1 4 i,2. 37352 ee eebem Stalkeeis eeene, Schr ee SS D 3 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3.3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme . eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Biücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 4 Met.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1„„=„„ g„,„ 5. AnAntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. der Bücher au 4 al 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und N — defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Eine romantiſche Schilderung des Räuber⸗ und Gaunerlebens in Deutſchland in der letzten Hälfte des ſiebzehnten Jahrhunderts. . Von Dr. Ernst PFrei. 5 Mit volorirten Ab bildungen. Zweiter Band. Druck und Verlag von Lpuis De 1856. XXV. Liſt's Zweikampf. Wie ſich entgegen zwei Gewitterwolken wettern, Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerſchmettern. Der Hagel brauſt herab und ſchlägt der Erde Saat; Das Land iſt wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat, Dann, wenn ſie ſich erſchöpft, zieht jede ihre Bahn. Und aus der Ferne noch ſehn ſie ſich finſter an:⸗— So ſtanden jetzt im Kampf die beiden, bis eematttt Noch eine Lebensfriſt Einer dem Andern geſtattet. Fr⸗ Rückert. Liſt wollte nach Jena eines Tages teiſen, dg. als er eben im Begriff war, dahin aufzubrechen⸗ meldete ſich Einer bei ihm, welcher glaubte, bei der Theilung der in Mechelsgrün gemachten Beute zu 5 kurz weggekommen oder vielmehr gar übergangen worden zu ſein. Da Liſt ſich nicht Zutwillig zu der mit Ungeſtüm geforderten Abſindungsſumme verſlehen— 42— wollte und ihn hart und mit Verachtung zurückwies. und ihn ſeiner Wege gehen hieß, ſo verließ jener denſelben unter den heftigſten Drohungen, die er auch alsbald in's Werk zu ſetzen gedachte. Dieſer Unverſchämte war Melchior Kaspar, ein heimtückiſches, ſchlechtes Subject, der eigentlich gar kein Mitglied von der Räuberbande war, ſon⸗ dern nur ein Mitwiſſer von jenem erwaͤhnten Ein⸗ bruche und der dies jetzt benutzte, da er grade Geld , um ſolches von Liſt zu erpreſſen. Liſt e ihn z u gut, um zu wiſen, daß er ihn nun lihſen Rache. Und er hielt Wort. 4 f ſeinem Roſſe bis in die Gegend 6 gelangte und dort in die Mitte eines gekommen war, da trat ihm Melchior Kas⸗ Vohl bewaſſnet entgegen,, ſel ihn an und da Lth Anst V L. Oeser in Mausalase lLiſts Bweikampf. 198 bald ſchauerlich, bald wunderbar, bald gräßlich, und Alle, beſonders die, wo der Hauptmann ſelber eine Rolle ſpielte, trugen das Gepräge einer wilden Größe, nicht ohne Reſte von Menſchlichkeit, ja manchmal zeigte ſich darin eine ſeltene Großmuth und kühne Verachtung jeder Gefahr. Auf Luitgarde machten dieſe Erzählungen von den Thaten Nickel Liſt's einen großen Eindruck; ſie miſchte ſich aus einer eigenen Scheu nie in dieſe Geſpräche; doch hörte ſie dafür ſtets mit lebhaftem Intereſſe zu, wenn von ihm die Rede war; ſie intereſſirte ſich für den Mann, der oft eine nicht ſeltene Seelengröße zeigte, überall und immer aber bewies, daß er ein Mann von großen und ſeltenen Anlagen war, die, beſſer benutzt, ihn zu etwas Grr ßem befäaͤhigt hätten. Wandte ſich auch ihr licher Sinn mit Abſcheu von den erzäͤhlter thaten ab, ſo konnte ſie doch einen lebhafte nicht unterdrücken, der aus der Betrachtung len Muthes, ſolcher Willenskraft und Kühnhei ſprang, verbunden mit dem innigſten Bedauern den Mißbrauch ſo ſchöner Kräfte und e Regung von Mitleid darüber, was dieſes Natur ſoreich begabte Weſen in andern Verhält⸗ 13 3 — Ii. 196 hätte werden können, und was nun ſein Loos in dieſer und jener Welt ſei! Bei Luitgarden bildete ſich nach und nach im Geheimen der Wunſch aus, den Nickel Liſt einmal zu ſehen und kennen zu lernen. Der Zufall erhörte und erfüllte auf eine ſeltſame Weiſe ihren Wunſch. Sie machte, trotz der Unſicherheit der Gegend eine Reiſe in Begleitung ihrer Kammerfrau und mehrerer bewaffneten Bedienten, um eine gute Freun⸗ din in der Nähe von Jena zu beſuchen. Die Reiſe ging glücklich vor ſich, bis auf den ſchlechten Weg, der durch lange Vernachläſſigung und das Wetter grundlos geworden war. Schon waren ſie nach keeinigen Tagen auf dem Rückwege und hatten das Schloß der Freundin lange verlaſſen, als mitten auf der Anhöhe, wo der Weg ſich am ſteilſten Ufer 8 eines Wildbaches hinzog und die Pferde kaum mehr in Stande waren, die Kutſche in den tiefſten Ge⸗ eiſen aufwärts zu ziehen, ein Rad brach und Alles zulammen ſtürzte. Das Jammergeſchrei der Kammerfrau, das Zlucgen der Domeſtiken zogen einen Mann herbei, 1 der in ſauberer bürgerlicher Kleidung vom Berge berab ſeines Weges kam. Er ſah den Unfall, eilte. V 197 herbei, griff thätig zu und zog, indeß die Andern wie verwirrt durch einander liefen, die erſchrockenen Frauen aus der umgeſtürzten Kutſche. Die Kam⸗ merfrau ſprang ihm zuerſt in die Arme; er ſetzte ſie an einer trockenen Stelle nieder und eilte zum Wagen zurück. Luitgarde hatte ſich aufgerichtet, ſis reichte dem hilfreichen Fremden die Hand, ihr Auge begegnete dem ſeinigen und— eine Purpurgluth ſchoß in ihre Wangen. Es war eines der bedeu⸗ tendſten Männergeſichter, die ſie je geſehen. Auch er ſchien betroffen uͤber den Anblick ſeiner Geretteten und Luitgarde bemerkte leicht, daß er ſie mit mehr als gewöhnlicher Höflichkeit behandelte. Er bot ihr ſeinen Arm, er leitete ſie ſorglich und an einer ſerr ſumpfigen Stelle erbat er ſich die Erlaubniß, ſie auf ſeinen Armen hinüber zu tragen. Ihr blieb nich lts übrig, als einzuwilligen, wenn ſie nicht bis an die Knöchel verſinken wollte. Ehrerbietig umfaßte er ſie; kein unanſtändiges Nahen, kein kühner Blick mißbrauchte die verführeriſche Lage. Ohne die— Augen zu ihr zu erheben, ohne einen Laut trug er ſie über den Sumpf, ſetzte ſie am trockenen iande 4* 1 * 198 vom Schwindel ergriffen, in die Tiefe ſtürzen möchte. Jetzt, als ihre ganze Beſinnung zurückgekehrt war, dankte ſie dem Fremden ſehr verbindlich, der nicht ohne Verlegenheit ihren Dank annahm, aber ſogleich zu dem Wagen eilte und hier durch Rath und Hülfe das Beſte that. Seine Augen hatten ſchnell Alles gefaßt, Alles bemerkt. Er befahl, er herrſchte den Leuten zu; Keeiiner war, der ſich widerſetzte, dem es auch nur einſiel, ſich über den gebietenden Ton des Fremden aufzuhalten. Der Wagen wurde zuſammengeknüpft, ſo gut es möglich war und langſam den Berg hiinnab in das Haus geleitet, das der Fremde ihnen 3 bezeichnete und wo ſie Geräthe, Werkzeug und hel⸗ fende Hände finden ſollten; er aber kehrte nun zu 5 den Frauen zurück und fragte Luitgarde, ob ſie nicht ebenfalls mit hinunter in das Haus gehen wollte, wo ſie ſich erholen und mit mehr Bequemlichkeit warten koͤnnte, bis der Wagen wieder zurecht gemacht ſein würde. Sie willigte ein, der Fremde ging naeben ihr her, die Kutſche mit den Domeſtiken folgte langſam. So kam der Zug den Abhang hinunter. Der Fremde unterhielt ſie mit verſtändigen Ge⸗ ſprächen und zeigte eine Denkart und Sitten, die 5 199 weit über dem ſchienen, was ſein Anzug verkündete. Unter Anderem befragte er ſie, warum ſie nicht lieber den bequemeren Weg unten durch's Wald⸗ thal gefahren wäre, da die Straße über den Berg in dieſer Jahreszeit immer ſchlecht wäre? Luitgarde lächelte und ſagte nach einem kleinen Bedenken: Die Straße da unten durch den Wald ſoll unſicher ſein und mein Oheim hat für mich gefürchtet. „Und Ihr, edles Fraͤulein, fürchtet Euch nicht?“ „Nein,“ erwiederte Luitgarde.„Man ſagt, der Räuberhauplmann, Nickel Liſt, wie ſie ihn nennen, hat ſtets gute Kundſchaft von Allem, ſo wird er auch gewußt haben, daß ein Fräulein, welches mit ein paar Domeſtiken ſeine Freundia zu beſuchen fährt, keine Schätze bei ſich fuͤhrt, die ihn reizen könnten.“ „Ganz wohl, mein Fräulein, aber Ridet 3 ſoll nicht blos raubſüchtig, er ſoll aug verwegen * und grauſam ſein und oft zur Luſt—“ „Nein,“ erwiederte Luitgarde beſtimmt,„das glaube ich nicht. Ohne Zweck, ohne Ausſicht Miaenſch kein Verbrechen begehen.“ 200 —— „Habt Ihr denn eine beſſere Meinung von ihm, als die Welt?“ fragte der Fremde zweifelnd. „Die habe ich,“ antwortete Luitgarde. „Wirklich?“ fuhr der Mann auf.„Und warum? Woher?“ „Es mag Euch vielleicht ſeltſam ſcheinen,„ant⸗ wortete Luitgarde gelaſſen, als ſie aus der Heftig⸗ keit der F Frage auf eine Mißbilligung ihrer Anſicht ſchloß;„es mag Euch ſeltſam ſcheinen, aber ich kann nun einmal von dieſem Manne nicht all' das Böſe glauben, was man ſich erzählt.“ Der Fremde blieb einen Augenblick ſtehen und ſab Luitgarden mit einem ſeliſamen Blicke an. „ Wirklich, edles Fräulein? Thut Ihr das?“ „ Ja,“ entgegnete Luitgarde,„obgleich Ihr nicht meiner Meinung zu ſein und das Urtheil der Menge u theilen ſcheint.“ Und nun erzählte ſie ihm ge⸗ ſprächig allerlei Anekdoten, die ſie von Nickel Liſt gehort hatte, und in welchen allen ſie bei wilden Zhaten und verwerflichem Beginnen eine gewiſſe 3 Größe der Seele und eine nicht gemeine Denkart zu finden glaubte. Der Fremde widerſprach ihr öſters, er ſah den Räuberhauptmann in viel un⸗ günſtigerem Lichte, er ſchien von ſeinem Beginnen —— 57 201 4* ziemlich genau unterrichtet zu ſein, indem er ihr F manches Unbekannte von ihm ſagte, und unter Anderem auch gewiß verſicherte, er ſei ungariſcher Officier geweſen, habe mit Auszeichnung gedient und nach dem Frieden aus Kränkung und Ver⸗ zweiflung ſeine jetzige Lebensart ergriffen; aber er erklärte ſich beſtimmt gegen ihn. „Ich kann Euch nicht widerſprechen, da Ihr ſo wohl unterrichtet ſeid,“ ſagte ſie endlich,„aber ich verſichere Euch, daß ich mit ſchwerem Herzen meine beſſere Meinung von dieſem Menſchen aufgebe.“ Der Fremde ſeufzte und ſah finſter vor ſich nieder.„Wären mehr Menſchen ſo eines edlen Zu⸗ trauens fähig, als Ihr, mein Fräulein, vielleicht 3 wäre dann der Unglückliche nicht ſo tief geſunt „Glaubt Ihr? nun ſeht, Ihr ſeid im auch meiner Meinung, und ſo kann ich Euch daß ich ſchon mehr als einmal recht berzlich f ihn zu Gott gebetet habe, daß er ihn erleuchten und von ſeinem blutigen Wege zum Rechten und Guten zurückführen möchte.“ Der Fremde ſchien in heftiger Bewegung nd Luitgarde, als ſie ſich beſann, was ſie geſagt, e. ſtaunte über ſich ſelbſt, wie ſie dahin kam, einem 202 wildfremden Menſchen, den ſie zum erſten Mal ſah, deſſen Name und Stand ihr gänzlich unbekannt war, ſo aus der Tiefe ihres Herzens zu antworten. Aber es war etwas in dem Betragen des Mannes, das ihre Seele wie mit Gewalt öffnete. Nun waren ſie im Thale. Das Haus lag vor ihnen, der Fremde eilte voraus, bald erſchienen die Bewohner und beeiferten ſich, die Kutſche heranzu⸗ bringen und Alles vorzukehren, was zu ihrer Her⸗ ſtellung vonnöthen war. Es ſchien, als habe der Fremde hier zu befehlen, und Luitgarde nahete ſich, da er nicht erſchien, einem von den herbeigekomme⸗ naen Leuten. Jetzt ſah ſie dieſe erſt genauer an. 5 Es waren lauter wunderliche, abſchreckende Geſtalten, und nicht ohne Widerwillen redete ſie einen Mann an und fragte nach dem Herrn. Er war ein Kauf⸗ mann aus Naumburg und der Hof und Hammer hier gehörte ſein. Luitgarde beruhigte ſi ſich. Dieſe ſchwarzen, wilden Männer waren Eiſenarbeiter; auch machte es ihr Vergnügen, zu ſehen, wie ge⸗ ſchickt ſie die Arbeit angriffen, ſo, daß ſie hoffen onnte, ihre Reiſe bald fortſetzen zu können. Aber noch immer blieb der Fremde aus. End⸗ lich erſchien er. Mit trübem Ausdruck in den — 5 ſich ſelbſt:„Erlaubt, edles Fräulein, daß 9 Eus 203 Blicken bat er ſie um Verzeihung, daß er ſie habe warten laſſen und erſuchte ſie ehrerbietig, in's Haus einzutreten. Er öffnete ein artiges Zimmer im Erdgeſchoſſe, eine alte Frau empfing ſie mit vielen Bücklingen. Die Art, wie der Fremde ihr einen Stuhl brachte, ihr von den Früchten und Speiſen anbot, ſie unterhielt, zeigte von Lebensart, und ein ſchwermüthiger Ausdruck in dieſen kräftigen Zügen, verbunden mit dem weichen Ton ſeiner Stimme, regte ihr Herz in den ſeltſamſten Gefühlen auf. Nun kamen ihre Leute und meldeten ihr, daß Alles bereit und der Wagen im Stande ſei, ſie weiter zu bringen. Der Fremde fuhr vom Stuhl empor, ein fürchterlicher Blick ſchoß auf den eintretenden Be⸗ dienten, der ſeiner Gebieterin dieſe unwillkommene Botſchaft brachte. Luitgarde ſchrak zuſammen. Der Sremde bemerkte es, und ſogleich wieder milde, bat er ſie um Vergebung ſeiner raſchen Bewegung und bot ihr den Arm, um ſie zum Wagen zu führen. Sie verneigte ſich freundlich und legte ihre Hand auf ſeinen Arm. Da blieb er plötzlich ſtehen, ſah ſie lange an und ſagte nach einigem Kampfe mit ien Paar Worte allein ſage“ 4 Luitgarde winkte der Kammerfrau, voraus zu gehen, und auch die Alte verließ das Zimmer. „Ihr habt mir von dem Nickel Liſt geſagt. Ihr fürchtet ihn zwar nicht, aber ſeine Leute. Er hat Urſache, ſich vor mir zu ſcheuen. Wo ich bin, kommt er gewiß nicht hin. So erlaubt, daß ich Euch dieſen Ring gebe, und wenn Ihr einſt durch ein unglückliches Ungefähr in ſeine oder ſeiner Leute Hände gerathet, ſei es hier in Sachſen oder Preu⸗ ßen, Böhmen oder wo er ſonſt nur hauſet, ſo wei⸗ ſet dieſen Ring vor, und Ihr ſeid gerettet.“ Da durchblitzte die Jungfrau der Gedanke, daß dieſer Mann jedenfalls Nickel Liſt ſelber ſein müſſe. So ſehr ſie ſeine Bekanntſchaft ſonſt in ſchwärmeriſchen Stunden gewünſcht hatte, ſo über⸗ lief ſie doch ein Schauer bei dieſer vermeintlichen, das Ziel ſo richtig treffenden Entdeckung, und ohne eden zu können, ohne den Ring zu nehmen, den ihr darhielt, ſah ſie ihn forſchend und grauſend Der Gedanke, daß dieſer Ring geraubt ſei, ja Lues vielleicht Blut daran klebe, war es, das Ktwas Entſetzliches für ſie hatte und ſie ſchaudern achte. Darum widerſtrebte es ihr in ihrem In⸗ nern, ihn anzunehmen. 58 — 205 Der Fremde bemerkte dies ſehr wohl mit einem traurigen Ausdruck im Geſicht; darum ſagte er: „Dieſer Ring iſt mir theuer, und ein liebes An⸗ denken, ich erhielt ihn einſt in Ungarn, als ich eine adlige Familie aus den Händen der Türken mit großer Kühnheit befreit hatte.— Es klebt kein Blut daran, obgleich ich bei Erwerbung deſſelben das meinige im edlen Kampfe reichlich vergießen mußte!“ Nach dieſer Erklärung griff Luitgarde haſtig nach dem Ringe, ſteckte ihn an ihren Finger und ſagte milde:„Ich danke Euch recht ſehr und er⸗ kenne den ganzen Umfang meiner Verpflichtungen gegen Euch. Dieſen Ring werde ich als ein theu⸗ res Kleinod aufbewahren und wenn ich ſeiner nicht mehr bedarf, mit dem lebhafteſten Danke ihn ſeinem Eigenthümer wieder zurückſtellen. Aber ſeid nun auch ſo gütig, mir Curen Namen und Wohnort zu ſagen, damit ich— „Drückt Euch das arme Geſchenk des wiwen Fremdlings?“ rief der Mann mit ausbrechendem Zorne.„Der Ring iſt mir ſehr theuer. Ich gab ihn Euch, er ſollte Euch dienen, er ſollte Euch viel⸗ leicht retten, er jolie dafür bei Euch bleiben dür⸗ fen, und Ihr— — 2 Luitgarde erröthete bis unter die Locken, ihr Auge ſuchte den Boden, und ſchnell ließ ſie, ohne zu bedenken, was ſie that, den Ring in den Buſen fallen, weil Jemand in's Zimmer trat. Der Ham⸗ mermeiſter bot ihr auf's Neue den Arm, ſie ſchrit⸗ ten hina hob ſie in den Wagen, ein leichter Druck, den er auf ihre Hand wagte, wurde eben einmal und die Pferde zogen an, um Beide auf ewig aus einander zu reißen. Der Fremde wagte noch einmal leiſe die Hand der Jungfrau, die einen mächtigen Eindruck auf iihn gemacht hatte, zu drücken, ſein Blick ſuchte noch einmal ihre ganze holde Erſcheinung ſich tief in's Gepvächmiß zur ewigen Erinnerung einzuprägen, dann wollte er ſich entfernen. Da aber hielt ihn Luitgarde zurück; ein hochherziger Entſchluß ſchwellte ühren Buſen, ſie hielt ſeine Hand feſt und bat ihn, ſich zu ihr zu ſetzen und ſie noch eine Strecke We⸗ ges zu geleiten, da ſie ihm noch etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Liſt folgte mit freudigem Her⸗ zen, obgleich ahnend, was da kommen werde, dem Rufe des angebeteten Mädchens, das einen unend⸗ lichen Zauber auf ihn ausgeübt hatte. Er ſprang ſo flüchtig erwiedert, ihre Blicke begegneten ſich noch —— ———QOQ—O—O—O— 209 von der es heißt, daß keine Rückkehr mehr von ihr möglich iſt!— „O nein, Ihr ſeid noch nicht ſo tief gefallen—“ „Doch, doch,“ verſetzte wehmüthig jener,— „für mich iſt alles aus auf dieſer Welt, ich bin ein Verlorner, ein Verdammter!— Kenntet Ihr mich, erführet Ihr meinen Namen, dann würdet Ihr Euch mit Abſcheu von mir wenden!“ „Nein, nimmermehr! Ich wende mich nicht mit Abſcheu von Euch, ſondern mit Mitleid und voll Theilnahme zu Euch, obgleich ich Euch ſehr wohl erkannt habe, obgleich ich ahne und weiß, wer Ihr ſeid!“ „O nein, Ihr kennt mich nicht, vernehmt denn wer ich bin; ich bin jenes Ungeheuer, vor deſſen Namen weit und breit die Länder zittern, Mütter bangen, Kinder jammern, der ruhige Bürger ſich fürchtet und der Wanderer zaget, ich bin“— Hier hielt er erſchöpft inne. „Nickel Liſt, der Räuberhauptmann!“ ſagie mit Nachdruck Luitgarde. „So habt Ihr alſo doch mein ſchreckliches Ge⸗ heimniß geahnt, und ſeid nicht zurückgebebt vor mir, habt Euch nicht mit Schauder von mir abgewandt. Nickel Liß. 7. Lieferung. 14 3 — — — 210 habt vielmehr durch Eure liebreiche Zuſprache lin⸗ dernden Balſam geträufelt in mein krankes, wundes, blutigzerriſſenes Herz, das mit ſeinem Schöpfer und mit der ganzen Menſchheit hadert!”“— Luitgarde verſuchte ihn zu tröſten, aber er wies mit der ſchrecklichen Reſignation der Verzweiflung jeden Troſt von ſich und ſagte:„Ach! ich bin gren⸗ zenlos elend; hier an Eurer Seite, im Angeſichte Eurer Reinheit und Tugend fühle ich es um ſo tiefer und gräßlicher, daß ich ewig verworfen— unrettbar unglücklich bin!“ Luitgarden gelang es, wie wohl mit großer und ſchwerer Mühe, endlich doch, ihn einigermaßen zu tröſten. Seine Verzweiflung ließ nach, er wurde wieder ſtark und männlich feſt; doch auf ihre Bitten und Ermahnungen, wieder zurückzukehren auf den Pfad des Rechts und der Tugend, hatte er weiter keine Antwort als:„es iſt zu ſpät, es iſt unmöglich!“, „Für den, der ernſtlich will, iſt nichts unmög⸗ lich,“ entgegnete Luitgarde.„O kehrt zurück, verlaßt die Bahn der Sünde und des Verbrechens— fliehet, fliehet weit hinweg von hier, fliehet in ein Land, wo Euch Niemand kennt— 6 Ru.„Es iſt unmöglich,“ unterbrach ſie Liſt,„für liche. 5. 1 4 7 1 mich iſt Alles dahin: Glück und Ruhe und Frieden; ich bin den Mächten des Abgrunds und der Hölle unrettbar verfallen, mich rettet ſelbſt die Hand eines Engels nicht mehr, kein Gott ſelber vermag dies!“ „O frevelt nicht ſo hart— Ihr dürft nur wollen, nur ernſtlich und feſt wollen, mit dem Muthe und der Beharrlichkeit, die Euch ſonſt aus⸗ zeichnen, und Ihr ſeid gerettet!— „Nein, nein, und immer wieder neinl ich bin mit ehernen unzerreißbaren Banden zu feſt gekettet an meine Genoſſen, dieſe geben mich nicht los, ſie halten mich feſt und verfolgen mich, ſelbſt wenn ich in die neue Welt, wenn ich nach Amerika flüchtete! — Nein, gebt mich auf, holdes Fräulein, ich bin verloren und verdammt!“ Alle Bitten, alle Verſuche Luitgardens prallten fruchtlos ab an der ſchrecklichen Reſignation Liſt's; erſchöpft mußte ſie inne halten und als ſie alles ver⸗ loren ſah, ſagte ſie traurig:„Nun ſo kann ich weiter nichts mehr thun, als für Euch beten, damit der Himmel Eure Seele erleuchte, oder Euch zeitig von dannen führe aus dieſen Leben!— Möge Euer Ende ein leichtes, reuevolles ſein!“⸗ Sie trennten ſich: Liſt mit traurigem, durch 1442-4 212 und durch erſchüttertem Herzen, Luitgarde ebenfalls voll Wehmuth und Trauer. Letztere konnte den großen Verbrecher nicht verabſcheuen, er war ihr ſo edel, männlich, ritter⸗ lich erſchienen, daß ſie ſeitdem nie als nur mit der tiefſten Betrübniß und dem herzlichſten Bedauern an ihn zurückdenken konnte. So oft ſeitdem ſein Name in ihrer Gegenwart genannt wurde, erbebte ſie, als müßte ſie fürchten, ihr Begegniß mit ihm verrathen zu ſehen! Sie beobachtete über jenes Zu⸗ ſammentrefſen das tiefſte Stillſchweigen gegen Je⸗ dermann, und ſelbſt ihre Dienerſchaft, die dabei zu⸗ gegen geweſen, wußte nichts davon, daß der hilf⸗ reiche Fremde jener gefürchtete Räuberhauptmann geweſen ſei.— Den Ring aber bekam Niemand zu ſehen, ſie bewahrte ihn als ein theures Andenken auf an den unglüͤcklichen Mann, der ihr ein hohes Intereſſe eingeflößt hatte, während alle Welt ihn verabſcheute. — XXVII. Die Wette. Vor Dieb' und Räuber bei Nacht und Tag Wohl Schloß und Vorſicht oſt helſen mag, Doch fordre ſie nicht vermeſſen heraus, Sonſt iſt's mit Deiner Sicherheit aus! 8 2 2 Mit der im vorigen Kapitel erwähnten Ham⸗ merſchmiede hatte es folgende Bewandtniß: Schon ſeit langer Zeit war dieſelbe ein Auf⸗ enthalt von Räubern und Gaunern; ihre früheren Beſitzer, tief verſchuldet, hatten ſich mit Räubern und Dieben verbunden, und auf dieſe Weiſe ihren ſchwerbedrängten Finanzen wieder aufgeholfen. Die Arbeiter in derſelben waren lauter Räu⸗ ber und dieſer öffentliche Erwerbszweig war eigent⸗ lich nur eine Larve, die ſie vornahmen, um iyr 24 * eigentliches geheimes Gewerbe, die Räuberei, da⸗ durch zu verſchleiern. Da ſeit vielen Jahren dies hieer ſtattfand, ſo war es auch ganz natürlich, daß in der Gaunerwelt dieſer Ort weit und breit bekannt war, und in ſchlimmen Zeiten der Verfolgung hier viele Zuflucht ſuchten auf kürzere oder längere Zeit. Nickel Liſt war während ſeines Räuberlebens öfters hier eingekehrt; die Beſitzer und Arbeiter des Eiſenhammers gehörten zu ſeiner Bande und ſo konnte er ſich auch mit Fug und Recht faſt ſo gut als den Herrn deſſelben betrachten. Es war für ihn hier ein eigenes Zimmer in Stand geſetzt und mit allen Bequemlichkeiten und nach dem damaligen Lurus eingerichtet. Es war dieſes daſſelbe, wohin er Luitgarden führte.— Obgleich er ſtreng befohlen hatte, daß alles Menſchenleben ſo viel als möglich geſchont werden ſollte, ſo kam es doch nicht ganz ſelten vor, daß Reiſende, welche in dieſer Hammer⸗ 3 ſchmiede einkehrten, ſpurlos verſchwanden. Es war eeiin gefährliches Neſt, das aber den Augen der ir⸗ diſchen Gerechtigkeit bis jetzt immer zu entgehen wußte, ja nicht einmal in der Gegend in üͤblem Ruf ſtand, da alle Bewohner deſſelben den Schein Klucklich und klug zu wahren wußten, die Nachbar⸗ 4 1 4 4 915 ſchaft ſchonten und nur an Fremden ſich vergriffen oder auf ihren räuberiſchen Streifzügen nur ent⸗ ſernte Orte heimſuchten. Hierzu kam noch die ein⸗ ſame Lage des Gebäudes, welche viel dazu beitrug, das gefährliche Geheimniß den Augen der Welt zu verſchleiern. Liſt's Leute verhielten ſich, ſeinen Vorſchriften gemäß, im Allgemeinen in dieſer Gegend ſo ziemlich ruhig, einige Räubereien und leichte Einbrüche ab⸗ gerechnet, die zu ihrem Unterhalte und zu ihrer Uebung und aus Gewohnheit nothwendig. Von Zeit zu Zeit inſpicirte Liſt ſeine Leute, Von einer ſolchen Inſpectionsreiſe kehrte er eines Vormittags einmal zurück und ſaß mit Schwarz, Lorenz Schön und ſeiner Wirthin, der hübſchen Jägersfrau, in dem Wirthshauſe zu Kospeda, ſich von der Reiſe erholend und an Bier und Speiſe labend. Es befand ſich weiter Niemand in der Schenke als der Wirth, den ſie nach Neuigkeiten fragten. Dieſer erzählte ihnen viel von Nickel Liſt und ſeiner Räuberbande, von deren Thaten die ganze Gegend voll war. 42 4 216 Daß unſre Reiſenden dieſes Geſpräch im höch⸗ ſten Grade intereſſirte und amüſirte, braucht wohl nicht erſt erwähnt zu werden; ſie befanden ſich da⸗ bei ganz wohl und ſprachen tapfer dem Vierkruge zu, den ſie zu öftern und wiederholten Malen im⸗ mer wieder füllen ließen. Sie vernahmen hier Sachen und Thaten, die ihnen zugeſchrieben wurden, und an welche ſie nicht einmal im Traume gedacht hatten. Was ſie wirklich begangen hatten, hörten ſie hier ganz entſtellt, vergrößert und nicht ſelten bis in's Unglaubliche verzerrt. Liſt ſelber galt natürlich als ein wahrhaftiger Herenmeiſter, der feſt ſei gegen Hieb und Schuß und mit böſen Gei⸗ ſtern im Bunde ſtehe, die ihn immer wieder aus den Händen ſeiner Verfolger und aus den Gefäug⸗ niſſſen, in die er gerathen, befreiten. Letzteres namentlich ergötzte Liſten ganz vor⸗ nehmlich und er und ſeine Begleiter begannen nun ihrer Seits dem guten, treuherzigen Wirthe viel von den Thaten der Nickel Liſt'ſchen Bande zu er⸗ zählen, wobei freilich manche Fabeln mit unter liefen. 4 Lorenz Schön, ſchon ziemlich berauſcht, behaup⸗ * tete gegen den Wirth: Nickel Liſt oder einer ſener 217 Leute ſei im Stande, ihm vor ſeinen Augen die beſtens bewachte Sache zu nehmen, ohne daß er es eher gewahr würde, als bis es zu ſpät ſei. Das kam natürlich dem Wirth unglaublich vor, er vermaß ſich hoch und theuer, daß dies nur bei einem dummen und liederlichen Menſchen geſchehen könne, Lorenz Schön behauptete, daß dies ihm grade ſo gehen würde und wenn er ſich auf den Gegen⸗ ſtand ſelber lege. Der Wirth zweifelte deſto mehr, Lorenz Schön bot ihm eine Wette hierüber anz er meinte:„Nickel Liſt hat überall ſeine Spione und Aufpaſſer, er wird darum auch von unſrer Wette hören. Es gilt den Verſuch!“ „Es gilt,“ meinte der Wirth.„Ich wette um 10 Goldgülden, daß dies bei mir unmöglich iſt!“ Beide ſchlugen ein und die Wette war nun guͤltig. „Aber um was ſoll es ſich handeln?“ fragte Lorenz Schön. „Um mein Pferd, das im Stalle ſteht,“ ent⸗ gegnete der Wirth. „Guüt, ich gebe Euch mein Wort, bis über acht Tage iſt Euer Pferd in den Händen Liſt's oder eine ſeiner Leute!“ 218 Nachdem noch ein danges und Breites hierüber geeſprochen worden war, verließ Liſt mit ſeinen Be⸗ gleitern das Wirthshaus. Nach ihrer Entfernung zankte die Wirthin heftig mit ihrem Manne über dieſe Wette, die ſie leichtſinnig nannte.„Man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen,“ ſagte ſie,„und wer weiß, wer Deine Gaſte waren; ſie ſahen zwar recht pepetirlich aus, aber deshalb iſt es noch nicht ausgemacht, daß ſie am Ende nicht ſelber zu den Ranbeme hörten!“ 4 „Das gilt mir gleich,“ erwiederte der Wirth, einer allein beſtiehlt mich nicht. Ich werde mich wohl vorſehen und noch heute Nacht verſchließe und verrammle ich den Stall, ſo daß es nicht moͤglich — iſt, ohne Geräuſch denſelben zu öffnen!“ Nach einigen Stunden erhielt der Wirth einen — Brief, worin ihm angezeigt wurde von einem Raäuber,— es war dies Lorenz Schoͤn, der ſchnell — ſeine Wette gewinnen wollte— er werde noch dieſe Nacht kommen und ihm ſein Pferd aus dem Stalle holen. Dem Wirthe kam dieſes freche Unterfangen grade recht und er beſchloß, den Plan des Räubers durch ungewöhnliche Wachſamkeit zu vereiteln. 1 . 8 3 5 „ Ser Irl] ieb ſerded Lit uler Verd aum 22 . — —— — 1— — ₰, 219 Mit einbrechendem Abend legt er ſich daher quer vor den Stall, ſo daß das Pferd über ihn weggehen mußte, verrammelt und verbarrikadirt den Stall und beſchließt, kein Auge zuzuthun. Aber bald umfängt ihn ein feſter Schlaf; der Dieb ſtellt ſich ein, zieht den Wirth an den Beinen von der Schwelle weg, geht in den Stall und holt das Pferd heraus, ohne daß der Beſtohlene erwacht wäre. Das wird dem Räuber doch ſelber zu arg. Wie er im Sattel ſitzt, nimmt er eine Piſtole und ſchießt ſie vor des Wirthes Ohren ab. Da erwacht denn endlich der Schläfer und er ſieht den Andern noch höſlich grüßend mit ſeinem Pferde davonreiten. Der Wirth rief:„Verdammter Pferdediebl“*) und 8 eilt ihm nach, aber obgleich Jener gemächlich die Straße entlang trabt, kann er ihn doch nicht er⸗ reichen zund wird ſo zwei Meilen weit gelockt. Da wird dem Lorenz Schön das Ding endlich zu lang⸗ weilig, er giebt dem geſtohlenen Pferde die Sporen, jagt davon und läßt den Beraubten mit offenem Munde und mutterſeelenallein auf ben Landſtraße ſtehen. *) Siehe die Abbildung in dieſem 8 efte. Unterdeſſen hatten mehrere Genoſſen des Räu⸗ bers ſich vor der Schenke eingefunden, mit Leichtig⸗ keit nach ihrer gewohnten Art die Schlöſſer geöffnet und weckten nicht ohne Mühe die ebenfalls äußerſt feſtſchlafende Wirthin. Sie drangen nun in ſie, ihnen die zehn Goldgülden auszuzahlen, da ihr Mann die Wette verloren habe und das Pferd vor ſeinen Augen geſtohlen worden ſei. Sie zogen nicht eher von dannen, als bis ſie das Geld ausgezahlt bekommen hatten. 3 Der Wirth kehrte endlich müde und ärgerlich nach Hauſe zurück; für die Vorwürfe ſeiner Frau brauchte er nicht zu ſorgen, denn die kamen ſelber ſo ſtark und unausgeſetzt, wie kleines Geſchützfeuer. Der Wirth hatte alſo ſein Pferd eingebüßt und die zehn verwetteten Goldgülden und hatte noch obendrein die Vorwürfe ſeiner Frau zeitlebens mit anzuhören. Um den lodtenähnlichen Schlaf des Wirthes und der Wirthin zu erklären, ſei hier nebenbei kurz erwähnt, daß, während Lorenz Schön noch mit jenem über ſeine Wette disputirte, Schwarz Gele⸗ genheit gefunden hatte, den beiden Wirthsleuten ein Schlafpulver in ihr Getränk unvermerkt hineinzu⸗ ſchütte— XXVIII. Die Jagd. 28. Wem Räuber nach Raub begierig nah'n, Dem bleibt nicht das goldne Geſchmeide, Nicht die perlengeſtickte Seide. Joh. Aug. Apel. Der alte Jäger Martin war auf die Jagd gegangen, ſeinen vortrefflichen Hetzhund an der Seite. Er durchſtreifte heute mürriſch ſein Revier, denn ſeiner Frau Benehmen gefiel ihm ſeit einiger Zeit gar nicht mehr recht; ſie war ganz gegen ihre ſonſtige Gewohnheit launiſch und unfreundlich ge⸗ gen ihn; es gab daher auch öfters Wortwechſel und im Aerger darüber floh dann der Jäger in den Wald, wo er oft ganze Tage zubrachte. Er war diesmal nicht lange gegangen, da hörte er von Ferne einen Schuß. Das fiel ihm 222 auf, denn hier in ſeinem Reviere war Niemand weiter berechtigt zu jagen, als er und der Herzog mit ſeinem Gefolge. Der Schuß konnte alſo von Niemanden anders als von einem Wilddiebe her⸗ rühren. Dieſe Entdeckung brachte das Blut des Jägers in Aufregung, denn die Wilddieberei iſt nun einmal der Aerger der Jäger. Ohne ſich erſt lange zu beſinnen, ging er ſogleich mit geſpanntem Hahn an der Flinte auf die Stelle zu, wo der Schuß gefallen war. Es dauerte auch nicht gar lange, ſo traf er auf zwei junge Herren, die eben mit der Jagd eifrig beſchäftigt waren. Der Jäger Mariin ſchrie ihnen zu, anzuhalten und ihm Rede zu ſtehen; dabei richtete er ſeine Flinte auf ſie und drohte, im Weigerungsfalle, auf ſie augenblicklich 8 un ſchießen. Ddie beiden Wilddiebe ſahen ſi 9 eine Weile unſchläſſ ig an, und beſonders der Eine von ihnen ſchien nicht übel Luſt zu haben, Gewalt mit Ge⸗ walt zu erwiedern; doch der Andere rieth ihm da⸗ von ab:„Um Gotteswillen, laß ab von Deinem Vorſatze, Franz,“ ſagte Letzterer zu jenem,„wir können mit unſrem Widerſtande hier nichts gewin⸗ nen denn ſelber ein Sieg müßte immer das Leben 3 8 223 des armen Jägers koſten, und käme uns jedenfalls theuer zu ſtehen. Darum rathe ich, wir ergeben uns gutwillig, wir wollen verſuchen, dem alten Jä⸗ ger auf eine andere Art zu imponiren, ſo daß er uns nicht nur in Frieden läßt, ſondern uns ſogar noch unter vielen Entſchuldigungen ſelber zur Fort⸗ ſetzung der Jagd einladet!“ „Aber wie willſt Du dies bewerkſtelligen?“ fragte der Andere. „Laß mich nur machen, ich habe ſo mein eig⸗ nes Plänchen. Nur verdirb mir ſolches nicht!“ „Da bin ich wahrhaftig ſehr neugierig!“ „Nun, die Sache iſt ganz einfach: wozu haben wir denn unſere Würde, wenn ſie uns nicht ein Mal aus einer ſolchen Verlegenheit heraus helfen ſolll— wir ſind nicht umſonſt Herzöge—„ „Gut, herrlich!“ rief lachend der Andere. „Jetzt begreife ich Dich.— Ja, ja, das muß hel⸗ fen!“ Er nahm nun ſeine Flinte, die er zur Ver⸗ theidigung ſeinerſeits ebenfalls gegen den Jäger angelegt hatte, herab, und beide riefen nun dem Jäger Martin zu: Was er wolle; wenn er mit ihnen etwas zu ſchaffen Pabe, ſolle er zu ihnen kommen! —/Uꝙ 3 Herzog!“ Dies ließ ſich Martin nicht zwei Mal ſagen. Es war ihm erſt, als er auf energiſchen Widerſtand zu ſtoßen fürchten mußte, gar nicht wohl zu Muthe geweſen; aber jetzt, wo die Wilddiebe allen Wider⸗ ſtand aufzugeben ſchienen, da wuchs ihm wieder der Muth, er ſetzte ſich in Poſitur und ſchritt im Ge⸗ fühle ſeiner Würde als herzoglicher Jäger ſtolz und übermüthig auf die beiden Wilderer zu. Als er bis zu ihnen heran gekommen war, fragte der Eine: „Was ſteht in Eurem Wunſche, Jäger?“ „Da könnt Ihr auch noch fragen?“ antwortete Mariin, entrüſtet über die Frechheit der Wilddiebe, welche glaubten, daß ſie ganz in ihrem Recht wären und ſtatt ihm gute Worte und was noch beſſer iſt — ein gutes Trinkgeld zu geben, damit er ſie un⸗ gepfändet ziehen laſſe, ihn noch fragen konnten, was er von ihnen wolle. „Warum nicht?“ meinte lächelnd der Wilderer. „Ihr ſeid von mir auf meinem Reviere auf 6 Wn chere betroffen worden, und auf dieſen Frevel ſteht das Zuchthaus, was Ihr wohl ſo gut wiſſen werdet, als ich! Das iſt des Herzogs Wald und hier hat Niemand zu jagen, als ich und der 225 „Nun, beruhigt Euch, Alter, und werdet nicht ſo böſe; der Herzog, wenn er es erführe, daß wir hier jagten, würde ſich nur darüber freuen und auf der Stelle ſich uns anſchließen; das könnt Ihr verſichert ſein!“ 8 „Oho,“ verſetzte höhniſch der Jäger,„das heißt ſo viel mit andern Worten als: Ihr müßt es Euch noch für eine große Ehre ſchätzen, daß wir hier jagen, und Euch dafür bedanken, wenn wir Euch befehlen, Euch uns anzuſchließen und erlauben, uns Wilddieben die wildreichſten Flecke zu zeigen!“ „Eure Ueberſetzung iſt nicht ſchlecht,“ lachte Franz,„nun ja, Ihr habt auch ganz recht, das iſt das, was ich Euch ſagen wollte! Seid ſo gut und begleitet uns auf die Jagd, wir ſind hier fremd und Ihr hier ſo bekannt, wie zu Hauſe; da kann es nicht fehlen, daß wir eine gute Jagd heute machen 3 Das war aber doch zu viel für den alten Jäͤger. „Ihr Unverſchämten,“ ſchrie er den Wilderern zu, „glaubt Ihr, einen herzoglichen Beamten bei Aus⸗ übung ſeiner Pflicht noch verſpotten zu können?! Das ſoll Euch theuer zu ſtehen kommen!“ Und bei dieſen Worten riß er den beiden auf der Th hat er⸗ tappten Wilderern die Flinten aus der Hand. Nickel Liſt. 8. Lieferung. 15 226 Der mit dem Namen Franz früher von ſeinem Begleiter Angeredete erſchrak und ſtutzte, der Andre aber verlor keinen Augenblick ſeine Faſſung, ſondern wandte ſich mit Würde an den zornigen Forſtmann und ſagte mit wegwerfendem, ſtolzen Tone:„Die Flinten werdet Ihr uns binnen Kurzem ſelber wie⸗ derbringen!“ Der Ton des Fremden und die Zuverſicht, mit der er die letzten Worte geſprochen hatte, im⸗ ponirten dem Jäger einigermaßen; bald aber be⸗ hielten doch Zorn und Entrüſtung in ſeinem Ge⸗ müthe die Oberhand und er antwortete:„Damit hat es gute Wege; Herr, wer ſeid Ihr, daß Ihr mir ſo eine Zumuthung nur machen könnt?“ „ Elender Forſtklepper,“ fuhr ihn jener an, „ſiehſt Du es uns nicht ſogleich auf den erſten Blick an, welches Standes wir ſind?!— Dein Herzog wird Dir ſeinen Zorn nicht wenig fühlen laſſen, wenn er erfährt, was für eine grobe Behandlung ſeine Gäſte in ſeinen Forſten von einem ſeiner un⸗ terſten Diener erleiden mußten!“ Das war dem Förſter zu viel; jetzt glaubte er ſelber, einen Bock geſchoſſen zu haben, und das keinen kleinen. Verlegen und mit großer Unter⸗ 227 würfigkeit bat er nochmals um die Namen der fremden Herren. „Ich bin der Herzog von Lichtenhayn,“ ſagte jener,„und mein Begleiter hier iſt der Herzog von Ziegenhayn!“ Der Jäger wollte vor Schreck faſt auf den Boden ſinken; er bat demüthigſt tauſendmal um Verzeihung, gab den Beiden die Flinten zurück und bat um die Gnade, als Zeichen ihrer Verzeihung ſie auf der Jagd begleiten zu dürfen. Da lachten Beide laut auf und der Herzog von Lichtenhayn meinte:„Habe ich Dir's nicht vor⸗ raus geſagt, daß es ſo kommen werde?!“ „Achl ja, Durchlaucht,“ ſtotterte Martin,„aber wie konnte ich ahnen, daß mein Forſt ſolche hohe Herrſchaften beherberge. Ich bitte inſtändigſt viel hundertmal um Verzeihung!— Zürnen Sie mir nicht länger, meine hohen Herren!“— „Schon gnt, Alter,“ verſetzte der Lichtenhayner, „wir zürnen Dir nicht! Du haſt brav gehandelt, und ganz Deiner Pflicht gemäß; wir werden Dich Deinem Herzoge als einen pflichttreuen, entſchloſſenen Diener zu rühmen wiſſen!— Nun zum Zeichen, 15 ⁸ 228 „ daß wir wieder gute Freunde find, magſt Du uns auf die Jagd begleiten!“ Martin war entzückt über die übergroße Huld und Güte der hohen Herren und fühlte ſich nicht wenig ſtolz, ſie auf die Jagd begleiten zu können. Die jungen Herren waren ſehr herablaſſend gegen ihn und ſcherzten viel mit ihm. So vergingen etwa zwei Stunden. Da ließ ſich in der Ferne der Klang von Jagdhörnern ver⸗ nehmen. Die Töoͤne kamen immer näher. Martin horchte verwundert auf.„Das muß der Herzog von Weimar ſelber ſein, der mit ſeinem Jagdge⸗ folge hier jagt,“ ſagte er.„Erlaubt, daß ich ihm entgegeneile; doch es wäre wohl beſſer, wenn die ohen Herrſchaften mich dahin begleiten wollten; der Herzog würde über dieſes Zuſammentreffen gewiß eine große Freude haben!“ Da ſah der Herzog von Ziegenhayn den Herzog poon Lichtenhayn mit einem Blicke an, der eine große Verlegenheit ausdrückte; er ſagte leiſe zu ihm:„Das wird eine ſchöne Geſchichte geben, wenn wir nur erſt glücklich wieder aus dem Walde hinaus und wohlhehalten in unſrer Studirſtube in 229 Jena waͤren!— der Spaß wird uns ſchlecht be. kommen!“ „Still, laß Dir nur jetzt nichts merken,“ u⸗ ſterte ihm der Andere zu;„Zeit gewonnen, alles gewonnen. Haben wir uns einmal in dieſe Falle begeben, müſſen wir auch ſehen, wie wir wieder herauskommen!“ Hierauf wandte er ſich an den auf Antwort wartenden Jäger und ſagte: „Schon gut, Alter, immer eile voraus zu Deinem Herzoge, wir werden hier warten, bis ſich die Jagd hierherzieht; doch melde ihm nichts von unſerm Hierſein, wir wollen ihm eine angenehme Ueberraſchung bereiten.“ „Gut, ich verſtehe!“ verſetzte der Förſter und eilte der Gegend zu, woher die Töne der Wald⸗ hörner immer näher und näher kamen und erklangen. Als der Jäger im Dickicht verſchwunden war, meinte der Lichtenhayner:„Nun gilt es ſchnell ſein; wir wollen Ferſengeld geben und auf jene Seite rechts uns wenden. Nur die ſchleunigſte Flucht kann uns retten!— Wenn uns das Jagdgefolge des Herzogs in die Hände oder gar nur zu Geſicht bekommt, dann ſind wir verloren, denn die Jagd⸗ geſetze ſind hier zu Lande ſehr ſtreng!’¹“ 230 Und Beide verſchwanden ſeitwärts im Walde, ihr Heil in der Flucht ſuchend. Die Jagd hatte ſchon ſeit langer Zeit begonnen, die bald untergehende Sonne verbreitete an dem Horizonte ihren glühenden Schein; das dichte Laub der jungen Eichen und die hohen Stämme der Tannen ſchienen auf einem Hintergrunde von glän⸗ zzendem Kupfer hervorzutreten. Inmitten eines, durch den üppigen Wuchs von Waldkräutern, Him⸗ beer⸗, Brombeer⸗ und anderem Geſträuche noch un⸗ durchdringlicher gemachten Dickichts befand ſich eine hier und da mit grauen und bemoosten Felſenblöcken bedeckte Lichtung. Dorthin eilte Martin, weil er hier am erſten hoffen durfte, den Jagdzug zu treffen, ſa dieſe Stelle bei den fürſtlichen Jagden gewöhnlich nicht unbeſucht blieb und ſchon zu öfteren Malen azur Lagerſtätte für die Mittags⸗, Frühſtück⸗, oder I hendtaſel gedient hatte. Es herrſchte hier eine ergreifende Stille. Dieſe 4 tiefe Stille der Einöde wurde jetzt in ſeltenen Zwi⸗ ſchenräumen nur durch das dumpfe Rauſchen der von plötzlichen Windſtößen geſchüttelten Tannenzweige oder durch das immer mehr herannahende Geſchmet⸗ 4 ter der Waldhörner unterbrochen. 231 Das Geheul der Meute, das Schmettern der näher kommenden Waldhörner erſcholl immer heller, je mehr ſich Martin dieſer Stelle näherte. Von Zeit zu Zeit vereinigten ſich damit das Geſchrei und die den Treibern zu Signalen dienenden Rufe, welche von drei verſchiedenen Seiten herankamen. Es dauerte auch nicht mehr lange, ſo traf Martin an dieſer Stelle auf einen Theil des Jagd⸗ gefolges, dem kurz darauf der Herzog ſelber folgte. „Ei ſieh da, unſer alter Martin,“ rief der Herzog dem Jäger zu, als er ihn bemerkte.„Wir haben Euch heute eine Ueberraſchung zugedacht, indem wir Euch von der beabſichtigten Jagd nichts vorher melden ließen!— Doch haben wir ſchon zwei Freunde vorausgeſchickt, um Euch hierher zu uns zu laden. Nun, wie ich ſehe, dieſe haben Euch getroffen, und Euch unſern Willen kundgethan, deswegen ſehen wir Euch ſchon hier. Sie müſſen aber gewaltig raſch geeilt ſein, ſonſt wäre es doch bei der Kürze der Zeit nicht möglich, daß Ihr ſchon hier wäret!— — Doch wo ſind unſre beiden Vorausgänger?“ „Verzeiht, Durchlaucht,“ erwiederte verlegen Martin,„Ihr meint die beien Herzöge von eic⸗ tenhayn und Ziegenhayn—“ 232 Lachend unterbrach ihn der Herzog:„Was ſchwatzt Ihr da, Alter?— von einem Herzog von Ziegenhayn und Lichtenhayn habe ich in meinem ganzen Leben nichts gehört!“ Später, als er ſich von ſeinem Lachen etwas erholt hatte, fuhr er fort: „Alter, Du haſt doch nicht zu tief ins Weinglas geguckt und Dir ſchon bei Zeiten ein Räuſchchen getrunken, daß Du unſre Jagdjunker, die Dir ſehr wohlbekannten jungen Herrn von Seehauſen und Bodelſchwing für fremde Herzöge angeſehen haſt?““ „Durchlaucht wollen gütigſt verzeihen,“ ant⸗ wortete der alte Forſtmann,„ich habe noch keinen Schluck heute getrunken unb bin noch ſo nüchtern wie ein neugebornes Kind—“ „Das iſt freilich ein Malheur,“ fiel ihm der erzog in die Rede, wandte ſich an einen Diener befahl dieſem:„Kurt, gieb unſerm alten Jäger rtin einen tüchtigen Schluck Wein, damit er Z und Zunge damit labe und dann ſeine ſonder⸗ bare, räthſelhafte Geſchichte erzäͤhle, die ſehr pikant zu werden verſpricht— wie es nach allen Anzeichen ſeinte Martin ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, er⸗ zrif mit Haſt nud Gier die ihm dargereichte Flaſche 233 82 und that einige herzhafte Züge daraus, zum gro⸗ ßen Ergötzen der Jagdgeſellſchaft. Als er ſich da⸗ mit gelabt hatte, ſagte er:„Ich muß Euer Durch⸗ laucht feſt verſichern, daß ich die gnädigen Herren von Seehauſen und Bodelſchwing nicht getroffen habe, dafür aber ſtieß ich, als ich im Walde ſo herumſchlenderte, auf die beiden Herzöge von Lich⸗ tenhayn und Ziegenhayn! Ich wollte ſie gleich mit hierher bringen, weil Euer Durchlaucht gewiß über dieſes Zuſammentreffen große Freude würden gehabt haben, aber ſie meinten, ich ſollte nur immer vor⸗ ausgehen und ſie bei Euch anmelden, mein Herzog!“ „Hm,“ meinte dieſer,„meine Freude über dieſe ſauberen Herren iſt grade nicht die größte, und kenne ich dieſelben gar nicht;— ich kenne wohl zwei Dörfer in der Gegend von Jena, vie dieſe Namen führen, aber dieſe gehören mir. Ich be⸗ greife dieſe Sache noch gar nicht recht! Was meint 8 Ihr dazu, Oberforſtmeiſter?“ „Dieſe Sache iſt ganz einfach; es ſind zwei Wilddiebe, auf die der Jäger Martin geſtoßen iſt, und um ſich vor den ſchweren Folgen ihres Wild⸗ frevels zu ſichern, haben ſie ſich für ein Paar hohe Herren ausgegeben und ſo den alten Martin ge⸗ täuſcht!“ antwortete dieſer. „Ja, Ihr könnt Recht haben, ſo wird es auch ſein,“ verſetzte der Herzog.„Herzog von Lichtenhayn und Herzog von Ziegenhayn—— dieſe Würde hat es im Leben nie gegeben! Ich möchte ſchon dieſe Vöglein kennen lernen!“ „Dazu, geſtrenger Herr, glaube ich Euch den Schlüſſel bieten zu können,“ verſetzte ein wohlge⸗ nährter, lebensluſtiger Profeſſor aus Jena, der in beſonderer Gunſt beim Herzog ſtand und heute die Feder und das Collegienheft mit der Flinte und dem Jagdhorn vertauſcht hatte. „Nun, ſo gebt ihn her, ich bin ſehr piquirt darauf!“ erwiederte der Herzog. . Der Profeſſor erzählte nun nicht ganz ohne 4 den gewohnten Kathederton:„Die Studenten in Zena haben zu ihrer Beluſtigung und Erheiterung in den nahen Dörfern um Jena herum eine gewiſſe Anzahl Fürſten⸗ und Herzogthümer errichtet, dar⸗ unter befindet ſich auch das Herzogthum Lichtenhayn und das Herzogthum Ziegenhayn. Das ſind aber ſogenannte Trink⸗ oder Saufherzogthüͤmer. Der beſte Trinker wird Herzog und bildet ſich aus ſei. 4 4 e.“. 8 235 nen Commilitonen ſeinen Hofſtaat. Den Thron bil⸗ det eine Tonne und es gibt dabei noch eine Menge ſolcher närriſcher Dinge!“ „Aha, ich begreife,“ meinte der Herzog.„Es ſind die vom Jäger Martin betroffenen Herzöge von Ziegenhayn und Lichtenhayn alſo weiter nichts als zwei Studenten, die ſich dieſe Würde durch tüchtiges Trinken unter ihres Gleichen erworben haben!“ „Ja, ſo wird es ſein!“ ſagte der Profeſſor. „Dieſe Frechheit der beiden Studenten verdient die ſtrengſte Züchtigung,“ fiel der Oberforſtmeiſter ein.„Wilddieberei von ſolchen Herren getrieben, die künftig über die Beobachtung der Geſetze wachen ſollen, muß eine exemplariſche Strafe nach ſich ziehen!“ „Durchlaucht wollen dies nicht aus einem ſo ſtrengen Geſi chtspunkte betrachten; es iſt eine Un⸗ beſonnenheit von den jungen Leuten— ein Jugend⸗ ſtreich!“ wandte der Profeſſor ein. „Nun wir werden ja ſehen,“ verſetzte der Her⸗ zog.„Vorerſt gelüſtet uns, die Bekanntſchaft die⸗ ſer Herren zu machen!“ „ Das wird leicht ſein,“ meinte der Jäger Martin,„ſie befinden ſich nicht gar weit von hier!“ “ 236 „Ja, da verließeſt Du ſie,“ ſprach lächelnd der Herzog.„Alter Narr, glaubſt Du denn, daß dieſe beiden leichten Vögel ruhig dort werden abwarten, bis wir ſie einfangen. Die ſind ſonder Zweifel ausgeflogen und ſuchen das Weite, um vor uns in Sicherheit zu kommen. Ich will und muß ſie aber kennen lernen!“ Er befahl nun einer großen Anzahl von den Jägern, ſich zu zerſtreuen nach der Gegend hin, wo die beiden Wilddiebe ihre Flucht mußten zu bewerk⸗ ſtelligen ſuchen, und beide feſtzunehmen, aber an⸗ ſtändig und dem von ihnen fälſchlicherweiſe ange⸗ nommenen Range gemäß zu behandeln und vor ihn zu führen!“ Seine Befehle wurden auf das Pünktlichſte und mit dem größten Eifer vollzogen; es begann aaach allen Seiten hin eine wahre Hetzjagd nach den beiden Wilddieben, die ſich durch die ſchleunige Flucht voor den üblen Folgen irer Thorheit zu retten ver⸗ ſucht hatten. Mehrere Stunden dauerte dieſe ſeltſame Men⸗ ſchenjagd, ohne zu irgend einem Reſultate zu füh⸗ ren; die beiden Wilddiebe waren und blieben ver⸗ ſchwunden und weder im Walde, noch außerhalb deſſelben war eine Spur von ihnen zu entdecken geweſen. Unmuthig kehrten alle wieder zum Her⸗ zoge zurück, der über dieſe Erfolgloſigkeit ebenfalls ſehr ungehalten wurde. Werfen wir nun einen Blick auf die beiden Flüchtlinge. Aus Leibeskräften ſuchten ſie das Ende des Waldes zu erreichen, aber wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich zu gehen pflegt, ſo geriethen ſie nur immer tiefer in das Dickicht hinein. Franz trat bei einem Sprunge plötzlich auf eine Stelle, die unter ſeinen Füßen nachgab. Er kam zu Falle und hierbei bemerkte er zu ſeiner großen Freude ein ſehr günſtig gelegenes Verſteck, das wohl ſonſt Räubern oder Wilddieben zur Zuflucht gedient ha⸗ ben mochte. Die beiden Studenten waren ſogleich entſchloſſen, ſich dieſes günſtig gelegenen Verſtecks zu bedienen. Es befand ſich nämlich dieſes in einem dichten Gehölze und war eine Art von Erdhöhle. Die ſchmale Mündung derſelben war durch dickes Ge⸗ ſträuch verborgen. Nach derſelben kam eine beweg⸗ liche Fallthüre, welche die Höhle ſelber verſchloß und die aus dicken Tannenknuͤppeln beſtand und mit mooſigen, mit Erde verkitteten Steinen bedeckt war, 138 — in welchen dichtes Dornengeſtrüpp ſeit langer Zeit Wurzel geſchlagen hatte. Dieſe Höhle war für einen in das Geheimniß Uneingeweihten unmöglich zu entdecken; nur ein günſtiger Zufall zeigte ſie den beiden flüchtigen Stu⸗ denten, die ohne dieſe rettende Zuflucht ohne Zwei⸗ fel in die Hände ihrer Verfolger gefallen wären. Die beiden Flüchtlinge krochen alſo in dieſe Erd⸗ höhle, die, je weiter ſie hineinkamen, auch deſto geräumiger wurde und weit hinein in die Erde ging. Hier nahmen ſie ihre Zuflucht und, ſich für gerettet und geborgen haltend, warteten ſie ruhig, bis die Jagd vorüber ſein würde, um ſich dann ungefährdet nach der Muſenſtadt wieder zurückzu⸗ begeben, mit dem feſten Entſchluſſe, ſich nie mehr in eine ſolche Gefahr zu begeben und die herzog⸗ lichen Forſten mit ihren Jagdliebhabereien für die Folge zu verſchonen. Mehrere Stunden waren vergangen, die Jagd tönte nur bisweilen ganz aus der Ferne her in dieſes unterirdiſche Verſteck. Da begann ſich end⸗ lich das bis dahin verworrene Schmettern der Jagd⸗ hörner immer mehr zu nähern. Es ließ ſich der Galopp von Pferden und Hundegebelle deutlich 239 und immer näher und deutlicher vernehmen. Immer näher tönte das Gebell der Meute und bald er⸗ ſchollen die Jagdhörner in mächtigen Accorden in⸗ mitten dieſer großen, ſchweigenden, weithin wieder⸗ hallenden Wälder. Plötzlich trug ein Windſtoß ein verworrenes Geräuſch von Rufen und von Stim⸗ men herbei, die zu gleicher Zeit von verſchiedenen Seiten näher kamen. Es blieb alſo kein Zweifel übrig, daß ſich die Jagd hierher näherte und wohl ſogar bis auf dieſe Stelle ziehen würde. Nicht lange darauf folgte dem Krachen der Zweige das Geräuſch eines leichten Galopps, und ein ungeheuerer Fuchs mit rothfalbem Pelze, mit ſchwarzen Pfoten und Ohren, drang eilig in die Lichtung nach der Gegend, wo ſich die Höhle be⸗ fand. Das Thier rieſelte und träufte von Waſſer; denn es war ſoeben durch einen Teich geſchwommen, um die es perfolgenden Hunde von ſeiner Fährte abzubringen. Seine Liſt war ihm gelungen, denn, einen Augenblick lang dieſem Orte des Waldes ge⸗ nähert, entfernte ſich, ſeine Spur verloren habend, die Meute von ihm, wie es ihr immer dumpferes, ferneres Bellen anzeigte. 240 Die Flüchtlinge, als ſie dies bemerkten, ath⸗ meten freier auf, denn es war ihnen gar nicht wohl zu Muihe bei der Entdeckung, daß ſich die ganze Jagd ihrem Verſtecke näherte; wie leicht konnte nicht ein gleicher Zufall, wie ihnen, ſo auch den Jägern ihr Verſteck verrathen. Der Fuchs fing auch an, etwas freier zu ath⸗ men. Er keuchte athemlos von der blitzſchnellen Flucht und ſeine rothe, trockne Zunge hing aus ſeinem offenen Rachen heraus; ſeine gruͤnlichen Augen funkelten, während ſeine herabhängenden Ohren, ſein ſchleppender Schwanz und ſeine klopfen⸗ den Weichen von der Schnelligkeit ſeines Laufes und von der Erſchöpfung ſeiner Kräfte Zeugniß gaben. Einen Augenblick lang blieb der Fuchs ſtehen, ſuchte den Wind, indem er ſeine ſchwarze Schnauze von einer Seite nach der andern wandte, dann ſchien er während einiger Augenblicke nach der Abendſeite mit eben ſo vieler Aufmerkſamkeit als Angſt zu horchen. Doch er hörte nichts, das Ge⸗ bell der jetzt durch ſeine glücklich gelungene Liſt gänzlich irre geführten Meute hatte aufgehört.— Da er ſo einige Minuten von den auf ſeine Ver⸗ folgung erbitterten Hunden voraus hatte, ſo ſchöpfte — 4 3 241 das gejagte Thier wieder Athem, legte ſich mit vorgeſtreckten Pfoten, den Kopf platt auf den Boden und den Rachen halb offen, nieder; ohne die be⸗ ſtändige, faſt krampfhafte Bewegung ſeiner Ohren, die immer bereit waren, den geringſten Ton auf⸗ zufangen, hätte man es für todt halten können. Durch ein Paar kleine Luftlöcher ſahen die in der Höhle Verſteckten dies mit an, ſie konnten Alles genau beobachten, und es war ihnen dieſe Beob⸗ achtung um ſo wichtiger, als ſie daraus auf die Annäherung oder Entfernung der Jagd ſchließen konnten. Die beiden Zuſchauer konnten jedoch von dem Fuchſe nicht gewittert werden, da ſich ihr Ver⸗ ſteck einige Schritte weit von dem Thiere und unter dem Winde befand. Der Fuchs erſchien ihnen als ein Bote, der ihnen ihre Errettung oder Entdeckung verkünden ſollte. 4 Deshalb haben auch wir uns hier näher und ausführlicher bei dem Gebahren dieſes Fuchſes verweilt. 1 Plötzlich richtete ſich der Fuchs wieder ſhnel auf ſeine vier Pfoten auf, gleichſam als wenn er durch eine Sprungfeder aufgeſchnellt worden Nickel Liſt. 8, Lieferung. 16 242 wäre; er hielt ſeinen keuchenden Athem an, deſſen geräuſchvolle Stöße das zarte Auffaſſen ſeines Ge⸗ höres hinderten, und horchte aufmerkſam nach der GSegend der Jagd hin. Dieſe, in ihren launigen Bewegungen und Wechſelungen, in ihrem plötzlichen und ſchnellen Umkehren, näherte ſich von Neuem der Lichtung; diesmal begleitete das Schmettern der Hörner das Geheul der Meute. In dieſem gefährlichen und verhängnißvollen Augenblicke verſuchte das erſchöpfte Thier, indem es ſich ſeinem Ende nahe fühlte und ſeinen Tod faſt unvermeidlich vor Augen ſah, eine letzte An⸗ ſtrengung, eine letzte Liſt, um die Meute nochmals irre zu führen und ihr zu entrinnen. Es durchlief die Lichtung nach allen Richtun⸗ gen, indem es die Spur ſeiner Schritte verdoppelte, und ſie in ein dermaßen unentwirrbares Netz kreuzte, daß es den Hunden unmöglich werden mußte, ſich heraus zu finden; dann, ſich zuſammennehmend, ſprang es mit einem erſten ungeheuren Satze aus der Lichtung in den jungen Schlag, und fiel in die Mitte der Felſen, faſt auf die mit Steinen und Dornen bedrc Balihäre, welche den Eingang zur 4 4 243 unterirdiſchen Höhle verbarg! Hierauf, ſeine Pfoten kaum auf das Moos der Felſenſtücke ſetzend, erreichte es mit einem zweiten verzweifelten Satze, einem zum Mindeſten ſechs Fuß weiten Sprunge das größte Dickicht, that daſelbſt noch drei bis vier über⸗ mäßige Sprünge und begann dann mit der ganzen Schnelligkeit ſeiner, durch die Ermüdung und durch ihr Untertauchen im kalten, friſchen Waſſer ſteif gewordenen Glieder zu entfliehen. Zufolge des wunderbaren, allen gejagten Thie⸗ ren eigenthümlichen Erhaltungs⸗Inſtinctes unterbrach der Fuchs durch dieſe ungeheuren und kurz auf einander folgenden Sprünge, in einem Kreiſe von dreißig bis vierzig Schritten, die Fährte von ſcharfen und durchdringendem Geruche, welche ſeine Füße mit ihren Eindrücken auf dem Boden zurückließen, ſtarke Ausdünſtungen, ſcharfe Loſungen, wie es die Jäger nennen, welche, die feine Naſe der Hunde ergreifend, ſie allein in ihrer Verfolgung zu leiten pflegen. Sobald der Fuchs verſchwunden, verließ einer der beiden in der Höhle Verſteckten ſchnell dieſe, eilte in die Lichtung, bückte ſich auf den Boden und durchwanderte ihn mit forſchendem Auge. Sowie 16* 244 er die friſchen Pfoten des Fuchſes erkannte, beeilte er ſich ſogleich, unter ſeinem Fuße dieſe Spuren überall verſchwinden zu laſſen, wo ſie ſich befanden, indem er auf dieſe Weiſe nicht allein den Eindruck, ſondern auch den durch das Vorüberkommen des Thieres verurſachten Geruch zerſtörte und dadurch noch der Flucht und der Liſt des Fuchſes zu Hilfe kam, oder vielmehr indem er vor Allem die Hunde und dem zu Folge die Jäger, von dieſem ſeiner Höhle ſo benachbarten Orte entfernen wollte. Das Geheul der Meute, das Schmettern der näher kommenden Waldhörner erſcholl immer heller; von Zeit zu Zeit vereinigten ſich damit das Geſchrei und die den Treibern zu Signalen dienenden Rufe, welche von drei verſchiedenen Seiten zu hören waren. Immer mehr entſetzt über dieſes drohende Herannahen drang der kühne Flüchtling auch bis in den jungen Schlag, durch welchen der Fuchs in die Lichtung gelangt war, und erkannte dort noth⸗ wendigerweiſe gleichfalls die Spuren des Thieres. Nun verwiſchte er, wie er es bereits dort gethan hatte, auch hier unter ſeinen Füßen dieſe Eindrücke, ungefähr zweihundert Schritte weit, bis zu einem ungeheuren umgeworfenen Baumſtamme, den der — 3 ——— 245 Fuchs ohne Zweifel erklettert hatte. Nun überzeugt, daß dieſe weite Unterbrechung der warmen und ſcharfriechenden Fährte, welche der Fuchs hinter ſich zurückgelaſſen und die, wie wir ſchon bemerkt, allein die Meute bei ihrer Verfolgung zu leiten vermag, die fernere Jagd deſſelben hier unmöglich machen und ſie von ſeiner Höhle entfernen müßte, eilte nun der verwegene Flüchtling wieder in ſein Verſteck zurück zu ſeinem Gefährten. 4 Seine klugen Berechnungen und Vorausſetzungen wurden anfangs nicht getäuſcht. Der Fuchs war ſeit längerer Zeit verſchwunden; die Meute ſchlug aus vollem Halſe an; plötzlich hörte dieſes ſo laute, ſo ſchallende Geheul wie durch einen Zauber auf; die Hunde waren am Ende der Fährte, das heißt, daß, da die Meute, welche über den ungeheuren Baumſtamm geſprungen war, auf deſſen anderer Seite der eine der Flüchtlinge, indem er den Boden zerſtampft und auf dieſe Weiſe Spur und Geruch von dem Vorüberkommen des Fuchſes zerſtört hatte, nichts mehr fand, was ſie leitete, plötzlich ſchwieg, weil ſie nur dann bellt, wenn ſie auf der vollen Fährte des Thieres iſt. AVUnruhig, verwirrt uͤber dieſe plotzliche Unter⸗ 246 brechung der bis dahin ſo mächtig auf ihren Ge⸗ ruch wirkenden Fährte, liefen die irre geleiteten Hunde hin und her, indem ſie, die Naſe auf den Boden geheftet, vergebens nach allen Seiten ſuchten. Sie hatten ungefähr zweihundert Schritte vor der Höhle die Fährte verloren. Von dieſem Vorfalle durch das plötzliche Schwei⸗ gen der Meute unterrichtet, beeilten ſich die Jäger, ſie einzuholen und ihr zu Hilfe zu kommen; aber ſie hielten augenblicklich bei dem Anblicke des um⸗ geworfenen Baumes an, der ſie von ihren Hunden trennte und deſſen von Zweigen ſtrotzender Stamm dem darüber Setzenden eines der gefährlichſten Hin⸗ 5 * derniſſe bot. Trotzdem ſetzten in ihrem Eifer die Jäger darüher. 1 Plötzlich ſchlug einer der großen Spürhunde an. Er hatte ſich von dem großen Haufen der Meute entfernt und begann im Galopp immer weitere ausgedehnte Kreiſe zu beſchreiben und ge⸗ langte ſo zuerſt bis an die Lichtung; über dieſe eilte er hinweg bis an die Felſen, unter denen ſich die mit Steinen und Dornen bedeckte Fallthür befand, welche die Höhle verbarg, in die ſich die beiden Wilddiebe geflüchtet hatten. Wie man ſich erinnern A— —— 247 wird, hatte der Fuchs kaum eine Seeunde auf dieſen Steinen geruht, um einen neuen Satz zu thun; aber vermöge der Feinheit ſeiner Naſe traf die vom Fuchſe hier zurückgelaſſene ſcharfe Ausdünſtung deſſen Geruchsnerven und ſogleich erſcholl ſein anhalten⸗ des Triumphgebell und rief die in dieſem Augen⸗ blicke ſchon verzweifelnden Jäger zu ſich heran. Nach dieſem erſten glücklichen Erfolge hätte der wackere Hund, der nach dieſen Steinen eine neue Unterbrechung in der Fährte fand, ſein kreisförmiges Suchen von Neuem beginnen ſollen, denn dreißig Schritte weit von hier würde er auf die volle, nun fortdauernde Spur des Fuchſes gekommen ſein; aber der Hund hörte an dem gleichwohl ſo gut verſteckten Eingange der Höhle es hohl unter ſeinen Füßen ertönen, und mochte die Meinung bekommen, der Fuchs ſei ganz nahe an dieſen Steinen zu Bau ge⸗ gangen. Er verdoppelte deshalb ſein Gebell, wäͤh⸗ rend er mit ſeinen beiden vordern Pfoten ſcharrte, und bald entdeckte er durch das Geſtrüpp und die weggeſcharrte Erde einen Theil der Mündung der Hoͤhle. Die Jäger kamen nun elligſt heran. Als ſie dieſes Loch bemerkten, rief der Oberforſtmeiſter 8 freudig:„Der Fuchs iſt unſer, er iſt zu Bau ge⸗ gangen!“ und er ſprang ſeinem Hunde zu Hilfe, um ihm beim Erweitern des Loches behilflich zu ſein. Es ſprangen noch mehrere hinzu und halfen gleichfalls, raſch den Eingang der Grube abzuräu⸗ men, welche ſie für den Bau des Fuchſes hielten. Nach Verlauf einiger Minuten hatten die Jäger die mit Erde verbundenen Steine weggehoben, auf die das Geſtrüpp gepflanzt war, und welche die Fallthüre der Höhle verbargen. „Aber das iſt kein Bau!“ rief der Oberforſt⸗ meiſter plötzlich, als er endlich das Holzwerk der von den Steinen und dem Geſtrüpp verborgenen, ſetzt davon abgeräumten Fallthüre erblickte. Als er hierauf durch dieſes Gitter von ſtarken Helßtben die Finſterniß der Höhle unterſchied, fügte er immer mehr erſtaunt hinzu:„Nein, nein, das iſt kein bloßer Fuchsbau, man ſollte eher mei⸗ nen, es ware der Eingang eines unterirdiſchen Gewölbes!“ „Unterirdiſches Gewölbe oder nicht, gleichviel, unſer Fuchs muß darin zu Bau gegangen ſein,“ rief der alte Jäger aus, indem er die Fallthüre gänzlich aufhob, die, ſich auf ihren Scharnieren ——— von Weidenruthen öffnend, einen ſchmalen und jähen Abhang ſehen ließ. „Es iſt ſonderbar,“ meinte der Herzog,„daß ein ſolcher unterirdiſcher Bau in meinen Wäldern beſteht, ohne daß ich jemals nur ein Sterbenswört⸗ chen davon gehört habe!— Martin, ſag an, wuß⸗ teſt Du auch nichts davon?“ fragte er dieſen. „Nein, Durchlaucht, bis jetzt iſt mir dieſer Bau völlig unbekannt geblieben!“ erwiderte Martin. „Da bin ich doch ſehr begierig, und will die⸗ ſen unterirdiſchen Bau ſelbſt unterſuchen und wiſſen, wo er ausläuft,“ erklärte der Herzog. Sein Ge⸗ folge ſuchte ihn von dieſem Entſchluſſe abzubringen, doch der Herzog beſtand feſt darauf und ſo ſchickte er ſich mit dem Oberforſtmeiſter an, in die Hoh hinabzuſteigen. Jener ging voran, dieſer folgt Als ſie auf einige Stufen gelangt waren, ſo das ſie ihrem Gefolge nicht mehr ſichtbar waren, tönte ihnen von kräftiger Stimme ein donnerndes Halt entgegen und die Läufe zweier Gewehre ſtarrten ihnen entgegen, um ſie am weiteren Vordringen ** hindern. Auf ein ſolches Abenteuer nicht im Entfernte⸗ teen gefaßt, erſchracken Beide nicht wenig, der Oher⸗ 250 forſtmeiſter zitterte am ganzen Leibe, doch der Her⸗ zog ermannte ſich zuerſt wieder und rief:„Wer wagt es, uns hier hindernd entgegenzutreten und mir in meinem Beſitzthum ein Halt entgegen zu donnern?!“ „ Wir ſind zwei Unglückliche,“ tönte die Ant⸗ wort zurück,,„die ſich in den Wäldern verirrt ha⸗ ben und zufällig hier eine Zufluchtsſtätte fanden!“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Herzog, milder geſtimmt weiter. „Wir ſind die Herzöge von Ziegenhayn und Lichtenhayn!“. 3 „Ah ſchön,“ erwiederte der Herzog lachend, „dann ſeid uns beſtens willkommen, wir haben Euda überall aufſuchen laſſen, ohne daß es uns gelang, dieſe hohen Herrſchaften aufzufinden; hier im Bauche der Erde konnten wir ſie freilich nicht vermuthen!“ Und er wollte ſich ausſchütten vor Lachen. Als die beiden Herrn noch immer zauder⸗ ten aus ihrem Verſtecke hervorzukommen, fuhr er fort:„Nur ohne Scheu an's Tageslicht getreten, wir ſind ſehr neugierig, die Bekanntſchaft der bei⸗ den Herren zu machen und laden ſie hiermit ein, unſre Gäſte bei unſrer Jagd zu ſein!“ ———x 251 Der Herzog ſtieg mit dem Oberforſtmeiſter wieder aus der Höhle, ihnen folgten die beiden Wilddiebe. Lachend betrachtete ſie ſich der Herzog, und hieß ſie nochmals willkommen. Sie mußlen ihm nun erklären, wie ſie in dieſe Höhle gerathen und hierauf wurde die Höhle ſelbſt in Augenſchein genommen. Der Herzog fand an der Gewandtheit und Heiterheit der beiden Studenten, die ſich mit feinem Anſtand und ganz ungenirt benahmen, großen Ge⸗ fallen und die Jagd fand ihren Fortgang in der luſtigſten Weiſe. Der Jäger Martin jedoch ſchüttelte bedenklich beim Anblicke der beiden Wilderer mit dem Kopfe, nicht wenig über ſie erſchreckend, doch der Blick eines derſelben machte ihn verſtummen. Auch dem Jenae Profeſſor kamen dieſe beiden Herren nicht ganz ge⸗ heuer vor und er brummte vor ſich hin:„Wie Studenten aus Jena ſehen dieſe gerade nicht aus, ihre Geſichter ſind mir nicht bekannt genug dazu, doch wir werden ja ſehen, wie dies zuſammenhaͤngtl“ Und er gab ſich für den Augenblick zufrieden. Die Jagd dauerte bis in die Dunkelheit fort. Es wurde, als dieſe eintrat, beſchloſſen, dieſe Nacht im Walde zu campiren und mit Anbruch des Ta⸗ ges die Jagd weiter fortzuſetzen. Die Jagdburſchen ſchlugen zu dieſem Behuf in der Eile einige leichte zu dieſem Zwecke mitgebrachte Zelter auf und nach einer reichlichen Mahlzeit, wobei der Wein in Stro⸗ men floß, legten ſich Alle, von der Jagd ermüdet, zur Ruhe. Am luſtigſten war der Herzog geweſen, denn die Einfälle der beiden Studenten hatten ihn fortwährend in der beſten Laune erhalten und er fand an den beiden ein großes Wohlgefallen. Tiefer Schlaf lag noch auf den von der Jagd und den Freuden der Jagdtafel Ermüdeten, als die beiden Pſeudo⸗Herzöge von Ziegenhayn und Lich⸗ tenhayn— es mochte etwa eine Stunde nach Mit⸗ ternacht ſein— ſich aus dem Schlummer erhoben. DSie ſtanden langſam auf, wußten, gleichſam wie durch Zauber, die etwa hier und da aufweckenden Hunde zu beſchwichtigen und zur Ruhe zu zwingen und verließen ihr Lager. Sie begaben ſich nun zuerſt zum Herzoge, dann der Reihe nach zu den Vornehmſten des Jagdgefolges; als wollten ſie ſich überzeugen, ob dieſe auch noch feſt ſchliefen, beug⸗ ten ſie ſich einige Zeit über ſie und in Zeit von einer 253 guten Stunde verſchwanden beide im Walde, ihre Jagdtaſchen vollgefüllt von allerhand Koſtbarkeiten. Der Tag war längſt angebrochen und die Hunde hatten ſchon zu öfteren Malen voll Ungeduld das Zeichen zum Aufbruche gegeben, ohne daß die er⸗ müdeten Jäger es hörten oder hören wollten; es vermochten ſich dieſe gar nicht aus dem Schlafe zu finden, und erſt als die Sonne ſchon hoch am Him⸗ mel ſtand, da fuhren nach und nach die ſchlaftrun⸗ kenen Jäger erſchrocken von ihrem Lager auf. Es lag heute Allen ſchwer wie Blei in den Gliedern, was ſich Niemand erklären konnte; ob dies von den vielen Strapazen des vorigen Tages oder von dem zu viel genoſſenen Weine, oder von der zu ſcharfen Nachtluft herrührte, das war ſchwer zu ermitteln. Als nun Alle ſich endlich zum Frühſtücke ver⸗ ſammelten, da herrſchte nicht die gewöhnliche Mun⸗ terkeit, es ging dabei ſehr ernſt und ſchläfrig zu. Der Herzog vermißte alsbald ſeine Gäſte von ge⸗ geſtern, die beiden Studenten von Jena, die ihre Rollen als Herzöge von Lichtenhayn und Ziegen⸗ hayn geſtern ſo vortrefflich geſpielt hatten. Er frug nach ihnen, es hatte ſie aber noch Niemand geſehen. Nun wurden ſie gerufen, und als nirgendsher ſ ſi ch 254 eine Antwort vernehmen ließ, wußte der Herzog, ſowie ſeine Jagdgenoſſen ſich dies gar nicht zu erklären. „Sie haben das Weite geſucht und ſh n Nacht⸗ zeit von unſerer Seite heimlich und ohne Abſchied hinweggeſtohlen; das iſt feig und nicht cavalier⸗ mäßig gehandelt!“ ſagte der Herzog und war ſehr ungehalten über dieſe Ausreißer. Aber er wurde noch ungehaltener, als er ſein koſtbares Jagdgeſchmeide, ſeine goldenen und Perlenketten, ſeine Uhr, und von der Tafel die goldnen und ſilbernen Pokale ver⸗ mißte. Jetzt begann auch von den Uebrigen Jeder etwas, und zwar das Werthvollſte, was er bei ſich gehabt hatte, zu vermiſſen: Die goldnen Ehrenket⸗ ten, Uhren, all' ihre Baarſchaften waren plötzlich verſchwunden. Es entſtand eine allgemeine Ent⸗ rüſtung, die ſich endlich in Worten Luft machte, und man beſchuldigte, da weiter Niemand fehlte, nun allgemein die beiden entflohenen Studenten dieſer Räuberei. Es blieb auch gar kein Zweifel mehr übrig, daß dieſe den frechen Raub begangen haben mußten, denn man fand auch in dem Boden⸗ ſatz einiger zurückgelaſſener Becher noch eine eigene Subſtanz, welche nichts weiter ſein konnte, als ein betäubendes Einſchläferungsmittel. 255 Auf dieſe Weiſe war nun freilich der todes⸗ ähnliche Schlaf der Jagdgeſellſchaft und ihr Uebel⸗ befinden beim Erwachen ganz natürlich erklärt. Alle waren darüber auf das höchſte entrüſtet; es wurde die Jagd auf die Thiere des Waldes ſogleich ein⸗ geſtellt und es begann nun eine Hetzjagd auf die beiden verſchwundenen Diebe. Allein nach mehre⸗ ren Stunden unnützen. Suchens kehrten alle unver⸗ richteter Sache wieder zurück, die Diebe blieben verſchwunden und es war auch nicht die leiſeſte Spur von ihnen aufzufinden geweſen. Unmuthig kehrte der Jagdzug nach der Reſti⸗ denz zurück und der Herzog gab ſogleich den Befehl, die beiden Studenten, welche unter ihren Collegen die angenommene Würde der Herzöge von Lichten⸗ hayn und von Ziegenhayn bekleideten, feſtzunehmen. ——— ———— ö— 8** XXIX. Die Aufklärung dieſer Ereigniſſe. Die Gefangnen ſteh'n vor ihm, Deſſen Augen Flammen ſprühen, Wie ein Racheeherubim. A. Patuzzi. Die beiden Studenten, die als Herzöge von Ziegenhayn und Lichtenhayn bald und leicht in der Muſenſtadt ausfindig zu machen geweſen waren, wurden gefangen geſetzt. Sie ahnten nichts Gutes und fürchteten für ihr Leben oder wenigſtens fürch⸗ teten ſie, im beſten Falle lange Zeit ihrer Freiheit ſich beraubt zu ſehen. Sie verwünſchten ihren Einfall, auf den herzoglichen Revieren auf die Jagd zu gehen, und erwarteten unter Furcht und Bangen ihr Schickſal. Beide waren aber nicht in Jenn ergriffen worden, ſondern der eine in Ziegenhayn, 257 der andere in Lichtenhayn, zwei Dörfern etwa eine halbe Stunde von Jena entfern’, wo ſie eben mit⸗ ten unter ihren Studiengenoſſen ein fröhliches Ge⸗ lage feierten. Sie wurden beide nach Jena trans⸗ portirt und dort in ein hartes Gefängniß geworfen. Der Herzog hatte geſchworen, ein Exempel an den beiden frechen Dieben zu ſtatuiren und die größte Strenge der Geſetze gegen ſie in Anwendung bringen zu laſſen. So ſtand den beiden Verbre⸗ chern unvermeidlich ein ſchimpflicher Tod von Hen⸗ kershand bevor. Als der Herzog nach ſeinem Reſidenzſchloſſe in Weimar, nachdem er erſt einen Tag auf ſeinen Jagdſchloſſe Belvedere zugebracht hatte, bis er hier die Feſtnehmung der beiden verhaßten Frevler ver⸗ nommen hatte, zurückkehrte, wurde ihm in einem verſchloſſenen Koffer ein in ſeiner Abweſenheit hier abgegebenes Geſchenk überreicht. Neugierig ließ er ihn ſogleich erbrechen und zu ſeinem größten Erſtaunen fand er darin Alles, was ihm während der Lagernacht im Walde geraubt worden war. Auch für mehrere ſeiner vornehmſten Räthe fand er die geraubten Sachen zurückerſtattet, zuletzt fand ſich faſt Alles wieder zuſammen, bis auf einige Nickel Liſt. 9. Lieferung. 17 . 258 Kleinigkeiten, die die Räuber auf einem hinzuge⸗ legten Zettel erklärten zum Andenken an dieſes Abenteuer beha wollen. Der Herz urde hierdurch gegen die Ge⸗ fangenen ſchon milder geſtimmt und hätte er nicht geſchworen, dieſe Räuber exemplariſch diesmal zu beſtrafen, ſo hätte er ſie wohl gern begnadigt und wie⸗ der freigelaſſen mit einer tüchtigen Vermahnung. Die beiden Dehheren geſtanden zwar zu, daß ſie auf der Jagd in den herzoglichen Forſten ge⸗ weſen wären und auch das gehabte Abenteuer mit dem Jäger Martin, aber von einem Zuſammen⸗ neffen mit dem Herzoge und ſeinem Jagdgefolge, ſowie von dem ſtattgehabten Raube wollten ſie durch⸗ aus nichts wiſſen; die letzte Beſchuldigung wieſen ſie ſogar mit Entrüſtung von ſich. .„Mögen wir auch ſchuldig ſein, aus jugend⸗ lichem Uebermuthe uns gegen die Jagdgeſetze des Herzogs vergangen zu haben, einer ehrloſen Hand⸗ lung aber ſoll uns Niemand zeihen. Mögt Ihr kommen, Ihr Herren vom Gerichte, mit der Fol⸗ ter und allen Euren Marterwerkzeugen, uns wer⸗ den ſelbſt die ärgſten Qualen kein Geſtändniß ent⸗ reißen können, denn wir ſind unſchuldig an jenem mA 259 frechen Raube, den wir verabſcheuen und deſſen wir gar nicht fähig geweſen wären!“ Dies war ihre feſte Erklaͤrung auf alle deshalb an ſie gerich⸗ tete Fragen und Drohungen; ſie verlangten, dem Herzog ſelbſt vorgeführt zu werden, er werde ſie gewiß eines ſolchen Frevels nicht für ſchuldig hal⸗ ten; ihm wollten ſie den näheren Hergang ihrer Flucht aus dem Walde entdecken, ſonſt aber keinem Menſchen, denn ſie hätten ihr Ehrenwort verpfan⸗ det, hierüber nichts verlauten zu laſſen. Der Jenaer Profeſſor, der mit bei der herzog⸗ lichen Jagd geweſen war, lag ſchwer erkrankt von Erkältung und Schreck darnieder, er konnte daher nicht mit den beiden Inquiſiten confrontirt werden. Es wurde deshalb an den Herzog ſelber berichtet und ſelbiger gebeten, mehrere von der Jagdgeſell⸗ ſchaft nach Jena zu ſenden, um die Gefangenen in Augenſchein zu nehmen und zu entſcheiden, ob es dieſelben ſeien, die an ihrer Jagd theilgenommen und dann plötzlich verſchwunden ſeien, oder ob ſie dieſe nicht ſeien. Der Herzog befahl hierauf, die Gefangenen unter milder Behandlung nach Weimar zu bringen. So geſchah es denn auch. Er ließ ſie ſich 17* 200 ſelbſt vorführen. Als ſie vor ihn traten, ſah er ſie mit ernſten, finſtern Blicken an; als er ſie aber in Augenſchein nahm, da erheiterten ſich ſeine Zuͤge und er ſagte:„Nein, Ihr ſeid nicht jene, die mein Vertrauen ſo ſchäͤndlich gemißbraucht haben, hier muß eine Verwechslung vorgegangen ſein!— Oder ſeid Ihr wirklich die ſogenannten Herzöge von Zie⸗ genhayn und Lichtenhayn kl“ „Ja, Durchlaucht, die ſind wir, und wir ha⸗ ben uns auch hinreißen laſſen, in Euren Forſten zu jagen!“ „So ſeid Ihr es alſo doch wirklich geweſen, die mit meinem Jäger Martin zuſammengetroffen?“ „Ja, das ſind wir geweſen!“ beichteten ohne Furcht und freimüthig beide, und ſie erzählten nun offen und unumwunden ihr gehabtes Abenteuer mit dem alten Förſter. 25 2 Der Herzog fand daſſelbe ſehr amüſant und woollte ſich darüber faſt zu Tode lachen. Als er ſich wieder etwas gefaßt hatte, frug er weiter, wie ſie ſo plötzlich hätten aus dem Walde verſchwinden können, und nun erzählte der Eine von ihnen Fol⸗ gendes: * 1 3 8 261 „Als der alte Förſter ſich von uns wegbegeden hatte, um Euer Durchlaucht entgegen zu gehen und in ſeinem Waldreviere zu empfangen, machten wir uns eiligſt auf die Socken, um wo möglich den üblen Folgen unſrer Thorheit durch die ſchleunigſte Flucht zu enigehen. Aber gänzlich unbekannt in dieſem Forſte und in dieſer Gegend, geriethen wir völlig in die Irre und immer tiefer in das Dickicht hinein. Da gab unverſehends bei einem Sprunge die eine Stelle unter meinen Füßen nach. Ich fiel zur Erde und bemerkte hierbei jene merkwürdige und räthſelhafte Erdhöhle, die Euer Durchlaucht ſpäter auch entdeckt und in ugenſchein genommen haben. Wir waren b 7, hier ein ſolches günſtig gelegenes Verſteck zu finden, wo wir ſicher hoffen durften, vor den Verfolgungen Eurer Jagd⸗ gefährten geborgen zu ſein. Je tiefer wir in dieſe Höhle hineindrangen, deſto geräumiger wurde ſie. Wir gelangten zuletzt in einen großen, durch eine roh gearbeitete Thüre verſchloſſenen Raum. Die Thüre gab nach, ſie war nicht verſchloſſen und wir ſahen in ein ziemlich geräumiges Zimmer, aber zu unſerm großen Schrecke bemerkten wir auch, das daſſelbe bewohnt ſei. Zwei Maͤnner ſaßen darin, 262 welche ſich bei unſerm unvermutheten Eintritte ha⸗ ſtig umwandten und aufſprangen. Sie traten uns in drohender Haltung entgegen und frugen, was uns hierher führe. Als ſie erfuhren, daß uns nur der Zufall dorthin gebracht hatte, wurden ſie ruhi⸗ ger und freundlicher, ſetzten ſich wieder nieder, lu⸗ den uns ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen und fragten uns nun weiter aus über unſer Herkom⸗ men, unſere Verhältniſſe, hauptſächlich was uns in dieſen Forſt gebracht hätte. Wir berichteten Alles genau, denn man ſah es den beiden Männern ſo⸗ ich an, obgleich ſie gut und anſtändig angezog aß mit ihnen nicht zu m ſie unſer Jagd⸗ abenteuer und unſr zt erfahren hatten, hier in dieſer Hoͤhle ſeien wir zwar geborgen, doch wäre es leicht: möglich, daß ſich die Sagdnegne Tage ausdehne und in dieſer Gegend verweile, da ſei es denn allerdings am rathſamſten für uns, zu verſuchen, unerkannt aus dem Forſte zu kommen. „Aber wie iſt das möglich?“ fragte ich dieſe Männer.„Jedenfalls iſt ſchon das ganze Jagdge⸗ folge hinter uns her, um uns zu ergreifen!“ „Letzteres,“ meinte der ältere von beiden mit v- eignem, faſt ſpöttiſchen Lächeln,„iſt wohl leicht mög⸗ lich; wenigſtens wenn es zur Zeit noch nicht ge⸗ ſchehen, ſo dürfte dieſer Fall bald eintreten!“ „Dann aber ſehe ich nicht ein, wie es uns möglich werden ſoll, unerkannt und ohne in die Hände der nach uns ausgeſchickten Verfolger zu fallen, aus dieſem Forſte jetzt zu entkommen?“ fragte ich weiter. Um den Mund unſrer beiden ſeltſamen Geſellſchafter ſpielte wieder jenes ſpöttiſche Lächeln, nur noch ſtärker als zuvor, und der Aeltere von ihnen, eine impoſante, faſt gebieteriſche Per⸗ ſönlichkeit, meinte endlich, nachdem ſich beide lange an unſrer Verlegenheit geweidet hatten:„Das glaube ich recht gern, daß Ihr Euch hier keinen Rath wißt; nun, ich ſehe ſchon, da werden wir uns wohl in's Mittel ſchlagen und Euch auf die Beine helfen müſſen Uns wurde bei dieſer Erklärung und bei dem eignen höhniſchen Mienenſpiele der Unbekannten und ihrem ganzen zweideutigen Benehmen grade nicht wohl zu Muthe, denn wir konnten kein Zu⸗ trauen zu dieſen Leuten faſſen, die, wie ſchon aus ihrem Aufenthalte zu ſchließen, nicht die beſten Abſichten hegen konnten und entweder Fluchtlinge oder Gau⸗ 264 ner und Räuber ſein mußten, die nöthig hatten, ſich vor den Augen der Welt zu verbergen. Ich fragte ſie, wie ſie jenes bewerkſtelligen wollten, da es doch faſt unmöglich ſei, aus dem Forſte zu ent⸗ kommen, ohne von den Jägern bemerkt zu werden und ihnen ins Garn zu laufen. „Das iſt ganz leicht,“ meinte der Aeltere,„und weiter gar kein Hexenſpiel. Ihr dauert uns, darum wollen wir Euch helfen und Ihr könnt verſichert ſein, ſelbſt wenn Ihr dem ganzen Jagdgefolge in den Weg kommen ſolltet, es würde Keiner die ge⸗ ſuchten Wilddiebe in Euch vermuthen. Wohlan, wollt Ihr unſern Vorſchlag annehmen, noch ehe Ihr ihn vernommen hakt, ſo ſeid Ihr unſre Leute und Ihr ſeid geborgen.“ Uns blieb nichts Anderes übrig, als uns dieſen Beiden auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Wir erklärten, jeden Vorſchlag gern annehmen zu wollen, wenn er uns nur aus dieſer Klemme helfen würde. Darüber waren Beide erfreut und ſie ſetzten uns nun auseinander, wenn wir ihre Kleider anzögen, würden wir ſonder Zweifel frei und unangefochten bis nach Hauſe gelangen. Dies leuchtete uns aller⸗ dings ein, bei dem Kleidertauſche konnten wir auch — 265 —— nichts weiter verlieren; das Einzige waren unſre Flinten, die wir hierbei einbüßen mußten. Doch dieſe konnten wir wohl in den Kauf mit drein geben für unſre Rettung, und ſo übergaben wir Beiden unſre Kleider und zogen uns dafür die ihrigen an. Jene erklärten, ſie ſeien mit dem Jäger Martin gut bekannt und hätten ſich ſchon längſt gewünſcht, an einer herzoglichen Jagd einmal theilzunehmen; es käme ihnen dieſe Gelegenheit jetzt recht paſſend, und in den von uns erwechſelten Jagdanzügen ſei dies ihnen am beſten möglich. Sie wollten mit Vergnügen unſere Rollen über⸗ nehmen, wollten als die geſuchten Wilddiebe gelten und würden ſich ſchon aus dieſer Affaire herauszu⸗ winden wiſſen. Sie erkundigten ſich nach allen unſern Familien⸗ und ſtudentiſchen Verhältniſſen und wir mußten ihnen feierlich geloben, Niemandem je von dieſer Verwechſelung etwas zu entdecken, ſelbſt nicht, wenn wir dadurch in Verlegenheit ge⸗ rathen ſollten, was jedoch unmöglich wäre; im höchſten Falle ſei es uns, wenn Letzteres dennoch durch widrige Umſtände, die man freilich nicht vor⸗ herſehen könnte, zugeſtanden, dieſe Verwandlung 2⁰6 blos dem Herzoge ſelber zu entdecken, aber auch nur dann, wenn ſelbiger dies verlangen ſollte. Das Verfängliche, welches hierin lag, entging uns nun wohl nicht, und daß wir durch dieſe un⸗ heimlichen Geſtalten vielleicht ſpäter noch in eine größere Verlegenheit gerathen könnten, als die war, in der wir uns damals befanden; aber wir nahmen in jugendlicher Unbeſonnenheit das Gewiſſe für das Ungewiſſe und dachten an nichts weiter, als nur für den Augenblick aus der Klemme zu kommen. Wir leiſteten alſo den geforderten Eid und ver⸗ tauſchten unſere Kleider und Rollen. Nachdem wir den Eid geleiſtet hatten, verſprachen dieſe nun auch ihrerſeits, uns in den nächſten Tagen hierher unſere Gewehre wieder zuzuſtellen. In den Anzügen jener Beiden verließen wir ie Erdhöhle, nachdem uns jene die Richtung an⸗ gegeben hatten, wo wir am eheſten aus dem Forſte kommen könnten. Sie wieſen uns aber voll Schlau⸗ heit auf die entgegengeſetzte Seite von Jena hin, weil, wie ſie meinten und was ſich ſpäter auch als richtig berechnet erwies, unſre Verfolger uns nach der Gegend von Jena hin aufſuchen würden. Wie 267 hieraus zu ſchließen, mußten dieſe Männer ſchon in dergleichen Angelegenheiten viel Erfahrung haben. Wir gelangten auch glüͤcklich nach einer nicht allzulangen Wanderung endlich in's Freie, ohne daß wir auf das Jagdgefolge geſtoßen wären; ſpäter begegneten wir, als wir nun geradeswegs auf der*— Landſtraße nach Jena fortgingen, mehreren von den Jägern, die jedenfalls ausgeſchickt waren, uns zu verfolgen und aufzuſuchen. Sie vermutheten, wie jene Höhlenbewohner richtig vorausgeſehen und uns vorhergeſagt hatten, nichts weniger als in uns ruhig ihres Weges dahinziehenden Wanderern die geſuchten Wilddiebe, und wir waren ven Herzen froh, aus dieſer fatalen Klemme durch jene zwei⸗ deutigen Geſellen herausgekommen zu ſein; unſere Kleider und Flinten gaben wir ihnen dafür gern in den Kauf, denn daß ſie ihr gegebenes Wort halten und uns unſre Gewehre wirklich wieder zu⸗ 1* ſtellen würden, glaubten wir keinesweges. Wir erreichten zu unſrer großen Freude und Beruhigung glücklich und unangefochten Jena und kümmerten uns weiter gar nicht mehr um das be⸗ ſtandene Abenteuer. Was jene beiden Männer in unſren Kleidern und unter unſerer Maske etwa 3— Euer Durchlaucht bitten wir nochmals de⸗ 238 unternehmen könnten, daran dachten wir nicht im Geringſten, am wenigſten ſiel es uns aber ein, daß ſie etwas unternehmen könnten, was uns noch ge⸗ fährlich werden und einen ſo traurigen Ausgang für uns nehmen ſollte!— Dies iſt der wahrhaftige Bericht dieſer Vorfälle,“ ſo ſchloß der Student, müthigſt um Verzeihung wegen unſres Fehltrittes 4 er Herzog verzieh den beiden jungen Leuten von ganzem Herzen und unter den väterlichſten Ermahnungen, künftig vorſichtiger bei ihren Unter⸗ nehmungen zu Werke zu gehen. Er wolle, erklärte er, mit ihrer erlittenen Angſt ſich begnügen; von einer weiteren Strafe ſolle ferner keine Rede mehr ſein. Indeß halte er es doch für nothwendig, um jene beiden Räuber glauben zu machen, ſie, die Studenten, würden von den Gerichten immer noch für die Thäter gehalten, daß dieſe Beiden noch eine Zeit lang in Haft blieben.„Es ſoll Euch nichts abgehen, meine jungen Freunde,“ ſetzte er ſie be⸗ ruhigend fort,„ich werde es Euch an nichts fehlen laſſen, und da Euer Transport nach Weimar ſich nothwendig macht, um den öffentlichen Schein zu retten, ſo werde ich Euch aus meiner Küche und 3 269 meinem Weinkeller ſchon reichlich verſorgen laſſen, damit Euch die Zeit nicht lang wird. Ihr ſollt gut gehalten und behandelt werden— ganz ſtan⸗ desgemäß, wie es Herzögen geziemt; denn wir müſſen doch ſelbſt bei unſern Gegnern unſern Stand achten und ſchätzen!“ meinte er lächelnd. Die beiden Studenten wurden noch an dem⸗ ſelben Tage unter möglichſtem Aufſehen nach Weimar transportirt, wo ſie in ihrem Gefängniſſe ein ſehr luſtiges Leben führten, und ſo herrlich und in Freuden lebten, wie ſie es bisher noch nie gekonnt hatten. Es geſchah aber dieſe längere Verhaftung hauptſächlich aus dem Grunde, weil man nicht ganz unrichtig vorausſetzte, daß dadurch die Räuber ſich um ſo ſicherer fühlen und wahrſcheinlich dadurch leichter in die ihnen geſtellte Falle gehen würden. Jedenfalls aber hoffte man, dadurch wenigſtens. beſſer auf ihre Spur zu kommen und eine Auf⸗ klärung in dieſer dunklen Angelegenheit zu erhalten. Das Schreiben an den Herzog. Ich habe längſt gewünſcht, den Mann zu kennen. Leſſing. Es verging ſeitdem faſt eine Woche, ohne daß man den Räubern nur im Geringſten auf die Spur kam. Da meldeten die Nachtwächter der Reſidenz eines Morgens dem Herzoge, daß ſie bei einbrechen⸗ dem Tage an dem Waſſerbrunnen auf dem Markte zwei Jagdgewehre und an dem einen einen an den Herzog adreſſirten Brief gefunden hätten, was ſie Alles, ihrer Pflicht gemäß, dem Herzoge hiermit zuſtellen wollten. Der Herzog war durch dieſes neue Räthſel ſehr neugierig geworden und wünſchte mit der größten Sehnſucht, den Inhalt des Briefes ſo ſchnell als möglich kennen zu lernen. Eine leiſe Ahnung 271 ſagte ihm, daß darin die Aufklärung über jenes Abenteuer im Walde wohl enthalten ſein dürfte. Auf ſeinen Befehl brachte man dem Herzoge den Brief, den er begierig aufbrach und las. Wie er richtig vorausgeahnt hatte, fand er darin die Löſung jenes dunklen, ihm und ſeiner ganzer Jagd⸗ geſellſchaft bei der Jagd aufgegebenen Räthſels. Das Schreiben war unterzeichnet von Nickel Liſt, und derſelbe ſetzte darin dem Herzoge Folgen⸗ des auseinander: „Ihr, Herr Herzog,“ ſo hieß es darin,„habt vor einiger Zeit in einer Geſellſchaft den Wunſch ausgeſprochen, den berühmten Räuberhauptmann Nickel Liſt, deſſen Kühnheit und Verſchlagenheit Euch in Erſtaunen ſetzte, zu Geſichte zu bekommen und kennen zu lernen. Ihr, Herr Herzog, verſtandet freilich darunter nur den großen Räuberhauptmann in Eure Gewalt zu bekommen, nachdem Ihr ein Stücklein von ihm geſehen, das Eure Verwunderung im höchſten Grade erregt hätte.—— Dieſer Euer Wunſch war dem Nickel Liſt, der überall hin, ſelbſt bis in die höchſten Regionen, ſeine Späher und Kundſchafter hat, zu Ohren gekommen. Da dachte er denn: große Herren ſind ſehr verwöhnt, man * muß ihnen jederzeit ihre Wünſche erfüllen, und aus purer Erkenntlichkeit für die Ehre, von Euch beachtet und bewundert worden zu ſein, faßte er alſobald den Entſchluß, Euren damals ansgeſprochenen Wunſch als Befehl anzuſehen; ja, er ging noch weiter: er wollte Euch ſogar eines ſeiner berühmten Stücklein ſehen laſſen, die ihn in den Geruch der Hexerei und Zauberei gebracht haben.— Nun, Herr Herzog, Ihr habt die Bekanntſchaft des Nickel Liſt und ſeines treueſten Gefährten, des Andreas Schwarz gemacht, Ihr habt beide zur Jagd eingeladen, beide haben daran in Eurer Geſellſchaft theilgenommen, haben ſich Euer Wohlwollen er⸗ worben, und ſind zu guter Letzt plötzlich wie Gei⸗ ſter aus Himmelshöhen oder aus dem Abgrund der Hölle verſchwunden. Mit ihnen verſchwanden auch die Kleinodien und Koſtbarkeiten der Jagdge⸗ ſellſchaft, die wir denſelben bis auf einige Kleinig keiten, welche wir als Andenken an dieſen gewiß einzigen und köſtlichen Spaß zurückbehielten, wieder ehrlich zurückerſtattet haben!—— Nun iſt dieſer Spaß aber ein Paar armen Teufeln von Studenten, die wir zwangen, ihre Kleider mit uns zu vertauſchen und ihre Jagdgewehre * 273 uns zu überlaſſen— wie wir hören— ſehr ſchlecht bekommen, indem man ſie in's Gefängniß geworfen hat und als Räuber angeklagt.— Dies kann unſer Gewiſſen nimmermehr zugeben, daß zwei Unſchul⸗ dige büßen ſollen, was wir begangen; wir können auch anderweitig nicht dulden, daß die Ehre jenes verwegenen Handſtreiches uns abgeſprochen und Andern beigemeſſen wird. Deshalb richten wir dieſes Schreiben an Euch und bekennen uns hier⸗ mit offen und ohne Scheu zu jenem Abenteuer, und bitten Eure Durchlaucht, den beiden Studenten alsbald ihre Freiheit wieder zurück zu geben. Zum Beweiſe, daß wir die volle Wahrheit hier ſprechen, ſchicken wir die Flinten denſelben zurück, die wir bitten, ihnen wieder zuzuſtellen. Auch muß ja ihre Unſchuld klar alsbald an's Tageslicht kommen, ſobald ſich die Herren aus Eurem Jagdgefolge, wie es ja auch ihre Pllicht iſt, die Mühe nehmen, die beiden Inquiſiten in Augenſchein zu nehmen. Sie müſſen dann ſogleich augenſcheinlich ſich überzeugen, daß die hohen ehrbaren Gerichte einen Fehlgriff gethan und zwei Falſche und Un⸗ ſchuldige ſtatt unſrer eingeſteckt haben.—— Sollte jedoch dieſe unſrer Vorſtellung nichts fruchten und Nickel Liſt. 9. Lieferung. 4 18 274 die beiden unſchuldigen Inquiſiten noch länger in Haft behalten werden, ſo ſoll man doch ja bedenken, daß ein Mann wie Nickel Liſt noch nie vergeblich gebeten hat und ſeinen Bitten auch Nachdruck zu geben weiß.— Nickel Liſt hat übrigens mit ſeinen Leuten be⸗ reits Euer Land verlaſſen, wenn Euch dieſer Brief in die Hände kommt, und würde nur dann wieder dahin zurückkehren, wenn die Haft der beiden Stu⸗ denten noch länger fortdauern ſollte. Sind ſie in acht Tagen noch nicht frei, ſo brennt Weimar in der achten Nacht in allen Vierteln und Enden. Nickel Liſt, wohlbekannter Räuberhauptmann, Friedrich Schwarz, deſſen treueſter Gefährte. XXXI. Die Trennung von Amalien. Es war nicht immer, Nicht immer ſo wie jetzt! Es waren Tage, Wo Dir wie Lieder meine Worte klangen, Wo Dir mein Blick ein ganzer Himmel war, Wo Du ſo treu, ſo feſt an mir gehangen, Wie Eiſen am Magnet.—————— Es waren Tage— achl ſie ſind nicht mehr. Friedrich Halm. Der Herzog las dieſen Brief anfangs mit Freude und einer gewiſſen Genugthuung, da auf dieſe Weiſe doch ſeine Berechnung nicht zu Schan⸗ den und das bis jetzt noch dunkle, verſchleierte und ungelöſte Räthſel gelöſt wurde. Der Schluß des Schreibens aber erregte ſeinen höchſten Zorn und er hätte ſchon deshalb gern die beiden Studenten noch länger in Haft behalten, nur un dem Nickel 1* 276 Liſt und ſeinen Raubgeſellen zu zeigen, daß er ſich nicht vor ihnen und ihrem Gelichter fürchtete. Doch ſein Gerechtigkeitsgefühl ſträubte ſich dagegen und ſo ließ er dieſe noch an demſelben Tage frei. Allerdings trug auch noch hiezu bei, daß es doch, bei aller Furchtloſigkeit, nicht rathſam war, das Schickſal einer Stadt einer racheſchnaubenden Räuberbande zu überlaſſen, die darin einen furcht⸗ baren Schaden trotzdem immer noch anrichten konn⸗ te, daß alle nur möglichen Vorſichtsmaßregeln dagegen getroffen werden. Die beiden Studenten waren froh, ſo leichten Kaufs aus dieſer zweiten Verlegenheit, die ihnen ſogar ans Leben zu gehen drohte, zu kommen; ſie hatten nun ſogar ihre einſt theuer erkauften Jagd⸗ gewehre wieder, die ſie jedoch auf Anrathen des Herzogs ſelber, der ihnen perſönlich ihre Freiheit verkündet hatte, einem ſeiner Forſtbeamten gegen gute Bezahlung verkauften, um— wie der Herzog meinte— nicht wieder in Verſuchung zu gerathen, auf Wilddieberei auszugehen, die ihnen nicht immer ſo gut abgehen dürfte, wie diesmal; hätten ſie Luſt, einmal zu jagen, ſo ſollten ſie ſich bei ſeinem Forſt⸗ meiſter in Weimar melden, der würde ihnen auf ſeinen Befehl jederzeit bereitwillig die Erlaubniß dazu ertheilen, auch ſonſt ſie noch mit allem nöthi⸗ gen Jagdgeräthe verſehen. Auf einen Anderen hatte dieſe fatale Geſchichte jedoch einen übleren Einfluß geübt, das war der alte Jäger Martin. Als Liſt mit Schwarz in je⸗ nem Walde vor dem Herzoge und deſſen Jagdge⸗ ſellſchaft erſchienen waren, hatte er beide natürlich ſogleich erkannt. Er war auf das heftigſte über dieſe Verwegenheit derſelben erſchrocken, doch mußte er hier gute Miene zum böſen Spiele machen, da er einmal mit ihnen in Verbindung ſtand. Er ver⸗ muthete ſchon da nichts Gutes für ſich aus dieſem Erſcheinen und ſeine Ahnung hat ihn auch nicht betrogen! Wegen dieſes Räuberſtückleins zerſiel er mit Nickel Liſt, es gab einen heftigen Streit darüber zwiſchen beiden und Nickel Liſt ſchlug ſein Haupt⸗ quartier wo anders auf, denn er traute dem Alten nicht mehr, doch ließ er ihn wohl beobachten und bewachen, damit er nicht zum Verräther an ihnen werden könnte. Am ſorgfältigſten beobachtete ihn ſeine eigene Frau, die ihm ja überdies aus vielerlei Gründen 278 von Herzen gram und dem Nickel Liſt in ſträflicher Liebe zugethan war. Nach allen dieſen Vorgängen konnte für die Räuber kein längeres Verbleiben in dieſer Gegend mehr rathſam ſein; man war durch jenen verwe⸗ genen Streich zu ſehr auf ſie aufmerkſam gewor⸗ den; die allgemeine Aufmerkſamkeit hatte ſich über⸗ all hier auf ſie gerichtet und auf allen Seiten lauer⸗ ten Verfolger und ſuchte man ihrer habhaft zu werden. Darum zog nächtlicher Weile dieſe Räuberbande ſich vereinzelt ins Voigtland zurück, um von da nach Boͤhmen ihren Weg zu richten, zur Vereini⸗ gung mit der böhmiſchen Bande, wie ſie verſpro⸗ chen hatten. Martins Frau, ihres alten Mannes längſt uͤberdrüſſig und von der heftigſten Liebe zu Nickel Liſt entbrannt, verließ jenen und folgte ihrem Ge⸗ liebten. Sie wollte und vermochte ſich nicht mehr von dieſem zu trennen, und dem Liſt war dies grade recht, war er doch daran gewöhnt, ſtets eine Ge⸗ liebte bei ſich zu haben. Amalie, in der er wohl 4 mit Recht ſeinen böſen Dämon erblickte, wie dies ihm nun endlich erſt klar geworden war, war ihm ————— ſeit einiger Zeit, zumal ſeit der Bekanntſchaft mit der Jägersfrau, bis in den Tod zuwider; er häͤtte ſie am liebſten gar nicht mehr geſehen, aber ſie that den Räubern zu wichtige Dienſte durch ihre Spionirerei in Jena und Weimar, als daß er ſie gänzlich verſtoßen und entbehren konnte. Sie war es hauptſächlich geweſen, welche jenes von Nickel Liſt ſehnlichſt herbeigewünſchte Zuſammentreffen mit dem Herzoge gewiſſermaßen eingeleitet hatte, indem ſie die beabſichtigte Jagd verrieth, ſowie auch die Jagdliebhaberei der beiden Studenten, was ihr ein Leichtes war, da der eine von beiden in ihrem Netze ſich feſt verwickelt und ein feuriger Anbeter von ihr war. Nichts deſtoweniger behandelte ſie Nickel Liſt mit zurückſtoßender Kälte, und wußte ſie, ihrem Character gemäß, ſich auch dafür anderweitig hun⸗ dertfach zu entſchädigen, ſo kränkte ſie dieſes ſchroffe Benehmen Liſt's doch tief; ſie glaubte dies nicht an ihm verdient zu haben und hoffte immer noch, ihn wieder zu ſich, in ihre Arme und an ihr Herz zu⸗ rückkehren zu ſehen. Als ſie aber ſah, daß die Jägersfrau ſeinethalben ihrem Manne davon ge⸗ laufen ſei und ſich an Liſt gänzlich angeſchloſſen hattte, da ahnte ſie wohl, daß ihr Liebesverhälmiß mit Jenem nun völlig abgebrochen und wenig noch für ſie zu hoffen ſei. Doch wollte ſie noch einen Sturm auf ſein Herz wagen, von dem ſie den beſten Erfolg hoffte. Sie ſetzte ihn gradezu wegen ſeiner Kälte gegen ſie zu Rede, als es ihr einſt gelungen war, ihn allein anzutreffen. Sie hielt ihm ſeine Schwüre ewiger Liebe und Treue vor, und was ſie Alles für ihn gethan habe.„Ich bin es einzig und allein geweſen,“ ſagte ſie,„die Dich zum Hauptmann gemacht hat!“— Da fiel ihr Liſt ärgerlich in's Wort:„Ja, Elende, Du biſt es geweſen, die mich zum Räuber⸗ leben verlockt hat; Du haſt mich liſtig umgarnt, bis ich feſt ſtak im Netze der Laſter und der Verbrechen. Du thuſt nicht gut daran, mich hieran noch zu er⸗ innern, denn eben dieſe Erinnerung iſt ganz geeig⸗ net, mich völlig von Dir zu trennen!— Indeß das will ich nicht, ich will Dich in Betracht unſerer früheren Liebe und in Erinnerung mancher ſeligen Stunde, die ich in Deiner Gefellſchaft verlebt und in Deinen Armen genoſſen habe, nicht völlig ver⸗ ſtoßen, Du magſt bei meinen Leuten und in meiner Geſellſchaft verbleiben, nur quale mich nicht mehr — 3 mit Deiner Liebe und Deiner Eiferſüchtelei, das kannn ich nicht leiden und mag es auch ferner nicht mehr ertragen. Ich bin überzeugt, Du wirſt Dich leicht über den Verluſt meiner Liebe in den Armen meiner Leute zu tröſten wiſſen; Du biſt nun frei und die ganze Welt ſteht Dir wieder offen, Du haſt ja ein Herz, das fähig und geeignet iſt, die ganze Welt zu beglücken,“ ſchloß er ſpöttiſch,„Du wirſt mich daher nicht vermiſſen; es iſt nur gekränkter Stolz und beleidigte Eitelkeit, die Dich antreiben, nicht von mir laſſen zu wollen,— das wird bald anders werden, Du weißt Dich ja ſonſt immer leicht zu tröſten!“ „O Nicklas,“ entgegnete ſie unter Thränen, „alſo dahin iſt es mit uns gekommen!— Ich er⸗ kenne Dich nicht mehr! Einſt war es anders, warſt Du ein Anderer, da fandeſt Du einen Himmel voll Seligkeit bei mir, da liebteſt Du mich mit der ganzen Gluth Deiner ſtarken, kräftigen Natur, da hingſt Du mit unerſchütterlicher Treue an mir feſt!“ „Ja,“ verſetzte Liſt trocken und kurz,„die Zeiten ändern ſich und mit ihnen auch die Menſchen und ihre Neigungen und Leidenſchaften!“ ſſ „So habe ich alſo nichts mehr von Dir und Deiner Liebe zu hoffen?“ „Nichts— gar nichts— auch nicht das Ge⸗ ringſte, denn meine Liebe zu Dir iſt erſtorben, Deine wilde Leidenſchaft zu mir iſt mir zuwider.— Mache doch einen Andern glücklich mit Deinem Himmel voll Seligkeit,“ ſpottete er,„nur laß mich damit in Ruhe, denn ich bin nun einmal aus dieſem Himmel gefallen und gehöre jetzt zu den böſen Engeln, die für dieſen Himmel unrettbar ver⸗ loren ſind!“ Nach dieſen Worten wandte er ihr den Rücken und verließ ſie, ſich weiter gar nicht mehr um ſie kümmernd. Dieſe Behandlung war ſelbſt fur ein ſo tief gefallenes Weib, wie Amalie war, zu grauſam und arg; ſie weinte nicht, Rache und Wuth hatten ihre Thränen verſiegen gemacht, aber Haß und Groll und Rache nahmen nun in ihrem Herzen Platz und noch an dieſem Tage verließ ſie die Liſt'ſche Räu⸗ berbande, ſo daß lange Zeit Niemand mehr etwas von ihr ſah und hörte. Dies kam dem Nickel Liſt um ſo erwünſchter, und er freute ſich, dieſes ihm jetzt verhaßte Weib 5 —y.,.—— —— —xxVx-— ——y—— 283 nicht mehr zu ſehen. Die Jägersfrau entſchädigte ihn reichlich für dieſen Verluſt. Den alten Martin traf die Entweichung ſeiner Frau ſehr hart, denn er war gerade wie mit ſich ſelbſt zerfallen. Er empfand die bitterſte Reue über ſeine Verbindung mit den Räubern und fürchtele überdies noch, daß man dieſelbe entdeckt und ihn zur ſtrengſten Rechenſchaft ziehen werde. Es ver⸗ gingen zwar mehrere Wochen, ohne daß dies ge⸗ ſchah, doch machte ihn dies nicht ſichrer, vielmehr glaubte er noch immer feſt daran. Und er hatte ſich auch nicht ganz getäuſcht. Bei dem Hofe in Weimar hatte man jenes Aben⸗ teuer mit dem berüchtigten Räuberhauptmann Nickel Liſt vielfach beſprochen und alle Einzelnheiten dabei genau durchgegangen, um auf einen Zuſammenhang zu kommen. Da beſann ſich endlich auch der Ober⸗ forſtmeiſter, daß er bemerkt hatte, wie bei dem Er⸗ ſcheinen der beiden Räuber der alte Jäger Martin erſchrocken und erbleicht war, ein Blick von einem von Beiden ihn aber verſtummen gemacht hatte. Dies ſiel natürlich jetzt auf. Man glaubte zwar keineswegs an ein Einverſtändniß Martins mit den Räubern, aber doch, daß er dieſelben jedenfalls .4 284 kennen müßte und wünſchte hierüber auf das Schleunigſte den nöthigen Aufſchluß. Deshalb ſandte man mehrere Jäger zu ihm in das Forſthaus, die ihn nach Weimar bringen ſollten. 1 Martin erſchrack bei dieſer Botſchaft, ſein böſes Gewiſſen malte ihm nun ſchon die Entdeckung ſeiner Verbindung mit den Räubern vor und die ſchreck⸗ liche Strafe, die darauf folgen müſſe. Das brachte ihn zur Verzweiflung, und in einem Augenblicke, wo ſeine ihm aufgedrungenen Reiſebegleiter ihn außer Acht gelaſſen hatten, ergriff er ſchnell eine Flinte, riß ſie eben ſo ſchnell von der Wand, es krachte ein Schuß und der Alte wälzte ſich in ſeinem Blute auf dem Erdboden. Der Schuß hatte wohl getroffen, denn ſchon in wenigen Minuten gab der Unglückliche ſeinen Geiſt auf. XXXII. Unverhofftes Zuſammentreffen Liſt's mit ſeiner Frau. Mir ſollte der Tage Wiederkehr, Des Hauſes Enge, Weib und Kind genügen? Mir ſtille Ruhe?— Ruhe bleibt den Leichen, Der Lebende tauch' friſch in's Lebensmeer! In mir gährt Kampf und ruhig will ich liegen, Wenn meine Wangen vort dem Schädel gleichen; Dann freilich, dann— doch jene Zeit liegt fern, Noch ſtrahlt mein Aug', noch blinkt mein Hoffnungsſtern! Friedrich Halm. Liſt zog mit ſeiner Bande durch die Gegenden ſeiner ehemaligen Heimath. War er ſonſt wohl öfters geplagt von Reue über den Pfad, auf den er wandelte, ſo hatte ſeit einiger Zeit ſeine Cha⸗ rakterfeſtigkeit ihn dahin gebracht, daß dieſe Rene in ihm erorben war; ſelbſt als er durch die I 3„ 286 ihm ſo wohlbekannten Gegenden, die manche Er⸗ innerung in ihm wach rufen mußten und wo er einſt als ein geachteter und unbeſcholtener Mann gelebt hatte, blieb ſein Herz ruhig und kalt, es war verhärtet worden von dem verbrecheriſchen Hand⸗ werke, das er trieb. Er empfand keine Sehnſucht, ſein Weib und ſein Kind zu ſehen, die hier in der Gegend leben mußten, ja er fragte nicht einmal nach ihrem jetzigen Aufenthalte, ſie gelten ihm als fremde Weſen, die ihm gar nichts angingen. Doch was er vermied, ein Zuſammentreffen mit ſeiner Familie, das führte grade der Zufall herbei. Es mochte in der Gegend ruchbar geworden ſein, daß Nickel Liſt ſich hier wieder ſehen laſſe, doch traute ſich Niemand an ihn. Seine Frau wohnte nicht mehr in jenem unbekannten Dorfe im Gebirge, wohin ſie nach der Zerſtörung ihrer Schenke in Beutha gezogen war, ſie hatte dort nur dieſe Geſchichte etwas verrauchen laſſen wollen, nach zwei Jahren kaufte ſie ſich unter einem andern Namen ein klei⸗ nes Häuslein in einem Dorfe etwa drei Meilen von Mechelsgrün, wo ſie ſich und ihre Kinder dürf⸗ tig, doch ehrlich nährte. —— — 2 Ihre Kinder lagen krank zu Hauſe, als ſte vernahm, daß Nickel Liſt wieder ſeit einiger Zeit in dieſer Gegend herumſchwärmte. Da beſchloß ſie, ihren Ehegsmahl aufzuſuchen und alle Künſte weiblicher Berebtſaimkeit anzuwenden, un ihn wie⸗ der zu ihr und auf den Pfad des Rechtes zurück⸗ zuführen. Sie lief mehrere Tage an der Heer⸗ ſtraße herum, ohnenden Geſuchten zu treffen, doch endlich gelang ihn ies eines Morgens ganz früh⸗ etwa eine halbe Stunde von ihrem Dorfe, beim Anfange eines Hohlweges. Liſt ritt, gekleidet wie ein reicher Cavalier; an ſeiner Seite riit die ehe⸗ malige Jägersfrau, köſtlich angekleidet und hinter beiden kam ein Theil ihrer Genoſſen. Sie reiſton wie die großen Herrſchaften damaliger Zeit und dafür wurden ſie auch überall angeſehen, wohin ſie kamen. Dies war auch Liſt's Abſicht, weil er auf dieſe Weiſe um ſo ſicherer reiſen konnte. Liſt war nicht wenig erſtaunt, als ihm ſeine Frau ſo plötzlich und unvermuthet in den Weg trat. Es war ein unangenehmes Gefühl für ihn, durch ſie an die früheren Zeiten ſo eindringlich wieder erinnert zu werden. So ſehr ihr auch die Geſell⸗ ſchaft jeneshes das Herz durchſchnitt, ſo ſtand — ſie 4. nicht von ihrer gute Abſi cht ab, und redete auf s Eindringlichſte in ihn, ſie ſtellte ihm vor, wie er hier und jenſeits ewig veyſoren ſei, wenn er nicht von ſeiner verbrecheri Lebensart ab⸗ ließe, batz ihn, wieder zu ihr 5 ihren Kindern zurückzukehren, malte ihm das Angenehme des Fa⸗ milienlebens vor, kurz ſie beſchwor Himmel und Hölle, aber vergeblich. Nickl verlachte ihre Vorſtellungen, ſpottete über: Thränen und Er⸗ mahnun und ließ ſie zulezt barſch an:„Du u zubſt Du, ich ſolle wieder als reuiger er In Deine Seite zurückkehren, wo Dein ezänke und Kindergeſchrei meine ſtündliche Muſik, Geſchwaͤtz eines albernen Nachbars meine ein⸗ zige Erholung nach mühſeliger Arbeit im Schweiße meines Angeſi Cht— Nein, da müßte ich hirnver⸗ 2 rückt ſein, wie Du, Närrin, die mir ſolches nur zumuthen„kann.— Ich bin zu etwas Größerem — die Ruhe des Alltagslebens gnügt meinem thatendurſtigen Geiſte nicht, in mir gährt Kampf und Thatenluſt!—— Wenn ich Reichthümer ge⸗ nng zuſammengeſcharrt yaben werde, dann vielleicht ziehe ich mich zurück in die Stille des Privatlebens — aber dieſe Zeit iſt noch fern, n es einſt — — 7 keifiges, zänkiſches Weſen das Leben genug verbittertl“ . umſonſt?“ Wellt mehr beſcheert— ſieh dort Dein Ziell*) Nickel Liſt. 10. Lieferung. 289 geſchieht, dann kehre ich nicht zurück zu Dir, deſſen kannſt Du gewiß ſein, denn ich bin andere Umge⸗ bungen gewöhnt und Du haſt mir früher durch Dein „So iſt all' mein Flehen, all' mein Bitten „Alles umſonſt und vergeblich— unſere Le⸗ benswege ſind einmal geſchieden, um ſich nie wie⸗ der zuſammenzutreffen! Darum laß mich zufrieden und kehre heim zu Deinen Kindern, mich aber laß in Ruhe und Frieden!“ Entrüſtet über dieſe Kälte und Hartherzigkeit rief jene dem weiter Reitenden zu:„Du ſprichſt von Ruhe und Frieden, der Du beides zerſtörſt, wohin nur Dein Fuß tritt?— Ach! Ruhe und Frieden ſind Dir weder für dieſe noch für jene damit deutete ſie mit der Hand nach dem auf einem nahen Hügel ſtehenden Galgen, woran mehrere Strauchdiebe aufgehängt baumelten, und deren Lei⸗ chen der Wind hin und herbewegte.. Die Jägersfrau ſchauderte zuſammen bei die⸗ *) Hierzu die Abbildung im achten Hefte. 290 ſem Anblicke; Liſt gerieth jedoch dadurch nicht in vie geringſte Aufregung, mit der größten Ruhe und Gleichgültigkeit ſagte er blos:„Dieſer Galgen iſt für mich nicht erbaut worden.— Mag mein künf⸗ tiges Schickſal ſein und kommen, wie es will, Dich Weib, geht es nichts mehr an; wir ſind geſchieden, darum mache, daß Du heimkommſt und laß mich zufrieden!“ Und er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte mit ſeinen Begleitern eilends davon. Seine Begleiterin, die noch nicht gänzlich ver⸗ dorben war und auf welche die letzten Worte ſeiner Frau einen tiefen Eindruck gemacht hatten, tröſtete er mit den Worten:„Meine Stunde iſt noch nicht gekommen, die Saat iſt noch lange nicht reif, um abgemäht zu werden, ich habe noch Vieles und Großes erſt zu ſäen, dann mag es kommen mit mir wie es will, ich bin gefaßt darauf. Ich werde enden, wie es mir das Schickſal vorher beſtimmt* hat, und ich kann ja eben ſo gut noch als ein r i⸗ cher und angeſehener Mann in fremden Landen Deiner Seite ruhig im Beite ſterben, als am Gal⸗ gen oder auf dem Radel— Darum vorher keine Sorge und Betrübniß, ſeinem Schickſal kann nun einmal Niemand entgehen!“ —— — XXXIII. Die Vergiftung. Sie iſt nicht mehr!— Kalt und bleich ſind die Wangen, Dieſe Bruſt hat ausgebebt. Qualvoll iſt ſie heimgegangen, Oualvoll ſo wie ſie gelebt. Fahr' denn wohl, Du treue Seele, Fahre wohl! und was dies Leben, Karg und hart, Dir nicht gegeben, Gebe ſreundlich Dir der Tod! Grillparzer. Durch das Zuſammentreffen und die zeitweilige Verbindung von Nickel Liſt und ſeinen Genoſſen mit der großen boͤhmiſchen Bande war für beide ein ſehr großes und fruchtbares Feld der Thätigkeit eröffnet. Deer erſte Einbruch geſchah in das Schloß zu Dur, das zur Nachtzeit ſtmech Äberſallan und . 292 durch Verrätherei erobert und ausgeplündert wurde. Dieſer kühne und freche Gewaltſtreich machte in Böhmen, obgleich man hier in dieſen Gebirgs⸗ gegenden an ſolche Sachen gewöhnt war, doch viel Aufſehen, da er das Daſein einer Räuberbande offenbarte, die mehrere hundert Köpfe zählte. Von da aus ging es, unterwegs jede Gelegen⸗ heit zu Raub und Einbruch benutzend, verabredeter⸗ maßen nach dem reichen Kloſter zu Eger. Die große hier gemachte Beute fiel bis auf ein Vier⸗ theil, welches der böhmiſchen Bande für ihre Mühe verblieb, an Nickel Liſt als Erſatz für den Raub, den die Böhmiſchen einſt in ihrem Uebermuthe an ſeinem Eigenthum zu Beuta begangen hatten. Die Verbindung dieſer beiden Banden dauerte mehrere Monate und es wurden eine Menge Ver⸗ brechen verübt, Einbrüche folgten auf Einbrüche, ſo 8 daß die Gerichte endlich die größte Thätigkeit in Verfolgung der Räuber zu entwickeln begannen, weshalb man es für das Gerathenſte hielt, daß beide Banden ſich wieder trennen ſollten. Um jedoch noch einige beabſichtigte und ſchon verabredete Einbrüche nicht aufzugeben, und da keine von beiden Banden die dabei gehoffte Beute im Stiche laſſen I —,——— 293 —— wollte, wurde feſtgeſetzt, daß die beiden Banden noch zwei Wochen vereint bleiben und dann ers die Trennung erfolgen ſollte. Zu den Schlöſſern, in welchen die Räuber einen Ueberfall beſchloſſen hatten, gehörte auch das gräfliche Schloß Hainsbach. Nickel Liſt hielt ſich in einem Hauſe des Dorfes Kaiſerswalde bei dem Städtchen Schluckenau auf, wo er ſeine Geliebte, die ehemalige Jägersfrau, an der er immer noch mit ganzer Seele hing, zurückließ, als er zu dem Einbruche in's Hainsbacher Schloß zog. Die Jä⸗ gerin war ſeit einiger Zeit immer kränklich— ſie befand ſich in geſegneten Umſtänden und Liſt freute ſich unendlich auf den zu erhoffenden Sprößling ſeiner Liebe. Seit ihm dieſe glückliche Ausſicht leuch⸗ tete, war er ganz verändert, er war viel milder im Umgange, viel nachſichtiger gegen ſeine Leute, und er hätte in der Freude ſeines Herzens ſelbſt ſeinem Todfeinde vergeben können. Er trennte ſich diesmal ſchwer von ihr, obgleich er darauf rechnen konnte, in der Frühe des nächſten Morgens wieder bei ihr zurück zu ſein. Es war ihm immer ſo zu Muthe, als ſähe er die Geliebte zum letzten Male und müſſe ihm etwas Trauriges begegnen. 204 Der Einbruch auf dem Schloſſe Hainsbach gelang über alle Maßen glücklich und ging ohne alle Unfälle vorüber. Die gemachte Beute war nicht unanſehnlich und Liſt eilte mit frohem Herzen und voll Sehnſucht zu der krank zurückgelaſſenen Geliebten, um den Antheil ſeiner Beute ihr zu übergeben. Freudig pochte ihm das Herz, als er ſich in der Morgendämmerung dem Hauſe näherte, worin jene wohnte. Es kam ihm aber Niemand darin entgegen, wie dies ſonſt gewöhnlich der Fall war. Dies fiel ihm ſchon auf und beklemmte ſein Herz. Als er in das Zimmer trat, wo ſie logirte — achl wie ward ihm da zu Muthe, wie verſteinert blieb er an der Thüre ſtehen, der Anblick, welcher ſich ihm darin darbot, zerſchnitt ihm das Herz: die Geliebte fand er nämlich in den heftigſten Krämpfen, ihre Sprache war gelähmt, ſie vermochte keinen Laut hervorzubringen. Liſt, in der Heilkunde wohl⸗ hewandert, erkannte ſogleich, daß die Geliebte ver⸗ giftet worden ſei und in den letzten Todeszuckungen liege. Er wandte in aller Eile noch einige Heil⸗ mittel zu ihrer Rettung an, aber vergeblich, ſie blieb unrettbar dem Tode verfallen, und in etwa zwei Stunden nach ſeiner Rückkehr gab ſie unter „ —y— — SÜ— —— 295 den fürchterlichſten Schmerzen ihren Geiſt auf. Die Sprache hatte ſie nicht wieder erhalten, nicht ein Wort, nicht einmal einen Laut des Abſchiedes hatte ſie vermocht, ihrem Geliebten zu ſagen oder nur zu ſtammeln; noch ein letzter, ſchon halbgebrochner Blick, noch ein leiſer Druck der Hand war Alles, was ſie ihm noch gewähren konnte, ehe ſie verſchied. Die Unglückliche ſtarb eines ſchweren, gräß⸗ lichen Todes; ſie ſühnte dadurch die Schuld, die ſie durch das böswillige Verlaſſen ihres Ehemannes auf ſich geladen hatte. Liſt's Schmerz war unausſprechlich; er ſaß anfangs, ganz in ſich und ſeinen Schmerz verſenkt, an dem Lager der theuern Todten und vermochte ſich nicht von ihr zu trennen. Er ließ Niemanden vor ſich, ſelbſt nicht ſeinen getreuen Schwarz, und hatte ſich hier mehrere Stunden lang bei der Leiche eingeſchloſſen. Dann ging der ſtiillle Schmerz in wilde Raſerei über, er wüthete und tobte und ſchwur die fürchterlichſte Rache den Urhebern dieſer Ver⸗ giftung. Aber ſo ſehr er auch forſchte, über dieſes Verbrechen blieb ein dunkler, undurchdringlicher Schleier gebreitet; Niemand wußte davon, Niemand hatte auch nur eine Ahnung davon gehaht, Niemand 296 konnte auch nur eine feſte Vermuthung für den Thäter aufſtellen. Liſt blieb jedoch keinen Augenblick zweifelhaft, wer ſo Entſetzliches hier gefrevelt habe. Er war überzeugt, daß dieſer furchtbare Schlag, der ihn doppelt ſchwer traf, auch nur ihm hauptſächlich gegolten habe, und daß es die Hand der Rache geweſen ſei, die ihn geführt, die Hand zurückgeſtoßner Liebe— Amaliens Hand, die ſich auf dieſe Weiſe auf das Empfindlichſte an ihm gerächt!— Etwas Näheres und Gewiſſeres hierüber war aber nicht zu ermitteln; nur ſo viel erfuhr man ſpäter, daß Amalie ſich wirklich verkleidet als Mann bei dem verworfenen Chriſtian Müller aus Stolpen in dieſer Zeit heimlich aufge⸗ halten habe. Nickel Liſt verließ nach dem Begräbniß ſeiner Geliebten Böhmen. Vergeblich ſuchte er nach Ama⸗ lien und ihrem Aufenthalte, es war auch nicht die geringſte Spur von ihr zu entdecken, ſelbſt nicht in Leipzig während der Meſſen, in welchen Zeiten ſie ſich doch ſonſt gewöhnlich in dieſer Stadt auf⸗ zuhalten pflegte. XXXIV. Niickel Liſt geht nach Hamburg. Mein Schickſal ruft, ich folge ſeiner Stimme, An meiner Hand klebt Blut, ich hab' gefrevelt An Gottes Weisheit, an der Meinen Glückl! Die Stunde ſchlägt, der Himmel will vergelten Und nur der Feige zieht ſein Haupt zurück! Iriedrch Halm. Nickel Liſt, der hein geraubten Schätze in Saus und Braus wieder durchgebracht und überhaupt ſeit der Vergiftung ſeiner Geliebten ein tolles, aus⸗ ſchweifendes Leben geführt hatte, um ſeinen Schmerz zu übertäuben, ging zur Michaelismeſſe 1697 wie⸗ derum nach Leipzig. Hier kam eine Geſandtſchaft von der Hamburger Gaunerbande abermals zu ihm und luden ihn nach Hamburg ein. Es waren dies die Juden Hoſcheneck und Liepmann. Früher waren ſchon einige Mitglieder der eiſ'ſchen Bande dem Rufe nach Hamburg gefolgt, 298 doch waren ſie noch nicht geſchickt und liſtig genug, geweſen, den Hauptſchatz zu heben; der große und der kleine Leopold ließen jedoch nicht nach, darauf zu dringen, daß man alles nur Mögliche in Be⸗ wegung ſetzen müſſe, um den berühmten Nickel Liſt zu gewinnen, welcher der Einzige ſei, der im Stande wäre, den großen Schatz in der Domkirche zu Hamburg zu heben. In Hamburg hatte eine Judengeſellſchaft, dar⸗ unter Moſes Hoſcheneck und Schimmeku, ſo⸗ wie die früheren Genoſſen Liſt's: der große und der kleine Leopold, ſchon längſt ihre Augen auf einen großen Schatz in der Domkirche zu Hamburg geworfen. Seit Jahren bereits gingen ſie mit dem Gedanken um, ihn zu ſtehlen, aber er war zu gut verwahrt und Keiner von ihrer zahlreichen Gauner⸗ bekanntſchaft war geſchickt genug, die künſtlichen Schlöſſer zu öffnen. Schon einmal hatten ſich, wie wir wiſſen, ihre Augen nach Leipzig gewandt, um den berühmten Nickel Liſt für ihren Plan zu ge⸗ winnen, doch aus uns begreiflichen Gründen hatte dieſer dieſem Rufe keine Folge geleiſtet. An ſeiner Statt hatten die damaligen Abgeſandten den berüch⸗ gien Chriſtian Müller mit nach Hamburg ge⸗ — 299 nommen, aber auch dieſer hatte nichts ausrichten 8 5 können, und der Schatz, der auf eine Tonne Goldes Deshalb faßten die Hamburger abermals den Entſchluß, ſich an den berühmten Nickel Liſt zu wenden und ihn zu gewinnen zu ſuchen; denn es war auch dort bekannt, daß deſſen Kunſt noch kein Schloß widerſtanden hatte. 1 Hoſcheneck und Liepmann gingen deshalb zur Michaelismeſſe 1697 als Geſandte nach Leipzig und ſuchten Nickel Liſt zu gewinnen, ihnen nach Ham⸗ burg zu folgen und bei der Hebung des erwähnten Schatzes behilflich zu ſein. Fühlte ſich auch Nickel Liſt geſchmeichelt durch dieſe abermalige Berufung, ſo hielten ihn doch jene myſtiſchen, uns aber wohlbekannten Gründe davon ab, dem Rufe ſogleich Folge zu leiſten. Was jedoch den Verſprechungen und Ver⸗ lockungen dieſer ausgefeimten Juden nicht gelang, das erreichte leicht ein Weib. Da dieſe Juden nämlich merkten, daß all' ihr Bemühen abermals bei dem Nickel Liſt vergeblich ſein werde, ließ Liepmann ſeine Geliebte, die ſchöne Simſe, eine höchſt reizende, üppige Perſon, nach Leipzig kommen. geſchätzt wurde, war noch unangetaſtet. b — 300 Liſt ſiel bald ganz in die Netze dieſer ſchlauen Buhlerin, und er gelobte feierlich, nach Hamburg zu kommen, aber vorerſt müſſe er noch einige an⸗ dere Unternehmungen in Oberſachſen, die ſchon vorbereitet wären, ausführen, doch werde er ge⸗ wiß vor Ende des Jahres noch in Hamüurg ſ ſich einfinden. Die Juden reiſten ab, die Einbrüche in Ober⸗ ſachſen wurden glücklich aus⸗ und durchgeführt und noch vor dem Neujahr 1608 erſchien Nickel Liſt, blos von dem getreuen Andreas Schwarz begleitet, in der großen Hanſeſtadt Hamburg unter großem Pompe und Glanze als ein vornehmer adliger Cavalier. 3 Sein Scharfblic verrieih ihm bald das Ge⸗ heimniß der Schlöſſer, die den Schatz wahrten, und nach kurzer Arbeit hatte er die nöthigen Schlüſſel fertig. Der Einbruch gelang ohne Mühe, aber der Ertrag blieb weit unter den Erwartungen aller Betheiligten. Der Raub zerſiel in neun Theile— Lorenz Schöne und Frau und Gottfried Müller aus Dresden hatten ſich als ungeladene Gäſte nachträglich noch eingefunden— und auf Herrn von Moſel kamen mit ſeines Jagers halbem Antheil nur 45 301 Thaler! Außerdem erhielt er noch 60 Ducaten für die aufgewendeten Reiſekoſten. Ein zweiter Diebſtahl, den er blos mit Andreas Schwarz's Unterſtützung in derſelben Kirche wagte, lieferte gar nur Kleidungsſtücke. In Hamburg lebte Nickel Liſt ganz mit der ſchönen Simſe, die ihn völlig in ihre Banden ver⸗ ſtrickt hatte. Sie verließ ſeinetwegen ihren bis⸗ herigen Geliebten, den Juden Liepmann, ſchloß ſich nun„ganz an Liſt an und zog mit dieſem herum, wohin beide ihr Stern oder Unſtern führte. Sie wurde, wie wir ſpäter werden Gelegenheit haben zu ſehen, der böſe Dämon Liſt's, der ihn völlig in's Verderben und zum Untergange trieb. Sie machte ihn bekannt mit dem hannoverſchen Regiments quartiermeiſter Peermann, mit dem ſie ebenfalls früher in zartlichen Verhältniſſen geſtanden hatte. Auf deſſen Schloſſe Wunſtorf lebte er mit ſeiner Geliebten längere Zeit. Hier geſchah es, daß, als er einſt im Schloß⸗ garten mit ſeiner Geliebten am Arme ſpazieren ging, ein Frauenzimmer ſich ihm plötzlich in den Veg warf, auf die Kniee vor ihm fiel und ihn be⸗ ſchwor, ſich ihrer wieder anzunehmen, da ſie ohne* ihn ganz verlaſſen ſei. 302 Zu ſeinem groͤßten Entſetzen erkannte er in der gudringlichen Amalien.„Elende Giftmiſcherin, fliehe meine Gegenwart und laß Dich nie mehr vor mir ſehen, ſonß möchte ich mich verſucht fühlen, Rache an Dir zu nehmen!“ Amalie bat und beſchwor ihn, ſie wieder in Gnaden aufzunehmen; wenn ſie gefehlt, habe ſie nur aus Liebe zu ihm gefehlt. Er aber wies ſie zornig von ſich und erklärte feſt, daß, wenn ſie ſich noch einmal vor ihm ſehen ließe, das ihre letzte Lebensſtunde ſein ſollte.„ Amalie, darüber wüthend, gelobte ihm ihrer⸗ ſeits, ihn zu verfolgen, wie und wo ſie könnte; wie der Schatten wolle ſie ſich an ſeine Ferſen heften 8 und nicht eher ruhen, bis ſie ihn in's Verderben gebracht habe.„Nur erſt, wenn Du unterm Rade liegſt und der Henker Dir die Glieder zerſchmettert, nicht eher iſt meine Rache geſättigt!“*) Dies waren ihre letzten Worte. Hierauf ſprang ſie auf und verſchwand. Andreas Schwarz folgte ihr, doch verwochie er 1 e nhht uehr lsſd zu machen. XXXV. Der Naub der goldenen Tafel zu Lüneburg. Es iſt nichts ſo fein geſponnen, Endlich kommt's an's Licht der Sonnen. Altes Syrichmwort. Die gute Stadt Lüneburg beſaß einen Scha, 44 um den ſie von ganz Deutſchland beneide wurde, und den die ehrſamen Bürger als das achte Well⸗ wunder zu betrachten geneigt waren und wie ihren Augapfel hüteten. Es war dies die weliberühmte güldene Tafel, welche den Aliar in der Kloſterkirche St. Michael zierte: eine Platte von 7 Fuß 7 Zoll Höhe und 3 Fuß 8 Zoll Breite aus feinem G dold⸗ blech, reich mit Edelſteinen verziert und in 18 Fel⸗ dern kunſtreich getriebene Bilder aus der heiligen Geſchichte darſtellend. Rundum waren ächer an. 304 gebracht, in denen koſtbare Reliquien, Monſtranzen, elche und Meßbücher aufbewahrt wurden. Der Sage nach hatte ſie der Kaiſer Otto aus der Beute, die er nach einer Schlacht gegen die Sara⸗ zenen in Italien gewonnen, verfertigen laſſen und dem Kloſter als Votivtafel geſchenkt. In einer gläubigern Zeit hatte ſie viele und namhafte Wunder verrichtet, die aber alle von ihrem letzten übertroffen wurden, das ſie nach ihrem Verſchwinden that: ſie bewegte das hundertköpfige Deutſchland wenigſtens einmal zu zuſammenwirkender und einiger Thätigkeit. Fünf Jahrhunderte war die güldene Tafel alt, und nur einmal hatte eine Frevlerhand, aber erfolg⸗ los, danach gegriffen; ſelbſt von den Bilderſtürmern der Reformation und von den Söldnerhorden des dreißigjährigen Kriegs war ſie verſchont worden. Auch war ſie gut verwahrt. Wie andere Altar⸗ bilder war ſie für gewöhnlich dem Blick durch eine mit ſchönen Schildereien bedeckte Flügelthür ent⸗ zogen; aber außerdem noch durch eine zweite Flügel⸗ thüͤr geſchützt, verſehen mit ſo künſtlichen Schlöſſern, daß kein Dietrich ſie öffnen konnte. Einen gewalt⸗ ſamen Einbruch hatte man in der gutbewachten Stadt nicht zu fürchten. — * Früh Morgens am 9. März 1698, an der Mittwoch nach Eſtomihi, wünſchten einige Fremde das vielbewunderte Kunſtwerk in Augenſchein zu nehmen. Mit dem klappernden Schlüſſelbund ver⸗ ſehen, führt ſie der Küſter nach der Kirche. Er will die äußere Thür öffnen und beginnt ſchon in wohl⸗ geſetzten Redensarten mit dem Lobe des ſeltenen Schatzes. Aber der Schlüſſel ſchließt nicht; Böſes ahnend, verſtummt der Küſter, bricht nach mehreren vergeblichen Verſuchen die Thür auf, reißt die innern Flügel auseinander— ſie waren wider alle Gewohnheit nicht verſchloſſen— und ſieht ſeine Ahnung nur zu gut beſtätigt: die güldene Tafel iſt ſö„bis auf wenige kärgliche Trümmer geraubt!* Am Sonntag vorher war ſie noch vorhanden geweſen; das bezeugten Hunderte von Augen, die ſie während des Gottesdienſtes, wo die äußeren und inneren Flügelthüren des Altars ſtets geöffnet waren, — geſehen hatten, und ſeit jenem Tage war die Kirche nicht geöffnet worden. Auch waren die Schlöſſer 1 der Thüren unverſehrt, und nirgends zeigte ſich eine SGSpur, wie die Diebe Eingang gefunden. „ Der Verluſt des ſeltenen Schatzes erzeugte in Auneburg die äußerſte Beſtürzung; aber damit ver⸗ Nickeleiſt. 10. Lieferung. 20 306 miſchte ſich ein von Aberglauben nicht freies Grauen vor den kühnen Frevlern. Hatten ſie die fabelhafte Springwurzel ausfindig gemacht, welche die feſteſten und künſtlichſten Schlöſſer augenblicklich öffnete? Beſaßen ſie den unſichtbar machenden Dieb esdaumen, daß ſie, von Keinem bemerkt, ſich in die belebte Stadt und die Kirche ſchleichen und mit ihrem Raube zum wohlbewachten Thore hinausgehen konnten? Gegen offene Gewaltthat konnte man ſich noch wehren, gegen gewöhnliche Diebe half Schloß und Riegel, was ſchützte aber vor Zauberkünſten? Zum Glück für Deutſchland hielt ſich der Lünebur⸗ ger Rath mit ſolchen Betrachtungen nicht auf und verſäumte nichts, was zur Entdeckung der Thäter führen konnte. Die einheimiſchen Diebe kannte man gut genug, um zu wiſſen, daß ſie hier nicht be⸗ theiligt ſein konnten. Eine ſolche fabelhafte Diebes⸗ geſchicklichkeit war bis Lüneburg zu nicht gedrungen. Es mußten Fremde geweſen ſein, das ſtand feſt. Der erſte Schritt war alſo, in den Gaſthäuſern nachzuforſchen, was für Reiſende in den letzten Tagen in der Stadt geweſen waren. Vier oder fünf Wochen vor dem Sonntag Eſtomihi war in Luneburg eine Geſellſchaft Fremder * 307 zugereiſt und theils bei dem Wirth Fritz Schwanke, theils in der Harburger Herberge abgeſtiegen. Der Vornehmſte von ihnen, von ſeiner Umgebung Doctor genannt, ein Mann von etwa funfzig Jahren, von einnehmendem und gefälligem Weſen, aber dabei mit den Manieren eines Mannes von Stande, hatte eine junge und ſchöne Dame bei ſich, eine Frau von Sien, die durch ein anſpruchvolles und ge⸗ räuſchvolles Auftreten das wieder einbrachte, was der Doctor durch ein allzuſtilles Leben ſündigte. Denn dieſer ſchien für wenig mehr als ſeine Bücher Sinn zu haben und über der Wiſſenſchaft alles Andere zu vergeſſen. Tagelang ſaß er oft auf ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, mit ſeinen Studien beſchäftigt, während Frau von Sien ſich im fremd⸗ artigen und reichen Putz den erſtaunten Lüneburgern zeigte. Die beiden andern Begleiter des Doctors, gegen die er ſich wie ein Höherſtehender, ja faſt wie ein Herr benahm, hatten dennoch mit der hochad⸗ ligen Frau von Sien in einer verwunderlichen Ver⸗ traulichkeit gelebt. In der Harburger Herberge waren zwei Diener des Doctors mit den Pferden eingekehrt. Geſchäfte konnten die Fremden nicht in der Stadt haben, denn ſie verkehrten mit Niemandem: 20 48 3 5 308 Wunſch nach Zerſtreuung oder Wißbegier konnte ſie auch nicht hergeführt haben, denn ſo ſtolz auch die Lüneburger Bürger auf ihre Stadt waren, ſo mußten ſie ſich doch geſtehen, daß ſie nicht der Merkwürdigkeiten und Vergnügungen genug darbot, um einem vornehmen und gewiß vielgereiſtem Mann einen mehrwöchentlichen Aufenthalt lohnend zu machen. Zudem hatte die fremde Geſellſchaft nicht einmal das Wunderwerk der Stadt Lüneburg, die güldene Tafel, in Augenſchein genommen, und ſo eine ſonderbare Verachtung gegen dieſes Kleinod an den Tag gelegt. Schon hatte man angefangen, ſie mit argwöhniſchen Augen zu betrachten, als ſie am Montag nach Eſtomihi am frühen Morgen in mehreren Wagen und mit hwweren Gepäck abgee 8 reiſet waren. Da wurde der Raub der güwenen Tafel ent⸗ deck, und natürlich lenkte ſich der Verdacht ſogleich auf die geheimnißvolle Reiſegeſellſ ft. Von dem Wirth Fritz Schwanke war nicht viel zu erfahren. Mit lobenswerther Wirthsdiscretion hatte er nicht ach den Verhältniſſen und Zwecken der Reiſenden gefragt, die viel Geld verzehrten und mit nobler Sorgloſigkeit die Rechnungen nicht allzugenau an⸗ * —— — 309 ſahen. Uebrigens hatte ihm ſein Sohn Chriſtian Schwanke die vornehmen Gäſte zugeführt, und er mußte ſie um ſo genauer kennen, als Frau von Sien ſeine Schwägerin war. Verdächtiger ſchon waren die Spuren, die man in der Harburger Herberge entdeckte. Dort hatten zwei Bediente des Fremden gewohnt, ein junger hübſcher Kerl und ein älterer, und letzterer hatte eine Frau bei ſich gehabt. Die ganze Art dieſer Leute war der Wirthin aufgefallen. Sie zeigten mehr Geld, als man ſelbſt bei der Dienerſchaft eines vornehmen und freigebigen Cavaliers erwarten konnte, kümmerten ſich nicht groß um die Befehle ihres Herrn und vernachläſſigten die Pferde, die doch ihrer beſondern Obhut anvertraut waren, ſo ſehr, daß der Hausknecht ihre Pflege ganz über⸗ nehmen mußte. Den ganzen Tag verbrachten ſie mit Spielen, Zechen und anderm wüſten Treiben. Mit großer Theilnahme hatten ſie ſich nach dem Kirchenſchatz des St. Michelkloſters erkundigt, aber trotz mehrmaligen Aufforderungen der Wirthin ihn nicht in Augenſchein genommen. Ein Schloſſer brachte gegen ſie zur Anzeige, daß ſie ſich bei ihm mehrere ſeltſame Werkzeuge, eines wie ein feines 310 —— Brecheiſen geſtaltet, hatten verfertigen laſſen. Unter den Lumpen, die ſie zurückgelaſſen, fand die Wirthin. ein Stückchen Goldblech, ganz von demſelben Fein⸗ gehalt, wie das der güldenen Tafel. Es galt jetzt, dieſe Spur weiter zu verfolgen und vor allem des Chriſtian Schwanke, der über ſeine Reiſegefährten mußte Auskunft geben können, habhaft zu werden. Er war ein Seefahrer und hatte in ſeiner Jugend als ſolcher weite Reiſen ge⸗ macht, war aber jetzt in Hamburg anſäſſig und hatte dort eine Wirthſchaft, wo allerlei lockere Ge⸗* ſellen und Dirnen zuſammenkamenz; kein ſehr ehr⸗ ſames Gewerbe, das ſchon ſeinen Lebenswandel in ein ſchlimmes Licht ſtellte. Oft war er auch von Hauſe abweſend und ging andern Geſchäften nach, aber Niemand wußte wo und welchen. Das Requiſitionsſchreiben der Celler Regierung fand ihn gerade in Hamburg anweſend, ſo daß er gleich in Verhaft genommen und verhört werden konnte. Aber über den räthſelhaften Doctor war wenig aus ihm herauszubringen. Er gab zwar zu, daß er ihn nach Lüneburg gebracht habe, wollte ihn aber unterwegs getroffen und ihn auf ſeine Frage, wo er in Lüneburg abſteigen könne, zu ſeinem — 31 Vater gewieſen haben, um dieſem einen guten Ver⸗ dienſt zuzuwenden. Auch habe er ihn mit ſeinem Gepäck nach Hamburg gefahren, wo ſie ſich getrennt hätten. Ueber das weitere Reiſeziel des Fremden wußte er keine Auskunft zu geben. Schwankes Schwägerin, die Frau von Sien, war eine getaufte Jüdin und an einen Hamburger Weinhandler verheirathet geweſen, nach deſſen Bankrott ſie ſich von ihm getrennt hatte. Schwanke gab zu, daß ſie an dem Doctor Geſchmack gefunden und mit ihm weiter gereiſt ſei; er legte aber über dieſes Verhältniß eine tugendhafte Entrüſtung an den Tag, und wollte ſeiner Schwägerin über ihr Laſterleben ernſtliche, jedoch vergebliche Vorſtellungen gemacht haben. In ſeinen und ſeiner Frau Ver⸗ hören— dieſe, welche ebenfalls mit in Lüneburg geweſen, ſah ſich auch mit in Unterſuchung gezogen — wurden allerdings noch verſchiedene Umſtände ruchbar, die ein höchſt verdächtiges Licht auf des Ehepaares Lebenswandel warfen, aber Anzeichen eines beſtimmten Verbrechens konnte man nicht er⸗ forſchen, und man glaubte ſchon, auf falſcher Fährte zu ſein, als das Gericht ganz unerwartet auf eine neue Entdeckung geleitet wurde.* 312 Unmittelbar nach ſeiner Rückkehr aus Lüneburg hatte Schwanke bei nächtlicher Weile in das Haus eines Bekannten, Markus Blott, einen ſchweren Koffer geſchafft und um Aufbewahrung deſſelben für ſeine Schwägerin, die Sien, gebeten. Dieſen Koffer lieferte Blott aus freien Stücken dem Hamburger Gericht aus, und bei der Eröffnung deſſelben fanden ſich Gegenſtände vor, welche ſchwerlich auf rechtliche Weiſe in ſolche Hände gekommen ſein konnten. Außer mehreren Säcken mit Ducaten und Kronen⸗ thalern enthielt nämlich der Koffer werthvolle Schmuckſachen, ausgebrochene Diamanten und Perlen, eingeſchmolzenes Gold und Silber, einen Damas⸗ cenerſäbel in goldner Scheide, ſilberne Kirchengefäße und mehrere prächtige Kleidungsſtücke, darunter einen koſtbaren Pelz, mit ſchwarzem Mohr überzogen. Der Säbel und der Pelz führten ſpäter auf die Ent⸗ deckung eines andern großen Diebſtahls, die Perlen waren, wie ſich bald auswies, von den Deckeln der Meßbücher des Michaelskloſters abgeriſſen. Schwanke leugnete auf das Entſchiedenſte, etwas von dem Inhalt des Koffers gewußt zu haben; er hatte ihn nur ſo heimlich bei Seite geſchafft, damit der Mann ſeiner Schwägerin nichts davon erfahre, V V 313 — der, obgleich von ihr getrennt lebend, ſie immer mit neuen Forderungen quäle und keinen Pfennig in ihrem Beſitz laſſe, wenn er davon wiſſe. Das Gericht mußte ſich vor der Hand bei dieſer Ausſage beruhigen, da es keinen Beweis dagegen bringen konnte, fand ſich aber doch bei dem ſtarken Verdacht, der auf Schwanken und ſeiner Frau ruhte, veran⸗ laßt, die beiden Inkulpaten nach Celle zur weitern Unterſuchung auszuliefern. Alle Nachforſchungen nach der Frau von Sien, auf der zunächſt der Ver⸗ dacht des Lüneburger Kirchendiebſtahls ruhte, blieben umſonſt. Sie war mit dem fremden Doctor ſpurlos verſchwunden. XXXVI. Entdeckung des Kirchenraubes zu Braunſchweig. Was ihr vollführt in dunkler Nacht,* Wo euch kein Menſchenaug' geſehen, 4 Das wird an's Tageslicht gebracht, Dafür müßt ihr nun Rede ſtehen. * Gleich nach Entdeckung des unerhörten Frevels in Lüneburg hatte die Celler Regierung, welche die Unterſuchung mit dem größten Eifer aufnahm, an alle deutſchen Behörden Bericht über den geſchehenen Raub mit genauer Beſchreibung des geſtohlenen Gutes erlaſſen, mit dem Erſuchen, den Verkauf deſſelben vorkommenden Falles zu verhüten, und die dadurch verdächtig gewordenen Perſonen zu ver⸗ baften. Mit einer für die damaligen Zeiten und Zuſtände, wie ſie oben angedeutet worden, ſeltenen —— — Bereitwilligkeit kamen auch die aufgeforderten Be⸗ hörden dieſem Wunſche entgegen und entwickelten aller Orten eine preiswürdige Thäͤtigkeit. Das hatte aber auch ſeine guten Gründe. Noch nie war das Gefühl der allgemeinen Unſicherheit jedem Ein⸗ zelnen ſo nahe gerückt worden. An Räubereien auf dem flachen Lande hatte man ſich gewöhnt; hatten ja die nächſten Jahrzehnten nach dem großen Kriege viel ärgere Gräuel gebracht, und gegen die damalige Zeit gehalten, war die jetzige eine Zeit der Ruhe. Aber wenn das Eigenthum des Bürgers in der mit Thoren und feſtungsartigen Mauern wohlverwahrten Stadt, hinter den feſteſten Schlöſſern und Riegeln, mitten im lebendigen Getreibe eines ſtarkbewohnten Handelsplatzes nicht mehr ſicher war, wo war da noch Schutz zu finden? Und die Lüne⸗ burger That ſtand nicht allein. Um dieſelbe Zeit waren in Braunſchweig, in Hamburg, im Sächſi⸗ ſchen, in der Altmark und in Mecklenburg Kirchen öffentliche Kaſſen und Privatleute um bedeutende Summen beraubt worden, und überall mit einem Geſchick und einer Heimlichkeit, die an das Wun⸗ derbare grenzten. So bewirkte denn ein Diebſtahl, was die aͤußerſte Noth des Reichs, der Raub ſeiner 316 ſchönſten Provinz, des Elſaſſes, nicht hatte herbei⸗ führen können: ein einiges und kräftiges Zuſammen⸗ wirken aller Stände des Reichs. Vor der Hand aber war der einzige Verdäch⸗ tige, deſſen die Gerichte habhaft geworden, Chriſtian Schwanke, und gegen ihn häuften ſich durch die Mittheilungen der auswärtigen Behörden die An⸗ zeichen immer mehr. Einige Wochen vor dem 9. März hatte er ſich in Blumenau bei Hannover auf⸗ gehalten. Dort hatte bei dem Wirthe Otto Müller ein reicher Cavalier aus Sachſen Aelet ele v. Moſel, der die Erbſchaft ſeiner Gemahlin, einer Holſteiniſchen von Adel, aus deren Geburtsort ab⸗ geholt hatte und jetzt auf der Nachhauſereiſe be⸗ griffen war. Sein Reichthum mußte groß ſein, denn er reiſete mit zahlreichem Gefolge, einem ſtattlichen Jäger, ein paar Geſellſchaftscavalieren und zwei Kammerfrauen für ſeine Gemahlin. Von den benachbarten Gutsbeſitzern hatte Herr Gideon Peermann aus Wunſtorf, hochfürſtlicher Regiments⸗ quartiermeiſter, ihn öfters beſucht. Auch mit Schwanke hatte er viel verkehrt, der häufig in Blumenau war, und zwar in Begleitung eines Wunſtorfer Juden, Jonas Meyer, eines höchſt verrufenen ———; “ 3 —-u 317 * 4 Subjects. Nach vierzehntägigem Aufenthalt war die ganze Geſellſchaft mit Peermanns Geſchirr nach Hannover gefahren. Böſe Zungen ſagten ihnen nach, ſie ſeien bei den Diebſtählen, die nach ihrer Abreiſe ruchbar wurden, nicht unbeiheiligt. Der Wirth in den drei Kronen in Hannover wußte von der noblen Geſellſchaft ebenfalls Aus⸗ kunft zu geben. Auch bei ihm war der Herr von Moſel eingekehrt, ein Herr von Mittelgröße und den Funfzigen nahe, der meiſtens einen feinen kaffeebraunen Pelz getragen. Seine Gemahlin war eine junge und ſchöne Frau von zierlichem Wuchs und mit ſchwarzen Augen geweſen. Der Haushalt des adligen Paares war auf den vornehmſten Fuß eingerichtet. Ein ſchmucker Jäger in der üblichen Uniform wartete bei Tiſche auf, wo die Reiſenden vom eigenen Silbergeſchirr, aus alten und koſtbaren Familienſtücken beſtehend, ſpeiſten. Dabei ging es ſtets hoch her: die feinſten Speiſen und beſten Weine mußten aufgetragen werden, und oft waren Gäſte anweſend, einmal auch der Regimentsquartiermeiſter Peermann, der ſich dabei einen ſolchen Rauſch trank, daß er in ſeinen Wagen gehoben werden mußte. Außer dem Jäger hatte der Herr von Moſel noch 318 zwei Männer bei ſich, ang deren Stellung der Wirth nicht recht klug werden konnte. Ihren Reden und Sitten nach gemeine Leute, ſpeiſten ſie doch mit dem Herrn und der gnädigen Frau an einer Tafel; die Kammerfrau, ſelbſt eine Officierswittwe, ver⸗ ſicherte ihm aber, der Eine ſei ein geweſener Officier, der Andere ein reicher Hamburger Kauf⸗ mann Schwanke, und ein Verwandter der gnädigen Frau. Da die Geſellſchaft jedoch reichlich bezahlte, und nach ihren häufigen Ausflügen ſtets wieder bei ihm einkehrte, ſo vergaß der Wirth bald ſeine Serupel. 5 Von Hannover folgte man der Spur dieſer Reiſenden nach Celle, wo ſie im Wirthshaus einen Bund Schlüſſel und Dietriche liegen gelaſſen, und. von dort nach Lüneburg bis in Fritz Schwankes Haus und die Harburger Herberge. So konnte alſo der Herr von Moſel kein anderer ſein, als der fremde Doctor und ſeine Gemahlin die Frau von Sien. Der eine Bediente aber, der in der Har⸗ burger Herberge logirt und dort Moritz Richter geheißen hatte, mußte der ſchmucke Jäger ſein. Der Name des zweiten Bedienten war dem Gericht unterdeſſen auch bekannt geworden. Ein 319 Hamburger Schneider lieferte dem Gericht einen Koffer ein, der ihm auf einige Tage von einem auswärtigen Kunden zum Aufheben gegeben worden, aber jetzt nach mehreren Wochen noch nicht reclamirt war. Er enthielt zwar nur Kleidungsſtücke, aber darunter den Rock des Mannes, der in Lüneburg mit dem Jäger zuſammengewohnt. Der Beſitzer hatte ſich Lorenz Schöne genannt und war Cornet; in weſſen Dienſten, konnte nicht in Erfahrung ge⸗ bracht werden, und er ſelbſt war mit dem Doctor oder dem Herrn von Moſel verſchwunden. Die letzte Spur von dem als Cavalier ver⸗ kappten Gauner wies in das Mecklenburgiſche. In Hamburg waren ein paar Tage nach dem Lünebur⸗ ger Diebſtahl vier Fremde, zwei Männer und zwei Frauen, im Mühlenhofe erſchienen und hatten dort mit den Juden vielerlei zu thun gehabt. Der Eine war in dem Gaſthof zum Engel eingekehrt, aber von dort nach einigen Tagen, mit Hinterlaſſung ſeines Gepäcks und ſeiner Pferde, in Begleitung eines Bedienten mit der Poſt nach Lübeck gereiſt. Die Pferde hatte man mit Beſchlag belegt, da ſie der Beſchreibnng nach dieſelben waren, welche in Lüneburg in der Harburger Herberge geſtanden; 320 der Diener aber, der ſich nach einigen Tagen wieder einfand, entging durch die Saumſeligkeit des mit ſeiner Verhaftung Beauftragten, und ſeine eigene Schlauheit für diesmal den Häſchern. Weitere Nachricht über den Herrn von Moſel erhielt man von einem Lübecker Juden, dem er verſchiedene Schmuckſachen und geſchmolzenes Gold zum Kauf angeboten. Er war von Lübeck mit einer ſchönen Frau von zierlichem Wuchſe und einem langen Be⸗ dienten in das Meklenburgiſche gefahren. Auch ein Dritter der verdächtigen Männer, der Cornet Lorenz Schöne, war in ſeiner Gefellſchaft geſehen worden. Schon ſetzt tauchte der wahre Name des viel⸗ geſtaltigen Gauners in einem ſeltſamen Briefe auf, der dem Bürgermeiſter von Lüneburg von unbe⸗ kannter Frauenhand zukam. Schwanke war darin als Theilnehmer an dem Lüneburger Raub ange⸗ geben. Seine Schwägerin, hieß es darin weiter, die Simſe genannt, ſei die Zuhälterin eines gefähr⸗ lichen Diebes, Namens Nickel Liſt, mit dem ſie ſich im Lande herumtreibe, und dieſer Nickel Liſt ſei der Anführer beim Diebſtahle geweſen. Auch über andere Gauner fanden ſich ſpecielle Nachweiſungen im Briefe, den wahrſcheinlich ein neidiſches Mitglied wrs⸗ re—ji— 321 der Bande, welches für diesmal leer ausgegangen, ſedenfalls wohl die rachedurſtige Amalie, zum Ver⸗ faſſer hatte. Zugleich mit der Nachricht von einem neuen Kirchenraub kam noch nachträglich aus Braunſchweig Kunde uͤber den Herrn von Moſel. Dort hatte er ſelbſt im Gewühl der Meſſe Aufſehen durch die Pracht ſeiner Kleidung und den Aufwand ſeiner Lebensweiſe gemacht. Er zeigte ſich nie anders als in wallender Allongenperrücke, Feder⸗ hut und reichgeſticktem Sammtkleid, das er faſt all⸗ täglich wechſelte; ſeine Finger blitzten von koſtbaren Ringen, und auf ſeinem Tiſche lagen die Dukaten haufenweiſe. Seine Gemahlin ging nicht weniger prächtig gekleidet als er. Sein Gefolge war noch zahlreicher als in Hannover und bildete einen kleinen Hofſtaat. Nur das Benehmen der Dienerſchaft wollte nicht recht in die vornehme Wirthſchaft paſſen. Sie aßen mit ihm an einem Tiſche und behandelten ihn, wenn ſie ſich unbeobachtet glaubten, ganz wie ihres Gleichen. Sie zankten und ſchimpften ſich in ſeiner Gegenwart, und einmal, als die Magd zufällig 8 Nickel Liſt. 11. Lieferung. 21 322 in's Zimmer trat, ſchlief der Eine auf dem Sopha, während der Herr von Moſel am Tiſche Geld zählte. Obgleich die Herrſchaft nur wegen des Ver⸗ gnügens nach Braunſchweig gekommen war, ging ſie dennoch ſelten aus, deſto mehr aber die Bedien⸗ ten, die ſich überall herumtrieben, und dann lange Berathungen mit ihrem Herrn hielten. Ein Ham⸗ burger Kaufmann Schwanke hatte ſich ebenfalls zur Geſellſchaft gefunden und war mit ihr abgereiſt. Erſt mehrere Wochen ſpäter entdeckte man den großen Diebſtahl in der Katharinenkirche. Dort lag nämlich in einem unterirdiſchen Ge⸗ wölbe, wohlverwahrt hinter ſtarken Gittern, dop⸗ pelten, mit ſtarkem Eiſen beſchlagenen Thüren und Läden und Schlöſſern und Riegeln ohne Zahl der reiche Nachlaß der Generalin von Ehmin. Von der Außenſeite der Kirche war der Schatz, den man auf eine Tonne Goldes ſchätzte, unzu⸗ gänglich, von innen verſchloß ihn eine ſtarke eichene Thür mit zwei Schlöſſern, von denen das eine höchſt kunſtreich war und nur mit zwei Schlüſſeln geöffnet werden konnte. Gitter, Thüren und Schlöſſer waren unverletzt, und dennoch waren acht von den Koffern ausgeleert, und zwei mit den Dieben verſchwunden Wie zum Hohn war der eine von den Raͤubern mit Steinen angefüllt worden. b Das war aber auch Alles, was der Herr von Moſel hinterlaſſen hatte: von ihm ſelbſt war keine Kunde mehr zu erlangen und für lange Zeit war jede Spur von ihm verſchwunden. Doch die außerordentliche Commiſſion in Celle hatte auch ohne ihn ſchon alle Hände voll zu thun. Chriſtian Schwanke, der mit den Dieben in den nächſten Beziehungen zu ſtehen ſchien, und ſeine Frau waren bereits verhaftet, und ihre Ausſagen lenkten die Aufmerkſamkeit des Gerichts zuerſt auf den Gaunercongreß in Blumenau. Schwanke ver⸗ ſchwor ſich zwar hoch und theuer, daß dort Alles in Ehren zugegangen ſei, aber ſchon die Anweſen⸗ heit des Herrn von Moſel genügte, um der Zu⸗ ſammenkunft in jenem Orte einen verdächtigen Cha⸗ rakter aufzuprägen. Man nahm daher ſchleunigſt feſt, was ſich von der ſaubern Geſellſchaft erreichen ließ, und zwar zu allererſt den Wirth in Blumenau, Otto Muͤller, der ohne Weiteres eingeſperrt wurde. XXXVII. Ein fürſtlicher Regiments⸗ quartiermeiſter. Dein Blut, du Hoher, Stolzer, macht dich edel, Zum Knecht von Dieben macht dich Herz und Schädel⸗ E. M. Kuh. Aber noch ein anderer Mann hatte in Blu⸗ menau und in Hannover mit dem Herrn von Moſel verkehrt, deſſen geſellſchaftliche Stellung jeden Berdacht der Theilnahme an ſolchen Verbrechen weit wegzuweiſen ſchien. Es war dies der Regimentsquartiermeiſter Gi⸗ deon Johann Heinrich Peermann, der Sohn eines hannöveriſchen Generallieutenants, ſeit vier Jahren mit einer Adeligen verheirathet, und jetzt in Wun⸗ ſtorf als Beſitzer eines ſchönen Gutes anſäſſig. In ſeiner Jugend war er Page an dem Hofe einer 325 deutſchen Fürſtin geweſen, er hatte ſpäter mehrere Feldzüge mitgemacht, wo er ſich ſeinen gegenwärtigen Rang erworben hatte. Man ſtand lange an, dieſen vornehmen Mann zu verhaften, aber nähere Nachforſchungen nach ſeiner Lebensweiſe brachten immer verdächtigere Umſtände an den Tag. Schwankes Frau hatte ihn ſchon in ihren erſten Verhören als einen guten Bekannten ihres Mannes genannt, auf deſſen Gute in Wunſtorf er oft wochenlang verweile, und Schwanke ſelbſt konnte dies weder leugnen, noch genügende Gründe für ſeine häufige Anweſenheit in Wunſtorf angeben. Auch mit dem Juden Jonas Meyer, einem berüch⸗ tigten Diebeshehler, der ſchon oft mit der Juſtiz in Conflict gerathen war, aber durch ſeine Schlauheit ihr immer wieder zu entwiſchen gewußt hatte, ſtand der Regimentsquartiermeiſter in verdächtigem Ver⸗ kehr. Außerdem erhellte aus des Gaſtwirths Müller Ausſagen, daß Peermann mit der unſichibar ge⸗ wordenen Frau von Sien in einem vertraulichen Verhältniß ſtand. Herr Gideon Peermann wurde nun ebenfalls verhaftet und nach Celle gebracht, wo er mit aller 326 ———— einem Manne ſeines Standes gebührenden Schonung in dem vornehmſten Gaſthofe Zimmerarreſt erhielt. Sein Auftreten war nicht das eines Schuldigen. Unbefangen und ohne Rückhalt ſetzte er dem Gericht ſein Verhältniß zu den verdächtigen Perſonen aus⸗ einander. Ihre Bekanntſchaft verdankte er der Frau von Sien, die er als Dame von Stande gaſtfreund⸗ lich bei ſich aufgenommen, als in der Nähe ſeiner Wohnung die Achſe ihres Wagens gebrochen und ſie in dem elenden Wirthshauſe des Ortes kein an⸗ ſtändiges Unterkommen hatte finden können. Später hatte ſie ihn noch einmal in Begleitung des Herrn von Moſel beſucht, und er hatte keinen Grund ge⸗ habt, die Bekanntſchaft dieſes reichen Cavaliers zu⸗ rückzuweiſen; auch habe er als höflicher Wirth na⸗ türlich nicht geforſcht, in welchem Verhältniſſe die anmuthige Dame zu dem ſächſiſchen Edelmanne ſtehe. Ihre Bekanntſchaft habe zu einem Austauſch gegenſeitiger Höflichkeiten und Einladungen geführt, wodurch ſich ſeine häufige Anweſenheit in Blumenau und in Hannover ganz natürlich erkläre. Chriſtian Schwanke hatte er aus höflicher Rückſicht für Frau von Sien bei ſich aufgenommen, die ſich ſeine Schwägerin nenne; ſonſt ſtehe er in keinem Ver⸗ 327 hältniß mit ihm. Mit dem Juden Jonas Meyer ſtehe er allerdings in vielfachem Verkehr, da er ſich deſſen Vermittelung bei Ankaͤufen von Waaren in der Reſidenz bediene. In den Verhören nahm er die gelaſſene Dul⸗ dermiene eines ſchwer geprüften Chriſten an, und ſeinem Munde entſtrömten fromme Reden und Bibel⸗ ſprüche über die unverſchuldeten Leiden des Ge⸗ rechten; dann wieder war er ganz verzweifelt über den Gedanken, daß man ihn ſo gemeiner Ver⸗ brechen für fähig halten könnte, fiel ganz außer ſich auf die Knie nieder, und ſchwur bei Gott und ſeinen grauen Haaren, daß er unſchuldig ſei; dann wieder drohte er mit einer Klage beim Reichs⸗ kammergericht, wenn man ihn noch länger wider⸗ rechtlich gefangen halte. Die Confrontation mit Schwanke blieb ohne Reſultat; der vornehme Mann imponirte durch ſein ſicheres Auftreten dem Schwanke dermaßen, daß dieſer Alles ſagte, was ihm Jener unter die Zunge legte. Auch ein geheimes Anerbieten des Fürſten, ihn ſtraflos ausgehen zu laſſen, wenn er Auskunft 328 über die Gaunerbande gebe, wurde nur mit Aus⸗ drücken tugendhafter Entrüſtung oder verzweifelten Klagen über die nie wieder gut zu machende Schmach, die ihm widerfahren, beantwortet. Zuletzt blieb dem Gericht doch nichts Anderes übrig, als ihn wieder heim ziehen zu laſſen. Seine Freiheit war jedoch nicht von langer Dauer. —— ——— IXXXVIII. Entdeckung des Kirchenraubes in Hamburg und das erſte Geſtändniß. Das Weltmeer, könnt' es Bad Dir ſein, Es wüſche nicht die Flecken rein. Chriſtian Graf v. Stollberg. Schwanke war ſchon ſchwer compromittirt durch den Beſitz des Koffers, den er für das Eigenthum ſeiner Schwägerin ausgab, und durch ſein einge⸗ ſtandenes Herumtreiben mit dem Herrn von Moſel und ſeiner Bande, ſo wie durch die Ausſagen ſeiner Frau, die ihn zwar keines beſtimmten Verbrechens bezüchtigte, aber doch Andeutungen über ſeine Ver⸗ hältniſſe gab, die ſeinen Lebenswandel in ein ſehr verdächtiges Licht ſtellten. Jetzt aber wurde wieder ein Einbruch entdeckt, bei dem er unmittelbar betheiligt erſchien. 330 Diebe waren mit großer Kunſtfertigkeit— ſie hatten dabei 13 Schlöſſer öffnen müſſen— in eine Seitenkammer des Hamburger Domes gedrungen, hatten aber für ihre viele Mühe nur einen kärg⸗ lichen Lohn davongetragen, denn der Koffer, den ſie mitgenommen, enthieli nur Kleidungsſtücke. Meh⸗ rere dieſer Sachen fanden ſich in Schwankens Beſitz. Gleichzeitig waren aus einem Gewölbe der⸗ ſelben Kirche mehrere Kiſten mit werthvollen Sil⸗ berſachen verſchwunden, ohne daß man ſichere Spuren der Thäter hätte finden können. Der Verdacht aber mußte natürlich auf Schwanke fallen. Bei ſo dringenden Indizien gegen den Inkul⸗ paten war das Gericht nach den damaligen Ge⸗ ſetzen berechtigt, ihn der Tortur zu unterwerfen. Schwanke widerſtand der Qual der Daum⸗ ſchrauben nicht. Er legte ein offenes Bekenntniß ſeiner Verbrechen ab, und wiederholte es in den ſpäteren Verhören. Er war bei dem Lüneburger Einbruch geweſen, aber nur als untergeordneter Theilnehmer, und die That ſelbſt war nur eine glückliche Improviſation, auf welche die Bande, waͤhrend ſie von andern Unternehmungen ausruhte, gekommen war. Das — —.,— ——,— 2 331 eigentliche Ziel ihrer Thätigkeit war der Schatz in der Braunſchweiger Katharinenkirche geweſen. Um dieſen zu heben, war der Doctor— oder der Herr von Moſel— aus der Fremde nach Ham⸗ burg gekommen; auf weſſen Anſtiften, wollte Schwanke, als Uneingeweihter in die Geheimniſſe des Gaunerbundes, nicht wiſſen. Am Neujahrstage war die Geſellſchaft, aus Schwanke, dem Doctor, deſſen Diener Moritz Richter (der Jäger) und Frau von Sien beſtehend, mit des Erſtern Pferden von Hamburg wegaefahren und hatte ſich zuerſt nach Wunſtorf begeben, wo ſie eine Woche bei dem Regimenisquartiermeiſter Peermann verweilt, während der Doctor voraus nach Braun⸗ ſchweig reiſte, um nähere Erkundigungen einzuziehen. Erſt auf ſeine Briefe fand ſich die übrige Ge⸗ ſellſchaft nach und nach um ihn zuſammen. Zuerſt Moritz Richter, die Frau von Sien, der Cornet (Lorenz Schön), deſſen Frau, der Gardereiter Pante, und Kaiſer aus Wunſtorf, genannt der Rothkopf. Sie bildeten das Gefolge des Herrn von Moſel. Dann ſtellte ſich auch Otto Müller, der Wirth von Blumenau, Peermann und der Jude Jonas Meyer ein. Schwanke kam erſt ſpäter nach, als der Haupt⸗ 332 diebſtahl ſchon verübt war. Er half nur bei einem zweiten, als man noch zwei Kiſten mit Leinenzeug aus der Kirche holte. Den Doctor ſchilderte er als den Anführer der Bande, und als einen höchſt gefährlichen Dieb, der im Anfertigen falſcher Schlüſſel und im Oeffnen der künſtlichſten Schlöſſer von Keinem übertroffen werde. Mit erſterem beſchäftigte er ſich, während er bei verſchloſſenen Thüren angeblich ſeinen Stu⸗ dien oblag. Der Koffer, den Schwanke bei Markus Blott in Hamburg zum Aufheben gegeben, enthielt des Doctors Antheil von der Braunſchweiger und Lüne⸗ burger Beute. In Blumenau, wo der Raub vertheilt worden, war man zuerſt auf den Einfall gekommen, einen Abſtecher nach Lüneburg zu machen. Der Doctor war hier mit Frau von Sien bei Schwanke's Vater, Moritz Richter und der Cornet mit ſeiner Frau in der Harburger Herberge abge⸗ ſtiegen. 3 Von der Wirthin angegangen, ſich die größte Merkwürdigkeit Lüneburgs, die goldene Tafel, an⸗ zuſehen, war in dem Cornet und Richter zuerſt der L. Ceser in Neusalza. burg. u T nunr 6 dub 3 ur 333 Gedanke aufgeſtiegen, ſich des koſtbaren Kleinods . zu bemächtigen. Sie hatten dem Herrn von Moſel 1 1 ihren Plan mitgetheilt, und dieſer war bereitwillig darauf eingegangen. Aber die Ausführung war ſchwer; keiner der vorräthigen Schlüſſel paßte, und Moſel mußte ſeine ganze Kunſt aufwenden, um einen, der die Kirchthür öffnete, zurecht zu feilen. Endlich nach mehrtägiger Arbeit wurde er fertig, und Sonntag Nachts nach elf Uhr fanden ſich Schwanke, der Doctor, der Cornet und Moritz Richter an der Kirche zuſammen. . Wie ſie bei dem Einbruch verfahren, konnte Schwanke nicht angeben, denn atte draußen Wache geſtanden, während die Anderen drin arbeiteten. Nach vier Stunden erſchienen endlich die Diebe wieder, Lorenz Schöne*)(der Cornet) mit einemn Querfac, der das geraubte Gut enthielt, in der 3 Kirche aber ſchon verſiegelt worden war. Mit großer Vorſicht ſetzte ſich der Zug in Bewegung, Richter 4 als Eelaireur 50 Schriut voraus, damit ſie nias 9) Siehe die Abbildung im vorigen Hefte. 1 334 von der Schaarwache betroffen wuͤrden, und begab ſich nach Schwanke's Haus. Am nächſten Morgen reiſte die ganze Bande theils in Schwanke's Wagen, theils beritten nach Hamburg, wo getheilt werden ſollte; aber dazu kam es noch nicht, da die Hamburger Juden für das Geld und die Edelſteine zu ſchlechte Preiſe boten und der Doctor deshalb erſt in Luͤbeck einen beſſern Markt ſuchte. Von dem Hamburger Diebſtahl wußte Schwanke nur ſo viel, daß ihn Moſel ebenfalls verübt habe. Der Regimentsquartiermeiſter Gideon Peer⸗ mann wurde jetzt von neuem verhaftet, und faſt gleichzeitig war man des Juden Jonas Meyer hab⸗ Haft geworden, und lieferte ihn nach Celle aus. Aber von Beiden war nicht einmal durch die Androhung der Folter etwas herauszubringen. Sie leugneten hartnäckig, mit dem Herrn von Moſel anders als oberflächlich bekannt zu ſein, wollten von der Braunſchweiger Reiſe nicht das Geringſte wiſſen, ſchalten Schwanke in der Confrontation einen frechen Lügner und Ehrabſchneider, und betheuerten mit vielen Schwüren, die allerehrlichſten Leute von der Welt zu ſein. 91 335 2 Auch Otto Müller, der Wirth von Blumenau, trat mit der Miene eines Unſchuldigen vor dem Gericht auf. Er gab zu, mit in Braunſchweig ge⸗ weſen zu ſein. Der Herr von Moſel habe Geſchirr und Wagen bei ihm gemiethet, und da er ohnedies ſeine jungen Pferde nicht gern habe fremden Hän⸗ den anvertrauen wollen, ſo habe er die Gelegenheit ergriffen, um ſich die weltberühmte Braunſchweiger Meſſe anzuſehen und einige Einkäufe dort zu machen. Auch habe der Herr von Moſel bei ihm gewohnt, aber ſein Haus ſtehe als Gaſthof jedem ehrbaren Fremden offen, und der vornehme Cavalier habe ihm keinen Grund gegeben, ihm die Thüre zu weiſen. XXXIX. Liſt's Gefangennehmung. Heut' regiert mein böſer Stern, Müller. Flieht! Flieht! Zaudert nicht!— Ihr zögert noch? ſchon klimmen Eure Feinde Den Felſenpfad herauf. Was ſäumt Ihr? Flieht! . Friedrich Halm. Es dürfte nun wohl an der Zeit ſein, ſich auch einmal nach unſerm Nickel Liſt umzuſehen. Wie ſchon angedeutet, war der vornehme Herr von der Moſel, der ſich einen ſo zweideutigen Ruhm in Hamburg, Braunſchweig und Lüneburg erworben hatte, und auf den jetzt alle Fäden der Unterſuchung zurückführten, kein Anderer, als eben Nickel Lift. Unter dem Namen und Titel eines Herrn von der Moſel trat er, wie wir geſehen haben, von der — 3 337 Gaunerſchaft Hamburgs zur Hebung des für un⸗ ermeßlich gehaltenen Schatzes in der Hamburger Domkirche zu Hilfe gerufen, dort auf. Dieſer Ein⸗ bruch gelang über alle Maßen glücklich, doch blieb, wie auch ſchon erwaͤhnt, der Ertrag weit unter der Erwartung aller Betheiligten zurück. In Hamburg wurde Nickel Liſt mit der ſchönen verführeriſchen Anna von Sien bekannt. Sie führte ihn zuerſt zu dem Regimentsquartiermeiſter Peermann, mit dem ſie ebenfalls früher in zärtlichen, zweideutigen Verhältniſſen geſtanden hatte, und auf ſeinem Gute Wunſtorf wurde der Braunſchweiger Kirchenraub verabredet.. Mißtrauiſch geworden durch den ſchlechten Er⸗ trag des Hamburger Einbruchs, hatte der Herr von Moſel anfangs durchaus keine Luſt zu dieſer neuen Unternehmung. Aber die üppige Frau von Sien koſtete ihn unendliches Geld, ihre Bedürfniſſe grenzten an's Unglaubliche, er mußte auf neuen Verdienſt ſinnen, und ſo entſchloß er ſich denn end⸗ lich auf Peermann's Zureden, der Leitung der neuen Unternehmung ſich zu unterziehen. Wir wiſſen ſchon, wie glänzend er in dieſer Stadt auftrat, und fügen blos noch hinzu, daß außer Rickel Liſt. 11. Lieferung. 22 338 ihm, der Frau von Sien und ſeinem Jäger noch Peermann, Schwanke, Jonas Meyer, Pante, Otto Müller, Lorenz Schön und ſeine Frau, und Michael Kaiſer an der Ausführung des Raubes Theil nahmen. Auch hier war die Beute nicht ſo bedeutend, als die Verbündeten gehofft hatten, und in einem Koffer, wo ſie große Schätze zu finden erwarteten, lagen zu ihrer bittern Täuſchung nichts als Ziegel⸗ ſteine! Bei der Entdeckung des Diebſtahls wurde dies ihnen als humoriſtiſcher Streich angerechnet, aber wahrſcheinlich hatte ein früherer ungetreuer Hüter des Schatzes zu ſeiner Reitung ſich dieſer Liſt bedient. Nachdem alle Koſten der Hin⸗ und Zurückreiſe, ſo wie der Aufwand für das flotte Leben der Ge⸗ ſellſchaft in Braunſchweig abgezogen waren, kamen auf Liſt blos hundert Thaler. Anſehnlicher war der Ertrag des Lüneburger Diebſtahls. Zwar wurde hier von den Betheiligten Manches heimlich bei Seite geſchafft, bei der haſtigen Arbeit auch manches koſtbare Stück zerriſſen und Liſt noch dazu um mehrere auf ſeinen Theil ge⸗ kommene Edelſteine von den Hamburger Juden, die ſie für unecht erklärten, betrogen, aber dennoch kamen auf ihn 220 Stück Ducaten und 200 Thaler. 339 So brachte er zwar großen Ruhm, aber wenig Schätze mit von ſeinem Ausflug nach Hauſe, denn den beſten Theil der Lüneburger Beute hatte er in Hamburg zurücklaſſen müſſen, als ihm die wachge⸗ wordene Juſtiz auf den Ferſen ſaß. Um jede Spur hinter ſich zu verwiſchen, reiſte er, ohne neue Thaten zu verrichten, über Hamburg, Lübeck und Berlin mit der Frau von Sien und ſeinem getreuen Anreasd Schwarz mit möglichſter Eile wieder in die Heimath, um in der altgewohnten Umgebung in früherer Weiſe weiterzuwirken. Aber die Frau von Sien war ſein böſer Engel. Um Mittel zur Beſtreitung ihres unmäßigen Auf⸗ wandes zu erlangen, konnte er in ſeinen Unter⸗ nehmungen nicht mehr ſo wähleriſch ſein wie früher, und mußte ſich ſelbſt zu weniger vorſichtigen Strei⸗ chen entſchließen, wenn ſie nur einen reichen Ertrag verſprachen. 8 Es war die kühnſte Zeit ſeiner Laufbahn. Einbruch folgte auf Einbruch, Privathäuſer, Edel⸗ ſitze, öffentliche Kaſſen, Kirchen— nichts blieb ver⸗ ſchont, und immer noch lächelte ihm das Glück. Aber das Maaß war voll und das Ende nahe, und der Kircheneinbruch in Wunſidel(14. Juli 1698) war die letzte ſeiner gelungenen Thaten. 2* —— 340 „Länger konnte der gerechte Golt,“ ſagt M. Hoſemann, der als Beichtvater der Gefangenen in Celle ein dickes Buch über die Thaten der Räuber⸗ ſchaar geſchrieben,„ſolchen faſt nie erhörten Kirchen⸗ räubern und Erzdieben nicht nachſehen. Endlich hatte er ſeinen Bogen geſpannt und zielete, und hatte darauf geleget toͤdtliche Geſchoſſe. Seine Pfeile waren zugerichtet zum Verderben, mit welchen er den in allen Jahrbüchern mit ſchwarzer Kohle an⸗ zuzeichnenden ſchwarzen Nickel Liſt in ſeinem Laufe traf und anhielt, und ihm gleichſam zurief: Bis hieher ſollſt du kommen und nicht weiter.“ Ein paar Stunden von Hof lag einſam an der Straße das Haus des Anſpach'ſchen Umgeldsad⸗ junkis Schmidt, geſchützt auf der einen Seite von einem tiefen Waſſer, das die Vorderſeite beſpülte, auf der andern theils durch einen ſteilen Felsrand, kheils durch hohe Mauern. Das Haus brauchte aber auch einer ſo ſtarken Verwahrung, denn der Adjunkt hatte meiſtens eine gutgefüllte markgräfliche Kaſſe in Händen, welche die Habgier der in der Umgegend ſtreifenden Räuber wohl anlocken konnte. Nickel eiſt ritt mit vier Gefährten, dem Hans Buttelſtädt,, dem Hornikel, dem kleinen Leopold V V und noch Einem, von dem Wunſiedler Kirchenraub 1 4 341 nach Hauſe, als er von einem ſeiner Spione Nach⸗ richt erhielt, daß des Adjunkts Schmidt Kaſſe ge⸗ füllt und er ſelbſt abweſend ſei.“ Die Gelegenheit war zu lockend, und Nickel beſchloß, ſogleich zur That zu ſchreiten. Aber von der Waſſerſeite war das Haus unzugänglich, und die Nacht mußte abgewartet werden, um von der Landſeite aus einzubrechen. Dies geſchah auch ohne große Schwierigkeit, und ſchon ein paar Stunden nach Mitternacht be⸗ fanden ſich die Räuber mit einer anſehnlichen Beute an baarem Gelde in ihrem Schlupfwinkel, der neuen Schenke bei Greiz, wo ſie nach zwei durch⸗ wachten Nächten ungeſtört der Ruhe pflegen wollten. Nickel Liſt, Leopold und der dritte Namenloſe legten ſich in ein Zimmer im obern Stock, Buttel⸗ ſtädt(der Sohn des Wirts in Stetten) und Hor⸗ nickel zu den Pferden in den Stall. Noch lag Alles in tiefem Schlafe, als mit gyſſuendem Morgen Bewaffnete vor der Schenke eſſſchienen, den Wirth herausklopften und nach fünf Reitern fragten, die die Nacht hier eingekehrt ſein üßten. Der Wirth wollte keine Gäſte haben, er die friſchen Hufſpuren im Hofe verriethen re Anweſenheit. Eingeſchüchtert von den dro zuſammen. 342 den Piſtolen der Reiter, wies der Wirth auf den Stall und das obere Zimmer. Raſch wird der Stall mit einer Kette geſperrt, doch wie die Häſcher in hellen Haufen in das obere Zimmer dringen, ſind die Räuber ſchon wach und empfangen ſie mit Piſtolenſchüſſen. Einer von den Eindringenden fällt, und in der dadurch entſtandenen Verwirrung gelingt es Leopold und dem Anderen, zu entwiſchen. Liſt iſt nicht ſo glücklich. Auf ihn, den ge⸗ fürchteten Hauptmann, ſtürzt Alles los. Kaum niedergeworfen, ſteht er ſchon wieder auf den Füßen und reißt ſich mit rieſiger Kraft von ſeinen Be⸗ drängern los. Bereits hat er die rettende Thür erreicht, da trifft ihn von hinten der Schlag eines ſchweren Knittels*) und er finkt halb ohnmächtig Mit kräftigen Fäuſten fühlt er ſich gegack, alle Hoffnung der Befreiung iſt verſchwunden, aber er will wenigſtens nicht lebendig der rechtigkeit in die Hande fallen. Mit der noch fr Hand greift er in die Taſche, zieht ein Meſſ heraus und bringt ſich eine fürchterliche Wu⸗ a *9) Siehe die Abbildung. ſts Gefangennannung. 1 1 — — 343 4 in der Kehle bei. Von Blut triefend wird der Gefeſſelte auf ein Roß geſetzt und zwiſchen zwei ABewaffneten, die ihn halten, nach der Stadt gebracht. V Dennoch war die klaffende Wunde nicht tödt⸗ lich; nach langen Leiden wurde Liſt davon geheilt, obgleich ſeine ſonſt ſo kräftige Stimme ſchwach und ſanft blieb. Buttelſtädt und Hornickel erwachten erſt aus einem todtenähnlichen Schlummer, als ſie ſchon in der Gewalt der Häſcher waren. XXXX. Die Gefangennehmung vieler an⸗ derer Mitglieder der Räuberbande und die Frau von Sien. Vorbei iſt nun ihr ſchrecklich Walten, Es nahet der Vergeltung Stunde, Der Beraubten bleiche Schreckgeſtalten Schreien euch zu mit zorn'gem Munde, Rufen und gehen mit euch in's Gericht.— Ha, die ihr vor nichts ſonſt zurückgebebt, Als ihr in Sünde und Frevel gelebt, Nun ſtehet Rede— nun zittert nicht! ** Eine ſchwere Zeit war über die edle Vaga⸗ bunden⸗ und Gaunerzunft eingebrochen. Mit un⸗ gewohnter Thätigkeit ſtreiften im ganzen deutſchen Reiche die Häſcher umher und nahmen jeden Ver⸗ x⸗ 345 dächtigen feſt. Konnte das Gericht des Ortes nichts mehr aus dem Inculpaten herausbringen, ſo wurde er in das große Sieb nach Celle abge⸗ liefert, wo die ganze Gaunerſchaar geſichtet und Jeglicher nach der Größe ſeiner Schuld gewogen wurde. Hier in Celle liefen alle Fäden der großen Unterſuchung zuſammen; faſt jeder Verhaftete fand hier ſchon Complicen im Kerker, die theilweiſe ſchon geſtanden hatten und ſeine Ueberführung leicht machten. Die Gefängniſſe in Celle waren überfüllt und die Richter wurden faſt begraben unter Actenbergen. Eine Unmaſſe von Diebſtählen und Einbrüchen kam an den Tag und man ſah wohl, daß man es mit einer über ganz Deutſchland verbreiteten und wohlorganiſirten Bande zu thun hatte; aber bis jetzt war man nur der untergeordneten Glieder der⸗ ſelben habhaft geworden, während die Hauptleute noch frei herumliefen, namentlich die Seele des Ganzen, der berüchtigte Herr von Moſel mit ſeiner Zuhälterin, der Frau von Sien oder, wie ſie bei den Gaunern ſelbſt hieß, der ſchönen Simſiſe. 346 Um dieſe zu entdecken und den weiteren Ver⸗ zweigungen der großen Diebesverbindung nachzu⸗ forſchen, wurde der Amtmann Dietrichs, mit Voll⸗ machten und Empfehlungsſchreiben an alle deutſchen Behörden wohl ausgerüſtet, von der Celle'ſchen Re⸗ gierung auf eine Entdeckungsreiſe durch Deutſchland ausgeſchickt. Seine Bemühungen blieben lange fruchtlos, bis endlich nach Celle der Bericht gelangte, daß man bei Greiz im Voigtlande eine große Räuber⸗ bande eingefangen, deren Anführer, der gefürchtete Nickel Liſt, der Diebſtähle in Braunſchweig, Lüne⸗ burg und Hamburg geſtändig worden ſei. In der Begleitung des Wirthes aus den drei Kronen in Hannover eilte der Commiſſar Dietrichs nach Hof, wo der Verbrecher in Haft ſaß, und der Erſtere erkannte auch wirklich in dem mit Ketten elaßeten und im dumpfen Loche ſitzenden Manne den angeblichen Herrn von Moſel, den er in allem Glanze eines vornehmen Cavaliers bei ſi 9 ge⸗ ſehen hatte. 4 Mit der Gefangennehmung des Hauptmanns ſchien der Zauber, der bis ſetzt die anderen Rädels⸗ führer der Bande den Nachforſchungen der Juſtiz ————— 347 entzogen, gebrochen zu ſein. Einer nach dem an⸗ dern ſiel der Gerechtigkeit in die Hände. Die Folter erpreßte auch von dem Verſtockteſten Ge⸗ ſtändniſſe, welche die Entdeckung und Ueberführung der Anderen beſchleunigte. Chriſtian Müller, einer der gefährlichſten Ge⸗ ſellen Liſt's und ſein Nebenbuhler um die Herrſchaft üͤber die Bande, ſaß bereits in Leipzig und mit ihm der Drachenſtüber, Andreas Luci und die drei Juden Salomon David(der Rothkopf), Schmul Löbl(der Polacke) und Alexander Saladin(der kleine David) von der Raubgenoſſenſchaft nicht die unbedeutendſten. Andreas Schwarz oder Moritz Richter, der ſchmucke Jäger des Herrn von Moſel, war in Weimar wegen des früher begangenen Todtſchlags feſtgeſetzt worden, angezeigt von einem Kumpan,— der neidiſch war auf das Glück, welches der ſcone Jüngling bei den Weibern machte.. Den Gardereiter Pante ergriff man im Mans⸗ 2 feldiſchen, und mit ihm einen Kriegskameraden, Michael Kramer, zu der norddeutſchen Bande gehörig. 4 neiſahrene junge Leute in ihr Netz zu locken wußte. 348 Doch wollen wir den Leſer mit der Aufzählung der langen Liſte von Verbrechern nicht langweilen; die bedeutendſten derſelben gruppiren ſich am beſten um Nickel Liſt, den großen Gaunerhelden, der den Mittelpunkt in allen Abenteuern bildet und durch ſeine Thaten die beiden großen Gaunergenoſſen⸗ ſchaften in Mittel⸗ und Norddeutſchland mit ein⸗ ander verbindet. Blos der ſchönen Simſe, die von nun an nicht weiter auftritt, ſind noch ein paar Worte zu wid⸗ men. Als vornehme Courtiſane ſtreifte ſie bald unter dieſem, bald unter jenem Namen, bald allein, bald in Begleitung eines angeſehenen Mitglieds der Bande, das ſich gerade ihrer Gunſt erfreute, in Mitteldeutſchland herum; vornehmlich in den Meß⸗ und in den Univerſitätsſtädten, wo ſie reiche und Sie hatte ihre eigene Equipage und eine aus mehtere Perſonen beſtehende Dienerſchaft bei ſich und trat überall als reiche Edeldame auf. Ihre glanzvolle Erſcheinung, ihre Schlauheit und ihre Schönheit dienten ihr als dreifaches Schild, unter veſſen Schutz ſie das Angenehme mit dem Nützlichen auf das Beſte zu verbinden wußte, denn während 4 ſie ihren lüſternen Vergnügungen nachging, ver⸗ 249 ſaͤumte ſie nicht, durch Spioniren und Anlocken reicher Gimpel für ihre Gaunergenoſſen zu wirken. Lange Zeit folgte die Juſtiz ihrer kometenar⸗ tigen Bahn durch Deutſchland, konnte ihrer aber nie habhaft werden; wie ein weiblicher Proteus wußte ſie durch immer neue Verwandlungen die ſpürenden Augen der Gerechtigkeit zu täuſchen und zuletzt verſchwand ſie ſpurlos mit Lorenz Schöne, ihrem letzten Anbeter. Weder von ihr noch von dieſem hat man je das Geringſte wieder vernommen, ſie blieben ſpur⸗ los verſchwunden und entgingen ſo den Händen der Gerechtigkeit und der wohlverdienten Strafe. XXXXI. Amaliens Rache. Und verbirgſt Du Dich bis in der Erde Schlund, Ich folgte Dir dennoch nach, Ich riefe die ſchlafenden Rächer wach, Meine Rache die folgt Dir durch's Erdenrund, Bis daß Du vernichtet und elend durch mich, Und ich höhniſch Dir zurufen kann: das that ich! 0*½2 Den Buſen kochend vor Wuth und Rache, hatte Amalie nach jener letzten Verſtoßung von Seiten ihres einſt ſo feurigen Liebhabers Nickel Liſt Wunſtorf verlaſſen; aber ihr Weg ging nicht weit, nur bis Hamburg. Hier legte ſie die weibliche Kleidung ab, hüllte ſich in männliche Gewänder und, auf dieſe Weiſe völlig unkenntlich gemacht, folgte ſie, wie ein Schatten, aus Rache dem Treu⸗ loſen, um den günſtigen Augenblick zu erſpähen, 351 wo ihm am beſten beizukommen ſei und ihre Rache ſich glänzend entfalten könnte. Sie war es, welche jenen Brief an das Un⸗ terſuchungsgericht zu Celle geſchrieben hatte, worin. ſie demſelben Nickel Liſt als den Urheber jener 1 großen Kircheneinbrüche in Lüneburg, Braunſchweig und Hamburg bezeichnete. Als Liſt mit der ſchönen Simſe, ſeinem böſen Dämon, in ſein Vaterland wieder zurückgekehrt war, folgte Amalie in ihrer männlichen Verklei⸗ dung dem verhaßten Paare auch dahin. Sie lächelte bei dem tollen Treiben der Räuber mit teufliſcher Schadenfreude, denn ſie wußte es nur zu wohl, daß jene ununterbrochene Reihe von Ein⸗. brüchen ihn, den ſie glühend haßte, in's Verderben führen mußten. Was möglich für ſie ſei, hierbei zu thun und dies herbeizuführen, das gelobte ſſee ſich mit den unverbrüchlichſten Eidſchwüren, zu thun. Und ſie hielt nur zu ſehr Wort. 8 Amalie vernahm die Beredung der Räuberl unter ſich zu dem Ueberfalle des Schmid Hauſes. Sie war ſogleich feſt entſchloſſen, hierbei die Bande zu verrathen und ihre Gefangennehmung 8 herbeizuführen. Indeß hielt ſie es für noth⸗ wendig, den Raub erſt glücklich gelingen zu laſſen; . 352 erſt wenn die Räuber mit ihrer Beute ſich in Sicherheit wähnten, dann ſollte aus dem Hinter⸗ halte ungeahnt und unvorzergeſchen der Schlag des Rächers ſie treffen. Sie folgte aus der Ferne den Räubern nach, als ſie, nach gelungenem Ueberfalle, ihre Beute und Perſonen in Sicherheit brachten. Als ſie be⸗ merkt hatte, daß jene in der neuen Schenke bei Greiz ſich ihre Nachtherberge wählten, eilte ſie ſogleich zurück und machte die Anzeige hiervon. Den ferneren Verlauf haben wir bereits ge⸗ ſehen. Es gelang ihr vortrefflich, die Räuber in die Hände ihrer Verfolger zu bringen und ihr HKeerz frohlockte, als ſie die Gehaßten in Ketten und Banden erblickte. Als Nickel Liſt, verwundet und von Blut tr fend, in Feſſeln auf ſein Pferd gehoben und voon Bewaffneten nach dem Gefängniſſe zu Hof transportirt wurde, da ſah ſie ſich mit hölliſchem Triumphe dieſes ſchreckliche Schauſpiel mit an und ihre wahrhaft teufliſche Lache begleitete die Un⸗ glücklichen. Liſt hatte, trotz ſeiner erbärmlichen Lage und trotz ſeiner erſchöpften Körper⸗ und Geiſteskräfte, Amalie's Stimme erkannt, als ſie ihm nachrief: — 353 „Du gehſt zum Galgen oder Schaffot!— Triumph, die Rache des verſtoßenen Weibes hat geſiegt!“ Es war dieſe Entdeckung bei den vielen ſchmerz⸗ lichen Erfahrungen Liſt's in den letzten Stunden die ſchmerzlichſte, daß er ſeine Gefangennehmung der Rache dieſes Weibes zu verdanken hatte. Amalie aber triumphirte; jubelnd rief ſie aus: „Heil, dreifach Heil mir, daß es mir endlich ge⸗ lungen, den Treuloſen zu verderben. Nicht umſonſt hat er nun meine Liebe verrathen, nicht umſonſt ſein Ohr meinen Bitten und Flehen verſchloſſen!— Die ſchöne Simſe wird ſich ſeiner und er ihrer Liebe nicht mehr erfreuen!— Nur die feuchten Wände ſeines dunklen Kerkers werden hinfort ſeine Liebese. klagen und die Laute ſeiner Verzweiflung vernehmen; der Henker wird ihm die Glieder zerſchmettern, und 4 ich— ich— o Triumph der Hölle!— ich werde dabei ſtehen und zuſehen, wie nach und nach das verhaßte Leben entflieht! Nicht eher werde ich ruhen, als bis es dahin gekommen iſt. Dann ert iſt meine Rache ganz und vollkommen geſäͤttigt!“ Nickel Liſt. 12. Lieferung. 23 — — —— XXXXII. Liſt im Gefängniſſe. Diſt hab' ich in den Tagen meiner Kraft, 4 Als Selbſtvertrauen meine Bruſt noch ſchwellte, Dem Unglück nie zu weichen mir gelobt, Und mir geſagt: Du kannſt, Du wirſt es tragen! Doch meine Kraft iſt hin. 4 Doch haben mir nun Die Qualen, wie die Nache ſie erſinnt, Den Muth gebrochen, die erſchöpfte Kraft beſtegt, Und mir entpreſſet, was mein Haupt bewahrt. Friedrich Halm. Das markgräfliche Gericht in Hof nahm die Gefangenen in Unterſuchung. In den erſten Verhören läugnete Nickel l fiand⸗ baft, aber die Folter brach den Trotz des von langer Krankheit geſchwäͤchten Mannes, und nachdem er einmal geſtanden, hatte er für ſeine Richter kein Geheimniß mehr. Mit allen Zeichen echter Reue legte er ein offenes und vollſtändiges Bekenntniß aller ſeiner Thaten ab. Nur einmal hatte er ſeine Hände mit Blut befleckt: bei jenem Ueberfall ſeiner Schenke in Beutha hatte er den Schönburgiſchen Landſchöppen mit einem Piſtolenſchuß niedergeſtreckt, wie er be⸗ hauptete, aus Zufall, da er blos ſeine Bedränger durch den Schuß habe ſchrecken wollen. Einbrüche und Diebſtähle hatte er mehr be⸗ gangen, als ſein Gedächtniß faſſen konnte; aber er verhehlte nichts und führte ſeine Richter in ein La⸗ byrinth von Verbrechen ein, deren Schauplatz meiſtens Oberſachſen, Thüringen und Franken geweſen war. Bereitwillig nannte er die Gehilfen bei jeder That, half die ſchon in Haft befindlichen durch ſei Geſtändniß überführen und wies die Schkupfwinkel 8. von denen nach, die ſich noch frei herumtrieben. Auch zu den drei großen Kirchendiebſtählen in Norddeutſchland bekannte er ſich und nannte die übrigen Mitſchuldigen. 3 So ſiel durch ſeine Aufrichtigkeit werſt eintges Licht auf den weitverbreiteten Gaunerbund, und die 23* 356 Gerichten konnten jetzt mit leichterer Mühe die ein⸗ zelnen Fäden verfolgen, da ſie in ihm ſtets einen bereitwilligen Wegweiſer an der Hand hatten. Liſt's Lage im Gefängniſſe war eine entſetzliche; durch lange Wundkrankheit ſiech, durch die ausge⸗ ſtandene Folter ganz entkräftet und geſchwächt, voll Reue über die begangenen Verbrechen und Frevel⸗ thaten, hinfällig an Körper und Geiſt, und mit der Ausſicht, durch eine gräßliche Todesſtrafe die irdi⸗ ſche Gerechtigkeit verſöhnen zu müſſen— wahrlich, da gehörte ein großer Geiſt dazu, um nicht völlig— zu unterliegen. Liſt war im Gefängniſſe der Mann nicht mehr, der er bisher geweſen; all' ſeine Ver⸗ wegenheit und Kühnheit waren völlig verſchwunden, ſein Muth gebrochen— um es kurz zu ſagen: er ſpielte die Rolle eines reuigen armen Sünders voll⸗ 8 kommen, er war ein williges Werkzeug in der Hand deer Gerichte, die durch ihn, wie ſchon erwähnt, alle Schlupfwinkel und Mitſchuldigen erfuhren. Nickel t verſchonte Keinen, ſoviel es an ihm lag, über⸗ kieferte er ſie durch ſeine Geſtändniſſe alle ihren Richtern. Amalie, ſeine Todfeindin, hatte ihre Rache noch nicht genug durch den Verrath zur Gefangen⸗ —— 357 nehmung des einſt geliebten Mannes geſättigt, ſie wollte ihre ruchloſe Seele auch noch erlaben an dem Anblicke ſeiner Schmach und ſeines Elends. Des⸗ halb gab ſie ſich als frühere Mitſchuldige ſelber an, gegen das eidliche Angelöbniß der Strafloſigkeit für alle ihre mit begangenen Verbrechen; ſie ihrer⸗ ſeits gelobte noch alles anzuwenden, um alle ihre früheren Mitſchuldigen und Genoſſen in die Hände der Gerichte zu liefern. Als Gnade und Lohn dafür hatte ſie ſich ausbedungen, die Gefangenwär⸗ 2₰ terin Liſt's machen zu dürfen, was ihr ſehr gern bewilligt wurde, da man ſie als die Todsfeindin dieſes Mannes kannte. Daß nun die meiſten Räuber und wer nur jemals mit ihnen in Verbindung geſtanden hatte, in die Hände der lauernden Gerichte fiel, wird nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß einerſeits ein ränkevolles Weib, einſt Mitgenoſſin aller dieſer Räuber, und andrerſeits der reuevolle Hauptmann ſelbſt durch ihre Ausſagen und Geſtändniſſe den Gerichten willig zur Hand gingen. Amalie ließ ſich vor Nickel Liſt nicht eher ſehen. als bis er, todesmatt an Leib und Seele nach über⸗ ſtandener Folter, in ſeinem Kerker lag. Elendes, 358 — halbverfaultes Stroh war das Lager dieſes einſt ſo ſtolzen und vor Kurzem noch ſo prächtig und glanzvoll einherſchreitenden Mannes. Wimmernd vor Schmerzen, verwünſchte er ſich und alle ſeine Genoſſen und hauptſächlich jene, die ihn zum erſten Verbrechen verleitet hatten. „O Amalie,“ ſo rief er klagend,„Du warſt die Schlange, die mich verlockte in dieſes gräßliche Labyrinth, aus welchem kein anderer Ausweg mehr für mich iſt, als der Tod unter Henkershand!“ „Liſt, ei Du ſtarker, ſtolzer und hartherziger 1 Mann, wie kannſt Du ſo kleinmüthig jammern und klagen, wie ein Weib?“ antwortete voll Spott und 1 Hohn eine Stimme, die Jener nur zu wohl kannte, und neben ihm ſtand die ihm verhaßte Amalie, „Elende!“ rief er, mit Abſcheu ſich von ihr degwendend,„haſt Du noch nicht genug daran, mich erſt verlockt zu haben auf den Pfad des Laſters und der Verbrechen— mußt Du auch noch meiner in meinem Elende ſpotten!“ „ Verdienſt Du nicht meinen Spott, da Du peulſt und klagſt wie ein verſtoßenes Weib?— Ha, ich freue mich Deines Anblicks und ich bin hergekommen zu Dir, nicht um Dich zu tröſten, ſondern um durch meinen Dir verhaßten Anblick und meine Rede Dich von Neuem zu foltern!“ „Laß mich in Ruhe, ſchreckliches Weib, und weiche von dannen!“ „Du haſt hier nicht mehr zu befehlen,“ ent⸗ gegnete ſie ſtolz,„ſondern ich— ich bin Deine Wächterin und in meiner Macht ſteht es, Dein Loos noch zu verſchlimmern oder auch zu verbeſſern!“ „Auch das noch! Großer Gott, Du ſtrafſt mich ſchwer!“ „Du haſt zu wählen: bitte mir Deine Hart⸗ herzigkeit gegen mich ab und ich will Dir Dein 8¹„ ſchweres Loos ſo viel als möglich erleichtern!“ „ „Dir mag ich keine Gefälligkeit verdanken— 4 Deine ruchloſe Seele widert mich an— Du biſt ein Teufel in Menſchengeſtalt.— Ich habe ſchwer geſündigt, habe große Verbrechen in Menge be⸗ gangen, die mir weder hier in dieſer Welt noch .. ſcheulich, ſo tief gefallen, wie Du, bin ich doch noch nicht!“ Amalie war wüthend über dieſe Erklärung, doh ihre ganze Antwort darauf. in jener verziehen werden können, aber ſo gbe 3 2. 4 zwang ſie ſich zu einem höhniſchen kachen das war Sie beſuchte nun täglich den unglücklichen Ge⸗ fangenen und ſchmähte, kränkte und verhöhnte ihn. Nickel Liſt ertrug Alles mit Geduld, kein Wort, kein Klagelaut kam mehr über ſeine Lippen bei ihrem Anblicke und bei ihren wahrhaft hölliſchen Spott⸗ und Hohnreden; er hatte ſich in ſein Schick⸗ ſal ergeben, und war er früher groß geweſen in ſeinen Uebelthaten, ſo war er es jetzt nicht minder in ſeiner Reue und Buße; doch hatte er, wie wohl jeder Gefangene, die Hoffnung auf ſeine Befreiung noch nicht ganz aufgegeben. XXXXIIA. Liſt’'s Transport nach Celle. Biſt Du denn nicht auch zu Grunde gerichtet? Von Deinen Hoffnungen trifft nichts ein! Göthe. Ein leeres Hoffen Löſt auf in Fäulniß jede Lebenskraft. 3 Wer ſelbſt nicht Sieg und Frieden ſich verſchafft, Den hat des Todes kalte Hand getroffen. 8 Ein dumpfes Sein hält ihn in enger Haft; Nur Tugend lebt und Tugend nur darf hoffen! 3 Tiedge.— Die meiſten Mitſchuldigen Liſt's ſaßen bereits in Celle in Haft, entweder eingezogen auf Verdacht der Theilnahme an den Einbrüchen in Lüneburg, Hamburg und Braunſchweig oder im Laufe der Un⸗ terſuchung von anderen deutſchen Regierungen aus⸗ 362 geliefert, da durch die Thätigkeit der dortigen Be⸗ hörden Celle zum Mittelpunkt des großen Gauner⸗ prozeſſes geworden war. Aber dieſer zblieb nur Stückwerk, wenn nicht Nickel Liſt, der Einzige, der einen Ueberblick über die weitverzweigten Verbin⸗ dungen der Bande hatte und Auskunft über ihren inneren Zuſammenhang geben konnte, bei dem Ge⸗ richt mit in's Verhör genommen wurde, in deſſen Händen die Fäden der ganzen Unterſuchung zu⸗ ſammenliefen. So wie daher die Commiſſion in Celle Nachricht erhielt, daß der langgeſuchte Herr von Moſel in Hof in Ketten und Banden ſäße, er⸗ ging alsbald an die Anſpach'ſche Regierung ein Er⸗ 4 ſuchungsſchreiben, den berühmten Räuberhauptmann 3 behufs der Confrontation mit ſeinen Raubgenoſſen nach Celle zu ſchicken. Doch wurde dieſer Bitte aicht ſo leicht gewillfahrtet. Die Zumuthung, ſich der Juſtiz über einen ſo berühmten Verbrecher zu begeben, war nicht gering, und erſt nach langen 2 diplomatiſchen Verhandlungen willigte der Markgraf aus Rückſicht auf das allgemeine Beſte ein. Der Transport des Gefangenen von Hof nach Celle war aber keine kleine Sache. Noch immer ſtreiften zahlreiche Mitglieder ſeiner Bande frei 8 363 herum, und eines Verſuchs, ihn unterwegs zu be⸗ freien, oder auch zu tödten, um weitere compromit⸗ tirende Eingeſtändniſſe von ſeiner Seite unmöglich zu machen, konnte man ſich von den Genoſſen um ſo mehr verſehen, als man auch mehreren Ge⸗ fangenen in Celle ſchon Mittel zum Selbſtmorde zuzuſtecken gewußt hatte. Es wurden daher alle nöthigen Vorſichtsmaßregeln ergriffen. Eine erleſene „Mannſchaft, aus elf Gefreiten und vier Unteroffi⸗ cieren beſtehend, unter Anführung eines erfahrenen Kriegsmannes, des Lieutenants Braun, ging mit zwei ſechsſpännigen Leiterwagen am 4. December 1698 von Celle nach Hof ab, wo ſie am vierten Adventsſonntage eintraf. Hier wurde ihnen der Gefangene übergeben. Mit keckem Geſicht trat er ihnen entgegen, aber ſein Muth ſank, und der harte Mann fing an zu weinen, als er auf Befehl des 3 Lieutenants mit noch ſchwereren Feſſeln belaſtet und mit beiden Händen an den Wagen angeſchloſſen wurde. Wohl mochte ſein Herz noch eine Hoffnung der Befreiung gehegt haben und ſie jetzt vernichtet ſehen.. Wie im Angeſichte eines feindlichen Heeres ver⸗ olgte der Transport ſeine Straße. Nehen dem Gefangenen auf dem Wagen ſaßen zwei Soldaten, die Piſtolen mit geſpanntem Hahn in der Hand, und zwiſchen den Knieen eine geladene Flinte. In Gegenden, die zu einem Ueberfall beſonders geeig⸗ net ſchienen, mußte Liſt ſich auf den Boden des Wagens legen, der mit Stroh und Matten ſchußfeſt gemacht war; eine Tote recognoscirte die Straße vor dem Zuge, und Patrouillen ſtreiften im Gebüſch und zu beiden Seiten des Weges. In der Schenke, wo zu Nacht geraſtet wurde, hielt ein Gefreiter mit bloßem Degen vor der Streu des Gefeſſelten Wmache, während alle Ausgänge mit Bewaffneten beſetzt blieben und Patrouillen das Wirthshaus bis zum Morgen umkreiſten, um von der Annäherung 8 aigen Entſatzes zeitige Nachricht zu geben. Hinter Auma ſenkt ſich die Straße in einen ahiuen und ſnärt de dann weiter durch einen Braun lis Halt machen, ſeine Leute zuſammen treten und hielt an ſie eine Rede wie vor einer Scchlacht, daß Jeder ſein Moglichſtes thue und als WA ——— 11 Deser I ranspurlnarh Celle. C iſls 4 tapferer Soldat ſeinem Eide getreu das anvertraute Gut bis auf den letzten Blutstropfen vertheidige; auch gab er Verhaltungsmaßregeln, im Falle er ſelbſt bleiben ſolle. Dann wurden die Flinten friſch geladen, die Säbel in der Scheide gelockert und kampffertig ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung. Langſam ſchleppten die müden Pferde den Wagen auf der ſchlechten Straße dahin, die bald bergauf, bald bergab ging, und der dunkle Wald wollte kein Ende nehmen, da gewahrte man auf einer Höhe einen bewaffneten Strauchdieb), der wachſam die Straße überſchaute. Wie er den Zug kommen ſah, verſchwand er en Dickicht, rief aber erſt drohend daß er mit ſeinen Gefihrten bald wieder erſcheine werde. Schon lichtet ſich der Forſt offener und ſie hoffen bald Großebersdorf reichen, da erſcheint an einer Wendung erſt ein Reiter, dann zwei und zul · Trupp, Alle wohlbewaffnet. Raſch ul ſich die kleine Schaar zum 8 *) Siehe die Abbildung. auf, die Musketiere ſtehen ſchußfertig und erwarten nur den Angriff der Andern, als ſich das Mißver⸗ ändniß noch zur rechten Zeit aufklärt. Es waren reußiſche Reiter, die ihnen der Graf zur Eskorte entgegenſchickte. Doch war die Beſorgniß vor einem Anfall nicht ungegründet, denn in der nächſten Schenke erfuhren ſie, daß ſich ſchon ſeit mehreren Tagen verdächtige Männer in der Gegend herum⸗ trieben und ſich angelegentlich nach der Marſchroute der Lüneburger erkundigt hätten. Wahrſcheinlich hatte nur die Wachſamkeit und gute Haltung der kleinen Schaar das Geſindel von dem beabſichtigten Angriff abgehalten. Ohne weitere Abenteuer erreichte der Trans⸗ port Leipzig, wo das Milltair in der Borſtäde Heier ſollte Nickel Liſt nach langer Trennung ſeinen zeun Andreas Schwarz wiederſehen. Dort 4 von Weimar berteraradt heiteren Geſichts vom Wagen und ließ ſeinem Bruder hatte er Alles geläugnet und in der langen Haft war ihm der friſche Jugendmuth keinen Augenblick geſunken. Auch hier ſprang er, gefeſſelt wie er war, nach Weimar ſagen, er werde bald loskommen. „Kennſt Du den Nickel Liſt nicht?“ fragte ihn der Commiſſar.. 2 „Nein, ich habe nie von dem Kerl gehört,“ gab er ruhig zur Antwort.. Da traten die Musketiere auseinander, welche den andern Wagen ſeinem Auge entzogen und in Feſſeln und bleich ſah er ſeinen Hauptmann auf dem Stroh liegen, der ihn mit trüben Blicken anſchaute. Auch er erblaßte bei dem jä rl Anblick; aber er faßte ſich ſchnell wiede u „Nein, den kenne ich gar nicht. Er mag licher Kerl, er kann aber auch ein Schelm ſe Lif ſchüttelte wehmüthig mit dem Kopf ſagte:„Ach, Du guter Kerl, wenn Du erſt di blauen Daumen bekommen haſt, wie gut wirſt mich kennen.“ 368 Außer Andreas Schwarz kamen in Leipzig noch der wilde Chriſtian Müller, der Gardereiter Pante und die drei Juden Salomo David, Schmul Löbl und Alexander Salatin zu dem Transport. Sie wurden ſämmtlich nach Celle geſchafft und trafen dort unter großem Zulauf des Volkes ein, denn Alles wollte den großen Räuber Nickel Liſt ſehen, deſſen Ruf durch ganz Deutſchland ſcholl. XXXXV. Die Unterſuchung in Celle. Nun ſprechi, ihr Herrn, das Urtheil! Ich bin darauf geſaft! Ich kann ſie nimmer tragen die bange Sündenlaſt! Gabrie Seidl. Mit vemdoßpeſtem d Eifer wurde ſetzt in Celle die Unterſuchung fortgeſetzt und bald war ſie ihrem Abſchluſſe nahe. Das Geſtändniß, das die Folter nicht erpreſſen konnte, bewirkte oft— ein merkwür⸗ 4 diger Zug— bei dem verſtockteſten Sünder Gegenüberſtellung eines Schuldgenoſſen. Schwanke hatte längſt bekannt, was er wu ebenſo Otto Müller, der Wirth von Blumena aber Beide waren auch noch Neulinge im Ver⸗ brechen. Am hartnäckigſten läugneten Peermann und der Jude Jonas Meyer. 1 Nickel Liß. 12. Lieferng. 24 370 Bei dem Erſtern war jetzt an die Stelle des Stolzes, mit dem er anfangs den ehrenrührigen Verdacht von ſich gewieſen, eine wilde Frechheit ge⸗ treten. Unter den Qualen der Daumſchraube und der Beinſchiene ſchwur er mit gräßlichen Flüchen, er ſei unſchuldig, ſchimpfte die Henkersknechte und rief alle Teufel der Hölle an, ihm zu Hilfe zu kommen, gab zwar Einzelnes zu, widerrief es aber wieder, ſowie er von der Marterbank erlöſt war. Endlich aber erlag er doch den eniſetzlichen Schmer⸗ zen und bekannte, doch nur Bruchſtücke. Faſt jedes Wort mußte ihm mit neuen Qualen abgerungen werden. Was er ausgeſagt, genügte, um ihn an den Galgen zu bringen, giebt aber keine Aufklärung er den pſychologiſchen Prozeß, der dieſen vor⸗ nehmen Mann zum Genoſſen einer gemeinen Gau⸗ nerbande machte. Als er als Ueberführter aus ſeinem frühern anſtändigen Gefängniß in ein unter⸗ diſches Loch auf halbverfaultes Stroh geworfen purde, löſte ſich der ſtarre Trotz dieſes harten Herzens. So groß wie früher ſeine Frechheit, war jetzt ſeine Reue, aber nicht über ſeine Verbrechen, ſondern über die Gottesläſterungen, die er unter den Qualen der Folter ausgeſtoßen⸗ Jonas Meyer hatte von Jugend auf ein Diebs⸗ leben geführt, obgleich er nebenbei einen ausge⸗ dehnten und einträglichen Kornhandel betrieb. Ein abgeſagter Chriſtenfeind, ſchien er ſeine Thaten nur wie eine gerechte Rache an den ſein auserwähltes Volk verfolgenden Chriſten zu betrachten. Er läſterte den Erlöſer und empfing mit wildem Grimm oder frechem Hohn den Geiſtlichen, der den Höllen⸗ braten gar zu gern bekehrt hätte. Auch ihm zwang nur die wiederholte Folter ein unvollſtändiges Bekenntniß ab, und in der Confrontation ſchalt er ſeine früheren Genoſſen nur freche Lügner und Verläumder, die einen unſchuldigen Mann an den Galgen bringen wollten. Von Reue ſpürie er keine Anwandlung. Der Verworfenſte der ganzen Bande war, wie wir ſchon früher erwähnt haben, Chriſtian Müller. In Stolpen im Meißner Oberlande geboren, war er Soldat geweſen, dann deſertirt und hatte ſich zuletzt als Gauner in ganz Deuſſchland herumge⸗ trieben. Kein Laſter war ihm fremd, in der roheſten Sinnlichkeit hatte er ſich ſein Lebelang herum⸗ gewälzt und einen von Ausſchweifungen ruinirten Korper davon getragen. Sein Leben war eine un⸗ 24* unterbrochene Kelte von Diebſtählen, Einbrüchen und Mordbrennereien, die er den Richtern mit frechem Stolze vorerzählte. Von unübertroffener Verſchmitztheit, verwegen wie ein Teufel, und zu jeder Unthat bereit, hatte er lange mit Nickel Liſt um den erſten Platz in der Bande gerungen, ihm aber doch zuletzt weichen müſſen; ſeitdem haßte er ihn tödtlich und verkürzte ihn, wo er konnte. Un⸗ zählige Mal verhaftet, kannte er die Folter in aller Herren Länder und war dagegen ſo abgehärtet, daß er darüber ſcherzte und auf der Marterbank den Heenkersknechten höhnend zurief: ſie möchten ihn nur noch mehr quälen, er ſei noch friſch und munter! Aus einem ſolchen Menſchen war wenig herauszu⸗ bringen, und wenn er etwas bekannte, ſo vermengte es ſeine erfinderiſche Phantaſie dermaßen mit wun⸗ ebaren Lügen, daß das Gericht dem farbenreichen Roman ſtaunend zuhörte. Die Andern zeigten ſich zugänglicher. Am läͤng⸗ aiderſtand Roch Andreas Schwarze, vielleicht aufrecht erhalten von der Hoffnung, ſein junges Leben als Preis ſeines hartnäckigen Ausharrens davon zu tragen. Selbſt als ihm Nickel Liſt beweglich zu⸗ redete, Golt die Ehre zu geben und ein freimuͤthiges 373 Bekenntniß ſeiner Thaten abzulegen, blieb er ſtumm. Noch hielt er die Qualen des ſogenannten Mecklen⸗ burgiſchen Inſtrumentes aus, aber als er in das Foltergewölbe geführt wurde und im Kamin ein großes Feuer brennen ſah, da erfaßte ihn die Furcht. Der Unerfahrene glaubte, er ſolle an dieſem Feuer geröſtet werden und bekannte aus Angſt vor ſolchen Schmerzen. Nach abgelegtem Geſtändniß wurden die Ver⸗ brecher dem Geiſtlichen übergeben, der ſie zur Reue über ihren ſündhaften Lebenswandel zu bringen ſuchte, was bei den meiſten auch Erfolg hatte. Den günſtigſten Boden fanden ſeine eindring⸗ lichen Worte bei Nickel Liſt. Wie er mit ganzem Herzen Räuber geweſen, war er jetzt mit ganzem Herzen ein bußfertiger Sünder. Die Bibel und andere geiſtliche Buͤcher zu leſen, war im Gefängniß ſeine einzige Beſchäftigung, und ſeine Reue übe die Blutſchuld in ſeinem frühern Leben in lichen Herz auszuſchütten, ſein einziger XXXXV. Die erſten Hinrichtungen. Selbſt des Todes Anblick ſchreckt ihn nicht, Seine Lippen fluchen noch der Welt, Läſtern noch, bis daß das Auge bricht Und der Henker ihm den Leib zerſchellt. 1 . 8½* 2 Roch ehe die Akten des großen Prozeſſes ge⸗ loſſen waren, wurde an einigen Verbrechern, die der Unterſuchung keine Rolle mehr zu ſpielen hatten, das Todesurtheil vollſtreckt. Es war dies Chriſtian Schwanke, Andreas Schwarz, Peermann, Pante und ſein Kriegskamerad Kramer und Jonas Meyer. Otio Mäller, dem das Gericht ebenfalls das Leben abgeſprochen, kam mit lebenslänglichem Zucht⸗ haus davon. 325— Peermanns, Müllers und Schwankes Frau kamen in's Spinnhaus nach Hamburg. Am 21. Mai 1699, einem ſchönen Frühlings⸗ morgen, wurde der Spruch des Gerichts Angeſichts einer zahlloſen Menge Menſchen vollſtreckt. Schwanke und Schwarz waren verurtheilt, mit eiſernen Keulen zerſchlagen zu werden, Peer⸗ mann wurde gehenkt, Pante und Kramer in Er⸗ wägung früherer wackerer Kriegsdienſte mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht. Sie ſtarben Alle muthig und als bußfertige und reuige Sünder, und Anton Schwarz hielt vor ſeiner Hinrichtung noch eine bewegliche Rede an's Volk, es ermahnend, an ihm ein Beiſpiel zu neh⸗ men, die Sünde zu fliehen und für ſein ſe ges— Ende zu beten. Doch ſollte die Exekution nicht ount ein ent⸗ ſetzliches Aergerniß für die ganze Chriſtenheit ab. gehen. Auch der Jude Jonas Meyer w Strange verurtheilt und wurde mit binansgefahren. Schon unterwegs hatte er durch läſterliche Reden den neben ihm ſitzenden Peermann ſo ſehr in ſeinen Todesbetrachtungen geſtört, daß er auf einen andern Wagen gebracht werden mußte. Wie unzugänglich 376 er Bekehrungsverſuchen war, wußte der Geiſtliche ſchon von früher; dennoch mußte er auf Befehl der Obrigkeit dem ſchon unter dem Galgen ſtehenden armen Sünder noch einmal zureden, Chriſt zu werden. Grimmig wandte ſich dieſer ab, und als er den Strick um ſeinen Hals fühlte und ſich vor einer Verſchärfung der Strafe ſicher glaubte, rief er in die Menge hinaus: Ich lebe ein Jude und ſterbe ein Jude, Verflucht ſeien Alle die, in deren Herzen eine Ader iſt, die an Jeſum gläubet! Das waren ſeine letzten Worte. Ein ſolcher Frevel konnte nicht ungeahndet bleiben. Am naächſten Tage wurde der Leichnam vom Galgen genommen, nach der Stadt vor das vo chnothpeinliche Halsgericht geſchleift und über den Todter noch nachträglich das Urtheil verleſen, daß 1 iggen ſeiner gottesläſterlichen Reden die Zunge au⸗ dem Halſe geriſſen und verbrannt, der Körper aber mit den Füßen und nebſt einem Hunde an den Galgen aufgehängt werden ſolle! Dieſes Urtyeit ſogleich vollſtreck. — XXXXVI. Liſt's Hinrichtung. Fluch liegt auf meinem Leben; Er iſt getilgt, wenn ich es aufgegeben; Mein Blut verſöhne, was ich ſchwer verbrach. Friedrich Halm. Mittweile waren wieder mehrere Mitglieder des großen Gaunerbundes den Gerichten in die Hände gefallen, und die Unterſuchung ſchien gar kein Ende nehmen zu wollen.“ Die Namhafteſten darunter waren Wcuet Kaiſer, ein Brauer aus Wunſtorf und der r h köpfige Unbekannte, der bei dem braunſchweigiſch g Diebſtahl mitgewirkt hatte, und Hoſchenee 2 er Hauptanſtifter des Hamburger Domeinbruchs, deſſen eigentlicher Name Moſes Orſennink war. 378 Von Braunſchweig war Erſterer nach Süd⸗ 4 venſſchlond gegangen, hatte ſich dort lange ſtehlend und raubend herumgetrieben, war in Haft gerathen, wieder ausgebrochen und nach der Heimath geeilt Aber die Gerichte ſpürten ihm hier ſchon lange nach, ſeine Anweſenheit wurde bald ruchbar und die ausgeſandten Häſcher fanden ihn in einem Mehl⸗ laſen verſteckt. Auch in Breslau waren gefährliche Gauner ſelgenommen worden, und darunter drei der be⸗ rüchtigſten aus Nickel Liſts Bande, nämlich der große Leopold, der Keſſelpeter, und der dicke Martin Rich⸗ ter, genannt der Dukatenteufel. Hauptſächlich den Errſtern wünſchte die Commiſſion in Celle zu haben, 4 durch ſeine Vernehmung der großen Unterſu⸗ chung mehr Abrundung zu geben. Als aber das Reguiſttionsſchreiben bei dem wohlweiſen Rath von Breslau anlangte, hatte dieſer den großen Leopold in übergroßem Eifer und zum großen Verdruß der Cell Commiſſion ſchon gehenkt. ie Ueberführung der noch nach und nach Ein⸗ gebrachten hielt nicht lange auf, da die Haupträ⸗ 3 delsführer ſchon geſtanden hatten, und die Unter⸗ ſuchung, die ſich auf nahe an 100 Verbrecher und zahlloſe Miſſethaten erſtreckte, wurde nach zweijäh⸗ 8 riger Dauer geſchloſſen. Die Meiſten wurden ins Zuchthaus geſchickt, und außer den ſechs ſchon Hingerichteten nur noch acht zum Tode verurtheilt, wobei jedoch die aus⸗ genommen ſind, welche zwar zu Liſts Bande gehör⸗ ten, aber in andern Städten Deutſchlands verhaf⸗ tet und gerichtet wurden. Dieſe acht waren Nickel Liſt, Chriſtian Müller, Michael Kaiſer, Andreas Luci, Moſes Hoſcheneck, Samuel Löbel, Alexander Saladin und Salomo David. Die ſechs zuerſt Genannten wurden am 23. Mai 1689 gerichtet, Um eine Wiederholung des von Jonas Meyer gegebenen Aergerniſſes vorzu⸗ beugen, waren die beiden Juden noch beſonders verwarnt und bedeutet worden, daß die welche des Jonas Leichnam betroffen, bei eine ähnlichen Unterfangen an ihnen bei lebendig 1 vollſtreckt würde, und der Scharfrichter ern fehl, die nöthigen Werkzeuge bereit zu halten. Die Hinrichtungen gingen jedoch! biesma Störung vor ſich. Nickel Liſt war ſchon in Hof zum Feueriod verurtheilt, aber in Celle wegen ſeines bereitwilli⸗ gen Geſtändniſſes dahin begnadigt, daß ihm der Korper mit eiſernen Keulen von unten auf zer⸗ ſchmettert, der Kopf auf einen Pfahl geſteckt und die Leiche verbrannt werden ſollte; dieſelbe Strafe ſollte Chriſtian Müller erleiden, aber ohne Aufſteckung des Kopfes und Verbrennung der Leiche. Die vier Andern wurden gehenkt. Auf dem Schaffot legte Liſt noch eine öffent⸗ liche Beichte aller ſeiner Sünden ab, und erduldete ſeine furchterliche Strafe mit großer Faſſung. Auch die Uebrigen ſtarben als reuige Sünder, die beiden Zuden wieſen aber alle Bekehrungsverſuche ſtand⸗ haft zurüͤck. Erſt im nächſten Jahre wurden Alerander Sa⸗ ladin und Salomo David gehenkt. Hatte auch die große Unterſuchung nicht alle Schuldige erfaſſen können, ſo war doch mit der Hinrichtung der Haupträdelsführer und der Ein⸗ perrung der vielen Andern die Wurzel des weit⸗ verzweigten Gaunerbundes ausgerottet, und den einzelnen Ausläufern deſſelben die beſte Kraft ent⸗ ogen. Die Sicherheit, deren ſich Deutſchland von nun an auf lange Jahre erfreute, hatte es lediglich dem kraftigen Durchgreifen und der unermüdlichen Thä⸗ 381 tigkeit der Lüneburger Regierung zu verdanken, die ſich damit ein namhaftes Verdienſt um das Vater⸗ land erwarb. Amalie war auch dem gehaßten Nickel Liſt dis nach Celle gefolgt. Obgleich man ihr dort jedea Zutritt zu dem Gefangenen verweigerte, ſo blieb ſie dennoch in dieſer Stadt, um ihn hier unter Henkershänden ſterben zu ſehen. Als ſie aber die gräßlichen Qualen des Un⸗ glücklichen bei ſeiner Hinrichtung mit anſehen mußte, und die Seelenruhe und den Muth gewahrte, mit welcher er ſie ertrug, da löſte ſich der ſtarre Haß in ihrem Herzen, ſie vergab ihm aufrichtig, bereute, was ſie gegen ihn verbrochen, und weinte die bite 3 terſten Thränen. Nach Liſt's Hinrichtung begab ſi ſie ſich wieder in's Voigtland zurück, verband ſich ſpäter wieder mit einigen Gaunern, ſiel nun endlich in die Händ der Juſtiz und wurde, etwa ein Jahr nach diſis Tode, in Zwickau gehängt. ————— Verzeichniß der Abbildungen mit Angabe, wohin ſie gehören. 1) Titelkupfer: der Schwur des Hauptmanns: oder zu pag. 80 gehörig.) 2) zu Seite 75 gehörig: Was habt Ihr mit meinem Weibe zu ſchaffen? 3)„„ 101„ Zerſtörung der Räuberſchenke. *. 4)„„ 105„ Das verhängnißvolle Spiel. „„ 1038„ Nickel Liſt befreit ſich aus dem Gefängniſſe. 6)„„ 193„ Liſt’'s Zweikampf. )„„ 219„ Verdammter Pferdedieb. 8)„„ 289.„ Sieh dort Dein Ziel. „„, 302„ Amaliens Verſtoßung. „ 333„ Der Kirchenraub zu Lüneburg⸗ 342„ Liſt's Gefangennehmung. „ 365„ Liſt's Transport nach Celle⸗ 383 Inhalts⸗Verzeichniß. Seite. I. Der Ueberfall im Walde.... 3 II. Ueber das Räuber⸗ und Gaunerleben in jener Zeit.... 14 III. Nickel Liſt' s Schenfe und ihre Gäße. 3 IV. Nickel irs früheres Leben...39 V. Frau von n ernow..... 43 VI. Die Verführung.... 49 VII. Ein Räuberſtückchen.... 59 VIII. Der Einbruch im Paulinum zu Leipzig 68 IX. Der erſte Einbruch..—. 71 X. Die Hauptmannswahl... 78 XI. Das Probeſtück..... 83 XII. Der Einbruch in die Pfartwohnung zu Schlettau... XIII. Zerſtörung der Räuberſchenke“ XIV. Das verhängnißvolle Spiel.. 10 38 XV. Die Räuber in der Klemme zu Roſtan 112 XVI. Liſt's nochmalige Gefahr.. XVII. Ein neuer Bundesgenoſſee.. XVIII. Es ſpuckt an allen Orten und Enden 8 XIX. Liſt's Reue und Edelmuth.. XX. Rückkehr nach Leipzig.... XXI. Der Aufenthalt in Naumburg. XXII. Die Zeche...... 15 XXIII. Die Ausſöhnung und die Ernenerung des Bundes...... 17 XXIV. Die Wahrſagung der Zigeunerin. 18. XXV. XXVI. XXVII. XXVIII. XXIX. XXX. XXXI. XXXII. XXXIII. XXXIV. XXXV. Liſt's Zweikampf.. Luitgarde von Mertinowitz Die Wettee,. ſ Die Jagd.„ 4„ 5 Die Aufklärung der Ereigniſee Das Schreiben an den Herzog, Die Trennung von Amalien Unverhofftes Zufammentreffen Liſt's mit feiner Fran. Die Vergiftung.„ Nickel Liſt geht nach Hamburg.. Der Raub der goldenen Tafel zu Lüneburg...„ ⸗ Entdeckung des Kirchenraubes zu Braun⸗ ſchweig.. Ein fürſtlicher Regimentsquartiermeiſter Entdeckung des Kirchenraubes in Ham⸗ burg und das erſte Geſtändniß Liſt's Gefangennehmung. Die Gefangennehmung vieler andern Mitglieder der Ränberbande und die Frau von Sien“ Amaliens Rache„„ Liſt im Gefängniſſe Liſt's Transport nach Celle. Die Unterſuchung in Celle. Die erſten Hinrichtungen. eimes Hinrichtung.. “ “ 8 3 G fffffffffffffffffffiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17