— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von Eduard Olkmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Seſebedingungen. .1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Whr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von K jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Ff. 1 Nr. 50 Pf. 2N- Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 1 1 5 4 — Angela. Eine Geſchichte in Briefen von Agnes Franz. Eſſen, bei G. D. Bädeker. 1331. Erſter Beief. Der Superintendent Norden an den Regierungsrath Walter. Breiſach, im Juni 18**. So ſei mir denn wieder gegrüßt in unſerm Vaterlande, Walter! Endlich halte ich Deine Schriftzüge wieder in meiner Hand!— Endlich! — O es war Zeit, hohe Zeit!— Ich hätte viel⸗ leicht auch an Deiner Treue irre werden können, hätteſt Du noch länger geſchwiegen, und das hieße dem Schiffbrüchigen die letzte Trümmer rauben, au der er ſich noch mühſam empor hält über der ſchwindelnden Tiefe! Walter! Es hat ſich eine lange, eiſerne Zeit iſchen uns gedrängt!— Die von jugendlichem Feuer überwallenden, weichen Jünglingsherzen, die in dem Augenblick des Abſchieds, den Schmerz ei⸗ Angela I. 1 ner zweijährigen Trennung kaum zu durchdenken vermochten, hatten doch Kraft genug, das verein⸗ zelte Daſein einen zehnfach verlängerten Zeitraum bindurch zu tragen, und hätten es noch weiter tra⸗ gen können,— o ja, noch weiter! Und das alles ohne ein beſonderes Zeichen ſehnſüchtigen Verlan⸗ gens, oder peinlicher Ungeduld!— O über die einwiegende, alles beruhigende, endlich abſtumpfen⸗ de Gewalt der Zeit!— Ich habe ihrer Macht oft geſpottet, als ich ein eitler Jüngling war, und mich hoch vermeſſen, als könnte mein raſender Ueber⸗ muth ihren Geſetzen Trotz bieten, als dürfe ſich mein Nacken unter ihrem Joche nicht beugen!— Aber nur zu ſchnell hat ſich ihre fürchterliche Ge⸗ walt an dem Frevler gerächt! Früher als die Na⸗ tur es verlangen darf, welkten meine Lenze, un⸗ barmherzig warf die Verhöhnte eine Blüte meines Lebens nach der andern hinab, und berief das ver⸗ welkende Herz mit grauſamer Eile zu der Erndte bitterer Erfahrungen, die jeden Reſt der Jugend verzehrten und mich im zwei und vierzigſten Jahr zu einem ſtillen, vorſichtigen ſehr ruhigen Greiſt umgewandelt haben.— Sehr ruhig!— Mir ſchau ert vor dieſem Federſtrich, der mit ſo leichter Mü he den Zuſtand eines Weſens darſtellt, an den zwanzig lange Jahre ſo mühſam meiſſeln und ar beiten mußten!— — Du verlangſt eine treue Erzählung meiner Schickſale? Fordere ſie nicht, jetzt nicht!— Seit einem Jahre bin ich von Marien geſchieden, erſt durch Menſchenhand, dann durch die gewaltige des Todes! Dieſes Jahr hat an meiner körperlichen und geiſtigen Geſundheit gewaltig gezehrt. Die Aerzte wollen mich in ein Bad ſchicken, und ich werde wohl gehorchen müſſen, wenn ich für mein Amt nicht gänzlich untauglich werden will! Wird es aber eine Geneſung für mich geben? Oft frage ich es mich ſelbſt, und ſehe meinen klu⸗ gen Freunden kopfſchüttelnd ins Auge. Sie be⸗ handeln mich wie einen gewöhnlichen Hyppchondri⸗ ſten, und wiſſen nicht, wie doch mein Leben in ſei⸗ nen tiefſten Wurzeln angegriffen und zerriſſen iſt! — Heilt das auch Menſchenhand?— Aber wozu dieſe Frage?— Iſt doch jene nur das Werkzeug einer höheren, und dieſe kann mich verlaſſen, wird mich wieder aufrichten, und wäre es auch nur um meines Kindes willen, das ein liebendes Vaterherz ſo leicht nicht entbehren kann.— Sieh', Walter! das Daſein dieſes Kindes iſt die einzige Faſer, die mich noch mit dem Leben zuſammenhält! Alle verletzten, zurückgedrängten Gefühle haben ſich in dieſes Band hineingewoben, daß es zur Wurzel meines eigenen Daſeins wurde. Und nun,— da Du meine Liebe zu dem Knaben 1 — 4— keunſt, eine Frage, mein Freund! Würdeſt Du wohl dieſes mein Kleinod in Deinen Schutz neh⸗ men, wenn ich ihn Dir während meines Badeauf⸗ enthalts übergeben wollte, wohin ſich das Kind nicht paßt? Nur im Vertrauen auf Deine Freund⸗ ſchaft, im Vertrauen auf die bekannte Milde Dei⸗ ner Gattin, könnte ich mit Ruhe der Trennung von meinem Fritz entgegen ſehen! Die Zeit mei⸗ ner Abweſenheit von Breiſach dürfte ſich vielleicht ſehr in die Länge dehnen, daher möchte ich das Kind nicht gern andern Händen anvertrauen, als denen, von welchen ich es allenfalls auf immer bewahrt wiſſen möchte. Ich erwarte demnach ein Schreiben von Dir, bevor ich Dir den Knaben ſende! Karge nicht damit, ich bedarf noch anderer Arzuei, als der des Heilquells! Leb' wohl!. Norden. 4 Zweiter Brief. Thereſe Wallburg an Madame Wall⸗ burg. Aus der Reſidenz, im Juni 13*9. Laſſen Sie mich die Stille dieſer nächtlichen Stunden benutzen, um mich in Ihre Nähe zu träu⸗ men, meine Mutter, indem ich zu Ihnen ſpreche! Warum trennt mich das Schickſal von dem treue⸗ ſten Herzen, das ich auf Erden habe?— Warum darf ich die Freuden, die jedem Kinde im Ge⸗ nuß mütterlicher Liebe zu Theil werden, allein ſo ſpärlich genießen?— Konnte ich nicht bei Ihnen bleiben, und meinen Fleiß mit dem Ihren vereinen, unſern Unterhalt zu beſtreiten?— Sie hätten mich arbeiten gelehrt, und die Freude, bei Ihnen zu ſein, hätte meine Kraft geſtählt, daß ich ausgedauert hätte im Eifer frommen Bemühens. Aber ach, Sie wollten mir beſſere Tage verſchaffen, indem Sie den Vorſchlag der Madame Walter, mich zu ſich zu nehmen, ergriffen, und ihr meine Dienſte zuſagten, die Dienſte, die Ihnen, meine Mutter, einzig und allein gehören ſollten. Wohl hatten Sie übrigens Recht, dieſer Familie Ihr Kind anzuver⸗ —õÿÿ— —x — trauen; ich kenne keine, die ich höher verehre! Aber Sie rechneten mein Glück mir dennoch wohl zu hoch an, indem Sie dafür eine ſo lange Tren⸗ nung von Ihnen begehrten! O, meine Mutter! oft ſinne ich darüber nach, wie ich auch ſo Ihre Wünſche zu Ihrer Zufriedenheit erfüllen möge.— Ich helfe der trefflichen Frau, der Sie mich an⸗ vertraut, ſo gut ich kann, in ihren häuslichen Ge⸗ ſchäften.— Die Kinder hat ſie mir faſt ganz über⸗ geben, und ſchon jetzt lohnt mich ihre Liebe, ihr Vertrauen. Seit kurzer Zeit iſt noch ein Knabe meiner Pflege anvertraut, der einen gewiſſen Su⸗ perintendent Norden, dem vertrauteſten Freunde des Regierungsraths Walter, gehört. Ich habe das Kind ſelbſt abholen müſſen, weil Herr Walter meinte, er vertraue es keinem lieber an, als mir. O hätten Sie geſehen, mit welchem Ernſt der be⸗ ſorgte Vater mir ſein Kind anempfahl, wie er mir wider Willen ein bedeutendes Geſchenk aufdrang, um mir im Voraus ſeine Dankbarkeit zu beweiſen! — Ich konnte es nicht abſchlagen; er kam mir in dieſem Augenblicke wie ein Sterbender vor, dem man alles gewähren muß, und ſo nahm ich das Geld, ſo ſehr ſich mein Gefühl dagegen ſträubte. Behalten kann ich es aber nicht! Nein, liebe Mut⸗ ter, das kann ich nicht!— Ich ſende es daher Ih⸗ nen, mit der Bitte, die Gabe Ihres Kindes auf⸗ — 7— zunehmen, wie ich Tauſende von Ihnen nahm, im Geiſte der Liebe, der unzertrennlichen Einheit.— Und nun machen Sie mir bald einen Feſttag, das heißt: ſchreiben Sie bald Ihrer . Thereſe. —õ————— .——— —õ——é3 — Dritter Brief. Madame Wallburg an Thereſe. N.... im Juni. Du haſt mir, mein theueres Kind, mit Dei⸗ nem letzten Briefe viel Freude gemacht, aber auch viele Schmerzen aufgeregt, die kaum entſchlummert waren!— Wie wunderbar ſind Gottes Wege!— Du ſchreibſt mir von einem Zögling, den Dir der Zufall anvertraute, wenn ich anders dieſen Voll⸗ ſtrecker des höchſten Willens ſo nennen darf. The⸗ reſe! thue dem Knaben wohl, ſo viel Du vermagſt! — Laß ihm die Wohlthat der Liebe empfinden, ihm, dem Mutterloſen, und verdiene Dir den Dank, den Segen jenes edlen, ach ſo hart geprüf⸗ ten Mannes, den er Vater nennt.— Deiner Jahre ſind ſo wenig, und dennoch hat Dich die Vorſehung ſo hoher Pflichten gewürdigt, deren jede gewiſſenhaft beherzigt und mit frommer Treue geübt ſein will.— Sei ſtolz auf dieſe Aus⸗ zeichnung, und beweiſe durch Wort und That, daß Du den Platz verdienſt, auf den Dich das Schick⸗ ſal geſtellt hat.— Hänge dem Gedanken nicht all⸗ zu eifrig nach, daß es beſſer mit uns wäre, wenn — 9= unſere Lage erlaubte, vereint für einander zu ſor⸗ gen. Wohl kenne ich Deine Anhänglichkeit an mich, meine Thereſe! Aber vergiß nicht über Deiner Zärtlichkeit für mich die Sorge, die Du Dir ſelbſt für Deine weitere Ausbildung ſchuldig biſt!— Nicht jener Geiſt und Körper ermüdende Fleiß, der Dich von früh bis Abend an den Nähiiſch gefeſſelt, um unſern Unterhalt zu ſichern, iſt hinreichend, Dich für das Leben tauglich zu machen.— Im Gegentheil würde dieſes ewige Einerlei Deine Kräfte untergraben, und Deiner Geſundheit nach⸗ theilig ſein.— Eine Pflanze wie Du, bedarf der Freiheit zum Gedeihen, und Du wirſt den Gärtner nicht tadeln, der ſie aus der engen Schranke hin⸗ aus trägt ins Freie, damit er, wenn er auch ſelte⸗ ner des lieblichen Anblicks genießt, ſich dafür eines reichern Erblühens ſeines Zöglings erfreuen kann.— Und was mein Leben anbetrifft: ſo wird es ja durch die Hoffnung, die mich im Hinblick anf Dich erfreut, ſtets freundlich erhellt.— Gott hat mir viel Gnade erzeigt, daß er mich dieſer Hoff⸗ nung gewürdigt hat, und mir durch dieſe Huld manchen Erſatz gegeben für ſo manchen Kummer, den ich wiſſentlich oder unwiſſentlich verſchuldet hatte.— 4 Noch einmal, meine Thereſe! Weihe Deine zärtlichſte Sorgfalt dem fremden Knaben,— .— 416— ſchreibe mir auch von demſelben!— Ach, Du ah⸗ neſt nicht, welch' geheimnißvolles Intereſſe mich an ihn knüpft! Möge Gott Dich würdigen, durch Deine Treue, meine Thereſe, das Geſchick Deiner Mutter zu ver⸗ ſöhnen; o in dieſer Ahnung ſchon liegt ein unaus⸗ ſprechlicher Segen für ſie!— Lebe wohl! Vierter Brief. Die Baroneß Benting an Frau von Alboin. MN..... im Juni 18*. Sie haben Recht, meine Freundin! Mancher Qual könnten wir entübriget ſein, hätten wir nur den Muth, einen herzhaften Entſchluß zu faſſen. Ich litt und kränkelte, hörte wiederholt die Betheuerung der Aerzte,— daß nur der Gebrauch eines Bades mich herzuſtellen vermöchte,— und k immer wieder in das Joch der Gewohnheit zurück,— weil ich ein ſolches Unternehmen fuͤr ſchwieriger, unerträglicher hielt, als alle Schmerzen, die ich litt.— Noch weiß ich nicht, wie es mit mir geworden wäre, hätten Sie, meine Freundin, nicht meine ſchwankende Stimmung benutzt, und mir, bevor es auch dieſes Jahr zu ſpät in Hinſicht der Cur war, nicht jene artige Geſellſchafterin gewor⸗ ben, die meinen Entſchluß ſogleich zu befeſtigen verſtand.— Ich kann Ihnen wohl geſtehen, daß ich kaum glaubte, Hermine von Domikowsky, jene liebenswürdige Polin, die damals ſo viel von ſich —— — 412— zu ſprechen machte, die mir überall als das leicht⸗ fertigſte, launenhafteſte Weſen von der Welt ge⸗ ſchildert wurde, jene Hermine, die, wie man ſagt, allen Männern gefährlich und allen eiferſüchtigen Frauen verhaßt ſei,— könne mir jemals eine brauchbare Gefährtin, eine liebe Geſellſchafterin werden.— Mit heimlicher Angſt durchlief ich den Brief, mit dem Sie dieſelbe bei mir einführten, und nur die Hochachtung, die ich ſtets für Ihre Meinung hegte, ließ mich die lebhafte Regung mei⸗ nes Herzens unterdrücken, die ſich erſt gegen eine ſolche Begleiterin auflehnte.— Doch ſchlichtete Herminens Liebenswürdigkeit bald von ſelbſt mei⸗ nen innern Streit. Ich wurde ihr hold wider Willen, und ohne ihre Bitte abzuwarten, bot ich ihr ſelbſt den Aufenthalt in meinem Hauſe an,— Seitdem wird ſie mir von Tage zu Tage lieber; ihr jugendlicher Lebensmuth wirkt auf das wohl⸗ thätigſte auf mein Gemüth. Mit einer Gewandt⸗ heit, die nur aus wahrer Neigung hervorgehen kann, überhebt ſie mich manches häuslichen Ge⸗ ſchäfts. Alles was ſie berührt, bekommt einen An⸗ ſtrich von Eleganz und reizender Neuheit. Dabei iſt ſte von der heiterſten Laune, und erfreut Jeden, der ſich uns naht, durch ihren Witz, ihre geſelligen Talente.— Auch meine Kinder gewannen ſie lieb. Sie tanzt, ſie ſingt, ſie ſpielt mit ihnen; das alles — 13— kann ich nicht, aber es gefällt mir, und muntert mich auf. Morgen reiſen wir. Seitdem die muntere Brünette um mich iſt, habe ich mich aller Pein⸗ lichkeit begeben.— Nochmals alſo meinen Dank, Liebe, für dieſe Ihre Empfehlung.— Von Warm⸗ brunn aus hören Sie mehr von uns. Ich erwarte dort meinen Gemahl, der in Kurzem von Wien zurückkehrt, und mich abzuholen verſprach. Leben Sie wohl. ——jjjñj — 4— Fuünfter Brief. Norden an Walter. Warmbrunn, im Juni 18““. Da lieg ich nun am Buſen des hochgeprieſe⸗ nen, wunderbaren Heilquells! Dürſtend wie ein Kind ſaug' ich die Kraft der uralten Felſenadern in mich hinein, tauche die kalte, ausgeſtorbene Bruſt in die warmkoſende Fluth, und ſehe der Verheißung meiner Aerzte entgegen! Ich fange an zu glauben, ſie hatten Recht mich hierher zu ſenden. Man ſollte jeden Unglück⸗ lichen an den Zufluchtsort irdiſcher Gebrechen und Leiden führen; das Vertrauen, mit dem dieſe, von jahrelangem Leiden gefolterten, verſtümmelten Kör⸗ per ſich hinflüchten an das Herz der Natur, der zuverſichtliche Glaube, mit dem ſie alles von dem wohlthätigen Elemente erwarten, dies Alles be⸗ ſchämt den, an irdiſcher Geneſung verzweifelnden, Kleinmüthigen. Unwillkührlich hebt ſich ſein Haupt empor, erweitert ſich ſeine Bruſt; er ahnet das Wirken des unermüdlichen Weltgeiſtes im Einzel⸗ nen, wie im Univerſum, und wendet ſein Auge noch einmal der Hoffnung entgegen. Schon habe — 15— ich Kraft gewonnen, die Umgegend ohne Anſtren⸗ gung zu durchwandern.— Ich ſchweife viel umher und entdecke täglich neue Reitze in dieſer großen herrlichen Natur!— Hier weht der Odem des Le⸗ bens, der meinem Herzen wohlthut,— nicht dort, wo ſich die ewig bewegliche Maſſe der Geſellſchaft zuſammen rottet, und von einander reißt!— Nie war das freudelüſterne Treiben der Menge mir ergötzlich, auch damals nicht, als ich mitten im Strudel des regſamſten Lebens ſtand! Jetzt dünkt dem durch lange Einſamkeit und ſtilles Nachdenken Verwöhnten jenes Auf⸗ und Niedertauchen in den Wogen des Genuſſes, jenes Durcheinanderfluthen der verſchiedenſten Elemente, ein Faſtnachtsſpiel, wo jedes ſeine Larve trägt, und der Harlekin, der ſeine Narrheit frei geſteht, der Ehrlichſte iſt!t— Ich ſitze oft ſtundenlang in den ſchattigen Gängen des Parks, und verfolge mit meinen Bli⸗ cken die abentheuerlichen durcheinander ziehenden Geſtalten. Es liegt eine Art lehrreicher Unterhal⸗ tung in dieſer Beſchauung! Oft hat der Gang, der Anzug mir den Mann in Voraus charakteriſirt, und dann meine nähere Prüfung den erſten Ein⸗ druck gerechtfertiget. Die Frauen— d Du weiſt, wie hoch ich ſie hielt! kein Dichtertraum reicht an dieſe ideale Höhe— die Frauen— o die machen mich nicht mehr irre mit ihrem ſittſamen Lächeln, mit — 16— ihren ſüß überredenden Blicken! Ich habe ſie kennen gelernt,— und glaube ihnen fortan ohne Gefahr begegnen zu können! O Walter, Walter!— man ſollte nie die Ruhe ſeines Lebens zum zweitenmal aufs Spiel ſetzen, wenn das Schickſal mit ernſter Warnung uns emporſchreckte aus dem erſten Traum unſerer Liebe!— Es giebt Menſchen, deren Beſtimmung es zu ſein ſcheint, die höchſte Fülle ihres Gemü⸗ thes für einen andern Frühling aufzuſparen! Groß und herrlich war der Lichtaufgang des heiligſten Gefühls in meiner Seele! Feiernd, wie man die allerfreuende Sonne begrüßt, faltete ich die Hände bei ſeinem Erwachen! Eingezogen war das Unendliche in meine Bruſt, fröhlich wie die Farben erblühen, und die Töne aufjubeln bei dem Gruße des Lichtes, entwickelten ſich die Kräfte mei⸗ nes Geiſtes, meines Gemüthes, ſtrebten die unge⸗ duldigen Pulsſchläge nach einem Ziele hin, das meine Sehnſucht lange vergebens geſucht hatte.— Was ich wagte, gelang,— was ich ſuchte, wurde mein! Selig war ich, und reich, ach reich genug, eine Welt beglücken zu können. Hier war es, wo wir uns fanden, mein Freund! Unſer Verein war die erſte Blüthe, die aus dem innern Frühling emportrieb. Kräftig ſhoß ſie empor, denn der Boden, der ſie erzeugte, — — 17— war kräftig und rein. O, des ſeligen Tauſches be⸗ glückender Freundſchaft, wo keiner verliert, ſondern jeder gewinnt, und der gewonnene Reichthum ſich zugleich auf das Ganze verbreitet.— Große Gedanken gingen aus unſerm Bunde hervor. Die Menſchheit wurde unſere Liebe, ihr wollten wir unſere Kräfte weihen, das Heil ver⸗ künden, was licht und klar in unſerer Seele ſtand, Balſam träufeln in jede Wunde, Troſt bringen je⸗ dem Trauernden in dieſer großen Gemeine. Rein und erhaben ſtand das Ideal der heilig⸗ ſten Liebe in meinem Gemüth! Durſtig ſog ich die Lehre des Gottmenſchen in meine Bruſt, feſt entſchloſſen ſein Jünger zu werden; laut zu ver⸗ künden den Segen ſeiner ewigen Worte. Mit unermüdlichem Eifer verfolgte ich meine Bahn, kei⸗ ne Klippe konnte meinen Vorſatz ſcheitern machen, denn in mir war die Kraft des Willens, die ſtets dem frommen Triebe zur Seite ſteht.— Du hatteſt die Rechte ſtudirt.— Mit Dei⸗ nem Charakter und Deinem Herzen war der Ge⸗ rechtigkeit ein würdiger Diener gewonnen, Deinen Brüdern ein feſter und ſicherer Hort!— Unſere Studien waren beendet, Du kehrteſt in Deine Va⸗ terſtadt zurück, und überließeſt dem an Dich geket⸗ teten Jüngling den Schmerz der erſten, bitteren Trennung. — 18— Ein Zuſammentreffen glücklicher Umſtände ſi⸗ cherte mir ſchon in früher Jugend den Standpunkt, nach dem ich verlangte. Eine Reiſe, während der ich, dem Wunſch des Fürſten gemäß, die Aufſicht über einen Prinzen aus ſeiner Verwandtſchaft übernahm, ſollte erſt beendet, und ich dann als Pfarrer in M..angeſtellt werden. Der Fürſt verlangte, mich zuvor mit meinem künftigen Aufenthalt bekannt zu machen.— Wir fuhren nach M. Der Pfarrer, ein braver Greis, war kurz zuvor beerdigt worden, ein engelſchönes Mädchen weinte als einziges Kind an ſeinem Gra⸗ be.— Siel', da begegnete mir des Weibes Schön⸗ heit zum erſtenmal in ihrem allgewaltigen Zauber, in dem, des Schmerzes, der Thränen. Unauslöſch⸗ lich grub ſich ihr Bild in meine Seele ein, der Verluſt, den ſie trug, ward mir zur theuren Schuld, die der Himmel mir zu übertragen ſchien, um ſie mit meiner Liebe zu zahlen.— Wiedergeben wollte ich ihr alles, was ſie verloren hatte: die ſchützende, ſorgende Hand, die treueſte Liebe, die innigſte Theilnahme; ihre Thränen forderten mich dazu auf!— Das Feuer meiner Jugend, die Ueberzeugung recht zu handeln, löſten meine Zunge. Ihr Herz antwortete mir mit dem Ausdruck liebender In⸗ nigkeit; ſie reichte mir die Hand, wir waren ver⸗ lobt.— Voll Vertrauen, voll kindlicher Hingebung hing ſie an meinem Halſe, meinen Lippen; wer hätte dieſem Engelantlitz nicht glauben ſollen?— Meine Reiſe forderte eine ſchnelle Trennung. Ich übertrug die Fürſorge für meine Braut einem geprüften Freunde, und reiſte ab.— O, nichts da⸗ von, wie ſie von jetzt an allein mein Herz füllte, mein ganzes Weſen beherrſchte, wie jede Freude, in ernſter Zukunft gedacht, nur Gehalt und Bedeu⸗ tung bekam in Bezug auf Sie! Genug, meine Liebe war hoch und kräftig empor gewachſen, denn ſie ſtützte ſich auf den reinen, feſten Glauben an Tugend und Treue, und kannte keine Furcht, kein Mißtrauen, weil ſie ſelbſt ſo lauter und zuverſicht⸗ lich war.—. Das Jahr unſerer Trennung hatte ſich zur Ewigkeit gedehnt. Die Sehnſnucht war mächtig in mir geworden, ich dürſtete nach ihrem Anblick, nach dem Wohllaut ihrer Stimme. Endlich war ich der Pflicht des Lehrers entbunden, ich durfte zu ihrer Heimath eilen. Leiſe— wie das Glück, wenn es zu den Hütten der ſchlummernden Unſchuld tritt, nahte ich mich dem Garten, dem Hauſe, das ſie umſchloß. Ich wollte ſie überraſchen, um Zeuge ihres freudigen Schreckens zu ſein.— Leiſe öffne ich die Thür— und— wie mit giftigen Krallen faßt das Entſetzen mein Gehirn— die Ungetreue — 20— ſehe ich in den Armen meines pllichtvergeſſenen Freundes!—.— Mein Hohngelächter ſchreckt ſie aus ihrem Ver⸗ geſſen,— bleich, wie eine Marmorbüſte ſtürzt die entlarvte Verbrecherin zu meinen Füßen. Was ſie ſagte— was ſie that— kaum weiß ich's noch; daß unſer Spiel ausgeſpielt war, verſteht ſich von ſelbſt.— Eine heftige Krankheit überhob mich alles weitern Nachdenkens über meinen Zuſtand. Geduldig wie ein Kind, lies ich über mich verfü⸗ gen nach fremder Willkühr, und nur der väterli⸗ chen Fürſorge meines Fürſten, der Pflege ſeiner Aerzte, verdankte ich es, daß ich nach Verlauf ei⸗ ner langen, dunkeln Zeit, den Gebrauch meiner Sinne wieder erhielt. Die Pfarre war, da man an meinem Aufkommen gezweifelt hatte, bereits. vergeben worden; dagegen verſprach der Fürſt, für mich in Zukunft Sorge zu tragen. Er hielt Wort; nach Verlauf eines Jahres wurde ich als Prediger in D... angeſtellt. Die Liebe zu meinem Beruf, die Treue, mit der ich meine Pflichten zu erfüllen ſtrebte, gewannen mir das Vertrauen meiner Ge⸗ meine, und manchen biedern Freund. So lebte ich viele Jahre, in ſtiller, ruhiger Einſamkeit, ohne daß mein Herz, das ſeit jener unglücklichen Zeit zum tiefen Schweigen gebracht war, ſich nach einer Ver⸗ änderung meiner Lage ſehnte.— Ich las viel, ich — — 21— bemühte mich, meine Kenntniſſe zu erweitern, ich ſuchte wieder in mancher ſtillen Stunde mein Lieb⸗ lingsſtudium, das ich ſeit früher Jugend getrieben hatte, die Muſik, hervor. In ihr ſchien ſich mir immer mehr der Himmel aufzuthun, von der mir die Ahnung ſchon ſo oft erzählt hatte. Ich vergaß meine Einſamkeit, indem ich die regſamen Geiſter der Töne entfeſſelte, ihr Flüſtern wurde mir zum Kuß der Liebe, ihre tiefbedeutende Sprache zur Offenbarung eines heiligen Daſeins, das ich oft mit Augen zu ſchauen, in meinem Herzen zu füh⸗ len vermeinte. Ich hatte mich früher in der Com⸗ poſition verſucht. Keine der Künſte ſchien mir dem religiöſen Gefühl verwandter, als die Muſik, die ganz Andacht, Demuth, Sehnſucht und Liebe iſt. Jetzt war es mir zum Bedürfniß geworden, mein tiefſtes Selbſt'’, die Gluth meiner Empfindungen in Tönen auszuſprechen. Andacht, Religion und Liebe beſeelten mich zu dem ernſten Werk, frei folgte mein Genius den Eingebungen dieſer himm⸗ liſchen Kräfte, ſo begann ich, ſo vollendete ich mei⸗ ne erſte Compoſition. Der Fiürſt, dem ich dies Werk gewidmet hatte, verlangte deſſen Aufführung in unſerer Kirche. Er übertrug ſeiner Kapelle die Sorge für die Ausführung ſeiner Idee, und be⸗ ſtimmte dazu das nahe Weihnachtsfeſt. Sein Wille war, mich mit der Art ſeiner Zurüſtungen zu über⸗ — 22— raſchen, deßhalb geſchah alles ſo ſtill und heimlich, daß ich mit geſpannter Neugier dem Gelingen ſei⸗ nes Planes entgegen ſah. Der Tag der Auffüh⸗ rung erſchien. Viele Familien aus der nahen Re⸗ ſidenz waren dem Fürſten gefolgt, auch aus der Nachbarſchaft kamen meine Freunde, dem Gottes⸗ dienſte beizuwohnen.— Meine Bruſt hob ſich in ſeltener Beklommenheit, als ich die zahlreiche Ver⸗ ſammlung begrüßte. Der Sängerchor hatte ſich um die Orgel gruppirt, in ſeiner Mitte erhob ſich eine ſchlanke Jungfrauen⸗Geſtalz, im einfachen, weißen Gewande. Das blonde Haar, das über die reine Stirn geſcheitelt, in weichen Locken hernieder wall⸗ te, ſchien ſich durch eine ſeltſame Brechung der Lichtſtrahlen zur Glorie um ihr Haupt zu verklä⸗ ren.— Jetzt begann die Muſik. Ich hatte die Klage der Menſchheit um das verlorene Paradies zum Gegenſtande meiner Compoſition gewählt. Sehnſucht nach der Zeit erſter Unſchuld, ohnmäch⸗ tiges Aufringen aus dem Staube zum reinern Licht ſind die Grundtöne des Stücks.— Da erſchallt die Stimme des himmliſchen Herolds durch die wo⸗ gende Nacht der Angſt und Verzweiflung, ſie ver⸗ kündet die Geburt des Heilands, und durch ſie das wiedergefundene Eden in Glaube und Liebe. Er⸗ wartungsvoll ſaß ich an der Seite des Fürſten, den Blick auf das Orgelchor geheftet. Unruhig —x* — 23— wogten die wehmüthigen Klänge durch die lautloſe Stille. Melodieen aus meinem Innern geboren, nur verklärt und gehoben durch das Zuſammenſtrö⸗ men aller Stimmen zum kräftigen Ganzen, kehrten mit allen Schauern banger Erinnerungen in meine Seele zurück. Es iſt ein ſeltſames Gefühl, ſich ſelbſt ſprechen zu hören durch fremde Organe, man wird überraſcht von dem eigenen Gedanken, und ſtaunend über die Wirkungen einer Kraft, deren Urheber wir ſelbſt ſind.— In düſteres Träumen verſenkt, bemerkte ich kaum die Zeichen des Bei⸗ falls, die mir von Zeit zu Zeit von dem Fürſten ertheilt wurden. Da rief mich auf einmal ein Klang in die Höhe, daß ich wonnebebend zuſam⸗ menfuhr!— Unwillkührlich ſuchte mein Auge den Himmel, vermeinend, einen Boten des Lichtes zu begegnen; aber es war nur der Laut einer Men⸗ ſchenbruſt, der als Engel verheißend hernieder ſtieg. Ruhig und klar ſtand die gottgeſegnete Jungfrau da, deren Lippen die ſchwellenden Töne, gleich Glo⸗ ckenklänge, entglitten. Selige Freude ſtrahlte aus ihren Augen hernieder, als wollte ſie ſagen: ich bin der Herold, der das ewige Heil Dir verkündet! Da, o mein Freund, war es, wo die tief ver⸗ ſchloſſene Bruſt noch einmal aufging dem höchſten Entzücken, wo ich im abergläubiſchen Wahne des Himmels Verheißung in jenen Tönen zu vernehmen — 24— vermeinte. Die Träume meiner Jugend, die Stür⸗ me, die ich oft in tiefer Einſamkeit vernommen, die geheimnißvollen Geiſter der Natur, der Mu⸗ ſik, alle traten auf einmal daus dem Dunkel meines Buſens hervor, und riefen:: 4 Die iſt es, von der wir dir immer erzählten! Walteér! laß mich hier die Feder niederlegen! Die Erinnerung an jene Stunde faßt mich nie, ohne die Freudenſchauer je⸗ ner ſeligen Zeit duͤrch meinen Buſen zu gießen! Alle Feuerſtröme meiner Phantaſie brechen dann aus ihren Schleuſen hervor, und umtoben das müh⸗ ſame Gebände meiner Ruhe; mich ergreift ein Zit⸗ tern, ein Bangen, das wie Sehnſucht und Reue ausſieht, ich bebe vor der eigenen Schwäche zurück, und werfe ſchnell einen hüllenden Schleier über je⸗ nes verführeriſche Bild, —,— — „ Sechster Brief. Derſelbe an denſelben. Marie, ſo war der Name jener Sängerin⸗ war die Tochter einer armen, aber unbeſcholtenen Familie. Ihr Talent, ihr untadelhafter Ruf, hat⸗ ten ihr einen ehrenvollen Platz in der Geſellſchaft geſichert. Sie ſang oft bei Hofe, doch hatte ſie des Fürſten Wunſch, ſie bei ſeiner Kapelle zu enga⸗ giren, immer abzulehnen geſucht.— Durch Zufall hatte ſie einigemal Gelegenheit gehabt, dem Gottes⸗ dienſt in unſerer Kirche beizuwohnen. Sie erzählte mir das mit liebenswürdiger Offenheit, und fügte hinzu, wie die Achtung, die ſie ſeitdem in ihrem Herzen für mich gehegt habe, auch wohl allein die Urſache geweſen ſei, warum ſie den Auftrag des Kapellmeiſters, die Hauptparthie dieſes Stückes zu übernehmen, ſo freudig ergriffen habe. So wurde gegenſeitige Dankbarkeit der Grund, aus dem nach und nach die Blüthe ſchöner Zuneigung entſproß. Ich durfte ihr Haus betreten, um ſie bald darauf mit Stolz und Freude in das Meine zu führen. Der Fürſt, der ſich an meiner Wahl mit wahrhaft väterlicher Innigkeit erfreute, behauptete ſcherzend, daß er, der Urheber unſeres Glückes, nun auch für Angela I. 2 — 20— das fernere Gedeihen deſſelben Sorge tragen müſſe Wirklich wurde mir auch kurz darauf die Pfarre zu Breiſach, und zugleich die Superintendenten⸗Würde übertragen. Meine Lage war durch dieſe Verände⸗ rung bedeutend verbeſſert, und ich in den Zuſtand vollkommener Zufriedenheit geſetzt. Mariens Charakter war licht und klar, bis auf einen Punkt, über den ich lange Zeit vergebens Aufſchluß zu erhalten ſuchte. Ich bemerkte dies zum erſtenmal, als ich ihr die Geſchichte meines Unglücks, meiner Täuſchung mittheilte. Bei der Stelle, wo ich ihr das Vergehen der Ungetreuen mit den grellen Farben empörten Gefühls ausmal⸗ te, entfärbte ſie ſich, und fing an zu beben. Konn⸗ te ich, durfte ich ihre Schuld vergeſſen? frug ich, ſie ſtreng betrachtend. O, nein, nein! rief ſie auſ⸗ ſer ſich: das iſt ja das Unglück, daß da an kein Vergeſſen zu denken iſt! Mit ſeltſamem Erſtaunen ſah ich die, ihrem ſauften Weſen ſo ganz fremde Bewegung. Ich wollte fragen, aber die Anſtrengung, die furcht⸗ ſame Scheu, die auf ihrem Antlitz zu leſen war, ließ mich befürchten, ihr wehe zu thun. Ich ſchwieg, doch fühlte ich ſeitdem oft einen heimlichen Dorn im Herzen. Mehrere Jahre gingen ſeitdem vor⸗ über, ohne daß dieſer Vorfall berührt, mein Ge⸗ müth auf irgend eine Art beunruhigt worden wäre, — 2/— Marie hatte mir einen Knaben geboren; mit tie⸗ fer Rührung genoß ich den hohen Segen des Va⸗ terglücks. Aus dieſer Zeit erhielteſt Du mehrere Briefe von mir, die Dir von meiner Zufriedenheit die untrüglichſten Beweiſe gaben. Ach, warum gleicht doch alles im Leben der wechſelnden Welle? Warum verzehrt eine Zeit ſo gierig die andere? Sollte dem Glück auf Erden nur eine kurze Stunde angewieſen werden? Mit unermüdlicher Sorgfalt wachte Marie über das Gedeihen ihres Kindes. Alle ihre Kräfte, ihr Sinnen, ihr Denken, ſchien von nun an in dem allmächtigen Gefühl der Mutterliebe unterzugehen. Ich konnte es nicht tadeln, ob ich mir gleich geſte⸗ hen mußte, daß mein verwöhntes Herz darunter allmählig zu leiden anfing. Sie war ſelten um mich, und geſchah es, ſo raubte ihr die Aengſtlich⸗ keit, mit der ſie des Kindes gedachte, alle ſonſtige Heiterkeit und Anmuth. Um nicht der Qual pein⸗ licher Langeweile ausgeſetzt zu ſein, ſah ich mich genöthiget, wieder zu meinen früheren Beſchäftigun⸗ gen Zuflucht zu nehmen. Ich trieb wie ſonſt mit Eifer die Muſik, ich fing an wie damals meine Stunden in regelmäßige Studien einzutheilen. Neue Bucher, neue Muſikalien wurden angeſchafft, ich las und ſchrieb viel„ und richtete mich allmäh⸗ lig wieder in meine frühere Lebensweiſe ein. Bis⸗ 2 21 — 28— weilen geſchah es, daß wir uns ganze Tage nicht ſahen, was bald etwas Kaltes, Fremdartiges in unſer ſonſt ſo inniges Verhältniß brachte. So, Walter, mußten allmählig die Keime un⸗ ſeres Glückes vertrocknen, damit der Blitz um ſo ſicherer zünden konnte, der in der Verborgenheit lauſchte. Eines Tages, als ich in das Gemach meiner Frau trat, fand ich ihr Antlitz in Thränen gebadet. Sie ſuchte mir ihre Stimmung zu ver⸗ bergen, und führte mich, eine heitere Miene er⸗ zwingend, an das Lager unſeres Kindes. Ich faß⸗ te ihre Hand, ſie bebte.„Du biſt krank, Marie!“ ſagte ich, ihr bleiches Geſicht mit beſorgten Blicken betrachtend. Sie läugnete es, bat aber, ihr eine Zerſtreuung zu gewähren, und ſie zu ihren Eltern fahren zu laſſen.— Ich bot ihr meine Begleitung an, ſie ſuchte es unter einem geltenden Vorwande abzulehnen, ich ließ ihr gewähren. Noch wußte ich die Urſache ihrer Thränen nicht, ich frug die Hanshälterin, und erfuhr, daß Marie einen Brief erhalten habe, bei deſſen Anblick ſie in ſichtliche Verwirrung gerathen ſei. Später habe ſie ſich in ihr Gemach verſchloſſen, und ſei⸗ darauf in ihrem ganzen Weſen alſd verändert erſchienen. Tadle den, von Beſorgniß und Mißtrauen ge⸗ guälten Gatten nicht, wenn er unberufen in ein Geheimniß drang, das er nie erfahren ſollte. he — 029— dem, den verweigertes Vertrauen zu ſolchen Mit⸗ teln ſchreiten lehrt! Die Ruhe ſeines Hauſes zu ſichern, untergräbt er die eigene oft durch vor⸗ ſchnelle That! Ich ſuchte und fand den unſeligen Brief! Das Verbrechen, das ich ihr einſt mit den glühenden Farben des Abſcheu's malte— es war ihr eigenes, und ich der Unglückliche, der unbewußt ein früheres Band zerriß, das ein heiliger Schwur geweiht hatte.— O, dieſer Brief!— er führte alle Blitze, die die betrogene Treue auf die ſchuldige Bruſt ſchleudern darf. Noch war der Mann, den ſie verlaſſen hatte, nicht von der Urſache ihres Wankelmuthes unterrichtet, er beſchwor ſie, ſich zu vertheidigen. Flehend, als gälte es die Rechtferti⸗ gung ſeines eigenen Gewiſſens, dringt er auf ihre Erklärung, und fordert eine mündliche Unterredung mit ihr. Eiskalt wurde es in meiner Bruſt, in meinem Gehirn. Ich legte den Brief an ſeinen Ort, und ging hinab in den Garten.„Wird ſie ſich verthei⸗ digen können?“ frug ich, und ſchauerte vor die Beantwortung meiner Frage.— Kann ſie es, ver⸗ gaß ſie ihre erſte Neigung nicht, und zwangen ſie nur die Umſtände, meinen Wünſchen, vielleicht wi⸗ der Willen, Gehör zu geben,— ſo bin ich der Be⸗ trogene, ſo bindet ſie hinfort nur die Pflicht an mich, weil die Liebe, wenn die Reue ſich mit ihr I 4 — 30— vermählt, jedes andere Gefühl verdrängt.— Kann ſie es nicht— ſo iſt das Unheil daſſelbe. Vermag ich es je zu vergeſſen, daß der Fluch der Untreue auf ihrer Seele ruht!— kann ich die⸗Schuldige mit derſelben Liebe in meine Arme ſchließen; ich, der ich weiß, wie bitter die Täuſchung iſt, wie ver⸗ ächtlich die Untreue, wie lebenzerſtörend in ihren Folgen für das betrogene Herz durch das Miß⸗ trauen und den Argwohn, die ſie ſtets begleiten! Ich beſchloß, der Sache ihren Lauf zu laſſen. Entdeckte ſie ſich mir, ſo war noch Hoffnung für den Frieden meines Hauſes vorhanden. Gewährte ſie ihm die Zuſammenkunft ohne mein Wiſſen, ſo galt ihr ſeine Ueberzeugung, ſeine Liebe mehr, als die Meine, mehr als die Ehre unſeres Hauſes. Welche Zeiten begannen nun für mich! Heim⸗ liche Qualen zerriſſen mein Herz, indeß ich, ohne Marien meinen Schmerz ahnen zu laſſen, den ru⸗ higen aber ſcharfen Beobachter ſpielte. Jetzt war die Zeit, wo der Charakter Mariens auf der Pro⸗ be ſtand. Mir entging keine Bewegung ihres Ge⸗ müths, keiner ihrer Schritte, ihrer Handlungen. Ich ſah, wie ſie mit feiner Kunſt die Rolle der Unbefangenen ſpielte, indeß ſie heimlich auf Mittel ſann, den Wunſch des Entfernten zu erfüllen. Sie entzog mir ihre Sorgfalt, ihre Theilnahme keines⸗ weges,— d nein! ſie erhöhte ſolche vielmehr, aber ſie ſchrieb Tagebücher, die ihre Seele beſſer aus⸗ ſprachen, die die Sehnſucht verriethen, einen Schritt ungeſchehen zu machen, der ſie in die finſtere Oede meines Lebens geführt hatte,— die mir bewieſen, wie ſein Bild mit dem meinen verglichen, in al⸗ lem Glanz überwiegender Vorzüge ſtand,— und vor ihm die reuige Liebe in tiefem Schmerz, die ſeine Vorwürfe, ſeine Thränen nicht zu ertragen vermochte!— Mit ſtarrer Verwunderung verfolgte ich ihr Betragen von Tage zu Tage; immer unkenntlicher verzogen ſich die Züge ihres Charakters zur fremd⸗ artigen Larve. Der Zauber ſiel; in meiner Seele wurde es hell, aber kalt!— Eine kleine Reiſe, die mir bevorſtand, führte die Löſung des Knotens ſchneller herbei. Der Eifer, womit ſie die Anſtal⸗ ten dazu traf, verrieth mir nur allzu ſehr, wie viel ihr an einem freien Augenblick gelegen war. Mein Verdacht beſtätigte ſich. Ich ſchied,— Er kam, der Verlaſſene, zuruͤckberufen von den Thränen der Reue.— Was nun folgt, iſt zu bekannt, als daß ich es Dir zu wiederholen brauche. Ich beſchloß, die Unwürdige aus meiner Nähe zu verbannen. Büßen ſollte ſie ihr Vergehen, ihre Schuld.— Ernſt und feſt machte ich ſie mit meinem Wil⸗ len bekannt, entſchloſſen, ihren Zähren, ihren hench⸗ 32— leriſchen Künſten feſten Widerſtand zu leiſten. Aber deſſen bedurfte es nicht. Mit ruhigem Stolz, als hätte ſie ihn von der Tugend geborgt, ertrug ſie meine gebieteriſche Härte. Erſt dann, als ich ihr das Kind von ihrer Seite nehmen woll⸗ te, traf mich ihr Blick mit zermalmendem Schmerz. Ich dachte ihrer Liebe zu dem Kinde, und war Menſch genug, es ihr zu laſſen. Heimlich ſorgte ich für die Bequemlichkeit ihres künftigen Aufent⸗ halts;— ſie ſollte nicht über mich klagen, aber auch nicht länger zu heucheln gezwungen ſein. So trennten wir uns. Keine Klage, keine Reue folgte meinem Entſchluß. Auch da, als der Tod ſeine ſcheidende Hand zwiſchen uns legte, in jenem Au⸗ genblick, wo jedes Vergehen zur Rieſenſchuld em⸗ por wächſt— konnte ich ruhig zum Himmel empor blicken. Mein Wille war rein, ich konnte nicht an⸗ ders handeln.— Hier, Walter, haſt Du die Geſchichte meines Lebens. Es wird Dir nun klar werden, wie das offene Herz, das einſt ſo gläubig an Deinem Bu⸗ ſen lag, allmählig erſtarren und welken mußte! Behüte Dich Gott vor ſolchen Erfahrungen! Der Menſch iſt ſchon arm, wenn er ſeine Zuverſicht an die Menſchheit verliert. Der Glaube an die un⸗ endliche Güte, der Troſt einer unſichtbaren Welt, wird ihn zwar auch über dieſe Prüfung empor he⸗ ben, aber unſer Gemüth kann ſich in dieſer Höhe nicht halten, ſeine Sehnſucht, ſeine Trauer, wird ihm ewig bezeugen, daß es der Erde auch angehört. Nimmer kann es von ſeinen Forderungen laſſen, aber mit dem Trug und der Heuchelei einmal be⸗ kannt, auch nimmer Befriedigung finden für ſein Verlangen!— Siebenter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Alboin. Warmbrunn, im Juli 16˙*. Wahrlich, drängte mich nicht die Bequemlich⸗ keit der Baronin Benting, Ihnen die verſprochene Nachricht zu ertheilen, und vor allem mein Herz, zur Feder, keine Gewalt der Erde vermöchte mich ſonſt zu dem Schreibpult zu bringen, deſſen gelehr⸗ te Phyſiognomie mein Blut in den Adern gerinnen macht! Und jetzt vollends!— O, Sie glauben nicht, wie ſich meine Flügel wieder heben, ſeitdem ich meinem Elemente wiedergegeben bin, wie alle Kräfte, die in dem beſchränkten Kreis der letzten Zeit allmählig eingeſchlummert waren, ſich nun zu meiner Freude wieder regen, und luſtig hinaus ſtre⸗ ben, um ſich in jenes bunte ſchimmernde Spiel ein⸗ zumiſchen. Gott! wie hab' ich's verdient, ein gan⸗ zes Vierteljahr meines Lebens, in der Mitte jener Kleinſtädter zu vertrauern? Lächeln Sie nur, liebe herrliche Frau!— aber ich werde wahrhaftig Qua⸗ rantaine halten müſſen, ehe ich von jenen Albern⸗ heiten geneſe, die ſich unbewußt meinem Weſen 1 1 2 mitgetheilt haben. Die Baron Benting iſt die Güte ſelbſt, und ſcheint dieſe meine auffallenden Gebrechen gar nicht zu bemerken. Ich bemühe mich aber auch, ihr nach Möglichkeit gefällig zu ſein, um der Freude willen, die ich mir von unſerm gemein⸗ ſamen Hierſein verſpreche. Unſere Fahrt war we⸗ gen der Kleinen beſchwerlich, doch entſchädigte ein bequemes Logis die gute Frau für das überſtande⸗ ne Ungemach. Noch ſcheint das Bad wenig be⸗ ſucht. Die vor unſeren Fenſtern vorüberwallenden Pilger ſind leicht zu überſehen, und drängen mir oft eine ſtille Fürbitte um ihr Weiteraufblühen ab. Viele Frauen und junge Mädchen, aber unter al⸗ len kaum ein Geſicht, das da ſagen möchte: Freuft euch des Lebens!— Alle, die ich noch geſprochen, ſcheinen an der Univerſalkrankheit unſers Jahrhun⸗ derts, an jenem gefährlichen Schwindel zu leiden, an dem das viele Romanleſen Schuld iſt,— das alle Köpfe verwirrt!— Wohl mir, daß mich die Wirklichkeit in ihre Arme nahm, bevor jenes Ge⸗ ſpenſt, das unter dem Namen Ideal in manchen Herzen ſpukt,— auch mein Gemüth erfaßte. Mei⸗ ne Kraft ſtählte ſich, indem ich früh gegen Unrecht und Vorurtheil ankämpfen mußte,— mein Blick wurde klar, denn ich lernte die Menſchen auf der Bühne der Welt, und nicht aus den Gemälden der Dichter kennen. Ich weiß, was ich fordern darf, — 36— und werde mein Herz nicht ſo leicht dem Dorn ei⸗ ner ſchmerzlichen Täuſchung preisgeben!— Doch ich wollte ja weiter erzählen. Die Män⸗ ner, die unter der Maſſe glanz⸗ und farbloſer Ge⸗ ſtalten noch einige Bedeutung haben könnten, ſte⸗ hen mir noch zu fern, um Ihnen ein deutliches Bild zu entwerfen. Graf Malvi, den ich, dem Namen nach, aus der Reſidenz her kenne, ſpielt, wie ich höre, vor der Hand die bedeutendſte Rolle. Er iſt noch ziemlich jung, reich, von gefälliger Bildung und ſeinem Verſtande, und ſcheint es darauf an⸗ zulegen, ſich unſerm Geſchlecht intereſſant zu machen. Mit dieſem Willen— wie ſollte es ihm nicht ge⸗ lingen? Zu meinem Ergötzen habe ich bemerkt, wie ſein Name bereits in jedem Geſpräch brillirt, wie Alt und Jung ſeines Lobes voll iſt. Schon beginnen die gütigen Mütter ihren heimlichen Wett⸗ ſtreit, den Lauf dieſes ſeltenen Phänomens nach ihrem Willen zu lenken, indeß die junge Welt ſei⸗ ner endlichen Entſcheidung mit Ungeduld entgegen⸗ ſieht.— Mir ſcheint dieſer Stern ein Komet, der die Sphäre der Geſellſchaft durchrollt, um überall Aufſehen zu machen; ſtillſtehen wird er nie, aber auch nicht halb die Verwüſtung anrichten, die ſein ſtolzer Aufzug verſpricht!— Laſſen Sie mich jetzt von dieſer Haupterſcheinung zu einer zweiten über⸗ gehen, die durch andere Eigenſchaften Ihre Auf⸗ — — — 37— merkſamkeit in Auſpruch nehmen ſoll. Namenlos zwar, und noch von Keinem gekannt, aber gleich vor Allen hervorſpringend durch die Originalitaͤt ſeines Weſens.— Es iſt dies ein Mann von ho⸗ hem, gebietenden Anſehen. Nicht ſchön, dazu iſt er zu bleich; auch nicht mehr jung, aber intereſ⸗ ſant.— Da haben Sie das Wort, von Tauſen⸗ den gebraucht und gemißbraucht, und doch das Ein⸗ zige unter allen, was das ausſpricht, was wir bei der Ahnung eines tiefen, reichen Daſeins empfin⸗ den! Es liegt ein ſeltſames Gemiſch von Milde und Strenge in dieſem Geſicht. Die feinen Lip⸗ pen immer geſchloſſen, ſcheinen mit Gewalt das in⸗ nere Leben zurückzudrängen, das ſich aber deſto be⸗ redter durch die großen dunkelbeſchatteten Augen ausſpricht. Ich möchte ihn ſeines ſtolzen Anſtan⸗ des und ſeiner Zurückgezogenheit wegen, für einen Mann von hohem Stande halten. Er geht faſt immer ſchwarz gekleidet, doch iſt ſein Anzug ſtets auffallend nett und fein. Noch hab' ich kein Wort von ihm gehört, aber ich ſetze in Voraus ohne Bedenken all' die faden Geſchwätze jener Modefiguren ein, um dieſes Wort zu gewinnen. Spotten Sie nur, daß ich mich zur Lobrednerin eines gänzlich Unbekannten aufwerfe, aber ich wette, daß er mir das nicht bleibt! Es iſt mir, als müßte ich über dieſes ernſte Geſicht einen Lichtſchleier werfen, der das Leben ihm heller und erfreulicher mache. Hier haben Sie nun die ſpärlichen Reſultate meiner Beobachtung! Gefällt Ihnen meine Mit⸗ theilung, ſo erhalten Sie recht bald einen ausführ⸗ lichen Bericht unſers Lebens und Treibens! Leben Sie wohl!— Achter Brief. Graf Malvi an die Baroneß Münter. Warmbrunn, im Juli 18*9. Wie ſoll ich mich bei Ihnen, gnädige Frau! we⸗ gen der Nachläſſigkeit entſchuldigen, deren mich mein langes Stillſchweigen bei Ihnen anklagen muß! Schrieben Sie meine Schuld einzig und allein auf die unerträgliche, armſelige Gegenwart, aus der ich mit Mühe kaum einige Tropfen Nah⸗ rung für meinen Geiſt, um wie viel weniger für den Ihren gewinnen konnte. Himmel! wie konn⸗ ten Sie mir ſo viel Schönes von den ſchleſiſchen Bädern ſagen? Ich ſterbe faſt vor Langeweile, und finge nicht jetzt endlich der Schauplatz an, ein wenig lebendiger zu werden, ich hätte Kur und alles im Stiche gelaſſen, um mein beſſeres Selbſt zu retten! Sie preiſen mir die Schönheit der Berge, das Liebliche der ganzen Gegend an, und haben Recht daran! Schade nur, daß kein Waſſer⸗ — 40— ſpiegel, kein Strom dieſes Gemäͤlde verſchönt! Es würde mehr Leben ins Ganze bringen, und ungemein zur Erhebung der Landſchaft beitragen. Die majeſtätiſchen Maſſen des Gebirges gewähren in der That einen impoſanten Anblick; aber das Auge gewöhnt ſich an alles, einige Tage, und es verlangt neue Geſtalten! Alles Lebloſe ermüdet mich bald, die Eindrücke, die ich empfange, will ich zurückgeben, verſtehen will ich, und verſtanden ſein! Ich kenne keinen Genuß, als den des Wechſeltau⸗ ſches der Meinung und Anſichten, und ſo wird die Natur für mich ſtets einen zu einfachen Charakter haben. Sie verlangten von mir genaue Rechenſchaft über die Liſte meiner Badebekanntſchaften! Muthen Sie mir das langweilige Geſchäft nicht zu! An Namen kann Ihnen nichts gelegen ſein, und was die Schilderung der Perſonen betrifft, ſo haben Sie in einer, wahrhaftig Alle. Von früh bis Abend fluthet der Strom artiger Geſtalten die Alleen auf und nieder, meiſt holde Fräuleins, aufs feſtlichſte geſchmückt, natürlich: pour se faire voir! Da aber der betrachtenden Augen leider viel weni⸗ ger, als der fragenden ſind, ſo habe ich bisweilen aus Langerweile und wahrer Gutmüthigkeit den Galanten geſpielt, und mir, wie ich mir ſchmeicheln darf, einen ehrenvollen Nachruhm gegründet. Seit einigen Tagen iſt die Baroneß Benting, die Sie auch kennen, hier eingetroffen, und in ih⸗ rer Begleitung— Fräulein Domikowky. Ich ſehe das Erſtaunen, das bedeutende Lächeln, das Ihr Geſicht überfliegt, indem Ste das leſen! So bin ich denn endlich ſo glücklich, dieſen Zankapfel der verſchiedenſten Meinungen mit Augen zu ſehen und zu beobachten. Die Wahrheit zu geſtehen, habe ich mir ſie ſchöner gedacht. Das feine ſchalkhafte Ge⸗ ſicht, die lebhaften Augen, der niedliche Lockenkopf, den ſie, wenn ſie ſpricht, auf dem ſchlanken Halſe höchſt anmuthig zu wiegen verſteht, die behende, faſt ſchwebende Figur, die bis auf den kleinen Fuß, ganz Einklang, ganz Ebenmaas iſt, dieß alles gibt ihr einen ganz eigenthümlichen Reitz, den man je⸗ doch nicht mit Schönheit verwechſeln darf. Ich war mehrmals in dem Zirkel, den ſie auf die ihr eigene Art mit der lebhafteſten Laune zu unterhal⸗ ten verſteht; doch kann ich nicht begreifen, von wel⸗ cher Art der Zauber iſt, den ſie über ſo viele un⸗ ſers Geſchlechtes übt. Gedankenwürde, jene lieb⸗ liche Zartheit, die der Hauptreitz ächter Weiblichkeit i*ſt, ſuche ich vergebens bei ihr. Hingegen ſtört oft ein zu lebhafter Muthwille den Beifall, den man ihrem Witz zu ertheilen gezwungen iſt, indem er den an ſanftere Schönheit gewöhnten Sinn der⸗ letzend berührt; kurz, ich fühle ſchon jetzt, daß ich zu dem Triumphzuge nie gehören werde, den ihr ſtegbewußtes Auge ſich ſchon jetzt zu verſprechen ſcheint. Daß ihr übrigens große Mittel zu Gebo⸗ te ſtehen, hat ſie bereits bewieſen. Ein äͤltlicher, finſterer Philoſoph zeigt ſich ſeit kurzem oft, und ſtets allein in der Geſellſchaft. Mir iſt der Mann unerträglich, obgleich die mehreſten der Damen ſein bleiches, von finſtern Locken beſchattetes Märtyrer⸗ geſicht für das ſchönſte unter allen erklären. Die⸗ ſer düſtere Geiſt ſcheint, von ihrer Liebenswürdig⸗ keit beſchworen, ſich allmählig zu unſerer Sphäre berabzulaſſen. Sein trockenes, verſchloſſenes Weſen ſcheint ſie zu reitzen, ſte läßt nicht ab, ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu lenken, welches mit der un⸗ dankbaren Strenge ſeines Charakters einen grellen Contraſt bildet.— Es verdrießt mich, daß ſie ih⸗ ren Reichthum ſo unnütz an dieſen ſteinernen Gaſt verſchwendet. Ein Miſantrop wie dieſer, iſt ſchlim⸗ mer wie alle Egoiſten der Erde, und wird und muß ihr am Ende mit ſeiner Unbehülflichkeit beſchwer⸗ lich werden. 3 Noch Eines! Die ſchöne Winzor iſt auch an⸗ gekommen, ich habe ſie ausſteigen ſehen, in zehn⸗ fache Schleier verhüllt. Sie ſah ſehr bleich aus, und wird wohl wenig wegen ihrer Kränklichkeit ſichtbar werden. Ich weiß, Sie korreſpondiren mit ihr! Wollen Sie ſich bei der Gelegenheit auch meiner erinnern, und mir Ihre Verzeihung angedeihen laſſen, ſo würden Sie die ſchönſte Rache üben, die je auf der Welt erfunden. Neunter Brief. O, über euch Männer! Unwillkührlich werdet ihr zum Verräther Eurer ſelbſt, wo ihr es kaum zu ahnen vermöget! Wer in aller Welt könnte wohl über das Stillſchweigen eines in ſo unermüdlicher Sorgfalt mit ſich ſelbſt beſchäftigten Weſens, wie Sie find, betroffen ſein? Nein, nein, mein guter V 1 7— 4 V Die Baroneß Münter an den Grafen Malvi. Aus der Reſidenz, im Juli 18**. Graf! Glauben Sie nicht, daß ich an eben dem Egoismus leide, der hier und da in Ihrem Briefe, wie ein verkappter Schauſpieler hinter den Couliſ⸗ ſen hervorblickt.— Ich und immer ich!— Wann, Graf! wird die Zeit erſcheinen, wo Ihr Herz, dieſe große Republik, der ewigen Alleinherrſchaft müde, ſich unter dem Zepter der wohlthätigſten al⸗ ler Regenten beugen wird? Ach, ich befürchte, Sie theilen das Schickſal des Narziß! Der Hang zu den Waſſerſpiegeln ſcheint mir bereits eine üble — 45— Vorbedeutung zu ſein. Doch nun genug der Stra⸗ fe! Möge Ihnen die Schnolligkeit, mit der ich Ihren Brief beantwortete, beweiſen, wie ich Ihnen die Verzögerung Ihres mir freiwillig geleiſteten Verſprechens gern verzeihe. In unſerer Reſidenz iſt ſeit Ihrer Abweſenheit nichts von Bedeutung vorgefallen. Graf Doncelli iſt von hier abgereiſt, um ſeine Tochter aus der Penſionsanſtalt zu G... abzuholen. Er hat von der Fürſtin die Breiſach⸗ ſchen Güter gekauft, und wird auf dieſe Art das liebe Kind von neuem in die Einſamkeit begraben. Er kommt bei ſeiner Retour über Warmbrunn, um mit Angelen das Gebürge zu bereiſen. Soll⸗ ten Sie ſie ſehen, ſo ſagen Sie mir doch, wie Sie die Kleine gefunden! Sie muß, wenn ſie ihre frü⸗ here Aehnlichkeit beibehalten hat, ein Engel ſein.— Daß Sie einmal mit der Domikowsky in Berüh⸗ rung kommen, hat mich ſehr ergötzt. Ich meinte oft in Ihren beiderſeitigen Naturen etwas Aehnliches zu entdecken, und iſt dies gegründet, ſo bitte ich Sie um alles in der Welt, ſeien Sie auf Ihrer Huth! Das iſt die Klippe, an der die Standhaf⸗ tigkeit eines Narziß ſcheitern kann! Faſt däucht mir, in dem Aerger, den Sie an Ihrer Befreun⸗ dung mit dem dunkeln Philoſophen nehmen, be⸗ reits den erſten, zündenden Funken entdeckt zu ha⸗ ben. Kurz, ich fürchte, verblendet die ſchöne Win⸗ zor mit ihrem ſanften Liebreitz und der Anzie⸗ hungskraft ihrer ſtillen Schwermuth nicht bei guter Zeit Ihr Auge: ſo gehören Sie zum Triumphzug der Domikowsky, ehe Sie ſich's verſehen! Leben Sie wohl! —— Zehnter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Alboin. Warmbrunn, im Juli 18“. Nein, nein, meine theuere, vor allen geſchaͤtzte Freundin! haben Sie keine Sorge um mich! Sie meinen, der, von der Einförmigkeit jenes Lebens gewaltſam unterdrückte Hang zum Vergnügen kön⸗ ne nun gleich einer lang zurückgehaltenen Waſſer⸗ fluth, die, befreit, alle Schleuſen und Dämme zer⸗ reißt, meinen jugendlichen Frohſinn, bei der Frei⸗ heit, die ſich mir darbietet, leicht über die Schran⸗ ken des Schicklichen hinausſteigern; aber fürchten Sie das nicht! Die Menſchen um mich her ſind ſo ſolide, daß ich es unwillkührlich mit werden muß, überdieß iſt meine Zeit regelmäßig in die Beſchäf⸗ tigung mit den Kindern der Baroneſſe und der Unterhaltung mit ihr ſelbſt eingetheilt, was meine Kräfte in einem ſtets ruhigen Gleichmaas erhalten muß. Der Morgen, der hier über alle Beſchrei⸗ bung ſchön iſt, wird, während die Benting das Bad gebraucht, zu einem Spaziergang mit den Kleinen benutzt. Wir wandern dann gewöhnlich die Brunnenallee entlang, oder beſteigen einen na⸗ hegelegenen Hügel, von dem man eine der reizend⸗ ſten Ausſichten genießt. Kurz, vor Tiſche verſam⸗ melt ſich die ſchöne Welt im Park, wo die Muſik beginnt. Die Baroneſſe und auch ich fanden eini⸗ ge Bekannte, die niemals ermangeln, für unſere Unterhaltung zu ſorgen. Graf Malvi ſchreitet nach ſeiner gewohnten Weiſe, am Arm eines der hieſigen Offiziere, die bunten Reihen auf und nie⸗ der. Seine Augen, die, nach der famöſen Sitte der hieſigen Elegants, mit einer Brille bewaffnet ſind, muſtern im Vorbeigehen die Verſammlung, und ſein ſatyriſches Mienenſpiel, und ſein, oft zum Lächeln verzogener Mund, beweiſt nur zu deutlich, wie oft ſie ihm die reichlichſte Ausbeute zu luſtigen Bemerkungen aller Art geben mag. Zu meiner Verwunderung und zum Verdruß der übrigen jun⸗ gen Welt, ſucht er vor allen die Gelegenheit, in unſerer Geſellſchaft zu ſein, theils, um ſein Licht glänzen zu laſſen, theils, um zu beobachten, denn das ſcheint überhaupt ſeine Force zu ſein. Seinen Vergleichen, ſeinen Einfällen fehlt es weder an „Witz noch an Scharfſinn, doch ſind ſeine Urtheile meiſt übereilt, und ich fürchte, oft die Geburten geſchmeichelter oder beleidigter Eitelkeit. Ich werde — — — 49— ihn bei meiner Natürlichkeit oft Veranlaſſung zu Bemerkungen aller Art geben, doch fürchte ich eben dieſen Gegner nicht; im Gegentheil macht es mir Spaß, mich zuweilen in ſatyriſche Fehde mit ihm zu verwickeln, wo ſich dann ſein Charakter immer deutlicher ausſpricht. Gibt es eine anziehendere Unterhaltung, nun ſo wird dieſe ergriffen, ob dann gleich gewöhnlich der Graf eine ſehr ſtille Rolle— ſpielt. Er will immer der Erſte ſein, oder gar nicht ſprechen; tritt ein Zweiter auf, der den Fa⸗ den der Unterhaltung zu ergreifen verſteht, ſo faͤngt bei ihm die Beobachtungsperiode wieder an, wobei ein unheimliches Lächeln auf ſeinem Geſicht hin und wieder zuckt. Nichts iſt mir amüſanter, als das Zu⸗ ſammentreffen des Grafen mit Norden. Vor allen muß ich Ibnen erzählen, daß ich nun endlich mit jenem ernſten Manne bekannt geworden bin, deſſen ich in meinem vorigen Briefe erwähnte. Es iſt dieſer ein Superintendent Norden, ſehr unglücklich wie es ſcheint, und von höchſt reizbarem, verſchloſ⸗ ſenem Charakter. Ein Zufall machte mich mit ihm bekannt; doch kann ich es wohl mehr den liebens⸗ würdigen Kindern, die ſtets um mich ſind, zuſchrei⸗ ben, wenn er ſeitdem öfters meine Nähe ſucht, um ſich mit dieſen zu beſchäftigen. Bisweilen nimmt er auch Antheil an unſerm Geſpräch; lenkt es aber dann gewöhnlich mit weuigen Worten auf irgend Angela I. 3 einen ernſten, philoſophiſchen Gegenſtand, was ihn auf Augenblicke begeiſtert, ſeiner Verſchloſſenheit entführt, dann aber noch tiefer verſtummen macht, indem die leichten, oberflächlichen Geſellſchaftsſeelen ſeine Tiefe ſelten zu faſſen verſtehen, und ſich un⸗ gern aus dem bequemen Geleiſe des leichtern Con⸗ verſationstones hinausbemühen. Ich geſtehe es, daß mich dieſer Charakter anzieht, ob ich gleich fühle, daß ſeine Anſichten oft mit den meinen aufs lebhafteſte contraſtiren. Es lockt mich, ſo oft ich das ernſte Geſicht ſehe, alle meine Heiterkeit auf⸗ zubieten, um ihm das Leben, das Einſamkeit und lange Zurückgezogenheit von der Welt gänzlich wohlthuenden Lichte zu zeigen.— Graf Malvi, der mein Beſtreben bemerkt, möchte vor Aerger zerſpringen, indem es ihm ganz unerträglich iſt, auf einen andern als ihn irgend eine Art von Aufmerkſamkeit gerichtet zu ſehen. Was die Sache noch verſchlimmert, iſt: daß Norden ihn gar nicht zu bemerken ſcheint, ja was noch mehr iſt, ihn ſchon oft mit der Bitterkeit, womit er ſich über die Thorheiten der Welt äuſſert, unbewußt getrof⸗ — entfremdet haben, aufs neue in einem gefälligen, fen und im Innern verletzt hat. Jener wendet ſich daher, ſo oft ich mich mit Norden unterhalte, zu einem andern Kreiſe, der ſich ſeit kurzem um eine. neu angekommene Fremde zu verſammeln beginnut. Es iſt dieſes ein Fräulein von Winzor, das früher im Ruf ausgezeichneter Schönheit ſtand, ſich aber jetzt nur durch ihr ſentimentales, überſpanntes We⸗ ſen über das Niveau der Alltäglichkeit zu erheben ſucht. Ihre Kleidung, die wegen ihrer ſchwachen Geſundheit aus vielen Gewändern, gewöhnlich aus einer ſeidenen Hülle, lang herabfallendem Shwal und Kopfverſchleierungen aller Art beſteht, erinnert unwillkührlich an die Nebelwittwen aus La Motte Fouque* Zauberring, auch ſcheint ihr ziemlich ver⸗ bleichtes Geſicht in vollem Einklang mit dem übri⸗ gen zu ſein. Ich weiß nicht was man an dieſen Zügen, die ſich nie aus ihrer Ruhe bringen laſſen, um, wie ein Spottvogel mir zuflüſterte, ſich ſtets zu conſerviren, noch etwas Schönes finden kann! Mir geht das Leben, wo und wie es ſich offen⸗ bart, über alles, und alle Unnatur und Ziererei 1 wird mir überall, vor allem aber an unſerm Ge⸗ ſchlecht, doppelt verhaßt ſein. Ich ſehe, indem ich meinen Brief durchleſe, daß ich ſehr offenherzig ge⸗ weſen bin, doch Sie wollten mich ja ſo, wie ich bin, und ſo nehmen Sie denn vorlieb mit den Schwächen Ihrer Hermine, die ſo deutlich ſich deren bewußt iſt, doch noch mit einigem Stolz auf das Heer der Prüden und Koketten herabſteht!— 7 Eilfſter Brief. Norden an Walter. Warmbrunn, im Juli 18**. Nein, Walter! ich darf Deinen Vorwurf nicht ſcheuen! Nicht Leidenſchaft war es, was mich in jener entſcheidenden Stunde geleitet! Jene Gluth, die den blinden Willen hinauf und herabreißt, zur Großthat wie zum Verbrechen, jene Flamme der Jugend war längſt gelöſcht von dem Hauche der Zeit, untergegangen in dem Ernſt ſtillen Nach⸗ denkens. Mit Ruhe hatte ich Mariens Schickſal erwo⸗ gen; ich wußte was geſchehen mußte, um den letz⸗ ten Reſt ihrer moraliſchen Kraft zu retten! Wahr⸗ heit und Schein, Liebe und Heuchelei, welches kla⸗ re Auge ſollte nicht Beide von einander zu unter⸗ ſcheiden verſtehen! Gutmüthig warf ſie mir die Schaale längſt zertrümmerten Glückes zu, vermei⸗ nend, ich werde den Kern nicht vermiſſen, und ge duldig forttragen das Joch der Gewohnheit! Aber die Liebe iſt fein, ſie fühlt jeden erkältenden Hauch — 53— gleich einem verzärtelnden Körper, der ſchmerzlich zuckt, und ſich krampfhaft gebehrdet, wo ſtärkere Nerven unempfindlich bleiben. Sie iſt fein, und ſcharfſichtig zugleich, und kennt die Mittel dem quälenden Uebel zu ſteuern. Wir mußten uns trennen, wenn beide Theile geſunden ſollten. Die Strenge, mit der ich jeden Vorwurf zu beherrſchen fuchte, die unſelige Kunſt, mit der ſie mir ihr treuloſes Herz verbarg, beides rieb unſere Kraft auf. Nur eine Zeit gänzlicher Freiheit konnte uns die Mittel kennen lehren, die wir zur Heilung bedurften, nur Einſamkeit zur ernſten Prüfung un⸗ ſerer Selbſt führen, nur ſtrenge Buße ihr das ver⸗ lorene Glück zurückgeben. Sie unterlag dem Kampf ihres Innern, während ich hoffend dem reinern Sie⸗ ge entgegenſah. Die Inbrunſt, mit der ſie in ih⸗ ren letzten Augenblicken nach der göttlichen Verzei⸗ hung rang, läßt mich hoffen, daß ihr Geiſt zur Erkenntniß des Beſſern gekommen, und wir vor dem ewigen Richter verſöhnt ſind!— Nennſt Du mich hart, weil ich mit meinem ganzen zeitlichen Glück, welches mit ihr unwiederbringlich von mir ſchied, ihre Beſſerung erkaufen wollte? Dem ewigen Lenker wäre es ein Leichtes ge⸗ weſen, mein Beſtreben noch hier mit irdiſchem Glü⸗ cke zu krönen, aber er hat es für beſſer gefunden, ſie hinauf zu nehmen, und mich der Betrachtung ſeiner weiſen, wenn auch dunkeln Wege zu über⸗ laſſen. Willſt Du noch länger mich verdammen? Du, der ſtets ſo ſchonend das leicht verletzbare Herz des Freundes zu faſſen verſtand?— Friede mit Dir, wie mit meinem Gewiſſen! Ruhe iſt das einzige Element, wo ich zu gedeihen vermag. Freund! theurer Freund meiner Jugend! Schrecke mich nicht wieder empor! Schone, ſchone den kaum Geneſenden, Schwachen!— — Wie es mir geht?— Die Aerzte fragen daſſelbe, und jeder übt ſeine Kunſt ſo gut er ver⸗ mag. Dabei thut der Himmel das Seine, und läßt ſeine Sonne aufgehen über Böſe und Gute, und führt ſie ſo mild und erquickend über uns em⸗ por, daß Einem iſt, als ſähe man ſie immer wie⸗ der zum erſtenmale, und die Natur auch zum er⸗ ſtenmal, mit allen ihren Wundern und unausſprech⸗ lichen Reizen. Ich weiß nicht, ob jeder Kranke ſo ſehnſüch⸗ tig wie ich den warmen Himmelsſtrahl ſucht. Lang kann ich, an einen Baum gelehnt, ruhen, und nichts thun, als die goldenen Lichter auffangen und ein⸗ ſaugen, die ſich durch die ſanftbewegten Zweige ſtehlen, um Auge und Herz deſto ſiegender zu treffen. —,— Iſt mir die Bruſt dann recht voll geworden, ſo treibt es mich wohl dann und wann aus der Einſamkeit. Ich finde mich dann plötzlich mitten unter Menſchen, und ſtrecke die Hände aus, als „wolle ich ein Weſen erfaſſen, das mich weiter lei⸗ ten könne, weiter und weiter.— Doch Du willſt, daß ich umſtändlicher ſchrei⸗ be, Dir auch erzähle von dem, was mir in den Kreiſen der Geſellſchaft begegnet. Ich habe vor kurzem ein Geſicht erblickt, wobei es mich ſogleich drängte, es Dir zu entwerfen; ein Geſicht, dem unter dem Schwarm gehaltloſer, verbildeter Weſen die Natur ihren heiligen Stempel, den Stempel der Wahrheit und Huld, gar licht und erfreulich aufgedrückt hatte. Mein erſtes Gefühl war Ver⸗ druß, daß dieſe Züge einem Weibe gehörten; ich hätte, wäre es ein Jüngling geweſen, ihn wohl gebeten, mein Freund zu ſein. Ich hielt mich oft in der Nähe des Kreiſes, der ſich um jenes anziehende Weſen gebildet, und hatte dann immer daſſelbe Gefühl, deſſen man ſich nach langer Wintererſtarrung bei dem wohlthuen⸗ den Einfluß des herannahenden Frühlings erfreut. So habe ich bisweilen ihrer Rede gelauſcht, die gleich einem lächelnden Kinde mit Blumen ſpielt, auch wohl hier und da mit leichtem Blüthenwurfe trifft, ohne ihn gerade mit ſchmerzlichem Dorn zu — 56— verwunden, und oft bewundert, wie mitten im Sumpf ſo mannichfacher Thorheiten und gehäſſiger Künſtelei, eine ſo rein kräftige Staude emportrei⸗ ben konnte, die doch einmal wieder an den Garten Gottes erinnert. Letzt führte ein Zufall meine nähere Bekannt⸗ ſchaft mit dieſer liebenswürdigen Fremden herbei. Ich ſaß auf einem Hügel, der wegen ſeiner freien Ausſicht in das buntfarbige Thal mein Lieblings⸗ ruhepunkt iſt. Tief in Gedanken verloren, ſtarrte ich in die Ferne, und bemerkte erſt die zarte Ge⸗ ſtalt, die in Begleitung zweier Kinder heraufgeſtie⸗ gen war, als ſie unfern von mir Platz genommen hatte. Die Kleinen, die ſich erſt ſchüchtern an ſie ge⸗ ſchmiegt hatten, fingen allmählig an mich zu be⸗ trachten, und dann heimlich ihr zuzuflüſtern. Warum iſt der fremde Herr denn ſo traurig? frug das Aeltere, ein kräftiger Knabe;— ſcheint doch die Sonne ſo hell und ſchön, und ſummt und ſingt es doch in den Lüften, daß es Einem im Her⸗ zen wohlthut!— Warum kann er nicht auch ſo fröhlig ſein wie ich und du? Das mußt du ihn ſelbſt fragen! gab die Frem⸗ de zurück, und vor mich hin trat der Knabe, und drückte mir ſeinen vollen Blumenſtrauß in die — 5/— Hand und ſagte: Da haſt du, nun ſei aber auch recht vergnügt!— — Ich weiß nicht, wie mir wurde, ich ſtand auf, es regte ſich in mir etwas wie Angſt, und doch überwand es meine Freude an dem Kinde; ich neigte mich endlich liebkoſend zu demſelben hinab. Die Fremde, die etwas von meiner Beſtür⸗ zung gewahrt hatte, war indeß aufgeſtanden und hatte ſich dem Knaben genähert. Vergeben Sie! bat ſie freundlich. Die Kinder ſind nicht gewohnt ihre Gedanken zu verſchweigen. Das lernt man erſt ſpäter. — Wohl lernt man es ſpäter! ſeufzte ich, und traurig daß man es lernen muß! Des Kna⸗ ben Frage hat mich getroffen, aber dieſe Erſchüt⸗ terung war gut! Wie vieles auf Erden würde anders ſein, wenn man immer dieſe Sprache hörte! Sie ſcheinen an traurigen Erfahrungen reich! verſetzte die Fremde. Ich wünſchte, Sie könnten recht oft um Kinder ſein, man wird dann ſelbſt wie ſie, und daran iſt, denke ich, viel gelegen! Ich blickte die Fremde ſtaunend an, ſte lächelte und fuhr fort: Ja, ja! Es läßt ſich recht viel von Kindern lernen, mehr als von Jenen, die, im Lauf durch die Welt hin⸗ und hergezogen, kaum — 58— noch ſagen können: das bin ich! ſondern: das hat man aus mir gemacht! Die Natur hat die Menſchen zur Freude berufen, darum gab ſie ihm offene Sinne und ein fühlendes Herz. Die Un⸗ dankbaren aber verſchließen Auge und Ohr, und verlieren ſich in tiefſinnige Träume, und verkaufen an dieſe ihre köſtliche Gegenwart, ein Gut, das keine Reue zurückbringen kann. Stört der Tiefſinn die Freude? frug ich mit leiſer Betrübniß. Wenn er ein Kind des Unglücks iſt, entgeg⸗ nete ſie, ſo erregt er in uns die Sehnſucht zu hel⸗ fen! Iſt er aber ein Kind des Stolzes, ſo kränkt er uns heimlich!— Das Allerſchlimmſte aber, fuhr ſie ſchelmiſch fort, iſt, daß der Tiefſinnige, ohne Unterlaß in ſich ſelbſt verſunken, ſeine Umgebun⸗ gen nicht kennen lernt, ſich bald über dieſelbe er⸗ hebt, und ſich bald wieder unter dieſelben herab⸗ ſetzt, bis er endlich ſich ſelbſt und Andere entfrem⸗ det, vereinzelt daſteht, von Allen der Einzig Ver⸗ armte. Ich ſtand auf, einen wehmüthigen Blick auf ſie werfend, und wollte den Hügel hinab.— „Nimmt der Tiefſinn die Freude mit?“ rief ſie mir nach.„„O, die Freude ſucht den Verarmten nicht auf!““ entgegnete ich, langſam vorwärts ſchreitend. Aber ſie war ſchon an meiner Seite, — 59— und auf die vor uns immer heller aufblühende Landſchaft deutend, ſprach ſie ſanfter:„Wie un⸗ dankbar müßte der Menſch doch ſein, der hier noch grollen wollte!“ Allmählig wurde mein verletztes Gemüth von ihrem ſichtlichen Bemühen, mich aufzuheitern, wie⸗ der geheilt und erwärmt. Sie malte mir die Men⸗ ſchen, auf die ihr eigenthümliche Weiſe, jeden mit Schwächen und Irrthümern belaſtet, doch immer noch würdig der Theilnahme, und ſchloß mit der ſcherzhaften Aeußerung:„Allem will ich begegnen auf Erden, nur keiner gänzlichen Vollkommenheit! Alles Uebermenſchliche könnte mich mit Grauen er⸗ füllen, und nie würde ich ein Weſen an mein Herz zu drücken vermögen, das nicht wenigſtens durch eine Schwachheit mit mir und der Menſchengeſell⸗ ſchaft verbrüdert wäre.“ Walter! Dieſes Geſchöpf wäre das Erſte, das ich beneiden könnte, fürchtete ich nicht, daß dieſer Frohſinn nur weniger Schritte bedarf zu dem alles verderbenden Leichtſinn! Der Biene gleich, flattert ſie von Blume zu Blume, von Ge⸗ nuß zu Genuß, und weiß ſelbſt aus den Diſteln des Lebens ſich Honig zu ſaugen, der ſie angenehm ergötzt, und der, wenn ſie einem Bedürftigen be⸗ gegnet, auch wohl noch zureicht, ihn mit zu ſegnen. — Ich vermeide es nicht, ſie öfter zu ſehen, zu ſprechen. Sie ſpielt vielleicht mit mir, wie ſie mit Allen ſpielt, die ſie umgeben,— aber ich werde ihr nicht zürnen, auch wenn es alſo iſt! Von ei⸗ nem Weſen, wie dieſes muß man nicht Tiefe ver⸗ langen, man ſollte es betrachten, wie jede freund⸗ liche Erſcheinung des Lebens oder des Frühlings, die leicht vorüberziehend, mit gutherziger Freigebig⸗ keit ihre Gaben reicht, ihren Balſam träufelt, und harmlos ſcheidet, wie ſie gekommen iſt!— Lebe wohl.— — 2 Zwöfter Brief. Frau von Alboin an Hermine von Domikowsky. M...„ im Juli 188. Sie haben mich, meine liebenswürdige Freundin, auf eine ſeltſame Weiſe überraſcht. Das Intereſ⸗ ſe, das Sie bald Anfangs an dem ernſten, hohen Fremden zu nehmen ſchienen, wird nun durch Ih⸗ ren letzten Brief auch zu dem Meinen, indem ich jetzt von ſeinem Namen unterrichtet, einem, wenn auch nicht perſönlich, dennoch mir genau bekann⸗ ten, oft bedauerten Manhe begegne. Mit Freu⸗ den ergreife ich nun die Gelegenheit, Ihnen einiges von jenem Unglücklichen mitzutheilen, indem ich bei Ihnen dieſelbe Theilnahme vorausſetzen darf, die mich bewegt, ſo oft man ſeiner Schickſale erwähnt. Norden, dieſer ernſte Philoſoph, den Sie mei⸗ nen, war früher der Gegenſtand der Bewunderung, des heimlichen Neides. In unſerer Hauptſtadt von früher Kindheit an erzogen, lag dennoch über ſei⸗ nem Herkommen eine gewiſſe Dunkelheit, die man — 62— ſich ſpäter, aufmerkſam gemacht durch die Fürſorge, die der Fürſt dem aufſtrebenden Knaben erwies, auf mancherlei Weiſe zu erklären bemüht war. Die ſorgſame Erziehung, die der Elternloſe genoß, die Unterſtützung, deren er ſich bei ſeinen Studien erfreuen konnte, beſtärkte die Vermuthung, daß der ſchöne, durch ſeltene Kenntniſſe ausgezeichnete Jüngling, durch ein noch heiligeres Band, als das gewöhnliche, der Gunſt, an den Fürſten geknüpft ſei. Man verfolgte ſein Schickſal mit Theilnahme, man ſuchte ſeine Bekanntſchaft, ſeinen Unterricht, aber ein früh hervortretender Hang zur Stille und zu frommer Betrachtung, zog den Jüngling immer wieder aus den Armen der Welt in die Einſamkeit zurück. Auch in ſpätern Jahren blieb dieſe Nei⸗ gung die vorherrſchende in ſeinem Gemüth. Von einer ſehr traurigen Erfahrung zum Mißtrauen ge⸗ gen unſer Geſchlecht geſtimmt, ſchien er dieſes vor Allen zu fliehen,— und ſein Herz einer irdiſchen Neigung hartnäckig verſchließen zu wollen.— Lan⸗ ge blieb er unvermählt, bis endlich nach Verlauf mehrerer Jahre, die Anmuth eines holden weibli⸗ chen Weſens, verbunden mit dem Zauber eines ſchönen Talents, den Sieg über ſein von Vorur⸗ theilen befangenes Gemüth davon trug. Marie, die Tochter einer braven Familie, deren Umgang ich mich damals oft erfreute, war ganz geeignet, — 63— ein häusliches Leben durch ſtille Tugenden zu ſchmücken. Jeder freute ſich dieſer Verbindung, um ſo mehr, da ſie von beiden Seiten durch wah⸗ re Neigung geknüpft ſchien. Indeſſen lag des Un⸗ glücks Keim bereits in der Wiege ihres Glückes verborgen.— Ein junger Ausländer, den die glü⸗ hendſte Leidenſchaft zu Marien gezogen hatte, be⸗ vor er noch im Stande war, ihr Herz und Hand bieten zu können, hatte ſchon früher ihre Theilnah⸗ me erregt, und ihr durch die Heftigkeit ſeines We⸗ ſens ein Verſprechen zu entlocken gewußt, das ohne Wiſſen ihrer Eltern gegeben, Marien ſpäter über⸗ eilt und ungültig ſchien, zumal, da es nach Ver⸗ lauf mehrerer Jahre bei gänzlichem Stillſchweigen des Entfernten, für die betrügeriſche Forderung eines unbeſtändigen Charakters anzuſehen war, und nun als gänzlich aufgelöst betrachtet werden durfte. — Sie reichte deßhalb ohne Bedenken dem Super⸗ intendenten die Hand, und fand in ſeiner Liebe, und dem Beſitz häuslichen Glückes eine ſchöne Ent⸗ ſchädigung für die vermeinte Untreue des Erſtge⸗ liebten. Aber der Entfernte kehrte zurück, mit al⸗ len Anſprüchen auf Liebe und Treue, die ſeine Ausdauer ihm geben durfte. Er hatte gehandelt, ſeine Lage geſichert, ſein Ziel erreicht;— hoff⸗ nungsvoll eilt er nun ihrer Heimath zu, und fin⸗ det die Geliebte vermählt. Liebe und Verzweif⸗ — 64— lung diktiren ihm den zermalmenden Brief, der den Frieden in Mariens Buſen zerſtörte. Furcht und Scheu vor Nordens ſtrengem Charakter heißen ihr das unſelige Geheimniß verſchweigen; Reue und Mitleid öffnen ihr Herz den Bitten des ſchmerzlich getäuſchten, verzweifelnden Mannes; ſie will ihn ſehen, um ihn mit der Klarheit, mit der ſie ihren Schritt zu entſchuldigen gedenkt, den Glauben an Treue und Tugend zu retten. Norden erfährt die Zuſammenkunft, und glaubt, von Mariens früherm Verhältniß unterrichtet, ſich verrathen,— ſeine alte Bitterkeit erwacht, ſein Mißtrauen vergrößert die Schuld ſeiner Gattin; er verbannt die Un⸗ glückliche aus ſeiner Nähe, an deren Liebe er nicht mehr glauben, von deren Tugend er ſich nicht mehr überzeugen kann, und weiſt ſie auf Buße und Reue hin. Hier, in der Stille eines, meinem Gute nahgelegenen Städtchens, hier war es, wo ich Marien wiederſah.— Gram und Vorwurf hat⸗ ten an ihrer Jugend ſichtlich gezehrt. Sie kränkel⸗ te und ſah mit einer gewiſſen Heiterkeit dem Zu⸗ nehmen ihres Uebels entgegen. Oft, wenn ich ſie mit neuer Hoffnung zu tröſten bemüht war, faßte ſte meine Hand und ſagte mir ſchmerzlich: Glauben Sie, fuͤr mich giebt es kein Glück mehr hienieden, ſelbſt in der Verſöhnung mit Norden nicht.— Seine Verzeihung hoffe ich dereinſt zu erhalten, — 65— weil ich mir keines Vergehens bewußt bin, das ei⸗ ne ſo harte Strafe verdiente; aber ſeine Liebe war längſt nicht mehr mein, früher noch, bevor je⸗ ner unſelige Brief in meine Hand kam, mußte ich das oft ſchmerzlich bemerken. Ich möchte es wohl eine Verirrung ſeines Gefühls nennen, ſetzte ſie einmal hinzu, daß er mir ſein Herz verſprach! Sein Gemüth iſt nicht geeignet, irgend einen Gegenſtand mit gleicher, ruhiger Neigung zu umfaſſen; er ſcheint vielmehr einer überirdiſchen Vollkommenheit zu huldigen, deren Bild ihm nur flüchtig in den Erſcheinungen des Lebens begegnet, es auf Augen⸗ blicke mit hoher Begeiſterung erfüllt, um ihm dann noch ſchmerzlicher das Unzulängliche alles Irdiſchen für die Gluth höherer Sehnſucht, empfinden zu laſſen. Seine Liebe lieh mir auf kurze Zeit den Zauber jenes Ideals. Die Glorie ſank, nachdem ſeine Phantaſie allmählich erkaltete, und ich aus dem Roſengarten bräutlicher Liebe, in das Alltags⸗ leben der ſich einförmig fortbewegenden Häuslichkeit getreten war. Mit vielem Schmerz bemerkte ich, wie ſeine Gleichgültigkeit in eben dem Grade ge⸗ gen mich zunahm, als ſeine Neigung zu Allem, was früher ſeine Einſamkeit verſchönt hatte, wie⸗ der zur Leidenſchaft emporwuchs. Er ſchrieb, er las, und brachte ganze Tage mit den angreifendſten Studien hin. Seine Geſundheit mußte erliegen. 1 1 3 66— Ueble Laune und düſteres Hinbrüten war die Frucht ſeiner geiſtigen Anſtrengung; nicht meinen, nicht ſeines Kindes Liebkoſungen gelang es mehr, ihn zu zerſtreuen und aufzuheitern. In dieſer un⸗ glücklichen Zeit kam der Langentſernte zurück, der mir mit ſo großer Treue ergeben war. Sein edler Charakter, die Liebe, die trotz der Bitterkeit ſei⸗ ner Vorwürfe in meine Seele leuchtete, alles dieß ließ mich doppelt mein Unrecht empfinden, mein Unglück beweinen. Ja, ich begann im tiefſten Her⸗ zen die Stunde anzuklagen, die mich an das Schick⸗ ſal eines ſo kalten, gefühlloſen Weſens gefeſſelt hatte, ich wagte es zu vergleichen, zu bereuen;— und dieſes war das Verbrechen, deſſen mein Ge⸗ wiſſen mich laut anklagt! Für dieſen Meineid, im tiefen Innern begangen, glaub' ich jetzt büßen zu müſſen, nicht für den Schritt, den ich wagte, je⸗ nen Unglücklichen mit mir zu verſöhnen. Hier ſpricht mein Herz mich frei, wie hart auch die Strenge meines Gatten mich anklagte; aber dort fehlte ich tief, und bedarf nun doppelt der himm⸗ liſchen Verzeihung.— Marie ſiel nach ſolchen Ge⸗ ſprächen ſtets in ein ſchwermüthiges Nachſinnen. Ich verſuchte es oft, ſie auf irgend eine Weiſe zu zerſtreuen,— aber immer vergebens. Sie beſtand mit wehmüthiger Freundlichkeit auf ihren Willen, ganz ſtill und unbemerkt ihre Tage hinzubringen. — 67— Nach einer Reiſe, die mich auf einige Zeit von ihr entfernte, fand ich ihren Zuſtand ſichtlich ver⸗ ſchlimmert. Sie konnte nicht mehr auſſer dem Bett ſein, und litt an einem heftigen Fieber. Ihr Kind, das ſie nie von ihrer Seite ließ, blieb auch jetzt ihr einziger Gedanke, ihre einzige Unterhaltung. Sie ſprach mit ihm fortwährend von Norden, und wußte dem Knaben ſo viel Freundliches von ſeinem Vater zu ſagen, daß das Kind einmal über das Andere rief: Laß mich nur erſt bei ihm ſein, ich will ihn dann immer recht herzlich lieb haben, und ganz folgſam ſein!— Ich ſah Mariens Ende herannahen, und bat ſie, an Norden zu ſchreiben, der von ihrem Zuſtan⸗ de noch gar nichts erfahren hatte. Sie ſah mich eine Weile nachdenkend an, dann ſagte ſie: Sie haben recht, meine Freundin! Es ſchläft ſich ſanf⸗ ter ein, wenn man von allen Lieben gute Nacht genommen hat.— Sie forderte nun mit einiger Haſt Papier und Feder, und richtete ſich zum Schreiben empor. Doch ihre Kräfte erlaubten es nicht mehr,— ſie ſank zurück, und reichte mir die Feder mit wehmüthigem Lächeln.— Von jetzt an war ſie ſelten ihrer Beſinnung mehr mächtig, wil⸗ de Phantaſien ſchreckten ſie oft aus der Gluth des Fiebers empor,— laut und dringend verlangte ſie Nordens Verzeihung, und ſprach es bewußtlos noch deutlicher aus, wie ſein Bild nur allein ihre ganze Seele erfüllte.— Zu ſpät kam der Unglückliche an,— Marie hatte bereits vollendet. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, den Mann zu ſehen, deſſen allzu große Strenge das Leben eines ſo zar⸗ ten Weſens untergraben hatte. Ich dachte mir die folternden Qualen, die ihn beim Anblick der Leiche Mariens ergreifen mußten, und konnte nicht Zeu⸗ gin dieſes Augenblicks ſein. Ich reiſte ab, nach⸗ dem ich ihn in einem Schreiben von den letzten Wünſchen ſeiner Gattin unterrichtet hatte.— — Hier haben Sie nun, liebe Hermine! die Geſchichte des unglücklichen Norden! Sie werden nun die Sprache ſeiner ſchwermüthigen Züge beſſer verſtehen, ſeinen Charakter deutlicher auffaſſen kön⸗ nen. Möcht' er in Ihrer wohlthuenden Nähe all⸗ mählig von dem Tiefſinn geneſen, der ſeit jener Zeit ſein Erbtheil geworden iſt. Seien Sie recht mild und ſchonend mit ihm, rufen Sie nie jene düſtern Erinnerungen in ſeiner Seele hervor. Sein Inneres iſt bei aller Kälte und Härte ſeiner Auſſenſeite, höchſt zart beſaitet, und muß von weichen ſorglichen Händen gepflegt werden, wenn es je wieder in reinern Melodien ertönen ſoll. Gern, ich geſtehe es, möchte ich Ih⸗ nen das Verdienſt zueignen, der Friedensengel ei⸗ nes ſo tief gebeugten Daſeins zu ſein! Aber 1s — Go— iſt nicht leicht, und bedarf vor Allem eines immer gleichen Betragens. Zum Spielwerk muthwilliger Laune iſt ein wundes Herz nicht geeignet. Auch iſt ſein Charakter wohl zu ernſt,— als daß er dieſer Warnung mich nicht ſelbſt überheben ſollte. Kurz, meine Freundin, ich hoffe, daß Sie meine Winke beherzigen, und nicht in einer Anwandlung fröhlichen Uebermuths die langſam keimende Saat wieder zerſtören werden, deren Gedeihen der Zu⸗ fall in Ihre Hand gab! Leben Sie wohl! Dreizehnter Brief. Der Hauptmann von Bören an den Regierungsrath Walter. Warmbrunn, im Juli 18 t. Erdlich kann ich mein Verſprechen löſen, und Ihnen Nachricht geben von dem Freunde Ihres Herzens. Seit drei Tagen bin ich hier, und das in Geſellſchaft meines Couſins, des Baron Ben⸗ ting. Er kam von Wien und traf mit mir auf der letzten Station zuſammen, wo es ſich ergab, daß unſere Wege gemeinſchaftlich nach einem Ziele führten. Seine Frau gebraucht das hieſige Bad dund hatte große Freude über unſere Ankunft. Sie hat den Schmetterling von Gemahl immer noch von Herzen lieb, der nach ſeiner gewöhnlichen Wei⸗ ſe die Blumen aller Weltgegenden aufſucht, indeß die Verlaſſene daheim unermüdet waltet und ſorgt, und das, bei ihrer milden Güte nur immer zum Nutzen für Andere. Ich habe immer eine gewiſſe Ehrfurcht vor dieſem ruhigen, einfachen Charakter gehabt, der nichts verlangt, als ſeine Pflichten — 711—. geräuſchlos und ohne eitles Gepränge zu erfüllen, und ſeinen ſchönſten Lohn in der eigenen frommen Ueberzeugung findet. Jetzt ſteht ihr Bild gepaart mit einem zweiten gleich liebenswürdigen noch hol— der und erfreulicher vor meinem Blicke. Eine jun⸗ ge Polin, Namens Hermine von Domikowsky, ein höchſt anziehendes Weſen, hat ſich in ihre Ob⸗ hut begeben. Ganz Leben, ganz Anmuth, ſcheint dieſes holde Geſchöpf dem Bilde dieſer beſonnenen Frau eine ganz eigenthümliche Folie zu leihen. Jene gleicht dem roſigen Morgen, dieſe dem fried⸗ lichen Abend. Beide ergötzen uns und thun dem Herzen wohl. Der Baron fängt bereits an, das reizende Mitglied ſeines Familien⸗Kreiſes nach ſei⸗ ner gewohnten, ſcherzhaften Manier zu umgaukeln. Unermüdlich bewirthet er ſie mit Anekdoten und Erzählungen aller Art, und ſammelt die Lichtpunk⸗ te ſeiner Reiſe zu immer neuen Glanzbildern, die er ihr zu Ehren mit allem Brillantfeuer des Witzes und der Laune verſchönt: Sie begegnet ſeinen Be⸗ mühungen mit feiner Klugheit, und weiß ſtets ihre ſtille Freundin in das Intereſſe ihres Geſprächs zu verwickeln, ſendet auch wohl hier und da einen ſatyriſchen Pfeil auf den eiteln Schwätzer, der ſtets trifft, was er ſoll, ohne eben zu verletzen, was ihrem Verſtand wie ihrem Herzen gleiche Ehre bringt. Die Geſellſchaft, wie ich bemerkt habe, — 2— ſcheint bereits Herminens Verdienſte anzuerkennen; ſie hat ſtets einen kleinen Hof um ſich, wenn ſie erſcheint, vorzüglich drängen ſich einige junge Män⸗ ner recht ſichtlich um ihre Gunſt. Sie werden ſich wohl wundern, mein verehrter Freund, warum ich Ihnen ſo viel von einem Ihnen ganz fremden We⸗ ſen erzähle, aber ich konnte das Fräulein nicht übergehen, weil ich ihr die Bekanntſchaft mit Ih⸗ rem Freunde Norden verdanke. Noch ehe ich Ge⸗ legenheit fand, mich nach dem Superintendenten zu erkundigen, ſtellte ſie mir einen hohen, etwas blei⸗ chen Mann vor, in deſſen bedeutendem Geſicht ich ſogleich das Bild Ihres Freundes erkannte. Mei⸗ ne Freude, ihm zu begegnen, war zu unverſtellt, zu herzlich, als daß ſie dem ernſten Manne nicht einiges Vertrauen hätte abgewinnen ſollen. Ich mußte ihm viel von Ihnen erzählen, und ſah, wie ſeine Züge immer ausdrucksvoller, lebendiger, ſein Auge glänzender wurde. Er rühmte den wohlthä⸗ tigen Einfluß des Bades auf ſeine Geſundheit, und bat mich Ihnen zu ſagen, wie viel beſſer es ſeitdem mit ihm wäre. Irre ich nicht, ſo trägt der Cirkel der trefflichen Menſchen, zu denen er ſich gern zu halten ſcheint, und vorzüglich jenes liebenswürdige Weſen das Seine dazu bei, er ſelbſt verrieth durch einige artige Worte, die er an Her⸗ minen richtete, wie wohlthuend der Einfluß fremden . — 75— Lebensmuthes, auf ein gebeugtes Gemüth werden kann.— Ich möchte den auch ſehen, der in Her⸗ minens Nähe noch Grillen fangen, oder in düſte⸗ res Träumen verſenkt bleiben kann! Siegend, wie die Sonne über den Nebel herrſcht, zerſtreut ſie die Wolken auf jeder Stirn, keiner kann ihrer hei⸗ tern Lebensphiloſophie widerſtehen, unwillkürlich reißt ſie uns mit ſich fort, und nimmt unſere Sinne, unſere Meinungen gefangen; und ſo, mein Freund, wird man ihr Eigenthum, ohne es ſelbſt zu ahnen, zu denken. Sie wiſſen, welche Pläne meine Mutter mit mir hatte, und werden neugie⸗ rig ſein, wie mich der mir anempfohlene Beſuch bei Fräulein Winzor befriediget hat. Ich möchte am liebſten davon ſchweigen! um ſo mehr da ich in gar keiner paſſenden Stimmung war, die Be⸗ kanntſchaft des Fräuleins zu machen, und daher leicht ein ungerechtes Urtheil fällen möchte. Man muß Herminen nicht kennen, wenn man für den Liebreitz Anderer empfänglich bleiben will.— Ne⸗ ben ihrer holden Natürlichkeit erſcheinen die ge⸗ prieſenſten Eigenſchaften ſo leicht als unnütze Mas⸗ ken,— und man findet Alles ſo ſchaal, farblos und todt, auſſer ihr, wie uns das künſtlichſte Ge⸗ mälde matt und kahl erſcheint, wenn man zu lan⸗ ge in die Sonne geblickt hat.— Noch vermag ich nicht, Ihnen mehr hierüber zu ſchreiben; Angela I. 4 — 74— doch zweifele ich keinesweges daß die Zeit hierzu auch kommen wird. Mit treuer Hochachtung der Ihre. Vierzehnter Brief. Fräulein von Winzor an die Baroneſſe Münter. Warmbrunn, im Juli 18. Sie werden erſtaunen, uns hier zu wiſſen, meine Freundin! Es war ein ſchnell gefaßter aber noth⸗ wendiger Entſchluß, der meine Schwägerin beſtimm⸗ te, meiner zerbrechlichen Hülle dies Opfer zu brin⸗ gen. Ich ſträubte mich anfangs es anzunehmen. Sie wiſſen wie gleichgültig mir das Leben iſt, ſeit⸗ dem Er daraus ſchied, der mich es ſchätzen lehrte. — Aber die gute Anette ließ nicht ab, mir die Pflicht der Selbſterhaltung ſo klar wie möglich vor Augen zu führen, und ſo gab ich denn nach, ihre Liebe dankbar erkennend, die viel beſſer für mich ſorgt, als ich es vermag. Ich gebrauche nun be⸗ reits ſeit acht Tagen das Bad, und bemerke wirk⸗ lich, daß meine Migraͤne ſich vermindert. Uebri⸗ gens iſt hier ein unerträgliches Leben. Es iſt un⸗ möglich, ſich ein trauriger Vergnügen zu denken, als den Aufenthalt in einem Bade, wenn unter 4* — 76— der ſich ſtets begegnenden, begaffenden Menge, nicht eine Art von geſelligem Verein, eine gewiſſe Harmonie ſtatt findet. Noch ſchleichen die frem⸗ den Geſichter ohne Intereſſe an einander vorüber, kaum daß ſich einige kleine Zirkel bilden konnten, die uns daran erinnern, daß Geſellſchaft mit zu den Kurbedingungen gehört. Der Badearzt ver⸗ ſicherte uns, das würde ſich in der Folge ſchon fin⸗ den, wenn das Bad mehr beſucht werden würde: aber ich meine, es findet ſich niemals! Das Uebel liegt tiefer, es liegt in der Unzufriedenheit, die unſere gegenwärtige Zeit charakteriſirt. Welch' ei⸗ ne Unempfänglichkeit für das Höhere, Schöne, wel⸗ cher Stumpfſinn, welche horrible Gleichgültigkeit, die unſere Jugend ſchon früh den Greiſen ähnlich macht! Am auffallendſten äußert ſich dieſe Stim⸗ mung im Kreiſe der Männer! Ueberall zweckloſes Umhertreiben, und Ueberſättigung auf jedem Ge⸗ ſicht!— Das Einzige, was dieſe ſelbſtſüchtigen Seelen noch einigermaßen in Bewegung zu bringen ſcheint, iſt eine Erſcheinung, die wegen ihrer grel⸗ len Originalität vor allen hervorſpringt, und auf Koͤſten aller zarten Sitte und beſcheidenen Weib⸗ lichkeit, den Sieg davon zu tragen bemüht iſt. Es iſt dies ein Fräulein von Domikowsky, von dem ich Ihnen, ſo ſehr ſich mein Gefühl dagegen ſträubt, ein Bild zu entwerfen verſuche. Freilich bleiben —.— dergleichen Umriſſe ſtets unvollkommen, weil bei ſolchen Charakteren Blick, Haltung und Gebenden Hauptſachen ſind. Aber wenigſtens will ich Ihnen einige Schilderungen geben, damit Sie ſich einen Begriff machen, auf welche Weiſe man hier Epo⸗ che macht. Die Domikowsky kam in Begleitung der Baronin Benting hierher, wahrſcheinlich als deren Geſellſchaf⸗ terin, ob man gleich nicht deutlich unterſcheiden kann, welche eigentlich die vorherrſchende Macht iſt. Auf alle Fälle iſt die Baronin zu beklagen; und jetzt um ſo mehr, da ihr Gemahl ſich hier eingefunden, und die Langmuth der guten Frau, durch das ſicht⸗ liche Beſtreben ſeiner ſchönen Hausgenoſſin zu ge⸗ fallen, auf die Probe zu ſtellen ſcheint. Herr von Bören, ein junger liebenswürdiger Mann aus ei⸗ ner der angeſehenſten Familien des Landes, deſſen Mutter mir bekannt iſt, iſt mit dieſem Baron ver⸗ wandt, und deshalb genöthigt, die Poſſen und Ver⸗ kehrtheiten dieſes albernen Geſchöpfs, das der Ba⸗ ron ſo ſichtlich in Schutz nimmt, mit anzuſehen und zu dulden. Letzthin war ein Spaziergang beſchloſ⸗ ſen, dem mehrere Familien beiwohnen ſollten. Die Baronin in Begleitung der Domikowsky und der beiden Herren, kommt vor unſer Haus, mich, ver⸗ abredetermaßen, abzuholen. Ich kleide mich noch an, und laſſe durch meine Jungfer bitten, indeß — 78— in dem Park, der wenige Schritte entfernt iſt, auf mich zu warten. Was thut die Domikowsky? Sie„ breitet ihren Shwal mit Hülfe des Barons vor meiner Thür aus, nah' an der Straße, die ſtets von Spaziergängern wimmelt, ordnet den zierlichen Teppich recht in der Manier einer Seiltänzerin, und läßt ſich dann darauf nieder, wobei beide Her⸗ ren Geſellſchaft leiſten. Annette, die am Fenſter ſteht, ſchreit laut auf vor Verwunderung. Ich eile herbei, und ſehe die feine Polin, in der artigſten Attitude, die vor Lachen über ihren köſtlichen Ein⸗ fall zerſpringen will. Ihr Anzug, der aus einem nettanliegenden weißen Kleide und einem um den Kopf gewundenen rothen Merino⸗Shwal beſtand, gab ihr das Anſehen einer Türkin, auch mochte die Gruppe ſo übel nicht ausſehen, denn es begannen ſich bereits mehrere Schauluſtige einzuſtellen. Sie ſah mit ihren ſchwarzen, dreiſten Augen ſo unbe⸗ fangen zu meinen Fenſtern hinauf, daß ich hätte vor Aerger vergehen mögen. Man ſollte doch we⸗ nigſtens die nöthigen Regards gegen Andere be⸗ obacht en, wenu man auch ſich ſelbſt keine Rückſich⸗ ten ſchuldig zu ſein glaubt! Die Benting war in⸗ deß zu uns heraufgekommen. Ich konnte ihr mei⸗ 3 ne Meinung über dieſen Auftritt nicht ganz ver⸗ bergen. Die Gutmüthige lächelte und ſagte: Bei Andern könne ihr eine ſolche Poſſe vielleicht unan- — ¶%— genehm auffallen, bei Herminen verzeihe ſie der⸗ ggleichen lieber, weil dies nun einmal zu ihrem We⸗ ſen gehöre. Die arme Benting! Ich fürchte ſie entſchuldiget es ebenfalls, wenn ihr Gemahl dies leichtfertige Geſchöpf liebenswürdiger findet, als ſie! Sie hält es vielleicht für ganz natürlich, und denkt nicht daran, die gefährliche Nachbarin bei Zeiten zu entfernen. Ich wünſchte, Sie hätten nur ſehen können, mit welcher Gewandtheit dieſes ſchlaue Geſchöpf während des ganzen Spaziergangs die Aufmerkſam⸗ keit des männlichen Perſonals auf ſich allein zu richten bemüht war. Selbſt Bören, der kluge ver⸗ ſtändige Bören, konnte nicht ganz ihren Netzen entgehen, er ſchien ſich bisweilen ſehr ſichtlich an ihrem Geſchwätz zu ergötzen, und trug ihr gleich einem gehorſamen Diener, den ganzen Weg über den Shwal nach. Als wir auf dem Hügel anka⸗ men, und uns zu der im Freien bereiteten Tafel geſetzt hatten, gelang es mir mit Hülfe des Gra⸗ fen Malvi, ein gehaltvolleres Geſpräch in den Gang zu bringen. Sie kennen des Grafen große Bele⸗ ſenheit, ſeine gründliche Bekanntſchaft mit der al⸗ ten und neuern Literatur, die bei der geringſten Berührung ſogleich als helles Licht aufgeht, und ſich unaufhaltſam verbreitet. Auch jetzt war mit einer zufälligen Berührung des Zauberrings das Signal zu ſeiner glänzenden Beredſamkeit gegeben. Mit Lebhaftigkeit hob er einzelne Schönheiten her⸗ aus, und weckte dadurch den Geiſt der Geſellſchaft. Meinungen wurden gegeben und ausgetauſcht, je⸗ der mußte ein Bild anführen, das ihm in jener herrlichen Dichtung am beſten gefallen,— welches, indem es den Geſchmack eines jeden beurkundete, die verſchiedenen Charaktere aufs mannigfaltigſte hervortreten ließ. Die Baronin hatte ſich ſogleich für die Scene entſchieden, wo Bertha die Lauke warnend ergreift, und ihren eigenen Schmerz ver⸗ geſſend, nur den des Geliebten im Auge behält, indem ſie den, durch Gabrielens Liebreiz verblen⸗ deten Folko mit wehmüthigen Klängen an den entfernten Trautwangen, an Ritterpflicht und Recht erinnert. Ich hatte mich für das Glanzbild des Helden Otto erklärt, wie er bei der leichtfertigen Erzählung des Italieners ſeine moraliſche Kraft, ſeinen reinen Sinn entfaltet;— die Herren, ſich mehrentheils für die prachtvollen Kampfſcenen ent⸗ ſchieden, als auch Hermine, die bis jetzt mit Brod⸗ kügelchen allerhand Kreuze und Figuren geworfen hatte, ihre Stimme erhob.— Wie, rief ſie mit ihrem klingenden Tone, wie kann man nur noch einen Augenblick länger des allerherrlichſten Stern⸗ bilds, des tapfern Folko vergeſſen? Mir hat der Moment vor allen am beſten gefallen, wo dieſes — 81— Wander der Galanterie im Augenblick der Flucht aus der Emir⸗Burg, ſeinem Charakter ſo treu bleibt, daß er ſelbſt im Drang der Gefahr den Fräuleins zur Entführung den Arm aufs zierlich⸗ ſte darbeut.— Ein fröhliches Lachen ging durch die Geſellſchaft. Die Damen fanden ſich zu aller⸗ hand Bemerkungen berechtiget, wobei die jetzige Zeit in Vergleich mit jener des Ritterthums, ſo eben nicht gewann. Graf Malvi, der ſich durch dieſe Gedankenflüge von dem Hauptgegenſtand un⸗ gern abgebracht ſah, ſteuerte noch einmal gewaltſam zurück, indem er ſich zu Herminen mit der Frage wandte: Was halten Sie aber, mein Fräulein, von der Allegorie des Zauberringes? Hermine, die wahrſcheinlich hier am Ziele ihres Wiſſens ſtand, fing an, anſtatt verlegen zu werden, ein polniſches Liedchen zu trillern, dabei wußte ſie eine ſo höchſt ſchlaue Miene anzunehmen, als durchſchaute ſie alle Allegorieen der Welt, und uns obendrein. Der Graf mehr verletzt als verlegen, verſtummte, ohne ſeine Frage zu wiederholen. Das vorige Geſpräch gewann wieder die Oherhand, und Hermine bot alle ihre Kräfte auf, es auf alle Weiſe zu heben, zu animiren. So, mei e Freundin, treibt ſte es immer. Keiner iſt im Stande, ſie auf irgend eine Weiſe in die Enge zu treiben. Mit unbegreiflicher Kühuheit weiß ſie den Leitfaden der Unterhaltung ſo zu dirigiren, daß immer das Thema die Ober⸗ hand gewinnt, wo Witz und Laune ihr Spiel trei⸗ ben dürfen,— und dann iſt ſie unbeſtritten die Königin. 68 Ich fühle, wie gefährlich ein ſolches Weſen werden kann, ohne es eigentlich zu begreifen, und möchte mit Jedem Fehde anfangen, der dieſes von der Natur ohnehin ſchon verzogene Kind im⸗ mer mehr durch Schmeicheleien zu verziehen ſucht. Ich kann es nicht vermeiden mit Bentings zuſam⸗ men zu kommen, ſo ſehr das Betragen der Domi⸗ kowsky meinem Gefühl zuwider iſt. Ich verſtum⸗ me oft unwillkürlich in ihrer Nähe, und verliere mich gleichſam ſelbſt an die kindiſche Gauklerin; aber ich fühle jetzt klar, daß ich unrecht habe, mich alſo unterdrücken zu laſſen. Ich will doch verſu⸗ chen, ob kein Talent, kein Geiſtes⸗Vorzug neben ihr aufkommen kann? Ob keine Macht den Zau⸗ berkreis zu löſen im Stande iſt, den ſie ſo unge⸗ ſtraft um ſich ziehen durfte? Himmel, was wäre die Welt, wenn keine Münze mehr gelten ſollte, als die, womit ſie ihre Bewunderung erkauft! Schade dann um jede Gabe der Schönheit, der Kunſt, die dann bei dem gänzlichen Verfall ihres Werthes noch fortblühen wollte!— Doch,— was ſchreibe ich da! Darf der Werth ſolcher Himmels⸗ Gaben, von dem wankelmüthigen Beifall der Menge —— —— beſtimmt werden, iſt nicht vielmehr ihr Werth in ſich und durch ſich ſelbſt bedingt, hoch erhaben über alle Meinungen der Erde? O, meine Freundin, ich athme wieder auf! Das Reich des Schönen wird nicht untergehen! Sein Tempel iſt im Univerſum begründet, und ich will es zur Ehre der Menſchheit hoffen, auch noch in den Kreiſen edlerer Naturen! Leben Sie wohl!— Fünfzehnter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Alboin. Warmbrunn, im Juli 18˙*. Nein, liebſte Frau von Albvin!— nie habe ich eine angenehmere Zeit genoſſen, als die jetzige iſt! Tauſendmal möchte ich Ihnen die gütige Hand küſ⸗ ſen, der ich das Gelingen meines Wunſches ver⸗ danke!„Wo fang' ich an, Ihnen zu erzählen, was ordne ich zuerſt in dieſem Chaos ſich durch einan⸗ der drängender Geſtalten. Daß der Baron ange⸗ kommen iſt, haben Sie bereits durch ein Schreiben ſeiner Frau erfahren. Daß dieſer Baron der ſelt⸗ ſamſte Kopf von der Welt iſt, ein wahrer Ausbund. von Poſſen und luſtigen Einfällen, das darf ich nicht weiter erwähnen, da Sie ihn ja ſelbſt ken⸗ znen. Alſo gleich zu der zweiten Erſcheinung, die in unſern Kreis getreten iſt, zu dem Couſin des Barons, dem Hauptmann von Bören! Nichts in der Welt kann angenehmer ſein, als die Unterhal⸗ tung eines ſo klugen als beſcheidenen Mannes im b — 85— engern Familien⸗Zirkel. Vorzüglich gilt dies in einem Badeort, wo täglich ja ſtündlich ſich etwas begibt, das den reichſten Stoff zu Vergleichen und Bemerkungen aller Art darbietet. Wie wohlthuend iſt es, wenn man der Geſellſchaft entflohen, im traulichen Zwei⸗Geſpräch über die Erſcheinungen des Tages ſich verſtändigen kann! Man durchlebt gleichſam jene Stunden noch einmal, und das mit größerem Nutzen für Herz und Geiſt. Börens Charakter iſt ein ſeltſames Gemiſch von Ernſt und Ironie. Jener läßt ihm die Geſtalten des Lebens nach ihrem Werth auffaſſen und würdigen, indeß dieſe leicht aufzuregende, ironiſche Laune noch Stoff und Nahrung genug findet, ohne ſich an dem vergreifen zu dürfen, was ſein Verſtand gerechtfer⸗ tiget hat. Reiche, köſtliche Stunden werden uns durch ihn zu Theil, und ich wette darauf, daß wir die fröhlichſten Menſchen im ganzen Lande ſind, und keinem der Himmel heiterer lacht, als uns. Der Baron, der eine ſeltene Fertigkeit beſitzt, die Eigenthümlichkeiten des hieſigen Bade⸗Perſonals in Mienen und Geberden, ja ſelbſt in der Sprache nachzuahmen, führt oft die drolligſten Komödien zu unſerm Ergötzen auf. Die gute, ſanfte Baronin ermahnt den übermüthigen Gemahl nicht ſelten an Reue und Buße. Aber demohngeachtet kann ſie ſeinem höchſt komiſchen Weſen ihren Beifall nicht — 86— verſagen, und würde ihn wohl noch mehr verzie⸗ hen, wenn wir ihr nicht tapfer zur Seite ſtänden. — Wir? wie kam das Wort in meinen Sinn, was mich in Ihren Augen in nähere Beziehung zu unſerm edeln Gaſte bringen muß. Sehr bald wird des Zufalls freundliche Verkettung aufgehoben ſein, ohne in ſeinem Leben irgend eine Lücke zu hin⸗ terlaſſen! Herr von Bören war erſt Willens, nur kurze Zeit bei uns zu verweilen, doch hat er jetzt noch einige Wochen zugegeben, um einer kleinen Ge⸗ birgsreiſe beizuwohnen, zu der ich auf eine unver⸗ muthete Art eingeladen worden bin. Ich erhielt nämlich vor kurzem ein Schreiben von dem Grafen Domelli, der als ein Freund meines verſtorbenen Vaters mnir ſtets ſein Vertrauen, ſein Wohlwollen geſchenkt hat. Er holt ſeine Tochter aus der Pen⸗ ſionsanſtalt in G.,, und wünſcht, da ſie von ſehr ſtiller, faſt ſcheuer Gemüthsart ſein ſoll, ſie auf eine angenehme Art aus ſich herauszuführen und mit der Außenwelt zu befreunden. Nun verſpricht ſich der Graf von meinem Umgang dieſen erfreu⸗ lichen Nutzen, und wünſcht, daß ich Angelen auf ihren Wanderungen begleiten möchte; er ſelbſt ver⸗ heißt mit großer Güte, für unſer Vergnügen, für unſere Bequemlichkeit zu ſorgen, und uns überall zur Seite zu ſein. Ich habe es zugeſagt, ob ich —— — — 887— mir gleich nicht viel von dem einſylbigen Weſen der Comteſſe verſpreche, und werde mir Mühe ge⸗ ben, jenes mich ehrende Vertrauen zu rechtferti⸗ gen. Das hohe Gebirge hat mich ohnehin ſchon oft angezogen, wie ein ſtilles Geheimniß, das ich gern ergründen möchte, um wie viel lieber werde ich es jetzt beſuchen, da Freundes Hand mich hingeleitet. Man wird vielleicht über unſern gemeinſam entworfenen Reiſeplan ſprechen, vor allen wird die Winzor gewiß ihr ſtrenges Urtheil nicht zurückhal⸗ ten. Sie rügt und tadelt ohnedies, wo kein An⸗ derer eine Miene verzieht, und hat, ſeit der An⸗ kunft des Herrn von Bören, auf mich ein beſon⸗ deres wachſames Auge. Merkwürdig iſt es, wie ſeit kurzem ihr ganzes Weſen ſich umgewandelt hat. Ihre Migräne iſt gehoben, die geſpen e Ver⸗ hüllung verbannt, ſie kleidet ſich mit auffallender Sorgfalt, und fehlt bei keiner Parthie; auch wer⸗ den von Tage zu Tage neue Talente an ihr ſicht⸗ bar, und ich müßte mich ſehr irren, wenn ſie nicht noch eine ſehr jugendliche Hoffnung im Herzen trägt. Was dies noch mehr beſtätiget, iſt ihr ſicht⸗ liches Andrängen an die Baronin. Sie ſucht ſich ſtets unſerm Kreiſe anzuſchließen, und warum?— O ſchelten Sie mich nicht boshaft, wenn ich meine, es errathen zu haben! Einer Scene muß ich doch erwäͤhnen, damit Sie ſich von der Art, wie ſie — 88— Aufmerkſamkeit erregen will, einen Begriff machen können. Graf Malvi, der ſtets für das Vergnü⸗ gen der Geſellſchaft bemüht iſt, ſchlug geſtern eine Zuſammenkunft im Salon vor; das Wetter war trüb, und ſo nahm jedes ſeine Aufforderung an, den Nachmittag dort vereint zuzubringen. Ein Chor böhmiſcher Tonkünſtler empfing uns mit einer ſorgſam gewählten Muſik. Eine Harfe, in Beglei⸗ tung zweier Waldhörner, wechſelten mit andern Blas⸗Inſtrumenten ab, was einen ſtets neuen, höchſt angenehmen Genuß gewährte. Man ſprach nach beendeter Muſik mancherlei über den verſchie⸗ denen Charakter der Inſtrumente, und rühmte die Harfe als ein ſchönes, bei weitem nicht nach Wür⸗ den geſchätztes Inſtrument⸗ Man gedachte dabei des entſchiedenen Einfluſſes, den es ſchon in frü⸗ hern Zeiten auf das menſchliche Gemüth und ſeine Leidenſchaften gehabt hätte, und behauptete, daß keines mehr zur Hebung des Geiſtes beitragen kön⸗ ne, als die Harfe, wenn ſie mit Geſang verbun⸗ den ſei. Fräulein Winzor hatte bereits durch ihr Ur⸗ theil zu verſtehen gegeben, daß ihr dieſes Inſtru⸗ ment nicht unbekannt ſei,— ein ſchüchterner Blick, den ſie auf den Grafen warf, wurde ſogleich von dieſem verſtanden. Er erhob ſich, und begann, ſich mit feinem Anſtand zu der Geſellſchaft wendend: dem reitzenden Bilde hingen, wie jeder dem Aus⸗ — 89— Wir ſprechen ſo viel über die erhöhte Wirkung des Harfenſpiels durch den Geſang, und könnten uns davon am ſchönſten überzeugen, wenn Fräulein Winzor die Güte haben wollte, uns einen Beleg zu dieſer Behauptung durch ihr ſchönes, mir wohl⸗ bekanntes Talent zu geben!— Sggleich vereinig⸗ ten ſich die Bitten der Uebrigen mit der höflichen Aufforderung des Grafen, man trug mit lautem Jubel das Inſtrument herbei, und legte es in den Arm der ſich ſchüchtern ſträubenden Virtuvſtn. Leiſe prüfend ließ ſie die Hand über die Saiten gleiten, und bat mit ſcheinbarer Verlegenheit, es ihr nicht zuzurechnen, wenn ſie auf dieſem ihr ſehr unbequemen Inſtrumente, die Geſellſchaft nicht nach Wunſch befriedigen könne. Sie zog jetzt die Hand⸗ ſchuhe aus, legte den Shwal ab, und begab ſich in der Glorie der Kerzenbeleuchtung auf ihren Platz. Der blendende Schimmer der Lichter gab ihren Zügen eine gewiſſe Jugendlichkeit, auch war ihre Geſtalt durch einen höchſt eleganten Anzug ge⸗ hoben, vor allem aber fiel mir die blendende Wei⸗, ße ihrer wahrhaft ſchön geformten Arme und Hãän⸗ de auf, die heut zum erſtenmal enthüllt, und mit koſtbaren Armbändern geſchmückt, mit zauberiſcher Anmuth die Klänge zu wecken begannen. Ein ſanf⸗ tes Adagio hub an, ich ſah wie Aller Augen an — 90— druck ihres Spieles folgte, welches, indem es die Gemüther recht weich und wehmüthig ſtimmte, zu dem darauf folgenden Geſange vorbereiten ſollte. Ich war bis jetzt ganz Ohr geweſen. Die Muſik kann mich mit jedem Weſen verſöhnen, und wenn es mein aärgſter Feind wäre! ſo kam es auch, daß mir die Winzor in dieſem Augenblicke viel höher, viel beſſer als ich erſchien. O hätte ſie mit dieſen Accorden geſchloſſen! Aber jetzt begann der Geſang. Weiche Moll⸗ töne verkündeten im voraus den ſchmachtenden Cha⸗ rakter der beginnenden Cavatino.„Se non piange un inſelice“, erklang es in vollen ſchmelzenden Tönen, mit allem leidenſchaftlichen Ausdruck einer verlaſſenen unglücklichen Braut. Unwiderſtehlich wären dieſe Klänge geweſen, hätte man ſie im Schoos der Einſamkeit belauſchen dürfen, hier, im Kreiſe einer ſo fröhlichen Geſellſchaft vorgetragen, lag mir etwas Unzartes, den höchſten Schmerz Ent⸗ weihendes, darin, ſo daß ich unwillkürlich an ihrer Stelle erröthen mußte.— Die Melodie ſchlang ſich aus Moll in Dur, und ging aus dieſem in die erſte weiche Tonart wieder zurück, wo ſich das tiefſte Leben der Sängerin in dem ſterbenden Seuf⸗ zer— o Dio! ganz aufzulöſen und hinzuſchmelzen ſchien.— Die Stimme ſchwieg, die Hand ruhte nur noch leiſe auf den bebenden Saiten, indeß das — 91— ſchöne Haupt an das Inſtrument lehnte, und durch eine ziemlich ſichtbare Bewegung, die leicht aufge⸗ ſteckten Haare herabſielen. Leider blieb das herr⸗ liche Lockengewinde ſamt dem Kamme in der Hälf⸗ te des Nackens zurück, welches ohne dieſen fatalen Uebelſtand mit ſeiner reichen Fülle dem Zauber des zarten Gemäldes unſtreitig um vieles verſchönt hätte, ſo aber leider nur einem verunglückten Thea⸗ ter⸗Coup glich. Ich ſprang auf, ihr bei der noth⸗ wendigen Toilette meine Dienſte anzubieten. Sah ich vielleicht etwas muthwillig aus, ich weiß es nicht,— aber das weiß ich, daß mich ein Blick traf, der zu dem vorigen Spiel gar nicht paſſen wollte, ſo daß ich unwillkürlich einen Schritt zu⸗ rücktrat, und auch dann, als ſie ſich geſammelt, und mir mit feiner Artigkeit für meine Aufmerk⸗ ſamkeit dankte, noch unbeweglich ſtehen blieb, die feine Schauſpielerin betrachtend. Wohl iſt es möglich, daß ich mich irre— aber das eiskalte Gefühl, das mich bei jedem berechne⸗ ten Betragen augenblicklich überfällt, will mich ſeitdem nicht verlaſſen. Ich ſehe fortan in jeder ihrer freundlichen Mienen, in jeder Aeußerung der Winzor, das feine ſtudirte Spiel, womit ſie nach irgend einem Ziele will, und kann nicht umhin, je höher ihre Ziererei ſteigt, ihr mehr und mehr die ungeregelten Eingebungen meiner Natürlichkeit ent⸗ gegenzuſetzen. So, liebe Freundin! ſtehe ich mit der Winzor! Denken Sie ja nicht, daß ich ihr feindlich geſinnt bin!— Ich könnte dies keinem Geſchöpfe ſein, auch dann nicht, wenn es mir übel gewollt hätte; im Gegentheil amüſirt ſie mich herr⸗ lich, und ich könnte ihr gerade um ihrer Schwach⸗ heiten willen zugethan ſein, ſuchte ſie dieſe nur nicht ſo künſtlich unter dem Mantel der ſtrengſten Tu⸗ gend zu verbergen. Graf Malvi, der ihr ſteter Begleiter iſt, iſt ſeit kurzem ihr eifrigſter Lobred⸗ ner geworden,— und das vorzüglich in Börens Gegenwart! Denkt er mich vielleicht dadurch zu ärgern,— ſo irrt er ſich ſehr. Ich habe jetzt we⸗ nig Zeit, ſeinen Abſichten nachzudenken, und noch viel weniger zu eiferſüchtigen Grillen. Was mir näher am Herzen liegt, iſt die mir faſt wehethuen⸗ de Beſcheidenheit Nordens. Die Bekanntſchaft mit Bören ſchien ihm im Anfang recht ſichtlich zu er⸗ freuen, auch kamen beide oft zuſammen, und Bö⸗ ren verſichert mir wiederholt, er kenne keinen hö⸗ hern Genuß als die Unterhaltung mit dieſem hoch⸗ gebildeten Manne;— und demnach ſcheint Norden ſich oft abſichtlich unſerer Geſellſchaft zu entziehen, ſei es aus welchem Grunde es wolle, ſo daß mir faſt ganz die Gelegenheit fehlt, wohlthuend auf ihn einzuwirken. — 93— Ich vermuthe faſt, daß ihm die Gegenwart des Grafen ſtörend iſt! Nordens edle, ich möchte wohl ſagen fürſtliche Hoheit, übt unbewußt über den eitlen Grafen eine faſt demüthigende Gewalt. Sein Stolz ſcheint dadurch jedesmal aufs Neue unangenehm aufgeregt, und nur mit Mühe hält er die Ausbrüche dieſer ſeiner Hauptleidenſchaft ge⸗ gen den ihm ſichtlich überlegenen Gegner zurück, Wäre es ſo, ſo iſt's die Geſellſchaft allein, die bei der Sache verliert! Nordens Gegenwart läßt ſich nie durch die eines Andern erſetzen! Sein feſter, beſtimmter Charakter hielt die Männer in den Schranken würdigen Ernſtes zurück, die faden Galanterien und armſeligen Modegeſchwätze ver⸗ ſtummten, ſobald er erſchien. Jedes bemühte ſich den Ton zu halten, den er angab, und ſo gewann die Unterhaltung ſtets ein neues nie gekanntes In⸗ tereſſe, das auf gegenſeitige Achtung gegründet, einen wohlthuenden Eindruck in Geiſt und Gemüth zurückließ. Mit wahrem Bedauern ruf ich mir die⸗ ſe Erinnerung zurück! Börens Geſellſchaft, ſo angenehm ſie iſt, wird mir nie ganz den Freund erſetzen, deſſen ſtrenger Ernſt mich oft in mein Inneres blicken lehrte, und mich eine Höhe ahnen ließ, zu der es mich ſehnend emporzog, ſo oft ich ſie im Geiſt zu ſchau⸗ en vermeinte. Schreiben Sie mir bald, Geliebte! — 94— ſagen Sie, rathen Sie mir, wenn Sie in Hinſicht meines Betragens oder meiner Reiſe etwas zu er⸗ innern haben. Ich läugne es nicht, daß ich mir von jener Zeit viel Frende verſpreche, doch gilt dies nur dann, wenn Ihre Meinung mit meinen Wünſchen übereinſtimmend iſt. Leben Sie wohl! Sechzehnter Brief. Bören an Walter. Warmbrunn, im Juli 18**. Sie werden ſich wundern, mich noch hier zu wiſ⸗ ſen, da ich doch nur einige Tage hier verweilen wollte! Aber ſo geht es uns! Wir berühren oft unwillkürlich das Rad des Schickſals— es rollt dahin, wir vermögen es nicht mehr zu halten, und ſehen ungeduldig ſeinem endlichen Ziele entgegen! Mein Leben gewinnt nun mit jedem Tage neue Geſtaltung, neue Bedeutung. Kaum kenne ich mich ſelbſt noch, ſo hat ſich alles in meinem Weſen ge⸗ lichtet, geordnet, entſchieden. Zwei Schulen ſind es, aus denen mein Geiſt den verſchiedenartigen Vortheil zieht. Die erſte iſt der Umgang mit Ih⸗ rem Freunde Norden. Je länger ich mich deſſen erfreue, je deutlicher wird es mir, welch' köſtlicher Schatz im Menſchenbuſen verſchloſſen liegt, wenn wir die Mühe nicht ſcheuen, ihn durch eigenes Nachſinnen und durch das Studium alles Edlen und Schönen, zu eigener Vortreflichkeit auszubil⸗ den. Welch' eine Welt ruht in der Bruſt Ihres 1 — 96— Freundes! Wahrlich, es wäre ſehr zu entſchuldi⸗ gen, wenn er die Erſcheinungen der Außenwelt recht armſelig fände, gegen die hohen Geſtalten, die ſeinen Buſen bewohnen. Er iſt reich durch ſich ſelbſt, und bedarf der Menſchen nicht, daher iſt es auch ſchwer, ihm das Intereſſe zu erklären, das jene ſo tauſendfach verkettet und verſchlingt. Ueberdies ſcheint er, durch ſeine Einſamkeit ver⸗ wöhnt, das Leben wie es ſich ihm hier darbietet, wohl ein wenig zu ernſt zu nehmen, ja, faſt möch⸗ te ich ſagen, zu mißverſtehen! Er ſtellt die Men⸗ ſchen zu hoch, und glaubt die ſittliche Größe, deren er ſich mit Recht bewußt iſt, von Allen fordern zu dürfen, daher nimmt er es mit den Schwächen und Irrthümern Anderer ſehr genau, und wird von ih⸗ nen geſtört, wo wir, einmal daran gewöhnt, ſie kaum noch bemerken. Und doch wohnt neben die⸗ ſer ſcheinbaren Strenge ein ſo großer Reichthum⸗ von Liebe, eine ſo rührende Theilnahme in ſeiner Bruſt, daß man kaum weiß, ob ſeine menſchen⸗ freundlichen Geſinnungen, oder ſein ſtrenger Cha⸗ rakter die größere Gewalt über ſeine Handlungs⸗ weiſe gewinnen dürften. Man könnte ſagen— er liebe die Menſchheit, aber er befreunde ſich ſchwer mit dem Menſchen, ſo wie er da iſt.— Eine Wahrheit, die ſeinem innern Werthe weniger nachtheilig, als ſeiner Zufriedenheit ſtörend iſt.— — g,)— Laſſen Sie mich nun, als heitern Gegenſatzes, der zweiten Schule gedenken! Wen ich hiermit meine, errathen Sie wohl, da Sie das Intereſſe, was mich an dieſen Ort feſſelt, bereits in zwei Hauptzweige getheilt wiſſen. Hermine, die liebliche Lehrerin, bringt das nöthige Licht in das von Norden oft zu dunkel gehaltene Gemälde des Le⸗ bens. Sie nimmt mit den Menſchen vorlieb, ſo wie ſie da ſind, und ſchätzt einen jeden nach ſeinem Werth, als ein unentbehrliches Glied der großen unendlichen Kette.— Verſtand und Natur, Witz und Grazie ſind hier zum ſchönſten Einklang ver⸗ bunden, auch iſt ſie ſich ihrer Vorzüge bewuſt, doch ohne den Stolz derjenigen zu theilen, die ſich Au⸗ dern überlegen fühlen. Ich vergleiche ſie oft und gern mit den Damen der hieſigen Geſellſchaft. Vor allen wiege ich ihre Schwächen und Tugenden gegen die des Fräuleins von Winzor ab, welche meine Mutter für mich zu beſtimmen gedachte. Laſſen Sie mich Ihnen von beiden eine flůch⸗ tige Skizze entwerfen!— Hermine überlaͤßt ſich oft zu ungezwungen den Eingebungen des Augen⸗ blicks, ſie wiegt weder Wort noch Betragen, weil ſie ihrer Natürlichkeit trauen darf; ſie weiß wie leicht die Meinung der Welt durch den Schein zu gewinnen iſt, und legt daher zu wenig Werth auf eine ſo beſtechliche Richterin.„Die Welt will Angela I. 5 — 98— ſchwatzen“, ſagt ſie oft: ich ſcheue mich nicht, ihr bisweilen ein freiwilliges Opfer zu bringen, damit ſie mir mein beſſeres Eigenthum laſſe! Den ſprechendſten Beweis von dieſer ihrer Sinnesart gab ſie neulich, als wir die Winzor zu einem Spaziergange abholen wollten. Hermins war dieſen Nachmittag unausſprechlich reizend. Sie ſchien mein Wohlgefallen an ihr zu bemerken, und, verzeihen Sie meiner Eitelkeit, dieſe Entdeckung erhöhte ihre Laune noch mehr, und gab ihrem nied⸗ lichen Geſicht den Ausdruck des fröhlichſten Muth⸗ willens. Wir ſtanden unter den Fenſtern der Win⸗ zor, die lange auf ſich warten ließ. Hermine, de⸗ ren Lebendigkeit jeder Aufſchub verhaßt iſt, klagte über das unerträgliche Stehen, und verſicherte, lieber mit dem ſchlechteſten Platz vorlieb zu neh⸗ men, als dieſe Qual zu erdulden. Der Baron, ihr ſtetes Echo, betrachtete den Platz, auf dem wir ſtanden, und machte Miene, ſich nieder zu laſſen. Hermine bemerkte es, und, den ſeltſamen Einfall ergreifend, warf ſie einen ſchnellen Blick auf mich, und begann, indem ſich ein anmuthiges Lächeln über ihr Geſicht verbreitete:„Herr von Bören! Sie haben mich oft ſcherzhaft eine Philoſophin ge⸗ nannt und ſollen es nicht umſonſt gethan haben! Empfing doch Diogenes den großen Alexander in einer Tonne, warum ſollte ich nicht Muth haben, — —(99— die Winzor auf ähnliche Art zu empfangen!“ Hiermit breitete ſie ihren Shwal auf den Boden, und ließ ſich mit komiſchem Anſtand auf denſelben nieder. Der Baron bat um die Erlaubniß, ihre Würde theilen zu dürfen, indem auch ich ein Ver⸗ langen empfand, den Vorwurf mit ihr gemeinſam zu tragen, der ſie unfehlbar wegen dieſes auffal⸗ lenden Auftritts im Stillen treffen mußte. Bald ſaßen wir alle drei unter den Fenſtern der Win⸗ zor, und ergötzten uns im voraus an ihrem Er⸗ ſtaunen, wie an den Blicken der Vorübergehenden, die ein ſolches Schauſpiel nicht leicht gehabt hatten. Endlich kam die Erwartete, und ließ, indem ſie ſich gegen uns nachläſſig verneigte, einen mißfälli⸗ gen Blick auf Herminen herabgleiten. Dieſe ſchien darüber nicht betroffen zu ſein, deſto tiefer aber verletzte er mich. Ich beſchloß, Herminen dafür zu entſchädigen, und bot alles auf, ihr meine Ergeben⸗ heit ſo ſichtlich wie möglich zu beweiſen, ſo daß es der Winzor nicht entgehen konnte, wie ſehr ich ſie ſchätzte. Graf Malvi, der es ebenfalls bemerkte, bekam Luſt mir das Ziel abzugewinnen, und un⸗ terließ kein Mittel, mir ihre Aufmerkſamkeit zu ent⸗ ziehen. Wirklich kam auch bei der Abendtafel ein Geſpräch in Gang, wo er unterſtützt von der Winzor die Früchte ſeiner Beleſenheit aufs voll⸗ ſtändigſte darreichen konnte. Er beurtheilte und 5* — 100— rezitirte ohne Unterlaß Verſe und ſchöne Stellen, und blähte ſich im Schimmer ſeiner pomphaften. Gelehrſamkeit, wie der Pfau, wenn er ſeine Fe⸗ derpracht entfaltet. Hermine, an deren Seite er ſich künſtlich gedrängt hatte, ſchien ſeine Eitelkeit recht ſichtlich beſtrafen zu wollen. Das herrliche Mädchen, das erſt vor kurzem mit uns ſo klug und verſtändig über Gegenſtände der Literatur geſpro⸗ chen hatte, verſchloß jetzt abſichtlich die Schätze ih⸗ res⸗Wiſſens.— Sie ſchien ganz in kindiſche Spie⸗ lereien verſunken, und überließ den Andern, das weite Feld der ſchönen Wiſſenſchaften zu durch⸗ kreuzen. Der Graf verdrießlich über ihre Unacht⸗ ſamkeit, wandte ſich endlich mit einer gelehrten Frage an ſie, die Allegorie des Zauberrings be⸗ treffend. Hermine betrachtete ihn lächelnd und fing mit ſchlauer Miene an, ein Liedchen zu trillern. O hätten Sie ſie in dieſem Augenblick geſehen, gewiß Sie würden die Unſchicklichkeit dieſes Ver⸗ fahrens um der Anmuth willen verziehen haben, die über ihre Stellung, ihr ganzes Weſen verbrei⸗ tet war. Der Graf verſtummte, und ſchien belei⸗ digt, ſie aber wandte ſich mit einer ſcherzhaften Frage an die Geſellſchaft, die, indem ſie zu de verſchiedenartigſten Antworten Veranlaſſung gab, ein neues Geſpräch in Schwung brachte. Witz und Laune gewannen wieder die Oberhand, und die — 4101— Sitzung der Bücher⸗Gelehrten hatte, dem Himmel ſei Dank, ihr Ende erreicht. Als wir nach Hauſe gingen, frug mich Hermine ganz leiſe: was denn eigentlich eine Allegorie ſei? Ich ſah ſie verwun⸗ dert an, und verſtand erſt jetzt ihren artigen Kunſt⸗ griff. Alſo mir nur geſtand ſie ihre Schwäche, in⸗ dem ſie den Andern ein Geſichtchen gewieſen hatte, das viel klüger und räthſelhafter ausſah, als alle Allegorien der Welt. O gewiß! ſie iſt, wenn auch ein ſeltſames, doch ein höchſt liebenswürdiges We⸗ ſen! Mögen ſie auch viele verkennen, ich werde ſtets ihre Vorzüge zu würdigen wiſſen, und mich mit Freuden dem Glauben hingeben, daß ſie, trvtz ihres beweglichen Sinnes, ein Herz bewahrt, das Liebe und Treue zu ſchätzen verſteht. Ich weiß nicht ob ich mich irre, aber ich habe von jeher das ſicherſte Zutrauen zu frohen Geſichtern gehabt. Ein Antlitz, wie das der Fräulein von Winzor, das bei jeder Aeußerung munterer Laune, die Au⸗ gen unbefriedigt gen Himmel ſchlägt, als wohnte ihre Sehnſucht längſt über der Erde; ein Antlitz, das nur dann ein flüchtiges Lächeln überfliegt, wenn von einer getäuſchten Hoffnung die Rede iſt, Hein ſolches Schmerzensbild könnte nie einen ange⸗ nehmen Eindruck in meiner Seele zurücklaſſen, und wäre es auch mit allen Reizen der Schönheit ge⸗ ſchmückt. Es liegt eine gewiſſe Undankbarkeit in — 102— ſolchen Zügen, die entweder die Frucht zu großer Anſprüche, oder eines über die Gebühr gepflegten und begünſtigten Schmerzes iſt. Auch glaube ich, gibt es eine Art Koketterie, die ſich gern dieſer Maske bedient, weil oft in der Schwermuth etwas Anziehendes liegt. Ich will dies nicht von dieſer Dame geſagt haben, ob ich gleich geſtehen muß, daß ſie eigentlich dieſen Gedanken in mir erweckt hat. Sie ergötzte vor kurzem die Geſellſchaft mit ihrem wahrhaft ſchönen Talent des Geſanges, und trat dabei mit einem Schimmer auf, der mir für das zufällig ſcheinen ſollende dieſer Aufforderung doch ein wenig zu berechnet ſchien. Sie wählte wie gewöhnlich den Schmerz vergeblicher Sehnſucht zum Gegenſtande der Aufmerkſamkeit, und legte in ihren Geſang alle die Sentimentalität ihres Weſens. Ich weiß nicht wie es kam, aber ich fühlte ein Mißbehagen dabei, was trotz dem Zau⸗ ber der Töne mich nicht verlaſſen wollte, und wel⸗ ches mir ſtets fremd geblieben war, wenn Hermi⸗ ne ihre polniſchen Lieder zur Laute ſang. Zum Glück war dieſer üble Eindruck nur individuell. Einige meiner Nachbaren wollten vor Entzücken vergehen, vor allen erhob ſich ein ältlicher Obriſt einmal über das andere auf ſeinen Fußſpitzen, um mit den blinzelnden Augen die ſchöne Virtuoſin zu ſuchen, wobei er in mühſam gedämpfter Extaſe ——— — 103— vor ſich hin in leiſe Lobſprüche ausbrach. Ich war in meinem Herzen erfreut, daß ich nunmehr meinem Geſchmack einen Theil der Schuld beimeſ⸗ ſen konnte, und tadelte mich ernſtlich über meine Unempfänglichkeit für ſo hohen Genuß. Zum Glück hat Hermine meinen Fehler getheilt, ſo we⸗ nig ſie es Anfangs geſtehen wollte. Das beruhig⸗ te mich wieder, denn wahrlich, ich traue ihrem Geſchmack wie ihrem Gefühl nur Wahres und Gu⸗ tes zu, und laſſe mich durch ihre kleinen Unarten und muthwilligen Neckereien nicht irre an ihrem Charakter machen. Die Zeit meines Hierſeins ver⸗ fliegt mit unglaublicher Schnelle,— einige glück⸗ liche Tage,— und— das Buch meiner Freuden iſt durchblättert. O Walter! wie würde ich trauern, wenn es keine Fortſetzung dieſer lieblichen Bilder gäbe! Wenn dieſe Zeit gleich einer Zauberinſel in dem Meere meiner Tage läge, unvereinbar mit der Zukunft, wie ſie unerreicht von der Vergan⸗ genheit bleibt.— Aber nein! ich bin gewiß, die Fäden dieſer Stunden laufen heilbringend in mein Leben hinein. Ich fühle es an der Heiterkeit mei⸗ nes Herzens, kein Zufall ſpielte mich hierher, es war Beſtimmung von oben!— Bin ich nicht der einzige Sohn meiner Mutter? Welche Hoffnung — 104— bliebe ihr, wenn ſie mein Gluͤck nicht begünſtigen wollte!— Ich werde eilen, ſie mit meinen Wün⸗ ſchen bekannt zu machen, ihre Einwilligung erhal⸗ ten, und glücklich ſein! Leben Sie wohl! ———— Siebenzehnter Brief. Graf Malvi an Baron L. Warmbrunn, im Juli 18*9. Die Zeit meines Hierſeins ſcheint ſich in die Laͤn⸗ ge zu dehnen, was ich im Anfange kaum geglaubt hatte. Es treten auf unſerer Bühne Geſtalten auf, deren Spiel mich ergötzt, über deren Thor⸗ heiten ich lachen kann, indem ich ſie mit ruhigem Blick durchſchaue. Erinnerſt Du Dich, mein Freund, jenes Mas⸗ kenballes in der Reſidenz, dem wir nach langer Entfernung wieder beiwohnten, all' die Puppen, die wir früher dirigirten, trotz ihrer abentheuerli⸗ chen Vermummung wieder. erkennend, und doch von keiner erkannt. Aller Blicke waren auf die beiden hohen Dominv's gerichtet, die in ausländiſcher Sprache von den bekannteſten Tageserſcheinungen ſprachen, und einem jeden mit feinem Namen und mit Familien⸗Geheimniſſen mancher Art zu über⸗ raſchen verſtanden. Mit großen Augen ſah uns ————— — 106— die züchtig verſchleierte Veſtalin, die harmlos her⸗ umgaukelnde Zigeunerin, an, als wir ſie mit ihren eigenen Intriguen überraſchten, und ihnen einige verſtändige Winke über ihre Zukunft ertheilten. Mißtrauiſch und erhitzt verließen ſie endlich ihren Platz. Man wurde aufmerkſam, unruhig, bis end⸗ lich eine ſchwarze Maske ſich der verrathenen Schö⸗ nen annahm.— Sie forderte eine Erklärung von mir, und wünſchte ihren Degen mit dem Meinen zu meſſen. Nur mit Mühe gelang es mir endlich, mich aus der Schlinge zu ziehen, und dem ritter⸗ lichen Schwarzrock ein für ein U zu machen. Ich rufe Dir mit Abſicht dieſe längſt verklungenen Scenen zurück, um Dir eine Idee von meinem jetzigen Treiben zu geben, das, unter uns geſagt, viel Aehnliches mit jenem Poſſenſpiel hat. Die Veſtalinnen und ſchwarzäugigen Zigeunerinnen ſpie⸗ len auch hier ihre Rolle, heucheln und frömmeln, necken und gaukeln, jedes nach der Art ſeines an⸗ genommenen Charakters. Sie vermeinen ihr Spiel auß's Beſte zu treiben, und bemerken in dem Eifer ihres Beſtrebens das Auge nicht, das ſcharfſichtig in ihre Karte guckt. Du kannteſt ja auch die Win⸗ zor, als ſie noch ein glänzendes Sternbild an un⸗ ſerm Himmel ſtand. Sie hat culminirt, und jene Zeiten der Bewunderung ſind vorüber. Leider ha⸗ ben ihre Thorheiten in dem Grade zugenommen, — — — 197= als ihre Reize ſich vermindert haben; ſie träumt noch immer von Idealen, und bemüht ſich, ihre Gefühle weit über die Sphäre des gewöhnlichen Lebens hinauszuſchrauben. Ihr Auge ſcheint mit ſchwermüthigem Sehnen, wie ſonſt, dem geliebten Schatten nachzublicken, indeß ihre niedliche Hand ziemlich ſichtbar noch einem Gegenſtande langt, der nicht über den Wolken thront, ſondern unter dem Namen eines Hauptmann von Bören vor kurzem unter uns aufgetreten iſt. Wen ſollte die Arme nicht dauern, die jetzt, in dem bedenklichſten Aequi⸗ noctium des Lebens, wo das Vorſchreiten des Win⸗ ters mit jedem Tage ſichtbarer wird, nach einem Begleiter ſich umſteht?— O, ich bin viel zu gut⸗ müthig, um ihr nicht heimlich behülflich zu ſein! Jener Mann, der, wie ich weiß, von ſeiner Mut⸗ ter ihr auf's Angelegentlichſte empfohlen iſt, ſcheint trotz dem Wunſch ſeiner Familie, weder Augen für ihre Güte, noch Sinn für ihren Reichthum und ihre geiſtigen Vorzüge zu haben. Er iſt bereits von dem Liebreiz einer jungen Polin geblendet, die in der That die gefährlichſte Nebenbuhlerin iſt, die das Schickſal einer Liebenden in den Weg ſtel⸗ len kann. Aber ſie iſt ſo eitel als ſchön, und ſtolz und gefallſüchtig über die Gebühr, darum verdient ſie geſtraft zu werden. Es gilt nur alle Glanzſei⸗ ten dor Winzor zu entfalten. Gelingt es ihr, der 4 — 4 108— Uebermüthigen den Sieg aus der Hand zu ſpielen, ſo iſt es kein kleiner Triumph, den die Klugheit feiern darf. Meinſt Du etwa, es läge eine kleine Rache zum Grunde, oder irgend ein ander Inter⸗ eſſe? Wäre es auch,— was kümmert uns das? Du kennſt meine Anſicht von Liebe und Ehe, und wirſt nicht auf den tollen Gedanken kommen, daß ich meine Freiheit ernſtlich auf's Spiel ſetzen könn⸗ te! Iſt der Hauptreiz dieſes Aufenthalts mit der ſchönen Polin verſchwunden, ſo verlaſſe ich augen⸗ blicklich die Bühue, wo alles Uebrige höchſt lang⸗ weilig iſt. Eine Erſcheinung, die mir ſehr verhaßt iſt, verleidet mir überdies das hieſige Leben! Es iſt dies ein finſterer Schwärmer, der mir gleich der ſchwarzen Geſtalt jenes Balles, wohin ich miche“ wende, ſtörend entgegen tritt. Einem Nachtge⸗ ſpenſt ähnlich, durchirrt er die Reihen der bunten fröhlichen Menge, und ſcheint in jedem Augenblick den Finger drohend emporheben zu wollen, um mitten im Taumel der Luſt das dumpfe memento mori zu predigen. Ich kann ihn nicht leiden, und würde, wäre ich nicht mit ſo angenehmen Banden gefeſſelt, ſchon längſt ſäinen fatalen Anblick gemie⸗ den haben.. Die Stunde verſchwand, die ich Dir zu wid⸗ men gedachte, man erwartet mich bereits in der 2* — 109— Geſellſchaft!— Lebe wohl, und pergiß nicht, mir einen ähnlichen Bericht von Deinem Leben und Treiben abzuſtatten, das, wie ich weiß, ſtets mit dem Meinen ziemlich verſchwiſtert war!— — 140— Achtzehnter Brief. Die Vorſteherin der Penſions⸗Anſtalt zu G..., an den Grafen v. Domelli. GG.... im Juli 19*9. Ich halte es für meine Schuldigkeit, Euer Hoch⸗ geboren einige Worte, zur Beherzigung bei der künftigen Erziehung der Comteſſe Angela, ſchrift⸗ lich zu übermachen, da bei der Eile, mit der Ihre Abreiſe betrieben wurde, mir keine längere münd⸗ liche Unterredung verſtattet war. Das zarte Ge⸗ müth der Comteſſe gewann ihr bald meine Sorg⸗ falt in einem ungewöhnlichen Grade. Ich fand ſehr früh Gelegenheit zu bemerken, daß die Eigen⸗ thümlichkeit ihres Charakters auch eine ganz beſon⸗ dere Behandlung erfordere. Die feine Organiſa⸗ tion ihres Körpers ſchien anfangs auf ihren Geiſt den größten Einfluß zu haben, indem jede Anſtren⸗ gung, die ihn traf, auf jenen zurückfiel, und ihr das Lernen dadurch ſehr erſchwert wurde, dadurch entſtand eine Stimmung ihres Weſens, die, wenn ich ſte auch nicht Trägheit nennen darf, doch oft 1 4 * — —— — 114— der Einwirkung gewöhnlicher Reizmittel ſo unfä⸗ hig war, als jene, welches mich wegen ihrer Zu⸗ kunft mit wahrem Kummer erfüllte. Doch bald wurde ich meines Irrthums inne. Eine unſerer Gouvernanten, die wegen Kränklichkeit auf einige Zeit aus unſerer Anſtalt geſchieden war, trat wie⸗ der ein, und gewann bald bei ihrem Erſcheinen das ganze Vertrauen des Kindes. Mit einer In⸗ nigkeit, die ich noch nie ſo lebendig an ihr bemerkt hatte, war ſie fortan an Richardis Winke gebun⸗ den. Was Güte und Strenge nie über das ſelt⸗ ſame Weſen vermochten, das ſchien ſich jetzt, wie von ſelbſt, mit dem Gefühl zugleich zu entwickeln, in welchem ihre bisherige Gleichgültigkeit unterging. Von jetzt an vollbrachte ſie Wunder des Fleißes, und überragte in kurzem, in jeder Art geiſtiger Fertigkeit, die Reihen unſerer Zöglinge. Ich kannte den Boden, aus dem dieſe ſeltenen Früchte hervor⸗ trieben, und bangte vor dem Augenblick, der ſie von Richardis Seite ſcheiden würde. Aber Angela bewies mehr Stärke, als ich ihr zugetraut hatte. Die Sehnſucht nach dem Vaterherzen half ihr, wie ich glaube, über dieſen ſchweren Augenblick hinweg. Mit tiefer Innigkeit, aber eben ſo ruhiger Erge⸗ bung ſchied ſie von Richardis und uns, und ließ uns das Bild ihres liebenswürdigen Charakters un⸗ vergeßlich im Herzen. Möge Ihnen der Wink, — 112— den dieſe Skizze ihrer Lehrzeit enthält, willkommen ſein, und Sie den zarten Faden erkennen, an dem dieſer Charakter zu lenken iſt,— möge aber auch zugleich Ihr ſorgſames Vaterauge die Hand wohl prüfen, die ihn dereinſt regieren wird, indem die mir wohlbekannte Tiefe ihres Gemüthes ſehr leicht ihrem Glück gefährlich werden könnte. Doch, Sie ſind Vater und bedürfen wohl fremder Andeutung nicht, werden aber auch aus eben dem Grunde die beſorgte Freundin nicht mißverſtehen, die nichts wollte, als das Heil Ihres Kindes. — 113— Neunzehnter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Ri⸗ chardis. Warmbrunn, im Juli 18*9. Kann ich denn anders, als Ihnen durch's ganze Leben mit eben demſelben Vertrauen angehören, das Ihr Eigenthum war, im erſten Moment unſers Erkennens!— ich möchte wohl ſagen, unſers Wie⸗ dererkennens, müßte Ihnen das Wort nicht ganz unerklärlich ſcheinen, weil Sie noch keine Kenntniß haben von dem, was damals in meinem Herzen vorging. Auch mir war mein Gefühl damals noch nicht klar! Ich überließ mich meiner Liebe zu Jh⸗ nen, ohne nachzufinnen, wie und wo ich Sie frü⸗ her geſehen, was dieſe ſchnelle Zuneigung zu Ih⸗ nen in meinem Herzen bedingt habe.— Jetzt, liebe Richardis, iſt mir aber Alles ganz hell und deutlich geworden, ich möchte ſo gern mit Ihnen darüber ſprechen, denn mir iſt, als habe ich Ihnen irgend ein Unrecht abzubitten, ohne daß ich eigent⸗ lich weiß, worin es beſteht. Ich will mich nun — 114— bemühen, Ihnen Alles ſo ruhig zu erzählen, wie ich es in dieſer Stunde vermag! Wir kamen gegen Abend hier an, und ſtiegen in einem ſehr ſchönen ganz hell erleuchteten Hauſe ab. Das laute Stim⸗ mengetön, das aus allen Zimmern hervordrang, ſtach recht auffallend von der klöſterlichen Stille ab, an die ich ſo lange Zeit gewohnt war. Man war ſehr gefällig gegen uns, und bediente uns auf's Beſte. Mein Vater aber, der doch ſonſt ſo gut und milde iſt, befahl den freundlichen Leuten in einem rauhen Tone, daß ich, um dies wieder gut zu machen, meine Bitten ſo freundlich und demü⸗ thig vortrug, als es nur möglich war. Die Men⸗ ſchen ſahen mich dabei oft verwundert an, ſo daß ich am Ende glauben mußte, ſie ſeien an jenen Ton wirklich mehr gewöhnt, als an den Meinen. Am Morgen weckte mich ſchon früh das laute Trei⸗ ben des regſamſten Lebens. Ich legte mich an's Fenſter, und betrachtete mit wahrem Ergötzen dies neue Schauſpiel. Der Vater trat auch hinzu, und war, als er mein Vergnügen daran bemerkte, ſo freundlich und gütig, wie er lange nicht gegen mich war. Er klagt oft, daß ich zu verſchloſſen ſei, und meint, daß ein Mädchen in meinen Jahren nicht heiter und froh genug ſein könne. Ach, liebe Ri⸗ chardis! ich bin es auch gewiß! nur daß dies Al⸗ les leider viel zu tief in meinem Herzen geſchieht. — — 115— Ich habe Ihnen ſchon früher geſagt, daß mich mein Vater mit einer Dame bekannt machen woll⸗ te, die er mir als ſehr liebenswürdig und klug ge⸗ ſchildert hat, und die auf unſere Bitte die Güte haben will, uns auf unſerer Gebirgsreiſe zu be⸗ gleiten. Zu dieſer gingen wir, ſobald ich angeklei⸗ det war. Wir wurden in ihr Zimmer gewieſen. Auf einer Ottomane ruhte in einer nachläſſigen Stellung eine ſchöne blühende Geſtalt, doch ſo, daß ſie uns beim Hereintreten nicht bemerken konn⸗ te. Zwei liebliche Kinder beſchäftigten ſich um ſie, und ſpielten mit ihrem aufgelösten Haar, das in reichen, dunkeln Locken herabrollte. Ich ſah mei⸗ nen Vater verlegen an, und wollte ihn bitten, um⸗ zukehren, weil wir unangemeldet eingetreten waren; aber ein leiſes Geräuſch verrieth ihr unſere Gegen⸗ wart, ſie ſah ſich um, 1.„ ohne im mindeſten er⸗ ſchrocken zu ſein, ſchlug ſie mit großer Behendig⸗ keit das ſchöne Haar in eine Schleife zuſammen, und trat uns entgegen.— Sie iſt. wirklich ſehr ſchön, Richardis, und weiß ſo angenehm zu ſpre⸗ chen, daß man nur immer lieber auf ſie hören, als ſie einen Augenblick unterbrechen möchte. Dabei iſt ſie gar nicht ſtolz, ſondern recht zutraulich und herzlich, wohl möchte ich eher ſagen, ſie ſähe etwas ſchlau aus, wenn ich anders ſo den Ausdruck ihres klugen Geſichts nennen darf. Sie ſchlug uns einen --—— V — — 116— Spaziergang in den Park vor,— um, wie ſie ſagte, mich mit der ſchönen Welt bekannt zu ma⸗ chen. Ich wollte wieder meinem Vater einen Wink geben, denn ich meinte, ſie müſſe ſich umkleiden. Sie trug nämlich ein weißes Negligee, das etwas kurz war, ſo daß die kleinen Füße völlig ſichtbar waren. Doch ſie griff ſchon nach dem Shwal, und ihn leicht überwerfend, nahm ſie mich bei der Hand, und überhob mich aller weitern Verlegenheit. Wir ſchritten nun, an des Vaters Seite, durch das fri⸗ ſche Grün hoher Pappeln, der reizenden Landſchaft entgegen. Wie von purpurnen Düften umwallt, breiteten ſich die hohen Gebirgsmaſſen, als majeſtä⸗ tiſcher Hintergrund des freundlichen Gemäldes, vor uns aus. Schon nahten wir dem Ausgang der Allee,— da auf einmal ſah ich meinen Vater auf einige Herren zugehen, die wenige Schritte von uns entfernt, im Geſpräch ſtanden. Ich folgte ihm mit meinen Blicken, und— d liebe Richardis!— Er war es, der den Vater begrügte, Er, der gute Superintendent Norden, der mir einſt die größte Wohlthat in der traurigſten Stunde meines Lebens erzeigt hat! Ob er mich auch wieder erkannt?— ich weiß es nicht!— Auch bin ich wohl viel zu unbedeu⸗ tend, als daß er ſich jenes Tages erinnern ſollte, der mir ſo lebendig im Herzen geblieben iſt. — 117— Sehen Sie, meine Freundin, als ich, ein zehnjähriges Kind, nach dem Tode meiner unver⸗ geßlichen Mutter aus dem väterlichen Hauſe in die Penſions⸗Anſtalt gebracht werden ſollte,— da wollte es mich bedünken, als würde ich nunmehr aus der Welt verſtoßen, in eine unwirthbare Wü⸗ ſte, wo ſtatt der Liebe, an die ich gewöhnt war, nur Strenge und Härte mir begegnen würde. Wo⸗ her mir dieſes traurige Bild einer Penſions⸗Anſtalt kam, kann ich nicht erklären, aber das weiß ich, daß ich vor Angſt vergehen wollte, als der Tag der Abreiſe herankam. Norden, der damals in Hohenbergen der ein⸗ zige Umgang meines Vaters war, und oft von Breiſach aus zu uns herüberkam, erbot ſich, da er einer Familien⸗Angelegenheit zu Folge eine Reiſe nach Schleſien machen mußte, mich nach der An⸗ ſtalt in G., zu begleiten. Mein Vater ergriff mit Freuden dieſen Vorſchlag, und ſo reiſte ich in der Geſellſchaft des Superintendenten von meiner geliebten Heimath ab. Meine Stimmung iſt Ihnen bekannt. Mit großer Geduld ertrug Norden die Ausbrüche meines thörichten Schmerzes, und warf nur zuweilen einen ernſt ſtrafenden Blick auf das ſich in Klagen und Thränen auflöſende Kind. Die Kälte der unfreundlichen Novembertage, vereint mit meiner leidenſchaftlichen Heftigkeit, mochte indeß — 148— nachtheilig auf mich gewirkt haben. Je näher ich dem Ort meiner Beſtimmung kam, je ängſtlicher wurde mein Zuſtand. Ich bekam einen ſo heftigen Krampf⸗Anfall, daß mein Begleiter ernſtlich um mich beſorgt wurde. Er faßte mich bei der Hand, und da dieſe ganz ſtarr und kalt war, und das Ungeſtüm des Wetters immer ärger wurde, ſchlug er, mit väterlicher Milde mir Muth zuſprechend, ſeinen Mantel dicht um meine Schultern, und ver⸗ barg mein Haupt an ſeine Bruſt. Feſt an ihn ge⸗ lehnt, ſaß ich in einer Art ſtarrer Betäubung. Mein Zuſtand machte ihn rühren, er bat mich mit ſanftem Ton, mich doch zu faſſen und zu be⸗ ruhigen. Mit eindringenden Worten ermahnte er mich an den Gehorſam, den jedes Kind dem Wil⸗ len der Eltern ſchuldig ſei; er ſprach von dem Einfluß abgeſchiedener Geiſter auf das Schickſal ihrer zurückgelaſſenen Lieben, und wie ihnen daher kein zu großes Leiden wiederfahren könne, weil die Macht der Liebe an keine Grenzen gebunden ſei, ſondern weit über das Leben hinausreiche. Wie feierliche Glockenklänge ſchlugen dieſe ernſten, ſehr langſam ausgeſprochenen Worte in mein Ohr, ich vergaß Alles, was mich ängſtigte, ein Gedanko nach dem andern ſenkte ſich zu immer tieferer Ruhe hinab, ich empfand nichts mehr als ein leiſes Er⸗ matten, was gleich einer leichten Wolke meinen — 119— Blick umzog, und mich endlich in tiefen Schlummer begrub. Als ich erwachte, fühlte ich mich um vie⸗ les beſſer. Eine wohlthätige Wärme hatte ſich durch meine Adern verbreitet, das krampfhafte Zucken war gehoben, ich war wie neugeboren. Mein dank⸗ barer Blick ſuchte das Auge meines Begleiters. Noch ruhte es beſorgt auf mir, aber mit mildem Ernſt gebot er mir zu ſchweigen, weil das Einath⸗ men der eiſigen Luft auf's Neue mein Uebel erre⸗ gen könnte, und wir überdies bald am Ziele wä⸗ ren. Ich gehorchte, und lehnte das Haupt zurück, die Stelle wieder einnehmend, wo mir ſo tiefe Ruhe geworden war. Schon hatten wir den Ort unſerer Beſtimmung erreicht, als ein Leichenzug aus einer Seitengaſſe dicht vor unſerm Wagen vor⸗ überzog. Ich ſah den ſchwarz verbängten Sarg, die Reihen der traurigen Geſtalten, die ſtumm und geiſterähnlich hinterdrein wandelten, ohne daß ich eine Art von Grauen empfunden hätte. Im Ge⸗ gentheil erweckte mir dies ernſte Bild ein recht wohlthätiges Gefühl, ich konnte mich des Gedan⸗ kens nicht erwehren, daß der Tod wohl auch ſo ſanft und ſüß ſein müſſe, wie der Schlummer, den ich ſo eben genoſſen hatte. Bald hielt unſer Wagen vor dem Erziehungs⸗Gebäude. Norden er⸗ griff meine Hand und geleitete mich zum Zimmer der Ober⸗Aufſeherin. Bald ſah ich, daß meine — 120— Furcht ganz unnütz und thöricht geweſen war, man kam mir mit Güte entgegen, und ſtellte mir mit freundlicher Zuſprache meine künftigen Gefährtinnen vor. Die Art meines jetzigen Benehmens gefiel meinem väterlichen Freunde. Er drückte mir bei'm Abſchiede die Hand, und ſagte mir, wie er hoffe, daß es mir hier gewiß recht wohl gefallen würde. Ich ſah ihn ſcheiden, ohne eine beſondere Trauer bei ſeinem Abſchiede zum empfinden. Das Neue meiner Umgebungen hatte meinen kindiſchen Sinn ſo zerſtreut, daß ich den Augenblick ohne Schwie⸗ rigkeit überſtand, der mich von dem letzten befreun⸗ deten Weſen auf lange Jahre ſchied. Aber die Tiefe jenes Eindrucks war dennoch in meinem Ge⸗ müth geblieben, ohne daß ich mir deſſen bewußt war; ich brachte lange Zeit hin, ohne von irgend einem Gegenſtand innig angeſprochen zu werden, und begann erſt dann wahrhaft zu leben, als Sie, meine Freundin, in unſerer Mitte erſchienen. Ih⸗ nen gehörte von nun an mein ganzes Sein, und, als gälte es fortan Ihrem Nutzen, beſtrebte ich mich alles zu leiſten und zu vollbringen, was man von mir forderte. Warum Sie mir im erſten Au⸗ genblick Ihres Begegnens ſo ſeltſam bekannt wa⸗ ren, das glaube ich mir jetzt erklären zu können. Eine Aehnlichkeit war es, die mich aus Ihren Zü⸗ gen anſprach und mich an ein Weſen erinnerte, . — 121— das mir einſt wohlgethan hatte. So gewannen Sie mein Vertrauen, das, wenn es Ihnen im erſten Moment auch nur durch eine wunderbare Sinnestäuſchung gehörte, doch ſpäter Ihr rechtli⸗ ches Eigenthum wurde, durch die Liebe, die Sie mir immer ſo freundlich erwieſen. Heute, als ich Norden wiederſah, wurde mir das alles klar. Sei⸗ ne Aehnlichkeit mit Ihnen, liebe Freundin, iſt auf⸗ fallend, und für mich höchſt erfreulich, er wird mich nun eben ſo oft an Sie mahnen, wie Ihr Erſcheinen mir jene liebe Erinnerung hervorrief, und ſo muß der Zufall mich immer wieder in die Nähe geliebter Geſtalten führen, auch dann, wenn ich mich körperlich von ihnen getrennt weiß. Mein Vater hat die Breiſach'ſchen Güter ge⸗ kauft, und wird ſich auf's Neue auf's Land bege⸗ ben; ſo komme ich nun wieder dem Schauplatz mei⸗ ner Kinderſpiele, dem Grab meiner Mutter recht nahe, was immer mein ſehnlicher Wunſch war. Ich werde mich in unſerer ländlichen Einſamkeit faſt gänzlich auf den Unterricht meines Vaters und auf eigene Uebung beſchränkt ſehen, bis die Zeit meiner Confirmation heranrückt, zu der mich der Superintendent vorbereiten wird. Der Vater ſpricht viel davon, mich nach dieſer Zeit auf ein Jahr in die Reſidenz zu geben, damit ich, wie er ſagt, meine Sitten im Umgang mit der Welt verfeinern, Angela 1. 6 — 122— und überhaupt an Menſchenkenntniß und Lebensart gewinnen möge.— Liebe Richardis, es iſt gut, daß noch eine ſo lange Zeit dazwiſchen liegt! Ich würde, wie ich da bin, gewiß eine recht alberne Figur in jenen feinen Zirkeln vorſtellen, und viel über mich zu muſtern geben. Doch ich ſpreche ſchon von künftigen Dingen, und wollte Ihnen doch nur von der Gegenwart er⸗ zählen! Ich habe dieſer Tage viele Menſchen ge⸗ ſehen und kennen gelernt. Hermine, ſo iſt der Name des Fräuleins, deſſen Aufſicht mich mein Vater übergab, machte mich mit ihren Freunden bekannt, indem ſie mit ihrer großen Gewandtheit meine Schüchternheit niederzukämpfen bemüht war. Ein großer, zierlich gekleideter Mann, wurde mir unter dem Namen Graf Malvi vorgeſtellt. Er war ſo gütig, mich anzuſprechen, und mir recht viel Freundliches von der Baroneſſe Münter zu ſa⸗ gen, die meine Mutter gekannt hat, und von der mein Vater mir oft erzählt, weil ich in der Folge in ihr Haus kommen ſoll. Ich ſprach mit dem Grafen ohne Scheu, ob mich gleich im Anfang ſein Anblick ſeltſam überraſchte. Er iſt wohl ſchön zu nennen, und doch liegt etwas in ſeinen Mienen, das einen übeln Eindruck macht, und das mich glauben ließe, es ſei kein ganz guter Menſch, wenn — 123— nicht die Achtung, die ihm jedermann bezeugt, das Gegentheil bewieſe. Gern, Geliebte, erzählte ich Ihnen noch recht viel von den ſchön geſchmückten Damen und arti⸗ gen Herren, aber der Bote wartet bereits auf meinen Brief! Ich kann Ihnen alſo nur noch ein herzliches Lebewohl ſagen, und Sie um die mir ſo oft erwieſene Nachſicht bitten, deren dieſer Brief vor allem bedarf. 6* — 124— Zwanzigſter Brief. Frau von Alboin an Hermine von Domikowsky. I....„ im Juli 18*e. Ich will Ihnen nicht zürnen, Hermine! wenn gleich Ihr letztes Schreiben mich nicht ganz zufrie⸗ den geſtellt hat! Es war wohl offenbar zu viel von Ihnen verlangt, wenn ich hoffte, Sie würden Ihre Aufmerkſamkeit länger als einen Augenblick, einem von Ihnen ſo ganz verſchiedenen Weſen ſchenken, als Norden iſt. Sein Ernſt, ſeine dü⸗ ſtere Abgezogenheit konnte Sie eine Zeit lang rei⸗ zen. Ihre Einbildungskraft war mit Vermuthung, Ihr Selbſtgefühl mit dem Wunſch beſchäftigt, Ih⸗ re oft erprobte Gewalt auch über dieſes Gemüth zu üben; Sie meinten es gut, indem Sie ſeinem Geiſte heitere Nahrung reichen, und ihn wenigſtens mit einem Weſen befreunden wollten, das gar hold und liebenswerth wäre, wenn es nur nicht die Natur mit allzuleichten Pſychen⸗Flügeln be⸗ gabt hätte.— Nun aber, da das Spiel ſich in — 125— die Länge zieht, und ein Bade⸗Ort, gleich einer Comédie à tiroir immer neue Bilder bietet, er⸗ mattet, ſo wenig Sie es geſtehen wollen, Ihr gut gemeinter Wille. Sie legen das zur Genüge beſchaute Blatt hinweg, und langen nach einem andern, das viel bunter, viel lebendiger, Ihre Theilnahme bereits in Anſpruch genommen hat. O, meine gute, liebe Hermine! geben Sie ſich doch keine Mühe, Ihr von Natur ſo offenes Ge⸗ müth durch einen Schleier zu verſtellen! Es blickt doch überall hindurch, und geſteht mir dennoch die Wahrheit! Die Erſcheinung Ihres neuen Haus⸗ genoſſen iſt, das glaub' ich zur Ehre Ihres Her⸗ zens, gewiß keine alltägliche. Sie muß wenigſtens in Ihren Augen gleiche Bedeutſamkeit haben, als jene, die dafür in Schatten zurücktritt. Dürfte ich nicht auf Ihren Verſtand rechnen, der trotz Ih⸗ rer beweglichen Sinnesart, Sie noch ſtets vor Uebereilung und unvorſichtigem Handeln bewahrt hat, ſo würde ich der Freude mißtrauen, die Sie ſich von Ihrer vorhabenden Reiſe verſprechen. Nicht darum, als könne die Welt hierüber ein un⸗ günſtiges Urtheil fällen. Ein ſo ehrwürdiger Be⸗ gleiter, als Graf Domelli, und eine ſo liebens⸗ würdige Gefährtin, als Comteſſe Angela, ſind genug, um jeglichen Argwohn zu entwaffnen! Nein, ein anderer Feind iſt's, den ich fürchte! Es iſt die — 126— Theilnahme, die durch gemeinſamen Genuß ſo rei⸗ cher Naturſchätze, durch gemeinſame Erhebung, durch gleich empfundene Rührung ſich leicht in jugendli⸗ chen Gemüthern erzeugen kann; die Macht der Ge⸗ wohnheit, die uns unwillkürlich gefangen nimmt, der Reiz einer ſo reichen Naturbeſchauung, die mit dem Bilde, das ſie in Ihrem Herzen zurücklaſſen dürfte, noch Eines hervorrufen wird, das wir oft zu ſpät zu vergeſſen bemüht ſind: dies iſt, was leicht Ihrem Frieden gefährlicher werden könnte, als alle die Pfeile, von argen Zungen verſendet. Erwägen Sie dieſes, und wenn Sie glauben, dieſer Gefahr furchtlos begegnen zu können, ſo weiß ich nicht, was ich noch mehr gegen ein Ver⸗ gnügen einwenden könnte, das an ſich ſo unſchuldig iſt, wie es kür mich, durch die daraus entſprießen⸗ den Mittheilungen, erfreulich werden könnte. Leben Sie wohl. — Einundzwanzigſter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Alboin. Warmbrunn, im Juli 18**. Der Graf iſt mit Angelen angekommen, und ich eile, Ihnen noch einige Zeilen vor unſerer Abreiſe zu ſchreiben. Sie hätten mir durch Ihren letzten Brief mitunter recht wehe gethan, vergütigte dies nicht einigermaßen die Milde, mit der Sie mir den einzigen möglichen Nachtheil meiner Reiſe vor Augen führen! Auf dieſe Gefahr nun, meine verehrte Freundin, darf ich es immerhin wagen. Ich gehöre zum Glück nicht unter die Anzahl derer, die Jahrelang von einer glücklichen Vergangenheit zu zehren vermögen, und ſich unglücklich fühlen, wenn es nicht mehr ſo iſt.— Die Gegenwart iſt ſtets mein liebſtes Feld geweſen, nur ſie lernte ich früh mir auf's Anmuthigſte herausſchmücken, unab⸗ hängig von Zeit und Ort und Umgebungen, und ſo kam es, daß mir das freudenloſe Treiben jener Romanheldinnen unbekannt blieb, die immer von — 128— Zeiten reden, die dahin ſind, und darüber den Muth zum Leben verlieren. Ich weiß nicht, wie ich mir vorkommen würde, wenn ich mich einmal in die Reihe jener bedauernswürdigen Geſchöpfe verſetzt ſähe. Ihr ſchmachtendes Weſen würde mich ſo wenig kleiden, als die langen verhüllenden Ge⸗ wande der Winzor, in denen ich mich ohne Lachen nicht denken kann! Nein, meine Geliebte! ſo zart⸗ liche Träumereien verlange doch Keiner von mir! Ich bin nicht gefühllos, und glaube mit der Liebe, deren ich fähig bin, gewiß weiter hinaus zu reichen, als manche Andere meines Geſchlechts. Aber jene kränkelnde Empfindſamkeit, die uns ſelbſt, und end⸗ lich auch dem Gegenſtande unſerer Liebe zur Laſt fallen muß, wird mir ſtets verhaßt bleiben. Da⸗ her keine Sorge um mich, liebe Alboin! Mein Blick iſt durch das Leben zu aufgeklärt, um nicht die Pfade zu überſehen, auf die ich mich wagen darf! Nun noch einige Worte über meine neue Ge⸗ fährtin, die Comteſſe Angela. Das holde Kind iſt nicht halb ſo verſchloſſen, wie mir geſagt wurde, es fängt im Gegentheil an, ſich recht zutraulich an mich anzuſchließen, und ergötzt mich ſehr durch ſei⸗ ne naiven Fragen und Urtheile, die recht wahrhaft der Spiegel eines reinen, unverbildeten Herzens ſind. Angela verſpricht in der Folge ſehr ſchön zu — — — 10— werden, ich möchte behaupten, ſie ſei es ſchon jetzt, wenigſtens wüßte ich kein Geſicht im weiten Kreiſe meiner Bekanntſchaft, das anziehender wäre.— Wenn ſie das Auge aufſchlägt, und nun die ſchö⸗ nen dunkelblauen Sterne hinter den langen Wim⸗ pern hervortreten, da wird mir immer um's Herz, als ſehe ich den Mond aufſteigen in ſeiner ruhigen Klarheit. Mir iſt dann, als ſagte ſie mir ernſte, tiefbedeutende Worte,— und doch hat ſie mich nur angeſehen, und kaum die feinen Lippen be⸗ wegt.— Was mich wundert, iſt, daß die klöſter⸗ liche Erziehung ſie nicht eingeſchüchtert hat. Sie folgt mir ohne Zwang in die Kreiſe der Geſell⸗ ſchaft, beobachtet alles mit ihren großen, ruhigen Augen, und trägt Jedermann ein Herz voll Wohl⸗ wollen und Vertrauen entgegen. Oft verräth ſie Gedanken, die weit über die Sphäre ihrer Jugend hinausgereift ſcheinen, und doch iſt ihr ganzes Ge⸗ müth voll Einfalt und Kindlichkeit, und ſie ſelbſt in jeder Beziehung auf das Leben in der Welt ein Neuling in derſelben. Um keinen Preis möcht ich den Vorhang zuerſt heben, der ihr unſchuldiges Herz von der Welt des Scheines und Truges noch trennt. Das Leben, fürcht' ich, wird ihn ſelbſt nur zu bald hinwegziehen, denn bei dem Scharf⸗ ſinn, den Angela bei andern Dingen verrieth, iſt es unmöglich, daß ſie noch lange in dieſer Blind⸗ — 130— heit beharren kann. Graf Domelli beweiſt durch die Sorgfalt, die er für die Ausbildung ſeiner Tochter trägt, wie lieb ſie ihm iſt, doch behandelt er ſie allzuſehr noch als Kind, und drängt auf dieſe Art ihr ohnehin ſchüchternes Gemüth noch tiefer in ſich zurück. Sie iſt in ſeiner Gegenwart ſtiller, als ge⸗ wöhnlich, als befürchte ſie mit ihren natürlichen Aeußerungen dem ſtolzen Vater zu mißfallen. Wirk⸗ lich ergreift auch jener jede Gelegenheit ſie zu be⸗ lehren und zurechtzuweiſen, und ſei es auch auf eine minder erfreuliche als demüthigende Weiſe, welches unangenehm auffällt! Er wird ſich da⸗ durch das Vertrauen des Kindes verſcherzen, weil ſich ein ſo zartes Herz, wenn es einmal unſanft berührt wird, gar leicht auf immer verſchließt, und dafür entſchädigt ihn der Vortheil nimmer, den er ſich in Hinſicht ihres Verſtandes von ſeiner Erzie⸗ hung verſpricht. Ich ſoll, wie er wünſcht, die klöſterliche Manier, die ſie nach ſeiner Meinung aus der Penſion mitgebracht hat, von ihr abſtrei⸗ fen, und ihr mehr Anmuth und Gewandtheit in den Zirkeln der Geſellſchaft beizubringen ſuchen. Ich weiß nicht, was er eigentlich darunter verſteht und kann mich unmöglich darüber in langes Nach⸗ denken vertiefen. Ich werde mich in ſie hineinzu⸗ denken ſuchen, und durch den Verein unſerer We⸗ — 131— ſen alles thun was ich kann, und was durch ein anderes Verfahren, von dieſem zarten Weſen nim⸗ mer zu gewinnen wäre. Von unſerm übrigen Bade⸗Perſonale kann ich Ihnen nichts Neues ſagen, als daß die Winzor wirklich beginnt Epoche zu machen. Daß ſie dies alles dem Grafen Malvi verdankt, iſt mir klar, ebenſo die Abſicht, die ſeinem Bemühen zum Grun⸗ de liegt. Hätte ſich der ſchlaue Graf noch nie in ſeinen Plänen verrechnet, ſo geſchieht es hier ganz gewiß. Bören iſt keiner ſeiner Creaturen, mit denen er nach Belieben ſchalten darf. Ich kenne ihn ganz, und gewinne täglich mehr Achtung für ihn. Wie ſcheitert an ſeinem einfachen, edeln Charakter alle Kunſt des eiteln Grafen, wie ſteht ſein wah⸗ rer Gehalt ſo hoch über jenem pomphaften Schim⸗ mer, der nur flüchtig blenden, aber nimmer befrie⸗ digen kann. Mir iſt recht wohl, daß ich auf eini⸗ ge Zeit dieſem Schauplatz entrückt werde, ich gehe gewiß ſehr glücklichen Stunden entgegen, und wer⸗ de es nicht bedauern, wenn ſie ſich zu Tagen, zu Wochen verlängern. Sie, meine Freundin, ſollen jedes Vergnügen mit mir theilen! Stets bleibt Ihnen das Vertrauen, mit dem ich Ihnen jetzt in⸗ nig die Hand drücke. — — 132— Zweiundzwanzigſter Brief. Norden an Walter. * Warmbrunn, im Juli 18*4. Jo habe meinem Aufenthalt noch einige Wochen zugeben müſſen, wenn ich daraus einigen Nutzen für meine Geſundheit erwarten wollte. Ich that es, weil es die Aerzte forderten, übrigens verlan⸗ ge ich mehr als je nach meiner Heimath, nach mei⸗ nem geliebten Kinde. Die Welt, wie ſie mich hier umgibt, wird trotz der mannichfaltigen Reize, mit denen ſie mir entgegentritt, meine Seele doch ſtets unbefrie⸗ diget laſſen.— Der Beruf, den mir Gott ange⸗ wieſen,— iſt zugleich das eigenthümliche Element meines Geiſtes. Hier findet er allein den vollkom⸗ menen Genuß ſeiner ſelbſt,— nichts, was außer der Sphäre dieſer ſeiner einmal erkannten Beſtim⸗ mung liegt, vermag ihm auf die Länge zu genü⸗ gen.— Das bunte Treiben der Menge, der ſinn⸗ verwirrende Wechſel der verſchiedenartigen Anſich⸗ ten, Bilder und Gedanken,— alles dieſes ſcheint — 133.— mir nur darum vor die Augen geführt, um den Werth jener geiſtreichen Einſamkeit doppelt anzu⸗ erkennen, die mir zum Aufenthalt angewieſen ward. Seit einigen Wochen iſt Dein Freund, der Hauptmann von Bören, hier angekommen. Er ſprach von Dir mit Wärme und wurde mir lieb. Auch er ſchien meinen Umgang zu ſuchen, bis ein ande⸗ res lebendigeres Intereſſe ihn gefangen nahm. Seitdem kommt er ſeltener, und ſcheint auch in dieſen Stunden mir nur halb zu gehören, wie mir ſeine Zerſtreuung deutlich beweiſt. Er liebt, das iſt klar,— und Hermine iſt der Gegenſtand ſei⸗ ner Neigung. Ich habe Bören kennen und achten gelernt, ich wünſche ihn glücklich zu ſehen, und fol⸗ ge nicht ohne Sorge der Richtung ſeines Gemü⸗ thes. Hermine beſitzt alle Tugenden der Geſellig⸗ keit, des heitern Umgangs. Hold und lieblich iſt ihr Erſcheinen und verführeriſch der Kelch frohen Genuſſes, welchen ſie bietet,— aber Liebe?— O, die ſuche er nicht bei ihr! Die koſtbare Perle ſetzt nur in ſtiller Tiefe an, nicht in der ſchwatz⸗ haften, fröhlich dahin tanzenden Fluth. Hermine iſt viel zu natürlich, um dies nicht ſelbſt zu geſte⸗ hen, und, o Wunder! dieſe Gleichgültigkeit reizt ſein Streben um ſo mehr. Oft drängte es mein Herz, ihn heimlich zu warnen,— doch ſchien er mir bis jetzt unempfindlich für Zurechtweiſungen — 134— der Art. Mag ihm das Leben denn ſelbſt ſeine Belehrungen ertheilen; es kommt bei dem Hazard⸗ ſpiele der Liebe doch faſt immer auf Eines her⸗ aus!— Nachſchrift. Graf Domelli iſt angekommen. Er war, wie es ſchien, aufs freudigſte überraſcht, mich hier zu finden. Ich hatte ihn während der letzten fünf Jahre, die er in der Reſidenz zubrachte, nicht wie⸗ der geſehen. Sein Erſcheinen rief daher alle die Bilder vergangener Zeit wieder hervor. Ich ſah mich wie durch einen Zauberſchlag in das Schloß Hohenbergen verſetzt, welches ihm damals gehörte, und wo ich ſo oft mit Marien des Umganss ſei⸗ ner Familie genoß.— Ich hielt den Mann wieder im Arm, der ſo oft Zeuge meines Glückes gewe⸗ ſen war, den Mann, der unter allen denen, die mich umgaben, der Einzige iſt, der eine Erinne⸗ rung, eine Vergangenheit mit mir theilt. Ich war bewegt, er fühlte es, und ſprach:„Wir müſ⸗ ſen zuſammenhalten, Herr Superintendent! Wir ſtehen, glaube ich, beide hier ziemlich allein, und Vereinzelte ſollten ſich immer aneinander ſchließen.“ Er erzählte mir nun, daß er die Breiſach'ſchen Güter gekauft, und machte mich mit ſeinen Plänen für die Zukunft bekannt. Zugleich bat er mich, — —— — — 135— ihn auf einer Wanderung ins Gebirge zu begleiten. Ich verſprach es. Meine Geneſung wird vielleicht durch den freien Gebrauch meiner Kräfte beſchleu⸗ nigt werden, zumal da die Aerzte endlich mit mir einverſtanden ſind, daß meine Leiden aus dem Ge⸗ müth hervorgehen, und ſich verringern oder ver⸗ mehren, je nachdem dieſes gehoben, oder darnieder⸗ gebeugt wird. Nach unſerer Rückkehr von den Bergen, er⸗ hältſt Du aufs Neue Kunde von mir, jetzt lebe wohl, Du Geliebter!— Dreiundzwanzigſter Brief. Graf Malvi an die Baroneſſe Münter. Warmbrunn, im Juli 18**. Mit Erſtaunen und Verwunderung durchlas ich Ihren Brief, gnädigſte Frau! Welch' ein Bild entwerfen Sie von mir? Wer, o Himmel, hat Ihnen ſo feindlich die Farben gemiſcht? Der Haß?— Gab es nicht eine Zeit, wo ich Sie meine Freundin nennen durfte!— Darf man 4 ſchnell ſeine Gefühle täuſchen?— Der Stolz? O, hinweg mit dieſem ſchwerfälligen Geſchmeide, das eine Juno kaum tragen darf, ohne ihrem Lieb⸗ reiz zu ſchaden! Güte kleidet viel milder das hol⸗ de Antlitz weiblicher Schönheit. Laſſen Sie mich Ihr freundliches Bild nur in dieſem Schmucke den⸗ ken, und vergeſſen, daß Sie ihn einſt hinlegten, um ihn mit jener ſchweren Krone zu verkauſchen! — Sie nennen mich einen Narziß, weil mir das Weſen noch fern blieb, das mich zu feſſeln beſtimmt iſt? Ich geſtehe es, mein Herz iſt verwöhnt von vielem Liebreiz, von vieler Huld! Es kann ſich nicht abfinden laſſen mit geringer Gabe.— Aber * —— — 137— bin ich darum tadelswürdig, wenn ich zu ſtolz war, fremde Gefühle zu heucheln? Sie glaubten, die Domikowsky könnte mir gefährlich werden? Ich zweifele daran! Ein Weſen wie dieſes kann rei⸗ zen, aber nicht feſſeln! Sie kann in der That recht amüſant ſein, man muß ihren Geiſt durch Wi⸗ derſprüche herausfordern, ihren Witz durch gleiche Fehde ermuntern, dann iſt ſie allerliebſt! Uebri⸗ gens iſt ſie die Veränderlichkeit ſelbſt!— Der ſchwarze Philoſoph hat längſt ihre Geduld ermüdet, ſie verließ ihn, und er die Geſellſchaft, wofür wir ihm viel Dank ſchuldig ſind.— Eine neue Erſchie⸗ nene wurde vor kurzem von der Domikowsky in unſern Cirkel eingeführt, nämlich die Comteſſe N omeli. Ich ſuchte Gelegenheit, mich, Ihrem Auf⸗ trage zufolge, der Kleinen zu nahen, und fand ein recht feines Geſicht, das in der Folge wohl bedeutend werden könnte! Ihre Geſtalt iſt, wenn gleich ſehr zart und anmuthig, doch noch zu unent⸗ wickelt, um viel darüber zu ſagen. Daſſelbe gilt von ihrer Bildung. Es liegt noch viel Linkiſches in der Art ihres Betragens, welches um ſo mehr neben ihrer gewandten, geiſtreichen Nachbarin auf⸗ fällt. Was mich wunderte, war: daß ſie die Au⸗ gen nicht niederſchlug, wie dergleichen Novizen zu thun pflegen. Im Gegentheil lag ein ſo tiefer Ausdruck des Vertrauens in ihren klaren Augen — 138— auf der offenen Stirn, als ſtände ſie im Kreis al⸗ ter Bekannten, und dies iſt's, was ihr Geſicht an⸗ ziehend macht. Uebrigens verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen ihre Worte wiederhole! Sie iſt doch im Ganzen noch zu ſehr Kind, um ſie mit größerem Intereſſe zu beachten. Auch ſtand die Domikowsky zur Seite, die Aller Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, und wie ſie auch das holde Kind zu pro⸗ tegiren bemüht war, ſich dennoch an den Triumph ergötzte, den ſie, wie immer, über ihre Umgebun⸗ gen davon trug. Ein junger Officier drängt ſich ſehr ſichtlich um ihre Gunſt, und ſcheint es mit ſeinen Bemühungen ernſtlich zunmeinen. Der Ra⸗ ſende! Lieber möchte ich auf Wellen bauen, als auf dies leicht bewegliche Gemüth! Ein Weiber⸗ herz an ſich iſt eine bedenkliche Ziehung, das Herz einer Domikowsky der zdeideutidſt Gewinnſt von der Welt!. Nehmen Sie, verehrte Frau! aus der Bereit⸗ willigkeit, womit ich Ihren Wunſch in Hinſicht der Comteſſe erfülle, wie ſehr ich Ihnen ergeben bin, und überzeugen Sie ſich, wie mein Geiſt noch Freiheit genug beſitzt, um den wahren Werth weiblicher Verdienſte zu ſchätzen, auch dann noch, wenn die Hand, die ich hochachtungsvoll küſſe, ſich drohend gegen mich erheben will! Vierundzwanzigſter Brief. Der Hauptmann von Bören an ſeine Mutter. Warmbrunn, im Juli 18**. Sie werden vielleicht ſchon früher ein Schreiben von mir erwartet haben, meine Mutter! Aber es gibt einen Zuſtand des Gemüths, der keine Mit⸗ theilung erlaubt. Es iſt dies das Aufdämmern ei⸗ nes Gefühls, die Neugier, mit der wir von Tage zu Tage harren, bis wir einer endlichen Entſchei⸗ dung gewiß ſind. Iſt es aber hell in uns gewor⸗ den, iſt das Ziel uns bekannt, nach welchem es hinſtrebt, ſo kömmt auch die Ruhe über uns, und die Kraft zu handeln. Mit klarer Beſonnenheit will ich Ihnen nun die Reſultate meiner Selbſtprüfung vorlegen. Glauben Sie nicht, indem Sie dieſe Zeilen leſen, ein ſchnell vorübergehender Rauſch habe ſie diktirt! Ich zwang mit Vorſatz mein überſtrömendes Herz ſo lange zum Schweigen, damit die Vernunft Zeit — 140— gewänne, ihr Wort mit dem Seinen zu vereinen, weil beide in ſolchem Bunde überzeugender ſind. Sie wollen mich vermählt wiſſen, meine Mut⸗ ter, weil Sie bei Ihrem herannahenden Alter den Augenblick einer ſchmerzlichen Trennung nicht mehr fern glauben. Sie wollen mich durch Liebe be⸗ glückt, ſich ſelbſt durch das verſchönerte Loos Ihres Sohnes beruhigt wiſſen! Sie deuteten auf eine Bekanntſchaft hin, die Sie im vorigen Jahre erneu⸗ erten, und ſprachen mit mir von den Vorzügen des Fräuleins von Winzor mit einem Intereſſe, daß ich ſogleich Ihrem Wunſch zuvorzukommen, und ei⸗ nen Beſuch bei dem Fräulein zu machen beſchloß. Gewiß war es Beſtimmung, daß Sie mich ſelbſt nach Warmbrunn verweiſen mußten, weil dort, wie Sie wußten, die Winzor ſich aufhielt. Hier blü⸗ hete das Glück, das Sie mir geben wollten, wenn auch nicht in dem Kreiſe, den Sie mir bezeichne⸗ ten! Ein Zufall brachte mich gleich bei meiner Ankunft in das Haus meines Couſins Benting. Hier fand ich dies Weſen, mit dem ich allein mei⸗ ne Zukunft zu theilen vermag. Hermine von Do⸗ mikowsky iſt der Name des Mädchens, für das mein Herz ſich erklärt hat. Nicht ihre Schönheit beſtach mein Gefühl, ob ſie gleich mit Jeder ihres muth. Nicht die Bewunderung, die ihrem Ver⸗ 8 Geſchlechts wetteifern kann, an agn und An⸗ — 2* — 11— ſtande, ihrem Witz überall gezollt wird, verführte meine Eitelkeit! Es iſt ein höherer Zauber, der ſich zu dieſen Vorzügen geſellt, der Zauber, den ein aufgeklärter, gebildeter Geiſt über ihre Reize verbreitet;— die Macht der Natur und der Wahr⸗ heit, die ihrem Weſen den Sieg verleiht, den ſie über ihre Umgebungen davon trägt. Ich fühle, ſeitdem ich ſie kenne, wie wenig hinreichend die Vorzüge Anderer ſind, ihrem Werthe die Wage zu halten; wie ſchaal jedes Glück in meinen Augen ſein würde, das Sie mir durch eine andere Hand darbieten könnten! kurz, wie die Zufriedenheit mei⸗ nes Herzens von nun an allein auf der Ueberein⸗ ſtimmung Ihres Willens mit dem Meinen beruht. — Ich weiß, Sie wollen das Glück Ihres Sohnes, rein und unabhängig von dem zweideutigen Schim⸗ mer zufälliger Güter! Ich denke zu hoch von Ih⸗ rem Charakter, um zu wähnen, das bedeutende Vermögen der Winzor könne gegen die Armuth Herminens hier noch in Anſchlag gebracht werden! Ihre Einkünfte, meine Mutter, nicht gerechnet, wäre mein väterliches Vermögen ſchon hinreichend, mich und das Weib meiner Wahl zu erhalten, ohne die Vortheile, die mein nahes Avancement mir dar⸗ bietet. Ueberdieß hat Hermine wenig Bedürfniſſe, und iſt, wie ich beobachten konnte, an Fleiß und Ordnung gewöhnt. — 142— O, möchten Sie, theuere Mutter, meine Wahl billigen! Gewiß würden Sie es nie bereuen dür⸗ fen, meinem Gefühl getraut zu haben, das ja doch ſtets der ſicherſte Bürge für das Glück unſers Le⸗ bens iſt! Entſcheiden Sie bald! Geben Sie mir die ſchriftliche Erlaubniß, nach meiner Ueberzeu⸗ gung zu handeln! Noch iſt Hermine frei, und ich darf hoffen, keine Fehlbitte zu thun. Dürfte ich ihr weniger vertrauen, ſo hätte ich wohl Urſache zu befürchten, ein Anderer ihrer zahlreichen Be⸗ wunderer könne mir bei längerer Zögerung zuvor⸗ kommen. Aber ich bin ſtolz genug, auf ihr Herz zu bauen, und empfinde ſtatt jener Furcht nur das angenehme Gefühl eines Triumphes, der von der Liebe geboren, doch zugleich alle Reize der Eitel⸗ keit hat! — 143— Fünfundzwanzigſter Brief. Frau von Bören an ihren Sohn. L.... im Juli 18*9. Wie ſehr wünſchte ich Dir mit voller Ueberzeu⸗ gung den Segen ertheilen zu können, deſſen ein Mutterherz ja immer ſo überſchwenglich voll iſt, wenn es die Wohlfahrt des Kindes gilt! Aber ich habe heute nur Warnungen für Dich, mein Sohn! Hermine von Domikowsky iſt ein Name, der nicht zum erſtenmal meinem Ohr begegnet; ich hörte ihn bereits unter mancherlei Beziehungen, und hatte ein Bild dieſes gefährlichen Weſens, noch ehe Du es mir mit den Farben der Liebe entwarfeſt! Mein theurer, verblendeter Sohn! Wie ſchwer fällt es mir, Dich auf den Nachtheil aufmerkſam zu machen, den übereiltes Handeln ſo leicht über ein ganzes Leben bringen kann! Aber es iſt die Pflicht Deiner Mutter, daher verkenne die Abſicht nicht, die meinen Worten zum Grunde liegt! Nicht Reichthum, ob ich gleich auch den Werth ufälliger Güter zu ſchätzen verſtehe, verlange ich — 444— von dem Weibe, das Du als Tochter mir zuführen ſollſt! Eines allein iſt unerläßlich in meinen For⸗ derungen bedingt, es iſt der unbeſcholtenſte Ruf, die tadelloſeſte Aufführung! Rein war bisher der Name unſers Hauſes, kein zweideutiger Schatten verdunkelte den Glanz unſerer Ahnen. Die Män⸗ ner prangten im Schmuck rühmlicher Tapferkeit, die Frauen in dem der fleckenloſeſten Tugend. Herminens Charakter, wie ſorgſam Du ihn glaubſt erforſcht zu haben, hat, fürchte ich, die Klarheit nicht, um jenen Vergleich zu beſtehen. Sie muß bereits oft durch eine unvorſichtige Handlungsweiſe Gelegenheit zu den zweideutigſten Gerüchten gege⸗ ben haben, denn die Urtheile, die die Welt über ſie fällt, ſind ihrem Rufe ſehr nachtheilig, und laſ⸗ ſen mich, auch wenn ſie unſchuldig wäre, den Mann bedauern, deſſen Schickſal ſie einſt theilen wird. Ein guter Name iſt ein Gut, das nicht genug von uns geſchätzt werden kann! Die Welt, die ohnehin geneigt iſt, das Schlimmſte von jeder Sache zu glauben, fällt doppelt gehäßig über die Unglückli⸗ chen her, die einmal Anlaß geben, ihren Handlun⸗ gen zu mißtrauen. Hermine iſt ſchön, geiſtreich und anziehend, aber ſie ſoll nicht weniger eitel und gefallſüchtig ſein. Sie hat, wie ich aus ſicherer Quelle erfuhr, mit der Liebe achtbarer Männer ſchon oft ihr leichtſinniges Spiel getrieben, kein — 145— Wunder, wenn ſie in den Augen der Menge für eine feine Kokette, in den Augen der Beſſern für ein bedauernswürdiges, durch falſche Erziehung ver⸗ nachläſſigtes Geſchöpf gilt, das ohne gerade von Herzen verdorben zu ſein, doch ohne Grundſatz handelt, und ſelbſt den Eingebungen übermüthiger Launen gehorchend, auch über die Launen der Au⸗ dern nach Willkühr zu herrſchen verſucht. Ich weiß nicht, ob Du mit Deinem klaren Verſtande auf einen ſolchen Charakter irgend ein beſtändiges Glück zu bauen im Stande biſt? Und wäreſt Du wirk⸗ lich verblendet genug, von ihm die Liebe, die Dein Herz bedingt, zu erwarten, ſo denke daran, daß ein beſorgtes Mutter⸗Auge weiter ſieht, als die Leidenſchaft, und daß ich nie einen Bund ſegnen kann, der mit meinen Begriffen von ſolidem Glück ſich nimmer vereinigen läßt. Vermagſt Du mit der Stimme Deiner Neigung die Welt zum Schwei⸗ gen zu bringen? Und wenn Du's vermöchteſt, was wäre gewonnen? Wer dürfte Dir für die Zukunft Bürge leiſten, wenn die Vergangenheit Deinen for⸗ ſchenden Blick nicht erträgt?— O, mein Sohn! betrüge Dich nicht länger! Betrachte mit klarem Blicke die gerechten Beſorg⸗ niſſe Deiner Mutter. Entfliehe aus dem Zauber⸗ kreiſe, in dem Dich Reiz und Anmuth gefeſſelt bält! Haſt Du das verlockende Bild nur erſt aus Angela I. 4 7. — 446— Deinen Augen, ſo verſchwindet auch gewiß ſeine Macht! Denn wie Du es auch abläugnen magſt, nicht Dein Gemüth, Deine Sinne ſind ihr unter⸗ than geworden, und darauf baue ich mit Recht die Hoffnung Deiner Geneſung. Ungern, das darf ich geſtehen, gebe ich die Ausſicht auf ein Glück auf, das Du unfehlbar in der Verbindung mit dem Fräulein von Winzor gefunden hätteſt! Sie iſt nicht mehr jung, das iſt wahr, doch beſitzt ſie äu⸗ ßern Liebreiz genug, um den Werth ihrer Tugen⸗ den zu erhöhen, dabei iſt ſie unabhängig und reich, und hat mitten in den Stürmen des Lebens ihren Ruf ſo tadellos bewahrt, daß jeder unſerer Vor⸗ fahren gewiß dieſen Bund geſegnet hätte. Doch nun kein Wort mehr hierüber, nie werde ich Dei⸗ nem Herzen vorſchreiben, aber eben ſo wenig eine Wahl billigen, die meinen Anſichten von Glück und Ehre zuwider iſt. — 147— Sechsundzwanzigſter Brief. Die Baroneß Benting an Frau von Alboin. Warmbrunn, im Juli 16“. Hermine iſt ſeit geſtern abgereiſt. Sie fuhr mit der Comteſſe Domelli voran, der Graf, in Beglei⸗ tung des Superintendenten Norden, ſpäter nach. Bören iſt ihr zu Pferde gefolgt, mit einer Haſt, einer Ungeduld, als könne ſie ihm entrinnen. Es iſt eine wirkliche Leere in unſerm Hauſe, ſeitdem unſere heitern Gäſte daraus geſchieden ſind. Die Kinder fragen fortwährend nach Herminen, und quälen mich mit Forderungen aller Art, weil ſie mit allerlei Zeitvertreib von Jener verwöhnt wor⸗ den ſind. Ich verweiſe ſie zu Benting, aber auch dieſer iſt nicht aufgelegt, mit ihnen zu ſcherzen, zu tändeln. Er iſt ſeit geſtern auffallend verſtimmt, und treibt alles mit Ueberdruß, was ihn ſonſt er⸗ götzte. Er ſchweift im Freien umher, und bleibt länger aus, als er ſonſt die Gewohnheit hatte.— 7* — 148— Seine Sinne kämpfen mit einer ſeltſamen Zer⸗ ſtreuung, die, trotz ſeiner Mühe ſie zu verbergen, mir nur zu oft ſich verräth, und meine Seele mit Unruhe erfüllt. Ach, theure Freundin! faſt glaub' ich, ich that nicht gut daran, Herminen zu mir zu nehmen! Nicht darum, als könnte ich auf irgend eine Art mit ihrer Handlungsweiſe unzufrieden ſein,— ſie verdient im Gegentheil meine Liebe, meine Achtung! Aber das Unheil wird deshalb nicht ausbleiben! Ihre Liebenswürdigkeit iſt der Feind, den man fürchten muß, und ich irre mich nicht, wenn ich glaube, daß er bereits ſtörend in unſer ſtilles Glück eingebrochen iſt. Ich bemerkte Bentings Beſtreben, die Aufmerkſamkeit unſerer ſchönen Nachbarin auf ſich zu lenken, ohne dabei irgend eine Art von Unruhe oder unedeln Mißtrauens zu empfinden. Ich kannte ſein Gemüth, das Alles Neue lebhaft ergreift und ſich eine Zeitlang daran ergötzt, ohne etwas Anderes zu wollen, als ein augenblickliches Vergnügen.— Jetzt aber entdecke ich zu meinem Schreck, daß der Eindruck, den Hermine auf ihn gemacht, tiefer iſt, als ich vermuthete. Sie iſt ſeinem Weſen unentbehrlich geworden, und ſein Gefühl kann ſich leicht von dem Wege der Pflicht verirren.— Noch ſind es Vermuthungen, die mich guälen, und doch bin ich ſchon unglücklich genug — 149— in dieſem Zuſtande! Wie würde es mit mir ſein, wenn ſie als Wahrheit vor meiner Seele ſtänden! — O, es muß hart ſein, das Oerz eines Gatten zu verlieren. — Eben kommt Benting von ſeinem Morgen⸗ ſpaziergang zurück. Er frägt nach der Uhr, und wundert ſich, daß es ſchon drei Uhr nach Mittag iſt. Ich werde nun die einſame Tafel bereiten, ich ſage mit Recht: die einſame! Sein Geiſt wird nicht zugegen ſein, das fühle ich, indem ich ihn anſehe! O, welch' ein Schmerz, den Gelieb⸗ ten zur Seite zu haben, und ſeine Gedanken ſo fern zu wiſſen! 3 In wenig Tagen erwarte ich Herminen zuruͤck! Wie wird es dann werden? Ich habe ſie aufrich⸗ tig lieb, und glaube auch, daß ſie es redlich mit mir meint. O, wüſte ſie meinen Kummer, ſie würde ihn enden!— Doch ihr ihn vertrauen?— Ich kann meinen Gemahl nicht bei ihr verklagen! — Jedes Mißtrauen dünkt mir ſo unedel, ſo klar! Helfen Sie, rathen Sie, Geliebte, ich kann nur mein Unglück beklagen, es abzuändern vermag ich nicht! — — 150— Siebenundzwanzigſter Brief. Thereſe Wallburg an ihre NMutter. Aus der Reſidenz, im Juli 18*9. Ich habe Ihre Worte, Ihre Vorſchriften auſ's innigſte beherzigt, meine Mutter! ob ich gleich ſa⸗ gen kann, daß mir manches in Ihrem Briefe noch dunkel bleibt! Sie ſcheinen von irgend einer Be⸗ gebenheit ergriffen, deren Bedeutſamkeit Sie mir verſchweigen, und laſſen mich zum erſtenmal glau⸗ ben, daß ich mich auf irgend eine Art Ihres Ver⸗ trauens unwerth gemacht habe. Iſt es ſo?— O, warum verbergen Sie mir meine Schuld, wa⸗ rum beſtrafen Sie mich, ohne mich von meinem Vergehen zu unterrichten? Sie hatten ja nie ein Geheimniß vor Ihrem Kinde, was ſollten Sie jetzt mir verheimlichen wollen? O, meine Mutter, ha⸗ ben Sie Nachſicht mir mir! Ich will lieber alles in de Welt ertragen, als den Gedanken, Ihr Zutrauen verwirkt zu haben. Ihre Ermahnungen in Hinſicht des fremden Knaben waren mir längſt — 151— von dem eigenen Herzen gegeben, noch ehe mein Wille von Ihrem Wunſche auf's Neue entflammt wurde. Mit Freuden bemerke ich, wie die Früchte meines frommen Beſtrebens ſich bereits immer ſchö⸗ ner entwickeln. Das Kind gedeihet an Geiſt und Körper, und lohnt meiner Sorgfalt mit inniger Anhänglichkeit. Keiner von den übrigen Kleinen erwiedert meine Liebe in dem Grade, ob ſie mir gleich Alle recht willig gehorchen. Ich werde den Knaben ungern verlieren, ſo aufrichtig ich dem lie⸗ benden Vater die Freude gönne, ſeinen Liebling bald wieder zu umarmen. So liegt Verluſt und Gewinn in ewigem Streite, wohl dem, der früh gelernt hat, die Freuden Anderer den ſeinen gleich zu ſchätzen, er wird dann bei ſolchem Wechſel we⸗ niger leiden. Madame Walter ſagt Ihnen die achtungsvoll⸗ ſten Grüße, und wünſcht, Sie möchten beifolgen⸗ den Vorrath in Ihrem Haushalte gebrauchen kön⸗ nen. Ich habe ihr bereits in Ihrem Namen dafür gedankt. O, ſie ahnet wohl längſt, daß ſie mich durch nichts auf der Welt inniger verpflichten kann, als durch die Sorge für Sie, geliebteſte Mutter. * 3 Achtundzwanzigſter Brief. Madame Wallburg an Thereſe. N.. im Juli 18⸗. Nein, meine Thereſe! kein Geheimniß ſei länger zwiſchen Dir und mir! Nicht der Gedanke, Du könnteſt Dich meines Vertrauens je unwerth be⸗ zeugen, verſchloß Dir mein Herz!— Die eigene Schuld war es, die ſich ſcheuete, den Blicken mei⸗ nes Kindes zu begegnen! Es gibt Augenblicke im Leben, auch in dem Leben der beſſern Menſchen, die ungern an's Licht treten, weil ſie befürchten müſſen, noch härter von der Welt gerichtet zu wer⸗ den, als von dem Allwiſſenden; Augenblicke, die vom Irrthum geboren, doch ſo täuſchend die Züge des Verbrechens tragen, daß keiner ſie zu entſchul⸗ digen wagen wird. Sieh', darum verſchwieg ich Dir die Geſchichte meiner Jugend, deren Erinne⸗ rung ſchmerzlicher an meinem Herzen nagt, als aller Jammer und Mangel, der in ihrem Gefolge war. Jetzt forderſt Du mich ſelbſt auf! Ich nehme dies 3 8 — 153— für einen Wink der Vorſehung, Dich die Gefahren des Herzens kennen zu lehren, und zögere nicht länger mit dem Bekenntniß meiner Schuld, weil ich wünſche, Du mögeſt aus ihr dieſelben heilſamen Lehren ſchöpfen, die ich ſpäter Dir, durch ein, der Buße geweihtes Leben, zu geben bemüht war. Ich wurde in M.., einem Dorfe unfern der Reſidenz, geboren; meine Mutter ſtarb, als ich noch ein zartes Kind war, und überließ die Sorge für meine Erziehung meinem Vater, dem Prediger die⸗ ſes Ortes. Er war ein frommer, redlicher Mann, der, obgleich ſchon im hohen Alter, noch den reg⸗ ſten Eifer bewies, ſeine Pflichten in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen. Mit Fleiß und Sorgfalt ge⸗ dachte er meinen Geiſt zu entwickeln, und nur meiner zu großen Lebendigkeit und meinem kindiſchen Flat⸗ terſinn darf ich es zuſchreiben, wenn ſeine Bemühung nicht die Früchte hervorbrachte, auf die er hoffte. Der Haushalt, den ich in meinem zehnten Jahre übernahm, geſtattete mir überdies wenig Zeit zu ernſterer Belehrung, und ſo kam es, daß Geiſt und Herz bei weitem nicht den Grad der Ausbildung erhielten, deren wir bedürfen, um auf den man⸗ nichfach verſchlungenen Wegen des Lebens mit ſi⸗ cherem Schritte zu wandeln. Ich las wohl biswei⸗ len in den Büchern, die mein Vater mir gab, doch mehr ihm zu Gefallen, als aus beſonderem Wohl⸗ — 154— gefallen daran; meine Blumen, meine Tauben, un⸗ ſer Hof voll bunten Geflügels war meine Welt. alles, was da lebte und ſchwebte, kannte meine Stimme, und befand ſich wohl unter meiner ſorg⸗ ſamen Pflege.. An meinem Vater hing ich mit großer Zärt⸗ lichkeit. Er war das einzige Weſen, das Theil an meinen kleinen Freuden nahm, das einzige Herz, das meine Liebe erwiedern, meine Sorgfalt erken⸗ nen und belohnen konnte. So lebte ich meine Zeit in ſchuldloſer Einfalt dahin, unbeſorgt um die Zu⸗ kunft, unbekannt mit dem Leben und ſeinen Leiden und Freuden. Da nahm mir der Tod, in meinem ſechzehnten Jahre, den einzigen Freund auf Erden, — ich ſtand verwaiſt, verlaſſen, eine Blume, der man die Stütze geraubt hat.— In dieſen Tagen des Schmerzes, der Thränen, war es, wo der Fürſt, in Begleitung eines jun⸗ gen Mannes, bei uns einſprach. Er ſtellte mir in Herrn Norden den Nachfolger meines Vaters vor, eine Würde, die ihm ſogleich in meinen Augen die höchſte Bedeutſamkeit gab. Mit ſtiller Ehrfurcht begegnete ich ſeinen Blicken, die mit dem Ausdruck der Rührung, des Wohlgefallens auf mir verweil⸗ ten. Ich kannte die Sprache der Liebe noch nicht, und war höchſt verwundert, als er nach Verlauf weniger Tage wiederkehrte, um mir ſein Herz, 4 — — 155— ſeine Hand anzubieten. Ein ſeltſam gemiſchtes Gefühl bemächtigte ſich meiner, als ich mich ſo hoch gewürdiget ſah. Schüchternheit und Dankbarkeit, Scheu und Verehrung kämpften in meiner Bruſt; ich zitterte, und war unfähig meine Gedanken zu ordnen, er zog mich an ſein Herz, und ich beant⸗ wortete die Frage, ob ich ihn lieben könne, mit glühendem Erröthen. Fromm und ergeben, wie man ſich dem Dienſt einer Gottheit weiht, legte ich das Gelübde der Treue in ſeine Hand. Hoch und herrlich ſtand er vor mir, zu groß für meine Liebe, zu unerreichbar für mein Beſtreben, ihm ähnlich zu werden. Ich fühlte zum erſtenmal, wie viel mir fehlte, um die würdige Gefährtin eines ſolchen Mannes zu ſein, doch gelobte ich mir, keine Mühe zu ſcheuen, um mich für meinen künf⸗ tigen Beruf auszubilden, und hieß daher den Zu⸗ fall willkommen, der eine Reiſe meines Verlobten herbeiführte, während der ich meine Einſamkeit auf das zweckmäßigſte benutzen wollte. Mein Bräutigam, der die innigſte Sorge für mich trug, hatte mich der Aufſicht eines Mannes empfohlen, der als geprüfter Freund, ſein volles Vertrauen beſaß. Er führte ihn ſelbſt bei mir ein, und ermahnte mich, ſeinen Rath zu ehren, als den eines ältern Bruders, und mich in jeder Verlegen⸗ heit an ihn zu wenden. Ich verſprach es, und ſchied — 156— von dem Geliebten, ohne die Gefahr zu ahnen, in die er mich willenlos gebracht hatte. Herr von Waller, Dein Vater, Thereſe, unterließ nicht die Rechte des Bruders zu benutzen. Er kam oft, und wurde von mir mit innigem Vertrauen empfangen. Er war, wenn gleich älter als Norden, doch von viel heiterem, gefälligerem Betragen. Er beſaß außer dem Talent der Malerei, dem er ſich aus⸗ ſchließlich widmete, noch Geſchicklichkeiten aller Art, die ſeinen Umgang anziehend, ſeine Belehrungen für mich höchſt wünſchenswerth machten. Er un⸗ terrichtete mich in der Muſik, im Zeichnen, im Malen, und fand daher immer neuen Vorwand für ſeinen häufigeren Beſuch. Unbefangen, wie ich war, gab ich mich willig den Freuden der Gegen⸗ wart hin, und hatte kaum eine Ahnung davon, wie unter dem Wunſch, mich für meinen Verlob⸗ ten auszubilden, ein anderes Gefühl ſich verſteckte, das ſpäter der Keim meines Unglücks wurde.— Die Freude an Wallers Umgang ſchien mir ſo na⸗ türlich, ſo ſchuldlos, daß ich ſie ebenſo in Nordens Gegenwart ausgeſprochen hätte. Ich ſcherzte, ich tändelte mit dem heitern Gefährten, und ſpielte mit ſeinen Launen, wie ein muthwilliges Kind. So ging die Hälfte des Trennungsjahres dahin, ohne daß ich mich einer Schuld, als der der Un⸗ bedachtſamkeit anklagen darf. — 157— Allmählig begann ſich jetzt Wallers Stimmung zu ändern. Er wurde ernſter, verſchloſſener, und ſchien ſeine Beſuche abſichtlich zu vermindern. Kam er, ſo war ſein ſonſt ſo freudiges Auge düſter und trübe, ſeine Worte dunkel und abgebrochen, ſein ganzes Weſen von ſeltſamer Unruhe gepeinigt.— Ich klagte darüber, und fragte ihn um die Urſache dieſer Veränderung. Ein wehmüthiger Blick, den er auf mich warf, hieß mich verlegen verſtummen. Ich meinte, ihn auf irgend eine Wei⸗ ſe beleidigt zu haben, und beſchwor ihn mit Thrä⸗ nen, mich nicht länger in dieſer Ungewißheit zu laſſen. Da löste er den Schleier des unſeligen Geheimniſſes. Mächtig brach, von meinem Schmerz hervorgelockt, die lang verhaltene Gluth ſeines In⸗ nern hexvor, ich ſah ſeine Liebe, ſeine Verzweife⸗ lung!— Thereſe, verdamme mich nicht, wenn ich's nicht vermochte, den Unglücklichen zu verſtoßen!— Ach, auch ich liebte zum erſtenmal, ich konnte ein Gefühl nicht vernichten, das mir erſt jetzt im Bu⸗ ſen aufzudämmern begann. Nicht Norden konnte dieſe Stimmen erwecken, ſeine ernſte Hoheit bedingte Ehrfurcht, nicht Liebe. Ihm gehörte ſie, dem unglücklichen Freunde, deſ⸗ ſen Kampf mit Pflicht und Recht meine Achtung für ihn, mit ihr meine Neigung erhob. . — 158— Waller errieth meinen Schmerz, er ſah mein Schwanken, und war edel genug, um ſelbſt auf Trennung zu dringen. Welche Qualen begannen nun für mich, als ich der tiefſten Einſamkeit zurückgegeben, nun Zeit zum Nachdenken gewann. Bittere Vorwürfe pei⸗ nigten mein Herz, ich fühlte, daß ich das Ver⸗ trauen eines edeln Mannes verrathen, daß all' mein Sehnen ſich von ihm gewendet, und ſich zu dem Unglücklichen gekehrt hatte.— Ich betete zu Gott um Hülfe und Rath, und kam endlich auf den Gedanken, zu Nordens Großmuth meine Zu⸗ flucht zu nehmen. Ich wollte ihm ſchreiben, ihm meine Reigung für Waller bekennen, ihm ſagen, daß ich zu ſchwach ſei, ſie zu beſiegen, und lieber ſeinen Zorn auf mich laden, als mich eines ſo ſträflichen Betruges ſchuldig machen. Ich ſchrieb an Waller, und lud ihn zu mir, um ihm mein Vorhaben zu entdecken; er kam, er vernahm meinen Entſchluß, und ſchloß mich, von der Größe meiner Liebe ergriffen, in ſeine Arme. — Hier war es, Thereſe, wo des Schickſals Hand mich traf!— In eben dem Augenblick, wo unſere Lippen ſich in dem erſten Kuß der Liebe begegne⸗ ten,— trat Norden, dem furchtbaren Engel der Rache gleich, in unſere Mitte. Ich ahnete die Größe des Verbrechens, deſſen er mich zeihen — 159— konnte, und ſank bewußtlos zu ſeinen Füßen. Sein Hohngelächter war der letzte Laut, der an mein Ohr ſchlug;— der Schleier der Ohnmacht, der, gleich der Nacht des Grabes, über mich ſank, überhob mich des Uebrigen. Als meine Sinne wiederkehrten, fühlte ich mich ſehr krank, und war faſt unfähig, mich der Ver⸗ gangenheit deutlich zu erinnern. Der Arzt, der an meinem Lager ſaß, bat mich, ruhig zu bleiben, und ſagte mir, daß ich an einem heftigen Fieber leide, und nicht außer Gefahr ſei. Auf meine Frage nach Waller erfuhr ich, er ſei in die Stadt zurückgekehrt, habe aber verſprochen, ſich ſo bald wie möglich nach meinem Befinden zu erkundigen. Mit namenloſer Unruhe ſah ich ihm entgegen. Ich ſehnte mich nach Nordens Verzeihung, und bebte zugleich vor dem Gedanken einer gänzlichen Ausſöhnung mit ihm.— Wie wenig kannte ich den Stolzen, da ich wähnen konnte, er könne noch einmal um meine Liebe werben! Endlich kehrte Waller zurück; ſein Geſicht war bleich, er frug mit zitternder Stimme nach meinem Bexinden. „Hat Norden vergeben?“ frug ich, den Odem in der beklommenen Bruſt zurückpreſſend. „Ich ſchrieb an ihn““, erwiederte er,„weil ich hoffen durfte, auf dieſe Art leichter Gehör zu gewinnen, ich harrte mit Ungeduld ſeiner Ent⸗ *— 160— ſcheidung, man brachte mir endlich meinen Brief unentſiegelt zurück.“ „So verachtet er mich?“ ſeufzte ich leiſe, und wagte kaum empor zu blicken.„„Verachten?“ rief Waller, ſeine Hand drohend empor hebend: „„Ha, bei Gott, wenn das Einer wagen dürfte! Johanna!““ ſetzte er ſanfter hinzu,„ſein Be⸗ tragen hat dich von ihm geſchieden, nicht das Dei⸗ ne! Du gehörſt von nun an dem Manne, den dein Gefühl erkor, der dich ganz kennt, und nie aufhören wird, dich zu lieben! Mein Brod iſt ſpärlich, aber ich theile es mit dir! Gott wird mich ſegnen, um deinetwillen, denn deine Unſchuld iſt ihm bekannt!““ Wir fügten unſere Hände zu⸗ ſammen, und gelobten uns auszudauern in Noth und Entbehrung. Kurze Zeit darauf ſegnete der Prieſter unſern Bund. Waller verließ die Reſidenz, wegen der nachtheiligen Gerüchte, die ſich ſeit je⸗ nem Auftritt verbreitet hatten, und ſuchte unter einem fremden Namen, in einer andern Gegend ſein Unterkommen. Sein Fleiß und meine Sparſamkeit ſicherten uns unſer Auskommen, bisweilen gelang es uns ſogar, kleine Summen zurückzulegen. Deine Ge⸗ burt, Thereſe, erhöhte das Glück unſers ſtillen Lebens, die Sorge für Dich lehrte uns neue Thä⸗ tigkeit, neue Freuden. Ich wäre jetzt ganz zufrie⸗ — 161— den, ganz glücklich geweſen, hätte mich nicht ein Vorwurf bisweilen beunruhigt, der mich traf, ſo oft ich von dem Schickſal Nordens hörte. Ich er⸗ fuhr nämlich, daß er von einem langen Kranken⸗ lager geneſen, ſich in gänzliche Einſamkeit zurück⸗ gezogen habe, daß der Schmerz einer doppelten Täuſchung ſein Gemüth verſchloſſen und mißtrauiſch gemacht habe, daß er unſer Geſchlecht fliehe, und wohl nie von dem Argwohn geneſen werde, der ſeit jener unglücklichen Stunde in ſeine Seele ge⸗ kommen ſei.— Wie hart beſtrafte das Schickſal mich für die Uebereilung meiner Jugend, wie drü⸗ ckend war mir der Gedanke, das Vertrauen eines ſo edeln Charakters durch mein Betragen auf im⸗ mer vergiftet zu haben. Sechs Jahre verfloſſen uns in Frieden eines von außenher unangefochte⸗ nen Lebens, bis es dem Himmel gefiel, uns eine Prüfung zu ſenden, die großen Kummer über uns brachte. Waller hatte eine Zeitlang mit unnn⸗ terbrochenem Fleiße gearbeitet, ſeine Augen erlagen der gewaltſamen Anſtrengung, er erblindete. Du warſt noch ein zartes Kind, als dieſes Unglück über uns kam; doch halfſt Du ſchon mir treulich den Vater pflegen, und ihn geleiten durch die lan⸗ ge Dunkelheit jener Jahre. Was wir erſpart hat⸗ ten, gab ich freudig hin, ſein freudenloſes Daſein zu erleichtern! Nach langem, geduldigem Aushar⸗ — 162— ren erlöſte der Tod ihn von der Nacht des Le⸗ bens; er ging gläubig hinüber in die Heimath des Lichts. Was wir von nun an erlitten, getragen, weiſt Du, mein Kind! Du warſt die treue Ge⸗ fährtin meiner Leiden, und haſt durch Deine kind⸗ liche Liebe des Vertrauens Dich würdig gemacht, das ich Dir durch dieſe Zeilen beweiſe. Daß je⸗ ner Norden, dem ich verlobt war, derſelbe iſt, deſſen Kind Du behüteſt, wirſt Du errathen ha⸗ ben! Daß meine Reue, die Sehnſucht, mein frü⸗ heres Vergehen auf irgend eine Art bei ihm gut machen zu können, jene Zeilen diktirte, die Dir dunkel waren,— wird Dein fühlendes Herz Dir erklären!— Möge Dein Wunſch dem meinen gleichen, auf dieſe Weiſe das Schickſal zu verſöh⸗ nen, das wunderbar genug die Mittel dazu in Deine Hand legte. Du wirſt mein Vertrauen ehren, Thereſe! Nimmer darf Norden erfahren, wer Dich die Sorgfalt lehrte, die ſeinen Knaben beglückt! Segnen ſoll er Dich unerkannt, damit jener Segen auch auf mich übergehe, ohne Groll, ohne bittere Erinnerung jener Zeit. Gott erhalte Dich, mein Kind! Er lehre Dich aus den Verirrungen meiner Jugend den Nutzen ziehen, der für Dein Leben der heilſamſte — 163— iſt! Wir fündigen öfterer aus Irrthum, als aus Vorſatz, darum lerne Dein Herz ſchon früh ſorg⸗ ſam prüfen, was Deine Handlungen leitet, und welche Folgen ſie haben können. Neunundzwanzigſter Brief. Thereſe an Madame Wallburg. Aus der Reſidenz, im Juni 18“*. Jch habe Ihren Brief geleſen, o meine Mutter! könnte ich die Thränen, die darüber hinſtrömen, an ihrem Halſe vergießen; könnte ich zu Ihnen, um meine Rührung, mein tiefergriffenes Herz aus⸗ zuſprechen! Wie gefährlich muß die Liebe ſein, da ſie ſich ſo heimlich in Ihr tugendhaftes Herz ein⸗ ſchleichen konnte! Ach, meine Mutter! beten Sie mit mir, daß ich nie dieſe Leidenſchaft kennen ler⸗ ne! Das Leben iſt ja ſo reich an Segnungen al⸗ ler Art; wozu eine Gabe, die durch ihren unſeli⸗ gen Gehalt ſo leicht unſere Ruhe und unſere Kräf⸗ te aus dem friedlichen Gleichgewicht bringen kann! Nein, liebe Mutter, nie ſoll ein anderes Gefühl von meinem Herzen Beſitz nehmen, als das, wel⸗ ches Ihnen geweiht iſt, und den guten Menſchen, die mich umgeben; dann wird immer ein ſchöner — 165— Friede mein Loos ſein, und Sie werden mich Alle ebenſo wieder lieben, ohne Unruhe, ohne Qual! Ich bin ſeit kurzem um eine große Freude reicher geworden. Herr Walter, der mir oft zuhörte, wenn ich Abends die Kinder in Ruhe ſang, wollte bemerken, daß ich eine gute Stimme habe; er brachte mir den andern Tag einen Muſiklehrer, und ich habe nun die Woche zweimal Unterricht auf dem Pianoforte und im Geſang. Ich wollte Sie erſt überraſchen, und Ihnen gar nichts davon ſagen, bis Sie einmal bei uns wären, aber ich konnte es nicht über's Herz bringen. Ich meine auch, wir werden ohnedies Freude genug haben, wenn wir uns wiederſehen, und ſo gebe ich Ihnen meine Neuigkeit lieber jetzt, damit Sie mein Ver⸗ gnügen daran ſchon früher mit mir theilen. Eben ſchleicht ſich der kleine Fritz, mein Zög⸗ ling, ganz freundlich zu mir, und frägt mit ſeinen großen, blauen Augen, an wen ich ſchreibe? Gott! dieſe Züge,— ſie tragen die auffallendſte Aehn⸗ lichkeit ſeines Vaters— dieſe Züge waren es alſo, die erſt mit dem Ausdruck der Liebe auf Ihrem Antlitz geruht, um dann ſich auf immer zürnend von Ihnen zu wenden! O, gebe mir Gott die Kraft, jenen Haß auf's Neue in Liebe zu verwan⸗ deln, auszugleichen die alte Schuld, und Segen 166 zu bringen über das Haupt meiner Mutter, von * derſelben Hand,(die ſich einſt drohend gegen ſie erhob! Wie glücklich, wie beneidenswerth wäre . ᷣ 2— * — — + 8 8 4 2 2 — 167— Dreißigſter Brief. Hermine von Domikowsky an Frau von Alboin. Warmbrunn, im Auguſt 189*s. Himmel! was muß ich erfahren! welch' unerwar⸗ tetes Schickſal zerſtört auf einmal die ſchönen Tage heitern Genuſſes! Ich ſchreibe Ihnen in großer Eile, mein Koffer iſt gepackt, ich verlaſſe mit Ta⸗ ges⸗Anbruch das Haus der Baronin! Zum Glück iſt Graf Domelli noch nicht abgereiſt,— ich er⸗ greife ſein Anerbieten, die Comteſſe zu begleiten, nunmehr mit Dank, ob ich es gleich vor wenig Stunden noch abzulehnen bemüht war. Adreſſiren Sie Ihre Briefe an mich nunmehr nach Breiſach! Mein Entſchluß iſt gefaßt, ich kann nicht länger hier verweilen! Geſtern kehrten wir von unſerer Reiſe zurück; welche Reiſe, o meine Freundin! Nie werde ich ſte vergeſſen! Alles, was die Natur Erhabenes und Reizendes, was das Leben Erfreuendes und — 168— Beſeligendes hat, habe ich in dieſen Tagen gekoſtet! War es das reinere Element, in dem wir uns be⸗ wegten, was unſere Seelen ſo erhob;(denn wahr⸗ lich, ich fühlte mich auf jenen Höhen weit beſſer, als in der Sphäre des Weltlebens) oder war es der wohlthätige Einfluß eines Gefühls, das ich erſt jetzt würdigen lernte, indem es mir von einem edeln Herzen dargebracht, zum erſtenmal Antwort in meinem Buſen fand? Ja, meine theuere, müt⸗ terliche Freundin, ich glaube, daß ich von Bören geliebt werde, und will es nicht läugnen, daß er der Erſte iſt, auf deſſen Liebe ich ſtolz bin! Be⸗ urtheilen Sie nach dieſem Geſtändniß die Größe des Opfers, das ich der Freundſchaft zu bringen entſchloſſen bin! Ein Ball, der die Feier des Königlichen Ge⸗ burtstages verherrlichen ſollte, wurde uns heute, als wir kaum vom Wagen geſtiegen waren, ange⸗ kündigt. Ermüdet von der Reiſe, wie ich war, gedachte ich mich davon auszuſchließen, doch bat die Benting mich ſo dringend, ſie hin zu begleiten, daß ich endlich einwilligen mußte. Ich hatte noch Einiges an meinem Putze zu ändern, und ſo kam es, daß ich nicht eher in dem Kreiſe meiner Freun⸗ de erſchien, als ſpät am Abend, wo der Wagen uns abzuholen bereit war. Baron Benting be⸗ grüßte mich erſt jetzt; ſein Auge verweilte auf mir — 160— mit ſeltſamem Ausdruck, er ſchien mir verändert, doch nahm ich mir eben nicht Zeit, darüber nach⸗ zudenken, weil Bören mich ſogleich in's Geſpräch zog. Wir fuhren nach dem Salon, die Gänge des Parks waren erleuchtet, die lange Pappel⸗Allee erglänzte von zahlloſen Lampen, und in der Ent⸗ fernung rottete ſich die Volksmenge zuſammen, um einem Feuerwerke beizuwohnen, das ſpäter begin⸗ nen ſollte. Wir traten in den mit Blumenkränzen verzierten Saal. Luſtig wogte die Tanzmuſik durch den lichthellen Raum; bunte Geſtalten glitten in leichten Reihen auf und nieder, alles athmete das ſüßeſte, fröhlichſte Leben. Die Baronin fand ihren Platz bei einigen ihrer Bekannten. Ich geſellte mich, von Bören aufgefordert, den Tanzenden bei. Sie wiſſen, welches Vergnügen mir ſtets der Tanz gewährte; war es denn ein Wunder, wenn meine Freude daran noch höher ſtieg, da ich an ſeiner Seite die Reihen hinabflog? Ich fühlte zum er⸗ ſtenmal, daß ich gut tanzen müſſe, Börens Blicke beſtätigten es, ich berührte auch in der That kaum den Boden, ein neues Entzücken ſchien mir Flügel zu geben, ſein Arm mich zu tragen, weit über die. Sphäre der Gegenwart. Ich erblickte erſt wieder die bekannten Geſtalten, als die Muſik ſchwieg, und ich mich auf einen Stuhl niedergelaſſen hatte. Eine nahe Stimme begann:„Nun, ſchönes Fräu⸗ Angela I. 8 — 170— lein, ſei es auch mir vergönnt, mich Ibhrer Gegen⸗ wart wieder zu erfreuen!“— Ich ſah mich um, — es war der Baron. Er warf ſich nachläſſig auf einen Stuhl mir zur Seite, und fuhr fort: „Sie waren zu lange von uns entfernt, als daß wir nicht auf ein Vergnügen eiferſüchtig ſein ſoll⸗ ten, das Sie auf Koſten des unſrigen erfreute!“ „Sie könnten mir die wenigen ſchönen Tage be⸗ neiden?““ frug ich, ihn mißverſtehend.„Die we⸗ nigen?“ gab er mir bedeutend zurück:„Ich meine, die Ewigkeit könne ſich dreiſt dieſes Maaßſtabes bedienen, wenigſtens wäre dieſe, die ich in jenen Tagen kennen lernte, Strafe genug für den Ver⸗ brecher!“— Ich ſah ihn befremdet an.—„Her⸗ mine!“ fuhr er fort, indem er meine Hand ergriff, „Sie dürfen nicht mehr von uns ſcheiden. Ihr Da⸗ ſein iſt mir Bedürfniß geworden, ich bin nichts ohne Sie!“—„„Herr Baron!““ begann ich, in⸗ dem ich einen ernſten Ton annahm:„„Ich weiß nicht, ob ich durch mein Betragen Sie je zu einem ſo unzarten Scherz berechtiget habe! Daß jene Worte nicht ernſtlich gemeint ſind, dafür bürgt mir die Achtung, die Sie ſich ſelbſt ſchuldig ſind!““— Hierauf verließ ich meinen Platz, und ging die Baronin zu ſuchen; man ſagte mir, ſie habe mit mehreren Damen den Saal verlaſſen, um das Feuerwerk zu betrachten. Auch Bören war nir⸗ 3 — 171— gends zu ſehen; ich nahm meinen Shwal und ſchloß mich den Uebrigen an, die ebenfalls hinaus wollten.— An der Thür fühlte ich mich feſtgehal⸗ ten. Es war der Baron, der mich bat, mich hin⸗ aus geleiten zu dürfen. Ich mußte, um nicht Auf⸗ ſehen zu erregen, ſeinen Arm annehmen, und folg⸗ te nun heimlich beklommen den Uebrigen nach. War es die Stille des Abends, das Schweigen rings umher, das ihn ermuthigte, mir ſein Herz zu eröffnen?— Er umklammerte meinen Arm mit krampfhafter Feſtigkeit, und ſprach zu mir in einem Ausdruck der Leidenſchaft, der mich mit Angſt und Schrecken, zugleich mit dem gerechteſten Unwillen erfüllte. Ich antwortete ihm mit möglichſter Faſ⸗ ſung, wie ich ſein auffallendes Betragen nur als eine augenblickliche Verirrung betrachten wollte, das mehr mein Bedauern verdiene, als meine Ver⸗ achtung; daß ich aber jedes fernere Wort, das er wagte, in dieſem Ton zu mir zu ſprechen, für eine Verletzung der Gaſtfreundſchaft anſehen würde, die ſeine Frau mir gewaͤhrt, und ich mich dann auf immer aus ſeinem Hauſe entfernen müßte! Wir waren unter dieſem Geſpräch in die Allee gekom⸗ men. Die Uebrigen waren vorangeeilt, wir ſtan⸗ den allein. Er ſank, von dem kalten Ernſt mei⸗ ner Worte getroffen, zu meinen Füßen, er bedeckte meine Hand mit heißen Thränen. Sein beſſeres 8** — 172— Selbſt ſchien wieder zu erwachen, er bat mich mit ſchwankender Stimme, ihm zu verzeihen, und ge⸗ lobte mir, nie wieder von ſeiner Liebe zu ſprechen, die, ob ſie gleich unbezwinglich ſei, doch Kraft ge⸗ nug habe, ſich tief zu verbergen, wenn ihr Anblick für mich beleidigend wäre. Ich reichte ihm die Hand zur Vergebung. Darauf eilten wir raſchen Schrittes den Uebrigen nach. Bald ſtießen wir auf die Baronin, die an Börens Seite unter der Menge ſtand. Ihr Blick ruhte eine Weile wie prüfend auf mir, ich konnte ihr klar in's Auge ſehen. Sie reichte mir darauf. die Hand, und zog mich an ſich. Ich glaubte eine Thräne auf ihrer Wange zu bemerken, und dieſe Thräne brachte mich auf den raſchen Entſchluß, ihre Ruhe wo möglich durch mein Entfernen von hier, zu ſichern. Still und klar ſah der Sternen⸗ himmel auf uns herab, langſam ſtiegen die glän⸗ zenden Raketen vor uns empor, ſich majeſtätiſch bis zum Himmelsgewölbe erhebend, um dann in tauſend flimmernde Funken zu zerſtäuben. Ein lei⸗ ſes Zittern kam über mich, ich glaubte das Bild meines Glückes zu ſehen, das vielleicht nur darum die ſchöne Höhe erreichte, um gleich jenem glänzen⸗ den Meteor in Duft zu zerrinnen. Bören ſtand neben mir, er war ſo ruhig, ſo ſicher, indeß die trübſten Gedanken meine Seele beſtürmten.— Ich — 173— mußte mich von ihm abwenden, um meinem Vor⸗ ſatz getreu zu bleiben. Ich fand noch denſolben Abend Gelegenheit, der Baronin den Wunſch des Grafen bekannt zu machen, mich mit Angelen nach Breiſach zu nehmen. Sie ſchien darüber erſtaunt und ſichtlich gerührt. Mit großer Inbrunſt ſchloß ſie mich an ihr Herz; ihre Lippen ſchwiegen, aber ihre Augen verriethen mir, daß ſie das Opfer zu würdigen verſtehe, das ich ihrer Ruhe zu bringen entſchloſſen war. Ich werde von Bören nicht Abſchied nehmen, da wir Morgen ſchon mit dem Früheſten aufbre⸗ chen.— Wird er es tadeln, daß ich mich der kur⸗ zen Zeit ſeines Hierſeins ſo muthwillig entziehe? Armer Bören! ich konnte nicht anders, die Pflicht ſteht höher als das Vergnügen!— Uebrigens iſt ja das Glück an keinen Ort gebunden, und kann uns allenthalben aufſuchen, wenn es uns ſeiner Segnungen würdig fand!— Das ſoll von nun an mein Troſt ſein,— und nun leben Sie wohl, meine Freundin! — 174— Einunddreißigſter Brief. Bören an Walter. Warmbrunn, im Auguſt 18**. Sie iſt fort, Hermine iſt fort!— Ohne Abſchied iſt ſie von mir geſchieden! Vergebens quäle ich mich mit Muthmaßungen aller Art, was ſie zu dieſem Schritt bewegen konnte,— da ſie noch ge⸗ ſtern von ihrem längern Hierbleiben ſprach!— Habe ich etwas verbrochen? Wurden meine Blicke vielleicht zu dreiſt die Verräther meines Gefühls? Aber wer konnte ſie auch geſtern ſehen, der Jüng⸗ ſten der Grazien gleich, in dem mit Roſen ge⸗ ſchürzten Gewande, mit dem blühenden Kranze in den ſchönen Locken, und nicht von Wonne über⸗ wältigt, ihr Alles geſtehen? Kann ſie deshalb mir zürnen, ſie, die mein Gefühl theilen muß, wenn nicht ihr Geſicht, ihr ganzes Betragen eine täu⸗ ſchende Maske war! Oder— wie?— hat ſie vielleicht von dem Briefe meiner Mutter gehört? — Ich habe ihn der Benting mitgetheilt— die — 175— Weiber ſind ſchwatzhaft, ſie könnte mit Herminen davon geſprochen haben!— O, wenn das iſt, ſo kann ich mir Alles erklären! Der Brief meiner Mutter iſt hart. Ein unſeliges Vorurtheil ver⸗ ſchließt Herminen ihr Herz; ſie ſtellt meiner Nei⸗ gung Gründe aller Art entgegen, ſie warnte, ſie drohte— und verweigert mir ihre Einwilligung zu einer Verbindung mit Herminen.— Erfuhr ſie das, ſo verließ ſie mich vielleicht, dem Willen meiner Mutter zuvorzukommen. O, ſie kennt die Gewalt nicht, mit der ſie mein Schickſal an das ihre für immer gekettet hat!— O, haben Sie Mitleid mit mir, mein Freund! Ich ſehe wie wenig zuſammenhängend die Züge ſind, mit denen ich Ihnen mein Unglück entwerfen wollte. Aber ruhig erzählen kann ich jetzt nicht. Ich werde noch heute Warmbrunn verlaſſen, um zu meinem Regi⸗ mente abzugehen, mein Urlaub iſt um,— was ſollte mich noch länger halten!— Meine Couſine wandelt mit verweinten Augen umher, der Baron iſt gleichfalls ſtill und in ſich gekehrt, die Kinder ſchreien nach ihr, und ich!— o, ich bin der Un⸗ glücklichſte unter Allen!— — 176— Zweiunddreißigſter Brief. Graf Malvi an die Baroneſſe Münter. Warmbrunn, im Auguſt 18**. Ich habe Ihuen heute ſehr viel Neues zu ſchrei⸗ ben, gnädige Frau! Für's Erſte ſollen Sie er⸗ fahren, daß die Domikowsky abgereiſt iſt, und das ſehr heimlich, ſehr ſchnell. Sie war eben von ei⸗ ner Reiſe zurückgekommen, auf welcher ſie der Hauptmaun von Bören begleitet hat, und ſchien ſich noch einmal der Geſellſchaft in voller Glorie zeigen zu wollen, bevor ſie auf immer von ihr ſchied. Sie erſchien auf dem Ball des dritten Auguſts im höchſten Glanz ihrer Reize, um alles um ſich her zu verdunkeln. Baron Benting ſoll gegen ihre Schönheit nicht blind geweſen ſein,— ſo wie er leider ſtets nur zu viel Sinn für Her⸗ minens Vorzüge hatte.— Aus einer beſondern Urſache verließ ſeine Gemahlin ſehr früh mit dem Fräulein den Saal. Man flüſterte ſich darüber — 177— viel in's Ohr, und nannte dabei mit Bedauern den Namen der Baronin. Die Abreiſe der Do⸗ mikowsky, die den andern Morgen erfolgte, mußte zum Unglück die zweideutigen Gerüchte beſtätigen. Es liegt in der That viel Auffallendes in ei⸗ nem ſo plötzlichen Verſchwinden, die Baronin be⸗ kömmt man gar nicht zu ſehen, um darüber etwas Näheres zu erfahren, und Bören iſt, wie ich höre, nach ſeiner Garniſon abgegangen. Fräulein von Winzor, der ich geſtern dieſen Vorfall mittheilte, ſchien nichts weniger als überraſcht zu ſein. Mit ihrer gewöhnlichen Ruhe entgegnete ſie, indem ein feines Lächeln ſich über ihr Geſicht verbreitete: „Hab' ich's nicht immer geſagt, die Domikowsky würde die Baronin mit Undank belohnen! Einem Charakter wie dieſem iſt nichts heilig, ſelbſt die Freundſchaft nicht!“— Sie ging darauf mit ei⸗ nem Geſicht, auf dem ſich ein heimlicher Triumph ſpiegelte, einigemal im Zimmer auf und nieder. Sie ſchien über etwas nachzudenken. Ich errieth ihre Ideencombination, und begann von Bören in einem bedauernden Tone zu ſprechen.„O, ſchwei⸗ gen Sie!“ fiel ſie heftig ein;„Euch Männern iſt ſolche Strafe ſehr gerecht!— Wer abſichtlich ſich die Augen verſchließt, der beklage ſich ja nicht, wenn er ſich einmal den Kopf verletzt!“— Sie —— —ä — —ᷣ—P—P—— —— — 278— ſetzte ſich hierauf an ihren Arbeitstiſch und zog eine Stickerei hervor. Bei dem Oeffnen der Schub⸗ lade erblickte ich ein ſchönes Collier von koſtbaren Steinen. Sie bemerkte es, und ſprach mit ruhi⸗ gem Tone:„der Obriſt von Lichtfeld hat mich ſchon heute, auf eine höchſt überraſchende Art, angebun⸗ den! Durch Zufall erfuhr er meinen Geburtstag, und ſandte mir dieſes Geſchmeide! Er wird mir nun bald ſelbſt ſeine Aufwartung machen, um die Entſcheidung ſeines Schickſals zu erfahren, das er ſeit geſtern in meine Hand gelegt hat!“—„Hö⸗ re ich recht!““ rief ich verwundert,„„der Obriſt von Lichtfeld? und werden Sie ihn erhören?““ „Ich habe, wie Sie ſehen, ſein Geſchenk angenom⸗ men!“ erwiederte ſie mit einigem Stolze,„ich muß daher ſchon entſchieden haben!— Der Obriſt iſt ein allgemein geſchätzter Mann, und meiner Hochachtung werth! Ich glaube, daß ich keine beſ⸗ ſere Wahl treffen konnte, indem ich der Hoffnung, noch einmal lieben zu können, ja längſt auf dem Grabe meines Erſtverlobten entſagte!“— Sie warf hierbei einen ſchwermüthigen Blick gen Him⸗ mel, und fuhr mit ſanfter Stimme fort:„Ich denke ſehr ernſt über die Beſtimmung des Weibes, ich fühle, daß wir ihr ſogar Opfer zu bringen ſchuldig ſind, wenn wir nicht als ein unnützes Mit⸗ glied in der großen Weltordnung betrachtet werden — 179— wollen! Ich kenne den Reiz eines unabhängigen Lebens, doch bin ich weit entfernt, dem Gliück, das die Freiheit gewährt, mein beſſeres Selbſtge⸗ fühl zu opfern, das einen Platz bedingt, wo es ſich in der Uebung würdiger Pflichten beſſer ausſpre⸗ chen kann!“— Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach die Sprechende. Der Obriſt trat im Bräutigams⸗Glanze herein, und ich empfahl mich mit einer glückwünſchenden Verbeugung. Da haben Sie nun die Neuigkeit, die von Munde zu Munde geht:— die Winzor iſt Braut! und kann mir dafür ein artiges Knixchen machen. Wer war es, der ihren Werth zu erheben, ihr Lob zu verbreiten bemüht war? Ich, wahrhaftig ich allein!— Wer ſich mit ſolchem Ruhm bedeckt, meine ſchöne Freundin! der kann mit ſtolzem Be⸗ wußtſein von dem Schauplatz ſeiner Wirkſamkeit ſcheiden! Sie werden nun die Winzor, wie ich höre, in Ihre Nähe bekommen! Der Obriſt nimmt den Abſchied, und will mit ſeiner Gemahlin nach unſerer Reſidenz. Ich werde, ſobald ich kann, ebenfalls dahin zurückkehren! Sie nehmen den ſatyriſchen Freund doch wieder in den lichenäuürdſgen Kreis Ihres Umgangs auf?— 8 — — 8 2 8 8 — 8 S 2 2 5 — — 5 im voraus meine Ergebenheit, vor Allen aber em⸗ pfangen Sie die Huldigungen Ihres treuen Ver⸗ Dreiunddreißigſter Brief. Norden an Walter. Warmbrunn, im Auguſt 13**. Zum erſtenmal wag' ich's zu hoffen, ich werde mein Kind noch erziehen! Ich fühle die alte Kraft in meinen Adern zurückkehren, meinen Geiſt ſich erheben über die Wolken düſterer Melancholie, und frei umherblicken in dem Raum, den Gottes Son⸗ ne erleuchtet, den noch die alte Liebe belebt und beſeelt. So mag es der Erde ſein, wenn die Eis⸗ rinde, die drückend über ihr lag, ſich allmählig lö⸗ ſet und zertheilt! Ihre Quellen öffnen ſich wieder, ihre Pulſe beginnen zu klopfen,— ſie ſchlägt die Augen auf, und ſieht, daß es nur ein Traum war, der ſie geängſtiget,— daß der Tod noch einmal überwunden, und der Frühling ihr wiedergege⸗ ben iſt.— Was dem Scharfſinn der Aerzte nicht gelang, hat dieſe kurze Reiſe über mich gewonnen.— Ich danke es dem Grafen, daß er mich aus meinen ————ꝭO—ñ—ꝑCꝑ—CO—CO—· — — — 182— dumpfen Träumen emporrüttelte— dort bin ich völlig erwacht, dort an dem Buſen der wunder⸗ mächtigen Natur!— Welche Mittel hat ſie, den Kleinmüthigen zu ſtärken! Welche erhabenen Trö⸗ ſtungen für ein verletztes Gemüth! Man kann mit Recht ſagen, daß an ihrer Tafel ein Jeder mit Seegen geſpeiſt wird, daß dieſe freundliche Wirthin ſowohl für das Unglück, wie für den kind⸗ lichen Frohſinn ein Wort der innigſten Theilnahme hat, für jedes erſinnliche Gefühl einen harmoniſchen Accord, kurz, daß ſie das reinſte, das heiligſte Ebenbild Gottes iſt! Wie war der Eingang in ihr Heiligthum ſchon ſo tiefbedeutend! Man hatte beſchloſſen, zu⸗ erſt die Koppe zu beſuchen, weil das Wetter ſehr günſtig war. Wir nahmen unſern Weg über die Höhen der Annen⸗Kapelle, weil dieſer Standpunkt an ſich ſchon ſo viel Reizendes hat. Als ich mit dem Grafen den ſchattigen Pfad emporſtieg, und bald den Hügel erklommen hatte: trat uns eine ſchlanke Geſtalt in Pilgertracht entgegen. Sie grüßte uns Beide mit einem Antlitz, ſo roſig wie der Morgen, und bot uns freundlich die Hand. Ich wußte mir die Erſcheinung des wunderbaren Weſens nicht zu erklären, das, die großen dunkel⸗ blauen Augen auf mich gerichtet, vor mir ſtand, mit dem Ausdruck des ſeelenvollſten Vertrauens — 183— in allen Zügen.„O, Pilgerin aus einer beſſern Welt!“ wollt' ich ſagen,„willſt du uns hinauffüh⸗ ren zu deiner lichten Heimath?“— Aber der Graf ſtellte mir in demſelben Augenblick in der zarten Geſtalt ſeine Tochter vor, und der Zauber war gelöſt. „Ich führe Sie hinauf!“ ſagte die Kleine, zur Höhe deutend, und ſchritt dann, ſich oft freund⸗ lich umſehend, vor uns her. Unſere Reiſegeſellſchaft verſtärkte ſich bald,— Hermine, die die Comteſſe begleitete, erwartete uns bereits in dem Förſterhauſe, wo ſie ein Früh⸗ ſtück bereitet hatte. Kurz darauf ſtieß der Haupt⸗ mann von Bören zu uns, der die Erlaubniß des Grafen hatte, die Geſellſchaft zu begleiten. Wir waren fortan eine Familie, verſchwiſtert durch ein gemeinſames Intereſſe,— täglich harrte unſer ein neuer Wonnebecher, ein überraſchendes Bild erha⸗ bener Größe und Herrlichkeit. Wir wurden uns alle vertrauter durch die Segnungen, die wir theil⸗ ten, durch die kleinen Beſchwerden, die wir gemein⸗ fam ertrugen. Auch mit Herminen ſöhnte ich mich aus. Ich bemerkte zu meiner Freude an ihr ein Herz für das Heilige in der Natur! Ich habe felbſt Thränen der Rührung in ihren Augen geſe⸗ hen, als die Gewalt der allmächtigen Schönheit ihren Sinn erfaßte, und ſchließe daher mit Recht, „. — 184— daß ſie neben den geſelligen Vorzügen, die ſie lei⸗ der nur zu ſehr den Verlockungen der Welt Preis geben, auch ein Gemüth haben müſſe, das edlerer Eindrücke fähig iſt!— Ich wünſchte wohl, daß Hermine dereinſt der Leitung eines recht braven Mannes anvertrauet würde, ſie könnte ein höchſt brauchbares Glied der menſchlichen Geſellſchaft wer⸗ den, wenn ihre Kraft ſtets zum Guten hingeleitet, ihr raſtloſes Umherſchweifen auf einen würdigen Gegenſtand gelenkt würde!— Glaubſt du, daß Bören der Mann iſt, wie ich ihn für ſie wünſche? Man kann ihm den feſten, männlichen Sinn nicht abſprechen,— aber eines iſt's, was ich fürchte: — ſeine Liebe für ſie iſt zu ſichtbar,— um dieſes muthwillige Weſen nicht in der Folge übermüthig und allzuſicher zu machen. Ich betrachte in der That mit Intereſſe ihre gegenſeitige Neigung, und kann nicht läugnen, daß in dem Betragen Hermi⸗ nens gegen ihn mehr Wiürde liegt, als ich ihr zu⸗ getraut hätte! 4 Den 5. Auguſt. Ich wurde in meinem Schreiben durch einen Beſuch des Hauptmann Bören unterbrochen. Er nahm Abſchied, um ſich morgen in ſeine Garniſon zu begeben, und erzählte mir mit mühſam unter⸗ — 185— drückter Empfindlichkeit, daß Hermine den Bitten des Grafen Domelli Gehör gegeben, und mit der Comteſſe nach Breiſach gereiſt ſei. Mir gefiel der Entſchluß des Mädchens. Es iſt nicht rathſam für ein junges Geſchöpf, die Huldigungen eines Man⸗ nes anzunehmen, bevor er ſich ernſtlich erklärt hat. Bören konnte es nicht, ihm fehlte die Einwilligung ſeiner Mutter. Herminens Entſchluß iſt daher von doppeltem Nutzen. Die Beharrlichkeit ſeines Cha⸗ rakters wird dadurch geprüft, und ſie entgeht den Pfeilen verläumderiſcher Zungen. So dachte ich, Walter, aber leider irrte ich mich nach meiner ge⸗ wöhnlichen Art, in Hinſicht der Weltmenſchen! Es gibt keinen Maaßſtab, nach dem ſich die incon⸗ ſequente Meinung dieſer Geſchöpfe beſtimmen ließe. Es hat ſich ein Gerücht verbreitet, als habe Her⸗ mine, dem Willen der Baronin zufolge, das Haus derſelben verlaſſen müſſen; man ſpricht auf das zweideutigſte von Herminens Charakter und von der Baronin in einem bedauernden Tone. Ich widerſpreche der Verläumdung, ſoviel ich vermag, aber die Welt findet eine Art von ſchadenfrohem Genuß in dieſer Verkleinerung Herminens; ſelbſt Männer, die ſich früher ſichtlich um ſie gedrängt, kehren ſich feindlich gegen die Entfernte; vor Allen bemüht ſich Graf Malvi, jene Gerüchte zu unter⸗ ſtützen. Er gehört auch zu denen, die Herminens — 186— Liebreiz anerkannten, ob es gleich ſein ſtolzer Cha⸗ rakter, da ſie ſtets gleichgültig gegen ihn blieb, nie eingeſtehen wollte. Jetzt rächt er ſich an der Spröden mit boshaftem Eifer, um der Welt den Wahn zu benehmen, als hätte er ſich jemals zu ihren Verehrern bekannt. O, Walter, welch' ein kleinliches Geſchöpf iſt der Mann, wenn er hinter⸗ liſtige Rache übt! Ich fühle einen heimlichen Aer⸗ ger, ſo oft ich des Grafen gedenke; ſeine Geſtalt, ſeine regelmäßigen Züge, zu was ſind ſie, als den Irrthum noch anſchaulicher zu machen, in dem die Natur ſich befand, als ſie vermeinte, damit eine edle männliche Seele zu ſchmücken? Der Stolz, mit dem ſich der Eigendünkel einer kleinlichen Seele bläht, wird nie den wahren Adel des Mannes er⸗ ſetzen. Die Kraft, die zu edeln Thaten erhebt, zu fruchtbaren Worten begeiſtert, iſt das Kennzeichen ſeiner Würde;— moraliſche Schwäche, wie müh⸗ ſam ſie ſich auch verſteckt, ihr ſchädlichſter Feind, und die Wiege der gefährlichſten Thorheiten. — 187— Vierunddreißigſter Brief. Der Hauptmann von Bören an ſeine Mutter. Aus der Reſidenz, im Auguſt 18*. Sie haben mich tief betrübt, meine Mutter, in⸗ dem Sie dem zweizüngigen Ungeheuer, das Sie die Meinung der Welt nennen, dem ungerechteſten aller Richter, ſo blindes Vertrauen ſchenken, daß das Wort Ihres Sohnes, wie ein ohnmächtiges Kin⸗ dergeſchwätz abgewieſen, verſtummen mußte! Wie wenig verſtanden Sie mich, da Sie mich ſo bald von einer Neigung zu heilen hoffen, von deren Tiefe ich Sie überzeugt zu haben vermeinte. Ich wiederhole es Ihnen mit Freuden, daß ich nicht zu denen gehöre, die in augenblicklicher Verblen⸗ dung ihr Herz verpfänden und auslöſen können für den ſchnöden Gewinnſt kurzer Minuten! Die Liebe, die ich meine, wächſt langſam empor, aber ihre Wurzeln ſchlagen tief in das Daſein hinein. — 188— Was hat die Welt gegen Herminen? Tadelt ſie es, daß ſie ſtolz genug war, die Bewerbungen einiger ihrer zahlreichen Verehrer von ſich zu wei⸗ ſen? Was kann ſie für ihre gehorſamen Diener? Soll man die Schönheit vor Gericht führen, wenn ſie Bewunderung erregt? Das Bild, was Ihnen die Welt entwarf, iſt, wenn ihm auch einige Züge der Wahrheit zum Grunde liegen, doch ſo zur Kar⸗ rikatur verſchoben, daß weder ich noch irgend ein Anderer das Mädchen wieder erkennen würde, das ſich, wo es auftritt, auch Liebe zu erwerben weiß. Ihr jugendlicher Frohſinn wird als Uebermuth, ihr anmuthiger Scherz als Mangel an Lebensart ge⸗ ſcholten und angeklagt, und doch möchte ein Jeder ſo gerne bei ihr borgen, wenn von geſelligen Tu⸗ genden die Rede iſt. Sie kennen den Grafen Do⸗ melli, ſeinen Stolz, ſeine feine Menſchenkenntniß. Würde er Herminen die Ausbildung ſeiner Tochter anvertrauen, wenn er den Einfluß eines zweideu⸗ tigen Charakters zu fürchten hätte? Hermine liebt die Comteſſe, ſie iſt ihr in die ländliche Einſamkeit gefolgt, und warum? weil ich ihr zu dreiſt meine Neigung verrathen, weil ſie ſich lieber von mir trennen wollte, als eine Liebe begünſtigen, welcher die Hand meiner Mutter den Seegen verweigert hatte. Können Sie einen Charakter länger ver⸗ kennen, der Kraft genug beſitzt, eher dem Gelieb⸗ — 189— ten zu entſagen, als gegen den Willen einer un⸗ bekannten, nur durch die Würde der Mutter ihr theuer gewordenen Frau, ihr Glück zu begründen? — O, theuere Mutter! hinweg mit den armſeli⸗ gen Vorurtheilen! Die Welt wird bald den Ge⸗ genſtand ihrer Verfolgung bewundern, wie ſie heute haßt, um ſich morgen ſchmeichelnd im Staube zu winden. Und, wenn es wahr wäre, was Sie ſa⸗ gen, daß man ihren Ruf anzufeinden wagte,— was könnte der Verläumdung beſſern Widerſtand leiſten, als die Wahl eines Mannes aus einer ſo unbeſcholtenen Familie? O, wenn das Recht uns genommen wäre, verfolgte Unſchuld zu ſchützen, ſie zu vertheidigen mit dem eigenen Leben, wem fiele dieſe heilige Pflicht noch anheim? Bei Gott, ich fühle es mit jedem Pulsſchlage mehr, daß ich werth bin, den Namen eines Mannes zu tragen, daß ich Muth habe, meine Ueberzeugung dreiſt auszuſpre⸗ chen durch Wort und That, daß ich nichts ſcheue, als die eigene Verachtung,— und die würde mich unausbleiblich treffen, wenn ich feig genug wäre, jetzt von Herminen zu laſſen.— Sie ſchreiben in Ihrem Briefe, Sie würden, auch wenn ſie un⸗ ſchuldig wäre, den Mann bedauern, der ihr Schickſal theilen müßte:— nur dieſes Wort nehmen Sie zurück, Mutter! nur dieſes einzige Wort! Das kam nicht aus dem Herzen einer — 190— Frau, die die Hülfloſigkeit ihres Geſchlechts füh⸗ lend, die höchſte Würde des Mannes in dem Schutz, den er den Schwächern gewährt, verehren muß! Nein, meine Mutter, hinweg mit der Zeile! Ihr Bild ſoll rein ſtehen in meinem Gemüth!— Die Warnungen, die Sie mir ertheilten, kamen, ſo hart ſie auch ſind, aus einem mütterlichen Herzen; ich werde ſie ehren, auch wenn ich ſie auf meinen Fall nicht anwenden kann, und die ſorgſame Güte ſtets hochſchätzen, die Sie für die Wohlfahrt Ihres Sohnes im Buſen tragen. Noch gebe ich die Hoff⸗ nung nicht auf, eine gütigere Entſcheidung zu er⸗ halten. Die Benting iſt bereit, meine Worte zu beſtätigen, wenn anders des Sohnes Wort frem⸗ der Beſtätigung bedarf.— Mein Lebensglück iſt an das Schickſal Herminens gekettet; Sie ſenden keinen Pfeil auf dieſelbe, der mich nicht zugleich im innerſten Leben verwundet. O, daß Sie, ver⸗ ehrte Mutter! dieſes erwägen möchten, bevor Sie entſcheiden! Fünfunddreißigſter Brief. Fräulein von Winzor an die Baroneſſe Münter. Warmbrunn, im Auguſt 18. Ja, es gibt Beſtimmungen in unſerm Leben, Be⸗ ſtimmungen, denen man nicht entgehen kann! Ich ſträubte mich lange gegen den Wunſch meiner Schwägerin, mit ihr das Bad zu beſuchen, und dennoch mußte ich nachgeben,— warum?— weil es im Buche meines Schickſals geſchrieben ſtand, daß dieſer Schritt bedeutend für mein ganzes Le⸗ ben werden ſollte,— wie er es nun durch ſeine Folgen auch wirklich geworden iſt!— Ich bin ver⸗ lobt,— Geliebte! Ich ſehe Ihre Verwunderung, wenn nicht etwa Graf Malvi nach ſeiner gewöhn⸗ lichen gefälligen Weiſe Ihnen bereits dieſe Neuig⸗ keit verrathen hat!— Sie werden über die Schnel⸗ le meines Entſchluſſes erſtaunen, indem Sie meine Abneigung gegen jede Verbindung der Art kann⸗ ten, und von der ungünſtigen Meinung, die ich — 192— überhaupt von den Männern hegte, unterrichtet waren! Ich wundere mich auch in der That über mich ſelbſt, daß ich Kraft genug hatte, jene Vor⸗ urtheile, die ſeit Jahren von meinem Herzen Be⸗ ſitz genommen hatten im Glauben an eine höhere Beſtimmung, und durch die Anerkennung eines uns angewieſenen Berufs, zu überwinden. Der Obriſt von Lichtfeld, mein künftiger Ge⸗ maͤhl, beſitzt die Achtung derer, die ihn kennen, in einem ausgezeichneten Grade; die Orden, die ſei⸗ ne Bruſt bedecken, zeugen von ſeiner Tapferkeit, wie der feine Sinn, den er für die wahren Ver⸗ dienſte der Frauen zu haben ſcheint, auf ein gebil⸗ detes Herz, auf einen würdigen Charakter hindeu⸗ tet. Verlangen Sie übrigens, meine Freundin, keine weitläufige Beſchreibung von mir.— Genug, ich habe Zutrauen und Achtung für meinen Ver⸗ lobten.— Mein Herz,— o Geliebte!— das darf wohl hier nicht befragt werden!— Es gibt Ge⸗ müther, in denen die Blüthe der Liebe nur einmal aufkeimt, und bei dieſen gilt es nachher gleich, wem ſie zufallen,— ſobald nur der Verſtand die Wahl billigen kann.— Der Rang meines künfti⸗ gen Gemahls, unſer Vermögen, wird mir vor vie⸗ len meines Standes bedeutende Vortheile gewäh⸗ ren. Er nimmt, da er an mehreren Bleſſuren lei⸗ det, den Abſchied, um ſich bald nach unſerer Ver⸗ — 193— mählung mit mir nach*rr zu begeben. Es liegt für mich noch viel Erfreuliches in der Hoffnung⸗ recht bald und auf immer in Ihrer Nähe zu ſein! Wer kennt dies von ſo vielen Schmerzen heimge⸗ ſuchte Herz beſſer als Sie? Wer theilt meine Ueberzeugung von der Unvollkommenheit alles irdi⸗ ſchen Glückes, die ernſten Anſichten von den Pflich⸗ ten unſers Berufs, auch wenn ſie gegen unſere Neigung ſtreiten, ſo innig mit mir, als Sie, mei⸗ ne Freundin! Ja, Ihnen nur darf ich's geſtehen, was dieſe Zeilen ausſprechen, daß ich mich ver⸗ mählen werde, ohne zu lieben; daß ich mit mei⸗ ner Moral, meiner Willenskraft, auch ohne dieſe Haupttriebfeder auszureichen gedenke, die freilich am ſchönſten zu der Vollbringung ſo ernſter Pflich⸗ ten ermuthigen muß. Ich betrüge deshalb den Mann meiner Wahl um keine ſeiner Hoffnungen! Er iſt über die Jahre hinaus„ wo von einer Lei⸗ denſchaft die Rede ſein kann, und ſo wird er nie empfinden, daß noch eine Lücke in meinem Herzen blieb, die er nicht ausfüllen kann. Ein Frauen⸗ herz iſt ſo reich an Milde und Güte, daß es auch, ohne tiefere Neigung zu empfinden, beglücken kann. Ich werde ihn ehren, ſein Leben erheitern, ſo viel. ich vermag! Sein würdiger Charakter wird mir das erleichtern! Er hat viel Gefühl für die Tu⸗ genden des Weibes,— und das, meine Freundin, Angela 1. 9 — 194— iſt, meine ich, ein Vorzug, den man heutzutage recht hoch anrechnen ſollte!. Doch nun genug von meinen Angelegenheiten. Ich eile Ihnen noch eine andere Bemerkung mit⸗ zutheilen. Soviel ich weiß, habe ich Ihnen in meinem vorigen Briefe einiges über die Domikows⸗ ky geſchrieben, und muß Ihnen daher nur ſagen, daß meine Abneigung gerechtfertiget, meine Pro⸗ phezeihung leider nur zu bald in Erfüllung gegan⸗ gen iſt. Herminens ſichtliches Beſtreben, den Haupt⸗ mann von Bören an ſich zu feſſeln, war nicht ohne günſtigen Erfolg geblieben. Der Leichtgläubige be⸗ fand ſich bereits, allen Warnungen unzugänglich, in den Netzen der gefährlichen Zauberin, und wäre vielleicht auf immer ihre Beute geworden, hätte ſie nicht ſelbſt ihren Triumph zerſtört. Das übermü⸗ thige Geſchöpf begnügte ſich nicht mit ſeinem Be⸗ ſitz, ſie wußte den Gemahl ihrer Freundin, den Benting, mit gleicher Liſt in ihr Gewebe zu ver⸗ ſtricken. Es muß ſogar zu bedeutenden Auftritten gekommen ſein, indem die Benting ſie ſehr plötzlich aus ihrem Hauſe entfernte. Was ihr Vergehen noch glaubwürdiger macht, iſt die Abreiſe des Herrn von Bören. Er ging zu ſeinem Regimente ab, ohne ſich weiter um Herminen zu bekümmern; ein Betragen, das mit ſeiner ſonſt ſo leidenſchaftlichen Art zu lieben, im auffallendſten Contraſte ſteht. — 195— Uebrigens geht die Langmuth der Benting ſo weit, daß ſie ſich die Miene gibt, als wüßte ſie gar nichts von den Gerüchten, die ſich ſeit dem letzten Balle verbreitet haben. Sie erwiederte auf meine Frage, warum ſich Hermine ſo ſchnell der Geſellſchaft ent⸗ zogen habe: daß ſie das Anerbieten des Grafen Domelli, die Comteſſe zu begleiten, aus Liebe zu dieſer, angenommen habe, und gab ſich dabei noch die Mühe, recht viel zum Vortheil Herminens zu ſagen, und das im Angeſicht der Geſellſchaft. Ich mußte in der That die Frau bewundern, die, um die Ehre ihres Gemahls von jedem Flecken zu rei⸗ nigen, ſo viel Gewalt über ſich hatte, die treuloſe Freundin vor den Augen der Welt mit einer Wär⸗ me zu vertheidigen, die ſo den Ausdruck der Wahr⸗ beit hatte, daß kein weiterer Zweifel aufkommen konnte. Ich weiß nicht, ob ſie Recht daran that, ihre Großmuth ſo weit zu treiben. Sie ſteht in dieſer Hinſicht auf einer Höhe, zu der ich vergebens aufſtreben würde. Wo ich nicht achten kann, ver⸗ mag ich nicht dieſe freundſchaftliche Selbſtüberwin⸗ dung zu üben! Ich gönne jedem Verdienſte ſeine Krone,— aber der Unwürdigkeit Kränze winden, könnte ich nicht, und wenn es ſelbſt die Klugheit geböte! Ich weiß nicht, ob ich hierin Tadel ver⸗ diene, und wenn es wäre, ſo habe ich wenigſtens 9* — 196— das Verdienſt, meinem Charakter gemäß geſpro⸗ chen zu haben, der, an ſtrenge Grundſätze gewöhnt, ſich nimmer verläugnen kann, es ſei in Hinſicht der eigenen Handlungsweiſe, wie in der Beurthei⸗ lung des Betragens Anderer. Ich glaube, daß ich glücklicher wäre, wenn es anders ſein könnte! Das Leben hat täglich Erſcheinungen aufzuweifen, die unſer ſittliches Gefühl, wenn es allzuſehr ver⸗ wöhnt iſt, beleidigen oder wenigſtens unangenehm berühren; wir leiden dann immer allein durch dieſe Verfeinerung unſers Sinnenvermögens, und be⸗ zahlen die Schulden der Andern durch die eigene Qual, ohne jene zu beſſern, ja ohne ſie einmal be⸗ ſtrafen zu können. Um wie viel glücklicher iſt ein Geſchöpf wie die Domikowsky. Sie pflückt die Blumen ihres leichtfertigen Genuſſes, wo ſie ſie findet, ohne Erröthen, und ſei es auch von dem Beete der Freundſchaft. Sie handelt nach Will⸗ kühr, ohne ſich um das Gutachten der Andern zu bekümmern, und ärntet ſtatt des verdienten Tadels nicht ſelten die Bewunderung, den Neid der ver⸗ blendeten Menge, ja wohl am Ende noch die Liebe der Kurzſichtigen, die ihr zum Spielball ihrer muth⸗ willigen Laune dienten.⸗ O, meine Freundin! man muß feſtſtehen auf dem Pfade der Tugend, um nicht zu wanken, wenn man die Thorheiten der Menſchen mit klaren Blicken 197 S 2 — — — 8 8 S F — 2 5 5 ☛‿α ₰ι ‚ — — — 5 82* 8 5 f S . F 5 5 — a 2 5 9 3 12— 8 d 2& 12 — — & S 5* 8 — 2 8 2 — = 5 53 — S S 2 — 5 — S — +— — = betrachtet! Sechsunddreißigſter Brief. Angela, Comteſſe Domelli, an Ri⸗ chardis. Breiſach, im Auguſt 18** Ich ſchreibe Ihnen aus meiner Heimath, liebe Richardis; wir ſind ſeit geſtern in das alte Schloß Breiſach eingezogen, und das in Begleitung der liebenswürdigen Hermine. Es iſt recht ſehr gut, daß ſie mit uns iſt! Die Lage des Dorfes iſt zwar ſehr reizend, doch das hohe weitläufige Ge⸗ bäude, das wir bewohnen, hat für mich etwas ſo düſteres, ſo trauriges, daß mir ohne Herminen hier wirklich recht bange werden könnte. Mein Vater führte mich durch die Reihe der öden, ſchweigſamen Gemäͤcher; ich ſollte mir ſelbſt das Zimmer wählen, das ich in Zukunft bewohnen werde.— Ein freund⸗ liches Erkerſtübchen, das an ein größeres Gemach grenzt, gefiel mir wegen ſeiner heitern Ausſicht vor Allen; man kann hier das ganze Dorf überſehen, — 199— dabei gewährt die Kirche, die gerade am Ende ei⸗ ner langen Obſtbaumallee, hinter weißen Mauern hervorblickt, einen ſchönen Proſpekt, ſo daß das Auge ſich mit Luſt bald an dem lieblichen Vorder⸗ grund weidet, bald in der weiten Ferne ſich ergeht, an deren bläulichem Horizont man die Thürme der Reſidenz hervorragen ſieht. Hier, liebe Richardis, an dem hohen geöffne⸗ ten Fenſter, von ſchmeichelnden Lüften angeweht, ſitzt bereits Ihre Angela, und übergibt der Feder den Gruß der innigſten Liebe an Sie, meine theuerſte Freundin!— Ich habe mich unausſprech⸗ lich geſehnt nach dieſem Augenblick der Ruhe, denn ich habe Ihnen vieles zu ſchreiben! Sie wünſchten beim Scheiden, ich ſolle Ihnen recht umſtändlich von unſerer Reiſe erzählen, ſchieben Sie es daher auf meinen Gehorſam, wenn ich Ihre lieben Augen zu lange in Anſpruch nehmen, und Sie durch mei⸗ ne Mittheilungen ermüden ſollte!— Sie glauben nicht, mit welcher Ungeduld ich der Stunde unſers Aufbruchs entgegenſah! Her⸗ mine hatte für ſich und mich einen Reiſeanzug be⸗ ſtellt, der faſt das Ausſehen eines Pilgerkleides hatte. Er beſtand aus einem Oberrock von blaß⸗ grauer Seide mit herabhängenden Kragen;— da⸗ bei hatte ſie, aus Fürſorge für unſern Teint, zwei große italieniſche Strohhüte beſorgt, die Nacken Tanze erſtieg. Oben— ich hatte mich abſichtlich und Geſicht zugleich beſchützten, und uns ein recht abentheuerliches Anſehen gaben. Ich mußte auf ihre Bitte ein Paar ihrer niedlichen Halbſtiefelchen annehmen, um vor den Dornen und dem feuchten Graſe geſichert zu ſein, die bei dergleichen Par⸗ thien das Reiſen der Damen ſehr erſchweren. So traten wir, auf das Zweckmäßigſte gerüſtet, unſere Pilgerfahrt an einem herrlichen Morgen an. Ich fuhr mit Herminen voran, um den Vater auf der erſten Station mit einem Frühſtück zu überraſchen, für das wir heimlich geſorgt hatten. Mir war ſo heiter um's Herz, ſo leicht, daß ich an der Hand meiner Gefährtin die bedeutende Höhe der Annen⸗ kapelle zur Verwunderung unſerer Führer, wie im nicht umgewendet, um deſto ſchöner überraſcht zu werden,— oben umfing mich auf einmal der gan⸗ ze Zauber der blühenden Landſchaft, die im Schim⸗ mer des Morgens zu meinen Füßen lag. Sehen Sie, liebe Richardis, ich mußte, als ich mich einen Augenblick allein befand, niederknien und anbeten! Die kleine Kapelle des Berges war verſchloſſen, aber ein großer, unendlicher Tempel hatte ſeine Pforte mir aufgethan; mein Gottesdienſt war von keiner Mauer begrenzt,— das Himmelsgewölbe war mein Dom; mein Altar das Hochgebürge, auf deſſen erſter Stufe ich kniete.— Als ich mein Ge⸗ — 201— bet beendet und kurze Zeit in ſtiller Betrachtung an dieſer Stelle verweilt hatte, ſah ich zwei Wan⸗ derer den Pfad heraufkommen,— es war mein Vater und Norden, der mit uns reiſte.— Ich flog ihnen entgegen, und reichte beiden die Hand; mir war, als müßte ich ihnen den letzten beſchwer⸗ lichen Gang erleichtern. Bald folgte auch der Hauptmann von Bören nach, ein junger, artiger Mann, den ich, unter uns geſagt, für Herminens Bräutigam halte; wir waren von nun an gleich⸗ ſam eine Familie, und empfanden das Schöne dop⸗ pelt im Genuß der heiterſten Mittheilung.— Nach beendigtem Mahl, das Hermine im För⸗ ſterhäuschen bereitet hatte, ſetzten wir unſere Wanderung weiter fort. Wir ließen uns abwech⸗ ſelnd auf Stühlen tragen, und genoſſen die Man⸗ nigfaltigkeit der Gegend, den ſtets reizender wer⸗ denden Anblick ohne Anſtrengung, indeß wir immer bedeutendere Höhen erreichten, und bald die Koppe mit ihrem kahlen Felſenſcheitel vor uns liegen ſa⸗ hen. Ein großer Teich, der in der Rähe der ſe⸗ henswerthen Dreiſteine liegt, gewährt anf dieſer Höhe, von Felſen eingeſchloſſen, einen höchſt über⸗ raſchenden Anblick. Die Gegend umher iſt ſtill und düſter,— es iſt, als breite der Geiſt der Melan⸗ cholie über dieſen Waſſerſpiegel ſeine ſchwarzen Fit⸗ tige aus. Wir ſtanden eine Weile in ſtummer — 2⁰02— Beſchauung vor dem traurigen Bilde. Hermine ſang mit leiſer Stimme nach einem bekannten Volksliede: Hoch oben auf jenem Berge Da liegt ein ſtiller See, Stiller wie dieſer iſt keiner Unter der Himmelshöh'. Ein Schauer überflog mich; mir war, als ſä⸗ he ich Geſtalten auf den Wellen hin- und herglei⸗ ten, als müſſe mir hier etwas Geſpenſtiſches be⸗ gegnen. Ich holte erſt dann freien Odem, als wir von hier aufbrachen, und der ſchwarze Teich aus meinen Augen verſchwand. Die Pfade wurden nun beſchwerlicher, wir mußten das Waſſerbett des Sei⸗ fens paſſiren, und gelangten ſodann an die Sei⸗ fenlehne, die ſehr ſteil iſt, aber durch künſtlich an⸗ gebrachte Treppen und Ruheplätze dem Wanderer erleichtert wird. Eine friſche, grünende Wieſe zeig⸗ te uns endlich die Nähe der Baude an, wo wir übernachten wollten, um dann bei anbrechender Morgendämmerung die Koppe zu beſteigen. Der Abend war bereits herangekommen, wir genoſſen von hier aus der reichſten Ausſicht, die von der ruhigen Klarheit der letzten Abendbeleuch⸗ tung ein unausſprechlich reizendes Colorit erhielt. — Uneergleichlich iſt der Farbenwechſel, der bei dem Untergang der Sonne die entfernten Gegenden — 203— in jedem Augenblick mit andern Tinten ſchmückt.— Erſt wogt ein goldener Flor um den Horizont, dann zieht er ſich näher und näher über die Flu⸗ ren, die Gegenſtände ſcheinen von einem roſigten Lichte angehaucht, bis das Auge des Tages unter⸗ geht, und ſeine letzten ſcheidenden Strahlen nur noch gleich einem purpurnen Duft über dem Hoch⸗ gebürge ſchweben.— Jetzt treten die tiefern For⸗ men, befreit von dem blendenden Schleier, noch einmal in ſchärfern Umriſſen hervor,— die Berge legen ihren violetten Mantel an, bis endlich Hö⸗ hen und Tiefen in dem dunkelblauen Duft der Nacht verſchmelzen. Wir richteten uns in der ländlichen Herberge, ſo gut wir konnten, ein, und genoſſen eine Abend⸗ mahlzeit, die, ſo einfach ſie war, doch mit dem Köſtlichſten was die Erde hat, dem Frohſinn und der heiterſten Eintracht, gewürzt war. Die Ster⸗ ne waren indeß aufgegangen; ich trat vor die Hüt⸗ tenthür und ließ mich auf einen Stein nieder, den Aufgang des Mondes erwartend, der hinter den Bergen hervordämmerte.— Eine hohe, männliche Geſtalt trat neben mich, ohne mich zu bemerken; es war Norden. Er ſah zu den ſternbekränzten Höhen empor, ein leiſer Laut entglitt ſeinen Lip⸗ pen: Ich glaubte den Namen„Marie!“ zu ver⸗ ſtehen, und erinnerte mich ſogleich, daß dies der Name ſeiner Gattin war. Mir fiel ein, daß ich noch gar nicht nach der Guten gefragt, und ſie mich doch immer ſo lieb gehabt hatte. Raſch ſtand ich auf, um auf der Stelle meine Nachläßigkeit wieder gut zu machen.„Lieber Herr Norden“, begann ich,„wo iſt Ihre Gattin? und warum ha⸗ ben Sie ſie nicht mitgenommen auf dieſer ſchönen Reiſe?“ Er ſchauerte wie erſchrocken zuſammen, ein finſterer Blick fiel auf mich nieder.„„Sie iſt todt““, ſprach er vor ſich hin,— und ich bebte unwillkührlich vor dem Ton zurück, mit dem er dieſe Worte ausſprach.— O, ich hatte ſie ſehr lieb, Richardis, ihr Bild, ihre milde Freundlichkeit ſtand wieder lebendig vor mir, ich ließ meinen Thränen freien Lauf.— Norden bemerkte es, und, meine Haͤnd ſanft faſſend, ſagte er:„„Angela, wa⸗ rum dieſe Thränen? ihr iſt wohl beſſer als mir!““ „Run ſo laſſen Sie mich Ihr Unglück beweinen!“ entgegnete ich. Er ſah mich eine Weile ſchweigend au, daun, von einem plötzlichen Schmerz getroffen, zuckte ſeine Hand, er wandte ſich ſehr raſch ab, und ging langſamen Schrittes von dannen. O, ich hatte nicht recht gethan, dieſe Wunde zu berühren, aber ich konnte ja nicht ahnen, welch' harter Ver⸗ luſt ihn betroffen; Gott weiß, ich war unſchuldig, liebe Richardis! — 205— Der Mond war indeß völlig heraufgeſtiegen. Mein Vater in Begleitung der Andern ſuchte mich auf, ich trocknete raſch meine Thränen, und ging ihnen entgegen. Aber der Eindruck dieſes Augen⸗ blicks erloſch nicht ſo bald in meinem Gemüth. Wie freundlich uns auch die biedern Hüttenbewoh⸗ ner unterhielten, wie Hermine und Bören ſich ge⸗ genſeitig mit allerlei Mährchen und Aneldoten er⸗ götzten, ich ſah überall nur Nordens bleiches Ge⸗ ſicht, und hörte ihn ſeine düſtern Worte wieder⸗ bolen. Endlich wurde zur Ruhe gegangen. Ich ſchlief bald an Herminens Seite recht ſanft und füß, bis. ein ſeltſamer Traum meinen Schlummer ſtörte, Mir war nämlich, als ſähe ich mich mitten auf dem dunkeln Berg⸗See, in einem Kahn, der langſam über die Fläche dahin glitt. Eine tief verhüllte Geſtalt ſaß mir zur Rechten, doch ſprach, ſie kein Wort mit mir, ſondern hielt mich nur feſt bei der Hand, und blickte mich zuweilen mit ihren farblo⸗ ſen, verloſchenen Augen an. Ein Schiffer ſtand am andern Ende des Kahnes, doch vermochte ich ihn nicht zu erkennen, weil ihn ein gleiches ſchlep⸗ pendes Gewand, gleich dem meines Begleiters, meinen Blicken verbarg. Wir fuhren immer weiter den See entlang; endlich entdeckte ich, daß es ein breiter Strom ſei, auf dem wir ſchifften, der ſich — 2⁰6— in eine dunkele Unermeßlichkeit verlor; ich glaubte nun ganz deutlich den Styx zu erkennen, von dem ich oft geleſen, und bemerkte ſchaudernd, daß ich ein Schatten ſei.— Endlich landeten wir am ent⸗ gegengeſetzten Ufer, der Schiffer ſchlug ſeinen Man⸗ tel zurück, und gab mir mit zierlicher Verbeugung den Arm; ich ſah nun erſt, daß es Graf Malvi ſei, den ich in Warmbrunn kennen gelernt hatte, und mußte über meinen Irrthum ſo laut lachen, daß Hermine darüber erſchrocken emporfuhr, und ich ſelbſt völlig erwachte. Einige Minuten ſpäter kam man uns zu wecken. Es war drei Uhr, die Stunde, die wir zum Aufbruch beſtimmt hatten. Ich brauchte wirklich einige Zeit, um mich von dem böſen Traum zu erholen. Das Herz ſchlug mir noch, und ich mußte mir Mühe geben, meine kin⸗ diſche Beklommenheit vor Herminen zu verbergen. Was ſagen Sie, liebe Richardis, dazu? nicht wahr, Sie glauben an keine Bedeutung? Die Ur⸗ ſache davon lag in meiner Phantaſie, die jenes dü⸗ ſtere Bild zu lebhaft ergriffen, und ich mich neben⸗ bei viel mit dem Tode beſchäftiget hatte. Jetzt aber war es Zeit mich zu ermannen; wir verſorg⸗ ten uns mit wärmeren Kleidungsſtücken, und eilten dann zu der übrigen Geſellſchaft, um mit ihr ver⸗ eint dem ſchönen Ziele entgegen zu gehen. Bald hatten wir die Baude verlaſſen, ein ſcharfer Oſt⸗ — 207— wind ging dem Morgen voran, wir hüllten uns in unſere Mäntel ein, und verdoppelten unſere Schritte, um vor Sonnenaufgang die Koppe zu er⸗ reichen. Schon ſahen wir ſie, einem rieſigen Kegel gleich, in grauem Nebel vor uns aufdämmern. Wir mußten uns eines Stabes bedienen, um auf dem beſchwerlichen Wege nicht auszugleiten. Man eilt hier an einem Abgrund vorüber, deſſen Anblick Schauder erregt. Nordens Hand unterſtützte mich, wir waren die Erſten am Wege, und ſtanden, noch Dehe die Andern uns erreichen konnten, hoch oben, auf dem Rieſen der Berge. Ein pfeifender Zug⸗ wind ſiel uns an; das Chaos, das zu unſern Fü⸗ ßen lag, machte mich ſchwindeln, ich mußte mich feſt an meinen Begleiter halten. In dieſem Au⸗ genblick flammten einige Strahlen am öſtlichen Ho⸗ rizont zu einer zitternden Sonne zuſammen; ich glaubte in der That den großen Lichtball zu be⸗ grüßen, und konnte kaum faſſen, daß dies nur der Wiederſchein der Sonne ſei, die ſich in den Dün⸗ ſten des Morgens ſpiegele. Endlich erhob ſich das wonneſtrahlende Antlitz der Himmelskönigin; das Trugbild zerrann, um ſich als Roſenkranz um ihr Haupt zu ſchlingen. Unendliche Pracht und Herrlichkeit war rings um ſie ausgegoſſen, der Him⸗ mel ſchien ein Flammenmeer, das ſie auf weichen Wellen emportrug, der Erde zum Segen, uns — 203— zum unvergeßlichen Entzücken. Allmählig verſchmolz die Inſel, auf der wir ſtanden, mit den ſie umge⸗ benden Berghöhen, die Nebel zertheilten ſich lang⸗ ſam; ein Berghaupt nach dem andern wurde ſicht⸗ bar, endlich entwickelte ſich die ganze unermeßliche Ausſicht. 4 Verlangen Sie, Geliebte, keine Beſchreibung von dem Unbeſchreiblichen! Man glaubt hier von dieſem 814 Toiſen hohen Standpunkte eine endloſe Landcharte aufgerollt zu erblicken, die unſern Sinn erſtaunen macht, und zugleich durch ihre chaotiſche Größe verwirrt. Hermine meinte, wir hätten uns zu hoch verſtiegen, es ginge uns wie den Ueberge⸗ lehrten, die, indem ſie ihren Verſtand über die ge⸗ wöhnliche Sphäre hinausſchrauben, zuletzt das Le⸗ ben in ſeiner einfachen Bedeutung und ſeinen ge⸗ wöhnlichen Verhältniſſen aus den Augen verlieren. Norden gab ihr Recht, doch ſetzte er hinzu, es ſei für den Geiſt bisweilen ſehr wohlthuend, ſich, über die Regionen der Alltäglichkeit erhoben, im un⸗ ermeßlichen All zu fühlen, ohne an die Ketten er⸗ innert zu werden, die ſo oft des Geiſtes Aufſchwung hemmen; frei dazuſtehen, ein Sohn des Himmels, ohne die Schulſtuben vor Augen zu haben, in de⸗ nen die Erde ihre Pfleglinge erzieht.— Mein Va⸗ ter ſchüttelte den Kopf und ſchloß mit der ſcherz⸗ haften Bemerkung, daß das Leben ſich gewöhnlich — 2⁰9— an ſo ernſten Philoſophen zu rächen pflege, und ſtimmte der Anſicht Herminens bei, das Leben ſo lang mit Freud' und Luſt zu betrachten, bis unſern Sinnen ein neues Feld eröffnet ſei.— Wir be⸗ ſuchten nun die Kapelle und betrachteten die denk⸗ würdigen Inſchriften, und begaben uns mit Vor⸗ ſicht den ſteilen Weg zurück, auf welchem wir auf's Neue bei dem ſchauerlichen Kuppengrund vorbeikamen, der jetzt in voller Tagesbeleuchtung gleich einem gähnenden Ungeheuer mit ſpitzen Felſenzähnen uns zur Seite lag. Wir beſuchten nun die Wieſenbau⸗ den, und hier, liebe Richardis! war es, wo ich eine große Freude hatte. Man zeigte uns ein kleines Bächlein, Weißwaſſer genannt, von deſſen lateiniſcher Benennung, fluvius albus, man den Na⸗ men Elbe, wie überhaupt den Urſprung des herr, lichen Stroms von dieſer im höchſten Gebirge ent⸗ ſpringenden Quelle, herleiten will. Sie können nicht glauben, wie mich dieſe Entdeckung ſo ſehr erfreu⸗ te; ich bog mich hinab zu der fröhlich plätſchernden Fluth, ich ſprach, ich koste mit ihr, wie man mit einem Kinde ſchön thut, von deſſen Eigenſchaften man ſich Wunder verſprechen darf. Sie geleiten uns nun, liebe Richardis, über eine große Fläche zu dem Mittagſteine, wo wir die Teiche und die Dreiſteine zu unſern Füßen hatten. 4 — 210— Als wir noch an jener großen Felſenmaſſe waren, bemerkten wir eine ſeltſame Figur, die uns mit vielen Verbeugungen entgegen kam. Es war ein kleiner, hagerer Mann mit einer ungeheuern Habichtsnaſe, die gleichſam das übrige Geſicht in Nichts verſchwinden ließ. Seine Augen, ſo unan⸗ ſehnlich ſie waren, ſandten doch kraft ihrer Leben⸗ digkeit ſo ſprühende Blitze umher, daß ſeine ſonſt häßliche Phyſiognomie dadurch einen Ausdruck von Klugheit und Scharfſinn erhielt, der unſere Neu⸗ gier erregte, ohne uns unangenehm abzuſchrecken. Er trug einen bräunlichen Frack, worüber er einen dunkeln Mantel geworfen hatte, der aber ſo kurz war, daß die glänzenden Knieſchnallen und die buntdurchwirkten Strümpfe in gehöriges Licht tre⸗ ten konnten. Die Leichtigkeit und die auffallende Zierlichkeit ſeiner Fußbekleidung brachte Herminen auf den Gedanken, er müſſe ein Tanzmeiſter ſein, zumal da ſein ganzes Weſen eine große Behendig⸗ keit verrieth, und er weit mehr zu tanzen als zu gehen ſchien. „Die geehrten Herrſchaften“, begann er jetzt, ſich gegen uns verneigend,—„ſcheinen denſelben Weg einzuſchlagen, auf dem ich begriffen bin. Hätten dieſelben nichts dagegen einzuwenden, ſo würde ich den Vorſchlag thun, gemeinſame Sache zu machen, zumal da ich hier oben gut bekannt — 211— bin, und Ihnen vielleicht mit mancher nützlichen Erklärung aufwarten könnte!“ Er verharrte in ſeiner demüthigen Stellung, bis mein Vater ihm einige artige Worte erwiederte, und ihn darauf der Geſellſchaft als unſern neuen Begleiter vorſtell⸗ te. Wir erfuhren nun, daß ſein Name Ambroſius, und er ein privatiſirender Gelehrter ſei. Sein Führer trug ihm allerlei Gepäcke nach, was, wie er uns ſpäter erklärte, aus fremden Vegetabilien, ſeltenen Steinarten, Schiefer und Erzſtufen be⸗ ſtand. „Ich gehöre“, fuhr er mit einem ſelbſtzufrie⸗ denen Lächeln fort,„nicht unter die Anzahl der Naturjäger, die bloß um den flüchtigen Genuß ei⸗ nes Sonnen⸗Auf⸗ oder Untergangs, dieſe Höhen erſteigen. Meine Abſicht iſt gemeinnütziger, in⸗ dem ich, als Mitglied einer vaterländiſchen Geſell⸗ ſchaft, meine Kräfte, ja oft meine Geſundheit wa⸗ ge, um die merkwürdigſten Erzeugniſſe dieſes Ge⸗ birges in Höhen und Tiefen zu ſuchen, und daher gleichſam als ein Märtyrer der vorſchreitenden Cul⸗ tur anzuſehen bin!“ Er machte uns hierauf mit vieler Beredtſamkeit mit den Schätzen ſeiner mine⸗ ralogiſchen und geognoſtiſchen Kenntniſſe bekannt, und vertiefte ſich mit meinem Vater und Norden in ſehr gelehrte Geſpräche. Hermine und Bören, die indeſſen ihrer luſtigen Laune den Zügel ſchießen — 212— ließen, machten mich auf die ſeltſamen Formen auff merkſam, die der Mantel des Magiſters bisweilln bei dem Spiel des Windes annahm. Es lag wirk⸗ lich etwas Unheimliches in dieſen carrikaturartigen Verwandlungen.„Am Ende kommen wir noch zu der Bekanntſchaft des Rübezahls!““ flüſterte Her⸗ mine mir in's Ohr, und fuhr zuſammen, als der Fremde ſich umwandte, und mit einer ſatyriſchen Miene ſagte:„Ja, ja, meine ſchönes Fräulein! wir betreten nunmehr ſein Gebiet, und ſind nicht ſicher vor ſeinen Liſten und Ränken! Sie hörten“, fuhr er fort, indem er ſein erſtes Geſpräch fallen ließ, —„vielleicht auch von jener Sage, welche uns von einem gar holden und reizenden Edelfräulein er⸗ zählt, die von der Begleitung ihres Ritters dreiſt gemacht, ſich allerhand übermüthige Spöttereien gegen den mächtigen Berggeiſt erlaubte, bis ſie von ihm durch das Geſchenk einer Erdbeere beſtraft wurde, die, ſobald ſie ſolche genoſſen hatte, an ih⸗ rem niedlichen Näschen ſichtbar wurde, worüber das ſchöne Kind ſich zu Tode gegrämt haben ſoll. Man hat ein artiges Volksliedchen darauf, welches Ihnen vielleicht bekannt ſein dürfte!“ „„Das nun eben nicht“““, entgegnete Hermi⸗ ne,„„aber von dem Berggeiſt hab' ich ſchon vie⸗ les gehört, und würde nicht ohne Intereſſe noch mehr dergleichen Sagen vernehmen!“ — 213— „ Da könnte ich aufwarten!“ entgegnete der Fremde,„doch haben dieſe Mährchen unter einan⸗ der ſo viele Aehnlichkeit, daß man nur die zwei Grundtöne dieſer Gebirgsſagen angeben darf, um die übrigen Compoſitionen darnach beurtheilen zu können, ich meine die biedere Gutmüthigkeit, und die ſchlaue Hinterliſt und tückiſche Schadenfreude, die unſern Berggeiſt charakteriſiren.“ Hermine bat, uns wenigſtens Einiges mitzutheilen, und er ver⸗ ſprach, ſobald wir unſer Ziel erreicht hätten, uns einige Sagen vorzuleſen, die er eben bei ſich habe. „Es iſt“, begann Norden,„als bedürften dieſe öden, ſchauerlichen Umgebungen irgend eine Art abentheuerlicher, phantaſtiſcher Geſtalten, um die Lücke auszufüllen, die wir hier im Reich des Le⸗ bens erblicken; kein Vogel, kein lebendiges Ge⸗ ſchöpf begegnet uns in den lautloſen Räumen! Ungeſtört arbeitet unſere Einbildungskraft, die lee⸗ ren Gegenden mit ihren Träumen zu bevölkern, und gibt zuletzt in ſeltſamem Wahne ihre abentheu⸗ erlichen Geburten für wirkliche Erſcheinungen und wmahrhafte Begebenheiten aus. So mögen jene Mährchen entſtanden ſein, die jetzt den Pilger zu dieſen Höhen begleiten, ſo trägt ſich die Sage von dem Berggeiſt von Geſchlecht zu Geſchlecht, indem ſie dieſen an ſich ſchon merkwürdigen Gegenden noch einen ganz eigenthümlichen Reiz leiht, der aus — 214— unſerm natürlichen Hang zum Wunderbaren her⸗ vorgeht!“ 2u,Sie haben Recht!““ entgegnete mein Va⸗ ter, under Menſch verlangt nach Geſellſchaft, und wenn er es auch nicht Wort haben will.— Kann er Seinesgleichen nicht finden, ſo klopft er an das Reich der Geiſter, und beſchwört ſie auf Gefahr ſeiner Ruhe, aus ihrer Tiefe hervor.“ℳ— „Ich weiß wem dieſer Wink gilt!“ lächelte Norden.„Aber laſſen Sie immer dem in ſolchen Wüſten Um herirrenden dieſe Zuflucht. Es gibt ſo vieles, was die Augen nicht ſehen, die Ohren nicht hören, und was doch der Sehnſucht in uns ſo ſüße Befriedigung gibt!“— Hermine, die die Zeit über das ſeltſame Mie⸗ nenſpiel und das gleichmäßige Kopfnicken des Frem⸗ den, das den Tact zu jenen Worten anzugeben ſchien, beobachtet hatte, erklärte jetzt: Was ſie be⸗ träfe, ſo ſähe ſie lieber mit klaren Blicken umher, als ſich mit phantaſtiſchen Vorſtellungen zu be⸗ gnügen. Man lernte dann, fuhr ſie fort, viel ſorgſamer die Wege beobachten, auf denen wir wandeln, und ſtolpert nicht, wie Herr Ambroſius, der gewiß eben ein Mährchen zu Tage fördern wollte, und darüber die Steine am Boden überſah. Wirklich hatte der arme Mann einen Fehltritt gethan, und ſchwankte von einem Steine zum an⸗ — 215— dern, bis er in den ſeltſamſten Sprüngen vollends den Berg herunter kam, von welchem wir vorſich⸗ tig hinabſtiegen. Wir hatten nun die Baude erreicht, wo wir übernachten wollten; ein unfreundlicher Wind hat⸗ te uns ſehr ermüdet, wir ruhten uns behaglich auf einem ſchönen Raſenplatze aus, und ſahen den ſchnell vorüberziehenden Wolkenbildern nach, die ſich immer tiefer ſenkend, uns bald alle Ausſicht benahmen. Unſer Führer meinte: es könne ſich wohl ein Gewitter zuſammenziehen, und bereitete uns auf ein Schauſpiel vor, das auf dieſen Höhen für den Fremdling höchſt überraſchend und ſehenswürdig ſei. Ambroſius betrachtete mit Kennermienen den Hori⸗ zont, nahm dann eine Priſe Taback, und ließ ſich zu uns nieder, indem er ſeinem Verſprechen zufol⸗ ge, eine Rolle hervorzog, und Hermine und mich um Erlaubniß bat, uns bis das große Schauſpiel be⸗ gönne, mit einer ſeiner Sagen unterhalten zu dür⸗ fen. Wir nickten ihm freundlich Beifall zu, und er begann. — 216— Die goldene Spindel. — Sage, In einer reizenden Gegend am Fuße des Rie⸗ ſengebirges lag ein kleines friedliches Dörfchen, dort wohnte in ſtiller Eingezogenheit eine arme Wittwe mit ihrem einzigen Töchterlein, Dorilla genannt. Es war aber dieſe ein gar gutes und holdes Kind, und von allen Menſchen geliebt, wegen ihres ſanf⸗ ten Gemüths und frommen Fleißes; denn ſie ſäum⸗ te nicht, bei früheſtem Morgen an ihr Tagewerk zu gehen, und zu arbeiten bis die Sonne ſank, und das mit Luſt und Freude, that ſie es doch für die liebe Mutter, die ſehr arm war, und krank, ſo daß ſie nichts mehr verdienen konnte. Ihr einziges Hoffen war daher auf Dorilla⸗ gerichtet, mit dem feſten Glauben, der Himmel werde ſie gewiß ſegnen, durch der Tochter fleißige Hand. Nun that wohl das gute Kind, was in ihren Kräften ſtand, aber wie emſig ſie ſpann, wie fein ſie auch das Fädchen drehte, ſo langte es doch kaum hin zu dem Allernothdürftigſten. Das ging der kleinen Dorilla ſehr zu Herzen, und oft ſann ſie ſtill und betrübt am ſchnurrenden Rädchen auf klugen Rath, aber immer vergebens, denn au⸗ ßer dem Hauſe durfte ſie ſich keine Arbeit ſuchen, da wäre ja die Kranke ganz ohne Pflege geweſen, und daran durfte ſie ja erſt gar nicht denken; da⸗ her ſuchte ſie ihren Troſt im Gebet, und ließ nicht ab zu hoffen, der Himmel würde ſie doch nicht ganz derlaſſen, und ſich gewiß einſt hülfreich offenbaren. Es begab ſich aber, daß Dorilla eines Tages zu Markte wollte, um ihr Garn zu verkaufen, wel⸗ ches diesmal ganz überaus fein war, und ihr einen artigen Gewinn verſprach. Es war im erſten Frühjahr, wo die Bergſtröme höher ſchwollen, von dem geſchmolzenen Schnee, weit übertretend aus den engen Ufern und ſich Wege bahnten über nahe Ferder und Wieſen, daß die Straßen und Fußſtei⸗ ge oft unzugänglich und gefährlich wurden. Als nun die kleine Dorilla durch das Dörf⸗ chen ſchritt, ſo ſprach ſie mancher Nachbar an, ſie warnend vor dem reißenden Bergwaſſer, das über Brücken und Steige vorgedrungen war, und weit hinein in den Wald brauſte. Aber das Mädchen ſagte muthig:„Kenne ich doch den Weg ganz ge⸗ nau, und den breiten Steg, zumalen am hellen ſonnigen Tage! Macht euch deshalb keinen Kum⸗ mer um mich, ich komme wohl mit Gott glücklich an Ort und Stelle. Und ſie ſchritt muthig und ſchnell zum Dorfe hinaus, und über die Wieſen dem nahen Walde entgegen. Schon hörte ſie das Rauſchen des Waſſers, der kleine Fluß war zum Angela I. 10 — 2418— Strome geworden, und weit hin über die Wieſen ſpielten die rieſelnden Fluthen. Aber noch ragte der Steg über das Waſſer empor, und ſie eilte wohlgemuth durch die flachen Wellen, hochgeſchürzt und ſchnellen ſichern Schrittes, bis ſie den Steg gewann. Faſt wollte es ihr bedünken, als ſchwim⸗ me der Steg mit ihr dahin, die Wellen netzten ihr oft die Sohlen, und glänzten in ſo wunderba⸗ ren Farben, daß das Mägdlein wie geblendet da⸗ ſtand, und ihr faſt unheimlich zu Sinne ward. Sie wandte ihre Blicke aber von den Fluthen ab, und ſah gerade vor ſich hin, und ſchritt ſo keck und beherzt, bis ſie am Ufer war, und das Städt⸗ chen hell im Sonnenglanze vor ihr lag. Nun holte ſie freien Athem, und eilte mun⸗ tern Sinnes zum Thore hinein. Und an dem Markt war ſie gekommen, und wollte das Garn herausnehmen aus dem reinlichen Körbchen, aber ſiehe es war leer, und kein Faden darinnen. Sprachlos ſtarrte Dorilla vor ſich hin, der Schre⸗ cken raubte ihr Wort und Gedanken, betäubt ſank ſie auf die Stufen eines hohen Gebäudes, und weinte tief und ſchmerzlich, als wollte ſie ſich auf⸗ löſen in Thränen und Jammer; die Vorüberge⸗ henden blieben vor ihr ſtehen und ſahen, theils be⸗ deutend, theils ſpöttelnd auf ſie hin; Keiner aber frug um die Urſache ihres Kummers. Das Garn — 219— blieb weg, ſie mußte es bei dem Stege verloren haben, und mit dem Garn war der Verdienſt ei⸗ nes ganzen Monats dahin, und ſie ſah keine Hülfe und keinen Rath. Zu betteln ſcheute ſie ſich, und wenn ſie auch einmal die großen blauen Augen bittend erhob, ſo verſagten ihr Schaam und Thrä⸗ nen die Sprache, und ſo blieb ſie immer unver⸗ ſtanden und unbeachtet. Als ſie ſo ſaß in ihrem Jammer, ſo ſchritt ein Jägerburſche durch die Menge, von überaus ſchöner Geſtalt; ſeine Augen funkelten unter den dunkeln Augenbraunen hervor, hell und durchdrin⸗ gend, dabei pfiff er luſtig vor ſich hin, und lachte bisweilen heimlich, als mache er ſich über die gan⸗ ze Welt von Herzen luſtig. Ein großer, hellgrü⸗ ner Mantel hing ihm nachläßig über die Schultern, und die blanke Flinte glänzte im Abendſchein. Er trat an eine der Säulen wo Dorillla ſaß, und ſah, die Arme über einander gekreuzt, dem bunten Treiben der Menge zu. Eben kam ein vornehmer Mann vorbei, der trug goldene Treſſen am Rock; ſchüchtern nahete ſich Dorilla und hob die Hände bittend empor, und ihre leuchtenden Augen ſprachen beredter als jedes Wort:„Erbar⸗ me dich der Armuth!“ aber der reiche Herr ſah ſie vornehm an und ſprach:„„Geh' und arbeite! der müſſigen Tagediebe gibt es ohnehin ſchon längſt zu 10* — 220— viele!“— und ſo ſchritt er vorüber. Hocherrö⸗ thend ſchluchzte Dorilla:„Ach, es ſoll ja nur für mei⸗ ne arme, arme Mutter ſein!“ Und die Hände zum Himmel emporhebend, als wollte ſie ihn zum Zeu⸗ gen anrufen, daß ſie das harte Wort nicht verdie⸗ ne, ſtand ſie eine lange Weile in tiefer Verwir⸗ rung.— Da faßte ſie eine Hand, und der Jäger⸗ burſche beugte ſich zu ihr herab und ſprach:„Du armes, unerfahrenes Kind, meinſt wohl, weil du ein Herz haſt, das liebt, es müſſe auch hier Her⸗ zen geben voll helfender Güte? aber da könnteſt du recht lange warten, und hätteſt am Ende nicht ſo viel, daß du deiner kranken Mutter das Abend⸗ brod kaufen könnteſt!“ Erſtaunt ſah ihn Dorilla an.„„Kennt Ihr mich doch nicht, woher wißt Ihr von meiner kranken Mutter?““ Doch der Fremde ſprach:„Du haſt ja immer leiſe vor dich hin gebe⸗ tet, und da weiß ich nun alles, und möchte dir auch gar gerne helfen! Harre meiner nur dort am Waſſer! es wird bald dunkel, und du bedarfſt ei⸗ nes Führers! Auch bring ich dir vielleicht anderes Garn, denn meine Schweſtern ſpinnen auch feine Fäden, und die ſollen dir den Verluſt ſchon er⸗ ſetzen!“ Dareuf ſah er ſie recht freundlich an, und ſchritt hinab zu den Uebrigen, und als er da⸗ her ging, war es Dorilla'n, als ſähe ſie ihn im⸗ mer höher und höher emporragen über die Menge, — 221— bis er endlich in neblichter Ferne verſchwand. Dem erſchrockenen Mädchen klopfte das Herz, ſie konnte ſich eines geheimen Grauens nicht erweh⸗ ren, und doch mußte ſie mit Liebe des Jägers ge⸗ denken, der ſo freundlich geſprochen hatte, ihr zu helfen! Schon wurde es kühl und dämmerig, und die Sternlein blinkten über die hohen Gebände herab. Da begab ſich Dorilla eilends auf den Heimweg, der Worte des Fremdlings geden⸗ kend. Bald hatte ſie die verdrießliche Stadt hin⸗ ter ſich, und eilte nun in banger Hoffnung dem immer dunkler werdenden Gebüſch entgegen. Wie eine weite Silberfläche lagen die überſchwemmten Felder an den dunkeln Bergen, und des Stromes Gebrauſe hallte wie ein dumpfer Donner durch den öden, lautloſen Raum. Dorilla hatte vorſichtig manches kleine Gewäſſer durchſchritten; jetzt ſuchte ihr Auge den Steg, aber vergebens, keine Spur war zu finden! Der Strom war gewachſen, und hatte ihn vielleicht mit hinweggeriſſen. Kein Kahn, kein Retter rings umher!— Sie ſtand nun allein und verlaſſen, umkreiſet von tauſend geſchwätzigen Bächlein, die muthwillig und neckend ſie in ſelt⸗ ſamen Ringen umfloſſen, ſo daß ihr auch der Rück⸗ weg immer bedenklicher wurde, und ſie wie in ei⸗ nem Zauberkreiſe ſtand, woraus kein Weg führts. Vergebens ſtarrte ihr Auge in die Ferne, wohl ſah — 222— ſie das Dörflein, doch der Nebel ſchien es immer weiter zu entfernen, und die Kluft immer unüber⸗ ſteiglicher zu werden, daß ſich vor Angſt und Grau⸗ en unwillkührlich ihr Haar ſträubte, und ihr un⸗ endlich beklommen um's Herz wurde. Alſobald ge⸗ dachte ſie des Fremden und ſeines Verſprechens, und ſie ſah ſich rings um, und rief laut durch die Dämmerung, daß ihre Stimme von den nahen Bergen wiederhallte. Da gewahrte ſie bei dem Schein des aufgehenden Mondes eine Geſtalt am Bergwege, die immer näher kam. Bald konnte ſie den Jäger erkennen, und den grünen Mantel, und ſchon unterſchied ſie ſein Geſicht, aber die dunkele Hülle wogte in ſo abentheuerlichen Formen um die übrige Geſtalt, und gab ihr ein ſo ſeltſam, geſpen⸗ ſtiſches Anſehen, daß ihr immer bänger ward, je näher er kam. Doch bald vernahm ſie des Jägers Stimme dicht neben ſich, die ihr freundlich zuflü⸗ ſterte:„Hier, Mädchen! iſt Garn, auch ſchicken dir die Schweſtern die Spindel nebenbei, bewahre ſie aber, und laſſe ſie für keinen Preis; die Spin⸗ del bringt Segen, und macht dich reich! Dankbar blickte Dorilla zu ihm empor, und verſprach ſeiner Worte zu gedenken.„Nun aber“, bat ſie,„bringe mich auch über den Strom, wie du es mir ver⸗ ſprachſt, damit die Mutter ſich nicht länger daheim um mich ängſtige.“ — 223— Aber der Jäger ſprach:„„Thörichte, was for⸗ derſt du! ſieh'ſt du nicht wie hoch die Fluth geht? wo waͤre denn ein Kahn oder ein Steg, der uns hinüberbrächte? Heute gedenke du nicht daran, komme vielmehr mit mir in's Gebirg, dort ſteht ein artiges Schlößlein, darinnen kannſt du weilen, ſo lange du willſt, auch ſoll es dir an nichts feh⸗ len, was das Oerz erfreut, denn ich bin reich, und verſpreche dir gute Tage!““ Aber das Mädchen entgegnete:„Wie ſollte ich herrlich und in Freuden leben, wenn meine arme Mutter daheim ſeufzt, und ſich im Herzen grämt? Ach, du haſt keine Eltern, für die du ſorgſt! ſonſt würdeſt du mir mit ſolchen Worten nicht wehe thun! Lieber in die Fluthen mich wagen, als dir folgen, du harter Mann!— Der Gott, zu dem ich flehe, wird mich behüten, und mich nicht unterſinken laſſen!“ Da blitzten die Augen des Jägers wie Sterne durch die Nacht, und er ſprach:„„Deine Liebe und dein Vertrauen iſt ſtark, aber ſtark iſt auch mein Arm, und ſo will ich es denn getroſt mit dir wagen, trotz allen Unholden des Stromes!““ Und im Nu umhüllte ſie der grüne Mantel, und ein ſtarker Arm trug ſie hoch über die brauſende Fluth, daß ſie wie von einer Friedensinſel herabſah in das klare Wellenreich, und am Ufer war, ehe ſie es noch vermeinte, Sanft fühlte ſie ſich auf den Ra⸗ ſen niedergelaſſen; ihre Blicke ſuchten den Führer, er war verſchwunden. Hell lag die Gegend vor ihr da, alles war ihr nun deutlicher und bekann⸗ ter, und mit Erſtaunen ſah ſie nun auch den Weg hinter ſich, den ſie vergebens geſucht hatte, und rieb ſich verwundert die Augen, denkend:„Wache ich denn? oder iſt es ein Traum?— Aber das ſchwere Körbchen erinnerte ſie an die Wirklichkeit, und ſie ſchob alles das Wunderbare auf ihre Angſt und allzugroße Verwirrung. Frohen Schrittes eilte ſie dem Dörſchen zu: da ſtand die Mutter ſchon beſorgt an der Hütten⸗ thüre und ſah ihr entgegen; flüchtig erzählte ihr Dorilla, was ihr begegnet, aber ihre Worte kreuz⸗ ten ſich ſo wunderlich durch einander, daß die Mut⸗ ter bedenklich den Kopf ſchüttelte und ſagte:„Gott bewahre dich, du gutes unſchuldiges Kind, vor lo⸗ ſem Spuck und unheimlichen Geiſtern.“ Als ſie aber hörte, wie des Kindes Liebe und mächtiges Vertrauen den Jäger bewogen habe zur wunderbaren Rettung, ſo beruhigte ſie ſich endlich, obgleich ſie ſich dieſe Erſcheinung nicht zu erklären vermochte. Am andern Morgen, als Dorilla das Garn betrachtete, ſtehe, da leuchtete es wie eitel Gold, und hing ſchwer in unzähligen glänzenden Fäden zur Erde. Die Spindel aber glänzte noch weſt ſchöner, dabei war ſie ſo leicht, daß, als Dorilla den erſten Faden damit verſuchte, ſie wie von ſelbſt in der Hand tanzte, und es eine Luſt war, anzu⸗ ſehen, wie der Faden ſo fein und überaus ſchnell ſich um ſie herſchlang, und die ſüße Arbeit gar kein Ende nehmen wollte. Da fielen die Glücklichen auf die Knies im ſtillen Gebet, denn ſie ſahen hier deutlich eine hö⸗ here mächtige Hand im Spiel, und lobten Gott und den guten Geiſt, der ſie ſo bald aus aller Noth gerettet hatte. Als ſte aber das goldene Ge⸗ webe zum Verkauf trugen, und die Geſchichte lau⸗ ter wurde, ſo vermeinten die Leute alle, das wäre Rübezahl der Berggeiſt geweſen, und kreuzten ſich, und mieden die Nähe der Glücklichen. Dieſe aber ließen das Häuschen und begaben ſich in ein ſtilles Thal, wo gute freundliche Men⸗ ſchen wohnten; dort lebten ſie ein frohes ſorgen⸗ freies Leben, ſtill und tadellos, denn ſo reich ſie auch wurden, ſo vergaßen ſie ſich nie in ſtolzem Uebermuth, und der Frommen Fleiß, und die gol⸗ dene Spindel erbte ſich lange fort auf Kindes Kind. „Das iſt eine recht artige Geſchichte!“ begann Hermine,„und erinnert mich an die Mährchen — 226— vom goldenen Apfel und vom Vogel Gold, ddie ich als Kind nie genug hören konnte. Aber, ſagen Sie, exiſtirt dieſe goldene Spindel denn noch in den Händen dieſer glücklichen Gebirgsbewohner?“ „Es geht““, erwiederte Ambroſius, nmit den Mährchen wie mit den Schmetterlings⸗Flü⸗ geln, man wird beide nicht zergliedern, ohne ihren Reiz zu zerſtören. Sie ergötzen und wollen nichts weiter! Doch ich verſprach Ihnen noch ein zweites Charaktergemälde von Rübezahl!— es enthält die⸗ ſes eine vortreffliche Lehre, und dürfte bei dem häufig zu findenden Uebermuth unſerer ſchönen Da⸗ men wohl an ihrem Platze ſein. Er erzählte nun Folgendes: Das Verſprechen. Düſtere Gewitterwolken hatten ſich um die Häupter des Rieſengebirges gelagert, und in den al⸗ ten Tannenwäldern begann der Sturm gar unheimlich zu raſen und zu toben. Die Hirten waren längſt heimgekehrt von den Bergen, nur in dem öden Thale rollte noch eine Kutſche einſam der Wal⸗ dung zu. 227— Darinnen ſaß aber eine ſtattliche Edelfrau mit ihrem Hausfräulein, die kehrten zurück von einem feſtlichen Gelage, ſo zu Warmbrunn gehal⸗ ten war, zu Ehren der Liegnitzer Herzogin Eliſa⸗ beth, die das Rieſengebirge durchreiſte mit ihren Rittern und anſehnlichem Gefolge. Es war aber dieſes Feſt mit Spiel und Tanz begangen worden, wozu viele Gäſte gekommen waren von nah' und fern, und von allen Ständen, ſo daß es mehr ein Volksfeſt war, und Vornehme und Geringe gleich Theil nahmen an der Freude des Tanzes. Darüber beſchwerten ſich heimlich viele der ſtolzen und hochmüthigen Edelfrauen, und legten ihren Unmuth an den Tag in verächtlichen Blicken und übermüthigen Reden. Alſo ſtand es auch mit den Damen im Wa⸗ gen. Beide gedachten mit Aerger der übelgemiſch⸗ ten Geſellſchaft, und ſchütteten gegenſeitig ihr Herz aus in harten ſtolzen Worten, denn ihr Sinn war verderbt, und ihr Gemüth voll Hoffahrt und Neid, daher konnten ſie auch nie vergeſſen, wie ſo manche ſchlichte Hausfrau und ſittige Bürgerkinder ſie über⸗ ſtrahlt hatten an Reiz und beſcheidener Anmuth. Alſo unzufrieden im Innern, vertieften ſie ſich im⸗ mer mehr in liebloſem Geſpräch, ſo daß ſie kaum gewahr wurden, wie der Sturm die Wolken zuſam⸗ mentrieb, und es immer dunkler wurde, bis man — 228— kaum noch die Wege erkannte in dem düſtern Ge⸗ hölz. Das Fuhrwerk war allmählig bei den ſich vielfach kreuzenden Geleiſen auf Abwege gerathen, und ſo hatte der Kutſcher es nicht bemerkt, wie die Pferde immer mühſamer zogen in der ſumpfigen Thalgegend, bis der Wagen auf einmal verſank in den tiefen Moor, daß an kein Herauskommen mehr zu denken war. Die Frauen erhoben alſobald ein großes Geſchrei, und befahlen dem Kutſcher augen⸗ blicklich Rath zu ſchaffen, denn die Nacht war nicht fern, und öd und leer die ſchaurige Waldung. Als aber nun der Fuhrmann verſuchte, herauszu⸗ kommen, und ebenfalls verſank, wie Wagen und Pferde, da ward den Unglücksgefährtinnen noch bän⸗ ger um's Herz, und ſie ſchrien laut und riefen, daß es weithin hallte durch die Berge. Da erblickten ſie endlich in ihrer höchſten Noth ein Männlein, das kam eilends durch das Gebüſch und ohne Mü⸗ he über den Sumpf, als ſei es ſo leicht wie der Wind. Den Frauen wurde aber gar ſeltſam zu Muthe, als er nun zum Wagen trat, und ſie eine recht häßliche hagere Geſtalt vor ſich ſahen, mit einem höhniſch, verzogenen Geſicht. „Wie mögt ihr doch“, begann das Männlein mit widriger Stimme,„wie mögt ihr doch, ihr holden Frauenbilder, ſo unvorſichtig hineinfahren in’s Verderben, zumal da ihr ſo köſtlich geſchmückt — 229— ſeid, als ginget ihr zum Tanz? Wäre ich nicht allzugering, und dürfte ich die armſeligen Hände an euer herrſchaftliches Fuhrwerk legen, ſo wollte ich euch wohl geleiten auf den rechten Weg, aber ſo bin ich leider kein Edler, darum gehabt euch wohl, ihr holden Schönen! Euch iſt nun woht ſchwerlich zu helfen!“ Beſtürzt über die Rede des grauen Männ⸗ leins, erhoben die Frauen flehend ihre Hände, und baten mit rührenden Worten, verſichernd, daß ſie ja nie verachtet hätten die Armen und Niedrigen, die ja ſo gut ihre Brüder wären als jeder Andere, und wie ſie auch nie vergeſſen würden einer ſo willkommenen Hülfe, in der größten Gefahr ihres Lobens. Ueberdem verſprachen ſie ihm noch eine große Belohnung, wenn er ſie zurückbringe auf den rechten Weg;— aber das Männlein ſchüttelte den Kopf und entgegnete:„Mit baarem Gold und Sil⸗ ber iſt mir nun erſt gar nichts gedient! Helfe ich euch, ſo geſchieht es euerer vernünftigen Worte wegen, die ich für wahr annehme, und die ihr mir daher auch jederzeit zu beweiſen verbunden ſeid! Der Dienſt, den ich euch leiſte, iſt nicht gering, und ſo verſprecht mir dagegen den gar beſcheidenen Lohn, daß ihr euern Retter nirgends wollet ver⸗ läugnen, noch ihm verweigern den Kuß der Dank⸗ barkeit, und ſei es auch im Kreiſe der Fürſten undd — 230— * Grafen.“— Die Damen ſtutzten ob der fatalen Bedingung, und maßen das graue Männlein mit unwilligen Blicken; doch als der Wagen immer tie⸗ fer ſank, und ſie keine andere Hülfe erſahen, ſo verſprachen ſie auch dies mit ſchwerem Herzen. Alſobald brachte das behende Männlein einen ſtar⸗ ken Aſt, und nachdem er dem Kutſcher geholfen, bedienten ſie ſich gemeinſchaftlich des Hebebaumes, ſo daß das Werk glücklich gelang, und die Pferde, gelenkt von dem ſeltſamen Führer, luſtig über die grüne Sumpfdecke dahin trabten. Die Damen aber frohlockten in ihrem Herzen, daß nun die Ge⸗ fahr überſtanden ſei, und als ſie ſich nun vollends auf bekanntem Wege ſahen, ſo wuchs der Ueber⸗ muth wieder empor in ihren Herzen, und ſie ſpot⸗ teten des Fremdlings, heimlich gedenkend, wie un⸗ verſchämt es ſei, ſolchen Lohn zu begehren. Die Dämmerung war indeß herangekommen, und tau⸗ ſend blaue Flämmchen hüpften aus den feuchten Geleiſen empor, den Wagen begleitend in luſtigen Sprüngen. Dabei trillerte der neue Fuhrmann ein leiſes Lied vor ſich hin, nach deſſen ſeltſamer Wei⸗ ſe das kleine Gefolge ſich taktmäßig zu bewegen ſchien. Jetzt hielt der Wagen an einer ſteilen Bergwand, wo die Straße ſich ſeitwärts wandte nach dem Schloß der Edelfrau. Das graue Männ⸗ lein ſprang nun vom Wagen, und rief den Damen 3— 231— noch ſcheidend zu:„Auf Wiederſehen, viel holde Frauen! Gedenkt eueres Verſprechens beim näch⸗ ſten Feſt zu Warmbrunn, wenn ihr nicht wollt, daß euch das Näschen noch höher rage, als ihr es zu tragen geſonnen ſeid!“ Dabei lachte er laut auf, und verſchwand dann an der Bergwand, daß keines ſah, ob er verſunken ſei, oder was ſich ſonſt mit ihm begeben. Die blauen Flämmchen ſchloſſen einen Kreis um jene Stelle, und gingen dann eines nach dem andern hinab zur Tiefe.— Den Frauen aber wurde faſt unheimlich zu Sinne, und der furchtſame Kutſcher trieb die Pferde an, ſo daß ſie ſchnell zur Heimath gelangten. Viele Wochen waren ſeitdem vergangen, und es geſchah nur noch ſelten, daß die Frauen gedach⸗ ten jener ſeltſamen Fahrt und des widrigen grauen Männleins; des geleiſteten Verſprechens erinnerten ſie ſich nur im Scherz, denn es wollte ihnen ganz unmöglich bedünken, daß der in Lumpen gekleidete Bettler ſich wagen ſollte in den Kreis der Reichen und Vornehmen. Bald geſchah es hierauf, daß ein glänzendes Feſt angeſetzt wurde in Warmbrunn, wozu nur der hohe Adel geladen wurde, denn es ſollte dabei un⸗ gemein glänzend und herrlich hergehen, und nichts geſpart werden an Pracht und fürſtlichem Schmuck. — 232— Deſſen freueten ſich höchlichſt die eitlen, hof⸗ fährtigen Damen, und ſie beſchloſſen vor Allen her⸗ vorzuſtrahlen an reicher, köſtlicher Kleidung. Der Tag des Feſtes kam heran, ſchon waren die Gäſte verſammelt in dem weiten Saal, der gar artig verziert war mit Kränzen und zahlloſen Lampen. Darinnen aber wogte die Menge geputzter Damen und Ritter gar bunt durch einander, worunter ſich vor allen die Edelfrau und das Hausfräulein aus⸗ zeichneten an ſorgſam gewählter Kleidung. Viele der vornehmen Herren und Grafen drängten ſich um ſie her mit lauten Huldigungen, dem ſtattlichſten Ritter ſollte ſie eben ihre Hand reichen zum Tanz. — Da drängte ſich eilend durch die Menge eine häßliche unanſehnliche Figur,— und die beſtürzten Damen erkannten das graue Männlein, das freund⸗ lich nickend auf ſie zukam. Alſobald wollten ſie ſich unter der Menge verlieren, doch umſonſt, das Männlein forderte ſeinen verſprochenen Lohn, und draug unbeſcheiden ein auf die geängſtigten Frauen. „Hinweg, du ſchmutziger Bettler!“ rief die enkrüſtete Edelfrau.„Welcher Frevel, mir alſo zu nahen! hab' ich dich doch nie geſehen, noch viel weniger mich je erniedriget zu ſolch' ſchimpflichem Verſprechen.“ m,Ho, ho!““ lachte das Männchen auf, weil ſich die holden Frauenbilder denn gar nicht ihrer — 233— Worte erinnern wollen, ſo will ich doch wenigſtens zeigen, wie ich meine Zuſage ſtets zu halten ge⸗ denke!““ Und pfeilſchnell berührte er die Damen mit einer kleinen Ruthe, und es verwandelte ſich ihr Angeſicht, und die Naſen hoben ſich höher und höher, bis ſie in unförmlicher Geſtalt das Geſicht beſchatteten, und ihnen kaum noch Aehnlichkeit blieb mit andern Menſchengeſichtern. Ein Schrei des Entſetzens fuhr durch die Verſammlung, aber der graue Kobold lachte auf und rief:„„Alſo ſtraft der mächtige Berggeiſt die Hoffahrt und den eiteln Stolz!— Behaltet das Zeichen argen Hochmuths nun fort und fort, ihr eiteln Thörinnen zum An⸗ denken von Rübezahl!“ d— Hierauf verſchwand er unter der Menge. Die Geſellſchaft aber war wie erſtarrt vor Schrecken, und viele befürchteten glei⸗ chen Spuk. Die Damen aber, außer ſich vor Schrecken und Aerger, verließen alſobald den Saal der Freu⸗ de, und verbargen ſich, in dichte Schleier gehüllt, den neugierigen Augen der Menge. Späterhin, ſagt man, haben ſie ſich in ein Kloſter begeben, um dort ihr freudenloſes Leben zu beſchließen, denn die Luſt der Welt war für ſie verloren, und ihnen blieb nichts als die Erinnerung jener Zeit, und ihre Reue. — 234— Herr Ambroſius ſah nach dem Schluß ſeiner Erzählung mit einem ſeltſam durchdringenden Blick im Kreiſe umher. Sein Mund verzog ſich zu ei⸗ nem ſelbſtgefälligen Lächeln, und ſchien um unſere Meinung zu fragen. Hermine konnte es nicht ver⸗ bergen, daß dieſe Sage einen ſehr widrigen Ein⸗ druck auf ihr Gemüth gemacht habe; ſie ſah ſich furchtſam um, und rückte näher an mich, her⸗ an. Bören, der es bemerkte, wollte ſie mit aller⸗ lei Spukgeſchichten necken, aber ſie hielt ſich die Ohren zu, und wies jeden, der ſich erkühnen woll⸗ te, ſich irgend eine Anmerkung über ihren Aber⸗ glauben zu erlauben, ſo eindringend zur Ruh, daß Jeder vor ihr demüthig die Waffen ſtreckte. Die Wetterwolken hatten ſich indeß zuſam⸗ mengezogen, und ſchon begannen dumpfe Donner zu unſern Füßen längs der Gebirgskette hinzurol⸗ len. Die einbrechende Dämmerung ließ uns bald die röthlichen Blitze erkennen, die aus der tiefen Nacht hervorleuchteten, und ſo gewann das ernſte Gemälde dieſes Abends immer mehr an erhabener Herrlichkeit. Herminens Gefühl ſchien von Grauen dund Furcht gemiſcht, indeß ich eine Erhebung em⸗ pfand, die meiner Seele unausſprechlich wohl that. Die Sterne traten bereits hinter den leichten Ne⸗ belſchleiern der Höhe hervor, und leuchteten ruhig auf uns herab, indeß die feindlichen Elemente zu — 235— unſern Füßen im wilden Kampfe lagen, und der ohnmächtige Donner in der Tiefe rollte und droh⸗ te. Wir blickten in friedlicher Sicherheit auf die ſchlängelnden Blitze hinab die vergebens ihre Ar⸗ me nach uns emporſtreckten, und freueten uns des majeſtätiſchen Schauſpiels. So, Richardis, mag das Gefühl des Tugend⸗ haften ſein, wenn er, von feindlichen Naturen ver⸗ folgt und hart bedrängt, ſein Haupt in ruhigem Selbſtbewußtſein zu Gott erheben darf! Die nie⸗ dern Erdenmächte reichen nicht zu dieſer Höhe hin⸗ an, ſein Gewiſſen gleicht der beſonnten Berghöhe, die auch dann noch freundlich lächelt, wenn zu ih⸗ ren Füßen der Donner rollt. Als wir endlich zur Ruhe gegangen waren, geſtand mir Hermine, ſie habe ſich den ganzen Weg über des Gedankens nicht erwehren können, daß Rübezahl uns in der Geſtalt des Ambroſius irgend einen fatalen Spuk ſpielen wolle.„Sie werden ſehen“, beſchloß ſie,„das läuft nicht natürlich ab! Ich gäbe viel darum, hätte ich das letzte Mähr⸗ chen nicht gehört!“— Sie ſchüttelte ſich vor ſeltſamem Grauen, und ſprang dann mit drei leichten Sätzen auf den Heu⸗ ſchober zu, in dem ſie ſich gänzlich verbarg. Der Morgen fand ſie noch in ihrem duftenden Schlaf⸗ gemache, endlich ſtreckte ſie die niedlichen Hände hervor, und bat mich, ihr aufzuhelfen. Ihr glän⸗ zendes Auge war von Muth beſeelt, und ich er⸗ kannte wieder in ihrem ſchalkhaften Lächeln und an dem leichten hüpfenden Gang, die muntere ſorgen⸗ freie Hermine. Fortſetzung. — Der Tag, der jetzt mit goldenen Strahlen empor⸗ ſtieg, ſollte uns die reichſten Schätze aufſchließen, die dieſe Höhen zu bieten vermögen. Wir pilger⸗ ten dicht an der böhmiſchen Grenze die ſchauerlich⸗ ſten Pfade entlang, um die große Sturmhaube und das hohe Rad zu beſteigen. Ein Glück war es, daß mein Vater auf die ganze Reiſe Träger be⸗ dungen hatte, wir hätten dieſen Weg, der durch weite Steinfelder erſchwert wird, nicht ohne die größte Anſtrengung zurücklegen können. Immer wilder, immer grauſer wurden die Gegenden, die wir betraten. Unabſehbare Abgründe lagen uns zur Linken, und von unten herauf vernahmen wir das dumpfe Getöſe herabſtürzender Gewäſſer. Kei⸗ ne Spur des Lebens in dieſen Wüſten. Ueberall Schrecken und Tod, wohin ſich die Blicke wandten. Keine Ausſicht in die Ferne ſtärkte unſern Muth; die Gegend von Schleſien war unſern Blicken ver⸗ borgen, und links ſah man nichts als einen einzi⸗ — 238— gen ſchwarzen Felſen, der als eine undurchdringli⸗ che Scheidewand ſich zwiſchen uns und das Leben gezogen hatte. Der düſtere Charakter unſerer Um⸗ gebungen hatte unbewußt Einfluß auf unſere Stim⸗ mung genommen, wir waren ſehr ſtill geworden, ſelbſt Ambroſius, der uns den ganzen Weg über mit unermüdlicher Beredſamkeit von den Merkwür⸗ digkeiten dieſer Gegenden und von den verſchie⸗ denen Höhen und Namen der umliegenden Berge unterhalten hatte, ſchwieg endlich, die lähmende Schwermuth, die dieſe Einöden dem Gemüth mit⸗ theilen, gleichfalls anerkennend.— Endlich verei⸗ nigten wir unſere Stimmen in einem Ausruf der Ueberraſchung, als ſich zu unſern Füßen das Thal eröffnete, und wir unten in einer tiefen Schlucht ddas Städtchen Hohenelbe erblickten, das den Ver⸗ keeinigungspunkt der beiden Bäche bezeichnet, dte hier gemeinſam um den Rang ſtreiten, dem ſchö⸗ nen Elbſtrom ihren Namen zu geben. Der Eine davon iſt jenes Weißwaſſer, deſſen ich früher er⸗ wähnte,— der Zweite entſpringt, wie ich Ihnen ſpäter erzählen werde, aus den elf Quellen der Elbwieſe, von deren Zahl Elfe man den Namen der Elbe herleiten will, und ihm, da er ſich durch ſeinen prächtigen Waſſerfall berühmt gemacht hat, oft die Ehre des Urſprungs vor Jenem zugeſteht. Uns that es ſehr wohl, wieder an die Menſchen⸗ — 239— welt erinnert zu werden. Hermine deutete mit einem triumphirenden Blick, den ſie auf Norden warf, auf die röthlichen Dächer hin, als wollte ſie ſagen:„Wir bedürfen ihrer dennoch!“ Norden ver⸗ ſtand ſie, und ſuchte ſeine Freude an dem tröſten⸗ den Anblick keinesweges zu verbergen.„Die Na⸗ tur behauptet ihre Rechte!“ erwiederte er.— Bei jeder Entfernung von dem Schauplatz der Welt iſt unſer Sinn ſo geneigt, das Leben dort unten ſich friedlicher und ſüßer zu denken, weil dieſe An⸗ ſicht unſerm Herzen natürlich iſt, daher erklärt ſich die Freude ſehr leicht, die wir empfinden, wenn wir in dieſen unbewohnten Regionen wieder an Menſchen erinnert werden! Wir hatten nun die bedeutende Höhe erſtie⸗ gen, und genoſſen des großen überraſchenden An⸗ blicks der Schneegruben. Ich habe keine Worte, Ihnen das Gräßliche, Ungeheuere, das Schwindel⸗ erregende dieſer Rieſenſchlünde zu ſchildern. Aengſt⸗ lich wagt ſich der Blick in ihren gähnenden Rachen hinab, aus deren Tiefe von mehr als tauſend Fuß, uns allerlei ſinnver wirrende Schreckbilder entgegen⸗ ſteigen. Jenes Grauen, das die Phantaſie nur in fieberhaften Träumen bisweilen ergreift, begegnet uns hier in der Wirklichkeit. Ein heftiger Schwindel überfiel mich. Die Granitſäulen und Obelisken der Tiefe ſchienen ſich — 240— in lebendige Rieſenbilder zu verwandeln, ich glaub⸗ te das alte Geſchlecht, von denen dieſe Berge ih⸗ ren Namen haben, wieder aus ſeinen Gräbern her⸗ vorgehen zu ſehen, um uns mit ſich hinabzuziehen in ihre Grüfte; ich ſah die ungeheueren Felſen als Leichenſteine ſich über uns legen, und lehnte mich, von Grauſen übermannt, halb ohnmächtig an Her⸗ minens Schulter. Ambroſius, der mein Uebelbefinden nicht be⸗ merkte, fing an mit ſeiner kreiſchenden Stimme von einem wahnſinnigen Hirten zu erzählen, der in dieſen Gründen umgekommen ſei,— aber Her⸗ mine unterbrach ihn ſchnell, indem ſie vor Unwil⸗ len und zärtlicher Sorge um mich, mit ihren klei⸗ nen Füßen den Boden ſtampfte, und rief:„Nur jetzt nichts, Herr Ambroſius, von Ihren abſcheuli⸗ chen Sagen! Sehen Sie nicht, daß die Comteſſe ſchon augegriffen iſt von dem Schrecken dieſer un⸗ geſtalteten Natur? was wollen Sie das Grauen noch vermehren, das uns ſchon jetzt die Haare zu Berge treibt!“ Dem Magiſter erſtarrte die Sage auf der Zunge, er ſah Herminen mit einem verlegenen Lä⸗ cheln an, und trat dann zu den Herren, die die furchtbaren Abgründe von allen Seiten betrach⸗ teten. Allmählig begann ſich die ſchwarze Wolke, die vor meinen Augen lag, zu verziehen, ich gewann wie⸗ der Muth, frei um mich her zu ſchauen. Der Him⸗ mel lachte ganz hell und freundlich auf uns herab, und bildete einen wunderbaren Contraſt mit dem finſtern Charakter der Tiefe. Oben das Auge der Liebe, der himmliſchen Milde, unten das Bild des Entſetzens, der wild ergreifenden Verzweiflung. „In dieſe Tiefe verbannt zu ſein, hieße dem Wahn⸗ ſinn unerbittlich zum Opfer gebracht werden. „Wie gering“, begann mein Vater,„erſchei⸗ nen die Werke der Kunſt und der irdiſchen Macht, verglichen mit den Rieſenarbeiten der Natur! Wie ſinken die Koloſſe und die gigantiſchen Gebäude, die Menſchenhände mühſam in Jahrhunderten auf⸗ thürmten, im Angeſicht dieſer Schöpfungen zu arm⸗ ſeligen Pygmäen herab!“„„Und doch““, erwie⸗ derte Norden,„„iſt etwas in unſerer Bruſt, das dieſe Höhen überragt! Es iſt der Gedanke, der weit über die Pole der Schöpfung hinausreicht; der den Gipfel des Chimboraſſo überfliegt, und in die geheimſten Tiefen der Erde dringt! Ein Be⸗ weis, daß die Größe des Menſchen nicht nach dem Werk ſeiner Hände, nicht nach den Trophäen ſei⸗ ner Macht, daß ſie allein nach der heiligen Kraft beſtimmt werden darf, die, von der Gottheit aus⸗ gehend, ihn allein zur Gottheit erhebt! Es iſt Angela I. 11 d 2—— 242— eine ſchöne Hoffnung““, fuhr er fort,„„wenn wir annehmen, daß dieſe Kraft, die ſchon hier ſo Hohes und Herrliches erzeugt, einſt durch mächti⸗ gere Organe gehoben, viel freier und thätiger wal⸗ ten, und uns dem Urquell der Wahrheit immer näher bringen wird. Jedes Geheimniß der Schö⸗ pfung und des Lebens muß einſt gleich einem Bu⸗ che vor uns aufgeſchlagen liegen, weil für den auf⸗ ſtrebenden Geiſt kein Stillſtand, ſondern ein ewi⸗ ges Fortſchreiten ſeiner Kräfte zu erwarten iſt.““ „Sie ſprechen da einen ſchönen, aber ſtolzen Gedanken aus!“ fiel mein Vater ein.„„Stolz?““ entgegnete Norden:„Iſt das Verlangen nach hö⸗ herer Vollkommenheit nicht jedem denkenden Men⸗ ſchen eigen? Und liegt nicht in ihm die Bürgſchaft einſtiger Gewährung? Die Natur gibt uns kein Sehnen, deſſen Erfüllung nicht zugleich in ihrer Mutterliebe bedingt wäre. Vom Wurme bis zum Engel hat jedes Geſchöpf ſeine Forderungen, ſeine Anſprüche. Jedes empfängt nach dem Maas ſei⸗ ner Kraft, und ſo ſchlingt ſich die Kette des Be⸗ gehrens und des Erfüllens von Glied zu Glied bis zur Unendlichkeit fort.“ Richardis! es liegt in Nordens Worten ſtets eine ſo beruhigende Kraft, daß mir iſt, als könnte ich gar nichts mehr fürchten, ſobald ich ſeine Stim⸗ me vernehme. Ich trat nunmehr völlig geneſen zu 8 — 243— den Uebrigen,— die mich ſogleich auf die liebliche Ausſicht aufmerkſam machten, welche ſich hier auf der ſchleſiſchen Seite eröffnet. Welch' eine reiche Abwechſelung von Gegenſtänden! welcher ſüßer Troſt nach dem Anblick des Schreckens! Gewiß, es darf keinen gereuen, die Sudeten beſtiegen zu haben! Dieſe verſchiedenartigen Eindrücke dürften ſelten ſo vereint von unſerm Gemüth Beſitz nehmen, als hier, wo das Furchtbarſte und Schönſte, das Ent⸗ ſetzlichſte, Erhabenſte und Lieblichſte in einem Blick uns dargereicht wird! Wir ſetzten nun unſere Reiſe fort⸗ um den Elbfall zu erreichen. Ambroſius, der, wie es ſbien, Herminens ſchnelle Abfertigung übel genommen hatte, ging ſchweigend vor uns her, und ſchnellte bisweilen mit den Fingern, oder pſiff eine abgebrochene Me⸗ lodie, währenddem er ſich fortwährend umſah. „Sie erwarten doch nicht wieder ein Gewit⸗ ter?“ frug Hermine beklommen, ſeine Blicke ver⸗ folgend.„„Wenn Sie, ſchönes Fräulein, bei dem Berggeiſt ein freundliches Wort einlegen wollen““, entgegnete er,„„ſo könnte wohl Rath dazu wer⸗ den!““ Wir ſahen uns um, der Himmel war voll⸗ kommen rein und wolkenlos.„Für heute“, trium⸗ phirte Hermine, indem ſie dem Magiſter ein ſpöt⸗ tiſches Geſichtchen zog:„möchte wohl ſelbſt Rübe⸗ zahl ſeine Gewalt vergebens aufbieten!“„Ei, ei, mein Fränulein!““ erwiederte jener drohend: „Fordern Sie ihn nicht durch Zweifel heraus, er iſt ſtets bereit, ſeine Macht zu beweiſen!““ Hierauf ſchritt er wieder vor uns her, indem er ſeinen Stock in ſeltſamen Kreiſen herumſchwang, ſo daß er in ſeiner auffallenden Tracht und der raſtloſen Bewegung ſeines Armes, einem Zauberer glich, der über einer Beſchwörung begriffen iſt. Als wir die Elbwieſe betraten, ſchimmerten uns von weitem zwei weiße Monumente entgegen, die die bedeutendſte jener elf Quellen bezeichnen, aus deren ſtill emporperlenden Waſſertropfen der Elbbach hervorgeht. Dieſe Wieſe iſt wegen der Fülle an Waſſer ſo ſumpfig, daß wir trotz dem trockenen Wetter alle Mühe hatten, uns vor dem Eiinſinken zu bewahren. Wir ſtiegen, nachdem wir die Inſchriften der Steine geleſen, eine bedeutende Strecke bergab, um zu dem merkwürdigſten Waſ⸗ ſerfall des Gebirges zu gelangen. Bald ſtanden wir vor dem prachtvollſten Schauſpiel, das je meinen Augen begegnet iſt! Der Elbbach zur vollen Jugendkraft herangereift, ſtürzt hier mit wildem Ungeſtüm von ſchwindelnder Höhe von einem Felſen zum andern hinab; weißer Schaum bedeckt die zur Tiefe donnernde Fluth. Dumpfes Getöſe dröhnt aus der neblichten Fels⸗ — 245— ſchlucht empor; der Boden ſcheint unter den Füͤßen zu ſchwanken, als erbebte er von dem gewaltigen Fall. Wir ſtanden auf einem hervorragenden Fels⸗ ſtück, auf dem man dieſe herrlichen Naturſcenen in ihrer ganzen Pracht überſchauen konnte. Hermine hatte eine Thräne im Auge; ich muß⸗ te ſie küſſen um dieſer Thräne willen! Später hörte ich von ihr, daß gleiche Tropfen auf meiner Wange ſtanden.— O, dieſe Thränen des Entzü⸗ ckens, wie ſind ſte ſo ſüß! Wir waren von die⸗ ſem Augenblick an viel inniger verſchwiſtert. Ein Jedes von uns ahnte ſein Gefühl im Buſen des Andern!— Mein Vater, als er ſah, wie groß meine Rührung über ein Vergnügen war, das ich ſeiner Güte verdankte, ſchloß mich herzlich in ſeine Arme, und nannte mich mit den zärtlichſten Namen. Nor⸗ den ſtand dabei, und ſchien über mein Glück, ei⸗ nen ſo guten Vater zu haben, eben ſo erfreut, als er von dem Erhabenen dieſer großen Natur ergrif⸗ fen war.— Plötzlich wurden wir im Austauſch unſerer Freuden durch ein Geräuſch unterbrochen, das einem fernen Donner glich. Ambroſius, den wir die Zeit über außer Acht gelaſſen hatten, trat jetzt hinter einem Felſenſtück hervor; ſein Geſicht war erhitzt, ſeine Augen blitz⸗ ten in ſichtlicher Schadenfreude.„Sie werden wohl⸗ — 246— thun, meine Herrſchaften, begann er,„ſich ſchleu⸗ nigſt auf den Weg zu machen! Ein Ungewitter iſt bereits im Anzuge und könnte Sie leichtlich erei⸗ len! Die ſchleſiſche Baude iſt nicht mehr fern, doch würde ich rathen, auf alle Fälle Ihre Schritte zu verdoppeln! Was mich betrifft“, fuhr er fort, „ſo thut es mir leid, mich von Ihnen trennen zu müſſen, mein Weg führt dort hinüber!(er deutete gerade auf die Gegend hin, wo uns vorher Rübe⸗ zahls Kanzel gezeigt worden war)— Ueberdies muß ich ſehr eilen, da ich heute noch Wichtiges zu beſtellen habe!“ Hierauf verbeugte er ſich zu wie⸗ derholten Malen, dankte mit großer Weitſchweifig⸗ keit für gegebene Erlaubniß, und ſchritt dann raſch die Höhe hinan. Der Sturm erhob ſich mit raſender Eil', und trieb den leichten Wanderer wie im Fluge vor uns her,— der Donner murmelte immer hörbarer, und eine ſtickende Luft ſchien uns den Athem zu benehmen. Hermine ſah mich mit einem bedeuten⸗ den Blick an, und ich ſelbſt konnte mein Befrem⸗ den über das plötzliche Erſcheinen eines ndavit⸗ ters nicht verbergen. „Ich ließ es mir nicht ausſtreiten, daß hinter dieſem Ambroſius irgend ein unheimlicher Kobold ſteckt“, rief Hermine.—„Wir werden zu thun haben, uns der Gefahr des Wetters zu entziehen! X8 — 247— es ſcheint zu ſichtlich von unnatürlichen Kräften herauf beſchworen, und kann die Freude dieſes Ta⸗ ges noch leicht in Grauen und Schrecken verwan⸗ deln!“⸗ Norden ſuchte vergebens ihr verſtändlich zu machen, wie in dieſen Gebirgen oft nur eine Wol⸗ ke von der Größe eines Hutes vorhanden ſein dür⸗ fe, um den Wetterverſtändigen ein bevorſtehendes Gewitter zu verkünden,— wie von ihnen ſogar die Zeit angegeben werden könne, binnen welcher das Wetter ſich zuſammenziehen und entladen wer⸗ de, und wie es oft nur einer Stunde bedürfe, um die Bewohner der Thäler, die vor wenigen Augen⸗ blicken den klaren Himmel über ſich hatten, durch eine ſchnell heraufziehende Macht, in Furcht und Schrecken zu ſetzen.— Hermine wollte trotz aller Erklärungen nicht von ihrem Aberglauben laſſen. Sie trieb uns mit großer Aengſtlichkeit zu eilen an, und hielt ſich feſt an Börens Arm, als könne ſie hier allein Schutz finden. Wirklich ſchien das Wetter mit jedem Augen⸗ blick näher zu kommen. Ein dicker Nebel verbarg uns bald die nächſten Umgebungen. Die Wolken ſenkten ſich, wir mußten, da wir noch kaum den Pfad erkannten, uns gänzlich unſern Führern an⸗ vertrauen. — 248— E Endlich erreichten wir die Baude, die uns an⸗ gewieſen war. Wir hörten nun zu unſerm Troſt⸗ daß hier oben ſelten Wettersgefahr zu befürchten ſei, weil die Gewölke, wenn ſie ſich auch anfangs in dieſe Höhe verirrt, dennoch bald, von den Dün⸗ ſten des Thales angezogen, zur Tiefe hinabkehrten, um ſich dort erſt in ganzer Macht zu entladen. Wir ſahen nun bald das geſtrige Schauſpiel vor unſern Blicken ſich wiederholen; die Nebel hat⸗ ten ſich zu unſern Füßen zu einer dichten Wolken⸗ maſſe zuſammengeballt, die ihre Blitze hinab und herauf ſandte, gleich einem verwegenen Feinde, der ſchon am Boden liegend, noch ſeine Pfeile nach ſeinem Ueberwinder abdrückt.— Die Nacht kam unterdeß heran, wir wurden von den guten Sennen der ſchleſiſchen Baude, von der Lebensart dieſes Hirtenvölkchens, ihren Ge⸗ bräuchen, Sagen und Volksliedern unterhalten, und das in dem ſeltſamen Gebirgs⸗Dialekt, der wegen der immer wiederkehrenden Endigungsſylbe la und a, etwas ganz Eigenthümliches hat. Eine kleine Unpäßlichkeit, die meinen Vater am folgenden Morgen überfiel, machte mir große Sorge, ich bat ihn dringend, unſere Rückreiſe zu beſchleunigen, und erhielt es von ihm, einen Bo⸗ ten nach Warmbrunn abſenden zu dürfen, der auf — 249— den Abend unſern Wagen nach einem Dorfe be⸗ ſtellte, das an dem Fuß dieſer Höhen lag. Der Weg, den wir bis dorthin zu paſſiren hatten, führ⸗ te uns bei dem Zacken⸗ und Kochelsfall vorbei, und verſprach uns aufs neue die köſtlichſten Genüf⸗ ſe. Ich gewann es nach ſvielen Bitten über mei⸗ nen Vater, daß er den Seſſel annahm, auf wel⸗ chem ich bisher getragen worden war,— und ging nun rüſtig neben den beiden Herren einher.— Ein armes Weib, das uns wie eine Menge anderer Bettelleute nachgekommen war,— nahte mir mit einem Glaſe köſtlich friſchen Waſſers, es mir mit überredender Freundlichkeit darreichend. Ich war erhitzt und fühlte einen brennenden Durſt.. Eben wollte ich es an die Lippen ſetzen, als Nor⸗ den mir es ſchnell aus der Hand nahm, und, dem Weibe ein Stück Geld reichend, ihr raſch ſich da⸗ mit zu entfernen gebot, mir aber eine ernſte War⸗ nung ertheilte, in der Folge vorſichtiger zu ſein, indem ein Trunk bei der Anſtrengung des Berg⸗ ſteigens genommen, ſehr leicht mit der Geſundheit eines ganzen Lebens bezahlt werden könnte! Ich dankte ihm gerührt, und wagte es kaum die Augen aufzuſchlagen. Wie gut iſt er, daß er für ein fremdes Leben Sorge trägt, indeß ich über⸗ ſilt genug war, das eigene auf's Spiel zu ſetzen, — 250— nicht beachtend, welchen Kummer ich damit mei⸗ nem Vater bereiten konnte. Wir nahten uns nun auf düſtern Waldpfaden dem Zackenfall. Ein dumpfes Rauſchen, das wir von fern hörten, verkündete uns ſeine Nähe, bevor wir ihn mit unſern Blicken erreichten. Endlich tra⸗ ten wir aus dem Dickicht des Fichtenwaldes hervor, und ſahen den kriſtallenen Strahl die zackige Höhe herabgleiten; erſt glänzend und klar, in ſilberhel⸗ len Caskaden, dann von allen Schleuſen befreit, gleich einem ſchäumenden Meer, zornig und wild brauſend. Die Umgebungen dieſes Waſſerfalls ſind ſehr romantiſch; die Felſen, über welche er ſich von einer Höhe von hundert Fuß herabſtürzt, ſind von allen Seiten mit dunkeln Fichten eingefaßt, die Felswand ſelbſt mit einem Ranken⸗Gewächs überſponnen, das üppig wuchernd mit ſeinen tel⸗ lerförmigen Blättern, die ſchroffen Granitblöcke überkleidet. Seine hellgrüne Farbe ſticht auffal⸗ lend von dem dunkeln Colorit ab, das die Umge⸗ bungen des Zackens charakteriſirt. Dem Fall ge⸗ genüber, erblickt man durch ein ſchmales Thal, von waldigen Höhen eingeſchloſſen, die unendliche Aus⸗ ſicht, die von dem Glanz der Frühſonne übergoſ⸗ ſen, gleich einem lieblichen Eden herüberdämmerte. Unten ſchäumt der Zacken, den Fuß des Felſen beſpühlend, über gewaltige Steinmaſſen der Tiefe — 251— zu, indeß das Getöſe, das er in ſeinem wilden Laufe verbreitet, die einzige Stimme iſt, die in der ſchaurigen Waldung wiederhallt. Unſer Führer meinte, man müſſe, um den Fall in ſeiner ganzen Pracht zu ſehen, die Leiter herabſteigen, die von der Höhe, auf der wir ſtan⸗ den, in den Grund hinabführt. Bören entſchloß ſich ſogleich, dem Führer zu folgen. Hermine hat⸗ te es nicht bald bemerkt, und hörte erſt von ſei⸗ nem Entſchluß, als er bereits auf dem Wege zur Tiefe war. Sie wurde blaß, ihre Hand, die die meinige hielt, zitterte, ſie konnte ihre Angſt nicht verbergen,— man mußte, wenn man ſie anſah, wohl errathen, wie theuer ihr das Leben ihres Freundes ſei. Endlich ſahen wir ihn unten in der ſchauerlichen Tiefe.„Gottlob, da iſt er!“ rief Hermine, und ihre Wangen erglühten von ſchöner Freude. Aber auf's neue quälte der böſe Mann uns arme furchtſame Weſen. Hören Sie nun, wel⸗ chen tollkühnen Streich er wagte, und urtheilen Sie ſelbſt, ob es nicht unrecht war, ſo dreiſt mit der Gefahr zu ſpielen. Uns war vorher von einer Höhle erzählt worden, die ſich in dem Felſen be⸗ findet, über welche der Zacken in weiten Bogen herabſchießt, und die bisweilen, wie die Sage geht, Gold liefern ſoll. Hermine hatte ſcherzend geäu⸗ ßert, ſe möchte wohl ein Andenken von dieſem = 252— Schatze haben,— der ſo neidiſch von den Waſſer⸗ geiſtern bewacht würde, ohne daß ſie an die Mög⸗ lichkeit eines ſolchen Unternehmens gedacht hatte. Zu dieſer Höhle, die man gar nicht ſieht, weil das darüber ſtrömende Waſſer ſie ganz verſchleiert, ſeukte jetzt Bören, von einem Knaben begleitet, ſeine Schritte. Jetzt ſtand er ſtill, und lblickte noch einmal empor.„Um Gottes willen, Bören, Sie wollen doch nicht?“ ſchrie Hermine außer ſich, aber ſchon klomm er die ſchlüpfrigen Steine hinan, das Geräuſch des Stromfalls ließ ihn unſer ängſtliches Rufen nicht hören, bald verſchwand er hinter der neblichten Wolke, die der Waſſerſtaub um jene Fel⸗ ſenblöcke bildet. Wir ſchrien ſo laut wir konnten, Hermine wollte nachſpringen, es war ein ſchreck⸗ licher Augenblick! Mein Vater äußerte laut ſei⸗ nen Unwillen, Norden ſandte zwei Burſche eiligſt hinab, ihm wo möglich beizueilen,— ich wagte es kaum, Odem zu ſchöpfen. Endlich, Gott ſei gelobt, wurde er wieder ſichtbar! Er hielt etwas in der Hand, das er triumphirend emporhob,— ich muß⸗ te unwillkürlich an den Taucher denken, der, den Becher freudig zeigend, aus der fürchterlichen Mee⸗ restiefe zurückkehrt. Herminens Geſicht überflog eine glühende Röthe, ſie ſchien auf die Kniee ſinken zu wollen, ich hielt ſie, und fühlte ihr Herz ge⸗ waltig ſchlagen. 5 —— 253— Bören klomm mit eiligen Schritten die Leiter empor, und überreichte mit ſtolzem Selbſtbewußt⸗ ſein Herminen die Trophäen ſeines Sieges über die Waſſergeiſter, die aus einer Art Steinmark be⸗ ſtanden, das er in jener Höhle gefunden hatte. Seine Kleider waren ganz feucht von Waſſerſtaube, ſeine Haare wie von Regen getränkt. Hermine ſah ihn eine Weile mit einem ernſtſtrafenden Blick an, dann ſagte ſie:„Herr von Bören, ich kaun Ihnen nicht für dieſen Beweis Ihrer Aufmerkſam⸗ keit danken! Man muß ſeine Freunde ſchlecht ken⸗ nen, wenn man ſie durch einen ſo tollkühnen Streich zu ergötzen glaubt!“ Hierauf wandte ſie ſich von ihm ab, die Farbe gerechten Zornes auf den Wan⸗ gen. Bören wagte vergebens einen Verſuch ſie zu verſöhnen, ſie blieb den ganzen Weg über in ernſter Stille. Norden ſprach darauf eine Weile leiſe mit Bören.„Aber, mein Gott“, hörte ich jenen erwiedern:„ich ſehe ja hierin gar kein ſo un⸗ geheueres Wagſtück, das dieſen Vorwurf verdien⸗ te!“—„„Leugnen Sie nicht! mein Freund!““, fuhr Norden fort:„„Sie konnten Ihre Galanterie ſehr leicht mit dem Leben bezahlen! Der Muth iſt etwas Großes, Herrliches in des Mannes Bruſt! aber man darf mit dem Großen nicht ſpielen, weil man dadurch ſeinen Werth herabſetzt!— — 254— Bören konnte ſich nicht vertheidigen, er ver⸗ diente mit Recht dieſen Vorwurf. Trotzig ging er neben uns her; Hermine ſaß auf ihrem Tragſeſſel, ſtolz und majeſtätiſch wie eine Königin. Ich er⸗ götzte mich an der Unterhaltung meines Vaters mit Korden, die von ihren frühern Reiſen ſprachen, und mehrere Gegenden der Schweiz mit unſern ſchleſiſchen Alpen verglichen. Wir kamen nun bei der Glashütte an; die Ausſicht iſt hier wunderſchön. Man überſieht das reizende Marienthal, und das weithin vertheilte Dorf Schreiberhau, tiefer das Hirſchberger Thal, und die zahlreichen Ortſchaften umher. Ich blieb, indeß die Andern die Glasſchleiferei beſuchten, vor der Thür des Gebäudes, und betrachtete das Bild, das auf immer meinen Augen entſchwinden ſollte. Ich möchte wohl auf dieſem Gebirge wohnen, Richardis! Man fühlt ſich hier dem Himmel ſo innig vertraut, ſo hingezogen zu dem großen ge⸗ waltigen Auvater, der dieſe Rieſenmaſſen geformt, daß man ſich wie ein gutes Kind vertrauend in ſeine Hand gibt, und zuletzt gar nichts mehr fürch⸗ tet, ſelbſt den Tod in dieſen Abgründen nicht. Unſere Geſellſchaft kam jetzt zurückz mein Vater ſchalt mich, daß ich abſichtlich ſo viel Schö⸗ nes verſäumt habe, und verlangte, ich ſollte mir wenigſtens die glänzenden Vorräthe zeigen laſſen. Ich gehorchte, ob ich gleich von jeher wenig Ge⸗ ſchmack an Gegenſtänden der Pracht und des Luxus fand. Die ſchönen Kryſtallvaſen und zahlloſen Glaswaaren, die meiſt auf's zierlichſte geſchliffen und mit Gold verziert waren, erinnerten mich an die Feenpalläſte meiner Ammenmährchen. Als wir ſpäter in einer Bauernhütte Mittag machten, fand ſich vor Börens Gedeck ein Kryſtall⸗ glas, auf dem der Zackenfall und darunter das Wort: Warnungl eingeſchliffen war. Das Glas ging von Hand zu Hand, man belachte den ſeltſa⸗ men Zufall, hinter dem ſich wohl ein Einfall Her⸗ minens verſteckt hatte, und ſo kam Jedes von uns in eine gemüthliche, heitere Laune. Ein Chor reiſender Böhmen überraſchte uns bei unſerm Forellenmahl mit einer Muſik, und gab der ländlichen Scene eine gewiſſe Feſtlichkeit, die unſere frohe Stimmung noch erhöhte. Bören, der durch das freundliche Geſicht Herminens mit ſich ſelbſt wieder ausgeſöhnt war, ſchwor, das Glas um jeden Preis an ſich zu bringen. Die Wirthin war bereits von Herminen unterrichtet, und bat mit be⸗ ſcheidener Miene für die Ueberlaſſung des Glaſes, um ein Almoſen für den blinden Greis, der vor der Thüre ſaß. Bören gab reichlich, und ſo kam der Arme zu einer Gabe, und er zu einer War⸗ nung, die beiden gleich nützlich war. Luſtig zogen 1 nun die Wanderer von dannen. Der Fuͤhrer, Her⸗ mine und Bören voran, wir langſam folgend, um den Reiz der lieben Gegend noch länger zu genie⸗ ßen. Unſer Ziel war nun der Kochelfall. Bald ſtießen wir in der friſchen Waldung, die ihn um⸗ ſchließt, wieder zuſammen, und kamen auf den lieb⸗ lichſten Waldwegen auf die bezeichnete Stelle. Die Kochel ſtürzt ſich hier von einem dreißig Fuß ho⸗ hen Felsblock in ſchönen Cascaden herab, und wälzt ſich dann über kleinere Felsſtücke in den lieblichſten Krümmungen fort. Der Charakter dieſes Waſſer⸗ falls iſt von dem des Zackens ſehr verſchieden. Jener trägt den Stempel der erhabenſten Größe, dieſer iſt das Bild der romantiſchen Schönheit. Jener ergreift, und ſtimmt unwillkührlich zu ern⸗ ſten Gedanken;— dieſer gefällt, und reizt den Maler, das lieblichſte Bild aufzunehmen, das wegen der verſchiedenen Baumgruppen, die es umgeben, und den weißen, hellbemoosten Steinen, über wel⸗ che die Fluth hinrollt, ein viel bunteres Colorit erlaubt, als die ſchwarzen Felſen und der düſtere Fichtenwald, von denen der Erſte umſchattet wird. Der Zacken, der ſeitwärts daher ſchäumt, nimmt die Kochel, nachdem ſie den Felſen über⸗ ſprungen, in ſeine Umarmungen auf, ſtürzt ſich dann, durch ihre Fluthen vergrößert, in raſchem Ungeſtüm über die zahlloſen Steine des breiten — 257— Felſenbettes fort, und eilt mit ihr vereint dem Thale zu. Wir ſtanden lange vor dieſem ſchönen Bilde der innigſten Verbrüderung; ich glaubte in dieſen beiden Bergſtrömen zwei befreundete Jüng⸗ linge zu erblicken, die zu gleicher ſchöner Wirkſam⸗ keit ihre Kräfte vereinen, und ſo jedes Hinderniß muthig niederkämpfen, das ihrem Willen entgegen⸗ ſtrebt. . Ich ſollte meinen, liebe Richardis! die Ge⸗ birgsbewohner müßten mit der Naturpoeſie recht innig vertraut werden. Es drängen ſich auf dieſen Höhen, in dieſen reizenden Gegenden ſo viele Bil⸗ der der Phantaſie auf, daß ich ſogar ſelbſt biswei⸗ len eine Ahnung hatte, als könne mir hier die herrliche Gabe der Dichtkunſt zu Theil werden! O Gott, wie glücklich müſſen die Menſchen ſein, die es ausſprechen können, was wie ein ſeliges Geheimniß im Buſen liegt! Ich glaube, daß kein Entzücken dem gleich kommen kann, das man em⸗ pfindet, wenn endlich die wahre eigenthümliche Sprache des Herzens gefunden iſt, und Wonne und Schmerz, Seligkeit und Trauer, von den alten Banden befreit, ſich kund geben darf in begeiſtern⸗ den Geſängen! Laſſen Sie mich hier meinen Brief beſchließen, wie dies liebliche Natur⸗Gemälde das letzte war, was den reichen Bilderſaal dieſer Höhen ſchmückt. — 258— Wir fanden unſern Wagen am beſtimmten Orte, und kamen glücklich in Warmbrunn an.— O, wie bin ich mit ſo ſchwerem Herzen von den Bergen, von den ehrlichen Gebirgsbewohnern, von unſerer lieben Reiſegeſellſchaft geſchieden. Morgen erhalten Sie noch die Beſchreibung des Kynaſts; für heute leben Sie wohl! Fortſetzung. Mein Vater trat den folgenden Morgen mit der Frage zu mir, ob ich lieber den Feierlichkeiten des Königl. Geburtstages beiwohnen, oder mit ihm die alte Veſte Kynaſt beſuchen wollte. Ich wählte das letzte, und bat Herminen dazu einladen zu laſſen! Mir war die heitere Gefährtin faſt unentbehrlich geworden; der Vater bemerkte es, und verſprach mir, dem Fräulein den Vorſchlag zu machen, uns nach Breiſach zu begleiten! Ich hüpfte vor Freu⸗ den wie ein Kind, und konnte es nicht erwarten, zu ihr zu gehen. Leider aber war meine Hoffnung vergebens geweſen, die Baronin Benting, bei welcher Her⸗ mine ſich aufhielt, beſtand darauf, ſie ſollte ſie auf den Ball begleiten.— Hermine klagte über Mü⸗ digkeit, und war mit ſo vielen Vorkehrungen zum Ball beſchäftiget, daß ſie mir ſelbſt auf meine Bit⸗ te, uns morgen nach Breiſach zu begleiten, nur höchſt unbefriedigende Antworten gab. — 260— Zum Glück verſöhnte ſie mich wieder am Abend, indem mir ein Billet ihren Entſchluß brach⸗ te, mit uns zu reiſen.— Gern vergaß ich nun ihre ſeltſame Zerſtreuung, die mich in der That betrübt hatte. Ich fühle, theuere Richardis, daß ich in der Freundſchaft ſehr verletzbar bin, und das wird mir gewiß noch viele Schmerzen bringen! Ich bin, das weiß ich, viel zu gering, als daß ich fordern könnte, das tiefe Gefühl, deſſen ich fähig bin, ſollte mir ebenſo von Andern dargebracht werden! Und dennoch iſt etwas in mir, was dies zu fordern ſcheint, und das iſt ein thörichter Stolz und eine ſehr gefährliche Eitelkeit. Doch ich ſpreche Ihnen ſo viel von mir, und wollte Ihnen doch von der Burg Kynaſt erzählen. Es liegt ein ganz eigenthümlicher Reiz in der Be⸗ ſchauung ſo ehrwürdiger Reſte! Jene Trümmer, die halb verwittert noch deutlich die Spuren ſtolzer Größe tragen, ſchienen uns von jenen Tagen er⸗ zählen zu wollen, wo ſie in gebieteriſcher Herrlich⸗ keit, der Gewalt der Zeit zu trotzen drohten,— 2 und erfüllen uns mit ſtiller Ehrfurcht, indeß ihr von Alter gebeugtes Haupt uns tiefe Rührung ein⸗ „ flßt. Die Ruinen des Kynaſts krönen den Gipfel eines hohen Granitberges, und ſchauen mit ihren nackten Zinnen ernſt und traurig über den ſchwarzen Fichtenwald hinab, der die Höhen bekleidet. * Man führte uns durch das Thor der Burg, und ſchloß, wie es hier gebräuchlich iſt, hinter uns ab, um dem Eindringen fremden Geſindels zu weh⸗ ren. Ein junger Mann war mit uns zugleich ein⸗ getreten, und folgte uns durch die zerfallenen Ge— mächer und Gänge, bis zu der Mauer, die durch den Uebermuth der ſtolzen Kunigunde berühmt iſt. Die Sage wird Ihnen wohl bekannt ſein, die uns erzählt, wie dieſes Edelfräulein einen fürchter⸗ lichen Schwur gethan, ſich nie zu vermählen, bis einer ihrer ritterlichen Bewerber zum Beweis ſei⸗ nes Muthes und ſeiner Liebe, die Ringmauer, an deren Fuß ein fürchterlicher Abgrund gähnt, umrit⸗ ten, und durch dieſe That ſich das Recht auf ihre Hand erworben habe. Viele der edeln Ritter ver⸗ ſuchten, von ihrer Schönheit verblendet, das gefähr⸗ liche Wagſtück, und fanden ihren Tod in der Fel⸗ ſenſchlucht. Endlich erſchien ein junger ſtattlicher Held, ausgezeichnet durch königliche Schönheit und hohe ritterliche Würde. Zum erſtenmal fühlte Ku⸗ nigunde ihr Herz von ſanften Gefühlen bewegt. Gerne hätte ſie ihren Schwur zurückgenommen, um das Leben des Geliebten zu retten. Aber der Rit⸗ ter beſtand auf dem alten Brauch, und betrat, von Kunigundens ängſtlichen Blicken verfolgt, den ſchma⸗ len Todesweg. Und, o Wunder, höhere Mächte ſchienen über ihn ihre Hand auszubreiten, er voll⸗ bringt, was keinem gelang, und kehrt als Sieger zur Burg zurück. Außer ſich voll ſeliger Ueberra⸗ ſchung, eilt Kunigunde, ihm den Preis des Sieges zu gewähren, laut ſchlägt ihr Herz voll Liebe und Glück,— ſie öffnet dem Ritter ihre Arme,— aber ſtumm verneigt ſich der Hohe vor ihr,— ſie erfährt, daß nur Ehrgeiz, nicht Liebe ihn beſtimm⸗ ten, das Gefährliche zu vollbringen, und er be⸗ reits durch ein heiliges Band gefeſſelt iſt.— So übergab das Geſchick Kunigunden, die ſo lange mit der Liebe edler Männer ihr frevelndes Spiel trieb, zur Strafe den Qualen der Reue,— und dem Schmerz der hoffnungsloſeſten Neigung, bis der Tod ihre Leiden endete.— Mit heimlichem Schauer ſah ich in den tiefen Grund hinab, wo die Gebeine jener Unglücklichen in Staub zerfielen. Der Fremde war indeß an unſere Seite ge⸗ treten, und machte uns jetzt auf einen Namenszug aufmerkſam, der in der Mauer eingegraben war, es war der Name Theodor Körners. Wir freuten uns über dieſe Entdeckung, und kamen mit ihm in's Geſpräch. Er ſchien Körnern gekannt zu ha⸗ ben, und repetirte uns mehrere Balladen und Ro⸗ manzen, dieſe alte Feſte betreffend. Dabei ſah er ſo begeiſtert aus, daß ich ihn ſelbſt für den Autor dieſer ſchönen Verſe hielt, bis ich erfuhr, daß ſie — 263— auch zum Theil jenem theuern Dichter angehörten. Er mochte wohl merken, daß mir ſeine Mitthei⸗ lungen wohlgefielen, denn er fuhr fort ſich mit mir zu unterhalten, und geleitete mich ſichern Schrittes die engen Treppen und morſchen Mauerſteine hin⸗ ab, auf denen ich allein ganz ſicher geſtrauchelt und gefallen wäre. Als wir wieder im Freien wa⸗ ren, bat uns der Fremde um Erlaubniß, uns an dem Tiſch, an den wir uns niedergelaſſen hatten, Geſellſchaft leiſten zu dürfen. Mein Vater iſt ſonſt kein Freund von dergleichen Annäherungen, doch konnte er nicht umhin, Ihm, den man, ſeiner Bildung nach, wohl für einen Mann von Stande nehmen konnte, höflich einen Platz anzubieten. Ich konnte ihn nun, als er uns gegenüberſaß, beſſer betrachten. Er hatte ein angenehmes Ge⸗ ſicht, das durch zwei ſchwarze, ſehr lebhafte Augen, wie durch die ſtarken Braunen und dem vollen Haarwuchs, der in unordentlichen Locken bis zum Kragen herabfiel, einen Ausdruck von Kraft und Wildheit erhielt. Seine Stirn war hochgewölbt, das Knie etwas hervortretend,— ſein Blick feu⸗ rig, doch unſtet, eben ſo ſchien ſein ganzes Weſen von einer fortwährenden Unruhe bewegt. Er ſprach viel und gut, und hatte uns bald mit allen merk⸗ würdigen Burgen Deutſchlands bekannt gemacht. Seine Schilderungen waren von der lebhafteſten Angela 1. G 12 * — 264— Phantaſie beſeelt, und ich meine noch heute in je⸗ nen Gegenden geweſen zu ſein, die er uns mit den Farben des Lebens ausgemalt hatte.— Das Geſpräch lenkte ſich von dieſen Gegenſtänden auf das Eigenthümliche dieſer Zeit; der Fremde ſprach mit vielem Feuer von den Vorzügen des Ritter⸗ tbums und des Fauſtrechts, und äußerte ſich mehr⸗ mal mit auffallendem Enthuſiasmus über den Werth der Freiheit,— ſo daß mein Vater, der jedem überſpannten Begriff abhold iſt, das Geſpräch mit einer raſchen Wendung abbrach, und auf einen an⸗ dern Gegenſtand zu lenken ſuchte. Wir hatten ſchon vorhin von einem ſehr merkwürdigen Echo gehört, das dieſer Höhe eigen iſt, und wurden jetzt durch einige Anweſende auf's Neue daran erinnert. Unſer Geſellſchafter bat, uns damit zuerſt überra⸗ ſchen zu dürfen, und zog zu dem Ende eine Pi⸗ ſtole hervor, die er in ſeinem Buſen verborgen trug. Ich weiß nicht, wie es kam, der Menſch hatte in dieſem Augenblick etwas Fürchterliches, als er mit einer kühnen Bewegung, dicht an den Rand der ſteilen Höhe trat, und die Piſtole abbrannte. Der Schuß wurde zu wiederholten Malen von den Bergen zurückgegeben, er ſchien ein Signal zu ei⸗ nem entfernten Kampfe geweſen zu ſein. Mit einem heitern Geſichte wandte ſich hier⸗ auf der Fremde zu uns, ſteckte die Piſtole ein, — 265— und zog eine Flöte langſam hervor, indem er ſich artig gegen mich verbeugte, und um die Erlaubniß bat, mir zu Ehren ein milderes Echo erwecken zu dürfen; mit Freuden gewährte ich ihm, denn die Flöte, das wiſſen Sie, liebe Richardis, war ſtets mein Lieblingsinſtrument. Es begann nun ein Adagio in ſanften ſchmelzenden Tönen;— es war, als wollte er uns durch ſein zartes Spiel den vo⸗ rigen Eindruck vergeſſen machen, ſo hauchte er das tiefſte innigſte Gefühl, den Geiſt ſanfter Weh⸗ muth, in langgehaltenen ſüßen Tönen aus; ein von Schmerz und Sehnſucht gepreßtes Herz ſchien ſich in dieſen Melodien Luft machen zu wollen,— ſich kund zu geben dem erſtaunten Gemüth, ohne der Worte zu brdürfen; jetzt ging er aus dem ſchwermüthigen Takt des erſten Stückes, mit ei⸗ ner kühnen Cadenz in die ſchöne Polonaiſe über, die als das Schwanenlied eines jungen Polen be⸗ kannt iſt, und ſchloß, indem er gleichſam alle Ton⸗ leitern der Gefühle durchlaufen, mit dem Ausdruck der wildeſten Verzweiflung, den Kampf der durch⸗ einander fluthenden Töne.— Mein Vater, der ein Kenner der Muſik iſt, konnte nicht umhin, ihm einige artige Worte über ſein treffliches Spiel zu ſagen,— doch däucht mich hätte er noch mehr Lob verdient, und gern hätte ich es ihm mit dankbarem Herzen geſpendet, wenn 12*† — 266— nicht der ſtrenge Blick meines Vaters mich verle⸗ gen gemacht hätte! Der Fremde hatte durch ſein Talent in mei⸗ nen Augen an Bedeutſamkeit gewonnen, auch er⸗ blickte ich, als er die Flöte hervorzog, das eiſerne Kreuz auf ſeiner Bruſt, daher war es mir wohl nicht zu verargen, wenn ich ein wenig neugierig geworden war, ſeinen Namen zu erfahrrn. Ich trat daher, als er mit meinem Vater im Geſpräch war, zu dem Buche hin, das man uns vorgelegt hatte, um unſere Namen, nach Sitte aller Rei⸗ ſenden, einzutragen, denn ich hoffte auf dieſe Art den ſicherſten Aufſchluß über den ſeinen zu be⸗ kommen. Wirklich fand ich auch mit friſcher Tinte den Namenszug: Wotoch, am Schluſſe des Na⸗ menregiſters. Ich erröthete über meine Neugier, und begegnete den Blicken des jungen Mannes, der mir nachgeſehen hatte, nicht ohne Verlegenheit. Schnell ſchrieb ich unſern Namen darunter, und folgte darauf dem Wink meines Vaters, der jetzt aufbrach, um mit mir die Burg zu verlaſſen. Der Fremde ſchien betroffen über unſern ſchnellen Auf⸗ bruch, doch machte er keine Miene uns zu beglei⸗ ten; er verneigte ſich ſehr ernſt gegen uns, und folgte uns mit ſeinen Blicken die Höhe hinab. Als ich mich ſpäter einmal umſah, glaubte ich in der Entfernung ſeine Geſtalt zu erblicken, die — — hinter uns drein ſchritt. Ich ſagte es meinem Va⸗ ter; aber er gebot mir mit ſeltſamer Strenge, mich gar nicht umzuwenden, ſondern unbekümmert um ihn, meinen Weg zu verfolgen. Wir ſchritten nun raſch dem Thale zu, wo unſer Wagen bereits unſer harrte. Ich konnte nun nicht länger die Frage zurückhalten, wer denn der Fremde eigent⸗ lich ſei?„Ein Avanturier“, war ſeine Antwort, „wie es deren viele gibt, die von den Jahren des Krieges verwöhnt, ſich nicht mehr in den Schran⸗ ken einer ſoliden Wirkſamkeit einſchränken laſſen, und ein unſtätes Leben treiben, bis ihre Kräfte vollends verwildert ſind, und in das bürgerliche Leben nicht mehr paſſen!“ „„Alſo ein Militair, vielleicht ein freiwilliger Jäger? un frug ich weiter.„Das wäre aus ſeiner Bekanntſchaft mit Körner, aus ſeinem Enthuſias⸗ mus für ihn, zu vermuthen“, entgegnete er, njetzt aber ſcheint aus dem freiwilligen Jäger ein Sohn regelloſer Freiheit geworden zu ſein, und ich be⸗ reue faſt, ihn nicht bald vermieden zu haben.“ „„Aber ſein ſchönes Flötenſpiel!““ ſiel ich entſchuldigend ein. „Iſt ein Grund mehr, ſich vor ihm in Acht zu nehmen. Umherſchweifende Künſtler und alle ſolche Abentheurer ſind zudringlich, und ſeine drei⸗ ſten Fragen nach unſerm Aufenthalt ließen mich — 268— zeitig genug ſeinen Charakter durchſchauen!“ Ich ſchwieg und wiederholte mir im Stillen den Na⸗ men Wotoch, um dem armen Flötenſpieler in mei⸗ nem Herzen das Unrecht abzubitten, das ihm viel⸗ leicht unwiſſentlich der Vater gethan hatte. So legten wir, ohne dieſen Gegenſtand wei⸗ ter zu berühren, unſern Weg zurück. In Warm⸗ brunn wogte die Menge in Feſtesſchmuck bunt durcheinander, einzelne Muſikchöre ließen ſich von verſchiedenen Seiten hören, alles athmete das Le⸗ ben der Freude, des heiterſten Genuſſes. Ich lag am Fenſter und ſah in das luſtige Getümmel hin⸗ ein, indeß mein Vater, einer Einladung zufolge, ausgegangen war. Eben verfolgte ich mit meinen Blicken einige ſchöngeputzte Damen,— als ich auf’s Neue unſern Fremden erblickte, der langſa⸗ men Ganges die Straße herauf kam. Ich fuhr, von einer unwillkührlichen Angſt ergriffen, raſch mit dem Kopfe zurück, ich weiß nicht, ob er mich geſehen hatte, denn ich ſchloß das Fenſter ſo ſchnell ich konnte. Wie groß war aber meine Ueberraſchung, als ſpät am Abend, wo alles auf den Straßen ſtill und ruhig geworden war, ſich eine Flöte unter un⸗ ſerm Fenſter hören ließ, und ich an dem ſchönen Vortrage und den kühnen Uebergängen ſogleich un⸗ ſern Virtuoſen wieder erkannte. Noch war ich — 269— allein. Leiſe ſchlich ich an's Fenſter und öffnete es ein klein wenig: da erkenne ich gegenüber, an einen Baum gelehnt, die bekannte Geſtalt; jubelnde Tö⸗ ne ſteigen zu mir empor, ein froher Hymnus hat ſich aus den klagenden Melodien emporgerungen, die Nacht iſt zum Tempel des Lebens geworden. — Da geht die Thür auf, mein Vater tritt ein. — Ein finſterer Blick fiel auf mich, doch ſprach er kein Wort. Er brachte mir das Billet Herminens und gebot mir, mich morgen beim Früheſten zur Abreiſe fertig zu halten. Ich verließ ſchnell das Fenſter, und that wie er gebot. Die Flöte tönte noch lange fort,— und wiegte uns endlich in Schlummer ein. Den folgenden Morgen verließen wir mit Tagesanbruch das freundliche Warmbrunn. So habe ich Ihnen, liebe Richardis, alles recht offen und treu erzählt, und füge nur noch hinzu, daß außer einigen Thränen, die Hermine unterwegs vergoß, und die wohl dem Abſchied von ihren zahlreichen Freunden gelten mochten, unſere Reiſe gar heiter und angenehm war. Den dritten Tag kamen wir in Breiſach an, und haben uns nun, ſo gut wir konnten, in dem alten Schloſſe ein⸗ — 270— gerichtet. Hermine verſchönt unſern Aufenthalt nicht allein durch ihre Geſellſchaft, ſondern auch durch Anordnungen aller Art, und ich glaube, daß ich noch vieles von ihr lernen werde, in Hinſicht des Geſchmackes und weiblicher Geſchicklichkeit. Mein Vater hält ſie ſehr werth, und das er⸗ höht meine Anhänglichkeit an ſie. Wir leſen, ſin⸗ gen, tanzen und ſprechen zuſammen, und erheitern durch unſere Munterkeit die ernſte Stirn meines Vaters. Täglich fühle ich mich glücklicher in Her⸗ minens Nähe,— und doch, wie ſeltſam, liebe Richardis! iſt dieſes Gefühl ſehr verſchieden von dem, das ich für Sie empfinde. Hermine ent⸗ reißt mich mir ſelbſt, und führt mich mit ſich fort in eine mir unbekannte Sphäre. Sie ließen ſich zu der Welt meines Herzens herab, und ſorgten für dieſelbe mit theilnehmendem Blick. An Ihrer Bruſt, Richardis, ruhte ſich's ſanft, das ſchüchter⸗ ne Vertrauen durfte ſich dorthin flüchten, jeder Gedanke, der meiner Seele entſtieg! Gönnen Sie mir daher, meine Freundin, noch länger dieſen Platz an ihrem Herzen! Laſſen Sie mich ſtets zu Ihnen ſprechen offen und treu, wie ich's immer gewohnt war! Ach, ich habe ja keine Mutter mehr!— und mein Vater!— O, Richardis, nur die Mütter haben Sinn für die Angelegenheiten unſers Gemüthes! Darf ich denn —— — 271— klagen, daß mein Vater zu ernſt iſt, um in meine kindiſchen Gedanken einzugehen? O, bleiben Sie meine Freundin, meine Mut⸗ ter, damit ich Sie unter dieſem heiligen Namen doppelt verehren darf!— Stets werden Sie das erſte Recht haben auf das Vertrauen Ihrer Angela. d „ 8 1 — 4