—y——— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von..„ Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 85 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 1 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 16 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausjeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 8— — 2 ua 7 8 4 1,997 r ue — — 4 Meinen 1 edeln unvergeßlichen Freunden Herrn ig Johann Rudolph Marty 5 4 je und Herrn. en Conrad Heinrich Sengbuſch en Kaufleuten in Riga 4 l⸗ . zum Zeichen meiner innigſten Ergebenheit t, und Dankbarkeit. — 3 8 An die Leſer. Der Verfaſſer hat nur ſehr wenig zu ſagen. Es iſt der erſte Verſuch eines Gemäldes von Madrid; die Schwierigkeiten der Arbeit werden die Unvollkommenheiten derſelben entſchuldigen helfen. Was vier oder fünf ſchon an⸗ derwärts gedruckte, hier aber wie⸗ der aufgenommene Artikel betrifft, ſo durften ſie um der Vollſtändig⸗ wer⸗ keit willen nicht weggelaſſen VI ſo ſehr verändert worden, daß ſie füglich für neu gelten können. Schlüßlich ſei es dem Verfaſ⸗ ſer erlaubt, noch ein Wort von ſei⸗ nem Gemälde von Valencia e) zu ſagen, das unfehlbar zur Mi⸗ chaelis⸗Meſſe erſcheinen wird, und worauf noch mit 2 Rthlr. 12 gr. in allen guten Buchhandlungen prä⸗ numerirt werden kann. Dresden, C. A. F Oſter⸗Meſſe 1802. *) Siehe die weitläuftige Ankündigung am Ende dieſes Werkes. ——— VII Inhaltsverzeichniß. Topographiſcher Umriß(Seite 3 Pbyſiognomie des Ganzen....— Tr Clima...........— 21 Puerta del Sol.......— 33 Kirchen und Klöſter.— 37 Buen Retiro........— 43 Lebensmittel.........— 59 Der Canaal..— 69 Der Prado......— 72 Waſſerhandel........— 81 Piaza Mayor.......— 86 VIII Neue Spaziergänge Quartel de Guardias de CGorps. 4 Spaniſche Küche... Neuer Pallaſt. El Saladero Häuſer der Großen... Badehäuſer El Jardin bétanico. Fiacker u. Caleſeros. Armehe Real. Bedienten.... 5.. Erziehung La Muralla... Real Gabinete de historia natural Prebendas Lavanderas.... Sffentliche Bibliotheken... Daſtereger............ Copas.. —— Arzte............ Seite 203 Wiſſenſchaftliche Anſtalten..— Tl CorréCo.......— Real Academia Espafiola....— Real Academia de la historia— Real Academia de las nobles artes.— Lertäre........ Sastres........— Real Seminario de Nobles— Estudios Reales de 8. Isidro..— Libreros......... Real Sociedad ecéönomica— Cigarros Cofradias... Salpeterfabriken.....— Armenweſen..........— 2 Fl Kosario.......— Dulces......... Feuerung......... IN 206 Hoſpitäler Las Vizcaynas.. Caffehäuſer Fondas........ Corredores Real Hospicio de S. Fernando Runde Hüte........ Amas....... Policey......... Palmen... Juſtizpflege.. Majos. Majas......... Gebähr⸗Findel⸗ und Waiſenhäuſer Prozeſſionen..... Ordinarios....... Fabriken und Manufacturen 5 Monte de Piedad...... KRegatonerias.... — Inquiſition Gazeta de Madrid Memorialistas Seiergefechte. Missa..... Gefängniſſe Noche Pnen. Alquileres. Faſtnacht. Handel.... Freudenmädchen Faſten Beutelſchneider Beichtzettel Vergnügungen Avantureros Botellerias.. Viernes Santo Abanicos.. . XI Seite 332 — 337 — 343 — 345 — 357 — 361 .— 365 — 369 — 372 Tertulia San Juan Begräbniſſe.. Theater- Feria San Isidro.... Weiber...... Guia de Forasteros. San Antonio. Diario de Madrid umgang beider Geſchlechter . Allerſeelenfeſt... Tanz — — Neue Verlagsbücher, welche bei Jo⸗ hann Feiedrich Unger in Ber⸗ lin zuc Leipziger Oſter⸗Meſſe 1802 herauskommen. Alarcos, ein Trauerſpiel von Fr. Schlegel. gr. 8⸗ 8 gr. Chaptal's, J. A., Verſuch über die Vervoll⸗ kommung der chemiſch. Kunſtgewerbe in Frankreich, a. d. Franzöſ. überſ. und mit einigen Bemerkungen, vor üglich in Hrnſicht des Zuſtandes dieſer Hewerbe im Preuß. Staat verſehen von H. W. Hrerwagen. 3. 12 gr. Gedichte von Sophie Mereau, 28 Bdchen. 8. 18 gr.— Auf Velinpapier 1 Rthlr. Gemälde nach der Natur von C. W. Frölich. 8. 12 gr. Girtanner hiſtor. Nachrichten und politiſche Betrachtungen über die franzöſiſche Revolu⸗ zion, fortgeſetzt vom Profeſſor Buchholz, 149 und 15r Band. 3 Rthlr. Hummel, A., über den gegenwärtigen Zu⸗ ſtand der Gelehrtenrepublik und der akade⸗ miſchen Lehranſtalten. 8. Wird zu Jobannis fertig. Koſtüme auf dem Königl. National⸗Theater zu Berlin. iſtes Heft. 1 Rthlr.(in Com⸗ miſſion). Martin von Fenroſe, ein Roman in 3Theilen. 8. 2 Rchlr. S Mattuſchka, neue Entdeckungen und Beobach⸗ tungen über die Bienen und ihre Zucht, oder neues Lehrgebäude der Bienenzucht. Erſtes Stück, welches das neu entdeckte Geheimniß von den verſchiedenen Geſchlechts⸗ arten der Bienen durch den Augenſchein be⸗ wieſen, enthält. 8. Mit einem Kupfer, 20 gr. — Anweiſung zum nützlichen Weinbau, be⸗ ſonders in den nördlichen Gegenden von Deutſchland, Preußen, Rußland ꝛc, nebſt der Kunſt Wein zu machen, wie auch an⸗ dere für den Gartenbau nützliche Sachen. 8.(Wird zu Johannis fertig.) Nicolai, J. D. ökonomiſchjuriſtiſche Grund⸗ ſätze von der Verwaltung des Domainen⸗ weſens in den Preuß. Staaten, 2ter Th. 8. 1 Rchlr. 12 gr.. Prinz Bimbam, ein Mährchen für Alt und Jung. 3. 12 gr. Regulus, ein Trauerſpiel in fünf Akten von Collin. Mit einem Kupfer von Jury, 3. Auf fein Papier 16 gr., auf Veitnpapier 1 Rehlr. 12 gr. Schelling, Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge. Teller, D. W. A., Denkſchrift auf den Herrn Staatsminiſter von Wöllner. gr. 3. 2 gr. Wedekind, D. G., über ſein Heilungsverfah⸗ renim Kriegs⸗Lazareth zu Mainz. 3. 1 Rthlr. 8 gr. Muſikalien. Krönungsmarſch aus dem Schillerſchen Schau⸗ ſpiel:»die Jungfrau von Drleaus,« von B. A. Weber. Muſtkbegleitung zu dem Monolog aus dem Trauerſpiel:"die Jungfrau von Orleans,« von Schiller, komponirt von Bernhard Anſelm Weber.(Klavierauszug.) (Beide Stücke werden zu Johannis als zweite vervollkommnetere Probe meiner neuen Noten erſcheinen.) Journale. Hufeland, C. W., Journal der practiſchen Arz⸗ neikunde und Wundarzneikunſt, 13r und 14r Bd. gr. 3. —— Bibliotbek der praktiſchen Heilkun⸗ de, 6r und 7r Bd. 8. —— Journal der ausländiſchen medizini⸗ ſchen Litteratur Januar und Februar 1802. Der Jahrgang 5 Rchlr. Journal der Romane, 10s Stck. Auch unter dem Titel: Mährchen. 8. 1 Rchlr. Irene, eine Monatsſchrift, 1802. 8. Der Jahr⸗ gang 4 Rehlr. Woltmann. K. L., Geſchichte und Politik. 1802. gr. 8. Der Jahrgang 5 Rthlr. Gemaͤlde von Madrid. A Topographiſcher Umriß. Madrid unter 130 24“ 9“ L. und 400 25 18“ Br. faſt im Mittelpunkte von Spanien, liegt auf einer ungleichen mit niedrigen Hügeln durchſchnittenen Ebene, die in Nordweſt von den Guadarrama⸗ gebirgen begränzt wird. Die Stadt, die ein unregelmäßiges Viereck bildet, iſt mit einer ſchwachen aber hohen Erdmauer umgeben, und hat ohngefähr zwei Leguas, oder 48,000 caſtiliſche Fuß im Umkreis, Die Länge von dem Thore von Fuencarral bis zu dem von Toledo mag fünfviertel A 2 4 Stunden, die Breite von den Thoren von Alrala, bis zu den von Sego⸗ via, dreiviertel Stunden betragen. Die neuſten und ſicherſten topogra⸗ phiſchen Angaben ſcheinen nach ſpani⸗ ſchen Schriftſtellern folgende zu ſeyn: Bevölkerung: 13⁰980 Seelen, Kinder, Garniſon und Hoſpitäler ausgeſchloſſen; 7100 Wohnhäuſer, 77 Kirchen, 34 Manns⸗ klöſter, 31 Nonnenklöſter, 19 Hoſpitäler, 15 Thore, u. ſ. w.* Bei genauer Betrachtung kann man den ältern und neuern Theil von Ma⸗ drid Zienlich deutlich„unterſcheiden. In jenem ſind die Häuſer ſchlecht, die Stra⸗ ßen eng und winklicht; in dieſem wird man meiſtens ſchöne und anſehnliche Ge⸗ bäude, ſo wie breite und regelmäßige Straßen finden. 5 Die ältern Häuſer ſind größtentheils von Fachwerk, die neuern von Granit, der acht bis neun deutſche Meilen her⸗ beigeſchaft werden muß. Die alten ſind ſelten über drei Stock hoch, die neuern haben häufig vier bis fünf; jene ſind bisweilen mit Scenen aus Stierge⸗ fechten, tanzenden Figuren u. ſ. w. bemahlt; dieſe nur einfach, meiſtens gelb angeſtrichen. Bei jenen ſind die Fenſter hoch und ſchmal, die Balkone klein und unanſehnlich, die Giebel vorn heraus gebaut; bei dieſen findet gerade das Gegentheil ſtatt, doch ſind Eruzi⸗ fire, Marien⸗ und Heiligenbilder an beiden zu ſehen. Von den ſogenannten Palläſten der Großen, zeichnen ſich die mehreſten nur durch ihren Umfang, wenig in 6 Anſehung ihrer Bauart aus. Unter dieſen verdienen die Palläſte des Her⸗ zogs von Medinareli, Duque de Alba, und Duque de Infantado genannt zu werden. Von öffentlichen Gebäuden zeich⸗ nen ſich ebenfalls nur ſehr wenig aus. Die beiden königlichen Palläſte, die Adua⸗ na, das Poſthaus, die Caſa del Con⸗ ſejo, das große Hoſpital, und einige unten zu beſchreibende Kirchen ſcheinen die einzigen zu ſeyn. Im allgemeinen ſind die ältern und neuern Straßen von Madrid, häufig mit abſtechenden Gebäuden vermiſcht. Unter den ältern Straßen bemerkt man zum Beiſpiel die Calle mayor, die niedrige Arraden hat, und wo mitten zwiſchen alten unanſehnlichen Häuſern, 7 ein Paar ſehr geſchmackvolle neuere ſte⸗ hen. Noch auffallender iſt dieſer Abſtich in der Calle de Segovia, und be⸗ ſonders in der Calle de Toledo. Hier ſind einige ſehr ſchöne moderne Häu⸗ ſer neben barakenähnlichen Gebäuden, und ſogar neben wüſten Plätzen zu ſe⸗ hen. In dem neuern Theile von Ma⸗ drid ſind die Straßen de Alcala, de San Bernardo, de Fuencarral, u. ſ. w. gewiß unter die ſchönſten von Europa zu rechnen; dennoch werden ſie noch immer durch kleine unanſehnliche Häuſer verſtellt. In der Calle de Alcala zum Beiſpiel iſt gleich neben dem prächtigen Zollhauſe ein altes unanſehnliches Ge⸗ bäude zu ſehen, anderer in den übrigen 8 genannten Straßen nicht zu gedenken. Stehen doch ſogar dem großen pracht⸗ vollen Poſthauſe an dem berühmten Pla⸗ ze, Puerta del Sol genannt, nichts als kleine elende Häuſer gegen über. Das Pflaſter dieſer Straßen, be⸗ ſonders im neuern Theile, iſt beſſer als in mancher weit größern Reſidenz. Es beſteht aus einer Gattung äußerſt har⸗ ter Kieſel, die in der Nähe von Madrid gebrochen werden. Die Trottoirs ſind ein wenig zu ſchmal, aber vortrefflich un⸗ terhalten; auch die Erleuchtung iſt gut, da die Laternen nicht über funfzehn Schritt von einander entfernt ſind. Was die Gegenden um Madrid be⸗ trifft, ſo ſind ſie im Ganzen freilich nichts weniger als angenehm. Es iſt eine offe⸗ ne ſchlecht bebaute Ebene voll kahler 9 modriger Hügel, die höchſtens an eini⸗ gen Stellen mit Oliven bepflanzt ſind. Indeſſen findet man in der Nähe der Stadt, beſonders am Manzanares, beſ⸗ ſere Wieſen, Gemüsfelder und Baum⸗ pflanzungen, die der öden Landſchaft wenigſtens einige Abwechſelung geben. Die hohen Guadarramagebirge in Nord⸗ Weſt, möchten übrigens wohl der ein⸗ zige pittoreske Geſichtspunkt der ganzen Gegend ſeyn.— Nach Link beſteht die Ebene um Madrid aus Gips⸗ und Thonhügeln mit Granatgeſchieben bedeckt, die von den Gebirgen herabkommen. Jene Geſchie⸗ be ſind wegen der natürlichen Avantu⸗ rine bekannt, die hier häufig gefunden werden. Sie beſtehen aus einem röth⸗ lichen Granit mit fein eingeſprengten 5 10 goldgelben Glimmer, der geſchliffen ein ſehr hübſches Anſehen bekommt. Will man die Anſicht von Madrid mit ein Paar Worten beſchreiben, ſo kann man ſagen: es liegt wie eine In⸗ ſel im Ocean! Keine Dörfer! keine Landhäuſer! keine Vorſtädte! keine all⸗ mähligen Annäherungen! Man verläßt die Chauſſee, und ſteht in den Straßen der Reſidenz. 11 Phyſiognomie des Ganzen. Ich erwache, es iſt vier Uhr Mor⸗ gens. Die ganze breite Straße von Al⸗ cald liegt wie ein großer Platz vor mir — Kirchen, Palläſte und Klöſter, am Ende die Alleen des Prado— ein gro⸗ ßer herrlicher Anblick, der unbeſchreib⸗ lich iſt. Die Frühmeſſe läutet, und die Stra⸗ ßen fangen an lebendiger zu werden. Schwarzgekleidete verſchleierte Weiber, Männer in langen braunen Mänteln, mit Redeſillas, u. ſ. w. Alle Balkon⸗ thüren öffnen ſich, und vor jedem Hauſe wird mit Waſſer geſprengt. Schon kommen die Ziegenhirten mit ihren kleinen Heerden zum Thore herein, — Milch! Milch! Ziegenmilch! Friſch und warm! Wer will davon!*)— Dort ziehen Gemüſeweiber mit ihren Eſeln; Bäcker mit ihren Rohrkarren vorbei; Waſſerverkäufer und Laſtträger eilen ihr Tagewerk anzufangen, während zwei gravikätiſche Alguazils die Diebſtähle der vorigen Nacht mit gellender Stimme ausrufen. Allmählig werden nun alle Gewölbe, alle Trödlerbuden, alle Krämerſchränke geöffnet. Die Taberneros ſetzen ihre Co⸗ pas 23) aus, die Chocoladenweiber brin⸗ gen ihre Keſſel in Ordnung; die Waſſer⸗ *) Leche! Leche! Leche de Capra! Calen- tita! Calentita! Quien quiere! **) Trinkſchaalen der Weinhändler. 13 verkäufer fangen an, ihr:„»Quien be- be?«*) zu rufen; und die Fiackers, die Caleſeros**) und die Maulthier⸗ vermiether nehmen ihre gewöhnlichen Plätze ein. Bald erſchallt nun die ganze Straße von dem vermiſchten Geſchrei unzähliger Ausrufer.— Stockfiſch! Stockfiſch! weiſ⸗ ſer Stockfiſch!**)— Zwiebeln! Zwiebeln aus Galizien †)— Rüſſe! Nüſſe aus der Biscaya †)— Orangen, Orangen —— *) Wer will trinken?— **) Die Fiackers baben vierſitzige Kutſchen, die Caleſeros ſogenannte Caleſins, oder Halbchaiſen auf zwei Rädern. ***) Bacalao! Bacalao blanco! †) Cebollas! Cebollas de Galicia— Tt) Nuces! Nuces! 14 aus Murcia*)— Knackwurſt, Knack⸗ wurſt aus Eſtremadura!*)— Toma⸗ tes! Tomates! Große Tomates!***)— Süße Citronen! Süße Citronen!****)— Gerſtentrank! Gerſtentrank! P— Eiswaſ⸗ ſer! Eiswaſſer! ††)— Neues Tagblatt! Neues Tagblatt! † † †)— Zeitung! Zei⸗ tung! Neue Zeitung! † †)— Waſſerme⸗ *) Naranjas! Naranjas! **) Choriros! Choriros! ***½) Liebesäpfel. ****) Limas! Limas! t) Agua de Cebada! Tr) Agua de Nieve! Tft) Diario nuevo! titt) Gazeta! Gazeta! Gazeta nueva! 15 lonen! Waſſermelonen!*)— Lange Roſi⸗ nen aus Malaga!*⁶)— Oliven! Oliven aus Sevilla!**s)— Milchbrödchen! Milchbrödchen! Friſche warme Milch⸗ brödchen!**)— Neue Feigen! Neue Feigen! †— Weintrauben! Weintrau⸗ ben! †)— Granaden! Granaden aus Valencia! f†††) Es ſchlägt zehn Uhr, die Wachen ziehen auf, Dragoner, Schweizerregi⸗ *) Sandias! .**) Pafas ***½) Aceytunas! ***r) Bollitos! Bollitos! Que calentitos! Que blanditos! †) Brevas! Tf) Uvas! Uvas! tft) Granadas! Granadas! 16 menter, Walloniſche Garden, ſpaniſche Nationalinfanterie—»A los pies de Vm: Dona Manuela!«*)— Laſſen Sie uns in die Meſſe gehn! Alle Glocken läuten, alle Straßen ſind mit Ciſten beſtreut, von allen Bal⸗ konen hängen reiche Teppiche herunter, und auf allen Plätzen ſind Altäre mit Baldachins erbaut. Die Prozeſſion zieht aus! Wie viel kleine niedliche Engel mit vergoldeten Flügeln von Pappe! Heiligenbilder mit ſchön friſirten Perücken und in Kleidern von Goldbrocat! Wieviel Geiſtliche! Wieviel hübſche Mädchen! Alles lieb⸗ lich, und bunt durch einander gemiſcht! Es *) Ihr gehorſamſter Diener. — 17 Es iſt Mittag! wir gehen über den Platz Puerta del Sol nach Hauſe! Alle Affichen ſind angeklebt; alle Rifas*) haben angefangen, alle Memoraliſtas**) ſind beſchäftigt, der ganze Platz iſt mit Menſchen angefüllt. Es ſchlägt ein Uhr, man ruft uns zum Eſſen! Viel Safran, viel Tomates, Oel und ſpaniſchen Pfeffer im Überfluß 1— Aber Wein aus der Mancha, alter eres und ächter Malaga! Es lebe die ſpaniſche Kochkunſt! La Siesta! La Siesta! Sefiores!**)— Alle Straßen ſind wie ausgeſtorben, alle *) Ausſpielungen. *) Memorialſchreiber. *—) Mittagsſchlaf. 18 Fenſter werden mit Laden und Vorhän⸗ gen verſchloſſen; der emſigſte Laſtträger hat ſich auf ſeine Matte ausgeſtreckt, und jeder Waſſerträger ſchläft neben ſei⸗ nem Kruge am Brunnen ein. Es iſt vier Uhr, alles eilt zum Stiergefechte, an den Canal, in den Prado u. ſ. w. alles überläßt ſich dem Genuß und der Fröhlichkeit, eine Equi⸗ page, ein Caleſin rollt nach dem an⸗ dern dahin. Die Puerta del Sol füllt ſich wie⸗ der mit Menſchen an, und die Waſſer⸗ händler, die Orangenverkäuferinnen, die Helfershelferinnen der gutmüthigen Schö⸗ nen, alle ſind nun in voller Beſchäfti⸗ gung. So vergeht der Nachmittag, end⸗ lich bricht die Dämmerung an. Alle Glo⸗ — 19 cken läuten, und jedermann betet das Angelus. Alles eilt nun in die Tertu⸗ lias oder in das Schauſpiel, und in wenig Minuten füllen ſich alle Straßen mit Equipagen an. Aber ſchon ſind die Laternen an den Häufern und vor den Marienbildern angezündet, ſchon haben die Kaufleute ihre Gewölbe, die Waſ⸗ ſer⸗ und Limonadenverkäufer ihre Stän⸗ de illuminirt, und überall ſieht man klei⸗ ne Lichtchen, papierne Laternen, und Wachsſtöcke auf den Tiſchen der Obſt⸗ und Kuchenverkäufer flimmern. Unterdeſſen iſt das Gedränge auf dem Platze immer ſtärker geworden, und bald iſt er völlig mit Menſchen angefüllt. Hier tönen Guitarren und Seguadillas dort ſingt eine Balladenſängerin die neueſte Mordgeſchichte ab; hier ſucht ein don⸗ B 2 20 nernder Miſſionarius den böſen Sün⸗ dern die Herzen zu rühren, während die leichtfüßige Schaar geſchäftiger Freuden⸗ 6 mädchen einen Zuhörer nach dem andern entführt. Bald zieht nun der Roſario und der Zapfenſtreich mit Muſik vor⸗ V über, und die Equipagen kommen aus den Theatern zurück. Doch es wird ſpäter, und die Maſ⸗ ſe fängt an ſich zu zerſtreun; ein Uhr.⸗ nach Mitternacht, ſind alle Straßen öde und ſtill geworden; und nur hier und da tönt eine einſame Guitarre durch die Dunkelheit. Clima. Man betrachte die Lage von Madrid — Im Mittelpunkte des Landes, zwey⸗ tauſend Fuß über der Meeresfläche, in der Nähe einer hohen Gebirgskette, auf einer kahlen und offenen Ebene— Man wird leicht begreifen, warum das Clima eine gewiſſe Härte haben muß, die man unter dieſer Breite nicht erwar⸗ ten ſollte. Die Luft iſt im allgemeinen vor⸗ trefflich. Eine Reinheit, eine Feinheit, eine Trockenheit, eine Beſtändigkeit, die in Norden völlig unbekannt ſind. Die mittlere Höhe des Barometers 26 Zoll 1 Linie. Die größte Veränderung ſeines 22 Standes nur 14 Linie, ſo daß ſie in vier und zwanzig Stunden kaum 2 Li— nien beträgt. Deſto größer pflegt die Abwechſe⸗ lung der Temperatur, theils zu ver⸗ ſchiedenen Tagesſtunden, theils mit Rück⸗ ſicht auf Sommer und Winter zu ſeyn. In Anſehung der erſten bemerkt man gegen die Morgen⸗- und Nachmittags⸗ Stunden in der Regel eine Verſchieden⸗ heit von 15— 18 Grad, ja im Herbſte ſehr oft von 38— 39 Grad; in Anſe⸗ hung der letztern zeigt das Thermo⸗ meter(Reaumur) im Sommer gewöhn⸗ ich 25— 28 Grad, in den heißeſten Tagen 34— 36 Grad. Im Winter fällt es 7— g Grad, und bey außer⸗ ordentlicher Kälte bis o Grad unter den Gefrierpunkt herunter. Die herr⸗ 23 ſchenden Winde pflegen Nordoſtwinde zu ſeyn. Um einen allgemeinen Begriff von dem hieſigen Clima zu geben, wollen wir die einzelnen Monate durchgehen. Im Januar iſt die Witterung äußerſt ge⸗ lind, die ſchönſten Wintertage, die man ſich denken kann, hier und da ſproſſen ſchon neue Knoſpen hervor, und zu En⸗ de des Monats laſſen ſich einzolne Stör⸗ che ſehen. Aber leider fangen im Fe⸗ bruar wieder kalte ſchneidende Nord⸗ weſtwinde an. Sie ſind mit lauter Schnee⸗ theilchen geſchwängert, und wehen in der Regel bis in die Mitte des May's fort. Da indeſſen die Sonne immer mehr Kraft bekommt, pflegen ſie nur im Schatten empfindlich, aber eben deshalb deſto gefährlicher zu ſeyn. Der Himmel 24 iſt dabey völlig heiter, und es pflegt nur dann und wann einige Stunden, und äußerſt ſelten mehrere Tage fort zu regnen. Unterdeſſen iſt nun alles vollends herausgekommen, und die Hitze ſteigt täglich höher. Jetzt fängt das Clima an würklich brennend zu werden, zu⸗ mal, da in zehn, zwölf Wochen, ſelbſt bey ſtarken Gewittern, kein Tropfen Re⸗ gen fällt. Die Hitze iſt dann ſo außer⸗ ordentlich, daß ſelbſt das Straßenpfla⸗ ſter zu glühen ſcheint. Wer dünne Soh⸗ len trägt, glaubt auf lauter Feuer zu gehen. So dauert es den ganzen Sommer bis Ende Septembers fort, wo es auf einmal zu regnen und zu ſtürmen anfängt. Ein wahrer nordiſcher Herbſt, 25 der nun nach der entſetzlichen Hitze deſto empfindlicher iſt. Indeſſen giebt es im October und November wieder ſehr ſchöne und warme Tage, bis endlich im December die kalten Winde anfan⸗ gen, und die Temperatur völlig winter⸗ lich wird. Man ſieht aus dieſer kurzen Schil⸗ derung, daß ſich das Clima von Ma⸗ drid zwar durch eine reine vortreffliche Luft, aber auch durch ſeine große Ver⸗ änderlichkeit und ſeine Extreme auszeich⸗ net. Letztere verurſachen dann eine Menge, beſonders chroniſcher Krank⸗ heiten, worunter dreytägige Fieber, Rheu⸗ matismus, Entzündungen und Coliken die gewöhnlichſten ſind. Unter dieſen ſcheint beſonders die ſogenannte Colik von Madrid,(el Colico de Madrid) äußerſt gefährlich zu ſeyn. Sie iſt epidemiſch, hat alle Symp⸗ tome einer Bley Colik, und läßt auch häufig Lähmungen einzelner Glieder zu⸗ rück. Da ſie faſt immer durch plötzliche Erkältungen, beſonders bey Unverdau⸗ lichkeiten, zu entſtehen pflegt, ſo müſſen gewöhnlich ſchmerzſtillende, erweichende, abführende und Schweißtreibende Mit⸗ tel mit einander verbunden werden.*) Eine andere, beſonders unter dem weiblichen Geſchlecht ſehr gewöhnliche Krankheit der Eingeweide iſt die beſchwer⸗ *) Siehe Observations de Physique et de Medicine, faites en différens lieux de T'Espagne par Mr: Thiery Par. 1791 2 Vol: S. I. p. 64 ff. auch Tratado sobre el cölico de Madrid— por el Dr. Don Ignac Mariâ Ruiz de Luzuriaga. Madrid 1797 by Baylo. 260 S. 8. 1o. Realen. liche Flatulenz. Die Nahrungsmittel, be⸗ ſonders die hier ſehr beliebten Vegeta⸗ bilien ſind ſo ſubſtanziös und compact, daß ſie außerordentlich viel fixe Luft entwickeln, wovon überdem auch das Waſſer eine große Menge enthält. Die meiſten Krankheiten haben hier ihre Perioden, die ſich genau nach den Jahreszeiten, und den während derſel⸗ ben gebräuchlichſten Lebensmitteln rich⸗ ken. Alle gefährlichen Krankheiten ſind übrigens von kurzer Dauer, ſo daß der Tod dem Schmerz ſehr bald ein Ende macht. Man hat Beiſpiele, daß Perſo⸗ nen unter fünf und zwanzig Jahren in zwey Monaten an der Schwindſucht ge⸗ ſtorben ſind. Eine andere Bemerkung betrifft die Seltenheit des Wahnſinns und der Toll⸗ heit, ſelbſt bei Thieren, was in Anſe⸗ hung letzterer in einem ſo brennenden Clima, und bey dem häufigen Waſſer⸗ Mangel gewiß eine merkwürdige Er⸗ ſcheinung iſt. Allein das Gehirn ſcheint hier überhaupt eine Reife, Vollkommen⸗ heit und Stärke zu erhalten, wodurch es gegen dieſe Anfälle hinlänglich ge⸗ ſichert iſt. Die wenigſten Spanier be⸗ kommen den Sonnenſtich; meiſtens ſind nur Ausländer dieſem gefährlichen Zu⸗ falle unterworfen. Um die Sterblichkeit in Madrid nur einigermaßen beurtheilen zu können, mag eine neuere Liſte von 1798 bis 1799 hier ſtehen. Sie iſt freilich nicht zuver⸗ läßiger als die ältern, da man alle Kinder unter drey Jahren, alle in den Klöſtern und übrigen ſechszehn Hoſpitä⸗ 29 lern Verſtorbene nicht zur Totalſumme zu rechnen pflegt. Warum? iſt mir un⸗ bekannt, vielleicht will man die unver⸗ hältnißmäßige Mortalität auf dieſe Art zu verheimlichen ſuchen. Weniger muß man ſich über die große Sterblichkeit in den drey vornehmſten Hoſpitälern wun⸗ dern. Viele und ſelbſt wohlhabende Spanier pflegen ſich nämlich der beſſern Wartung und der größern Bequemlich⸗ keit halber dahin bringen zu laſſen. 30 PpARROOUIAS DE ESTA CORTE, numero de los matrimonros que ha habido, G Helsonas que han nacido, y adulzos que han muerto en ella, desde el dia prime- ro de Dicrembre de 1798 hasta ſin de Noviembre de 799. 6 Parroquias. Matrim.] Nacid.] Muert. Santa Maria 16] 041 035 San Martin 327] 985] 439 San Gines 92 306 117 San Luis. 98 269 134 4 San loseph 132 331] 178 San Nicolas 006] 009 oog San Salvador 005 0oI or San Iuan 0121 020 034 Santa Cruz 075 309 129 San Pedro 0r0 045 20 San Andres 106 472 146 San Miguel 015] 068] 026 San Iuto 256 325 253 Sau Millan, stt Anexo 000] 9303] o00 San Sebastian 3⁰8 673 344 S. Lorenoeo 046 220 054 Santiago 014 0653 0o5r 4 N. S. del. Buen— Suceso. oo 010] 007 Suma el todo 1500 · 4660] 1963 31 Indeſſen muß man nach allen dem oben geſagten ja nicht glauben, als ob Madrid ein ungeſunder und für Nord⸗ länder überhaupt gefährlicher Aufenthalt ſey. Es kommt bloß auf einige Vor⸗ ſichtsregeln an. Man ſchütze den Kopf vor der Sonnenhitze, man trage flanel⸗ lene Hemden, deren Nutzen hinlänglich erwieſen iſt; und ſuche beſonders Füße und Unterleib vor Erkältungen zu ſchützen. 1 Wer dann Fiſch⸗ und Fleiſchſpeiſen nur mäßig genießt, und beſonders nach der Sitte des Landes, keine eigentlichen Abendmahlzeiten hält, der wird ſich in Madrid ganz vortrefflich befinden. Er wird nicht nur eine ihm vorhin unbe⸗ kannte Heiterkeit und Stärke fühlen, ſondern ſich auch wie durch ein Wun⸗ 32 der von Podagra, Nervenſchwäche, Hä⸗ morrhoiden und chroniſchen Übeln auf einmal befreit ſehn. 33³ Puerta del Sol. Der Mittelpunkt von Madrid, der Sammelplatz aller Einwohner, das all⸗ gemeine Rendezvous aller Geſchäftsleu⸗ te, aller Fremden, aller Verliebten, aller Müßiggänger iſt der Platz, Puer⸗ ta del Sol genannt, auf den fünf der lebhafteſten Straßen, la Red de San Luis, la Calle mayor la Calle de Alcald und San Geronimo zuſammen⸗ ſtoßen. 8 Es iſt Vormittags um eilf Uhr. Gardeoffizier in glänzenden Uniformen und ſchmutzige Capuziner mit langen Bärten, elegante Madrider Stutzer mit ihren Damen und finſtere Geiſtliche in C 34 langen ſchwarzen Talaren; ein buntes Gemiſch bemäntelter und neumodiſch ge⸗ kleideter Perſonen, alles drängt ſich an den Ecken um die Affichen*) herum. Unterdeſſen wird es immer voller, immer gedrängter auf dem Platze. Da ſind Zeitungsverkäufer und Tonadilla⸗ ſänger, Taſchenſpieler und Guckkaſten⸗ *) Noticias sueltas. Sie ſtehen bunt durch⸗ einander. Z. E. Heute iſt Predigt und Muſik bei vBen Franziskanern; es wird ita⸗ liäniſche Oper und Schauſpiel ſeyn. Mor⸗ gen wird wieder Stierbetze gehalten; mor⸗ gen wird die Novena zu San Felrpe an⸗ gehen. Geſtern verlief ſich im Prado ein kleines Mädchen, und dieſen Morgen gieng ein Roſenkranz verloren; vor drei Tagen wurde ein Schmuckkäſtchen geſtohlen; über⸗ morgen wird ein großes Crucifix, ein Marienbild, und ein„»Nacimiento Krip⸗ pe mit dem Jeſus Kinde, u. ſ. w. ver⸗ auctioniret; dieſen Abend wird der Ro⸗ ſenkranz um acht Uhr ausgehen. —— 3⁵ träger, Cigarrenhändler und Kleidertröd⸗ ler, eine Menge Soldaten von den Schweizerregimentern und walloniſchen Garden, die ihre Drechſelerwaaren, u. f. w. feil bieten. Dort hat ſich ein Haufe um einen Nouvelliſten verſammelt, der mit lauter Stimme eine Zeitung ablieſt, und dort läßt ein valenzianiſcher Gauk⸗ ler ſeine Affen tanzen; hier werden Stutzuhren, Ringe und falſche Diaman⸗ ten verſteigert, und dort drängen ſich ei⸗ ne Menge eiliger Kunden um den Tiſch 1 eines geſchwätzigen Memorialiſten her⸗ umz; hier erhebt ſich die klägliche Stim⸗ me eines gichtbrüchigen Bettlers und dort bietet ein ſchalkhaftes Roſenmäd⸗ chen den Liebhabern ihre lockenden Sträuß⸗ chen an. Hier gerathen ein halbes Du⸗ tzend Gallegos mit ihren Stricken an C 2 einander, und dort werden ein Paar verliebte Beſtellungen gemacht. Mit einem Worte die Puerta del Sol iſt Madrid im kleinen, mit einem Gewühle der Gruppen, mit einer Abwechſelung der Maſſen, wovon ſich kaum der zehn⸗ te Theil beſchreiben läßt. 37 Kirchen und Klöſter. Man zählt in Madrid ſieben und ſiebzig Kirchen, von denen aber nur dreizehn eigentliche Parochialkirchen ſind. Unter dieſen iſt es gerade die klein⸗ ſte und unanſehnlichſte, die Igleſia de Santa Maria, die die Rechte einer Hauptkirche genießt, Es iſt in der That zu verwundern, daß eine Stadt wie Madrid, überhaupt keine einzige prächtige Kirche von aus⸗ gezeichneter ſchöner Bauart hat. Bei aller Nettigkeit der Kirchthürme und manchen recht artigen Kuppeln, iſt doch alles entweder zu klein und niedlich, oder zu ungeheuer und geſchmacklos. Die Urſachen davon laſſen ſich leicht erra⸗ then. Dafür pflegt das Innere dieſer Kir⸗ chen wo nicht geſchmackvoller, wenig⸗ ſtens reicher und prächtiger zu ſeyn. Soviel Schätze, ſoviel koſtbare Heiligen⸗ bilder, Altäre, u. ſ. w. wird man in wenig andern katholiſchen Reſidenzen beiſammen finden. Am merkwürdigſten für den Fremden ſind indeſſen die herr⸗ lichen Gemälde von ſpaniſchen und an⸗ dern Meiſtern, die man in einigen die⸗ ſer Kirchen zu ſehen bekommen kann. So befindet ſich zum Beiſpiel in der kleinen beräucherten Kirche San Pasgqval, gam Prado, ein vortreffli⸗ ches Gemälde von Titian: der Pabſt, wie er einem General eine gebenedeite Standarte überreicht; Figuren in Le⸗ 4 39 bensgröße mit verwiſchter Jahrzahl. Ferner außer einer Menge nicht zu er⸗ wähnender Gemälde von unbekannten Meiſtern, vier von Espagnolet: ei⸗ ne Taufe Chriſti und der Märtyrertodt des heiligen Sebaſtian, ein Einſiedler und ein Heiliger, den ein heidniſcher Prieſter zur Anbetung eines Götzenbil⸗ des überreden will. Weiter die Geburt Chriſti von Baſſan, der Hauptmann von Capernaum zu Chriſti Füßen von Paul Veroneſe, u. ſ. w. Eben ſo findet man in der Igleſia de Santa Iſabel ein großes Altar⸗ gemälde, die Empfängniß von Espag nolet, und meyhrere ſchätzbare kleine von Antonio Palomino; in der Kirche de San Iſidro eine Verklä⸗ rung von Mengs und die Anbetung 2 40 der heiligen Drei Könige von Titian, in der Hoſpitalkirche de los Flamen⸗ ros den Märtirertodt des heiligen An⸗ dreas, Figuren in Lebensgröße von Rubens. Die ſchönſte und beträchtlichſte Samm⸗ lung aber muß man bei den Carmeli⸗ tas Descalzos, und zwar in ihrer Sacriſtey aufſuchen. Außer vortreffli⸗ chen Stücken von Zurbaran, Zere⸗ zo, Murillo, Camilo, Espagno⸗ let und andern zum Theil nicht nach Verdienſt bekannten ſpaniſchen Meiſtern, findet nan hier Karl V. wie er ſeine Soldaten anredet von Titian, ferner ein Abendmahl von Vandyk, weiter die heiligen Drei Könige, die Köpfe des heiligen Petrus und Paulus, Tobias mit ſeinem Weibe vor einem brennenden 41¹ Camine, und den Propheten Elias von Rembrandt— eben ſo Pharaons Toch⸗ ter die den kleinen Moſes aus dem Waſ⸗ ſer rettet, Moſes der an den Felſen ſchlägt; Bileam auf dem Eſel, die hei⸗ lige Familie; den heiligen Januarius von Lucas Giordano. Unter den ein und ſiebenzig Klöſtern verdienen eigentlich nur drei bemerkt zu werden; dieſes ſind die Nönchsklö ſter: Convento de San Geronimo, und de San Placido, ſo wie das Non⸗ nenkloſter: Convento de la Viſitacion de Religioſas de San Franciſco de Sa⸗ les. Das erſte de San Geronimo ward von Heinrich IV. geſtiftet, und iſt wegen ſeiner ſchönen Lage, gleich hinter dem Retiro, berühmt; das zweite verdient ſeiner Gemälde wegen geſehen zu wer⸗ 42 den worunter ſich Meiſterſtücke von Ve⸗ lasqvez und Coello befinden; das letztere in der Nähe der Calle de Alcala ward von Ferdinands VI. Gemahlin, der Königin, Maria Barbara, geſtiftet, und iſt zugleich zu einer Erziehungsan⸗ ſtalt für junge adeliche Frauenzimmer beſtimmt. 43 Buen Retiro. So heißt der alte königliche Pallaſt, der im öſtlichen Theile der Stadt hinter dem Prado liegt; ein großes regelmäßi⸗ ges Viereck mit kleinen Thürmen in den Ecken, ohne Anſehn und ohne Würkung. Der ungeheuere Hofraum wird durch zwei Queergebäude in drei andere Höfe getheilt, ſo daß das Ganze aus lauter kleinlichen Theilen zuſammengeſetzt iſt, die auf keiner Seite imponirend ſind. Der Pallaſt, der aus lauter Fach⸗ werke beſteht, wurde unter Philipp IV. in großer Eile und äußerſt nachläßig 44 erbaut;*) ſelbſt auf den Grund wurde ſo wenig Sorgfalt gewendet, daß bald nachher große Reparaturen nöthig wa⸗ ren, die ſeitdem immer fortgedauert haben. Das Innere dieſes Pallaſtes kann den Fremden nur um der herrlichen da⸗ rin vorhandenen Gemälde willen wich⸗ tig ſeyn. Hier iſt demnach ein kurzes Verzeichniß derſelben wie es Ponz und Cumberland geliefert haben:**) *) Zwar hatten die Könige ſeit Philipp II. ſchon neben dem Kloſter de San Geroni⸗ mo einen kleinen Pallaſt, oder vielmehr ein unbedeutendes Wohnbhaus gehabt, al⸗ lein Philipp IV. ließ erſt den Retiro an⸗ legen, nachdem er den hierzu gehörigen Platz mehrern Privat⸗Eigenthümern ab⸗ gekauft hatte. **) Viage de Espana T. III.— Auch die —— 4 In dem ſogenannten Salon de los Reynos, der zur Verſammlung der Cor⸗ tes beſtimmt iſt, zwölf große Bataillen⸗ ſtücke aus dem funfzehnten Jahrhundert von ſehr guten ſpaniſchen Meiſtern, ferner die Arbeiten des Herkules, von Franr. Zurbaron. In der Anteramara del quarto de la Reyna, zwei große Gemälde von Lucas Giordano, einige von Rico; eine Abbildung des letzten merkwürdigen Autodafs(1680) unter Karl II. von Franc. Riziz; ein römiſcher Triumph neue Reiſe durch Spanienvon Bour⸗ going, I.— Um der Vollſtändigkeit willen glaubte ich beide mit einander vergleichen, und wenigſtens eine Namenliſte liefern zu müſſen; zumal da die Überſetzung jenes Verzeichniſſes am erſten Bande von Bour⸗ going, äußerſt ſchlecht gerathen iſt. von Borgianiz ein ſchönes Portrait von Heinrich II. König von Frankreich, und die Bildniſſe von Ferdinand und Iſabelle in ganzer Figur. In dem Zimmer Caſtrillo, ein Tan⸗ kalus und Ixion, beide von Eſpagno⸗ let, eine Anſicht der St. Peterskirche in Rom, des St Marcus ⸗Platzes in Ve⸗ nedig, und des Vaticans mit dem Pabſt und den Cardinälen in Prozeſſion. In einem Gange, der aus dieſem Zimmer führt, ſind einige herrliche Ge⸗ mälde von Snuyders, Johann Til⸗ len,(Tilius) und Peter de Vos, fer⸗ ner Herkules mit der lernäiſchen Schlan⸗ ge von Rubens, die Königin Mutter von Karl II.; zwei Bildniſſe Karls V. in Lebensgröße, von Juan Pantoja de la Cruz, zwei von Philipp IV. —— 47 und ein Wahnſinniger in der Manier von Velasquez, verſchiedene Süjets aus der heiligen Geſchichte von Baſſan und einige von Stephan Marr. In einem großen Nebenzimmer zwei große hiſtoriſche Compoſitionen von Pedro de Cortona,(Berettini) worin er den Pabſt Urban VIII. mit ſeinen Cardinälen und mit Anſichten des Vaticanes angebracht hat; zwei kleine Compoſitionen aus der Fabel von der Diana von Dizian, ein Merkur und Argus von Jordaens, einige Landſchaften von Marec und mehrere ſchöne Stücke von Baſſan. In dem Audienzzimmer viele Ge⸗ mälde von Lucas Giordanoz ein Bacchanal von Corn. de Vos, ein großes Fruchtſtück von Adrian van Utrecht, ein ſehr ſchönes Stück mit Früchten, Vögeln, u. ſ. w. von eben⸗ demſelben. Orpheus der ſeine Gattin aus dem Orcus befreit, von Rubens, eine meiſterhafte Landſchaft von Jor⸗ daens. In einem kleinen dabei befindlichen Zimmer einige Copien von Lucas Giordano, und ein vortreffliches Ge⸗ mälde von Rubens, der Sturz der Giganten, ferner Saturn der ein Kind verzehrt, eine ſchöne Compoſition von Nic. Pouſſin und mehrere andere minder bemerkenswerthe Stücke. In einer benachbarten Privat⸗Ca⸗ pelle ein ſchönes Altarſtück von Vaſari, die heilige Familie in Lebensgröße, ſo wie mehrere Gemälde von Lu cas Giorda⸗ no und einigen guten ſpaniſchen Meiſtern. In . 49 In der ſogenannten Pieza del Deſ⸗ pacho eine Original Zeichnung, die be⸗ rühmte Schlacht zwiſchen Conſtantin und Maxentius, die ſich jetzt im Vatican be⸗ findet; die Verlobung Chriſti mit der heiligen Catharina, von Parmegiano, der Hauptmann von Capernaum von Paul Veroneſe, ein großer Kopf des heiligen Hieronimus von Guido Reni, die vier Evangeliſten von Rubens und die Skizzen von ſeinen berühmten Ge⸗ mälden in Loeches; einige Märtyrer⸗ köpfe von Eſpagnolet, eine ſehr ſchö⸗ ne Compoſition von Marc und verſchie⸗ dene Gemälde von Corrado. Dabei iſt auch der Originalplan von Madrid von Texeira aufgehängt. In dem Zimmer der Infanten ver⸗ ſchiedene ſchöne bibliſche Geſchichten von d Baſſan, einige Landſchaften von Clau— de Lorrain, verſchiedene große Com⸗ poſitionen von Snuyders, und eine Menge Gemälde von ſpaniſchen Mei⸗ ſtern. In dem Gange zu dieſem Zimmer: eine heilige Ines von Paul Verone⸗ ſe, ein vortreffliches Stück, Vertumnus und Pomona von Rubens, eine Frau mit einem Korbe, und ein heiliger Fran⸗ ciſeus von Eſpagnolet, einige vor⸗ treffliche Portraits von Leon. da Vin⸗ ci, und andern alten Meiſtern, ein Knabe und eine alte Frau mit einem Lichte, ein Meiſterſtück von Rem bran dt, Pilatus wie er ſich die Hände wäſcht, von Guercino und das Opfer der Po⸗ mona von Jac. Jordaens. In einem andern daranſtoßenden 51 Zimmer eine große Sammlung von Snuyders, Baſſan, Golz, Boſ⸗ co, Dominichino, Franc. Perez, Lucas Giordano und andern.— Eine Lukretia im Begriff ſich zu erſtechen, ganze Figur in Lebensgröße von Gui⸗ do Reni, ein unvergleichliches Stück. In der Königin Zimmer: einige ſehr ſchöne Gemälde von Guaspre Dughet, genannt le Pouſſin, ein Feuerwerk auf dem ſpaniſchen Platze in Rom von Seb. Conca, eine Herodias von Ca⸗ ravaggio, ein Herkules von Caeſ. Tracarzane u. ſ. w. In dem Zimmer des verſtorbenen Infanten Don Luis eine gute Skizze von Tintorets berühmten Nachtmale, ei⸗ nige ſchöne Gemälde von Eſpagno⸗ let, und zwei merkwürdige hiſtoriſche d 2 52 Stücke, Adam und Eva in Lebensgröße, von Albr. Dürer. In dem ſogenannten Caſon, der an den Garten ſtößt, die herrlichen Freſco⸗ Gemälde von Lucas Giordano, un⸗ ter denen der Plafond die meiſte Auf⸗ merkſamkeit verdient. Seit einiger Zeit haben ſie viel von der Feuchtigkeit ge⸗ litten. Noch werden in dem Erdgeſchoß des Pallaſtes eine Menge Curioſitäten aufbewahrt; unter denen ſich beſonders einige große bronzene Medaillen von Leoni mit den Portraits Karls V. und der Kaiſerin Eliſabeth, auszeichnen. Einige Aufmerkſamkeit verdient auch das durch Farinelli“) ſo berühmt ge⸗ *) Eine Menge Anekdoten von dieſ be⸗ rühmten Caſtraten findet man i en 53 wordene Theater, deſſen Rückwand an den Garten ſtößt, und erforderlichen Falles weggenommen werden kann. Das Innere iſt ſehr hübſch eingerichtet und die Decorationen ſind von Ami⸗ coni gemahlt. Neben dem Theater auf der Gar⸗ tenſeite befindet ſich der ſogenannte Jar⸗ din del Caballo, ein kleines mit einer Mauer eingeſchloſſenes Gärtchen, wo man die bronzene Statüe Philipps IV. zu Pferde ſieht. Sie iſt von dem be⸗ rühmten Florentiner Pedro Tacca verfertigt, und beſonders wegen der rich⸗ tigen Vertheilung des Gleichgewichtes — Racc. Ferrar. T. XV. 1784 und aus die⸗ ſen im Deutſchen Merkur. 1788. Auguſt ſt. S. 116. 54 bemerkenswerth. Da nemlich Philipp IV. ſchlechterdings im Moment des Galop⸗ pes abgebildet ſeyn wollte, ſo ſchien es anfangs unmöglich eine Maſſe von mehr als 18000 Pfund blos durch die Hin⸗ kerfüße des Pferdes zu befeſtigen. Allein Tacca wußte mit Hülfe des berühmten Galiläi alle dieſe Schwierigkeiten zu überwinden, und die ausdruckvollſte At⸗ titüde zu wählen. Die Statüe, vier mal über Lebensgröße, hat an 40,000 Dublonen gekoſtet, um in dieſem klei⸗ nen Gärtchen vergeſſen zu werden. Eine andere Merkwürdigkeit findet ſich in dem ſogenannten Jardin de San Pablo in der Nähe der Porcellainfabrik. Es iſt eine bronzene Gruppe, wo Karl V. ein Ungeheuer— den Furor— mit Füßen tritt. Die Statüe des Kaiſers — — kann von der ganzen Rüſtung u. ſ. w. entkleidet werden, und ſteht auf einem Piedeſtal von Marmor. Am Eingange eines benachbarten Hauſes iſt auch eine Statüe von Philipp II u. ſ. w. zu ſehen. Was nun den Garten des Retiro ſelbſt betrifft, ſo iſt es ohnſtreitig einer der ſchönſten Spaziergänge von Madrid. Er liegt auf einer Anhöhe, von der man einen Theil der Stadt, den Prado und die benachbarte Gegend überſehen kann. Die reine Luft, die erfriſchende Kühle, die mannigfaltigen Anlagen und die Nähe des Prado ziehen denn auch täg⸗ lich eine Menge Spaziergänger dahin. Beſonders ſcheint ſich die vorneh⸗ mere Claſſe darinnen zu gefallen, wahr⸗ 1 ſcheinlich, weil alle Damen in franzö⸗ ſiſcher Kleidung erſcheinen können.*) Hier muß der Fremde hergehen, um die ſchönen Spanierinnen aus den höhern Claſſen mit ihrer bezaubernden Grazie und Lebhaftigkeit beobachten zu können. Beim Eingange wird übrigens von Mannsperſonen, einem alten Ge⸗ brauche gemäß, auf einige Minuten der Hut abgenommen. Außer mehrern zum Theil recht ar⸗ tigen Springbrunnen, und einer unbe⸗ deutenden Menagerie die allmählig ein⸗ gehen ſoll, findet man in dieſem Garten noch die von Karl III. angelegte Por⸗ *) Den Schleyer muß überdem jedes Frauen⸗ zimmer nach einer alten Verordnung des Grafen Aranda beim Eingange abneh⸗ men. 67 cellainfabrik mit den dazu gehörigen Wohnhäuſern, und die ehemalige Pa⸗ rochialkirche des Sitio, de nueſtra Se⸗ Rora de las Auguſtias genannt. Jenes iſt ein ſehr großes regelmäßiges Gebäu⸗ de, was aber kein Fremder von innen zu ſehen bekommt; dieſe, die äußerſt ro— mantiſch, mitten zwiſchen Bäumen, in der Nähe eines Waſſerbeckens liegt, enthält mehrere gute Arbeiten in Bron⸗ ze, und einige ſchöne Gemälde von Luc. Giordano, die bemerkenswerth ſind. Das iſt der Garten des Retiro, der ſeiner mannigfaltigen zum Theil ſehr pit⸗ toresken Parthien wegen vielleicht vor allen Promenaden in Madrid den Vor⸗ zug verdient. Die freie Ausſicht; die erfriſchende Luft, die man hier ſelbſt in den heißeſten Sommertagen athmet; 58 die ſchönen Wieſen und Felder, Boskets und Lauben, Blumenparterrs und Obſt⸗ pflanzungen, die ſorgfältig gewäſſert werden; die Menge Singvögel, Turtel⸗ tauben u. ſ. w. die die ſchönen buſchig⸗ ten Bäume bevölkern,— mit einem Worte: der ſanfte ländliche Eindruck des Ganzen, der unter dieſem Himmel, und bei dieſen Gegenden doppelt ent⸗ zückend iſt, haben mir die Gärten des Retiro unvergeßlich gemacht. ——— Lebensmittel. Sie ſind vortrefflich, beſonders die wich⸗ tigſten, wornach man überall zuerſt zu fragen pflegt: Brod, Fleiſch, Wein und Waſſer. Was das Brod anlangt, ſo hat man vier verſchiedene Sorten, die aber alle von Waizen gebacken werden. Die feinſten oder das ſogenannte Pan Can⸗ dial, hat die Form kleiner Ringel oder platter viereckigen Hütchen, und koſtet das Pfund fünf Qvartos(etwas über zehn Pfennige ſächſiſch). Es iſt außer⸗ ordentlich weiß und ſchmackhaft, wie⸗ wohl es anfangs den Magen beſchwert. Dieſes kommt wahrſcheinlich von dem 60 vielen trocknen Mehle her, womit man den ſchon gegohrnen Teig, eben der Weiße wegen, nochmals durchzukneten pflegt. Eine zweite Sorte iſt das ſogenann⸗ te Pan Fermes; das zwar aus etwas ſchwärzerm Mehle, aber ſo locker wie das franzöſiſche gebacken wird. Das Pfund wird zu fünftehalb Quartos ver⸗ kauft. Außer dieſen zwei Sorten giebt es noch eine gröbere zu viertehalb Qvartos, und eine ganz ſchwarze aus ungebeutel⸗ ten Mehle, zu drittehalb Quartos, wo⸗ durch alſo auch für die ärmern Claſſen hinlänglich geſorgt iſt. Das Waſſer anlangend, ſo wird dieſes faſt ſieben Meilen weit über lau⸗ ter Sand und Kies von den Guadara⸗ 61 magebirgen nach Madrid geführt, und iſt ſo vortrefflich, daß man es ſelbſt in Schweizerſtädten ſchwerlich leichter und reiner finden wird. Man hat es durch die ganze Stadt, vermittelſt zwei und dreißig großer Springbrunnen vertheilt, worunter beſonders zwei„la Fuente del Berroc vor dem Thore de Alcald, und „la Fuente castellana,« vor dem Thore de las Recoletos, für die beſten gehalten werden. Ibrigens hat Madrid kein ſo⸗ genanntes Röhr⸗ oder Flußwaſſer, da der Manzanares faſt den größten Theil des Jahres ausgetrocknet iſt. Von dem Waſſerhandel wird weiterhin unter ei⸗ ner beſondern Rubrik umſtändlich ge⸗ handelt werden. Was das Fleiſch anlangt, ſo iſt es ebenfalls gut, beſonders das Schöp⸗ 62 ſenfleiſch, doch darf man dieſes kaum von den Sommermonaten verſtehen. Das Pfund Rindfleiſch koſtet dreizehn bis vierzehn Qvartos,*) je nachdem es Ochſen⸗ oder Kuhfleiſch iſt. Letzteres hat hier den Vorzug, da die Kühe nicht ge⸗ molken werden,— das Schöpſenfleiſch funfzehn Qvart.— Schweineflleiſch, ſechzehn Qv.— Kalbfleiſch vierzehn Qv. — Ein Pfund Speck drei und zwanzig Qv.— Ein Pfund Rothwildpret acht bis zehn Qo.— Ein paar Rebhühner ſechs bis ſieben Realen,— ein Haſe ſieben bis acht Realen— ein Kaninchen, die hier häufig gegeſſen werden, vier bis fünf Realen, u. ſ. w. *) Der Real zu 6½ Qoart, wird ohngefähr 1 Gr. 6 Pf. Sächſiſch machen. 63 Den Wein endlich betreffend, ſo wird gewöhnlich Manchawein beſonders von Valdepelias und Manzanares ge⸗ trunken. Leider wird er aber durch die hohen Abgaben außerordentlich ver⸗ theuert. Ein Nöſel zum Beiſpiel, das an Ort und Stelle nicht mehr als einen Ovarto koſtet, wird in Madrid mit ſie⸗ ben bezahlt. Man hat rothen und weißen Manchawein. Jener übertrifft an Ge⸗ ruch, Geſchmack und Farbe noch den beſten Burgunder, zumal wenn er auf Bouteillen gegogen worden iſt. Indeſ. ſen pflegt er einen Anfangs etwas zu erhitzen. Der weiße Manchawein ſieht aus wie Champagner, und hat einen herben etwas kräuterhaften Geſchmack, doch iſt er noch ſtärker als der rothe, 64 und wird auch theurer bezahlt. Außer⸗ dem giebt es noch eine Menge wohlfei⸗ ler ſüßer Weine aus Arragonien und Navarra, wovon man das Nöſel zu zwei bis vier Realen haben kann. Die eigentlichen feinen Weine werden in eigenen dazu beſtimmten Häu⸗ ſern verkauft.*) Wer Reres, Malaga, Alicante, Canariſche Weine, u. ſ. w. ächt und unverfälſcht trinken will, der muß hierher gehen. Aber ſie ſind frei⸗ lich auch theuer; die kleine Flaſche alter Malaga zum Beiſpiel wird mit funf— zehn Realen**) bezahlt. *) Almacenes de vinos generosos. **) Etwas über zwei und zwanzig Groſchen. a 65 Was die übrigen Lebensmittel, Ge⸗ müſe, Früchte u. ſ. w. betrifft, ſo kann man ſie in Überfluß, und zu ziemlich wohlfeilen Preiſen haben. Von fünf bis ſechs Qvartes Gemüſe zum Beiſpiel, können ſich drei bis vier Perſonen ſätti⸗ gen. Ein Pfund Gerbanzos koſtet zwölf Qvarti— ein Pfund der beſten Kar⸗ toffeln drei bis vier Qvarti— ein Pfund Reis zwölf Qvarti u. ſ. w.— Ein Duz⸗ zend Eier drei Realen— ein Pfund Ziegenkäſe zwanzig Qvarti;— ein Nö⸗ ſel Ziegenmilch ſieben Qvarti:— ein Pfund Caffee ſieben bis acht Realen, — Ein Pfund Zucker ſechs bis ſieben Realen, u. ſ. w.*) Alle Gemüſe ſind *) Alles Gemüſe, u. ſ. w wird hier nemlich nach dem Gewichte verkauft. E 66 hier compacter und ſubſtanziöſer, daher man freilich weit weniger braucht.— Fiſche ſind ſelten friſch zu haben, und äußerſt theuer, ohne vorzüglich zu ſeyn. Deſto vortrefflicher ſind die Früchte, wovon man hier faſt alle ſüdlichen und nördlichen beiſammen findet. Kirſchen und Pflaumen, Orangen und Citronen, AÄpfel und Birnen, Limas und Waſſer⸗ melonen, Feigen und Nüſſe, Granaten und Bergamotten, alle findet man hier in Überfluß. Citronen, Orangen und Feigen beſonders pflegen hier äußerſt wohlfeil zu ſeyn. Häufig kauft man zwei Stück von jenen für drei Qvartos, und bekommt von letztern für einen Qvarto ein ganzes Schnupftuch voll. Die Preiſe aller dieſer Lebensmitel ſind durch eine Taxe beſtimmt, die am 67 Haupteingange der Plaza mayor auf zwei Foliobogen angeſchlagen iſt. Sie wird von Sonnabend zu Sonnabend er⸗ neuert, und wie es ſcheint, ziemlich ge⸗ nau beobachtet. Zu bedauern iſt indeſſen, daß meh⸗ rere der erſten Bedürfniſſe mit unge⸗ heuern Abgaben belegt ſind, und daß überhaupt bei der Verproviantirung von Madrid ein ſehr drückendes monopo⸗ liſtiſches Syſtem beobachtet wird, wo⸗ raus eine Menge der ſchädlichſten Mis⸗ bräuche entſtehen. Doch ſcheint es, als ob auch hier eine Veränderung gemacht werden ſollte. Schon iſt die Einfuhr und der Verkauf von Speck, Gl und Seife völlig frei gegeben worden(ſeit Ende 1800) und man bemüht ſich, aus einer leicht zu erklarenden Vorſicht, E 2 68 auch die Theuerung der übrigen Lebens⸗ mittel ſorgfältig zu verhüten. Der Canal. Man hatte die Abſicht den Manza⸗ nares vermöge des Xarama mit dem Tago zu vereinigen. Die Länge des Canals war von der Brücke von Toledo bis in die Nähe von Aranjuez, wo der Manzanares in den Rarama fällt, auf vier Leguas berechnet worden, allein es iſt ſeit dem Jahre 1777. bei den fertigen zwei Leguas geblieben, und es ſcheint, als ob auch dieſe Unternehmung das Schickſal der meiſten ſpaniſchen Pro⸗ jecte haben ſollte. So weit der Canal jetzt fertig iſt, hat er ſieben Schleuſen, die ziemlich ſchnell geleert und gefüllt werden köngen. 5 70 Man transportirt beſonders Baumate⸗ rialien darauf, die dadurch fünf und zwanzig Procent und drüber wohlfeiler zur Stelle kommen. Die Ufer des Ca⸗ nals ſind mit ſchönen Pappeln, Maul⸗ beerbäumen, u. ſ. w. bepflanzt, über⸗ dem ſind vier bis fünf Mühlen dabei angelegt. An Zöllen ſollen jährlich 130,000 Realen einkommen. Indeſſen kann der Canal bei weitem nicht das ganze Jahr befahren werden, da er während der fünf Sommermona⸗ te faſt zu einem kleinen Bache austrock⸗ net. Die Ausdünſtungen deſſelben pfle⸗ gen alsdann ſo faulicht und ungeſund zu ſeyn, daß die benachbarten Einwoh⸗ ner den ganzen Sommer über mit Fie⸗ bern geplagt werden. Aber warum wird dies nützliche Un⸗ 71 ternehmen nicht fortgeſetzt! Warum? — Dieſe Fragen wird nur die gehei⸗ me Geſchichte des ſpaniſchen Hofes ein⸗ mal beantworten. Der Prado. Dieſer berühmte Spaziergang im öſt⸗ lichen Theile von Madrid durchſchneidet die Stadt vom Thore de Recoletos bis zu dem von Atocha, und iſt ohngefähr dreiviertel Stunden lang. Die Alleen deſſelben werden wieder von den Stra⸗ ßen de Alcald, de San Geronimo, del Jardin Botanico, und de Atocha durch⸗ ſchnitten. 3 Der Anfang des Prado beim Thore de Recoletos beſteht nur aus einer Al⸗ lee, und wird wenig beſucht, iſt aber am Ende gegen das Thor von Alcaldâ durch einen großen prächtigen Spring⸗ brunnen verziert. Der zweite Theil 23 von der Straße de Alcalâ, bis zu der de San Geronimo, hat eine breite Mit⸗ telallee, neben der ein Fahrweg hinläuft, zwei Seitenalleen, die mit Bänken be⸗ ſetzt ſind und einen ſchönen antiken Springbrunnen. Der dritte Theil von der Stra⸗ ße de San Geronimo bis zum Jardin botanico, hat nur zwei Seitenalleen, die den Fahrweg einfaſſen, iſt aber am obern und untern Ende mit zwei Spring⸗ brunnen verziert. Der vierte Theil vom Jardin botanico, bis zur Straße de Atocha, läuft längs des Gartens bis zum Thore hin, wo ebenfalls ein gro⸗ ßer Springbrunnen ſteht. Außer dem großen Hauptfahrwege in der Mitte des Prado, iſt linker Hand vom Thore de Atocha noch ein kleinerer angelegt, 74 zu beiden Seiten des Prado zieht ſich übrigens eine Reihe von Häuſern und Gärten hin. Der erſte Anblick des Prado von der Straße de Alcalé herein, hat würk⸗ lich etwas imponirendes. Die breite Straße, die benachbarten Palläſte, die ſchön gebaueten Klöſter mit ihren Ter⸗ raſſen, das prächtige Thor, die herrli⸗ chen Alleen, die vortrefflichen marmor⸗ nen Springbrunnen, alles trägt zur Größe des Eindrucks bei. Faſt daſſelbe iſt der Fall beim Eintritt von der Stra⸗ ße de San Geronimo, wo an den Ecken Palläſte und Klöſter ſtehen, und der hö⸗ her liegende Retiro mit ſeinen buſchich⸗ ten Alleen die Ausſicht ſchließt. Der dritte Zugang beim Jardin botanico iſt ſchmäler, und verdient keine Auf⸗ 75 merkſamkeit, der vierte von der Stra⸗ ße de Atocha gefällt durch ſeine Lebhaf⸗ tigkeit und eine ſchöne Allee, die in ge⸗ rader Linie nach einem Kloſter führet. Die Verſchönerung des Prado, die bekanntlich durch den Grafen Aranda geſchah, war der Baumpflanzungen we⸗ gen, mit ſehr großen Schwierigkeiten verknüpft; indeſſen hat man ſich durch eine künſtliche Bewäſſerung, wiewohl mit ſchweren Koſten zu helfen gewußt. Zwiſchen den Bäumen ſind nemtlich einen Schuh breite und eben ſo tiefe Canäle, und um die Bäume etwa zwei Schuh tiefe kleine Baſſins angelegt, dergleichen auch anderwärts häufig zu ſehen ſind. Man füllt die Canäle aus den Springbrunnen an, und jeder Baum bekommt auf dieſe Art ſeinen Antheil 76 davon. Die Bewäſſerung wird im Som⸗ mer täglich zweimal vorgenommen, und ſo ſcheinen ſich die Bäume, das meiſtens Ulmen ſind, vortrefflich zu erhalten. Es ſchlägt vier Uhr; die Sieſta iſt geendigt, die Alleen werden geſprengt, die Stuhlverleiher ſtellen ihre Stühle auf, die Zuckerbäcker und Orangen⸗ Verkäufer legen ihre Waaren aus, die Alleen füllen ſich mit Spaziergängern, und einige hundert Equipagen fangen ihre gewöhnlichen Reiſen an. Wer an einem ſolchen Abend zum erſtenmale in den Prado kommt, wird dieſe Promenade gewiß unterhal⸗ tend finden. Die mannigfaltigſten Equi⸗ pagen pon allen Formen, nach der äl⸗ teſten, und nach der neueſten Mode, von der Staatskaroſſe bis zum Fiacker! Wieviel Contraſte, wieviel Beobach⸗ tungen! Hier ein ſchön lakirtes Vis 4 Vis mit ein paar abgelebten Maulthieren, die an hänfenen Strängen ziehen, dort ein poar kleine niedliche Polacken mit engliſchem Geſchirre vor einem ſchweren altväteriſchen Reiſewagen; galonirte Bedienten und ſchmutzige Kutſcher in grauen Mänteln; die größten Contraſte in den Farben der Equipagen und der Livreen; die geſchmackloſeſte Verſchwen⸗ dung der edeln Metalle, die lächerlich⸗ ſte Buntſcheckigkeit in der Verzierung — nirgends kann man ſonderbarere Vermiſchungen ſehen. 1 Nicht minder unterhaltend iſt der Anblick der Fahrenden ſelbſt, die wegen der weggenommenen oder gläſernen 78 Seitenwände der Kutſchen ſehr bequem zu beobachten ſind. Wieviel entzückende Schönheiten, und wieviel Mumien von alten Duqveſas! Offiziere und Geiſt⸗ liche; Damen mit ihren Cortejos und junge Mädchen mit ihren Dueßas; alte Dugves mit ihren Beichtvätern, und luſtige biſcayſche Ammen mit ihren Säuglingen, mit einem Worte, die ſchöne und ſtattliche Welt von ganz Ma⸗ drid. Das ſpaniſche Coſtüm iſt ver⸗ ſchwunden; man ſieht nichts als mo⸗ diſche Damen, nichts als wollüſtige Griechinnen in den Equipagen. Unterdeſſen fliegen die wachthaben— den Dragoner hin und her, um die Ordnung zu erhalten, Kutſchen verlaſ⸗ ſen die Reihen, andere ſchließen ſich da⸗ ran an, Spazierreiter und Spaziergän⸗ 79 ger miſchen ich darunter, und Bettelkna⸗ ben und Fruchtverkäufer faſſen die Rei⸗ he ein— doch wie iſt es möglich, ein Gemälde abzuzeichnen, das ſich unauf⸗ hörlich in ſich ſelbſt zu verändern ſcheint? Die Bänke am botaniſchen Garten, die Gtühle i den Haupt ⸗Alleen, die Raſenplätze, u. ſ. w. alle ſind mit Zu⸗ ſchauern beſetzt. Die große Allee wim⸗ melt von Spaziergängern, und von al⸗ len Seiten ſtrömen die Menſchen dem Prado zu. Aber die Dämmerung bricht an, die Glocken läuten zum Angelus, alle Spaziergänger ſind verſteinert, alle Kutſchen ſtehen bewegungslos. Einige Minuten, und das Gebet iſt geſprochen; alles eilt nun in die Theater und in die Tertulias; nach allen Seiten ſtrömen 80 Menſchen und Equipagen hin. Es iſt neun Uhr— der Prado fängt an ſtiller und einſamer zu werden. Aber jetzt iſt die Zeit der Liebe und des Genuſſes gekommen, deren Geheim⸗ niſſe die ſtille Nacht verhüllt! Jene wollüſtige Dämmerung, jene aroma⸗ tiſche belebende Abendluft! die zaube⸗ riſchen Mondsſchatten, die ſchwärmeri⸗ ſchen Töne der Guitarren, die begei⸗ ſternden Voleros— o ſüßer entzücken⸗ der Rauſch des Lebens, warum eilſt du ſo ſchnell und auf ewig dahin? Waſ⸗ 81 Waſſerhandel. Madrid hat zwei und dreißig große Brunnen, die bis auf einige Ausnah⸗ men, zum Exempel in der Red de San Luis, vortrefflich ſind. Aus dieſen pfle⸗ gen ſich die Aguadores, oder Waſſer⸗ händler zu verſehen. Ihr Handel iſt um ſo ausgebreiteter, da die wenigſten Häuſer Waſſer haben, Flußwaſſer we⸗ gen der Seichtigkeit des Manzanares nicht vorhanden iſt, und das Geſinde hier nichts vom Waſſerholen weiß. Der Waſſerhandel wird im Großen und Kleinen getrieben. Jener befindet ſich ausſchließend in den Händen der Gallizier(Gallegos) die deshalb eine F 82 eigene Zunft ausmachen, und die Stadt nach Häuſern, Gaſſen und Vierteln un⸗ ter ſich vertheilt haben. Auf dieſe Art iſt die Kundſchaft der einzelnen Mitglie⸗ der gleichſam ihr feſtes Eigenthum, das ſie nach Willkühr an ihre Kinder und Verwandten vererben, oder auch, doch nur an einen ihrer Landsleute, wie⸗ der verkaufen können. Das Gewerbe dieſer Leute iſt äu— ßerſt beſchwerlich, den ganzen Tag lau⸗ fen ſie mit ihren ſchweren Tonnen her⸗ um. Dafür ſoll es aber auch wieder ſehr einträglich ſeyn, zumal im Som⸗ mer, wo der Waſſerverbrauch ungeheuer iſt. Jeder Agundor hat in der Regel zehn bis zwölf Häuſer zu beſtreiten, wo er für eine Tonne täglich, jeden Mo⸗ nat einen Piaſter, für zwei das Doppelte, u. ſ. w. erhält. In acht bis zehn Jahren pflegen daher die meiſten eine kleine Summe erſpart zu haben, und in ihr Vaterland zurück zu gehen. Verkaufen ſie ihre Stelle, ſo bekommen ſie dann noch vierzig bis funfzig Pia⸗ ſter dafür. Die ganze Geſellſchaft muß übri⸗ gens zur Erhaltung der Waſſerkunſt eine jährliche Summe zahlen. In vielen Häuſern werden dieſe Aguadores auch noch beſonders als Compradores oder Einkäufer beſoldet. Wo nehmlich der Mann nicht ſelbſt auf den Markt ge⸗ hen und einkaufen kann, da nimmt er den Aguador dazu. Da die Preiſe alle beſtimmt ſind, und die Taxe zum Über⸗ fluß auch im Tagblatte ſteht, ſo iſt frei⸗ F 2 84 lich kein großer Unterſchleif dabei zu be⸗ fürchten. Eine zweite Claſſe dieſer Aguado⸗ res ſind die Waſſerverkäufer im Klei⸗ nen, die aber keine beſondere Geſell⸗ ſchaft ausmachen. Wer einen ſteinernen Krug und ein Paar Gläſer kaufen kann, der mag dieſen Handel nach Belieben anfangen. Indeſſen pflegen ſie dennoch ihre beſtimmten Straßen zu haben, wo keiner dem andern in das Gehege kommt. Hier ſieht man ſie mit ihren großen Krügen auf dem Rücken, und der ble⸗ chernen Maſchine worin die Gläſer ſte⸗ hen, unaufhörlich auf⸗ und abtraben —»Friſches Waſſer! Friſches Waſſer! — Wer hat Luſt?— Wer will trin⸗ ken?— Eben kommt es vom Brun⸗ 85 nen!*— Das Glas koſtet nur einen Ochavo, doch können ſie bei recht hei⸗ ßem Wetter ſechs bis ſieben Realen täglich verdienen. Eine etwas vornehmere Claſſe die⸗ ſer Aguadores, ſind die Eis⸗ und Ger⸗ ſtenwaſſer⸗Verkäufer.**) Sie pflegen beides in kleinen hölzernen Tonnen her⸗ umzutragen, worin unten ein beſonde⸗ res Behältniß zum Eiſe iſt. Ein Glas bloßes Eiswaſſer koſtet einen Quarto, ein Glas Gerſtenwaſſer mit Eis, drei Ochavos. Sie ziehen im Prado und auf allen Straßen herum. *) Agua Frefca! Agua fresquita! Quien quiere! quien bebe!— Ahora viene de la fuente! **) Agua de nieve! Agua de cebada! — 86 Plaza Mayor. Ein großer viereckigter Platz, der 434 Fuß in der Länge und 334 in der Brei⸗ te hat, und auf allen vier Seiten mit ziemlich hohen Häuſern umgeben iſt;— man muß nie dus Spanien gekommen ſeyn, um die Plaza mayor für die ein⸗ zige in der ganzen Welt zu halten. Der Platz iſt wie geſagt, mit Aus⸗ nahme einiger unbedeutender Zugänge, auf allen vier Seiten mit Häuſern ein⸗ gefaßt. Keine majeſtätiſche Straßenper⸗ ſpective, keine große freie lebendige Aus⸗ ſicht, rund herum nichts als ängſtliche Eingeſchloſſenheit! Die Häuſer ſind drei bis vier Stock hoch, aber von ganz ge⸗ 87 wöhnlicher Bauart, der Platz iſt mit niedrigen Arcaden umgeben, und mit lauter Buden, Ständen, u. ſ. w. be⸗ deckt; kurz das Ganze kann auf einen Fremden, der mehr von Europa geſe⸗ hen hat, gewiß keinen vortheilhaften Eindruck machen. Auf dieſer Plaza mayor, wurden ehedem Autodafsé und Stiergefechte ge⸗ halten, jetzt dient ſie zum Marktplatze und zum Verſammlungspunkte der nie⸗ drigen Claſſen. Hier muß der Fremde manchmal einen Augenblick verweilen, um den originellen Charakter des ge⸗ meinen Spaniers zu ſtudiren! Hier wird er manches Capitel im Don Qui⸗ rote erſt verſtehen lernen, und über⸗ haupt die beſten Commentare zu ihren komiſchen Romanen ſammeln können. 88 Seit zwei Jahren ſind die Arcaden verſchönert und die darunter befindli⸗ chen Gewölbe abgeputzt worden. Man hat die Buden und Stände auf dem Platze nach einem gewiſſen Plane geord⸗ net, und das Ganze ſoll jetzt um vieles heiterer ſeyn. Aber immer wird es an großen Zugängen, und an einer freien lebendigen Anſicht fehlen, die zur Schön⸗ heit eines Platzes unentbehrlich ſind. 89 Neue Spaziergänge. E⸗s ſind die Baumpflanzungen, die ſeit der Regierung Karls III. theils im öſt⸗ lichen, theils im weſtlichen Theile von Madrid angelegt worden ſind. Was die Spaziergänge im öſtli⸗ chen Theile betrifft, ſo nennen wir zuerſt die ſchöne Allee am Thore de Atocha, die links vom Prado nach einem Dominikaner⸗Kloſter führt, in der Regel aber ziemlich einſam iſt. Deſto beſuchter ſind die Alleen, die vom Tho⸗ re de Atocha zwiſchen ſchönen Gemüſe⸗ und Waizenfeldern bis an den Manza⸗ nares führen.— Paseo de las delicias. — Sie werden von Vornehmen und 9⁰ Geringen, beſonders des Sonntags, ſehr häufig beſucht. Auf einer großen, längs des Manzanares gelegenen Wieſe trifft man dann nichts als fröhliche Menſchen an, die ihren Nachmittag mit Eſſen, Tanzen, Ballſchlagen und andern Spie⸗ len zubringen. Eine andere Allee führt außerhalb des Thores de Atocha linker Hand zum Thore de Alcala herum, doch muß man erſt einige Zeit die kahle Chauſſee ver⸗ folgen. Dafür iſt die Allee, die längs der Mauer des Retiro an gutbebauten Feldern hinführt, deſto dichter und ſchat⸗ tiger. Man hat uͤberdem eine gewiſſe ländliche Ausſicht, die unter dieſem Himmel immer doppelt erquickend iſt. Im weſtlichen Theile der Stadt findet man vor dem Thore de Segovia 91 erſt die ſchönen Alleen nach dem Par⸗ do*). Man hat rechts auf der An⸗ höhe den neuen königlichen Pallaſt; links in der Tiefe die buſchigten Pflan⸗ zungen am Manzanares vor ſich. So wie man weiter kommt, werden die Aus⸗ ſichten immer ländlicher, man hat die Guadarramagipfel im Geſichte, und athmet die erquickenden Lüfte, die von dieſem Gebirge herunterwehen. Den Rückweg kann man unten am Manzanares machen, wo es lauter Al⸗ leen und Bosgvete giebt, die wegen der benachbarten Waſchplätze und Badehäu⸗ ſer äußerſt lebhaft ſind. Der größte Zuſammenfluß von Menſchen findet des *) Das bekannte Luſtſchloß. Sonntags ſtatt, wo man auch auf den benachbarten Wieſen nichts als fröhli⸗ che Gruppen ſieht. Links vom Thore von Segobia führt ein angenehmer Weg nach dem von Toledo hin. Er pflegt wegen ei⸗ ner Menge Weinhäuſer, wo man im⸗ mer Gäſte, beſonders Schweizerſoldaten, findet, äußerſt lebhaft zu ſeyn. Man hat dabei die Ausſicht auf den Fluß und die gegenüber liegenden bebauten Hügel, und kommtsendlich wieder bei dem oben beſchriebenen Paſeo de las Delicias an. Quartel de Guardias de Corps. Die ſeit 1704 errichtete königliche Leib⸗ wache, beſteht bekanntlich aus vier Kompagnien: der Spaniſchen mit ro⸗ then Bandelieren, der Am erikaniſchen mit ponceaufarbenen, der Italiäni⸗ ſchen mit grünen, der Flamländi⸗ ſchen mit gelben,— zuſammen 650 Mann. Ihre Caſerne liegt an der Plazue⸗ la de los Afligidos, bei dem Thore del Conde Duqve. Es iſt ein großes ge⸗ räumiges Gebäude, das zugleich Stal⸗ lung für ſechshundert Pferde hat. In⸗ deſſen ſollen die hintern Theile ziemlich baufällig ſeyn. 94 In dieſer Caſerne, hat ein jeder Guardia de Corps, ſein beſonderes Zim⸗ mer mit Meublen, Matratzen u. ſ. w. er bekommt überdem Licht, und im Win⸗ ter Kohlen zu einem Braſſero, auch wird ihm ein eigener Knecht für ſein Pferd gehalten. Ehedem hatten die Guardias de Corps, nur vier Realen täglich, ſeitdem aber ihr ehemaliger Kamerad Godoy, Principe de la Paz, geworden iſt, hat er ihnen zehn Realen ausgemacht. Er mußte am be⸗ ſten wiſſen wieviel ſie nöthig hatten. 9⁵ Spaniſche Küche. Wenn einmal ein philoſophiſcher Koch eine pragmatiſche Geſchichte der Koch⸗ kunſt ſchreiben ſollte, ſo würde der Ar⸗ tikel: Spanien, zuverläſſig einer der kürzeſten ſeyn. Fünf einfache Natio⸗ nalgerichte ſo alt wie die Monarchie, ſo unveränderlich als der ſpaniſche Cha⸗ rakter— wieviel würde ſich davon ſa⸗ gen laſſen? Unter dieſen Gerichten pflegt der Puchero, oder die Olla, oben an zu ſtehen. Es iſt eine Miſchung von Rind⸗ fleiſch, Speck und Knackwürſten, von Garbanzos, Kartoffeln, Rüben, Möh⸗ ren, Zwiebeln, Kohl und Knoblauch, 96 die man zuſammen kocht und zuletzt mit ſpaniſchen Pfeffer durchwürzt. Die dün⸗ ne Brühe des Puchero wird zuerſt als Suppe, und das übrige denn als Zu⸗ gemüſe gegeſſen. Dieſer Puchero iſt in der Regel das einzige Fleiſchgericht der Spanier; doch haben ſie auch eine Art von Frikaſſee mit Zwiebeln, Knoblauch, Liebesäpfeln u. ſ. w. Guisado genannt, wozu ſie meiſtens Geflügel, Wildpret, u. ſ w. zu nehmen pflegen. Ein gewöhnlicher Braten ſetzt ſchon eine ſehr große Ver⸗ feinerung voraus, und ein franzöſiſches Ragout würde für einen ächten Spanier ein Nationalverbrechen ſeyn. Außer den beiden Fleiſchgerichten wechſelt man noch mit einigen Fiſchſpei⸗ ſen, 97 d beſonders mit Stockfiſch*) und marinirtem Veſugo ab, giebt dann und wann eine Art Rühr-Ei**), oder auf Butter geſchlagene Eier 2**) und macht, beſonders bei heißem Wetter den beliebten Gaſpacho, welches eine Art von kalter Schaale mit Eſſig, Hl und Zwiebeln iſt. Dieſes ſind denn richtig gezählt, jene fünf einfachen, ſpaniſchen Natio⸗ nalgerichte, mit denen ſogar die Mit⸗ telclaſſe vollkommen zufriedem iſt, und die man, freilich neben einer Menge ausländiſcher Schüſſeln, ſelbſt auf den *) Bacalao. *) Huevos estrellados. ***) Huevos fritos. G 9⁸ Tafeln der Großen immer zu finden pflegt. Nur darf der Safran und der ſpaniſche Pfeffer*) nicht fehlen, was die beiden Lieblingsgewürze der Spa⸗ nier ſind. Von letzterm pflegt man die unreifen Stengel**) in Eſſig einzuma⸗ chen und zum Nachtiſch zu geben. Da das gekochte Gl ſehr ſchwer zu verdauen iſt ſcheint der Pfeffer bei dieſen Ge, richten allerdings unentbehrlich zu ſeyn. Das iſt die ſpaniſche Küche, an die ſich freilich nur wenig Fremde gewöh⸗ nen können. Für dieſe giebt es indeſ⸗ ſen franzöſiſche Fondas, von denen unter einem eigenen Artikel gehandelt werden ſoll. *) Pimenta. **) Pimentones. — Neuer Pallaſt. Als der von Heinrich II.*) im weſtli⸗ chen Theile von Madrid erbauete Al⸗ cazar zu Ende des Jahres 1734 völlig abgebrannt war, beſchloß König Philipp V. ihn aufs prächtigſte wieder erbauen zu laſſen. Indeſſen waren unter Be⸗ rathſchlagungen, Gegencabalen der Kö⸗ nigin, Anſtalten u. ſ. w noch drei volle Jahre vergangen, ehe der Bau nach ei⸗ nem Riſſe von Don Juan Battiſta Sa⸗ cheti im Jahre 1737 endlich angefangen ward. —— *) ſtarb 1379. Das iſt nun der neue wiewohl noch nicht vollendete»Palacio nuevoc- der vermöge ſeiner Lage über die gunze Stadt hinwegragt, und eher einer Cita⸗ delle, als einem Königlichen Pallaſte gleicht. Ohne Terraſſen, ohne Gärten, ohne Alleen, ohne Umgebungen irgend einer Art, aber ungeheuer genug, um imponirend zu ſeyn. Das Ganze bildet ein regelmäßiges Viereck von vier gleichen Fagaden, wo⸗ von jede 470 Fuß in der Länge und 100 Fuß in der Höhe hat*). Die Haupt⸗ fagade iſt die gegen Mittag, mit der *) Vom Erdgeſchoſſe nemlich bis an das platte Bleydach; denn wegen der Uneben⸗ heit des Bodens mußten die Kellergeſchoſ⸗ ſe verſchieden ſeyn. 101 Ausſicht auf einen Platz, die Morgen⸗ ſeiteniſt gegen die Stadt, die Weſt und Nordſeite gegen das Feld gekehrt. Je⸗ de hat drei Stockwerke mit Entreſols u. ſ. w. Um das platte Bleydach läuft eine mit Vaſen gezierten Baluſtrade herum. Jene vier Facaden ſchließen einen Hofraum ein, der 140 Fuß in der Län⸗ ge und Breite hat, und von einem Por⸗ ticus umgeben iſt. Das Ganze hat ſechs Thore, fünf in der Hauptfagade, und eines bloß für Fußgänger in der Oſtfagade., Das Ganze iſt maſſiv und ungeachtet der ungeheuern Gewölbe ſo ſolid gebaut, daß bis jetzt noch nicht der mindeſte Febler im Grunde zu ent⸗ decken geweſen iſt. Noch ſind hinter dem Pallaſte mehrere, weitläuftige Hof⸗ 102 gebäude, Marſtälle u. ſ. w. aufgeführt, wozu der Abhang des Hügels mit unge⸗ heuern Koſten applanirt und der Grund aus der Tiefe aufgemauert werden mußte. Was nun das Innere des Pal⸗ laſtes anlangt, ſo verdient es theils we⸗ gen der äußerſt prächtigen Meublen, Verzierungen u. ſ. w. beſonders aber wegen der darin befindlichen koſtbaren Gemälde von jedem Reiſenden geſehen zu werden. Hier mag von Letzteren ein kurzes Verzeichniß ſtehen, damit man es nicht erſt anderwärts aufzuſuchen brauche*). —— *) Nach Cumberland aus denſelben Grün⸗ den die mich oben beſtimmten. Verglei⸗ che Bourgoings neue Reiſe durch Spa⸗ nien I. 379. zumal da die dort befindli⸗ che Überſetzung wie geſagt äußerſt ſchlecht gerathen iſt. -nO—V—⸗————·——ñ— —— 103 Freſco⸗Mahlereyen. 1) Die große Treppe v. D. Corrado Giaciunto.— Ein Deckenſtück: Der Aufgang der Sonne. 2) Das große Wachzimmer von Joh. Bapt. Tiepolo*)— Vulkan der auf Bitten der Venus die Rüſtung des Aeneas ſchmidet. 3) Das Tanzzimmer von Corrado. — Die triumphirende Kirche, ein alle⸗ goriſches Gemälde. 4) Vorzimmer des Königes von *) Aus der venetianiſchen Schule. Starb 1770 zu Madrid in Karls III. Dienſten, 77 Jahr alt. 104 Tiepolo.— Die ſpaniſche Monarchie, ein allegoriſches Gemälde. 5) Ein großer Saal von Eben⸗ demſelben.— Die verſchiedenen Pro⸗ vinzen von Spanien, ein allegoriſches Gemälde. 6) Tafelzimmer, worin der König zu Mittag ſpeißt: von A. R. Mengs. — Trajans Apotheoſe. 7) Tafelzimmer, worin der König zu Abend ſpeißt: von Ebendemſel⸗ ben.— Die Apotheoſe des Herkules. 8) Cabinet des Königes von Tie⸗ polo.— Juno in ihrem Wagen mit den gewöhnlichen Attributen, u. ſ. w. 9) Erſtes Vorzimmer der Königin von D. Luis Velasqvez— Die vier Cardinaltugenden, ein allegoriſches Ge⸗ mälde. 1⁰⁵ 1⁰) Zweites Vorzimmer der Königin v. D. Ant. Velasqvez— Derſelbe Ge⸗ genſtand. 11) Speiſezimmer der Königin v. Franc. Bayeu— Die Eroberung von Granada. 12) Audienzzimmer v. Ant. Velas⸗ qvez— Columbus, wie er den catho⸗ liſchen Majeſtäten die neuentdeckte Welt darbietet. 13) Staats⸗Schlaf⸗Zimmer, von Mengs— Aurora wie ſie am Him⸗ mel heraufzieht. 14) Zimmer des Prinzen von Aſtu⸗ rien, von Tiepolo— Die Eroberung von Vellocino. 13) Speiſezimmer des Prinzen, von Ebendemſelben— Der ſiegende Her⸗ kules von Centauren gezogen. 106 16) Saal des Prinzen, von Domin⸗ go Tiepolo*)— Diana auf der Jagd. 17) Garderobe des Prinzen von Mar. Maella— Die Wahl des Her⸗ kules. 19) Vorzimmer der Prinzeſſin von Aſturien, von Gonzalez— Die Künſte. 19) Audienzzimmer der Prinzeſſin, von Bayeun— Der Sturz der Giganten. 20) Cabinet der Prinzeſſin, von Maella— Juno die den Aeolus um die Winde anfleht. 21) Wohnzimmer der Prinzeſſin, von Bayeun— Die Apotheoſe des Herkules. *) Domingo war der Brnder von Joh. Bapt. Tiepolo. 1⁰7 22) Speiſezimmer des Infanten Oon Gabriel, von Ebendemſelben— Die Religion mit den Tugenden. 23) Nebenzimmer, von D. Luis Ve⸗ lasqvez— Spanien, eine allegoriſche Compoſition. 24) Cabinet des Infanten— Eine Gruppe Vögel— v. Dom. Tiepolo. Ol⸗Gemälde. I. Vorzimmer des Königs. Titian. Zwei große Gemälde: Siſy⸗ phus und Prometheus in ihren Quaalen — Vier Frauenzimmer⸗Portraits, hal⸗ be Figur— Vier Männer⸗Portraits, worunter ſein eigenes— Ein Knaben⸗ Portrait— Zwei Bacchanten— Eine Venus die ſich in einem Spiegel beſieht, den ihr Amor vorhält— Venus die ei⸗ ner Nymphe eine Schaale reicht mit zwei Satyrn im Hintergrunde— Adam und Eva im Paradieſe in Lebensgröße.— Rubens. Copie des zuletzt ge⸗ nannten Gemäldes von Titian. Tintoretto. Judith mit dem ——— 1⁰9 Kopfe des Holofernes— der Märtyrer⸗ todt der heiligen Urſula. Paul Veroneſe. Venus und der ſchlafende Adonis— Cephalus und Pro⸗ eris, beide in Lebensgröße. Don Juan Labrador*). Zwei ſchöne Blumenſtücke. Petro Orrente*). Eine Ge⸗ burt Chriſti. Baſſan. Adam wie er den Thie⸗ ren Namen giebt— Noah wie er ſie in die Arche führt— Zwei bibliſche Ge⸗ genſtände— Vier ländliche und häus⸗ liche Srenen— Orpheus wie er den Thieren vorſpielt. — *) Einer der beſten ſpaniſchen Blumenmaler, der im Jahr 1600 in einem ſehr hohen Alter zu Madrid ſtarb. **) ſtarb 1642. II. Tafelzimmer, wo der König des Mittags ſpeißt. Velasqvez. Die Portraits von Philipp III. und IV., ihren beiden Ge⸗ mahlinnen und den Dugve de Olivares. Rubens. Philipp III. zu Pferde. Vanloo. Philipp V. zu Pferde, und die Königin Iſabelle ſtehend. Rubens. Der ruhende Herkules— das Urtheil des Paris— Pluto auf ſei⸗ nem Wagen— Apollo im Laufe. III. Tafelzimmer, wo der König zu Abend ſpeißt. Velasqvez. Das berühmte Fa⸗ milienſtück der Infantin Dona Marga⸗ retha von Hſtreich, nebſt einigen andern Perſonen, worunter der Mahler ſelbſt. Titian. Karl V. in völliger Rü⸗ 111 ſtung zu Pferde, wie er in Begriff iſt, ſeine Armee über einen Strom gehen zu laſſen— Philipp II. in Rüſtung mit ſeinem kleinen Sohne auf dem Arme, den er der Fano weiht. Van Dyk. Der Infant Don Fer⸗ dinand zu Pferde. Caſtiglione. Gladiatoren. Cavallero Maximo. Gladia⸗ toren, Compagnon zu dem vorigen. Titian. Venus und Adonis— Europa auf dem Stier, als Compagnon des erſten. IV. Garderobe des Königs. Velasqvez. Eine Gruppe zechen⸗ der Spanier— Mercur und Argus— Die Schmiede Vulkans— Die Teppich⸗ Weberinnen— Der berühmte Aguador 112 von Sevilla— Zwei Portraits von Zwergen— Ein alter Mann mit Pa—⸗ pier in der Hand, Lebensgröße— Zwei andere Portraits, ebenfalls in Lebens⸗ größe.. Murillo. Die Verkündigung Ma⸗ riä— Die Geburt Chriſti— Die Ver⸗ . lobung der heiligen Iungfrau— Ma⸗ ria mit dem ſchlafenden Jeſuskinde— Jeſus mit dem heiligen Johannes— Eine heilige Familie— Die heilige Jungfrau mit dem Jeſuskinde ſtehend. Lanfranc. Die Himmelfarth der Maria. Ban Dyk. Zwei Portraits in Non⸗ nentracht. Titian. Drei Portraits von vor⸗ nehmen Perſonen. Eſpagnolet. St. Johannes—e St. Bar⸗ 113 St. Bartholomäus— Maria Magdale⸗ na— Maria aus Egypten. Lucas Giordano. Die Flucht nach Egypten— Abraham, wie er ſei⸗ nen Sohn opfern will. David Teniers. Vier herrliche Landſchaften. Mengs. Eine Geburt Chriſti, Fi⸗ guren in Lebensgröße— In der Perſon eines Hirten hat Mengs ſich ſelbſt mahlt. ge⸗ Ebenderſelbe. Eine Menſchwer⸗ dung, Compagnon zum vorigen. V. Cabinet des Königs. Teniers. Vier und zwanzig kleine Gemälde, meiſtens Landſchaften. Wouvermann. Eine Landſchaft mit einer Dorfkirmße. H 114 Seyhers. Ein großes Blumen⸗ ſtück. Breughel. Drei Blumenſtücke— Fünf kleine mythologiſche Gemälde. VI. Corridor, der zu des Königs Schlafzimmer führt. Alonzo Cano. Der Leichnam Chriſti, von einem Engel getragen. Murillo. Ein Ecce Homo— Ein Madonnenkopf— Der heilige Jakob. Eſpagnolet. Der heilige Fran⸗ ciscus von Aſſiſi— Der heilige Hiero⸗ nimus. Cavallero Maximo. Eine Mag⸗ dalena. Mengs. Eine heilige Familie. Barozio. Ein Nachtmahl. 115 Leonardo da Vinci. Herodias mit dem Kopfe Johannis des Täufers. Luc. Giordano. Eine Madonna mit dem ſchlafenden Jeſuskinde. Joſ. de Arpino*). Der Märti⸗ rerlodt der heiligen Ines. VII. In dem Schlafzimmer des Kö⸗ nigs. Mengs. Eine Abnehmung vom Kreuze— Gott der Vater unter den Engeln im Himmel— Chriſtus im Gar⸗ ten betend— Chriſtus, der der Maria Magdalena erſcheint— Chriſtus der un⸗ ter ſeinem Kreuze erliegt— Die Geiſſe⸗ lung Chriſti— St. Johannes— Ma⸗ ria Magdalena. *) Starb zu Rom im Jahre 1640. H 2 116 VIII. Im Cabinet des Königs. Van Dyk. Ein Frauenzimmer⸗ Portrait. Guido. Ein Erce Homo. Velasqvez. Ein Knabe mit ei⸗ nem Hunde— Eine Gruppe ſchmauſen⸗ der Bauer⸗Knaben. Paul Verone ſe. Zwei kleine Por⸗ traits. Titian. Zwei kleine Portraits. Pouſſin. Ein antiques Bacchanal. Breughel. Acht Landſchaften mit hiſtoriſchen Figuren. Teniers. Zwanzig kleine Stücke, meiſtens Landſchaften. Berbedel. Der Leichnam Chriſti. IX. Erſtes Vorzimmer der Königin. Lanfranmre Ein Königliches Lei⸗ 117 chenbegängniß— Ein großes hiſtoriſches Gemälde. Guido. Zwei Knaben, oder: Geiz und Liebe, perſonifizirt. Pouſſin. Ein bacchanaliſches Op⸗ fer. Jordans. Zwei allegoriſche Ge⸗ mälde: Muthwille und Überfluß. Titian. Zwei Portraits: Philipp III.— Ein venetianiſcher Cavalier. + aul Veroneſe. Ein Frauenzim⸗ mer⸗Portrait— Jugend zwiſchen Tu⸗ gend und Laſter. Vandyk. Ein Mannsportrait. Velasqvez. Zwei Portraits von Narren. Alexand. Andriens. Vier Still⸗ leben. Corrado. Originalſkizzen von den 118 Deckenſtücken der großen Treppe und des Tanzzimmers. Luc. Giordano. Vier Süjets aus Simſons Geſchichte— Drei von den Elementen— Salomo— Herkules von Centauren gezogen— Cephalus und Procris. Rubens. Orpheus der den Thie⸗ ren vorſpielt. Drei Landſchaften von einem un⸗ bekannten niederländiſchen Mahler. X. Zweites Vorzimmer der Königin. Lanfranc. Julius Cäſar, der an ſeine Soldaten eine Rede hält. Luc. Giordano. Eſau, der das Recht der Erſtgeburt an Jacob verkauft — Bathſeba im Bade⸗ 1 119 Carlo Maratti. Zwei Frauen⸗ zimmer mit Blumenkörben. Cavallero Maximo. Ein Op⸗ fer des Bacchus. Andr. Veſari. Das Leben der heiligen Catharina in vier Compoſitio⸗ nen— Eine Magdalena. Eſpagnolet. St. Bartholomäus. Corrado. Zwei Originalſkigzen zu Freſcogemälden— Zwei große Land⸗ ſchaften. Breughel. Zwei reizende Blu⸗ menſtücke.. Jordaens. Ein Frauenzimmer mit Früchten und Blumen. XI. Speiſezimmer der Königin. Luc. Giordano. Der Maärtirer⸗ kodt des heiligen Laurentius— Vier 120 Süjets aus der Geſchichte der heiligen Jungfrau— St. Petrus— Maria Magdalena— Eine Verklärung— St. Michael im Kampfe. Vaſari. Zwei Süjets aus der Ge⸗ ſchichte des heiligen Cajetan. Corrado. Drei Originalſkizzen zu Freſcogemälden. Teniers. Eine Waffenrüſtung— Der Künſtler an der Staffeley in ſeinem Zimmer. Breughel. Vier ſchöne Seeſtücke — Drei Landſchaften— Drei kleine Blumenſtücke. XII. Großer Saal der Königin. Titian. Karl V. Portrait in Le⸗ bensgröße— Philipp II.— Ein ande⸗ 121 res Manns⸗ und noch ein Frauenzim⸗ mer Portrait. Rubens. Der Raub der Proſer⸗ pine— Eine Gartenſcene worin er ſeine Familie angebracht hat— Eine ſchöne Landſchaft mit einem Geiſtlichen der das Viaticum über Land trägt. Velasqvez. Vier Portraits: Mar⸗ garetha von Öſtreich— Philipp II.— Philipp III.— Ein afrikaniſcher Gene⸗ ral.. Luc Giordano. Vier große hi⸗ ſtoriſche Stücke mit Süjets aus der Ge⸗ ſchichte Salomo's— Pluto auf ſeinem Wagen— Jupiter— Dädalus. Jordaens. Stillleben. Corrado. Skizzen von allegori⸗ ſchen Figuren. Zwei große und ſchöne Landſchaften aus der niederländiſchen Schule. 122 XIII. Schlafzimmer der Königin. Van Dyk. Chriſtus wie er von Ju⸗ das verrathen wird. Luc. Giordano. Vier hiſtoriſche Gemälde mit Süjets aus dem Leben des heiligen Antonius— Zwei aus der Ge⸗ ſchichte Salomos— Zwei aus dem Le⸗ ben der heiligen Jungfrau— Zwei aus der Geſchichte St. Nic. de Bary und St. Franc. Navier— Zwei andere, die Menſchwerdung Chriſti. Pedro Orrente. Orpheus wie er den Thieren vorſpielt. In Guidos Manier. Die Be⸗ grabung Chriſti. Vaſari. Die vier Cardinaltugen⸗ den— St. Roſalia von Engeln getra⸗ gen. 123 Carlo Maratti. Der heilige An⸗ konius, der das Jeſuskind anbetet. Paul Veroneſe. Suſanne und die Älteſten. XIV. Zimmer des Prinzen von Aſtu⸗ rien. Luc. Giordano. Vier kleine Ge⸗ mälde mit Süjets aus der Römiſchen Geſchichte— Der ſterbende Seneca im Bade. Velasqvez. St. Antonius, der ſich in der Wüſte mit St. Paul dem Einſiedler unterhält— Mars. Eſpagnolet. Eſau der das Recht der Erſtgeburt verkauft. Lanfranc. Ein Seegefecht in ei⸗ nem Amphitheater— Ein heidniſches Opfer. 124 Rubens. Mercur und Argus— Ein Triumph, wobei männliche und weibliche Gladiatoren kämpfen— Die Sinne und Elemente, allegoriſche Ge⸗ mälde,(die letzten beiden nur in ſeiner Manier). Jordaens. Eine Pomona. XV. Speiſezimmer des Prinzen. Velasqvez. Vulkan in ſeiner Schmiede— Ein Infant von Spanien auf einem ſchönen Zelter in völligem Galopp— Der General Peſcara, wie er die Schlüſſel einer niederländiſchen Feſtung empfängt, ein unvergleichliches Meiſterſtück— Philipp II. und Philipp III.— Äſopus— Menippus— Zwei andere Portraits— Anſicht des Pardo. 123 Pedro Mazo. Anſicht von Sa⸗ ragoßa. Titian. Vier Manns⸗ und zwei Frauenzimmer⸗Portraits— Ein Or⸗ pheus. Tintoretto. Judith und Holo⸗ fernes. Solimann. Sechs Süjets aus der Geſchichte Salomo's. Murillo. Eine alte Frau die Weintrauben verkauft— Ein Bauer bei derſelben Beſchäftigung. Anton Coypel. Die Alteſten, wie ſie die Suſanna anklagen. Eſpagnolet. Eine kleine Copie nach Raphael. Wouvermann. Zwei ſehr ſchöne Landſchaften. Teniers. Zwei Alchimiſten— 126 Zwei kleine Gemälde— Eine große Landſchaft. Breughel. Zwei ſchöne Land⸗ ſchaften mit einer Menge Thiere. XVI. Im Corridor. Teniers. Acht kleine Skizzen, worunter zwei Landſchaften. Breughel. Acht Blumenſtücke— zehn kleine Landſchaften. Pedro Orrente. Vier Landſchaf⸗ ten mit Figuren. Murillo. Eine alte Frau die ei⸗ ne Citrone ſchält. Corrado. Vier Skizzen zu Freſ⸗ cogemälden. Watteau. Zwei Landſchaften. Niederländiſche Schule. Still⸗ leben— Fiſche und allerhand Speiſen. 127 XVII. Garderobe des Prinzen. Raphael. Das berühmte unter dem Namen Paſmo de Sicilia be⸗ kannte Gemälde. Rubens. Die Anbetung der Wei⸗ ſen aus Morgenland— Eine heilige Familie— Eine Gruppe von heiligen Weibern und Knaben in verſchiedenen Beſchäftigungen. Vaſari. Fünf Süjets aus der Geſchichte des heiligen Cajetan. Murillo. Eine heilige Familie— Maria und Chriſtus.. Eſpagnolet. Der Märtyrertodt des heiligen Bartholomäus— Maria Magdalena. 31 Andr. Sachi. Eine Geburt Chriſti. Mengs. Eine Geburt Chriſti. 138 Luc. Giordano. Die Menſch⸗ werdung— Die Flucht nach Egypten. Van Dyk. Maria Magdalena unter einer Gruppe von Engeln in den Wolken— Süjet aus der Geſchichte der heiligen Roſalia. Poußin. Eine heilige Cecilia. Titian. Ein Erce Homo— Eine Mater Doloroſa. Gerard Sepez. Eine Jungfrau mit Blumenguirlanden. Albrecht Dürer. Der Leichnam einer Jungfrau. Leon. de Vinci. Eine Madonna mit dem Kinde, in halber Lebensgröße — Dieſelbe in ganzer Lebensgröße. Andr. del Sarto. Eine Madonna mit dem Kinde— Eine kleine heilige Familie. Vaſari. 129 Vaſari. Die Geburt Chriſti Breughel. Die Anbetung der Weiſen aus Morgenland— Die Flucht nach Egypten— Eine Madonna mit Blumenkränzen. Palma. Eine Madonna mit dem Kinde. Joh. Ant. Regillo, gen. Bor⸗ donone. Eine Madonna mit dem Kinde. Pedro Cortona. Eine Magda⸗ lena. Carl Maratti. Eine heilige Ro⸗ ſalia. XVIII. In dem Oratorio. Salvator Roſa. Eine Madonna mit dem Kinde, und St. Joſeph. Luc. Giordano. Ein großes Al⸗ tarſtück: Jeſus der das Kreuz trägt— ᷑&ᷣ ₰ 13⁰ Die Verkündigung Mariä— Die Ge⸗ burt Chriſti. Andr. del Sarto. Eine heilige Familie. XIX. Schlafzimmer des Prinzen. Daniel Criſpio. Der Leichnam des Heilandes von ſeiner Mutter ge⸗ tragen. Raphael. Eine Madonna mit dem Kinde. Corregio. Jeſus im Hlgarten— Eine Madonna mit dem Kinde, in ei⸗ niger Entfernung St. Joſeph— Ein Kopf des heiligen Johannes. Leon. da Vinci. Eine Madonna mit dem Kinde— Eine heilige Familie — Noch eine Madonna mit dem Kinde und dem heiligen Johannes. 131 Rubens. Zwei alte Mannsköpfe. Andr. del Sarto. Eine heilige Familie nach Raphael. Jul. Romano. Eine heilige Fa⸗ milie, wovon Compoſition und Zeich⸗ nung ebenfalls Naphael zugeſchrieben werden. Vaſari. Zwei Süjets aus der Geſchichte des heil. Cajetan. Velasqvez. Die Krönung der heiligen Jungfrau. Titian. St. Margaretha mit dem Drachen— Maria, die ihren Sohn an⸗ betet. Guido Reni. St. Dionyſius mit ſeinem Kreuze. Mengs. Eine Flucht nach Egyp⸗ ten. J 2 Claudio Coello. St. Fernando, die heilige Jungfrau anbetend. Paul Veroneſe. Jeſus mit den Lehrern im Tempel ſtreitend. XX. Audienzzimmer. Rembrandt. Cleopatra die die Schaale mit der zerlaßenen Perle aus den Händen einer Sclavin empfängt. Eſpagnolet. Ein Fechterkampf, ein vortreffliches Stück. Murillo. Judith mit dem Kopfe des Holofernes— Ein Mädchen mit ei⸗ nem Lichte. Ditian. Die beiden berühmten Gemälde: Eine Gruppe von Knaben und Liebesgöttern— Ein Bacchanal— Drei Portraits. Leon. da Vinci. Drei ſchöne Portraits, worunter Anna Boley. 8 Rubens. Zwei große und zwei kleine Landſchaften. Breughel. Drei kleine Landſchaf⸗ ten. Luc. Giordano. Ein allegori⸗ ſches Gemälde: Liebe und Zwietracht. Paul Veroneſe. Pharaos Toch⸗ ter, wie ſie Moſes aus dem Waſſer rettet. Mengs. Vier Gemälde über eben ſo viel Thüren: Morgen, Mittag, Abend, Mitternacht. Teniers. Zwei Landſchaften. XXI. Erſtes Cabinet. Mengs. Karl II.— Karl III.— Deren Gemahlinnen. 134 Vanloo. Der Infant Don Phi⸗ lipp— Deſſen Gemahlin— Die Köni⸗ gin Iſabelle. Ant. Inza. Die Infantin Donia Joſepha— Der Infant Don Gabriel— Der Infant Don Antonio— D. Franc. Xavier. XXII. Zweites Cabinet. Rubens. Sechs kleine Skizzen von ſeinen beruhmten Teppichzeichnun⸗ gen. Der Triumph der Kirche. Albr. Dürer. Luther— Calvin — Der Mahler ſelbſt. Titian. Ein Knabe. Baßan. Die Anbetung der Wei⸗ ſen aus Morgenland— Chriſtus im Olgarten. Wouvermann. Zwei kleine Land⸗ ſchaften. XXIII. Vorzimmer der Prinzeſſin. Luc. Giordano. Der wunderbare Fiſchzug— Chriſtus, wie er die Ver⸗ käufer aus dem Tempel treibt— Ab⸗ ſalon wie er an dem Baume hängen bleibt*)— David und Abigail— Vier Bataillenſtücke— Ein allegoriſches Ge— mälde von den vier Welttheilen. *) Die Überſetzung dieſes Catalogs im er⸗ ſten Theile der neuen Reiſe durch Spa⸗ nien von Bourgoing iſt, wie geſagt, ſo elend gerathen, daß es z. E. dort heißt: Chriſtus den Tempel reinigend; Abſalon an den Haaren gefan⸗ gen; eine Compoſition die die vier Theile der Erdkugelvorſtellt u. ſ. w. Rubens. Apollo und Marſyas — Die Centauren— Saturn und der Raub des Ganymedes— Icarus und Apollo— Narciſſus— Ein bibliſches Süſjet. Villa Vicenzio*). Ein bibli⸗ ſches Süjet. Niederl. Schule. Eine Gruppe von Blumen und Früchten. Mazo. Philipp IV. mit ſeiner Ge⸗ mahlin und ihren Hofoamen. XXIV. Zimmer des Infanten Don Gabriel. Lur. Giordano. Sechs Süjets aus der Geſchichte der heiligen Jungfrau — Ein Aeſalon— Eine 2 Sfzzze .) Nieß eigentlich Pedro Nunes und ſtarb im Jahre 1700. zu Sevilla. 137 Corrado. Zwei Skizzen. Eſpagnolet. San Joſeph mit dem Jeſuskinde— San Sebaſtian— Ma⸗ ria Magdalena. Titian. Karl V. wie er eine Rede an ſeine Truppen hält. Rubens. Orpheus wie er den Thieren vorſpielt— Bulkan— Ein Still⸗ leben von einem unbekannten Meiſter in ſeiner Manier. XXV. Zimmer des Infanten Don Antonio. Luc. Giordano. Mehrere bibli⸗ ſche und mythologiſche Süjets. Van Dyk. Ein Jüngling in völ— liger Rüſtung. Mehrere Copien nach Velasqvez und Rubens. * 8 138 XXVI. Zimmer des Infanten Don Luis. Rubens. Copien von Titians berühmten Gemälden: Die Gruppe der Liebesgötter, und das Bacchanal— St. Georg, der den Drachen erlegt, in Le⸗ bensgröße— Herkules der die Hydra erlegt— Archimedes— Merkur— Apollo und Pan— Zwei Frauenzim⸗ mer⸗Portraits— Einige Skizzen. Van Dyk. Drei Portraits in der Manier von Leon. da Vinci. Paul Veroneſe. Ein bibliſches Süjet. Guido. Chriſtus mit dem Kreuze. Titian. Ein Frauenzimmer⸗Por⸗ trait. Breughel. Einige ſchöne Blumen⸗ ſtücke. 139 XXVII. In der großen königlichen Capelle. Mehrere ſchöne Stücke von Eſpag⸗ nolet— Murillo— Luc. Gior⸗ dano— Corrado—— Cambioſo — Alonzo Cano, u. ſ. w. Beſonders zeichnen ſich aus: eine Abnehmung voin Kreuze von Albrecht Dürer, und der heilige Antonius und heilige Pau⸗ lus von Andreas Sacchi. Das wäre denn alſo die große herr⸗ liche Gemälde-Sammlung des neuen. Pallaſtes, die unter den Königen Karl I. Philipp II. Philipp III. und Philipp IV. mit ungeheuern Koſten zuſammen⸗ 4 gebracht worden iſt. Ob nun gleich die Gemälde beſſer geordnet und vortheil— hafter aufgeſtellt ſeyn könnten, ſo wird 140 es doch immer eine der vortrefflichſten Sammlungen in Europa bleiben*), Noch befinden ſich in dem Neuen Pallaſte die Juwelen der Krone, und mehrere andere Merkwürdigkeiten, von denen wenigſtens die wichtigſten genannt werden müſſen. Hierher gehöret der äußerſt koſtbare Armſtuhl Philipps II. der ein merkwür⸗ diges Denkmal des damaligen Luxus iſt. *) Wer ſich die Mühe geben will, obiges Verzeichniß durchzuzählen, der wird von den großen Meiſtern Titian, VBelas⸗ qvez, Rubens, Murillo, und Eſ⸗ pagnolet über Hundert und Vier⸗ zig Gemälde darin finden. Von dieſen ſind nun wieder z. E. blos von Titian vier und dreißig, u. ſ. w. 141 — Ein ſehr großes Kreuz von Bergcery⸗ ſtall— Ein ſilbernes Basrelief: Der Pabſt wie er den König Attila von der Zerſtörung Roms abhält.— Eine antike Marmorgruppe: Die Apotheoſe des Kai⸗ ſers Claudius, die Philipp IV. vom Cardinal Hieron. Colonna zum Ge⸗ ſchenk erhielt— Mehrere Büſten und Statuen Karls V. und Philipps II. von L. Leoni, die Statuen der ſämmtlichen ſpaniſchen Könige von Ataulf*) bis Ferdinand VI., die anfangs auf der Ba⸗ lüſtrade des platten Daches ſtanden, u. ſ. w. 3 Das iſt der prächtige neue Pallaſt, den die Spanier als das herrlichſte Mo⸗ —— *) Eröffnete die Reihe der Gothiſchen Kö⸗ nige, und ſtarb im Jahre 417. 142 nument ihrer Hauptſtadt betrachten. Schade, daß man ihn indeſſen faſt am Ende der Stadt zwiſchen lauter wink⸗ lichten elenden Straßen aufſuchen muß. Wie würde er dagegen in die Augen fallen, wenn wenigſtens auf einer Seite eine freie majeſtätiſche Perſpektive er⸗ öffnet werden könnte. Mit Wehmuth berechnet der Philo⸗ ſoph den Aufwand von Millionen und Kräften, die an dieſe ungeheuere Maſſe von Palläſten verſchwendet worden iſt. Kaum pflegt der König jährlich zwei Monat ⁰) darin zu wohnen! Aber wie⸗ viel Canäle hätten für dieſe Summe gegraben, wieviel Einöden dafür an⸗ *) December und Januar. 143 gebaut werden können! Und wieviel würde das Land und der Ruhm der Nation dabei gewonnen haben! El Saladero. Tocino! Tocinv!— Keine recht⸗ liche Olla, wo nicht ein großes Stück Speck darin gekocht wird. Beim Qve⸗ vedo kommt ein geiziger Licentiat Hun⸗ gerdarm vor, der ſeine Penſionairs ein⸗ mal auſſerordentlich tractiren will. Er nimmt daher ein Stück Speck, thut es in eine“ durchlöcherte Büchſe, und läßt es aus bewundernswürdiger Sparſam⸗ keit mit der Olla kochen. Um dieſen Speck ordentlich einzu⸗ ſalzen und aufzubewahren, hat die Stadt den ſogenannten»Saladeroc erbaut. Dieſes iſt ein ziemlich anſehn⸗ liches Gebäude bei dem Thore de Santa Bar⸗ 4 145 Barbara. Hier werden die Speckſeiten eine über die andere, wie eine Reihe Backſteine aufgeſtellt und ſo ohne weite⸗ res Räuchern blos an der Luft getrocknet. Da dieſe hier bekanntlich äußerſt fein und trocken iſt, auch überhaupt nur im Winter geſchlachtet wird, ſo hat dieſe Methode keine Schwierigkeit. Uber⸗ dem hat man gefunden, daß der Speck einen weit angenehmern Geſchmack da⸗ bei behält. Der Mangel an friſchen Fleiſche, das ſieben Monat des Jahrs eine Sel⸗ tenheit iſt, und die durch die Hitze ab⸗ geſtumpfte Reizbarkeit, ſcheinen die na— türlichſten Urſachen dieſer Vorliebe für eingeſalzenes oder geräuchertes Fleiſch zu ſeyn. 146 Häuſer der Großen. Man findet in Madrid nur wenig von den prächtigen Palläſten anderer Reſi⸗ denzen; denn die ſogenannten»Caſas de Grandes« zeichnen ſich in der Re⸗ gel nur durch ihren größern Umfang aus. Höchſtens laſſen ſich die Palläſte der Duqves de Alba, de Berwick, und etwa noch einige Andere ausnehmen. Größere Aufmerkſamkeit verdient das Innere dieſer Palläſte, zumal ſeit⸗ dem engliſcher, und franzöſiſcher Ge⸗ ſchmack in Meublen, Verzierungen u. ſ. w. allgemeiner geworden iſt. Für Rei⸗ ſende indeſſen dürften folgende Palläſte 147 wegen ihrer koſtbaren Sammlungen am merkwürdigſten ſeyn. So befindet ſich zum Beiſpiel in dem Pallaſte des Duqve de Medi⸗ naceli, auſſer einer auserleſenen, zum Gebrauche des Publikums beſtimmten Bibliothek, eine artige Antikenſamm⸗ lung, die mehrere recht gute Stücke, beſonders in Basreliefs enthält; ferner eine ſehr ſchöne Waffenſammlung, und mehrere Meiſterſtücke von Van Dyk, Eſpagnolet, u. ſ. w. Eben ſo findet man in dem Hauſe des Duqve de Santiſtevan, eine große Menge Gemälde von Lucas Giordano, wovon die Süjets theils aus der Bibel, theils aus Taſſo's befreitem Jeruſalem genommen ſind, endlich auch das Portrait des Künſtlers K 2 148 ſelbſt. Dabei ſind auch die Zeichnun⸗ gen von jenen, ſo wie von mehrern an⸗ dern ſeiner Gemälde zu ſehen. Der Duqve del Infantado beſitzt verſchiedene Gemälde von Ru⸗ bens, und mehrern ſpaniſchen Meiſtern. Auch ſieht man in ſeiner Sammlung zwei Bataillenſtücke mit Figuren von Perlmutter, denen hier und da mit Far⸗ ben nachgeholfen iſt. Es ſind Schlach⸗ ten unter Alexander Farneſe in Flan⸗ dern, und die Eroberung von Mexico unter Cortes. Sie verdienen beſonders des genauen Coſtüms wegen bemerkt zu werden. Im Pallaſte des Dug ve de Al⸗ ba findet man die berühmte Venus von Correggio, und eine heilige Familie von Raphaelz ferner eine Venus von 149 Belasgvez und das Portrait des be⸗ rühmten Alba von Titian, u. ſ. w. Nur Schade, daß dieſe herrlichen Mei⸗ ſterſtücke in einen alten Saal verwie⸗ ſen ſind. 1. Im Pallaſte des Prinzen Tio ſieht man eine anſehnliche Sammlung von Gemälden von Lucas Giordano, Teniers, u. ſ. w.— Bei dem Duqve de Medina Sidonia herrliche Ge⸗ mälde von Guercino, Solimena, Ban Dyk, Luis Triſtan, u. ſ. w. Der vielen noch unbekannten Meiſter⸗ ſtücke nicht zu gedenken, die in mehrern Palläſten auf den Boden vermodern. Doch der beſſere Geſchmack hat an⸗ gefangen, den ſinnloſen Luxus der äl⸗ tern Zeiten zu verdrängen, und bald werden ſich die Palläſte der ſpaniſchen 150 Großen in Tempel der ſchönen Künſte verwandeln. Die Artiſten des übrigen Europa werden nach Madrid eilen, um in dieſen koſtbaren Sammlungen die Werke eines Titians, und eines Ra⸗ phaels, eines Eſpagnolet und eines Ve⸗ lasqvez zu ſtudiren, die bis dahin für die Kunſt verloren geweſen ſind. Badehäuſer. Man findet ſie längs der buſchigten Ufer des Manzanares im weſtlichen Theile der Stadt. Da der Fluß ſo ſeicht iſt, und lauter Kieſelgrund hat, bedarf es keiner großen Vorbereitungen dazu. Vier Pfähle im Gevierte mit einem Paar Latten darüber worauf Strohmatten hängen, machen das ganze Badehäus⸗ chen aus. Das Innere iſt indeſſen bald mehr bald weniger bequem, wornach denn auch der Preiß von zwei bis ſechs Realen zu ſteigen pflegt. Wohin eilen dieſe Damen mit ihren jagenden Caleſins?—„ Dl Dalole— In's Bad!— Kaum hat ſie der Cale⸗ 152 ſero abgeſetzt, ſo fährt er im Galopp zurück, um andere abzuholen. Schon ſind alle Plätze beſetzt, alle Alleen mit Wartenden angefüllt; junge leichtfertige Mädchen jagen ſich ſchäkernd auf der Wieſe herum, und aus den Bädern tönt der wollüſtige Geſang latſcheruder Nym⸗ phen hervor. Die Ausſicht aus dieſen Badehäu⸗ ſern iſt äußerſt angenehm und ländlich. Die dichten Gebüſche, die hohen ſchatti— gen Bäume, die lauen Lüfte,— das fanfte Murmeln des Waſſers, alles ath⸗ met eine ſüße heimliche Wolluſt, die mancher vertraute Liebling unter ei⸗ ner glücklichen Verkleidung zu theilen pflegt. Übrigens gehört es zum guten Tone dieſe Badehäuſer oft, ja täglich zu beſu⸗ 153 chen, und es werden daher ordentliche Parthien dahin gemacht Nachmittags von fünf bis acht Uhr pflegt es dann am lebendigſten zu ſeyn. 154 El Jardin Heranch. In ältern Zeiten war bereits ein ſo— genannter botaniſcher Garten in Migas⸗ calimtes*) befindlich, ſeit dem Jahre 1779. aber, iſt unter Karl III., die neue Anlage im Prado gemacht worden. Auſ⸗ ſer den Gewächshäuſern befindet ſich auch noch ein eigenes Gebäude mit ei⸗ nem Hörſaale und chemiſchen Labora⸗ torium darin. Ohngeachtet der beträchtlichen Sum⸗ men, die auf dieſen Garten verwendet *) Eine halbe Legua von Madrid, auf dem Wege nach dem Pardo. = 135 werden, ſoll er ſich doch nach Links ⁴) ſehr competentem Urtheile in der größ⸗ ten Unordnung befinden. Weder Claſſi⸗ fication, noch Bezeichnung, noch ſchick⸗ liche Auswahl; zwanzig Exemplare von einer Menge gemeiner Pflanzen, und im Total nichts als Unvollſtändigkeit. Die Gewächshäuſer ſind klein und werden ſchlecht geheizt, ob ſich gleich mehrere neue Arten darinnen befinden, wozu man den Saamen aus Amerika, beſonders aus Mexico erhalten hat. Dazu kommt das Clima von Madrid, das im Sommer zu heiß, im Winter 2 Da ich deſſen vortreffliche Reiſebeſchrei⸗ bung durch Spanien und Portugal als allgemein bekannt vorausſetzen darf; ſo habe ich nichts weiter hinzuzufügen. 156 zu kalt iſt; alſo für einen botaniſchen Garten nicht ungünſtiger ſeyn kann. Der Aufſeher des botaniſchen Gar⸗ tens*) iſt Don Caſimir Gomez Ortega, dem wahrſcheinlich bloß ſeine Gefällig⸗ keit eine Art von Celebrität verſchaft haben mag. Er hat indeſſen— wie⸗ wohl nach Link auch nur mit fremder Huͤlfe— eine Beſchreibung neuer und ſeltner Arten aus dieſem botaniſchen Garten herausgegeben, die bereits zu achtzehn Heften, jeder mit zehn Pflan⸗ zen, angewachſen iſt, und fortgeſetzt wird**). *) Oder wie es im Hofkalender heißt: Pri- mer Catedrätico, de Botänica, con ho- nores de Boticario mayor y de Fisico de Cämara de S. M. y Alcalde Ekäminador perpetuo de Farmacia. —) Cas. Gom. Ortega novar. aut rarior. * 4 157 Wie es indeſſen auch mit dem In⸗ nern des botaniſchen Gartens beſchaffen ſeyn mag, er trägt wenigſtens zur Ver⸗ ſchönerung des Prado bei. Längs des zierlichen eiſernen Gitters nemlich, wo⸗ mit er eingefaßt iſt, laufen breite ſtei⸗ nerne Bänke herunter, die beſonders des Abends, der herrlichen aromatiſchen Gerüche wegen, vorzugsweiſe beſetzt ſind. plant. Hort. Reg. Bot. Matr. descript. Decad, cum nonnull. iconib. 4. bei Ca⸗ ſtillo jeder Heft 6 Realen. Fiacker⸗Caleſeros. Beide haben ihren Stand bei der Pu⸗ erta del Sol, die Calle de Alcalâ hin⸗ auf. Jenes ſind vierſitzige Kutſchen, die— ſes einſpännige bedeckte Cabriolets. Der erſten bedient man ſich beſonders in der Stadt, der letztern auſſerhalb derſelben. Bei jenen wird für den Tag drittehalb Piaſter, bei dieſen anderthalb bezahlt. Eine einzelne Fuhre in dem Fiaker, koſtet vier bis ſechs Realen; im Caleſin zwei bis vier Realen; bei mehr als ei⸗ ner Perſon in allen beiden doppelt ſo⸗ viel. Wenn übrigens die Fiaker ihre Kunden ruhig erwarten, ſo pflegen ſie die dfere⸗ ſelbſt aufzuſuchen.— 159 „» Un Calesin Sefior!— Quantos assien- tos!— oft hat man Mühe ſie los zu werden. Die Fiakers ſehen ziemlich modern,. die Caleſins ein wenig altväteriſch aus; dafür ſind aber auch ihre Maulthiere deſto artiger aufgeputzt. Die Caleſeros ſelbſt, meiſtens Valenzianer und Mur⸗ cianer, haben in ihren kurzen bebänder⸗ ten Weſtchen, Reteſillos u. ſ. w. ein .recht luftiges Anſehen. Sie fahren im Fluge und laufen immer dabei her, ſel⸗ ten pflegen ſie einmal auf die Gabel zu ſpringen. 8 Sie ſind in Madrid was die Gon⸗ dolieri in Venedig ſind— die Vertrau⸗ ten aller heimlichen Liebſchaften. 16⁰ Armeria Real. Die Königliche Rüſtkammer. Ein ziem⸗ 9 8 lich anſehnliches Gebäude deſſen Erdge⸗ ſchoß aber zu Ställen dient, in der Nähe des neuen Pallaſtes. Der ganze erſte Stock iſt eine große Gallerie, worin die alten Waffen und Rüſtungen, theils freiſtehend, theils in Kiſten aufbewahrt werden. Um zu glei⸗ cher Zeit die alte Bewaffnungsart recht anſchaulich zu machen, hat man in der Mitte mehrere hölzerne Pferde mit ih⸗ ren Rittern aufgeſtellt. Unter dieſen iſt zum Beiſpiel Karl V. in derſelben Rü⸗ ſtung zu ſehen, die er bei Tunis getra⸗ gen haben ſoll. ¹ Eben . 161 Eben ſo ſieht man eine große Menge Ritter in ganzen Rüſtüungen, mehrere Sättel worunter die von Gonzalva de Cordova, die Rüſtung der Königin Iſa⸗ bella, u ſ. w. In artiſtiſcher Hinſicht verdienen bemerkt zu werden: Ein Schild mit Bas⸗ reliefs, worauf wahrſcheinlich einige Ca— ciqven abgebildet ſind, vom Jahre 1552. — Ein anderes, worauf die Eroberung von Neuſpanien mit allegoriſchen Figu⸗ ren vorgeſtellt iſt.— Das Schild, welches Don Juan de Auſtria von dem IPabſte Paul V. empfing.— Die ganze Rü⸗ ſtung des Königs Ferdinand, die man ei⸗ ner modernen Statue angezogen hat.— Eine ſehr ſonderbare mit Fiſchbein durch⸗ flochtene Rüſtung mit einer ungeheuern Larve am Helme, beide von Montezuma. L 1 162 Unter den Waffen ſelbſt werden eine große Menge berühmter Schwerd⸗ ter gezeigt. Dahin gehören die von O. Pelayo; vom Cid; Bern. del Carpio, Roldan u. ſ. w. Ferner das Schwerdt von Franz I. ſo wie vom Herzog Bern⸗ hard von Weimar, das letzterm in der Schlacht von Harlingen abgenommen ward. Weiter hin zeigt man einige Schwerd⸗ ter mit gothiſchen, arabiſchen und deut⸗ ſchen Schriftzügen, eine Menge herr⸗ licher Damaſcenerklingen, und eine an⸗ ſehnliche Sammlung von Sporen, Hand⸗ ſchuhen, Zäumen, Standarten, Lanzen, Roßſchweifen, u. ſ. w. wozu noch eine vollſtändige Reihe alter und neuer Schieß⸗ 163 gewehre kommt, unter denen viele von ſehr koſtbarer Arbeit ſind*) Neben der Armeria ſteht ein klei⸗ nes Häuschen, worin noch eine beſon⸗ dere Merkwürdigkeit aufbewahret wird. Dieſes iſt das hölzerne Modell, das Don Felipe Juvara nach ſeinem erſten Riſſe von dem neuen Pallaſte machen ließ. Wäre jener Riß angenommen worden, ſo würde der neue Pallaſt viel⸗ leicht der einzige in Europa geweſen ſeyn. Jede Fagade würde dann 1700 Fuß in der Länge, und 100 Fuß in der *) Hierber gehört folgendes Werk: Resu- men del inventario general histérico, hecho en este afio de 1793. de los ar- neſes antiguos, armas blancas, y de fue- go, con otros efectos existentes en la Real Armeria del Rey nuestro Seüor. En L 2 164 Höhe gehabt haben; der Hof würde 700 Fuß lang, und 400 Fuß breit gewor⸗ den ſeyn. Die vier Fagaden zuſammen würden 34 Thore, und die Hauptfagade allein deren I1 erhalten haben. Madrid 1795. 8. in der Königl. Druckerey. 8 Realen. Bedienten. Madrid iſt das Paradies der Bedien⸗ ten; gute Behandlung und wenig Ar⸗ beit, man ſieht ſie als Glieder der Fa⸗ milie an.— Die großen ernähren deren eine un⸗ glaußlichs Menge und immer auf Le⸗ benszeit. Der Duqve von Alba zum Beiſpiel zahlt jährlich bloß in Madrid hunderttauſend Realen Bedientenlohn aus. Meiſtens pflegen auch alle dieſe Leute mit ihren Familien in dem Pal⸗ laſte zu wohnen. So hatte 5. B. der nemliche Duqve de Alba über 300 Per⸗ ſonen bei ſich. Der kleinſte Gehalt ei⸗ 166 nes alten auf Penſion geſetzten Bedien⸗ ten*) pflegt immer vier bis fünf Rea⸗ len täglich zu ſeyn. Dieſe Bedienten, größtentheils Aſtu⸗ rianer, Valenzianer, und Murcianer, 6 ſind im Grunde nichts als Müßiggän⸗ ger, die man dem Ackerbau und den Gewerben entzieht. Sie ſind ſo träge, ſo unreinlich, ſo ſtörriſch, ſo unverſchämt, daß es beinahe unglaublich iſt. Aus dieſen Urſachen werden denn auch Ausländer, beſonders Piemonte⸗ ſer, und Mailänder häufig zu Kam⸗ merdienern**) und Pagen geſucht. Dieſe .») Jubilado. **) Ayudas de Cãmara. ‿— — — 58 — S— 2 S 5 ₰‿ — 65 — 3 8₰‿ E 2 3 ‿ —— . 3 8 — 5 94—2 8 * S S ₰ 3 und pflegen g 2 8 3 E 5 0 8 S 2 . E — 8 △έ̈y — 2 —½ S ‿ Erziehung. Die häusliche ſoll nach den Beobach⸗ tunen mehrerer Reiſenden nicht die beſte ſeyn, da ſie in den Händen des Geſindes und der Geiſtlichen iſt. Wer darf indeſſen wagen in ſolchen Dingen abzuurtheilen? Bleiben wir lieber bei den öffentlichen Anſtalten ſtehen. Unter dieſen verdienen zuerſt die Frei⸗ oder Armenſchulen*) genannt zu werden, deren es in allen Parochien giebt. Hier iſt für die Knaben ein Leh⸗ rer, für die Mädchen eine Lehrerin, letztere auch in weiblichen Arbeiten an⸗ *) Escuelas pias. 1 169 geſtellt. Dieſe Freiſchulen werden auf die Cultur der Nation, und auf die häusliche Induſtrie der niedern Stände gewiß großen Einfluß haben. Für die höhern Stände, und zwar für Knaben iſt durch die Eſtudios Rea⸗ les de St. Iſidro, und noch mehr durch das Real Seminario de Nobles geſorgt, die unten in einem eigenen Artikel be⸗ ſchrieben werden ſollen. Für junge Mädchen von Stande dient das Kloſter de la Viſitation de Religioſas de St Franc. de Sales als Penſionsanſtalt, zweier anderer nicht zu gedenken, deren Name mir enrfallen iſt. Freilich herrſcht in allen dieſen Inſtituten leider noch viel zu viel Kloſtergeiſt. Häusliche Erziehungsanſtalten, ſoll es außer einer einzigen in St. Jago 170 wedex in den Provinzial⸗Städten, noch in Madrid geben. Die vornehmen Stände ſind im Ganzen noch nicht auf⸗ geklärt: die mittlern noch nicht reich ge⸗ nug dazu, dennoch kann es nicht fehlen, auch hier werden die alten Vorurtheile allmählig verbannt, und die Feſſeln der mönchiſchen Herrſchaft endlich zerbrochen werden. Von den eigentlichen Akademien und andern wiſſenſchaftlichen Anſtalten in Madrid, unten. 171 La Muralla. Alle große Städte haben Quartiere des Elends und der Armuth. In Madrid ſind es die engen Gäßchen längs der Stadtmauer oder Muralla. Hier ſieht man nichts als elende verfallene Häu⸗ ſer ohne Fenſter, ohne Thüren, ja oft ohne den mindeſten Hausrath. Die Straßen ſind mit Unrath und mit Cadavern von Hausthieren bedeckt, und alles erinnert an das äußerſte Elend. Aber welcher Unterſchied zwiſchen dem Looſe des Armen in nördlichen und füdlichen, in katholiſchen und proteſtan⸗ tiſchen Ländern! Um ſich davon zu über⸗ zeugen braucht man nur zum Beiſpiel 4 Abends bei dieſen Hütten vorbeizuge⸗ hen. Der Vater iſt nach Hauſe gekom⸗ men, und hat einen Realen zum Abend⸗ eſſen mitgebracht. Die Kinder haben an den Kirchthürmen einige Quartos er⸗ bettelt, und die blinde Mutter kommt mit der älteſten Tochter von der Plaza zurück. Man hat für dieſen Abend zu leben, und bekümmert ſich wenig um den folgenden Tag. Glückliche ſorgen⸗ loſe Menſchen! Sie leben immer auf die Mildthätigkeit ihrer Mitbürger fort; ſogar Krankheit haben ſie nicht zu fürch⸗ ten, ſo lange es noch Hoſpitäler giebt! An der Muralla pflegt es daher eben ſo luſtig, als in den glänzendſten Straßen von Madrid zu gehen. Vole⸗ ros und Serenaten, Freudenmädchen 173 und Majos, man findet ſie eben ſo gut an der Muralla. Nirgends bekommt man übrigens mehr Kinder zu ſehen, es ſcheint der wohlfeilſte Lebensgenuß der ärmern Claſſe zu ſeyn. Aber Freunde hütet euch ja zwi⸗ ſchen zwölf und eins des Mittags hier⸗ her zugehen. In dieſer Stunde ſind die ehrſamen Bewohner der Muralla in ei⸗ nem Reinigungsgeſchäfte begriffen, was füglich in ſüdlichen Ländern nichts ent⸗ ehrendes zu haben ſcheint. Jede Mut⸗ ter mit ihrem Kinde, jede Schöne mit ihrem Adonis, alle Weiber mit ihren Männern— Es iſt ein allgemeiner Ver⸗ tilgungskrieg. 174 Real Gabinete de historia na- tural. Das Naturalienkabinet in der Calle de Alcala, im zweiten Stockwerke eines ſehr ſchönen Gebäudes neben dem präch⸗ tigen Zollhauſe. Man verdankt es Karl III. der zuerſt die bekannte Sammlung von D. Pedr. Franc. Davila dazu kaufte, und zur jährlichen Vermehrung derſel⸗ ben einen beträchtlichen Fond anwieß. Wirklich iſt auch das Cabinet ſeitdem von Jahr zu Jahr anſehnlich vermehret worden, beſonders mit Naturalien aus Südamerika, die auf Befehl der Re⸗ gierung eingeſchickt werden mußten. Um zuerſt von dem Local zu re⸗ 175 den, ſo könnte dieſes freilich geräumi⸗ ger ſeyn. Indeſſen ſind die Zimmer gur vertheilt und haben ſo ziemlich Licht ge⸗ nug. Die Schränke ſind ſehr zierlich gearbeitet, und die Scheiben könnten nicht ſchöner ſeyn, kurz, der Eindruck des Ganzen iſt gefällig und angenehm. Was die Sammlung ſelbſt be⸗ trifft, ſo ſoll der mineralogiſche Theil bei weiten der vollſtändigſte und beſte ſeyn; beſonders was Mineralien aus den verſchiedenen Theilen der Mo⸗ narchie betrifft. Es ſind in der That vortreffliche Stücke darunter, wovon man die ſelten⸗ ſten aus Südamerika erhalten hat, Dahin gehören z. B. mehrere Klum⸗ pen von Waſchgold, worunter einer von 22 Karat, der nach ſpaniſchem Gewicht 176 16 Mk. 4 Unz. 4 Och. wiegt. Ferner eine ſehr große Stufe Hornſilber, eine ungeheure Stufe von Smaragden in der Mutter, die indeſſen künſtlich zu⸗ ſammengeſetzt iſt; ſchöne Queckſilberſtu⸗ fen und cryſtalliſirter Schwefel aus Al⸗ maden, u. ſ. w. Eine beträchtliche Sammlung von Edelſteinen, alle von ausgeſuchter Größe und Reinheit, und eine vollſtändige Reihe von ſpaniſchen Marmorarten, über deren Mannigfaltig⸗ keit man erſtaunen wird. Minder beträchtlich iſt die Samm⸗ lung von Säugthieren, ja es ſcheint ſogar unter allen übrigen die unvoll⸗ ſtändigſte zu ſeyn. Doch bemerket man ein ungeheures*) foſſiles Scelet von einem *) Hierher gehört folgendes Werk. Descrip- . 177 einem unbekannten Thiere, eine anſehn⸗ liche Menge ſonderbarer Misgeburten u. ſ. w. Der ornithologiſche Theil zeich⸗ net ſich durch eine ziemlich vollſtändige Sammlung ſpaniſcher und ſüdamerika⸗ niſcher Vögel, beſonders durch eine ſchöne Suite Colibris aus; der en⸗ tomologiſche Theil iſt ebenfalls we⸗ gen vieler ſeltenen Schmetterlinge u. ſ. w. aus den ſpaniſchen Colonien merk⸗ cion del Esceleto de un quadrúpedo muy corpulento y raro, que ſe conserva en el real gabinete de hist. nat. de Madr. p. D. Jos. Garriga en Madr. 1798. 8. bei. Piſterer. Schon vorher war auf Ver⸗ anſtaltung des Prinz. de la Paz ein Aus⸗ zug daraus mit der Zeichnung an den be⸗ kannten Cuvier geſchickt worden, der auch im Nat. Inſtit. einen Bericht dar⸗ über erſtattet hat. M 178 würdig, und der botaniſche erregt wegen einer ſehr ſchönen und vollſtän⸗ digen Sammlung aller Holzarten aus der ſpaniſchen Monarchie nicht wenig Aufmerkſamkeit; u. ſ. w. Außerdem findet man noch eine Menge Merkwürdigkeiten, worunter Ab⸗ bildungen von den erſten Bewohnern der Königreiche Peru und Mexico; Samm⸗ lungen von ihren Waffen und Hausge⸗ räthen, u. ſ. w. ferner mehrere anato⸗ miſche Präparata, worunter ein ſehr gut ausgeſchnitzter Pferdekopf. u. ſ. w. Das Cabinet iſt wöchentlich zwei⸗ mal, Montags und Donnerſtags, des Morgens von 9— 12, des Nach⸗ mittags von 2— 4 Uhr offen. Wenn aber auf einen von dieſen Tagen ein Feſt einfällt, ſo wird es den nächſten 179 Tag darauf geöffnet. In den heißen Monaten Juni, Juli, Auguſt und Sep⸗ tember ſind die Nachmittagsſtunden von 5— 7 geſetzt. Der Zutritt ſteht jedem, ſelbſt Leuten aus den niedrigſten Claſſen frei, und kein Aufſeher darf, ja keiner erlaubt ſich etwas anzunehmen. Zu gleicher Zeit mit dem Cabinete wird auch die dazu gehörige Biblio⸗ thek geöffnet, die beſonders viel engli⸗ ſche und franzöſiſche Werke aus dieſem Fache enthält Es war ſchon lange be⸗ ſchloſſen geweſen, eigene Lehrſtellen da⸗ mit zu verbinden, doch iſt erſt ſeit kur⸗ zem mit der Mineralogie der Anfang gemacht worden*). Eben ſo ſoll das Ganze erſt ſyſtematiſch geordnet *) Durch Prof. Herrchen. M 2 verden, ſobald das neue dazu beſtimmte Gebäude im Prado fertig ſeyn wird. Director des Cabinetes iſt neben D. Eu⸗ gen. Izquierdo der durch Göthe's Trauer⸗ ſpiel: Beaumarchais Memoire's, und ſeine geſchmackvolle Überſetzung von Buffons Naturgeſchichte auch unter uns längſt bekannte D. Joſ. Clavijo Fa⸗ xardo. Das Cabinet pflegt ſehr häufig und ſelbſt von Leuten aus den niedrigſten Claſſen beſucht zu werden. Wenn ſich bis jetzt auch noch keine Naturforſcher darin bilden können, ſo wird doch die „Wißbegierde dadurch geweckt, und viel⸗ leicht mancher junge Menſch auf dieſes Studium hingeführt. Ubrigens nur Kennt⸗ niſſe irgend einer Art, und die Geiſtlich⸗ keit wird immer weniger Sclaven zählen. 181 Prebendas. 5 Hier ſoviel als Stiftungen zur Aus⸗ ſtattung armer Mädchen. Sie ſteigen von hundert bis viertauſend Rea⸗ len, und werden von Klöſtern ausge⸗ zahlt.. Nach der Abſicht der edelmüthigen Stifter und Stifterinnen, ſind ſie blos für unſchuldige tugendhafte Mädchen beſtimmt. Da ſie indeſſen ohne die Empfehlung eines geiſtlichen Freundes nicht leicht vergeben werden, pflegt die Würdigkeit der meiſten Candidatinnen ſehr problematiſch zu ſeyn. Auch hier wie überall ſind die hübſcheſten Mäd⸗ chen immer die glücklichſten, ſo daß ſie 18² nicht nur die meiſten Prebendas, ſondern oft mehrere zugleich erhalten. Unter dieſen begünſtigten Bräuten ſind demnach in der Regel die eigentli⸗ chen Concubinen der Geiſtlichen zu ſu⸗ chen. Das Mädchen wird bei Annähe⸗ rung eines gewiſſen kritiſchen Zeitpunkts an einen Mann gebracht, der ſie bloß um der Mitgift willen nimmt, und das Verhältniß mit ihrem vorigen Freunde, bleibt nach wie vor in Vigore. Lavanderas. Paris hat ſeine Poiſſarden, Madrid ſeine Lavanderas. Wenn jene die Fu⸗ rien der Halle ſind, ſo ſind dieſes die Furien des Manzanares— die Waſch⸗ weiber. 8 Die Lavanderas haben ihre Plätze längs des Manzanares, von dem Thore von Segovia an, bis faſt zu dem Thore von Toledo. Eine unzählige Menge kleiner ſchmaler Waſchſtändter, die im Sommer mit Leinwand überſpannt wer⸗ den, und in deren Nähe zugleich die Trockenplätze ſind 3 Schreien, Sin⸗ gen und Zanken dieſer Damen macht 8 mit dem Schlagen der Waſchhölzer zu⸗ 184 ſammen in der That ein recht hölliſches Concert. Ehedem hatten ſich die Lavanderas die Freiheit angemaaßt, der königlichen Familie*) ihre Zufriedenheit oder ihr Mißvergnügen durch Viva rufen, oder Ausziſchen zu erkennen zu geben. Les⸗ teres widerfuhr beſonders der Königin, die wohl von jeher nicht ſehr beliebt ge⸗ weſen ſeyn mag. Allein man fand Mit⸗ tel ſie zum Schweigen zu bringen, und ſeitdem hat auch das Vivarufen ein Ende genommen. Ganz Madrid läßt von Lohnwäſche⸗ rinnen außer dem Hauſe waſchen, der Aufwand iſt groß, die Wäſche ſchlecht. *) Bei ihren Spazierfahrten in gen Alleen des Pardo. 185 Lauge iſt überdem unbekannt, die Wäſche wird unbarmherzig geklopft und die Sonne muß eigentlich das beſte dabei thun. Ich will allen Fremden rathen ihre feinen Batiſthemden wo möglich im Hauſe waſchen zu laſſen, und wenn ſie auch doppelt dafür bezahlen ſollten. Offentliche Bibliorheken. En giebt ſieben öffentliche Bibliothe⸗ ken in Madrid und ſechs andere, zu denen man ſehr leicht Zutritt erhalten kann, alſo mehr als vielleicht mancher erwartet haben dürfte. Zuerſt: Die Königliche Bibliothek. Sie befindet ſich in einem alten un⸗ anſehnlichen Gebäude das in ältern Zei⸗ ten bloß zur Verbindung des nachher abgebrannten Pallaſtes mit der benach⸗ barten Kirche*) diente. Hier ward im Jahre 1712. eine unbedeutende Bücher⸗ *) la Iglesia de S. Gil. 187 ſammlung aus dem Königlichen Pallaſte her gebracht, und mit dieſer die Biblio⸗ thek eröffnet. Nach dem Geſagten darf man frei⸗ lich kein glänzendes Local erwarten. Es ſind nichts als zwei lange niedrige Cor⸗ ridors mit einigen Seitenzimmern, de⸗ nen es ſämtlich an Licht fehlt. An der Seite ſtehen die vergitterten Bücher⸗ ſchränke, und in der Mitte die Leſe⸗ Tiſche. Was nun den eigentlichen Bücher⸗ ſchatz betrifft, ſo nimmt man 180,000 Bände, und über 2000 Manuſcripte an. Hierunter ſind aber auch die vielen ver⸗ botenen Bücher mit begriffen, die in ei⸗ nem eigenen Saale ſtehen. Indeſſen ſcheinen noch eine Menge, beſonders engliſcher Werke der Verdammung ent⸗ 4 188 gangen zu ſeyn. So habe ich z. B. von Bolingbroke die unverſtümmelte Ori⸗ ginaledition erhalten, die zu jedermanns Gebrauch in dem Hauptſaale ſtand. Freilich kann man die Vollſtändig— keit der Bibliothek eben dieſes Unter⸗ ſchieds wegen nicht ganz genau beur⸗ theilen; zumal da es überdem an einer ſyſtematiſchen Ordnung fehlt. Indeſſen hat man mich verſichert, daß in den ei⸗ gentlichen praktiſchen Fächern faſt alle neue franzöſiſche und engliſche Werke vorhanden wären, was ich denn auch z. B. im geographiſchen Fache beſtätigt gefunden habe. Die Urſache davon iſt ſo leicht zu errathen, daß es keiner wei⸗ tern Auseinanderſetzung bedarf. Am vollſtändigſten iſt nun freilich die ſpaniſche Literatur, da die Biblio⸗ 189 thek von allen ſelbſt in Amerika gedruck⸗ ten Büchern und Journalen, Exemplare bekommen muß. Den Fremden, der zu⸗ erſt, und doch wohl am meiſten nach ſpaniſchen Büchern fragt, wird das für die»Prohibiti hinlänglich entſchädigen können. Mit der Bibliothek iſt noch ein an⸗ ſehnliches Münzkabinet verbunden, das unter andern eine vollſtändige Sammlung morgen⸗ und abendländiſcher Kaiſermünzen, ſo wie die reiche Samm⸗ lung des Abbé Rothelin aus Orleans und die durch Bayer und Tychſen be⸗ kannt gewordenen Samaritaniſchen Münzen enthält. Es befindet ſich in einem beſondern Zimmer am Ende des letzten Corridors. Die Bibliothek wird täglich, die 19⁰ Feſttage ausgenommen, morgens von 9— 12 und Nachmittags von 3:—5 Uhr, doch vom Junius bis Anfang Ok⸗ tobers von 8— I1 und von 5— 7 Uhr geöffnet. Das Perſonale iſt ſehr zahl⸗ reich, und beſteht aus einem Oberbiblio⸗ thekar, vier Unterbibliothekars, vier Secretairs, und eben ſoviel Aufwärtern, wozu noch ein beſonderer Pförtner kommt. Der Zutritt ſteht jedem ohne Unter⸗ ſchied frei; ſelbſt gemeine Leute werden, wie billig, ungehindert hinauf gelaſſen. Indeſſen iſt dennoch feſtgeſetzt worden, daß niemand in Haarwickeln, zerriſſe⸗ nen Kleidern, und ſogenannten Cito— hyens oder Schanzloopen erſcheinen darf. Letztere können jedoch paſſiren, ſobald ſie bloß umgehangen ſind. Wahr⸗ ſcheinlich begnügt man ſich reinliche Un⸗ terkleider zu ſehen. 191 Bei dem Gebrauche der Bücher ſelbſt, iſt eine ſonderbare Ordnung eingeführt. Man verfügt ſich nemlich an den Tiſch der Bibliothekare, wo der Nominalca⸗ talog, zwölf dicke Foliobände ſtark, auf einer Reihe fortlaufender Pulte liegt, um ihnen den Titel des Buches münd⸗ lich anzugeben. Iſt dieſes vorhanden, ſo erhält man einen Zettel, worauf Fach, Regal und Nummer notirt ſind, wornach es nun der Aufwärter dieſes Viertels aufſuchen muß. So lange man nun darin ließt, muß man auch gerade bei dieſem Regale ſitzen bleiben. Die Nachricht iſt unbedeutend, aber ſie ſcheint charakteriſtiſch zu ſeyn. So wird in Spanien noch faſt alles durch den Schlen⸗ drian erſchwert. Für die Bequemlichkeit der Leſer iſt 192 indeſſen ſo ziemlich geſorgt. Die Stühle ſind gepolſtert, die Tiſche mit grünen Tuche bedeckt, u. ſ. w. Ehedem beka⸗ men die Leſer ſogar Schreibepapier, was aber des Misbrauchs wegen abgeſchaft worden iſt. Der ſteinerne Fußboden wird im Winter mit Matten belegt, und jeder Saal mit mehrern Braſſeros erwärmt. Die Bibliothekare und Subalternen ſind im Ganzen gefällig und beobachten in Anſehung ihrer Pflichtſtunden die äuſ⸗ ſerſte Pünktlichkeit. Um allen Irrthum zu vermeiden, iſt am Ende des erſten Saales eine große Stutzuhr aufgeſtellt, nach der ſich jedermann richten kann; und zum Überfluß wird die Schließung der Bibliothek noch durch eine eigene Glocke 193 Glocke angezeigt.— Eine zweite öf⸗ fentliche Bibliothek iſt die: De los Estudios Reales de San 1 Isidro in der Straße von Toledo, die ſeit 1786. zum öffentlichen Gebrauch eingerich⸗ tet worden iſt. Sie hat ein weit ſchöneres Local als die Königliche, und mag auch wohl in einigen Fächern, z. E. dem bellettriſtiſchen, beſonders was engliſche und franzöſiſche Werke betrifft, ungleich reicher ſeyn. Sie wird täglich aber nur Vormittags geöffnet, und hat zwei Bibliothekare, von denen Don Pedro de Eſtala als Herausgeber des Viagero univerſal auch in Deutſchland bekannt geworden iſt. Übrigens iſt ein kleines Münzcabinet damit verbunden. N 194 — Eine dritte öffentliche Bibliothek iſt die der Real Academia de las Nobles artes, con titulo de San Fer- nando im akademiſchen Gebäude neben den Aduana unter dem Gabinete de hiſto⸗ ria natural. Sie enthält eine auserle⸗ ſene Sammlung artiſtiſcher Werke, in allen Sprachen, und einen großen Schatz von Zeichnungen, Riſſen, Modellen u. ſ. w. Sie wird Dienſtags, Mittwochs und Freitags von 9— 1 Uhr geöffnet, die Hundstage ausgenommen.— Eine vierte Bibliothek iſt die mediciniſch⸗ chirurgiſche des ſeit 1795 geſtifteten Real Collegio de Medicina. Sie befindet ſich in dem neuen Ge⸗ 195 bäude des großen Hoſpitals*) und ſolſ in den genannten Fächern an ſpaniſchen und ausländiſchen Werken ziemlich voll⸗ ſtändig ſeyn. Sie wird täglich von 9— 12 Uhr, und Nachmittags von 5— 7 Uhr, in den Monaten Novem⸗ ber, December, Januar und Februar aber von 3— 5 Uhr geöffnet.— Eine fünfte Bibliothek iſt die des Dugqve de Medina Celi in ſeinem Pallaſte am Prado mit einem vortrefflichen Local. Außer mehrern ſchätzbaren Manuſcripten, vielen ältern ſpaniſchen Drucken, einer zahlreichen 4 *) Hoſpital general. 196 Suite engliſcher Schriftſteller, u. ſ. w. findet man beſonders im hiſtoriſchen und philoſophiſchen Fache große Schätze da⸗ rin; wiewohl leider ſeit mehrern Jahren keine neuen Werke mehr angeſchaft wor⸗ den ſind.— Die zwei noch übrigen öffentlichen Bibliotheken ſind die der Carmeliter Barfüßer) und der Benedictiner von St. Martin*), jene von 15,000, dieſe von 11,000 Bän⸗ den, meiſtens ältere ſpaniſche Werke, die vielleicht nur wenigen Literatoren be⸗ kannt geworden ſeyn dürften. In letz⸗ terer befinden ſich auch die Bücher von Franc. Quevedo de Villegas, wo *) Carmelitas Descalzos. **) Benedictinos de S. Martin. 4* „ 197 der Rand häufig mit Noten beſchrieben iſt. Was die oben genannten ſechs an⸗ dern Bibliotheken anlangt, zu denen man ſehr leicht Zutritt erhalten kann, ſo ſind dieſes die Bibliothek des Duqve de Oßuna, worin man beſonders große Prachtwerke findet, und noch fünf Klo⸗ ſterbibliotheken, unter denen aber nur die von den Mercenarios Calza⸗ dos bemerkt zu werden verdient. Laſtträger. Die beiden Provinzen Arragonien und Gallizien ſind wegen ihrer Mauleſel und ihrer Laſtträger berühmt. Man ſieht die letztern zu Duzzenden an den Ecken der Straßen, beſonders an der Puerta del Sol beiſammen ſtehen. Die Laſtträger machen hier eine ei— gene Claſſe aus, in die ſich ſchlechter⸗ dings kein Fremder eindrängen darf. Sie ſind ehrlich, treuherzig, arbeitſam und die beſten Kunden der Taberneros. Aber wenn ich euch rathen ſoll, ſo macht eure Geſchäfte in Frieden mit ihnen ab. 3 ð 2 Sie ſind ein wenig warm vor der Stirn, 199 und ihre Beredſamkeit pflegt ziemlich handfeſt zu ſeyn. Man holt einen Laſtträger. Er bringt nichts als ſeine Stricke von Eſ⸗ parto, oder ſeine Sogas mit Iſt die Luſt für einen zu ſchwer, ſo ſchließt ſich noch einer von ſeinen Kameraden an. Sie gehen dann Schulter an Schulter, als ob ſie zuſammen gewachſen wären, und wer nicht ausweicht, der nehme ſeine Rippen in Acht. Bisweilen werden die guten Leute mit einander handgemein, beſonders wenn es ans Zuſammenrechnen geht. Allein dann hauen ſie ſich ein wenig mit ihren Sogas herum, und die Sache wird in der Güte abgemacht. Laßt mir die braven Laſtträger 2⁰0 leben! Sie tragen das ganze König— reich auf ihren Schultern, wenigſtens bevölkern ſie es nach Möglichkeit. 201 Copas. Unſer Gallego hat zwei Qvartos er⸗ ſpart, er geht in die nächſte Taberne und fodert ein Copa. Die freundliche geſchwätzige Wirthin nimmt eine kleine ir⸗ dene Schaale, und gießt ihm ein Vier⸗ telnöſel Valdepenas ein. „»Vamos una Copa!« Die Laſtträ⸗ ger pflegen alles in Copas zu trinken. Es iſt ihre Doſis, ſie nehmen ſie regel⸗ mäßig jede Stunde zu ſich. Dabei geht der Cigarro herum, und einer trinkt dem andern zu; man kann keine beſſeren Freunde ſehen. Die Tabernera läßt ſich dieſen De⸗ tailhandel ſehr gern gefallen, ja ſie hat den meiſten Profit dabei. Sie müßte ihr Handwerk ſchlecht verſtehen, oder ſie hat an jeder Kanne eine Copa er⸗ ſpart. Indeſſen die Leute ſind daran gewöhnt, und ihr Beutel befindet ſich nach ihrer Meinung beſſer dabei. Wohl dem, der ſeinen Genuß immer ſo wohl⸗ feil erneuern kann! 2⁰03 AÄrzte. Man zählt hundert und zwei und funfzig AÄArzte in Madrid. Freilich kann es unter dieſer Menge nicht an Stümpetn fehlen, aber im Ganzen giebt es doch noch geſchickte Männer genug. Die Periode der Unwiſſenheit iſt vor⸗ über, und die Medicin hat auch in Spa⸗ nien große Fortſchritte gemacht. Be⸗ ſonders mag das von veneriſchen Krank⸗ heiten gelten, die man ehedem gar nicht zu behandeln verſtand. Jetzt wird in dem Königlichen Collegio de Medicina nach Frize's überſetzten Handbuche da⸗ rüber geleſen, und jede neue Entdeckung benutzt. 204 Aber nicht nur in dieſem, auch in jedem andern Theile ihrer Wiſſenſchaft ſcheinen die neuern ſpaniſchen Ärzte un⸗ abläſſig mit ihren Zeiten fortzugehen. Sie überſetzen die beſten Werke des Auslandes, und wenden immer die neue⸗ ſten Erfahrungen an. So ſind mehrere neue Mittel und Heilmethoden auch in Spanien bekannt geworden, und ſo hat man z. B. ſchon ſeit Ende des Jahres 1800 äußerſt glückliche Verſuche mit den Schuzpocken gemacht. In frühern Zeiten pflegten irrlän⸗ diſche und franzöſiſche Ärzte häufig nach Spanien zu gehen, und konnten ſicher ſeyn in wenig Jahren ihr Glück zu ma⸗ chen. Allein dieſe Zeiten ſind vorüber, es müßten denn Ärzte von angeſehe⸗ 205 nen Geſandſchaften ſeyn, denen viel⸗ leicht ihre Figur zu einer beſondern Empfehlung dient. 206 Wiſſenſchaftliche Anſtalten in Madrid. Folgendes iſt das genaueſte und voll⸗ ſtändigſte Verzeichniß derſelben, wie es ſich in dem Hofkalender von 1800. be⸗ findet*). 1) Real Academia Espafiola. 2) Real Academia de la Historia. 3) Real Academia de las Nobles ar tes, contitulo de San Fernando. 4) Real Academia Médica Matritense, baxo la direccion y presidencia de la — 7 *) Ein ähnliches hatte ich ſchon in meiner Reiſe mitgetheilt, man wird aber leicht ſehen, welches das vollſtändigſte und genauſte iſt. 207 Junta general de Gobierno de la Facul- tad reunida. 5) Real Sociedad econémica Matri- tense de los amigos del pais, y Junta de Damas unida a la Sociedad*). 6) Real Academia de Derecho Es- pafiol, establecida en 8. Isidro el Real. — Hält jeden Dienſtag und Freitag Nachmittag eine öffentliche Sitzung. 7) Beal Academia de Derecho, con el titulo de Carlos III. sita en S. Felipe el Real. Hält ihre Sitzungen an den⸗ ſelben Tagen und wie die vorige. 3) Real Academia de Jurisprudencia präctica con el titulo de la Purisima Concepoion establecida en S. Isidro el —. *) Von No. 1I. a. 3. und 5. ſiehe die be⸗ ſondern Artikel unten. 2⁰8 Real.— Hält ihre öffentlichen Sitzun⸗ gen jeden Montag und Donnerſtag. 9) Real Academia de Jurispruden- cia Teörico— präctica, y Derecho Real Pragmãtico, con el titulo del Espiritu Santo sita en S. Isidro el BReal— Die Sitzungen Montags und Donnerſtags, aber nicht öffentlich. 1⁰) Real Academia de Sagrados Ca- nones, Liturgia, Historia y Disc plina Eclesiästica, sita en la Real Casa de Estudios de San Isidro, con el titulo de S. isidoro. Hält alle Dienſtage Nach⸗ mittags eine öffentliche Sitzung. 11) Real Academia de Derecho Ci- vil Canénico y Patrio de la Purisima Conocepeion, sita en la Real Casa Orato- rio de 8. Felipe Neri.— Offentliche Sitzungen vom 1 Julius bis 18 Octo⸗ ber, 209 ber, dreimal in der Woche; Montags, Mittwochs und Freitags. 12) Real Academia Latina Matri- tense. 13) Real Academia de Derecho Pa- trio, con el titulo de nuestra Seüora del Carmen establec: en la Real Casa Ora- torio de 8. Felipe Neri.— Die öffent⸗ lichen Sitzungen Mittwochs und Sonn⸗ abends Nachmittags. 14) Estudios Reales de S. Isidro. 15) Real Seminario de Nobles ⁵⁹) 16) Real Observatorio y real Cuerpo de Ingenieros Cosmégrafos de Estado ſeit 1796. im Buen Retiro. *) Von No. 14. und 15. ſiehe unten die beſondern Artikel. O 17) Real Gabinete de Historia na- tural. 18) Real Jardin botanico. 19) Real laboratorio Quinnico, y Estudio de Mineralogia.— Bei allen dreien werden Vorleſungen gehalten. 20) Real Junta General de Gobierno de la Faculdad reunida. Seit 1796. ſtatt des ehemaligen Protomedicats. a) Real Colegio de S. Carlos para la ensellanza de la Faculdad reunida, mit zwölf Profeſſoren. b) Real Colegio de Medicina de Ma- drid, creado en el ano de 1795. c) Real Proto Albeyterato en el Buen Retiro Oberveterinärrath. 211 El Cofrréo. Das Poſthaus an der Puerta del Sol, vielleicht das prächtigſte in ganz Eu⸗ ropa, das man zuerſt für einen italiä⸗ niſchen Pallaſt anſieht. Man kann von Madrid aus nach allen vier Welttheilen ſchreiben, ohne die Briefe frankiren zu müſſen. Man wirft ſie in den Kaſten*) und ſie gehen richtig ab. Daß indeſſen die innere Verwaltung des Poſtweſens doch noch fehlerhaft ſeyn müſſe, ſieht man aus den häufigen Anzeigen von verlohrnen *) An der Fagade in der Calle de las Car⸗ retas. O 2 212 Briefen mit Wechſeln, Vales*) und andern wichtigen Dokumenten. Um den innern Hof des Poſthau⸗ ſes läuft ein ſchöner Portikus herum, an deſſen hinterſten Pfeilern die Liſten angeſchlagen werden: rechts die von den innländiſchen Poſten, links die Liſten von dem Correo General der Briefe aus dem Norden bringt; an dem mit⸗ telſten Fenſter des Queerganges die ame⸗ rikaniſchen, und an dem hinterſten Fen⸗ ſter die Liſten von den Sitios. Der Correo general kommt hier Dienſtags und Freitags an, und geht ab: Montags und Donnerſtags; nach der Schweiz und dem ſüdlichen Frank⸗ reich kann man auſſerdem noch Mitt⸗ *) Königliche Schuldſcheine. 213 wochs und Sonnabends, nach Italien jeden Sonnabend, und nach Portugal Dienſtags und Freitags ſchreiben. In⸗ ländiſche Poſten hat man alle Tage in der Woche; Briefe nach Africa pflegen mit dem Paquetboot pon Cadiz abzu⸗ gehen. Nach Teneriffa, Cuba, San Do⸗ mingo, Puerto Rico, Mexico, Carta⸗ gena, Portabelo, Panama, Santa fé de Bogota und Manila, kann man in Madrid vor dem drei und zwanzig⸗ ſten, in den Provinzen vor dem funf⸗ zehnten jedes Monats Briefe abge⸗ ben. Nach Buenos Ayres, Peru und Chile kann dieſes alle acht Wochen, in Madrid vor dem ſechſten, in den Provinzen vor dem erſten des Monats geſchehen. Das erſte Paquetboot nach Tene⸗ riffa u. ſ. w. geht immer den 26 ſten Januar, das letzte den 26ſten Decem⸗ ber ab; das erſte nach Buenos Ayres u. ſ. w. den gten Februar, das letzte den 7ten December ab. Für einen Brief wird beim Empfange nicht unter zwölf Realen, oft aber nach der Entfernung fünf und ſechs mal ſoviel bezahlt. Die Reiſe pflegt lange zu dauern, denn bloß nach der Havana muß man immer ſchon ſechzig Tage nehmen. Real Academia Eſpaüola. Seit dem Jahre 1714.— Sie iſt ſehr thätig geweſen. Ihr großes Wörterbuch der ſpaniſchen Sprache in ſieben Bän⸗ den, und noch mehr die neue wiewohl noch unvollendete Ausgabe deſſelben*); ihre ſchon fünfmal aufgelegte Grama⸗ tica caſtellana; ihr Traktat von der ſpa⸗ niſchen Orthographie; ihre Ausgaben vom Don Quixote u. ſ. w. beweiſen es. *) Einen Auszug daraus hat indeſſen be⸗ reits der Abbé Guevara in zwei Folio⸗ bänden geliefert; nur Schade, daß er die Kunſtwörter zur großen Unbequemlichkeit der Ausländer von dem erſten Theile ge⸗ trennt, und dafür abgeſondert in den zweiten gebracht hat. Die Academie pflegt übrigens auch Preiſe auf Lobreden und Gedichte aus⸗ zuſetzen, und hat zugleich die Cenſur über alle im Fache der ſchönen Rede— künſte zu erſcheinenden Schriften. Sie beſteht aus vier und zwanzig ordent⸗ lichen und mehrern Ehrenmitgliedern, und hält wöchentlich vier Verſamm⸗ lungen. Real Academia de la Historia. In der ſogenannten Real caſa de la Panaderia an der Plaza mayor. Sie wurde im Jahre 1738. geſtiftet, und hat ihre Thätigkeit durch die Editionen von Mariana, Sepulveda, Solis u. ſ. w. ſo wie durch die angefangene Her⸗ ausgabe aller alten zum Theil noch un⸗ gedruckten Chroniken, die ſich auf die Caſtilianiſche Geſchichte beziehen, hin⸗ länglich bewieſen. Die Academie beſitzt außer einer beträchtlichen Bibliothek und Medaillen⸗ ſammlung, ein in ſeiner Art einziges Repertorium über die ſpaniſche Ge⸗ 218 ſchichte*). Sie hatte nemlich den Be⸗ fehl erhalten ein hiſtoriſch⸗ kritiſches Wörterbuch darüber auszuarbeiten, und es waren deshalb im Jahre 1754 drei Gelehrte, der P. Buriel, der bekannte D. Franc. Perez Bayer, und Don Luis Joſeph de Velasquez, zur Unterſuchung der im ganzen Reiche zerſtreuten Ar⸗ chive beauftragt worden. Die von ih⸗ nen mitgebrachten Schätze mahen nun jenes unvergleichliche Repertorium aus. Dieſes beſteht nemlich aus hundert und ſieben und vierzig Quartbänden, worin die geſammelten Materialien in *) Die erſte Nachricht davon verdanken wir dei Profeſſor Tychſen. Siehe deſſen ſchätzbare litterariſche Üüberſicht am Ende des zweiten Theils von Bourgoings neuer Reiſe, u. ſ. w. S. 293. ff. . 219 einer fortlaufenden chronologiſchen Folge geordnet ſind. Hierunter findet man z. B. 13,66 4 Abſchriften von eben ſo⸗ viel Originaldokumenten, 439 gleichzei⸗ tige Schriftſteller, 7008 Diplome, 4134 Inſchriften, u. ſ. w. wobei jedesmal auf einem beſondern Blatte von der Hand und mit der Unterſchrift eines Mit⸗ gliedes Inhalt, Verfaſſer und Ort des Originales angegeben ſind. Hierzu kom⸗ men dann noch 2021 Münzen, 62 ar⸗ tiſtiſche Monumente, u. ſ. w. In einer zweiten Sammlung ſind außer ſämmtlichen Urkunden, auch die Stellen aller einzelnen Schriftſteller über ein und daſſelbe Factum befindlich. Man hat ſie nemlich aus den Büchern herausgeſchnitten, und mit beigeſchrie⸗ bener Nachricht von dem Inhalt und 220 Verfaſſer, auf weiße Foliobogen geklebt. Für den Geſchichtſchreiber iſt das frei⸗ lich auſſerordentlich bequem, aber hätte man nöthig gehabt ſoviel ſeltene Werke zu verſtümmeln, wo ein gutes genaues Regiſter dieſelben Dienſte that. Ob die Academie jenes große hiſto⸗ riſch⸗ kritiſche Werk jemals angefangen hat oder vollenden wird, iſt mir beides unbekannt; indeſſen ſoll ſie ſeit 1772 mit einem nicht minder wichtigen geogra⸗ pbiſch⸗ politiſchen Wörterbuch beſchäfti⸗ get ſeyn, wovon der Plan ſo umfaſſend als möglich iſt. Alle Städte, Dörfer und Flecken, ja ſogar alle einzelne Ge⸗ bäude ſollen darin aufgeführt werden. Überdem will man die Lage, den Bo⸗ den, die Volksmenge, die Abgaben, die Verfaſſung, die Privilegien, die 221 Producte, die Fabriken, die Conſumtion, den Ertrag, u. ſ. w. auf das vollſtän⸗ digſte dabei angeben. Dieſe Nachrichten müſſen von den Obrigkeiten jedes Ortes, nach einem ei⸗ gends dazu gedruckten Interrogatorio eidlich abgeliefert werden, wo denn je⸗ des Mitglied der Academie ſeine Artikel erhält. Was davon fertig iſt, wird der Academie zur Prüfung und Verbeſſe⸗ rung vorgelegt, und das vollſtändige Werk dann noch einmal im Ganzen re⸗ vidirt. Man ſieht, was ſich bei ſolchen Hülfsmitteln erwarten läßt; nur Schade, daß die Arbeit ſo gar langſam fortzu⸗ rücken ſcheint. Der Plan iſt ungeheuer, die Hoffnung zur Vollendung wird im⸗ mer geringer. Und wenn nun auch end⸗ 222 lich das große Werk erſcheinen ſollte, 41 würde dann nicht die Hälfte, würden nicht vielleicht drei Viertheile des Al⸗ phabetes längſt veraltet ſeyn? Unterdeſſen hat die Academie vier Quartbände kleiner hiſtoriſcher Abhand⸗ lungen herausgegeben, die ſo eben(1800) mit einem fünften vermehrt worden ſind. Sie beſteht übrigens aus drei⸗ ßig ordentlichen und vielen Ehren⸗ Mitgliedern, unter denen aber ſchlech⸗ kerdings keine Mönche ſeyn dürfen. 38 223 Real Academia de las nobles artes con titulo de San Fer- nando. In der Calle de Alcald mit dem Na— turaliencabinet in einem Gebäude. Sie iſt ſehr gut organiſirt und hat einen an⸗ ſehnlichen Fonds. Indeſſen ſcheint es, als ob die Früchte davon erſt noch zu erwarten wären; was beſonders bei ihren Preisvertheilungen ſehr ſichtbar iſt. Außer der ſchon oben beſchriebenen Kunſt⸗Bibliothek, beſitzt die Academie auch eine Sammlung von Antiken, Ge⸗ mälden und Zeichnungen, die man zum 224 Unterricht braucht. Die Antiken hat ſie ſtehen laſſen und Heftweiſe herausgege⸗ ben*); auch iſt das brauchbare hiſto⸗ riſch⸗artiſtiſche Wörterbuch von Bermu⸗ dez unter ihrer Aufſicht erſchienen**). Ubri⸗ *) Coleccion de Estatuas del antiguo, que posée la Academia de las tres nobles ar- tes de Madrid. Bis jetzt 20 Hefte in 4. In der Königl. Druckerey. **) Diccionario histörico de los mas ilu- stres profeſores de las bellas artes en Espaüa, compuesto por D. Juan Agust. Cean Bermu dez y publ. por la Real Academ. de 8. Fernando VI. Vol. 8. Ma- drid bei der Wittwe Ibarra 1800— 13801. Vor dem erſten Bande findet man eine kurze Geſchichte der ſchönen Künſte in Spanien; am ſochſten und letzten chro⸗ nologiſche Liſten und geographiſche Ta⸗ bellen, mit deren Hülfe man die vielen bisher in Kirchen und Klöſtern verbor⸗ genen Meiſterſtücke leicht wird auffinden können. 12 9 Übrigens pflegt die Academie mehrere Zöglinge in Rom und Neapel zu unter⸗ halten, von denen einige allerdings et⸗ was zu verſprechen ſcheinen. 226 Lectüre. Madrid hat weder Leihbibliotheken, noch Journaliſtika, indeſſen iſt doch ge— wiſſermaßen bereits ein Anfang dazu gemacht. Es giebt nemlich einige große Buchladen, z. E. die von Cerro, Es⸗ parza, Eſcribano u. ſ. w. wo ſich Ge⸗ lehrte und Geſchäftsmänner zu verſam⸗ meln, und über die neueſten Producte zu unterhalten pflegen. Es kann nicht fehlen, nächſtens wird irgend ein unter⸗ nehmender Kopf ein»Gabinete de lec⸗ turac« anlegen. Unterdeſſen kauft man Romane, Schauſpiele, Reiſebeſchreibungen, u. ſ. w. Originalwerke und Überſetzungen, 227 ſoviel man haben kann; die Liebe zur Lectüre wird allgemein, und der Buch⸗ handel fängt an ſich zu erweitern. Die Cenſoren werden gelinder, die Schrift⸗ ſteller beherzter; einer tritt nach dem andern hervor. Was gilts, ehe zehn Jahre vergehen, werden wir ein gelehr⸗ tes Spanien haben Veelleicht iſt es unſerm Reuß oder Erſch vorbehalten, beide haben Beruf und Talent dazu ⁴). Vom Doctor Erſch war z. E. die vor⸗ treffliche Uberſicht der ſpaniſchen Literatur im Intelligenzblarte der A. L. Z.(801. No. 149. 152. 155. 136. 137. u. 158. 228 Sastres. Ich rede hier nicht von den Artiſten mit Scheere und Bügeleiſen die auf ih⸗ rem Zimmer als Meiſter vom Stuhle arbeiten, ſie ſind ſich überall gleich, und ſtehlen in Madrid ſo gut als anders⸗ wo.— Nein ich rede hier von den al⸗ lezeit fertigen, allezeit luſtigen Flick⸗ ſchneidern der berühmten Plaza mayor. Ein neues Kleid zu machen erfor⸗ dert Geſchicklichkeit, ein altes auszubeſ⸗ ſern wahrlich eben ſo viel. Da ſitzt er mein ehrſamer D. Antonio Trapo, ſein Vater hat ihn mit Recht nach dem all⸗ gemeinen Schutzpatrone des Handwerks benannt! Da ſitzt er, das größte Flick⸗ 229 genie in der Hauptſtadt, der in glück⸗ lichen Emendationen ſeines gleichen ſucht. Mit welchem Scharfſinn er die ſchwierigen Stellen zu unterſuchen und zu vergleichen weiß! Wie er für alle die durchlöcherten Quadrate, Triangel, u. ſ. w. mit dem Ernſte eines calculi- renden Geometers Rath zu ſchaffen ſucht! Wie er nach Farbe, Feinheit, Umfang, Größe, Schicklichkeit, unter den Millionen und Millionen Fragmen⸗ ten ſeines Collectaneenkaſtens herauszu⸗ wählen verſteht; und wie nun endlich, ehe man eine Hand umdreht, der neue Fleck majeſtätiſch an ſeiner Stelke ſitzt! Ein ſolcher Flickſchneider hat immer eine Menge Kunden um ſich, die auf ihre Armel, oder Hintertheile warten 230 und die er alle nach der Reihe bedient. Dabei unterhält er ſie mit Anekdoten und Reflexionen aller Art; ſtreitet mit dem einen über zwei Maravedis, und mit dem andern über den Toro vom vorigen Montag; dieſen läßt er das Bein auf einen Schemmel ſetzen, und jener muß die Hoſen hinter einem Schir⸗ me ausziehen, dieſem bietet er eine Prieſe Rapé an, und von dem andern bittet er ſich ein Eigarro aus; mit ei⸗ nem Wort, er iſt in unaufhörlicher Thätigkeit; und ſeine Finger ſcheinen beflügelt zu ſeyn. Vivan los SGastres de la plaza! Kommt doch alles im menſchlichen Le⸗ ben beinahe auf daſſelbe hinaus. Un⸗ ſere Maſchinen, und unſere Verfaſ⸗ 231 ſungen, unſere Syſteme, und unſere Projecte, flicken wir nicht unaufhörlich daran? Real Seminario de Nobles. Beinahe was man in Deutſchland Rit⸗ teracademie zu nennen pflegt. Es wurde im Jahre 1727. von Philipp V. geſtif⸗ tet, und im Jahre 1799. von neuen or⸗ ganiſirt. Das Seminario de Nobles iſt eins der größten Gebäude in Madrid und liegt am Thore de S. Bernhardin. Es wohnen an hundert Zöglinge darin, die unter einem Oberdirector und drei Vice⸗ Directoren ſtehn. Was den Unterricht betrifft, ſo ſind nach der neuen Organiſation folgende Lehrer dabei angeſtellt*):— Einer für 2) Siehe die Guia von 1800. S. 113. 233 Moralphiloſophie— Einer für Logik und Metaphyſik— Einer für Experimen⸗ talphyſik— Zwei für Mathematik— Einer für Geſchichte und Geographie— Einer für Rhetorik und Poetik— Zwei für die lateiniſche und ſpaniſche Spra⸗ che— Einer für die franzöſiſche— Zwei Schreibemeiſter— Ein Zeichen⸗ meiſter, der zugleich Conducteur ſeyn muß— Ein Clavirmeiſter— Ein Vio⸗ linmeiſter— Zwei Tanzmeiſter— Ein Fechtmeiſter— Ein Inſtrumentmacher. librigens hat das Inſtitut eine ar⸗ tige Bibliothek und einen gut unterhal⸗ tenen Garten, und ſoll überhaupt ſehr reich dotirt ſeyn. 4 234 . Estudios Reales de S. Isidro. In dem ehemaligen Jeſuiterkloſter die⸗ ſes Namens. Als dieſes mit der Auf⸗ hebung des Ordens geſchloſſen wurde, wollte der König die 10,000 Ducaten Dotation nicht einziehen, ſondern ver⸗ wandelte es in ein königliches Gymna— ſium, worauf es denn im Jahre 1770. unter obigem Titel wieder eröffnet wurde. Die jetzigen vierzehn Lehrer ſind folgende*): Einer für Kirchendisciplin — Einer für Moralphiloſophie— Zwei für Mathematik— Einer für Experi⸗ *) Siehe die Guia von 1800. S. III. 235 mentalphyſik— Einer für Logik und Metaphyſik— Vier für die arabiſche, hebräiſche, griechiſche und lateiniſche Sprache— Zwei für Rhetorik und Poe⸗ tik— Einer für den Syntax, und ei⸗ ner für die erſten Anfangsgründe*). Lektionen ſind täglich ſechs, und die Fregvenz ſcheint jährlich zuzunehmen. Übrigens hat das Gymnaſium eine anſehnliche Bibliothek, die täglich geöff⸗ *) Bei dieſem Collegium war auch die erſte und einzige Lehrſtelle in Spanien für Natur und Völkerrecht fundrret; ſie wurde aber beim Anfange der franzöſi⸗ ſchen Revolution wieder abgeſchaft. In⸗ deſſen war doch wenigſtens eine Ausgabe von Herneccius, frerlich mit widerlegen⸗ den Anmerkungen dadurch veranlaßt wor⸗ den.„ 236 net wird, und von der wir bereits in einem andern Artikel*) geſprochen ha⸗ ben. *) Siehe oben: öffentliche Bibliothe⸗ ken. 237 Libreros. Man muß bei dieſem Namen ja nicht an unſere deutſchen Buchhändler den⸗ ken. Zwar haben Litteratur und Buch⸗ handel ſeit den letzten zehn Jahren auch in Spanien beträchtliche Fortſchritte ge⸗ macht, aber gegen Deutſchland gehal⸗ ten ſcheinen ſie bei dem allem noch ziemlich unbedeutend zu ſeyn. Die ſpaniſchen Buchhändler und Buch⸗ drucker bilden zwar einen eigentlichen geſetzlichen Geſellſchafts-Verein, aber keine allgemeine Handlungsgeſellſchaft wie in Deutſchland. Sie haben kei⸗ ne Hülfsmittel für ihre Betriebſamkeit und keinen Vereinigungspunkt wie die 238 unſrigen. Ohne Catalogen, ohne gelehrte Zeitungen, ohne Credit und ohne Meſſe, treiben ſie einen gemiſchten Sortiments⸗ und Netto⸗handel, der äußerſt unvoll⸗ kommen iſt. Wenig handeln mit den Artikeln einiger ihrer Handelsfreunde, die meiſten haben nichts als ihren ei⸗ genen Verlag zum Verkauf. Nichts iſt daher unbequemer als ſpaniſche Bücher zu kaufen, ſobald man nicht den beſtimmten Verleger davon weiß. Oft kann man ſie gar nicht, oder erſt nach vieler Mühe, durch die vierte und fünfte Hand erhalten. Demohngeachtet ſind hier die Bü⸗ cher weit wohlfeiler als in Deutſchland. Ein Alphabet Mitteloktav auf gutem Papier wird in der Regel für zwölf Realen, oder achtzehen Groſchen Sãch⸗ 239 ſiſch verkauft. Da indeſſen faſt alle Bücher brochirt oder gebunden zu ſeyn pflegen, ſo werden freilich noch immer einige Realen drüber bezahlt. Im Allgemeinen unterſcheidet man in Madrid Buchdruckerherrn und Buch⸗ hä dler,»Libraires- Imprimeurs« die eigene Spekulation machen— von Bü⸗ cherkrämern, die unſern Antiquaren gleichen, nur daß ſie auch neue Werke in Commiſſion zu haben pflegen, und von großen Buchbindern, die neben ihrem Handwerke noch einen kleinen Buchhandel theils als Commiſſionairs theils auf eigenes Riſico treiben. Einige der angeſehenſten Buchhand⸗ lungen der erſten Claſſe ſind die ſoge⸗ nannte Imprenta Real,— die Wittwe Ibarra,— Sanchez,— Esparza,— Caſtillo. Im Ganzen ſollen in Madrid an funfzehn Buchhändler der erſten Claſſe ſeyn. Real Sociedad Econémica de los amigos del Pays. Spanien hat vier und ſechzig pa⸗ triotiſche Geſellſchaften, unter denen die Sociedad Vascongada, und die oben genannte die erſten waren. Die patriotiſche Geſellſchaft von Ma⸗ drid bekam durch eine Real Codula vom neunten November 1775 den Titel: Real Sociedadz und hält ſeitdem ihre öffentlichen Sitzungen, jeden Sonn⸗ abend in der Caſa del Aynutamiento, oder dem Rathhauſe. Sie beſchäftigt ſich mit allem, was zur Verbeſſerung des Landes dienen kann, daher Acker⸗ Q 242 bau, Handel, Induſtrie, Policey, u. ſ. w. alles in ihren Plan gehört. Um dieſen Zweck zu erreichen un⸗ terhält ſie eine Arbeitsſchule, macht Preisfragen bekannt, vertheilt Prämien, und giebt ihre Abhandlungen heraus. Dergleichen Preisfragen waren zum Beiſpiel folgende: Welches ſind die beſten Mittel den Ackerbau mit der Bevölkerung in Verhältniß zu ſetzen?— Wie läßt ſich die häusliche Induſtrie der Landleute befördern?— Wie ſind Bäume zu ihrer beſten und ſicherſten Erhaltung zu pflegen?— Wie müſſen die beſten Findelhäuſer eingerichtet ſeyn, oder läßt ſich noch zweckmäßiger für der⸗ gleichen Kinder ſorgen?— u. ſ. w. Prämien wurden bezahlt: 1219 Realen; an die Schüler der vier p a⸗ 243 triotiſchen Arbeits⸗Schulen für die beſten Geſpinſte in Wolle, Flachs Eund Baumwolle,— 150 Piaſter; für den gelungenen Anbau einer gewiſſen Quantitat Kermes— eine Medaille von 48 Piaſtern; für das beſte Paar ſeide⸗ ner Strümpfe auf engliſche oder fran⸗ zöſiſche Art— 4 Piaſter; für einen Stuhl von feiner Flechtarbeit— 5 Piaſter; für den beſten Einband in Folio, u. ſ. w. Von ihren Scheriften ſind bis jetzt ſechs Bände voll der nützlichſten Ab⸗ handlungen erſchienen. Im⸗ ſechſten oder neueſten, der eben(1805): heraus⸗ gekommen iſt, befindet ſich unter andern eine Überſetzung von den bekannten Ber⸗ ſuchen des Grafen von Rumford. Der geſchickte Üüberſetzer, D. Domingo Agu⸗ 9Q2 a4 era y Neyra, iſt ein Mitglied der Geſellſchaft, und das Werk ſoll auch einzeln in ſechs Heften verkauft werden. — Übrigens hat die Geſellſchaft eine auserleſene ökonomiſche Bibliothek, bei der auch ein eigener Bibliothekar an⸗ geſtellt iſt. Noch iſt mit dieſer Geſellſchaft zu gleichen patriotiſchen Zwecken eine Da⸗ mengeſellſchaft vereinigt, die auch unter dem Titel: lIunta de Damas uni- da à la Real Sociedad éconmica; in dem Hofkalender aufgeführt wird, aus lauter Damen vom erſten Range be⸗ ſteht, und ihre eigene„ presi denfao ſo wie eine»Cenborat und.„ Secretaria« hat. Cigarros. Wer raucht jetzt nicht Cigarros?*) Es iſt nicht allein bequemer, es iſt auch geſünder und ökonomiſcher. Beim Ci⸗ garro bedarf es keiner beſchwerlichen unſichern Pfeifen, der Cigarro giebt we⸗ nig Rauch und der Genuß währt alſo länger. Alle dieſe Vortheile haben den Cigarros, oder, wie es die Engländer verſtümmeln, den Segars allgemeinen Eingang verſchaft. Ob die Zähne da⸗ *) Nur um einiger Leſer ſoll bemerkt wer⸗ den, daß es dünne ohngefähr einen Fin⸗ ger lange Tabacksröhrchen ſind, die an einem Ende angezündet, nud ſo ohne weiteres geraucht werden. 246 bei leiden, kann gleichgültig ſeyn. Ta⸗ backsraucher bekümmern ſich ohnehin nicht darum. Die Spanier haben zwei Sorten von Cigarros, eigentliche Röllchen von geſponnenen Blättchen, und Papierci⸗ garros. Die erſte Sorte iſt die feinſte und wird aus Havana⸗Taback gemacht. Die zweite iſt grober portugieſiſcher Ta⸗ back, den man zerſchnitten in kleinen weißen Papierröllchen kauft. Beide wer⸗ den indeſſen auf die nemliche Art ge⸗ raucht. Der Taback iſt ein Monopol des Königs, der ungeheuere Summen daran gewinnt. Ein Pfund gemeiner Havana oder ſchwarzer portugieſiſcher Laback, der ihm höchſtens ſechs Realen zu ſte⸗ hen kommt, wird vierzig bis zwei 247 und vierzig verkauft. Wie ſehr das zur Contrebande, beſonders in den Hä⸗ fen aufmuntert, werden die Leſer von ſelbſt einſehen. Mit den feinen Cigarros wird ein ungeheuerer Luxus getrieben. Es giebt welche wo das Pfund fünf bis ſechs Piaſter koſtet; dafür ſind ſie aber auch vortrefflich. Sie haben einen ſo ſuͤßen zimtartigen Geſchmack, und einen ſo ſchönen aromatiſchen Geruch, daß der feinſte Knaſter nichts dagegen iſt. Der Rauch ſteigt in kleinen blauen Ringel⸗ chen empor, und der Cigarro glüht eben⸗ mäßig und langſam fort, ohne die Aſche fallen zu laſſen. Welche Sorte es indeſſen auch ſeyn möge, alles raucht hier ſeinen Cigarro, häufig dient er ſogar zum Zeichen der 248 Freundſchaft, und dann pflegt er trau⸗ lich von Mund zu Mund zu gehen. Kein größerer Beweiß von Wohlwollen, als wenn der Spanier dem Fremden ſei⸗ nen Cigarro überreicht, kein beſſeres Mittel ſeine Freundſchaft zu gewinnen, als wenn der Fremde daſſelbe thut. Aber ob es in einer gewiſſen Rückſicht wegen der möglichen Anſteckung durch den Spei⸗ chel nicht gefährlich ſey— darüber wa⸗ ge ich freilich nicht beſtimmt zu ent⸗ ſcheiden. Cofradias. Jene achtungswürdigen Brüderſchaf⸗ ten, die ſich mit lauter Werken der Wohlthätigkeit beſchäftigen. Was in Deutſchland nur durch wiederholte An⸗ zeigen, durch auſſerordentliche Empfeh⸗ lungen bewerkſtelligt werden kann, das pflegt hier täglich ohne Aufſehen und ganz im Stillen zu geſchehen. Es giebt in Madrid eine Menge ſolcher Brüderſchaften, die mehr oder weniger angeſehen und thätig ſind. Zwei der wichtigſten und wohlthätigſten ſind: La Santa Real Hermandad de Nuestra Seülora del Refugio y Piedad, und La — Real Hermandad de Nuestra Seüora de 290 la Esperanza; die die angeſehenſten Per⸗ ſonen unter ihre Mitglieder zählen. Um den Geiſt dieſer Brüderſchaften kennen zu lernen, wird es hinreichend ſeyn ihre Rechnungen vom Jahre 1798 zu geben. Die erſte verwendete: Bei ihren gewöhnlichen Be⸗ ſuchen*) im Hoſpitale[119656 12 Um arme Leute in Geſund⸗ heitsbäder reiſen zu laſ⸗ ſen...... 94506 12 Für Abführung von 34 ar⸗ men Wahnſinnigen nach Saragoſſa.... 7563— *) Von dieſen umſtändlicher, unter Lem Artikel: Hoſpiräler. Real. Qo. Für Erziehung von 50 Kin⸗ dernx..... 13907— Für Abendeſſen in Hoſpitä⸗ lern....... 8⁰444 22 Für den Tranſport von 2098 Kranken in die Hoſpitä⸗ „ler 15767— Für 3995 Meſſen 2).. 16220% m— Andere fixe Ausgaben, an Allmoſen, u. ſ. w... 250760 21 Summa 526925] 1 Die zweite gab aus. [Real. Qv. Kirchenkoſten, Ausgaben an 2 den Marienfeſten, u. ſ. w. 8696] 13 *) Seelenmeſſen für arme Leute. Man muß den Edelmuth nicht über den Aberglau⸗ ben vergeſſen. Real. Qo Bei Gelegenheit von 100 Hochzeiten... 5171]19 Für 65 unehelich Geſchwän⸗ gerte...... 36717— Miſſionsunkoſten, Bullen für arme Leute... 2952— Hausmiethen, Gehalte, u.. f. w....... 6869 6 Für den Transport von arg Kranken nach dem Hoſpitale..... 14543] 2 Summa]74949] 6 Bei dieſen zwei Brüderſchaften kann jeder Bedürftige ſicher ſeyn, Hülfe und Unterſtützung zu finden; ja ſie ſuchen ihn auf, ſie kommen ihm entgegen; ihr Edel⸗ muth übertrifft alles, was man davon rühmen kann. Die Brüderſchaft»de la Esperanza« 253 iſt auch ſonſt unter dem Namen» Co- fradia del pecado mortal« bekannt. Sie läßt ſich nemlich auch die Bekehrung ih⸗ rer in Todtſünden lebenden Mirchriſten, und beſonders unglücklicher Freuden⸗ mädchen angelegen ſeyn. In jener Ab⸗ ſicht pflegen alle Abende zwei Brüder mit Laternen herumzugehen und Allmo⸗ ſen einzuſammeln.—»Ein Allmoſen um für die in Todtſünden lebenden eine Meſſe zu leſen«*).— Was die Freu⸗ denmädchen betrifft, ſo giebt ihnen die Brüderſchaft die nöthige Ausſtattung, um ſie in das eigends dazu beſtimmte Kloſter»de las recogidas y arrepentidas« zu bringen. *) Una limosna para decir missa por aguel- los que estan en pecado mortal. 4 254 Noch verdient die Brüderſchaft de Pan y hueros*) bemerkt zu werden, die dieſen Namen gewiſſermaßen von ihrer Beſchäftigung angenommen hat. Die Mitglieder pflegen nemlich be⸗ ſonders im Winter, des Nachts durch die Straßen zu gehen, und alle Arme, Verirrte und hülfsloſe Menſchen, die ſie ohne Obdach finden, aufzuſuchen. Dieſe bringen ſie denn in eine eigene dazu beſtimmte Herberge, und entlaſſen ſie des Morgens mit einem Brodte und einem Paar Eierns Eine ſehr men⸗ ſchenfreundliche Veranſtaltung, da es in Madrid nicht an Unglücklichen fehlt, *) Von Brod und Eyern. die ſelbſt im härteſten Winter unter den Kirchthüren und an den Kloſterportalen zu übernachten gezwungen ſind. Salpeterfabriken. Erde, Luft und Waſſer ¹), alles beför⸗ dert hier die Erzeugung des Salpeters. Die ausgelaugte Erde wird wieder ſo leicht damit geſchwängert, daß man ſie kaum einen Monat ruhen zu laſſen braucht; ja bisweilen ſoll man ſie funf⸗ zehnmal in einem Jahre auslaugen können. Auf dieſe Art ſind die zwei hieſigen Salpeterfabriken mit dem Material im Überfluß verſehen. Sie exiſtiren ſeit dem *) Nemlich das um Madrid befindliche, das daher auch nicht zum Trinken taugt⸗ 257 dem Jahre 1779, und haben 24 Keſſel zuſammen, von denen jährlich etwas über 7000 Arroben Salpeter,(die Ar⸗ robe zu 25 Pf.) gewonnen werden. Auf 100 Arroben Lauge kann man 40— 43 Arroben Salpeter rechnen. Bei dieſem ſind übrigens nur zwei Suden, eine von acht bis zehn Tagen, und eine von wenigen Stunden nöthig, um ihn zum Pulver gebrauchen zu können. Übrigens ſollen die Fabriken ganz gut eingerich⸗ tet, und mit Holz und Waſſer reichlich verſehen ſeyn. Die größte Fabrik von ſechzehn Keſſeln iſt die beim Thore de Atocha. Sie beſchäftigt etwa 200 Arbeiter wo⸗ von jeder 5 ⅞ Real Tagelohn erhält. Die zweite an dem Thore de Santa Bar⸗ bara mit acht Keſſeln, beſchäftigt nur R 258 50 Mann, das Tagelohn pflegt wie bei der erſten zu ſeyn. Im Winter indeſſen müſſen beide Fabriken den größten Theil ihrer Arbeiter verabſchieden. Der Salpeter iſt ein Monopol des Königs, der den Centner zu fünſhun⸗ dert Reaken verkauft, und daran reich⸗ lich dreihundert gewinnt. Ob in⸗ deſſen dieſe Fabriken in der Mitte des Landes und in einer ſo theuern Reſidenz an ihrem Platze ſind, ob ſie in einet wohlfeilern Gegend und an einem ſchif⸗ baren Strome u. ſ. w. nicht ungleich beſſern Fortgang haben würden, darü⸗ ber mögen unterrichtete Leſer ſelbſt ent⸗ ſcheiden. — Armenweſen. Man weiß bereits, wieviel die Cofra⸗ dias oder Brüderſchaften für die Armuth thun, aber man muß auch noch die ei⸗ gentlichen öffentlichen Armenan⸗ ſtalten kennen lernen. Jede der vier und ſechzig Ge⸗ meinden von Madrid hat ihre Armen⸗ commiſſion Junta de Caridad, die ſämt⸗ lich unter der Hauptcommiſſion der Real Junta general de Caridad ſtehen. Jede Commiſſion hält ihre regelmäßigen Ver⸗ ſammlungen, und ſorgt für die Bedürf⸗ niſſe ihrer Gemeinde. Ihr beſonderes Hauptaugenmerk iſt auf Hausarme, arbeitsloſe Tagelöhner, zurückgekommene Handwerker, bedürftige R 2 260. Wittwen und Waiſen gerichtet. Hier vertheilen ſie Allmoſen, Kleider, Nah⸗ rungsmittel, Arbeitsmaterialien, mit ei⸗ nem Worte: Unterſtützungen aller Art. Armen gebährenden Weibern laſſen ſie die nöthige Geburtshülfe leiſten, und ſorgen für die Koſten des Wochenbetts; Kinder werden in die Armenſchulen ge⸗ ſchickt, oder in das Erziehungshaus ge⸗ than, ſelbſt die Seelen der Armen blei⸗ ben nicht unbedacht. Man kauft ihnen nemlich die ſogenannte Bula de la San⸗ ta Cruzada, die jeder gute Chriſt in Spanien haben muß, und ohne die er nicht füglich ſeelig werden kann. Außerdem iſt für die Armuth noch durch ein eigentliches Hoſpicio oder Arbeitshaus geſorgt, wovon eins in der Straße de Fuencarral, das andere auſ⸗ * ſerhalb des Thores liegt. Beide ſtehen unter einer Direction, und ſind unter dem Namen: Real Hospicio de San Fer- nando bekannt*). Durch dieſe Anſtalten ſcheint es der Regierung zu gelingen, der ehedem hier unglaublichen Bettelei allmählich Ein⸗ halt zu thun. Zwar ſind an den Kirch⸗ thüren noch immer Bettler in Menge zu ſehen, aber ſie ſind wenigſtens auf dieſe Stellen eingeſchränkt. Eine miß⸗ verſtandene Frömmigkeit mag dem Ei⸗ fer der Policey in jener Rückſicht Ein⸗ halt thun; dafür pflegt ſie was Haus⸗ und Straßen⸗Bettler betrifft, deſto ſtren⸗ ger zu ſeyn. *) Siehe die eigenen, Artikel weiter unten. El Rosario. Eine Proceſſion die den Roſenkranz abſingt. Die gewöhnlichen Roſarios zie⸗ hen alle Abende in ihren Gemeinden herum; die außerordentlichen bei beſon⸗ dern Gelegenheiten durch die ganze Stadt. Jene beſtehen aus höchſtens acht bis zwölf Perſonen, dieſe machen ein zahl⸗ reiches feierliches Gefolge aus; jene wer⸗ den höchſtens von zwei Fagots beglei⸗ tet, bei dieſen findet Muſik und Glok⸗ kengeläute ſtatt. Die gewöhnlichen Roſarios erregen keine Aufmerkſamkeit, die außerordent⸗ lichen hingegen werden als große Feier⸗ lichkeiten angeſehen. So giebt es ſo⸗ —. lenne Roſarios in der Faſten, in der 263 Charwoche, an jedem wichtigen Feſt⸗ tage u. ſ. w. ſo halten einige Grandes *) und ſogar die Schauſpieler jedes Jahr einmal im Sommer eine feierliche Roſenkranzproceſſion**), worüber ge⸗ wöhnlich die halbe Nacht vergeht. In frühern Zeiten hatte man eine unglaubliche Menge ſolcher Roſarios, allein unter Karl III. wurden die mei⸗ ſten davon abgeſchaft. Immer wird es bemerkenswerth bleiben, daß die meiſten kirchlichen Reformen unter dieſem from⸗ men, faſt möchte man ſagen, bigotten Könige gemacht worden ſind. *) z. E. die Dugves de Medina Sido⸗ nia kraft einer gewiſſen Verbindlichkeit. **) Der ſögenannte Rosario de los Comi- 605. Dulces. Aulgemeiner Name für Confitüren. Es iſt unglaublich, wie weit es die hie— ſigen Conditors darinnen gebracht ha⸗ ben. Aber freilich kann es ihnen auch niemals an Abſatz fehlen. Keine Hoch⸗ zeit, ⸗keine Kindtaufe, keine Tertulia, überhaupt keine geſellſchaftliche Zuſam⸗ menkunft, wo es nicht eine Art von Ri⸗ freſco und alſo Dulces in Überfluß gäbe. Alt und Jung, Herren und Damen, al⸗ les findet hier an Dulces Geſchmack. Aber beſonders die Schönen!— Wehe dem Liebhaber, der ohne Dul⸗ ces vor ihnen erſcheint! Und wenn er nichts anders opfern könnte, wenn er 265 nur wenigſtens die Dulces nicht ver⸗ gißt! Man lächelt, man koſtet, man wird gefälliger, und ein Tellerchen Dul⸗ ces hat oft reichliche Intereſſen gebracht. Auch die Beichtväter, dieſe from⸗ men Tröſter der Schönen, wieviel Dul⸗ ces pflegen ſie nicht bei ihren ſauern Arbeiten zu verzehren. Jedes ſchmach⸗ tende Nönnchen, jede dankbare Devote beſchenkt ſie damit. Ihre Namens⸗Ge⸗ burts⸗ und Heiligen⸗Tage, Oſtern und San Iſidro, Weinachten und San Juan, ihnen gehen die Dulces das ganze Jahr nicht aus. Der Aufwand mit dieſen Dulces iſt ungeheuer; bei großen Rifreſcos zum Beiſpiel füllen ſich alle Gäſte Taſchen und Schnupftücher damit an. Es iſt eine Gewohnheit die nur dem Fremden 266 auffällt, und die zum ſpaniſchen Luxus gehört. Die beſten Dulces werden in den Klöſtern verkauft, und geben einen be⸗ trächtlichen Handelszweig ab. Wieviel herrliche Marmeladen, wieviel ſtärkende Morſchellen von Nonnenhänden gemacht! Man hat über die ſchwarzen Zähne der ſpaniſchen Damen geklagt, wer kann zweifeln, ob die Dulces Schuld da⸗ ran ſind? 267 Feuerung. Die Gegenden um Madrid ſollen in ältern Zeiten ſehr waldig geweſen ſeyn⸗ und man hatte Holz und Kohlen in Überfluß. Jetzt findet leider das Ge⸗ gentheil ſtatt, und die Feuerung iſt faſt der theuerſte Artikel einer hieſigen Haus⸗ haltung. Holz und Kohlen werden nach dem Gewicht verkauft, und ſind über⸗ dem das Monopol einer bekannten Han⸗ delsgeſellſchaft*). Aus dieſer Urſache geht man denn auch mit der Feuerung äußerſt ökono⸗ *) Dor Gremios. 268 miſch um. Alles wird bei Kohlen ge⸗ kocht, und das kleine Feuer ſoviel als möglich benutzt. Wo es angeht, z E. bei Backöfen, wird getrockneter Eſels⸗ miſt gebrannt, und was nur brennbar iſt, ohne Umſtände zur Feuerung ge⸗ braucht. Die Winter ſind kalt, dennoch be⸗ hilft man ſich mit bloßen Braſeros*). Keine Holzfreſſenden Kamine, und Stu⸗ benöfen, ſie ſind völlig unbekannt. In⸗ deſſen befindet ſich ein Nordländer ſehr übel dabei, zumal wenn er den feinen Kohlendunſt nicht vertragen kann.»Die Winter ſind in Madrid kälter als in Petersburge hat einmal ein ruſſi⸗ *) Runde tiefe Becken, mit feinen ausgs⸗ glühten Holzkohlen angefüllt. 269 ſcher Geſandter mit vielem Recht geſagt; nicht wegen des Froſtes, ſondern weil es an warmen Zimmern fehlt. Hoſpitäler. Unter den vielen Hoſpitälern in Ma⸗ drid müſſen zuerſt die beiden vornehm⸗ ſten, das Hoſpital general für Männer, und das Hoſpital de la paſion für Weiber angeführt wer⸗ den. Mit jedem iſt eine Anzahl barm⸗ herziger Brüder oder Schweſtern ver⸗ bunden*), und beide ſtehen unter einer eigenen Hoſpital⸗Commiſſion. Das Männerhoſpital, ſonſt in *) Zur Wartung der Kranken nehmlich, wo⸗ zu ſie vermöge ihres Gelübdes verbunden ſind. 271 allgemeitten Hoſpital general genannt*), liegt am Thore de Atocha in einer freien geſunden Gegend in der Nähe des be⸗ kannten Paſeo de las Delieias, eben ſo das Weiberhoſpital de la Paſion, in einer kleinen Entfernung von erſterm. In beiden ſind die Säle hoch, geräu⸗ mig, luftig und nach den verſchiedenen Krankheiten, Säle der Verwundeten, Veneriſchen, u. ſ. w. eingetheilt; alle Kranken haben ihre beſondern Berten, und alle Bettſtellen müſſen des Ungezie⸗ fers halber von Eiſen ſeyn**). Die Ordnung des Ganzen iſt be⸗ *) Weil ehedem eine Zeitlang beide Ge⸗ ſchlechter darin aufgenommen wurden. **) Das Männerhoſpical ſoll noch ein gro⸗ ßes Seitengebäude bekommen, wovon be⸗ reits ein Theil fertig geworden iſt. 272 wundernswerth. Fußböden, Meubeln, Betten, u. ſ. w. alles verräth die äuſ⸗ ſerſte Reinlichkeit. Daſſelbe gilt von der Küche und den übrigen Wirthſchafts⸗ gebäuden, die in vielen Hoſpitälern im⸗ mer am ſchmutzigſten ſind. Eben ſo muſterhaft iſt die Verpfle⸗ gung der Kranken, da ſie wie geſagt durch die barmherzigen Brüder und Schweſtern geſchieht. Wenn irgend ein Orden Beifall und Achtung verdient, und wenn irgend einer die durch tau⸗ ſend papiſtiſche Greuel beleidigte Menſch⸗ heit wieder verſöhnen kann, ſo muß es der wahrhaft chriſtliche Orden der Barm⸗ herzigkeit ſeyn. Eben ſo glücklich iſt in dieſen Hos⸗ pitälern auch für Ärzte geſorgt. Am Hoſpital general beſonders ſind die er⸗ ſten ſten Praktiker von Madrid angeſtellt. Keine neue Erfindung zum Vortheil der leidenden Menſchheit, die hier nicht an⸗ gewendet würde, die Elektricität und der Magnetismus, ſelbſt Beddoes Glas⸗ arten wurden hier verſucht. Außerdem ſind noch dreihundert junge Prakti⸗ kanten als Gehülfen angeſtellt, die aber ihren kliniſchen Curs nur unter Aufſicht machen, und keine Rerepte verſchreiben dürfen. Nicht minder lobenswürdig iſt die ökonomiſche Behandlung der Kranken. Sie erhalten die beſten Speiſen, ſo wie es ihr Zuſtand zu erfordern ſcheint, bei den Geneſenden werden die Portionen nur allmählig vergrößert und bei gro⸗ ßer Schwäche ſelbſt die theuerſten Weine nicht geſpart. Im großen Hoſpital iſt S 274 ein ſchöner Platz mit einem Brunnen in der Mitte, und einem Portikus, der zum Spazierengehen dient, etwas ähn⸗ liches findet man auch im Hoſpital de la Paſion. Zum Vortheil der Kranken iſt übri⸗ gens eine ſtrenge Policey eingeführt. Niemand wird des heimlichen Zutragens halber unviſitirt zu ihnen gelaſſen, und kein Geneſender darf ohne Erlaubniß des Arztes über die Schwelle gehen. Auch für die geiſtliche Nothdurft der Kranken, iſt hier mit vieler Menſch⸗ lichkeit geſorgt, und daher ein Rector mit zwei und dreißig untergeordneten Geiſtlichen beim Hoſpitale angeſtellt. Jeder kranke Fremdling findet gewiß einen Landsmann darunter der ſeine Sprache verſteht. 275 Wie ſüß für einen Sterbenden, die geliebten Töne ſeines Vaterlandes noch einmal zu hören, und ſeine letzten Ge⸗ heimniſſe einem tröſtenden Freunde ent⸗ decken zu können! O wer jemals in einem fremden Lande arm und elend, krank und verlaſſen geweſen iſt, der wird den ganzen Werth dieſer Wohl⸗ that fühlen können! Zu dieſer vortrefflichen Einrichtung, beſonders des großen Hoſpitals, trägt unſtreitig die Santa Real Hermandad de nueſtra Senora del Refugio nicht we⸗ nig bei. Sie hat zum Theil die Mit⸗ aufſicht über das Hoſpital, und nimmt ſich überhaupt der Kranken ſehr thätig an.— Alle Sonn⸗ und Feſttage wer⸗ den dieſe auf ihre Koſten geſpeißt, und erhalten die Schüſſeln aus der Hand S 2 276 mehrerer Deputirten der Brüderſchaft, unter deren Augen alles bereitet werden muß. Nachmittags gegen vier Uhr kommt endlich die ganze Brüderſchaft im Hoſ⸗ pitale an. Die NMitglieder vertheilen ſich zu zwei und zwei von einem Bette zum andern. Hier fragen ſie die Kran⸗ ken nach ihrem Befinden und ihren Be⸗ dürfniſſen, reichen ihnen allerhand Er⸗ friſchungen, ſprechen ihnen Muth ein, und leiſten ihnen ſogar Dienſte, die ſonſt ſehr widerlich ſind. Gleichwohl ſoll es unter dieſen Brüdern, Leute vom höchſten Range, und Perſonen von un⸗ geheuern Vermögen geben. Faſt daſ—⸗ ſelbe geſchieht in dem Weiber Hoſpital, wo mehrere vornehme beſonders ältere Damen dieſe Lieb espflicht auszuüben pflegen. . 277 Um in dieſe Hoſpitäler aufgenom⸗ nen zu werden, bedarf es keiner Weit⸗ läuftigkeiten, keiner Unterſuchung, kei⸗ ner beſondern Empfehlung— es iſt hin⸗ reichend, krank zu ſeyn. Wer noch gehen kann, begiebt ſich ſelbſt dahin, wer außer Stand iſt, läßt es ſagen, und wird abgeholt. Ob er Spanier oder Ausländer, catholiſch oder proteſtantiſch, bekannt oder unbekannt iſt; niemand bekümmert ſich darum. Seine Krankheit— das iſt die einzige Frage, und ſo bleibt er bis er geheilt und wohlverſtanden wieder völlig bei Kräften iſt. Von dieſer herrlichen Anſtalt pflegen denn alle arme Einwohner und ſelbſt viele nicht ganz unvermögende Gebrauch zu machen. Hier iſt es keine Schande ins Hoſpital zu gehen, man weiß ſehr gut, daß man dort beſſer gewartet wird. In dieſem Falle werden denn täglich ſechs Realen bezahlt, wofür der Kranke auch ein beſonderes Zimmer und etwas feinere Koſt bekommt. Das iſt wie geſagt*⁴) die Urſache, warum die Sterblichkeit in den Hoſpi⸗ tälern ſo unverhältnißmäßig groß zu ſeyn ſcheint. Um dieſes zu beweiſen, nur einige Beiſpiele: Im Jahre 1797 blieben beim Abſchluß der Rechnungen,(Iten De⸗ lrember) im Mähnnerhoſpitale: 237 Kranke; zu dieſen kamen bis letzten No— vember 1798 noch 15726. Von dieſen *) Siehe oben den Artikel: Clima und Bevölkerung. * 279 16863 waren beim Abſchluß der Rech⸗ nungen,(Iten December 1798) ge⸗ ſtorben: 1974 als geneſen entlaſ⸗ ſen: 139“g und krank blieben zu⸗ rück; 980. In dem Weiberhoſpitale blieben 1797 an demſelben Termine krank zurück: 359 Perſonen, und kamen bis Ende 1798 dazu 5407. Von dieſen 5766 waren beim Abſchluß der Rechnungen 1798 geſtor⸗ ben: 1014, als geſund entlaſſen: 4343 und als krank zurückgeblieben: 409. Die Koſten dieſer Hoſpitäler ſind ungeheuer, indeſſen follen ihre Fonds doch noch beträchtlicher ſeyn. Dazu kom⸗ men eine Menge auſſerordentlicher Ein⸗ nahmen, z. E. der fünfte Theil von der Einnahme in ſämmtlichen Theatern, der ganze Ertrag der Stiergefechte in Ma⸗ 280. drid, der ſich nicht ſelten auf eine Mil⸗ lion Realen beläuft u. ſ. w. Daß es indeſ⸗ ſen auch hier, wie bei allen menſchlichen Einrichtungen, nicht an Unregelmäßig⸗ keiten, Betrügereien u. ſw. fehlen werde, iſt eine Bemerkung, die ſich leider von ſelbſt aufdringt. Außer dieſen zwei großen Hoſpitä⸗ lern, giebt es noch eine Menge anderer, deren vollſtändige Aufzählung hier nicht nöthig iſt. Unter dieſen iſt das Hoſpi⸗ tal de San Juan de Dios, de Anton Martin, Monſerrate, de los Flamen⸗ cos, de los Italianos, de los Portu⸗ gueſes, de los Irlandeſes, u. ſ. w. die zum Theil anfangs für die genannten Nationen beſtimmt waren, und faſt alle in guten Rufe ſtehn. Indeſſen hat die Aufnahme größere Schwierigkeiten und 281 hängt meiſtens von dem Geiſtlichen des Kirchſpieles ab. Was man auch ſagen möge, von dieſer Seite hat die Catholiſche Reli⸗ gion von jeher großen und wohlchäti⸗ gen Einfluß gehabt. Nie würde aus bloßen philantropiſchen Raiſonnement ge⸗ ſchehen ſeyn, was man ſo häufig für die leidende Menſchheit aus religiöſen Empfindungen that. 282 Las Vizcaynas. La Cortel La Cortel—»iſt der Wahlſpruch faſt aller Landmädchen in der Biſcaya. In großer Menge verlaſſen ſie ihre Berge, und eilen nach dem herr⸗ lichen einzigen Madrid. Hier ſind ſie ſicher Dienſte zu finden, da man ſie ih⸗ rer Reinlichkeit und Arbeitſamkeit we⸗ gen allen übrigen vorzuziehen pflegt. Die meiſten kommen im Frühjahre und Herbſte an. Gewöhnlich machen ſie die Reiſe mit dem Ordinario von Bil⸗ bao, der ſie gleich einer Carga zu zwei und zwei auf ein Maulthier packt. Noch zeichnen ſie ſich durch ihre langen Flech⸗ ten, bunten Kopftücher 4 la paiſanne, 283 gelben Mieder und rothen geflammten Röcke aus; aber nach wenig Tagen hat das Mädchen einen Dienſt gefunden, und wenig Wochen darauf ſieht man ſie mit Bosquina und Mantilla, wie eine Petimetra gehn. 3 Wenn ſie ſich nicht durch ihren gedehnten Accent verriethen, man würde ſie für ein Mädchen aus der Hauptſtadt halten. Die Vizoaynas ſind ſchön; ihr üp⸗ piger Bau, ihre lebhafte Farbe, ihre lie⸗ benswürdige Leichtfertigkeit machen ſie äußerſt angenehm. Sie verſtehen die Kunſt den Männern die Beutel zu lee⸗ ren, ohne etwas dafür zu geſtatten, und ſie pflegen ſich ein ziemliches Capitäl⸗ chen zu ſammeln, ohne gegen einen ein⸗ zigen gefällig zu ſeyn. So unglaubdich das ſcheinen mag, *ℳ 284 ſo iſt es dennoch mit ſeltenen Ausnah⸗ men darum nicht weniger wahr. Ein Biſcaiſches Mädchen denkt nur darauf etwas zurück zu legen, und kehrt dann fröhlich mit dem kleinem Schatze in ihre Gebirge zurück. Dort iſt ſie ſicher ei⸗ nen Bräutigam zu finden, und dieſem hebt ſie auf, was ein Mädchen nur ei⸗ nem geben kann. Raſch, luſtig und herzhaft, immer ſchäkernd, und immer auf ihren Vortheil bedacht, im höchſten Grade kokett, im Grunde lauter Agneſen, das pflegt der Charakter der biſcaiſchen Mädchen zu ſeyn. Caffehäuſer. Caffe iſt hier ſehr wenig beliebt, der Spanier bedarf keiner Reizungsmittel, er trinke ihn höchſtens als Medizin. Deſto allgemeiner iſt der Gebrauch der Choccolade als eines nährenden mildern⸗ den Getränkes, das für ein heißes Clima erfunden zu ſeyn ſcheint. Die hieſigen Caffehäuſer werden da⸗ her weniger um des Caffes willen, als anderer Erfriſchungen halber, wie Glace Limonade u. ſ. w. beſucht. Sie ſchei⸗ nen überdem was Local und Einrich⸗ tung betrifft, ſelbſt hinter dem ſchlech⸗ teſten Deutſchen noch ſehr zurück zu ſeyn. Eines der erträglichſten, ja das größte 266 3 in Madrid, iſt die Fontana de oro, in der Calle de San Geronimo, wo der größte Theil der ſpaniſchen Tageblätter, und für bekannte Gäſte auch die Ga⸗ zette de Leyde gehalten wird. In dieſen Caffehäuſern herrſcht eine Gleichheit der Stände, über die man nach gerade in Deutſchland erſtaunen dürfte. Sollte man es glauben, hier ſpielen Grandes und Caballeros ohne Bedenken mit Bürgerlichen; hier giebt es keine privilegirten Tiſche für die ſo⸗ genannte Nobleſſe; hier gilt jeder, ſo⸗ bald er bezahlen kann! Dabei fehlt es denn nicht an poli⸗ tiſchen Unterhaltungen, zumal da man ſeit der engen Verbindung mit Frank⸗ reich völlige Freiheit darinnen hat. Ich meine politiſche Unterhaltungen, wie 1 287 ſie die Geſchichte des Tages, aber kein wilder Revolutionsgeiſt zu veranlaſſen pflegt.. Es iſt unglaublich mit wieviel Witz und Laune dergleichen Gegenſtände ab⸗ gehandelt werden, und wie ſehr die Fran⸗ zoſen ſeit einiger Zeit gewonnen haben, zumal da die Regierung dieſe freund⸗ ſchaftliche Stimmung auf alle Art und Weiſe zu begünſtigen ſucht.— Doch wir haben uns das Politiſiren verboten. — Soviel iſt gewiß, nur die Converſa⸗ tionsſprache zu lernen, kann der Fremde keine beſſere Gelegenheit finden. Monte de Piedad. Eine vortreffliche Anſtalt, die ganz den Geiſt ihres menſchenfreundlichen Stifters athmet, und als Leihhaus betrachtet, einzig in ihrer Art zu ſeyn ſcheint. Keine Prozente, keine Pfandſchein⸗Gebühren, keine Abkürzungen, keine ſchändliche Mäkelei mit den Münzſorten, keine drin⸗ genden peremtoriſchen Termine, alles für den Vortheil des Armen, nicht für den Gewinn der Regierung berechnet. Der Hülfloſe bringt ſein Pfand, und erhält das Darlehn mit der Beſe ei⸗ nigung ohne alle Gebühren dafür. Er hat wenigſtens ein Jahr, meiſtens vier⸗ zehn Monate Zeit, ehe er es auszulö⸗ ſen 289 ſen braucht. Thut er es, ſo findet kein Abzug ſtatt, als was er freiwillig zu Meſſen geben will; thut er es nicht, hält er eben ſo wenig um Aufſchub an, ſo wird das Pfand zwar verſteigert, aber er bekommt den Uiberſchuß richtig ausgezahlt. Dieſes Leihhaus, eigentlich—„ El Sacro y Real Monte de Piedad«— ge⸗ nannt, liegt an der Plazuela de los Descalzas; und wird täglich geöffnet, doch findet dabei der Unterſchied ſtatt, daß nur Montags und Dienſtags ver⸗ ſetzt, die übrigen Tage aber ausgelößt werden kann. Wie nützlich dieſe An⸗ ſtalt auch in Madrid iſt, beweiſen die Rechnungen, die jährlich gedruckt wer⸗ den. Aus denen voin Jahre 1798 z. B. ergiebt ſich, daß 2,359,900 Realen ver⸗ 5 29⁰ liehen wurden, die einzelnen Pfand⸗ ſcheine ſich auf 120,327 beliefen, und bei der Auslöſung der Pfänder, 9166 Rea⸗ len zu Meſſen einkamen. Das Leihhaus verdankt ſeine Ent⸗ ſtehung dem guten Willen einer Privat⸗ perſon; ein Doppelreal, den der red⸗ liche Mann in eine Büchſe that, war der erſte und einzige Fonds dazu. Allein da die Erlöſung der Seelen im Feg⸗ feuer, alſo das Intereſſe der Geiſtlichen, mit der Anſtalt verbunden werden ſollte, konnte es ihr nicht an Unterſtützung fehlen. Bald war der Fonds durch den Zu⸗ tritt reicher und angeſehener Mitglieder ſo ſehr vermehrt worden, daß das Leih⸗ haus im Jahre 1724 förmlich eröffnet werden konnte. Seit dieſer Zeit hat * 291 das Capital deſſelben durch eine Menge Vermächtniſſe, freiwillige Geſchenke u. ſ. w. immer zugenommen, ohne daß die Rede von Intereſſen geweſen iſt. Seit ſeiner Stiftung bis zu Ende des Jahres 1798 hat das Leihhaus 119,458,681 Realen und zwar an 580,649 Perſonen verliehen; wovon bei Einlö⸗ ſung der Pfänder 523,3692 Realen zu Meſſen einkamen. Eine Meſſe zu fünf Realen angenommen wird ſich der Ge⸗ winn der Geiſtlichen leicht berechnen laſ⸗ ſen. Fondas. Speiſehäuſer, wie es deren in allen großen Städten giebt. Man hat Fon⸗ das wo zu funfzehn Qwart, und wo zu dreißig Realen geſpeiſt wird; je⸗ der kann hier nach ſeinem Beutel wäh⸗ len Zwiſchen inne ſtehen die Fondas zu ſechs bis acht Realen, wo das Eſſen ſchon ziemlich gut zu ſeyn pflegt. Man ſpeißt auf Porcellain oder Steingut, und wird überhaupt ſehr reinlich be⸗ dient. Fremde, die ſich nicht an die ſpa— niſche Küche gewöhnen können, müſſen in ausländiſche Fondas gehen. Es giebt 293 deren eine große Menge, die von Fran⸗ zoſen oder Italiänern gehalten werden. Hier werden ſie zu acht bis zehn Rea⸗ len, ein Nöſel Wein mit eingerechnet, ſehr gutes Eſſen finden. Überdem braucht man ſich hier an keine Faſten zu kehren, da man in ſolchen Fondas, täglich Fleiſch. ſpeiſen haben kann. Wer noch koſtbarer ſpeiſen will, der wird für zwölf, ſechzehn, zwan⸗ zig, ja dreißig Realen Gelegenheit dazu finden; indeſſen wird ein rechtli⸗ cher Mann mit einer Mahlzeit für zehn Realen oder einen halben Piaſter*), immer ſchon zufrieden ſeyn können. *) Ohngefähr einen Gulden Sächſiſch. — Corredores. Auſſer den eigentlichen Handelsmäk⸗ lern giebt es hier noch eine Menge Corredores, für andere Geſchäfte. So findet man deren für den Kauf und Verkauf von Grundſtücken, für Auktio⸗ nen und Ausſpielungen, für die Regu⸗ lierung von Erbſchaften, für Anleihen und Einkaſſierung von Schulden, für die Beſorgung der Geſchäfte bei Colle⸗ gien, Expeditionen u. ſ. w. kurz für eine Menge Geſchäfte, die in unſern Nego⸗ liationsbüreaus, Dienſtcomtoirs u. ſ. w. abgemacht zu werden pflegen. Außerdem giebt es noch Corredores de Carruages y Coches, die den Reiſen⸗ den Gelegenheiten, ſo wie den Kutſchern und Kärnern Paſſagiere oder Güter ver⸗ ſchaffen; Corredores de Monaſte⸗ rios, die die Geldgeſchäfte der Klöſter und die Unterhandlungen wegen der No⸗ vizen beſorgen, u. ſ. w. Eine eigene Art betrügeriſcher Böhn⸗ haſen ſind die ſchimpflich ſogenannten „» Zanganos y Tumbones; die ſich be⸗ ſonders bei dem Verkaufe von Grund⸗ ſtücken, Juwelen, u. ſ. w. am liebſten aber bei Negociationen von Vales, Rea⸗ les und dergleichen einzumiſchen pfle⸗ gen. Sie ſind ſo ſchlau und unverſchämt, daß ſich ein Fremder nicht genug vor ihnen in Acht nehmen kann. Einhei⸗ miſche bedienen ſich dieſer Böhnhaſen nur aus Noth, wenn der Verkauf etwa 296 geheim gehalten werden ſoll, wobei denn eine Menge Betrügereien ſtatt zu finden pflegen. Real Hoſpicio de S. Fernando. Das Königliche Waiſen⸗Zucht⸗ und Ar⸗ beitshaus. Es ſind mehrere Fabriken da⸗ mit verbunden; 3. E. eine Tuch⸗ und Flanellfabrik, eine Nadelfabrike u. ſ. w. auch iſt eine Seifſiederei dabei angelegt. Stände das Hoſpicio unter einer ſtren⸗ gen Aufſicht, ſo würde die Einrichtung des Innern vielleicht muſterhaft ſeyn. Die beiden Geſchlechter ſind hier böllig getrennt, und ſelbſt untet einan⸗ der wieder nach dem Alter abgeſondert. Man hat übrigens Mittel gefunden, ſelbſt Kindet von drei bis vier Jahren, wiewohl mit augenſcheinlichen Nachtheil für ihre Geſundheit zu beſchäftigen. Es 298 iſt traurig, daß man in allen ſolchen An⸗ ſtalten noch viel zu wenig Rückſicht da⸗ rauf nimmt, daß man alles nur merkan⸗ tiliſch betrachtet, und beinahe glaubt, daß die Waiſen bloß für die Fabri⸗ ken da ſind. Das Hoſpicio ſoll mit ſeinem zwei⸗ ten dazu gehörigen Gebäude, faſt an drei⸗ kauſend Menſchen ernähren. Indeſſen hat es anſehnliche Fonds und genießet überdem einer Menge Immunitäten, z. E. völlige Acciſefreiheit. Noch ein Wort über das Schickſal der darin erzogenen Kinder. Die Kna⸗ ben werden in ihrem vierzehnten Jahre herausgethan; man giebt ſie an Künſt⸗ ler, an Handwerker u. ſ. w, ab. Die Mädchen müſſen ihr Schickſal in Ge⸗ duld erwarten. Wenigen glückt es Dienſte 299 oder Männer zu finden, die meiſten blei⸗ ben für immer im Hoſpicio. Welcher Verluſt für die Bevölkerung eines Lan⸗ des, dem es ſo ſehr an Menſchen fehlt! Wieviel wehmüthige Betrachtungen über das Loos eines unglücklichen Geſchlech⸗ tes, das faſt überall nur zum Leiden und zur Scelaverei beſtimmt zu ſeyn ſcheint! Runde Hüte. Man erinnert ſich der Unruhen unter Karl III, und des daraus erfolgten Ver⸗ bots der runden Hüte. Es ward ſo ſtreng darüber gehalten, daß man ſie den Leuten auf offener Straße abnahm. Das meiſte that aber wohl Aranda's Feinheit—»An dreieckigen Hüten wird der König ſeine ächten Spanier erken⸗ nen!«— Von nun an waren überall nichts als hohe preuſſiſche Sturmhüte zu ſehen. Aber jetzt iſt das alles vergeſſen, und dreieckigte oder runde Hüte, nie⸗ mand bekümmert ſich darum. Auf dieſe Art ſcheinen denn die letztern immer mehr 301 Freunde zu finden, zumal da ſie offen⸗ bar beſſer ſind. Wo iſt eine Erbärm⸗ lichkeit geweſen, die die Menſchen nicht einmal für wichtig gehalten hätten! — 3⁰2 Amas. Leider hat die Bequemlichkeit der hieſi⸗ gen Damen auch dieſe unnatürliche Ge⸗ wohnheit in Madrid eingeführt. Nir⸗ gends habe ich noch ſo viel Ammen geſehen, alles Eifern der Ärzte ſcheint vergebens zu ſeyn. Man darf nur das Diario*) durch⸗ blättern, täglich werden Ammen geſucht, täglich bieten ſich Ammen an. Auch hier werden die Vizcaynas vorgezogen und auſſerordentlich gut bezahlt. Nach ih⸗ nen kommen die Montaſſeſas aus Aſtu⸗ rien, ſeltener die aus Arragonien; die *) Intelligenzblatt. 3⁰3 aus der ſüdlichen Provinz werden gar nicht geſucht. Alle dieſe Weiber reiſen auf Spekulation hieher, und können im⸗ mer auf eine Herrſchaft rechnen. Eine ſolche Amme pflegt das ganze Haus zu beherrſchen; Eltern, Geſinde, Verwandte, alles muß ihnen unterthan ſeyn. Man behandelt ſie mit einer Ach⸗ tung, mit einer Gefälligkeit, mit einer Nachſicht die faſt unglaublich iſt. Man hat mir von Ammen erzählt, denen man zwei Bedienten und eine Equipage zu ihrem eigenen Gebrauch hielt. Die biſcayſchen Ammen haben eine Art von nationalen Wiegenliedern, de⸗ ren Melodie im höchſten Grade einſchlä⸗ fernd iſt. Es iſt ein gedehntes Adagio, das aus lauter Molltönen beſteht. In Anſehung dieſer Lieder pflegen ſie große 3⁰4 Virtuoſinnen zu ſeyn, und machen den T kert gewöhnlich aus dem Stegreif da⸗ zu. Z. E. Mein liebes Kind ſtand am Berge, Da weidete ein Schäflein; Da machte ſich mein Kindchen ein Bett⸗ chen von Graſe, Und ſchloß ſeine Äuglein zu. Nanana! Nanana! Nanana! Na—a. Die letzte Silbe wird wohl zwei Takte lang gedehnt, und iſt gewiſſerma⸗ ßen als die Cadence anzuſehen, worauf die zweite Strophe und auch die erſte von vorn angefangen wird. Poli⸗ 305 Policey. Die Policey in Madrid iſt muſterhaft. Jeder Zweig derſelben hat ſeinen eige⸗ nen Chef, der dafür verantwortlich iſt. Das Ganze iſt gut organiſirt, und ſteht unter dem Magiſtrat, oder der Villa. Daß man alſo doch endlich einmal aufhöre, von der ſchlechten Policey in Madrid zu ſprechen! Wie häufig wer⸗ den z. B. noch die ſchmutzigen Straßen aus den Zeiten der Madame d'Aulnoy citiret! Gleichwohl gehört Madrid ſchon ſeit fünf und zwanzig Jahren unter die reinlichſten Städte von Europa. In jedem Viertel wird der Unrath täglich geſammelt, und nach den Salpe⸗ U 3⁰6 terfabriken gebracht; vor jedem Hauſe muß mit Tages Anbruch gekehrt und im Sommer früh und Abends geſprengt wer⸗ den. Niemand darf etwas auf die Stra⸗ ße ſchütten, und gewiſſe Bedürfniſſe wer⸗ den nur in den Häuſern abgethan. Nicht weniger Sorgfalt wendet man auf die Sicherheit der Stadt. So wie die Dämmerung eintritt werden überall Patrouillen ausgeſchickt, alle Wachen verdoppelt, alle Agenten der Policey in der Stadt vertheilt. In der Nacht kom⸗ men noch die wohlbewaffneten Sere⸗ nos*) hinzu, die auch hier wie in Ham⸗ burg ein eigenes Corps ausmachen. Daher pflegen denn die Straßen, *) Nachtwächter. 307 ſelbſt nach Mitternacht völlig ſicher zu ſeyn. Weder Räuber noch Meuchelmoͤr⸗ der, ſelbſt den Dieben wird ihr Hand⸗ werk ziemlich erſchwert Daß es den⸗ noch nicht ganz an Verbrechen fehlt, wer wird ſich darüber wundern? Alles kommt nur auf das Verhältniß an. Ich übergehe die übrigen Zweige der Policey, ohne mein Lob zurück zu nehmen. Selbſt die vernachläßigten Feueranſtalten ſind nun vervollkommnet worden, und man hat die beſten Ver⸗ ordnungen des Auslandes dabei zum Grunde gelegt. Vielleicht würde ſich im Ganzen wohl noch eines oder das andere tadeln laſſen, aber in ſolchen Urtheilen kann der Beobachter nicht vor⸗ ſichtig genug ſeyn. Oft ſcheint ihm wi⸗ derſinnig, was unbekannte Lokalumſtän⸗ Ul 2 308 de nöthig machen, und oft wird er un⸗ gerecht, wenn er völlig unpartheyiſch zu 5 ſeyn glaubt. — 8 — 1 3⁰9 Palmen. Am Sonnabend vor dem Palmſonn⸗ tage, kauft hier jedermann Palmen ein; es iſt ein religiöſer Familiengebrauch, den ſich auch der ärmſte nicht nehmen läßt. Dieſe Palmen ſind Zweige von Dat⸗ telbäumen, die man während ihres Wachsthums mit Eſparto zu bewickeln pflegt. Auf dieſe Art ſind ſie vor der Luft geſchützt, und werden völlig weiß. Man bringt ſie aus den ſüdlichen Pro⸗ vinzen, beſonders aus Valencia, wo bei dem Dorfe Elche ganze Wälder von Dattelbäumen ſind. Am Sonnabend vor dem Palmſonn⸗ tage iſt nun die Plaza Mayor mit lau⸗ ter Palmen bedeckt. Alt und Jung, Vornehme und Geringe, alles ſteht um die Haufen herum, und ſucht ſich nach Belieben aus. Der preis pflegt nach der Größe und Schönheit von vier Qvar⸗ tes bis zu zwei Realen zu ſteigen, und nach einer Stunde iſt der ganze Vor⸗ rath durch Madrid vertheilt. Vom Sonntage an werden nun alle Fenſter und Balcone mit Palmen auf⸗ geputzt. Die Kinder tragen ſich mit Pal⸗ men herum, die Proceſſionen ziehen mit Palmen aus. Man legt eine Wichtig⸗ keit auf dieſe Dinge, die ein Ausländer ſchwerlich begreifen kann. Die Palmen bleiben gewöhnlich das ganze Jahr von Oſtern bis wieder zu Oſtern an den Balconen ſtehen; man ſieht es als einen Putz als eine Verzie⸗ rung an, die in ein rechtliches Zimmer gehört. Ein gewiſſer Reiſender giebt ſie für amerikaniſche Pflanzen aus; jedes Kind hätte ihn des beſſern belehren kön⸗ nen. — Iuſtizpflege. Wo fallen nicht Ungerechtigkeiten vor, wo giebt es nicht Rabuliſten und beſto⸗ chene Richter? Es ſind Ausnahmen die man eben wegen ihrer Seltenheit be⸗ merkt. Aber in Spanien, iſt es gerade umgekehrt. Die ganze Juſtizpflege iſt ein Gewebe von Verbrechen und Schänd⸗ lichkeiten, und unter hundert Advokaten und unter funfzig Richtern iſt vielleicht kaum einer, der den Namen eines ehr⸗ lichen Mannes verdient. Dieſes Urtheil ſcheint hart zu ſeyn, aber Spanier beſtätigen es ſelbſt, ſogar Madrid macht keine Ausnahme davon. Ja gerade hier iſt es mit der Juſtiz⸗ pflege am ſchlechteſten beſtellt. Chica⸗ * 313 nen, Beſtechungen, Infamien aller Art, ſcheinen hier juriſtiſche Obſervanzen ge⸗ worden zu ſeyn. Eure Sache iſt die gerechteſte von der Welt, deſto ſchlimmer für euch! Ihr verliehrt, denn euer Gegner beſticht den ganzen Gerichtshof! Und wenn ihr tau⸗ ſend Dokumente ſtatt eines hättet, er zeigt ſeine Dublonen vor, und die Sache iſt abgethan. Daß ſich doch ums Himmelswillen kein Fremder in einen Proceß einlaſſe! Lieber Aufopferungen, ehe man'’s zu ei⸗ ner Klage kommen läßt. Denn mengt ſich einmal die Juſtiz hinein,— und wenn es nur ein Alcalde, wenn es gar nur ein Alguazil wäre— wehe dem Fremden, der unter die Räuber fällt! — Majos. Eine Art renomiſtiſcher Petitmaiters aus der Volkselaſſe: ſchwerlich dürfte anders⸗ wo eine ſo eigene Miſchung von Ga⸗ lanterie und Brutalität zu finden ſeyn. Der Majo trägt gewöhnlich einen ungeheuren dreieckigten Hut und eine lange Reteſilla, die ihm bis auf den Rücken herunter hängt; ein kurzes blaues Jäckchen mit einer Menge kleiner Me— tallknöpfe, und eine bunte ſeidene Weſte; eine dicke nachläßig umgeworfene Schär⸗ pe, mit langen herunterhängenden Qua⸗ ſten, und ein Paar ſchwarze oder bunte Mancheſter Hoſen; blaue, weiße oder melirte Strümpfe, und weit ausgeſchnit⸗ —. 315 tene Schuhe mie ungeheuern bligenden Schnallen.— Man kann ſich nichts impertinente⸗ res denken, als einen ſolchen Bramäar⸗ bas. Ein Blick, eine Miene, eine Be⸗ wegung iſt hinreichend, ihn in Harniſch zu jagen. Stante mede droht er den Hals zu brechen, und das wenigſte was euch begegnen kann, iſt immer eine Be⸗ leidigung. Etwas ähnliches in ihrer Art ſind die ſogenannten Majas, worunter man theils Freudenmädchen, theils alle libertine Frauenzimmer ver⸗ ſteht. Etwas freieres, üppigeres und unverſchämteres kann ſo leicht nicht ge⸗ funden werden. Die kurze dünne Bas⸗ qvina, die jede nur zu bedeutende Be⸗ wegung des Körpers verräth; die lan⸗ gen durchſichtigen Franzen, die noch et— was über die Waden ſehen laſſen; der Buſen, den ein kleiner Blumenſtrauß bedecken ſoll, das wollüſtige Augen⸗ und Zungenſpiel.— Wehe dem Fremden, der in die Hände einer Maja fällt, er wird es mit ſeinem Beutel und ſeiner Geſundheit bezahlen. 317 Und dennoch ſind es dieſe Majas und Majos die man nicht bloß auf dem Theater ſondern ſelbſt unter den höhern Ständen häufig zu copiren ſucht. Keine Luſt⸗ oder Tanzparchie, wo man nicht einige Majos und Majas ſähe, ſo ſehr ſie auch durch ihren Stand über dieſe Claſſe erhaben ſind. Kleidung, Gebehrden, Anſtand, Ausdruck alles muß à⁴ la Majo, à la Maja ſeyn. Man ge⸗ fällt ſich in dieſer Verkleidung, man wetteifert in dieſer Rolle, und man iſt ſtolz darauf für einen vollendeten Ma⸗ jo und für eine eigentliche Maja ge⸗/ halten zu werden. Gebähr⸗Findel⸗ und Waiſen⸗ häuſer.— Man findet zwei Gebährhäuſer in Madrid. Eines iſt das königliche in dem Collegio»de nuestra Sefülora de los Desamparados« und das zweite das auf Koſten der»Real Hermandad de nue- stra Seflora de la Esperanza«. Letzteres iſt beſonders für unverehelichte Perſo⸗ nen beſtimmt. Man hat mir die Einrichtung die⸗ ſer Gebährhäuſer als ſehr vortheilhaft geſchildert; es ſoll für alles Nöthige hin⸗ länglich darin geſorgt ſeyn. Uberdem wird die Mutter bis zu ihrer völli⸗ gen Herſtellung verpflegt, und bei 319 ihrer Entlaſſung noch mit Kleidern und ſelbſt mit Geld verſehen ³), Eben ſo lobenswürdig ſoll die Ein⸗ richtung des königlichen Findelhau⸗ ſes(Real Casa de la Inclusa) ſeyn, wozu wahrſcheinlich die Aufſicht der Her⸗ mandad del Refugio das meiſte beitra⸗ gen mag. In der That ſcheint eine Ord⸗ nung und Reinlichkeit darin zu herrſchen, die allerdings ein gutes Vorurtheil erregt. Ob indeſſen die Sterblichkeit geringer als in andern Findelhäuſern iſt, kann ſich beim Mangel öffentlicher Liſten nicht beſtimmen laſſen. Die Anzahl der auf⸗ genommenen Kinder iſt alles, was *) Bei unehelichen Geburten finden jetzt über⸗ haupt weder kirchliche noch bürgerliche Strafen mehr ſtatt.— 4 * 320 darüber bekannt gemacht wird. Im Jah⸗ re 1798 z. B. kamen 1337 Kinder in das Findelhaus. Was die Waiſenhäuſer anlangt, ſo iſt das königliche im Hoſpirio de San Fernando bereits erwähnt worden. Ein anderes von der genannten Brüder⸗ ſchaft del Refugio geſtiftetes, zeich⸗ net ſich durch ſeine Einrichtung ſehr vor⸗ theilhaft vor jenem aus. Es herrſcht weit mehr Ordnung, weit mehr philan⸗ thropiſcher Geiſt darin. Wird man end⸗ lich dem Spanier Gerechtigkeit wider⸗ 2 fahren laſſen? Wird man endlich ein⸗ ſehen, daß es keine Batbaren mehr ſind? Pro⸗ 321 Prozeſſionen. Alle Glocken läuten, alle Straßen ſind mit Ciſten beſtreut, alle Balkone mit reichen Teppichen geſchmückt, auf allen Plätzen ſieht man Altäre unter Balda⸗ chins erbaut— eine feierliche Prozeſſion zieht aus der Kirche de Santa Maria aus. Bei ſolcher Gelegenheit iſt ganz Madrid in Bewegung. Allle Balcone, alle Fenſter, alle Thüren, ſelbſt hier und da Dächer und Thürme ſind mit Zu⸗ ſchauern beſetzt. Die Damen erſcheinen in ihrem ſchönſten Putze, es iſt ein Feſt⸗ kag der Liebe für ſie. Keine Beſchreibung dieſer Prozeſ⸗ X 322 ſionen, ſie pflegen ſich in allen katholi— ſchen Ländern ſo ziemlich gleich zu ſeyn. Fahnen und Rauchfäſſer, verkleidete En⸗ gel und angeputzte Heiligen, Trompeten und Pauken, wer hat dergleichen nicht einmal mit angeſehen? Aus den Fen⸗ ſtern regnet es papierne Heiligenbilder, Blumen und Dulces herunter, Weiber gehen mit kranken Kindern bei dem Ve⸗ nerabile durch, um ſie auf dieſe Art von der engliſchen Krankheit zu curiren, die Zuſchauer ſchäkern und drängen,— die Mädchen,— doch was ſoll⸗ ich hinzu⸗ ſetzen?— Man weiß ja. daß in Spa⸗ nien Religion und Galanterie Geſchwi⸗ ſter ſind. 323 Regatonerias. Keine Straße, kein Gäschen, wo man nicht Hökerbuden über Hökerbuden fände. Zwar hat die Policey dieſem Unheil mehr als einmal zu ſteuern geſucht; aber alle ihre Maasregeln ſcheinen vergebens da⸗ gegen zu ſeyn. Die Urſache muß alſo tiefer liegen— Worin?— in dem Man⸗ gel an häuslicher Hkonomie. Unſere deutſche Wirrhſchaftlichkeit, unſere Vor⸗ raths⸗Kammern ſind hier unbekannt! Kein Einkauf im Großen, keine Provi⸗ ſion für die Zukunft! Hier wird alles beim Höker, alles quartweiß geholt und wenn man früh und Abends, Vor⸗ und Nachmittags darnach gehen ſollte. * X 2 324 Die Höker betrügen ihre Käufer ent— ſetzlich, aber was ſchadet das?— Man iſt einmal daran gewöhnt, und lebt in ſüdlicher Sorgloſigkeit von einem Tage zum andern fort. Man hat den Laden vor ſeinem Hauſe. Vivan los Regato- nes*)! *) Die Höker! Ordinarios. NMaulthiertreiber, die zwiſchen den vor⸗ nehmſten Städten in Spanien, regel⸗ mäßig hin und her zu reiſen pflegen, und unſern authoriſirten Bothen glei⸗ chen. Man findet deren in Madrid nach allen Gegenden des Reichs, von Bil⸗ bao bis Cadiz, und von Badagoz bis nach Barcelona, in den nördli⸗ chen Gegenden bloß mit Mauleſeln, in den ſüdlichen auch mit Wagen, nach manchen Städten mit beiden zugleich. Der Fremde, der mit einem ſolchen Ordinario Güter ſchicken oder ſelbſt eine Reiſe machen will, findet die Herbergen, wo ſie einzukehren pflegen, hinten an 326 dem»Almanak merkantil« oder» Guia de Commerciantes 7 angezeigt. Im er⸗ ſtern Falle wird auf 60 Leguas für eine Arroba“) ein Piaſter, und im letz⸗ tern bei einer gleichen Entfernung die Koſt mit eingeſchloſſen, die Summe von ſechzehn Piaſtern bezahlt. Man kann beſonders mit den fahrenden Or⸗ dinarios ziemlich bequem und äußerſt ſicher reiſen, ſobald man ſich nur ein wenig nach den Sitten des Landes rich⸗ ten will**⁴). ———— *) Fünf und zwanzig Pfund. **) Vergleiche den weitläuftigen Aufſatz über das Reiſen in Spanien in der„Rei⸗ ſe von Amſterdam über Madride u. ſ. w. 327 Fabriken und Mannfacturen. Es wird faſt für alle Artikel der Noth⸗ wendigkeit und des Luxus Fabriken und Manufacturen in Madrid geben. Gleich⸗ wohl ſcheinen die wenigſten zu gedeihen, und viele ſich ihrem Verfalle zu nähern. Warum?— Die Urſache dürfte nicht ſchwer zu finden ſeyn. Einmal iſt Madrid gar kein paſ⸗ ſender Ort dazu. Die Theuerung der Lebensmittel, der Mangel an einem ſchiffbaren Strome, die Entfernung vom Meere, u. ſ. w. Alles iſt dem Aufkom⸗ men der hieſigen Fabriken hinderlich. Dazu kommt nun zweitens die ſchlechte Verwaltung der meiſtens auf 1 328 königliche Koſten errichteten und fortge⸗ führten Fabriken. Wo das Intereſſe der Direction von dem Intereſſe der Unternehmung getrennt iſt, wo läßt ſich da Sorgfalt und Redlichkeit erwarten? In allen dieſen Fabriken frißt allein die Beſoldung des, dirigirenden Perſonales den größten Theil des ohnehin ſehr klei⸗ nen Gewinnes weg. Eine dritte Urſache die den Flor der hieſigen Fabriken verhindert, iſt der Mangel an geſchickten Arbeitern, und die Unbekanntſchaft mit den eigentlichen geheimen Kunſtgriffen und Vortheilen, wodurch man Mühe und Koſten erſpart. Bei Anlegung der meiſten Fabriken wur⸗ den nehmlich Deutſche, Franzoſen und Engländer gebraucht, die ſpaniſche Ar⸗ beiter dazu abrichten ſollten. Allein ſie 329 waren eigennützig genug ihre Geheim⸗ niſſe für ſich zu behalten, und wußten die Spanier auf das feinſte zu hinterge⸗ hen. Das iſt beſonders der Fall bei den Fabriken geweſen, wo es auf chemiſche Zuſammenſetzungen, oder künſtliche Ma⸗ ſchinen ankam. Eine vierte Urſache des Verfalles, die zum Theil aus dem obigen erhellet, iſt in der ſchlechten Arbeit und den ho⸗ hen Preiſen der hieſigen Fabrikate zu ſuchen. Wer wird nach ſchlechten in⸗ ländiſchen Waaren greifen, wenn man die beſſern ausländiſchen um ein Fünftel wohlfeiler haben kann? Das letztere iſt hier der Fall, ſo ſehr ſie auch mit Eingangszöllen beſchwert ſind. Jetzt urtheile man, ob die hieſigen Fabriken die Concurrenz mit den deutſchen, fran⸗ 330 zöſiſchen und engliſchen aushalten kön⸗ nen, zumal wenn die gewöhnliche Con— trebande dazu kommt? Eine fünfte Urſache, warum ſo viel Fabriken nicht gedeihen können, liegt in den Artikeln ihres Debites ſelbſt. Eine Menge davon ſind entweder viel zu koſtbar, oder werden viel zu wenig geſucht. Dahin gehören z. B. Tapeten, Porcellain, Platinaarbeiten u. ſ. w. de⸗ ren Gebrauch einen weit größern und allgemeinern Luxus voraus ſetzt als man bis jetzt in Spanien bemerken kann, u. ſ. w. Überhaupt iſt es nicht genug, daß eine Regierung den Willen habe, die Induſtrie zu beleben.— Wenn es nicht auf eine zweckmäßige, wohl über⸗ legte Weiſe geſchehen kann, werden 331 dergleichen falſch berechnete Unterneh⸗ mungen dem Flore des Landes eher hin⸗ derlich ſeyn. Inquiſition. Reiſet ruhig nach Spanien! Die Zei⸗ ten der Finſterniß ſind vorüber, die Au⸗ tosdafé vergeſſen! Geht in die Meſſe und kauft euch einen Beichtzettel, Jude oder Heide— Niemand bekümmert ſich darum. Jede Landesreligion iſt im Grunde nichts als ein reſpektables Po⸗ lizey⸗Geſetz, dem ſich der Fremde ſchul⸗ digermaaßen unterwerfen muß. Die Geiſtlichkeit mag die Inquiſi— tion zu ihren Zwecken benutzt haben, an der Einführung derſelben iſt ſie ſicher unſchuldig geweſen. Die Inquiſi⸗ tion war anfangs ein bloßes politiſches Inſtitut, ſie hatte es weniger mit den 333 Meinungen, als mit den Perſonen zu thun; ſie pflegte die Religion zum Vorwand zu nehmen, während die Er⸗ haltung des Thrones ihre einzige Abſicht war. Und wie hätten die Könige auch ih⸗ ren Despotiſmus beſſer begründen, wie hätten ſie jenen ſtolzen Adel, jene wi⸗ derſpenſtige Geiſtlichkeit leichter unter⸗ jochen können, als durch die Einfüh⸗ rung der Inquiſition? Ein Gerichts⸗ hof, der ſich in ein undurchdringliches heiliges Dunkel hüllt, der über alle an⸗ dern im Reiche erhaben iſt, vor dem keine Geſetze, keine Privilegien gelten, bei dem keine Formen, keine Appella⸗ tionen ſtatt finden, der ſich gleichſam an die Stelle eines unſichtbaren göttlichen Richters ſetzt— ein ſolcher Gerichts⸗ 334½ hof mußte dem mächtigſten Vaſallen furchtbar ſeyn*) Die geheime Geſchichte des ſpani— ſchen Hofs hat dieſes beſtätiget. Von jeher, und ſelbſt in den neuſten Zeiten ward die Inquiſition zu politiſchen Zwek⸗ ken benutzt. Oft hat ſie dem Fanatis⸗ mus, öfterer noch dem Throne, oder ei⸗ ner Parthey gedient. Aber wer wäre im Stande alle dieſe Geheimniſſe zu enthüllen, ja wer dürfte es einmal wa⸗ gen einen Olavides, Malaſpina, Urqvijo u. ſ. w. als Beiſpiele anzu⸗ führen? *) Den Beweis von dem geſagten findet man in den»Inſtruktionen des Spani⸗ ſchen Inquiſitionsgerichts, aus dem Spaniſchen überſetzt von Reuß mit einer Vorrede von Spittler. Hannover 1784 8. 335 Unabhängig von dieſen politiſchen Zwecken, ſcheint die Inquiſition freilich in neuern Zeiten, zu einem bloßen Sit⸗ tengerichte beſtimmt zu ſeyn. Man be⸗ merkt wenigſtens, daß ſie ſich öffent⸗ lich bloß damit beſchäftige, und daß von Ketzern und Ketzereien faſt gar nicht die Rede mehr iſt. Das mag denn auch die Urſuche ſeyn, warum ſie für den großen Haufen viel von ihrer Schreck⸗ lichkeit verlohren hat, und warum ſie auch wirklich kein Fremder zu fürchten braucht. Und in der That, man verlangt nichts als Achtung, Schonung und Bil⸗ ligkeit, und wahrhaftig mit allem Rechte von ihm. Mag er glauben was er will, wenn er nur andere bei ihrer Meinung läßt; mag er über die Meſſe lachen ——— 336 wenn er es nur privatim thut. Ein vernünftiger Reiſender muß es mit den religiöſen Gebräuchen eines Landes wie mit allen übrigen halten. In Spa⸗ nien bete ich die Virgen, in Tibet ei⸗ nen Elephanten an. Dort trage ich ei⸗ nen Mantel und hier ein orientaliſches Oberkleid; unter vernünftigen Leuten iſt längſt nicht mehr die Rede davon. 337 Gazeta de Madrid. Die Hofzeitung. Sie exiſtirt ſeit dem Jahre 1704 und erſcheint wöchentlich zweimal, Dienſtags und Freitags zu ei⸗ nen bis anderthalb Bogen in Quart. Druck und Papier ſind ſchön, auch iſt jener ſeit zwei Jahren ſo ökonomiſch ein⸗ gerichtet worden, daß die Anzahl der Artikel beträchtlich zugenommen hat. Was den Debit anlangt, ſo werden an 2500 Exemplare davon abgezogen, wovon ein großer Theil nach den Spa⸗ niſchen Colonien geht. Weniger wer⸗ den nach Portugal, England, Frank⸗ reich und Deutſchland verſendet. Die Zeitung iſt übrigens theuer; ſelbſt in 2 338 Madrid kommt das Exemplar auf vier Piaſter zu ſtehen. Indeſſen findet ſie der Fremde in allen Caffehäuſern und Botellerias, oder kann ſie an der Puer⸗ ta del Sol für einen Qvart geliehen bekommen. Die Gazeta de Madrid iſt freilich im Grunde ſo ſchlecht wie jede Hofzei⸗ tung; indeſſen wird die politiſche Ma⸗ gerkeit durch eine Menge ſtatiſtiſcher lit⸗ terariſcher und artiſtiſcher Artikel ver⸗ ſteckt. So fand man im Jahrgange 1792 eine Menge ſtatiſtiſcher Nachrich⸗ ten über das Ausland von Cavanilles, im Jahrgange 1794 einen Aufſatz über die Entdeckungen der Engländer, ihre Geſandtſchaft nach China u. ſ. w. 1796 eine umſtändliche Nachricht von Mala⸗ ſpinas Reiſe um die Welt; 1798 eine Menge intereſſanter Aufſätze über Aſtro⸗ nomie, Schifffahrtskunde, Phyſik, Bo⸗ tanik u. ſ. w. größtentheils aus franzö⸗ ſiſchen Journalen überſetzt. 1799 um⸗ ſtändliche Nachrichten von den neuen Beobachtungen der Franzoſen in Agyp⸗ ten; 1800 mehrere Aufſätze über die Kuh⸗ pocken u. ſ. w.. Von inländiſchen Nachrichten, wer⸗ den außer den gewöhnlichen Hofartikeln, Beförderungen u. ſ. w. auch die Preis⸗ fragen und die Verhandlungen der Aca⸗ demien und ökonomiſchen Geſellſchaften, ſo wie die öffentlichen Prüfungen in den vornehmſten Lehranſtalten ſämmtlicher Provinzen angezeigt. Einen bedeuten⸗ den Raum nehmen auch die Berichte von gelungenen mediciniſchen und chirurgi⸗ ſchen Curen, Gefechten einzelner ſpani⸗ DY 2 ſcher Schiffe, Feierlichkeiten der Mä⸗ ſtranza, Naturerſcheinungen und Bekeh⸗ rungen von ſogenannten Ketzern, u. ſ. w. ein. So trocken indeſſen, mit engliſchen und franzöſiſchen Zeitungen verglichen, der politiſche Theil der hieſigen auch im⸗ mer ſeyn mag, ſo findet man doch zu⸗ weilen Artikel darin, die wenigſtens kein deutſches Blatt aufzunehmen wagen würde. Ohne von den vielen, während des jetzigen Krieges, nicht ſelten ſehr freien Artikeln aus London, Conſtan⸗ tinopel und St. Petersburg zu ſprechen, wurden z. E. im Jahre 1799 die Maßregeln einer gewiſſen deutſchen Macht in Italien, beſonders in Pie⸗ mont mit dürren Worten erzählt. Mehrere dieſer Artikel ſcheinen ab⸗ ſichtlich eingerückt zu ſeyn, und ſind häu⸗ fig mit ſehr derben Betrachtungen be⸗ gleitet. Im ganzen werden gute fran⸗ zöſiſche und italiäniſche Blätter, auch der London Chronicle und die Gazeta de Lisboa benutzt. Der Stil der Zei⸗ tung wird als claſſiſch gelobt, was ſi⸗ cher unter die größten Seltenheiten ge⸗ hört.. Das ketzte Blatt jedes Stückes iſt zu Intelligenz⸗Nachrichten beſtimmt. In dieſen fällt beſonders die bunte charak⸗ teriſtiſche Miſchung auf So findet man eine Anweiſung zum Volerotanze neben den Guia de Pecadores; Bonapartes und Paswan Oglus Portrait neben den Retrato del Nino Jeſus und de San Antonio de Padua; eine Überſetzung von Dav. Hume’s Verſuchen neben Hey⸗ decks Defenſa de la Religion Chriſtiana: in jeder Zeile den ſchreienſten Contraſt zwi⸗ ſchen Altem und Neuem, zwiſchen Welt⸗ lichem und Geiſtlichem, zwiſchen Licht und Finſterniß. Eben ſo auffallend ſind die hãufi⸗ gen Anzeigen von verlohrnen Paque⸗ Vten mit Wechſeln und Vales, was die ſchlechte Verfaſſung des Poſtweſens zu beweiſen ſcheint, oder von vacanten Stel⸗ len für Schullehrer, Ärzte und Chirur⸗ gen, was verhältnißmäßigen Mangel an brauchbaren Subjecten vermuthen läßt. Nicht weniger bemerkenswerth ſind end⸗ lich auch die Anzeigen von den Muſica⸗ lien und Bildniſſen deutſcher Componi⸗ ſten eines Mozart, Haydn, Pleyel u. ſ. w. Memorialistas. In Madrid müſſen die kleinſten.Ge⸗ ſchäfte bei Expeditionen, Collegien, u. ſ. w. ſchriftlich angebracht werden. Wer 3. B. einen Paß verlangt, muß ein Memoria⸗ lito darüber eingeben, was zehnmal ſig⸗ nirt und contraſignirt wird, ehe er den Paß bekommen kann.. Dieſe Formalitäten haben das Ge⸗ werbe der Memorialiſtas nothwendig gemacht. Wer ſeine Memoriale nicht ſelbſt ſchreiben kann, der findet auf den Plätzen und an Straßenecken allezeit fertige Gehülfen dazu. Die Memorialiſtas beſchäftigen ſich außerdem mit ſchriftlichen Aufſätzen al⸗ 344 ler Art. Briefe, Contracte, Rechnun⸗ gen, u. ſ. w. ſie ſind in allen geübt. Dabei bedienen ſie ihre Kunden mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit und ſind mit allen juriſtiſchen Kniffen bekannt. Der Fremde findet dergleichen Me⸗ morialiſtas, im Nothfalle an der Puer⸗ ta del Sol, im Hofe des Poſthauſes, in der Aduana an der Cafa de los Con⸗ ſejos u. ſ. w. Für ein kleines Memo⸗ rial werden gewöhnlich mit Einſchluß des Papieres zwei bis drittehalb Rea⸗ len bezahlt. Stiergefechte. Es ſchlägt drei Uhr, die ganze Straße von Alcalé füllt ſich mit Menſchen an. Wagen, Reiter, Fußgänger, alles eilt zum Stiergefecht. Das Coliſäum liegt vor dem Thore de Alcald, ein großer Circus mit ſtu⸗ fenweiſen Sitzen umgeben, über dem ſich eine Reihe Logen erhebt. Alles iſt mit Zuſchauern angefüllt, alle Stände, alle Trachten von Spanien ſind bei dieſer Gelegenheit beiſammen zu ſehen. Der Circus wird geräumt, alle Zu⸗ ſchauer müſſen ſich an ihre Plätze bege⸗ ben, der feierliche Aufzug nimmt ſeinen Anfang. An der Spitze erſcheint der 346 Alcalde mit ſeinen Alguazils in Knoten⸗ perücken, und dann folgen die Picado⸗ res zu Pferde in alter ſpaniſcher Ritter⸗ tracht, und die Banderilleros in bunten bebänderten Weſtchen mit ihren Bande⸗ rillas. Stolz und gravitätiſch, ſchreitet nunmehr der Held des Gefechtes, der unüberwindliche Matador mit ſeinem Schwerdte daher, bis endlich ein gan⸗ zes Heer luſtiger Perſonagen, Harlekins, verkleidete Sclaven u. ſ. w. den glän⸗ zenden Aufzug beſchließen. Allein das Vorſpiel iſt geendigt, und die feierliche Corrida wird begin⸗ nen. Auf ein Zeichen des Corregidors ſpringen zwei furchtſame Alguazils zum Stalle hin. Zitternd mit bebenden Hän⸗ den, mit abgewandtem Geſichte ſchieben ſie den Riegel zurück, und in voller 347 Wuth ſtürtzt der ſchnaubende Stier her⸗ aus. Durch das ganze Coliſäum ertönt nunmehr ein allgemeines Jubelgeſchrei. Tauſend Stimmen, tauſend gellende Pfei⸗ fen um den Stier noch wilder zu ma⸗ chen.— Toro! Toro!— Alles tobt in wildem Getümmel durch einander. Man klatſcht in die Hände, man pocht mit den Stöcken, man ſchlägt auf die Bänke, man ſchwenkt die Hüte, man figurirt mit den Schnupftüchern und mit den Mänteln.— Die ganze Verſamm⸗ lung ſcheint beſeſſen zu ſeyn. Unterdeſſen haben die Picadores dem Stalle gegenüber gehalten. Das Pferd zur Seite gedreht, haben ſie den Anfall des wüthenden Stiers erwartet. Jetzt ſtürtzt er plötzlich auf den vorder⸗ ſten zu, um Mann und Roß in die Luft zu ſchleudern, aber der Picador hebt ſei⸗ ne Lanze auf, bringt ihm eine Wunde am Vorderbug bei, wendet ſein Pferd und ſprengt zurück.— Bien! Bien!— erſchallt es durchs ganze Coliſäum!— Der Stoß war vortrefflich geführt. Der Stier verfolgt ſeinen Feind und wird vom zweiten Pieador empfangen. Dieſer iſt unglücklich, ſein Stoß gleitet ab und die Lanze zerbricht; der Stier ſchlitzt dem Pferde die Weiche auf, der Picador ſtürtzt herunter und würde ohne die Chulos verlohren ſeyn. Aber in dem Augenblicke ſpringen dieſe flüchtigen Fußkämpfer hinzu und ſuchen den Stier von ihm abzubringen. Ohne Lanze, ohne Schwerdt, mit nichts als einem Stück Taffent oder einer klei⸗ nen rothen Fahne bewaffnet! 349 Mit welcher Geſchicklichkeit wiſſen ſie nicht den Stier durch dieſe blenden⸗ den Farben, durch das beſtändige Ge⸗ ſchrei—»Toro! Toro! a mi 44— auf ſich zu hetzen und zu beſchäftigen. Aber mit welcher Behendigkeit wiſſen ſie ihm auch im Augenblicke der Gefahr zu ent⸗ ſchlüpfen! Er verfolgt ſie, er wird ſie erreichen, kaum iſt er noch eine Hand breit von ihnen ab.— Plötzlich laſſen ſie ihre Fahnen fallen, und ſind mit ei⸗ nem Sprung in Sicherheit*). Auf dieſe Art iſt es dem Picador gelungen ein neues Pferd zu beſteigen. Seine Ehre iſt beleidigt, er muß den erlittenen Schimpf zu rächen ſuchen. über die Bretterwand nehmlich, womit der Circus eingeſchloſſen iſt. 35⁰ Muthig ſprengt er dem Stier entgegen, Wund verwundet ihn.—»Excelente! Excelente!«— tönt von allen Seiten der laute Beifallsruf, während ein be⸗ hender Chulo das Thier von dem Pica⸗ dor zu entfernen ſucht. Aber der Corregidor giebt ein Zei⸗ chen— Trompeten und Paukenſchall— Die Picadores ziehen ab und die Ban⸗ derilleros, eine andere Art Fußkäm⸗ pfer fangen ihre Künſte an. In jeder Hand eine Banderilla*), kaum eine Spanne von den Hörnern des Stieres entfernt, ſuchen ſie ſich ihm von der Seite zu nähern. Vorſichtig *) Kleine Widerbaken, deren hölzerne Stiele mit Papierſchnitzeln umwunden, auch zu⸗ weilen ausgehölt und mit Pulver ange⸗ füllt ſind. 351 folgen ſie allen ſeinen Bewegungen, bis ſie den günſtigſten Augenblick erſehen. Aber auf einmal ſind die Banderillas eingehakt, die Schwärmer gehen los, und der Stier eilt wüthend im Circus herum. Doch das Schauſpiel ermüdet, und die Menge verlangt einen neuen Stier. Stolz und gravitätiſch tritt der Mata⸗ dor in den Circus und grüßt die ganze Verſammlung. Sein ſeidner Mantel flattert in die Lüfte, und ſein blankes Schwerdt glänzt in der Sonne. Er nãä⸗ hert ſich, der Stier ſcheint ſeinen gefäͤhr⸗ lichſten Feind zu erkennen, und beide bleiben einander gegenüber ſtehen. Alle Zuſchauer ſind geſpannt, im ganzen Amphitheater herrſcht eine Tod⸗ tenſtille. Alles bebt vor Erwartung, 352 alles zittert vor freudiger Ängſtlichkeit. In dem Augenblicke macht der Stier eine Bewegung und der Matador hält ſeinen Mantel empor. Ein Augenblick — der Stoß iſt geſchehen, und der Stier ſtürtzt brüllend zu ſeinen Füßen hin. „» Excelente! Excelente; Viva! Viva!— Bien! Bien!— das ganze Coliſäum er⸗ tönt von Jubelgeſchrei— Händeklat⸗ ſchen und Fächerſchlagen, Trompeten und Pauken— ein tauſendfältiges Ge⸗ tümmel das unbeſchreiblich iſt. Die Liebhaber ſteigen in den Circus hinab, der Stier wird unterſucht, ſie meſſen die Wunde aus. Man ſtreitet, man zählt die Schritte ab, der Mata⸗ dor wird mit Lobſprüchen überhäuft. Waſſer⸗ und Limonadenverkäufer, Oran⸗ gen⸗ und Confiturenmädchen eilen über den 3⁵³ den Circus hin. Alles iſt in Bewegung, alles beſucht ſich in den Logen, alle Schnupftücher wehen— und die ganze Verſammlung nimmt die Merienda*) ein. Aber das Thor des Circus wird ge⸗ öffnet und drei mit Schellen und fliegen⸗ den Bändern behangene Mauleſel kom⸗ men in völligem Galopp herein. Der Stier wird fortgeſchleift, die Arena geeb⸗ net, jeder eilt auf ſeinen Platz zurück, Trompeten und Pauken verkündigen die Ankunft des zweiten Stiers, und daſſelbe Schauſpiel wird mit wenigen Verände⸗ rungen von neuem wiederholt. Iſt der Stier zum Beiſpiel äußerſt *) Beſperbrodt. d 35 3 feig, ſo wird er mit Hunden gehetzt; iſt er äuſſerſt wüthend, ſo gehen oft Duz⸗ zende von Pferden darauf. Das Ende des blutigen Schauſpiels pflegt in der Regel äußerſt luſtig zu ſeyn. Da ſind zum Beiſpiel Strohmän⸗ ner mit Blei an den Füßen, die zehn⸗ mal vom Stier in die Luft geſchleudert, doch immer wieder zum Stehen kom⸗ men; abgerichtete Affen, die ihm zwi⸗ ſchen die Hörner ſpringen, und ſich bei jedem ſeiner vergeblichen Stöße auf das poſſirlichſte gebehrden; Harlekins mit großen Ballons; als Weiber verkleidete Chulos mit ungeheuern Fächern u. ſ. w. Dann und wann ſieht man einen Ne⸗ ger, der dem Stier auf den Rücken ſpringt, ihm einen mit Stacheln ver⸗ ſehenen Riemen um die Schnauze zieht, 35⁵ die Enden mit den Zähnen hält und auf der Guitarre dazu ſpielt u. ſ. w. Zu allerletzt kommt der ſogenannte Embolado, ein Stier mit ledernen Kugeln an den Hörnern, der den Afi⸗ cionados oder Liebhabern Preis ge⸗ geben und nur im Nothfall von einem eigentlichen Matador getödtet wird. Und das ſind die Stiergefechte, die hier im Sommer regelmäßig zweimal die Woche gegeben werden. Bei jeder Corrida werden achtzehn Stiere, ſechs des Morgens, eigentlich bloß zur Probe, und zwölf des Nachmittags zur eigent⸗ lichen Fieſta gebraucht. Je größer die Hitze iſt, deſto wüthender pflegen auch die Stiere zu ſeyn. Die Plätze im Coliſäum ſteigen von zwei bis zu vier, acht und zehn Rea⸗ 3 2 356 len, je nachdem ſie in der Sonne, im Schatten, auf den Gradas, oder in den Logen ſind. Die Corridas werden für das Hoſpital general adminiſtrirt. Der Aufwand wird zu tauſend Piaſtern, die Einnahme wenigſtens auf zweitau⸗ ſend berechnet. Ein Matador bekommt 60— 80 Piaſter, ein Picador 50— 60, ein Chulo und Banderillero 24— 30 u. ſ. w. 3³⁵7 Miffa. In die Meſſe! In die Meſſe*)! Die gellende Glocke tönt, und alles ſtrömt zur Kirche hinein. Ein bunter Haufe drängt ſich um den Weihkeſſel, und ei⸗ ner bietet dem andern von dem gebene⸗ deyten Waſſer an. Die ſpaniſchen Kirchen haben keine Stühle, nur hier und da ſind einige Bänke angebracht. Man pflegt daher meiſtens zu knien, die Männer auf ih⸗ ren Mänteln, die Weiber auf Matten, die in der Mitte liegen. *) A Missa! A Missa! 35⁵⁸ Dieſe ſchwarzen beſchleierten Wei⸗ berhaufen zum erſtenmal zu ſehen, iſt wirklich ein äußerſt ſonderbarer Anblick. Kopf an Kopf wie eine Geſellſchaft von Leichen, eine düſtre melancholiſche Ein⸗ förmigkeit. Aber man hört das Mur⸗ meln der Betenden, und die Seufzer büßender Magdalenen, man ertapt man⸗ ches brennende Auge auf einem Seiten⸗ blicke und erinnert ſich unter Lebendigen zu ſeyn. Die Matten befördern die Unrein⸗ lichkeit, man geht aus keiner Kirche man trägt ſicher einige Inſekten davon. Aber wer wollte die Meſſe verſäumen? Wo nicht aus Religioſität, ſo geſchieht es doch wenigſtens aus Galanterie. Denn in der That, nirgends kann man ſicherer darauf rechnen ſeine Ge— 3⁵9 liebte oder ſeinen Geliebten zu finden, als in der Meſſe. Man erwartet ſie beim Weihkeſſel, man ſtellt ſich ihr bei ihrem Platze gegenüber, man drückt ihr beim Weggehen noch einmal die Hand. Glückliche Menſchen! Mag es auch Sünde ſeyn, im nächſten Beichtſtuhle findet man Abſolution dafür. Dergleichen Zuſammenkünfte finden beſonders an Feſttagen ſtatt. Die Kir⸗ che iſt aufgeputzt, der Haupt⸗Altar mit Lichtern beſetzt, die Meſſe wird mit Mu⸗ ſik gefeiert, alles ſtimmt die Herzen zur Fröhlichkeit; alles, ſelbſt der Weih⸗ rauch der die Kirche erfüllt, reizt die immer lebendige Sinnlichkeit. Alte Leute gehen in die Frühmeſſe, um ſie los zu ſeyn—»para despachar la missa«— wie man ſagt. Aber die. ſchöne Welt geht in die»Missa mayor,« wie geht. man anderwärts in das Theater Gefängniſſe. Madrid hat fünf Gefängniſſe, unter denen die Carceles de Corte y Villa die beiden vornehmſten ſind. Das Lo⸗ cal iſt beſſer als man vermuthen ſollte, allein die Verwaltung ſoll abſcheulich ſeyn. Man ſagt, daß es hier eigene Gefängnißpächter giebt, die denn frei⸗ lich nichts von menſchlichen Gefühlen wiſſen werden. Vieles von dieſem Ekend wird in⸗ deſſen durch die Wohlthätigkeit edler Menſchen gemildert. Es giebt hier nehm⸗ lich zwei Geſellſchaften wovon die eine aus Männern, die andere aus Frauen⸗ zimmern beſteht, die jede für die Gefan⸗ 36² gene ihres Geſchlechtes Sorge tragen, Dieſes ſind die»Real Asociacion de Cari- dad, establecida para beneficio espiri- tual y alivio temporal de los pobres pre- sos de las Cärceles de esta Corte; und die Real Asociacion de Caridad, com- puesta de Seßoras, para el cuidado y asistencia de las pobres de la Galera y Cärceles de Corte y Villa. Beide Geſellſchaften zählen die an⸗ geſehenſten Perſonen unter ihre Mit⸗ glieder, und ſuchen das Schickſal der Gefangenen auf die möglichſte Weiſe zu mildern. Sie verſehen ſie mit Wäſche Zund Kleidern, mit Decken, Betten, u. ſ. w. ja ſie laſſen ihnen ſogar Wuͤlſte für die Ketten machen, und ihre Kerker mit Matten belegen. Ungefeſſelte Gefangene erhalten Ge⸗ —· 363 legenheit ſich mit Weben, Stricken, Schnitzeln u. ſ. w. etwas Geld zu ver⸗ dienen, und für Kranke und Verwun⸗ dete, ſind beſondere Stuben angelegt. Eine eigene Commiſſion hat die Auf⸗ ſicht über die Reinigung der Gefäng⸗ niſſe, über die Nahrung der Gefange⸗ nen u. ſ. w. und läßt ſich beſonders die Verbeſſerung der Kerkerluft angelegen ſeyn, kurz was Menſchenliebe und Fröm⸗ migkeit zuſammen bewirken können, wird von dieſen Geſellſchaften ausgeübt. Dennoch behauptet man, daß die Gefängnißpächter Mittel finden, ihre edelmüthigen Abſichten zum Theil zu vereiteln, und daß die Regierung ſelbſt aus finanziellen Rückſichten gegen dieſe Bedrückungen leider zu nachſichtig ſey. Aber nicht nur geſchloſſene Geſell⸗ 364 ſchaften, faſt alle begüterte Perſonen nehmen ſich der Gefangenen an. Man giebt ihnen Allmoſen, man ſchickt ihnen Eſſen, man verſieht ſie mit Kleidern und andern Bequemlichkeiten, kurz man übt eine Wohlthätigkeit gegen ſie aus, die in Erſtaunen ſetzt. So iſt es ſogar Re⸗ ligionspflicht, alle Charfreitage die Ge⸗ fängniſſe zu beſuchen und auſſerordent⸗ liche Allmoſen zu geben, wobei nicht ſelten eine Summe von ſechzig bis ſieb⸗ zig tauſend Realen einkommt. Noche buena. Weihnachtsabend, wo auch in Ma⸗ drid nichts als Freude und Fröhlichkeit herrſcht. Alle Buden, Gewölbe und Stände der Plaza mayor’ ſind erleuch⸗ tet, und alles iſt mit jubelnden Men⸗ ſchen angefüllt. Wer es nur irgend aufbringen kann, muß den Weinachtsabend eine Fami⸗ lienmahlzeit halten; wobei eine Schüſ⸗ ſel Reiß in Milch gekocht, ein welſcher Hahn und eine große Torte die Haupt⸗ gerichte ſind: Hierzu kommen denn noch feine Weine, Liqueurs, Confect u. ſ. w. je nachdem es jedermanns Beutel er⸗ laubt. So bleibt man bis zehn, zwölf Uhr bei Tiſche, und bringt dann den übri⸗ gen Theil der Nacht mit Spielen und Tanzen zu. Man zieht Santos 8), führt kleine Privatkomödien auf; beſucht die Nachbarn und die vornehmſten Na⸗ cimientos*), und überläßt ſich der freieſten Fröhlichkeit. Um zwei Uhr nach Mitternacht pflegte man ehemals in die ſogenannte Chriſt⸗ ——— *) Eine religiöſe Galanterie, wovon um⸗ ſtändlicher unter dem Artikel: Umgang beider Geſchlechter. **) Sogenannte Krippen die man entweder bauen läaßt, oder von den böhmiſchen Glas⸗ und Quinquaillerie⸗ Händlern kauft. Man ſieht die Jungfrau mit dem Jeſus⸗ kinde, den heiligen Joſeph, die Hirten, die beiden reſpertablen Thiere, u. ſ. w. in einer Art von kleinem Theater, das aufs ſchönſte erleuchtet iſt. 367 metten zu gehen. Die jungen Leute lie⸗ fen vorher als Majos herum, ſchlugen mit großen Hämmern an Thüren und Fenſterladen, machten Charivaris und was dergleichen Unfug mehr war. In der Meſſe ſelbſt fielen die är⸗ gerlichſten Exceſſe vor. Man warf den Geiſtlichen mit ÄApfeln und Caſtanien; man bombardirte ſich mit Schnellkügel⸗ chen und Dulces, man nähete den Wei⸗ bern die Basqvinas zuſammen, und exercirte handgreifliche Galanterien al⸗ ler Art. Während der Meſſe wurden Seguedillas, und beim Herausgehen gar der Fandango geſpielt. Aber allen die⸗ ſen Unordnungen iſt jetzt ein Ende ge⸗ macht und die Meſſe auf den andern Morgen verlegt worden. Noch ein Wort von den ſogenann⸗ 368 ten Villancicos oder Weihnachts⸗ liedern. Es ſind Romanzen in denen die Geburtsgeſchichte Chriſti auf eine äußerſt poſſirliche Art völlig moderni⸗ ſirt beſungen wird⸗ So treten z. B. zwei Galegos auf, die ſich mit dem Schſlein, und be⸗ ſonders mit dem Eſelein dem„ Burrico« gar traulich und gottſeelig zu unterhal⸗ ten pflegen. Weiter hin kommen die Engel, die die Maria becomplimentiren, und die Hirten, die dem Jeſuskinde Ho⸗ nig und Käſe bringen. Das Ganze iſt die luſtigſte Parodie die man ſich den⸗ ken kann. Zu dieſen Villancicos werden nun äußerſt leichte und ſingbare Melodien geſetzt, ſo daß ſie in den erſten vier Wo⸗ chen nach Weihnachten in allen Theatern, und auf allen Straßen zu hören ſind. Alquileres. Die Miethe iſt theuer in Madrid, ſech⸗ zig bis ſiebzig Piaſter pflegt ein ſehr ge⸗ wöhnlicher Zins zu ſeyn. Da indeſſen in den letzten fünf Jahren viel gebauet worden iſt, dürften die Wohnungen all⸗ mählig etwas wohlfeiler werden. Unterdeſſen finden Fremde ſoge⸗ nannte Chambres garnies im Überfluß. Man darf nur den Artikel:»Alquile⸗ resc in dem Diario von Madrid ſu⸗ chen, und es ſind deren immer mehrere auf einmal angezeigt. Man kann zwei bis drei Piecen mit, oder ohne Aufwar⸗ tung, bei verheiratheten Leuten, oder A a 370 * bei einer Wittwe, alles nach Belieben haben. Die Miethe wird gewöhnlich tag⸗ weiſe beſtimmt. Für ein leidliches Zim⸗ mer mit einem Alcoven, muß man, die Aufwartung mit eingerechnet, wenig⸗ ſtens acht Realen täglich geben. Hier⸗ nach werden ſich denn die Preiſe von mehrern Piecen leicht beurtheilen laſſen. Etwas wohlfeiler kann man woh⸗ nen, wenn man ſich zugleich in Penſion geben will. Dann pflegt der Preis für Frühſtück, Mittagseſſen u. ſ. w. 14,— 16, 18 bis 20 Realen zu ſeyn. Wer ſich an die ſpaniſche Küche gewöhnen kann, der thut ſicher ſehr wohl daran. Er gehört dann gleichſam zur Familie, lernt die Sprache beinahe ſpielend, und hat die beſte Gelegenheit die Sitten der Nation kennen zu lernen. 371 häuslichen Liebſchaft, ſo ſehr man ihm auch entgegen kommen möchte! Es iſt gewöhnlich entweder auf eine Hei⸗ rath, oder auf eine Prellerei angelegt. Nirgends ſind dergleichen Verhältniſſe gefährlicher als in Spanien. Nur hüte ſich der Fremde vor einer Faſtnacht. Freilich kein römiſches, oder venetia⸗ niſches Carneval, aber darum doch nicht weniger Genuß und Fröhlichkeit. Wäh⸗ rend die Vornehmen ihre Bälle, Pri⸗ vatcomödien, Concerte u. ſ. w. haben, ſucht der gemeine Mann eine Menge poſſierlicher Spiele hervor, die am häu— figſten am Canale zu ſehen ſind. Dahin gehört zum Beiſpiel das Hah⸗ nenſpiel. Ein Hahn iſt nemlich bis an den Hals in die Erde gegraben, oder an einer queerüber aufgeſpannten Schnur befeſtigt. Man haut mit verbundenen Augen darnach, und für zwei Qvart mag jeder ſein Heil verſuchen. Es ſieht ſich 373 wegen der vielen poſſierlichen, empha⸗ tiſchen Luftſtreiche, in der That einige Minuten recht komiſch zu. An einer andern Stelle wird auch nach einem Hahne geſchoſſen, wobei ebenfalls jeder für einen Real, einmal probiren kann. Ein anderes Spiel iſt der ſpaniſche Plumpſack. Zwei Perſonen ſind an die langen Enden eines Stricks gebun⸗ den, der an einem Pfahle befeſtigt iſt. Einer hat Caſtaüuelas, der andere den Plumpſack, beiden ſind die Augen ver⸗ hunſden Jener ſucht dieſen durch ſeine Muſik zu locken, ihm aber ſo wie et ſich nähert wieder zu entwiſchen. We⸗ gen der poſſierlichen Gebehrden und Ver⸗ drehungen der Spielenden, bleibt man wohl einen Augenblick dabei ſtehen. Stellen An andern wird mit Ku⸗ 374 geln*) oder mit Stäben nach einem Ziele geworfen. Hier giebt es Wettläu⸗ fer, und dort wird Ballon geſpielt; im⸗ mer hat man Gelegenheit die Gewand— heir und Luſtigkeit, der für melancho⸗ liſch verrufenen Spanier kennen zu ler⸗ nen. Ein Faſtnachtsſpiel der Weiber und Mädchen aus den niedrigen Claſ⸗ ſen iſt auch der ſogenannte Don Pel⸗ lejo. Sie haben nehmlich eine ausge⸗ ſtopfte Mannsfigur, die ſie in die Luft prellen, um ſie ſich auf die Köpfe fallen zu laſſen. Das Divertiſſement iſt zu ge⸗ mein um mehr darüber zu ſagen. Alle dieſe Spiele ſind am häufig⸗ ſten an dem Canale zu ſehen, wo es *) la Boule. 375 Wirthshäuſer und dergleichen in Menge giebt, und wo überhaupt den Faſtnachts⸗ dienſtag, alles voll Leben und Fröhlich⸗ keit iſt. Eben ſo luſtig pflegt es aber auch Abends in den Straßen und in den Häuſern zuzugehen. Überall wird geſchmauſt und getanzt, und überall wer⸗ den Glückliche gemacht. Handel. So ungünſtig die Lage von Madrid für den Handel auch immer ſcheinen mag, ſo werden doch ſowohl in Rückſicht der Ausfuhr als Einfuhr eine Menge be⸗ trächtlicher Geſchäfte gemacht. Was die Einfuhr anlangt, ſo be⸗ ſteht dieſe theils in inländiſchen, theils. und leider vorzüglich in ausländiſchen Waaren. Zu erſtern werden die mei⸗ ſten Artikel beſonders von den Provin⸗ zen Valencia und Catalonien geliefert. Valencia z. B. ſchickt allein an Pa— pier und ſeidenen Zeugen über drei⸗ ßig Millionen Realen de Vellon*). Noch mehr ſendet Catalonien an Tü⸗ chern, baumwollenen Zeugen, Lederar⸗ beit u. ſ. w. Minder beträchtlich iſt die Einfuhr aus den übrigen ſpaniſchen Provinzen; Arragonien z. B. liefert etwa für „ funfzehn Millionen Realen de Vellon an Safran, Alaun, Vitriol, groben Tü⸗ chern und Decken, Papier und Perga ment; Toledo ſchickt Schnupftücher und Bänder; Guadalaxara die bekann⸗ ten Tücher, etwas Honig und Wachs; Die Mancha Saflor, Safran, Wein, Gl, Eſparto u. ſ. w.; Segovia Tü⸗ cher und Papier; Talavera Töpfer⸗ *) S. Carruga Memorias politicas y eco- nômicas. Vol. I. p. 85. waare, u. ſ. w. Alle dieſe Artikel wer⸗ den durch die unzählichen Arrieros trans⸗ portirt, die zwiſchen den Hauptſtädten hin und her zu gehen pflegen. Weit beträchtlicher iſt die Einfuhr von ausländiſchen Waaren, beſon⸗ ders über die nördlichen Häfen, Bilbao und Santander. Von hier werden eine Menge deutſcher, franzöſiſcher und eng⸗ liſcher Güter weiter nach Madrid ge⸗ Gaft. Die Ausfuhr anlangend, ſo iſt ſie mit wenigen Ausnahmen, faſt allein auf den Artikel: Wolle, beſchränkt. Indeſſen ſind auch dieſe Geſchäfte bloß in den Händen einiger großen Häuſer, * die ihre Agenten zum Aufkauf haben, oder die Beſitzer der Heerden von ſich abhängig zu machen wiſſen. Die Wolle wird dann meiſtens nach dem Norden über Bilbao und nach dem Süden über Cadiz verſchifft. Der größte Theil des Handels von Madrid,— Einfuhr und Ausfuhr ohne Unterſchied— befindet ſich in den Hän⸗ den der»Gremiosce jener großen, ſeit dem Jahre 1714 organiſirten Han⸗ delsgeſellſchaft, von der Bourgoing und andere umſtändliche Nachrichten gege⸗ ben haben. Durch dieſe werden aber auch beträchtliche Wechſelgeſchäfte nach London und Paris, Amſterdam und Ge⸗ nua gemacht. Außerdem giebt es einige Häuſer die über Cadiz und Santander nach Amerika handeln. Madrid hat übrigens zwei Aſſeru⸗ ranzcompagnien. Eine unter dem Na⸗ men: Real compania maritima die ſeit 380 1794 exiſtirt, einen Fonds von 410,000 Piaſtern in 41 Actien beſitzt, und bloß auf Schiffe nach Amerika zeichnet; eine zweite, die ſeit 1788 exiſtirt, und bei einem Fonds von 2 ½ Millionen Piaſter, auch Häuſer, Magazine, u. ſ. w. aſſe⸗ curiret. Freudenmädchen. Wie oft würde der Sittenmahler in Verlegenheit kommen, wenn er alle Din⸗ ge bei ihrem wahren Namen nennen ſollte! Mag alſo das Wort geduldet werden, wenn nur wenigſtens nicht das Ohr dadurch beleidigt wird. Madrid hat keine öffentlichen Häu⸗ ſer, ſondern die Mädchen leben für ſich ſo glänzend und ſo elend, als es ihr Schickſal mit ſich bringt. Es giebt de⸗ ren, die ſich ihre Gefälligkeiten zu ei— ner halben Unze*) bezahlen laſſen, — *) Acht Piaſter. 382 und als angebliche Wittwen ziemlich an⸗ ſehnliche Häuſer machen. Es giebt aber auch Mädchen zu einem Real, die an der Murella wohnen und an allen. Stra⸗ ßenecken zu finden ſind. Eine Mittel⸗ claſſe ſind die von zwei Piaſtern, bis zu einem halben herunter, deren Bekannt⸗ ſchaft man an der Puerta del Sol, im Prado u. ſ. w. zu machen pflegt. Viele von dieſen Mädchen haben wieder ihre beſoldeten Liebhaber oder Majos, mit denen ſie leben und unter deren Schutze ſie ſtehen. Die Freudenmädchen der beſſern Claſſe ſollen im Ganzen genommen äu⸗ ßerſt verführeriſche Geſchöpfe ſeyn. Ihre Lebhaftigkeit, ihre Talente, ihre gehei⸗ men Wiſſenſchaften— von allen ſpre⸗ chen die Dilettanten mit Begeiſterung. 38³ Was ſie indeſſen dem Beobachter am merkwürdigſten macht, iſt ihr Han⸗ del mit den ſogenannten Beichtzet⸗ teln*). Sie erhalten dieſe nehmlich von ihren geiſtlichen Freunden an Zah⸗ lungs ſtatt, um ſie wieder zu ihrem Be⸗ ſten verkaufen zu können. Der gewöhnliche Preis iſt ein Pia⸗ ſter, wiewohl man unmittelbar vor oder nach dem Termine immer etwas mehr geben muß. Auf dieſe Art pflegen un⸗ gläubige oder nachläßige Spanier, be⸗ ſonders aber ketzeriſche Ausländer, dem Bannſtrahle der Kirche mit weniger Mühe und wenigen Koſten zu entgehen. Möchten indeſſen Fremde, denen *) Siehe unten den eigenen Artikel davon. ihre Geſundheit lieb iſt, die Bekannt— ſchaft dieſer Mädchen in jeder Rückſicht vermeiden; um ſo mehr, da die Poli⸗ cey mit großer Strenge gegen ſie ver⸗ fährt. Zwar mag es einige geben, die wenigſtens die Tugenden ihres Hand— werks haben, und überdem unter dem geheimen Schutze eines Alcalden oder Alguazils ſtehen. Aber in der Regel dürften die phyſiſchen und ökonomiſchen Folgen eines ſolchen Beſuches, für den jungen Fremden ſehr ſchmerzhaft ſeyn. In der That, iſt die Policey in dieſer Rückſicht äußerſt thätig und hält häufige Hausſuchungen. Der Liebhaber ſetzt ſich immer einer Menge Verdrüß⸗ lichkeiten und ſicher einer Geldſtrafe aus; die Mädchen werden auf längere oder kürzere Zeit in die Real Caſa de Cor⸗ recion*) gebracht. Man verſichert, daß hier oft ſechs bis ſieben hundert Mäd⸗ chen zuſammen eingeſperrt ſind, wobei freilich an keine Beſſerung zu denke niſt. Wie traurig, daß unſere politiſchen Verfaſſungen in ewigem Widerſpruch mit den erſten Trieben der Menſchheit ſtehn, und daß die geſellſchaftliche Ord⸗ nung als Verbrechen beſtrafen muß, was die Natur ohne Rückſicht befiehlt! — — *) Das ehemalige Luſtſchloß San Fernando, einige Leguas von Madrid⸗ Faſten. Wer den Bigotismus einer gewiſſen Religionsparthey recht vollkommen ken⸗ nen lernen will, der muß unter andern auch während der Faſten in Madrid ſeyn. Es iſt zum Erſtaunen, was für eine Menge geiſtlicher Gaukeleien und andächtiger Ceremonien in dieſem Zeit⸗ punkte vorgenommen werden. Die Kirchthüren ſind alsdann mit lauter Plakaten bedeckt. Den oder je⸗ nen Wochentag wird hier der Bruder Antonio, der Dortor Tamagyo u. ſ. w. eine Predigt halten. Morgen wird hier auf Koſten des Duqve oder der Dugve⸗ ſa N. eine feierliche Meſſe geleſen, u. 387 ſ. w. geiſtliche Functionen aller Art wech⸗ ſeln unaufhörlich mit einander ab. Am unterhaltendſten ſind indeſſen die ſogenannten Miſionarios, die aller acht Tage aus einer Parochialkir⸗ che in die andere ziehen, und häufig, beſonders Sonntags Abends, auch an den Straßenecken zu predigen pflegen. Man muß ſie gehört haben, um ſich von ih⸗ rer heiligen Wuth einen Begriff machen zu können. Ihre kirſchbraunen Geſich⸗ ter, ihre heftigen Geſtikulationen, ihre brüllenden Töne— man glaubt einen Ra⸗ ſenden vor ſich zu ſehen. Dazu kommt dann der Inhalt ih⸗ rer Predigten ſelbſt, der im hohen Grade empörend iſt. Hier wird alles mit Na⸗ men genannt, alles aufs lebendigſte ab⸗ gemahlt; und die ſchändlichſten Anekdo⸗ Bb 2 388 ten und die ſcheußlichſten Verbrechen an⸗ dern hier mit klaren Worten erzählt. Aber das iſt es eben, was den gro— ßen Haufen zu dieſen Miſionarios hin⸗ zuziehen pflegt. Man betrachtet ſie als geiſtliche Marktſchreier, als religiöſe Co⸗ mödianten, die ihre Rolle ſpielen. Je mehr der Miſionario tobt, deſto mehr Leute bleiben vor ſeiner Bühne ſtehen. Man hoͤrt ihm zu, man tritt in die Nach⸗ barſchaft einer gefälligen Dona, und geht am Ende lachend davon. Zu keiner Zeit ſind übrigens die Kirchen ſo ſehr mit Betenden und Beich⸗ tenden angefüllt als in der Faſten, aber keine Zeit pflegt auch für detaillirte Lieb⸗ ſchaften günſtiger zu ſeyn. Man pflegt ſich, beſonders des Abends, in den Kir⸗ chen zu treffen, man begleitet das Via⸗ ticum und den Roſario, man macht dann und wann einen kleinen Umweg, und ſtellt eine geiſtliche Betrachtung an. Mit einem Worte, die Faſten ſind hier bei weitem nicht ſo ſtreng und trau— rig als mancher glauben mag. Man kauft ſich die gewöhnliche Bulle um zu eſſen, was einem gut dünkt, und man benutzt die ſogenannte Religion, um ſich zu divertiren ſo lange es dem Himmel gefällt.* Beurelſchneider. Man kennt den Rinconet und Cor⸗ tadillo von Cervantes, ſo wie den Gran Tacaſo von Qvevedo. Jenes iſt eine Gaunernovelle, dieſes ein Gau⸗ nerroman. Immer bleibt es bemerkens⸗ werth, daß die beſten komiſchen Romane der Spanier, meiſtens Gaunerromane ſind. Es iſt gewiß, daß es in Madrid eine Menge ſolcher induſtriöſen Geſchäftsleute giebt, und daß ein großer Theil der von Cervantes und Qvevedo beſchriebe⸗ nen Spitzbübereien, bloß mit kleinen Veränderungen, immer noch jetzt ver⸗ übt wird. Auf dieſe Quellen, beſonders 391 unſere Leſer verwieſen haben*). Eine originelle, und nicht minder gefährliche Claſſe von Gaunern, iſt un⸗ ter dem Namen Protektionsritter be⸗ kannt. Ein Fremder, ein ehrlicher»ein⸗ fältiger« Mittelmann aus der Provinz geht zum Beiſpiel auf der Puerta del Sol ſpazieren. Alles iſt ihm neu und unbekannt, er verräth ſich auf den er⸗ ſten Blick. Wie von ohngefähr geſellt ſich ein wohlgekleideter Herr mit einer wichtigen Mine zu ihm. »Woher mein Freund?— Wahr⸗ ſcheinlich Geſchäfte halber in Madrid?—« *) Siehe die„»Komiſchen Romane der Spanier von C. A. Fiſcher 1— 3 Theil, Leipzig bei Hartknoch. auf die letztere wollen wir denn auch »Bei dem und dem Collegio, nicht wahr?—« Ehe eine Viertelſtunde ver⸗ geht, hat er dem armen offenherzigen Manne ſein ganzes Geheimniß abge⸗ fragt. Eine ſchwierige Sache mein liebſter Freund— Eine äußerſt ſchwierige Sache — Ohne Freunde, ohne Protection wird es kaum möglich ſeyn.— Allmählig läßt er ihm nun merken, daß er in dem⸗ ſelben Collegio ſitzt, daß er den erſten Rath, oder den Präſidenten zum Freunde hat, und wie es ſich ſonſt am beſten ſchicken will. Der arme»Pretendientee dankt indeſſen ſeinem lieben Gott, dieſen bra— ven edelmüthigen Mann gefunden zu haben, und ſetzt nicht den geringſten Zweifel in ſeine Redlichkeit. Er wird 393 immer vertrauter immer offenherziger und erzählt ihm Roch mehr als er wiſ⸗ ſen will. Man beſchließt endlich zuſam⸗ men in eine Botelleria) zu gehen, und die Farce nähert ſich ihrer Entwik⸗ kelung. „Wiſſen Sie was, liebſter Freund?—« hebt endlich der Protector nach einer be⸗ denklichen Pauſe an—»Mir fällt ein Mittel ein!— Wenn ſie ein Paar Du. blonen daran wenden wollen, ſo kann ich ihnen morgen eine Audienz verſchaf⸗ fen!—«.»Von Herzen gern, und mei⸗ nen gehorſamſten Dank noch oben drein!—« Der Spitzbube nimmt die Dublonen und der arme Teufel mag zu⸗ ſehen, wo er die Audienz bekommt. *) Den igenen Artikel unten. 8 * Beichtzettel. Jeder gute Catholik muß wenigſtens einmal des Jahres, nehmlich zu Oſtern zum Abendmahl gehen, wofür er eine Beſcheinigung, oder einen ſogenannten Beichtzettel erhält. Damit das keiner unterlaſſe, geht jeder Pfarrer während der Faſten in ſeiner Gemeinde herum, und nimmt von allen communionsfähi⸗ gen Perſonen eine Liſte auf, nach wel⸗ cher alsdann die Beichtzettel eingefor⸗ dert werden. Wehe dem der keinen auf⸗ zuweiſen hat, er muß ſich zum wenig⸗ ſten einer Pönitenz unterwerfen. Indeſſen iſt es mit dieſen Beichtzet⸗ teln bei weitem nicht ſo gefährlich als 395 es ausſieht. Man kann ſie nehmlich nach Belieben, und beſonders bei den Freudenmädchen zu kaufen bekommen. Der gewöhnliche Preis iſt ein Pia⸗ ſter, doch pflegt er kurz vor dem Ter⸗ min zuweilen bis auf zwei zu ſteigen. Wer nur einige Bekanntſchaft hat, kann ſich dergleichen Zettel leicht durch die dritte Hand verſchaffen. Man ſchreibt ſeinen Namen ſelbſt hinein und kein Menſch nimmt weiter Notiz davon. Bei den meiſten religiöſen Ceremo⸗ nien kommt es überhaupt in Spanien bloß auf das Decorum an. Man muß das ÄArgerniß vermeiden, nach dem übrigen wird ſehr wenig gefragt. So iſt es z. B. auch mit dem Communiciren der walloniſchen Garden, und ſogenann⸗ ten Schweizerregimenter. Alle Solda⸗ 396 ken ſollen catholiſch ſeyn, gleichwohl ſind ſicher die meiſten Ketzer davon. Allein da man jeden Mann auf die Beichte u. ſ. w. als wenn es zum Dienſte ge⸗ hörte, zu exerciren pflegt, ſo beküm⸗ mert ſich weiter kein Menſch darum. Vergnügungen. Das geſellſchaftliche Leben in Madrid hat an und für ſich wenig Abwechſelung. Keine von den mannigfaltigen Unterneh⸗ mungen für das Vergnügen des Publi⸗ kums, wie man ſie 3. B. in London, Paris, Wien, Berlin, u. ſ. w. zu fin⸗ 4 den pflegt. Man iſt in Madrid auf Schauſpiele und Promenaden, Stierge⸗ fechte und Tertulias eingeſchränkt. Dann und wann kommen noch Taſchenſpieler, wie Pinetti, oder phyſikaliſche Gaukler, wie Bienvenü, ſelten Seiltänzer*) von ————— *) Volatines. 398 Paris und Bordeaux, und engliſche Be⸗ reuter von Liſſabon hierher. Allein dieſe anſcheinende Einförmig⸗ keit des geſellſchaftlichen Lebens, wird durch zwei große Gegenſtände, durch die Devotion und die Galanterie ins unendliche variirt. Alle religiöſen Feſte, Ceremonien u. ſ. w. werden hier als eine Art von Zeitvertreib angeſehen, und man geht in die Meſſe, in die Veſper u. ſ. w. wie in Paris auf den Boule⸗ vards. Keine Woche, wo nicht irgend ein ſolches Feſt einfiele, wobei man ſich vortrefflich zu divertiren weiß. Dabei muß freilich die Galanterie, um die ſich eigentlich das Ganze drehet, das Beſte thun. Die Weiber leben hier bloß, um zu beten und um zu lie⸗ 399 ben, und alle geiſtliche und alle welt⸗ liche Parthien werden nur durch Intri⸗ gue intereſſant. 40⁰0 Avantureros. In jenen Zeiten der Unwiſſenheit, wo Spanien gleichſam von dem ganzen ge⸗ bildeten Europa durch die Pyrenäen ge⸗ trennt zu ſeyn ſchien; pflegten eine Menge deutſcher, franzöſiſcher, italiäni⸗ ſcher und irrländiſcher Glücksritter in Madrid zuſammen zu ſtrömen. Pro⸗ jektmacher und Virtuoſen, militäriſche, politiſche, und artiſtiſche Windbeutel zo⸗ gen haufenweiß nach Spanien und er⸗ reichten größtentheils ihre Abſichten. Aber die Zeiten haben ſich geändert, die Spanier ſind aufgeklärter, vorſichti⸗ ger und mißtrauiſcher geworden, ſie wei⸗ ſen die meiſten Avantureros mit Ver⸗ achtung 4⁰1 achtung zurück. Dennoch pflegen noch immer genug von dieſen Leuten nach Madrid zu kommen, und ihren Geſand⸗ ten oft zur Laſt zu fallen. Daß indeſſen doch ums Himmelswil⸗ len niemand die thörichte Meinung hege, in Spanien ein plotzlliches Glück zu ma⸗ chen. Nicht einmal Fabrikanten oder Kaufleute, geſchweige denn Ärzte oder Künſtler haben Hoffnung dazu. Zwar hat man Beiſpiele, daß Doctoren, Mi⸗ niaturmaler und dergleichen, in kurzer Zeit große Summen erworben haben, aber man weiß auch, daß ihren gehei⸗ men Talenten das meiſte dabei zuge⸗ ſchrieben werden muß. Es iſt überall ſchwer ein ſogenanntes Glück zu machen, aber in Spanien, wo ſich alles gegen den Ausländer vereinigt, ſcheint es in Ec 4⁰² neuern Zeiten beinahe unmöglich zu ſeyn. Zwar weiß ich, daß es noch vor kurzem einige Ausnahmen gegeben hat; aber ich weiß auch, daß Heirathen, Religions⸗ veränderungen und andere geheime Um⸗ ſtände dabei im Spiele geweſen ſind. Botellerias. Gewölbe, wo Limonaden, Glacen, aus⸗ ländiſche Biere und dergleichen Del ka⸗ teſſen verkauft werden. Sie beſtehen ge⸗ wöhnlich aus einigen Zimmern wie un— ſere Italiänerkeller, und ſind im ganzen recht artig decorirt. Man kann gewiß ſeyn gute Geſellſchaft zu finden, und ſelbſt Frauenzimmer können mit aller Decenz erſcheinen. Es giebt dergleichen»Botelleri⸗ as e in allen Straßen, beſonders aber in der Calle de Alcala. Sie werden des Abends illuminirt, und man findet hãu⸗ fig Muſik darinn. In einigen ſollen Cc2 4⁰4 auch geheime Zimmer zu Hazardſpielen vorhanden ſeyn. Man pflegt die»Botellerias« beſonders in Geſellſchaft von denen zu beſuchen, die man mit irgend einer De⸗ likateſſe traktiren will. Es gehört als⸗ dann zum guten Ton ihnen das Theu⸗ erſte und Seltenſte anzubieten und die Stelle des Garcons zu verſehen. Ich warne den Fremden ſich vor den»Bo⸗ tellerias« zu hüten; die Preiſe pflegen entſetzlich zu ſeyn. 83 Viernes Santo. Der Charfreitag, den man in Madrid mit lauter frommen und wohlthätigen Handlungen zuzubringen pflegt. Man geht aus einer Kirche in die andere, hört ſoviel Meſſen als man hören kann, be⸗ ſucht die Hoſpitäler und Gefängniſſe und läßt überall Allmoſen zurück. Man klei⸗ det ſich ſo ſchlecht und beſcheiden als möglich, und alle Pracht ſcheint aus Madrid verbannt zu ſeyn. So vergeht der Vormittag, gegen ein Uhr folgt man der Prozeſſion aus San Luis, der Nachmittag wird in der Veſper und der Abend bei den heiligen Gräbern zugebracht. Hier giebt es oft 406 ſehr artige Dekorationen, Predigten, Trauercantaten, und fromme Zerſtreu⸗ ungen aller Art. Die Leſer errathen es— Die ſchwa⸗ che Erleuchtung des Vordergrundes und die ſchwärmeriſche Stimmung des Her⸗ zens— alles begünſtigt die Wünſche des Augenblicks. Wie manches ſchlaue Töch⸗ terchen weiß der ſtrengen Mutter, oder der andächtigen Duena zu entſchlüpfen, um den Schmerz über ihren gekreuzig⸗ ten Heiland, in den Armen eines zärt⸗ lichen Freundes zu vergeſſen! 407 Abanicos. Von der Königin bis zum Sträußer⸗ mädchen, alles trägt hier Fächer, oder Abanicos. Die blinden Zeitungswei⸗ ber, die Bettlerinnen an den Kirchthü⸗ ren, die alten lverkäuferinnen, jede hat ihren Abanico. Kein kleines Mäd⸗ chen geht in die Schule, ſie muß ihren Fächer bei ſich haben; kein altes Müt⸗ terchen wagt ſich zu einer Nachbarin, ſie nimmt ihren Abanico mit. Sei es Bedürfniß ſich abzukühlen, ſei es Koketterie oder Gewohnheit, der Fächer ſcheint den Spanierinnen unent⸗ behrlich geworden zu ſeyn. Unter ihren Händen ſieht man ihn zu einem Spiel⸗ werk der Grazien, zu einem Telegra⸗ phen der Liebe werden. Mit welcher 4⁰8 8. Kunſt, mit welcher Leichtigkeit wiſſen ſie nicht ihren Abanico zu brauchen! Wie⸗ viel Sinn, wieviel Bedeutſamkeit wiſ⸗ ſen ſie nicht in die verſchiedenen Bewe⸗ gungen deſſelben zu legen. Sie entwickeln alle Schönheiten ei⸗ ner niedlichen Hand, und eines reizen⸗ den Armes, ſie zürnen, ſie ſchmeicheln, ſie grüßen, ſie befehlen mit dem Fäch⸗ er; er iſt das Joujou der ſtudirteſten Koketterie, er wird der Dollmetſcher al⸗ ler ihrer Empfindungen. O geheimniß⸗ volle Abanicos! Wieviel könntet ihr verrathen! Welche Reize werden vor euch enthüllt! Von welchen Augenblik⸗ ken läßt man euch Zeuge ſeyn*)! *) Mehrere Damen nehmen die Fächer mit ins Schlafzimmer, und fächeln ſich damit bis ſte einſchlafen. 4⁰9 Der Handel mit dieſen Abanicos iſt beträchtlich, der Luxus auſſerordentlich. Mann kann deren zu allen Preiſen von einem Real bis zu dreißig Pia⸗ ſtern haben. Die Regierung hat da⸗ her alle ausländiſche Fächer weislich für Contrebande erklärt, und in Madrid eine eigene„»Fabrica de Abanicos« an⸗ gelegt. Wollt ihr euer Glück bei einer Spa⸗ nierin verſuchen, ſo gebt ihr Dulces oder einen Abanico, ohne euch zu beküm⸗ mern, ob die Sitte von den Gothen oder den Mauren herſtamme. Tertulia. Es kommt viel darauf an, in welcher Tertulia man geweſen iſt, um ſie lang⸗ weilig oder angenehm zu finden. Im Allgemeinen kann man ſicher das letzte annehmen, ſobald es nur keine Geſell⸗ ſchaft von Devoten iſt. Die Spanier haben ihre Beſuche in eine Art von Syſtem gebracht, das in⸗ deſſen jeder anſtändigen Freiheit keinen Eintrag thut. Das gilt beſonders von den eigentlichen Tertulias, oder den Abendbeſuchen. Bei dieſen finden eine Menge Regeln ſtatt, die ſich faſt nur durch den Gebrauch erlernen laſſen, und 411 dennoch pflegt man in allen dieſen Ter⸗ tulias ziemlich ungenirt zu ſeyn. Ein gut erleuchteter Saal, mit zwei Reihen niedriger Stühle, viel Herren in Fracks und noch mehr Damen in den neueſten Pariſer Moden; Spiel und Converſarion, Muſik und Voleros, Dul⸗ ces und Chocolade in Überfluß, das iſt in wenig Worten die Beſchreibung einer guten Tertulia, Die ſpaniſche Gravität iſt verſchwun⸗ den, man überläßt ſich der Fröhlichkeit ohne Zurückhaltung. Die Damen ſind agacirend, die Herren machen Bonmots und Wortſpiele, die bisweilen nur das Clima entſchuldigen kann. Keine Spur von ängſtlicher klöſterlicher Steifheit, zwiſchen beiden Geſchlechtern herrſcht die größte Vertraulichkeit. Die Tertulias ſind eigentlich für die Damen vom Hauſe gemacht. Hier präſidiren ſie als die Königinnen des Feſtes und nehmen die Huldigungen al— ler Mannsperſonen an. Es giebt ein Recht auf Zutrauen, Schutz und Em⸗ pfehlung ihr»Tertulianoc zu hei⸗ ßen, und es würde eine Beleidigung ſeyn, dieſe Freiheit nicht zu benutzen. San Juan. 3) Morgen iſt JIohannestag—« Die Nacht vorher pflegt ein wahres„ pervi- gilium Veneris« zu ſeyn. Alle Thürme, alle Häuſer ſind erleuchtet, alle Stra⸗ ßen mit Menſchen angefüllt, die ganze Stadt erſchallt von Muſik und Fröh⸗ lichkeit. Wer es nür irgend aufbringen kann, veranſtaltet ein Johannesfeſt. Man putzt das Vorhaus mit Spiegeln und Tapeten auf, man errichtet kleine Al⸗ täre, die mit Kränzen, Füllhörnern, u. ſ. w. geſchmückt ſind, und giebt ſei⸗ nen Freunden eine glänzende Abend⸗ mahlzeit. In größern Häuſern ſieht man 414 theatraliſche Dekorationen, Transpa⸗ rente u. ſ. w.; die Klöſter. erleuchten ihre Kuppeln, und laſſen die päbſtlichen Inſignien in brillantirtem Feuer bren— nen; die Wirthe der Botellerias und Tabernen wetteifern in komiſchen Illu⸗ minationen, mit einem Worte alles fei⸗ ert eine fröhliche Johannisnacht. Während die Vornehmen Bälle, Concerte und Comödien geben, ſind die Uffer des Manzanares und die Alleen nach der Florida, u. ſ. w. mit tauſen⸗ den von Spaziergängern angefüllt. Die milde Luft, das zauberiſche Mondlicht, die ſchwärmeriſche Sommernacht, alles begünſtigt mehr, als einen Genuß Man muß eine Johannisnacht in Madrid ge⸗ weſen ſeyn, um die Luſtigkeit der Spa⸗ nier kennen zu lernen. Der Johannestag ſelbſt wird unter gleichen Freuden zugebracht. Alle Kir⸗ chen ſind mit Tapeten behangen, über— all wird die Meſſe mit Muſik gefeiert; das Gedränge der geputzten Zuſchauer der heute keinen Nelken⸗ und Roſen⸗ ſtrauß, oder kein Körbchen mit Guin⸗ das*) bringt! Es iſt auf ewig um ſeine Reputation geſchehen. *) Die bekannten großen ſpaniſchen Kirſchen. iſt unbeſchreiblich. Wehe dem Cortejo, Begräbniſſe. E⸗ iſt Nachmittag um vier Uhr, die Glocken des Kirchſpiels lauten, aus der Ferne tönt ein dumpfer Klaggeſang, und man ſieht eine lange Prozeſſion von Kerzen tragenden Männern daher zie⸗ hen. Es iſt ein Begräbniß. Alle Todte, nur die Grandes aus⸗ genommen, werden hier in Mönchskut⸗ ten oder Nonnenkleidern begraben. Man kauft dieſe von den Klöſtern, für die es ein anſehnlicher Erwerbszweig iſt. Die Särge bleiben unbedeckt, der Todte hat einen Roſenkranz in der Hand.— Doch wir eilen ſchnell von dieſen traurigen Bildern hinweg. Z Zu größern Begräbniſſen werden eine Menge Kerzenträger gemiethet, das gewöhnlich Invaliden aus den Hoſpitä⸗ lern ſind. Dieſe ehrlichen Leute wiſſen dann ihre Kerzen ſo geſchickt ſchmelzen zu laſſen, daß ſie wenigſtens ein paar Unzen Wachs erbeuten, womit ſie auch einen ordentlichen kleinen Handel zu treiben pflegen. In Anſehung der Särge iſt man in Spanien bereits weit klüger geworden als in Deutſchland. Jedes Kirchſpiel hat nehmlich einen öffentlichen Gemein⸗ deſarg, der zu allen Begräbniſſen dient. Warum ſoll der Todte nicht eben ſo gut in bloßer Erde verfaulen können? Es iſt eine der unſinnigſten Holzverſchwen⸗ dungen, die man denken kann. Der Gottesacker iſt vor der Stadt D d 418 und das Begraben in den Kirchen ſchon ſeit funfzehn Jahren abgeſchaft, den⸗ noch werdenn der Geiſtlichkeit dieſelben Gebühren bezahlt.— Man ſieht, daß ſich der Prieſtergeiſt aller Orten gleicht. Theater. Man hat ſo lange von den Fehlern des ſpaniſchen Theaters geſyrochen, daß man endlich wohl einmal von der Ver⸗ beſſerung deſſelben reden darf. Nichts mehr von Autos Sacramentales, und den übrigen Albernheiten, die bis zum Eckel wiederholt worden ſind! Die fort⸗ ſchreitende Bildung der Nation iſt end⸗ lich auch an ihrem Theater zu bemerken; ſchon kann man Hamlet und Julius Cä⸗ ſar, Alzire, und Merope auf den ſpa⸗ niſchen Bühnen ſehen, eine Menge treff ⸗ licher Originalarbeiten, beſonders im komiſchen Fache, nicht zu gedenken. Doch wir wollen hier nicht von dem D d 2 420 ſpaniſchen Theater, ſondern von den Theatern in Madrid ſprechen. Es ſind deren zwei, das Theater del Prinripe, und das Theater de la Cruz. Jenes iſt das größte, hat aber einen ſehr unbe⸗ quemen ſchmutzigen Eingang, ein Übel⸗ ſtand, weshalb man dem zweiten beſſer gelegenen, gern den Vorzug giebt. Das Innere dieſer Schauſpielhäu⸗ ſer hat in der That etwas Kirchliches. Die Cazuela*), wohin nur verſchlei⸗ erte Frauenzimmer gehen, gleicht voll⸗ kommen einem Nonnenchor; die Apo⸗ ſentos**) erinnern unwillkührlich an eine Reihe Kirchenſtühle, und die Gra⸗ *) Eine Art Amphitheater. *½) Logen 421 das*) ſcheinen Sitze in einem Kirchen⸗ ſchiffe zu ſeyn. Außerdem iſt noch das Patio oder Parterre für gemeine Leute, und die Luneta oder das Parquet für das feinere Publikum vorhanden. Die Preiſe aller dieſer Plätze ſchei— nen verhältnißmäßig ſehr billig zu ſeyn. In der Luneta zum Beiſpiel werden acht Realen, auf den Gradas vier bezahlt, und ſo nach Verhältniß auf den übri⸗ gen. Bei dem Löſen der Billets findes eine ſonderbare Einrichtung ſtatt. Man hat nehmlich an drei Büreaus, an je⸗ des ein Drittheil zu bezahlen. Wahr⸗ ſcheinlich ſoll auf dieſe Art dem Unter⸗ *) Stufenweiß angelegte Sitze, zu beiden Seiten des Parterre. 422 ſchleife bei der Haupteinnahme vorge⸗ beugt werden. Übrigens iſt der Anfang des Schauſpiels nach den Monaten ver⸗ ſchieden. Von Oſtern bis Junius geht es anfangs um fünf, nachher um ſechs Uhr; im Julius um acht llhr, im Au⸗ guſt halb acht, im September um ſie⸗ ben, in den übrigen Monaten bis zur Faſtnacht um fünf bis ſechs Uhr an. Was den mechaniſchen Theil des Theaters anlangt, ſo hat man ſeit den letzten zehn Jah en gure Fortſchritte da⸗ rin gemacht. Die Dekorationen ſind moderniſirt, und die Verwandlungen ge⸗ ſchehen mit vieler Fertigkeit. Nur ſcheint die Erleuchtung noch immer zu ſchwach, und der Soufleur noch immer zu laut zu ſeyn. Die Schauſpieler ſelbſt habe ich bei weitem nicht ſo ſchlecht gefunden, als ich vermuthet hatte. Freilich in tragi⸗ ſchen Rollen ſchienen ſie mir äußerſt un⸗ natürlich zu ſeyn, aber in komiſchen ſpielten ſie wirklich meiſterhaft. Die Damen beſonders zeigen eine bezaubern⸗ de Leichtigkeit. Man ſollte nicht glau⸗ ben, wie gut ſich das Spaniſche zur Con⸗ verſation gebrauchen läßt, und wie an⸗ genehm es aus einem ſchönen Munde klingt. Am beſten gefallen die ſpaniſchen Schauſpieler freilich in den Saynetes, jenen kleinen Farcen, wo alles natio⸗ nal, alles Natur zu ſeyn pflegt. Dieſe werden mit einer Wahrheit, Lebendig⸗ keit und Laune geſpielt, die dem ſtreng⸗ ſten Richter nichts zu wünſchen übrig laſſen wird. Bei beiden Theatern, werden die Schauſpieler immer auf das Theater⸗ Jahr, von Oſtern bis Faſtnacht enga⸗ girt. Sie gehen ſehr oft von einem Thea⸗ ter zum andern über, wo es denn eben⸗ falls an Cabalen u. ſ. w. nicht zu feh⸗ len pflegt. Und hier iſt der Urſprung der Bei⸗ namen Polacos und Chorigzos zu ſuchen, womit die Akteurs der beiden Theater bezeichnet werden: daher auch die Ausdrücke: heute geben die Pola⸗ cos Merope, und die Chorizos den Hamlet. Außer dieſen beiden Theatern hat Madrid noch ein Operntheater:» El co- liseo de los Canios del Peral« das wö⸗ chentlich zwei Vorſtellungen giebt, und jetzt mit lauter ſpaniſchen Akteurs be⸗ 425 ſetzt iſt. In der Faſten werden hier auch Oratoriums, und dergleichen aufgeführt. Der Geſchmack an theatraliſchen Vorſtellungen hat außerdem noch eine Menge Privattheater verankaßt, die be⸗ ſonders in den Häuſern der Grandes ſehr prächtig ſind. Hier werden öfters allerliebſte kleine Stücke gegeben, die, was Witz und Laune betrifft, den beſten franzöſiſchen Nachſpielen an die Seite zu ſetzen ſind. Feria. Es iſt das Kirchweihfeſt, der Jahrmarkt, die Meſſe von Madrid, wie man es nennen will. Zu dieſer Zeit ſieht man alle Plätze, alle Straßen mit Waaren bedeckt, auf einer Seite die herrlichſten Meublen, die prächtigſten Stoffe, die koſtbarſten Bijouterien; auf der andern nichts als elenden Plunder, alte Schuhe, und Kleider, wurmſtichige Stühle, zer⸗ brochene Spiegel und dergleichen, mit Einem Worte, die ſonderbarſten Con⸗ — traſte aller Art, Hier ſteht ein modiſcher Tapeten⸗ händler, daneben hat ſich ein Antiquar mit alten Büchern etablirt; dort ſieht 427 man eine Menge prächtiger Vaſen, oder moderner Srutzuhren, und daneben wer⸗ den alte Pucheros oder geflickte Eymer verkauft. Wer nur irgend etwas zum Verkaufe finden kann, der bringt es auf die Feria, und ſollte es das letzte Stück aus einer Plunderkammer ſeyn. Während der Feria ſind denn auch alle Straßen von Madrid mit Menſchen angefüur; fünf Beguags um die Reſidenz ſtrömt alles herbei, um die Herrlichkei⸗ ten der Feria zu ſehen; neue Moden und neue Kleider datiren von der Feria her und die Cortejos und Eſtrechos ha⸗ ben während der Feria alle Hände voll zu thun, 3 Der Mittelpunkt aller dieſer Herr⸗ lichkeiten iſt die»Plaza de la Ce⸗ badac« wo zugleich der Natten⸗ und 425 1 Töpfer⸗Markt gehalten wird. Hier kann man Nachmittags alle Equipagen von Madrid um die Buden herumfahren ſe⸗ hen. Es gehört denn auch zum Rechte der Feria, Näſchereien und Spielzeuge zu kaufen, und noch ein wenig gefälli⸗ er als an andern Tagen zu ſeyn. 9 gen z y San Isidro. Am Ufer des Manzanares— ſagt die Legende— lebte ein frommer Bauers⸗ mann, der dem Herrn durch ſein andäch⸗ tiges Beten gefällig worden war. Ein— mal als der Manzanares die flache Ge⸗ gend überſchwemmte, warf ſich Iſidro auf ſeine Knie und flehte Gott um Rer⸗ rung an. Sogleich erſchienen zwei En⸗ gel, die ihn auf eine ſichere Anhöhe trugen, wo er ſo lange zu beten fort⸗ fuhr, bis das Waſſer völlig verlaufen war. Da er nun bald nachher mit Tode abging, ſo ward er canoniſirt, und zum Schutzpatron von Madrid erwählt. Das iſt der San Iſidro Labra⸗ 43⁰ dor, dem man jenſeits des Manzana⸗ res, angeblich auf jener wundervollen Stelle, eine Kirche erbaut hat, und deſ⸗ ſen Gedächtnißtag jährlich den funf⸗ zehnten Mai mit einer Prozeſſion ge⸗ neral gefeiert wird. Ganz Madrid wall⸗ fahrtet dann zur Capelle de San Iſi⸗ dro, um hier wenigſtens einen Nachmit⸗ tag zuzubringen. Es iſt eine von jenen religiöſen Luſtparthien, deren es hier faſt jede Woche giebt. Der Weg geht zum Thore de To⸗ ledo hinaus, das dann mit Tapeten und jungen Birken aufgeputzt iſt, ein Cale⸗ ſin jagt das andere, Kutſche auf Kut⸗ ſche, die ganze Straße iſt in buntem Getümmel mit Fußgängern angefüllt. So breitet ſich die Menſchenmenge über die Ebenen bis jenſeits des Manzana⸗ 431 res aus, wo Alleen und Wieſen ange⸗ legt ſind. Hier ſieht man Buden, Zelter, Fruchtverkäufer, u. ſ. w. was keiner Be⸗ ſchreibung bedarf; auf einer Bühne wird eine Art von Auktion mit Eßwaaren angeſtellt, und an mehrern Orten wer⸗ den geputzte Hammel ausgeſpielt. Alles lagert ſich im Grünen, und trinkt die Geſundheit des heiligen Iſidro, man ſpielt, man tanzt, man ſchlägt den Ballon;— es ſieht mit einem Worte, wie eine deutſche Vogelwieſe aus. Weiber. „In Spanien ſind die Weiber Köni⸗ ginnen!«— pflegte ein witziger Fran⸗ zoſe zu ſagen. Wahrſcheinlich wollte er von ihrem Stolze, ihrer Herrſchſucht, und ihrer Unabhängigkeit ſprechen. Um die Spanierinnen ſchön zu fin⸗ den, muß man erſt an den ſüdlichen Charakter gewöhnt ſeyn. Man muß dieſe brennenden Augen, dieſe gelbliche Bläſſe, dieſe Feinheit des Baues, und dieſe wilde Lebhaftigkeit der Bewegun⸗ gen, nicht mehr mit den Roſen und Li⸗ lien, und nicht mehr mit der üppigen Fülle, und der Sanftheit nördlicher Schönen vergleichen. Aber dann wird man 433 man auch der ſchwärmeriſchen, feurigen, wolluſtathmenden Spanierin volle Ge— rechtigkeit widerfahren laſſen. In ihren frühern Jahren beſonders pflegen die Spanierinnen äußerſt bezau⸗ bernde Geſchöpfe zu ſeyn. Jene holde Miſchung von Temperament und Zu⸗ rückhaltung, von Verſchämtheit und Leichefertigkeit, machen ſie zu den ange— nehmſten Mädchen, die man ſehen kann. Aber auch ſelbſt in reifern Jahren wiſ⸗ ſen ſie immer durch ihre niedlichen For⸗ men, durch ihre reizenden Arme, durch ihre unnachahmliche Lebhaftigkeit, und durch ihren unerſchöpflichen Witz zu ge⸗ fallen. Schade, daß dieſe bezaubernden Ei⸗ genſchaften mit einer Heftigkeit, mit ei⸗ nem Egoismus und einer Herrſchſucht Ee 44 verbunden ſind, die dem Charakter der ſchönen Weiblichkeit völlig entgegen ſte⸗ hen. Bei den Spanierinnen iſt alles wild und ungeſtüm, alles Laune und Eigenſinn. Sie empfinden durch lauter Extreme, und gehen unaufhörlich von einem zum andern über. Alles oder nichts, ihr Charakter kennt keine Mäßi⸗ gung. Dergleichen Weiber ſind gewiß nicht für die Ehe gemacht. Die Spanierin ſieht ihren Liebhaber als ihren Bedien⸗ ten, ihren Mann als ihren Leibeigenen an. Von jenem fordert ſie Geſchenke, Aufmerkſamkeiten, Servicios aller Art; von dieſem daſſelbe und ihren Unterhalt obendrein. Es mag Ausnahmen, es mag edle ſpaniſche Weiber geben, deren Treue und Heroismus Bewunderung erregte. 435 und Anhänglichkeit, deren Aufopferung Ich weiß es und laſſe ihnen Gerechtig⸗ keit widerfahren, aber ich weiß auch, „ eine Spanierin eine vortreffliche Frrhndin ſeyn, und einen Mann als Geliebte und Gattin doch nicht glück⸗ lich machen kann. Mit unſern Landsmänninnen ver⸗ glichen ſcheint demnach der Vorzug der erſten entſchieden zu ſeyn. Überdem ha⸗ ben die Spanierinnen im Allgemeinen nur wenig von jener holden Sittſam⸗ keit, die die ſchönſte Eigenſchaft eines Weibes iſt. In ihrem Anſtande, ihrem Tone, ihrem Betragen liegt ein gewiſ⸗ ſes Etwas, das eben keine Neigung zum Platonismus verräth. Wie könnte man ſie mit einem Worte cha⸗ E e 2 436 rakteriſiren? Es ſcheint eine eigene Gattung männlich-weiblicher Weſen zu ſeyn. Guia de Forasteros. Der gewöhnliche Hof⸗ und Adreßkalen⸗ der; den der Miniſter Reſident von⸗ 2 Schwarzkopf in ſeinem bekannten ſchätzbaren Werke über Staats⸗ und Adreßkalender hinlänglich beſchrieben hat. Der Fremde wird mehrere brauchbare Notizen darin finden, beſonders wenn er in Ämtern ſtehende Gelehrte aufſu⸗ chen will. Die Guia erſcheint in Ta⸗ ſchenformat mit einem vorangebundenen Kalender und iſt in der Imprenta Real für acht Realen zu haben. San Antonio. An dem Feſttage dieſes berühmten Pa— trons von Spanien und Schutzheiligen aller Schneider, findet auch eine eigene Ceremonie mit Pferden und Maulthie⸗ ren ſtatt. Sie werden nehmlich in der Kirche de San Antonio eingeſegnet, um das ganze Jahr vor Krankheiten und Unglücksfällen geſchützt zu ſeyn. Den ganzen Vormittag ſieht man demnach eine Menge Kutſcher mit ihren geputzten Pferden und Maulthieren an der Kirche halten. Jeder hat einen Co⸗ lemin Gerſte bei ſich und alle warten mit Sehnſucht auf die Einſegnung. Der Monch erſcheint, die Thiere und die 439 Gerſte werden eingeſegnet, und die Kut⸗ ſcher galoppiren im Triumphe davon. Von der Gerſte fällt indeſſen die Hälfte der Kirche zu. Nachmittags nach der Sieſta findet nun die eigentliche Feierlichkeit ſtatt. Es wird nehmlich theils um die Kirche de San Antonio, theils in den benachbar⸗ ten Straßen eine Art von Kutſchen- und Pferde⸗Prozeſſion gehalten, die in ih. rer Art eben ſo feſtlich als jede andere iſt. Kutſcher, Bediente und Equipagen, beſonders aber die Maulthiere müſſen dann aufs Beſte herausgeputzt ſeyn. Man weetteifert in den geſchmackvoll⸗ ſten, und geſchmackloſeſten Verzierungen, es iſt ein eigentliches Maulthierfeſt. Nie wird bei den Poſamentiren und Satt⸗ 440 lern ſoviel Arbeit beſtellt; nie haben die Maulthierſcheerer ſoviel zu thun, als die letzten acht Tage vor San Antonio. Es iſt in der That für einige Mi⸗ nuten ſchon der Mühe werth, dieſe Pro⸗ zeſſion mit anzuſehen. Die Kutſcher in ihren bordirten Gallaröcken mit langen ſteifen Zöpfen, glänzenden Courierſtie⸗ feln, und breiten ſilbernen Sporen, mit einer ſo frommen gravitätiſchen, diplo⸗ matiſchen Miene, als ob ſie das Via⸗ tikum kutſchirten*). Auch ſcheint un⸗ ter dieſen aſturianiſchen Phaetons**) ein Point d'Honneur zu herrſchen, wie man *) Sie fahren nicht vom Bocke, ſondern al⸗ les auf engliſche oder polniſche Art. **) Zu Kutſchern werden in Meadrid faſt laltter Aſturianer genommen. es kaum bei den ſechzehnahnigen Kut⸗ ſchervirtuoſen in England oder in Deutſch⸗ land finden kann. So langweilig dieſe Prozeſſion im Grunde auch immer ſeyn mag; durch die Zuſchauer auf den Balcons, und in den Straßen wird ſie für unſere Erz⸗ Madrider eine äußerſt unterhaltende Feierlichkeit. Man ſieht ſich; man kri⸗ tiſirt ſich; man läßt die Kutſcher und Maulthiere die Muſterung paſſiren; man wirft ſich Dulces und kleine Oran⸗ gen zu; man hat irgend eine Intrigue, irgend eine Galanterie im Gange— mit einem Worte, man divertirt ſich zu Ehren des heiligen Antonio. Diario de Madrid. Das Intelligenzblatt, wovon täglich ein halber Bogen erſcheint. Es enthält auſ⸗ ſer den gewöhnlichen Nachrichten, auch noch kleine vermiſchte Aufſätze, Gedichte, u. ſ. w. Für den Fremden iſt es in manchem Betracht von großer Wichtig⸗ keit. So findet er z. B. eine Menge Nach⸗ richten darin, die ihn perſönlich intereſ⸗ ſiren, als Chambres garnies, Fondas, Schauſpiele, Stierhetzen, feierliche Ro⸗ ſarios, Bücher, u. ſ. w. unter denen er wählen kann. Eben ſo ließt er eine Menge»Noticias Sueltas« die für die 443 Kenntniß von Madrid ſelbſt, nicht un⸗ wichtig ſind. Dahin gehören die vielen dienſtſu⸗ chenden Bedienten, Schreiber, Pagen u. ſ. w. die alle aus den nördlichen Pro⸗ vinzen nach Madrid ſtrömen; die vielen Ammen, die theils geſucht werden theils ihre Dienſte anbieten; die Menge ver⸗ lohrner Meßbücher, geſtohlner Roſen⸗ kränze, Crucifixe, Schnallen, u. ſ. w. was gewöhnlich in den Kicchen vorzu⸗ fallen pflegt; die vielen Perſonen, die ihr Logis mit einer andern Famiſſe zu theilen wünſchen, was den Mangel an kleinen Wohnungen beweißt; die große Anzahl verlaufener oder verlohrner Kin⸗ der, für die jedoch gegenwärtig ein ei genes Büreau errichtet worden iſt, u. ſ. w. Alle dieſe, dem Anſchein nach ſehr un⸗ 444 bedeutende Notizen können dennoch auf manche Betrachtung führen. Man findet das Diario in den Caf⸗ fehäuſern und Botellerias, kann es aber auch für wenige Qvartes in den dazu beſtimmten„Puestos del Diario« Eau⸗ fen. Umgang beider Geſchlechter. Daß doch Niemand mehr von ſpani⸗ ſcher Eiferſucht oder von Unterwürfig⸗ keit der ſpaniſchen Weiber ſpreche! In Spanien haben die Geſchlechter die Rol⸗ len getauſcht, nicht die Männer, die Weiber ſind hier der herrſchende Theil. Das wird am deutlichſten, wenn man die häuslichen Verhältniſſe derſel⸗ ben, und, was beſonders hierher gehört, das Syſtem ihres Umgangs ſtudirt. Al⸗ les iſt darauf berechnet, die Männer in einer gewiſſen Unterwürfigkeit zu erhal⸗ ten, alles, ſelbſt der größte Theil der geſellſchaftlichen Spiele hat im Grunde nur dieſen Zweck. Cortejos und San⸗ 2 446 tos, Eſtrechos und Aos! Wieviel Beweiſe von der Herrſchaft der Weiber und von der Gefälligkeit der Männer! Wieviel ſonderbare Tittel, um ſogar ſpielend eine Huldigung zu erzwingen die immer nützlich und immer ſchmei⸗ chelhaft iſt. Die Cortejos und ihre Pflichten ſind bekannt. Man mag ſie als Haus⸗ freunde oder als titulirte Kammerdiener betrachten.— Jedermann ſieht, daß der Vortheil auf der Seite der Weiber iſt. Folgen die Santos, wobei ſogar die Religion mit in das Spiel gekom⸗ men iſt. Am Weihnachtsabend werden nehmlich die Namen eines Herrn und einer Dame, jeder mit dem Namen ei⸗ nes Heiligen nach Art einer Claſſen⸗ Lotterie gezogen. Oer Herr muß dann 447 dem Heiligen der Dame und ſie dem ſeinigen das ganze Jahr hindurch eine beſondere Verehrung bezeugen. Der Herr iſt indeſſen viel zu galant, um dies anzunehmen, wiewohl ſeine Ver⸗ pflichtung ihre völlige Gültigkeit behält. Von noch praktiſcherm Nutzen ſind die ſogenannten Eſtrechos. Es iſt ein Paar, deren Namen bei einer ähnlichen Verlooſung in der drei Königsnacht zu⸗ ſammen gezogen worden ſind. Die Dame hat dadurch einen beſtimmten Anbeter, einen verpflichteten Liebhaber mehr be⸗ kommen, deſſen Verbindlichkeit ſich auf das ganze folgende Jahr erſtreckt. Etwas ähnliches ſind auch die ſoge⸗ nannten Aüos, nur daß ſie in der Neu⸗ jahrsnacht gezogen werden. Immer 448 kommt es auf Dienſte, Aufmerkſamkei⸗ ten, Geſchenke u. ſ. w. heraus. Es ſind Spiele, wer wollte pedan⸗ tiſch genug ſeyn um ſich darüber zu er⸗ eifern? Es ſind ſogar ſehr angenehme Spiele, bei denen es äußerſt luſtig zu⸗ geht. Die Namen werden mit Segue⸗ dillas herausgezogen, und die ſonder⸗ bare Zuſammenfügung der Paare giebt zu tauſend Scherzen Gelegenheit. Aber bei allen dieſen Frivolitäten iſt doch der geheime Despotismus der ſpaniſchen Weiber nicht zu verkennen. Es iſt der alte Geiſt der Chevalerie, wiewohl allerdings ſehr kleinlich moder⸗ niſirt. Dort fochten die Ritter für ihre Gebieterin, hier bringen ſie ihrem Hei— ligen einen Blumenſtrauß; dort weihten ſie ihnen ihre eroberten Fahnen, hier machen 449 machen ſie ihnen Geſchenke mit Dulces; dort opferten ſie ihnen ihr Leben, hier häufig ihre Dublonen auf.— Man muß ein junger ſpaniſcher Stutzer ſeyn, um dieſe Galanterien zu ſchätzen und dieſe ſelaviſche Abhängigkeit ertragen zu können. F f . 45⁰ Allerſeelenfeſt. Für die Seelen im Fegfeuer!— Man kennt dieſes Dogma, man weiß daß es das einträglichſte eines gewiſſen Syſte⸗ mes iſt. Natürlich muß auch das Aller⸗ ſeelenfeſt mit der größten Wichtigkeit begangen werden. Schon den Abend zuvor— Alles ſcheint mit großer Menſchenkenntniß be⸗ rechnet zu ſeyn. Die Grüfte in den Kir⸗ chen werden geöffnet und mit unzähli⸗ gen Lichtern beſetzt; die Wände ſind mit ſchwarzen Tuch beſchlagen, und man hat Altäre errichtet, an denen das Miſerere geſungen wird. In heiligem Enthuſiasmus ſtrömt V 451⁷ nun von allen Seiten die fromme Menge herbei. Jeder hat Verwandte und Freun⸗ de, deren Seelen er aus dem Purgato⸗ rio erlöſen muß. Man geht aus einer Kirche in die andere, kniet bei allen Grüften nieder, betet Aves über Aves, und läßt ſich alle Stolas zum Küſſen reichen, ohne den vergiftenden Leichen⸗ duft zu achten, der einen vielleicht ſelbſt ganz unvermuthet in das gefürchtete Purgatorium bringen kann. Indeſſen man hat eine Menge Indulgenzen ge⸗ wonnen, und ſo wird es am Ende doch wohl noch auszuhalten ſeyn. 3 Die Weiber zeigen ſich auch bei die⸗ ſer Gelegenheit als die eifrigſten Bete⸗ rinnen, ein Umſtand der einen Ketzer zu der unſchuldigen wiewohl immer ver⸗ ruchten Bemerkung veranlaßte: daß der Ff 2 4⁵³ ganze Catholicismus auf eine Weibs⸗ perſon gegründet, und durch lauter Wei⸗ berſeelen erhalten wird. Am andern Morgen, als dem ei⸗ gentlichen Feſte, fängt dieſe fromme Be⸗ ſchäftigung von neuen an. Die Kirchen ſind durchaus ſchwarz behangen, die Grüfte abermals geöffnet, die Geiſtli⸗ chen beſchäftigter als bei irgend einer andern Gelegenheit. Überall ſieht man deren, die ſtille Meſſen leſen, Beichte ſitzen u. ſ. w. Mehrere haben ſich un⸗ ter die gläubige Menge vertheilt und geben für einige Qvartes ihre Stolen zu küſſen und dergleichen religiöſe Künſte mehr. In der Mitte der Kirche ſteht eine Todtenbahre, die mit Lichtern beſetzt iſt. An der einen Ecke ſind hölzerne Seelen 453 angebracht, die bis an den Leib in ent⸗ ſetzlichen, doch zum Glück nur gemahl⸗ ten Flammen ſtehen. So plump auch Bild und Sache immer ſeyn mag, der fromme Haufe wird doch dadurch ge⸗ rührt. Mitleidig reicht man ſeine Gabe hin, in der Hoffnung einmal dieſelbe Wohlthat zu erhalten, und ruhiger über⸗ läßt man ſich den ſüßen Vergehungen, die man doch einmal, nolens volens im Purgatorio büßen muß. So bricht der Abend an, und alles kehrt nun zu der vorigen Fröhlichkeit zurück. Man hat den armen Seelen ihr Recht gethan, ſie müſſen nun längſt im Paradieſe angekommen ſeyn. Unter Scherzen wird das gewöhnliche Aller⸗ ſeelengericht*) verzehrt, und wer *) Feiner Mehlbrei mit Butter und Anis. 454 den ganzen Tag noch nicht geſündigt hat, der bereitet ſich gewiß noch Abends ein Paar Monat im Purgatorio. Danz. Die ſüdlichen Nationen ſind zum Tanze gebohren, und drücken die ſchönſten Ge⸗ heimniſſe der Sinnlichkeit damit aus. Auch in Spanien tanzt alles mit Leiden⸗ ſchaft; auch die ſpaniſchen National⸗ tänze ſcheinen nichts als Pantomimen der Wolluſt zu ſeyn. Wir ſind im Theater, die Gruppen dehnen ſich aus, überall werden die Gui⸗ tarren geſtimmt.— bald ertönt die ſanfte Seguedilla im ſchmachtenden Sehnen der Zärtlichkeit. Der Tänzer läßt ſeine Wünſche errathen; während ihm die Tänzerin mit Entzücken entgegenkommt. Aber plötzlich geht die ſanfte Melo⸗ die in das raſche Leben des Volero über*). Ihre Arme breiten ſich aus, ihre durſtigen Lippen öffnen ſich. Schon begegnen ſich ihre Küſſe, ſchon berühren ſich ihre Gewänder— ach umſonſt— unentſchloſſen, verſchämt weichen ſie beide zurück.— Eine Pauſe hält ſie bewe— gungslos, bis die Muſik ihre Schritte von neuen fortreißt. Zärtlicher ſchwebt ſie ihm entgegen, feuriger fliegt er auf die Geliebte zu. *) Ich habe mich nicht enchalten können, die Schilderung dieſes ſchönen Tanzes noch einmal zu wagen. Wer ſich die Mühe ge⸗ ben will die Beſchreibung deſſelben in der erſten und dann wieder in der zwei⸗ ten Auflage meiner Reiſe mit der obigen zu vergleichen, der wird vielleicht dieſen abermaligen Verſuch nicht für überflüßig halten. Ihre Blicke werden begeiſterter, ihre Be⸗ wegungen heftiger, jede Muſkel zittert vor Leidenſchaft. Schon klopfen ihre Herzen zuſammen, ſchon ſcheinen ſich ihre Augen vor ſüßem Entzücken zu ſchließen.— Ach vergebens!— Noch einmal weicht ſie mit holder Schaam zurück. Eine zweite Pauſe hält ihre Empfindungen auf; bis ſie der Wonne⸗ rauſch plötzlich von neuem ergreift. Schneller erhebt ſich die Muſik, ſtürmiſcher rauſchen die Saiten, und be⸗ flügelter folgen ihre Schritte nach.— Entflammte Blicke— Bewegungen die die Wolluſt rufen— Lippe an Lippe, Beuſt an Bruſt gepreßt!— Aus allen Tönen, aus allen Bewegungen ſpricht der Wonnerauſch der ſie vereinigt hat. Jede Muſkel drängt ſich zum Genuße, jeder Augenblick fliegt dem ſüßeſten zu. Aber jetzt, jetzt!— Eine hinſter⸗ bende Pauſe kündigt den Augenblick des höchſten Entzückens an. Das Orcheſter verſtummt, der Vorhang ſenkt ſich her⸗ unter, das ſchöne Paar verſchwindet in ſüßer Ermattung, und ein rauſchendes Getümmel feiert den Sieg der Zärtlichkeit. O Weiber von Madrid! In die⸗ ſen Augenblicken ſeid ihr allmächtig! Eure ſchmachtenden Augen, eure ver⸗ führeriſchen Lippen, dieſer klopfende Bu⸗ ſen, dieſe zauberiſchen Bewegungen des ſchönſten Körpers! In welcher Sprache fände man Worte dafür*)! *) Hierber gebört folgendes Werk: Colec- cion de las mejores coplas de seguedil- las, polos, y tiranas, para cantar â la. guitarra, divididas en cinco clases, con un discurso preliminar sobre el bayle es- paflol y música nacional. Sec. edic. 1799 8. bei Castillo 6 Realen, 459 Außer dieſen Nationaltänzen, wo⸗ zu es keiner Vorbereitung, keines Auf⸗ wandes bedarf, werden auch bei Privat⸗ bällen engliſche und franzöſiſche Tänze, und ſeit kurzem ſogar deutſche Wal⸗ zer getanzt. Bei ſolchen Bällen kann man die ſpaniſche Galanterie in ihrer ganzen Stärke kennen lernen. Die Männer be⸗ dienen ihre Schönen auf den Knien, und ſetzen ſich dann zu ihren Füßen auf die Matten nieder;— man glaubt mitten in Arkadien zu ſeyn. —— Nachrichrt. Von dem Verfaſſer dieſes Werkes wird künftiges Jahr erſcheinen Gemaͤlde von Valencia. Da auch das große Werk von dem be⸗ rühmten Cavanilles dabei benutzt werden ſoll: ſo wird es wegen der vie⸗ len neuen Bemerkungen über die ſchöne ſüdliche Cultur dieſes reizenden Landes, auch für Botaniker und Hkonomen ſehr wichtig ſeyn. * — —— E