733 6 1 DnAh aka fikkk edu. See Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Aterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet rd. 4 nement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und * 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 8—————————— auf 1 Mo at: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. —=— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgef beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8—————— * etzt und wird eiterverleihen Lips Tullian und ſeine Raubgenoſſen. — welche im Aufage deg 18. 1 e eee Sachſen, Buhmen und Schleſien mit furg Schrechen und Ertſehe erfiute. —* Von Dr. Erust Frei. Erster Band— Neuſa lza, Druck und Verlag von Lou J. Der Entſchluß, Nänber zu werden. 34 4 — Ich bin auch aus dem Himmel, Und bin ein verſtoßnes Kind. H. Laube. In einem Wirthshauſe an der ſchleſiſch⸗polniſchen Grenze ſaß zechend und lärmend eine bunt zuſam⸗ mengewürfelte Geſellſchaft. Sie erzählten ſich von den Thaten des gefürchteten, damals die ganze Grenze mit Furcht und Schrecken erfüllenden unter dem Namen:„der ſchwarze Wenzel“ bekannten 8 Räuberhauptmanns und ſeiner Genoſſen. „Das Merkwürdigſte aber iſt bei dieſen ver⸗ fluchten Räubern,“ meinte einer von den Bauern, „daß ſie ſich unſichtbar machen können; denn wenn ſie verfolgt werden, wenn die Soldaten ihnen auf 5 der Spur ſind, und ſie bis in die Waͤlder ir 4 dieſe Schufte nicht mehr entgehen, ſie ſind in unſrer Gewalt und wir liefern ſie nun gebunden und in Ketren in die Gefängniſſe ein— aber dieſe Hoff⸗ nung hat die Soldaten noch immer getäuſcht, denn Kerle verſchwunden und die Soldaten hatten das leere Nachſehen und konnten dann ſogar jedesmal en Aerger nicht einmal eine Spur „Da habt Ihr ganz recht, Nachbar,“ meinte Anderer,„das macht die ſchwarze Kunſt, die 3 e ſie ſich unſichtbar maghen können!“ „Wie meint Ihr das, Veit?“ „Nun, ſobald ein Dieb gehängt oder mit dem och ſolche ſanfte Hinuüberſpeditionen in jene die Namen fuͤhren, ſo ſchneidet der, welcher nſt, ſich unſichtbar zu machen, aneig⸗ ab, trägt ihn jederzeit bei ſich nnd dann nicht leicht ein Haͤſcher oder Soldat in kkommenl⸗ plötzlich, gleichſam vor ihren Augen, waren die einen Finger von dem Hingerichteten 5 und Schlauheit— das ſind die Talismane, welche die Räuber beſitzen und die ihnen in den ſchwierig⸗ ſten Fällen durchhelfen!“ Es entſtand nun darüber ein Streit, bis der Fremde, den dieſes Gezänke auf die Länge der Zeit langweilte, ſich verabſchiedete und die Schenke verließ, um ruhig ſeinen Weg weiter fortzuſetzen. Betrachten wir den Fremden etwas näher; er war ein hochgewachſener, ſchöner, noch jugendlicher Mann, dem man Kraft, Gewandtheit und Schlau⸗ heit ſogleich auf den erſten Blick anſah; er trug die Kleidung eines polniſchen Cavaliers und ſein Aeußeres ließ auf Wohlhabenheit ſchließen. Als er ſeines Weges ruhig dahinzog, warſein In⸗ neres jedoch keinesweges ſo ruhig, wie es wohl den An⸗ ſchein haben mochte, vielmehr war daſſelbe in höch⸗ ſter Aufregung und er meinte vor ſich hin:„So wäre ich alſo am Ziele und bald beginnt meine neue Laufbahn! Die Menſchen haben mich gemiß⸗ handelt, haben mir mein Liebſtes auf d meine theure, angebetete Jumelle, ſchandlit 3 mit Gewalt entriſſen, haben mich h gleih eine. — — ————— 6 will ich mich rächen, niemanden will ich mehr ſchonen, Mord und Raub ſollen nun meine Begleiter ſein und Furcht und Entſetzen vor mir hergehen. Ja, es iſt feſt beſchloſſen, ich werde ein Räuber, und nicht umſonſt habe ich in meiner Jugend alle Die⸗ beskniffe und Raubgeſchicklichkeiten gelernt, ich werde ſie nun brauchen können; das Schickſal hat mich einmal dazu beſtimmt, und Niemand kann ſeinem unnen! Wohlan, ich nehme den Fehde⸗ handſchuh des Schickſals auf; wie es mich von meiner Geburt an ſchon hilflos in die Welt geſtoßen und mit Unglück verfolgt hat, will ich Tauſende, und wen nur mein Arm zu erreichen vermag, auch unglücklich machen, ſie ihrer Habe berauben und hilflos in die Welt verſtoßen. Kein Erbarmen und Mitleid ſoll meine Seele mehr kennen, das ſind nur alberne Herzenskitzelungen, und Schwachheiten, deren ſich ein richtiger Mann ſchämen muß, Tugend und Ehrbarkeit ſind nur leere Truggebilde, eitle Hirngeſpinſte von Thoren, die es im Leben nie zu etwas Ordentlichem bringen werden!“ K So ſprach er noch lange vor ſich hin und be⸗ träftigte ſich immer mehr in ſeinem einmal gefaßten 8 Enſchluſe ein Räuber zu werden. Er war ein unglücklicher, mit der Welt zer⸗ allener unger Phann. den ſein üüer Engel — 7 laſſen, den die Bosheit der Menſchen von dem ſchönſten Höhepunkte eines tugendhaften, friede⸗ vollen und beglückten Lebens hinabgeſtoßen in die grauenvolle Tiefe des Haſſes, der Rachſucht und der Raſerei, und von dem Satan beim Schopfe gefaßt, den gräßlichen Schwur jetzt that, die Tu⸗ gend, die Menſchlichkeit von ſich zu ſchütteln und nur der Befriedigung roher Lüſte, dem Raube und dem Morde mit allen ſchönen Kräften ſeines reich ausgeſtatteten Geiſtes und Körpers anzugehören, Aus ſeiner Taſche zog er einen Beutel hervor, worinnen blankes Gold glänzte, und die Schwere und Größe der Börſe verriethen einen ſolchen reichen Inhalt, daß er gewiß lange davon hätte anſtändig leben können, wenigſtens ſo lange, bis er ſich einen paſſenden Nahrungszweig errungen. Aber mit Verachtung blickte er auf das ſchön⸗ und viele Gold.„Verdammtes Sündengeld, das mir meine Schmach abkaufen und mein zerriſſenes Herz heilen ſollte, dich mag ich nicht, du brennſt mir wie glühendes Feuer in den Händen! Hinweg mit dir, damit dich nie mehr meine Augen ſehen. Und mit dieſen Worten ſchleuderte er die gold gefüͤllte Börſe in den an dem Wege vorbeifließenden Bach. „Ja, Gold,“ ſagte er dann wieder,„nach habe ich wohl einen brennenden Durſt, aber weil ich mit dir machen kann, was ich will und du mir das Mittel biſt, alle meine Lüſte und Lei⸗ denſchaften zu befriedigen; für dich iſt alles feil: Tugend, Schönheit und Unſchuld, ja ſelbſt die Se⸗ ligkeit, wenigſtens auf Erden hier! Aber dieſes Gold mag ich nicht geſchenkt erhalten, ich will mir es veerdienen, mit der Fauſt mir es rauben, wo ich es finde, und ich bin der Mann dazu, daß mir nicht leicht Jeman ſigehen ſoll, auf den ich es einmal abgeſehen h Er lauerte nun darauf, alles Geldes baar, ſch durch Beraubung des erſten, der ihm begegnen wurde, ſolches wieder zu verſchaffen. - und ſprengte über eine Wieſerd 4 Der erſte RMaubäerd. Und wie mit Eiſenſchlingen Umfaßt den Gegner er, Umſonſt iſt alles Ringen, Umſonſt die Gegenwehr. Matzerath. Nach Beute umherſpähend, ſah er einen wohl⸗ gekleideten Mann gemächlich daher reiten. Im Augenblicke ward der Unglückliche vom Pferde geriſſen. Er ſchrie um m Hilfe und ein gräß⸗ ihm Uhr und B; e, warf ſ6 10 Schon ein paar Stunden war er auf einem Fahrwege dahin geritten, und noch immer wollte ſich das Ende des Waldes nicht zeigen. Dagegen füblte er ſich von Augenblick zu Au⸗ genblick unwohler; er wurde ſo matt, daß er bei⸗ nahe vom Pferde ſank; es klebte ihm die Zunge am Gaumen, und ſein Durſt wurde ſo brennend, daß er für einen friſchen Trunk gern die geraubte Börſe hingegeben batte Den Zügel des Pferdes am Arme, ſchleppte er ſich tiefer in den Wald hinein, eine Quelle zu ſuchen. Lange war er fruchtlos umher geirrt, und vermochte nicht weiter zu gehen. Er wollte unter einem Baume ſich lagern, als er den rückwärts am Sattel angeſchnallten Mantelſack bemerkte. Ohne ſelbſt zu wiſſen, warum, da er in dieſem Augen⸗ blicke gewiß nicht an eine Beute, KRettung vor dem Verſchmachten dachte, ſchnallte er ſondern nur an den Mantelſack ab, warf ſich damit aufs Moos und öffnete ihn. Er ſchrie laut auf vor der Mantelſack war ein tragbares Speiſegew be, ein portativer Keller. 3 Nicht ein Stückchen von Kleidern oder Wäͤſche befand ſich darin, wohl aber ein Magazin „Schinken nnd verſchiedenen Braten, 11 denen drei Flaſchen Wein und eine Flaſche Rum, feines Gebäcke und Brot beigeſellt waren. Der vorige Beſitzer dieſes Magazins mochte wohl aus Geiz, um in den Wirthshäuſern wenig zu verzehren, oder aus Furcht, auf der Reiſe zu verhungern, ſich ſo reichlich verſehen haben. Schnell hatte er eine Flaſche Wein geleert, ein tüchtiges Stück Braten gegeſſen, und beſchloß nun, friſch fort zu traben, da er befürchten mußte, daß die Leiche des von ihm erſchlagenen Mannes bereits gefunden und das Gerücht von dem Morde viel⸗ leicht ſchon in weiter Umgebung verbreitet wor⸗ den ſei. Er befeſtigte den Mantelſack und wollte eben zu Pferde ſteigen, als er rücklings ergriffen und im Augenblicke zu Boden geriſſen war. Ein baumlanger, breitſchulteriger Kerl ſtand vor ihm, mit hochgeſchwungenem Knittel, und for⸗ derte Uhr und Geld*).— Sein erſter heftiger Schrecken bei dem Gedan⸗ ken, von der Fauſt eines Häſchers gefaßt und kei⸗ ner Gegenwehr mächtig zu ſein, war ſchnell bei der barſchen Forderuß ch Uhr und Geld verſchwun⸗ den; er ſah, mit wem er es zu thun habe; eine ganze Räuberbande waͤre ihm minder k furchälan *) Sieye die Ahninange geweſen, als ein einziger, tüchtiger Diener der Ge⸗ rechtigkeit. Mit einer Ruhe und einer Offenherzigkeit, die den Räuber erſtaunen, und den zum todtlichen Schlage erhobenen Arm ſinken machte, begrüßte er ihn, er⸗ zählte, vor einigen Stunden, nicht fern von der polniſchen Gränze, einen Reiter erſchlagen, ihm Uhr, Börſe und Pferd genommen zu haben, und eerbot ſich nicht nur allein zur Theilung, ſondern auch zu künftiger Gemeinſchaft und Genoſſenſchaft. Schweigend hatte ihm der Räuber zugehört, er betrachtete jetzt das Pferd. „Was Teufel!“— rief er, und lachte laut auf —„das iſt ja der Brandfuchs des Herrn von Licbenſtein. Alle wackern Geſellen ſollen Dich auf den Händen tragen, daß Du dieſer Beſtie den V aus gemacht haſt. Der Schuft war mit ſeinen Ja en und Gerichtsdienern immer hinter uns her. hſi⸗ ſollſt Du auch belohnt werden, ſo wahr en Di Dein voriger ag, mit mir Ge⸗ inſcha zu diegen, Ernſt ,ſo ſoll es Dir 1 Saus und Praus zu lehen. Schlag ein, tz, und ſey der Unſrige!“— Paſſe verſehen iſt. Auch macht mir das Pferd Sorge, 13 Mit wilder Luſt ſchlug dieſer ein, riß den Man⸗ telſack vom Pferde, und unter den laſterhafteſten Geſprächen wurde getafelt und gezecht, bis der Abend hereinbrach und das Wiehern und Stampfen des nach Futter und Waſſer verlangenden Pferdes zum Aufbruch nach einer Herberge mahnte. „Wohin nun,“— fragte der neue Räuber— „um nichts befürchten zu dürfen, denn die Kunde von der Ermordung des Liebenſteiner mag ſchon weit herumgekommen und jeder Gaſtwirth gegen den Unbekannten argwöhniſch ſein, der mit keinem da vielleicht Mancher es erkennen möchte.“ „Sei unbekümmert,“ tröſtete der Spießgeſelle, „Dich erwartet eine Nachtherberge, wo Du gute Bewirthung und ein luſtiges Treiben finden wirſt, wo Du ſicherer biſt, als in Abrahams Schoos. We haben eine gute Meile zu machen, und ich werde Dich Wege führen, wo Du und der Brandſuchs ungeſehen bleiben. Nun folge mir!⸗— III. Die Aufnahme unter die Ränuberbande. So ſchwör ich denn, mit Gut und Blut Euer zu ſein für's Leben, Mögt Ihr, als treue Bundsgenoſſenſchaft, Den Schwur zurück mir geben.„*» 1 Wenzel ging voran, und dieſer folgte ihm, as Pferd am Zügel führend. Es ging nur ſelten immer nur eine kurze Strecke auf gebahntem im Hochholze und über Waldwieſen hnlihen Thale auf einer, von bür teten Stelle angekom⸗ mit feindlichen Blicken ihn beobachtend⸗ K ameraden zu⸗ 3 15 und wildrankendes Geſtrippe. Und doch ſollte er hier, nach Wenzels Verſicherung, gute Herberge und gute Geſellſchaft finden? Es kam ihm der Ge⸗ danke, auf dieſen ſchauerlich⸗einſamen Platz gelockt worden zu ſein, um ermordet und beraubt zu wer⸗ den; er fühlte ſich dem baumlangen Koloſſe nicht gewachſen, doch war er feſt entſchloſſen, ſein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Was er nach einigen Augenblicken ſah, min⸗ derte zwar ſeinen Argwohn, mehrte aber ſeine Be⸗ fremdung. Wenzel hatte den Arm bis an die Schul⸗ ter in eine Felſenſpalte geſteckt und ſeine Bewegung zeigte, daß er an einer Glocke ziehe. Bald darauf ertönte ein dreimaliger Hahnenruf, den Wenzel eben ſo erwiederte. Jetzt kam um den Felſen her⸗ um ein Kerl, eine Büchſe unter dem Arme, einen furchtbar großen, immer knurrender herandrängen⸗ den Fanghund an einer Kette haltend.„Maſel tof! Köng rodl' ich den tufteſten Kaper in unſere Bin⸗ gertei*)!“— rief Wenzel.— Mit wild freund⸗ lichem Lächeln reichte der Kerl dem Fremden die Hand, ſchmeichelnd ſprang der Bullenbeiher an Wenzel hinauf und beſchnoberte dann den F temden, 1 9)„Hier führe ich unſerer Geßsüſchaß 16 Es ging nun um den Felſen hin. Ein großer Haufen Laub und Reißig lag auf einem Flecke. Schnell war ein Theil davon durch Wenzel und ſeinen Kameraden hinweggeräumt, eine Fallthüre wurde ſichtbar, und als dieſe aufgehoben war, zeigte ſich ein ziemlich breiter, nicht zu abſchüſſiger Gang in die Tiefe, der für ein Pferd Raum genug hatte. Das Pferd wurde von Wenzel hinabgeführt, wäh⸗ rend der Andere im Augenblicke Licht geſchlagen und eine ⸗Wachskerze angezündet hatte. Man ge⸗ langte in ziemlicher Tiefe auf einen Platz, der ganz ausgebrettert war, drei bis vier Pferde faßte und mit einem Vorrathe von Hafer und Heu verſehen war. Der Brandfuchs wurde abgeſattelt, getränkt, gefuͤttert, und nun ging es aufwärts, wo man die Fallthüre niederließ und ſie wieder ſorgfältig bedeckte. Wenzel kletterte nun den Felſen hinauf, hieß ſeinen Begleiter ihm folgen und der Kerl mit dem —— durch welhe man frichen mußte, dann in 3 Hunde ſchloß den Zug⸗ Man kam an eine Oeff⸗ ——— * 19 der Bande den Eid der Treue zu ſchwören. Er ſchwor einen gräßlichen Eid. Am Schluſſe des Eides ſtreifte Wenzel den linken Aermel ſeines Rockes zurück, ritzte ſich mit der ſcharfen Spitze ſeines Meſſers eine Ader, fing das Blut in die Hirnſchale eines Todtenſchädels auf, und der neue Räuber leerte den grauenvollen Becher, ſeinen Eid und ſeine Treue durch den Bluttrunk bekräftigend.— In der Bande war eingeführt, daß jedes Mit⸗ glied einen Namen führe, den ihm die Bande gebe. Der Fremde erbat die Begünſtigung, von nun an Lips Tullian genannt zu werden, da er ſchon in ſeiner Kindheit von einem Tullian gehört habe, der vor zwei Jahrhunderten als gefürchteter Räuber und Mörder in Ungarn und Slavonien gelebt hatte. Einſiimmig wurde ihm dieſer Name gegeben. Nun ging es zum Mahle, zum Zechen und Schwelgen, und als Lips Tullian das Geld, um welches ihm der eben gegenwärtige Haupt⸗Baldo⸗ ſ verer*) der Bande, ein Jude, des Liebenſteiners 4 Roß abgekauft hatte, der Geſellſchaft zum Ankaufe von Branntwein überließ, hatte er ſich glaich Alle zu den innigſten Freunden gemacht.— 9) Kundſchafter, Spion. — Lips Tullian's erſtes Näuberleben. Ja, fürwahr die Hölle bindet Feſt, was einmal ſie gefaßt; Wie die Nadel, wenn ſie hat Den Magnet berührt, nach Norden 8 Ewig ihre Spitze drehet, 4 Kehrt, wer einmal bös gettan Ewis ſeinen Sinn zum Böſen. d Müllntr. 3 Lips Tullian ſchwelgte mit ſeinen neuen Ge⸗ noſſen bis ſpät in die Nacht hinein. An der Seite 3 ſchönen Lene, ſeiner neuen Zubälterin, er⸗ wachte er am andern Morgen. Der Kopf war üſte, es brannte ihm wie Feuer im— jfand ſich in einer höchſt unangen eh Stimmung. Noch einmal wachte ſei 21 3 er die eben betretene Bahn fortſchreiten wollte. Aber mit Gewalt unterdrückte er die Stimme in ſeinem Innern, die ihn unabläſſig zur Umkeer mahnte, er konnte ja auch nicht mehr zuruck, denn er hatte ja ſeine Laufbahn mit einem Raubmorde begonnen.. In den Armen der ſchönen Lene vergaß er* bald ſeine üble Stimmung und ſo übertäubte er den letzten Funken ſeines beſſeren Gefühls. Dieſe Naͤuberbande war die verwegenſte in ganz Schleſien; von ihrem ſicheren, nicht leicht auf⸗ findbaren Verſtecke im Trebnitzer Waldgebirge aus 33 verbreitete ſie weithin Furcht und Entſetzen. Raub, Mord und Brandſtiftung gehörten zur Tagesord⸗ nung. Vergeblich bemühten ſich die Behörden, die⸗ ſem Treiben zu ſteuern, ihr Alm war zu ſchwach dazu, denn wenn es ihnen auch nicht ſelten gelang, 5 einzelne Mitglieder dieſer Räuberbande einzufangen, ſo wurden dieſe entweder von ihren Genoſſen wie⸗ der befreit oder fanden ſelber Mittel und Wege, aus ihrem Gefängniſſe wieder auszubrechen, oder wurden gehängt; ein Geſtändniß hinſichtlich des Aufenthaltsortes der Räuber war nicht auszumitteln, und ſo lange die Räuberhöhle ni wurde, blieben alle Anſtrengungen dem Unweſen der Raͤuber zu ſteu 22 BVergeblich ſetzten jene einen hohen Preis auf die Entdeckung dieſer Raubhöhle und auf den Kopf jedes Räubers, dieſe verlachten und verſpotteten ihre Ver⸗ ſuche und Drohungen nur und antworteten auf ſolche gewöhnlich durch einen neuen, höchſt verwe⸗ genen Einbruch auf einem feſten Schloſſe oder in einem wohlverwahrten Gefängniſſe. Lips Tullian befand ſich bei ſolchem Treiben ganz in ſeinem Elemente, er wurde ſchnell der Kühnſte unnd Verwegenſte, ſowie auch der Schlaueſte der ganzen Bande und galt bald ebenſoviel, wo nicht noch mehr als der ſchwarze Wenzel ſelbſt. Schon durch die Ermordung des Herrn von Liebenſtein hatte er ſich in großes Anſehen bei der Bande ge⸗ ſetzt, denn dieſer war, wie ſchon erwähnt, ihr ge⸗ fährlichſter und gefurchtetſter Verfolger, der unab⸗ läſſig ihnen auf den Ferſen war und Tag und Nacht nicht ruhte, wenn es galt ihnen zu ſchaden oder eennen von ihnen einzufangen. Er hatte auch ſchon eine nicht unbedeutende Anzahl von ihnen unter⸗ Galgen und Rad geliefert.— Was er mit ſeinem Ritt ohne alle Begleitung damals beabſichtigt haben mochte, war ſchwer zu rathen, ſicherlich irgend einen geheimen Anſchlag auf die Bande; um ſo erfreulicher und erwünſchter mußte dieſer deſſen ben darum auch der Moͤrder dieſes —— ſehen und Ehren ſtehen. 23 ihres raſtloſen Verfolger bei ihnen in großem nn⸗ Ueber zwei Jahre trieb die Bande ſeit dem Eintritte Lips Tullians in dieſelbe ihr Weſen in dieſer Gegend fort und zwar mit noch größerer Verwegenheit und Frechheit wie früher; bald war der Name Lips Tullian eben ſo gefürchtet und berüchtigt, wie der des ſchwarzen Wenzels, ja noch mehr; und Lips Tullian konnte als der eigentliche Anführer der Räuber gelten, denn er genoß nach und nach ein noch größeres Anſehen bei ſeinen Raubgenoſſen, als der wirkliche Hauptmann, der ſchwarze Wenzel. War dieſer auch bisher ſeiner zahlreichen Ge⸗ noſſenſchaft an Schlauheit zur Auffindung ergiebiger 3 Raubgeſchäfte und an Muth in der Aueführung gefährlicher Entwürfe überlegen geweſen, ſo machte er doch bald die widrige Bemerkung, daß Lips Tullian in jeder Räuberbeziehung ſein Meiſter, und die Bande dieſem Meiſter immer mehr Hehorchend, immer anbänglicher ſei. Eiferſüchtig auf die Macht, die er ſchon ſeit Jahreu über ſeine Kameraden ausge übi hatte, zu ſtolz, zu berrſchbegierig, einen Rebenbuhler ſeines Anſehens, 24 der Bande zu vernichten, over, wenn das nicht ge⸗ 4 linge, ihn auf unentdeckbare Weiſe aus dem Wege zu räumen. Wogenlang ſ ſtreifte er nun in verſchiedenen Verkleidungen umher, und ſpähete nur ſolchen Raub⸗ gelegenheiten nach, wo dem Räuber die größte Ge⸗ fahr drohete; er wußte, daß Lips Tullian nur die gefährlichſten Unternehmungen liebe, daß er ſich keiner verſage. In der Gefahr den Verhaßten untergehen zu machen, war ſein einziges Vorhaben; ja man flüſterte ſich in der Bande zu: der ſchwarze Wenzel habe in einem heftigen Gefechte mit Jägern und Bauern zweimal nach Tullian geſchoſſen. Dieſer durchſchaute ſeinen Todfeind ſehr wohl; er war raſtlos, ſich bei jeder Gelegenheit ſo aus⸗ zuzeichnen, daß er mit Zuverſicht erwarten durfte, die Bande werde ſeine Thaten würdigen und ihn zum Oberhaupte ernennen; Wenzels Entfernung aus der Geſellſchaft ſollte dann die feſte Bedingung ſein, unter welcher er die Anführung übernehme und als Oberhaupt ſein Blut und Leben für die Bande weihe. 8 4 Das Treiben der Räuberbande hatte den höch⸗ ſten Gipfel erreicht und es war voraus zu ſehen, daß ihnen nun ihr Snndwen bald gelegt werden — e- 25 gen zu überfallen und auszuplündern und die von der Regierung denſelben beigegebene Bedeckung niederzumachen. Die Räuber mußten jetzt öfters Gefechte mit den gegen ſie ausgeſchickten Soldaten beſtehen; einen andern Vortheil über ſie vermochten die Soldaten jedoch nicht zu erringen, als den, daß ſie ihnen einige Leute tödteten, deren Leichnam die Räuber gewöhnlich mit ſich fortnahmen und in ihren unzu⸗ gänglichen Schlupfwinkel trugen. Partnäckigſte Leugner ne naäctligkeit beſtanden habe. V. Der Ueberfall von Trebnitz. Sagt es ſelbſt, wird Oerindur † Täglich kühner nicht und wilder? 6 3 Müllner. K Nach langer Entfernung kehrte Wenzel einſt von der Kundſchaft zurück und brachte Nachricht, daß der Zigeuner und der kleine Karl aufgegriffen und in das Gefängniß des Kriminalgerichtes von Trebxnitz gebracht worden ſeien. Lips Tullian kannte die beiden als zähe Burſche, denen einige Grade der Tortur keine Geſtändniſſe zu erpreſſen vermögen. Aber er wußte auch, daß der Kriminalrichter von Trebnitz ein eben ſo feiner als unermüdeter Inquirent ſei, und daß auch der —— ihm in ſeiner Hart, 27 Dieſe beiden mußten daher dem gefuͤrchteten Unterſuchungsrichter entriſſen werden, das erklärte Tullian, und mit ihm die ganze Bande, als die erſte und nothwendigſte That. Die Ausführung war, der Feſtigkeit des Ge⸗ fängniſſes, der zahlreichen Wächter und eines Mili⸗ tärcommandos wegen, das ſoeben zur Unterſtützung der Behörde in Beitreibung landesherrlicher Ge⸗ fälle zu Trebnitz lag, mit faſt unüberwindlichen Schwierigkeiten und der höchſten Gefahr verbunden, und doch mußte alles verſucht, alles gewagt werden, denn die Sicherheit, das Leben der ganzen Bande hing allein von der Freiheit ihrer Gefährten ab. An der Spitze des größten Theils der Bande zog Lips Tullian nach Trebnitz. Liſt und Gewalt blieben fruchtlos, ſie brachen ihre raſchen, kräftigen Schwingen an der Wachſamkeit, und an dem Muthe der Gerichtsdiener und Soldaten. Die Bande mußte abziehen, wurde beim Ab⸗ zuge von dem Militärcommando, von berittenen Jägern und Gerichtsdienern, von wohlbewaffneten Flurſchützen und Bauernburſ trotz der muthigſten Gegenw 28 nigen nichts mehr zu hoffen war, rettete ſich auf dem Pferde eines Jägers, den er, unter den Ba⸗ jonetten der Soldaten, unter den Säbelhieben der Berittenen vom Pferde ſtach. Hierdurch bewogen, beſchloß endlich die Regie⸗ rung, dieſen Räubereien auf einmal ein Ende zu machen und die ganze Bande in der Höhle aufzu⸗ heben. Eine Compagnie Infanterie wurde zur Aus⸗ führung dieſes Auftrags beordert. Im Schutze der Nacht und eines dichten Nebels gelangten die Soldaten bis an den Eingang der Höhle. Man konnte in das Innere der Höhle nur durch einen engen, finſtern Gang gelangen, durch welchen die poldaten auf dem Bauche kadchen dnd ihr Gewehr hinter ſich her ziehen mußten. 3 Der Anführer forderte die Entſchloſſenſten und Muthigſten auf, in die Höhle hineinzukriechen. Am Ende des Ganges, wo die Höhle ſich erweiterte, ſollte Jeder auf die Seite treten, um ſeinem Nach⸗ folger Platz zu machen. 25 Mann von der Com⸗ pagnie ſollten vo Hoöͤhle eindringen, di um, ſobald ſie ſchießen ebrig blieben außen ſtehen, hörten, zu Hülfe eilen zu 29 Der Führer, welchen die Soldaten mit ſich genommen hatten, ein junger Mann von 20 Jahren, ein gefangener Räuber, welcher mit der Höhle ver⸗ traut war, kroch zuerſt auf dem Bauche, wie eine Schlange ſich windend, in den engen Gang hinein und verſchwand alsbald im Dunkeln. Ein Soldat folgte ihm, dann ein zweiter, dann ein dritter, bis endlich die dazu beſtimmte Mannſchaft drinnen war, ohne daß ſich irgend ein Geräuſch hören ließ, irgend ein Schein die dunkle Nacht er⸗ hellte, welche ſie umgab. Die Stille ſchien von guter Vorbedeutung zu ſein. Die Räuber, von einem beſchwerlichen Raub⸗ zuge zurückgekehrt, ſchliefen wahrſcheinlich und hatten auch wohl keine Wachen ausgeſtellt. Dieſe Hoff⸗ nung richtete die bangklopfenden Herzen der außen harrenden Soldaten auf, und frohen Muthes krochen 3 noch weitere 15 Mann ihren Kameraden nach burch den engen Gang. Eine Stunde ging auf dieſe Weiſe vorüber, ungeduldig harrten die Außenſtehenden auf den Erfolg, aber eine zweite Stunze verging und nicht 30 lotonfeuers. Allem Anſcheine nach kämpften die in die Höhle gedrungenen Soldaten mit den Räubern. Zwei Gensd'armen ritten in die benachbarte Stadt und meldeten, daß die Soldaten des 65. Regiments mit den Räubern in der Leiterhöhle im Handgemenge ſeien und daß die deöſn ohne Zweifel vernichtet werden würden. Dieſe Nachricht verbreitete ſich ſchnell in der Umgegend, und die Bauern eilten ſchaarenweiſ⸗ herbei, um die Gefangennahme der NRäuher mit anzuſehen. Inzwiſchen war es Tag geworden und die Schüſſe in der Höhle waren verſtummt; von den 40 Mann, die in die Höhle eingedrungen, kam kein einziger wieder zum Vorſchein. Der Oberſt des Regiments kam unterdeſſen mit einer weiteren Ccompagnie aus der Stadt anmarſchirt. Mit we⸗ nijgen Worten ließ er ſich von dem ſeither Geſchehe⸗ nen unterrichten, und als er erfuhr, wie viele Sol⸗ — Zeit nur das Schießen gedauert, überzog ſein Ant⸗ litz tiefe Trauer, und in ſieberhafter Aufregung ging er auf und ab, um nachzudenken, was in thun ſei. Eine volle Stunde brachte der Oberſt ſo in Be endem Nachdenken zu, und dieſelbe peinlicht daten in die Höhle eingedrungen und wie kurze 6 Höhle eingedrungen, eines grauſamen Todes ge⸗ Korben, büßten jetzt doch wenigftens die äub. 31 Stille herrſchte auch bei den Soldaten. Endlich befahl er einem jungen Soldaten, in die Höhle hineinzukriechen. Er ſelbſt kroch ſodann hinter ihm her und hielt ihn immer am rechten Fuße, von dem er den Stiefel ausgezogen hatte. Nach einigen Minuten kam der Oberſt wieder zurück, bleich, mit verſtͤrten Zügen. Das Regiment hatte bei 40 Mann verloren, daran war nicht mehr zu zweifeln, denn als der Oberſt einige Minuten hinter dem . Jungen Soldaten hergekrochen war, fühlte er plötzlich, wwie deſſen Fuß, den er immer in der Hand hielt, krampfhaft zuckte und eiſeskalt wurde; dann wurde der Körper gewaltſam vorwärts gezogen. Aus dieſen unheilvollen Anzeichen mußte er ſchließen, daß der Unglückliche enthauptet worden und daß mit ſeinen Vorgängern auf dieſem gefährlichen Wege daſſelbe geſchehen ſei. Der Oberſt licß aus der Stadt zwei Maurer holen und den Eingang der Höhle feſt zumauern, ein Wachtpoſten wurde ſodann vor die vermauerte Oeffnung geſtellt, und die wackern Soldaten des Regiments marſchirten ſchweigend in die Sat zurück. Waren auch die wackern Mannet, die in die 3² für ihr Verbrechen; lebendig begraben mußten ſie eines noch ſchrecklichern Tades ſterben, als ihre unglücklichen Opfer.— Mit dieſem Gedanken trö⸗ ſtete ſich der Oberſt und die ganze Bevölkerung in der Stadt und auf dem Lande. Man denke ſich daher das Erſtannen dieſer Leute, als ſie drei Tage nachher erfuhren, daß der Ober⸗Steuereinnehmer in der Stadt beim Aufſtehen ſeine Caſſe erbrochen und ſtatt der bedeutenden Geldſumme, die ſich in derſelben befunden hatte, nur noch einen Zeitel fand, auf welchem die Worte ſtanden: Die Räuber in der vermauerten Höhle.— Das Erſtaunen und der Schreck, welcher ſich bei dieſem neuen verwegenen Handſtreich, dieſer ruchloſen Prahlerei, in der ganzen Umgegend ver⸗ reitete, läßt ſich ſchwer beſchreiben. Die abge⸗ ſchmackteſten Erzählungen fanden bei den abergläy⸗ biſchen Gebirgsbewohnern Glauben, die Räuber waren beſtimmt Hexenmeiſter und hatten einen Bund mit dem Teufel geſchloſſen. DDie vernünftigen Leute dachten alsbald an einen weiten Ausgang aus der Höhle, denn anders ließ ſich das räthſelhafte Wiedererſcheinen der eingemau⸗ erten Räuber auf natürlichem Wege wenigſtens nicht erklären. Man forſchte deshalb bei den Be⸗ wohnern des flachen Landes nach, ob nicht der ——— Dunkelheit und ſiel auf einen bemooſten 33 Eine oder der Andere von einem ſolchen zweiten Ausgang etwas wiſſe, aber vergebens, weder jün⸗ gere noch ältere Leute hatten je von einem andern Ausgang gehört, als von dem nun zugemauerten. Man zündete alles Buſchwerk in der Nähe der Höhle an, unter welchem möglicherweiſe ein zweiter Eingang hätte verſteckt ſein können, aber umſonſt, es zeigte ſich nichts. Endlich beſchloß man das Gebirge dermaßen mit Soldaten einzuſchließen. daß keine lebende Seele an den auf den Höhben und an den Abhängen des Berges, in welchem die Höhle lag, aufgeſtellten Wachtpoſten unbemerkt vor⸗ bei konnte. Dieſe Maßregel wurde ausgeführt, ſchien aber ohne Erfolg zu bleiben, denn drei Wochen lang währte der beſchwerliche Wachtdienſt, ohne daß ſich der heiße Wunſch der Soldaten, ihre Kameraden rächen zu können, erfüllen zu wollen ſchien. Bereits begann die Mannſchaft über den be⸗ ſchwerlichen Dienſt zu murren, da verließ in einer regneriſchen Nacht ein Wachtmeiſter das Lager, um ein Maͤdchen zu beſuchen, welches eine Stunde vom Lager entfernt wohnte. Dieſen fubrte ſein Weg an einem dichten Geſtrüppe von Erdbeeren uno 6 Zwergkirſchenbäumen vorbei; er ſtrauchelte in der Lips Tullian. 2. Lieferung. 3 Plötzlich glaubte er unter dieſem Steine eine dumpfe Stimme zu hören. Ohne Geräuſch zu machen, ſtand er auf und legte ſich in einer Entfernung von einigen Schritten in einem Gebüſche platt auf den Bauch nieder, hielt den Athem an ſich, und harrte mit geſpannter Erwartung der Dinge, die da kom⸗ men ſollten. Dazwiſchen war jedoch Alles wieder ſtille ge⸗ worden, und ſchon glaubte der Wachtmeiſter ſich getäuſcht zu haben und wollte ſich entfernen, da ſah er plötzlich, wie er den Blick immer feſt auf den Felſen gerichtet hielt, unter welchem er die Stimme gehört zu haben meinte, die Zweige um venſelben ſich bewegen, und einen Mann ſich lang⸗ ſam aufrichten, der wie die Bauern der Gegend gekleidet war. Der Mann ſchaute ſich vorſichtig um, ob Niemand ihn bemerkt habe, und ſchlug dann die Richtung durch den Wald nach der Landſtraße ein. Sobald der Wachtmeiſter dieſe ſeliſame Erſchei⸗ nung hatte verſchwinden ſehen, unterſuchte er auf⸗ merkſam die Stelle, wo ſie aufgetaucht war, und fand hinter einer Felſenecke, dem ungeweihten Auge Kkünſtlich verborgen, die Mündung eines unterirdiſchen Ganges, der gerade groß genug war, daß ein ausgewachſener Mann durch denſelben gehen konnte. 4 Der Wachtmeiſter merkte ſich die Stelle genau und hoch, aufgeſtellt werden konnte. ier ließ der 28 55 eilte mit ſeiner wichtigen Entdeckung zum Oberſten, überzeugt, daß er den zweiten Ausgang der Räuber⸗ höhle gefunden habe. 4 Augenblicklich rückte der Oberſt mit einem halben Bataillone vor den bezeichneten Ort, und drang 1 in tiefſter Stille in den langen ſchmalen Gang. Nach einem unheimlichen Marſch von einer halben Stunde im Finſtern bemerkten die Soldaten in ziemlicher Nähe einen ſchwachen Lichtſchimmer. Eine Schildwache, die dort ſtand, und wohl glaubte, ſie habe es mit Freunden zu thun, rief ihnen ein „Wer da?“ zu, aber ein Grenadier ſprang raſch auf ſie los, und durchbohrte ſie mit dem Bajonnette, noch ehe ſie Zeit fand, ihren Ruf zu wiederholen, oder ihr Gewehr abzufeuern. Der Gang war hier ſo eng, daß alle Soldaten über die Leiche des Räubers hinwegſchreiten mußten. Dieſe Schildwache hätte gefährlich werden können, denn hätte ſie Zeit gefunden, zu ſchießen, ſo wäre es ihr gelungen, die Soldaten aufzuhalten, und den Räubern Zeit zu geben, ſich zu ſammeln, und den Soldaten das weitere Vordringen zu wehren. Nachdem aber dieſes letzte Hinderniß vollends beſeitigt war, kamen die Soldaten in einen geräu⸗ migen Saal, in welchem eine Truppe, 20) Mann Oberſt Halt machen; die Stunde der Gefahr war da. Fackeln wurden angezündet, die Trommeln wirbelten zum Angriff, und die Räuber, mitten in inem Zechgelage überrumpelt, ſprangen entſetzt uf, griffen eiligſt zu den Waffen, und eröffneten unter lautem Geſchrei ein lebhaftes Gewehrfeuer. Dieſer unerwartete Angriff und die verzwei⸗ felte Gegegwehr boten ein furchtbares Schauſpiel. Die Räuber waren der Zahl nach die Schwächeren, aber ſie hatten den Vortheil, mit allen Windungen und geheimen Gängen der Höhle bekannt zu ſein. In dieſem Vertilgungskampfe beim Scheine der Fackeln und dem Aufblitzen der Gewehrſalven wurd⸗ Alles ein Werkzeug des Todes. Gewaltige Stein⸗ maſſen, durch die von den Gewehrſalven verurſachte Erſchütterung abgelöſt, ſtürzten vom Gewölbe her⸗ nieder und zerſchmetterten in ihrem Falle Räuber und Soldaten. Die von den Felſen abprallenden Kugeln riſſen von denſelben ungeheure Stücke los, welche, wo ſie trafen, ſchreckliche Verwundungen verurſachten. Der ſchauerliche Lärm des Kampfes, das Wirbeln der Trommeln, das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden wiederhallte, durch das Echo vervielfältigt, in der ganzen Hoͤhle. 5 3 37 darbot, und da ſie tüchtige Schützen waren, die ihr Leben muthig in die Schanze ſchlugen, war ihre Starke um das Hundertfache höher anzuſchlagen. Ueberall durch Spalten oder Vorſprünge der Felſen gedeckt, ſchoſſen ſie die Soldaten nieder, ohne daß dieſe ſie erreichen konnten. Glücklicherweiſe war die Truppe durch immer nachrückende Verſtärkung im Stande, ihre Verluſte raſch zu erſetzen, und durch allmäliges Vordringen die Räuber auf einen Punkt zu treiben, wo der Kampf, der ſo vielen Wackeren das Leben koſtete, doch endlich mit einem Schlage zu Ende gebracht werden mußte. Der Kampf hatte bereits eine Stunde gewährt, die Räuber waren, von einer Stellung zur andern vertrieben, bis an einen kleinen See gelangt, der ſich nahe am Ende der Höhle befand. Sie wateten durch denſelben, und als die Soldaten, welche die ſeichten Stellen des See's nicht kannten, ihnen nach⸗ ſetzten, ſanken ſie bis an die Huften ins Waſſer, und hatten dabei ein mörderiſches Feuer auszu⸗ 3 halten; als ſie aber erſt wieder im Trockenen waren, trieben ſie die Räͤuber mit gefülltem Bajonet bis an das äußerſte Ende der niedern Höhle vor ſich Der. Dort aber wartete threr eine neue S wierit 38 wundenem Die Räuber waren bis zum Ende der Höhle zurückgetrieben worden, wo man mit Hilfe zweier Leitern, die zuſammengebunden über einen bodenloſen Abgrund gelegt waren, in eine zweite etwas tiefer gelegene Höhle gelangte. Hier löſchten die Räuber die Fackeln aus, und zündeten einen Haufen feuchtes Stroh an, welches die ganze Höhle mit einem dichten, erſtickenden Qualm füllte. So⸗ dann ließen ſie ſich an den Leitern hinab, und ſtürz⸗ ten dieſe in den Abgrund, nachdem ſie einen kleinen Vorſprung erreicht hatten, auf welchem jedoch nur acht von ihnen Platz fanden, während die Uebrigen ſich nach dem untern Theile der Grotte begaben, von wo ſie über Felſen und Steine in niſchenför⸗ mige Höhlungen kletterten, aus welchen ſie, un⸗ ſichthar und geſchützt, ihre Gegner niederſchießen konnten, wenn dieſe den Verſuch machten, den Ab⸗ grund zu überſchreiten. Das Erſtaunen der Soldaten, als ſie einen Augenblick durch die Finſterniß aufgehalten, nachdem der Strohband gelöſcht war, beim Scheine der wie⸗ der angezündeten Fackeln die letzten Räuber in den Felſen verſchwinden ſahen, läßt ſich leichter denken als beſchreiben. Das Krachen eines wohlunterhaltenen wenebr. 39 wölbe kam, weckte ſie bald aus dem Erſtaunen, und zeigte lihnen, in welcher Gefahr ſie ſich befanden. Das ganze erſte Glied wurde niedergeſchmettert, als es am Rande des ſenkrechten Felſen angekommen war, an welchem der Abgrund begann. In augen⸗ blicklicher Entmuthigung zogen ſich die braven Sol⸗ daten zurück. In dieſem ungleichen Kampfe ſah man ſich von unſichtbaren Feinden getroffen, ohne ihnen wieder etwas anhaben zu können. Der Oberſt erkannte indeß mit ſeinem erfah⸗ renen Blicke, daß der Augenblick der Entſcheidung gekommen ſei. Er hatte ſich mit Strickleitern ver⸗ ſehen, und nachdem er alle Lichter hatte auslöſchen laſſen, ertheilte er laut den Befehl zum Ruͤckzuge. Gleichzeitig vertheilte er, während der übrige Truppenkörper die Füße bewegte, als ob er ſich in Marſch geſetzt hätte, ſeine beſten Schützen in die äußerſten Vertiefungen des Felſens, und ließ Leitern berbeibringen, um ſie über den Abgrund zu legen. Nach dieſen Vorbereitungen ließ der Oberſt plötzlich einige Feuertöpfe nach dem Vorſprunge jenſeits des Abgrunds werfen, deren rothes Licht wie die Flamme des Vulkans den Theil der Höhle, wo die Räuber auf dem Vorſprung und in den Niſchen verſteckt waren, grell erhellte und den Solvaten ihre Feinde ſichthar machte. 3 Nun ſielen bundert Schüſſe auf einmal, und man ſah faſt ſämmtliche Rauber, durch das plötzliche Licht geblendet und nun ihrerſeits von unſichtbaren Feinden niedergeſchmettert, wie Figuren bei einem „ Feſtſchießen zu Boden ſtürzen. Nach einigen weni⸗ gen Salven war der Kampf zu Ende. Jedoch ge⸗ lang es den noch am Leben gebliebenen Räubern zu entfliehen. Die meiſten davon waren jedoch auf dem Platze todt geblieben. Nachdem der letzte Schuß gefallen war, ſammel⸗ ten ſich die Soldaten wieder; da zeigte ſich erſt, wie ſchrecklich ihre Reihen gelichtet waren. Sodann durchſuchten ſie die Höhle auf's genaueſte. Am äußerſten Ende derſelben angekommen, prallte der Oberſt, welcher mit mehreren Offizieren voranging, mit einem Schrei des Entſetzens zurück. Ein grau⸗ ſenerregendes Schauſpiel bot ſich ſeinen Blicken dar, vor welchem auch ſeine Mannſchaft, ſtumm vor Schmerz und Wuth, zurückſchauderte.. An der ganz von Blut gerötheten Felswand ſtanden 40 Körper und eine gleiche Anzahl abge⸗ ſchlagener Köpfe nach der Ordnung aufgeſtellt. Es wmaren dies die Leichname der wackern Soldaten des 65. Regiments, welche vor drei Wochen in die Hoble einzudringen verſucht hatten, und denen von 41 den Raͤubern die Köpfe abgeſchnitten worden waren, ſobald ſie an das Ende des engen Ganges kamen. Die zwölf gefangenen Räuber büßten nach nicht ganz drei Monaten auf dem Marktplatze der Stadt ihr Verbrechen auf dem Schaffot. VI. Lips Tullians Flucht und Nettung. Beim Himmel, Herr! Sie ſetzen ſcharf euch nach, Durchſuchen jeden Buſch ringsum im Thale; ILhyr ſeid geächtet, vogelfrei erklärt, Preiſe ſtehen Auf eurem Haupt, gar hohe Preiſe, Herr! Friedrich Halm. Aus vielen Wunden blutend, erreichte Lips Tullian die Hütte eines Köhlers, der unter die Vertrauten der Bande gehörte und in der Nähe ſeines armſeligen Häuschens einen ſichern Verſteck fuͤr umherſtreifende oder verfolgte Räuber hatte, auch von der Bande zu Zeiten Geld erhielt, um für Zuſprüche mit Lebensmitteln verſehen zu ſein. Der Köhler kannte heilſame Pflanzen, die er für des Verwundeten Wunden ſchnell herbeiſchaffte. Durch dieſe und ſorgliche Pflege hatte er ihn ſörn Tagen hergeſtell. 43 Die Räuber hatten einen verſteckten Ort meh⸗ rere Meilen von der bisher bewohnten Räuberhöhle zu ihrem Sammelplatze beſtimmt. Er beſchloß nun nach ſeiner Geneſung, in der Nacht und auf den abgelegenſten Wegen zu den Seinigen zurückzukehren. In einem zerriſſenen Anzuge des Köhlers, Geſicht und Hände geſchwärzt, eine Art auf der Schulter, wollte er ſo eben ſeinen Verſteck verlaſſen, als der Köhler mit lautem Wehklagen zu ihm hereinſtürzte, gefolgt von ſeinem jammernden Weibe, das unter lautem Weinen erzählte, ſie ſei dieſen Abend in Fichtenberg geweſen, habe dort von ihrer Baſe gehört, daß der neue Aufenthalt der Räuber im Forſte Wildenfels von gefangenen Räubern ſei verrathen, und beinahe die noch übrige ganze Bandk von dem Trebnitzer Amte dort aufgegriffen worden. „Ich wollte anfangs dieſe ſchreckliche Kunde nicht glauben,“— ſchloß die Köhlerin ihre höchſt fatale Nachricht—„konnte aber nicht lange an der Wahrheit dieſer Kunde zweifeln, da, während wir noch ſprachen, vier Leiterwagen durchs Dorf fuhren, und ich auf ſelben den ſchwarzen Wenzel, den langen Haneder, den Pferdbuben, Trolls Guſtel und ihre Schweſter erkannte. Hände und Füße der genen waren mit ſchweren Ketten bele Soldaten, Gerichtsdiener mit Broßen— 44 Jäger zu Pferde und Bauern mit Flinten, Miſt⸗ gabeln und Knitteln umgaben die Wagen. Ich bitte Euch um alles, ungeſäumt zu entfliehen, denn es ſagen die Leute mit Beſtimmtheit, daß in der ganzen Gegend die ſtrengſten Nachforſchungen vor⸗ genommen werden.“— Lips Tullian war gleich entſchloſſen. Er wuſch ſich Geſicht und Hände, zog ſeine Kleidung wieder an, ſteckte die Doppelpiſtolen zu ſich, hing ſeinen kurzen, ſcharfen Säbel um und hüllte ſich in den weiten, feinen Mantel, den er auf dem Pferde des Jägers gefunden hatte. Er war zur Abreiſe gerüſtet. Der Köhler brachte ihm noch eine Zehrung in einer vollen Flaſche Branntwein, Brod und Speck, überdieß einen Beutel mit 60 fl., welche er in Füngſter Zeit zur Anſchaffung von Lebensmitteln für einſprechende Kameraden aus den Zuſammen⸗ ſchüſſen der Bande erhalten hatte.. Daß der Köhler bei ſeiner Armuth und bei der Gewißheit von dem Unfalle der Bande dieſe Summe ausliefern wollte, iſt ein Zug von Red⸗ lichkeit und Herzensgüte, der nur von einem tugend⸗ haften Manne, aber nicht von einem Diebshehler hätte erwartet werden können. Lips Tullian trug inhaltreiche Börſe des Herrn von Lieben⸗ riffen bei ſich; er beſaß eine nicht un⸗ 45 bedeutende Summe von ſeinem Antheile an der jüngſt geſchehenen Beraubung eines ſehr reichen Pächters, und war daher eher geneigt, dem armen Köhler zu geben, als von ihm zu nehmen. Unter den beſten Wünſchen dieſer Leute verließ er gegen Mitternacht die Hütte. Böhmen war das Land, wohin er eilte, anfangs aber nur in Nachtmärſchen, und kaum von mehr als Quellwaſſer und Waldfrüchten lebend. An der ſächſiſch⸗böhmiſchen Grenze trieben da⸗ mals, wie ihm wohl bekannt war, mehrere verwe⸗ gene Räuber ihr Weſen, es waren dies: Sarberg, bekannt unter dem Namen der Studentenfritz; Schickel, der Brettbauer; Chriſtian Eckhold, der ſchöne Böttcher; Hans Wolf Schöneck; Daniel Lehmann und der Kolmnitzer Schneider: Michael Hentzſchel. Dieſe raubten theils einzeln auf eigene Fauſt, theils in Verbindung mit einander; eine geſchloſſene Bande war es nicht. Dieſe aufzuſuchen, war Lips Tullians Abſicht, um ſich dieſen anzu⸗ ſchließen, ſie zu vereinigen und ſich aus dieſen ver⸗ wegenen Männern eine neue Räuberbande zu bilden. Es dürfte daher wohl jetzt an der rechten Stelle ſein, dieſe Leute etwas näher kennen zu lernen. VI. Sarberg, genannt: der Studentenfritz. Ein feindlich Schickſal ſtürmte durch mein Leben. Nein, nicht geboren ward ich, als ein Dieb In Waldesnacht mein Leben zu verdienen; Zu ſchönern Tagen zog das Glück mich auf, Und aufgezogen ſeiner Gunſt vertrauend, Betrog es mich und ließ mich ſinken. n Th. Körner. In dem Dorfe Hündorf des Fürſtenthums Sagan war Sarberg geboren. Sein Vater, herr⸗ ſchaftlicher Verwalter, und ſeine Mutter, aus einer angeſehenen Familie ſtammend, genoſſen den allge⸗ meinen Ruf eines unbeſcholtenen Wandels. Unter der weiſen Sorge und der zärtlichen Liebe ſeiner biedern Eltern erwachſend, die für die Erziehung ihres einzigen Sohnes das Beſte thaten, verrieth Friedrich ſchon in der Blüthe des Jugend⸗ 47 alters recht viele Fähigkeiten, aber auch viele Nei⸗ gung zu einem ſchwärmenden Leben, dabei einen Muth und eine Beharrlichkeit von ſeltener Stärke. Zur Nachfolge im Amte ſeines Vaters von den Eltern und dem graflichen Gutsherrn beſtimmt, wurde Sarberg in Allem, was er für ſeine künftige Beſtimmung zu wiſſen nöthig hatte, ſorglich unter⸗ richtet. Aber ſchon als Knabe von zwölf Jahren erklärte er mit eiſernem Trotze, ſein Leben nicht hinter den Pflügen, auf dem Kornboden, bei der Viehmaſt verleiern, ſondern als Soldat oder See⸗ mann einſt große Dinge leiſten zu wollen. Dieſer Erklärung ſetzte ſein Vater, der mit leidenſchaftlicher Vorliebe an der Landwirthſchaft hing, und ſie für den wichtigſten und edelſten Zweig an dem Rieſen⸗ baume des menſchlichen Wirkens hielt, das freund⸗ lichſte Zureden, die herzlichſte Ermahnung entgegen; dieſe wurden zum ſtrengen Ernſt, zur harten Be⸗ handlung, zur Androhung der Enterbung und des Fluches, als Friedrich mit aller Kälte und Feſtigkeit verſicherte, nicht von dem Willen ſeines Vaters, ſondern nur von ſeinem eigenen ſich fur ſeinen Stand beſtimmen zu laſſen. 3 In früherer Zeit der Gegenſand der 1 48 fonſt offene Friedrich ein liſtiger Heuchler. Er be⸗ gann mit Thätigkeit ſich der Landwirthſchaft anzu⸗ nehmen, bei jeder Gelegenheit den Unterricht ſeines Vaters, den Rath erfahrner Landwirthe einzuholen unndd alles aufzubieten, was ſeine, nun ſo plötzlich erwachte Neignng zum landwirthſchaftlichen Wirken im hellleuchtenden Lichte darzuſtellen vermochte. Ueber dieſe Sinnesänderung ihres Sohnes waren Vater und Mutter entzückt, aber bald ſollten ſie enttäuſcht werden. Friedrich war klug genug, recht wohl einzu⸗ ſehen, daß er ein hübſches Sümmchen nöthig habe, um beim Militär oder auf einem Schiffe unterzu⸗ kommen, ohne als ein geldloſer Wicht gleich bei ſeinem Erſcheinen hintenangeſetzt zu werden. Durch Beharrlichkeit in ſeiner laut ausgeſprochenen Ab⸗ neigung gegen die Landwirthſchaft war er von allen Mitteln entfernt, ſich Geld zu verſchaffen; dadurch, daß er den Wünſchen ſei r Eltern ſchmeichelte und ihrem Willen ganz zu ge⸗ nüͤgen ſchien, öffneten ſich ihm wieder deren Herzen und Börſen. Aber er begnügte ſich nicht, ſeine wackern Eltern durch Heuchelei zu täuſchen, um aus ihrer Caſſe zu ſchöpfen, ſondern war bald ſchlecht genug, durch heimlichen Verkauf von Holz aus den herrſchaft⸗ lichen Wäldern, durch Hetrgereien im Kornhandel 49 und durch manchen andern ehrloſen Gelderwerb ſich nach und nach eine bedeutende Summe zu ergau⸗ nern. Gerade als ſeine Kaſſe in ein em Zuſtande ſich befand, der ihm die Mittel zur Erfüllung ſeiner geheimen Pläne gewährte, rückte ein Commando des öſterreichiſchen Dragonerregiments Mansfeld in Hündorf ein. Der commandirende Ofſicier erhielt ſein Quartier im Schloſſe. Nun war Friedrich in ſeinem Elemente. Man fand ihn nur in den Stäl⸗ len bei den ſchmucken Dragonerpferden, oder im Wirthshauſe unter den Reitern, die er ſchon als ſeine Kriegsgefährten betrachtete, ja ſich ſchon im Schlachtgewühle in ihren Reihen, bald durch Be⸗ lohnung ſeiner Tapferkeit an ihrer Spitze ſah. Der Wachtmeiſter des Commando, ein alter Kriegsmann, der dem Doppelkümmel vorzüglich hold war, wurde von Friedrich zu ſeinem Vetrau⸗ ten erwählt. Des Jünglings ſchöne, kräftige Ge⸗ ſtalt, ſeine empfehlungsreiche Haltung, der Anſtand und die Gewandheit, womit er, ein von Jugend auf geübter Reiter, das wildeſte Dragonerpferd tummelte, hatten das werbluſtige Gemüth des Wacht⸗ meiſters bald mit dem Wunſche erfuͤllt, ſolch einen berrlichen Rekruten in die Schwadron zu bekominen. Als ihm nun Friedrich vertraute, von dem Faßeſen Lips Tullian. 2. Lieferung. 4 50 Verlangen beherrſcht zu ſein, in die Reihen der Mansfeldiſchen Reiter zu treten, doch dieſes nur heimlich geſchehen könne, da ſein Vater dazu nie ſeine Einwilligung geben werde; und wie nun Friedrich den Wachtmeiſter um guten Rath, um ſein kräftiges Wirken zur Erfüllung ſo heißer Wünſche bat, und dieſe Bitte vurch einige Goldſtücke unter⸗ ſtützte, da verſprach ihm dieſer mit einem derben Fluche, alles anzuwenden, was ſolch ein ſchätzbares Verlangen nach dem Glücke, kaiſerlicher Majeſtät zu dienen, zur Erfüllung bringen könne. Auf der Stelle ging der Wachtmeiſter zu ſeinem Offiziere und vertraute dieſem Friedrichs Wünſche, zugleich aber auch die Hinderniſſe von väterlicher Seite. Der Ofſizier, ein kaltherziger, geldſüchtiger Patron, der um ſeinen Säckel zu füllen, allen Eltern ihre Söhne entführt hätte, hörte kaum vom Wachtmeiſter, daß der junge Menſch Geld habe, als er Friedrich zu einer geheimen Unterredung in ein nahes Wäldchen beſchied, das heiße Verlangen des Kriegsluſtigen noch mehr entflammte, dann plötzlich Berge von Hinderniſſen aufthürmte, aber dieſe gleich wieder in die lieblichſte Ebene umwandelte, als Friedrich, den Geldſüchtigen durchſchauend, ihm 50 Dukaten für die Einreihung in die Schwadron, jedoch auf ſehr geheimen Wegen, pränumerirte. Der Offizier 51 gab ſein Wort, ertheilte Friedrich den Rath, ein Geſchäft aufzufinden, welches ihn einige Tage vor dem 27., wo die Schwadron wieder aus Hündorf abmarſchirte, vom väterlichen Hauſe entferne, und dann auf Seitenwegen voran zu eilen, ſo daß er in Frauenfeld, wo das Commando Raſttag halte, gleich bei ſelbem einrücken und mit abmarſchiren könne. Einige Tage vor dem Abmarſche der Dragoner gab Friedrich gegen ſeinen Vater vor, ſo eben von einem zuverläſſigen Manne erfahren zu haben, daß in Liebrode— er bezeichnete abſichtlich einen, dem Marſche des Commandos in entgegengeſetzter Rich⸗ tung liegenden Ort— eine bedeutende Anzahl ſpa⸗ niſcher Schafe verkauft werde, und ein ſehr vor⸗ theilhaftes Geſchäft zu erwarten ſei, da der Guts⸗ beſitzer, von ſeinen Gläubigern gedrängt, die Schafe um jeden Preis verkaufen müſſe. Vater Sarberg, ſchon lange nach jenen herrlichen Merinos lüſtern, und über ſeines Sohnes Betriebſamkeit hoch erfreuet, gab dieſem eine bedeutende Summe in Gold und ſeine beſten Wünſche mit. Da die Hin⸗ und Her⸗ reiſe, wie auch der dortige Aufenthalt mehrere Tage erforderie, ſo ſiel es nicht auf, daß Friedrich einen vollen Mantelſack an den Sattel ſchnallte. Auf ſeines Vaters beſtem Meiipſerde⸗ durch H ——— 5² und Betrug im Beſitze einer reichen Goldbörſe, zog Friedrich von dannen, einem Leben voll Verwirrungen, Laſter und Verbrechen, dem ſchmachvollen Lohne ſeiner Thaten entgegen. Zwei Jahre hatte Sarberg im öſterreichiſchen Dragonerregimente Mansfeld gedient und zum Wachtmeiſter ſich aufgeſchwungen, als er in der Trunkenheit den Offtzier, der ihn arretirten wollte, niederhieb, ins Stockhaus gebracht und zum Tode verurtheilt wurde. Die Tochter des Stockmeiſters, eine liederliche Dirne, ſchon ſeit längerer Zeit mit Friedrich im vertrauteſten Umgange und mit deſſen Beſitze einer bedeutenden Geldſumme bekannt, ver⸗ ſprach, ihn aus dem Gefängniſſe zu befreien, wenn er ihr auf das Feierlichſte gelobe, ſich mit ihr bei erſter Gelegenheit trauen zu laſſen. Friedrich verſprach ihr ſeine Hand, ſeine unveranderliche Dankbarkeit, das herrlichſte Leben mit einem kräf⸗ tigen Eide. Schon in der nächſten Nacht war Friedrich, von der ſchlauen Dirne als Barfüßer⸗ mönch verkleidet, unaufgehalten an der ehrfurchts⸗ voll begrüßenden Schildwache vorüber durch das Stadtthor gegangen und bald an dem verabredeten Orte angelangt, wo die Befreierin in männlicher Kleidung ſeiner harrte, und, einen Korb auf dem Rücken, an der Seite des vermummten Barfüßers 5⁸ wohlgemuth dabin zog, fuͤr einen Knaben geltend, der den geiſtlichen Herrn begleite, um für ſelben die Geſchenke der Landleute zu tragen. Jenſeits der Granze wurden die Verkleidungen in einem Teich verſenkt. Aus dem Korbe ging für Friedrich ein ſehr ſtattlicher Anzug hervor, und Eliſabeth war ſchnell im niedlichen Frauenkleide. Friedrich der ſchon als Knabe von einem Formſtecher in Hündorf von dieſer Kunſt ſo manches ſich an⸗ geeignet hatte, ſchrieb für ſich und Eliſabeth in der nächſten Schenke einen wohl ſtyliſirten Reiſepaß, ſchnitt in feſtes Holz das Gerichtsſiegel ſeines Gra⸗ fen, und verſah ſich ſo mit einem Dokumente, wel⸗ ches allen Schein der Gültigkeit hatte und ſeine Reiſe ungehindert machte.— Daß Friedrich Sarberg nach ſeiner Entweichung aus dem Stockhauſe bei einem Reiterregimente des Churfürſten von Brandenburg, dann im däniſchen Regimente Rottenſtein, zwei Jahre hierauf unter den Jordaniſchen Küraſſieren als Fourier geſtanden und ſich da mit Eliſabeth verheirathet, hierauf im Görziſchen Regimente gedient, die Schlacht bei Binſchof in Polen als Fahnenjunker mitgemacht habe und als Adjutant des Dragoner⸗ Obriſten Billitz aus dem Militaͤr⸗Verbande getreten ſei, gehet 4 aus den Unterſuchungsakten bervor, jedoch hne 54 klare Beleuchtung ſeines Wandels in jener Zeit, über deſſen Unbeſcholtenheit er in ſeinen Verhören auf das Feierlichſte ſich verbürgte, immerhin zum gerechteſten Zweifel des Criminalrichters, der die Narben an Sarbergs Körper, von ihm als Folgen erhaltener Wunden im Kriege angegeben, nur gar zu gut als die Merkmale ausgeſtandener Tortur erkannte. Endlich gelang es doch, Sarberg zum Geſtändniß zu bringen, daß einige dieſer Narben aus einer Tortur herrührten, in welcher man zu Hohenſtein ſeinen Körper mit Wachslichtern gebrannt hatte, um von ihm die Anerkennung eines Raub⸗ mordes zu erzwingen, welchen er während ſeiner Kriegsdienſte in Ungarn begangen haben ſollte, daran aber ganz unſchuldig geweſen ſei. Nachdem Sarberg das Dragonerregiment des Oberſten Billitz verlaſſen, vorher aber ſeine Eliſa⸗ beth, mit ihrer freudigſten Einwilligung um 30 Dukaten an einen alten, reichen Weinhändler ab⸗ getreten hatte, ging er nach Danzig, handelte dort anfangs mit Pferden, dann mit Räucherwerk und Flachs, gewann viel Geld, trieb dabei falſches Spiel mit Würfeln und Karten, verlor aber all ſein Vermögen an einen viel gewandtern Betrüger, erſtach dieſen in der Wuth der Verzweiflung, und 38 ſoh in die Wälder, wo er ſich an eine Naude — 5⁵ bande anſchloß, einige Mal in Haft gerieth, theils durch Ausbrechen aus den Gefängniſſen, theils durch das hartnäckigſte Leugnen ſich frei machte, dann ohne Genoſſenſchaft ſtahl, Straßenraub und Mord ausübte, endlich, wie wir alsbald ſehen werden, mit Lips Tullian ſich vereinigte, und die Ehre ge⸗ noß, an der Spitze der Vertrauten dieſes Verbrechers zu ſtehen. Den Beinamen:„Studentenfritz“ hatte er er⸗ halten, ſeiner Fertigkeit im Schreiben und ſeiner Geſchicklichkeit in Verfertigung von Stempeln und Petſchaften wegen, da in jenen Zeiten der unge⸗ bildete Menſch Alles Student hieß, was ſich durch Fähigkeiten und Künſte dieſer Art über das Ge⸗ meine erhob.. A VIII. Samnuel Schickel, der Brett⸗Bauer. Hal gräßlich wird es Tag in meiner Beuft! Ich Raſender, daß ich von Glücke träumte!— Fahr' hin, dn letzter Glaube an die Menſchheit!— elt 4 ſind quitt! Du haſt Dein Spiel verloren. Th. Aörner. Sn ſächſiſchen Dorfe Schönfeld, barkeit des Amtes Frauenſtein gehörig, Funhrmann, Chriſtoph Schickel, der zwar nicht unter die reichen, wohl aber unter die vermögenden Leute gehörte, den größten Theil des Jahres mit ſeinen vier Rappen über Land war und ſich nie lange zu Hauſe aufyielt, da ſein Weib eben nicht den ſanf⸗ teſten Charakter, dabei eine wahre Leidenſchaft zum Widerſpruche hatte, vorzüglich aber, ſobald ihr Mann ins Haus trat, ein unerſchöpfliches Klagelied über ihre Kinderloſigkeit anſtimmte, oft mit beißenden Be⸗ merkungen üͤber des Mannes eheliche Kälte ausge⸗ 57 ſtattet, wo es dann auch nicht an ſehr triviaten An⸗ ſpielungen auf Ausſchweifungen während des Um⸗ herziehens im Lande und des Aufenthaltes bei hüb⸗ ſchen Wirthsfrauen und Mägden gebrach. Chriſtoph Schickel, mit einer wahren Fuhrmannsnatur begabt, dabei durch den ſteten Umgang mit dee roheſten Volksklaſſe eben nicht ſehr verfeinert, begrüßte meiſtentheils bei ſeiner Heimkunft die klagende, wider⸗ ſprechende, giftig anſpielende Ehefrau mit der Peitſcha und wiederholte öͤfters im Laufe ſeines Aufenthaltes zu Hauſe dieſes Feſt des zärtlichſten Wiederſehens. In der ganzen Umgegend von Schönfeld war die Sehnſucht der Frau Schickel nach einem ſüßen Pfand ihrer ehelichen Liebe recht wohl bekannt, und als ſie ſich nun auch gegen die Schönfelder Klatſch⸗ ſchweſtern außerte, ſelbſt ein fremdes Kind annehmen und mit der herzlichſten Mutterliehe erziehen zu wollen, ſo kam eine Dirne aus Schonfeld ihren Wünſchen zuvor, indem dieſe wegen ihrer Schwanger⸗ ſchaft aus dem Hauſe der Eltern verſtoßen und von dem armen aber herzensguten Dorfhirten aufgenom⸗ men, ihr neugebornes Kind in Lumpen hüllte, der Frau Schickel nächtlicher Weile vor die Thüre legte und ſich auf und davon machte, nachdem ſie dem Hirten vertraut hatte, welches Geſchenk ſie der äin. derſüchtigen Kärnerin binterlaſſen Bah⸗ 5 38 Frau Schickel war anfangs ſowohl gegen das Kind, als auch deſſen unberufene Geberin ſehr erboſt, jedoch bald, trotz ihres ſonſt langwaͤhrenden Zürnens, durch den Anblick des wohlgeſtalteten, kräftigen Kindes beſänftigt, und als nun auch ihr Ehemann bei ſeiner Heimkehr von einer Magdehurger Fahrt das gar hübſche Büblein mit freundlichem Auge betrachtete, auf ſeine Arme nahm und herzte und küßte, und als nun Frau Schickel über die Erfüllung ihres liebſten Wunſches allmälig die üble Gewohnheit des Wie⸗ derbellens und der beißenden Bemerkungen ablegte, ſo begann von Tag zu Tag der Friede und die Ein⸗ tracht in dieſem Hauſe einheimiſcher zu werden, und beide Eheleute liebten den Findling um ſo mehr, da er ihnen gleichſam zum Spender häuslich 1 Zufriedenheit und Friedfertigkeit gew r we Gleich nach der Taufe, wobei ihm der Name Sa⸗ muel gegeben wurde, gingen die Schickel'ſchen Ehe⸗ leute zum Amte und ließen über ihre Erklärung, den Findling an Kindes Statt anzunehmen und un alle ihre Habe auf ihn zu vererben, eine gerichtli Urkunde aufzunehmen. Alles, was in einer Dorfſchule an Unterricht ertheitt werden kann, lernte Schickels Pflegeſohn mit großem Eifer und entwickelte recht viele Fähigkeiten. Der Schule entwachſen, wurde er in der Danpſeih 5 ſich recht wohl ſchmecen ließ und dabei einige Bur 59 ſchaft unterrichtet, begleitete aber ſchon von ſeinem vierzehnten Jahr an den Nährvater auf ſeinen Fahr⸗ ten und leiſtete, an körperlicher Kraft und Größe beinahe ein Juͤngling, dabei wachſam, ilug und geſchäftsluſtig, recht gute Dienſte. Das Umherziehen auf dem Lande, der faſt un⸗ unterbrochene Aufenthalt in Wirthshäuſern, wie auch die ſo viel geſehenen Beiſpiele der Sittenloſigkeit, des Betruges, der Rohheit, des Karten⸗ und Wür⸗ felſpiels, der WVollerei und Unzucht, untergruben immer mehr Samuels Moralität, die ohnehin nicht auf Felſen gebaut war. Noch nicht volle ſiebzehn Jahre alt, hatte der ſchöne, kräftige Burſche ſchon die Schule der Unkeuſchheit und der bamit ver⸗ ſchwiſterten Laſter durchgemacht, überbot die tüchtig⸗ ſten Trinker, betrog im Spiele mit Karten und Wür⸗ feln, im Handel und Wandel, beſtahl ſeine Pflege⸗ eltern und begann ſich zu einem um ſo gefährlichern Böſewicht auszubilden, da er die Verſtellungskunſt im hoͤchſten Grade beſaß und zu heucheln und glei⸗ ßen auf das Meiſterhafteſte verſtand. Eines Tages ſaß Samuel in einer Schenke bei Dresden, wohin der Pflegevater ihn mit einer Ladung von Pferdehäuten geſandt hatte, und ließ ſich ver⸗ ſetzen, was gut und theuer war. Während er es 60 bewirthete, trat eine armſelig gekleidete Weibsperſon an ſeinen Tiſch und bat um ein Almoſen. Samuel zog eine Hand voll Geld aus der Taſche nnd warf der Bettlerin mit prahleriſcher Gebeyrde einen Thaler hiin. Sie dankte, betrachtete Samuel mit einem 3 langen, höchſt freundlichen Blicke und ſetzte ſich dann an einen gegenüber ſtehenden Tiſch, wo ſie bei ihrem Kruge Bier Samuel nicht aus dem Auge ließ. Bald darauf ging dieſer in den Stall, um nach den Pfer⸗ den zu ſehen, und unbegrenzt war ſein Erſtaunen, als die Bettlerin in den Stall trat, die Thüre ver⸗ ſchloß und mit den Worten:„Grüß Dich Gott, lieber Sohn!“— auf ihn zueilte. Aber bald war er über⸗ zeugt, ſeine Mutter vor ſich zu ſehen, da ihm dieſe alle Umſtände genau angab, von ihrer Kindheit und ihrem Leben in Schönfeld an bis zum Augenblicke, wo ſie ihn, einige Stunden nach ſeiner Geburt, an der Thürſchwelle des Buhemanns Schickel augge⸗ ſetzt hatte. War Samuel auch ein wbher. laſterhafter Menſch, ſo erwuchs in ihm doch gegen ſeine Mutter ein wirklich zärtliches Gefühl. Er ſchämte ſich nicht ihrer Lumpen und ihrer durch Armuth und Kummer zer⸗ rutteten Geſtalt. Mit Herzlichkeit reichte er ihr die Hand und drang in ſie, ſich an ſeinen Tiſch zu ſetzen ſchen ſeines Gelichters mit Bier und Branntwein — . 61 damit er ſie auf das Beſte bewirthen, dann für beſſere Kleidung ſorgen und über ibre Unterkunft und künftige Ernährung mit ihr Rath balten könne. Das lehnte ſeine Mutter ab, die ſich ſchämte, neben ihrem wohlgekleideten Sohne und ſeinen Zechgenoſſen in ihrem zerlumpten Anzuge Platz zu nehmen. Sie bat ihn um etwas Geld, um im nächſten Dorfe bei Schönfeld ſich einige Tage bei einer Baſe aufhalten zu können, wo er ſie heimlich beſuchen und dann er⸗ fahren ſolle, was ſie zur Begründung ihres künftigen Unterhaltes bereits ausgedacht habe. Von dem Sohne reichlich beſchenkt, eilte ſie fort, kehrte aber ſchnell wieder zurück und bat ihn auf das Dringendſte, gegen Jedermann ihr Daſein auf das Sorglältigfe zu verſchweigen. Als Samuel zu Hauſe angekommen, und Rech⸗ nung über Fracht und Ausgabe abgelegt war, ging er, unter dem Vorwande großer Müdigkeit, gleich nach Einbruch des Abends in ſeine Schlafkammer, ſtieg leiſe aus dem Fenſter und lief dem Aufent⸗ halte ſeiner Mutter zu. „Lieber Samuel,“— ſprach dieſe zum Ein⸗ tretenden, und reichte ihm ein volles Glas Brannt⸗ wein—„ich habe ein Plänchen gemacht, durch deſe ſen glückliche Ausführung mein Lebensunterhalt ge⸗ borgen ſein wird. äuſt auch etwas Schel⸗ 6² dabei mit, ſo bin ich nicht ſo einfältig, Gewiſſens⸗ biſſe darüber zu befürchten; der alte Schickel hat Geld, ich aber keines, und noch dazu die troſtreiche Ausſicht, verhungern zu müſſen, da ich zu ſchwerer Arbeit weder Kräfte noch Luſt habe. Höre nun, was ich erdachte.“ „Schickel iſt Dein Vater nicht, ungeachtet er in jener Zeit mit mir im Geheimen eine vertraute Bekanntſchaft hatte, und wir uns gerade nicht Zwang anthaten. Aber jetzt ſoll er Dein leiblicher Vater werden, wenigſtens im Wahne. Du beſorgſt, daß Schickel morgen Nachmittags hierher gehe. An einem klugen Vorwande, ihn zu dieſem Gange zu bewegen, ohne daß er meine Nähe ahnet, wird es Dir nicht mangeln. Im Erlengebüſche am Mühl⸗ teiche lauere ich auf ihn, komme dann hervor und 1 erkläre ihm mit aller Feſtigkeit, daß er Dein Vater und dadurch verbunden iſt, ſich mit mir abzufinden, außerdem ich geradezu die ganze Geſchichte ſeinem Weibe entdecke und gegen ihn bei Gericht Klage führe. Ich kenne die Eiferſucht ſeines Weibes und deſſen Bosheit, Zankſucht und Unverſöhnlichkeit. Es leben zwar beide, wie ich von der Baſe hörte, jetzt recht friedlich, aber der häusliche Friede wird ſchnell zu Krieg und Feuer, wenn ſo eine Kindsgeſchichte eine zündende Kugel ins Haus fällt. Schickel 63 iſt älter geworden, an ehelilche Friedfertigkeit ge⸗ wohnt, und giebt lieber das Letzte im Geheimen hin, um Ruhe im Hauſe und keine höhniſche Rach rede von der Nachbarſchaft zu haben.“— „Nun habe ich Dir vertrauet, wie ich fur mich ſorgen will. Dein Geſchäft ſei, mir den Alten in die Erlengebüſche zu ſchaffen. Jetzt wollen wir trinken und gegenſeitig unſere Schickſale erzählen!“— So verderbt und liederlich Samuel war, ſo erroͤthete er doch oft bei den Erzählungen ſeiner Mutter, die, vom Branntwein erhitzt und von aller Schamhaftigkeit verlaſſen, dem eigenen Sohne ihre unzüchtigen Verirrungen, Betrügereien, Gauner⸗ ſtreiche und Diebſtähle mit der frechſten Offenherzig⸗ keit unter ausgelaſſenem Gelächter erzählte. Der Betrügerin gelang es wirklich, den alten Schickel durch die ihm angelogene Vaterſchaft, durch die Drohung der Entdeckung und der Klage bei Gericht ſo einzuſchüchtern, daß er ihr zum Unter⸗ halte jährlich 60 Thaler zuſicherte, wofür ſie das tiefſte Stillſchweigen geloben mußte. Zwei Meilen von Schoͤnfeld hatte Samuels Mutter in einem abgelegenen Häuschen, das einer kinderloſen Wittwe gehörte, Wohnung genommen. Benutzung des kleinen, aus einem Gem Die Wittwe, alt und gebrechlich, überließ ihr die“ ———— A— 64 Obſtgarten, aus einem Krautfelde und zwei Aeckern beſtehenden Grundſtuͤcks, wobei ſich ein Paar Kühe und einige Schafe befanden, gegen die Verbindlich⸗ keit, ſie zu ernähren und bei eintretender Krankheit zu pflegen. Katharina hatte nun ihr gutes Aus⸗ kommen, und das ſonſt ſo ſtille Häuschen wurde bald der Tummelplatz der Ausgelaſſenheit und der Schwelgereien, da Samuel in jeder Woche dort ein Paar Nächte zubrachte, ſtets begleitet von eini⸗ gen liederlichen Dirnen und Cameraden, wo nun 3 vpon dem Gelde, das er durch Betrug gewann oder ſeinen Pflegeeltern abſtahl, auf zügelloſe Weiſe ge ſchwelgt wurde. Jetzt ſtarb Samuels Pflegemutter und der alte Schickel übergab Samuel ſeine ganze Wirth⸗ 1 — ſchaft, mit Vorbehalt einiger Grundſtücke, die er 5 verpachtete, und den Pachtſchilling zu ſeinem Le⸗ bensunterhalte verwendete. Katharina, Samuels Mutter, wußte Schickel ſo zu kirren, daß ſie ihn bewog, ihr die Geſchäfte ſeiner Wirthſchafterin zu übertragen. Sie zog in ſein Haus, und bald wett⸗ eiferten Mutter und Sohn, ſich in dem zügelloſeſten Treiben, in Völlerei und Arbeitsſcheu zu überbieten. Der alte Schickel, dem es gar zu bunt wurde, und deer, ſonſt ein ziemlich heilloſer Patron, ſich ſeit einigen Jahren an Ordnung und Wirklichkeit ge⸗ —₰ —-—— 65 gewöhnt hatte, verwies anfangs zur Arbeitſamkeit und zu einem genügſamen, ehrbaren Leben. Seine Ermahnungen, ſeine Bitten wurden verhöhnt, die Wiederholungen mit den roheſten Beſchimpfungen, ſogar von Samuel, in Folge einer Aufreizung von ſeiner Mutter, mit grauſamen Schlägen erwiedert, und Schickel zuerſt, aus Aerger, dann immer eifri⸗ ger aus überwiegender Neigung, nahm ſeine Zu⸗ flucht zur Branntweinflaſche und trank ſich nach einem Jahre in das Grab. Samuel brauchte eine Hausfrau, aber auch das ärmſte Mädchen verſagte dem allgemein Verrufenen ihre Hand. Knechte und Mägde, in deren Innerem nur noch ein Funke von Zucht, Arbeitsliebe, Ehr⸗ barkeit und Gottesfurcht glomm, gingen aus dem Dienſte, und bald beſtand Samuels Geſinde aus dem Auswurfe der dienenden Claſſe. Es konnte nicht anders geſchehen, als daß bei ſolcher Bewirthſchaftung des Hausweſens und der Felder, bei ſolch einem ſchwelgeriſchen Leben die Schulden ſich ſo häuften, daß von den Gerichten eingeſchritten und das ganze Grundſtuͤck mit Ein⸗ richtung, Vieh und Fahrniß verkauft wurde. Am Abende vor der Uebergabe des Grund⸗ ſtuͤcks an den neuen Beſitzer ſaß Samuel mi Muiter, nun die einzigen Bewohner des Lips Tullian. 3. Ligfe —— 66 leeren Hauſes, bei der Branntweinflaſche und zechten bis tief in die Nacht hinein, während ſie immer in dle heftigſten Verwünſchungen ſich ergoſſen, aber nicht üͤber ihr höchſt lüderliches Leben, über ihre gar zu lüderliche Wirthſchaft, ihre unſinnige Ver⸗ ſchwendung, ſondern über das Gericht, von dem die es erkauft hatten. „Was Teufel,“— lallte die trunkene Furie und ſtieß das geleerte Glas mit Heftigkeit auf den Tiſch,—„wir, die rechtmäßigen Beſitzer, ſollen dieſes bequeme Haus mit ſeinen ſchönen Stuben, Kammern und Stallungen räumen und ſo einem fremden Geſindel Platz machen?— Komm, Sa⸗ muel, wir packen das Bischen, das uns die ver⸗ dammte Juſtiz noch übrig gelaſſen hat, in ein paar Säcke und ziehen jetzt ab. Damit wir aber bei unſerer nächtlichen Wanderung in dieſer Dunkelheit nicht über Stock und Stein fallen, ſo werde ich ein Lichtchen anzünden, an dem man ſich noch einige Tage hindurch wärmen kann. Iſt hier unſeres Bleibens nicht mehr, ſo ſoll es auch für Andere nicht wohnlich ſein. Auf, Samuel!“— Um das gehörig aufzufaſſen, was das entſetz⸗ das Grundſtück verkauft worden, und über die Leute, liche Weib thun wollte, hatte ſich Samuel ſchon zu 3 ſehr um ſeine Sinne getrunken. Mit geſchäftiger —,— — —— 67 Hand packte Catharina die armſeligen Reſte des frühern Ueberfluſſes in zwei Säcke, und Sanuek, 8 dem ſie zu ſeiner Ermunterung ein Glas Waſſer ins Geſiicht geſchüttet hatte, hockte die Säcke auf und taumelte zum Hauſe hinaus. Schon war er eine Strecke gegangen, als er ſeine Mutter vermißte. Er wandte ſich zurüuck, da ſah er am Scheuerdache ein Flämmchen aufſchla⸗ gen; das Flämmchen wurde zur Flamme, zum praſ⸗ ſelnden Feuer. Mit unwillkürlichem Schauder blickte der Ernüchterte auf das lichterloh brennende Haus hin.—„Hilfe! um Gotteswillen Hilfe!“ tönte ihm das gellende Gekreiſch ſeiner Matter entgegen, die am Fenſter des obern Geſchoſſes die Hände nach ihm ausſtreckte. Samuel warf die Säcke ab und ſtüͤrzte dem Hauſe zu. In vollen Flammen ſtand die Treppe; nur ein Sprung aus dem Fen⸗ ſter konnte die Mutter retten. Er rief ihr zu, es zu thun! ſie hatte nicht den Muth dazu, his dit Flamme die Stube ergriff. Jetzt wagte ſie den Sprung. Ihre Stunde hatte geſchlagen. Mit zer⸗ 4 chmettertem Kopfe röchelte die Mordbrennerin zu ihres Sohnes Füßen das verbrecheriſche Leben aus. Wie von allen Geiſtern der Hölle verfolg floh Samuel über Felder, Wieſen, durch S dahin, bis er ohne Bewußtſein niederfurtte. 68 Von einer kräftigen Fauſt zum Leben aufge⸗ rüttelt, ſah ſich Samuel in einer ganz unbekannten Gegend und einem Manne gegenüber, deſſen ge⸗ ſchwärzte Geſtalt und der ſchwere Hebebaum auf den breiten Schultern ihm den Kohlenbrenner ver⸗ kündigten. Als Samuel ſich mit Mühe geſammelt hatte, folgte er dem Köhler, der, ohne nach ſeinen Verhälini iſſen zu fragen, ihn zu einem Morgenimbiß in ſeine nahe Hütte einlud. Auf dem Wege dahin uͤberzeugte ſich Samuel, daß er in ſeinem uͤberreizten Gemüthszuſtande einen Weg von mehreren Meilen zurückgelegt haben müſſe, da der Köhler und ſein Weib von einem Orte, der Schönfeld heiße, nicht das Min ſte wußten. Kaum hatte Samuel giutge Biſſen genoſſen, als er ſich ſo ermattet fuͤhlts, daß er vom Stuhle ſank. Der Koͤyler und ſein Weib ſchleppten ihn nach einer Kammer auf eine Strohſchüͤtte, wo er ſchon nach einigen Augenblicken im tiefen Schlafe lag. Es war chon Nacht, als er erwachte. Aus der Tiefe ſcholl ihm Gemurmel und Gläſergeklirre dumpf entgegen. 4 Neugirig, was da unter ihm vorgehe, kroch er in der Kammer umher, hörte in einer Ecke das Gerauſch aus der Tiefe viel deutlicher und fand nach 8 ſorfältigem Guchen in der Bodendiele Enafesan — Fanghunde, die an d 69 dichtſtrahl drang ihm entgegen, und er ſah durch die Oeffnung an einem Tiſche ſeinen Hauswirth mit fünf Männern und drei Weibsperſonen eſſen und zechen. Das Ausſehen der Männer, die ſcham⸗ loſe Kleidung, die frechen rden der Dirnen, da und dort aufgehangenelWaffen und zwei große enen Knochen nag⸗ eſten Blick, daß die⸗ Zechbude einer Räu⸗ ten, überzeugten ihn ſes unterirdiſche Gentach berbande ſei. Zedes Wort vernahm er nun deutlich, und das Blut ſtockte ihm in den Adern, als er den Köh⸗ ler zu ſeiner Genoſſenſchaft ſagen hörte:„Es bleibt alſo dabei, daß wir den fremden Kerl todtſchlagen. Ohne Zweifel iſt er ein Fleiſchmann*), deren jetzt viele zum Verderben der tuften Tſchoren**) um⸗ herlauern. Entrinnen kann er nicht, alſo friſch naacf i den Hund todtgeſchlagen, ſo haben wir lihd mehr zu befürchten!“ Der Schrecken, die Angſt ſchufen in Samue einen raſchen Entſchluß.—„Was nützt Euch mein Tod?“— rief er durg die Oeffnung der Geſell⸗ ſchaft zu—„während ahr von meinem Leben ge⸗ Wateren Diebe. 70⁰ wiß Vortheil ziehen koͤnnt. Nehmt mich in Eure Kameradſchaft auf, und Ihr ſollt es nie bereuen, mich zu Eurem Gefährten gemacht zu haben!“— Ueberraſcht blickten Alle nach Oben. Sie fluͤſterten auſenmes der Köhler holte Samuel in die Verſammlung. hhwur den Eid der Treue und ward ein ei Räuberbande. Als dieſe nach hre bis auf ihn und den Köhler ergriſen.„ machte er mit dieſem jenſeits der Grenze gemeinſchaftliche Sache, ſtahl, raubte, brannte und mordete und erſchlug den Köh⸗ ler in einem Streite über die Theilung geraubter— Waaren. 8 Den Beinamen:„Bretbauer“ erhielt er, weil er in Böhmen einen Bauer, der ihm bei einem Einbruche mit einem Beile eine tiefe Kopfwunde ſchlug, an Händen und Füßen an ein Bret gena⸗ gelt und in der Moldau erſäuft hatte. ½ 4½ Chriſtian Eck kold, der ſchöne Böttiger. 63 Die Damen mit ihrem Doppelgeſicht, Halb Höll', halb Himmel, ein Ganzes nur nicht, Sie gruben künſtlich vom Körper aus Den Geiſt aus ſeinen Wurzeln heraus. J. G. Seidl. Schon in ſeinem zehnten Lebensjahre eiternlos, wurde Eckold von einem Verwandten, dem Böttiger Lohr, an Kindesſtatt angenommen, ſehr chriſtlith erzogen, in der Profeſſion des Pflegevaters unter⸗ richtet und zum künftigen Erben beſtimmt. Eckold gab die beſten Hoffnungen, lernte fleißig und füͤhrte ein unbeſcholtenes Leben. Als Lohr durch einen furchtbaren Brand ſ ein Haus verlor, und, von 7² in den letzten Lebensſtunden ſeines Pflegevaters von ihm zum alleinigen Erben durch eine gerichtliche Handlung ernannt wurde, die Brandſtätte, behielt ſich die auf ihn übertragene Gewerbs⸗Ausübung vor, verſteuerte ſie gleich auf mehrere Jahre und trat die Wanderſchaft an. Von dieſer zurü Gewerbe auszuüben Redlichkeit ſchon in wentger haren ſo viel, daß er, ohne Geld aufborgen zu müſſen, ein recht ge⸗ räumiges Haus kaufen konnte.— Eine alte Baſe von ihm, die ein kleines Ver⸗ mogen beſaß, hatte bisher ſeine Wirthſchaft ge⸗ führt. Nun aber fühlte Eckold von Tage zu Tage immer mehr die Wahrheit des Spruches, daß es begann er gleich ſein nicht gut ſei, wenn der Menſch allein iſt. Ohne ſeinen Entſchluß, ſich zu verehelichen, laut werden zu laſſen, ſpähete er mit forſchenden Blicken unter den Schönen ſeines Geburtsortes umher. Ueberall fiel ſein Auge auf freundlich ihm zu⸗ lächelnde Geſichter; er hätte nur wahlen dürfen, und ſelbſt der ſtolzeſte 11n angeſehenſte Familien⸗ sgezeichneten män dem ſchönen Bötiger 73 verweigert haben, da Eckold bei ſeinem ausgebrei⸗ teten Gewerbe, ſeiner raſtloſen Thätigkeit und ſeinem— untadelhaften Wandel, im ſchönen Vereine mit einem ſehr liebenswürdigen Benehmen, aller Her⸗ zen gewonnen hatte. Schon ſchwankte er zwiſchen zwei ſchönen und reichen Mädchen, als ein Augenblick eintrat, der ſein Herz mit aller Macht der Leebe erfüllte und 3 ihn jene Beiden vergeſſen ließ. Es war an einem recht angenehmen Abend, als der junge Drechslermeiſter Blank, Eckolds ein⸗ ziger Freund, ihn abholte, um im Wirthehauſe ei eines nahe liegenden Dörfchens ſich bei einem Glaſe Bier und unter traulichem Gepkauder von der harten Tagesarbeit zu erholen. In die Nähe des Dörf⸗ chens gekommen, hörten ſie jammernde Stimmen und ſahen vieſe Leute vom Felde hinweg der Land⸗ ſtraße zueilen. Auch ſie eilten dahin und fanden eine umgeſtürzte Kutſche, aus der man ſoeben eine jämmerlich ſchreiende Frau hervorzog, mit welcher ſich beſonders ein ſchlankes„hochgeſtaltetes Mädchen 4 ſehr eifrig beſchäftigte. Die Frau hatte durch den gewaltſamen S a Sturz des Wagens den Arm gebrochen, auch mochte ſie ſich ſonſt ſehr ſchwe 4 legt aben, denn ſie erbleichte plötzlich und ſchien ein n Troſtlos, die Hände ringend, la das N 74 auf ihren Knieen und beträufelte die Ohnmächtige mit den Thränen ihres heißen Schmerzes. Gaffend ſtanden die Landleute umher und murmelten unter einander. „Bringt doch ſchnell eine Trage herbei mit einem Bette!“ ſagte Eckold zu einem der Umſtehen⸗ den und drückte ihm Geld in die Hand. Auf der Stelle lief dieſer mit einigen in's Dorf und kehrte bald mit einer hochbepolſterten Trage zurück. Un⸗ terdeſſen hatte Eckold aus dem nahen Bache ſeinen Hut mit Waſſer gefüllt und das Geſicht der Be⸗ wußtloſen damit ſanft gewaſchen, wobei ihm das Mädchen mit zärtlichem Eifer Hilfe leiſtete. Be⸗ hutſam wurde die nun wieder hochathmende und aufblickende Frau von Eckold und ſeinem Freunde auf die Trage gehoben und in das Wirthshaus ge⸗ ſchafft, wohin auch die von den Landleuten empor⸗ gerichtete Kutſche folgte. Auf Eckolds Zureden be⸗ ſpannte der Wirth ſeinen Korbwagen und fuhr im raſchen Trabe nach dem Flecken, um den dortigen Wundarzt zu holen. Jetzt, als die Kranke in dem reinlichen, freund⸗ lichen Oberſtübchen des Gaſthauſes auf ein weiches Beit gebracht war und gleich zu ſchlummern anfing, je t erſt betrachtete Eckold das Mädchen. Er konnte ß nicht erklären, wie er bisher dieſes reizende 75 Weſen uberſah. Solch ein jugendlich blühendes Geſicht mit dem ſüßeſten Liebreize, ſolche herrliche Formen hatte er noch nie geſehen. Der Funke eines ihm bisher unbekannten Gefuhles tauchte in ſeinem bewegten Innern auf, und dieſer Funke wurde immer mehr zur ſüß belebenden Flamme. Er mußte ſich Gewalt anthun, das Stübchen zu verlaſſen, als jetzt das Mädchen ihm mit wenigen aber innigen Worten für den geleiſteten Liebesdienſt dankte und durch eine Verneigung und ein ſchwei⸗ gendes Hinblicken auf die Schlummernde die Bitte, allein gelaſſen zu werden, zart andeutete. In der Bohnenlaube des lieblichen Blumen⸗ gartens, ſeinem Lieblingsplatze, ſaß Eckold ſeinem Freunde Blank gegenüber in tiefem Sinnen, nur des Mädchens holde Geſtalt vor ſeinen trunkenen Blicken, noch immer lauſchend nach den verklungenen Tönen der Silberſtimme. Die Wirthin kam mit Erfriſchungen und Eckold erwachte aus ſeinen Träumen, den die redſelige Frau war gleich nach den erſten Begrüßungen bei der Fnemden und ihrer Tochter. Mit geläufiger Zunge erzählte ſie, daß die Fremde, wie ſoeben der Kutſcher ihr vertrauet habe, die Wittwe eines vor Kurzem an der böhmi⸗ ſchen Grenze verſtorbenen Förſters ſei, ſich nun nach reußen, ihrem Vaterlande, begebe, und während 76 der Reiſe recht ſchmerzlich über ihre Lage geklagt habe, da ſie durch die lange Krankheit ihres Gatten um all ihr Erſpartes gekommen und bei ſo geringer Penſion dem bitterſten Elende ausgeſetzt ſei, wenn — ihr nicht gelänge, einen reichen Anverwandten, dden ihr Gatte durch ſeine Heftigkeit auf das Tiefſte gekränkt hatte, wieder zu verſöhnen und von ihm unterſtützt zu werden. Bis kief in die Nacht hinein, was bei Eckolds geregelter Lebensweiſe faſt nie geſchah, blieb er in der Laube, voll Verlangen, das reizende Mädchen nochmals zu ſehen und zu ſprechen. Unerfüllten Verlangens und in recht wehmuthiger Stimmung kehrte er mit Blank wieder zurück, denn die Wirthin hatte ihm mit großer Betruͤbniß geſagt, daß die arme Frau in ſehr gefährlichem Zuſtande ſich be⸗ finde, da nach des Wundarztes Verſicherung nicht nur der Arm gebrei, ſondern auch ein innerer, ſehr edler Theil verletzt ſei.— 1 Noch vor Anbruch des Tages hatte die För⸗ ſterin in einem Blutſurze ihr Leben ausgeſtrömt. . Wilhelmine Bornfeid— ſo hieß die Förſters⸗ tochter—— war nach drei Monoten die Ehefrau des Boͤttgermeiſters Eckold, der in dem erſten halben Aaht. femner Ehe einen Ergel zu umfaſſen ulaubi 77 Woche, ja von Tag zu Tag immer mehr zur ual⸗ vollen Ueberzeugung kam, in dieſem geträumten Engel einen ſehr gefallenen an ſeiner Seite zu ſehen. Nachläſſigkeit im Hausweſen, Abſcheu vor Arbeit, Putzſucht, Eitelkeit, unbezähmbarer Wiederſpruch, wochenlanges Maulen und unerſättliche Sinnlichkeit waren die beglückenden Eigenſchaften, welche all⸗ mälig wie die üppigen Blumenblätter einer— Pflanze vor den Blicken des ſchrecklich Getaä ſich entfalteten. Nach drei Jahren einer Ehe, die auf Ecofer 15 Moralität den allerverderblichſten Einfluß hatte, da er, überzeugt von der Unmöglichkeit der Beſſerung ſeiner Frau, die Luſt zur Arbeit, die Liebe zur Ord⸗ nung, zu einem nüchternen, pflichtgetreuen Leben immer mehr verlor, den nagenden Gram meiſtens in hitzigen Getränken erſäufte, in der Trunkenheit mit ANüderlichen Dirnen ganze Nächte verſchwelgte, oder in Spielhäuſern geplündert wurde, hatte Eckold durch ſeine zerrüttete Hauswirthſchaft ſolch eine 3 Maſſe von Schulden aufgehäuft, das er ſein ſchoͤnen Haus verkaufen mußte, nach Bezahlung Schulden nicht mehr als 460 Gulden übrig hatte und vorausſehen konnte, bald den Bettelſtab ergreife zu miſſen, da er alle ſeine Kunden verlo 78 mehr Luſt und Kraft hatte, ſich durch erneuerte Arbeitsliebe und Moralität die Achtung, das Wohl⸗ wollen ſeiner Mitbürger wieder zu erwerben und den Aufſchwung ſeines Gewerbes dadurch herbei⸗ zuführen. Mit tiefem Abſcheu hatte Eckold, als ſeine Frau ihre mit feiner Gewandheit ſo vielfach umſchleier⸗ ten Neigungen und Laſter zu enthüllen begann, ſich anfangs von ihr abgewandt. Verachtung und Haß waren die Gefühle, von denen er gegen die lüder⸗ liche Gattin beherrſcht wurde. Jetzt, ſelbſt abge⸗ wichen von der Bahn des Guten, aus einem ar⸗ beitſamen, redlichen, tugendhaften, religiöſen Manne ein Faulenzer, Säufer, Wollüſtling, Schwelger und Betrüger geworden, kehrte er mit erneuerter Lei⸗ denſchaft, mit aller heißen Luſt wilder Begierde zur Gleichgeſinnten zurück. Der Giftbaum, auf Wil⸗ helminens fruchtharem Boden üppig emporgewachſen, hatte ſeine wnrzelnden Zweige in des Gatten em⸗ pfangliche Seele geſenkt, aus welcher immer kräf⸗ tiger die verſchwiſterte Giftpflanze zmporſtieg, um gleiche Früchte zur Reife zu bringen. Durch Wil⸗ veellminens Untericht und Anreizungen war Eckold e tief geſunken, daß er ſogar anfing, zum Diebe zu werden. Ein ſilberner Löffel, von ihm iu einem Weinhauſe geſtohlen, wo er nach langer Zeit wieder . jener armſelige Reſt einer behentend den Habe, ſchon 79 einmal, des Scheines und des öffentlichen Geredes uͤber ſein Müſſiggehen wegen, eine Arbeit vornahm, war das Probeſtück des angehenden Gauners, und auf einem Jahrmarkte in einem nicht fernen Städt⸗ chen hatte er durch Entwendung mehrerer Sachen von Werth ſich ſchon als einen ſehr gewandten Schockgänger*) beurkundet. Sonſt im Spiele be⸗ trogen, wurde nun er der Betrüger. Ein höchſt fertiger Falſchſpieler, in frühern Zeiten von Eckold mit der tiefſten Verachtung vermieden, jetzt ſein trauter Herzensfreund, gab ihm ſehr eifrigen Un⸗ terricht, wie man Karten und Würfel mit Vortheil zu behandeln habe; der gelehrige Schüler betrog bald den wohlerfahrnen Lehrer. Die kleinern und auch ſchon größeren Dieb⸗ flähle, mit der größten Schlauheit und an fern ge⸗ legenen Orten ausgeführt, auch der Gewinn im falſchen Spiele mit Karten und Würfeln hätten zu Eckolds und ſeiner Frau Ernährung, wie auch zur Beſtreitung ſonſtiger Ausgaben zur Genüge hin⸗ gereicht, wären nicht Ausſchweifungen und Völlerei die Götzen geweſen, denen ſie mit Leidenſchaft hul⸗ 5 digten. So kam es, daß auch die 460 Gulden, 4 *) Budendied. 80 nach einigen Monaten beinabe bis auf den letzten Thaler vergeudet waren. Gerade in dieſer Zeit des höchſten Mangels der Eckold'ſchen Eheleute ſiel die Ankunft eines Weinhändlers, der in dem Gaſthofe zur Sonne, der Eckolds Wohnung gegenüberlag, ein Zimmer bezog. Wilhelmine war wirklich noch ſo reizend, daß ſie ſelbſt in der kälteſten Menſchenbruſt eine Neigung zu entflammen vermochte, beſonders da ſie mit ihrer kalien Schönheit einen höchſt gebildeten Anſtand und bezaubernde Liebenswürdigkeit— wenn ſie liebenswürdig ſein wollte— ſehr glücklich ver⸗ eeinte. Der Weinhaͤndler, ein Graukopf, aber ein 3 döchſt ſinnlicher Menſch, hatte Wilhelmine kaum am Fenſter geſehen, als er gleich alles aufbot, die nähere Bekanntſchaft dieſer ſo ſchönen Frau zu machen. Das ganze Verſetzſtück, wo dort die Sinn⸗ lichkeit, hier die Goldgierde in den mannigfaltig⸗ ſten Verwebungen nach ihrem Ziele ſtrebten, leitete Eckold, der auf die unbefangenſte Weiſe, und als wäre er ganz blind bei des Weinhändlers auffal⸗ lenden Bewerbungen um die Gunſt ſeiner Frau, die Freundſchaft des Sinnetrunkenen bald gewonnen hatte. Der Weinhandler beſaß viel baares Geld, und Eckold dachte nun an nichts mehr, als wie er die Goldſtücke ſeines Freundes ſich anzueignen vermögt 8¹1 Die Zeit der Abreiſe des Weinhändlers nahte heran, und noch hatte er ſich keiner beſondern Be⸗ günſtigung der von ihm ſo leidenſchaftlich geliebten Wilhelmine zu erfreuen. Jetzt ſollten ſeine Wünſche gekrönt werden. In einer Nacht— der Weinhänd⸗ ler wollte ſo eben zur Ruhe gehen— pochte man an ſeine Thüre. Auf die Frage, wer noch ſo ſpät Einlaß fordere, tönte ihm eine Stimme entgegen, die er gleich für Wilhelminens erkannte. Der raſch Oeffnende traute ſeinen guten Augen beinahe nicht, als Wilhelmine nun mit Heftigkeit in das Zimmer drang, ſich auf das Sopha warf, weinte, die Hände rang, dann ſeine Kniee umklammerte, und ihn um Schutz, um Hilfe anflehte. Der Weinhändler war außer ſich, Wilhelminen zu ſeinen Füßen zu ſehen, da er gar zu gern zu den ihrigen gelegen hätte. Er trug ſie auf das Ruhelager, er nahm ſie an feine Bruſt, er bat ſie mit den ſüßeſten Schmeichelworten, ihren Schmerz zu beſchwichtigen, und ſich ihm mit aller Offenheit zu vertrauen, da er ſein ganzes Ver⸗ mögen, ſelbſt ſein Blut willig hingebe, um ihr ſeine ßeſte Neigung durch die That zu erproben. Nun vertraute ihm Wilhelmine unter ſtrömen⸗ ven Thränen und mit leiſer, faſt zitternder Stimme, Lips Tullian. 3. Lieferung. 6 wie ſehr ſie von ihrem Manne mißhandelt werde, weil ſie ſich nicht den Umarmungen eines jungen, 82² reichen Gutsbeſitzers hingebe, der für den Genuß ihrer Reize eine ſehr reiche Summe geboten habe. —„Der Böſewicht, der ehrloſe Verräther hatte die Frechheit, den wollüſtigen Grafen in mein Schlaf⸗ gemach zu führen und mir mit den unmenſchlichſten OQualen zu drohen, wenn ich dem Grafen mich län⸗ ger verſage. Gott hat mir ſchwachen Weibe männ⸗ liche Kräfte gegeben, durch die ich mich den thieri⸗ ſchen Umklammerungen des Grafen, der rauhen Fauſt meines Gatten entriß, glücklich die Thüre erreichte, wo ich durch raſches Vorſchieben des äußern Riegels mich vor Verfolgung ſicherte, und ſo unaufgehalten aus dem Hauſe kam. Seit meiner Vermählung durch die Liebe zu meinen häuslichen Geſchäften, zu ge⸗ nügſamem Stillleben, mit den Bewohnern dieſes Fleckens beinahe nie in Annäherung gekommen, als im Tempel des Herrn; in dieſem Orte, mit keiner Familie verwandt, würde ich ohne Obdach, ohne Hilfe umhergeirrt ſein, hätte mir nicht eine tröſtende Stimme Ihren Namen zugeflüſtert. Ich weiß, edler Mann, daß Sie mich lieben, aber meine Grundſätze, mein Zartgefühl geſtatten mir nicht, ſo lange ich Gattin bin, Ihnen mehr zu ſein, als die treueſte Freundin eeine kindlich liebende Tochter. Führen Sie mich fon von hier, weit, ſehr weit, damit mich die Luft nich mehr erreichen kann, von welcher diſer Böſewich — währenden Reiſe das zu erlangen, was ihm jetzt die 8³ dieſes Ungeheuer von Gatten, umwehet wird. Dort will ich als die niedrigſte Magd dienen und bei den härteſten Arbeiten werde ich mich als die Glücklichſte fühlen und unter allen Leiden immer innig Ihrer gedenken, denn meine Tugend wird gerettet ſein und nur Ihnen danke ich dieſe Rettung!“ Mit dieſen erheuchelten Worten, im Wechſel des Pathos mit Schmerz, mit Zärtlichkeit, mit der ſanfteſten Hingebung geſprochen, ſchloß Wilhelmine ihr wohlerzähltes Mährchen. Der Weinhändler wußte nicht, ob er ſich freuen oder mit ihr trauern ſollte. Das Weſen ſeiner hei⸗ ßeſten Wünſche zu dieſer Stunde, im freien, buhle⸗ riſch geordneten Nachtgewande, das mehr verrieth als verbarg, dicht an ſeiner Seite, oft im Laufe der Mittheilung an ſeinem ſtürmiſch pochenden Herzen zu ſehen; entzückt durch die Hoffnung, ſich bald zur letzten Stufe ſeines heiß erſehnten Ziels aufzuſchwin⸗ gen, ſank er durch den Redeſchluß voll Keuſchheit und Tugend, den der Leichtgläubige für baare Münze nahm, aus ſeinem geträumten Himmel recht unſanft zur kalten Wirklichkeit herab. Doch tauchte in ihm die Hoffnung ſchnell auf, von der Zukunft, durch ſein Geld, durch die Darbringung aller möglichen Opfer, durch kuppleriſche Gelegenheiten einer lan 6* 84 Gegenwart mit den erſten Eindrücken des Abſcheues gegen ihren Mann, mit dieſer, vielleicht noch nie verſuchten Anhänglichkeit an die Pflichten der ehe⸗ lichen Treue und an die Macht des Zartgefühles ihm verweigere. Schnell beſonnen verhieß er Wil⸗ helminen die herzlichſte Hilfe, beſtimmte den Tag ſeiner Abreiſe mit ihr, und gelobte auf das Feier⸗ lichſte, ſie bis dahin ſo verborgen zu halten, daß ihr Aufenthalt in dieſem Gaſthauſe auch noch ſo ſpähenden Augen entgehe. In Eile weckte er den Wirth, der, des Schul⸗ denbuches wegen, dem reichen Weinhändler in allem auf das Eifrigſte zu Gebote ſtand, und vertraute dieſem geradezu, wie höchſt unglücklich die edle, tu⸗ gendhafte Frau Eckold ſei, wie feſt er beſchloſſen habe, ſie zu retten, und wie er nun verlange, daß ſie bis zu ſeiner Abreiſe höchſt verborgen in dieſem Hauſe leben könne. Der Wirth, ein durchtriebener Schelm, der Frau Eckold genau kannte und bei dem Lobe ihrer Tugen⸗ den beinahe in lautes Lachen ausgebrochen wäre, vwoaar gleich entſchloſſen, den Irrwahn und die tolle Leidenſchaft ſeines großmüthigen Gläubigers zu irgend einem Vortheil zu benutzen, zerfloß beinahe in Thrä⸗ een über die Leiden der keuſchen Dulderin, und eilte Spritzleder niedergekauert hatte. Raſch ging e tagsruhe gehalten werden ſollte, erreicht, als Wil⸗ 8⁵ Stille nach ſeinem Hinterhauſe, wo er im dritten Geſchoſſe ein freundliches Zimmerchen öffnete, und auf das Heiligſte verſicherte, Wilhelmine werde hier wenn ſie ſich nicht am Fenſter zeige, Jahre lang un⸗ entdeckt wohnen können, da Niemand, als ſeine Frau, die verſchwiegenſte Seele, für ihre Bedürfniſſe und ihre Bedienung ſorgen werde. Schon nach einer Stunde wußte Eckold den Au⸗ genblick der Abreiſe des Weinhändlers mit Wilhel⸗ minen, daß dieſer ſeinen Einſpänner ſelbſt lenke, wohin die Reiſe gehe, und in welchem Orte das erſte Nachtquartier gehalten werde. Wilhelmine hatte, als ſie ſich allein ſah, dieſe Nachricht mit Bleiſtift in ihre Brieftaſche geſchrieben und dieſe Eckold zuge⸗ worfen, der, wie verabredet war, das Haus umſchlich. Kaum war der Tag, welchen der Weinhäudler zu ſeiner Abreiſe feſtgeſetzt hatte, mit ſeinem erſten Leuchten angebrochen, als der Einſpänner den Gaſt⸗ hof zur Sonne verließ. Man ſah nur den wohlbe⸗ leibten Weinhändler in der Chaiſe, da Wilhelmine, um den Glauben ihres Führers an die Gefahr einer Verfolgung noch mehr zu beſtärken, ſich unter das fort, und früher war der Gaſthof, in welchem — 86— helmine im Stillen es wünſchte, da ein Zettel, wel⸗ chen ſie in der Nacht vor der Abreiſe mittelſt eines Bindfadens auf ein Zeichen ihres Mannes herauf⸗ gezogen hatte, ihr den Wald angab, in welchem der Weinhändler geplündert, und daher, nach Eckolds Verlangen, die Ankunft in dieſem Walde bis zur eingebrochenen Nacht von ihr verzögert werden ſollte. Dieſes mußte geſchehen. Schon war das Mittags⸗ mahl eingenommen, das Pferd abgefüttert und dem Hausknechte vom Weinhändler der Befehl zum Ein⸗ ſpannen gegeben, als Wilhelmine mit einem gebro⸗ chenen Schrei langſam vom Stuhle glitt. Man trug ſie auf ein Bette, man ſchleppte in Haſt alles her⸗ bei, was man zur Belebung der Ohnmächtigen auf⸗ bringen konnte. Der Weinhändler hätte in dieſem Augenblick eine Hand voll Gold für die Hülfe eines Wundarztes gegeben. Wilhelmine war nach einer Stunde wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht und zur Fortſetzung der Reiſe vollkommen hergeſtellt, als ſie berechnet hatte, daß der Wald nach dieſer Verzöge⸗ rung nicht vor Einbruch der Nacht erreicht werden könne. Von der ſchwülen Tageshitze und dem langen ze ermattet, ſchleppte das Pferd langſam die haiſe dem Walde zu. Sanft ſchlummerte der zeinhändler, der, als Nachmittags nochmals ant 5 Zukunft dem alten Burgunder gar zu tüchtig zu⸗ wollte eben den kleinen Koffer vom Packbrette 87 gehalten wurde, im Entzücken uber Wilhelminens zärtliche Freundlichkeit ſchon auf eine wonnevolle geſprochen hatte. Aber unſanft wurde er aus ſeinem ſüßen Schlummer geweckt und erſtarrte vor Schre⸗ cken, als er ſich von einem Manne mit ſchwarzge⸗ färbtem Geſichte gewaltig ergriffen ſah. Er wollte um Hülfe rufen, ſogar eine Gegenwehr verſuchen, aber Wilhelmine, gleichſam ihn ſchützend, oder aus der höchſten Furcht, hatte ihn mit beiden Armen kräftig umklammert, und ihr Geſicht ſo dicht an ſeinen Mund gelegt, daß er ſich nicht zu bewegen und nicht zu ſchreien vermochte. Im Augenblicke waren von dem ſchwarzgefärbten Manne die Hände des machtlos ſich Sträubenden feſt zuſammengeſchnürt, und als Wilhelmine, wie aus einer Ohnmacht raſch aufſchreckend, ſich haſtig aufrichtete, hatte ihm der Räuber mit gewandter Bewegung ein breites Tuch um den Mund geſchlungen. Er wurde aus dem Wagen geſchleppt, und Wilhelmine, ihre Rolle fortſpielend, floh in die Gebüſche. Der Weinhändler 4 lag im Graben und Eckold— welcher Leſer wird nicht gleich in ihm den Räuber vermuthet — nahm in Haſt die wohlgefüllte Chatulle dem Kutſchenſitze, durchſuchte die Seitentaſchen, u 88 brechen, als ein Schuß ſiel und er im Arme ver⸗ wundet wurde. Eckold hatte, mit dem Straßenraube noch nicht ganz vertraut, beim Binden der Hände den Knoten nicht feſt genug geſchürzt. Es gelang dem Wein⸗ händler, die Hände frei zu machen, und ſeiner Sack⸗ piſtole ſich zu bemächtigen. Unglücklicherweiſe war er kein geübter Schütze, und nur ein I leichter Streif⸗ ſchuß erſolgte. Eckold, wie er im Laufe ſeiner Unterſuchung oft und auf das Feierlichſte betheuerte, hatte bei dieſem Straßenraube nicht die Abſicht gehabt, den Weinhändler zu ermorden, ſondern nur auszuplün⸗ dern, dann feſtgebunden, mit verſtopftem Munde tiefer in den Wald hinein zu ſchleppen und dort ſeinem Schickſale zu überlaſſen, das Pferd aber mit der Chaiſe auf entgegengeſetzter Richtung in den Wald zu lenken, und in einem Dickicht niederzu⸗ ſtechen. Bei aller Wahrſcheinlichkeit, daß die Nacht ſelbſt der größte Theil des folgenden Tages hinge⸗ gangen ſein dürfte, bis der Weinhändler durch Köhler oder Harzſammler gefunden worden wäre, urden zu ſein, durch gewonnenen Vorſprun ent⸗ würde er der Gefahr, als Raubmörder entdeckt. 89 Durch den Schuß war der Weinhändler ret⸗ tungslos verloren, da er zugleich auch die Binde vom Munde gebracht hatte und nun aus Leibes⸗ kräften um Hülfe ſchrie. Dieſe Landſtraße wurde immer ſtark begangen und befahren; Eckold war keinen Augenblick vor Ueberraſchung ſicher. Nur ein raſcher Mord konnte ihn jeder Gefahr entreißen. Schnell und mit aller Kraft ſtieß er ſein ſcharfes Meſſer dem Weinhändler in die Kehle, in die Bruſt, warf die geraubten Sachen wieder in die Kutſche, und trieb das Pferd gerade in den Wald hinein, wo er, vom Mondlichte begünſtigt, eine weite Strecke zwiſchen den Bäumen dahin fuhr und an einem dichten Gebüſche ſtill hielt. Jetzt erſt dachte er an die Leiche, die, im Straßengraben liegend, leicht geſehen werden konnte. Er ſchlich ſich zurück, hatte aber nicht die Kraft, den ſchweren Körper fortzubringen. Zu ſeiner Huͤlfe eilte Wilhelmine herbei, die im nächſten Gebüſche alles mit angeſehen hatte. Nur mit aller Anſtreng⸗ aus dem Graben zu bringen und in die Geſträuche zu ſchleppen. Eine volle Börſe, Uhr und Kette von großem Werthe, ein koſtbarer Brillantenning und ein reiches Taſchenbuch war die Beut ung vereinter Kräfte gelang es ihnen, die Leiche 90 und Laub bedeckte und dann, von Wilhelminen ge⸗ folgt, der Chaiſe zueilte. Von beiden wurde nun Rath gehalten, deſſen Reſultat war, das Pferd ein Paar Stunden ruhen zu laſſen, dann einen fahrbaren, nach entgegenge⸗ ſetzter Richtung führenden Waldweg zu ſuchen und darauf fortzueilen, bis ein Ort erreicht werde, wo man Pferd und Chaiſe unter einem ſchicklichen Vor⸗ wande verkaufen, und von da mit Extrapoſt nach Baiern, vor der Hand dem erſten Reiſeziele, ſo ſchnell als möglich ſich begeben könne. In den Taſchen der Chaiſe fanden ſich einige Flaſchen Wein, auch Schinken und Brod. Eckold, mehr auf Labung des Pferdes denkend, um es wie⸗ der zur Eile antreiben zu können, als auf ſich ſelbſt, ließ von Wilhelminen ein großes Brod in kleine Stücke ſchneiden, und ſelbe dem hungrigen Pferde reichen, worauf er ihm eine ganze Flaſche Wein eingoß; dann tränkte er es aus einer tiefen Pfütze, die in der Nahe war, und ließ ſich nicht die Mühe gereuen, einen grasreichen Platz aufzuſuchen, wohin das Pferd führte, und es mit kurzgebundenen inen weiden ließ. Als er aus dieſer Pfütze ſich ſchwarze Farbe vom Geſichte und das Blut von 91 Wilhelminen ſo fröhlich, als laſte nicht das geringſte Vergehen auf ſeiner Seele. Die Uhr des ermordeten Weinhändlers zeigte die zweite Morgenſtunde an, und die Reiſe wurde angetreten. Nach vielen Schwierigkeiten, oft in Gefahr zwiſchen enge ſtehenden Bäumen, oder in aufſtoßen⸗ den Dickichten nicht mehr fortzukommen, wurde mit anbrechendem Tage ein breiter, viel befahrner Wald⸗ weg gefunden und nach einigen Stunden ein einſam ſtehendes Gebäude erreicht, welches gegen Süden von prachtvollen Gärten umſchloſſen, gegen Norden von den Rieſenbäumen eines weit auslaufenden Parks geſchützt, das ſtattliche Ausſehen eines ſehr reichen Edelſitzes hatte. Es war das Jagdſchloß des Herrn von Brand, der gerade am Schloßthore ſtand, als Eckold heranfuhr. Gleich hatte dieſer die Frechheit, dem Edelmann Pferd und Wagen zum Kaufe an⸗ zubieten, wobei er die Nothwendigkeit, ſehr eilig zu reiſen, durch ein recht wohl erſonnenes Mähr⸗ chen darthat. Mit wenigen Worten ſchloß Herr von Brand den Kauf und erfüllte auch die Beding⸗ ung, die Reiſenden in ſeiner Kutſche und mit ſein Pferden auf die naͤchſte Poſtſtation zu ſchaffen.— 9²2 Glucklich hatte Eckold Regensburg erreicht, wo er in der Rolle eines reichen Edelmannes aus Sachſen erſchien, eine prachtvolle Wohnung miethete, einen Jäger und Koch, und Wilhelmine eine Kam⸗ merjungfer und zwei Stubenmädchen in Dienſte nahm.— — Die Chatulle des ermordeten Weinhändlers enthielt in Gold die Summe von 11,000 fl., und noch eine größere die Brieft ſche in Wechſeln au porteur. Aber dieſe bedeutende Summe war ſchon in ſinnigen Aufwand bis auf einige hundert Gulden durchgebracht. Spurlos verſchwand der ſächſiſche Pfeudo⸗Edelmann nächtlicher Weiſe aus Regensburg, aber noch fortlebend im ſüßen Andenken geprellter Gläubiger und ſeiner Dienerſchaft, die den Lohn eines Jahres bei der reichen Herrſchaft ſtehen hatte. . Von nun an, wie die Unterſuchungsacten an⸗ geben, wurden Eckold und Wilhelmine zu den ver⸗ woorfenſten Böſewichten. Sie betrogen und ſtahlen, wo ſich Gelegenheit fand, einige Zeit ohne Gehil⸗ dem kurzen Zeitraume von drei Jahren durch un- Es wurde im Jahre 1708 zu Leipzig in der grünen Planke auf der Petersſtraße ein gewaltſamer Einbruch und ſehr bedeutender Raub begangen. Die Polizei durchſuchte alle Gaſthöfe, und alle ver⸗ dächtige Häuſer. In einem derſelben fand man Eckold mit Wilhelminen. Sie hatten keinen Paß, konnten ſich über einen ſtabilen Aufenthalt, über den Beſitz rechtlicher Erwerbsmittel nicht im Geringſten ausweiſen, wurden als verdächtig arretirt und in ſehr ſtrenge, abgeſonderte Haft gebracht, da man bei Beiden Dietriche und Feilen fand. Durch einen Mitgefangenen wurde Eckold als Theilnehmer an dieſem und andern Diebſtählen angezeigt. Eckold läugnete mit unerſchütterlicher Feſtigkeit und gab nie die 3 öße. Der Schöppen⸗ ſtuhl zu Leipzig erkannte über ihn die Folter. Ohne die geringſten Merkmale eines Schmerzes erduldete er die härteſten Qualen. Er wurde für ein Jahr in das Zuchthaus vexurtheilt und dort zu leichten Arbeiten verwendet. Schon nach einigen Tagen entſprang er beim Straßenkehren den Wächtern, fand in der Nähe von Eilenburg Wilhelminen, die bei ſeiner Ablieferung in das Zuchthaus auf freien. Fuß geſtellt worden, als Zuhälterin des Wa che Peters, eines höchſt berüchtigten Räuber dieſen aus Eiferſucht und mißhandelte 8 3 1 94 ſo unmenſchlich, daß ſie einige Tage darauf an den Folgen der Mißhandlung ſtarb. An der böhmiſchen Grenze wurde Eckold ein Mitglied der Bande des Lips Tullian und zeichnete ſich durch alle jene furchtbaren Eigenſchaften, mit weelchen ein vollkommener Gauner, Räuber und Mörder ausgeſtattet ſein ſoll, bald ſo ſehr aus, daß ihn Tullian ſeiner innigſten Cameradſchaft würdigte. 5 X. p Hans Wolf Heinrich Schöneck. Der moraliſche Gang des Menſchen gleicht ſeinem pyhyſiſchen, der nichts iſt als ein fortgeſetzter Fall. Jean Paul. 8 4 Es war im Winter de ga ahre 1675, als mit einbrechender Nacht ein junges, kräftiges Weibsbild ninn die Zechſtube des Gaſthofes eines nahe bei Eis. leben gelegenen Dorfes trat, eine große, wohlver⸗ ſiegelte Schachtel der Wirthin übergab und ſie recht dringend bat, ſelbe gleich dem Dorfrichter zuſtellen 8 zu laſſen.—„Dieſe Schachtel,“— ſagte Wirthin—„ e zter a eu ber geboten. Ich felbſt wuͤrd ihm recht gern übergeben und durße gewiß eine aten Trinkgeldes ſicher un. 16 dee T 96 ſchreiber verſicherte, in dieſer Schachtel ein gar an⸗ genehmes Geſchenk ſich befinde; aber ſoeben fährt ein Fuhrmann hier durch, der mich nach meinem Orte mitnimmt, und dieſe gute Gelegenheit darf ich nicht verſäumen!“— Kaum hatte die Wirthin die Schachtel übernommen, als das Weibsbild auch ſchon aus der Stube verſchwunden war. Mit freudiger Neugierde einem unerwarteten Geſchenke entgegenſehend, öffnete der Dorfrichter die Schachtel. Ein allem Anſcheine nach erſt vor einigen Tagen geborenes Kind, in elende Lumpen gehüllt, vor Kälte faſt erſtarrt, war des Ueber⸗ raſchten angenehmes Geſchenk. Die Frau des Dorf⸗ richters, bei vielen ſchlimmen Eigenſchaften auch von einer wüthenden Eiferſucht beherrſcht, argwöhnte eine höchſt frevelhafte Verletzung der ehelichen Treue, gab dem bis zur Knechtſchaft an Unterwür⸗ figkeit gewöhnten Ehemann eine tüchtige Ohrfeige und zugleich mit einem furchtbaren Blicke die ſtrenge Weiſung, den Bankert auf der Stelle aus dem Hauſe zu ſchaffen, außerdem das ſtrengſte Straf⸗ gericht erfolge. Schweigend und Scachtel, nahu ſie unter den Lem, warf den Mantel um und eilte aus dem Hauſe. g worauf mit großen, ſchlecht geſchriebenen Buchſtaben Lips Tullian. 4. Lieferung. 97 „Wohin mit dem Kind?“— fragte ſich ſelbſt der Richter vor der Thüre. Dem kinderloſen Wa⸗ ſenmeiſter es zu übergeben und heimlich alle halbe Jahre einige Thaler zur Beköſtigung beizutragen, war der ſchnelle und glückliche Einfall, worüber er ſich um ſo mehr freute, da dieſes Kind gewiß uneheliches, mithin, nach den Begriffen und Ge⸗ bräuchen jener finſtern Zeiten, der Aufnahme in irgend eine Innung nicht fähig, wohl aber zum künftigen Lehrling und Knecht eines Waſenmeiſters ganz geeignet ſei, da Leute dieſes Standes, im Geiſte der dort vorherrſchenden Intoleranz und Befangenheit, auch als unehrlich angeſehen und bei keinem Handwerke zugelaſſen wurden. Willig nahm der gutherzige Waſenmeiſter den 4 huͤlfloſen Wurm auf, und ſein nicht ſo gutherziges Weib glättete ſchnell die gefurchte Stirne, als die Geldſüchtige von dem Dorfrichter einige Thaler und die feierliche Verſicherung eines gleichen halb⸗ jährigen Zuſchuſſes, wenigſtens für die erſten Jahre, erhielt. Als die Waſenmeiſterin das Knäblein aus den zerlumpten Windeln nahm, fand ſie einen am Halſe des Kindes mit einem Bindfaden befeſtigten Zettel ſtand:„Dieſes Büblein iſt getauft und heißt H 98 Wolf Heinrich Schöneck.“— Der Dorfrichter war außer ſich vor Freude, als er dieſe Worte las. Nun hatte er einen gültigen Beweis ſeiner Unſchuld an dem Daſein dieſes Kindes. Ueber Hals und Kopf rannte er nach Hauſe, hörte, vielleicht zum erſten Male ſeit ſeiner Verheirathung, den Befehl zur ſchnellen Anzeige, wohin der Bankert gebracht ſei, nicht mit gebührender Aufmerkſamkeit an, und las die inhaltreichen Worte mit ſeinem kräftigen Baſſe ſo laut und ſo oft vor, daß er die gellende Stimme ſeiner zürnenden Ehehälfte überſchrie und endlich den Sieg errang. Außer ihm, ſeiner Ehefrau und den Waſen⸗ meiſterleuten wußte im Dorfe Niemand etwas von dieſer erfreulichen Beſcheerung. Die Dorfrichterin, bis zur Aufgeblaſenheit ſtolz auf den guten Ruf und die Würde ihres Mannes, ging noch in dieſer Nacht zu Waſenmeiſters, trug ihnen das ſorgſamſte Stillſchweigen, zugleich die Erſinnung einer glaub⸗ haften Angabe über die Erſcheinung des Kindes auf, und unterſtützte ihr Anliegen mit einem großmü⸗ thigen Geſchenke. Die Waſenmeiſterin erklärte auf der Stelle, das Kind mit dem früheſten Morgen zu ihrer, vier Meilen von da verheiratheten Schwe⸗ ſter tragen und es einige Monate dort laſſen zu wollen, worauf dann die Schweſter bei bellem Tage und mi 99 großer Oeffentlichkeit das Kind hierherbringen ſollte, als wäre es eines der ihrigen, um hier an Kindes Statt aufgenommen zu werden. Schöneck wuchs auf, wie er aufwachſen konnte in jenen Zeiten, wo das Kind eines Waſenmeiſters von dem Beſuche der Schule, von der Erlernung einer Profeſſion ausgeſchloſſen und von den meiſten Menſchen nicht des Umganges gewürdigt wurde. Was der alte Waſenmeiſter noch vom Leſen und Schreiben wußte, lernte Schöneck von ihm, u erhielt von der Pflegemutter einen höchſt nochd tigen, oberflächlicheu Unterricht in der Religio Zur Arbeit herangewachſen, hatte er den Waſenknecht zum Lehrer, und von dieſem wilden, liederlichen Burſchen in den Anfangsgrunden der Unſittlichkeit und vieler verderblichen Laſter eingeweihet, bildete er ſich ſchon in früheſter Jugend zu dem vor, was er in der Folge ward. Wie in andern Ländern, ſo herrſchte auch in dieſem ein alter, ſelbſt jetzt noch auf vielen landes⸗ herrlichen und edelmänniſchen Beſitzungen herrſchen⸗ der Gebrauch, daß der Waſenmeiſter die Jagdhunde der Herrſchaft füttern und bei ue enden mußte. Bei ſolchen Jagden wurde Schönect mi einem der Jäger des Gutsherrn bekannt d 100 dieſem nicht, wie es ſonſt Sitte war, verächtlich, ſondern vielmehr recht freundlich behandelt. Der im Bewußtſein der Niedrigkeit und Ehr⸗ loſigkeit ſeines Gewerbes faſt menſchenſcheue Schöneck fühlte ſich durch des Jägers freundliches Benehmen geehrt und ermuthigt; er wußte ſich kaum vor Freude zu faſſen, als der Jäger Franz ihn eines Tages mit Flinte, Waidtaſche, Pulver und Blei ausrüſtete, in den Forſt und auf die Felder mitnahm d dort in der Behandlung des Gewehres, im und Schießen unterrichtete. Schöneck, ein ker Burſche, war bald der beſte Schütze in der ganzen Umgegend. Der Jäger Franz machte Schöneck zum ſichern Schützen und immer mehr zum kundigen Waid⸗ mann, um aus deſſen Kunſtfertigkeit für ſich ſo manchen Vortheil zu ziehen. Ein Heuchler, ein frömmelnder, dienſteifriger Menſch vor ſeiner Herr⸗ ſchaft war Franz da, wo es ſo ziemlich unentdeckt ſein konnte, ein Spieler, Trunkenbold und Wol⸗ lüſtling. Deerr knappe Sold, das geringe Schußgeld reichten nicht hin für ſein liederliches Leben; die Wilddieberei ſollte ihm die Mittel zur Befriedigung ſeiner Lüſte reichen. Darum bildete er Schoͤneck zum ſichern Schützen, zum gewandten Waidmann, 161 um an ihm einen tüchtigen Gehülfen bei der Wild⸗ dieberei und einen vertrauten Verkäufer des erleg⸗ ten Wildes zu haben. Drei Jahre hatte dieſe verbrecheriſche Freund⸗ ſchaft gewährt, und Schöneck von ſeinem Antheile aan dem verkauften Wilde ein hübſches Sümmchen erübrigt, als er eines Tages, da er auf einem Weiler eine gefallene Kuh abholte, den eben vom herſchaftlichen Schloſſe zurückgekehrten Bauer ſei⸗ nem Weibe erzählen hörte, daß an dieſem Morgen der Jäger Franz auf einem Wilddiebſtahle ſei er⸗ tappt und gleich in Ketten gelegt worden; auch kenne man ſchon den ſaubern Patron, der Franzen Mithelfer bei ſeinen Wilddiebereien geweſen ſei. Hier warf der Bauer einen durchbohrenden Blick auf Schöneck, der dieſem zur Genüge ſagte, wie es um ihn ſtehe. So ſchnell als möglich lud er die Kuh auf den Karren, und fuhr im ſcharfen Trabe der Meierei zu. Die Pflegeeltern waren bei ſeiner Rückkunft gerade in der Kirche. Daß er fort, auf der fort müſſe, darüber war er ſchon bei d Nachrichten von Peunzes Arretirung 102 den Einfall, die gutherzigen Leute für die ihm ſo reichlich geſpendeten Wohlthaten noch zu berauben. Unbemerkt von der Magd ſchlich er in die obere Stube, wo Geld und die beſte Habe verwahrt war, erbrach den Schrank, nahm alles vorräthige Geld und was ſich Werthvolles vorfand, zog ſein beſtes Kleid an und ſattelte das Pferd. Gegen die Magd, die ihn neugierig um die Veranlaſſung ſeines heu⸗ tigen Aufputzes und Rittes befragte, gab er vor, eilig auf das herrſchaftliche Schloß zu müſſen, um nach einem plötzlich erkrankten Pferde zu ſehen, ſchwang ſich auf und trabte auf dem Wege fort, der nach dem Schloſſe führte. Im nächſten Walde ſchlug er den entgegengeſetzten ein, verkaufte im Wirthshauſe, wo er übernachtete, ſein Pferd, ſtahl einem neben ihm ſchlafenden Handwerksburſchen die Brieftaſche mit der Kundſchaft, und eilte gleich nach Mitternacht nach Dresden zu, wo er bei einem Trödler ſeinen ländlichen Anzug gegen einen ſtädti⸗ ſchen mit einer Geldaufgabe vertauſchte, und die Frechheit hatte, auf die Hauptwache zu gehen, ſich, wie die Kundſchaft lautete, als einen e.enb nir 103 von Röbel eingereihet, wo er drei Jahre ſtand, dann auf ſeine Bitte zur Artillerie kam. War ſeine Aufführung auch nicht ganz unbe⸗ ſcholten, ſo hatte er ſich doch in den fünf Jahren ſeines Militärlebens keines ſchlechten Streiches ſchuldig gemacht. Er würde vielleicht ein recht wackerer Menſch geworden ſein und Beförderung erhalten haben, hätte er nicht das Unglück gehabt, mit Suſanna Strobel, der jungen Wittwe eines Grenadiers, bekannt zu werden, die eine Erzgau⸗ neri nund um ſo gefährlicher war, da ſie ihre ver⸗ brecheriſchen Handlungen mit der größten Schlau⸗ heit ausübte und ſich mit dem Heiligenſcheine der Sittſamkeit und Rechtſchaffenheit ſo zu umgeben wußte, daß ſie allgemein als eine höchſt achtbare Perſon galt und ſelbſt bei ſonſt ſehr mißtrauiſchen Menſchen das groͤßte Vertrauen genoß. Sie war in allen ihren Handlungen ſo klug und vorſichtig, daß Schöneck viele Monate mit ihr im allerver⸗ trauteſten Umgange verlebte, ohne nur einen ihrer geheimen Umtriebe zu bemerken, bis ſie ſelbſt, mit Leidenſchaft an iih hangend, im Rauſche der Sinn⸗ ic hhrer Geſtalt zu zeigen anfing. Männer und Weiber, Burſchen und Mädchen, die er oft bei ſeiner Geliebten antraf, fand er immer i Handel über ſeidene Tücher, Sil rze 1 5 — 104 andere Sachen, und hielt dieſe Leute für Geſchäfts⸗ verwandte, da die Wittwe eine Trödelbude hatte. Jetzt erſt, als ſie ſelbſt ihn ganz zum Vertrauten ihrer Geheimniſſe machte, erfuhr er, daß dieſe Tugendheldin eine Diebshehlerin, ſelbſt das Mitglied einer anſehnlichen, ausgebreiteten Diebesbande ſei, der ſie das Geraubte verwahre, oft ganze Ladungen davon im Auslande verkaufe, während des Umher⸗ ziehens auf Knauf und Tarſch die beſten Gelegen⸗ heiten zum Raub, zu Einbrüchen ausforſche und aus den Chochemer⸗Pennen*) die Nachrichten an die Bande ergehen laſſe.— Es koſtete dieſer Suſanna Strobel nicht viele Mühe, Schöneck zur Theilnahme an ihrem heilloſen Gewerbe zu bereden, da er, durch ſeines Zeitalters Geiſtesſinſterniß und Duldungsloſigkeit von den Miitteln zur Veredlung des Herzens, zur Erweckung deines wahren Sinnes d Wangmn Arbeitsliebe 1 und Pflichterfüllung ausgeſchloſſen, durch die Schwäche und Nachgiebigkeit ſeiner Pflegeeltern, durch den verführeriſchen Unterricht ſeines erſten Lehrmeiſters, des grundverdorbenen Waſenknechts, und durch den verderblichen Umgang mit d m Jäger Franz ſchon Wilddieb, zum künf. 105 tigen Auswurf der Menſchheit auferzogen, und, ſo viel als möglich, in früͤher Jugend dazu ausge⸗ bildet worden. Schon mehrere kleine Diebſtähle und Einbrüche hatte Schöneck mit Gewandtheit ausgeführt, als Suſanne den Vorſchlag zum Einbruche bei einem reichen Krämer im Hauſe des Oberhüttenverwalters Heig machte. An der Wachſamkeit des Krämers ſcheiterte die glückliche Ausführung des Einbruches. Die Rotte wurde verſprengt. Schöneck, von zwei Schaarwächtern verfolgt, konnte nicht mehr das hintere Pförtchen der Kaſerne erreichen, zu welchem er ſich ſchon ſeit langer Zeit einen Nachſchlüſſel verſchafft und ſo einen geheimen Weg zu nächtli⸗ chen verbrecheriſchen Ausgängen ſich gebahnt hatte. Es gelang ihm, aus der Stadt zu entfliehen, er wurde aber ſchon am andern Tage, wegen Mangel an gehöriger Ausweiſung und der Deſertion verdächtig, von den Bauern aufgegriffen und in das Stockhaus zu Dresden abgeliefert. * Von der Theilnahme an dem verſuchten Ein⸗ bruche in den Krämerladen wußte ſich Schöneck, ungeachtet er auf die Folter gebracht und mit den Daumenſtöͤcken gefoltert wurde, durch das bebarr⸗ 106 kommen zu reinigen. Doch, der Deſertion über⸗ wieſen, mußte er Spießruthen laufen und die Un⸗ koſten ſeiner Unterſuchung durch Arbeit im Waiſen⸗ hauſe, wohin er aus dem Stockhauſe in Ketten unter Aufſicht eines Soldaten dtäglich geführt wurde, wieder erſtatten. Die tägliche, ſchwere Arbeit, mit ſchlechter Koſt verbunden, war dem an Nichtsthun und Wohl⸗ leben gewöhnten Schöneck viel zu läſtig. Ueberzeugt, nicht durch Gewalt, ſondern nur durch Liſt ſich frei machen zu können, bewies er ſolch einen raſtloſen Arbeitseifer und ſolch einen gehorſamen, demüthigen, reuevollen Sinn, daß ihm auf Befehl des Ober⸗ commiſſärs die Ketten abgenommen, beſſere Lebens⸗ mittel gereicht und manche Erleichterungen gewährt wurden.— Alles dieſes half ihm noch nicht zur Freiheit; fur dieſe mußte etwas Großes gethan werden. Er legte in der vollen Scheune des Waiſenhauſes Feuer an, war unter den mit der Löſchung Beſchäf⸗ tigten der Allerthätigſte, verſchwand im Gewühl der berbeigeſtrömten Menge, und erreichte ungeſehen und unverfolgt die Wohnung ſeiner Suſanna. Schnell war der Züchtlingskittel gegen eine recht ſtattliche Bürgerkleidung vertauſcht, von einem bei der Po⸗ lizei Angeſtellten, dem vertrauten Freunde — inen gar wackern Mann galt. 107 Beſchützer der ſchönen Wittwe Strobel, ſchon nach wenigen Stunden für Schöneck ein Paß mit dem Namen Gottlieb Kraus ausgefertigt, mit Suſanna genaue Abrede genommen, und als der Tag ange⸗ brochen und die Stadtthore geöffnet waren, ging Schöneck, durch ſeine ſtattliche Kleidung und ein großes, ſchwarzes Pflaſter auf dem einen Auge unkenntlich gemacht, wie ein luſtwandelnder Bürger, langſam und unbefangen an der Wache vorhber zur Stadt hinaus. Durch ſeinen Paß beglaubigt, und von Su⸗ ſanna mit 300 Thalern in Gold verſehen, ließ ſich Schöneck zu Mainsdorf im Brandenburgiſchen nieder, trieb einen Handel mit gewirkten Strümpfen, mit Hauben, Bändern und Tabak, ließ Suſanna, die aus leidenſchaftlicher Neigung zu ihm ihr gutes Diebsgewerbe in Dresden verlaſſen und eine nicht unbedeutende Summe ihm zugebracht hatte, mit ſeinen Waaren auf den Dörfern Handel treiben, vereinigte ſich mit liederlichem Geſindel und ſtahl und raubte, aber mit ſolcher Klugheit und Vorſicht, daß der Strumpfhändler Gottlieb Kraus ſowohl in Mainsdorf als auch in ferner lumgebun für uUnter Schönecks vertrauteſte Raubgenoſſe — 108 Lande umherzog und einer der ſchlaueſten und ver⸗ wegenſten Gauner war. Beide, ſehr reizbar und jähzornig, geriethen ſehr oft in Streit, der meiſten⸗ theils ſehr blutige Folgen hatte. So traf es ſich, daß ſie auf der Straße bei Hoyerswerda über eine Kleinigkeit in Wortwechſel kamen, ſich ſchlugen und Schöneck, dem Blinder an Kräften weit überlegen, auf das Grauſamſte mißhandelte. Die Leute liefen von den Feldern herbei, von Blindern zur Hülfe angerufen, dem ein Auge eingeſchlagen und der Kopf voll Löcher war. Vor Wuth gegen ſeinen barbariſchen Peiniger außer ſich, bat Blinder die herbeigeeilten Landleute, dieſen Menſchen, der als der Strumpfhändler Gottlieb Kraus umherziehe, aber jener, aus dem Stockhauſe zu Dresden entſprungene, durch Steck⸗ briefe verfolgte Schöneck ſei, gleich in Verhaft zu nehmen, und wohl zu verwahren. Blinder würde gewiß auch noch genauer über ſeines Kammeraden verübte Thaten geſprochen haben, wäre er nicht aus Schwäche wegen des bedeutenden Blutverluſtes ohnmächtig geworden. Schöneck und Blinder wur⸗ den von den Landleuten in das nächſte Dorf ge⸗ bracht, wo Blinder noch in der Nacht an den Folgen der erlittenen Mißhandlung ſtarb, und Schöͤneck am andern Morgen, auf einen Wagen gebunden 109 und von bewaffneten Bauern umgeben, in das Stockhaus zu Dresden abgeführt wurde. Weder ſeine Flucht aus Dresden während des Brandes im Waiſenhauſe, noch die Betreibung eines Strumpfhandels in Mainsdorf und ſein Hauſiren auf dem Lande läugnend, dabei aber im unerſchütterlichen Stillſchweigen über den Ausſteller des falſchen Paſſes und über ſeine vertrauten Ver⸗ hältniſſe zu Suſanna Strobel auf das Hartnickigſte verharrend, hatte Schöneck allen ihm gefährlichen Verdacht früherer ſchwerer Verbrechen nach und nach beſeitigt. „Weil aber der Verdacht noch nicht zulänglich geweſen, daß die Herren Schöppen zu einer Pein⸗ lichkeit wider ihn gelangen können: ſo haben dieſel⸗ ben in den eingeholten Urthel, gar vorſichtig von ihm zugleich mit angemerket: Daß Schöneck, der allem Anſehen nach, viel Böſes geſtiftet, und annoch anzurichten geſchickt iſt, in ſicherer Verwahrung eine Zeitlang, bis zu ſeiner Beſſerung enthal⸗ ten, und dahin, woraus er eigenen Anziehen, fol. II. nach entkommen, wieder gebracht, auch zur Abarbeitung derer daſelſt annoch Auckſtaͤndigen Unkoſten angeſtrenget wer⸗ den ſolle.“. —ͤſͤnn 110 Auf beſondern Befehl der Landesregierung wurde Schöneck nicht im Stockshauſe gelaſſen, ſondern auf den Feſtungsbau gebracht. Unter den Baugefangenen wurde bald darauf bekannt, daß der Räuber und Mörder Peter Pfützner in einigen Tagen auf dem Sande vor Alt⸗Dresden durch den Strang hingsrichtet werde. „Gott Lob, ſie hängen meinen Hauptfeind auf!“— ſagte Schöneck halblaut in der Gauner⸗ ſprache vor ſich hin. Ein Frohnknecht, der Gau⸗ nerſprache kundig, hatte kaum dieſe Worte gehört, als er dem Ober⸗Profoſen davon Anzeige machte. Dieſer berichtete Schönecks Aeßerung dem Crimi⸗ nalgerichte. Auf der Stelle wurde Pfützner zum Verhöre vorgeführt, und zur aufrichtigen, ausführ⸗ lichen Angabe alles deſſen, was er von dem Leben dun Ueaelthaten des Baugefangenen Schöneck wiſſe, auf das Dringendſte ermahnt. Pfützner erklärte, er habe mit Schöneck, als dieſer unter den Namen Gottlieb Kraus ſich herumgetrieben habe, in tödt⸗ licher Feindſchaft geſtanden, hätte ſich aber wohl gehütet, gegen ihn auszuſagen, um nicht für einen rachſüchtigen Menſchen zu gelten. Da er aber von einem hochpreißlichen Criminalgerichte zur Angabe der Wahrheit aufgefordert werde, und ſein Gewiſſen ihm ohnehin dieſes Stillſchweigens über Schöneck 111 wegen die heftigſten Vorwürfe ſchon ſeit längerer Zeit mache, ſo wollte er nun mit der ſtrengſten Wahrheitstreue und genaueſter Ausführlichkeit alles angeben, was er über Schönecks Thaten während der Dauer ihrer Kameradſchaft auszuſagen wiſſe. Und nun gab Pfützner ſeine ſehr inhaltreiche Ausſage gegen Schöneck zu Protokoll. Nach dem Verhöre wurde Schöneck zu neuen Unterſuchungen in das Stockhaus abgeliefert. Wie es ihm möglich geworden, ſich von ſeinen ſchweren Ketten loszumachen und aus einem der tiefſten und feſteſten Kerker des Tag und Nacht wohl verſchloſ⸗ ſenen, von zahlreichen Wächtern und Hunden gegen Ein⸗ und Ausbrüche ſehr geſchützten Stockhauſes zu entrinnen, konnte nicht ergründet werden, da er nicht nur gegen ſeine Kameraden, ſondern auch in der Folge bis an ſein Ende gegen die Unterſuchungs⸗ richter ein Stillſchweigen beobachtete, welches kein freundliches Zureden, kein Ernſt, ſelbſt nicht die grauſamſte Folter zu brechen vermochte. Aus dem Stockhauſe hinweg wurde er mit Sarberg und Schickel bekannt, von Tullian zu ſeinem Raubgenoſſen gemacht und allmälig von ihm zur höchſten Höhe der Gewiſſeenloſigkeit, der Raub. 8 gierde und der Geauſannkeſt geführi In einemn. 112 Soldaten, Jägern und Landleuten, gerade als Lips Tullian, nur noch mit Wenigen auf dem Platze, von zwei Grenadieren entwaffnet und fortgeführt wurde, ſchlug ſich Schöneck mit Löwenmuth und Löwenſtärke durch die dichte Reihe der Soldaten und Jäger, entriß Tullian den Grenadieren, und hielt den Haufen der Angreifer ſo lange zurück, bis Tullian einem Jäger den Hirſchfänger entriſſen und den das Kommando befehligenden Offizier nieder⸗ geſtochen hatte. Der Tod des Anführers machte den blutigen Kampf ſtocken. Dieſen Augenblick der Ruhe benutzend, gewannen Beide die nahen Ge⸗ büſche, und waren gerettet. Dieſe muthige That, im Augenblick der hochſten Gefahr ausgeführt, machte Tullian zu Schöntds treueſtem Freunde. kI. Daniel Lehmann. Noch immer iſt mir's unbegreiflich! Rudolph Wagt's, an der Grenze frei herum zu wandeln; Tauſend Zechinen ſteh'n auf ſeinen Koppf In Fiume hängt ſein Bildniß an dem Galgen, Und er lebt hier, als wäre nie ſein Dolch In einem Menſchenherzen warm geworden. 2h. Kärner. Unter allen Einovhnert des Dorfes Schönfeld 5 galt der Häusler Lehmann für den frömmſten und thätigſten. Er war einſt vor einigen Jahren, nachdem er, ein geborner Tyroler, den größten Theil ſeines Lebens mit Teppichhandel auf faſt immerwäh⸗ reender Reiſe zugebracht hatte, in Schöͤnfeld durch! den Ankauf einer Häuslerwohnung nſäſſi⸗ u h Flleiß, Friedfertigkeit und Gottesfurcht Lips Tullian. 4. Lieferuug. 114 geworden, daß die reichſten Bauern des Ortes und der Umgegend ihn recht gern zum Schwiegerſohne gehabt hätten. Aber Lehmann war ſchon verheirathet und Vater eines zehnjährigen Knaben, der mit ſeiner Mutter einige Zeit nach des Vaters Anſäſſigmachung in Schönfeld aus dem fernen Tyrol anlangte. Daß dieſe Tyrolerfamilie in mancher Woche mehrere Tage nicht arbeitete, ſiel der Gemeinde an⸗ fangs auf, wurde aber bald nicht mehr beachtet, als es allgemein bekannt wurde, daß Lehmann durch die Nachwehen ſeiner als Soldat erhaltenen Wunden oft längere Zeit an das Krankenlager gefeſſelt und dann immer der ſorglichen Pflege ſeines Weibes und Sohnes höchſt bedürftig werde. Auch erregte es im Dorfe anfangs Aufſehen, daß von Zeit zu Zeit mei⸗ ſtens nächtlicher Weile, fremde Leute, Männer, Wei⸗ ber, junge Burſchen und Dirnen in Lehmanns Be⸗ hauſung kamen, ſich im Dorfe nicht ſehen ließen. und bald wieder verſchwanden. Lehmann, der darüber manches ihm nachtheilige Gerede hörte, vertraute einem Nachbar, wie viele Kenntniſſe er im Pflanzenreiche habe, wie er die Heilkräfte der Kräuter und Wurzeln zu benutzen wiſſe, ſchon unzähligen Todtkranken zum Lebensretter geworden, weit und breit als ein gar geſchickter Arzt bekannt ſei, und nun von Alt und Jung aus den 115 fernſten Gegenden um Hilfe angeſprochen werde, aber ſtets im Geheimen, damit die Aufmerkſamkeit der Aerzte und Bader nicht erregt, und durch Brot⸗ neid ihm kein Hinderniß gemacht werde, den leiden⸗ den Menſchen zu dienen. Der Nachbar gelobte mit Wort und Hand, Lehmanns vertraute Mittheilung als ein Geheimniß zu bewahren, aber ſchon in einer Stunde wußten alle Schönfelder, welch ein Wunder⸗ doktor in ihrer Mitte hauſe. Man wünſchte ſich Glück zu dieſem Mitbewohner, und Lehmanns Wiſ⸗ ſen und Thätigkeit wurden für Menſchen und Thiere in Anſpruch genommen. Hätten die guten Einwohner von Schönfeld nur eine Ahnung gehabt, welch ein liederliches, verderb⸗ tes Geſindel die Familie Lehmann ſei, ſo würden 3 ſie gewiß deren Anſäſſigmachung unter ſich nicht ge⸗— duldet haben. Lehmann, in der Nähe von Insbruck auf einem Weiler von liederlichen Eltern erzeugt und zur Gaunerei erzogen, wanderte ſchon als zwöͤlfjäh⸗ riger Knabe im Auslande umher, wo er Teppiche verkaufte, durch ſein fertiges Zitterſpiel und ſeine Nationalgeſänge auf den Schloͤſſern der Edelleute, in Gaſthöfen, und beſonders unter dem Landvolke ſich bis zu ſeinem achtzeynten Jahre ein mäßiges Kapital erklimpert und erſungen attt, be 7 116 rüſtigen Geſtalt, gerade in der herlichſten Blüthe des Lebens, von lüſternen Weibern an ſinnliche Genüſſe gewöhnt, bei ſeinem arbeitsloſen Umherſchlen⸗ dern mit allen, dem Müßiggange folgenden Laſtern vertraut und, beſonders aus innerer Hinneigung zum Böſen, ſo nach und nach zum vollkommenen Gau⸗ ner, Dieb und Räuber ſich aufſchwang. Eines Mordes wegen, den er in der Gegend von München begangen hatte, verfolgt und in Baiern nicht mehr ſicher, floh er nach Oeſterreich, ließ ſich bei einem ungariſchen Infanteriere gimente anwerben und machte einen Feldzug mit, worin er verwundet und in der Folge wegen wirklich guter Aufführung und bewieſener Tapferkeit zum Unteroſſtzier beför⸗ dert wurde. Lehmann war einer der ſchönſten Männer im Regimente, dabei ausgezeichnet reinlich, ſehr gewandt, ſchlau, und ein vorzüglicher Redner. Dieſe Eigen⸗ ſchaften veranlaßten den Regiments⸗ Commandanten, ihn dem Offizier, der auf Werbung nach Nürnberg beordert wurde, beizugeben. Lehmann war gegen⸗ wärtig, wie der Bediente des Werbelieutenants den Koffer packte; er ſah die vielen Goldrollen und Tha⸗ lerſäcke; er wurde von ſolch einer Begierde nach dieſem vielen Gelde hingeriſſen, daß ſeine, beim Regi⸗ mente Jbeihatigie aber nur auf Sand gebaute Mo⸗ 117 ralität durch den Windſtoß der Habſucht plötzlich eingeſtürzt und auf ihren Trümmern der Plan eines ſchweren Verbrechens gebildet wurde. Lehmann jauchzte im Stillen, als er hörte, daß der Offizier ohne Bedienten reiſe.— Im nächſten Städtchen, wo ſie Nachtquartier hielten, verſah ſich Lehmann mit Opium. Einige Tagereiſen von Nürnberg ſtellte er ſich ſo krank, als wäre er nicht im Stande nur noch einige Stunden zu fahren. Der Offizier, um ſeinen ſchönen, klugen, wohlberedten Werbege⸗ hülfen höchſt beſorgt, ließ im nächſten Wirthshauſe an der Landſtraße anhalten und ſich ein Zimmer mit zwei Betten geben, wohin Lehmann, die äußerſte Schwäche erkünſtelnd, getragen werden mußte. Das Wirthshaus lag ganz einſam, und der Offtzier fand keine Unterhaltung, als die ihm die Flaſche, ſeine liebſte Freundin, gewährte, mit der er ſich auch ſo innig befreundete, daß zer ſchon bei Einbruch des Abends, ſeiner Sinne kaum mehr mächtig, das letzte Glas, in welches Lehmann unbemerkt eine tüchtige Doſis Opium gethan hatte, langſam leerte, und gleich darauf in todtähnlichem Zuſtande auf ſein Lager gebracht werden mußte.“ Einige Stunden nach der Ankunft 5 hauſe hatte Lehmann verſichert, ſich wi 118 fühlen und ſchlich im Hauſe umher, gute Gelegen⸗ heit zur Ausführung ſeines Unternehmens zu er⸗ ſpähen.* Kaum war der bewußtloſe Offizier zu Beite gebracht, als Lehmann in die Zechſtube hinabſtieg, ſich ein reichliches Nachteſſen auftiſchen ließ, ein Paar Flaſchen Wein ausſtach und vor der Rückkehr in das Schlafzimmer dem Fuhrmann gebot, nicht eher ſich zur Abreiſe anzuſchicken, als bis der Of⸗ fizier ſelbſt Befehl dazu gebe, der, nach ſeiner Aeu⸗ ßerung, hier gehörig ſchlafen wolle. Als Lehmann nach leiſem Umherſchleichen im Hauſe ſich ganz überzeugt hielt, nun ſeien alle Be⸗ woohner dieſes Gaſthofes im tiefen Schlafe begraben, öffnete er den Koffer des Lieutenants, bekleidete ſich mit deſſen beſtem Civilanzuge, packte in ſeine geräumige Geldgurte alles, was er an Gold⸗ und Silbergeld, an Uhren, Ringen und ſonſtigen Koſt⸗ barkeiten bergen konnte, füllte ſeine Taſchen mit der feinſten Wäſche, ſteckte die Reiſepiſtolen des Offiziers zu ſich, und hing deſſen Säbel um. Mit dem Raube beladen, ſchlich er aus dem Zimmer, verſchloß es leiſe und ſorgfältig, kroch unter den Fenſtern von zwei bewohnten Gemächern dem Bret⸗ tergange zur Hintertreppe zu und dieſe hinab, er⸗ f einen Balken, den er auf ſeiner ausſpä⸗ 119 henden Wanderung zu dieſem Behufe unbemerkt dahin gebracht hatte, die hohe Hofmauer, ſchwang ſich in die Aeſte eines Apfelbaumes, glitt an deſſen Stamme zur Erde nieder und eilte ſo ſchnell als möglich nun gerade auf der Straße nach Nürn⸗ berg fort. 1 Auch die Zukunft mit klugem Sinne beachtend, und ſich auf unerwartete Ereigniſſe vorſebend, hatte er die wichtigſten Papiere über die Werbeangelegen⸗ heit des Offiziers zu ſich geſteckt. Er war ſo frech, auf der nächſten Station, die er im eilenden Gange bald erreicht hatte, den Poſthalter wecken zu laſſen, dieſem, unter Vorlegung ſeiner Papiere, das Ge⸗ heimniß zu vertrauen, daß er auf der Verfolgung eines mit kaiſerlichen Geldern entwichenen Kriegs⸗ commiſſärs begriffen, ſein Reitpferd aber eine Meile von da aus Ermattung niedergeſtürzt, und er da⸗ durch gezwungen worden ſei, den Weg hierher in größter Eile zu Fuße zu machen, um mit Extrapoſt Nürnberg ſchleunigſt erreichen und dort die wirk⸗ ſamſten Anſtalten zur Arretirung des Kriegscom⸗ miſſars treffen zu können. Der Poſthalter konnte in ſeinem Dienſteifer nicht eilig genug ſein, die wichtige. Reiſe durch ſein flüchtiges Geſpann zu be⸗ 8 fördern 4 Im Fluge ging es von Station zu 8 120 Sachſenlande zu. Als der Poſtillon der letzten Station an der ſächſiſchen Grenze durch das Schmet⸗ tern ſeines Hornes den Beamten und die Diener der Grenzmauth an den Schlagbaum gerufen hatte, ſah man ſich vergebens nach dem Reiſenden um. Lehmann war im letzten Hölzchen leiſe aus der Poſtchaiſe geſtiegen und durch Gebuſche, über Felder und Wieſen hin, ſchon lange auf ſächſiſchem Grunde, als noch immer der Poſtillon und das Mauthper⸗ ſonal über dieſes ſonderbare Verſchwinden des Reiſenden ſich die Köpfe zerbrachen. Bald trat Lehmann in ſeiner Nationaltracht als Teppichhändler, als Gauner und Dieb auf, heirathete in Schwaben eine ſchoͤne Dirne aus einer Gaunerfamllie, lebte zehn Jahre theils von dem ſeinem Offiziere geraubten Gelde, theils von den Erträgniſſen verbrecheriſcher Thaten, und kaufte ſich dann in Schönfeld an, da ihm viele Gauner dieſen Ort als vorzüglich geeignet zur Diebshehlerei und zur geheimen Verbindung mit den zahlreichen, größtentheils in jener Gegend umherziehenden Räu⸗ berbanden auf das beſte empfohlen hatten. Daß Lehmann ſchon in ſeiner Jugend oft viele Monate mit reiſenden Zabnärzten und Marktſchreiern, die nebſt ihren Quacſſalbereien das Diebeshandwerk ohne nur einigen Aufenthalt in Nürnberg, dem **☛ 1* verſchwenderiſchen Leuten Kuͤche und 121 trieben, herumgezogen war, beſonders, daß er mit dem Erzgauner Samuel Fritſch, vulgo dem alten Zahnarzt, einem geſchickten, aber wegen Liederlich⸗ keit und Veruntreuung aus öſterreichiſchen Dienſten entlaſſenen Spitalarzte länger als ein Jahr in ver⸗ trauteſter Gemeinſchaft gelebt und von deſſen arzt⸗ lichem Wiſſen ſich vieles angeeignet hatte, leiſtete ihm jetzt weſentliche Dienſte. Bald hatte er als Arzt das Vertrauen der Schönfelder und der Land⸗ leute in weiter Umgebung im höchſten Grade er⸗ worben, und es möchte demjenigen recht übel be⸗ kommen ſein, der ihrem Wunderdocter nur durch das leiſeſte Mißtrauen gegen ſeine gar hoch geruͤhmte Rechtlichkeit verletzt hätte. Treuherzig glaubten die Schönfelder, der gute Nachbar Lehmann liege, ſo oft ſie ihn bei der Ar⸗ beit vermißten, an den Nachwehen ſeiner Wunden ſchmerzlich leidend darnieder. ieſe vermeintlichen Leidenstage waren für Lehmann und ſein eben ſo arbeitsſcheues Weib die Tage der Erholung von den ungewohnten Anſtrengungen, denen ſie b ternheit gewöhnten Schönfeldern nicht allerle wohn zu erregen. Es mochten wohl bei ſehr 122 waren. Die befreundeten Gauner brachten immer nächtlicher Weile einen Vorrath der beſten Eßwaaren und der beſten Getränke mit. Wollte dann die Lehmanniſche Familie gute Tage haben, oder ein eingekehrtes Geſindel feſtlich bewirthen, ſo ſchloß man Fenſterladen und Thüren, gleichſam um die — möglichſte Ruhe dem kranken Hausvater zu ver⸗ ſchaffen, und dieſer war Spitzbube genug, von Zeit zu Zeit ſo laut, ſo jämmerlich zu ſchreien, daß alle Dorfbewohner den Gequälten auf das 3amruuliuſt bedauerten. Es liegt in der Natur der Sache, daß Daniel, Lehmanns einziges Kind, aber auch der einzige Erbe aller Laſter ſeines Vaters und ſeiner Mutter, ſchon früh zum Böſewichte reifte. Von ſeinen El⸗ tern durch Elementarunterricht in der Gaunerei, durch Theorie und beiſpielvolle Ausübung zum ausgezeichnetſten Verbrecher aufgezogen, begann Da⸗ niel ſeine verbrecheriſche Laufbahn mit einer That, womit mancher ergrauete Räuber den Ciclus ſeiner Verbrechen geſchloſſen hätte. Daniel war noch nicht volle ſechzehn Jahre alt, als er drei preußiſche Deſerteurs verleitete, mit ihm eine abgelegene Mühle auszurauben. An der Spitze ſeiner Gehülfen erkletterte er auf einer ſchwankenden Stange ein offnes Fenſter des obern Geſchoſſes, überſiel den 123 Müller und ſein Weib, und erbrach, während ſeine Genoſſen die Müllersleute mit Stricken banden, Truhen und Schränke. Da ſtürzten die zwei Mühl⸗ burſchen, mit Beilen bewaffnet, in die Stube. Es begann ein wüthender Kampf, der für Daniel um ſo gefährlicher wurde, da zwei ſeiner Raubgeſellen aus Feigheit entſprangen. Mit überraſchender Schnelle unterlief Daniel einen der Mühlburſchen, ſtieß ihm das Meſſer in die Eingeweide, und riß den andern bei den Haaren zurück. Schnell war der Unglückliche von Daniels Gefährten getödtet. Mit hochgeſchwungenem Beile trat Daniel vor den gebundenen Müller, und drohete, ihm den Kopf zu ſpalten, wenn er nicht gleich geſtehe, ob ſonſt noch Jemand im Hauſe ſei, und wo er die 500 Thaler verborgen habe, die ihm, den zuverläſſigſten Nach⸗ richten gemäß, erſt vor einigen Tagen ſeien aus⸗ bezahlt worden. Der Müller verſicherte aufs Feier⸗ lichſte, außer ſeiner kranken Mutter niemand im Hauſe zu haben, erklärte auch die Sage von dem ihm bezahlten Gelde für eine boshafte, von feind⸗ lich geſinnten Menſchen zu ſeinem Verderben ausge⸗ ſprengte Lüge. Daniel, der ſechzehnjährige Burſche, marterte nun den Müller ſo unmenſchlich und mit ſolch beſonnener Grauſamkeit, daß dieſer, der ärgſte Geizhals, und für die Erhaltung ſeines A* — 124 den gräßlichſten Mißhandlungen trotzend, doch end⸗ lich, faſt mit dem Tode ringend, den Ort angab, wo er das Geld verborgen hatte. Schnell war es hervor gerollt, und im Angeſichte des verzweifelnden Müllers von den beiden Raubgenoſſen getheilt, die nun das ganze Haus durchſuchten, alles, was des Raubes werth war, in Säcke packten, dieſe auf einen Karren warfen, zwei ſtattliche Pferde des Müllers anſpannten, und laut jubelnd vom Hofe fuhren. Auf die unbemerkteſte Weiſe wurde der Raub, den der Müller bei Gericht auf 1200 Thaler eidlich angab, in Lehmanns Haus geſchafft, der Karren im Walde verbrannt und der Erlös aus den Pfer⸗ den dem Preußen überlaſſen, der ſie jenſeits der Grenze verkaufte, und ſich bald wieder mit den Andern vereinigte. 4 Daniels Leben war nun eine ununterbrochene Reite der ſcheußlichſten Laſter und Verbrechen, wo⸗ durch er ſi ch ſolch einen verruchten Ruhm erwarb, daß Lips Tullian den Eintritt des Daniel Lehmann in ſeine Bande mit einer Reiye ſchwelgeriſcher Feſte feierte, und den würdigen Freund„Pleich zu ſemem Bartrauten erhob. 8 II. Michael Heutzſchel. Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt, Mir kommt's auf einen kleinen Mord nicht an. Th. Körner. Michael Hentzſchel war der Sohn eines Schnei⸗ ders, und wurde von ſeinem Vater dieſer Profeſſion einverleibt. Aber wer allenfalls glauben möchte, Hentzſchel, aus einer Schneiderfamilie abſtammend, ſei als Knabe ein furchtſamer, demüthiger, ſich ſchmie⸗ gender Böhnhaſe, als Mitglied einer Räuberbande höchſtens ein Patron und nur als feiger Kundſchafter zu gebrauchen geweſen, der möchte wohl etwas Bange haben, wenn dieſer Hentzſchel noch ſein Weſen triebe, und ihm zu ungewohnter Zeit die Ehre eines Beſuches erweiſen würde. Schon im Kinderröckchen war Hentſchel zu Steina, ſeinem Geburtsorte, der Popanz, den alle —— 126 Kinder nicht nur ſeines Alters, ſondern ſelbſt er⸗ wachſenere, fürchteten und flohen, und zwar wegen ſeines Raufſinnes und der Verwegenheit, womit er, der Einzelne, eine zahlreiche Schaar angriff und um ſich ſchlug. Als Hentzſchel von ſeinem Vater zu einem Anverwandten nach Gubitz, einem Dorfe bei Döbeln, in die Lehre gethan wurde, mußte ihn ſein Lehr⸗ meiſter ſchon nach einigen Wochen wieder in das väterliche Haus zurückſchicken, da in ganz Gubitz kein Knabe war, den er nicht, ohne alle Veran⸗ laſſung, angefallen und abgeprügelt hätte, wobei immer ſeine muthigſten Gegner am ſchlimmſten wegkamen, wähend er den Feigen ſein Uebergewicht nur mäßig zu fühlen gab. Kaum war ſein Vater geſtorben und Hentzſchel im Beſitze des kleinen Grundſtücks, als die Begierde nach einem viel und luſtig und frei ſich bewegenden Leben ihn aus ſeinem beſchränkten, mechaniſchen Sein in die Welt hinaus trieb. Schnell war das Grundſtück verkauft und Hentzſchel wanderte fort, feſt entſchloſſen, ein ziemlich großes Stück dieſer Erde zu beſehen. So lange der geringe Erlös aus dem kleinen Grundſtück ſeinen Hang zum Wohl⸗ leben und zum Genuſſe ſinnlicher Freuden befrie⸗ digen konnte, trieb er ſich müßig umher; ſobald 127 aber Geldmangel und Noth, die beten und arbeiten lehren, ſeinem Müßiggange entgegentraten, be⸗ quemte er ſich zu einem Gewerbe, das darin beſtand, daß er bald als Schneidergeſelle arbeitete, bald als Hausknecht, als Laſtträger, als Markthelfer! ſich gebrauchen ließ, aber nur immer ſo lange in Thä⸗ tigkeit ſich ſetzte, bis er ſo viel erworben hatte, um einige Zeit wieder müßig umyer wandern zu können. Auf einer ſolchen Wanderung, bei welcher Hentzſchel mit loſem Geſindel immer vertrauter und zum Gauner immer reifer wurde, machte er die Bekanntſchaft eines Invaliden, genannt der Hu⸗ ſaren⸗Bernhard, der mit ſeiner Tochter Johanna den größten Theil des Jahres umherzog, zum Scheine einen kleinen Handel mit Bildern und Spielzeug trieb, doch einen viel größern Erwerb aus ſeiner Gewandheit im Stehlen und aus den Bühlerkünſten ſeiner Tochter, ihrem Gehange und Zitterſpiele ſich verſchafte. Johanna, erſt ſiebzehn Jahre alt, und eine jener Geſtalten, die durch das Feuer des Auges, durch hohen, ſchlanken, üppig geformten Bau und leichte, raſche Bewegungen des leicht und verräthe⸗ riſch bekleideten Körpers ſo ſehr die Sinne aufregen, war eine ſo feine Buhlerin, als hätte ſie die Schule der erfahrenſten und geiſtreichſten Hetären durch⸗ 128 gemacht. Damit vereinigte ſie alle jene verderb⸗ lichen Eigenſchaften, die im Bereiche der Gaunerei ſich glänzend und früchtevoll hervortbun. Hentzſchel, eingeweiht in die Kunſt, Karten und Würfel zu ſeinem Vortheile zu benutzen, hatte einige Tage vor ſeiner Bekanntſchaft mit dem Hu⸗ ſaren⸗Bernhard in einer Waldſchenke, mit deren Beſitzer er höchſt vertraut war, einen Pächter, einen Müller und drei Bauern, reiche Kumpane, betrunken gemacht, zum Würfelſpiele verleitet, und ihnen eine baare Summe von 375 Thalern abgewonnen. Kaum hatte er Johanna geſehen und geſprochen, als er von dem heftigſten Verlangen nach dem Beſitze die⸗ ſes ſo lockenden Mädchens hingeriſſen wurde. Auf der Stelle bewirthete er Vater und Tochter mit Braten und Wein, machte ohne alle Einleitung dem Gegenſtande ſeiner entzügelten Begierde einen Hei⸗ rathsantrag, beurkundete die vollkommene Fähig⸗ keit der anſtändigen Ernährung einer Frau durch ſeine gerühmte Geſchicklichkeit in der Schneider⸗ arbeit, ſprach ohne Scheu von ſeiner Fertigkeit in betrügeriſchem, vortheilhaftem Gebrauche der Karten und Würfel, und ſchüttete, zur kräftigen Un⸗ terſtützung ſeines Antrages, die reichlich gefüllte Geldgurte in Johannas Schoos aus. Noch am imüichen Abend wurde Verlobung und Hochzeit 8 129 gehalten, der aber die prieſterliche Einſegnung erſt nach einigen Monaten folgte. So lange Hentzſchels Thaler vorhanden waren, lebte die wackere Familie in Saus und Braus, ohne an einen Erwerb zu denken. Es herrſchte unter ihnen kein Geheimniß mehr, und ſo war Hentzſchel über die moraliſche Verdorbenheit ſeiner Angehörigen, die anfangs recht tugendhaft thaten, bald im Klaren; doch hütete ſich Johanna, ihm zu vertrauen, daß ſie ſeit ihrem vierzehnten Jahre das Gewerbe einer Buhldirne im Geheimen treibe. Hentzſchel, mit vorherrſchender Neigung zu einem muͤſſigen, ſchwelgeriſchen Leben, und mit allen An⸗ lagen, für die bürgerliche Geſellſchaft ein höchſt ge⸗ fährlicher Menſch zu werden, reichlich ausgeſtattet, freute ſi ſich um ſo mehr über ſeine Verbindung mit ſo routinirten Leuten, als ihm dadurch Hoffnung wiard, bei leichtem und beträchtlichem Erwerbe ſich ſeinen Neigungen ganz hingeben zu können. Huſaren⸗Bernhard machte den Vorſchlag, ir⸗ gendwo ein Häuschen zu kaufen, dort im Winter das Schneidergewerbe zum Schein zu treiben, in 3 den günſtigen Jahreszeiten aber mit einem Krame 122 von Kinderſpielzeug, Bändern, wohlriechender S 4 rtikeln weit und breit umherzuziehen, dabe ips. Tullian. 5. Lieferung —— 130 vorzüglich durch Freiſchupperei und Maſſematten*) für ein herrliches Winterquartier recht thätig vor⸗ zuarbeiten. Solch ein Häuschen zu finden, wäre eben nicht ſchwierig geweſen, aber die Flittertage dieſer Titu⸗ larehe hatten Hentzſchels blanke Thaler bis auf wenige verſchlungen. Doch dieſe Leute waren viel zu erleuchtet und ideenreich, um wegen Mangels an Baarſchaft einem gefaßten Entſchluſſe zu entſa⸗ gen. Nach kurzer Berathung trennte ſich das tu⸗ gendhafte Kleeblatt, um mit gefülltem Säckel ſich wieder zu vereinen. Hentzſchel zog mit dem Reſte ſeines Geldes von einem Wirthshaus zum andern und trieb Karten⸗ und Würfelſpiel. Huſaren⸗Bern⸗ hard und Johanna wanderten mit ihren Waaren im Lande umher, ſtahlen und betrogen auf die feinſte Weiſe, und Johanna's Geſang und Zitterſpiel lockten ſo manchen Lüſtling in die gefährliche Nähe dieſer Sirene, die aber nicht den Tod der Bezau⸗ berten, ſondern nur ihre blanken Thaler wollte. Nach viermonatlicher Trennung vereinigten ſich unſere Wanderer wieder und hatten durch ihre 3 laſterhaften und verbrecheriſchen Handlungen ſo viel Geld an ſich gebracht, daß Hentzſchel zu Ealmis 5 Denug und Diebſtahl. 131 ein recht geräumiges, gut gebautes Haus, dazu das Recht zur Ausübung ſeiner Profeſſion erkaufen konnte und noch ein hübſches Sümmchen zur be⸗ quemen Einrichtung übrig hatte. Nun wurde er auch mit Johanna copulirt. Fünf Jahre hatte Hentzſchel die Winter hin⸗ durch zum Scheine geſchneidert, die übrige Zeit als wandernder Handelsmann mit betrügeriſchen Spiele, Schottenfellen*), auch manchmal als Theilnehmer 8 bei leichten Einbrüchen hingebracht, dabei aber in 1 Colmnitz, wie auch in deſſen weiter Umgebung für 8 einen recht wackern Mann gegolten. Die Wieder⸗ kehr der Lerche war immer für Hentzſchel der Aufe ruf, mit Schwiegervater und Weib zum verbre⸗ cheriſchen Erwerb aus dem ſcheinheiligen Stillleben hinzuziehen in das vete neſ eden der Laſter und der Verbrechen. Das Lied der Lerche ertönte in milder Früh⸗ lingsluft und Hentzſchel hatte ſich zum Auszuge mit Weib und Schwiegervater bereitet, als am Morgen. der Fortwanderung, da es noch faſt dunkel und das Hentzſchel'ſche Kleeblatt ſchon zum Abzuge gerüſtet war, zwei gut bewaffnete Gerichtsdiener raſch iln Penbſche Wohuſtuze eintraten, ihn n 5 8 hausie und auf gahrmärkien ſte * 9* 13²2 Huſaren⸗Bernhard Ergebung geboten, Stricke her⸗ vorgezogen und Beide zu binden ſich anſchickten. Hentzſchel und ſein Schwiegervater, beim raſchen Eintritte der Häſcher ſich gleich eines im verfloſſenen Herbſte begangenen Raubmordes erinnernd, ſahen gleich ein, daß die Gefahr für ſie groß ſei und raſch und kräftig abgewendet werden müſſe. Nur ein— Blick, der leiſeſte Augenwink und ſie verſtanden ſich. In unglaublicher Schnelle, mit Rieſenſtärke hatte*) Hentzſchel die beiden Gerichtsdiener bei der Kehle gepackt und gewaltig an die Wand gedrückt, daß. ſie nicht zu ſchreien, auch keine Gegenwehr ver⸗— mochten, ſondern nur röchelten unter ſeiner wür⸗ genden Fauſt. Mit einem Sprunge war der Fang⸗ hund an Hentzſchels Genicke, aber ein raſcher Hieb mit der ſchweren, ſcharf geſchliffenen Axrt, von des Invaliden noch immer kräftiger Fauſt geführet, ſpaltete den Kopf des furchtbaren Hundes. „Kaporet die Tſchuckeln!“**) rief Hentzſchel, ermattet von der Anſtrengung, womit er die Ge⸗ richtsdiener faſt bis zum Erdroſſeln an die Wand drückte. Im Augenblicke ſank einer unter dem tödtenden Streiche des Huſaren⸗Bernhards, und Hierzu die Abbildung in dieſem Heftt. **)„Bringt die Hunde um!“ — So waren zwei Tage hingegangen, ohne daß in Hentzſchels Hauſe das Mindeſte vorfiel. Man erzählte ſich im Dorfe, daß die zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich von Hartitzſchen Amtes, worunter Colmnitz gehörte, vermißt werden. Hentzſchel beſuchte das Wirthshaus, welches er nicht nur aus Scheinheiligkeit, ſondern ſelbſt immer mit einem Vorrathe des beſten Getränkes verſehen, ſelten that, und lauerte vorzüglich darauf, ob Nie⸗ mand ſich äußere, die beiden Gerichtsdiener an jenem Morgen in Colmnitz geſehen zu haben. Niemand hatte die Gerichtsdiener bemerkt, und unter den Leuten, die im Wirthshauſe zechten, ſprach ſich die allgemeine Vermuthung aus, ſie ſeien in die Hände der Bande des rothen Peters gefallen, der gegenwärtig in der Nähe hauſe und, wie all⸗ gemein bekannt, den Gerichtsbeamten und Gerichts⸗ dienern des Freiherrn von Hartitzſch den Untergang geſchworen h be. Solch ein Wahn war für Hentz⸗ ſchel ſehr angenehm. Mit ganz beruhi müthe wollte er ſoeben das Wi als die Thüre der Ze und er ſich 136 wurden die Hände ſo ſchnell und ſo feſt auf den Rücken gebunden, daß er nicht im Stande war, den geringſten Verſuch zur Gegenwehr, zur An⸗ wendung ſeiner Rieſenkraft zu machen. In der Mitte der zahlreichen Wache mußte er dem Ge⸗ richtsſchreiber nach Hauſe folgen, wo er mit Ent⸗ ſetzen ſeinen Schwiegervater und ſein Weib in Ketten, und das ganze Haus von Soldaten und Jägern beſetzt ſah. Als Hentzſchel die Frage des Gerichtsſchreibers, ob nicht vor zwei Tagen, noch in dunkler Morgendämmerung, zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich Hartitzſchen Juſtizamtes in dieſem Hauſe geweſen ſeien, ohne die geringſte Veränderung ſeiner Miene und in aller Unbefangenheit mit einem feſten Nein beantwortet hatte, wurden Lichter an⸗ gezündet, und nun ließ der Gerichtsſchreiber das ganze Haus vom Giebel bis zum Keller in Hentz⸗ ſchels Beiſein auf das Sorgfältigſte unterſuchen. Es wurde auch nicht das Geringſte gefunden, wo⸗ anzend ein Argwohn hätte geſchöpft werden aen vorgefahren, worauf zacht werden 137 pfiff; der Hund kam nicht. Einer der Jäger glaubte aus dem Keller herauf ein dumpfes Bellen zu hören. Der Amtsfrohn, in der Meinung, ſeinen Hund dort vergeſſen und eingeſperrt zu haben, eilte in den Keller, kam aber erſt nach einer Weile im raſchen Gange herauf, nahm ein Licht, winkte dem Gerichtsſchreiber, und eilte mit ihm die Treppe hinab. Erſtaunt, aber gleich eine wichtige Ent⸗ deckung ahnend, ſah der Gerichtsſchreiber, wie der Hund in einer Ecke mit aller Heftigkeit ſcharrte, dann auf dem Boden umhexſchnoberte, knurrte, und wieder mit aller Mühe ſtrebte, das Pflaſter mit ſeinen Klauen aufzureißen. Unverzüglich mußte der Amtsfrohn aus den nächſten Häuſern einige Leute mit Pickeln und Schaufeln herbetholen. Als einige Steine losgemacht waren, bemerkte man ſchon, daß hier vor Kurzem jemand begraben worden ſei. Die Neugierde ſpornte die Arbeiter zu ſolcher Thä⸗ tigkeit an, daß ſie vor Ablauf einer Viertelſtunde die tief verſcharrten Leichen ausgegraben Im tiefſten und feſteſten 138 es auf und fand eine kleine, ſehr ſcharfe Feile, um welche ein Papier gewunden war, worauf kaum leſerlich geſchrieben ſtand:„Sobald Du Deine Ketten durchgefeilt haſt, ſo bete das Vaterunter mit lauter Stimme. Doch darf dieſes nicht eher geſchehen, als eine Stunde nach der letzten nächtlichen Viſita⸗ tion.“— Da es gerade um die Zeit war, wo täglich die Mittagskoſt gebracht und viſitirt wurde, ſo verſchluckte Hentzſchel den Zettel, und verbarg die Feile in einer Ritze des Fußbodens. „Woher kommt dieſe Feile?— wer will mich befreien?“— Mit der Löſung dieſer höchſt ſchwie⸗ rigen Frage quälte ſich Hentzſchel gar ſehr abz als aber die bezeichnete Stunde ſchlug, dachte er nur an die Erfüllung des ertheilten Auftrags, und, der gegebenen Anweiſung gemäß, ſcholl ſein lautes Gebet in die tiefe, ſtille Nacht hinein. Leiſe klirrten jetzt Riegel und Schloß der Kerkerthüre, ein Pſt rufte den Kettenbefreiten an den Eingang, eine weiche riff die ſeine, an welcher er im leiſeſten die Dunkelheit des langen, ge⸗ an Dir ein Liebeswerk auszuühen 139 keine Zeit zur genauen Beſchauung, denn die Ge⸗ ſtalt drückte ihm haſtig einen ſchweren Bündel unter den Arm, eine Piſtole, einen Säbel in die Hand, und ſchritt nun ſo eilig voran, daß Hentzſchel, hier des Weges unkundig und bald durch einen Baum, bald durch ein Geländer in ſeiner eiligen Folge gehemmt, alles aufbieten mußte, in ihrer Nähe zu bleiben.. Die Bäume und die Geländer hörten auf, Sterne ſchimmerten durch die zerriſſenen Wolken, bei deren ſanftem Lichte Hentzſchel die leitende Ge⸗ ſtalt einem Walde zueilen ſah, an deſſen Saume 85 noch eine gute Strecke fortging. Aus der Weichheit der Hand, die die feinige gefaßt hatte, und aus Gang und Haltung, welche er heim Sternenlichte zu beobachten vermochte, ſchloß er, daß dieſe Geſtalt, trotz ihrer männlichen Klii⸗ dung, einem weiblichen Weſen angehöre. Von der Richtigkeit ſeines Schluſſes überzeugte er ſich, als die Geſtalt ſich jetzt unter einer Eiche niederließ, ihn an ihre Seite zog, und mit halblauter Stimme ſprach: 3 „Hentzſchel, t habe Dich Dei nem Kerker und Deinem Tode auf de entriſſen, aber, recht aufrichtig geſta 140 meine Rachſucht zu befriedigen. Unſer Amtsfrohn, der Nachfolger meines im vorigen Jahre verſtor⸗ benen Vaters, hat vier Jahre mit mir in vertrauter Bekanntſchaft gelebt und mich zu ehelichen ver⸗ ſprochen, wenn er, ſollte mein Vater zum Dienſte unfähig werden oder ſterben, an deſſen Stelle komme. Der Vater ſtarb, mein Geliebter erhielt die Stelle und— heirathete meine Stiefmutter, weil ſie, einige Wochen vor dem Tode meines Vaters, 600 Thaler geerbt hatte. Zur Beiſchläferin wäre ich gut genug, da ich aber ſeine wilden Begierden nicht ſtille, auch bei jeder Gelegenheit ihn meine tiefſte Verachtung fühlen laſſe, ſo mißhandelt er mich täglich unter den Augen meiner mich haſſenden Stiefmutter auf das Grauſamſte, hat auch in der ganzen Umgegend mich als ſo ein arbeitsſcheues, liederliches Mädchen ausgeſchrieen, daß mir ſelbſt der armſeligſte Dienſt verſchloſſen iſt. Vor einigen Tagen hörte ich von unſerm Juſtizamtmann zu meinem Stiefvater ſagen: „Rollinger, wenn Hentzſchel, oder ſein Weib, oder Huſaren⸗Bernhard ſich losmachen, ſo biſt Du Deiner Stelle für immer ledig und kommſt auch zwei Jahre ins Zuchthaus!“— Von dieſem Augenblicke an war Deine oder der Andern Befreiung von mir beſchloſſen, 3 da ich aus vielen Fällen weiß, wie ſtreng unſer Juſtizamtmann ein gegebenes Wort erfüllt. Mein 141 Unternehmen iſt mir geglückt. Daß ich Deine Be⸗ freierin war, wird Niemand ahnen. Alle Schuld fällt auf meinen Stieſvater. Er hat ſich erſt vor 3 Kurzem einer ſchweren Nachläſſigkeit in Verwahrung von Gefangenen ſchuldig gemacht, iſt nun durch meine ſchlaue, muthige That rettungslos verloren, und meine heiße Rache befriedigt ſein Untergang.“ „Nun ſorge für Dich!“ Ich habe Dir die Frei⸗ 4 heit, Waffen, und in dieſem Bündel einen vollſtän⸗ digen Anzug gegeben. Was nun für Dich geſchehen 4 muß, überlaſſe ich Deinem Mutbe und Deinem 8 Kopfe. Lebe wohl!“— Verſchwunden war das Mädchen, ehe Hentz⸗ ſchel i im Stande war, ſeiner Retterin nur Ein Wort des Dankes zu ſagen. Eilig öffnete er den Bündel und fand darin einen vollſtändigen Anzug, eine Mitze und etwas Wäſche; ſchnell war ſein Kerker⸗ küttel abgeworfen und gegen die neue Kleidung vertauſcht. Den Säbel unter dem Oberrocke ver⸗ bergend, die Sackpiſtole in der Bruſttaſche, eilte Hentzſchel fort, feſt entſchloſſen, dem Wanderer, den er zuerſt treffe, das Geld abzunehmen. Als der Tag zu grauen anfing, erkannte Hentzſchel di gend und ſchlug gleich den Weg nach jener tung ein, die ibn an ein vertrautes Haus — 142 Ein Bauer, der eine Kuh zum Verkauf trieb, mußie ſeine geringe Baarſchaft an Hentzſchel abgeben. Nach drei nächtlichen Wanderungen— den Tag hindurch weilte er wohlverborgen in den Woh⸗ nungen gleichgeſinnter Freunde— erreichte er die Gegend, wo, ſicheren Nachrichten zufolge, Lips Tullian ſich gerade jetzt umhertrieb. Willig nahm das gefürchtete Räuberhaupt den kräftigen, durch Worte und Ausſehen ſein Gewerbe ankündigenden Hentzſchel auf, deſſen Schlauheit und Muth ihm bald das Vertrauen ſeines Meiſters und ſeiner Gefährten erwarb. Nach einigen Monaten brachte ein Kundſchafter die Nachricht, daß der Huſaren Bernhard durch das Rad hingerichtet, Johanna zum lebenslänglichen Zuchthauſe verurtheilt und Hentzſchels Haus bis auf den Grund zerſtört worden ſei.— Von dieſem Augenblicke an ward Hentzſchel ver grauſamſte Wutherich. Juſtizbeamte, Gerichtsdiener und Frohnknechte waren die Gegenſtände ſeines entmenſchten Strebens. Mit einer Tollkühnheit, die nur die Geburt der Raſerei, der hoͤchſten Ver⸗ zweiflung ſein konnte, drang er in Amtsgebäude, in Frohnfeſten und übte die ſchauderhafteſten Grauſam⸗ keiten aus. 143 Hentzſchel war unter der ſchwarzen Garde der Verwegenſte, der Unbezähmbarſte, der Einzige, den ſelbſt der ſchreckliche Lips Tullian in manchem Mo⸗ 2 mente leidenſchaftlicher Aufwallung fürchtete und der den Aufbrauſenden nur mit Worten der Freundlich⸗ keit und Sanftmuth zu beſchwichtigen ſuchte, nie aber durch Strenge und Gewalt in die Schranken 3 der Ruhe und Unterwürfigkeit zurück zu führen wagte XIII. die Schenke an der böhmiſchen Grenze. 4₰ Iſt es möglich? Was— der wagt' es, Sich tollkühn in der Welt herum zu treiben, Der ausgelernte Mörder?— Th. Körner. In der einſam gelegenen Schenke am Sand, nicht ferne von der ſächſiſch⸗bömiſchen Grenze, zech⸗ ten drei Männer, aber nicht unter traulichem Ge⸗ plauder, ſondern bei lärmendem Gezänke. Der Wirth ſchaute aus dem niedrigen Fenſter nach allen Rich⸗ tungen, als wolle er neue Gäſte erſpähen, oder dieſe da gegen neugieriges Gehorche ſchützen. „Heim Dich,“— rief der Wirth dem lauteſten Schreier zu und ſchloß das Fenſter—„ein Aurech reibt anl“*)— „.— *) Shweiges Ein Fremder tomunt!(Dieſes und das folgende us der rothwälſchen, auch Gauner⸗, vulgo fe⸗ niſchen 85 che. 145 Ein hochgewachſener, ſchöner Mann, den weiten 8 Mantel um ſich geſchlagen und die Mütze tief in die Stirne gedrückt, trat ein, maß Wirth und Gäſte mit einem langen, ſcharfen Blicke, ſetzte ſich an einen Nebentiſch und forderte ein Glas Branntwein. Von der Seite ſchielten die drei Gäſte auf den Fremden hin, und der abgehende Wirth gab ihnen einen be⸗ deutenden Wink. „Nun, Kameruſchen, warum plötzlich ſo be⸗ ducht?“*)— redete ſie der Fremde, gleichſam höh⸗ niſch lächelnd, an.„Schon von weitem logte ich n' Hamoren, als ſcheſte's Uſchbescheder voll Krächlings⸗ fehlinger, und jetzt ſcheft euch's Merkelſpiel ver⸗ ſtiſtelt. Charpenet ihr euch vor meinem Bekan ſein?“ Die Maänner ſahen ſich an und ſchwiegen. „Nun, beſtieb' ich Tſchuve oder lau?“*) nn. 3 nerte ihnen der Fremde zu. „Meint der Herr uns?“ fragte der eine, ihn flüchtig und unfreundlich anſchauend. „Könnt ihr noch fragen? Gegen Leute anderer Art würde ich wohl nicht's kochemer boſhamen 4 *) Nun, Kameraden, warum lztig von weitem hörte ich einen Lärm, als wär Zahnbrecher, und jetzt iſt euch der M. nd ver ihr euch vor meiner Gegenwart? 1 ) Nun, bekomme ich Antwort ,det i n.) Die Gaunerſprache. Lips Tullian. 5. Lieferung. 146 gebrauchen,“— erwiederte der Fremde in recht verächtlichem Tone. „Was ihr da geſprochen habt,“— fuhr ein Anderer auf und maß ihn mit drohenden Blicken— 4 „verſtehen wir nicht. Es mag wohl eine recht ſaubere Sprache ſein; wir aber ſind ehrliche Leute, die ſich damit nicht befaſſen, und jetzt Euch zur Erklärung Eurer zweideutigen Rede auffordern.“— Armſelige Wichte, ihr wollt mir eine Erklärung abfordern?“ ſprach der Fremde mit höhniſchem Ge⸗ lächter.—„Leute eueres Gelichters müſſen ſich ge⸗ ehrt fühlen, wenn ich ſie meiner Anſprache würdige.“ . Raſch ſprangen die Männer auf, und die fun⸗ kelnden Augen, die wild verzerrten Geſichter und die geballten Fäuſte verkündigten den nahen Ausbruch von Thätlichkeiten. Ruhig und feſt blickte der Fremde den Ergrimmten entgegen, die der Wirth durch einige, ihnen zugeflüſterte Worte ſchnell beſchwichtigt hatte. „irklich, für Gauner und Buſchklepper ſeht ihr, dem Anzuge nach, zu reputirlich aus,“— fuhr der Fremde mit kalter Ruhe fort;„aber ihr ſollt zur Ueberzeugung kommen, daß ich euch und euer Treiben und Walten beſſer kenne, als ihr glaubt. Ein epeloſen Handwerksburſchen niederzuſchlagen und ihm d das Felleiſen zu rauben; ein Paar Schaafe zu hlen in die Fenſter eines d'etebenen Hauſes 147 zu ſteigen, worin Niemand als ein krankes Weib und ein Paar Kinder wohnen; im recht dichten Volks⸗ gedränge eine Uhr, eine Tabackspfeife, ein Sacktuch zu mauſen: das ſind die Heldenthaten, deren ihr eus zu rühmen habt. Auf eine höhere Stufe ſchwang ſich bisher Euer Witz und Euer Muth nicht. Wäret Ihr nicht ein gar ſo erbärmliches Geſindel, ein ſo feiges Kleeblatt, ſo wären ſchon die 3000 Thaler, welche der Müller von Eimbeck vor Kurzem geerbt und in ſeinem Keller verwahrt hat, bereits in eurer Taſche. Tag und Nacht ſinnt Ihr und der armſelige Wirth da auf dieſen Fang, aber umſonſt, denn ein leeres Gehirn und ein jämmerliches Haſenherz müſ⸗ ſen nur immer im Staube kiechen.“ Das war für den Wirth und ſeine Gäſte zu viel. Sie ſahen ſich erkannt; ſie befürchteten alles—. von einem Manne, der von ihrem Treiben und ihren Plänen ſo genau unterrichtet war. Haſtig flüſterten ſie unter einander, der Wirth riß ein Fenſter auf, ſchaute nach allen Seiten und winkte ihnen. Sie ſprangen auf, mit gezogenen Meſſern, zum raſchen Todesſtoße bereit. Dem Fremden war das gefäͤhrliche Flüſtern und Winken nicht entgangen. Im Augenblicke ward der Mantel zurückgeſchlagen und die Mündungen einer geſpannten Doßpelpiſtore droheten ihnen entgegen. 10* 148 „Zurück, die Meſſer zur Erde, die Köpfe ent⸗ blößt*)!“ ſchrie ihnen der Fremde mit wild rollen⸗ den Augen und in der ſtolzeſten Haltung zu.„Ich pips Tullian gebiete Euch raſche Unterwerfung!“ Die Meſſer klirrten zur Erde nieder, Huͤte und Mützen flogen von den Köpfen; Schrecken und Freude drückten ſich auf den Schelmengeſichtern in ſtarken Zügen aus. Einer ſchlich näher, und betrachtete den Fremden mit ſcharf prüfendem Auge.„Ja, ſo hat unter Deinen Bande war, ja Du biſt Lips. an!“ „Es lebe Tullian, er ſei unſer Bhnhei)I brüllten die Unholde. ——) Hierzu die Abbildung im dritten Hefte. ⸗) SHauptmann, Anführer. Dich der rothe Jonas beſchrieben, der in Schleſien —.— L Gesenin Nusalaa 3 3 3 Lins Culliun in Pelernagefnlhr. XIV. 1 Eine neue Räuberbande. Banditen ſind's, und Ruvolph iſt ihr Hauptmann. Th. Krner Nach ſeiner Flucht aus der Koͤhlerhütte im Treb⸗ nitzer Walde hatte Lips Tultan wie wir wiſſen, den Weg nach der ſächſiſch⸗böhmiſchen Grenzs ei in, geſchlagen. Im Anfang wanderte er nur des Nachts und kaum von mehr als friſchem Quellwaſſer und Waldfrüchten lebend, bis er ſpäter, ſich nunmehr ſicherer wähnend und nichts mehr für ſich fürchtend, auch den Tag zu ſeiner Wanderung zu Hilfe nahm. Im Ganzen aber blieben der Nacht ſeine Haupt märſche aufbewahrt und den groͤßten Theil des Ta⸗ ges brachte er mit Schlafen und Ahsruhen in den Wäldern zu. Da traf es ſich, daß er nahe an der in den dichtbelaubten Aeſten einer fauliche 1 Sande erkannte 150 uͤbernachtete. Bald nach Tages Anbruch hörte er am Fuße ſeiner grünen Lagerſtätte ſprechen. Leiſe bog er die Zweige aus einander und ſah unter ſich drei Männer ſtehen, deren Ausſehen, noch mehr aber ihr Geſpräch in rothwelſcher Sprache ihm gleich ihr Handwerk verrieth. Sie erzählten ſich mit rühmender Redſeligkeit ihre armſeligen Gaunerſtückchen, ſpra⸗ chen von dem vielen ſchönen Gelde auf der Eim⸗ becker Mühle, mit der offenherzigen Erklärung, den Einbruch nicht zu wagen, und entfernten ſich, noch immer in Klagen ausbrechend, ſolch' einem herrli⸗ chen Fange entſagen zu müſſen. Bei ſeinem in die Waldſchenke am p. ſten Blick. Die feigen Wichte würden an ihm zum Mörder geworden ſein, hätte ſie nicht der, auch in den böhmiſchen Wäldern ſchon hochgefeierte Name: „Kips Tullian“ niedergedonnert. „Ihr balt mich zu Euerm Bonherrn erhoben,“ begann Philipp, die zahlreiche Bande, aus einem Diebshehler und drei armſeligen Schnapphähnen gebildet, mit dem Lächeln des Spottes beſchauend, „wohlan, ich will es ſein, wenn Ihr Euch verpfiich⸗ p das Kleeblatt auf den er⸗ tet, mir Burſche zu werben, auf deren Köpfe und das Kertenſchieben**) am gefährlichſten war, uns vom beſten Fange nur ſo etwa auf 151 5 Muth hin man etwas Großartiges unternehmen kann. Kennt Ihr ſolche Kumpane?“ 3 „Daran moͤchte es wohl nicht mangeln,“ erwie derte der Eine.„Gerade jetzt hauſen in dieſer Ge⸗ gend der Sarberg, aus Stndenten⸗Fritz genannt, der Schickel, vulgo Brettbauer, Chriſtian Eckhold, auch der ſchöne Böttiger heißend, ferner Hans Wolf Schöneck, Daniel Lehmann und der Kolmitzer Schnei⸗ der Michgel Hentzſchel.“ „Ich erinnere mich,“ fiel Lips Tullian ein, „ſchon vom ſchwarzen Wenzel dieſe Namen mit gro⸗ ßem Lobe nennen gehört zu haben. Warum macht Ihr nicht Gemeinſchaft mit ſo wackern Leuten?“ „Offenherzig zu Dir geſagt, edler Tullian, darüber liegt die Schuld nicht an uns,“ entgegnete der Ge⸗ fragte ganz kleinlaut,„denn ich und meine Kamera⸗ den hier ſind zu ihnen gegangen, haben ihnen unſere Geſellſchaft angeboten, auch unter Sarbergs Com⸗ mando einige Zeit mithanthieret; aber die H find gar hochmüthig, halten zuſammen, wie eng Kitte, ſchoben uns vor, wo die Baldoverei* *) Ausſpähung, Spioniren. **) Einbrechen bei Nacht. chen, und zuletzt handgreiflich zu verſtehen, daß wir ihnen überflüſſig ſeien, da wir nicht immer Luſt hatten, an halsbrechenden Geſchäften Antheil zu nehmen.“ „Der Löwe ekelt ſich in der Gemeinſchaft mit den Haſen,“ lachte Lipe Tullian den Offenherzigen zu.„Ich will Euch unter mir dulden, auch leichte Arbeit und Verdienſt geben, wenn Ihr mir einen die⸗ ſer wackern Burſche verſchafft. Nennt meinen Na⸗ men, und Keiner wird Euch zurückweiſen.“ „Laß mich dafür ſorgen,“ ſprach der Wirth. „Ich kenne die Chochemer Penne*), wo Sarberg und Hentzſchel in jeder Woche zuſprechen. Sie liegt nur vier Meilen von hier, und Nachmittags reite ich hin. Ich ſtehe Dir dafür, Lips, daß, wenn ſie nicht gerade jetzt tiefer ins Land gegangen ſind, Du noch in dieſer Nacht, oder längſtens in der folgen⸗ den mit den Beiden zur Unterredung kommſt. Bis dahin ſoll es Dir in meinem Hauſe an guter Speiſe und gutem Getränke nicht mangeln, auch wirſt Du Dich nach Ruhe ſehnen. Ich kann Dir ein herr⸗ liches Bett in einer Kammer anbieten, wo Du vor Entdeckung ſicher biſt, wenn auch das ganze Haus von Schodern**) durchſtöbert würde.“ *) Diebesherberge. Gerichtsdienern. 153 Willig nahm Lips Tul eten an. 4 Er warf dem ſaubern Kleeblatte ein Paar Thaler zum Vertrinken hin und ging mit dem Wirthe, der ihn nach einer kleinen Stube führte, die ſo verſteckt lag, daß ihr Auffinden auch wohl bei 1 der genaueſten Hausunterſuchung ſchwerlich gelun⸗ gen wäre. XV. Der Einbruch in der Eimbecker A 3 Mühle. In dunkler Nacht Da kommet ſacht Die Schaar der Verwegenen geſchritten, Sie dringen in’s Haus mit wilder Gewalt, Zurück ven den ehernen Herzen prallt Der Armen Flehen und Bitten.. 4 Gabert. Lips Tullian blieb hier in dieſer Schenke meh⸗ rere Monate. Durch die Bemühungen des Wirthes wurde er zuerſt mit dem Studentenfritz und dem be⸗ 4 rüchtigten, wilden Hentzſchel bekannt. Es war dies ein würdiges Kleeblatt, das ſich ihrer gegenſeitigen Bekanntſchaft nicht genug erfreuen konnte, und wel⸗ ches wohl geeignet war, bald der Schrecken und das Entſeden einer jeden Gegend zu werden. Disſe 155 Beiden fuͤhrten ihrem neuen Anführer nun auch noch die andern berühmteſten Gauner und Räuber zu, welche es in Sachſen gab; darunter waren die vorzüglichſten und bekannteſten: Schöneck, Eck⸗ holdt(der ſchöne Böttcher), Schickel(der Brett⸗ bauer), und Daniel Lehmann. Es wurden von dieſen würdigen neuen Genoſſen Lips Tullians viele Berathungen gepflogen und Pläne geſchmiedet, auch kleine Einbrüche gethan, aber nach Lips Tullians Plan wollte dieſe neue Bande dieſe Gegend und Sachſen,— wie ſie ſich ausdrückten— 1 vorerſt noch ſchonen, und ſich für ſpaͤtere Zeiten aufſparen. Deshalb hatten ſie beſchloſſen, alle nö⸗ thigen Zurüſtungen zu einer größeren Reiſe zu ma⸗ chen, ihre Kaſſen reichlich mit Gelde zu verſehen, ſich falſche Legitimationen zu fabrieiren und dann, wenn alles gehörig vorbereitet wäre, nach Prag 2 aufzubrechen, wohin ſie dann den Schauplatz ihrer Thaten zu verlegen gedachten. Lips Tullian hatte ſeinen neuen Genoſſen die Reichthümer dieſer Staht mit ſo lockenden Farben geſchildert, daß alle mit Begeiſterung und Sehnſucht dem Augenblicke ent⸗ gegenſahen, wo ſie dort ihre Thätigkeit würden be⸗ 1 ginnen können. Vorerſt aber ſollte noch zur Fülll ſen ein Einbruch in die Eimbecker Mu 5 zu heben war. Der Wirthy und jene drei armſeligen Schlucker, welche Lips Tullian zuerſt in der Schenke auf dem Sande hatte kennen lernen, machten die Kundſchafter. Es war eine ſtürmiſche, regnerige Nacht, welche zur Ausführung ihres Vorhabens beſtimmt war. Die Mühle lag einſam in einem umwaldeten Thale, einige hundert Schritte von den übrigen Häuſern des Dorfes entfernt. Der Wirth mit ſeinen drei Kum⸗ panen machten die Wachen, von allen Seiten waren ſie um das Haus herum in der Ferne aufgeſtellt, um alle Störung zu beſeitigen und jeden unwillkomme⸗ nen etwaigen Ueberfall bei Zeiten den übrigen Räu⸗ bern zu ſignaliſiren. Lips Tullian machte hier für ſeine neuen Ge⸗ noſſen ſein Probeſtück. Mit ſeltener Umſicht hatte er alle Anſtalten ge⸗ troffen und an ein Mißlingen des Unternehmens war daher ſo leicht nicht zu denken! Die Müllersfamtlie beſtand aus ihm, einem alten Manne, einem erwachſenen Sohne, der aber verreiſt war, der Ehefrau des Erſteren und vier Mühlknappen. Es war bei ſolcher Anzahl zu er⸗ warien, daß ein heftiger Widerſtand geleiſtet werden ieſen ſo wenig ſchädlich als möglich zu wo, wie ſie wußten, ein Schatz von 3000 Thalern 157 4 * machen, war daher die ſchwierige Aufgabe, welche ſie zu löſen hatten. Mit Leitern ſtiegen die mit der Gelegenheit des Haauſes wohl vertrauten Räuber, Lips Tullian vor⸗ an, in das erſte Stockwerk ein; die Fenſterſcheiben waren ſchnell und ohne alles Geräuſch zerbrochen und die Räuber befanden ſich im Hauſe, ehe noch Jemand ihre Anweſenheit nur ahnte. Zuerſt begaben ſich nun hierauf die Räuber in das Schlafgemach des Müllers, den ſie mit ſeiner Frau nach kurzem Wiederſtande, und ehe dieſelben nach Hilfe rufen konnten, banden und knebelten und hierauf beide als unſchädlich im Bette ließen. Dann ging es zu der Schlafſtätte der vier Mühlknappen. Hier hatten aber die Raͤuber einen ſchweren Stand, denn dieſe waren von dem Lärmen wach geworden und kamen, bewaffnet mit Stöcken und alten Degen, ihnen entgegen. Es entſpann ſich ein ernſter Kampf, der leicht für die Räuber hätte gefährlich werden können; aber Lips Tullian erſah ſich einen günſtigen Augenblick, unterlief den Kühn⸗ ſten von den Feinden, packte ihn, warf ihn zu Boden und ſtieß ihm ſein Meſſer in die Kehle. Di dern wurden ebenfalls bald nieder 1 158 Verwundete, während einige von den Räubern nur leicht verletzt waren. Dieſe begaben ſich nun in den Keller, wo der Müller ſein Geld aufbewahrt haben ſollte; doch ſo aufmerkſam ſie auch ſuchten und das Oberſte zu Unterſt drehten und wendeteu und umgekehrt, ſie fanden nirgends das Geſuchte und auch nirgends nur eine Spur davon. Wüthend hierüber gingen ſie zu dem Müller zurück, ſchleppten ihn, da er nicht geſtehen wollte, wo er ſeinen Schatz verborgen habe, in den Keller und nöthigten ihn durch Schläge und Meſſerſtiche, ihnen denſelben endlich anzugeben. Er war ver⸗ ſcharrt und mußte erſt ausgegraben werden. In einer ſchweren hölzernen Kiſte wurde er endlich, als ſchon faſt der Morgen tagte, gehoben und mit ihm flüchteten nun die Räuber in Sicherheit. Der Müller blieb halb todt im Keller zurück. Bei der Theilung fand man, daß die Beute größer war, als man gehofft hatte; es fanden ſich über 4000 Thaler in der Kiſte. Nun hatten fie die Mittel, ihre Reiſe nach Prag anzutreten, was denn auch in einigen Tagen geſchah. Es war dies aber auch die höchſte Zeit, denn der Einbruch in der Muͤhle und die Ermordung der Mühlknappen hatte die Juſtiz auf die Beine gebracht, welche ein 159 Commando Landdragoner in dieſe Gegend abſandten, um alles verdächtige Geſindel aufzugreifen und auf f die Räuber zu fahnden. Die Soldaten kamen eben daſelbſt an, als in der Nacht vorher Lips Tullian mit ſeinen Genoſſen ſich über die böhmiſche Grenze begeben hatten. XVI. Lips Tullians und ſeiner Genoſſen Ankunft in Prag⸗ Es zieht die Räuber⸗Rotte Hinaus in alle Welt, 4 Und dreimal weh den Fluren, Wo grimmig ein ſie fällt. Döring. Im langen, blauen Oberrocke, das Haar ſchlicht zurückgekämmt, ein Felleiſen auf dem Rücken, ſtand Lips Tullian mit gezogenem Hute und in demüthiger Stellung unter dem Thore von Prag vor dem ge⸗ ſtrengen Viſitator, der die Kundſchaft des einwan⸗ dernden Schloſſergeſellen, Philipp Mengſtein aus Oldenburg, bedächtig durchlas, die Perſonal⸗Be⸗ ſchreibung und das Original mit vielgeübtem Auge verglich und dann durch Handſchrift und Siegel die Einwanderung in die Stadt und das Suchen nach Arbeit amtlich bewilligte. 161 Es war ein Kunſtſtück Sarbergs, des gewandten Copiſten und Siegelſtechers, wodurch Lips Tullian mit einer Aufweiſung ausgeſtattet wurde, welche ſelbſt in Oldenburg als ächt würde gegolten haben. Lips Tullian ging nicht allein durch die Thore von Prag; auch Sarberg, Schöneck, Eckhold, Schickel, Lehmann und Hentzſchel zogen einzeln in Prag ein, jeder als ein Mitglied irgend eines Gewerbes und durch Sarbergs künſtliche Hand mit einem paſſenden Documente verſehen. Alle fanden und erhielten Arbeit; Lips Tullian trat bei einer Schloſſerwittwe als Geſelle ein. Hatte Philipp, ſo hieß hier Lips Tullian, auch früher zu Straßburg von ſeinen Freunden unter der Schloſſerinnung ſo manches abgeſehen und er⸗ lernt, was ihn, wäre er darin fortgefahren, zu einem geſchickten Arbeiter gemacht hätte, ſo war doch durch Mangel an Uebung und Vervollkomm⸗ nung jetzt ſein Wiſſen nicht auf einer höhern Stufe als der eines Lehrjungen. Bald überzeugte ſich Frau Bieberich, ſeine Meiſterin, daß ſie an dem Oldenburger eine ſpottſchlechte Acquiſition gemacht 5- habe, denn der Pſeudo⸗Oldenburger war in ſeiner 6 Profeſſion beinahe weniger als ein Stümper, dabei arbeitsſcheu und lieber in der Geſellſchaft iiner liebenswürdigen Meiſterin, als vor dem Ambos. Lips Tulian. 6. Lieferung. 411 162 Die Kunden wurden täglich weniger, die Ein⸗ nahmen geringer und Frau Bieberich, bei ihrem ſehr belebten Geſchäfte eines ſehr fleißigen, kunſter⸗ fahrnen Geſellen höchſt bedürftig, erklärte dem bei⸗ nahe unbrauchbaren Philipp ſchon nach einigen Wochen, daß er ſein Bündel zu ſchnüren und ſich ſonſt wo Arbeit zu ſuchen habe. Wittwe Bieberich, eine junge, ſchöne Frau, war lebensluſtig, aß und trank gern gut, liebte den Putz und zuüͤrnte nicht, wenn ein hübſcher Mann ſich ihr traulich näherte und ihren Reizen huldigte. Philipp hatte ſie ganz durchſchauet und durfte aus ihrem Benehmen die volle Ueberzeugung ſchöpfen, von ihr ſehr ungern und nur deswegen aus der Arbeit gewieſen zu werden, weil er als Handwerker nicht das leiſten konnte, was das Ge⸗ ſchäft forderie.— Für Philipp war das Austreten aus dieſem Hauſe die allerfatalſte Sache. Frau Bieberich ge⸗ noß einen guten Ruf, er hatte ſich unbeſcholten be⸗ tragen, dadurch das Vertrauen ſeiner Meiſterin und der Nachbarſchaft gewonnen, durfte alſo verſichert ſein, ſo manchen ſeiner Raubpläne in dieſer Stadt auszuführen, ohne daß man in ihm nur einen Mit⸗ wiſſer der Verbrechen ahnen möchte. — 163 Er mußte in dieſem Hauſe bleiben, um ſeine 4 Stückchen, die er aus kluger Vorſicht bisher unter⸗— laſſen hatte, mit Sicherheit beginnen und treiben zu können; er durfte auch nicht länger ſäumen, da ſeine Genoſſen, der langen Unthäͤtigkeit überdrüſſig, größtentheils vom Gelde entblößt waren und ihm 4 † bei ihrer letzten geheimen Zuſammenkunft in einer liederlichen Winkelkneipe mit derbem Fluche erklärt hatten, ſich von ihm loszuſagen und auf ihre Rech⸗ . nung Geſchäfte zu machen. Er ſchritt nun ants V Werk.— r er.. ew„=n. Mne. ee=e e rE dee e —— XVII. Die ſchöne Schloſſerswittwe. 2 Es brauſt die Leidenſchaft in aufgeregten Wellen: Das ihnen anvertraute Schiff Wird an dem ſcharfen Felſenriſſ' Die auſgeſtürmte Wuth erbarmungslos zerſchellen. Tiedge. „Wertheſte Frau Bieberich,“— begann Lips Tullian an dem ihm gegebenen Feierabende*), als er mit der Meiſterin ganz allein und vor Störung ſicher war,—„ich muß Ihnen nun reinen Wein einſchenken, und daß ich es in meinen Verhältniſſen thue⸗ uns an bald als einen Beweis meines — — Meine Mutter, im Beſitze eines prachtvollen Hauſes Ruf eines gebildeten, liebenswuͤrdigen Menſchen zu 165 aber darin es nicht weit gebracht. Mein Vater 8 ſtarb, als ich ein Burſche von 14 Jahren war. und eines bedeutenden Eapitals, wollte ſich nicht wieder vermählen und ihre Tage in Ruhe hin⸗ bringen. Aus manchem Aerger über die Miethsleute verkaufte ſie das Haus und bezog mit mir eine kleine, angenehme Wohnung. Meine Mutter iſt eine herzensgute, gegen mich, ihr einziges Kind, allzu ſchwache Frau. Als ein 14jähriger Bube be⸗ herrſchte ich ſie, ihren Willen, ihre Kaſſe, that nichts, als die Reitbahn, den Fechtſaal und die Geſellſchaft junger Wüſtlinge beſuchen, fand bei meiner gefüllten Börſe und meiner oberflächlichen Bildung auch in vornehmen Häuſern Zutritt und wußte mir den erwerben. Das Mutterauge war von dem Glanze der vornehmen Geſellſchaften, in welchen ich mich froh und gewandt bewegte, zu ſehr geblendet, um in ihrem Sohne den arbeitsſcheuen Taugenichts, den Verſchwender zu ſehen. Sie lebte äußerſt einfach, um von ihren reichen Zinſen mir geben zu können, 8 ohne daß ſie die Kapitale angriftf. Ich hatte das Glück, den r che Förten aus einem reißenden Fluſſe im Augenb der hoͤchſten Gefahr zu retten. Von mir ſein Haus, ſein Herz und ſeine Börſe offen. Sein Sohn ſollte einige Jahr auf Reiſen gehen. Ich hatte ſo ſehr das Vertrauen der Eltern ge⸗ wonnen, daß ſie mich zum Begleiter, gleichſam zum Aufſeher ihres Lieblings erwählten. Beinahe vier Jahre währte unſere Reiſe, und ich darf kühn ſagen, alle Pflichten, die ich als Aufſeher des jungen Menſchen hatte, ſtreng erfüllt zu haben. Erſt vor drei Monaten kamen wir wieder in Oldenburg an. Während der Dauer unſerer Reiſe wurde eine Nichte des Herrn Förten von ihm in das Haus genommen. Ich ſah die wunderholde Emilie und liebte ſie. Auch ſie theilte bald meine Empfindungen und geſtand mir unter heißen Thränen eines gram⸗ erfüllten Herzens, daß ein reicher Kaufmann aus Antwerpen bereits bei ihrem Oheim, der Vaterſtelle an ihr vertrete, um ihre Hand gebeten, und zwar noch keine entſcheidende Erklärung erhalten habe, aber ſeines Reichthums und guten Rufes wegen der Zuſage ſicher ſein dürfe. Emiliens Geſtändniß erregte meine Eiferſucht zur furchtbaren Leidenſchaft. Ich fand in mir keine andere Idee, als daß ich oder mein Nebenbuhler aus dem Buche der Lebenden geſtrichen werden müſſe. Meine Freunde waren zahlreich, größten⸗ theils aus den beſten Häuſern von Oldenburg. 167 Ich vertraute ihnen meine Liebe zu Förtens Nichte und die Bewerbungen des Antwerpners. Die Hitz⸗ köpfe, dem hochmüthigen Fremdlinge das ſchöne, reiche Maͤdchen nicht gönnend, fachten die Flamme meiner Leidenſchaft immer verderblicher an. Ich und mein Nebenbuhler geriethen in einem Caffee⸗ hauſe an einander. Der Streit entzündete ſich auf's Heftigſte. Wir gingen mit zahlreicher Begleitung in den Garten, zwei Offtziere reichten uns ihre Degen und ſchon im erſten Gange röchelte mein Gegner ſein Leben im ſtrömenden Herzblute aus. Die Geſetze gegen das Duell ſind im Olden⸗ burgiſchen äußerſt ſtreng. Der Tod auf dem Blut⸗ gerüſte oder lebenslängliches Gefängniß wäre mein Loos geweſen. Vom Kampfplatze floh ich über die Grenze und bezog ein Stübchen in einem Dorf⸗ wirthshauſe. Meine Freunde hatten mir über die Leiche hin die Hand zum Schwure gereicht, das Möglichſte für mich zu thun. Schon kamen einige zu mir mit einer bedeutenden Summe in Gold und mit jenen Papieren, welche mich als wandernden Schloſſergeſellen bezeichnen und meine Wanderung ſichern. Sie übergaben mir ein Billet von Forten, worin er mir feierlich verſprach, dunh ſenne n Ein⸗ 168 nenden Rath, nach Prag zu gehen und dort in der Rolle eines Schloſſergeſellen zurückgezogen zu leben, bis er für mich Amneſtie und freie Rückkehr in die Vaterſtadt ausgewirkt habe. Ich vertauſchte die Stutzerkleidung mit dem ſchlichten Handwerksrocke, hing das Felleiſen auf den Rücken und wanderte unaufgehalten hierher. Der liebe Gott hat mich in dieſes Haus ge⸗ führt und zu einer wackern Frau, der ich mich mit aller Gemüthsruhe vertrauen durfte. Behalten Sie mich bei Ihnen, aber nicht als Ihren Geſellen, ſondern nur zum Scheine als Ihren Werkführer. Meine Wohnung in Ihrem Hauſe und was ich verzehre, und was der Geſelle koſtet, den Sie, ſtatt meiner in Arbeit nehmen müſſen, bezahle ich reichlich. Sie kennen nun meine Verhaltniſſe und die Veranlaſſung zu meinem Aufenthalte in Prag. Erfüllen Sie meine Bitte, in Ihrem Hauſe unter ſcheinbarer Beſchäftigung unbemerkt fortleben zu dürfen, bis meine Rückkehr in's Vaterland eintritt. Erlauben Sie auch,“— hier zog er ſeine goldge⸗ füllte Börſe und zählte 20 Dukaten auf den Tiſch— 3 wdaß ich einen kleinen Theil meiner künftigen Schuld vorausbezahle.“ — — 3. llme in Pra ram ſr 8 Nir ſrllune Sehlo 169 Die blanken Holländer, die Ausſicht auf de Freigebigkeit des reichen Oldenburgers, de der Gewinn am neuen Geſellen, Koſt und Wochenlohn zu er⸗ ſparen, alle dieſe Vortheile wären ſchon überwie⸗ gend genug geweſen, Frau Bieberich zur Erfüllung der Bitte zu vermögen, hätte nicht Philipps männ⸗ liche Schönheit und die Hoffnung auf manche ſüße Stunde, die ihr aus ſeinen zäͤrtlichen Blicken, aus 4 dem Feuer, mit welchem er im Laufe und aem Schluſſe ſeiner Erzählung ſie oft umſchlang,*) ent⸗ gegen leuchtete, ohnehin für ſeine Wünſche auf das bewegendſte geſprochen. Doch hatte ſie weiblichen Takt genug, mit ihrer Erklärung zu zögern, in einer anmuthigen Haltung gleichſam darüber ſinnend. Philipp wurde immer feuriger; die Ergluͤhende verſuchte mit immer ſchwächerem Widerſtande ſeinen 3 heißen Umarmungen ſich zu entwinden.— Sie“ werden wohl eins geworden ſein, denn von dieem Abend an konnte die glückliche Frau ſich nicht in Aufmerkſamkeiten für den neuen Eüerlführer genug erſchöpfen. 8 1 9) Hierzu die Abbildung in dieſem Hefte. XVIII. Die Trennung von Prag. 4 Raſch beſtell' ich ſchon Den Reiſewagen, der uns ſchleunigſt ſoll Von dannen tragen in ein and'res Land. Th. Mundt. Nicht für gemeine Beutelſchneidereien oder ge⸗ ₰ wöhnliche Gaunerſtückchen beſtimmte ſich nun Lips* Tullian, Prag ſollte ihm eine reiche Ausbeute geben. Kirchenraub wurde von ihm und ſeinen Ge⸗ ſellen beſchloſſen. In der kurzen Friſt von drei Monaten hatten ſie in acht Kirchen eingebrochen und Monſtranzen, Kelche, ſilberne Leuchter und andere Geräthe von vielem Werthe, wie auch eine Menge koſtbarer Meßkleider geraubt. Der Gewinn dieſer Beraubungen war ſo bedeutend, daß allein von dem Einbruche in einer am Liebenauſchen Thore 4 gelegenen Kirche, der ärmſten der beraubten, jeder der Räuber 350 Gulden als Antheil erhielt. 171 Die Aufmerkſamkeit der Polizei wurde immer reger und die Vorſicht gegen Einbrüche mit ſtrenger Wachſamkeit ausgeübt. Die Räuber. wandten ſich von den Kirchen zu den Privaten. Ein gräflicher Palaſt auf dem Neuſtädter Ringe, ein andrer in der Fleiſchergaſſe und ein Kaufgewölbe auf dem Porſchütz wurden mit eben ſo vieler Schlauheit als 4 frecher Verwegenheit ausgeraubt. Die bedeutenden Einbrüche und Beraubungen 1 machten großes Aufſehen. Das Militair dur ſtreifte die Straßen der Stadt und die Vorſtäͤdie Tag und Nacht, die Wachtpoſten wurden vermehrt und alle Häuſer von der Polizei durchſucht. Man griff ſo manchen Gauner und Dieb auf, aber die Hauptverbrecher hatten ſich in ihren verſchiedenar⸗ tigen Schein⸗Erwerbungszweigen immer ſo fleißig im häuslichen Leben, ſo tadellos benommen, daß ſie der Polizei bei Gelegenheit der Häuſerviſtatonen vorzuglich geprieſen wurden.* In Prag war bei der geſteigerten Wachſam eit für Lips Tullian und ſeine Genoſſen nichts mehr zu thun. Sachſen ſollte nun der Schauplaß ih Verbrechen werden. Lips Tullian äußerte gegen Frau Bieberig daß ihm die Sehnſucht nach ſeinem Vaterorte an Ruhe raube, daß er feſt entſchloſſen ſei, an 172 zu nehmen, bis ihm die Rückkehr dahin geſtattet ſei, daß er keinen frohen Augenblick habe, bis er wieder vaterländiſche Luft einathme. Frau Bieberich war untröſtlich. Die Neigung zu ihrem Philipp war zur unbezähmbaren Leiden⸗ ſchaft geworden. Sie warf ſich vor ihm auf die Kniee und gelobte, ihr Haus, ihr Gewerbe, alle ühre Einrichtung zu verkaufen und das Capital in ſeine Hand zu legen, wenn er ihr geſtatte, nur als Magd ihm zu folgen. Für einen Patron wie Lips Tullian war das Anerbieten der Ueberlieferung ſolch eines Capitals nicht zu verwerfen. Dieſes in Empfang zu nehmen und die Geberin bei ſchicklicher Gelegenheit ſich vom Halſe zu ſchaffen, war der Böſewicht gleich entſchloſſen. die Trennung von ihr, brach bei dem Anerbieten, m nach ſeinem Vaterlande zu folgen, in Entzücken aus, machte Einwürfe, die leicht widerlegt werden konnten und geſtand dann unter erkünſtelten Thränen, daß, fern von ihr, der Gram ihn tödten würde. jeberich ſorgte dafur, daß die Leute in dieſer und Grenze von Oldenburg ſeinen Aufenthalt ſo lange Er heuchelte Gifangs den tiefſten Schmerz über Die Sache war bald im Reinen. Lips Tullian anderte mit ſeinem Reiſebündel aus Prag. Frau 4 ——— ——— 173 der nächſten Straße ſogleich wußten, der Werkführer der Wittwe Bieberich habe Prag verlaſſen, um in ſeiner Vaterſtadt das eigene Gewerbe zu treiben und ſeine Verlobte zu ehelichen; daß er ſich immer mehr übernommen, der Meiſterin nicht mehr die gehörige Achtung erwieſen und ihr viele Veran⸗ laſſung zur Unzufriedenheit gegeben habe. Ein paar Wochen darauf zeigte Frau Bieberich den redſeligſten ihrer Nachbarinnen einen von ihr ſelbſt geſchriebenen Brief, worin ſie von ihrer kränkelnden, verwittweten, in Ungarn anſäſſigen Schweſter aufgefordert wurde, Haus und Gewerbe zu verkaufen, zu ihr nach Peſth zu ziehen und dort ein ſorgenloſes Leben zu führen. Als jetzt Frau Bieberich Alles verkaufte und Prag verlaſſen hatte, waren alle ihre Bekannten im feſten Wahne, ſie reiſe geradezu nach Peſth, zur kränklichen, kinderloſen Schweſter, einer reichen Erbſchaft entgegen. Niemand ahnte, daß die Schlaue mit raſchen Poſtpferden über Saaz der ſächſiſchen Grenze zueile, wo der geliebte Philipp an einem verabredeten Orte ihrer und ihres Geldes harrte. XIX. Die Entdeckung. Ach! welches Unheil ſchafft das Himmelsfeuer, † Das die Natur in unſer Weſen goß! 4₰ Es macht aus Engelherzen Ungeheuer 1 Und bricht der Tugend letzte Schranke los. Seume. Banditen ſind's und ich— ich bin ihr Hauptmann und Du— Du wirſt nun eine Räuberfürſtin. Th. Körner. Es war eine hübſche runde Summe, die Philipp aus den Händen ſeiner Freundin ſchon in der erſten Stunde ihres Wiedervereinens empfing. Er dachte aber nun nicht mehr an ſeinen frühern Entſchluß, ſie um ihr Vermögen zu betrügen und dann die ſchändlich Getäuſchte ihrem Schickſal zu überlaſſen. 175 Mariane— ſo hieß ſie— war immer heiter, voll guter Einfälle, ſehr klug, eine vortreffliche Köchin und ſo aufmerkſam auf ihres Philipps lei⸗ ſeſte Wünſche, daß er ſelbſt nun ſehr davor bangte, ſich von ihr verlaſſen zu ſehen, wenn ſie, was wohl nicht leicht verhütet werden konnte, den Schleier ſeines innern Lebens lüfte und in dem Geliebten einen Verbrecher erblicke. Mariane fragte den Gelicbten nich, warum er, ſtatt ſeine Reiſe nach der oldenburgiſchen Grenze fortzuſetzen, ſtatt dort in einem Städichen einen an⸗ genehmen Aufenthalt ſich zu wählen, hier in einem abgelegenen, armſeligen Wirthshauſe verweile, warum Philipp ſo oft mit Leuten von verdächtigem Ausſehen im geheimen Verkehre ſei. Sie ſchien nichts zu beachten, fur nichts Sinn zu haben, als für ihr Streben, dem Geliebten, ſo viel ihr mög⸗ lich war, das Lebe ner in die Roſenfarbe des Frohſinns, der Zufried nheit, einer ungetrübten Ruhe mit weicher Hand zu kleiden. Täglich ließ ſie das Beſte, was man in weiter Umgebung an Wein und Lebensmitteln finden konnte, durch eigene Boten herbeiſchaffen, bereitete leckere Gerichte und bot alle ihre gute Laune, alle ihres liebenden Gemüthes auf, das größten A 176 einſame Stillleben in dieſer wenig beſuchten Schenke zu heitern Stunden zu geſtalten. Eines Morgens wurde Lips Tullian von ſeiner Schlafſtube in die Zechſtube gerufen. Bald nach ihm kam auch Mariane herab und hörte von Philipp, daß er auf ein drei Meilen entferntes Dorf gehen werde, um dort einen Landsmann zu ſprechen, der eben erſt aus Oldenburg angekommen ſei und ihm vielleicht einige Neuigkeiten von Bedeutung mit⸗ theilen könne. 3 Mitt einem faft ſchmerzlichen Lächeln hörte ihn Mariane an, faßte ſeine Hand und bat ihn mit wehmüthiger Innigkeit, für ſich recht aufmerkſame Sporge zu tragen. . Das Auge voll Thränen, eilte ſie fort. Be⸗ fremdet blickte ihr Lips Tullian nach und in tiefem Nachdenken ging er 1n de Seite ſeines Gefaͤhr⸗ IS ten hin. ESs war ſchon Nacht und er kehrte noch immer 6 nicht zurück. Aengſtlich harrend, die Troſtworte der Wirthsleute nicht achtend, ſaß Mariane in der gäͤſte⸗ loſen Zechſtube und blickte unter fallenden Thränen in die dunkle Nacht hinaus. Der Hofhund ſchlug an, Tritte wurden hoͤrbar raſch ergriff ſie das Licht, dem ſehnſüchtig Er⸗ rieten enigegeneilend. Sie oͤffnete die Hausthür 179 eben ſo offen ſei Dir geſtanden, daß meine Liehe zu Dir zu innig, zu unerſchütterlich iſt, um vor dieſer gräßlichen Wahrheit zu fliehen. Iſt es Dir möglich, den Pfad, den Du wandelſt, zu verlaſſen, ſo werde ich täglich auf meinen Knieen und mit Thränen der ſüßeſten Wonne dem Allmächtigen da⸗ für danken; ſtehet es aber im Buche Deines Schick⸗ ſals mit unzerſtörbarer Schrift geſchrieben, dieſer Pfad müſſe von Dir fortgewandelt werden, ſo kann mich nichts von Dir losreißen, und bis an den letzten Hauch ihres Lebens wird Deine treue, lie⸗ bende Mariane Dir zur Seite ſein!“ Lips Tullian glaubte zu träumen, als er ſolche Worte hörte. Es war ihm kein Zweifel mehr, daß Mariane mit ſeinen wahren Verhältniſſen vertraut ſeiz ſie ſelbſt hatte ihn über die gefürchtete Stelle der Enthüllung ſeines Geheimniſſes mit freundlicher Hand ſchnell und wohlthuend hinweg geleitet, und dieſe Sprache gab ihm die beglückende Ueberzeugung daß die Liebe Mariane mit dem Muthe begeiſtert, ruhig und feſt an der Hand eines Mannes zu wandeln, deſſen Liebe nicht die Gefahren, nicht die Anſtrengungen, nicht die grauenvolle Zukunft über⸗ wiegen könne, von denen ſie ſich nun an ſeiner bei jedem Athemzuge umkreiſet ſah. Er fühlte ſo ſonderbar ergriffen, daß er keine Worte ſie aber mit Blicken betrachtete, aus welchen ihr — ſeine Ueberraſchung, ſeine Freude, ſein Dank im freundlichſten Lichte entgegen ſchimmerten. Frau Bieberich hatte mit ihrem Pſeudogeſellen Philipp ſeit dem Augenblicke, wo er ihr das olden⸗ burgiſche Mährchen zum Beſten gab, in dem aller⸗ vertrauteſten Verhältniſſe gelebt. In einer ſchlaf⸗ loſen Nacht ſah ſie aus dem Fenſter, hörte die Hausthüre leiſe öffnen und ſah eine dunkle Geſtalt mit ſtillen, flüchtigen Schritten dahin eilen. Das außer ihm, ihr und einer Magd hatte ſie gerade jetzt keine Einwohner im ganzen Hauſe, und der Geſelle lag ſchon einige Tage krank. ihrer Schlangenfauſt, aber ſelbſt unter den ſchreck⸗ lichſten Qualen dieſer Empfindung blieb die ſtarke Frau an den folgenden Tagen in ihrem bisherigen Benehmen gegen Philipp ſich ganz gleich; ſie wollte den Treuloſen in den Armen ihrer Nebenbuhlerin überraſchen und ſich dann furchtbar rächen. Jede Nacht lag ſie am Fenſter in männlicher, dunkler leidung, ein ſcharfes Meſſer in der Bruſttaſche. lich. konnte Niemand anders als Philipp ſein, denn Die Furie der Eiferſucht ergriff ſie mit So hatte ſie einige Nächte geharret, als um itternacht die Geſtalt ſich wieder aus dem Hauſe Auch f war im Augehünte auf der Smraßt 4 181 und folgte dem Dahinſchreitenden ſo leiſe und vor⸗ ſichtig, daß er keinen Späher vermuthete. Philipp, den ſie bei der Biegung um eine Ecke, wo das Licht einer Laterne ſein Geſicht beleuchtete, deutlich erkannt hatte, wurde in der Nähe einer Kirche von zwei Maͤnnern empfangen, mit denen er ſich, ſo raſch und aufmerkſam Mariane ihm ge⸗ folgt war, plötzlich verlor. So ging es noch öfters, und jederzeit an einer Kirche war er ihren ſcharfen Blicken wie verſchwunden. Sie ſelbſt, um dem Geliebten jede Bequem⸗ lichkeit zu bereiten, beſorgte ſein Wohnzimmer. Eines Morgens, als Philipp eben in dem Schein⸗ geſchäfte ſeiner Werkführerſtelle ausgegangen und Mariane mit der Reinigung ſeines Wohnzimmers beſchäftigt war, bemerkte ſie, daß am Schloſſe des 9„ Faches, worin er ſein Geld und ſein Beſtes he⸗ wahrte, der Schlüſſel ſtecke. Im Augenhlicke kam ihr der Gedanke, dieſes Fach genau zu durchſuchen, ob es nicht Briefe von irgend einer Nebenbuhlerin enthalte. Sie fand keine Briefe, wohl aber Stucke Gold, Silber, mehrere gute Steine und noch Manches, was deutliche Spuren trug, einer Kirche— angehört zu haben. 182 Das ſchon länger umlaufende Gerücht von be⸗ 4 deutendem Kirchenraube, Philipps Ausgehen in tiefer Nacht, ſeine Zuſammenkünfte, ſein Verſchwin⸗ den in der Nähe von Kirchen und dieſe Trümmer von koſtbaren Kirchengeräthen— alles, alles war inhaltreich, war bezeichnend genug, um durch dieſes die bis zur Ueberzeugung raſch ſich geſtaltende Ver⸗ muthung zu erregen: Philipp ſei mit einer Räuber⸗ bande verbrüdert. In der Folge fand ſie in dieſem Fache mittelſt eines Nachſchlüſſels, den ſie aus Neugierde ſich ver⸗ ſchaffte, Gold und Silberzeug mit gräflichem Wappen, das Portrait einer Dame in Brillanten gefaßt, werthvolle Hals⸗ und Armbänder, mehrere Ringe mit Edelſteinen und erkannte unter dieſen Gegen⸗ ſtänden ſo manche als jene, die in dem öffentlichen BVerzeichniſſe der aus den gräflichen Paläſten und den Kaufgewölben geraubten Gegenſtände ſehr kenn⸗ bar bezeichnet waren. Wuar auch das innere und äußere Leben dieſer Frau ſeit früher Jugend nicht ein Gebilde der rein⸗ 1 ſten Tugend, der unentweihteſten Sittlichkeit, des 8 edelſten Zartſinnes, ſo hatte ſie doch immer ſo ge⸗ 3 lebt, 8 chen Anſprüche machen durfte. den leiſeſten Wunſch nach ungerechte 8 3* 1 5 daß ſie auf die Achtung, auf das Vertrauen 4 183 Beſitze fremden Eigenthums erlaubt; ſie haßte nichts ſo ſehr, als die Bevortheilung, die Beeinträchtigung eines Menſchen, und durch ſie war manche ge⸗ wiſſenloſe Rechnung ihres geldſüchtigen Gatten aus⸗ geglichen. Und dieſe Frau beherrſchte ſo ſchnell ihr Er⸗ ſchrecken, ihren Abſcheu, alle die ſchwer verletzten Empfindungen, welche ſie bei der Ueberzeugung, Lips Tullian ſei ein Räuber, ſchauderhaft ergriffen hatten. Nur Eine qualvolle Stunde bereitete ihr dieſe Ueberzeugung. Die Gegenwart mit dem ſchrecklichen Gefühle der tiefſten Selbſterniedrigung der verlornen Ehre, des ſündhaften Vereines mit einem Diebe, mit einem Kirchenräuber, die Zukunft mit dem gräßlichen Bilde dieſes Verbrechers im unterirdiſchen Gefängniſſes, in klirrenden Ketten, auf dem Blutgerüſte verſanken immer tiefer in den Wogen ihrer unbezähmbaren Leidenſchaft für dieſen Mann, für den ihr ganzes Weſen zu einer unzer⸗ ſtörbaren Flamme der allerheftigſten Neigung ge⸗ worden war. Lips Tullians längerer Aufenthalt in dieſer einſamen Grenzherberge, ſein geheimnißvolles Trei⸗ ben mit Leuten von verdächtigem Ausſehen, ihre auffallend fremdartige Sprache, die Verwunde kung ſchnallen und einer goldnen Uhr, den Mariane in Philipps Rocktaſche fand, ſagten ihr zur Genüge, wie ſehr Philipp das in Prag geübte Handwerk auch hier übe. Und doch ſchauderte ſie nicht zurück. Die Un⸗ glückliche war taub für jeden Zuruf des Gewiſſens, der Tugend, der Menſchenwürde; ſie hörte nur die Sirenentöne der Leidenſchaft, der Sinnlichkeit, und, alles Beſſere in ſich zerbrechend, nicht vor den dunkeln Windungen der Zukunft bangend, gab ſie ſich mit entzügeltem Gemüthe dem wilden Strome ihrer Leidenſchaft hin. Lips Tullian, der mit einer wirklich ſehr hef⸗ tigen Neigung an dieſer Frau hing, war nun un⸗ beſchreiblich glücklich, ſie in ſein Geheimniß einge⸗ weihet und ihre Liebe zu ihm ſo tief gewurzelt zu ſehen. Nun hielt ihn nichts mehr in dieſer Gegend feſt, um ſo mehr als Hentzſchel und Lehmann von ihrem Kundſchaftszuge nach Sachſen mit ſehr gün⸗ ſtigen Nachrichten zurückgekehrt waren. Sarbergs künſtliche Feder und Siegelfabrikation wurden wie⸗ der in Anſpruch genommen. Ein Paß, ein Trau⸗ ſchein gingen aus ſeiner betrügeriſchen Hand hervor, und als ein ehrbarer Bandkrämer mit ſeiner eben ſo ehrbaren Ehekran zog Lips Tullian in das Sach⸗ ſenland.— — XX. Der Naub des Brautſchatzes der jungen Gräſin von Beuchling. So oſt er einen Schatz erſpähte, wie flammte Lüſtern ſein Auge! wie tobte ſein Herz! wie ſchwellt ihm den Buſen Blut⸗ und Beutebegier! Koſegarten. Es war nicht mehr die kleine Geſellſchaft, aus Sarberg, Schöneck, Eckold, Schickel, Lehmann und Hentzſchel gebildet, welche Philipp als Häuptling befehligte; mehr als hundert Gauner, Diebe, Räu⸗ ber, Mordbrenner und Mörder hatten ſchon in den erſten Monaten ſeiner Ankunft auf ſächſiſchem Boden zur Fahne des mächtigen Lips Tullian geſchworen. Er gab der Bande militäriſche Eintheilung, formirte ſechs Corps, ſtellte jedes unter die Befehle eines der benannten Vertrauten, und namns bi.e ““ 8 188 Bande, über die er ſelbſt den Oberbefehl führte, die ſchwarze Garde. Bald ward dieſer Name in Sachſen nur mit Bangigkeit und großen Beſorgniſſen genannt, der Name Lips Tullian war der Schrecken des Landes. Einbrüche in Kirchen und Häuſer, Ausplünderung der Reiſenden, Angriffe auf Poſtwagen, Gelderpreſ⸗ ſungen durch Drohbriefe und Brandſtiftungen reihe⸗ ten ſich in himmelſchreiender Folge. Die Bande war im ganzen Lande vertheilt, Lips Tullian mit Mariane größtentheils auf Kund⸗ ſchaft, wo ſein Handel mit Bändern und den damals ſo beliebten italieniſchen Waaren, ſeine geſchmack⸗ volle, feine Kleidung, ſein gebildetes Betragen ihm Zutritt in den beſten Häuſern verſchafften, deren Verhäͤltniſſe in klingender Beziehung, ſo wie Ge⸗ legenheit zum Einbruche genau zu erforſchen, ihm bei ſeiner Schlauheit keine ſchwierige Aufgabe war. In einem Umkreiſe von einigen Meilen hatte er ſeine Niederlage in vertrauten Haͤuſern, wo er von Woche zu Woche von ſeinen Unteranführern Nachricht über die Geſchäfte der Bande, über ihre künftigen Unternehmungen erhielt. Gab es einen Angriff oder Einbruch, wo Tollkühnheit an der Spitze ſtehen mußte, ſo eilte er dahin, überzeugt, EE 189 gleich nach Oeffnung der Thore aus Dresden, und bald kehrte ſie mit Sarberg, Schickel, Lehmann und Eckold zurück, die ihr einzeln und in verſchiedenen Verkleidungen gefolgt waren. Der Brautſchatz der jungen Gräfin war im Beuchlingſchen Palaſte in einem Gemache aufbewahrt, das im oberſten Geſchoſſe und in der Mitte von zwei Zimmern lag, wovon eines von dem Hofmeiſter mit ſeinen gräflichen Zöglingen, das andere von dem Jäger und dem Koche bewohnt war⸗ Und aus die⸗ ſer Umgebung heraus holten ſich die Räuber die Ehatoulle mit der reichen Ausſteuer in Gold und ein aus Silber geſlochtenes Körbchen, worin der Schmuck lag, der einen Werth von 60,000 Thalern hatte. In einem Walde außerhalb Dresden wurde der Raub getheilt*), nachdem davon eine große Summe in Gold zur Vertheilung unter die übrigen Mit⸗ glieder der Bande abgeſondert worden war. Nicht das Mindeſte nahm Lips Tullian von ſeinem, nach den Geſetzen der Geſellſchaft ihm doppelt zugefalle⸗ nen Antheile mit ſich in ſeine Wohnung, aus Furcht irgend einer Entdeckung; er übergab Sarberg alles, *) Hierzu die Abbildung im nächſten Heſte. — — — * 190 und bezeichnete ihm eine Felſenſchlucht in der Ober⸗ lauſitz, wo er es zu vergraben habe. Im zuruckgezogenen Wohlleben brachte nun Lips Tullian mit Marianen ſeine Tage hin, war Heuch⸗ ler genug, täglich die Kirche zu beſuchen, auf dem Gange dahin die Armen zu beſchenken, gewann bei der Nachbarſchaft den Ruf eines gar frommen, mild⸗ thätigen Herrn, und ergaunerte ſich am grünen Tiſche von Zeit zu Zeit eine ſchöne Anzahl von Goldſtucken.