffen, auch er iſt ſterblich“, hieß es. „Hin und her fliegen die Kugeln auf einem Schlacht⸗ feld, von Freundes und von Feindes Seite“, ſetzte 1 8 2 137 einer cyniſch hinzu.„Wer will ſagen, aus welchen Reihen die Alles entſcheidende kommt?“ Mit ſteigender Verwunderung. hörte Egbert, daß die republikaniſchen Anſichten eine ſtarke Vertretung im Heere hätten. Nach Kräften habe der Uſurpator die Republikaner zwar von den höchſten Stellen entfernt gehalten, ſagte man, aber viele Oberſte und Hauptleute wurden Egbert genannt— darunter auch jener Armand Loyſel, un⸗ freundlichen Andenkens für ihn— auf welche dieſe ver⸗ wegenen Träumer bei einem großen Unfall rechnen zu können glaubten. „Siegt nur“, ſagte Benjamin nnd klopfte Egbert auf die Schulter;„ſo ſchwer es einem Franzoſen auch wird, eine Niederlage zu ertragen, ſie iſt uns nothwendig. Dahin hat uns dieſer Mann gebracht, dem Vaterlande Verderben zu wünſchen. O Schmach und Schande über uns, daß wir ſeine Herrſchaft er⸗ dulden!“ „Siegt nur“, bekräftigte ein Anderer,„für das Uebrige laßt uns ſorgen.“ „In Sachen der Freiheit ſind alle Völker zu einem einzigen verbunden. Er hat Euch von Euren kleinen Deſpoten befreit, befreit jetzt uns und Euch von ihm.“ „Aber, wenn mir der Herr meine Freimüthigkeit nicht übel deuten will“, ſagte Desronais mit Betonung, „ſie werden nicht ſiegen. Dieſen Mann wird kein Fürſt niederwerfen, nur die eigene Mutter, die ihn geboren, die Revolution. Nicht unſere, ſondern die deutſche Revolution. Wenn jenſeit des Rheins der Haß wider ſeine Tyrannei die Bewunderung vor ſeinem Genius weggeſpült hat, wenn dort durch Wald und Feld ein Schrei geht: Rache! Rache!“ „Ja, Rache, Rache für ungeſühnten Mord!“ brach Benjamin in ungewohnter Heftigkeit aus und ſprang auf. „Rache für die hingewürgte Freiheit! Rache für die Märtyrer, die er in Cayenne ſterben ließ!“ ſchallte es dumpf von den Lippen der Andern. Schweigend leerte Jeder ſein Glas. „O hätten Sie unſer Frankreich im Glanz ſeiner jungen Freiheit geſehen, die Republik aus den Trüm⸗ mern einer alten Welt ſich ſchön und ſtark erhebend!“ ſchwärmte einer zu Egbert gewendet. „Uns allen hat er die Freiheit, mir hat er den Vater gemordet“, ſagte düſter Benjamin, noch immer aufrecht ſtehend, mit übereinander geſchlagenen Armen. Theilnahmevoll betrachtete ihn Egbert. Er hatte ihn nie ſo bewegt geſehen. Abſichtlich hatte er ſonſt die Unterhaltung, wenn ſie den Tod ſeines Vaters 139 berührte, in eine andere Richtung gelenkt, oft gewalt⸗ ſam, wie einer, der um keinen Preis an eine unglück⸗ liche Erinnerung gemahnt ſein will. Heute mochte ein Beſonderes ihn ergreifen und ſeine hartgeſtählte Seele weicher ſtimmen. „Merkwürdig bleibt es unter allen Umſtänden, daß die Polizei auch nicht die geringſte Spur des Ver⸗ brechers entdeckte“, meinte nachdenklich Desronais, deſſen criminaliſtiſchen Spürſinn der geheimnißvolle Vorfall ſchon vorlängſt beſchäftigt hatte.„Auf offenem Felde ein Raubmord! Das gibt mir keine hohe Meinung von der öſterreichiſchen Polizei. Noch dazu, wenn nicht Landeskinder, wenn Ausländer, die ſich doch leicht ver⸗ rathen mußten, das Verbrechen ausgeführt! Wäre ich zur Stelle geweſen— aber Sie, Herr Heimwald, der Sie der Erſte am Ort des Unglücks waren, wie mir Bourdon erzählt hat, haben Sie denn gar nichts—“ Egbert machte eine ablehnende Bewegung. Sollte er den Schmerz des Sohnes durch eine abermalige traurige Erörterung unnöthigerweiſe verdoppeln? „Er weiß nichts, Desronais“, ſagte Benjamin, nachdem er mit großen Schritten das Gemach durch⸗ meſſen und wieder an ſeinen Platz zurückgekehrt war. „Ihm lag der Verwundete am Herzen, nicht der Mör⸗ der. Wie iſt Pichegru im Temple geſtorben? Ja, wenn 140 der aufgeſchlagene Seneca reden könnte, den man auf dem Tiſch des Erwürgten fand! Wie mein Vater? Ja, wenn Steine ſprechen könnten!“ „Steine? Was für Steine? Davon höre ich heute zum erſten Male.“ Desronais glich einem Jagdhund, der die Fährte des Wildes erkundet. „Ich habe von einem jungen halbgeſtörten Bauern⸗ mädchen aus einem Dorfe jener Gegend wenige Tage nach der Unthat einen mit einem goldenen Rande ein⸗ gefaßten Opal erhalten“, erwiderte Egbert nicht ohne Widerſtreben.„In den Stein iſt ein Jupitersadler ein⸗ geſchnitten. Das Ganze hat offenbar einem Stock oder einer Reitpeitſche zum Knopf gedient. Und wie nun in dieſer ſeltſamen Geſchichte ein Reiter eine wichtige, noch nicht aufgeklärte Rolle ſpielt, ſo ergibt ſich meine Vermuthung beinahe von ſelbſt, daß jener Knopf—“ „An der Reitpeitſche des Mörders ſteckte“, unter⸗ brach ihn Desronais, die Naſenflügel weit öffnend, mit geſpitzem Ohr.„Das wäre etwas. Und hat man darauf geachtet?“ „Nein. Wie die Sachen lagen, hatten unſere Rich⸗ ter eine gewiſſe Scheu vor der Unterſuchung.“ „Sie ſpürten die Hand des Dämons darin“, ſagte bitter Benjamin. 441 „Ich verſtehe. Aber das hindert nicht, daß wir uns der Angelegenheit bemächtigen, Fouché, ich und die Gerechtigkeit. Ein Opal mit einem Adler? Könnt' ich den Stein nur einmal ſehen! Oder haben Sie ihn verändern laſſen?“ „Nein“, entgegnete Egbert und erröthete.„Es iſt ein Aberglaube von mir, über den Sie mich auslachen mögen. Ich trage den Stein bei mir; er iſt für mich eine Art Amulet und Reliquie zugleich geworden.“ Er zog ſeine Brieftaſche und nahm aus einem innern Verſchluß den Knopf. „Hm“, ſagte Desronais, ihn befühlend, prüfend, an das Licht haltend,„daran klebt freilich kein Tropfen Blut. Das Gold der Faſſung platt gedrückt, hier über dem Kopf des Adlers eine kleine Schramme, wie von einer Nadel oder dem Nagel eines Fingers. Sonſt nichts. Und Dein Vater, Freund Benjamin, führte keine Reitpeitſche mit ſolchem Knopf?“ „Nein“, antwortete Benjamin. „Der arme Herr Bourdon trug an jenem Tage einen Stock mit einem einfachen, ciſelirten Goldknopf“, berichtete Egbert.„Der Stock iſt bei ihm gefunden worden.“ „Und außer jenem Reiter, den wir noch ſuchen, iſt kein Anderer die Straße an dem Tage entlang geritten?“ 142 „Hier beginnt eben das Reich der Vermuthungen. Ich wage mich nicht gern weit vorwärts darin.“ „Iſt auch nicht Ihres Amtes“, lachte Desronais. „Hätt' ich das Mädchen zur Stelle, das den Knopf gefunden, dieſer Adler ſollte weiſſagen trotz der Lenor⸗ mand, und ob alle kaiſerlichen Adler ihre Krallen gegen ihn ſchärften!“ Noch einmal prüfte er den Stein ſorgſam, ihn ſchräg gegen das Licht haltend. „Da iſt ein Gekritzel, das wohl ein Buchſtabe ſein könnte. Vielleicht ein V— Aquila Victrix? Aber“ — und nun horchte er wieder wie hinaus, wo ein Geräuſch vernehmlich wurde—„Sie bekommen Beſuch, Bourdon, es ſtolpert Jemand die Treppe herauf. Den Opal bewahren Sie, mein Herr, eines Tages wird er unſchätzbar ſein.“ Dieſe Worte wurden ſo laut geſprochen, daß der eben in das Vorzimmer Eingetretene ſie recht wohl verſtehen konnte. Gleich darauf erſchien auch der Diener Bourdon's im Saal und flüſterte ſeinem Herrn eine Meldung zu. Der Name, den er ihm nannte, ließ Benjamin zuſam⸗ menfahren. „Will mich ſprechen? Jetzt? Laß ihn eintreten.“ Er hatte gerade noch Zeit genug, dem neben ihm ——— 143 ſitzenden Egbert zuzuflüſtern:„Vittorio Zambelli!“ als der Diener ſchon dem Ritter die Thür öffnete. Glücklich hatte Egbert, der bei der Bemerkung des Criminalbeamten, daß möglicherweiſe in einer Ecke des Steins ein Buchſtabe eingekritzelt ſei, bleich geworden war, den Knopf, dem dieſe Entdeckung, wenn ſie ſich beſtätigte, eine verhängnißvolle Bedeutung geben mußte, in ſeiner Brieftaſche wieder verborgen. Auch konnte der Ritter Egbert nicht gleich unter den Anweſenden erkennen. Alle waren bei ſeinem Eintritt von ihren Stühlen aufgeſtanden, neugierig, was ein Beſuch zu ſo ungewöhnlicher Zeit bezwecke. Benjamin war dem Fremden höflich einige Schritte entgegengegangen. Trotz ſeiner weltmänniſchen Weiſe vermochte der Ritter die Spuren einer tiefen Aufregung nicht ganz zu verheimlichen, ſei es nun, daß die Abſicht, die ihn hierher geführt, ihn bewegte, ſei es, daß die Augen ſo vieler Männer, die ſich forſchend auf ihn richteten, und das Antlitz der Meduſe, das ihn anſtarrte, ſeine Kaltblütigkeit und Ruhe einen Augenblick in Verwirrung ſetzten. „Ich beſorgte nicht, Sie aus einer fröhlichen Ge⸗ ſellſchaft aufzuſtören, Herr Bourdon“, ſagte er mit ſeiner tiefen, wohlklingenden Stimme und grüßte nach 144 allen Seiten.„Eine Schwerkranke, die plötzlich von ihrem alten Uebel ereilt iſt, ſendet mich zu Ihnen, Mademoiſelle Athenais Dechamps.“. Nun geriethen Alle in eine haſtige Bewegung. Was war der Sängerin geſchehen? An welchem Ort, zu welcher Stunde? Ob es wieder ein Nervenanfall ſei? Auf dieſe Frage, die Bourdon that, indem er ſich zum Ausgehen rüſtete, antwortete Vittorio bejahend. Die Arme liege in den gefährlichſten Nervenzuckungen; wenn er ein Urtheil darüber ausſprechen dürfe, ſo ſeien es die Folgen einer außerordentlichen Aufregung, eines Ausbruchs der Wuth, die faſt Wahnſinn geweſen. Die Bekannten, die um ſie geweſen, hätten nach Herrn Bourdon gerufen, als dem einzigen Helfer in der Noth, zu dem von allen Aerzten in Paris die Kranke auch das feſteſte Vertrauen habe. Ohne weiteres Beſinnen habe er ſich in einen Wagen geworfen, um ihn zu holen. Die Pflicht des Arztes, der um Hülfe angerufen wird, überwand in Bourdon's Innerem jedes etwa auf⸗ ſteigende Bedenken. Aber eine Eingebung oder das Mißtrauen, das ihm der Ritter einflößte, erweckte in ihm den Gedanken, ſich nicht allein zu der Kranken zu begeben. „Wollen Sie mich begleiten, lieber Heimwald?“ ———— ——— 7 1 145 wendete er ſich an Egbert.„Sie ſind nicht unerfahren in der Kunſt, und in ſolchen Kriſen ſehen vier Augen immer beſſer als zwei. Wenn Sie darum erlauben, Herr Ritter—“ „Ich bitte“, kam dieſer mit vollendeter Höflichkeit jeder weitern Erklärung zuvor.„Sie haben zu be⸗ fehlen, Herr Bourdon. Mir iſt es zugleich eine Ehre und ein Vergnügen, meine flüchtige Bekanntſchaft mit Herrn Egbert Heimwald aus Wien in Paris wieder zu erneuern.“ Seine Stimme klang feſt und ruhig, ſein Geſicht war ganz frei. Auch nicht die geringſte Erregung war ihm anzumerken. Nur Desronais hatte eine Bewegung Vittorio's ertappt, die ihm zu denken gab. Als Ben⸗ jamin Egbert aufforderte, ihn zu begleiten, hatte der Ritter plötzlich unter ſeinen Mantel gegriffen, wie um ſich zu verſichern, daß ſeine Waffen noch an ihrem Platze wären. Es war möglich, daß Desronais ſich geirrt hatte; als Mann der hohen Polizei war er ge⸗ neigt, Jedermann ſo lange für gefährlich zu halten, bis er ſeine Harmloſigkeit bewieſen. Doch fehlte die Zeit, Betrachtungen anzuſtellen. Benjamin ſelbſt beeilte den Abſchied; er bat ſeine Gäſte, noch eine Weile bei ihm zu verziehen, vielleicht kehre er bald zurück. Frenzel, Lucifer. II. 10 Vor dem Hauſe wartete Vittorio's Wagen. Er war der letzte, der einſtieg. Wie im Fluge ging es dahin. Die Sängerin wohnte am andern Ufer der Seine, in der Straße du Helder, die vom Boulevard des Italiens in nördlicher Richtung abbiegt. Was während dieſer Fahrt in den Seelen der drei Menſchen, die in dem engen Raum eines Wagens, Knie an Knie gedrängt, ſaßen, auf und nieder wogte, war unbeſchreiblich wie das Chaos. Die Dunkelheit, die um ſie herrſchte, nur von dem ſchwachen Schimmer der kleinen Wagenlaternen am Kutſchbock erhellt, ver⸗ hüllte mit ihrem wohlthätigen Schleier Alles. So be⸗ wegten ſich in der Urnacht die Elemente, die ſich ewig bekämpfen ſollten, als es einmal Licht geworden, im erzwungenen Frieden neben einander her. Erſtaunt, erſchreckt, ſich Seite an Seite zu befinden, hielt ſie alle drei das Unerwartete mit gleicher Feſſel gebunden. Hundertmal ſchon hatte Vittorio ſeinen unſeligen Einfall, zu Bourdon zu gehen, verwünſcht. Kümmerte ihn der Tod oder das Leben der Sän⸗ gerin? Waren nicht genug Geſchäftige bei ihrem Unfall gegenwärtig geweſen? Warum mußte er ſich erbieten, den Arzt zu holen? Wo war Armand Loyſel geblieben, der das Unheil verſchuldet? Freilich, er hatte nicht das 147 Recht, irgendwen anzuklagen, freiwillig hatte er ſich zu dieſem Ritterdienſt erboten. Und wollte er ehrlich gegen ſich ſelbſt ſein, er hatte eine Gelegenheit geſucht, dem Arzte, dem Sohne Jean Bourdon's, ins Angeſicht zu ſehen, und die erſte, die ſich ihm darbot, ergriffen. Hatte ihn dennoch ein Dämon vorwärts getrieben? Mit jener fataliſtiſchen Ueberzeugung, deren Keim ſein Leben an der Grenze, mit den Türken in Belgrad und Orſova in ihn gelegt hatte, die ſeitdem Erfahrungen und Ereigniſſe mehr und mehr entwickelt, ſenkte er das Haupt auf die Bruſt: es ſollte ſo ſein. „Ein Gutes wenigſtens iſt in dieſer Verknüpfung der Dinge, du kennſt deinen Feind“, ſagte er ſich dann wieder. Ja, das war es. Die Ahnung, daß ein Gegner ihm im Dunkel nachſpüre, hatte ihn Bourdon entgegen⸗ geführt. Der Selbſterhaltungstrieb in ihm wollte wiſſen, weſſen er ſich von dieſem Manne zu verſehen habe. Nun fuhr er mit ihm durch die widerhallenden Gaſſen, mit ihm und einem Manne, den er noch tödtlicher haßte. Von beiden war er ſich des Schlimmſten ge⸗ wärtig. Zuweilen ſtieg ihm das Blut zu den Schläfen; es war ihm, als blitze der Stahl eines Dolches in dem ungendiſſen Lichtſchimmer vor ihm auf. Jetzt wollte er um Hülfe ſchreien, aber ſeine Kehle war wie zuge⸗ 10 148 ſchnürt; jetzt den Wagenſchlag öffnen und hinausſprin⸗ gen, aber er konnte die Hand nicht rühren, wie ange⸗ wachſen lag ſie an dem Griff des Meſſers in ſeiner Bruſttaſche. Dann beruhigte er ſich wieder, daß Alles nur leere Träume und Viſionen wären. Weder Egbert noch Benjamin waren einer ent⸗ ſchloſſenen That, nach ſeiner Meinung, fähig. Weſſen konnten ſie ihn überführen? Was durften ſie gegen ihn wagen? Stand nicht die Gunſt Napoleon's wie ein undurchdringlicher Schild zwiſchen ihren Anſchlägen und ihm? Wenn Gedanken wie Gift und Kugel tödten könnten! An ſich ſelbſt hatte er ein Beiſpiel, daß ſie zu ohnmächtig dazu ſind. Sonſt würde er ſchon längſt, ſtatt mit zwei Lebendigen, mit zwei Leichen fah⸗ ren. Das wäre eine Fahrt! Unwillkürlich, während ein Schauer ihn ſchüttelte, kicherte etwas in ihm: Das wäre drollig! In einem ähnlichen tollen Wirbel diehie ſich Eg⸗ bert's Denken und Sinnen. Welch eine Welt iſt dies! Der Sohn des Ermor⸗ deten folgt einem Rufe des Mörders. Zuſammen fahren ſie zu einer Kranken. Iſt dies ein Beweis von dem Daſein Gottes, einer ewigen und allweiſen Vorſehung, oder umgekehrt von der reinen Zufälligkeit des Irdiſchen? — / 149 Ein Kind ſchüttelt ein Kaleidofkop und die wunderbarſten Farbenbilder entſtehen. Aber es weiß weder das Ge⸗ ringſte von dem Geſetze, noch von den Mitteln, wo⸗ durch es dieſe Erſcheinungen hervorbringt; ja noch mehr, dieſe Erſcheinungen ſelbſt ſind ihm gleichgültig, es will nur ſeine kleine Hand gebrauchen lernen und ſchüttelt und ſchüttelt. Iſt die Erde, ſind die Geſchicke der Menſchen etwas Anderes als ein ſolches Kaleidoſkop? Schüttelt vielleicht ein unſichtbares Weſen all dieſe Splitterchen, die wir Schickſal, Weltgeſchichte, Helden und Verbrecher, Glück und Leid nennen, auch in harm⸗ loſer Unbewußtheit bunt durcheinander, nur um ſeine Stärke zu erproben und dereinſt, vom Spiel gelang⸗ weilt, die Kugel ins Nichts gleiten zu laſſen? Und welche Rolle ſpielſt du ſelbſt in dieſem Drama? mußte ſich Egbert fragen. Warum erhebſt du dich nicht von deinem Sitz und rufſt: Mörder! Mörder! Hat ſich nicht vor einer kurzen Weile der Verdacht, den du gegen den Ritter hegſt, fürchterlich beſtätigt? Halte ihm den Adler entgegen und entnimm aus ſeinem Erbleichen ſeine Schuld. Du zögerſt, willſt du dich zum Hehler eines Mörders erniedrigen? Allein er hütete ſich wohl, einen Laut auszuſtoßen. Aus dem Labyrinth, in das er ſich hatte verlocken laſſen, führten Aufrichtigkeit und Wahrheit nicht heraus. 150 Er wollte anklagen; wußte er denn, warum Jean Bour⸗ don hatte ſterben müſſen? Unglücklicher, konnte ihm Vittorio antworten, Du verurtheilſt deinen Wohlthäter, den Grafen Wolfsegg, Deinen Freund Benjamin Bour⸗ don zu ſchmählichem Tode. Sieh her! Mit Bourdon hatten ſie ſich gegen das Leben des Kaiſers verſchworen. Hier lag der Knoten dieſer traurigen Verwicklung. Darum hatten die öſterreichiſchen Gerichtsbehörden, hatte der Graf den Proceß ohne Eifer betrieben, war die Unterſuchung in der Mitte abgebrochen worden. Darum hatte es Benjamin ſo oft vermieden, auf den Tod ſeines Vaters zurückzukommen, bis ihn heute die Wehmuth übermannt. Durfte er durch eine vorlaute Aeußerung ein un⸗ berechenbares Unheil heraufbeſchwören? Ja, er konnte mit ſeinem Stein ein Geſpenſt aus der Tiefe des Grabes hervorrufen, aber er wußte nicht, ob dies Geſpenſt ſich gegen den Schuldigen, ob es ſich gegen den Geiſter⸗ banner kehren würde. So ſaß er ſchweigend, und doch glich ſeine Seele dem Schiff, das der Sturm in wilder Wogenbrandung hinüber und herüber wirft. Der ſcheinbar Ruhigſte von ihnen war Benjamin. Ihn ſchien kein Gedanke, keine Ahnung über das Gegen⸗ wärtige hinaus nach Vergangenheit oder Zukunft zu 151 ziehen. Ganz und voll, mit ungetbeilter Aufmerkſam⸗ keit war er der Aufgabe zugewendet, deren Löſung man von ihm forderte. In Zwiſchenräumen ſtellte er ein⸗ zelne Fragen an den Ritter über den Zuſtand der Kranken; wie und wo er ſie verlaſſen, was dem An⸗ falle vorangegangen. Einſilbig, aber beſtimmt gab Vittorio Antwort und ſorgſam überlegte der Arzt jede dieſer Aeußerungen, ehe er eine zweite Frage that. Eine luſtige Geſellſchaft, waren ſie mit der Sängerin und andern Damen der Oper und des Ballets bei einem fröhlichen Mahl in einem der großen Speiſe⸗ häuſer des Palais Royal verſammelt geweſen. Nichts hatte die Nähe der Krankheit angedeutet. Mademoiſelle Athenais war in heiterſter Laune und ſprühte von Geiſt und Witz. Einer nach dem Andern hätten ſie Anekdoten, ſcherzhafte Abenteuer erzählt. Unter den Tafelnden waren auch Offiziere. Unabſichtlicherweiſe brachte einer von dieſen das Geſpräch auf eine Jugend⸗ liebe der Sängerin, von der er— Vittorio— ſelbſt⸗ verſtändlich nichts wiſſe, auch den Zuſammenhang der Dinge vermöge er nicht anzugeben. Darüber erröthete und erzürnte ſich Athenais. Scharfe Worte fielen zwiſchen ihr und dem Offizier. Einer Mänade gleich griff ſie nach dem Meſſer und ſtürzte ſich auf ihren Beleidiger. 152 Doch, ſchaltete Vittorio ein, ſei es möglich, daß ihre Wuth gar nicht dem Erzähler, ſondern ihrem treu⸗ loſen Jugendgeliebten gegolten habe, in ihrenn Wahn⸗ ſinn habe ſie beide verwechſelt. Die Andern ſprangen dazwiſchen und thaten der Raſenden Einhalt. Bewußtlos, in einem furchtbaren Krampf, brach ſie zuſammen. Ihre Freundinnen ſchaff⸗ ten ſie nach ihrer Wohnung. Ob Vittorio uun die ganze oder nur die halbe Wahrheit geſagt hatte, ſeine Mittheilungen genügten dem Arzt, der die reizbare, launenhafte Sängerin und ihren durch das aufregende Bühnenleben noch tiefer erſchütterten Geſundheitszuſtand kannte. Eine Erinne⸗ rung— und wie viele mochte ſie haben, ſüße und ſchmerzliche, die durch den Hintergrund der Revolution und des Schreckens eine tragiſche Färbung erhielten! — hatte ihre Nerven in dieſen Aufruhr gebracht. Der Wagen hielt. Behend ſprang der Ritter zuerſt hinaus, aufath⸗ mend, als käme er aus einem dumpfen Kerker. Er ſchaute ſich um, empor; über ihm wölbte ſich in Ster⸗ nenglanz und Ruhe der Himmel einer windſtillen Win⸗ ternacht. Für ihn aber redete dies Uebermaß funkeln⸗ der Geſtirne keine verſtändliche Sprache. Sollte er ſich freuen, einer drohenden Gefahr entgangen zu ſein, oder „ 153 ſich ſchelten, einen Zufall nicht benutzt zu haben, der ihn zum Herrn über das Leben ſeiner Gegner gemacht? Wenn du dich auf ſie geworfen und ſie mit zwei gut geführten Dolchſtößen niedergeſtreckt hätteſt— Er hätte laut auflachen mögen. Nicht ſo, ſagte er ſich, nicht ſo kannſt du dich ih— rer entledigen. Allein ſicher wirſt du nur athmen kön⸗ nen, wenn ſie unſchädlich, wenn ſie ſtumm geworden ſind. Möglich, daß die Todten noch denken und träu⸗ men, ſprechen können ſie nicht mehr. Noch in ihrem Feſtkleide, mit zerzauſten Haaren, den zerriſſenen Shawl in der krampfhaft geſchloſſenen Hand, lag Athenais auf dem Teppich ihres Zimmers. Weinkrämpfe, Thränenergüſſe wechſelten mit den Aus⸗ brüchen maßloſer Heftigkeit. So von Schmerz wie von Wuth war ihr ſchönes Geſicht entſtellt. Jetzt tra⸗ ten die Verwüſtungen des Alters und der Leidenſchaf⸗ ten, die Egbert an jenem heitern Sonnentage im Tuileriengarten an der junoniſch ſchönen Frau nicht bemerkt, in trauriger Schärfe hervor; ein Marmor, den der Zahn der Zeit und der Staub der Erde an⸗ gefreſſen. Außer einer Freundin, der ſonſt immer lachenden Zephyrine, die ſchluchzend mit gerungenen Händen dem Arzte entgegenlief, und einem Kammermädchen war 154 Niemand bei der Unglücklichen geblieben. Die beiden Mädchen waren zu rathlos und gegen die Stärke und Raſerei der Kranken zu ſchwach geweſen, um das Ge⸗ ringſte zu ihrer Beruhigung und Beperung thun zu können. Mit dem Erſcheinen des Arztes kam ihnen der Muth. Während Egbert und Vittorio im Neben⸗ zimmer blieben, ließ Benjamin die Kranke entkleiden und in das Bett bringen. Seine Stimme, ſeine Gegenwart ſchon wirkte wohl⸗ thätig. Athenais erkannte ihn, ſie weinte nur und widerſetzte ſich ſeinen Anordnungen nicht. „Ich ſehe, daß ich fortan hier unnöthig bin“, ſagte der Ritter flüſternd zu Egbert, als Zephyrine einmal in das Zimmer gehuſcht kam und berichtete, daß es der Sängerin beſſer gehe.„Wollen Sie Herrn Bourdon freundlichſt meinen Gruß und meinen Dank überbrin⸗ gen? Ich treffe ihn wohl morgen wieder bei unſerer Kranken.“ Geräuſchlos entfernte er ſich. Einige Minuten ſpäter wurde Egbert von dem Arzte an das Lager der Sängerin gerufen. Nach der furchtbaren Aufregung und Anſtrengung ſuchte die Natur im Schlafe wieder ihr Recht. Aber Träume und Phantaſien unterbrachen ihn. Während Bourdon die nöthigen Verabredungen 1 1 155 mit den Mädchen traf, die Heilmittel, die etwa zu verordnen ſeien, bedachte, hatte ſich Egbert an dem Bette niedergeſetzt, um die Bewegungen der Kranken zu beobachten. Ihrem Geiſte ſtellte ſich das eben Er⸗ lebte noch einmal dar, in unklaren Farben, in unſichern, verſchwimmenden Umriſſen. Aus ferner Vergan⸗ genheit miſchten ſich andere noch bläſſer gewordene Bilder verworren ein. Bald erhob ſich ihre Stimme, bald ſank ſie zu einem undeutlichen Gemurmel herab. Freudiges und Schmerzliches ging ihr vorüber. Nur mit halbem Ohr horchte Egbert darauf. Trotz der Theilnahme, die er für ſie empfand, hatten dieſe Fie⸗ berphantaſien nichts, was ihn feſſeln konnte. Stärker nahmen die Erwägungen, welche Folgen ſich für ihn und Benjamin an dies Zuſammentreffen mit Vittorio knüpfen würden, ſeine Sorge in Anſpruch. Eine geraume Weile hatte Athenais ſtill gelegen; mit den Händen fuhr ſie zuweilen hin und her; nun ein ängſtliches Stöhnen, ein lauter geſprochenes Wort, aber die Kraft des Anfalls war gebrochen. Allmälig fingen auch ihre Züge an, ſich wieder zu glätten, die häßliche Verzerrung ſchwand daraus. Als Egbert ein⸗ mal aus ſeiner nachdenklichen Grübelei aufſchaute und in ihr Geſicht blickte, das von dem gedämpften Licht der Ampel mit mattem Schimmer überflogen wurde, 156 gemahnte es ihn an ein theures Weſen. Eine entfernte Aehnlichkeit, vielleicht nur die beſondere Beleuchtung oder gar ein Spiel ſeiner Phantaſie, die ihm trügeriſch ein liebes Bild vorzauberte; allein der Eindruck blieb, ſo ſehr er ſich dagegen ſträubte. Einen Namen wagte ler nicht auszuſprechen. Wie hätte dieſer Name, der M für ihn das Reinſte und Jungfräulichſte bedeutete, in dem Gemach einer Pariſer Sängerin geklungen! Indem näherte ſich ihm der Arzt und richtete ſeine Augen mit prüfendem Blick auf die Kranke. V „Es iſt doch beſſer“, ſagte er leiſe zu Egbert,„ich wache die Nacht bei ihr. Die Furie in ihr iſt noch 8 nicht gebändigt. Kehren Sie zu den Freunden zurück, ſie ſollen mich nicht mehr erwarten.“ Obgleich Athenais die Augen geſchloſſen hielt und im Schlummer zu ruhen ſchien, murmelte ſie: ¹ „Schicke ihn nicht fort! Er ſieht ſo ſanft aus.“ Benjamin machte Egbert ein Zeichen, die ſchlaff herabhängende Hand der Kranken zu faſſen. Kaum aber hatte Egbert's Rechte ihre Hand er⸗ griffen, ſo öffnete ſie ihre ſchwarzen Augen, und ihn 1 anſtarrend, als wäre er eine wunderbare Erſcheinung, rief ſie klagend und ſchluchzend: „Magdalene!“ Es war ein Ton, ſo herzzerreißend, und dieſer 4574 Name, der auf ſeinen Lippen lag: Egbert ließ ihre Hand fahren. Seufzend ſchloß die Kranke die Augen. „Gehen Sie“, drängte ihn Benjamin.„Jetzt ſchläft ſie ein. Das hatte ſie noch auf dem Herzen.“ „Aber ich kehre wieder—“ der Arzt.„Wenn's Ihnen Vergnügen macht. Bringen Sie ein Schachſpiel mit; Sie wiſſen noch nicht, wie lang und öde, wie voll Grillen und Geſpenſter die Nacht an einem Krankenbette iſt.“ Inzwiſchen war Vittorio ruhelos in den Straßen von Paris umhergeſchweift. Um elf Uhr erwartete ihn der Kaiſer in den Tuilerien. Er hatte faſt noch eine Stunde, die ihm gehörte. Aber er dachte nicht daran, ſie zur Sammlung und zur Vorbereitung auf das Ge⸗ ſpräch mit dem Gewaltigen zu benutzen. Er wollte nur athmen, ſchauen, Menſchen um ſich haben. In dem Gewühl der Boulevards ward ihm wohl. Woher die Angſt, die ihn vorhin in jenem Wagen geſchüttelt? Sahen Benjamin und Egbert wie zwei Mörder aus? Mörder! Pfui, welch häßliches Wort! Und doch war es an ihn herangeſchlichen, von unten herauf, mit eiſigem Schauer, über ihm zuſammenſchla⸗ gend wie die Meereswoge über dem Ertrinkenden. Be⸗ wegte ſich auch in ihm ein Etwas, das Prieſter und 158 Richter das Gewiſſen nennen? Einmal konnte es mich packen— ich war nicht gerüſtet! Ihrer zwei auf einen! War nicht auch ein Dritter dabei, der am blutigen Finger einen Opal trug? Einen Opal mit einem ein⸗ geſchnittenen Adler! Von einem ſolchen Stein hatten ſie an Bourdon's Tafel geredet, während er im Vor⸗ zimmer geharrt. Ein Vortheil war immer dabei, un⸗ vorbereitet konnten ſie ihn nicht wieder überraſchen. Wenn er es recht betrachtete, in dem Glanz der Lichter, die aus den Schauläden, aus den hellerleuchteten Sä⸗ len der Kaffeehäuſer ſtrahlten, war dieſer Abend für ihn ein Glücksabend geweſen. Er wußte jetzt, wo er den Opal zu ſuchen hatte, den ihm das Geſchick ent⸗ riſſen, noch mehr, er kannte die Stelle, wo der Graf Wolfsegg ſterblich war, wo ihn ein vergifteter Pfeil treffen konnte. Was er dem Arzt von dem Vorfall erzählt, der das Leiden der Sängerin verurſacht hatte, war Wahr⸗ heit geweſen, aber Wahrheit ohne Leben und Farbe. Junge und ältere Männer, aus dem Offiziersſtande und diplomatiſchen Kreiſen, mit denen er ſchnell be⸗ kannt geworden, wie es ihm denn leicht wurde, die Menſchen bei der erſten Berührung für ſich einzuneh⸗ men, hatten den Damen der Oper zu Ehren ein kleines Feſt veranſtaltet. Er durfte dabei nicht fehlen. Einige 159 mochten hoffen, in der Redſeligkeit des Weins ihm das Geheimniß ſeines Verkehrs mit dem Kaiſer zu entlocken; Andere wünſchten nur, den geiſtreichen Ge⸗ ſellſchafter nicht zu entbehren, der immer eine merk⸗ würdige Geſchichte in Bereitſchaft hatte, wenn die Un⸗ terhaltung einzuſchlummern drohte. Ohne jede Störung war die erſte Stunde des Feſtes verlaufen. Scherz und Gelächter ſchienen wie mit einem Blumenkranz das Ganze zu bekränzen. Selbſt die Ausſicht auf einen Krieg mit den Deutſchen warf keinen Schatten in die Fröhlichkeit. War doch der Krieg gleichſam eine Lebensgewohnheit des franzöſiſchen Volkes geworden. Die Luſt nach den Aufregungen der Schlacht und der bunten Abenteuerlichkeit des Solda⸗ tendaſeins, die Sucht nach Beute und Genuß, die ſich in einem feindlichen Lande leichter und ſtrafloſer als im eigenen befriedigen ließ, hatten alle Begierden entfeſſelt und erhöht. Von dem bevorſtehenden Feldzug wendete ſich die Erinnerung zu dem Kriege von 1805 zurück, der auch den Donauſtrom entlang geraſt. Einer der Offtziere, Armand Loyſel, hatte Ulm und Auſterlitz mitgemacht und in Wien im Quartier gelegen. Vielleicht war es nur der ſchwere Wein, den er in reichlichen Zügen ge⸗ trunken, der aus ihm ſprach, oder die prahleriſche Ue⸗ 160 berhebung des eitlen Siegers; nach ſeinen Kriegsaben⸗ teuern kamen die Liebesgeſchichten an die Reihe. Athe⸗ nais batte ihn beſonders durch ihr ſpöttiſches Drein⸗ reden zu ſolchen Erzählungen gereizt. Armand Loyſel beginnt nun mit der Schilderung eines Hauſes, die Vittorio ſtutzen macht. Um ſeiner Sache ſicher zu ſein, wirft er eine und die andere Frage ein. Da iſt kein Zweifel mehr möglich, Loyſel hat in dem Hauſe bei deen Saleſianerinnen auf der Landſtraße gewohnt. Jetzt nennt er auch den Namen Egbert Heimwald, nennt ein junges Mädchen Magdalene Armhart. Vittorio hütet ſich wohl, ihn ferner zu unterbrechen, denn er ſieht in dem Antlitz der Sängerin eine Wetterwolke aufſteigen. Der Name Magdalene Armhart hat ſie ge⸗ troffen. Mit zitternder Stimme— zittert ſie vor Wuth oder vor Angſt?— fordert Athenais genauere Aus⸗ kunft über das Mädchen, über Armhart. Trotz ſeines leichten Rauſches merkt Loyſel, daß er von Perſonen redet, die in dieſem Kreiſe nicht un⸗ bekannt ſind. Er ruft alle ſeine Erinnerungen zu Hülfe, um den Fragen zu begegnen und bei der ſtrengen Wahrheit zu bleiben. Aber gerade dieſe Wahrheit ſtei⸗ gert den Zorn, die Erregung der Sängerin. Niemand kann den Grund erſchauen, nur in Vittorio dämmert 16¹1 ein Verſtändniß der Verwicklung auf. Immer heftiger gerathen die beiden Redenden an einander, die Andern ſuchen durch Wink und Mahnung zu beruhigen. Der Offizier hat durchblicken laſſen, daß er ein zartes Verhältniß mit jener Magdalene gehabt,„in aller Ehr' und Sitte“, wie er ſich beeilt hinzuzuſetzen. „Lügner!“ ſchreit Athenais auf und ſchleudert ihm das Weinglas entgegen, das zum Glück hinter Loyſel an der Wand zerſplittert. Ein allgemeiner Aufſtand iſt die Folge. „Madame“, lacht Loyſel, um der Sache eine ko⸗ miſche Wendung zu geben,„Sie ſind toll oder eine Bacchantin.“ „Um Dich zu zerreißen“, tobt ſie.„Kam ein Graf Wolfsegg in jenes Haus?“ „Ja, ja“, muß jetzt, von dem Sturm, der um ihn tobt, fortgeriſſen, Vittorio ausrufen,„Graf Ulrich Wolfsegg geht dort aus und ein.“ Da hat Athenais ein Meſſer ergriffen und ſich auf Loyſel geſtürzt. Für Vittorio war damit jede Dunkelheit aus der Begebenheit entſchwunden. Aber in der Unruhe der folgenden Ereigniſſe hatte er keine Muße gehabt, dar⸗ über nachzuſinnen. Nun bei ſeiner Wanderung legte ſich ihm Alles natürlich zuſammen. Frenzel, Lucifer. III. 11 162 In ihrer Jugend war Athenais die Geliebte Wolfsegg's geweſen, Magdalene war ihr Kind. Die Schrecken der Revolution, Ueberdruß ſeinerſeits oder eine Untreue des Mädchens hatten Wolfsegg beſtimmt, ſie zu verlaſſen. Er nahm ſein Kind mit ſich, nach der Wuth der Mutter zu ſchließen, gegen ihren Willen, durch eine liſtige oder gewaltſame Entführung. Sein Schreiber Armhart leiſtete ihm hülfreiche Hand. In Wien angekommen, verheirathete ſich der Schreiber, das Kind galt als das ſeine. Das Geld des Grafen ebnete alle Schwierigkeiten und beſiegte jedes Bedenken. Die wahre Mutter mochte ihre Tochter als todt be⸗ weinen und den Treuloſen und Undankbaren ver⸗ fluchen. Nun hatte ein Zufall das Verborgene ans Licht gebracht. Der Sängerin mußte die Gewißheit genügen, daß Magdalene noch lebe, in glücklichen, geordneten Verhältniſſen, fern von jeder unheiligen Berührung lebe; für den Ritter aber konnte die Entdeckung des Geheimniſſes zu einer Waffe gegen den Grafen werden. Was würde Antoinette zu einer Geſchichte ſagen, die einen ſo dunklen Flecken auf den Charakter ihres Oheims warf! Um ein leichtes flüchtiges Liebesverhältniß hatte es ſich zwiſchen dem Grafen und Athenals nicht gehandelt, wenigſtens wollte es Vittorio nicht zugeben. 163 Solche Abenteuer pflegt doch ein Cavalier nicht mit der Sorglichkeit zu hüten, die Wolfsegg in dieſem Falle ſo viele Jahre hindurch angewendet. „All deine Feinde hat das Schickſal in deine Hand geliefert“, ſagte ſich Vittorio triumphirend.„Be⸗ halte du nur Ruhe und Kaltblütigkeit. Du haſt eine Nachricht für Antoinette, welche ihr ſtolzes Herz zer⸗ knirſchen wird. Da ſie ſelbſt als Bittende zu dem Imperator gekommen iſt, kann ſie dir deinen Verrath nicht vorwerfen. Iſt es überhaupt Verrath, aus einem undankbaren Staate zu ſcheiden und einen andern Herrn aufzuſuchen, der beſſer die Spreu vom Weizen zu ſondern weiß? Nichts Anderes haſt du gethan. Am Hofe Napoleon's braucht der Emporkömmling nicht ſcheu vor dem hochadeligen Fräulein zurückzuſtehen. Sein Verdienſt gleicht den thörichten Unterſchied des Ranges aus.“ Schon hatte er nicht mehr nöthig, ihren Reichthum zu beneiden. Auch zu ihm war das Gerücht gedrungen, daß Benjamin Bourdon durch den Tod ſeines Vaters der alleinige Erbe der vormals Gondreville'ſchen Be⸗ ſitzungen in Lothringen geworden ſei. Ihm aber ſtanden die Schätze des Kaiſers zu Gebote. Napoleon hatte keine Ader von Geiz und wußte fürſtlich zu belohnen. Daß ſeine Freigebigkeit auf Koſten der Beſiegten ging, danach fragten die Beſchenkten nichts. 11* 164 Uneigennützig hatte der Ritter bisher jede größere Gabe des Kaiſers zurückgewieſen und eine Verachtung des Geldes zur Schau getragen, die ihren Eindruck nicht verfehlte. Im voraus rechnete Vittorio auf die öſterreichiſche Beute. Nach dem Kriege wollte er mit den Anſprüchen ſeiner Familie auf Güter im lombar⸗ diſchen und venetianiſchen Gebiet hervortreten, die ſich der Staat angeeignet, und hoffte, dieſelben unter dem Titel eines Marcheſe Zambelli zu vereinigen. Die ge⸗ fährlichere Hälfte des Weges zu dieſem Ziel ſeines Ehrgeizes lag hinter ihm. Aus Nacht und Tiefe war er heraufgeſchritten; der übrige Theil ſeiner Bahn dehnte ſich im Lichte aus. Sie führte über ein Schlachtfeld, aber das ſchreckte ihn nicht. Nur an die Finſterniß wollte er nicht mehr erinnert werden. Diejenigen, die ſeine Vergangenheit kannten, durften ſich nicht noch einmal an ſeine Ferſen heften. Konnte er ſie nicht vernichten, ſo getraute er ſich doch die Kraft und Ge⸗ ſchicklichkeit zu, ſie weitab von ſich zu ſtoßen, in eine Entfernung, aus der ſie ihm nicht zu ſchaden ver⸗ mochten. Vielleicht reichte ſchon der Schrecken, den er ihnen einjagte, hin, ſie auf immer verſtummen zu laſſen. Ein Schreck, vor dem auch der Kühnſte mit dem Her⸗ zen und den Wimpern zuckt! In deſſen Umarmung 165 er das verhängnißvolle Pfand von ſich ſchleudert, um ſich von einem verrätheriſchen Zeichen zu befreien! Gab es eine Thatſache, die eine ſolche Wirkung auf Egbert ausüben konnte? Der Arzt war für Furcht und Mitleid gleich un⸗ zugänglich. Ihn mußte Vittorio ſchlagen, wenn er beide Freunde auf einmal treffen wollte. Dreiviertel auf elf. Vittorio beeilte ſeine Schritte, er durfte den Im⸗ perator nicht warten laſſen. „Jetzt haſt du auf eine Weile ſein Ohr“, ſagte er ſich plötzlich.„Reize ſeinen Zorn gegen dieſen Bourdon, ſchildere ihm die Verſchwörung im Schloſſe Wolfsegg's in den ſchwärzeſten Farben. Wozu dienſt du ihm, wenn du nicht einmal mit ſeinen Blitzen ſpielen kannſt?“ Durch eine Seitenpforte der Tuilerien, an der Schildwache vorüber, der ſie die Loſung zuraunt, ſchlüpft eine dunkle Geſtalt. Es iſt dieſelbe kleine Thür, die der Pariſer Bür⸗ ger ſeinen Bekannten neulich mit abergläubiſcher Furcht als die Pforte zeigte, durch die das graue Männchen, der Schlachtenplanerfinder, zum Kaiſer eingeht. 1 Viertes Kapitel. Von allen Damen in der vornehmen Geſellſchaft von Paris war ſeit drei Wochen die junge Marquiſe Antoinette von Gondreville die gefeiertſte und benei⸗ detſte. Jener Sonntagabend im Schloſſe zu Malmaiſon hatte ihr Glück gemacht. Ebenſo ſehr bewunderte man ihren Muth, den zornigen Kaiſer angeredet zu haben, als man ihr im Stillen die Auszeichnung mißgönnte, die ihr Napoleon darauf hatte zu Theil werden laſſen. Seitdem hatte ſie bei keinem Feſte in den Tuilerien oder in St.⸗Cloud gefehlt, auch nicht fehlen können, wie ſie ihrem Oheim nach Wien, unbewußt ſich ſelbſt entſchuldigend, ſchrieb, ohne die Freundſchaft der Kai⸗ ſerin aufs Spiel zu ſetzen und die Begnadigung ihres Bruders hinauszuſchieben. Daß er ihn nicht auf die Galeeren ſchicken, noch in harter Gefangenſchaft halten 4 4 167 werde, hatte ihr Napoleon ſchon bei einer zweiten Unterredung zugeſtanden. Welches Schickſal er ihm aber beſtimmt, hatte noch nicht verlautet. Sicherlich kein ſchlimmes, wenn man die Freundlichkeit bedachte, mit welcher der Kaiſer die Schweſter behandelte. Im Anfang hatte Antoinette ein geheimes Wider⸗ ſtreben empfunden, am Hofe des Uſurpators zu glän⸗ zen. Sie, die Tochter des Treueſten der Treuen, in der Anhänglichkeit gegen die Bourbonen, in Feind⸗ ſchaft gegen Napoleon erzogen, was hatte ſie in den Tuilerien zu ſuchen? Mit ihrem Fußfall vor dem Kaiſer, mit ſeinem Verſprechen, Gnade gegen Franz von Gondreville zu üben, war ihr Geſchäft beendigt. Fortan konnten die Gondreville nicht mehr die Waf⸗ fen gegen Napoleon führen, in keine Verſchwörung wider ihn ſich einlaſſen, das verbot die Ehre, aber nichts hinderte ſie, ihren Anſichten treu zu bleiben und in der Verbannung weiter zu leben, wie ſie bisher gethan. Noch dazu, wenn dieſe Verbannung, wie für Antoinette, ihre zweite, ihre beſſere Heimat war. Auch hatte ſie einen Augenblick daran gedacht, von Paris abzureiſen oder doch, unter dem Vorwand der Trauer und Kränklichkeit, ihr bisheriges einſames Leben fort⸗ zuſetzen. Andere Erwägungen hatten ſie umgeſtimmt. Zunächſt die Einwendungen ihrer Verwandten, bei 168 denen ſie wohnte. Die Mortigny, die beiden alten würdigen Leute, wie die muntere und jugendſchöne Tochter nannten Antoinettens Vorhaben eine Belei⸗ digung der Kaiſerin und des Kaiſers. In dem Er⸗ ſcheinen einer Marquiſe von Gondreville an ihrem Hofe hätten Napoleon und Joſephine eine Annäherung der Familie geſehen. Jetzt gehen, hieße ohne Noth ver⸗ letzen und Alles wieder in Frage ſtellen. Die Grund⸗ ſätze der Ritterlichkeit, der Abſcheu gegen die Revolu⸗ tion, die Antoinette vorkehren wollte, wurden mit lei⸗ ſem Spott aufgenommen. Er iſt einmal der Herr Frankreichs, antwortete man ihr. Alle Könige haben ihn als ihresgleichen anerkannt, der Papſt hat ihn geſalbt; iſt es nicht lächerlich, daß ein franzöſiſcher Marquis, ein deutſcher Graf fortwährend den That⸗ ſachen widerſprechen? Antoinette mußte ſich ſagen, daß dies die Anſichten der großen Mehrzahl der altadeligen Familien Frank⸗ reichs waren. In den Paläſten des Faubourg St.⸗ Germain machte man ſich über den Tuilerienhof, die neuen Herzoge und Grafen luſtig, leerte auch wohl bei doppelt verſchloſſenen Thüren ein Glas auf Se. Maje⸗ ſtät den König Ludwig XVIII. und entwarf auf dem Papier, in vielgeſchäftigem Nichtsthun, Pläne zum Umſturz der kaiſerlichen Regierung; aber wenn der —— 169 Imperator ſich zeigte, waren gerade die lauteſten Schreier am bereitwilligſten, ihm zu huldigen. Keinem von all dieſen Bayards und Rolands des Königthums fiel es ein, eine Stellung auszuſchlagen, eine Ehre ab⸗ zulehnen, mit denen der Uſurpator ſie huldvoll bedenken wollte. Ihre Frauen und Töchter wetteiferten mit einander, Joſephinen die Schleppe nachzutragen, unter der ſtillſchweigenden Vorausſetzung, ſich nachher durch Spöttereien und Bosheiten für dieſe Demüthigung zu entſchädigen. Warum ſollte Antoinette anders handeln? Die Couſine ſcherzte mit ihrem Witz und ihrem Lachen hinweg, was ſie ihre deutſchen Bedenklichkeiten und Empfindlichkeiten nannte. Im letzten Grunde aber waren alle dieſe Ein⸗ wände eitel. In Antoinettens eigenem Herzen lag die ſtärkſte Kraft, die ſie in Paris zurückhielt. Nicht ſo ſchnell wollte ſie die einmal erlangte Freiheit wieder aufgeben. Wie ſchal und leer kam ihr das Leben, das ſie in Wien geführt, im Vergleich zu ihrem jetzigen Daſein vor. Welche Weite des Schauplatzes, welche Mannichfaltigkeit der Eindrücke! Neben den kriegeriſchen Unternehmungen und politiſchen Verhandlungen, wie viel Raum war doch noch für den Einfluß der Frauen, für das Spiel Amor's! 170 Die Geſellſchaft, in der ſie ſich bewegte, beſtand aus wunderlichen Elementen, aus einer kühnen Miſchung des Alten und Neuen, aber ſie hatte keinen Zug von deutſcher Steifheit und Förmlichkeit. Raſcher ſtrömte das Blut durch Aller Adern. Die Revolution ſchien beide Geſchlechter an ſchnelle Eroberungen und an leichte Siege gewöhnt zu haben. Gerade das Phan⸗ taſtiſche und Abenteuerliche des ſchönen Mädchens, das der Oheim zu mäßigen ſich ſo oft bemüht, fand hier ungetheilte Bewunderung. Da ſie eine beſſere Erziehung genoſſen als die meiſten franzöſiſchen Mäd⸗ chen und viel geleſen hatte, galt ſie für ein Wunder des Wiſſens. Eine wahre Aſpaſia hatte ſie der Kaiſer ge⸗ nannt. Aif. ese. Antoinette hätte keinen Ehrgeiz und keine Citelkeit beſitzen müſſen, um ſolchen Huldigungen in ſchneller und entſchloſſener Entſagung den Rücken zu kehren. 3 Wie ſie, in frommer Pflicht der Geſchwiſterliebe, bereit geweſen war, den Gefahren ihres Vorhabens die Stirn zu bieten, ſo wollte ſie auch jetzt die ſüße Frucht ge⸗ nießen, die es wider Erwarten für ſie gezeitigt. Klug benutzte ſie die Vorzüge, die ihr Natur und Bildung verliehen. Es war kein geringer Ruhm, auf einer ſo großen Bühne durch Schönheit, Geiſt und Anmuth zu 474 glänzen. Welchen Erſatz hätte ihr das Haus ihres Oheims in der Herrengaſſe oder das einſame Schloß am Traunſee geboten? Auf eine Weile hin war es ihr durch den Sinn gegangen, daß ein Weib an ſeiner Seite ein beneidenswerthes Loos führen würde. Kannte ſie doch keinen Mann, der ſich Ulrich Wolfsegg an Kraft des Willens und Großheit des Weſens vergleichen ließ. Unwillkürlich verſchmolz ihr das Bild dichteriſcher Helden mit ſeiner Perſönlichkeit. So mußte der Graf Egmont ausgeſehen haben. Wie gern wäre ſie ſein Klärchen geweſen! Der Traum eines unbeſchäftigten leidenſchaftlichen Mädchenherzens, das ein Ideal für ſeine Sehnſucht ſucht. Möglich, daß der Traum in ruhigen ſchickſalsloſen Tagen ſich verwirklicht hätte. Aber ein Anderer war gekommen, der das Ideal herab⸗ geſtoßen. Nein, nicht herabgeſtoßen, wie der Nebel vor der Sonne war es zerſtoben.. Ulrich Wolfsegg war ein guter, ein ganzer Mann, allein konnte er in demſelben Athem mit dem Helden des Jahrhunderts zuſammen genannt werden? Zwiſchen einem Halbgott und einem Sterblichen, dieſe Kluft iſt nicht zu überbrücken. Je phantaſievoller Antoinette war, um deſto leich⸗ ter verführte ſie der Glanz, der dieſes einzigen Man⸗ nes einzige Thaten umſchimmerte. In dieſem Schein 172 wurde Alles an ihm bedeutſam und ſeltſam. Es war, als ob er alles Irdiſche von ſich abgeſtreift hätte. Wie ſein Antlitz ſchien ſein Weſen aus anderem Stoff geformt zu ſein als aus dem armſeligen Erden⸗ ſtaub, den ein geſtohlener Feuerfunke vom Olymp be⸗ ſeelt. Um ſie her redete über ihn Alles die Sprache der Vergötterung. Wohin ſie blickte, begegnete ſie Bil⸗ dern und Denkmalen ſeines Ruhms. Selbſt ſeine Gegner, die ſeine Größe verkleinerten, mußten ſein Glück preiſen. Ein Meteor iſt leuchtend aufgegangen, wie keins vordem am Himmel geſtanden. Das Außer⸗ ordentliche unterjochte Antoinettens Einbildung, noch ehe ſie Zeit zur Beſinnung gehabt. Nicht nur die Bitte, vielmehr die Empfindung, einem Höhern zu begegnen, hatte in Malmaiſon unwiderſtehlich ihre Kniee gebeugt. Und wäre er nur wie ein Blitz vorübergezogen und hätte Antoinette im Dunkel der Nacht zurückge— laſſen! Aber ſie ſah ihn, ſie ſprach mit ihm, beinahe jeden Tag. Ihr gegenüber nahm ſeine Strenge ſanf⸗ tere Formen an. Oefter als ſeit Jahren pflegte er jetzt in Joſephinens Abendgeſellſchaften, am Kamin ſtehend, während die Damen umherſaßen, von den Feldzügen ſeiner Jugend, von ſeinem Aufenthalt in Egypten und ſeinem Marſch nach Syrien zu erzählen. „Wenn ich St.⸗Jean d'Acre erobert hätte“, 173 ſagte er, zugleich haſtig und tragiſch, während ſeine Augen auf Antoinettens Angeſicht gerichtet waren, „würde ich heute der Kaiſer Indiens ſein; ich wäre ein zweiter Alexander geworden und die Macht Eng⸗ lands wäre gebrochen.“ Hatte er eine Ahnung von der Gewalt und dem Reize, welche dieſe Geſchichten auf die Seele des Mädchens ausübten? Erkannte er an der Röthe, die ihr Geſicht überhauchte, den Widerſchein des Feuers, der von ihm ausſtrahlte? Niemals war die Verlockung in ſtolzerer und gefährlicherer Geſtalt einem Weibe gegenüber getreten. All die kleinen ſchmeichleriſchen Mittel, mit denen ſonſt ein Frauenherz gewonnen wird, fehlten hier; ſchlecht hätte dem Antlitz des Im⸗ perators ein Zug geſtanden, der an Rinaldo im Zau⸗ bergarten Armida's erinnert. Aber das Erhabene in ihm feſſelte mit ſtärkerem Bande als Zärtlichkeit und Ritterlichkeit. Nicht ein erträumter Held, ein wirklicher Cäſar ſtand vor der geblendeten Antoinette. So jung und ihres eigenen Herzens unkundig war ſie doch nicht mehr, um ſich nicht in den Stun⸗ den der Sammlung zu fragen: Wohin ſoll dich das führen? Allein ſie tröſtete ſich damit, daß dies eine Leidenſchaft der Phantaſie und nicht der Sinne ſei und wie die Erſcheinungen, die der Opiumrauſch her⸗ 174 vorruft, vorübergehen werde. Noch glaubte ſie ihres Herzens ſicher zu ſein und fürchtete doch die ungeheure Leere, die das Verſchwinden des Gewaltigen aus ihrem Lebenskreiſe um ſie laſſen würde. Zu anderer Friſt erwachte die weibliche Citelkeit, die Gefallſucht und der Ehrgeiz. In den Irrgängen dieſer Gedanken, wohin gerieth ſie! Hatte der römiſche Cäſar nicht eine Kleopatra ge⸗ funden? Verſchleierte Geſchichten von der Liebe Na— poleon's zu ſchönen Frauen liefen von Mund zu Mund; Niemand indeſſen wagte die Namen der Glück⸗ lichen zu nennen. In dieſer Hinſicht war der Kaiſer ein ganzer Mann; niemals entſchlüpfte ſeinen Lippen ein Wort, ſeiner Hand eine Bewegung, die eine Frau in Verlegenheit hätte bringen oder ſie einer üblen Nachrede ausſetzen können. Das Geheimniß, das er wahrte, wie hätten es Andere brechen ſollen? Die Luft, in der Antoinette athmete, war ſchwer und ſchwül; wie aus den Nebeln und Dünſten eines heißen Tages im Abendroth, formten ſich in ihr unter dem Druck der Einbildungskraft die wunderlichſten Gebilde. Der heiße Wind des Kaiſerthums wehte von der Seele Antoinet⸗ tens den keuſchen Schmelz, den jungfräulichen Blütenſtaub hinweg, ohne daß ſie es merkte; erſt die Wandlung ihrer Gefühle ließ ſie ſich des Verluſtes bewußt werden. „ „-— 175 So beſchäftigt und geſtimmt, in ungewöhnlicher Spannung, vor einer Wendung ihres Lebens, die ſich wie die Sonnenwende des Frühlings fühlbar machte, hatte Antoinette beinahe ganz die Verhandlungen ver⸗ geſſen, die ſie im Namen ihrer Familie mit Benjamin Bourdon der lothringiſchen Güter wegen führen ſollte. Was bedeutete für ſie in ihrer hochgetragenen Wallung, in ihren abenteuerlichen Hoffnungen der Beſitz oder Nichtbeſitz eines Schloſſes in der entlegenen Provinz? Um ſo überraſchter war ſie, als ſich⸗Benjamin bei ihr melden ließ. Vielleicht hätte ſie ihn kurz abge⸗ wieſen, hätte nicht ihr Oheim, der Graf Mortigny, der dieſe Angelegenheit mit den Augen eines Geſchäfts⸗ mannes betrachtete und nicht der Meinung war, daß man ohne Kampf auf die Güter verzichten ſolle, in ſie gedrungen, den Arzt anzuhören. Zwiſchen Antoinetten und Benjamin hatte ſchon in der Kindheit Feindſchaft beſtanden. Das kleine ver⸗ zogene Mädchen mochte den tölpiſchen, verwachſenen Knaben nicht leiden. Ihn wieder verdroß der Vorzug, den das Schloßfräulein ſelbſt bei ſeinem Vater vor ihm gewann. Er konnte nicht ſchmeicheln und lieb⸗ koſen wie ſie. Dieſer erſte Eindruck war beiden trotz des Zwiſchenraums der Jahre, trotz der Entfernung des Raums, die ſie von einander getrennt, unverwiſcht 176 geblieben. Neue Gründe zur Abneigung hatten ſich den alten beigeſellt. Benjamin warf den Gondreville den Tod ſeines Vaters vor, Antoinette haßte ihn als einen Jakobiner, einen ungerathenen Sohn. In ihrem Innern beſchul⸗ digte ſie ihn des Raubes. Sie konnte die Anſicht Wolfsegg's, daß Benjamin durchaus im Rechte ſei, wenn er die von ſeinem Vater ererbten Güter behielte, nicht mit Verſtandesgründen widerlegen, aber in ihrem Gemüth hielt ſie es für eine Pflicht Benjamin's, dieſe Güter zurückzuerſtatten, für eine Pflicht, die nicht ein⸗ mal von ihrer Seite einen ſonderlichen Dank verdiente. Bald nach ihrer Ankunft in Paris hatte ihr Eg⸗ bert mitgetheilt, daß ein Teſtament Jean Bourdon’'s vom Jahre 1801 beſtände, in dem er ſeinen einzigen Sohn Benjamin mit Ausſchluß aller andern Ver⸗ wandten zum Univerſalerben eingeſetzt. Eine Nach⸗ forſchung, die der Graf Mortigny durch ſeinen Advo⸗ caten hatte anſtellen laſſen, ergab die Richtigkeit all deſſen, was Egbert aus Benjamin's Munde erfahren, und die rechtliche Unangreifbarkeit des Teſtaments. Wie hätten auch Emigranten, die noch nicht ein⸗ mal nach Frankreich zurückgekehrt waren, um Beſitzun⸗ gen einen Proceß anſtrengen können, die öffentlich als Nationalgüter verſteigert worden waren? Wenn die 166 Bourdon ſich gewiſſer geheimer Abmachungen nicht entſinnen wollten, zwingen konnte man ſie nicht zu einer Uebereinkunft, über die kein Document vorlag. Bei dieſer Sachlage hatte der erſte Beſuch, den Benjamin der jungen Marquiſe abſtattete, nur der Erfüllung höflicher Rückſichten gegolten, und auch ihrer⸗ ſeits war kein Wort gefallen, das den zwiſchen ihnen ſchwebenden Streitfall berührt und peinliche Erklärun⸗ gen herbeigeführt hätte. Antoinette war ſonſt wenig geneigt, auf die Stim⸗ mung der ihr gleichgültigen oder gar verhaßten Men⸗ ſchen zu achten, dennoch fiel ihr die düſtere Feierlich⸗ keit des Arztes auf, als ſie ihn heute in ihrem Salon empfing. Es war fünf Tage nach dem Unfall, der die Sängerin betroffen hatte. Bei der vollſtändigen In⸗ haltsloſigkeit der Tagesblätter, denen der Kaiſer längſt jede politiſche Betrachtung, ſelbſt die Mittheilung that⸗ ſächlicher Ereigniſſe, wenn ſie ihm unangenehm waren und ſeine Wege kreuzten, verboten hatte, war der Vor⸗ fall im Palais Royal ein willkommener Stoff geweſen, um wieder und wieder erzählt zu werden. Dadurch hatte auch Antoinette Kunde von ihm erhalten und konnte mit der Frage nach dem Befinden ſeiner Kran⸗ ken das Geſpräch mit Benjamin einleiten. Frenzel, Lucifer. II. 42 178 Der Arzt gab kurzen Beſcheid; er bezeichnete die Krankheit als ein Nervenfieber, aus dem aber, der Wahrſcheinlichkeit nach, Mademoiſelle Dechamps erſtehen würde, und lobte die guten und treuen Dienſte, die Egbert Heimwald bisher ihm und der Sängerin dabei geleiſtet. „Ich habe meinen freundlichen Landsmann lange nicht geſehen“, ſagte ſie flüchtig,„ſeit jenem Sonntag in Malmaiſon nicht—“ „und ich beſorge, ihn bald nicht mehr ſehen zu können. Eine Reiſe dürfte mich in den nächſten Tagen von Paris entfernen. Und auch ſeine Anweſenheit in dieſer Stadt wird ſich nicht mehr lange ausdehnen.“ „Das Erſte, was ich von ſolchen Plänen höre! Hat Ihnen Herr Heimwald von ſeiner Heimkehr nach Wien geſprochen?“ Warum iſt unſer Herz ſo oft unſer Feind! Bei dem Worte Heimkehr ſtockte ihre Stimme und das verdächtige Roth der Scham färbte ihre Wangen. „Nein, Marquiſe. Aber er wird nicht in Frankreich bleiben, wenn Frankreich ſeinem Vaterlande 8 den Krieg erklärt.“ Sie wendete das Geſicht ſeitwärts zu den Blumen auf dem Tiſche. „Das ſind Dinge, die zwiſchen Männern abge⸗ 179 handelt werden“, ſagte ſie, eine Blüte gedankenlos zer⸗ pflückend. Und dann, um aus ihrer Verlegenheit herauszu⸗ kommen, lachte ſie: „Ziehen Sie vielleicht auch in den Krieg, Herr Bourdon, und wollen Abſchied von mir nehmen?“ „So ungefähr. Weniger als je ſind wir Herren unſeres Schickſals. Nach ſeiner Laune ſchickt uns ein Mann in die Verbannung, in den Tod. Darum thut Jeder, ſolange er noch frei iſt, gut, ſein Haus zu beſtellen. Auch mir laſtet Einiges auf dem Herzen. Darf ich von Ihrer Güte Erleichterung hoffen?“ „Wie ſoll ich dieſe Aeußerungen deuten, Herr Bourdon? Was haben Sie vor? Schweben Sie in Ge⸗ fahr?“ Er zog die Schulter beinahe mitleidig in die Höhe. Glaubt das eitle Mädchen, ich bin gekommen, um ihre Gunſt zu betteln? „Von mir, Marquiſe“, ſagte er kühl,„wenn Sie erlauben, zuletzt. Was mein Vater mit dem Ihrigen mit Ihrem Oheim im vergangenen October ver⸗ handelte—“ „Um Gotteswillen!“ K Sie ſtreckte abwehrend ihre beiden Hände gegen 12 180 ihn aus. Eine Verſchwörung gegen Napoleon erſchien ihr jetzt wie eine verbrecheriſche Auflehnung gegen den Rathſchluß des Himmels. „Wiſſen Sie nicht“, vollendete Bourdon mit feinem Spott,„und können Sie ſelbſtverſtändlich nicht wiſſen. Es waren Männerangelegenheiten. Aber Ihrem Oheim wird die Warnung genügen, daß alle Fäden zuletzt durch Verrath und Unvorſichtigkeit in eine Hand ge⸗ rathen ſind. Er kennt dieſe Hand. Bricht der Krieg aus, kommt der Kaiſer Napoleon wieder nach Wien, ſo möge er ſich dort nicht treffen laſſen. Lieber auf dem Schlachtfeld ſterben, als ſich gefangen ergeben.“ „Sie entſetzen mich mit dieſen Mahnungen! Warum theilen Sie Herrn Heimwald nicht Ihre Beſorgniſſe, ich bin überzeugt, Ihre übertriebenen Beſorgniſſe mit?“ „Um noch einen Unſchuldigen zu opfern?“ ent⸗ gegnete er bitter.„Wie mein Vater geopfert ward! Ihre Briefe, Madame, wird keine Hand ſich zu öffnen getrauen; von Ihnen geſchrieben, wird jede Warnung eindringlicher ſein. Verſprechen Sie mir die Erfüllung meiner Bitte. Sie iſt uneigennützig, wie Sie ſehen.“ „Ich verſpreche es Ihnen, obwohl mir das Ganze wie ein wüſter Traum vorkommt.“ 2 „Von meiner Seite iſt Alles geſchehen, um es in 181 dieſem Zuſtande des Traumhaften zu laſſen. Bei mir wird man nichts als Aſche finden.“ „Ja, mit wem habe ich es denn zu thun?“ fuhr ſie zurück.„Mit einem Verſchwörer?“ „Wie der Marquis von Gondreville und der Graf Wolfsegg. Wir nehmen einander nichts.“ Wenn es in ihrer Macht gelegen, hätte Antoinette mit dem unverhüllten Ausdruck ihres Unwillens die Unterredung gbgebrochen, aber der Arzt beherrſchte ſie ebenſo ſehr durch das, was er ſagte, als durch ſeine Blicke und ſeinen Ton. Es war etwas Herausfordern⸗ des und Anklagendes darin, daß ſie in beſtändiger Furcht ſchwebte, er möchte ihr eine ſchreckliche Belei⸗ digung:„Verrätherin! Vertraute Napoleon's!“ in das Antlitz ſchleudern. Aber er hielt an ſich und fuhr fort: „Mit dieſer erſten Bitte vereinigt ſich eine zweite, Marquiſe: daß Sie dieſen Brief in Herrn Heimwald's Hand geben wollen. Sie dürfen ohne Sorge ſein, er verbirgt nichts Politiſches in ſeinen Falten. Mir iſt der Mann, der meinem ſterbenden Vater die letzten Augenblicke verſüßt hat, zu theuer, um ihn durch die geringſte Unvorſichtigkeit meinerſeits auch nur einer Verlegenheit auszuſetzen. Iſt er doch ohnedies ſchon ſchlimmer verwickelt, als er ahnt.“ 182 „Wer Ihre Aeußerungen hört, mein Herr, muß wähnen, daß wir nicht unter Napoleon dem Groß⸗ müthigen, ſondern unter Tiberius oder Caligula leben“, ſagte ſie in überwallender Heftigkeit und gekränktem Stolz.„Herr Heimwald, Sie haben es ja ſelbſt mit angehört, iſt von dem Kaiſer mit ſo viel Huld und Güte behandelt worden—“ „Daß er ihm ewig dankbar ſein muß“, entgegnete ironiſch Benjamin.„Sie haben Recht und überſehen nur eins: daß weder Egbert noch ich, daß Ihre er⸗ lauchte Familie dieſen Knoten geſchürzt hat, den ich aufzulöſen ſuche, mit ſo wenig Gefahr für Jeden als möglich. Der Kaiſer, auch das iſt wahr, iſt kein rö⸗ miſcher Tyrann. Die Grauſamkeit liegt nicht in ſeinem Blute, und vor allem, er iſt zu kalt und zu kühl. Aber dennoch, bitten Sie Ihren Gott, daß er Sie be⸗ hüten möge, jemals Ihr Geſchick dem Herzen dieſes Mannes anzuvertrauen.“ „Ich habe eine beſſere Meinung von ihm, ich habe eine Probe ſeiner Großmuth. Sie ſprechen ab, weil Sie haſſen.“ „Ich ſpreche ab, weil ich weiß, was wir alle ihm werth ſind. Der Wurm empört ſich gegen den Mächtigen, deſſen Fuß ihn achtlos zertritt. Das iſt lächerlich, allein es iſt die einzige Befriedigung, die dem Gequälten bleibt.“ 183 „Sie hat er nicht zertreten, ſondern erhöht.“ „Um zu zeigen, daß er meinen Haß verachtet. Wir beide haben uns auf dem Schlachtfelde von Ey⸗ lau kennen gelernt. Bis dahin wußte er von mir nichts, als daß ich ein geſchickter Operateur ſei und ſeinen verwundeten Soldaten zu nützen vermöge. Dort, auf dem ſchneebedeckten Gefilde, in der eiſigen Nacht, bei einem Lagerfeuer traf er mich unter einem Haufen Sterbender und Todter. Ich war allein mit einem Gehülfen. Er ritt über das Schlachtfeld, auf weißem Roß, mit dem ſteinernen Angeſicht. Sie werden ihn nie ſo ſehen, Marquiſe. Da iſt etwas Uebermenſch⸗ liches in ihm. Hüben und drüben, ſoweit das Auge reichte, Todte und Verwundete, ein gräßliches Elend. Von ihm angeſtiftet, für ihn vollbracht! Und er ſo ruhig, klar und heiter, als ſchaute er aus unerreich⸗ barer Sternenhöhe darauf hernieder! Bei mir hielt er ſein ſchnaubendes Pferd an. Das edle Thier ſchauerte vor den Leichen, er nicht. Wie die Götter den Opfer⸗ rauch, ſo athmet er den Blutgeruch und den Pulver⸗ dampf ein.„Harte Arbeit, Bourdon“, ſagte er zu mir.„Eine harte Arbeit!“ Und ich darauf: „Wann wird endlich dieſe Menſchenſchlächterei auf⸗ hören?““ „Genug, genug!“ rief Antoinette erſchüttert. 184 „Geben Sie mir den Brief an Herrn Heimwald, ich werde ihn ſicher beſtellen.“ „Ich danke Ihnen. Außer einem kurzen Gruß enthält das Schreiben eine Mittheilung, die nur für Egbert Werth hat. Und nachdem ich mich ſo dieſer leichtern Bürden erledigt, komme ich zu der ſchwerſten, denn ſie betrifft mich ſelbſt.“ „Wenn nach Allem, was Sie mir geſagt, meine Seele noch der Neugierde fähig wäre—“ „In eigener Sache findet man ſchwer das maß⸗ volle Wort. Ich bitte im voraus um Verzeihung.“ „Sie haben mich bisher, ſollt' ich meinen, nicht wie ein Alltagsgeſchöpf behandelt und könnten meiner Gelaſſenheit verſichert ſein.“ „Nicht zwiſchen uns beiden, gnädige Marquiſe, aber zwiſchen den Häuſern Gondreville und Bourdon chwebt ſeit dem Tode meines Vaters ein Streitfall. Vor ein Gericht, wenigſtens vor ein franzöſiſches, iſt der Hader nicht zu bringen. Er muß vor dem innern Richter geführt und entſchieden werden. Wem gehört das Erbe meines Vaters?“ „Herr Bourdon“, ſagte ſie, dunkelroth im Geſicht, „Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen—“ „Daß Ihnen niemals die leiſeſte Anſpielung auf dieſe Frage entſchlüpft iſt. Ebenſo glaube ich, daß 185 Egbert nicht in Ihrem, ſondern in Ihres Vaters oder Ihres Oheims Auftrag neulich dieſen Punkt mir gegen⸗ über zur Sprache brachte.“ „Wie ich hoffe, in einer Weiſe, an der Sie nichts auszuſetzen fanden.“ „Die Angelegenheit hätte keinem beſſern Sach⸗ walter anvertraut werden können, als ihm. Doch auch der ſchlechteſte würde ſie gewonnen haben. Ehe er noch den Mund geöffnet hatte, war der Prozeß ſchon in meinem Herzen entſchieden. Die Gondreville müſſen ſich eine wunderliche Vorſtellung von den Bourdon machen, wenn ſie glauben, in dieſem Falle eines Auf⸗ rufs an unſere Uneigennützigkeit zu bedürfen. Mein Vater hinterließ mir jene Güter mit der Vorausſetzung, ſie Ihnen zurückzuerſtatten, ſobald es die Zeit erlaubte. Er träumte die Rückkehr Sr. Majeſtät Ludwig's XVIII. noch zu erleben. Darüber iſt er geſtorben. Napoleon iſt noch der Kaiſer der Franzoſen, die Gondreville ſind noch Emigranten. Was nun? Das war eine be⸗ denkliche Frage. Ich bin kein Landmann, kein Guts⸗ herr, wie es mein Vater war, ich hätte die Güter ver⸗ pachten oder verkaufen müſſen. Das Erſtere konnte ihren Werth verringern, ihren Beſtand verſchlechtern, das Zweite durfte ich nicht. Ich bin auf ein Auskunfts⸗ mittel gefallen, das jede Schwierigkeit beſeitigt, aber—“ 486 „Ich verſtehe nichts von juriſtiſchen Formeln, Herr Bourdon“, ſagte ſie trotz des kühlen Tons voll unruhiger Spannung. Er ſah ihr mit einem unbeſchreiblichen Blick in die Augen. „Nicht die Fununl. das Weſen läßt mich zaudern. Denn dies Weſen trifft das Herz.“ „Mein Herz?“ Hochmüthig, die Augenbrauen zuſammenziehend, ſchaute ſie auf. „Ich habe mir nämlich die Freiheit genommen, Madame, Ihnen jene Güter in einer unanfechtbaren Schenkungsurkunde zu verſchreiben.“ „Mein Herr, das iſt—“ „Sagen Sie nicht Beleidigung, es iſt eine Noth⸗ wendigkeit der Revolution. Ich ſchenke Ihnen Ihr Eigenthum. Das iſt die verkehrte Welt. Aber wenn Sie ſich zurückrufen wollen, daß mein Vater ſeinen Kopf und die Zukunft ſeines Sohnes daran wagte, Ihnen Ihr Schloß zu erhalten; wenn Sie bedenken, daß er in der Verfolgung dieſes Zieles durch eines Meuchlers Hand geſtorben—“ „O, Herr Bourdon, welche Erinnerungen! Sie rühren und beſchämen mich aufs tiefſte.“ „Dann“, fuhr er unerbittlich fort,„erkennen Sie -—— 187 vielleicht auch in dieſer tollen Umkehr der Wahrheit einen tiefern Sinn. Es iſt nicht die Ueberhebung, es iſt der gerechte Stolz des Plebejers, der aus dieſem Documente ſpricht. Sie ſind nicht in der Emigranten⸗ liſte aufgeführt; durch Ihre Rückkehr nach Frankreich ſind Sie in die Rechte einer franzöſiſchen Bürgerin wieder eingetreten, ohne Einſpruch des Geſetzes kann ich Ihnen mein Gut überlaſſen. Das iſt hiermit ge⸗ ſchehen. Möge dieſe Urkunde noch lange in Ihrem Hauſe ein Denkmal von der Treue Jean Bourdon’s ſein.“ In Antoinettens Bruſt kämpften zwei widerſtrebende Empfindungen. Ihr Stolz bäumte ſich auf; mit einer heftigen Bewegung, als müſſe ſie es zerreißen, griff ſie nach dem Document, das er vor ihr auf den Tiſch nieder⸗ gelegt hatte. Wieder aber erfüllte ſie das Gefühl des Edlen und Guten, das in ihr war, mit einer gewiſſen Bewunderung vor Benjamin. Die verſtändige Ueber⸗ legung miſchte ſich ein, daß dieſe Schenkung nicht nur einen ſchwierigen Streit in einfachſter Weiſe ſchlichte, ſondern ſie unmittelbar in den Beſitz der Güter ſetze und den ſo lange hoffnungsloſen Wunſch ihrer Eltern zur Wirklichkeit mache. Benjamin las den Zwieſpalt ihrer Gemüthsbe⸗ 188 wegungen und den endlichen Sieg des Verſtandes und der Verſöhnung in ihrem Geſicht. Er ſtand auf. „Mein Geſchäft iſt zu Ende, Marquiſe“, ſagte er mit ſeinem kauſtiſchen Lächeln;„ſoweit ſich die Mar⸗ quiſe Antoinette von Gondreville und Benjamin Bour⸗ don verſtändigen können, ſcheiden wir als gute Freunde.“ „Sie begreifen, Herr Bourdon, daß dies Alles—“ ſie deutete mit der Hand auf die Urkunde—„nicht von mir, daß es nur von meinem Vater erledigt werden kann. Ich würde Ihnen in ſeinem Namen danken, wenn ich nicht wüßte, daß Sie unſern Dank ver⸗ ſchmähen. Was unſere Verpflichtungen gegen Sie—“ Er wehrte ab. „Nicht doch, ich bin für meine Verhältniſſe ein reicher Mann und habe außer meinem Vermögen noch meinen Kopf und meine Arbeit. Nicht alle Reichen können auf dieſe beiden Dinge rechnen.“ „So haben Sie es denn erreicht. Ich ſtehe als Bettlerin vor Ihnen, zu arm, zu vergelten.“ „Was mein Vater für Sie gethan? Er liebte Sie, und da ich glaube, daß auch Sie ihn liebten, ſo iſt die Schuld bezahlt.“. Als er ſich vor ihr verneigte, reichte ſie ihm die Hand. „Sie haben einen ſo feierlichen Ton, Herr Bour⸗ —— 189 don, der mich ängſtigt. Die unglückſelige Eröffnung, mit der Sie die Unterhaltung begannen— Ich bin nicht das eitle, hoffärtige Mädchen, wofür Sie mich zu hal⸗ ten ſcheinen. Zuweilen findet eine Frau aus den ver⸗ hängnißvollſten Verwicklungen einen rettenden Aus⸗ weg.“ „Sie gehören zu den Auserwählten Ihres Ge⸗ ſchlechts, Marquiſe, und durch Alles, was ich Ihnen vertraut, habe ich dieſe Meinung bezeugt. Aber Sie ſind eine Ariſtokratin, ich bin ein Kind der Revolution. Da iſt nichts zu ändern. Uebrigens bin ich in keiner Gefahr. Ich verreiſe und kann die Dauer meiner Reiſe nicht beſtimmen. Wenn ich wiederkehre, dürfte hier Vieles verändert ſein. Der Kaiſer liebt es nun einmal, alljährlich mit ſeiner Krone und Frankreich gegen die übrige Welt Va banque zu ſpielen. Als ein vorſichtiger Mann habe ich mein Haus beſtellt.“ „Alſo iſt dies nicht unſere letzte Zuſammenkunft?“ „Nein“, ſagte er, ihre Hand flüchtig an ſeine Lippen ziehend.„Aber Semele wahre ſich vor dem Feuer des Zeus!“ „Verwegener!“ wallte Antoinette auf, aber der Ruf erreichte ihn nicht mehr, er hatte ſchon das Zim⸗ mer verlaſſen. Gerade als er die große Treppe des alterthüm⸗ 190 lichen ſtattlichen Hauſes hinabging, ſtieg der Ritter Vittorio Zambelli die breiten Stufen hinauf. Auf einem Abſatz der Treppe begegneten und be⸗ grüßten ſie ſich mit ausgeſuchter Höflichkeit. Einige Worte wurden gewechſelt, ohne Bedeutung, der Arzt lachte, Vittorio hatte wie immer ſeinen ſchwermüthigen Ausdruck, der ſeinem Geſicht ſo gut ſtand und zugleich ſeine Gedanken verbarg. Kaum hatte ſich Benjamin einige Schritte von dem Palaſt der Mortigny entfernt, als ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte. „Guten Tag, Benjamin! Noch nicht in Egypten?“ Es war Desronais. „Wie Du ſiehſt, nein! Du biſt böſe, daß ich auf Deine Warnungen nicht beſſer geachtet habe, aber ich konnte nicht anders. Meine Pflicht— ich bin Arzt und gehöre zuerſt meinen Kranken.“ „Aber jetzt biſt Du gerüſtet? Ich habe Dich hier erwartet, da ich Dich nicht in Deiner Wohnung traf. Höchſte Eile iſt nöthig. Vierundzwanzig Stunden ſind noch Dein. Morgen wird Dubois Dich verhaften laſſen.“ „Im Ernſt?“ „Nimm die Sache nicht leicht. Napoleon iſt in ſeinem heftigſten Zorn. Irgendeiner hat Dich bei 191 ihm verſchwärzt. Er hat Fouché“— den Namen flüſterte Desronais ſo leiſe zwiſchen den Zähnen, daß Keiner, wäre er auch noch ſo nahe an ihnen vorübergegangen, ihn verſtanden hätte—„mit ſeinen Unteroffiziersartig⸗ keiten überſchüttet. Verräther, Terroriſt ſind Schmei⸗ chelnamen geweſen. Bis in ſein Haus hätten ſich die Ideologen und Republikaner geſchlichen. Er verachte ihre Drohungen und ihre Anſchläge. Aber er ſei es Frankreich ſchuldig, Ruhe zu ſchaffen. Die Republik wie der Magnetismus, das ſeien Stichwörter für einen Charlatan. Deutlicher konnteſt Du nicht bezeichnet werden.“ Bourdon drückte ihm die Hand. „Ich danke Dir, Freund! Auch haſt Du Deine Sorge nicht ganz an einen Unverbeſſerlichen verſchwen⸗ det. Alles iſt rein bei mir.“ „Alles?“ Desronais machte mit der Hand die Bewegung des Rauchs nach, der, aus dem Rauchfang empor⸗ ſteigend, in der Luft zerflattert. „Gut. Und Du?“ „Ich denke wie jener römiſche Ritter unter Tibe⸗ rius, daß die Flucht vergeblich ſei, und will erwarten, was kommt.“ „Du biſt ein Thor. Wenn er Dich auch nicht erſchießen läßt, die Gefangenſchaft iſt das härteſte Uebel, das uns treffen kann.“ „Höre mich an. Fliehe ich, ſo erkläre ich mich ſelbſt für ſchuldig. Nachforſchungen werden angeſtellt, die Freunde verdächtigt und eingezogen. Seine Diener werden mich wie ein Wild durch Europa hetzen. Wer weiß, ob ich in St.⸗Petersburg ein Aſyl fände. Ich bin kein Weltwanderer, mich reizt das Abenteuer nicht. Bleibe ich, ſo wirft er mich ins Gefängniß.“ „Du ſcheinſt die Kerkerluft für ſehr geſund zu halten.“ „Viele ſind ſiebzig Jahre in ihr alt geworden. Und dann, ich trotze ihm!“ 3 „Aha, der Stoiker!“ „Ja, er ſoll mich nicht einen Feigling ſchelten. Auch habe ich einen Bundesgenoſſen, den Krieg. Der Zufall iſt blind wie die Kugel.“ „Wenn das Deine Hoffnungen ſind, ſo wappne Dich mit Geduld. Indeß, ich wache über Dich. Gitter ſind zerbrechlich und alle Mauern überſteigbar.“ „Und Du haſt nichts zu fürchten?“ „Ich bin eine Fliege für den Adler, eine Ameiſe für den Elephanten, ich ſchlüpfe überall durch und werde auf ihren Leichen triumphiren.“ „Wache über den jungen Deutſchen, treibe ihn zur Abreiſe.“ 193 „Ich werd's. Und noch einen Andern behalt' ich im Auge.“ „Den, der vorhin zu den Mortigny hinaufging?“ Desronais nickte. „Das iſt unſer Mann. Ich will verdammt ſein, wenn er Dir nicht dieſe Suppe eingebrockt hat.“ „Kann ſein. Aber er wird ſich über den Anſtand wundern, mit dem ich ſie auseſſe.“ „Und noch mehr über die Rechnung, die ich ihm dereinſt dafür ſtellen werde.“ „Leb' wohl! Auf Wiederſehen!“ An einer Straßenecke trennten ſie ſich mit einem Handdruck, verſchiedene Wege einſchlagend. Antoinette hatte ſich von ihrem Erſtaunen, von der Verwirrung, in die ſie die Reden und das ganze Auftreten des Arztes geſtürzt, noch nicht erholt, als ihr ein Diener die Nachricht von der Anweſenheit des Ritters Zambelli bei ihren Verwandten brachte. Die Vorſicht Vittorio's, ſich zunächſt bei dem Grafen und der Gräfin Mortigny melden zu laſſen, kam ihr nun zu gute. Eine Friſt der Sammlung war ihr gegönnt. In welcher Beſtürzung würde er ſie ſonſt überraſcht haben! Neulich, auf einem großen Feſte, wo ſie ihm zum erſten Male in Paris begegnet war, hatte ſie ihn mit Frenzel, Lucifer. III. 13 einer gewiſſen Aengſtlichkeit vermieden und, da ſie bei ſeiner Hartnäckigkeit, ſich ihr in den Weg zu ſtellen, nicht umhin gekonnt, einige Worte mit ihm zu wechſeln, durch die Kälte ihres Tons und die Strenge ihres Blicks ihn in ehrerbietiger Entfernung gehalten. Dieſe Härte war nur künſtlich, ſie ſchämte ſich vor ihm. Wie ſtolz hatte ſie ſich in Wien, als es ſich um ein Spiel müßiger Gedanken und Möglichkeiten handelte, gewei⸗ gert, am Hofe der Tuilerien eine Rolle zu ſpielen! „Und jetzt iſt es dein Ehrgeiz, hier die erſte zu ſpielen“, hörte ſie ihn ſagen. Wie unlauter auch die Beweggründe ſein mochten, die den Ritter zu Napoleon geführt hatten, dieſen einen Vorzug hatte er vor ihr, daß er ſtets ſeine Vorliebe eingeſtanden. Er war nur der Stimme ſeines Herzens gefolgt, ſie hatte weder Muth noch Recht, ihm Verrath vorzuwerfen. War ſie nicht bereit, einen viel ſchlim⸗ mern Verrath zu begehen, als er je einen bedacht und vollendet? Mit einer Röthe auf der Stirn kam ſie zu ihren Verwandten hinüber. In ſeiner leichten einſchmeichelnden Weiſe hatte Vittorio den alten Grafen wie im Sturm erobert. Ohne ſich das Geringſte zu vergeben, konnte er den ariſtokratiſchen Neigungen und Thorheiten der Mor⸗ 195 tigny das Wort reden; er ſelbſt war von altem Adel. Seine genaue Bekanntſchaft mit den Gondreville diente ihm zur weitern Empfehlung. Die eintretende Antoinette begrüßte er ehrfurchts⸗ voll und doch mit einer leiſen Wendung, die auf ein vertrauteres Verhältniß zwiſchen ihnen ſchließen ließ. Sie duldete es; ſo Auge in Auge mit ihm, wagte ſie keine ſchroffe Zurückweiſung. Auch enthielt ſich Vittorio jeder Bewegung, jedes Lächelns, das ſie für eine Her⸗ ausforderung hätte nehmen können. Ihm genügte es, dieſe ſtolze Schönheit verwirrt vor ſich zu ſehen. Den ſchärfſten Pfeil hielt er noch im Köcher zurück. Wie mächtig ihr Anblick auch das Gefühl leidenſchaftlicher Liebe wieder in ihm belebte, er hatte die Erfahrung gemacht, daß er Antoinettens Herz nicht durch Zärt⸗ lichkeit gewinnen würde. Erſt mußte er einen Neben⸗ buhler daraus verdrängen, Rache und Eiferſucht ſollten der Liebe die Bahn ebnen. Daß ſchon der Schatten eines Größern das Bild des Mannes verfinſterte, den er haßte und fürchtete, ahnte er nicht. Gleich ſtark empfanden beide das Bedürfniß, allein zu ſein und ſich auszuſprechen. Peinlicher als Alles, was ſie ſich ſagen konnten, fiel ihnen dies Schwei⸗ gen, dieſe lauſchende Beobachtung, in der ſie gegenſei⸗ tig aus ihren abgewogenen Worten einen geheimen 45* 196 Sinn zu ziehen ſuchten. Antoinette verſtändigte ſich leicht mit ihren Verwandten; unter dem Vorwand, daß ſie ſelbſt einen Beſuch erwidern müßten, der ſich nicht aufſchieben ließe, gingen der Graf und die Gräfin Mortigny. „Endlich!“ ſagte Vittorio— aus dem Nebenzim⸗ mer war noch das Geräuſch der ſich Entfernenden ver⸗ nehmlich— mit dem Ausdruck der Liebe.„Ich danke Ihnen. Die Anſtrengung war zu groß. Länger hätte mein Herz ſein Entzücken, ſeine Bewunderung nicht zurückgehalten, oder ich hätte ſcheiden und eine Gunſt des Zufalls verlieren müſſen, die ſich ſo nicht wieder⸗ holt.“ „Bei der Freundſchaft, die uns verbindet, Herr Ritter“, entgegnete ſie,„doch eine unnöthige Sorge! Meine Thür iſt Ihnen nicht verſchloſſen.“ „Nach dem, was man ſich in allen Salons, auf allen Straßen erzählt—“ „Was denn?“ „Von dem Kriege mit Oeſterreich. Ach, wie be⸗ rechtigt iſt meine Beſorgniß, daß Ihre Stunden in Paris gezählt ſind!“ „Ich denke noch nicht an die Abreiſe“, meinte ſie ausweichend.„Unſer Geſandter, Graf Metternich, hofft auf die Wiederherſtellung des Friedens.“ 197 „Er täuſcht nur die Andern. Wie kann er glau⸗ ben, daß ſich der Kaiſer wird einſchläfern und unge⸗ rüſtet überfallen laſſen!“ „Was auch geſchieht, mich feſſelt eine heilige Pflicht an dieſen Boden, das Schickſal meines Bruders. So⸗ lange ich darüber nicht beruhigt bin, den Befreiten nicht in meinen Armen gehalten—“ „Jeder wird dieſen Vorſatz billigen“, kam er der Vollendung ihres Satzes zuvor,„der Marquis und die Marquiſe zuerſt. Die Schweſter gibt den Eltern den verlorenen Sohn wieder. Ein herrliches rührendes Bei⸗ ſpiel der Geſchwiſterliebe! Als ſolches rühmt es der Kaiſer. Das iſt mehr als Méhul's Oper, ſagt er. Die Wirklichkeit beſchämt die Dichtung.“ „Der Kaiſer iſt ſehr gnädig, er überſchätzt das Verdienſt meiner Handlung.“ „Nein! Sein großes Herz macht ihn nur empfäng⸗ licher für hohe Thaten und Geſinnungen. Wie ſehr wird die Welt über dieſen Mann getäuſcht!“ „Sie ſind mit ihm zufrieden, alſo auch er wohl mit Ihnen?“ „Ich habe niemals meine Bewunderung ſeines Genius zurückgehalten. Auch nicht in Wien, wo es gefährlich war, ihn zu loben.“ „Gefährlich? Doch nicht für den Ritter Zambelli?“ 198 „Gerade für den, denn Sie waren ſeine Gegnerin.“ „Um ſo ſtolzer müſſen Sie ſich heute fühlen. Sie ſehen mich als Beſiegte. Ich geſtehe es, die Vorurtheile meiner Erziehung, meiner Umgebung hatten mir ein häßliches Bild gemalt. Einem tyranniſchen Uſurpator glaubte ich zu begegnen, ein Mann iſt mir entgegen⸗ getreten, in dem ſich Cäſar und Auguſtus, die größte Kraft und die bezauberndſte Liebenswürdigkeit vereinigt zu haben ſcheinen, um Europa zu unterwerfen.“ „Es gilt alſo nicht mehr als Verrath“, meinte er lächelnd,„Sie am Hofe Napoleon's des Großen in der Stellung zu wünſchen, die ſo großer Schönheit und ſo vielem Geiſte gebührt?“ 3 „Ich nehme gar keinen Rang ein, ich bin eine Fremde.“ „Eine Fremde? Iſt dies ſtolze herrliche Frankreich nicht Ihr Vaterland? Welch ein Anrecht, welchen Theil hat das kalte düſtere Deutſchland an Ihnen? Hierher wieſen Sie von jeher Ihre Sterne. Wir beide, wenn Sie mir dieſe Zuſammenſtellung erlauben, ſind trotz unſerer deutſchen Mütter Kinder des Südens; wir wären in Deutſchland verkümmert und erfroren. Hier darf ſich die Leidenſchaft frei entfalten, keine Schranke hemmt den Genius. Es iſt erlaubt, das Höchſte und Kühnſte zu begehren, des Kaiſers Beiſpiel ermuntert 199 dazu. Seine Marſchälle träumen von Herzogthümern, Königreichen. Ich wenigſtens, ich fange erſt unter ſeiner Sonne wahrhaft zu leben an!“ Seine Worte ſprachen nur aus, was Antoinette ſich ſelbſt zu bekennen noch nicht gewagt hatte. „Wenn ich Sie recht verſtehe“, ſagte ſie,„haben Sie Ihr Schickſal an das des Kaiſers gekettet?“ „Ich habe ihm meine Dienſte zu Füßen gelegt. Als halber Italiener bin ich überdies ſein Unterthan. Aber ſolche äußerliche Pflichten, die wir nicht freiwillig, nicht mit Bewußtſein eingegangen ſind, binden keinen Mann von Kopf und Herz. Ich bin freiwillig, mit Ueberlegung, ſein Vaſall geworden und rühme mich deſſen.“ „Ihre Hoffnungen fliegen hoch.“ „Sie enden hier“, meinte er abgebrochen, mit einer bezeichnenden Handbewegung nach Antoinetten hin.„Das letzte Ziel meiner Wünſche ſteht über des Kaiſers Macht, Sie wiſſen es wohl. Was ich an ſeiner Seite ſuche, iſt mehr Stillung meiner Unruhe und meines Thatendranges als wahrhafte Befriedi⸗ gung. Ich gehöre zu den Ungenügſamen; zuweilen iſt es mir, als würde mich ſelbſt eine Königskrone nicht zufriedenſtellen. Eitle Thorheit, die ich vor jedem An⸗ dern verbergen würde— vor Ihnen brauche ich es nicht; Sie haben auf den tiefſten Grund meines Her⸗ zens geblickt.“. Hegte er im Ernſte noch den frühern Wahn, ihre Liebe und ihre Hand zu erringen? Dann war er frei⸗ lich zu dieſer Stunde weiter als jemals von der Er⸗ reichung ſeines Wunſches entfernt. „Ich glaubte, Herr Ritter“, entgegnete ſie mit vor⸗ nehmer Kühle,„es gäbe gewiſſe Dinge, die wir am beſten beide vergäßen.“ „Auch will ich Sie nicht an jenen ſchmerzlichſten Augenblick meines Lebens erinnern, Gnädigſte. Da⸗ mals habe ich für alle kommenden Tage auf Glück und Ruhe verzichtet. Der Tumult des Kriegs, die Auf⸗ regung politiſcher Geſchäfte werden mich in ihrem Wir⸗ bel hin und her treiben, ohne Raſt und ohne Wahl. Sie gewähren kein Glück, aber ſie täuſchen mich über die Leere und Oede des Daſeins. Was ich nie be⸗ ſeſſen, ich werde es ewig entbehren und niemals ver⸗ ſchmerzen.“ Er verſtand es, dem leiſen ſchäuſpieleriſchen Pa⸗ thos, das in ihm war, den Klang der Wahrheit und echter Empfindung zu geben. Dabei kochte in ſeinem Innern die Wuth. Wie in Wien wies ſie ihn auch hier ſpröde ab. „Immer dieſer Wolfsegg“, ſagte er bei ſich. 201 Aber er war nicht mehr waffenlos wie an jenem Abend, wo ſie vor ihm in die Arme ihres Oheims geflohen war. Konnte er ihre Liebe nicht gewinnen, wollte er ſich doch an dem Schauſpiel geſättigter Rache weiden. „Wie oft“, antwortete ſie auf ſeine letzten Aeußerun⸗ gen,„werfen wir uns unluſtig in eine Arbeit, die nach kurzem Verlauf unſer Vergnügen wird! So ſelten weiß der Menſch, wo das wahre Glück für ihn blüht, daß er es am ungeeignetſten Orte mit der größten Hart⸗ näckigkeit ſucht.“ Wie er ſeine Neigung, kleidete ſie ihre Ablehnung in durchſichtige allgemeine Bemerkungen. Schnell griff er ihre Worte auf. „Am ungeeigneten Orte! Jawohl! Die Klügſten, die Verſtändigſten irren vom Wege ab, dem Sumpfe zu, von einem Irrlicht, von der ſeltſamen Pracht einer aus dem feuchten Grunde aufſteigenden Pflanze ver⸗ lockt. Zur Entſchuldigung ſprechen wir von der Un⸗ bezwinglichkeit der Leidenſchaft, der Unbändigkeit der Jugend. Aber der erſchütternde Eindruck weicht nicht aus dem Gemüth. Auch Sie werden noch darunter leiden. Der Graf Wolfsegg—“ „Was iſt mit meinem Oheim?“ fragte ſie.„Iſt ihm irgend ein Unglück zugeſtoßen?“ 202 Zitternd gedachte ſie an die halben Enthüllungen Benjamin's. Wenn die Verſchwörung weiter gegangen, als der Arzt behauptet, wenn die Franzoſen einen Ge⸗ waltſtreich gegen Wolfsegg gewagt, ihn gefangen fort⸗ geführt! Einem Napoleon galt und war Alles er— laubt. Die Schatten Enghien's, Palm's tauchten auf. Der Ritter ſpielte den Erſtaunten, Beſtürzten. Was hab' ich da gemacht! ſchien ſeine Miene zu ſagen. „O dann Vergebung, Marquiſe! Sie ſind nicht davon unterrichtet! Aber es iſt nicht meine Schuld, nicht mein Vorwitz. Dieſe Angelegenheit hat in der That nur für die Freunde, für die Familie des Grafen Bedeutung, ſodaß ich annehmen mußte, ſie wäre Ihnen längſt bekannt.“ Sein Schweigen, ſeine ausweichende Haltung mach⸗ ten Antoinette noch dringender. Endlich ließ er ſich von ihr ſein Geheimniß ent⸗ reißen: das Abenteuer mit der Sängerin. „Und Sie ſchließen aus dem Allem?“ fragte ſie, als er innehielt, gleichſam um ihr Gelegenheit zu geben, ſelbſt die Geſchichte zu deuten. „Nichts Beſonderes, wenn es ſich nicht um den Grafen Wolfsegg handelte. Daß ein junger munterer Cavalier eine Liebesverbindung mit einem Mädchen —=— 203 während ſeines Aufenthalts in Paris hat, daß er ihr die Ehe verſpricht: es ſind Geſchichten kaum der Er⸗ innerung werth. Sie erneuern ſich an jedem Tage und verſinken mit ihm. Aber, ich geſtehe es, in dem Bilde des Grafen iſt dies ein eigener Zug, beinahe zu gemeinmenſchlich für den ſtrengen Philoſophen der Pflicht und der Entſagung.“ Es gelang Antoinetten nicht, ſich aus ihrer Be⸗ ſtürzung zu erheben. Vittorio ſah die Wunde bluten, die ſein Pfeil ver⸗ urſacht. Beim Abſchied bebte ihre Hand in der ſeinigen. Aber er ahnte nicht, daß der Sturz des Ideals einem Andern zu gute kommen würde. Wenn die Rache das Vergnügen der Götter iſt, er hatte ſie genoſſen; allein das Schickſal ſpeiſte ihn tückiſch mit dem bloßen Schein ab; die Frucht der Rache, von der er träumte, ſollte ihm nicht zufallen. Noch lange, als er gegangen, ſaß Antoinette un⸗ beweglich, vor ſich hinſtarrend in ihrem Seſſel. In ihrem Herzen wühlten Zorn und Verachtung. Etwas wie tiefſter Widerwille gegen die Männer ſtieg darin auf. Jawohl, es war gemein, daß ein Cavalier ſich eine Geliebte hält, ſie täuſcht, ihr Kind raubt, es unter 4 A 1 —— ——— 204 anderem Namen erziehen läßt— nur dem Oheim hätte ſie es nicht zugetraut. Dieſer eigene Zug, wie Vit⸗ torio geſagt, verwiſchte ihr ſein ganzes Bild. Dieſer ſo aufrichtige Charakter hatte eine heimliche Falte, ſeine Sittenſtrenge einen häßlichen Flecken. Und dieſer Mann, der nicht beſſer und würdiger war als die andern, hatte einen Augenblick in ihrem Herzen die Wage gegen den Imperator halten können? Sie hatte die Stimme ihres Gewiſſens, das ſie zur Rückkehr aufforderte, be⸗ ſchwichtigen müſſen! Wem hatte ſie ihre Hoffnungen zum Opfer bringen, wem zu Liebe ein weltverſcholle⸗ nes Leben führen wollen? Einem, dem ſie gleichgültig war, der ſie vielleicht wegwarf, wie vor Jahren dieſe Athenais. Nimmermehr! rief es in ihr. Ihr ganzer Stolz empörte ſich gegen die Hand⸗ lungsweiſe Wolfsegg's. Unwillkürlich fachte der Wunſch, in Paris zu bleiben und eine läſtige Feſſel abzuſtreifen, die Flammen dieſes Unwillens immer höher an. Um vor ſich ſelbſt gerechtfertigt dazuſtehen, vergrößerte ſie eine Schuld, die nicht gegen ſie begangen worden war. So ſaß ſie noch, als ihre Couſine mit geheimniß⸗ vollem Lächeln zu ihr trat und ihr ein Käſtchen über⸗ reichte. Es kam aus den Tuilerien. Haſtig, erſchrocken öffnete es Antoinette. 205 Von einer Schnur Perlen umſchlungen lag darin ein Papier. Als Antoinette den Brief auseinanderge⸗ faltet, hätte ſie beinahe das Käſtchen mit ſeinem In⸗ halte fallen laſſen. Mit einem lauten Aufſchrei ſank ſie ihrer Verwandten um den Hals. Das Schreiben war von ihrem Bruder. Er war frei. Fünftes Kapitel. „Reiſen Sie, ſobald Sie können“, hatte Metternich vor einigen Tagen zu Egbert geſagt.„Es iſt immer ein guter Wind, der uns zum Vaterlande heimtreibt.“ Als Egbert dann aus dem Palaſte der öſterreichi⸗ ſchen Geſandtſchaft getreten war, hatte ſich ein Unbe⸗ kannter an ihn gedrängt und ihm zugeflüſtert: „Gehen Sie nicht zu Bourdon, er iſt vor zwei Stunden verhaftet worden; man wird Ihnen Mitthei⸗ lung nach Ihrer Wohnung ſenden.“ Ehe er ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, war der Warner verſchwunden. Doch befolgte Egbert den ihm ertheilten Rath, er konnte nur von einem Freunde, wahrſcheinlich von Desronais, herrühren. Die Nachricht erſchütterte ihn auf das tiefſte. Nun erklärte 207 ſich das ſeltſame Benehmen Benjamin's während der letztvergangenen Tage. Sorgſam hatte er es vermieden, ſich öffentlich mit dem Freunde blicken zu laſſen. In ſeinen Reden war er bitterer und kürzer als je geweſen. Ein Brief ohne Unterſchrift in ſeiner Wohnung belehrte Egbert über die Gründe der Verhaftung: man ſei einer Verſchwörung gegen den Kaiſer auf die Spur gekommen, Bourdon ſolle darum gewußt haben. Eine Anſpielung auf den Opal mit dem Adler war nur für Egbert verſtändlich und bedeutungsvoll. Sie zeigte auf die Hand, welche nach der Meinung des Schrei⸗ bers die Drähte dieſes unheimlichen Spuks gelenkt. Das Wort: Vorſicht! mit dem der Brief ſchloß, war nicht umſonſt. Der lange angeſammelte Haß Egbert's gegen den Ritter floß über. In ſeiner erſten Entrüſtung wollte er Vittorio zur Rechenſchaft ziehen; er tadelte ſeine Unentſchloſſenheit damals in der Kugel zu Wien, wo er wohl den gefährlichen Mann hätte anhalten und für immer unſchädlich machen können. Sollte er ihn noch weiter ſein Spiel treiben laſſen, ruhig zuſehen, bis auch er von der Rache des unverſöhnlichen Welſchen erreicht werde? War es nicht vorzuziehen, in einem Kampfe auf Tod und Leben den ganzen Streit aus⸗ zufechten und zu beendigen, ehe Vittorio einen neuen 208 Streich führen konnte, der ſich diesmal unmittelbar gegen Egbert und den Grafen Wolfsegg richten mußte? In den lichten Augenblicken, welche die Pauſen zwiſchen den Fieberanfällen der Sängerin ließen, hatte ſie Egbert, der wachend an ihrem Bette ſaß, mehr aus Herzensangſt als mit vollem Bewußtſein, ſo viel aus ihrer Vergangenheit geſtanden, um ihm Klarheit in dieſem Schauſpiel der Verirrung zu verſchaffen. Hielt ſie ihn doch in ihren Phantaſien bald für den Retter und Beſchützer ihrer Tochter, bald für ihren eigenen Schutzengel. Aber was er ſo erfuhr, das wußte Vit⸗ torio ohne Zweifel bereits. Sein Spürſinn hatte ihn ſicherlich aus den erſten Reden und Fragen der Sängerin bei jenem Feſte den Zuſammenhang errathen laſſen. Er hatte das Ge⸗ heimniß des Grafen und das Lebensglück Magdalenens in der Hand. 4 Je friedlicher Egbert war, um ſo lauter fühlte er ſich diesmal zum Kampf aufgerufen. Hier ſchien einer jener Fälle vorzuliegen, wo auch der Friedfertigſte zur Waffe greifen muß. Im Kleinen wiederholte ſich zwi⸗ ſchen ihm und Vittorio der Zwieſpalt und die Kriegs⸗ nothwendigkeit, die Napoleon und Oeſterreich gegen einander führten. Die Herrſchaft des Imperators ſchloß für jeden andern Staat Ruhe und Freiheit aus; 209 das Daſein Vittorio's raubte Egbert's Leben den Frie⸗ den und die Sicherheit. In dieſer Ueberzeugung würde er ohne den zur Vor⸗ ſicht mahnenden Brief den Ritter zum Zweikampf heraus⸗ gefordert haben. Weder die Piſtole noch den Degen des Gegners fürchtete er. Zwiſchen den Zeilen aber las er von andern Gefahren. So gut wie in der Kuge. konnte Vittorio auch hier die Herausforderung ablehnen. Als er den Brief im Kamin verbrannte, mußte er über ſich ſelbſt den Kopf ſchütteln. Handelte er nicht wie ein Verſchwörer? Wohin war er gerathen? Aus der Stille ſeiner kunſtgeſchmückten Wohnung, aus dem Frieden ſeines Gartens in den Lärm und die Menſchenflut der Straße, in den Strom der Ereig⸗ niſſe. Allem politiſchen Treiben hatte er fremd, kalt und beinahe feindlich gegenübergeſtanden; jetzt war er von der Bewegung erfaßt worden und wurde hin und her geſchleudert. Vor dem Kaiſer wie vor den Repu⸗ blikanern Frankreichs hatte er ſeine deutſche Geſinnung und Art bekennen und vertheidigen müſſen; geſtern noch mit dem Wort, mußte er es morgen vielleicht ſchon mit dem Schwerte thun. Dieſen galt er als ge⸗ wandter Unterhändler, jenen als Verſchwörer. Solche Behauptungen waren übertrieben, allein konnte er ihnen eine gewiſſe Wahrheit beſtreiten? Frenzel, Lucifer. III. 14 210 Wider ſeinen Willen in dieſe Verwicklungen ge⸗ zogen, hatte er der Politik allmälig Eifer und Theil⸗ nahme gewidmet. An das Geſchäft, das er als läſtige Pflicht übernommen, hatte er ſeines Geiſtes beſte Kräfte geſetzt. Was er nur als eine Nebenabſicht ſeiner Reiſe nach Paris betrachtet, die politiſchen Verhältniſſe der großen Nation kennen zu lernen, war nach und nach zum Hauptzweck geworden. Anders, als er ſie ſich ausgemalt, hatte er ſie ge⸗ funden. Statt der einſtimmigen Bewunderung für den Kaiſer erfuhr er nichts als Klagen und Abneigung Man freute ſich in prahleriſcher Weiſe der Siege, aber man haßte den Urheber des Kriegs. Seine Conſcrip⸗ tionen waren der Schrecken des Landvolks. Vom Hofe aus hatte ſich das Gift der Selbſtüberhebung und der Kriecherei vor dem Höhern bis in die tiefern Schich⸗ ten des Volkes verbreitet. Der Kaiſer mochte ein Rö⸗ mer ſein, ſeine Höflinge und ſein Volk aber glichen den Freigelaſſenen und den Sklaven. Die edelſten Franzoſen beklagten den doppelten Verfall ihres Va⸗ terlandes; die Revolution hätte ihren geiſtigen und künſtleriſchen Aufſchwung gelähmt, ihnen aber dafür die politiſche Laufbahn erſchloſſen, eine Bahn, an deren Endziel die höchſten Güter der Menſchheit winken: die Freiheit, das Glück und die Wohlfahrt Aller, in der 211 die größten Kräfte im Wettkampf ſich erproben könnten. In der allgemeinen Verwirrung, vor den Greuelthaten des Geſindels, das ſich zum Gebieter Frankreichs auf⸗ geworfen habe, ſei der Ruf nach einem Waſhington erſchollen. Aber nicht ein Waſhington, ein Cäſar ſei auf die Bühne getreten, und während er die Pforten des Janustempels weit geöffnet habe, ſei die Pforte des Muſentempels zugeſchlagen und die Roſtra zerbro⸗ chen worden. Wie keine Bücher, gäbe es keine poli⸗ tiſche Beredtſamkeit mehr in Frankreich; die alte geiſt⸗ volle franzöſiſche Geſellſchaft, das Salz der Erde an⸗ derthalb Jahrhunderte hindurch, ſei taub und todt und das Morgenroth der neuen Freiheit vom Pulver⸗ dampf und von den Rauchwolken brennender Städte verdüſtert.. Egbert's Beobachtungen beſtätigten dieſe Urtheile. Bon der mächtigen Bewegung der Geiſter, welche in Deutſchland neue Ideale für die Kunſt, das Leben und den Staat zu ſchaffen ſuchte, war hier nicht eine Spur zu entdecken. Er verglich dieſe heftigen Partei⸗ feindſchaften und Zerklüftungen, die, ſo oft unterdrückt, ſich immer wieder erhoben, mit der Einmüthigkeit der Oeſterreicher, der Preußen, die, alle eines Herzens, ih⸗ ren Fürſten getreu, die Stunde herbeiſehnten, wo ſie das Joch des fremden Eroberers abſchütteln würden. 14* 212 Wie Recht hatte doch der Graf Wolfsegg gehabt! Was aus der Ferne geſehen als ein gewaltiger Rie⸗ ſenbau, auf unerſchütterlichen Quadern ruhend, mit ſeinem adlergekrönten Giebel die Wolken berührend, aufragte, dies Napoleoniſche Weltreich verwandelte ſich in der Nähe zu einer phantaſtiſchen Schöpfung. Es war etwas von jener Luftſpiegelung darin, von der die aus Egypten heimgekehrten Krieger mit einer Art ſchaurigen Entzückens noch jetzt erzählten. Nicht auf dem feſten Boden der Erde ruhte dies Reich, es ſchwebte gleichſam auf dem Waſſer, in den Wolken; ein Sturm, ein Wellenſchlag, und es war dahin wie ein Traum, wie ein Märchen. Mitten unter den Vorbereitungen zu ſeiner Rück⸗ reiſe— nun war auch noch ein Brief des Grafen ge⸗ kommen, der ſie ihm empfahl— überraſchte Egbert der Befehl des Kaiſers, ſich den nächſten Morgen in den Tullerien einzuſtellen. „Um halb zehn? Zu ſeinem Frühſtück?“ ſagten ihm einige Bekannte, denen er davon geſprochen.„Das iſt eine ſeltene Ehre.“ Den Jüngling machte ſie nur verlegen und be⸗ fangen. So glücklich ſie auch für ihn abgelaufen war, er konnte der Unterhaltung mit Napoleon in Malmai⸗ ſon nicht ohne Schauer gedenken. Er kam ſich wie 213 ein Zwerg neben einem Rieſen vor, und ſelbſt die Bild genügte nicht annähernd, das Gefühl ſeiner Ohn⸗ macht und Zerknirſchung auszudrücken. Es war nicht die gemeine Furcht, die ihn erſchütterte, es war die Schickſalsmacht, die ihm aus Napoleon's Antlitz ent⸗ gegenſtarrte. Zur beſtimmten Stunde war er im Vorgemach des Kaiſers. Der Kammerherr betrachtete verwundert den ſchlichten jungen Mann, dem eine ſolche Ehre zu Theil geworden war. Zur Zeit ſeines Frühſtücks pflegte Napoleon nur mit ſeinen Vertrauteſten, mit berühmten Gelehrten und Künſtlern, mit ſeinen Günſtlingen zu reden. „Der Kaiſer will Sie allein ſprechen, Herr Heim⸗ wald“, ſagte der Kammerherr.„Ich gehe, Sie zu melden.“. Während er den rothſammtenen, mit goldenen Bienen beſäeten Vorhang der Thür, die zu den Ge⸗ mächern des Kaiſers führte, in die Höhe hob, näherte ſich von der entgegengeſetzten Thür, durch die man in den Vorſaal trat, der dort wartende Kammerdiener, dem Jeder ſeinen Namen zu nennen hatte, Egbert und ſchob ihm haſtig, den Finger auf dem Munde, ein Blättchen zu. 214 Egbert las die Worte: „Laſſen Sie ſich nicht einſchüchtern. Nichts von Benjamin. Nachher Sperlingsgaſſe Nummer drei. Jo⸗ ſeph in Egypten.“ Gerade hatte er noch Zeit, den Zettel zu verber⸗ gen, als der Kammerherr wieder erſchien und ihm winkte, vorzugehen. In ſteifer Haltung ſtand der Kammerdiener wie⸗ der auf ſeinem Poſten; in ſeiner Ueberraſchung hatte Egbert ihm nicht einmal in das Geſicht geſehen. Noch zwei Säle hatte er zu durchſchreiten, ehe er in das Zimmer des Kaiſers kam. Err ging halb wie ein Nachtwandler. Erſt als er den Kammerherrn ſeinen Namen ausſprechen hörte, machte er mechaniſch die vorgeſchriebenen Verneigungen und richtete ſich dann ſtraff und ſtarr in die Höhe. Mit übereinander geſchlagenen Armen ſtand Na⸗ poleon ſeitwärts, ihm beinahe ganz den Rücken zu⸗ kehrend, in der Nähe des Fenſters, vor einem Tiſch, auf dem eine Karte ausgebreitet war. Er hielt den Kopf auf die Bruſt geſenkt, wie in Gedanken. Am Kamin, in dem die Kohlen glühten, auf einem kleinen, mit weißem Tafeltuch bedeckten Tiſch von Aca⸗ jouholz war das Frühſtück hergerichtet. Im Hofkleide, den dreieckigen Hut unter dem Arm, hielt ſich der Präfect 215 des Palaſtes, Bauſſet, daneben, der Befehle des Herrn gewärtig. Sonſt war Niemand in dem Zimmer. Die Tapeten, die Bezüge der Seſſel, die Vorhänge waren grün. Vielfach kehrte der Adler mit ausgebrei⸗ teten Flügeln, der im Schnabel den Lorbeerkranz, in der Mitte das kaiſerliche N, hält, als Schmuck der Thüren, über den Fenſtern, auf der Uhr, die das Mar⸗ morgeſims des Kamins zierte, wieder. Ueberall auf den Tiſchen lagen Karten, Bücher, Papiere. Selbſt wäh⸗ rend der kurzen Minuten ſeines Frühſtücks ruhte der Geiſt und die Thätigkeit Napoleon's nicht behaglich aus. Egbert hatte Muße, ſich umzuſchauen. Der Kaiſer ſchien ſich nicht um ihn zu kümmern, der Präfect rührte ſich nicht. Endlich warf Napoleon einen Blick von ſeiner Karte nach ihm hin. „Ah, Sie da, Herr Heimwald!“ Er war wie immer in Uniform, aber ohne Degen und ohne Ordensband. Langſam drehte er ſich um. „Ich komme aus Ihrem Lande“, ſagte er und legte die Hand auf die Karte.„Von der Donau. An dieſem Strom werden die Schlachten des nächſten Krie⸗ ges geſchlagen werden. Man täuſcht ſich in Wien, 216 wenn man glaubt, mich überfallen zu können. Wie der Blitz werde ich unter ihnen ſein. Ich werde mein Hauptquartier in Wien haben. Kennen Sie die Um⸗ gegend Wiens genau? Gagten Sie nicht, daß Sie aus Wien gebürtig ſeien?“ „Ich bin es, Sire, und kenne auch die Umgegend meiner Vaterſtadt, nur—, „Was?“. „Ich habe dieſelbe nie als Soldat betrachtet, Sire.“ „Treten Sie heran. Iſt die Karte richtig ge⸗ zeichnet?“ Es war eine große Karte des Donaulaufs von der baieriſchen Grenze bei Paſſau bis nach Pres⸗ burg hin. „Soweit ich ein Urtheil darüber habe, ja, Sire.“ „Ich ſehe da unterhalb Wien mehrere Inſeln in der Donau, nach dem Marchfelde zu. Wie heißt die größere hier?“ „Die Lobau, Sire.“ „Feſter Boden oder Sumpf?“ „Viel Wald; meiſt Unterholz. Und meines Wiſſens ohne Dörfer und wenig bewohnt.“ „Sie haben ein Wohnhaus in Wien?“ „In der Vorſtadt Landſtraße, Sire, und ein kleines Gut bei Schönbrunn.“ ͤͤͤͤͤͤͤõôõôò 217 „Da werden wir bald Nachbarn ſein“, warf der Kaiſer mit eigenthümlichem Lächeln hin.„Ich habe gehört, Sie wollen Paris verlaſſen?“ „Geſchäfte rufen mich zurück, Sire.“ „Und Sie ſind befriedigt von Ihrem Aufenthalt? Ihre Studien haben einen guten Fortgang genommen? Die Deutſchen ſind ein fleißiges, arbeitſames Volk, ihre Jugend gefällt ſich nicht wie die franzöſiſche in entnervenden Vergnügungen, in hohlem Geſchwätz und politiſchen Tollheiten. Sie ſtudirt, ſie lebt unter den Büchern, ſie iſt gehorſam. Das ſind Eigenſchaften, die ich hochachte. Sie haben ſich in den Muſeen, in den Bibliotheken umgeſehen?“ „Nur um den Schmerz des Abſchieds um ſo bitterer zu empfinden; zu wenig für den Wunſch, zu viel für die Ruhe meines Herzens. Immer wird mich eine Sehnſucht zu den Schätzen der Wiſſenſchaft und Kunſt, die Eure Majeſtät hier vereinigt haben, zurückziehen. Das Paris Napoleon's hat das Rom Trajan's wieder erneuert.“ „Trajan war glücklicher als ich. Wenn er an den Grenzen leichte Siege über die Barbaren, über die Dacier und die Parther, errang, vergötterte man ihn in Rom. Niemand dachte daran, ihm in dem Innern des Reichs Schwierigkeiten zu bereiten. Sogar der 218 Senat, der ewig murrte, ſchwieg. Die Sophiſten, die politiſchen Kannegießer, die Schwätzer waren verſtummt. Der biſſige, gallſüchtige Tacitus ergeht ſich in Lobreden über ihn. Kennen Sie Tacitus? Ich glaube, man lieſt ihn in den deutſchen Schulen. Das iſt unrecht; er verdirbt den Geſchmack und die Geſinnung der Jugend. Er iſt ein Geſchichtsfälſcher. Aber er büßte ſeinen kleinlichen Haß doch nur an den todten Cäſaren. In Frankreich indeſſen ſingt man Spottlieder auf die Leben⸗ den. Ich habe mehr für Frankreich gethan als Trajan für Rom. Und was iſt mein Dank? Dieſe Jakobiner ruhen nicht. Sie können Frankreich nicht ſtill, groß und glücklich ſehen. Da ſie zu ohnmächtig ſind, einen wirklichen Sturm zu erregen, ſchlagen ſie Seifenſchaum in einem Barbierbecken. Ich muß die Narren in einen Thurm hinter Schloß und Riegel ſetzen laſſen. Ein Irrenhaus wäre beſſer für ſie, gehörten nur die Aerzte nicht ſelbſt zu den ſchlimmſten Tollen. He, Sie waren ja wohl mit dieſem Benjamin Bourdon be⸗ kannt?“ „Ja, Sire. Ich hatte ihm den letzten Gruß ſeines ſterbenden Vaters zu bringen.“ Den Löwen muß man unverwandt anblicken, will man vor ſeinem Sprunge halbwegs ſicher ſein. Egbert ſchaute den Kaiſer ohne Stolz und ohne Furcht an. 219 Er kam ihm heute kleiner und ſtärker, ſein Geſicht gelb⸗ licher vor als neulich in Malmaiſon. „Seines Vaters? Was iſt das für eine Geſchichte?“ In kurzen Worten erzählte Egbert jenes Abenteuer bei der Rabenmühle im Aurachgrunde. Kein Zug hatte ſich in dem ſtrengen Antlitz Na⸗ poleon's geändert, kein Nerv auch nur leiſe gezuckt. Seine Augen bewahrten ihre Klarheit und Schärfe, ſeine Stirn ihre Hoheit und Glätte. „Richtig“, ſagte er, die Hand in die Seite ge⸗ ſtemmt,„ich entſinne mich. Der Vorfall iſt umſtänd⸗ lich von den Gerichtszeitungen mitgetheilt worden. Sie haben eine ſchlechte Polizei in Oeſterreich. Die Thäter nicht herauszufinden! Das hat Sie Benjamin Bourdon genähert. Es begreift ſich. Welche Theilnahme hätten Ihnen auch ſeine politiſchen Schwärmereien einflößen können? Die Deutſchen ſind keine Republikaner. Sie lieben ihre Fürſten. Schon ſeines Gehorſams wegen iſt es ein Glück, über dieſes Volk zu herrſchen. Sie haben niemals die Waffen getragen?“ „Niemals, Sire, aber ich kann ſie führen.“ „Gegen mich“, lachte der Kaiſer und nahm aus einer kleinen Doſe eine Priſe Schnupftabak.„Man richtet in Oeſterreich Landwehren ein, halbe Bürger, halbe Soldaten. Das iſt nichts. Solche Maſſen halten nicht Stand. In Spanien hat ſich Jeder von der Nutzloſigkeit dieſer Volksbewaffnung überzeugen können. Nicht einmal den Paß von Somo⸗Sierra haben ſie gegen einen Reiterangriff behauptet. Da reden ſie viel von den Spartanern. Was waren die Spartaner? 4 3 Soldaten von Kindesbeinen an, nichts als Soldaten. Kriegführen kann nicht jeder Bandit, das Kriegführen iſt eine Kunſt.“ Da er innehielt und die letzten Körnchen Tabak in die Luft ſtreute, antwortete Egbert: „Sie beweiſen es der Welt aufs neue, Sire.“ „Was will alſo Ihr Kaiſer?“ kam Napoleon auf ſeinen Gedanken zurück.„Mich einſchüchtern? Die 8 Landwehr, die Tiroler Bauern, von denen mir der König von Baiern ſo beſorgt ſchreibt, das ſind Schat⸗ ten. Meine Regimenter werden ſie vor ſich herjagen. Man beruft ſich auf Frankreichs Beiſpiel in der Re⸗ volution. Die Heere, die der Wohlfahrtsausſchuß auf⸗ geſtellt, die Generale der Republik, die das Vaterland gerettet— Thorheit, Fabel der Jakobiner, um die Guillo⸗ tine in Vergeſſenheit zu bringen oder doch zu entſchul⸗ digen. Ich habe die Armeen Frankreichs geſchaffen 4 und unüberwindlich gemacht, ich allein! Der Kaiſer Franz wagt einen hohen Einſatz, vielleicht ſeine Krone.“ 221 So ſprechend war er, die Hände auf dem Rücken, in dem Zimmer auf und nieder gegangen. Er ſah ſtarr vor ſich hin. „Dieſe alten Dynaſtien Europas, glauben ſie das Vorrecht ewiger Dauer zu haben? Sind ſie nicht auch einmal aus der Tiefe des Volkes durch einen großen Mann auf den Gipfel der Hoheit geſtiegen? Waren ſie nicht auch einmal arm und namenlos? Jener Graf Rudolph von Habsburg war ein kleiner Rittersmann, und nun meinen ſeine Nachkommen von beſſerem Blute zu ſein als ich! Das iſt der wahre Mann, der ſich ſelbſt ſein Glück ſchafft. Iſt das nicht auch Ihre Meinung?“ Plötzlich, wie es ſeine Weiſe war, hatte er den Kopf erhoben und ſchaute Egbert an. „Ich bin ein Bürgerlicher, Sire.“ „Und können alſo nicht anders denken als ich. Aber es iſt ein Zauber um das Alter einer Krone, ein Zauber! Als ob das Gold und die Steine, aus denen ſie beſteht, Wunder wirken könnten! Was hilft es mir, daß ich die Throne umſtürze? Wird der meine dadurch f älter? In Aſien iſt es anders. Dort iſt das wahre Feld für einen großen Ehrgeiz, einen großen Ruhm. 6 Wenn ich in Egypten geblieben wäre— „So würde die Geſchichte Frankreichs, ja Europas um glorreiche Blätter ärmer ſein, Sire.“ 222 „Sie gefallen mir, Herr Heimwald. Sie haben eine offene und muthige Sprache. Ich möchte Sie in meine Dienſte ziehen. Nicht jetzt, im Kriege ſteht Jeder zu ſeiner Fahne. Ich liebe die Verräther nicht. Aber der Krieg dauert nicht beſtändig. Es wird wieder Frieden werden, ein langjähriger Frieden, ich will's. Darum werden meine Schläge raſch und entſcheidend fallen.“ „Wenn Eure Majeſtät den Frieden wollen, könnte er nicht der bangenden Welt ſchon jetzt geſchenkt wer⸗ den, vor jenen vernichtenden Schlägen, die Sie uns drohen? Ich ſpreche für mein Vaterland, Sire.“ Der Präfect des Palaſtes zuckte zuſammen und winkte mit ſeinem Hute dem kühnen Sprecher Schwei⸗ gen zu. „Ich bin nicht der Kaiſer von Oeſterreich“, er⸗ widerte Napoleon, und indem er hart auf dem Parquet⸗ boden des Gemachs auftrat, knarrte ſein Stiefel. „Sie ſind mehr, Sire“, entgegnete Egbert mit raſchem Geiſtesmuth.„Durch Schickſal und Genius ſind Sie der Gebieter dieſes Welttheils. Mehr Schlachten haben Sie gewonnen als Alexander und Friedrich zu⸗ ſammen. Die wir tief unten ſtehen, wir wiſſen nicht, welche noch höhere Staffel des Glückes und der Herr⸗ lichkeit Sie erſteigen wollen, aber dies wiſſen wir, daß keine die Größe Ihres Ruhms vermehren kann, keine, die auf Leichenhaufen gefallener Krieger erklommen wird. Ein Anderes wäre es, wenn Sie in den Lor⸗ beerkranz, mit dem Ihr Adler zur Sonne auffliegt, den Olivenzweig des Friedens flechten wollten. Dann erfüllte ſich jene Hoffnung reich und voll, die durch Deutſchland ging, als Sie den Thron Frankreichs und Italiens beſtiegen. Ein neuer Karl der Große iſt ge⸗ kommen, ſagten wir uns.“ Abſichtlich oder unabſichtlich ſtieß der Präfect mit dem Ellbogen an den Frühſtückstiſch, daß Gläſer und Teller darauf klapperten; es war ihm kein anderes Mittel eingefallen, dieſe nicht einmal im tadelloſen Franzöſiſch gehaltene Rede zu unterbrechen. „So laſſen Sie ihn doch reden, Bauſſet“, fuhr ihn der Kaiſer an.„Soll ich nicht hören, was die deutſche Jugend von mir denkt? Sprechen Sie weiter.“ „Wir riefen uns“, fuhr Egbert fort,„das Bild jenes gewaltigen Kaiſers zurück, der beiden Völkern, den Franzoſen wie den Deutſchen, angehört. Nach der Beſiegung ſeiner Feinde hatte er der Welt den Frieden gegeben. So, glaubten wir, würde auch Eure Maje⸗ ſtät eine Aera des Friedens heraufführen. Und wie damals, ſo ſteht auch jetzt noch dieſe Entſcheidung bei Ihrem höchſten Willen. Siebzehn Jahre raſt der Krieg 224 durch Europa, Deutſchland ächzt unter dem ehernen Tritt Ihrer ſiegreichen Legionen. Alle ſeine Völker zahlen Ihnen Tribut an Geld, Waffen und Menſchen. Kann die Gerechtigkeit Eurer Majeſtät es uns ver⸗ argen, wenn wir nicht mehr glauben in Friedenshoheit einen zweiten Karl den Großen am Ufer des Rheins walten, ſondern einen herriſchen Germanicus oder Druſus uns mit ſklaviſchem Joche, mit Untergang be⸗ drohen zu ſehen? Ein Wort von Ihnen vermag dieſen Aufruhr unſeres empörten Gefühls zu ſtillen, Sire! Ein Wort: daß Sie im Beſitz einer unermeßlichen Herrſchaft uns den Frieden ſchenken und die Freiheit laſſen. Wie freudig wollten wir Sie dann, in der Sicherheit unſerer Grenzen, unſerer Eigenthümlichkeit, als höchſten Ober⸗ herrn Europas mit dem Rufe: Es lebe der Impera⸗ tor! begrüßen! Eins ſteht für uns außer Frage: wir ſind Deutſche, wir wollen deutſch bleiben und niemals die Unterthanen der Franzoſen werden.“ Bauſſet hatte ſich hinter den Tiſch geflüchtet; er ſchien ein Erdbeben, einen Schlag des Kaiſers oder eine ähnliche Ungeheuerlichkeit zu fürchten. Gegen ſeine Gewohnheit blieb Napoleon kalt und ſtarr. Mochte er nun ſeinen Jähzorn zügeln, oder war er in Wahrheit durch die Rede Egbert's nicht gereizt, er ſah ihn mit ſeinen ſtolzen Augen gemeſſen an. Es 225 war doch, als hätte der Jüngling, dem das Roth der Begeiſterung auf den Wangen glühte, nur zu einem Marmorbilde geſprochen.. „Ich habe das zum erſten Mal gehört“, ſagte er, nich danke Ihnen. Die franzöſiſchen Republikaner wollen mich über das Meer jagen oder mich tödten; die deutſchen Schwärmer wollen mir den Degen zer⸗ brechen. Aber was ich bin, junger Menſch, bin ich durch meinen Degen. Das überlegen Sie nicht. Zer⸗ brecht dem Homer ſeine Leier, Canova ſeinen Meißel oder mir das Schwert, es iſt daſſelbe. Führe ich Kriege zu meinem Vergnügen?“ Er hatte die letzten Worte heftig herausgeſtoßen und Cgbert einige Schritte entgegen gethan, die Hand ballend, aber im nächſten Augenblick mäßigte er ſich. Der junge Deutſche erſchien ihm zu klein und nichts⸗ bedeutend für eine tragiſche Scene, wie ſie ſein kaiſer⸗ licher Zorn aufzuführen liebte. „Sieg und Eroberung, das iſt mein Handwerk, meine Kunſt. Die Ihrige mag die Dichtung ſein. Jedem ſein Weſen. Ueberall und immer zermalmt die ſtärkere Kraft die ſchwächere. Ich bin das Schickſal, das eine neue Welt ſchafft. Wollt Ihr Deutſchen Euch nicht fügen, ſo zerbreche ich Euch. Was ſind mir die Unterſchiede der Völker, was iſt mir Euer Volksthum?“ Frenzel, Lucifer. III. 15 226 „Dann haben Eure Majeſtät Recht, uns einen Krieg um Sein oder Nichtſein anzukündigen.“ „Reiſen Sie ſchnell, damit meine Reiter Sie nicht überholen. Welchen Tag haben wir heute?“ „Es iſt ein Mittwoch, der zweiundzwanzigſte Februar.“ Eine Weile ſtand der Kaiſer ſinnend vor ſeiner Karte; er rechnete. „Drei Monate! Im Mai denke ich in Wien zu ein. Ueber viele Leichenhaufen, wie Sie vorhin ſagten. Dann können wir im Garten von Schönbrunn das Geſpräch wieder aufnehmen, wenn“— und nun kehrte er ihm ſein düſteres Geſicht noch einmal zu—„wenn Sie noch leben.“ „Wenn ich noch am Leben bin, Sire— ja!“ Egbert ſagte es mit heiterem Muthe; der ange⸗ drohte Tod auf dem Schlachtfelde hatte nichts Schreck⸗ liches für ihn. Ein wenig hob Napoleon ſeine kleine weiße Hand— Egbert war entlaſſen. Die Vorzimmer waren von Bittſuchern, von Mini⸗ ſtern mit ihren Acten, von Offizieren, Staatsräthen und Senatoren überfüllt. Länger, als ſie vermuthet, hatte die Audienz gewährt. Aller Augen hingen neugierig an dem Jüngling; die einen erſtaunten über eine ſo 227 große Gunſt, die einem Fremden widerfahren, die andern ſuchten geſpannt in ſeinem Geſichte zu leſen, in welcher Stimmung ſich der Kaiſer befände. Mit flammenden Augen durchſchritt Egbert ihre Reihen; kaum hatte er ein rechtes Bewußtſein von der Gegenwart ſo vieler Menſchen. Erſt als er die Treppe nach dem Hofe, wo die Wagen in langer Reihe ſtanden, hinabeilte, fing er an, freier zu athmen und ſich ſelbſt wieder zu fühlen. So lange hatte ihn eine unſichtbare Macht vorwärts getrieben, hatte er, wie im Anblick einer furchtbaren Naturerſcheinung, ſich gleichſam ſeines Weſens entäußert gefunden. Männlich hatte er ſich des Eindrucks erwehrt, aber ſeine Empfindung und ſein Wille, die ſich langſam aus dem Zauberbanne löſten, waren wie zerriſſen und gebrochen. Ihm fiel aus ſeinem Schiller das Gedicht von dem Jünglinge in Sais ein, der frevelnd das Bild der Iſis enthüllt. Hatte er durch eine Fügung des Zufalls die Wahr⸗ heit und das Schickſal geſehen? In den Wagen ſteigend, gedachte er des Zettels, den ihm der kaiſerliche Kammerdiener gegeben. Von wem konnte die Mahnung herrühren als von Desronais, der ſich ihm ſchon wiederholt hülfreich erwieſen? Feſt entſchloſſen, ſeine Heimreiſe am nächſten Tage anzutreten, hatte er nur eine kurze Spanne Zeit zu 15* 228 ſeiner Verfügung. Wie glücklich traf es ſich, daß ihn Desronais zu dieſem Stelldichein beſchied! Er hoffte nicht ganz ohne Troſt und Hoffnung hinſichtlich Ben⸗ jamin's von ihm zu gehen. Die Sperlingsgaſſe, eine von den vielen Straßen, die im engen Gewirr zwiſchen dem Palais Royal und dem Vendomeplatz liegen, war bald erreicht. Das Haus, welches die Nummer drei trug, hatte fünf Stock und ganz das Ausſehen eines viel bewohnten Miethhauſes. Eintretend wußte ſich Egbert nicht anders zu helfen, als daß er dem Hausmeiſter die Loſung:„Joſeph in Egypten“ in fragendem Tone zurief. Der Hausmeiſter betrachtete verwundert den hübſchen blonden jungen Mann in der reichen Hof⸗ G kleidung. „Joſeph? Iſt mir nicht bekannt. Aber vielleicht Potiphar. Im dritten Stock, die erſte Thür linker Hand.“ In ſeinem erregten Zuſtande, wo Alles noch in ihm zitterte, das Gewicht ſchwerſter Gedanken auf ihn 8 drückte, achtete Egbert weder auf den ſpöttiſch frechen Blick, noch auf die Entgegnung des Hausmeiſters. Er hörte nur, wohin er ſeine Schritte zu lenken habe. „Dritter Stock, links!“ rief ihm der Mann nach,“ als er die ſchmale ſteile Treppe hinanging. 229 Er mochte Egbert für einen jungen berauſchten Wüſtling halten. Ueber Egbert kam eine unbehagliche Ernüchterung und Enttäuſchung, als ihm nach einem zweimaligen Klopfen die bezeichnete Thür geöffnet wurde und er ſich der verführeriſchen Mademoiſelle Zephyrine gegen⸗ überſah. Dem verſchlagenen, erfindungsreichen Des⸗ ronais erſchien es wahrſcheinlich als eine treffliche Finte, den Gegner zu überliſten, wenn er ſich bei einer Tänzerin der Oper ein Stelldichein mit einem Freunde Benjamin Bourdon's gab. Aber für Egbert ſtand die Sache bedenklicher. Er gehörte nicht zu den Freunden Zephyrinens. Am Krankenbett der Sängerin, wo ſie beide ſich oft in gleich frommer Pflicht getroffen, war etwas wie ein kleiner Krieg zwiſchen ihnen ausge⸗ brochen, ein Krieg ohne Worte. Mademoiſelle Zephy⸗ rine hatte es an Winken und BZlicken nicht fehlen laſſen, dem jungen Mann unzweideutig ihre Gunſt auszudrücken, und er hatte bis heute den Unnahbaren und Unzugänglichen geſpielt. Von dieſem Liebeskrieg konnte Desronais freilich nichts wiſſen, aber Egbert's Verlegenheit war um ſo größer. „Mademoiſelle“, ſtammelte er,„dieſe Störung! Am frühen Morgen! Was müſſen Sie von mir denken!“ „Ich bin ja ſchon aus dem Bett und in leidlich ſchicklicher Toilette, um Sie zu empfangen, Herr Philo⸗ ſoph“, lachte ſie und zeigte ihm ihre weißen Zähne. „Oder nicht? So ſehen Sie mich doch einmal an!“ Ein anmuthiges neckiſches Geſchöpf mit liſtigen Augen, in weißem Morgenkleide von feiner Wolle mit Roſa⸗Seidenſchleifen. „Sie ſind bezaubernd, Mademoiſelle“, ſagte Egbert. „Alſo iſt ſie wenigſtens von meinem Beſuch unter⸗ richtet“, tröſtete er ſich ſelbſt.„Ergib dich drein, Des⸗ ronais kann in jeder Minute eintreten und dich von der peinlichen Zwieſprache befreien.“ Err hatte aber doch nicht umhin gekonnt, auf dem kleinen Sopha neben ihr Platz zu nehmen. „Sie kommen aus den Tuilerien? Vom Kaiſer?“ „Ja, Mademoiſelle. Man hatte mir auf ſo ſelt⸗ ſame Weiſe eine Einladung zugeſtellt—“ Wie eine Schlange ſchlüpfte ſie über ſeine letzten Worte hinweg. „War er gnädig zu Ihnen? Man ſagt, die Oeſter⸗ reicher und noch mehr die Oeſterreicherinnen hätten etzt beſond eres Glück bei ihm.“ „Das wäre drollig im Augenblicke, wo er uns den Krieg erklären will.“ „Früher waren die Polinnen bei ihm oben auf. Er liebt das Ausländiſche, er iſt gar kein rechter Franzoſe.“ 231 „Darüber hab' ich keine Entſcheidung. Und was ſeine Neigung für die Oeſterreicher betrifft, mir hat er ſie nicht merken laſſen.“ „Deſto mehr der ſchönen Deutſchen, die Sie ja auch kennen— oder iſt ſie eine Franzöſin?“ „Die junge Marquiſe von Gondreville?“ „Dieſelbe. Sie gleicht einer Medaille: geſtern kehrte ſie die deutſche, heute die franzöſiſche Seite her⸗ vor. Das iſt die erſte Eroberung, die Napoleon über Oeſterreich errungen.“ „Mademoiſelle—“ Er ſaß wie auf Kohlen. Zephyrine lachte ihr keckſtes und übermüthigſtes Gelächter. „Was Sie für Augen machen! Wie der blödeſte Schäfer! Zwiſchen den Tuilerien und der Oper gibt es unterirdiſche Verbindungen. Im Schloſſe hat man keine Ohren und keine Augen, hinter unſern Couliſſen aber eine deſto geläufigere Zunge. Man erzählt ſich Wunderdinge von der Schönheit dieſer Dame. Sie ſoll den Kaiſer bezaubert haben. Gott Amor iſt doch noch ſtärker als der große Napoleon. Dieſe Schönheit bleibt uns, ſie wird nicht nach Ihrem traurigen Deutſch⸗ land zurückkehren. Ihre Verwandten haben das Nach⸗ ſehen. Athenais lachte mitten in ihrem Fieber, als ich es ihr erzählte. Sie kennt die Familie— ich hab' den Namen vergeſſen— und gönnt's den ſtolzen Ariſto⸗ kraten. Der eine hat ſie treulos verlaſſen, die andere—" „Mademoiſelle!“. „Tödten Sie mich nur nicht! Oder ſind Sie der Bräutigam der Marquiſe?“ „Ich und die Marquiſe von Gondreville? Wo denken Sie hin, Mademoiſelle! In Oeſterreich kann ein Bürgerlicher keine Gräfin heirathen.“ Noch zur rechten Zeit hatte er ſich beſonnen, daß er ſeinen Ingrimm in ſich verzehren müſſe. Jeder Ausbruch würde ihn nur lächerlich gemacht und An⸗ toinette vor einer ſo untergeordneten Theaterheldin bloßgeſtellt haben. Für ſeine ſtolze Seele war es ſchon empfindlich genug, daß der Name ſeines Ideals auf den Lippen einer Zephyrine entweiht wurde. Von Allem, was ſie plauderte, wollte er kein Wort glauben; er war überzeugt, daß er dies Geſchwätz vergeſſen würde, wie man die Reden vergißt, welche man in einem wüſten Traum hält oder hört, ſobald ihn die ſchwüle Luft dieſes Gemachs nicht mehr bedrückte. Wenn nur Desronais käme; ſein Zögern war unver⸗ antwortlich. „Welch ein ſchreckliches Land!“ hatte Zephyrine 233 die Hände zuſammengeſchlagen.„Da könnte ich wohl. keinen Grafen, keinen Senator heirathen? Das iſt barbariſch!“ „Doch, wenn ſich einer findet.“ „Zehn für einen unter Euch Wilden! Und Sie wollen dahin zurück? Freilich, wenn der Kaiſer Sie angefahren hat. Stehen Sie nicht auf, bleiben Sie ſitzen. Bei mir ſchadet Ihnen die Ungnade des Kai⸗ ſers nicht. Im Gegentheil!“ „Sie ſind ſehr gütig, Mademoiſelle.“ „Und Sie verdienen dieſe Güte gar nicht. Sie behandeln mich ſchlecht. Statt mich anzuſehen, blicken Sie beſtändig nach der Thür. Eine verwünſchte Thür! Wer ſoll denn durch ſie eintreten? Oder wollen Sie mir entfliehen? Da will ich gleich vor⸗ ſorgen.“ Ehe er ſie feſthalten konnte, war ſie aufgeſprungen, hatte die Thür verſchloſſen und den Schlüſſel abgezogen „Schöner Adonis“, lachte ſie,„nun biſt Du ge⸗ fangen!“. „Das iſt zu viel! Iſt das Ernſt oder Scherz? Hab' ich eine Freundin oder eine Feindin vor mir?“ „Ich will Ihnen einen guten Rath geben, mein Herr Deutſcher. Sie haben Ihre Hände in eine miß⸗ liche Geſchichte geſteckt.“ In der That war Egbert's Lage mißlich genug. Eingeſchloſſen mit dem ſchönen, luſtigen, verſchmitzten Mädchen, deſſen Handlungsweiſe er nicht durchſchauen konnte, das ihm aber offenbar, ſchon um ſich wegen ſeiner Gleichgültigkeit zu rächen, eine kleine Verlegenheit und Angſt gönnte! Und Desronais kam noch immer nicht! „Was für eine Geſchichte, Mademoiſelle?“ Er hatte ihre beiden Hände ergriffen, in der Hoff⸗ nung, ſich des Schlüſſels zu bemächtigen, den ſie in der Rechten feſthielt. 3„Dieſer Benjamin Bourdon iſt ein großer Ver⸗ ſchwörer. Ich habe mich ſtets vor ihm gefürchtet. Niemals hätte ich ihn wie Athenais zu meinem Arzt genommen. Jetzt ſitzt er tief im Unglück! Was kümmerte er ſich auch um den Staat! Er hatte mit ſeinen Kranken und ſeiner Häßlichkeit vollauf zu thun!“ „Er ſitzt im Gefängniß. Haben Sie Nachricht von ihm, Mademoiſelle? Wird ihn der Kaiſer ver⸗ bannen?“ „O, mein Herr, hier zu Lande ſpaßt man nicht mit Verſchwörungen. Es wird ihm den Kopf koſten.“ „Um Gotteswillen!“ Egbert hatte ihre Hände losgelaſſen. 235 „Zu ſolch Aeußerſtem ſollte der Kaiſer ſeine Zu⸗ ſtimmung geben? Unmöglich!“ „Rette ſich, wer kann! Und Sie zuerſt! Sie wußten um die Verſchwörung. Sie waren unzertrenn⸗ lich mit Bourdon zuſammen, Kaſtor und Pollux, um den Kaiſer“— nun machte ſie die pathetiſche Bewegung einer Primadonna, die ſich den Dolch in die Bruſt ſtößt⸗ „Zum Zeichen deſſen tragen Sie einen geſchnittenen Stein bei ſich, einen Opal mit einem Adler. Leugnen Sie nicht!“ „Mademoiſelle!“ Es war undenkbar, daß ſich Desronais der kleinen ſpitzbübiſchen Hexe gegenüber ſo weit hätte vergeſſen ſollen. Aber woher, von wem wußte ſie das Geheim⸗ niß des Opals? Sein Erſchrecken verdoppelte ihre Keckheit. „Leugnen Sie nicht“, wiederholte ſie.„Dieſer Stein war das Zeichen der Verſchwörer, daran erkannten ſie ſich. Wenn man Sie verhaftet und denſelben bei Ihnen findet—“ „Warum ſollte ich verhaftet werden?“ „Im Augenblick Ihrer Abreiſe wird man Sie feſthalten, durchſuchen, unter irgend einem Vorwand. Man wird den Opal bei Ihnen finden.“ „Ein ganz unſchuldiger Stein, eine Spielerei. Was hat man Ihnen für Märchen eingeredet, Mademoiſelle! Es ſind Fieberträume. Iſt vielleicht Mademoiſelle Dechamps um meine Sicherheit beſorgt?“ „Wenn der Stein eine Spielerei iſt, ſo ſchenken Sie ihn mir! Zum Angedenken!“ „Den Opal? Ihnen?“ „Mir bringt er keine Gefahr. Ihnen kann er das Leben koſten.“ In Egbert ſtieg der Verdacht auf: ſie iſt von Vittorio Zambelli gewonnen worden, er will den Stein wieder haben, den Opal, der ihn verrathen könnte! Um keinen Preis hätte er ſich jetzt dieſes Zeichens von ſo ſchrecklicher Beweiskraft entäußert. „Das Leben?“ ſagte er.„Nun ja, ich werde den Stein bis zum letzten Blutstropfen vertheidigen. Aber Sie, Mademoiſelle, zu welch ſchlechter That laſſen Sie ſich verleiten! Welchen Menſchen dienen Sie!“ „Ich? Retten will ich Sie, und Sie beſchuldigen mich? Was hab' ich denn gethan? Ich ſetze Sie und meine Freunde den größten Gefahren aus, um Sie zu warnen, um Sie zu bitten, dieſen Unglücks⸗ ſtein von ſich zu werfen, und zum Dank dafür ſchelten Sie mich eine Verrätherin! Dieſe Männer, wie ſo gar nicht verſtehen ſie ein Frauenherz!“ In dem Ausdruck ihres Geſichts, in ihrer Stimme 237 war Wahrheit. Konnte Vittorio ihre Liebe zu Egbert nicht mißbraucht haben? „Verzeihung, Mademoiſelle, wenn ich Sie gekränkt habe“, ſagte er.„Allein der Zufall hat mir einen ſo eigenthümlichen Streich geſpielt. Die Einladung, die ich von Ihnen erhalten, ſchrieb ich einem Freunde Bourdon's zu. Ich ſehe Sie im Beſitz eines Geheim⸗ niſſes—“ „Nun geſtehen Sie es ſelbſt, daß ich in Allem Recht habe.“ „Ja, ja, Mademoiſelle! Von wem aber erhielten Sie dieſe Kunde?“ „Von wem, das iſt gleichgültig. Folgen Sie nur meinem Rathe, meiner Bitte!“ „Ich kann, ich darf nicht! Wenn Sie mir den nennen wollten—“ Im Nebenzimmer ward ein Geräuſch vernehmlich. „Wir ſind verrathen!“ rief Zephyrine ſchluchzend, die Hände ringend, und wollte aus dem Gemach eilen. Aber die Röthe ihres Geſichts machte ſie Egbert verdächtig; es ſchien ihm gewiß, daß er in eine Falle gerathen ſei. „Sie werden nicht gehen, Mademoiſelle“, ſagte er entſchloſſen und hielt die ſich Sträubende feſt,„bis Sie mir Alles geſtanden haben.“ „Undankbarer, iſt das der Lohn für meine Liebe? Daß ich Sie vor ren Feinden retten d wolte, die mächtiger ſind als— Die Fortſetzung wurde ihr abgeſchnitten. Drei Schläge geſchahen draußen an der Tapetenthür. „Oeffnet im Namen des Kaiſers!“ Zephyrine warf Egbert einen unbeſchreiblichen Blick zu; Leidenſchaft, Sorge, Mitleid für ihn malte ſich darin mit einem gewiſſen Triumph der gekränkten Unſchuld: Nun wirſt Du es zu Deinem Schaden er⸗ fahren, daß ich die Wahrheit geſagt habe. „Oeffnen Sie, Mademoiſelle“, ſagte Egbert, der nichts ſehnlicher herbeiwünſchte als ein Ende dieſes tragikomiſchen Abenteuers, durch weſſen Dazwiſchen⸗ kunft es auch geſchehen mochte. Das Mädchen zuckte mit den Schultern und ſchloß auf. Lachend trat Desronais ein. „Da bin ich.“ Der Polizeimann war zu oft durch die Säle des Palais Royal geſchritten, im Garten Frascati und im neumodiſchen„türkiſchen Garten“ geweſen, um von Demoiſelle Zephyrine nicht obenhin gekannt zu ſein. „Das iſt auch eine Art, bei Damen einzutreten“, zog ſie ihm ein Mäulchen.„Bin ich eine Staatsverbrecherin?“ 239 „Noch nicht, mein Schatz, aber wenn Du immer ſo laut ſchreiſt wie vorhin, könnteſt Du leicht eine werden. Jedes Wort, das Du mit dem Herrn dort redeteſt, war draußen im Corridor vernehmlich. Und das Haus iſt ſo leicht gebaut, hier haben die Wände Ohren. Laß einmal ſehen!“ Mit der Miene tugendhafter Entrüſtung ſuchte ſie ihn abzuwehren, denn er ſchritt gerade auf die Thür zu, die in das Nebengemach führte, aber er ſchob ſie beiſeite. Es war Zephyrinens Schlafzimmer. Niemand war darin. Desronais' Augen gingen hin und her. „Und doch war einer darin“, murmelte er. Er witterte gleichſam noch in der Luft das ihm feindliche Element. „Und nun, Kinder, die Wahrheit“, ſagte er, in das Vorderzimmer zurückkommend.„Die Damen haben den Vorrang. Aber, Mademoiſelle, nicht Ihr guter Freund Desronais, der ſehr beglückt wäre, wenn er in der Lage dieſes jungen Mannes, ſeines theuren Freundes, geweſen, die Polizei fragt Sie. Welch ko⸗ miſche Oper wird hier aufgeführt? Eigene Erfindung?“ Seinetwegen hätte Zephyrine eine Lüge vorbringen können, Egbert würde ſie nicht verrathen haben. Halb war er ſchon mit ihrer tollen That ausgeſöhnt. Der erſte Antrieb dazu war ja ihre Liebe zu ihm geweſen. Dennoch war er erſtaunt, daß ſie Desronais gegenüber bei der Ausſage, die ſie ihm vorhin gemacht hatte, beharrte. Geſtern Abend hatte ſie erfahren, daß Eg⸗ bert in großer Gefahr ſchwebe, eines Steines wegen, den er bei ſich trüge. Man hatte es ihr angedeutet oder ſie hatte es in ihrer Angſt ſo aufgenommen, daß mit dem Verluſt dieſes Steins auch die Gefahr ver⸗ ſchwinden würde. Da der Herr auf eine Einladung ihrerſeits ſchwerlich gekommen wäre—„dieſe Deut⸗ ſchen ſind ja ſo verzweifelt tugendhaft“, wob ſie, den Finger drohend erhoben, ein— ſei ſie auf den Aus⸗ weg gekommen, ihn kurz vor ſeiner Audienz bei dem Kaiſer zu einem geheimnißvollen Stelldichein beſcheiden zu laſſen. „Du biſt ein braves Mädchen und der Herr da iſt Dir einen Kuß ſchuldig“, entſchied Desronais. „Aber die Gerechtigkeit iſt wohl blind, die Polizei nicht, Schätzchen. Wer hat Dich von allen Dingen, die Herrn Heimwald betreffen, ſo genau unterrichtet?“ „Ich hab' es ihm nicht geſagt, als er mich darum bat“, ſagte ſie, auf Egbert deutend.„Ihnen, Herr Desronais, werde ich es gewiß nicht ſagen. Reverenz der Polizei, allein das geht ſie nichts an.“ 2441 „Doch, doch! Hätte der Bürger Fouché, wollte ſagen, Se. Durchlaucht der Herzog von Otranto zu Deinem Lärvchen Vertrauen gefaßt?“ „Bitte!“ wehrte ſie ab. „Richtig, die große Oper iſt ariſtokratiſch und fällt in Ohnmacht, wenn ſie einen Jakobiner riecht. Wenn Dir aber Fouché nichts verrathen, ſo iſt es ein Italiener geweſen. Ein Ritter Vittorio Zambelli. Wie Du roth wirſt!“ „Ich ſchwör' es Ihnen, Herr Desronais—“ „Es iſt gut! Herr Heimwald, ſchließen Sie Ihren — Frieden mit der Dame. Ich wende mein Geſicht ab. So, ein Kuß in Ehren und gute Freundſchaft. Es ſoll Dein Schaden nicht ſein, mein Kind, Desronais verpflich⸗ 6 tet zu haben. Es lebe die Freude, es lebe die Polizei; die beiden ſind immer zuſammen und ſterben niemals aus.“ Als die beiden Männer aus dem Hauſe getreten und in den Wagen geſtiegen waren, ſagte Desronais: „Sie müſſen fort in aller Eile! Morgen ſchon! Nachdem ihm dieſer Verſuch, ſich des Opals zu be⸗ 5 mächtigen, mißlungen iſt, wird er einen Gewaltſtreich 4 gegen Sie wagen. Er hat nur eins überſehen, daß er ſich ſelbſt verrathen hat. Er will den Stein aus der Welt ſchaffen, das einzige Gedächtniß der Unthat. Er iſt der Mörder Jean Bourdon's!“ Frenzel, Lucifer. III. 16 — 242 „Er iſt der Mörder!“ wiederholte Egbert. „Nicht Sie, dieſer Stein, der den Mord geſehen hat, ängſtigt ihn wie ein unabweislicher Zeuge; ein Gotteszeuge, ſagen die Gläubigen. So wollte er auch nicht an das Leben, nur an die Papiere Bourdon's. Die Liſt war nicht ſchlecht, die Neigung des tollen Mädchens zu Ihnen für ſeine Abſicht zu benutzen. Ihre Hartnäckigkeit, den Opal auszuliefern, wird ihn vorwärts treiben, Ihr Leben anzutaſten. Heute konnte ich Sie beſchützen— einer meiner Leute, der Ihrem Wa⸗ gen gefolgt war, theilte mir mit, wo Sie geblieben— aber ich bin weder allſehend noch allmächtig. Verlaſſen Sie die Stadt, je eher, je beſſer. Wie iſt denn Ihre Audienz bei dem Kaiſer abgelaufen?“. Egbert berichtete ſo getren, als ihm möglich war, Napoleon's und ſeine eigenen Worte. „Sie haben geſprochen wie ein Mann“, meinte Desronais,„aber ſehr einladend zum Bleiben in Paris iſt das Ganze nicht. Hüten Sie ſich, ihm zum zweiten Male zu begegnen. Gerade daß er ſeinen Zorn be⸗ zähmte, verheißt Ihnen nichts Gutes.“ „Auch bin ich zur Abreiſe gerüſtet. Bringen Sie mir keine Nachricht von Benjamin?“ „Er ſtudirt die ſtoiſche Philoſophie und übt ſie zugleich praktiſch im Thurm von Vincennes. Nach 44 243 einem Siege an der Donau wird ihn die Gnade des Kaiſers der Freiheit zurückgeben. Ein Spitzbube, der einen ehrlichen Mann nach Laune heute in den Kerker wirft, morgen daraus entläßt; das iſt ein tragiſcher Gegenſtand, wenn es nicht der Weltlauf und folglich nur lächerlich wäre. Da ſind wir vor Ihrem Gaſt⸗ hauſe. Steigen Sie allein aus. Ich fahre noch weiter. Die Hausdiener ſind ſo neugierige Menſchen. Ich treffe Sie morgen in der Frühe vor der Poſt. Ich habe keine ruhige Stunde, bis ich Sie jenſeits Straßburgs weiß.“ Kaum bedurfte Egbert noch eines Antriebes zur Heim⸗ kehr. Ihm brannte der Boden von Paris unter den Füßen. Stärker als die Briefe Wolfsegg's, ſtärker ſelbſt als die Sehnſucht nach Magdalenen, deren Bild in reiner Klarheit aus all dem Nebeldunſt und dem unheimlichen Brodem dieſer letzten Tage emporſtieg, trieb ihn die größere Sorge um das Vaterland heimwärts. Wie ſchwach in dem Rieſenkampfe, der in wenigen Wochen ausbrechen mußte, auch ſein Arm ſein mochte, er ſollte Oeſterreich nicht fehlen. Napoleon hatte den Zweck des Kriegs deutlich bezeichnet: die Vernichtung des deut⸗ ſchen Weſens. Der letzte, ehrwürdigſte Ueberreſt, der von dem heiligen Reich deutſcher Nation noch aufrecht ſtand, ſollte zertrümmert werden. Dem Kaiſer ging jeder Sinn, jedes Verſtändniß 16⸗ 9. 244 eines fremden Volksthums ab; nur die Menſchen, die es zu ſeinen Heeren ſtellen, die Schätze, die es ihm als Tribut darbringen konnte, bedachte, berechnete er. Ueber eine unterſchiedsloſe Menge von Sklaven wollte er herrſchen, über Sklaven, denen er ſcheinbar eine Fülle von Freiheiten und Rechten verlieh, deren Seele und Willen er um ſo ſchonungsloſer und unbarmherziger zerbrach. Er ſchien nur an die Gewalt, an die Wun⸗ derkraft ſeines Degens zu glauben, und doch meinte Egbert bemerkt zu haben, daß hinter dieſem Trotz auf die rohe Stärke im Innerſten des Imperators eine dunkle Furcht vor den geiſtigen Mächten ſchlummere. Die Anrufung, der Name der Freiheit ſchon verſetzte ihn in eine zornige Aufregung. „An dieſer Furcht“, ſagte Egbert,„wird er zu Grunde gehen.“ Weit hinter ſich mußte er alle Frie⸗ densträume, alle Hoffnungen eines Blütenzeitalters der Kunſt, der Wiſſenſchaften, friedlicher Entwicklung laſſen. Für den Ehrgeiz nicht allein, für das Weſen Napoleon's gab es kein Ziel. Raſtlos ſchleifte ihn das Schickſal von Sieg zu Sieg, ohne Befriedigung, ohne Genuß. Wie darum dieſer Krieg auch enden würde, er wird nicht der letzte ſein, geſtand ſich Egbert. Nicht er wird die Welt beſiegen, zuletzt wird Europa ihn zermalmen, das wird das Ende ſein. —— 245 Eine unabſehbare Reihe von Kämpfen ſah er vor ſich. Nicht in die Sonnentage künſtleriſchen Schaffens war ſein Leben gefallen; mit der Thronbeſteigung dieſes Mannes, mit der Schlacht von Auſterlitz war der Frühling der deutſchen Dichtung vorüber. Den eigenen Muth zum Kampfe zu ſtählen, Waffen zu ſchmieden galt es, ein Staatsgebäude zu errichten, das der dämo⸗ niſchen Wuth dieſes Höllengebieters einen undurchdring⸗ lichen Wall entgegenſetzte. Zu ſolchem Bau im müh⸗ ſamen Tagewerke Stein um Stein zu tragen, es war keine Arbeit, welche Unſterblichkeit erringt und verdient, aber in der Noth der Zeiten, rief es in Egbert's Herzen, iſt es für jeden Deutſchen die würdigſte und höchſte. In einer Stadt, welche der Feind mit Vernichtung bedroht, ſchanzen Männer und Weiber, Arme und Reiche, Gelehrte und Handwerker einmüthig, unver⸗ droſſen an den Wällen. An einem neuen Deutſchland zu ſchanzen, das war die Aufgabe, das war die Pflicht. Aber in dieſem Strom allgemeiner Gedanken, der ihn auf hochgehender Woge trug, gab es doch auch beſondere Gründe, die ihm die beſchleunigte Rückkehr nach Wien dringend, ſo nothwendig wie wünſchens⸗ werth machten. Er verlangte nach einfachern, natürlichern Zu⸗ ſtänden, als es die franzöſiſchen waren. Eine andere 246 Luft einzuathmen, ſein Herz vor Magdalenen, dem Grafen, dem Freunde auszuſchütten, wurde ihm mit jeder Stunde mehr Bedürfniß. Zu lange blieben ihm die Briefe aus, zu langſam gingen ihm die ſeinen. Dieſer ſchriftliche Verkehr, der anfangs ſeine Luſt ge⸗ weſen, wurde ihm allmälig zur Pein. Mit der Krank⸗ heit des Heimwehs hatte ſich jetzt die Furcht vor den Berfolgungen, vor den Ränken Vittorio's eingeſtellt. Es war ihm, als müſſe er durch ſeine Gegenwart einen hinterliſtigen Streich des Ritters von der Ge⸗ liebten abwenden. Eine ſchwere Pflicht hatte er noch zu erfüllen: Abſchied von Antoinetten zu nehmen. Wie ſo ganz anders hatte ſich in dieſem Paris ſein Verhältniß zu der ſchönen Gräfin geſtaltet, als ſeine Phantaſie es ſich ausgemalt. Gegen ſeine Hoff⸗ nungen, vielleicht ſelbſt gegen die Wünſche des Grafen Wolfsegg. Nicht näher zuſammengebracht hatte ſie die Fremde, ſie hatte ſie auf immer von einander getrennt. In dieſer Stadt der Freiheit und der Gleichheit hatte ſich der Unterſchied der Geburt und der Stellung, der Antoinette von Egbert ſchied, mächtiger als in Wien und im Schloſſe der Wolfsegg erwieſen. Trotz der Revolution bewahrten die Mortigny die hochfahrende Art des alten franzöſiſchen Adels. In der Hofburg 4 34 war ein Fräulein von Gondreville⸗Wolfsegg unter ſo vielen vornehmern und reichern Damen keine durch ihren Rang beſonders ausgezeichnete und hervorragende Erſcheinung geweſen; am Hofe der Tuilerien waren dagegen die echten Adelsblumen noch immer dünn ge⸗ ſäet und jede neue umworben und angeſtaunt. Plötz⸗ lich fand ſich Antoinette ſo im ſtrahlendſten Glanze, in der Nähe der Majeſtäten, Egbert war in der dunklen Maſſe des Volkes untergetaucht. In der erſten Zeit ihres Aufenthalts hatte ſie die Sorge um ihren Bruder beſchäftigt, jetzt drängte ein Feſt das andere und jedes hatte für ſie ſeine Mühe, ſeinen Verdruß und ſeine Wonne. Auch fühlte Egbert, ohne daß je ein Wort darüber zwiſchen ihnen gefallen wäre, daß ihre Seele ſich immer mehr Napoleon nähere, je weiter die ſeinige ſich von ihm entferne. An den boshaften Beſchuldigungen Zephyrinens war Alles Lüge, aber das konnte er vor ſich ſelbſt doch nicht wegleugnen, daß ſich eine vollſtändige Wandlung in den Empfin⸗ dungen und Anſichten Antoinettens vollzogen. „Schöner Stern, willſt du mir ganz verſinken?“ fragte ſich Egbert auf dem Wege zu dem Hauſe der Mortigny. Es war in den erſten Abendſtunden; die Däm⸗ merung fing an, die Stadt einzuhüllen. Noch ſchim⸗ 248 merte kein Stern in dem eintönigen Grau des Him⸗ mels. Nie hatte ſich ſein Wunſch bis zu ihrem Beſitz erhoben, allein niemals hatte er auch bisher ſich die Möglichkeit ihres Verluſtes klar vor die Seele geführt. Gerade in dem Verſchleierten hatte der Reiz dieſes Verhältniſſes gelegen. Kalt und nackt richtete ſich jetzt die Wirklichkeit vor ihm auf. Die Entſagung, mit der er im Gedanken geſpielt, wurde jetzt im Ernſt von ihm gefordert. Und es dünkte ihn beinahe ein Wun⸗ der, daß ſein Herz unter dieſer Forderung nicht ſchmerz⸗ licher zuſammenzuckte. War ſeine Faſſung nicht Feig⸗ heit, die ſich in das Unvermeidliche fügt, ſtatt mit dem Schickſal zu kämpfen? Sollte er mit einem kühlen:„Fahr' wohl!“ von dem Weſen ſcheiden, das ſo lange ſein Ideal geweſen? Keinen Verſuch wagen, die ſüße Geſtalt feſtzuhalten? Aber welche Worte konnte, welche durfte er ihr ſagen? Er war nicht ſtark genug, ſie aus dem kaiſerlichen Zauberkreiſe zu reißen, und wenn er auch die Macht dazu beſeſſen, hätte er ſie gegen die Widerſtrebende anwenden mögen? Die Diener machten Schwierigkeiten, ihn vorzu⸗ laſſen. Es bedurfte ſeines eifrigſten Drängens und einiger Goldſtücke, ehe ſie ſich zu der Meldung ent⸗ ſchloſſen. 249 Eine bange Pauſe des Wartens verging. Die junge Marquiſe war bei der Toilette. Ueber ihrem Anzug hatte ſie Egbert's Brief, in dem er ſie um dieſe letzte Unterredung gebeten, vergeſſen. Einer der Großwürdenträger des Kaiſerreichs, der Reichserzkanzler Cambacérès, gab ein glänzendes Feſt; der Kaiſer wurde erwartet. Wie hätte Antoinette da⸗ bei fehlen können! Weiß gekleidet, die Perlenſchnur des Kaiſers um den ſchönen Hals, im Haar ein ſtrah⸗ lendes Diadem, rauſchte ſie ihm endlich entgegen. Bei ihrem Anblick bebte Egbert. Wohl war ſie ſchön, aber dieſe Schönheit hatte einen Zug, den er früher nicht an ihr wahrgenommen und der ſein Herz erkältete. „Ich habe Sie warten laſſen, Herr Heimwald“, ſagte ſie und bot ihm freundlich die Hand zum Gruß. „Sie müſſen mich ſchon entſchuldigen. Und reiſen wollen Sie? Morgen ſchon? Haben Sie es ſo eilig?“ Egbert gab einige Scheingründe für ſeine Heim⸗ kehr an; nur flüchtig berührte er die brennende Frage des Kriegs. „Auch der Graf Wolfsegg wird Ihnen in dieſem Sinne geſchrieben haben“, ſetzte er hinzu.„In Wien glaubt man nicht einmal mehr an einen Aufſchub des Kampfes.“ „Nun ja, in Wien! Mein guter Oheim vergißt 250 nur, daß ich eine halbe Franzöſin bin und ſeit Mo⸗ naten franzöſiſche Luft einathme. Reiſen Sie in Gottes Schutz, Herr Heimwald. Sie haben ſich mir, meiner Familie als werther Freund bewährt. Noch bin ich Ihnen den Dank für Ihre Bemühungen, Ihre mit Erfolg gekrönten Bemühungen zu unſerem Ausgleich mit Herrn Bourdon ſchuldig.“ „Sie haben Benjamin noch geſprochen, gnädige Gräfin?“ „Er iſt ein Ehrenmann. Wie bedaure ich ſeine Verhaftung! Aber ſein politiſcher Fanatismus über⸗ ſteigt jedes Maß und verdirbt ſelbſt ſein Herz. Mit Ehren und Auszeichnungen hat ihn der Kaiſer über⸗ häuft, und er läßt ſich in eine Verſchwörung gegen ſeinen Wohlthäter ein! O, es iſt nur zu wahr, die Dankbarkeit iſt eine ariſtokratiſche Tugend. Herr Bour⸗ don hat auch von Ihnen zu mir geſprochen; ich hoffe, daß Sie nichts mit dieſen dunklen Plänen zu thun gehabt haben.“ „Nichts, Gnädige; der Kaiſer hat mir heute ſelbſt dieſe Ehrenerklärung zugeſtehen müſſen.“ „Sie hatten eine Audienz beim Kaiſer? Er iſt ſehr huldvoll gegen Sie.“ Der Zwang, der ſich bisher in ihrer Haltung und in ihrem Geſicht geltend gemacht und ihrer Anmuth 251 eine ſteife Förmlichkeit auferlegt hatte, verſchwand. In ihren Zügen ſpiegelte ſich eine heitere Befriedigung. Es war ihr ein Bedürfniß, einen Genoſſen ihrer Ge⸗ wiſſensſchuld zu haben. „Sagen Sie meinem Oheim, welch ein Mann er iſt! Der größte, den die Welt geſehen! Nur diejenigen können ihn haſſen, die ſein tiefſtes Weſen nicht erken⸗ nen, aus Neid und Haß, aus Vorurtheilen nicht er⸗ kennen wollen.“ „Umgekehrt, gerade die werden ihn am glühendſten haſſen.“ „Sie?“ „Ja, denn er iſt der unverſöhnlichſte Feind mei⸗ nes Vaterlandes.“ „Sie fühlen als Deutſcher“, meinte ſie vornehm; ſie war ſchon eine Bürgerin der großen Nation.„Aber ob Franzoſe, ob Deutſcher, iſt es nicht ein Glück, ihm zu dienen?“ „Iſt dies ein Wort für mich oder für den Grafen Wolfsegg?“ „Ueberbringen Sie es ihm, wenn Sie wollen“, ſagte ſie ſcharf und haſtig.„Noch eins, was ich ver⸗ ſäumt. Hier iſt ein Brief des Herrn Bourdon an Sie; er wollte ihn weder der Poſt noch einem An⸗ dern anvertrauen. Ich mag nicht wiſſen, was darin 252 ſteht. Leſen Sie ihn oder verbrennen Sie ihn lieber ungeleſen. Das würde für Sie und Herrn Bourdon das Beſte ſein.“ Damit hatte ſie ihm aus einem ſilbernen Käſtchen den Brief gereicht; ſie kam ſich als Mitſchuldige vor, ſolange ſie das Papier in der Hand hielt. „Ich danke Ihnen, Gnädigſte, und würde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie mich ihrerſeits eines Auf⸗ trags an Ihren Oheim, an Ihre Eltern würdigten.“ „Meinem Vater hab' ich neulich geſchrieben. Er wird ſich freuen, wenn Sie ihm ſagen, daß Sie ſeine Tochter glücklich und geehrt gefunden. Mein Bruder iſt frei.“ „Mit aufrichtigſter Freude hab' ich es gehört.“ „In einigen Tagen werde ich ihn wiederſehen. Aus ſo großen Gefahren gerettet! Der Kaiſer wird ihn gnädig aufnehmen; künftig ſoll Franz von Gondre⸗ ville nur für ihn und Frankreich den Degen ziehen. Und meinem Oheim? Bringen Sie ihm meine Grüße. Thun Sie es, Herr Heimwald. Sie werden ihm meine Lage beſſer ſchildern können als ich ſelbſt. Ich fürchte beinahe, daß zwiſchen ihm und mir jedes Verſtändniß abgebrochen iſt. Er iſt ſo ausſchließlich, ſo hartnäckig in ſeinen Meinungen. Für ſich beanſprucht er die weiteſte Freiheit, den Andern gönnt er die kleinſte „ —— 253 nicht. Er ſoll nicht vergeſſen, daß die Gondreville ein franzöſiſches Geſchlecht ſind.“ „Eine ſo herbe Auslaſſung würde ſchmerzen.“ „Sie werden die mildeſten Worte dafür finden, Herr Heimwald, Sie haben eine goldene Zunge. Mag er in ſeinem blinden Haſſe gegen Napoleon verharren, was kümmert es mich? Ich folge der Stimme meines Herzens. Uebrigens wird der Graf ſo beglückt ſein, Sie wieder bei ſich zu haben, Ihre Uebereinſtimmung mit ſeinen Anſichten zu erfahren, daß von mir kaum obenhin die Rede ſein wird. In Bezug auf uns Frauen hat der Graf ein ſchlechtes Gedächtniß, wie die meiſten Männer. Sie nehm' ich aus, Herr Heimwald. Sie gedenken noch der kleinen hübſchen Magdalene? Sie iſt das verwöhnte Schooßkind meines Oheims. Vielleicht will er an ihr gutmachen, was er ſonſt an uns ge⸗ ſündigt. Der Demoiſelle meinen ſchönſten Gruß. Wenn der Krieg, den Sie nun einmal wollen, vorüber iſt, und der Kaiſer wird ihn mit einem großen Schlage beendigen, es ſollte ein guter Tag für mich ſein, könnt, ich Ihnen und dem lieben Mädchen Glück wünſchen.“ Nicht raſch nach einander, in abgebrochener Weiſe, die dennoch Egbert keine Einwendung geſtattete, hatte ſie dies geſprochen, in einer gewiſſen Ungeduld bald nach der Uhr ſehend, bald vor den Spiegel tretend, 254 um noch an ihrem Gewande zu ordnen, das Stirnband in ihren Haaren ein wenig anders zu rücken. Der beſſere Theil ihres Selbſt weilte ſchon in dem Rauſch und der Herrlichkeit des Feſtes. Schweigend hatte Egbert vor ihr geſtanden. Das war nicht mehr ſeine Göttin vom Traunſee. Ein ſo eitles, ganz der Luſt und der Sorge für ſeine Schön⸗ heit hingegebenes Geſchöpf! Ein bitteres Gefühl über die Schwäche des Weibes ergriff ihn. Darum, als jetzt eine Pauſe eingetreten war und ſie ihn erwartungs⸗ voll anſah, ſeines Abſchieds gewärtig, vergaß er ſich und rief: 4 „Antoinette!“. Der Vorwurf, die Klage, die Verbitterung hatten ihm den Ausruf erpreßt. 1 Von ihrem Spiegel that ſie ihm einen Schritt b ——— entgegen. Es war etwas Glühendes und Funkelndes um ſie. „Herr Heimwald“, ſagte ſie ſtolz,„ich glaube nicht, daß Sie mir im Namen meines Oheims eine Rede halten wollen. Sie haben zu viel Taktgefühl dazu. Wenn Ihnen mein Dank für all die Dienſte, die Sie mir erwieſen haben, zu karg erſcheint, ſo wiſſen Sie wohl, daß die rechte Belohnung Ihrer in Wien harrt. Eben bei dem Grafen Wolfsegg. Ich möchte, da ich 255 Sie ſchätze, auch nach dieſer Stunde mich Ihrer gern und freundlich erinnern können.“ „Gute Nacht, Gnädigſte!“ Er ging. Sie ahnte nicht, daß ſie ihm des Lebens ganze Bitterkeit credenzt. Dennoch war ſie verſtimmt. Sie mußte ſich niederſetzen und das Geſicht mit den Händen bedecken, die Thränen drohten ihr aus den Augen zu ſtrömen. Ganz ungeſtraft brechen wir nicht mit den Ein⸗ drücken und Ueberzeugungen unſerer Jugend. Wie ver⸗ körpert, leibhaftig geworden waren ſie in Egbert noch einmal vor ſie hingetreten. Zum letzten Mal! Als die Thür ſich hinter ihm ſchloß, hatten ſie auf immer Ab⸗ ſchied von ihr genommen. Finſter, unergründlich gähnte ſie die Zukunft an. So traf ſie die junge Gräfin Mortigny. „Iſt er endlich gegangen, der Störenfried?“ lachte ſie.„Auch war es die höchſte Zeit. Sieh nur, welch prächtigen Veilchenſtrauß Dir Cambacérès ſendet. Veil⸗ chen aus Parma; er will ſeinem Namen als Herzog von Parma Ehre machen. Sind dieſe neugebackenen Edelleute mit ihren Titeln lächerlich! Sieh doch nicht ſo grämlich aus! Gewiß hat Dir dieſer Herr Heim⸗ wald wieder mit deutſchem Nebel den Himmel verhängt. 2 Er iſt gar nicht häßlich, und doch, ſieht er nicht aus wie ein Schulmeiſter?“ Antoinette hatte ſich aufgerafft. Jawohl, Egbert wie Wolfsegg, es waren trockene Schulmeiſter, ohne Phantaſie und Leidenſchaft. Wollte ſie ſich durch ihre Grillen den vollen freien Genuß des Daſeins verkümmern laſſen? „Wie ſchön biſt Du!“ rief die Freundin bewun⸗ dernd aus.„Eins fehlt Dir noch, und Du mußt es haben: ein Lorbeerkranz. Dann wirſt Du wie eine kranzſpendende Victoria ausſehen. Wenn Du dem Kaiſer Deinen Kranz reichſt, wird er es für ein glück⸗ verheißendes Vorzeichen halten.“ „Thörin!“ entgegnete Antoinette. Aber es war ihr kein Ernſt mit der Abwehr. Indem ſie der Freundin nachgab, erfüllte ſie nur ihr Geſchick und ihren eigenen Wunſch. Sie wollte Napoleon's Victoria ſein, gleichviel, über wen er ſeine Siege gewänne! Indeſſen wanderte Egbert durch die Straßen ſei⸗ nem Gaſthauſe zu. Es war ſein letzter Gang durch Paris, wie er glaubte; ein kalter, feuchter, trüber Gang. Ein feiner, durchdringender Regen rieſelte nieder. Die Außenwelt ſtimmte zu ſeinem Innern. Er 257 fand eine Art Genugthuung darin, daß nun Alles ent⸗ ſchieden, daß die Löſung ſo plötzlich gekommen ſei. Beinahe freute es ihn, gegen den Kaiſer einen perſön⸗ lichen Haß nähren zu dürfen. Die Sache des Vater⸗ landes verſchmolz ſich mit der eigenen Sache, die er zu vertheidigen hatte. Nicht nur begünſtigte der Kaiſer ſeinen Todfeind Vittoriv, er hatte ihm den Freund entriſſen und in den Kerker geworfen. Seine dämo⸗ niſche Gewalt hatte Antoinette verwirrt, geblendet und verwandelt. Den Königen nahm Napoleon ihre Kronen, den Völkern ihre Freiheit, ihm hatte er ſein ſchönes Ideal⸗ bild zerſtört. Das war der gefährlichſte Zauber dieſes Mannes, daß er auch das Höchſte zu ſeinem Dienſte zu erniedrigen verſtand, zu einer Sklaverei, welche für die Bethörten der Schimmer der Erhabenheit umfloß. Zu ſolcher Erkenntniß gelangt man nicht ohne Enttäuſchung und ohne Schmerz, ſagte ſich Egbert. Mit reinem Gewiſſen komme ich zurück, mit freiem Herzen, aber um wie Vieles ärmer! Um den Blüten⸗ traum des Lebens ärmer! Und doch, konnte er ſich beklagen? Zu den Schätzen, die es ſchon verſchlungen, verſchlang das Kaiſerreich auch ſein kleines Glück. Eine tiefe Ruhe ſenkte ſich in ſeine Seele. Wie Frenzel, Lucifer. III. 17 258 Bilder einer fernen Vergangenheit gingen ihm die Be⸗ gebenheiten ſeines Aufenthalts in Paris vorüber. In gefaßter Entſagung betrachtete er ſie. Auf leichten Schwingen hatten die Tage hinweggeführt, was nie wiederkommen konnte. Aus Hoffnungen und Träumen hatte ſich nur eine Wirklichkeit düſter erhoben: der Krieg. Auch in ihm rief eine Stimme, die er bisher noch nicht vernommen: Zu den Waffen! In einer nahegelegenen Straße raſſelten die Trommeln. „Ein Regiment aus Spanien, das nach Straß⸗ burg an den Rhein marſchirt“, ſagten die Vorüber⸗ gehenden. Dieſe Trommeln klangen auch ihm. In ſeiner Wohnung gedachte er des Briefes, den ihm Antoinette von Benjamin übergeben. Er hoffte auf eine ausführlichere Mittheilung des Freundes über die Gründe, die ſeine Verhaftung ver⸗ urſacht, über die Möglichkeiten ſeiner Befreiung. Aber ſeinem ſchweigſamen Weſen getreu hatte ſich Benjamin auch hier mit einigen Worten zärtlichen Abſchieds be⸗ gnügt. In dem Schreiben lag ein Schein, unterzeichnet von dem Pfarrer und dem Küſter der Kirche St.⸗Sul⸗ pice. Es war die Abſchrift eines Geburtsſcheins. 259 In fliegender Haſt las Egbert: „Anne Marie Magdalena, Tochter von Athenais Dechamps, am 13. November 1790 zu Paris in der Pfarrei St. Sulpice geboren—“ und unter den Tar f zeugen:„Armhart, Secretär des Grafen Wolfsegg.“ An den Rand hatte Benjamin geſchrieben: „Vielleicht klärt dies Blatt gewiſſe Zweifel, von denen Sie mir neulich ſprachen, auf.“ Magdalene— kein Zweifel mehr, ſie war Wolfs⸗ egg's Tochter. Schon ſchien auch Antoinette das Ge⸗ heimniß zu wiſſen, daher ihre Heftigkeit. Beneidete ſie die Tochter um die Liebe des Vaters? „Magdalene!“ Unwillkürlich breitete Egbert die Arme nach einer Luftgeſtalt aus. Nein, er war nicht arm! Er Hute noch eine Ju⸗ gendfreundin und ein Vaterland. Ende des dritten Bandes. Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 42* Druck von —