—————j444 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent 8 Deih- und Jeſebedingungen. 3 n bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und — 1— — beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Ff. 1 Mk. 50 Pf. 2 N 3— „„„—— 7 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurü der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt 3 der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 1 beſonders 4 ſelben von 1 14 Tage feſtgeſetzt und wird darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ Lucifer. 7. Ein Roman aus der Uapoleoniſchen Zeit von 4 „ Kark Irenzel. Zweiter Band. 88 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. S 3 9 — Erſtes Kapitel. „Nun, darf man einmal einen Blick in die Herr⸗ lichkeit hineinwerfen, Joſeph? Iſt die Luft noch rein?“ „Belieben's nur hereinzuſpazieren, Demoiſelle Arm⸗ hart! Alles rein gewaſchen, gefegt, gebürſtet, kein Erzherzog kann's beſſer haben. Wovon ſoll die Luft aber rein ſein? Stichelt die Demoiſelle auf mein Pfeiſchen? Wiſſen's, der ſelige Herr Heimwald, den die Demoiſelle nicht gekannt hat—“ „Ich halte mir die Ohren zu, Joſeph, wenn Er von ſeinem alten Herrn anfängt. Singt Er mir doch ſchon genug von ſeinem jungen Herrn vor.“ „Singen? In meinem Alter ſingen? Würde ſich nicht ſchicken, Demoiſelle.“. Darüber war das junge Mädchen, der Einladung des alten Dieners folgend, der in ſeinem braunen Rock Frenzel, Lucifer. II. 1 ———— 4 7 mit vergoldeten Knöpfen, ſeinen gepuderten Haaren mit dem Zopf daran, den ſchwarzen Kniehoſen und Schuhen mit blanken Schnallen einen ſtattlichen Ein⸗ druck machte, in das Zimmer, auf deſſen Schwelle er bei ihrem Nahen geſtanden, raſch hineingetreten. „Seine Pfeife thut mir gar nichts“, ſagte ſie.„Viel ſchlimmer iſt's, wenn der Gaſt, den ſich Herr Heim⸗ wald mitgebracht hat, ſein langes Pfeifenrohr anſteckt. Da darf man wohl fragen, ob die Luft rein iſt.“ „' iſt ein Preuße, ein Lutheriſcher. Die mögen alle ſo fürchterlich rauchen, um ſich an den Höllen⸗ rauch zu gewöhnen. Wenigſtens ſagt's der Herr ſo,'s iſt aber ein geſpaßiger Herr.“ „Weiß Er, Joſeph, die Herren bleiben lange drau⸗ ßen, mitten im November, in den böſen Nebeln und Sturm und Regen. Was treiben ſie dort?“ „Der junge Herr wollte ſeinem Freunde ſein Haus und Gut und den Wiener Wald zeigen. Sie werden reiten und jagen, Demoiſelle.“ „Sind ſie nicht lange genug in der Fremde ge⸗ weſen? Im Herbſt ſucht jeder Vernünftige ſein Heim auf. Hier in der Stadt haben ſie Reſpekt vor Ihm, Joſeph, aber draußen im Walde! Da ſind ſie unge⸗ bunden, frei und toll. Hat Er denn gar keine Sorge, daß ihnen ein Unfall zuſtoßen könnte?“ Dieſe mütterlichen Weisheitslehren aus dem Munde eines ſo jungen Mädchens! Mit ſo ernſthaftem Geſicht vorgebracht! Der gute Alte lächelte verſchmitzt, rieb mit der rechten Hand die Oberfläche der linken und meinte: „Sie ſind ja erwachſen und großjährig! Können doch nicht immer am Gängelband gehalten werden. War gewiß eine fürtreffliche, himmliſch gütige Frau, die Frau Angelica, die nun auch ſchon bei unſerem Herrgott und ſeinen Heiligen iſt— eine Frau, wie Sie einmal eine werden ſollen, liebe Demoiſelle! Aber recht behandelt hat ſie den jungen Herrn nicht. War auf dem beſten Wege, ein verzärteltes, empfindſames Mutterſöhnchen zu werden, immer auf Weiberwort zu hören, ohne Zorn und ohne Courage. Und was iſt ein Mann ohne Courage? In unſerer Zeit! Es iſt nicht gut, wenn Weiber einen Mann erziehen.“ „Das verſteht Er nicht“, entgegnete ſie mit auf⸗ geworfenen Lippen.„Er iſt ein Hageſtolz und Wei⸗ berfeind.“ „O, Demoiſelle Armhart—“ Und er verſuchte ſein gutes, runzelvolles Geſicht zu einem Ausdruck zu zwingen, der gewiſſe wärmere Empfindungen ſeines Herzens vor der Schönheit an⸗ deuten ſollte. . 1* „Sei Er nur getroſt“, lachte ſie und ſchlug ihn mit ihrer kleinen Hand auf die Schulter,„ich hab's nicht auf Ihn abgeſehen! Ihn zu bekehren, das wäre verlorene Liebesmüh'! Und Sein Herr wird nicht beſſer werden als Er!“ „Wollen's hoffen“, entfuhr es dem Diener,„wol⸗ len's hoffen! Aber— bitte tauſendmal um Entſchul⸗ digung, habe der Demoiſelle noch keinen Stuhl an⸗ geboten.“ Und nun beeilte er ſich, einen mit dunkelrothem Wollenzeug bezogenen Polſterſeſſel mit weißlackirter Lehne herbeizuſchieben. „Danke Ihm!“ wehrte ſie ab.„Ich will zur Mutter hinauf und wollte nur hineingucken, ob Alles hübſch in Ordnung ſei, wenn die Herren heimkommen.“ „Alles blank! Die Dielen, die Fenſterſcheiben, die Spinden.“ Während er noch weiter über dieſe häuslichen Angelegenheiten und das große Reinigungsgeſchäft um Martini plauderte, hatte ſie Hut und Tuch— ſie war von einem Ausgange nach der innern Stadt zurückge⸗ kehrt— abgelegt und ſchaute prüfend umher, ob wirk⸗ lich nichts mehr zu beſſern ſei. Hier fuhr ſie mit der Hand über das Kanapee, dort gab ſie den Vorhängen der Fenſter zierlichere Falten. G¾ So konnte jetzt der Alte ihr Geſicht nicht ſehen, als ſie fragte: „Wie findet Er denn Seinen jungen Herrn? Merkt Er keine Veränderung an ihm nach der großen Reiſe?“ „Hm! Der gnädige Herr Graf haben ein gutes Werk gethan, daß ſie ihn endlich zum Neſte hinausge⸗ jagt. Will's die Demoiſelle beſtreiten? Der junge Herr iſt munterer und courageuſer.“ „Geh' Er doch mit ſeiner Courage! Der Herr iſt doch kein Soldat.“ „Kann aber einer werden, Demoiſelle! War der Bonaparte auch nur ein Bürgerskind und iſt Kaiſer geworden, großmächtiger Kaiſer! Und wenn's wieder Krieg gibt— ich verſichere Ihnen, Demoiſelle, ohne Courage—“ „Meinetwegen! Freilich, Sein Herr iſt unter die vornehmen Leute gegangen und übermüthig geworden. Gerade wie die Herren Offiziere von der Arcièrengarde und den Huſaren. Und der Freund, den er ſich in Prag aufgeleſen, verführt ihn noch mehr zu tollen Streichen! Das iſt ein Springinsfeld und ein Flau⸗ ſenmacher!“ „Schelt' uns die Demoiſelle nur nicht gar ſo aus! Sie meinen's ja doch nicht ſo ſchlimm. Hab'ich nicht mit meinen eigenen ſechzigjährigen Augen geſehen, wie Sie ſich vor Lachen ausſchütten wollten, als der geſpaßige Herr von Spring ſeine Schwänke er⸗ zählte?“ „Er iſt eben ein Komödiant und treibt ſein Hand⸗ werk, wenn er uns zum Lachen bringt. Aber wählt man ſich einen Komödianten zum Freunde, zum be⸗ ſtändigen Begleiter? Nein, Joſeph, Sein Herr iſt auf der Reiſe ein Anderer geworden, und er wird Ihm noch viel Kummer bereiten.“ Nicht umſonſt war Joſeph dreißig Jahre in dieſem Hauſe und hatte alle Wandlungen und Geſchicke der Familie Heimwald mit erlebt und in der Theilnahme ſeines treuen Herzens auch mit erlitten. Eine Ahnung, was dieſe Sorge des jungen Mädchens in Wahrheit bedeuten mochte, ſtieg in ihm auf. Denn warun ſollte der blonde Egbert gerade ihm, dem alten Joſeph, Kum⸗ mer machen? Im Gegentheil, er war niemals zufrie⸗ dener mit dem Jüngling geweſen. Er hatte in ſeinen jungen Tagen das Leben immer von der luſtigen Seite genommen und das Weiſeſein, wie er es nannte, für das Alter zurückgelegt, damit er dann doch auch ein ganz beſonderes Vergnügen habe. Das träumeriſche Weſen Egbert's war nicht nach ſeinem Sinn. Das Glück iſt eine Dirne, die muß man bei dem Kopf neh⸗ 6. men und nach Herzensluſt abküſſen, wenn man jung, reich und geſund iſt, lautete ſein Grundſatz. Und in dieſer Kunſt des Lebens hatte Egbert auf ſeiner Reiſe nicht geringe Fortſchritte gemacht. Seine Befangenheit war einer ruhigen Sicherheit gewichen, bei der Anrede oder Frage eines Fremden erſchrak er nicht mehr. Vordem hatte er die Gewohn⸗ heit gehabt, läſtige Geſchäfte von ſich abzulehnen oder doch in die Zukunft hinauszuſchieben, jetzt ſtürzte er ſich ihnen mit einem gewiſſen kriegeriſchen Muthe ent⸗ gegen, als gälte es, im Kampf mit den kleinen Lei⸗ den des Daſeins ſeine Kraft für ernſtere Schlachten zu ſtählen. Geſellſchaften, die er ſonſt gemieden, ſuchte er auf. Lebendiger und theilnehmender wendete er ſich den öffentlichen Dingen zu. Dem alten Joſeph konnte nichts gelegener kommen als dieſe Wandlung ſeines jungen Herrn. Er ſegnete den Grafen und die Reiſe, die ſie herbeigeführt hatten. Aber als er jetzt den Stoßſeufzer Magdalenens hörte, die ihm nicht weniger als Egbert ans Herz gewachſen war, fiel ihm ein, daß ſie vielleicht gar keine Veranlaſſung hätte, ſich dieſer Wandlung zu freuen. Für ſie war Egbert's Einkehr in das bewegte Leben nur eine Ver⸗ kürzung ihrer ſtillen und harmloſen Vergnügungen ge⸗ weſen. Dahin waren die fröhlichen Muſikſtunden, die Abende, die ſie bei einem anregenden Buche, in gegen⸗ ſeitig anziehenden Geſprächen zugebracht. Bis vor kurzem hatte Egbert ſeine Bekümmer⸗ niſſe und Hoffnungen, ſeine Träume und Pläne, die Schmerzen wie die Wonnen ſeiner Seele mit der Ju⸗ gendfreundin getheilt. Sie erſchien ihm als das ein⸗ zige Weſen, dem er ſich ganz und rückhaltlos anver⸗ trauen könnte. In ihrem ruhigen klugen Auftreten fand er für die auf⸗ und niederwogende Flut ſeiner Gefühle eine feſte Klippe, an der ſie verrauſchte. Mit feinem Verſtändniß folgte ſie den Gedanken, die ihm zu allen Höhen hinan und in alle Tiefen abwärts ſchwärmten, und beſänftigte ſie zugleich in ihrer hei⸗ tern Milde. Seit ſeiner Rückkehr hatte ſich eine Trü⸗ bung, eine Verdunkelung dieſes bisher ſo ſchönen und lichten Verhältniſſes eingeſtellt. Egbert begegnete der Freundin mit größerer Rückſicht, aber auch mit grö⸗ ßerer Kühle. Zuweilen, auf der Stiege, im Garten, wich er ihr aus, als hätte er den Minervenblick ihrer graublauen Augen in ſein Inneres gefürchtet. Gab es ein Etwas darin, das er vor ihr verborgen hielt, verbergen mußte? All dies, die Kränkung und die Sorge, mochte in dem Ausruf Magdalenens ausklingen und berührte empfindlich das feinhörige Ohr des alten Dieners. Nach Kräften ſuchte er den Mißmuth des Mäd⸗ chens aus ihrer Seele und von ihrer Stirn zu ver⸗ ſcheuchen. „Du lieber Himmel, der Herr iſt jung, die De⸗ moiſelle iſt jung und das Leben iſt lang. Da wird noch manch Gewitter aufſteigen, mancher Regenſchauer niedergehen. Wer möchte immer Sommerhitze haben? Müßte mich beſtens dafür bedanken. Hat man ſich draußen herumgetummelt, iſt naß geworden, vom Waſſer des Himmels und der Erde, und tritt endlich wieder in ſein Haus, dann weiß man erſt die Annehmlichkeit eines guten Feuers und eines Sorgenſtuhls zu ſchätzen. Hätten dem ſeligen Herrn Doctor nur kommen ſollen, Demoiſelle, der würde Ihnen das in herrlichen Wor⸗ ten auseinandergeſetzt haben. Der Sturm allein macht uns den Hafen werth, pflegte er zu ſagen, wenn er um Mitternacht im heulenden Winde zu einem Kran⸗ ken gerufen wurde und die Frau ihn nicht fortlaſſen wollte. So im Sturm, liebe Demoiſelle, iſt nun der junge Herr.“ „Er hat wohl nie von Schiffen gehört, die im Sturme ſcheitern?“ fragte ſie ſchnippiſch und hatte die Thür zu dem Nebenzimmer geöffnet, um ihre Aufſicht über das Reinigungsgeſchäft, das Joſeph angenrdiiet hatte, ſortzuſ ſetzen. 10 Er zog es vor, ihr nicht zu folgen und ſo ihren Zorn in der Stille verrauchen zu laſſen. Drüben am Kirchthurm der Saleſianerinnen hatte die Uhr die vierte Stunde verkündet. An dem kurzen trüben Novembertage dämmerte es bereits. Im Hauſe und auf der Gaſſe, die ſich abwärts nach dem baum⸗ beſtandenen Ufer des Wienfluſſes niederzog, herrſchte tiefe, faſt ängſtliche Stille. Magdalene, die ſich unbelauſcht glaubte, drückte ihr Geſicht an die Scheiben und die Hand auf ihr lautſchlagendes Herz. Es war ihr, als ſänke die Däm⸗ merung draußen wie eine ſchwerlaſtende Wolke, un⸗ aufhaltſam, erdrückend, auf ihre Bruſt. Ein feuchter Tropfen hing an ihren Wimpern, aber ſie wiſchte ihn trotzig fort. Wenn ſie ſich in dieſen Gemächern um⸗ ſah, war nicht Alles geblieben, wie es früher geweſen? Früher, in glücklichern Tagen! In das fünfte Jahr hinein wohnte Magdalene mit ihren Eltern in dem obern Geſtock des grauen Hauſes, den Saleſianerinnen gegenüber. Der vielen Gärten rings umher— unweit dehnte ſich der im franzöſiſchen Stil gehaltene Garten des Belvedere, da⸗ neben der Schwarzenberg'ſche aus— und des großen Raumes wegen, der hier auf der Landſtraße die ein⸗ zelnen Gebäude noch von einander trennte, batte der — *„ *„ 41 alte Heimwald das von außen ſchlichte, fünffenſterige, im Innern gemächlich eingerichtete Haus gekauft. Nach ſeinem Geſchmack hatte er Hof und Garten, die bei⸗ nahe wüſt lagen, ſorgſam umgeſtaltet. Nach ſeinem Tode war es der Wittwe mit ihrem einzigen Sohne und ihrer Dienerſchaft in dem weiten Hauſe einſam und unheimlich geworden. Das obere, zweite Geſtock hatte ſie geräumt und dem geheimen Secretär Arm⸗ hart im Bureau des Miniſters Grafen Cobenzl auf ſeine Bitten vermiethet. Er hatte aber in ſeinem lieb⸗ lichen muntern Töchterchen und in dem Grafen Wolfs⸗ egg mächtige Fürſprecher bei Frau Angelica gefunden. Ueber Erwarten gut und freundlich hatte ſich dann im gegenſeitigen Umgang das Verhältniß zwiſchen den neuen Bewohnern und der Beſitzerin des Hauſes ge⸗ ſtaltet. Neben ihrem Sohn erhielt Angelica in Magdale⸗ nen eine Tochter. Die Lebensluſt und der wie nach ſeiner Sonne nach dem Bunten und Glänzenden der Welt gerichtete Sinn der Frau Armhart erheiterten und erfriſchten die ſchwermüthige Stimmung der Wittwe. Ein feines, gewandtes Benehmen, einen eigenen Humor allen Ereigniſſen gegenüber verband der geheime Se⸗ cretarius mit einem Schatz von Kenntniſſen und reifer Erfahrung. Die ganze Familie bildete gleichſam einen .* 8 2 . 12 vollaustönenden Dreiklang fröhlicher, muthiger Lebens⸗ auffaſſung, die, unbekümmert um das Zukünftige, heute zugreift und genießt. An den erhabenen Schwung Angelica's und Egbert'’s, die am liebſten zwiſchen Him⸗ mel und Erde ſchwebten, heftete ſich damit ein Blei⸗ gewicht, das ſie oft zu ihrem Beſten an das Geſetz der Schwere erinnerte. Die trübe und harte Zeit im Jahre 1805, die Beſetzung der Stadt durch die Franzoſen, die ſtolze Ungebühr des frechen Siegers brachten die Bewohner des grauen Hauſes noch näher und inniger zuſammen. Gemeinſam galt es Uebel abzuwenden, Fährlichkeiten zu beſtehen. Sie hatten einen franzöſiſchen Oberſten mit ſeinen beiden Adjutanten im Quartier, verwöhnte, hoch⸗ fahrende Männer, welche alles Köſtliche der Welt für die Beute ihres Schwertes erachteten. Niemals würde Ange⸗ liea in ihrer Weichmüthigkeit mit ihnen zurecht gekom⸗ men ſein. Denn nicht die ehemaligen ritterlichen Fran⸗ zoſen, Edelleute aus den vornehmſten Geſchlechtern, ſo unüberwindlich im Kampf, wie höflich und unterwürfig den Frauen gegenüber, welche der Blütenduft feinſter Sitte umſchwebte: rohe Kriegsmänner, in der Revolu⸗ tion aus den dunkelſten Tiefen emporgeworfen, die Hände mit Blut und Raub beſudelt, traten ihr ent⸗ gegen. Mit dem Oberſten ſelbſt ſtellte ſich allmälig 143 ein erträglicheres Verhältniß heraus. Ihn befriedigten eine gute Schüſſel, ein paar Flaſchen Ungarwein und die Bewunderung ſeiner Heldenthaten. An letzterer ließ es Egbert nicht fehlen. Dem Jüngling ging in dem narbenbedeckten l'Eſpinaſſe, der bei Lodi und Ar⸗ cole, bei den Pyramiden und jüngſt noch an der Do⸗ nau, um Ulm, geſtritten, der Begriff eines Soldaten und Haudegens auf. Mit einer Theilnahme, die er nicht zu erheucheln brauchte, horchte er den Schlacht⸗ ſchilderungen des Veteranen. Welch eine Welt war das! Voll Kampf und Tod, voll Schrecken und Wun⸗ der! Der poetiſche Zauber des Krieges ergriff ihn. Spielte ſich hier vor ſeinen Augen nicht eine neue Iliade ab? Hatte der große Schiller in ſeinem„Wal⸗ lenſtein“ nicht ähnliche Menſchen und Vorfälle ge⸗ ſchilderte? Aber ſo gut wie mit dem Oberſten, wenn man aus der Noth eine Tugend machte, ließ ſich mit ſeinen Offizieren nicht leben. Am wenigſten mit Armand Loyſel, der die Rechte des Siegers auch auf die Schön⸗ heit der Frauen ausdehnen wollte. Ob er der noch immer ſchönen Mutter Magdalenens oder dem fünf⸗ zehnjährigen Mädchen eifriger und aufdringlicher nahte, wäre ſchwer zu entſcheiden geweſen. Kein Tag verlief ohne einen heftigen Streit, den er begonnen, bald mit 14 Egbert, bald mit dem Secretarius oder mit Joſeph, der trotz ſeines Alters mit ſolch einem windigen Fran⸗ zoſen fertig zu werden ſich noch recht wohl getraute. Nur die Geſchmeidigkeit Armhart's, die Furcht vor dem ſtrengen l'Espinaſſe verhinderten einen Ausbruch, der die verhängnißvollſten Folgen hätte haben müſſen. In der letzten Stunde, als man ſchon daran dachte, Magdalene aus dem Hauſe zu flüchten, traf zum Glück der Befehl zum Abmarſch nach Mähren, auf das Feld von Auſterlitz, ein und befreite die Geängſtigten von den ungemüthlichen, ſchlimmen und boshaften Gäſten. Durch dieſe Zufälle war aus den beiden Familien beinahe eine einzige geworden. Vermuthlich entwarfen die beiden Frauen ſchon in aller Heimlichkeit den Plan, der die Herzen der Mütter unabläſſig zu beſchäftigen pflegt— den Plan zur Ver⸗ einigung ihrer Kinder. Aber ein Mächtigerer, an den die Menſchen nur, wenn er an ihre Thür klopft, ernſtlich denken, trat zwiſchen Hoffnung und Vollen⸗ dung: der Tod. Der Liebe ihres Sohnes, der Freund⸗ ſchaft ſo vieler Guten, der Verehrung der Armen ward Angelica raſch entrückt. Fortan konnte zwiſchen Egbert und Magdalenen allein das Schickſal ein unlösbares Band knüpfen oder den leichten Faden der Jugend⸗ freundſchaft zerreißen. So vortheilhaft und begehrenswerth den Arm⸗ harts, die von dem mäßigen Beamtengehalt des Man⸗ nes und den Zinſen eiues kleinen, ſauer erworbenen Vermögens lebten, auch in jeder Hinſicht eine Verbin⸗ dung ihrer Tochter mit dem reichen Egbert erſcheinen mochte, vorſichtig hielten ſie an ſich und ſelbſt der redſeligen, voreiligen Frau, der die Zunge oft wider ihren Willen mit den geheimſten Wünſchen ihres Her⸗ zens durchging, entſchlüpfte kein Wort, das eine Hoff⸗ nung angedeutet hätte. In ihrer Neigung, in der Wahl ihres zukünftigen Looſes, äußerten ſie im Kreiſe der Bekannten, ſei der Magdalene vollſtändige Freiheit gelaſſen, ſie werde ſchon das Rechte treffen. „Und wenn ſie nun auf das Theater will?“ hieß es mit einem warnenden Hinblick auf die Gedichte des Herrn von Schiller, die ihr Egbert zu ihrem ſiebzehn⸗ ten Geburtstag geſchenkt und die ſie mit Leidenſchaft auswendig gelernt hatte. „Ja, wir werden ſie nicht daran hindern“, war die Antwort, und der geheime Secretarius, den Viele im Verdacht hatten, ein Freimaurer zu ſein, ſetzte mit * einem eigenthümlichen Augenaufſchlag nach oben hinzu: „Ein höherer Wille lenkt dieſe Dinge. Es gibt wunder⸗ bare Geſchicke, in die der Menſch nicht eingreifen ſoll. Auch den Widerſtrebenden reißt der Genius mit ſich fort.“ „ 16 Je unverſtändlicher das klang, um ſo mehr ver⸗ ſtärkte es bei Verwandten und Nachbarn die Meinung, daß die Armharts halb närriſch vor Eitelkeit über die Schönheit ihrer Tochter wären und hoch hinaus däch⸗ ten, weit über den ſchlichten Egbert Heimwald hin⸗ aus, der zuletzt mit all ſeinem Geld doch nur ein Bürgersſohn ſei, bis zu den Baronen und Grafen hinauf. Welche Pläne ſie aber auch mit Magdalenen ha⸗ ben mochten, ſie begünſtigten weder, noch hemmten ſie den Verkehr der beiden jungen Leute. Nach dem Tode der Mutter ſuchte Egbert unwill⸗ kürlich in einem andern weiblichen Weſen Erſatz für ſeinen Verluſt, ein Herz, worin er die überſtrömende Fülle des ſeinen ausſchütten konnte, eine Hülfe und Stütze in den Verdrießlichkeiten und Störungen des täglichen Lebens, wie ſie ihm bisher mit Rath und That die Mutter geweſen war. Es geſchah ohne jedes Wunder, daß Magdalene die leer gelaſſene Stelle ein⸗ nahm. Sie kannte die Bedürfniſſe, die Schwächen Egbert's, die Eigenheiten ſeines Hausweſens. Neben der Sanftmuth, die ſie von Angelica geerbt zu haben ſchien, beſaß ſie ein ſchnelles, kluges Auffaſſen der Welt, das ihm fehlte. Dabei war ſie, wie das ganze Haus, gewöhnt, ihn zu bewundern. Nicht von einer 17 lauten Stimme angerufen, noch von dem Drang einer leidenſchaftlichern Woge des Gefühls aus ihrem Frieden hinweggeriſſen, hatten ſie noch niemals die Tiefe und die Wärme ihrer Empfindungen für einander zu prüfen gebraucht. Wer ſie zuſammen ſah, hielt ſie für Geſchwiſter. Auf Stunden, wo er zärtlich wie ein Lieb⸗ haber um ſie warb, folgten andere, in denen ſie im hausmütterlichen Ton mit ihm ſchalt und ſeine kleinen Unordnungen rügte. Wie hinter Nebelwolken verborgen, hatten ſie in einer glücklichren Welt gelebt, wohin die Mühſal des irdiſchen Kampfes und der Drang des Gemeinen nicht reicht. Die Reiſe hatte dieſe Schleier⸗ hülle zerriſſen, und mit den fallenden Schleiern war die Ruhe aus ihrer Bruſt und die Harmloſigkeit aus ihrem Zuſammenſein entflohen. Noch zu keiner Friſt hatte Magdalene dieſe Aen⸗ derung herber gefühlt, ſchmerzlicher ihr nachgedacht als jetzt, wo ſie in der Dämmerung durch die lange Flucht der Zimmer ging, mit geſenktem Haupt, wie um Ab⸗ ſchied zu nehmen. Es war ihr lieb, daß Alles, die Bilder an den Wänden, die Porzellanvaſen auf dem Kamin, die altmodiſche künſtliche Uhr, die ſchönen Spiegel und ſo manches koſtbare Geräth, das ſie oft genug in der Hand gehabt, bis auf die Tapeten im Halbdunkel lagen. Grau in Grau entſchwand ihr dieſe Frenzel, Lucifer. II 2 18 Herrlichkeit, die ihr allmälig ſo theuer und ſo vertraut geworden war, verdämmernd, immer unkenntlicher wer⸗ dend, wie die Geſtalten eines Traums. Niemals würde ſie dieſe Gemächer wieder betreten, wenigſtens nie wieder mit Empfindungen, die ſie noch vor kurzem beſeelt hatten. Sie gehörte nicht hierher. Es war nicht ſchicklich, daß ein Mädchen die Wohnung eines jungen Mannes betrat. Nicht ſchicklich, warum hatte ſie nur früher nicht daran gedacht? Was war geſchehen, daß ſich ihr die Freundſchaft zwiſchen Egbert und ihr plötzlich in einem ſo andern, grellen Lichte zeigte? Eine Helle, die ihr ins Herz ſtach und die Augen blendete, ſtrömte auf ſie ein. Oder war es nur eine Wirkung der Kerzen, die Joſeph in dem vordern Zimmer angezündet hatte? Es war Zeit zum Scheiden, und ſie wendete ſich zurück. In dem Armleuchter brannten vier gelbe Wachs⸗ kerzen, aber dem Diener ſchien es noch nicht hell ge⸗ nnug zu ſein. Er ſteckte auch auf die andern Leuchter die nöthigen Kerzen. „Will Er denn das ganze Haus erleuchten wie zum Geburtstage des Kaiſers?“ fragte ſie und lenkte ge⸗ waltſam ihre Gedanken von dem Abgrunde hinweg, der ſich ſo unvermuthet vor ihr geöffnet hatte.„Für uns beide thut's eine Kerze.“ — —— — 19 „Nichts für ungut. Dachte nur ſo. Die Demoiſelle hat's gern, wenn Alles im Lichterglanz ſtrahlt.“ „Ja ſonſt“, entfuhr es ihr, indem ſie Tuch und Hut nahm. Der Schmerz war ſtärker als der Wille, ihn ſtolz in ſich zu verſchließen. Dem Alten that der Kummer des Mädchens leid. „Und mit einem Wort kannſt du ihn verjagen“, ſagte die Stimme ſeines Gewiſſens.„Warum öffneſt du den Mund nicht? Grauer Sünder, als ob du nicht ſchon viel ſchlimmere Dinge herausgelaſſen hätteſt!“ Dieſe Selbſtanklage blieb nicht ohne Wirkung. Schmunzelnd ſteckte er eine Kerze in dem Leuchter feſt. „Licht iſt immer gut, iſt immer ein Feind der Finſterniß. Wo Licht iſt, da iſt ein Abglanz Gottes, ſagt der junge Herr, und wenn Gäſte kommen—“ „Welche Gäſte? Gibt Er Seinen Leuten eine Geſellſchaft? Sie war aber doch erwartungsvoll, die Thürklinke in der Hand, ſtehen geblieben. „Hat denn die Demoiſelle vergeſſen, welchen Tag wir morgen ſchreiben? Den dreizehnten November, der lieben Demoiſelle Armhart—“ „Meinen Geburtstag!“ In der Verwirrung, bei dem lauten Schlagen ihres 2* 8 20 Herzens, der fliegenden Röthe ihres Geſichts, ſah ſie noch einmal ſo reizend aus. „Ja freilich, das graue Haus feiert morgen Ihren Geburtstag, zum fünften Male ſchon, wertheſte Demoiſelle, und es iſt immer ein Freudenfeſt für uns alle geweſen. Die Heiligen wiſſen's, es ſind harte Zeiten. Krieg und Noth, Mord und Brand überall! Mord— denken Sie nur an die gräßliche Geſchichte von dem armen ermordeten franzöſiſchen Herrn, die uns der junge Herr erzählt hat, und in allen Zeitungen ſoll ſie ſtehen und Lieder ſollen darauf gemacht worden ſein. Ach, es ſind harte, jämmerliche Zeiten! Da muß man die wenigen Freudentage feſthalten, weiß Keiner, ob er ſie im nächſten Jahre wieder genießen wird! Und da hätte die Demoiſelle geglaubt, daß ein gewiſſer Jemand“— er blinzelte mit den Augen und zog die Lippen kraus—„am dreizehnten November nicht im grauen Hauſe ſein werde? Das reden Sie dem alten Joſeph mit all Ihrer Klugheit nicht ein.“ „Er kommt!“ rief Magdalene; nun glich ſie ganz einer jungen, von Morgenſonnenſtrahlen aufgeküßten Roſe. „Gewiß kommt er! Er hat heute in der Frühe einen Zettel hereingeſchickt, daß er am Abend mit ſeinem Freunde vom Lande her einträfe, aber die Stunde könne 21 er nicht angeben, vielleicht erſt ſpät, wenn die Demoiſelle ſchon ſchliefe, was ihm das Liebſte wäre, denn es iſt auf eine Ueberraſchung abgeſehen, und Sie könnten ihm wohl den Gefallen thun und heute vor der Zeit unter die Decke kriechen und feſt einſchlafen, ganz feſt!“ „Ja, ja“— wollte ſie ſprechen. Indem ward die Hausglocke gezogen. „Zu dieſer Stunde? Wer mag das ſein?“ „Doch keine Botſchaft von Egbert? Es wird ihnen doch kein Unglück zugeſtoßen ſein?“ Beide, der Diener den Armleuchter in der Hand, waren ſie auf den Corridor hinausgetreten. „Dann rede ich ein Wort mit dem Kammerdiener des Herrn Heimwald“, ſagte eine kräftige, wohlklingende Stimme unten zu dem Hausmeiſter. Leichten Schrittes, in einem ſchwarzen Mantel, ſtieg ein Mann die Stiege hinauf; erſt langſam, dann, als Joſeph hinunter leuchtete, ſchneller. Das junge Mädchen hatte ſich aus Neugier nicht von der Stelle gerührt. Sie bemerkend, nahm der Fremde zum Gruß den Hut ab. Der Anblick überraſchte ihn. Schlank und zierlich, die blonden Locken um die Schultern wallend, die Hand in dem Florethandſchuh auf das Treppenge⸗ länder geſtützt, ſtand Magdalene. Hell beleuchteten die Kerzen ihr ſanft geröthetes Antlitz; das enganſchließende Kleid mit dem Spenſer darüber ließ die feinen Formen ihrer Geſtalt deutlich hervortreten. Als ſie den langen, tiefbohrenden Blick zweier dunklen Augen halb fragend, halb begehrlich auf ſich gerichtet ſah, ſchauerte ſie leicht zuſammen; es mochte auch eine Wirkung des Zugwindes ſein, der von der untern Hausflur heraufwehte. „Guten Abend, Joſeph“, ſagte ſie und ſchickte ſich an, die zweite Stiege zu der Wohnung der Eltern hinanzugehen. „Serviteur, Demoiſelle Armhart“, rief ihr der Diener nach und wendete ſich dem Fremden entgegen. Der hatte jetzt den Corridor erreicht. „Ich bitte vielmals um Verzeihung, wenn ich das gnädige Fräulein vertreibe“, begann er mit ſeiner ein⸗ ſchmeichelnden Stimme.„Es hat keine Noth, mein Ge⸗ ſchäft iſt in wenigen Minuten gethan. Ich ſuche Herrn Egbert Heimwald; wir haben uns vor einigen Wochen auf dem Schloß des Grafen Wolfsegg getroffen—“ Der Name Wolfsegg hatte für Magdalene eine zauberiſche Gewalt; es war, als ob damit ihr Schutz⸗ engel herbeigerufen worden ſei. Mitten auf der Treppe hielt ſie inne. „Wir hatten uns gegenſeitig gelobt, die angefangene Bekanntſchaft in Wien fortzuſetzen—“ „ 23 „Sieh“, dachte Magdalene,„eine neue Freundſchaft, die er dir wieder verheimlicht hat. Und mit einem Mann, von dem zu reden doch wohl der Mühe verlohnte.“ „In größerer Muße und beſſerer Herzensergrün⸗ dung fortzuſetzen“, ſprach der Fremde, das Geſicht zu ihr emporgewendet, weiter.„Nun bin ich der erſte, mit dem Verſprechen Ernſt zu machen, und höre zu meinen Bedauern—“ „Der Herr iſt noch am Land“, brummte Joſeph, dem der Fremde nicht zu gefallen ſchien. Oder verdroß ihn nur der lange Aufenthalt auf dem kalten Corridor? Seine mürriſche Antwort, ſein kurz angebundenes Weſen ärgerte Magdalene. Iſt das die Weiſe eines Dieners, welcher etwas auf die Ehre ſeines Herrn und ſeines Hauſes hält? Was mußte der fremde vornehme Mann von der Höflichkeit und Erziehung Egbert's denken, wenn ihm ſo begegnet ward? Sie legte ſich ins Mittel. „Gewiß würde Herr Heimwald Sie ſchon aufge⸗ ſucht haben“, ſagte ſie und ſtieg einige Stufen nieder, „mein Herr—“ „Ich bin der Ritter Vittorio Zambelli“, antwortete mit einer tiefen Verneigung der Angeredete. Ein Cavalier— dieſe Entdeckung thaute auch den Alten auf und glättete ſeine Mienen. — —ÿÿ———— ———— 24 „Bitte ſchönſtens, wollen der gnädige Herr nicht eintreten?“ drängte er. Der Ritter wehrte ab. „Ich begreife, mein werthes Fräulein, Herr Heim⸗ wald iſt ein vielbeſchäftigter Mann.“ „Er hat einen Freund, dem er die Stadt und die Umgegend zeigen will; ſie ſind beide auf dem Land⸗ gut des Herrn Heimwald hinter Hietzing.“ „Richtig, mir fällt es bei! Ein junger Mann— aus Preußen— „Herr von Spring“, ergänzte Joſeph. Der Ritter dankte ihm mit einer leichten Bewegung der Hand. „Ich bedauere ſehr“, ſette er hinzu,„Herrn Heim⸗ wald verfehlt zu haben, und bedauere doch auch wieder nicht, da ich ſtatt ſeiner wenigſtens die flüchtige Be⸗ kanntſchaft der Demoiſelle Armhart gemacht habe.“ Trotz dieſer artigen Wendung der Rede ſchien ihn die Vergeblichkeit ſeines Ganges zu verſtimmen; er ſtand zögernd. „Freilich, ein ſo wichtiges Geſchäft—“ Ueberlegte er, wem von beiden, dem Mädchen oder dem Diener, er es anvertrauen ſollte? Joſeph verharrte in ſeinem Schweigen; wohl hätte er den Ritter auffordern können, eine Weile zu verziehen, 1 8 — 25 die Angelegenheit, um die es ſich handelte, niederzu⸗ ſchreiben, aber er wußte, daß Egbert nicht gern fremde Menſchen in ſeiner Wohnung ſah. Und nun gar in ſeiner Abweſenheit einen Mann einlaſſen, der ihm, dem alten Joſeph, trotz ſeines Cavalierthums ein unbe⸗ ſtimmtes dunkles Mißtrauen, beinahe ein körperliches Unbehagen einflößte; einen ſolchen Verſtoß gegen die Anordnungen ſeines jungen Herrn wollte er ohne die äußerſte Noth nicht wagen. Was ihn ängſtigte, reizte Magdalene; das Selt⸗ ſame dieſes Beſuchs, das Ungewöhnliche in der Erſchei⸗ nung und Rede Zambelli's, ſelbſt ſeine tiefſchwarze Klei⸗ dung, die ſich in gewiſſen, von einem Frauenauge ſchnell entdeckten Kleinigkeiten von dem Modiſchen unterſchied, trug das Ihrige zu dieſer Wirkung bei. So hatte er ſtatt der enganliegenden, hochhinaufgehenden Halsbinde um den aufrechtſtehenden ſchmalen Hemdkragen ein ſchwarzes Seidentuch mit geſtickten Zipfeln loſe geknüpft. „Wenn der Herr Ritter es nicht vorlaut und auf⸗ dringlich finden—“ ſagte ſie haſtig. „Aus Ihrem Munde!“ betonte er. „Dann möchte ich Sie bitten, zu meinem Vater heraufzuſteigen. Er iſt der Freund des Herrn Heimwald und Sie könnten ihm Ihre Mittheilung— aber“, unter⸗ brach ſie ſich ſelbſt,„vielleicht iſt es ein Geheimniß.“ 1 ———— 286 „Keineswegs. Ich ergreife mit Vergnügen dieſen Ausweg, den Sie mir vorſchlagen, mein gnädiges Fräulein. Denn in Wahrheit, ich darf kaum hoffen, in den nächſten Tagen meinen Beſuch bei Herrn Heim⸗ wald zu erneuern. Dienſtpflicht, Staatsgeſchäfte 10 Er war ſchon an dem verwunderten, mit offenem Munde wie angedonnert daſtehenden Joſeph vorüber, auf den Stufen, an der Seite Magdalenens. „Längſt war es mein Wunſch, mit dem geheimen Herrn Secretarius zuſammenzutreffen,“ plauderte er. „Eine Fundgrube politiſcher Weisheit! Ein ſo geſchätzter Staatsdiener! Keinem Mitgliede der Staatskanzlei ſagt das Gerücht ſo viel Gutes und Treffliches nach. Noch neulich— Sie hätten den Grafen Wolfsegg über Ihren Herrn Vater ſprechen hören ſollen, wertheſte Demoiſelle—“ Obgleich an ſeinem Schreibtiſch überraſcht, mitten in der Arbeit, war der geheime Secretarius doch über die Ehre eines ſo vornehmen Beſuchs, den ihm ſeine Tochter zuführte, höchlich erbaut. Der Herr Ritter Zambelli galt, wie er mit feinem Lächeln bemerkte, trotz ſeiner Jugend für einen geſcheidten Politicus, der bis in die geheimſten Tiefen der Bücher und Lehren Macchiavelli's gedrungen ſei. Ohne Anſtand gab Vittorio ſeine Vorliebe für den —2 27 großen Florentiner zu, ohne geziertes Weſen nahm er das geſpendete Lob halb an, zur andern Hälfte ſchien er es durch eine Bewegung von ſich abzulehnen. Darüber hatte nach der alten guten Sitte Wiens Magdalene einen kleinen Imbiß aufgetragen: Backwerk und ein Fläſchchen edlen ungariſchen Weins. Still wollte ſie ſich dann wieder aus dem Gemach entfernen, aber der Ritter bat ſo höflich, ſie möge ihm das Ver⸗ gnügen ihrer Gegenwart ſchenken, vielleicht werde das, was er zu ſagen habe, auch ihre Theilnahme erregen, daß ſie auf einen zuſtimmenden Wink des Vaters blieb. Während ſie am Fenſter vor ihrem Nähtiſche, auf dem ein Licht brannte, Platz nahm und eine Hand⸗ arbeit begann, nöthigte der Vater den Ritter auf das Kanapee, ſchenkte die kleinen feinen Spitzgläſer voll und tickte, das ſeine hochhebend, an das Vittorio's: „Auf Ihr Wohlergehen, mein Herr Ritter!“ Ebenſo verbindlich war die Erwiderung Zambelli's. Die Spannung, die ihn ſeit ſeinem Eintritt in das Haus beherrſcht hatte, entwich vor der behaglichen Stimmung, die ihn umfing. Ein mäßig großes Zim⸗ mer mit bürgerlich ſchmuckloſer Einrichtung, die aber hier und dort einen gewiſſen Wohlſtand verrieth. An der ſaubern weißen Decke auf dem runden Tiſch, an dem geſtickten Schlummerkiſſen, den blank geſcheuerten —————— * 28 Dielen offenbarte ſich das Walten einer Hausfrau. Die Ordnung der Papiere auf dem SchreWibtiſch, die Regelmäßigkeit, mit der die Bücher auf dem Bücher⸗ bret in Reih' und Glied geſtellt, die Actenſtücke in die einzelnen Fächer des Regals geſchoben waren, ſprach für den peinlichen Ordnungsſinn des Geheim⸗ ſecretärs. Vittorio betrachtete ihn eine Weile aufmerkſam: ein kleiner beweglicher Mann mit grauen emporſtehen⸗ den Haaren, blaß von Geſichtsfarbe, mit klugen durch⸗ gearbeiteten Zügen, einem verſchlagenen Ausdruck, der um den Mund leiſe zuckte, wenn er lächelte. Aus der Art, wie er das Glas leerte, den Wein gleichſam mit der Zunge ſchmeckte, ſchloß der Ritter: er iſt ein Kenner, und wer den Wein kennt, der kennt wohl auch noch mehr. „Daß wir uns doch ſo oft von unſerer Ungeduld hinreißen laſſen“, begann Vittorio.„Ich ſchäme mich, Sie in Ihrer Arbeit und zugleich in Ihrer Häuslich⸗ keit, ſozuſagen in Ihrem Tusculum aufgeſtört zu haben! Unten auf der Stiege erſchien mir der Vorfall, den ich Herrn Heimwald zu berichten hatte, ſo wichtig, ſo erzählenswerth, und jetzt ſchrumpft er zu einer leeren Neuigkeit zuſammen. So wahr iſt es, daß nur unſere Stimmung den Dingen ihr Maß, ihre Form und 4 2 „— ——„— — ——— 29 Farbe gibt! Und was iſt wechſelvoller, grundloſer und unberechenbarer als unſere Stimmung?“ Armhart hatte eine goldene Doſe hervorgezogen und ließ ſie durch die Finger ſchnellen. Dabei ſah er den Ritter mit einem raſchen, ſchlau fragenden Blicke an. In der nächſten Sekunde hielt er ihm die Doſe entgegen. „Iſt's gefällig?“ „Danke verbindlichſt, Herr Secretarius. Aber das iſt ja ein kleines Meiſterſtück!“ „Ein Geſchenk der gnädigſten kaiſerlichen Majeſtät. Ihr eigenes allerhöchſtes Bildniß in Email darauf“, ſagte der Geheime mit Stolz, die Doſe hinüber⸗ reichend. Prüfend betrachtete ſie Vittorio. „Ganz herrlich und von trefflicher Arbeit. Und wohlverdient, ſetze ich hinzu, ohne zu wiſſen, bei welch beſonderer Gelegenheit Ihnen die Gnade unſeres Kaiſers zu Theil ward.“ „Wegen der Verhandlungen zu Luneville. Ich war dort mit meinem gnädigen Chef, dem Herrn Grafen Ludwig Cobenzl—“ „In Luneville! Da iſt hoffentlich eine Frage nicht unbeſcheiden, ob Sie damals— der vertraute und ergebene Freund des Grafen Wolfsegg—“ ——— ——— —— — ꝗq-=——— 5 8 30 „Zu viel Ehrel Sein Diener, ſein ergebener Diener“, ſagte der Secretär, ſeine Doſe, die nun ihren Dienſt gethan hatte, wieder einſteckend. „Ob Sie damals jenen Jean Bourdon geſehen, deſſen Ermordung—“ „Ob ich ihn geſehen? Gewiß! Ich war tief er⸗ ſchüüttert, als ich von Herrn Heimwald die gräßliche Geſchichte vernahm. Ein ſo wackerer Mann! Wir ſind uns damals in der alten lothringiſchen Stadt unſeres Kaiſerhauſes begegnet. Meine Hochachtung— was will die ſagen! Aber Bourdon beſaß die Hochachtung der beſten und edelſten Männer!“ „So verringert ſich in etwas meine Schuld, daß ich Sie aufhalte und beunruhige. Ich ſpreche nicht von dem Schickſal eines Fremden, eines Gleichgültigen zu Ihnen. Sie kennen die wichtige Rolle, die Herr Heimwald in dieſem geheimnißvollen Drama zu ſpielen durch den Zufall oder die Vorſehung berufen war. Wir alle waren des Glaubens, gedungene Meuchel⸗ mörder im franzöſiſchen Solde hätten den unglücklichen Mann getödtet, ganz wie man es in alten italieni⸗ ſchen Geſchichten lieſt, daß ſich die Fürſten durch den Dolch der Bravis ihrer Gegner entledigt.“ „Nun, nun? Ein neuer Incidenzpunkt?“ Der Geheime fuhr von ſeinem Stuhle auf, und 31 Magdalene hatte ihr Nähzeug in den Schoß ſinken laſſen. „Ein Vorfall, der alle dieſe Vermuthungen um⸗ wirft. Bei einem übelberüchtigten Bauer aus der Um⸗ gegend Gmundens iſt die Börſe des Ermordeten ge⸗ funden worden. Wie ſo oft verrieth ſich auch diesmal der Mörder ſelbſt. In der Trunkenheit zeigte er den Zechenden einen Napoleonsd'or. Das erweckte Ver⸗ dacht, man durchſuchte ſeine Hütte, unter Reiſig und Lumpen verſteckt fand man die rothſeidene Börſe Bourdon's mit Goldſtücken angefüllt.“ „Welche Fügung Gottes!“ rief Armhart. Magdalene hatte ſich ganz zu dem Erzähler um⸗ gewendet. Vittorio gefiel der Ton des Geheimen nicht, er hörte einen leiſen Zweifel heraus; oder war es nur ſein argwöhniſches Gemüth, das bei den Andern ſein eigenes Mißtrauen vorausſetzte? „Natürlich“, fuhr er fort,„hat der Verbrecher hartnäckig geleugnet; er will die Börſe an einem Ort, der weit entfernt von dem Schauplatz der Unthat liegt, gefunden haben. Es iſt beinahe lächerlich, ſolche Lügen nachzuſprechen. Eine rothſeidene geldſchwere Börſe auf freiem Felde!“ „So machen es alle. Glauben, ſie könnten die hochlöb⸗ . ———— 32 liche Obrigkeit betrügen. Sitzt doch feſt— der Uebel⸗ thäter?“ „Feſt in Linz in Gewahrſam, obwohl der Frei⸗ herr von Puchheim, ſein Gutsherr, ſehr eifrig für ihn eintrat und vorſtellte, daß der Mann wirr im Kopfe ſei und nicht für zurechnungsfähig gelten könnte.“ „Ei, ei, ein verwickelter Criminalfall! Da wird der Herr Heimwald vor Gericht als Zeuge erſcheinen müſſen.“ „Ich kam eben, um unter andern Geſchichten ihm auch dieſe merkwürdige Wendung des Abenteuers mitzutheilen.“ „Das wird er ſich nicht haben träumen laſſen, daß ſeine Gutthat an dem armen Bourdon ſolche Be⸗ lohnung finden würde. Es iſt für Niemand, und für den Unſchuldigen ſchon gar nicht, angenehm, mit der Juſtiz zu thun zu haben. Die Verbrecher kennen die Dame und wiſſen, daß ſie wie jedes Frauenzimmer ihre ſchwache Seite hat. Wird übrigens eine erfreu⸗ liche Nachricht für den franzöſiſchen Herrn Geſandten geweſen ſein. Hatte dieſer Mord doch die ſchlinmſten Gerüchte hervorgerufen, die boshafteſten Zungen hier in Wien entfeſſelt.“ „In der That? Ein ſo unbedeutendes Ereigniß! Ich ſehe davon ab, daß Jean Bourdon Ihr Freund“ — er legte den eigenthümlichſten Ton ſeiner Stimme auf dies Wort—„der Vertraute des Grafen Wolfsegg.“ 33 „Nur in Geſchäftsangelegenheiten“, beeilte ſich der Secretarius einzufallen,„ganz und gar in Geſchäften, wegen der lothringiſchen Güter der Gondrevilles.“ „Haben ſie noch Beſitzungen in Frankreich? Ich dachte, dieſelben wären alle längſt als Nationalgüter verkauft worden.“ „Und vielleicht gekauft mit öſterreichiſchen Ducaten“, ſchmunzelte Armhart.„Mein Herr Ritter Zambelli, in Revolutionszeiten! Was iſt da mein, was iſt dein? Iſt es Eigenthum, iſt es Diebſtahl? Man kann Kronen rauben, Schlöſſer kaufen— Alles im Wirbelwind, der die Erde noch einmal ſo raſch als ſonſt dahinreißt und Menſchen, Häuſer und Reiche kopfüber ſtürzen läßt. Aber endlich, ſagt ſich der Weiſe, ermüdet auch der ſchnellfüßige Achilles, auch die gewaltigſte Bewegung läßt nach— einmal, Herr Ritter, wie herrlich auch der Tag war, wird's Abend—“ „Und dann beſinnt ſich die Welt auf ſich ſelbſt, und gemeſſen kehren die Dinge zu der alten Ordnung zurück.“ „Nicht alle! Behüt' es Gott! Einige ſind darüber ins Nichts gefallen.“ „Aber bis dahin—“ „Richtig! Bis dahin muß es den Herrn der Welt verdrießen, wenn man— wie ſagten Sie doch? Frenzel, Lucifer. II. 3 — in einem ſo unbedeutenden Vorfall, wie es die Ermordung eines Reiſenden auf der Laudſtiaße iſt, ſeine Hand erkennen will.“ „Hat das Gerücht ſich ſo hoch hinauf verſtiegen? Ach, mein werther Herr Secretarius, wie blind und abergläubiſch, wie verſtockt in ihren Vorurtheilen ſind doch die Menſchen!“ „Ja, ja, die Philoſophie kann noch ein Jahrhun⸗ dert aufräumen und wird immer noch für ihren Beſen zu kehren finden. Hatten wegen des Geredes in den Zeitungen eine böſe Stunde auf der Hofkanzlei. Waren der Herr General Andréoſſy in ungnädigſter Laune. Hoffentlich ſchlägt die Aufklärung, die nun gegeben werden kann, Alles nieder— kein politiſcher, ein ein⸗ facher Raubmord. Noch dazu von einem Irrſinnigen ausgeführt. Es ſteckt Schnee in der Luft, und unter der Schneedecke wird Manches begraben. Wie nahm denn der Herr Graf Wolfsegg die Entdeckung auf?“ Dabei ſchenkte er die Gläſer wieder voll, wie Vittorio dachte, um ſich nicht in die Augen blicken zu laſſen. „Der Herr Graf Wolfsegg“, lächelte er,„hat ein undurchdringliches Geſicht und, wie es in der Ode des Horaz heißt, dreifaches Erz um die Bruſt. Sie wer⸗ den das beſſer kennen, aus langjähriger Bekanntſchaft. Der Graf iſt ein vollendeter Diplomat und ein aus⸗ gezeichneter Schachſpieler. Wer auf dem Schachbret Sieger bleibt, hat auch auf andere Siege Ausſicht. Schade, daß er ſich aus dem Staatsdienſt zurück⸗ gezogen.“ „Seine großen Güter“, wendete Armhart ein.„Und dann, es iſt kein Geheimniß, mit dem Freiherrn von Thugut und dem Grafen Cobenzl konnte er ſich nicht zuſammenſpannen laſſen. Dem einen war er zu vor⸗ eilig und zu freiſinnig, der andere war ihm zu weich⸗ müthig und zu undeutſch!“ „Er lebt ſich nun ſelbſt in heiterer Muße, in frei gewählter Beſchäftigung. Die Demoiſelle ſieht ihn öfters?“ Er hatte ſich zu Magdalenen hinübergeneigt. „Der Graf gibt uns zuweilen die Ehre ſeines Beſuchs“, antwortete ſie erröthend. „Ein leutſeliger Herr, ohne allen Stolz, der treue Dienſte nicht vergißt, wie es leider Fürſten nur zu oft thun ſollen!“. „Nun, nun!“ meinte der Geheime und drehte die Daumen um einander. Vittorio ſtutzte; hatte er mit ſeinem Gemeinplatz, den er abſichtslos, nur um etwas zu ſagen, hingewor⸗ fen, einen wunden Fleck berührt? Gedanke fügte ſich 3* —— ÿ—— —— 22 2.— 1.. ihm raſch zum Gedanken. Was hatte der Graf in die⸗ ſem Hauſe ſo angelegentlich zu ſuchen? Woher ſeine Freundſchaft für den blonden Egbert, ſeine Beziehun⸗ gen zu den Armharts? Richtig, noch vor kurzem hatte Antoinette mit einer gewiſſen Bitterkeit auf die Gänge des Oheims nach dem Rennweg zu den Saleſianerinnen angeſpielt, die Marquiſe gar ſich zu dem Ausdruck „bürgerliche Liaiſons“ hinreißen laſſen. Er hatte dieſe Aeußerungen damals auf die Höflichkeit und Gunſt gedeutet, die Wolfsegg den beiden jungen Männern erwieſen, und auf die Verſtimmung der ariſtokratiſchen Damen darüber. Lag ihnen jedoch eine ernſtere That⸗ ſache zu Grunde? Gab es hier eine geheime Verbin⸗ dung, die der Familie mißfällig war, deren Kennt⸗ niß man in einer guten Stunde gegen den Grafen ausbeuten konnte? Wie lange war Vittorio ſchon auf der Fährte nach einer ſolchen Kunde! Bot ſie ſich ihm hier uner⸗ wartet dar? Sein Wirth hatte ihm Zeit gelaſſen, dieſe Ge⸗ dankenkette zu ſchließen. Er hatte ſein Glas ausge⸗ trunken und einen flüchtigen, von dem Ritter nicht unbemerkten Blick nach ſeiner Tochter gerichtet. Mag⸗ dalene ſchien wieder ganz mit ihrer Arbeit beſchäftigt zu ſein und der Unterhaltung keine Aufmerkſamkeit zu 37 ſchenken. Von der Höhe, auf die ſie Vittorio wegen der Fremdartigkeit ſeines Weſens erhoben hatte, war er herabgeſtiegen; wie klug Alles ſein mochte, was er ſagte, ſie hatte mehr erwartet, einen angenehmen Schauer, eine phantaſtiſche Geſchichte. Dazu drängte ſich ein geliebteres Bild in das Gemach und warf ſeinen Schat⸗ ten zwiſchen ſie und den Fremden. Mit jeder verrin⸗ nenden Minute kam Egbert näher; mein Egbert, flüſterte ihr Herz. Schärfer horchte ihr Ohr in die Dunkelheit der Gaſſe hinaus, nach dem fernen Rollen eines Wa⸗ gens, als nach dem politiſchen Discurſe hin, den die Männer führten. Sie gönnte ihrem Vater einmal das ſeltene Vergnügen, innerhalb„ſeiner vier Pfähle“, frei von dem Zwang und Staub der kaiſerlichen Kanzleiſtube, ſeine Meinung über den Weltlauf an den rechten Mann zu bringen. Das fühlte ſie als Tochter eines„Gehei⸗ men“, der unter Thugut und Cobenzl Depeſchen ge⸗ ſchrieben und geleſen in gar mancherlei Sprachen und Chiffern, heraus, daß in dem Ritter etwas Diploma⸗ tiſches ſtecke. „Nun“, wiederholte Armhart,„eine Hand wäſcht die andere. Ein gutes Sprichwort. Ich, meine Frau und die Magdalene, wir ſind dem Herrn Grafen ſehr obligirt. Iſt zu uns immer Huld und Gnade geweſen, beſonders ſeit die Leni ſo groß und ſo hübſch geworden.“ „Warum ſchiebt er nur ſeine Tochter in den Vor⸗ dergrund?“ fragte ſich Zambelli.„Will er mir ein Liebesabenteuer vorſpiegeln? Der Graf in ſeinen Jah⸗ ren, der ſich in der Vorſtadt ein Liebchen hält? Und dies Mädchen?“ Er beobachtete ſie von der Seite; vornüber, auf ihr Nähzeug geneigt, ſaß ſie im Halbdunkel, nur die eine Seite ihres Geſichts war heller beleuchtet, ihr blondes Haar glänzte. Wie ein goldiger Schimmer umflog es zuweilen ihr Haupt. In allen ihren Bewe⸗ gungen kamen mit der Schönheit ihrer Formen der Adel ihrer Seele, eine ſüße Anmuth, die ſie verklärte, ohne daß ſie es ahnte, unwillkürlich und anſpruchslos zum Ausdruck. „Sieht eine Sirene ſo aus?“ ſann Vittorio und ſagte laut: „Irre ich nicht, Herr Secretarius, ſo hörte ich den Grafen erzählen, daß Sie aus ſeinem Dienſt in den des Staates übergegangen ſind.“ „Richtig, in einen höhern, in keinen beſſern. Aus der Villa des Mäcenas in die Schreibſtube des Tibe⸗ rius.“ „Das iſt ein gutes Wort. Der Freiherr von Thugut ſoll mehr als einen Zug von Tiberius gehabt haben.“ — 39 „War ein verſchlagener, durchgreifender Mann, ein geſchickter Miniſter, dem es nie an Auskunftsmitteln fehlte und der vor keinem zurückſcheute. Einen Despoten haben ſie ihn geſcholten. Die Heiligen wiſſen's, iſt der Bonaparte kein Despot? Ich kam 1793 ins Amt auf die Fürſprache des Herrn Grafen, die Leni lernte eben plappern, hauptſächlich wegen meiner Kenntniß des Franzöſiſchen.“ „Der Herr waren in Frankreich?“ „Mit dem Grafen, zwei Jahre und länger in Paris, vom Herbſt 1789 bis in den März 1792, tolle Jahre! Die Jugend behauptet zwar, es könne gar nicht toller in der Welt zugehen als heutzutage, aber das iſt ein Irrthum, ſage ich, ein Irrthum. Wenn plötz⸗ lich fünfundzwanzig Millionen Menſchen anfangen, ſtatt auf den Füßen, auf den Köpfen hermunzuſpazieren, das iſt ein Schauſpiel!“ „Ich glaub' es Ihnen gern. Dieſer Beginn einer neuen Weltepoche, dies Morgenroth muß berauſchend auf die Zeitgenoſſen gewirkt haben; entzündet doch jetzt noch ſein letzter ſchwacher Abglanz alle Herzen mit wunderbaren Flammen.“ „Ca ira!“ rief der Geheime und trank das dritte Glas.„Und es rumorte nicht allein in dem großen Hauſe, das wir Staat nennen, es polterte und lärmte in allen Schlöſſern, in allen Hütten. Bruder, Schweſter: damit fielen Menſchen, die ſich nie vorber geſehen hatten, auf offener Straße ſich in die Arme. Alle waren Bürger und Bürgerinnen. Des ewigen Friedens, der Freiheit und der Verbrüderung goldenes Zeitalter dämmerte auf. Viele Wandlungen macht der Menſch im Leben durch— muß ſie durchmachen, weil der Hunger den Papagei ſprechen lehrt. Aber das Ge⸗ dächtniß jener Tage wird ſich aus der Seele Keines verlieren, der ſie erlebt hat, in welche Geſtalt ihn auch die Götter bannen mögen. In ſeinem Herzen zittert das citoyen nach, und wenn er ein hübſches Frauen⸗ zimmer ſieht, fühlt er ſich gedrungen, ihr den Arm an⸗ zubieten: citoyenne!“ Zambelli lächelte, drückte über den Tiſch hin ver⸗ ſtändnißinnig dem Secretarius, deſſen kleine Augen liſtig und lüſtern funkelten, die Hand und blickte ver⸗ ſtohlen nach dem Fenſter hin. Der Stuhl ſtand noch dort, aber er war leer. Lautlos hatte Magdalene das Gemach verlaſſen. Freilich, er war ganz Auge und Ohr für den Alten geweſen, den der Wein zum Plau⸗ derer machte. War in dieſem Wein Wahrheit oder ein ſinnberückender Rauſch? Dies Mädchen, das ſo wunderſam durch dieſe halben Enthüllungen, halben Ver⸗ ſchleierungen hinglitt, liebte es der Graf? Anfangs war 41 es dem Ritter unmöglich erſchienen, jetzt ſchwankte er ſchon. Aehnliche Beiſpiele fielen ihm manche ein. „Die franzöſiſchen Soldaten thun ja das Ihre, dieſe Erinnerungen und ihre ſchöne Sprache nicht bei uns ausſterben zu laſſen“, ſagte er.„Vor vier Jahren zu dieſer Zeit waren ſie in Wien—“ „Und im nächſten Jahre“, wisperte Armhart,„um dieſe Zeit haben wir ſie wieder in Wien? Hm, iſt's nicht Ihre Ueberzeugung?“ „Ich bin kein Freund der Politik des Grafen Stadion“, entgegnete Zambelli ausweichend.„Man ſollte mit dem Kaiſer Napoleon um jeden Preis Frieden und Freundſchaft halten. Er iſt das Genie des Jahrhunderts und wird den Bau einer neuen Welt vollenden. Bei meiner tiefſten Hochachtung vor dem Grafen Stadion—“ „Ja, Hochachtung, Bewunderung!“ rief der Geheime mit ſchwimmenden Augen.„Er iſt mein erlauchter Chef, einer aus der ehemaligen reichsſreien Ritterſchaft, deren ſich Gott und Napoleon endlich in Gnaden er⸗ barmt haben!“ „Mir ſcheint es nicht der höchſten Klugheit zu entſprechen, eine einzelne Nationalität, wie die deutſche, gegen das Weltreich des franzöſiſchen Kaiſers in den Kampf zu führen. Aus allen europäiſchen Völkern ſoll ein Volk werden. Ein neuer Karl der Große—“ „Cäſar und ſein Glück!“ ſchenkte Armhart den Reſt der Flaſche ein.„Cäſar und ſeine Genoſſen in der Nähe und in der Ferne! Gar manches Lebens⸗ ſchiff ſegelt hier in Wien mit dem Winde von Paris.“ „Es iſt ja ſtadtkundig, daß die Pläne und Rüſtungen unſerer Regierung dem Kaiſer Napoleon mitgetheilt werden. Die neugebackenen Majeſtäten von Baiern und Würtemberg haben ihre Späher hier.“ „Sollen aber ſchlecht bezahlt werden. Verrathen rechts, verrathen links. Wiſſen hier genau, wie's bei den beiden Kartenkönigen ausſieht“, ſchmunzelte Arm⸗ hart. Es war etwas in dem Manne, das Vittorio ver⸗ führte. „Vielleicht bezahlt der Meiſter beſſer“, flüſterte er. In demſelben Augenblick aber bereute er auch ſchon die vorſchnelle Aeußerung. Der Andere hatte den Ausdruck ſeines Geſichts verändert, flüchtig und doch genügend, um Vittorio zu beunruhigen. Was bedeutete dies Aufleuchten? „Wird hier Komödie geſpielt, und biſt du ſeit einer halben Stunde der Gefoppte?“ „Er lebt nur einmal und wir auch“, meinte Arm⸗ 43 hart und betrachtete tiefſinnig die leere Flaſche.„Aus⸗ gegoſſen wird Alles— er gießt jetzt den Wein der Revolution über Europa aus, den Wein und die He⸗ fen. Iſt eine einzige Frage, wie lange bleibt der Kellermeiſter nüchtern? Denn ſteigt auch ihm der Wein⸗ dunſt zu Kopfe, ſo ſpringen die Fäſſer, es brechen— Horch, ein Wagen! Was iſt das für ein Angſtge⸗ ſchrei?“ „Der Wagen hält.“ Vittorio war aufgeſtanden und hatte Hut und Mantel ergriffen, froh, in ſchicklicher Weiſe ein Ge⸗ ſpräch abbrechen zu können, das für ihn immer un⸗ heimlicher wurde. „Sie bekommen Beſuch, Herr Secretarius. Ich rette mich.“ „Nicht doch! Es werden die jungen Leute ſein, Herr Heimwald, den Sie aufſuchen wollten, und Herr Spring. Werden tüchtig erfroren ſein und der Stär⸗ kung bedürfen. Wenn ich bitten darf, Herr Ritter, bleiben wir zuſammen, alle vier— ein gemüthlicher Abend. Der Wein iſt da, aber ob wir morgen noch da ſein werden? Pulvis et umbra sumus. Staub und Schatten!“ Nichts konnte Vittorio in ſeiner Stimmung ungelegener kommen als dieſe Einladung. Schon die gaus der ſpaniſchen Hölle herauskommt?“ Ausſicht, Egbert begrüßen zu müſſen, war ihm ver⸗ drießlich; es hatte ſich eben Alles anders geſtaltet, als er bei ſeinem Eintritt in das Haus es voraus⸗ geſehen. Der Zufall hatte ſeinen ganzen Plan verrückt und andere Vorſätze, andere Abſichten in ihm reifen laſſen. Ihm war die Laune verdorben, zu ſeinem 4 Ausgangspunkt zurückzukehren. Indeſſen wuchs das Geſchrei und Gelärme im Hauſe. Die Dienerſchaft lief die Treppen auf und nieder. Auch in einem der Nebenzimmer ward es laut. „Was gibt es? Ein Unglück! Doch nicht Herr Heimwald?“ „Meine Frau“, lispelte der Geheime, als wäre es ein großes Geheimniß, dem Ritter zu. „ Auch die noch!“ dachte Zambelli.„Das iſt zu viel.“ Mit einigem Ungeſtüm entriß er ſich den Hände⸗ drücken und Verſicherungen, welch eine hohe Ehre es ihm geweſen, beinahe der Umarmung des Geheimen. Schon hatte er die Thür geöffnet, als Armhart die Hand auf ſeine Schulter legte und ihm zuflüſterte: „Wie viel zahlt der Meiſter für die nächſte Früh⸗ jahrscampagne, vorausgeſetzt, daß er heil und geſund 45 „Vielleicht ertrinkt er im Styx“, erwiderte Vittorio außer ſich— er war der feſten Ueberzeugung, daß der Andere ſein Spiel mit ihm treibe—„und die Welt hat das Nachſehen.“ Er eilte die Treppe hinunter, in der Hoffnung, mit einer raſchen Wendung an der Thür Cgbert's unbemerkt vorüberzuſtürmen. Sein Unſtern wollte es, daß die Thür nicht nur weit geöffnet war, ſondern daß auf dem Vorraum unter den Mägden und Die⸗ nern Egbert, Befehle ertheilend, ſtand. „Lauf' zum Doctor“, ſagte er zu dem Hausmeiſter, „er ſoll ungeſäumt—“ Indem ſtieß Vittorio in ſeinen Mantel eingehüllt auf ihn. „Ich bin'’s“, ſprach der Welſche, mit raſcher Geiſtesgegenwart den Mantel vom Geſicht nehmend und dem ſtutzenden Egbert die Rechte entgegenſtreckend. „Sie entſinnen ſich noch—“ „Gewiß! Herr Ritter Zambelli! In meinem Hauſe!“ „Und wollte zu Ihnen. Ich habe oben bei dem Herrn Geheimſecretär eine Weile geſeſſen.“ „Mich erwartend? Zu viel Güte! Ein Geſchäft, in dem ich Ihnen dienen könnte—“ „Nicht doch! Am wenigſten in dieſer Friſt. Sie 46 treffen von einer Reiſe ein, überdies erfüllt ein Un⸗ glücksruf das Haus; ich will nicht hoffen, daß Ihnen ſelbſt oder Ihrem Freunde—“ „Nein und ja, wie man es nehmen will. Wir haben eine Bettlerin überfahren.“ „Die Arme! Iſt ſie gefährlich verwundet?“ „Sie liegt betäubt da. Zum Glück war es dicht vor unſerm Hauſe, wo der Unfall geſchah. Wir konnten ſie hineintragen, dort drinnen iſt ſie gebettet. Die Demoiſelle Armhart verſucht, ſie wieder ins Leben zurückzurufen. Aber muß mir das jetzt erſt einfallen 1 Er ſah aus, als geſchähe ihm eine Offenbarung. „Welch ein Zuſammentreffen! Sie müſſen die Verunglückte gleichfalls kennen— von Gmunden, vom Schloſſe des Grafen her. Die braune Chriſtel!“ Vittorio empfand ein jähes Zucken des Herzens. „Es iſt gut, daß er in dieſer Dunkelheit deine Ge⸗ ſichtszüge nicht unterſcheiden kann“, ermuthigte er ſich im Stillen. „Das geſtörte Mädchen? Die Waldläuferin?“ fragte er ungläubig und ſeine Stimme zum mindeſten zitterte nicht.„Wie käme die nach Wien? Wär's möglich! Daß Sie nur keine Aehnlichkeit täuſcht!“ „Schauen Sie ſelbſt.“ 3 Egbert zog ihn in das Zimmer, unwiderſtehlich, — 47 wie einer, der unter der Gewalt einer ſtärkern, ihm unbewußten Macht handelt. Auf dem Kanapee lag die braune Chriſtel im zer⸗ riſſenen braunen Rock, mit herabhängenden Strümpfen, in zertretenen Schuhen. Auf ihr Geſicht ſiel der Glanz vieler Kerzen. Wohl war ſie's, nicht der leiſeſte Zweifel blieb dem Ritter, wenn er überhaupt je einen gehegt hatte. Vor ihr knieend war Magdalene beſchäftigt, ihr das Blut abzuwaſchen, das aus einer Stirnwunde floß. Sonſt glich das Mädchen mit ihrer ſchlaff herabhängen⸗ den Hand, ihren geſchloſſenen Augen einer Lebloſen. „Hab' ich mich getäuſcht?“ fragte Egbert halblaut, auf der Schwelle ſtehend, Vittorio. Der ſchüttelte den Kopf. „Wie geſchah's?“ „Ein dichter Nebel hüllt draußen Alles ein. Der Kutſcher fuhr in wilder Haſt die Gaſſe daher; trifft ihn ein Vorwurf oder hat die Unglückliche das Rollen des Wagens überhört? Plötzlich erſchreckt uns ein herz⸗ zerreißender Schrei. Wir ſpringen heraus und heben ſie vom Pflaſter auf. Sie muß mitten auf der Gaſſe geſtanden haben.“ „Im Anſchauen der Fenſter dieſes Hauſes ver⸗ loren“, ging es durch Vittorio's Seele. „Merkwürdig!“ ſagte er. „Und liegt nun regungslos da“, vollendete Egbert.„Ich halte die Verletzungen, die ſie an Kopf und Schulter davongetragen, nicht für gefähr⸗ lich, aber wer iſt in ſolchen Fällen des Ausgangs ſicher?“ Er war mit Vittorio an das Kanapee getreten Als Magdalene die Nähe des Fremden fühlte, fuhr ſie ſcheu aus ihrer Stellung empor. „Darf ich Ihr Werk der Barmherzigkeit fortſetzen?“ fragte Vittorio. Schweigend ließ ihn Magdalene walten. Mit der Hand zog er ein paar Striche durch die Luft, kreuzweiſe über Kopf und Bruſt der Betäubten Auf die Stirnwunde preßte er ein naſſes Tuch, legte dann ſeine Rechte auf die Herzgrube Chriſtel's und ſchien, tief zu ihr hinabgeneigt, ihre Athemzüge zu belauſchen. Oder flüſterte er ihr ein Wort zu, das den Zauberbann der Ohnmächtigen löſte? Seine Bewegungen, ſeine geheimnißvolle Weiſe übten, gleichviel, ob ſie auf einer höhern Erkenntniß beruhten oder die Kunſtgriffe eines gewitzten Gauk⸗ lers waren, eine feſſelnde Wirkung auf die Anweſen⸗ den. Ein Unſichtbares ſchien durch das Gemach zu fluten. „Sollte er ein Magnetiſeur ſein?“ flüſterte Egbert 49 dem Freunde zu, der mit Verbandzeug im Arm aus dem nächſten Zimmer trat. Indem rief Magdalene: „Sie ſchlägt die Augen auf! Die braune Chriſtel richtete ſich in die Höhe, fuhr mit der Hand nach der Stirn— Vittorio's Augen wurzelten gleichſam in den ihren. Magdalene war es, als lispelte das fremde Mädchen:„Du biſt's!“ Aber mit einer ſchnellen Wendung hatte ſie Vittorio von dem Kanapee zurückgedrängt, und ſie wich gern, ihr flößte der Wunderthäter Furcht ein. Chriſtel war wieder zurückgeſunken, der Ritter hielt noch eine Weile ſeine Hand auf ihrem Herzen, als wolle er es erwärmen. Darauf wiederholte er ſeine Züge und Striche, grüßte Magdalene und näherte ſich Egbert. „Sie können ohne Sorge ſein, Herr Heimwald, es iſt nichts. Verbinden Sie ihr die Wunden und Schrammen, ſie wird einen langen Schlaf thun und geſund daraus erwachen.“ „Sie haben ſie magnetiſirt?“ Vittorio wich aus. „Ich habe in Mailand einen berühmten Arzt dieſe Manipulationen mit Erſolg anwenden ſehen.“ Frenzel, Lucifer. II. 4 „Ich danke Ihnen für die Hülfe, die Sie uns geleiſtet, Herr Ritter.“ 3 „Nichts als Menſchenpflicht! Die Arme thut mir doppelt leid. Ihr Vater iſt gefänglich ein⸗ gezogen.“ 3 „Ihr Vater? Weswegen?“ „Ein anderes Mal erzähle ich es Ihnen. Aber es wäre gut bei ihrem aufgeregten Zuſtande, wenn ſie nichts davon erführe.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde ſie be⸗ hüten.“ „Sie wollen ſich der Bettlerin annehmen?“ „Sie iſt und wird in meinem Hauſe blei⸗ ben. Ich verſpreche es Ihnen, Herr Ritter! Das arme Ding! Sie ſoll nicht zur Landſtreicherin werden.“ Eine Einwendung ſchwebte Vittorio auf den Lippen, aber er unterdrückte ſie. Welches Recht hatte er, eine edle That durch ſeine Bedenken zu hindern? „Gute Nacht!“ ſagte er, ſich in ſeinen Mantel hüllend. Es fror ihn, trotz der Wärme im Gemach. „Was haben Sie?“ forſchte Egbert, der ihn die Treppe hinunterbegleitete. „Ein Bild glitt mir. vorüber. Wenn ſie nun von den Rädern Ihres Wagens zermalmt worden wäre?“ „Ich danke dem Himmel, daß er es glücklicher gefügt.“ „Und zuletzt geht doch der Wagen des Imperators über uns alle dahin! Gute Nacht!“ Zweites Kapitel. Durch das graue Haus ging noch ein geſpenſtiſcher Hauch, abergläubiſch ziſchelte ſich die Dienerſchaft in die Ohren von dem Magier, der ſie eben verlaſſen. Selbſt Egbert und Hugo hatten ihr Erſtaunen, ihre Betroffenheit noch nicht ganz überwunden. Draußen in der öden Gaſſe ſchritt indeſſen der Zauberer dahin, unſtät, unruhig, unzufrieden mit ſich ſelbſt, in dem wallenden Nebel, nach dem Glacis der innern Stadt zu. Sein Weg lief beinahe im Dunkeln⸗ nur ſelten fiel von einer matt brennenden Oellampe ein fahler Schein in die Straße. Von einem Gefühl des Triumphes über den Erfolg ſeiner Kunſt war nichts in Vittorio's Seele. Eher ſchien die Furcht ſeinen Fuß zu beflügeln, als fühle er den Athem einer verfolgenden Furie im Nacken, als ängſtigten ihn die Geſtalten, die ſich jetzt aus dem Nebel zuſammenballten, jetzt wieder formlos darin zerfloſſen. An der Schwar⸗ zenbergiſchen Gartenmauer entlang, über die kleine Brücke des Wienfluſſes; erſt jenſeits hielt er in ſeinem haſtigen Laufe inne. Die Gedanken, die ſich ihm mehr und mehr ord⸗ neten, hemmten ſeine Eile. Hatte er vorhin, ohne ſich Rechenſchaft abzulegen, unter dem Einfluß guter oder böſer Mächte gehandelt? War es klug, das Mädchen in dem Hauſe eines Mannes zu laſſen, den er haßte, wegen ſeines Geſichts, von dem erſten Eindruck her, aus unerklärlicher, aber deſto heftigerer Abneigung haſſen mußte? Und hatten ſich zu dieſer Empfindung nicht ſchwerwiegende Gründe ge⸗ fügt, die dieſe ſtille Feindſchaft früher oder ſpäter zu einem Kampf auf Tod und Leben machen würden? In deſſen Obhut war fortan die braune Chriſtel. Wenn Nachgedanken eine raſche That aufheben könnten, wie gern hätte Vittorio das Mädchen Egbert wieder entriſſen! Aber, ſagte er ſich ſelbſt zur Entſchul⸗ digung, was hätteſt du thun ſollen? Sie mit dir führen? Es wäre nicht ohne Aufſehen möglich geweſen; welchen Verdacht hätte es erweckt! Wohl war ich der Magnet, der ſie aus ihrem Walde hierher zog, allein 54 Niemand weiß darum und ſie wird ſich hüten, ihr Geheimniß zu bekennen. Ihr Geheimniß— wer hieß ſie mich lieben? That ich das Geringſte dazu? Eine Bettlerin, eine Tolle, die mir nachläuft, ſich wie eine Klette oder eine Schlange an mich ſchmiegt— wäre ſie todt! Ich habe ihr nichts Beſſeres zu wünſchen Und wohin hätte ich ſie führen ſollen? Seit ich wieder in Wien bin, umſchleichen mich die Späher Stadion's. Ahnen ſie meinen geheimen Verkehr mit den Franzoſen? Welche frechen Worte wagte der Ge⸗ heimſchreiber zu mir! Sagte er mir nicht offen ins Antlitz: Du biſt ein Verbündeter Andréoſſy's, ein Die⸗ ner Napoleon's? Bah, ſie prahlen mit ihrer Vaterlandsliebe und ſtellen ſich ſtolz und breit vor den Spiegel, um ihre eigene Uneigennützigkeit zu bewundern, und ſind doch nichts als Creaturen Englands. Sie nehmen eng⸗ liſches Gold, ich franzöſiſches— ich glaube, Vortheil und Ehre ſind auf meiner Seite. Was ſchiert mich ihr Kaiſer Franz? Was iſt mir ihr Oeſterreich, ihr deutſches Vaterland? Ich bin ein Italiener, der große Napoleon iſt mein Landsmann, der Befreier Italiens. Er iſt ein Halbgott, ſie ſind Pygmäen unter ſeinen Füßen. Aber ſie durchſchauen mein Spiel, bis zu die⸗ ſem Armhart iſt eine Kunde davon gedrungen. 55 Hätte ich mich mit der Dirne umherſchleppen ſollen? Sie hätte erſt recht die Spione an meine Fer⸗ ſen geheftet. Wenn man ſie als Landſtreicherin ver⸗ haftet, mein Einfluß wäre nicht hinreichend geweſen, ſie aus dem Gefängniſſe zu befreien. Befragt, ernſt⸗ haft unter Drohungen befragt, was würde ſie ge⸗ antwortet, in welche Schlingen durch ihre Unerfahren⸗ heit ſich verſtrickt haben! Sich ſelbſt— das ginge noch; ſo oder ſo, dem Verderben wird ſie doch nicht entrin⸗ nen! Aber mich ſelbſt— Das war ein Gedanke, den er nicht ausdenken mochte. Nein, ſein Dämon hatte ihn gut berathen. In Egbert's Hauſe war ſie am unſchädlichſten. Bei dem Apotheker iſt das Gift am ſicherſten bewahrt. In die Wohnung eines angeſehenen, reichen, unbeſcholtenen Bürgers dringt die Polizei nicht, noch ſtört ſie ſeine Geheimniſſe auf. Gegen Egbert aber, ſelbſt gegen den Grafen Wolfsegg wird die Chriſtel auf ihrer Hut ſein, vor ihnen wird ſie ſich nicht verrathen. Und bin ich denn nicht da? Zu jeder Stunde werde ich ihr ein Zeichen geben, ihren Willen lenken können. Sie werden ſich nicht getrauen, das Mädchen ganz meiner Macht zu entziehen. Es iſt etwas in mir, was ſie fürchten. Leicht würde der Kampf mit mir nicht ſein. Ich — habe auch in ihre Karten geſehen und weiß, daß fal⸗ ſche darunter ſind. Was ſucht Wolfsegg in dem bürgerlichen Hauſe? Nicht Heimwald, den Armharts gelten ſeine Beſuche. Dieſe Leute leben über ihre Verhältniſſe. Wo hab' ich doch gehört, daß der Geheime in einem Hinterzimmer der„Kugel“ Pharo ſpiele? Die Tochter hat eine gute Erziehung erhalten und geht in ſchönen Kleidern ein⸗ her. Woher? Von den Einkünften des Amtes? Von den Sporteln, die nebenher fallen, von gelegentlichene goldenen Handdrücken? Nein, die Hauptquelle iſt diß Schatulle Wolfsegg's. Aber warum, warum? Die Worte des Alten ſpielten um eine Liebesgeſchichte. Aber welcher Vater geſtände ein ſolches Verhältni ſeiner Tochter ein, ſo cyniſch ein? Wie konnt' ich nur einen Augenblick mich in einem ſo groben Netze fangen laſſen! Antoinette und die Marquiſe vermuthen etwas Aehnliches. Gewiß, der Alte ſtreut das Gerücht aus— falſche Lichter, um uns von dem Wege zur Wahrheit fortzulocken. Wo iſt die Wahrheit? Forſcht der Graf bei dem Geheimen nach den Abſichten und Plänen der Miniſter? Es wäre verlorene Mühe, da er alle Staatsgeheimniſſe aus Philipp Stadion's eigenem Munde hören kann. Sind ſie doch ein Herz und eine 3 —— 57 Seele, beide ſich mit denſelben Entwürfen zum Sturz Napoleon's tragend. Und in dieſen Entwürfen, welche Rolle kann ein Schreiber ſpielen? Ein Copiſt, nichts mehr! Nein, der Staat, die Politik zieht den Grafen nicht dorthin. Ein häusliches, ein Familiengeheimniß? Um das die eigene Schweſter nicht weiß, nicht wiſſen ſoll! Iſt es jung, iſt es alt? Gras iſt noch nicht darüber ge⸗ wachſen, ſonſt hätte der Graf die Verbindung fallen laſſen. Da ſchläft etwas— wer es zu erwecken ver⸗ möchte! Dem Namenloſen einen Namen zu geben! In Paris waren beide zuſammen, im Jahre 1790, glaub' ich, ſagte Armhart. Und ſcheinen toll und luſtig dort gelebt zu haben. Unter den Jakobinern. Das Ca ira fiel dem alten trunkenen Schwätzer ein. Ca ira auf ſolchen Lippen! Ja, dort liegt's! In jenem Jahr, in Paris iſt die Verbindung geſchloſſen worden, eine feſte, unzertrennliche, zwiſchen Wolfsegg und Armhart. Aus dem Herrn und dem Diener ſind zwei Verbündete ge⸗ worden. Vielleicht Mitſchuldige. Treibt mich doch Alles nach jener Stadt; der Ehrgeiz, die Hoffnung, nein, die Gewißheit, unter den Augen, in der Nähe des Kaiſers mein Glück zu machen; jetzt noch die Aus⸗ ſicht, meine Rache befriedigen zu können. Oho, be⸗ denke es wohl! Den Grafen verderben, würde dir — ———-—ᷓ———— 58 das die Hand und das Herz Antoinettens gewinnen helfen? So grübelnd war Vittorio durch das Kärntner⸗ thor geſchritten und befand ſich nun in dem Gewühl, dem ſtürmiſchen Hin⸗ und Hertreiben der innern Stadt, in den engen Gaſſen, wo er bei der Dunkelheit, in dem Nebelgewoge, ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Außen⸗ welt richten mußte, um hier einem Wagen, dort einem eilig Daherſtürmenden auszuweichen. Die erleuchteten Fenſter dieſes und jenes Hauſes, deſſen Bewohner er kannte, das Geraſſel der Räder, die unaufhörlich fort⸗ zurollen ſchienen, das Geſumme der an einander vor⸗ übergehenden, ſich drängenden, an den Ueber⸗ nnd Durchgängen der Straßen zum Graben und nach dem Stephansthurm hin ſich ſtauenden Menſchen lenkten ſeine Gedanken gewaltſam von der Betrachtung ſeines Innern ab. Das Labyrinth des Lebens war ſo uner⸗ forſchlich wie das ſeiner eigenen Seele. In beiden herrſchte eine finſtere unheimliche Gewalt: draußen der Zufall, drinnen die Luſt am Böſen. In der Biſchofsſtadt Trient, wo welſches und deutſches Weſen ſich noch berühren, ſteht ſtattlich und düſter der Palaſt der Zambelli. Seit hundertund dreißig Jahren war das Haus im Beſitz des Geſchlechts, das viele Güter in der Umgegend, bis tief in das 1 1 59 Lombardiſche hinein, die ſeinen nannte. Aber ſo glän⸗ zend der Palaſt ausſah— er iſt im Stil Palladio's, der dem nahen Vicenza das unvergängliche Gepräge ſeines Geiſtes und ſeiner Kunſt aufgedrückt hat, in der Spät⸗Renaiſſance von Georg Fugger erbaut worden— bei den Nachbarn hatte er einen böſen Ruf. Die woll⸗ ten wiſſen, daß Dämonen darin hauſten, und wer in der erſten Vollmondnacht daran vorübergehen mußte, betete ein Vaterunſer und ſchlug ein Kreuz. Bei dem Volke von Trient hieß das Haus der Teufelspalaſt. Dieſen ſchlimmen Namen verdankte es dem Großvater Vittorio's, der ſeinerzeit für einen Geiſterbeſchwörer und Alchymiſten gegolten. Ob er den Teufel in Wahr⸗ heit citirt, das wußten ſeine Erben nicht, aber deſto ſicherer, daß er auf ſeinem geheimnißvollen Feuerherd ſein und ihr Vermögen in Rauch hatte aufſteigen laſſen. Schon Vittorio's Vater hatte mit unſaglichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Heirath mit einem reichen deutſchen Fräulein aus dem Meraner Thal half anfangs den ärgſten Bedrängniſſen ab, aber eine große, von Jahr zu Jahr wachſende Familie brachte neue Verlegenheiten. Im öſterreichiſchen Staatsdienſt wurden einige der Söhne verſorgt; dem älteſten ſollten die tiefverſchuldeten Güter und mit ihnen die Aus⸗ ſtattung zweier Schweſtern zufallen; einer widmete ſich 60 dem geiſtlichen Stande. So war gleichſam die Thei⸗ lung der Erde ſchon vollzogen, als Vittorio geboren wurde. Auf den Rath eines entfernten Verwandten, der in dieſem Falle ſeine Verwendung und ſeine Hülfe anbot, beſchloß man, den Jüngling in den Malteſer⸗ orden treten zu laſſen. Um den Orden ſterben zu ſehen, kam Vittorio nach Malta. Wenige Monate nach ſeiner Ankunft erſchien Na⸗ poleon Bonaparte auf ſéinem abenteuerlichen Zuge nach Egypten mit der franzöſiſchen Flotte vor der Inſel und zwang den letzten Großmeiſter Hompeſch zur Ab⸗ dankung, zur Uebergabe der ſtarken, von Osmanen⸗ ſchaaren ſo oft und immer vergeblich umſtürmten Feſtung. Die Ritter zerſtreuten ſich, die meiſten be⸗ trachteten ihr Gelübde für gelöſt. Vittorio war noch nicht einmal feierlich in den Orden aufgenommen worden. Arm, ohne Stellung, wie er ausgezogen, kehrte er heim. Auch nicht die unbedeutendſte Gelegenheit, ſein Schwert zu ziehen, hatte der junge Ritter gefunden. Er trat in die öſterreichiſche Armee; ſchien doch das Waffenhandwerk das einzige, das ihm eine Ausſicht bot. Aber das Lächeln des Glücks blieb aus. An einem untergeordneten Platze, in traurigen Garniſonen an der türkiſchen Grenze, in Siebenbürgen lebte er hin. Ein⸗ und ein andermal kam er vor den Feind, 64 in Scharmützeln und Gefechten, wo keine Ehre noch Auszeichnung zu erwerben war. Die Kameraden liebten ihn nicht; er war ihnen zu fein und höfiſch, der Oberſt verwünſchte ſeine boshafte Zunge. Damals hatte Vit⸗ torio noch nicht Mäßigung, Geſchmeidigkeit und Ver⸗ ſteilung gelernt; ſein heißes Blut riß ihn zu unbeſon⸗ nenen Reden und leidenſchaftlichen Thaten hin. Es gab Liebeshändel, Spielſchulden, Zweikämpfe. In dem wüſten Garniſonsleben, unter halb bar⸗ bariſchen Stämmen, verwilderte ſein Sinn; mit ſeiner Verachtung der Menſchen ſtieg ſeine Bewunderung der Gewalt. In dieſem elenden Leben war Alles ſchal, nichtig, hohl, bis auf den Reichthum und die Macht. Der Reiche kauft nicht nur jeden Genuß, er vermag auch die unendliche gähnende Langeweile durch einen beſtändigen Wechſel des Genuſſes zu erheitern; er erwirbt nicht das Glück, aber doch die Möglichkeit, es auf allen Wegen zu ſuchen. Und wie der Reiche über die Güter der Erde verfügt, ſo der Mächtige über die Meinung der Menſchen. Er trotzt ihrem Haſſe, er ſtraft ihre Keckheit. Aus der irdiſchen Bedürftigkeit, dem Staub und dem Jammer erhebt er ſich als Halb⸗ gott, wie in der Sage Hercules, wie in der Wirklich⸗ keit Napoleon. Aber nicht jeder Oberlieutenant, der in einem weltverſchollenen Flecken über Macchiavelli's — 4 — I 62 „Fürſten“ brütet und im Geiſte jedes Moralgeſetz mit Füßen tritt— als wäre dies die nothwendige Vor⸗ ſtufe zum zukünftigen Tyrannen— wird darum ein ſiegreicher Feldherr, erſter Conſul, Imperator. Nach dem Presburger Frieden ſchied Vittorio aus dem öſterreichiſchen Heere— aus einer Armee, ſagte er verächtlich, in der noch immer, trotz aller empfange⸗ nen Demüthigungen, Unfähigkeit und adeliger Geburts⸗ ſtolz ſich um die Herrſchaft ſtreiten und keine Stelle für wahres Verdienſt iſt. Er ging zur rechten Zeit, behaupteten dagegen die Feinde des Ritters, um einer ſchmählichen Entlaſſung zuvorzukommen. Eine Weile tauchte Vittorio in der namenloſen Menge unter. Plötzlich erſchien er am Hofe des Vice⸗ königs von Italien in Mailand, angeblich, um einen Proceß ſeiner Familie wegen ihrer lombardiſchen Güter zu beſchleunigen. In jenen Kreiſen, die zur Hälfte aus neuen Menſchen, aus Emporkömmlingen der Re⸗ volution und des Feldlagers beſtanden, machte der junge Mann mehr Glück als bei den öſterreichiſchen und ungariſchen Magnaten. Hier billigte und theilte Jeder ſeine Anſichten. Den Frauen gefiel ſeine Schön⸗ heit, die Melancholie ſeines Weſens; die Männer lobten an ihm die raſche, vorurtheilsloſe, zugreifende Weiſe des Handelns. Die ſeltſamen Geſchichten, die er ihnen aus den Grenzlanden, aus der Moldau, Walachei und Serbien, von den ewigen Kämpfen zwiſchen Chriſten und Türken, aus Zigeunerdörfern und ungariſchen Adelsſchlöſſern, von Hexen und Vampyren erzählte, reizten ihre Neu⸗ gierde um ſo ſtärker, weil ſie glaubten, daß der nächſte Feldzug ihres Kaiſers ſie in dieſe Gegenden, vielleicht nach Konſtantinopel führen würde. Nach einigen Monaten kehrte er in die Hauptſtadt Oeſterreichs zurück. Einen Grund, warum er Mailand verlaſſen, warum er keine Stelle im Hofdienſt Eugen's geſucht, gab er nicht an. „Ich bin ein Weltwanderer“, antwortete er denen, die ihn heftiger mit Fragen beſtürmten,„mich befriedigt keine Ehre, mich feſſelt kein Ort. Was iſt Glück, was iſt Ruhe? Ich weiß es nicht. Hin und her treibt es mich, ohne Wahl und ohne Luſt. Ach, nicht hinter dem Reiter ſitzt die ſchwarze Sorge, in und mit mir ziehen Verdruß, Entnüchterung, Ekel!“ Zwar brachten dieſe Reden dem Ritter zumeiſt nur ein ſpöttiſches Lächeln oder den Vorwurf gecken⸗ hafter Uebertreibung ein, aber allmälig halfen ſie um ihn einen eigenen Dunſtkreis verbreiten. In der Luft der Zeit lag eine tiefe Verſtimmung, eine ſchmerzliche Enttäuſchung. — —x — *— 64 Wie die Anhänger der alten Ordnungen ſich durch den Fall und die Entthronung der berühmteſten Fürſten⸗ häuſer, die Unterdrückung der deutſchen Reichsritterſchaft, den Umſturz der weltlichen Macht der Kirche in ihren heiligſten Gefühlen verletzt, in allen Hoffnungen grau⸗ ſam enttäuſcht ſahen, ſo auch die Schwärmer für Frei⸗ heit und Gleichheit, die Bewunderer der Revolution. Sie hatten, als Bonaparte ſich zum Dictator und Kaiſer aufſchwang, einen neuen Hof, einen neuen Adel um ſich ſchuf, denſelben Himmelsſturz erlebt, wie die Herren und Damen der frühern Herrlichkeit. Johanna Roland war der Königin Marie Antoinette, der Jako⸗ binerelub den Geſellſchaften von Trianon nachgeſtürzt. Dieſer allgemeinen Dumpfheit und trägen Verſtimmung, da ein Daſein, das kein Morgen zu haben ſchien, werthlos und zwecklos war, der Weltverzweiflung lieh Vittorio einen Ausdruck. Außer den Urſachen, die mehr oder minder Jeden beunruhigten und quälten, nagten an ihm Armuth und Ehrgeiz. Wer ihn vor Jahren gekannt und das Ehemals mit dem Heute verglich, hätte wohl ſeine Stellung in der Geſellſchaft und den raſchen Lauf ſeines Glückes beneidet. Denn Vittorio Zambelli war in den vor⸗ nehmſten Häuſern zu finden. Niemand konnte ſagen, wie er eigentlich dorthin gekommen. Man hatte ihn 65 hier und da geſehen und ſich verpflichtet gefühlt, ihn auch in ſeinen Kreis zu ziehen. Das ſtand in der Meinung dieſer erleſenen und auserwählten Geſellſchaft feſt, daß er zuerſt in den Salons des ruſſiſchen und franzöſiſchen Geſandten eine Rolle geſpielt. Männer, die, wie der Graf Wolfsegg, ein langes Gedächtniß hatten, entſannen ſich, ihm hier begegnet, hier durch die Wirthe ſelbſt auf ihn aufmerkſam ge⸗ macht worden zu ſein. Aber die Herkunft aus dieſen Kreiſen heftete ihm zugleich einen unvertilgbaren Makel an. Er hat ſich an Rußland verkauft und arbeitet ihm die Pläne zur Eroberung des türkiſchen Reiches aus, ſagten die Einen; nein, behaupteten die Anderen, der Kaiſer Napoleon beſoldet ihn, um über die Rüſtungen Oeſterreichs, über die Veränderungen in unſerem Heere, über das Gehen und Kommen der preußiſchen und deutſchen Tugendbündler genaue Berichte zu erhalten, beſſere, als ſie ihm ſein Geſandter verſchaffen könnte. Vielleicht, und mit dieſem Wort ſchloſſen die Witzbolde den Streit, da beide Kaiſer jetzt gute Freunde ſind und dieſelben Pläne verfolgen, halten ſie ſich ihn wie eine gemeinſchaftliche Geliebte, für den einzelnen iſt er zu theuer. Längſt bewegte ſich Vittorio in der Geſellſchaft als gleichberechtigtes Mitglied, man frnste nicht mehr, Frenzel, Lucifer. II. 66 woher er gekommen, allein der Vorwurf blieb. Es wäre ebenſo vergebliche Mühe geweſen, eine beſtimmte, greifbare Thatſache für eine ſolche Beſchuldigung anzu⸗ führen, als denjenigen zu bezeichnen, der ſie zuerſt ausgeſprochen. Vittorio war nun einmal in Aller Augen ein gefährlicher Mann, ein Abenteurer, ein Spion. Nur ſchadeten der Zweifel und die Furcht, mit denen er betrachtet wurde, ſeinem Anſehen bei den Wenigſten; in einer Epoche voll ſo jähen und gewaltigen Wechſels waren die ſtillen Tugenden der Entſagung, der Ehr⸗ lichkeit in der Geltung geſunken, Muth und Liſt, jede Art kriegeriſcher Tüchtigkeit geſttegen. Der war des Preiſes würdig, der erobern konnte, gleichviel ob Kro⸗ nen oder Marſchallsſtäbe, Geld oder Frauen. So reichlich floſſen dem Ritter die Geldmittel nun freilich nicht, wie ſie ihm das Gerücht zuſchrieb. Aber er verſtand es, den Schein des Reichthums um ſich zu verbreiten. Es wurmte ihn, daß der Graf und An⸗ dere um ſeine mißlichen Umſtände wußten. In ihrer Gegenwart konnte er dann wohl mit einem gewiſſen Stolz den Bettlermantel zur Schau tragen. Zuweilen, inmitten des Glanzes und der Fülle, die ihn auf ihren Schlöſſern umgaben, überkam ihn das bittere Gefühl des Neides und ſchärfte ſeine Zunge, daß er in Zorn und Weltverachtung es dem Timon gleichthat. Für die⸗ ——— 67 jenigen indeſſen, die ſeinen Verhältniſſen nicht auf den Grund ſahen, liebte er es, die Maske des Verſchwen⸗ ders vorzunehmen. Er ging in den feinſten Kleidern und hielt ſich prächtige Pferde. Wo er in der Oeffent⸗ lichkeit auftrat, pflegte er die Gulden nicht ängſtlich zu zählen. Woher ſeine Einkünfte kamen? Ob Frankreich und Rußland die Koſten dieſes bald glänzenden, bald dunklen Lebens beſtritten, ob ein hohes und meiſt glückliches Spiel die Leere ſeiner Börſe wieder anfüllte: das blieb Vittorio's Geheimniß. Durch Wagen und Menſchen, durch das Gewirr der kleinen Gaſſen, die vom Stephansdome nach dem Graben führten, hatte ſich der Ritter hindurchgearbeitet und raſtete, den Mantel dicht um ſich geſchlagen, vor der wunderlichen Dreifaltigkeitsſäule, die der Kaiſer Leopold I. zur Erinnerung an die Befreiung Wiens von der Peſt hat aufrichten laſſen: ein figurenreiches, wildbewegtes Sculpturwerk im Barockſtll. Von den beiden Springbrunnen, die rechts und links von der Säule ſich erhoben, war in dem Nebel⸗ grau nichts zu gewahren. Die in langen Zwiſchen⸗ räumen aufgeſtellten Laternen vermochten mit ihren Oellampen kaum auf die Entfernung weniger Schritte die Dunkelheit zu erhellen. Von den Fackeln der Diener, 5* — ————— —,— ———ÿ—ÿ—ÿx;A——— 68 die auf den Trittbretern der Hofcarroſſen und der herr⸗ ſchaftlichen Wagen ſtanden, fiel im Vorüberfahren ein glührother Schein über alle Gegenſtände. „Irr' ich mich?“ ſagte, als von vier Pferden ge⸗ zogen, eben eine ſtattliche Carroſſe hart an der Säule vorübergeſauſt war, ein Mann, der zu Zambelli ge⸗ treten.„Aus Malta?“ Es mochte ein Erkennungszeichen ſein. „Sie ſind's, Anacharſis?“ „In leibhaftiger Geſtalt. Ich ſuchte Sie in Ihrer Wohnung auf.“ „Das war nicht vorſichtig. Wenn man Sie erkannt hätte, einen Secretär der franzöſiſchen Ge⸗ ſandtſchaft—“ Die Unterredung ward halblaut in franzöſiſcher Sprache geführt, und als ſei dies der Vorſicht noch nicht genug, verließen ſie ihren Standort, wo ſie den Vorübergehenden hätten auffallen können, und ſchlen⸗ derten langſam den Graben entlang, dem Kohlmarkt zu. „Sie ſind zu ängſtlich. Man hat uns in Geſell⸗ ſchaft oft zuſammen geſehen. Bah, wenn es ſich noch wie in dem großen und ſchrecklichen Jahre 1793 um den Kopf handelte! Aber was hätten Sie zu verlieren?“ „Was mir gerade ſo lieb und werth iſt, wie Ihnen Ihr Kopf, Anacharſis“, erwiderte Vittorio. 69 Sein Begleiter zuckte die Achſeln. „Es lebe der Tod! Ihr habt noch keine Revolu⸗ tion durchgemacht; Ihr ſingt noch Opernarien, wo wir nur ein Lied kennen, die Marſeillaiſe.“ „Zur Sache, beſter Freund!“ mahnte der Ritter. Ihm war die rohe Weiſe des alten Jakobiners unan⸗ genehm, aber er konnte die geheime rechte Hand An⸗ dréoſſy's nicht von ſich ſtoßen.„Sonſt bleiben wir in der Revolution ſtecken und kommen niemals zum Kai⸗ ſerreich. Uebrigens haben Sie ja der Politik abge⸗ ſchworen.“ „Die Dirne paßt nur für die jungen Leute. Ich bin in Ihrem Umgange vor der Zeit alt und grau geworden. Auch iſt Alles, was jetzt geſchieht, eitel Firlefanz im Vergleich zu unſern Thaten. Geld, Wein, Weiber: das iſt die letzte Weisheit. Aber Sie, Herr Ritter, haben noch gute Beine, Sie können der Politik nachlaufen.“ „Wenigſtens laufe ich nun ſchon zehn Minuten vergebens mit ihr.“ „Sie ſollen meine Neuigkeiten wiſſen. Es ſind vortreffliche für Sie! Heute Nachmittag iſt ein Kurier bei Andréoſſy angelangt aus Paris mit Depeſchen vom Kaiſer. Der muß jetzt ſchon in Spanien ſein. In der Michaeler Hofkirche können ſie ein De profundis an-⸗ — ſtimmen, mit den Spaniern iſt es aus. Der kleine Corporal wird nur ſeinen grauen Hut zu ſchwenken brauchen— eins, zwei, drei— und die Kerls ſammt ihren Mönchen und Heiligenbildern fliegen auf wie die Sperlinge.“ „Sie wollten von mir reden, Anacharſis“, drängte Vittorio, der mit allgemeinen politiſchen Auseinander⸗ ſetzungen an dieſem Abend ſchon überreichlich geſättigt war. „Von Ihnen, jawohl! Ihre Berichte ſind ange⸗ kommen, geleſen, gebilligt worden. Talleyrand iſt ent⸗ zückt von Ihrem Scharfblick—“ „und ſo weiter! Talleyrand!“ In dem Ton klang die Enttäuſchung wieder. Anacharſis lachte: ein breites Geſicht mit brſchigen Augenbrauen, großem Mund und ſinnlichen Lippen, das jetzt den Ausdruck einer gewiſſen verſchmitzten Gut⸗ müthigkeit annahm. „Sie ſind nicht zufrieden? Wär's auch nicht! Denn Sie haben ſich in der bewußten Angelegenheit nicht ſchlecht bewährt.“ Durch welche Pfützen muß doch der Ehrgeizige! Und darf nicht mit den Wimpern zucken! Dieſes Lob ans dem Munde eines ſolchen Plebejers, die Beſchützer⸗ rolle, die er ſich anmaßte! Es kochte in Vittorio's 71 Herzen, und doch ſchloſſen ſich ſeine Lippen feſt zu⸗ ſammen, ſeine Haltung blieb dieſelbe höfliche, ge⸗ ſchmeidige. „Der Kaiſer“, fuhr der ehemalige Jakobiner fort, „iſt ganz meiner Anſicht über Ihre Talente. Er hat einige Worte über Sie in die Mittheilungen der De⸗ peſche einfließen laſſen, ſehr ſchmeichelhafte Worte; An⸗ dréoſſy ſelbſt will ſie Ihnen berichten und Ihnen zu⸗ gleich einen Brillantring überreichen, ein Geſchenk des Corporals. Das Beſte ſpas ich zuletzt auf: er will Sie ſehen, Sie kennen lernen.“ „Der Kaiſer— mich?“ „Thaut das Eis? Das iſt doch eine Nachricht, die zu überbringen ſich lohnt. Er wird Gefallen an Ihnen finden, das italieniſche Blut wird ſich nicht verleugnen. Wie lange noch und der Ritter Zambelli— „Still doch! Keinen Namen!“ „Meinetwegen, ohne Namen! Sie werden noch Graf, Herzog— was weiß ich! Wir Alten vom Stamme 1793 verſchmähen das Gezlumker, wir bleiben in unſern Holzſchuhen.“ „Weil ihr zu plump ſeid, andere zu tragen“, dachte Vittorio. Laut ſagte er: „Sie ſollten Ariſtides heißen, Ariſtides der Un⸗ eigennützige.“ „Keinen Spott, junger Herr! Ihr ſeid die Trun⸗ kenen, wir die Ernüchterten. Für Euch hat der Kaiſer ſeine Ehren, Titel, Marſchallsſtäbe und Kreuze, für uns ſeine Goldſtücke. Uneigennützigkeit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, die Tugenden ſind mit Mobespiorrs zeilt⸗ ben. Das Geld und die Weiber—“ „Er will mich ſehen“, kam Vittorio wieder auf das große Wort zurück.„Wo, wann, wie kann ich zu ihm?“ „Nicht heute, nicht morgen! Das Hemd iſt ihm näher als der Rock. Das Hemd iſt jetzt Spanien, der Rock Oeſterreich. Aber ſie brauen dort oben in der Burg Krieg, und was der Rock iſt, wird das Hemd werden. Dann hat Ihre Stunde geſchlagen, Verehrteſter. Dann auf nach Paris!“ „Werden ſie mich ziehen laſſen?“ „Die Herren Oeſterreicher? Kaum. Sie müſſen ihnen einen Streich ſpielen und ſich gemächlich aus den ſchwarzgelben Kreiſen entfernen.“ „Und einer guten Aufnahme in St.⸗C Eloud wäre ich ſicher?“ „Sie können es aus Andréoſſy's Munde noch ein⸗ mal vernehmen, wenn Ihnen meine Bürgſchaft nicht genügt.“ „Ein Mißverſtändniß, Anacharſis! Keinen Augen⸗ 73 blick zweifle ich an Ihrer Freundſchaft und Wahrheit. Aber der Herr hat ſeine Launen. Stößt er mich zurück, ſo bin ich in Paris und in Wien unmöglich.“ „Ja, als wir gegen die Tuilerien vorrückten, da⸗ mals, am zehnten Auguſt 1792, ein wunderbarer Tag“ — als wolle er dem Gedächtniß dieſes Tages ſeine Reverenz bezeigen, griff er an ſeinen Hut—„wußten wir auch nicht, ob wir ſie ſtürmen oder todt davor liegen bleiben würden. Welche Bedenklichkeiten!“ „Jeder hat ſeine Art.“& Vittorio ſtand ſtill. Es war am Eingang der Herrengaſſe. „Sie haben dorthin Geſchäfte?“ „Jals „Ich ſtöre nicht länger. Auf Wiederſehen, junger Freund! Von heute ab in drei Tagen in dem rothen Zimmer der„Kugel“?“ „Wenn es Ihnen angenehm iſt, Anacharſis.“ „Und mit einem Mémoire? Es drängen ſich viele Engländer und Preußen ſeit einigen Tagen an den Grafen Stadion; die Kaiſerin, das Schwein Kutſchera und der Eſel Baldacci bearbeiten den guten Mann dort—“ Er zeigte nach den Fenſtern der Burg. „Es wäre uns lieb, Näheres zu erfahren.“ 7 ——+M—⅔:::äääU:U::⸗-⸗———————————— 74 „Ich werde mein Möglichſtes thun, dem Kaiſer zu dienen.“ „Erſt uns, dann ihm. Leben Sie wohl, Cheva⸗ lier! Halt, das hatt' ich vergeſſen.“ Und er langte einen ſchmalen Papierſtreifen hervor. „Aus der Polizeipräfectur. Die Perſonalien des Herrn Benjamin Bourdon. Ich empfehle ſie Ihnen zur Prüfung. Haha, der Bonhomme Jean Bourdon! Nun lacht er nicht mehr.“ Im Nebel war er verſchwunden. „Der Aufdringliche, der freche Plebejer!“ grollte es in Vittorio. Er ſchüttelte ſich wie einer, den der Widerwille zu übermannen droht, aber zugleich fühlte er ſich wie von einer mächtigen Kraft in die Höhe gehoben. Der Kaiſer hatte über ihn geſchrieben; wiegt das kleinſte Lob eines ſolchen Mannes nicht den Zu⸗ ruf einer halben Welt auf? Selbſt wenn Anacharſis übertrieb, um von ſeiner Wichtigkeit eine größere Vor⸗ ſtellung zu erwecken, die Thatſache blieb. Ein neuer Schritt vorwärts auf der Bahn des Glückes war gethan. „Sie ſollen nicht immer ſo vornehm abweiſend auf mich herabſehen, dieſe Wolfseggs. Es wird nicht immer der Wahnſinn eines Thoren ſein, wenn Vittorio Zambelli um Antoinette wirbt. Jetzt verachten ſie mich; kehre ich im Gefolge Napoleon's zurück—“ 75 Er unterbrach die Stimme, die in ſeinem Innern ſo redete. Wie er dahin gekommen, wußte er nicht, aber er ſtand vor dem wohlbekannten Hauſe des Grafen Wolfsegg, gegenüber der Pfarrkirche der Schotten, da, wo die Herrengaſſe in die Freiung mündet. Eine La⸗ terne brannte vor dem Portal. Bei ihrem Licht las Vittorio den Zettel, den Anacharſis ihm vorhin über⸗ geben. Der Inhalt rief einen Gedanken in ihm wach, der, ſeit er Heimwald verlaſſen, auf dem Grund ſeiner Seele geſchlummert und Ur von andern, ſtärkern ſo lange zurückgehalten worden war. Das Papier ſorgfältig verbergend, ſchritt er durch das Portal. Die Diener ſchienen nicht ganz einig, was ſie auf ſeine Frage: ob er den Herrn Grafen Wolfsegg oder den Marquis von Gondreville ſprechen könne? ant⸗ worten ſollten. Der Ritter machte ihrer Verlegenheit ſchnell ein Ende: oder ob er es wagen dürfe, noch bei den Damen einzutreten? Die Damen waren zu Hauſe und bereit, ihn zu empfangen.. Wenigſtens eine: Antoinette. Vittorio⸗ ſegnete im Stillen ſeinen Stern. „Die Männer“, dachte er,„ſitzen in einem Hinter⸗ zimmer mit Ruffo und Pozzo di Borgo, mit Bathurſt und Raſumowsky zuſammen und ſtürzen auf dem Pa⸗ pier den Kaiſer; die Mutter will ſich nicht im Haus⸗ kleide überraſchen laſſen. Eine kurze Weile mit ihr allein. Kurz? Wiegen dieſe Augenblicke, die ſo voll, ſo erfüllt und durchgeiſtigt ſind, nicht die leeren Stun⸗ den auf, die eine nach der andern träge aus dem un⸗ erſchöpflichen Born der Ewigkeit rinnend unſer Leben und ſeine Qual ausmachen?“ Zwiſchen Antoinette und Vittorio waltete eine geheime, uneingeſtandene Sympathie. Dieſelbe Unzu⸗ friedenheit mit den Verhältniſſen, die ſie umgaben, ein ehrgeiziges Streben, eine innere Ungenügſamkeit hatten beide einander genähert. Durch die Dichtung der Zeit, durch alle höher begabten Geiſter und tiefer empfinden⸗ den Herzen ging der romantiſche Bruch zwiſchen Wirk⸗ lichkeit und Ideal. Da ſie oft im geſellſchaftlichen Treiben zuſammentrafen und in Rede und Widerrede ſich berührten, ahnten ſie bald die geheime Wahlver⸗ wandtſchaft ihrer Seelen. Von ihrer Seite kam der Zauber der Schönheit, von ſeiner der phantaſtiſche Schein hinzu, der ihn zugleich verſchleierte und verklärte. Eine Beziehung zwiſchen ihnen, ein Band war ſchon geknüpft, ehe ſich Antoinette deſſen bewußt geworden. Der Aufenthalt auf dem Schloſſe am See mit all den gefährlichen Reizen ländlicher Vergnügungen, des Sichzuſammenfindens im Walde und Garten, des 6 Gedankenaustauſches bei lieblichen oder ſchrecklichen Naturſchauſpielen wurde ſo gleichſam nur der letzte Einſchlag des Gewebes. Arglos hatte Wolfsegg ſelbſt dazu beigetragen, die Fäden dichter in einander zu weben; ein leichtes Spiel der Galanterie ſollte den Ritter feſſeln und ſeine Aufmerkſamkeit von den politiſchen Verhandlungen und Ränken abziehen, die rings um ihn her geſponnen wurden. Nach dem Grundſatz, daß im Kriege jedes Mittel erlaubt ſei, hatte der Graf die Anmuth und den Geiſt ſeinge Nichte als Hülfstruppen verwendet. Er war überzeugt, daß Antoinette zu viel Klugheit und Adelsſtolz beſäße, um ſich je in einer unedlen und thörichten Leidenſchaft für einen ruhm⸗ loſen Abenteurer zu verlieren. Wenn es ſich in dieſem Verhältniß nur um die Liebe Antoinettens gehandelt, ſo mochte die Rechnung ſtimmen; aber ſie war ohne Vittorio gemacht worden. Einmal der jungen Gräfin ſo nahe, fing der Rit⸗ ter an, ſie mit andern Augen zu betrachten als früher, mit Augen, die ſchon wärmer ſprachen, heißer begehr⸗ ten, je mehr ſie den Einfluß bemerkten, den ſie auf die Phantaſie Antoinettens gewannen. Langſam, aber gewiß würde ſie ſeinem magnetiſchen Einfluß unterliegen: in dieſem Sinne richtete Vittorio ſein Betragen ein. Mit der Ueberlegenheit ſeines Verſtandes, der Macht ſeiner Einbildungskraft verband ſich die Ritter⸗ lichkeit ſeines Auftretens, die Feinheit ſeiner Rede und die Kunſt, noch tiefer und bedeutſamer zu erſcheinen, als er war. Ihn deauernd feſtzuhalten, in das Innerſte ſeines Weſens zu dringen, mußte unwillkürlich den Witz und den Stolz eines geiſtvollen Mädchens reizen. In einem kleinen Zimmer ſaßen ſie ſich gegenüber, ſie auf dem Kanapee, er auf einem Seſſel mit runder durchbrochener Rückenlehne. Eine behaglich milde Wärme, mit einem feinen Wohlgeruch gemiſcht, durchzog das Gemach. Die hellen Bezüge der Seſſel, des Sophas, die Vorhänge, die dicht geſchloſſen die Fenſter verbar⸗ gen, das an den Geräthen vorherrſchende Weiß und Gold erhöhten das Lichte und Freundliche des erſten Eindrucks, den Vittorio empfand, als er aus dem feuchten kalten Nebel der Straße hier eintrat. In ihrem weißen Wollenkleid, das lang und glatt nieder⸗ floß, mit der kurzen Taille, den engen Aermeln und der blauen Schärpe, paßte Antoinette harmoniſch in den Rahmen dieſer Umgebung. Alles von einer ge⸗ wiſſen prächtigen und doch ſtilvollen Einfachheit, welche die Antike nachzuahmen ſucht und dabei unmerklich in eine künſtliche Steifheit verfällt. Man hat die Bunt⸗ 79 heit, das Geſpreizte und Ueberladene der Rococotracht aufgegeben und ein idealiſches Gewand umgethan und iſt dennoch nicht zur ſchönen und freien Natur zurück⸗ gekehrt. Die erſten Begrüßungen, Erkundigungen, Fragen und Antworten waren ausgetauſcht. „Wo komme ich her, Gnädigſte?“ ſagte dann Vittorio.„Sie lachen mich aus? Als ob ich wichtig thun wollte! Nein, ich vermuthe nur, daß Ihnen die Antwort nicht unerfreulich ſo wird. Ich habe näm⸗ lich unſern neuen gemeinſchaftlichen Freund, Herrn Egbert Heimwald, aufgeſucht.“ „Heimwald!“ entgegnete ſie gedehnt. Der Tiſch, auf dem der Armleuchter mit den drei Wachskerzen ſtand, war ſeitwärts aufgeſtellt und ſie ſaß im Schatten. Er konnte den Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts nicht genau unterſcheiden. „Mein Oheim“, fuhr ſie fort, da er eine weitere Aeußerung von ihr zu erwarten ſchien,„hat ihn, wie ich glaube, ſchon vermißt.“ „Vielleicht ich auch! Wer vermag ſich über die Bewegungen ſeines Herzens, über die geheimnißvoll wirkenden Kräfte des gegenſeitigen Anziehens und Ab⸗ ſtoßens Rechenſchaft zu geben! Die beiden jungen Män⸗ ner mit ihrer friſchen Natürlichkeit haben es uns allen angethan. Es war doch, als kämen ſie aus einer andern, beſſern Welt.“ „Beſſern?“ „Mißfällt Ihnen das Wort? Die Kreiſe, in denen ſich Heimwald bewegt, ſind enger gezogen und liegen tiefer im Thal als die unſerigen. Dafür wohnt es ſich dort, nnter ſchattigen Bäumen, an Wieſengründen friedlicher als auf den ſteilen und kahlen Höhen der vornehmen Geſellſchaft. Die Wünſche ſind beſcheidener, das Gemüth ruhiger. Hat man nun gar, wie unſer Freund, ein gutes Loos aus der Schickſalsurne ge⸗ zogen—“ „Ein Loos mit einem Hauſe in Wien, mit einem Landgut draußen, nicht wahr?“ lachte ſie, wie es Vit⸗ torio dünkte, nicht ohne Zwang. „Spotten Sie nur, Gnädigſte! Ich verhehle es nicht, daß mir der Reichthum in jedem Stande als Grundlage eines ſchönen Daſeins gilt. Nur mit ihm läßt ſich das Leben vollkommen geſtalten und die Frei⸗ heit bewahren— die Freiheit der Geſinnung.“ „Strebt der Reiche nicht über ſeine Schranke hinaus wie der Arme? Und wenn er aus der Höhe, in die er ſich aufſchwingen wollte, zurückgeſchleudert wird, empfindet er den Fall weniger hart als ein Anderer?“ 81 „Doch! Der Reichthum iſt ein weiches Polſterbett.“ „Der Ritter Zambelli, der einen Wiener Bürger und Hauseigenthümer beneidet!“ „Beneidet, Gnädigſte, iſt nicht der richtige Aus⸗ druck. Ich bin nun einmal, was ich geworden, und könnte ſchwerlich in eine idylliſche Beſchränktheit zurück. Aber ich möchte als Egbert Heimwald geboren ſein. Wir ſind die Geſchöpfe der Umſtände, der Erziehung, der erſten Eindrücke. Mein Erbtheil ſind Armuth, Ehrgeiz, Unruhe; ſeines ein eſicherer Beſitz, ein um⸗ friedetes Leben.“ „Und das Alles haben Sie bei einem kurzen Be⸗ ſuche entdeckt?“ „Noch beſſer, ich habe Herrn Heimwald gar nicht zu Hauſe getroffen. Erſt als ich mich entfernen wollte, kam er vom Lande herein, mit ſeinem Freunde, dem luſtigen Schauſpieler. Er hat ſeinem Gaſte noch vor dem Eintritt der ſchlimmen Jahreszeit die Umgegend Wiens gezeigt. Das mag ihm auch als Entſchuldigung bei dem Grafen dienen.“ „Ich werde es dem Oheim mittheilen. In ſeiner Abweſenheit alſo—“ „Konnte ich ungeſtört das Haus anſchauen und meine Betrachtungen anſtellen, die, wie ich aus Ihrem Lächeln ſchließe, eine wunderlich ſentennentäliſche Fär⸗ Frenzel, Lucifer. II. bung angenommen haben müſſen. Möglich, daß der Gegenſatz dieſes Lebens und des meinigen ſo ſtark war, daß er die Schwingungen meiner Seele aus Dur in Moll umwandelte; möglich, daß Alles ſich auf meine Führerin zurückführen läßt.“ „Führerin? Hat Herr Heimwald eine Verwandte bei ſich?“ „Ich weiß nicht, ob er mit der Familie Armhart — ach, da fällt mir ein, daß die Frau Marquiſe von den Armharts in meiner Gegenwart geredet.“ „Sie haben die Demoiſelle Armhart geſehen?“ Das geſtickte Kiſſen, auf dem Antoinettens Fuß in ſeinem zierlichen Schuh geruht, wurde heftig zurück⸗ geſtoßen. Die Bewegung verrieth wider ihren Willen ihre innere Aufregung dem beobachtenden Vittorio. „Ein ſchönes Mädchen, eine ſchlanke Geſtalt, mittelgroß, mit blonden Haaren und graublauen Augen, etwas Herbes und römiſch Strenges im Ausdruck.“ „Sahen Sie ihr ſo tief ins Geſicht?“ ſpottete Antoinette und ſpielte mit den Enden ihres blauen Shawls, den ſie maleriſch über die Schultern geworfen. „Und ihr Geiſt entſpricht gewiß ihrer Schönheit?“ „Es wäre Anmaßung oder Gitelkeit meinerſeits, nach einem ſo flüchtigen Geſpräch über den Verſtand und die Bildung der Demoiſelle Armhart urtheilen zu 83 wollen, nach einem Geſpräch, gnädige Gräfin, das ſich nur um Aeußerlichkeiten und Alltägliches drehte.“ Und nun erzählte er, wie er in das Haus bei den Saleſianerinnen gekommen und Magdalene gefunden. „Ihre Antworten waren voll Witz und Anmuth, und der Eindruck, den ich von ihr empfangen, wie ich ihn vorhin geſchildert, ein ſentimentaliſcher, wie in den Heldengedichten, wenn die irrenden Ritter fern von Königshöfen und Kaiſerſchlöſſern zu einem Hirtenmädchen kommen.“ f Die Anſpielung, die in ſeinen Worten liegen ſollte, überhörte Antoinette; ihre Gedanken waren auf einen andern Punkt gerichtet. „Ich möchte ſie ſehen“, ſagte ſie halblaut und zu ihm gewendet, indem ihr Tuch halb von ihrer Schulter zurückglitt,„dies Meerwunder oder dies Naturkind ſehen.“ „Um ein Mädchen wie tauſend andere aus dieſem Stande zu finden! Es iſt nichts Sonderbares an ihr, nichts, was die Aufmerkſamkeit der Gräfin Antoinette verdiente.“ „Und doch ſpricht der Ritter Zambelli, der ein größeres Stück Welt kennt und die erkannte tiefer verachtet als ich, mit ſolcher Begeiſterung von ihr!“ „Eiferſüchtig?“ fragte ſich Vittorio. Er war nicht . Geck genug, um dies Gefühl der Gräfin auf ſich zu beziehen.„Eiferſüchtig, weil Graf Wolfsegg—* „Es war ja nicht die Erſcheinung dieſes Mädchens allein, Gnädigſte, die meine Gedanken aus dem Wirbel der Weltbewegung in die Stille der Idyllle entrückte. Sie half nur das Bild vollenden. Und daß eine Art Zauber um jenes Haus ſchwebt, beweiſt ein beſſerer, erfahrenerer Mann, der von ſeinen Stimmungen nicht ſo abhängig iſt wie ich— Ihr Oheim, der Herr Graf.“ „Mein Oheim! Ja ſo.“ Sie erkünſtelte eine Gelaſſenheit, die ſie längſt verloren. „Er ſucht den jungen Heimwald öfters auf, wohl auch die Armharts. Der Mann war eine Zeit lang ſein Secretär. Wurde von ihm geſprochen?“ In Vittoriv's Herzen regte ſich das Mitleid. „Warum ängſtigſt und quälſt du dies ſchöne Geſchöpf?“ Aber die Selbſtſucht ſiegte.„Du mußt wiſſen, was hier vorgeht, was hinter der Bühne, die ſo glänzend und heiter ſich aufbaut, tragiſch ſich abſpielt.“ „Von dem Herrn Grafen? Es war nicht meine Schuld, daß die Rede auf ihn kam. Der Herr Secre⸗ tarius erzählte von ihm, noch ganz Bewunderung und Dankbarkeit.“ 85⁵ „Der Graf hat ihm ſein einträgliches Amt ver⸗ ſchafft— der treuen Dienſte wegen—“ Sie zog ihren Shawl wieder höher und feſter. „Ohne Zweifel!“ Eine bedenkliche Pauſe trat ein. Ihr Blick ruhte auf ihm, forſchend, prüfend, ob er etwas verſchweige, ob ſie ſich weiter vorwagen dürfe. In ſeinem bronzenen Geſicht, das, von einem ſchrägen Lichtſtrahl getroffen, in der dunklen Umrahmung ſeiner ſchwarzen, leicht gekräuſelten Haare noch eunſter und düſterer ausſah als im Schein des Tages, rührte ſich nichts. Eine gleichmäßige Ruhe war über ſeine edlen Züge ausge⸗ breitet. Die Wimpern hielt er tiefer und dichter über die Augen geſenkt, als müſſe er ſo das Feuer derſelben behüten oder ſeine Nachbarin vor dem böſen Blick be⸗ wahren. „Ihre Schilderung hat meine Neugier auf das höchſte geſpannt“, ſagte endlich Antoinette,„und wenn ich eine Thorheit begehe, tragen Sie die Mitſchuld.“ „Mit Ihnen? O, laſſen Sie mich die ganze Laſt übernehmen!“ „Die Demoiſelle Armhart—“ „Sie beſchämen mich, Gnädigſte! Was iſt mir dies Mädchen? In Ihrer Gegenwart—“ „In meiner Gegenwart?“ unterbrach ſie ihn ſtolz. „Stellen Sie Vergleiche zwiſchen mir und einer Hirtin aus Arkadien— ſo ſagten Sie ja wohl vorhin?— an?“ Vittorio ſchlug die Wimpern auf und ließ einen ſeiner eigenthümlichen, düſtern und bannenden Blicke über ſie hingleiten. Dann erhob er ſich beinahe ge⸗ räuſchlos, wie ein Schatten. „Schweigend oder redend reize ich Ihren Unwillen, meine gnädige Gräfin, ein Mißverſtändniß drängt das andere. Vergeben Sie mir und laſſen Sie mich dieſe peinliche Stunde in der Zukunft nicht entgelten.“ „Ich bitte Sie, Herr Ritter. Wo ſind wir hin⸗ gerathen? Ich bin böſe auf mich ſelbſt. Was hat uns nur in dieſe Verwirrung geſtürzt?“ „Ein Schatten. Wir haben Vorempfindungen von Ereigniſſen, die erſt in einer ſpäten Zukunft eintreffen; der Schatten, den ſie vor ſich herwerfen, beunruhigt uns. Es iſt nicht wahr, daß wir in der Körperlichkeit ganz befangen ſind und aus ihren Banden nicht heraus können; es gibt Fühlfäden unſerer Seele mit dem Un⸗ endlichen, in die unſichtbare Welt. Ihre Erregung, Gnädigſte—“ „Sie erſchrecken mich mit Ihrer Feierlichkeit! Meine Erregung wäre das Vorgefühl, daß mir von jenem“— Mädchen, wollte ſie ſagen, aber ſie verbeſſerte ſich raſch—„von jenem Hauſe Unheil drohe?“ 87 „Ob Heil, ob Unheil, das vermag Ihnen allein die innere Stimme zu offenbaren. Ich glaube nur, daß zwiſchen Ihnen und jenem Hauſe eine geheime, von Ihnen noch nicht gekannte Verbindung beſteht, die ſich früher oder ſpäter geltend machen wird.“ „Verhängnißvoll! Und wenn ich nun mit einem kühnen Griffe in die dunkle Zukunft hineingriffe?“ „Daran würde ich die tapfere Tochter der Wolfsegg erkennen.“ „Ich werde meinen Oheim bitten, uns einmal die Demoiſelle Armhart zuzuführen. Wenn er ſie ſeines Umgangs würdigt, kann er mir es nicht übel deuten, daß ich ſie kennen lernen will. Ja, das will ich! Widerſteht er, ſinne ich auf andere Mittel und Wege, meinen Zweck zu erreichen. Durch Sie, durch Herrn Heimwald. Ich bin in der Laune, mein Schickſal her⸗ auszufordern.“ „Ihr Schickſal? Das iſt nicht Ihr Ernſt. Wie können Sie Ihr Schickſal in dieſen Kreiſen ſuchen? Sie ſtammen von einem andern Stern.“ „Unſere Geſpräche am Traunſee!“ „Freilich; da wir beide müßig liegen, welch beſſere Beſchäftigung fänden wir, als Träumen nachzuhängen! Das Leben iſt ſchal, wenn man es an den unendlichen Möglichkeiten mißt, welche ſich der Phantaſie aufdrängen. 88 Das iſt ein Troſt für diejenigen, welche Vorurtheil oder Mißgeſchick zur Unthätigkeit verdammen, ſie flüchten aus der Wirklichkeit in das ſchönere Land der Träume. Ich ſtelle Sie mir oft als Fürſtin, als Kaiſerin vor.“ „Um mich als armes Edelfräulein in der Wirklich⸗ keit wiederzufinden.“ „„Was war Joſephine vor zehn Jahren? Was Napoleon's Schweſtern?“ „Es hängt eben vom Boden, von Wind und Sonnenſchein ab, wie hoch die Bäume wachſen. Sie prieſen ja das Glück der Beſchränktheit. Wenn ich es damit verſuchte? Der Oheim predigt mir eindringlich genug dieſelbe Lehre. Und zuletzt? Was vermag ein Weib? Es muß ſich fügen und lernt es allmälig auch.“ „Bis der Wille das Muß zerbricht. Ich höre es nicht gern, daß große Frauen klein von ſich ſprechen. Sie ſind in ſo vielen Dingen begabter als die Männer.“ „Nur nicht auf dem Schlachtfeld. Und hier zu ſtehen, zu ſiegen, das iſt die Hauptaufgabe der Zeit geworden.“ „Wie lange noch? Bändigt der Kaiſer Napoleon jetzt die ſpaniſche Empörung, wer wird ihm wider⸗ ſtehen?“ „Und von uns erwarten oder fürchten Sie nichts? Wir treten nicht in Ihre Berechnungen?“ „ e 89 „Oeſterreich wird immer die zweite Macht des europäiſchen Feſtlandes ſein. Warum ſich damit nicht begnügen? Der Herr Graf, der Miniſter Stadion, unſere erlauchte Kaiſerin, alle haſſen Napoleon und Frankreich. Aber wenn ſie nur in ihren Buſen greifen wollten; nicht den Kaiſer, den Sohn der Hölle, den Emporkömmling der Revolution haſſen ſie in Napoleon. Sie möchten zerſtören, was unzerſtörbar geworden iſt: die Gleichheit der Menſchen vor dem Geſetz, das Recht eines Jeden, nach der höchſten Würde zu ſtreben. Das iſt der Schluß der Revolutkon; ſie hat alle Bahnen, das ganze weite Kampffeld der Welt für jedes Talent frei gemacht. Hierin allein liegt der Grund der franzöſiſchen Siege. Erſt dieſer Tage habe ich wieder ein merk⸗ würdiges Beiſpiel von der Freiheit, die man in Frank⸗ reich dem Genie gewährt, von der Vorurtheilsloſigkeit, mit der man es aus der Dunkelheit hervorzieht, von den Ehren, mit denen man es belohnt, geleſen.“ „Geleſen?“ „In einem ältern Blatt des Moniteur, aus dem Monat October. An ſich iſt es nur eine Thatſache unter tauſend ähnlichen; mir fiel ſie des Gegenſtandes und des Mannes wegen, um den es ſich handelt, beſonders auf. Aber Sie wiſſen vermuthlich ſchon— die Geſchichte des jungen Arztes Benjamin Bourdon.“ 90 „Benjamin Bourdon?“ Antoinette war in der höchſten Spannung. „Erzählen Sie doch! Benjamin, unſeres armen Bour⸗ don einziger Sohn!“ „Der Name war es denn auch, der zuerſt mein Auge feſthielt. Seit dem Begräbniß in Gmunden will mir der Name Bourdon nicht mehr aus dem Ohre. Alſo der Sohn jenes Unglücklichen! Die Geſchichte iſt kurz. Im Moniteur hieß es: Benjamin Bourdon, aus Lothringen, der Sohn eines Bauers— und jetzt Leibarzt der Kaiſerin Joſephine, Offizier der Ehrenlegion.“ „Der Leibarzt der Kaiſerin? Davon hat Jean Bourdon nie zu uns geſprochen, und er liebte ihn doch ſo ſehr, er war ſo ſtolz auf ihn!“ „Bemerken Sie, welche Narren des Schickſals wir ſind! Am Tage, wo wir Jean Bourdon zur Erde beſtatteten, ſteht die Ernennung ſeines Sohnes im Moni⸗ teur. Der noch junge Mann iſt Regimentsarzt geweſen und hat ſich bei Eylau, während des furchtbaren Winter⸗ feldzuges in Preußen ausgezeichnet. Gründe, die nicht näher angegeben werden— ich vermuthe, Abneigung gegen das Syſtem des Kaiſers— haben ihn zur Aufgabe ſeiner Stellung beſtimmt. Still und eingezogen lebt er in Paris, aber ſein Ruf als ausgezeichneter Magnetiſeur—“ „Was ſagen Sie!“ —— 91 Antoinette konnte ihr Staunen, das ſowohl der Nachricht wie der Weiſe des Erzählers galt, nicht mehr unterdrücken. „Sie glauben nicht an dieſe von Mesmer entdeckte Kraft? O, wenn ſie nur, von erfahrenen und trefflichen Männern angewendet, in allen Feinheiten ihrer Wir⸗ kung erſt erkannt ſein wird; ein Wunder wird ſich vollziehen, ein Umſchwung in der Heilwiſſenſchaft, in unſerer Kenntniß der Seele und des Körpers! Benjamin Bourdon führt durch Anwendung des Magnetismus einige glückliche Kuren ane e das Gerücht zu Wunder⸗ kuren ausſchmückt. Eine beſonders, mit der in Paris ſehr bekannten und gefeierten Sängerin Athenais Dechamps, erregt ungemeines Aufſehen. Kurz, als die Kaiſerin infolge einer Erkältung mehrere Tage lang von den heftigſten Kopfſchmerzen und einem unabläſſigen Nervenleiden gequält wird, alle Mittel der Aerzte nichts dagegen verſchlagen, läßt ſie Bourdon zu ſich rufen. Der Kaiſer Napoleon redet in ſeiner barſchen Weiſe von Weiberthorheiten, Charlatanen, aber läßt Bourdon machen. In zwei Tagen iſt die Kaiſerin wohlauf und geſund. Der Retter wird fürſtlich belohnt. Bei uns klingt es wie ein Märchen. Ein ehemaliger Regiments⸗ arzt mit einem noch nicht geprüften Heilverfahren ſich an der erlauchten Perſon der Kaiſerin verſuchend!“ ᷑—õöõöqͤqͤq 92 „So iſt alſo der Sohn Jean Bourdon's eine wichtige Perſon am Hofe Napoleon's geworden!“ ſagte ſie nachſinnend.„Freilich, wer das dem izwhlichen⸗ verwachſenen Knaben prophezeit!“ „Ich bin als ein Anhänger des Kaiſers übel be⸗ rufen“, erwiderte Vittorio darauf,„aber kann man vor ſolchen Beiſpielen ſtumpfſinnig die Augen verſchließen? Nicht erkennen, daß hier ein Mittelpunkt iſt, zu dem früher oder ſpäter alle ſtrebenden, alle hoffnungsreichen Geiſter ſich hingezogen fühlen müſſen?“ „Und für mich träumen Sie in jener Sphãäre ebenfalls einen Platz?“ „Gehören die Gondreville nicht zu den älteſten und erſten Familien des franzöſiſchen Hofes? Ich ſpreche nicht von den Männern; ſie mögen ihre Gründe haben, dem Könige treu und dem Kaiſer fern zu bleiben. Allein die Frauen, müſſen ſie Haß und Feindſchaft mit ihren Brüdern und Vätern theilen?“ „Wollen Sie mich zu einer Palaſtdame Foſephinens anwerben?“ Vittorio lächelte nicht ohne Bitterkeit. „Ich? Ein Träumer, dem Schönbrunn ſo fremd iſt wie St.⸗Cloud! Ich begehre nicht nach dem Glanz der Höfe. Mir ſchwebt ein anderes Ideal vor. eder — — 93 hat eine Gottheit, ſchade nur, daß die Gottheit ſich oft ſo gar nicht um ihren Verehrer kümmert.“ Antoinette ſchaute zur Erde. Die Luft im Gemache kam ihr plötzlich ſo beängſtigend vor. Oder war es nur die Erregung des wunderlichen, ſprunghaften Geſprächs, die ihr das Blut ſtärker zu den Schläfen trieb? Der Ritter ſtand eine Weile ſchweigend, die Arme auf der Bruſt gekreuzt. Darüber erhob ſie ihr Antlitz und blickte ihn an. Er ließ die Arme nigerglaiten und ſenkte das Haupt. „Das iſt das Traurigſte, wenn unſere Gottheit nicht einmal unſere Sprache, unſer Gebet verſteht. Gute Nacht, Gnädigſte!“ „Sie ſprechen in Räthſeln. Iſt dies Alles, was Sie mir ſagen wollen, ſagen können?“ „Ein Wort weiter, welche Strafe wartete mein! Oder würden Sie in Ihrer Umgebung einen Verwe⸗ genen dulden?“ Nun riß ihn doch, ohne daß er es merkte, die Leidenſchaft über alle Dämme kluger Ueberlegung hinweg. „Und bei alledem, Antoinette, wenn Sie die glühende Verehrung meines Herzens annehmen, wenn Sie mir die Stelle bezeichnen wollten, auf der es eine 94 Möglichkeit für mich gäbe, Ihre Liebe zu erkämpfen, und wäre es nach Jahren der Ausdauer, nach Prüfungen ohne Zahl, blindlings würde ich Ihrem Winke folgen! Sie allein ſollten das Wahrzeichen in der Schlacht des Lebens für mich ſein. Aber können Sie dies Wort nicht ſprechen, dann iſt es beſſer, wir ſcheiden. Noch ſchwankt der Nachen am ſichern Ufer— ein Stoß, und er treibt auf dem Ocean dem Untergang entgegen. Ich lege meine Seele in Ihre Hand.“ „Um Gotteswillen! Wollen Sie mir Ihr Schickſal aufbürden?“ Es war etwas in der Heftigkeit Vittorio's, das Antoinette entſetzte. Und indem nun im Vorzimmer Stimmen laut wurden, vergrößerte die Sorge, mit dem Ritter allein getroffen zu werden, nach einer ſolchen Unterhaltung, die Verlegenheit und den Schreck des Fräuleins. Bis in die Niſche des Gemachs war ſie zurückgewichen und hatte den ſchönen Arm wie zur Abwehr gegen einen unſichtbaren Feind erhoben. Denn Vittorio rührte ſich nicht; er ſtand aufrecht hinter ſeinem Seſſel, die Rechte zitternd auf die Rück⸗ lehne deſſelben geſtützt. „Und ich habe nichts zu hoffen?“ fragte er tonlos. Entgegnete Antoinette:„Nichts!“ oder entfuhr ihr nur ein unverſtändlicher Laut? Aber der Ausdruck 95 ihrer Züge ſagte Alles. Die Thür war geöffnet worden; auf der Schwelle erſchien Graf Wolfsegg. Mit der Bewegung hingebendſter Zärtlichkeit, in der ſich zugleich eine Empfindung der Erlöſung, der Befreiung von einem geſpenſtiſchen Alpdruck auszuſprechen ſchien, eilte ſie ihm entgegen. „Ahl!“ murmelte Vittorio.„Sie liebt ihren Oheim.“ Als er ſich, jetzt ganz wieder der gewandte Höfling, nach dem Grafen unende, reichte ihm dieſer ſchon die Hand. „Guten Abend, Herr Ritter, guten Abend! Das iſt ſchön von Ihnen, daß Sie ſo lange ausgeharrt haben. Ich danke Dir, Antoinette, daß Du unſern Gaſt feſtgehalten.“ Drittes Kapitel. Mit allen Ehren, die ihm gebührten, in gemüth⸗ licher Feſtfreude war Magdalenens neunzehnter Geburts⸗ tag gefeiert worden. Auch nicht eine Wolke hatte ihn getrübt. Die Eltern hatten eine kleine Geſellſchaft von Verwandten und Freundinnen eingeladen; ein Ball der Jugend beſchloß das Feſt. Mit einer an ihm unge⸗ wohnten Liebenswürdigkeit hatte Egbert ſich an allen Spielen und Tänzen betheiligt und abwechſelnd mit Hugo an Magdalenens kleinem Klavier eine Francaiſe, eine Ecoſſaiſe geſpielt. Den heiterſten Eindruck brachte Herr„von“ Spring hervor. Die Mühe, die er ſich gab, im ſchönſten Wiener Dialekt zu ſprechen, erregte ebenſo viel Vergnügen wie ſein norddeutſches, drollig⸗phanta⸗ ſtiſches Weſen das Staunen dieſer guten und einfachen 97 Menſchen, die ihn für einen ganz beſonders tiefen Geiſt zu halten ſchienen. Magdalene wußte ihre Doppelrolle als Königin des Feſtes und ſorgende Wirthin aufs beſte durchzu⸗ führen. Neidlos ſtellte ſie überall bald dieſe, bald jene ihrer Geſpielinnen in den Vordergrund. Von ihrer Fröhlichkeit und Güte ging ein Strom von Licht und Wärme aus. Selten in dieſen letzten Wochen hatte ſie ſich ſo glücklich gefühlt. Es war ihr, als hätte die trübe Herbſtſonne dieſes Tages tbtz alledem ein wunderbares Quellen und Blühen in ihr erweckt. Nicht die reichen und zierlichen Geſchenke des Freundes, nicht die zärt⸗ liche Freundſchaft, mit der er ſie am Morgen begrüßt hatte, am innigſten rührte und freute ſie die Harm⸗ loſigkeit, in der er ſich der Geſellſchaft hingab, das Be⸗ hagen, das er in ihr fand. Wenn ſich zuweilen ihre Blicke begegneten und lächelnd, als fürchteten ſie, ertappt zu werden, ſich wieder von einander abwendeten, waren es die Blicke zweier Glücklichen. Vielleicht hatte der alte Joſeph doch Recht: Egbert hatte einen Schritt aus der jugendlichen Traumwelt zur ernſten Männlich⸗ keit gethan, aber ſein Herz war unverfälſcht, war daſ⸗ ſelbe geblieben. Von der garſtigen Politik, von Geſchäften war an Frenzel, Lucifer. II. 7 98 dieſem Tage nicht geſprochen worden. Selbſt der Graf Wolfsegg hatte ſo entſchieden. „Dieſe Stunde gehört der Leni“, hatte er geſagt,. als ihm Egbert den Vorfall mit der braunen Chriſtel und den Beſuch des Ritters ausführlicher mittheilen wollte. 4 Auch Hugo Spring, der noch immer an der Pforte 4 des Burgtheaters auf Einlaß wartete, war auf einen andern Tag beſchieden worden. „Aber“, hatte der Graf beim Abſchiede zu den beiden jungen Männern geäußert,„ich erwarte Sie demnächſt in meinem Hauſe zu einer kleinen Abendge⸗ ſellſchaft. Da ſtelle ich Sie den zukünftigen Lenkern Ihrer Geſchicke, dem Fürſten Lobkowitz oder dem oberſten Kämmerer Ferdinand Palffy, vor, lieber Herr Spring. Nur nicht unwirſch und ungeduldig werden!“ In ſeiner Weiſe hatte er dem ungeduldigen Branden⸗ 1 burger ein Beiſpiel dieſer Tugend gegeben, indem er die breite und nichtige Geſchwätzigkeit der Frau Arm⸗ hart gelaſſen ertrug. Die konnte ſich an den prächtigen Stoffen und der ſchönen Schnur weißer Perlen, die der Graf„ſeinem Liebling“ als Feſtgabe überreichte, gar nicht ſatt ſehen. Hinauf und hinab, wie ein Mühlrad, plauderte ſie von der Herrlichkeit, wie vortrefflich die Leni darin erſcheinen würde, wie ihr Alles ſo ſchmuck und artig zu Geſicht — —— v — — 99 ſtände, wie ein Fürſtenkind ſchaue ſie aus. Darüber hatten Egbert und der geheime Secretarius gelacht, Magdalene war roth geworden und aus dem Zimmer geflohen. Nur der Graf hatte die Stirn gerunzelt: man ſolle dem Kinde mit ſolchen Worten nicht Sinn und Gemüth verwirren. Ein ganzes Leben würde zu⸗ weilen durch ſolche Vorſtellungen, mit denen man, ohne jede böſe Abſicht, wie zum Spiel die jugendliche Phan⸗ taſie nähre, vergiftet und verdorben. Im Uebrigen war Wolfsegg zu allen von herz⸗ gewinnender Liebenswürdigkett geweſen—„nicht ganz“, wie Hugo's Ironie bemerkte,„ohne Ceremonie, ſelbſt in dem Kuſſe, den er auf Magdalenens Stirn drückte, aber durchaus wie ein vornehmer Herr, ein grand seigneur— die franzöſiſche Sprache drückt's beſſer aus als die deutſche“.. Nach dem Feſttage kam ein ſaurer Tag. Es galt wieder in Ordnung zu bringen, was Spiel und Tanz untereinander geworfen. Dabei wurde nun auch der Chriſtel gedacht, die man während des vergangenen Tages beinahe vergeſſen. Die Kur Zambelli's hatte ſich bewährt. Nach einem langen ununterbrochenen Schlaf war das Mädchen geſund erwacht; ein wenig wüſt und verworren im Kopf, mit Wunden und Schrammen, aber ohne jede bedenklichere Verletzung 7*½ erzählte er und erweckte in dem gefühlvollen Herzen 100 und, was nach Joſeph das Beſte war, mit einem tüch⸗ tigen Hunger. Nach Egbert's Weiſung mußte ſie noch den Tag über im Bette bleiben, wie wenig ſie auch an ein ſolches weiches Lager gewöhnt war. Mit Magdalenen und Frau Armhart hatte er ſchon das Uebereinkommen getroffen, Chriſtel im Hauſe zu behalten. Die Frauen ſollten verſuchen, ob das Mädchen in den vielen häus⸗ lichen Geſchäften zu verwenden, zu belehren und zu erziehen ſei. „Mich jammert der Unglücklichen, liebe Demoiſelle Armhart“, ſagte er zu Magdalene;„ſie iſt mutter⸗ und nun auch vaterlos. Wir thun ein gutes Werk, wenn wir uns der Verlaſſenen annehmen. Ihrer Freund⸗ lichkeit, Ihrer weichen und ſanften Hand wird es ge⸗ lingen, den Wildling zu zähmen.“ Wie er ſelbſt in der Schlucht der Aurach, bei der Rabenmühle und dann im Schloß des Grafen in der Abenddämmerung mit dem Mädchen zuſammengetroffen, Magdalenens eine raſche Theilnahme für die Arme. Von jenem Knopf— es war in goldener Faſſung ein Opal, in dem ein Adler, offenbar nach einem antiken Vorbilde, eingeſchnitten war— den ihm damals die braune Chriſtel gegeben, erwähnte er nichts. ——— 101 Ein Vorgefühl hielt ihn ab, nicht Geheimthuerei. Es ſchien ihm, als müſſe dieſer an ſich nicht eben werthvolle Knopf eine dunkle Beziehung zu Ereigniſſen haben, die in Chriſtel's Leben eingegriffen. War er berechtigt, vorzeitig und ohne Noth von einem ſolchen Zeichen oder Pfande Gebrauch zu machen? Nicht be⸗ ſtimmt legte er ſich dieſe Frage vor, noch entſchied er ſie beſtimmt. Sie beſtärkte ihn nur in ſeiner erſten Regung, ein unverbrüchliches Schweigen über den Opal mit dem Jupitersadler zu be ahren. Am dritten Tage nach hrer Ankunft ſtellte er ein Verhör mit ihr an. Trotz ſeiner Bitte, daran Theil nehmen zu dürfen, ward Hugo ausgeſchloſſen. Egbert wollte das Mädchen nicht einſchüchtern, er wünſchte, daß ſie ein rechtes Vertrauen zu ihm faſſe. Wie ſie nach Wien gekommen? Ob ſie Verwandte oder Be⸗ ſchützer in der großen Stadt habe? Was ſie zu thun beabſichtige? Sie ſolle ihm in allen Dingen die Wahr⸗ heit ſagen. Chriſtel küßte ihm demüthig die Hand und gab beſſer und klarer, als er gehofft hatte, auf ſeine Fragen Beſcheid. Sie habe es bei ihrem Vater nicht länger aushalten können, er ſei immer unwirſcher und die Noth größer geworden; der Pfarrer habe ſie wegen ihres Nichtsthuns geſcholten, ſie läge dem alten Manne 402 zur Laſt, ſie ſolle in Wels oder Linz einen Dienſt ſuchen. Ihr aber habe etwas ins Ohr gerufen: Geh nach Wien! Da habe ſie ſich aufgemacht und ſei glücklich, mit Hülfe guter und barmherziger Menſchen, angekommen. Sie zeigte auch einen Brief von einem Verwalter ihres Gutsherrn, des Barons von Puchheim, vor, der ſie ſeinem Vetter, dem Caſtellan im Harrach'ſchen Pa⸗ laſt, empfahl. Bei dem habe ſie einen Unterſchlupf für die erſten Tage zu finden gehofft. Dies Alles legte ſich einfach und natürlich zu⸗ ſammen; ſchwieriger war es aufzuklären, wie ſie gerade hierher zu den Saleſianerinnen gerathen, während doch das Harrach'ſche Haus im entgegengeſetzten Theil der Stadt gelegen. Hierüber wußte auch Chriſtel keine Aus⸗ kunft, wenigſtens keine, die einen ſtrengern Unterſuchungs⸗ richter, als Egbert einer war, befriedigt hätte. Und während der gerade auf dieſen Punkt ſchärfer beſtan⸗ den, warf ſich Egbert in ſeiner Gutmüthigkeit bald vor, das arme Mädchen mit ſeinen thörichten Fragen zu ängſtigen. „Welch ein Aufheben!“ ſagte er ſich.„Sie iſt eben fremd in Wien und hat ſich verlaufen. In der ſtillen einſamen Gaſſe hier, an den Gartenmauern ent⸗ lang ſchleicht ſich ein furchtſames verlorenes Kind; da 103 fällt ihr ein hellerleuchtetes Haus ins Auge, freudig erzitternd bleibt ſie ſtehen; iſt das ein Wunder?“ Das Verhör war ſchnell beendigt, die braune Chriſtel als neue Genoſſin in das Giebelhaus aufge⸗ nommen. Wenn es in ihrer Seele, wie Cgbert eine Weile wegen ihres ſcheuen und unſtäten Weſens ge⸗ 1 fürchtet hatte, einen dunklen Naturtrieb gegeben, der ſich dagegen geſträubt, ſo hatte ihn Magdalene leicht bezwungen. Anfänglich wagte das Mädchen aus der Fremde, wie Hugo die Chriſtel nannte, auf ein Gedicht Schiller's anſpielend, das Magdalene gern recitirte, gar nicht, die ſtädtiſchen Kleider, die ihre neue Herrin Hihr anbot, anzuziehen. Nicht mit Worten, nur mit ſtrahlenden Blicken dankte ſie. Die angeborne Luſt des Weibes, ſich zu ſchmücken und gefällig zu erſcheinen, that dann das Ihrige. In einigen Tagen hatte ſich die braune Chriſtel unter Magdalenens Obhut und Erziehung ſchon den Gewohnheiten der Andern genähert. „Entwildert“, lachte Hugo.„So entſtellt die Civi⸗ liſation das Kunſtwerk der reinen Natur!“ Dabei beobachtete er wie das ganze übrige Haus die Fortſchritte Chriſtel's mit größter Neugier. Sie war anſtellig und unterwürfig und vollführte pünktlich und geſchickt, was ihr aufgetragen. Zuweilen verſank ſie in ein dumpfes brütendes Schweigen und ſtarrte wie abweſend ins Leere. Erſt allmälig fand ſie ſich, daraus erweckt, in die Wirklichkeit und in ihre Umgebung zurück. Sie ſprach wenig, faſt nur mit Magdalenen oder Egbert und immer im Flüſterton. Still und immer eilig glitt ſie durch das Haus; ſie erſchrak, wenn ihr einer nachging oder ſie uner⸗ wartet anredete. Hugo wollte daraus auf eine gewiſſe Hinterhaltig⸗ keit ihres Charakters ſchließen; Egbert vertheidigte ſeinen Schützling; bei den vielen mächtigen Eindrücken, die hier auf ſie einſtürmten, bedürfe ihre Seele dieſes Rückzugs in ſich ſelbſt; ſo ſchließe Jeder, dem plötzlich beim Erwachen aus dem Schlafe die Lichtflut der Morgenſonne entgegenſtrahle, die Augen wieder. 3 Der Brief des Puchheim'ſchen Verwalters war be⸗ ſtellt und richtig befunden worden. Dem Caſtellan konnte nichts Wünſchenswertheres geſchehen, als daß er durch Egbert der Sorge für die Dirne enthoben ward. Aus vollem Herzen gab er ſeine Einwilligung zu Allem, was man ohne ihn über ſie beſchloſſen. Er kam ſelbſt, um Herrn Heimwald für ſeine Menſchen⸗ freundlichkeit zu danken; bekannt war ihm die Chriſtel nicht. An demſelben Tage erſchien der Ritter. Er entſchuldigte ſein längeres Ausbleiben mit un⸗ 105 aufſchiebbaren Geſchäften, mit ſeiner feſten Ueberzeugung, daß bei ſo vorzüglicher Pflege auch nicht die geringſte Gefahr für die Verunglückte mehr vorhanden ge— weſen ſei. Chriſtel zu ſehen, ſogar ohne Zeugen mit ihr zu ſprechen, konnte ihm nicht gut verweigert werden. „Der Arzt iſt wie ein Beichtiger“, ſagte Egbert zu ihm,„er hat ſeine Geheimniſſe mit dem Kranken, man raubt ihm die Hälfte ſeiner Kunſt und Kraft, wenn man ſeinen Verkehr mit demſelben beeinträchtigt.“ Vittorio traf das Mädchen im Garten. Es war eine ſonnige Stunde unter den entlaubten Bäumen. Als ſie ihn erblickte, ſchauerte ſie zuſammen und legte ihre Hand auf das Herz, als empfände ſie dort einen ſchmerzhaften Stich. Aber ihr Geſicht drückte kein Leiden aus, ein Freudenſchimmer lag darauf. Ihre magere, dürftige Geſtalt ſchien aufzublühen. „Biſt Du allein, Chriſtel?“ fragte er, ſcharf um⸗ herſchauend. Sie nickte. „Die Leute ſind dort“— mit dem Finger zeigte ſie nach dem am Ende des Gartens gelegenen kleinen Luſt⸗ hauſe—, ſie tragen Stühle und Tiſche heraus undſich helfe ihnen.“ 106 „Gefällt es Dir im Hauſe?“ „a.“ „Und Du wirſt bleiben? Nicht davonlaufen?“ „Herr, wie Ihr es mir befehlt.“ „Ich habe Dir nichts zu befehlen. Bin ich Dein Bruder? Thu', was Du magſt. Warum biſt Du nicht in Moos geblieben?“ Sie fuhr von ihm zurück und ſah ihn mit einem Blicke an, der deutlicher, als ihre Lippen es gekonnt, zu ihm ſagte: Du weißt ja, daß ich nicht bleiben durfte. „Du biſt mir hierher gefolgt?“ Ein tieferes Roth entzündete ſich auf ihren Wangen, ſie lächelte, aber ſie ſchwieg. „Armes Ding!“ Er legte ſeine Rechte auf ihren Kopf. „Ich ſollte Dich ſchelten, denn Du biſt ungehor⸗ ſam geweſen.“ „Zürnt mir nicht. Ich kann nur leben, wo Ihr lebt.“. „Thorheit! Eine kurze Weile noch— und ich werde verſchwunden ſein. Weithin, wo Du mich nicht ſehen, mich nicht erreichen kannſt.“ „O! dann muß ich ſterben.“ „Das wirſt Du nicht. Ich will's nicht!“ 107 Eine Minute lang hielt er ſie unverwandt unter dem Zauber ſeines Willens und ſeiner Augen. Iſt die Ausgießung der eigenen ſeeliſchen Kraft in die eines Andern möglich? Wenigſtens konnte Chriſtel dem An⸗ drang ſeines ſtärkern Willens keinen Widerſtand ent⸗ gegenſetzen. Sie athmete nur tief und ſchwer, als würde eine Laſt auf ſie gewälzt. „Ich kehre wieder“, fuhr Vittorio fort.„Mit dem Frühling, wie die Sonne. Bis dahin harre in dieſem Hauſe aus, treu und gehorſam.“ „Ich muß wohl gehorchen“, erwiderte ſie mit dem Ausdruck der Entſagung, mit ſchwimmenden Augen. „Getroſt! Auch der Lohn wird nicht ausbleiben. Herr Egbert und das Fräulein—“ „Sie ſind gut und freundlich zu mir, wie die Heiligen zu den armen Sündern.“ „Aber Du wirſt auch zu ihnen ſchweigen, ſchweigen wie das Grab.“ „Beſchwört mich nicht! Ich thu's!“ bat ſie ängſtlich. „Hat er Dich danach gefragt?“ Er machte Zeichen, die ſie zu verſtehen ſchien, in die Luft. Chriſtel zitterte an allen Gliedern und drohte in Ohnmacht zu ſinken. 108 „Nein, nein! Aber redet auch Ihr nicht davon, lieber Herr!“ Vittorio unterſtützte ſie; ſo ruhte ſie einen Augen⸗ blick an ſeiner Bruſt. Mit der Hand fuhr er leiſe ſtreichelnd über ihr Haar her und hin. „Leb' wohl! Ich ſehe Dich wieder.“ Als er ſie losließ, beugte ſie ſich nieder, um ſeine Hand zu küſſen. „Halt“, ſagte er und dämpfte ſeine Stimme noch mehr,„noch eins. Du kennſt den Grafen Wolfsegg?“ „Ich kenne ihn.“ „Er kommt oft in das Haus. Gib Acht auf ihn, auch, wie er mit dem Fräulein Magdalene verkehrt. Vergiß nichts!“ Während er ſich darauf eiligen Schrittes, ohne ſich umzublicken, aus dem Garten entfernte, ſtand ſie wie feſtgewurzelt an derſelben Stelle und ſtarrte ihm nach. In dem lichten Sonnenſchein, durch den er hinſchritt, zeichnete ſich ſeine Geſtalt und der Schatten, den ſie warf, um ſo eigenthümlicher ab.. In dem Hauſe begegnete er Magdalenen. „Wie finden Sie unſere Kranke?“ konnte ſie ſich nicht enthalten, ihn zu fragen. Er beſtätigte die Beſſerung und ſprach ſeine Ueber⸗ zeugung aus, daß ſich allmälig auch das Scheue und „ 109 Verworrene aus Chriſtel's Gemüth verlieren würde. Bei der Betäubung, in der er ſie getroffen, ſei es nothwendig geweſen, ſtarke Mittel anzuwenden. „Ich hab's wohl gemerkt, Demoiſelle Armhart, Sie erſchraken vor mir, aber es geſchah Alles ohne Zauberei. Was wunderbar daran iſt, das iſt nur das allgemeine Lebensräthſel und Weltgeheimniß. Denn wodurch leben wir als durch ein Unſichtbares?“ Darüber kamen Egbert und Hugo hinzu, und in einem gleichgültigen Geſpräch, in dem er mit großer Geſchicklichkeit den Andern das Wort ließ, ſuchte Vit⸗ torio den Eindruck des Ungewöhnlichen, den er bei ſeinem erſten Auftreten im Giebelhauſe ausgeübt, nach Kräften herabzuſtimmen Er gab ſich Mühe, klein zu erſcheinen, wie einer, der weder eines Verdachts noch einer Feindſchaft werth iſt. Das verſchwenderiſche Lob, das er der Muſik und der Darſtellung einer neuen Oper Cimaroſa's ſpendete, beſtimmte die Freunde, das Kärntnerthor⸗Theater an dieſem Abend zu beſuchen und in den entzückenden Klängen des„Matrimonio segreto“ zu ſchwelgen. Auch nach der Vorſtellung ſchien ſich das goldene Netz dieſer ſchmeichleriſchen Melodien weit und weiter um ſie auszuſpannen. Sie hatten keine Luſt, ſchon nach Hauſe zurückzukehren, und ſchwärmten in den Stra⸗ 110 ßen umher. Es war eine klare Herbſtnacht, ohne Re⸗ gen und ohne Wind. Funkelnd ſtanden die Sterne am Himmel. In ſeiner ſchwärmeriſchen Weiſe redete der blonde Egbert von dem Sphärentanz und der Har⸗ monie der ewigen Geſtirne, die um die Sonne kreiſen, und erklärte die irdiſche Muſik, die ſie eben vernom⸗ men, für einen Nachklang jener himmliſchen und unend⸗ lichen. Sich hierein verſenken, in dies Meer von Me⸗ lodien ſich tauchen, nicht mit dem Ohre allein, ſondern mit der Seele die tönenden Wellen ſchlürfen, darum nur verlohne es ſich zu leben. Die Gaſſen waren von Fußgängern und Fahren⸗ den erfüllt. Um die Springbrunnen am Graben ſtan⸗ den plaudernde, lachende Gruppen. Aus den Schenken tönte die Geige des Zigeuners oder die Quartettmuſik ſogenannter Prager Muſikanten. Eine heitere, fröh⸗ liche Klangwelle rauſchte über Wien dahin. Wenn er die Luſtigkeit und bunte Fülle dieſes Lebens und Trei⸗ bens, voll fremdartiger Laute, wo das italieniſche Wort dem magyariſchen begegnete, in dem es von merkwür⸗ digen Trachten und reichen Soldatenuniformen wim⸗ melte, mit dem Ernſt und der Dürftigkeit ſeiner mär⸗ kiſchen Heimat verglich, konnte ſich Hugo nicht er⸗ wehren, in einen lauten Jubelruf auszubrechen. „Ja, das iſt prächtig! Hier weiß man doch, 111 wozu man geboren wird, Egbert, und wahrſcheinlich auch, warum man ſtirbt!“ Mitten durch das Gewühl ſchritten Frauen und Mädchen dahin, die einen ſtattlich aufgeputzt, von einem Diener zum Schutz begleitet, die andern langſamer wandelnd, mit kecken herausfordernden Blicken, die meiſten ſchön und lieblich und alle, wenigſtens dem Anſcheine nach, demſelben Strom folgend, von dem⸗ ſelben Drange nach Genuß und Vergnügen getrieben. Mit Anmuth und gefälligem Sinn gepaart, gewann der Leichtſinn ſchneller die Herzen. Hier wehte eine mildere Luft als über den Seen und Kiefernhaiden Brandenburgs. Auch das Eis des kategoriſchen Im⸗ perativs hätte ſie geſchmolzen. Es war, als mahnte jede Zither, jede Geige, jede Harfe daran, ſich der Stunde zu freuen und die Flaſchen zu leeren, ehe ſie in Scherben gehen. Um dies herrliche, buntſchillernde, tanzübermüthige Wien, dieſe einzige Kaiſerſtadt, ſchwamm ein Etwas, ſchimmernd, duftig, einſchmeichelnd: Sy⸗ baris, ſagte wie aus dem Schlaf aufſchreckend das Gewiſſen des ehemaligen Hallenſer Studenten, Sy⸗ baris! Schmiedeten hinter dieſem farbenreichen Bilde fröh⸗ lichſten Genuſſes die Cyklopen dem Donnerer die Blitze zu ſeiner Zerſtörung? 7 „War das nicht unſer Geheimer?“ zeigte Hugo, den Freund am Arme feſthaltend, auf einen vorüber⸗ eilenden Mann, der im dunklen Mantel, mit tief in die Stirn gedrücktem Hut an den Häuſern entlang ſchlich. Es war am Eingang der ſchmalen Gaſſe, die vom Graben nach St.⸗Peter abbiegt. „Armhart? Was ſollte der auf den Straßen ſuchen? Zu dieſer Stunde?“ „Vielleicht ſeine verlorene Ruhe. Sieh nur, der Mann will nicht geſehen ſein und gäbe was darum, wenn er keinen Schatten hätte.“ „Er gleicht dem Secretär. Aber was willſt Du mit Deinen Worten andeuten?“ „Du haſt den Mann ſeit Deiner Rückkehr nicht verändert gefunden? War er immer ſo haſtig, ab⸗ ſpringend, ausweichend in ſeinen Reden?“ „Das nicht. Er mag jetzt überarbeitet ſein; nie⸗ mals, klagt er, ſei ſo viel geſchrieben worden in der Hof⸗ und Staatskanzlei, als unter dem Grafen Phi⸗ lipp Stadion. Das wird nicht ohne Wirkung auf ihn bleiben, er iſt nicht mehr der Jüngſte. Dir gefällt meine Erklärung nicht?“ „Haſt Du etwas dawider, wenn wir dem Schat⸗ ten folgen?“ „Nicht das Geringſte. Da ſteht er ſtill unter der Laterne. Er ſpäht vorſichtig umher, ehe er in das Haus eintritt. Du haſt Recht, es iſt Armhart.“ „Und das Haus?“ „Ein Wirthshaus. Sieh nur die goldene Kugel über der Thür.“ „Um ſo beſſer. Da kann es nicht auffallen, wenn wir auch wie der Geheime eine Flaſche ausſtechen.“ Die Hoffnung indeſſen, die ſie beide im Stillen hegen mochten, Armhart zu begegnen, wurde getäuſcht. Weder in dem langen Saal im Erdgeſchoß, wo die „gemeinen“ Leute zechten, noch oben, wo in einzelnen Zimmern die Gäſte aus den„beſſern“ Ständen Platz gefunden hatten, war eine Spur von dem Secretarius zu entdecken. Der blonde Egbert erwies ſich als ſchlech⸗ ter Führer, er kannte die Räumlichkeiten nicht und wollte doch auch den Aufwärter nicht fragen, ob es außer den offenen Gemächern noch verſchloſſene, für beſtimmte Geſellſchaften vorbehaltene gäbe. „Warten wir nur“, tröſtete Hugo.„Die Maus verkriecht ſich, aber ſie ſteckt immer wieder neugierig den Kopf aus dem Loch. Du kennſt ſchon den Tief⸗ ſinn der Redensart: Mir ſchwant.“ An einem Tiſch, auf dem in einem Zinnleuchter Frenzel, Lucifer. II. 8 1˙4 eine Kerze brannte, ließen ſie ſich nieder. Wein und Gläſer brachte ſchweigend ein alter Aufwärter. Gegen den Lärm, der von unten herauſſchallte, ging es oben ſittig und bürgerlich ernſthaft zu. Zu zweien, zu vieren, in größerer Anzahl ſaßen ſie um die hölzernen weißgeſtrichenen Tiſche. Nur die We⸗ nigſten rauchten eine Pfeife. Hier ward lebhafter, dort leiſer mit zuſammengeſteckten Köpfen geſprochen. Jezuweilen klang wohl lauter, als es ſein ſollte, ein politiſches Wort: Bonaparte und Spanien, Deutſch⸗ land und Kaiſer Franz; aber im nächſten Augenblick ſank das Geſpräch wieder zum Geflüſter hinab. Trotz der Milizen, die man ſeit dem Frühling dieſes Jahres in Inneröſterreich einzurichten und ein⸗ zuüben begann, trotz der freiern Bewegung, die der Graf Stadion den Geiſtern geſtattete, beherrſchte die Furcht vor den allgegenwärtigen und leider auch all⸗ mächtigen Polizeiſpionen nach wie vor die Bürger Wiens. Sie waren bereit, das Letzte für das geliebte Vaterland zu opfern, aber am freudigſten hätten ſie es ſtumm gethan. Es gab nicht viele unter ihnen, welche den Muth und die Fähigkeit hatten, zu ſagen, was ſie empfanden. Auch ſtörte ihnen das Denken und Sorgen in die Zukunft den behaglichen Genuß der Gegenwart. 115 Die Meiſten mochten Stammgäſte der„Kugel“ ſein. Sie warfen auf die beiden jungen Männer, die zum erſten Mal ihr Heiligthum betraten, einen fragen⸗ den, beinahe vorwurfsvollen Blick: Was wollt ihr eigentlich hier? Die ſaubere Kleidung, das höfliche Weſen der neuen Gäſte beruhigte dann wieder; das wohlwollende Gemurmel ſchien zu ſagen: Es ſind an⸗ ſtändiger Leute Kinder. Doch ſchwebte noch ein Hauch des Verdachts über ihnen, bis einer, ſchärfer hinüber⸗ ſehend, Egbert erkannte und den Namen Heimwald ſeinen Tiſchgenoſſen zuraunte. Ein„Ah!“ ein breites, zuſtimmendes„So, ſo!“ drückte jetzt die allgemeine Zufriedenheit aus. Die Freunde waren viel zu ausſchließlich mit ihren Gedanken beſchäftigt, um der Geſellſchaft große Aufmerkſamkeit zu widmen oder darauf zu achten, daß ſie der Gegenſtand der Neugierde derſelben geworden ſeien. „Nun möge Dir der Wein die Zunge löſen“, ſagte Egbert,„denn bisher biſt Du mir noch ein Buch mit dreifachem Siegel geblieben.“ „Entſinnſt Du Dich noch der berühmten Stiefel und meiner Prophezeiung?“ „Sie haben uns eine Einladung zu dem Grafen eingebracht.“ . 8* 116 „Zu Grafen, Fürſten, Diplomaten, zu Deiner Göttin! Du darfſt meine Sehergabe alſo nicht ver⸗ achten. Wofür hältſt Du dies Haus? Für das Wirths⸗ haus zur Kugel, antworteſt Du. Natürlich, Du haſt die Kant'ſche Philoſophie nicht ſtudirt, Dir genügt die Erſcheinung, Du legſt Dir nicht die Frage vor: was iſt das Ding an ſich? Aber wir aus dem Norden ſind kritiſche Köpfe, ohne rechte Genußfähigkeit. Wir ſinnen nun ſchon ein Menſchenalter über Sein und Nichtſein, über das Ich im Univerſum—“ „Und über das Ding, das für Andere ein ge⸗ wöhnliches Wirthshaus beim Peter iſt, an ſich aber—“ Indem Hugo ſich über den Tiſch neigte, um mit dem Freunde die Gläſer zuſammenklingen zu laſſen, konnte er ihm zuraunen: „Ein Spielhaus, eine Pharobank iſt's.“ Der Blonde machte ein ungläubiges Geſicht. „Wo nimmſt Du nur alle dieſe Flauſen und Märchen her? Alles aus Shakſpeare?“ „Der Spieler wartet noch ſeines Dichters. Für einen Iffland iſt dieſe Leidenſchaft zu groß. Gewür⸗ felt ward immer, ſchon an dem Kreuz auf Golgatha. Aber erſt in unſern Tagen iſt der echte Dämon des Spiels erwacht. Wehe dem, den er packt! Auch wenn es nur ein Geheimer iſt.“ —— 41 „Wenn es Dein Ernſt iſt— Du erſchreckſt mich!“ „Irgendwo hinter dieſer bürgerlich ehrwürdigen Außenſeite gibt es hier ein Allerheiligſtes, einen rothen oder blauen Saal, in dem die Glücksgöttin auf rollen⸗ der Kugel thront. Denn hinein in dieſe Höhle des Löwen iſt unſer Mann gegangen, und nicht, wie wir uns überzeugt haben, um einen Schoppen gegen oder über den Durſt zu trinken.“ „Er kann Geſchäfte haben.“ „Freilich, die er den Uneingeweihten verbergen will. Eleuſiniſche Myſterien! Du lebſt ſo träumeriſch in den Tag hinein, Blonder, pflegſt Schwerverwun⸗ dete auf der Landſtraße, nimmſt Bettlerinnen auf, träumſt von Göttinnen und ſchönern Sternen, biſt Jedem hülfreich, ſchlägſt meiſterlich die Klinge, min⸗ deſtens ebenſo gut wie Laertes, aber Dir fehlt wie dem Staate Oeſterreich die Kritik der reinen Ver⸗ nunft. Die Dinge muß man nüchtern, ohne Brille und ohne Neigung anſchauen, dann dringt man in ihr Inneres. Ich bin jetzt ein Künſtler in den Ferien und ſecire Charaktere, um ſie nachher deſto täuſchender und lebenswahrer darzuſtellen. Dein Geheimer hat mir bei dem erſten Blick eine beſondere Theilnahme ein⸗ geflößt.“ 118 „Ich ſage es Dir noch einmal: ein muſterhafter, fleißiger Beamter, den all ſeine Vorgeſetzten rühmen und mit Auszeichnungen bedacht haben, den der Graf Wolfsegg ſeines Umgangs würdigt—“ „Seh' ich mit meinen Augen ſo gut wie Du mit Deinen. Bis heute iſt der Wagen im alten Geleiſe gefahren und das Rad nicht gebrochen. Aber den Mann ängſtigt eine fieberhafte Unruhe und Ungeduld. Mit kleinen Summen hat er angefangen zu ſpielen; Niemand gibt dem Teufel bei der erſten Begegnung die ganze Hand, man verſucht's mit dem kleinen Fin⸗ ger. Einmal gewinnt er, darauf Verluſt, der Einſatz wird größer, und nun rollt's abwärts wie die Lawine. Hat er eine Kaſſe unter ſich?“ „Nein.“ „Dann wird er Schulden gemacht haben, die er nicht bezahlen kann. Um aus dem Abgrund ſich heraus⸗ zureißen—“ „Sollte er immer weiter, immer höher ſpielen? Bedenke doch, ein Wort zu mir, zu dem Grafen würde genügen, ihn aus ſolchen Verlegenheiten zu befreien.“ „Du würdeſt Dir die Forderung freilich nicht zweimal ſagen laſſen. Haſt Du doch Dein Geld nur für Andere. Aber es ſind nicht Alle ſo unver⸗ ſchämte Borger wie ich. Der Geheime hat Ehrgefühl.“ 119 —„Und darum, aus mißverſtandenem Ehrgefühl ſollte er ſich, ſeine Familie, ſollte er Magdalene in ¾ Elend und Schande ſtürzen?“ „Du vergißt, daß er von einem Dämon beſeſſen iſt. Soll er Dir Beſſerung verſprechen, die er doch nicht durchführen kann?“ Egbert ſtützte den Kopf in die Hand. Wenn ihm auch die Vermuthungen des Freundes über die Wirk⸗ lichkeit hinauszugehen ſchienen, ganz konnte ſich ein ſo ruhiger und ſcharfer Beobachter wie Hugo nicht ge⸗ täuſcht haben. Nun malte ihm die Phantaſie, die 8 Sorge für Magdalene die traurigſten Bilder vor. „Morgen“, ſagte er endlich,„werde ich mit ihm reden. Er ſoll mir nicht ausweichen. Dies iſt ja kein verzweifelter Fall, noch iſt kein Unrecht geſchehen, das nicht wieder gutgemacht werden könnte. Auch Ent⸗ deckung braucht er nicht zu fürchten.“ „Der weiße Ritter, der ſich zum Kampf gegen den ſchwarzen rüſtet! Laß uns hoffen, daß es noch 0 nicht zu ſpät iſt. Es wäre ein Leid, wenn die ſchönen, frommen und klugen Augen Magdalenens durch Thrä⸗ nen und kummervoll durchwachte Nächte Schaden nehmen ſollten.“ „Das wird nicht geſchehen“, betheuerte Egbert, „ſolange—“ 120 „Die Planeten um die Sonne kreiſen, wenn wir's lyriſch nehmen, oder in Proſa: ſolange der blonde Egbert noch einen Gulden hat. Aber an Deiner Stelle fürchtete ich eins: daß ſie zuerſt um mich Thränen vergöſſen, dieſe Augen.“ „Gebe ich Magdalenen Urſache zum Kummer, zur Klage?“ „Haſt Du nie darüber nachgedacht, was morgen geſchehen kann? Glaubſt Du, daß Du, daß Ihr beide immer ſo ohne Wunſch und Sorge ſtill neben einander hingehen werdet? Ah, jetzt dämmert etwas in Dir auf, eine Röthe breitet ſich über Dein Geſicht, zum Glück iſt es nur die Morgenröthe des Sündenfalls, nicht das Abendroth. Was das Frauenherz an ſich iſt und in ſich birgt, das gehört wiederum zu jenen Fragen, vor denen die reine Vernunft den Hut zieht: Habe die Ehre! und ſich eilig aus dem Staube macht. In die⸗ ſem beſondern Falle aber ſagt die praktiſche Vernunft, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach ſich das Midchen in den jungen Mann verliebt hat.“ „Du ärgerſt mich mit ſolchem Scherz.“ „Wenn es ein Scherz iſt, wie kann's Dich ärgern? Und hat ſie nicht Recht? Wäre ich ein Frauenzimmer, ich theilte ihren Geſchmack. Und warum? Werde nicht ſchamroth! Dich getraute ſich jedes Mädchen am ſei⸗ 424 denen Fädchen zu führen. Dieſer Punkt iſt in den Büchern, welche Philoſophen und Dichter über die Ehe geſchrieben haben, noch nicht genügend erörtert worden. Ich eifere nicht gegen die Liebe, aber bei jeder Hei⸗ rath handelt es ſich für die Braut ebenſo wohl um die Liebe ihres zukünftigen Mannes wie um die Herr⸗ ſchaft in ihrem zukünftigen Hauſe. Die Liebe iſt ein Papiergulden, das Regiment im Hauſe ein Silber⸗ gulden. Meine Freundſchaft ſtimmt nun in ihrem Endurtheil, was Dich betrifft, mit Magdalenens An⸗ ſicht überein; nach beiden Richtungen, in Schein und Geld, biſt Du ein wünſchenswerther Gatte. Aber zum Heirathen ſind zwei nöthig, und Du? Wohin ſteht des Herrn Sinn? Haſt Du dieſe Frage noch niemals als Wolke auf Magdalenens Stirn gefunden?“ „Ich bin nicht eitel genug, ſie dort zu ſuchen.“ „Das iſt es nicht, nur Dein Herz hat keine Em⸗ pfindung dafür. Da Du nicht liebſt, was geht's Dich an, daß ſie Dich liebt?“ „Magdalene— mich? Wie einen Bruder, einen beſten Freund.“ „Auf ſo wohlfeile Weiſe möchte ſich Mancher los⸗ kaufen, der einen großen Brand entzündet hat. Dir ſchwebt ein anderes Bild vor der Seele.“ „Nichts von der Gräfin! An dieſem Orte! Ich 422 bitte Dich“, ſagte Egbert aufbrauſend und ſtieß das Glas ſo hart auf den Tiſch, daß es in Scherben zer⸗ ſplitterte. „Bravo! Wie der große Bonaparte die Porzellan⸗ taſſe des guten Grafen Cobenzl zerſchlug, klingklang! Zu Udine, als wir noch den republikaniſchen Kalen⸗ der hatten!“ Das ſagte, während ringsum Alle aufſchauten und jedes Geſpräch an den andern Tiſchen verſtummte, in ſchlechtem, gebrochenem Deutſch mit überlauter Stimme ein Mann, der ſeinen Hut mit der franzö⸗ ſiſchen Cocarde daran hin und her ſchwenkend auf die Freunde zutrat. Woher er gekommen, hätten ſie nicht ſagen können, ob durch den Haupteingang von außen, ob aus den innern Zimmern her. „Ich ſehe da noch einen leeren Stuhl. Iſt's er⸗ laubt?“ fragte er und fiel ſchwerfällig, ohne die Ant⸗ wort abzuwarten, darauf. Ein rothes, weinſeliges Geſicht, auf dem die Jahre und die Revolution ihr Gepräge gedrückt. Borſtenartig ſtanden die grauen Haare empor, die Spur eines Säbelhiebes lief noch in rother Narbe quer über die Stirn. Ueber tiefliegenden grauen Augen wölbten ſich baſchige Brauen. Sinnlich, kräftig ſprachen Mund und Kinn von heftigen Begierden und ihrer rückſichts⸗ 123 loſen Befriedigung. In dem Knopfloch ſeines lang herabgehenden grauen Rockes ſchimmerte das rothe Band der Ehrenlegion. Darunter trug er eine lang⸗ ſchößige Weſte von rothem, ein wenig verſchoſſenem Sammtz; die goldene Uhrkette mit dem Petſchaft ſah aus der einen Taſche hervor. Hoch hinauf, ganz à la Robespierre, hatte er um den Hals ein weißes Tuch mit rothgeſäumten Zipfeln geſchlungen. „Johann, bon garçon“, rief er dem Aufwärter zu,„vom beſten Tokayer!“ „Und doch ſcheint er des Guten ſchon zu viel zu haben“, flüſterte Hugo dem Freunde zu. An dem Tiſch ihnen gegenüber ging indeſſen der Name des Franzoſen in die Runde: Monſieur Anacharſis Lepic, erſter Secretär der franzöſiſchen Geſandtſchaft, ſeit dem Presburger Frieden in Wien, ein Mann vieler Abenteuer— und vieler Schurkenſtreiche, mochte der eine und der andere in dem Saale hinzuſetzen. Aber ſowohl das, was die Meiſten von Monſieur Lepic wußten, wie das, was ihm Einige noch obendrein mit freigebiger Phantaſie andichteten, erhöhte bei ihnen nur die Spannung, wie dieſer Auftritt ſich entwickeln würde. In ſeiner Scheu vor jedem Auffälligen würde ſich Egbert, wenn er ſeiner Neigung hätte folgen können, 124 mit kurzem Gruß gegen den aufdringlichen Gaſt ſchwei⸗ gend entfernt haben. Allein er mußte fürchten, durch ſein Aufſtehen erſt recht die Blicke Aller auf ſich zu ziehen und einen Streit mit dem Franzoſen herbeizu⸗ führen. Monſieur Lepic ſah wie einer aus, der in dieſer Bewegung Egbert's eine Verletzung ſeiner perſön⸗ lichen Würde gefunden. Nicht nur hatte er der Flaſche ſchon über Gebühr zugeſprochen, er ſchien im innerſten Heiligthum dieſes Hauſes einen Fußtritt von der Göt⸗ tin Fortuna erhalten zu haben. Im Uebrigen behandelten ihn die Aufwärter wie einen hochanſehnlichen Gaſt und befriedigten eilig ſeine Wünſche. „Auf Ihr Wohl, meine Herren, auf Ihr Wohl!“ erhob Monſieur Lepic ſein Glas. Er war in der redſeligen Stimmung des erſten leichten Rauſches. Die Jünglinge dankten. „Eine ſchöne Stadt, Ihr Wien! Sie können ſtolz darauf ſein, hier iſt Alles, was das Herz begehrt, Wein und Muſik, Geld und ſchöne Weiber. Erſt Paris, dann Wien! Das iſt wahr, Anacharſis Lepic ſagt es Ihnen. Und es würde noch viel herrlicher ſein, wenn Sie einmal eine Revolution machten. Eine Revolution iſt eine Blutverjüngung.“ 125 „Ich dachte bisher, ſie wäre ein Aderlaß“, ent⸗ gegnete Hugo. „Aderlaß?“ blinzelte Anacharſis.„Sehr gut! Ha⸗ ben Sie Marat geleſen? Der Kaiſer liebt dieſe Erin⸗ nerungen nicht. Natürlich, die Revolution köpfte, er kartäſcht. Beides auf einmal wäre zu viel. Warum haben Sie hier noch keine Revolution gemacht?“ „Vermuthlich, weil wir keine brauchen“, erwiderte Egbert. Ihn reizte die hochmüthige Frechheit des Fran⸗ zoſen, die ſich unter der angenommenen Gutmüthigkeit doch nur ſchlecht verbarg. „Wo Adel, Geiſtlichkeit und andere Herren in Ueberzahl vorhanden ſind, iſt eine Revolution immer von nöthen. Liberté, égalité— ſchöne, erhabene Gott⸗ heiten! Und du, ſtrahlende Göttin der Vernunft, mit der phrygiſchen Mütze! Nichts für ungut, meine Herren! Alte Erinnerungen—“ Er that einen tüchtigen Zug, lachte und ſagte: „Kindern geziemt nicht, was Männern gut ſteht. Sie ſind eine kleine Nation, wir ſind la grande nation.“ „Die Kleinen wachſen, die Großen ſterben ab; es iſt ein Naturgeſetz, der Wald kann es Sie lehren“, antwortete Egbert. „Frankreich ſtirbt nicht“, entgegnete ſtolz Anacharſis und richtete ſich ſtraffer empor.„Es ii die Sonne der Welt.“ „Und Napoleon der Wagenlenker“, warf Hugo ein. „Aber Phaëéton's tragiſche Geſchichte leſen bei uns die Kinder in den Schulen.“ „Darum bleibt ſie auch in den Schulen. Holla, meine Herren Deutſchen! Glauben Sie, der Kaiſer ſeien blind? Aveugle? Wir wiſſen genau, daß Sie ſich wieder zum Kriege rüſten. Es ſeien da vielerlei Köche, die das Feſtmahl bereiten wollen. Aber Sie irren ſich, es wird nicht geben un bacchanal des dieux, ſondern ein repas pour des corbeaux— Rabenfraß! Ihr Deutſchland iſt nur dazu da, um von uns geplündert zu werden. Und die Weiber, ſie laſſen ſich gern plündern!“ „Unſere beiderſeitigen Völker leben in Frieden“, ſagte Egbert, ſeine Erregung zur Ruhe zwingend;„wir haben dem Kaiſer Napoleon oder, wenn Sie lieber wollen, der großen Nation keine Urſache zu ſolchen Reden, wie die Ihrigen es ſind, gegeben. Weder Sie noch ich haben das große Wort für unſere Regierungen zu führen. Das ſteht nach meiner Ueberzeugung nur den beiden Kaiſern und denen zu, die ſie damit beauftragen. Auch ſcheint es mir gegen die angeborene Höflichkeit — 127 der großen Nation zu ſtreiten, daß eins ihrer Mit⸗ glieder, der als Gaſt in unſerer Stadt verweilt, ſich Aeußerungen erlaubt, die eine Strafe verdienten, wenn wir nicht das Gaſtrecht ehrten.“ „Eine Herausforderung!“ Anacharſis wollte ſich vor Lachen ausſchütten. „Ich, Anacharſis Lepic, zubenannt Coupe⸗Téte, aus Nantes— ja ſo, die Herren haben kitzliche Ohren, Ariſtokratenohren! Aber Sie gefallen mir, junger Mann, ich liebe die Braven. Wie lange noch, und wir ſind alle ein Volk von Brüdern, unter dem großen Napoleon. Und Sie nehmen mir's übel, daß ich ſchon wieder Blutgeruch wittere? Wer in der Vendée mit⸗ gefochten und ſolch ein Denkzeichen auf der Stirn trägt“ — damit zeigte er auf ſeine Narbe—„der hat eine feine Witterung.“ Und die plumpe Naſe aufwerfend, mit den fun⸗ kelnden Augen, glich er durchaus einem Bluthund. „Pulver und Blut!“ Er ſchwenkte ſein Glas, daß die Weintropfen vom Rande herabtröpfelten. „Was iſt's denn auch Beſonderes? Iſt das Leben etwas Anderes als ein beſtändiger Kampf? Le verre à la main, vive la guerre! Ihr ſeid zu bedauern, Ihr habt zu viele Verräther unter Euch.“ 128 Dieſe Aeußerung hielt Egbert trotz ſeines Wider⸗ willens gegen den Trunkenen auf ſeinem Stuhle feſt. Es erweckte in ihm eine plötzliche merkwürdige Ge⸗ dankenverbindung. Anacharſis kam aus dem Spiel⸗ zimmer, von der Pharobank, an der vielleicht Armhart eben ſeinen letzten Gulden verſpielt, an der er, um weiter ſpielen zu können, die Geheimniſſe des Staates verkaufte! War es Wahrheit? War es eine tolle Aus⸗ geburt ſeiner Phantaſie? Um keinen Preis durfte er das Geſpräch abbrechen; der Franzoſe ſchien im Zuge, Alles auszuplaudern. „Verrathen! Das ſind Beſchuldigungen, welche die Verzweiflung den Beſiegten ausſtoßen läßt“, meinte er. „Mit Verlaub, junger Herr! Hatte Napoleon nicht ſchon am Abend vor Auüſterlitz den ruſſiſchen Schlacht⸗ plan auf ſeinem Tiſche? Es gibt keinen großen Staats⸗ mann, der nicht ein wenig Spitzbube und Betrüger wäre, und keinen ſiegreichen Feldherrn ohne Spione. Paßt auf, drinnen verhandeln ſie. Warum trinken Sie nicht?“ „Ich ſchenke unſere Gläſer voll, mein Herr Ana⸗ charſis Lepic“, rief Egbert. Eine gewaltige Aufregung riß ihn fort. „Auf die Freundſchaft und den Frieden zwiſchen Frankreich und Oeſterreich!“ 129 „Ich hab' nichts dagegen“, trank Anacharſis ſein Glas leer.„Ich lebe gern in Wien, ich habe die ſchwere deutſche Sprache gelernt— ſehr gut gelernt. Mir ſchmeckt der Wein— und wenn ſie mich heute ausge⸗ plündert—“ „Ausgeplündert? Iſt dies eine Diebshöhle?“ „Dieſer Zambelli hatte ſeinen Tag und ſeinen falſcheſten Blick. Spielen Sie nie, junger Mann! A la guerre comme à la guerre! Wenn Ihr Graf Stadion wüßte, was ich weiß.“ So waren denn die ſchlimmſten Erwartungen Egbert's in Erfüllung gegangen. Er war aufgeſprungen. Und wär' es durch eine Schaar von Feinden, er wollte ſich den Weg zu dem Spielſaal bahnen und einen Verſuch wagen, Magdalenens Vater vor Schmach und Verderben zu bewahren. „Hat Sie eine Tarantel geſtochen?“ ſchrie der Franzoſe.„Oho, klingt auch bei Ihnen der Name Zambelli wieder? Ein liſtiger Gauner, aber er wird's weit bringen und hoch ſteigen. Liberté, égalité! Das wäre ein Kopf für die Gulllotine geweſen! Jetzt hat er einen armen Schlucker, einen—“ Vor Egbert's Augen flimmerte es wie von einem röthlichen Schein. Ehe er den Trunkenen den Namen Armhart hätte ausſprechen laſſen— Frenzel, Lucifer. II. 9 130 Vielleicht würde er ihn mit einem Schlage zu Boden geſtreckt haben. Schon aber war die ganze Ge⸗ ſellſchaft umher und in den Nebenzimmern in Aufſtand und Bewegung gerathen. Nicht allein des Wortwechſels zwiſchen Egbert und Anacharſis wegen, der doch nur von den in der Nähe Sitzenden theilweiſe verſtanden werden konnte. Ein ſchriller, langgezogener Pfiff war vom Hofe heraufgeklungen. „Die Naderer ſind da“, hieß es.„Sie werden Wind bekommen haben und heben nun das Neſt aus.“ „Oder es ſind gar Verſchwörer drinnen, Jako⸗ biner!“ „Warum nicht gar! Der Graf Stadion iſt ein frei⸗ ſinniger Mann, ein deutſcher Ritter, der riecht keine Jakobiner wie der Thugut!“ Nicht laut— wer konnte ſagen, ob ein Naderer nicht irgendwo verborgen?— leiſe flüſterten ſich die guten Bürger dieſe Vermuthungen zu und harrten der kom⸗ menden Dinge. Draußen war es ohne Zweifel ge⸗ fährlicher als hier, wo Jeder ſo viele Zeugen ſeiner Unſchuld aufzuweiſen hatte. Alle aber hatten ſich von ihren Sitzen erhoben und drängten, die einen nach der Mitte des Raums, die andern nach den Fenſtern; ſie wollten ſich das Schauſpiel der verhafteten und fort⸗ geführten Spieler oder Verſchwörer nicht entgehen laſſen. 131 Anacharſis hatte ſeinen Hut aufgeſtülpt. Einer, der in der Revolution grau geworden iſt, kennt einen Pfiff der Polizei, ob es Fouché's Mouches in Paris oder Hager's Naderer in Wien ſind. Augenblicklich faſt ver⸗ flog ſein Rauſch. Konnte er auch ſeiner Haltung nicht ſogleich die wünſchenswerthe Feſtigkeit geben, ſein Kopf war wieder frei und hell. „Da ſollte ich eigentlich meinen Unſtern preiſen“, ſagte er lachend zu Egbert und knöpfte ſeinen grauen Rock, der beinahe bis zu den gelbledernen umgeſchlagenen Stulpen ſeiner Stiefel reichte, langſam zu.„Mit dem Verluſt einer Handvoll Napoleonsd'or komme ich um einen Ehrenplatz in dem rothen Buche der Wiener Polizei. So, junger Mann, belohnt ſich die Tugend und die Enthaltſamkeit. War mir übrigens eine Ehre und ein Vergnügen, mit Ihnen zu disputiren.“ Der blonde Egbert hatte weder Luſt noch Freiheit des Willens genug, ihm zu danken; er überließ die Erfüllung dieſer Pflicht, wenn es eine war, dem Freunde, der ſich mit einer geſchickten Wendung zwiſchen ihn und Herrn Anacharſis geſchoben. Ihn ſelbſt zog ein ſtärkerer Magnet. Unter der Menge der Gäſte, die ſich noch immer vergrößerte, denn aus dem Erdgeſchoſſe ſtrömten die Leute bei der Kunde, daß oben Diebe und ſalſche Sp tirler r ergriſfen 132 worden ſeien, herauf, hatte er den Ritter Zambelli erblickt. War er dem Polizeicommiſſarius und deſſen Dienern entwiſcht? Hatte man ſich mit ſeinem Namen begnügt und ihn nicht feſtgehalten? 3 Sein Geſicht war undurchdringlich und ehern wie immer, als ſich Egbert ihm näherte. Weder Sorge noch Beſtürzung drückte es aus. „Ein Wort, Herr Ritter!“ „Was ſteht zu Dienſt?“ „Iſt Herr Armhart dort drinnen? Bei den Spie⸗ lern? Haben Sie ihn getroffen?“ „Aber ich komme nicht von dort drinnen, wie Sie zu glauben ſcheinen.“ „O, mein Herr Ritter, die Wahrheit! Es handelt ſich um das Lebensglück, um die Ehre einer redlichen, tadelloſen Familie.“ „Die doch ich nicht angetaſtet habe?“ „Wozu die Winkelzüge? Sie verſtehen mich nur allzu gut. Auch ſollen Sie mir nicht entfliehen.“ „Ich Ihnen?“ Vittorio richtete ſeinen düſtern ſchönen Kopf empor. „Sie haben im Spiel gegen einen Herrn Anachar⸗ ſis Lepic vor einer halben Stunde gewonnen.“ ——— 133 „So habe ich auch hier einen Doppelgänger, der glücklicher iſt als ich. Meinen bekannten Doppelgänger aus der Gmundener Gegend vermuthlich! Gute Nacht, mein Herr, ich habe Eile.“ „Sie wollen mir nicht Rede ſtehen?“ „Allein“, betonte der Ritter,„mit Vergnügen; mor⸗ gen, übermorgen, wann es Ihnen gefällt, hier nicht. Ich bin kein Komödienſpieler, um ſo viele Zuſchauer bei einer Scene zu lieben.“ Ihn aufhalten, wäre kaum möglich und gewiß ohne jeden Nutzen geweſen. Egbert beſaß kein Mittel, ihn zum Reden zu zwingen. Auch kam ſeine Hülfe zu ſpät, wenn es dem Geheimen nicht ſchon gelungen war, zu entſchlüpfen. Das Beiſpiel des Ritters zeigte, daß die langen Arme der Polizei doch nicht jeden Schuldigen zu ergreifen wußten. Verdroſſen wendete er ſich mit Hugo dem Aus⸗ gange, der großen Flügelthür zu, die nach der Treppe ſich öffnete. Auf der Schwelle ſtand ein kleiner unſcheinbarer Mann, an den Pfoſten gelehnt, ein Schreibtäfelchen halb in der Hand verbergend. Er mochte ſchon eine längere Weile ſeinen Platz inne haben. „Herr Egbert Heimwald?“ fragte er leiſe, mit der 134 Rechten die Schulter des jungen Mannes berührend, als die Freunde an ihm vorüber wollten. „Ja. Wohnhaft auf der Landſtraße, bei den Saleſianerinnen“, entgegnete Egbert ärgerlich. Seinetwegen hätte die Polizei morgen ſeine An⸗ weſenheit in der„Kugel“ öffentlich ausrufen laſſen können, ſo gleichgültig waren ihm in dieſem Augenblick, bei dem Fehlſchlagen der Hoffnung, die ihn hierher ge⸗ führt, die Folgen, die ſich daran knüpften. Der kleine Mann lächelte. „So iſt's nicht gemeint. Ich bin der Hofrath Braulick. Wollen Sie mir folgen? Ohne Aufſehen, mein Wagen wartet unten.“ „Ich bin bereit. Darf ich fragen, wohin?“ Der Kleine erhob ſich auf den Zehen, um ſeinen Mund noch näher zu Egbert's Ohr zu bringen. „Zu Sr. Excellenz dem Miniſter Grafen Stadion.“ „Ich? Zum Miniſter?“ Sie waren nun ſchon draußen und ſtiegen die Treppe hinab. „Se. Gnaden der Graf Wolfsegg haben neulich mit der Excellenz von Ihnen geredet. Ein merkwür⸗ diger Vorfall, die Ermordung eines franzöſiſchen Reiſenden—“ „Aha!“ dachte Hugo, der ihnen auf den Ferſen folgte. 135 „Die alte Geſchichte von Bourdon's Stiefeln, die auch fortzeugend Böſes muß gebären.“ „Aber das iſt es nicht, was dieſe Einladung zu ſo ungewöhnlicher Stunde hervorgerufen hat. Sie ſprachen vorhin angelegentlich mit einem der Secretäre der franzöſiſchen Geſandtſchaft—“ „Steht denn hinter jedem Stuhl ein Spion?“ wollte Egbert ausbrechen; der tiefſte Widerwille erfüllte ſein Herz. Gegenüber dem Hauſe, im Schatten der Peters⸗ kirche, hielt der Wagen. „Der Herr Miniſter“, ſagte Egbert zögernd,„wird es mich entgelten laſſen, daß meine Ausſagen nicht entfernt die Wichtigkeit haben, die Sie ihnen zuſchreiben, mein Herr Hofrath. Monſieur Lepic hat mir keine Geheimniſſe anvertraut.“ Der Andere lächelte wieder. „Das zu entſcheiden iſt Sache der Excellenz. In der Politik iſt nichts klein, nichts groß. Die Beleuch⸗ tung, die thut es. Ein Thautropfen im Sonnenſchein ſchimmert herrlicher als ein Diamant.“ Er ſchien es für nöthig zu finden, durch dieſen poetiſchen Vergleich das Herz des jungen Mannes zu gewinnen. „ und zuletzt wird doch immer Se. Excellenz Sie kennen gelernt haben.“ — ——— ————— 136 Egbert konnte dem Freunde eben noch die Hand drücken, dann fuhr der Wagen davon. Auch den luſtigen Hugo hatte der raſche Wechſel der Ereigniſſe nachdenklich geſtimmt. Unwillkürlich wendete ſich ſeine Erinnerung jenem erſten Einfall zu, der gleichſam der Kern der ganzen Entwicklung ge⸗ worden war. Welches Schickſal hatte den Geheimen ereilt? Gewiß, er leiſtete dem Freunde einen Dienſt, wenn er noch einen Verſuch machte, Kunde von Arm⸗ hart einzuziehen. Im Uebrigen, er hatte nichts Beſ⸗ ſeres zu thun und war zu unfreiwilliger Muße ver⸗ urtheilt. Er brauchte auch nicht lange ſpähend vor der „Kugel“ auf und ab zu gehen, als er den Schatten des Geheimen bemerkte, der in aller Eile, die Beine unter den Armen, meinte Hugo, ſich von dem verhängnißvollen Orte entfernte. In aller Eile, aber zugleich mit allen Zeichen des Schreckens und der Verzweiflung. In Hugo's mitleidiger Seele ſtieg ein Bild auf von un⸗ glücklichen Spielern, die in den Wellen oder durch einen Piſtolenſchuß Hülfe aus ihrem Elend geſucht. Dann tröſtete er ſich wieder, daß Armhart als ein bürger⸗ licher Mann wahrſcheinlich auch die bürgerliche Todes⸗ art des Erhängens jeder andern vorziehen werde. Und wie manchen Erhängten hat man ſchon wieder von dem —— 137 erlöſenden Strick abgeſchnitten und in das irdiſche Thränenthal zurückgeführt! Dabei lief er dem voranhuſchenden Schatten immer nach, trotz der Windungen, die jener machte, als hätte er eine Ahnung, daß er verfolgt würde, trotz Wagen und Menſchen, die Hugo's Eile hemmten. Unweit des Schottenthores faßte er endlich den Secretarius. „Das war eine Jagd, Verehrteſter! Wenn die hohen Herren ſich noch Läufer hielten, das wäre ein Amt für uns geweſen.“ Der Geheime hatte die bleichgraue Farbe des Ertappten. Er wollte ſich losringen, aber Hugo's Hand hatte ſich wie ein Schraubſtock um ſeinen Arm gelegt. „Stillgehalten! Mein Schickſal ruft und macht die kleinſte Ader dieſes Leibes ſo feſt wie Sehnen des Nemäer Löwen! Sie wiſſen, aus„Hamlet'“! Neben⸗ bei glaub' ich, daß wir uns hier gerade nicht auf dem nächſten Weg zu unſerer Wohnung befinden.“ „Herr, laſſen Sie mich los! Ich kann meine Straße allein gehen.“ „Sie vielleicht, aber ich nicht. Egbert oder Sie — einer von Ihnen muß mich nach Hauſe führen. Da Egbert nun zum Miniſter gefahren iſt—“ 138 „Plagt Sie der Teufel?“ „Sie hat er beim Schopf! Ruhig, Geheimer! Wir wiſſen Alles, wir waren in der Kugel!“ „Bei allen Heiligen, kein Wort weiter!“ Er wollte ihm den Mund mit der Hand ver⸗ ſchließen. „Und wundern uns nur“, fuhr Hugo unerſchütter⸗ lich fort,„daß wir Sie gerettet und auf freien Füßen ſehen.“ „Für eine Nacht nur!“ ächzte Armhart.„Fort! Mit mir iſt's aus! Seien Sie barmherzig, laſſen Sie mich! Ein Sprung in die Donau— Ach! ach! meine unglückliche, arme Frau! Sagen Sie Egbert—“ „Warum wollen Sie es ihm nicht ſelbſt ſagen, daß Sie ein paar hundert Gulden verſpielt haben?“ „Meine Ehre iſt verloren! Mein Name in den Büchern der Polizei—“ „Die Ehre theilt er mit dem meinen. Man hat Sie beim Spiel ertappt; man hat ſich Ihren Namen gemerkt—8 „Man ſuchte mehr als die Pharobank.“ „Aber doch nicht bei Ihnen? Nun gibt's einen tüchtigen Verweis. Carcer, ſagten wir in Halle, mit Androhung eines consilium abeundi. Aber das ver⸗ ſtehen Sie als Wiener wieder nicht. Den Verweis ſtecken Sie in die Taſche, die Spielſchuld zahlt Egbert, das Uebrige gleicht der Graf aus.“ Dies Wort ſchien die Verzweiflung des Geheimen nur zu vermehren. „Um Gottes Barmherzigkeit“, flehte er,„was halten Sie mich auf? Nur mein Tod kann Alles aus⸗ gleichen. Nur der Tod! Wollen Sie mein Henker ſein?“. „Oho, Mann, das wird ernſthaft. Da ſteckt mehr dahinter.“ Armhart lachte wild auf. „Ich habe einen kurzen Vorſprung, morgen ver⸗ haften ſie mich— und dann— Ca ira. A la lanterne! Da iſt es beſſer, ich gehe auf meine Art ins Dunkle!“ „Morgen fürchten Sie“, ſagte überlegend Hugo. „Von morgen trennen uns noch acht volle Stunden. Ihr Oeſterreicher ſeid langſame Leute!“ Sie waren aus dem Schottenthor hinausgeſchritten und ſtießen auf einen leeren heimkehrenden Miethwagen. Hugo rief ihn an. „Geheimer, da hinein!“ Armhart wußte nicht, wie ihm geſchah. Aber er ſaß ſchon drinnen, Hugo an ſeiner Seite. „Und nun fahr' zu! Einen Ducaten, wenn wir an Ort und Stelle ſind!“ Viertes Kapitel. „Wer will mich ſprechen? So früh! Welch ſchlechte Sitten! Die Demoiſelle muß gar keine Erziehung haben oder mich für eine Krämerfrau halten.“ Es war in den Morgenſtunden des andern Tages, und die Marquiſe von Gondreville trank mit ihrer Tochter die Frühſtückschocolade, als ihr ein Diener die Meldung gebracht, ein junges Mädchen in bürgerlicher Kleidung wünſche ſie zu ſprechen. Wenn ſie bei ihren Mahlzeiten eine Störung erfuhr, pflegte die Marquiſe ſtets in eine gereizte Stimmung zu gerathen; heute trugen obendrein noch manche Zufälligkeiten dazu bei, ihren Aerger zu erhöhen. Sie befand ſich nach ihrer Meinung noch nicht in der paſſenden Toilette, den Be⸗ ſuch eines Bürgermädchens anzunehmen. Solchen 4 * 141 Plebejerinnen muß eine vornehme Dame ſchon durch ihren Anzug den nöthigen Reſpekt einflößen. Es ge⸗ hörte zu den Glaubensſätzen Leopoldinens, daß die franzöſiſche Revolution durch die Lockerung der„Eti⸗ quette“ und der„Convenances“ herbeigeführt worden ſei. Sie wollte durch ein Erſcheinen im Hauskleide nicht ähnliche ſchlechte Anſichten in Wien verbreiten helfen. Dazu plagten ſie noch andere Sorgen. Es galt, das Haus zu einem Feſtabend einzurichten. So⸗ gar einer der Erzherzoge ward für die heutige Abend⸗ geſellſchaft erwartet. „Weiſe Er das Mädchen ab“, ſagte die Marquiſe und rührte mit dem Theelöffel in der Chocolade herunt. „Ein andermal. Was wird's auch ſein! Eine Bettelei!“ „Hat ſie denn ihren Namen nicht genannt?“ fragte Antoinette. „Ja, Dempiſelle Armhart, gräfliche Gnaden.“ Dieſer Name änderte wenn nicht die Stimmung, doch den Entſchluß der Dame. „Demoiſelle Armhart!“ Die Marquiſe ſetzte die Taſſe, die ſie eben zum Munde führen wollte, nieder und war nahe daran, vor Erſtaunen ihre Würde zu verlieren und ſich zu einem wenig ſchmeichelhaften Ausruf über die Be⸗ ſucherin hinreißen zu laſſen, wäre ihr Antoinette nicht .—— 142 zuvorgekommen. Sie verſtändigte ſich durch einen ſchnellen Blick mit der Mutter und befahl dem Diener: „Geleite das Mädchen in mein Zimmer; die Frau Marcquſſe iſt verhindert, aber ich wäre bereit, ſie zu empfangen.“ „Du wollteſt?“ fragte Leopoldine, als der Diener gegangen, hochroth vor Zorn und die Bänder ihrer ſtattlichen Haube flogen.„Mit einem ſolchen Geſchöpf! Wagt ſich in unſer Haus!“ „Vergiß nicht, liebe Mutter, es iſt das Haus des Grafen. Und wenn ſich die Demoiſelle an uns wen⸗ det, haſt Du ihr doch wohl mit Deinem Verdacht Un⸗ recht gethan.“ „Vielleicht hat ſie ſich mit ihm überworfen, und wir ſollen das Loch wieder zuflicken.“ „Du wirſt Alles nach wenigen Minuten erfahren“, ſagte aufſtehend Antoinette. Für ſie war es ſchon ein Triumph, daß dies Mädchen, an das der Oheim durch ein geheimes Band unlösbar gefeſſelt ſchien, offenbar als Bittende zu ihr kam. Sie hatte den erſten Schritt ihr entgegen thun wollen, halb aus Neugierde und Eiferſucht, halb in der Gewißheit, dadurch dem Grafen einen Gefallen zu erzeigen; jetzt wurde ihr dieſer Schritt, der ihrem Stolz 143 ein ſchweres Opfer gekoſtet, durch einen glücklichen Zu⸗ fall erſpart. Wenn Magdalenens Gemüth frei und ihre Au⸗ gen unbewölkt genug geweſen, um die unbarmherzigen Blicke zu erkennen, mit denen die junge Gräfin ſie muſterte! Die Schilderung, die Vittorio neulich von der Demoiſelle Armhart entworfen, hatte Antoinettens Neid entzündet. Keinem Andern, nicht einmal ſich ſelbſt würde ſie es zugeſtanden haben, ſie konnte das Lob einer fremden Schönheit nicht hören. Noch tiefer hatte es ſie gekränkt, daß der Ritter zwiſchen ihr und dieſem Mädchen eine Vergleichung anzuſtellen ſich er⸗ kühnt. So ſtand Magdalene, ohne es zu ahnen, vor der ſtrengſten Richterin. „Ich bin doch ſchöner“, mochte ſich die leicht be⸗ ſtechliche Eigenliebe Antoinettens nach geſchehener Prü⸗ fung ſagen, denn ihre Züge verloren die Spannung und Erregung und erſchienen in jener idealiſchen Ruhe, in dem ätheriſchen Glanz, die Egbert, bei ihrer erſten Begegnung im Schloſſe am See, entzückt und hingeriſſen hatten. Neidlos hätte Magdalene das Urtheil der Gräfin beſtätigt. Antoinettens Schönheit hatte etwas Erhabenes und Liebliches; Magdalene mußte an die Göttinnen des Olymps denken, wie ſie in Schiller's Ge⸗ S dichten leben. Dorther ſchien die junge Gräfin zu ſtammen. 144 Eine andere Erziehung und Lebensweiſe, die Ar⸗ beit des Hauſes hatten Magdalene ihr Gepräge aufge⸗ drückt. Ohne Mühe würde ein Maler die beiden Mäd⸗ chen als Venus und Minerva, als die Schönheit des Adels und des Bürgerthums, des Müßiggangs und der Thätigkeit haben ſymboliſiren können. Erſt als Antoinette die Demoiſelle Armhart zum Sitzen eingeladen hatte, bemerkte ſie die Angſt und die thränenfeuchten Augen ihrer Beſucherin. Der ſteife und förmliche Ton, den ſie angeſchlagen, verwandelte ſich in einen herzlichern. Magdalene erzählte, welch Geſchick ſie hierher geführt. Ihre einfache, kunſtloſe Weiſe hatte den Goldklang der Wahrheit und eines tiefen Gemüths. Wie Vittorio ward auch Antoinette davon ergriffen. In dieſem jungen Mädchen waltete ein feſter, ruhiger Sinn und ein freies Herz, ein Herz, das bei aller Mitleidenſchaft und Sorge, in Rührung und Schmerz, ſich ſeinen Muth, ſeine Beſonnenheit und Zuverſicht bewahrte. Sie war gekommen, die Damen des Hauſes zu bitten, ſich ihrer bei dem Grafen anzunehmen. Ihr Vater war über Nacht ausgeblieben, die ſchlimmſten Nachrichten hatten ſich verbreitet; entweder ſei er wegen eines ſchweren Vergehens verhaftet worden oder habe verzweifelnd Hand an ſich ſelbſt gelegt. Vor einer — 145 Stunde ſeien Beamte in ihrer Wohnung geweſen, die Alles unterſucht, die Papiere des Vaters mit ſich ge⸗ nommen und ſein Arbeitszimmer verſiegelt hätten. Die Mutter habe zu dem Grafen Wolfsegg eilen wollen, ihrem gnädigen Beſchützer, der ſich ihnen immer hülf⸗ reich erwieſen, aber der Schmerz habe ſie übermannt und niedergeworfen. Da habe ſie ſich zu dem Gange entſchloſſen, in der Hoffnung auf die Güte und den Schutz der gnädigen Gräfin, die ihre Bitte dem Grafen mittheilen würde. „Sogleich—“ wollte Antoinette, die längſt jede Mißgunſt vergeſſen und ganz Mitleid und Rührung geworden, ſagen und dem Diener ſchellen, als der Graf zu ihrer Ueberraſchung ins Zimmer trat. Zu einem Ausritt bereit, hatte er Antoinette einen guten Morgen wünſchen wollen und gehört, daß ſie nicht allein ſei, daß ſie die Demoiſelle Armhart bei ſich habe. Es ging wie ein Stich durch das Herz der ſtolzen Gräfin.„Er hat's eilig, ſie zu ſehen“, flüſterte die Eifer⸗ ſucht in ihr, nnicht deinet⸗, ihretwegen iſt er gekommen.“ Sie hatte Luſt, ſich zu entfernen; ihr altes Miß⸗ trauen war wieder erwacht. Mit ſo ſonderbarem Aus⸗ druck von Zärtlichkeit und Schrecken weilten Wolfsegg's Blicke auf Magdalenen. Frenzel, Luifer. II. 10 146 „Was iſt Dir— was iſt Ihnen, meine liebe Demoiſelle?“ verbeſſerte er ſich.„Doch nichts Aeußerſtes?“ Und Antoinettens Hand ergreifend, ſetzte er hinzu: „Ich danke Dir, daß Du Dich des armen Kindes ſo freundlich annimmſt. Dank— o, Du weißt nicht, wie Du mich dadurch erfreuſt.“ Er brauchte des Aufathmens, um ſeine Bewegung zu bemeiſtern. Magdalenens Mittheilung, während deren er den Kopf in den Händen vergrub—„Die⸗ Sonne blendet mich“, ſagte er, und Antoinette beeilte ſich, die Vorhänge der Fenſter herabzulaſſen— gewährte ihm Friſt und Muße, ſeine Geiſteskräfte zu ſammeln und ſeinem Geſicht den gewohnten Ausdruck der Sicher⸗ heit und Undurchdringlichkeit zu geben. „Welch betrübende Kunde!“ äußerte er dann, im Gemach auf und nieder gehend.„Aber laſſen Sie ſich⸗ nicht zu ſehr erſchrecken und niederdrücken, liebe De⸗ moiſelle. Der Armhart wird ein geringes Verſehen verſchuldet haben, und die Behörde nimmt's ernſter und ſtrenger, als es nöthig wäre. Er ſelbſt— nun, weinen Sie nicht! Er iſt ja ein verſtändiger Mann, der ſich nicht ſo weit vergeſſen wird! Er mag geflüchtet ſein. Was thut denn Herr Heimwald bei der traurigen Geſchichte?“ „O, Sie kennen ihn, Herr Graf“, ſagte Magda⸗ 5 1 —— 147 lene mit leuchtenden Augen.„Er iſt voll Eifer und Aufopferung für uns. Da die Mutter wegen ihrer Schwäche es zu thun nicht im Stande war, hat er die Beamten empfangen und ihnen das ganze Haus ge⸗ zeigt. Darauf hat er uns getröſtet und iſt fortgegangen, die Spur des Vaters aufzuſuchen.“ „Ja, ja! In dem ſteckt ein irrender Ritter. Haſt Du es nicht auch geſagt, Antoinette?“ Die junge Gräfin verzog ein wenig das Geſicht; was brauchte die Demoiſelle Armhart es zu erfahren, daß ſie ein ſo günſtiges Urtheil über Egbert Heimwald gefällt? Bei den Worten des Grafen hatte Magdalene zuſammenfahrend Antoinette angeſehen. Egbert war von dieſer herrlichen Schönheit gekannt, geſchätzt! Ein kalter Schauer beſchlich ihr Herz.„Was biſt Du neben ihr?“ ſprach die bange Furcht und jagte alle Röthe aus ihren Wangen. „Wie bleich ſind Sie!“ Wolfsegg nahm ihre Hand zwiſchen die ſeinen. „Sie dürfen mir den Kopf nicht hängen laſſen, mein liebes Kind! Nicht krank werden! Sie ſind jetzt die einzige Stütze Ihrer Mutter! Das Leben ſchüttelt den Baum eines Jeden. Früher oder ſpäter, ohne Sturm geht es für Niemand ab. Ich will ſogleich 10* 148 zum Miniſter, um aus ſeinem Munde zu hören, was dem geheimen Secretarius vorgeworfen wird. Er nahm manchmal ein wunderliches Weſen an. Haben Sie in den letzten Tagen an dem— an dem Vater eine Ver⸗ änderung, etwas Außerordentliches bemerkt?“ Magdalene konnte ſich keiner beſtimmten Thatſache entſinnen; ermüdet, überarbeitet ſei ihr der Vater er⸗ ſchienen. Dabei fiel ihr der Beſuch des Ritters Zam⸗ belli ein, ſie erwähnte ihn; die Unterredung hätte den Vater tiefer aufgeregt, als wünſchenswerth geweſen. Während Antoinette ſich haſtig dem Fenſter zu⸗ wendete und mit halbem Rücken gegen ſie ſtand, ſtampfte Ulrich in Aerger und Sorge mit dem Fuß auf den Boden. „Muß ich das erſt heute erfahren! Der Ritter Zambelli bei Ihnen! Ich dachte, ſein Beſuch hätte nur Herrn Heimwald gegolten. Eine böſe Geſchichte! Wo der Ritter Zambelli iſt, da miſcht der Teufel die Karten.“ Aber er bereute ſchon ſeine Heftigkeit, als er ihre Wirkung ſah. Magdalenens Muth war ganz gebrochen, ihre Augen ſtanden voll Thränen. „Was ſchiltſt Du mich?“ ſchien der rührende Aus⸗ druck ihres Geſichts zu ſagen.„Bin ich die Schuldige?“ „Gehen Sie nach Hauſe, liebes Kind“, ſagte er 149 begütigend,„richten Sie Ihre würdige Mutter auf! Weinen Sie nicht! Es iſt nichts verloren, für Sie nichts verloren! Möglich, daß Ihnen Herr Heimwald gute Nachrichten bringt. Ich hoffe, ihn am Abend bei mir zu ſehen.“ Wolfsegg warf ſeiner Nichte einen halben, ver⸗ lorenen Blick zu; es ſchien, als hätte er einen Wunſch auf dem Herzen, den er nicht auszuſprechen wage. Dieſe Verlegenheit des ſonſt ſo entſchiedenen und durchgreifenden Mannes hatte eine komiſche Seite, die Antoinette zu einem Lächeln herausforderte. „Aber, mein Oheim“, kam ſie ihm zu Hülfe,„Sie ängſtigen die Demoiſelle mit Ihren Fragen. Was ſie bedarf, iſt weniger Troſt als Ruhe. Darum, Herr Graf, laſſen Sie uns allein. Wir Mädchen werden uns ſchon zuſammen⸗ und zurechtfinden. Nun, mein Herr, zögern Sie noch? Auf Wiederſehen!“ Und dicht an ihn herantretend, flüſterte ſie ihm zu: „Ich werde ſie ſelbſt in unſerem Wagen nach ihrer Wohnung zurückführen.“ „Du biſt ein Engel“, antwortete Wolfsegg ſcher⸗ zend, und zu Magdalene gekehrt:„Sie ſehen, liebe De⸗ moiſelle, Widerſtand iſt unmöglich. Alſo, leben Sie mir wohl, trocknen Sie Ihre Thränen, ich übergebe Sie der Obhut einer herriſchen, aber guten Fee.“ 150 Darin hatte Antoinette ihre Kraft nicht unter ſchätzt, daß es ihr beſſer gelingen würde, Magdalene zu beruhigen, als dem Grafen mit ſeinen Fragen, bei ſeiner eigenen, nur ſchwer gebändigten Bewegung. Für ſie war die That Armhart's gleichgültig; die Folgen, die ſein Verbrechen, mochte es nun eine Unterſchlagung oder der Bruch eines Amtsgeheimniſſes ſein, für den Staat haben konnte, berührten ſie nicht, nur um ſeine unglückliche Tochter handelte es ſich für ſie. Und in⸗ dem ſich Antoinette nun ganz dieſer Aufgabe, das arme Mädchen zu tröſten und ihm die Zukunft in hellern — Farben zu malen, widmete, genügte ſie unbewußt zu⸗ gleich dem ſelbſtſüchtigen Drang ihres Gemüths, Mag⸗ V dalenens Verhältniſſe und Geſinnungen kennen zu lernen. So liſtig und verſchlagen iſt unſer Herz; es macht uns glauben, daß wir aus Mitleid und Uneigennützig⸗ keit uns fremdem Glücke opfern, während wir doch nur unſern eigenſüchtigen Zwecken dienen. V Am Ende des langen, mit Küſſen und Umarmun⸗ gen beſchloſſenen Geſprächs, als Antoinette allein in ihrem Wagen von dem Giebelhauſe bei den Saleſia⸗ nerinnen zurückfuhr— auszuſteigen und Magdalene hinaufzubegleiten, hatte ſie unter dem Vorwand dringen⸗ der Geſchäfte abgelehnt— war ſie ſelbſt darüber er⸗ ſtaunt, daß ſie zugleich die Thränen des Mädchens ———— 151 getrocknet und ihr Vertrauen gewonnen hatte. Nicht abſichtlich hatte ſie es darauf angelegt, nicht mit künſt⸗ lich verwirrenden und beſtrickenden Reden die Argloſe gefangen; indem Magdalene von dem bisherigen unge⸗ trübten Frieden und dem Glück ihres elterlichen Hauſes geſprochen, hatte ſie der jungen Gräfin, die ihr ſo liebevoll und zärtlich entgegenkam, die Tiefe ihres Her⸗ zens geöffnet. War es doch ſo rein und klar, wie der Bergquell in der Waldeinſamkeit, der des Himmels Blau und die Sonne widerſpiegelt. Nur ein Bild hatte Antoinettens ſcharfer Blick auf ſeinem Grunde gefunden: das Bild des blonden Egbert. „Welch eine Thörin warſt du doch“, mußte ſie ſich jetzt, an ihre Beſorgniſſe zurückdenkend und ſie weglächelnd, ſagen,„daß dir dies große Geheimniß nicht gleich einfiel! Konnte ſie ſo lange in einem Hauſe mit ihm zuſammenwohnen und ihn täglich ſehen, ohne ihn zu lieben?“ Antoinette gelobte ſich, dieſe Liebe fortan unter ihren beſondern Schutz zu nehmen. „Zuletzt fürchtet das gute Mädchen gar, dieſer irrende Ritter, wie ihn der Oheim nennt, könnte ſich ernſtlich in mich verlieben“, dachte ſie.„Ich werde ihm ohne Rückhalt meine Meinung ſagen, noch am heutigen Abend— Magdalene iſt meine Schutzbe⸗ 152 fohlene, er ſoll ihr keinen Grund zur Klage mehr geben.“ Und bei dieſer Entſagung, dieſer Aufopferung eines Verehrers kam ſie ſich ſelbſt als eine Märtyrerin der Freundſchaft vor. Wenn es aber auch gewiß war, daß zwiſchen dem Grafen und Magdalenen nicht der Schatten eines zärtlichen Verhältniſſes beſtand, eher ſchien er geneigt, die Verbindung des jungen Mädchens mit Egbert zu begünſtigen, ſo blieb doch Urſprung und Urſache ſeiner Freundſchaft für die Armharts unent⸗ räthſelt. Antoinette mochte ſich damit tröſten, daß auch Magdalene dafür keine Erklärung wußte. In ihrer kindlichen, hoffnungsfreudigen Seele hatte ſie die Neigung des vornehmen angeſehenen Mannes wie ein Geſchenk des Himmels, ohne ihr ängſtlich nachzuſinnen, aufgenommen. Einen Augenblick beſchäftigte Antoinette der Ge⸗ danke, daß der Graf in früherer Zeit ein Abenteuer mit Armhart's Frau gehabt. Aber würde er ſich dann nicht zurückhaltender und vorſichtiger zeigen? Würde zwiſchen den beiden Ehegatten eine ſo herzliche Ein⸗ tracht walten? „Warum ſind wir doch immer geneigt“, unterbrach Antoinette hier ihr Selbſtgeſpräch,„jede Handlung, die uns unerklärlich erſcheint, aus einer unlautern 153 Urſache herzuleiten? Iſt es nicht natürlich, daß der Graf die Treue, die ihm der Vater bewieſen, an dem Kinde belohnt? Daß er ſich der Schönheit und An⸗ muth Magdalenens freut und, wie er früher für ihre Erziehung geſorgt hat, ſo jetzt für das Glück ihrer Zu⸗ kunft ſorgen möchte? Der Oheim iſt ein edler groß⸗ herziger Mann, und wir ſind ſchlecht und niedrig ge⸗ ſinnt, die wir ihm unſere eigenen kleinlichen Schwächen andichten und ſeine Hoheit nach der Erbärmlichkeit der Andern beurtheilen.“ Eine wunderbare Freudigkeit erfüllte Antoinettens Seele und ließ ſie am Abend den zahlreichen Gäſten des Wolfsegg'ſchen Hauſes als die glänzende, liebens⸗ würdige, Alles hold belebende Göttin des Feſtes er⸗ ſcheinen. Es war nicht nur der Widerſchein einer guten That, die auf ihrem Antlitz ruhte, es war das er⸗ hebende Bewußtſein, den Mann, den ſie vor allen An⸗ dern verehrte, fleckenlos und tadellos daſtehen zu ſehen. In dieſer Friſt hegte ſie keinen Wunſch. Wie ungeſtüm ſie ſonſt Phantaſie und Leidenſchaft, in Stunden des Mißmuths und der Hoffnungsloſigkeit, über die Schran⸗ ken ihres Geſchlechts und ihrer Stellung in das gren⸗ zenloſe Reich ehrgeiziger Träume entführt, jetzt fand ſie das höchſte Glück in dem demüthigen Aufſchauen 154 zu ihm. Still hätte ſie zu ſeinen Füßen ſitzen und ihm dienen mögen. Wo blieb denn nur der Ritter Zambelli? Es drängte ſie, triumphirend zu ihm zu ſagen: „Du haſt Dich doch getäuſcht, es gibt für mich noch ein Glück außerhalb des Kreiſes, den der große Zauberer an der Seine gezogen!“ Aber der Ritter kam nicht. In dieſer auserleſe⸗ nen Geſellſchaft, wo die Träger ſo vieler erlauchter Namen, die ſchönſten und reizendſten Blüten der Frauenwelt des öſterreichiſchen Adels verſammelt wa⸗ ren, konnte die Abweſenheit eines unbedeutenden Edel⸗ mannes im Grunde nicht auffallen. Und dennoch rich⸗ teten ſich immer wieder die Blicke gerade der ältern Männer nach den Flügelthüren, ſo oft ſie ſich einem neuen Gaſte öffneten, ob Vittorio Zambelli der Ein⸗ tretende ſei. Die Jüngern mochten ſich in dieſen glänzenden Sälen dem Liebesgetändel und harmloſem Zeitvertreib hingeben, die Frauen und Mädchen lachen und kichern, einige Unverbeſſerliche die Spieltiſche aufſuchen, unter den politiſchen Männern war nur von einem Gegen⸗ ſtand die Rede: von dem Verſchwinden des geheimen Secretarius Armhart und der Aufhebung der Pharo⸗ banß im Gaſthauſe zur Kugel. Die Betroffenen wären zu„vornehm“ geweſen, als daß die Polizei gewagt hätte, ſie feſtzunehmen, erzählten die Einen. Dazu machten Andere, die für „eingeweihter“ gelten wollten, ein ungläubiges Geſicht; man hätte einen beſſern„Fang“ beabſichtigt, aber das Netz hätte ein Loch gehabt. Einer der Secre⸗ täre der franzöſiſchen Geſandtſchaft, Anacharſis Lepic, und der Ritter Zambelli verkehrten häufig in der Kugel. Wenn die Unterhaltung an dieſem Punkt ange⸗ langt war, ſenkten ſich alle Stimmen zum Flüſterton herab. „Wo bleibt er nur?“ Durch die Gruppen, dieſe begrüßend, jene ermun⸗ ternd, hier Bekanntſchaften vermittelnd, dort das Kleid, den Kopfputz, das blühende Ausſehen einer ſchönen Frau in zierlichem Scherz bewundernd, ging geſchäftig der Graf. „Was gilt die Wette, Puchheim? Er kommt nicht“, ſagte er zu dem langen Baron. Der wollte ihn feſthalten und um nähere Aus⸗ kunft bitten, aber Wolfsegg war ſchon am andern Ende des Saales. „Der Graf hat Euch eine wichtige Neuigkeit ver⸗ traut?“ wendete ſich ein Neugieriger an ihn. a2 156 „Nichts da! Ein Sturmvogel iſt ausgeflogen. Hütet Eure Tauben!“ „Ihr habt närriſche Vorftelungen, Puchheim. Iſt Oeſterreich ein Taubenſchlag?“ „Je nun, wollen ſehen, was es iſt, wenn der Adler drüber ſchwebt.“ Der Eintritt des Erzherzogs Maximilian ließ eine Weile die verſchiedenen Geſpräche, die in den Sälen auf und nieder ſchwirrten, verſtummen. Vor dem Wunſche, von dem Mitgliede des Kaiſerhauſes be⸗ merkt, wohl gar angeredet zu werden, trat jede andere Beſchäftigung zurück. Wie die Kaiſerin Marie Louiſe Beatrix, eine Tochter des Erzherzogs Ferdinand von Modena⸗Breisgau, gehörte auch der Erzherzog Maxi⸗ milian, einer ihrer Brüder, voll leidenſchaftlichen Haſſes gegen Frankreich, der Kriegspartei an. Er brannte vor Begierde, ſich in einer Schlacht denſelben Lorbeer zu holen, der die Schläfe ſeines Verwandten, des Erzherzogs Karl, des Moreau⸗Beſiegers, kränzte. Seit einigen Monaten ſtand er an der Spitze der neu ein⸗ gerichteten Landwehren in den Landſchaften ob und unter der Enns, raſtlos bemüht, die Leute einzuüben und auf den Entſcheidungskampf vorzubereiten. Zum erſten Mal nach jener unheilvollen Stunde, wo das Herz Joſeph's II. brach, waren Fürſt und —— 157 Adel, Bürgerthum und Volk in Oeſterreich wieder von einer Strömung dahingetragen, von einem Willen erfüllt, von einer Begeiſterung beſeelt. Je nach der Stellung und Stimmung der Einzelnen waren die Gründe, die ſie vorwärts trieben, verſchieden. Der Kaiſer, ſeine Familie, der Hof und das Heer konnten die Schmach von Marengo und Ulm nicht verſchmerzen; den Adel ſpornte ſein angeborener Haß gegen die Revolution; das Volk verwünſchte den Druck und die Herrſchaft der Franzoſen; in Allen aber lebte wieder, dunkler hier, feuriger dort, der Gedanke eines öſterreichiſchen Staates, das Gefühl des Deutſchthums, die Erinnerung an die uralte glorreiche Kaiſerkrone auf, die nicht nur den Habsburgern, die jedem Oeſter⸗ reicher ein ſtolzeres Gefühl ſeines Werthes gegeben hatte. Für die herrſchenden mächtigen Männer han⸗ delte es ſich um die Wiedergewinnung des verlorenen Uebergewichts in Deutſchland, für das Volk um die Zu⸗ ſammengehörigkeit mit den andern deutſchen Stämmen. Ueber die Kluft, die ſo lange Preußen und Oeſter⸗ reich getrennt, hatte das gemeinſame Unglück eine Zauberbrücke gewölbt. Gegen Frankreich richteten ſich alle Gemüther, alle Geiſter. Wohl mochten einige Heiß⸗ ſporne der Ritterſchaft und der Geiſtlichkeit nach der Beſiegung Napoleon's darauf hoffen, die Welt um ein 158 halbes Jahrhundert wie eine ſchlecht gehende Uhr zu⸗ rückſtellen zu können; in der Mitte der Bürger gab es eine Anzahl jugendlich heißblütiger Köpfe, die mit der Befreiung des Vaterlandes von den fremden Unter⸗ drückern auch die Beſeitigung innerer Schäden und der Mißbräuche der Verwaltung, die Aufrichtung eines Rechtsſtaats, die Freiheit und ein goldenes Zeitalter erſehnten; für alle war zu ſo entgegengeſetzten Zielen doch nur ein Weg vorhanden: Krieg mit Napoleon! Selbſt heute, in dieſem Feſtſaal, unter der rau⸗ ſchenden Muſik, mit der von der Muſikantengallerie herab der Eintritt des Erzherzogs begrüßt wurde, in den lauten, freudigen Willkommenrufen, die ihn em⸗ pfingen, ſchien, wie Puchheim ſeinem Nachbar zuraunte, dumpf ein kriegeriſcher Donner zu grollen. Die Oberfläche freilich ließ die unterirdiſche Be⸗ wegung nicht ahnen. Sie war glatt, glänzend und eben, und wenn einmal eine Woge höher emporſchlug, ſo war es die Welle der Freude, die blitzende Schaum⸗ perlen umherſpritzte. Für Egbert ein ungewohntes, prächtiges, immer aufs neue feſſelndes Schauſpiel! Wenn er ſich auf ſich ſelbſt zurückbeſinnen, ſich fragen wollte: Wie komme ich nur hierher? ſo wurde er ſchon von dem Strome aus ſeiner ruhigen Lage geriſſen und ſah ſich neuen ——— ——— Erſcheinungen gegenüber, die ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. Der weite Saal ſtrahlte im Glanz vieler hundert Kerzen. Die reichen Vergoldungen, das farbenbunte Deckengemälde, die kryſtallenen Kronleuchter mit den ſchimmernden Lichtreflexen vermehrten noch den Ein⸗ druck des Hellen und Heitern. In den vier Ecken des Raumes waren von koſtbaren Blumen und Blattpflan⸗ zen kleine Bosquets geſchaffen worden. Auf ihrer Gal⸗ lerie ſpielten die Muſikanten halb hinter einer Blu⸗ menterraſſe verborgen. Der Graf hatte mitten im November ſeine Gäſte mit dem Schein des Frühlings täuſchen wollen. Eg⸗ bert's Phantaſie ſpiegelte ihm in dieſer Umgebung eine Art Zaubergarten vor. Die ſchönen Mädchen wurden zu Nymphen und Feen und Antoinette zu ihrer Köni⸗ gin. Aus ihrem feurigen Gebrauſe war die Muſik allmälig wieder in eine ſanftere Weiſe übergegangen, welche die Unterhaltung unten im Saale nicht ſtörte, ſondern von oben her, wie Ariel's Geſang aus der Luft, melodiſch begleitete. Das Einzelne verklang ſo in dem Strom gefälliger Harmonien. Viel Schlimmes ſagte man dem Adel und der vornehmen Geſellſchaft Wiens nach, und manche harte Anklage hatte Egbert noch aus dem Munde ſeines Vaters über ſie gehört. Seine ganze Erziehung und Denkungsart richtete ſich mehr auf ein Leben ſtrenger Pflichterfüllung als auf ein Daſein in Müßiggang und Genuß. Aber dieſer erſte Anblick der obern Him⸗ melsſphäre, wie Hugo ironiſch meinte, der ſich ihm ſo voll und glänzend wie an dem heutigen Abend, ſo ſternen⸗ und blumenreich nie in ſeinem Traume dar⸗ geſtellt, berauſchte, verwirrte, bezauberte ihn. Wohl fiel ihm, als er ſich bei einer Wendung plötzlich ſeinem Ebenbilde in einem großen Wandſpiegel gegenüber be⸗ fand, ſein altes Symbol: Hercules am Scheidewege, ein, aber es hielt ihn nicht auf. Die Trunkenheit war zu ſüß, eine unſichtbare Hand ſtieß ihn weiter. Wo⸗ hin? Er freute ſich, daß er keine Antwort darauf zu geben wußte, gerade das Unbeſtimmte war das Ver⸗ lockende, vielleicht blühte am Ende der Bahn die blaue, namenloſe Blume, das höchſte Glück. War er doch, wenn er zurückdachte, wie durch eine Reihe von Wun⸗ dern in dieſen Saal geſchritten. „Hier iſt die höchſte Schönheit, hier iſt Poeſie!“ rief es in ſeiner Seele. Auf den Grund dieſer Dinge und Verhältniſſe konnte er nicht ſchauen, aber die Form, in der ſie ſich ihm zeigten, entzückte ſeinen künſtleriſchen Sinn. Daß ihm, dem bürgerlichen, jungen, unberühmten 161 Manne, dieſe erleſene Geſellſchaft mit ſolcher Liebens⸗ würdigkeit, mit einer Anerkennung ſeiner Verdienſte, deren er ſich kaum bewußt war, begegnete, erhöhte zwar nicht ſein Selbſtgefühl, doch ſein Wohlbefinden. In ſeiner Unbefangenheit hatte er kein Arg darüber, daß die Männer ſich an ihn drängten, die Frauen freundliche Augen für ihn hatten. Ein Wort des Grafen Wolfsegg hatte dieſen Zauber vollbracht und den harmloſen Egbert Heimwald in eine wichtige po⸗ litiſche Perſönlichkeit verwandelt, das geheimnißvoll durch die Geſellſchaft zitternde Wort: Er wurde geſtern zum Miniſter gerufen und verweilte bis nach Mitter⸗ nacht bei Sr. Excellenz! Für diejenigen, welche geſchäftig aus jeder That⸗ ſache einen unendlichen Faden ſpannen, knüpften ſich an dieſen Beſuch die wichtigſten Folgen; Egbert er⸗ ſchien als der Vertraute des Miniſters, der Einſchlag in einem künſtlichen Gewebe. Wenn man eine unbe⸗ wachte Aeußerung von ihm erhaſchen konnte, welches Licht würde dann das politiſche Dunkel erhellen! An⸗ dere, welche dieſe Angelegenheiten gleichgültiger betrach⸗ teten, empfanden doch eine romantiſche Theilnahme für den jungen ſchönen Mann, der in die abenteuerlichen Begebenheiten der vergangenen Nacht in ſo außeror⸗ dentlicher Weiſe verwickelt war. Frenzel, Lucifer. II. 11 Von der Bedeutung des Freundes fiel ein ſchwa⸗ cher Abglanz auch auf Hugo. Max Auersperg wich nicht von ſeiner Seite und ſtellte ihn allen ſeinen jungen Freunden als einen der berühmteſten Künſtler Norddeutſchlands vor, einen Schüler und Nebenbuhler des großen Iffland. Aber mit einem Ton, mit Blicken! Hugo wußte nicht, ob er ohne Abſicht ſeinen freundlichen Führer zum Narren hielt oder von dem⸗ ſelben zum Narren gehalten wurde. Den jungen Au⸗ ersperg hatte es indeſſen längſt verdroſſen, daß die Aelteren ihn in politiſchen Dingen nur für halbwüchſig anſahen und von jeder wichtigen Berathung entfernten; er wollte heute ſein Probeſtück in der diplomatiſchen Kunſt ablegen. Egbert beim Miniſter! Die Schlußfolgerung war kaum abzuweiſen, daß der„harmloſe“ Reiſende aus Preußen, der ſich für einen wandernden Schauſpieler ausgab, eine geheime Sendung hatte, vom Hofe oder doch aus dem Kreiſe der„Tugendbündler“ kam. Mit einem Stolze, als führe er die ſchönſte Dame umher, ging Max Auersperg Arm in Arm mit ihm, zum höch⸗ ſten Ergötzen Wolfsegg's, und gab ſich die vergebliche Mühe, den tiefen Sinn der geiſtvollen und witzigen Aeußerungen Hugo's aufzuklären. Einen Gewinn hatte er immer davon, denn er ———— 163 ſchaute in eine ihm gänzlich unbekannte Welt von Be⸗ griffen und Vorſtellungen. Aus dem Sande der Mark Brandenburg, von den Vorbergen des Thüringer Wal⸗ des, aus Berlin und Jena war die romantiſche Iro⸗ nie noch nicht in die Salons von Wien und in die Adelsſchlöſſer Oeſterreichs gedrungen. Hugo ſchilderte ihm dieſe neue Entdeckung, die halb wiſſenſchaftlicher, halb poetiſcher Natur ſei, mit ſchwärmeriſcher Begeiſte⸗ rung als ein wahres Jungbad der Seele. So weit Max Auersperg dieſe Erläuterung ver⸗ ſtand, fühlte er ſich befriedigt; es war offenbar die Geheimſprache des Tugendbundes. Sein Erſtaunen wuchs, als er von einem Philo⸗ ſophen Fichte hörte, der in Berlin mächtig ergreifende und erſchütternde Reden an die deutſche Nation ge⸗ halten, während unter den Fenſtern des Saales, auf der Straße, franzöſiſche Kanonen vorüberfuhren und das Geraſſel franzöſiſcher Trommeln die Worte des Redners übertönte. Eine letzte Enthüllung riß ihn zu ſtürmiſchem Jubel hin; er hätte Hugo umarmen mögen. Einige Gläſer Wein hatten dieſem Muth gemacht, dem neuen Freunde zu vertrauen, daß ner nicht nur ein fahren⸗ der Künſtler, ſondern ein echter Enkel Hermann's, ein Franzoſenhaſſer“, ſei, und mit ſchauſpieleriſchem Pa⸗ 164 thos hatte er ihm in einem der Nebengemächer, wohin die Woge der Geſellſchaft nur in Ausläufen reichte, eine Ode declamirt, die ſeit einem Jahre in der ſtu⸗ dentiſchen Jugend Norddeutſchlands von Lippe zu Lippe flog und alle Herzen entflammte. „Da möchte man ja gleich dreinſchlagen!“ ſchrie Max Auersperg und griff an ſeinen Degen.„Und das dichtet Ihr da oben! Was ſeid Ihr für herzige Kerls!“ Und Hugo mußte ihm noch einmal die Strophe wiederholen: „Doch trifft vom niemals fehlenden Bogen, doch Der Rache Pfeil die Ferſe Napoleon's, Und wär' er dreimal, wie ſein frevelnd Herz, in der ſtygiſchen Flut gebadet.“ Indeſſen hatte Egbert, als ſich alle, die auch nur den geringſten Anſpruch auf Beachtung erheben konn⸗ ten, dem Erzherzoge entgegendrängten, ſtill und unbe⸗ merkt den Gang durch den Saal und die daranſtoßende Flucht kleinerer Gemächer vollendet. In allen war es einſam. Die Spieler an den Spieltiſchen hatten ihre Karten im Stich gelaſſen, um ſich in dem Glanz der Fürſtlichkeit zu ſonnen. So lauſchig und verſchwiegen, wie zum Träumen oder zum Liebesgeſpräch eingerich⸗ tet, auch hier und dort ein Plätzchen erſchien, die Seſſel zum Sitzen einladend, bei dem milden Licht, 165 das von der Decke aus einer nach antiken Muſtern geformten Ampel ſiel, bei den leiſe verklingenden Tö⸗ nen der Muſik: Egbert vertrieb oder ſtörte Keinen. Die Anziehungskraft der Hoheit war ſtärker geweſen als der ſanfte Zauber der Schönheit. Beinahe wollte Egbert dieſe Verlaſſenheit unbe⸗ greiflich bedünken; er vergaß, daß dieſe ganze Geſell⸗ ſchaft einen Fürſten mit andern Augen betrachtete als er, der ſich nie einem genaht und die Herrſcher und Volk trennende Schranke als eine Schutzwehr ſei⸗ ner Unabhängigkeit pries. An ſein Ideal eines ge⸗ waltigen königlichen Mannes ragte keiner dieſer Erz⸗ herzoge heran, er widmete ſeinem Kaiſer die Ehrer⸗ bietung und die Treue eines Unterthanen, aber ſeine Bewunderung ſparte er für Napoleon auf, in ähn⸗ licher Stimmung, wie ſein Vater Friedrich II. den größten und letzten König Europas genannt hatte. Allein dieſe Einfälle hafteten nicht in ſeinem Sinn, gefälligere verſcheuchten ſie. Er hatte auf einem Seſſel Platz genommen und ließ ſich von den Klängen ein⸗ wiegen. Ein durchſichtiges Netz von ſilbernen und goldenen Fäden ſchienen Muſik und Licht um die Geſtalten zu ſpinnen, die in dem großen Saale auf und nieder wandelten. Aus dieſer Entfernung geſehen, erſchienen ———— 166 ſie ihm noch einmal ſo glänzend und lieblich, gleich⸗ ſam ſchwebend. Es war ihm, als würde dies herr⸗ liche Schauſpiel einzig für ihn aufgeführt, der verbor⸗ gen in einer Ecke ſäße und von Niemand erkannt würde. Ob es nicht das höchſte Glück wäre, ſo von einer ſichern Höhe aus dem Treiben und der Bewe⸗ gung der Welt zuzuſehen? Ob die Ruhe und der Ge⸗ nuß dieſer Betrachtung nicht tauſendfach den Rauſch der Leidenſchaft und die Freude an der That aufwöge? Er ſelbſt war nur ein Atom, eins der unbedeutend⸗ ſten in dem Strom des Lebens, und wie war er in dieſen vierundzwanzig Stunden hin und her geſchleudert worden, mit welchen Perſonen war er in Berührung gekommen, in welche Tiefen des Daſeins und des Menſchenherzens hatte er hinabſteigen müſſen! Wie wohl that ihm hier der Gegenſatz des Edlen, Anmuthigen und Formſchönen! In dieſer Geſellſchaft führten die Grazien die Heiterkeit und den Scherz an ihrem Roſenbande, hier brauchte die Freude nicht zu fürchten, in ein wüſtes bacchantiſches Toben auszuar⸗ ten, noch in dem Sumpf alltäglicher Gemüthlichkeit zu erſticken. Die Freude— rauſchte da nicht ein Gewand? Schwebte die Göttin ſelbſt daher? Als ſorgſame Wirthin eilte Antoinette durch. die — ꝛ—— — 167 Gemächer, um irgend einen vereinſamten Gaſt in den Saal zurückzuführen, in dem ihre Mutter, die Anmuth der Tochter durch Würde erſetzend, die Ehre des Hau⸗ ſes und daneben den Ruhm des Hofes der Königin Marie Antoinette in unvergleichlicher Grandezza, mit der ſtattlichen Haarfriſur von Blumen und Federn, aufrecht erhielt. „So entziehen Sie ſich unſerem Feſt, Herr Heim⸗ wald?“ lachte ſie.„Da lob' ich mir Ihren Freund, der iſt mit dem Vetter Auersperg und den jungen Offizieren ſchon ein Herz und eine Seele. Sie ſchlie⸗ ßen eben Waffenbrüderſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen.“ „Doch wohl nur für das erſte Auftreten Hugo's auf der Bühne der Hofburg.“ Beſchämt, ſo von ihr überraſcht zu werden, und doch zugleich beglückt über ihre Nähe und ihre freund⸗ liche Anrede, hatte er ſich erhoben. „Was mich betrifft, gnädige Gräfin, ich war ganz bei Ihrem Feſt, ich genoß es nur in meiner Weiſe.“ „Aber das iſt eine ſchlechte, träumeriſche Weiſe. Die Geſellſchaft will etwas von Ihnen haben, und Sie ziehen ſich in ſich ſelbſt zurück. Was iſt denn Ge⸗ ſelligkeit? Daß einer die andern zum Gegenſtand einer beſchaulichen Betrachtung oder einer ſpöttiſchen 168 Beovachtung wählt? Nein, daß er ſich mittheilt, von ſeinem Wiſſen, ſeinem Geiſte ausgibt. Sie jedoch ſchließen die Schalen nur feſter zu, ſtalt die Perle zu zeigen.“ „Ja, wer behaupten dürfte, daß er eine Perle in ſich verſchließt!“ „Ueberbeſcheiden und doch ſo ſtolz! Ich hab' ein⸗ mal von einem griechiſchen Philoſophen geleſen, der gelehrt: es gäbe wohl Götter, allein ſie thäten nichts und litten nichts, ſie ließen die Welt an ſich vorüber⸗ laufen und lachten darüber. In Ihnen ſteckt ein— nein, kein ganzer, aber doch ein halber Olympier.“ „Dann wäre weder der Himmel noch die Erde der richtige Platz für mich, und ich ſchwebte in einem Zwiſchenreich. Sie mögen ſchon Recht haben, gnädige Gräfin. Mich überfällt gerade in dem Gedränge der Menſchen ein Gefühl des Fremdſeins, der Verlaſſen⸗ heit. So Viele bewegen ſich mit dir nach einem Ziele, verkehren mit dir, ſcheinbar ſo nahe, und doch, wie weit biſt du von ihnen, wie weit ſind ſie von dir entfernt!“ „Die Gleichgültigen, die Läſtigen— ja. Aber un⸗ ſere Freunde? Und ich bin ſo eitel, meinen Oheim und mich ein klein wenig zu den Ihrigen zu rechnen!“ „Der Graf hat keinen größern Verehrer, keinen 1 1 4 3 169 treuern Schüler, wenn ich ſo ſagen darf. als mich. Allein wie beſchränkt ſind die Mittheilungen von Seele zu Seele! Können wir uns überhaupt einander ver⸗ ſtändlich machen? Iſt in dieſer Hinſicht nicht Alles nur Verſuch, Selbſttäuſchung, wie das Stammeln eines Kindes, welches zu reden glaubt, weil es das Bedürf⸗ niß und den Willen, ſich mitzutheilen, empfindet? Bleibt nicht in allen Bekenntniſſen der Freundſchaft unabſichtlich ein dunkler, unaufgeklärter Punkt? Auf dem unendlichen Meere begegnen ſich zwei Schiffe, ſie rufen ſich an, erkunden das Land, aus dem ſie kom⸗ men, den Hafen, dem ſie zuſteuern; eine Weile fahren ſie neben einander hin, tauſchen aus, was das eine bedarf, woran das andere Ueberfluß hat; ſie zählen ihre Maſten, ihre Segel, unter tauſend andern Fahr⸗ zeugen werden ſie ſich wiedererkennen, wenn ſie der Zufall noch einmal zuſammenführt. Ja, der Zufall! Aber am Morgen nach einer ſtürmiſchen Nacht ſucht das eine Schiff vergebens das andere auf der öden Waſſerwüſte. Es iſt verſchwunden und hat das Ge⸗ heimniß, das es in ſich barg, mit ſich genommen.“ „Und damit wollen Sie die Freundſchaft ver⸗ gleichen?“ „Nur die Unzulänglichkeit des Irdiſchen. Wir enthüllen uns alle nur ſtückweiſe. Und wie könnte es 170 anders ſein? Sind wir uns ſelbſt doch im Fühlen und Wollen unklar und verworren. Durch welche Schwan⸗ kungen kommen wir zu einem Entſchluſſe oder einer Handlung, wenn uns nicht unmittelbar die Leidenſchaft, die Noth des Augenblicks dazu fortreißt, indem ſie uns die Freiheit des Willens raubt! Wer ſich dieſes Mangels bewußt iſt, wie ſollte der, in der Mitte welterfahrener Männer, vor einer Schönheit, die wie alles Erhabene ſtumm macht, nicht gern auf das Wort verzichten? Was wäre auch eine Geſelligkeit, in der es keine Hörer gäbe?“ „Ja, ich müßte dem Herrn wohl glauben, wenn man mir nicht heute ſchon ein anderes Bild von ihm entworfen hätte.“ „Ach, Demoiſelle Armhart!“ Er merkte, daß er bei Nennung dieſes Namens er⸗ röthete „Ihre Güte, gnädige Gräfin, hat das Herz des armen, ſchwer getroffenen Mädchens wie mit himmli⸗ ſchem Troſte erfüllt.“ „Und Sie haben ihr gewiß gute Nachrichten ge⸗ bracht von ihrem Vater?“ Egbert zögerte mit der Antwort; ſeine Wahrheits⸗ liebe kämpfte mit der Nothwendigkeit, das Geheimniß eines Andern zu verſchweigen. 171 Antoinette verſtand ihn und wehrte mit beiden Händen ab, als er ſprechen wollte. „Es war eine thörichte Frage!“ „Wenigſtens konnte ich der Demoiſelle ein ſicheres Zeichen geben, daß Armhart noch lebt.“ „Das genügt! Und ich darf es auch dem Grafen mittheilen, der mir doch mehr in Sorgen zu ſein ſcheint, als er uns merken laſſen will? Schade, daß die De⸗ moiſelle nicht in dieſen Räumen iſt! Sie beſitzt das Zauberwort, um das Schloß Ihres Mundes zu löſen.“ „Wir bewohnen eben ein gemeinſames Paradies, das der Jugenderinnerungen. Dahin können wir uns flüchten, wenn eine feindlich fremde Welt um uns brauſt.“ „Demoiſelle Armhart ſieht nicht aus, als ob ſie ſich vor dem, was Sie die Welt nennen, fürchtete.“ „In dieſem Kampf ſind die Frauen muthiger als die Männer, denn ſie haben beſſere Waffen als wir.“ „Iſt die Schönheit oder die Anmuth ſiegreicher als der Geiſt?“ „Ja, denn die Schönheit ſtürmt zum Angriff, wäh⸗ rend der Geiſt ſich in der Vertheidigung hält.“ „Um ſo ſchwieriger für die Schönheit, wenn ſie ſeine Verſchanzungen nehmen will!“ „Nicht doch! Es koſtet ihr ein Lächeln, und Helden 172 und Weiſe ſinken zu ihren Füßen. Die Schönheit und der Genius ſind himmliſche Gaben, ſie werden nicht erworben und errungen, ein freies Geſchenk der Gott⸗ heit, ſchmücken ſie die Glücklichen, und wo ſie erſcheinen, ſiegen ſie ohne Kampf. Wie traurig wäre es um uns beſtellt, wenn dem nicht ſo wäre, wenn über aller Arbeit, allem Streben nicht etwas Unerreichbares ſtände, was der Mühſal und der Gewaltthat ſpottet! In kleinlichen Geſchäften, in des Lebens ängſtlicher Nothdurft irren wir hin und her, unbefriedigt von dem, was wir erſchauen und faſſen, unſicher unſeres Beſitzes und immer von der Hoffnung betrogen. Da zeigt ſich eine göttliche Geſtalt unſern Blicken und ſchreitet an uns vorüber, eine Lichtwolke um ſich. Es wäre ein Frevel, ſie halten zu wollen, aber ein Strahl ihres Lichtes bleibt uns und erhellt das Düſtere des Daſeins mit unvergänglichem Schimmer.“ Mit ſtiller Betroffenheit hatte ihm Antoinette zugehört. „Hab' ich dich ſo begeiſtert?“ ſtand in ihrem glänzenden Geſicht. Ihre Augen ſchwammen in Ent⸗ zücken und Rührung. Dieſe ſelbſtloſe Hingabe an das Ideal übte auch auf ihre Seele trotz aller ehrgeizigen Wallungen eine ergreifende Wirkung. „Und richtet ſich unſere Sehnſucht nicht nach der höchſten Schönheit?“ fragte ſie leiſe. 173 „Ja, wie wir zur Sonne emporſchauen! Aber doch nicht mit dem Wunſch, ſie in unſere Sphäre hinab⸗ zuziehen! Denn was wären wir Menſchen, wenn wir von den höchſten Gütern mehr als ihren Schatten be⸗ ſäßen!“ 4 „Doch immer nur Cötter einer Stunde; Sie ver⸗ geſſen, daß die Schönheit altert und das Feuer des Genius verglimmt.“ „Eine Stunde iſt auch eine Unendlichkeit; nicht auf das Maß der Zeit, auf den Inhalt, der es erfüllt, kommt es an.“ „Aber wird mit der Minute nicht auch ihr Inhalt weggeſpült? Mit den rinnenden Tropfen der Zeit ver⸗ rinnt auch die herrlichſte Erſcheinung.“ „Nein“, und wie betheuernd hob er die Hand auf, „ſie lebt in unſerem Herzen, in unſerer Erinnerung wei⸗ ter, eine Weile vielleicht vergeſſen, vergraben unter Trümmern, die jeder neue Tag zu den ſchon vorhan⸗ denen fügt. Plötzlich aber richtet ſie ſich vor uns auf, ſtrahlend, wie wir ſie zuerſt geſehen. Sie iſt nicht verändert, nicht gealtert. Die Erinnerung iſt köſtlicher als aller Balſam Egyptens; nicht als Mumien, ſon⸗ dern in voller Jugendſchöne bewahrt ſie uns die ge⸗ liebten Geſtalten.“ „und auch dieſe Stunde“, entſchlüpfte es ihr. 174 Seine Antwort wartete ſie nicht ab. In der Thür des Saales ſtand ihr Oheim, er ſchien ſie zu ſuchen und winkte ihr. Mit einem leichten Gruß gegen Egbert eilte ſie durch die Gemächer. Ihm war es, als zöge ein Lichtſtreif ihr nach, dem er folgen müſſe. Die hartnäckigſten Spieler hatten ihre Plätze an den Tiſchen ſchon wieder eingenommen. In den Saal war unlängſt der leitende Miniſter, der Graf Philipp Stadion, eingetreten und ſtattete den Damen des Hau⸗ ſſees ſeine Begrüßung ab. Ein Mann, hoch in den vierziger Jahren, ein Ariſtokrat von Charakter und Erſcheinung; ſeitwärts geſehen, wie ihn jetzt Egbert betrachtete, im Schnitt des Geſichts, in dem Glanz der blauen Augen, mit der ſtolzen Stirn dem Kaiſer Jo⸗ ſeph auffallend ähnlich. Bei ſeinem Rundgang durch den Saal kam der Graf Stadion auch an Egbert vorüber, erkannte ihn wieder, lächelte und reichte ihm die Hand. „Ich danke Ihnen noch einmal, Herr Heimwald; —— —— Sie hatten richtig gerathen und trafen zur rechten 4 Stunde ein, um Alles wieder ins Gleiche zu rücken.“ Dieſe merkwürdigen Worte erregten bei den Um⸗ ſtehenden die größte Spannung. Jeder bemühte ſich, ſie in ſeiner Weiſe zu deuten und durch leiſeres oder 175 ſtärkeres Anklopfen bei Egbert die ganze Wahrheit zu erfahren. „Alles?“ ſagte indeſſen halblaut, in zweifelndem Ton, Ulrich zu dem Miniſter. Sie hatten ſich in eine Wandniſche zurückgezogen, wo auf einem porphyrnen Sockel die Marmorbüſte Jo⸗ ſeph's II. ſtand; hell beſtrahlten ſie die Kerzen zweier in die Wand eingelaſſenen Armleuchter. „Soweit eben noch der Fehler gutzumachen war“, entgegnete Stadion.„Wie gewöhnlich war die Polizei zu ſpät gekommen. Durch ein Wunder, ſagen die Her⸗ ren, ich meine, durch ihre Ungeſchicklichkeit war ihnen Zambelli entgangen. Und wir würden gar nichts wiſ⸗ ſen, wenn der Hofrath Braulick nicht das lange und heftige Geſpräch Ihres Schützlings, des jungen Heim⸗ wald, mit Monſieur Lepic beobachtet hätte. Eine glück⸗ liche Eingebung— wer möcht's glauben, daß ein öſter⸗ reichiſcher Hofrath aus der guten alten Zeit auch ſeinen Dämon haben kann!— trieb ihn dazu, den jungen Mann auf der Stelle zu mir zu führen.“ „Und wie fanden ihn Excellenz?“ „Ganz, wie Sie ihn mir geſchildert, Herr Graf. Voll Aufrichtigkeit und Wärme und doch verſtändiger und ſcharfblickender, als ich vermuthet. In ſeinem Weinrauſch und weil er Heimwald für einen unbe⸗ deutenden Schwätzer, ein reiches Mutterſöhnchen nahm, hatte ſich Lepic zu den unvorſichtigſten Aeußerungen hinreißen laſſen. Heimwald durchſchaute ihn; es war nicht allein geſpielt, der Staat war verrathen worden. Beſtimmtes konnte Heimwald nicht wiſſen, aber er ahnte, daß irgend ein wichtiges Geheimniß dem Ritter Zambelli mitgetheilt worden wäre.“ „Er iſt gefangen?“ „Bis zur Stunde noch nicht. Er hat wahrſchein⸗ lich in der Frühe Wien verlaſſen und iſt auf dem Wege nach Paris.“ „Nach Paris?“ „Was ſetzt Sie in Erſtaunen? Er wird weiter gehen, nach Burgos, nach Madrid, bis er Napoleon findet. Das Papier, das er bei ſich trägt, iſt zu werth⸗ voll, als daß er nicht das Aeußerſte verſuchen würde, es ſelbſt in die Hand des Kaiſers zu legen.“ „So haben wir denn wieder verſpielt!“ rief der Graf ſchmerzlich aus. Stadion's Stirn blieb unbewölkt. „Ich habs gewagt! Es war Hutten's und Sickin⸗ gen's Wahlſpruch in der Reformationszeit. Ich ſpüre etwas von ihrem Geiſte, von dem Geiſte der deutſchen Reichsritterſchaft in mir, deren letzte Ausläufer wir ſind. Was iſt's denn auch Großes? In wenigen Ta⸗ 4 6 gen hätte er es doch erfahren. Ganz Oeſterreich, ganz Deutſchland iſt überſchwemmt von ſeinen Spähern. Ich bin ein Fataliſt; es gilt die Freiheit Europas oder die Weltherrſchaft eines Einzigen, ſchrecklicher, als die römiſche es war. In ſolchem Kampfe, wie gering wiegt der Menſch, wiegt der Zufall! Ueber Napoleon wie über uns iſt das Fatum. Aber Sie wiſſen noch immer nicht. Es war ein chiffrirter Brief an Weſſen⸗ berg, unſern Geſandten am preußiſchen Hofe. Ich unterrichtete ihn von unſern Rüſtungen, unſerem Bündniſſe mit England, legte ihm ans Herz, Preußen zu uns herüberzuziehen, im März des kommenden Jah⸗ res brächen wir los.“ „Die Iden des März! Nur werden ſie diesmal nicht den Fall Cäſar's, ſondern den Tod des Brutus ſehen.“ „Und wenn der Erdkreis zuſammenſtürzt“, recitirte Stadion den Vers des Horaz,„einen Unerſchrockenen werden ſeine Trümmer treffen. Was auch geſchieht, dies Deutſchland wird für Napoleon immer daſſelbe Schreckgeſpenſt ſein, wie für Jupiter der gefeſſelte Pro⸗ metheus. Da wir uneins waren, konnte er uns be⸗ ſiegen; wenn Fürſt und Adel und Volk wieder eins ſein werden, Jeder ein ganzer Mann und ein echter Deutſcher, rund für ſich, frei und ſelbſtherriih an ſeiner Frenzel, Lueifer. II. 178 Stelle— aber Sie ſind gedrückt, niedergeſchlagen, lieber Graf, tiefer, als der böſe Zufall es bewirken ollte!“ „Mir iſt unheimlich zu Muthe wie vor einem Ge⸗ witter! Doch achten Excellenz nicht auf dieſe Stimmung. Dieſer Brief kam in Armhart's Hände—“ „Ja, er hatte ihn zu copiren; er kennt den Schlüſ⸗ ſel, nur nahm er, ſtatt einer, zwei Copien. Mit der letztern verſucht der Ritter Zambelli ſein Glück, vor⸗ ausgeſetzt, daß ihn unſere Polizei nicht noch innerhalb unſerer Grenzen verhaftet. Dieſen Glücksfall ziehe ich nicht in meine Rechnung. Noch in der Nacht habe ich einen Kurier an Metternich nach Paris geſendet und ihn auf den Sturm vorbereitet, der ihm droht. Er ſoll hinhalten, Ausflüchte machen die Depeſche für untergeſchoben erklären. Gewiß, das iſt wenig, ein Mittel ohne nachhaltige Wirkung! In welcher Lage die Nachricht Napoleon erreichen wird, darin liegt die Entſcheidung. Wenn er die Engländer in Spanien noch nicht geſchlagen hat, der Widerſtand der Spanier ſelbſt von ſeinen alten Kriegsbanden noch nicht ge⸗ brochen iſt, dann— ja, dann!“ „Aus Spanien ſind noch keine Nachrichten da?“ „Nur unbeſtimmte Gerüchte. In den erſten Ta⸗ gen dieſes Monats hatte er die Grenze überſchritten, er richtete ſeinen Marſch auf Burgos. Aber was hel⸗ 179 fen alle Vorzeichen, ob günſtige, ob ungünſtige? Wir vertheidigen das Vaterland, die deutſche Freiheit und die deutſche Ehre. Zurück können wir nicht mehr, darum vorwärts. Dies Oeſterreich iſt unerſchöpflich an Männern und Roſſen; ſchlägt nur eine gewaltige Hand auf den Boden, ſo ſpringen gewaffnete Legionen empor.“ „Ja, Excellenz, eine gewaltige Hand!“ meinte Wolfsegg bedeutend.„Hat der Kaiſer Franz eine ſolche Hand? Er hat im Grund ſeiner Seele immer Luſt, Krieg zu führen, unter der einen Bedingung, daß er Sieger bleibt. Einem großen Unglück wird er kaum Stand halten, wir wiſſen's von Auſterlitz. Jetzt be⸗ herrſcht ihn ſeine Umgebung; die Kaiſerin mit ihrer Begeiſterung, Sie, Excellenz, mit der Ueberlegenheit Ihres Geiſtes, die Erzherzoge mit ihrem brennenden Eifer nach kriegeriſchen Kränzen, ſie alle reißen ihn mit ſich. Auf wie lange? Bis zur erſten verlorenen Schlacht! Mit ſeinem gutmüthigſten Geſicht wird er dann ſein ewiges:„Nu, nu! Werden's ſchon machen!“ ſagen und über Ihren Kopf hinweg um jeden Preis Frieden ſchließen, um jeden Preis!“ „Er ſoll eben nicht jeden Preis bezahlen können. Seine eigene Ehre ſoll ihm einen Friedensſchluß ver⸗ bieten.“ ; 12* 180 „Die Ehre und—“ Wolfsegg ließ die erhobene Hand ſinken. „Nein, Sie thun ihm Unrecht, lieber Graf. Sie verzeihen ihm nicht, daß er das Werk des herrlichen Mannes—“ er wendete ſich zu der Büſte Joſeph's— „zur Hälfte wieder zerſtört hat. Das Nachtgethier der Thugut und Cobenzl iſt verbannt, Morgenwind weht durch Oeſterreich. An Deutſchland hat es wieder ſeinen Anhalt, im deutſchen Weſen ſeinen Schwerpunkt gefunden. Nicht den Slaven und nicht den Ungarn, dies Reich gehört den Deutſchen. Die einzelnen Land⸗ ſchaften ſind im Beſitze verſchiedener Stämme, der Staatsgedanke aber wie die Hand, die ſie alle einigt, iſt deutſch, wie deutſch die Kraft war, die ſie ehemals gebändigt hat. Ich verzweifle nicht; noch iſt es nicht Morgen, aber es glüht in allen Herzen und Köpfen. Die Welt erwartet etwas wie einen neuen Schöpfungs⸗ tag. Wie verändert iſt der Anblick Wiens! Aus der Stadt ſchwelgender, feſtfeiernder Phäaken iſt ein unbe⸗ zwingliches Ilion geworden, das hämmert, ſchmiedet, rüſtet. Wieder richten ſich die Blicke aller Deutſchen hierher—“ „Der General Andréoſſy iſt eingetreten, Excellenz!“ „Er ſoll uns nicht überraſchen. Ihre Frau Schweſter nimmt ihn in Beſchlag. Da fangen die jungen Leute 181 zu tanzen an. Das iſt brav. Luſtig, luſtig! Unſere Truppen brauchen ſich nur in Baiern, in Sachſen zu zeigen und dieſe Rheinbunds⸗Schmachkomödie iſt vor⸗ bei. Eine elende Faſtnachtspoſſe! Daß deutſche Fürſten ſo tief herabſinken konnten, Kronen von Napoleon's Gnaden anzunehmen! Welche Sühne iſt groß genug, dieſen Flecken von ihrem Wappenſchild abzuwaſchen? Nur Geduld bis zum Frühjahr! Wenn das Eis der Donau aufgeht! Von den Bergen brauſt es hinab in die Ebenen! Bis weit nach Norddeutſchland hinein ſauſt dieſer Märzwind. In dem preußiſchen Heere gährt es; die beſten Männer, Schill, Gneiſenau, Blü⸗ cher, Scharnhorſt, erwarten nur unſer Signal. Iſt die deutſche Reichsfahne einmal entfaltet, werden ihr alle folgen, alle! Bis dahin Schweigen! Metternich mag ſeine feine Kunſt beweiſen, indem er die Franzt⸗ ſen mit Vorwänden abſpeiſt.“ „Sie werden ſie bald genug durchſchauen.“ „Ihre Nichte iſt doch ein herrliches Frauenzim⸗ mer! Welche Anmuth, welche vornehme Leich tigkei im Tanz! Da tritt ſie mit dem jungen Heimwald an! Drollig; ſo bürgerfreundlich ſchon, lieber Graf?“ „Die jungen Leute huben ſich auf dem Lande kennen gelernt.“ „Ich werde dem Grafen Metternich eine eingehende 182 Darſtellung unſerer Lage, unſerer Abſichten zugehen laſſen— durch einen vertrauten Boten, welcher der franzöſiſchen Polizei keinen Argwohn einflößt. Was meinen Sie? Ich hab' an den Herrn Heimwald ge⸗ dacht.“ „Wie ſich das trifft, Excellenz! Auch ich möchte die Angelegenheiten meiner Schweſter in Paris durch einen ſichern Mann ordnen laſſen; meine Wahl iſt längſt auf Egbert Heimwald gefallen. Er iſt reich, unabhängig, warum ſollte er ſich nicht zu ſeinem Ver⸗ gnügen, zu ſeiner Ausbildung Paris anſehen und da⸗ bei ein paar Briefe für uns abgeben? Dabei ſchwärmt er für den Kaiſer Napoleon.“ „Für Napoleon!“. „Wie wir Deutſchen es zu thun lieben, für Na⸗ poleon als Heros, als tragiſchen Helden! Wir beten die fremde Größe an, weil wir um uns nur Jammer⸗ geſtalten ſehen. Dieſe Begeiſterung, die für uns durch⸗ aus ungefährlich iſt, ein Ausfluß poetiſcher Stimmun⸗ gen, wird ihn in den Augen Fouché's über jeden Ver⸗ dacht erheben.“ „Sie wollen mit ihm reden?“ „Nach Ihrem Wunſch, Excellenz, ſchon morgen.“ „Im voraus meinen Dank, lieber Graf. Und nun vorwärts, bis zum letzten Athemzuge kämpfend Kann man ſchöner ſterben als im Dienſt des Vater⸗ landes? Warum ſchauen Sie mich mit ſo ſeltſa men Blicken an?“ „Unſer verklärter Monarch ſah ſo aus, wenn er—“ „Sie halten inne? Von Plänen ſprach, die an der Jämmerlichkeit der Menſchen und an verſteinten Einrichtungen kläglich ſcheitern ſollten? Sie glauben mir ein ähnliches Los aufbewahrt? Ach, Wolfsegg, es wird ſich wohl erfüllen! Ich werde wie Joſeph an gebrochenem Herzen ſterben. Aber dem tapfern Manne ſind Sieg und Niederlage nur wie ſeine rechte und ſeine linke Hand. Eine Heilige hat es geſagt, daran laſſen Sie uns feſthalten.“ Weiter nahm das Feſt ſeinen ungeſtörten, fröhli⸗ chen Verlauf. Tanz und Scherz wechſelten mit einan⸗ der, hell wie die Gläſer ſchienen die Herzen zuſammen⸗ zuklingen. Durch dies bunte Gewimmel irrte kein ern⸗ ſter Schatten. Selbſt Max Auersperg hatte ſeine po⸗ litiſche Grillenfängerei aufgegeben und war der flotteſte Tänzer. „Bäschen“, ſagte er mit geheimnißvollem Augen⸗ zwinkern zu Antoinette,„Diplomatie und Tanzkunſt ſind Geſchwiſter und ich werbe um beide.“ „Dann ſorge nur, daß Dir nicht beide entſchlüpfen“, antwortete ſie lachend. 184 Ueberall Munterkeit und ſtrahlende Geſichter, zu⸗ weilen ein geiſtreiches Wort, das wie auf Engelsflügeln durch den Saal fliegt; eine friſche, durch keine Ge⸗ dankenſchwermuth angekränkelte Empfindung der Luſt, eine ſchöne Sinnlichkeit in den Banden der Anmuth, als ob die Mahnung:„Freuet euch des Lebens!“ hier in jedem Einzelnen Geſtalt und Verwirklichung gefun⸗ den hätte. Nur Puchheim, der nicht wegen ſeiner Jahre, denn mit fünfzig Jahren iſt man noch nicht um einen großen Schritt über das Alter der Thorheit hinaus, ſondern wegen ſeiner langen Beine und der Schleppen der Damen nicht tanzte—„Ich bin aus lauter Rückſichten zuſammengeſetzt; ich ſpiele nicht, weil ich Glück mit den Karten habe; ich tanze nicht, weil ich ein Dutzend Spitzengarnituren zerreißen würde, und ich ſpreche nicht, um mit meinem ſchlechten Franzöſiſch Andréoſſy's Ohren nicht zu beleidigen und ſo den Presburger Frie⸗ den zu brechen“, ſagte er zu Hugo— Puchheim hatte bemerkt, daß der General Andréoſſy Wolfsegg beiſeite genommen, lange eindringlich mit ihm geſprochen; daß Wolfsegg ſich verfärbend, ſchwankend nach der Lehne eines Seſſels gegriffen und erſt nach einer Weile, durch den begütigenden Zuſpruch Andréoſſy's, ſich geſammelt habe. 185 Den andern Gäſten, ſogar den Mitgliedern der Familie war nichts aufgefallen. Nach der Ueberwin⸗ dung des plötzlichen Schreckens hatte ſich der Graf mit Meiſterſchaft zu beherrſchen gewußt. Antoinetten hatte er zugeraunt: „Wenn Alles vorüber iſt, komme noch einmal in die Bibliothek, ich habe mit Dir zu reden.“ Nun ſind die letzten Gäſte längſt gegangen, die Diener ſind beſchäftigt, die Kerzen zu löſchen. Nach dem lauten luſtigen Lärm iſt eine tiefe Stille in das Haus eingekehrt. Die Blumen hat Antoinette aus dem Haar genommen, die Halskette gelöſt, die Armſpangen abgeſtreift. Mit einem weißen Tuche über den Kopf tritt ſie in den Bücherſaal. Eine einzige Ampel brennt. Im Kamin verglimmen die letzten Kohlen. Unruhig, die Hände auf dem Rücken, ganz in Gedanken verſun⸗ ken, geht der Graf langſamen Schrittes auf und nie⸗ der. Jetzt bleibt er ſtehen, wie einer, der bedenkliche Vorſätze hin und her wägt, und ſetzt dann ſeine Wan⸗ derung wieder fort. So ſehr iſt er von ſeinen Vor⸗ ſtellungen in Anſpruch genommen, daß er Antoinette erſt gewahr wird, als ſie dicht vor ihm ſteht, bleich und zitternd; ſeine Aufregung hat ſie angeſteckt. „Ich bin es, mein Oheim. Iſt ein großes Un⸗ glück geſchehen?“ 186 „Du biſt's, Antoinette! Komm an den Kamin, es iſt kalt!“ Er ſchiebt einen Armſeſſel an das Feuer, zwingt ſie mit ſanfter Gewalt ſich zu ſetzen, ſtört in den Koh⸗ len, um ſie wieder zum Glühen anzufachen. „Sind Deine Eltern zu Bett?“ „Vermuthlich; ſie waren ſehr ermüdet, ich habe ihnen eine gute Nacht gewünſcht.“ „Um ſo beſſer, da werden ſie uns nicht ſtören. Du biſt ein ſtarkes Mädchen, Antoinette. Du wirſt nicht aufſchreien bei— bei einem Dolchſtoß!“ „Nein!“ Sie hat beide Hände auf die Lehnen ihres Stuhls gelegt und ſtarrt ihn an. „Dein Bruder iſt gefangen.“ „Ach!“ Sie bedarf jetzt doch ſeiner Stütze, um nicht um⸗ zuſinken. „Franz gefangen!“ „Bei einem Gefecht im Schloſſe Lerin am ſiebenund⸗ zwanzigſten October. Andréoſſy brachte mir die Nachricht, ich weiß nicht, ob aus Mitleid, ob aus Rachſucht. Mit einem Briefe des Unglücklichen an uns! Er nimmt Abſchied, Abſchied für immer! Mit den Waf⸗ ſen in der Hand gefangen, ein Franzoſe von Fran⸗ 187 zoſen! Ein Emigrant im Dienſte der aufſtändiſchen Spa⸗ nier!“ „Sie ſagen mir nicht Alles, mein Oheim! Er iſt todt!“ „Andröoſſy verſicherte auf ſeine Ehre, daß er keine weitern Nachrichten hätte. Franz iſt nach Vittoria in das Hauptquartier des Königs Joſeph geſchickt worden. Einflußreiche Spanier haben ſich für ihn ver⸗ wendet, durch Vermittlung des Königs iſt der Brief an Andréoſſy geſchickt worden. Aber für alles Weitere könne der König nicht einſtehen. Am fünften November wurde Napoleon in Vittoria erwartet, heute ſchreiben wir den ſiebzehnten—“ „Sie haben keine Hoffnung mehr! Wie ſollte der Mörder des Herzogs von Enghien meines Bruders ſchonen! O, daß ich ein Weib bin und ihm nur ohn⸗ mächtige Thränen nachweinen kann!“ „Es wird ein Kriegsgericht eingeſetzt werden. Ein Franzoſe, der die Waffen gegen Frankreich, gegen den Kaiſer getragen! Der Spruch iſt leicht zu fällen.“ „Tod!“ haucht Antoinette. In dem Kamin ſteigt eine kleine letzte Flamme auf, um einen Augenblick zu leuchten und dann für immer zu verlöſchen. Wolfsegg beginnt wieder ſeinen Gang. 188 „Nein, er wird ihn nicht erſchießen laſſen. Er iſt nicht durſtig nach dem Blut eines Einzelnen. Nur wenn es in Strömen auf einem Schlachtfelde fließt, ſättigt es ihn. Er wird ihn zur Kerkerhaft, zu den Galeeren verurtheilen.“ „Ein Gondreville ein Galeerenſklave!“ brauſt ſie auf.„Eher den Tod!“ „Ich habe keinen Sohn, er ſollte mein Erbe, meines Namens und Wappens Erbe werden. Und nun dies Ende in Ausſicht!“ „Und hatte Andréoſſy keinen Vorſchlag, wußte keinen Ausweg, das Schickſal zu wenden?“ „Er deutete an, daß ein Schritt, eine Bitte um Gnade beim Kaiſer, zur rechten Stunde angebracht, nicht vergeblich ſein würde. Der Kaiſer achte die alten Geſchlechter Frankreichs, er würde die Strenge des Geſetzes nicht gegen einen Gondreville walten laſſen.“ „Erwiderten Sie ihm ein freundliches Wort?“ „Ich bat ihn, den Unglücklichen, ſeine Eltern und mich zunächſt der Gnade des Königs Joſeph zu em⸗ pfehlen und ihm unſern ehrfurchtsvollen Dank für die Huld, die er uns bisher bewieſen, zu Füßen zu legen. Im Uebrigen, was konnte ich ihm ſagen? Dein Vater, Deine Mutter, ſie würden den Sohn ſterben ſehen und ihm nachſterben, ehe ſie vor dem Uſurpator ein Knie 189 beugten. Vergiß auch nicht, daß Keiner den Erfolg dieſer Demüthigung verbürgen kann.“ Antoinette richtete ſich auf; das Tuch iſt von ih⸗ rem Haupt zurückgefallen, ein höheres Roth glüht auf ihren Wangen. „Ich will's wagen, ich will zu dem Despoten gehen und das Leben und die Freiheit meines Bruders von ihm fordern.“ „Mädchen! Welch ein Einfall!“ Aber iſt es die Größe und Hochherzigkeit des Ent⸗ ſchluſſes, iſt es die Hoffnung, die ſich ihm von fern darin zeigt, Wolfsegg findet keine Entgegnung. „Mich bindet keine Pflicht gegen die Bourbonen“, redet Antoinette weiter und ſich ſelbſt immer mehr in Begeiſterung hinein.„Ungefährdet, ohne ein Geſetz zu verletzen, kann ich den Boden Frankreichs betreten. Wer ſollte mir den Zugang zum Kaiſer weigern? Eine Schweſter, die um das Leben ihres Bruders fleht, iſt auch einem Tyrannen heilig. Und Sie ſagen ſelbſt, er iſt kein Tyrann. Meine Kniee werden ſich willig vor ihm beugen, keinen ererbten Haß wird er in meinen Zügen leſen. Was ich ihm ſagen werde, weiß ich nicht, aber Mitleid und Liebe werden ihre Worte auf meine Zunge legen. So ganz Erz und Marmor iſt er nicht, daß ein Herz, das um Erbarmen ſchreit, ihn nicht rüh⸗ 190 ren ſollte! O, laſſen Sie mich ziehen, mein Oheim! Jede Minute, die wir hier verſäumen, brennt auf mei⸗ ner Seele! Ich fühle einen Muth in mir, ſelbſt ſeinem Zorn zu trotzen, wie ſollte ich nicht ſeine Gnade er⸗ flehen!“ „Großherziges Mädchen!“ Er hat ihre Hände gefaßt und drückt ſie geßfen ſein Herz. „Wenn eine, ſo wirſt Du ihn retten!“ „Nein, wir ſind nicht hoher Thaten unfähig, wir armen Frauen! Auch wir ſind zu Beſſerem berufen, als nur für das Haus, für den Schmuck des Lebens zu ſorgen!“ ſagt ſie mit ſtolzem Lächeln.„Stellt uns nur auf eine größere Bühne, gebt uns nur Raum, zu ſchaffen und zu wirken!“ Noch lange ſitzen Oheim und Nichte zuſammen und beſprechen die Einzelnheiten der Reiſe, die Mög⸗ lichkeit des Gelingens. Während es ſich für ihn einzig um das Leben ſeines Neffen handelt, verbinden ſich in Antoinettens Innerem die verſchiedenſten Regungen zu demſelben Drang. Die Liebe zu dem unglücklichen Bruder, die Luſt nach Abenteuern— nun wirken doch Vittorio’s Schilderungen nach— das Verlangen, durch eine ungewöhnliche Handlung das Lob, die Bewunde⸗ rung des Oheims zu verdienen, der Wunſch nach einer 1941 größern Freiheit der Bewegung: in dieſem einen Plan befriedigen ſich alle Hoffnungen und Antriebe. Einen und den andern Einwurf erhebt noch Wolfs⸗ egg, aber mit einem Ton, aus dem ſchon die Neigung herausklingt, ſich widerlegen zu laſſen. Mit ſiegreicher Beredtſamkeit weiſt denn auch Antoinette jeden Ein⸗ wand ab; ihre Reiſe nach Paris, an den Hof des Imperators wird beſchloſſen. Fünftes Kapitel. Der großen Erſchütterung war eine dumpfe Ruhe gefolgt. In dieſen drei Tagen hatten ſich Magdalene und ihre Mutter ſchmerzlich faſſen und in das Unab⸗ wendbare fügen gelernt. Von ſeiten Egbert's war Alles geſchehen, ihnen dieſe Ergebung leichter zu machen. Wie es ihm gelungen, den Aufenthalt Armhart's zu erfahren, ſagte er nicht, und ſie hüteten ſich wohl, for⸗ ſchend in ihn zu dringen, aber er brachte ihnen einige wenige Zeilen des Unglücklichen. Er beſchwor ſie darin, nicht von ihm zu ſprechen und bis auf glücklichere Tage ihn als einen Todten zu beweinen. Auch leuchtete es den Frauen ein, daß die Gerüchte über ihn eher verſtummen, ſein Aſyl ſicherer bewahrt bleiben würde, wenn ſie ſich den Anſchein gäben, ihn als verſchollen oder todt zu beklagen, als wenn ſie durch ihre unruhigen 193 Bemühungen die Späher in beſtändiger Bewegung hielten und bald auf dieſe, bald auf jene Spur leiteten. Ihrerſeits hatte die Polizei jede fernere Beläſtigung der Frauen eingeſtellt und ſelbſt auf ihre nochmalige Vernehmung verzichtet; ſei es nun, daß der Einfluß des Grafen Wolfsegg dieſe Mäßigung bewirkt, ſei es, daß man in den„obern Regionen“ keinen Werth mehr auf die Verfolgung einer Angelegenheit legte, in der nichts zu beſſern oder zu ändern war. Was hätte auch die ſorgfältigſte Unterſuchung an das Licht bringen können als die Schadhaftigkeit der ganzen Staatsmaſchine? Die Verderbtheit der Beamten, die Sorgloſigkeit der leitenden Männer, eine blinde und wilde Genußſucht, die, von den adeligen Kreiſen ausgehend, nun auch die Bürgerſchaft zu zerſetzen anfing. Darum zog man es vor, nur das einzugeſtehen, was nicht abgeleugnet werden konnte: der geheime Secretarius Armhart habe in der„Kugel“ unglücklich geſpielt, habe eine bedeutende Summe verloren und ſei verſchollen. Bei Frau Armhart brach allmälig wieder der Lebensmuth durch; ſie gehörte zu den Naturen, die das Schickſal leicht niederſchlägt, die aber ebenſo ſchnell wieder aufſtehen. Es wäre doch auch zu thöricht und gegen die Schicklichkeit geweſen, wenn ſie den Grafen Wolfsegg mit Geſchrei, Klagen und Thränen empfangen! - 5 73 Frenzel, Lucifer. II.. 13 194 Sie zeigte ihm ein gefaßtes Geſicht, und die lange Unterredung, die er mit ihr hatte, malte ihr vollends die nächſte Zukunft in einem roſigen Lichte. Magda⸗ lene hatten beide von ihrem Geſpräch ausgeſchloſſen, und die Mutter ſchien nach Beendigung deſſelben durch verdoppelte Zärtlichkeit dieſe Ausſchließung wieder gut⸗ machen zu wollen. Der Graf war inzwiſchen zu Egbert hinabgeſtiegen. „Ich habe Ihnen nach Kräften Ruhe im Hauſe geſchafft, mein lieber junger Freund“, ſagte er.„Nichts ſtört mehr das innere Gleichgewicht in uns als der unaufhörliche Jammer einer Frau. Ein arger Streich, den uns der Secretarius geſpielt hat! Wenn Ihre Mutter noch lebte, ich würde ihren ſtummen Vorwurf nicht ausgehalten haben! Ihr einen ſolchen Mann ins Haus zu führen!“ „Verurtheilen Sie ihn nicht zu ſtreng, Herr Graf. Die Größe ſeines Verluſtes hat ihm die Beſinnung geraubt. Da iſt der Verſucher an ihn herangetreten—“ „Jawohl, dieſer Zambelli hat die Zunge des Dämons.“ „Ich ſtutzte gleich, als ich von der Demoiſelle Armhart hörte, daß der Ritter längere Zeit bei dem Secretär verweilt. Es iſt Unrecht, ſolch grundloſe Abneigung gegen einen Mann zu hegen, der uns, wie wir auch Umſtände und Vorfälle überlegen mögen, nichts zu Leide gethan hat, aber ich kann ſie nicht über⸗ winden. In der Nähe des Ritters wird mir immer unheimlich zu Muthe.“ „Unrecht nennen Sie ſolche Antipathie? Ich denke doch, ſie folgt wie die Sympathie dem geheimen Geſetze unſeres Weſens. Aus unſerem innerſten Selbſt geboren, rathen und führen ſie uns immer ſicher; wehe dem, der ihnen nicht gehorchen will!“ „Heißt das nicht freiwillig auf die verſtändige Leitung unſeres Lebens verzichten und dunklen Mächten unterwürfig werden? Wohin haben mich die Abneigung und das Unbehagen, die mir der Ritter erregt, ſchon ge⸗ bracht! Sie werden erſchrecken, Herr Graf! Wider meinen Willen ſetzt ſich in mir, von dem erſten peinlichen Ein⸗ druck anhebend, eine finſtere Grübelei fort: der Ritter Zambelli ſei in irgend einer Weiſe an dem Morde und der Beraubung Jean Bourdon's mitſchuldig. Nun iſt's heraus, ich bin einer Laſt ledig. Aber Sie werden mir nicht ferner beſtreiten, daß es mit dieſen Anti⸗ pathien für ſchwache und träumeriſche Gemüther ſeine eigene gefährliche Bewandtniß habe. Sie treiben uns dazu, auf der Stirn eines Menſchen das Kainszeichen eines Mordes zu finden, aus keinem andern Grunde, als weil wir ihn haſſen, weil ſich unſere Seele ſcheu vor ihm zurückzieht.“ 13* 196 Der Graf war unbeweglich auf ſeinem Seſſel ſitzen geblieben und ſchien von der Aeußerung des jun⸗ gen Mannes nicht ſonderlich betroffen. „Sie ſind zu weichmüthig, lieber Egbert. Ihr Argwohn tödtet nicht, ja verletzt nicht einmal. Auch klingt die Anklage unwahrſcheinlicher, als ſie vielleicht iſt. Kann es Sie aber beruhigen, in Ihrer ſchlimmen Meinung von dem Ritter Zambelli einen Genoſſen zu haben: an Puchheim und mir haben Sie zwei.“ „Herr Graf!“ „Den blödſinnigen Florian hat das Linzer Gericht freigelaſſen. Er hat die rothſeidene Börſe Bourdon's in der That auf der Straße abſeits in einem Gebüſch gefunden. Denjenigen, die den Mann tödteten, kam es freilich nicht auf die Handvoll Goldſtücke an. Sie leerten ſeine Taſchen, behielten die Briefe, die Börſe warfen ſie fort. War der Ritter an dem Raube be⸗ theiligt, ſo war das Letztere gewiß ſein Werk; es konnte den Verdacht nach einer ganz andern Seite lenken.“ „Aber warum klagten Sie ihn nicht an, Herr Graf?“ „Kind! Können Stimmungen einen ſolchen Fall entſcheiden? Jean Bourdon iſt das Opfer eines großen Kampfes geworden, nicht das erſte, noch das letzte. Der Ritter Zambelli dagegen hat die Partie gewonnen, 19ʃ er ſpielt ein hohes Spiel. Ein politiſcher Abenteurer, den das Glück Bonaparte's gelehrt hat, kein Mittel zu ſcheuen, keinen Treubruch zu fürchten, kein Gewiſſen zu haben. Auch in der Welt der Thatſachen mag es eine Gerechtigkeit, eine Nemeſis geben, aber zunächſt hat der Gewaltthätige den Vorſprung vor der nach⸗ hinkenden Vergeltung.“ Egbert entſann ſich des Geſprächs mit dem Gra⸗ fen in der Fichtenallee des Schloßgartens und wollte nicht wieder auf die politiſchen Gegenſätze, die ſie damals ſo lebhaft gegenſeitig verfochten hatten, zurückkommen. „Haben der Herr Graf“, ſagte er, den Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung wechſelnd,„Kunde von dem Sohn jenes unglücklichen Mannes, von Benjamin Bourdon?“ „Nein; er hat auf den Brief, in dem ich ihm die traurige Begebenheit erzählte, noch nicht geantwortet. Wenn er überhaupt mein Schreiben erhalten! Die franzöſiſche Poſt überwacht und öffnet alle Briefe, die aus Oeſterreich nach Paris gehen, ſobald ſie verdächtig riechen. Und ich beſorge, daß mein Siegellack ſich nicht durch kaiſerlichen Geruch auszeichnet. Indeſſen, ich werde bald auf das genaueſte in dieſer Beziehung unterrichtet ſein. Meine Nichte denkt in den nächſten Tagen nach Paris zu reiſen.“ 198 „Die Gräfin Antoinette?“ „Ja, die Gelegenheit iſt günſtig. Der Graf und die Gräfin Sandor beabſichtigen die nächſten Monate in der franzöſiſchen Hauptſtadt zuzubringen, ſie haben Antoinette beſtürmt, ſie zu begleiten. Es wird eine Zerſtreuung für ſie ſein. Ihr Vater, der Marquis, hatte ſchon lange den Wunſch, daß ſie einmal ihre Verwandten, die ſich dem Kaiſer Napoleon angeſchloſſen haben, beſuchen möchte. Da ſich die Umſtände über Erwarten gut zuſammenfügen, habe ich mit Freuden meine Zuſtimmung zu der Reiſe gegeben. Ich wollte nur, daß ich dabei ſein könnte!— Sie haben etwas auf dem Herzen, heraus damit!“ „Nicht doch, Herr Graf. Wie ſtände es mir zu, in einer Angelegenheit, in der Sie entſchieden haben—“ „Anderer Meinung zu ſein? Und ſo weiter, die Litanei der ſtolzen Beſcheidenheit! Oder glauben Sie, daß ich keinen Widerſpruch ertragen könnte?“ „Mir fiel es nur auf, daß die gnädige Gräfin in einem Augenblick eine ſo weite Reiſe unternehmen will, wo, wie man ſagt, ein neuer Krieg zwiſchen Oeſterreich und Frankreich bevorſteht.“ „Wer ſagt? Gerüchte, Wünſche, Beſorgniſſe, nichts mehr! Wie manch Gewitter hat ſchon am Himmel geſtanden, ohne ſich in Donner, Blitz und Regen zu — 199 entladen! Wir Oeſterreicher fühlen uns in der neuen Weltlage ungemüthlich, aber wir ſind nicht mehr die Wettermacher Europas. Bonaparte ſteckt tief in Spa⸗ nien und ſchlägt ſich mit Guerrillasbanden und mit den Engländern herum. Er hat uns vergeſſen, eine Weile vergeſſen. Zuletzt, wir leben ja nicht mehr im Zeitalter der Barbarei und üben das Gaſtrecht auch gegen den Feind. Damit iſt nicht geſagt, daß ich ohne jede Furcht bin. Ein junges Mädchen, allein in der fremden großen Stadt, allein, denn der Graf Sandor iſt ein alter, ſeine Ruhe liebender Mann, der in Fähr⸗ lichkeiten Antoinetten doch nur eine ſehr ſchwache Stütze bieten würde. Die Verwandten des Marquis, den Grafen Mortigny, ſeine Gattin und ſeine Tochter, kenne ich zu wenig, um jeder Sorge überhoben zu ſein. Jedoch, Alles trifft ſich eben nicht in vollkom⸗ mener Harmonie zuſammen. Entweder die Gelegenheit ergreifen oder auf manches Jahr, in eine ungewiſſe Zukunft hinaus, dem Wunſche entſagen. Halt da, haben wir beide nicht einmal von einer Reiſe nach Paris geſprochen?“ Im raſchen Wechſel erglühte und erblaßte Egbert. Hatte er durch einen wunderbaren Zufall ſein Schickſal in der Hand? „Ja, Herr Graf“, antwortete er zögernd; er hatte ☛ X 200 die Empfindung, auf einem ſteilen Pfade gleitenden Fußes bergabwärts zu eilen.„Es war ein herrlicher Traum.“ „Warum ein Traum? Daß ich mich jetzt erſt daran erinnere! Hat Sie Seine Excellenz der Graf Sta⸗ dion nicht wieder zu ſich beſcheiden laſſen? Noch nicht? Nun, dann ſeien Sie für einen der nächſten Tage auf dieſe Einladung gefaßt. Sie haben den günſtigſten Ein⸗ druck auf ihn hervorgebracht. Er iſt ein vollkommener Ariſtokrat, und Sie ſind ein vollkommener Bürger, ſchlicht, aufrichtig, pflichttreu und, was dem Miniſter beſonders gefallen haben wird, ohne jeden politiſchen Ehrgeiz.“ „Ich meine, gerade dieſer Mangel hätte ihn von mir zurückſchrecken müſſen. Der Staat braucht Arme und Köpfe, aber um Diener zu ſein, bin ich zu eigen⸗ willig und weder fähig noch ruhmſüchtig genug, als Werkmeiſter auch nur das kleinſte Rad der Staats⸗ maſchine zu drehen.“ „Sie faſſen den Staat zu eng, daher Ihr Irr⸗ thum. Zu Zeiten ſind die Träumer und Schwärmer— Ideologen pflegt der Kaiſer Napoleon zu ſagen, und Herr Spring hat mich belehrt, daß man ſie im Reich trans⸗ ſcendentale Philoſ ophen nennt— zu Zeiten ſind gerade dieſe uneigennützigen Ritter der Wahrheit und Freiheit 201 die mächtigen Arme und Hebel, welche den ſtarren un⸗ gefügigen Block in Bewegung ſetzen. In ſolchem Sinne gedenkt der Miniſter Ihre Kraft, Ihren Geiſt zu ver⸗ wenden, zum Nutzen des Allgemeinen, ohne Ihre ſchöne Freiheit und Selbſtherrlichkeit anzutaſten.“ „Was hat er mit mir vor?“ „Nichts Böſes“, lachte Wolfsegg.„Er mag mir verzeihen, wenn ich ihn verrathe! Sie machen ein ſo komiſches Geſicht, als ob Sie nach dem verrufenen Munkacs geſchickt werden ſollten und nicht—“ „Und nicht?“ wiederholte Egbert. „Nun ja, nach Paris. Sie ſollen dem Miniſter einen Kurier an den Grafen Clemens Metternich er⸗ ſparen. Sie reiſen gemächlich, wie Sie wollen, Ihr eigener Herr, nicht im Dienſt. Der Brief, den Sie dem Geſandten zu überreichen haben, hat keine Eile; der Miniſter wünſcht nur, Metternich vor dem Ritter Zambelli zu warnen, durch einen Mann warnen zu laſſen, der mit der höchſten Unbeſcholtenheit eine tiefe Menſchenkenntniß verbindet.“ „Ich und Menſchenkenntniß, Herr Graf!“ „Als ob Sie in unſerem Falle den Ritter und Mon⸗ ſieur Lepie nicht durchſchaut, tiefer durchſchaut hätten, als die beiden Herren es wünſchen mögen.“ „Aber—“ 202 Wolfsegg drängte ihu auf ſeinen Stuhl zurück. „Mir haben Sie nicht zu antworten, lieber Egbert, mir nicht! Sie ſind nun vorbereitet und werden die Excellenz beim halben Wort verſtehen. Glauben Sie nach reiflicher Ueberlegung aller Verhältniſſe das ehren⸗ volle Anerbieten ablehnen zu müſſen, ſo können Sie jetzt dem Miniſter zuvorkommen und ihn ablhalten, ſeine Bitte auszuſprechen. Es iſt immer peinlich, großen Herren nein zu ſagen. So hat meine Schwatzhaftig⸗ keit nach beiden Seiten hin ihr Gutes. Sie werden aus einer ſchiefen Stellung befreit, und der Miniſter bleibt vor einer kleinen Demüthigung bewahrt.“ „Jeden Tag aufs neue, Herr Graf, erweiſen Sie mir Ihre Freundſchaft, genieße ich den unſchätzbaren Vortheil Ihrer Leitung. Daß mir doch immer ein ſolcher Lebensführer zur Seite, über mir bliebe! Aber wehe dem armen Telemach, wenn er ſeinen Mentor verliert und ſich ſelbſt überlaſſen—“ „Nach Paris gehen muß! Als ob Sie nicht auf eigenen Füßen ſtehen könnten! Ja noch mehr, wie wollen Sie die Kunſt und Uebung erlernen, nicht zu fallen, wenn Sie niemals ſtrauchelten? Daß dieſe Reiſe in jeder Beziehung für Sie vortheilhaft ſein würde, geſtehen Sie mir ohne Einwand zu. Welch angenehme Ueberraſchung ich Antoinetten bereitete, wenn 203 ich ihr ſagen könnte: Du wirſt in der ungeheuren Stadt nicht einſam, nicht ſchutzlos ſein, Du wirſt dort einen guten treuen Freund, Egbert Heimwald, treffen, auch das bedarf keiner Auseinanderſetzung.“ „Ich beſorge nur, Herr Graf, Sie überſchätzen mein Können, nicht mein Wollen.“ „Die Probe wird's lehren. Wir gleichen Fackeln: weiß die Fackel, wie weit ſie leuchtet? In uns allen ſchlummern geheimnißvolle Kräfte, aber der Funke ſprüht erſt aus dem Stein, wenn der Stahl auf ihn ſchlägt. Für einen ſolchen Stein halt' ich Sie.“ „Und könnt' ich der Gräfin Antoinette, könnt' ich Ihnen in der That dort nützlich ſein?“ Der Graf erkannte, daß er einen großen Schritt vorwärts gethan. „Mehr, als Sie glauben“, ſagte er eifrig.„Ich ſchenke Ihnen reinen Wein ein. Solange Jean Bourdon lebte, hielt ſich mein Schwager für den einzig rechtmäßigen Beſitzer ſeiner Familiengüter in Lothringen und den Kauf derſelben, den Bourdon während der Schreckenszeit, zum Theil mit dem Gelde meines ſeligen Vaters, gemacht, für einen Scheinkauf. Wir wiſſen nicht, ob Bourdon ein Teſtament hinterlaſſen, wiſſen nicht, wie ſein Sohn und Erbe ſich in dieſer ganzen An⸗ gelegenheit uns gegenüberſtellen wird. Ob Antoinette die geeignetſte Vermittlerin ſein wird? Sie hat ade⸗ lig Blut in den Adern und iſt ein Weib, das ſich von der Laune und dem Augenblick hinreißen läßt. Ein Unterhändler wie Sie würde nicht nur mir, ſondern auch Benjamin Bourdon größeres Vertrauen ein⸗ flößen.“ „Aber der Herr kennt mich nicht und hat nie von mir gehört.“ „Als ob es nicht genügte, daß er Sie ſieht! Sie, der Sie ihm die letzten Grüße ſeines ſterbenden Vaters bringen! Sie, dem er verpflichtet iſt, wie nur je ein Menſch einem andern verpflichtet ſein kann! Selbſt wenn Ihre beiderſeitigen Charaktere und Geſinnungen nicht übereinſtimmen ſollten, ſo hat doch das Schickſal Sie einander in einer Weiſe genähert, die nicht ohne Einfluß auf Ihren Verkehr bleiben wird. Die Stelle, die an der Seite des Vaters dem Sohne zukam, haben Sie eingenommen, wie vermöchte Benjamin Bourdon ddas je zu vergeſſen! Und wiederum haben Sie ſchon ſeit jenem Octobertage die lebhafteſte Theilnahme für den Sohn des unglücklichen Ermordeten.“ „Ich würde lügen, ſagte ich nein! Zu deutlich ſteht das Bild des beklagenswerthen Mannes vor meiner Seele, der durch die unerwartete Nachricht von dem Tode, der Ermordung ſeines Vaters in der Fremde, 3 8 205 auf öder Haide, vielleicht mitten in einem Feſtgelage wie von einem Blitzſtrahl niedergeſchmettert wird, als daß ich ſeinen Schmerz nicht wie meinen eigenen empfinden ſollte! Unwillkürlich verſetze ich mich in ſeine Lage, ich ſchmachte nach jedem Wort, das mir Aufklärung, das mir etwas von dem letzten Hauch des Vaters bringen könnte! In dieſer Stimmung begreifen Sie wohl, Herr Graf, daß ich Benjamin Bourdon mit offenen Armen und offenem Herzen begrüßen würde. Wie ehrenvoll iſt überdies Ihr Antrag für mich! Von dem des Miniſters ſchweige ich ganz. Seit wann bin ich denn ein ſo merkwürdiger Menſch geworden? Welche Beweiſe von meinen Fähigkeiten habe ich gegeben? Aber Sie wollen das nicht hören, ich beſcheide mich. Gewiß, viele Gründe und die eigene Luſt treiben mich zu dieſer Reiſe, allein gibt es keine Pflichten, die mich hier feſthalten, gebieteriſch feſthalten?“ „Ihre eigenen Angelegenheiten, Ihr Bau in Hietzing?“ „Nicht doch, Herr Graf, das würde Hugo, das könnte zur Noth jeder Verwalter zu Ende führen. Aber Frau Armhart und Magdalene. Wie darf ich ſie jetzt in ihrer Trauer und Einſamkeit verlaſſen? Mannich⸗ faltige Prüfungen werden an ſie herantreten, nicht nur äußerliche, die mit einer Handvoll Geld abzuwenden ſind. Mit verdoppelter Gewalt wird ſich die üble Nachrede gegen den Gatten und Vater, die auf eine kurze Friſt verſtummt war, wieder erheben. Ihre Güte und Freundſchaft, Herr Graf, für die armen Frauenzimmer iſt doch nur wie ſeltener warmer Sonnenſchein im März. Die täglichen kleinen Kümmerniſſe vermag ſie nicht zu beſeitigen, dazu muß man mit den Betroffenen zuſammenleben, das Leid ſchon vorfühlen, ehe es naht. Wenn einem, ſo liegt mir dieſe Aufgabe vor. Was ſind Auszeichnungen, Genüſſe gegen eine ſolche Pflicht?“ Mit ſtiller Befriedigung hatte ihm Wolfsegg zu⸗ gehört. „Nur ſollen Sie mir dieſe Pflicht nicht übertreiben, mein junger ſtoiſcher Freund. Eine Gelegenheit wie dieſe, nach Paris zu gehen, durch den Einfluß unſeres Geſandten dem Kaiſer vorgeſtellt zu werden, bietet ſich Ihnen niemals wieder.“ „Ich würde es vorziehen, den großen Mann wie bisher aus beſcheidener Ferne zu bewundern.“ „So ſprechen Sie heute und werden nachher ſich ſelbſt anklagen, dieſe einzige Gelegenheit muthwillig verſcherzt zu haben. Pflicht und Neigung auszugleichen, darin beruht die wahre Lebensklugheit. Laſſen Sie den ältern Mann für Sie denken. Ich nehme den 207 wärmſten Antheil an Magd— an den Armhart'ſchen Frauenzimmern. Die Leni iſt mein Pathkind. Seien Sie verſichert, ich werde nicht zugeben, daß ſie gekränkt, daß ihnen auch nur ein Haar gekrümmt werde. Uebri⸗ gens bleibt ja Herr Spring im Hauſe, der ſich gewandt im Leben und in der Welt bewegt. Oder erſcheint er Ihnen zu gefährlich?“ Die letzte Aeußerung hatte er mit eigenthümlichem, wie aushorchendem Ton und Lachen gethan. „Gefährlich?“ fragte Egbert arglos. „Nun, man pflegt nicht gern dem Freunde die Freundin anzuvertrauen. Ja, Sie müſſen mir ſchon eine kleine Freiheit geſtatten. Es iſt ſonſt nicht meine Art, den Gewiſſensrath zu ſpielen. Aber in dieſem Falle, Ihnen und der Leni gegenüber! Daß Sie dem Mädchen nicht gram ſind—“ „Nicht gram! Welch ein Wort! Eine Schweſter könnte mir nicht theurer ſein.“ „Und was empfänden Sie, wenn Sie dieſe Schweſter verlieren, an einen Andern verlieren würden? Daran haben Sie nie gedacht. Allein es iſt doch wahrſcheinlich, daß Magdalene einmal heirathen wird— Sie oder einen Andern. Hui, da hab' ich wohl ins Feuer ge⸗ ſchlagen! Sie werden roth wie ein verſchüchtertes Kind!“ Egbert ſtockte der Athem. „Ich liebe Magdalene ja nicht, wie Du meinſt“, wollte er ſagen,„ich werde niemals ein Weib lieben tönnen wie— Thor, darfſt du Antoinettens Namen vor ihm nennen! Willt du den gütigen Mann durch ſolche Tollheit verletzen?“ So ſchwieg er und der Graf fuhr fort: „Ich ſtöre Amor's Geheimniſſe nicht. Zuweilen leidet das zarte Blümchen Liebe durch die Trennung, aber zuweilen bricht die Knospe auch dadurch erſt zur vollen Blüte auf. Die Erinnerung malt das Bild des geliebten Gegenſtandes auf Goldgrund; ſchätzen lernen wir erſt einen Beſitz, wenn wir ſeiner lange nicht habhaft und bewußt geworden ſind. Und Herr Spring— „Ich bitte Sie, Herr Graf, Hugo iſt mein Freund.“ „Abgemacht!“ ſchnitt Wolfsegg jede weitere Er⸗ klärung, die, wie er merkte, Egbert ſchwer fiel, raſch und beſtimmt ab.„Auch ſieht die Leni nicht aus wie ein Mädchen, das einen Liebhaber leicht erhört. Nur wird ſich der Herr mit ſeinem Wunſch, die Breter zu betreten, noch gedulden müſſen bis nach Ihrer Rück⸗ kehr aus Paris, dann mag er über meinen ganzen Ein⸗ fluß verfügen. Ein Schauſpieler paßt nicht zum Haus⸗ „ 209 genoſſen für zwei einzelne Frauenzimmer. Das gibt einen böſen Leumund. Auch hat mir der Lobkowitz geſagt, es gäb' jetzt keine Vacanz am Burgtheater.“ „Hugo wird nicht allzu betrübt darüber ſein. Wenn er in Haus und Garten meine Rolle übernehmen ſoll, findet er jeden Tag neue Arbeit.“ „Vortrefflich! Und in Bezug auf den Secre⸗ tarius—“ „Er weiß Alles, er hat Armhart gerettet.“ „So, ſo! Auch ein Politicus alſo, dieſer Herr Spring! Es weht doch eine andere Luft in Deutſchland als in meiner Jugend, eine ſchärfere, kräftigere! Da mals lebte Jeder für ſich hin, eingebaut im engen Raum, von Nebeln und Dünſten umgeben. Nur an das Nächſte und Geringſte dachte er. Jetzt fühlt der Herrſcher wie der Unterthan, daß es ein Vaterland gibt. Ueber ſeine Kunſt hinaus gewahrt der Künſtler das Gemeinweſen, das ihm den Boden für ſeine Leiſtungen ſchafft. Freut mich; da werd' ich ja meine Gedanken mit Ihrem Freunde manchmal austauſchen können und die Lücke weniger empfinden, die Ihre Abweſenheit in dem Verlauf meiner Tage verurſacht.“ „Ihre Unterhaltung wird ihm eine Ehre und zu⸗ gleich die genußreichſte Belehrung ſein.“ „Und ſo wären wir denn am Ende und ich könnte Frenzel, Lucifer. II. 14 Sie mit meinem Segen entlaſſen“, ſagte der Graf, indem er aufſtand, und ſuchte die Rührung, die ihn zu beſchleichen drohte, in dem ſcherzhaften Ton zu er⸗ ſticken.„Sie werden dem Ritter Zambelli begegnen, ganz ohne Zweifel, in St.⸗Cloud, in Paris—“ „Mir wär' es lieber, ich hätte ihn nie geſehen.“ „Ja, das iſt nun Ihr Schickſal! Er wird nicht von Ihnen laſſen, denn er fürchtet Sie, und nicht von Antoinetten, denn er möchte die reiche, die einzige Erbtochter der Gondreville und Wolfsegg heim⸗ führen.“ „Einzig? Und der Bruder der Gräfin?“ „Mein Neffe Franz iſt Soldat“, erwiderte der Graf mit gepreßter Stimme.„Des Soldaten Loos iſt die Kugel. Wie ſagt unſer großer Dichter? Da ſteh' ich, ein entlaubter Stamm! So wird's mir ergehen. Sie, mein lieber, mein theurer Egbert—“ Ein anderer Gedanke erhob ſich in ihm. „Und Sie glauben, daß Armhart dem Ritter nur ein Staatsgeheimniß verrathen hat?“ „Welch anderes Geheimniß hätte der Ritter er⸗ kaufen, nach welch anderem Verlangen tragen ſollen?“ „Vittorio hat Magdalene geſehen. Wer weiß! Aber damit werf' ich nur eine Grille, eine grundloſe Beängſtigung in Ihr Gemüth. Wenn der Zufall Sie — 211 in Paris mit einer Dame, mit der Sängerin Dechamps in Berührung bringen ſollte— und Sie haben Glück in ſolchen Abenteuern, Sie ſind ein Sonntagskind— vermeiden Sie's nicht. Ich erführe gern Näheres und Ungetrübtes über dieſe Dame. Auch für Sie möchte es einſt wünſchenswerth ſein, ſie kennen gelernt zu haben. Doch das heißt ſchwatzen! Gerade als ob wir di eſe Stunde die letzte für uns nennen müßten! Nicht wahr, darüber ſind wir einig, Sie geben morgen der Excellenz keinen Korb? Nach der Audienz ſehe ich Sie bei mir. Meinen Gruß an die Leni, die ich heute nur im Fluge geſprochen.“ Auf der Schwelle der Thür, zu der ihn Egbert be⸗ begleitet hatte, blieb er noch einmal ſtehen. „Wiederſehen werde ich Sie, mein Freund“, ſagte er.„Darin trügt mich mein Herz nicht. Aber wie werden Sie aus der Stadt Lucifer's zurückkommen? Reinen Sinnes, ein echter Sohn Deutſchlands, oder werden Sie dem berückenden Zauber erliegen und Ihre freie Seele vor dem gewaltigen Imperator beugen?“ „Ich ſehe zwei Sterne über mir“, entgegnete Egbert ergriffen,„das Vaterland und die Pflicht. Mein Herz wird ſich niemals von ihnen wenden.“ „So ſei es!“ Wolfsegg umarmte ihn. 14* 212 „Der Imperator kann uns zermalmen, aber nicht den kategoriſchen Imperativ.“ Egbert befand ſich, nachdem ihn der Graf ver⸗ laſſen, in einem wunderbaren Zuſtand, zugleich der Betäubung und der Verzückung. Nach Paris reiſen! Mit einem Auftrage des Miniſters! In Antoinettens unmittelbarer Nähe verweilen! In ernſten Angelegen⸗ heiten mit ihr verbunden ſein! Welch eine Fülle des Glückes für ihn, die ſich gar nicht ausſchöpfen, gar nicht ausdenken ließ! Dann tauchten wieder Bedenken auf; er ſah ſich in ein Irrſal von Beziehungen und Geheimniſſen verſtrickt, das keinen Ausgang hatte. Zu welchem Dienſt hatte er ſich verpflichtet? Er wußte nichts von diplomatiſchen Bräuchen, von politiſchen Verhandlungen. Der Miniſter, der Graf ſchienen ſich die größten Erfolge von ſeiner Sendung zu verſprechen. Ihm war es viel wahrſcheinlicher, daß in ſeinen Hän⸗ den alle Geſchäfte mißlingen würden. Auf dieſe Frage blieb er aus Unkenntniß, auf jene aus Verlegenheit die Antwort ſchuldig. Hier ließ ihn ſeine Befangen⸗ heit im Stich, dort riß ihn ſein Eifer zu weit fort. Ein Gegengewicht gegen ſolche niederdrückende Betrach⸗ tungen bildete der Ehrgeiz, den doch, wie fern auch ſonſt ehrgeizige Wünſche ſeiner Seele geweſen, das Lob des Grafen, die ihm zugedachte Auszeichnung unwill⸗ 213 kürlich erweckt hatten. Wie lange hatte er nach einer großen That geſchmachtet! Hier war ſie, und er ſollte 8 nicht zugreifen? Aus Feigheit, aus Rückſicht auf ſein Wohlbehagen? Nein, ſeine ganze Kraft und Fähigkeit mußte er aufbieten, um das Vertrauen zu rechtfertigen, das ſo edle Männer in ihn geſetzt, um den Auftrag, der ihm ertheilt worden, tapfer auszuführen. Es war gut, daß Hugo einen Ausgang gemacht; wie würde der über den Grillenfänger geſpottet haben! ⸗ Egbert fing ſelbſt an, ſich ſeiner Bedenklichkeiten zu ſchämen. Antoinette ſehen, mit ihr reden, ihr helfen— und er hatte zögern können! Dennoch fühlte er das Bedürfniß, ehe er ſich ohne Rückhalt entſchied, den Rath der Jugendfreundin ein⸗ zuholen. Wohl würde ihr ſein Bekenntniß einen tiefen Schmerz bereiten, aber er traute ihr die Selbſtüber⸗ windung zu, nicht nach ihrem Verluſt, ſondern nach ſeinem Vortheil ihr Urtheil abzugeben. Ohne daß er es ſich bewußt wurde, rechnete ſein Egoismus auf ihre Entſagung. Oft hatte er ſchon Magdalenens klaren und ruhigen Sinn in verwickelten Weltgeſchäften erprobt. Wie wenig ſie ſich auch bis⸗ her im Getümmel des Lebens bewegt, aus der Grad⸗ heit ihres Herzens und der Klugheit ihres Verſtandes heraus traf ſie das Richtige. Beſſer als er, den Nei⸗ 214 gung fortzog und Hoffnung verblendete, würde ſie in dieſem Falle Gefahren und Gewinn abwägen. „Guter Freund“, hätte ihm vielleicht Hugo zuge⸗ rufen, als er jetzt die Stiege zu der Wohnung der Armharts hinaufſtieg,„wie betrügſt Du Dich ſelbſt! Du biſt zu feig, ihr den Entſchluß Deines Willens anzu⸗ kündigen und ſuchſt ihren Lippen das verhängnißvolle Wort: Reiſe! zu entlocken, gleichſam als Schild gegen ihren Schmerz und ihre Thränen.“ Wenn uns die Grauſamkeit einer großen Lebens⸗ entſcheidung erſchreckt, bürden wir ſie am liebſten denen auf, die am ſchwerſten darunter zu leiden haben, un⸗ bekümmert, daß wir dadurch die Herbigkeit ihres Wehs noch vermehren. Er traf Magdalene ahnungslos. Bei ſeinem Eintritt entfernte ſich die Mutter unter dem Vorwande eines häuslichen Geſchäfts. Vielleicht ſchützte ſie es nur vor, um die jungen Leute allein zu laſſen. „Hat der Graf Sie auch mit einer Glücksbotſchaft heimgeſucht?“ begann Magdalene.„Die Mutter iſt in einer ſo freudigen Aufregung. Es iſt ja wahr, der Graf hat etwas Fürſtliches und Herzgewinnendes in ſeinem Weſen, nicht leicht wird Jemand ungetröſtet von ihm gehen. Heute aber muß er über einen be⸗ — ꝑ 215 ſondern Zauber verfügt haben, ſo munter iſt die Mut⸗ ter, als könnte eine ſchwarze Wolke gar nicht mehr am Himmel heraußziehen.“ In das Lob Wolfsegg's ſtimmte Egbert mit vollem Herzen überein; auch das gab er zu, daß ihm der Graf eine wichtige Kunde, einen ehrenvollen Auftrag überbracht habe. „Und doch blicken Sie finſter und nachdenklich“, warf ſie ein. „Weil ich unentſchieden zwiſchen Annahme oder Ablehnung hin und her ſchwanke. Ja, liebe Demoi⸗ ſelle“— ſie ſchaute bei der förmlichen Anrede befrem⸗ det auf, er fand gerade in der Förmlichkeit einen damm gegen die Hochflut ſeines Herzens—„ich bin zu Ihnen gekommen, mir Raths zu erholen. So manchen ſauern Tag haben wir nun ſchon zuſammen durchlebt, ſo man⸗ chen Berg zuſammen Hand in Hand überſtiegen—“ „Stehen wir jetzt wieder vor einem ſolchen Berge?“ fragte ſie, eine heitere Miene erzwingend, obgleich das Ungewohnte in ſeiner Weiſe und Rede ſie auf ernſte Dinge vorbereitete. „Vor einem Berge, der ſteil und ſchwer zugänglich iſt, aber von ſeiner Höhe herab eine Ausſicht in ein ſonnen⸗ beglänztes Land verſpricht“, antwortete er und ſchilderte ihr den Vorſchlag, den ihm der Graf gemacht, die 216 Hoffnungen wie die Bedenklichkeiten, die ſich für ihn an eine Reiſe nach Paris knüpften. Er wunderte ſich im Stillen über ſeine eigene Be⸗ redtſamkeit, ſo glatt und leicht floß ihm das Wort von der Zunge. War es, weil ſich die Stimmung und der Wunſch ſeines Herzens darin verriethen, oder übte das Wohlwollen, die herzliche Freude, mit der Magda⸗ lene ihn anhörte und die ſich in ihrem Geſicht deutlich widerſpiegelte, ihre unwiderſtehliche Wirkung auf ihn?. Wie hätte Magdalene auch in dem erſten Augen⸗ blick der Ueberraſchung ein anderes Gefühl bezeigen können, als das der lebhafteſten, uneigennützigſten Theil⸗ nahme! Von den bedeutendſten Männern ſah ſie das Verdienſt des Jünglings, den ſie liebte, anerkannt. Mit der raſchen Hoffnungsſeligkeit eines liebenden Her⸗ zens überflog ſie die ruhmvolle Laufbahn, die ſich vor ihm aufgethan, und begrüßte ihn am Ende als Helden und Sieger. Ueber und über glühte ſie, als gälte es jetzt ſchon, ihn mit dem Lorbeer zu krönen. Aus ganz anderem Stoffe hätte ſie gemacht ſein müſſen, um ihrem eigenen Looſe auch nur einen flüchtigen Gedanken zu widmen. Nicht einmal die Erinnerung an Antoinette beunruhigte ſie. Das Bild der ſchönen Gräfin hatte für ſie mehr die Bedeutung einer ſchirmenden Gottheit, ———, 217 die um Egbert waltete, als daß es ihr eiferſüchtige Sorge gegen eine Nebenbuhlerin eingeflößt. „Reiſen Sie, Egbert“, ſagte ſie mit glänzenden Augen,„zeichnen Sie ſich aus! Laſſen Sie Ihre großen Gaben nicht länger ungenutzt und verborgen bleiben. Ich weiß nicht, zu welchem Dienſt Sie der Graf Sta⸗ dion beruft, aber es muß ein hochwichtiger ſein, da er Sie wählt, da er den Grafen Wolfsegg zu ſeinem Bevollmächtigten macht.“ „Ein Botendienſt, liebe Magdalene, nichts mehr!“ „Erniedrigen Sie doch nicht ſelbſt den Auftrag, den Ihnen nicht der Miniſter, den Ihnen das Vater⸗ land gibt. Sie werden etwas wie ein Ritter und ein Held werden, von denen Sie mir ſo oft erzählt. Ja, Sie müſſen fort, aus all den kleinlichen Verhältniſſen heraus, die Sie hier einengen.“ „Und auch von Ihnen ſcheiden, Magdalene! Ach, daß wir jedes Glück mit einem Opfer erkaufen!“ „Iſt denn von mir die Rede?“ wehrte ſie ab und blickte zur Erde.„Könnte das Geplauder eines thö⸗ richten Mädchens auch nur einen der mächtigen Ein⸗ drücke aufwiegen, die Ihrer in jener gewaltigen Stadt harren? Wie freue ich mich ſchon auf Ihre Briefe! Denn Sie werden zuweilen an mich denken und ſtill bei ſich ſagen: Wenn die Leni die bunte Herrlichkeit 218 mit anſchauen möchte! Ich ſitze indeſſen hier am Fen⸗ ſter und ſchicke Wolken und Sterne mit meinen Grüßen Ihnen zu. Da wird ſich die große, die weite Welt vor Ihnen aufrollen, die Straßen und Plätze, auf denen ſo Erhabenes und Furchtbares geſchehen. O, ich entſinne mich noch recht gut, wie Sie zuſammenfuhren und aufſprangen, als mein armer Vater uns den Sturm der Baſtille und den Ueberfall des Verſailler Schloſſes beſchrieb. Was mir damals durch die Seele ging, ich habe es Ihnen noch nicht geſagt. Es klingt zu täppiſch. Aber mir war's in meinem kindiſchen Herzen, als würden Sie doppelt ſo groß und ſtark werden, wenn Sie jene Orte beträten. Mir erſcheint die franzöſiſche Revolution wie ein ungeheures Schreckbild; nur der wird zum Manne, der ihr ins Angeſicht geſchaut.“ „Und wenn der Anblick verſteint?“ „Mich machen Sie nicht ängſtlich, Egbert. Ich werde niemals an Ihrem Heldenmuth und, bekenn' ich es nur, an Ihrer Freundſchaft für mich zweifeln.“ „Ja, liebe Magdalene, Sie haben keinen treuern Freund als mich.“ Ein ſeelenvoller Blick aus ihren blauen Augen lohnte ſeine Betheuerung. „Warum malen Sie ſich alſo Gefahren aus, wo nur eine Bereicherung Ihres Wiſſens, Ihres ganzen 4 8 219 Lebens Sie erwartet? Sie nützen dem Vaterlande, Ihren Freunden, ſich ſelbſt.“ Sie hatte leichte Mühe, einen zu bereden, der weder in ſeinem Verſtand noch in ſeinem Gemüth ei⸗ nen Grund zum Widerſpruch fand. Aber er ließ ſie ſprechen; mit Entzücken ſchlürfte er die Worte, die ſeinen Ehrgeiz anſpornten. Es war eine ſo ſüße Ge⸗ nugthuung für ihn, auf den Weg, den er einſchlagen wollte, von der Freundin ſelbſt vorwärts getrieben zu werden. Hatten doch weiblicher Rath, weibliche Zuſtim⸗ mung auf ſeine Seele immer ihre Macht geübt. Jetzt räumte ihm Magdalenens Begeiſterung die Hinderniſſe fort, die ſeine grübleriſchen Gedanken vor ihm aufge⸗ thürmt. Für ſie aber gab es in der ganzen Ange⸗ legenheit einen einzigen leuchtenden Punkt: den Ruhm und die Ehre des Freundes. Wohl fuhr es ihr ein— mal durch den Sinn, daß ſie, ſeiner Nähe beraubt, wie im beſtändigen Schatten leben würde, einer Blume gleich, der das Sonnenlicht fehlt, allein ſie wies jede Klage zurück. Von ſeinem Glück, ſeiner Ehre fiel ein Abglanz auf ſie. Lag doch auch ein ſchwermüthiger Reiz darin, in der Winternacht zum Sternenhimmel, zum Monde emporzuſchauen und von ihm zu träumen, der in der fernen Stadt, unter fremden Menſchen ein⸗ ſam, durch die widerhallenden Gaſſen wandelnd, zu „ 220 denſelben Geſtirnen hinaufblickt und an das ſtille Haus bei den Saleſianerinnen denkt! Holde Liebe, immer aufs neue erſinnſt du Som⸗ mernachtsträume und Wintermärchen! Du umſpinnſt die irdiſche Bedürftigkeit mit goldenem Schimmer und täuſcheſt uns freundlich über die Größe der Opfer, die wir dir bringen. Selbſt wenn du uns eine Dornen⸗ krone auf das Haupt ſetzeſt, zauberſt du Roſenglanz darum. Der Eintritt Chriſtel's, die Magdalene um ein häusliches Geſchäft befragte, lenkte das Geſpräch wie⸗ der zu dem unmittelbar Nächſten herab. Wer ſich auf eine ſo weite, in ihren Vorfällen und Ereigniſſen ungewiſſe Reiſe begibt, thut wohl, ſein Haus zu beſtellen. Manche Anordnungen waren zu treffen, daß in Egbert's Abweſenheit, deren Dauer ſich zunächſt noch nicht beſtimmen ließ, Alles ſeinen ge⸗ wohnten Gang ohne Störung und Irrung ginge. Hier erſchien Magdalene mit ihrer Umſicht und heitern Sicherheit als freundliche, helfende Fee. Leicht ent⸗ wirrte ſie den Knäuel verwickelter Verhältniſſe und löſte die ſchlimmſten Knoten. Dabei fehlte es nicht an ſcherzhaften Bemerkungen und Einwendungen. Beide ſuchten einander über den Ernſt der getroffenen Entſcheidung durch Lächeln hin⸗ wegzutäuſchen. ——— — 221 Ueber die„Stellung“ des„Herrn von Spring“ im Hauſe konnte Magdalene die tollſten und launigſten Vorſchläge erſinnen. Bald ſollte er von Egbert eine förmliche Vollmacht als Vicekönig erhalten, bald von allen Geſchäften ausgeſchloſſen und als Gaſt und Müßiggänger betrachtet und behandelt werden. „Letzteres“, behauptete Magdalene,„iſt ſein eigent⸗ licher Beruf, Müßiggang iſt nach ihm nicht aller La⸗ ſter, ſondern aller Kunſt und Dichtung Anfang. Da⸗ rum bleibt er auch immer Anfänger.“ Eine Weile dauerte das fröhliche Geplauder. So haſchen Kinder nach Schmetterlingen, während drohend das Gewitter heraufzieht. „Eins iſt nicht bedacht“, rief Egbert unbeſonnen. „Wenn Hugo ſich in die Demoiſelle verliebt—“ „Wie Golo in Genoveva“, lachte ſie.„Aber ich ließe mich nicht in den Thurm ſperren. Und dann iſt auch kein Pfalzgraf da, der mich bei ſeiner Rückkehr ungerecht und unbarmherzig zum Tode verurtheilte. Ihr thätet es nicht, Egbert, Ihr ſeid viel zu gut.“ „Den armen Pfalzgrafen verblendete die Eiferſucht und der verrätheriſche Freund ſchürte ſeinen Ingrimm.“ „Die Eiferſucht!“ Sie wollte einen fragenden Blick mit ihm aus⸗ tauſchen, aber die Scham ließ ſie die Wimpern noch 222 ſchneller über die Augen ſenken, als die Liebe ſie er⸗ hoben hatte. „Iſt es den Männern denn ſo ſchwer“, ſagte ſie darauf— ſie fürchtete ſich vor ihrem eigenen Schwei⸗ gen—„an die Treue der Frauen zu glauben? Und doch iſt ſie unſer ſchönſter Schmuck und unſere beſte Waffe im Kampf des Lebens.“ „Ja, für die edelſten! Wie wenige jedoch ver⸗ mögen die Leidenſchaft zu überwinden und dem Leicht⸗ ſinn zu widerſtehen.“ „Wollten uns die Männer doch nur mit gutem Beiſpiel vorangehen! Die arme Genoveva wird in den Wald zum Tode hinausgeſchickt, davon aber, ob der Herr Pfalzgraf im Lager und im Krieg ihr die Treue bewahrt hat, iſt keine Rede.“ Sie hatte gehofft, das Geſpräch in ſeiner heitern Stimmung zu erhalten; zu ſpät erkannte ſie, wie ver⸗ fänglich in ihrer Lage eine Anſpielung auf die alte romantiſche Geſchichte geweſen. Ging Egbert nicht in die Ferne, in die verfüh⸗ reriſche Stadt der Sirenen? Blieb ſie nicht mit dem Freunde allein zurück? Ach, ihres Herzens, ihrer Treue war ſie ſchon ſicher und fühlte ſich gegen jede Anfech⸗ tung gefeit. Aber würde er ihr ſeine Liebe unverletzt und unverkürzt zurückbringen? Seine Liebe? Ja, wußte ——— — — — ——— 223 ſie denn, empfand ſie es denn, daß er ſie liebte? Ver⸗ diente ſeine freundliche und doch kühle Weiſe, mit ihr zu verkehren, dieſen heiligen Namen? Wenn ſie ſeine Schweſter geweſen, hätte er ihre Hand anders ergrei⸗ fen, anders an ſein Herz preſſen können? Sie hatte es nicht beabſichtigt, nun ſtand ſie doch vor dem großen Fragezeichen ihres Lebens. War es weiſe, an der Sphinx vorüberzueilen oder ſie um ihr Räthſelwort zu befragen? „Wie hätte der Graf ſeine Gemahlin zum grau⸗ ſamen Tode verdammen können, wenn er nicht ſelbſt ein reines Bewußtſein gehabt?“ entgegnete darüber Egbert. „Sie treten für ihn ein— „Weil ich an ſeiner Statt Genoveva's nicht ver⸗ geſſen hätte.“ „O Egbert!“ „Magdalene, liebe Magdalene!“ Sie war aufgeſtanden; es war etwas in ihr, das aufſchreien wollte und doch von einem ſtärkern Gefühl zurückgehalten wurde. Aber ihr Herz konnte nicht ſtumm bleiben, es verlangte nach einer Offenbarung. Sie hatte ihr Klavier geöffnet, ein Weihnachtsge⸗ ſchenk des Grafen Wolfsegg, und begann die Taſten zu rühren. Erſt fuhren ihre Finger nur wie irrend 2 — 224 und träumeriſch darüber hin, allmälig geſtaltete ſich das Spiel voller, inniger, harmoniſcher. Es war eine jener lieblichen Sonaten Haydn's, die ſie und Egbert mehr liebten als die neumodiſche, tiefſinnige Muſik Beethoven's. Ein Glanz lag darauf wie Frühlings⸗ ſonnenſchein, ein Duft hauchte aus dieſen Tönen wie von Wald und Wieſe. Einfache und doch herzbeſtrickende Weiſen, wie aus dem Garten Eden herüberklingend, den noch kein Sündenfall entweiht. Egbert ſteht hinter Magdalenens Stuhl und ſchaut 3 ihr über die Schulter. Wie oft hat er ſo geſtanden und ihr das Notenblatt umgewendet! Heute bedarf ſie ſeiner Hülfe nicht, ſie ſpielt das Muſikſtück ohne Noten. Er ſieht nur dem anmuthigen Spiel ihrer zierlichen roſigen Finger auf den Taſten zu. Wohin ziehen die Töne, wohin ſeine Gedanken? Für Magdalene ſpricht ſich in dieſen Klängen das ſüße Geheimniß ihrer eige⸗ nen Bruſt aus; nicht laut und heftig in überwallen⸗ der Leidenſchaft, ſondern zart und duftig, wie der Wohlgeruch des Veilchens, das tief verborgen im Graſe blüht. Verſteht er dieſe Sprache, rührt ſie ihn? Mögen die Melodien ihn begleiten und zuweilen in der Ferne 4 mahnend und tröſtend ſein Ohr umſchmeicheln— eine unſichtbare Muſik guter Genien. Die Sonate iſt geendigt; ganz leiſe beben die 225 Taſten noch nach. Magdalenens Hände ſind in den Schooß geſunken. Starr und ſtill, in ihren Anblick verſunken, ſteht Egbert. Mit den Gebilden aus der Jugendzeit vermiſchen ſich die phantaſtiſchen Geſichte, welche die Hoffnung voreilig von der Zukunft entwirft. Sie fühlt, wie ihre Haare ſich unter ſeinem Athem ein wenig bewegen. Sie ſpringt vom Stuhle auf. „Ach, Egbert! Herzliebſter Egbert!“ Mit beiden Armen hat ſie ihn umfangen, ein heißer Kuß brennt auf ſeinen Lippen. Im nächſten Augenblick iſt ſie aus dem Gemach geeilt. Er hat nicht Zeit gehabt, Magdalene zu rufen, ſie feſtzuhalten. Es dunkelt bereits. Hier ſaß ſie, hier ruhte ihre Hand. Nun iſt ſie dahin und nichts iſt von der lieblichen Er⸗ ſcheinung geblieben als ein ſchwacher feiner Wohlge⸗ ruch, der ihren Haaren entſtrömte. So iſt das Glück; es nähert ſich dir, es berührt deine Stirn, du aber biſt ſo betroffen von ſeiner Gegenwart, ſo befangen und machtlos, es zu ergreifen, daß du die GCöttin erſt erkennſt, wenn ſie entſchwun⸗ den iſt. Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Frenzel, Lucifer. II. 15 Verlag von Ernſt Julius Günther in Niipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von E. Waldmüller-Zuboc. 3 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Känig Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Der große Baron. Eine Geſchichte Edmund Höfer. Zwei Bände. 160. Geheftet. 1 Thlr. 10 Ngr. — Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Geheimniſſe. Novellen von Karl Frenzel. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr. Ber neue Abälzn. Roman von Julius Groſſe. Bände. 8o. Elegant geheftet. Einzelpreis 1 Thlr. 22 ½ Ngr. Roman von Herman Schnid. Zweite Auflage. 5 Bände. 8⁰. Clegant geheftet. 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