* den angenomm f eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe wird. 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— f. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. + SEduard oOltmann in Gießen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en. 3 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgi: 3 8 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ¹5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, deichmichte⸗ ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſedt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 1 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfenden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ O 3 ö—õn — 8— — 9— Lucifer. 3 Ein Roman aus der Uapoleoniſchen Zeit von Karl Frenzel. Erſter Band .. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. 4 Erſtes Kapitel. Ein ſchöner milder Octobertag neigte ſich bei klarem, wolkenloſem Himmel zum Abend. Wie vom Widerſchein eines großen Feuers ſchimmerte im Sonnenuntergang der kahle, faſt von jedem Baumwuchs entblößte Marmor⸗ felſen des Traunſteins am jenſeitigen Ufer des See's Aus den hohen Fenſtern des Schloſſes, die zum Theil offen ſtanden, gab es ein prächtiges Schauſpiel auf die Landſchaft. In mäßig anſteigenden und ſich wieder ſenkenden Hügelwellen zog ſich von der Höhe, auf der das Schloß lag, mit Feldern und Wäldern, mit einzeln ſtehenden Häuſern und kleinen Ortſchaften das Land ſanft niederwärts nach Gmunden und Altmünſter hin, wo der See vielfache binſenumbüſchte Einſchnitte und Buchten bildet. Während drüben auf der Oſtſeite hohe und ſchroffe Frenzel, Lucifer. I. Auf der Mitte des Weges, zwiſchen dem Traun⸗ und dem Atterſee, zwiſchen Gmunden und Schörfling ge⸗ legen, richtete ſich die vordere Front des Schloſſes gen Morgen; ihm gleichſam zu Füßen dehnte ſich die Land⸗ ſchaft aus, ſchimmerte grüngoldig die gewaltige Waſſer⸗ maſſe wie in einer ungeheuren Steinſchale. Im Süden ſpringt bei Traunkirchen ein Fels— ein Kirchlein krönt inmitten einer Baumgruppe, ein feierliches und rührendes Wahrzeichen, ſeine Spitze— weit in den See vor und theilt ihn in zwei ungleiche Hälften: breiter, mannichfaltiger durch die wechſelnde Geſtaltung der Ufer, ſchön geſchwungener in ihren Linien, freund⸗ licher iſt die untere; die obere, nach Ebenſee zu, liegt finſter in einem engen, düſtern Felsthal, durch das nur ſchmale Pfade ſich mühſam winden und dem das Höllen⸗ gebirge im Süden mit ſeinen ſteil und ſchauerlich aufragen⸗ den Gipfeln den ſtimmungsvollſten Hintergrund gibt Von den Damen, die an den Fenſtern des Saales in bunten Feſtkleidern ſtanden, betrachtete indeſſen nur die Eine das Landſchaftsbild, das ſich doppelt groß⸗ artig und ergreifend im Frieden des Abends, in den Farben des Herbſtes, vor ihren Augen entrollte. Sie Felſen bis hart an das Waſſer treten, gleicht das Weſt⸗ ufer des See's von dem Städtchen Gmunden bis nach Traunkirchen einem in Terraſſen abfallenden Parke. — war auf den kleinen Balkon hinausgeſchritten, der, vor dem mittelſten Glasthürfenſter angebracht, ihr noch eine freiere Umſicht gewährte. Dabei winkte ſie wie die übrige Geſellſchaft mit ihrem Taſchentuche, ohne daß ihre Seele das Geringſte von dieſer Bewegung zu wiſſen ſchien. Die Anderen lachten, jubelten, Namen wurden gerufen, Scherze ausgetheilt. Dies Grüßen galt den im Schloßhofe verſammelten Herren. Da ſtampften die Pferde, da klang noch zu⸗ weilen lockend ein Jagdhorn, bellend und heulend ſprangen die Hunde um den Wagen mit dem erbeuteten Wild. Die Taſchen wurden geleert, die Flinten von den Schultern genommen, hier und dort ein letzter Schuß herausgezogen; die Diener leiſteten überall hilf⸗ reiche Hand. Am Thore beſprachen ſich leiſe die Jäger über die beſten Schüſſe, die gethan worden waren; die Herren tauſchten ihre Bemerkungen über die Schnelligkeit ihrer ͤ Pferde, die Gewandtheit ihrer Hunde, die wunderlichen Launen des Glückes im Kriege wie auf der Jagd aus. Der Eine lockte ſchmeichelnd den ſchlanken Windhund 6 herbei und kraute ihm den Kopf, ein Anderer ſchlug gelangweilt mit der Reitpeitſche gegen die Stulpſtiefel und erwartete ungeduldig den Aufbruch in das Haus, um ſich an reichbeſetzter Tafel und bei wohlgefüllten Flaſchenkörben von allen Anſtrengungen des Tages auszuruhen und zu erholen. Die Jüngeren grüßten nach den Fenſtern hinauf und riefen, ſo gut es bei dem allgemeinen Lärm und dem Stimmengebrauſe gehen wollte, den Damen ihre Huldigungen zu. In dieſem Gewirr fielen zwei Männer durch den Gegenſatz ihrer Ruhe und gemeſſenen Haltung gegen⸗ über der Haſt, Geſchäftigkeit und Geſchwätzigkeit der Uebrigen auf. In der Mitte des Hofes ſtehend, über⸗ ragte der Eine, eine kräftige ritterliche Geſtalt, die An⸗ deren alle; eben hatte er die Büchſe dem Diener ge⸗ geben und kurz und beſtimmt ſeine Befehle ertheilt. Den Hut mit der Auerhahnfeder, den er, die Damen begrüßend, vom Haupt genommen, hielt er noch in der Hand. Ein Zug der Güte und des Wohlwollens um ſeinen Mund milderte ein wenig den ſtrengen Ausdruck ſeines ſtarken, gebräunten Geſichtes und den ſtolzen Blick ſeiner ſtahlblauen Augen. Unter dem kurzgeſchnit⸗ tenen, blonden, hier und dort ſchon in's Graue ſpielenden Haar trat die Stirne in mächtiger Wölbung breit her⸗ vor. Hart unter dem linken Auge lief ihm eine tiefe Narbe über die Wange: die Spur eines feindlichen Säbelhiebes. Ebenſo kräftig wie die Stirn war das Kinn entwickelt, nur der Mund erſchien für das Ganze dieſes Antlitzes, in dem das Starke und Große vor⸗ herrſchte, zu klein und zu fein geſchnitten. In jeder 1 ————— 1 „ A — — 7 8 —— 9 Bewegung prägte ſich mit einer bewußten Entſchieden⸗ beit der geborene Edelmann aus, der nicht nur ſeines Ranges, ſondern auch ſeiner ſelbſt ſicher iſt und in ſeiner vornehmen Weiſe eine unſichtbare, ſchützende Schranke zwiſchen ſich und der übrigen Welt beſitzt. Seinen kurzen, grünen Jagdrock mit goldenen Knöpfen trug er offen, eine ſchwarze Cravatte fiel in zwei langen Zipfeln auf die geſtickte ſeidene Weſte; in den Stie⸗ feln von weichem, braunen Leder, die ihm faſt bis zu den Knien hinaufreichten, ſteckten die weißen Lederhoſen. Gelaſſen überſchaute er den Schloßhof. Zuweilen nickte er Dieſem oder Jenem zu und ſprach ein einſil⸗ biges Wort; ſein ganzes Weſen und das Benehmen der Dienerſchaft gegen ihn verrieth in unbedeutenden und doch untrüglichen Zeichen, daß er auf dieſem Boden der Herr ſei. Daß er noch im Hofe zögerte, ſtatt ſeine Gäſte in’s Haus zu geleiten, erklärte ſich durch den ungednl⸗ digen Ausruf eines der Herren, den der Hunger, nach ſeiner umfangreichen Körperlichkeit zu ſchließen, am empfindlichſten plagen mußte: „Wo bleibt nur der Marquis?“ „Was hat nur der lange Puchheim vor?“ ſ ſchwer athmend ein Anderer hinzu.„Er hat doch ſonſt den ſtärkſten Durſt.⸗ Der Schloßherr erwiderte Nichts, obwohl Frage und Klage ſich halbwegs auch an ihn richteten, und blickte unverwandt durch das weit geöffnete Thor auf die von Kaſtanienbäumen eingefaßte Straße, die in ſanfter Steigung den Hügel hinaufgeführt war. Noch regungsloſer und theilnahmsloſer, als er, ſaß auf der Steinbank in einer Wandniſche dicht am Haupt⸗ eingange in das Schloß ein Capuziner, die Hände ge⸗ faltet, ſeinen Bettelſack neben ſich. Meiſt hielt er ſeinen Kopf auf die Bruſt herabgeſenkt, ſo daß im eigenthüm⸗ lichen Widerſpiel nur ſein kahler, glänzender Scheitel und ſein langer rother Bart ſichtbar wurden. War er im Gebet und in andächtiger Betrachtung begriffen, oder im Halbſchlummer eingenickt? In keinem Falle ſtörte ihn das Geräuſch der Menſchen und Thiere um⸗ her, ſo laut es war. Ein⸗ und ein anderes Mal erhob er das Geſicht, ein echtes ſcharfgeſchnittenes Fuchsgeſicht, das ſich trotz vieljähriger Uebung nicht recht in den Schleier von Demuth und Stumpfſinn, wie ſie ſich für einen Capuziner ſchicken, einhüllen konnte. Gerade als er jetzt wieder aufſah, mit ſchläfrigen Augen unter den buſchigen Wimpern hervorlugend, wendete der Mann im grünen Jagdrocke ſich halb zur Seeite nach dem Schloſſe hin, und ſein Blick begegnete dem des Mönches. Der Capuziner griff nach ſeinem — — 9 Roſenkranze, der von dem Gürtel herabhing, als wolle er eine Anzahl vergeſſener Ave's und Paternoſters raſch abbeten, ehe er ſich zum Heimgange nach ſeinem Kloſter in Gmunden anſchickte. Leiſe, beinahe unmerklich neigte der Schloßherr das Haupt nach ihm hin. Das Eine wie das Andere konnte zufällig und unabſichtlich ſein, und doch ſchien zwiſchen beiden Be⸗ wegungen ein Zuſammenhang zu beſtehen, als würde auf eine ſtumme Frage eine ſtumme Antwort gegeben. Schon aber hatte der Capuziner ſeine Augen blinzelnd wieder geſchloſſen und den ſo raſch erfaßten Roſenkranz fallen laſſen. Der Edelmann ſchaute nach dem Thore und der Straße. „Da ſind ſie“, ſagte er, die Hand ausſtreckend. Ein leichter Jagdwagen rollte raſſelnd die ſchlecht gepflaſterte Straße einher. Der lange Puchheim lenkte die beiden Apfelſchimmel, die tüchtig ausgriffen; der alte Marquis auf der Hinter⸗ bank mochte ein Unglück befürchten und bat ihn ver⸗ gebens, langſamer zu fahren. Puchheim, der ſich an der Angſt ſeines Gefährten ergötzte, trieb im Gegentheil durch ſeinen Zuruf und ſein Peitſchengeknall die Thiere zu noch größerer Eile an. Es war, als gälte es einen 8 Wettſtreit, denn jetzt hinter, jetzt neben dem Wagen ſprengte dicht unter den Bäumen auf einem Rappen ein Reiter dahin und ſuchte ihm zuvor als Erſter an das Thor zu gelangen. Lachend kamen die Herren ihnen entgegen. Puchheim blieb Sieger, indem er mit einer geſchickten Schwenkung, die den Marquis hoch von ſeinem Sitze auffahren ließ, dem Reiter die Einfahrt verſperrte und unter lautem Beifall durch das Gitterthor in den Hof bog. „Triumph! Triumph!“ riefen die Zuſchauer und ſchüttelten dem kühnen Wagenlenker, als er trotz ſeiner langen Beine behend von der Bank herabgeſprungen und die Zügel der Pferde den herbeilaufenden Stall⸗ knechten zugeworfen hatte, die Hände. „Das heißt gefahren!“ „Immer im Sturmſchritt!“ „Als handelte es ſich darum, eine Batterie zu nehmen!“ „Achill und ſein Wagenlenker!“ lachte ein An⸗ derer. Mit ſolchen Reden umdrängten die Männer, alte und junge, die Angekommenen. Der Marquis, ein feines Männchen mit geiſtvollem Ausdruck in dem durchfurchten Geſicht, trochnete ſich⸗ * 9 mit dem Tuche die Stirn, ſah auf ſein zerknittertes Jabot und mit einem Blicke, der immer wehmüthiger wurde, an ſeiner ganzen Figur hernieder: beſtäubte, beſchmutzte Kleider und Stiefel. „Nie wieder mit Ihnen, Puchheim, nie wieder!“ ſagte er feierlich in einem halbgebrochenen Deutſch⸗ Franzöſiſch, das ſeinem Ernſt eine ungewollte komiſche Färbung gab.„Mit ſechzig Jahren fängt man an, mit ſeinem Leben zu geizen; mein Leben gehört meinem König und“— er lüftete grüßend den Hut nach den Frauen an den Fenſtern hinauf—„den Damen, aber nicht Ihnen, Puchheim, und Ihren verwünſchten Pferden.“ Mit unerſchütterlicher Gelaſſenheit hatte bei dem Jubelgeſchrei der Freunde und der Klage des Marquis der lange Puchheim aus ſeiner Hoſentaſche eine große altmodiſche Uhr im ſilbernen Gehäuſe gezogen. „In weniger als zehn Minuten den Berg hinauf und immer ſteil an! Freuen Sie ſich, Herr Marquis von Gondreville, kein Kaiſer und kein König hat das bis jetzt fertig bekommen! Keiner, ſelbſt Napoleon nicht! Halloh, hui da, hui do!“ „Ja wol, halloh! Wenn Oeſterreichs Wagen ſo gefahren würde!“ rief Einer der Edelleute hitzig aus. „Aufwärts und immer aufwärts, durch alle Hinderniſſe 2 410 ſiegreich hindurch, ſiegreich darüber hinweg— über die Revolution, über Napoleon!“ „Still doch, Auersperg! Keine Thorheiten!“ hieß es im Kreiſe. Beſonnen, beſonnen!“ Und wie von einer nämlichen Kraft bewegt und nach demſelben Punkte hingetrieben, richteten ſich die Augen Aller auf den Beſiegten im Wettkampf— den Reiter, der eine halbe Minute nach dem Wagen das Hofthor erreicht hatte. Er war dann, da ſeine Nieder⸗ lage entſchieden, bedächtig von ſeinem Rappen geſtiegen, hatte das edle, ſchweißtriefende Thier eine Weile auf⸗ und niedergeführt, ehe er es den Dienern übergab, da⸗ rauf die Damen an den Fenſtern und beſonders die ſchöne Einſame auf dem Balcon gemuſtert und näherte ſich erſt jetzt den Anderen, die ſich um Puchheim und den Marquis drängten. Sein ganzes Benehmen zeigte von großer Klugheit und Ruhe; er hatte den Sturm des Jubels vorüber⸗ brauſen laſſen, ehe er ſich bemerklich machte. Die Rechte ausgeſtreckt, kam er Puchheim entgegen; ſeine Bewegungen waren leicht, gewandt und anmuthig, ſein Gruß ver⸗ bindlich, in keinem Zuge verrieth er Schmerz oder Ver⸗ druß über ſeine Beſiegung. Aber von Natur hatte ſein Geſicht einen ſchwermüthigen Ausdruck, und es erſchien jetzt mit ſeinen dunklen Augen, in ſeiner tiefgebräunten — —„ . 11 Farbe, die, wenn es ein Abendſonnenſtrahl traf, wie Bronze ſchimmerte, noch um ſo anziehender: eine Erſchei⸗ nung, an der Niemand vorüberging, ohne ſich noch ein⸗ mal nach ihr umzuſehen. „Nichts für ungut, Herr Ritter Zambelli“, rief Puchheim und ergriff die dargebotene Rechte des jungen Mannes, ihm jedes Wort abſchneidend.„Im Kriege wie im Spiele iſt das Glück eine wetterwendiſche Dirne, heute mir, morgen Dir! Sie werden mir's heimzahlen, Sie werden!“ „Entſchiede im Kampfe nur die Geſchicklichkeit,“ entgegnete mit höflichem Verneigen rings in die Runde der Angeredete,„ſo würde ich mich wohl gehütet haben, mit dem Baron von Puchheim um die Wette zu jagen. Daß Sie von uns Beiden der beſſere— wie ſag' ich nur?— ein Centaur ohnegleichen ſind, wußte ich längſt, nun habe ich zu meiner Beſchämung auch erfahren, daß Sie trefflichere Pferde haben als ich.“ Der junge Mann hatte in tadelloſem Deutſch, wenn auch mit einem unverkennbaren wälſchen Anklang ge⸗ ſprochen, mit einer tiefen, angenehmen Stimme. Während die Aufmerkſamkeit Aller auf ihn ge⸗ wendet war und ſeine Bemerkung über Puchheim's Pferde hier Zuſtimmung, dort Widerſpruch fand und bald ein lebhaftes Geſpräch über einen Gegenſtand her⸗ vorrief, der dieſer Geſellſchaft ſo mächtig am Herzen lag, hatte der Schloßherr mit ſchneller Wendung einige Schritte zu dem Capuziner gethan; er ſchien nur einen Blick durch die weitgeöffneten Thüren in die untere Halle des Hauſes zu thun, ob dort Alles in der ge⸗ wünſchten Ordnung ſei, „Steckt die Wandlichter an“, hörte man ihn laut zu den Dienern ſagen;„ehe wir hinaufgehen, dunkelt es bereits.“ So dicht ſtand er bei dem Mönche, daß ihre Klei⸗ der ſich faſt berührten, und er ihn mit ſeinem ganzen Leibe deckte. „Iſt er abgereiſt?“ fragte er leiſe. „Heute in der Frühe; er iſt wohl ſchon über Vöckla⸗ bruck hinaus“, antwortete eintönig, als ſpräche er ein Ave Maria, der Capuziner. „Und der“, hier zeigte der Schloßherr mit dem Finger hinter ſich,„hat ihn nicht geſehen?“ Es wäre für jeden Uneingeweihten unmöglich ge⸗ weſen, die Richtung dieſes Fingerzeiges genau zu be⸗ ſtimmen und zu errathen, wem er galt, aber der Möndh erwiderte: „Nein, außer uns Kloſterleuten hat ihn in Gmunden Niemand geſehen. Der war bald nach Tagesunbruch auf Lambach zu geritten.“ —— 43 „Nach Lambach? Was hatte er dort zu ſuchen?“ Einer der Diener ging in ihrer Nähe vorüber und der Schloßherr ſagte laut: „Ihr bleibt doch noch eine Weile, Pater Marcellus? Ein Glas Wein für die Wanderung hinab werdet Ihr nicht verſchmähen; übrigens haben wir Vollmond.“ „Ich habe Urlaub, die Nacht außerhalb des Kloſters zuzubringen.“ Nun war der Diener weiter gegangen. Der Herr fiel wieder in ſeinen leiſen Ton: „Martin Teimer aus Klagenfurt iſt oben im im Schloſſe. Ihr müßt ihn ſprechen, er war in Tirol. Es gährt im Volke; ein heimliches Feuer glüht von Thal zu Thal, noch unter der Aſche. Blaſt, blaſt, da⸗ mit es in die Höhe ſchlage und dieſen Lueifer ver⸗ ſchlinge.“ „In die Hölle zurück, aus der er geſtiegen“, ſetzte der Capuziner in ſeiner ſingenden Weiſe hinzu. Damit ſchritt der Schloßherr wie ein ſorgſamer Wirth, der ſeine letzten Anordnungen getroffen hat, wieder zu ſeinen Gäſten und der Mönch fiel auf's Neue in die Arme einer dumpfen Schlafſucht. „Mir will es ſcheinen, ihr Herren“, ſagte jener heiter, nals hätten wir nun lange genug im Hofe gezögert; Alle ſind herein, ſelbſt der Ritter Zambelli, der un⸗ 14 während der ganzen Jagd im Stich gelaſſen hat. Ich hoffe, er macht ſein Verſäumniß bei Tiſche wieder gut; ein geiſtreicher Geſellſchafter iſt im Speiſeſaal noch mehr werth, als ein ſicherer Schütze im Walde. Die Damen ſind auch ſchon ungeduldig geworden und haben die Fenſter verlaſſen— Alle, bis auf meine Nichte Antoi⸗ nette. Eine kleine Schwärmerin, die den Aufgang des Mondes über dem See erwarten will. Bringt ſie auf andere Gedanken, ihr jungen Leute! Wenn wir noch jung wären, Liechtenſtein, nicht wahr? Ach, was iſt die Jugend hölzern und nüchtern geworden!“ „Ja, ja, zu Tiſch! Zu den Damen!“ „Wolfsegg, wehe Deinen Flaſchen, ich habe einen Wolfshunger!“ Es war Puchheim, der ſich in dieſem Witz verſuchte. Ein allgemeines Gelächter belohnte ihn. Paarweiſe, Arm in Arm geſchlungen, traten die Einen, Andere einzeln in's Schloß. Dieſe ſtürmten lär⸗ mend die ſteinerne Treppe hinauf, Jene verweilten ſtill⸗ ſtehend, ſich umſchauend, mit einander redend in der Halle; auf den Stufen aber war Alles in Bewegung. Oben im Saale ſchloſſen die Diener die Fenſter, die Glaskronen ſtrahlten im Lichte der Wachskerzen, und weit hinaus in die abendliche, graubläuliche Dämmer⸗ ung ſchimmerte der Widerſchein. —.— — 15 Die letzten im Zuge waren der Schloßherr und der junge Mann mit dem bronzefarbenen Geſicht. Was der Eine an männlicher Kraft und Stärke beſaß, erſetzte der Andere durch jugendliche Beweglich⸗ keit und Friſche. Die blauen Augen des Deutſchen hatten einen feſten, ſtolzen Blick, in den ſchwarzen des Wälſchen funkelte es zuweilen unruhig und unheimlich auf; als der Aeltere geſtattete ſich Wolfsegg in ſeinen Bewegungen eine größere Freiheit, Zambelli hielt ſich gemeſſener, entgegenkommender und geſchmeidiger. „Vielmals, Herr Graf, bitte ich Sie um Entſchul⸗ digung,“ ſprach er,„daß ich trotz meines Verſprechens auf dem Sammelplatze bei der Dohlenmühle gefehlt habe. Der Bote, den ich von Gmunden zum Schloſſe hinauf⸗ ſchickte, hat ſich verſpätet und Sie nicht mehr ange⸗ troffen. Sie waren ſchon in den Wald hinausgeritten. Wenn ich nicht aus Allem, was ich hier gewahre, den Schluß ziehen müßte, daß Sie, Herr Graf, die poli⸗ tiſchen Geſchäfte und Neigungen draußen gelaſſen haben, um unbeläſtigt die Freuden des Landlebens zu genießen, ſo dürfte ich vielleicht eher auf Vergebung meines Fehlers rechnen“. „Sie iſt Ihnen im Voraus gewiß, um ſo gewiſſer, da ich hier wie in Wien gern von Weltdingen reden höre. Froh, von jenen Geſchäften ferne zu ſein und 46 ſtill an meinem Herde zu leben, und doch angezogen von dem Großen und Schrecklichen, das ſich draußen abſpielt. Sie lächeln? Nun ja, es mag ein gutes Stück Selbſtſucht darin ſtecken; ich habe etwas von einen Strandbewohner, der mit ſchaurigem Vergnügen im Meeresſturme die gewaltigen Schiffe ſcheitern ſieht. Haben Sie Neuigkeiten aus Wien oder gar aus Paris er⸗ fahren?“ Noch beſſere— beſſer, weil ſie Ihre Theilnahme in erhöhterem Grade feſſeln werden. Ich war heute Morgens in Lambach. „In Lambach, 4 wigderholte der Graf. Sie ſchritten an dem dumpf ſ ſchnarchenden Capuziner vorüber und ſtan⸗ den eine Weile in der Halle unter der erleuchteten Glas⸗ kugel, die in der Mitte von der Decke herabhing, ſtill. „Einer meiner Freunde— ich habe ihn am Hofe des Vicekönigs in Malland kennen gelernt— reiſte von Wien nach Paris durch; er hatte mich von ſeiner An⸗ kunft in Lambach benachrichtigen laſſen, und da er von Srfurt kam...“ „Von Erfurt? Er war bei der Zuſammenkunft Napoleon's und Alexander’s?“ Wenigſtens hat er die erſte Begegnung der beiden Kaiſer mit angeſehen. Napoleon ſendete ihn mit De⸗ peſchen zum General Andreoſſy nach Wien, andere hatte 17 er darauf nach Paris zur Kaiſerin Joſephine zu bringen. Sie entſchuldigen, Herr Graf, daß ich dem Drange, von einer Begebenheit, die ganz Europa in Aufregung, Bewunderung und Furcht verſetzt, mehr Wahrheit zu erfahren, als das Gerücht erdichtend erzählt, nicht wider⸗ ſtehen konnte.“ „Und eine Jagd eben Jagd ſein ließen? Vollkom⸗ men, Herr Ritter! Wo es ſich um Cäſar und Alexan⸗ der handelt, wer wird einem Hirſch nachlaufen? Sie ſteigen raſch, junger Mann, raſch! Einen Freund in der unmittelbaren Umgebung des franzöſiſchen Kaiſers zu haben, das iſt eine Glückskarte. Nur vorwärts, Herr Ritter! Nec aspera terrent! Aber brauche ich Ihnen den Spruch zuzurufen?“ Die Blicke beider Männer trafen ſich; der des Wälſchen hatte das Gefunkel des Blitzes, die blauen Augen des Grafen glänzten ruhig. „Mein Herz“, ſagte dann Zambelli und legte die Hand wie betheuernd auf daſſelbe,„zieht mich nicht auf die Seite des Imperators. Ich bin ein geborener Unter⸗ than des Hauſes Habsburg und hoffe lebend und ſter⸗ bend ein guter Oeſterreicher zu ſein und zu bleiben.“ „Amen!“ entgegnete der Graf feierlich.„Aber wo⸗ hin ſind wir gerathen? Welches Gift entnehmen Sie meinen Worten? Iſt unſer Kaiſer nicht im beſten Frieden 2 Frenzel, Luciſer. I 18 und Einverſtändniß mit dem größten Manne des Jahr⸗ hunderts? Iſt es eine Schande, einem Helden zu dienen? Einem Helden, dem wie einem zweiten Alexander über⸗ all Goldſtücke und Fürſtenkronen aus der Taſche fallen? Zu den Damen, Herr Ritter! Dieſen Abend ſchießen Sie bei denſelben den Vogel ab. Sie können von Er⸗ furt erzählen, von den Feſtlichkeiten und Theater⸗Vor⸗ ſtellungen dort. Bis in unſere Einöde iſt noch keine Kunde von dieſen kaiſerlichen Tagen gedrungen, keinel Wahrhaftig, es iſt wie ein Märchen aus Tauſend und Einer Nacht.“ „Sie vergeſſen, daß ich nicht dabei geweſen bin und nur ungeſchickt und bruchſtückweiſe berichten kann, was ein Glücklicherer, der noch ganz trunken davon war, mit eigenen Augen angeſchaut hat.“ „So malen Sie aus der Phantaſie! Die beiden mächtigſten Monarchen vereint bei Feſt und Spiel, bei glänzenden Aufzügen, um ſie ein Gefolge von Königen. Die kühnſte Dichtung lahmt hier der Wirklichkeit nach. Ich freue mich ſchon auf Ihre Schilderungen, Herr Ritter. Wir müſſen Ihnen dankbar ſein, daß Sie un⸗ ſere Jagd verſäumt haben. Nachrichten aus Erfurt! Das iſt ein Nachtiſch!“ Während ſie, als müßten ſie die durch ihr länge⸗ res Verweilen verlorene Zeit wieder einholen, ſchneller 19 die Wendeltreppe hinaufeilten und alle Kerzen im Saale angezündet worden waren, hatte die Dunkelheit den ganzen Hof erfüllt. Tiefe Stille herrſchte in dem weiten, noch eben von ſo lautem und fröhlichem Lärme widerhallenden Raume. Pferde und Hunde waren zur Ruhe, die Wa⸗ gen unter Dach gebracht. Sorglich, obgleich kein Ueberfall zu befürchten, hatte der Hausmeiſter das Gitterthor in der ſtarken, moos⸗ und epheuüberwachſenen Steinmauer, die das Schloß mit einem Theil ſeiner Nebengebäude und den Garten ſchützend umgab, verriegelt und verſchloſſen. Je finſterer und ſtiller es unten, um ſo heller und luſtiger wurde es oben. Ueber den Gipfel des Traunſteins kam der Mond herauf, zuerſt nur ein ſchmaler, matt glänzender Bogen, der einen lichten Schein um ſich verbreitete und gegen Süden hin die Ränder der dunklen, auf den Höhen des Höllengebirges wie ein Heer rieſiger Schatten hin⸗ gelagerten Wolken verſilberte. Höher hinaufſteigend flimmerte das Mondlicht um die Giebel des Schloſſes und umfloß die ſchlanke Mäd⸗ chengeſtalt auf dem Balcon, daß ſie in ihrem weißſei⸗ denen Kleide einer zwiſchen Himmel und Erde ſchwebenden Lichterſcheinung glich. Jetzt mochte innerhalb des Saales ihr Name gerufen werden, denn ſie wendete das Ant⸗ 20 litz zurück. Eine ältere Frau zeigte ſich auf der Schwelle der Glasthür und winkte ihr, hereinzutreten. Als das Mädchen dem Winke gefolgt war und den Altan verlaſſen hatte, erklang eine Glocke; ſie rief den Theil der Dienerſchaft, der nicht zur Aufwartung im Saale bei den Herrſchaften nöthig war, zum Abendbrod in das große, nach dem Garten gelegene Zimmer neben der Küche. Auch der Capuziner erhob ſich bei dieſem Geläut von der Bank, mit munteren Augen umherſpähend, um den breiten Mund ein verſchmitztes Lächeln, und ſtrich mit der knöchernen, harten Hand den rothen Bart hin⸗ unter. Er wußte, wohin die Klänge riefen, und em⸗ pfand ein unwiderſtehliches Bedürfniß, ihrem freund⸗ lichen Gebot zu gehorchen. Die Jäger, die Kutſcher, die Stallknechte ſchritten durch die Halle; er wollte ſich ihnen anſchließen, als ein älterer Mann, ganz in Schwarz gekleidet, dem die Anderen mit einer gewiſſen Unterwürfigkeit begegneten, ihm die Hand auf die Schulter legte: „Nicht da hinein, Bruder Marcellus, Ihr geht mit mir im's Hinterſtübchen; wir ſtechen ein Fläſchchen aus, eine Flaſche vom Tiroler Rothen.“ „Ihr kennt meinen Geſchmack, Gevatter“, ſchnalzte der Bettelmönch mit der Zunge.„Ihr kennt ihn, als — 1 ͤ 21 4 ob es Euer eigener wäre. Das Laufen macht die Beine, das Beten die Zunge müde, aber der Wein friſcht beide auf.“ „Teimer iſt drinnen“, fuhr der Alte leiſer fort; „er hat den Sandwirth im Paſſeyer geſprochen. Gott erbarm's! Es ſteht jämmerlich um's Land Tirol! Wirth⸗ ſchaften die Baiern darin, ärger wie die Türken!“ „Wenn uur der Wein gut bleibt“, meinte der Capuziner und kraute in ſeinem Barte.„Was man ſo die Welt nennt, ſeht, Gevatter, das iſt ſchon längſt aus den Fugen. Kaiſer und Könige, Prinzen und Ritter, Bürger und Bauern, Alles iſt durcheinander geſchüttelt, kopfunten, kopfoben oder wohl gar kopfab. Die Welt iſt ein ungeheurer Keſſel, in dem der Satan einen Hirſebrei kocht; er rührt und rührt darin herum, daß es überfließt; bald fließt Feuer und Menſchenblut, bald aber auch pures Gold über den Rand; ſeine Kelle iſt ein furchtbares Schwert, und um die Flammen unter dem Keſſel zu nähren, wirft er Dörfer, ja ganze Städte hinein. Er braucht Holz, aber bis zu den Weinbergen iſt er noch nicht gekommen, das iſt mein Troſt!“ „Mir iſt ſchwer im Gemüth“, ſagte der Andere darauf.„Ihr nehmt's leichter.“ „Ich bin ein armer Sohn St. Francisci und 22 meine einzige Bürde iſt mein Sack. Den laſſe ich draußen. Kinder“, er wendete ſich zu den Dienern und Mägden,„daß ihr mir nichts ſtehlt! So viel Sterne, ſo viel Augen am Himmel, die Alles ſehen. Wenn Ihr die Aepfelbäume plündert und wenn Ihr Euch küßt! Allein was könnt Ihr dafür? Warum ſeid Ihr hungrig und verliebt geſchaffen worden? Hm, das iſt eine Nuß zu knacken, das iſt eine Nuß!“ Lachend gingen die Anderen mitten durch die Halle. Der Capuziner bog mit ſeinem Führer in einen Korridor linker Hand ein. Hier war es dunkel und eng; der Alte, der mit den Gelegenheiten und Gängen des Hauſes ſo bekannt war wie mit den Linien ſeiner Hand, ſchritt ſicher aus, der Mönch ſtolperte hinter⸗ drein.. „Fallt nicht“, warnte der Diener,„es ſteckt Un glück in der Luft.“ „Seid doch kein Narr. Der Wälſche hat's Euch angethan. Er hat einen böſen Blick, aber ſeht quer, wenn er auf Euch ſchaut, dann ſchadet er Euch nichts.“ „Er iſt nicht umſonſt gekommen, urplötzlich, wie der Blitz bei heiterem Himmel in ein Haus ſchlägt. Das hat was zu bedeuten.“ „Euch hängt man nicht, Gevatter, Euch nicht! — f 4 —— Laßt es ruhig blitzen und geht drunter weg. Und was die Herren anbetrifft— Hals iſt Hals und Jeder hat nur einen; ſorge darum Jeder für den ſeinen.“ Darüber hatte der Alte die Thür ſeines Gemaches erreicht, öffnete ſie und hieß den Mönch eintreten. Der Tiſch war gedeckt, eine Lampe brannte darauf und beſchien verlockend die Speiſen und die Flaſchen, Teller und Gläſer. „Erſt das Eſſen“, ſagte Marcellus und lüftete den Strick,„dann die Politik.“ Und wie im Erdgeſchoß, ſo verſtummte auch im Speiſeſaal oben auf eine längere Friſt jedes ernſter⸗ Geſpräch, hier wie dort war Nichts vernehmlich, als das fröhliche Klappern mit Meſſern und Gabeln, das Klingen der Gläſer, das eilige Laufen der Diener, welche Flaſchen und Schüſſeln hinauf⸗ und hinabe trugen. So wie heute, ging es ſchon eine Reihe ſchöner Tage, ſeit dem Anfange des Octobermonats, heiter und vergnüglich in dieſem Hauſe her. Seit dem traurigen Jahre der Auſterlitzſchlacht, die den Herzen aller echten Oeſterreicher eine noch nicht vernarbte Wunde geſchla⸗ gen, war es das erſte Mal, daß der Graf Ulrich Wolfsegg ſein Schloß, das wegen ſeiner Geräumig⸗ keit und prächtigen Ausſtattung, in ſeiner herrlichen Lage zwiſchen den beiden Seeen, im Kranze ſeiner Wald⸗ berge, kaum eine Sehnſucht nach einem anderen Som⸗ mer⸗ und Herbſtaufenthalte in der Seele ſeines Beſitzers hätte aufſteigen laſſen ſollen, wieder beſuchte. Bis dahin war es geweſen, als hätte ihn eine Erinnerung ferngehalten. Denn die alten Diener wußten von der Vorliebe des Herren gerade für dies Schloß ſo viel zu erzählen, daß ſie ſich ſeine plötzliche Abneigung nicht anders erklären konnten. An jenem zweiten December 1805 war aber in dieſem Schloſſe der Vater des Grafen, Anton Wolfsegg, hoch bei Jah⸗ ren, in den Armen ſeines Sohnes und ſeiner Tochter,— drei andere Kinder hatten vor ihm das Zeitliche ge⸗ ſegnet— nach ſchwerem Todeskampfe geſtorben. Unter der Dienerſchaft lief die Sage, daß der Alte ſterbend auf das ferne Schlachtfeld in Mähren, wo zu derſelben Stunde der Kampf wüthete, im Geiſte entrückt worden ſei und den unheilvollen Ausgang des Tages prophe⸗ zeit habe. Seit jenen Geſchichten hatte Graf Ulrich das Schloß gemieden, und der Hausverwalter, der jetzt mit dem Pater und dem Tabaksverkäufer Teimer aus Klagenfurt„den rothen Tiroler“ prüfte, war nicht wenig erſtaunt geweſen, als er im Auguſt einen Brief erhalten: Alles hübſch ſauber in Stand zu ſetzen für Feſtlichkeiten, Jagden und Fremdenbeſuche. — 25 Das war nach Kräften und Vermögen geſchehen und ebenſo hatte der Graf Wort gehalten. In einer Weiſe, daß der gute Haushofmeiſter bei all ſeiner Gewandtheit und Klugheit oft hundert Hände und hundert Augen zu haben wünſchte. In dieſen zehn Tagen hatte es im Schloſſe ein beſtändiges Kommen und Gehen gegeben, von hohen und niederen Leuten. Nicht nur öſterreichiſche Herren, die nahen und fernen Verwandten, Nachbarn und Bekannten der Familie, auch Fremde aus fernen Län⸗ dern, Norddeutſche, Ruſſen und Engländer hatten die Gaſtfreundſchaft des Grafen in Anſpruch genommen. Einmal war ſogar der Erzherzog Johann aus Steier⸗ mark herübergekommen, eine Fahrt auf dem Atterſee mitzumachen. Die Einen verweilten oft nur wenige Stunden, die Anderen blieben über Nacht und Tag. Aus ihnen und den Herrſchaften in der Umgegend, bis hinauf nach Lambach und Wels, nach Vöcklabruck und War⸗ tenburg, bildete ſich der feſte Kern der Geſellſchaft im Hauſe; um ihn in ewiger Bewegung ein Getümmel von flüchtigen Beſuchern, die außer der Neugierde, das ſtattliche Schloß zu ſehen, oder um der Höflichkeit Genüge zu thun und den Grafen nicht zu kränken, kaum einen beſſern Grund ihres Kommens zu haben ſchienen. 26 Wohl lohnte die Gegend, das Haus, die prächtige Jagd einen Beſuch; denjenigen, welche nicht ſo leicht zu befriedigen waren und geinig anregende Genüſſe ſuch⸗ ten, kam die Perſönlichkeit des Hausherrn zu Statten. Eine reichbeſetzte Tafel, ein Weinkeller, der ſeinesgleichen nur in der kaiſerlichen Hofburg finden ſollte, waren für Manche von unwiderſtehlicher Anziehungskraft; alle jüngeren Edelleute hatten ihr Herz, wenigſtens be⸗ theuerten ſie es, an des Grafen Nichte, die ſchöne und übermüthige Antoinette von Gondreville, verloren. Nur Grübler, Narren oder Böswillige konnten ſich darum wegen des Zuſammenlaufes ſo vieler Frem⸗ den auf dem Schloſſe Seeburg mit Grillen plagen und hinter den Spazierfahrten, den fröhlichen Aus⸗ ritten, den Gelagen, dem Umherſtreifen in Wäldern und Bergen Geheimniſſe wittern. Und wiederum erklärte die Vereinigung ſo vieler reicher und vornehmer Herren das Zuſammenſtrömen geringerer Leute; dieſer brachte ſeine Diener, jener in ſeinem Gefolge einen bekannten guten Schützen aus ſeiner Gegend mit. Umherziehende Bettelmönche ſprachen ein, ſolch' günſtige Gelegenheit, Almoſen für ihr Koſter zu ſammeln, begierig ausnützend. Unter dem Vor⸗ wande der Aushilfe hatten die oberen Diener des Hauſes den einen oder die anderen ihrer Verwandten — . 27 eingeladen, aus den Ortſchaften am Traunſee kamen die Bewohner, die Herrſchaften und ihre Herrlichkeit ſtaunend anzugaffen. Weit umher war der Graf Ul⸗ rich wegen ſeiner Leutſeligkeit und Freigebigkeit beliebt; er hatte nie geduldet, daß ſeinen Gutsunterthanen von ſeinen Beamten hart und unbillig mitgeſpielt wurde; halbwegs galt er bei ſeinen Standesgenoſſen für einen Jacobiner. Diejenigen, die ihn beſſer kannten und tie⸗ fer in ſein Weſen und ſeine Grundſätze eindrangen, pflegten zu ſagen, daß er in den Anſichten Joſeph's II. groß geworden ſei und dieſelben trotz des entſcheiden⸗ den Umſchwunges in der Regierung, die unter dem Neffen Franz II. ächtete, was ſie unter dem Oheim Joſeph verehrt, nie verleugnet habe, noch je verleugnen werde. Die Städter, die Dörfler, die Hauſirer und Wald⸗ leute verſtanden von dieſen feinen Unterſcheidungen nichts; ſie richteten den Grafen nach ſeinen Handlungen und ſeinem Benehmen. In beiden gefiel er ihnen, er war ſtreng und gerecht, wußte mit Jedem zu verkehren, ſprach, wenn es ihm paſſend dünkte, in derbſten Wor⸗ ten wie ſie, nahm Theil an ihren Freuden und Leiden; Alles in einer Weiſe, die ſie zutraulich machte und doch ſeinen Rang nicht beeinträchtigte. In dieſer Feſtzeit nun übertraf er ſich ſelbſt. Die — — 28 Bitten, welche die Armen an ihn richteten, bewilligte er beinahe alle; den alten wohlhabenden Bauern ſchüt⸗ telte er die Hand; neulich war im Schloßhofe ein großes Tanzfeſt der Burſchen und Mädchen gefeiert, Speiſe und Trank in Hülle und Fülle ausgeſchenkt worden. Ja mehr noch, mit dem und jenem Manne, der in ſei⸗ ner Ortſchaft durch Vermögen oder klugen Sinn, durch ſein Gewerbe oder ſeine Geſchicklichkeit hervorragte, auf den die Uebrigen als ihren natürlichen Führer in Ge⸗ fahren zu ſchauen ſich gewöhnt hatten, ſprach er von den Dingen, die weit draußen in der Welt, jenſeits der Berge, vorgegangen. Wie der Bonaparte einen neuen Krieg mit den Spaniern angefangen, ſchlichten Leuten, Bauern, Hirten und Jägern, wie ſie ſelbſt, und dabei gute katholiſche Chriſten; wie er den König, die Königin und die Prinzen liſtig in ſein Land gelockt und in ein feſtes Schloß geworfen habe; wie ſeine Soldaten das ſpaniſche Land verwüſtet, zertreten, zer⸗ ſtampft, die Städte geplündert, die Kirchen geſchän⸗ det hätten; darüber wäre ein Auſſtand ausgebrochen über Berg und Thal, lichterloh, und die Franzoſen ſeien beſiegt worden, ihrer Zwanzigtauſend hätten ſich ſchimpflich den Bauern ergeben müſſen. Er erzählte ſo lebendig, daß den Leuten, wie ſie ſagten, das Herz an die Rippen pochte, und ſetzte am ——— 29 Schluſſe hinzu: wenn die Franzoſen wieder nach Oeſter⸗ reich kämen, was Gott und die Heiligen verhüten möchten, dann wüßte man doch, wie man ſie zu em⸗ pfangen hätte, die Spanier hätten ein Beiſpiel gegeben. Ihrerſeits trugen die Zuhörer, die über das Ver⸗ nommene ebenſo aufgeregt waren, wie ſie ſich durch das Vertrauen des Grafen geehrt fühlten, dieſe Ge⸗ ſchichten in wunderlichſten Ausſchmückungen weiter; wie ein Blitz ſchlug es in alle dieſe ſchlichten und ein— fachen Seelen: Bonaparte iſt geſchlagen! Aber dieſe gelegentlichen Mittheilungen konnten das feſtliche Gepräge der Woche, die heitere Stimmung der Geſellſchaft nicht trüben. Wenn es hinter dem Allen ein Geheimniß gab, ſo lag es, wie der treue Hausverwalter verſicherte, mit jenem beſtimmten Tone, der ſeiner Sache ſicher iſt, brunnentief und gewöhn⸗ liche Augen würden es nicht gewahren. Vielleicht ungewöhnliche Augen, wie ſie der Ritter Vittorio Zambelli, ein Wälſchtiroler aus der uralten Biſchofsſtadt Trient, beſaß. Hatte er nun in Wahr⸗ heit die Macht und Kunſt, den Menſchen und Dingen in's Innere zu ſchauen, oder war es nur das Miß⸗ trauen, das der Graf gegen ihn hegte und ſeinen Gä⸗ ſten einzuflößen wußte,— die Ankunft des Ritters hatte die Ungezwungenheit und Harnloſigkeit des Verkehrs * 30 geſtört. In die beſtehende allgemeine Harmonie war ein greller Mißklang gekommen. Sobald Zambelli erſchien, legte es ſich wie ein Schauer auf die Geſell⸗ ſchaft. Und all ſeine Gewandtheit und Liebenswürdig⸗ keit, welche die Frauen beſtrickte und die jüngeren Männer anzog, vermochten dieſe Kälte nicht zu ver⸗ bannen. Die Wiſſenden— ſo nannte man ſcherzweiſe den engeren Kreis der Vertrauten um den Grafen— wa⸗ ren in des Ritters Gegenwart zurückhaltend, wortkarg, immer auf der Huth, als ob ſie auf gefährlichem Ge⸗ birgspfad wanderten, wo unerwartet ein Abgrund dicht vor ihnen aufgähnen könnte, und unterdrückten durch Winke und Mienen jeden Ausbruch der unvor⸗ ſichtigeren Jugend. Niemand ſprach es aus, aber Alle empfanden den Bann: Vittorio Zambelli iſt ein fran⸗ zöſiſcher Spion. Zum Glück waren die wichtigſten Verabredungen ſchon getroffen, hatten die Perſonen, die der Ritter vermuthlich auf dem Schloſſe zu überraſchen gehofft, daſſelbe ſchon verlaſſen, als er vor drei Tagen von Wien kommend, im„goldenen Schiff“ zu Gmunden abgeſtiegen war. Ihn offen zurückzuweiſen, hätte der Klugheit ebenſo wie der Sitte widerſprochen. Der Ritter bewegte ſich in Wien mit der Freiheit und dem ——— f 1 4 4 31 Anſtande eines Edel nannes in allen erſten Häuſern; er war in den Abendgeſellſchaften des leitenden Mi⸗ niſters, des Grafen Stadion, und bei dem ruſſiſchen Geſandten gleichwohl wie bei dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten gelitten; beinahe mit allen Gäſten Wolfsegg's hatte er engere oder loſere Verbindungen, mit manchen war er durch gemeinſame Abenteuer verknüpft; aus den Ballſälen, von Schlittenfahrten und Hausconcerten— Vittorio hatte eine viel bewunderte Tenorſtimme— kann⸗ ten und ſchätzten ihn die Damen, von den Spieltiſchen her die Männer, die ſein Glück beneideten. Ohne Aufſehen hätte darum der Graf den Ritter von keinem ſeiner Feſte ausſchließen können, und was würde auch damit gewonnen worden ſein, wenn Vittorio in Wirklichkeit war, wofür er gehalten wurde: ein ver⸗ wegener und verſchlagener Diener des franzöſiſchen Imperators? Gerade dadurch, daß Wolfsegg ihn an Allem, was im Schloſſe geſchah, theilnehmen ließ, täuſchte er ihn vielleicht am ſicherſten. Wie immer, war auch an dieſem Abend der Ritter der belebende Mittelpunkt der Geſellſchaft geworden. Die langweiligen und eintönigen Jagdgeſchichten der anderen Herren verſtummten, als der Graf die Be⸗ merkung hinwarf: ——————ʒ⁶£†⁴———— 32 „Zu etwas Beſſerem! Ihr ermüdet ja die Ohren der Damen mit Euren Pferden und Hunden! Das Le⸗ ben iſt freilich nur eine Jagd, Glücks⸗ und Todesjagd, aber doch mit Unterſchied! Während wir einen armen Hirſch, oder wenn es hoch kommt, eine Gemſe jagen, theilt man in Erfurt auf einer Haſenjagd die Welt. Der Herr Ritter hat heute in der Frühe Nachrichten von dort erhalten. Wenn die Damen ſchön bitten, wird er nicht unbarmherzig ſein.“ Beſcheiden lehnte Vittorio jede Wichtigkeit, die ihm aus der Aeußerung Wolfsegg's angedichtet werden könnte, ab; der Adjutant des Kaiſers Napoleon, der über Wien nach Paris eile, ſei ſein Freund, in Mai⸗ land, am Hofe des Vicekönigs von Italien, habe er ihn kennen gelernt; ſein Verlangen, von einer Ver⸗ einigung, die ſo ganz den Zuſammenkünften und Be⸗ ſprechungen des Cäſar und Pompejus, des Auguſtus und Antonius gliche, als ſie die römiſche Welt unter ſich getheilt, mehr zu erfahren, würde Jeder begreif⸗ lich finden, aber ihn auch zugleich entſchuldigen, wenn er die angeregte Neugierde nur ſehr oberflächlich bei einem ſo großartigen Stoffe befriedigen könne; er ſei nichts als eine der tauſend Trompeten des Gerüchtes. Nachdem er ſo ſeine Stellung angedeutet und die günſtige Meinung der Hörer für die Wahrheit ſeiner 292 33. Mittheilungen gewonnen, berich ete er von der erſten Begrüßung Napoleon's und Alexander's. Am Nachmittag des ſiebenundzwanzigſten September hätten ſich die beiden Imperatoren, der eine von Erfurt, der andere von Weimar her, auf der Mitte des Weges getroffen; geraume Zeit ſeien ſie abſeits von ihrem Gefolge nebeneinander zu Fuß einhergegangen und nach dieſem vertraulichem Geſpräche auf prächtig ge⸗ ſchirrten Pferden, an der kaiſerlichen Grenadiergarde vorüber, im Triumph in die feſtlich geſchmückte Stadt eingezogen. Um ſie ein zahlloſes Gefolge: die Rhein⸗ bundskönige von Sachſen und Weſtphalen, von Baiern und Württemberg, viele andere deutſche Fürſten, die franzöſiſchen Marſchälle, die ruſſiſchen Großen; von Nah und Fern ſei das Volk herbeigeſtrömt, die beiden Kaiſer zu ſehen und ihnen zu huldigen. Vor einem Parterre von Königen hätten die Schauſpieler des Theatre Français, den berühmten Talma an ihrer Spitze, geſpielt; am erſten Abend den„Cinna“ des Corneille. Bei der bekannten Stelle:„Soyons amis, Cinna“, hätten ſich die beiden Imperatoren, die neben⸗ einander auf rothſammtenen Armſtühlen mit goldenen Adlern auf den Lehnen geſeſſen, die Hände gedrückt. In Vittorio war etwas von einem Maler, an⸗ ſchaulich und wirkſam wußte er ein glänzendes Alfresco⸗ Frenzel, Lucifer. 1. 3 eeeerherrerec cecec ees ceeeeee 34 bild vor der lauſchenden Geſellſchaft zu entrollen. Er ſelbſt trat hinter ſeinem Gemälde ganz zurück und ent⸗ hielt ſich jeglichen Urtheiles über die Hauptperſonen. Schon aus Achtung für die Dame, der er am Tiſche gegenüberſaß, und die gleichſam als Herrin des Hauſes betrachtet wurde. Leopoldine Wolfsegg, die Marquiſe von Gondre⸗ ville, war die um fünf Jahre ältere Schweſter Ulrich's und pflegte bei feierlichen Gelegenheiten im Hauſe ihres Bruders den Vorſitz zu führen. Eine treuere Anhän⸗ gerin hatten die Kinder und Enkel Maria Thereſia's, eine erbittertere Feindin der Kaiſer Napoleon ni icht. Im einundachtzigſten Jahre des vergangenen Jahrhun⸗ derts hatte ſie ihren Gemahl, einen Mann aus dem alten Adel Lothringens und der Champagne geheirathet; er war von der Königin Frankreichs Maria Antoinette mit einem Beileidsſchreiben wegen des Todes der Mutter zu ihrem Bruder, dem Kaiſer Joſeph II., ge⸗ ſendet worden. Die junge Frau folgte ihrem Gatten nach Paris und gehörte bald zu den innigſten Freun⸗ dinnen der Königin; es gab für Maria Antoinette kein größeres Vergnügen, als mit Leopoldine von Oeſterreich und Wien zu plaudern. Die Tochter der Freundin, die ſie aus der Taufe hob, erhieli nach ihr den Namen Marie Antoinette. 4 3 8 35 Wie in den guten Tagen der Luſt, theilte die Marquiſe auch in den ſchlimmen die Sorgen und den Schmerz ihrer Königin. Um keinen Preis wollte ſie ſich von ihr trennen. Sie war an der Seite Maria Antoinettens in Verſailles, als die wüthende Schaar bacchantiſcher Weiber und Männer mit Piken, Beilen und Fackeln durch das goldene Gitter brach. Erſt zwei Wochen vor dem zehnten Auguſt 1792 ging ſie auf einen ausdrücklichen Befehl der hochherzigen Fürſtin, die ihre Freundin nicht in das Verderben mit ſich hinabreißen wollte, aus den Tuilerien. Ausgeweint, glühend in Zorn und Rache gegen die fürchterlichen Menſchen, die nach ihrer Meinung allein die Schuld des greuelvollen Umſturzes in Frank⸗ reich trugen, kehrte ſie mit ihren beiden Kindern über Brüſſel zu ihrem alten Vater nach Oeſterreich zurück. Ihr Gemahl, der Marquis von Gondreville, diente im Heer der Emigranten unter dem Prinzen Condé, die an der Spitze der Preußen in Frankreich einfielen, Thron und Altar und ihre zerſtörten Schlöſſer wieder aufzurichten. Damit hatte das bewegte Leben Leopol⸗ dinens geendigt. In Wien, auf den Gütern ihres Vaters, war ſie mit der Erziehung ihrer Tochter, mit der Pflege des Greiſes beſchäftigt. Vollauf fand ſie Gelegenheit, die ſanften Tugenden des Weibes zu 35 36 üben und in der Sorge für ihre Familie und ihr Haus ihres Weſens beſten Theil zu erfüllen. Aber ſo mild und läßlich, wie ſie in dieſem Kreiſe war, ſo heftig loderte auch in ihr die Flamme des alten ungeſtillten Haſſes. Sechszehn Jahre hatten nicht vermocht, dies Feuer in ihr zu löſchen. Mehr noch als die beſtändige Unruhe und der kriegeriſche Lärm, mit dem die Revolution und der neue Cäſar die Welt durchtobten, hatten die Schickſale, die ſie unmittelbar, an der empfindlichſten Stelle ihres Herzens, der Liebe zu ihren Verwandten, berührt, dieſe Geſinnung wach und die Erinnerungen aus den erſten Tagen der großen Umwälzung lebendig erhalten. In Bitterkeit und Galle tauchte ſich ihre Seele gegen Alles, was aus dem Schooße der Revolution emporſtieg. Unterſchiedslos verdammte ſie das Gräßliche wie das Erhabene, das Schlimme wie das Gute in dieſem vul⸗ caniſchen Ausbruch. Dieſe Revolution hatte ſie nicht nur ihrer Güter in Frankreich beraubt, ihrem König und ihrer Königin das Haupt abgeſchlagen, bei Marengo hatte ſie ihr den einen Bruder getödtet, den andern bei Hohenlinden gefährlich verwundet. Sie ließ es ſich nicht ausreden, daß ihr Vater an dem Donner der Kanonen von Auſterlitz geſtorben ſei. Jahrelang war ſie von ihrem . 37 Gemahl getrennt geweſen, in beſtändiger Todesangſt um ihn, der, ſo furchtſam er war, wenn der lange Puchheim ſeine tollen Wagenlenker⸗Kunſtſtücke verſuchte, in der Vendée Auge in Auge jedem Schrecken gegen⸗ übergeſtanden. Und als ſie über den Gatten beruhigt ſein durfte, den das Alter und wachſende Kränklichkeit zum Stillſitzen zwangen, begann dieſelbe noch größere und leidenſchaftlich zärtlichere Sorge um den Sohn. Von dem Vater hatte Franz die Don Quixpte'ſche Tapferkeit und Abenteuerluſt, von der Mutter den brennenden Haß gegen das neue Frankreich geerbt. Mit dem achtzehnten Jahre war er in das öſterreichiſche Heer getreten, bei Hohenlinden hatte er an der Seite ſeines Oheims Ulrich gefochten und in der Drei⸗Kaiſer⸗ Schlacht durch die Rettung einer Fahne ſich ausge⸗ zeichnet. — T So viel Triumphe und zugleich ebenſo viele Be⸗ kümmerniſſe für das Mutterherz! Jetzt nun gar, wo er unter erborgtem Namen in Spanien weilte! Die friedliche Unthätigkeit Oeſterreichs war ſeinem feurigen Geiſte unerträglich geworden, er lebte nur wahr⸗ haft im Kriege und war bei der erſten Nachricht von der ſpaniſchen Bewegung, von der Landung der Eng⸗ länder in Portugal nach der pyrenäiſchen Halbinſel geeilt.„Wo wir auch gegen Napoleon kämpfen“, 8 38 ſagte er mit ſeinem Vater,„überall vertheidigen wir Gott und den König, das alte Frankreich und unſer Recht.“ Dieſe politiſchen Neigungen und Abneigungen waren zu berufen, als daß der Ritter thöricht und unartig die leicht verletzbare und auf dieſem Gebiete immer ſchlagfertige und ſtreitſüchtige Frau durch die leiſeſte Anſpielung herausgefordert hätte. Wenn nichts Ande⸗ res, ſo hätte ihn ſchon ihr altmodiſcher Putz— das graue Moiröekleid mit eingeſtickten, bunten Blumen über dem Reifrock, der reich mit Blonden uud Spitzen beſetzte viereckige Ausſchnitt, die hohe Haarfriſur mit Federn und Bändern im Geſchmack der Königin aus ihren Sonnentagen von Trianon— fortwährend daran gemahnt, daß eine noch ſtattliche Frau des alten Frank⸗ reichs ihm gegenüberſaß. So hütete er ſich wohl, als ſie jetzt, da er eine Pauſe in der Erzählung machte, mit geröthetem Ge⸗ ſichte— etwas Roth malte ſie noch immer auf die Wangen— ausrief:„Wie kann es nur ein Czaar aller Reuſſen über ſich bringen, ſeinen Arm in den eines ehemaligen Unterlieutenants zu legen! Eines corſiſchen Advocatenſohnes!“ widerſprechend zu antworten. Ein feines Lächeln mit einer Verneigung gegen ſie verbunden war ſeine einzige Erwiderung; die wei⸗ tere Ergänzung überließ er dem Grafen Ulrich. 39 „Die Frau Schweſter“, ſagte der,„vergißt, daß der talentvolle Mann im neunzehnten Jahrhundert ſchneller vorwärts kommt als im achtzehnten. Wer ſich damals nur bis zu der Stellung eines berühmten Kunſtreiters emporgeſchwungen hätte, hat jetzt Anwart⸗ ſchaft auf Königskronen. Der Unterlieutenant Bona⸗ parte iſt durch ſeine Siege zum Kaiſer Napoleon, zum erlauchten Verbündeten Oeſterreichs geworden. Wir ſind in eine ſchnellere Bewegung aller Dinge gerathen, wie in einem Wagen, der ohne Hemmſchuh einen Berg herniederrollt. Je ſchneller die Bewegung, deſto jäher und überraſchender der Wechſel. Heute oben, morgen unten. Schicken wir uns in die Zeiten, liebe Schwe⸗ ſter! Was hilfts, einem Kometen zu grollen, der am Himmel in flammenden Lichte aufgeht? Ich für mein Theil bin dem Herrn Ritter dankbar für die Schilderung, die er uns gegeben. Kein Zweifel, daß ſich an dieſe Zuſammenkunft in Erfurt die folgen⸗ ſchwerſten Ereigniſſe knüpfen werden.“ „Der franzöſiſche Kaiſer“, meinte Zambelli,„wünſcht, wie ich vermuthe, die Arme gegen Spanien frei zu haben; die Freundſchaft mit dem Kaiſer Alexander ſichert ihn vor einer Kriegsdrohung von Seiten Preußens oder Oeſterreichs.“ „Oeſterreich?“ rief der lange Puchheim. Wo denkt der Herr Ritter hin! Fällt uns nicht ein, mit den Fran⸗ zoſen anzubinden! Wir wollen nichts als den ſchwer erkauften Frieden genießen. Hab' ich nicht Recht?“ Und mit einem eigenthümlich forſchendem Blicke überſah er die Geſellſchaft. „Ja wohl, Puchheim hat Recht!“ ſchallte es all⸗ gemein.„Es lebe der Friede! Oeſterreich bedarf ſeiner! Wozu ein neuer Krieg? Das iſt ja zehnfach bewieſen, daß Napoleon unüberwindlich iſt! Unüberwindlich wie Cäſar und Friedrich der Große!“ „Die Herren haben mich durchaus mißverſtanden“, verſetzte geſchmeidig Zambelli.„Ich würde der Letzte ſein, die Friedfertigkeit Oeſterreichs zu beargwöhnen. Den Kaiſer der Franzoſen reißt ſein Dämon dahin, überall Gründe zu neuen Kämpfen und neuen Er⸗ oberungen aufzuſuchen. Wie der Forſchungseifer den Reiſenden in der Südſee von Inſel zu Inſel, ſo treibt ihn ſeine Unerſättlichkeit von einer Hauptſtadt zur anderen. Wo wird er enden? Wer weſß es? Selbſt die Frau Marquiſe, wenn ſie zurückdenkt, aus welcher Dunkelheit und Tiefe er emporgeſtiegen iſt, wird ſeine Laufbahn wunderbar nennen müſſen. Und einen wun⸗ derſamen Ausgang wird ſie haben, wenigſtens glaube ich es. Er wird nicht untergehen wie ein gewöhnlicher Menſch. Wehe darum, wer ſich ihm entgegenſtellt! 41 Der gigantiſche Imperator wird ihn zermalmen! Unſer theures Vaterland genießt nach harten Un nglücksſchlägen des Friedens, warum ſollen wir die rohe Stärke an⸗ rufen? Allein wagen, was wir vereint mit Rußland und England nicht vermocht?“ Er ſah ſich langſam im Kreiſe um, als erwarte er Zuſtimmung oder Widerſpruch. Nur ein Gemurmel erfolgte, das er je nach ſei⸗ nem Sinn als Beifall oder Verurtheilung auslegen konnte. Inzwiſchen reichten die Diener Gläſer mit einem beſonders koſtbaren und ſeltenen Wein den Gäſten herum, und die Bewegung und das Geräuſch, die da⸗ durch entſtanden, ließen die bedenkliche Stille, die den Worten des Ritters gefolgt war, nicht auffällig werden und zerſtreuten die Spannung. Der junge, hitzige Auersperg jedoch näherte ſich dem Seſſel Ulrich's und flüſterte ihm in's Ohr: „Wirſt Du dieſe Herausforderung dulden, Vetter? Wie er uns zum Narren hält, dieſer wälſche Lump! Laß mich machen und ich werfe den Wicht zum Fenſter hinaus! „Was wir lieben, Vetter!“ antwortete lachend Ulrich, drängte ihm ein Glas auf und ſtieß kräftig mit ihm an.„Was wir lieben, unſer deutſches Vater⸗ land, unſere Berge! Zuerſt und zuletzt die Frauen! Im Uebrigen Ruhe und Frieden allzeit und allüberall!“ Darauf hin klangen die Gläſer munter zuſammen und der Mißton ſchien in der allgemeinen Harmonie zu verhallen. Doch hielt es der Graf für nöthig, mit ſeinem Anſehen und Gewicht für die Meinung, welche den Frieden mit Frankreich verfocht, einzutreten, um der kecken Jugend jede vorlaute Aeußerung abzuſchneiden. „Gewiß“, ſagte er in ſeiner feſſelnden, klaren und beſtimmten Weiſe,„es ruht ſich gut im Schatten des Oelbaumes. Nicht leichtſinnig wollen wir wieder die Pferde an den Wagen des Krieges ſchirren. Der Herr Ritter kann nicht ſehnlicher als ich die Erhaltung des Friedens wünſchen, und auch darin ſtimme ich ihm bei, daß keine höhere Pflicht, keine Rückſicht auf die bedrohte Selbſtſtändigkeit des Vaterlandes uns das Schwert in die Hand zwingt. In dem armen zertre⸗ tenen Preußen mag man Rachepläne erſinnen, ſcho⸗ nungslos, wie der Kaiſer dies Volk mißhandelt hat, darf er auch von ihm keine Schonung erwarten. Weder er noch ſeine Franzoſen, Auge um Auge, Zahn um Zahn! Der Himmel hat uns Oeſterreicher vor ſolch äußerſter Schmach und Knechtſchaft bewahrt. Aber freilich, und dies möchte ich dem Herrn Ritter doch zu bedenken geben, unſere Freiheit und Ehre darf nicht 43 angetaſtet werden, ſonſt haben wir Alle nicht umſonſt gelernt, die Büchſe und den Degen zu führen. Wer uns angreift, iſt in dieſem Falle gleich. Und wenn es ein Götterſohn wäre oder ein Drache, wer würde nicht gegen ihn kämpfen wollen, wenn es den letzten freien Fleck deutſcher Erde gilt?, Er hatte in's Schwarze getroffen und die Stim⸗ mung mächtig erhöht. „Hoch Oeſterreich! Hoch Deutſchland!“ „Das iſt ein Mann!“ „Wolfsegg, Du redeſt wie Demoſthenes! So etwas zu hören, erwärmt das Herz wie edelſter Wein!“ So durcheinander ſchallten nun die Zurufe. „C'est beau comme Corneille!“ kreiſchte, Alle überſchreiend, mit ſeiner dünnen und ſcharfen Stimme der Marquis. Die Männer waren zum Theil aufgeſtanden und drängten ſich um den Seſſel des Grafen, ihm die Hände ſchüttelnd, mit ihm anklingend. Ohne Verlegenheit, wie ohne Schmeichelei brachte ihm auch der Ritter ſeinen Glückwunſch für die be⸗ geiſternden Worte. „Wo es ſich um die Ehre oder eine muthige That handelt“, ſagte er,„können wir nichts Beſſeres thun, als Ihrem Beiſpiel folgen, Herr Graf.“ 44 „Götterſohn!“ reckte ſich der lange Puchheim noch höher auf.„Nicht übel! Alle Götterſöhne ſind ver⸗ wundbar. Achill an der Ferſe, der hörnerne Siegfried zwiſchen den Schultern. Sollte der große Napoleon keine Ferſe haben?“ Die Marquiſe hatte für ihr hitziges Gemüth lange genug geſchwiegen. „Wie heißt es in der Heiligen Schrift?“ ſagte ſie.„Die Schlange ſtach ihn in die Ferſe. Die Schlange, die er mit ehernem Fuße zu zertreten meinte, iſt Spa⸗ nien, das edle Spanien!“ „Ja wohl, ein Volk von ritterlichen Helden!“ „Voll Treue, Tapferkeit und Gottesfurcht! Da ſieht man, daß unter der Herrſchaft des Königs und der Kirche nicht Alles morſch und faul war, wie die Jacobiner ſchreien!“ „Die Enkel des Cid ſind wieder auferſtanden!“ antwortete man ihr von allen Seiten. „Sublime!“ wendete der Marquis in Gedanken an ſeinen Sohn die Augen empor.„Sie rächen den Duc d'Enghien.“ Die peinliche Erinnernng wurde durch Auersperg beſeitigt, der um jeden Preis ſeinen beſondern Streit mit dem Ritter haben wollte. Nicht ſowohl aus poli⸗ tiſchem Gegenſatz, als weil er mit ſteigender Ungeduld 45 die Blicke bemerkte, welche Zambelli auf ſeine Ver⸗ wandte, die ſchöne Antoinette, richtete, huldigende, ſchwärmeriſche Blicke, die zwar von dem Fräulein nicht erwidert, vielleicht kaum beachtet wurden, nichtsdeſto⸗ weniger aber die Eiferſucht des jungen Auersperg er⸗ weckten. Er ſchalt es bei ſich eine Anmaßung ohne⸗ gleichen, daß ein hergelaufener Abenteurer ſeine Augen zu einem Fräulein von Wolfsegg⸗Gondreville erhob, und hatte längſt beſchloſſen, bei der erſten Gelegenheit unter einem günſtigen Vorwande den frechen Wälſchen dafür zu beſtrafen. „Ihnen“, ſagte er jetzt, auf Zambelli zuſchreitend, mit polterndem Tone,„Ihnen, Herr Ritter, ſcheint es nicht zu gefallen, daß die Spanier Ihrem vielbewun⸗ derten Götzen zu widerſtehen wagen?“ „Ich bewundere den Kaiſer Napoleon nicht“, ent⸗ gegnete Vittorio mit höflicher Kälte, die ſehr zu ſeinem Gunſten gegen die Aufdringlichkeit des Andern abſtach, „ich bewundere ſein Glück. Das iſt es, was mich für die Spanier fürchten läßt. Ein tapferes Volk unter⸗ nimmt einen Verzweiflungskampf wider einen Mann, den das Schickſal— ich weiß nicht, zu welchem uner⸗ forſchlichen Zwecke ſich auserkoren hat. Wird es ihn beſtehen, dieſen Kampf? Die Siege, welche die Spanier bis jetzt über die Franzoſen leicht davongetragen, haben ——— U den Kriegsruhm des Kaiſers nicht erſchüttert; wenn er in den nächſten Wochen, in der gewiſſen Zuverſicht, daß ihm Rußland die Ruhe im Oſten verbürgt, über die Pyrenäen eilt, dann, Herr Graf Auersperg, wird es ſich zeigen, was Spanien vermag.“ „Sie ſagten: das Glück des Kaiſers“, kam einer der älteren Herren der Antwort Auersperg's— wäh⸗ rend ein Anderer den Hitzkopf am Arme zurückzog— zuvor;„halten Sie ſein Glück für bedeutender als ſeine Gaben?“ „Was iſt der größte Genius, der ſich in erfolg⸗ loſen Bemühungen quält und verzehrt? Glück iſt Alles. Nur erſcheint es mir nicht als eine freundliche, ſondern als eine furchtbare Göttin. Sie zerſchmettert und zer⸗ malmt jeden Widerſtand, der ihren Liebling auf ſeiner Bahn aufzuhalten verſucht. Von dem Hauche ihres Mundes, der für ihn Leben und für die Anderen Tod iſt, umwittert, zieht er dahin. Zu welchem letzten Ziel weiß er ſelbſt nicht. Er nennt es Weltherrſchaft, Welteroberung, die Vernichtung Englands; aber das ſind nur Worte. Alexander träumte davon, am Ganges Halt zu machen und hier die Grenzſäulen ſeiner Herr⸗ ſchaft aufzurichten— glauben Sie nicht, daß er über den Ganges gezogen wäre, wenn er ſein Ufer erreicht hätte? Mit Napoleon iſt es nicht anders, ſein Glück —— —„0oͤ reißt ihn dahin. Nicht vor dem Menſchen, vor dem Dämon, der hinter ihm ſteht, beuge ich mich.“ Die Weiſe, in der er ſprach, verſtärkte noch das Gewicht ſeiner Worte. In der Stille, die um ihn eingetreten war, als wünſche man, daß er fortfahren möge, ſagte endlich Ulrich: „Wie wahr, Herr Ritter! Sie haben den unklaren, unbeſtimmten Gedanken und Empfindungen, die mich dieſem außerordentlichen Manne gegenüber bewegen, einen beredten und tiefſinnigen Ausdruck geliehen. Ja, er iſt mehr als wir, ein erhöhter, ein dämoniſcher Menſch. Sind wir ihm aber darum rettungslos als Sklaven hingegeben?“ „Ich fürchte, ja, bis zu der Stunde, wo ihm das Glück den Rücken kehrt. Er hat ſeinen Stern, aber die Sterne erbleichen.“ „Sieh, ſieh, der Ritter Zambelli iſt abergläubiſch!“ „Mehr als Sie ahnen.“ „Ich bin kein Sterngucker“, ſcherzte Puchheim,„ich bin zu kurzſichtig dazu. Ich harre geduldig, bis der Herr Ritter mir ſagen wird: der Stern hat ſich geſchnäuzt.“ „Das kann urplötzlich geſchehen. Gewaltig wie das Glück des Kaiſers iſt der Haß, den er erweckt, bei den Großen und Kleinen, von Madrid bis St. — 48 Petersburg, und gegen den echten Haß iſt Niemand gefeit“, ſagte Zambelli, jede Silbe betonend.„Allein das Geſpräch paßt nicht für die Damen. Vergebung“, lenkte er ein, wie Einer, der ſich fürchtet, von ſeinen eigenen Gedanken übermannt zu werden. Die Männer waren lautlos geworden, die Mar⸗ quiſe aber rief: „Fürchten Sie, daß wir ſo ſchwache Nerven haben und in Ohnmacht fallen werden, wenn Sie uns ver⸗ kündigen, daß der Bonaparte einmal ſterben muß?“ „Ich dachte nicht an ein ſolches Sterben; ich dachte im Gegentheil, daß der neue Cäſar wie der alte auf dem Gipfel ſeines Glückes ermordet werden kann“ „O, welche Abſcheulichkeit!“ „Unerhörte Grauſamkeit!“ „Eine Verſchwörung, ein Mord!“ „Das iſt zu viel! Wir leben nicht im Zeitalter der Borgia's!“ „Warum ſind Sie entrüſtet?“ entgegnete Zambelli. „Haben Sie die Höllenmaſchine ſchon vergeſſen? Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen. Und tödtet ein armſeliger Mörder einen ſolchen Helden? Nein, das Geſchick borgt nur den Arm des Mörders. Nicht ungeſtraft reizt der Glückliche den Neid der Götter, er büßt es mit einem jähen Ende.“. 49 Um die Schwüle, die von den vielen Kerzen her im Saale ſich verbreitet hatte, durch einen friſchen Luftzug zu mildern, hatten die Diener die Thür nach dem Balkon und einige Fenſter geöffnet. Hell und ſcharf tönte das Geläute der großen Hausglocke am äußerſten Thor von unten herauf, gerade als der Ritter ſchwieg, doch achtete Keiner darauf; der Eindruck, den Vittorio's Worte gemacht, war zu gewaltig. Er ſtand da, unbeweglich wie eine Figur von Erz, und ſo wie aus ehernem Munde, kalt, klar und unbarmherzig waren ſeine Worte erklungen. „Es iſt doch etwas Sataniſches in ihm“, flüſterte der Graf ſeinem Nachbar zu und trat einige Schritte zurück, zufällig nach dem Haupteingange des Saales zu, um Zambelli beſſer und ungeſtörter beobachten zu können. Obgleich ihm Vittorio ſeit Jahren bekannt war, hatte er ihm niemals eine tiefere Theilnahme, eine ſolche Miſchung von Abneigung, Furcht und Staunen eingeflößt, als an dieſem Abend. Um den Ritter ging indeſſen die Unterhaltung weiter. „Das iſt eben der ſicherſte Troſtgrund für die Menſchheit“, behauptete der Fürſt Liechtenſtein,„daß Weltherrſchaften ſelten von langer Dauer ſind. Sie Frenzel, Lucifer. I.. 4 überlehen ihren Gründer nicht und gleichen in ihrem ſchnellen Aufbau wie in ihrem noch ſchnelleren Verfall phantaſtiſchen Wolkengebilden. Die Menſchheit leidet immer nur zehn, zwanzig oder dreißig Jahre unter einem Karl den Großen oder einem Napoleon. Ein wohlthätiges Naturgeſetz ſcheint ſolchen Herven die wahren Erben verſagt zu haben. Hier nun gar können wir triumphiren: er hat keine Kinder!“ Zuſtimmend winkte Zambelli. „Dieſer Punkt ſoll auch den Kaiſer auf das An⸗ gelegentlichſte beſchäftigen. Ja, meine Damen, dies gehört recht eigentlich in Ihr Gebiet. Man lispelt ſich in Erfurt zu— aber die Winde wehen es in alle Weiten— der Kaiſer werbe um die Hand einer ruſſi⸗ ſchen Großfürſtin und werde ſich, wenn ſein Antrag angenommen werde, von Joſephinen ſcheiden laſſen.“ Dieſe Enthüllung rief auch unter den Frauen einen Sturm des Erſtaunens hervor; die politiſchen Erwä⸗ gungen wichen vor dem Reiz des perſönlichen Schick⸗ ſals zurück. In dem Geſchick, das ſich für eine an⸗ muthige und wegen ihrer Herzensgüte verehrte Frau unheimlich vorbereitete, lag ein ſo menſchlich rührender und ergreifender Zug, daß jedes Herz ſich gleichſam unmittelbar davon berührt fühlte. Alle drangen nun in den Ritter, mehr zu erzählen, 1 51 — ſeine ganze Wiſſenſchaft von dieſer Angelegenheit zu offenbaren. Inmitten dieſer Bewegung war der Haushofmeiſter leiſe in den Saal getreten und redete eifrig mit dem Hausherrn. In dem ſonſt ſo heitern und offenen Ge⸗ ſichte Ulrich's ſtieg ein Schatten auf; er ſchüttelte den Kopf und ſchlug ein paarmal mit der rechten Hand in die linke. Auf eine Weile näherte er ſich dem Kreiſe, der um den Ritter ſtand, während der Diener ſich lautlos, wie er gekommen war, wieder entfernte. Im Augenblick war von Zambelli keine Ueber⸗ raſchung zu befürchten, die Frauen nahmen ihn zu ſehr in Anſpruch. Dennoch flüſterte Ulrich im Vorübergehen ſeiner Nichte zu: „Laß ihn nicht aus dem Saal; bis ich wieder komme, ſuche ihn feſtzuhalten.“ Draußen auf dem Gange wartete der Haushof⸗ meiſter auf den Herrn. „Ein Fremder“, ſagte der Graf, raſch den Cor⸗ ridor bis zur Wendeltreppe entlang gehend.„So ſpät!“ „Ich würde gräfliche Gnaden nicht beläſtigt haben, aber er ließ ſich nicht abweiſen und wollte auch nicht ſagen, was ihn in das Schloß geführt, Keinem als 52 Euer Gnaden. Sein Name würde ihm bei dem Herrn Grafen unfehlbar Gehör verſchaffen.“ „Sein Name! Und Du haſt Dich nicht getäuſcht, Anton? Er ſagte, Egbert Heimwald?“ „Egbert Heimwald aus Wien.“ „Und wo haſt Du ihn gelaſſen?“ „Er ſieht zu wohlgekleidet aus, als daß ich ihn hätte bitten können, in der Halle bei den Dienern zu verweilen, und hinauf wagte ich ihn nicht zu bringen. Es hätten ihn Leute ſehen können, vor denen er beſſer unſichtbar bleibt, ſo habe ich ihn denn in mein Stüb⸗ chen zu dem Capuziner geführt.“ „Das haſt Du brav gemacht, Anton! Egbert— ſollte dem Kinde ein Unfall zugeſtoßen ſein?“ murmelte Ulrich vor ſich hin und ſtieg ſo leichtfüßig und geſchwind die Stufen hinab, daß der Alte Mühe hatte, ihm zu 8 folgen Zweites Kapitel. Mit einem ernſten:„Gott zum Gruß allerſeits!“ war der Fremde, von Anton geleitet, in das lauſchige Hinterſtübchen— ſein Fenſter ſchaute in den Garten hinaus— getreten. An dem Tiſche aus Nußbaumholz ſaßen bei den Reſten ihres Abendbrodes der Capuziner und Martin Teimer. Der Eine ſtrich ſich ſeinen Bart und ſchlürfte dazwiſchen ſeinen Wein, der Andere, ein kurzleibiger breitſchultriger Mann mit dunklen Haaren, in halb ſtädtiſcher, halb bäueriſcher Tracht, mit Knie⸗ hoſen und Nägelſchuhen, rauchte unabläſſig aus ſeiner Meerſchaumpfeife. Das Licht der kleinen Lampe auf dem Tiſche reichte nicht aus, die Schatten und die immer dichter wer⸗ denden Rauchwolken zu durchdringen; ein dämmeriges Dunkel herrſchte in dieſem Raume, aus dem nur der 54 ſcharfgeſchnittene Kopf des Pater Marcellus, vom Licht⸗ ſchein getroffen, deutlich hervortrat. Um Martin Tei⸗ mer ſchwebte es wie ein grauer Schleier. Die heiße Luft, von der die Inſaſſen wenig zu fühlen und noch weniger zu leiden ſchienen, fiel ſchwer und bedrückend auf den jungen Mann, der aus der friſchen Kühle des Abends, aus dem leichten, von See und Wald auf⸗ ſteigenden Nebel in ihre Schwüle hereinkam. „Jeſus, Maria und Joſeph“, brummte aus ſeiner Wolke Teimer. „Der Frieden Gottes ſei mit Euch“, ſagte ſalbungs⸗ vooll der Mönch als Erwiderung auf den Gruß des Eingetretenen. Geſchäftig hatte der Hausmeiſter einen braunen Holzſchemel mit kurzer geſchnitzter Rücklehne herbeige⸗ ſchoben und ihn ſauber mit einem Tuche abgewiſcht. „Setzt Euch, lieber Herr, ſetzt Euch ein Weilchen, bis ich den Herrn Grafen von Eurer Ankunft und Eurem Begehren in Kenntniß geſetzt habe.“ „Eilt Euch, ich bitte, es geht um's Leben“, ent⸗ gegnete drängend der Fremde. Während Anton aus dem Zimmer ging, nahm der Blondhaarige— das blonde, gelockte Haar, das auf den ſteifen hochſtehenden Kragen ſeines blauen Rockes herabfiel, war das Erſte, was die beiden am — Tiſche ſitzenden Männer an dem Ankömmling als her⸗ vorſtechende Eigenthümlichkeit bemerkten— auf dem Schemel Platz; nur eine kurze Weile, die Ungeduld ſchien ihn nicht lange auf dem Sitz ausharren zu laſſen. „Wenn's Euch nicht uneben dünkt“, fing der Ca⸗ puziner nach einem Austauſch von Blick und Gegenblick mit ſeinem Nachbar an,„nehmt ein Glas Wein, jun⸗ ger Herr, Ihr ſeid müde, das ſtellt wieder her.“ Der Angeredete trat an den Tiſch und leerte das dargebotene Glas zur Hälfte. „Ich dank' Euch, Pater.“ „Trinkt nur ganz aus, ganz! Es ſchadet Euch nicht und uns macht es nicht ärmer.“ Zur Beſtätigung griff er unter den Tiſch und langte eine neue Flaſche herauf. „Habt wohl einen weiten Weg hinter Euch?“ „Die Weite des Weges ertrüge ſich ſchon. Ich komme von Salzburg und noch weiter weſtwärts aus dem Lande Tirol.“. „Heiſa! Ihr redet doch nicht wie aus den Bergen?“ miſchte ſich Teimer in das Geſpräch; er hatte einen Grundbaß in der Stimme. „Ich bin ein Wiener Kind.“ „Jeſus, aus Wien! Das iſt eine verteufelt große Stadt. Groß und windig! Und ſeid in die Berge ge⸗ zogen?“ „Ja, ich wollte das Land einmal kennen lernen.“ In ſeinen Wolken ſchüttelte Teimer den Kopf; er verſtand den Fremden nicht. Der Mönch war weiter in der Weltlichkeit um⸗ hergekommen und durchſchaute Menſchen und Dinge beſſer. „Ja ſo, Ihr reiſt aus Vergnügen! Unſereins reiſt⸗ um zu betteln, der da“, und er zeigte auf den Raucher, „ſeines Handels wegen und Ihr aus Luſt. Alles Le⸗ ben iſt eine Wanderung, alle ſind ſie verſchieden und haben doch alle daſſelbe Ziel.“ „Ja, ja“, ſagte der Fremde zerſtreut; ſeine Ge⸗ danken weilten weder in dieſem Raume, noch bei die⸗ ſen Männern. „Weht's baieriſch in Tirol?“ ließ ſich wieder der Baß brummend vernehmen. „Baieriſch, was meint Ihr?“ Teimer drückte auf den ſilbernen Deckel ſeines Pfeifenkopfes und ſtieß mit dem Ellbogen und einer Bewegung, die zugleich Enttäuſchung und Gering⸗ ſchätzung ſein ſollte, den Capuziner an.„Das iſt ein Dummkopf“, mochte dieſe ſtumme Sprache ausdrücken. Bruder Marcellus trank ſein Glas leer, als wollte 57 er damit die Meinung ſeines Gefährten beſtätigen oder neue Weisheit, um den Fremden auf den Zahn zu fühlen, aus dem Rothen ſchöpfen. „Baieriſch“, ſagte er, den Kopf erhebend;„Ihr wißt doch, daß Tirol jetzt den Baiern gehört?“ „Ja freilich, aber was geht's mich an? Ich hab' nicht dafür zu ſorgen.“ „Ich auch nicht, aber es ärgert einen doch baß, daß ſie uns das ſchöne Ländlein genommen haben, dieſe ſacramentſchen Franzoſen.“ „Sie waren eben ſtärker als wir. Uebrigens bin ich kein Kriegsmann und keiner von den Räthen aus der Hofburg; mich kümmert kein Kaiſer und kein König.“ „So ſeid Ihr wohl ein Gelehrter? Die dünken ſich Wunder was Großes und möchten am liebſten zu unſerem Herrgott in den Himmel ſteigen.“ Der Capuziner bemühte ſich nicht, ſeine Verach⸗ tung des Gelehrtenſtandes zu verbergen, ſo wegwerfend war ſein Ton. Teimer ließ ein tiefes Grunzen aus ſeiner Bruſt aufſteigen und ſchaute zu der Decke hinauf, als müſſe er ſich von dort oben die Antwort herab⸗ holen, warum es auf Erden ſo viele Narren und Lumpe gäbe? Der Fremde achtete aber gar nicht auf dieſen unzweideutigen Ausdruck der Geringſchätzung. „Ein Gelehrter, Pater?“ ſagte er.„Lei der nur ein Stück von einem.“ „s halt närriſch oder ein Lausbub“, brummte Teimer in ſeinem Gebirgsdialeet, in ſo unverſtändlichen Lauten, daß der Wiener Bürgersſohn, dem die wenig ſchmeichelhafte Bezeichnung galt, auch wenn er darauf hingehört, ſie nicht enträthſelt hätte. Seine ganze Auf⸗ merkſamkeit war indeſſen auf das Geräuſch gerichtet, das in der Halle laut wurde. „Licht für den Herrn Grafen, Licht!“ hieß es. Männerſchritte, die von den Flieſen widerhallten, kamen näher. Jetzt ward die Thür raſch geöffnet. „Alſo doch“, ſagte über die Schwelle ſchreitend der Graf und ſtreckte dem jungen Manne die Rechte entgegen.„Egbert Heimwald, Sie ſind's!“ Seine Hand zitterte. „Aus Wien? Darf ich Sie ohne Sorge ſo herz⸗ lich in meinem Hauſe willkommen heißen, als meine Freundſchaft für Sie es verlangt?“ Der Fremde, der durch dieſen Empfang geehrt wurde und dadurch vollends für den Capuziner und den wandernden Kaufmann aus Klagenfurt zu einem lebendigen Räthſel aufwuchs, war eine jener Erſchei⸗ nungen, auf denen ein künſtleriſches Auge oder ein nachdenklicher Sinn mit einem gewiſſen Wohlbehagen 59 verweilen, weil ſich in ihnen eine Art von Vollkom⸗ menheit ausprägt, die, wie unzulänglich ſie auch an einem idealen Maßſtab gemeſſen ſein mag, in einem beſchränkteren Kreiſe ſchon durch ihren Anblick befrie⸗ digt, wirkt und erfreut. Eine ebenmäßige, ſchlanke und kräftige Geſtalt, eine hohe, frei hervortretende Stirn, unter dichten hochgeſchwungenen Brauen blaue, klare Augen voll gutmüthigen und ſchwärmeriſchen Ausdrucks; die Wangen von einem blonden Bart um⸗ rahmt, um den Mund, deſſen wohlgeformte Lippen einen Mangel an Willenskraft anzudeuten ſchienen, ein ſchalkiſcher Zug ſpielend, während die Naſe etwas von dem kühnen Schnitt der Adlernaſe geborgt hat, ſo ſtand Egbert in hochhinaufgehenden, jetzt ſtark beſtäub⸗ ten Stiefeln, in denen die weißledernen Hoſen ſteckten, in dem langen blauen Rock mit ſchwarzen Hornknöpfen vor dem Grafen. „Aus Wien kann ich dem Herrn Grafen keine Nachricht mittheilen“, antwortete er, mit beſcheidener Freimüthigkeit die Begrüßung Ulrich's erwidernd;„ich komme von der entgegengeſetzten Seite, von Salzburg.“ „Dann willkommen, von ganzem Herzen willkom⸗ men“ unterbrach ihn aufathmend der Graf.„Sind Sie endlich meinem Rathe gefolgt, mein lieber Egbert, ſich die Welt jenſeits des Stephansthurmes anzuſehen? 60. Der Sinn wird dumpf in den engen Mauern. Was auch Ihr würdiger Vater ſagen mochte, nicht die Bü⸗ cher, die Welt und das Leben erziehen den Mann. Hier ruhen Sie nun eine Weile von Ihrer Reiſe bei mir aus. Ja, das müſſen Sie ſchon! Luſtige müßig⸗ gängeriſche Tage erwarten Sie. Warum haben Sie ſich in die Höhle des Löwen gewagt!“ In der Freude, ſich in ſeiner Beſorgniß getäuſcht ſehen, ſchnitt er dem Anderen das Wort ab und ve guß ganz, daß für einen gewöhnlichen Beſuch der junge Mann eine ebenſo abſonderliche Stunde wie Art der Einführung gewählt habe. „Wir ſind ſpaßige Leute; die warme Sonne hat's uns angethan, wir arbeiten nicht und leben wie im Schlaraffenlande.“ „Ach, Herr Graf“, gelang es jetzt Egbert, ſich inmitten dieſes Redeſtromes Gehör zu verſchaffen,„welch' eine traurige Schickung iſt es, daß gerade ich Ihre fröhliche Stimmung betrüben und unſer Wiederſehen zu einem ſchmerzlichen machen muß! Nicht einen heitern Gaſt. Er ſtockte und ſtreifte mit einem verlegenen Blicke die Männer, die ſich bei dem Eintritt des Grafen von ihren Schemeln erhoben und nach der Fenſterniſche zu⸗ rüichgrzogen hatten. 61 „Reden Sie ohne Furcht, es ſind treue Leute. Aber was verkündigt mir Ihr Geſicht?“ „Ein Verhängniß. Ich bringe Ihnen einen Ster⸗ benden ins Haus.“ „Jeſus Maria, mir hat's geſchwant!“ rief der Haushofmeiſter aus und bekreuzigte ſich. Der Graf winkte ihm Ruhe zu und blieb erwar⸗ tungsvoll, die Arme auf der Bruſt verſchränkt, vor Egbert ſtehen. „In einer Felsſchlucht, etwa halbwegs zwiſchen Gmunden und Vöcklabruck—“ „Vöcklabruck?“ Der Graf ließ die Arme niederſinken; auch der Capuziner war näher geſchritten. „Ich weiß nun ſchon den Namen des Verunglück⸗ ten. Nicht wahr, es iſt ein Franzoſe, ein ältlicher Mann... „Ja; er nannte ſich mir Jean Bourdon“, ergänzte Cgbert. Sowohl der Mönch wie der alte Diener öffneten den Mund zu einem Aufſchrei, als der Graf, die Hand erhebend, ihnen Schweigen gebot. „Was iſt dem Unglücklichen geſchehen? Lebt er noch? Wo iſt er?“ fragte er. „Unten am Fuße des Schloßhügels, in dem Hauſe 62 Ihres Waldhüters liegt er. Wir hörten, daß eine frohe Geſellſchaft bei Ihnen verſammelt wäre, Herr Graf...“ „Sie ließen den Mann dort. Das iſt gut. Ich dank' Ihnen, Egbert. Welche Geiſtesgegenwart! Aber ich muß zu ihm, ſogleich...“ „Ich bin hinaufgekommen, Sie darum zu bitten. Der Arme verlangt ſehnlichſt nach Ihnen.“ „Einen Hut, Anton! Raſch! Sie begleiten mich, Egbert, nicht wahr? und erzählen mir auf dem Wege hinab dieſe entſetzliche Begebenheit.“ „Ja wohl, entſetzlich, Herr Graf. Wenn mich nicht Alles trügt, iſt hier ein Raubmord verübt worden.“ „Jean Bourdon ermordet, beraubt! Der Unſelige! Hätte er meine Warnung beherzigt, hätte er einige Diener mitgenommen! Iſt denn alles Ringen, alles Kämpfen gegen dies dämoniſche Glück vergeblich?“ Die letzten Worte hatte er vor ſich hin geſprochen, vielleicht waren ſie wider ſeinen Willen die laut ge⸗ wordene Frage ſeines Geiſtes. Der Diener hatte ihm inzwiſchen einen grauen Hut mit einem verwelkten Alpenſtrauß daran gereicht und legte ihm ſeinen eigenen grauen Mantel um die Schultern.. „Es iſt wegen der Nachtkälte, gräfliche Gnaden“, 63 bat der verſorgliche Mann, als Ulrich abwehrte;„thun's mir zulieb den Mantel um, mir und der Comteſſe Antoinette, die immer gar beſorgt um Sie iſt.“ Der Graf hatte den Hut aufgeſtülpt und Egbert's Arm ergriffen. „Ihr, Pater Marcellus, könnt der Dritte in un⸗ ſerem traurigen Bunde ſein; ein Sterbender hat man⸗ cherlei Bedürfniſſe. Und Du, Anton, Augen und Ohren auf, daß uns Niemand nachſchleicht! Kein Laut darf in den Saal dringen, kein Laut von dem, was hier geſchehen. Laß noch mehr Wein hinaufſchaffen, den beſten, es ſoll tüchtig eingeſchenkt werden. In einer Stunde denke ich zurück zu ſein. Nimm Dein Geſicht zuſammen, Mann! Es iſt keine Zeit zum Seufzen und Weinen. Im Kampf der Welt, was iſt der Einzelne werth?“ Bald waren die Männer außerhalb des Schloſſes auf dem Wege, der, von rothen Kaſtanien und Nuß⸗ bäumen umſtanden, den Schloßberg hinabführte. Um das harte Pflaſter des Dammes in der Mitte, der für Wagen angelegt war, zu vermeiden, ſchritten ſie dicht unter den Bäumen dahin; voran der Graf mit dem blonden Egbert, ſcharf auftretend und ſtark ausſchrei⸗ tend, hinter ihnen mit faſt unhörbarem, nachſchleifen⸗ dem Tritt der Bettelmönch. Da das Mondlicht nur 64 hier und dort durch eine Lücke im Blätterdach glitzernd auf den Pfad fiel, glichen ſie Schatten, die ſich in der Nachtdämmerung kaum von den Bäumen abhoben. Mit gedämpfter Stimme erzählte Egbert ſein Abenteuer.— „Wir waren geſtern von Salzburg aufgebrochen“, begann er. „Wir?“ unterbrach ihn Ulrich.„Sie waren nicht allein?“ „Nein; ich war in Prag mit einem jungen Künſt⸗ ler bekannt geworden, Künſtler in dem Sinne, daß er von allen Künſten Einiges verſteht, und in keinem, weil er zu viele Talente beſitzt, um eines erfolgreich auszubilden...“ „Und Sie machten die Reiſe mit ihm zuſammen? Das heißt, aus Ihrem Beutel! Ob in Wien, ob auf den Bergen, Sie bleiben doch ein Träumer! Und wo haben Sie Ihren Reiſegefährten gelaſſen?“ „Er wacht unten an dem Bett des Sterbenden. Wenn der Unglüclliche noch einen letzten Wunſch hat, wird er meinen Freund gern in ſeiner Nähe wiſſen und ſich ihm anvertrauen können.“ „Ihr Freund verſteht die franzöſiſche Sprache?“ „Ein wenig.“ „Hm!“ machte der Graf. 65 Es ſchien ihm Etwas aufzufallen oder nicht ge⸗ nehm zu ſein. Doch unterdrückte er jede fernere Frage, „Erzählen Sie weiter“, bat er,„und fürchten Sie keine Unterbrechung mehr.“ „Die Nacht brachten wir in Vöcklabruck zu und wollten nach unſerem Plane geradewegs über Lambach auf Linz gehen, um dort das Schiff zu beſteigen, das uns nach Wien bringen ſollte. Am Morgen aber ſchil⸗ derte uns der Wirth die Schönheit des Sees bei Gmunden mit dem rothen Traunſtein, deſſen Spitze uns ſchon lange aus der Ferne zugenickt, ſo verlockend; dazu ſei der Weg von Vöcklabruck nach Gmunden nur ein Katzenſprung, daß wir uns entſchloſſen, am Guten, das ſo nahe lag, nicht vorüberzueilen. Meinen Diener mit dem ſchwereren Gepäck ſchickte ich nach Linz vor⸗ aus, wir gingen wie Handwerksburſchen mit leicht ge— packtem Ränzel auf dem Rücken, von dem verſtändigen Wirthe über den Weg unterrichtet, auf Gmunden zu. Nicht auf der geraden Straße, die uns allzu ſtaubig und ſonnig dünkte, ſondern auf Fußwegen, durch Wald und Schlucht, wohl auch die Kreuz und Quer. Bald wollte der Eine auf dieſen Fels klimmen, um die Rundſchau zu genießen, bald der Andere dem Laufe des Baches folgen, der zu einer Mühle im Thal geleiten müſſe. Selten begegneten uns Menſchen; ein paar Frenzel, Lueifer. 1 66 Kinder, die Reiſig oder Beeren im Walde ſuchten; vereinzelt einmal ein Hirt, ein Waldgänger, ein Bauer, der nach ſeinem Heimathsdorfe zurückging, oder von dort hinaus in die Stadt wanderte. Zuweilen klang bei der Stille der Luft Hörnerklang zu uns herüber.“ „Es war unſere Jagd“, ſagte abgebrochen Wolfs⸗ egg dazwiſchen. „Die Töne kamen und gingen; ſie ſchwebten gleich⸗ ſanm mit den weißen Fädchen, die in der Luft umher⸗ flogen, auf und nieder. Es war eine der entzückend⸗ ſten Wanderungen, die wir noch gemacht; die Farben des Herbſtes erhöhten den Reiz der Landſchaft und ſein friſcher Athem ſtärkte die Bruſt. Wenn wir geahnt, welch ein Ende dieſem ſo ſchön beginnenden Tage be⸗ vorſtand! Im Wechſel von Schweigen, Geſang und luſtigen Reden ſchritten wir auf einem mäßigen Höhen⸗ kamm hin, gen Südoſten zu begrenzten ihn mit Wald beſtandene Hügel, über ihnen allen ragte der Gipfel des Traunſteins empor, uns immer gegenüber und unſer ſicherſter Führer. Eben hatten wir einen ſchat⸗ tigen Baum gefunden, unter dem wir uns lagern wollten, uns an den mitgenommenen Vorräthen zu erquicken, es mochte eine Stunde über Mittag ſein, als mein Begleiter nach dem Rande der Höhe zuging. „„Hörteſt Du nichts?“ fragte er.“ „ — —— 67 „Nein“, antwortete ich. „Mir war's, als käme aus der Schlucht ein leiſes Wimmern herauf.“ „Und indem ich nun ſchärfer hinhorchte, glaubte auch ich dies Aechzen und Stöhnen zu vernehmen, undeutlich, verloren, es konnte ebenſo gut Wahrheit, wie eine Täuſchung unſerer Sinne ſein. Der Höhen⸗ rücken dehnte ſich im Weſten nicht weit aus; während er auf der andern Seite allmälig in ſanften Abſtu⸗ fungen mit dem tiefer gelegenen Thal ſich verſchmolz, fiel er auf dieſer ſteil und ſchroff wohl hundert Fuß tief hinab. Gebüſch, Geſtrüpp, auf einander geworfene größere und kleinere Steine machten den Weg hinab in die Schlucht beſchwerlich. Jenſeits ſtieg wieder eine Hügelreihe auf. In der Schlucht war es von den Schatten der Bäume auf den Höhen dämmerig. Der Boden von Quellen und Waſſeradern, die aus dem Geſtein brachen, tiefgrün, Alles wild verwachſen. Wir ſchauten von oben hinein. Das Geſtöhne und Geſeufze drang jetzt vollkommen deutlich zu unſerem Ohr, aber entdecken konnten wir weder Menſch noch Thier, von dem es herrührte. „Raſch entſchloſſen kletterten wir hinab und durch⸗ ſuchten den tiefen Grund. Es dauerte auch nicht lange und ein ſchrecklicher Anblick bot ſich unſeren Augen dar. 68 „An der jenſeitigen Felswand, die niedriger war als die öſtliche, von der wir herabkamen, in einem dichten Gebüſch, lag ein verunglückter, verwundeter Mann; verwundet, denn eine Kugel hatte ihn in die Bruſt getroffen, verunglückt, denn er war, wie der Augenſchein lehrte und wie er es mir ſpäter beſtätigte, von der Höhe herabgefallen und hatte ſich den Arm gebrochen. So kläglich meine mediciniſchen Studien auch geendet, ſo viel wußte ich doch noch von ihnen und von chirurgiſchen Hilfsleiſtungen, um den Arm wenigſtens in eine beſſere Lage bringen und der Bruſt⸗ wunde einen erſten nothdürftigen Verband anlegen zu können. Die Kugel ſteckte in der Wunde, das Wund⸗ fieber hatte ſich eingeſtellt, der Mann mochte wohl ſchon an die zwei Stunden hilflos und verſchmachtend hier gelegen haben. Ihn zu retten, war nicht möglich, die inneren Theile hatten eine unheilbare Verletzung erhalten, ihm die letzten Stunden zu erleichtern, konnte unſer einziges Beſtreben ſein. Waſſer war zum Glück in der Nähe, wir ſchöpften es aus der Quelle, Wein hatten wir bei uns, einige ſtärkende Tropfen, die ich auf alle Fälle mit mir führte, thaten auch hier ihre Wirkung. Im Uebrigen war guter Rath theuer. Kein Haus in der Nähe, keine menſchliche Seele. „Mein Begleiter ſchrie die Schlucht hinauf und 69 hinab nach Hülfe, klomm die Höhe wieder hinan und ließ dort ſeinen Ruf erſchallen. Immer umſonſt. In⸗ deſſen blieb ich bei dem Verwundeten. Ich hatte ihn ein wenig aufgerichtet, von einem Felleiſen und der Decke darauf ihm eine Art Kiſſen bereitet, das Haupt darauf zu lehnen. Der Verband, ſo ſchlecht er war, that ihm wohl; nachdem er ein⸗ und ein anderes Mal einen Trunk aus der Miſchung, die ich ihn bereitet, genommen, ſtammelte er einige Worte. Daraus erfuhr ich, daß er Jean Bourdon heiße und nach Ihnen, Herr Graf, begehre; bevor er ſterbe, wolle er Sie noch ein⸗ mal ſehen. Wie war er in dieſen Zuſtand gekommen? Ich weiß nicht, ob ich ſeine unzuſammenhängenden, geflüſterten, wieder und wieder durch ſeine Schmerzen unterbrochenen Reden, noch dazu in der fremden Sprache, richtig deute, aber mir ſtellte ſich der Vorfall ſo dar: Er war auf der Höhe mit einem Manne in eifrigem Geſpräch dahingegangen, plötzlich überfallen und von einer Kugel dahingeſtreckt worden. Wie todt hatte er eine Weile in dem glühenden Sonnenbrand gelegen; auf allen Vieren fortkriechend, hatte er in ſeiner höch⸗ ſten Noth Waſſer und einen ſchattigen Fleck geſucht und war dabei dem Rande des Abhanges zu nahe ge⸗ kommen und hinabgeſtürzt. So fanden wir ihn. „Unaufgeklärt blieb mir, wer jener Mann, mit 70 dem er geredet, geweſen, ob von ihm oder einem Drit⸗ ten der verrätheriſche Angriff und Mord geſchehen ſei. „Wiederholt ächzte der Unglückliche nach ſeinem Sohne Benjamin, dann nannte er wieder Ihren Na⸗ men und bejammerte den Verluſt von Briefſchaften, ſei es nun, daß ſie ihm geraubt worden, ſei es, daß ſie verloren waren. Nicht in der Folge, wie ich es Ihnen jetzt mittheile, Herr Graf, ſondern in langen Zwiſchen⸗ pauſen, verworren und geſtört durch wüſte Phantaſie⸗ gebilde, kam dies Alles zu meiner Kenntniß. Eine fie⸗ berhafte Angſt quälte ihn, daß ſeine Feinde wieder erſcheinen könnten; er hielt mich bei der Hand feſt und wollte kaum leiden, daß ich nach der Quelle ging, fri⸗ ſches Waſſer für ſeinen Durſt zu ſchöpfen. Traurige, peinvolle Stunden— ach! mußte ich auf ſo ſchmerz⸗ liche Weiſe in das Leben eingeführt werden! Ich ſetze mit meiner Weitſchweifigkeit Ihre Geduld auf eine harte Probe, Herr Graf, aber eine innere Stimme ſagt mir, daß bei dieſer Begebenheit auch der geringſte Umſtand von Wichtigkeit ſei.“ „Mehr als Sie ahnen können, lieber Egbert! Sie haben die Parzen beim Spinnen eines ſchickſalsvollen Fadens belauſcht.“ Dieſe Aeußerung gab dem Jüngling den Muth, in ſeiner Schilderung fortzufahren. — „Leider konnte ich in meiner Hilfloſigkeit, allein mit dem Kranken, nicht daran denken, die Höhe, die er hinabgefallen war, hinaufzuſteigen und oben den Schauplatz der verbrecheriſchen That zu unterſuchen. So mögen alle Spuren derſelben ſchon verweht und verwiſcht ſein; nur ein göttliches Auge hat ſie geſehen. Endlich kehrte der Freund zurück, zu meiner unaus⸗ ſprechlichen Freude mit einigen Knechten und einer Tragbahre. Oben auf dem Höhenkamme hatte er um⸗ herirrend ein Mädchen gefunden, das ihm den Weg nach der Rabenmühle gewieſen. Es war ein wild⸗ ſcheues, halbwüchſiges Kind mit nackten Füßen, das Geſicht und die Arme ſonnenverbrannt. Bei dem An⸗ blick des Verwundeten ſchrie ſie laut auf, ſchlug mit den Händen wie beſeſſen um ſich und riß ſich los. Wir waren Alle zu eifrig um den Unglücklichen be⸗ ſchäftigt, um uns lange mit ihr aufzuhalten. „Es iſt die braune Chriſtel“, ſagten die Müller⸗ knechte;„ſie iſt wüſt im Kopfe wie ihr Vater.“ „Auf der Bahre trugen wir dann Jean Bourdon zur Mühle; nicht ganz eine Stunde liegt ſie— und wir ſchritten, da wir uns beim Tragen ablöſen konnten, ſcharf aus— von der Unglücksſtätte entfernt. Die Beſtürzung des Müllers und ſeines Geſindes hatte bei unſerer Ankunft den höchſten Grad erreicht; ſie kannten 662 den Fremden ſchon vom Anſehen. In der Frühe des Tages war er von Gmunden her bei ihrem Hauſe an⸗ gefahren und hatte, eine Kleinigkeit an ſeinem Reiſe⸗ wagen auszubeſſern, Halt gemacht. Vollgepackt und unverſehrt, wie er angekommen, ſtand der Wagen auf dem weitläufigen Hof der Sägemühle; der Kutſcher war bei ſeinen Pferden geblieben. Nach den Ausſagen des Müllers war der Fremde über die Verzögerung ſeiner Fahrt ungeduldig und verdrießlich geworden und hatte ſich, der Arbeit, die ihm nicht raſch genug von Statten ging, zuſehend, auf die Bank vor dem Hauſe unter dem Nußbaum geſetzt. Da kam ein Reiter zu Pferde die Straße daher; es hätte ſo ausgeſehen, als ſei er dem zagen ſchon eine Weile gefolgt. In wenigen Worten verſtändigte der Reiter ſich mit Jean Bourdon; dieſer bedeutete ſeinem Kutſcher, ihn hier zu erwarten, und ſchritt dann mit dem Reiter, der vom Pferde geſtiegen war und es nun am Zügel führte, der Waldung zu, an dem Bache, der die Räder der Mühle trieb, entlang. Bald ſeien die beiden Män⸗ ner ihm, dem Müller, aus den Augen entſchwunden; da ſie in einer fremden Sprache geſprochen, hätte er ſie nicht verſtanden, um etwas Hochwichtiges aber habe es ſich wohl gehandelt, denn Jean Bourdon ſei bei 73 der Anrede leichenblaß geworden. Das lange Aus⸗ bleiben des Reiſenden, der doch eine baldige Rückkehr verſprochen, habe ihn eine Weile beunruhigt, allerlei Geſchäfte aber ſeien dazwiſchen gekommen und hätten ſeine Aufmertſamkeit nach anderer Richtung gelenkt. Der Kutſcher aus Gmunden hätte ihn in ſeiner zu⸗ wartenden Rolle beſtärkt und immer getröſtet:„Sorgt doch nur nicht, haltet Euch ſtill, es iſt etwas Heim⸗ liches um den franzöſiſchen Herrn; der Pater Marcel⸗ lus von den Capuzinern hat mir geſagt: ſeht nicht und hört nicht, was er thut und was um ihn ge⸗ ſchieht.““ „Da hört Ihr's, Pater“, wendete ſich der Graf zurück.„Was iſt menſchliche Vorſicht, was der klügſte Plan?“ „Ja, wenn wir Wetter und Wind machen könn⸗ ten!“ antwortete ſeufzend der Capuziner. „Das war etwa Alles“, fuhr der blonde Egbert fort,„was ich im Drange des Augenblicks aus dem Müller heraus erfragen konnte. Sie, Herr Graf, wer⸗ den beſſer und leichter mit ihm fertig werden als ich; 5 meine Bücherweisheit ſcheiterte an der Hinterhaltigkeit und Verſchloſſenheit des Mannes. In der Mühle blie⸗ ben wir nur ſo lange, um den Verwundeten einen regelrechten Verband anzulegen; ſelten kam noch ein —„· 74 Ruf, ein Schrei über ſeine Lippen, ein Ruf nach Ihnen! Da er nach menſchlichem Ermeſſen nicht mehr zu retten war und die Fahrt in dem gutgepolſterten Wagen ſeinen Zuſtand nicht verſchlimmern konnte, entſchloß ich mich, ihn hierher zu führen, um ſeinen Wunſch zu erfüllen und Ihnen, Herr Graf, vielleicht einen Dienſt zu erweiſen.“ „Den wichtigſten. Sie verpflichten mich in un⸗ löslicher Weiſe.“ „Es iſt mein Glück, Herr Graf, nicht mein Ver⸗ dienſt.“. „Immer haarſpaltend und grübleriſch! Greif' doch zu, junger Menſch! Als ob das Glück nicht das größte Verdienſt wäre und das Mißgeſchick die ſchlimmſte Schuld. Aber da ſind wir.“ Am Fuße des Schloßhügels, in der Entfernung von einigen hundert Schritten, am Saume eines Gehölzes, lag ein einſtöckiges Holzhaus. Ein ehemaliger Soldat des Grafen, der mit ihm die Kriege gegen die Heere der franzöſiſchen Republik durchgemacht, mit ehrenvollen Narben bedeckt, verzehrte darin das Gnadenbrod. Da er ſich aber noch kräftig fühlte und das nichtsthueriſche Kopfhängen, wie er ſich ausdrückte über alle Maßen verabſcheute, ſo hatte er ſich von ſeinem Herrn eine Beſchäftigung ausgebeten. 75 Lachend hatte ihm dieſer darauf erwidert, er möge nur in dem Gehölze an ſeinem Hauſe und rings um das Schloß gute Ordnung und Wache halten, er ſei ein vorgeſchobener Poſten. Das that der graue Conrad— Augen und Brauen, Haar und Bart waren ihm grau— mit unermüdlichem Eifer und ſoldatiſchem Pflichtgefühl. Tag und Nacht ſahen ihn die Umwohner nun ſchon eine Reihe von Jahren, das treffliche neue Jagdgewehr im Arme, das ihm der Graf geſchenkt, meilenweit die Runde machen; davon nannten ſie ihn den Waldhüter. Er ſtand auch jetzt, als Ulrich mit ſeinem Be⸗ gleiter auf das Haus zuſchritt— hier öffnete ſich der Weg, der bisher zwiſchen dem Baumgange im nächti⸗ gen Dunkel ſchmal und ſteil dahingelaufen war, zu einem breiten, freien, mondlichterhellen Platz— wache⸗ haltend an der Thür; ſtramm aufgerichtet, mit einem ſchwarzen zottigen Hund, der ſtill zu ſeinen Füßen lag. „Schlimme Nacht, Conrad“, ſagte Ulrich.„Trotz des Friedens leben wir noch immer im Kriege.“ „Wird noch ſchlimmer werden, gräfliche Gnaden.“ Damit öffnete der Waldhüter die Thür. „Es geht zu Ende mit dem Franzoſen. Da hilft kein Paternoſter mehr. Es wird Einer wieder ſtill auf Erden.“ 76 In der Bettſtelle Conrad's„auf einem Strohſacke, über den Egbert eine Decke gebreitet hatte, bei dem dürftigen Licht einer kleinen, in einem eiſernen Leuch⸗ ter ſteckenden Kerze rang Jean Bourdon im Kampf des Todes. Den Rock hatten ihm ſeine Pfleger aus⸗ gezogen, aber mit der Kraft der Verzweiflung hatte er ſich dagegen gewehrt, als ſie ihn ſeiner hohen und ſchweren Stiefel entledigen wollten, ſie hatten ſie ihm laſſen müſſen. Es war ein wunderlicher Anblick, die beſtaubten und beſchmutzten Stiefel unter der Hülle, die ſeinen Oberkörper bedeckte, über die niedrige Peit ſtelle hervorragen zu ſehen. Hugo, Egbert's Reiſegefährte, ſaß auf einem Schemel neben ihm. Auf dem Fenſterbret abſeits ſtand das Licht und ein irdener Waſſerkrug. Der Eintritt der drei Männer ſchreckte den Ster⸗ benden jäh empor; mit einem Schrei richtete er ſich in die Höhe. Schon hatte Hugo dem Grafen ſeinen Platz geräumt. „Ich bin es, mein lieber Bourdon“, ſagte Wolfs⸗ egg in franzöſiſcher Sprache und ergriff die Hand des Unglücklichen. 3 Mit gebrochenen Augen ſtarrte ihn Jean Bourdon 1 an; er ſchien ihn erſt nicht zu erkennen und ſeine Rede nicht mehr zu verſtehen. Eine Weile lag er dumpf . 1 * 3 8 t 3 77 ächzend da, als verſuche ſich ſein Geiſt mit einer letz⸗ ten Anſtrengung zu ſammeln und aus dem dumpfen Hinüberträumen in den Tod heraus zu reißen. Krampfhaft umklammerte er die Hand Ulrich's, wie ein Schiff⸗ brüchiger das Brett, das ihn aus dem ſtürmiſchen Meere retten ſoll. Von dem Kiſſen, auf dem er ruhte, erhob er den Kopf, ſeine Augen gewannen Blick und Ausdruck wieder. „Aus, Herr Graf“, brachte er mühſam hervor, „aus! Mein armer Benjamin! Retten Sie meinen ar⸗ men Sohn!“ 1„Wie iſt nur dies Alles gekommen?“ wollte Wolfs⸗ egg ihn fragen, aber er ſah, daß die Frage zu ſpät kam. Er ſtand auf und neigte ſich über den Sterbenden. An der anderen Seite der Bettſtelle war der Ca⸗ puziner niedergekniet. „Die Brieſſchaften?“ Ulrich hatte ſeinen Mund dicht an Bourdon's Ohr gelegt. „Verloren!“ hauchte der und bemühte ſich, mit der Hand nach dem Stiefel zu greifen. Dieſe halb bewußtloſe Bewegung verdoppelte ſeine Schmerzen, ein entſetzlicher Schrei entrang ſich ſeiner Bruſt. 78 Der Graf bedeckte das Geſicht mit den Händen. Dann ward Alles ſtill. Egbert flößte dem Kranken einige Tropfen ein. Der Capuziner ſprach dumpf vor ſich hin, ſingenden Tones, die Sterbegebete „Benjamin! Mein Sohn Benjamin!“ ſtöhnte Bourdon noch einmal auf und griff mit verzerrten Zügen in die Leere hinein.„Tödtet ihn nicht!“ Sein Arm fiel kraftlos auf die Decke zurück und ſeine Finger umſchloſſen das Tuch ſo feſt, als wollten ſie es ewig halten. „Gott ſei ſeiner Seele gnädig“, ſprach der Mönch. „Betet für ihn!“ „Da iſt einer der treueſten Männer geſtorben, die es in dieſer treuloſen Zeit gegeben“, ſagte nach einer längeren Pauſe der Graf. Mit tief ſchmerzlichem Ausdruck weilte ſein Blick auf dem Geſicht Bourdon's, aus dem Spannung und Kampf gewichen waren. „Das iſt ſtärker wie wir, viel ſtärker“, murmelte er.„Die Kugel, die wir gegen das Schickſal richten, ſpringt auf uns ſelbſt zurück!“ Und wie aus derſelben Stimmung heraus ſeufzte der Capuziner, die Hände um ſeinen Roſenkranz gefaltet: „Wo iſt der Erzengel Michael, der dieſen Belzebub bändigt?“ — 79 Die Anderen ſchwiegen. Der graue Conrad hatte in ſeinem Leben der Männer mehr, jüngere und ihm befreundetere, in ſchreck⸗ licherer Lage, in noch grauſameren Schmerzen ſterben und dem Tod durch all ſeine Masken in das uner⸗ gründliche Antlitz geſehen. Gelaſſen zog er die Decke bis hinauf an den Hals des Todten, erwartend, daß der Graf oder der Mönch ihm die gebrochenen Augen ſchließen würde. Die beiden jungen Reiſenden, die der Zufall in dies ſchaurige Abenteuer verwickelt hatte, ſtanden am Fenſter; Egbert wendete dem Bett und den Männern darum halb den Rücken zu und ſchaute durch die kleinen Scheiben von ſchlechtem, grünen Glaſe hinaus und hinauf zum Monde. Mit verſchränkten Armen lehnte Hugo an dem vorſpringenden Fenſterbret und be⸗ trachtete die Stellung und den Ausdruck jedes Einzelnen in der Gruppe mit forſchenden Augen, als müſſe und wolle er ſie einmal im Bilde oder auf dem Theater wiedergeben. „Da iſt nun nichts zu tröſten, noch zu hadern“, ſagte Wolfsegg zu dem Capuziner.„Ueber uns Allen iſt die Hand des Ewigen. Das war von ſeiner Jugend bis zum Tode ein ganzer Mann; wir wollen uns be⸗ ſtreben, ihm gleich zu werden.“ 80 Darüber hatte er die letzte fromme Pflicht an dem Todten geübt. „Für dieſe Nacht laſſe ich die Leiche in Deiner Obhut, Conrad; Du wirſt Dich nicht fürchten.“ Wenn's der Reſpect vor dem Todten erlaubt, würde der Graue laut aufgelacht haben, ſo zeigte er nur mit einem heiſern Ton ſeine Zähne. „Von dem Wagen laſſe die Koffer in das Haus bringen; Alles fein ſorglich und ſäuberlich.“ „Sei der Herr Graf unbekümmert“, ſprach der Mönch mit verſtändnißvollem Blick dazwiſchen,„ich werde dabei ſein und den Kutſcher nachher nach Gmun⸗ den heimſchicken.“ „In Eurer Hand wird Alles gut aufgehoben ſein, Pater Marcellus. Euch brauche ich nicht Vorſicht an⸗ zurathen.“ „Ich gehe wie ein Blinder durch die Welt und bin dabei am beſten gefahren. Der arme, gute Mann da ſah zu viel, das war ſein Unglück“, meinte der Capuziner, mit dem Finger auf den Todten deutend. Der Graf nickte. „Ihr habt Recht. Mit dem Feuer kann nur der ſpielen, der es nicht kennt. Wer in ſolchen Dingen bewußtlos handelt, hat immer die Ausſicht des Ge⸗ 81 lingens für ſich. Ja, wenn wir nur ſelbſt freieren Gemüths wären!“ Dabei richteten ſich ſeine Augen, die in dem Ge⸗ mache umherſchweiften, plötzlich auf Egbert, der noch durch die Scheiben zum Mond aufblickte. „Es iſt ſchwül und dumpfig hier. Todtenluft, Ihr Herren“, ſagte er.„Iſt's genehm, treten wir vor das Haus.“ Willig folgten die Jünglinge dem Voranſchreiten⸗ denz indem ſie ſich gegenſeitig die Hände reichten und ſchweigend ſchüttelten, wie zum Zeichen, daß dies Er⸗ lebniß den Bund ihrer Freundſchaft noch feſter knüpfen ſolle, verſtändigten ſie ſich zugleich mit halblautem Wort, draußen in aller Form von dem Grafen Ab⸗ ſchied zu nehmen. Jenſeits der Schwelle, auf der mondhellen Licht ung, athmete Wolfsegg hoch auf. Vom See herauf⸗ wehte ein kühler Oſtwind, ihnen gerade entgegen, die Stirn erfriſchend, die niedergedrückte Stimmung er⸗ höhend.. „Mein lieber Egbert und Sie, mein Herr“, fing der Graf an... „Hugo Spring“, ſtellte der Angeredete ſich ſelbſt vor. Ulrich reichte ihm die Hand. „Ich mache nicht gern müßige Worte. Das Sa⸗ Fren el, Lucifer. 1 6 82 mariterwerk, das Sie heute gethan, der Todte kann es Ihnen nicht danken, und ich, ich weiß, junge Män⸗ ner fühlen ſich verletzt, wenn man ihnen Dank oder Lob ſpendet; ſie ſind noch in dem Glauben, daß ſich das Gute ſelbſt belohnt, daß der kategoriſche Impera⸗ tiv die Welt beherrſcht. Wohl ihnen, möge es für die deutſche Jugend niemals etwas Höheres und Heiligeres geben, als die Erfüllung gerade der ſchwerſten Pflicht.“ „Wie groß wird unſere Tugend, wenn unſer Herz bei ihrer Uebung bricht?“ konnte ſich Hugo nun doch nicht enthalten, mit einigem Pathos zu recitiren: Worte eines Dichters, der damals bei der Jugend einen un⸗ ermeßlichen Beifall und Nachhall zu finden begann. Der Graf fuhr fort: „Aber nicht nur um den Todten, auch um mich, den Lebendigen, haben Sie ſich ein Verdienſt erworben. Und um Andere, deren Dank Sie ſich nicht ſo leicht entziehen können, wie dem meinigen! Jener Bourdon war der zuverläſſigſte Diener— nicht Diener, ſondern ein Freund meiner Schweſter, der Marquiſe von Gon⸗ dreville; ſie wird aus Ihrem Munde die traurige Ge⸗ ſchichte ſeines Endes hören wollen...“ „Wir ſtehen der gnädigen Frau morgen zu Dienſten“, ſagte Egbert.„Wir gehen jetzt hinunter nach Gmunden.“ „Nein, nein!“ ſo ergriff Wolfsegg mit ungewohn⸗ ———ᷣ—᷑—x—⸗—⸗—⸗——;Z——— 83 ter Heftigkeit den Arm des Jünglings.„Um keinen Preis laſſe ich das zu. Sie müſſen hinauf zu mir in's Schloß! Thun Sie meiner Gaſtfreundſchaft nicht den Schimpf an, ſie nach einem ſolchen Tage zu ver⸗ ſchmähen.“ „Sie mißverſtehen meine Empfindung, Herr Graf; wir Beide paſſen nicht in Ihr Haus, wir haben kein hochzeitlich Kleid an“, wendete Egbert beſcheiden ein. Ihm widerſtrebte es im innerſten Herzen, ſich in dieſe Geſellſchaft zu miſchen; es ängſtigte ihn ein ge⸗ heimes Vorgefühl, für das er doch keinen beſtimmten Grund hätte angeben können. So groß bei dem Jüng⸗ ling, der es liebte, glänzende Luftſchlöſſer aufzubauen: ſonſt Wunſch und Sehnſucht geweſen war, einmal in die auserleſenen Kreiſe der Vornehmen zu treten und dieſe herrlichen Frauengeſtalten, von denen er in den Dichtungen geleſen, die er aus der Ferne im Prater beim Beginn des Frühlings, in ihren prächtigen Ca⸗ roſſen hatte vorüberfahren ſehen, in der Nähe zu ſchauen, jetzt, wo ſich die goldene Pforte vor ihm aufthun wollte, ſchien ihn ſein guter Engel oder das Unbe⸗ wußte in ihm zurückzuhalten. Sein Gefährte war ſchon eher geneigt, der Ein⸗ ladung des Grafen zu folgen; er ſah nichts in ihr, als das Verſprechen einer Reihe von guten Tagen. — — Da aber Egbert während der Reiſe nicht nur die Börſe geführt hatte, ſondern in dieſem Falle auch die Hauptperſon war, ſo mußte er ſeine Zuſtimmung bis auf einen günſtigeren Augenblick verſchieben. Auf den ſollte er denn auch nicht lange zu warten brauchen. „Was Kleider!“ rief der Graf.„Ihre Gutthat iſt das ſchönſte Ehrenkleid. Glauben Sie, daß wir einen wackern Mann nur nach ſeinem Rocke und ſeinen Verbeugungen beurtheilen? Auch ohne die blutigen Lehren der Revolution wußten wir Ariſtokraten das echte Verdienſt überall zu finden und zu ſchätzen. Nein, mein lieber Egbert, ſo entkommen Sie mir nicht. Das iſt nur ein Vorwand, ich kenne Sie beſſer. Es iſt Ihnen peinlich, ſo unſanft aus einer Lage in die an⸗ dere, aus einer Empfindung in die entgegengeſetzte ge⸗ riſſen zu werden. Sie wären lieber mit dem Freund ſchwärmend in der Mondnacht zum See hinunterge⸗ gangen, in Räthſelfragen nach dem Warum und Wozu des Todes, in Betrachtungen über die irdiſche Nich⸗ tigkeit ſich verlierend; nun ſollen Sie mit mir in eine luſtige Geſellſchaft; das ſtört Ihnen die Harmonie der Empfindung. Sie fürchten ſich vor der rauhen Be⸗ rührung des Lebens. Da nimmt Ihr Freund die Sache munterer und unbefangener. Einen ſchweren 1 Tag beſchließt man am beſten mit einem Schlaftrunk. So helfen Sie mir doch, mein Herr Spring, dem blöden Schäfer da Muth einzuflößen!“ „Warum ſoll ich's nicht geſtehen, Herr Graf“, er⸗ widerte, ſo angerufen, Hugo,„Sie haben mir aus der Seele geſprochen! Wenn's möglich iſt, verſcheuche ich mir gern die traurigen Bilder dieſes Tages durch ein heiteres. Ich ſpringe nicht ſo leicht wie Egbert in den Abgrund der Unendlichkeit und der Naturphiloſophie, ich habe einen Schauer davor wie vor einem kalten Bade. Der große Shakſpeare vermiſcht Tragiſches und Komiſches und läßt Hamlet von Opheliens Grabe zu einem Fechterkunſtſtück mit Laertes eilen. Auf, Egbert, von einem Sterbebett in einen erleuchteten Feſtſaal, es iſt Weltironie darin! Verſäumen wir ſie diesmal, ſo treffen wir ſie nie auf unſeren Wegen, dieſe göttliche IJronie, die einzig wahre Lebensweisheit.“ Trotz der ernſten Gedanken, die ihn beſchäftigten, mußte Wolfsegg lächeln. „Nun werden Sie nicht länger widerſtehen, Egbert! Ihr Freund hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Leben iſt weder eine Qual, noch ein ſchöner Traum, es iſt nichts mehr und nichts weniger als eine Arbeit, eine harte und zuweilen ſehr unerfreuliche Arbeit! Habe ich keine Ueberwindung nöthig, um nach einem ſolchen 86 Blitzſchlag wieder, als wäre Nichts geſchehen, zu meinen Gäſten zurückzukehren? Sie werden in eine ſtrenge Schule genommen, Cgbert; je früher deſto beſſer iſt eine ſolche Erziehung durch das Schickſal. Lernt käm⸗ pfen, Ihr Jünglinge, bei Zeiten kämpfen, die Welt be⸗ zwingen und Euch ſelbſt! Darin liegt die Freiheit und die Tugend.“ Was ließ ſich darauf antworten? Zwar wurde Cgbert nicht überzeugt, nicht einmal beruhigt, aber er fühlte, daß er den Aeußerungen des Grafen nur unklare Stimmungen entgegenſetzen konnte. Es war ihm, als befände er ſich in einem ſtählernen Netz, das ſich immer enger und unzerreißbarer um ihn zuſammenzog. In einem Punkte durchſchaute ihn Wolfsegg. Der Jüngling fürchtete ſich vor den Men⸗ ſchen, in deren Kreis er treten ſollte. Wohin würden ihn die Fäden, die ſich hier anknüpfen mußten, führen? Dieſe neuen Beziehungen, die Eindrücke, die er ſich wunderbarer ausmalte, als ſie vermuthlich in der Wirklichkeit waren, würden ſie nicht eine Wandlung ſeiner bisherigen Vorſtellungen hervorrufen? Ging er in das Haus der Circe oder in die Schmiede Vulkan's ein? Allein der letzte Grund dieſer Furcht lag nicht, wie der Graf meinte, in der Scheu und Empfindlich⸗ keit des weltunerfahrenen Menſchen, es war der dunkle 87 Selbſterhaltungstrieb, der ſich in Egbert gegen das Fremde wehrte; ſo ſträubt ſich zitternd die Pflanze, die eine rauhe Hand aus ihrer mütterlichen Erde reißt, um ſie in einen anderen Boden zu verpflanzen. „Ich folge Ihnen, Herr Graf“, ſagte er zögernd, „weil ich Ihrer Führerſchaft vertraue.“ Er war ſchon wider ſeinen Willen in die Gewalt der unſichtbaren Mächte gerathen und mußte in ſeiner Blindheit ihnen noch Dank für ihre Leitung wiſſen. Denn während ihres Geſprächs waren ſie dem Schloſſe immer näher gekommen und hatten ſich ſelbſt um die Möglichkeit, der Einladung Ulrich's dennoch auszu⸗ weichen, mehr und mehr gebracht. „Und Sie werden nicht einſam unter fremden Geſichtern ſein“, tröſtete Wolfsegg, als wolle er auch die letzten Schatten aus dem Gemüth Egbert's ver⸗ bannen,„Sie finden Max Auersperg und den Baron von Puchheim oben, der etwas von einem Poeten hat nur daß er auf die unrechte Seite gefallen iſt. Uebri⸗ gens ein Studium für einen angehenden Menſchen⸗ darſteller.“ Dies war für Hugo geſagt, der mit einem poſſir⸗ lichen Seufzer erwiderte: „Die Kunſt iſt ſchwer, Gottes Thiergarten enthält der wunderlichen Exemplare zu viel!“ 3 88 Ob der Graf unter anderen Umſtänden zwei jun⸗ gen, namenloſen Leuten mit ſolcher Hartnäckigkeit ſeine Gaſtfreundſchaft beinahe aufgedrängt haben würde, bleibe dahingeſtellt. Sicherlich gab es einen Mittelweg, den er hätte einſchlagen können. Wohl mochte es ſeine Ehre ebenſowenig wie ſeine Güte leiden, ſie nach einem Gaſthauſe der doch noch über eine Stunde weit ent⸗ fernten Stadt, bei nächtlicher Weile, ziehen zu laſſen, aber ſie in ſein Haus aufzunehmen und zu bewirthen, war eins; ein anderes, ſie in die Geſellſchaft ſeiner Verwandten und Gäſte zu führen. Hätte Egbert einen größeren Ausſchnitt der Welt gekannt als den, der ſich vor ſeinen Fenſtern bei den Saleſianerinnen zu Wien, im Theater und auf ſenti⸗ mentalen Reiſen ihm bis heute eröffnet hatte; wäre Hugo in ſeinem Leichtſinne nicht ſo unbekümmert und in ſeinem Künſtlerhochmuthe nicht des Glaubens gewe⸗ ſen, daß alle Planeten ſich um ihn als ihren Mittel⸗ punkt drehen müßten, ſo würde das Benehmen des ſtolzen Edelmanns ihr Mißtrauen und den Argwohn, daß ſich eine Abſicht dahinter verſtecke, erweckt haben. Als ſie in den licht- und luſterfüllten Saal traten, Wolfsegg mit freier Stirn, den erröthenden Egbert an der Hand, enthüllte ſich ein wenig dieſe Abſicht. Der Graf hatte überlegt, daß ſein langes Ver⸗ 7 89 weilen nicht unbemerkt geblieben ſein würde. Die Einen mochten es anſtößig gefunden, die Anderen Ver⸗ dacht daraus geſchöpft haben. Mit einer bloßen Aus⸗ rede war der Scharfſinn Zambelli's ſchwerlich zu ver⸗ wirren; wie anders, wenn er nicht im Allgemeinen von Freunden ſpräche, die ihn aufgehalten, oder von einem unaufſchiebbaren Geſchäft, ſondern die Ankömm⸗ linge leibhaftig vorſtellte? In einer Weiſe vorſtellte, daß ſich die Aufmerkſamkeit Aller von ihm ab auf die Fremden lenken mußte? Der blonde Egbert war freilich mit ſeinem hoch⸗ klopfenden Herzen unter ſo vielen fremden Geſichtern der Unfähigſte, den Plan des Grafen zu ahnen, als dieſer ſagte: „Das war eine Ueberraſchung! Nur die Jugend erſinnt ſolche Tollheiten. Zu kommen, wo unſer Feſt zu Ende geht! Erlaube mir die Frau Schweſter, ihr in Herrn Egbert Heimwald einen trefflichen jungen Mann und halbwegs meinen Zögling aus Wien, und in Herrn Hugo Spring einen zukünftigen Prinzen Hamlet vorzuſtellen. Wein her, die Gäſte ſind durſtig, Wein her!“ Und indem er auf den langen Puchheim zuſchritt, rieb er ſich vergnügt die Hände und ſprach wie vor ſich hin, doch laut genug, daß die Umſtehenden es hörten: 90 „Zwei ausgezeichnete Jünglinge, Zierden unſeres guten öſterreichiſchen Bürgerſtandes!“ Ueber ſein Hoffen hinaus hatte Wolfsegg ſeinen Zweck erreicht. Die beiden Fremden, die er ſo eigenthümlich ein⸗ geführt hatte, wurden der Gegenſtand der Verwunderung und der Neugierde; Niemand hatte Muße oder Neigung noch weiter nach dem Grunde ſeines Ausbleibens zu forſchen, es erklärte ſich durch die Ankunft der Jüng⸗ linge leicht und natürlich. Die Vertrauteren nahmen ſie freilich nicht, wofür ſie ausgegeben wurden, für harmloſe Reiſende, ſondern ſahen geheime Boten, die aus Tirol oder fernher aus Preußen, dem Königreich Weſtphalen, mit wichtigen Nachrichten eingetroffen wä⸗ ren, in ihnen. Gährte es doch überall im ehemaligen deutſchen Reich gegen die fremde Zwingherrſchaft, die bald nackt und frech von den Geſchöpfen des franzö⸗ ſiſchen Imperators, ſeinen Brüdern, Marſchällen und Intendanten, bald verhüllt von den eingebornen und angeſtammten Fürſten, den rheinbündneriſchen Vaſallen des Eroberers, ausgeübt wurde. Die Zeit war da, wo noch einmal an das Haus Oeſterreich die Mahnung erging, des deutſchen Reiches Schwert und Schild für die Freiheit Germaniens zum entſcheidenden Kampf zu ergreifen. Und nicht nur an — —— 91 die Enkel Maria Thereſia's, nein, an alle jene edeln und mächtigen Geſchlechter erging dieſelbe, die einzig dem Kaiſer und dem Reich unterthänig geweſen, bis der verheerende Sturm der Revolution auch über ſie dahingeſauſt war. Ehe ſie für immer vom Schauplatz der Geſchichte abtrat, wollte dieſe ſtolze reichsunmittel⸗ bare Ritterſchaft ihr Alles, Vermögen und Leben, auf eine letzte Karte gegen den fränkiſchen Uſurpator ſetzen. Die Hutten und Sickingen aus dem Reformations⸗ Zeitalter ſchienen wiedergekehrt zu ſein; wieder galt es, deutſche Art und Sitte gegen romaniſches Un⸗ weſen, gegen den Cäſar und ſeine Legionen zu ver⸗ theidigen. Nicht verzweifelter war in dieſen Tagen die Lage, als in der Dämmerung germaniſcher Ge⸗ ſchichte, damals wo auch im Heſſenlande und längs des Rheins römiſche Burgen und Wartthürme geſtan⸗ den und die Lictoren des Varus mit Ruthe und Beil durch die Wälder und Dörfer gegangen. Ja damals, in Allen, die noch nicht gelernt hat⸗ ten, ſich feige in die Zeit und unter das Joch der Franzoſen zu ſchmiegen, wachte die Erinnerung an Hermann und ſeine Liſt, die den verſchlagenen Römer im eigenen Netze fing, an die glorreiche Schlacht im Teutoburger Walde auf. An die goldenen Adler, welche die Sieger an den heiligen Eichbäumen ihren 92 Gsöttern aufgehängtz! An jenes hehre Weib, das mit drohender Miene und prophetiſchem Worte dem Druſus Halt gewinkt! Ein Gedächtniß, flammend wie Morgen⸗ röthe auf den Bergen! Ja, wie damals ſollte jetzt eine geheime Ver⸗ ſchwörung des ganzen Volkes, ein Tugendbund, des⸗ gleichen die Welt noch nicht geſehen, alle Stämme Deutſchlands umſchlingen und vereinen mit Banden der Liebe und Treue, in Waffen gegen den gemein⸗ ſamen Feind, der Stunde gewärtig, wo Oeſterreich rufen würde: Auf! Das verſchwenderiſche Lob, das der Graf den Jünglingen geſpendet, war für die Ahnenden noch mehr als für die Wiſſenden ein Zeichen, daß Beide innerhalb dieſes großen Bundes ſtänden. Aber auch für die Unbefangenen genügte dieſe Empfehlung, den neuen Gäſten eine freundliche Aufnahme zu bereiten. Ueberdies war der Name Heimwald wohlbekannt und geachtet in der Geſellſchaft. Egbert's Vater hatte ſeinerzeit für einen der tüchtigſten und glücklichſten Aerzte in Wien gegolten; mehrere der Anweſenden wollten dem Verſtorbenen für die eigene Rettung theu⸗ rer Verwandten aus ſchwerer Krankheit verpflichtet ſein. Sie übertrugen mit der leichten und feinen Höf⸗ lichkeit, welche das Merkmal und das Erbe der Ariſto⸗ 93 kratie iſt, die Betheuerungen ihrer Dankhbarkeit jetzt von dem Vater auf den Sohn. In ihrer lebhaften Weiſe that es die Marquiſe von Gondreville Allen zuvor, es ſein nun, daß ſie als gute Schweſter ihren Bruder errathen hatte und ihrer⸗ ſeits ſeinen Plan unterſtützen wollte, oder daß in Wahrheit der berühmte Arzt, wie ſie behauptete, ihrem Töchterchen das Leben erhalten hatte. Der blonde Egbert würde inmitten dieſer Be⸗ grüßungen, der vielen vornehmen Freunde, von denen er bisher nie etwas vernommen, noch gewußt, und die ihm nun plötzlich ſo herzlich die Hand ſchüttelten— jetzt ſtürzte gar noch mit offenen Armen durch die ganze Breite des Saales Max Auersperg auf ihn zu — eine verlegene Rolle geſpielt haben, hätte ihm nicht das Feingefühl für das Schickliche und die beſcheidene Gemeſſenheit ſeines Auftretens eine gewiſſe Sicherheit gegeben. War er auch zuweilen, um nicht vorlaut zu er⸗ ſcheinen, wortkarger, als es ſein Vortheil erforderte, in ſeiner Haltung wie in ſeinen Aeußerungen verrieth ſich jene edle und hohe Bildung, die ihren Träger aus der Menge emporhebt und von dem Gemeinen und der Alltäglichkeit des Lebens ſcheidet. Was ihm fehlte, war nicht die geiſtige Kenntniß der Welt, ſondern die 94 geſellſchaftliche Gewandtheit, die man ſich nur im beſtän⸗ digen Verkehr mit den Anderen erwirbt. Hugo war ſchon ein rüſtigerer Schwimmer in dieſem Ocean. Mit leichtem Witze und Selbſtvertrauen theilte er die Wellen. Der Graf war mit dem Be⸗ tragen der beiden jungen Männer höchlich zufrieden; trotz der Vorſicht der älteren Herren wagte ſich eine und die andere Frage an ſie, über ihre Reiſe, über den Weg, den ſie gekommen, über die Gerüchte, die etwa zu ihnen gedrungen, vom ſpaniſchen Kriege, von der Zuſammenkunft der Kaiſer in Erfurt. Sie aber be⸗ wahrten ein kluges Stillſchweigen. Von dem Aben⸗ teuer, das ſo ſeltſam und geheimnißvoll ihre Fahrt beſchloſſen, hätten wohl auch weniger Vorſichtige nichts verlauten laſſen, allein Egbert behielt nicht nur hier⸗ über, ſondern auch in allem Anderen die Hand auf dem Herzen. Das Wohlgefallen, das Wolfsegg für ihn empfand, ſteigerte ſich von Minute zu Minute, als er ihn ſich ſo lebensklug benehmen ſah. Die Neigung erweckte, wie das zu geſchehen pflegt, bald auch die Abneigung zu einer ſtärkeren Aeußerung. Der Graf ſuchte mit den Augen den Ritter Zambelli. Vittorio hatte ſich ſeit Wolfsegg's Rückkehr in den Saal nicht von ſeinem Platze gerührt; es ſchien, als 95 ſei für ihn die Welt umher wie verſunken oder er mit der Dame, die ihm gegenüber in der halboffenen Glasthüre zu dem Balcon ſtand, auf einen anderen, ſchöneren Stern verſchlagen. In das Geſicht des Ritters konnte der Graf nicht ſchauen. Vittorio kehrte der Geſellſchaft im Saale den Rücken zu; einmal erhob er die Hand und deutete hinaus auf die Felſen am jenſeitigen Ufer des Sees oder hinauf zum Monde. Antoinette— ſie war es, zu der er ſprach— hielt den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt; um ihr reiches, blondes, in einen griechiſchen Knoten geſchlungenes Haar ſchimmerte der Glanz des nächtlichen Geſtirns. Hatte ſie den Auftrag des Oheims, den gefährlichen Mann zu feſſeln, ſo gut vollzogen, oder war ſie ſelbſt dem Banne ſeiner Beredtſamkeit verfallen? Die Anderen bekümmerten ſich um das einſame Paar nicht; Einzelne, die des Guten nicht genug thun konnten, becherten noch immer, die Mehrzahl plauderte mit den jungen Freunden des Hausherrn, die gerade zur rechten Zeit, als der Engel der Langenweile ſeine Schwingen ausbreitete, mit neuen Geſchichten und friſchen Anregungen, ſelber zwei lebendige Räthſel, in die Geſellſchaft getreten waren. „Wer iſt denn glücklich hienieden?“ ſagte Vittorio 96 und ſeine Stimme hatte einen ſchwermüthigen Klang. „Ja, was iſt am Ende das⸗Glück? Ruhe und Zufrie⸗ denheit bedingen einen glücklichen Zuſtand, und wann wäre eine heiße Leidenſchaft ruhig, welch' ein Beſitz, und wäre es der höchſte, befriedigte dauernd ein ehr⸗ geiziges Verlangen? Könnte der Reiche und der Mäch⸗ tige ſich beſcheiden lernen, ja dann! Unter Allen in dieſem Saal, glaube ich, gibt's nur Einen, den das Glück wenigſtens ſtreift.“ „Und dieſer Eine?“ „Iſt Ihr Oheim, gnädige Gräfin. Das iſt ein Mann! Seine äußeren Güter, ein großer Reichthum, eine gebietende Stellung, halten den Vorzügen ſeines Geiſtes die Wage, und beide regelt eine weiſe Selbſt⸗ beſchränkung. Möglich, daß mich der Schein der Ruhe in ihm täuſcht, daß auch er mehr von der Welt for⸗ dert, als ſie ihm gewährt, aber der Schein beſticht. Ein harmoniſches Leben ſtellt ſich uns dar; wie ärm⸗ lich nehmen ſich die Anderen dagegen aus, wie bettel⸗ haft ärmlich oder ſchmerzzerriſſen!“ „Bekennen Sie indeſſen, um der Wahrheit treu zu bleiben, daß dies Ihre menſchenfeindlichen Grillen ſind, Herr Ritter, nicht Wirklichkeiten! Dieſe luſtigen Leute um uns bringen behaglich ihre Tage hin und ſchlafen einen Schlaf, um den ich ſie beneide“, bemerkte Antoinette. — 97 „Was hat die Maſſe der Eintagsfliegen mit Glück und Schmerz, mit Ruhm und Unſterblichkeit zu ſchaffen?“ erwiderte er geringſchätzig.„Wenn Stumpfheit der Sinne und Dumpfheit des Herzens glücklich machen... wer aber begehrte nach einem ſolchen Daſein? An den beiden Polen der Menſchheit ſtehen hier die Befrie⸗ digten, die ein bedeutendes Ziel erreicht haben und nun, die Stirn mit dem Lorbeer geſchmückt, einher⸗ wandeln; dort die Unſeligen, die ſich im eigenen Feuer verzehren; zwiſchen ihnen wogt dunkel und namenlos die Menſchenwelle träge auf und ab, nicht um ihrer ſelbſt, nur um der Bevorzugten willen iſt ſte da. Dies Geſchick würde zu elend und auf die Länge für den⸗ kende Weſen unerträglich ſein, hätten ſie ein Bewußt⸗ ſein und ein Empfinden davon. Die Seelen der Men⸗ ſchen zerfallen in drei Arten: es gibt Seelen von Stahl, von Wachs und von Leder. Das Wachs zer⸗ ſchmilzt an der Sonne, der Stahl zerſplittert unter dem Hammer, aber weder Hammer noch Sonne ſcha⸗ den dem Leder.“ „Sie ſind boshaft, Herr Ritter, und haben doch keinen Grund, die Geſellſchaft zu verſpotten und mit der Welt zu rechten.“ „Keinen Grund? Und das ſagt mir die Gräfin Antoinette? Die Einzige, von der ich wähnte, daß ſie Frenzel, Lucifer. 1. 7 N 98 mich verſtände und mich bedauerte, weil ſie die Qua⸗ len einer unbefriedigten Sehnſucht kennt! Weil ſie ein Herz beſitzt, zu groß und ſtolz für dieſe Menſchen! Oder iſt es nicht wahr, daß die Huldigungen und Vergötterungen, mit denen man Sie überhäuft, Sie ermüden und angähnen; nicht wahr, daß all die Liebe und die Fülle des Reichthums, die Sie umgiebt, Sie oft bis zum Tode betrüben?“ Daß ſie ſcheu zurückwich und hinaus auf den Altan trat, wie bis in's Innerſte von der Wahr⸗ heit ſeiner Worte getroffen, ermuthigte ihn, fortzu⸗ fahren: „Nein, Gräfin Antoinette, ich habe mich nicht ge⸗ täuſcht. An geheimen Zeichen erkennen ſich die erha⸗ benen Unglücklichen, denen das Alltagsſpiel des Lebens nicht genügt. Iſt dies ein Platz für Sie? In einem einſamen Schloſſe die frommen Pflichten einer Tochter zu üben, die Liebesbetheuerungen gutmüthiger Land⸗ junker Tag ein, Tag aus zu hören, eine Königin un⸗ ter Bauern zu ſein, iſt dies ein Loos für Sie? Wohl entſpricht es der Beſtimmung, die der Graf, Ihr Oheim, den Frauen zuſchreibt; es iſt der Kreis, in dem ſich nach ihm das Weib entwickeln ſoll. Da er ein Mann im vollkommenſten Sinne iſt, kann er in dem Weibe nur eine Dienerin ſehen. Aber wie ſollten Sie ſich 99 gegen eine ſolche Meinung nicht empören und nicht aus ſolchen Banden emporſtreben?“ „Sie haben mich einigemal in ernſter Stimmung überraſcht“, ſo fand Antoinette endlich die Sprache wieder,„und ſchieben meiner Schwermuth, die ſich doch aus dem Schickſale meiner Familie leicht erklärt, ſelt⸗ ſame Träumereien unter. Und habe ich mir gar ein⸗ mal in Ihrer Gegenwart Flügel gewünſcht, um— ich weiß nicht zu welchem Sterne aufzufliegen— ſchön iſt es nicht, Herr Ritter, einem kindiſchen Mädchen ſeine Thorheit ſo auszudeuten.“ „Thorheit wäre es, das Erhabene zu hegehren und die Höhen den Niederungen vorzuziehen? Nicht mir, ſich ſelbſt thun Sie mit ſolchen Aeußerungen Unrecht, Gräfin, Ihre Augen reden anders als Ihre Lippen. Die ſuchten vorher in den Wolken, während ſich die Kleinen in ihrer Weiſe am jämmerlichen Zeitvertreib erfreuten, die Freiheit und ihren Stern. Dränge ich mich damit in Ihr Vertrauen? Fern iſt mir ſolche Kühnheit. Der arme Ritter Zambelli würde um die glänzende Tochter der Wolfsegg und der Gondreville immer nur wie die Motte um das Licht ſchwärmen. Aber ich möchte nicht von Ihnen verkannt ſein. Das iſt Alles. Trotz des Getümmels, in dem ich mich be⸗ wege, bin ich ein einſamer, freund⸗ und freudloſer 100 Menſch. Da iſt es mir geweſen, als klänge in Ihnen eine gleichgeſtimmte Saite; war es ein Vergehen, daran zu rühren, ſo vergeben Sie.“ „Ich habe nichts zu verzeihen“, ſagte ſie, und fing an, ſich ihrer Furcht zu ſchämen.„Jeder verſuch eben in der Seele des Anderen zu leſen...“ „Und findet gern ſeine eigene Stimmung in der fremden wieder“, ſetzte er hinzu.„Der Unzufriedene glaubt, daß die ganze Welt ſeine Verdrießlichkeit thei⸗ len müſſe. Ich leide, wie mir Ihr Oheim vorwirſt, an einem heftigen Ehrgeiz und an einer Krankheit, die noch ſchlimmer iſt, die er aber aus Höflichkeit ver⸗ ſchweigt, an einer demüthigenden Armuth. Darum bin ich ungerecht gegen die Reichen und beneide ſie, während ich ſie zu verſpotten ſcheine. Ich habe ein unruhiges Verlangen, zu ſteigen. Haben es nicht alle bedeutenderen Naturen? Fliegen wir nicht im Traume? Der Zuſammenſturz einer alten Welt; der Blick auf den franzöſiſchen Kaiſer, ſeine Gemahlin und ſeine Schweſtern, ſeine Marſchälle und Räthe— geſtern waren ſie noch namenlos im Dunkel der Niedrigkeit, heute ſitzen ſie auf den älteſten Thronen Europa's! Wer könnte ſolche Wandlungen erleben, ohne den lei⸗ denſchaftlichen Wunſch zu hegen, nun auch ſeinerſeits in der großen wilden Jagd nach dem Glücke, welche 101 die Revolution zum erſten Male in der Geſchichte Allen geöffnet hat, ſein Heil zu verſuchen und ſeine Beute zu erjagen?“ „Oder unterzugehen“, entgegnete Antoinette. „Nicht Alle können ſiegen. Immer iſt es ehren⸗ voller, in einem Kampfe, als im trägen Nichtsthun zu ſterben; in einem Erdbeben zu verſinken, als auf ſeinem Bette dahinzuſiechen.“ „Und“, kam Sie auf den Anfang des Geſpräches zurück,„mich halten ſie ähnlicher Begierden und ähn⸗ licher Wallungen für fähig?“ Es war, als ſchwankte er bei der Heftigkeit, mit der ſie geſprochen, in ſeiner Antwort; doch im näch⸗ ſten Augenblicke ſagte er mit einer ſcherzhaften Wen⸗ dung: „Ja, denn Sie gehören nicht zu dem Geſchlechte der Spinnerinnen.“ Wie ſie ſeine Aeußerung aufnahm, erfuhr er an dieſem Abende nicht; eben rief die Mutter ſie an ihre Seite. Egbert, der noch neben der Marquiſe ſtand, ſah ſo die ſchöne ſchlanke Geſtalt in dem weißen, glatten, nach ſogenannter griechiſcher Weiſe fließenden und wallenden Kleide langſam durch den Saal ſchreiten. Ihre nackten, glänzenden Arme, ihre ſanft gerötheten ————————ͤ„ ———— — Wangen, eine Wolke des Unmuths oder des Nachdenkens auf ihrer Stirn, die den ganzen Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts erhöhte, der ſchwermüthige, beinahe düſtere Blick, den ſie, den Kopf erhebend, auf ihn richtete: Alles ver⸗ einte ſich, in ihm einen unverlöſchlichen Eindruck her⸗ vorzurufen. Solch ein Frauenbild hatten ſeine Augen nooch nie geſchaut, ſo greifbar nahe, ſo durchaus holde Wirklichkeit. Auf die Worte, welche die Mutter zu ihr ſagte und die er in ſeiner Traumverlorenheit, aufgegangen wie all ſeine Sinnesthätigkeit im Schauen war, nicht verſtand, reichte ſie ihm zum Willkommen ihre Hand. Wagte er ſie zu berühren? Es war ihm, als hätte er die Hand einer marmornen Göttin angefaßt. Sein Entzücken über ihre Gegenwart wechſelte mit der Angſt, daß ſie ihm wie eine idealiſche Erſcheinung wieder ent⸗ ſchwinden könnte. Wohl ſprach ſie zu ihm mit einer tiefen wohlklingenden Stimme, und er antwortete ihr, aber was ſie mit einander redeten, haftete nicht in ſeinem Gedächtniß, es blieben leere Worte ohne Inhalt. Die Sprache war zu arm für ſeine Trunkenheit, zu arm, um es der überwältigenden Wirkung ihrer Schön⸗ heit gleichzuthun. Er ſah nur den ſchimmernden Nacken, als ſie ſich zur Seite neigte; den blauen Gürtel, der unter dem Buſen ihre Geſtalt umfloß, das weiße, weiche 10³ Gewand, als ob eine herrliche Statue des Alterthums lebendig geworden wäre.— In ſeiner Verzückung hatte er ſeine Umgebung, den Ort, an dem er ſich befand, vollſtändig vergeſſen und nichts erinnerte ihn zu ſeinem Glücke daran. Die Geſellſchaft rüſtete ſich zum Aufbruch, nur eine kurze Spanne Zeit fehlte noch an Mitternacht. In der allgemeinen dewegung, in der Dieſe von den Wirthen Abſchied nahmen, Jene noch zögerten und Verabredungen für die nächſten Tage trafen; der Graf und ſeine Schweſter von einer Gruppe zur anderen gingen und baten, doch wenigſtens das Schlagen der Mitternachtsglocke abzuwarten, ehe ſie ſchieden; der lange Puchheim dazwiſchen rief:„Trinkt noch ein Glas! So kommen wir nie wieder zuſammen, wir nie wieder und Napoleon und Alexander auch nicht! Auf Erden iſt Alles auf den Augenblick und die Stunde geſtellt!“— die jüngeren Damen um Antoinette einen Kreis gebildet hatten und eifrig mit flüſterndem Tone und leiſem Gekicher Wichtiges beſprachen; die Diener auf ſilbernen Bretern den Abſchiedstrunk herumreich⸗ ten— in all dieſem Treiben achtete Niemand auf Egbert. Weit zurück aus der Mitte des Saales hatte er ſiicch in eine der tiefen Wandniſchen geflüchtet und ge⸗ noß von hier aus, von dem Gedränge und Lärm der Anderen nicht geſtört, den Anblick Antoinettens. Sie mit ihren Gefährtinnen vergleichen— wenn es ver⸗ gleichen heißt— ſie über Alle zu erheben; ſie aus der Ferne bewundern zu können, wo ihre unmittelbare Nähe ihn nicht wie vorhin einſchüchterte, verſchaffte ihm ein unbeſchreibliches Vergnügen. Und bedachte er dann, daß er wie heute, ſo morgen ſie ſehen würde, ergriff ihn ein Schauer der Freude, den er bisher noch niemals empfunden hatte. Still genügſam, ſtrebten ſein Wunſch und ſeine Hoffnung nicht über dieſes Anſchauen ſeiner Göttin hinaus. Der ſchönſte Stern des Himmels war ihm in ihr aufgegangen, ſichtbar, wenn auch un⸗ erreichbar; ſie anzutaſten würde ihn noch mehr ein Frevel als eine Unmöglichkeit gedünkt haben. Darüber war— CEgbert hatte nicht bemerkt, wie es geſchehen— der Ritter Zambelli zu den Mädchen getreten. Seine düſtere Erſcheinung, das dunkle Haar, das bronzene Geſicht, ſeine ſchwarze Kleidung warfen für den Betrachter gleichſam einen finſteren Schatten auf das lichte Bild Antoinettens. Er fühlte, wie ſein Herz ſich krampfhaft zuſammenzog, als eine flammende Röthe ihr Antlitz bis zu den Schläfen überflog, ſei es nun über eine Aeußerung Zambelli's oder über die bloße unvermeidliche Berührung mit ihm. 10⁵ „So einſam?“ ſagte an ihm vorübergehend der Graf.„Es war ein anſtrengender Tag für Sie, lieber Egbert, darum ſollen Sie aber auch um ſo ſanfter un⸗ ter meinem Dache ruhen.“ „Wer iſt der Herr, der ſo angelegentlich mit der gnädigen Gräfin ſpricht?“ fragte der Jüngling zurück mit einem Vorwitze, zu dem er ſich nicht hätte hinreißen laſſen, wäre er noch Herr ſeines Willens und ſeiner Zunge geweſen.„Er hat ein ſo auffallendes Aeußere.“ „Nicht wahr? Sind Sie unter die Phyſiognomiker gegangen? Da wünſch' ich Glück! Unter all meinen Gäſten haben Sie gleich den eigenthümlichſten heraus⸗ gefunden, ein Original, oder wie ſagt Ihr jungen Leute jetzt in der neuen Dichterſprache? Ein romanti⸗ ſches Genie. Es iſt der Ritter Vittorio Zambelli, der jüngſte Sohn einer alten Familie aus Wälſchtirol. Sie haben ein Auge, Egbert, ein Auge! Soll ich die Bekanntſchaft vermitteln?“ „Nicht meinetwegen, ich bitte, Herr Graf— Er wehrte ab. Auf der anderen Seite redete der Verhaßte, deſſen Namen er nun wußte, um ihn nie wieder zu vergeſſen, noch immer mit der jungen Gräfin, von ernſten, heim⸗ lichen Dingen. Egbert ſchloß es daraus, daß allmälig 106 die Gruppe der Mädchen um Beide ſich aufgelöſt hatte und ſie ganz allein ſtanden. Wie es ſchien, erwiderte Antoinette nur einſilbig, deſto aufmerkſamer hörte ſie zu. Uebte der Ritter einen Zauber aus? War, was er ſagte, ſo klug, daß man nicht ermüdete, ihm zu lauſchen? In Egbert regte ſich die Leidenſchaft, dieſe Unterhaltung zu ſtören. Wenn er ein Schwert in der Hand gehabt, vielleicht wäre er auf den unheimlichen Mann losgeſtürzt. In ſeinen Gedanken vollführte er die tolldreiſte That, in der Wirklichkeit bewegte er keinen Fuß vorwärts. Die Sitte, die Gewohnheit waren mächtiger, als die Aufwallung der Eiferſucht. Dies aber war zu viel; Vittorio hatte ſich auf die Hand Antoinettens niedergebeugt und drückte ſie mit einem Gemiſch von Zärtlichkeit und Inbrunſt an die Lippen. Egbert's erſte Empfindung war, entrüſtet müſſe das Mädchen ihm die Hand entreißen und eine ſolche Entweihung nicht dulden. Darf ſich ein Heiligen⸗ bild von einem Sünder anrühren laſſen? Iſt nicht ſein Hauch ſchon Befleckung? Doppelt heiß rollte ihm das Blut zum Herzen zurück. Die Rechte der Gräfin ruhte noch in der Hand Vittorio's. Da hielt es ihn nicht länger an ſeinen Platz, er trat vor. Das eifrige Geſpräch jener Beiden hatte indeſſen außer Egbert noch einen Anderen erzürnt, der nach 107 der Art, wie er ſeinen Zorn zur Schau trug, ein größeres Recht zu ſeinem Unwillen haben mußte. Es war Max Auersperg, der daher ſtürmte. Um Zambelli's Lippen ſpielte ein feines und bos⸗ haftes Lächeln. Schon hatte er Antoinettens Hand losgelaſſen und ſich mit einer ehrfurchtsvollen Ver⸗ neigung von ihr verabſchiedet. Mit einer raſchen Wen⸗ dung, um ſeinen hitzköpfigen Gegner zu vermeiden und ihm auch nicht die kleinſte Urſache zum Streite zu geben, kehrte er ſich von der jungen Gräfin ab und ſtieß unverſehens mit dem blonden Egbert zuſammen. „Ich bitte Sie ſehr um Entſchuldigung, mein Herr“, ſagte er und muſterte unwillkürlich den Jüngling. Es war nicht die Erregung, die ſich in deſſen Zügen ausprägte, denn der Ritter hatte keine Ahnung, daß er es ſei, gegen den die Leidenſchaft Egbert's ſich richtete, ſondern deſſen Perſönlichkeit, die ihn feſſelte. Wie ſo ganz erſchien ſie als das Widerſpiel der ſeinen! Ein Bürgersſohn aus Wien, den der Graf ſelbſt ein⸗ geführt, und in ſo merkwürdiger Weiſe! Nachdem er ohne Zweifel lange vorher insgeheim mit ihm ver⸗ handelt hatte! Den die adelsſtolze, vor Hochmuth halb närriſche Marquiſe mit mütterlicher Zärtlichkeit über⸗ häufte! Was bedeutete das? Dazu das Wispern der Geſellſchaft bei dem Eintritt des Grafen mit den bei⸗ ——; ————— 108 den Fremden, das Zambelli trotz ſeiner Schwärmerei über Welt und Menſchengeſchick nicht entgangen war. In der plötzlichen und unabſichtlichen Begegnung mit Egbert wurden dem Ritter all dieſe Vorgänge wieder lebendig.„Wenn hier der Knopf eines Ge⸗ heimniſſes ſteckte, auf den ich nur zu drücken brauchte; und er ſieht aus wie die Auüfrichtigkeit ſelbſt, dieſer blonde Jüngling—“ fuhr es ihm durch den Sinn. „Noch einmal, Verzeihung, mein Herr“, wieder⸗ holte er in ſeiner geſchmeidigen Höflichkeit;„täuſche ich mich nicht, ſo haben wir uns heute ſchon in Lam⸗ bach getroffen, wenn auch nur im lüichtizſten Vor⸗ übereilen.“ Es war ein Angelhaken, den er auswarf, vielleicht fing ſich der Fiſch daran. 4 „Nicht möglich“, antwortete kurz Egbert.„Ich war nicht in Lambach.“ Zambelli hätte hier das Geſpräch mit einem Ein⸗ geſtändniß ſeines Irrthums abbrechen können, aber er fühlte ſich von dem Grafen beobachtet und wollte, wie jeder Spieler, um den erſten verlorenen Einſatz einzu⸗ bringen, einen zweiten Wurf wagen. „Sollt' ich mich irren? Das Bild iſt mir ſo deut— lich! Auf der Landſtraße war's, ich kam zu Pferde von Gmunden, Sie von Norden daher... ——— — — —,— 109 Die Hartnäckigkeit des Wälſchen, von der er keinen Grund abſah, zerſchnitt den Geduldsfaden des Anderen. Es war ein Etwas in dem Ritter, das auch ohne jegliche Veranlaſſung die Abneigung und den Widerſtand Egbert's herausgefordert hätte. Sollte er ſich gar noch muthwillig von ihm foppen laſſen? „Das muß eine wunderbare Luftſpiegelung ge⸗ weſen ſein“, ſagte er, ſich mit einiger Anſtrengung zur Kaltblütigkeit zwingend,„denn in der That, mein Herr, mir iſt's nun auch, als hätte ich Sie geſehen, flüchtig vorüberziehend, ein Nebelbild im Herbſtnebel, nur auf der entgegengeſetzten Seite, ſtatt im Oſten, im Weſten, in der Nähe der Rabenmühle—“ Er dachte ſo Keckheit mit Keckheit zu bezahlen. Vittorio zog haſtig den rechten Fuß zurück, wie Einer, der beim Herabſteigen von einer Bergwand auf einen glatten Stein tritt und hinabzufallen fürchtet; dann ſah er mit ſchrägem Blicke an Egbert hinan und erwiderte: „Es war alſo doch ein Irrthum, den mir meine Phantaſie geſpielt, wenn Sie nicht einen Doppelgänger haben, mein Herr. Dafür hoffe ich nach dieſer Be⸗ gegnung Ihr Geſicht nicht mehr aus meinem Gedächt⸗ niß zu verlieren.“ „Und ich nicht das Ihre, mein Herr!“ ——— 1 M * 110 Die Ruhe und der kühle Anſtand des Ritters hatten auch die Heftigkeit Egbert's beſänftigt. Ohne ihn weiter zu beachten, ſchritt Antoinette an ihm vornehm ſtolz vorbei, die Freundinnen, die nun alle zum Aufbruch bereit waren, zur Thür zu geleiten. Wie ein Strom eiſigen Waſſers ſtrömte es auf ſein Haupt. In welchem tollen Traume war er befangen geweſen! Was kümmerte ihn die junge Gräfin und weſſen Huldigung ſie ſich gefallen ließ? In dieſer Ge⸗ ſellſchaft, in der er doch immer nur der Geduldete war, welche Rolle hatte er geſpielt? Er war auf dem beſten Wege, ſich mit heftigen Selbſtvorwürfen anzu⸗ klagen, als der Graf ihm die Hand auf die Schulter legte. „Sie haben ſich wacker gehalten, Egbert. Das war ein Eintritt in's Leben.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Graf; ich beſorge nur, daß mir dieſe Welt ewig fremd und feindſelig bleiben wird.“ „Einen Feind haben Sie. Erſchrecken Sie nicht, Feindſchaft hilft einem Manne weiter als Freundſchaft“, meinte Wolfsegg in ſeiner vieldeutigen Weiſe.„Und nun gute Nacht und einen traumloſen Schlaf. Anton wird für Sie und Ihren Freund ſorgen. Herzlich gute Nacht!“ Von allen Seiten ſcholl es: „Gute Nacht!“ „Glückliche Fahrt!“ „Auf Wiederſehen!“ „In drei Tagen, wenn ſich das Wetter hält, zu einer Fahrt auf dem Seel⸗ „Ja, eine Waſſerfahrt!“ „Das wird eine Luſt ſein „Welch' ein ſchöner Tag heute!“ „Gut begonnen, gut beſchloſſen!“ Und inmitten all dieſer Ausrufe und Grüße ein Händeſchütteln hier, ein Bruderkuß dort, an dem der Wein des Wirthes nicht ohne Schuld ſein mochte; eine zärtliche Umarmung der Mädchen, die ſich noch nicht von einander trennen konnten— dazwiſchen die Diener, die draußen auf dem Gange mit Hüten und Mänteln warteten oder ſie durch die geöffnete Flügelthür hin⸗ einreichten— im Hofe die angeſchirrten Wagen, die ſtampfenden Pferde, der weite Raum von flackernden Fackeln und Windlichtern erhellt; müde, halb ſchlaf⸗ trunken und halb berauſcht von dieſer Fröhlichkeit und dieſem bunten Glanze, wie in das ſelige Land Utopien verſchlagen, ſtahlen ſich Egbert und Hugo aus dem Ge⸗ tümmel und folgten dem würdigen Hausverwalter, der ihnen voranleuchtend die Treppe zu den oberen Geſtocken des Schloſſes hinanſtieg. 14 Drittes Kapitel. Die beiden Freunde waren Frühaufſteher; heute indeſſen würde auch ohne dieſe Gewohnheit die Er⸗ regung, die nach den Abenteuern des vergangenen Ta⸗ ges noch in ihnen nachzitterte, ſie mit der Sonne auf⸗ geweckt haben. Dem blonden Egbert hatte ſich der Wunſch des Grafen nicht erfüllt, er hatte eine ſchlafloſe Nacht un⸗ ter den wunderlichſten Viſionen zugebracht. Bald die ſüßeſten, bald die ſchrecklichſten Phantaſien hatten mit ihm, während er ſich im Halbſchlummer von einer Seite auf die andere warf, ihr Spiel getrieben. Die Uebergänge von dem Tode Jean Bourdon's zu dem Feſte im Schloſſe, von ſeinem Geſpräche mit der ſchönen Gräfin zu dem Streite mit dem Wälſchen, waren für ſeine weiche Seele und bewegliche Einbildung zu ſtark ——— ——— — 113 geweſen. Er bedurfte der Ruhe, des Nachdenkens, der Mittheilung ſeiner Empfindungen, um das verlorene Gleichgewicht ſeines Geiſtes wieder herzuſtellen. Schon als Knabe hatte Egbert einen Hang zur Träumerei gezeigt; halb mochte ſie ein Erbtheil ſeiner künſtleriſch begabten Mutter geweſen ſein, halb wurde ſie durch ſeine Erziehung groß gezogen. In einem dem Kloſter der Saleſianerinnen auf der Landſtraße in Wien nahe gelegenen, faſt einſamen Hauſe, mit dem weitläufigen Garten nach dem Renn⸗ wege zu, wuchs Egbert auf, das einzige und, wie es nicht anders ſein konnte, verwöhnte Kind edelherziger, aber ungleicher Eltern, ungleich an Jahren, An⸗ ſchauungen und Empfindungen. Sein Vater war der beſte Schüler des berühmten Arztes Gerhard van Swie⸗ ten, ein Mann der Aufklärung, wohlwollenden Ge⸗ müthes, von redlich ſtarkem Willen; die Mutter, ur⸗ ſprünglich zur Sängerin beſtimmt, hatte in dem Zwange der Verhältniſſe ihrem Lieblingswunſche entſagen müſſen und den um viele Jahre älteren Mann mehr aus Ueberlegung, als aus Zuneigung geheirathet. Am Sterbe⸗ bett ihres Vaters, deſſen plötzlicher Tod ihre Hoff⸗ nungen für immer zerſchnitt, hatte ſie Heimwald als Arzt kennen und ſchätzen gelernt. Die Schönheit und Schwermuth des jungen Mädchens bezauberten ihn Frenzel, Lucifer. I. 8. 114 ſeinerſeits; nach einigem Zögern bot er ihr ſeine Hand an. Aus Rückſicht auf ihre noch unverſorgten Geſchwiſter, aus Furcht vor der Welt, die ſie, die Verlaſſene, wie ein Abgrund angähnte, hatte ſie eingewilligt. Die Ungleichheit der Jahre und Gefühle ließ nun freilich zwiſchen den Gatten nicht jene innigſte Ge⸗ meinſchaft aufkommen, welche die Vollendung der Che iſt, aber kein Theil hatte über den anderen zu klagen. Die Maenſchen nannten ſie glücklich. Gab es in Ange⸗ lika's Herzen eine ungeſtillte Sehnſ ſucht, ſo verſchloß ſie dieſelbe ſorgfältig in ſich; was ihr Gatte an Treue, Achtung und Dankbarkeit von ihr fordern konnte, ge⸗ währte ſie— und er, bei ſeiner anſtrengenden Geſchäf⸗ tigkeit, bei ſeinem Leben in der Welt und ſeinen viel⸗ fachen Beziehungen zum Allgemeinen, vermißte in ſei⸗ nem Hauſe kaum das Fehlen einer tieferen Harmonie. Ein eifriger Leſer und Bewunderer engliſcher Bücher in ſeinen Mußeſtunden, betrachtete und erwog er Alles mit Humor; die ſanfte Schwermuth ſeiner Gattin nahm er in verſtändiger Ruhe als weibliche Schwäche hin, die er umſoweniger bekämpfen dürfe, da ſie einen Reiz ihres Weſens ausmachte. Die Lücke zwiſchen ihnen füllte dann der Knabe aus. Wetteifernd ſuchten Beide ſich in ihrer Liebe zu ihm zu überbieten. Daß ſein körperliches Gedeihen keinen Schaden 1415 erfuhr, war die ſtete Sorge des Vaters. Bedenklicher geſtaltete ſich Egbert's geiſtige Entwicklung. Der Vater hielt von der Erziehung und Bildung durch die Schule nichts, er wollte ſein Kind ganz und ungetheilt in ſei⸗ nem Sinne unterrichten und erziehen. In ihrer Scheu vor der Welt, in ihrer eiferſüchtigen Liebe, die ſich beeinträchtigt gefühlt hätte, wenn der Knabe auf ſo viele Stunden ihr entzogen worden wäre, ſtimmte die Mutter freudig dem Plane des Vaters bei. Egbert blieb im Hauſe, treffliche Lehrer bildeten ſeinen Geiſt, die zärtliche Mutter ſein Herz. Nicht leicht war ein lerneifrigerer Knabe zu fin⸗ den. In gleichem Maße wuchſen ſeine Kraft und ſeine Kenntniſſe. Aber die Gelegenheit, ſie im Kampfe mit Anderen zu erproben, ſtellte ſich nicht ein. Er hatte keinen Spielgefährten, er hätte denn ſeine Mutter ſo nennen müſſen. Und da er über Haus und Garten hinaus die Welt nicht kannte, ſo hatte er weder Ver⸗ langen, noch ein Bedürfniß nach ihr. Zuweilen kamen die Kinder der Freunde ſeiner Eltern zu ihm, oder er ging unter der Obhut der Mutter, eines alten Dieners zu ihnen, allein ihre Spiele ſagten ihm nicht zu. Lieber lauſchte er den Märchen ſeiner Mutter und ſpielte ſich nachher auf ſeinem Puppentheater dieſe wunderſamen Geſchichten noch einmal vor. 0* In anderer Weiſe entfremdete ihn der Vater dem geſellſchaftlichen Leben und Treiben. Er hatte die Heilkunſt, die edelſte Wiſſenſchaft, die es gibt, wie ein Tagelöhner getrieben; ſein Sohn ſollte ſie als eine freie, als höchſte Kunſt, abſehend von jedem irdiſchen Lohn, üben. Aus Egbert einen großen Entdecker zu machen, deſſen Name ſich den unſterblichen Jüngern des Aeskulap, den Hippokrates und Galenus, den Jenner und van Swieten, einſt zur Seite ſtellen würde, war ſein Stolz und ſeine Hoffnung. Auch ihm galt es daher für eine Pflicht, ſeinen Sohn von allen ſtö⸗ renden Eindrücken und Einflüſſen der Außenwelt nach Möglichkeit fernzuhalten.„Der Weiſe lebt gern allein“, pflegte er zu ſagen,„nur dadurch bleibt er von jeder Befleckung rein.“ So war es geſchehen, daß Egbert bei ſeines Va⸗ ters Tode ſich der„Welt“ wie einer Räthſelerſcheinung gegenüber befand. Schlimme Erfahrungen, peinliche Enttäuſchungen konnten dem achtzehnjährigen Jüngling nicht erſpart bleiben. Um ſo ſchneller flüchtete er ſich von den rauhen Begegnungen, aus Lärm und Unruhe in ſein ſtilles Daheim, zu ſeiner Mutter zurück. Hier war Alles nach ſeinen Wünſchen eingerichtet, nichts ſtörte ihn in ſei⸗ nen Studien, Träumen und Genüſſen. In ſeiner Ein⸗ —— —— 117 ſamkeit erſchienen ihm Welt und Leben als der feind⸗ ſelige Widerſpruch des Ideals. Das menſchliche Herz iſt dazu verurtheilt, Forderungen an das Glück zu er⸗ heben und Hoffnungen zu nähren, welche die Wirklich⸗ keit in ihrer Nichtigkeit und Unerfüllbarkeit darſtellt. Die Lehrerin der Menſchen, die Noth, ſtachelte Egbert nicht zum Kampfe; was hätte er auch erringen können, das er nicht ſchon beſaß? Zu ſeinem Schaden hatte der Tod des Vaters auch den ſtetigen Fortgang ſeiner wiſſenſchaftlichen Studien unterbrochen. Es war die Abſicht des alten Heimwald geweſen, den Sohn nach Berlin auf die dortige, weit und breit berühmte Bil⸗ dungsſchule für Aerzte zu ſenden. Das unterblieb nun. So lange der Gatte ihr noch zur Seite geſtanden, hätte ſich die Mutter in die Trennung von ihrem Sohne gefügt, jetzt wurde ihr, der Alleinſtehenden, das Opfer zu ſchwer. Wenn Cgbert lebhaft in ſie gedrungen, ihn ziehen zu laſſen! Aber ſtatt in die Ferne zu ſtreben, wurzelte er mit jedem Tage tiefer in dem heimatlichen Boden feſt. Die Freunde des Hauſes, die Vormünder des Jünglings, billigten durchaus dieſen Entſchluß; die Kaiſerſtadt habe ebenſo gute und noch beſſere Leh⸗ rer der Heilkunde und erprobtere Aerzte als die nor⸗ diſche Königsſtadt in dem Sandmeere der Mark Bran⸗ denburg. 118 Wie er ſie angefangen, wollte Egbert ſeine Ar⸗ beiten und Uebungen fortſetzen. Bald fehlte ihm in⸗ deſſen überall der Vater; die Profeſſoren mochten noch ſo ausgezeichnet, ihre Vorträge lehrreich, ihr Beiſpiel vorleuchtend ſein, den Jüngling befriedigten ſie nicht. Nicht nur die Weiſe ſeines Vaters war anders, tief⸗ ſinniger, auch ſeine Auffaſſung der Wiſſenſchaft ſelbſt war erhabener geweſen. Auf die Fragen, nach deren Beantwortung Egbert mit ſeiner grübleriſchen Seele am heftigſten verlangte, wußte keiner der Lehrer Aus⸗ kunft zu geben; Jeder wies ſie kalt oder. ſpöttiſch, als nicht in ſeine Fachwiſſenſchaft gehörend, als dichteriſche oder neumodiſche Phantaſtereien der Naturphiloſophie zurück. Ob man über die Entſtehung der Welt, den Zuſammenhang des Leibes und des Geiſtes, über den Sitz des Lebens und über die Erzeugung der Gedan⸗ ken durch die Thätigkeit der Nerven nachforſche, oder über das Weſen der Chimäre und anderer Fabelthiere: das ſei im Grunde ganz dieſelbe Narrheit, mit der ſich kein rechtſchaffener Arzt abgeben dürfe. 3 Es zeigte ſich wieder, daß in der wirklichen Welt das Ideal, dem Egbert nach dem Wunſche des Vaters und nach ſeinem eigenen Drange nachſtrebte, weder Anerkennung, noch Geltung hatte. Alle Lehrer rich⸗ teten ſich auf ein ganz Beſtimmtes, Engbegrenztes, die —,— 1¹9 Einheit der Wiſſenſchaft verflüchtigte ſich in tauſend kleine Theile. So, ſagte ſich Egbert ſeufzend, wird ein gewaltiger Marmorblock, aus dem ein Künſtler eine Göttergeſtalt geformt hätte, von unfähigen Hand⸗ langern in unzählbare Steinbrocken zerſchlagen, die im beſten Falle gut genug ſind, eine Straße zu pflaſtern. Was ihn überhaupt gerade zu dieſer Wiſſenſchaft, der Medicin, gezogen: der Durſt nach Wahrheit, nach einem Trank aus dem Quell des Lebens, die Hoffnung, Einſicht in das Ganze der Natur zu gewinnen, wurde auch nicht im geringſten Maße geſtillt; im Gegentheil, die Kluft zwiſchen der thatſächlichen Lehre und dem Ziel, das er geſucht, erweiterte ſich mehr und mehr. All unſer Wiſſen iſt Stückwerk, heißt es. wohl; während aber der denkende Geiſt ſich bemüht, ſo viel er kann, die Stücke aneinander zu fügen, ſchien es hier nur darauf abgeſehen zu ſein, dieſes Stückwerk noch weiter zu theilen und zu zerſchneiden. Nur das Reale und Empiriſche ſtarrte ihm entgegen, wo er ei⸗ nen Blick in das Allleben zu werfen geträumt hatte, und ſtatt des beſeelenden Hauches aus der Unendlich⸗ keit, umwehte ihn die dumpfe Luft der Alltäglichkeit. So wurde Egbert mit ihren Lehrern die Wiſſen⸗ ſchaft verleidet. Er entſagte ihr nicht, ja er trieb ſie für ſich allein mit größerem Eifer als früher, aber 120 dies Studium entbehrte der Strenge und Folgerichtig⸗ keit. Allmälig wurde es aus einer Arbeit und einem Zweck des Lebens zur Liebhaberei. Andere Geſchäfte fingen an, ihn in Anſpruch zu nehmen. Nach dem Teſtamente ſeines Vaters trat er mit ſeinem einundzwanzigſten Jahre in den Vollbeſitz ſeines Vermögens; bald darauf ſtarb ihm auch die Mutter und er ſah ſich mit einer Laſt unliebſamer Arbeiten überhäuft. Das Erbe der Eltern war be⸗ trächtlicher als er geahnt; einen nicht unbedeutenden Grundbeſitz hatte der Vater, außer dem ſtattlichen Wohnhauſe in Wien, in der Nähe von Schönbrunn erworben. War auch das Gut mit ſeinem landwirth⸗ ſchaftlichen Betriebe einem tüchtigen Verwalter über⸗ geben, ſo hatten ſich doch im Laufe der Jahre manche Verbeſſerungen als nothwendig herausgeſtellt, die aus⸗ zuführen der Vater wegen ſeiner Krankheit, die Mut⸗ ter mit der Hindeutung auf ihren Sohn von Tag zu Tag verſchoben hatten. Dieſe Erneuerungen, die Be⸗ ſeitigung des Hinfälligen und Veralteten, die neue Ord⸗ nung der Verhältniſſe wurden von dem jungen Erben erwartet. Mit Erſtaunen gewahrte er, wie viele Men⸗ ſchen und Dinge von ihm abhängig waren, wie ſo manches Schickſal ſich an ihn knüpfte. Die Einen rechneten auf ſeine Güte, um ſie auszubeuten, die An⸗ 121 deren auf ſeinen Willen und ſeine Thätigkeit, das Gute zu thun; Alles wendete ſich an ihn. In Egbert lebte ein ſtarker Trieb zu ſinnendem Müſſiggang, der durch angeborene künſtleriſche Sorg⸗ loſigkeit und die Erziehung in der Fülle des Reichthums noch erhöht worden war. Vielleicht hätte er ſich ihm ohne Rückhalt hingegeben, wenn er nicht das Beiſpiel ſeiner Eltern vor Augen gehabt. Nicht durch Lehre und Ermahnung, durch ihr Leben hatten ſie ihn dar⸗ auf hingewieſen, vor Allem ſeine Pflicht zu thun. Trotz ſeiner Kränklichkeit hatte der Vater nie auch nur einen Augenblick gezögert, der Aufforderung, die ihn an das Bett eines Kranken rief, zu folgen; Sonnenſchein oder Regen, Tag oder Nacht waren ihm in dieſem Falle gleichgiltig geweſen. Noch ein ſchöneres Beiſpiel der Selbſtüberwindung hatte ihm die Mutter hinterlaſſen. Nach dem Tode ihres Gatten, in Geſprächen über ihre Jugend, über die Träume, denen ſie damals nach⸗ gehangen, wie ſie ſich auf der Schwinge der Phantaſie ſchon in das Reich der Kunſt, in den Tempel des Ruhmes erhoben hätte, und wie ſie dann in ſchrecklichem Erwachen herabgeſtürzt worden ſei; in dieſen Erinner⸗ ungen enthüllte die Mutter, ohne es zu wollen, dem Sohne das Geheimniß ihres Herzens. Er errieth es mehr, als daß ſie es ihm in deutlichen Worten ſagte; indem ſie den Vater geheirathet, hatte ſie ihre Hoff⸗ nungen ihren Geſchwiſtern zum Opfer gebracht. Kein Schatten hatte jedoch, ſoweit Egbert zurückdenken konnte, die Ehe der Eltern getrübt. Mit ſtandhafter Faſſung hatte Angelica ihr Herz bezwungen. Wie hätte der Jüngling mit ſeinem gutgearteten Weſen, mit ſeiner Begeiſterung für das Edle und Erhabene ſolchen Vor⸗ bildern nicht nacheifern ſollen! Früh hatte ihn der Vater auf den Widerſtreit in uns, zwiſchen Pflicht und Neigung, aufmerkſam ge⸗ macht; in dieſem Kampfe der unangenehmen Pflicht den Vorzug vor der verführeriſchen Leidenſchaft zu geben, ſei der Beweis unſerer Tugend. Herkules am Scheidewege war für Egbert, ſeit er zum Jüngling heranwuchs, ein Sinnbild gerade ſeiner Natur und ſeines Lebens geworden, für ihn, der ſeinen Hang, der Laune nachzugehen und unbekümmert der Neigung zu leben, nur zu ſtark empfand. Mit Unluſt widmete er ſich zuerſt ſeinen Geſchäf⸗ ten; dann fing ihn das Bauen zu unterhalten an. Die ſtärkere Anſtrengung ſeines Körpers that ihm, der bisher an eine ſitzende Lebensart gewöhnt war, wohl. Mit dem Gute war eine kleine Jagd verbunden; ehe er es ſich verſah, fand er ein Vergnügen daran, durch +— 123 Wald und Feld zu ſtreichen, die Büchſe in der Hand. Er lernte fechten und reiten; darüber geriethen die Bücher in eine gewiſſe Vergeſſenheit. Was aber nicht von ihm weichen wollte, war ſein träumeriſcher Sinn, eine weiche Stimmung; wie er ſich früher der abſtracten Wiſſenſchaft hingegeben hatte, ſo ſuchte er jetzt in der Natur Befriedigung. Irgendwo mußte doch die blaue Blume der Dichtung, eines ſchönen und hohen Lebens blühen. Egbert's Seele ſehnte ſich nach einem Inhalt, der ſie erfülle und erhebe. Wo aber war der Wein, der für dieſes edle Gefäß paßte? Es blieb bei dem Suchen, bei dem im Grunde plan⸗ und zielloſen Umhertreiben. So Vieles der Jüngling in leidenſchaftlicher Haſt ergriffen, ſo viel hatte er auch, enttäuſcht oder gekränkt, wieder fallen laſſen. Gern hätte er etwas Bedeutenderes gethan, nur wußte er nicht, wo er einſetzen ſollte. Und wenn er in nachdenklicher Stunde ſeine unruhige Geſchäftigkeit überſchaute, erſchien ihm ſein Tagewerk nichtig und ärmlich. Das Ideal läßt ſich eben nicht im Sturm⸗ ſchritt erobern; die großen und ſchönen Thaten liegen nicht auf der Heerſtraße. Von den geſellſchaftlichen Kreiſen, in die er kam, ſtanden wenige auf der Höhe ſeiner Bildung, keiner genügte ganz den Anſprüchen, die er aus ſeinen Bü⸗ chern, von dem Verkehr mit ſeinen Eltern her, an die Geſelligkeit ſtellte. Ein Beobachter ſeines Treibens würde überdies bemerkt haben, daß Egbert ſelbſt in ſeiner Zurückhaltung und Verſchloſſenheit nichts zur Erhöhung und Belebung ſeiner Umgebung beitrug. Die ihn aus der Ferne ſahen, nannten ihn hochmüthig; ſeine Diener, die Menſchen, mit denen er in der All⸗ täglichkeit zu thun hatte, die näheren Bekannten lobten ſeine Gutmüthigkeit, ſeinen Ernſt, ſein Wiſſen— aber er iſt ein ſeltſamer Kauz, Einer, den man am beſten ſeinen eigenen Gedanken überläßt. Dies war der Schluß auch ver wärmſten Lobrede auf ihn. Tief unglücklich fühlte ſich Egbert. Gerade weil er ſich zu Beſonderem berufen wähnte, empfand er ſeine Nichtig⸗ keit um ſo ſchmerzlicher. Sein Weſen war wie geſpalten; während ſein beſſeres Theil in den höchſten Sphären der Kunſt und Wiſſenſchaft ſchwebte, ging er in Wirklichkeit den ſtaubigen Weg des Gemeinen. Er war kein Künſtler, kein Gelehrter, und doch auch kein rechter Mann des Er⸗ werbens und Genießens. Die Schönheit ſeiner Seele, die Feinheit ſeines Gefühles, die Größe ſeines Wiſſens, ſie verkümmerten ihm nur die harmloſe Freude am Daſein. Die Dinge und die Menſchen ſollten ihm mehr gewähren, als ſie ihrer Natur nach ihm gewähren konnten. 125 Die allgemeine politiſche Bewegung berührte ihn nicht; wohl war er ein guter Oeſterreicher, und noch ſtolzer darauf,„die Bücher aus dem Reiche“, die Dich⸗ tungen Schiller's und Goethe's, die Schriften Herder's und Jean Paul's zu kennen und ſich als Deutſcher, als ein Enkel Herrmann's, des Varus⸗Beſiegers, zu wiſſen und zu empfinden; niemals aber hatte er daran gedacht, daß es auch ſeine Pflicht ſein könne, ſein Volksthum, ſeine Sprache im harten Kampfe der Welt zu vertheidigen. Dies war das Werk und die Arbeit des Kaiſers, der Könige und der Fürſten, des Adels und der Soldaten. Er beneidete ſie nicht. Wenn er ſeine Steuer zahlte, zu allen gemeinnützigen Werken ſein Scherflein beitrug, den Geſetzen willig gehorchte, glaubte er ſeiner Pflicht gegen den„Staat“ vollauf Genüge geleiſtet zu haben. Die großen Dichter ver⸗ ſtanden ſie nicht anders; aus der trüben, dumpfen Gegen⸗ wart hatten ſie ſich in das heitere Reich der Kunſt, zu den ſeligen Schatten und Traumgebilden geflüchtet. Dort zu weilen war auch ihm geſtattet. Hier war die Harmonie, die Verſöhnung; auf Erden tobte der Streit wilder elementariſcher Kräfte. Um keinen Preis hätte ſich Egbert freiwillig in das Chaos hineinbe⸗ geben. Auch drang nur ein Nachhall der rauſchenden Woge der Zeit zu ihm. In den Bürgerkreiſen Wiens gehörte ein politiſches Geſpräch noch zu den Selten⸗ heiten. Man klagte wohl über die verlorene Schlacht von Auſterlitz, aber den verhaßten Preußen war es bei Jena nicht glücklicher gegangen. Napoleon's gewaltiger Siegeslauf flößte Allen mehr Bewunderung als Schre⸗ cken und Haß ein. Ganz leiſe flüſterten ſich die Kühn⸗ ſten zu, daß die Revolution der Franzoſen doch auch ihr Gutes gehabt habe, daß in Oeſterreich ſeit ſeiner letzten Niederlage manche Aenderung im Sinne des Volksrechts eingeführt worden ſei. Mit halbem Ohr hörte Egbert ſolche Reden; eine Antwort dafür hatte er nicht. Der Einzige, der damit einen tieferen Eindruck auf ihn machte, war der Graf Wolfsegg. Es ging nun in das vierte Jahr, daß Egbert ſich des Glückes dieſer Bekanntſchaft rühmte. Die Erſchei⸗ nung des Grafen in ſeinem Kreiſe war ihm eines der bedeutſamſten Ereigniſſe ſeines Lebens. Die erſten Be⸗ ſuche Wolfsegg's im Hauſe der Heimwalds hatten der Mutter gegolten. Er mochte Wichtiges und Geheimes mit ihr zu beſprechen haben, denn Egbert wurde von den Geſprächen ferngehalten und erfuhr nie von ihrem Inhalt. Dafür entſchädigte ihn der Graf durch die Freundlichkeit, mit der er ihm begegnete. Bald fing 127⁷ er, nachdem er ſeine Geſchäfte mit Frau Heimwald beendigt— und Egbert war noch heute der Meinung, daß es ſich um irgend eine verwickelte Geldangelegen⸗ heit gehandelt hätte— ein Geſpräch mit ihm an; erſt eine kurze flüchtige Unterhaltung, die ſich allmälig weit und weiter ausſpann. Plötzlich wie ein Zauber und nachhaltig wie jedes Große wirkte die Perſönlichkeit des Grafen auf den Jüngling. Solche Willensſtärke hatte er noch nie mit ſo allſeitiger Bildung, ſolchen Scharfblick mit ſo rück⸗ ſichtsvoller Anmuth des Benehmens verbunden geſehen. Seinerſeits erregte Egbert mit ſeiner Friſche und ſchnell auflodernden Begeiſterung die Aufmerkſamkeit Ulrich's. Bei näherem Verkehr, als das Eis ſeiner Schüchtern⸗ heit durchbrochen war, gewann der Jüngling durch die Trefflichkeit ſeiner Anlagen, durch die Herzlichkeit, mit der er ſich anſchloß und unterordnete, die Theil⸗ nahme des Weltmannes. Das Auge des Grafen ent⸗ deckte hier einen zukunftsreichen Keim. So viel an ihm lag, bemühte er ſich, denſelben zu bilden und zu pflegen. Jedes Hofmeiſtern der fremden Eigenthüm⸗ lichkeit war ihm fern; er wollte weder herrſchen, noch ſich einen Jünger erziehen. Vielleicht wurde darum gerade ſein Einfluß immer ſtärker. In einigen Ange⸗ legenheiten, wo der Züngling den Rath des erfahrenen 128 Mannes eingeholt, hatte ſich deſſen überlegene Klugheit bewährt. Auch in Fragen der Kunſt und der Lebens⸗ philoſophie mußte Egbert die Klarheit und Schärfe dieſes Urtheils bewundern, wenn ſie gleich ſein zart beſaitetes Gemüth verletzten. Am mächtigſten aber riß ihn der Graf fort, ſo oft er von den großen weltbewegenden Dingen redete. Staunend, ſchweigend lauſchte der Jüngling; er hatte nur ein mäßiges Verſtändniß für den Inhalt dieſer Reden, ſelten wagte er es, ſie mit einem Einwand zu unterbrechen. Die Vorſtellungen und Anſchauungen, die vor ihm auftauchten, waren ihm neu; nicht ohne Mißtrauen betrachtete er ſie. Allein die Weiſe des Grafen, in der er dies Alles äußerte, jetzt in flüchtig hingeworfenen Bemerkungen, jetzt mit ſtärkerer Beto⸗ nung, in längerer Auseinanderſetzung, mit tieferem Ernſt, in flammendem Feuer, entzückte ihn. Das Ver⸗ gnügen, das er daran fand, war zunächſt noch ein rein künſtleriſches; der Gedanke dämmerte in ihm auf, daß der Staat ein ebenſo bedeutſames Kunſtwerk ſei, als ein Bild, eine Symphonie oder ein Trauerſpiel. So lange der Umgang des Grafen mit Egbert auch ſchon währte, geſtern erſt hatte ihn dieſer mit den Frauen der Familie bekanntgemacht. Es war er⸗ klärlich, daß der Jüngling dies Zeichen des Vertrau⸗ 429 ens und der Werthſchätzung beſonders hoch aufnahm und ſich von dem Freunde nichts davon wollte ab⸗ ſtreiten laſſen. „Du zweifelſt an dem Schönſten und läſterſt das Heiligſte“, rief er unmuthig und ſprang aus dem Bette. „Durch Zweifel zur Wahrheit, durch Nacht zum Licht“, erwiderte Hugo und dehnte und ſtreckte ſich be⸗ haglich in den weichen Kiſſen.„Was iſt da Großes, wenn man eine junge Gräfin und eine alte Marquiſe ſieht? Und umſonſt hat man ſie uns ohnedies nicht gezeigt, ich wette!“ „Uns!“ ſagte Egbert beinahe vorwurfsvoll. „Verzeih', Dir! Denn ich wurde ihres Anblickes nicht gewürdigt, durfte aber dafür ein Stück vortreff⸗ licher Wildpaſtete verzehren und einige Gläſer köſtlichen Weines hinuntergießen.“ 4 „Hatteſt Du kein Auge für dieſe Schönheit, für ſo viel Glanz?“ „Ich ſah nur den langen Baron, Puchheim nann⸗ ten ſie ihn, den Spender jener herrlichen C Gaben. Das iſt ein Original, die Anderen zählen nur als Nullen, der Stelle nach, wo ſie ſtehen.“ „Du wirſt mich mit Deinem unverbeſſerlichen Spotte noch ernſtlich erzürnen.“ „Ich verſichere Dich, unſere Sindentengelage in Frenzel, Lucifer. I. 9 130 Halle waren im Vergleich zu dieſer Geſellſchaft ein Gaſtmahl des Plato. Wenn ich Dir erzählen wollte... das Unglück war nur, daß wir in Halle keine Aspaſia und keine Diotima hatten!“ „Antoinette!“ ſtahl es ſich verrätheriſch über Eg⸗ bert’s Lippen. Entweder hörte Hugo nichts oder wollte nichts hören; er blätterte in den Erinnerungen ſeiner halli⸗ ſchen Herrlichkeit, die mit der Schlacht bei Jena ein jähes Ende genommen, als die Franzoſen in die Stadt einrückten und der Kaiſer Napoleon bald darauf die Hörſäle der Profeſſoren ſchließen ließ. Egbert ſtörte ihn nicht darin und vollendete ſeinen Anzug. Sein Beiſpiel trieb endlich auch den trägen Freund vom Lager und in die Kleider. Das ging nun nicht, im Gegenſatz zu Egbert, der Alles behutſam und leiſe zu machen wußte, ohne Geräuſch und Lärm ab. Ein Diener, der im Corridor wartete, trat nach beſcheide⸗ nem Klopfen ein und bot ſeine Dienſte an, die bereit⸗ willig angenommen wurden. Hugo fand ſich, als wäre es nie anders geweſen, in der Rolle eines hohen Herrn zurecht, Egbert fühlte ſich wie beſchämt durch eine ſo große Rückſicht von Seite ihres Wirthes. Ein kleines Frühſtück wurde aufgetragen, und bei ihm erfuhren ſie von dem gefälli⸗ gen Diener, der auf alle Fragen Beſcheid gab, daß die Mehrzahl der Gäſte um Mitternacht das Schloß verlaſſen hätte, daher die Stille und Ruhe am heuti⸗ gen Morgen. „Iſt der Herr Graf ſchon auf?“ hatte ſich Hugo nicht enthalten können, neugierig zu forſchen. „Gräfliche Gnaden ſind ſchon von ihrem Morgen⸗ ſpaziergange zurückgekommen“, lautete die Antwort. „Dann wollen wir den unſrigen antreten“, lachte Hugo und ergriff Egbert's Arm. Der folgte ihm um ſo williger, je mehr er beſorgte, der luſtige Freund werde ſich auch noch nach dem Wohlbefinden der Damen erkundigen. Der Garten war bald erreicht; er dehnte ſich hin⸗ ter dem Schloſſe aus und gewährte von einer Art Ter⸗ raſſe, zu der Stufen hinaufführten und die oben mit einem Bauwerk im Styl der Schönbrunner Gloriette geſchmückt war, eine lohnende und erfriſchende Aus⸗ ſicht auf den See, die Flecken und Dörfer am Ufer und den majeſtätiſchen Traunſtein drüben. Noch lagen Nebel über der Gegend, aber die Sonne ſtieg leuchtend empor, und ein friſcher Wind wehte. In den Farben des Herbſtes ſtanden die Bäume. Die Taxushecken ſchloſſen hier wie Mauern einen Platz ein, dort bil⸗ 9* 132 deten ſie Niſchen zur Aufnahme eines ſteinernen Göt⸗ terbildes, dunkel, ſchwarzgrün. Nach den Regeln der franzöſiſchen Gartenkunſt war die ganze Anlage geord⸗ net. Es fehlte weder an künſtlichen Irrpfaden, wun⸗ derlich verſchnittenen Bäumen, noch an gewaltſam be⸗ wegten Rococo⸗Figuren: Satyrn, die Nymphen rauben, einem Herkules mit einer Keule, einer gewaffneten Minerva und einer dem Bade entſteigenden Venus. Alles verwittert und, wie der ſatyriſche Hugo bemerkte, der Aufbeſſernng dringend benöthigt, wenn wir Men⸗ ſchen überhaupt verſtoßenen und verbannten Göttern aufhelfen können. Dagegen waren die Raſenplätze, die Beete mit den letzten Blumen des Herbſtes, die Stege und Laubgänge wohl gepflegt und gelehrt. In der faſt feierlichen Stille der Morgenfrühe, mit den zerfließenden Nebelſchleiern, hatte der Garten einen eigenen märchenhaften Zauber. Wenigſtens für den blonden Egbert, der überall zwiſchen den Gebüſchen das weiße Gewand ſeiner Göttin zu ſehen glaubte. In halblautem Geſpräch, es war, als ob die noch mit Vorhängen und Laden dicht verſchloſſenen Fenſter des Schloſſes auch ſie zur Ruhe gemahnt hätten, wan⸗ delten ſie auf und nieder, genoſſen von der Terraſſe des herrlichen Anblickes auf den See und auf die Berge, deren Kuppen und Gipfel nacheinander aus dem grauen 133 Nebeldufte traten, und näherten ſich dann wieder der Mitte des Gartens, einem kreisrunden Platze, von dem ſtrahlenförmig acht Gänge ausliefen. Einer fiel ihnen beſonders durch ſeine düſtere Schönheit auf. Mehrere hundert Schritt zog er ſich hin, auf beiden Seiten von rieſigen Fichten beſtanden, zu einem Begräbnißplatze. Hier ſchlummerten nach ihrem Wunſche die Eltern des Grafen den ewigen Schlaf. Ein kunſtvolles Eiſengitter mit vergoldeten Spitzen um⸗ friedete die geweihte Stätte. Zwei Sphinxe von ſchwarzem Baſalt hielten am Eingange die Geiſterwacht. Ihnen gegenüber im Schatten einer Fichte ſtand eine Bank, zum Niederſitzen und zur Betrachtung ein⸗ ladend. Trauerweiden neigten ſich auf die beiden Gräber; ihnen zu Häupten erhob ſich auf einer Säule der Ge⸗ nius der Hoffnung, als wolle er in ſeinem Empor⸗ ſchweben auch die Gedanken Derer, die vor den Grä⸗ bern weilten, aus der Hinfälligkeit des Irdiſchen in die Unendlichkeit und Unermeßlichkeit des Ewigen mit ſich hinauftragen. „Ich bin neugierig“, ſagte Hugo nach einer Weile, denn auch ſeiner Zunge hatten der Ernſt und die Ein⸗ ſamkeit des Ortes für einige Minuten Schweigen auf⸗ erlegt,„ob der Graf Jean Bourdon, dem treueſten der ——— —— ———— 134 Männer— nannte er ihn nicht ſo?— eine ähnliche Grabſtätte bereiten wird.“ „Wie kommſt Du darauf?“? „Aus Neid. So lange die Reichen und Vorneh⸗ men leben, beneide ich ſie nicht um ihre Schätze und ihre Würden; ſie haben ihre Sorgen ſo gut wie ich und wahrſcheinlich noch mehr Krankheiten und Grillen, damit tröſte ich mich. Der größte Freiherr iſt der Bettler, der ſein Handwerk philoſophiſch auffaßt und betreibt. Aber wenn die Reichen geſtorben ſind, dann zeigt ſich der Vorzug, den ſie vor dem niederen Erden⸗ gewürm haben, in ſeiner ganzen Bedeutung.“ „Im Gegentheil, der Tod gleicht die Unebenhei⸗ ten des Daſeins aus.“ Hugo zuckte mitleidig die Schulter und wies auf die Gräber: „Das nennſt Du Ausgleich der Unebenheiten? Nichts erregt meinen Neid ſchmerzlicher als ein ſchönes Grabmal. Das muß ein Mann geweſen ſein, ſagen die Nachkommen, wenn ſie auf einem Kirchhof ein Denk⸗ mal mit goldener Inſchrift erblicken. Nicht was und wie Du lebſt, die Leichenrede, die Dir gehalten wird, das iſt die Hauptſache. Von guten Leichenreden wird der Paſtor fett, pflegte mein Vater, der würdige Pfarrer von Wuſterhauſen in der Mark, zu ſagen, ——— 135 und er hatte Recht. Ueber den Tod ſchön ſprechen, das iſt der wahre Ruhm des Redners. Der erhabene Wolf auf dem Katheder zu Halle war nie größer, als wenn er die homeriſchen Verſe über des Lebens Ver⸗ gänglichkeit recitirte.“ „An Dir iſt doch ein Pfarrer verloren gegangen“, bemerkte lächelnd Egbert. „Oder ein Schauſpieler. Um ein Pfaffe zu wer⸗ den, ging ich nach Halle, als Schauſpieler kam ich her⸗ aus. Es war nicht meine Wahl, es war mein Ver⸗ hängniß. Hätteſt Du zu Lauchſtädt des unſterblichen ſehen und gehört, Du hätteſt es ebenſo gemacht. Nur mit geringerer Anmuth und Würde als ich.“ „Sicherlich nicht mit ſolchem Humor. Ich würde mich kaum dazu entſchloſſen haben, ſo gewaltſam und raſch alle Brücken hinter mir abzubrechen.“ „Du haſt eben nur die Schwärmerei, nicht den Willen der Freiheit. Schau mich nicht ſo bedenklich von der Seite an, das iſt eine philoſophiſche Redens⸗ art, und Ihr Wiener ſeid keine Philoſophen. Betrübe Dich nicht darum, mein Kind, Du beſitzeſt, was vie köſtlicher iſt, ein Goldherz. Deine rechte Hand zahlt nun ſeit drei Wochen unaufhörlich einen Gulden nach dem andern für mich und Dein Mund hat noch nie Schiller's Trauerſpiele geſ 136 die Frage an mich gerichtet: Weißt Du, wie theuer Du mir biſt?“ „Hältſt Du Dein Gelübde ſo ſchlecht? Haſt Du mir auf der Moldaubrücke in Prag nicht verſprochen, Dich bis an die Thür des Burgtheaters als meinen Gaſt zu betrachten? Warum ging ich auf Reiſen? Um das Leben, um Menſchen kennen zu lernen. Du ſcheinſt mir ein ganz beſonderes Weſen zu ſein und ich lerne von Dir. Wenn wir unſere Rechnung einmal gegen⸗ ſeitig abſchließen, wirſt Du im Verluſte ſein.“ „Das hatte ich bis geſtern auch gefürchtet, näm⸗ lich in dem Sinne, daß Du mich wohl bis an die Thür des Burgtheaters, aber nicht in das Heiligthum ſelbſt führen würdeſt. Jetzt iſt das anders. Freue Dich, edle Seele, wir haben den Schlüſſel zum Tem⸗ pel. In der Nacht iſt mir die Erleuchtung gekommen.“ „Den Schlüſſel?“ 3 „Er ſteckt in den Stiefeln Jean Bourdon's. Haſt Du dieſe Stiefel betrachtet? Nein, dieſe Kleinigkeiten entgehen Deinem Auge. Aber ich habe ſie angeſehen, ich und der Graf. Unſere Blicke haben ſich dabei be⸗ gegnet, und wenn ich ihn nun um ſeine hohe Gönner⸗ ſchaft bitte, mir einen Platz unter den Schauſpielern des Kaiſers zu verſchaffen, was kann er antworten? Mein lieber Spring, wird er ſagen und dabei die — 137 Augenbrauen ein wenig hochmüthig und bedenklich in die Höhe ziehen, Sie ſind nur ein mittelmäßiges In⸗ genium und werden es auf der Bühne nicht weit brin⸗ gen, aber ich bin ja nicht Theater⸗Director und ſo, um der Stiefel des ſeligen Herrn Bourdon willen...“ „Nun?“ „Er wird ſich hüten, noch ein einziges Wort zu verlieren. Die Sache iſt abgemacht und ich ſpiele den däniſchen Prinzen Hamlet.“ „Willſt Du Deine Narrenſtreiche mit mir treiben?“ „Gebiete und ich verſchwinde. Dann magſt Du nach Herzensluſt in dem verzauberten Garten umher⸗ ſchweifen und einer fliehenden Nymphe folgen. Aber täuſcht mich nicht Alles, ſo ſind wir hier nicht zu ei⸗ nem phantaſtiſchen Schäferſpiel geladen. Merkſt Du denn nicht, daß dieſer Jean Bourdon ein eigener Mann war, und daß ſein Tod eine Maſche in einem künſtlichen Gewebe zerriſſen hat? Er trug ein Geheim⸗ niß mit ſich, die eine Hälfte ward ihm geraubt, die andere ſteckt in den Stiefeln.“ Er brauchte ſeine Auseinanderſetzung nicht weiter⸗ zuführen; indem Egbert, einmal in dieſe Richtung ge⸗ wieſen, die Ereigniſſe des vergangenen Tages wieder an ſich vorüberziehen ließ und ſie nun, wie von einem erhöhten Standpunkt aus, mit einem Blicke, in ihrer 138 Geſammtheit überſchaute, gewann auch für ihn der Verdacht des Freundes feſteren Beſtand. Welcher Art freilich das Geheimniß Bourdon's war, das enträth⸗ ſeln zu wollen, mußten ſie ſich beſcheiden. „Nur Eines iſt ſicher“, meinte triumphirend Hugo, „wir Beide ſind anſehnliche Leute dadurch geworden. Wir gehören fortan zur Familie Wolfsegg als ent⸗ fernte Seitenverwandte. Leicht wird man uns eine mäßige Bitte nicht abſchlagen können. Eine mäßige, Blonder! Wenn Du nicht ſo ſchwerfällig wäreſt und nicht ſtets das Woher und Wohin eines jeden glück⸗ lichen Zufalls überlegteſt, möchte Dir wohl eine holde Gunſt beſchieden ſein. Die junge Gräfin..“ „Sprich nicht von ihr“, wehrte Egbert heftig ab, obgleich die flammende Röthe, die ſein Geſicht überflog und die er nicht verſcheuchen konnte, ſeine Empfindungen wider Willen verrieth.„Was hat dieſe Lichtgeſtalt mit dunklen Geheimniſſen zu thun? In ihr iſt nur himm⸗ liſche Verklärung und Verklärung ſtrahlt ſie aus.“ „Wo ein Glorienſchein iſt, da iſt Feuer. Ver⸗ brenne Dich nicht.“ „Was geht Dir durch den Sinn? Beſorgſt Du, daß ich den Stern nicht von der Wieſenblume zu un⸗ terſcheiden weiß? Ach, guter Hugo, ich hege keinen an⸗ deren Wunſch, als den, ſie bewundern zu dürfen. Die “ ——— æ——— 139 Nähe der Schönheit ſchon iſt beſeeligend, ſie anzuſchauen, macht mein Glück aus.“. „Du haſt eine ſehr ideale Meinung von den Frauen⸗ zimmern.“ „Du nicht?“ „Ein Schauſpieler, ein Taugenichts, wie käme der dazu? Die Breter, die die Welt bedeuten! Ja, für Euch, die Ihr vor den Lampen ſitzet, eine bunte, ſchöne, erhabene Welt! Für uns hinter den Couliſſen aber ſind ſie nur eine ſchmierige Bude. Beim Zeus, das allein iſt die Wirklichkeit; Staub, Schminke, Gemein⸗ heit. Und die Weiber haben den Vortritt dabei.“ „Und was iſt dann die Schönheit, die Du doch nicht leugnen kannſt?“ „Ein goldener Flitter auf einem ſchmutzigen Kleide.“ „Da bricht wieder der Prediger durch: Alles iſt eitel. Du willſt mich ärgern, aber es ſoll Dir nicht gelingen.“ „Warnen will ich Dich, Unglücklicher“, ſagte in komiſchem Pathos, die Hände ringend, Hugo,„Dein 3 Herz nicht auf dem Altar einer grauſamen Göttin zu opfern.“ G „Beſſer es einer Göttin opfern, als es im Sumpf der Alltäglichkeit verſinken laſſen.“ 4 140 „Blonder, Du haſt etwas Heldenhaftes an Dir. Wenn Du einmal ein Königreich erwerben ſollteſt, was in dieſen Zeitläuften nicht unmöglich iſt, halte mir den Platz Deines Hofnarren offen. Napoleon hat ſeinen Mamelucken und den kleinen grauen Mann, der ihn vor all ſeinen Schlachten beſucht; auch Egbert Heim⸗ wald verdient, einen eigenen Kobold zu haben.“ „Der wird mir bei meiner Rückkehr nöthig genug ſein! Wie manche Arbeiten werden ſich da unliebſam aufgehäuft haben! Baupläne, Rechnungen, Pachtver⸗ träge! Wohl iſt es ſchön und herrlich, in die Welt hin⸗ einzuſtürmen, zu ſchauen, zu genießen, von einem Neuen zu einem anderen zu eilen, im gefälligen Müßiggang, in ſorgloſer Freiheit des Willens! Wenn es nur ewig ſo fortgehen könnte, und wir uns zuletzt doch nicht wieder an derſelben Stelle fänden, von der wir aus⸗ gezogen waren! Ach, an einer Stelle, wo uns Mühſal, Enttäuſchung, die ganze Kläglichkeit des armen Da⸗ ſeins erwarten!“ „Ja, wenn die Erde nicht rund wäre! Aber noch geht es vorwärts mit uns, hoch hinauf! Mir ſchwant's, pflegte mein Vater am Abend zu ſagen, wenn die Mut⸗ ter am nächſten Tage Pfannkuchen backen wollte— Cgbert, wir ſtehen vor einer ähnlichen Wendung des Geſchickes. Ich glaube an die Stiefel Jean Bourdon’s.“ —— 141 Als die jungen Männer ſich zum Rückwege nach dem großen Platze umwendeten, begegnete ihnen unter den Fichten ein Diener des Hauſes: Gräfliche Gnaden verlangten nach ihnen; auch die Frau Marquiſe hätte ſchon nach ihnen gefragt. „Sonderbar!“ murmelte Egbert. Das bängliche Gefühl, das ihn geſtern bei der Einladung Ulrich's beſchlichen, zog wieder krampfhaft ſein Herz zuſammen. Hugo ſtieß mit dem Fuße einen im Wege liegenden Tannenzapfen vor ſich her. „Wozu das Spiel?“ forſchte Egbert; er war in dieſem Augenblicke für jeden Aberglauben empfänglich. „Ich weiß es nicht“, entgegnete der Freund,„aber könnten wir nicht eine tiefſinnige Vergleichung zwiſchen dieſem Tannenzapfen und unſerem Schickſal anſtellen?“ Seit einer Stunde hielt der Graf einen Familien⸗ rath; den langen Puchheim, der auf ſeine Bitten über Nacht im Schloſſe geblieben war, hatte er hinzugezogen. Es war in dem blauen Zimmer des Eckthurmes, das mit ſeinen drei Bogenfenſtern nach dem Garten ſchaute; durch das eine gewahrte man einen kleinen Ausſchnitt des See's. Der Eckthurm gehörte dem Jagdſchloſſe der Wolfsegg aus dem ſechzehnten Jahrhundert an, das damals hier auf der Höhe geſtanden. 142 Bei Erbauung des neuen, geräumigen und ſtatt⸗ lichen Hauſes vor etwa ſechzig Jahren hatte der Bau⸗ herr in wunderlicher Laune von dem früheren Gebäude den alten, noch wohlerhaltenen Thurm ſtehen und durch eine Galerie mit dem neuen Schloſſe verbinden laſſen. An architektoniſcher Schönheit hatte das Ganze dadurch nicht gewonnen; von dem nüchternen Zopfſtyl des Neu⸗ baues ſtach der ſchwerfällige, verwitterte Nundbau mit den Zinnen ſeltſam genug ab. Das Innere war eng und winkelig; die ſchmale Wendelſtiege der Marquiſe ebenſo verhaßt, wie die Gemächer, die nach ihrer Mei⸗ nung gar keine vernünftige Geſtalt hätten; geſittete Menſchen könnten nicht darin wohnen. Verſtimmt hatte ſie der Einladung des Bruders Folge geleiſtet, und Alles, was ſie nun, auf dem hoch⸗ lehnigen unbequemen Seſſel ſitzend, gehört, hatte nur ihre üble Laune, ihren Kummer und Zorn vermehrt. Obgleich ſie ihren Stuhl an das Kamin geſchoben, in dem die Holzſcheite flammten, fror ſie, weniger von der Kühle im Zimmer, als von der Sorge und Un⸗ ruhe ihres Herzens. In einem grauſeidenen Morgenkleide, die Schultern mit einem ſchwarzen Wollentuch bedeckt, um den Kopf ein ſchwarzes Spitzentuch, deſſen Zipfel unter dem Kinn zuſammengeknüpft waren, ſaß Antoinette an dem run⸗ ——— 143 den Tiſche in der Mitte des Raumes, die Augen auf ihren Oheim gerichtet, als auf den Einzigen, von dem in dieſer Noth Rath und Rettung zu erwarten ſei. Ihren Vetter Max Auersperg, der an ihrer Seite Platz genommen, ſchenkte ſie keine Aufmerkſamkeit, trotz der Mühe, die er ſich gab, ihre Blicke auf ſich zu ziehen. Für ihn war die Theilnahme der ſchönen Baſe ein viel wichtigerer Gegenſtand, als der Tod Jean Bourdon'’s, den der Graf ſoeben erzählt hatte. Der erſte Schmerz, die erſte Aufregung über dieſe unerwartete, ſchreckliche Mittheilung waren vorüber, die Ausbrüche der Leidenſchaft allmälig der Stille der Betrachtung und der Ueberlegung gewichen. „Der Unglückliche“, hatte Wolfsegg geſchloſſen, „iſt von Agenten des corſiſchen Tyrannen überfallen, ermordet, ſeiner Brieftaſche beraubt worden, nur we⸗ nige Papiere, die er vorſorglich in ſeine Stiefel geſteckt hatte, ſind uns geblieben. Hier ſind ſie“— und er legte ſie auf den Tiſch—„Pater Marcellus hat ſie mir in der Morgendämmerung gebracht.“ „Hoffentlich die wichtigſten“, ſagte Puchheim und war von dem Fenſter, an dem er bisher geſtanden, wie um zu wachen, daß ſich Niemand unbemerkt dem Thurm nähere und hineinſchleiche, an den Tiſch ge⸗ treten. 144 „Wie man es nimmt“, erwiderte Wolfsegg, wäh⸗ rend der lange Baron in den Briefen blätterte und je zuweilen aufſehend einen ſpähenden Blick durch die Scheiben warf.„Da iſt ein Verzeichniß Derer, auf welche die bourboniſchen Prinzen in Paris rechnen zu können glauben, wenn...“ „Wenn der Uſurpator in Spanien erſchlagen iſt“, rief die Marquiſe am Kamine und ſtieß mit dem Feuerhaken in die Kohlen. „Ein Brief des Grafen von Artois an den Po⸗ lizei⸗Miniſter Fouché“, fuhr der Graf fort, ohne ſich durch die Unterbrechung ſtören zu laſſen, ebenſowenig wie durch das:„Die Peſt über ihn!“ das jetzt vom Kamin her erſcholl.„Der Plan einer neuen Höllen⸗ maſchine: eine Thorheit ohne Sinn und Verſtand, von der ſich aber der gute Bourdon eine wunderbare Wir⸗ kung verſprach.“ „Und mit Recht, Herr Vrudere, brummte wieder die Marquiſe;„nur die Hölle kann dieſen Höllenſohn verſchlingen.“ „Nicht die Hölle, wir werden ihn bändigen, wir, die wir das alte Recht und die Ordnung Gottes ver⸗ treten“, ſagte Ulrich und ſetzte gelaſſener hinzu:„Und mehr dergleichen, wie der Herr Vetter ja ſieht. End⸗ lich einen Brief für die Gräfin Mortigny, eine der 145 Hofdamen der Kaiſerin Joſephine; er enthält die ge⸗ naueſten Angaben über Napoleon's Werbung um die ruſſiſche Großfürſtin...“ „Es wäre Schade, wenn der Brief nicht an ſeine Adreſſe kommen ſollte“, rief der Marquis von Gondre⸗ wille, der in ſeinem großblumigen, ſeidenen Schlafrock mit den gelben Schnüren und Quaſten, eine ſtattliche Perrücke auf dem Haupte, händeringend im Zimmer auf- und niedergegangen war, in franzöſiſcher Sprache, „ſehr Schade! Er iſt von mir. O, meine Herrſchaften, im Stil Voltaire's. Die Gräfin Mortigny iſt meine Verwandte, eine treue Freundin der Bourbonen! Ein ſolcher Brief iſt mehr werth als alle Höllenmaſchinen. Warum? Die franzöſiſche Geſchichte iſt zu drei Vier⸗ teln von den Damen gemacht worden. Lachen Sie nicht, mein Herr Schwager! Von den Damen, das iſt eenſthaft. Wenn in St. Cloud die Kaiſerin Joſephine gegen ihren Gemahl— Gott verdamm' ihn!“— das ſagte er deutſch—„einen kleinen Aufſtand beginnt, dann haben wir geſiegt. Warum habt ihr Oeſterreicher ſtets Eure Schlachten gegen uns Franzoſen verloren?“ „Weil wir ohne Frauenzimmer in's Feld gezogen“, unterbrach ihn Puchheim und gab dem Grafen die Pa⸗ piere zurück.„Und was haben die franzöſiſchen Spitz⸗ buben dem armen Bourdon geraubt, Herr Vetter?“ Fenzel, Aucifer. I.. 10 146 „Den Plan einer Erhebung gegen Bonaparte in Paris, den der General Croſſard verfaßt hat; die Nach⸗ richt, daß derſelbe in den nächſten Wochen von Wien nach Spanien gehen, am Anfang des nächſten Jahres in den Pyrenäen ſein werde; Berichte über unſere Rüſtungen, über engliſche Landungspläne an der Weſer und Elbe— Alles freilich in der Form von Handels⸗ briefen, in unſerer Geheimſprache, aber wie ſollte ein Fouché die nicht errathen! Wenigſtens in jedem wich⸗ tigſten Punkt errathen! Und das Schlimmſte, einem jener Schreiben hatte ich die Randbemerkung zugefügt: Benjamin Bourdon kennt Bonelly...“ „Den Bonaparte“, erläuterte die Marquiſe, gleich⸗ ſam für ſich. „Damit haben ſie den Schlüſſel zu allen unſeren Geheimniſſen“, klagte Ulrich.„Eine unverzeihliche Un⸗ vorſichtigkeit meinerſeits! Gerade dieſen Brief band icn Bourdon auf die Seele! Aber es war meine Thorheit, die Worte niederzuſchreiben, meine Schuld! Das iſt nun Alles auf dem Wege nach Paris.“ „O, mein Gott!“ ſtöhnte der Marquis dazwiſchen. „Es iſt wie das Fallbeil der ſchrecklichen königsmör⸗ deriſchen Maſchine. Dieſer Drache iſt unverwundbar. Er wird uns wieder mit Krieg überziehen und ſeine Feinde bis an das Ende der Welt jagen.“ * — 147 „Aber ich dachte, Ihr Herren“, warf Max Auers⸗ perg ein, der auch einmal, ſchon ſeiner Baſe wegen, das Wort haben wollte,„Ihr wollt den Krieg mit dem Uſurpator beginnen? Je früher, deſto beſſer! Ein Schwert wird ihn doch treffen.“ „Wir wollten zu unſerer Stunde anfangen, Hitz⸗ kopf, nicht zu ſeiner. Glaubſt Du, er wird uns jetzt unſere Rüſtungen vollenden laſſen?“ belehrte ihn Puch⸗ heim. Ulrich hatte ſich vom Stuhl erhoben. Die Arme über der Bruſt zuſammengeſchlagen, ſtand er in Gedanken, mit umwölkter Stirn. „Sie bekümmert noch mehr als dieſer Fehlſchlag, Herr Oheim“, ſagte Antoinette, die kein Auge von ihm gewendet,„mehr als der Tod des armen treuen Mannes.“ „Ein Haushofmeiſter“, meinte Max geringſchätzig. „Mache die Baſe doch davon kein Aufhebens und be⸗ trübe ſie ſich nicht. Ganz andere Opfer hat die Revolution verſchlungen.“ „Ja wohl“, beſtätigte die Marquiſe und ſtieß wieder in die Kohlen.„Das Haupt meiner Königin iſt gefallen; Maria Thereſia's Tochter, die Schweſter eines deutſchen Kaiſers, haben ſie hingerichtet. Das 10 148 wird von der Erde um Rache ſchreien, ſo lange noch ein Stern am Himmel funkelt.“ „Weil er unſer Diener war“, entgegnete Antoi⸗ nette mit lebhafter Betonung dem jungen Edelmann, „war er darum ein ſchlechterer Mann? Aber Sie, mein Oheim, Sie denken über das Augenblickliche hinaus, nicht der Schmerz allein beſchäftigt Sie...“ „Geſtehe ich es doch unr, daß ich in eine ſtür⸗ mniſche, gefährliche, ſorgenvolle Zukunft ſchaue“, gab der Graf ihrer Bitte nach.„Sorgenvoll für das deutſche Vaterland, für unſere und für Europa's Freiheit, ſor⸗ genſchwer für uns ſelbſt im gemeinſten Sinne des Wortes. Der Plan, über dieſen Bonaparte herzufallen, während er tief in Spanien unter wachſenden Hinder⸗ niſſen kämpft, wir Oeſterreicher vorbrechend nach dem Reich, Alles aufrufend, was noch eine Ader edlen ger⸗ naniſchen Blutes in ſich fühlt; die Engländer in Bel⸗ gien oder Norddeutſchland landend; in Frankreich die Anhänger der Bourbonen mit den Republikanern ſich zur Empörung gegen dieſen Tyrannen vereinend, der die Einen wie die Anderen betrogen, beraubt, in Ket⸗ ten geſchlagen und getödtet hat— dieſer Plan iſt ge⸗ ſcheitert. Ich ahne es ſchon, wieder werden wir allein mit ihm kämpfen müſſen. Und wir— ja, ſieht der Herr Schwager, ſieht die Frau Schweſter nicht ein, o. daß unſere Stellung zu Benjamin Bourdon eine ganz andere ſein wird, als ſie es zu ſeinem Vater war?“ Dieſe Worte erſchütterten die Marquiſe; ſie ließ den Feuerhaken aus der Hand fallen und blieb eine Weile ſtarr mit offenem Munde ſitzen. „Der Herr Bruder glaubt doch nicht“— fand ſie endlich die Sprache wieder, aber ſie vollendete nicht; was in ihrem Gehirn aufblitzte, war ſo ſchrecklich, daß die Zunge ſich ſcheute, es auszuſprechen. „O, mein Herr Graf“, rief der Marquis mit dem Fuße aufſtampfend, in heftiger Bewegung,„Sie kennen die franzöſiſche Treue nicht; ſeit hundert. Jahren dienen die Bourdons dem erlauchten Hauſe Gondreville. Mein Großvater, mein Vater und ich, wir ſind ihnen immer gnädige und milde Herren geweſen. Dieſer Benjamin — ich ſelbſt habe ihn aus der Taufe gehoben. Er wird uns treu, willfährig und gehorſam ſein. Jedem ſeine Ehre und ſeine Pflicht! Die Bourdons ſind Knechte, die Gondreville's Herren.“ Wolfsegg hatte ihn ſich ausreden und austoben laſſen; es war ein mehr ſcherzhafter als ernſter An⸗ blick geweſen, wie der ſchmächtige Mann in ſeinem Schlafrocke hin⸗ und herſprang, mit den Händen durch die Luft fuhr und nach der Seite faßte, wo er ſonſt ——— * 150 ſeinen kleinen Degen mit goldenem Griff zu tragen pflegte— es war ein Geſchenk Maria Antoinetten's und 3 den Griff ſchmückten die Figuren des Orpheus und der Euridice— als wolle er ihn ziehen und ſeine Anſicht gegen eine Welt vertheidigen.. „Beruhige ſich der Herr Schwager“, ſagte jetzt der Graf mit einer begütigenden Handbewegung.„Es braucht keiner Aufwallung. Wie gern will ich in die⸗ ſem Falle als der Getäuſchte daſtehen! Aber ich er⸗ 4 innere den Herrn Schwager daran, daß noch vor drei 4 Tagen an dieſer Stelle Jean Bourdon, als er Abſchied von uns nahm, von der republikaniſchen Geſinnung ſeines Sohnes ſprach. Mit dem Ausdruck der Klage und der Betrübniß davon ſprach, daß der junge Mann den verwegenſten Neuerungen anhänge, ein Gottesleug⸗ ner und ein Feind des Königthums ſei! Und nun er⸗ wäge der Herr Schwager, welch' ein Opfer er von dieſem Manne, den er nicht kennt— denn daß er ihn aus der Taufe gehoben, wird auf einen Freigeiſt kei⸗ nen beſonderen Einfluß ausüben— welch' eine Ent⸗ ſagungsfähigkeit er von ihm fordert! Jean Bourdon hat während der Schreckenszeit die Güter der Gondre⸗ ville's in Lothringen gekauft, waren ſie doch herrenlos gewordene Beſitzungen des franzöſiſchen Volkes. Er betrachtete ſich nur als Pächter, bis zum Tode getreu, — 151 ſendete er Ihnen jahrein jahraus die Erträgniſſe des Bodens, der nach dem Geſetze ihm gehörte. Jetzt iſt er geſtorben, plötz ich, vielleicht ohne die geringſte Ver⸗ fügung über ſeinen Beſitz zu treffen, ohne ein letztes Wort an ſeinen Sohn, das dieſen aufklären, ermah⸗ nen, zu ſeinen Pflichten anhalten könnte— Benjamin iſt ſein Erbe. Ein Republikaner, ein Atheiſt! Ich⸗ denke doch, das iſt eine ſchwere verwickelte Angelegen⸗ heit, die ſich nicht ſo leicht und gütlich, wie der Herr Schwager meint, mit einer Anrufung der Vaſallentreue ausgleichen läßt. Vaſallentreue, Hingebung, Aufopfer⸗ ung des Dieners für den Herrn— das ſind die Gold⸗ münzen eines früheren Zeitalters, die in dem unſeren nicht mehr gelten.“ Ein allgemeines Schweigen war eingetreten, die Geſellſchaft lag unter dem Banne dieſer einfachen und doch furchtbaren Bemerkungen. Ein Geſpenſt erhob ſich aus ihnen, deſſen erſt ungewiſſe Formen immer ſchärfer und beſtimmter wurden; rieſengroß ſtand es vor ihrer Seele: der Verluſt ihrer Erbgüter, die Ar⸗ muth. Nur zu wahr hatte der Graf die Verhältniſſe ge⸗ ſchildert. Als der Marquis von Gondreville Frankreich ver⸗ laſſen, zu dem Heere des Prinzen Condé in Coblenz 452 ſich begeben und ſeinen Degen gegen die Republik ge⸗ zogen hatte, war ſein Name auf die Liſte der Emi⸗ granten geſetzt, er ſelbſt zum Tode verurtheilt, waren ſeine Güter als die eines Verräthers eingezogen worden. Als Nationalgut ließ ſie die Regierung verſteigern. Dem ehemaligen Verwalter der Gondreville's, Jean Bourdon, der in Nancy und Luneville bei den Jacobinern für einen echten und ſtandhaften Patrioten galt, war es mit Hilfe einiger reicher Leute, die, wie ſie ſagten, ihr Geld nicht beſſer als bei ihm anlegen konnten, geglückt, den größeren Theil der Beſitzungen für eine geringe Summe anzukaufen. Einiges freilich ging in fremde Hände über, aber, worauf die Gondre⸗ ville's das ſtärkſte Gewicht legten, ihr Stammſchloß, Wald und Feld darum, blieb ihnen erhalten. Oder vielmehr Jean Bourdon. So unerſchütterlich ſeine Anhänglichkeit für das Geſchlecht, dem ſchon ſein Groß⸗ vater gedient, unter deſſen Schutz er ſelbſt aufgewach⸗ ſen, ſo groß war ſeine Liſt und Gewandtheit. Kein Späher vermochte ſein Geheimniß zu durchdringen. Viele Feinde und Neider hatte ihm ſein Glück geboren; während die Einen ihn, nach dem Sturz Robespierre's und der Jacobiner in Paris und in den Provinzen, als einen Verräther und Räuber an dem Gute ſeines Herrn anklagten, beſchuldigten ihn die Anderen, mit — dem Marquis von Gondreville noch immer in Ver⸗ bindung zu ſtehen und das Geld Frankreich's auf heim⸗ lichen Wegen dem Landesverräther in die Taſche zu ſpielen. Aber gerade der Widerſpruch dieſer Anklagen nahm jeder einzelnen Werth und Bedeutung und Jean Bourdon ſchien von der einen wie von der anderen, ſo laut ſie auch geäußert wurden, nichts zu wiſſen. Nur einmal hatte er ſich, als man ihm unter dem Vorwand, um ſeine Sicherheit beſorgt zu ſein, ſtärker mit ſolchen Vorwürfen zuſetzte, zu der Aeußerung hin⸗ reißen laſſen: „Narrenspoſſen! Wartet doch meinen Tod ab, da werdet Ihr ja ſehen, für wen ich gearbeitet, geſpart und gewuchert habe!“ Nach ſeinem Tode— anders wohl, als er ge⸗ meint, anders, als es ſich die Gondreville's in vor⸗ eiliger Hoffnung ausgelegt— ſollte ſich jetzt ſein Wort erfüllen. Napoleon's Kaiſerkrönung, die darauf folgenden Siege ſeiner Waffen, welche ſeine Herrſchaft zugleich über Europa ausdehnten und im Inneren Frankreich's befeſtigten, ſchnitten den Bourbonen und ihren An hängern beinahe jede Ausſicht auf eine Rückkehr ab. Es ſei denn, daß ein Wunder geſchehe, daß eine Hand 194 ſich aus den Wolken ſtrecke und dieſen neuen Thurm von Babel umſtürze! Wie von ihrem Leben war die Marquiſe von dem Eintreffen der göttlichen Rache überzeugt. Allein wer will, wer kann der ewigen Weis⸗ heit ihre Stunde vorſchreiben? Jahre mochten noch darüber hingehen und die Beſitzungen der Gondreville's, wenn ſie jetzt nach dem Erbrecht des Code Näapoléon als freies Eigenthum Benjamin Bourdon zufielen, aus einer Hand in die andere gerathen, auf's Neue verkauft und wieder zerſtückelt werden! Hatte Bourdon ſeinem Sohne anvertraut, daß er nur zum Schein der Beſitzer des ſtattlichen Schloſſes ſei? War wenigſtens das Geld, das der alte Graf Wolfsegg, der Vater der Marquiſe, von Brüſſel aus im Herbſte des Jahres 1793 Bourdon hatte zukommen laſſen, um den Kauf der Güter zu ermöglichen, ſicher⸗ geſtellt? So viel Fragen ſich erhoben, ſo viele Befürch⸗ tungen verdunkelten die Zukunft. „Ein Freimaurer, ein Republikaner wäre dieſer Benjamin!“ ächzte der Marquis und warf ſich in ei⸗ nen Seſſel. Schlotternd hing der Schlafrock um ihn und die Perrücke ſchwebte ängſtlich auf ſeinem kahlen Scheitel.„Mein Pathenkind ein Republikaner, und er heißt doch Benjamin! Nein, Herr Schwager, es kann, es darf nicht ſein!“ „Benjamin demüthigte ſich vor ſeinem Vater Ja⸗ cob und ging ihm entgegen“, ſagte die Marquiſe, mehr ſich ſelbſt als den Uebrigen zum Troſt;„auch Benjamin Bourdon wird uns, wie es ſich geziemt, ehrfurchtsvoll an der Pforte unſeres Hauſes empfangen und wir werden ihn nach Verdienſt belohnen.“ „Bliebe zunächſt doch noch die Frage beſtehen, wie die Frau Schweſter bis zur Thüre ihres Hauſes kommt“, antwortete der Graf.„Erwäge ſie nur, der Name ihres Gemahls iſt von der Emigrantenliſte noch nicht ge⸗ ſtrichen, ihr Sohn kämpft jetzt im Verein mit den Spaniern—“ „Gott ſegne ihn!“ brach Leopoldine, die gefalteten Hände gen Himmel hebend, aus. „Ja“, wiederholte Ulrich das Gebet der Schwe⸗ ſter,„Gott ſegne ihn! Ich rufe es aus vollem Herzen. Aber die Thaten des Sohnes werden in den Augen des Kaiſers die alte Schuld des Vaters mit neuer ver⸗ mehren und verdoppeln. Um den Fuß auf franzöſiſchen Boden ſetzen zu können, müßte ſich der Herr Schwa⸗ ger dem Uſurpator unterwerfen und ſeine Gnade an⸗ flehen.“ „Niemals“, ſprudelte der Marguis,„niemals! 156 Die Revolution kann uns plündern, kann uns köpfen“, und dabei ahmte er mit der Hand die Bewegung des Fallbeils nach, ſo daß die ſchwankende Perrücke vol⸗ lends ihr Gleichgewicht verlor und herabfiel,„aber entehren kann ſie uns nicht!“ „Recht ſo!“ nickte der lange Puchheim. „Und doch“, wendete Ulrich ein,„wäre es ein Vortheil für die allgemeine wie für die beſondere Sache, wenn wir einen zuverläſſigen Boten nach Paris ſchicken könnten. Einer, der keinen Verdacht erregte, weil er ſelbſt ahnungslos und arglos dahinginge. Das Geheimniß, in das ſich der arme Bourdon hüllen mußte, rief den Verdacht der Gegner hervor und lenkte die Augen aller Späher Napoleon's auf ihn. Ein Franzoſe, der von Nancy hierherreiſt auf dies einſame weltverlorne Schloß! Darin ſteckt's! Ach, daß wir immer nur kluge Nachgedanken haben!“ „Und haſt Du eine Ahnung, Vetter, wer die grauſige Mordthat verübt hat?“ fragte Puchheim von ſeinem Beobachtungspoſten her. „Die letzten Fäden werden wohl in Fouché's Hand ruhen. Er wird dem franzöſiſchen Geſandten in Wien befohlen haben, auf dieſen merkwürdigen Reiſenden zu fahnden. Ein verwegener Geſell hat ſich bereit ge⸗ funden, ihn anzuhalten, ihn ſeiner Papiere zu berau⸗ — 49/6 ben. Der Mord hat ſchwerlich im Plane gelegen; Bourdon's Widerſtand hat den Angreifer gezwungen, die Piſtole zu gebrauchen. Es iſt Alles noch Finſter⸗ niß in und über dieſem Vorfall, aber der Zuſammen⸗ hang der Dinge iſt mir klar. Ich will die jungen Männer, die ſich des Sterbenden ſo hilfreich und un⸗ eigennützig angenommen haben, noch einmal über das Einzelne befragen, vielleicht entdeckt ſich eine Spur. Geſchieht doch nichts unter der Sonne, das nicht einen Fleck zurückläßt. Ich habe die Jünglinge hierher be⸗ ſchieden und hoffe, daß die Frau Schweſter uns ihre Gegenwart ſchenkt.“ Die Marquiſe machte eine unwillig ablehnende Bewegung. „Ich bitte darum, Frau Schweſter“, betonte Ul⸗ rich mit ſtrengem Geſicht.„Es ſoll nicht den Schein haben, als wäre hier ein Inquiſitionsgericht. Wenn die Frau Schweſter den jungen Egbert erſucht, auch ihr die traurige Geſchichte zu erzählen, wird er kein Arg haben und willig Rede ſtehen.“ „Der Herr Bruder iſt ja ſehr gnädig gegen dieſe Bürgersleute“, erwiderte mit unverhohlenem Aerger die Marquiſe.„Als ob's Prinzen wären! Man kann einmal ein Auge zudrücken, wenn man nicht weiß, ob ſie nicht in der That von irgend einem Potentaten 158 herkommen. Wie am geſtrigen Abend! Seit der Re⸗ volution— den Heiligen ſei's geklagt!— werden die Bürgerlichen leider Miniſter, Geſandte und Herzoge, aber der bürgerliche Geruch bleibt.“ „Die Naſe der Frau Schweſter in Ehren“, ſagte lachend Wolfsegg.„Nur muß man dann mit Ver⸗ ſchwörungen nichts zu thun haben und ſich auf den reinen Höhen eines ſanften idealiſchen Lebens halten. Wer auf Erden vorwärts kommen will, muß Staub ſchlucken lernen. Mir iſt das Bürgerthum werth; es iſt das Mark des deutſchen Volkes. Unſere Pflicht iſt es, dieſe bisher ſo träge Maſſe zu begeiſtern und mit dem heiligen Feuer der Vaterlandsliebe zu er⸗ füllen. Wir Edelleute voran, die Bürger uns nach— das iſt das wahre Volksheer, welches die franzöſiſchen Legionen vernichten wird.“ „Ich beuge mich gern vor des Herrn Bruders Einſicht“, antwortete Leopoldine und knüpfte unmuthig die langen, lilienbeſtickten Seidenbänder ihrer Morgen⸗ haube auf und wieder zu,„und füge mich ſeinen An⸗ ordnungen. Aber es iſt betrübſam, daß die Revolution auch in Oeſterreich vordringt und ſchon in dem Schloſſe der Wolfsegg freundliche Aufnahme gefunden hat.“ „Egbert Heimwald ein Revolutionsmann!“ „Sein Vater war ein Freimaurer. Ja doch! Und 159 womit beginnen alle Revolutionen? Mit einer Ver⸗ miſchung der Stände. So war es in Frankreich. „Guten Tag, mein lieber Herr“, ſagte man zu dem Bürgersmann und ſchüttelte ihm die Hand. Das war der Anfang vom Ende. Da verlernten ſie den Reſpert vor dem König und dem Adel. Unſere Gutmüthigkeit wurde unſer Verderben. Und hier ſehe ich Alles den⸗ ſelben Weg gehen.“ Die Dame war in ihren Anſichten unerſchütterlich wie ein Felsblock in der Brandung, und ebenſo ſteif, gerade und unbewegt ſaß ſie da. „Ich merk's auch, daß der Herr Bruder noch ei⸗ nen ganz beſonderen Zweck mit dieſem jungen Men⸗ ſchen verfolgt— oho, ich habe auch gute, ſcharfe Au⸗ gen im Kopfe!“ Ulrich blickte die Marquiſe feſt an und ſchüttelte dann leiſe mit dem Kopfe, als wolle er zu ſich ſelbſt ſagen: Nein, es iſt unmöglich, ſie kann Dich nicht durchſchauen! Laut ſprach er, indem er ihr die Hand wie zur Verſöhnung reichte: „Und wenn ich meinen Plan mit ihm hätte, als gute Schweſter wirſt Du mich darin unterſtützen.“ „Wenn es nicht gegen die Ehre geht!“ erwiderte ſie, die noch immer nicht ganz beſänftigt war. „Nein, nur die Freundlichkeit der Frau Schweſter 160 wird in Anſpruch genommen. Sie ſoll meinen Gäſten, auch wenn ſie nur Bürgersleute ſind, heute und mor⸗ gen daſſelbe Geſicht zeigen wie geſtern. Das war prächtig! Die Frau Schweſter konnte immer gut die Comödie ſpielen; das hat ſie noch aus Trianon heim⸗ gebracht. Und unſere Antoinette iſt ganz verſtummt. Was hält ſie denn von den Fremden?“ Den Kopf auf die Hand geſtützt, hatte Antoinette dageſeſſen. Dachte ſie an Jean Bourdon's Tod und die Verwicklung, die ſich für ihre Eltern daran knüpfte? Oder an die Reden Vittorio's, die noch leiſe in ihr nachtönten, wie ein verklungenes Glockengeläute uns im Ohr nachſummt? Bei der Anrede des Grafen fuhr ſie ein wenig zuſammen. „Ich? Ihre Gäſte, mein Oheim? Geſtehe ich es nur, den Einen hab' ich gar nicht angeſehen und den Anderen. Nun ſtockte ſie doch; ſie fand nicht gleich den Ausdruck, der ihr für Egbert's Perſönlichkeit der ge⸗ eignetſte ſchien. „Juſt um den Andern handelt es ſich, wie er Dir gefallen.“ „Er ſieht aus wie ein Held aus den Märchen und redet ſo ſchüchtern wie ein Mädchen— und dennoch...“ 161 „Dennoch, delphiſche Sibylle?“ „Er iſt ein Trotzkopf, und der Herr Oheim wird es noch erfahren.“ „Meinſt Du? Wenigſtens iſt er Dir nicht unbe⸗ deutend erſchienen, und es lohnt ſich auch Dir, daß Du Dein Studium fortſetzeſt. Ich denke die jungen Leute bis zur Ankunft des Bezirkshauptmanns aus Linz, dem ich das Verbrechen gemeldet, und bis zum fei⸗ erlichen Begräbniß Bourdon's im Schloſſe zu halten. Das fordern Klugheit und Anſtand.“ „Und ein feierliches Begräbniß hat der Herr Bru⸗ der beſchloſſen?“ fragte Leopoldine. „Auf dem Friedhof zu Gmunden. Auch Du wirſt zugegen ſein mit der Antoinette; wir Alle. Der Pater Marcellus wird dem Todten die Nachrede halten. In⸗ dem wir dem treuen Diener die letzten Ehren erweiſen, ehren wir uns ſelbſt und geben ein Beiſpiel. Zugleich verbreitet ſich die Kunde der ſchrecklichen Unthat: Auf offener Straße haben die Franzoſen oder doch Anhän⸗ ger Bonaparte's, gedungene Mörder, einen ſchlichten, ſtillen Mann überfallen. So achten ſie die Majeſtät des Friedens, die Rechte Oeſterreichs. Solche Geſchich⸗ ten bringen das Blut der Menge ſtärker in Wallung als die Kränkungen, die dem Kaiſer, die Beleidigungen, die dem Staat zugefügt werden. Dabei wird mancher⸗ Frenzel, Lucifer. I. 11 162 lei Volk zuſammenlaufen, die Beſtattung mit anzu⸗ ſchauen. Freier geht das Wort von Mund zu Mund, Jeder will ſeine Anſicht über das Geſchehene vortragen Wie leicht kann ſich da eine Spur zeigen, die uns auf die Fährte des Verbrechers leitet! Ein Riß durch das Dunkel dieſes Geheimniſſes geſchehen!“ „In dem Herrn Bruder“, ſagte die Marquiſe be⸗ wundernd zu ihm aufſchauend,„ſteckt doch ein großer Politicus. Wenn er in dem Unglücksjahr 1789 das Steuerruder in Frankreich gelenkt hätte!“ Was ſie etwa noch zum Lobe Ulrich's auf den Lippen hatte, ſchnitt ihr diesmal Puchheim ab, der raſch vom Fenſter zurücktretend ausrief: „Da ſind ſie! Deine Schützlinge, Wolfsegg!“ „Mich werden Sie nicht zwengen wollen, Herr Schwager, in dieſem Coſtüm zu bleiben! Ein Marquis von Gondreville im Schlafrock vor Bürgersleuten er⸗ ſcheinen! Unmöglich!“ Dennoch hielt er es nicht unter ſeiner Würde, verſtohlen durch das Fenſter auf die Jünglinge zu— blicken, die im eifrigen Geſpräche, in Begleitung des Dieners, über den Vorplatz von den Taxushecken des Gartens her, ſich dem Thurme näherten. „Schöne, ſtattliche junge Leute!“ murmelte der Marquis.„Beſonders der Blonde! Schade, daß ſie 1 163 keine Edelleute ſind! Und der Herr Schwager hält ſie für ehrlich und treu?“ „Meinen Egbert? Wie Gold! Glichen alle deut⸗ ſchen Männer ihm— wir wollten die große Armee mit all ihren goldenen Adlern über den Rhein jagen! In einem Gewitterſturm über den Rhein!“ Er ſtockte plötzlich und legte die Hand auf die Stirn, als ſtiege ein Gedanke in ihm auf, den er feſt⸗ zubannen ſuchte. „Wenn wir Egbert nach Paris ſchickten?“ ent⸗ fuhr es ihm halblaut. „Wen?“ rief Leopoldine dazwiſchen.„Den ver⸗ unglückten Doctor? Das wäre mir ein ſchöner Ver⸗ treter und Geſandter!“ „Vertreter der Gondreville's? Nicht für Dich allein, Frau Schweſter, für das ganze junge Deutſchland ſollte er hingehen! Auf dem Sitz ſeiner Macht dieſen Lu⸗ eifer kennen—“ „und anbeten?“ „Nein, haſſen lernen! Mit unvertilgbarem, grim⸗ migen Haſſe! Wie die Lüge, wie die Hölle haſſen ler⸗ nen! Die Jugend iſt von der Herrlichkeit und dem Glanze dieſes Mannes wie geblendet und bethört; erſt wenn ſie ihn von Angeſicht zu Angeſicht, in der Herz loſigkeit ſeiner Selbſtſucht...“ 14* 164 „Sie ſind in's Haus getreten“, ſagte Puchheim. „Laßt Euch nichts von dem merken, was ich eben andeutete, es iſt nur erſt ein Schatten. Schweigt dar⸗ über. Ein ſolcher Entſchluß bedarf der Ueberlegung. Vor der Zeit ihn ausſprechen, hieße ſeine Ausführung verhindern.“ „Ich rette mich“, ſagte der Marquis und ſchlug ſeinen Schlafrock zuſammen. Auch Antoinette hatte ſich erhoben. „Ich wäre doch nur eine läſtige und unnütze Zu⸗ hörerin“, meinte ſie zu ihrem Oheim. „Freilich würden Deine Augen meinen unſchuldi⸗ gen Egbert verwirren und ſtatt von Raub und Ge⸗ waltthat würde er uns von herzbeſtrickenden Zauber⸗ innen erzählen!“ Er gab ihr die Hand. „Du biſt eine gefährliche Schöne. Eine Fee aus dem romantiſchen Walde! Aus Arioſto's Gedicht!“ „Der Oheim findet immer ſeine Freude daran, mich zu necken; wäre ich die Zauberin, für die er mich ausgibt, würde ich nicht wieder ſtechen?“ Indem ſie ſich nun losreißen wollte und Ulrich ſie ſcherzend feſthielt und küßte, öffnete der Diener den jungen Männern die Thüre zu dem Gemach. So erhielt Egbert noch einen Blick ſeiner Göttin, — 165 ehe ſie durch die entgegengeſetzte Thür enteilte, die zu der Galerie nach dem Hauptgebäude des Schloſſes führte— einen finſtern, faſt drohenden Blick der ſtol⸗ zen Augen unter den zuſammengezogenen Brauen her⸗ vor. Der Arme mußte die Strafe für die Freiheit, die der Oheim ſich genommen hatte, leiden. Warum war er Zeuge eines ſolchen Schauſpiels geworden? Antoinette war ganz in der Stimmung Diana's, als ſie ſich von Actäon belauſcht ſah. Viertes Kapitel. Am vierten Tage nach der Ermordung Jean Bour⸗ don's in der Nähe der Rabenmühle war es. An einem Sonntage, eine gute Stunde vor Mittag. Um die Pfarrkirche zu Gmunden, in den Gaſſen nach der höl⸗ zernen Traunbrücke zu— denn über dieſelbe, vom jen⸗ ſeitigen Ufer des Fluſſes, aus dem dort gelegenen Capuzinerkloſter, ſollte der Trauerzug kommen— war ein Gedränge von neugierigen, aufgeregten Menſchen. Andere hatten es vorgezogen, auf dem Friedhof ſelbſt voſto zu faſſen; mußten ſie hier länger als die Uebrigen auf den Anfang des Schauſpiels warten, ſo ſtanden ſie dafür dicht an dem Grabe und konnten hoffen, auch nicht ein Wort von der Rede des Pater Marcellus zu verlieren. 167 Das Ungewohnte einer Leichenrede ſteigerte die Spannung auf das Höchſte. Wie ein Lauffeuer war die Kunde des Verbrechens durch das Land geflogen, bis nach Ebenſee und in die Berge hinein, bis nach Linz und Vöcklabruck in die Ebene. Das Gerücht hatte die Zeit, die ihm der Graf gelaſſen, gut benützt. Mit den dunkelſten Farben hatte g g 9 es die That gemalt. Unbewußt hatte ein Jeder, der die Geſchichte erzählte, dazu beigetragen, ihr Grauſiges und Abenteuerliches zu erhöhen. Zu dem Schrecken, den der Mord einflößte, geſellte ſich das Staunen über die Dazwiſchenkunft der beiden Jünglinge. Es war wie ein Wunder und wenig fehlte, ſo wäre der blonde Egbert im Munde des Volkes zu einer himmliſchen Erſcheinung geworden, etwa zu jenem ſtreitbaren, hei⸗ ligen Helden Georg, der den Lindwurm niederſticht. Ein Lindwurm, der mit ſeinem gewaltigen ſchuppen⸗ gepanzerten Leib ganze Länder bedeckte, der mit ſeinen Schweif bis Oeſterreich reichte— oft genug in dieſen letzten Wochen hatten die Pfarrer und die Bettelmönche den Bonaparte mit ſolchem Ungethüm verglichen. Weder über den Ermordeten, noch über den Jüng⸗ ling, der die Mörder in die Flucht gejagt und die völlige Ausraubung ihres Opfers gehindert hatte, wuß⸗ ten die Leute Gewiſſes. War doch ſelbſt vor den 168 Dienern des Schloſſes das Geheimniß Jean Bourdon's nach Kräften gewahrt worden. Er hätte jetzt nicht nur die wichtigſten Papiere, ſondern auch Edelſteine und Perlen bei ſich gehabt— Schmuckſachen, die noch der unglücklichen Königin Marie Antoinette gehört hätten. Der ſtille beſcheidene Mann, deſſen Handlungen alle aus der Treue und Anhänglichkeit gegen die Gon⸗ dreville's entſprungen waren, hatte es ſich bei Lebzeiten nie träumen laſſen, daß er nach ſeinem Tode als poli⸗ tiſcher Märtyrer gefeiert werden würde. In dieſem Glorienſchein aber ſah ihn das Volk. Wenn man den Reden des Grafen trauen wollte, die er gefliſſentlich vor den Ohren der Diener und Bauern laut werden ließ, hatte es in Frankreich keinen gefährlicheren Mann für den Uſurpator gegeben, als Jean Bourdon. Er hatte ſich denn ſeiner auch nicht anders entledigen kön⸗ nen, als durch Mord. So ſei vor wenigen Jahren der Herzog von Enghien im Wallgraben von Vincen⸗ nes auf ſeinen Befehl erſchoſſen, Pichegru im Gefäng⸗ niß erdroſſelt worden. Das Glück Bonaparte's ſei eine Kette blutiger, ungeheuerlicher Frevel. Ein Menſch iſt erſchlagen auf friedlicher Heerſtraße, inmitten einer Bevölkerung, unter der eine ſolche Ge⸗ waltthat— ein politiſcher Mord— unerhört war. Alle Geſpräche, alle Erzählungen ſpitzen ſich zu der 169 einen Frage zu: Wer iſt der Mörder? Oeſterreicher können es nicht geweſen ſein, lautet ebenſo einſtimmig die Antwort, Fremde, Franzoſen oder Italiener, ge⸗ dungene Helfershelfer des corſiſchen Tyrannen, haben das Verbrechen verübt. Die geſchäftige Phantaſie fabelt von einer Schaar verwegener Wälſchen— Männer aus Corſica und aus den Abruzzen, die ſich unter ein⸗ ander durch den Schwur der Vendetta verbunden haben und dem Kaiſer zur Vollſtreckung ſeiner geheimen Blut⸗ befehle willig den Arm leihen. Das Seltſame iſt nur, daß Niemand ſie weder vor, noch nach der That ge⸗ ſehen. Hat ſie der Wind davongeführt? In welche Verkleidung können ſie ſich geſteckt haben, um die Auf⸗ merkſamkeit zu täuſchen? Zuletzt erſcheint dann immer der Reiter, den der Rabenmüller— er kann es mit einem hohen Eid be⸗ theuern— mit ſeinen eigenen leiblichen Augen erblickt hat, in phantaſtiſcher Beleuchtung. Leider hat ihn der Müller nur flüchtig angeſehen, er hat ſich vor ihm und vor Jean Bourdon's heimlichem Weſen gefürchtet. Nicht jung, nicht alt war nach dieſer Ausſage der Reiter; er trug ſich nicht eben anders als andere Leute; recht gut kann's ein Offizier geweſen ſein, er ſaß ſo ſicher auf ſeinem ſchwarzen Pferde. Merkwürdig war nur, daß der Reiter den grauen 170 Mantel vor das Geſicht hinaufzog, als ſich der Müller ihm einmal genähert hatte. Wer war dieſer Reiter? Wo war er geblieben? Viele Leute waren an jenem Unglückstage nicht in den Wäldern und auf den Gefilden zwiſchen Gmunden und der Rabenmühle, am Aurachbach, geſchäftig oder. müßig geweſen, aber doch genug, daß wenigſtens dem Einen oder dem Anderen der Reiter hätte aufſtoßen müſſen. Irgendwo, in einem Dorfe, auf der großen Straße, würde man ihn doch bemerkt haben. Aber weder in Pinsdorf, noch in Aurachkirchen, weder in Moos, noch in Vicht wollten ihn die Einwohner ge⸗ ſehen haben. Je weiter ſich nun nach Norden und Weſten die Nachforſchungen ausdehnten, deſto unſicherer wurden ſie. Da und dort war ein Reiſender zu Pferd aufgetaucht, aber es ſtellte ſich bald heraus, daß es nicht der Geſuchte geweſen. Der war gekommen, der Müller wußte nicht woher, und war entſchwunden— Niemand vermochte zu ſagen, wohin. Niemand? Die Leute in der Mühle, die mit Hugo in den Wald gegangen waren, den Verwundeten her⸗ einzutragen, flüſterten ſich leiſe zu, daß die braune Chriſtel wohl mehr darum wiſſen werde als andere gute Chriſtenmenſchen. Aus einem einfachen Grunde: weil ſie halb des Teufels ſei. Eine Hexe wagten ſie 171 das Mädchen nicht zu ſchelten, denn ſie fürchteten ſich vor ihr. Der fromme Pfarrer in Moos, woher das Mädchen gebürtig war, hatte ſich überdies die redlichſte Mühe mit ihrer Erziehung gegeben und vertheidigte ſeinen Schützling noch jetzt wider die üble Nachrede der Nachbarn. Aber leugnen konnte er nicht, daß ſie ſeiner Lehre entlaufen ſei und auf den Bergen und im Walde ein wunderliches Weſen führe. Von welchem Erwerbe oder welcher Hanthierung ſie und ihr Vater lebten, wäre ſchwer zu ſagen ge⸗ weſen. Bis zum Feldzuge von 1805 ging der Florian ſeinen Weg wie die anderen Leute im Dorfe, etwas ſcheuer und in ſich gekehrter von Temperament, wie ihn der Pfarrer entſchuldigte, war er ſonſt in Allem ein gottesfürchtiger, arbeitſamer Mann. Er wirthſchaf⸗ tete auf einem kleinen Anweſen, daß ihm der Freiherr von Puchheim verpachtet hatte. Früher hatte das Feld brach gelegen. 1805 ſtürzte das Unglück über Florian herein. Seinen Sohn ſteckte die Regierung unter die Soldaten, Arbeit und Wohlſtand gingen rückwärts. Bei Auſterlitz wurde ihm der Sohn von einer franzö⸗ ſiſchen Kanonenkugel getödtet. Der Schmerz verwirrte Florian völlig; die Anlage zum Tiefſinn, die in ihm war, wuchs. Seine Wirthſchaft zerfiel und ſein Haus; was er von Geräthſchaften und Hausrath beſaß, ſeine — 172 42 Kuh und ſein Pferd verkaufte er. Wäre der Freiherr ein ſtrenger, auf den Gulden ſehender Mann geweſen, möchte der Florian bald auch das dürftige Obdach verloren haben. Aber Puchheim hatte keine Kinder, und die Seitenverwandten, die dereinſt ſeine Güter erben ſollten, waren ihm wegen ihrer Franzöſelei bis in die Seele verhaßt. Ihn kümmerte es nicht, daß der wüſte Ort, an dem Florian hauſte, Nichts einbrachte. „War ja auch vordem wüſſt“, pflegte er zu ſagen, wenn ſein Verwanter über den ſchlechten und faulen Schuldner klagte.„Laßt den Mann ungeſchoren. Er hat für Kaiſer und Reich gelitten. Sein Feld iſt wüſt geworden wie ſein Kopf. Was kann zwiſchen Ruinen aufgehen? Unkraut, nichts als Unkraut.“ Er gab Befehl, daß man den Florian in ſeinen Waldungen beim Holzfällen beſchäftigen möge. Bald hieß es auch, daß der Freiherr ihn mit Botſchaften über Land ſende. Warum er den Blöden lieber dazu gebrauchte als ſeine klugen Diener? Das war eben eine Grille mehr von dem langen Baron. Bei einem ſolchen Vater, mutterlos, verwilderte die braune Chriſtel. Mehr lebte ſie unter den Bäumen, als unter dem Schindeldach ihrer Hütte. Im Sommer ſammelte ſie Beeren und Kräuter, im Winter Reiſig im Walde. Alles war braun an ihr: Haare, Geſichts⸗ 43 farbe, Augen; niemals hatte ſie Einer anders als in einem braunen Rock geſehen. War es nur der Aber⸗ glauben der Landbevölkerung, oder hatte das Mädchen eine wunderbare Begabung, allgemein ward ihr ein richtiger Blick für die Erkenntniß kranker Zuſtände bei Menſchen und Thieren zugeſchrieben. Von hier bis zu der Behauptung, daß die braune Chriſtel um alle Begebenheiten, gegenwärtige und künftige, gute und böſe, wiſſe und mit den geheimen Mächten der Natur in Verbindung ſtände, war für die Einbildung des Volkes kein großer Schritt. In einer Gruppe am Thore der Kirchhofsmauer wurde dieſer Gegenſtand beſonders laut und breit er⸗ örtert. Die Weiber führten das hohe Wort dabei und ließen an dem wildſcheuen, unheimlichen Mädchen kein gutes Haar. 3„Was plauſcht ihr da wieder zuſammen?“ rief ein älterer Mann, der ſich halb bäueriſch, halb ſtädtiſch gekleidet trug.„Hat Euch der Pfarrherr nicht das Gezeter gegen die Dirne verboten? Thut das arme Ding keinem Menſchen etwas zu Leide und ihr ſchwätzt ſo läſterlich, als hättet ihr ſie auf einem Beſenſtiel zum Hexenſabbath reiten geſehen. Schämt Euch doch!“ Die Weiber ſteckten die Köpfe zuſammen, aber der Großbauer von Aurachkirchen in dem langſchößigen ————— 174 blauen Rock mit Silberzwanzigerknöpfen, der ſtattlich hingepflanzt am Thor ſtand, ganz für ſich allein, wie es ſich für ſeine Würde und ſeinen Reichthum ſchickte, nahm ſich ihrer an und ſagte giftig: „Aus dem Schornſtein kann ſie nicht fahren, denn der iſt dem loſen Geſindel über den Kopf ſchon einge⸗ ſtürzt, aber eine Sünd' und eine Schand' iſt's doch, ſolch Volk unter einfältigen Chriſtenmenſchen wohnen zu laſſen. Hätte längſt den Staubbeſen verdient, dieſe Chriſtel! Gott beſſer's! Die Puchheim'ſchen halten ihnen das Bret. Denke mir ſo mein Theil—“ Dabei warf er einen herausfordernden Blick auf den Vertheidiger des braunen Mädchens. Dieſer— er war im Puchheim'ſchen Dienſt als Verwalter auf einem Vorwerk beſchäftigt— fühlte ſich in ſeiner Ehre gekränkt und erwiderte hitzig: „Red' Er doch offen heraus, was Er denkt! Hat ſich ja längſt wie ein Großtürke und möchte die Herren ausſtechen! Ihm hat die Chriſtel wohl nicht genug Reverenz bewieſen? Ihm, dem Leuteſchinder!“ „Wer ſchindet die Leute?“ ſchrie der Bauer„Die Herren! Er ärgert ſich, daß ich nicht blind bin und aufpaſſe. Allerlei Schliche und Practiken treiben die da oben, und wir da unten müſſen die eingebrockte Suppe auseſſen. Wenn die großen Herren ſo luſtig 175 zuſammen kommen, gibt's jedes Mal Jagd oder Krieg, und immer auf Bauer's Koſten! Die Chriſtel und der Florian tragen allerlei Botſchaft hin und her, mag wohl nicht die ſauberſte ſein!“ Nun wäre es um ein Haar auf der heiligen Stätte, wo Feindſchaft und Fehde mit dem Leben ſelbſt auf immer beruhigt ſein ſollen, zu Zank und Schlag ge⸗ kommen— denn zwiſchen den Leuten von Aurachkirchen und den Dienern des Puchheimers gab es ſchon ſeit Jahren wegen des Wildes im freiherrlichen Forſt, das die Felder verwüſtete, mehr als einen Span zu brechen — hätte nicht eine Alte gerufen: „Maria und Joſeph, da iſt ſie ja, das Unglücks⸗ kind!“ Zwiſchen Kirche und Pfarrhof huſchte die braune Chriſtel daher, gerade auf den ſanft anſteigenden Fried⸗ hof zu, der auf dem unteren Abhange des Calvarien⸗ berges liegt. Sie vermied es, die Leute anzuſehen, die ihrerſeits um ſo neugieriger ſie betrachteten. Doch war nichts Merkwürdiges an ihr zu gewahren. Ein armes Bettlerkind mit bloßen Füßen, mit dem kurzen, vielgeflickten braunen Wollrock, der ihr gerade noch die Kniee bedeckt, die braunen gelockten Haare frei flatternd; um die mageren Schultern ein verſchoſſenes Seiden⸗ tüchlein, das ihr eine mildherzige Seele einmal geſchenkt ———————— ——— 176 und das ſie zu der Feier hervorgeſucht hat, ſchlank und ſchmächtig, mit kummervollem Ausdruck in den großen, braunen, ſchwärmeriſchen Augen, wenn ſie dieſelben aufſchlägt, zugleich haſtig und ſcheu in ihren Bewegun⸗ gen, ſo ſchlüpft die braune Chriſtel durch die Menge, die überall vor ihr zurückweicht. Keinen wagt ſie an⸗ zuſehen oder auch nur zu begrüßen, ſie freut ſich ganz heimlich in ihrem Herzen, daß ihr heute die Buben nicht nachrennen, daß ihr kein Schmähwort nachgerufen wird. Wie hat ſie ſich vor dieſem Gange gefürchtet, und doch hat es ſie mächtig aus dem Hauſe, aus dem Walde hierher, unter die Menſchen getrieben, unter denen ihr nicht Einer freundlich und willfährig iſt! Jetzt muß ſie gar an dem Großbauer Ruprecht vorüber, der ſie grimmig haßt. Sie drückt ſich gleich⸗ ſam in ſich ſelbſt zuſammen und will vorbeihuſchen. „Mir aus dem Wege, Teufelsbalg!“ ſchreit er und holt zu einem Fauſtſchlage aus. Aber der Verwalter reißt ſie ihm unter den Hän⸗ den fort. „Stell' Dich hierher, Chriſtel!“ ruft er und ſchwingt ſeinen Rohrſtock mit dem Elfenbeinknopf und der lan⸗ gen Ledertroddel.„Niemand ſoll Dir Eins anhaben, Niemand!“ So wird das zitternde Mädchen dicht an die Pforte 177 des Kirchhofs gedrängt und ſteht ängſtlich an die Stein⸗ mauer geſchmiegt wie in einem Zauberkreiſe, den der noch immer geſchwungene Stock um ſie bildet. Zum Glück fängt in dieſem bedenklichen Augen⸗ blicke die Glocke der Capuzinerkirche zu läuten an. Hell klingt es von dem jenſeitigen Ufer der Traun herüber. Zuerſt antwortet die Glocke der Carmeliterinnen, dann fallen mit vollem, ſtarkem Ton die beiden Glocken der Pfarrkirche ein— ein ernſter, feierlicher, dumpfer Ge⸗ ſang aus ehernem Munde, der jede Rohheit bändigt und jeden Streit beſchwichtigt. Eine Weile tritt vor dem ſchauerlichen Abgrund des Ewigen alles Irdiſche zurück. Ihnen allen wird es ſo eigen bänglich um's Herz, könnten die grauen, regenſchwer herniederhängenden Wolken auseinanderreißen und eine Stimme erſchallen — die Stimme des göttlichen Gerichts, deren Vorbote das Geläute der Glocken iſt. Nicht lange währt dieſe Stimmung. Allmälig, bei nachlaſſender Spannung, behauptet das Kleine, das Gewöhnliche ſein Recht. Vom Hochkogl her, wo nur erſt wenige Häuſer und Scheunen in großen Zwiſchenräumen ſtehen, kommt ein Wagen, pfeilſchnell von vier ſchnaubenden Pferden gezogen, und hält an der Kirche. enzel, Lucifer. I. B₰ 89 ιη 178 „Das iſt die Kutſche der Wolfsegg's“, heißt's in der Menge und Alle gucken neugierig aus. „Zwei Diener hinten auf!“ „Gewiß ſind's die Damen!“ „Die Gräfin mit ihrer Tochter.“ „Die ſoll ja blitzſchön ſein und klug, viel klüger als die Pfarrer und Quackſalber ringsum.“ „Das wäre auch etwas Rechts! Kommt ja aus Wien.“. „Wahrhaftig, da ſteigen ſie aus!“ „Ja, ja, das ſieht man nicht alle Tage! Sollen ſonſt gar ſtolze Frauenzimmer ſein!“ „Nun, mit Dir können ſie doch keine Zwieſprach pflegen? Gelt, was wollteſt Du ihnen antworten?“ „Jeſus, ſie haben Kränze in den Händen und ſchauen ſo betrübt aus.“ „Curioſe Geſchichte das mit dem Todten.“ „Muß doch ein ſehr vornehmer Herr geweſen ſein.“ „Vornehmer Herr? Denke, es war ein Bedienter.“ Darüber lachen die Anderen. „Haſt Dir ein Märchen aufbinden laſſen, Alter! Freilich ſagen ſie ſo, aber das iſt nur zum Schein.“ „Zum Schein?“, „Um die Leute zu betrügen. Soll Niemand er⸗ fahren, wer hier begraben wird.“ 179 „Niemand außer dem Kaiſer in Wien.“ „War's denn ein Prinz?“ „Still doch, ſie kommen!“ Nebeneinander, in ſchwarzen, langen Mänteln, ſchwarze Florſchleier im Haar befeſtigt, jede einen Im⸗ mortellenkranz in der Hand, langſamen Schrittes, näherten ſich die beiden Damen dem Friedhofe. Hinter ihnen, in grünen Röcken mit ſilbernen Treſſen, drei⸗ eckigen Hüten mit einer ſilbernen Schnur, gingen die Diener. Der Sacriſtan machte ihnen freie Bahn. Doch war es keine ſchwere Aufgabe und ſollte mehr ſeinen Dienſteifer und ſeine Devotion beweiſen. Rechts und links wich die Menge bereitwillig aus. Der Zauber der Schönheit und der Vornehmheit verband ſich hier mit würdevoller Freundlichkeit, mit Demuth vor Gott und dem Tode; alle Kappen und Hüte wurden abge⸗ zogen, ſelbſt der Großbauer von Aurachkirchen, der die Sdelleute nicht leiden konnte, bückte ſich ſo tief als mög⸗ lich vor den vorüberſchreitenden Damen. Als ſie hinter der Mauer und den Linden des Friedhofes den Blicken entſchwunden waren— nur die Wenigſten konnten ihre Mäntel, ihre leiſe wehenden Schleier noch ſehen— drang das Geräuſch des ſich nahenden Zuges aus der unteren Stadt herauf. Immer unter dem Geläute der Glocken, die gleichſam das ganze Schauſpiel in 12* dem Netze ihrer Klänge und Harmonien geſchloſſen hielten. Jetzt wurden die Chorknaben mit den Wachskerzen in den Händen am Eingange der Gaſſe, die an der Kirche vorüber zum Gottesacker emporſteigt, ſichtbar. Dem Sarge voran ward eine Kirchenfahne, ſchön ge⸗ ſtickt mit dem Bilde der Himmelskönigin, in deren Arm das Chriſtkind ruht, getragen. Von ſchwarzem Holz, mit ſilbernen Beſchlägen, rings mit Kränzen behangen, war der Sarg, in dem der ſterbliche Theil Jean Bour⸗ don's und mit ihm ein dunkles Geheimniß lag. Die gräflichen Diener, in ſchwarzen Kniehoſen und ſchwarzen Strümpfen, Florſchleifen um den rechten Arm und an den Hüten, trugen, ſich ablöſend, den Sarg auf ihren Schultern. Dahinter ſchritt der würdige Pfarrherr von Gmunden, das ſilberne Crucifix vom Altar ſeiner Kirche hochhaltend. Ihm ſchloſſen ſich einige Capu⸗ ziner an, das Haupt halb von den Capuzen verhüllt, mit Sandalen an den Füßen, den Leib von dem Stricke umgürtet. Und dann eine große Zahl von Leidtragen⸗ den, zu Drei und Drei gingen ſie einher. Spo viele vornehme Namen, ſo viel Macht, Reich⸗ thum und Herrlichkeit hatte Gmunden noch nie in ſeinen Straßen verſammelt geſehen. Der Graf Wolfsegg, der Marquis von Gondreville, der Freiherr von Puch⸗ 1841 heim bildeten die erſte Reihe; Max Auersperg, der blonde Egbert und ſein Freund, denen ihre Theilnahme an dem Schickſal des Unglücklichen dieſen Ehrenplatz verſchaffte, die zweite. Unter den Uebrigen fehlte keines der Adelsgeſchlechter, die um den See bis weit hinein in das Land und in die Berge erbbegütert und an⸗ ſäſſig waren. Sie alle hatten je Einen aus der Fa⸗ milie als Vertreter derſelben zu dem feierlichen Begräb⸗ niſſe Jean Bourdon's geſendet. Es war, wie der lange Puchheim ausrief, ein Proteſt der öſterreichiſchen Ritter⸗ ſchaft gegen die franzöſiſche Revolution und das unhei⸗ lige, blutbefleckte Kaiſerthum Bonaparte's. Die Chre, die ſie dem Opfer deſſelben erwieſen, bedeutete zugleich eine Herausforderung für die Mörder. Es wäre dem Ritter Vittorio Zambelli unmöglich geweſen, ſich der Einladung Wolfsegg's und einer ſolchen gemeinſamen Thathandlung zu entziehen, was auch immer ſonſt ſeine Anſichten über die Weltlage ſein mochten. Er ging neben einem Grafen Harrach, der auf den Hügeln nach Altmünſter zu ein kleines Schlößchen hatte: Beide in gleicher Unwiſſenheit über die Verdienſte Jean Bourdon'’s, denn ſie hörten eifrig ihrem Begleiter zu, der den Eingeweihten ſpielte und ihnen haarklein die Geſchichte der Gondreville's und ihres treuen Dieners auseinanderſetzte. Vittorio war 182 in dieſe Erzählung ganz vertieft und achtete gar nicht auf ſeine Umgebung. Dabei fuhr er jäh zuſammen, als in ſeiner Nähe ein durchdringender Schrei ertönte und Jemand ſeinen Arm ergriff. Aufblickend erkannte er nun wohl, daß es keine Urſache zum Erſchrecken gab. Die braune Chriſtel hatte ſeinen Arm gefaßt und ließ ihn jetzt, an allen Gliedern zitternd, ſtammelnd, ohne doch ein verſtändliches Wort hervorzubringen, los. Die hinter ihr Stehenden hatten ſie von ihrem Platz fortzudrängen geſucht und ſie wäre gefallen, hätte ſie nicht nach einer Stütze gegriffen. Wenn der Ritter in Wahrheit den böſen Blick beſaß, ſo ſchaute er mit hm das Mädchen an. In die Erde hätte die Chriſtel ſinken mögen, um ſich vor dieſen ſchrecklichen Augen zu verbergen, die ſie wie zwei Flammen zu verbrennen ſchienen. Aber ſie konnte nicht von der Stelle, nicht vorwärts, noch rückwärts; verzweifelnd ſchlug ſie die Hände über das Geſicht zuſammen. Der Ritter da⸗ gegen ſchüttelte ſich, als müſſe er ſich von einem böſen Gewürm befreien, das ſich unverſehens an ihn gehängt. Darüber waren die Vorderſten mit dem Sarge vor dem offenen Grabe angekommen. Die fromme, ehrwürdige Feierlichkeit, mit der die Kirche den Leib eines im Glauben Geſtorbenen der Erde anvertraut, dort zu ſchlummern bis zum Tage — 183 der Auferſtehung, hatte begonnen. Schweigend, an⸗ dächtig ſtand die Menge im dichten Kreiſe umher. Die 8 Frauen waren niedergekniet. Alle hatten die Hände gefaltet, Viele ſprachen halblaut das Gebet für die Erlöſung der Seele Jean Bourdon's dem Pfarrer nach. Dann erſchien auf dem Erdhügel, Allen weithin ſichtbar, von einem verlorenen Sonnenblick beſchienen, der aus dem grauen Gewölk hervorbrach, um bald wieder verſchlungen zu werden, der rothbärtige Pater Marcellus. Er hielt das Crucifix, das während des Zuges der Pfarrer getragen, empor und ſagte, ſeine 8 Linke ausſtreckend: .„Da liegt er nun, todt, von einer verrätheriſchen Kugel hingeſtreckt, zu unſeren Füßen! Ein treuer, wer⸗ ther, tapferer Mann! Aus dem Lande der gottloſen Franzoſen, von umgeſtürzten Altären und Heiligenbil⸗ dern, aus geſchändeten Kirchen kam er zu uns, wo die Gottesfurcht noch zu Hauſe iſt, Gehorſam gegen die Obrigkeit und Treue zu unſeren Herren in dem Herzen eines Jeden wohnen. Nicht ſeine Sünden, ſeine Tugenden wird Gott anſchauen und die heilige Jung⸗ frau ihm eine gnädige Fürbitterin ſein. Denn er iſt gefallen wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde, im Kampfe Gottes gegen Beelzebub. Wozu ſind wir Alle in der Weltlichkeit? Um das Reich Gottes auszubreiten. 184 Die Einen dadurch, daß ſie Gutes thun und ſtill leben, nach den Geſetzen der Kirche und des Kaiſers, die Anderen, daß ſie voranſtreiten wider die Hölle. Gar mächtig in Waffen, arg in Liſten iſt die Hölle auf Erden. Ueberall ſind ihre Fallſtricke, ihre Netze, ihre Wolfsgruben, hütet Euch, fromme Chriſten, daß ihr nicht hineinſtürzt und elendiglich darin zu Grunde gehet, ſchauet auf und wachet! Der Mann, den ihr heute beſtatten helfet, war ein Wächter. Er ſtand auf der Zinne und blies ſein Horn, bei Tag und Nacht. So weit ſein Ruf reichte, verkündete er Allen: wahret Euch, der Böſe kommt! Und wer iſt dieſer Böſe? Der Bonaparte iſt's, derſelbe Mann, der vor drei Jahren mit ſeinen Kriegsbanden durch unſere geſegneten Fluren zog, der das große Wien einnahm, der Eure Söhne und Brüder in der grauſamen Schlacht bei Auſterlitz niederkartätſchte, der jetzt in Spanien der heiligen Jung⸗ frau die Kronen vom Haupte rauben und die Kleider vom Leibe abziehen läßt. Unſer Kaiſer hat Frieden mit ihm geſchloſſen, aber Gott hat keinen Frieden mit ihm geſchloſſen. Im Gegentheil, ein ganzes ſtreitbares Volk hat er gegen ihn aufgerufen: die tapferen Hiſpa⸗ nier. Alle, Männer, Frauen, Kinder, Alle, wie ihr, haben die Waffen ergriffen, Flinten und Säbel, Beile und Senſen, Miſtgabeln und Meſſer— und dahin —— 185 geht's auf Tod und Leben gegen die Franzoſen, unter heiligen Kirchenfahnen. Gott ſegnet ſeine Kämpfer, mitten unter ihnen ſind ſeine Engel und richten ihre Kanonen. Ach, geliebte Chriſten, wie ſteht's mit uns? Hält dieſer Bonaparte den Frieden, den er uns ge⸗ ſchworen? Hier, hier habt ihr den Beweis“— und er deutete auf das Grab—„ſo hält er ihn. Bis in unſer Land ſchickt er ſeine Spitzbuben und Mörder. Von ſeinem Munde geht ein Hauch der Peſtilenz aus, von ſeinen Unthaten ſtinkt es zum Himmel. „Bis jetzt konnten wir uns getröſten, daß nur in Frankreich Sünde und Laſter in's Korn geſchoſſen ſind und den Schnitter erwarten. Er aber möchte auch unſer Oeſterreich zur Herberge der Ungerechtigkeit und zur Diebeshöhle machen. Wollt ihr das dulden? Got⸗ tesläſterer, Königsmörder, Ohnehoſen und Leuteſchinder unter euch dulden? Wie ſie mit den Männern um⸗ ſpringen würden— ſchaut her, da liegt das Opfer, eine Kugel in der Bruſt, ſeines Geldes beraubt. Das verjubeln und verſaufen ſie in Paris. Der Bonaparte verpraßt den Schweiß des armen Volkes im Großen, ſie im Kleinen. Andächtige Chriſten, wie lange kann's noch ſo währen? Der Zunder iſt an die Pulvermine gelegt, in nächſter Stunde könnt auch ihr zum Kampfe aufgerufen werden. Für die heilige Kirche, für den 186 Kaiſer, für Weib und Kind! Warum nicht? Haben wir nicht mit der Büchſe umgehen gelernt? Können wir nicht die Aexte ſchwingen? Die Hölle dürſtet und hungert nach Menſchenfleiſch und Menſchenblut. Aber fürchtet euch nicht, Gott hat ſeinen Erzengel Michael, welcher der beſte Kriegsheld im Himmel und auf Erden iſt. „An dieſem Todten nehmt ein Beiſpiel. Standhaft war er, fromm, redlich und treu. Kein ungerechtes Gut klebte an ſeiner Hand; mit Daranſetzung ſeines Lebens hat er das Schloß ſeiner Herren vertheidigt. Das nenn' ich einen Mann und ich wünſche, Jeder unter Euch wäre wie er. Fern von ſeiner Heimath, fern von ſeinem einzigen Sohne iſt er geſtorben, ohne Mur⸗ ren, Gott im Herzen. Wie heißt es in der heiligen Schrift? Sei getroſt, ſo will ich Dir die Krone des Lebens geben! Die Krone, das iſt die ewige Seligkeit, unter den Heiligen des Herrn, zu den Füßen der aller⸗ heiligſten Jungfrau Maria. Darum klaget nicht um ihn, weinet nicht! Der Leib des Menſchen iſt ein Erden⸗ kloß und zerfällt in Staub, die Seele aber lebt ewig. Wo ſie aber leben wird, ihr andächtigen Chriſten, das iſt die Frage. In Eurer Hand liegt's, ob ihr ſie be⸗ ſtändig in der Hölle brennen oder im Paradiesgarten herumſpazieren laſſen wollt. Ahmet dem hier nach und 187 ſeid des ſicheren Pfades gewiß. Seid fromm und ſchleifet eure Senſen, betet und gießet Kugeln. Die Welt gährt und der Höllenſohn geht umher wie ein brüllender Löwe, da darf kein Chriſt ſeine Waffen ver⸗ nachläſſigen. Schildwachen ſind wir Alle, gehend oder ſtehend, wachend oder ſchlafend, immer des Alarmrufs gewärtig, die Waffe im Arm. Dann werden wir das Himmelreich erben wie Jean Bourdon! Dann wird die Gnade Gottes und ſeiner Heiligen mit uns, um uns, in uns ſein für und für! Früher oder ſpäter, einmal freſſen unſeren Leib doch die Würmer, aber die Seele, ihrer Bande ledig, freut ſich darüber und ſingt im Chor der Engel Hallelujah! In saecula saecu- lorum, Amen!“ Die Weiber ſchluchzten, die Männer ſchauten zur Erde, als der ſeltſame Redner vom Erdhügel herabſtieg. In der tiefſten Erregung Aller wurde die Trauerfeier⸗ lichkeit vollendet. Jeder drängte hinzu, ſeine Handvoll Erde, als letzte Ehre, dem ſo Gefeierten auf den Sarg zu werfen. Pater Marcellus verſtand es, den Leuten in's Ge⸗ wiſſen zu ſprechen und ihre Einbildungskraft in Be⸗ wegung zu ſetzen. Längſt, als ſich die Herrſchaften von dem Friedhofe entfernt, nach dem Ufer des See's zu, wo in langer Reihe ihre Wagen ſtanden, ſie nach 188 dem Schloſſe des Grafen zu führen, blieben die ge⸗ ringeren Leute zuſammen, in Gruppen vor dem Grabe, das der Todtengräber langſam zuſchaufelte, hin⸗ und hergehend, zu Dreien oder Vieren auf dem Calvarien⸗ berge, Andere ſich in den Gaſſen zerſtreuend, vor und in den Wirthshäuſern Platz nehmend, Alle mit dem einen großen Ereigniß beſchäftigt— ein vielſtimmiges Echo der Worte des Capuziners. Es war Geld unter den Leuten; Einer und der Andere von den gräflichen Dienern, der Urlaub erhalten, ließ es ſich nicht neh⸗ men, den Freigebigen zu ſpielen, und den Freunden nach dem ernſten Vormittage einen luſtigen Sonntag⸗ nachmittag zu bereiten. Das Beiſpiel erweckte Nacheiferung, die reichen Bauern wollten ſich vor ihren Knechten nicht ausſtechen laſſen, nicht beiſeite ſtehen. Die Zehner, die Zwanziger fielen auf die Tiſche, ein Zechgelage war der beſte Schluß des Begräbniſſes. „Seid fröhlich“, hieß es,„das war eine ſchöne Leiche.“ Wenn der Wind dem Bonaparte alle die Flüche und Verwünſchungen zugetragen hätte, die an dieſem Tage zu Gmunden am Traunſee erſchollen, Sieben⸗ meilenſtiefel hätte er angezogen und wäre bis an das Ende der Wet geflüchtet. Aber der Wind regte ſich nicht und dem Bonaparte ſträubte ſich kein Haar. 189 Auf dem Kirchhofe war es darüber leer und ſtill geworden. Stöhnend, mürriſch vollendete der Todten⸗ gräber mit ſeinem Knechte ſeine traurige Arbeit. Scheuen Blickes ſtand die wilde Chriſtel in einiger Entfernung an einen Baum gelehnt und ſchien die Schollen zu zählen, welche von den Schaufeln hinunter in das Grab fielen. Wenn ſie über ſich ſelbſt hätte zur Klarheit kom⸗ men, die Eindrücke, die in verwirrender Schnelligkeit, ſeit eine unzähmbare Luſt ſie zu dieſem Begräbniß ge⸗ trieben, auf ſie eingeſtürmt waren, in eine gewiſſe Folge und Ordnung hätte bringen können, würde ſie ge⸗ rufen haben: Du biſt verwandelt. War es ihr doch, als wäre jenes Innerſte in ihr, das der Pfarrer die Seele des Menſchen nannte, gegen ein Anderes ausgetauſcht. Ihre kleine braune Hand hielt ſie zuſammengeballt und ſpreizte nur verſtohlen, aus Furcht, daß man ſie belauſchen könnte, die Finger über dem Gegenſtand, den ſie umſchloſſen, auseinander. Dann funkelte es dazwiſchen wie von einem Edelſtein in goldener Faſſung. Aber es war flüchtiger als das Aufleuchten des Funkens, den jetzt der Todtengräber dem Stein mit dem Stahl entlockte, um mit dem Zunder ſeine aus⸗ gegangene Pfeife wieder anzuzünden. „Was ſtehſt Du da und hältſt Maulaffen feil?“ rief der Todtengräber ſie an.„Möchteſt wohl wiſſen, wie viel Sandkörner dazu gehören, eine Leiche ſtandes⸗ gemäß zu bedecken? Lauf lieber zum Wirth hinüber und laß mir die Flaſche wieder füllen.“ Damit ſtreckte er ihr ein kleines Fläſchchen ent⸗ gegen. Bei ſeinen erſten Worten war Chriſtel's Hand in die Taſche ihres Rockes gefahren. Furchtſam kam ſie näher. „s iſt halt doch eine Verſtörte“, brummte der Todtengräber, ſie anſchauend. Das Mädchen hatte die Flaſche aus ſeiner Hand genommen, ſah in die Tiefe, wo der Sarg nun ſchon ganz unter den Erdſchollen verſchwunden war, ſchauerte zuſammen wie im Fieber und fragte: „Ihr ſeid ein kluger Mann, Meiſter Ignaz, was denkt der Todte von uns?“ „Gott ſteh' uns bei!“ Der Alte ſchüttelte ſich. „Das wäre mir eine leidige Geſchichte, wenn ſich die Todten noch mit Gedanken quälten. Die denken nicht und reden nicht. Wir werfen ihnen Erde genug auf den Mund, daß ſie ſtumm bleiben für immer.“ „Bis zum Jüngſten Gericht“, erwiderte Chriſtel „Das ſagt der Pfarrer. „Und das iſt wahr“, bekräftigte der Todtengräber 191 und ſchob ſein Sammetkäppchen auf dem Kopf hin und her.„Das Jüngſte Gericht, die Heiligen wollen unſere Fürbitter ſein! Aber das iſt noch eine lange Zeit und Niemand weiß, ob er's erlebt. Lauf und hole den Wein. Du frierſt ja an allen Gliedern und ſollſt einen Schluck bekommen.“ Dennoch ging das Mädchen, ganz gegen ſeine Gewohnheit, langſam über den Kirchhof. Ein Unſicht⸗ bares ſchien ihre Schnelligkeit zu lähmen. An dem Portal ſtand ſie ſtill. Hier hatte ſie ſeinen Arm ge⸗ faßt, hier hatte er ſie zurückgeſtoßen. Der Mann mit den dunklen mächtigen Augen, der Seinesgleichen nicht auf Erden hatte— ſie wenigſtens kannte keinen, der ſo ausſah, der ihr Herz mit ſo unbeſchreiblichen Em⸗ pfindungen erfüllte. Und war es denn möglich, dieſer Mann hatte ſich vorhin am Grabe des Fremden zu ihr geneigt und ihr zugeflüſtert:„Wart' auf mich, wenn der Mond über den Traunſtein kommt, am Schloſſe des Grafen, an der Gartenmauer!“ Was wollte er von ihr? Sie ſchüttelte ihre krauſen Haare und wie eine Feuerlohe ſchlug es über ihr Ant⸗ litz. Ein jauchzender Laut entrang ſich ihrer Bruſt, aber zugleich mußte ſie das Geſicht zurückwenden, dem Grabe zu. Der Jubel verwandelte ſich in einen Schreckens⸗ ruf und ſie ſtürzte, als wäre ſie ein von Hunden ge⸗ 192 jagtes Wild, den Hügel hinab. Hinter ihr aber war Niemand, nur der Todtengräber wetterte über das faule Geſchöpf. Auch bei den Gäſten des Grafen hatte die Rede des Pater Marcellus, mit einer einzigen Ausnahme, dieſelbe günſtige Stimmung erweckt, wie bei der Menge. An der Tafel— die Sitte forderte noch nach einem feierlichen Leichenbegängniß einen Leichenſchmaus, und der Graf Ulrich wäre der Letzte geweſen, von einem ſolchen alten Herkommen abzuweichen— ward das Lob des Capuziners in allen Tonarten geſungen. Sogar Vittorio Zambelli, der nun einmal für einen Bewun⸗ derer Bonaparte's galt, rühmte das Feuer der Rede und vertheidigte ihren Inhalt gegen Wolfsegg ſelbſt, der ein leiſes Mißbehagen über die maßloſe Heftigkeit des Mönchs nicht verbarg. „Das iſt wie ein Pferd, das den Koller hat“, ſagte er zu dem Ritter.„Er überſchlägt ſich beſtändig. Sein Eifer mag ihm noch hingehen, aber die Unvor⸗ ſichtigkeit ſeiner Sprache, die ich werde büßen müſſen. Ja, ich! Denn ſind Sie nicht auch der Meinung, daß der General Andréoſſy in Wien nach drei Tagen Alles wiſſen wird, was hier bei dieſer traurigen Gelegenheit geſprochen ward? Und obendrein vom Gerücht über⸗ trieben, die Mücke zum Elephanten aufgebläht? Das 193 wird dann ein Fragen hinüber und herüber und zuletzt ein kaiſerliches Handſchreiben mit einem Vorwurfe für mich geben. Den Pater ſchiert's wenig, der ſingt ſeine Metten oder ſchläft ſeinen Rauſch aus. Diejenigen in der Geſellſchaft, die Vittorio das Schlimmſte zutrauten, legten die Worte des Grafen für ebenſo viele Dolchſtiche gegen— den franzöſiſchen Spion aus und erwarteten eine gereizte Antwort. Aber der Wälſche entgegnete beinahe ſcherzend: „Der Herr Graf wollen ſeine Gäſte nach dem traurigen Geſchäfte in erlaubter Weiſe erheitern. Als ob wir im aufſtändiſchen Spanien, in der Sierra Mo⸗ rena wären, wo das tolle Gerede eines Mönches Hun⸗ derten das Leben koſten kann und jedes Wort eine Kugel iſt! Im friedlichen Oeſterreich dagegen— der Herr Graf geſtatten mir dieſe Bemerkung— haben ſeine Beſorgniſſe doch keinen Boden. Der General Andréoſſy hat wichtigere Dinge zu thun, als die Pre⸗ digt eines Capuziners zu leſen und zu erwägen. Und hat der Pater von ſeinem Standpunkte aus nicht Recht, ſo zu ſprechen? Er haßt in Napoleon den Feind der Klöſter, den Feind und Beleidiger des Heiligen Vaters. In jedem Verbrechen erkennt er die Hand dieſes Un⸗ holdes. Wenn eine Scheuer niederbrennt, wird er rufen: die Knechte Bonaparte's haben ſie angezündet. Darin Frenzel, Lucifer. 1 13 194 iſt Methode, nur glaube ich nicht, das ſie für den Kaiſer der Franzoſen Gefahren in ſich birgt.“ „Warum nicht? konnte ſich der lange Puchheim, trotz eines abmahnenden Blickes Ulrich's, nicht enthal⸗ ten, zu fragen.„Warum nicht, Herr Ritter? Zugegeben, dieſer Capuziner iſt ein Tollhäusler oder ein Trunke⸗ ner, war Ravaillac etwas Anderes?“ „Doch, er war ein Franzoſe. Aber wir Deutſchen ſind ein langmüthiges, ruhiges leidenſchaftsloſes Volk, ſie werden niemals eine Revolution oder einen Volks⸗ krieg beginnen. Zuweilen ſieht es aus, als ſtände der ganze Himmel in Brand. Und was iſt'’s? Strohfeuer, Herr Freiherr von Puchheim, Strohfeuer!“ „Auch ein brennender Strohhaufen kann verderb⸗ lich werden, wenn der Sturm hineinbläſt“, antwortete Puchheim.„Dann wird jeder Halm zum rothen Hahn, der von Dach zu Dach tanzt.“ „ Von ſolchem Sturmwinde wird unſer Oeſterreich hoffentlich für immer verſchont bleiben“, lenkte Vittorio geſchmeidig ein.„Wir Deutſchen— meine Mutter war eine Deutſche— zeichnen uns in den Künſten des Friedens aus, wir erobern uns die Welt mit dem Spaten und mit der Feder. Warum ſollen wir an⸗ deren Völkern nicht den Ruhm des Krieges laſſen? Iſt Apollo's Leier weniger werth als das Schwert des 195 Mars? Neulich noch hat uns die gnädige Gräfin An⸗ toinette das ſchöne Gedicht des Herrn von Schiller vorgeleſen— das Lied, welches den Frieden, die ſegen⸗ ſpendende Ceres, den Ackerbau und die Kornähre feiert. Das, mußte ich bei mir ſagen, das iſt das rechte Bild unſeres fruchtbaren, weizen⸗ und weinreichen Oeſter⸗ reich's, das iſt aus dem Gemüthe dieſes ſanften und ſtil⸗ len Volkes heraus gedichtet, gequollen, wie der klare Quell aus dem Geſtein.“ Die glückliche Wendung hatte die Unterhaltung in ein ruhigeres Bereich gelenkt; auch die Marquiſe und Antoinette, die einzigen Damen an der Tafel, konnten ſich wieder an dem Geſpräche betheiligen. Sorgfältig ward jede Anſpielung an das Ereigniß, das ſie zuſammengeführt, von dem Wirthe und den Gäſten vermieden. Die Jagden, die bevorſtanden— auch eine Gemsjagd bei dem Herzog Johann in Steier⸗ mark— die Rückkehr nach Wien, die Feſte und Ver⸗ gnügungen, die der Winter in der fröhlichen Donau⸗ ſtadt etwa bringen würde, Maskeraden und Schlitten⸗ fahrten wurden heiter beſprochen. Das Mahl, zu dem ſich Alle in ſo ernſter Stim⸗ mung niedergeſetzt, endete mit Scherzen, mit einem lachenden Ausblick in die Zukunft. Auch für Hugo, den Max Auersperg beſtändig von der Schönheit und der Liebenswürdigkeit der Schauſpielerinnen des Burg⸗ theaters und der Sängerinnen am Kärnthnerthor unter⸗ halten hatte.— Nach aufgehobener Tafel— es war Spätnachmittag geworden— nahm der Graf vertraulich Egbert's Arm und lud ihn zu einem Spaziergange durch den Garten ein. Die Einen ſtimmten bei und ſchloſſen ſich an, die Anderen blieben bei der Flaſche ſitzen und führten die politiſche Zwieſprache von dem Punkte aus weiter, wo die Erwähnung eines Gedichtes ſie vorhin ſo jählings abgebrochen hatte. Wie um zu zeigen, daß er ſich vor dem jungen Manne gern des Zwanges ſtrenger Form entledige und in ihm ſchon einen Hausgenoſſen ſähe, hatte Ulrich ſich ein kurzes Pfeifchen mit einem koſtbaren Meer⸗ ſchaumkopfe angezündet und eine Jagdmütze aufgeſetzt. „Alſo unwiderruflich— es bleibt dabei?“ fragte er, als ſie zwiſchen den Bäumen dahingingen. „Ja, Herr Graf, morgen machen wir uns auf den Weg nach Wien. Ich bin lange genug vom Hauſe fern geweſen und manches unliebſame Geſchäft fordert Erledigung.“ „Pah, Sie ſind ja ein ganzer Freiherr, Egbert. Mehr als wir Edelleute, denen ihr Stand doch manche Laſt und Beſchwerde im öffentlichen Dienſt auferlegt, 197 während Ihr Bürgerlichen nur für Euch, nur Euren Geſchäften lebt. Ich lobe es nicht; wir haben Unrecht gethan, das Bürgerthum ſo lange von Staatsange⸗ legenheiten entfernt gehalten zu haben. Jetzt iſt es ſchwer, den ſchlimmen Fehler der Jahrzehnte in weni⸗ gen Monaten wieder zu verbeſſern. Aber, Vergebung, der junge Herr hat keine Freude an politiſchen Dis⸗ curſen—“ „Doch, doch! Wenn Sie nämlich, Herr Graf, ſie führen.“ „Vielleicht haben Sie das beſſere Theil erwählt“, verfolgte Ulrich ſeinen Gedankengang.„Sie ſind jung, wohlhabend, mit ſo vielen Gaben ausgerüſtet, warum ſollten Sie Zeit, Mühe und Zufriedenheit an eine ſo wetterwendiſche Dirne, wie die Politik eine iſt, ver⸗ ſchwenden! Da bauen Sie lieber Ihr Haus in Hietzing fertig und treiben Muſik mit Ihrer hübſchen Nachbarin. Wie geht's ihr denn? Sie hat eine ſo rührende Stimme.“ „Fräulein Magdalene? Wir ſtehen in keinem Brief⸗ wechſel, Herr Graf. Der Vater hat mir einmal— es mögen vier Wochen her ſein— nach Prag geſchrieben; damals war Alles wohlauf.“ „Und Ihr Stadthaus in Ordnung? Ein recht⸗ ſchaffener, umſichtiger, mir in ſchwierigen Angelegen⸗ heiten treu erprobter Mann, wie ich es Ihrer ſeligen 198 Mutter ſagte, als er mit ſeiner Frau und Tochter in das Haus zog, dieſer Armhart.“ „Es ſind liebe Leute, und in der erſten Zeit nach dem Tode meiner Mutter war mir ihr Umgang eine wahre Herzensſtärkung. Ich hoffe, wir werden in allen Lebenstagen gute Freunde bleiben.“ „Rechnen Sie mich auch dazu“, ſagte mit einer plötzlichen Aufwallung der Graf und drückte ihm die Hand,„mich auch zu Ihren und Magdalenens beſten Freunden! Ich gönne Ihnen, mein lieber Egbert, von ganzem Herzen Ihre friedlichen Beſchäftigungen und Vergnügungen, aber es wurmt mich doch, daß Sie mein Haus ſo bald verlaſſen wollen— wie ein un— ruhiger Vogel, den es im Heimwärtsfluge an keinem Geſims mehr raſten läßt.“ „Sie verwöhnen mich, Herr Graf. Ich und mein Freund, wir ſind wie ein Unwetter über Sie herein⸗ gebrochen.“ „Das iſt's ja, was mich ärgert! Nur verſtörte Geſichter haben Sie bei mir geſehen, Verwirrung nach Außen, Trübung im Innern. Nein, wir haben uns Ihnen nicht von unſerer günſtigſten Seite gezeigt. Und etzt, wo die Ruhe wieder eingekehrt iſt, ſcheiden Sie. Mit Gott denn, Ihre Pflicht ruft Sie. In Wien bietet ſich mir wohl die Gelegenheit, nachholen zu ——. 199 können, was hier verſäumt ward. Sie und Ihr Freund, Sie vermeiden mein Haus in der Herrengaſſe nicht ängſtlich, für Sie Beide iſt es immer offen, immer! Der junge Brandenburger gefällt mir, wenn auch nicht gerade als Comödiant. Aber von alledem, von Ihren Plänen, von ſeinen Hoffnungen in Wien.“ „Hugo hängt feſt an ſeinem Wunſche, die Bühne des Burgtheaters zu betreten“, knüpfte Egbert raſch entſchloſſen an die letzte Aeußerung Wolfsegg's an. Er hat ſich in Leipzig und Dresden ſchon verſucht. Aber ſein Ehrgeiz drängt ihn nach Wien. In dieſen kriegeriſchen Zeitläuften iſt unſere Stadt beinahe noch das einzige Aſyl für die Muſe des Schauſpiels. Hugo beſitzt, wie ſich der Herr Graf überzeugen konnte, ein nicht gewöhnliches Maß gelehrter Bildung.“ „Ja, er würde eine Zierde der Wiſſenſchaft gewor⸗ den ſein, ohne die Schlacht bei Jena. Wie launig hat er uns das geſtern Abend erzählt! Welchen unge⸗ heuerlichen Wandlungen ſind doch jetzt die Geſchicke der Menſchen ausgeſetzt, weil es einem Sterblichen gefällt, den Halbgott zu ſpielen! Von dem Königs⸗ ſchloſſe bis zur Hütte erſchüttert Bonaparte die Welt! Nicht unſeres Erbes, nicht unſerer Arbeit, nicht einmal der nächſten Stunde ſind wir ſicher. Zieht dieſer neue Jupiter die Brauen zuſammen, ſo wankt Alles auf 200 Erden. Hat ihm die Gottheit oder ein Dämon, der ſich unſeres Elends und unſeres Jammers freut, dieſe Macht gegeben?“ 4 Zum erſten Male brannte Egbert eine politiſche Rede auf der Zunge. Die Predigt des Capuziners am Grabe hatte ihn auf das Tiefſte verſtimmt und nur die Rückſicht auf den Wirth, der Hinblick auf ſeine Jugend und ſeine beſcheidene Lebensſtellung unter ſo vielen älteren und erlauchteren Perſonen an der Tafel ſeinen Unwillen zum Schweigen gezwungen. Jetzt aber ſchien ihn der Graf ſelbſt zu einem Urtheil aufzu⸗ fordern. Warum ſollte er den verehrten Mann in Zweifel über ſeine Geſinnung laſſen? Sich zuſammennehmend, ſagte er: Kaiſer Napoleon hat unſer Vaterland oft bekriegt und hart geſchädigt, aber müſſen wir deshalb unſere Augen vor ſeiner Größe verſchließen? Wer, wie ich, von einem kleinen Fenſter aus den Gang der Weltbegebenheiten beobachtet, der glaubt doch in den Thaten, dem Glanze und dem Schickſale dieſes außerordentlichen Mannes ein wunderbares Geſtirn am Himmel vorüberwandeln zu ſehen. Ein flammendes Meteor, das an Alexander und Cäſar erinnert. Aber er iſt nicht allein ein Im⸗ „Ein Dämon doch wohl nicht, Herr Graf! Der — 3““ ——— ————— perator, ein Staatsmann, ich finde in ihm jene Wahr⸗ zeichen wieder, welche die Dichter ihren bevorzugten Helden geben. Er erſcheint als der Ausdruck des rin⸗ genden, kraftvoll aufſtrebenden Menſchen. Aus welcher Tiefe und Niedrigkeit iſt er doch emporgeſtiegen! Von einem armen Artillerie⸗Lieutenant zum Kaiſer einer halben Welt! Das Glück hat ihn begünſtigt, behaupten ſeine Gegner, als könnten ſie damit ſeinen Triumph ſchmälern. Gewiß war das Glück mit ihm, wie es mit Cäſar war. Im Bunde mit den Schickſalsmächten ſchreitet er daher, denn wann hätten ſich die Götter mit Feigen, Elenden und Thoren verbunden? Einen ſolchen Mann ſollte man nicht als einen Verworfenen, einen Höllenſohn, einen Hauptmann von Räubern und Spitzbuben darſtellen.“ „Ach!“ entgegnete der Graf, der ihm aufmerkſam und nicht ohne Staunen zugehört hatte, und that einen langen Zug aus ſeiner Pfeife.„Sie ſind noch bei der Capuzinerpredigt. Schon recht, mein lieber Egbert, auch nach meinem Geſchmacke war ſie nicht. Aber was wollen Sie? Das Beiſpiel der ſpaniſchen Mönche riß den guten Pater hin. Nur daß die Hölle für die ſpa⸗ niſche Phantaſie doch noch eine ganz andere Bedeutung hat als für die Einbildung unſeres guten Volkes. Und dann— Lucifer iſt der Fürſt des hölliſchen 202 Reiches, war er nicht einſt der Engel des Mor⸗ gens?“ Dem Jüngling klang es aus den Worten Ulrich's halb wie ein Angriff, halb wie eine ironiſche Ver⸗ weiſung an, und er fühlte ſich zu einer Vertheidigung ſeiner Anſicht berufen: „Sie lächeln über meine Begeiſterung, Herr Graf. Den bedeutenden Staatsmann, den Gegner Napoleon's mag ſie zugleich übertrieben und unreif dünken—“ Umſonſt wehrte Wolfsegg ab. „Es verletzt mich nicht, unſer Standpunkt iſt zu verſchieden. Ich bin nicht beſtimmt, in den Welthän⸗ deln auch nur die kleinſte Rolle zu ſpielen, jemals um ihre innerſten Triebfedern zu wiſſen, ihren geheimſten Zuſammenhang zu erkennen. Wie im Theater ein ge⸗ blendeter, verwirrter, hingeriſſener Zuſchauer, ſo ſitze ich vor dem gewaltigen Schauſpiele, das dieſer eine Mann, Europa erſchütternd, vor mir aufführt. Ich vergeſſe das Schreckliche und Entſetzliche, das Blut und die Thränen, die an ſeinen Thaten hafteten; ich ſehe nur den gigantiſchen Helden und bewundere in ihm die Größe und Herrlichkeit, zu der ſich ein Sterblicher aufſchwingen kann.“ „Haben Sie Bonaparte einmal von Angeſicht zu Angeſicht geſehen?“ 1 1 203 „Ja, vor der Auſterlitzer Schlacht flüchtig in Schön⸗ brunn. Er hielt eine Revue über eines ſeiner Garde⸗ regimenter ab.“ „Nun, welchen Eindruck empfingen Sie von ihm?“ „Er ſtand im Kreiſe ſeiner Generale, die Arme auf dem Rücken, unbeweglich und ſtarr, wie eine Ge⸗ ſtalt von Erz. Soll ich es Ihnen bekennen, Herr Graf, für mich lag eine furchtbare Erhabenheit in ſeinem ſtrengen, gelblichen Geſicht. Nie hatte ich mich noch vor dem Antlitz eines Menſchen ſo niedrig und nichtig gefühlt.“ „Wie ſchön iſt doch die Schwärmerei der Jugend! Sie freut ſich an dem Schein der Dinge. Die Zeus⸗ larve verdeckt ihr die Häßlichkeit des Uſurpators.“ „Eines Uſurpators, der ſein Volk zu dem erſten auf dem Erdboden gemacht hat.“ „Ja wohl, aber um welchen Preis? Wenn wir nach ſechzig Jahren die Franzoſen fragen könnten, wie theuer ihnen die Herrſchaft des neuen Karl des Großen zu ſtehen gekommen iſt! Und mögen doch die Franken mit ihrem Glücke und ihrem Kaiſer zufrieden ſein, haben wir Deutſche Urſache, uns ihrem Jubel anzuſchließen? Ueber den Sturz unſeres Reiches, über Länderraub und Verwüſtung, über unſere verbrannten Dörfer, über zerſtampfte Gefilde ohne Zahl, über die Vertreibung 204 unſerer Fürſten, über unſere erſchlagenen Brüder dieſem Manne Weihrauch zu ſtreuen?“ „Sie mißverſtehen mich, Herr Graf. Nie habe ich des Elends, der Niederlage meines Vaterlandes ver⸗ geſſen. Wenn es meines Armes bedürfte, er würde ihm nicht fehlen. Aber wir können uns doch nicht darüber täuſchen, daß mit der franzöſiſchen Revolution eine neue Epoche der Geſchichte angebrochen iſt. Andere Lebensformen, andere politiſche Bildungen tauchen auf, eine andere Vertheilung der Macht, als ſie bisher galt, vollendet ſich. Iſt die Gründung eines neuen Weltreichs, wie es vordem das römiſche war, nicht mehr möglich?“ „Wo Paris dann an die Stelle Roms treten würde? Und wir— was würde aus uns?“ „Entſinnen Sie ſich einer Unterhaltung, Herr Graf, deren Sie mich im Winter würdigten? Sie ſpra⸗ chen von dem Schickſale, das jeder Nation von der Vor⸗ ſehung gleichſam in die Wiege gelegt ſei, von dem Zwecke, den ſie in dem Ganzen nnd in der Harmonie der Welt zu erfüllen habe. Ihre Worte blieben feſt in meinem Gedächtniß und regten mich in einſamen Stun⸗ den immer wieder auf's Neue zum Nachdenken an. Ich verglich Deutſchland mit Hellas. Wie unter den rö⸗ miſchen Kaiſern die Griechen als Dichter und Künſtler, 205 Lehrer und Philoſophen ihre Bildung, ihre Menſchlich⸗ keit überall hintrugen und eine Gemeinſamkeit des Wahren, Guten und Schönen ſchufen, ſo würde in dem neuen Weltreiche dieſe erhabene Aufgabe den Deut⸗ ſchen zufallen. Die deutſche Bildung und Kunſt würde die Menſchheit durchdringen und veredeln. Statt der Völker, die ſich feindlich auf Schlachtfeldern gegenüber⸗ ſtehen, würde es dann nur eine einige, eng verbrüderte Genoſſenſchaft geben, die im Wetteifer um die Palme des Friedens mehr und mehr der Vollendung entgegen⸗ reifte.“ „Und das Portal zu dieſem Tempel des ewigen Friedens bildete die Kriegsära, in der wir leben? Ein Bonaparte brächte uns Heil und Freiheit und Recht?“ „Ward aus Octavianus, dem blutigen Urheber der Proſcriptionen, nicht der mild geſinnte Auguſtus? Aus dem ſchrecklichen Zerſtörer Jeruſalems die Freude und das Wohlgefallen des Menſchengeſchlechtes?“ „Ihre Phantaſie nimmt einen hohen Flug, lieber Egbert. Aber Sie wandeln in einem Traumreiche, nicht in der Wirklichkeit. Wenn Sie dieſen Mann in der Nähe ſehen würden— nur den Rieſenſchatten, den er wirft, in Ihr ſtilles Daheim, in Ihre friedlichen Be ſchäftigungen wirft, erregt Ihre Bewunderung. Was 206 hat er gethan, das Ihrem Ideal entſpräche? Alle hat er erniedrigt, um ſich allein zu erhöhen.“ „Schafft er nicht, wohin er ſeinen ſiegreichen Fuß ſetzt, Mißbräuche und veraltete, widernatürliche Ord⸗ nungen ab? Wird ihm ſelbſt Spanien nicht zu Dank verpflichtet ſein, daß er es von dem Druck der In⸗ quiſition befreien wird? Ein neues, beſſeres Recht zieht mit ſeinen Adlern und bürgert ſich in Europa ein. Aus Paris hat er eine Welthauptſtadt gemacht, hier wie in einem Brennpunkt alle Schätze des Wiſſens und der Künſte verſammelt. Wer in dieſem unge⸗ heuren Pantheon des Ruhmes geweſen, kehrt begeiſtert von des Kaiſers Größe in ſeine Heimath zurück; er hat an den Quellen des Lebens geſeſſen und einen tiefen Trunk daraus gethan.“ „Ein Zauberquell, aus dem man aigt Jugend trinkt, meinen Sie?“ Der Graf hatte ſein Pfeifſchen aus dem Munde genommen. „Es iſt das alte Lied. Paris ſaugt Europa aus, wie ehemals Rom eine halbe Welt. Rings umher iſt Finſterniß, hier leuchtet es hell. In der Entfernung, in der Sie ſtehen, empfangen Sie den Eindruck einer milden glänzenden Sonne— wie wär's, wenn Sie einmal dieſen Olymp beſuchten?“ 207 „Ich— in Paris?“ Unwillkürlich hielt Egbert in ſeinem Gange inne. Der Gedanke und noch mehr die kühle Ruhe, mit der ihn Wolfsegg ausgeſprochen, hatte etwas Schwindel⸗ erregendes für ihn. „Nun ja! Was ſchreckt Sie denn? Sie ſind doch reich genug, ſich ohne Bedenken eine ſolche Reiſe zu erlauben. Und daß Sie Ihr Geld auf dieſe Weiſe gut anwenden würden, verbürge ich Ihnen, auch ohne das kaiſerliche Paris zu kennen.“ „Sie irren, Herr Graf. Mich hält die Furcht zurück, mich in dieſem Ocean zu verlieren.“ „Es giebt einen Compaß, der den Muthigen hin⸗ über und in den ſicheren Hafen zurückführt. Das Va⸗ terland und das eigene Gewiſſen. Gefährlich, ver⸗ führeriſch war ſchon das königliche Paris— aber wenn die Sirenen ſingen, läßt Odyſſeus ſich an den Maſt binden. Nehmen Sie die Fabel als ein Symbol. Der Maſt iſt das Bewußtſein der Pflicht, das jeder Gute in ſeinem Herzen trägt. Nein, in Wahrheit, Sie ſollten dieſe Anregung nicht fallen laſſen. Nach Paris! Dort, wenn irgendwo in unſeren Tagen, würden ſich Ihnen Leben und Geſchichte entſchleiern.“ Ohne daß ſie es merkten, waren ſie im Eifer des Geſprächs die Fichtenallee entlang gegangen und ſtan⸗ 208 den nun doch überraſcht vor dem Grabmal der Eltern des Grafen. Schräg fiel der rothe Schein der ſinken den Herbſtſonne durch die Zweige und leuchtete wie ein Glorienſchein um den Genius der Hoffnung auf der Säule, während unter ihm die Gräber und die Male darauf ſchon im tiefen Schatten lagen. „Da wären wir am Ziel“, ſagte Ulrich ergriffen. „Ohne unſeren Willen am Ziel, denn das iſt das Ende aller Herrlichkeit. Wir ſollen, wie es ſcheint, an dieſem Tage von dem Schauer der Vergänglichkeit nicht frei werden.“ Indem wurden hinter ihnen laute Stimmen ver⸗ nehmlich; auf einem anderen Wege war ein Theil der Ge⸗ ſellſchaft zu demſelben Punkte gekommen. Wolfsegg blickte ſich um; er glaubte den Ritter Zambelli unter den ſich Nahenden zu erkennen. „Mein lieber Egbert“, ſagte er in ſchneller Faſ⸗ ſung, ganz in Gedanken?„Ich verlaſſe Sie eine Weile und ſuche Ihnen die Schwätzer fernzuhalten. Das iſt kein Augenblick, der Ihnen entweiht werden ſoll! Auf Wiederſehen im Schloſſe.“ Der Jüngling konnte dem älteren Freunde zum Danke nur die Hand drücken. Es wäre ihm nicht mög⸗ lich geweſen, jetzt mit Gleichgiltigen Gleichgiltiges zu reden, ihre bloße Gegenwart ſchon würde ihn verſtört — — 209 haben. So feierlich, ſo gehoben war ihm zu Muthe. Er hatte ſich auf die Bank vor den Gräbern geſetzt und ſchaute träumeriſch zu dem Engel der Hoffnung auf. Immer ſchwächer wurde der röthliche Glanz auf dem weißen Marmor. Hinter ihm waren die Stimmen der Läſtigen verklungen, der Graf mochte ſie einen anderen Weg zum Schloſſe zurückgeführt haben. Welche Hoffnungen hatten die drei Tage, die er hier zugebracht, hatte noch das letzte Geſpräch in ihm erweckt! War es ein gutes Vorzeichen, daß dort der Genius wie aus den Wolken des Himmels ihn grüßte? Er bedachte, wie arm an Erfahrungen er aus Wien gezogen war, wie reich er heimkehrte. Wenig⸗ ſtens erſchien es ihm ſo, wenn er ſeinen früheren Zu⸗ ſtand mit ſeinem jetzigen verglich. Dinge und Men⸗ ſchen, deren Schatten bisher nur an ſeinem inneren Blicke vorübergeglitten waren, hatten ſich leibhaftig 8— ſeiner Betrachtung dargeboten. Dunkle, verwickelte Verhältniſſe hatte er kennen gelernt; in ſchwierigen Umſtänden hatte man ſeine Klugheit und Geiſtesgegen⸗ wart angerufen. Die vornehme Geſellſchaft, die er heimlich gefürchtet und die ihn doch unwiderſtehlich an ſich gelockt, zeigte ſich ihm harmloſer und vertrauens⸗ voller, als er geglaubt; mit offenen Armen hatte ſie Freuzel, Lucifer. I. 14 210 ihn empfangen. Keinen Anſtand hatte der Graf ge⸗ nommen, ihn in das Geheimniß der Gondreville's ein⸗ zuweihen, ihm ſeine politiſchen Anſichten mitzutheilen. So viel Ehre und Gunſt, die doch— Egbert durfte es ſich geſtehen— nicht ganz unverdient waren, mußten berauſchend auf ſein junges Herz wirken. Mit leiſem Schrecken überraſchte er ſich ſchon auf ehrgeizigen Gedanken.„Was Anderen nur nach langer Arbeit und Prüfung zu Theil wird“, ſagte er ſich,„das haſt du bei deinem Eintritt in's Leben gewonnen.“ In ſeiner Argloſigkeit fiel ihm nicht ein, daß dieſe Herzlichkeit des Grafen einen verborgenen Zweck haben könnte, und er war nicht eitel genug, um zu wähnen, daß die Herren in dem verwegenen Spiele, daß ſie ge⸗ gen den Kaiſer Napoleon vorbereiteten, auch ihm eine Rolle zugedacht hätten. Ihm ſank es nur, mitten in ſeiner Freude und ſeinem Stolze, ſchwer auf die Seele, ob dieſe großen, inhaltsvollen Tage ſich fortſetzen, ob ſie nicht mit ſeinem Scheiden aus dem Schloſſe am See für immer ihr Ende erreicht haben würden. Und wie er ſo in ſich verſunken vor den Gräbern ſaß, die herbſtliche Dämmerung dichter und kälter ihn umfing, beſchlich ihn eine unendliche Wehmuth. In grauen Nebel zerrann das liebliche Bild. Von Allem, was er genoſſen und erlebt, blieb Nichts als die Er⸗ 211 innerung. Hier war ein Abſchluß ſeines Daſeins und keine goldenen Fäden ſpannen ſich aus der bewegten Fülle, die ihn noch umgab, in das traurige Einerlei, das ihn in Wien erwartete. In einer kurzen Friſt hatten ſich die Begebenheiten in buntem Wechſel, in raſtloſem Laufe gedrängt, nun mußte er ſich wieder auf den langſam ſchleichenden Verlauf leerer Wochen und Monate gefaßt machen. Je greller der Gegenſatz war, deſto ſchwerer empfand er ſchon im Voraus den Druck der Langenweile. Noch nichtiger als früher dünkten ihn, wenn er auf die großen Dinge blickte, die der Graf in ſeinem Sinne und Geiſte erwog, ſeine Beſchäf⸗ tigungen. Ach, und wenn er ſie von ſich abſchüttelte, wenn ihn wieder das Glück von Abenteuer zu Aben⸗ teuer trug, würde ihm die holde Göttin ſeiner Ge⸗ danken und Träume je wieder begegnen? Würde er, wie an dieſem Orte und zu dieſer Weile, Antoinette an jedem Morgen und jedem Abend ſehen? Zwar hatte die junge Gräfin ihre ſpröde Haltung nicht aufgegeben und Egbert aus ſeiner ritterlichen Huldigung und Ehr⸗ furcht ſich nicht herausgewagt, aber vielfache Berüh⸗ rungen waren zwiſchen beiden nicht zu vermeiden ge⸗ weſen. Der Graf wie der Marquis hatten ſie begünſtigt, ſogar Max Auersperg fand ſeinen Vortheil dabei, daß der blonde Egbert ſtatt Vittorio's beſtändig an der 44* 212 Seite ſeiner Baſe blieb. Von dem Bürgersſohne hatte er nichts zu fürchten, eher mochte er hoffen, daß An⸗ toinette im Umgang mit demſelben ſein eigenes adeli⸗ ges Verdienſt beſſer ſchätzen lernen würde. So war es zu manchem Geſpräche zwiſchen Beiden gekommen, zu kleinen Dienſten von ſeiner, zu einem freundlichen Wort und Blick von ihrer Seite. Erfüllte Egbert auch keine der Bedingungen, die Antoinette für ihr Ideal eines Mannes aufſtellte, hatte ſie ſeine Schwerfällig⸗ keit und ſeinen Ernſt zu tadeln, ſo war ihr doch, in der natürlichen Citelkeit eines ſchönen Mädchens, die Verehrung nicht gleichgiltig, die er ihr entgegenbrachte. Die dunklen, unruhigen Triebe, die, ihr ſelbſt noch halb unbewußt, ihre Seele bewegten und durch den Tod Jean Bourdon's die Pläne ihres Oheims, den drohenden Verluſt ihres Vermögens noch ſtärker auf⸗ geregt worden waren, fanden in der ſchwärmeriſchen Liebe des blonden Egbert etwas wie eine Beruhigung und ein Spielwerk zugleich. Die werthvollen Eigen⸗ ſchaften ihres Ritters, ſeine Treue, Hingebung und Feſtigkeit flößten ihr gegenüber dem fahrigen und leicht⸗ ſinnigen Betragen der jungen Edelleute, die ſie um⸗ flatterten, Achtung und Vertrauen ein; in den Stür⸗ men, die ſie heraufziehen ſah, mochte ſein Arm auch für ſie eine Stütze werden. Egbert dagegen überließ 213 ſich ohne Nachgedanken dem Zauber ihrer glänzen den Erſcheinung, dem Reize ihrer Begegnung. Furchtſam, wie er war, und mißtrauif ch, hatte er über den Tag ſeines Glückes nicht hinauszuſehen gewagt und mußte ſich nun doch ſagen, daß die D Dunkelheit der Nacht her⸗ einbräche, die ihm ſeine Göttin vielleicht für immer entzöge! Während er ſo vor ſich hingrübelte, ſcholl von jenſeits der niedrigen Gartenmauer G Beſchrei, Geſang, das Gejauchze heimziehender Bauernbur Stille unter den Fichten. Der Abend, der mit Regen drohte, hatte ſie vorzeitig aus dem Wirthshauſe von Gmunden getrieben. Daß ſie den Um weg über den von jeder größeren Straße abſeits gelegenen Schloß⸗ hügel gewählt, mochte der Vorſchlag des Pfiffigſten unter ihnen geweſen ſein: es galt, dem gnädigen Herrn ſchen in die Grafen beim Abſchiede eine Hu ldigung darzubringen. Auch glaubte Egbert, als er ſich von der Bank erhob und aufhorchend ſtand, ein„Vivat Se. Gnaden!“ aus der Ferne, vom Schloßhofe her, zu vernehmen. Rings um ihn war es wieder einſam geworden. 3 1 Die ganze Geſellſchaft hatte den Garten verlaſſen; auch er mußte den Rückveg in das Schloß antreten. „Holla, was iſt denn das?“ „Ein Geſpenſt, eine Eichkatze?“ „Nicht doch, es iſt die braune Chriſtel.“ „Was will die hier? Fangt ſie!“ „Wie das Ding laufen kann!“ „Ihr nach! Sie ſoll uns Rede ſtehen über ihre Hexereien.“ „Laßt Euch mit ihr nicht ein, ſie beißt wie eine wilde Katze!“ „Haltet ſie feſt! Sie ſoll uns ſagen, was ſie von dem Morde weiß.“ Nun wird jedes einzelne Wort von dem wüſten Geſchrei und Gejohle Aller verſchlungen. Ein Laufen, Stürzen, Springen— mit pochendem Herzen lauſcht Egbert der Jagd auf ein armes Mädchen, die draußen vor ſich geht. Er hat ſich der Mauer genähert und ſucht eine Pforte, einen Ausgang in's Freie, um die tollen, halb⸗ berauſchten Burſchen anzuhalten. Aber er iſt in dem Garten doch nicht bekannt genug, um die kleine Thüre in der Mauer, die hier herum ſein muß, ſo leicht zu finden, und die Dunkelheit wächſt fort und fort um ihn, über ihm. Da iſt es ihm, als fiele etwas über die Mauer und arbeitete ſich durch das Diclicht. Sollte das Mäd⸗ chen in ſeiner Angſt herübergeklettert ſein? * 215 „Hierher!“ ruft er, um ihr ſo den Weg zu zeigen, den ſie zu ihrer Rettung einzuſchlagen hat.„Hierher!“ Draußen tobt der Lärm und die Verfolgung wei⸗ ter— wie er ſich überredet, abſeits in den Wald hinein. Die braune Chriſtel hat ſeine vorgeſtreckte Hand ergriffen. „Beſter, gnädiger Herr“, ſtammelte ſie. Von dem wilden Laufe und dem Sprunge von der Mauer zittert ſie noch und holt tief Athem. „Hier ſoll Dir Niemand ein Leids anthun“, be⸗ ruhigt er ſie und führt ſie nach der Bank. Setz' Dich nieder. So dicht bei einander, bei dem erſten Schimmer des aufgehenden Mondes erkennen ſich beide. Auf dem Kirchhof hat Egbert ſie nicht bemerkt— aber die Er⸗ innerung wird in ihm lebendig, wie er ſie an der Spitze der Knechte geſehen, die von der Rabenmühle mit der Bahre daherkamen. Ein ſeltſames, verwil⸗ dertes Geſchöpf; damals, vor dem Anblicke des bluten⸗ den Bourdon war ſie entflohen. Hatten die Bauern nicht eben gerufen, daß ſie mehr von dem Morde wiſſe? Sollte er die Gelegenheit benutzen, ſie auszufragen? Allein er hat den Gedanken kaum gefaßt, ſo ver⸗ wirft auch ſchon ſein großmüthiges Herz das Unedle 216 einer ſolchen Handlung. Uebrigens läßt ihm die Ver⸗ wirrung und Beſtürzung Chriſtel's gar keine Muße, eine ernſte Frage zu ſtellen. „Jeſus Maria!“ ſchreit ſie und will von der Bank aufſpringen und davonlaufen. Offenbar hat ſie ſich in ihrem Retter getäuſcht und einen Anderen an ſeiner Stelle erwartet. „Bleib'!“ ruft Egbert und hält ſie am Arm.„Wie kommſt Du nur hierher, wunderliches Mädchen? Warum jagten Dich draußen die Burſchen?“ Vor der Bank iſt ſie niedergeglitten und liegt ihm zu Füßen:. „Gnade“, ſchreit ſie mit gerungenen Händen, „Gnade! Ich weiß nichts, ich bin ohne Schuld.“ „Seh' ich denn wie ein Unhold aus? Steh' auf, ich ſchlage Dich nicht.“ „Ihr ſeid der Rächer, Gott hat Euch geſendet!“ wimmert ſie ſchluchzend, jammernd, das Geſicht an ſeinen Knien verbergend. „Die Leute hatten doch Recht“, denkt Egbert,„ſie iſt närriſch. Aber was thun, was mit ihr beginnen?“ „Steh' auf, Chriſtel. Ich bringe Dich in's Schloß, d wird ſchon Einer ſein, der Dich nach Deinem Dorfe fhrt.“ 217 „Tödtet mich nicht! Da, nehmt! Nehmt! Ich darf nichts ſagen, ich kann's nicht! Laßt mich! Gott wird 174 ſeine Leuchte vor Euch flammen laſſen! „Herr Egbert Heimwald!“ ſchallt es da von dem oberen Ende der düſteren Fichtenallee und ein Licht⸗ ſchein loht ihnen entgegen. „Ich komme“, entgegnet Egbert. Mit der Geſchwindigkeit einer wilden Katze iſt das Mädchen aufgeſprungen, blickt ſcheu und blinzelnd dem Lichtſchimmer entgegen, ſtößt einen leiſen Schrei aus und verſchwindet in dem niedrigen Tannengeſträuch, das ſich innerhalb der Mauern entlang zieht. In dem herrſchenden Halbdunkel gleicht das Ganze einem phan⸗ taſtiſchen Spuk.„Träum' ich oder wach' ich?“ will Egbert rufen; er fühlt einen harten Gegenſtand in ſeiner Hand. Ein dunkler Stein, vielleicht ein Opal, von einem Goldreifen umfaßt— es ſcheint der Knopf eines Stockes oder einer Reitpeitſche geweſen zu ſein. In einer haſtigen, ihm ſelbſt unerklärlichen Anwand⸗ lung verbirgt er das Pfand der tollen Chriſtel, als jetzt das Licht ihm in's Antlitz ſchimmert. Ein Diener mit einem Windlicht— aber er iſt nicht allein, Vittorio Zambelli ſchreitet ihm nach. „Endlich gefunden!“ ſagt der Ritter.„Die gnä⸗ dige Gräfin Antoinette hat mich nach Ihnen ausge⸗ ſchickt, wir wollen zuſammen muſiciren.“ „Ich danke Ihnen, Herr Ritter, für Ihre Be⸗ mühung“, erwidert Egbert, betäubt von Allem, was in dieſen wenigen Minuten ſich begeben. „Nicht doch“, meint der Ritter in ſeiner verbind⸗ lichen Weiſe und ſchaut mit ſcharfen Blicken umher— ein verlorner Mondſtrahl irrt über die Grabdenkmäler hin, ſonſt iſt nichts als Dunkel und Stille—„der Wunſch einer Dame! Welchem Cavalier wäre der nicht Befehl! „Ich folge.“ „Und der Herr Graf hatte Recht.„Bei den Grä⸗ bern werden Sie ihn finden“, rief er mir nach. Bei den Gräbern! Halten Sie Zwieſprach mit den Todten?“ „Warum nicht? Wiſſen ſie doch mehr als wir Lebendigen.“ Nun hatten ſie ſich um einige Schritte von dem Begräbnißplatze enfernt und gingen eilig dem Schloſſe zu. „Von Himmel und Hölle?“ fragte Zambelli nicht ohne Spott. „Nein— ſie wiſſen auch, warum und wie ſie geſtorben ſind.“ Darauf entgegnete der Ritter nichts, ſchweigend erreichten ſie den Platz vor dem Schloſſe. 219 Faſt aus allen Fenſtern ſtrömte Licht. Egbert war wie geblendet. Was iſt Wahrheit, was iſt Täuſchung in dieſem Leben? ging es ſtill durch ſeine Seele. Oder iſt Alles nur Ahnung eines Höheren? Alles nur ein Traum? Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Leipzig. Hirell, die Cochter des Calviniſten. Roman von John Saunnders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein muthiges Weib. Von 4 der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Ho phie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. —— ——— fffffffffffffffffſſſffin 8 9 10 11 16 17 18