ihbibliothek f deautſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und Jeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von fedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ℳ den angenommen. 4— 3 „ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird.. 1 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heeträgt:. 7„ 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr. Ff. „ II, 2 9—„— 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. 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Je ſtrenger ſte iſt, je tiefer drückt ſte uns ihre Dornenkrone in's Haupt, je mehr ent⸗ fernt ſie uns von dem gewöhnlichen Treiben der Menſchen, je mehr gibt ſie uns dem Schmerz preis und der Täuſchung, und zeigt uns, wie einſam die Höhe iſt, auf der ſie uns hinaufgeholfen hat.— Du weiſt, wie hoch ich den Rittmeiſter hielt, wie ich ein Vertrauen zu ihm hegte, das viel von den Seligkeiten der Liebe hatte,— wie ſich meine Seele zu ihm neigte, im Gefühl ſeiner Vorzüge, ſeines Werthes. Mein Gefühl für ihn war leben⸗ dig, aber es gehörte nichts deſto weniger meinem Angela IV. 1* 4 4 beſſeren Selbſt. Das ſeine war irdiſcher Natur; er wagte es, mir Gefühle zu geſtehen, und fand in mir die, wenn auch unglückliche, doch ihre Pflich⸗ zen ſtreng verehrende Frau. Meine Tugend, mein höherer Werth hätte ihn noch feſter an mich bin⸗ den ſollen, aber ſie ſcheuchte ihn zurück.— Er blieb erſt Tage, dann Wochen aus, und begegnet mir jetzt nur noch in öffentlichen Zirkeln, und— in welcher Geſellſchaft!— Du kennſt den verfüh⸗ reriſchen Reiz der Frau von Bören; ihre jugend⸗ liche Friſche, verbunden mit dem allmähligen An⸗ ziehungsvermögen feiner Koketterie machte ſie von jeher zu einem der gefährlichſten Gegenſtände der Männerwelt. Der Rittmeiſter kennt den Haupt⸗ mann Bören, und wurde von ihm aufgeſucht. Er iſt, wie ich höre, nun täglich in ihrem Hauſe, und wird nicht der Einzige ſein, der gegen die Lockun⸗ gen dieſes eiteln Geſchöpfs unempfindlich bleibt, ich habe es bereits von ſeinem Betragen gegen ſie beſtätigt geſehen.— Ihr gehören die Worte, die Blicke fortan, die mein waren,— ihr die ſchmeich⸗ leriſchen Huldigungen, mit denen er mich umgarnte, und ſie,— o, ſie wird dankbarer ſein!— Sie nähert ſich mir bisweilen auf eine recht zudringliche Art, um mir, glaube ich, ihren Triumph fühlbar zu machen.— Schöne Frau, glauben Sie mir, ſolche Triumphe ſind nicht theuer, wenn man ſeinen Stolz dafür einzuſetzen vermag!— O, meine Schweſter, warum iſt der Kranz ſo reich geſchmückt, ſo voll, ſo üppig, mit dem ſich der Leichtſinn vor uns brüſten darf, und die Dornenkrone der Tugend ſo ſchwer, und dennoch ſo wenig beachtet!— Du ſagſt, weil der Glanz des erſteren ein irdiſcher iſt, und bald in grauſen Moder verfällt, indeß die Dornen des Lebens unverwelkliche Roſen tra⸗ gen.— Ein ſchöner Gedanke, aber die Weltkinder genießen eines dauerndern Vergnügens, als es nach den Geſetzen des Rechts ſein ſollte. Wer wagt es, Herminen zu tadeln?— Sie ſchwelgt an der Ta⸗ fel des Genuſſes und der Ehre,— indeß ich ent⸗ behre und verkannt werde;— ſo, Geliebte, ver⸗ hält ſich der Leichtſinn zum Ernſt, das Laſter zur Tugend! Zu Ende der Woche geht der Rittmei⸗ ſter zu ſeinem Regiment ab. Ich habe dann we⸗ nigſtens den Vortheil, ſeinem Abſchiede mit größe⸗ rer Ruhe entgegenſehen zu können, als ich hoffte, und iſt dies nicht ſchon einiger Lohn für mein Ent⸗ ſagen?— Lebe wohl, o Geliebte!— Hundertfünfzehnter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Juni 18** Ich bin ſeit einigen Tagen krank, liebe Alboin, und muß ganz gegen meine Gewohnheit die Stube hüten. Eine Erkältung, und eine damit verbun⸗ dene Alteration hat mir ein Fieber zugezogen, wenn es nicht etwa gar eine Anſteckung war, die ich aus einem Krankenzimmer, wohin mich der ſelt⸗ ſamſte Zufall verſchlagen hatte, nach Hauſe brachte. — Ich war doppelt in Kummer, daß mich das Uebel traf, da ich nun ganz allein bin;— wäre nicht die gütige Angela meine treue Pflegerin ge⸗ worden, ich hätte die Qual meiner Abgeſchiedenheit noch tiefer empfunden. Das gute Kind kam ſo⸗ gleich, als ich ihr durch ein Billet meinen Zu⸗ ſtand gemeldet, mit einer Eil, einer Beſorgniß, als gelte es, das Leben einer theuern Schweſter — 7— zu retten!— Sie iſt nicht von meinem Lager ge⸗ wichen, und kommt jetzt, da ich außer dem Bette bin, noch täglich mich zu ſehen. Doch hören Sie nün auch mein Abentheuer, and ſagen Sie mir noch einmal, daß eine Frau, wenn ſie Beſonnenheit und Muth hat, auch ohne Mann jeder Verlegen⸗ heit entgehen kann. Ich war vom Herrn Walter zu einem Familienfeſt eingeladen worden, dem ich, der Verpflichtung meines Mannes gegen ihn zu⸗ folge, nicht ausweichen konnte. Norden(beiläufig geſagt) war auch dabei, doch hatte ich ſelten Ge⸗ legenheit, mit ihm zu ſprechen. Die Geſellſchaft blieb bis ſpät in die Nacht beiſammen, es war ſchon gegen zwölf Uhr, als man ſich trennte. Ich ſchlug, obgleich das Haus des Regierungsrath Wal⸗ ter in der Vorſtadt liegt, und ich ziemlich weit zu gehen hatte, ſeinen Wagen aus Scheu vor den wilden Pferden aus, und begab mich, von meinem Bedienten begleitet, auf den Weg. Schon hatten wir das Thor erreicht, als ein gewaltiger Platzre⸗ gen losbrach, und ich, in der Angſt meines Her⸗ zens nach der erſten beſten offenen Thüre ſuche, um dem Ungeſtüm des Wetters zu entgehen. Endlich gelingt es mir, in ein Haus einzutreten; ich heiße meinen Bedienten die Thüre zulehnen, weil der Zug heftig war; mit Mühe wälzt er einen vorgeſchobenen Stein weg, die Thüre fliegt — — krachend zu.—„Donnerwetter!“ poltert eine Stimme von oben herab:„habe ich euch nicht ge⸗ ſagt, daß der Hausſchlüſſel verlohren iſt?— Hol' euch der Teufel mit eurer Unachtſamkeit! V Nun mögt ihr Rath ſchaffen! Die Poſt geht um V ſechs Uhr ab, und ich muß zum Hauſe hinaus!“ V Ein Licht wurde ſichtbar.— Männliche Tritte polterten die Stiege herab.—„Der Rittmeiſter, ſo wahr ich lebe!““ rief ich erſchrocken, das Pein⸗ liche meiner Lage mit einem Blicke überſchauend. —„Was ſehe ich, gnädigſte Frau“, ſprach er, als er die Treppe hinab war, mich gleichfalls er⸗ kennend:„wie kommen Sie—“ Ich fiel ihm ſogleich mit einer vollkommenen Erklärung ein. Er entſchuldigte ſich wegen ſeines Gepolters, und ſagte bedauernd:„So glücklich ich mich fühle, Sie durch den ſeltſamſten Zufall noch einmal vor mei⸗ ner Abreiſe zu ſehen, gnädige Frau, ſo bin ich dennoch ſehr in Sorge um Sie. Sie werden den Morgen hier abwarten müſſen, die Thür iſt, wie ich ſagte, nicht zu öffnen, bis wir einen Schloſſer bekommen, und ich würde rathen, ſich indeß zu dem Wirth hinein zu begeben, der, wie ich ſehe, noch wach iſt.“— Er leuchtete mir voran, zu einer entfernten Thüre, und ſie öffnend, rief er dem Wirth, der mich neugierig betrachtete, einige erklärende Worte zu, empfahl mich ſeiner Obhut, — 9— und wünſchte mir eine gute Nacht, die aber bei dem erſten Blick auf meine Umgebungen wohl ſchwerlich zu erwarten war. Ich bat den Rittmei⸗ ſter, die ſchleunigſte Sorge zu tragen, mich bald in Freiheit zu ſetzen,— er verſprach mir, ſeinen Bedienten durch's Fenſter zu expediren, um ſo ſchnell als möglich Rath zu ſchaffen, und empfahl ſich darauf nochmals.— Der Wirth, ein alter eingetrockneter Mann, ein Uhrmacher, wie ich aus ſeiner Beſchäftigung ſah, ſchob mir einen alten Lehnſeſſel zum Tiſch, bat mich, meine Bequemlich⸗ keit zu gebrauchen, und arbeitete ruhig an einer Stutzuhr fort, der er die Stundenſchläge fortwäh⸗ rend repetiren ließ, was oft unheimlich in der dü⸗ ſtern alterthümlichen Stube klang.— Seitwärts ſtand ein Gardinenbett, aus dem das Stöhnen einer Kranken hervortönte.—„Wer liegt dort?“ frug ich den Alten.—„Meine Frau“ò, erwie⸗ derte er trocken:„„ſie hat die Schwindſucht, und naht ihrem Ende.““— Ich ſchauderte zuſammen, und das war der Moment, wo ich gewiß das Uebel empfing, das mir die Tage ſo viel zu ſchaf⸗ fen machte. Ich blätterte, da keine Ruhe in mei⸗ ne Seele kommen konnte, und ich den Sinn von der Todtkranken abzuwenden bemüht war, in ei⸗ nem auf dem Tiſche liegenden Buche.— Es wa⸗ ren Youngs Nachtgedanken. Ich ſchlug es auf, — 10— muth, und Hochmuth zur Schande.“— Das Capi⸗ tel geſiel mir nicht, ich ſuchte ein anderes. Aber — als ſollte ich nun einmal der Weisheitſprüche bitterſten hören, las ich Folgendes:„Sobald die Ueppigkeit vor der Vernunft die Thüre verſchließt, und die frohe Luſt die Stelle des Verſtandes er⸗ ſetzt, dann iſt der Tod bei dem Bankett oder auf dem Balle der Erſte, der den Tanz aufführt oder den tödtlichen Würfel hinrollt; und nie verſäumt er, den nächtlichen Becher zu krönen. Indem er unter ſeinen Trinkbrüdern muthig mitzecht, ſo lacht er innerlich, daß er ſie über ihn lachen ſieht, als wenn er weit entfernt ſei. Und wenn die Luſt⸗ barkeit in ihrer völligen Gluth brennt, wenn die Furcht verbannt iſt, wenn die jauchzende Einbil⸗ dung alle Freuden unter dem Monde zuſammen⸗ ruft, und ihm den Eingang verſperrt, und ihm mit ihren Voreltern ſchmauſen heißt, ſo läßt er ſeine Maske fallen, ſein ganzes, grimmiges Auge funkelt hervor, ſie fahren zurück, verzweifeln und ſterben!“— Mir graute, ich ſchob das Buch bei Seite.—„Freilich kein Büchlein für lebensluſtige Herrſchaften!“ lächelte der Uhrmacher, indem er den Glockenſchlag zwölf repetiren ließ:„Ich leſe der Kranken daraus vor, wenn ſie nach Ruhe verlangt; da iſt das Buch an ſeinem Platz, meine Gnädige!“ und traf auf die Stelle:„Talente führen zum Hoch⸗ 3 7 8 — 11— Der Mann mit ſeiner vertrockneten Geiſter⸗ Phyſiognomie und ſeinem reſignirenden Lächeln kam mir immer unheimlicher vor, dabei konnte ich den Gedanken an den Tod, wie er den Tanz auf⸗ führt, gar nicht aus dem Kopfe verbannen. Ich malte mir das Bild lebhaft aus, und konnte mir die Maske, mit der er einherſtolzirte, nicht anders vorſtellen, als wie das hohnlächelnde Geſicht des Grafen Malvi, das ſich ſo recht zu dieſer Idee eignet. So harrte ich, von mancherlei Vorſtellun⸗ gen gepeiniget, bis der Tag anbrach,— immer vergebens. Auf der Straße wurde es lebendig, es mochte ſchon gegen fünf Uhr ſein, als endlich mein Bedienter mir meldete, die Thür ſei ge⸗ öffnet.— Ich war von der durchwachten Nacht ſo mü⸗ de, daß ich mich kaum von meinem Lehnſeſſel zu erheben vermochte. Der Uhrmacher, der mir, aus Sorge für die Kranke, Geſellſchaft geleiſtet hatte, wünſchte mir einen freundlichen guten Morgen, als ich mich wegen der Störung, die ich ihm ver⸗ urſacht, entſchuldigte, und ſo verließ ich, freien Odem holend, das Unglückshaus. Als ich aus der Thür trat, rollte ſo eben ein Wagen vorüber. Ich erkannte den Grafen Malvi, und ließ faſt mechaniſch meinen Schleier herab. Er betrachtete mich aufmerkſam, ſich ſo weit als — 122— möglich aus dem Kutſchenſchlag herausſtreckend, und blickte an dem Haus empor, aus dem ich ſo eben getreten war. Ich eilte ſchnell an ihm vor⸗ über, um von ihm nicht erkannt zu werden. Denn, Himmel! zu welcher Hiſtorie konnte dieſes mein Begegnen, bei ſo ungewöhnlicher Stunde, Veran⸗ laſſung geben!— Als ich nach Hauſe kam, fühlte ich mich ſehr unwohl, und mußte zu Bett gebracht werden⸗ Die gute Comteſſe Domelli erſchien mir wie ein Engel in meiner Noth; ich erzählte ihr, was mich betroffen, mit der Bitte, den ganzen Vorfall zu verſchweigen. Als ich der Urſache meiner Verſpã⸗ tung, des Feſtes, erwähnte, und zufällig auch Nor⸗ dens gedachte, ſah mich die Kleine verwundert an, und wollte mir nicht glauben. Sie forſchte ſchüch⸗ tern nach dem, was er mit mir geſprochen, und wurde von Minute zu Minute immer ſtiller und ſtiller.— Ein ſeltſames Geſchöpf, dieſe Angela! — Hüätte ſie in dieſem Tone, mit dieſem holden Erröthen nach Ordeck gefragt,— ich hätte dem jungen Manne Glück gewünſcht!— ſo aber, wäre es nicht gar zu wunderbar, möchte ich faſt glau⸗ ben, ſie liebe den Superintendenten!— Nun, bei Gott, kein übler Geſchmack!— Ich ſelbſt war na⸗ he daran, ihn recht liebenswürdig zu finden!— Erinnern Sie ſich noch an meinen Brief aus — 13— Warmbrunn?— Ich werde nicht weiter nachfor⸗ ſchen! Angela hat vielleicht Urſache zu ſchweigen! — Mir iſt, als wäre ſie mir intereſſanter ſeit je⸗ ner Vermuthung.— Ein Mädchen, das von gei⸗ ſtigem Liebreiz angezogen wird, iſt über die Jahre flatterhafter Jugend hinaus,— und muß geehrt werden!— 3 Wie ſorgſam wartet ſie meiner, ob ſie gleich täglich zu Freuden aller Art berufen wird,— das liebe, herrliche Mädchen, ich wünſche ihr alles Glück dafür, was ihr nur zu Theil werden kann!— Geht es ſo fort mit meiner Beſſerung, ſo hoffe ich in einigen Tagen wieder aüsgehen zu können! Ich habe das Fieber ſo ſchnell wie möglich abgefertigt, und werde meine bekümmerten Freunde in kurzem mit meiner Erſcheinung überraſchen!— Haben Sie alſo keine Sorge um mich, liebe Alboin, bald er⸗ halten Sie wieder Nachricht von Ihrer Hermine. Hundertſechzehnter Brief. Norden an Walte⸗r. Breiſach, im Juni 18**. Wie veränderlich ſind die Menſchen und Dinge der Erde!— welche minutenlange Erſcheinungen ſind beide!— O, über das betrügeriſche Phan⸗ tom, das Angela, die arme Getäuſchte, verfolgt, als vermöchte es ihrer Seele Ruhe zu geben!— Es wird noch viel vergänglicher ſein, als ihre Thränen, das glaube mir, Walter!— Ich habe mich gewaltſam zurückhalten müſſen, — als ich ſie die Reihen auf⸗ und niederfliegen ſah,— um ihr nicht meine Warnung zuzurufen; — ſie war vergnügt, das ſprach ihr Geſicht aus, ſie hörte auf des Grafen ſchmeichelnde Worte, nicht wohlgefällig, wie Du meinteſt,— aber ge⸗ duldig, das hab' ich geſehen;— auch das iſt nicht gut;— Graf Ordeck, der mich geſtern beſuchte, — 15— — bewies mir durch ſeine Betrübniß, auch er ſei meiner Meinung, daß Graf Malvi freiern Zutritt in das Haus der Baroneſſe habe, als es für An⸗ gela's jugendliches Gemüth zu wünſchen wäre;— er fühlt wie ich, daß er ihr keine Neigung einzu⸗ flößen vermag,— aber deshalb bleibt ſein Um⸗ gang dennoch ein gefährlicher, weil mit ihm un⸗ vermerkt das Verderben einzieht, wohin er ſich wendet.— Ich habe Ordeck gebeten, ſie heimlich in meinem Namen zu warnen, er thut es, das weiß ich gewiß,— aber wird ſie ihn jetzt vermei⸗ den können, ohne ihn zu reitzen?— O, ich bin ſehr bekümmert um die Unglückliche!— Die Freu⸗ den des Lebens ſind ihr nicht ſo gleichgültig, als ſie vorgab! Ihr Anblick ſelbſt hat es bewieſen;— o, ich hätte ſie ſo nicht ſehen ſollen, nicht ſo, an der Hand des ſtolzen, ſchmeichleriſchen Grafen!— Ich lehrte ſie den Schmerz beſiegen, aber nicht um ſich in den Arm des rauſchendſten Vergnügens zu werfen!— nicht um Extrem mit Extrem zu ver⸗ tauſchen.— Ha, welch' unſeliges Wort fällt mir bei!— Das war es ja, was Du mir zuriefſt!— O Walter, wenn Deine Menſchenkenntniß weiter reichte als die meine! Dann wäre meine Liebe zu ihr mein letzter Irrthum geweſen,— und ich gewiß auf immer ein wacher, nüchterner Menſch! — Noch kann ich's, will ich's nicht glauben! Irren — 46— kann ſie,(welches Menſchen Jugend wäre von Irr⸗ thümern frei?)— Aber ſie wird umkehren, zurück⸗ flüchten zu der Bahn, auf der allein ein ſicheres Schreiten iſt,— losreißen wird ſie ſich von den Schlingen, die die Verſuchung ihr legt,— und ich werde mich ihres Triumphes erfreuen!— Hundertſiebenzehnter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Juni 18“9, Norden iſt hier geweſen!— Es war keine Er⸗ ſcheinung! Er hat ſich einige Tage hier aufgehal⸗ ten, hat ſcheiden können, ohne mir ein Zeichen ſeiner Freundſchaft zu geben.— Iſt denn das möglich, Richardis?— Glaubte er, mich nicht auf's Neue durch ſeinen Anblick beunruhigen zu dürfen?— Er ſieht krank aus, Hermine hat ihn geſehen, und es auch gefunden, er leidet gewiß, und will es verſchweigen!— O, daß ich ihm nicht nacheilte, als ich ihn ſah! Wann kommt der Au⸗ genblick wieder, wo ich ihn zu erreichen vermag! — warum, o flüchtige Stunde— biſt du ſo un⸗ nütz entflohen,— da du mir ſo unerwarteten Segen zu ſpenden vermochteſt?—— — 18— Ich hatte mich nach dieſem Abend auf einige Zeit der Geſellſchaft entzogen. Eine Unpäßlichkeit Herminens bot mir zuerſt Gelegenheit dazu dar, ich war viel bei ihr, und entging ſo manchem peinlichen Zwange. Nun iſt ſie geneſen, und ich bin auf's Neue verpflichtet, der Baronin Gehor⸗ ſam zu leiſten. Graf Malvi, der einige Tage ver⸗ reiſt war, beſucht uns wieder ſo fleißig wie vor. — Er hatte vor kurzem eine Unterredung mit der Münter, die auf franzöſiſch geführt wurde, und von der ich, da ſie vieles leiſe ſprachen, nicht al⸗ les verſtand.— Es betraf eine frühere Streitig⸗ keit, die ſich wie gewöhnlich zu des Grafen Vor⸗ theil entſchieden hatte.— Die Münter ſah ſicht⸗ lich verwundert— der Graf triumphirend aus.— Er ging einigemal mit ſtolzem Anſtande das Zim⸗ mer auf und nieder,— blähte ſich auf, und kam ſtets auf den Ausruf zurück:— Voyez, je Pai dit, Madame!— Die Münter iſt ſeitdem ſeltſam ſtreng gegen mich, ſie erlaubt mir nicht mehr, ohne ſie auszugehen,— auch ſelbſt zu Frau von Bören nicht,— was mich ſehr betrübt.— Bei der letzten Aſſemblee am Hofe, wo ich die Hermine endlich wiederſah, und auf ſie zueilen wollte, winkte mich die Baronin mit einem gebie⸗ tenden Blick an ihren Spieltiſch,— bat mich, ihre Karten zu übernehmen,— und wußte mich ſtets mit einem Vorwand zurückzuhalten, wenn ich end⸗ lich mich frei glaubte, um zu Herminen zu eilen, die den Abend auf eine recht nachläßige Art von den Damen verlaſſen war;— dies Betragen ver⸗ droß mich ich werde, wenn es ſo bleibt, mir eine Erklärung ausbitten müſſen,— da ich ſonſt recht üͤbel verkannt, und für ein kaltes unbeſtändiges Geſchöpf gehalten werden könnte, und das von einem Weſen, das, wenn auch mir nie ſo innig vertraut, wie Sie, doch mir ſtets von Herzen lieb, und ſchon um der Vorliebe meines Paters willen, theuer iſt!— Einige Stunden ſpäter. Was habe ich gehört,— o, welche unerhörte Verläumdung!— Man beſchuldigt Herminen eines Schrittes, der gegen alle weibliche Delikateſſe, viel zu verächtlich iſt,— als daß ich ihn mittheilen könnte.— Zum Glück wußte ich die ganze Bege⸗ benheit, die zu dieſer abſcheulichen Nachrede Anlaß gab,— und eilte ſie der Baronin mitzutheilen!— Sie lächelte mich gutmüthig an!—„Liebe Com⸗ teſſe! es iſt recht ſchön“, ſagte ſie,„daß Sie einer — 20— Frau glauben, die Sie als Freundin ſchätzen,— auch ich will zur Ehre unſers Geſchlechts an der Wahrheit Ihrer Ausſage nicht zweifeln,— aber vermeiden Sie es, darüber zu ſprechen,— Sie würden, ohne die Sache zu ändern, nur ſelbſt in die Intrigue verwickelt werden.— Ich bitte Sie, halten Sie auf Ihren Ruf, meine Liebe! Was gilt die Ausſage der Bören in den Augen eines Publikums, welches längſt durch ihren Uebermuth gereitzt, und, was nicht zu läugnen iſt, durch ihr ungenirtes Betragen längſt auf eine ſolche Erſchei⸗ nung vorbereitet, und nach einer kleinen Rache lüſtern war. Das hieße, ſich in einen Strudel ſtürzen, um ein ſchon längſt verlorenes Kleinod zu retten. Nein, nein, meine Liebe, ich bitte, ver⸗ ſchweigen Sie ja Ihr Mitwiſſen an der ganzen Begebenheit!“ „„Das könnte Ihr Ernſt ſein, Baronin?" ſagte ich mit einem Stolz, den ich ihr gegenüber noch nicht empfunden hatte. „Glauben Sie, ich ſcherze, Comteſſe, wenn ich für Ihr Glück beſorgt bin?“ entgegnete die Münter. Die Thränen traten mir vor Verdruß in die Augen.—„O, mein Gott“u, rief ich laut: n„wer darf denn die Sache der Unſchuld führen, wenn es die Unſchuld ſelbſt nicht darf?““— — A2— „Der Unſchuld?“ lächelte die Münter:„mein Engel, beurtheilen Sie doch nicht immer die Men⸗ ſchen nach Ihrer unverdorbenen Natur! Es gibt des Scheines und des Truges gar viel! Frau von Bören war ſogar kühn genug, eine Maske zu ver⸗ ſchmähen, wodurch ſie den Anſtand wenigſtens zu retten vermochte, wenn auch“— ſie hielt, von meinem Blicke gehalten, inne, ich vermochte nicht mehr mit ihr zu ſprechen, ich wendete mich hoch⸗ erröthend von ihr ab, und ging nach meinem Zim⸗ mer, wo ich mit Mühe die aufgeregten Gefühle meines Herzens zu bezwingen verſuchte. Alſo ſchweigen ſoll ich, ſchweigen? Ich werde ſehen, wie lange ich mir es ſelbſt erlauben kann! Trifft ſich eine Gelegenheit, wo ich der Unglück⸗ lichen einen Dienſt erzeigen kann, ſo wäre ich meines Vaters, meines Lehrers nicht würdig, wenn ich die Pflichten der Freundſchaft, der Menſchlichkeit einer kleinlichen Rückſicht, einem Scheinvortheil meiner ſelbſt, opfern könntel— Möge bald dieſe Gelegenheit kommen, und ich Herminen beweiſen können, wie ich ihr mehr glaube, als allem Schein gegen ſie, als den ge⸗ häſſigen Urtheilen der Welt. Leben Sie wohl, meine Liebe! Hundertachtzehnter Brief. Die Obriſt von Lichtfeld an ihre Schweſter. Aus der Reſidenz, im Juni 18*4. O, meine Schweſter, ich bin gerächt an der hoch⸗ müthigen Bören! Sie iſt gedemüthiget, ſo tief gedemüthiget, daß ſie das kühne Haupt nie mehr ſtolz erheben kann. Wie ſie im Gefühle ihres Sig⸗ ges auf mich, die Verlaſſene, herabſah! Jetzt iſt die Reihe des Herabſehens an mir,— doch nein, ich will nicht triumphiren, ſie werde von audern gezüchtiget, nicht von mir!— Mein Gefühl em⸗ pört ſich, ſo oft ich ſie ſehe! Sie hat die Tugend — die Sitte verrathen,— ich ſelbſt habe ſie, als kaum der Tag graute, aus dem Hauſe des Ritt⸗ meiſters heraustreten ſehen. Erſt wollte ich den Vorfall verſchweigen, weil es mir der Würde ei⸗ nes Weibes zuwider ſchien, eines Affronts zu ge⸗ denken, der einen entehrenden Schatten auf das ganze Geſchlecht wirft,— als aber Graf Malvi von dieſer Neuigkeit ebenfalls unterrichtet ſchien, und ich bemerkte, daß er es nicht unterlaſſen hatte, hin und wieder einen Funken in den Zunder des lauſchenden Publikums zu werfen, ſo konnte ich der rächenden Nemeſis nicht länger wehren, und mußte die ſchon hienieden waltende Gerechtigkeit, welche ich in meinem letzten Briefe ungläubig geläug⸗ net hatte, mit ſtillem Grauen anerkennen.— Unbe⸗ greiflich iſt's, mit welcher Keckheit die Bören nach einigen Tagen wittwenhafter Eingezogenheit in der Geſellſchaft aufzutreten wagte. Sie warf die hoch⸗ müthigen Augen wie ſonſt im Kreiſe umher, affec⸗ tirte die reizendſte Unbefangenheit, indeß der Schatten der Schuld auf ihrem Geſichte lag, und verſuchte wie gewöhnlich die Erſte im Kreiſe der Damen zu ſpielen. Die Kurzſichtige! ſie wußte nicht, daß ein angefeindeter Ruf gleich einem epi⸗ demiſchen Uebel betrachtet wird, das ſich auf jeden zu erſtrecken droht, der in der Nähe eines ſolchen Menſchen verweilt. Die anweſenden Damen rot⸗ teten ſich ſchneller wie ſonſt um ihre Spieltiſche zuſammen, heimliches Geflüſter wo ſie nahte, Ent⸗ ſchuldigungen, wo ſie ein Geſpräch beginnen wollte, keine Dame, die zu ihrer Parthie gefunden werden konnte,— ſie mußte ſich endlich mit drei Herren zu ihrem Tiſche begeben.— Amüſant war es, wie — 24— ſie alles aufbot, dieſe Männer, die der Zufall in ihre Nähe gebracht hatte, mit ihrer Liebenswürdig⸗ keit für den ganzen Abend zu gewinnen;— es gelang in der That, die ſchwachen Seelen waren, wie ſchon längſt die Parthie beendiget war, unzer⸗ trennlich an die ſüße Schwätzerin gebunden, und ſo entging ſie wenigſtens der Schande, ſich ganz vereinzelt und verlaſſen zu ſehen.— Eine härtere Strafe ward ihr dafür in der Oper zu Theil. Sie war zeitig gekommen, und die erſte in ihrer Loge; ich ſaß in der angrenzenden mit einigen meiner Bekannten, und konnte bemerken, wie jede andere Loge ſich füllte, indeß die ihrige leer blieb. — Einigemal öffnete ſich die Thür, ich ſah be⸗ kannte Geſichter hereinblicken, ſtets aber verſchwan⸗ den ſie wieder, um einen andern Platz zu ſuchen, endlich hörte ich die Stimme der Münter. Sie frug nach einem Platz, und hatte die Loge der Bören bereits betreten, als ſie, dieſelbe erblickend, ſich raſch von ihr abkehrte, und der vis a vis Loge zueilte. Der Bören konnte ihr Betragen nicht entgangen ſein. Sie richtete ſich nach dieſen Auf⸗ tritten empor, nahm eine ungewöhnliche, ſtolze Haltung an, und warf einen flammenden Blick auf die Münter hinüber.— So ſaß ſie lange al⸗ lein, bis eine fremde Familie, die nirgends mehr untergebracht werden konnte, neben ihr Platz nahm, — 25— und ſie der Pein gänzlicher Vereinzelung auſ's Neue entging. So, meine Schweſter, iſt die ge⸗ genwärtige Lage der anmaßendſten, eingebildetſten, eitelſten Frau!— Weh' ihr, daß ſie ſolche Strafe verſchuldet hat! Unſchuldig leiden, iſt hart genug, aber das Bewußtſein ſelbſtzugezogener Erniedri⸗ gung muß unerträglich, vernichtend ſein! Heil denen, die trotz der Neider giftigem Geſchwaͤtz un⸗ erſchütterlich ſtanden auf dem Pfade des Rechts; die es vorzogen, zu dulden und zu leiden, als ſtrafbar und glücklich zu ſein!— O, der Lohn dieſes Kampfes bleibt nicht aus.— Freudiger als je ſchloß ich heute meinen Gemahl in die Arme, meines Vortheils vor jener Betrogenen, meiner Würde, meines inneren Friedens mir bei ſeinem Anblick bewußt.— Mein Leben wird fortan heller leuchten als das ihre, wie die Roſen, die auf dem Dornenfelde der Tugend blühen, die üppigen Kränze leichtſinnigen Genuſſes überdauern; und wenn mein Glück auch ſtets noch eine Sehnſucht übrig läßt, die einer andern Hemisphäre gehört, ſo wird es doch hinreichend ſein, mich vor Klagen und Wün⸗ ſchen zu bewahren, die, der Erde angehörend, doch. ſtets vergänglich und eitel bleiben, und uns nicht ſelten der bitterſten Täuſchung überliefern.— Ich habe eine Ruhe in meiner Bruſt, wie ich ſie ſelten empfunden, ſie gehört meinem reinern Angela IV. 2 — 26— Bewußtſein, und ſei mir und Dir der ſicherſte Bürge von der aus ihr entkeimenden, mir nun für immer geſicherten Zufriedenheit, Lebe wohl, Geliebte! Hundertneunzehnter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Juni 18**. Jch habe ſo eben ein Geſpräch mit dem Grafen Malvi gehabt. Er kam mir zum erſtenmal voll⸗ kommen erwünſcht.— Er, das Orakel der feinen Welt, er, oder Keiner vermochte ein Gerücht wirk⸗ ſam zu widerlegen, das auf eine ſo unwürdige Weiſe verbreitet wurde.— Ich war von der Wahrheit meiner Behauptung begeiſtert, ich ſprach mit Eifer und Ueberzeugung, und habe ihn, glau⸗ be ich, für die gute Sache gewonnen. Ich hatte eben in Nordens Briefen geleſen, ich hatte mich durch das treffliche Gedicht geſtärkt, was er mir an jenem unvergeßlichen Tage gab, um mich auf immer der Tugend zu verbünden. Hier ſtand es ja mit klaren Worten, daß wir durch den Bund 2* — 28— der Treue jedem unſerer Brüder zum Beiſtand verpflichtet ſind, und die Rechte des Nächſten den Pflichten gegen uns ſelbſt nicht nachſetzen dür⸗ fen. Ich hatte ſo eben auf dieſe Stelle den Eid frommer Beherzigung niedergelegt, als der Graf eintrat.— Er entſchuldigte ſich wegen ſeines Er⸗ ſcheinens, mit dem Wunſch, mir ſelbſt ein Buch zu überreichen, welches er hervorzog, und wollte ſich nach einigen flüchtigen Erklärungen über daſ⸗ ſelbe, ſogleich entfernen. Ich wollte ihn, aus vo⸗ riger Urſache, zurückhalten, wußte aber nicht, wie ich das Geſpräch einleiten ſollte. Die Frage, ob er mich im Leſen geſtört, half mir endlich aus mei⸗ ner Verlegenheit.—„Erlauben Sie, Herr Graf“, bat ich ſchüchtern,„daß ich Ihnen eine Stelle aus dieſem Gedicht mittheile, die ſo wahr als ſchön, und, wie mich dünkt, ſo ſehr für die jetzige Zeit zu beherzigen iſt!“ Ich ſetzte mich ihm gegenüber, ſo daß er die Unterſchrift deſſelben nicht leſen konnte, und theilte ihm die Verſe mit, die ihn zu dem Folgenden vorbereiten ſollten.—„„Sehr ſchön, in der That!““ unterbrach er mich einige⸗ mal:„nein treffliches Gedicht! aus welcher Samm⸗ lung, weun ich fragen darf?““—„Das thut hier wenig zur Sache, Herr Graf!“ entgegnete ich, es in meine Brieftaſche legend:„ich wollte nur ſehen, ob Sie der Wahrheit deſſelben Gerechtigkeit wie⸗ — 29— derfahren laſſen.“ Er ſah mich ein wenig miß⸗ trauiſch an.—„„Comteſſe“¹, begann er,„ich weiß nicht, ob mein Betragen Ihnen Urſache ge⸗ geben hat“—„Nein“, rief ich einlenkend:„ich wollte Ihnen hiermit keinen Vorwurf machen, ich wünſchte Sie nur für eine Sache zu gewinnen, die mich ſehr beſchäftiget, und die ich ohne Ihren Beiſtand nicht auszuführen vermag. Iſt nicht die Menſchenliebe, wie ſie hier dargeſtellt wird, ſo ſchön, ſo edel, ſo würdig, jedes Herz zu guter That zu entflammen? O, wäre ich wie Sie im Stande, die Sache der Bedrängten zu führen, Sie würden mich nicht ſprechen hören, wo ich han⸗ deln könnte,— aber ſo bin ich ja ein ohnmächti⸗ ges Mädchen, und kann bei dem beſten Willen nichts thun, jetzt, wo es gilt, die angefeindete Ehre eines tugendhaften Weibes zu retten.“— Er ſah mich mit einem feinen Lächeln an.— „„Ei, laſſen Sie doch hören, Comteſſe, Sie be⸗ dürfen eines Ritters?““—„Nicht ich, Herr Graf, ich bedarf keiner Vertheidigung, aber die Unſchuld der Frau von Bören verlangt ſie gegen die bos⸗ hafte Liſt ihrer Verläumder, und ich gebe Ihnen zum erſtenmale auf, mir die Achtung zu beweiſen, deren Sie mich ſtets verſicherten, indem ich Ihnen die Wahrheit jenes verwickelten Vorfalls vertrauen will, um Ihnen dadurch die Mittel zu zeigen, ſich — 20— durch eine würdige Handlung, an deren Vollbrin⸗ gung mir viel liegt, als einen edeln Mann und unſern Freund zu bewähren!“—„Die Unſchuld der Frau von Bören?“““ lachte er auf:„„in der That, Comteſſe, Sie ſehen, ich bin neugierig, das Weitere zu hören!““— Ein glühendes Erröthen, das über meine Wangen lief, überzeugte mich, wie ſchwierig die Sache ſei, die ich unternommen hatte. Mein Zartgefühl wurde durch den Gedanken, ein ſo undelikates Gerücht berühren zu müſſen, auf's tiefſte erſchüttert. Mit Mühe beſiegte der Gedan⸗ ke, Herminens Ehre vielleicht zu retten, meine peinliche Schaam.— Ich erzählte ihm nun mit möglichſter Ruhe den ganzen Vorfall, und führte zum Beweis das Feſt im Walterſchen Hauſe an, demzufolge Hermine zu dieſem unſeligen Abentheuer gekommen war. Er hörte mich ruhig an, indeß ſeine Augen auf dem ſeitwärts liegenden Gedicht ruhten.—„„Das ließe ſich nach Ihrer Erzählung wohl hören““, entgegnete er.„„Ich fürchte nur, daß das Gerücht bereits zu weit verbreitet, und das Publikum geneigter iſt, das Schlimmere als das Beſſere anzunehmen.— Die Sache bleibt des⸗ halb ſchwierig, ſehr ſchwierig, und ich glaube nicht, daß ich beim beſten Willen mich dafür verwenden darf.“—„Darf?“ frug ich traurig:„ach, ſo habe ich Ihnen umſonſt die ſchönen Verſe mitge⸗ — 31— theilt, die das Heil des Bruders dem eigenen gleich ſtellen! O, wenn Sie erſt zweifeln können, ob Sie das Gute vollbringen dürfen?“— „Umſonſt?““— frug er einfallend:„„nein, wahr⸗ haftig nicht!— Wo iſt das treffliche Gedicht?““ —„Erlauben Sie“, rief ich, ihm das Papier ab⸗ nehmend, das er herüberlangte:—„das Blatt iſt mir heilig: die ſchönſten, die edelſten Lehren floſſen aus ihm in mein Gemüth.— O, wenn es auf's Neue ſeine Kraft bewährte, wenn es auch Sie zu einer edeln That entflammt hätte, wie ſeg⸗ nend wollte ich dieſer Stunde gedenken!“ Ich fuhr fort, das Blatt feſt an mich drückend, ihm von dem Himmel zu erzählen, der mit der frömm⸗ ſten Lehre in meine Seele gekommen war; ich ſprach von dem Frieden, der den guten Menſchen zu Theil wird, die ſtets die heiligen Pflichten der Liebe üben, und wie ſie ſich nicht allein deſſen, ſondern auch der Gnade des Höchſten zu erfreuen haben, und der Achtung und der Liebe der Men⸗ ſchen. Ich war ſo hingeriſſen von meinem Gegen⸗ ſtande, daß meine Wangen glühten, und meine Augen überſtrömen wollten. Der Graf ſah meine Bewegung; ſeine Blicke ruhten auf mir mit ſicht⸗ licher Theilnahme, er betrachtete mich, ohne daß er mir ein Wort zu erwiedern vermochte, doch hatten ſeine Augen einen ſeltſamen, lebendigen — 32— Ausdruck.— Ich ſah, daß es mir gelungen war, ihn zu rühren.„Sie wollen, Herr Graf, Sie wollen mir Ihren Beiſtand ſchenken?“— frug ich ſchüchtern.—„Seltſames, unbegreifliches We⸗ ſen““, rief er, vor mich hintretend,„„was ma— chen Sie aus mir? Sie locken mich in einen Bund, den Sie nicht mehr anerkennen werden, ſobald ich Ihre Wünſche erfüllt habe!““—„Der Bund der Guten iſt dauernd!“ entgegnete ich ernſt.— „„Welchen Beweis““, rief der Graf,„„welches Zeichen darf er führen? Ich muß Sie um ein Andenken an dieſe Stunde bitten, Comteſſe!““— „Ein Andenken?“ frug ich nachſinnend. Mir fiel ein, wie leicht die Bitte eines Weibes in dem ſtets nach außen gerichteten Geiſte eines ſolchen Man⸗ nes verklingen konnte: ich dachte nach, wie ich ſeine jetzige Stimmung zu befeſtigen vermöge, und verſprach ihm endlich eine Abſchrift des Gedichts, als paſſende Erinnerung an unſer Geſpräch, wor⸗ auf ich ihn mit der Bitte entließ, ſo viel es in ſeiner Macht ſtände, der ungerechteſten aller Be⸗ ſchuldigungen entgegenzukämpfen, und die Sache Herminens zu vertheidigen. Ich ſetzte mich, ſobald er fort war, an mein Schreibepult, das Gedicht zu copiren. Ich durch⸗ las es: mein Name war darin nicht genannt, auch war keine Beziehung auf meine Perſon. Es galt der Menſchheit, dieſes herrliche Gedicht, und war für jeden ſo gut geſchrieben, als für mich. Als ich mit dem Abſchreiben fertig war, mach⸗ te ich eine Bemerkung, die mich auf eine ſeltſame Art überraſchte. Es lag ſtets in meinem Weſen, mir Alles anzueignen, was Norden dachte oder that. Jetzt hatte ich in dem Gedanken an Ihn, ſeine eigene Handſchrift unwillkührlich zu treu nach⸗ geahmt, daß ich über mich ſelbſt erſchrak.— Wie erſtreckt ſich doch der Austauſch unſeres Weſens ſogar bis auf das Geringſte, wenn wir lieben! Wir büßen eine Eigenthümlichkeit nach der andern ein, um eine andere des geliebten Gegenſtandes in uns aufzunehmen, nnd können kaum noch unter⸗ ſcheiden, was uns oder ihm gehört. Als ich das Gedicht abgeſchickt hatte, ließ ſich Graf Ordeck bei mir melden. Er kam von Holm⸗ ſee zurück, und brachte mir Grüße von meinem Vater und von Norden,— von dem letzteren noch eine ernſte Warnung wegen der gefährlichen Ge⸗ ſellſchft des Grafen Malvi. O, er hat mich nicht vergeſſen, ob er mir gleich bei ſeinem Hier⸗ ſein kein Zeichen der Freundſchaft gab: er meint es noch gut mit mir, weil er beſorgt iſt um mich, der gute, treffliche Mann! Ich werde ihm ſo⸗ gleich ſchreiben, da die Gelegenheit abgeht, und ihm ſagen, wie Unrecht ich dem Grafen gethan habe, wie ich ihn nun beſſer kenne, und jetzt gar keine Gefahr mehr für mich zu fürchten iſt. Leben Sie wohl, Geliebte. Hundertzwanzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Norden. Aus der Reſidenz, im Juni 1880. Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, mein Freund, daß Sie ſich mehrere Tage hier aufhalten konnten, ohne mir eine Stunde zu ſchenken.— Sie hätten mich gewiß ſtark genug gefunden, eine ſolche Freude ohne Nachtheil für meine Zukunft zu ertragen, ich arbeite ſehr an meiner Beſſerung, und bekämpfe muthig die mir noch anhaftenden Schwachheiten.— Ich habe immer das ſchöne Ziel im Auge, auf das Sie mich blicken lehrten, An⸗ deren Freude zu bereiten, und dadurch ſelbſt den ſicherſten Frieden zu gewinnen,— und glaube nun die Bahn gefunden zu haben, auf der ich zu jenem gelangen kann, ohne meinen Grundſätzen oder dem Wunſch meines Vaters entgegenzuhandeln.— Graf Ordeck war ſo eben bei mir:— wie iſt er mir doch immer der treue, gütige Freund! Er brachte mir Grüße von Ihnen, mein theurer Lehrer, und zugleich eine Warnung, die mir be⸗ weist, wie Ihre Seele mir immer noch in zärtli⸗ cher Sorgfalt zugekehrt iſt. Graf Malvi beſucht allerdings ſehr oft unſer Haus, aber er iſt nicht der böſe Mann, für den ich ihn früher hielt, für den Sie ihn noch jetzt halten. Ich habe eine gro⸗ ße Schuld auf mich geladen, indem ich Sie einſt in Ihrem Mißtrauen gegen ihn beſtärkte, und werde nun, da ich mein Unrecht einſehen lerne, es nach Kräften gut zu machen ſuchen. Wenn dem Charakter des Heuchlers Schwäche zum Grunde liegt, ſo verräth der ſeinige Kraft. Er ſtellt ſich bisweilen abſichtlich ſchlimm, um die Menſchen zu prüfen und kennen zu lernen,— er hat ſich eini⸗ gemal unbewußt verrathen, ich lerne ihn nun täg⸗ lich beſſer verſtehen, und bin weit entfernt, mich von ſeinen Satyren uund leichtſinnigen Aeußerungen täuſchen zu laſſen.— Glauben Sie mir, mein . Lehrer und mein Freund„ er iſt gewißlich kein bö⸗ ſer Mann; er achtet die Menſchen nicht, aber den Menſchen. Er ſucht, indem er mit kaltem Hohne dieſe anfeindet, jenen heraus, und wo er ihn fin⸗ det, da ehrt er ihn, da ſchätzt er ihn gewiß für immer.— Vielleicht erfahren Sie in der Folge — 37— Einiges„ was ihn in. Ibren Augen zu rechtfertigen vermag! Bis dahin, mein theurer Lehrer, begeben Sie ſich aller Sorge um mich: Sie ſelbſt haben mich ja geſtählt, feſt zu ſtehen im Leben, und nie, nie werde ich Ihrer Lehren vergeſſen! Ihre Angela. Hunderteinundzwanzigſter Brief. Graf Malvi an den Baron 2. Aus der Reſidenz, im Juni 16*9. Welch ein ſeltſames aber auch welch' ein anzie⸗ hendes Geſchöpf iſt ein Weib, wenn es in einem Anfall von Schwärmerei, in unſchuldiger Verblen⸗ dung für ein in Staub getretenes Mitglied ſeines Geſchlechts in die Schranken tritt, um uns ihre . Anſicht, die ſo viel Liebenswürdiges als Albernes hat, aufzudringen, und uns zu dem Ritter der be⸗ drängten Menſchheit zu machen!— Ich habe Dir bei unſerm Rendevous mein Begegnen mit der Bören, als kaum der Tag graute, mitgetheilt. Sie fürchtete meinen Verrath, das bewies ſie, in⸗ dem ſie ihr Geſicht mit dem Schleier verhüllte, gleich dem Strauß, der den Kopf in's Gebüſch ſteckt, und ſich ſo geſichert glaubt vor dem lauern⸗ den Jäger.— Aber die ſonſt ſo kluge Dame — 39— wußte nicht, daß die Eiferſucht noch ſchärfere Au⸗ gen hat, als die Rache, und daß dieſe ſie bereits gleich mir erkannt hatte.— Die Lichtfeld harrte nämlich am Fenſter, um den ungetreuen Freund noch einmal durch ihren Anblick zu ſtrafen,— und war die Erſte, die die ſchöne Nachtwandlerin ent⸗ deckte. Daß dieſer Vorfall nicht unbemerkt blieb, ſondern den längſtverdienten Hohn auf das Haupt der Hochmüthigen lud, iſt eine natürliche Folge.— Dieſem Gerücht verſucht nun die Comteſſe entge⸗ genzukämpfen, indem ſie ſich auf eine Hiſtorie der Bören ſtützt, die natürlich genug klingt, um den Glauben eines unerfahrenen Herzens zu ge⸗ winnen!— Ich wünſchte, Du hätteſt die Kleine geſehen, wie ſie ſich Mühe gab, mich für ihren Wunſch zu ſtimmen, wie ſie mir ihre Freude zeigte, wenn ich mich einen Augenblick gefangen gab,— wie ſie zuletzt, von der Begeiſterung für das Gute hinge⸗ riſſen, einer entzückten Sybille glich, die ihre in⸗ nere Ueberzeugung mit geweihten Worten, als hei⸗ lige Prophezeihung verkündete, hinreißend durch der Rede Zauber— v, Du hätteſt mir Recht gegeben, daß ſie ſchön, daß ſie entzückend, bezaubernd iſt, trotz dieſer Einfalt. Du hätteſt meine Schwachheit getheilt, und ihr, in der Wonne ihres Anſchauens verſunken, alles verſprochen, mehr als Du zu hal⸗ ten vermagſt.— Sie nannte es den Bund der Guten, durch den ſie mir fortan verbunden ſein wollte!— Ich nährte andere Hoffnungen, als ſie mit den Roſen der Begeiſterung auf den Wangen, mit der kindlichen Zuverſicht in den Veilchenaugen, mir gegenüberſtand,— und bat ſie um ein An⸗ denken dieſer Stunde. Sie gab mir die Copie eines Gedichtes, das ſie, wie ich aus der Unter⸗ ſchrift ſah, von Norden bekommen, und das viele moraliſche Sentenzen und erbauliche Lehren enthält! — Ich konnte das in der That als einen großen Beweis ihres Wohlwollens nehmen,— und ate meine beſondere Freude daran.— O, ſie iſt ſchon halb gewonnen, das fühl' ich, — und es bedürfte nichts, als den läſtigen Neben⸗ buhler in Breiſach,— der, wie ich gewiß weiß, noch in ihrem Herzen fortlebt, auf eine feine Ark zu beſeitigen.— Hier iſt aber guter Rath theuer! — Mit der Comteſſe iſt hierin nichts anzufangen, — ſie zieht ſich wie eine Senſative ſorgfältig bei der geringſten Berührung der Art feſt in ſich ſelbſt zuſammen,— und belohnt mich am Ende mi Mißtrauen.— Man müßte es mit Norden ſelbſt verſuchen;— er hat Seiten, wo er anzugreifen wäre, aber wie fände ich die Gelegenheit dazu?— Daß er ſich zuerſt von ihr zurückziehen muß, um dies Verhaltniß zu trennen, iſt ganz entſchieden! — 41— „ Noch ſtehen ſie in Correſpondenz, das weiß ich!— Wozu dieſe geiſtigen Verkettungen, wenn die Ver⸗ einigung beider eine Unmöglichkeit iſt?— Nein, es wäre wahrlich für die Comteſſe von Nutzen, wenn ſie ſobald als möglich von einer Schwärmerei geheilt werden könnte,— die ihr bei jeder andern Verbindung im Wege ſtehen wird!— Ich zweifle nicht, daß ſobald ſie von dieſer geneſen, meine Wünſche bei ihr Eingang finden ſollten.— Die Liebe ſo junger Geſchöpfe, ſobald ſie von einem Gegenſtande abgewieſen wird, geht ſogleich auf einen neuen über,— und daß dieſe mir ein willkommener Gaſt wäre, wie vermag ich's zu läugnen.— Graf Domelli hat bedeutende Güter, die Comteſſe, alles was ein Weib anziehend macht, Jugend, Schönheit, und wenn auch keinen brillan⸗ ten Verſtand, doch ein einnehmendes Betragen, und Talente, die mit der Zeit Aufſehen machen dürften;— Du ſiehſt demnach, daß ſie eine con⸗ venable Parthie für mich wäre, und da ich nun einmal entſchloſſen bin, ein anſtändiges Haus aus⸗ zumachen, und deshalb vor Allem einer Frau be⸗ darf, die bei Hofe gefällt, ſo wundere Dich nicht, wenn ich ernſthafte Anſtalten treffe, um zum Ziele zu kommen! — 42— Ich werde in einigen Tagen nach Breiſach ge⸗ den, um dem Grafen Domelli meinen Reſpekt zu verſichern.— Vielleicht kann ich Dir nächſtens et⸗ was Beſtimmtes über meine Hoffnungen mittheilen. Lebe wohl! Hundertzweiundzwanzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Inni 18““. Welche Tage habe ich verlebt, welche kränkende Erfahrung gemacht! Jene nächtliche Begebenheit, von der ich Ihnen erzählte,— muß durch den abſcheulichſten der Menſchen, den Grafen Malvi, in der gehäſſigſten Verdrehung in's Publikum ge⸗ bracht worden ſein!— Ich hatte den ganzen Vor⸗ fall beinahe vergeſſen,— als ich zum erſtenmal, nachdem ich mich von meiner Krankheit erholt hat⸗ te, in der Aſſemblee erſchien!— Ich ging mit der alten Herzlichkeit auf meine Bekannten zu, die mir ſo lange Freundſchaft geheuchelt hatten,— und bemerkte anfänglich kaum, in der gänzlichen Unbe⸗ fangenheit, mit der ich mich hingab,— die Kälte, womit ſie mich anhörten,— die Scheu, mit der — 44— ſie mich anblickten, wenn ſie mir einige Worte erwiederten, bis mich endlich das ſichtliche Zurück⸗ treten aller meiner weiblichen Bekannten überzeug⸗ te, daß ich mich in dem drückenden Zuſtand gänz⸗ lichen Verlaſſenſeins befand.— Ich ahnete ſogleich die Verläumdung, die während der Zeit meiner Eingezogenheit ihr bos⸗ haftes Spiel getrieben hatte,— ich ſah aus der Sorgfalt, mit der mich dieſe kleinlichen Charaktere vermieden, wie hart ich augeklagt ſein mußte, und ſann auf Mittel, der Schlange den Kopf zu zer⸗ treten. Zu meinem Unglück war der Hofmarſchall verreiſt, der Eiuzige, auf deſſen Beiſtand ich rech⸗ nen konnte, und deſſen Wort gewichtig genug war, die Bosheit zu entwaffnen. Mir blieb demnach nichts übrig, als mich allmählig von den öffentli⸗ chen Zirkeln zurückzuziehen, bis ein ſo ungerechtes, als die Verläumder felbſt entehrendes Gerücht wi⸗ derlegt ſein würde, Welche Blicke that ich während der Zeit in das menſchliche Herz! Welche Feig⸗ heit, Albernheit und Selbſtſucht, wohin ich ſah! Alles, worauf ich ſonſt ſtolz war, jede Artigkeit, jede Huldigung verſtummte vor dem kleinlichen qu'en dira-t-on!— Ich bemerkte mit Grauen, wie die Meinung der Götze war, dem alle Tugenden der Gerechtigkeit, der Liebe, der Schonung geopfert wurden;— der Götze, der um ſo hohnlachender auf mich herabſah, je nachläßiger ich in meiner Verehrung geweſen war.— O, liebe Alboin, wie hat ſich jenes gräßliche Wort ſo bald bewährt, das mir in jener verhängnißvollen Nacht in Youngs Nachtgedanken gleich einer Prophezeihung begegnete. — Der Tod, das heißt das Verderben, iſt nie⸗ mals näher, als wenn man ſich am meiſten von ihm entfernt, in den Armen der Freude, der Si⸗ cherheit glaubt. Ich kann es nicht läugnen, daß die letzte Zeit, die mich mit allen Kränzen der Ehre, der Bewunderung beſchenkte, nur zu kühn, zu ſicher gemacht hat. Ich ſah den furchtbaren Verderber in meiner ſtolzen Luſt nicht herannahen, bis er, dicht vor mir ſtehend, die Larve abriß, und ich das ſcheußliche Geſpenſt, den Neid und die lauernde Bosheit erblickte. Dieſes, liebe Alboin, ſind die Feinde, welche ich überſah, und die heim⸗ lich vorgearbeitet haben, das Gebäude meines Glü⸗ ckes bei der erſten Berührung zu ſtürzen.— Ich habe in der Angſt meiner Seele an Bören geſchrie⸗ ben, ihm alles treulich erzählt, und um Beſchleu⸗ nigung ſeiner Reiſe gebeten. O, ſie hätten mich nicht ſo zu behandeln gewagt, wenn er hier geblie⸗ ben wäre! Dieſelbe Feigheit, mit der ſie das un⸗ bewaffnete Weib verließen, würde ſie auch vor ſei⸗ ner Rache zurückgeſchreckt haben.— Sein guter Degen wäre das einzige Mittel gegen dieſe Zun⸗ — 46— genhelden geweſen, und ich fürchte, er wird noch zu thun bekommen!— Comteſſe Angela, die Einzige, deren Theil⸗ nahme ick, trotz der niedrigen Vorſicht der weiſen Münter, bemerken konnte, hat mir durch ein Bil⸗ let ihre beſchränkte Freiheit geklagt, und mich ge⸗ beten, doch ja nicht an ihrer Freundſchaft irre zu werden, die, wenn auch unbemerkt, doch thätig für mich handeln würde.— Das gute Kind, wenn doch Alle ihr Herz hätten! Aber jene egoiſtiſchen Naturen haben ſtatt deſſen das Einmaleins in der Bruſt, nachdem ſie ſorgfältig berechnen, wie viel ſich für den Nächſten thun läßt, ohne ihrer großen— Unbedeutſamkeit noch mehr Abbruch zu thun.— Welche ſchimpfliche Armuth der Seelen, wohin ich blicke! Weit entfernt zu prüfen, zu unterſuchen, bevor man glaubt, öffnet man der Verläumdung willig das Ohr, ſich wohl hütend der Verkannten die Hand zu bieten, um nicht ſelbſt das unſichere Eigenthum eigener Ehre zu gefährden. Iſt das Inſtinkt, liebe Alboin, der dieſe Geſchöpfe ſo han⸗ deln lehrt? Ahnen ſie, daß ihnen nichts bleibt, ſobald ſie die Meinung der Welt verloren haben? — O, ich bin tief gekränkt, tief verletzt! Ich fürchte, meine gute Laune iſt für immerdar getöd⸗ tet!— Auch dann, wenn meine Ehre gerettet iſt, und ich gerechtfertiget bin, werde ich nicht mehr — 43— Geſchmack in dem Umgang mit Menſchen finden können, deren Erbärmlichkeit mir einmal ſo ganz vor die Augen getreten iſt! Mich verlangt aus dieſen engen Mauern hinaus, hinaus, wo der Odem der Freiheit weht!— O, wäre mein Bören bei mir! und ich könnte mit ihm dieſen verrätheriſchen Freuden auf immer valet ſagen. Bald erwarte ich Nachricht von ihm,— er wird mich nicht verken⸗ nen, mir nicht zürnen, mir keine Vorwürfe machen. Er durchſchaute ja längſt meinen ganzen Charakter, und ſchloß von der Unbefangenheit, mit der er ſich gab, auf die Wahrheit deſſelben. Hätte ich meinen Muthwillen, meine fröhliche Jugend bisweilen ver⸗ ſteckt: es wäre mein Vortheil geweſen! Aber ich vermag mich nicht anders zu ſtellen als ich bin, und trage lieber unverdienten Tadel, als den Vor⸗ wurf der Heuchelei, der mir von jeher das haſſens⸗ wertheſte war. Auch im Unglück iſt mir, wie Sie ſehen, einiger Stolz geblieben. Aber tadeln Sie mich deshalb nicht! Ich habe Stunden gehabt, wo ich bittere Demüthigungen erfuhr, und dies waren die unglücklichſten für Ihre Hermine. Leben Sie wohl! Hundertdreiundzwanzigſter Brief. Graf Malvi an den Baron L. Aus der Reſidenz, im Juli 18** * Ich glaube, der Weg, der mich zu dem Ziele meiner Wünſche führt, iſt für den Anfang wenig⸗ ſtens geſäubert, doch habe ich dies Glück in der That mehr dem Zufalle zu verdanken, als der ei⸗ genen Klugheit, wie Du hören wirſt.— Ich war, nachdem ich Dir ſchrieb, nach Brei⸗ ſach gereiſt, und fand die artigſte Aufnahme. Ich hatte mich mit Hof⸗Anekdoten und Neuigkeiten aller Art verſehen, um dem alten Herrn die Mühe der Unterhaltung zu erleichtern. Er hatte indeß nach Möglichkeit dafür geſorgt; der Superintendent verließ uns ſelten, und auch andere Geſellſchaften ſtellten ſich zahlreich ein. Ich fand Gelegenheit, von mehreren intereſſanten Unterhaltungen mit der Comteſſe zu erzählen, und theilte einige Aufſätze — 40— derſelben mit, die ich der Güte der Münter ver⸗ dankte. Ich las ſie ſelbſt vor, und hatte zufällig das Gedicht mit herausgezogen, welches ſie mir damals in ihrem ſchwärmeriſchen Bekehrungseifer zugeſtand. Ich bemerkte, daß Norden, der zuge⸗ gen war, gleich bei den erſten Zeilen unruhig wur⸗ de, aufſtand, im Zimmer auf und ab ging, einige⸗ mal über meine Schultern blickte, und endlich, als ich beendet hatte, mich mit erzwungener Ruhe frug, wie ich zu dieſem Gedicht gekommen ſei?— Ich erwiederte ihm, wie es auch wirklich der Fall war: die Comteſſe habe es mir zum Andenken eines ihr geleiſteten Verſprechens zugeſtanden.—„In Wahr⸗ heit?“ ſagte er, mich mit ſeinen finſtern Augen fixirend; ich betheuerte es ihm auf meine Ehre, und zeigte einige Empfindlichkeit über ſeine Frage. Er blickte noch einmal auf die Handſchrift, biß die Lippen zuſammen, und trat dann an's Fenſter. Ich ſprach mit dem Grafen ruhig über denſelben Gegenſtand fort, und erfreute ihn durch die Be⸗ wunderung, die ich ſeiner geiſtreichen Tochter zoll⸗ te.— Norden hatte lange, ohne an unſerm Ge⸗ ſpräch Theil zu nehmen, auf ſeinem vorigen Platze geſtanden. Als er wieder zu uns trat, fiel dem Grafen ſeine ungewöhnliche Bläſſe auf. Ein zu⸗ ckendes Lächeln flos um Nordens Lippen. Er be⸗ theuerte ihm, er ſei vollkommen wohl, und knüpfte Angelg IV. 3 — 50— ſogleich mit ſeltener Lebendigkeit ein Geſpräch an, das er mit großer Anſtrengung fortzuſetzen bemüht war. Hätte mir nicht das leiſe Aufblitzen belei⸗ digten Gefühls, das bisweilen um ſeinen Mund ſichtbar wurde, gezeigt, daß ich ihm faſt unbewußt eine Wunde an der empfindlichſten Stelle geſchla⸗ gen hatte, ich hätte es an ſeinem Betragen kaum errathen können. Welchen kalten Stolz beſitzt der Mann! welche ſtreuge Herrſchaft über ſich ſelbſt! — Ich ſahe ihn noch den folgenden Tag, er kam ungebeten, ſprach viel mit mir, auch von Angelen, aber mit einer Ruhe, einer Gleichgültigkeit, die, wenn es Verſtellung war, den Meiſter beweiſt.— Den dritten Tag ſah ich ihn nicht, ein Gerücht kam mir zu Ohren, er ſei krank.— Das that mir leid, in Wahrheit, ich glaubte nicht, daß eine ſol⸗ che Geringfügigkeit, wie jener kleine Vorfall mit dem Gedicht, dieſen ſcheinbaren Heroen in Staub beugen könnte.— Er ſollte ſich nur beſcheiden zu⸗ rückziehen, und dem würdigern Nebenbuhler Platz machen.— Die Krankheit wird, hoffe ich, nicht von Bedeutung ſein! Auch fehlt es ihm an treuer Pflege nicht.— Er ſoll ein artiges Mädchen bei ſich haben, die ihm aufwartet. Vielleicht habe ich unbewußt zu dem Heile des Superintendenten bei⸗ getragen, und ſeine Augen durch eine leichte Ope⸗ ration für das Glück der Gegenwart, und für die —— Q☚ — 51— ihm angemeſſene Sphäre geöffnet.— Angela darf freilich nichts davon erfahren, erſt heute, als ich ihr die Grüße ihres Vaters überbrachte, verrieth ſie ſich durch die Aengſtlichkeit, mit der ſie auf⸗ horchte, ſo oft ich des Superintendenten erwähnte, zu meinem Aerger recht ſichtlich.— Die Zeit mag dies ausgleichen.— Es ſtürzt keine Schöpfung zu⸗ ſammen, aus der nicht eine neue geboren würde! Auch aus den Trümmern ihrer ſchwärmeriſchen Hoff⸗ nung wird eine neue Welt emporſteigen, ſie wird ſie ſtaunend betrachten, und fragend auf den Aſchen⸗ haufen herniederſehen, der ihr einſt mit ſo reitzen⸗ den Farben geſchmückt erſchien, und nun nur noch dazu dient, ihr die daraus hervorgegangenen Blü⸗ then in ihrer wunderbaren Verzweigung mit der Vergangenheit zu zeigen. Was Norden anbetrifft?— O, der wird wohl geneſen!— Was geht mich auch weiter ſei⸗ ne unkluge Leidenſchaft an!— Wer ſich verirrt, muß zurechtgeführt werden, durch wen es ge⸗ ſchieht, kommt in dem Laufe des Schickſals kaum in Betrachtung. Genug, ich habe zum Glück der Comteſſe ge⸗ handelt! Und wenn auch nebenbei ein wenig für das meine, wer könnte mir es verargen? Lebe wohl! —-— Hundertvierundzwanzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Ans der Reſidenz, im Juni 18*. Er iſt krank,— o Gott, vielleicht gefährlich krank! und ich bin gebunden, gefeſſelt,— ich kann nicht zu ihm! Mein Vater hat mir geſchrieben, er verbietet mir auf's ſtrengſte, den Arzt zu be⸗ gleiten,— er nimmt die Sache nur leicht, und verſchweigt mir das Schlimmſte gewiß!— O, wäre nur dieſer Tag und der folgende vorüber, — und ich könnte den Arzt ſprechen!— O, wie war es ſo anders, als ich noch in Breiſach war! — Welch' ſüßer Troſt für mein bekümmertes Herz, als ich für ſeine Pflege ſorgen, ihm ſelbſt ſeine Labung bereiten durfte!— Jetzt,— doch nein, er iſt ja nicht allein! Gottlob, Thereſe iſt bei ihm!— Sie wird ihn pflegen, ſie wird ihn trö⸗ ſten, o, ſie muß ihn ja lieben, weil ſie ihn kennt, — 33— — ſie kann ihn nicht verlaſſen, jetzt nicht!— O, wäre ich doch nur eine Stunde an Thereſens Stelle,— wie gern tauſchte ich die Freuden eines ganzen Jahres für dieſe Gunſt des Schickſals ein!— Einen Tag ſpäter. Ich habe den Arzt geſprochen. Er hat mir ſein Ehrenwort gegeben, der Kranke beſinde ſich keinesweges in Gefahr,— nach ſeiner Ausſage muß ein heftiger Verdruß ihm geſchadet, und ihm das Uebel zugezogen haben, an dem er leidet.— Man hat, Gottlob, die zweckmäßigſten Vorkehrun⸗ gen getroffen.— Thereſe ſoll mit muſterhafter Be⸗ ſonnenheit für die Pflege des Superintendenten Sorge tragen. Der ſeltſame Mann, der Arzt, nahm ſie in ſeinem Irrthum für Nordens Frau, — ich erklärte es ihm aber, daß Thereſe nur die Gouvernante ſeines Sohnes ſei, worauf er mich anlächelte. Liebe Richardis, es iſt doch recht ſeltſam! Die gute That, die Thereſe jetzt ausübt, dürfte hier nicht geſchehen.— Die böſen Menſchen wür⸗ den ſogleich eine Unſchicklichkeit darin finden, — 54— und den guten Ruf des armen Mädchens antaſten. — Es iſt doch ein viel beſſeres Leben auf dem Lande!— O, wäre ich in einem Stande geboren, wo ich, um das Glück meines Vaters zu ſichern, nicht erſt des Flitters und Glanzes bedurft hätte, den man mir hier angelegt hat.— Ich hätte dann niemals die Reſidenz geſehen, und wäre ein ein⸗ faches, zufriedenes Landmädchen geblieben, ohne ſeiner Liebe minder würdig zu ſein!— Ich habe mit der geſtrigen Gelegenheit einen Brief an Nor⸗ den abgehen laſſen.— Er wird vielleicht die Wär⸗ me meines Gefühls tadeln,— aber er wird doch menſchlich ſein,— und mir nicht zumuthen, gleich⸗ gültig abzuwarten und zu ſchweigen,— wo ich ganz Beſorgniß, ganz Theilnahme, ganz ängſtliches Verlangen bin.— Ich habe ihn gebeten, mir recht bald einige Zeilen zu antworten, oder mir durch Demoiſelle Wallburg wenigſtens Nachricht von ſei⸗ nem Befinden zu geben. Freitags hoffe ich gewiß auf ein Schreiben! Gott gebe, daß ich dann völ⸗ lig beruhigt bin. Freitags. Ich wollte das Schreiben nicht eher abgehen laſſen, bis ich Nachricht von Norden bekommen würde.— Aber die Poſt iſt gekommen, und hat mir keinen Brief gebracht.— Ich glaubte, er ſei kränker geworden, und ſchickte in meiner Angſt zum Arzt, um von ihm vielleicht etwas Näheres zu er⸗ fahren.— Er hatte aber die beſte Nachricht,— und meine ängſtlichen Vermuthungen bekamen eine andere Richtung.— Gott! hätt' ich ihm vielleicht meine zärtliche Sorgfalt verſchweigen ſollen? Er hielt mich ſtets durch ſeine Strenge zurück, wenn ich mein Gefühl ausſprechen wollte!— Er darf meine Liebe nicht begünſtigen,— er lehrte mich ſie ſelbſt muthig beſiegen,— und wird mit mir auf’s Neue unzufrieden ſein!— Er wird mich dafür züchtigen und ſchweigen! O, warum, mein Lehrer, eine ſo harte Strafe für einen ſo natür⸗ lichen Ungehorſam?— Wie lang wird mir nun die Zeit bis zum nächſten Poſttage werden! O, könnte ich die Zwiſchenzeit verträumen, um der peinlichen Unruhe zu entfliehen, die mich martert! Niemals fühlte ich mich von Furcht und Qual ſo geängſtigt als heute! Ich vermag nichts anderes — 56— zu denken, als an ihn und ſein Stillſchweigen! Verzeihung daher meinem unzuſammenhängenden Schreiben. Freitags darauf. Gott des Himmels, wie iſt mir!— Man hat mich faſt bewußtlos auf mein Zimmer gebracht: — die Kniee zittern mir, meine Zähne ſchlagen fieberhaft aneinander; ich vermag kaum die Feder zu führen, um Ihnen den Vorgang der letzten Stunden zu erzählen.— O, Richardis, ich habe alles verloren, wie er es auch verbergen will. Der gräßliche Riß, der in meiner Bruſt geſchah, als ich ſeine Worte las, hat mir das geſagt.— Die Münter hatte mich in eine Abendgeſellſchaft gezogen, um mich, wie ſie ſagte, zu zerſtreuen. Das Haus lag zu meinem Troſt dem Poſt⸗Amte gegenüber; ich konnte, da mit jeder Stunde die Poſten einlaufen konnten, ſogleich hinüberſchicken, um nach einem Briefe zu fragen. Es wurde bis ſpät Abends in der Geſellſchaft getanzt.— Ich trat einigemal aus der Reihe der Tanzenden, in der ich mich mechaniſch bewegt hatte, hinaus auf — 52— den Balkon, welches heute der einzige intereſſante Gegenſtand für mich war.— Endlich, es war ſchon dunkel, ertönte das Blaſen des Hornes:— ich ſehe den ſchweren Poſtwagen vorüberrollen: wie⸗ viel Freuden konnten in ihm verborgen ſein,— warum ſollte ich allein leer ausgehen?— Ich ſen⸗ de meinen Bedienten ab,— ich harre, trotz der Warnung der Uebrigen auf dem Balkon im ſchnei⸗ dendſten Zugwind, bis der Bote zurückkömmt.— Er hat einen Brief in der Hand:—„Gottlob!“ rufe ich, und will ihm entgegengehen, aber ich vermag mich nicht von der Stelle zu bewegen, meine Füße ſind mir ſteif geworden; ich lächle über die Wirkung meiner Freude, und harre geduldig, bis man mir den Brief bringt.— Ich reiße das Couvert auseinander; niemand beachtet mich: ich kann bei dem Flattern einer nahen Lampe die Schriftzüge erkennen.— Aber, o Gott, wer ſchil⸗ dert meinen Schreck, als ich meinen eignen Brief unentſiegelt hervorziehe. Starr vor Entſetzen, hal⸗ te ich ihn in meiner Hand, mein Auge auf die eigne Handſchrift gerichtet.— Ich durchſuche auf's Neue das Couvert, und finde einen Zettel, uule⸗ ſerlich geſchrieben, aber doch deutlich genug, um Nordens Hand zu erkennen; er lautete, wie folgt: „Comteſſe! ich glaube dem Wunſche Ihres Herrn Vaters zuvorzukommen, indem ich eine — 58— Correſpondenz aufhebe, die nur dem Lehrer er⸗ laubt war, und die daher mit dem Augenblicke ſchließen mußte, in welchem er ſein Lehr⸗Amt als gänzlich aufgehoben anſehen konnte. Ich bin Gott⸗ lob vollkommen geneſen, und wünſche Ihnen mit aufrichtigem Herzen ein Gleiches.“ Norden. Ich durchlas dieſe Zeilen zwei⸗, dreimal: mir wurde es immer dunkler vor den Augen: meine Hände zitterten ſo heftig, daß ich den Brief nicht mehr halten konnte,— kaum hatte ich noch Kraft, da ich Tritte kommen hörte, ihn in meinem Buſen zu verbergen.—„Angela“, rief die Münter, „mein Gott, Comteſſe, wie dürfen Sie es wagen, ſo lange in der Kälte zu verweilen? Sie waren erhitzt!“— Sie trat zu mir:„was fehlt Ihnen, Comteſſe, Sie zittern, ſind Sie krank?“— Mehr hörte ich nicht. Ich mußte in dem Zuſtand gänz⸗ licher Betäubung in den Wagen gebracht worden ſein. Meine Beſinnung kehrte erſt wieder, als ich ausgekleidet auf meinem Bette lag.— Ich habe den Augenblick heller Beſonnenheit benutzt, um Ihnen dieſes zu ſchreiben, weil ich fürchte, das Uebel iſt mit dieſem Anfall nicht abgethan!— Norden hat mir einen Dolch in den Buſen ge⸗ bohrt,— vielleicht ohne Wiſſen, aber die Schmer⸗ zen werden lange fortdauern,— das fühle ich an . — 6— der gebrochenen Kraft meiner Seele, an der Ohn⸗ macht, mit der ich ſeine Handlungen zu entſchuldi⸗ gen vergebens bemüht bin! Gott gebe mir nur noch einmal Geneſung, daß ich nach Breiſach rei⸗ ſen kann, um mich von ſeinen Geſinnungen gegen mich zu überzeugen. Beten Sie, o beten Sie für Ihre unglückliche Angela. — 60— Hundertfünfundzwanzigſter Brief. Wotoch, Graf Ordeck, an R. Aus der Reſidenz, im Juli 18 4. Es it eine tiefe Trauer über mein ſonſt ſo fröh⸗ liches Herz gekommen, mein Freund; ich ſehe, wo⸗ hin ich blicke, Argliſt, Bosheit und Falſchheit, und ohne die Netze, die ſie ausgeſponnen, ohne ſie noch deutlich zu erkennen,— und ſie, die ich ſo unaus⸗ ſprechlich liebe, wandelt ſo unbefangen, wie ein ſelig⸗lächelndes Kind darüber hin, ohne daß ein Verdacht in die reine Seele käme, weil ſie ganz Unſchuld,— ganz Vertrauen iſt!— O, ſie iſt 4 ein Engel„ der von der eignen Vortrefflichkeit ge⸗ blendet, den rechten Maasſtab nicht kennt, nach dem man den Menſchen und ſein liſtiges Handeln und Treiben beurtheilen kann. Soll ich ſie war⸗ nen,— ſoll ich ihr den roſigen Schleier vom Ant⸗ litz ziehen, durch den ſie die Welt und ihre Ge⸗ — 6— ſchöpfe ſo hold, ſo anziehend erblickt?— O, darf ich denn?— ſoll ich der Erſte ſein, der ihr den ſchönen Traum entführt, der ihr noch aus den Jahren der Kindheit treu geblieben iſt, und der ſie darum den Bewohnern des Himmels, wie ſie unſere Phantaſie ſich erſchuf, ſo gleich macht, weil ſie den Ernſt höherer Einſicht mit der frömmſten Einfalt verbindet, die unbekannt mit den Irrge⸗ winden menſchlicher Liſt überall den Himmel ſieht, der aus ihr ſelbſt hervorſtrahlt? Angela ließ mich vor kurzem zu ſich entbieten. Ich fand ſie allein;— ſie eilte mir mit dem herz⸗ . lichen Vertrauen ſchweſterlichen Wohlwollens entge⸗ gen.— Ich mußte mich zu ihr ſetzen; ſie nahm meine Hand, ſie hatte mir, wie ſie ſagte, eine wichtige Sache zu übertragen.— Solche Augen⸗ blicke, o, mein Freund, ſind die ſchwerſten Prü⸗ fungen für die Reinheit meines Gefühls. Unwill⸗ kührlich zieht es mich, wenn ich in ihrer Nähe bin, zu ihren Füßen nieder, um das glühende Leben meiner Seele in Thränen und Worten. vor ihr auszuſtrömen. Der Kampf meines Herzens macht dann, daß ich kaum zu verſtehen vermag, was ſie mir ſo mild und freundlich ſagt, bis das empörte Gefühl von dem Bruder⸗Namen und dem zuver⸗ ſichtlichen Blicke der Holden beruhiget, bereit zum Schweigen, zum Dulden, zum Aufopfern, ach! zu — 62— Allem iſt, was die Liebliche in ihrer Unſchuld ver⸗ langt.— Diesmal galt der Auftrag, den Angela für mich hatte, der Rechtfertigung einer verkann⸗ ten, hart verläumdeten Frau:— Hermine von Bören gehört unter die Anzahl der Frauen, die ich ſorglicher beachtet, weil ſie von Angelen als Freundin geſchätzt wird.— Ich glaube ihren Cha⸗ rakter zu kennen, und nahm ich es gleich etwas ſtrenger mit demſelben, als die gütige, alles ent⸗ ſchuldigende und mild erklärende Angela, ſo bin ich doch überzeugt, daß Uebermuth allein, nicht ein Vergehen, deſſen man ſie fälſchlich anklagt, ihr das harte Schickſal zugezogen hat, unter deſſen Druck ſie jetzt leidet. Ich ließ mich zu Allem wil⸗ lig finden, was Angela verlangte, ich gelobte ihr unaufgefordert mein thätiges Mitwirken, und im Fall der Noth meinen Degen für die tückiſchen Verläumder. Sie legte ihre Hand auf die meine, indem ſie, ſichtlich erſchrocken, bat, des letzten Ver⸗ ſprechens ja nicht zu gedenken. Sie erzählte mir mit kindlicher Freude, wie ſie bereits den Grafen Malvi für dieſelbe Sache gewonnen, und wie nun mit Gewißheit ein gerechter Ausgang derſelben zu erwarten ſei.— Ich fühlte eine brennende Gluth in mein Geſicht ſteigen. Dieſer Malvi iſt mir in tiefſter Seele verhaßt, wegen der teufliſchen Liſt, die in ſeinen Zügen lauert. Was ſollte ihm das Vertrauen Angelens, wie konnte ſie von ihm, der nur ſich ſelbſt im Auge hat, eine ſolche Verläug⸗ nung ſeiner ſelbſt erwarten?— Ich konnte ihr meinen Unwillen nicht verbergen: er brach hervor, mehr als es vielleicht Recht war, denn ich ſah, daß ich die ſanfte Seele betrübt und verletzt hatte. Sie entſchuldigte, ſie vertheidigte ihn, ſie bat mich, nicht vorſchnell zu urtheilen, und ruhig abzuwarten, ob er das Vertrauen, das ſie ihm bewieſen, rechtfertigen würde. O, mein Freund, wie heilig, wie rührend iſt die Zuverſicht der Un⸗ ſchuld! Ich mußte verſtummen vor ihr, weil ich keinen Grund für mein Mißtrauen gegen den Grafen, als die mir natürliche Abneigung angeben konnte, und mich dieſer zum erſtenmal ſchämte, weil ſie ſolche ungerecht fand.— O, möge die Zeit mir niemals in dieſem Punkt Recht geben, aber mir ahnet zu oft, daß es nicht ausbleibt, und daß Angela durch ihn zuerſt aus ihrem ſchönen Wahn erwachen wird. Ich theile dieſen meinen tiefſten Kummer mit Norden, dem beſorgten Freun⸗ de der Comteſſe.— Die Natter iſt um ſo gefähr⸗ licher, je vorſichtiger ſie heranſchleicht, man kann die verborgene nicht eher auf's Haupt treffen, bis ſie ihre Beute umſchlungen hat, und der Stich ſchon geſchehen iſt. Mir bangt vor Angelen, ohne daß ich ihrem Herzen mißtraue, oder für die Feſtigkeit ihrer Grundſätze zittere. Sie wird nicht ſinken, das weiß ich, aber ſie kann unterge⸗ hen.— Gibt es nicht Beiſpiele, daß Gemüther wie das ihre, zugleich mit ihrem Jugendtraum hin⸗ ſterben? O, das Unglück hat tauſend Wege zu einem unbewachten Herzen! und ich vermag es ja nicht, ihr meine Bruſt zum Schilde zu bieten!— Eine drückende Todtenſtille ruht über den Tagen der Gegenwart. Ich reiße mich aus meinen düſtern Vorſtellun⸗ gen, indem ich mich mit Eifer bemühe, der Wahr⸗ heit auf die Spur zu kommen, deren ich vor Allen bedarf, um Herminens Sache mit Erfolg zu füh⸗ ren. Die Comteſſe hat mich auf die Spur gewie⸗ ſen, und ich habe bereits Mittel in der Hand, die überzeugend genug ſind, um die Verläumdung zu widerlegen. Ich werde nun noch die Quelle aufſuchen, aus der jenes unwürdige Gerücht her⸗ vorging, habe ich dieſe einmal entdeckt, ſo bedarf es ja nur eines kräftigen Fußtritts, um ſie auf immer zu verſchütten. Der beſſere Theil des Publikums iſt bereits auf meiner Seite, und die Fürſtin ſelbſt intereſſirt ſich für mein Bemühen. Ich will dem Grafen Malvi den Preis des ritterlichen Geſchäfts entrei⸗ ßen! Angela ſoll ihm zu keinem Dank verbunden ſein! Zu meinem Vortheil iſt er verreiſ't, und — 65— läßt, wie immer, ſich Zeit zur Vollbringung des Guten. O, mein Freund, warum haben meine Vor⸗ ſtellungen von ihm ſo viel Gehäſſiges? Ein Haß, ſo lange er nur auf Vermuthungen beruht, iſt ein fündlicher, und ich unterliege täglich mehr dieſer innern Schuld! Ich beneide die Worte, die Blicke, die Angela ihm zuwendet, und habe doch keine Rechte auf ih⸗ ren Beſitz, ach, keine Hoffnung, ſie je mein nen⸗ nen zu dürfen. Ich vertiefe mich oft in das Nachdenken über mein Schickſal.— Von Jugend an war eine tiefe unausſprechliche Sehnſucht mein Theil.— Ich glaubte den Durſt meiner Seele zu ſtillen, indem ich von Land zu Land zog, jeden Genuß koſtete, mich in jeder Kunſt, jeder Wiſſenſchaft verſuchte, — aber nirgend fand ich den Himmel, nach dem mein Buſen verlangte.— Da ſah ich ſie,— und das Räthſel meines Daſeins war gelöſ't. Aus ih⸗ ren Augen leuchtete der Strahl, der, meiner Seele verwandt, ſie allein zu ergänzen vermochte.— Nur bei ihr war die Heimath, nach der ich verge⸗ bens die Welt durchirrt, bei ihr die unſterbliche Schöne, die ich in Klängen, Farben und Geſängen ſehnſüchtig aufgeſucht hatte. Ich vermag es mir nicht auszuſtreiten, daß ſie mir gehört, daß ſie mir — 66— von Erd und Himmel beſtimmt war.— Unabläſ⸗ ſig, wie der Schatten ihrer Geſtalt, bin ich an ihre Nähe gebunden, obgleich meine Hoffnungen alle zertrümmert ſind.— Ich weiß, daß mein Le⸗ ben ihr Eigenthum iſt, und daß uns ein Band verbindet, das wenn auch von ihr noch nicht an⸗ erkannt, ſich gewiß in Zukunft ihr deutlicher ent⸗ hüllen wird. O, welch' ein reiner Himmel liegt in dieſer Vorſtellung! Was gilt denn der Augen⸗ blick Zeit, in der Rechnung der Geiſter?— O, mein Freund, wie iſt das Leben ſo kurz und nich⸗ tig, und wie iſt die Liebe ſo gottverwandt, feſt, allmächtig und beſtändig!— Wahrlich, keiner ver⸗ ſteht das Glück der Unſterblichkeit, der nicht die Liebe gekannt. Sie allein ſteuert freudighoffend auf das ſchrankenloſe Meer hinaus, denn ſie weiß, ſie geht dort nicht unter!— Lebe wohl! Hundertſechs undzwanzigſter Brief. Norden anu Walter. Breiſach, im Juli 186**. Du biſt bekümmert um mich? Sei es nicht mehr, mein biedrer ſorgender Freund! Ich bin geneſen, ſo gänzlich geneſen, daß ich nunmehr mit hellem Blicke den langen Irrthum zu überſchauen vermag, dem nur zu lang meine leichtempfängliche Phantaſie unterlag. Welche Kälte überfiel mein Gemüth, als dieſe Nebel zerrannen! Schmerzlich zuckte mein Herz bei der Berührung des Lichtes, aber es iſt an Narben gewöhnt, und überſtand auch die Wunde. Leicht ſank nunmehr das Band, das mich an ſie gefeſſelt;— ja, es ſank von ſelbſt, als ich ihr Weſen erkannte.— Nur ein Band konnte zwi⸗ ſchen uns beſtehen, und dieſes eine, das mich, war es ächt, auf immer mit ihr vereint hätte: es — 6— war ein verfälſchtes, der Wahrheit künſtlich nach⸗ gebildetes, nicht in Gott und ſeiner Wahrheit be⸗ ſtehend,— deshalb vernichtete es ſein Gebot. Ein Brief von Angelen leitete bereits das Dunkel ein, das meine Freuden begraben ſollte. Ich verſchwieg Dir dieſen, weil ich mich noch im⸗ mer an die Hoffnung klammerte, es ſei ein Blend⸗ werk, welches früher oder ſpäter vor meinen Augen zerrinnen müſſe. Sehr fein bereitet ſie mich in demſelben auf eine Neigung vor, die Du ſchon früher entdeckteſt; ja, ſie ſchmückt dieſe, um ſie mir begreiflich zu machen, ſogar im voraus mit den edelſten Motiven aus;— o, über die Macht der Hölle und ihr liſtiges Umgarnen!— Noch ſtritt ich mir ſelbſt dieſe Entdeckungen aus. Ich wollte zu ihr, ſie befragen, von ihr ſelbſt die Erklärung dieſes Briefes verlangen:— Da kommt er ſelbſt, dieſer Malvi, um mich dieſer Mühe zu überheben; ich höre es ausſprechen, was ich nur dunkel geah⸗ net, ich ſehe mit Augen, was ich mich zu denken geſcheut: das Höchſte herabgewürdigt zu dem frevelnden Spiel der Koketterie, das Gedicht ihm als Liebespfand gegeben, das ſie einſt zum Leitſtern ihres Lebens erkor.— Walter, — da ſank er hinab, der ſchmeichelnde Traum, dem ſo lange meine Seele gehuldigt! Da ſah ich ihn zerrinnen— verſchweben, gleich andern Gau⸗ —,— kelbildern’, die ein früherer Wahn gebar,— da ſtand ich wieder verarmt, allein im weiten All, zum Drittenmale verwaiſt,— o, was ſage ich! mehr als verwaiſt, entzweit mit mir ſelbſt, mit dem Leben,— verletzt, beleidigt in Allem, was das Menſchenherz Heiliges hat. Schaudernd über⸗ blickte ich die dämoniſche Gewalt der Verführung; bekämpfte die Blendwerke meiner Phantaſie, und begrub eine Liebe, die nur ihrem beſſern Selbſt galt, und mit dieſem dahin ſinken mußte.— Wer war ſie, daß ſie mit mir ſo lang ihr leicht⸗ fertiges Spiel treiben durfte?— Lag dieſes leicht⸗ gläubige Herz ſo offen vor ihr, daß ſie es furcht⸗ los wagen konnte, ihm ihre Gaukelbilder zu bie⸗ ten? Hinweg mit jeder Erinnerung, die mich an ihr Vergehen und meine Schwäche mahnt!— Ein Augenblick wie jener iſt genug, um uns über jah⸗ relange Heuchelei zu belehren! Fortan falle ein ewiger Schleier über dieſe Zeit. Unüberſteiglich iſt die Kluft, die ſich zwiſchen ihr und mir geöff⸗ net hat; wir ſind für immer geſchieden! Von der Höhe des Idealen herabgeſtürzt, blicke ich nunmehr heller und klarer in der Wirklichkeit umher. Was mir früher mein Gewiſſen nicht erlaubt, ſteht, ſeit jener Traum zerfiel, bei der vollkommenen Freiheit meines Gemüthes,— erreichbar, ja, willkommen wie eine theure Pflicht vor meiner Seele.— Dieſes, dem Tode auf's Neue abgewonnene Leben, wem könnte es fortan gehören, wenn ſie es nicht wäre, die es mir, alle Rückſichten gegen ſich ſelbſt in beiſpielloſer Aufopferung vergeſſend, durch die treuſte, ſorgfältigſte Pflege erhielt?— Ja, Walter, Thereſe Wallburg iſt meine Verlobte! Dankbar⸗ keit— Hochachtung knüpfen mich unauflöslich an ſie, und freundlich hat ſie über mein Geſchick ent⸗ ſchieden.— Erſt bebte ich, als ich jenes Wort ausſprach, das jenes ſanfte Geſchöpf für immer an mein dunkles Daſein knüpfen ſollte,— doch bald wurde mein Muth durch eine Entdeckung ge⸗ hoben, welche mich ahnen ließ, daß ein höherer Wille auch hier über mein Schickſal entſchieden hatte. Höre, mein Freund, und ſtaune!— The⸗ reſe iſt die Tochter Johanna's, jenes Weibes, das den erſten ſchmerzlichen Dorn in mein Leben warf. Dieſes ſeltſame Verhängniß erſchütterte mich tief, aber befeſtigte um ſo mehr meinen Entſchluß. Thereſe bat, ihre Mutter zur Verſöhnung in mei⸗ ne Arme führen zu dürfen,— aber dies, o Wal⸗ ter, vermochte ich noch nicht!— Ich bat, ihr ſchriftlich meine gänzliche Verzeihung zu verſichern, und verſchob ein ſo ergreifendes Wiederſehen auf ſpätere Zeit. Du ſiehſt nun Deinen Wunſch erfüllt! Gebe Gott, daß ich das ernſte Loos Thereſens mit der — 11— Zeit mehr zu erleichtern vermag, als ich es jetzt bei der Stimmung meines Gemüthes im Stande bin. Daß Thereſe jedes Glückes würdig iſt, be⸗ weiſt die Ausdauer, die ſie bisher gezeigt, wie der ſchöne Gedanke, die Schuld der Mutter durch ihre Tugenden zu tilgen. Mein Fritz iſt in Thereſens Schutz wohl ge⸗ borgen. Das ſinkende Leben ſeines Vaters wird nicht weit hinausreichen, und dies war es, was mächtig dazu beitrug, meinen Entſchluß zu be⸗ ſtimmen! O Walter, vermöchte ich Thereſen glücklich zu machen, ſie, die meinen vollen Dank, meine volle Verehrung verdient!— Mein Glück, wenn es nach dieſem Sturm noch einmal aufzukeimen vermag,— kann nur in der Nähe dieſes ſanften, reinen Weſens gedeihen.— Und nun noch die Bitte, mein Freund! er⸗ wähne nie eines Namens, der fortan auf ewig für mich verklungen iſt. Ich bedarf vor Allem der Ruhe,— und dieſe liegt nur im ganlichen Ver⸗ geſſen!— Lebe wohl! Hundertſiebenundzwanzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Juli 18 n. Ich lebe noch, Richardis!— ich lebe,— ohgleich der Kern meines Lebens für immer getödtet iſt!— — Ich bin in Breiſach geweſen, ich habe ihn ge⸗ ſehen,— er ſchritt wie der Todesengel finſter ſchweigend an mir vorüber, als er die Kirche ver⸗ ließ, wohin ich geflüchtet war.— Ein ernſter kal⸗ ter Gruß, als er bei mir vorüberkam,— kein armſeliges Wort, das mir einen Tropfen erquicken⸗ den Troſtes in die dürſtende Seele geſenkt hätte. Ich hatte mich dem Altar gegenübergeſetzt,— ich vernahm ſeine Stimme,— aber ſie war nicht mehr die milde, wie ſonſt! Seine Worte waren gewaltig, erſchütternd,— ſie klagten die tiefen Verirrungen eines von dem Heiligen im Leben — 73— geſchiedenen Gemüthes an,— und glichen dem Schwert der beleidigten Gerechtigkeit, das flam⸗ mend über zertrümmerte Welten blitzt. Ich horchte ängſtlich und angeſtrengt, ſo daß ich kaum Thereſen bemerkt hatte, die bald am An⸗ fang ſich ſtill an meine Seite ſetzte. Als der Ge⸗ ſang begann, wurde ich erſt aufmerkſam auf ſie. Sie ſah ernſter wie ſonſt aus, doch bot ſie mir mit Artigkeit ihr Buch, da ich keines bei mir hatte. Ich verſuchte es, mit ihr zu ſingen, doch verſagte mir oft die Stimme ihren Dienſt. Thereſe ſang mit klarer, ruhiger Stimme den einfachen Kirchen⸗ geſang. Ich betrachtete indeß das glückliche Ge⸗ ſchöpf, wie ſchön kam ſie mir in dem Augenblick andächtiger Erhebung vor. Ach, die Ruhe einer vollkommenen Zufriedenheit lag auf ihrer Stirn, während mein Herz unter den unſäglichſten Qualen litt. Sie mochte es bemerken, daß ich ſie anſah; ſie glaubte, ich habe den Vers verfehlt, und erhob die Hand, um mir die rechte Strophe anzudeuten. Da erblickte ich,— o Gott, Richardis! da er⸗ blickte ich an einem ihrer Finger den Ring, den ich damals dem armen Mädchen gegeben, den Ring, den Norden um ſo hohen Preis erſtanden hatte. Unwillkührlich zuckte meine Hand, doch ich bezwang mich, und hielt die Frage zurück, die dieſe Entdeckung mir abpreſſen wollte. Ich ſah ja, es Angela IV. 4 — 174— war alles verloren, ich vergeſſen, warum? O Gott, wer vermag das zu ergründen?— Mein Vater, ſo unzufrieden er anfänglich über mein unerwartetes Erſcheinen war, wurde, da er mich ſo blaß und hinfällig ſah, nachſichtiger gegen mich. Ich verſchwieg ihm den wahren Grund meines Kommens aus Furcht, er würde mich in meiner Freiheit beſchränken, und ließ ihn glauben, mein Uebelbefinden habe dieſe Zerſtreuung noth⸗ wendig gemacht. Ich bewog ihn einigemal, Norden herüber zu bitten, aber dieſer hatte immer eine Entſchuldigung, unſere Einladung abzulehnen, ſo daß ich ihn binnen der Zeit, die ich in Breiſach zubrachte, nur während dem Gottesdienſt zu ſehen bekam. Ermüdet von den peinlichſten Vorſtellun⸗ gen, Muthmaßungen und Qualen aller Art mußte ich mich endlich entſchließen, ohne die geringſte Be⸗ ruhigung meinen Weg in die Reſidenz zurückzu⸗ nehmen. Welch ein Zuſtand, o Richardis, in welchem ich mich jetzt befinde!— Todtmüde an Körper und Geiſt, unfähig einen andern Gedanken zu faſ⸗ ſen, als den meines Unglücks, und dennoch bela⸗ gert von Beſuchen, die ich nicht abwehren kann, bis mich der Arzt zur Ruhe verweiſen wird. Daß dies nicht lange ſo dauern kann, weiß ich gewiß. Meine Kräfte verzehren ſich ſichtlich und meine Jugend wird mich nicht retten. O, meine Freun⸗ din, leben Sie wohl! Hundertachtundzwanzigſter Brief. Thereſe Wallburg an ihre Mutter. Breiſach, im Juli 18*“. Ich beuge vor Ihnen mein Haupt, um Ihren Segen zu empfangen! Ja, ſegnen Sie mich, meine Mutter, ich bin Nordens Verlobte, ſobald Sie Ihre Einwilligung geben. Er hat ſich mir völlig vertraut. Manch' ſchweres Leiden hat an ſeinem Leben genagt, er glaubte mir ein Herz, das mit ſeinen Narben ſich zugleich in ernſter Strenge für jede Freude geſchloſſen hatte, nicht bieten zu dürfen, und geſtand mir, daß er ſeinen Entſchluß nur allein der zarten Sorge für meinen Ruf verdanke, der, trotz der Tadelloſigkeit meines frommen Werkes, von böſen Menſchen angefeindet werden könnte. Er ſtellte mit väterlicher Güte mir alle Schwierigkeiten vor, die ein ſo ernſtes Loos als das, welches mich an ſeiner Seite er⸗ 1 warte, bei meiner Jugend mit ſich führen dürfte, er malte mir ſeinen Charakter abſichtlich finſterer und ſtrenger, als ich ihn kenne, um ſich vor dem Vorwurf zu bewahren, mich zu einem Schritt ver⸗ leitet zu haben, den ich ſpäter bereuen könnte. Ich hörte ihm mit Ehrfurcht und Bewunderung zu. „Wozu dieſe nur allzugewiſſenhaften Vorſtellun⸗ gen?“ wollte ich ſagen:„iſt nicht mein Glück in Ihrer Zufriedenheit allein bedingt?“— Aber ich vermochte es nicht zu ſprechen. Ich beugte mich ſchweigend auf ſeine Hand, ich benetzte ſie mit meinen Thränen; ich belohnte ſein Vertrauen mit dem meinen, ich geſtand ihm unſern wahren Na⸗ men, alles, alles!— Er wurde erſt ſehr ernſt und nachdenkend, bald aber freundlicher, als er Ihren Wunſch erfuhr, ihn durch das fromme Be⸗ ſtreben Ihres Kindes zu verſöhnen.— Er ſagte mir, wie dies nichts an ſeinem Entſchluß ändere, wie er fortan die Mutter verehren müſſe,— die, — o, wie ſoll ich es denn ſagen?— die eine ſo brave Tochter erzogen habe.— Er bietet Ihnen den Frieden vollkommener Verſöhnung, und hofft mit der Zeit ein Wiederſehen,— welches jetzt ſein kränkelnder Zuſtand ſeinem Wunſch noch verbietet. O, meine Mutter, verweigern Sie uns Ihre Einwilligung nicht! Norden wird ſelbſt an Sie ſchreiben, ſeinen Wunſch an Ihr Herz legen. 78— Sehen Sie denſelben als den meinen an, und bedenken Sie, daß, indem Sie ihn erfüllen, Sie das Glück Ihrer Tochter gewiß auf immer begrün⸗ den!— Mit Ungeduld ſehe ich Ihrer Entſcheidung entgegen! Daß ſie eine gütige iſt, dafür bürgt mir Ihr liebendes Herz!— Glauben Sie nicht, daß ich irgend einen Wunſch hegen könnte, der nicht in den Schranken eines ſo ſtillen häuslichen Seyns erfüllt werden dürfte!— Ich bedarf nichts zu meiner Zufriedenheit, als einen ehrenvollen Platz in der menſchlichen Geſellſchaft, wo mir ver⸗ gönnt iſt, fromme Pflichten zu üben, und das volle Vertrauen eines ſo edeln Mannes, den ich von ganzer Seele verehren und hochſchätzen kann. Der Friede, der bisher in meinem Herzen war, wird hier, unbedroht von den Gefahren der Welt, in ſtiller Eingezogenheit unter der Obhut meines würdigen Beſchützers fortbeſtehen. Sein Sohn, den ich mit Sorgfalt erziehen werde, wird ein Band ſein, das ihn mit der Zeit immer liebender mir zuneigen ſoll; und gelingt es mir endlich, ſein Gemüth wieder zu öffnen, und es dem Leben in ſchönerer Freudigkeit zuzuwenden: was könnte das Leben dann noch bieten, das Glück Ihrer Tochter zu erhöhen! Leben Sie wohl, meine Mutter! Hundertneunundzwanzigſter Brief. Wotoch, Graf Ordeck, an R. Aus der Reſidenz, im Juli 18** O, unerhörte Verläumdung! So eben komme ich von Angelen, und eile, Dir noch einige Worte zu ſchreiben, bevor ich mich mit dem Böſewicht ſchlage. Wo nehme ich Geduld her, Dir zu erzäh⸗ len, wie ich endlich hinter ſein wahres Geſicht kam, wie ich allmählig die Liſt entdeckte, mit der der gefährlichſte aller Teufel, jener Malvi, die harm⸗ loſe Angela zu ſeiner Beute zu machen gedachte, und ihr, um deſto ſicherer zu gehen, ihr theuerſtes Kleinod auf Erden, das Herz ihres Lehrers, auf immer entfremdete. Er buhlte um ihre Gunſt, das wußte ich längſt, er buhlte um ſie, nicht weil er liebte,— wie könnte er lieben?— nein, weil ihr Beſitz ſeine Eitelkeit lockte, weil er nach den Huldigungen, nach der Bewunderung geizte, die der Liebenswürdigen überall dargebracht wird. Sein Falkenauge erſpähte Angela's zartes Verhält⸗ niß zu Norden, er ſah, daß er nichts zu hoffen hatte, ſo lange dieſes beſtand, er war vielleicht eitel genug zu glauben, daß dies das einzige Hin⸗ derniß ſei, welches ihm im Wege ſtehe, daher bot er alles auf, um es auf immer zu zerſtören. Sein Scharfſinn, der ihm ſtets bei ähnlichen Plä⸗ nen zu Gebote ſteht, erſpähte ſogleich das ſicherſte Mittel. Er wußte, daß Angela's kindliches Herz in ſeiner einfachen Klarheit zu ſicher ſtand, um es in ſeiner Neigung zu erſchüttern, er mußte Nor⸗ dens Vertrauen wankend machen, ſeinen Stolz mit ſeiner Neigung in Conflikt bringen, um den Sieg zu erlangen, den er wünſchte.— Ein Gedicht, das Angela von Norden erhalten, und in jugend⸗ licher Uebereilung dem Grafen mitgetheilt hatte, war das Mittel, deſſen ſich der Schlaue bediente, ſich der Gunſt der Comteſſe in Nordens Gegen⸗ wart zu rühmen. Nordens Glaube an Angela, der ſchon früher durch manchen Wink, manche Ver⸗ muthung erſchüttert war, brach in dem Augenblick gänzlich zuſammen, als er ſich von Angelen verra⸗ then, das Pfand ſeiner höchſten Achtung zum leicht⸗ ſinnigen Spielwerk dieſes verächtlichen Spötters herabgewürdiget ſah.— Mit kalter Ruhe verwies er ihr Andenken aus ſeiner Bruſt.— Ich fand —,— õ — 81— ihn verlobt, und vermochte Angelen, die unbekannt mit dieſem Mißverſtändniß, auf's ſchmerzlichſte bei ſeinem veränderten Betragen litt, keinen Troſt zu bringen, als die Auseinanderſetzung der teufliſchen Intrigue. Nur wenig Worte von ihr, und ſie ſtand im vollen Glanz reiner Unſchuld, der Graf in ſeiner ganzen hölliſchen Geſtalt vor mir da. Ha, wer die Tugend ſelbſt mißbrauchen, und ihr heiliges Panier zum Feldzeichen des Laſters machen kann, der iſt reif für das Schwert der Rache! Angela und Hermine! Das ſind die Worte, mit denen ich den Grafen herausfordern will, denn, wiſſe, auch hier iſt er ſchuldig. Er iſt der Erſte geweſen, der Herminens Ehre ange⸗ feindet hat, die Quelle, die ich zu verſchütten ver⸗ ſprach. Ich eile ſogleich ihn zu finden!— Ich bin juſt in der Stimmung, deren ich zu einem ſolchen Gange bedarf, und denke die Sache der Frauen mit Ehren zu führen.— Ich werde den Brief noch nicht ſchließen, bevor ich den Grafen geſprochen habe.— Ich habe Dir noch einiges zu ſagen, zu dem mir jetzt wahrlich die Ruhe fehlt. Lebe indeß wohl. . Am Abend. Der feige, abſcheuliche Böſewicht! Er ver⸗ ſuchte zu läugnen, er wollte mit hämiſcher Freund⸗ lichkeit die Sache zu beſeitigen ſuchen,— zum Glück waren einige Offiziere zugegen. Seine Ehre wäre verloren geweſen, wenn er den Schimpf ru⸗ hig ertragen hätte, den meine Anklage in Anwe⸗ ſenheit dieſer auf ihn lud. Der folgende Morgen iſt zu unſerm Gange beſtimmt, die beiden Herren werden Sekundanten⸗Stelle bei uns vertreten.—— Ich habe auf alle Fälle gedacht, und meine Sachen und Papiere in Eil geordnet. Mein Ad⸗ vokat ſah mich verwundert an, als ich in der Blü⸗ the der Jugend und mit lächelnder Ruhe ihn mein Teſtament zu berichtigen bat. Ich gehe nun in der feſten Zuverſicht meinem Schickſal entgegen, die ſtets die gute Sache mit ſich bringt.— Gern drückte ich Dich noch einmal an meine Freundesbruſt ehe ich hinausgehe!— Wir haben uns immer geliebt und verſtanden, miß⸗ verſtehe mich daher auch jetzt nicht, wenn ich Dir ſage, daß, wie auch mein Loos falle, es gewiß das glücklichſte für mich iſt!„ Die Nacht rollt ihre Schleier herab, ich werde nun meine Flöte nehmen und noch einmal unter —— —— „ Angela's Fenſter treten.— Sie weiß nichts von meinem Vorhaben, und wird um meinetwegen nicht im Schlummer geſtört werden. O, gebe ihr der Himmel ein heiteres Erwachen und viele heitere und glückliche Tage! Leb' wohl, Angela, und auch Du, mein Geliebter! Lebe wohl! Hundertdreißigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Juli 18“*, O, weinen Sie mit mir, Richardis! beweinen Sie den ſchönen Traum meiner Liebe!— Wo iſt der Mann, den ich mit ſeliger Schwärmerei zu den Engeln erhob, der Mann, ſo feſt an Glauben und Kraft des Willens?— Ich finde ihn nicht mehr, wohin ich auch blicke!— Die ſonnige Höhe ſteht leer, zu der ich ihm nachſtrebte, und meine. Liebe irrt in der Unendlichkeit umher, verwaiſt, verlaſſen, ein heimathsloſer Traum.— Der Menſch unbarmherzig gegen den Menſchen! O, das iſt unter allen Dingen das entſetzlichſte, das unglaublichſte, das unnatürlichſte!— O, hört es nicht, ihr Sterne, und du, bleicher Mond, tritt in deine Wolke zurück, wenn ich klagen muß über —.,—— 85— ihn, ihn, den ich vor allen achten und lieben ge⸗ lernt!——. Ich glaubte, er kannte mich ganz, wie der Meiſter, der Jahrelang ein Gemälde ſtudirt, ſei⸗ ner Licht⸗ und Schattenſeiten vollkommen kundig iſt.— Aber ich täuſchte mich, als ich ſo dachte.— Seine Liebe, ſein Glaube an mich war nicht ächt, denn ſein Stolz überwältigte beide im Augenblick, da das Mißtrauen über ihn kam.— Er entſchied in den Tagen krankhafter Reitzbarkeit das Geſchick dreier Menſchen;— Richardis,— Er verlobte ſich(um mich auf immer aus ſeinem Herzen zu reißen) mit Thereſen!—— Gott verzeihe ihm, wie ich ihm, dem Unglück⸗ lichen, verzeihe! O Richardis, wer das Vertrauen an das Edelere im Menſchen verlor, iſt mehr zu beklagen, als der, dem das liebſte, das theuerſte Gut auf Erden entzogen iſt!— Ihm fließen mei⸗ ne Thränen, ihm, der ſo leicht der Verläumdung. unterliegen konnte, nicht mir, die von der allmäch⸗ tigen Liebe und dem ewigen Glauben gehalten, auch über das Grab vertrauungsvoll hinausblickt, weil ich dort meine Heimath weiß! Graf Ordeck verklagt den Grafen Malvi, und nennt ihn den Urheber meines Unglücks. Er hat mit jenem Gedicht vor Norden geprahlt, welches ich ihm, wie Sie wiſſen, gegeben, und dies war 8 W 4 — 86— die Urſache, warum mich mein Lehrer verurtheilte. — O, wenn der Wille eines Menſchen ſo verderbt ſein könnte, wie Ordeck von dem Grafen glaubt, wo wäre für uns ein ſicheres Schreiten auf Er⸗ den?— Aber zur Ehre der Menſchheit will ich glauben, er habe, von leichtſinniger Eitelkeit ver⸗ blendet, unbewußt ſo große Leiden über ein We⸗ ſen gebracht, das ihn ja niemals beleidiget hatte! — Aber wer vertheidiget denn ihn, ihn, den ich ſo gern vor allen entſchuldigen möchte!— O, habt Erbarmen ihr Menſchen! ſagt mir nicht, daß ihr mich tückiſch bei ihm verläumdet, ſtellt mir lieber Thereſens Tugenden vor, heilig, unnachahmlich, unerreichbar, daß ich mich tröſte durch das Ge⸗ fühl meiner Schwachheit, und ihn gereiniget ſehe von den Flecken unwürdigen Zweifels, und ihn eines kalten, liebloſen Entſchluſſes nicht anklagen darf.— Sie war ja ſeine Wohlthäterin ſo lange her, ſeine getreue Gefährtin in den Tagen des Leidens! — Er war ihr Dank ſchuldig,— darum gab er ihr meinen Ring, und verlobte ſich mit ihr.— Sehen Sie, ſo wäre ja alles ſo gut und leicht,— warum bedurfte es denn jenes finſtern Argwohns? — mußte er mich denn erſt verachten, bevor er ſie lieben konnte?— Mein Kopf iſt ſo ſchwer, ſo öde!— Ich weiß ja ſelbſt nicht, was ich will! — 87 —— Ich werde wohl enden müſſen, Geliebte, Gute Nacht, damit ich Ihnen meinen ohnmächtigen Zuſtand nicht allzudeutlich verrathe!—— Richardis!— 3 2⁴ Hunderteinunddreißigſter Brief. Graf Malvi an den Baron. N.....„ im Juli 18**. Da wirſt Dich wundern, mich hier in der arm⸗ ſeligen Grenzſtadt zu wiſſen!— Eine äußerſt un⸗ angenehme Sache heißt mich auf lange, vielleicht auf immer die Reſidenz verlaſſen. Ich habe ein Duell mit dem Grafen Ordeck gehabt. Der Toll⸗ kühne vergaß, daß er es mit dem beſten Fechter der Reſidenz zu thun hatte, als er mich erhitzt von Eiferſucht und Rache, wegen einer Kleinigkeit, die kaum eines Tropfen Blutes werth war, her⸗ ausforderte. Unſere Sekundanten ſind Zeuge, daß ich ſeinem blutdurſtigen Eifer nur kalte, ruhige Vertheidigung entgegenſetzte, daß er, als er im⸗ mer hitziger in mich eindrang, zuletzt blindlings in meinen Degen lief, und daß, wenn ſeine Wunde tödtlich iſt, dieſes nicht meiner Geſchicklichkeit, ſondern ſeiner thörichten, leidenſchaftlichen Hitze allein zuzuſchreiben iſt. Wir hatten unſere Pferde mitgenommen, im Fall ſich ein Unglück ereignete. Der Wundarzt, nachdem er die Wunde des Grafen beſehen, rietb mir, da er mir keinesweges für deſſen Leben bür⸗ gen könne, mich auf alle Fälle in Sicherheit zu be⸗ geben. Zum Glück habe ich einige Verhaltungsbe⸗ fehle zurückgelaſſen, nach welchen mir, im Fall ich nicht zurückkehren ſollte, die nöthigſten Papiere verabfolgt werden.— Die Fürſtin war dem Grafen geneigt,— es möchte für mich bei Hofe am läng⸗ ſten gut Wetter geweſen ſein, daher werde ich, wenn der Tod deſſelben erfolgen ſollte, mich auf einige Zeit nach Wien begeben. — Es iſt mir fatal, ſehr fatal, daß die Sa⸗ che ſo enden mußte!— Comteſſe Domelli iſt nun ſo gut wie verloren für mich, und die Intrigue eines halben Jahres vergebens.— Der Teufel hole alle Duelle!— Was nutzt mir der Sieg, den ich davontrug?— Der Graf ſtand mir in keiner Art im Wege. Er ſelbſt hat ſeine Jugend einem Wahne geopfert, und mein Glück und mei⸗ ne Hoffnung dazu.— Hier wird nicht lange mei⸗ nes Bleibens ſein! Die peinlichſte Unruhe und Langeweile verfolgt mich von Schritt zu Schritt! Leb' wohl! den Augenblick aus der Hauptſtadt zu entfernen. Hundertzweiunddreißigſter Brief. Die Baroneſſe Münter an den Grafen Domelli. Aus der Reſidenz, im Juli 18“*. Jch habe Ihnen eine höchſt traurige Begebenheit mitzutheilen.— Graf Ordeck iſt in einem Duell, das er wegen einer Ehrenſache mit dem Grafen Malvi gehabt, tödtlich verwundet worden, und wie ich ſo eben zu meiner Betrübniß erfahre, an den Folgen eines heftigen Blutverluſtes geſtorben. Der ganze Hof iſt von dieſem Vorfall erſchüttert, die Fürſtin in höchſter Beſtürzung.— Angela, die ſeit einiger Zeit wegen Unpäßlichkeit das Bett hü⸗ tet, erfuhr bis jetzt, meiner Sorgfalt zufolge, noch nichts von der Begebenheit, die für ſie höchſt angreifend ſein müßte. Bei ihrer ſehr ſchwanken⸗ den Geſundheit wäre alles zu befürchten, wenn wir nicht die ſchleunigſten Mittel treffen, ſie für — — — — 91— Ich habe bereits wegen ihr einige Aerzte confultirt, ſie rathen zu einer Badereiſe, und meinen, daß Zerſtreuung vor der Hand das wirkſamſte Mittel ſein möchte. Angela ſtimmte für Warmbrunn, und auch ich bin nicht abgeneigt, das ſchöne Gebirgsbad kennen zu lernen. Ich bitte daher, lieber Graf, mir auſ's ſchnellſte mitzutheilen, ob Sie mit mir in Hinſicht meines Vorhabens einverſtanden ſind.— Daß An⸗ gela einer Geiſt und Gemüth ſtärkenden Erholung bedarf, iſt nur zu ſichtlich.— Sie iſt nicht mehr was ſie war, und ich fürchte, daß ihre Vorliebe für Breiſach größer iſt, als wir glaubten, da wir ſie auf immer ihrem ländlichen Aufenthalt zu ent⸗ ziehen verſuchten. Ich eile, Ihnen dieſe Zeilen mit einem Expreſſen zu überſenden, und werde Ihrer Antwort mit Verlangen entgegenſehen. Hundertdreiunddreißigſter Brief. 1. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Juli 188. Die Menſchen um mich her ſind nicht mehr auf⸗ richtig gegen mich! Sie verſchweigen mir Alles, als wenn ich nicht wüßte, daß er todt iſt, mein Bruder, mein Freund,— daß er um meinetwillen erſchlagen ward, und daß dies ſein Sarg war, den man bei unſern Fenſtern vorübertrug. Ich habe ſeinen Degen, ſeinen Orden wohl erkannt, auch wenn es mir die Blicke nicht geſagt hätten, die man zu meinem Fenſter emporrichtete! Warum zog mich die Baroneſſe vom Fenſter hinweg, wenn es ſein Begräbniß nicht war, vor deſſen Anblick ſie mich bewahren wollte?— Ja, er iſt todt,— todt, todt! und ich kann ſeine Liebe nicht mehr vergüten!—— Ich habe einſt mitten in meinen Fieberphantaſien die ſchöne Polonaiſe vernommen, — 93— die ich damals auf dem Kynaſt von Ordeck gehört, und das ganz mit der bezaubernden Art ſeines Vortrages, Ich fuhr empor, ein leichter Schatten glitt an der Wand vorüber, ich erkannte Ordecks Geſtalt.— Seitdem verläßt mich der Gedanke nicht, daß er todt iſt, ſeitdem ſehe ich ihn oft in meinen Träumen. Seine Erſcheinungen ſind im⸗ mer ſo tröſtend, ſo mild! Ich habe ihn mir ſchon längſt als Engel denken müſſen, noch eher als ſein Begräbniß mir die Gewißheit gab, daß er von uns geſchieden iſt!— O, liebe Richardis, hätte mich das bisherige Leiden nicht ſchon ſo kraftlos und thränenmüde gemacht, ich würde den Schmerz nicht ertragen können, der von meiner Seele Beſitz ge⸗ nommen hat. Aber die Saiten motnes Gemüths ſind abgeſpannt, ſie reißen nicht ſo leicht, wie ich⸗ geglaubt, aber ſie geben auach keiren erfreulichen Ton mehr an. Sie wollen mich morgen von hier wegbringen, ich glaube nach Warmbrunn, weil ich früher nach dieſer lieben Gegend verlangte. Jetzt gilt es mir gleich, wohin ich komme, ich bin zu gebeugt, um noch eine Freude zu empfinden. Das äußere Le⸗ ben iſt mir ſo gleichgültig, daß ich die Kraft zu demſelben allein meinen Träumen verdanke, die mir von einer beſſern Heimath erzählen, wo kein Verrath, und kein Tod iſt, und keine Thränen, — 94— X und kein Blut mehr fließen darf.— O, der Tod muß recht ſüß ſein, liebe Richardis! Beklagen Sie doch ja nicht mein Loos, wenn ich recht bald dem edeln Freunde meiner Seele nachfolgen ſollte, der ſeine treue Liebe bis in den Tod bewährte! O, es wäre das ſchönſte, das ſegensreichſte Loos für . Ihre Augela. — 95— Hundertvierunddreißigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Juli 182s. Welche Tage, o geliebte Freundin, habe ich ver⸗ lebt! Wie vermag ich Ihnen die Scenen zu ſchil⸗ dern, die ſtets die traurigſten Erinnerungen mei⸗ nes Lebens bleiben werden!— Graf Ordeck, ge⸗ gen den ich mich oft in leichtſinnigem Uebermuth vergangen, ach, dieſer Graf Ordeck war der beſte, der edelſte Menſch! Er rächte ſich an der vor⸗ witzigen Spötterinn damit, daß er ſein Blut für die angefeindete Ehre derſelben wagte, und ſeinen edeln Eifer mit ſeinem Leben bezahlte!—— Ja, meine Freundin, er iſt nicht mehr, der tapferſte, der redlichſte Mann! In meinen Armen hat er ſein ſchönes Leben ausgehaucht, er ſchied mit Freun⸗ deslächeln von mir. Ich werde verſuchen, Ihnen den Hergang der Sache zu erzählen. Er liebte Angelen, das wiſſen Sie. Sie iſt die einzige Freundin, auf die ich rechnen konnte, und bewährte ſich mir als ſolche, indem ſie kein Mittel unverſucht ließ, jenen fal⸗ ſchen Gerüchten entgegenzuwirken. Sie war es, die dem Grafen Ordeck die Wahrheit vertraute, und ſein rechtliebendes Herz ſomit für dieſelbe ge⸗ wann. Er kam der Quelle der Verläumdung auf die Spue, und forderte, da er, wie er mir ge⸗ ſtand, bereits mehrere Frevel an dem Grafen Maloi zu rächen hatte, denſelben zum Zweikampf. Ich hatte weder von den Bemühungen Ange⸗ la's, noch von dem Duell ein Wort erfahren, da ich die Zeit her äußerſt eingezogen lebte. Wie er⸗ ſtaunte ich, als ich einſt gegen Abend einen Zettel erhielt, worinnen mich Graf Ordeck erſucht, bei⸗ liegendes Papier mit äußerſter Schonung der Com⸗ teſſe Domelli, nach einiger Zeit zu überreichen.— Ich erſchrak über die letzten Worte des flüchtigen Schreibens, die faſt wie ein Lebewohl auf immer klangen,— und frug den Bedienten nach dem Befinden des Grafen.— Mit tiefer Betrübniß erzählte mir nun dieſer die ganze Begebenheit, und fügte hinzu, wie Ordeck erſt dringend gewünſcht⸗ mich ſelbſt noch einmal zu ſprechen,— und erſt nach langem Ueberlegen dieſen Zettel geſchrieben habe. — 9,— Ich beſchloß ſogleich, von meiner Kammer frau begleitet, mich in die Wohnung des Kranken zu begeben, um wo möglich, ihm noch einige Linde⸗ rung zu verſchaffen, oder im Fall er dem Tode ſo nahe ſei, wie man befürchtete, meinen Schmerz auf die Hand des edelſten Mannes niederzuweinen. Wir eilten, von Ordeck's Bedienten begleitet, dem entfernten Landhauſe des Grafen zu. Das ſchöne Gebäude, wie öde und ſtill; welch' ein trau⸗ riges Schweigen in den Gemächern! Endlich öff⸗ nete man uns das Wohnzimmer des Grafen. Welch' ein Anblick! Bleich wie eine Marmorbüſte lag der Unglückliche in den Armen des Wundarz⸗ tes; ſeine Augen allein verriethen noch das Leben, das den todtwunden Buſen bewohnte. Eine ſchnel⸗ le Bewegung der Freude hob ihn einen Augenblick empor, als er mich gewahrte.— Der Arzt bat ihn, ruhig zu bleiben.——„Es iſt aus, Frau von Bören!“ rief er mir zu, indem er mir ſeine Hand matt entgegenreichte! Die Wunde iſt eben nicht groß,— aber ſie langt doch an's Leben!— —„„Ich bitte, Herr Graf, ſprechen Sie nicht!“u bat der Wundarzt:—„Jedes Wort kann Ihren Tod herbeiführen!““—„Ich muß ſprechen!“— rief Ordeck etwas heftig, und mich näher ziehend, fuhr er leiſe fort:„Ich glaube, daß das Gerücht wirkſam genug widerlegt iſt, was Sie beunruhigt Angela IV..5 —— — 98— hat, Frau von Bören!— Der ſchlimmſte aller Verläumder wird nun auf einige Zeit das Feld räumen müſſen:— Sagen Sie das Angelen, und bringen Sie ihr meinen Abſchied.—— Mein Tuch!“ winkte er ſeinem Bedienten;— er brach⸗ te es.„Sagen Sie ihr auch,— daß ich ſtets ihre Thränen geehrt habe, daß ich ſie jetzt noch, für ihren Frieden betend, an meinen Mund drücke. — Dies Tuch iſt ein Andenken von ihr.— Ihre Thränen fielen darauf.— Es thut mir wohl!“— Er preßte es hierauf an ſeine Lippen, an ſeine Bruſt, und lehnte ſich ruhig zurück.— Ich wollte verſuchen zu ſprechen,— aber ich vermochte vor heftigem Schluchzen kein Wort hervorzubringen;— — ich ließ mich an ſeinem Lager nieder, und ver⸗ hüllte mein Geſicht.—„Sie haben doch das Pa⸗ pier erhalten?“ fuhr er auf's Neue empor. Ich bejahte.—„Recht ſchonend, hören Sie, Frau von Bören! O ja, recht ſchonend!“— bat er mit einer unausſprechlich rührenden Miene:—— „Die Comteſſe ſoll nicht glauben, daß ſie“,— er hielt inne.—„Ich hatte Vieles mit dem Graf Malvi abzumachen,— vor allem den Fre⸗ vel, den er an Ihnen verübt!— Er iſt härter gezüchtigt als ich! Was iſt mein Tod gegen ſein Leben?—— Der kurze Schmerz iſt wohl zu ertragen!“—— Er lehnte ſich wieder zurück. —; —— — 099— — Das Reden hatte ihn angegriffen,— er zuckte einigemal ſchmerzlich empor:— Der Arzt nahm eine bedenkliche Miene an.— Sein Blick ſchien mir zu ſagen, er fürchte, daß meine Ge⸗ genwart ihn beunruhige,— ich wollte mich leiſe entfernen!—„Nein!“ rief der Graf mit Hef⸗ tigkeit,— und, indem er ſich ſchnell aufrichtete, ſchoß ein heftiger Blutſtrom aus ſeinem Munde. — Ich ſchauerte entſetzt zuſammen.— Meine Kniee drohten einzubrechen.— Man entfernte mich in die Nebenſtube, eine Ohnmacht befürchte nd In einigen Minuten, die ich in peinlicher Ein ſam keit zubrachte, trat der Arzt zu mir, und meldete daß der Graf wahrſcheinlich in wenig Augenblicken verſcheiden werde. Ich nahte mich leiſe dem Ohn⸗ mächtigen: ſeine Augen waren geſchloſſen, ſeine Bruſt hob ſich langſam und ſchwer. Ich nahm das bleiche Haupt, und unterſtützte es ſanft mit mei⸗ nen Armen: jeder Zug des Schmerzes war von dem Geſicht geſchieden: es lächelte, wie in from men kindlichen Träumen.„Du guter, milder, ed ler Mann“, weinte ich leiſe,„ja Du verdienteſt die Liebe Angela's, die Liebe aller biedern Men⸗ ſchen, vor Allen! Warum ſcheideſt Du ſo früh, und übergiebſt uns der Trauer um Dein ſo früh geſchwundenes, menſchenfreundliches Leben?“ Mei⸗ ne Stimme ſchien noch Eingang in ſeine Seele 5* — 100— gefunden zu haben; er ſchlug noch einmal mühſam die Augen empor.„Angela!“ lächelte er, mir freundlich zuwinkend,— noch ein langer tiefer Athemzug, und dahin ſloh' ſein ſchönes Leben. Lange noch hielt ich ſein Haupt an meiner Bruſt, bis es ſchwer und ſchwerer herabſank, und die Aerzte mich überzeugten, daß alle Zeichen des To⸗ des vorhanden waren. Der Bediente der Fürſtin, der im Eingange des Gemachs ſchweigend geharrt hatte, wurde ſogleich mit der Nachricht von dem Ableben des Grafen auf's Schloß geſandt. Ich wurde in einem Wagen halb bewußtlos nach Hauſe gebracht, und hatte Mühe, mich von dem Schmer⸗ ze dieſes Abends zu erholen. Am folgenden Mor⸗ gen erhielt ich ein Billet von der Fürſtin, worin ſie mich bat, wenn es mein Zuſtand erlaubte, zu ihr zu kommen, und ihr von den letzten Stunden des Grafen Ordeck einiges mitzutheilen. Ich fand ſie allein, und in tiefer Betrübniß; ſie hielt bei meiner Erzählung nur mühſam ihren Schmerz zu⸗ rück, und wandte ſich einigemal ab, ihre Thraͤnen zu verbergen. Ihre freundliche Güte, und einige leicht hingeſtreute Aeußerungen bewieſen mir, wie thätig der Verſtorbene für mich gehandelt, und wie meine Unſchuld fortan vollkommen gerechtferti⸗ get ſei. Von ihr erfuhr ich, was mir gänzlich ver⸗ borgen geblieben war, daß Angela bedeutend krank, — 101— und ihr von den Aerzten eine Badereiſe angera⸗ then ſei. Ich frug die Fürſtin um Rath, ob ich das mir anvertraute Papier des Grafen der Com⸗ teſſe vor ihrer Abreiſe übergeben, oder es zurück⸗ behalten ſolle, bis ſie vollkommen hergeſtellt ſei. Sie ſtimmte für das Letztere, und entließ mich darauf auf das gnädigſte, nachdem ſie mich ihrer Theilnahme wiederholt verſichert hatte. Seitdem, liebe Alboin, fahren täglich die Ca⸗ roſſen meiner heuchleriſchen Freunde bei mir vor, um ſich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich danke für ihr Wohlwollen, nehme ihre Karten, aber keinen ihrer perſönlichen Beſuche an, und er⸗ götze mich an dem guten Willen, den ſie beweiſen, mir ihr früheres Unrecht vergeſſen zu machen. In kurzem erwarte ich meinen Bören zurück. Nur an ſeiner Bruſt vermag ich das Leid zu vergeſſen, welches die letzte Zeit über mich brachte; nicht bei den Geſichtern, die täglich eine andere Larve an⸗ legen, wie's ihr Vortheil im Augenblick heiſcht!— Die habe ich für immer kennen gelernt, und ver⸗ mag nun, da ich mich einmal mit leerem Schein nicht abfinden laſſe, keinen Geſchmack mehr an ihren Freundſchaftsverſicherungen zu finden. Ich werde Bören in ſeinem Vorhaben beſtärken, ſeinen Abſchied ſo bald als möglich zu nehmen, um ſich mit mir auf's Land zu begeben!— Ich habe nun ———— õõõ———— — 1 02— ausgelernt in der Schule der großen Welt,— und ſehne mich nach den Feierſtunden im Arm der wahren Freundſchaft, der wahren Natur!— Sie ſehen, die Zeit hat mich allmählig für Ihre Meinung empfänglich gemacht!— O, die Zeit vermag viel! Segnen Sie mich, liebe Alboin, und empfangen Sie das herzlichſte Lebewohl von 5 Ihrer Hermine. Hundertfünfunddreißigſter Brief. Die Baroneſſe Münter an den Grafen Domelli. Warmbrunn, im Auguſt 18**. Sie wünſchen, lieber Graf, bald nach unſerer Ankunft in Warmbrunn, Nachricht von dem Befin⸗ den der Comteſſe zu erhalten, und ich eile, Ihnen daher ſolche zu geben. Angela iſt ihrem Befinden nach erträglich, nur ſtill und in fortwährenden Träumen vertieft. Der hieſige Arzt fand den Ge⸗ brauch des Bades für ihren Zuſtand ſehr zweckmä⸗ ßig, indem ich außer ihrem häufigen Kopfſchmerz und ihrer hypochondriſchen Stimmung nichts anzu⸗ geben wußte. Sie badet nun auf ſein Geheiß, und ſcheint ſich ſeitdem beſſer zu befinden. Ihre Geſichtsfarbe iſt keinesweges die einer Kranken, auch iſt ſie gut zu Fuß, und bittet mich ohne Un⸗ terlaß, mit ihr in der Umgegend umherzuwandern, aber unter Menſchen bring' ich ſie nicht, und will — 104— ſie auch keinesweges dazu überreden, da ihre Ner⸗ ven äußerſt reitzbar, und durch manche Erſchütte⸗ rung angegriffen ſind.. Die Zeit über, wo ich genöthiget bin in Ge⸗ ſellſchaft zu erſcheinen, hat meine Kammerfrau den Auftrag, die Comteſſe zu begleiten. Das gute Kind ſcheint aber nur gern mit mir zu gehen, und bleibt dieſe Stunden, wo ich abweſend bin, ge⸗ wöhnlich zu Hauſe, wo ſie ſich oft mit Schreiben beſchäftiget. Was mich verwundert, iſt, daß ſie von dem Tod des Grafen unterrichtet zu ſein ſcheint, ohne je mit mir darüber geſprochen zu ha⸗ ben. Sie verräth ſich hierüber oft unwillkührlich, ohne eine nähere Erklärung zu verlangen. Ich vermeide es, dieſe Vorſtellung zu unterſtützen, doch bin ich überzeugt, daß ihr die Beſtätigung derſel⸗ ben keinesweges unerwartet kommen würde, da ſie ſich viel mit Ahnungen beſchaͤftiget. Ich werde, wenn die Geneſung der Comteſſe ſo glücklich fort⸗ geht, wie ſie anzufangen ſcheint, ſie vielleicht in kurzem gänzlich beruhigen können. Angela iſt zum Glück in den Jahren friſcher Jugend, wo jede Wunde leichter vernarbt, und ein neues Aufblühen zu erwarten iſt. Begeben Sie ſich daher jeder ängſtlichen Sorge, Angela ſelbſt bittet darum, und grüßt mit kindlicher Ehrfurcht. Hundertſechsunddreißigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Norden. Warmbrunn, im September 18*9. Jch habe wohl viel Briefe an Sie angefangen, aber keinen an Sie abgehen laſſen! Sie enthiel⸗ ten alle ſo bittere Klagen,— daß ich zu ſündigen glaubte,— wenn ich ſolche vor eines Menſchen Ohr auszuſprechen wagte,— und ſie deshalb lie⸗ ber zurückbehielt!— Jetzt iſt es beſſer mit mir, denn meine Seele wird heikerer! Ich bin auf den Höhen der An⸗ nenkapelle geweſen, wo ich damals mit Norden war,— ich habe auf meinen Knieen gelegen, und zu Gott inbrünſtig gebetet, wie in jenen Tagen! Mit derſelben Andacht und Innigkeit,— wenn auch mit verändertem Gefühl!— Ach, da fiel mir Alles, Alles ſo lebhaft wieder ein, wie ich damals ein glückliches Kind, noch keinen Schmerz kannte — 106— und keine Thräne, als die der Freude und des Mitgefühls,— wie ich ſo freudetrunken in das Thal hinabſah,— das wie ein lachendes Eden ſich vor mir ausbreitete,— wie ich alle Menſchen voll Liebe an meine Bruſt ziehen wollte, im Ge⸗ fühl meines Glücks,— Richardis,— d, ich liebe die Menſchen noch,— wie bitter mich auch man⸗ che betrübten,— ich fühlte es in der ſeligen Mi⸗ nute, als ich vor Gott lag,— denn ich wußte ja keinen, für den ich nicht aus voller Seele zu beten vermochte!— Wie ruhig wurde es in meinem Gemüth,— als ich auf jener Höhe ſtand,— und den Himmel ſo freudelächelnd über mir,— und die Erde ſo ſanftverſchleiert in der Tiefe ſah!— Ich vergaß dort auf Augenblicke alles, was mich drückte, ſo⸗ gar Ordech's ſchmerzlichen Tod! und fühlte mich allen Menſchen, die ich je in meinem Herzen trug, wieder ſo nah, ſo vertraut, als gäbe es gar keine Trennung im Bunde verwandter Geiſter,— als müßte die ſchöne Gemeinſchaft der Seelen feſtbeſte⸗ hen, trotz aller Gewalt des Wahns und des Todes! Die Baroneß, die ſich über mein heiteres Anſehen erfreute,— ſchlug vor, den ſchönen Nach⸗ mittag noch ferner zu benutzen, und auf dem We⸗ ge bis zum ſchwarzen Teich fortzugehen. Ich ließ mich willig finden, da mir überdies ſo unbeſchreib⸗ — 84097— lich wohl in dieſen Wäldern und Bergen iſt.— Wir ſtiegen, da wir noch vor Abend zu Hauſe wollten, etwas raſch die Höhe empor; ich empfand bisweilen einen leichten Bruſtſchmerz,— doch klag⸗ te ich nicht,— weil die gute Baroneß ohnedies ſo beſorgt um mich iſt.— Endlich hatten wir den ſchwarzen Teich erreicht.— Ich mußte mich nie⸗ derſetzen, ich fühlte mich ſehr ermattet,— und konnte die Baroneſſe nicht weiter begleiten.— Während dieſe mit unſerm Führer den See um⸗ ging, dachte ich der Vergangenheit nach,— und rief alle Bilder jener Zeit in meine Erinnerung hervor.— Auch der ſeltſame Traum, den ich Ih⸗ nen damals erzählte, wenn Sie ſich auf meine kleine Reiſebeſchreibung erinnern, trat mit den Farben aufgeregter Phantaſie auf's lebendigſte vor meine Seele.— — Ich ſah die Barke wie damals über die ſchwarzen Wogen dahingleiten,— die ſchwarzver⸗ hüllte Geſtalt mir zur Seite, trug Ordeck's Züge. — Wir fuhren vereinigt dem dunkeln Strom ent⸗ lang,— aber mir war nicht ſo beklommen, wie damals,— ich lächelte recht mild und freundlich, als ich ſo an ſeiner Seite hinausſteuerte, in das weite Gebiet,— und gab ohne Grauen dem ſchweigenden Fährmann meine Hand, als er mit der Barke an's jenſeitige Ufer ſtieß!— — 108— Wiſſen Sie noch,— daß ich damals in dem Fährmann den Grafen Malvi zu erblicken glaubte? — Es war ein ſeltſamer Traum, und nicht ohne Bedeutung, wie ſo manches im Leben.— — Ich war noch in tiefes Sinnen verſunken, als die Baroneſſe zurückkam,— ſie fand mich krank ausſehend,— mir war auch in der That nicht mehr ſo wohl, wie vorher. Ich huſtete und warf Blut aus.— Die Gute war um mich beſorgt,— und bot mir ihren Trag⸗Seſſel an, den einzigen, den wir mitgenommen hatten. Ich mußte es mir gefallen laſſen, ſo ſchwer es mir fiel, die Baro⸗ neſſe, ungeübt bei den Beſchwerlichkeiten des Berg⸗ ſteigens, neben mir herſchreiten. zu ſehen. Die Nacht auf dieſen ſchönen unvergeßlichen Tag war nicht gut: ich träumte viel und bunt durch einan⸗ der, und bemerkte den. folgenden Morgen zum er⸗ ſtenmal ein bedenkliches Geſicht bei dem Arzt. Er- verordnete mir andere Arzenei, und rieth, bei der jetzt eingetretenen unfreundlichen Witterung, die Bäder auszuſetzen, und mich in der Stube zu hal⸗ ten. Der Huſten plagt mich ſeitdem oft, doch iſt mein Befinden nicht übel, ich fühle mich geiſtig geſunder, da meine körperliche Krankheit entſchiede⸗ ner iſt. Ich habe Augenblicke, ſo klar, ruhig und ſchmerzlos, wie ich ſie lange nicht gekannt, und verſuche es wieder bisweilen, meine Gedanken zu — 109— ordnen und niederzuſchreiben. Ich hoffe, daß mein gütiger Vater noch Freude an mir haben ſoll, und werde mich bemühen, ſoviel in meinen Kräften ſteht, dazu beizutragen. Auch Sie, liebe Richar⸗ dis, will ich erfreuen, ſoviel ich vermag, denn ich machte Ihnen ja auch vielen Kummer, und habe viel zu vergüten. Leben Sie wohl, Geliebte! — 110— Gedanken aus Angela's Blättern. Es giebt nur Einen Zuſtand im Leben, der ganz ohne Troſt iſt: es iſt das ohnmächtige Schwan⸗ ken zwiſchen Hoffnung und Zweifel,— der däm— mernde Zuſtand der Seele, der weder Schmerz noch Freude deutlich erkennen läßt. Er gleicht dem ängſtlichen Zwielicht, das zwiſchen dem Tag und der Nacht liegt, und das Einzige iſt, das un⸗ ſerm Blick keine Sonne und keinen Stern zeigt, während das volle Eintreten der Nacht uns viele ſchöne Glanzbilder entfaltet. Ich ſah letzthin einem Schmetterlinge zu, wie er die zartentfalteten Schwingen zum Erſtenmale ausbreitete. Er ſchien die geborſtene Puppe, die hinter ihm lag, mit Staunen zu betrachten, als wollte er ſagen: welch' langer dunkler Traum, und welch' ſchönes Erwachen, und welche unendliche Ausſicht! — — — 11— Wir verdanken unſere Tugenden,— alle un⸗ ſere guten Eigenſchaften, nächſt Gott, den Men⸗ ſchen, in deren Augen wir nicht verlieren, deren Seele wir nicht betrüben wollten. Deshalb iſt es ſehr natürlich, daß ſich die Liebe, die Dankbarkeit, die vor allen dem höchſten Weſen gehört, biswei⸗ len mehr als ſie ſollte, zu dem ſichtbaren Wohlthä⸗ ter verirrt, und die himmliſche Flamme, die nur auf dem Altar der Gottheit lodern ſollte, ſich zu dem Endlichen kehrt, und den Schöpfer mit dem Geſchöpf verwechſelt. Daher kommen ſo viele Irr⸗ thümer, und ſo viele Leiden, weil eine Gabe, die dem Himmel gehört, nie von dem Sterblichen ge⸗ nug gewürdiget werden kann, und wir immer dar⸗ auf zurückgeführt werden, wie alles Unſterbliche in uns nur dem Unſterblichen gehört. Als Er noch ſo groß, ſo ganz fehlerlos, ſo unnachahmlich vor mir ſtand, da blickte ich in der Schwärmerei meiner Liebe nicht mehr zu dem himm⸗ liſchen Auge, ſondern nur zu dem ſeinen, weil ich in Ihm die Sprache des Ewigen zu vernehmen glaubte, und wog nach ſeinem Lächeln oder Zür⸗ nen den Werth oder Unwerth meiner Handlungen. Darum war auch mein Schmerz ſo groß, als er — 112— ſchwieg, und ſich von mir wandte. Ich glaubte mich von ihm und Gott zugleich verlaſſen, und war eine Zeitlang ganz hoffnungs⸗ und heimathlos. Als ich aber den Grund ſeines Zürnens erfuhr, da ward ich meines Irrthums inne, und lernte be⸗ greifen, daß ein Auge noch heller ſei, als das ſeine. Meine Liebe nahm ſogleich ihre Richtung hinauf, und wurde wieder zum Glauben; in wel⸗ cher Geſtalt ſie auf Erden uns am ſicherſten vor⸗ leuchtet zur ſchönen Vollendung im Licht. Ich wüßte nicht, wer meine Seele empfindli⸗ cher verletzen konnte, als Er es gethan. Wenn ein Weſen auf Erden mit Gewißheit für mich bür⸗ gen konnte, ſo war Er es, unter deſſen Augen ich meine ganze Seele offen und vertrauungsvoll ent⸗ wickelt hatte. Die Liebe gab ihm den letzten Schlüſſel zu dem Allerheiligſten meines Gemüthes, aber er mißverſtand die Sprache unbefangener, argloſer Natur. Er zweifelte an der Aechtheit meiner Gabe, weil ich ihm mehr gab, als ich ſollte, und ſchöpfte aus meiner Argloſigkeit den erſten Argwohn gegen mich. So arbeiten wir oft unbewußt an dem Pfeil, der uns durchbohren ſoll, —— — 113— und drücken uns, indem wir liebend das Leben an uns ziehen wollen, den Tod in die Bruſt. Wir ertragen leichter einen Verluſt, wenn ir⸗ gend ein Glück für Andere aus ihm hervorgehen kann. Wo wir aber auch dieſes Troſtes entbehren, und unſer Schmerz keine Blüthe für den treibt, der ihn uns gab, ſo wandelt ſich leicht die Weh⸗ muth zum gerechten Schmerz, und wir fragen in bitterer Betrübniß, warum, oder wozu? Ich nahm ihn, wie er ſich gab: er mich, wie er mich dachte, daher mußte mein Bild verſinken, als ſeine Einbildungskraft erkrankte, und ſeine Seele von Zweifeln befangen war. Meine Liebe wurde von der Demuth be⸗ berrſcht,— die ſeine vom Stolz. Die meine konnte verſtummen, und ſich auf immer verbergen, aber ſie konnte nicht unterliegen und überwunden werden, wie jene, die ſich einem ſo hochmüthigen als ſtrengen Herrſcher unterwarf. ———V—V—— —’—QOQOQOÖ—ZůöB'—ꝭCKůůA.SAöA„A.A——— ——————— — — —— — 114— Die Liebe, das Verdienſt, das Talent begeg⸗ nen uns auf Erden, von manchem verhüllenden Schleier beengt. Wir ahnen den Glanz ihrer Herrlichkeit mehr, als wir ihn deutlich erkennen. Der Tod hat eine reinigende Kraft, er macht, indem er das irdiſche Gefäß zerbricht, daß wir freier den ſchönen Genius erkennen, und alle Licht⸗ ſtrahlen aus der Vergangenheit nun zu einem Glanze verſammeln, um ihm im Himmel die Glo⸗ rie zu geben, die wir ihm auf Erden verweigert hatten. Es iſt ein großer Schmerz, ſich täglich an eine Schuld erinnern zu müſſen, die man im Leben nicht mehr abzutragen vermag. Verſpätete Dank⸗ barkeit wird nicht ſelten zur Sehnſucht, die ver⸗ langend über das Grab hinausblickt, um die Roſe der Liebe, die wir auf Erden verweigert, in der Unendlichkeit anzupflanzen. Es giebt Züge im Angeſicht der Menſchen, die ſich ſo ſchön mit dem Bilde der Himmelsbe⸗ wohner vereinen laſſen, wie ſie unſere Phantaſie ſich denkt.— Es ſind die Züge der Güte, der 2— 2— — 115— Milde, des frommen, kräftigen Willens. Wir füh⸗ len uns zu Menſchen, die uns mit ſolchen entge⸗ gentreten, augenblicklich hingezogen. Uns iſt wohl in ihrer Nähe; wir gewinnen durch ſte, ohne über ihren Einfluß zu ſtaunen, weil alles ſo natürlich zugeht. Sie haben einen Himmel in ſich, und theilen ihn mit, ohne ihn zu erklären; andere er⸗ zählen ſo viel von ihm, aber ſie haben ihn dennoch nicht, und bleiben und laſſen uns kalt. — Die Kunſt kann nur dann eine Tochter des Himmels genannt werden, wenn ſie einen Gott durch die Schleier der Farben, Gedanken und Tö⸗ ne hindurchſcheinen läßt. Jeder Verſuch, das Hö⸗ here, Unnennbare durch Sinnenzauber und üppigen Farbenſchmuck zu erſetzen, wird immer unzulängli⸗ cher unſere Seele zu befriedigen, je mehr ſie für das Ewige emporreift, und erregt das Mißbeha⸗ gen, das wir empfinden, wenn wir ein geiſt⸗ und reitzloſes Geſicht mit bunter Schminke übertüncht, und mit eiteln Flittern umgeben erblicken. Wir bemühen uns oft vergebens, Zuſammen⸗ hang im Leben zu finden.— Man kommt, man ’ 1 — — 116— geht, man erlebt Dinge, von deren Einfluß man ſich viel für die Zukunft verſpricht,— aber ſie verdämmern wie Irrlichter, ohne eine Spur, eine Folge zu hinterlaſſen. Wir leben fort, um das Gewöhnlichſte zu wiederholen, und können doch der Hoffnung nicht entſagen, die uns die endliche Deu⸗ tung des großen Räthſels verſpricht.— Ich ver⸗ lange nach der Stunde, von der ſich's heller blicken läßt, in's Leben! Gewiß überſchaut man von dem letzten Hügel der Laufbahn den ganzen Lebensweg, — da muß alles klar werden, und jede Frage in Dankgebet verſtummen. — 117— Hundertſiebenunddreißigſter Brief. Die Baroneſſe Münter an den Grafen Domelli. Warmbrunn, im October 18*9. Der eintretende Herbſt, der ſich hier im Gebirge ſehr rauh anläßt, ſcheint Angelen nicht gut zu be⸗ kommen. Ich werde mit ihr nach Hauſe zurückkeh⸗ ren, ſobald die kalten Regenſchauer ein wenig nachlaſſen;— ich wünſchte dann, lieber Graf, Sie ſprächen ſelbſt mit einem geſchickten Arzt;— An⸗ gela ſcheint an einem Bruſtübel zu leiden, und ernſtlicher krank zu ſein, als ſie Wort haben will. — Sie iſt übrigens nicht mehr ſo ſtill und in ſich gekehrt wie ſonſt.— Sie unterhält ſich mit mir auf das freimüthigſte, und hat nun auch über den Tod des Grafen mit mir geſprochen, und ſich, was ich wußte, umſtändlich erzählen laſſen. Sie hörte mich mit ernſter Standhaftigkeit an,— während ihr Thränen langſam über ihre Wangen hinabroll⸗ — 148— ten.— Sie bemerkte es kaum, daß ſie weinte, ſo war ihre Seele ganz bei dem edeln Verſtorbe⸗ nen, ein Blick voll Liebe, den ſie emporrichtete, und die über die Bruſt andächtig gefalteten Hände, waren die einzigen Verräther ihres Gefühls.— Ich glaube mit Gewißheit, Graf!— daß wenn dieſes Unglück verhütet werden konnte, viel⸗ leicht die Comteſſe recht bald ſich geneigt gefunden hätte, Ihren Lieblingswunſch zu erfüllen.— Or⸗ deck war ihr die letzte Zeit her ſichtlich theurer geworden, und ſie hätte zuletzt wohl die Grille überwunden, die ſeinen Hoffnungen im Wege ſtand. — Es iſt traurig, ſehr traurig, daß es ſo kommen mußte!— Ich fürchte, Angela quält ſich mit ſtil⸗ len Vorwürfen, daß ſie den Werth des Grafen zu ſpät erkannte! Sie iſt mehr mit ihm beſchäftigt, als ſie es geſtehen will.— Ihre Träume verrathen dies,— meine Kammerfrau erzählt mir oft von ihren ſeltſamen Phantaſien, wie ſie im Schlaf lan⸗ ge Geſpräche hält,— und der Name Ordeck in Allem vorkommt, was ihr Gemüth bewegt.— Ich habe ihr verſprechen müſſen, ſie zu ſeinem Grabe zu führen, ſobald wir in der Reſidenz ſein werden,— und ſie ſcheint, ſeit dieſer Gedanke ſie belebt, mehr als je nach Hauſe zu verlangen.— Wundern Sie ſich alſo nicht, wenn Sie in kurzem von unſerer Ankunft in der Reſidenz hören!— — 419— Es iſt dies kein Zeichen, daß ſich Angela's Zuſtand verſchlimmert hat, der Arzt meint ſelbſt, daß die hieſigen Bäder, ſeit ſich ihr Uebel entſchieden hat, nicht ſo zweckmäßig wären, als andere, die er mir vorſchlug,— deren Gebrauch aber, da es ſchon zu ſpät im Jahre iſt, wohl bis künftiges Frühjahr verſchoben werden muß.— Ich hoffe, daß wenn die Comteſſe ſich ernſtlich ſchont, und die Vorſchlä⸗ ge des Arztes beherzigt, wir auch dieſer Mittel überhoben ſein dürften.— Sie verſpricht alles, ſo wie ſie überhaupt die Geduld, die Freundlichkeit ſelbſt iſt. Ich hoffe, lieber Graf, Sie recht bald in der Hauptſtadt zu ſehen, Angela bittet darum, und empfiehlt ſich mit kindlicher Ergebenheit!— Hundertachtunddreißigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im October 18**. So. eben komme ich von Angelen zurück. Sie iſt ſeit kurzem wieder bei uns, und ſoll ſich in ihrem Befinden gebeſſert haben. Ich konnte es weniger finden, da ich ſie lange nicht geſehen, und ſie nur im geſundeſten Zuſtande gekannt. Die abgetheilte Röthe ihrer Wangen, ſo ſchön ſie iſt, gefällt mir nicht. Dieſe Farbe kommt mir immer vor, wie der Purpur, mit dem der Herbſt die Blätter über⸗ tüncht, um uns mit ihrer Leichenfarbe nicht zu er⸗ ſchrecken. Das gute Kind iſt gewiß kränker, als man glaubt, und ſie ſelbſt meint. Sie ſpricht nicht gern von ihrem Zuſtande, und ſtellt ſich ſtär⸗ ker als ſie iſt. Ich erfuhr von der Baroneſſe Münter, daß ſie auf's umſtändlichſte von dem Tode des Grafen unterrichtet ſei, und glaubte es daher wagen zu dürfen, ihr das Vermächtniß deſſelben — 121— zuzuſtellen. Angela empfing mit zitternden Händen das Papier, und entfernte ſich ſchnell in das an⸗ ſtoßende Kabinet. Wir waren beſorgt um ſie, und blickten von Zeit zu Zeit durch das Glasfenſter, um ihren Bewegungen zu folgen. Sie hatte das Blatt auf einen Stuhl gelegt, vor dem ſie kniete; ihr Geſicht, von ihren gefalteten Händen geſtützt, hing mit dem Ausdruck tiefer Wehmuth über dem Papier. Als ſie beendet hatte, neigte ſie ihren Kopf tiefer hinab, und ruhte ſo eine lange Zeit, wie es ſchien, leiſe betend, auf dem Stuhle. Sie erhob ſich dann feſt und ſicher, und ſchritt zur an⸗ dern Thüre hinaus. Die Baroneſſe ſandte ihr ihre Kammerfrau nach, aber Angela ließ ſich mit ihrer ſehr ernſten Stimmung entſchuldigen, und verlang⸗ te, auf ihrem Zimmer bleiben zu dürfen.— Als ich den folgenden Morgen meinen Beſuch wieder, holte, um mich nach Angelens Befinden zu erkun⸗ digen, fand ich ſie eben bereit, mit der Baroneſſe nach dem Kirchhof zu fahren, um Ordechs Grab zu beſuchen. Der Münter ſchien ich ſehr erwünſcht zu kommen: ſie bat mich, die Comteſſe an ihrer. Stelle zu begleiten, da ſie von jeher nicht gern um Gräber ſei, und fügte leiſe hinzu, die Com⸗ teſſe nicht zu lange ihrem Schmerz zu überlaſſen. Angela erzählte mir nun ungefragt, wie gütig der Graf in den letzten Augenblicken ſeines Lebens ge⸗ Angels IV. 6 — 122— gen ſie geweſen ſei, wie er, um ihren Hang zum Wohlthun zu unterſtützen, ihr Holmſee vermacht habe, und ſeine ſchöne Beſitzung am fiürſtlichen Garten, und wie er ſo ganz im Geiſt der innig⸗ ſten Bruderliebe von ihr geſchieden ſei.„Ich wünſchte nur noch ſo lange zu leben“, fuhr ſie leiſe fort,„bis ich mich ſeines ſchönen Vertrauens recht würdig gemacht hätte. Mein edler trefflicher Freund ſoll einſt ſeine Schweſter mit Liebe em⸗ pfangen!“— Sie hob hier das glänzende Auge mit dem Ausdruck der freudigſten Hoffnung empor, und wurde immer ſtiller, je näher wir dem Got⸗ tesacker kamen.— Der Platz iſt mit hohen Lin⸗ den dunkel beſchattet, der Herbſt hatte die Blätter zum Theil herabgetrieben, wir mußten uns müh⸗ ſam durch das dürre Laub Bahn brechen.— Ein Todtengräber deutete auf unſere Frage auf einen ſchönen friſchen Raſenhügel. Angela ſchrett eilig voran, ich folgte ihr und faßte ihre Hand.— „Schon mit Gras bedeckt!“ ſagte ſie leiſe, indeß ihre Thränen herabſielen.„Sehen Sie, liebe Her⸗ mine, es iſt eine kurze Zeit her, daß er noch blü⸗ hend unter uns ſtand!— Damals und jetzt!“— Sie holte einen ſchweren Athemzug, ihre Bruſt be⸗ wegte ſich unruhig. Ich konnte meine Rührung nicht länger verbergen, ich ſah den Grafen in die⸗ ſem Augenblick ſo lebendig vor meiner Seele, mit — 123— dem friedlichen Lächeln, mit welchem er in meinen Armen verſchied, und erleichterte mein Herz, in⸗ dem ich der Comteſſe alles mittheilte, was ihr ſei⸗ ne letzten Stunden vergegenwärtigen konnte. Sie hörte mir ſchweigend zu, das Geſicht auf den Hü⸗ gel gekehrt. Kein Laut des Schmerzes, der Ueber⸗ raſchung entglitt ihren Lippen, ſie knieete einen Augenblick nieder, und neigte ihre Stirn auf das Grab, dann bat ſie mich, ſie zum Wagen zurück⸗ zubringen, da ſie doch nicht ſo ſtark ſei, als ſie geglaubt hätte. Wirklich mußte ich ſie auch im Gehen unterſtützen; ſie litt an heftiger Beklem⸗ mung, und erholte ſich nur mühſam in meinen Ar⸗ men, als wir zurückfuhren. Sie bat mich, als ich ſie verließ, ſie doch ja recht oft zu beſuchen, da ich die Einzige ſei, mit der ſie gern eine ſo ſchmerz⸗ liche als ſüße Erinnerung theile. Ich habe mir vor⸗ genommen, ihren Wunſch nach Kräften zu erfüllen, und ſie zu tröſten, ſoviel ich vermag. Von Nor⸗ den erwähnt Angela kein Wort; der Gedanke an den Todten ſcheint ſie allein zu beſchäftigen.— Das gute liebe Kind! wenn ſie nur nicht der ſtil⸗ len Wehmuth unterliegt, der ſich ihr Gemüth er⸗ geben hat! Die Aerzte hoffen Angelen wieder her⸗ zuſtellen,— ich weiß nicht, ob ich es glauben darf. Leben Sie wohl, liebe Alboin! — 124— Hundertneununddreißigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im October 18“*. Ich halte ſein Vermächtniß in meiner Hand, die letzten Worte, die der beſte der Menſchen an mich richtete.— O, könnten Sie dieſe ſchwankenden Züge ſehen: Sie würden weinen, wie ich, daß dieſe Hand zittern und auf immer erſtarren mußte, die ſo bereit war zu helfen, zu handeln, zu ſeg⸗ nen.— Er hat mich viel höher geliebt, als ich ihn, denn er hat mir zu gefallen ſein Leben frei⸗ willig gewagt, indeß ich mich weigerte, das meine mit ihm zu theilen. Ich bin ihm deshalb viel ſchuldig geblieben, und die Sehnſucht, es gut zu machen, reift meine Seele mächtig über die Jahre der Jugend hinaus. Ich fühle, daß ſeine Liebe zu mir ein Band iſt, das ſeine Welt mit der mei⸗ nen verknüpft, ein Band, das mich leiſe ihm nach⸗ ziehen wird, weil es ſtärker iſt, als alle die Fa⸗ ſern, mit denen ich noch mit der Erde zuſammen⸗ hange. Mein Vater liebt mich zärtlich, aber nicht ſo wie Er; Sie auch, Richardis, wie freundlich Sie mir auch ſind, vermögen mich nicht ſo zu lie⸗ ben,— und Norden,— Gott, wie ſogleich mein Herz ſtockt, ſobald ich des Namens gedenke,— Norden, dem meine Seele gehörte, wandte ſelbſt unbewußt ihr Auge von der Erde hinweg, und rich⸗ tete es dem Himmliſchen zu.— Ich habe nur zwei Gedanken, die mich anhal⸗ tend beſchäftigen, und meine Seele mit ſchöner Hoffnung erfüllen.— Der erſte gehört der Ver⸗ ſöhnung mit dem, der mich auf Erden am tiefſten gekränkt,— der andere dem theuren Verblichenen, deſſen reiner Geiſt mich ſtets in Liebe umſchweben wird, bis uns dereinſt eine Heimath verbindet.— Ich hoffe, daß Gott mich ſo lange erhalten wird, bis ich gereinigt vor Nordens Augen erſcheine,— er bedarf deſſen, ich weiß es, um die Menſchen ferner zu lieben.— In meiner Seele iſt kein Haß, keine Bitterkeit, aber das Verlangen iſt in ihr, ihm zu verzeihen, zu vergeben.— Iſt dies voll⸗ bracht, dann will ich auch ganz meinem Vater ge⸗ hören, und alles vollbringen, was ſein Wille ge⸗ beut.— Ich denke mit Freuden daran, einſt auf längere Zeit bei meiner geliebten Fürſtin zu ſein, — 126— und werde auch in ihrer Liebe noch manche ſanfte Freude finden.— Die Gütige hat mich ſelbſt be⸗ ſucht,— weil mir das Ausgehen ſelten erlaubt wird, und mir viel Freude für die Zukunft ver⸗ heißen. O, die Menſchen ſind alle ſo gut, ſo mild, ſo ſanft mit mir, daß ich mir oft noch ein länge⸗ res Leben wünſchen kann, um Allen zu vergelten! Ich werde Ihnen die letzten Zeilen des Grafen Ordeck beilegen,— das eigentliche Vermächtniß iſt gerichtlich verfaßt, und ernennt mich als Erbin ſei⸗ ner Güter. O, meine Geliebte, wie traf ſeine Großmuth mein Herz! Aber wie ſchön erhob mich auch wie⸗ der die Liebe des edelſten Mannes! Nehmen Sie, und leſen Sie ſeine Abſchiedsworte, und beurthei⸗ len Sie nach ihnen den Verluſt und den Schmerz Ihrer Angela. — 127— Abſchied des Grafen Ordeck von Angelen. Die Würfel ſind gefallen! Ihm die jahrelan⸗ ge Laſt drückender Schuld,— mir ein frühes Grab!— Tadeln Sie mich nicht, theures Mäd⸗ chen, daß ich mit Blut die Flecken abwuſch, die der Verräther auf Herminens Ehre lud! Bewei⸗ nen Sie mich auch nicht, aber blicken Sie freund⸗ lich und verzeihend über das Grab hinaus!— Sie nannten mich Bruder, ich Sie die Einzigge⸗ liebte meiner Seele! Einſt gilt dies alles gleich, und wir wägen nicht mehr die Worte für unſer Gefühl!— Laſſen Sie mich den Troſt mit hin⸗ übernehmen, daß Sie mein Herz erkannten, und mein waren, durch manches heilige Band. Die Zukunft allein kann über die Wahrheit unſerer Träume auf Erden entſcheiden, und ich ſehe dieſer Enthüllung mit namenlofer Freude entgegen! Blei⸗ ben Sie ſich ſelbſt getreu, o Geliebte, ich weiß dann, daß wir nicht auf immer getrennt ſind.— Die Wunde ſchmerzt! Lebe wohl, Angela! Schwe⸗ ſter, Geliebte, lebe wohl! Ordeck. — — Hnundertvierzigſter Brief. Norden an Walter. Breiſach, im October 18*. Du machſt mir Vorwürfe wegen meines langen Stillſchweigens, mein Freund?— Ich wollte Dir abſichtlich nicht eher ſchreiben, als bis ich mit The⸗ reſen vermählt war.— Jetzt,— da ſie meine Gattin iſt, nehme ich wieder mit Ruhe die Feder zur Hand, um mit Dir zu ſprechen, über das, was zeither geſchah. Kurz nach dem Abgang mei⸗ nes letzten Schreibens an Dich erhielt ich auf eine unerwartete Art die ſchmeichelhafteſten Aner⸗ bietungen. Man berief mich mit vortheilhaften Verbeſſerungen nach der Reſidenz, gedachte frühe⸗ rer Dienſte, die ich lange vergeſſen glaubte, und ließ mich noch mehr von der Zukunft erwarten, als man ausſprach.— Ich ſchlug, mit meiner Lage zufrieden, jede Verbeſſerung derſelben entſchieden aus, ſobald ſie — 129— nicht mit meinem Aufenthalt in Breiſach beſtehen konnte, und bat, mich wie bisher in meinem ſtil⸗ len Wirkungskreiſe zu laſſen. Seitdem hat man mir Ruhe vergönnt.— Die ganze Begebenheit kommt mir nunmehr wie ein ſeltſamer Traum vor. — Ich habe der Sache nachgedacht, und bin auf Vermuthungen gerathen, die ich fliehen muß, weil ſie mich in Labyrinthe verſtricken.— Auf alle Fälle iſt es gut, daß ich eine Gunſt, die ſo unerwarte⸗ tes Glück über mich bringen wollte, ausgeſchlagen habe. Ich begnüge mich damit, mir und Thereſen ein ſorgenfreies Loos zu ſichern.— Sorgenfrei? — Nun wenigſtens konnten ſie hier nichts abän⸗ dern, mit dem was ſie boten.— O Walter, ich habe die ſanfteſte, nachſichtigſte Gefährtin, ich habe viele edle Freunde, die Liebe meiner Gemeinde, — ein reichliches Auskommen,— alles was zum Glück gehört,—— und doch!—— Ordeck's Tod hat mich tief erſchüttert!— Graf Domelli litt gleich mir, aber noch tiefer mußte ſeinen Tod ein Weſen empfinden, das von ihm über Alles ge⸗ liebt, ſeine Verdienſte zu ſpät einſehen lernte.— Angela,— ſieh', da ſteht wieder der Name, den ich vergeſſen wollte und nicht kann, weil ſelbſt Thereſe, mit Schonung zwar, aber doch oft mei⸗ nes früheren Verhältniſſes zu ihr erwähnt, und die Heilung meines Gemüthes ſo eher herbeizu⸗ — 130— führen hofft, als wenn ſie mich meiner ernſten Verſchloſſenheit überließe; Angela ſoll kränkeln, natürlich ſeit dem Tode des Grafen, und nicht mehr das blühende, lebenskräftige Weſen ſein, als ſie ſonſt war. Graf Domelli ſpricht oft mit mir von ſeiner Tochter, und theilt mir ſeinen Kummer um dieſelbe mit, er iſt überhaupt freundlicher, gü⸗ tiger als je gegen mich, und gibt mir nicht un⸗ deutlich zu verſtehen, daß die Veränderung meiner Lage längſt ſein geheimer Wunſch geweſen iſt. Daß die Comteſſe kurz nach meiner Krankheit nach Breiſach kam, haſt Du vielleicht erfahren. Ich habe ſie geſehen, doch nicht geſprochen, ich habe es vermieden, nicht weil ich den Zauber ihres We⸗ ſens fürchtete, nein, weil ich ihr und mir eine ſchwere Stunde erſparen wollte. Thereſe, die mit ihr in der Kirche zuſammentraf, wollte ſie in ih⸗ rem Ausſehen verändert gefunden haben, ſie täuſch⸗ te ſich aber gewiß, denn dieſes war noch vor Or⸗ deck's Tode, auch hatte mir der Graf damals nichts von ihrer Kränklichkeit geſagt.— Walter, glaubſt Du wohl, Angela könne trotz ihrer Verirrung mein ſtrenges Zurücktreten ſchmerzlich empfunden haben?— Reue wäre keine unnatürliche Erſchei⸗ nung in dieſem Gemüth, das wenn auch der wech⸗ ſelndſten Gefühle empfänglich, doch nie verſchloſſen für die Stimme ernſter Wahrheit war.— Wäre — 131— dies ihr Schmerz,— müßten wir uns nicht ſeiner erfreuen? O, ich möchte ſie noch ſo gerne in dic⸗ ſem Leben gereinigt wiſſen, und dies vermog allein die bitterſte innigſte Reue! Oft denke ich über das Leben und ſeine ſelt⸗ ſam verſchlungenen Pfade nach. Ich bemühte mich bisweilen, den Vorhang zu lüften, der mir die Zu⸗ kunft verhüllt.— Aber es kam immer anders, als ich gedacht.— Das Schickſal ging leiſe und unbe⸗ lauſcht ſeinen Gang, wenn auch dunkel und uner⸗ forſchlich, doch gewiß mit dem großen Plane über⸗ einſtimmend, der eine höhere Vollendung bezweckt. — O, wenn wir dieſen Gedanken nicht feſthielten, wie vermöchten wir das Leben zu verſtehen, zu deuten?— Wäre da nicht der Unmuth großer Geiſter bei dem Wohlergehen verdienſtloſer, un⸗ würdiger Menſchen, und dem Untergang der Edeln, der gerechteſte,— ihr edler Eifer für die Aner⸗ kennung der Wahrheit und Tugend, und ihr Zorn, wenn ſie verkannt und verrathen ward, nicht die natürlichſte, ruhmwürdigſte Aufwallung?— Ja, es iſt eine erhebende Ueberzeugung, daß die Uebel der Erde nur darum zugelaſſen werden, um der Probirſtein ächter Tugend, oder das Werkzeug zur Vollbringung größerer Zwecke zu ſein.— Ich habe Stunden, mein Freund, wo es ſehr friedlich in meinem Gemüthe iſt, andere wie⸗ — 132— der, wo ich ſehr ernſt und nachdenkend, ja oft un⸗ ruhig bin!— Das macht, weil noch nicht Alles ſo klar vor meinen Augen iſt, wie ich es wünſchte!— Es kommt wohl noch eine Zeit, wo auch dieſe Nebel fallen!— Ich ſehne mich nach ihr, und doch ſcheue ich mich ſie herbeizuwünſchen.— Das Leben hat manche Prüfung für uns, und wird auch für mich noch viele bewahren!— Es ſei!— Der Schmerz ſoll mir willkommen ſein, der zu höherer Erkenntniß führt! Nur Thereſen treffe er nicht! — Auf ihr Haupt aller Segen von Oben!— Mir nur den Frieden, den ſie in kindlicher Un⸗ ſchuld auf mich herabfleht„und die Kraft, ihr mit Liebe zu lohnen!— Lebe wohl! — —. . —— ,— Hunderteinundvierzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im November 18*. Jch habe Ihnen ſehr lange nicht geſchrieben, meine theure Freundin! Der Arzt hat mir das Schrei⸗ ben unterſagt,— und ich habe ihm in Allem Ge⸗ horſam verſprochen. Jetzt geht es ſeit einiger Zeit beſſer mit mir,— und das kommt, glaube ich, daher, weil mich ein ſo ſchöner Gedanke beſchäf⸗ tigt,— dem zu Liebe alle Kräfte in mir auf's Neue erwachen, und thätig hinausſtreben.— Ich begleitete vor kurzem die Baroneſſe in die fürſtliche Kapelle, wo ich zufällig ein Bild erblickte, — das mein Gemüth auf's tiefſte ergriff.— Es ſtellte einen betenden Chriſtus vor, auf deſſen Ant⸗ litz der Ausdruck der tiefſten Wehmuth und der alles verzeihenden Liebe ſo innig verſchmolzen war, — daß man unwillkührlich an die Worte des Hei⸗ — 134— lands am Kreuz denken mußte:„Vater vergib ih⸗ nen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“— Ich vermochte nicht, meine Blicke von dem Bilde ab⸗ zuwenden; es war, als vernähme ich das leiſe Gebet,— das auf den halbgeöffneten Lippen ſchwebte,— als fühlte ich die unendliche Liebe des gen Himmel gerichteten Blicks, in meinen Bu⸗ ſen herabſtrömen.— Seit dieſem Morgen verläßt mich dies Bild keinen Augenblick,— ich entwarf es zu Hauſe in flüchtigen Umriſſen, und fühlte, daß ich die Aehnlichkeit vollkommen wieder geben würde, wenn ich den Verſuch wagen wollte.— Es fehlte der Kirche zu Breiſach ein Altarbild, das wußte ich,— der Gedanke, ſelbſt ein Gemäl⸗ de zu dieſem Zweck zu arbeiten, überkam mich mit einem Verlangen,— daß ich ſogleich mit meinem Lehrer zu ſprechen beſchloß,— und mir ſeinen Rath zu dieſer Unternehmung erbat.— Eine neue Spannkraft ſcheint ſeitdem meine Nerven zu bele⸗ ben.— Meine Hände regen ſich rüſtig,— und meine Phantaſie entflammt noch einmal, gehoben von dem würdigen Gegenſtande. Ich habe nun mit Vorwiſſen der Baroneſſe die Arbeit begonnen, und gedenke ſie mit anhaltendem Fleiße fortzu⸗ ſetzen.— Mein Lehrer macht große Augen über die kühne Sicherheit, mit der ich zu Werke gehe, — aber es iſt auch keine natürliche Begeiſterung, V * — 135— die mich treibt, ich fühle, daß ich gleichſam einem höheren Gebot gehorche,— und Kräfte erhalte, die mich ſelbſt in Erſtaunen ſetzen.—— Mein Vater weiß nichts davon, ich gedenke ihn damit zu überraſchen, indem ich der Kirche, in welcher ich die Weihe des Chriſtenthums empfing, in dieſem Gemälde ein paſſendes Andenken für im⸗ mer zu hinterlaſſen hoffe.— Wenn es vollendet iſt, und über unſerm Al⸗ tar ſtehen wird,— d Richardis!— Norden wird dann unter dieſem Bilde beten, er wird es täglich ſehen, und vielleicht auch das Wort vernehmen, das mir ſo deutlich in jener Stunde erklang. Ich hörte letzthin, er ſei durch Thereſens Beſitz zufrieden, ruhig und glücklich.— Gott ſei Dank, — daß ich dies weiß! So hat mein Schmerz doch wenigſtens eine Blüthe für ihn getragen, und auch für Thereſe!— Sie wiſſen, daß ich dies kaum zu hoffen wagte, weil alles ſo leidenſchaftlick, ſo ſchnell geſchol!— Ich möchte nun gern mich mit ihm verſöhnen, damit mein Bild auch wieder freundlich vor ſeiner Seele ſlehe, wie ſonſt,— und kein Zweifel an Treue und Tugend ſein Glück ſtöre!—— Aber noch darf ich nicht nach Breiſach, ich ſelbſt erlaub' es mir nicht.— Ich weiß wohl, wann es Zeit ſein wird, und dann wird mich mein Vater gewiß auch liebend aufnehmen.— Ich wünſchte, der Winter wäre bald vorüber und der Frühling da!— Ich freue mich ſo unausſprechlich auf die erſten Blumen, denn ich werde ſie dann wahrſcheinlich in Breiſach pflücken!— Glauben Sie nicht, liebe Richardis,— daß, wenn ich Ihnen auch jetzt ſeltener Nachricht ertheile, ich deshalb kränker bin!— Es iſt eine ſo tiefe Stille in mir, daß ich wenig von andern Dingen zu ſagen weiß, — als von der Arbeit, die mich beſchäftigt, und von meiner Sehnſucht, über den langen Winter hinaus zu ſein,— und deshalb lieber ſchweige, um nicht durch dies traurige Einerlei zu ermüden. Ach, könnten Sie an meiner Seite ſein, Sie würden mich auch ohne Worte verſtehen! Es iſt mir oft, als begebe ſich irgend ein Wunder mit mir, von welchem ich noch nicht zu ſprechen ver⸗ mag, das mich aber mit unausſprechlich ſeligen Ah⸗ nungen durchſchauert. So mag dem werdenden Schmetterling ſein, wenn die morſche Puppe zum erſtenmal von der jungen Kraft ſeiner Fittige erzittert.— Frühlingsahnung, Freiheitsgruß,— ſo heißt vielleicht das Geheimniß! O, könnte ich es mit Ihnen theilen, oder es Ihnen dereinſt mit deutlichern Worten vertrauen!— —A— Hundertzweiundvierzigſter Brief. Die Baroneſſe Münter an den Grafen Domelli. Aus der Reſidenz, im November 18*6. Seien Sie überzeugt, lieber Graf, daß ich Ih⸗ nen gewiß nichts in Hinſicht des Befindens der Comteſſe verſchweige!— Ihre Sorge iſt ſehr na⸗ türlich, und ich würde Ihnen öfterer Nachricht ge⸗ ben, wenn ſich das geringſte in Angela's Zuſtande veränderte!— Er bleibt ſich, wie ich Ihnen ſagte, völlig gleich,— und wir können nichts thun, als mit Geduld das Frühjahr erwarten,— um Ihre Heilung dem verordneten Bade zu überlaſſen.— Daß die Arme jetzt von jeder Luſtbarkeit, je⸗ dem Vergnügen ausgeſchloſſen iſt,— können Sie wohl denken!— Zum Glück findet ſie ſich beſſer darin, als andere Mädchen ihres Alters, ja, ich möchte wohl ſagen,— ſie liebt ihre Krankheit, weil ſie ſie der öffentlichen Zuſammenkünfte über⸗ hebt.— Bei den kleinen Zirkeln, die ich in mei⸗ nem Hauſe ſehe, iſt ſie gern zugegen, auch merke ich keinen Unterſchied gegen ſonſt in Hinſicht ihrer Lebhaftigkeit:— ſie ſpricht viel, nimmt an Lektüre und Muſik Theil, und ſtört auf keine Art die Freu⸗ den der Geſelligkeit.— Wie geſagt, wenn der üble Huſten gehoben werden könnte, ſo hielte ſie niemand für eine Kranke: im Gegentheil ſah ſie nie ſchöner und blühender aus, als jetzt.— Laſſen Sie ſich alſo nicht von allzugroßer Sorgfalt beun⸗ ruhigen: ich weiß, daß Ihre Wirthſchaftsgeſchäfte durch die Uebernahme von Holmſee bedeutend ver⸗ mehrt worden ſind, und Sie ſeltener abkommen können. Sie ſollen daher oft Nachricht erhalten, und ſtets die gewiſſenhafteſte von Ihrer ergebenen Münter. Hundertdreiundvierzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im November 18*7. Endlich, geliebte Freundin, iſt die qualvollſte Prüfungszeit meines Lebens überſtanden. Mein Bören iſt geſund und wohlbehalten zurückgekehrt, und ich ſuche an ſeiner treuen Bruſt all' die Lei⸗ den und Bitterkeiten der letzten Zeit zu vergeſſen. O, welch' ein Kleinod iſt ein Herz, auf das man mit gänzlicher Zuverſicht bauen kann, welch' ein hei⸗ liges Schild die Bruſt eines Mannes, in welcher deutſcher Muth und deutſche Treue wohnt. Mit einer Innigkeit, wie ich ſie noch nie empfand, ja ich kann ſagen, mit einer faſt demüthigen Liebe, als gält' es Vieles gut zu machen, flog ich in die Arme des geliebten Mannes. Die Freude ihn wiederzuhaben, ergriff meine Seele in ihren inner⸗ ſten Tiefen. Ich weinte lange an ſeiner Bruſt, , 140— ich weiß nicht, galt es dem heißerſehnten Wieder⸗ ſehen ſelbſt, oder den wehmüthigen Erinnerungen der letzten Zeit, mein beklommenes Herz ſchien ſich durch Thränen Luft machen zu wollen. Bören wußte durch meine Briefe bereits von Ordeck's Tod, wie von allen den Begebenheiten, die ſich ſeit unſerer Trennung ereigneten, und vermied es liebevoll, die Bewegung meines Gemüthes durch die Berührung jener Saiten auf's Neue zu erhö⸗ hen.— Mit zarter Schonung nahm er eine Laſt nach der andern von meiner Seele, und gab ihr den alten Muth, das jalte Vertrauen zurück.— Jetzt iſt alles zwiſchen uns klar und eben, ſein Glaube an mich, wie das Vertrauen ſeiner Mut⸗ ter blieben feſt und unerſchüttert, und das incon⸗ ſequente Betragen unſerer heuchleriſchen Freunde erregte weniger ſeinen Verdruß, als ich befürchtet hatte. Er beſuchte gleich den erſten Tag mit mir die Aſſemblee, blickte mit ſcharfen Augen umher, und da ihm nichts als kriechende Höflichkeit und die geſchmeidigſte Gefälligkeit begegnete, ſo warf er, als er nach Hauſe kam, ſeinen Degen ruhig zur Seite, indem er mich fröhlich in ſeine Arme zog. Wir werden, da Bören ſeinen Abſchied nimmt, auf's Frühjahr das Gut unſerer Mutter überneh⸗ men. Ich werde mit leichtem Herzen von dieſer Bühne treten;— Niemand iſt da, den ich ver⸗ — — 141— miſſen werde, als die liebenswürdige Angela.— O, liebe, liebe Alboin! So oſt ich an das gute Kind denke, thut mir's im Herzen wehe! Gott weiß, wie es kommen wird; ich fürchte, wir ver⸗ lieren ſie, trotz aller Bemühungen der Aerzte!— Sie iſt, ſeitdem ich mit ihr durch Ordeck's Tod in eine innigere Verbindung getreten bin, ganz Liebe, ganz Vertrauen gegen mich. Ich errathe jetzt al⸗ les, was an ihrem Leben genagt hat, und fürchte, daß ihre unſelige Neigung zu Norden die erſte Urſache war, die dieſe ſchöne Roſe ſo früh hin⸗ welken hieß. Sie ſpricht ſelten von ihm,— weit lieber und öfterer von Ordeck, aber ſie hört gern von ihm ſprechen,— ihn gern preiſen, und läßt ſich oft das Käſtchen bringen, worin ſie ſeine Brie⸗ fe bewahrt.— Oft möchte ich weinen, wenn ich ſehe, mit welcher Anſtrengung das gute Kind ſich zwingt, in den Zirkeln der Baroneſſe zu erſchei⸗ nen, um dieſe von ihrem Wohlbefinden zu über⸗ zeugen, weil ſie gar nicht für krank gelten will, wegen eines Gemäldes, welches ſie in kurzem zu beenden denkt, und welches alles übertrifft, was das geſchickte Mädchen jemals geleiſtet hat. Sie hat es, wie ſie ſagt, zu einem Geſchenk für die Breiſacher Kirche beſtimmt;— wieder ein Beweis, wie ſie ſich in Gedanken ſo gern in Nordens Nähe befindet. Die Arbeit koſtet ihre letzten Lebens⸗ kräfte, ſo wenig ſie es Wort haben will, der Reiz derſelben macht, daß ſie ſich ſelbſt vergißt, aber ich fürchte, daß ſie ſich nachher doppelt fühlen wird. — So, liebe Alboin, miſcht die Furcht um dieſes mir ſehr theure Leben täglich einen neuen Wer⸗ muthstropfen in den Kelch meiner Freude. Hätte ich jetzt nicht Urſache, mich aus doppelten Rückſich⸗ ten zu ſchonen, ich käme, glaube ich, faſt gar nicht von Angelen hinweg, ſo aber iſt es meine Pflicht, mich bisweilen ihrem tief ſchmerzenden Anblick zu entziehen, um meinem Bören eine geſunde und hei⸗ tere Gefährtin zu erhalten. Leben Sie wohl! — 143— Gedanken aus Angela's Blättern. Die Wahrheit, die man ſo oft vergebens ſucht, an deren heiligen, verhüllten Geſtalt wir oft, von eiteln Trugbildern verblendet, vorüberge⸗ hen,— ſie entſchleiert ihr Antlitz, wenn des To⸗ des Hand über die Gebilde der Erde ſeine ernſten, verhüllenden Schatten legt. Das Flammenſchwert des Ewigen in der Hand, naht ſie dann entweder, um das vergängliche Paradies betrüglicher Freuden zu ſchließen,— oder als Vergeltungs⸗Engel ein neues zu öffnen, und die geprüfte Liebe hinaufzu⸗ führen in die Heimath des Lichts. Man kann ſehr edel, ſehr ſtreng moraliſch ſcheinen, man kann ſelbſt die religiöſeſten, erha⸗ benſten Gedanken zeigen, ohne deshalb doch ein Jünger Jeſu im ganzen, vollen Sinne dieſes Wor⸗ tes zu ſein. Um zu dieſer Höhe zu gelangen, muß jede ſelbſtiſche Leidenſchaft in uns von jener Liebe beherrſcht werden, die aus Ihm geboren, allein unſer Handeln würdig zu leiten vermag. Iſt die⸗ ſes Heil uns genommen, dann werden wir keine Uebereilung mehr zu beklagen haben und kein Un⸗ recht. Nur der Affekt vermag unſer Auge zu trü⸗ ben, wie der Sturm, wenn er losgegeben wird, ſogleich den Himmel mit Wolken umzieht. 7 Für das wahrhaft religiöſe Gemüth gibt es keinen dauernden Gram. Jedes Leiden,— der heftigſte Schmerz ſelbſt, geht zuletzt in der vorherr⸗ ſchenden Kraft der Seele, der chriſtlichen Ergebung unter, und dies ſichert uns den ſchönen Frieden des Herzens. Wir wollen daher recht ruhig un⸗ ſere irdiſchen Wünſche und Hoffnungen dahin ge⸗ ben; wie die Blume ſtill hält, wenn der Gärtner ihr die überflüſſigen Knospen raubt, um die eine Blüthe, die als Krone emporragt, zu höherer Voll⸗ kommenheit zu bringen. Wenn wir auch Alles, was wir hienieden an Glanz und Schimmer erwarben, auf Erden zurück⸗ laſſen müſſen, ſo darf doch der Künſtler deshalb nicht trauern, und meinen, ſeine Werkſtatt ſei ſomit auch mit dieſem Leben geſchloſſen.— Er ergötzte die Sinne, um den Geiſt zu erheben, und ſetzte, indem er nach Außen zu die ſchöne aber vergängliche Blüthe entfaltete, zugleich die innere unſterbliche Frucht an, die neue, ihm ſelbſt noch unbekannte Schüpfungen in ſich trägt. Ich ſcheute es immer, von der Gewalt, wel⸗ che die Muſik über mein Gemüth übt, laut zu ſprechen, weil ich ſtets die ſinnlichen Eindrücke den rein⸗geiſtigen Erhebungen nachtheilig nennen hörte. Aber ich meine doch, daß etwas in der Muſik liegt, das nie genug gewürdigt werden kann. Ich fühle dies immer klarer, je freier mein Geiſt ſich entfaltet. Die Sprache der Töne erregt in mir den geheimnißvollen Schauer, das ſüße na⸗ menloſe Grauſen, das mich bei dem Gedanken an den Tod und die Unſterblichkeit überfällt. Nicht Worte vermögen es wiederzugeben, was eine ge⸗ waltige Muſik uns erzählt. Sie ſprengt den Rie⸗ gel von der verborgenſten Thüre unſeres Herzens, ſie rüttelt die ſchlummernden Geiſter mit Einem⸗ male aus dem dumpfen Schlummer empor, ſie thut unſere Augen auf Augenblicke der Zukunft auf, in⸗ deß die Vergangenheit zugleich freundlich grüßend an uns vorüberzieht; mit einem Wort, ſie gibt Angela 1V. 7 — 146— uns das höchſte Leben, aber nur flüchtig, weil es ein übernatürlicher Zuſtand iſt, und nicht weilen darf.— Vermöchten wir die Geſtalten zu haſchen, die in ſolchen Momenten in uns empordämmern, könnten wir das bleiben, was wir in dieſen Au⸗ genblicken gänzlicher Erhebung ſind, wäre nicht das Gefühl der ſchönſten Freiheit ſo leicht be⸗ ſchwingt,— wir würden die Muſik als eine hei⸗ lige Verkündigerin der Gottheit verehren, und aus ihrer Schule die höchſte Vollkommenheit der Seele ſchöpfen.— Wird uns nicht jeder große Entſchluß, jede edle Aufopferung, ſelbſt dem Krieger der Gang zum Tode leichter, wenn die Muſik der Seele Kräfte entbindet?— Der Geiſt muß ſich gewiß ſchneller von der Erde trennen, wenn ihn die Macht der Töne geheimnißvoll emporlockt, wie das Kind ſeine liebſten Bilderbücher und Spielſachen fallen läßt, wenn es die Stimme der Mutter hört, die ihm aus der Ferne herüberwinket. Je mehr wir uns von der Außenwelt zurück⸗ ziehen, je mehr baut ſich die innere an, nur muß unſer Gemüth zuvor von den Freuden des Lebens und auch von den Schmerzen deſſelben heimgeſucht worden ſein, damit wir den Segen, den beide zurückgelaſſen haben, benutzen, und zu ſchönem Er⸗ trage für uns und Andere anwenden können. Hat einmal der innere Kern angeſetzt, ſo ſaugt er auch begierig alle Kräfte des Daſeins in ſich hinein.— Seine Reife wird dann der äußeren Hülle Tod, — aber das ſtöre uns nicht, ihn zu pflegen. In ihm leben wir im eigentlichſten Sinne des Wortes; das heißt: wir beſtehen ewig durch ihn. Je inniger wir uns mit dem Gedanken an den Tod beſchäftigen, je nachſichtiger, milder und freundlicher werden wir gegen die Menſchen.— Deutet dies nicht an, daß die Liebe uns am ſchön⸗ ſten den Uebergang in ein beſſeres Sein bahnet? — O, ſo nimm mich denn hin, du ernſter tief⸗ ſchweigender Genius!— Ob die Menſchen Dich auch Tod heißen, Du ſollſt mir ein Bote des Le⸗ bens ſein, weil Du mir Freiheit gibſt, und mir ſo ſelig das Herz kühlſt, das eigentlich gar keinen Schmerz kannte, als die lange unendliche Sehn⸗ ſucht nach der Heimath der Liebe, des Lichts. Wie wird es ſo ſchön ſein, ſich wiederzufin⸗ den, und ſich zu erkennen, verklärt und von allen 7* — 1481— Schmerzen und Leiden befreit!— Die Gleichheit der Seelen, die uns Wohlwollen einflößt, die rein⸗ harmonirenden Tugenden, deren Anklang uns ſchon hienieden zuſammenzog: ſind gewiß in Zukunft die Bande der innigſten Vereinigung.— Welch⸗ eine wundervolle Kette, die Geiſter an Geiſter reiht, und die ihren Anfang wie ihr Ende in Gott findet!— — 149— Hundertvierundvierzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Aus der Reſidenz, im Februgr 1989. Mein Werk iſt vollbracht, Geliebte! Erſchöpft aber dennoch voll ſtiller, ſeliger Freude ſitze ich vor der Staffelei und ſchaue auf das Bild, und dann wieder zu dem durchſichtigen Himmel empor, der ſo geheimnißvoll grüßend durch die wankenden Zweige ſieht. Ich hatte für Norden eine Wohlthat im Sinn, als ich das Gemälde entwarf. Eine größere iſt mir geworden! Richardis, ach ein unausſprechli⸗ cher Segen, den ich nur empfinden, nicht ausdrü⸗ cken kann! Wiſſen Sie wohl, als Sie damals das Bild einer entfernten Freundin zu zeichnen verſuchten und doch nichts hatten, an das Sie ſich halten konnten, als nur die Erinnerung ihrer Unſchuld, Güte und Liebe. Sie verſuchten es darauf hin, und je mehr Sie ſich in die Eigenſchaften der Entfernten vertieften, je näher rückte Ihnen dieſe ſelbſt, bis Sie endlich mit dem Ausruf an mein Herz fielen: Zu was brauche ich das Bild? Sie iſt lebendig geworden in meiner Seele, ich habe ſie ſelbſt! 4 Sehen Sie, Richardis! Dieſes Lebendigwer⸗ den, dieſes in uns Aufleben, das mein' ich! Nach einem Abglanz von Ihm ſtreckte ich meine Hand aus; einen Schatten wollte ich erbeu⸗ ten von ſeinem göttlichen Leben. Sehnſüchtig, immer ſehnſüchtiger wurde mein Herz, je mehr ich mich in ſein Weſen vertiefte mit allen meinen Ge⸗ danken. Da— da, o Richardis, ein Schauer über⸗ fliegt mein Geſicht, indem ich es auszuſprechen wage,— da zog es in mein Herz wie ein Vor⸗ bote neuen Lebens.— Mir war, als ſei ich aus einer Gewitternacht plötzlich unter den ſtillſten Frühlingshimmel getreten, als läg' es hinter mir wie ein banger Traum, und nun begönne erſt das Erwachen. Leiſe, leiſe ging ich, meinen Himmel in der Bruſt, unter den Menſchen daher; es war auch, als ſchonten ſie Alle mein Glück; ſie ließen mich ungeſtört, und viel war ich einſam in dieſen Ta⸗ — 151— gen.— Aber dieſe Einſamkeit, o Richardis, wie vernahm ich in ihr immer tröſtendere Stimmen! Früh, wenn mein Auge ſich dem jungen Lichte er⸗ ſchloß, welch' ein eignes, beglückendes Erwachen! Ich habe ſo lange nicht an einer Mutterbruſt ge⸗ ruht, jetzt war es mir wieder, als läge ich daran! Von einer ſtillen, geheimnißvollen Liebe umfangen, wurden alle Schmerzen in mir ſo ſanft, ſo leicht. — Es war, als nähme eine göttliche Hand ſie von meinem Herzen, und öffnete mein Auge dann und wann einer entzückenden Ausſicht.— Abends, wenn ich in der Dämmerung ſaß, und die Sterne emporſteigen ſah und den ruhigen Mond: da war es oft, als müßte ich mich wundern über man⸗ chen Gram, noch mehr über manches Entzücken, das einſt ſo gewaltig in meinem Herzen gelebt.— Ich ſchwebte von einem mächtigen Arme getragen, über mir ſelbſt, über allen meinen Freuden und Leiden. Vieles verſtummte, nur der Ton, der ſeit meines Herzens erſtem Erwachen durch mein Weſen getönt, hallte fort,— hallte fort wie ein Bundes⸗Wort, und klang mir zurück aus den Ge⸗ wölken des Himmels.—— Wie Cecilia blickte ich auf die zerbrochenen Inſtrumente zu meinen Füßen herab, und dann hinauf, wo ſie erklang, die Harmonie,— die ich ſuchte, und die ich fand. — 152— Was ſoll ich Ihnen, Richardis, noch von meinem äußern Leben erzählen?— Ich werde in kurzem nach Breiſach gehen, mich verlangt an die Bruſt meines Vaters! Hermine, die gute, entſchloſſene ſoll mich be⸗ gleiten; ihre Gegenwart dort wird bei meinem öfteren Uebelbefinden für mich wie für meinen ar⸗ men Vater von Wohlthat ſein.— Noch habe ich Ihnen nicht erzählt, daß der⸗ mine eine glückliche, ſehr glückliche Mutter iſt. Ich habe auf ihren Wunſch bei dem Knaben zu Pathen geſtanden. Als ich den Kleinen über die Taufe hielt, überkam mich das Gefühl meiner Schwäche mit großer Gewalt. Ich beugte mich über die liebliche Laſt, um das Zittern meiner Ar⸗ me zu verbergen. Der muntere Säugling lächelte mich ſo heiter an, während mir die Augen über⸗ gingen von namenloſem Gefühl.— Wie ohnmäch⸗ tig tritt der Menſch in das Leben, und wie ohn⸗ mächtig ſind die, die über ſeine Wohlfahrt zu wachen verſprechen.— Ach, Richardis, ich habe für die, die ich liebe, nichts mehr, als ein ſtilles Gebet; möge der, der unſere Schwachheit vertritt, es gnädig erhören! — 153— Hundertfünfundvierzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Aus der Reſidenz, im Februgr 18* Sind es auch diesmal nur wenige Zeilen, die vor Ihnen erſcheinen, ſo bitte ich dieſe als einen beſondern Beweis meiner Treue und Ergebenheit zu betrachten! Nichts in der Welt vermöchte mich ſonſt von der Wiege meines Kindes zu entfernen. Sie iſt die Friedensinſel geworden, an welcher alle meine Wünſche, Gedanken und Hoffnungen ausruhen. 1 Hier ſitze ich und falte die Hände, und bücke mich herab zu dem ſchlummernden Säugling, und alle meine Gedanken zittern durcheinander vor Wonne, indem ich ſeine Züge betrachte, ſeine ru⸗ higen Athemzüge belauſche! 4 Was iſt es doch, liebe Alboin, um dies ſelt⸗ ſame Gefühl!— Mir iſt, als hätte mir Jemand — 154— eine Krone aufgeſetzt und mir ein Königreich ge⸗ ſchenkt. Ich weiß jetzt auf einmal, wohin ich gehöre, über wasz ich ſinnen, wachen und walten ſoll. Der glückliche Punkt iſt gefunden, um dem meine Kräfte ſich drehen, in dem ſie ſich alle vereinigen ſollen.— Der kleine Kobold dort in der Wiege, der ſo ſchelmiſch aus den halbentriegelten Aeuglein hervorſteht, er iſt es, der die unruhigen Geiſter beſchwören wird, die mir und Andern ſo manches zu ſchaffen gemacht haben.— Gewiß, Ihre Her⸗ mine iſt auf dem beſten Wege zum Glück! Sie gleicht einer Biene, die, nachdem ſie lange Zeit um die Blumen des Lebens geflattert, verſtändig und weiſe nach Hauſe kehrt, den geſammelten Vor⸗ rath in die Zelle trägt, und ſich zufrieden ein Liedchen ſummt. Da kommt Bören!— Auf den äußerſten Fußſpitzen naht er meinem Gemach.— Nur her⸗ ein, lieber Freund! Die Feder kann ruhen! Frau von Alboin folgt den glücklichen Eltern wohl gern zu der Wiege des Kindes. Sehen Sie, da ſchlägt es die Augen auf!— Der natürliche Vater, bis zu dem Grübchen im Kinn!— Nun aber, bemerken Sie wohl die Ver⸗ wandlung, nun fliegt etwas über das kleine Ge⸗ ſicht, wie eine neckende Poſſe. Das iſt Hermine! — 155— würden Sie ſchwören, und Bören ſchwört dazu! Das reizt mich, ich mache Grimaſſe auf Grimaſſe, und das Schelmgeſicht lacht, lacht bis wir beide mit einſtimmen. Da haben Sie ein Gemälde unſers Glücks. Bald, hoffe ich, ſollen Sie es mit eignen Augen beſchauen.— In wenig Monden bin ich wieder in Ihrer Nähe. Bören übernimmt das Gut ſei⸗ ner Mutter, und geht in kurzem dahin ab, um die nöthigen Anordnungen zu unſerm künftigen Auf⸗ enthalte zu treffen. Wieder allein? hör' ich Sie fragen. Nein, r nein, liebe Alboin, Hermine iſt in keinem Fall mehr allein! Sie hat einen Sohn, der ſie ſchützt, unmündig ſchützt vor allen Grillen und Fehden!— Für diesmal aber begiebt ſie ſich ſammt dieſem nach Breiſach, um dort den Lenz zu genießen. Angela, warum fall' ich ſogleich aus meiner Melodie, wenn ich dieſen Namen nenne? Angela hat mich um dieſe Begleitung gebeten.— Es war etwas Geheimnißvolles in ihrem Blicke, als ſie mich bat, etwas wie das Aufdämmern einer neuen Hoff⸗ nung, und doch zuckte es wieder um die zarten Lippen ſo wehmüthig. Ich gehe mit ihr, ich fühle ein lebhaftes Ver⸗ langen, recht lange, recht ungeſtört mit ihr zuſam⸗ men zu ſein.— Es iſt, als würde man beſſer, — 156— wenn man neben ihr ſitzt, und ihr in die Augen ſieht. Das Leben darin ſteht in einem ſo ſelt⸗ ſamen Contraſt mit ihren Wangen, mit ihrer Ge⸗ ſtalt. Hätte ich nie etwas von der Fortdauer der Seelen gehört, hier müßte ich dennoch an Unſterb⸗ lichkeit glauben, es faßt Einem etwas in dieſem Blick bis in die Tiefen der Seelle. Ich bin ſeltſam bewegt, liebe Albvin! und werde für heute meinen Brief ſchließen. Von Breiſach aus hören Sie weiter von mir, o, daß ich Ihnen recht Heiteres zu ſchreiben vermöchte! — 457— Hundertſechsundvierzigſter Brief. Angela an den Grafen Domelli. Aus der Reſidenz, im März 18*“. Joh glaubte, ich würde den Lenz abwarten können, um Ihnen meinen Wunſch zu eröffnen, aber die Sehnſucht nach Ihnen und meiner Heimath wird gewaltiger von Tage zu Tage. Ich bitte Sie, er⸗ lauben Sie mir recht bald, an Ihre Bruſt zu eilen! Ich hoffe ſehr viel von dieſer Gewährung, ſelbſt meine Geneſung, mein Vater!— Ich darf es Ihnen ja nicht verſchweigen, daß ich mich zuweilen ſehr übel befinde. Sie werden mich verändert ſe⸗ hen, aber fürchten Sie deswegen nicht, meine Ju⸗ gend⸗Friſche ſei für immer dahin! Ich kenne den Einfluß der dortigen Luft auf meine Geſundheit, und werde mich ſchnell unter den wärmeren Son⸗ nenſtrahlen erholen, unter denen ſich jedes Hälm⸗ chen emporrichtet. Frau von Bören will die Güte haben, mich zu begleiten. Sie bringt Ihnen einen — 158— kleinen Gaſt mit, der uns viel Troſt und Freude gewähren ſoll. O, mein geliebteſter Vater! wie vieles ändert die Zeit! Es iſt mir in Ihrer und Herminens Nähe ſein, als lebte ich wieder in je⸗ nen Tagen, wo ich zum erſtenmale nach Breiſach kam, und auch wieder ſo ganz anders.— Haben Sie, ich bitte Sie, Geduld mit Ihrer Angela, und verzeihen Sie ihr dieſe Eile! Mit welchem Verlangen ſtrecke ich Ihnen meine Arme entgegen! O, laſſen Sie mich bald vor Ihnen erſcheinen, und empfangen Sie gütig Ihre Angela. — 4159— Hundertſiebenundvierzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Breiſach, im März 18*7. Ich bin, Geliebte, zu vielen Schmerzen hierher gekommen, und zu vielen Thränen! Gott, von welchen traurigen Auftritten bin ich ſchon Zeuge geweſen, und welche ſtehen mir noch bevor? Ich bedarf aller meiner Kraft, um mich und den Gra⸗ fen aufrecht zu erhalten, der ſich gleich mir über⸗ zeugt hat, daß Angela's Leben wohl ſchwerlich zu⸗ retten iſt! Ich glaube, daß die Comteſſe noch vor ihrer Abreiſe nach Breiſach von ihrer Gefahr un⸗ terrichtet war. Ihr Abſchied von der Baroneſſe war ſo ernſt, daß ſie mir ſchon dort als eine halb Verklärte vorkam, die den letzten liebenden Blick auf die zurückbleibenden Gefährten herabläßt. Die Reiſe über war ſie ſehr ſtill, und klagte oft über große Beklommenheit. Je näher wir Breiſach ka⸗ — 160— men, je ſichtlicher wurde ihre Anſtrengung, ihre Bewegungen zu verbergen. Sie raffte, wie es ſchien, alle ihre Kräfte zuſammen, um den Grafen nicht ſogleich mit ihrer gänzlichen Hinfälligkeit zu erſchrecken. Die Fahrt hatte ſie angegriffen, ihre Wangen glühten in dunkler Röthe, ihre Augen ſtrahlten in ungewöhnlichem Glanze. Dies ver⸗ mochte wirklich den beſorgten Vater über den er⸗ ſten Schmerz eines ſolchen Wiederſehens glücklich hinwegzuführen. Deſto ſchlimmer aber wurde ihr Zuſtand die darauf folgende Nacht. Das, Fieber, welches ſie, wie ſie mir geſtand, ſeit Monden nicht verlaſſen hatte, kehrte mit doppelter Heftig⸗ keit zurück. Die Tage war ſie, obgleich ſchwach und angegriffen, doch ſo geduldig und ſtill, daß keiner an ihre Gefahr ſichtlich erinnert wurde. Sie ſaß ruhig in ihrem Erkerſtübchen am Fenſter, und ergötzte ſich, wie ſie ſagte, an der Ausſicht, die ſte ſo lauge entbehrt. Der Graf, der trotz Angela's Mühe, ihre Schwäche ihm zu verbergen, ſehr bekümmert und mißmuthig war, kam oft zu uns herauf, ermahnte Angelen zum Gebrauch der Arznei, und erzählte uns von ſeinen Einrichtungen und künftigen Plänen. Er ahnete anfänglich nur halb die Gefahr, in der Angela's Leben ſchwebte, und ging daher nicht ſo ſchonend mit ihr um, als es bei ihrem zarten Gemüth nothwendig war. Er — 161— ſprach viel von Ordeck's Schickſal und auch von Rorden, und öffnete, ſo ruhig auch die Comteſſe ſich mit ihm darüber unterhielt, doch unbewußt alle ſchmerzlichen Wunden ihres Herzens auf's Neue. Ich beobachtete aufmerkſam den Gemüthszuſtand Angelens, und bemerkte bald, daß die Furcht und das Verlangen Norden wiederzuſehen, gleich mäch⸗ tig in ihrer Seele war. Ihre Blicke waren ſtets auf den Weg gerichtet, woher er kommen mußte, und doch bat ſie mich dringend, niemand als ihren Vater zu ihr zu laſſen, und erſchrak dem ungeach⸗ tet ſtets heftig, wenn die Thüre einmal raſch ge⸗ öffnet wurde. Ich ſah Norden die erſte Zeit mit keinem Blick, er war entweder verreiſt, pder nahm Anſtand das Schloß zu beſuchen. Endlich erſchien er, in einer Geſchäftsangelegenheit bei dem Gra⸗ fen; ich fand Gelegenheit ihn zu ſprechen, und er⸗ zählte ihm von Angela’s traurigem Zuſtande. Er that mit Ruhe einige Fragen an mich, wurde aber ſichtlich beſtürzter, je mehr ich ihm von ihren Lei⸗ den mittheilte. Angela erfuhr meine Zuſammen⸗ kunft mit dem Superintendenten, aber ſie frug nicht, und wartete ruhig ab, was ich ihr erzählen würde. Sie hörte mich, als ich von Norden ſprach, freundlich lächelnd an, fuhr aber bisweilen mit der Hand an's Herz, als empfände ſie dort ein hefti⸗ ges Weh. Mehrere Tage verſtrichen ſeitdem, ohne — 162— merkliche Veränderung ihres Befindens, bis eine neue Anſtrengung ihre Kräfte erſchütterte. An⸗ gela hatte gleich nach ihrer Ankunft ihrem Vater ein Gemälde überreicht, das ſie in der letzten Zeit beendet hatte, und ihn gebeten, es dem Superin⸗ tendenten als ein Geſchenk, das ſie der Kirche be⸗ ſtimme, zuzuſtellen. Der Graf, entzückt von dem Bilde, wünſchte es ſogleich über dem Altar aufge⸗ ſtellt zu ſehen, und hatte den Sonntag darauf zur feierlichen Einweihung deſſelben beſtimmt. Angela wünſchte dringend, an dieſem Morgen dem Got⸗ tesdienſt in der Kirche beiwohnen zu dürfen, und bat ſo flehentlich, daß der Graf ihr nicht zu wi⸗ derſtehen vermochte. Sie begleitete uns in ihrem Mantel und Schleier gehüllt in die Kirche, und nahm mit mir auf einem Chor, dem Altar gegen⸗ über, ihren Platz. Ein Sonnenſtrahl, der ſchräg durch eines der Fenſter ſiel, verklärte das Geſicht des betenden Heilands mit einer unbeſchreiblichen Glorie.— Das göttliche Erbarmen ſchien aus die⸗ ſen Zügen hervorzuleuchten, und ſich in leiſen Worten durch die langſam gehaltenen Akkorde der Orgel der Menge zu verkünden.— Angela ſaß ſtill und ruhig an meiner Seite, bis Norden vor dem Altare erſchien.— Sein Anblick ſchien ihre ſchwachen Kräfte zu übermannen; ſie zuckte biswei⸗ len leiſe, und ſah ſich ängſtlich nach mir um. — 163— Nordens ſchöne Rede feſſelte mich ſo ganz, daß ich nicht ſogleich den Wunſch der Comteſſe errieth. Endlich erſchreckte mich der Ausbruch des heftigſten Bruſtkrampfes, den ſie ſich lange zu unterdrücken bemüht hatte.— Sie mußte, ihrer Bemühung un⸗ geachtet, ſich wieder zu erholen, hinausgetragen werden, und fiel, als wir ſie nach Hauſe und zu Bette gebracht hatten, in einen Zuſtand, daß wir mit jedem Augenblick ihrem Tode entgegenſahen.— Als der heftige Krampfanfall vorüber war, lag ſie ſtill und bleich, wie eine ſchöne Leiche in meinen Armen. Der Graf hatte ſogleich einen Expreſſen nach der Reſidenz abgeſendet, um den Arzt zu Hülfe zu rufen, und ging in der ſchrecklichſten Un⸗ ruhe aus einem Zimmer in das andere.— Angela ſah ſeine Angſt, und bat mich leiſe, ihn herbeizu⸗ winken. Sie ſprach ihm freundlich zu, ſich zu faſ⸗ ſen, und ihr Schickſal dem Höchſten anheim zu ſtellen. Mit rührender Dankbarkeit gedachte ſie jeder ihr erzeigten Huld, und ſchien, indem ſie ſich mit ſo großer Innigkeit der Liebe ihres Vaters erinnerte, demſelben den letzten ſchmerzlichen Troſt geben zu wollen, der in ihren Kräften ſtand. Als ihre Sprache immer matter wurde, und ſie endlich erſchöpft zuſammenſank, verlangte ſie zu communi⸗ ziren.— Eine feierliche Stille breitete ſich über ihre Züge aus, das verklärte Auge ſchien ſich mit — 164— Gott zu beſprechen.— Ich ließ mich neben ihrem Bett nieder, und erwartete mit ängſtlichſchlagendem Herzen eine Scene, die für mich, die ich von An⸗ gela's Geſinnungen unterrichtet war, die rührendſte ſein mußte, ob die Leidende gleich in dieſem Au⸗ genblicke weit über jede irdiſche Neigung und jeden Schmerz erhaben war.— Lange harrte ich ſo in peinlicher Angſt, die Stundenſchläge ungeduldig zählend.— Endlich erſchien der Superintendent, von dem Grafen begleitet. Er blieb einen Augenblick am Eingang der Thüre ſtehen, von Angela's Anblick getroffen, dann ſchritt er langſam auf uns zu. Angela grüßte ihn mit einer freundlichen Bewegung der Augen. Sie verſuchte es einigemal zu ſprechen, doch vermochte ſie es nicht,— endlich winkte ſie uns leiſe, uns zu entfernen, um ſie ungeſtört der ernſten Andacht dieſer Stunde zu überlaſſen. Ich trat mit dem Grafen in das angrenzende Cabinet, wo mein Kind ruhigſchlummernd in ſei⸗ ner Wiege lag.— Ich beugte mich über das fried⸗ lichlächelnde Geſicht, um Kraft zu gewinnen, ich betete leiſe auf dem unſchuldigen Haupte für An⸗ gela, für uns Alle, und ſetzte mich dann etwas gefaßter zu dem Grafen, der in ſtummer Betrüb⸗ niß verſunken war.— Ich hörte Nordens Stimme, von Zeit zu Zeit konnte ich ſogar ſeine Worte — 165— verſtehen. Er ſprach von dem erhebenden Troſt himmliſcher Gnade, und der Nothwendigkeit einer gänzlichen Hingebung des Gemüthes an Gott.— Es waren die Worte unſers himmliſchen Erbar⸗ mers, mit der er ihre ohnmächtige Kraft aufzurich⸗ ten bemüht war.— Bisweilen wollte mich's be⸗ dünken, als hörte ich auch Angela's Stimme,— Nordens Worte ſchienen Antworten auf ihre leiſen Fragen zu ſein, ſie klangen beruhigend, und beſtä⸗ tigten das, was ſie ausgeſprochen hatte.— Die feierliche Stille, die auf dieſes Geſpräch folgte, deutete uns an, daß die heilige Handlung vollzo⸗ gen wurde.— Wir traten herein. Angela hatte ſo eben das Sacrament empfangen, und lag mit geſchloſſenen Augen und gefalteten Händen mit ei⸗ nem unausſprechlich holden Antlitze da. Norden ſprach ein kurzes Gebet über ſie, dann trat er leiſe hinweg, indem er den Grafen bat, ſeinen Platz einzunehmen. Er äußerte gegen mich, nach ſeiner Anſicht ſei die Kranke keinesweges ohne Hoff⸗ nung, und verſprach, ſich morgen mit dem Arzt wegen ihres Zuſtandes zu beſprechen.— Er ver⸗ ließ uns hierauf, indeß Angela in einem ſanften Schlummer zu liegen ſchien.— Lange ſaßen wir an ihrem Lager, mit beſorgtem Blick die leiſen Athemzüge belauſchend. Lange hatte ſie nicht ſo ſanft geruht,— ich äußerte dies gegen den Grafen, — 166— er war meiner Meinung, und verließ darauf be⸗ ruhigter das Krankenzimmer. Der Arzt erſchien den folgenden Tag. Nor⸗ den, der gleich nach ſeiner Ankunft ſich einſtellte, unterrichtete ſich ſorgfältig von ſeiner Anſicht, um bei deſſen Abweſenheit ſeine Stelle erſetzen zu kön⸗ nen.— Er bat mich zugleich, mir, aus Fürſorge für meine Geſundheit, die Mithülfe ſeiner Frau gefallen zu laſſen, ſo lange die Comteſſe in Gefahr ſei, und ſtimmte Angelen ſogleich für ſeinen Wunſch. Thereſe(ich vermag Nordens Frau, ein holdes freundliches Weſen, nicht anders zu nennen),— übernahm mit Liebe und Sorgfalt die Verpflegung der Comteſſe.— Sie iſt nun täglich um Angelen, und wird von dieſer ſehr gern geſehen.— Die Kranke hat Stunden, wo ſie außer Bett ſein kann, — und ſcheint in ihrem Geiſte ſehr ſtill und heiter. Norden iſt oft um ſie, und hat bisweilen Unterre⸗ dungen mit ihr, die ihr ſehr wohlzuthun ſcheinen. Seine Nähe iſt von dem wunderbarſten Einfluß auf ihr Befinden,— ſie iſt nie ruhiger, ſchmer⸗ zensfreier und heiterer, als wenn er mit ihr ſpricht, — ja es geht ſo weit, daß ſie ſein Kommen mir jedesmal verräth, indem ſie einige Augenblicke zu⸗ vor, wie aus einem träumeriſchen Zuſtand erwacht, ſich aufrichtet und der Thür entgegenblickt, wo er eintreten muß. Mein Knabe und der kleine Sohn — 167— des Superintendenten, ein ſchönes blühendes Kind, — ſind Angela's liebſte Unterhaltung. Außerdem muß Thereſe, die ſehr artig ſpielt und ſingt, auf ihre Bitten ihr oft eines ihrer Lieblingsſtücke vor⸗ tragen,— vorzüglich hört Angela einige geiſtliche Lieder ſehr gern, ſie läßt ſich ſolche oft wiederholen, und wird dann immer ſehr ſanft und freundlich. Der Graf ſucht ſich nach Möglichkeit zu faſſen. Nordens treuer Beiſtand beruhigt ihn ſehr, und ich kann ſagen, daß auch ich von ſeiner Hülfe mehr erwarte, als von der des Arztes. Sein Rath, ſein Zuſprechen iſt von dem entſchiedenſten Einfluß auf die Kranke, und könnte vielleicht das Einzige ſein, was das Wunder ihrer Rettung zu bewirken vermöchte.— Bald werden nun die helleren Tage beginnen,— man darf einen zeitigen Lenz erwar⸗ ten, denn die Knospen und Keime ſchwellen ſicht⸗ lich empor.— Möchte er uns Heil und Segen bringen, und vor Allem Angela's Geneſung! Le⸗ ben Sie wohl! Hundertachtundvierzigſter Brief. Norden an Walte r. Breiſach, im März 18*“. Nein, Walter, ſie darf, ſie kann nicht ſterben! Sie iſt hier, ich habe ſie wiedergeſehen! Sie ſtand am Rande des Grabes, ſie verlangte nach der Verſöhnung mit Gott, ich nahte ihr, geſtählt von der ernſten Würde meines Berufes, und gab ihr, der Reuigen, meinen prieſterlichen Segen.— Ich habe an manchem Sterbebette geſtanden, warum ergriff ihr Anblick ſo mächtig die Tiefen meiner Seele?— Sie hat mich ja angelächelt, ſo freund⸗ lich, ſo hold, woher kam mir der innere Vorwurf, als ich die blühende jugendliche Geſtalt von den Schatten des Todes umfangen ſah?— Wer ſagt, daß ich zu ſtreng gegen ſie war?— Ich war es nur gegen mich ſelbſt, indem i4 mich von ihr zu⸗ rückzog, als ſie mich verlies!— O, ſie hat mir -—= 169— den größten Schmerz meines Lebens gegeben, aber dies Alles vergaß ich, als ich ſie wiederſah! Die Ruhe, mit der ſie zu dulden ſchien, der feſte Glau⸗ be an die Vergebung des Himmels, und ihr ſelig boffender Blick, verſöhnte mich ſanft und freundlich mit ihr. Sie that einige Fragen an mich, ich ver⸗ nahm wieder die rührende Stimme, die einſt nur zu große Gewalt über meine Seele gewann.— „Glauben Sie, Herr Superintendent“, frug ſie leiſe,„daß es Gott verzeihen kann, wenn unſer Gemüth ſich mit dem heiligſten Gefühl, das nur dem Schöpfer gehören ſollte, zu dem Geſchöpf ver⸗ irrte?“— Sie ſchlug bei dieſen Worten wie bei dem ganzen Geſpräch die Augenlieder nicht empor, als fürchte ſie in dieſer ernſten Stunde die ge⸗ ringſte Störung für ihr Gemüth. Ich beantwortete ihre Frage nach meiner Ueber⸗ zeugung. Sie fuhr fort:„Glauben Sie, daß uns jeder Irrthum des Gefühls vergeben wird, wenn der Wille nur immer fromm und gut, und unſer Handeln unſerer Ueberzeugung gemäß war?“— Ich beruhigte ſie auch hierüber mit dem Troſt, daß Gott in die Tiefe des Herzens blicke, und dem Irrenden gern verzeihe.——„Sind Sie auch gleich mir überzeugt“, begann ſie auf's Neue, „daß das Dunkel, welches ſo oft über dem Schick⸗ ſal des Menſchen waltet, jenſeit des Grabes ſich Angela IV. 8 löſen und aufklären wird, und daß wir dann alles erkennen werden, wie und warum es ſo und nicht anders geſchehen mußte?“— Ich bejahte ihre Frage nach der Hoffnung, auf die uns das Chri⸗ ſtenthum hinweiſt.——„So iſt alles gut!“ ſag⸗ te ſie ſanft:„So werd' ich auch dort mit allen Menſchen verföhnt ſein, wenn auch mein früher Tod noch Manches im Dunkel zurückläßt!“—— Sie betete hierauf ſtill vor ſich, und richtete ſich auf, um meinen Segen und das heilige Sakra⸗ ment zu empfangen. Als ich darauf das Gebet über ſie ſprach, blickte ſie mich einen Augenblick an, mit einem Blick, o Walter!— der die Schuld eines ganzen Lebens hätte verſöhnen können. Ihre Lippen bewegten ſich, als wollte ſie ſprechen, aber ſie lächelte nur ſtill, ihr Haupt ſank langſam zu⸗ rück, ihre Augen ſchloſſen ſich üde;— mein Amt war vollzogen.— Ich faßte ihre Hand, der Puls ging matt aber ruhig. Sie kann noch nicht ſterben! ſo rief es gewaltig in meiner Bruſt,— und— als müß⸗ te ich ſelbſt der Gefahr entgegenkämpfen, verwan⸗ delte ſich jeder Schmerz meiner Seele zu einer Kraft, die muthig hinausſtrebte, um die theuere Beute dem Tode zu entreißen. Ich ſchlug in meinen Bücharn nach, ich rief alle Erfahrungen zuſammen, ich eilte dem Arzt — 171— entgegen, ich verglich meine Anſicht mit der ſei⸗ nen, ich beſchwor Thereſen, nicht von der Kranken zu weichen, und brachte es mit Gottes Beiſtand ſo weit, daß Angela ſich nun außer Bette befindet, und ſich mit mir ruhig zu untgrhalten vermag. O, dieſe Züge, in denen einſt der Himmel meines Daſeins wohnte, ſie dürfen nicht ſo früh in Staub zerfallen! Dieſe Lippen, von denen allein die Löſung des dunkeln Räthſels zu erwar⸗ ten iſt, ſie dürfen ſich nicht ſchließen, und mich in Finſterniß laſſen! Sie ſpricht oft im Beiſein The⸗ reſens und ihres Vaters mit mir, ihre Seele iſt geläutert von jeglichem Nebel des Irrthums, denn Gott erfüllt wieder ihr ganzes Gemüth, und hat die gefährlichen Bilder irdiſcher Täuſchung ver⸗ drängt. Jede Stunde in ihrer Nähe bringt mir eine unſägliche Wonne und einen unſäͤglichen Schmerz: die Gewißheit ihrer Rückkehr zur Wahrheit, und die Furcht, daß dieſer helle Schimmer auf dieſer offnen, freundlichen Stirn ſchon einen Strahl von dem Aufdämmern eines höhern Daſeins iſt.— Thereſe, wie alles was um ſie lebt, haͤngt mit Liebe an ihren Winken, an ihrem Wort.— Alles fühlt ſich beruhiget in ihrer Nähe,— nur ich, o Walter, irre oft von einem namenloſen Weh ge⸗ trieben, umher, will mir ſelbſt entfliehen, und finde mich nur in den Augenblicken wieder, wo ich die 8* 172— freundlichen Worte der ſanften Dulderin höre, und in ihr verſöhntes Auge blicke.— O, ſie muß le⸗ ben, wer vermag denn ihren Tod zu ertragen?— Walter, Walter, bete zu Gott, daß er ſie rette und erhalte! 3 — 173— Hundertneunundvierzigſter Brief. Thereſe Wallburg an ihre Mutter. Breiſach, im März 18˙*“. Es ruht eine düſtere Trauer über unſerm Hauſe, geliebte Mutter!— Comteſſe Angela, von der ich Ihnen ſchon früher erzählte, iſt zu ihrem Vater zurückgekehrt, und befindet ſich in einem Zuſtande, der alles für ihr Leben fürchten läßt. Sie war Nordens Schülerin, und durch das zarteſte geiſtige Band von jeher mit dieſem verbunden. Ich weiß, meine Mutter, daß ſie ihm einſt ſehr theuer war, daß ſie es blieb, ob er gleich meinte, ſie habe auf⸗ gehört, das zu ſein, was ſie war, daß ſie es ewig bleiben wird, auch über das Leben, über das Grab hinaus. Ihr geduldiges Leiden, die Ruhe, mit der ſie ihren, vielleicht nahen Tod erwartet, hat längſt jedes Vergehen gelöſcht, deſſen Norden ſie anklagte. Sie ſteht gereinigt vor ſeiner Seele, — 175— aus beiden für die Zukunft Segen entſprieße. Sie glauben nicht, welche erhebende Augenblicke wir oft in Angela's Nähe verleben! Jedes Wort, was ſie ſpricht, hat eine ſo ſchöne, ſo ernſte Be⸗ deutung, und wird doch ſo kindlich, ſo anſpruchs⸗ los hingegeben, als ahne ſie ſelbſt nicht, welch' ein tiefer Sinn darin liege. Sie hat die Kinder ſo lieb als ich, und läßt unſern Fritz ſelten von ihrer Seite. Das iſt dann immer ein recht weh⸗ müthiger Anblick für mich, wenn das volle lebens⸗ kräftige Geſicht mit den großen brennenden Augen an dem Buſen der Kranken lehnt, deren ganzer Körper ein zarter Schleier zu ſein ſcheint, hinter dem man die hervorbrechende Pſyche ſchon deutlich zu ſehen vermeint. Noch eine Dame aus der Re⸗ ſidenz iſt mit der Comteſſe hierher gekommen, nämlich die Frau von Bören, von der mir Herr Walter ſchon viel erzählt hat. Auch ſie iſt recht ſchön und liebenswürdig, nur auf eine ganz andere Art wie Angela. Sie iſt es allein, die den Gra⸗ fen Domelli zu tröſten und zu zerſtreuen vermag, und iſt dort ſo ganz an ihrem Platz, wie ich an dem meinen bei Angela's Krankenlager. Oft, lie⸗ be Mutter, habe ich ſchon Ihre und Herrn Wal⸗ ters Güte geſegnet, daß Sie mich in der Muſik unterrichten ließen, aber noch nie ſo innig als jetzt, wo ich mit meinem geringen Talent die liebe 414— und er wendet ſich der ſanften Dulderin, wie ſonſt, mit der innigſten Theilnahme, mit der zarteſten Sorge zu. Seine Seele iſt in ewigem Kummer um ſie, aber auch die meine, geliebte Mutter! Ich kann ſagen, Angela beſitzt unſerer beider Her⸗ zen zugleich, und das iſt gut, weil dieſe ſich ſo niemals trennen werden. O, ſie iſt ſo himmliſch mild, ſo fromm, ſo geduldig, daß ſie ſchon jetzt weit mehr einer Himmelsbewohnerin gleicht, als einem irdiſchen Weſen. Mir kommt es oft vor, wenn ich in das ſchöne bleiche Geſicht ſehe, als ſchwebe um die hohe Stirn eine Glorie, wie man ſie über dem Haupte der ewigen Jungfrau erblickt. Ja, ſie ſteht viel höher als ich, höher wie wir Alle! Aber deshalb liebt ſie mich doch, und nimmt mich oft mit einer Innigkeit an ihre Bruſt, daß ich mich der Thränen nicht enthalten kann. O, meine Mutter, und wenn Norden ſie auch viel höher hielte, als mich, ſo wäre das ja ganz natür⸗ lich und begreiflich. Ich muß ſie ja auch lieben, und habe ſie nicht erzogen, habe ſie nicht in der vollen Blüthe ihrer geiſtigen Anmuth gekannt. Wer vermag denn ſein Auge vor dem Strahl un⸗ ſterblicher Schönheit zu verſchließen? Ich nicht, und auch Er ſoll es nicht! Er bedarf des trö⸗ ſtenden Anblicks eines vollendeten weiblichen Ge⸗ müths, damit ſein Vertrauen ſich ſtärke, und mir — 176— Kranke bisweilen zu erfreuen vermag. Oft, wenn ich allein bei ihr bin, bittet ſie mich, ihr meine Lieder zu ſpielen. Ich laſſe dann die Thüre der Nebenſtube offen, worin das Inſtrument ſteht, und ſinge ihr Lieblingslied:„Der Weiſe, der mein Loos gezogen, der zog für mich das beſte Loos.“— Komme ich dann wieder herein, ſo liegt ſie freundl ich lächelnd, mit gefalteten Hän⸗ den auf ihrem Bette, und lohnt mir mit einem unausſprechlichen Blick der innigſten Liebe.— O, wenn ſie doch Gott erhalten möchte, und ſie dann auf immer bei uns bliebe! Wir leben jetzt Alle faſt nur von ihren Blicken, von ihren Worten. Selbſt die Leute vom Hofe und aus dem Dorfe drängen ſich oft zu ihr, um auf einen Augenblick ihre gute Comteſſe zu ſehen, und ſie hat für Alle ein Wort der Liebe, des Dankes, der Aufmunte⸗ rung.— Ich vermag ihren Tod nicht zu denken, ohne einen Schmerz zu empfinden, der an mein innerſtes Leben greift. Und ſo auch würde es mit Norden ſein, deſſen Stirn ſchon jetzt mit düſterem Kummer umwölkt iſt. Bald, meine Mutter, ſchrei⸗ be ich Ihnen wieder; gebe Gott, daß ich Ihnen beſſere Nachricht mitzutheilen vermag!— —— — 177— Hundertfünfzigſter Brief. Norden an Waliter. Breiſach, im April 18*v. Welch einen Tag habe ich erlebt, o Walter: wie iſt's möglich, daß ich noch zu athmen vermag, jetzt, da es klar vor meinen Blicken liegt, daß ſie ſo rein wie die Sonne iſt, und ich allein der Un⸗ glückliche bin, der einer ewigen Reue verfallen iſt. Ich ſchreibe Dir am Abend eines Tages, der mir unvergeßlich bleiben wird. Ruhig ſchweigt draußen das nächtliche Gefilde, nur in meinem Buſen wogt es ſtürmiſch auf und ab, ſeitdem der Wahrheit Strahl die Nebel verſcheuchte, die ihre Unſchuld und mein Vergehen mir verbargen. 1 Ich trat heute Morgen, von dem beſſeren Befinden der Comteſſe unterrichtet, in ihr Zimmer: ich fand ſie allein auf dem Sopha ſitzend, und wie es ſchien, mit Leſen beſchäftiget. Sie trug ein — 178— weißes Kleid: ihr ſchönes Haar floß wie ſonſt, in dunkeln Locken über ihre Schultern:— ſeitwärts auf dem Tiſch ſtand eine blühende Lilie, dieſelbe, wie ich an dem Gefäß erkannte, die ich ihr einſt am Tage ihrer Confirmation gegeben. Sie erhob ſich, und wollte mir entgegentreten, ihre Bewegung machte, daß einige Papiere, die auf ihrem Schooß gelegen, zur Erde fielen. Ich eilte herbei, ihr be⸗ hülflich zu ſein, und erkannte unter andern die Brieftaſche, worin ſie damals mein Gedicht be⸗ wahrte. Sie bat mich freundlich, mich neben ſie zu ſetzen, und ordnete mit Geſchäftigkeit die zer⸗ ſtreuten Papiere.—„Kennen Sie noch dies Blatt?“ frug ſie ſanft lächelnd, indem ſie mir ein Papier, welches ſie eben aufgenommen hatte, darreichte.— „„Mein Gedicht!““ rief ich überraſcht:„„ſo iſt es wieder in Ihren Händen?““ n—„Wie?“ frug ſie langſam, indem ſie mich nachdenkend anſah: „Norden— Sie glaubten doch nicht?— O Gott, wenn es dies war,— ja dann!“— Eine hohe Röthe flog über ihr Geſicht.—„Graf Malvi““, fuhr ich fort, indem mir das Blut im Herzen zu ſtocken ſchien;—„Graf Malvi“, unterbrach ſie mich mit ruhiger Hoheit,„erhielt eine Abſchrift von mir. Er bedurfte einer geiſtigen Erhebung, ich glaubte in Ihrem Sinne zu handeln, wenn ich den Segen, den Sie einſt auf mein Haupt legten, — 179— auf Mehrere verbreitete!“—„„Aber, die Hand⸗ ſchrift““,— rief ich beſtürzt:—„Es war die meine!— Ich ſchrieb es ſelbſt!“ ſagte ſie, indem ſie erröthend das Haupt ſenkte. Ein zuckender Strahl, ſonnenhell, aber ver⸗ nichtend, fuhr durch meine Seele, ich ſprang auf, — ich hob meine Hände zu Gott,— ich ſank, ohne zu wiſſen, was ich that, vor der Schuldloſen, ach ſo hart Verkannten, nieder, ich riß die bleichen welkenden Hände an meine Lippen, ich benetzte ſie mit meinen Thränen, ich beſchwor die Mächte des Himmels, mir ihre Verzeihung zu ſchenken. An⸗ gela's Auge ruhte ernſt, doch ohne Vorwurf auf mir. Die Bewegung ihrer Lippen verrieth mir, daß ſie ſprechen wollte,— ſie vermochte es lange nicht. Endlich begann ſie, indem ſie mich aufrich⸗ tete:„Sie haben in dem Irrthum, in den man Sie vielleicht willenlos brachte, gerecht, wenn auch ſtreng gehandelt, Herr Superintendent!— Aber Sie konnten den Glauben an ein Weſen verlieren, das ganz Vertrauen, ganz Wahrheit gegen Sie war, und dies, o Norden, verzeihe Ihnen Gott, ſo wie ich es Ihnen jetzt mit ganzer Seele ver⸗ zeihe!“— Sie hob den Blick ſtrahlend empor, und ließ ihn dann mit dem Ausdruck himmliſcher Vergebung auf mich herabſinken. Ich vermochte es nicht, zu ihr emporzuſehen; o Walter, ſie ſtand — 180— in dieſem Augenblick über uns Alle weit, unendlich erhaben.— Das Eintreten meines Fritz unter⸗ brach unſer Stillſchweigen:— er brachte den er⸗ ſten Blumenkranz, ein Gewinde von Schneeglöck⸗ chen und Immergrün, und legte ihn ſchüchtern auf Angela's Schooß.—„Mein Vater, kränze Du ſie!“ bat das Kind:„ich kann ſie noch nicht er⸗ reichen!“—„„Ich auch nicht!““ ſeufzte es dumpf aus meiner Bruſt empor, aber Angela neigte ihr Haupt zu dem Kinde, und als ſie den Kranz em⸗ pfangen, ſagte ſie freundlich:„Heute iſt mein Eh⸗ rentag!. Ich warf einen ſcheuen Blick zu der Strahlen⸗ den empor: ſie bot mir ſanft die Hand.„Gott iſt mein Zeuge, Herr Superintendent“, rief ſie begeiſtert,„daß Ihre Verſöhnung mit mir der ſchönſte Augenblick meines Lebens riſt!“ Ich zog ihre Hand an meine glühende Stirn; ſie ließ ſie ruhig dort liegen, mir war, als fühlte ich die rei⸗ nigende Kraft ihres Weſens in meine Seele über⸗ gehen, den Segen mir noch heiliger zurückgeben, den ich einſt auf Ihr Haupt legte.—„Mein Leh⸗ rer, mein Freund“, tröſtete ſie mit ihrer beruhi⸗ genden Stimme:„fortan kein Kummer, kein Zweifel! Wir ſind Eins in Gott,— und theilen ein unausſprechliches Glück!“— Sie fuhr nun mit freundlicher Stimme fort, mich von ihren ———— 4 4 — 181— Hoffnungen für die Zukunft zu unterhalten, ſie er⸗ zählte mir von der Fürſtin und von ihrem Wunſch, ſie einſt auf eine beſtimmtere Art an ſich zu feſſeln, — ich gewann allmählig die Kraft, meinen Schmerz zu beſiegen, und kam, von ihr auf das ſchonendſte geleitet, in ein ruhiges Geſpräch mit ihr.— End⸗ lich erſchien der Graf mit Frau von Bören, ſie waren überraſcht über das heitere Ausſehen der Comteſſe, die mit dem Kranze geſchmückt, einer⸗ Königin glich. Meine Bruſt war zu voll, um nach dieſen Augenblicken noch an irgend einem Geſpräch Theil nehmen zu können.— Ich eilte hinaus, ich er⸗ zählte ihre Unſchuld dem Himmel, der Erde; ich ſuchte Thereſen auf, und goß in ihr treues Herz den Schmerz und den Segen der letzten Stunde.— Jetzt iſt es Abend, und Thereſe noch auf dem Schloſſe.— Die Theilnehmende eilte ſogleich zu ihr, weil ſie ſie verehrt und liebt gleich mir.— Feier⸗ lich und ſtill ſenkt ſich die Nacht auf die Erde,— langſam treten die Sterne hervor. Wer vermag dort emporzuſchauen, ohne an ihren Blick zu denken, und an ihre ſchöne Verhei⸗ ßung?— O, du geheimnißvoll waltender Geiſt hinter jener Verſchleierung! Wirſt du verzeihen gleich ihr?— Schwer liegt die Schuld auf meinem Haupte, aber du wirſt mit mir nicht zu Gericht — 182— gehen, weil ſie mir vergab!— Walter!— Es bricht mein Herz in unausſprechlicher Wehmuth!— O, auch der Mann darf ſich der Thränen nicht ſchämen,— nimm ſie, ſie netzen dies Blatt!— miſche die deinen damit!— Auch Du wagteſt es einſt, die Unſchuldige anzuklagen! Was ſind wir, mein Freund, mit all' unſerer eingebildeten Moral, und all' unſerer Tugend? Sie allein iſt das Kind, das Jeſu in die Mitte der in Hochmuth befange⸗ nen Jünger ſtellte, ſie wird die Größte im Him⸗ melreiche ſein!— — 483— Hunderteinundfünfzigſter Brief. Hermine von Bören an Richardis. Breiſach, im April 18**. Ich vollbringe die traurige Pflicht, die ich in An⸗ gela's Hände gelobte, Ihnen das letzte Lebewohl der zärtlichſten Freundſchaft zu ſagen. Angela iſt hinübergegangen, ſanft, ſchmerzlos, ohne Kampf ohne Leiden. Sie verſchied an der Bruſt ihres Freundes, ihres Lehrers, oder vielmehr, ſie ſchlum⸗ merte ein, um in einer ſchöneren Heimath zu er⸗ wachen. Beiliegendes Papier, an dem die Kran⸗ ke noch bisweilen ſchrieb, wird Ihnen vielleicht noch klarer ihren Zuſtand während der letzten Zeit ſchildern, als ich es jetzt in ſo tiefer Betrübniß vermag. Möge Ihnen dies letzte Andenken an die Hinübergegangene ſo theuer ſein, wie mir ihr frommes Dulden, ihr Lieben, ihr ganzes ſchönes Leben unvergeßlich bleiben wird. Hundertzweiundfünfzigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Richardis. Breiſach, im April 18**. Mein Wunſch iſt erfüllt, ich bin mit Norden verſöhnt! Das Gedicht, das ſo viel Segen und ſo großes Leid über mich brachte, führte uns aufs Reue zuſammen. Er glaubte es nicht mehr in meiner Hand, er wähnte, ich habe es leichtſinnig verſchenkt.— O Gott!— Ich habe es ihm ver⸗ ziehen, daß er mich eines Vergehens fähig halten konnte, für das ſeine Strafe gerecht ſchien, ver⸗ ziehen, daß er die Blüthen meines Lebens brach, die nur in ſeiner Liebe gedeihen konnten.— Ich bat einſt in kindlicher Unſchuld zu Gott, er möge mich würdigen, die heilige Liebe, die er mich kennen lehrte, dereinſt auszuſprechen im Le⸗ ben, und mir die Prüfungen und Leiden nicht ver⸗ weigern, durch die unſere Kraft ſich bewährt, da⸗ — 185— mit ich verzeihen lerne, und fort lieben, auch im Schmerz der Täuſchung, und ſo mich als Gottes Kind beweiſe.— Norden erſchrak über meine Wor⸗ te, und warnte mich vor ſträflichem Uebermuth. Er wußte es damals nicht, daß es ihm ſelbſt vor⸗ behalten war, mir dieſe Prüfungen zu bereiten, und er Zeuge meines ſchönſten Triumphes werden ſollte. Er hat mir viel hohe Lehren gegeben, und manches erhebende Beiſpiel! O, gelänge es mir dafür, den höchſten Segen auf ihn herabzuflehen, damit ihm aus meinem Grabe all' das Glück er⸗ ſtehen dürfte, das mein Leben ihm nicht zu geben vermochte!— Richardis, bald betrete ich den Weg zum Hauſe des Vaters. Eine unendliche Freude durch⸗ ſtrömt meine Seele, ſo oft ich denke, wie nahe ich der himmliſchen Heimath bin.— Iſt es die Gnade meines Erlöſers, die mir, der Unwürdigen, den Aufblick nach Oben ſo entzückend verklärt?— Gewiß, nur das Wunder ſeiner Liebe vermag das Herz mit ſolcher Seligkeit zu beleben, und es iſt der Glaube an ihn, der jede Furcht, jedes Grauen in meinem Buſen in ſchöne Hoffnung verwandelt. Wie verlang' ich hinauf, um ihm lobzuſingen, der mir die Thränen des Schmerzes gab, damit mir aus ihr des Himmels Wonne erblühe! 486— Richardis!— Ich grüße Sie vielleicht zum letztenmale mit irdiſchem Namen; aber wir begeg⸗ nen uns wohl, und finden uns wieder in den Ge⸗ filden des Lebens.— Der Tod, der unſere Ju⸗ gend niedermähet, darf nicht die Bande berühren, die reine Liebe um die Herzen der Menſchen ſchlang. Von höheren Händen gewebt, deuten ſie auf einen unſterblichen Bund, und dieſes iſt es, was mich in der Stunde des Scheidens mit himmliſchem Troſte erfüllte.— Die Wünſche, die noch meine Seele beſchäfti⸗ gen, gehören den Zurückbleibenden,— vor Allen meinem Vater an, der mich immer geliebt hat.— Für mich habe ich keine; denn Alles iſt in mir Dank, Freude und beſeligende Hoffnung geworden! Hundertdreiundfünfzigſter Brief. Hermine von Bören an Frau von Alboin. Breiſach, im April 18*r. Der traurige Fall, dem wir lange entgegengeſe⸗ hen, iſt eingetroffen! Graf Domelli ſteht kinder⸗ los am Sarge ſeiner einzigen Tochter.— Wer vermag das Weh zu ſchildern, das den Buſen des unglücklichen Vaters zerreißt. Sein Verluſt iſt unerſetzlich, und nur die Zeit vermag dieſe tiefe Wunde allmählig zu ſchließen.— O Geliebte, ich fürchte den Tod nicht mehr, ſeitdem ich ſie ſterben ſah!— Ich theile die Nei⸗ gung der Kinder, die gar nicht von der ſchönen Leiche wegzubringen ſind, und alle ihre Blumen bringen, um die ſtille hehre Geſtalt zu bekränzen. — Aus dieſen ſanften Zügen kommt kein Schmerz, nur ein milder Ernſt in meine Seele, der mir wohlthuender iſt, als alle Freuden der Welt. O, Frau von Alboin! Ich bin nicht umſonſt hier geweſen!— Ich habe manches Gute geübt, und Vieles gelernt, und ſehe meinen Aufenthalt in Breiſach für die nützlichſte Schule meines Le⸗ bens an.— Nur ſie konnte mir ſo die Tugenden der Geduld, der Sanftmuth lehren, nur ſie mir erklären, wie viel der Geiſt, von frommem Glau⸗ ben geſtählt, über die Leiden und Schmerzen des Körpers vermag. Ich werde verſuchen, Ihnen die letzten Stun- den des lieben Kindes zu vergegenwärtigen,— meine Thränen werden ſtrömen, indem ich es ſchreibe, aber ich entziehe mich nicht mehr wie ſonſt der Wehmuth und der ſtillen Betrübniß! Beide, das weiß ich jetzt, ſind ſegensreich für das Herz. Wir hatten, bei dem abwechſelnden Befinden der Comteſſe, den 13. April erreicht, und konnten ihr in demſelben, was ſie längſt ſehnlich gewünſcht, die erſten Frühlingsblumen bringen.— Sie war ungewöhnlich heiter an dieſem Tage, und berech⸗ tigte uns durch ihr Befinden zu den freundlichſten Hoffnungen. Wir theilten uns, wie die letzte Zeit überhaupt, in den Tag, da der Arzt uns geboten hatte, ſie ſo ſtill als möglich zu halten, und ihre Nerven nicht durch zu lautes Geräuſch zu beunru⸗ higen.— Norden beſuchte ſie früh,— ich und Thereſe abwechſelnd den Nachmittag.— Keiner von uns hatte den Tag über ein Zeichen der Ver⸗ ſchlimmerung ihres Zuſtande bemerkt,— ſie ſprach ruhig und klar, und ſchrieb auch einige Zeilen, die ſie mich an ihre Freundin Richardis zu beſtellen bat.— Die Nacht ſoll, wie ich erfuhr, um ſo übler geweſen ſein;— ſie hatte einen heftigen Bluthuſten bekommen, und litt den folgenden Mor⸗ gen an immer wiederkehrendem Bruſtkrampf.— Wir riethen ihr, im Bett zu bleiben, doch bat ſie ſo rührend und ohne Unterlaß, ihr doch einige Freiheit zu gönnen, und ſie auf's Sopha zu brin⸗ gen.— Gegen Mittag wurde ſie ruhiger, ſo daß wir glaubten, das Uebel ſei gehoben,— ſie ſprach viel mit mir und ihrem Vater, ach, Worte, die ich nie vergeſſen werde, und nahm wiederholt mein Kind an ihre Bruſt.— Als der Abend kam, frug ſie nach Norden. Wir hatten ihn zuvor, als ſie ſo krank war, abgewieſen, und ſagten es ihr. „Rufen Sie ihn doch zurück, liebe Hermine!“ bat ſie leiſe:„Ich will nicht, daß er abgewieſen werde!“— Ich eilte hinaus, und begegnete Nor⸗ den mit Thereſen, die eben heraufkamen.— An⸗ gela reichte beiden ihre Hände entgegen, und ſchien ſichtlich erfreut. Sie ließen ſich bei ihr nieder, währenddem ich den Augenblick benutzte, um zu meinem Knaben zu eilen, der mir ungeduldig ent⸗ gegenſah.— Als ich wieder zurückkam, fand ich Angelen wieder von dem üblen Krampfzucken befallen. Ich ſetzte mich neben ſie auf's Sopha, während Nor⸗ den, der auf der andern Seite ſaß, ihre Hände rieb, die ganz kalt waren. Sie lehnte ſich bald zurück, bald an meine Bruſt, und war ſehr unru⸗ hig. Der Graf war nicht zugegen; Thereſe brach⸗ te ihr Tropfen,— ſie weigerte ſich erſt,— doch als Norden ſie bat, nahm ſie ſolche ſogleich, und bat dann leiſe Thereſen um ihr Lieblingslied.— Indeß nun die Muſik im Nebenzimmer begann, ſchloß ſie leiſe die Augen, und glitt endlich, nach⸗ dem ſich ihr Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite geneigt hatte, langſam an Nordens Bruſt.— Hier war es, als ließe der Krampf endlich nach,— ſie holte langſame, ruhige Athemzüge, lächelte einmal wie im Traum, und wurde dann ganz ſtill.— Die Arie ging ruhig fort, ich verſtand die Worte:„Der Weiſe, der mein Loos gezogen, der zog für mich das beſte Loos!“—— —„Das beſte Loos!““ rief Norden dumpf vor ſich hin, indem er die ſchöne Entſchlummerte ſanft aufhob, und auf die Kiſſen bettete, die an meiner Seite lagen.— Er knieete darauf vor ſie hin, faltete die Hände über ihren Knieen, und lag — 191— ſo eine lange Weile, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben; dann raſch ſich erhebend, rief er laut: „„Sie hat vollendet“— und ſtürzte zu There⸗ ſen in's Nebengemach.— Ein kalter Schauer kam über mich, ich legte meine Hand auf Angela's Stirn, ſie war kalt, ihre Hände ſtarr,— aber um ihren Mund noch daſſelbe, ſelige Lächeln, mit dem ſie eingeſchlummert war. Jetzt eilte Thereſe herbei.—„Todt!“ rief ſie, die Hände ringend, und vor Angela's Leiche nie⸗ derſtürzend.— Der Graf kam zurück. Alles im Schloß wurde lebendig. Die Beſtürzung des un⸗ glücklichen Vaters, die Trauer der Uebrigen, das Wehklagen der Kinder und Leute, wer vermag ſo ſchreckliche Scenen zu ſchildern!— Ich hatte Mü⸗ he, den unglücklichen Grafen von der Leiche ſeines Kindes zu entfernen. Er verlangte nach Norden, dieſer aber war ſelbſt in dem bewußtloſeſten Zu⸗ ſtande auf ſein Zimmer gebracht worden, und die erſte Zeit unfähig, dem Grafen den Troſt zu ge⸗ ben, nach dem er verlangte. Ich übernahm es nun ſelbſt, den Grafen auf das ſchonendſte vor den heftigen Ausbrüchen ſei⸗ nes Schmerzes zu warnen,— und ihn auf den Troſt aufmerkſam zu machen,— den unſere Reli⸗ gion für jedes Leiden der Erde darbietet.— Ich brachte ihn endlich ſo weit, daß er das Trauer⸗ — 192— haus verließ, und in's Freie eilte, worauf ich und Thereſe die ſchöne Hülle der Entſchlummerten in ein anderes Zimmer brachten,— um ſie aus den Augen des Grafen zu entfernen. Heute wurde ſie auf dem Paradebett, den Un⸗ terthanen des Grafen zu Liebe, zur Schau geſtellt. — Sie liegt in dem langen ſeidenen Gewande ſo freundlich da, als ſchlummerte ſie einem ſchönen Erwachen entgegen. Die Kinder haben ihren Sarg zu einem Blumenbeete umgewandelt,— jedes bringt eine Knospe getragen, oder ein grünes Reis; Angela ſcheint, die Lilie in der Hand, die ſie im⸗ mer bei ſich hatte, die Opferprieſterin des Lenzes zu ſein,— und nimmt durch die Schönheit, die ſie auch im Tode nicht verläßt, dem Schmerz, den wir tragen, das Grauen⸗Erregende, das ihn ſonſt zu begleiten pflegt.— Ich werde ihr Begräbniß noch abwarten, be⸗ vor ich den Grafen verlaſſe.— Gott ſtärkt mich ſichtlich, um ihn aufzurichten, und meinem Kinde die Pflege zu gewähren, die es bei ſeinem zarten Alter bedarf.— Ich habe an Bören geſchrieben, und erwarte ihn in kurzem. Um keinen Preis der Welt geb' ich die Tage hin, wo ich Angelen die letzte Schuld dankbarer Liebe abtragen konnte. Das Leben hat ſeitdem eine ernſtere Geſtalt für mich gewonnen. 38 Nie werde ich ihr Bild vergeſſen! Das Lächeln, mit dem ſie hinüberging, ſoll mir eine ſchöne Er⸗ innerung ſein an die Unſchuld ihres Daſeins, ihres Handelns und Denkens. Leben Sie wohl, liebe Alboin! Bald hoffe ich Ihnen aus dem Ort mei⸗ ner künftigen Beſtimmung zu ſchreiben. Leben Sie wohl, und vergeſſen Sie nicht, daß bei dem Ver⸗ luſt, den ich durch Angela's Hingang erlitt, ich doppelten Erſatz von der Freundin erwarten darf! „ — 194— Hundertvierundfünfzigſter Brief. Graf Domelli an die Baroneſſe Münter. Breiſach, im April 18**. Ich habe Angelen begraben. Verlangen Sie nichts weiter zu hören! Sie wiſſen, daß ich alle meine Freuden und Hoffnungen in dem Leben dieſes mei⸗ nes einzigen Kindes geſucht.— Meine Gedanken waren eitel vor Gott, darum führt mich ſeine Hand die Pfade der Prüfung, und richtet mein Auge einem Ziele zu, von dem mich vergängliches Streben nur zu lange entfernte. Ich erſuche Sie, werthe Baroneſſe, die Für⸗ ſtin von meinem ſchmerzlichen Verluſte zu benach⸗ richtigen. Angela ſprach noch in den letzten Tagen mit Liebe von der Rückkehr zu ihr.— Welche Hoffnungen gehen mir mit meinem Kinde zu Gra⸗ be!— Ausgezeichnet ſchon in dem zarten Alter, in dem ſie ſtand, harrte ihrer die glücklichſte Zu⸗ — — 195— kunft. Da tritt der Tod vor mich hin, und for⸗ dert ſie für eine andere Welt, und übergibt mich der Betrachtung der Vergänglichkeit aller Pläne und irdiſcher Wünſche!— Ich fand letzt die Bibel Angela's, das einzige Buch, in welchem ſie in ihrer Krankheit geleſen. Mehrere Stellen waren darin von ihrer Hand gezeichnet.— Mir iſt, ſo oft ich ſie leſe, als ſpräche Gott durch dieſelbe zu meinem Herzen. Wie oft lag die Bitte in Angela's Blick, mir den Troſt mitzutheilen, den ſie dort ſchöpfte. Ich fühlte ihren Wink, aber ich fand keine Zeit, ihm zu folgen.— Jetzt iſt mir Zeit geworden, — viele Mußel!— Der Herr helfe ſie mir zu meinem Heile benutzen! Nach Angela's Wunſche fallen die Einkünfte der ehemaligen gräflich Ordeck'ſchen Güter einer Stiftung anheim, die bereits unter des Superin⸗ tendenten Leitung manchen Segen über unſere Gemeinde verbreitet.— Mein Erbtheil aber ſoll das heilige Buch bleiben, deſſen ich oben erwähnt. Ich betrachte es als ein theueres Vermächtniß, und meine Armuth ſoll dort ihre Erquickungen ſchöpfen.— Leben Sie wohl, mir iſt, als hätte ich Ihnen noch viel zu ſagen, auch zu danken!— Nun, die 9* — 196— Zeit möge es geben, was der Augenblick verſagt! — Für heute laſſen Sie mich ſchließen, und hof⸗ 7 fen: daß wir uns ferner in dem Andenken an die geliebte Heimgegangene begegnen! Hundertvierzigſter Brief. Norden an Walter. Breiſach, im April 18**. Walter! Sie iſt dahin, aber ich lebe, ja, ich lebe!— Aus der Nacht der Verzweiflung, aus der unendlichen Trauer eines in allen ſeinen Tie⸗ fen zerriſſenen Gemüthes, aus den Qualen der Reue iſt dieſes Lebens Morgen emporgedämmert, und Gottes Gnade wird es halten, ſo wie ſie es vom Untergange errettete. — O, mein Freund, was iſt des Menſchen eingebildete Tugend, was ſeine Einſicht, was die Strenge ſeiner Grundſätze, wenn ſie in thörichter Selbſtgenügſamkeit durch die eigene Kraft auszu⸗ reichen gedenkt bei den Prüfungen des Lebens. Wie furchtbar ſtraft ſich der Uebermuth, wenn wir, im frevelnden Stolz die eigene Schwäche ver⸗ geſſend, uns zum Führer, zum Richter Anderer — 198— aufwerfen, oder uns Weisheit genug zutrauen, aus eigener Erkenntniß die Bahn wahren Heiles zu finden!— Klar, jeden Wahn vernichtend, trat die Wahr⸗ heit vor meinen Geiſt, und zeigte mir in Angela's frühentblättertem Lenz die Früchte meines eiteln Strebens, meines frevelhaften Eingreifens in die Rechte einer höhern Gewalt. Ich ſah, wie ich, trotz meines Vorſatzes ihr Gemüth dem Höchſten zu weihen, es mit irdiſcher Liebe für mich, dem Unwürdigſten aller Sterblichen, erfüllt hatte; wie ich im Wohn, eine Schuldige, die das Heiligſte frevelnd verletzte, durch mein kaltes Zurücktreten zu züchtigen, die reinſte Unſchuld durch meine vor⸗ eilige Härte dem bitterſten Leid, ja, dem Tode geopfert, und ſo dem unglücklichſten aller Väter für das Vertrauen, das er mir gezollt, ſein höch⸗ . ſtes Erdenglück, den Troſt, die Freude ſeines Al⸗ ters für immer zerſtört hatte.— Da lag ſie vor mir da, in aller ihrer Ohnmacht, ihrer Blöße, des Menſchen kurzſichtige Weisheit; da ſah ich, wie engbegrenzt unſere Einſicht, unſere Erkennt⸗ niß ſei. Zerſtörend drang das Bild von Angela's Leiden, ihr Tod auf mich ein, alle Kraft, alles Leben in mir aufreibend. Ich verſuchte es, mich durch die ſcheinbar reine Abſicht, den tugendhaft⸗ ſcheinenden Willen, der mich geleitet, gegen mich — 199— ſelbſt zu vertheidigen, bemüht, die nagenden Vor⸗ würfe zu beſiegen, die in meinem Buſen erwach⸗ ten,— aber jene Waffe, mit der ich ſo oft mei⸗ nem Gewiſſen Frieden zu erkämpfen wähnte, zer⸗ fiel in Staub, von dem gewaltigen Strahl der Wahrheit berührt, der meine Seele durchblitzte; ich ſtand ohne Hülfe, ohne Rath, dem Gefühl gänzlicher Vernichtung Preis gegeben. Da, Walter, als der Verzweiflung Nacht über meinem Haupte zuſammenſchlug, als mein ſterbender Blick, von Allem abgewieſen, was ich auf Erden hochgeſtellt, den Tod ſuchte, da däm⸗ merte in mir ein Licht empor,— ein Licht, deſ⸗ ſen Strahl ich zum erſtenmale zu begrüßen meinte. Gläubig folgte ich der himmliſchen Leuchte, und ſie führte mich zum Born der Gnade, des Lebens. Zu ihm lenkte ſie meinen Blick, zu ihm, dem Held der Liebe, der einſt vermittelnd zwiſchen un⸗ ſere Schuld und Gottes ſtrenge Gerechtigkeit trat, — zu Ihm, deſſen Dienſt ich mich weihen wollte, den aber mein in Selbſtſucht befangenes Herz nie erkannt, nie verſtanden hatte, und er, den ich ſo lange verlaſſen, hingeben konnte für das Trug⸗ bild eigener Einſicht, eigenen Verdienſtes: Er nahm mich an, richtete mich auf, und flößte mir den Balſam ſeines Lebens in das verſchmachtete Herz. — 200— Da fiel mit den Thränen der Reue, der Schleier des Irrthums zugleich von dem erwachen den Auge. Ich ſah, wie der Einfluß des göttli⸗ chen Weſens, ſeitdem Selbſtgerechtigkeit ſich mei⸗ ner Seele bemächtiget, nur erhellend, nicht erwär⸗ mend auf mein Leben gewirkt; wie ich, ſo lange ich in mir Rath, Hülfe und Troſt geſucht, immer weiter abgeirrt war von dem göttlichen Licht. Ein langer, unendlicher Irrthum lag meine Vergangenheit hinter mir; vor mir aber dämmerte es empor, wie ein Auferſtehungsmorgen, und es kam ein heiliger Schauer über mich, als ſei mir erſt jetzt das große Geheimniß der Erlöſung ver⸗ traut. Unausſprechliche Wehmuth und unausſprech⸗ liche Freude durchbebte zugleich mein Gemüth, als die große That der Liebe mich erleuchtend durch⸗ drang, und ich ſegnete den ernſten, heimſuchenden Engel, den mir der Herr geſandt, um mein ver⸗ blendetes Auge dem wahren Licht, dem wahren Leben zu öffnen. Sanft und beruhigend löſen ſich ſeitdem alle Disharmonien in mir zu reinerm Ein⸗ klange auf. Ich fühle mich der Demuth, und in ihr der göttlichen Liebe zurückgegeben, und klam⸗ mere mich feſt an die Hoffnungen, zu denen uns der Erlöſer ſcheidend berief. Noch iſt mein Werk nicht vollbracht. Der Glaube, wenn er ein lebendiger iſt, erzeugt auch *—— — 2014— die That der Liebe, deren ich bedarf. Die Ver⸗ ſöhnnng mit Thereſens Mutter ſei mein erſtes Opfer auf dem Altar der göttlichen Gnade; die erſte Blüte, gepflanzt an dem Grabe Angela's. Walter! Trauere fortan weder um ſie noch um mich! Ihr ward der Seligkeit ſtrahlendſte Krone,— mir Rettuug, Erlöſung.— Was ſind die Zuckungen des Schmerzes gegen dieſen Gewinn? — Nein, trauere nicht! Freue Dich meiner Buße, freue Dich aber auch meiner Hoffnung, daß der, der den Verlorenen aus den Armen der Finſterniß riß, ihn ferner halten und leiten wird auf dem Pfade des Lichts! Norden. —— Bei dem Verleger dieſes ſind ferner erſchienen: Bädeker, F. G. H., kurzer und faßlicher Unterricht in der einfachen Obſtbaumzucht, für die Landjugend. 5te verb. Aufl. m. Kpfrn. 12 ggr. Dieſterweg, Dr. F. A., Rheiniſche Blätter füͤr Erzie⸗ hung und Unterricht. Jahrg. 1830 und 1831. Jeder Jahrgang 2 Rthlr. 16 ggr. Euripides Phoinikerinnen, metriſch verdeutſcht und mit Anmerkungen begleitet von Knebel. 12 ggr. Ewald, J. L., kleine Schriften. Erſtes Bdchn. 10 ggr. Fliedner, T., liturgiſche Mittheilungen aus Holland und England, mit Bezug auf die preuß. Agende. 9 ggr. Gräfe, Dr. H., Jahrbüchlein der deutſchen padagogt⸗ ſchen Literatur. Erſtes Bdchn., die Literatur der Jah⸗ re 1823 bis 1826 enthaltend. 1 Rthlr. Grashoff, J. W., Leitfaden für den unterricht in der allgemeinen Weltgeſchichte. 12 ggr. Hoffmeiſter, Dr. K., Beiträge zur wiſſeenſchaftlichen Kenntniß des Geiſtes der Alten. Erſtes Bdchn, die Weltanſchauung des Tacitus enthaltend. 1 Rthlr. Laar, Fr., Feſtpredigten. 1 Rthlr. 12 ggr. Luther, Dr. M., Anweiſung zum Gebrauch der heil. Schrift als Quelle der chriſtlichen Erkenntniß. Aus ſeinen Schriften geſammelt von Fr. Geſſert. 18 ggr. Mauvillon, F. W. von, Ueber die Leitung des Ein⸗ quartirungsweſens in Kriegszeiten. 1 Rthlr 8 ggr. Merrem, B., Beiträge zur Naturgeſchichte der Schlan⸗ gen. 3 Hefte mit 32 ill. Kpfrn. 4. 12 Rthlr. Möller, A. W., Wandcharte des heil. Landes zum Ge⸗ brauch in Stadt⸗ und Landſchulen beim Unterricht in der heil. Schrift. Vierte Aufl. 12 ggr. Möller, A. W., Wandcharte des römiſchen Reichs in ſeiner größten Ausdehnung. 16 ggr. Natorp, B. C. L., Briefwechſel einiger Schullehrer und Schulfreunde. 3 Bochn. 3 Rthlr. 12 ggr. —— Ueber den Geſang in den Kirchen der Prote⸗ ſtanten. 3 1 Rthlr. a ggr. Nedelmann, W., Pot-pourri sur des themes favoris de 1'Opera: Der Freischütz. Pour Piaro et Vio- lon concertant. 20 ggr. —— Souvenir d'un concert de Paganins. Lang- hetto cantabile et Polonaise pour le Pianoforte composées sur de motifs de Paganini. 1 Rthlr. Oven, C. von, über die Entſtehung und Fortbildung des evangel. Cultus in Jülich, Berg, Cleve und Mark. Ein geſchichtlicher Verſuch. 12 ggr. —— die Presbyterial⸗ und Synodalverfaſſung in Berg, Jülich, Cleve und Mark. 3 ggr. Plücker, Dr. J., analytiſch⸗geometriſche Entwickelungen. 1. 2. Bd. m. Kpf.— 5 Rthlr. 16 ggr. Reche, Dr. J. W., Evergeſia, oder Staat und Kirche in Bezug auf die Armenpflege. 1 Rthlr. 8 ggr. Tappe, W., allgemeine Uebungen im freien Zeichnen. Mit 10a Steindrucktafeln. Vierte veränderte, ver⸗ größerte und vermehrte Auflage, herausgegeben von C. H. Tappe. 1 Rthlr. 16 ggr⸗ Terſteegen, Gerh., ſämmtliche Schriften. Wagner, M., Lehr⸗ und Leſebuch über Gott, Menſch, Natur und Kunſt für die untern Klaſſen einer Volks⸗ ſchule. 5 ggr. Wilberg, Dr. J F., ein Wort uͤber Schulen. 3 ggr. . 84 8