2 ——— —= Leihbibliothetr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet k wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3— 2 11 1—„ 7„—„ 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird⸗ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. c 9 A³ 2 WMelt⸗ und Lebengbildor. —— Schilderungen ſeemaͤnniſchen Lebens. Herausgegeben von Henriette Freeſe und Th. Stockfleth. Hamburg, 1827. Gedruckt bei Johann Hinrich Meldau. 1—. Zueignung. Euch, denen noch auf lichtbeſtrahlten Huͤgeln Die Paradieſe heit'rer Unſchuld blüh'n; Euch, denen noch in tauſend Silberſpiegeln Des Lebens Farben wunderbarer gluͤh'n; Um deren Daſeyn noch auf gold'nen Fluͤgeln Des Fruͤhlings milde Engel laͤchelnd zieh'n; Euch laden wir mit liebendem Vertrauen, Der Erde Schauſpiel mit uns anzuſchauen. Kommt, ſeht des Nebels dichte Wolken ſchwinden, Und weite Fernen freundlich Euch enthuͤllt;— Auftauchend aus des Lebens Irrgewinden Vor Eurem Blick ein duͤſt'res Schreckensbild! Ihr werdet Wahrheit in dem Bilde finden, Das mit Entſetzen Euch die Seele fuͤllt. Der wilde Haß, der finſtern Rache Walten Wird Eurem Auge warnend ſich entfalten. Doch durch die Thraͤne, welche ſtull und milde Um die gefall'nen Bruͤder niederthaut; Werft Ihr den Blick auf Indiens Gefilde, Vernehmt des Sclavenbruders Klagelaut.— Was die Natur zum nie erreichten Bilde, Auf ihren Hoͤh'n, in ihren Tiefen baut, Und ihrer Zauber ewig neue Quelle, Verſchoͤnert Eures Daſeyns Morgenhelle. Ein Tempel iſt die Welt— und ihren Bogen Hat ſtill des Schoͤpfers unſichtbare Hand Von Oſt' nach Weſt', von Suͤd' nach Nord' gezogen Und bis in die Unendlichkeit geſpannt; Noch ruht ſie Euch auf rauſchend leiſen Wogen, Verſchleiert wie ein lockend Feeenland.— Der Schleier ſinkt! Und ihre Nebelraͤume Enthuͤllen Euch des Wallers Sehnſuchtstraͤume. Vorwort. — Bei der reichen Fuͤlle von Jugendſchriften, die gegenwaͤrtig unſere vaterlaͤndiſche Literatur er⸗ zeugt, konnte es freilich nicht Mangel an einer unterhaltenden und zugleich belehrenden Lectuͤre ſeyn, welcher uns zu der Herausgabe der nach⸗ ſtehenden Schrift bewog. Allein wie auch ge⸗ lehrte und einſichtsvolle Maͤnner, Bellettriſten und geiſtreiche Frauen wetteifern, die Ingend 7 mit paſſenden Gaben der Wiſſenſchaft und Muſe zu beſchenken, blieb dennoch, ſeit Campe die irdiſchen Gefilde mit den himmliſchen vertauſchte, an dieſem Baum der Literatur ein duͤrrer Zweig, zu dem noch immer vorzuͤglich die erwachſenere und gebildete Jugend mit unbefriedigter Sehn⸗ ſucht emporblickt. Wohl fuͤhlend, daß wir uns in Athenens Tempel nur zu den juͤngſten Prie⸗ ſtern zaͤhlen duͤrfen, wuͤrde uns die Kuͤhnheit zu einer Unternehmung, die Andere, Aeltere und Wuͤrdigere, unterließen, gefehlt haben, wenn ſich nicht Mittel in unſern Haͤnden befunden haͤtten, welche uns die Ausfuͤhrung unſers Vorhabens VI unendlich erleichterten. So aber wagten wir den Verſuch, mit neuen Bluͤthen jenen Zweig zu impfen, uͤber deſſen Vernachlaͤſſigung ſo manche Klage von Eltern und Erziehern auch bis zu uns gedrungen iſt. Wir widmen unſer Werk demnach zunaͤchſt zwar der erwachſeneren und gebildeten Jugend, glauben jedoch feſt, daß auch aͤltere Perſonen in dem Buche eine nicht alltaͤg⸗ liche Unterhaltung finden werden und hoffen endlich, daß es, vermittelſt der erklaͤrenden An⸗ merkungen, auch Kindern angenehme geiſtige Genuͤſſe zu gewaͤhren vermag. Ob wir die rechten Mittel zum Zwecke waͤhl⸗ ten und in wie fern wir das Ziel, nach dem wir mit allen Kraͤften ſtrebten, erreichten, muß der Erfolg uns lehren. Daß wir indeß das Werk, beſeelt von der innigſten Liebe fuͤr Mit⸗ tel und Zweck, und mit dem waͤrmſten Eifer begonnen und vollendet haben, duͤrfen wir ge⸗ wiſſenhaft verſichern und hoffen daher, daß man unſer Streben freundlich anerkennen und uns die ſchonende Nachſicht, um die wir beſcheiden bitten, nicht verſagen werde. Die Verfaſſer. Weinrich Mieck's erſte KReisge nach Ostindien. Heinrich Wiek's erſte Reiſe nach Oſtindien. Nach Originalbriefen bearbeitet. In den Ocean ſchifft mit tauſend Maſten der Jüngling, Still auf gerettetem Boot eilt in den Hafen der Greis. Schiller. I. Waͤhrend meines Aufenthalts in Copenhagen lag mir nie ein Wunſch inniger am Herzen, als der, nach Beendigung meiner Studien fremde Laͤnder zu ſehen. Ich hatte mit Mangel und Sorgen aller Art zu kaͤmpfen, aber ſie vermochten die nim⸗ mer muͤden Fluͤgel meiner Phantaſie, welche mir jede Ferne reizender als die Naͤhe malte, nicht zu lähmen, und die Begierde, meine Kenntniſſe durch Reiſen zu vermehren, beherrſchte mich mit jedem Tage maͤchtiger. Meine gluͤhende Sehnſucht um⸗ faßte die fernſten Welttheile, ich ſchwebte im Geiſte . 1 uͤber den unermeßlichen Ocean, begruͤßte nie ge⸗ ſehene Kuͤſten und ſah die Wunder der Schoͤpfung enthuͤllt. In meinen Traͤumen umſpielte mich der ewige Fruͤhlingshauch des Orients, in den Schnee⸗ gefilden des aͤußerſten Nordens wehte mich Gottes Odem an. Ich druͤckte den rohen Indianer und den gebildeten Europaͤer mit gleicher Waͤrme an die Bruſt, denn das Gefuͤhl, mit dem ich alle Men⸗ ſchen als Kinder eines Vaters betrachtete, erſtick⸗ ten die Widerwaͤrtigkeiten meiner Jugend nicht und die Bekanntſchaft eines Newton hatte nicht mehr Intereſſe als die eines ſchwarzen Afrikaners fuͤr mich. Alles was Menſch heißt war mir liebens⸗ und ſehenswerth jeder Winkel der Erde. Was ich in Reiſebeſchreibungen geleſen hatte, veizte mich, ohne mich zu befriedigen, die Gefah⸗ ren eines Kolumbus und anderer Entdecker, die Abentheuer eines Robinſons ſchreckten mich nicht. Selbſt der Gedanke an den Tod floͤßte mir weder Furcht noch Grauen ein, ich betrachtete ihn wie eine groͤßere Reiſe, auf der ich ſtatt des Oceans den lichten Aether durchſchiffen, auf der Sonne oder irgend einem andern Fixſtern landen und einſt meine verklaͤrten Eltern, meine Geſchwiſter und 3 Freunde wieder finden wuͤrde.— Wenn ich an lauen Sommerabenden einen Spaziergang aus dem Caſtell, laͤngſt dem lieblichen Garten des Conferenz⸗ raths Claſen, nach der Kalkbrennerei machte, dann vorzuͤglich ſchwellte eine hoͤhere Sehnſucht meine Bruſt, meine Blicke ſchweiften mit unnennbarer Wehmuth nach dem Sunde hin, wo der Wind mit den Wimpeln zahlloſer Schiffe ſpielte, und ich dachte:„Wann, o, wann wirſt auch du da hinaus⸗ ſchweben, in die weite unendliche Ferne!“ Die Zeit war endlich gekommen, in der ich an die Ausfuͤhrung meines Lieblingsplans ernſthaft den⸗ ken durfte. Im Jahre 1804 hatte ich meine Stu⸗ dien beendigt. Abhaͤngig von niemand als von mir ſelbſt, vermochten die theuren Bande der Ge⸗ ſchwiſterliebe und Freundſchaft, welche mich einzig noch an mein Vaterland feſſelten, meinen heißeſten Wunſch nicht laͤnger zu unterdruͤcken. Allein da ich weder hohe Goͤnner noch bedeutende Connexio⸗ nen hatte, hielt es ſchwer fuͤr mich, mir eine An⸗ ſtellung als Schiffsarzt zu verſchaffen. Mir blieb nichts uͤbrig, als mich gerade zu an die Haupt⸗ maͤnner der aſiatiſchen Compagnie zu wenden. Erſt nach vielen Schwierigkeiten gelang es mir, mein 1* Geſuch vorzubringen. Ich wurde von dem Etats⸗ rath Calliſen gepruͤft, faͤhig befunden und erhielt vier Wochen ſpaͤter von der Direction die ge⸗ wuͤnſchte Anſtellung als zweiter Doctor auf dem Schiffe Dannebrog. Der Capitain hieß Tran⸗ berg und die Fahrt ging nach Cap de bonne esperance, Isle de France, Bengalen und eini⸗ gen andern Plaͤtzen in Oſtindien. Meine Gage fuͤr die ganze Reiſe, welche 13 bis 14 Monate dauern konnte, betrug etwas uͤber 300 Rthlr. Außerdem erhielt ich freie Koſt, welche ſehr vor⸗ trefflich ſeyn ſollte. Die Haͤlfte meiner Gage wurde mir gleich ausbezahlt und reichte gerade hin, mir ein Bett, einige Dutzend Hemden, Struͤmpfe u. ſ. w., drei Paar Schuhe, Stiefel und drei nanquing Matroſenhabits zu kaufen, kurz mich fuͤr eine ſo lahge Reiſe gehoͤrig zu equipi⸗ ren.— Eine Reiſebeſchreibung zu liefern, dazu ge⸗ hoͤrten freilich mehr Kenntniſſe als ich beſaß; aber wenn ich auch weder die Gefahren des erſten Welt⸗ umſeglers, noch Robinſons Abentheuer zu beſtehen hatte, ſo war mir doch das Leben auf dem Schiffe, welches in den Reiſebeſchreibungen gewoͤhnlich nicht umſtaͤndlich geſchildert wird, wie alles, was ich auf meiner Reiſe ſah und hoͤrte, neu und merk⸗ wuͤrdig genug, um die Blaͤtter meines Tagebuchs damit zu fuͤllen. Den 16. October brachte ich meinen Koffer an Bord, den 17. Morgens um 7 Uhr ging ich ſelbſt dahin, um zu ſehen wie das Schiff durch den Baum legte. Wie dies geſchehen, und wir bei der Batterie Treekroner geankert hatten, ſchickte ich mich an, wieder an das Land zu gehen. Eben wollte ich ins Boot ſteigen, als der wachthabende Steuermann zu mir kam und fragte:„Wohin Doctor?“„An's Land,“ antwortete ich.„Nein, Sie kommen wahrhaftig nicht an's Land; ich waͤre ja, der Boͤſe hole mich! ein ungluͤcklicher Mann, wenn Sie nicht an Bord waͤren und es fiele was vor.“ Was ſollte ich thun? Ich mußte bleiben. Ungluͤcklicherweiſe hatte ich weder Mantel noch Bettzeug, nicht einmal den Schluͤſſel zu meinem Koffer bei mir. Ich patrouillirte bis Mittag auf dem Verdeck herum, niemand bekuͤm⸗ merte ſich um mich; gar gerne haͤtte ich ein bis⸗ chen Fruͤhſtuͤck gehabt, aber niemand bot mir et⸗ was; jemand darum anſprechen mochte ich nicht, denn ich kannte keinen Einzigen. Der Meiſter 1 V Koch lief geſchaͤftig mit ſeiner weißen Muͤtze und Schuͤrze umher, purrte im Feuer, ruͤhrte in den Toͤpfen, begoß den Braten am Spieß u. ſ. w.— Endlich kam Meiſter Segelmacher, mein Schlaf⸗ kamerad, tracktirte mich mit einem Glaͤschen Li⸗ queur und einem Haͤppchen Brod; das war aber lange nicht hinreichend, um meinen Appetit zu ſtil⸗ len, und nirgends ſah ich, daß ein Tiſch gedeckt wurde. Bald darauf wurde die Glocke uͤber mei⸗ nem Kopfe auf dem Verdeck maͤchtig gelaͤutet; auf dieſes Zeichen ſah ich alle Matroſen vom erſten Verdeck herunterſtroͤmen und ſich haufenweiſe auf dem zweiten lagern. Eine Parthie lag dicht unter meinem Fenſter; es wurde ihnen ein großer höͤl⸗ zerner Backen mit Suppe und Fleiſch aufgetragen. Es war ein komiſcher Anblick, ſie ſchmauſen zu ſe⸗ hen; jeder holte ſich mit den Faͤuſten einen Lappen Fleiſch von einigen Pfunden aus der Suppe, tunkte es in einen Haufen Salz, der mitten auf dem Ver⸗ deck lag, und riß mit den Zaͤhnen daran herum. So ſehr mich auch hungerte, hatte ich doch nicht den geringſten Appetit mit ihnen zu ſpeiſen. An mich wurde nicht gedacht. Der Koch ſprang noch eben ſo geſchaͤftig umher und hoͤrte nicht auf zu kochen und zu braten. Ich ſchlich wieder auf's Ver⸗ deck, aber nirgends fand ich einen gedeckten Tiſch. Die Officiere ſpazierten umher, jeder hatte ein Stuͤck Brot und Wurſt oder Kaͤſe in der Hand, wovon ſie auf eine ſehr Appetit erregende Art ſpeiſeten, ich ſah ihnen mit ſcheelen Augen zu und ſchlich weiter. Endlich, da die Uhr ſechs wurde, konnte ich es nicht laͤnger aushalten; ich fragte den Boots⸗ mann, wie es zuginge, daß ich nichts zu eſſen be⸗ kaͤme. Der ſah mich mit großen Augen an und fragte, ob ich nichts mitgebracht haͤtte?„Nein!“ ſagte ich,„denn ich glaubte, daß man Eſſen am Bord bekaͤme.“„Ja ſo kann ich Ihnen nicht helfen,“ erwiderte er,„denn im Anfang nimmt jeder, der nicht Matroſe iſt, ſich etwas Proviant mit, weil dann noch alles in Unordnung iſt.“ Das war mir nun aͤußerſt fatal; jetzt merkte ich erſt, welch' ein großer Feind der Unordnung ich war, doch beſchloß ich, mich noch bis zum andern Morgen zu gedulden. Ich ſchlich wieder in meine Koy und ſtuͤtzte den Kopf auf die Hand. Die Glocke toͤnte abermals uͤber mir, die Matroſen la⸗ gerten ſich wieder um meine Kammer; diesmal er⸗ hielten ſie Gruͤtze und es ſchien mir, daß dieſelbe ſehr appetitlich zubereitet ſey. Nachdem ſie ver⸗ zehrt war, ſchnitt ſich jeder einen Knollen Brot, beſtrich denſelben Fingerdick mit Butter und holte ſich ſeinen Reſt Fleiſch, welchen er den Mittag uͤbrig behalten hatte, aus irgend einem Loche her⸗ vor; denn was ihnen am Mittag uͤbrig bleibt, ver⸗ ſtecken ſie ſich, der eine zwiſchen Biertonnen, der andere in einen Holzſtoß, ein dritter zwiſchen An⸗ kertauen, ein vierter in eine Kanone u. ſ. w. Da ſaßen ſie nun alle, in der einen theerichten Fauſt das Butterbrot, in der andern das Fleiſch haltend, ganz ſtille und aßen nicht, ſondern ſchienen etwas zu erwarten. Nicht lange, ſo erſcholl auch die Pfeife, welche mit einem„Hurrah!“ aus allen Winkeln beantwortet wurde, und jeder eilte aufs Verdeck. Ich folgte, um zu ſehen, was es gaͤbe. Hier ſtanden auf einer Erhoͤhung zwei Maͤnner mit einem Eimer Branntewein, aus welchen ſie mit einem kleinen Maaß ſchoͤpften und jedem ſeine Portion reichten, dabei verzehrten die Matroſen ihr Butterbrot.— Ich ſetzte mich wieder in meine Koy und fing Grillen. Licht mochte ich nicht an⸗ zuͤnden, denn ich hatte weder zu leſen noch zu ſchreiben, weil ich, wie geſagt, den Schluͤſſel zu meinem Koffer vergeſſen hatte; auf einmal rief eine Stimme uͤber mir recht wie vom Himmel herab: „Doktor! vil de vaere ſo artig og komme ob til ſpiſe.“ Das ließ ich mir nicht zweimal ſagen, ich folgte der Stimme und wurde von dem Havmei⸗ ſter, das iſt der erſte Aufwaͤrter, in die Kajuͤte ge⸗ fuͤhrt, wo der Capitain und die uͤbrigen Officiere ſchon verſammelt waren.„Das kommt beſſer als du gedacht haſt!“ dachte ich. Der Tiſch war praͤchtig mit feinem chineſiſchen Porzellain gedeckt, das behagte mir ſehr; ich uͤberſah den Tiſch und zaͤhlte die Couverts, es waren ſechs; auf einem Nebentiſch ſtanden ganze Haufen reiner Teller, ein fein lackirtes Becken mit Bierflaſchen und Glaͤſern, ein dito mit Weinflaſchen und Weinglaͤſern. Nicht lange ſo kamen vier Aufwaͤrter mit verdeckten Ge⸗ richten, die alle auf einmal auf den Tiſch geſetzt wurden, ganz nach engliſcher Art. Wir ſetzten uns, der Havmeiſter ſervirte Suppe herum, dann folgte Rindfleiſch mit Ruͤben, ein maͤchtiger Och⸗ ſenbraten und ein Pudding. Waͤhrend dem Eſſen ſtanden bei der Thuͤre zwei Aufwaͤrter, ſo ſteif wie Bildſaͤulen, aber es bedurfte nur eines Winkes und ſie ſprangen wie die Gemſen. Ob ich mir was 1- zu Gute that, laͤßt ſich leicht denken. Nach dem Eſſen ſpatzierte ich noch eine halbe Stunde auf dem Verdeck, und trat da herum wie der Froſch im Mondenſchein, dann ging ich zu Koy. Am andern Morgen um fuͤnf Uhr wurde ich von dem durchdringenden Schall der Pfeife geweckt, und gleich war alles lebendig um mich herum. Ich guckte aus dem Fenſter und ſah bei dem Schim⸗ mer der herumwandelnden Laternen, daß ſich die zuſammengerollten Segeltuͤcher, die in Reihen un⸗ ter dem Verdeck hingen, ſtark bewegten; aus je⸗ dem derſelben kam ein Mann hervor; nun bemerkte ich erſt, daß es Haͤngematten waren, worin die Matroſen ſchlafen. Dieſe verfuͤgten ſich aufs Ver⸗ deck, wo ſie ſtatt Thee einen tuͤchtigen Schnaps erhielten. Nun ging es wieder an ein Getoͤſe und Gepolter, daß ich nicht laͤnger ſchlafen konnte, doch blieb ich liegen bis ſieben Uhr, dann ſtand ich auf und kroch allenthalben herum; ich haͤtte gerne zehn Schillinge fuͤr eine Taſſe Kaffee gegeben, ſo ſehr ſehnte ich mich darnach, aber daran war nicht zu denken. Ploͤtzlich hieß es wieder:„Doktor! vil de vaere ſo artig og kommer ob til ſpiſe?“ Ich ging⸗ da dampfte wieder auf dem einen Ende des Tiſches 11.. Ragout, auf dem andern ſtand ein ungeheurer Schinken. Indeß es mag genug ſeyn, wenn ich ſage, daß es Morgens, Mittags und Abends war⸗ mes Eſſen und zwei, drei bis vier Gerichte giebt; genoͤthigt wurde gar nicht, jeder nahm wovon und ſo viel ihm beliebte. Jetzt herrſchte auch ſchon mehr Ordnung auf unſerm Schiffe; ich hatte einen ſchwarzen Jungen zum Aufwaͤrter, ein flinker Burſche, Namens Catula, welcher mir Morgens Waſchwaſſer brachte, meinen Thee beſorgte, kurz alles that, was er mir an den Augen abſehen konnte; denn er hatte ungeheuren Reſpekt, welchen mein Vorweſer ihm mit einem aufgeſchlitzten Ka⸗ beltau eingefloͤßt haben ſollte. Ueberhaupt lebte ich ſehr vergnuͤgt, war lieber am Bord als auf dem Lande und wuͤnſchte nur, daß wir bald die Anker lichten moͤchten. Unſer Schiff war ein Dreimaſter, die Laͤnge be⸗ trug vom Spiegel bis zum Bogſpriet 73 Schritt, d. h. nach meinen Schritten, die um einen halben Fuß groͤßer ſind als gewoͤhnliche, ſintemal meine Fuͤße ziemlich groß ſind und an einem ſehr langen Koͤrper haͤngen. Die Breite vom Steuerbord bis zum Backbord betrug 23 Schritt. Es hatte drei Verdecke und zwei Kajuͤten, naͤmlich eine uͤber der andern. Die oberſte war auf dem Verdeck, in die⸗ ſer wurde gewoͤhnlich geſpeiſt; die unterſte war groͤßer, auch viel ſchoͤner tapezirt und ausgeſchmuͤckt. Zwiſchen dem erſten und zweiten Verdeck waren an den Seiten der Laͤnge nach Kammern angebracht, und zwar ſo, daß zwiſchen zwei Kammern eine Kanone, oder zwiſchen zwei Kanonen eine Kam⸗ mer ſtand. In dieſen logirten die Steuermaͤnner, der Bootsmann, der Oberzinimermann, Meiſter Koch, Oberkonſtabel ꝛc. ꝛc.— Meine Kammer lag in der Mitte, zwiſchen dem großen und Beſaans⸗ maſt; in derſelben, in einem andern Bette, ſchlief ein Oberſegelmacher, ein junger feiner Menſch, mit dem ich recht freundſchaftlich harmonirte. Ganz vorne befand ſich die Kuͤche und Schmiede, tief unter derſelben das Lazareth, wohin unſere Kran⸗ ken gebracht wurden. Dannebrog war fruͤher ein Kriegsſchiff und fuͤhrte noch 30 Kanonen. Vorne unterm Bogſpriet an der Außenſeite war es mit dem Kriegsgott Mars, von koloſſaler Groͤße, ge⸗ ziert. Wie ſtark die Mannſchaft war, wußte ich ſelbſt noch nicht genau, es hieß 50 bis 60 Ma⸗ troſen, ohne Konſtabel ꝛc. Wir hatten auch Pro⸗ —. 13— feſſioniſten am Bord, z. B. Schuſter, Schneider, Zimmerleute, Schmidt, Tiſchler, Faßbinder, Schlach⸗ ter und andere mehr. Mir geſiel es mit jedem Tage beſſer am Bord, da ich nun erſt recht bekannt wurde. Ich betrach⸗ tete das Schiff immer wie eine kleine Stadt mit zwei Straßen, alles war Nachbar; am poſſierlich⸗ ſten ſchien es mir des Morgens fruͤh, wenn ſo ei⸗ ner nach dem andern ſein Haͤuschen oͤffnete, den Kopf aus der Thuͤre ſteckte, und den Andern noch gaͤhnend einen guten Morgen zunickte; eben ſo des Abends, da beſuchte ein Nachbar den andern, man rauchte eine Pfeife und trank ein Glas Punſch oder Wein; bald tracktirte der eine, bald der an⸗ dere, kurz es gefiel mir außerordentlich wohl.— Den 26. October war die allerhoͤchſte Direction am Bord, da mußten wir ſchwoͤren. Das war ein Spektakel von Trompeten und Pauken, Trommeln und Kanonendonner, daß mir die Ohren gellten. Ich haͤtte fuͤr 2000 Rthlr. Waaren mitnehmen koͤnnen, ich wollte mich diesmal aber nicht darauf einlaſſen, denn wenn ich fuͤr 1000 Rthlr. Waaren haben wollte, wovon ich wußte, daß ich nichts darauf verlieren wuͤrde, ſo ſollte ich auch fuͤr 1000 Rthlr. Praͤtioſen, z. B. goldne Uhren, Doſen, Ringe ꝛc., nehmen und zu 30 Procent, dazu wollte ich mich nicht verſtehen; haͤtte ich baares Geld er⸗ halten koͤnnen, ſo wuͤrde ich gerne 35 Procent ge⸗ geben haben, aber dazu wollten die Juden ſich nicht verſtehen, folglich hatte ich fuͤr dieſesmal nichts mit zu ſchachern. II. Ein Sturm, den wir am 28. October hatten, ſetzte uns etwas zuruͤck und verurſachte, daß wir noch laͤnger auf der Rhede liegen bleiben mußten. Bei dieſer Gelegenheit lernte ich ein wenig vom Seeleben kennen; auch hatte ich das Gluͤck einen Matroſen aus dem Waſſer zu ziehen. Es war Nachmittag, ich legte mich in eine Kanonenluke und freute mich uͤber das Brauſen der Wogen, die ganz dicht unter mir wegſtrichen und vergebens unſer Schiff peitſchten, um es in Bewegung zu ſetzen; die kleinern Fahrzeuge hingegen ſchwankten auf und ab. Plöbtzlich plumpte etwas neben mir, ich ſah mich um und erblickte einen Matroſen, der vom Bord gefallen war, im Waſſer. Vergebens bemuͤhte er ſich die Taue zu ergreifen, die ihm zu⸗ geworfen wurden, die Wellen riſſen ihn fort und trieben ihn gluͤcklicherweiſe dicht unter meine Luke, ich warf ihm auch einen Strick zu, er ergriff ihn und ich zog ihn gluͤcklich herein.— Der Sturm wurde immer ſtaͤrker, um 4 Uhr erſcholl das Ge⸗ ſchrei:„vi drive! vi drive!” Die Anker hatten naͤmlich nachgelaſſen und wir trieben ruͤckwaͤrts, das war ein mit nichts zu vergleichender Spekta⸗ kel. Man denke ſich ein großes Schiff, uͤber 100 Menſchen darauf, die alle durcheinander ſchreien, laͤrmen und fluchen, die Officiere uͤberſtimmen dieſe wieder mit ihren Sprachroͤhren, die Bootsmaͤnner mit ihren Pfeifen, dazu kommt das Geheule des Sturms, das Klappern der Tauen, das Krachen der Stengen und Raaen, das ganze Schiff aͤchzt und ſtoͤhnt, kurz, man muß ſelbſt Zeuge davon ſeyn, um ſich einen Begriff davon machen zu koͤn⸗ nen. Endlich wurde es ruhig auf unſerm Schiffe, wir ſpeiſ'ten und ich ging zu Koye. Der Sturm wurde immer ſtaͤrker, trotz dem ſchlief ich gleich ein. Ich mochte wohl eine halbe Stunde geſchla⸗ fen haben, als das Geſchrei mich weckte:„Reis! reis! allemand reis! vi ſynke! i Sluupen! i Sltuupen!e— „Nu er fanden loͤs!“ rief mein Oberſegelma⸗ cher, war mit einem Satz aus dem Bette und auf'm Verdeck. So geſchwind ging es aber nicht mit mir, denn ich war ganz ausgekleidet; in der Verwirrung konnte ich meine Kleider nicht finden, ich warf daher nur meinen Mantel um, riß den Koffer auf, nahm einen Arm voll Kleider heraus, und wollte damit fort, um in die Schaluppe zu ſpringen. Indeß brachte mich die Nachtluft, die mich ziemlich kuͤhl anwehte, wieder zur Beſinnung. Halt,“ dachte ich,„ein Schiff wie Dannebrog ſinkt nicht wie ein irdener Teller; du ſollſt erſt ſe⸗ hen, wie es auf dem Verdeck ausſieht.“ Kaum war ich oben, ſo ſah ich, daß nicht wir, ſondern die Schaluppe, die mit einiger Mannſchaft und einem Anker ausgeſchickt worden war, um unſer Schiff noch mehr zu befeſtigen, ſinken wollte, folg⸗ lich hatte ich mich geirrt; die Schaluppe ſank auch wirklich und zwei Mann verloren dabei ihr Leben. Den 29. verloren wir wieder einen Mann, dieſer aber ertrank nicht, ſondern er erhaͤngte ſich. Des Mittags wurde er vermißt und Abends um 9 Uhr in einem Winkel unter dem erſten Verdeck gefunden. Er hatte noch ein tuͤchtiges angebiſſenes „ 1. Butterbrod vor ſich ſtehen.— Es hieß, daß wir noch drei bis vier Tage hier liegen wuͤrden, denn die verſunkene Schaluppe ſollte erſt wieder aufge⸗ bracht, die waͤhrend dem Sturme heruntergelaſſe⸗ nen Stengen und Raaen aufgetackelt werden; und weil ſonſt auch noch vieles in Ordnung zu brin⸗ gen war. Um unſer Schiff in Bewegung zu ſetzen, muß⸗ ten wir Platz haben; daher wurde es den 2. No⸗ vember eine halbe Meile weiter hinaufbugſirt. Um 12 Uhr Mittags lichteten wir die Anker, diesmal war der Lootſe der Hauptmann, ſeine ohnehin ſchon donnernde Stimme erſcholl durch das Sprachrohr noch dreimal fuͤrchterlicher. Vorne auf dem Schiff ſtanden zwei Officiere auch mit Sprachroͤhren, ei⸗ ner ſtand auf dem Backbord und kommandirte ſo⸗ wohl das Bogſpriet, als auch diejenigen, die unter dem Verdeck mit den ſchweren Ankertauen arbeite⸗ ten. Ein anderer ſtand auf der Gallone und hatte den Fockmaſt in Aufſicht, ſo hatten alle Officiere ihren Poſten. Der Capitain ging nur herum und munterte die Leute auf. Die arbeitenden Matro⸗ troſen ſingen auf ihre Weiſe. Dreißig Mann lau⸗ fen in der Spille, an welcher der Anker aufgewun⸗ den wird, dieſe ſingen taktmaͤßig und bei jedem Takt machen ſie einen Ruck; iſt ein Vers aus, ſo verdoppeln ſie mit einem fuͤrchterlichen„Hurrah!“ ihre Kraͤfte, und iſt der ganze Rundgeſang zu Ende, dann ſtimmen ſie einen andern an. Eine andere Parthie, die das große Marsſegel aufzieht, ſingt auf eine andere Manier, naͤmlich, erſt eine Stimme:„Ah!“ Chor:„Hurrah!“ Stimme: „Heiſop!“ Chor:„Hurrah!“ und ſo gehts immer fort, klingt aber ſo harmoniſch, daß man es mit Vergnuͤgen anhoͤrt. Andre dagegen haben nur das monotone:„Hallop! juhop!“ u. ſ. w. Man denke ſich dies alles durcheinander und auf einmal⸗ wozu noch die Bootsleute und Quartiermeiſter mit ihren Pfeifen das Tutti ergaͤnzen. Alles ging gut, die Anker waren gelichtet, unſer Schiff ſetzte ſich in Bewegung. Ploͤtzlich aber gerieth alles in Un⸗ ordnung, es zeigte ſich, daß die Matroſen nicht die erfahrenſten waren, ſondern uͤber eine Kleinigkeit den Kopf verloren; kein Befehl wurde richtig aus⸗ gefuͤhrt, ſie thaten ſogar das Gegentheil von dem, was kommandirt wurde; kurz, unſer Schiff ver⸗ lor auch den Kopf; ſtatt daß es gerade ausgehen ſollte, drehte es ſich im Zirkel und ſpatzirte endlich ., 19 N ruͤckwaͤrts. Nun wurde aus dem luſtigen Singen ein furchtbares Fluchen; der ausgeworfene Anker wollte bei den ausgeſpannten Segeln nicht halten, und dieſe einziehen konnten die ungeſchickten Leute nicht, weil ſie alles verkehrt angriffen. Die an⸗ dern Schiffe, worauf wir lostrieben, geriethen in Aufruhr; die kleineren machten ſich aus dem Wege; die groͤßeren, die das nicht ſo geſchwind konnten, bewaffneten ſich mit Bootshacken, Rudern und Stangen, um uns aufzuhalten, daß wir ſie nicht in den Grund knuſeten. Endlich ſtand es, die Se⸗ gel waren beigelegt und wir waren Copenhagen eine ziemliche Strecke naͤher geruͤckt. Jetzt hieß es, morgen ſollte es fortgehen. Die Matroſen beka⸗ men tuͤchtige Pruͤgel; doch daran ſind ſie gewoͤhnt, denn die ſetzt es alle Tage. Noch am Abend des 3. Novembers holte der Bootsmann ſie mit der Viole(ein dickes Ende Tau) aus den Koyen, weil ſie etwas vergeſſen hatten. Er ſparte keine Fluͤche und tampte dabei tuͤchtig darauf los. Ich fragte ihn ſpaͤter, warum er die armen Leute ſo jaͤmmer⸗ lich pruͤgelte?„Wenn ich nur erſt die Matroſen kennen lernte,“ ſagte er,„ſo wuͤrde ich mich nicht mehr daruͤber wundern, ein ſo rohes Volk muͤßte alle Tage Pruͤgel haben, ſo lange das Schiff hier auf der Rhede liege, ſonſt ſey auf der ganzen Reiſe nicht damit umzukommen.“ Auf dem Cap der guten Hoffnung ſollte unſer Schiff mit einem neuen vertauſcht werden; weil naͤmlich Dannebrog ſchon ein ſehr alter Kaſten war und die ganze Reiſe nicht mehr anshalten konnte. Den 5. November las ich alle Abſchiedsbriefe von meinen Verwandten und Freunden noch ein⸗ mal durch und beantwortete ſie mit dem herzlich⸗ ſten Lebewohl.— Ich ſchrieb noch viele Briefe an alle meine in der Heimath zurückgelaſſenen Lieben und ſuchte ihre bangen Beſorgniſſe fuͤr mich zu zerſtreuen. In meinem Herzen fand die Furcht keinen Eingang, die Freude uͤber meine Reiſe er⸗ fuͤllte es ganz und ich hegte keine andere Wuͤnſche mehr, als die, welche das Gluͤck derer, die mir lieb und theuer waren, betrafen. Den 6. November gingen wir unter Segel. Diesmal ging alles beſſer, denn— wir hatten Windſtille. Wir lichteten gluͤcklich die Anker und ſtanden mit ausgeſpannten Segeln auf der Mee⸗ resflaͤche, endlich erhob ſich ein wenig Luft, wir 8 ... 21. trieben den ganzen Tag eine Meile, bis an die Inſel Hveen. Hier ankerten wir. Es war auf dem Lande ein ſchoͤner Herbſttag, nur fuͤr uns Seeleute taugte er nicht. Den 7. war der Wind eben ſo, wir trieben eine Viertelmeile. Den 8. war der Wind beſſer und blies ſtaͤrker. Ich eilte aufs Verdeck, wo ich genug zu ſehen hatte.— Wenn ich ſo da ſtand und den Blick in die Hoͤhe richtete, die ungeheuren Lappen von Segeln be⸗ trachtend, die theils blendendweiß, theils dunkelgrau waren, ſo ſchien es mir ein fuͤrchterliches Felſen⸗ gebirge zu ſeyn, welches jeden Augenblick zuſammen zu ſtuͤrzen drohte.— Maleriſch erhoben ſich die Kuͤſten von Schweden und Seeland, wir waren nahe bei Helſingoͤr und ich mußte die Briefe an meine Geliebten ſchließen. Vieles, ach! vieles haͤtte ich ihnen noch zu ſagen gehabt, denn meine Seele war voll nie empfundener Gefuͤhle, doch mir blieb keine Zeit mehr, denn der Loorſe, mit dem ich die Briefe ſandte, wollte fort. Den 7. Novb. 1804 paſſirten wir den Sund, gegen Morgen waren wir im Kattegat. Hier hat⸗ ten wir gaͤnzliche Windſtille in einigen Tagen; den 10. hatten wir am Vormittag guten Wind, Nach⸗ mittags aber ruͤhrte ſich kein Luͤftchen, ſo wechſelte es einige Tage ab. Den 12. bekamen wir wieder Windſtille und mildes heiteres Wetter; dem unge⸗ achtet war das Meer ſehr unruhig; brauſende Wogen thuͤrmten ſich nicht, aber ganz ſanft hoben ſich ſpiegelglatte Berge aus der Tiefe empor und verſchwanden wieder, ſo daß das Schiff in beſtaͤn⸗ diger Arbeit war und man ſich nicht drei Secunden lang aufrecht erhalten konnte. Um 9 Uhr erhob ſich der Wind, jedoch ganz contrair. Der Bootsmann meinte, daß wir einen Sturm bekaͤmen; er hatte ſich auch nicht geirrt, denn kaum lag ich im Bette, ſo merkte ich an der ſtarken Bewegung und dem Knarren des Schiffs, daß es nicht ganz richtig ſey; trotz dem ſchlief ich ruhig ein. Gegen Morgen wurde der Sturm ſehr heftig, dabei regnete und ſchneite es ſtark. Ich kroch mit Haͤnden und Fuͤßen auf's Verdeck, um mich ein wenig umzuſehen. Hier genoß ich denn zum erſtenmal das Schauſpiel eines Sturms auf offener See. Der Wind pfiff uͤber die ſchaͤumende Meeresflaͤche hin und trieb Regen und Schnee in horizontaler Richtung vor ſich her; das Getoͤſe der Tauen, Stengen und Raaen, das Fluchen und Donnern der Kommandiren⸗ * — 23 den und das Geſchrei der arbeitenden Matroſen war grauſenerregend und wenn ein losgeriſſenes Stuͤck Segel im Winde flatterte, ſo donnerte es gleich ſchweren Gewitterſchlaͤgen. Gegen Mittag wurde der Wind ſtiller, kehrte aber gegen Abend mit vermehrter Wuth zuruͤck. Jetzt war es ſchon etwas bedenklicher, denn ich hoͤrte daß wir Sand⸗ baͤnke in der Naͤhe hatten; ich legte mich daher in meinen Kleidern, die Stiefel ausgenommen, zu Bett, um gleich bei der Hand ſeyn zu koͤnnen. An Schlaf war gar nicht zu denken, ich wurde ſo herum geworfen, daß ich jeden Augenblick aus dem Bette zu fliegen glaubte, auch knarrte und aͤchzte unſer alter Rummelkaſten ſo, daß ich jeden Augenblick dachte, er werde zuſammenſtuͤrzen; dazu kam das Gepolter der Kiſten und Kaſten, die ſich losgeriſſen hatten und uͤber einander herſtuͤrzten; hauptſaͤchlich fuͤrchtete ich mich vor einer Kanone, die gerade meiner Thuͤr gegenuͤber lag, daß ſie ſich losreißen, sans complimens meine Thuͤre ſprengen und mich auf's unfreundlichſte in meiner Koye be⸗ ſuchen moͤchte. Mein Stubenkamerad, der Ober⸗ ſegelmacher, lief ab und zu; an ſeinem Stoͤhnen merkte ich, daß ihm nicht wohl zu Muthe ſey, * ... 24—. doch wollte ich ihn nicht fragen, wie es mit uns ſtehe. Iſt dein letztes Stuͤndlein gekommen, dachte ich, ſo erfaͤhrſt du es noch zeitig genug; ich ſtellte mich daher, als ob ich ſchliefe. Indeß kann ich verſichern, daß mir gar nicht bange war, denn uͤber das Sterben hatte ich meine eigene Philoſophie, die mich maͤchtig troͤſtete, und ſo philo⸗ ſophirte ich mich uͤber den Tod hinaus. Waͤhrend ich mich aber ſo ſtoiſch auf mein letztes Stuͤndlein bereitete, ſtuͤrzte mein Segelmacher mit den Wor⸗ ten herein:„Raus Doktor!„Raus mit Euch! wir ſind in Gefahr!“ und gleich darauf erſcholl auch die Pfeife nebſt der donnernden Stimme unſers Boots⸗ manns:„'Raus!'raus! Alles'raus! Satan ſoll blaſen und pfeifen!— wollt Ihr raus! Der Boͤſe ſoll in Euer ſuͤndhaftes Blut fahren, Ihr Himmel⸗ hunde!— Mond und Sterne moͤgen herunterſtuͤr⸗ zen und Euch den Hals brechen! Soll ich Euch helfen?!“— und damit holte er wie gewoͤhnlich die Matroſen mit einem dicken Ende Tau aus ihren Koyen und ſie aufs Verdeck. Weg war ploͤtzlich meine ganze Philoſophie; wie der Blitz fuhr ich aus dem Bette, warf meine Stiefel aus einem Winkel in den andern und konnte 200Oo. .. ſie doch nicht finden; endlich entſchloß ich mich, unbeſtiefelt aufs Verdeck zu eilen. Kaum war ich aus der Thuͤr, ſo kam ein Jackhals(ſo nennen die Matroſen diejenigen Wogen, die uͤbers Verdeck weggehen), rollte donnernd uͤbers Verdeck hin, riß alles uͤbern Haufen, was da herum ſtand, und ſtuͤrzte praſſelnd durch die Luken, die nur mit einem Roſt⸗ werk und Segeltuch bedeckt waren, aufs zweite Verdeck herab. Welch' ein Anblick! Es war ſtockfinſter, daß man keine Hand vor den Augen ſehen konnte, und nun ſtuͤrzte da auf einmal, kein Waſſer, ſondern ein dicker Feuerregen dicht vor mir nieder, ſchlaͤngelte ſich leuchtend und rauſchend durch Tonnen und Tauen hin, bis er endlich durch die Kanonenpforten und Speygatten einen Ausweg fand. So erſchrocken ich auch war, konnte ich doch nicht umhin, dies Schauſpiel zu bewundern. Schon oft hatte ich geſehen, daß das Seewaſſer um unſer Schiff herum ſtark leuchtete und gleich⸗ ſam mit Feuerfunken beſaͤet zu ſeyn ſchien, aber nie in einem ſolchen Grade, wie jetzt. Woher dieſer leuchtende Stoff kommt, kann ich nicht ſa⸗ gen; die Seeleute behaupten, daß es kleine leuch⸗ tende Inſekten ſind, ich glaube indeß eher, daß es 2 26„ kleine Partikeln von geſtorbenen Fiſchen ſind; denn bekanntlich leuchten faule Fiſche im Dunkeln.— Nachdem ich dieſes waͤſſerige Feuerwerk eine Zeit⸗ lang angeſehen hatte, eilte ich aufs Verdeck; hier war nichts fuͤr mich zu ſehen, ich hoͤrte nur das Krachen der ſich an unſerm Schiff brechenden Wo⸗ gen, und da ich mich nicht aufrecht zu erhalten ver⸗ mochte, ſondern immer auf und ab, von der einen Seite zur andern, geſchleudert wurde, ſo verfuͤgte ich mich wieder nach meiner Kammer und erwar⸗ tete gelaſſen, was da kommen ſollte; denn jetzt war ich auf alles gefaßt und bekuͤmmerte mich nicht weiter um mein Schickſal. Dieſer Sturm, welcher uns gerade entgegen war, hielt bis zum 27. an, in welcher Zeit wir mehr ruͤcks als vorwaͤrts kamen, und in beſtaͤndi⸗ ger Gefahr ſchwebten, auf einer der vielen Sand⸗ baͤnke zu ſcheitern, die hier in⸗ der Gegend von England beim Anfange des Kanals ſind. In die⸗ ſer Zeit, waͤhrend wir hier ſo kreuzten⸗ vermißten wir einen Mann, es war am 16.; wahrſcheinlich mußte er ſich uͤber Bord geſtuͤrzt haben, aus Furcht vor Strafe, weil er ſeine Wache verſchlafen hatte. Am andern Morgen wurde das ganze Schiff viſi⸗ 86.. ⸗ tirt und da man ihn nicht fand, ſeine Kiſte nach⸗ geſehen, die darin enthaltenen Sachen aufgeſchrie⸗ ben und verſiegelt. Nach 8 Tagen aber, den 23., fanden wir ihn in einem elenden Zuſtande wieder. Er hatte ſich naͤmlich in der Vorderlaſt, zwiſchen den ſchweren Ankertauen, verborgen gehalten, und da er endlich den Hunger und Durſt nicht laͤnger ertragen konnte, gewagt, in der Nacht aus ſeinem Schlupfwinkel hervor zu kriechen, um ſich mit Proviant zu verſorgen, wobei er ertappt wurde. Er war ſo matt, daß er nicht auf den Fuͤßen ſte⸗ hen konnte, daher bekam er einige Staͤrkungsmit⸗ tel, aber dennoch mußte er ins Gefaͤngniß ſpatzie⸗ ren. Am folgenden Morgen wurde Gericht uͤber ihn gehalten und er von aller Strafe frei geſprochen. III. Am 27. bekamen wir beſſern Wind; in der Nacht erblickten wir die beiden Feuer bei Dover, welches wir rechts liegen ließen, und nun befanden wir uns im Kanal. Am folgenden Morgen ſah ich die Kuͤſten von England, welche einen traurigen Anblick gewaͤhrten und bei weitem nicht den Kuͤ⸗ ſten von Seeland glichen. Hier wurden wir von 2⸗ .,29, 28 einer engliſchen Brigantine angehalten, welche un⸗ ſere Papiere unterſuchte und uns dann eine gluͤck⸗ liche Reiſe wuͤnſchte.— Nun ging es hinaus in die ſpaniſche See, wo wir wieder von Stuͤrmen heimgeſucht wurden. Hier ſah ich erſt was ein in Aufruhr gebrachtes Meer heißt; die Nordſee war nichts dagegen. Schwere Waſſerberge waͤlzten ſich heran⸗ es ſchien, als ob ſie uns verſchlingen woll⸗ ten, aber ehe man ſichs verſah, waren wir oben darauf und in dem naͤchſten Augenblick ſegelten wir wieder in einem tiefen Thale, daß man keine zwan⸗ zig Schritt weit ſehen konnte; und wenn ſich eine ſolche Woge gegen das Schiff brach, war es gerade, als wenn eine Kanone abgebrannt wurde; nach ei⸗ nem furchtbaren Knall ſtuͤrzte das Waſſer in einem feinen weißen Staub, wie Pulverdampf, uͤber das Schiff weg; doch war es hier nicht ſo gefaͤhrlich, denn wir hatten weder Land noch Sandbaͤnke in der Naͤhe. Von nun an hatten wir abwechſelnden Wind; bald Sturm, bald Windſtille; welches ich, um nicht zu wiederholen, mit Schweigen uͤbergehe. Den 4. December empfanden wir, daß wir in ein waͤrmeres Klima kamen, welches mir vorzuͤg⸗ lich auffiel, obgleich ich es vorher wußte; mit je⸗ .. 29 dem Tage wurde es waͤrmer und waͤrmer, ſo, daß wir uns innerhalb acht Tagen aus dem Winter in den Sommer verſetzt ſahen.— Den 5. erblick⸗ ten wir einen Segler, welcher nach uns ſchoß. Wir hißten daher unſere Flagge und legten bei; d. h. wir ſtellten die Segel ſo, daß wir weder ruͤck, noch vorwaͤrts kamen. Das Schiff, welches ein engliſches war, kreuzte auf uns zu und hatte uns um 9ꝛ ½ Uhr eingeholt, ſo daß es uns prayen konnte,(Prayen heißt, wenn zwei Schiffe ſich durch Sprachroͤhre unterhalten). Es ſah ſchoͤn aus, wie die große engliſche Fregatte daher ge⸗ ſchwankt kam, die vielen ſchweren Kanonen guck⸗ ten grinzend aus ihren Schießloͤchern und drohten jeden Augenblick Feuer und Flammen aus ihren aufgeſperrten Rachen zu ſpeien. Als wir uns ſo nahe gekommen waren, daß wir einander verſtehen konnten, fragten jene:„From whence do you come? Whither do you göô?²“ „From Copenhaguen, and think to go to the Cap of the good hope!“ lautete die Antwort. „Have you not seen french or english Ships?“ fragten ſie weiter und ſo ging es einige Zeit mit Fragen und Antworten fort; dann ſetzten .. 39 H ſie eine e Jolle aus, ein Officier kam zu uns an Bord, unterſuchte wie gewoͤhnlich unſere Papiere und empfahl ſich wieder. Nun ſegelten wir uns ſo dicht vorbei, daß man ſich mit einem Boots⸗ hacken haͤtte erreichen koͤnnen und jeder ging ſei⸗ nen Weg.— Den 15. paſſirten wir die canariſchen In⸗ ſeln; fruͤh Morgens erblickten wir die Inſel Palma. Als ich gefragt wurde, ob ich Land ſaͤhe? antwortete ich: nein! denn ich erblickte nirgends Land; da zeigte man mir eine dunkelblaue Wolke, welches Land ſeyn ſollte. Ich konnte es kaum glauben, denn dieſe Maſſe lag mir zu hoch und reichte weit uͤber die Wolken hinaus; doch nach einigen Stunden, als wir vier bis fuͤnf Meilen weiter waren, konnten wir es deutlicher ſehen, und in einer Entfernung von ſieben bis acht Meilen unterſcheiden, daß dieſer Berg aus Felſen beſtand. Gerne haͤtte ich geſehen, daß wir geankert haͤtten; denn wie ich hoͤrte, ſollte ein vortrefflicher Wein dort wachſen. Da das aber nicht in unſere Reiſe⸗ route gehoͤrte, ſegelten wir weiter.— Den 16. erblickten wir die Inſeln Gomera und Ferra. Einige Tage ſpaͤter erhielten wir die Paſſatwinde und nahmen unſern Cours nach den Inſeln des gruͤnen Vorgebirges.— Den 25. December er⸗ blickten wir die Inſel Majo, den 26. fruͤh Mor⸗ gens Bonavista, einige Stunden ſpaͤter St. Jago, wo wir den Nachmittag ankamen und in dem Hafen Porto Pray vor Anker gingen, ſo⸗ wohl um friſches Waſſer einzunehmen, als auch eine neue Vorderſtenge aufzuſetzen, welche uns in der ſpaniſchen See geknickt wurde.— Ich waͤhnte in eine andere Welt verſetzt zu ſeyn und ſtarrte mit Bewunderung und Erſtaunen die ungeheuren Felſenmaſſen an, die vor mir ausgebreitet lagen. Der St. Jago iſt der hoͤchſte Berg, von welchem dieſe Inſel den Namen hat; obgleich er die mehrſte Zeit mit Wolken bedeckt war, ragte doch die Spitze deſſelben gewoͤhnlich uͤber den Wolken hervor. Je naͤher wir kamen, deſto reger wurde meine Auf⸗ merkſamkeit, niemand war im Fragen geſchaͤftiger als ich. Was ſind das fuͤr Baͤume? Wie heißen dieſe Voͤgel? u. ſ. w., gings in einem Tone fort, bis wir endlich einen Anker fallen ließen. Wir ſalu⸗ tirten mit neun Schuͤſſen, welche mit ſieben von der Feſtung beantwortet wurden; darauf ging der Schiffsaſſiſtent ans Land, um die Erlaubniß zu erhalten, friſches Waſſer einnehmen zu duͤrfen, welches auch ſogleich bewilligt wurde. Fruͤh am Morgen des folgenden Tages ging ich ans Land. So wie wir uns dem Lande naͤherten, kamen drei langbeinigte Soldaten von der Feſtung Porto Pray, die auf einem hohen Felſengebirge liegt, gar gra⸗ vilaͤtiſch herunter marſchirt. Der erſte, welcher ein Gefreiter zu ſeyn ſchien, trug einen dreieckigen Hur, einen blauen Rock uͤber die ſchwarde Haut, weite Hoſen und eine Flinte in der rechten Hand, die Fuͤße waren unbekleidet. Die beiden Solda⸗ ten, welche hinter ihm drein marſchirten, hatten ein poſſierliches Anſehn; der eine, welcher von aͤbermaͤßig langer Statur war, hatte den Kopf in die abgeriſſene Krempe eines ehemaligen runden Hutes geſteckt, welche ihm ſchlaff uͤber das Geſicht herab hing, und uͤber derſelben ragte das ſchwarze buſchigte Haar hervor; dagegen trug der andere zwar einen Hut, nur fehlte die Krempe daran, welche er aber auf eine kuͤnſtliche Art durch ein Geflecht von Stroh zu erſetzen gewußt hatte; ſonſt trugen ſie auch blaue Roͤcke und gelbe Nanquin⸗ Hoſen, die indeß total zerriſſen waren; dieſe bei⸗ den trugen ihre Gewehre auf der Schulter. Als 2* . 33. ſie auf dem Platze angekommen waren, wo wir landen ſollten, pflanzten ſie ihre Schießpruͤgel uͤbers Kreuz und lagerten ſich im Sande. Eine Menge Eingeborner, ſpektakuloͤs gekleidet, verſammelten ſich hier, umringten uns beim Ausſteigen und be⸗ trachteten uns ſo neugierig, als ob ſie nie Europaͤer geſehen haͤtten. Ich konnte keine zehn Schritte gehen, ohne daß nicht einige zu mir kamen, meine Kleider betaſteten und mich durch Pantomimen fragten, ob ich dieſelben nicht verkaufen wollte. Haͤtte ich hier brav alte Kleider gehabt, ich wuͤrde einen guten Handel gemacht haben; denn die Ma⸗ troſen erhielten fuͤr einen alten durchloͤcherten Hut oder fuͤr ein dito Kamiſol, die bei uns kein Menſch von der Straße aufnehmen wuͤrde, zwei bis drei Piaſter. Nachdem ſie uns lange genug beſchaut hatten, eilten wir nach dem Waſſerfuͤllungsplatze, eine ziemliche Strecke ins Land hinein. Hier la⸗ gerten wir bei einem großen Brunnen im Schat⸗ ten von Palmen und andern mir unbekannten Baͤumen, und erquickten uns mit einem Glaſe Limo⸗ nade aus friſchen gruͤnen Limonien. Als ich mir eine Pfeife ſtopfen wollte, fanden ſich wieder eine Menge Liebhaber zu meiner Pfeife; ich verlangte 2** aber zehn Piaſter dafuͤr; der Preis war ihnen zu hoch, denn ſo viel mochte wohl keiner im Vermoͤ⸗ gen haben; als ich aber Stahl, Stein und Schwamm aus der Taſche zog und mit einem Schlage Feuer hatte, ſperrten ſie alle Maul und Naſe auf; wahr⸗ ſcheinlich mußten ſie das nie geſehen haben; ſie riefen ihre Kameraden herbei⸗ um ihnen dies Wun⸗ der zu zeigen; und zu ihrem Vergnuͤgen wieder⸗ holte ich dies Experiment einige Male; ſie gaben ihre Freude durch Gebaͤrden zu erkennen; doch zeigten ſie kein Verlangen, mir das Feuerzeug ab⸗ zukaufen; vielleicht dachten ſie, daß ich mit einem ſolchen Wunderwerk zu theuer ſeyn wuͤrde. Waͤhrend wir hier ſaßen kamen immer mehr Inſulaner tiefer aus dem Lande heraus, welche Eſel vor ſich her trieben, die mit Fruͤchten und Geſluͤgel beladen waren; nun wurde hier Markt gehalten; Apfelſinen, Pommeranzen, Limonien, Kokusnuͤſſe, Piſang, Pampunen, Waſſermelonen, Huͤhner, Eien⸗ Schweine, Kapriken(ein Mittel⸗ ding zwiſchen Schaf und Reh) u. dgl. m., wurden feil geboten. Wie ich hier ſchmauſ'te, laͤßt ſich denken. Bald druͤckte ich mir eine Apfelſine von der Groͤße eines Kinderkopf's aus und trank den ——,— ——ÿ 4 —n—— —— 35 Saft, mit welchem man den in Europa nicht ver⸗ gleichen kann; bald ließ ich mir eine Kokusnuß auſſchlagen, woraus ich ein Bierglas voll Milch erhielt. Bald ſpeiſ'te ich einige Piſang; uͤber alles aber gingen mir die Waſſermelonen; dieſe Frucht iſt von der Groͤße eines bis zweien Menſchenkoͤpfen, auswendig gruͤn, inwendig aber purpurroth und nach der Schaale zu fleiſchfarben; die innere rothe Subſtanz, welche mit ſchwarzen Kernen uͤberſaͤet iſt, wird nur gegeſſen. Wenn man ein Stuͤckchen davon in den Mund ſteckt, ſchmilzt es gleich Schnee zuſammen und iſt von einem aͤußerſt angenehmen ſuͤßen und kuͤhlenden Geſchmack. Als ich mich hier lange genug aufgehalten hatte, beſchloß ich, die Stadt zu beſuchen. Ich kletterte alſo unter haͤufigem Schweißvergießen den ſteilen Berg hinan; denn die Hitze war hier, obgleich es in der Win⸗ terzeit war, außerordentlich druͤckend. Als ich durch die Pforte kam, welche das Thor genannt wurde, konnte ich die ganze Stadt uͤberſehen; aber welch' eine Stadt? Drei Reihen Haͤuſer, oder vielmehr elende Huͤtten, ohngefaͤhr 150 bis 200 Schritte lang, machten die ganze Stadt aus. Die Waͤnde dieſer Kabagen waren acht bis zehn Fuß ..: 36— hoch, theils aus Weiden geflochten, theils mit Lehmerde beſtrichen, oder aus Feldſteinen, in Ver⸗ bindung mit derſelben Erdart, aufgefuͤhrt; uͤber den Waͤnden lag ein Dach von Binſen und Ge⸗ ſtraͤuch. Fenſter kannten ſie nicht, einige Haͤuſer hatten Lucken, die ſie auf und zu machen konnten, alle aber zwei Thuͤren und man konnte ungehindert durch jedes Haus in die andere Straße gehen. Die Kirche, das Haus des Gouverneurs und die Bat⸗ terieen ſchienen allein von Europaͤern gebaut zu ſeyn, doch waren ſie ebenfalls aͤußerſt elend. Bei einem gewiſſen Vincenz, der ſo eine Art von Commiſſionaͤr fuͤr die fremden Schiffe war, kehrte ich ein. Er empfing mich ſehr freundlich und fragte mich auf Engliſch, ob ich von dem daͤniſchen Schiffe ſey? welches ich bejahte. Die Dame des Hauſes, lag ſauber und weiß gekleidet, auf einem Ruhebett, einem Sopha aͤhnlich; ſie er⸗ hob ſich und hieß mich gleichfalls willkommen. Da ich aber mit dem Engliſchen noch nicht recht fort konnte, ſo redete ich ſie franzoͤſiſch an, welcher Sprache ſie auch maͤchtig waren. Es wurde Thee aufgetragen und Kiks(eine Art Brot aus tuͤrkiſchem Waizen) mit Butter aufgeſetzt. Waͤhrend dies . 37 geſchah, hatte ich Gelegenheit mich ein wenig um⸗ zuſehen. Die Stube war groß und hoch und bildete ein regelmaͤßiges Viereck; die Waͤnde waren mit Kalk beſtrichen, aber voll Loͤcher; in dem einen Winkel ſtand der Sopha, auf dem, wie geſagt, dadame ruheten, in dem andern lagen auf Mart⸗ ten Apfelſinen, Kokusnuͤſſe, Pampunen u. ſ. w., nahe dabei ſtand eine Wiege mit einem kleinen Kinde, welches erbaͤrmlich ſchrie und von einer Sclavin in Schlaf gelullt wurde; in dem dritten ſtanden Saͤcke mit tuͤrkiſchem Waizen, ein großer hoͤlzerner Moͤrſer nebſt Keule, zum Zermalmen des Waizens; in der vierten lagen leere Tonnen, Saͤcke, Schaufeln u. d. m., an den Waͤnden herum lehnten einige zerbrochne Stuͤhle, in der Mitte ſtand ein Tiſch und um dieſen noch einige Stuͤhle, allein ohne Lehnen. An der einen Wand hing auch ein großer Spiegel, in welchem man aber, wenn man hinein ſah, einen ſiebendoppelten Kopf hatte; welches von den Riſſen und Defecten her⸗ ruͤhrte. Die eine Haͤlfte der Geſellſchaft beſtand aus dem Herrn und der Frau des Hauſes, noch amem Herrn, zwei fremden Portugieſen, meiner Wenigkeit und einigen Selaven; die andere Haͤlfte 68 aus einem Haufen Affen, die auf der Diele ſpielten, einigen Huͤhnern und Kalekuten, die den Kalk aus den Waͤnden pickten, zwei Gluckhennen, die unter dem Sopha ſaßen und unaufhoͤrlich kakelten, und aus einigen Ferkeln, die ſich in einer Ecke bei einem Haufen fauler Apfelſinen guͤtlich thaten; kam aber ein groͤßeres Schwein herein, ſo wurde es wieder hinaustransportirt. Wir tranken Thee, und unter⸗ hielten uns recht angenehm. Die Bewohner die⸗ ſer Stadt ſind Portugieſen, ſehr hoͤflich gegen Fremde, und ſprechen faſt alle, außer ihrer Mutter⸗ ſprache, die Sprache der Eingebornen, der Sclaven von der Kuͤſte Guinea, ſo wie auch engliſch und franzoͤſiſch. Uebrigens herrſcht hier die Pauvreté d. i., in dem was zu den aͤußerlichen nothwendi⸗ gen Beduͤrfniſſen gehoͤrt. An Geld fehlt es ihnen nicht, aber ſie koͤnnen nichts dafuͤr bekommen. Theils weil ihre Inſel nichts hervorbringt, was in den Handel taugt, theils des ſchlechten Waſſers wegen, kehren hier nur wenig Schiffe an.— Sechs Tage blieben wir hier liegen, wovon ich fuͤnf am Lande zubrachte; nur des Nachts waren wir am Bord.— Wir erhielten hier zwei Patienten; der eine war der Oberſegelmacher; er fiel von einem —-— 39., Felſen, zerſchlug ſich das Geſicht, verrenkte und zerbrach zugleich das rechte Schluͤſſelbein der Bruſt. Der andre war der Unterconſtable, welcher, da er in der Abenddaͤmmerung von dem Waſſerplatze nach dem Strande gehen wollte, von zwei Schwarzen angefallen wurde, die ihn pluͤndern wollten; ſie gaben ihm einen Schlag uͤber den Schenkel und ſchlugen ihm den Hoͤcker des linken Ellbogens ab; beide ſind indeß gluͤcklich geheilt worden; ſo wie uns uͤberhaupt bis jetzt noch niemand geſtorben war, obgleich wir viele Kranke hatten. Den 31. waren wir ſegelfertig und gingen den 1. Januar unter Segel; von hier aus hatten wir einige Tage guͤnſtigen Wind und legten alle 24 Stunden 40 bis 50 Meilen zuruͤck. In die⸗ ſer Gegend ſah ich viele fremde, unter andern ganze Schaaren fliegender Fiſche; die ſich, um ihren Verfolgern zu entgehen, rauſchend aus dem Waſſer erhoben, in einem Zickzack daruͤber hinflogen und ſich endlich wieder nieder ſtuͤrzten. Eine andere Art Fiſche, von den Seeleuten Bornetter ge⸗ nannt, ſprang in einem Bogen ein bis zwei Klafter hoch aus dem Waſſer und verfolgte die fliegenden Fiſche. Von dieſer Art fingen wir viele; . 40— wir ſetzten uns naͤmlich aufs Boogſpriet, umwickel⸗ ten eine große Angel mit weißen Lappen, befeſtigten zwei Federn wie Fluͤgel daran, ſo daß ſie einem fliegenden Fiſche glich und ließen ſie ein bis zwei Ellen uͤber dem Waſſer herab haͤngen; wenn Fiſche dann aus dem Waſſer ſprangen und darnach ſchnapp⸗ ten, ſo blieben ſie daran baumeln. Ein ſolcher Fiſch wiegt gewoͤhnlich vier bis acht Pfund und ſchmeckt ziemlich gut, nur etwas trocken. Auch fingen wir einige Haifiſche mit einer großen Angel, die an einer eiſernen Kette befeſtigt war; die Angel wurde mit einigen Pfunden Fleiſch in das Waſſer hinabgelaſſen und wenn dann ſo ein Kerl, im Ge⸗ folge ſeiner Lootſen(ſo nennen die Matroſen einen Schwarm kleiner Fiſche, die er immer um ſich hat) anmarſchirt kam, beſah er ſich das Stuͤck Fleiſch, legte ſich auf den Nuͤcken, denn der Hay muß ſich immer umwenden, wenn er ſeine Beute erhaſchen will, in einem Happs hatte er es verſchluckt und war gefangen. Im Jubel wird er von den Ma⸗ troſen heraufgezogen, die ihn ſchlachten und ihm die Haut abziehn, welche die Tiſchler kaufen und zum Poliren gebrauchen; das Uebrige wird wieder uͤber Bord geworfen. Aber die ſchoͤnſten und ———J y y yͦy——— ——— . 41.. delikateſten Fiſche in dieſer Gegend ſind die Del⸗ phine. Es ſah prachtvoll aus, wenn eine Com⸗ pagnie von ihnen, 12 bis 20 an der Zahl, unſer Schiff vorbei defilirte. Dieſer Fiſch iſt ein bis zwei Ellen lang, auf dem Ruͤcken hellgruͤn, in den Seiten hellblau, mit ſchwarzen Sternen regelmaͤßig beſaͤrtr, Schwanz und Floßfedern ſind gelb und glaͤnzend wie die Sonne. Wir fingen ſie mit ei⸗ ner langen Stange, an deren einem Ende ein eiſerner Kamm mit Widerhacken befeſtigt iſt, und womit wir nach ihnen warfen. Uebrigens fiel hier nichts Merkwuͤrdiges vor, als daß ich einen kleinen Affen vom Meiſter Koch geſchenkt erhielt, weil ich ihn von einer gefaͤhrlichen Krankheit befreit hatte. Fruͤh am Morgen, wenn mein Aufwaͤrter mit Licht und Thee kam, war Jack,(ſo hieß mein Affe), auch ſchon wach und ſaß vor der Kammerthuͤr; ſobald ich mich angeklei⸗ det und an den Tiſch geſetzt hatte, klopfte er ans Fenſter bis ich ihm aufmachte und ihn herein ließ. Dann kam er auf mich zu, kuͤßte ſich die Hand, gab ſie dann mir und kuͤßte mir auch die Hand, alsdann ſprang er mir auf die Bruſt, brach mir mit ſeinen kleinen Haͤndchen die meinigen auf und viſitirte, ob er nicht ein Stuͤckchen Zucker finden wuͤrde, welches er auch richtig zu ſinden wußte. Um neun Uhr, wenn ich geſruͤhſtuͤckt hatte, brachte ich ihm auch ſein Fruͤhſtuͤck, welches aus Brot, Fleiſch und Fruͤchten beſtand; ſchenkte ich mir dann ein Glas Wein ein, ſo warf er alles von ſich und ſprang mir auf die Schulter, denn er wußte, daß dann auch etwas fuͤr ihn abfiel; ſetzte ich aber Glas und Flaſche wieder weg, ohne ihm etwas zu bieten, ſo gebaͤrdete er ſich ſehr aͤngſtlich, ſprang mir von einer Schulter auf die andere, zupfte mich an Kinn, Naſe und Ohren ſo lange, bis ich mich uͤber ihn erbarmte und ihm ſeine Portion reichte; dann machte er hundert Kapriolen. Stieg ich Abends in den Maſt, um die Sonne untergehen zu ſehen, ſo folgte mein Jack hinterdrein, und dann ſaßen wir da oben und ſchwatzten ſo ehrbar mit einander, als ob wir die gelehrteſten Peruͤcken waren; kurz, dieſem Thierchen verdankte ich viele heitere Stunden. IV. Den 14. Januar paſſirten wir die Linie. Bei dieſer Gelegenheit wurde wie gewoͤhnlich ein gro⸗ . 43.D ßes Feſt gefeiert, welches mir und allen, die noch nicht die Linie paſſirt waren, ein Monat Gage koſtete. Dies wird haͤnſen oder haͤnſeln genannt und dauert drei Tage. Abends um acht Uhr, wenn es ſchon ganz ſin⸗ ſter iſt,(denn bekanntlich geht die Sonne hier um ſechs Uhr auf und unter), ſteigt ein Matroſe in den Maſt; dieſer ſtellt am folgenden Morgen ei⸗ nen alten vom Himmel gekommenen Mann vor; vier andere, ſeine Engel, folgen ihm. Iſt das ge⸗ ſchehen, ſo wird die Glocke gelaͤutet und alle muͤſ⸗ ſen ſich auf dem Verdeck einfinden; dann faͤngt der alte Mann an zu prayen, naͤmlich durch das Sprachrohr, und zwar in hollaͤndiſcher Sprache, und der Kapitain muß ebenfalls durch ein Rohr in hollaͤndiſcher Sprache ſeine Fragen beantworten. Der Alte faͤngt demnach mit einer graͤßlichen Stimme an:„Hallooop!“(Antwort:)„Hallooop e (Frage:)„Was fuͤr ein Schiff iſt das?“(Ant⸗ wort:)„Ein daͤniſches.“(Frage:)„Wo geht ihr hin?“(Antwort:)„Nach dem Cap.“(Frage:) „Habt ihr viele am Bord, die noch nicht die Linie paſſirt ſind?“(Antwort:)„Ja wohl!“(Frage:) „Das iſt gut; morgen werde ich ſie uͤberholen und .. 44 nach Gutbefinden taufen.“(Antwort:)„Wie es euch beliebt.“(Frage:)„Habt ihr neulich Obſer⸗ vation gehabt?“(Antwort:)„Ja.“(Frage:) „Wo ſteht ihr?“(Antwort:)„64 Grad 30 Mi⸗ nuten Norderbreite.“„Soooh!“ Auf dieſe Art geht Fragen und Antworten ei⸗ nige Zeit fort, zuletzt wuͤnſchen ſie ſich gegenſeitig eine gluͤckliche Reiſe und der Alte nimmt unter dem Gejauchze und Geklatſche ſeiner Engel ſeinen Abmarſch.— Am Morgen, ſobald gefruͤhſtuͤckt iſt⸗ wird wieder gelaͤutet, und wenn ſich dann alle auf der Schanze verſammelt haben, nimmt die Farce ihren Anfang. Zuerſt kam der Narr in ſeinem bunten Habit und machte eine Menge toͤlpiſcher Poſſen; darauf hoͤrte man ein Gebruͤlle oben in der Mars, wo die Garderobe der Schauſpieler war, und ein Baͤrentreiber kam mit einem Ma⸗ troſen, der ſich mit Huͤlfe ſchwarzer Schaaffelle in einen Baͤren metamorphoſirt hatte, an den Tauen herunter geklettert; der Baͤr kroch auf allen Vieren, ſtieß, was ihm nicht Platz machte, uͤbern Haufen u. dgl. m. Dann kam der Alte, ganz in Pelz gekleidet und mit einer ſcheußlichen Larve vor dem Geſicht, unterſtuͤtzt von ſeinen Engeln, die ſich 4000. mit weißen Hemden mit rothen Baͤndern, rothen Muͤt⸗ zen, pappenen Fluͤgeln und ſchrecklichen Schnurbaͤrten angethan hatten.— Der Kapitain empfing den Alten mit tiefer Ehrfurcht. Ein Tiſch und Stuͤhle wurden herausgeſetzt und beide unterhielten ſich einige Zeit von Schiffsangelegenheiten. Der Alte zog eine Seekarte, die ein Matroſe gezeichnet hatte, aus dem Buſen, rollte ſie auseinander und legte ſie auf den Tiſch. Auf dieſer Karte ſah man Schiffe von ganz beſonderer Bauart, die nach gar nicht vorhandenen Haͤfen ſteuerten; dann ließ er ſich einen ungeheuren Cirkel geben, maß die Grade und unterrichtete den Kapitain, welchen Cours er nehmen muͤſſe, um den Hafen richtig zu treffen. Nachdem dies beendigt war, ließ er ſich von dem Schiffsaſſiſtenten die Liſte derjenigen geben, welche die Linie noch nicht paſſirt waren, unter denen auch ich mich befand. Dieſe wurden nun alle dem Namen nach aufgerufen und jeder mußte beſtimmen, wie viel er geben wollte, welches gewoͤhnlich eine Monatsgage iſt. Dabei tranken der Kapitain, der. Alte und der Aſſiſtent eine Flaſche Wein. Waͤhrend ſie noch da ſaßen und eifrig discourirten, fuhr der Strahl einer Feuerſpritze zwiſchen ſie durch, fegte 49 Flaſche, Glaͤſer und Karte vom Tiſch herunter und durchnaͤßte ſie ganz und gar. Ich lachte laut auf, aber in demſelben Augenblick fuhr mir dieſer Strahl ſo derb in den Hals, daß ich beinahe den Athem verloren haͤtte, und als ich mich umwandte, puffte und praſſelte mir das Waſſer in den Nacken und auf den Nuͤcken, daß mir Hoͤren und Sehen verging. Jetzt ging die Komoͤdie erſt recht los: wo man ſich nur hin wandte, ſtuͤrzten Eimer voll Waſſer aus den Maſten herab. Die heiligen Engel liefen herum, ergriffen wen ſie konnten und ſuͤrzten ihn uͤber Kopf in eine Tonne mit Waſſer; fluͤchteten ſich einige in die Kajuͤte, ſo wurden die Schlangen der Spritzen in die Fenſter geleitet und ſie auf dieſe Art wieder herausgetrieben. Die Matroſen beſpritzten den Kapitain und dieſer wie⸗ der jene, aller Unterſchied des Ranges hatte auf⸗ gehoͤrt. Dieſe allgemeine Taufe dauerte eine Styunde. Ploͤtzlich hieß es:„Halt! es iſt genug!“ und jeder hielt ſich in ſeinen Schranken. Ich haͤtte gerne geſehen, daß es noch laͤnger fortgeſetzt worden waͤre; denn es iſt ein ſehr angenehmes Gefuͤhl, in ſolcher Hitze mit kaltem Waſſer begoſſen zu werden. 3 Vor allen Dingen mußten wir uns nun ſaͤmmt⸗ lich erſt umkleiden. Als wir auf das Verdeck zuruͤckkehrten, war uͤber der Schanze das gewoͤhn⸗ liche Solſeil, ein Gezelt, ausgeſpannt, und uͤber den Leebruͤcken ein aͤhnliches; eine Scheidewand trennte beide Zelte. In dem letzteren verſammel⸗ ten ſich die Matroſen, labten ſich bei Bier und Brantewein und ſtudierten die Rollen, welche ſie uͤbernehmen wollten. Einer z. B. kam als be⸗ trunkener Bauer zum Vorſchein, ein anderer galt fuͤr ſeine Frau, wurde von jenem nebſt einer Menge Huͤhner und Kalekuten auf einen Wagen gepackt und von zwei, auf allen Vieren kriechenden, Matroſen auf der Schanze herumgezogen. Der Bauer bot ſein Gefluͤgel feil, welches der Kapitain und alle die Luſt hatten, ihm denn auch abkauften, verſteht ſich auf Credit, denn ſie gehoͤrten dem Kapitain. Doch wurde der Act ſo taͤuſchend dar⸗ geſtellt, daß jeder nicht Mitwiſſende glauben mußte, es ſey mit dem Handel Ernſt. Ferner erſchien ein Jude mit einem Galanteriekaſten und vergaß nicht, ſeine Waaren, welche in zerbrochenen Tuchnadeln, Knieſchnallen, verroſteten Naͤgeln u. ſ. w. beſtanden, in halb deutſch⸗ halb daͤniſch juͤdi⸗ . 48., ſcher Sprache himmelhoch anzupreiſen. Der Jude wurde natuͤrlich nicht wenig geneckt und der be⸗ trunkene Bauer ebenfalls. Auch erſchien ein Poli⸗ zeibedienter mit vier Nachtwaͤchtern, und meldete dem Kapitain, daß er einige Verbrecher eingefangen habe. Der eine war der Plundergraf,(ſo heißt naͤmlich der, welcher die Aufſicht uͤber das Geſluͤgel hat,) er wurde beſchuldigt, viele Enten, Tauben und Gaͤnſe ſterben laſſen und heimlich uͤber Bord geworfen zu haben. Der zweite Gefangene war der Matroſe, welcher ſich fruͤher acht Tage verborgen gehalten hatte, welches ihm nun zum Verbrechen angerechnet wurde. Ueber dieſe beiden ſollte nun Gericht gehalten werden. Die Richter erſchienen in maͤchtig großen Peruͤcken von Schiffs⸗ werg oder aufgeloͤſten Tauen, nahmen Platz um einen Tiſch, die Suͤnder wurden hereingefuͤhrt, befragt und nachdem ſie ihr Vergehen eingeſtanden hatten, von einem angeklagt, von einem andern vertheidigt worden waren, endlich nach langen Debatten verurtheilt. Der Plundergraf ſollte ſechs⸗ mal Spießruthen laufen und der Matroſe ſechs mal in der ſpaniſchen Kappe auf und ab gehen. Dieſes Urtheil wurde dem Kapitain zur Unterſchrift . 49 vorgelegt, welcher es dahin abaͤnderte, daß er ſtatt ſechsmal, dreimal ſetzte. Das Urtheil wurde vollzogen; der Plundergraf mußte Gaſſen laufen; es verſteht ſich, daß es nicht ſchmerzte! Dem Matroſen wurde eine Tonne uͤber den Kopf geſtuͤrzt, in welcher er herum patrouilli⸗ ren mußte. Dergleichen Poſſen wurden noch viele getrieben, welche ich, um nicht zu ermuͤden, uͤber⸗ gehe. Abends um 9 Uhr wurde geſpeiſ't, gebra⸗ tene Schinken, Kalekuten, Gaͤnſe u. ſ. w. Alle Matroſen, welche Rollen gehabt hatten, ſpeiſ'ten mit uns an einem Tiſche. Nach dem Eſſen wurde getanzt. Zwei Violinen, eine Floͤte, eine Trom⸗ mel und drei zuſammengebundene eiſerne Ladſtoͤcke, welche mit einem Schluͤſſel geſchlagen wurden, machten unſere Muſik aus. Wir tanzten alle vom Kapitain bis zum Schiffskochmaat mit⸗ und durch einander. Die Schanze war der Tummelplatz, wo wir uns herumtrieben. Punſch, Wein und Kaffee floß in Stroͤmen. So hielten wir es bis gegen vier Uhr des Morgens aus und ich muß geſtehen, 4 daß ich nie auf einem Balle froher geweſen bin. Der Kapitain, welcher etwas ſchwaͤchlich war, hatte ſich ſchon um 1 Uhr zu Bette begeben; trotz dem 3 wurde er doch nicht in unſerer Freude geſchont, denn als wir um vier Uhr den Kehraus getanzt hatten, ſtellten wir uns, uͤber 100 Mann ſtark, in Reih' und Glied, ſtimmten einen Schlachtgeſang oder vielmehr ein Gegroͤhle an, und marſchirten mit voller Muſik und vollen Glaͤſern in den Haͤn⸗ den— freilich ein wenig taumelnd— die breite Treppe hinab, durch die große Kajuͤte nach dem Schlafzimmer des Kapitains, der mit Schrecken auffuhr, indem er glaubte, daß die Franzoſen kaͤ⸗ men, aus welchem Irrthum er aber durch unſern daͤniſchen Schlachtgeſang geriſſen wurde. Wir brachten ihm ein ſolches Vivat hoch! daß der ganze Kaſten wackelte. Dann marſchirten wir aus dem Schlafzimmer hinaus, durch das ganze Schiff bis nach der Combuͤſe(der Kuͤche). Hier ging es wie⸗ der eine Treppe hinauf und wir waren in freier Luft auf dem Verdeck. Hiermit hatte der Spaß fuͤr dieſen Tag ein Ende. Ich legte mich zu Bette; aber ich ſchlief noch nicht, da wurde ſchon wieder ſchrecklich an meine Thuͤr geballert. Als ich oͤffnete, ſtuͤrzten mir die vier Waͤchter, mit ihren Morgenſternen in den Haͤnden, entgegen und umringten mich. Auf mein 51 Befragen, was ſie wollten, bruͤllten ſie zur Ant⸗ wort:„Was zu trinken haben!“ Hier half nichts, ich mußte mit einigen Flaſchen Wein und Brann⸗ tewein ausruͤcken. Dann trollten ſie ab und mach⸗ ten es bei allen andern Thuͤren eben ſo. Ich hatte alſo wentgſtens den Troſt, daß ich nicht der Einzige war, deſſen Trinkvorrath von ihnen in Anſpruch genommen wurde. Jetzt aber war die Uhr ſchon fuͤnf, an Schlafen konnte ich nicht mehr denken; ich beſuchte alſo meine Patienten und trank meinen Thee wie gewoͤhnlich, ohne die geringſte Muͤdigkeit zu empfinden. Das geſtrige Feſt wurde ſogleich aufs neue begonnen, ein Narrenſtreich nach dem andern ausgefuͤhrt und gegen Abend war aber⸗ mals Schmaus und Ball. Diesmal hatten ſich ſechs Matroſen mit Frauenkleidern angethan. Sie fertigten ſich Roͤcke von Bettgardinen, zu Hals⸗ tuͤchern und Jacken mußte ich weiße Leinwand her⸗ geben, weiche wir ſonſt zu Bandagen brauchten. Daß dieſe Damen, die rothe Brannteweinsnaſe ausgenommen, hoͤchſt liebenswuͤrdig waren, wird. niemand bezweifeln. Die Lippen freilich faͤrbte der ſchwarze Tabacksſaft ziemlich dunkel, doch mit ei⸗ nem herrlich ſtolzen Wuchs verbanden ſie die feinſte 3⸗ * Grazie in allen ihren Bewegungen. Wenn man ſie zum Tanze aufforderte, reichten ſie einem die Hand auf eine ſo zierliche Art, daß man die Zaͤhne zuſammen beißen mußte, um nicht laut aufzuſchreien. Ihre Fuͤßchen vorzuͤglich waren meiſterhaft geſormt, um im Tanze den Takt zu ſtampfen, und beruͤhrte zufaͤllig eins dieſer Fuͤßchen die unſerigen, dann empfanden wir einen ſo electriſchen Schlag, daß uns die Augen uͤbergingen. Kurz, dieſe Damen waren abſcheulich ſchoͤn.— Uebrigens erſchienen dieſen Abend eine Menge anderer Charaktermas⸗ ken, der Bootsmann z. B. als Speckhoͤcker, hatte ſeine Bude auf der Spille aufgeſchlagen, wo er Bier, Branntewein, Brot, geſalzene Heringe u. dgl. m. verkaufte. Ein Matroſe excellirte als Dorf⸗ ſchulmeiſter mit einer Suite von neun Jungen. Auch der Jude war wieder da, mauß'te, ließ ſich ertappen, wurde von den Waͤchtern in einen Sack geſteckt und in den Maſt hinauf gehißt, wo er denn zu aller Vergnuͤgen nicht wenig winſelte.— Der dritte Tag unterſchied ſich von den beiden vorhergehenden nur dadurch, daß die Matroſen al⸗ lein tanzten; denn die Officiere konnten keinen Fuß mehr ruͤhren. Jetzt war das Feſt beendigt und 37.7. 53.. am vierten Tage bekamen die Matroſen wieder re⸗ gelmaͤßig ihre Pruͤgel.— Von nun an ereignete ſich nichts Merkwuͤrdiges bis zum 27. Februar: An dieſem Tage erblickten wir Land. In der Nacht legten wir bei. Am naͤchſten Morgen begab ich mich ſchon um vier Uhr aufs Verdeck. Da lag die ſuͤdliche Spitze von Afrika gleich einer duͤſtern, ſchwarzen Wolke dicht vor mir; ſehnſuchtsvoll, mit trunkenen Augen ſtarrte ich dieſe Maſſe an. Prachtvoll erhob ſich endlich die aufgehende Sonne und goß ein unendliches Strahlenmeer leuchtend uͤber die weite Schoͤpfung aus, der Nebel verſchwand, wir konnten deutlich die ungeheuren Felſenmaſſen erkennen.— Der Wind war uns entgegen, daher konnten wir erſt Nach⸗ mittags in der Tafelbay vor Anker gehen. Das Cap praͤſentirt ſich unbeſchreiblich ſchoͤn. Links erhebt ſich im Vordergrunde der Devilshill (Teufelsberg); grade vor, nur weiter im Hinter⸗ grunde, liegt der majeſtaͤtiſche Tableshill Tafel⸗ berg), am Fuß deſſelben ruht die Stadt, welche mit den vielen Gaͤrten, Waͤldern und Landguͤtern einen herrlichen Anblick gewaͤhrt. Rechts im Vor⸗ dergrunde liegt der Berg Lionshead(Coͤwenkopf), und noch weiter nach vorne Lionsrump(Loͤwen⸗ ſchwanz).— Da mein Oberdoktor gleich ans Land ging und dort einige Tage verweilte, mußte ich mich ſo lange am Bord gedulden. Doch fehlte es mir nicht an Zeitvertreib, theils hatte ich genug zu ſehen, theils labte ich mich mit den Erfriſchun⸗ gen, die wir vom Lande erhielten; denn kaum hat⸗ ten wir geankert, ſo kamen auch ſchon Boͤte und brachten Aepfel, Birnen, Feigen, Pfirſiche, Wein⸗ trauben, Waſſermelonen, Fiſche, Hummer, Wuͤrſte, feines weißes Brot, Wurzeln, Ruͤben, Sallat u. ſ. w., zu uns an Bord. Wie ſehr wir uns hier alle, meinen poſſirlichen Affen nicht ausge⸗ nommen, guͤtlich thaten, bedarf wohl keiner Er⸗ waͤhnung. Nach einigen Tagen begab ich mich ans Land. Aber welch' ein Vergleich gegen Porto Pray! Hier fand ich nur Palaͤſte von uͤberaus ſchoͤner Bauart. Alle Haͤuſer waren flach, die Mauern gelb oder weiß; die Straßen breit und regelmaͤßig, nur nicht gepflaſtert und daher der Staub faſt unertraͤglich. Ich logirte bei einem Kaufmann und mußte fuͤr Koſt und Logis taͤglich 3 Rthlr. bezahlen. Die Reinlichkeit in dieſem Hauſe ging uͤber Alles; die Aufwartung war bril⸗ .. 55. lant und das Eſſen vortrefflich. Morgens, Mit⸗ tags und Abends kamen 16 bis 20 verſchiedene Gerichte auf den Tiſch, 6 bis 8 wurden auf ein⸗ mal aufgetragen. Das Gedeck war uͤber alles fein und prachtvoll, Sclaven warteten bei Tiſche auf; einer jagte beſtaͤndig mit einem großen, in allen Farben prangenden, Straußfederbuſch die Fliegen fort.— Nur der Kaffee taugte hier nichts.— Am erſten Tage meiner Anweſenheit wurde eine große Execution vollzogen, ein Sclave geraͤdert, zwei gehaͤngt und vier bekamen Brandmark und Staupbeſen.— Am naͤchſten Tage miethete ich mir einen Klepper und ritt nach dem Lager, zwei Meilen von der Stadt, wo die hollaͤndiſchen Trup⸗ pen ſtanden. Welches Vergnuͤgen mir dieſe Tour gewaͤhrte, wird nur derjenige mit mir empfinden, der ſelbſt eine ſo lange Seereiſe gemacht hat. Die Erinnerung an meine Verwandten und Freunde begleitete mich, wie auf meiner ganzen Reiſe, auch bis hieher. Ich dachte an ſie, wenn ich auf dem unergruͤndlichen Ocean pfeilſchnell da⸗ hin ſchwebte und wenn ich auf dem Lande im Schatten einer Palme ruhte, oder mich auf dem ſteinigten Loͤwenſchwanz(der kleinſte Berg am Cap) den geliebt en Fluren der Heimath zuruͤck. Wie oft ſaß ich des Abends um 6 Uhr im Topp des großen Maſtes, ſah dem unbeſchreiblich ſchoͤnen Schauſpiel der untergehenden Sonne zu, betete fuͤr das Wohl jener mir ſo theuren Weſen und wuͤnſchte allen Menſchen den Frieden, der in meiner Bruſt herrſchte. Kummer und Sorgen waren von mir gewichen, ich lebte voͤllig unabhaͤngig; zufrieden mit mir ſelbſt und mit allen, die mich umgaben, war ſchwerlich ein Menſch in Gottes weiter Schoͤpfung froher und gluͤcklicher als ich. Nur eine einzige Erinnerung erfu lte mich in mancher Stunde mit truͤber Wehmuth, naͤmlich an die Zeit, welche ich von meinem vierzehnten bis zum ſechszehnten Le⸗ bensjahre ſo thoͤricht mit dem Leſen ſchlechter Ro⸗ mane verſchlenderte. Wie viel nuͤtzlicher ich jede damit verlorne Stunde haͤtte anwenden koͤnnen, und welch ein uͤber alles koſtbarer Schatz jede Mi⸗ nute unſers Lebens iſt, ach! das empfand ich noch oft nicht ohne ſchmerzliche Neue. Den 22. Maͤrz, Morgens um 9 Uhr, lichteten wir die Anker und gingen mit guͤnſtigem Winde unter Segel. Diesmal nahmen wir unſere Rich⸗ tung nach Isle de France, wo wir unſere fernere Beſtimmung erfahren ſollten. Dieſe Neiſe hofften wir in 14 Tagen, hoͤchſtens in 3 Wochen, zu beenden, da ſie nur 500 Meilen betrug; aber wi⸗ driger Winde wegen mußten wir 5 Wochen darauf zubringen. Auf dieſer Reiſe ereignete ſich nichts, was des Erzaͤhlens werth iſt. Unter den Seethie⸗ ren ſah ich hier einige große Schildkroͤten, welche uns vorbeitrieben; doch da wir in voller Fahrt waren, konnten wir nicht Jagd auf ſie machen. Unter den Voͤgeln war der Tropikvogel mir neu. Allein da dieſe Voͤgel immer ſehr hoch fliegen, kann ich nichts weiter davon ſagen, als daß ſie blendend weiß ſind, einen langen ſpitzen Schweif haben und ſich gar herrlich ausnehmen, wenn ſie ſo majeſtaͤtiſch in der Luft ſchweben.— Den 24. April, Morgens um 9 Uhr, erblick⸗ ten wir die Inſel Rodrigues, welche wir rechts liegen ließen. Jetzt hatten wir noch 100 Meilen nach, die wir in zwei Tagen zuruͤcklegten.— 3 K . 58. Den 26., Mittags um 1 Uhr, rief der Ma⸗ troſe, welcher auf dem Fockmaſt ſaß:„Land vor uns!“ und eine Viertelſtunde ſpaͤter konnten wir vom Verdeck aus zwei hohe Berge am Horizont unterſcheiden. Der Anblick eines fremden Landes hatte viel zu viel Reizendes fuͤr mich, als daß ich mir den Genuß deſſelben auch nur einige Minuten entziehen konnte; ich eilte daher aufs Verdeck. Wir naͤherten uns ſchnell; jede Stunde legten wir 2 ⅛ Meilen zuruͤck. Eine ungeheure Menge Voͤgel⸗ theils weiße, wie unſere Moͤven, theils große graue, wie Gaͤnſe, deren Anzahl ſich mit jeder Minute mehrte, bedeckte die Oberflaͤche des Waſſers und ſchien uns die Paſſage ſtreitig machen zu wollen; denn ſo wie wir uns naͤherten, erhoben ſie ſich zu Tauſenden mit heftigem Geſchrei, und umzingelten uns in ſo dichten Schaaren, daß die Luft davon verfinſtert wurde. Nach einigen Stunden hatten wir die beiden Berge, welche nur große kahle Fel⸗ ſen ſind und bloß von Voͤgeln bewohnt werden, erreicht. Pfeilſchnell flogen wir ihnen, in einer Entfernung von einer Meile, voruͤber; doch konn⸗ ten wir deutlich das Brauſen der ſich gegen die Klippen brechenden Wogen hoͤren. Eine ſolche — ..... 59.. Brandung in offener See iſt ein ſchoͤner Anblick. Die ſchweren Wogen waͤlzen ſich majeſtaͤtiſch heran, brechen ſich mit Macht gegen die Felſen, ſteigen dann in einem weißen Schaum thurmhoch in die Luft und fallen ſenkrecht nieder; einige Secunden ſpaͤter hoͤrt man ein Geraͤuſch, aͤhnlich dem aus der Ferne heranrollenden Donner. Eine gute Meile vor uns lag wieder eine kleine Inſel, die Lavette oder Rapporte genannt, weil ihre Geſtalt dem Ruͤckgeſtell einer Kanone gleicht. Auf der vorderen Spitze dieſer Inſel, wo eine ſtark befeſtigte Batterie angelegt iſt, wehte die franzoͤſiſche Flagge. Auch wir zogen unſere Flagge auf. Nach wenigen Augenblicken lag die Lavette hinter uns und vor uns eine Kette von in die Wolken ragenden Bergen, Isle de France. Abends um 6 Uhr gingen wir eine Meile von der Stadt vor Anker. Am andern Morgen erhielten wir einen Lootſen und nun mußten wir uns mit langen Tauen, welche wir vorausſchickten und ir⸗ gendwo befeſtigten, hinein in den Hafen winden; es verfloſſen zwei Tage, bevor wir ordentlich vor Anker gehen konnten. Isle de France, oder, wie dieſe Inſel auch heißt, Maurice, gewaͤhrt eine ſchoͤne 5 60 B Anſicht. Zur Rechten und Linken ſtrecken ſich flache Erdzungen hinaus in die See; zwiſchen dieſe muͤſſen die Schiffe hindurch, um in den Hafen kommen zu koͤnnen. Dazu iſt das Fahrwaſſer hier aͤußerſt ſchmal; daher man nothwendig Lootſen ha⸗ ben muß, um nicht auf den Grund zu gerathen; hiezu kommt noch, daß der Wind beſtaͤndig aus Suͤdoſten blaͤſ't, naͤmlich vom Lande ab nach der See zu, weil Maurice unter'm Paſſatwinde liegt, und kein Schiff in den Hafen hinein ſegeln kann, ſondern ſich, wie wir, hinein winden muß. Folg⸗ lich iſt es kein Wunder, daß die Englaͤnder dieſe Inſel noch nicht erobern konnten und wahrſchein⸗ lich auch nie erobern werden. Kommt man weiter hinein, bis auf den ge⸗ woͤhnlichen Ankerplatz, ſo liegt man in einem Halb⸗ zirkel von hohen Felſengebirgen. Die hoͤchſten der⸗ ſelben ſind, le pouce(der Daumen), deſſen Ge⸗ ſtalt einem Daumen aͤhnlich iſt; weiter hinter dem⸗ ſelben les trois mammelles(die drei Bruͤſte), zur Rechten liegt la montagne de decouverte, (das Entdeckungsgebirge); auf demſelben ſind drei Signalſtangen aufgerichtet, die wie Telegraphe aus⸗ ſehen und taͤglich die Signale geben, welche und 61. wie viele Schiffe in der See ſind. Aehnliche Sig⸗ nalſtangen ſtehen auch zur Linken und auf der Spitze der rechten Erdzunge des Hafens. Die Hauptſtadt dieſer Inſel, welche fruͤher den Namen Port Louis fuͤhrte, ſeit der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion aber Port nord oueést heißt, liegt dicht am Waſſer und bildet einen mit der vordern Gebirgs⸗ kette parallel laufenden Halbzirkel; doch iſt nur der mittlere Theil die eigentliche Stadt, die beiden Fluͤgel ſind Huͤtten fuͤr die Schwarzen. Der ganze Hafen war mit Schiffen angefuͤllt, daher man we⸗ nig oder nichts von der Stadt ſehen konnte. Da lagen Daͤnen, Schweden, Hamburger, Franzoſen, Spanier, Amerikaner, Mauren, Oſtindienfahrer, kurz Schiffe aus allen Theilen der Welt. Unter andern lag hier der franzoͤſiſche Admiral Linois, mit ſeinem Admiralſchiff Marengo und den beiden Fregatten Belle poule und Le talent. Sobald wir geankert hatten, bekamen wir 34 Sclaven, naͤmlich ſchwarze, um uns zu helfen, welche wir auch, bis wir wieder unter Segel gingen, zu un⸗ ſerer Bedienung behielten. Einige Tage nach unſerer Ankunft ging ich ans Land, fand aber gleich, daß Port nord 60. ouést bei weitem nicht der ſchoͤnen Capſtadt glich. Statt des Caps praͤchtigen, geſchmackvollen Gebaͤu⸗ den fand ich hier nur Huͤtten. Kein einziges Haus war von Steinen, ſondern alle nur von Holz aufgefuͤhrt; die Waͤnde von außen mit Bret⸗ tern beſchlagen und die Daͤcher gleichfalls mit hoͤl⸗ zernen Schiefern gedeckt, ausgenommen das Haus des Gouverneurs, die Boͤrſe und das Schauſpiel⸗ haus; dieſe hatten Brandmauern. Inwendig wa⸗ ren ſie praͤchtig tapeziert und mit Geſchmack meu⸗ blirt. Nachdem ich einen Theil der Stadt beſe⸗ hen hatte, ging ich in eine Taverne und trank zwei Taſſen Chocolade, wofuͤr ich einen Piaſter bezahlen mußte; hierauf machte ich einen Spazier⸗ gang, und ging dann in eine andere Taverne, wo ich ein Fruͤhſtuͤck verlangte; ich erhielt einige ge⸗ bratene Rippen, einen dito Fiſch, eine Flaſche ro⸗ then Wein und einen Sclaven zur Bedienung, wofuͤr ich wieder einen Piaſter bezahlen mußte. Das war freilich theuer! allein, ich wollte doch nicht mit leerem Magen herum laufen, beſtellte mir alſo ein Mittagseſſen, beſah darauf die andere Haͤlfte der Stadt und kehrte gegen 1 Uhr zuruͤck, fand aber zu meinem Erſtaunen keinen einzigen — „1 — 4 Menſchen auf der Taverne, da es doch vorher ſo voll geweſen war; die Wirthin ſaß allein in ih⸗ rem Comtoir und ſchrieb. Ich trank einige Glaͤſer Limonade, jedes Glas koſtete 7 Marquis,(etwas uͤber 10 Schillinge), und rauchte eine Cigarre, patrouillirte in dem großen Saal auf und ab, be⸗ ſah die Kupferſtiche an den Waͤnden und nahm uͤberhaupt das ganze Meublement in Augen⸗ ſchein.— Da dieſe Taverne ein Eckhaus war, hatte ſie zwei Eingaͤnge. Wenn man von der Hauptſtraße zur großen Thuͤre hereinkam, trat man ſogleich in die Mitte der Gaſtſtube; zur Rechten war ein kleines Comtoir, wo die Wirthin mit ihrem Sohne ſaß, und faſt beſtaͤndig rechnete und ſchrieb; denn alles ging auf Crebit. Dieſes Comtoir war ſo mit Liqueur ausſtaffirt, das es einer Apotheke vollkommen glich. Der Thuͤre ge⸗ genuͤber an der Wand ſtand ein ſchoͤner Marmor⸗ tiſch, auf einem feinen Fußgeſtell, und auf dem⸗ ſelben eine koſtbare Tafeluhr in einem großen Glas⸗ gehaͤuſe; zu beiden Seiten brillante kryſtallene Leuchterkronen; drei aͤhnliche Kronen hingen unter der Decke in großen glaͤſernen Gehaͤuſen, um zu verhuͤten, daß der Zugwind die Lichter nicht ver⸗ loͤſche. Ringsherum an den Waͤnden waren Ma⸗ hagonytiſche angebracht, auf jedem derſelben ſtand ein ſilbernes Theeſervice auf feinen Praͤſentirtellern. Die Waͤnde zierten prachtvolle Tapeten und feine Kupferſtiche. Fenſter hatten ſie nicht; uͤberhaupt erinnere ich nicht hier in irgend einem Hauſe Fen⸗ ſter geſehen zu haben; ſondern immer ſtatt derſel⸗ ben große, mit ſtarken eiſernen Staͤben und Ja⸗ louſieen verſehene Oeffnungen. So war dieſe Ta⸗ verne beſchaffen, in welcher ich mit großen Schrit⸗ ten auf und ab marſchirte und aus Langeweile dicke Tabacksringel in die Luft blies. Ploͤtzlich ſah ich eine Menge Herren zu der einen Thuͤre herein und zu der andern, welche nach dem Hof fuͤhrte, wieder hinaus ſtuͤrmen. Die Wirthin be⸗ kuͤmmerte ſich um das wilde Heer nicht; doch nach einigen Minuten ſtand ſie auf und meldete mir mit einer freundlichen Verbeugung, daß ange⸗ richtet ſey. Ich folgte ihr uͤber den Hof in ein Nebengebaͤude, wo in einem großen Zimmer ein großer langer, fein gedeckter Tiſch ſtand, der unter der Laſt der vielen und mannigfaltigen Gerichte ſeufzte; und um denſelben ſaßen 26 bis 30 Fran⸗ zoſen. Eine Menge Selaven ſprangen geſchaͤftig .. 65.. umher und quaͤlten uns mit ihrem Dienſteifer. Uebrigens war dieſes Zimmer bei weitem nicht ſo huͤbſch wie die Gaſtſtube, der Zahn der Zeit oder der der Maͤuſe hatte große Loͤcher in den Tapeten gemacht. Indeß dachte ich:„die Tapeten ſollſt du ja nicht ſpeiſen!“ und warf einen Blick auf den Tiſch, wo ich beſſere Augenweide fand. Grade vor mir ſtand ein gebratener K apaun und ein dito Haſe; zur rechten Seite ein Huͤhner⸗ und zur lin⸗ ken ein Taubenfrienſée, weiter hin ſtanden Auſtern, Krabben, Fruͤchte aller Art, ein großer Reiskuchen, eine Terrine mit Suppe, eine dito mit Carry, kleine Paſteten, gekochte und gebratene Fiſche, Lamms⸗ und Rinderbraten, ein gebratenes Span⸗ ferkel, verſchiedene Sorten Ragouts, Hachés, Car⸗ bonnade und der Himmel weiß was ſonſt noch! Ich kannte kaum den vierten Theil der Gerichte, ſpeiſ'te nur von dem was mir unbekannt war, und von jedem nur einige Meſſerſpitzen voll; ſonſt haͤtte ich mich unmoͤglich durch alle unbekannten Gerichte durcharbeiten koͤnnen. Jeder aß wovon ihm beliebte, und wenn man ſich nur umſah, ſpran⸗ gen 3 oder 4 Sclaven herbei, brachten reine Tel⸗ ler, Meſſer, Gabel, kurz was man verlangte, und . ſchenkten Wein, Waſſer oder Brantewein, denn bei jedem Couvert ſtanden drei Glaͤſer. Dabei war es ein Geplauder, daß man ſein eigenes Wort nicht hoͤren konnte. Endlich wurde abgetragen und das Deſert auf⸗ geſetzt, welches in den delicateſten Fruͤchten, ge⸗ backenen und eingemachten Sachen beſtand; auch wurde hier Kaffe ſervirt. Dann ergriffen alle ihre Huͤte, und ſtuͤrmten pfeifend und traͤllernd zur Thuͤre hinaus aufs Billard. Ich folgte ihnen einige Treppen hinauf und kam in eine Reihe ſchoͤner Zimmer, wo 5 bis 6 Blllards ſtanden. Ich ſpielte mit, verlor einige Partien, trank eine Flaſche Bier und machte dann wieder einen Spa⸗ ziergang außerhalb der Stadt nach dem St. Mars⸗ felde. 8 Das St. Marsfeld iſt ein großer ebener Platz, gleich hinter der Stadt, wo das Militair exereirt wird. Ich beſuchte das Grabmal des vorigen Gou⸗ verneurs, auf welchem die hieſigen Einwohner aus Liebe fuͤr ihn ein prachtvolles Denkmal errichteten. Bis jetzt war nur das Piedeſtal, von vortrefflicher Erfindung und koloſſaler Groͤße, fertig; auf dem⸗ ſelben ſollte eine runde Saͤule von 90 uͤber einan⸗ —— — der gelegten Steinen, großen Muͤhlſteinen aͤhnlich, errichtet werden; drei dieſer Steine waren erſt ge⸗ legt. Am Fuße dieſes Monuments warf ich mich, im Schatten einer wilden Tamarinde, auf die Erde und waͤlzte mich im langen Graſe herum. Welche Wolluſt es iſt, ſich nach einer ſo langen Seereiſe im weichen Graſe ausſtrecken zu koͤnnen, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Wie trefflich ſchmeckte hier eine Pfeife Taback! Ach, haͤtte ich dieſe Freude nur mit meinen Lieben in der Heimath, nur mit einem dieſer theuren, entfernten Weſen theilen koͤnnen, dann haͤtte mir nichts gefehlt, um mich vollkommen gluͤcklich zu fuͤhlen. Da aber dieſer Wunſch vergebens war, ſchwaͤrmte ich we⸗ nigſtens im Geiſte zu ihnen hinuͤber und erhob meine innigen Gebete fuͤr ihr Wohl zum Allieben⸗ den uͤber den Wolken. Freilich blieb auch mir wohl noch manches zu wuͤnſchen uͤbrig; allein ich genoß dankbar die Wonne des Augenblicks und uͤberließ es der guͤrigen Vor⸗ ſehung, das Dunkel meiner Zukunft freundlich zu lichten.— Vor mir uͤber dem gruͤnen Marsfelde hin lag die Stadt, welche ſich hier im ſchoͤnſten Proſpect zeigte; hinter ihr der Hafen, mit den 68 unzaͤhligen großen Schiffen, deren bunte Flaggen im Winde luſtig flatterten; rings um mich im Halbzirkel die großen Felſen, unter denen der Dau⸗ men und der Zuckerhut gleich Rieſen hervorragen, deren graue ſchroffe Waͤnde mit lieblich gruͤnen Waͤldern maleriſch beſetzt ſind; denn obgleich es ſcheint, als wenn dieſe Felſen von den Wolken wie eine bemalte Leinewand in perpendieulaͤrer Richtung auf die Erde herab haͤngen, ſo haben ſie doch Stu⸗ fen und Abſaͤtze, auf denen ganze Waͤlder ruhen koͤnnen; einzelne Baͤume kann man in dieſer Hoͤhe nicht unterſcheiden.— Ich wendete meinen Blick wieder auf die entgegengeſetzte Seite und ergoͤtzte mich an dem Anblick der flaggenden Schiffe; die ſinkende Sonne beruͤhrte eben mit ihrem untern Rande die Obeglaͤche des offenen Meeres; leichte Wolken, welche am weſtlichen Horizonte ſchwebten, glaͤnzten in wundervoller Purpurroͤthe, bildeten die mannigfaltigſten Geſtalten, die ſich mit jeder Se⸗ cunde veraͤnderten und boten meinem ſchwelgenden Auge ein Schauſpiel, welches der Zauberpinſel ei⸗ nes Raphaels vergebens darzuſtellen wagen wuͤrde. Endlich war das leuchtende Geſtirn hinabgeſunken, nur leichte dunkelrothe Streifen am Horizont zeig⸗ ten, daß ſie noch wirklich exiſtire und nicht vom Ocean verſchlungen ſey. Die vielen bunten Flag⸗ gen der Schiffe waren verſchwunden und ſtatt des dumpfen Getoͤſes, welches vorher von der Stadt zu mir heruͤber ſchallte, herrſchte jetzt die feierlichſte Stille; nur das leiſe Rauſchen der Blaͤtter, welche die kuͤhle Abendluft ſanft bewegte, und das mono⸗ tone Zirpen der einſamen Feldgrille verrieth, daß die Natur nicht ganz ausgeſtorben ſey. Langſam richtete ich mich auf, um den Ruͤckweg anzutreten, warf noch einen Blick auf die hinter mir liegen⸗ den Felſen und blieb uͤberraſcht von dem erhabenen Anblick, der ſich jetzt meinem entzuͤckten Auge dar⸗ bot, ſtehen.— Die untere Haͤlfte des Gebirges lag im grauen Dunkel vergraben, ſo daß man nichts mehr davon unterſcheiden konnte; die obere Haͤlfte hingegen ſtrahlte noch im rothen Abend⸗ glanze und die ſchwarz⸗grauen ſteinigten Maſſen ſpielten mit unbeſchreiblicher Pracht in allen ſieben Farben des Regenbogens. Die Feder entſinkt mei⸗ ner Hand, ich vermag es nicht, das Schauſpiel zu ſchildern, wie ein leuchtender Wald nach dem an⸗ dern in Dunkel verſchwand; zuletzt ſchimmerte nur noch die Spitze des Daumens im ſchwachen Lichte und nach einigen Secunden konnte ich nichts mehr davon ſehen. Tieſe Finſterniß herrſchte uͤberall. Wie ein rieſenhaftes Geſpenſt ſchimmerte das Grab⸗ mal des Gouverneurs durch die dichten Baͤume, denen die Imagination in dieſem zaubervollen Dun⸗ kel die ſeltſamſten Geſtalten lieh und in der ſelig⸗ ſten, feierlichſten Stimmung, die je auf mich herab gekommen iſt, trat ich den Ruͤckweg an. VI. Mit Muͤhe draͤngte ich mich durch das Ge⸗ wuͤhl der Luſtwandelnden in den Straßen der Stadt, und fand endlich meine Taverne wieder, wo ich eine zahlreiche Geſellſchaft antraf. Ver⸗ ſchiedene Handelsauftraͤge von einigen meiner Freunde auf dem Schiffe, gaben mir Gelegenheit, Bekanntſchaften zu machen. Vorzuͤglich draͤngte ſich ein junger munterer, fein gekleideter Menſch mit einem auffallenden Dienſteifer an mich. Da die Uhr erſt 7 war, fragte er mich, ob ich nicht einige andere Geſellſchaften mit ihm beſuchen wollte. Ich nahm die Einladung an und ließ mich von ihm fuͤhren, wohin er wollte, fand uͤberall große Geſellſchaften und brillante Aufwartung. Indeß 4 3 412, 71 konnte ich mich nicht uͤber theure Zeiten beklagen, denn mein Fuͤhrer ließ es ſich nicht nehmen, fuͤr mich zu bezahlen und brachte mich um 9 Uhr wie⸗ der nach meinem Logis. Die Einladung, ihn mor⸗ gen auf ein Fruͤhſtuͤck zu beſuchen, lehnte ich ab, weil ich einen Spatziergang nach dem Gebirge ma⸗ chen wollte. Als ich in die Gaſtſtube trat, nahm mich die Wirthin bei Seite und rieth mir, mich mit jenem jungen Menſchen nicht in Handel ein⸗ zulaſſen, indem ſie mir verſicherte, es ſey ein Aven⸗ tuͤrier, der ſtets ohne Bezahlung einzukaufen ſuchte. Ich dankte ihr fuͤr die wohlgemeinte Warnung und beſchloß, mich nicht weiter um ihn zu bekuͤmmern. Dann fragte ſie mich mit einer ſo freundlichen Miene, ob ich zu Abend eſſen wollte, daß ich nicht umhin konnte, ja zu ſagen, obgleich mich nicht im geringſten hungerte. Zwei Sclaven leuchteten mir ins Speiſezimmer, wo ich den Tiſch eben ſo ge⸗ deckt fand, wie am Mittag, nur waren noch keine Gaͤſte da; ich ſetzte mich alſo allein mit der Ma⸗ dame zu Tiſch und da ſie eine ſehr intereſſante Frau war, ſchwand mir eine halbe Stunde ſchnell voruͤber. Darauf hoͤrte ich ein fuͤrchterliches Schreien, Toben und Poltern auf der Treppe; 4133 die Thuͤr ſprang auf und die fruͤheren Tiſchgaͤſte, nebſt einigen engliſchen Seekapitains von den ame⸗ rikaniſchen Schiffen, ſtuͤrzten ſchimpfend und flu⸗ chend herein. Das immerwaͤhrende abſcheuliche Fluchen fiel mir unter dieſen Menſchen ſehr auf. Ich fand aber ſpaͤter, daß ſolche Auftritte nicht ſelten, ſondern gewoͤhnlich vorkommen; denn da die Franzoſen den ganzen Tag Wein und Bier trinken, ſind ſie in der Regel des Abends ziemlich berauſcht; dann ſchimpfen ſie auf die gemeinſte Art und fordern ſich auf Degen und Piſtolen heraus; doch laſſen ſie es bei der Drohung bewenden; denn nie hoͤrt man hier von einem Duell. Die Ma⸗ dame ſtellte bald den Frieden wieder her, freilich kam noch ſo hie und da ein Foutre! coquin! kripon! zwiſchen den Zaͤhnen hervor, doch kaueten die mehrſten ihren Groll mit dem Haſenbraten zu⸗ gleich hinunter und ſchwemmten mit Bordeauxwein nach. Da ich nicht mehr ſpeiſen wollte, ſtand ich auf, denn hier werden keine laͤſtige Ceremonien beobachter; ein Sclave leuchtete mir eine Treppe hinauf, oͤffnete mein Schlafzimmer, dog mir die Stiefel aus, legte einige Cigarros auf den Tiſch und wuͤnſchte mir eine ruhige Nacht; denn wenn man nicht ſpielen will, geht man hier nach dem Abendeſſen gleich zu Bette; ich befolgte dieſe Sitte. Mein Bette beſtand nur aus einer Matratze und einem Kopfkiſſen, woruͤber ein feines weißes Laken ausgebreitet war, ein dito Laken diente zur Decke. Weiche Federbetten kennt man hier nicht, und ich muß geſtehen, daß es ſich weit beſſer auf einem ſolchen Bette ſchlaͤft, als wenn man bis uͤber die Ohren in Federn verſenkt liegt.— Am andern Morgen um 4 Uhr erwachte ich, ſtand, obgleich es noch ſtockfinſter war, auf; ſah aus dem Fenſter und bemerkte uͤberall ſchon Licht und alles in voller Beſchaͤftigung. Ich pfiff, wie es hier gebraͤuchlich iſt, wenn man einen Sclaven verlangt, und ſogleich war mein Domingo bei der Hand; ich verlangte Licht und Kaffee, welches auch im Augenblick vor mir ſtand. Dann rauchte ich einige Cigarros, trank meinen Kaffee und gab meinen Gedanken Audienz, bis die Uhr 5 war. Jetzt ergriff ich meinen Hut und trat meine Wall⸗ fahrt nach dem Gebirge an.— Mein Weg ging wieder uͤber das St. Marsfeld, dem Grabmal des Gouverneurs vorbei, wo ich viele Spatzierende, ſowohl Herren als Damen, antraf, welche ſich hier 4 ausruhten; auch ich ſetzte mich am Fuße des Mo⸗ numents und hoͤrte dem Geſpraͤch der mir zunaͤchſt Sitzenden zu, welches nichts als das Lob des Ver⸗ ewigten enthielt. Wie groß aber auch die Liebe ſeiner Unterthanen und die Achtung ſeiner Feinde geweſen ſeyn muß, laͤßt ſich daraus ſchließen, daß ihm alle Inſulaner, Weiße und Schwarze, zu Grabe folgten; alle Schiffe flaggten mit halb aufgezogenen Flaggen, die engliſche Flotte, welche den Hafen blockirt hielt, nicht ausgenommen; alle Officiere waren am Lande und folgten ihm gleichfalls zur Ruheſtaͤtte.— Nachdem ich mich einige Minuten aufgehalten hatte, marſchirte ich weiter und ging an einigen Landhaͤuſern voruͤber, die zwar an ſich nichts Ausgezeichnetes hatten, denn ſie waren, wie gewoͤhnlich. klein und von Brettern zuſammen ge⸗ ſchlagen, indeß doch mit einer huͤbſchen rothen oder gelben Farbe angeſtrichen, welche ihnen mit der romantiſchen Umgebung ein prachtvolles Anſehen gab. Von nun an wurde mein Weg ſteinigt und bergigt. Ein kleiner Bach, der ſich zwiſchen Fel⸗ ſen ſchlaͤngelte, trennte mich von einem dicken Walde; die ſteinerne Bruͤcke, welche hinuͤber fuͤhrte⸗ war verfallen; ich mußte alſo in die Schlucht hinabſteigen und theils den Bach durchwaten, theils uͤber Felſenſtuͤcke ſpringen, um hinuͤber zu kommen. Kaum aber hatte ich die andere Seite erreicht, ſo fuͤhlte ich mich auch fuͤr meine Muͤhe reichlich be⸗ lohnt; denn ich befand mich in einem dicken Walde, von lauter mir unbekannten Baͤumen, auf einem freilich ſchmalen, jedoch ebenen Fußpfade, der in ſchnurgerader Richtung eine ganze Strecke fortlief; laͤngs demſelben lief, mir zur Linken, ein Wall von Quaderſteinen hin, in welchem eiſerne Roͤh⸗ ſ ren lagen, die das Waſſer von den Bergen nach der Stadt leiten; dicht hinter dieſem Wall lag die eine Haͤlfte des Waldes, der ſo ſteil hinanging, daß es eine halsbrechende Arbeit geweſen ſeyn wuͤrde, ihn zu erklimmen; zur Rechten lag die andere Haͤlfte, welche eben ſo ſteil hinaufſtieg. Da die Baͤume zu dicht neben einander ſtanden, konnte ich nicht ſehen, wie tief dies Thal hinabging. Die Kronen der Baͤume ſchlaͤngelten ſich uͤber mir ſo feſt in einander, daß es den Sonnenſtrahlen un— moͤglich war, durchzudringen. Hier machte ich abermals Halt, ſetzte mich auf den Wall, bei einer kleinen Roͤhre, aus welcher Waſſer hervorſprudelte, zuͤndete mir einen Cigarro 4* 4⸗70——⸗ an und trank einen Trunk des klarſten Waſſers dazu. Das Gezwitſcher der um mich herumhuͤp⸗ fenden Voͤgel ſtimmte harmoniſch zu dem ſanften Murmeln des durch die Roͤhren laufenden Waſſers und mir war unbeſchreiblich wohl, die Bruſt wurde mir ſo voll und enge— ich freute mich aufs in⸗ nigſte meines Daſeyns.— Nach einigen Minuten hoͤrte ich Fußtritte; ich ſah mich um und erblickte einen Seclaven, der ge⸗ buͤckt unter einer ſchweren Laſt Brennholz einher⸗ keuchte, welches er oben auf dem Felſen, weit von der Stadt, gefaͤllt hatte und auf der nackten Schul⸗ ter trug; unter dem linken Arm trug er ſeine Art. Nicht weit von mir machte er Halt, lehnte ſeine Buͤrde auf einen Baumſtamm und wiſchte ſich mit einem groben Lappen, den er um die Huͤften ge⸗ bunden hatte, und welcher ſeine ganze Kleidung ausmachte, den Schweiß vom Geſichte. „Allguͤtiger!“ dachte ich,„wie viel Ungluͤckliche giebt es in deiner ſchoͤnen Welt; wie viele Tau⸗ ſende ſind nicht allein auf dieſer Inſel und wie groß muß nicht die Anzahl derſelben in allen euro⸗ paͤiſchen Beſitzungen ſeyn!“ Denkt man ſich in die Lage eines ſolchen Ungluͤcklichen, der gewaltſam K . 277.. aus den Armen ſeiner Familie, ſeiner Freunde ge⸗ riſſen, unbekannt mit ſeinem kuͤnftigen Loos, auf ein Schiff gepackt, dort in einen engen Raum, deſſen Luft von den Ausduͤnſtungen der Menge ſei⸗ ner Bruͤder verpeſtet iſt, geſtoßen wird; verdorbene, nicht halb zureichende, Nahrung erhaͤlt, ſo daß die Haͤlfte dieſer Mitleidswerthen unterweges aus Man⸗ gel, Kummer und Sehnſucht nach ihrem Vater⸗ lande umkommt, und wenn er nun den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht hat, die ſchwerſten Arbeiten verrichten muß, die ſchlechteſte Koſt und taͤglich die fuͤrchterlichſten Schlaͤge bekommt, ſo durchbebt je— den nicht ganz Gefuͤhlloſen ein kalter Schauder, und er dankt ſeinem Schickſal, welches ihm einen andern Platz in der menſchlichen Geſellſchaft ange⸗ wieſen hat.— Ihre weißen grauſamen Gebieter hier ſprechen ihnen alles moraliſche Gefuͤhl ab und behaupten, daß ſie ihr Elend bloß phyſiſch fuͤhlen. Doch ſieht man nur den kummervollen Blick, mit welchem der Leidende ſeinen Tyrannen betrachtet, ſo wird man vom Gegentheil uͤberzeugt; ein ſol⸗ cher Blick ſcheint ſagen zu wollen:„Ich bin ſo gut ein Menſch wie du, das fuͤhle ich; was habe ich verſchuldet, daß das Geſchick mich ſo tief unter 478 dich geſtellt hat?“— Nein, fuͤr einen zur Frei⸗ heit geſchaffenen Menſchen kann kein groͤßeres Elend gedacht werden, als in eine ſolche Sclaverei zu ge⸗ rathen. Gleich Pferden werden ſie an große zwei⸗ raͤderige Karren geſpannt, die ſchwerſten Laſten muͤſſen ſie ſchleppen, dabei ſauſ't ihnen unaufhoͤr⸗ lich die fuͤrchterliche Peitſche des Aufſehers um die Ohren und klatſcht ihnen alle Augenblicke ſo un⸗ barmherzig auf den nackten Nuͤcken, daß jeder Schlag einen blutigen Striemen zuruͤck laͤßt. Ihre ganze Nahrung iſt, Morgens, in Waſſer gekochter Reis, Mittags und Abends, grobes, hartgetrockne⸗ tes Brot. Nur Sonntags ſind ſie von der Ar⸗ beit befreit und dann bekommt jeder von ſeinem Herrn einen halben Piaſter, welches aber in einem Lande, wo alles ſo theuer iſt, nicht mehr aus⸗ macht, als 5 Schillinge bei uns. Wenn die Scla⸗ ven, welche wir am Bord hatten, ein Stuͤck geſal⸗ zenes Fleiſch von uns bekamen, verzehrten ſie es roh, und wenn der Schlachter ein Schwein ſchlach⸗ tete, und die Eingeweide uͤber Bord warf, ſtuͤrz⸗ ten ſich gleich einige hinterdrein, holten ſie aus dem Waſſer, legten ſie auf gluͤhende Kohlen und verzehrten ſie nach einer Viertelſtunde, halb ver⸗ brannt, halb roh, voll Aſche, wie die groͤßte Delicateſſe.— Jedesmal durchzuckte mich der tiefſte Seelenſchmerz, wenn ich einen ſolchen Uugluͤcklichen ſich vor der Peitſche kruͤmmen ſah, und keinen ein⸗ zigen habe ich geſehen, der nicht Merkmale dieſes barbariſchen Inſtruments auf dem Ruͤcken trug.— Moͤchten wir alle, denen ein minder hartes Loos zu Theil wurde, doch recht oft das Auge auf dieſe unſere ungluͤcklichen Bruͤder wenden! dann werden wir dankbarer die Milde unſers Geſchicks erken⸗ nen und leichter des Lebens kleine Unfaͤlle tra⸗ gen.— Doch, man verzeihe mir dieſe Abweichung! ich nehme jetzt den Faden meiner Erzaͤhlung wie⸗ der auf. 4 Mitleidig betrachtete ich den Sclaven, der ſich ſeufzend den blutigen Schweiß abwiſchte.„Dem armen Schelm mußt du doch etwas zu verdienen geben!“ dachte ich und naͤherte mich ihm. Schon in der Ferne legte er die Hand an die Stirne und begruͤßte mich mit dem gewoͤhnlichen:„Je vous souhaite le bon jour, Monsieur!” Ich bat ihn, mir einen Zweig von einem naheſtehenden Baum zu hacken, den ich zum Stock, um mich bei'm Klettern darauf zu ſtuͤtzen, gebrauchen wollte. Gleich heiterte ſich ſein Geſicht auf, nach wenigen Secunden hatte ich einen tuͤchtigen Stock; er huckte, zufrieden mit der Bezahlung, ſeine Buͤrde wieder auf und marſchirte froͤhlich weiter. Auch ich folgte ſeinem Beiſpiel und ſetzte meine Wan⸗ derung fort. Mein ſchoͤner Fußpfad verließ mich bald und der Weg begann ſteil und uneben zu werden. Eine Menge loſer Steine erſchwerten mir das Gehen, indem ſie bei jedem Tritt auswichen und, von Schutt und Sand begleitet, raſſelnd in die Tiefe rollten. Immer ſchmaͤler wurde mein Weg und verlor ſich endlich ganz. Trotz dem ſtieg ich luſtig weiter, denn verirren konnte ich mich nicht, ich brauchte nur beſtaͤndig aufwaͤrts zu ſteigen. Ein fernes, dumpfes Getoͤſe erregte meine Aufmerkſam⸗ keit, ich lenkte meine Schritte nach der Gegend hin; das Getoͤſe wurde immer ſtaͤrker und ſtaͤrker, und bald merkte ich, daß es ein Waſſerfall ſeyn mußte; ich irrte mich auch nicht; den kaum hatte ich den Vorſprung eines Felſens erreicht, ſo ſah ich ein ſilberhelles Waſſer, oder vielmehr einen Schaum, von dem Gipfel eines ſteilen Bergs ſtu⸗ fenweiſe herabſtuͤrzen, bis er ſich tief unter mir in 81. ein großes Baſſin— das es ſich nach und nach ſelbſt ausgehoͤhlt hatte— verlor. Lange ſtand ich im Anſchauen dieſes herrlichen Schauſpiels verſun⸗ ken, bis mich endlich eine fuͤhlbare Kaͤlte am gan⸗ zen Koͤrper aus meinen Traͤumen weckte; denn von dem feinen Staubregen, den das herabſtuͤrzende Waſſer weit um ſich her verbreitete, waren meine Kleider ganz durchdrungen. Ich ſetzte alſo meinen Wanderſtab weiter. Die brennenden Strahlen der Sonne trockneten meine Kleider in wenigen Mi⸗ nuten. Jetzt aber fuͤhlte ich erſt recht die Beſchwerlich⸗ keiten einer ſolchen Wanderung. Die Hitze wurde immer druͤckender, der Weg bald von ſchroffen Fel⸗ ſen, bald von tiefen Abgruͤnden, deren gaͤhnende Schluͤnde die ſchoͤnſten Baͤume fuͤllten, verſperrt; ich mußte weite Umwege machen und mich durch die dickſten Dornen arbeiten, um einen freien Platz zu erreichen, den ich mir von unten bemerkt hatte und von dem aus ich meinen ferneren Cours be⸗ ſtimmen wollte, um die Spitze des Daumens am leichteſten erreichen zu koͤnnen. Waͤhrend ich nun eifrig kletterte und mich ſchon freute, bald im Freien zu ſeyn— denn der dichte Wald wurde 4* ſetzen, denn der Schmerz ſpannte mir ſo in den 8ZAV. immer lichter— fuͤhlte ich ploͤtzlich einen heftig ſtechenden Schmerz in der rechten Wade und gleich darauf einen zweiten in der linken. Ich tanzte erbaͤrmlich herum, mußte mich aber bald nieder⸗ Beinen, daß ich weder gehen noch liegen konnte.— Da ſaß ich nun und ſtellte die traurigſten Be⸗ trachtungen an. Was ſollte aus mir werden, wenn die Stiche von giftigen Inſecten herruͤhrten und die Beine mir anſchwellten, was ich des bren⸗ nenden Schmerzes wegen fuͤrchtete! Kein Sterb⸗ licher wuͤrde mich in dieſen abgelegenen Gegenden, wo ſeit Jahrhunderten kein menſchlicher Fuß ge⸗ wandelt zu haben ſchien, ſuchen. Doch nach einer Viertelſtunde ließ der Schmerz merklich nach und bald war er gaͤnzlich verſchwunden, ich konnte un⸗ gehindert weiter klimmen. Endlich gelang es mir, mich aus dem Dickicht herauszuwinden und ich be⸗ fand mich nun zwar auf einem ebenen, von Baͤu⸗ men freien Platze; doch wie ſehr ſah ich mich in. meiner Erwartung betrogen! Unten hatte ich die⸗ ſen Platz fuͤr einen kleinen, mit kurzem Gras be⸗ deckten Flecken angeſehen; fand aber, daß es ein großer, mit hohem, mir weit uͤber den Kopf ra⸗ 85. 83. genden Schilf bedeckter Moraſt war. Dennoch beſchloß ich, mich durchzuarbeiten, ſah indeß bald ein, daß es ſchwer halten wuͤrde, die entgegen⸗ geſetzte Seite zu erreichen; denn da ich in dem dichten, hohen Schilfe weder uͤber mir noch unter mir ſehen konnte, ſtolperte ich bald uͤber Steine und plumpte bis ans Knie in faules Waſſer; dazu kam noch, daß der Himmel ſich verfinſterte; der. Daumen, den ich noch kurz zuvor ſehen konnte, war jetzt von dunklen Wolken bedeckt, und nur mit Muͤhe vermochte ich den Stand der Sonne zu entdecken, um mich nach ihr zu richten. Nach⸗ dem ich beinahe eine ganze Stunde ſo herumgeſtie⸗ gen, erreichte ich endlich, ganz abgemattet, ſchmach⸗ tend vor Durſt, Geſicht und Haͤnde von dem ſchneidenden Rohr zerfetzt, die andere Seite. Nun ging es wieder uͤber Klippen und durch Dickicht; allein lange konnte ich es nicht mehr aushalten, der Durſt quaͤlte mich entſetzlich, ich kroch nur noch an den Felſenwaͤnden herum und horchte, ob nirgends Waſſer rieſelte. Vergebens!— Da, o ſuͤße Labung! fiel ein ſanfter Regen vom Himmel. Ich warf mich auf den Ruͤcken, riß mir die Klei⸗ der auf und fing ihn mit offener Bruſt und offe⸗ nem Munde auf. Mein Durſt wurde zwar lange nicht dadurch geloͤſcht; doch erhob ich mich unend⸗ lich geſtaͤrkt und erquickt. Jetzt verdoppelte ich meine Anſtrengungen, noch eine Viertelſtunde und ich ſtand auf dem Gipfel.— Die Sonne ſank gluͤhendroth in den Ocean hinab und warf ihre letzten Schimmer auf die vor mir ausgebreitete Welt. Was ich dachte, was ich empfand, beſchreibt keine Feder! Hier, ja hier fuͤhlte ich mich dem Urgeiſt naͤher, deſſen Namen ich nicht mehr zu ſtammeln vermochte; meine Seele durchzitterte das hoͤchſte Entzuͤcken, es war die ſchoͤnſte heiligſte Stunde meines Lebens, bebend in namenloſer Wonne warf ich mich am Boden nieder und ſtreckte die Arme nach dem theuren Vaterlande aus; die trau⸗ ten Geſtalten meiner, mehrere tauſend Meilen ent⸗ fernten, Lieben zogen meinem Blicke voruͤber und ich feierte das Andenken meines unvergeßlichen Lehrers T..., waͤhrend ſich dunkle Wolkenmaſſen auf die unter mir liegende Welt hinabſenkten; ſie zerſtreuten ſich nicht, wie ich anfangs hoffte, ſon⸗ dern blieben in den Thaͤlern, jedem Auge undurch⸗ dringlich, haͤngen. Es war mir, als wenn ich mich auf dem Schiffe, zwiſchen den canariſchen 85... Inſeln befaͤnde. Hie und da ſah ich die Spitze eines Bergs aus dem Nebel, gerade ſo wie aus dem Ocean, hervorragen.*) Nach einer kleinen Stunde kletterte ich, in be⸗ ſtaͤndiger Gefahr den Hals zu brechen, auf der an⸗ dern Seite wieder hinunter, wo ich einen breiten, ebenen Weg antraf und nun wanderte ich einige Meilen ins Land hinein. Doch die unbeſchreiblich ſchoͤnen Gegenden, die fruchtbarſten Thaͤler, welche mit den rauheſten Klippen abwechſelten, die roman⸗ *) Der gemuͤthvolle Verfaſſer der Originalbriefe, nach denen ich dieſe Reiſebeſchreibung bearbeitete, hatte die Ausſicht vom Gipfel des Daumens und die Stunde, welche er dort verlebte, auf eine Weiſe geſchildert, welche die Reinheit ſeines Charakters und die Schoͤnheit ſeiner Seele mehr als jede andere Stelle enthuͤllte. Allein als dieſe Briefe, erſt lange nach dem Tode des Verfaſſers, in meine Haͤnde kamen, befand ſich leider ſchon eine Luͤcke von mehreren Seiten darin, welche gerade jene ſo wichtige Beſchreibung enthielten. Ich konnte alſo nur das Wenige, was ich aus meiner fruͤhe⸗ ſten Kindheit, in der ich dieſe Briefe zum erſten⸗ mal und noch vollſtaͤndig las, davon erinnere, an⸗ fuͤhren; wobei ich tief fuͤhle, daß dieſe hoͤchſt man⸗ gelhafte Stelle den geliebten Leſern ſo wenig wie mir genuͤgen kann. . d6 tiſche Lage der Landhaͤuſer, alles das uͤbergehe ich; eine Schilderung davon wuͤrde zu weit fuͤhren und jede doch nur manzgelhaft ſeyn! Daher ſage ich nur, daß ich Abends um 9 Uhr hoͤchſt ermuͤdet in meinem Logis wieder ankam und mich am naͤchſten Morgen gleich an Bord begab. 1 VII. Ein anderes Mal war ich ausgeritten und zwar nach der andern Seite der Inſel, welche ich nicht minder ſchoͤn, obgleich nicht ſo bergigt fand. Nach meiner Ruͤckkehr trieb ich mich mit meinen Freun⸗ den und Bekannten in der Stadt herum, und lebte ſehr froh und heiter. So ging es immer, wenn ich am Lande war; doch brachte ich auch viel Zeit am Bord zu, denn das Leben auf dem Lande war mir zu koſtſpielig. Mit 60 Piaſtern konnte ich nur 10 Tage auskommen,/ obgleich ich nicht im gering⸗ ſten verſchwenderiſch lebte und mich mit jedem Tage mehr einſchraͤnkte. Isle de France oder Maurice liegt unter'm 20. Grad ſuͤdlicher Breite, 500 Meilen vom Cap und einige 60 Meilen von der Inſel Madagas⸗ car. Das Klima iſt hier im Sommer ſehr heiß, —— — 82— in den Wintermonaten, Juni, Juli, Auguſt, ge⸗ maͤßigt und uͤbrigens ſehr geſund. Dieſe Inſel iſt zwar nur klein, aber uͤberaus fruchtbar und treibt einen ſtarken Handel. Sie hat zwei gute Haͤfen, beide gleich ſtark befeſtigt; doch iſt der nordweſtliche der allgemeine Sammelplatz aller Schiffe. Ihre vorzuͤglichſten Produete ſind: Kaffee, Zucker, In⸗ digo, Saffran, Gewuͤrznelken, Muscatnuͤſſe, Eben⸗ holz u. ſ. w. Fruͤchte bringt ſie im Ueberfluß her⸗ vor, z. B. Citronen, Apfelſinen, Pflaumen, Ko⸗ kusnuͤſſe, Granataͤpfel, Piſang, Melonen, Mangus, Kujabus, Datteln, Ananas u. ſ. w. An Getraide haben ſie hier nur europaͤiſchen und tuͤrkiſchen Wai⸗ zen; aus dem letzteren wird Brot fuͤr die Schwar⸗ zen gebacken. Da der Boden hier ſehr ſteinigt iſt, koͤnnen ſie keinen Pflug anwenden, ſondern muͤſſen das Land von den Sclaven umgraben und beſaͤen laſſen. Zahmes Vieh und Gefuuͤgel giebt es hier aller Art; doch ihr Hornvieh erhalten ſie von der Inſel Madagascar. Die Anzahl der ſchwarzen Einwohner iſt zwan⸗ zig Mal groͤßer als die ihrer weißen Gebieter. Viele Weiße haben 2 bis 300 Sclaven, wovon jeder 3 bis 500 Piaſter koſtet. Wenn hier ein 1eop. 88 Schiff mit Sclaven ankommt, werden ſie ſogleich ausgepackt— denn die wenigſten koͤnnen gehen— und in ein großes, dazu eingerichtetes, Haus ge⸗ fuͤhrt, wo ſie etwas beſſere Koſt bekommen und ſich ein wenig erholen koͤnnen. Darauf werden ſie, mit auf den Ruͤcken zuſammengebundenen Haͤnden, einige Stunden am Tage herum gefuͤhrt und dann verkauft. Einſt wohnte ich einer ſolchen Auction bei. Die Ungluͤcklichen wurden einer nach dem andern mit Nummern an den Haͤlſen hereingefuͤhrt, auf einen Tiſch geſtellt, von allen beſehen und be⸗ taſtet, und dann an die Meiſtbietenden verkauft. Gerade wie ich in die Thuͤre trat, wurde ein Maͤd⸗ chen von 15 bis 16 Jahren hereingefuͤhrt, oder vielmehr geſchleppt, und ihr zu verſtehen gegeben, daß ſie auf den Tiſch ſteigen ſollte, welches ſie aber nicht verſtand; indeß ein Stoß in den Ruͤcken und ein derber Fluch, mit einer Pantomime begleitet, machten ihr den Befehl verſtaͤndlich und ſie ge⸗ horchte. Zitternd an allen Gliedern ſtand ſie da und warf aͤngſtliche Blicke um ſich her, welche zu fragen ſchienen:„Barmherziger Gott! was ſoll aus mir werden? Iſt denn keiner unter Euch allen, der mich Arme retten will? Gewiß hat ſie ge⸗ — — 2,.. 89—— glaubt, daß die Leute ſie nur darum ſo genau be⸗ ſahen und betaſteten, um zu unterſuchen, ob ſie fett genug ſey— denn ſie glauben alle, daß ſie in ein Land kommen, wo ſie geſchlachtet und gefreſſen werden ſollen— das Maͤdchen wurde fuͤr 280 Piaſter verkauft. Die weißen Bewohner der Inſel ſind uͤbrigens, wie alle Franzoſen, ſehr geſpraͤchig, aufgeraͤumt und geſchaͤftig, d. h. ſie laufen aus einer Taverne in die andere, von einem Billard zum andern; beſu⸗ chen die Boͤrſe; eſſen und trinken alle Augenblicke ein Weniges; ſtehen beſtaͤndig mit dem Zahnſtocher in der Hand, oder putzen ſich die Zaͤhne vor dem Spiegel; ſingen, pfeifen, ſchwatzen den ganzen Tag, drehen ſich zehn Mal auf einem Abſatze herum u. ſ. w. Gegen Fremde ſind ſie zuvorkom⸗ mend und hoͤflich, und ermuͤden nicht, eine Sache wohl zehn Mal zu erklaͤren, die man nicht recht verſtanden hat. Das weibliche Geſchlecht putzt ſich gerne, welches auch von den Sclavinnen gilt, die ihre Prachtliebe dadurch an den Tag legen, daß ſie ihre Finger und Ohren mit großen goldenen Ringen und ihre Fußzehen mit dito ſilbernen ſchmuͤcken. Schuhe darf kein Selave tragen.— Die Sprache iſt, wie ſich leicht denken laͤßt, fran⸗ zoͤſiſch; doch die der Schwarzen ein Miſchmaſch von Franzoͤſiſchem und ihrer Mutterſprache, welche kreoliſch genannt wird und aͤußerſt ſchwer zu ver⸗ ſtehen iſt.— Das Militair beſteht, außer der Ar⸗ tillerie, aus 4000 Mann Infanterie und einigen 50 Huſaren, und iſt ſehr prachtvoll equipirt.— Maurice hatte im Allgemeinen ſo viel Reizendes fuͤr mich, daß ich wuͤnſchte, wenn ich mich erſt etwas weiter in der Welt umgeſehen haben wuͤrde, mein Leben hier beſchließen zu koͤnnen. Bei unſerer Ankunft trafen wir, außer andern daͤniſchen Kauffahrern, das Compagnieſchiff, Prinz von Auguſtenburg, gefuͤhrt vom Kapitain From, hier an; welches 3 Monate fruͤher als wir ausge⸗ gangen und erſt vor 14 Tagen hier angekommen war. Wir lagen hier einige 14 Tage im Hafen, ohne zu wiſſen, wohin unſere fernere Beſtimmung ging. Bald hieß es nach Bengalen, bald wie⸗ der nach Batavia. Oft handelten wir auf ein neues Schiff, konnten aber nie einig werden; end⸗ lich erhielten wir eins fuͤr 63000 Piaſter. Allein nun war noch die Frage, wer es haben ſollte, wir oder Prinz von Auguſtenburg? Beide Schiffe 3 91 waren gleich baufaͤllig. Alſo wurde beſchloſſen, daß beide Schiffe unterſucht und das ſchlechteſte hier verkauft werden ſollte; da fand es ſich denn, daß Prinz von Auguſtenburg bei weitem ſchlechter war. Nun wurde dieſes Schiff fuͤr 14000 Pia⸗ ſter verkauft und Kapitain From wurde beſtimmt, mit dem neuen nach Batavia zu gehen; wir aber ſollten hier unſere Ladung einnehmen und mit un⸗ ſerm alten Kaſten wieder nach Europa zuruͤckkeh⸗ ren. Unſer Schiff wurde ſogleich ausgeladen, von innen und außen kalfatert und ſo gut wie moͤglich ausgeflickt. Dann erhielten wir unſere Ladung, welche in Ebenholz, Kaffee, Zucker und Thee be⸗ ſtand.— Den 10. Mai kam das daniſche Compagnie⸗ ſchiff, Copenhagen, von Bengalen hier an, um ein neues Steuerrohr machen zu laſſen, welches es auf der Reiſe verloren hatte. Den 22. Mai ging der franzoͤſiſche Admiral Linois mit dem Linienſchiffe Marengo und der Fregatte Belle poule unter Segel. Den 3. Juni ging Capitain Smith mit dem Compagnieſchiffe Copenhagen unter Segel. An demſelben Tage wurde vom Lande ſignaliſirt, daß eine engliſche Flotte vor dem Hafen liege.— Den 22. Juli, da die Englaͤnder ſich nicht ſehen ließen, entwiſchte die franzoͤſche Fregatte le Talent, nebſt einer Menge fremder Kauffahrtheiſchiffe; denn wenn ſich die Feinde vor dem Hafen ſehen laſſen, darf kein Schiff ſegeln. Den 31. Juli endlich gingen wir ſelbſt unter Segel, um in unſer geliebtes Vaterland zuruͤck zu kehren.— 8 Der Wind war guͤnſtig und in Geſellſchaft mehrerer Schiffe umſegelten wir die andere Haͤlfte der Inſel, deren Anblick uns die herrlichſte Augen⸗ weide bot, bis uns die hereinbrechende Nacht die⸗ ſen ſchoͤnen Anblick entzog.— Unſere Schiffsgeſell⸗ ſchaft war jetzt um einige Mann kleiner, als auf der Herreiſe, was man jedoch kaum bemerkte. Ei⸗ ner unſerer Lehrlinge naͤmlich war als Oberſteuer⸗ mann auf einem andern daͤniſchen Schiffe angeſtellt worden; ein Matroſe ſtarb, zwei andere, der Hav⸗ meiſter, ein Lehrling und der Bootsmann deſertir⸗ ten auf Maurice und des Kapitains Sohn, ein kleiner Junge, kam auf ein anderes Schiff, weil keiner von unſern Leuten ihn ſchlagen wollte, wenn er Schlaͤge verdient hatte. Dafuͤr aber war un⸗ 65 9 3 ſere Geſellſchaft mit einem ſchwarzen Jungen von 6 bis 8 Jahren, den der Oberſteuermann fuͤr 150 Piaſter gekauft hatte, mit einem kleinen Hunde, einem grauen Kater, mit einem fremden Thier von Madagascar, ein Mittelding von Affe und Fuchs, und mit einigen Papageien vermehrt worden. Ich aber begnuͤgte mich mit meinem kleinen Affen, der mir jede langweilige Stunde auf das poſſirlichſte verkuͤrzte und mir taͤglich lieber wurde. Waͤhrend der ganzen Zeit, in der wir bei Maurice lagen, mußte ich ihn einſperren; denn er hatte eine be⸗ ſondere Antipathie gegen die Schwarzen; wo er ei⸗ nen ſah, fuhr er auf ihn los und biß ihn; uͤbri⸗ gens war er ſehr artig und mir vorzuͤglich erge⸗ ben. Wenn er einmal aus ſeinem Arreſte ent⸗ wiſchte, durchſuchte er das ganze Schiff, bis er mich gefunden, dann bezeigte er ſeine Freude durch tauſend Bocksſpruͤnge und Liebkoſungen. Er aß alles was ich ihm gab, ausgenommen Fiſche, wo⸗ mit ich ihn aus einem Winkel in den andern trei⸗ ben konnte und wogegen er die ſtaͤrkſte Idioſyn⸗ kraſie aͤußerte. Einſt legte ich ihm eine Dattel dicht neben einen Fiſch und zeigte ſie ihm. Da haͤtte man ſehen ſollen, welche poſſirliche Spruͤnge .. 94.. er machte, wie er die Zaͤhne wetzte und ſich die Haͤnde rieb! Gern wollte er die ſuͤße Frucht ha⸗ ben, wagte es aber nicht, ſich dem Fiſche zu naͤ⸗ hern. Endlich uͤberwog die Luͤſternheit die Furcht, er naͤherte ſich ruͤckwaͤrts mit langſamen Schritten dem Fiſche, ſtreckte die rechte Hinterpfote behutſam aus, ſchlug die Dattel weit weg und bemaͤchtigte ſich derſelben mit einem Sprung.— Unſere Reiſe ging anfaͤnglich ſchnell vorwaͤrts, ſpaͤter bekamen wir Windſtille; doch da Wind und Wetter ſich auf einer Seereiſe beſtaͤndig veraͤndern, ſo wuͤrde es nur ermuͤden, dies jedesmal anzufuͤh⸗ ren.— Schon am Morgen des 1. Auguſt konn⸗ ten wir kein Schiff mehr ſehen, ſo weit waren wir den andern vorausgekommen. Den 2. erblick⸗ ten wir die, ihrer Kaffeebohnen wegen, beruͤhmte Inſel Bourbon, oder Isle de la réunion, welche wir, da wir Windſtille hatten, einige Tage im Geſicht behielten. Dann gings wieder raſch vor⸗ waͤrts. Den 25. erblickten wir die Kaͤſte von Afrika, wurden aber durch Stuͤrme wieder vertrie⸗ ben, welche uns hier ſo heftig heimſuchten, daß wir alle Segel einziehen mußten und nur einen kleinen Lappen beibehielten, um das Schiff zu re⸗ gieren. Nie noch hatte ich das Meer in ſolchem Aufruhr geſehen. Vierzehn Tage mußten wir uns hier mit den aufgebrachten Herrn Neptun und Aeolus herumbalgen, bevor ſich ihr Zorn legte, und e einſehen lernten, daß mit Toben und Wuͤthen richts gegen uns auszurichten war. Waͤhrend wir hier ſo herumgeworfen wurden, bald das Vorgebirge erblickten und es bald wieder aus dem Geſichte verloren, fingen wir eine Menge Voͤgel, welche die Matroſen Capstauben nannten, weil ſie mit un⸗ ſern Tauben einige Aehnlichkeit haben; ſonſt aber ſind es Seevoͤgel, unter dem Bauche blendend weiß, auf dem Ruͤcken ſchwarz und weiß gefleckt. Wir fingen ſie mit krummgebogenen Stecknadeln, die wir an einen duͤnnen Drath befeſtigten und mit Lichttalg beſteckten, wonach ſie begierig ſchnapp⸗ ten und daran haͤngen blieben. Die Matroſen ver⸗ zehrten ſie wie eine Delicateſſe; doch ſollen ſie ei⸗ nen thranaͤhnlichen Geſchmack haben. Wir ſahen noch viele andere Arten Seevoͤgel, die aber kluͤger waren und ſich nicht fangen ließen. Auch ſahen wir eine große Anzahl Nordkaper und Wallfiſche, die ſchnaubend um unſer Schiff herumtrieben und mit ſtarkem Geraͤuſch das Waſſer von ſich blieſen; 96—, manchmal hoben ſie ſich pfeilgrade aus dem Waſ⸗ ſer empor; das war denn ein pompoͤſer Anblick, wenn ein ſolches Seeungeheuer einige Klafter hoch aus dem Meere ſtieg, ſich dann ruͤcklings nieder, warf und einen weißen Schaum um ſich ve, breitete. 8 VIII. Den 7. September legte ſich der Sturm und wir nahten uns wieder dem Vorgebirge der guten Hoffnung, wo wir vor Anker gehen wollten, um Erfriſchungen einzunehmen und unſere Takelage, die in dem ſchlimmen Wetter ſehr gelitten hatte, wieder auszubeſſern. Diesmal aber ſollten wir nicht in der Tafelbay, wie bei der Herreiſe, ſon⸗ dern in die Pfalzerbay einlaufen. Gegen Abend erreichten wir die Muͤndung der Bay und ließen unſer Anker fallen. Am naͤchſten Morgen lichteten wir wieder die Anker und ſegelten vollends in den Hafen hinein. Den Backofen— ein Felſen, der mitten im Hafen liegt und hohl iſt, ſo daß ein ziemlich großes Boot im Innern deſſelben herum⸗ fahren kann— ließen wir links liegen und gingen dicht unter'm Lande vor Anker. Der Proſpect ... 9 dieſes Landes iſt ſchoͤn, ſchoͤner als der des Tafel⸗ berges und der Capſtadt. Ringsum iſt man von Gebirgen umgeben und der ganze Platz gleicht vollkommen einem großen Theater; denn zu beiden Seiten ſtehen die Felſen, wie Couliſſen, dicht neben einander und im Hintergrunde eine Bergkette, an deren Fuße einige 30 Haͤuſer liegen.— Im Hafen lagen nur wenig Schiffe; unter andern das daͤniſche Paketſchiff Kronprinz Friederich, gefuͤhrt von Capitain Faſting, und ein hollaͤndiſches Linienſchiff von 60 Kanonen. Den 10. September ging ich ans Land und verweilte dort einige Tage. Die Lebensart iſt hier von der auf Isle de France und in der Capſtadt himmelweit verſchieden. Auf dieſen Plaͤtzen war alles frei, munter, ungenirt und auf⸗ geraͤumt; hier hingegen alles fein ſittſam, ehrbar und bedaͤchtig. Dort aß und trank man was und wie viel man wollte, ohne ſich noͤthigen zu laſſen, oder nur um Erlaubniß zu fragen; unterhielt ſich mit Damen mit dem Hut auf dem Kopfe, oder rannte ihnen wohl gar damit ins Angeſicht, welches mit einem„excusez-moi!“ entſchuldigt wurde. — Hier aber war alles voller Ceremonien und 5 Complimente; man durfte kein Glas Wein trinken ohne auf der ganzen Familie Wohlergehn, mußte bei Tiſche uͤbermaͤßig eſſen, wenn man die Wirthin nicht beleidigen wollte und durfte nicht aufſtehen, bevor der Wirth mit einem„Smacklig Iten,“ (wohlſchmeckende Mahlzeit) das Signal dazu gege⸗ ben hatte; kurz, hier herrſchte ein durchaus klein⸗ ſtaͤdtiſcher Ton.— Morgens, wenn ich aufgeſtanden war, erhielt ich meinen Kaffee, der hier ſowohl wie am Cap ſehr ſchwach getrunken wird; denn die Hollaͤnder leben nach der Geſundheit, oder bilden es ſich wenigſtens ein; dazu mußte ich mir ein Butterbrod einnoͤthigen laſſen und ein Glaͤschen Genever oben auf trinken. Um 8 Uhr machte ich einen Spaziergang ins Feld; um 10 Uhr mußte ich wieder beim Fruͤhſtuͤck erſcheinen, welches in vier Gerichten beſtand; dann lief ich am Strande herum und ſammelte Conchilien und Steine bis 2 Uhr; nun gings wieder zum Mittagseſſen, dar⸗ nach auf die Berge, wo ich die ganze ſuͤdliche Spitze von Afrika uͤberſehen konnte. Um 6 Uhr war ich wieder in meinem Logis, trank meinen elenden Kaffee und ging eine Stunde auf's Billard. Hierauf verfuͤgte ich mich wieder nach Hauſe und ſetzte mich im Kreiſe der Familie, die aus der Wirthin, ihrer Tochter und zwei Nichten beſtand, die mit ihrer naiven Munterkeit und ihrem vor⸗ theilhaften Wuchs mich ſehr intereſſirten, ich half ihnen bei ihrer haͤuslichen Arbeit, naͤmlich Spinat, Saurampfer und Bohnen abzuſtreifen, oder Erbſen auszuhuͤlſen u. dgl. m. Ich waͤhnte im Kreiſe meiner Verwandten in der Heimath zu ſeyn, ſo traulich ſaßen wir zuſammen, erzaͤhlten Geſpenſter— hiſtoͤrchen, gaben Raͤthſel auf u. ſ. w., dazu kam daß hier deutſch und zwar plattdeutſch geſprochen wurde; denn die reine hollaͤndiſche Sprache iſt durch die Miſchung mit der Hochdeutſchen in Plattdeutſch ausgeartet. So ſaßen wir, traulich ſchwatzend, bis 8 Uhr zuſammen. Jetzt fand ſich ein Haufen Officiere ein, die hier in Garniſon lagen und bei deren Anmarſch ſich die drei ſirtſamen Maͤdchen entfernten, trotz den dringenden Bitten und Vor⸗ ſtellungen der Martis⸗Soͤhne, die nichts unverſucht ließen, ihnen den Ruͤckzug abzuſchneiden. Beim Abendeſſen wurde wacker gekannegießert und gezecht, bis 10 Uhr; dann wurde abgetragen und ſtatt deſſen eine Menge Weinflaſchen nebſt Pfeiſen und Taback aufgeſetzt. Nun wurde bis 5 ⸗ in die Nacht getrunken, gejubelt und geſungen. Ich erſtaunte uͤber die Tapferkeit, womit dieſe Kriegshelden die vollen Flaſchen attakirten. Doch trotz der Bravour, mit der dieſe Herren auf die Flaſchenbatterie losſtuͤrmten, that dieſelbe einen ſo hartnaͤckigen Widerſtand, daß nach einem drei⸗ ſtuͤndigen Gefechte der groͤßte Theil der offenſiven Parthei auf dem Schlachtfelde liegen blieb und der andere taumelnd das Lager ſuchte.— Am naͤchſten Morgen bei'm Kaffee klagte die Wirthin mir ihre Noth, die ſie mit dieſen Wildfaͤngen haͤtte, und wuͤnſchte alle deutſche Officiere ins Pfefferland. Waͤhrend meines Aufenthalts hier liefen die beiden franzoͤſiſchen Kriegsſchiffe Marengo und Belle poule, welche von Isle de France kamen, in den Hafen ein. Sie hatten unter Caps Hoͤhe einen engliſchen Chinafahrer genommen, der aber noch einige Tage vor dem Hafen liegen blieb. Nach einigen Tagen ging ich wieder an Bord. — Den 18. September hatten wir einen ſchweren Sturm; doch zu unſerm Gluͤcke lagen wir noch im Hafen vor Anker, denn wir hatten beſchloſſen, denſelben Tag unter Segel zu gehen. In dieſem — — 4101 Wetter kam die engliſche Priſe Brunswick, gefuͤhrt von Kapitain Grant in einem erbaͤrmlichen Zu⸗ ſtande hier an. Sie hatte einige Meilen von hier vor Anker gelegen, war aber von dem Sturm los⸗ geriſſen worden und hatte alle Anker nebſt dem Steuerrohr verloren; alle Segel waren zerriſſen und die Stengen und Raaen geknickt. In dieſem Zuſtande trieb ſie uns vorbei und ſtrandete einige hundert Schritte von uns auf dem Sande, wo ſie wahrſcheinlich auch liegen geblieben iſt, his die Zeit ſie voͤllig zertruͤmmert hat. Wie es hieß, ſollten der Kapitain Grant und noch einige andere als Paſſagiere mit uns nach England zuruͤckkehren. — Noch muß ich bemerken, daß die Seclaven hier, wie am Cap, viel menſchlicher behandelt werden als in Isle de France. Tief gebeugt vom Schmerz ergriff ich am 20. September die Feder, um die traurigſte Begeben⸗ heit, das groͤßte Ungluͤck, welches mir auf meiner ganzen Reiſe begegnete, in mein Tagebuch einzu⸗ tragen. Nur der Gedanke, daß die freundlichen Leſer, welche mich bisher begleiteten und allen meinen heiteren Stunden, meinen Freuden Theilnahme ſchenkten, auch meinen Klagen ihr Ohr nicht ver⸗ ſchließen wuͤrden, gab meinem beklemmten Herzen einige Erleichterung.— Nie habe ich etwas auf Ahnungen gehalten und wenn andere mir erzaͤhlten, daß ihnen dies oder jenes geahnet haͤtte, ſo ſpottete ich nur daruͤber; aber am 19. September wurde ich eines andern uͤberzeugt. Ol warum ahnet uns nur ſo dunkel, wenn uns doch einmal ahnen ſoll; warum iſt uns nicht vergoͤnnt, ein wenig, nur ein klein wenig beſtimmter zu ahnen, vielleicht wuͤrden wir manchem, uns von weitem drohenden, Ungluͤck entgehen koͤnnen; ſtatt deſſen aber rennen wir aus Furcht und Angſt gerade in daſſelbe hinein.— Schon den ganzen Tag war mir nicht wohl zu Muthe, vorzuͤglich aber gegen Abend, als ich mit Schreiben aufhoͤrte, wurde ich voͤllig melancholiſch. Nichts vermochte mich aufzuheitern, meine liebſten Beſchaͤftigungen ekelten mich an. Kurz mir ahnete ein Ungluͤck. Doch weit entfernt zu glauben, daß ein ſo harter Schlag mich treffen ſollte, ſchrieb ich meinem Truͤbſinn vielmehr dem kalten regnigten Wetter zu und ging daher fruͤhzeitig zu Bette. Am naͤchſten Morgen erwachte ich noch eben ſo mißmuͤthig, ſprang indeß raſch auf, zuͤndete meine Pfeife an, trank meinen Kaffee und ſuchte mit —— —— 3 103 N. Gewalt die uͤble Laune zu vertreiben; aber es wollte nicht gelingen. Endlich oͤffnete ich das Fenſter, um ein wenig friſche Luft zu ſchoͤpfen, aber augen⸗ blicklich prallte ich zuruͤck und blieb, von Schrecken gelaͤhmt, einige Minuten lautlos ſtehen. Wem es moͤglich iſt, der denke ſich in meine Lage und er wird einſehen, daß der Anblick, der ſich mir darſtellte, mich bis ins Innerſte erſchuͤttern mußte. — Gerade unter meinem Fenſter, auf einem Ballen Waaren, ſaß mein kleiner Jack, mein geliebtes Aeffchen, ſteif und kalt, ohne das geringſte Zeichen des Lebens. Sobald ich mich nur von meinem erſten Schrecken erholt hatte, eilte ich hinaus, nahm ihn in meine Arme und ſuchte ihn zu er⸗ waͤrmen. Er oͤffnete auch die Augen, warf einen matten Blick auf mich, und— ſein letzter Lebens⸗ funken erloſch.— Traurig ſah ich ihm nach, wie er in den Fluthen begraben wurde und keine Thraͤne erleichterte meine ſchwer gepreßte Bruſt.— Vielleicht wuͤrde ich ſeinem Tode vorgebeugt haben, wenn ich ihn in meiner Kammer behalten haͤtte; allein, als ich ans Land ging, mußte ich ihn draußen laſ⸗ ſen, weil ihm ſonſt niemand Nahrung gereicht haͤtte; dazu kam die naßkalte Witterung, in der .3 er ſich eine fuͤrchterliche Erkaͤltung zuzog und, wie geſagt, meine Gedanken ſielen durchaus nicht auf ihn und ſo— doch was halfen alle Sos, Abers, Vielleichts! es war nun einmal geſchehen und ge⸗ ſchehene Dinge ſind bekanntlich nicht gut zu aͤn⸗ dern. Alſo Punktum. IX. Den 20. September lichteten wir die Anker und gingen unter Segel.— Der Kapitain Grant. ſein Schiffsaſſiſtent, zwei Kadetten und ein Be⸗ dienter gingen mit uns nach Europa. So groß auch der Verluſt des engliſchen Kapitains geweſen war, denn er hatte ſelbſt Antheil im Schiffe ge⸗ habt, freute es ihn doch, daß ſein Schiff ſtran⸗ dete und die Franzoſen nun nicht damit groß thun konnten.— Die Erfriſchungen, welche wir hier einnahmen, beſtanden in Schweinen, Schaafen von vorzuͤglicher Guͤte, und Gefluͤgel. Fruͤchte konnten wir nicht bekommen, ausgenommen Apfelſinen, weil um dieſe Zeit der Fruͤhling hier anfaͤngt. Bis zum 7. October begegnete uns nichts Merk⸗ wuͤrdiges, denn von Stuͤrmen und Windſtille, von ſchaͤumenden Wogen und kraͤuſelnden Wellen kann —,— —— man nicht unaufhoͤrlich erzaͤhlen; an dieſem Tage, Morgens um 3 Uhr, erblickten wir die Inſel St. Helena, welche bekanntlich den Englaͤndern gehoͤrt. Wir legten daher bis Tages Anbruch bei, ſetzten dann wieder Segel zu und ſteuerten darauf los. Um 9 Uhr befanden wir uns dicht unter der Feſtung. Nun legten wir abermals bei und ſchickten die Schaluppe mit dem zweiten Steuer⸗ mann und dem engliſchen Kapitain Grant ans Land. Wir aber blieben draußen liegen; denn kein Schiff darf ſich naͤhern, bevor es um Erlaubniß dazu gebeten hat. Auch war es unſere Abſicht nicht, hier vor Anker zu gehen, ſondern nur im Voruͤberſegeln einige Erfriſchungen einzunehmen. Da aber ein friſcher Wind blies, kamen wir einer Batterie etwas naͤher als wir ſollten und erhielten dafuͤr ein kleines Nota bene, naͤmlich zwei ſcharfe Schuͤſſe gleich nach einander, doch thaten ſie uns keinen Schaden. Die erſte Kugel ſchlug dicht vor dem Schiffe unter dem Bogſpriet ins Waſſer und tanzte uͤber die Oberflaͤche deſſelben hin. Die zweite ſchnurrte uͤber uns zwiſchen dem großen und Beſahns⸗Maſt durch. Wir ſetzten daher wieder Segel zu, liefen eine halbe Meile weiter aus und 5** kreuzten ſo lange vor der Inſel herum, bis unſer Fahrzeug wieder zu uns an Bord kam, welches bis Nachmittags um 3 Uhr dauerte. St. Helena iſt nur eine kleine, oͤde und fel⸗ ſigte Inſel, doch praͤſentirt ſie ſich ſchoͤn. Zwi⸗ ſchen zwei hohen Bergen liegt die Stadt, von der man nur einen kleinen Theil erblickt, der andere Theil derſelben ſchlaͤngelt ſich in dem tiefen Thale hin. Aeußerſt ſchwere Batterien vertheidigen den Hafen und die Inſel ſelbſt wird ringsum durch ſteile Felſenwaͤnde geſchuͤtzt. Auf der Rhede hier lagen einige engliſche Chinafahrer und das daͤniſche Compagnieſchiff Norge, gleichfalls von China kom⸗ mend und nach Europa ſegelnd. Als ſie bemerk⸗ ten, daß wir nicht vor Anker gehen wollten, ſchickte Norge uns einige Dutzend Faͤſſer friſches Waſſer an Bord. Bald darauf kam unſere Schaluppe nebſt einigen andern Boͤten, mit mehreren Faͤſſern Waizenmehl, Kalekuten, Huͤhnern und einer Menge Kartoffeln beladen, wieder zu uns. Wir ſetzten aufs neue Segel bei und ſtachen in See. Den 12. October paſſirten wir die Inſel As- sention, ein kleines unfruchtbares Eiland, welches nur aus ſchwarzen, kahlen Felſen beſteht und durch —— „ eine ſtarke Erdrevolution entſtanden zu ſeyn ſcheint. Friſches Waſſer iſt hier nicht zu haben, doch legen die Schiffe gerne bei, um Schildkroͤten zu fangen, die ſich zu gewiſſen Jahreszeiten hier haͤufig auf⸗ halten, um ihre Eier in dem heißen Sande aus⸗ zubruͤten. Wir aber hielten uns nicht auf, ſon⸗ dern ſegelten weiter. Den 15. October paſſirten wir die Linie; allein diesmal hatten wir kein Feſt, wie bei der Herreiſe; denn alle ſehnten ſich nur, nach Hauſe zu kommen und keiner dachte an Vergnuͤgungen. Den 26. hatten wir einen ſtarken Strom bei gaͤnzlicher Windſtille. In der Nacht vom 26. bis 27. wurde ich im Schlafe geſtoͤrt, um ein Schauſpiel zu ſehen, wel⸗ ches ſich kaum beſchreiben laͤßt. Ich habe ſchon erzaͤhlt, daß das Meerwaſſer ſtark leuchtet, am ſtaͤrkſten jedoch unter der Linie und den beiden Wendekreiſen. Faſt jeden Abend hatte ich dies natuͤrliche Feuerwerk betrachtet, ohne deſſen muͤde zu werden; aber das Schauſpiel dieſer Nacht uͤber⸗ traf alles, was ich bis dahin ſah. Die tiefſte Stille und die dichteſte Finſterniß herrſchte auf dem weiten Weltmeere. Alle unſere Segel hingen ſchlaff von den Ragen herab und klappten bei der leiſe⸗ ſten Bewegung des Schiffes gegen Taue und Ma⸗ ſten; das Schiff ſelbſt wurde, von ſich ſanft heben— den Waſſerbergen, leicht geſchaukelt, uͤbrigens lag es ganz ſtill und wurde nur von dem ſtarken Strom, in dem wir uns befanden, getrieben. Ein feuriger Kreis ſchlaͤngelte ſich dicht um daſſelbe herum und blaue, ungemein glaͤnzende Flammen leckten, bei der geringſten Bewegung deſſelben, daran herauf. Warf man einen kleinen Stein ins Waſ⸗ ſer, ſo ſah man ſtatt der Kreiſe, welche durch dieſe Bewegung in demſelben entſtehen, das prachtvollſte Feuerrad. Eine Menge großer Fiſche ſpielten um uns herum, und wenn ſie uns in einer Schlan⸗ genlinie pfeilſchnell voruͤber ſchoſſen, glichen ſie ei⸗ ner Anzahl Raketten, die in einem blauen Feuer laͤngs der Oberflaͤche des Waſſers hinfuhren. Aber den ſchoͤnſten Anblick gewaͤhrte uns der Strom ſelbſt. In einer Entfernung von einer halben oder ganzen Meile ſahen wir eine unzaͤhlbare Menge Lichter, die ſich in einer ſchnurgeraden Linie von 5 bis 6 Meilen ausbreitete und ſich uns langſam naͤherte. Das Ganze glich einer großen Armee, die en front zu uns heran marſchirte und wovon jeder Soldat, ſtatt der Muskete, eine Fackel auf der Schulter trug.— Immer naͤher ruͤckte die Armee, immer ſtaͤrker leuchteten die Fackeln und immer heller und heller wurde es in der Luft. Ein leiſes Murmeln lief eine halbe Stunde voraus, welches von den plaͤtſchernden Wellen herruͤhrte, deren Bewegung zugleich die Urſache des ſtarken Leuchtens war. Aber wenn die Armee uns erreicht hatte, verwandelte ſich das leiſe Murmeln in ein rauſchendes Getoͤſe und wir ſchienen in einem Feuermeer zu ſchweben, bei deſſen Lichte man die feinſte Schrift leſen konnte. So rollte dieſes Phaͤ⸗ nomen majeſtaͤtiſch unter uns durch, bis es zuletzt auf der andern Seite in unabſehbarer Weite ver⸗ ſchwand. Dann war ſchon eine neue Armee im Anmarſch und eine folgte auf die andere in einem Zwiſchenraum von einer Meile, in welchem die dickſte Finſterniß herrſchte, die nur durch das Heran⸗ ruͤcken der Fackelarmee verdraͤngt wurde und ſich nach deren Entfernung gleich wieder herabſenkte.— Die aͤlteſten Seefahrer geſtanden, daß ſie dies Schauſpiel nie ſo ſchoͤn geſehen haͤtten. 44140 Seitdem wir die Linie paſſirten, wurden wir von einer druͤckenden Hitze fuͤrchterlich belaͤſtigt. Wo man ging und ſtand, rann der Schweiß in Stroͤmen uͤber Geſicht und Bruſt, ſelbſt die Naͤchte mußte man in freier Luft zubringen, denn im Schiffe war es wie in einem Backofen. In dieſer Zeit fuͤhrte ich daher ein wahres Pflanzenleben, denn von dem haͤufigen Schweißvergießen war ich ſo ermattet, daß ich keine Beſchaͤftigung treiben konnte. Von nun an ſahen wir faſt taͤglich Segler, die ſowohl nach Oſt⸗- als Weſtindien gingen, oder von da zuruͤck kamen; unter andern auch eine engliſche Escadre von 7 Schiffen, die von Oſtindien kam und nach England ging. Den 4. November ſegelten wir ihr voruͤber. Den 18. erreichten wir die azoriſchen Inſeln und ſahen St. Georg und Picco. Den 19. ſahen wir Tayal und nun kamen wir in die ſpaniſche Sce. In der Nacht vom 3. bis 4. December er⸗ blickten wir die Feuer an der engliſchen Kuͤſte und befanden uns im Kanal. Am Morgen ſahen wir 4 .,3. 111„ Land und ſegelten laͤngs demſelben hin. Englands Kuͤſten erſchienen mir jetzt viel reizender, als bei der Ausreiſe, die Urſache lag in dem ſchoͤnen heiteren Wetter, wodurch das Land ein ganz anderes An⸗ ſehen erhaͤlt.— In den beiden Tagen, die wir im Kanal zubrachten, verließ ich das Verdeck nicht, und ergoͤtzte mich an dem ſchoͤnen Proſpect des Landes und der vielen hin und her ſegelnden Schiffe. Faſt alle Augenblicke wurden wir geprayet. Eine Kriegsſchaluppe kam ſogar zu uns an Bord, ver⸗ ſiegelte unſere Papiere und machte uns bekannt, daß ſie Ordre haͤtte uns nach Portsmouth auf⸗ zubringen. Doch am andern Morgen wurden wir wieder frei gegeben.— Hier hoͤrten wir die erſte Nachricht von den großen Fortſchritten, die Bouna⸗ parte in Deutſchland gemacht hatte und daß Nelſon in einer Bataille erſchoſſen worden ſey.— Den 6. December ſahen wir Dover und legten bei, um einige Erfriſchungen einzunehmen. Dann ſegelten wir weiter und kamen noch an demſelben Tage in die Nordſee. So waren wir mit einem Male aus dem Sommer in den Winter verſetzt und lagen nun zwiſchen der Spitze von Juͤtland und Norwegen, wo wir uns mit widrigem ,.. Winde herum balgen mußten. Ich bat den Himmel nur, uns nicht in Norwegen einlaufen zu laſſen, weil wir ſonſt wahrſcheinlich dort uͤberwintern mußten. Was ich befurchtete, geſchah. Bis zum 14. December rangen wir mit widrigem Wind und ſchwerer See und das Schiff kaͤmpfte ſo fuͤrchterlich mit den Wogen, daß wir befuͤrchteten, es moͤchte von demſelben in Stuͤcken geſchlagen werden. Da⸗ her wurde von dem Schiffsrath beſchloſſen, daß wir in Norwegen einlaufen ſollten. Sogleich ver⸗ aͤnderten wir unſern Cours und bald erblickten wir die Kuͤſten von Norwegen, die ſich gleich leichten weißen Wolken am fernen Horizonte zeigten. Wir gaben einige Kanonenſchuͤſſe und zogen eine Flagge auf den Vordertopp(der Spitze des Fockmaſtes) als Signale, daß wir Lootſen verlangten, die auch nicht auf ſich warten ließen, ſondern ſich bald bei uns einſtellten und uns nach Ahrendahl bringen wollten. Mißmuͤthig wandelte ich auf dem Verdeck auf und nieder, denn nun war die ſuͤße Hoffnung, noch in dieſem Winter mein geliebtes Vaterland wieder zu ſehen, vernichtet und in dem rauhen Norwegen erwartete ich keine Freuden. Doch meine Erwartung betrog mich. . 113 Wir ſegelten gerade auf Norwegens Kuͤſte zu, die wie eine Mauer vor uns ausgebreitet lag. Nirgends ſah ich einen Hafen, oder eine Bucht, wo wir ſicher vor Anker gehen konnten. Endlich, als wir ſchon dicht unter dem Lande waren und deutlich Haͤuſer, Baͤume und Menſchen unterſcheiden konnten, bogen wir um einen Felſen und erblickten hinter dieſem eine ſchmale Meerenge, in welche wir hineinſegelten. Doch wie hoͤchſt romantiſch war dieſes Einſegeln! Das Fahrwaſſer iſt hier ſo aͤußerſt ſchmal, daß wir nach beiden Seiten mit Schneeballen ans Land werfen konnten. Dazu die Witterung heiter, die Luft rein und der Himmel klar. Vor einem Augenblick ſchwankten wir noch auf dem in Aufruhr gebrachten Meere, wo ein kalter Suͤdoſtwind uns um die Naſe pfiff, und jetzt glitten wir ſanft auf einer ſpiegelglatten Aue, zwiſchen Bergen und Thaͤlern, Waͤldern und Luſt⸗ plaͤtzen, hin, uͤber welchen der Schnee wie ein ſilberner Teppich ausgebreitet lag. Die Sonne ſtrahlte mild und warm in dieſem lieblichen Thale, wo ſich kein Luͤftchen regte. Die untern ſchweren Segel unſers Schiffes hingen ſchlaff herab, nur die oberen wurden ſanft vom Winde angeſchwellt. 1114.. Uns zur Rechten lag das feſte Land und zur Lin⸗ ken die Inſel Tromoe. In vier Stunden legten wir 2 ⅞ Meile zuruͤck, welche dieſe Meerenge von ihrer Muͤndung bis zu Ahrendahl betraͤgt, und gingen dicht unter der Stadt vor Anker. Ahrendahl iſt eine kleine huͤbſche Stadt und hat eine aͤcht romantiſche Lage. Die Haͤuſer ſind in der Regel 2 bis 3 Etagen hoch, nett gebaut, beſtehen jedoch aus bloßem Zimmerholz. Hingegen die Straßen ſind aͤußerſt elend, in den breiteſten koͤnnen kaum vier Perſonen neben einander gehen; in den ſchmaͤlern mußten wir, wie ein Zug Gaͤnſe, einzeln hinter einander herlaufen; dabei ſchwebten wir in beſtaͤndiger Gefahr, den Hals zu brechen, denn es ging immer Klippe auf, Klippe ab und es mochte Froſt oder Thauwetter ſeyn, immer war es ſo glatt, daß man haͤufig auf Haͤnden und. Fuͤßen kriechen mußte. Bei unſerer Ankunft hier hatten wir einige Kranke am Bord, die an's Land geſchafft werden mußten. Ich konnte daher meine Kaſſe ſchonen, denn nun lag ich auf Rechnung der Compagnie am Lande und hatte weiter keine Ausgaben, als wenn ich mir beſonders ein Vergnuͤgen machte, welches — — nur darin beſtand, daß ich mir fuͤr 12 Schilling einen Schlitten miethete und einige Stunden aus⸗ fuhr, um die benachbarten Eiſengruben und Saͤge⸗ muͤhlen zu beſuchen. Ungefaͤhr drei Wochen lagen wir in Ahrendahl,⸗ gingen acht Tage nach Neujahr unter Segel und bald darauf begruͤßte ich mit heiligem Wonneſchauer die theuren Gefilde der Heimath, denn den 15. Januar 1806 erreichten wir Copenhagen. Henriette Freeſe. 4 — ₰ 8 — Z — 88 4—2 — — — ₰ G Die Schiffsmeuterer. Nachtſtuͤck. Im Compaß, dem beruͤhmteſten und beſuchteſten Porterhauſe des praͤchtigen London, ſaßen im Spaͤt⸗ ſommer des Jahrs 1815 vier muntere Geſellen um den ſchweren eichenen Tiſch, welche, aus allen vier Weltgegenden herſtammend, die Kraft des naͤhrenden Porters hier in der Taverne verſammelt hatte. In blank polirten zinnernen Kruͤgen trug der ſpiegelglatte Tiſch das kraͤftige Naß, welches bei Pierre de Cuir, dem lebendigen Franzmann, ſchon gewaltigen Rumor im Oberſtuͤbchen zu ſtiften begann und denſelben bald zu jener Luſtigkeit begei⸗ ſterte, welche den Umgebungen laͤſtig zu werden pflegt, indeß bei unſerm Franzmann um ſo verzeihlicher war, als ſchon die Luͤfte und Duͤfte in den lachen⸗ den Ebenen der Gascogne ihre Bewohner mit unverſiegbarer Froͤhlichkeit begaben. Bald franzoͤſiſch, bald englich, bald italieniſch ſchwatzend, als waͤre die Faͤhigkeit in vielen Zungen zu reden, durch die berauſchende Kraft des edlen Porterbiers ploͤtzlich uͤber ihn gekommen, wurde er je laͤnger je mehr ſeinen Tiſch⸗ und Trinkgenoſ⸗ ſen unverſtaͤndlich; ſelbſt Maſter Brown, des Compaſſes breiter Beſitzer, dem ſonſt die Fertigkeit beiwohnte, in den Mienen ſeiner Gaͤſte ihre Wuͤn⸗ ſche zu errathen, konnte den ihn bei einem Knopfe ſeines braunen Fracks feſchaltenden und uͤber ſeine eigenen Witze und Scherze ſich ſchuͤttelnden Gas⸗ cogner nicht mehr verſtehen, ſo ſehr Pierre ſich auch bemuͤhte verſtaͤndlich zu ſeyn und ſo ſehr er es auch zu ſeyn glaubte, und rieth ihm, ein wenig in die friſche Abendluft zu gehen, dieſe als ſicheres Mittel anpreiſend gegen die benebelnden Duͤnſte des Porters, welcher einen altengliſchen Magen fordere, ſolle das Haupt nicht das Uebergewicht uͤber die andern Glieder erhalten.. Pierre folgte, ein Vive le Neptune! auf das Andere folgen laſſend, auf die Gallerie, welche hinter dem Zimmer ſich befand, und ſchaute mit verklaͤrten Blicken in die krauſen Wellen der maje⸗ ſtaͤtiſchen Temſe, verſicherte indeß Maſter Brown, 7 welcher zu mehrerer Sicherheit ſeinen Gaſt nicht verlaſſen hatte, daß die Temſe ein Bach gegen die Garonne ſey. Hans Hanſen, der Daͤne, James Ri⸗ chardſon, der Amerikaner, und Paul From⸗ mer, der Hamburger, waren indeß zu ihrem lu⸗ ſtigen Kameraden getreten, um den vielbegehrten Maſter Brown in der Aufſicht uͤber den Be⸗ geiſterten abzuloͤſen; als dieſer ploͤtzlich, mit allen Zeichen des Schreckens nach der Thuͤr des Zim⸗ mers ſtarrte, und mit dem Ausrufe: Le diable! ſich feſt an Paul Frommer klammerte. Alle wendeten ſich gegen die Thuͤr und erblick⸗ ten einen Mann, deſſen breite, unterſetzte Geſtalt nichts Furchtbares an ſich trug, waͤre nicht das rothe ſtruppige Haar, die gebogene Habichtsnaſe, ein Paar gruͤnlich⸗graue Augen und ein breiter Mund ein ſo graͤuliches Compoſitum geweſen, daß ſelbſt dem Ahnungsloſeſten ein Verdacht aufſteigen mußte, ob der Beſitzer eines ſolchen Geſichts nicht zu den minder guten Gliedern der menſchlichen Geſellſchaft zu zaͤhlen ſey. Und iſt das Antlitz ein treuer Spiegel der Seele, ſo gab der unheimliche Gaſt dieſer Mei⸗ 6 1 nung durch das hoͤhniſche Zucken des haͤßlichen Mundes und den tuͤckiſchen Blick, den er auf den leichten Gascogner warf, großes Gewicht; doch ſeine Zuͤge mit einem grinſenden Laͤcheln uͤberklei⸗ dend, ruͤckte er etwas die rothe gewirkte Schiffs⸗ muͤtze, deren Spitze ſich gleich einem Horn uͤber die flache Stirn bog, und redete die Seemaͤnner im ſchlechten Engliſch an:. „Macht doch nicht ſolch Geſchrei, Iurgens. Ich bin weder der Teufel, wie der naͤrriſche Franz⸗ mann glaubt, noch ſein Kaſtentraͤger, ſondern Jens Randers, der Steuermann von der daͤni⸗ ſchen Brigg Pluto, die hier auf der Temſe wie angenagelt liegt, weil der ſteife Oſtwind uns nicht in See laſſen will.“ Maſter Brown hatte ſich dem Steuermann indeß genaͤhert, und mit ſeiner breiten Fauſt die nicht kleinere des neuen Gaſtes umklammernd, laut lachend:„Willkommen, Meiſter Jens,“ geſchrieen. „Gebt uns doch etwas zu trinken, Maſter Brownz entgegnete Jens auf die Bewillkomm⸗ nung des Porterganimeds,„und dann beſorgt mir und den braven Jungens da ein gutes Beefſteak zum Abendeſſen. Ich muß ihnen ja wohl bewei⸗ — ſen, daß ich ein ſo guter Menſch bin, wie ſie; ſonſt gehen ſie in See und glauben, daß in Lon⸗ don der Teufel die Porterhaͤuſer beſucht. Aber ſie wuͤrden ſo dummes Zeug nicht zu Markte brin⸗ gen, wenn ſie wuͤßten, daß der Teufel jetzt uͤberall genug zu thun hat, und alſo ſich viel um die Londner Porter⸗ und Beeſſteakshaͤuſer bekuͤmmert.“ Maſter Brown hatte zu dieſen Reden des Steuermanns nur leicht gelaͤchelt und war dann mit droͤhnenden Schritten in das Vorderhaus ge⸗ eilt, das Geforderte zu beſorgen. Hans Hanſen hatte ſich zuerſt dem unheim⸗ lichen Landsmanne genaͤhert. Bei ihm uͤberwog eine freie Zeche alle Schrecken der Hoͤlle. James Richardſon kannte keine Furcht und Paul Frommer hatte die ſeinige durch die Beobachtung verjagt, daß der Fremde keinen Pferdefuß, ſondern ein Paar nervigte Saͤulen beſaß, welche die ge⸗ drungene Geſtalt leicht und kraͤftig trugen. Nur Pierre hatte ſich uͤber das Gelaͤnder ge⸗ legt und blickte in die Fluthen der Temſe. „Laßt den Narren von Franzoſen bleiben, wo er iſt, und kommt in die Stube; denn ich hoͤre Maſter Brown mit Kruͤgen und Schuͤſſeln klap⸗ 8* 6* pern;“ damit war Jens Randers ins Zimmer vorangeſchritten und Hanſen und Richardſon waren ihm gefolgt. 1 Paul aber ging noch einmal zuruͤck zu dem ſinnenden Franzoſen und verſuchte, ihn zu bereden, den andern Froͤhlichen zu folgen, die ſchon die zin⸗ nernen Porterkruͤge an einander ſtießen und alle Monarchen Europens hochleben ließen; doch Pierre wandte ſich heftig von Paul ab und einige derbe Fluͤche uͤber die feſt und krampfhaft geſchloſſenen Lippen ſchluͤpfen laſſend, floß ein Strom von Thraͤ⸗ nen aus ſeinen dunkeln Feueraugen, welche ſalzige Tropfen Luna durch ihr ſanftes Licht zu eben ſo den Thraͤnen Einhalt zu thun. Aber Pierre faßte vielen Silberperlen umwandelte. Erſtaunt, den leichtſinnigen Pierre ſo erregt zu ſehen, wußte Paul nicht, was er ihm Troͤ⸗ ſtendes ſagen ſolle, um den immer ſtaͤrker rinnen⸗ ſich, und ſeine Rechte auf Pauls Schulter preſ⸗ ſend, murmelte er halblaut:„Junge, ich muß den Satan todtſchlagen!“ „Sey doch kein Narr,“ entgegnete auf dieſe wunderliche Rede des Bewegten der kaͤltere Paul. „»Sieh, mein Junge! den Satan kannſt du nicht todtſchlagen. Ich meine den Rechten; und den da im Zimmer, der eben das luſtige Lied ſingt und den Krug dazu auf den Tiſch ſtampft, als wollte er ein Salzfaß daraus machen, den wirſt du doch nicht fuͤr den Satan halten?“ „„Und doch iſt er der Teufel oder wenigſtens einer ſeiner beſten Steuerleute. O ich kenne den Boͤſen ſchon lange! Hoͤr' zu; ich will dir erzaͤh⸗ len, wie er mich in ſeine Klauen kriegte, weil ich ihm in's Fahrwaſſer gekommen war. Mein Vater war ein reicher Kraͤmer, der in Breſt ganz nahe dem Hafen wohnte. Als Kind von zwei Jahren hatte ich die milden Luͤfte der Gascogne mit der rauhen Normandie vertaunſchen muͤſſen; denn meine Eltern waren eigentlich an den Ufern der Garonne einheimiſch und nur die Gewinnſucht trieb ſie an, Breſt zu ihrem Wohn⸗ orte zu erwaͤhlen, wo ſie leichter Reichthuͤmer er⸗ werben zu koͤnnen glaubten. Das einzige Kind war ich und alſo natuͤrlich der Liebling der Mut⸗ ter, die es ungern ſah, wenn der verſtaͤndige Va⸗ ter mich mit Strenge zur Schule und zur Erler⸗ nung nuͤtzlicher Wiſſenſchaften anhielt; indeß war ſie zu vernuͤnftig, um dem Vater geradezu zu wi⸗ 1dV. derſprechen, und nur in geheimen Conferenzen, wenn ſie mich fern glaubten, machte meine ſanfte Mut⸗ ter dem feſten Manne Vorſtellungen uͤber ſein har⸗ tes Verfahren gegen ihren Liebling; doch wußte mein Vater ſich ſo gut zu vertheidigen, daß die Nutter gewoͤhnlich die Segel ſtrich und ſeinen Gruͤnden ihren Beifall gab. Aber mir war es ſchon genug, als ich einſt ein ſolches Geſpraͤch be⸗ lauſchte, die Mutter auf meiner Seite zu wiſſen, und ich umging die Schule ſo oft ich konnte, ward natuͤrlich und verdientermaßen hart geſtraft, indeß war mein Widerwille gegen anhaltendes Lernen zu groß, als daß die ſchmerzlichſten Zuͤchtigungen ihn beſiegen konnten und die Troͤſtungen meiner guten, ſchwachen Mutter verwiſchten den maͤßigen Ein⸗ druck, welchen Strafen auf mich machten, gewoͤhn⸗ 3 lich ſo ſchnell, daß ich immer wieder auf's Neue ſuͤndigte. Schon damals war es meine groͤßte Luſt, in einem Boote mich auf den Fluthen zu ſchaukeln und in der Regierung der Segel und des Steuer⸗ ruders erwarb ich mir bald ſolche Fertigkeit, daß ich mich ſogar in die See wagte, ein Verſuch, welcher indeß ſehr ſchlimm ablief und mir beinahe das Leben koſtete; denn die Wellen ſpielten meinem Fahrzeug ſo uͤbel mit, daß ich den Muth verlor, mit ihnen zu kaͤmpfen, eine Ohnmacht ſtreckte mich in meinem Boote nieder und Fiſcher, welche mich umhertreibend fanden, mußten mein Schifſchen ins Schlepptau nehmen, und brachten mich meinen bekuͤmmerten Eltern, die Todesangſt um ihren ein⸗ zigen Sohn ausgeſtanden hatten. So war, bei nachlaͤſſigem Lernen und vielem Spielen, ich vierzehn Jahr alt geworden, als zu⸗ faͤllig ein Bruder meiner Mutter, der in Antwer⸗ pen anſaͤßig war, uns beſuchte. Mein Vater glaubte, daß andere Umgebungen, fremde Men⸗ ſchen und fremde Sitten einen heilſamen Einfluß auf meine fernere Erziehung uͤben wuͤrden und uͤbergab mich dem Oheim, um mich zur Handlung zu erziehen.. Zwar nicht in dem Maaße, aber dennoch in ziemlichem Grade ward die Hoffnung meines guten Vaters erfuͤllt. Ich lernte bald das Mechaniſche der Handlung, und da es mir auch nicht an geſun⸗ dem Mutterwitze fehlte, ſo waͤre ich vielleicht auch ein guter Speculant und Calculant geworden, wenn. nicht der Teufel vor den Hafen, dem ich mit .*B 128 friſchem Winde zuſteuerte, eine Kette gezogen haͤtte. Mein Vater hatte den Grundſatz, daß man ſchon fruͤh den Werth des Geldes kennen lernen muͤſſe, und ſo erhielt ich ſchon als Knabe ein maͤßiges Taſchengeld, von deſſen Anwendung ich am Ende jeden Monats Rechnung ablegen mußte. Darauf wurde nun ſtrenge gehalten, und ich gab meinem Vater nie Anlaß, mir das Suͤmmchen zu entziehen oder auch nur zu ſchmaͤlern; denn welche Beduͤrfniſſe hatte ich, der Junge, zu beſtrei⸗ ten, als allenfalls einen Ball, eine huͤbſche Fiſch⸗ angel oder dergleichen. Genug, als der Onkel mich mit nach Antwerpen nahm, war dieſes Taſchengeld verdoppelt und end⸗ lich gar vervierfacht worden. Nach wie vor hielt ich foͤrmlich Buch uͤber Einnahme und Ausgabe; das hoͤrte aber auf, als ich erſt in Antwerpen warm geworden war. Auf meinen Berufswegen lernte ich mehrere Juͤnglinge meines Alters und Standes kennen, welche mir bald den Beſuch der Kaffeehaͤuſer, des Theaters, fleißiges Billardſpielen, Reiten und Fahren zur Pflicht machten; und ich war bald von der Er⸗ fuͤllung dieſer neuen und ſchoͤnen Pflichten ſo hin⸗ geriſſen, daß das vaͤterliche Taſchengeld nicht mehr ausreichen wollte. Nun ſchrieb ich Brandbriefe an meine Mutter, deren Zaͤrtlichkeit uͤber ihre kaͤltere Ueberzeuguug die Oberhand behielt, und die den einzigen Sohn nie huͤlflos ließ. Zwar enthielten ihre Briefe et⸗ was weit Beſſeres als Geld, Lehren der treueſten, beſorgteſten Mutterliebe, Bitten, ihre Hoffnungen, daß ich ein guter Menſch, ein brauchbarer Geſchaͤfts⸗ mann werden wuͤrde, nicht taͤuſchen, Warnungen vor den Abgruͤnden und Netzen, womit das Laſter meine unerfahrene Jugend umſtellen wuͤrde; aber ich nahm das Geld und las dieſe Briefe ſo gleich⸗ guͤltig, als waͤren ſie an einen mir ganz fremden Menſchen von mir ganz unbekannten Perſonen geſchrieben. 313136 So taumelte ich ſinnlos fort. Die gewoͤhnlichen Spiele gaben mir bald nicht mehr die Ausbeute, welche meine Gewinnluſt, ja meine Beduͤrfniſſe heiſchten. Meine gute Mutter, vernuͤnftig genug, einzuſehen, daß ſie durch ihre Sendungen meinem Vergeuden nur die Wege bahne, ſandte kein Geld mehr; vor meinem Vater hatte ich zu viele Furcht, . 6°* als daß ich ihn mit meiner Bedraͤngniß, viel weniger mit deren Urſache bekannt machen durfte; ich machte alſo Schulden und die Verwirrung in meinen Finanzen ſtieg von Tage zu Tage. In dieſer verhaͤngnißvollen Zeit machte ich die Bekanntſchaft jenes Satans. 1 Mehrere Male waren wir ſchon auf einem Kaffeehauſe zuſammengetroffen, wo das hoͤlliſche rouge et noir und Roulet heimlich geſpielt wurde. Ich hatte immer vor der Geſtalt des Menſchen eine tiefe, innere Schen gehegt und war ihm im⸗ mer ausgewichen, obgleich er ſich ſichtbar beſtrebte⸗ meine Bekanntſchaft zu erhalten. Wer aber unſere Nation kennt, wird wiſſen, daß wir mit jenen geſelligen Tugenden, die das Leben verſchoͤnen, einen hohen Grad von Leichtſinn verbinden, welches andere Nationen uns willig ein⸗ raͤumen. Freilich fehlt uns auch die tiefe Innig⸗ keit des Gefuͤhls, jene Gruͤndlichkeit, welche den Deutſchen auszeichnet, ſein Ernſt, ſeine Ausdauer. Wie konnte mir, dem unerfahrenen Juͤnglinge, der freilich auf Abwegen, aber dennoch nicht ſo geſunken war, daß er nicht vor der prahlenden Abſcheulichkeit zuruͤckſchauderte, die Rohheit dieſes Nenſchen zuſagen, welcher mit den heiligſten Gefuͤhlen des Menſchen ſein Geſpoͤtt trieb? Aber mein Leichtſinn war fuͤr tiefere Eindruͤcke nicht em⸗ pfaͤnglich und ich gewoͤhnte mich an ſeinen Anblick. Eines Abends bemerkte ich, daß der eine Spieler, welcher die Schneckentreppe im Roulet drehte, die Kugeln wechſelte, um ſo das wider⸗ ſpenſtige Gluͤck zu ſeinem Vortheile zu zwingen. Meine Lebhaftigkeit riß mich hin; ich zieh den Spieler des falſchen Spiels und zu gleicher Zeit riß ich die Hoͤllenmaſchine vom Tiſch. Alle Freunde der Spieler fielen uͤber den Ruhe⸗ ſtoͤrer her und der beleidigte Gluͤcksverbeſſerer zuckte ſogar ein Meſſer auf mich, als der teufliſche Daͤne, der bis dahin bloß Zuſchauer und kalter Beobachter des Spiels geweſen war, mich mit Rieſenkraft aus dem Gewuͤhl riß und die tobende Menge damit beruhigte: Wie ſie ſich durch die Narrenſtreiche eines ſolchen dummen Jungen, der noch keine Er⸗ fahrung habe, aufbringen laſſen koͤnnten?! Unwillig, dem in meinen Augen ſo widerlichen Menſchen Dank ſchuldig zu ſeyn, ſuchte ich ſeiner Begleitung ſobald als ſchicklich und moͤglich zu ent⸗ kommen, und obgleich ſeine rohen Scherze mein Inneres empoͤrten, ſo ſchien doch der Antheil, welchen er mir bezeigte, aus ſo reiner Quelle zu entſpringen, ſo hoͤchſt uneigennuͤtzig zu ſeyn, daß ich mir ſelbſt Vorwuͤrfe machte uͤber meinen Wider⸗ willen gegen das Aeußere eines Menſchen, der aus reinem Herzenstrieb meiner unerfahrenen Ju⸗ gend zu Huͤlfe kam, und mich, freilich auf hoͤchſt unzarte Weiſe, aus den Netzen einer fuͤrchterlichen Leidenſchaft, der des Spiels, zu retten ſuchte. So ſchaudert jedes reine Gemuͤth vor der aͤußern Abſcheulichkeit des Laſters zuruͤck, wie vor der innern. Doch gewoͤhne dich an die abſchrecken⸗ den Formen durch oͤfteres Schauen und bald wird dir ertraͤglich erſcheinen, was dich ſchaudern machte, und ſo jeder Menſch, dem das Laſter ſeinen Stem⸗ pel in's Antlitz praͤgte. Kein Weſen iſt ſo ſehr in Laſterhaftigkeit ver⸗ ſunken, daß nicht die eine oder andere gute Eigen⸗ ſchaft noch ein Plaͤtzchen in ihm inne haͤtte. Fuͤhlſt du das Daſeyn dieſes Guten, ſo macht es dich nachſichtiger gegen den Laſterhaften, und erzeigt er dir gar einen Dienſt, ſo glaubſt du dich in deinem Urtheil getaͤuſcht zu haben, und ſuchſt durch freund⸗ liches Entgegenkommen dein Unrecht wieder gut zu machen. So gehſt du einen kleinen Schritt nach dem andern vom Erſchrecken vor dem Laſter, zu der Duldung des Laſterhaften, endlich ſogar zur Liebe gegen ihn, und wie klein iſt die Kluft, die dich dann noch vom Laſter ſelbſt trennt. Sey daher jeder auf ſeiner Huth! Nur bedauern, bemitleiden duͤrfen wir den Laſterhaften, nie aber uns ihm naͤhern! Mich hatte indeß die Spielwuth zu feſt gepackt, als daß des Daͤnen Bemuͤhungen mich ihren Armen entwinden konnten. Schreckliche Leidenſchaft! Du kirrſt und lockſt deine Opfer mit der gleißenden goldenen Lockſpeiſe und reißſt ſie dann von Verbrechen zu Verbrechen die ſchreckliche Stufenleiter hinunter in den ſchwarzen Abgrund, in dem Verzweiflung, Lebensuͤberdruß, Menſchenhaß, die graͤßlichen Un⸗ geheuer, das Herz des Opfers zerfleiſchen, und mit dem letzten Tropfen Blutes eines milden, fuͤr alles Große und Schoͤne pulſirenden Herzens, den ſie herauspreſſen, wandelt ſich auch der Ungluͤckliche in eine Peſtbeule der menſchlichen Geſellſchaft um, welche das Verderben in deren edleſte Theile verpflauzt. Die aͤngſtliche Beſorgniß meiner frommen Mut⸗ ter, welche ihr meine immer ſeltener werdenden Briefe und die ſtets wiederkehrenden Bitten um Geld eingefloͤßt hatten, mußten auch meinen recht⸗ ſchaffenen Vater aus ſeiner Sicherheit aufgeſcheucht haben; er ſchrieb an meinen Oheim und forderte dieſen auf, meine Wege und meinen Umgang auszuforſchen und ihm hieruͤber Bericht abzuſtatten. Mein guter Oheim, den ſeine uͤberhaͤuften Be⸗ rufsgeſchaͤfte bisher abgehalten hatten, mich zu beobachten, beauftragte ſeinen aͤlteſten Commis, einen eiskalten Rechenknecht, meine Auffuͤhrung zu be⸗ aufſichten und bald gelang es dieſem, meine Ab⸗ wege zu erkunden. Ohne Nuͤckhalt ward meinem guten Vater Alles berichtet. Mein Vater, der ſtets nur einem Ziel nachgeſtrebt hatte, dem naͤmlich ſich und ſeine Familie anſtaͤndig zu ernaͤhren, und bei dem die Nahrungsſorgen alle anderen verſchlangen, glaubte mich von der Spielſucht von Grund aus zu heilen, wenn er mir die Mittel zu fuͤndigen raube, und er hoffte durch das Entziehen meines bisherigen Taſchengeldes mich zu einer Aenderung meines Lebenswandels zu zwingen, was indeß leichter durch meine Zuhauſeberufung bewirkt waͤre, wo 6 ich dann, aus der verderblichen Umgebung heraus⸗ .— geriſſen und unter die Aufſicht meines Vaters geſtellt, eher von meinen Verirrungen zuruͤckgekommen ſeyn wuͤrde. Wie ſo manche Eltern, welche im Gluͤck ihrer Kinder das Ihrige ſuchen, fehlten die Meinigen auch hier in der Wahl der Mittel zu meiner Beſſerung aus einem Mangel an Erfahrung und Kenntniß des Entſtehens und Wachsthums des Laſters. Die Saat des Laſters wuchert fort, wenn auch dem Boden, worin ſie keimte, ein Theil des frucht⸗ baren Thaues entzogen ward. Nur indem man die durch ſie gefaͤhrdete Pflanze aus der Naͤhe ſol⸗ cher Schmarotzerpflanzen entfernt und in anderes Erdreich verſetzt, kann man hoffen, ſie von dem giftigen Mehlthau zu befreien, der ihre Bluͤthe, im Verein mit dem umſchlingenden und niederpreſſen⸗ den Unkraut, zu verderben droht. In der ſchmeichelnden Umarmung der Verfuͤh⸗ rung gingen die guten Vorſaͤtze unter, welche ein liebevolles Schreiben meiner frommen Mutter, von ihren Thraͤnen bethaut, und ein Brief meines Va⸗ ters, der mit ſeinem ganzen Zorn drohte, wenn ich nicht abließe vom Laſterpfade, erweckt hatten. . Das Entbehren der elterlichen Unterſtuͤtzung zwang mich auf Zuſchuͤſſe zu ſinnen, welche mich in den Stand ſetzten, trotz dem meiner unſinnigen Spiel⸗ und Vergnuͤgungsſucht auch ferner zu fröͤhnen. Zwar gab es Augenblicke, in welchen die pei⸗ 4 nigendſte Reue mich verzehrte, indem mir das thraͤnenfeuchte Auge meiner herrlichen Mutter und die bekuͤmmerten Zuͤge meines redlichen Vaters vor die Seele traten, mich anklagend, daß ich ihre Hoffnung vernichte, in mir die Freude ihres Al⸗ ters zu ſehen. Stets verhieß ich mir ſelbſt mit heiligen Schwuͤren abzulaſſen von meinen verderb⸗ lichen Neigungen; aber die Reize der Suͤnde brei⸗ teten ihre bunte, ſchillernde Schlangenhaut uͤber den modernden Leib, und ich taumelte fort, mich durch immer hoͤhere Reizungen gegen die Angriffe des Gewiſſens ſchirmend. Meine Schulden wurden endlich ſo druͤckend, daß ich keinen Ausweg mehr ſah, als den Tod, und dieſer Gedanke erfuͤllte nun meine ganze Seele. Immer dunkler ward es in mir, alle heitern Bilder erloſchen vor dem duͤſtern Hintergrunde, 157. der hereindrohte, und immer mehr wuchs die Idee der Selbſtvernichtung. Zwar ſtraͤubte ſich mein ganzes Weſen gegen dieſe ſchwarzen Phantaſieen; aber endlich verloren ſie alles Abſchreckende durch das immerwaͤhrende Hinblicken; ich konnte Befreiung von den druͤcken⸗ den Gefuͤhlen erwarten, die mich marterten; ich beſchloß, den Tod im Waſſer zu ſuchen. Noch einmal traten die Bilder der tief gekraͤnk⸗ ten Eltern, der vergeudeten Jugendzeit vor meine Seele; aber ich hatte keine Thraͤnen mehr, die mein Herz erleichtern konnten. Ich ſuchte einen Prieſter meines Glaubens auf⸗ um ihm zu beichten. Der ehrwuͤrdige Mann er⸗ ſchrack vor meiner Verworfenheit; aber er wies mich hin auf die verzeihende Milde des Verſoͤh⸗ ners, der allen wahrhaft Bereuenden die Wieder⸗ kehr ſeiner Huld verheißt. Doch die Abſolution wollte mir der fromme Geiſtliche nur dann erthei⸗ len, wenn ich vollkommene Beſſerung verſprach; ich verſprach, doch mit dem feſten Vorſatz, nach erhaltener Abſolution, meinem Leben ein Ende zu machen. — „ 138 Wohl wollten die ſanften Troͤſtungen des hei⸗ Aigen Mannes alle beſſeren Gefuͤhle meines Innern neu beleben; aber die Hoffnungsloſigkeit meiner Lage, der drohende Vater, die Schande vor der Welt, ſcheuchten jeden Gedanken an Rettung hinweg. Aus dem Beichtſtuhl taumelte ich an die Ufer —,— des Fluſſes. Ich blickte mit trocknen Augen in die Tiefe; ich ſchwankte vorwaͤrts; da faßte mich eine kraͤf⸗ tige Hand;— es war die des Daͤnen. „Haſt du zu viel getrunken, Junge, oder biſt du toll?!“ redete er mich an, und ein hoͤhniſches Lachen umzuckte den breiten Mund. Ich erholte mich und erzaͤhlte mit der Kaͤlte der Verzweiflung mein Mißgeſchick. „Weiter nichts? Und darum willſt du Waſ⸗ ſer ſaufen, bis du voll biſt? Narr! Trink ein Glas Wein mit mir, dann wird dir anders zu Nuthe werden!“ Mit dieſen Worten zog er mich Widerſtrebenden in eine nahe Schenke und forderte 1 Wein. Wie ſonſt that der Rebenſaft ſeine Wirkung, ich vergaß meine ſelbſtverſchuldeten Leiden! Doch 139 umſönſt hatte mich Jens Randers nicht gerettet vom Waſſertode. 3 Die Geiſter des feurigen Burgunders zogen einen dichten Schleier vor die Abſcheulichkeit ſeiner Rathſchlaͤge. Meine Rettungsloſigkeit wob dieſe Decke ſo dicht, daß ich gerne einging in ſeinen Vorſchlag, das Waarenlager meines Oheims um einige Ballen Indigo und Gewuͤrze leichter zu machen, ſie ihm zu einem billigen Preiſe zu uͤber⸗ laſſen und mit dem Erloͤs meine dringendſten Glaͤu⸗ biger zu befriedigen. Doch nur kurze Zeit blieb dieſer Diebſtahl und noch viele folgende, unentdeckt; mein Oheim bekam durch jenen Commis, der meine Handlungen ſchon einmal ausſpionirt hatte, Wind davon, und ließ mich erſt feſtnehmen; dann ward ich, um der Fa⸗ milie die Schande meiner Beſtrafung von Gerichts⸗ wegen zu erſparen, als Kajuͤtwaͤchter auf einen Amerikaner gegeben und ſo bin ich nun ſeit ſechs Jahren auf der See umhergetrieben, ohne Nach⸗ richt von meinen Eltern und meiner Heimath. Darf ich es wohl wagen, den Schwergekraͤnk⸗ ten je unter die Augen zu treten?““ Und Paul Frommer legte tiefgeruͤhrt die Hand auf Pierre's Schulter, richtete mit der Linken das niedergeſenkte Geſicht des weinenden Verirrten auf und ſprach in ſeiner kraͤftigen Weiſe: „Ei, Junge, du biſt ein braver Seemann ge⸗ worden, der immer auf dem Deck iſt, wenn die Wellen auch noch ſo hoch gehen. Du pfeifſt nicht, wenn du auch noch ſo luſtig biſt, um den Sturm nicht zu necken, und dein Vater ſollte keine Freude an dir haben? Schreib' nur einmal nach Hauſe, oder ſieh zu, daß du bei einem Franzmann in Lohn kommſt. Dann reiſe nach Breſt und wirf deinem Papa die ſchwere Geldkatze auf den Tiſch und ſprich: Das habe ich erſpart und verdient, damit bezahlt meine Schulden, Vater, und fragt alle meine Kapitains, ob ich nicht ein wackerer See⸗ fahrer bin, der ſich immer brav aufgefuͤhrt hat. Und gieb Acht, der Alte klopft dir die Backe und ſpricht: Segle nur mit voller oder gar keiner La⸗ dung in meine Bucht, meine und deiner Mutter Liebe ſollen deine Anker und du ſollſt bei uns vor allen Untiefen ſicher ſeyn!“ „Meinſt du, ehrlicher Junge?!“ rief Pierre mit froͤhlichem. Weinen.„Nun, ſo drehe ich denn bei und nehme meinen Cours auf Breſt,⸗ und wenn du Luſt haſt, ſo komm' mit und werde mein Lootſe, der mich in den vaͤterlichen Hafen bringt.“ℳ 1.2 „Na, wir wollen ſehen, Pierre!“ erwiderte Paul.„Jetzt aber komm' und laß uns die Koye ſuchen.“ Eben wollten ſie die Schlafkammer betreten, als ein tauſendſtimmiges Hurrah ihre Schritte feſ⸗ ſelte und die Neugierde ſie vor die Thuͤr des be⸗ ruͤhmten Porterhauſes zog. Nicht lange waͤhrte es, ſo gewahrten ſie die Urſache des Laͤrms. Tobby, der Irlaͤnder, kam angefahren in einer Kutſche, an der noch fuͤnf und zwanzig andere be⸗ feſtigt waren, und eine unzaͤhlige Maſſe Poͤbels begleitete die ſonderbare Fahrt und ſtimmte ein in das ſelige Gebruͤll des uͤberſchwaͤnglich ſidelen Irlaͤnders. Vor dem Compaß machte das ſeltſame Fuhr⸗ werk Halt, Tobby bezahlte den Kutſcher in blan⸗ ken Guineen, und trat dann zu Pierre und Paul, die ihn mit ſchallenden Handſchlaͤgen bewillkommten. .3⸗ bald genug ſehen?“ fragte Paul. „Das iſt's ja eben, Jungens!“ erwiderte Tobby mit lautem Gelaͤchter.„Seht, ich bin zwei Jahr auf See geweſen und in acht Tagen geht's wieder fort, und da müß ja mein Geld auch wieder fort ſeyn, ſonſt bin ich der ungluͤck⸗ lichſte Jankey auf der weiten Welt. Was ſag' ich auf der Welt? In ganz Irland! Kommt, helft mir noch ein Paar Guineen klein machen; ich kann ſonſt nicht ruhig ſchlafen!⸗ Und nichts wollte der Beiden Widerrede fruch⸗ ten, ſie mußten mit in die Taverne, und bald ſaß das Kleeblatt bei einer dampfenden Bowle Punſch. Tobby roͤſtete ſich am Kaminfeuer einen Schnitt Brod, beſtrich ihn mit Butter, legte eine Zehnpfundsnote als Kaͤſe darauf und verzehrte das theure Gericht mit der Verſicherung:„daß nichts uͤber ein ſolches Butterbrod gehe!e Erſt als ein Konſtable den laͤrmenden Zecher Tobby zur Ruhe verwieſen und er den Boden der Bowle geſehen, ließ er ſich von Pierre und Paul in ſein Quartier geleiten, und nahm „Aber, Tobby, was machſt du denn? Kannſt du den Grund von deinem Geldbeutel wohl nicht von ihnen mit den Worten Abſchied:„Seht, Jungens, laßt mich's noch ein Paar Tage ſo treiben, wie heute, und mein Geld iſt in alle Welt gejagt. Dann giebt's keinen vernuͤnftigern Menſchen, als Tobby. Schlafen werde“ aber nicht koͤnnen; denn ich muß nachdenken Das ich morgen unternehme, um Geld todtzuſchlagen.“ Als Pierre und Paul wieder in den Com⸗ paß zuruͤckkehrten, um ſich ſchlafen zu legen, war Maſter Brown noch munter und trank ein Glas Grogh. „Gebt mir alle Tage einen Tobby, und in Jahr und Tag bin ich der reichſte Mann in Alt⸗ england, der mit unſerm Koͤnig nicht tauſcht“ ver⸗ ſicherte er; damit leuchtete er den beiden Seeleuten in ihre Kammer und ſchloß dann die Taverne. ** Pierre und Paul kamen eben am naͤchſten Morgen von einem Gange nach der City zuruͤck, als ſie von ferne vor dem Compaß ein dichtes Gedraͤnge von Menſchen bemerkten. Sie glaub⸗ ten das Haus oder deſſen Beſitzer in Gefahr, und beſchleunigten ihre Schritte; aber als ſie nahe denn ein Rudel Gaſſenbuben balgte ſich auf offener Straße zu großer Beluſtigung aller Umſtehenden, noch mehr aber des im Fenſter liegenden und un⸗ maͤßig lachenden Tobby, der Peneeſtuͤcke unter die Jungen warf und ſich weidlich ergoͤtzte, wenn ſie ſich um die Erlangung der kleinen Geldſtuͤcke auf der Straße herumwaͤlzten; und ſeine Freude ſtieg auf den hoͤchſten Gipfel, erregte ein Penny einen ernſtlichen Fauſtkampf, ſo daß die Buben olt durch die erwachſenen Zuſchauer getrennt wer⸗ den mußten, ſollte die Balgerei nicht blutig enden. Zwei ſtarke Jungen hatten ſich eben zu dem engliſchen Lieblingskampf, zu einer Boxerei, nach allen Regeln der Kunſt, herausgefordert und Tobby beſtimmte dem Sieger eine Krone. Aber nicht genug; auch die Umſtehenden miſch⸗ ten ſich in Tobby's Unterhaltung. Große und kleine Wetten wurden eingegangen und es hatte ſich um die Kaͤmpfer ein Kreis gebildet, der ihre Bewegungen mit großer Aufmerkſamkeit verfolgte. Nicht lange ſo hatten ſich auch einige Gentlemen eingefunden, denen jede Gelegenheit zu wetten hoͤchſt willkommen war. 4 4 genug waren, ſahen ſie ein froͤhliches Treiben; — — Die beiden Boxer wurden immer mehr durch aufmunternde Zurufe gereizt; endlich hatte der Staͤrkere den Schwaͤchern zu Boden geſchlagen und einige mitleidige Zuſchauer wollten ſie trennen; aber das litten diejenigen nicht, welche auf den Beſieg⸗ ten gewettet hatten, und der Sieger wuͤrde ſeinen Triumph nicht allein bis zur vollkommenen Nie⸗ derlage ſeines Gegners, ſondern wahrſcheinlich bis zu gaͤnzlicher Vernichtung deſſelben verfolgt haben, waͤren nicht einige Konſtables dazugetreten und haͤtten Frieden geboten. Die Menge verlief ſich; Paul fuͤhrte den ohn⸗ maͤchtigen Beſiegten in den Compaß und als barm⸗ herziger Samariter wuſch er ſeine Wunden, legte ihn auf ſein Bett und gab ihm Staͤrkungsmittel, bis er ſich wieder erholt hatte. Aber wie erſtaunte Paul, als er nach dem Werk der chriſtlichen Milde zufaͤllig in den ſonſt mit brittiſcher Eleganz und Gediegenheit verzierten Speiſeſaal des Compaſſes trat, und alle Spiegel, die Wand⸗ und Kronleuchter in Truͤmmern fand. Tobby ſaß in der Mitte des Saales, unter den Ruinen, und betrachtete mit großem Wohl⸗ behagen die Graͤuel der Verwuͤſtung. 7 .. 4140. „Was iſt denn deſchehen?n fragte Paul voll Verwunderung. „„Nicht wahr, das ſieht hier praͤchtig aus!«*³. erwiderte Tobby, ſichtbar an Paul's Staunen ſich weidend.„„Mir kommt die Kajuͤte vor wie ein Kriegsſchiff, dem die feindlichen Erbſen und Bohnen ſo mitgeſpielt haben, daß es ausſieht wie unſer Schulmeiſter, wenn ſeine Frau ihm die Pe⸗ ruͤcke friſirt hatte.“e⸗ „Aber wer hat ſich denn den Spaß gemacht, den Saal abzutakeln?“ fragte Paul weiter. „„„Ja, wer meinſt du wohl?“ „Nun, ein Betrunkener oder einer der aus Bedlam entwiſcht iſt.“ „„»Keiner von beiden,““ verſetzte Tobby mit Stolz.„„Ein ſehr vernuͤnftiger, aber luſtiger Ir⸗ laͤnder.“⁰“ „Du haſt mich zum Beſten!“ „„„Nein, Junge! Tobby hat hier die Zerſtoͤ⸗ rung Jeruſalems aufgefuͤhrt. Sieh, ich ſimulirte die ganze vorige Nacht, wie ich wohl am Leichte⸗ ſten Geld los wuͤrde. Lange wollte mir nichts Kluges einfallen; endlich ſchoß es mir wie ein Blitz in den vernagelten Hirnkaſten. Heute Morgen be⸗ zahlte ich Maſter Brown alle ſeine Spiegel und Kronleuchter und warf mit meinen beiden Uhren und was ich ſonſt zur Hand hatte, ſo lange dar⸗ nach, bis ich Alles eingeſchoſſen hatte. Den Reſt von meinem Gelde habe ich unter die Jungen auf der Straße geworfen und nun nehme ich eine Kutſche und laß mich an Bord fahren; denn mein Kapitain iſt ſchon hier geweſen, der Wind iſt gut und morgen oder uͤbermorgen geht's wieder in Seel““ 1 Damit ſprang Tobby von ſeinem Stuhl auf, ſchuͤttelte Paul derb die Hand und nicht lange, ſo fuhr er in einer eleganten Kutſche nach dem Hafen, immerwaͤhrend den Kopf aus dem Kut⸗ ſchenſchlage ſteckend und„Hurrah! Seht ihr die ſchoͤne Kutſche und Tobby, den klugen Irlaͤn⸗ der!“ ſchreiend. ** * Es war in der Woche vor Weihnacht des Jahrs 1816; mildes Herbſtwetter lockte Vaͤter und Muͤtter, fuͤr die geliebten Kinder Gaben einzukau⸗ fen, und auf den Straßen der großen Handels⸗ ſtadt Hamburg herrſchte ein frohes Gedraͤnge. 7* Judenknaben prieſen die bunten Weihnachtslichter und die verſchiedenartigſten Spielwaaren fuͤr Kin⸗ der mit ſchreienden Toͤnen aus, Gold⸗ und Silber⸗ Laͤden und Induſtrie⸗Laͤger prangten mit lockenden Prachtwaaren und eine Menge Kutſchen verſperr⸗ ten den Weg zu der beruͤhmten Niederlage des Herrn Erich auf dem großen Burſtah. Elegant gekleidete Damen fuͤllten die Gaͤnge und Saͤle des Hauſes und handelten koſtbare Kleinigkeiten ein fuͤr die wohlerzogenen Kinder; auch Madame Neſſel, des reichen Kauf⸗ und Handelsherrn Gat⸗ tin, muſterte mit waͤhligen Blicken die vor ihr aufgehaͤuften Schaͤtze, um fuͤr ihren Theobald eine Chriſtbeſcheerung auszuſuchen. Nichts wollte ihr gefallen; Alles war zu wenig koſtbar oder glaͤnzend, als daß es den ausſchweifenden Wuͤn⸗ ſchen des verzogenen Mutterſoͤhnleins, bei dem der Ueberfluß den Ueberdruß herbeigefuͤhrt hatte, noch ihrer und ihres Gemahls Prachtliebe genuͤgen konnte; auch mußten ja die Geſchenke den Neid der zum Anſchauen der Herrlichkeiten am heiligen Abende geladenen Gaͤſte erregen, ſonſt war weder Madame noch ihr Herr Gemahl⸗ noch das Sößh⸗ lein zufrieden. — 149 Da trat in die Thuͤr des praͤchtigen Waaren⸗ lagers eine bejahrte, aͤrmlich, aber reinlich, geklei⸗ dete Frau, an der Hand einen funfzehnjaͤhrigen Knaben. Sie beſchaute mit der Schuͤchternheit der Armuth die Prachtſachen, und als blende der Anblick ſo vieler Koſtbarkeiten ihre Augen, zog ſie den Blick davon ab und ließ ihn im feuchten Glanze uͤber den Sohn hingleiten, der ſtaunend ob den vielen Schaͤtzen, die hier ausgebreitet lagen, nicht Augen genug zu haben ſchien, um Alles zu be⸗ merken und daß ihm nichts entſchluͤpfe. Endlich deutete er mit funkelnden Blicken auf ein einfaches Reißzeug und zog die Mutter naͤher zu dem Ge⸗ genſtande ſeiner Wuͤnſche. Sie folgte ihm und wollte eben nach dem Preiſe fragen, als Madame Neſſel vor den Ladentiſch hinrauſchte und ihre koſtbare Schreibtafel oͤffnend, einem Commis das Verzeichniß der von ihr ausgewaͤhlten Waaren mit lauter Stimme dictirte; dann nach dem Preiſe fragte und denſelben ohne Abzug in blanken Gold⸗ ſtuͤcken bezahlte. Sie wollte ſich entfernen, als ſie ihren praͤchtigen Pompadour vermißte und einem Lehrling zuherrſchte, ſie werde ihn in einem der Saͤle verloren haben, als ſie die Schreibtafel herausgenommen. Der Burſche flog, der reichen Frau Befehl auf das Schnellſte zu vollziehen. Die arme Frau hatte ſich mit ihrem Sohn vor der Reichen zuruͤckgezogen und betrachtete dieſe mit kummervoller Miene, als in ihrer Erinnerung ein bekanntes Bild aufzutauchen ſchien und ihr Geſicht jenen forſchenden Ausdruck annahm, der alle Sehnerven ſchaͤrfend, den Namen zu dem Bilde ſucht. Aber der Fund mußte ihr nicht an⸗ genehm ſeyn, denn ihre Zuͤge uͤberflog eine Wolke des Unmuths und ſie zog den Sohn in eine Ecke des Ladens und fluͤſterte ihm zu:„Franz, kennſt du die Dame wohl? Aber Franz war zu verſunken in dem blen⸗ denden Anſchauen des Waarenlagers, als daß er der Mutter Frage gehoͤrt haben ſollte. Auch Madame Neſſel hatte mit pruͤfenden Blicken die Alte angeſehen und uͤber ihr nicht haͤßliches Geſicht zog ſich ein Laͤcheln des trium⸗ phirenden Stolzes, als ſie mit ſich einig war, die Alte ſey ihr aus fruͤherer Zeit bekannt. Doch ſchien die Erneuerung dieſer Bekanntſchaft oder deren Anerkennung unter ihrer Wuͤrde zu ſeyn, ſie wandte den Ruͤcken und warf dem Commis einige Fragen hin, offenbar um nicht in die Ver⸗ legenheit zu kommen, der Alten Rede ſtehen zu muͤſſen. Der Burſche kam athemlos zuruͤck und be⸗ richtete keuchend: der Pompadour ſey nicht zu finden, trotz des aͤngſtlichſten Suchens. Da erblickte Franz zu ſeinen Fuͤßen das mit kuͤnſtlicher Stahlarbeit gezierte Vermißte und be⸗ ſcheiden ſich naͤhernd, fragte er die elegante Dame, ob dies vielleicht der verlorene Pompadour ſey? Mit hochmuͤthigem Kopfnicken dankte Madame Neſſel dem Finder, langte aus ihrer Boͤrſe ein blankes Achtſchillingsſtuͤck hervor und wollte es Franz hinreichen, als ſeine Mutter ihn heftig zu⸗ ruͤckzog und verſicherte, ihr Sohn habe ſeine Pflicht gethan und beduͤrfe keinen Lohn dafuͤr. „Unverſchaͤmter, dummer Bettelſtolz!“ brummte Madame Neſſel, ſteckte das Silberſtuͤck wieder in die Boͤrſe, ſchnappte den Stahlbuͤgel klirrend zu und rauſchte aus der Thuͤre, vor der der galante Ladendiener ihr in den Wagen half und die Hand⸗ lung ſeines Prinzipals nochmals empfahl. Kaum zwang ſich der Ruͤckkehrende zu einiger Hoͤflichkeit gegen die beiden Kaͤufer, forderte, auf ihro Frage nach dem Preiſe des Reißzeuges, eine maͤßige Summe, mit einer Miene, als werde dieſe fuͤr ihre Finanzen dennoch wohl zu hoch ſeyn; erſtaunte aber nicht wenig, als die Matrone ein Goldſtuͤck auf den Tiſch legte und ſich den Ueber⸗ ſchuß herausgeben ließ. „Aber, liebe Mutter, warum ſollte ich denn von der reichgeputzten Dame das Geld nicht an⸗ nehmen?“ fragte Franz, als er und ſeine Mutter auf der Straße ſich befanden.„Sie gab es doch gewiß aus gutem Herzen!⸗ „„ Das verſtehſt du nicht, lieber Franz,“* erwiderte die Mutter mit einem Seufzer.„„Selten fließt die Großmuth der Reichen aus einer reinen Quelle. Gewoͤhnlich froͤhnen ſie nur ihrer Eigen⸗ liebe oder ihrem Stolze, wenn ſie Wohlthaten ſpenden.“—— „Und doch hoͤrte ich oft von dir, mein gutes Muͤtterchen,“ entgegnete Franz, indem er liebe⸗ voll der Mutter Wangen ſtreichelte,„daß man nicht immer nach den Beweggruͤnden einer guten Handlung forſchen ſolle; genug, wenn nur das Gute geſchaͤhe, moͤge der Grund auch nicht tadel⸗ los ſeyn.“ 1. maͤdchen.““ ... 153.. „„Du biſt noch zu jung, Franz, um Urſache und Wirkung von einander trennen zu koͤnnen. Ich habe mich vielleicht auch eben einer Ueber⸗ eilung ſchuldig gemacht; aber ich konnte es nicht anſehen, daß meine ehemalige Magd meinem Sohne eine Gabe reichte, die in ihren Augen mehr das Anſehen des Almoſens als einer Belohnung fuͤr einen kleinen Dienſt annehmen mußte.““ „Die reiche, geputzte Dame waͤre deine Magd geweſen?!“ „„Ja, mein Kind; auch ich lebte in einem Wohlſtande, der es mir moͤglich machte, meinen Kindern ein eben ſo reiches Weihnachtgeſchenk zu machen, als jene reiche Frau. Dein guter Vater war einſt ein reicher Kaufmann, und Herr Neſſel,⸗ der Mann jener geputzten Dame, einer ſeiner Ge⸗ huͤlfen; und die Madame ſelbſt war mein Klein⸗ „Ach, das iſt wohl lange her, denn ich weiß mich kaum noch des guten, lieben Vaters zu er⸗ innern.“ 182 „„Ich erzaͤhle dir das, wenn wir nach Hauſe gekommen ſind. Jetzt wollen wir fuͤr den braven Paul auch einkaufen; ruͤhrt doch das Geld von 7** ihm her, iſt es doch ſein ſauer erworbenes Gut, und muß er ſich nicht allen Gefahren eines wilden Elements, allen Muͤhſeligkeiten ſeines Gewerbes preis geben, um fuͤr Mutter und Bruder Brod zu erwerben?““⸗ „Sey nur ruhig, Mutter; bin ich erſt durch die Steuermannskunſt hindurch und trete in Lohn: ſo wollen Paul und ich gemeinſchaftlich arbeiten, und du ſollſt es in deinen alten Tagen ſo gut haben, als du es in fruͤherer Zeit gehabt haſt.“ Da ſloſſen der ehrwuͤrdigen Alten heiße Thraͤ⸗ nen uͤber die gefurchten Wangen und ſie preßte das Haupt des wackern Sohnes an ihren Mund, zum großen Ergoͤtzen der Voruͤbergehenden, welche, in ihr Thun und Treiben verſenkt, eine ſolche Aeußerung der muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit auf offener Straße hoͤchſt ſpaßhaft fanden. Aber der Spaß verkehrte ſich in den ſchrecklich⸗ ſten Ernſt. Eine glaͤnzende Equipage rollte mit Blitzesſchnelle heran, alle Fußgaͤnger zum Aus⸗ weichen zwingend; nur die Alte, der vor dem Gluͤck, im Beſitz ſolcher Soͤhne zu ſeyn, jeder Gedanke an die Welt und ihrer Umgebung ver⸗ ſchwunden war, glitt unter die Raͤder des Wagens. —.——— 2. 155. Zwar ſiel Franz den ſchnellen Roſſen in die Zuͤgel und einige Voruͤbergehende gewannen ſo Zeit, die ohnmaͤchtige Matrone unter den Raͤdern her⸗ vorzuziehen, auch wollten einige herbeigeeilte Polizei⸗ Officianten den Kutſcher arretiren; aber Madame Neſſel ſteckte aͤngſtlich den Kopf aus dem Schlage, nannte ihren Namen, und befahl dem Kutſcher zuzufahren. Alles wich vor dem Namen des reichen Handelsherrn ehrerbietig zuruͤck, und die Polizei⸗Officianten begnuͤgten ſich, den Namen in ihre Schreibtafeln zu tragen. Nur einige Arbeitsleute meinten: Das ſchnelle Fahren muͤſſe exemplariſch beſtraft werden; ſetze es doch in engen Gaſſen das Leben aller Fußgaͤnger in Gefahr. Bewußtlos trug man die Verwundete in ein nahes Haus, wo ein kundiger Wundarzt ihre Wunden unterſuchte und verband, aber zugleich er⸗ klaͤrte, ſie habe beide Beine gebrochen. Franz kniete an dem Lager ſeiner geliebten Mutter und benetzte ihre Haͤnde mit ſeinen Thraͤnen, bis ein Wagen herbeigeholt war, der die Ungluͤckliche und ihren Sohn in die aͤrmliche Wohnung brachte. ** .* An dem Schmerzenslager der zaͤrtlichſten der Muͤtter ſaß Franz auch eines Abends, mit nau⸗ tiſchen Berechnungen beſchaͤftigt. Die Kranke lag in einem leichten Schlummer, und beſorgt blickte der redliche Sohn oft von ſeiner Arbeit nach der Schlummernden, als an die Thuͤr der kleinen Woh⸗ nung gepocht wurde. Franz eilte, ſie zu oͤffnen. Mit leiſer Stimme fragte er nach des Fremden Begehren. Mit rauher Stimme gab der ungeſtuͤme Po⸗ cher zur Antwort:„Langſame Schildkroͤte! Mach' nur die Koye auf: ſo ſollſt du wohl erfahren, wer ich bin und was ich will.“ „„Wenn Er nicht leiſe ſprechen kann, ſo komm Er nur morgen wieder!““ entgegnete Franz hef⸗ tig.„„Meine Mutter iſt krank und ſchlaͤft eben ein wenig.““⸗ 3 „Zum Teufel, mach' auf, oder ich trete die Thuͤr ein!“ ſchrie es draußen.„Wenn der Kapi⸗ tain Randers bei dem erſten Kaufmann in Ham⸗ burg anklopft, ſo heißt es hoͤflich: Herein! Und hier ſoll ich ſtundenlang pochen und viel Feder⸗ leſens machen, ehe mir die Thuͤr geoͤffnet wird?! Ueberdies kennt mich Frau Frommer recht gut; und wird ſchon ein freundliches Geſicht machen, wenn ſie hoͤrt, daß ich von Paul komme. Schla⸗ fen kann ſie nachher genug!“ „„Ei, warum ſagtet Ihr das nicht gleich, Ka⸗ pitain?!““„ erwiderte Franz, indem er die Thuͤr aufſchloß.. Kapitain Randers buͤckte ſich ein wenig, um durch die Thuͤr zu kommen und, auf der Flur ſich umblickend, rief er mit hoͤhniſchem Lachen aus: „Wenn ich an das ſchoͤne Haus denke, welches einſt der reiche Handelsherr Paul Frommer be⸗ wohnte, und dieſe Baracke dagegen anſehe: ſo fal⸗ len mir allerlei ſonderbare Gedanken ein. Na,'s iſt Alles vergaͤnglich in der Welt! Heute reich, morgen arm! Das iſt ſo der Welt Lauf!“ Damit ſchritt er auf die kleine Stube zu, riß die Thuͤr mit Geraͤuſch auf, trat lachend hinein und an das Bett der Kranken, welche erſchreckt aus dem Schlafe auffuhr und den ungeſtuͤmen Be⸗ ſuch anſtarrte. Franz hatte die Lampe wieder auf den Tiſch geſetzt und, ſich in einen Winkel des kleinen Zim⸗ mers zuruͤckziehend, betrachtete er den Fremden mit furchtſamen, die Mutter aber mit aͤngſtlichen Blicken; denn offenbar keinen angenehmen Ein⸗ druck machte des Seemannes rohes Benehmen auf die Kranke. Kapitain Randers aber hatte ſich auf einen alten Seſſel hingeworfen, daß alle Fugen des ver⸗ brauchten Hausgeraͤths krachten. „Na, wie geht's, Alte?“ fragte er laut la⸗ chend.„Sie liegt wohl auf dem Helgen, will ſich wieder kalfatern laſſen?! Ja, das Alter macht das beſte Schiff zum Wrack, und noch vor der Zeit wirds dazu, wenn es manchen Sturm aus⸗ gehalten hat. Ja, wenn ich daran denke, was ſie ſonſt fuͤr'n Fahrwaſſer hatte!— War'ne ſchoͤne Handlung, Paul Frommer! Hab' manche Zehn⸗ thalerstute abgeholt vom Comptoir! War'n guter Kerl, der ſelige Frommer, erwies mir viel Freund⸗ ſchaft; war aber doch dumm, daß er ſich erwiſchen ließ.— Na, heute roth, morgen todt!“ Mit ſichtbarer Anſtrengung hatte Mutter From⸗ mer ſich beherrſcht; aber jetzt machte ein Strom von Thraͤnen dem gepreßten Herzen Luft, und ſchluchzend erwiderte ſie:„Seyd Ihr gekommen, Randers, um einer Todtkranken vollends den Reſt zu geben?“ „„Ach, mit ihrem Geheule, Frau l entgegnete der rauhe Seemann.„„Ueber jede Kleinigkeit heu⸗ len, das kleidete Ihr wohl, als Sie noch die reiche Madame Frommer war; aber jetzt iſt Sie arm, und wenn Sie den Paul nicht haͤtte⸗ ſo muͤßte Sie ihr Brod vor den Thuͤren ſuchen.— Vor der reichen Kaufmannsfrau mußte ich den Hut ab⸗ ziehen; die Arme muß ſich fein hoͤſlich darin ſchik⸗ ken, wenn Jens Randers in ſeiner Bequem⸗ lichkeit bleibt.“““ 4 „Die Pruͤfung waͤre zu hart fuͤr mich, o Gott!“ betete die tief Verletzte.„Laß mich nicht ſo tief ſinken, daß ich von dieſem Ruchloſen ein Almoſen annehmen muß!“ Und ſich zu Jens wendend, welcher laut lachte, ſprach ſie, ſich gewaltſam auf⸗ raffend:„Macht's kurz, Jens; denn ſo lange ich noch die Miethe hier bezahle, iſt dieſe Stube mein Eigenthum und unverſchaͤmte Gaͤſte wirft man hinaus!“ 5 „„Sieh, ſieh! der alte Hochmuth iſt noch im⸗ mer da!““ verſetzte Jens.„„Nu, nu, huͤbſch ſachte, Frau. Sie ſpricht nicht mit ihres Man⸗ nes ehemaligem Factor, ſondern mit dem Schiffs⸗ kapitain Randers! Sonſt war das freilich an⸗ ders, jetzt iſt die Hoͤflichkeit Ihre Schuldigkeit. Ueberdies will ich Ihr nicht lange zur Laſt da⸗ ſitzen. Ihr Sohn Paul kommt in dieſen Tagen von Liſſabon zuruͤck und wenn er Luſt hat, ſo kann er Steuermann unter mir werden. Bleibt's bei dem Wetter und geht die Elbe nicht zu: ſo wird kein Monat uͤber Land gehen, und Jens Ran⸗ ders iſt in See.— Na, beſtell' ſie das, hoch⸗ muͤthige Frau Frommer, und hoffentlich greift Paul mit beiden Haͤnden zu, denn er wird nicht zu ſtolz ſeyn, um unter ſeines Vaters Factor als Steuermann zu fahren. Will er nicht, ſo laͤßt er's bleiben; ich kann Zehn fuͤr Einen kriegen.“ Damit ſtuͤrmte der rohe Gaſt zur Thuͤr hinaus, die er ſo heftig zuſchleuderte, daß die Fenſter klirrten. Frau Frommer war ermattet zuruͤckgeſunken in die Kiſſen, und Franz, der ſich weinend dem Bette genaͤhert hatte, hoͤrte lange nur der Mutter Schluchzen, bevor ſie ſich ermannte und dem be⸗ ſorgten Sohne Antwort gab auf die vielen Fragen, welche ein ſo erſchuͤtternder Beſuch in ihm erregt hatte. Endlich begann ſie, doch war ihre Erzaͤhlung noch oft durch die Ausbruͤche eines nicht zu un⸗ terdruͤckenden Schmerzes unterbrochen. .. 161 „Lieber Franz, im Ungluͤck ſind wir reizbarer als im Gluͤcke. Dieſes beruhigt oder ſtaͤhlt viel⸗ mehr unſer Nervenſyſtem, ſo daß unangenehme Eindruͤcke leichter und wirkungsloſer voruͤbergehen; waͤhrend das Ungluͤck unſere Nerven feiner zu ſtim⸗ men ſcheint. Dies ſollte der Gluͤckliche bedenken⸗ und wenn er dem minder Gluͤcklichen eine Bitte verweigert oder gewaͤhrt, mit zarter Schonung und dieſe Reizbarkeit beruͤckſichtigend, verweigern oder gewaͤhren. In der Vernachlaͤſſigung dieſer Ruͤckſicht liegt es auch oft, daß gute Menſchen, denen Wohlthun Herzenstrieb iſt, ſo oft uͤber Un⸗ dank klagen. Sie unterſtuͤtzen ihre darbenden Ne⸗ benmenſchen, doch ſelten mit jener Zartheit, welche der Gabe den Schein des Almoſens nimmt, und den Werth des Geſchenks verdoppelt.“ „In gluͤcklichen Tagen haͤtte mich das rohe Be⸗ nehmen des Kapitains hoͤchſtens nur gekraͤnkt; denn ich war uͤberzeugt, daß es in meiner Macht ſtand, ihn empfindlich fuͤr ſeinen Uebermuth zu zuͤchtigen; aber jetzt ſchuf das Gefuͤhl meiner Ohnmacht dieſe Kraͤnkung zu einer heftig ſchmerzenden Wunde um, deren Pein noch die tiefe Verachtung erhoͤhete, die ich gegen jenen Verworfenen hege.“ „Ich weiß nicht, wie lange Gott mir noch vergoͤnnt hat, bei dir zu bleiben, lieber Franz. Das Alter und die herben Erfahrungen, welche ich in meinem Leben machen mußte, die unvorbereiteten Uebergaͤnge von einer heftigen Bewegung in eine noch heftigere, haben meinen ohnehin ſchwaͤchlichen Koͤrper zerruͤttet. Gerne weilte ich noch auf dieſer Erde, um deine unerfahrene Jugend zu leiten; aber ich ergebe mich in den Willen des weiſen Schoͤpfers, wenn er mich abrufen ſollte, bevor ich dieſe heilige Pflicht erfuͤllt habe. Er wird dein Schutz und Sehin ſeyn, wenn ich nicht mehr bin.. Franz fiirzte ſich hier laut ſchluchzend an den Hals der geliebten Mutter, welche die thraͤnen⸗ naßen Wangen des guten Sohnes liebevoll ſtreichelte und mit erſtickter Stimme ihm troͤſtend zurief: „Franz, du biſt zu weich! Du mußt dich fruͤh gewoͤhnen, maͤnnlichen Muth den Orkanen des Lebens entgegen zu ſetzen. Ueberdies willſt du See⸗ mann werden; der Stand fordert mehr maͤnnlichen Sinn, als der des Kriegers. Darum ſey muthig, mein Sohn und hoͤre die Geſchichte deiner Mut⸗ ter. „Mein Vater war einer der reichſten Kaufleute dieſer Stadt, und ich genoß eine Erziehung, wie wenig Maͤdchen. Kenntnißreiche Maͤnner bildeten meinen Geiſt, eine ſanfte, verſtaͤndige Mutter mein Herz. Ich war in jeder Hinſicht ein gluͤckliches Kind. Dein Vater, der Sohn eines wohlhaben⸗ den Handwerkers, war auf das Comtoir meines Vaters als ein Knabe gekommen, den gute Schul⸗ kenntniſſe berechtigten, ein vorzuͤglicher Kaufmann zu werden, und er ward es unter der Leitung meines Vaters, der den beſcheidenen Juͤngling lieb gewonnen hatte.“ „Wir wuchſen mit einander auf. Paul war zwar einige Jahre aͤlter als ich, aber dennoch ward er mein Spielgenoſſe; und raſtlos war er darauf bedacht, meine kleinen Launen und Einfaͤlle zu be⸗ friedigen. Als einziges Kind war ich der Liebling beider Eltern, und meine Waͤnſche fanden leicht Erhoͤrung; dies machte mich oft eigenſinnig und launiſch. Meine verſtaͤndige Mutter wandte zwar bei der Entdeckung dieſes Fehlers die beſten Mittel an; ſie ſuchte mich daran zu gewoͤhnen, Wuͤnſchen zu entſagen, welche mir die liebſten waren; aber kaum ſah der gute Paul meine Thraͤnen, ſo ver⸗ wendete er ſein maͤßiges Taſchengeld, und gewaͤhrte mir heimlich, was die Eltern verſagten.“ „In meinem achtzehnten Jahre hielt der Sohn eines ſehr reichen Mannes um mich an, meine Eltern wuͤnſchten dieſe Vereinigung, auch Paul wollte mich uͤberreden, dem wohlerzogenen Manne meine Hand zu reichen; aber dennoch weigerte ich mich ſtandhaft; denn heimlich liebte ich den wackern Paul, der ſein Gluͤck dem meinen aufzuopfern bereit war.“ 3 „Meine Mutter errieth die Beweggruͤnde meiner hartnaͤckigen Weigerung; ſie vermogte den Vater, ſeinem Liebling die einzige Tochter zur Gattin zu geben.“ „Paul errichtete eine eigene Handlung und wir lebten einige Jahre unausſprechlich gluͤcklich. Die Geburt deines Bruders Paul vermehrte unſer Gluͤck; aber ein immerwaͤhrendes Kraͤnkeln war die Folge dieſes feoͤhlichen Ereigniſſes, mit ihm kehrten meine Launen, die bis dahin geſchlafen hatten, zuruͤck. Dein Vater glaubte ein Verbrechen zu begehen, wenn er ihnen nicht froͤhnte; meine ausſchweifendſten Wuͤnſche fanden Erhoͤrung; aber meine Kraͤnklichkeit ging in eine Neizbarkeit der Nerven uͤber, welche die geringſte Verzoͤgerung in Erfuͤllung eines Wunſches ſo erhoͤhete, daß ich meinem Gatten und meiner Umgebung unleidlich ward. Zwar machte ich mir oft Vorwuͤrfe, daß ich meinen guten Mann ſo quaͤlte; aber ich ſchob bald Alles auf die Krankheit, und da der Arzt das Landleben zu meiner Heilung durchaus noͤthig fand, ſo war mein herrlicher Paul, ohne meine Auf⸗ forderung, ſo gefaͤllig, in einiger Entfernung von der Stadt, an dem reizenden Ufer der Alſter eine Villa zu miethen; wo auch die reine Landluft bald meine Heilung vollendete.“ „Dein Vater glaubte aus einer zu weit getriebe⸗ nen Großmuth, daß, da mein Vermoͤgen das ſeinige ſo weit uͤberſtieg, er verpflichtet ſey, jeden meiner Wuͤnſche, der durch Geld zu befriedigen war, erfuͤllen zu muͤſſen; und als der Beſitzer unſeres Landhauſes bald darauf dieſes zum Ver⸗ kauf ausbot, und ich den Beſitz deſſelben zu wuͤn⸗ ſchen ſchien, kaufte er es um einen bedeutenden Preis.“ 3 Aber der Beſitz des Gartens zog bald auch den einer Equipage nach ſich; da die Villa zu weit von der Stadt lag, als daß ich den Weg zur Stadt zu Fuß machen zu koͤnnen glaubte. Ueberdieß hatten alle meine Nachbaren glaͤnzende Equipagen, was war alſo natuͤrlicher, als daß die Eitelkeit mich uͤberredete, es gehoͤre unmittelbar zu meinem Gluͤck, ein praͤchtiges Fnhrwerk zu halten.“ „Doch der Beſitz der Equipage führte die An⸗ ſchaffung eines Kutſchers und noch eines Bedienten herbei. Jetzt verlegte ich die Stadt aufs Land. Glaͤnzende Geſellſchaften, Baͤlle, Spielparthieen jagten einander. Anfangs war es mir zwar nicht angenehm, daß mein Mann dieſen Allen nur ſelten beiwohnen konnte, weil ſeine Geſchaͤfte ſeine Gegenwart in der Stadt forderten; aber endlich gewoͤhnte ich mich auch daran; und ich, der die einſichtsvolle Mutter einen Widerwillen gegen ein geraͤuſchvolles Leben eingepflanzt hatte, ward eine vollkommene Modedame, welche ihre Tage mit Putzen und Geſellſchaftgeben vertaͤndelte; ihr einziges Kind aber den Miethlingshaͤnden der Dienſtboten uͤberließ.“ „Zwar machte meine kluge Mutter zuweilen den Verſuch, mir die Augen zu oͤffnen und mir das Laͤppiſche und Unkluge meiner Lebensweiſe vor die Seele zu fuͤhren. Nur kurze Unterbrechungen waren die Folge ſolcher Ermahnungen; bald riß das Beiſpiel meiner Nachbaren mich wieder in den Strudel der großen Welt.“ „Mein Mann fand endlich Geſchmack an meiner Lebensart; er vernachlaͤſſigte ſeine Geſchaͤfte und ſeine Leute ſtanden ſich ſo gut dabei, namentlich ſein Buchhalter Neſſel, daß ſie eigene Handlungen etablirten, wie Hr. Neſſel, der mein huͤbſches Kleinmaͤdchen Louiſe zu ſeiner Gattin erkor, weil er mit einer ſchoͤnen Frau prunken wollte.“ „Mein Vater war lange Zeit blind bei unſerm Treiben; endlich oͤffneten ihm die haͤufigen Geld⸗ verlegenheiten ſeines Schwiegerſohnes die Augen.“ „Er drang auf eine Aenderung unſers Lebens. Meine Thraͤnen uͤber den Verluſt des ſchoͤnen Gartenhauſes, nicht uͤber meine Thorheit, thaten meinem guten Mann weher, als die harten Vor⸗ wuͤrfe ſeines Schwiegervaters. Er fand ſich bald wieder an ſeinem Schreibepult behaglich; aber ich vermogte mich lange nicht zu troͤſten uͤber die ge⸗ ruͤmpften Naſen meiner Freundinnen aus der großen Welt, die kein Mittel unverſucht ließen, mich, die reiche Erbin, uͤber einen Knickerer von Vater aufzubringen, der ſein einziges Kind zu einem eingezogenen Kloſterleben zwingen wolle.“ „Das ehemalige Geſchaͤft meines Mannes war in den Haͤnden ſeiner klugen Gehuͤlfen; er fing alſo einen Holzhandel an und mein Vater ſchoß ein bedeutendes Kapital dazu her. Wir lebren anſtaͤndig und eingezogen. Ich fand meine Ge⸗ muͤthsruhe wieder; mein Herz kehrte nach und nach zur wahren Gluͤckſeligkeit zuruͤck; ich widmete mich der Erziehung meiner beiden Soͤhne, denn auch du, lieber Franz, warſt indeß geboren, und meinem Hausweſen. Meine Eltern waren gerne bei uns, und wir lebten ein heiteres Familien⸗ leben, daß mich die Leere des ſogenannten Lebens in der großen Welt fuͤhlen lehrte.“ „Hier in der Abgezogenheit wendete ich mich zu den einfachen Freuden der ſchoͤnen Natur, welche die anmuthigen Elbgegenden in großer Fuͤlle mir boten, und ſtatt, wie ſonſt, das Stadt⸗ leben auf dem Lande fortzuſetzen, begnuͤgte ich mich mit dem, was ein reizender Garten, der hinter unſerer jetzigen Wohnung auf dem ſogenan⸗ ten Grasbroock— wohin wir, wegen der Geſchaͤfts⸗ Veraͤnderung deines Vaters gezogen waren— lag, an Vergnuͤgungen mir bot.“ „Paul war ohngefaͤhr eilf Jahr alt, du, Franz, fuͤnf; als bei einem heftigen Nordweſtſturme ein engliſcher Kauffahrer, deſſen Kapitain es gewagt hatte, ohne Lootſen in die Elbe einzulaufen, unſe⸗ rem Hauſe gerade gegenuͤber auf den Strand lief.“ „Das Schiff mußte ausgegraben werden, war aber durch dieſe Strandung zu jedem ferneren Ge⸗ brauch untuͤchtig geworden; der Kapitain und ſeine Leute— unter ihnen auch Jens Randers— waren gezwungen, da bald darauf die Elbe zufror, in Hamburg zu uͤberwintern.“ „Durch die Huͤlfeleiſtungen, welche unſere Leute der Mannſchaft des Schiffes bei jenem ungluͤck⸗ lichen Ereigniſſe gethan hatten, dadurch, daß dein Vater ſeine entbehrlichen Schauer und Holzhuͤtten zur Bergung einiger Guͤter hergab, wurde er auch mit dem rohen Jens bekannt.“ „Randers hatte lange in London an einem Beinbruche darniedergelegen, ſein Erſpartes war aufgezehrt und der Kapitain jenes geſtrandeten Schiffes hatte aus reiner Menſchenliebe den kaum Geneſenen nach Hamburg mitgenommen, obgleich 8 ſeine Mannſchaft uͤberzaͤhlis war. Die Strandung und die Ueberwinterung in Hamburg zwang den Kapitain, den groͤßten Theil ſeiner Leute gehen zu laſſen und natuͤrlich war Jens unter dieſer Zahl.“⸗ „Er war in einer bedauernswerthen Lage und dies bewog deinen Vater, den Verlaſſenen unter ſeine Arbeiter aufzunehmen. Jens wußte ſeinen neuen Brodherrn durch kriechendes Schmeicheln bald fuͤr ſich einzunehmen und auch mein Wider⸗ wille gegen das abſchreckende Aeußere des rauhen Seemannes ſchwand, als er einſt deinem Bruder Paul, der bei'm Schlittſchuhlaufen in eine Wake gefallen war, das Leben rettete.“ „Jens bekam die Aufſicht uͤber die anderen Arbeiter und ſo ſehr er ſich auch fruͤher um die Freundſchaft ſeiner Genoſſen bemuͤht hatte, jetzt gab er ſich den Schein, als wenn ſeines Brod⸗ herrn Vortheil ihm uͤber Alles ging.“ „Natuͤrlich wuchs das Zutrauen deines Vaters, deſſen offenes Herz leicht zu beſtechen war, und Jens wurde ſeine rechte Hand.“ „Aber bei dem vermehrten Zutrauen, welches dein Vater dem neuen Factor bewies, haͤuften ſich auch bei mir die Klagen der andern Arbeiter uͤber die Plackereien des Daͤnen. Zuweilen nahm ich es wohl uͤber mich, deinen Vater auf den neuen Ge⸗ huͤlfen aufmerkſam zu machen und ihm wurde die Haͤrte verwieſen, womit er die Knechte und Tage⸗ loͤhner zur Arbeit anhielt; aber Jens wußte im⸗ mer die Schuld von ſich ab und auf jene zu len⸗ ken, indem er uͤber die Nachſicht deines Vaters und den Mißbrauch klagte, den ſich jene, im Ver⸗ trauen auf dieſelbe, erlaubten, durch Faulheit und Nachlaͤſſigkeit den verehrten Patron in Schaden zu bringen.“. „Die Bedruͤckten ſchwiegen mit ihren Klagen, aber, wie wir nachher erfuhren, nur um die Ge⸗ legenheit zur Selbſtrache abzulauern; dieſe mußte ſich bald finden. Jens hatte einen alten Holz⸗ ſaͤger, der eben von einer ſchweren Krankheit ge⸗ neſen und alſo noch ſehr ſchwach und matt war, zu groͤßerer Thaͤtigkeit mit harten Worten ange⸗ ſpornt, weil er den Alten im Verdacht hatte, daß er es vorzuͤglich geweſen ſey, welcher meinen Gat⸗ ten von ſeinem Uebermuth und der tyranniſchen, eigenmaͤchtigen Behandlung unterrichtet, die Jens ſich gegen ſeine Untergebenen erlaube. Der Alte hatte ſich mit ſeiner Schwachheit entſchuldigt und 8* ⸗ Randers ihm mit Haͤrte geantwortet:„Seine Krankheit ſey nichts als Traͤgheit. Er wolle Geld verdienen und nichts thun.“ Von Worten kam es zu Thaͤtlichkeiten; Jens ſtieß den Alten, ſo, daß er hinſtuͤrzte und ſich blutruͤnſtig fiel.“ „Dieſe That ſchien das Zeichen zu einem ver⸗ einten Angriff Aller auf den Factor und ſie ſchlu⸗ gen ihn ſo, daß er acht Tage das Bett huͤten mußte.“ „Du kannſt leicht denken, lieber Sohn, daß dein aufgebrachter Vater dieſe Selbſthuͤlfe durch die Ablohnung aller Arbeiter gerne beſtraft haͤtte; ſein warmes Gefuͤhl fuͤr Recht und Unrecht heiſchte gewiſſermaßen die Beſtrafung der Arbeiter; aber die Bitten und Thraͤnen ihrer Weiber und Kinder erweichten ihn; noch mehr, eine genaue Unter⸗ ſuchung des Handels ergab klar, daß Jens die Graͤnzen ſeiner Gewalt uͤberſchritten und ſo eigent: lich die Strafe verdient habe.“ „Jens, als Urſache aller jener unangenehmen Auftritte, mußte das Feld raͤumen; da die erhitz⸗ ten Gemuͤther ſeiner Gegner ſich noch nicht hin⸗ aͤnglich wieder abgekuͤhlt hatten, und ſein Leben in Gefahr ſtand, gab er noch einmal Anlaß zu einer Empoͤrung ſeiner Untergebenen.“ „Obgleich auch Jens vor Nachegefuͤhl gluͤhte, Wiedervergeltung zu uͤben, er, der einzelne, konnte ſich an den Verbuͤndeten nicht anders raͤchen, als indem er ſie einzeln uͤberfiel.“ „Doch auch dieſer Plan gelang nur bei einem einzigen, jenem alten Mann, den Jens fuͤr ſeinen Angeber und Verlaͤumder hielt. Er hatte in ſei⸗— ner blinden Wuth keinen Gedanken an die Nie⸗ dertraͤchtigkeit, welche er beging, als er einen ſchwachen Greis zum Opfer erwaͤhlte, und ihn ſo zurichtete, daß ſein Leben in Gefahr kam.“ „Jens ward nach dieſer That unſichtbar und einige Jahre vergingen, ohne daß wir etwas von ihm hoͤrten.“ „ Trotz jener Lebensrettung deines Bruders Paul, hatte ich ſtets gegen den Daͤnen einen tie⸗ fen innern Abſcheu gefuͤhlt, den ich nie uͤberwin⸗ den konnte; obgleich Jens Alles hervorſuchte, wo⸗ durch er ſich mir angenehm machen konnte. So ſah ich es auch hoͤchſt ungern, daß Paul ihm ſehr zugethan war; aber ich konnte die dankbare Zu⸗ neigung des Knaben nicht verdammen, that doch „, Er.. Jens Alles, was er ihm an den Augen abſehen konnte, um Pauls Liebe zu gewinnen.“ „So fuͤhlte auch dein Bruder nach dem Ver⸗ ſchwinden des Daͤnen unter Allen ſeine Abweſen⸗ heit am innigſten, und obwohl ſein kindiſches Herz nicht die ganze Schaͤndlichkeit von Jens Betra⸗ gen gegen den alten Arbeiter empfand, ſo war er doch weit entfernt, Jenſens grauſame Rache zu billigen; aber das Wohlwollen gegen den Ver⸗ ſchwundenen verminderte ſich darum nicht und bei allen ſeinen Spielen vermißte er die Unterſtuͤtzung des Factors.“ „Doch die Zeit verwiſchte nach und nach das Andenken an Jens; nur behielt Paul eine Vor⸗ liebe fuͤr das Seeleben, wozu des Daͤnen Erzaͤh⸗ lungen von ſeinen Fahrten unſtreitig den erſten Keim in die Seele des Knaben gepflanzt hatten.“ „Jene verhaͤngnißvolle Zeit war herangekom⸗ men, wo der franzoͤſiſche Adler, erſt lange zum Stoß ſich vorbereitend, die gewaltigen Schwingen uͤber Deutſchlands Gauen ausbreitete und Handel und Wandel mit den ſcharfen Krallen ſo feſt packte, daß Leben und Athem beiden entftoh.“ „Der corſiſch⸗ fanzͤſiche Weltbezwinger wollte England verderben. Um zu dem Zweck zu gelangen, mußte dieſem großen Handelskoͤrper der Nahrungs⸗ ſaft: der Handel, entzogen werden. Englands deutſche Beſitzungen, das jetzige Koͤnigreich Hannover, beſetzten franzoͤſiſche Truppen unter dem General Mortier, um dadurch den erſten Grund zur Aufhebung aller Verbindung zwiſchen England und dem Feſtlande und zur Vernichtung des Verkehrs mit demſelben zu legen.“ „Aber England uͤbte Vergeltung, indem es die Elbe und Weſer ſperrte und ſo kam Hambung in zwieſache Bedraͤngniß.“ „Der hieſige Handel ſtockte; mein Vater verlor ein bedeutendes Kapital in England, ohne Aus⸗ ſicht, auch nur das Geringſte retten zu koͤnnen. Ein reiches Lager engliſcher Colonialwaaren blieb fuͤr den Augenblick nur ein todtes Capital; er zog ſich in den Privatſtand zuruͤck, indem er ſich mit den auswaͤrtigen Geſchaͤftsfreunden auseinanderſetzte, zu denen der Zugang nicht verſperrt war.“ „So, in dumpfer Schwuͤle, war der neun⸗ zehnte November des Jahres 1806 herangekom⸗ men. Marſchall Mortier beſetzte, im Namen des Kaiſers Napoleon, unſere gute Stadt und forderte bald darauf von allen Wechslern, Kauf⸗ und Handelsleuten die genaue Angabe alles deſſen, was ſie noch an engliſchem Eigenthum beſaͤßen, und aller Verkehr mit England ward bei Todesſtrafe verboten.“ „Mein Vater betrachtete die engliſchen Waa⸗ ren, welche er noch beſaß, als ſein Eigenthum, und ſo war es natuͤrlich, daß er zwar den Beſitz eines ſolchen Waarenlagers nicht leugnete, zugleich aber auch erklaͤrte, daß, da er noch große Summen in England zu fordern habe, er dieſe Waaren fuͤglich fuͤr ſein Eigenthum halten koͤnne. Demohngeach⸗ tet ward er eines anderen belehrt, als die Regie⸗ rung ſein Waarenlager fuͤr gute Priſe erklaͤrte. Durch dieſen Schlag ward mein guter alter Va⸗ ter gaͤnzlich zu Boden geſchmettert; er uͤberlebte den Verluſt ſeines Vermoͤgens nicht. Meine Mut⸗ ter zog zu uns. Damals trauerten wir innig uͤber das Dahinſcheiden eines zaͤrtlichen Vaters; aber wir Kurzſichtigen waren minder gluͤcklich als er; denn noch Schrecklicheres ſtand uns bevor.⸗ „Hamburg, die alte Republik, ward am 1. Januar 1811 zu einer guten Stadt, einer —;— — Stadt erſten Ranges des großen franzoͤſiſchen Kai⸗ ſerthums erklaͤrt. Die ehrwuͤrdigen Vaͤter unſerer Stadt legten ihre Wuͤrden nieder; unſere alten gediegenen Regierungs⸗Formen wichen den kaiſerlich⸗ franzoͤſiſchen Geſetzen; die drei Thuͤrme verjagte der Vogel Greif, und dem Unterdruͤcker loderte in den wider alles Recht gekaperten und verbrannten engliſchen Waaren ein eben nicht wohlriechendes Nauchopfer.“ „Taͤglich wuchs die Bedruͤckung; immer laſten⸗ der wurden die Abgaben; auf das Empoͤrendſte uͤbten die Douanen das unerhoͤrte Durchſuchen nach verbotenen Handelsgegenſtaͤnden; da durchblitzte ein Hoffnungsſtrahl den ringsum verfinſterten Horizont. Napoleon ward in dem Feuermeere, welches Moskau's ehrwuͤrdige Mauern durchwuͤhlte und in den ewigen Schneewuͤſten Rußlands die rieſigen Hieroglyphen gewahr, welche das:„Bis hieher und nicht weiter!“ in gigantiſcher Zifferſchrift ihm verkuͤndeten; er mußte Gottes Hand weichen und ein elender Schlitten trug ihn aus einem Reiche, in das er als triumphirender Herrſcher eingezogen war.“ „Auch in unſerer Stadt aͤußerten ſich, trotz der aͤmſigen Bemuͤhungen der Unterdruͤcker, in zit⸗ 8** ee. ternden Nachklaͤngen die Wirkungen des Blitzſtrahls, der die große Armee vernichtet hatte und Niemand glaubte den luͤgenhaften Berichten, welche die Zei⸗ tungen, im Solde des von ſeiner Hoͤhe geſtuͤrzten Uebermuͤthigen, verbreiteten, Niemand jenen Mei⸗ ſterſtuͤcken der Luͤge und Prahlerei, welche dem er⸗ finderiſchen Kopfe des Lügenvaters Ehre gemacht haͤtten, jenen Buͤlletins, die Sieg und Triumph berichteten, waͤhrend die armſeligen Ueberreſte jenes prunkenden Heeres, welches den Thron der alten Czaare umzuſtoßen gekommen war, in dem bemit⸗ leidenswertheſten Zuſtande die Heimath luchten und— ſelten fanden.“ „Der Diviſionsgeneral Carra St. Cyr befeh⸗ ligte die kaum zweitauſend Mann zaͤhlende Be⸗ ſatzung unſerer Stadt. Der Muth war den nie⸗ dergedruͤckten Gemuͤthern wiedergekommen; ſie murr⸗ ten gegen die vervielfaͤltigten Erpreſſungen und ge⸗ ſchaͤrften Zwangsbefehle. Die empoͤrende Willkuͤhr der Douanen ſtachelte den Unmuth zur freien Aeu⸗ ßerung und als die Praͤfecturgarde— ein zum innern Dienſte der Stadt angeworbenes kleines Corps, welches jedem darunter Angeſtellten Be⸗ freiung von der Conſcription gewaͤhrte— zur gro⸗ ——— —* ßen Armee eingeſchifft werden ſollte, verſammelte ſich eine zahlreiche Volksmenge, verhinderte, troßz der Anweſenheit des Maires und eines Polizei⸗ commiſſairs, die Einſchiffung, ja kaum entkam der Maire dem aufgebrachten Volkshaufen; der Polizei⸗ commiſſair ward thaͤtlich gemißhandelt.“ „Durch dieſen Gewaltſtreich ward uns unſer Paul auch erhalten, der unter jene Praͤfectur⸗ garde ſich hatte anſtellen laſſen, weil er militair⸗ pflichtig war und nicht Luſt hatte, dem corſikani⸗ ſchen Weltbezwinger in jenen Zwangscohorten zu dienen, wozu auch unſere ungluͤckliche Stadt tau⸗ ſende ihrer kraͤftigſten Soͤhne ſtellen mußte.“ „Dieſem Auftritte folgten bald mehrere und die langgenaͤhrte Wuth kuͤhlte ſich ſelbſt in dem Blute mehrerer Officiere, Gensd'armen und Doua⸗ nen, ſtuͤrmte und vernichtete das Haus eines Po⸗ lizeicommiſſairs, riſſen die Konterfeie des franzoͤſi⸗ ſchen Adlers von den Haͤuſern und zertruͤmmer⸗ ten ſie.“ 4 „Endlich zogen die Franzoſen ab und bald folgte jener Jubeltag, an dem Tettenborn mit ſeinen Koſacken und Baſchkiren in unſere Stadt zog.“ .„ 4⁴ν 180—— „Die Buͤrger bewaffneten ſich; auch die han⸗ ſeatiſche Legion bildete ſich und Paul haͤtte gerne in ihren Reihen gekaͤmpft, aber die endliche Aus⸗ ſicht, ſeinen ihm ſchon fruͤh von Jens Randers eingefloͤßten Lieblingsgedanken erfuͤllt zu ſehen, be⸗ wog ihn mit einem Danziger Kauffahrer eine Reiſe nach St. Petersburg zu machen.“ „Ungern ſahen wir ihn ſcheiden; aber wir hat⸗ ten den Grundſatz, unſeren Kindern freie Wahl hinſichtlich des Berufs zu geſtatten, und lange ſchon hatte Paul ſich auf dieſen vorbereitet.“ „Nicht lange genoß dieſe Stadt und ihre Be⸗ wohner des Gluͤcks der Freiheit. Der Marſchall Davouſt und der General Vandamme hatten ſich am jenſeitigen Elbufer mehrerer Inſeln, vor⸗ zuͤglich der Wilhelmsburg und der Fiddel be⸗ maͤchtigt und beſchoſſen von hier aus mehrere Male die Stadt.“ „Wir mußten unſer Haus verlaſſen, welches dem Geſchuͤtze der Feinde ſehr ausgeſetzt war; und bezogen das unbewohnte elterliche Haus.“ „Groß war der Muth aller Buͤrger, dem ge⸗ haßten Feinde kraͤftigen Widerſtand zu leiſten; auch deinen Vater durchgluͤhte die reinſte Vaterlands⸗ liebe; aber ſein ſchwacher Koͤrper konnte die Nacht⸗ wachen unter freiem Himmel, oft in der rauheſten Witterung, nicht ertragen; er erkrankte.“ „Als wir in einer Nacht eben alle eines er⸗ quickenden Schlummers genoſſen, wurden wir ploͤtz⸗ lich durch einen heftigen Laͤrm aufgeweckt, der ſich. unſerm Hauſe zu naͤhern ſchien. Nicht lange, ſo klopfte es mit der Haſt der Angſt an unſere Thuͤr; eins unſerer Maͤdchen oͤffnete und ein Menſch im Hemde, aus mehreren Wunden blutend, ſtuͤrzte ihr entgegen.“ „Auf ihr Geſchrei entſprang dein Vater eben⸗ falls dem Bette und eilte auf die Flur, in der Meinung, einer ſeiner Leute bringe ihm die Nach⸗ richt von der Einaͤſcherung ſeines Lagers. Aber wie erſchrack er, als er in dem Verwundeten Jens Nanders erkannte, der von dem wuͤthenden Poͤ⸗ bel verfolgt wurde, weil ſie ihn fuͤr einen franzoͤ⸗ ſiſchen Spion hielten.“ „Doch uͤberwand die deinem Vater inwohnende Geiſtesgegenwart den Schrecken; er verſchloß die Thuͤr, hieß Jens in ſein Schlafzimmer gehen, und als die Verfolger vor unſerm Hauſe ankamen und tobend und ſchreiend des Verborgenen Aus⸗ lieferung verlangten, leugnete dein Vater ſeine An⸗ weſenheit.“ „Der Name eines ihrer geachtetſten Mitbuͤrger beſaͤnftigte etwas die erhitzten Gemuͤther; indeß beſtanden einige auf einer Hausſuchung und dein Vater mußte der Gewalt weichen.“ „ Aber Jens hatte ſich durch ein Dachfenſter auf das benachbarte Haus gefluͤchtet und entging ſo ſeinem ſichern Tode; denn zu gereizt war die Stimmung Aller gegen den gemeinſamen Feind, deſſen ſchwere Hand jeder gefuͤhlt hatte; vorzuͤglich aber haßte man jene Schaͤndlichen, welche ſich ge⸗ gen ihre eigenen Landsleute zu niedrigem Verrath erkaufen ließen.“ „Wir pflegten Jens, der ſich wieder einfand, als ſeine Verfolger abgezogen waren, und hielten ihn ſo lange verborgen, bis man ſeiner vergeſſen haben konnte. Er genas von ſeinen Wunden; auch dein Vater war, trotz jener Schreckensnacht, wieder auf dem Wege zur Wiedergeneſung; als die Franzoſen wieder in die Stadt zogen.“ „Die unerſchwingliche Contribution, zu der je⸗ der Buͤrger ſein Scherflein beitragen mußte, brachte auch deinen Bater um eine Summe, welche er hart entbehrte; aber die Wegnahme ſeines Lagers zum Bau der Bruͤcke nach Harburg, und die Weg⸗ nahme der hieſigen Bank, warfen ihn wieder auf das kaum verlaſſene Krankenlager; von dem er nicht wieder erſtand.“ „Mit Huͤlfe des rohen Jens, der ſich meiner ſehr freundſchaftlich annahm, raffte ich den kleinen Ueberreſt meines Vermoͤgens zuſammen, verkaufte das elterliche Haus und bezog mit meiner Mutter ein kleines Haͤuschen, mit Angſt der Zukunft ent⸗ gegenſehend, welche mit einer Belagerung herein⸗ drohte.“ „Des ſeligen Vaters wackere Eltern waren durch die ſchweren Zeiten auch um das Ihrige ge⸗ kommen; meine Pfiicht heiſchte fuͤr ſie zu ſorgen. Dem widerſetzte ſich Jens mit einer Beſtimmt⸗ heit und einer Rohheit, welche meinen kaum ver⸗ ſchwundenen Widerwillen wieder erregten.“ „Ueberhaupt war mir ſein verdaͤchtiges Treiben ſchon laͤngſt aufgefallen. Ohne irgend eine Anſtel⸗ lung lebte er in einem gewiſſen Ueberfluſſe, und die Beſchraͤnktheit meiner Lage, ſo wie die Dienſte, welche er mir erwieſen hatte, ermuthigten ihn zu einer frechen Heurſehſncht it die mich immer mehr empoͤrte.“ „Lange duldete ich ſeinen Uebermuth; endlich aber, als ich vernahm, daß er die Buͤrger, welche ihn in jener Schreckensnacht verfolgten, ſeiner RNachſucht geopfert, der franzoͤſiſchen Behoͤrde als Empoͤrer verrathen und ſie dem Kriegsgericht uͤber⸗ antwortet hatte, ſo daß ſechs Familienvaͤter durch ihn zum Erſchießen verurtheilt wurden, erſtieg mein Abſcheu vor ihm die hoͤchſte Staffel, und ich ver⸗ bot ihm mein Haus.“ „Von dieſer Zeit an habe ich bis heute Abend nichts von ihm gehoͤrt.“ „An jenem ſchrecklichen Weihnachtstage war auch ich mit den Meinigen unter den Ungluͤcklichen, welche die freche Willkuͤhr, unter dem Vorwande, daß ſie nicht hinlaͤnglich verproviantirt waͤren, aus der Stadt jagte.“ „Altona's edle Einwohner ſetzten ſich unver⸗ gaͤngliche Ehrenſaͤulen, indem ſie jene armen Ausge⸗ ſtoßenen liebreich, menſchenfeenndlich anfiaßinen, ſpeiſeten und traͤnkten.“ „Meine Schwiegereltern und meine Mutter erlagen den Schreckniſſen jener Zeit; ſie ſtarben an dem Lazarethfieber; auch du wurdeſt davon be⸗ fallen, doch meine Pflege, mein Gebet zu dem Allmaͤchtigen erhielt mir den letzten Troſt.“ „Ach, lieber Franz, in ſolchen Zeiten fuͤhlt man die Macht des Gebetes, und der Glaube an eine Vorſehung gießt eine Staͤrke uͤber die vom Mißgeſchick Ermatteten, daß ſie fortdulden und tragen und nicht muͤde werden, zu hoffen.“ „Wie ſehr vielen Dank bin ich meinen tugend⸗ haften Eltern ſchuldig, welche ſchon fruͤh die Lehren der aͤchten Religioſitaͤt in mein Herz praͤgten. Sie iſt der einzige, ſtarke Schild gegen die Schlaͤge des Schickſals.“ „Als die Kunde von Hamburg's Befreiung vom Sklavenjoche alle Herzen maͤchtiger und freu⸗ diger ſchlagen machte, ſuchte auch ich eine Staͤtte in meiner Heimath auf, wo ich mein muͤdes Haupt zur Ruhe legen konnte. Du warſt meine einzige Freude auf dieſer Welt; denn ich zweiſelte nicht an Franzens Tod, da ich ſo lange nichts von tim gehoͤrt hatte.“ „Doch auch er war mir erhalten, und einige Monate nach jenem ewig denkwuͤrdigen 31. May 1814, wo der ruſſiſche General Benningſen in — 1861... die gaſtlich geoͤffneten Thore der freien Stadt ein⸗ zog, lief auch ein engliſches Schiff in den nun wieder freien Hafen ein und dein guter Bruder ſchuf uns durch ſeinen Beſuch einen Feſttag, welcher mein ſchon welkes Leben mit den friſchen Bluͤthen freudigen Hoffens ſchmuͤckte und neue Kraft in meine Adern goß.“ „Dies, lieber Franz, iſt die Lebensgeſchichte deiner Mutter, die durch die merkwuͤrdige Zeit, in welche ſie faͤllt, wohl einiges Intereſſe gewinnt. Fuͤr dich ſey ſie eine Aufmunterung, allen Bedraͤng⸗ niſſen des Lebens ſeſten Muth und Standhaftigkeit entgegen zu ſetzen. Doch ohne wahre Religioſitaͤt, ohne den Glauben an einen weiſen und milden Regierer des Weltalls, der aller ſeiner Geſchoͤpfe mit gleicher Liebe ſich annimmt, wirſt du nie zu dieſer Standhaftigkeit gelangen. Lerne aber auch daraus, daß nicht Paulus mit ſeiner heftigen, auf⸗ brauſenden Gemuͤthsart, ſondern Johannes, der ſanfte, verzeihende Juͤnger, der Liebling unſeres Herrn und Heilandes war, der an ſeinem großen Herzen ruhete.“ „Dir aber, lieber Sohn, wuͤnſche ich bei dem Beruf, den du ſchon fruͤh erwaͤhlteſt, daß Paulus .6„ 187 vn. und Johannes Charactere in dir ſich verſchmelzen moͤgen und daß du bei dem Unrecht, welches dei⸗ nem Naͤchſten gethan wird,⸗ mit den ſchneidenden Schwerdtern Wort und That wacker dreinſchlagen, bei menſchlicher Fehle und Schwaͤche aber die ſtarke Hand liebend dem Strauchelnden reichen und⸗ ihn aufrichten oder unterſtuͤtzen moͤgeſt, wie es ſein Beſtes ſordert. Und nun wollen wir ruhen; denn die Erzaͤhlung hat mich doch etwas an⸗ gegriffen.“ Damit faßte die Kranke des geliebten Sohnes Hand und ſie beteten zu dem Lenker uͤber den Sternen um eine ſanfte Ruhe und um Schutz fuͤr den auf den Meereswellen ſchwebenden Sohn und Bruder, daß er geſund in ihre Arme wiederkehre. *ℳ* * Eben laͤntete das Gloͤckchen auf dem Wacht⸗ ſchiffe zum Mittage, als die ſtolze Maria auf dem geiben Ruͤcken der ſanft rauſchenden Elbe ſich dem erſehnten Port naͤherte. Ein linder Weſt ſchwellte die weißen Segel und wie ein Rieſenſchwan war das Schiff anzuſchauen, der ohne merkliche Be⸗ 56363⸗ 188.— wegung bald verſchwindende Furchen durch den ſpiegelglatten See zieht. Da ſalutirte Maria und von dem Wachtſchiff erſcholl der Willkommen zuruͤck aus ehernem Munde. Neben eine franzoͤſiſche Brigg ſchwamm der neue Ankoͤmmling und jauchzend entfeſſelten die frohen Seemaͤnner den ſchweren Anker und er ſenkte ſich und griff in den Boden. Aber nicht genug, ſtarke Taue mußten das praͤchtige Waſſer⸗ haus an einen der Hafenpfaͤhle befeſtigen. Paul Frommer ſprang zu dieſem Geſchaͤft in das Boot. War es die Freude, nun bald die ge⸗ liebten Seinen wieder zu ſehen, die den ſonſt hellen Blick verdunkelte, war es ein anderes heftiges Gefuͤhl, er ſprang fehl und der Strom fuͤhrte ſeine Beute, welche mit allen Kraͤften ſtrebte, das ſuͤße Leben zu erhalten, im Triumphe fort. Auf der Maria bemerkte vor großer Geſchaͤftig⸗ keit Niemand den Fehlſprung, wohl aber auf der franzoͤſiſchen Brigg le Sauveur, ein bleicher huͤb⸗ ſcher Mann, der in finſterm Bruͤten auf dem Hinterdecke gelegen hatte. Ohne ſich zu beſinnen, ſprang er in den Kahn der am Steuerruder be⸗ feſtigt war, band ihn los und eilte mit ſchnellen — Ruderſchlaͤgen der Faͤhrte des Ungluͤcklichen nach; da tauchte dieſer noch einmal auf, gleich als ver⸗ goͤnne der Strom, dem die Beute ſchon ſicher genug ſchien, ihm noch einmal in die Welt zu blicken und Abſchied zu nehmen, von„der freund⸗ lichen Gewohnheit des Daſeyns;“ aber raſch packte der Retter das blonde feuchte Haar des Opfers und hielt es mit Leichtigkeit uͤber den Wellen, welche murrend ob des verſehlten Fanges an ihm hinaufſchlugen, die letzten Verſuche wagend, den Retter und den Geretteten in ihre Gewalt zu be⸗ kommen; aber vergebens, der kuͤhne Franke hielt zu feſt, ſie mußten ablaſſen von dem fruchtloſen Kampfe. Indeß ſchien es als wolle der Zufall dem Strome helfen. Paul machte eine Bewegung, um der rettenden Hand die Laſt zu erleichtern. Seine Hand ſuchte des Bootes Rand zu erreichen; doch dieſes ſchon mit dem Waſſer in gleicher Richtung, die ihm die Schwere des Franzoſen gegeben, der an der einen Seite des Kahns kniete und ſo die andere in die Hoͤhe trieb, ſenkte ſich und froͤhlich plaͤtſchernd ſchoß das Waſſer in das leichte Fahr⸗ zeug, der Retter und der zu Rettende, beide ſan⸗ 3,. 190 ken in die Fluthen, welche eilten, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Das gelang aber nicht. Der Franke war zu vertraut mit dem Elemente, das ihn verderben wollte, er faßte Paul mit der Linken und mit der Rechten wacker die Wellen theilend, machte er es einigen Fahrzeugen leicht, welche ſchon zur Ret⸗ tung herbeigeeilt waren, beide dem zu fruͤh jubeln⸗ den Fluſſe zu entreißen. An Bord des Sauveur brachte man die bei⸗ den Seeleute auf des Franzoſen Begehr. Aber es bedurfte bei Paul der Anwendung aller in ſolchen Faͤllen zweckdienlichen Mittel, um ihn wieder zu beleben. Sein erſter Blick ſiel auf ſeinen Retter, der aͤmſig ſich muͤhte, ſeinen Schuͤtzling ins Da⸗ ſeyn zuruͤckzurufen, und mit dem Ausruf: Pierre de Cuir, du braver Junge! Lebſt du noch?!“ wollte Paul ſich aufrichten; aber eine Ohnmacht entband die geſchwaͤchten Nerven ihrer Dienſtbar⸗ keit und er ſank in die Arme des wackern Pierre zuruͤck. u. 191—⸗. In dem Haͤuschen der Frau Frommer aber herrſchte unruhige Bewegung, als der Herr Chi⸗ rurgus Schmelzle am Weihnachtabende uͤber die Straße ſtelzte und dann in der Thuͤr des Hauſes verſchwand. Des Mannes Weiſe war nicht die Liebens⸗ und Lobenswuͤrdigſte, wenn er Patienten zu behandeln hatte, von denen nur geringer oder gar kein Lohn zu erwarten war; dabei war er aber die gutmuͤthigſte Seele von der Welt. Schon auf dem Flur bemerkte er, daß im Krankenzimmer eine ſehr lebhafte Unterhaltung ge⸗ fuͤhrt wurde. Alles das hatte er verboten und ſo befolgte man ſeine Vorſchrift? Und gerne waͤre er mit einem:„Kroaten und Panduren!“ ins Zim⸗ mer geplatzt, waͤre ihm nicht in demſelben Augen⸗ blicke eingefallen, daß er als Lehrjunge den reichen Herrn Frommer zu raſiren gehabt, der immer ſo gut gegen ihn geweſen war. Aus den Kroaten und Panduren wurde ein freundlicher guter Morgen, den aber Niemand er⸗ widerte, denn alle Anweſende waren mit der Kran⸗ ken beſchaͤftigt, die in einem heftigen Fieber lag und fort und fort darauf drang, ins Freie gelaſſen zu werden, um ihren geltebten Sohn zu retten, der mit den Wellen kaͤmpfe und untergehen muͤſſe, wenn ſie ihm nicht zu Huͤlfe komme. Franz lag vor dem Bett auf den Knieen und beſchwor die Mutter mit heißen Thraͤnen, ruhig zu ſeyn, Paul werde bald gluͤcklich anlangen und mit ihnen das Feſt begehen. Und die Nachbarin⸗ nen beſtaͤtigten des Sohnes Verſicherung, wandten aber zugleich auch Gewalt an und hielten die Kranke, daß ſie nicht das Lager verlaſſe. Herr Schmelzle fand die Anſtrengungen der guten Nachbarinnen in ſofern nicht zwecklos, als die Patientin dadurch verhindert werde, ſich aus dem Bette zu waͤlzen.„Fortlaufen,“ verſicherte er ruhig,„kann ſie nicht, denn beide Beine ſind ja gebrochen; aber das Fieber, das Fieber! Das gefaͤllt mir gar nicht!“ Mit den Worten nahm er einer der Nach⸗ barinnen den Arm ab, den dieſe feſthielt und wollte an den Puls greifen, aber die Kranke ſtieß ihn von ſich, indem ſie laut:„Mord! Mord!“ ſchrie. Aber dieſe Kraftaͤußerung war auch der hoͤchſte Gipfel der Kriſis geweſen; Mutter Frommer ſank zuruͤck und erſtarrte in einer Ohnmacht. . 193 N Alle angewandten Mittel waren fruchtlos, ſie daraus zu erwecken. Herr Schmelzle ſah nach dem Verbande, ſchuͤttelte das weiſe Haupt und ging von dannen, ohne etwas Anderes auf die aͤngſtlichen Fragen des ungluͤcklichen Sohnes und der Anweſenden zu erwidern, als:„Ich komme nachher noch einmal wieder; es wird ſich ſchon geben!“ Es gab ſich aber nicht! Mutter Frommer blieb in der Erſtarrung und als Herr Schmelzle am Abende zuruͤckkehrte, erklaͤrte er mit der groͤß⸗ ten Ruhe von der Welt:„Die Patientin hat aus⸗ gelitten; ſie muß eine heftige Gemuͤthsbewegung gehabt haben, welche das gewoͤhnliche Wundfieber zu einem ſolchen Grade geſteigert hat, daß ihr ſchwacher Koͤrper der Gewalt des Fiebers erliegen muͤſſen.“ Damit nahm Herr Schmelzle ſeinen Hut, machte im Gedanken einen dicken Strich uͤber die Rechnung und ging von dannen; indem er gut⸗ muͤthig den, ihn mit den Blicken der Verzweif⸗ lung anſtarrenden, Franz auf die Achſel klopfte und ihm troͤſtend zurief:„Komm' nur zu mir, mein Sohn, und hole den Todtenſchein!⸗ 122*ℳ 2 9 n. 194 N. Am Weihnachtabende ſtiegen Paul und Pierre aus einem Boote an das Ufer. Paul wollte die geliebten Seinen mit ſeinem Beſuche uͤberraſchen und Pierre war ihm gefolgt, um Theil zu neh⸗ men an den Wiederſehensfreuden; ihn erfuͤllte tiefe Schwermuth, welche allen Aufmunterungen Paul's nicht weichen wollte. „Laß es gut ſeyn, Paul! Meine Freuden deckt die kuͤhle Erde,“ erwiderte Pierre auf dieſe Aufforderungen.„Mutter und Vater toͤdtete der Gram um den Sohn, der alle ihre Hoffnungen taͤuſchte. Kann ich wohl vergnuͤgt ſeyn, wenn ich an die Freudenthraͤnen denke, welche deine Mutter bei deinem Anblick vergießen wird, wenn ich daran denke, wie ſie Tag und Nacht zu Gott fuͤr deine Erhaltung betete. Und meine Eltern! truͤbte nicht der Gedanke an mich jede, auch die kleinſte Freude, welche ihnen das Leben noch bot?! Mußten ſie nicht fuͤrchten, mich als vollendeten Boͤſewicht der Gerech⸗ tigkeit anheim fallen, mich ausgerottet zu ſehen wie Unkraut, vertilgt wie ein unnuͤtzes Glied?! O!“ Da laͤuteten die Glocken vom Thurme der St. Paulskirche her. Sie verkuͤndeten das Feſt, wel⸗ ches die ganze Chriſtenheit mit dem Bande der — — innigſten Bruderliebe umſchlingen ſollte; denn Gott gab der Menſchheit das heiligſte Pfand ſeiner er⸗ barmenden Liebe, ſeinen Sohn. 1 Und Paul faßte mit feuchten Augen Pierre's 8 Hand und fluͤſterte ihm zu:„Sieh, Pierre, ich bin nicht weichlich; aber wenn ich an die Zeit mei⸗ ner Kindheit denke, wo Vater und Mutter mich an dieſem heiligen Abende mit ſchoͤnen Gaben er⸗ freuten; wie ſie in meiner Freude ihre eigene Ju⸗ gend wieder aufbluͤhen ſahen——“ 3„„„Jelzt bringſt du deiner alten Mutter und dem Bruder die Chriſtbeſcheerung,““ verſetzte Pierre wehmuͤthig.„„Aber ich, wem darf ich ſie bringen? Und wenn ich den aͤrmſten Bettelbuben von der Straße aufnaͤhme und ſpraͤche: Komm' her, ich habe weder Vater und Mutter, denen ich zum heiligen Chriſt beſcheeren kann, denn ſie ſtarben vor Kummer uͤber den ungerathenen Buben, der ihre Tage vergiftete. Der Junge wuͤrde wie vor dem Henker zuruͤckſpringen und ſprechen: Ich mag deine Geſchenke nicht.““ „Quaͤle dich doch nicht mit ſolchen Gedanken, Pierrel!“ entgegnete Paul.„Du verdirbſt mir die Wiederſehensfreude.“ 2 eh 9° 190 „„Ich ſagte es dir ja gleich. Mir waͤr' beſ⸗ ſer, du allein wurdeſt gerettet und mich haͤtten ſie wieder ſchießen laſſen in die Elbe, die mich ſchon ſo feſt gepackt hatte.“* „Aber heißt es nicht: Allen Suͤndern ſey ver⸗ geben!“ troͤſtete Paul.“ „„Nur dem Vater⸗ dem Mutter⸗Moͤrder nicht!““—— grollte Pierre.„„Sieh', haͤtt' ich ſie erſchlagen mit der Axt, oder ein Meſſer in ihre Bruſt gebohrt; der Henker haͤtte ſeine Kunſt an mir geuͤbt. Aber um ſolch einen feinen, ver⸗ ſteckten, heimtuͤckiſchen Moͤrder, der die greiſen Eltern durch ſeinen Leichtſinn, ſeine Verruchtheit ins Grab bringt, darum bekuͤmmert ſich kein Menſch. Nicht einmal die Natur mag ihn und der Strom ſtoͤßt ihn aus, daß er fortlebt zu ſei⸗ ner Qual, ſich und ſeinen Mitbruͤdern eine Laſt,⸗ eine Beſchwerde.““ „Pierre! Pierre!“ flehte Paul.„Haſt du denn in deinem Glauben gar keine Berghoͤlzer gegen ſolche Anfechtungen des Boͤſen?! Der Un⸗ ſere lehrt uns: daß der wahrhaft Bereuende dort oben einen milden Nihter finde?“. „„Das lehrt der Meine auch,““ erwiderte Pierre hoͤhniſch lachend,„„und der Prieſter giebt mir die Abſolution. Aber kann er mir damit das⸗ Bewußtſeyn rauben? Reißt er mir damit den ewigen Stachel aus der wunden Bruſt, der mich noch zum Wahnſinn treibt. Mein Hirnkaſten iſt nur zu feſt und alle die Schrauben daran wollen nicht weichen, daß mich die Tollheit recht feſt packt und ihre eiſigkalten Naͤgel in mein Gehirn treibt, daß alles warme Leben darin erſtarrt und ich hinrenne und mir das Haupt gegen die Mauer zerſchmettre.““ Da faltete Paul betend die Haͤnde und„Fuͤhre uns nicht in Verſuchungt fluͤſterten ſeine bebenden Lippen.. So traten beide in das Haͤuschen. Auf der Flur aber ſtand in weißen Linnen⸗ tuͤchern die erkaltete Huͤlle der geliebten Mutter Paul's und an dem Sarge lehnte die bleiche Ge— ſtalt des verlaſſenen Franz, der keine Thraͤnen mehr aus den ausgetrockneten Augenhoͤhlen hervor⸗ locken konnte, ſo hatte der ungeheure Verluſt ſein Herz zuſammengepreßt. Lautlos ſtarrte Paul die Erſcheinung an, das Schreckbild fuͤr einen Traum haltend; da erblickte Franz den heißgeliebten Bruder, und wie der Schiffbruͤchige ſich an die ſchroffe Klippe klammert, ſo umſchlang er die einzige Stuͤtze, welche ihm das grauſame Geſchick ließ, und langverhaltene Thraͤnen entſtuͤrzten den entzuͤndeten Augen, und miſchten ſich mit denen, welche der wuͤthende Schmerz dem rauhen Seemann Paul entpreßte. Traurige Feſttage verlebten die beiden Bruͤder, noch bitterer gemacht durch die Erzaͤhlung Fran⸗ zens, wer ihnen die Mutter geraubt. Ein grollen⸗ der Menſchenhaß erkaltete jedes warme Gefuͤhl in Pauls Herzen und die drei hoͤchſten Guͤter des Kenſchen, Glaube, Liebe und Hoffnung warf e er in tuͤckiſchem Groll von ſich. Als am letzten Weihnachttage die irdiſchen Reſte der zaͤrtlichgeliebten Mutter dem Staube wieder⸗ gegeben wurden, da erſtickte er auch den letzten Funken menſchlichen Gefuͤhls in ſeiner Bruſt und betaͤubte ſich gegen die Regungen ſeines Innern durch fleißigen Zuſpruch der Flaſche, worin Pierre ihn wacker unterſtuͤtzte, denn auch er glaubte, ſich kurzes Vergeſſen im feurigen Gaſee der Reben trinken zu muͤſſen. 199. In einem Zuſtande gaͤnzlicher Beſinnungsloſig⸗ keit nahm Paul auch das Anerbieten des jetzigen Kapitains Randers an, der den geſchickten Steuer⸗ mann dem Kapitain der Maria nicht fuͤrder goͤnnte, und kein Mittel unverſucht ließ, ihn an ſich zu ziehen. Auch Pierre verließ den Sauveur und nahm Dienſte unter Kapitain Randers, der ihm goldene Berge verhieß. Wohl uͤberſiel Paul, wenn der Rauſch ver⸗ ſchwunden war, ein ſonderbares Grauen bei dem Gedanken, unter dem rohen Daͤnen, der ſeiner Mutter den Todesſtoß gegeben, eine Reiſe zu machen; aber ſolche lichte Augenblicke gingen bald unter in der Nacht, womit die Weinduͤnſte ſein Gehirn umwirbelten. 3 Den Bruder Franz hatte er bei einen Steuer⸗ mann in Koſt und Logis gegeben, ihn alſo ver⸗ ſorgt, ſo weit es in ſeiner Macht ſtand; und fort und fort ging er ſeinem wuͤſten Leben nach, ver⸗ wiſchte jegliche Erinnerung an die Vergangenheit in ſeiner Seele, lebte nur der Gegenwart und dachte mit jenem dumpfen Gefuͤhle an die Zukunft, wie die Muſelmaͤnner, welche glauben, aller Men⸗ —29U0—0 ſchen Schickſale ſeyen in einem Buche mit unaus⸗ loͤſchlichen Charakteren verzeichnet. Pierre beſtaͤrkte ſeinen Freund mit allen Kuͤn⸗ ſten der Ueberredung in dieſem Wahn, er wollte ſich ja ſelbſt uͤberreden, daß das Schickſal, das blindwaltende, ihn zum Moͤrder ſeiner Eltern aus⸗ erleſen, und ſo taumelten beide fort von einer Ausſchweifung zu der Andern, waren bald aller Frevelthaten Meiſter und ein Ergoͤtzen fuͤr Ge⸗ ſellen ihres Gelichters. X 2** Im Fruͤhling des Jahres 1817 ſegelte das Schiff Pluto, unter dem Befehl des Kapitain Ran⸗ ders, bei gutem Oſtwinde aus der Elbmuͤndung. Des Kapitains Sohn, ein ſiebenjaͤhriger Juͤng⸗ ling machte ſeine erſte Fahrt. Außer ihm, der als Kajuͤtwaͤchter diente, beſtand die Bemannung aus: Paul Frommer, dem Steuermann, Pi⸗ erre de Cuir, drei anderen Matroſen und dem Koch, Jasper Pann. Schon auf der Elbe wußte Jens Randers ſeinem herrſchſuͤchtigen Weſen nicht Zaum und Ge⸗ biß anzulegen: ſo daß ſeine Mannſchaft dem un⸗ — billigen Fuͤhrer mit Unmuth gehorchte und gerne wieder vom Schiffe gefluͤchtet waͤre, haͤtte ſich dieß nur ausfuͤhren laſſen. Paul vorzuͤglich gehorchte mit groͤßtem Wider⸗ willen, wenn er daran dachte, daß der Mann, der jetzt auf dem hohen Pferde ſaß, einſt der Knecht ſeines Vaters geweſen ſey, und ſein Widerwille ging in heimlichen Groll uͤber, gedachte er des Endes ſeiner Mutter. Menſchen, welche ſeine Eltern n mit Wohlthaten uͤberhaͤuft, die in ihrem Dienſte ſich bereichert hatten, fuͤllten die Schaale des Elends bis zum Nande, ſo daß ſie uͤberfloß und mit ihren giftigen Tropfen den letzten Reſt von Selbſtgefuͤhl verzehrte, daß das tiefverletzte Herz ſich verblutete an der unheilbaren Wunde. Der Lootſe hatte das Schiff verlaſſen, ſie ſegelten auf der ſalzigen Fluth mit guͤnſtigem Winde dahin und Paul ſtand am Steuerruder, als Pierre de Cuir aus der Kajute ſtuͤrzte, mit verzerrten Geberden, und den ſtieren Blick auf dem Verdeck umhergleiten ließ, als ſuche er eine Waffe. Paul erſchrack vor des Freundes Ausſehen und wollte eben nach der Urſache ſeiner Verſtoͤrt⸗ 9* 2 202„ heit fragen, als Randers, mit einem Saͤbel be⸗ waffnet, die Kajuͤtentreppe heraufſtolperte, und, mit Verwegenheit und Uebermnth in den Mienen, bruͤllte: „Kennt Ihr keine Subordination?! Glaubt Ihr, daß ich Euer dummer Junge bin? Ordre ſollt ihr pariren, oder ich laß Euch nach der Reiſe am Maſt aufhenken!“ „„Was habt Ihr denn Kapitain?!“„* fragte Paul. „Der verlaufene Galgenvogel, der ſchon laͤngſt auf der Galeere ſaͤße und rudern muͤßte, daß ihm das Blut zu den Naͤgeln herausſpruͤtzte, und daß von der Peitſche ſein Buckel ausſaͤhe, wie ein bluͤhen⸗ des Flachsfeld, wenn ich ihn nicht gerettet haͤtte.“— „„Ihr mich gerettet?!““ entgegnete Pierre raſend vor Zorn.„„Hineingeſtoßen in den Ab⸗ grund habt Ihr mich, teufliſcher Verfuͤhrer!“ewe „Was?! Du willſt deinem Vorgeſetzten wi⸗ derſprechen?! Nichtsnutziger Halunke! Sterben ſollſt du auf der Stelle!“ ſchrie Randers und ſchwang den Saͤbel. Aber die Andern fielen dem ſchaͤumenden Pierre in die Arme, der eben einen eiſernen Kuhfuß er⸗ — griffen hatte, um damit des Kapitains Parade durchzuſchlagen und den Uebermuͤthigen zu faͤllen. „Bringt den franzoͤſiſchen Hund in den Raum!“ befahl Jens.„Vorher aber bindet ihn.“ Damit wandte er ſich, um in die Kajuͤte zu gehen; doch bevor er die Treppe betrat, herrſchte er dem mur⸗ renden Schiffsvolk mit donnernder Stimme zu: „Keine Widerrede! Bindet ihn, und jeden, der ſich aufſetzig bezeigt! Es waͤre ja zum Tollwer⸗ den, wenn man ſolchem Lumpenvolke von Allem Rede und Antwort geben ſollte!“ Und fluchend ſtieg er in ſeine Kajuͤte. Paul beſaͤnftigte mit beguͤtigenden Worten die aufgeregten Gemuͤther, bat Pierre, ſich fuͤr den Augenblick zu fuͤgen; wenn Randers ruhiger ge⸗ worden, wolle er ſuchen, ihm Genugthuung zu verſchaffen. Ohne viel auf dieſe Reden zu geben, ging Pierre mit den Andern in den Raum, und mur⸗ melte kaum hoͤrbare Verwuͤnſchungen, welche ſeine Begleiter mit leiſen Gegenreden beantworteten. X* Zwar verſuchte Paul, als einige Tage verfloſ⸗ ſen waren, von dem Kapitain Aufſchluß uͤber jenen Streit zu erlangen, aber Randers entgegnete mit ſeinem gewoͤhnlichen Frevelmuth:„Ich ſtehe nicht jedem Narren Rede!“ Und als Paul fuͤr den noch immer eingeſperr⸗ ten Pierre bat, und vorſtellte, daß er ſeiner bei der Arbeit nicht entbehren koͤnne, erwiderte Jens: „Laßt ihn nur ſitzen, und ſeht zu, wie Ihr fertig werdet. Der Rebeller ſoll mir in England bau⸗ meln, ſo wahr ich Jens heiße!“ Immer empoͤrender mißhandelte Jens das Volk; ja aus niedriger Habſucht ſparte und geizte bene her, ſo daß der Koch oft erklaͤrte, er moͤge die verderbten Eßwaaren nicht einmal kochen, ge⸗ ſchweige eſſen.. Aber Jens hoͤrte kaum ſolche Reden, oder war gleich mit Drohungen oder gar Thaͤtlichkeiten bei der Hand, ſo daß die Gemuͤther, vor Wuth und Rache kochten ob der tyranniſchen Gewalt, welche ihr Kapitain uͤber ſie ſich anmaßte. Da trat, als ſie eben in den Canal gelaufen waren, ein wuͤthender Sturm ins Mittel und vor er mit den Rationen, oder gab nur das Verdor⸗ uͤbergroßer Arbeit hatte Niemand Zeit, an Zorn und Rache zu denken; oder er ſchaͤmte ſich ſeiner Kleinheit und Schwaͤche bei dem Anblick des Kannpſes der Elemente. Auch der Gefangene, deſſen kraͤftige Arme man bei der Arbeit ſehr vermißte, mußte von ſeiner Haft befreit werden; obgleich Jens ungerne der Nothwendigkeit nachgab. Die heftige Bewegung des Schiffs hatte im Raum die Faͤſſer und Ballen aus der Lage geriſſen und eins derſelben Pierre's Arm faſt zerquetſcht. In der Einſamkeit war ſeine leidenſchaftliche Erre⸗ gung in graͤnzenloſen Haß, zu dem der Grund ſchon lange in ſeinem Herzen lag, uͤbergegangen; er wuͤnſchte Vernichtung ſeiner und ſeines Fein⸗ des, und als der Sturm begann und Kiſten und Faͤſſer bei jedem Stoße des Schiffs ihn zu zer⸗ quetſchen drohten, hatte er dem Tode mit kalter Verzweiflung keck ins Auge geſchaut. Seine Be⸗ freiung ſchob das heißerſehnte Ziel ſeines Lebens weiter hinaus, die alte Wuth erwachte und die Schmerzen des verwundeten Armes fachten ſie an zu blutgieriger Rachſucht, die aber, gleich dem Ti⸗ ger, darauf lauerte, daß das Opfer ihm in die Klauen laufe. Jens trieb eben die Mannſchaft, deren Kraͤfte faſt erſchoͤpft waren vor uͤbermaͤßiger Arbeit, zu vermehrter Thaͤtigkeit an, als Pierre von des Kapitains Sohn in Freiheit geſetzt, auf's Ver⸗ deck trat. Der linke Arm hing ihm ſchlaff am Koͤrper herunter, die Schmerzen wuchſen, als der rauhe Seewind ihn anblies; aber Pierre fuͤhlte nichts vor der Freude, ſeine Rache bald gekuͤhlt zu ſehen. „Na, was ſtehſt du da und beſinnſt dich, nichtsnutziger Bengel?!“ fragte Jens den krampf⸗ haft Bebenden.„Haſt du noch nicht lange genug gefeierte?! An die Pumpe!“ „„Kapitain, mein linker Arm iſt zerſchmettert im Raume!““ entgegnete Pierre im Innern ko⸗ chend, aber aͤußerlich Demuth heuchelnd. „So haſt du Faullenzer ja noch den Rechten?! Marſch, nicht lange ſich beſonnen!“ verſetzte Jens und lachte hoͤhniſch. In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte ein junger Ma⸗ troſe vor Erſchoͤpfung an der Pumpe zu Boden, und ſeine Kameraden wankten hin und her, denn auch ſie waren dem Umſinken nahe. Bei dieſem Anblicke riß Randers den Fran⸗ zoſen an die Pumpe und mit den Worten:„So kange ihr noch Zaͤhne habt etwas zu faſſen, ſollt ihr mir arbeiten, ihr Geſindel!“ ſchlug er auf die Erſchoͤpften los. Jetzt war die Gelegenheit da. Mit einem Satz ſprang Pierre auf den grauſamen Fuͤhrer los, draͤngte ihn an des Schiffes Rand, umſchlang ihn mit dem geſunden Arm und wollte ihn in die ſchaͤumende Fluth ziehen. Doch Randers, dem Verwundeten an Kraͤf⸗ ten uͤberlegen, klammerte ſich an die Gallerie und ſchuͤttelte, wie ein Stier, den die Hunde packen wollen, den Gascogner von ſich ab und in die toſenden Wellen. Jetzt erſahen die Uebrigen das Gefaͤhrliche ih⸗ rer Lage, wenn der Wuͤtherich wieder Bord ge⸗ woͤnne, und mit vereinter Kraft brachen ſie ihm die Haͤnde von der Gallerie los und ſtießen ihn ruͤcklings in das Grab, welches eben den allgemein geliebten Pierre verſchlungen hatte. Jammernd und haͤnderingend lief der Sohn des geſtuͤrzten Wuͤtherichs auf dem Verdeck umher, und ſuchte eine Waffe, um ſie dem Vater zuzurei⸗ chen; aber kaum ward man ſeine Abſicht gewahr, als ihn ſelbſt einer der Empoͤrer ergriff und dem Vater nachſchleuderte. Gleich als wolle das Meer die Spur der graͤß⸗ lichen That verwiſchen von der Erde, ſo ſchlugen die Wellen mit dumpfem Zuͤrnen uͤber den Opfern zuſammen und begruben ſie in ihren Schooß. Und wie auf ein verabredetes Zeichen, traten alle nach geſchehener Graͤuelthat zu dem verwirr⸗ ten Paul und ſchrieen:„Jetzt ſeyd Ihr Kapitain, Steuermann! Ihr ſollt willige Diener an uns finden!“ Da ſchmetterte ein leuchtender Blitz in die wildbewegte See dicht neben dem tanzenden Schiffe. und der Donner rollte durch die Luͤfte mit bruͤllen⸗ der Stimme, und die Verbrecher ſanken vor dem Zornesruf des Hoͤchſten in die Knie und wollten beten, aber ihre Lippen bewegten ſich krampfhaft und der Schrecken verwirrte ihre Sinne, daß ſie Worte ohne Sinn und Zuſammenhang lallten. — Doch Paul zuͤgelte mit kraͤftigem Willen ſeine Sinne, und ſein Blut zu ruhigerem Laufe zwin⸗ gend, rief er muthig:„Jetzt iſt mein Schickſal er⸗ fuͤllt. Faßt Alle an, daß wir das Schiff in der Fahrt erhalten, und geht es nicht, ſo bekommen die Fiſche wenigſtens fuͤnf gute Braten!” Damit faßte er das Steuerruder und Alle ermuthigten ſich zu neuer Thaͤtigkeit. * 4 4 Der Sturm hatte ausgetobt und Paul peilte Land in der Naͤhe. Ein ſtarker Leck, den das Schiff in dem Sturme erhalten, machte das Auf⸗ finden eines Hafens wuͤnſchenswerth; aber die Em⸗ poͤrer ſcheuten die Augen der Menſchen, mußten ſie ſcheuen; indeß ihr Leben ſtand auf dem Spiele, ſie mußten ſich entſchließen. Mit feierlichen Schwuͤren verhießen ſie einan⸗ der Verſchwiegenheit und Treue, und forderten hierauf durch Zeichen Lootſen an Bord, welche ſie auch in den erſehnten Hafen brachten. Es mußte der oͤffentlichen Behoͤrde bei Durch⸗ ſicht der Schiffspapiere allerdings ſonderbar vor⸗ kommen, daß der Kapitain, ſein Sohn und ein Matroſe bei dem letzten Sturme uͤber Bord ge⸗ ſpuͤhlt ſeyn ſollten, wie die Mannſchaft es behaup⸗ tete. Ein ſcharfes Verhoͤr wurde mit jedem Ein⸗ zelnen angeſtellt und mancher Widerſpruch in der Erzaͤhlung des Vorfalls aufgedeckt; dennoch leug⸗ neten Alle die moͤrderiſche Beſeitigung des Kapi⸗ tains, und blieben bei ihrem Leugnen, ſelbſt als ſie nach Flensburg, von wo das Schiff Pluto ausgeruͤſtet war, ausgeliefert wurden. Nach den vortrefflichen daͤniſchen Geſetzen be⸗ darf der Richter zur Faͤllung eines geſetzmaͤßigen Urtheils das klare Eingeſtaͤndniß des Angeklagten. Trotz dem Verdacht, welchen die fuͤnf Meu⸗ terer erregten, waren ſie dennoch nicht zu bewe⸗ gen, den Frevel einzugeſtehen; ſo treu hielten ſie einander das gegebene Wort. Ueberhaupt erregten ſie durch die treue und faſt zaͤrtliche Anhaͤnglichkeit, welche ſie einander be⸗ wieſen, allgemeine Theilnahme und jeder wuͤnſchte, ſie moͤchten Beweiſe ihrer Unſchuld beibringen koͤnnen. So war faſt ein Jahr den fuͤnf Seemaͤnnern im Gefaͤngniß zur Ewigkeit geworden, als der Tag wieder herankam, an welchem das Dyrzechan ſich ereignet hatte. —— ——— Am naͤchſten Morgen fand der Gefangenwaͤr⸗ ter den juͤngſten der Meuterer auf ſeinem Lager, faſt verblutend und kaum vermoͤgend, den Wunſch zu aͤußern, daß ein Geiſtlicher 3 durch ſeinen Beſuch troͤſten moͤge. Man unterſuchte den Verwundeten genau und fand, daß er mit einer Glasſcherbe ſich in den Hals geſchnitten habe, daß aber die Wunde keines⸗ weges toͤdtlich ſey. Auf die Fragen des Geiſt⸗ lichen, warum er Hand an ſich gelegt habe, aͤu— ßerte der junge Seemann: Sein Kapitain ſey ihm erſchienen und habe ihm Vorwuͤrfe gemacht, daß er ihn in ſeinen Suͤnden ſterben laſſen. Dies habe ihn zur Verzweiflung gebracht, und er daher geſucht, ſich das Leben zu nehmen. Da er nun doch einmal ſterben muͤſſe, ſo geſtehe er auch ſeine Theilnahme an dem Verbrechen ein. Er erzaͤhlte ausfuͤhrlich, wie es vollfuͤhrt und bat den Phrehi⸗ ger, fuͤr ſeine Seele zu beten. Als ihm aber die Weiſung ward, daß er ſeine Ausſage den Richtern ſelbſt wiederholen moͤge, da⸗ mit ſeine Mitſchuldigen ebenfalls zum Geſtaͤndniß gebracht werden koͤnnten und nicht ferner durch ihre Hartnaͤckigkeit ihre Strafbarkeit mehrten, er: gab er ich, durch den ſtarken Blutverluſt erſchoͤpft, mit Ruhe ſeinem Verhaͤngniß. Zwar verharrten die Uebrigen, als ihnen die Ausſage ihres Kameraden vorgeleſen ward, noch einige Zeit auf ihrem hartnaͤckigen Leugnen; end⸗ lich aber verließ ſie die Hoffnung, durch fortgeſetz⸗ tes Verhehlen der Wahrheit ihrem Schickſal eine guͤnſtige Wendung zu geben, und mit allen Um⸗ ſtaͤnden geſtanden ſie die That. Ihre aufrichtige Reue ſtimmte die Richter zu einem milden Bericht an den Koͤnig; ihre Verthei⸗ diger ſuchten Alles hervor, um ſie vom Tode zu retten, aber vergebens; es konnte nicht ſeyn. Das Verbrechen forderte des Beiſpiels wegen ſtrenge Ahndung und nach Verlauf von zwei Jahren ver⸗ ſoͤhnten ſie durch ihren Tod die Muiiſchen mit ſich und ihrem Frevel. Bis zum letzten Lebenshauche hingen ſie mit bruͤderlicher Zaͤrtlichkeit an einander, ſie hoͤrten mit Faſſung das Todesurtheil und bereiteten ſich auf den ſchweren letzten Gang mit ſo unverkennbarem frommen Sinn, daß jeder dieſe Opfer der Leiden⸗ ſchaftlichkeit innig betrauerte. Bei ihrer Hinrich⸗ tung ward ihnen, durch die Vorkehrung der mil⸗ — ——— ———— „ den Richter, der Anblick erſpart, den Todesſtreich auf das Haupt eines der Ihrigen fuͤhren zu ſehen. Eine Huͤtte war erbaut, aus der einer nach dem andern zum Blocke gefuͤhrt ward, und der Leichnam des Vorgaͤngers wurde den Blicken des Nachfolgenden ſogleich entzogen. *** Die Koͤpfe der ungluͤcklichen Meuterer ruhten auf Pfaͤhlen auf der Richtſtaͤtte; niemand wagte die verzerrten Antlitze anzublicken; der Platz, wo ſie ihr Leben verhauchten, ward von jedemn lebenden Weſen geflohen. Um ſo unerklaͤrlicher und grauenhafter war es allen Bewohnern Flensburgs, als das Geruͤcht ſich verbreitete, es gehe auf dem Richtplatze um. Schon mehrere Naͤchte hatten Voruͤbergehende ein tiefes Stoͤhnen von dort auf die Landſtraße heruͤberſchallen hoͤren. Endlich faßten einige Maͤnner ſich ein Herz und ſchlichen an einem Abende hinaus auf den Richtplatz, den der Vollmond hell erleuchtete. Wirk⸗ lich vernahmen ſie das Winſeln und Stoͤhnen, und ſuchten ſich ſo viel als moͤglich zu naͤhern. 214*240 Da bemerkten ſie eine Geſtalt, welche an einem der Pfaͤhle hinaufgeklettert war und das bleiche Haupt auf demſelben mit beiden Armen umklam⸗ merte; und hoͤrten deutlich die Worte: O mein guter Bruder! Mußteſt du ſo ſchrecklich enden? — Nun bin ich ja ganz verlaſſen auf dieſer Welt! Nun flieht mich Jeder wie einen Verpeſteten, denn mein Bruder ſtarb den Tod des Verbrechers. O Paul! Paul! Nimm mich zu dir! die Welt verlaͤßt mich; meine Mutter iſt im Grabe; du, die einzige Stuͤtze, welche mir blieb, wurdeſt mir auch entriſſen, und dein bleicher Mund hat kein Wort des Troſtes, deine erloſchenen Augen haben keinen Blick der Liebe fuͤr mich, der mich aufrichten koͤnnte in meinem tiefen Schmerze. O Paul! Paul! Warum mußteſt du ſo ſterben!“ Und die Stimme erſtarb, die Geſtalt glitt an dem Stamm zur Erde und blieb am Boden liegen in tiefer Ohnmacht. Innig geruͤhrt durch das herbe Geſchick des Ungluͤcklichen, der Nichts mehr auf der Welt be⸗ ſaß, an das ſein liebeduͤrſtendes Herz ſich anſchließen konnte, trugen die fuͤhlenden Lauſcher den Juͤngling in das naͤchſte Gaſthaus, wo ſie Alles anchendeeen⸗ ihn aus der Ohnmacht zu erwecken. „ 213„ Ihre menſchenfreundlichen Bemuͤhungen blieben nicht erfolglos; der Juͤngling oͤffnete die Augen und als er die herzliche Theilnahme in allen Blicken las, da fuͤllten die Seinen ſich mit Thraͤ⸗ nen und in gefuͤhlvollen Worten ſprach er ſeinen Dank aus fuͤr das Mitgefuͤhl, welches ſie ſeinem Ge⸗ ſchicke ſchenkten, und die Roͤthe der Geſundheit kehrte wieder auf die blaſſe Wange. Niemand hoͤrte aber dem Juͤngling mit groͤßerer Aufmerkſamkeit zu, als eine, trotz ihres Alters noch recht huͤbſche, ſehr anſtaͤndig aber ſchwarz gekleidete Frau, und als ſie vernahm, der Steuermann Paul Frommer ſey ſein Bruder geweſen, da umarmte ſie den Juͤngling und nannte ihn Sohn. Das Benehmen der Matrone reizte die Neu⸗ gierde der Anweſenden; die Bewegung, worin ſie war, oͤffnete ihr den Mund und ſie erzaͤhlte unter hellen Freudenthraͤnen: „Mein Mann war der ungluͤckliche Kapitain Randers. Die Eltern dieſes Juͤnglings erzeigten ihm Wohlthaten, welche ich nie mehr vergeſſen kann, ſie retteten ihm ſogar das Leben. Auch Paul war meinem Gatten nie abhold, obgleich er oft durch ſeine Rohheit mag gereizt worden ſeyn zu bitterem Groll. Und ich ſollte den einzigen Sproͤß⸗ ling eines herrlichen Stammes, der meinem Mann oft Schatten und Schirm gab, nicht ſorglich pflegen, daß er gedeihe und Frucht trage? Sieh', ich habe jetzt Niemand, mein einziges Kind ward in das Geſchick ſeines Vaters gezogen und die Wellen raubten mir beide. Du ſollſt mir den Sohn er⸗ ſetzen; ich aber will dir eine treue Muttet ſeyn, und der Heiland, welcher noch unter den Martern G ſeiner Henker mit verzeihender Milde ſprechen konnte: Vater vergieb ihnen; ſie wiſſen nicht was ſie thun, V ſtaͤrke mich und gebe mir Kraft, zu äfühen⸗ was V G ich verſprach.“ Bei dieſen Worten hatte die wackere Matrone des neuen Pflegekindes Haupt mit beiden Haͤnden umfaßt und druͤckte es muͤtterlich an ihre Lippen. Die Umſtehenden ſchuͤttelten uͤber der Alten Thun und Reden bedaͤchtig die Haͤupter und ver⸗ meinten einigen Wahnſinn in Allem zu erwittern, was die Matrone trieb. Einige Weltkluge ziſchelten ſich wohl gar ſpoͤttiſch zu:„Die Alte will fuͤr et⸗ was Beſſeres gelten, als andere Chriſtenmenſchen; darum nimmt ſie den an Sohnes ſtatt an, deſſen Bruder ihren Mann und Sohn meuchleriſch uͤber — 217— Bord warfen. Nun, Mitleid muß jeder Chriſt mit dem armen Jungen haben; aber den Bruder eines hingerichteten Verbrechers in ſein Haus auf⸗ nehmen, heißt die Chriſtenpflicht zu weit treiben. Man gaͤbe ja der ehrwuͤrdigen Obrigkeit und der ganzen Menſchheit dadurch einen Verweis, und was ſagt die Bibel? Ich will der Vaͤter Suͤnden heim⸗ ſuchen bis ins dritte und vierte Glied——⸗ Die Worte dieſer Scheinchriſten mußten der Matrone nicht unverſtaͤndlich geblieben ſeyn, ſie richtete das ſanfte Auge, welches von einem unge⸗ woͤhnlichen Feuer ſtrahlte, auf die Verſammlung und ſprach mit Ruͤhrung: „Kalte Menſchen worden meine That Wahn⸗ ſinn oder Heucholei nennen, mir aber iſt das Vor⸗ bild des Erloͤſors das hoͤchſte Ziel, nach dem ich in Wort und That ſtrebe; er ſprach: Liebet eure Feinde! Segnet, die euch fluchen!— Und iſt denn der Knabe mein Feind? Hatte er Theil an der That ſeines Bruders?⸗ Und Franzumſchlang weinend die neuerworbene Mutter und ſchluchzte:„Wie kann ich vergelten?“ „Durch das Streben, ein edler Menſch zu wer⸗ den; ſo den Flecken abzuwaſchen, den dein Name — 10 218, in den Augen der Unverſtaͤndigen erhalten hat;“ erwiderte Frau Randers mit tiefer Nuͤhrung. „Ich will dich, ſo viel an mir iſt, zu dieſem Ziele fuͤhren. Bleibe fromm und mild geſinnt, und das Schickſal deines Bruders und meines Mannes lehre dich, deines Naͤchſten Fehler und Schwach⸗ heit mit Liebe zu tragen; und kommt die Stunde der Gefahr, ſo bete ſtets: Fuͤhre uns nicht in Ver⸗ ſuchung. Vergieb' uns unſre Schuld, wie wir ver⸗ geben unſern Schuldnern!““ Franz aber pries mit gluͤhender Andacht die weiſen unerforſchlichen Wege des Hoͤchſten, und iſt jetzt ein kenntnißreicher, wackerer Seemann, dem Alle, die ihn kennen, mit Liebe zugethan ſind. Seine Pflegemutter fuͤhlt ſich gluͤcklich, einen ſo guten Sohn erworben zu haben und pflegt ſtets ihre Erzaͤhlung von der Meuterei, die ihren Gat⸗ ten und ihren Sohn das Leben koſtete, mit den Worten zu ſchließen:„So wird oft mit Thraͤnen geſaͤet die Saat kuͤnftiger ſegensreicher Tage.“ Theodor Stockfleth. Anmerkungen zu der Seereiſe. Bugſpriet. Der Maſt, welcher uͤber den Vorder⸗ theil des Schiffes hervorragt. Spiegel. Das ganze Hinterſchiff. Steuerbord die rechte— Backbord die linke Seite des Schiffes, wenn man im Schiffe von hinten nach vorne ſieht. Kajuͤte. Der Platz oder das Zimmer ganz hinten im Schiff, wo ſich der Kapitain und die uͤbrigen Schiffs⸗ officiere aufhalten. Dieſes Zimmer bekommt durch mehrere Zimmer von hinten Licht. Beſahnmaſt. Der hinterſte Maſt im Schiffe. Schlupe. Ein jedes kleines leichtes, vorzuͤglich zum Rudern eingerichtetes Fahrzeug von wenigſtens vier Rudern, welches zum Dienſt eines Schiffes ge⸗ braucht wird, und leichter und ſchmaler gebaut iſt als ein Boot. Steuge. Der erſte und zweite Ueberſatz oder die Ver⸗ laͤngerung eines Maſtes. 10* 2ene⸗ 220 B— Raaen. So heißen die Segelſtangen, welche die Se⸗ gel tragen; aber nicht alle Segelſtangen werden Ragen genannt, ſondern nur allein diejenigen, welche queer am Maſt haͤngen und in ihrer Mitte befeſtigt ſind. Bugſiren. Ein Schiff bei gaͤnzlichem Mangel des Windes oder anderer Urſachen wegen durch das Boot oder die Schlupe, in welcher gerudert wird, fortziehen. Fockmaſt. Der vorderſte aufrechtſtehende Maſt im Schiffe. Marsſegel. Das zunaͤchſt uͤber dem großen Segel befindliche Raaſegel. Brigantine. Ein Schiff, das außer dem Bugſpriet einen großen und einen Fockmaſt fuͤhrt. Mars. Eine Art Geruͤſt oder Boden von Brettern, der auf die Maſten gelegt und daſelbſt befeſtigt wird.. Blockirt. Geſperrt. Indigo. Ein blauer Faͤrbeſtoff, von den Blaͤttern ver⸗ ſchiedener Gattungen der Indigopflanze in. Oſt⸗ und Weſtindien gezogen. 4 Saffran. Ein Zwiebelgewaͤchs, wovon eine Gattung, der Herbſtſaffran, in der Bluͤthe drei faſerige Nar⸗ ben beſitzt, die getrocknet, unter dem Namen Saff⸗ ran, an Speiſen, an allerlei Backwerk, zum Faͤrben und als Arznei gebraucht werden. — 221 Limone. Eine runde Frucht von der Groͤße eines klei⸗ nen Apfels und mehr herbſauer als die Citrone. Mangus(Manjoc). Eine Wurzel, zwei Arten davon ſind giftig, die eine nicht, wenn ſie roh genoſſen wird. Das trockene Mark giebt ein Brod, das unter dem Namen Caſſave bekannt iſt. Kujabus(Guayave). Ein Baum von der Hoͤhe un⸗ ſerer Apfelbaͤume, die Fruͤchte ſehr erquickend, und das ganze Jahr friſch zu haben. Kalfatert. Dicht und waſſerfeſt gemacht, oder ver⸗ picht.. Signaliſirt. Durch Zeichen angedeutet. Deſertirten. Entwiſchten. Antipathie. Die koͤrperliche Eigenheit, Koͤrpers⸗, Sinnes⸗ oder Empfindungseigenheit. Neptun. Der Meergott. Aeolus. Gott der Winde. Takelage. Tauwerk. Proſpect. Die Anſicht. Conchilien. Schalthiere, Schnecken und Muſcheln. Garniſon. Beſatzung.— Martis⸗Soͤhne. Krieger. Attakiren. Angreifen. Bravour. Tapferkeit. 3 Batterie. Geſchuͤtzſtand, Stuͤck⸗ oder Kanonenwall. Offenſiv. Angreifend. Priſe. Die Beute, Wegnahme. Schiffsaſſiſtent. Schiffsanwalt. Nota bene. Merkewohl, Denkzettel oder Verweis. Rhede. Ein bequemer Ankerplatz in einiger Entfer⸗ nung von der Kuͤſte. Phaͤnomen. Erſcheinung. Escadre. Geſchwader, Cours, Richtung. Anmerkungen zu den Schiffsmeuterern. Eompoſition. Zuſammenſetzung. Brigg. Ein Rennſchiff, Schnell⸗ oder Flugſchiff, ein leichtes Kriegsſchiff mit Segeln und Rudern, ohne Verdeck und mit niedrigem Bord. Ganymed. Ein ſchoͤner Juͤngling, Jupiters Liebling und Mundſchenk. Conferenzen. Unterredungen. Calculant. Rechner, Berechner. Abſolution. Die Vergebung der Suͤnden. City. Die Stadtz in ausgedehnterer Bedeutung: der vornehmſte Theil Londons. Pence oder Penny. Die kleinſte engliſche Silber⸗ muͤnze, ungefaͤhr 6 Pfennige. Boxerei. Fauſtkampf. Gentlemen. Maͤnner von Erziehung, Edelmaͤnner. Konſtables. Gerichts⸗ oder Polizeidiener in England⸗ Bedlam. Ein großes Tollhaus in England. Nautiſch. Zum Schiff⸗ oder Seeweſen gehoͤrig. 8 4 Baracke. Soldatenhuͤtte. Helgen. Der mit einer Rinne derſehene Balken, auf den das Schiff zum Ausbeſſern gezogen wird. Villa. Landhaus. Wake. Ein Loch, welches ins Eis geſchlagen wird, theils um Waſſer zu holin, theil damit die Fiſche Luft haben. Peilen. Mit dem Senkblei erkunden. ——— —— 9*