Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Oftmann in Gießen, „Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Seſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. ÜUnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 6—.————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 feſtgeſetzt und wird das ſeiterwntl wird gen, welche die⸗ ben. Der Wald von Rennes. Roman von Paul Feval. Deutſch von Louis Fort. Erſter Band. Keipzig. Berger's Buchhandlung. 1846, Prolog. I. Der Klaggeſang. Der Reiſende, welcher von Paris nach Breſt geht, von der Hauptſtadt des Landes nach der erſten Seeſtadt deſſelben, ſchläft zweimal und erwacht zweimal unter den Stößen der Diligence, ehe er die mageren Felder, die verkümmerten Aepfelbäume und die aſtloſen Eichen der dürf⸗ tigen Bretagne erblickt. Er erwacht das erſte Mal in den fruchtbaren Ebenen von Perche nahe bei Beauce, dieſes Paradies der Mehlhändler; er ſchläft wieder ein von dem ſäuerlichen Dufte des Ciders der Orme verfolgt und von dem näſeln⸗ den Patois der Bewohner der Niedernormandie. Am andren Morgen hat ſich die Gegend verän⸗ dert; Vitré, die gothiſche Mumie, hängt mit ſeinen ſchwarzen Häuſern und den Ruinen ſeines Schloſſes an dem ſteilen Abhange eines Berges; man ſieht weite Auen, die hin und wieder mit Weiden und Gebüſch bepflanzt ſind, und durch welche die Vilaine in tauſend phantaſtiſchen Krümmungen ihr blaues Band windet. Der geſtern noch blaue Himmel iſt grau geworden, der Horizont iſt beſchränkt, und die Luft iſt mit feuchten Dünſten geſchwängert, welche den Re⸗ ſpirationsapparat beläſtigen. In der Ferne rechts, hinter einer Reihe dürrer, mit Ginſter bewachſener Hügel, erblickt man eine ſchwarze Linie; dies iſt der Wald von Rennes. Der Wald von Rennes iſt von ſeiner früheren Berühmtheit ſehr herabgeſunken; der Bedarf der Induſtrie hat ſeit fünfzig Jahren unter ſeinen ſchönen Bäumen eine fürchterliche Niederlage an⸗ gerichtet. Die Herren von Rohan, von Mont⸗ bourcher, von Chateaubriand jagten früher hier, in Geſellſchaft der eingeladenen Herren von Laval, und des königlichen Intendanten, den man gern entbehrt hätte. Jetzt ſchießen kaum noch die Gehülfen der Hammerwerksbeſitzer von Zeit zu Zeit auf dem Anſtande ein dürftiges Häslein oder ein mageres Reh, das der Spleen dahin bringt, ſich dieſem unwürdigen Tode auszuſetzen. Man hört nicht mehr unter dem Laubdache des Waldes die lauten Fanfaren; der Huf der edlen Pferde zerſtampft nicht mehr den Raſen der lan⸗ gen Alleen; Alles ſchweigt, mit Ausnahme der t Hämmer und des eyelopiſchen Stöhnens des Blaſe⸗ balgs. Manche Leute reiben ſich die Hände beim Anblick dieſes Reſultats; ſie ſagen, daß die Schlöſſer keinen Nutzen hatten, und daß die Fabriken allein die Welt beglücken. Wie dem auch ſei: anſtatt einiger Quadrat⸗ kilometer, die zum größten Theil ausgerodet ſind oder aus Holzſchlägen beſtehen, hatte der Wald von Rennes vor hundertfünfzig Jahren acht gute Stunden im Umkreis, und war mit ſo hohen und ſo dichtſtehenden Bäumen bewachſen, daß die Förſter ſelbſt ſich darin verirrten. Anſtatt der Fabriken fand man nur Holzſchuhmacher, und in den Kaſtanienſtrichen einige Hütten, in denen Faßreifen verfertigt wurden. Auf den lichten Stellen ſtanden Gruppen von zehn bis zwölf eben ſo elenden Wohnungen der Kohlenbrenner, von denen es eine bedeutende Anzahl gab, und man nahm an, daß die Bevölkerung des Wal⸗ des nicht unter vier bis fünftauſend Seelen hetrug. Es war eine abgeſchloſſene Kaſte, ein halb⸗ wildes Volk, gehorene Feinde jeder Neuerung und theils aus Inſtinkt, theils aus Intereſſe jede andre Herrſchaft haſſend, als die alte Ge⸗ wohnheit, die ihnen ein Recht auf die unbe⸗ ſchränkte Benutzung aller Produkte des Waldes gab, mit Ausnahme des Wildes. Seit undenk⸗ lichen Zeiten war den Holzſchuhmachern, Bött⸗ chern, Kohlenbrennern und Korbmachern nicht allein ſelbſt das Wort Abgabe unbekannt ge⸗ blieben, ſondern ſie hatten auch ungehindert und ohne irgend eine Entſchädigung das zu ihrem Gewerbe benöthigte Holz aus dem Walde ge⸗ nommen. Ihrer Ueberzeugung nach war der Wald ihr rechtmäßiges Erbtheil; ſie waren darin geboren, ſie hatten das unbeſtrittene Recht, darin zu leben und zu ſterben. Wer ihnen dieſes Recht ſtreitig machen wollte, den hielten ſie für einen ungerechten Unterdrücker. Sie waren aber keines⸗ weges Leute, die ſich ohne Widerſtand unterdrücken ließen. Ludwig XIV. war geſtorben, und Philipp von Orleans hatte ſich, dem königlichen Teſtament entgegen, die Regentſchaft angemaßt. Obgleich dieſer Fürſt, über welchen die Geſchichte ein ſtren— ges und gerechtes Gericht gehalten hat, die große Politik ſeines Vorgängers in Vergeſſeuheit zu bringen ſuchte, ſo beſtand dieſe Politik doch durch ihre eigene Kraft überall, wo ungeſchickte oder treuloſe Hände ſie nicht mit Willen heimlich un⸗ tergruben. In der Bretagne hatte der lange und tapfere Widerſtand der Stände ſein Ende erreicht. Ein Intendant der Abgaben war in Rennes eingeſetzt, und der gewaltſam abgeän⸗ derte Vereinigungsvertrag hatte nichts mehr von den ſtolzen Bedingungen zu Gunſten der Frei⸗ heiten der Provinz. Die bretagniſche Parthei ———— — —-— war alſo beſiegt, die Bretagne war Frankreich geworden, es gab keine Grenze mehr. Aber es iſt etwas Anderes, eine Maßregel in parlamentariſcher Verſammlung bewilligen, und ihr bei einem Volke Eingang verſchaffen, deſſen Hartnäckigkeit zum Sprüchwort geworden iſt. Herr von Pontchartrain, der neue königliche In⸗ tendant der Abgaben, war in beſter Form in ſein Amt eingeſetzt worden, aber er mußte auch ſeinen Auftrag ausführen, und dies war keine leichte Aufgabe. Allgemein beſchuldigte man die Stände der Pflichtverletzung, überall leiſtete man Widerſtand. Die Geſellſchaft der„bretagniſchen Brüder,“ die ſich zur Vertheidigung der Freihei⸗ ten der Provinz gebildet und die eigentlich keinen politiſchen Zweck mehr hatte, exiſtirte noch immer und war im Geheimen thätig. Es iſt das Eigenthümliche dieſer geheimen Verſammlungen, ſich gleichſam ſelbſt zu überleben; die Freimaurerei wird, obgleich ſie ſchon geſtorben i*ſt, länger leben, als wir. Die bretagniſchen Brüder verweigerten anfangs mit den Waffen in der Hand die Ab⸗ gaben; dann gaben ſie, obgleich immer prote⸗ ſtirend, nach. Zwanzig Jahre nach der Zeit, in welcher die Ereigniſſe vorfielen, die wir mittheilen wollen, und welche den Prolog unſerer Erzäh⸗ lung bilden, werden wir ihre Spuren wieder⸗ finden. Die Liebe zum Geheimnißvollen liegt in der Natur des Menſchen. Die geheimen Ver⸗ — 10— ſammlungen ſterben nur vor Alter, und der Himmel weiß, wie lange ihr Alter dauert! Im Jahr 1719 hatten ſich faſt alle Edelleute von der Verbindung zurückgezogen, aber ſie be⸗ ſtand noch, lebendig und unvertilgbar, unter den Bewohnern der Städte und Dörfer fort. Was von adeligen Brüdern übrig geblieben, war der Gegenſtand einer wirklichen Verehrung. Die Schlöſſer, in welche ſich dieſe hartnäckigen Ver⸗ theidiger der Unabhängigkeit verſchanzten, wurden die Mittelpunkte, um die ſich die Unzufriedenen ſammelten. Sie waren vielleicht nicht mehr mächtig genug, um etwas Großes zu unterneh⸗ men, aber ihre Oppoſition— man verzeihe uns den Anachronismus— dauerte in völliger Sicher⸗ heit fort. Man hätte, um ſie zu beſiegen, das ganze Land mit Feuer und Schwert verheeren müſſen. Nach dem, was wir von dem Walde von Rennes geſagt haben, wird man einſehen, daß er einer der thätigſten Heerde des Widerſtandes war. Seine Bevölkerung, welche durchgängig aus ar⸗ men, unwiſſenden und an die härteſten Arbeiten gewöhnten Menſchen beſtand, befand ſich in beſon⸗ ders günſtigen Verhältniſſen für die Oppoſition, deren Grundlage eine einfache, paſſive Weigerung iſt. Zahlreich und zuſammenhaltend genug, um kämpfen zu können, wenn kein andres Mittel angewendet werden konnte, warteten die Bewoh⸗ „ ner des Waldes, vertrauend auf die unzugäng⸗ lichen Zufluchtsorte, welche das Land auf jedem Schritte darbot, beſonders aber auf ihre vollkom⸗ mene Kenntniß der Gegend, dieſes ungeheuren, finſtren Labyrints, welches bis an das Gebiet von Rennes und bis an die Vorſtädte von Fou⸗ geres und Vitré reichte. In dieſen drei Städten hatten ſie ihre Anhänger. Der erſte im Walde fallende Schuß würde den zerlumpten Plebs aus den ſchlechteſten Straßen von Rennes, die hiſtori⸗ ſchen Bürger von Vitré, welche noch Panzer⸗ hemden, Armſchienen und Pickelhauben trugen, wie die Krieger des fünfzehnten Jahrhunderts, und die geſchickten Wildſchützen von Fougéres zuſammengerufen haben. Auf dieſe Weiſe konnte man vorausſetzen, daß die Sergeanten des Herrn von Pontchartrain kein leichtes Spiel haben würden. Es gab einen Mann, den ſie ſo hoch ach⸗ teten, daß, wenn er zu ihnen geſagt hätte:„be⸗ zahlt dem Könige von Frankreich die Steuer,“ ſie vielleicht gehorcht haben würden. Allein dieſer Mann hüthete ſich wohl, ſo etwas zu ſagen. Er war im Gegentheil einer der hartnäckigſten Ueberreſte der bretagniſchen Oppoſition, und ſeine Stimme erſchallte noch von Zeit zu Zeit im Saale der Stände, um gegen die Seichaſt des Hauſes Bourbon zu proteſtiren. — 12 Er hieß Nikolas Treml von la Tremlays, Herr von Bouexis⸗en⸗Forét, und beſaß eine halbe Stunde von dem Flecken Liffré eine Herrſchaft, welche ihn zum Oberlehnsherrn faſt des ganzen Landes machte. Sein Schloß Tremlays war eines der ſchönſten in der Oberbretagne, und das Schloß Bouexis war faſt eben ſo prächtig. Man brauchte zwei Stunden, um von dem einen zum andren zu kommen, und dieſer ganze Weg führte durch das Gebiet Nikolas Tremls. Er war ein alter Mann von hohem Wuchs und ſtrengem Geſicht. Seine langen weißen Haare fielen in einzelnen Locken auf das grobe Tuch ſeines nach der alten Mode zugeſchnittenen Wamſes. Das Alter hatte das Feuer ſeines Blickes nicht gemin⸗ dert. Wenn man ihn grade und feſt auf ſeinem Sattel zwiſchen den Bäumen hinreiten ſah, wurde das Herz der Waldbewohner erfreut und ſie ſagten: „So lange unſer Herr lebt, giebt es noch einen Bretagner im Lande, und die franzöſiſchen Blutſauger mögen auf ihrer Huth ſein!“ Sie ſagten die Wahrheit. Der Patriotismus Nikolas Tremls war unbeugſam. Der immer zunehmende Verfall der Parthei der Unabhängig⸗ keit hatte, weit entfernt, ihm als Warnuug zu dienen, nur ſeine Hartnäckigkeit vermehrt. Von Jahr zu Jahr hörten ſeine Kollegen mit gerin⸗ gerem Beifall ſeine Proteſtationen an; allein er — 13— proteſtirte fortdauernd und donnerte, die Hand auf das Gefäß ſeines Degens gelegt, in drohen⸗ den Reden gegen den Repräſentanten der Krone. Eines Tages fingen die Herren vom Adel, während er ſprach, an zu lachen, und mehrere Stimmen murmelten: „Herr von la Tremlays ſcheint den Kopf verloren zu haben.“ Er hielt plötzlich inne; eine Leichenbläſſe ſtieg ihm bis zur Stirn und ſein Auge ſchleuderte drohende Blitze. Er bedeckte ſich und ging lang⸗ ſam bis zur Thür. Auf der Schwelle kreuzte er die Arme und warf einen langen, herausfordern⸗ den Blick nach der Bank des Adels. „Ich danke Gott,“ ſprach er mit langſamer, feſter Stimme, welche bis an das äußerſte Ende des Saales drang,„daß ich nichts als den Kopf verloren habe, während die Herren Pairs das Herz verloren haben.“ Auf dieſe ſchwere Beleidigung ſprangen alle die ſtolzen Edelleute von ihren Sitzen empor, und zwanzig Schwerter waren in einem Augen⸗ blicke gezogen. Nikolas Treml rührte ſich nicht: „Steckt Eure Degen ein,“ ſagte er;„auch ich bin beleidigt worden, und dennoch ziehe ich mich zurück. Bretagniſches Blut iſt es nicht, was mein Zorn verlangt. Lebt wohl, ihr Herren; ich bitte Gott, daß Eure Kinder ihre Eltern ver⸗ geſſen, und ſich nur ihrer Vorfahren erinnern. — 14— Ich ſage mich von Euch los und verleugne Euch⸗ Ihr habt die Bretagne zu Grabe getragen; ich werde das Grab der Bretagne mit Blut begießen. Wenn die Zeit zum Kämpfen vorüber iſt, iſt es zuweilen noch Zeit, ſich zu rächen!“ Tremlays ſchwang ſich auf ſein gutes Pferd und ritt nach ſeiner Beſitzung zurück. Diejenigen, welche ihm begegneten, konnten die Rachegedanken, die ſich in ſeinem Kopfe drängten, nicht errathen. Eben ſo ſtark von Character als von Körper wußte er ſeinen Zorn in ſich zu verſchließen. Seine Stirn blieb ruhig, ſein Blick ſchweifte gleichgültig über die flache Gegend der Umgebung von Rennes hin. Als er in den Wald kam, ſank die Sonne am Horizonte hinab. Treml betrachtete mehr als einmal die natürlichen und uneinnehmbaren Verſchanzungen, welche der jungfräuliche Boden auf jedem Schritte darbot; er zählte unwillkür⸗ lich die kräftigen und tapferen Männer, die ihn aus der Ferne mit ehrerbietiger Freundlichkeit grüßten. „Mit dieſen Soldaten und mit dieſen Schlupf⸗ winkeln könnte der Krieg fürchterlich werden,“ ſagte er vor ſich hin. Er hielt ſein Pferd an und verſank in Nach⸗ denken. Aber bald zog ein quälender Gedanke ſeine grauen Augenbrauen zuſammen. Er rich⸗ tete ſich empor und ſein Auge blitzte von einem wilden Feuer. „Keinen Krieg!“ ſagte er;„einen Zweikampf! Ein einziger Schlag, ein einziger Tod!“ Und indem er ſeinem Pferde die Sporen in die Seiten drückte, entwarf er einen jener Pläne, deren übermäßige Kühnheit die Verſtändigen zum Lächeln zwingt und die der glückliche Erfolg kaum zu rechtfertigen vermag; einen verwegenen, ritter⸗ lichen, aber unmöglichen und unſinnigen Plan, wozu die Idee nur in dem Kopfe eines Land⸗ edelmannes entſtehen kann, welcher die Welt nicht kennt, und an die Proſa der Gegenwart den poetiſchen Maßſtab der Vergangenheit legt. Man darf ſich jedoch nicht täuſchen und Nikolas Treml für wahnſinnig erklären, weil ſein Unternehmen die Grenzen der Möglichkeit über⸗ ſchritt. Er wußte es und ſein Enthuſiasmus verbarg ihm nicht die Tiefe des Abgrundes. Aber er war einer jener Männer mit eiſernen Köpfen, welche den Abgrund offen ſehen, und ſich nicht die Mühe nehmen, ſtehen zu bleiben. Ein einziger Umſtand hätte ihn unſchlüſſig machen können. Die Familie la Tremlays hatte nur noch einen directen Erben, Georg Treml, Enkel des alten Edelmannes. Was ſollte aus dieſem fünfjährigen Kinde werden, wenn es ſeinen Großvater und natürlichen Beſchützer verlor? — 16— Nikolas Treml hörte mit Beſorgniß dieſen Ein⸗ wurf ſeines Gewiſſens. „Wenn mein Unternehmen gelingt,“ dachte er,„wird Georg ein ruhmvolles Erbtheil erhal⸗ ten; wenn es fehlſchlägt, wird mein Herr Vetter von Vaunoy ihm ſein väterliches Vermögen be⸗ wahren. Vaunoy iſt ein rechtſchaffener Edel⸗ mann.“ Während er dieſe Worte zu ſich ſelbſt ſagte, vernahm er aus der Ferne eine helle Stimme, welche ein im Lande übliches Lied ſang, eine Art Klage, deſſen lange, eintönige Melodie die traurige Geſchichte von dem Tode Arthurs von Bretagne erzählte, der von ſeinem Oheim, Johann ohne Land auf eine ſchimpfliche Weiſe ermordet wurde. Tremlays bebte zuſammen, und fühlte, daß ſein Herz von einem ängſtlichen Vorgefühl ergrif⸗ fen wurde. „Unmöglich!“ ſagte er vor ſich hin;„Vaunoy iſt ein braver Verwandter.“ Die Stimme kam näher und der Geſang ſchien einen höhniſchen Character anzunehmen. „Uebrigens,“ fuhr Tremlays fort,„iſt Georg ein Kind der Bretagne und dieſer gehört ſein Glück und ſein Blut.“ Die Stimme ſchwieg einige Sekunden und Wurde gerade über Tremlays Haupt wieder hör⸗ bar. Dieſer blickte raſch empor, und bemerkte — 17— auf einem rieſenhaften Kaſtanienbaume, deſſen Krone, welche alle übrigen Bäume überragte, von den Strahlen der untergehenden Sonne hell be⸗ leuchtet wurde, ein Weſen von ungewöhnlichem, faſt diaboliſchem Ausſehen. Sein von der Sonne beleuchteter Körper warf gewiſſermaßen einen fah⸗ len Schein um ſich. Ein Reiſender, der es in den Waldungen der neuen Welt geſehen hätte, würde ihm wahrſcheinlich nicht den Namen eines Menſchen gegeben haben, und Büffons Naturge⸗ ſchichte hätte eine neue Spezies: der weiße Pa⸗ vian, erhalten. Dieſes Geſchöpf glich in der That einem großen Affen von weißer Farbe; es ſprang mit einer bewunderungswürdigen Ge⸗ wandtheit von einem Aſte auf den andren, und bei jedem Sprung fiel eine Menge kleiner Zweige auf die Erde.— Sein Geſang dauerte fort. Es iſt anzunehmen, daß Herr von la Trem⸗ lays dieſes ſeltſame Geſchöpf nicht zum erſten Mal ſah, denn er hielt ſein Pferd an, ohne die geringſte Ueberraſchung zu zeigen und pfiff, wie man einem Hunde pfeift. Sogleich verſtummte der Geſang und der auf dem Gipfel des Kaſtanienbaumes ſitzende Menſch kletterte von Zweige zu Zweig herab und fiel vor den Füßen des alten Herrn auf den Boden, indem er ein freundſchaftliches und ehrerbietiges Brummen ausſtieß. Der Wald von Rennes. I. 2 Es war allerdings ein Menſch und doch erſchien er in der Nähe noch merkwürdiger als in der Ferne. Die nackten, mit farbloſen Haaren bedeckten Beine trugen einen unförmlichen und viel zu kurzen Rücken. Ueber ſeinem knochigen Halſe, der ſchief auf der hohlen Bruſt ſtand, ſah man ein eckiges Geſicht, deſſen Knochen mit einer bläulichen, mit Flaum bedeckten Haut überzogen waren. Die Haare, die Augenbrauen, der ſproſ⸗ ſende Bart, Alles war weiß, und die Augen glänzten wunderbar aus dieſer bleichen Umge⸗ bung hervor. Nichts an der ganzen Perſon ver⸗ rieth mit einiger Gewißheit ſein Alter; vielleicht war er ein Kind, vielleicht ein Greis. Die außer⸗ ordentliche Gewandtheit, die er eben an den Tag gelegt hatte, widerlegte jedoch dieſe beiden Ver⸗ muthungen. Das Jünglingsalter allein konnte dieſe kraftvolle Beweglichkeit unter einer ſo elen⸗ den und kümmerlichen Hülle verbergen. Er ſprang empor und ſtellte ſich mitten in den Weg, vor den Kopf des Pferdes. „Was macht Dein Vater, Jean Blanc?“ fragte Herr von la Tremlays. „Was macht Dein Sohn, Nikolas Treml?“ entgegnete der Albino, indem er einen Luftſprung machte. Eiine Wolke umzog die Stirn des alten Man⸗ nes. Dieſe barſche Frage ſtand mit dem Gegen⸗ ſtande ſeiner ſorgenvollen Träume in einem gehei⸗ men Zuſammenhange. „Du wirſt unverſchämt, mein Sohn,“ erwie⸗ derte er.„Ich bin gegen Euch Bauern zu gütig und das macht Euch frech. Mache Platz und unterſtehe es Dir nicht wieder.“ Anſtatt dieſem, mit ſtrengem Tone ausgeſpro⸗ chenen Befehle zu gehorchen, ergriff Jean Blanc mit ruhigem Lächeln den Zügel des Pferdes. „Du irrſt Dich, hoher Herr,“ ſagte er mit ſanfter, trauriger Stimme.„Nicht gegen uns arme Leute biſt Du zu gütig, ſondern gegen andre, die Du liebſt und die Dich haſſen.“ „Schweig, Narr!“ unterbrach ihn Tremlays. Aber der Albino ließ den Zügel nicht los und fuhr fort: „Mit meinem Vater geht es gut. Ich habe geſtern bei ihm gewacht und werde morgen bei ihm wachen. Geſtern bewachteſt Du Georg Treml, wirſt Du ihn morgen noch bewachen, hoher Herr?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Es iſt ein ſchönes Lied, das Lied von Ar⸗ thur von Bretagne. Ich kann eben ſo geſchickt durch das Gebüſch kriechen, als auf die Wipfel der Kaſtanienbäume klettern. Ich bin Dir lange im Walde gefolgt; Du ſprachſt mit Deinem Ge⸗ wiſſen. Ich habe es gehört, und habe das Lied von Arthur geſungen.“ 2* 2 — 20— „Wie?“ rief Herr von la Tremlays,„Du haſt mich behorcht? Du weißt, was ich geſagt habe?“ „Nicht Alles... Du haſt zu viel Unſinn geſprochen, als daß ich Alles verſtanden hätte. Aber glaube mir: laß unſren jungen Herrn Georg nicht in der Gewalt eines Vetters zurück. Wenn Du weit fortgehen willſt, nimm Deinen Enkel mit auf Dein Pferd; wenn Du dies nicht kannſt, bringe ihn um; aber verlaß ihn nicht.— Jetzt will ich Zweige zu Faßreifen abſchneiden. Gott ſegne Dich, Nikolas Treml!“ Der Albino ließ den Zügel los und kletterte wie eine wilde Katze an dem Stamme eines Kaſtanienbaumes empor. Es fing an dunkel zu werden. Die Kleidung dieſes ſeltſamen Weſens, die aus Kaninchenfellen beſtand und ſo weiß war, als er ſelbſt, leuchtete durch die Zweige, die er mit einer unglaublichen Gewandtheit erkletterte. Tremlays ritt nachdenkend weiter. „Er iſt ein armer Wahnſinniger,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Aber ſein Herz wurde immer beklommener, und als Jean Blancs Stimme ſich von neuem hören ließ und aus dem Laubdache der hohen Eichen der Trauergeſang Arthurs von Betragne ) geſang 9 das Ohr des alten Edelmannes traf, fühlte er einen Froſt durch ſeine Adern rieſeln und ſprach ſeufzend den Namen ſeines Sohnes aus. 2. Das eiſerne Käſtchen. Als Nikolas Treml durch das große Thor ſeines ſchönen Schloſſes ritt, war die Nacht völlig hereingebrochen. Ohne ein Wort zu ſprechen, warf er den Zügel ſeinen Dienern zu, ſtieg zer⸗ ſtreut die Treppe hinauf und ging gerades Weges in das Schlafzimmer ſeines Enkels. Georg lag in tiefem Schlummer. Er war ein ſchönes, rothwangiges Kind, deſſen blonde Haare in reichen Locken auf das geſtickte Kiſſen herabfielen. Ein ſüßer Traum belebte in dieſem Augenblicke wahrſcheinlich ſeinen Schlummer, denn ein anmuthiges Lächeln ſchwebte um ſeinen Mund, während die Händchen ſich bewegten, als wollten ſie Jemanden liebkoſen.. Wenn die Kinder auf dieſe Weiſe in ange⸗ nehmen Träumen ſich bewegen, dann ſagen die guten Leute von Rennes, daß ſie mit den En⸗ geln lachen. Gewiß ein reizender und poetiſcher Gedanke; aber in der Bretagne neigt ſich Alles, was poetiſch und reizend iſt, zur Melancholie, und ſo betrachtet man auch dieſe Freude während des Schlafes als ein Vorzeichen des Todes. — 22— Das Kind lacht mit den Engeln, weil die Engel bei ihm, an ſeinem Bett ſind, um ſeine Seele in den Himmel empor zu tragen. Nikolas Treml beugte ſich über das Lager ſeines Enkels. Sein bärtiger Mund berührte die weiche Wange des Kindes, allein dieſes erwachte nicht. „Arthur von Bretagne!“ murmelte der alte Edelmann, der die Worte des Albino's noch nicht vergeſſen konnte;„ſollte der letzte Sprößling meiner Familie aufgeopfert werden?— Aber nein, der Menſch iſt verrückt und mein Vetter Vaunoy hat keine Aehnlichkeit mit dem Englän⸗ der Johann ohne Land!“ Er ſetzte ſich neben Georg's Bett und verſank in tiefes Sinnen. Herr von la Tremlays, der reiche, mächtige Edelmann, hatte ſeinen einzigen Sohn vor zwei Jahren verloren. Dieſer Sohn, Namens Ja⸗ kob Treml und Georg's Vater, war ein kräftiger und tapferer Mann; Nikolas Treml hatte ihm ſchon in frühen Jahren ſeinen Haß gegen Frank⸗ reich und ſeine Liebe zur Bretagne eingeflößt; zwei Gefühle, welche bei ihm die ganze Stärke voon Leidenſchaften hatten. Jacob's Tod war für den alten Edelmann ein harter Schlag. Es war nicht allein ein Sohn, es war der Erbe ſeiner 3 Grundſätze, welcher in das Grab hinab ſtieg. 4* Würde er knch Er fühlte, daß er alt wurde. d. 5 4- 7 — 23— Zeit haben, ſeinem Enkel ſeinen Haß und ſeine Liebe einzuimpfen? Die Könige, denen Gott den Sohn nimmt, welcher ihr mühſam begonnenes politiſches Werk fortführen ſollte, ſtehen verzweifelnd an der Wiege der königlichen Waiſe. Dieſes Kind braucht zwanzig Jahre, um ein Mann zu werden, und es bedarf nur eines Tages, um eine Dynaſtie zu ſtürzen. Nikolas Treml war kein König, aber er betrachtete ſich als den letzten Repräſen⸗ tanten einer überwundenen Idee, welche den Sieg wieder davontragen konnte. Jakob war ſeine rechte Hand, ſein Nachfolger, ſein alter ego; Georg war nights als ein Kind. Anſtatt einer erprobten Waffe hatte Nikolas Treml nichts als eine ſchwache Ruthe in der Hand. In der Provinz Bretagne lebte eine arme Familie von zweifelhaftem Adel, welche ein Zweig der Treml zu ſein behauptete, und dieſen Namen ihrem eigenen hinzufügte. Vor Jakobs Tode hatte Tremlays einen Prozeß gegen die Famillie Vaunoy anhängig gemacht, um ſie zu zwingen, jeden Anſpruch auf den Namen Treml aufzuge⸗ ben. Der Prozeß war im Gange, und es hatte allen Anſchein, daß das Parlament von Rennes Vaunoy verurtheilen würde, als Jakob ſtarb. Dieſes traurige Ereigniß ſchien die Abſichten des alten Treml plötzlich umzuwandeln. Er unter⸗ brach das gerichtliche Verfahren, und lud Hervé — 24— von Vaunoy, den Aelteſten der Familie, ein, ſogleich zu ihm zu kommen. Dieſer nahm ſehr bereitwillig die Einladung an. Er ritt auf einem ſchlechten Ackergaule durch den Wald. Als er an den Rain kam, welcher die Grenze der Beſitzung Tremls und der Wal⸗ dung von Bouexis bildete, zog er ehrerbietig den Hut und begrüßte alle dieſe Reichthümer, wäh⸗ rend ein triumphirendes Lächeln die Winkel ſeiner ſchmalen Lippen unter den Spitzen ſeines Schnur⸗ bartes emporzog. Hervé von Vaunoy war damals etwa vier⸗ zig Jahre alt. Er war ein kleiner, unterſetzter Mann mit röthlichem Haar, deſſen Locken ein freundliches Geſicht mit einem Ausdruck von Wohlwollen umgaben. Seine grauen Augen verſchwanden faſt unter dem langen Haar ſeiner dichten Brauen; aber was man davon ſah, war ſehr einnehmend, und ſtimmte vortrefflich mit der friſchen Farbe ſeiner Wangen. In Summa, er ſchien der angenehmſte Menſch von der Welt zu ſein, und es war unmöglich ihn zu ſehen, ohne bei ſich ſelbſt zu ſagen: das iſt ein prächtiges Männchen! Wenn man ihn zum zweiten Male ſah, ſagte man ſich gar nichts; das dritte Mal dachte man, daß das Männchen wohl nicht ſo gut ſein mochte, als er ſcheinen wollte. Während er ſeinen Weg fortſetzte, betrachtete er ſich das Schloß Bonexis, das er ſehr nach —= ſſeeinem Geſchmack fand, die Meierhöfe und Felder, die ihm im beſten Stande zu ſein ſchienen, und die gut beſtandenen Waldungen, die er aufrichtig bewunderte. Während dem verließ ihn ſein triumphirendes Lächeln nicht. Man hätte ſagen können, daß er ſich ſchon als den künftigen Be⸗ ſitzer und Herrn aller dieſer ſchönen Dinge be⸗ trachtete. Was ihn aber am meiſten anſprach, war das Schloß la Tremlays ſelbſt. Bei dem Anblicke dieſes ſtolzen Gebäudes, deſſen großes, mit Wappen geſchmücktes Thor ſich auf eine lange, ſchöne Allee öffnete, hielt Hervé von Vau⸗ noy ſeinen Karrengaul an, und konnte einen Ausruf der Freude nicht unterdrücken. „Heiliger Gott!“ rief er ganz bewegt aus, „unſer ganzes Haus von Vaunoy mit allen ſeinen Ställen und Scheunen hätte unter dem Portal dieſes prächtigen Schloſſes Platz!... Herr Nikolas Treml, mein Herr Vetter, müßte ein ſehr hartes Herz haben, wenn er mir nicht in ir— gend einem Winkel ein Lager einräumte, und wenn man einmal den Fuß in einem Winkel und einen tüchtigen Willen dazu hat, dann macht der Teufel das Uebrige.“ Er hob den ſchweren Hammer der Thür em⸗ por, und legte ſein Lächeln ab, um eine ehrer⸗ bietige und beſcheidene Miene anzunehmen. Herr von la Tremlays ſaß unter dem Man⸗ tel des ungeheuren Kamins in ſeinem Speiſe⸗ eo ſaale. Neben ihm lag ruhig ſchlafend ein gro⸗ ßer, ſchöner Hund. In einem Winkel ſpielte der kleine Georg, der damals vier Jahr alt war, auf dem Schooß ſeiner Wärterin. Hervé von Vaunoy wurde gemeldet. Der alte Edelmann wendete ſich langſam nach dem Eintretenden um, während der Hund auf⸗ ſprang und ein dumpfes Murren hören ließ. „Still, Job!“ ſagte Treml. Der Hund legte ſich nieder, ohne die Augen von Hervé zu verwenden, der mit entblößtem Haupte und einer ehrerbietigen Verbeugung auf der Schwelle ſtand. Tremlays fuhr fort, dieſen ſchweigend zu betrachten. Nach einigen Minu⸗ ten ſchien er einen raſchen Entſchluß zu faſſen und ſtand auf. 5 „Kommt näher, Herr Vetter,“ ſagte er mit barſcher Höflichkeit;„Ihr ſeid willkommen im Schloß unſerer gemeinſchaftlichen Ahnen.“ Hervé konnte ein freudiges Beben nicht unter⸗ drücken, als er ſah, daß ſeine Verwandtſchaft, an die er ſelbſt nur noch geringen Glauben hatte, ſo bereitwillig anerkannt wurde. Auf einen Wink des alten Herrn nahm er unter dem Man⸗ tel des Kamins Platz. Die Unterhaltung war kurz und entſcheidend. „Ich hoffe, Herr von Vaunoy,“ ſagte Niko⸗ las Treml,„daß Ihr ein ächter Bretagner ſeid.“.5 * — 27— „Ja, beim heiligen Gott, Herr Vetter,“ er⸗ wiederte Hervé,„ein ächter Bretagner.“ „Entſchloſſen, Euer Leben für das Wohl des Herzogthums hinzugeben?“ „Mein Leben und mein Blut, Herr von la Tremlays; mein Fleiſch und meine Knochen!“ „Ihr haßt Frankreich?“ „Beim heiligen Gott! ich verabſcheue Frank⸗ reich, mein würdiger Vetter!“ „Gut!“ rief Nikolas Treml erfreut;„ſchlagt ein, Freund Vaunoy. Wir werden uns vor⸗ trefflich zuſammen verſtändigen und mein Enkel Georg wird im Fall eines Unglücks einen Vater haben.“ Hervé blieb im Schloſſe la Tremlays und ver⸗ ließ es ſeitdem nie wieder. Georg war ſeiner beſonderen Obhut übergeben, und wir müſſen anerkennen, daß er eine außerordentliche Liebe zu dem Kinde zeigte. 1 So blieben die Sachen achtzehn Monate lang. Tremlays faßte Vertrauen zu Hervé. Er betrachtete ihn wie einen guten, braven Ver⸗ wandten. Die Leute im Schloſſe folgten dem Beiſpiele ihres Herrn, und Vaunoy wurde allge⸗ mein geachtet. Nur bei zwei Perſonen hatte er noch keine Gnade finden können: die erſte und wichtigſte war Job, Treml's Lieblingshund, die zweite war Niemand anderes, als Jean Blane, der Albino. So oft Vaunoy in das Zimmer . — 28— trat, heftete Job ſeine blitzenden Augen auf ihn und brummte in den Bart, bis Tremlays ihm mit gebieteriſcher Stimme Schweigen auflegte. Vaunoy mochte ihm ſchmeicheln wie er wollte, es war verlorene Mühe. Job hatte, als ein guter Bretagner, einen harten Kopf, und war nicht leicht zu einer andern Anſicht zu bringen. Treml wunderte ſich oft über die Feindſchaft, welche der Hund gegen ſeinen Vetter an den Tag legte; ſie brachte ihn ſogar zuweilen zum Nach⸗ denken, denn er kannte Job als ein kluges, ver⸗ ſtändiges Thier. Aber Vaunoy war eines Theils ſo ehrerbietig, ſo dienſtfertig, ſo ergeben, und dann war er ein ſo heftiger Feind Frankreichs! Wie konnte man gegen einen Mann, der den Regenten haßte, einen ernſten Verdacht hegen! Was Jean Blanc betraf, ſo war auf die Abneigung deſſelben viel weniger Werth zu legen. Jean Blanc ſtand in der That auf einer viel tieferen Stufe, als Job. Er war ſeines Gewer⸗ bes ein Reifſchneider, galt für blödſinnig und würde ſeinen alten Vater ohne die menſchen⸗ freundliche Unterſtützung des Herrn von la Trem⸗ lays nicht haben erhalten können. Er wurde in der Küche des Schloſſes geduldet, weil die bre⸗ tagniſche Gaſtfreundſchaft ſich gleichmäßig auf Menſchen, Bettler und Thiere erſtreckte; aber nur mit Mühe eroberte er ſich einen Platz am Feuer, und er mußte erſt viele drollige Sprünge . . — 29— machen, um den Widerwillen des Haushofmei⸗ ſters zu entwaffnen, wenn die Speiſen vertheilt wurden. „Fort, Du abſcheuliches weißes Kanin⸗ chen!“ ſagte dieſes Oberhaupt der Dienerſchaft. „Schämſt Du Dich nicht, Du Auswurf, einen Chriſten um etwas zu bitten?“ Je nachdem Jean geſtimmt war, zuckte er entweder unter lautem Lachen die Achſeln, oder er ſchlug die thränenvollen Augen zu Boden. Dann wurde der rothe Rand um ſeine Augen bleich, während eine dunkle rothe Stelle auf ſeinen Wangen ſichtbar wurde. Aber dies dauerte nur einen Augenblick. Jud, der Stallmeiſter, nahm ſich des armen Albino an, deſſen natürliche Apathie ſchon über ſeinen vorübergehenden Zorn geſiegt hatte. „Habt doch ein wenig Mitleiden, Meiſter Alain,“ ſagte Jud zum Majordomus;„Jean Blanc iſt der Sohn ſeines Vaters, der ein bra⸗ ver Diener Treml's war. Unſer Herr will nicht, daß die ehrlichen Leute des Waldes ſo behandelt werden.“ Ind ſagte die Wahrheit. Nikolas Treml war gütig gegen ſeine Unterthanen; aber ſo gut auch der Herr ſein mag, ſo weiß die Anmaßung, dieſes Krebsübel der dienenden Klaſſe, ſich doch immer in irgend einem Winkel der Küche Platz zu machen.“ 8 Alain, der Haushofmeiſter, brummte einen bretagniſchen Fluch in den Bart, und ſchnitt Jean Blane mit Widerwillen ein Stück Brod ab. Dieſer tauchte es ſogleich in ſeine Suppe, ohne den geringſten Zorn an den g zu legen, und verſchlang ſie mit dem größten leichmuthe. Wenn er fertig war, gab man ihm noch eine zweite Portion warmer Brühe, die er ſeinem Vater, Matthias Blane, dem alten Korbflechter in der Wolfsſchlucht, nach Hauſe brachte. War dieſe Ruhe Jean Blancs aufrichtig oder nur verſtellt? Wir ſind nicht im Stande, auf dieſe Frage eine beſtimmte Antwort zu geben, und auch unter denen, die ihn kannten, waren die Meinungen darüber getheilt. Man war dar⸗ über einig, daß ſein Kopf nicht die Summe verſtändiger Ideen zu faſſen vermochte, welche in dem Gehirn eines gewöhnlichen Menſchen enthalten ſind; aber war er wirklich blödſinnig? Während des Tages ſang er in den Wipfeln der hohen Kaſtanienbäume ſonderbare Lieder und machte närriſche Sprünge an den Wegen; bei der Veſper verzog er ſein weißes Geſicht zu Fratzen, über welche Sänger, Kirchendiener und Pfarrer lachen mußten. Und dennoch pflegte Jean ſeinen alten Vater mit der zarten Sorgfalt einer liebenden Tochter; wenn Matthias Medi⸗ zin brauchte, arbeitete Jean mit verdoppeltem Fleiße, und mehr als ein Bauer beſtätigte, daß — 31— er ihn des Abends geſehen hatte, wie er am Bett ſeines ſchlummernden Vaters kniete und betete. Uebrigens wußte man, daß er einer unbegrenzten Dankbarkeit fähig war. Er hatte ſich unbewaff⸗ net einem Eher entgegen geworfen, der den Stall⸗ meiſter Jud, ſeinen Gönner, bedrohte, und war mehr als einmal an der hohen Mauer des Gar⸗ tens von la Tremlays empor geklettert, um vor Freude weinend, die Hand des kleinen Georg, des Kindes ſeines Wohlthäters, zu küſſen. Seine Liebe zu dem Knaben hatte ſich zu einer Art Leidenſchaft geſteigert, und wer nicht an Jean's Blödſinnigkeit glaubte, behauptete, daß er Herrn von Vaunoy deßhalb haßte, weil er ihn für einen Eindringling hielt, der gekommen war, um dem kleinen Georg ſein Erbtheil zu entreißen. Man ſagte dies, wenn man von nichts In⸗ tereſſanterem zu ſprechen wußte, denn Jean Blanc war ein ſehr untergeordneter Gegenſtand der Un⸗ terhaltung. Mit Ausnahme Vaunoy's, der eine unwillkürliche, unbeſtimmte Furcht vor ihm hatte, Jud's und des Herrn von la Tremlays, die ſich zuweilen herabließen, ſich mit ihm in ein vertrau⸗ liches Geſpräch einzulaſſen, kümmerte ſich Nie⸗ mand ſehr um den armen Albino. Man bewun⸗ derte ſeine merkwürdige Gewandtheit in allen körperlichen Uebungen, wie man die Behendigkeit eines Rehes im Walde bewundert haben würde; ſeine zweifelhafte Verrücktheit umgab ihn nicht — 32— einmal mit dem geheimnißvollen Zauber, den man in halbwilden Ländern denen beilegt, welche ihres Verſtandes beraubt ſind. Die Leute im Walde mißtrauten ſeinem Blödſinn und hielten ihn nicht für aufrichtig. Für das weibliche Ge⸗ ſchlecht war Jean ein Gegenſtand des Abſcheues oder des Hohnes. Sie lachten, wenn ſie von Weitem ſein mehlweißes Geſicht erblickten, wel— ches wir nicht beſſer als mit der Maske eines Pierrot vergleichen können; ſie wurden ängſtlich, wenn ſie des Abends den phosphoriſchen Glanz ſeiner Augen unter ſeinen ſchneeweißen Haaren hervorblitzen ſahen. Doch wir kehren zu Nikolas Treml zurück, den wir in tiefem Sinnen an dem Bett ſeines Enkels Georg zurückgelaſſen haben. Der Gegen⸗ ſtand ſeines Nachdenkens hatte ihn ohne Zweifel mächtig ergriffen, denn mehrere Stunden blieb er unbeweglich in ſeiner tief ſinnenden Stellung, ſo daß man ihn für einen jener ſteinernen Greiſe hätte halten können, die an den alten Grabmä⸗ lern auf den Knieen liegen. Die Uhr des Schloſ⸗ ſes hatte ſchon längſt die Mitternachtsſtunde ge⸗ ſchlagen, als er ſich endlich emporrichtete. Seine Miene war finſter aber entſchloſſen. Er nahm die Lampe, die neben ihm brannte, und ging leiſe durch das Zimmer, indem er das Klirren ſeiner Sporen weniger hörbar zu machen 2 3 Thüur. 2. ſuchte, um den Schlummer des Kindes nicht zu ſtören. „Vannoy iſt nicht fähig, mich zu verrathen,“ ſagte er vor ſich hin,„ich glaube es... bei meiner Seligkeit, ich glaube es!... Aber das Vertrauen ſchließt die Klugheit nicht aus, denn Gott allein kann dem Menſchen ins Herz ſehen. Ich will meine Maßregeln treffen.“ Der Nachtwind pfiff durch die langen Gänge des Schloſſes. Nikolas Treml, die Flamme ſeiner Lampe mit der vorgehaltenen Hand ſchützend, ging die große Treppe hinab und in den Waffen⸗ ſaal, wo Jud Leker, ſein Stallmeiſter, ſchlief. Er weckte ihn und befahl ihm durch einen Wink, ihm zu folgen. Schweigend gehorchte Ind auf der Stelle.— Mit mſgen Schritten ſtieg Treml die Treppe wieder hinauf, ging wieder durch die langen Gänge, und trat mit Jud in ein kleines rundes Zimmer, in welches er ſich gewöhnlich zurückzog, wenn er allein ſein wollte. Als Iund eingetreten war, verſchloß Treml die Der ehrliche Stallmeiſter war nicht gewohnt, das Vertrauen ſeines Herrn in Anſpruch zu neh⸗ men. Wenn Nikolas Treml mit ihm ſprach, hörte Jud ehrerbietig u,ber er erlaubte ſich keine dar das Benehmen des 8 Ausdruck eines ſo feierlichen Entſchluſſes, daß der Stallmeiſter ſeine Neugierde nicht zu unter⸗ drücken vermochte. „Mein gnädiger Herr...“ begann er. Mit einem Wink gebot ihm Nikolas Treml Stillſchweigen und öffnete das Schloß eines Wandſchrankes, aus welchem er ein leeres eiſernes Käſtchen nahm, das er in die Hände des Dieners legte. Dann nahm er aus einem geheimen Fache Hände voll Goldſtücke, die er regelmäßig in dem Käſtchen aufſtellte, nachdem er die Münzen einzeln gezählt hatte. Dies dauerte lange, denn er zählte hunderttauſend Livres tournois ab. Jud wollte ſeinen Augen nicht trauen, und zerbrach ſich den Kopf, um den Grund dieſes unbegreiflichen Verfahrens zu errathen. Als ſich hunderttauſend Livres richtig gezählt im iſihn befanden, verwahrte es Nikolas Treml mit zwei Schlöſſern. „Morgen,“ ſagte er mit leiſer, ruhiger Stimme,„nimm dieſes Käſtchen auf ein Pferd, auf Dein beſtes Pferd, und erwarte mich vor Aufgang der Sonne bei der Wolfsſchlucht.“ Jud verbeugte ſich. Ehe Du fortreiteſt,“ fuhr Treml fort,„bitte meinen Herrn Vetter von Vaunoy, ſogleich zu mir zu kommen.“* 1 Jud ging nach der Thür zu. 4 2 . — 35— „Noch eins,“ ſprach Treml weiter,„richte Dich ein, daß Du in langer Zeit nicht wieder nach Haus kommſt. Bewaffne Dich wie zu einer Schlacht, in der man dem Tode entgegen⸗ geht... ſage Allen, die Du liebſt, Lebewohl. Haſt Du Dein Teſtament gemacht?“ „Nein,“ antwortete JIud. „Dann thue es,“ ſagte Treml. Mit einem Zeichen paſſiven Gehorſams ent⸗ fernte ſich der Diener und nahm das Käſtchen mit ſich. 3. Das Depoſitum. Nikolas Treml ſchlief dieſe Nacht nicht. Am Morgen, vor Anbruch des Tages hörte er im Hofe den Tritt von Juds Pferde. Faſt in dem nämlichen Augenblicke wurde die Thür ſeines Zimmers geöffnet und Hervé von Vaunoy erſchien. Er hatte nicht mehr die demüthige und ſchüchterne Miene, die wir ihn) aben annehmen ſehen, als er zum erſten Male ins Schloß kam. 3* — 36— Ein heiteres, freudiges Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. Er trug die Stirn hoch und zeigte eine rauhe Offenheit, welche kaum durch eine freund⸗ ſchaftliche Ehrerbietung gemildert wurde. „Heiliger Gott!“ ſagte er beim Eintreten, „Ihr ſeid früh auf, mein verehrter Herr Vetter. Ich lag noch im erſten Schlummer, als...“ Er hielt plötzlich inne, als er das ernſte und bleiche Geſicht des alten Edelmannes ſah, deſſen durchbohrender Blick auf ihn geheftet war, als wollte er ihm bis auf den Grund ſeines Ge⸗ wiſſens ſehen. „Was iſt's?“ murmelte er mit unwillkür⸗ licher Angſt. Nikolas Treml zeigte mit dem Finger auf einen Stuhl, auf dem Vaunoy Platz nahm. „Hervé,“ ſagte Treml mit langſamer, trau⸗ riger Stimme,„als Gott mir meinen Sohn nahm, waret Ihr ein armer, ſchwacher Mann, der ſich in einen ungleichen Kampf mit mir, dem Star⸗ ken, eingelaſſen hatte. Ihr waret nahe daran, erdrückt zu werden.“ „Ihr ſeid großmüthig geweſen, mein edler Vetter,“ unterbrach ihn Vaunoy, von einer un⸗ beſtimmten Unruhe ergriffen. „Werdet Ihr dankbar ſein?“ fuhr Herr von la Tremlays fort. Vaunoy ſtand auf und ergriff ſeine Hand, die er mit Ungeſtüm an die Lippen zog. — — 37— „Beim heiligen Gott!“ rief er,„ich gehöre Euch, Vetter, mit Leib und Seele!“ Nikolas Treml wartete einige Zeit, bevor er wieder das Wort ergriff. Sein Blick blieb fort⸗ dauernd auf Vaunoy geheftet. „Ich glaube Euch,“ ſagte er endlich,„ich will Euch glauben. Auch iſt es nicht mehr Zeit, mich zu beſinnen; mein Entſchluß iſt gefaßt. Hört mich an!“ Er ſetzte ſich neben Vaunoy und fuhr dann fort: „Ich werde eine Reiſe antreten, von der ich vielleicht nicht zurückkomme... Unterbrecht mich nicht... Mein Weg iſt weit und am Ende des Weges werde ich einen Abgrund finden. Die Vorſehung kann mich dieſe gewiſſe und furchtbare Gefahr überſtehen laſſen; aber beſchützt die Vorſehung auch das bretagniſche Land?— Meine Hoffnung iſt ſchwach und mein feſter Glaube iſt, daß ich in den Tod gehe.“ „In den Tod?“ wiederholte Vaunoy, ohne ihn zu verſtehen. „In den Tod!“ rief der Greis, deſſen Ge⸗ ſicht in einer erhabenen Begeiſterung ſtrahlte; „habt Ihr nie gewünſcht, für die Bretagne zu ſterben, Herr von Vaunoy?“ „Beim heiligen Gott, Herr Vetter, ich glaube, daß dieſer Gedanke mir ein und das andre Mal in den Sinn gekommen iſt,“ erwiederte Hervé. „Für die Betragne, für ſeine unterdrückte Mutter zu ſterben, iſt dies nicht die Pflicht eines Edelmannes?“ „Gewiß... aber...“ „Die Zeit drängt, und es iſt nicht meine Abſicht, mich in unnütze Erklärungen einzulaſſen. Wenn ich nicht mehr da bin, wird Georg einer Stütze bedürfen...“ „Ich werde ihm dieſe ſein.“ „Eines Vaters...“ „Bin ich Euch nicht die Dankbarkeit eines Soh⸗ nes ſchuldig?“ declamirte Vaunoy mit Pathos. „Ihr werdet es lieben, nicht wahr Hervé, das arme Kind, das ich Euch zurücklaſſe? Ihr werdet ihm die Bretagne lieben und die Fremden haſſen lehren... Ihr werdet meine Stelle er⸗ ſetzen?“ Vaunoy machte eine Bewegung, als trocknete er eine Thräne. „Ja,“ fuhr der Greis fort, indem er ſeine Rührung unterdrückte,„Ihr ſeid gut und recht⸗ ſchaffen. Ich habe Vertrauen zu Euch und meine letzte Stunde wird ruhig ſein.“ Er ſtand auf, ging mit feſtem Schritt durch das Zimmer, und öffnete einen Schrank, aus welchem er ein mit ſeinem Wappen beſiegeltes Pergament nahm. „Hier iſt ein Dokument,“ fuhr er fort,„das ich ſelbſt dieſe Nacht aufgeſetzt habe, und welches — 39— Euch den vollen Beſitz aller Güter von Treml überträgt.“ Vaunoy ſprang von ſeinem Sitz emporz vor ſeinen geblendeten Augen ſah er Millionen Fun⸗ ken. Sein ganzes Blut ſtieg ihm ins Geſicht. Treml, welcher beſchäftigt war, das Pergament zu entfalten, bemerkte nicht dieſen Ausbruch einer raſenden Freude. Er fuhr fort: „Ohne Euch in mein Geheimniß einzuweihen, welches der Bretagne gehört, kann ich Euch ſagen, daß mein Unternehmen mich einer Anklage auf Majeſtätsbeleidigung ausſetzt. Dieſes Verbrechen, denn ſie nennen es ein Verbrechen! zieht nicht allein die Todesſtrafe nach ſich, ſondern auch die Confiscation der Güter des Angeſchuldigten. Das Erbtheil Genia Tremls muß vor dieſem Falle geſchützt werden, und Euch habe ich gewählt, es in Verwahrung zu nehmen.“ Vaunoy war nicht im Stande zu antworten; der Kopf wirbelte ihm von dieſem ganz uner⸗ warteten Antrage. Er legte nur die Hand aufs Herz und richtete den heuchleriſchen Blick zum Himmel. „Wollt Ihr?“ fragte Treml. „Ob ich will?“ rief Vaunoy, der zur rechten Zeit die Sprache wieder fand;„ach Vetter, wie freue ich mich, daß endlich die Gelegenheit ge⸗ kommen iſt, Euch meine Dankbarkeit zu bewei⸗ ſen!... Heiliger Gott! und Ihr fragt, ob ich will!“ — 40— Er ergriff mit ſeinen beiden Händen die des Greiſes und fuhr mit Innigkeit fort: „Ich danke Euch, mein theurer Vetter; ich rufe den Himmel zum Zeugen auf, daß Ener Vertrauen in guten Händen iſt!“ Job, Tremls Lieblingshund, unterbrach Vau⸗ noy in dieſem Augenblick mit einem langen und dumpfen Knurren; dann verließ er das Kiſſen, auf welchem er geſchlafen hatte, und ſtellte ſich zwiſchen ſeinen Herrn und Hervé, auf den er ſeine blitzenden Augen heftete. Dieſer erſchrak und trat unwillkürlich cinen Schritt zurück. „Der Hund und der Blödſinnige!“ dachte Tremlays, der, als Bretagner von ächter Race, auch die ſo leicht vibrirende Saite des Aberglau⸗ bens in ſich hatte. Er zögerte eine Sekunde, und fühlte ſich viel⸗ leicht verſucht, das Pergament wieder einzu⸗ ſchließen; aber die Stimme deſſen, was er ſeine Pflicht nannte, hinderte ihn daran. Er ſtieß den Hund heftig mit dem Fuße zurück und legte das Pergament in Vaunoy's Hände. „Gott ſieht Euch,“ ſagte er,„und Gott be⸗ ſtraft die Verräther! Ihr ſeid jetzt unumſchränk⸗ ter Herr von Tremls Schickſale.“ Als ob der Hund den Sinn dieſer feierlichen Worte verſtanden hätte, legte er ſich mit kläg⸗ lichem Geheul wieder auf ſein Kiſſen. „Jetzt, Herr von Vaunoy,“ fuhr Nikolas Treml fort,„nicht aus Mißtrauen gegen Euch, aber weil jeder Menſch ſterblich iſt, und weil Ihr aus der Welt gehen könntet, ohne Zeit zu haben, eine Verfügung zu treffen, jetzt verlange ich eine Garantie von Euch.“ 3 „Alles, was Ihr wollt, Herr Vetter.“ „Setzt Euch und ſchreibt,“ ſagte Treml, indem er auf den Tiſch zeigte, auf welchem Schreibzeug ſtand. Vaunoy ſetzte ſich und Treml diectirte ihm: „Ich, Hervé von Vaunoy, verpflichte mich, die Herrſchaften la Tremlays, Bouexis⸗en⸗Forét nebſt ihren Dependentien jedem directen Nachkom⸗ men Nikolas Tremls zurückzugeben, der mir gegen⸗ wärtige Schrift vorzeigt...“ „Herr Vetter,“ unterbrach ihn Vaunoy,„dies könnte dem Fiskus Waffen in die Hände geben. Wenn Ihr als ein Majeſtätsverbrecher verurtheilt werden ſolltet, dann würde dieſes Dokument ver⸗ dächtig erſcheinen.“ „Fahrt nur fort:...„der mir gegenwär⸗ tige Schrift vorzeigt, und mir die Summe von hunderttauſend Livres zurückzahlt, für welche ich die erwähnten Beſitzungen und Dependentien erkauft habe.“— Auf dieſe Weiſe kann der Fis⸗ kus nichts zurücknehmen; hunderttauſend Livres ſind ein anſtändiger Preis, obgleich noch weit unter dem Werthe der Beſitzungen.“ — 42— Vaunoy überlegte und nach einigen Sekunden ſchlug er das Pergament auseinander, welches Treml ihm übergeben hatte. Es war ein Ver⸗ kaufsdokument in geſetzlicher Form. Die Falten, welche ſich einen Augenblick auf ſeiner Stirn gebildet hatten, glätteten ſich ſogleich wieder. „Es iſt Alles vortrefflich, ſagte er,„da es Euer Wille iſt. Gott iſt mein Zeuge, daß ich von ganzem Herzen wünſche, daß alle dieſe Schrif⸗ ten recht bald durch Eure glückliche Rückkehr un⸗ nütz werden!“ „Wünſcht es, Vetter,“ erwiederte der Greis, „aber hofft es nicht. Ich bitte Euch, Euer Ver⸗ ſprechen zu unterzeichnen.“ Vaunoy that es, dann ſteckte jeder von ihnen ſein Dokument zu ſich. „Ich hoffe es,“ ſagte Vaunoy nach einer langen Pauſe, während welcher Nikolas Treml wieder in Nachdenken verſunken war,„ich hoffe, daß dieſe Vorbereitungen keine plötzliche Abreiſe verkünden?“ Er hoffte gerade das Gegentheil und irrte ſich nicht. Seine Stimme weckte Treml aus ſeinem Sinnen; er ſprang auf, ſtieß ſeinen Seſſel mit Ungeſtüm zurück und legte die Hand an die Stirn. „Es iſt Zeit,“ murmelte er mit halberſtickter Stimme;„Ihr habt mich an meine Pflicht erin⸗ nert. Ich reiſe ab.“ 43— „Schon?“ „Ich werde erwartet und habe ſchon zu lange gezögert. Geht, Vaunoy, laßt mein Pferd ſat⸗ teln. Ich will von dem Hauſe meines Vaters Abſchied nehmen, und zum letzten Male das Kind meines Sohnes umarmen.“ Vaunoy ließ mit allen äußeren Zeichen auf⸗ richtiger Trauer den Kopf auf die Bruſt ſinken und ging in den Stall. Nikolas Treml umgürtete ſich mit dem großen Schwerte ſeiner Ahnen, einem erprobten Stahle, der zur Zeit der nationalen Kriege manchen eng⸗ liſchen Schädel geſpalten hatte. Er bedeckte ſeine Schultern mit einem Mantel und drückte den großen Filzhut auf ſeine weißen Locken. Zwiſchen ſeinem Zimmer und Georgs Schlaf⸗ gemach befand ſich der große Prunkſaal. Es war ein anſehnliches Zimmer, deſſen Wände mit ſchwarzem, geſchnitzten Eichenholze belegt waren, und zwiſchen den Füllungen erhoben ſich Säul⸗ chen mit goldnen Kapitälern. In jeder Füllung hing ein Familienportrait und über dieſem war das Wappen angebracht. Nikolas Treml ging mit langſamem, zögernden Schritt durch dieſes Zimmer; aus ſeinem Geſicht ſprach ein tiefer, finſterer Schmerz. Er blieb vor den letzten Bild⸗ niſſen, welche die ſeiner verſtorbenen Eltern waren, ſtehen, und ſank auf die Knie. — 4 „Lebt wohl, Mutter!“ ſagte er,„lebt wohl, Vater! Ich werde ſterben, wie Ihr gelebt habt: für die Bretagne!“ Als er ſich wieder erhob, fiel ein Strahl der aufgehenden Sonne durch die Fenſter auf die Bilder und warf einen Schein von Leben auf die ſtarren Geſichter der Ritter und Frauen. Es war, als ob die edlen Damen lächelten und den hundertjährigen Duft der Roſenbouquets, mit denen ſie Alle geſchmückt waren, einzögen; es war, als ob die ſtolzen Herren ihre Hände auf die mit Eiſen belegten Hüften ſtemmten, indem ſie die Stimme des letzten Bretagners hörten, welcher davon ſprach, für ſein Vaterland zu ſterben.. Ehe Nikolas Treml den Saal verließ, ent⸗ blößte er ſein Haupt, und begrüßte die zwanzig Generationen ſeiner Ahnen, welche ſeinem Unter⸗ nehmen Beifall ſpendeten. Der kleine Georg lag noch im leichten Mor⸗ genſchlummer. Als Treml die Wange des Kin⸗ des mit ſeinem Munde berührte, erwachte es mit einem freundlichen Lächeln und ſchlang die roſigen Arme um den Hals des Großvaters. Herr von la Tremlays hatte von den ehrwür⸗ digen Bildern ſeiner Vorfahren Abſchied genom⸗ men, ohne daß ein Gefühl von Schwäche ihn beſchlich; aber die Kraft verließ ihn beim Anblick dieſes Kindes, der einzigen Hoffnung ſeines Ge⸗ — 45— ſchlechts, welches bald keinen Vater mehr haben ſollte, und das ihm ſo ſüß zulächelte, wie die Morgenröthe eines glücklichen Tages. „Gott beſchütze Dich, mein Sohn!“ ſagte er, während eine Thräne in ſeinen weißen Augen⸗ wimpern zitterte,„er mache aus Dir einen Edel⸗ mann und einen Bretagner. Möchteſt Du Deinen Vätern gleich werden, welche tapfer und frei waren!“ Er drückte noch einen Kuß auf die Stirn des Kindes und entfloh, denn die Rührung brach ſeinen Muth. Im Hofe hielt Hervé von Vaunoy das geſat⸗ telte Pferd. Dieſes Muſter eines Verwandten wollte ſeinen Vetter durchaus bis an das Ende der Allee begleiten. Job mußte an die Kette gelegt werden, da er ſich nicht wollte abhalten laſſen, bei ſeinem Herrn zu bleiben. Am Ende der Allee hielt Treml ſein Pferd an und reichte Vaunoy die Hand. „Kehrt zum Schloſſe zurück,“ ſprach er;„es darf Niemand wiſſen, wohin ich meine Schritte richte.“ „So lebt wohl, mein vortrefflicher Freund!“ ſchluchzte Vaunoy.„Mein Herz bricht, indem ich dieſe ſchmerzlichen Worte ausſpreche.“ „Lebt wohl!“ ſagte der Greis mit barſcher Stimme;„erinnert Euch Eures Verſprechens und betet für mich.“ — 46— Er ſetzte dem Pferde die Sporen in die Seite, und bald wurde der Galopp deſſelben auf dem dicken Mooſe des Waldes unhörbar. Hervé von Vaunoy behielt noch einige Sekun⸗ den lang ſeine traurige Miene, dann ſchlug er beide Hände zuſammen und brach in lautes Ge⸗ lächter aus. „Beim heiligen Gott!“ rief er,„man hat mir einen kleinen Winkel eingeräumt, und der Teufel hat das Uebrige gethan.— Gliückliche Reiſe, mein würdiger Herr Vetter! Seid ganz ruhig, wir werden unſre Verſprechungen beſtens erfüllen und Eure Beſitzungen ſollen in gute Hände kommen!“ Er kehrte ins Schloß zurück, den Kopf hoch empor gerichtet und den Hut auf das Ohr ge⸗ drückt. Als er bei Job vorbeiging, verſetzte er dem armen Thiere einen Fußtritt, und ſagte: „So werde ich Jeden behandeln, der ſich nicht unter meinem Willen beugen wird.“ An dieſem Tage vergaßen Tremls Diener ihre fröhlichen Lieder des Abends zu ſingen. Das Schloß ſchien von einer Atmoſphäre des Unglücks umgeben zu ſein, und Jeder hatte das Vorgefühl ſchlimmer Ereigniſſe. Nikolas Treml verfolgte im Galopp die Fuß⸗ wege, die ſich durch den Wald ſchlängelten. An⸗ ſtatt der gebahnten Straße zu folgen, vertiefte er ſich, wie zum Vergnügen, immer mehr in das Dickigt. Je weiter er kam, deſto finſterer und wilder wurde der Anblick der Umgebung. Die Brombeerſträuche ſchlangen ihre langen Zweige von einen Baume zum anderen, wie die Lianen in den Urwäldern der neuen Welt. Hin und wieder auf einer lichten Stelle, welche mit dür⸗ rem Stechginſter bedeckt war, gab der Rauch aus einer elenden Hütte dem Gemälde ein trauriges Leben. Nachdem er eine halbe Stunde lang ſein Pferd hatte galloppiren laſſen, ſah ſich der alte Edelmann genöthigt, den Schritt deſſelben anzu⸗ halten. Der Wald wurde in der That undurch⸗ dringlich. Er band ſein Roß an den Stamm einer Eiche, neben welcher auch das Pferd ſeines Stallmeiſters Jud, der mithin nicht weit ent⸗ fernt ſein konnte, ruhig weidete, und bahnte ſich einen Weg durch das Dickigt. Einige Minuten ſpäter fand er den treuen Diener, der, auf dem eiſernen Käſtchen ſitzend, ihn erwartete. Die Wolfsſchlucht. Eine halbe Stunde von dem öſtlichen Saume des Waldes von Rennes, weit entfernt von den Dörfern und von dem dichteſten Gehölz umge⸗ ben, befindet ſich eine tiefe Schlucht, deren ſteile und felſige Seiten mit Bäumen bedeckt ſind, zwiſchen denen hin und wieder dichte Gebüſche von Stechpalmen und Ginſter wachſen, welche eine ungewöhnliche Höhe erreichen. Ein ſchwa⸗ cher Waſſerſtrahl fließt während der naſſen Jah⸗ reszeit auf dem Grunde der Schlucht, aber im Sommer verſchwindet jede Spur von Feuchtig⸗ keit, und das Bett des Bächleins wird nur durch die grüne Linie bezeichnet, welche das zwiſchen dem gelben und vertrockneten Mooſe wachſende Gras bildet. Dieſe Schlucht geht von Norden nach Sü⸗ den. Der öſtliche Abhang derſelben iſt mit Ei⸗ chen bewachſen; der gegenüberſtehende, welcher ſich faſt ſenkrecht erhebt, iſt nur an ſeinem Fuße mit Gehölz bedeckt, weiter hinauf aber und bis zu einer bedeutenden Höhe kahl und nackt. Ue⸗ berall iſt der Felſen zwiſchen dem Haidekraut ſichtbar, und hin und wieder öffnen ſich breite — — 40— Spalten, deren Ränder mit Zwergeypreſſen und ſchwarzbelaubtem Taxusgeſträuch bedeckt ſind. Im Jahr 1719 war der Anblick dieſer Stelle wo möglich noch wilder. Auf dem Gipfel des Abhanges, den wir eben beſchrieben haben, er⸗ hoben zwei ſteinerne Thürme, welche früher wahr⸗ ſcheinlich Windmühlen waren, ihre zerklüfteten Mauern, die ſeit undenklichen Zeiten ſchon jeden Augenblick den Einſturz drohten. Rings um ſie her war der Raſen mit Trümmern bedeckt. In einiger Entfernung von ihnen rechts ſah man, daß der Boden in früherer Zeit durchwühlt worden war. Hin nnd wieder entdeckte man tiefe Gräben, deren durch die Zeit abgerundete Ränder früher ſenkrecht abgeſchnitten geweſen waren, und wie es ſchien mit einem Steinbruch oder einem Bergwerk in Verbindung geſtanden hatten. Auf der andren Seite des Abhangs deuteten Ruinen von Mauerwerk an, daß be⸗ trächtliche Gebäude an dieſer Stelle geſtanden hatten. Aber alle dieſe Ueberreſte waren viel älter als die beiden Windmühlen, welche gleichwohl eben⸗ falls ſchon in Trümmer zerfielen. Um bis zu ihrem Urſprunge zurückzugehen, und ihren, augen⸗ ſcheinlich induſtriellen Zweck zu erforſchen, hätte man das ganze Mittelalter überſpringen müſſen, bis zu den civiliſirteſten Zeiten der römiſchen Herrſchaft. Wir können jedoch verſichern, daß Der Wald von Rennes. I. 4 — 50— im Anfange des achtzehyten Jahrhunderts die Zahl der Gelehrten, ſowohl der Archäologen als der Antiquare, im Walde von Rennes ſehr be⸗ ſchränkt war. Gerade unter den Ruinen der Windmühlen wurde das Thal plötzlich ſo enge, daß die auf den beiden Abhängen ſtehenden großen Bäume ihre dichten Zweige mit einander vereinigten, und ein undurchdringliches Gewölbe bildeten. Dieſe ungeheure, finſtere, einſame Laube hieß in der Gegend die Wolfsſchlucht, und wir haben nicht nöthig, dem Leſer den wahrſcheinlichen Ur⸗ ſprung dieſes Namens zu erklären. Der verirrte Reiſende, welcher zufällig in dieſe wilde Gegend kam, deren finſteres Bild, von ge⸗ ſchickter Hand auf Leinwand übertragen, die ſchönſte Decoration für manche unſrer neuen Dramen abgeben würde, der Reiſende, ſage ich, bemerkte auf den erſten Blick keine Spur der Nähe menſchlicher Weſen. Ueberall Einſamkeit und Stille, welche nur von dem tanſendſtimmigen Geräuſch unterbrochen wird, das man da ver⸗ nimmt, wo die Natur ſich ſelbſt überlaſſen iſt. Man ha tte ſich mitten in einer Wüſte glauben können. Eine genauere Unterſuchung hätte jedoch halb verborgen unter einer Baumgruppe, eine kleine, mit Stroh gedeckte Erdhütte entdecken laſſen, deren einzige Oeffnung anſtatt der Glas⸗ ſcheiben mit Fetzen von grober Leinwand ver⸗ — — V . 51— ſchloſſen war. Dieſe Hütte lehnte ſich an den einen der beiden Thürme. Ihr elendes Aeußere, weit entfernt die Gegend zu erheitern, verlieh der ganzen Umgebung einen Schein von Dürf⸗ tigkeit und Verlaſſenheit.. Wie wir erzählt haben, hatte Nikolas Treml ſeinem Stallmeiſter Jud aufgetragen, ihn in der Wolfsſchlucht zu erwarten. Der treue Diener war vor Aufgang der Sonne auf ſeinem Poſten. Während er, auf dem Kaſten mit den hundert⸗ tauſend Livres ſitzend, welche in dieſem Augen⸗ blick die Beſitzungen Tremls repräſentirten, ruhig ſeinen Herrn erwartete, erheben wir den Lein⸗ wandlappen, mit welchem das Fenſter der ärm⸗ lichen Erdhütte verhängt iſt, und werfen einen Blick in das Innere derſelben. Dieſes beſtand aus einem einzigen Gemach, in welchem nichts zu ſehen war, als eine Bett⸗ ſtelle mit einer Strohmatrazze und zwei Sche⸗ mel. Die Stelle der Dielen vertrat der nackte, feuchte Erdboden, die Decke bildete die untere Seite des Strohdaches, welches anſtatt der Bal⸗ ken von einigen jungen Baumſtämmen getragen wurde. In einem Winkel lag ein wenig Stroh, auf dem ein ſchlafender Menſch ausgeſtreckt war. Auf dem Bett, wenn man es ſo nennen darf, lag wachend ein alter Mann, der von Krankheit und Jahreslaſt in einen Zuſtand der äußerſten Schwäche verſetzt war. Er fühlte Schmerzen 4* — 52— und ſeine beiden Hände, die er auf die Bruſt ge— drückt hielt, ſchienen eine laute Klage erſticken zu wollen. Dieſer alte Mann und der, welcher auf dem Strohe ſchlief, hatten eine auffallende Aehnlichkeit mit einander. Ihre beiderſeitigen Züge waren bleich und gleichſam verwiſcht; Beide hatten ſchneeweißes Haar. Sie waren augenſcheinlich Vater und Sohn, aber das Haar des Greiſes war vom Alter gebleicht, während der junge Mann, von den Geſetzen der Natur eine Aus⸗ nahme bildend, dieſes gewöhnliche Zeichen ſchwin⸗ dender Lebenskraft bei der Geburt mit zur Welt gebracht hatte. Es war Jean Blanc, der Albino. Ein heftigerer Schmerz entriß dem Greiſe einen klagenden Ton. Jean ſprang auf ſeinem Strohlager empor, und war im Augenblick auf den Füßen. Er näherte ſich dem Bett, und er⸗ griff die Hand ſeines Vaters, die er ſchweigend an das Herz drückte. „Mich dürſtet,“ ſagte Mathias Blane. Jean nahm eine zerbrochene Schale, in wel⸗ cher ſich noch einige Tropfen eines Trankes be⸗ fanden, und reichte ſie ſeinem Vater, der gierig den Inhalt verſchlang. „Ich habe noch immer Durſt,“ flüſterte der Greis, nachdem er getrunken hatte z„mich dür⸗ ſtet ſehr.“ — 53— Jean ſah ſich in der Hütte um, aber er fand nichts. „Ich will arbeiten, Vater,“ rief er, indem er eine Axt aus einem Winkel holte;„ich habe zu lange geſchlafen. Ich werde Arzenei mit⸗ bringen.“. Der alte Matthias wendete ſich mit Mühe auf ſeinem Lager um; aber in dem Angenblick, als Jean die Schwelle überſchreiten wollte, rief er ihn zurück. „Bleibe hier,“ ſagte er,„ich leide zu ſehr, wenn ich allein bin.“ Jean warf ſogleich die Art von ſich und trat wieder an das Bett. „Ich will bleiben, Vater, erwiederte er. „Wenn Ihr wieder eingeſchlafen ſeid, laufe ich auf das Schloß und bitte Herrn Nikolas Treml um das was wir brauchen, und dieſer giebt nie eine abſchlägige Antwort.“ „Ja, Du haſt Recht,“ ſagte der Alte lang⸗ ſam;„er iſt ein ächter Edelmann, der ſeinen Diener, welcher keine Arme mehr hat, um zu ar⸗ beiten oder zu kämpfen, nicht vergißt. Er ver⸗ achtet nicht den Sohn, weil er Haare von an⸗ derer Farbe hat, als die übrigen Menſchen.— Gott ſegne ihn!“ „Gott rette ihn!“ ſagte der Albino. Matthias richtete ſich im Bett empor und ſah ſeinem Sohne ins Geſicht. — 14, „Jean,“ ſagte er haſtig,„mein Gedächtniß iſt ſchwach, denn ich bin ſehr alt. Aber ich glaube mich zu erinnern.... Haſt Du mir nicht geſagt, daß der Sohn Nikolas Tremls in großer Gefahr iſt?“ „Er iſt ſchon ſeit zwei Jahren geſtorben, lie⸗ ber Vater.“ „Es iſt wahr, meine Gedanken ſind ſchwach. Aber der Sohn ſeines Sohnes, der letzte Spröß⸗ ling der Treml?“ „Ich habe es Euch geſagt, Vater.“ „Welche Gefahr droht ihm?“ rief der Greis mit fieberhafter Heftigkeit.„Kann ich ihm nicht beiſtehen?“ Jean warf einen traurigen Blick auf den ab⸗ gezehrten Körper ſeines Vaters. „Betet,“ ſagte er,„ich werde handeln. Ge⸗ ſtern ſah ich von einem Baume herab, von wel⸗ chem ich Aeſte abſchnitt, Nikolas Treml, der von Rennes kam, wo die Stände verſammelt ſind...“ „Dies iſt eine edle und tapfere Verſammlung, Jean!“ „Sie war es früher, Vater. Ich ſtieg auf die Straße herab, um den gnädigen Herrn wie gewöhnlich zu grüßen; aber er war ſo in Ge⸗ danken, daß er bei mir vorbei ritt. Ich ging ihm nach; er ſprach mit ſich ſelbſt und ich hörte ſeine Worte.“ „Was ſagte er?“ Die Züge des Albino verzerrten ſich plötzlich und ein unwiderſtehlicher Krampf ſetzte alle Mus⸗ keln ſeines Geſichts in Bewegung. Er brach in ein lautes Gelächter aus. „Was ſagte er?“ wiederholte der Greis. Anſtatt zu antworten, ſprang Jean in der Stube herum, und ſang dazu ein eintöniges Lied des Landes. Sein Vater drückte ſeinen Schmerz durch eine ſtumme Gebehrde aus, und wendete ſich wieder nach der Wand, als wäre er ſchon an dieſe traurigen Scenen der Verrücktheit gewöhnt. So war es auch. Ohne eigentlich blödſin⸗ nig zu ſein, wie die unwiſſenden Waldbewohner glaubten, war Jean häufigen Geiſtesſtörungen unterworfen, welche eine moraliſche Trägheit und Melancholie bei ihm zurückließen. Seine körperliche Häßlichkeit und die ungewiſſe Schwäche ſeiner Geiſteskräfte machten ein beſonderes Weſen aus ihm. Er wußte dies, und da er fühlte, wie tief er unter ſeinen rohen Gefährten ſtand, welche ſein Verſtand gleichwohl in ſeinen lichten Stun⸗ den überragte, verbarg er dieſen Verſtand ſorg⸗ fältig, hielt ſich von Andren entfernt, und legte ſeltſame Zeichen von Wahnſinn an den Tag, die gleichſam eine Scheidewand zwiſchen ihm und den übrigen Menſchen aufſtellten. Halb wahn⸗ ſinnig, halb menſchenfeindlich, war er bald mit Willen ein Narr, bald wirklich verrückt. 43 — 56— Nur ſeinem Vater, einem armen Greiſe, der in ſeinem Elende verging, zeigte ſich Jean Blane ohne Verſtellung, und enthüllte vor ihm alle Schätze der kindlichen Liebe, die auf dem Grunde ſeines Herzens lag. An Nikolas Treml hatte der Albino eine un⸗ begrenzte Anhänglichkeit. Aber Jean Blane, der Reifſchneider, der Unglückliche, dem Gott ſogar das äußere A ſehen eines Menſchen ver⸗ ſagt hatte, trug in ſeiner Seele einen unbezähm⸗ baren Stolz. Er beſchränkte ſelbſt die Wohl⸗ thaten des Schloßherrn und nahm nur das un⸗ umgänglich Nothwendige von ihm an. Herr von la Tremlays, der faſt nur mit ſeinen Wider⸗ ſtandsgedanken gegen die Eingriffe der Krone beſchäftigt war, wußte übrigens nicht, wie ſehr ſein alter Diener aller Hülfsquellen beraubt war. Er hatte ein für allemal ſeinem Haushofmeiſter befohlen, dem Sohne deſſelben nichts abzuſchla⸗ gen, und verließ ſich übrigens auf dieſen Mann. Alain, der Haushofmeiſter, haßte Jean Blane und kam den edelmüthigen Abſichten ſeines Herrn in Beziehung auf den unglücklichen Albino nur höchſt unvollkommen nach. Allein dieſer beklagte ſich nicht. Wenn er Herrn von la Trem⸗ lays zufällig auf einem Waldwege begegnete, fragte er ihn nach Georg, den er leidenſchaftlich liebte, und hüllte den Ausdruck des Verdachts, — 57— den er gegen Hervé von Vaunoy hegte, in dun⸗ kele Gleichniſſe. Dieſe Geſpräche hatten einen ſeltſamen Cha⸗ rakter. Der gebietende Herr und der Bauer ſprachen mit einander wie mit ihres Gleichen, weil der Erſtere den Letzteren aufrichtig bedauerte, und dieſer, voll Ergebenheit, aber auch voll un⸗ gemeſſenen Stolzes, ein eigenes Vergnügen dar⸗ in fand, ſich in ſeine Narrheit wie in einen Mantel zu hüllen, der 94 erlaubte, alle Cere⸗ monien bei Seite zu ſetzen. Der Wahnſinnsanfall Jean Blancs dauerte etwa eine halbe Stunde. Er ſprang umher und brummte dazu zwiſchen den Zähnen: „Ich bin das weiße Kaninchen... das Kaninchen...!“ Dabei ſtieß er ein bitteres, höhniſches Ge⸗ lächter aus. Als der Anfall am heftigſten war, blieb er plötzlich ſtehen, und ſeine rothen Augen verloren ihren Ausdruck fieberhafter Aufregung. Er trat raſch an's Fenſter und warf den ſtieren Blick nach der Wolfsſchlucht hinaus. In dieſem Augenblick traten Nikolas Treml und ſein Stallmeiſter Jud aus der Schlucht, und ſtiegen den gegenüber liegenden Abhang hinauf. Jean ſtürzte aus der Hütte, aber als er die Thür erreichte, waren der Herr und der Diener ſchon unter den dichten Bäumen ver⸗ ſchwunden. Was zwiſchen ihnen geſchehen war, erzählt das folgende Kapitel. 5. Die hohle Eiche. Im Mittelpunkte der Wolfsſchlucht ſtand eine ungeheure, alte Eiche. Ihre dicken, knoti⸗ gen Wurzeln kletterten die ſchiefe Fläche des Ab⸗ hanges hinauf; ihre Aeſte, ſo ſtark wie gewöhn⸗ liche Bäume, verbreiteten ſich nach allen Seiten, und bildeten gleichſam den Schlußſtein des grü⸗ nen Gewölbes, welches dieſen Theil des Thales bedeckte. Ueber dieſen rieſenhaften Baum und über die beiden Thürme, welche den ſüdlichen Abhang„ des Thales krönten, erzählte man ſich in der Gegend mancherlei Sagen. Unter Andrem be⸗ hauptete man, daß der Baum unmittelbar über einem großen unterirdiſchen Gewölbe ſtehe, deſſen Eingang ſich unter einem der beiden Thürme — 59— befinde, oder auch auf dem entgegengeſetzten Ab⸗ hange, zwiſchen den Gräben und Mauertrüm⸗ mern, von denen wir geſprochen haben. Nie⸗ mand, und dies liegt in dem Character der bre⸗ tagniſchen Apathie, hatte jemals daran gedacht, die Wahrheit dieſer Gerüchte zu unterſuchen, und deshalb war Jeder von ihrer Richtigkeit überzeugt. Nur über den Urſprung dieſer unterirdiſchen Räume waren die Meinungen getheilt. Einige behaupteten, daß es nichts als alte Gruben ſeien, aus denen man Eiſenerz zu Tage gefördert habe; Andere aber wieſen dieſe bürgerliche Hypotheſe zurück und verſicherten, daß dieſe ausgedehnten Gewölbe nach allen Richtungen unter dem Walde hinliefen, und ſich mit denen des Schloſſes Boue⸗ ris vereinigten, in welches das Gerücht einen der Mittelpunkte des Widerſtands gegen den Unions⸗Vertrag zur Zeit der guten Herzogin Anna, legte, dieſer ſo populären Fürſtin, deren Handlungen verwünſcht und deren Andenken hochgeachtet iſt. Nach dieſer letzten Anſicht hät⸗ ten die unterirdiſchen Räume den erſten Ver⸗ ſchworenen, welche in Ober⸗Bretagne den Na⸗ men bretagniſche Brüder führten, zu Verſtecken oder Verſammlungsorten gedient. Wie dem aber auch ſein mochte: wer an der Erxiſtenz dieſer Gewölbe gezweifelt hätte, würde für einen Un⸗ wiſſenden oder einen Verrückten gehalten wor⸗ den ſein. Keine Spur beſtätigte indeſſen ihr Vorhan⸗ denſein, und ſie mußten ſehr tief liegen, denn die Eiche ſtand faſt auf dem Grunde des Thales und ihre Wurzeln drangen gewiß tief in die Erde hinein. Ihr Umfang war ungeheuer, und obgleich ſich kein Zeichen von Altersſchwäche in der dichten und friſchen Belaubung zeigte, ſo war doch der Stamm ſo ausgehöhlt, daß er nur aus der Rinde und einer verhältnißmäßig dün⸗ nen Holzwand beſtand. Zwei große Oeffnun⸗ gen führten in die Höhlung, welche die Weite eines Zimmers hatte, in dem zehn Perſonen be⸗ quem ſitzen konnten. Am Fuße dieſer Eiche fand Herr von la Tremlays ſeinen Stallmeiſter. Das Geſicht des alten Edelmannes war bleich. Die ſchmerzlichen Gedanken, welche ſein Inneres beſtürmten, ſpiegelten ſich in den finſteren Zügen. Jund war bekleidet und bewaffnet wie zu einer langen Reiſe. Als ſein Herr ſich ihm näherte, zeigte er auf das Käſtchen. „Es iſt gut,“ ſagte Nikolas Treml. Er kniete neben dem Käſtchen nieder und ſchloß es auf. Dann zog er das von Hervé un⸗ terzeichnete Pergament aus dem Buſen und ver⸗ barg es unter den Goldſtücken. „So,“ ſagte er, indem er das Käſtchen wie⸗ der verſchloß,„können die Treml, ſie mögen arm oder reich ſein, ihr Erbtheil zurückfordern 4 — 61— und den Verrath beſiegen... wenn Verrath ſtattfinden ſollte. Jud verſtand ihn nicht und blieb unbeweg⸗ lich, bereit, jeden Befehl, wie er auch klingen mochte, auszuführen, ohne daß es ihm jedoch einfiel, ihn zu beſchleunigen. Jud war ein Mann von kräftigem Körper⸗ bau und ſtark markirtem Geſicht. Seine eckigen Backenknochen ſtanden aus dem Geſicht hervor, und gaben ſeinen Zügen den Character von Rauheit, der dem bretagniſchen Typus eigen iſt. Er trug die Haare lang und ſein mit Grau ver⸗ miſchter Bart umſchloß wie ein dicker Pelz den Hals. Seine Kleidung war wie die ſeines Herrn nach einem Zuſchnitte gemacht, der hundert Jahre früher Mode geweſen war, und nach der ungeheuren Länge ſeines Schwertes mit eiſernem Gefäße hätte man vermuthen können, daß die Zeit der irrenden Ritter und der Stahlpanzer noch nicht lange vorüber geweſen ſei. Aber in der Bretagne fliegt die Zeit nicht, ſondern ſie geht; ihre Flügel verlieren in der nebligen Luft ihre Kraft und Beweglichkeit. Mit den Sitten iſt es noch ſchlimmer als mit der Zeit; ſie gehen nur langſam weiter oder bleiben ganz ſtehen. Es exiſtirt in dem Augenblicke, wo wir dies ſchreiben, zwiſchen Paris und mancher Stadt im Königreich Leon, in der Grafſchaft Cornwallis oder im Bisthum Rennes noch ein eben ſo gro⸗ — 62— ßer Abſtand, als zwiſchen dem Mittelalter und unſerer Zeit, zwiſchen dem Kienſpan und der Gasflamme, zwiſchen der Kutſche und dem Dampf, aber auch zwiſchen der Poeſie und der Proſa, zwiſchen den durchbrochenen Thürmen einer Ka⸗ thedrale und zwiſchen den Dächern unſerer mo⸗ dernen Kirchen, zwiſchen einem edlen Manne und zwiſchen einem ſchlauen Börſenſpieler. In moraliſcher Hinſicht war Ind einer jener ehrlichen Menſchen, welche zum paſſiven Gehor⸗ ſam geboren ſind und von Kindheit an ihren Willen einem höheren Willen untergeordnet haben. Jud gehorchte, dies war ſeine Rolle und ſeine Beſtimmung; aber ſein Gehorſam war hingebend, nicht knechtiſch. In unſeren Tagen hat man keinen Begriff mehr von jenen ſtillſchweigenden und unwiderruflichen Contracten, welche aus dem Herrn und dem Diener ein einziges Weſen mach⸗ ten, mit der Kraft zweier Männer im Dienſte eines einzigen Willens. Die Dienſtbarkeit hat die Idee der Erniedrigung in ihrem Gefolge, und dieſe Idee laſtet, mit oder ohne Grund, auf einer ganzen Klaſſe unſerer Geſellſchaft; aber in der damaligen Zeit, wo das organiſirte Vaſallen⸗ thum vom Leibeigenen bis zum Souverain durch alle Stufen eines vollſtändigen und lückenloſen Syſtems emporſtieg, war der Diener ſeinem Herrn das, was der Herr dem Könige war. Es fand ein Verhältniß und mithin eine Vergleichung — 63— ſtatt, und jede Vergleichung ſchließt die abſolute Verachtung aus. In noch früheren Zeiten und als das Ritterthum noch eine Wahrheit war, hatten die Söhne der Edelleute nicht das ange⸗ borene Recht, die Sporen anzulegen; ſie muß⸗ ten vorher die Lanze eines Andren tragen, ehe ſie eine Deviſe auf ihr Wappenſchild ſetzen durf⸗ ten, und erſt durch Proben einer wirklichen Dienſt⸗ barkeit gelangten ſie dahin, den glänzendſten Titel zu führen, den ſich jemals ein tapferer Mann aneignen durfte: den Titel eines Ritters. Aber, wie geſagt, in der Bretagne ſind die Sit⸗ ten ſtationair und die Erinnerungen haben einen großen Werth. Im Anfange des Jahrhunderts, welches die Encyclopädie entſtehen ſah und Vol⸗ taire ein Piedeſtal errichtete, dem Manne, der ſeinen feindſeligen und eiferſüchtigen Geiſt wie ein kaltes Leichentuch über den Glauben von funfzehn Jahrhunderten gebreitet hat, im An⸗ fange dieſes Jahrhunderts, ſagen wir, war der lehnsherrliche Ritus in der Bretagne noch nicht vergeſſen. Ihre adligen Güterbeſitzer, welche die rauchenden Schornſteine ihrer Schlöſſer nie aus den Augen verloren, hatten ihre Haut in der Berührung mit den neuen Ideen nicht ab⸗ geworfen. Die Vaſallen waren Vaſallen in der ganzen Stärke des Wortes, nicht mehr und nicht weniger, das heißt, ſie waren Glieder in der großen Feudalprogreſſion. — 64— Die Diener waren Vaſallen. Man darf ſich daher nicht wundern, wenn wir einen Unterſchied machen, zwiſchen Jud und einem bezahlten Diener. Wir bleiben bei der Wahrheit. Obgleich Ind ſtets bereit war, lei⸗ dend und ohne Widerrede zu gehorchen, behielt er doch ſeine ganze Menſchenwürde. Sein Ge— horſam hatte die nämliche Quelle, wie die Er⸗ gebenheit eines vornehmen Barons für die Per⸗ ſon des Königs. Als Herr von la Tremlays den Kaſten wie⸗ der verſchloſſen hatte, warf er einen beſorgten Blick um ſich.. „Sind wir allein?“ fragte er leiſe,„ganz allein?“ Iund durchſuchte ſorgfältig die umliegenden Gebüſche und ſagte dann: „Wir ſind allein.“ „Dies hier,“ fuhr der alte Edelmann fort, indem er die Hand auf den eiſernen Kaſten legte, niſt das Leben und das Vermögen der Treml; es enthält mein Geheimniß, die Hoffnung meines Geſchlechts, den Erſatz für das Opfer, das ich gebracht habe, und mein beſter Freund würde den Tod zu erwarten haben, wenn er mich jetzt hier überraſchte.“ „Soll ich mich entfernen?“ fragte Jud. „Nein; Du gehörſt mir. Ich weiß, daß Du eher ſterben, als mich verrathen würdeſt.“ . 65— Jud legte die Hand aufs Herz. „Ihr ſeid allein,“ wiederholte er. Herr von la Tremlays warf noch einen Blick auf die umliegende Waldung und erhob dann die Augen zum Himmel. „Was iſt dort?“ fragte er, als er hinter den verfallenen Thürmen die Hütte Mathias Blancs entdeckte. „Es iſt nichts,“ erwiederte Jud.„Das weiße Kaninchen ſchläft und ſein Vater liegt im Sterben.“ Eine Wolke überzog die Stirn des alten Edel⸗ mannes. „Jean Blanc!“ ſagte er vor ſich hin. Die Erinnerung an die geſtrige Seene ſtieg wie eine Drohung oder eine böſe Vorbedeutung vor ſeinem Geiſte empor.. „Der arme Burſche,“ ſagte Jud,„iſt bei Meiſter Alain nicht in Gunſt. Gott weiß, was aus ihm werden wird, wenn wir nicht da ſind!“ Nikolas Treml zog ſeine ſeidene Börſe her⸗ vor und gab ſie Jud, der ihn verſtand, und ſie mit einem geſchickten Wurfe über die Bäume hinwegſchleuderte, ſo daß ſie vor der Thür der Hütte niederfiel. 5„Jetzt ans Werk!“ ſagte Treml. Mit Juds Hülfe trug er den Kaſten in das Innere der alten Eiche. Die Höhlung derſelben diente Jean Blanec als Magazin, und enthielt ſein Handwerkszeug und einige Bündel Kaſtanien⸗ Der Wald von Rennes. I. 5 — 66—. zweige. Ind nahm eine Hacke und begann zu graben. Nach einer Stunde Arbeit, welche durch die Natur des ganz von Wurzeln durchzogenen Bodens beſchwerlich war, wurde der Kaſten ver⸗ graben und mit Erde bedeckt. Jud ſetzte Alles ſo geſchickt wieder in den vorigen Stand, daß nur ein Verrath Jemanden auf den Gedanken hätte bringen können, daß die Erde umgewühlt worden war. Die Sonne ſtieg empor und warf ſchon ihre Strahlen über die Spitzen der Bäume. „Jetzt fort!“ ſagte Nikolas Treml;„der Weg iſt lang und ich habe Eil ans Ziel zu kommen.“ Herr und Diener ſtiegen mit raſchen Schritten † den Bergabhang hinauf. In dieſem Augenblick trat Jean aus der Hütte und bemerkte ſie. Mit ſeiner wunderbaren Behendigkeit ſprang er den Berg hinauf und erreichte bald das Dickigt, in welchem Treml verſchwunden war. Er durchſuchte das Gebüſch und als er auf den gebahnten Weg⸗kam, hörte er in der Ferne den Galopp der beiden Pferde. Er ſtürzte vorwärts, aber die Roſſe jagten mit der Schnelligkeit des Windes, und wie er ſich auch anſtrengte, er kam ihnen nicht näher. Schnell entſchloſſen kletterte er mit der Gewandtheit eines Eichhörnchens auf eine Eiche und hatte in wenigen Sekunden den Wipfel erreicht. Er erblickte zwei .— 6= Reiter, welche in der Richtung nach Fougéres zu ritten. „Nikolas Treml!“ rief er mit verzweifelnder Stimme. Der alte Edelmann wendete ſich um und ſetzte ſeinen Weg fort. Jean Blane ſetzte beide Hände wie ein Sprach⸗ rohr an den Mund und ſtimmte das Klagelied Arthurs von Bretagne an. Einen Augenblick konnte er glauben, daß die— ſes Mittel die erwartete Wirkung hervorbringen würde. Nikolas Tremy! hielt unentſchloſſen ſein Pferd an, aber bald fuhr er mit der Hand über die Stirn, als wollte er die peinlichen Gedanken verwiſchen; dann drückte er dem Roſſe die Sporen in die Seiten. Jean Blane ſtieg von dem Baume herab und kehrte ſchweigend nach der Wolfsſchlucht zurück. Vor der Thür der Hütte ſah er etwas Glänzendes zwiſchen den Trümmern liegen. Es war die Börſe des alten Herrn. Eine Thräne trat in Jean Blancs Augen. „Gott geleite ihn!“ ſagte er vor ſich hin; „er iſt ein guter Mann und er glaubt recht zu handeln.“ Dann ſetzte er ſich auf die Schwelle der Thür und verſank in Nachdenken. „Armer Junker Georg!“ ſagte er nach einer langen Pauſe;„allein, in den Händen dieſes 5* — 68 Mannes!— Aber das Kaninchen kann beißen wie ein Wolf, um Diejenigen, die es liebt, zu vertheidigen oder zu rächen,“ fügte er nach einer Weile hinzu;„ich werde thun, was ich kann.“, Die Neiſe. 3 Die letzte Stimme, welche Treml auf ſeinem Gebiet hörte, war die Stimme Jean Blanes, deſſen* melancholiſcher und drohender Geſang ihn wie ein böſes Vorzeichen begrüßte. Der alte Mann mußte ſeine ganze Characterſtärke und jenen hart⸗ näckigen Eigenſinn, welcher das Eigenthümliche des bretagniſchen Characters iſt, ieeeeh men, um die traurigen Gedanken zu beſiegen, die ſein Inneres beſtürmten. Er ſtieß Georgs Bild weit von ſich und ſetzte ſeinen Weg fort. Er wollte ohne Zweifel nicht, daß jemand die, Richtung ſeiner Reiſe erführe, denn nachdem er zwei Stunden lang in der Richtung nach Coues⸗ non und dem Meere fortgeritten war, ſchlug er plötzlich einen andren Weg ein, ritt um Vitré herum, deſſen ſchwarze Citadelle von den Strah⸗ — — 69— len der ſüntenden Sonne belunhtet war, und kam auf die Straße nach Laval, indem er die ſchönen Wieſen, durch welche ſich die Vilaine ſchlängelt, rechts liegen ließ. Zwiſchen Laval und Vitré, ein wenig unter⸗ halb des Fleckens Ernée, welcher achtzig Jahre ſpäter eine große Rolle in den Kriegen der Chouan⸗ nerie ſpielte, erhoben ſich auf einer kleinen Er⸗ höhung zwei Pfähle, deren obere Theile abge⸗ ſchnitten waren. Dieſe beiden Pfähle ſtanden ſechs Fuß von einander entfernt, durch zwei Gräben getrennt, zwiſchen denen man noch die morſchen Ueberreſte eines Schlagbaumes ſah. Nikolas Tremyl hielt ſein Pferd an und ent⸗ blößte ſein Haupt; Jud Leker folgte ſeinem Beiſpiele. „Noch wenige Schritte,“ ſagte Herr von la Tremlays,„und wir befinden uns auf feindlichem Boden... auf dem Boden Frankreichst So lange unſre Füße noch auf vaterländiſcher de ſtehen, wollen wir ein Ave zu unſrer Frau von Mi⸗ Foréôt beten.“ Beide ſprachen andächtig das lateiniſche Gebet. „Früher,“ fuhr der alte Edelmann fort,„hat⸗ ten dieſe Pfähle noch einen Kopf. Dieſer hier trug das Hermelinwappen mit der herzoglichen Kronez jener drei goldne Lilien in blauem Felde. Auf dieſer Seite des E Schlagbaumes ſtand ein bretagniſcher Krieger, auf der andren ein fran⸗ — 70— zöſiſcher. Die Soldaten ſtanden einander gegen⸗ über; die Embleme erhoben ſich ſtolz auf Lan⸗ zenweite von einander: Dreux und Valois waren einander gleich.“ „Eine glorreiche Zeit!“ ſeufzte Jud. „Dreux iſt nicht mehr. Bourbon hat ihm ſein Erbtheil geraubt und die Bretagne iſt eine Provinz,“ fuhr Nikolas Treml fort.„Aber Gott iſt gerecht, er wird meinem Arme Kraft geben. Komm!“ Sie überſchritten die ehemalige Gränze der beiden Staaten, und ſetzten ſchweigend ihren Weg fort. Die Reiſe war lang. Sie ſahen zuerſt Laval, das ehemalige Lehen von La Trémoille; Mayen⸗⸗ ne, welches ſeinen Namen dem plumpſten der Guiſen gab; Alencon, welches mehrere königliche Prinzen als Apanage erhielten. In jeder dieſer Städte blieben ſie nur ſo lange, als nöthig war, um ihre Pferde ausruhen zu laſſen, dann ſetzten ſie eiligſt ihre Reiſe fort. „Wohin gehen wir?“ fragte ſich Jud Leker zuweilen. Aber er ſprach dieſe Frage nicht laut aus. Wenn es Nikolas Treml gefiel, das Ziel dieſer Reiſe zu verbergen, ſo war es nicht ſeine, des Dieners Sache, dieſes Geheimniß zu erforſchen. Seine Ungewißheit ſollte nicht mehr lange dauern. Sie kamen durch Mortagne, Verneuil,„ — 21— Dreux, und am Morgen des ſechſten Tages ritten ſie durch das vergoldete Gitterthor des Parks von Verſailles. Verſailles war damals ſchon verlaſſen, aber ſeine Treppen von weißem Marmor hatten den Glanz aus den Tagen ſeines Ruhmes behalten. Statuen, Säulen, antike Urnen und reiche Frontons hatten noch ihre Pracht, wie unter der vorigen Regierung. Das Wittwenthum der königlichen Stadt dauerte noch nicht lange. In dem Sande der Gänge konnte man noch die Spuren der ſeidenen Pantoffeln und der hohen rothen Abſätze, wie die Wangen einer Kokette, entdecken. In den Vaſen ſtanden noch Blumen, in der Rinde der Bäume las man noch verliebte Chiffern, und zwiſchen den lächelnden Lippen der bronzenen Najaden ſprangen noch kriſtallhelle Waſſerſtrahlen hervor. Ach, das Wittwenthum hat zu lange gedauert! Die Blumen ſind ver⸗ blüht, Bronze und Marmor haben die dunkle Schönheit der Kunſtwerke eines früheren Jahr⸗ hunderts angenommen; es giebt keine Geſänge, keine heiteren Scherze, keine wehenden Federn der Höflinge, keine niedlichen Schuhe der Herzoginnen mehr! Nikolas Treml und ſein Stallmeiſter waren nicht willens, ſich ſehr um die Bildhauerarbeit und um die Springbrunnen zu kümmern. Sie warfen im Vorüberreiten einen gleichgültigen Blick 22 aauf dieſe Götter des Heidenthums, welche lächel⸗ ten, auf der Flöte blieſen, oder mit Weinreben bekränzt tanzten; dann ritten ſie weiter. Nach einigen Stunden Weges erreichten ſie die Seine. 4 „Iſt Paris noch weit?“ fragte Nikolas Treml einen Bürger, der an der Seite des Weges daher geritten kam. Der Bürger wendete ſich um, und ſtreckte den Arm in öſtlicher Richtung aus, wo Herr von la Tremlays einen leuchtenden Punkt am Horizonte erblickte. Es war die vergoldete Kuppel der In⸗ validenkirche, in der ſich die aufgehende Sonne ſpiegelte. ſ „Muth, Freund,“ ſagte er zu Jud;„dort iſt das Ziel unſerer Reiſe!“ „Gut,“ erwiederte Jud. 4 Hätten die Pferde ſprechen können, ſo würden ſie ihre Zufriedenheit wahrſcheinlich in deutlicheren Worten ausgeſprochen haben.. Als ſie die Stadt erreicht hatten, ließ ſich Nikolas Treml den Palaſt des Regenten zeigen und ritt eiligſt darauf zu. Eine fieberhafte Un⸗ ruhe ſchien ſich ſeiner bemächtigt zu haben. Jud folgte ihm Schritt für Schritt. Das Geſicht des treuen Dieners verrieth diesmal eine lebhafte Neugierde. In der That, was konnte Herr von la Tremilays bei dem Regenten wollen? — 73— An der Thür des Palais⸗Royal ſtieg Treml vom Pferde. Er wollte eintreten, aber die Dienerſchaft verweigerte ihm den Eingang. „Meldet Herrn Philipp von Orleans,“ ſagte er,„daß Nikolas Treml mit ihm ſprechen will.“ Die Bedienten betrachteten die altväteriſche Kleidung des Reiſenden, welche buchſtäblich unter einem dicken Staubüberzuge verſchwand, und wendeten ihm mit lautem Gelächter den Rücken. Der Höflichſte von ihnen antwortete: „Seine Hoheit iſt in ihrem Schloſſe Villers⸗ Cotterets.“ Nikolas Treml ſchwang ſich wieder in den Sattel.“ „Will Einer von Euch,“ ſagte er,„mir den Weg nach dieſem Schloſſe zeigen?“ Die Dienerſchaft brach von neuem in noch lauteres Gelächter aus. „Lieber Mann,“ ſagten ſie,„Leute Eurer Art haben im Schloſſe Villers⸗Cotterets keinen Zutritt.“ „Es wird ein deutſcher Bauer ſein, deſſen Tochter Seine Hoheit verführt hat,“ flüſterte Einer.— „Oder vielleicht,“ erwiederte ein Laufer,„der Mann eines hübſchen Weibchens aus der Pikardie.“ „Es iſt Virginius!“ „Es iſt Menelaus!“ 1— Jud legte die Hand an das Gefäß ſeines großen Schwertes, aber ſein Herr hielt ihn mit einem Winke zurück und warf ſein Pferd herum. Eine Beleidigung, welche aus zu großer Tiefe kommt, erreicht nicht ihr Ziel und wird nicht ver⸗ ſtanden. Herr von la Tremlays ritt fort und kehrte in einem Wirthshauſe ein, welches als Schild das bretagniſche Wappen führte. Ohne ſich Zeit zu nehmen, ſich umzukleiden, ließ er den Wirth kommen, und befahl ihm, einen Führer herbeizu⸗ ſchaffen, der ihn auf der Stelle nach Villers⸗ Cotterets geleitete. Juds Erſtaunen ſtieg aufs Höchſte. Die Neugierde, die er mit Gewalt unterdrücken mußte,. wollte ihn erſticken. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten und ergriff das Wort. „Tragt Ihr denn ſo großes Verlangen, gnä⸗ diger Herr, den Regenten Philipp von Orleans zu ſprechen?“ „Du kannſt fragen?“ rief Nikolas Treml heftig. Dieſe Antwort ſteigerte Juds Verwunderung noch mehr. 3 „Und wenn ich ſterben ſollte,“ murmelte er voor ſich hin,„ſo könnte ich nicht begreifen, wa der Herr vom Regenten will!“. 5 4 5* Nikolas Treml hörte es, ergriff den Arm ſeines Stallmeiſters und ſagte zu ihm: 4 — 75 „Ich will ihn ermorden!“ Jud ärgerte ſich, daß er eine ſo natürliche Sache nicht errathen hatte. „Das laſſe ich mir gefallen,“ ſagte er. Dann nahm er ſeine gewöhnliche Seelenruhe wieder an. In dieſem Augenblick erſchien der Wirth mit einem Führer. 7. Der Wald von Villers-Cotterets. Das prächtige Luſtſchloß des Regenten ge⸗ währte an dieſem Tage einen noch heitereren An⸗ blick als gewöhnlich. Man ſah die Stallleute ſich im Hofe um die angeſpannten Wagen drän⸗ gen. Die Reitpferde ſtampften den Boden, als wollten ſie ihre Herren herbeirufen und eine ganze Armee von Pagen, Läufern und Bedienten hatte die Vortreppe beſetzt. Der Regent war noch bei Tafel. Dieſer Fürſt, deſſen Interregnum ſo viel Stoff zu mun⸗ teren Vaudevillen und ſchlüpfrigen Romanen — 76 gegeben hat, beſaß nicht die königlichen Sitten ſeiner Verwandten von der älteren Bourboniſchen Linie. Aus den verſchwenderiſchen Neigungen Ludwigs XIV. hatte er eine kleinliche Auswahl getroffen, und beſchränkte ſeine Leidenſchaften auf zwei Dinge: auf die Tafel und das Boudoir. Sein Hof duftete nach der Orgin, die Spitzen⸗ jabots ſeiner Höflinge waren mit Wein befleckt, und er iſt vielleicht der einzige Fürſt, der auf den Bretern unſrer kleinen Theater wirklich an ſeinem Platze iſt. Ludwig XV. hatte Fehler, welche Jedermann kennt, aber wenigſtens betrank er ſich nicht, daß er taumelte und in die Goſſe fiel. Die Regentſchaft war eine gute Zeit für das Wild in den königlichen Waldungen. Philipp von Orleans ging ſelten auf die Jagd, und zog aus guten Gründen die weichen Kiſſen eines Wagens dem harten, ledernen Sattel vor. Seine Promenaden fanden gewöhnlich Statt, wenn er getrunken hatte, und dann war ihm meiſt eine Riilehne ſehr nothwendig. Jede Sache muß ein Ende haben, und dies war auch mit der Mahlzeit der Fall. Höflinge und ſchöne Damen ſtiegen in Wellen von Sammt und Seide die große Vortreppe des Schloſſes herab. Alles war, wie man ſich denken kann, in der ſchönſten Laune. Es gab nicht einen roſigen Mund, der ſich nicht zu einem freund⸗ lichen Lächeln verzog, nicht eine gepuderte Per⸗ ‿ — 1,— rücke, welche nicht artig geſchüttelt wurde, wäh— rend ihr Beſitzer ein Bonmot lallte, oder eine Liebeserklärung abſchoß, indem er einen parfümir⸗ ten Handſchuh küßte. Es war ein köſtliches Ge⸗ ſchwätz, ein Gemiſch von halbberauſchten Mar⸗ quiſen und Grafen, denen der Madera zu Kopfe geſtiegen war. Die Halskragen waren zwar ein wenig verſchoben, die Jabots zerdrückt, die Kopf⸗ putze in Unordnung gebracht, aber der moraliſche Schein blieb demohngeachtet gerettet, denn der ehrwürdige Wilhelm Dubois, Abbé einer Menge Abteien, und den man ſchon als zukünftigen Kar⸗ dinal begrüßte, heiligte durch ſeine Anweſenheit die liebenswürdige Ceremonie. Frau von Carnavalet, welche ſeit dreimal vierundzwanzig Stunden die Ehre hatte, von dem Regenten ausgezeichnet zu werden, ſtieg zu⸗ erſt in den Wagen. Damit war das Signal gegeben. Die Equipagen emaillirten ſich mit reizenden Geſichtern, die Reitpferde tanzten unter ihren Reitern und das große Thor des Hofes wurde geöffnet. Wider ſeine Gewohnheit hatte Philipp von Orleans in keinem Wagen Platz genommen. Er verſuchte ein prachtvolles Pferd, das ihm die Königin Anna von England geſchickt hatte; ein Geſchenk, das er beſonders wegen ſeines eng⸗ liſchen Urſprungs ſchätzte, denn der Regent war im Herzen ein Engländer. — 78— Alle Geſchichtſchreiber ſind darüber einverſtan⸗ den, daß Philipp von Orleans von Geſicht ſehr ſchön war, was auch durch die Porträts von ihm beſtätigt wird. Wenn er ſein allzufreies Benehmen und ſeine Sitten eines luſtigen Wüſt⸗ lings bei Seite ſetzte, dann erkannte man in ihm den Abkömmling der Könige, und er ſpielte die Figur eines Fürſten. An dieſem Tage war er beſonders heiterer Laune; er ſchwang ſich mit Gewandtheit in den Sattel und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Zwiſchen dem der Natur ganz überlaſſenen Walde von Rennes und dem mit künſtlichen Alleen durchzogenen Gehölz von Villers⸗Cotterets war ein großer Unterſchied. Es waren auch hier große Bäume mit dichtem Laubdache, hohe Eichen, Dickigte, in denen ſich eine ganze Armee verirren konnte; aber die Hand des Menſchen war überall ſichtbar. Es iſt ein Glück für ein Land, die Be⸗ ſitzung eines Fürſten zu ſein. Wenn die Hand des Herrn das Geld nicht zu ſchonen braucht, dann bildet und verſchönert ſich die Natur, ohne etwas von ihrem ländlichen Reize zu verlieren. Bald zeigten ſich breite Gänge in mäandriſchen Windungen, bald dehnten ſie, ſo weit das Auge ſehen konnte, ihre Doppelreihe ſchlanker Bäume aus, welche einer ungeheuren Colonnade, mit einem grünen Dache überwölbt, glichen. — 79 Man muß geſtehen, daß zwiſchen den beiden Gegenden der Vortheil nicht auf der Seite der Bretagne war. Der Wald von Retz wimmelt von reizenden Ausſichten. Wenn man die ſchat⸗ tigen Wege in das Thal hinabgeht, denkt man an das irdiſche Paradies; wenn man auf die Höhen kommt, breitet ſich der Horizont aus und gewinnt die Weite, welche faſt allen bretagniſchen Land⸗ ſchaften fehlt. Und überdies könnte der arme Wald von Rennes nur einige unbekannte Edel⸗ ſitze, oder den Thurm einer kleinen Dorfkirche dem von den Valois erbauten königlichen Schloſſe und der prächtigen Abtei Prémontré entgegen⸗ ſtellen. Der Zug von Equipagen und Reitern hatte ſeit einer Stunde die Allee von Villers⸗Cotterets verlaſſen und ging jetzt langſam weiter. Die Herren paradirten neben den Thüren der Wagen, die unhörbar auf dem Raſen der Gänge hinfuh⸗ ren. Philipp von Orleans plauderte mit Frau von Carnavalet, welche durch den entgegenge⸗ ſetzten Wagenſchlag nach dem ſchönen Herrn von Naneré blickte. Plötzlich erſchienen an einer Krümmung des Weges zwei Reiter, welche ſich mitten auf die Straße ſtellten, ſo daß ſie den Weg verſperrten. Es waren zwei große athletiſche Geſtalten, deren grauer, beſtaubter Anzug keine Aehnlichkeit mit den Kleidern nach der damaligen Mode hatte. — 380— Der älteſte der beiden Unbekannten wendete ſich an einen Bauer, der, auf einem kleinen Pferde reitend, ſich in beſcheidener Entfernung hielt, und fragte ihn mit lauter Stimme: „Welcher von dieſen Herren iſt der Herzog von Orleans?“ Der Bauer zeigte mit dem Finger auf den Prinzen und ergriff die Flucht. Der Unbekannte ritt gerade auf den Regen⸗ ten zu, der unwillkürlich zurückwich, und legte die Hand an ſeinen Degen. Die Höflinge, die einen Augenblick vom Erſtaunen gelähmt waren, warfen ſich vor ihren Herrn. Frau von Carna⸗ valet, welche anfangs Willens geweſen war, in Ohnmacht zu fallen, erholte ſich wieder, um beſ⸗ ſer ſehen zu können, was geſchehen würde. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Regent, nach dem erſten Augenblicke des Stillſchweigens. „Ich bin Nikolas Treml von la Tremlays, Herr von Bouexis⸗en⸗Forét,“ gab der Fremde zur Antwort. „Und was wollt Ihr?“ „Mich mit dem Regenten von Frankreich in ehrlichem Zweikampf ſchlagen.“ Dieſe ſonderbaren Worte wurden mit ernſter und feſter Stimme, frei von aller Prahlerei, aus⸗ geſprochen. Die Höflinge ſahen einander an; ein ſtum⸗ mes Lächeln kam auf ihre Lippen. Die Damen — 31— intereſſirte die Sache außerordentlich, ſie ſahen zu, wie man einer Theatervorſtellung folgt. Für die Frauen wird Alles zum Schauſpiel. Es war in der That ein ſeltſames und ſtau⸗ nenswerthes Schauſpiel, dieſe beiden Männer, die Trümmern eines vergangenen Jahrhunderts, aber kraftvolle, drohende, unerſchrockene Trüm⸗ mern, mitten unter dieſen zarten weiblichen Ge⸗ ſichtern; dieſe langen Schwerter mit eiſernen Ge⸗ fäßen, zwiſchen den feinen Paradedegen; dieſe Röcke von grobem Tuch ohne Bänder und Sti⸗ ckereien, mitten in dieſem Gold und Sammt. Es war als ob die Bretagne des fünfzehnten Jahrhunderts aus dem Grabe auferſtanden wäre, um für die Eroberung von dem Enkelneffen der Eroberer Genugthuung zu fordern. Philipp von Orleans hatte anfangs ein Ge⸗ fühl von Unruhe empfunden, aber jetzt trennten ihn zehn Edelleute von dem alten Bretagner. Er vergaß ſeine vorübergehende Angſt. „Dieſer Mann iſt verrückt,“ ſagte er lachend; gunſere Damen werden ſich vor ihm fürchten. Man jage ihn fort!“. Der Befehl war beſtimmt, aber das Schwert Nikolas Tremls war lang. Die Herren beeilten ſich nicht, ihn anzugreifen. Der alte Bretagner zog langſam ſeinen Hand⸗ ſchuh von Büffelleder aus, der wohl ein Pfund wiegen konnte. Der Wald von Rennes. I. 6 — 82— „Man mache der Sache ein Ende,“ ſagte der Regent ungeduldig. „Wir wollen ein Ende machen,“ verſetzte Nikolas Treml ernſthaft.„Man hat mir geſagt, daß das Blut der Bourbonen ein Heldenblut ſei; aber der Ruf lügt, wie ich ſehe, oder der ältere Zweig hat ganz allein die ererbte Tapfer⸗ keit behalten. Philipp von Orleans, Regent von Frankreich, zum zweiten Mal, ich fordere Dich zum Zweikampf!“ Indem er dies ſagte, zog Treml vom Leder. Die Herren thaten das Nämliche. Die Da⸗ men fanden, daß die Sache nach Wunſch ging. „Ihr ſeid meine Zeugen!“ fuhr Treml mit lauter, feierlicher Stimme fort;„da ich den Kö⸗ nig, welcher noch ein Kind iſt, nicht anklagen kann, ſo klage ich den Regenten von Frankreich an, daß er die Bretagne, welche von Rechtswegen frei iſt, in Knechtſchaft hält. Um die Wahrheit meiner Worte zu bekräftigen, biete ich einen Zweikampf auf Leben und Tod an. Wenn es Gottes Wille iſt, daß ich unterliege, ſo wird die Bretagne nur einen ſeiner Söhne verloren haben; bleibe ich Sieger, wird ſie ihre rechtmäßigen, Freiheiten wieder erhalten.“ „Alſo ein förmlicher Zweikampf!“ murmel⸗ ten die Höflinge, welche nicht weit davon ent⸗ fernt waren, das Abenteuer ſpaßhaft zu ſinden. „Ein Zweikampf zwiſchen Seiner königlichen — 383— Hoheit und Herrn Nikolas... die Idee iſt etwas werth!“ Der Regent lachte nicht mehr. Die Damen, von der romantiſchen Seite der Sache ergriffen, bewunderten jetzt das ernſte Ge⸗ ſicht des Greiſes und nahmen Parthei für ſeinen weißen Bart. „Nun, Regent von Frankreich, Ihr antwor⸗ tet nicht?“ ſprach Treml mit zornblitzenden Augen weiter. Ein tiefes Schweigen folgte dieſen Worten. Jedermann hatte das Vorgefühl eines außeror⸗ dentlichen Ereigniſſee. In dem Augenblicke, als der Regent den Mund öffnete, um den Herren ſeines Gefolges den beſtimmten Befehl zu geben, den alten Edelmann fortzuſchaffen, kam ihm die⸗ ſer zuvor und wendete ſich zu ſeinem Stallmeiſter mit den Worten: „Bringe dieſes Volk auf die Seite.“ Jud drang mit ſeinem kräftigen Pferde mit⸗ ten in den Schwarm von Höflingen, welche, mit unwiderſtehlicher Gewalt zurückgedrängt, rechts und links auswichen. Eine Sekunde, eine einzige Sekunde lang ſtanden Philipp von Orleans und Nikolas Treml einander frei gegenüber. Dieſe kurze Zeit ge⸗ nügte dem Greiſe, ſeinen dicken Büffelhandſchuh emporzuheben, und dem Regenten von Frank⸗ 6* — 24— reich damit in's Geſicht zu ſchlagen, indem er mit Donnerſtimme ausrief: „Für die Bretagne!“ Dreißig Degen wurden in dieſem Augenblick auf ſeine Bruſt gezückt. Die Damen ſchienen in Ohnmacht fallen zu wollen; die Entwickelung übertraf jede Erwartung. Der Regent erbleichte ob dieſer tödtlichen Be⸗ leidigung. Er zog den Degen wie der geringſte ſeiner Edelleute und drang auf den Angreifenden ein. Aber ehe er ihn noch erreichte, hielt er inne. Der Zorn hatte wenig Gewalt auf dieſe Natur, in welcher der Kopf das Herz völlig beherrſchte. Er kehrte zu Frau von Carnavalet zurück, welche ſich todt ſtellte, und machte Anſtalt, ihr hülf⸗ reiche Hand zu leiſten. Während dem hatte ſich ein ungleicher Kampf, deſſen Ausgang nicht zweifelhaft ſein konnte, zwiſchen den beiden Bretagnern und dem Ge⸗ folge Seiner königlichen Hoheit entſponnen⸗ Die franzöſiſchen Edelleute, welche, trotz ihrer lockeren Sitten doch ihre angeborenen Grund⸗, ſätze von Ehre behalten hatten, ſuchten ihre Geg⸗ ner zu entwaffnen, nicht aber ſie zu tödten. Nach einigen Minuten war Nikolas Treml vom Pferde geriſſen und wurde an einen Baum ge⸗ bunden. 4 — 85— Er ſprach kein Wort und blickte mit hoch emporgerichteter Stirn auf ſeinen Gegner. Ind hatte ſein Schwert noch; er war von allen Seiten umringt aber nicht beſiegt. Treml, welcher es für unnütz hielt, den Kampf fortzuſetzen, gab ihm einen Wink. Sogleich warf Jud ſeine Waffe den Gegnern zu Füßen, welche ſich auf der Stelle ſeiner bemächtigten. In dieſem Augenblicke erhielten die Züge Nikolas Tremls, der bis dahin den Schein einer ſtoiſchen Ruhe behalten hatte, den Ausdruck eines bitteren, tiefen Schmerzes. Ein Gedanke ging ihm durch die Seele: er ſah im Geiſte ſeinen watal Georg, wie er lächelnd in ſeiner Wiege ag. Bis jetzt hatte ihn ſeine thörichte Hoffnung aufrecht erhalten. Er hatte geglaubt, den Regen⸗ ten zwingen zu können, daß er ſich mit ihm in einen Zweikampf einlaſſen würde, um mit dem Degen in der Hand über das Schickſal der Bre⸗ tagne zu entſcheiden. Er hatte auf die unerhörte Beleidigung gerechnet, indem er glaubte, daß die Fürſten, welche vor Allem Edelleute ſind, einen Schimpf nicht anders als durch ein Gottesge⸗ richt zu rächen wiſſen. Jetzt war er eines An⸗ deren belehrt. Das Fieber war vorüber. Wie es immer nach einer Niederlage geſchieht, dräng⸗ ten ſich tauſend finſtere Gedanken in ſeinem Ko⸗ pfe. Er fühlte, daß ein Zweifel über die Recht⸗ — 36— ſchaffenheit ſeines Verwandten, Hervé von Vau⸗ noy in ihm erwachte, und dieſer Zweifel, kaum entſtanden, wuchs empor, bis er zur lleberzeu— gung wurde. Er glaubte in der Ferne die war⸗ nende Stimme des armen Albino zu hören, und! dieſe Stimme verkündete ihm den Untergang ſeines Geſchlechts. Er warf einen muthloſen Blick auf Jud und bereute den ihm gegebenen Befehl, ſeinen Degen wegzuwerfen. „Nimm Deine Waffe wieder auf, Jud,“ rief er ihm zu,„ſchlage dieſes Stutzervolk zu Boden, und geh nach Haus, um über das Kind zu wachen.“. Jud gehorchte wie immer. Mit einer kräf⸗ tigen Bewegung machte er ſich von den Händen, die ihn feſthielten, los; aber die Menge hatte ſich vermehrt, die Bedienten und Stallleute wa— ren aus dem Schloſſe hinzugekommen. Iud wurde zu Boden geworfen. Indem er fiel, wen⸗ dete er den Blick voll ehrerbietiger Trauer auf ſeinen Herrn. „Es war nicht möglich,“ ſagte er, als wollte er ſich wegen eines Ungehorſams entſchuldigen.* Nikolas Treml ließ den Kopf ſinken. „Armer Georg!“ ſagte er,„möge der Him⸗ mel mich ſtrafen und Dich in ſeinen Schutz nehmen!“. — 8? Frau von Carnavalet, welche glaubte, daß ihre Ohnmacht lange genug gedauert hatte, kam wieder zu ſich, und der Regent gab das Zeichen zur Rückkehr ins Schloß. Auf dem ganzen Wege zeigte er eine hoͤchſt liebenswürdige Heiterkeit. Nur als er die Treppe vor dem Schloß hinaufſtieg, neigte er ſich zu Dubois' Ohr und ſprach das Wort Baſtille aus. Dubois verbeugte ſich zum Zeichen des Gehor— ſams. Es war das Todesurtheil Nikolas Tremls und des braven Jud, ſeines Stallmeiſters. S. Der Vormund. Einige Stunden nach dem ſonderbaren Kam⸗ pfe, den wir erzählt haben, wurden Herr von la Tremlays und ſein Stallmeiſter in die Baſtille gebracht. Es iſt anzunehmen, daß der alte Bretagner ziemlich ernſte Betrachtungen anſtellte, als er die Schwelle des fürchterlichen Gefängniſſes über⸗ — 88 ſchritt. Was Ind betrifft, ſo kann man ver⸗ ſichern, daß er gar nicht nachdachte. Wie ſchwer aber ſeine geheimen Sorgen ſein mochten, ſo beſaß Nikolas Treml zu viel Stolz und zu viel Characterſtärke, um ſie durch ſeine Miene zu verrathen. Schweigend ſtieg er die finſteren Treppen der Baſtille empor, und trat in einen Kerker, wie er früher in den großen Saal des Schloſſes la Tremlays getreten war: mit ruhiger, hoch empor gerichteter Stirn. Aber der Teufel verlor dabei nichts. So— bald er allein war, gab ſich der alte Edelmann ſeiner Verzweiflung hin. Er machte ſich Vor⸗ würfe, Georg verlaſſen zu haben, und verfluchte faſt ſeinen unnützen Patriotismus. Sein Un⸗ ternehmen erſchien ihm jetzt in ſeinem wahren Lichte. Der Anblick des Hofes hatte ihn auf andere Gedanken gebracht. Er ſah ein, daß ſein Verſuch, der in den Zeiten des Ritterthums verwegen geweſen wäre, im achtzehnten Jahr⸗ hundert eine wahre Handlung des Wahnſinns war. „Es war für die Bretagne!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als wollte er ſich damit tröſten. Aber es tröſtete ihn nicht.— Sein Schmerz und ſein Kummer würden noch viel bitterer geweſen ſein, hätte er ſehen können, was im Schloſſe la Tremlays vorging. Hervé von Vaunoy war nicht gewohnt, die Sa⸗ — — 89— chen halb zu thun. Einige Worte, welche Ni⸗— kolas Treml im Laufe ihres letzten Geſprächs entſchlüpft waren, hatten ihn auf die Spur ge— leitet und er errieth ohngefähr den Zweck, den die Reiſe ſeines alten Verwandten hatte. Dies war ihm genug, um das Uebrige daraus abzu⸗ leiten. 5 Er ließ eine Woche vorübergehen. Nach die⸗ ſer Zeit hielt er die Rückkehr Nikolas Tremls wenigſtens für ſehr zweifelhaft und richtete ſein Verfahren danach ein. Die Mehrzahl der alten Diener im Schloſſe wurde verabſchiedet. Vau⸗ noy behielt nur Diejenigen, von deren Ergeben⸗ heit er ſich ſchon längſt überzeugt hatte, und Alain, den Haushofmeiſter, der einigermaßen ſein Vertrauter war. Vaunoy's Character hatte ſich völlig umge⸗ wandelt. Seit zwei Jahren dachte er an nichts, als an den Beſitz der reichen Herrſchaft la Trem⸗ lays, und jetzt war dieſer Traum plötzlich in Erfüllung gegangen. Geſtern war er arm, und beſaß nichts als ſeinen abgenutzten Junkerman⸗ tel, und heute erwachte er reicher, als irgend ein Mitglied des hohen bretagniſchen Adels. Dies war genug, um den Kopf eines ehrgeizigen Man⸗ nes wie Vaunoy zu verrücken. Zwar hatte, genau betrachtet, dieſer Reich⸗ thum nur einen ſehr unſicheren Grund. In Hervé's Händen war das Schloß mit dem was — 90— dazu gehörte, nur ein anvertrautes Gut und er ſelbſt war nichts als ein mit der Verwaltung deſſelben Beauftragter. Aber den, der ſeinen Nachen richtig zu führen weiß, kann eine ſolche Rolle weit bringen. Alle Menſchen ſind ſterb⸗ lich; der Mündel iſt allen den unglücklichen Zu- fällen unterworfen, welche das ſchwache Men⸗ ſchengeſchlecht bedrohen. Man kann am Fieber, am Croup ſterben; man ſtirbt, weil man zu viel oder zu wenig gegeſſen hat; man wird von einem wilden Thiere zerriſſen, und was weiß ich ſonſt noch. Später giebt es Zweikämpfe, Unglücks⸗ fälle beim Reiten, und die Liebe, welche Troja zum Fall brachte. Aus allen dieſen Gründen erreicht der Mündel eines klugen Fideicommiſſars . ſelten das Alter der Mündigkeit, wenn die Erb⸗ ſchaft Berückſichtigung verdient. Herr von Vaunoy aber war ein ſehr kluger Kopf. Da er jedoch von der Ungeduld faſt ver⸗ zehrt wurde, ſich in den unbeſchränkten Beſitz der Güter ſeines Vetters zu ſetzen, legte er auf die Zufälle, welche wir aufgezählt haben, keinen großen Werth. Der kleine Georg konnte mög⸗ licherweiſe alle dieſe Gefahren überwinden, und Herr von Vaunoy hatte nicht Luſt, ſich den Wechſelfällen eines ſo gefährlichen Spiels zu unterwerfen. Der Bretagner beſitzt in der Regel einen guten, edlen Character, wenn er ſich aber vornimmt, ſchlecht zu ſein, dann ſind die Schur⸗ Georg, noch ein anderer Beſchützer nahm das ken der Hauptſtadt Engel gegen ihn. Nichts ſchreckt ihn zurück, und die Mittel, die er an⸗ wendet, verrathen eine teufliſche Rohheit. Der Leſer wird dies bald beſtätigt finden.— Vaunoy fuhr fort, Georg wie den geliebten und geachteten Sohn ſeines Herrn zu behandeln. Er wollte ſich aus der Liebe des Kindes eine Stütze machen, für den unglücklichen Fall, daß Herr von la Tremlays eines Tages unerwartet zurückkommen ſollte. Ein Monat, zwei Monat vergingen; Hervé hatte das Haus von Allem geſäubert, was noch eine Anhänglichkeit an das alte Geſchlecht der Tremill zeigte. Es war jedoch noch ein treuer Diener übrig geblieben, den er nicht hatte vertreiben können; dies war Job, der Lieblingshund Nikolas Tremls. Vergebens hatten die Diener, mit Peitſchen bewaffnet, den Hund weit in den Wald hinaus getrieben, er kam immer wieder zurück. Wenn Hervé ihn weit entfernt glaubte, fand er ihn des Abends an der Wiege ſitzen, in welcher Georg ſchlief. Der Hund wachte, und wir wollen nicht behaupten, daß ohne die Anweſenheit dieſes treuen Wächters die Nächte ohne Gefahr für das Kind geweſen wären, denn Herr von Vaunoy warf zuweilen ſonderbare Blicke auf das Bettchen, in welchem ſein kleiner Vetter ruhte. Aber Job wachte nicht allein über den kleinen — 92= Kind in ſeine geheimnißvolle Obhut. Mit Ni⸗ kolas Tremls Golde hatte Jean Blanc die Lei⸗ den ſeines Vaters gemildert. Er arbeitete nicht mehr; während des Tages ſchlief er, oder ſtreifte um das Schloß herum; des Nachts ſtieg er auf einen der Bäume des Parks, deſſen Aeſte an die Fenſter des Zimmers reichten, in welchem Georg ſchlief, und hier hielt er bis zum Morgen ſorg⸗ fältige Wache. Hervé hatte ihm wohl einige Male mit der Flinte ſeines Jägers gedroht, aber Jean Blane kletterte in den grünen Kronen der Bäume herum, wie ein Matroſe in dem Takel⸗ werk ſeines Schiffes. Er fürchtete ſich nicht vor den Kugeln, und überdies hatte er geſagt:„Ich werde thun was ich kann.“ 4 9. Der Teich von La Tremlays. * 3 Es war ein halbes Jahr ſeit Nikolas Tremls Abreiſe vergangen. Niemand in der ganzen Bretagne wußte, was aus ihm geworden wa Die Bewohner des Waldes bedauerten ihn, — 93— er ein guter Herr geweſen war, und baten Gott um die Ruhe ſeiner Seele. Eines Abends im Herbſt warf Hervé von Vaunoy ſeine Jagdflinte auf die Schulter, und nahm den kleinen Georg an die Hand. So ſchlug er den Weg nach dem Teiche von la Trem⸗ lays ein. Job ging hinter ihnen, er folgte dem Knaben. Von Zeit zu Zeit warf Hervé von Vaunoy einen verſtohlenen Seitenblick nach dem treuen Thiere und dieſer Blick verrieth Abſichten, welche nichts weniger als eohttwle arene Georg ſprang im Graſe umher oder pflückte gelbe Ginſterblumen. Seine blonden Locken flatterten im Abendwinde. Er war das reizende Bild kindlicher Freude und Unbefangenheit. Der Teich von la Tremlays liegt in weſtli⸗ cher Richtung eine Viertelſtunde vom Schloſſe entfernt. Er hat die Geſtalt eines unregelmäßi⸗ gen Vierecks, deſſen drei mit Erlen bewachſene Seiten an den dichten Wald ſtoßen, während an der vierten das Ufer ſteil abgeſchnitten iſt, un auf ſeiner Höhe eine Baumgruppe trägt. Aus dieſem Wäldchen, welches in Folge der Unter⸗ waſchung des Bodens über das Waſſer hängt, ſtreckt ſich faſt in horizontaler Richtung der ſtarke, knorrige Stamm einer alten Eiche hervor, deren lange Aeſte über das Waſſer hängen und faſt den vierten Theil der Breite des Teiches be⸗ decken. — 94— Dieſer Eiche gegenüber und einige Toiſen von ihren äußerſten Zweigen entfernt, hat das Waſſer die größte Tiefe. Das Uebrige iſt Schlammgrund, aus welchem Maſſen von Schilf und Geröhrig wachſen, das zu Anfang des Win⸗ ters von unzähligen Waſſervögeln bevölkert iſt. An dem weſtlichen Ufer des Teiches liegt gegenwärtig ein kleines Dorf mit einer Kapelle und einer Mühle; aber zu der Zeit, in welche unſere Erzählung fällt, war dieſe Gegend völlig unbewohnt und nur ſelten ſtörte ein Vorüber⸗ gehender die ſtillen Beluſtigungen der Enten und Fiſche, welche den Teich bevölkerten. Herr von Vaunoy öffnete das Schloß, wel⸗ ches einen kleinen Nachen am Ufer feſthielt, ſetzte Georg auf eine der Bänke und ſtieß vom Ufer ab. Job ſprang, ohne dazu aufgefordert zu werden, mit einem Satze in den Kahn, und legte ſich zu den Füßen des Kindes. Nach einigen Ruderſchlägen, welche den Na⸗ chen bis auf die Mitte des Teiches brachten, nahm Herr von Vaunoy ſein Gewehr zur Hand und ſah um ſich mit dem Blicke eines Neulings in der Jägerei. Eine Ente zeigte ihren ſchwarzen Kopf zwiſchen dem Schilfe; Hervé gab Feuer. Als er den Schuß hörte, zitterte Job vor Ungeduld; ſeine Naſenlöcher öffneten ſich von dem Geruche des Pulvers, er ſtand auf und blickte nach dem Schilfe hinüber. — — 95— „Such, Job, ſuch!“ rief ihm Herr von Vau⸗ noy zu. Man kennt die Geſchichte von der in ein Mädchen verwandelten Katze. Eine Maus zeigt ſich und Minette läuft ihr auf allen Vieren nach. Job, von ſeinem Inſtinkt getrieben, ſprang aus dem Kahne, und ließ Georg, der über den Schuß erſchrocken war, auf der Bank allein zurück. „Such! ſuch!“ wiederholte Herr von Vau— noy, indem er raſch ſeine Flinte wieder lud. Der Hund ſuchte, aber er konnte die Ente der nicht das geringſte Leid geſchehen war, nicht finden. Vaunoy legte ſein Gewehr wieder an. „Sieh doch die große Eiche, Georg,“ ſagte er zu dem Knaben.. Während dieſer ſich umwendete, ſchoß Hervé ab. Job ſtieß ein klägliches Geheul aus und ſank entſeelt zwiſchen das Schilf. „Ich habe hinter dem Laube der Eiche ein großes weißes Geſicht geſehen, das uns anblickte,“ ſagte das Kind. Vaunoy warf raſch den Blick nach dem Baume, aber er ſah nichts. „Sieh noch einmal hin,“ ſagte er mit ſchmei⸗ chelnder Stimme. Dann murmelte er vor ſich hin: „Dieſesmal wird der verfluchte Hund nicht wiederkommen.“ — 96— „Sieh,“ rief Georg,„da iſt das weiße Ge⸗ ſicht wieder.“ Vaunoy befand ſich in einer Stimmung, wo der Menſch ſich vor ſeinem eigenen Schatten fürchtet. Es wurde ſchnell dunkel. Er zählte mit den Augen die Blätter der Eiche, aber er ſah noch immer nichts. Das Kind mußte ſich geirrt haben. Demohngeachtet zitterte Hervées Hand, wäh⸗ rend er ſein Gewehr auf den Boden des Kahnes legte, um nach den Rudern zu greifen. Er ruderte langſam nach der Stelle des Teiches, welche der großen Eiche gegenüber lag. Hier verrieth das ſtille und dunkle Waſſer eine große Tiefe. Vaunoy ruderte nicht mehr; er ſtützte den Kopf in die Hand. Sein Odem war ſchwer und große Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn herab. Als er ſich wieder aufrichtete, war es faſt völlig dunkel geworden. Zwei oder dreimal ſtreckte er die Hand nach Georg aus und jedes⸗ mal ließ er ſie wieder ſinken. Endlich faßte er einen gewaltſamen Entſchluß. „Nun,“ ſagte er mit halberſtickter Stimme, „ſiehſt Du das große weiße Geſicht nicht mehr?“ Der Knabe wendete ſich um. „Ja,“ erwiederte er,„dort iſt es.“ Während er dies ſagte, ergriff ihn Vaunoy von hinten und warf ihn in den Teich. 4 — 97 In dem nänlichen Augenblicke zeigte ſich in der That eine lange weiße Geſtalt zwiſchen den Blättern des Baumes, aber Vaunoy ſah ſie nicht, denn er war nur beſchäftigt, mit raſchen Ruderſchlägen das Ufer zu erreichen. Der auf⸗ gehende Mond warf ſeine erſten Strahlen über die Bäume und beleuchtete das bleiche Geſicht Jean Blancs. In dem Augenblick als Vaunoy den Kahn an's Ufer brachte, glitt der Albino auf einem langen, biegſamen Aſte hin, welcher unter ſeinem Gewicht nachgab und die Oberfläche des Waſſers berührte. Mit Hülfe ſeiner Beine gab er dem Aſte eine ſchleudernde Bewegung, und indem er dann plötzlich die Hände losließ, wurde er bis zu der Stelle hingeworfen, wo Georg verſchwun⸗ den war. Vaunoy hörte wohl das Geräuſch ſeines Fal⸗ les, aber von der abergläubiſchen Angſt erfüllt, welche dem Verbrechen folgt und es rächt, hielt er ſich die Ohren zu und eilte fort. Einige Sekunden ſpäter kam Jean Blanc mit dem beſinnungsloſen Knaben wieder auf die Oberfläche des Waſſers. Das weiße Geſicht des Albino hatte einen Ausdruck wahnſinniger Freude, als er das Ufer berührte. Er lief fort, das Kind krampfhaft in den Armen haltend, und blieb nicht eher ſtehen, Der Wald von Rennes. I.„ 7 3— 98— als bis er weit von dem Schloſſe la Tremlays entfernt war. „Ich war da,“ ſagte er lachend,„ich wußte, daß man Böſes gegen den jungen Herrn im Schilde führte. Jetzt gehört er mir, ich habe ihn erobert.— Ich war da, damit der Starke den Schwachen nicht morden ſollte, wie es in dem Klageliede Arthurs von Bretagne heißt.“ Diejenigen, welche den armen Jean Blanc kannten, würden in dieſen abgebrochenen Worten die Vorboten eines Anfalls ſeines Irrſinnes ge⸗ ſehen haben. Er ſelbſt hatte das unbeſtimmte Gefühl, daß ein Sturm ſeines Verſtandes im Anzuge war, denn ſeine Freude ſank plötzlich. Er blieb mitten auf einem Waldwege ſtehen und legte Georg auf dem Raſen eines Abhanges nieder. Die Luft war kalt und häufige Tiautropfen fielen aus den halb entblätterten Kronen der Bäume herab. Georg lag unbeweglich; ſeine Glieder waren kalt und ſtarr, und Todtenbläſſe bedeckte ſein liebliches Geſicht. „Er muß erwachen,“ ſagte Jean Blane, in⸗ dem er ihn an ſeinem Buſen zu erwärmen ſuchte, „er muß! Heilige Jungfrau, wecke ihn auf!“ Indem er dies ſagte, zog er ſein Wams von Kaninchenfellen aus und umhüllte damit den er⸗ ſtarrten Körper des Kindes. Seine Bruſt ſtöhnte, ſeine Augen wurden ſtier. Er kämpfte gegen den Anfall des Wahnſinns, der ſeine ſchwanken⸗ deen Geiſteskräfte zu feſſeln begann. „Heilige Jungfrau!“ rief er endlich in Ver⸗ 3weiflung,„laß mir Zeit, ihn zu erwecken! Ich gelobe Dir...“ Ein unwiderſtehlicher Lachreiz unterbrach die⸗ ſes brünſtige Gebet. Mit einer letzten Rückkehr ſeiner Vernunft nahm er von ſeiner Bruſt eine *kupferne Medaille mit dem verehrten Bilde der heiligen Jungfrau von Mi⸗Forét, und ſchlang die Schnur um den Hals des lebloſen Kindes. Im nächſten Augenblick wurde er von dem Wahn⸗ ſinn ergriffen; er ſtürzte ſpringend, lachend und ſingend in den dichteſten Wald. Das lebloſe Kind blieb unter der Obhut der heiligen Jungfrau zurück. Der Anfall Jean Blane's dauerte lange, weil die Aufregung, die ihn veranlaßt hatte, ſo heftig geweſen war. Länger als eine Stunde lief er im Walde umher, indem er wie gewöhn⸗ lich unaufhörlich ſang: „Ich bin das weiße Kaninchen... das weiße Kaninchen!“? Nach dieſer Zeit legte ſich das Fieber. Der Albino fühlte ſeinen Verſtand zurückkehren, und ſogleich erwachte der Gedanke an Georg wieder in ihm. Err ſtürzte fort, warf jedes Hinderniß zu Bo⸗ den und fand mit einer Art von Inſtinkt den 7* — 100— Weg, ſo daß er in einigen Minuten an der Stelle war, wo er Georg niedergelegt hatte. Sein Herz klopfte vor Freude, denn ein Mond⸗ ſtrahl, welcher die Baumzweige durchdrang, zeigte ihm einen weißen Gegenſtand auf dem Raſen. „Georg!“ rief er. Georg antwortete nicht. Mit zwei Sprüngen war Jean Blanc an dem Abhange und fiel auf die Knie. „Georg!“ rief er noch einmal. Da aber der weiße Gegenſtand noch immer kein Lebenszeichen von ſich gab, unterſuchte ihn Jean. Es war nur ſein weißes Wams. Das Kind war verſchwunden! Der Wald von Rennes. 1. Die Abendſtunde. Ein Zeitraum von zwanzig Jahren laſtet ſchwer auf dem Haupte eines Menſchen; aber was das Ganze der erſchaffenen Dinge, von dem Menſchen ſelbſt abgeſehen, betrifft, das heißt, der größte, der dauerndſte, der lebenvollſte Theil der Natur, ſo gehen zwanzig Jahre wie ein Wind⸗ hauch darüter hin der nur die Oberfläche be⸗ rührt, ohne tiefer einzudringen. Zwanzig verfloſſene Jahre haben die Perſo⸗ nen unſerer Geſchichte unkenntlich gemacht. Das Kind iſt ein Mann, der Mann iſt ein Greis ge⸗ worden, der Greis hat aufgehört zu leben. — 102— Aber das ſchöne Schloß la Tremlays ſteht noch immer feſt und ſtark am Ende der langen Allee von hohen Eichen. Wenn auch einige Bäume im Walde abgeſtorben ſind, ſo ſind an— dere an ihrer Stelle erwachſen, und ſtreben kraft⸗ voll zur ſchönen Sonne empor, welche das Blät⸗ terdach erwärmt. Die Wolfsſchlucht hat ihre finſteren Schatten behalten, und der hohle Stamm der großen Eiche trägt noch immer die Laſt ſeiner ungeheuren Aeſte. Die beiden Mühlen ſchwan⸗ ken und drohen den Einſturz wie früher, und kaum bemerkt man, daß die armſelige Hütte Ma⸗ thias Blancs zuſammengefallen und der Erde gleich geworden iſt, denn ſie iſt der geringfügigſte Gegenſtand in der ganzen Umgebung. Kommt man an den Teich von la Tremlays ſo ſieht man noch immer das nämliche ſtille Waſſer mit Schilf bedeckt, unter welchem die Gebeine Jobs, des treuen Hundes Nikolas Tremls, bleichen. Wir befinden uns im Herbſte des Jahres 1740. Es iſt Abend und die Dienerſchaft des Herrn Hervé von Vaunoy von la Tremlays, Beſitzers von Bouexis⸗en⸗For„ ſitzt in der Küche um einen maſſiven Tiſch verſammelt, wel⸗ cher von ein paar kniſternden Kienſpänen er⸗ leuchtet wird und mit einer Reihe Krügen be⸗ ſetzt iſt, die einen angenehmen Duft von mouſſi⸗ rendem Cider ausſtrömen. — 103— Die Küche iſt ein großer viereckiger Raum mit vier hohen Fenſtern. Eine breite, mit Eiſen beſchlagene Thür von zwei Flügeln öffnet ſich dem ungeheuren Schornſtein gegenüber, unter deſſen dachförmigem Mantel eine ſehr zahlreiche Geſellſchaft Platz finden könnte. Fünf bis ſechs Baumſtämme brennen auf dem Heerde und ver⸗ miſchen ihren röthlichen Schein mit dem flackern⸗ den Lichte der Kienſpäne, die auf dem in der Mitte des Gemachs ſtehenden Tiſche brennen. Unter der Aſche röſten Kartoffeln und unter dem Mantel aufgehängt ſieht man ein halbes Dutzend Speckſeiten, welche ihre rußigen Schwarten zeigen. Wir unterlaſſen die Aufzählung der Keſſel, Töpfe, Kaſſerole und des übrigen in Fülle vorhandenen Küchengeräthes. Es ſind zwanzig Perſonen, welche um den Tiſch herum ſitzen, aber nicht alle ſind Diener oder Dienerinnen von Vaunoy, zwei oder drei unter ihnen ſind Fremde, welche die Gaſtfreund⸗ ſchaft genießen. Um nicht gegen die Galanterie zu verſtoßen, ſprechen wir zuerſt von dem weiblichen Theile der Geſellſchaft. Alf einem Schemmel mit drei Bei⸗ nen und ſo nahe beim Feuer, daß die Spitze ihrer Holzſchuhe ſchwarz geworden iſt, ſitzt Frau Goton Réhou, Wirthſchafterin auf la Tremlays. Sie hatte, wenn man der Chronik des Waldes Glauben ſchenken will, eine fröhliche Jugend — 104 verlebt, aber ſeitdem ſind ſchon vierzig Jahre ver⸗ gangen, und jetzt raucht ſie aus einer kurzen, durch langen Gebrauch geſchwärzten Thonpfeife, mit dem ganzen Ernſt, der einer Matrone von ihrer Wichtigkeit zukommt. Neben ihr und immer weiter vom Heerde entfernt, ſitzen die weiblichen Dienſtboten des Schloſſes, denen die niedrigen Hausarbeiten, die Beſorgung der Küche, des Hühnerhofes ꝛc. an⸗ vertraut iſt. Unter ihnen befindet ſich aber auch das Kammermädchen des Fräulein Alix von Vau⸗ noy; ſie paßt zwar nicht in eine ſolche Geſell⸗ ſchaft, aber man will die Zeit tödten, und Yvon, der Jägerburſche, iſt das, was man einen hüb⸗ ſchen jungen Mann nennt.* Auf der anderen Seite ſitzen die Mannsper⸗ ſonen. Zuerſt Andreas, der Förſter, dann Simonnet, der Preßmeiſter, Corantin, das Oberhaupt der Ackerknechte, und noch viele andere, deren Auf⸗ zählung zu lang ſein würde. Unter dem Mantel des Kamins und der Frau Goton grade gegenüber, ſitzt ein Mann aus dem Walde, der auf einige Stunden Gaſt im Schloſſe iſt. Dieſer Mann verdient eine nähere Beſchrei⸗ bung. Er iſt Kohlenbrenner, das ſieht man. Sein Geſicht iſt ganz von Kohlenſtaube geſchwärzt, der nur auf den hervorſtehenden Ecken weniger 105— dicht iſt. Seine Augen, deren Ränder entzün⸗ det ſind, ſcheinen das Licht nicht vertragen zu können, denn er beſchattet ſie mit ſeiner ſchwarzen Hand. Er iſt gekleidet wie die übrigen Bewoh⸗ ner des Waldes: eine Mütze von grauer Wolle, eine lange Jacke in der Geſtalt eines Paletot, kurze Beinkleider, blaue Strümpfe und plumpe Schuhe mit eiſernen Schnallen. Seine Länge iſt zweifelhaft. Wenn er ſitzt, ſcheint er klein zu ſein, aber wenn er aufſteht, um nach einem Kruge zu langen und einmal zu trinken, machen ihn ſeine langen Beine viel grö⸗ ßer. Die Bewegungen ſeines Körpers zeigen Gewandtheit und Kraft, ſein Alter aber weiß diemand zu ſagen. Seit fünfzehn Jahren wohnt der Kohlenbrenner Pelo Rouan im Walde. Wie man ihn das erſte Mal geſehen hat, ſo ſieht er noch jetzt aus. Nachdem wir unſere Geſellſchaft den Augen des Leſers vorgeführt haben, wollen wir ihrem Geſpräch zuhören, denn wir ſind in dieſem Schloſſe, welches wir ſeit zwanzig Jahren nicht betreten haben, ziemlich fremd geworden. Renate, das Kammermädchen des Fräulein von Vaunoy, ſpricht leiſe mit dem hübſchen Yvon, der beſchäftigt iſt, eine neue Spitze an ſeine Peitſche zu drehen, welche er mehr als einmal den Jagdhunden ſeines Herrn fühlen laſſen wird. Andreas, der Förſter, verſieht das Schloß ſeiner — 106— Flinte mit Oel, während Corantin mit geſchick⸗ ter Hand einen neuen Rührſtock für Anna ſchnitzt, die das Milchweſen zu beſorgen hat. Die Un— terhaltung iſt noch nicht allgemein geworden. Aber die zerſprungene Glocke auf dem Schloß⸗ thurme hat die ſechste Stunde geſchlagen. Der alte Simonnet, der Preßmeiſter, hat andächtig die Verſe des Angelus hergeſagt, und es iſt eine Stille von einigen Minuten entſtanden, während der Einige gebetet und Andere ſich ſo geſtellt haben. Als Frau Goton glaubte, daß das andäch⸗ tige Schweigen lange genug gedauert habe, machte ſie zum Schluß das Zeichen des Kreuzes und ſchüttete vorſichtig die Aſche von ihrer Pfeife. „Die Zeit vergeht,“ ſagte ſie. Jeder erkannte beiſtimmend die Richtigkeit dieſer Bemerkung. „ Ende dieſes Monats,“ fuhr die alte Wirth⸗ ſchafterin fort,„können wir nicht mehr wie jetzt faſt bis zum Abendgebet ohne Licht ſehen.“ „Das iſt wahr,“ beſtätigte Simonnet. Und alle Uebrigen wiederholten mit tiefer Ueberzeugung: „Das iſt wahr, die Zeit vergeht.“ Frau Goton erfreute ſich einen Augenblick ſchweigend an dem allgemeinen Beifall, dann . — fuhr ſie fort: 11 107— Meiſter Simonnet, ſeid doch ſo gut und 77 reicht mir den Krug; meine Zunge iſt ganz trocken.“ Anſtatt eines Kruges wurden zehn ergriffen, und Alle thaten herzhaft Beſcheid. „Ein vortrefflicher Cider!“ ſagte die Alte, eindem ſie mit der Zunge über die Lippen fuhr, nachdem ſie getrunken hatte;„wir wollen nichts weiter wünſchen, als daß er im nächſten Jahre ſo gut wird, wie heuer... nicht wahr?“ Dies war ebenfalls eine Bemerkung, deren Erfolg nicht zweifelhaft ſein konnte. Alle ant⸗ worteten bejahend und der Preßmeiſter that noch einen Zug, um die Aufrichtigkeit ſeiner Verſiche⸗ rung zu beſtätigen. „Was das nächſte Jahr betrifft,“ bemerkte er,„ſo läßt ſich darüber noch nichts ſagen. Es wird hier bis zum Herbſt mancher Baum im Walde abſterben, und unſer gnädiger Herr ſagt, daß die jetzige Zeit eine gefährliche Zeit iſt.“ Renate brach ihr Geſpräch mit Yvon ab, und blickte beſorgt auf. „Fürchtet man etwa einen Angriff der Wölfe?“ fragte ſie. Bei dieſer Frage hätte man bemerken können, daß der Kohlenbrenner mit halbgeſchloſſenen Augen einen flüchtigen Blick umher warf. 1„Die Wölfe!“ rief Simonnet, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug.„Steckte ich —— — Mos— nur in der Haut des Herrn Leutnants unſeres Königs, ſo ſollte man dieſe verdammten Räuber nicht lange fürchten!... Haben ſie doch ſogar meine ſchöne Preſſe in Bouexis⸗en⸗Forét ver⸗ brannt!“ „Und mir die Kühe entführt!“ ſetzte die Vieh⸗ magd hinzu. „Meinen Hundeſtall ausgeräumt!“ ſagte Yvon. „Und mehr Wild geſchoſſen, als unſer gnä⸗ diger Herr in drei Jahren auf der Jagd erlegt!“ klagte der Förſter. Frau Goton ſtopfte mit ernſthafter Miene ihre Pfeife und ſagte nichts. Pelo Rouan, der Köhler, hatte ſich an die Wand des Kamins ge⸗ lehnt und ſchien eingeſchlafen zu ſein. Goton zündete ihre Pfeife an, und blies drei anſehnliche Rauchwolken in die Luft. „Vor zwanzig Jahren,“ ſagte ſie,„hieß der Beſitzer von la Tremlays Nikolas Treml. Die welche man jetzt Wölfe nennt, waren damals Lämmer. Nur das Elend hat ihre Zähne ge⸗ ſchärft.“ Ein widerſprechendes Gemurmel folgte auf dieſe Worte. 4 „Die Treml waren gute Herren,“ ſagte Si⸗ monnet mit der Verlegenheit eines alten Hof⸗ mannes, welcher von einem entthronten Könige in der Mitte eines neuen Hofes ſpricht,„dies. — 109— läßt ſich nicht leugnen. Aber die Wölfe ſind Banditen, und Niemand als Ihr, Frau Goton, nimmt ſie in Schutz.“ Ein unmerkliches Lächeln zog die Lippen Pelo Rouans zuſammen. Die Alte erhob mit Würde ihr eisgraues Haupt. „Meiſter Simonnet,“ erwiederte ſie,„ich nehme die Wölfe nicht in Schutz, denn ſie wiſ⸗ ſen ſich ſelbſt hinlänglich zu ſchützen. Ich ſage, daß ſie Bretagner ſind, weiter nichts, und daß gewiſſe Leute daheim tapferer ſind, als im Walde.“ Das Lächeln des Köhlers wurde noch deut⸗ licher, und die Dienerſchaft war ganz beſtürzt über dieſe ſo ohne Schonung herausgeſagte Be⸗ ſchuldigung der Feigheit. „Geduld, Geduld!“ ſagte Simonnet end⸗ lich;„es ſoll ein tapferer königlicher Offizier aus Paris hierher kommen, um den Befehl über die Truppen in Rennes zu übernehmen und den Transport der Steuergelder durch den Wald zu beſchützen. Dieſe verdammten Wölfe haben den vorigen Kapitain getödtet...“ „Der neue mag ſich hüthen!“ unterbrach ihn Frau Goton. „Es ſcheint, daß Ihr ein Unglück wünſcht,“ rief Renate, das Kammermädchen, mit ſcharfer Stimme.. „Liebes Kind,“ erwiederte Goton ironiſch, „ich bin alt und wünſche die alte Zeit zurück. — 110— Folge mir, unterhalte Dich mit Yvon, und er⸗ innere ihn daran, daß es gut iſt, vorher einige Worte vor dem Herrn Pfarrer in der Kirche von Liffré zu ſprechen, ehe man zuſammen im ein⸗ ſamen Walde herumläuft. ſ h Renate wurde roth und antwortete nicht. Die Unterhaltung war nahe daran zu ſtocken oder auf einen andren Gegenſtand überzugehen, als Pelo Rouan, der ohne Zweifel ſeine Gründe dazu hatte, ſich die Augen rieb, als erwachte er aus dem Schlafe. „Habe ich geträumt, Meiſter Simonnet?“ ſagte er.„Habt Ihr nicht geſagt, daß wir einen neuen Kapitain bekommen werden, der dieſe verfluchten Wölfe zu Paaren treiben ſoll?“ „Ich habe es geſagt, Freund, und es iſt die Wahrheit,“ erwiederte Simonnet.„So lange die Wölfe nur Herrn von Baunoy geplündert haben, hat der Hof in Paris ſich nicht darum gekümmert, aber die verwegenen Räuber ſind, wie Jedermann weiß, bis nach Rennes gegan⸗ gen, und haben das Haus des Herrn Intendan⸗ ten überfallen. Sie fangen die Sendung der Steuergelder auf...“ „Welcher Schade!“ unterbrach ihn die un⸗ verbeſſerliche Frau Goton mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Es ſind verdammte Schurken!“ ſagte Pelo Rouan mit einfältiger Miene.„Aber wißt Ihr 32 — 111— denn, wann dieſer königliche Offizier, von dem Ihr ſprachet, kommen wird?“ „Er wird erwartet.“ Pelo Rouan ſtand auf, nahm einen Krug vom Tiſche, den er an die Lippe ſetzte, und ſagte mit einer Gutmüthigkeit, in welcher die alte Go⸗ ton allein eine Spur von Spott zu bemerken glaubte: „Auf die Geſundheit des neuen Kapitains!“ „Auf ſeine Geſundheit!“ erwiederten die Uebrigen. 2. Haideblume. Ehe Pelo Rouan den Krug wieder auf den Tiſch ſetzte, ſagte er noch, gleichſam zur Ergän⸗ zung ſeines Toaſts: „Und auf die Vernichtung des weißen Wolfs und ſeiner ganzen Brut!“ „Ich habe nichts dagegen,“ bemerkte die alte Goton, nachdem Jeder dieſem chriſtlichen — 12— Wunſche beigeſtimmt hatte;„Pelo Rouan iſt ein armer Mann aus dem Walde, und es iſt ein Beweis von Muth, wenn er laut den weißen Wolf verflucht, welcher ſtark iſt und deſſen Be⸗.. fehle tauſend Arme ausführen; denn er wird noch dieſen Abend ſeinen Stock nehmen, und ſich im Dunklen in das Gebiet der Wölfe hinaus⸗ wagen. Nun, ich wünſche Pelo Rouan nichts Böſes. „Ich danke Euch, Frau Goton; ich wünſche Euch nichts als Gutes.“ Es war ein ſonderbarer Mann, dieſer Pelo Rouan. Während er ſo ſprach, hatte er ſeinen Blick auf Goton geheftet, obgleich ſeine geröthe⸗ ten Augenlider ſich von dem Scheine des Lich⸗ ½ tes unwillkürlich zuſammenzogen. Es lag eine größere Dankbarkeit in dieſem Blicke, als die Bemerkung der alten Wirthſchafterin wirklich verdiente. Uebrigens, und dies wollen wir ſo⸗ gleich bemerken, waren die meiſten Handlungen dieſes Mannes ſchwer zu erklären. Man glaubte zuweilen zu bemerken, daß er mit langſamen, regelmäßigen Schritten auf ein geheimes Ziel zuging; aber nicht lange, ſo verlor man ſeine Spur, und die feinſte und beharrlichſte Nachfor⸗ ſchung wurde durch ſein Benehmen getäuſcht. Niemand dachte übrigens daran, ihm nachzuſpü⸗ ren. Warum hätte man es auch thun ſollen?. Seine häufigen Beſuche im Schloſſe des Herrn. —— — 113— von Vaunoy, eines perſönlichen und erbitterten Feindes der Wölfe, entfernten jede Idee einer Verbindung mit den Letzteren, und eine ſolche Verbindung allein hätte einem Manne, der eine ſo untergeordnete Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft einnahm, einige Wichtigkeit geben können. Es war funfzehn bis ſechszehn Jahre her, daß Pelo(Peter) Rouan ſich im Walde von Rennes niedergelaſſen hatte. Er hatte ein kleines Mädchen von einem Jahre mitgebracht. Ein Freund der Einſamkeit, der die Geſellſchaft ſeines Gleichen zu fliehen ſchien, hatte er ſich eine kleine Hütte an der einſamſten Stelle des Waldes ge⸗ baut, vor welcher er ſeinen Meiler aufrichtete, und ſeitdem brannte er ſo viel Kohlen, als er zu ſeinem und ſeines Kindes Unterhalt bedurfte. Marie war zur Jungfrau herangewachſen und war ſehr hübſch geworden, aber das wußte ſie nicht. Viele werden behaupten, daß dieſe letzten Worte eine in die Augen fallende Unmög⸗ lichkeit enthalten; aber demohngeachtet bleiben wir bei unſerer Ausſage. Marie, das Kind der Einſamkeit, beſaß nur einer Gefahr gegenüber Muth. Der Anblick der Menſchen machte ſie verlegen und ängſtlich. Wenn das Jagdhorn im Walde ertönte, verbarg ſie ſich wie ein Reh in den Gebüſchen. Nie hatte einer der galanten Junker aus der Gegend ſich ihr ſo weit nähern Der Wald von Rennes. I. 8 — 11— können, um ihr an das Kinn zu greifen und ihr Schmeicheleien zu ſagen, wie alle Junker ſeit den älteſten Zeiten gethan haben; nie that ſie Käſe, Aepfel, Eier oder Milch in ein zierliches Körbchen, um ſie auf das Schloß zu tragen, wie es heutiges Tages in den Opern vorkommt; nie tanzte ſie auf dem Raſenteppich der Wieſen: mit einem Worte, ſie war weder ein Roſenmäd⸗ chen der Frau von Genlis, welche ihre keuſchen Reize im Kriſtall der Quellen ſpiegelt, noch ein unſchuldiges Naturkind des Herrn von Marmon⸗ tel, das über Gott, die Welt und noch vieles Andere Betrachtungen anſtellt. Sie war eine einfache, unverdorbene, halbwilde Tochter des Waldes, die aber den Keim alles Edlen, Liebens⸗ würdigen, Poetiſchen und Guten in ſich trug. Der allgemeine Ausdruck ihres Geſichts war ein Gemiſch von zarter Lieblichkeit und lebhaftem Gefühl. Sie hatte große blaue Augen mit einem ſanften, verſtändigen Blicke, und ihr Lächeln er⸗ wärmte das Herz, wie die Strahlen der Früh⸗ lingsſonne. Ihre bleichen Wangen wurden von vollen, weichen, blonden Locken umſpielt, welche im Winde ſich frei bewegten und auf die züchtig verhüllten Schultern herabfielen. Die Farbe dieſes Haares würde einen Maler in Verlegen⸗ heit geſetzt haben, weil die Pigmente über welche die menſchliche Kunſt verfügen kann, oft unge⸗ nügend ſind. Dieſe Farbe würde in einem Ge⸗ * — 115— mälde matt erſchienen ſein, ihr beſcheidener Glanz würde das Auge unbefriedigt gelaſſen, ſie würde die Weiße der Haut nicht genug hervorgehoben haben; aber dies beweiſt nur, daß der Menſch die Farbenmiſchungen des Himmels nur zur Hälfte nachzuahmen verſteht. Bei Marien war dies ein Reiz mehr; ihre feinen, aber deutlich ausgeprägten Züge erſchienen nur noch lieblicher und wie verſchleiert unter dieſem unbeſtimmten Nimbus. Es brachte die Wirkung hervor, wie die myſtiſche, ſanft beleuchtete Wolke, mit welcher die Maler des Mittelalters die erhabene Stirn der Gottesmutter ſchmückten. Marie war wie ihr Vater, ſie liebte die Ein⸗ ſamkeit. Wenn ſie nicht in der Hütte mit dem Flechten von Körben beſchäftigt war, welche Pelo Rouan auf den Jahrmärkten von Saint⸗Aubin du Cormier verkaufte, ſtreifte Marie allein und nachdenkend auf den einſamen Waldwegen umher. Oft blieb der Reiſende ſtehen, um einer reinen, engelgleichen Stimme zuzuhören, welche das Klagelied Arthurs von Bretagne ſang, von dem wir ſchon in dem erſten Theile unſerer Erzählung geſprochen haben. Diejenigen, welche ſich noch des armen Jean Blanc erinnerten, dachten an ihn, wenn ſie ſein Lieblingslied hörten; aber die meiſten lauſchten dem Geſange, ohne daß er das Andenken an den Albino in ihnen weckte, denn 8* — 116— außer ihm ſangen noch Viele dieſes Lied, mit welchem man in allen Hütten des Waldes von Rennes die Kinder in den Schlaf zu ſingen pflegte. Uebrigens hörte man Mariens Geſang faſt immer, wie man den Schlag der Nachtigal hörte: ohne ſie zu ſehen. Sobald ſie einen Fremden bemerkte, trieb ihre angeborene Schüch⸗ ternheit ſie in die Flucht. Man ſah das Ge⸗ ſträuch ſich bewegen, als wenn ein Reh hindurch ſchlüpfte, weiter bemerkte man nichts. Marie war lebhaft und behend, und man hätte lange laufen müſſen, um ſie einzuholen. Hin und wieder hatte ſie indeſſen Jemand geſehen, und der Ruf von ihrer Schönheit hatte ſich im ganzen Walde verbreitet. Man wußte ihren Namen nicht, denn Pelo Rouan konnte das Fragen nicht leiden, beſonders in Bezug auf ſeine Tochter, und Marie verſtummte, ſobald Je⸗ mand mit ihr ſprach. Aus dieſem Grunde und mit einem leberreſte der ritterlichen Poeſie, welche ſo lange auf dem bretagniſchen Boden geblüht hat, legte man Marien die Namen der ſchönſten Blumen bei. Die jungen Männer des Waldes ſprachen um ſo öfter von ihr, als ein geheimniß⸗ voller Schleier ſie verhüllte. Mit der Länge der Zeit entblätterte die Gewohnheit dieſen Kranz lieblicher Beinamen, und ſie behielt nur einen einzigen; man nannte ſie„Haideblume.“ — — 117— Pelo Rouan ließ ſeiner Tochter eine vollkom⸗ mene Freiheit, und dieſe benutzte ſie eben ſo na⸗ türlich, als man Athem holt, ohne daran zu denken, daß es anders ſein könne. Uebrigens hätte der Köhler, wenn er es auch gewollt hätte, nicht immer ein wachſames Auge auf ſeine Toch⸗ ter haben können, denn er war oft und auf lange Zeit abweſend. Der Grund davon war ein Ge⸗ heimniß, ſelbſt für Marien. Zuweilen blieb Pelo Rouans Meiler ganze Wochen lang kalt; aber wenn er dann zurückkam, arbeitete er mit doppel⸗ tem Fleiß, um die verlorne Zeit wieder einzu⸗ holen. Kein Menſch hatte Zutritt in der Hütte. Pelo Rouan wurde zuweilen mitten in der Nacht ge⸗ holt. Bei ſolchen Gelegenheiten klopften Die⸗ jenigen, welche aus Gründen, die uns unbekannt ſind, des Köhlers bedurften, auf eine eigenthüm⸗ liche Art an die Thür. Pelo ging hinaus, und Marie, welche ſchon daran gewöhnt war, achtete nicht weiter darauf. Eines Tages jedoch, als Pelo Rouan abwe⸗ ſend war, überſchritt ein Fremder die Schwelle der ungaſtlichen Hütte. Es war ein ſchöner jun⸗ ger Mann und Haideblume erſchrack nicht vor ihm. Ihr Herz klopfte heftig, eine brennende Röthe trat an die Stelle der ſanften Farbe ihrer Wangenz; aber die väterliche Hütte erſchien ihr plötzlich weniger dürftig, die Bäume grüner und 118— der Himmel blickte ihr heiterer durch die Lücken des Blätterdaches. Sie fühlte, daß ein neues und ſchöneres Leben in ihr erwachte. Von dieſem Tage an hatten ihre Spazier⸗ gänge im Walde ein Ziel; ſie begegnete dem ſchönen Fremden, der ihr einen Kuß auf die Wange drückte und ſich neben ſie unter eine Eiche ſetzte. Die Rehe allein oder ein lauſchen- der Fuchs hätten den Gegenſtand ihrer langen Geſpräche verrathen können; aber der gute Lafon⸗ taine war todt, und die Thiere hatten das Spre⸗ chen ſchon wieder verlernt. Dies dauerte einige Monate, dann mußte der Fremde die Gegend verlaſſen, und ließ nur ſein Andenken in Mariens Herzen zurück, deren Unſchuld er geachtet hatte, d als wäre er ihr Bruder geweſen. Sobald der Fremde fort war, ſahen die Bewohner des Waldes Marien wieder allein im Walde herumſchweifen. Sie ging mit geſenktem Kopfe und nachdenkendem Blicke und ſang traurig das Klagelied Arthurs von Bretagne. Pelo Rouan fragte ſie nicht nach der Urſache ihrer Traurigkeit, denn er hatte ſie errathen.— Indeſſen war das Geſinde im Schloſſe la Tremlays noch in der Küche verſammelt. Nach⸗ dem Pelo Rouan den Toaſt ausgebracht hatte, mit welchem wir dieſes Kapitel begonnen haben, griff er nach ſeinem Stocke, wie es die alte Wirth⸗ ſchafterin vorausgeſagt hatte; aber anſtatt ſich zu d —.— u9— entfernen, klopfte er bedächtig ſeine Pfeife aus und ſtellte ſich, mit dem Rücken nach dem Feuer zu, Simonnet gegenüber. „Und... kennt man ſeinen Namen?“ fragte er mit angenommener Gleichgültigkeit. „Weſſen Namen?“ „Des neuen Kapitains.“ „Unſer Herr weiß ihn vielleicht,“ erwiederte Simonnet. „Jedenfalls wird er ein treuer Diener des Königs ſein, dies iſt die Hauptſache. Er wird im Schloſſe wohnen?“ „Oder bei dem königlichen Herrn Inten⸗ danten.“ Pelo Rouan ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen, ehe er eine neue Frage that. „Ganz recht,“ ſagte er endlich;„ſie werden wetteifern, den tapferen Offizier und die guten Soldaten der Marechauſſee aufzunehmen.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich nach der Thür. Indem er bei Yvon vorbeiging, drückte er ihm verſtohlen die Hand und warf einen Blick des Einverſtändniſſes auf Corantin. „Gute Nacht, Meiſter Simonnet und das ganze Haus,“ ſagte er. Indem er die Hand auf den Drücker legte, hörte man ein ſtarkes Klopfen an der äußern Thür. Pelo blieb. — 120— Einige Minuten ſpäter wurden zwei in Män⸗ tel gehüllte Männer eingeführt. Ihre Geſichter wurden faſt gänzlich von dem breiten Rande ihrer Hüte verborgen. Bei einer Bewegung, welche der Eine von ihnen machte, beleuchtete jedoch die Flamme auf dem Heerde einen Theil ſeiner Züge. Pelo Rouan erſchrack bei ſeinem Anblick und anſtatt ſich zu entfernen, ſchlüpfte er gewandt in eine Fenſtervertiefung. — 3. Im Walde. Die beiden Ankömmlinge waren Beide Män⸗ ner von hoher, kräftiger Geſtalt. Der, deſſen Geſicht Pelo Rouan geſehen hatte, ſtand noch in der vollen Blüthe der Jahre; er hatte ſchöne Züge und einen vortrefflichen Wuchs. Der Andre hatte unter ſeinem großen Hute graue Haare und mehr als ſechzig Jahre auf dem Rücken. 3 „Wer Ihr auch ſein mögt,“ ſagte Simon⸗ net mit der gewöhnlichen bretagniſchen Höflich⸗ — 121— keitsformel,„Ihr ſeid willkommen. Was wün⸗ ſchet Ihr?“ Der jüngere der beiden Fremden warf ſeinen Mantel zurück und über den Arm, und zeigte die Uniform eines Kapitains der Soldaten der Marechauſſee. „Ich wünſche mit Herrn Hervé von Vaunoy zu ſprechen,“ erwiederte er. „Der neue Kapitain!“ flüſterte die Diener⸗ ſchaft unter einander. Renate, das Kammermädchen der Fräulein Aliyx, brachte ſchnell die Falten ihres Kleides in Ordnungz die übrigen Frauensperſonen, welche weniger ausgelernt waren, beſchränkten ſich darauf, bis an die Stirn zu erröthen. Pelo Rouan ſchlich ſich geräuſchlos zur Thür hinaus, nachdem er zuvor noch einen Blick des Einverſtändniſſes mit Yvon und Corantin gewech⸗ ſelt hatte. „Er iſt alſo der neue Kapitain!“ ſagte er leiſe und nachdenkend vor ſich hin. Dann ging er weiter in den Wald hinein. Meiſter Simonnet nahm ein ernſtes und feierliches Benehmen an, um an der Stelle Mei⸗ ſter Alains des Hausmeiſters, welcher alt wurde und um dieſe Zeit gewöhnlich von Branntwein trunken ſchlief, die Fremden bei ſeinem Herrn ein⸗ zuführen. Er legte die Hand an die Mütze und ging vor ihnen her nach dem Empfangszimmer, 122— in welchem Hervé von Vaunoy und ſeine Fa⸗ milie ſich befanden. Während er ſie durch das Veſtibul und den großen Saal führt, gehen wir um einige Stun⸗ den zurück, und finden unſre beiden Fremden in dem Augenblick, als ſie die gute Stadt Vitré verließen und den Wald betraten. Dies iſt nicht allein ein ſehr einfaches Mittel, ihre Bekanntſchaft zu machen, ſondern wir werden bei dieſer Gele⸗ genheit auch Zeugen einiger kleinen Vorfälle, die wir nicht mit Stillſchweigen übergehen dürfen. Wie der Leſer ſchon wird errathen haben, ver⸗ ſieht der alte Mann mit dem grauen Barte bei dem jungen Kapitän die Stelle eines Dieners. Es war ein Greis mit ernſtem, ehrlichen Ge⸗ ſicht; ſeine leicht gebückte Haltung allein verrieth Erſchöpfung oder Leiden, denn ſeine Stirn war ohne Falten und aus ſeinem offenen Blicke ſprach die vollkommenſte Ruhe der Seele. Der Kapitain hatte unter ſeinem feinen, ſchwarzen Schnurrbarte mit emporſtehenden Spi⸗ tzen ein unbefangenes, geiſtreiches Lächeln; aus ſeinen Augen ſprach eine unbezähmbare Kühn⸗ heit, eine offene Heiterkeit und eine Art herzlicher Biederkeit. Es würde ſchwer geweſen ſein, einen ſchöneren Wuchs, eine freiere Haltung auf ſeinem iſabellfarbenen Pferde, und eine zierlichere Art ſeine kriegeriſche Uniform zu tragen, als man an dem ſchönen jungen Offieier ſah, zu finden. Er ——— — —=ä — — 123— war zwiſchen fünfundzwanzig und ſiebenundzwan⸗ zig Jahr alt. Der Diener hieß Jud Leker, der Herr hieß ganz kurz Didier. Der ehrliche Stallmeiſter Nikolas Tremls hatte ſich während dieſer zwanzig Jahre nur wenig verändert. Die Leiden waren über ſein Herz hingeglitten, wie die Zeit über die harte Haut ſeines Geſichts. Er hielt ſich noch immer feſt und ſicher auf ſeinem Pferde, und es würde nicht wohl gethan haben, einen Hieb mit ſeinem modernen Säbel zu erhalten, der an die Stelle des langen Schwertes mit dem großen eiſernen Gefäße getreten war. Es konnte zwei Uhr nach Mittag ſein, als Didier und Jud die erſten Bäume des Waldes erreichten. Die bleiche Herbſtſonne ſpielte in dem mit Gelb gemiſchten Laubwerke und der Huf der Roſſe drückte ſich mit jedem Schritte in den von der Novemberfeuchtigkeit erweichten Boden unter den Bäumen. Jud ſchien mit Entzücken eine wohlbekannte Luft zu athmen, er begrüßte jeden alten Baumſtamm mit einem freundſchaftlichen, faſt kindlichen Blicke. Es waren zwanzig Jahre vergangen, ſeitdem Jud den Wald von Rennes zum letzten Male geſehen hatte. Während ſie neben einander hin ritten, ſetzten der Herr und der Diener ein begonnenes Geſpräch ort. 1— — 124— „In der That, er war ein tüchtiger Greis, dieſer Nikolas Treml,“ ſagte Didier, eine lange Erzählung Juds unterbrechend;„ich wünſchte, ich hätte ihn und ſeinen pfundſchweren Büffel⸗ handſchuh gekannt, und hätte das jämmerliche Geſicht geſehen, das der Herr Regent gemacht haben mag.“ „Der Regent ließ uns in die Baſtille ſper⸗ ren,“ ſagte Jud mit einem tiefen Seufzer. „Das war allerdings das Wenigſte, was er thun konnte, Freund.“ „Nikolas Treml— Gott ſei ſeiner Seele gnädig!— war ſchon hochbetagt... und dann dachte er auch beſtändig an das Kind...“ „An welches Kind?“ unterbrach ihn Didier. „An den kleinen Georg Treml, der jetzt ein tüchtiger Soldat ſein muß, wenn er einen Tropfen des Blutes ſeiner Vorfahren in ſeinen Adern be⸗ halten hat.“ Das Geſpräch ſtockte; Didier fing an zu gähnen. Nach einer Pauſe fuhr Ind fort: „Er dachte alſo an das Kind, welches er ohne Schutz und Stütze daheim zurückgelaſſen hatte. Alter und Sorgen, das iſt zu viel auf einmal, mein junger Herr: Nikolas Treml ſtieg ins Grab hinab und hinterließ mir den jungen Herrn Georg... Dies iſt drei Jahre her.“ „Und was iſt aus dieſem Georg geworden?“ — — —— —— — 125— „Gott mag es wiſſen. Ich wurde zwei Jahre nach dem Tode meines Herrn in Freiheit geſetzt. Ich hatte kein Geld und wenn mich der Himmel nicht Euch zugeführt hätte, Herr Ka⸗ pitain, als Ihr eben einen Diener zur Reiſe ſuchtet, weiß ich nicht, wie ich wieder in die Bre— tragne gekommen wäre... in meine theure, meine geliebte Bretagne!“ wiederholte Jud mit Thränen der Freude in den Augen. Didier hielt ſein Pferd an und reichte ihm die Hand. „Du haſt ein gutes Herz, Alter,“ ſagte er; nich liebe Dich wegen Deiner Anhänglichkeit an das Andenken Deines alten Herrn, und wegen der Liebe, die Du zu Deinem Vaterlande behal⸗ ten haſt. Wenn Du wilſt, ſollſt Du mich nicht wieder verlaſſen.“ Jud legte ſeine Hand ehrerbietig in die des Kapitains. „Ich wünſchte es,“ ſagte er,„bei Gott, ich wünſchte es, denn es iſt etwas an Euch, das mich an die offene Biederkeit der Treml erinnert. Aber ich gehöre dem Kinde und bin Bretagner. Habt Ihr mir nicht geſagt, daß Ihr hierher kommt, um die letzten Ueberreſte des bretagniſchen Widerſtandes zu vernichten?“ „Allerdings... ein paar hundert wahnſin⸗ nige Thoren! Wenn die Aufrührer fühlen, daß ihre Stärke ſchwindet, dann werden ſie Räuber, und ich bin gekommen, um dieſe zu züchtigen.“ Ind unterdrückte eine zornige Bewegung. „Zu meiner Zeit,“ ſagte er,„verdienten die Mitglieder der bretagniſchen Brüderſchaft dieſen Namen nicht.“ „Es iſt wahr; Die von denen Du richſt waren nur kurzſichtige, verblendete Menſchen; aber aus den bretagniſchen Brüdern ſind die Wölfe geworden.“ „Die Wölfe?“ wiederholte Jud, ohne zu verſtehen, was dies bedeuten ſollte. „Sie haben ſich ſelbſt dieſen wilden Namen f — beigelegt. Ich komme auf Befehl des Königs 8 hierher, nicht um die Bretagne, ſondern um die Wölfe zu bekämpfen.“ Iud ſchien durch dieſe ſubtile Diſtinction nicht überzeugt zu ſein, denn er beſchränkte ſich darauf zu erwiedern: „Ich weiß nicht, was die Wölfe thun, aber ſie ſind Bretagner und Ihr ſeid Franzos.“ „Wir wollen nicht weiter davon ſprechen,“ ſagte der Kapitain in heiterem Tone.„Was die Frage betrifft, ob ich Franzos bin oder nicht, ſo iſt dies mehr, als ich ſelbſt zu ſagen weiß.— Da, trink einmal, Alter!“— Damit reichte er Jud ſeine Reiſeflaſche, wo⸗ gegen dieſer keine Einwendung zu machen hatte. † — — 427— „Aber jetzt,“ fuhr der Kapitain fort,„wol⸗ len wir uns orientiren. Hier iſt ein Weg, der nach Saint⸗Aubin⸗du⸗Cormier führen muß...“ „Dies iſt der meinige,“ erwiederte Jud, „und hier müſſen wir uns trennenz denn Ihr geht nach Rennes, wie ich glaube.“ „Ich gehe nach dem Schloſſe la Tremlays,“ entgegnete der Kapitain. Jud ſchrak zuſammen, dann wurde er nach⸗ denkend. „Ihr ſeid ſchon in dieſer Gegend geweſen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„denn Ihr kennet ſie eben ſo gut als ich. Vieleeicht iſt es nicht das erſte Mal, daß Ihr das Schloß la Tremlays beſucht?“ „Vielleicht,“ wiederholte der Kapitain, der eine beſtimmtere Antwort vermeiden zu wollen ſchien. „Wenn Ihr ſchon dort geweſen ſeid,“ fuhr Jud fort, deſſen Züge eine unbezwingliche Neu⸗ gierde verriethen,„ſo müßt Ihr einen jungen Mann geſehen haben... einen ſchönen jungen Mann... den Erben dieſer großen Beſitzun⸗ gen... den einzigen Sprößling eines Ge⸗ ſchlechts, das ſo alt iſt, als die Bretagne... „Wie heißt er?“ „Georg Treml.“ Jetzt war die Reihe des Staunens an dem Kapitain. Zum erſten Male verglich er den Namen Treml mit dem des Schloſſes, und — 128— errieth, daß der alte Edelmann, deſſen traurige Geſchichte er eben gehört hatte, der ehemalige Be⸗ ſitzer von la Tremlays geweſen war. „Ich habe dieſen jungen Mann nie geſehen,“ erwiederte er. 4. Der Kapitain Didier. Jud war einen Augenblick faſt vernichtet. „Großer Gott!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„was haben ſie mit unſrem jungen Herrn gemacht!“ Der Kapitain war nachdenkend geworden. Vielleicht kannte er Herrn von Vaunoy genug, daß ſich in Bezug auf das Schickſal des Erben Tremls ein Argwohn in ſeinem Geiſte erhob. „Mein Weg iſt mir vorgezeichnet,“ ſagte Jud,„ich werde ihn verfolgen... Herr Kapi⸗ tain,“ fuhr er in einem Tone fort, den ſeine innere Bewegung feierlich machte,„ich beſchwöre Euch bei Eurem adeligen Namen, mir Euren Beiſtand zu leihen!“ ——ʒ⅓:— —,— — 129— Ein trauriges Lächeln umſpielte den Mund des Kapitains. „Bei meinem adeligen Namen!...“ ſagte er. „Bei Eurer Mutter!“ fuhr Iud fort. 1 „Meine Mutter!“ wiederholte der Kapitain ebenfalls.„Du biſt auf einem falſchen Wege, Alter. Was ſprichſt Du mir von meinem Na⸗ men und von meiner Mutter!— Ich bin Of⸗ ficier des Königs und dies iſt eben ſo viel werth als ein adliger Name. Du ſollſt meinen Bei⸗ ſtand haben.“ „Ich danke Ench! ich danke Euch!“ rief Jud.„Dafür gehöre ich Euch an, Herr, mit Leib und Seele und ſo lange Ihr wollt. Jetzt aber wendet Euch ein wenig von Eurem Wege abz wir kommen zuſammen aufs Schloß.“ Der Kapitain folgte Jud. Sie ritten eine Viertelſtunde auf dem Wege fort, welcher nach dem Flecken Saint⸗Aubin⸗Du⸗Cormier führte; dann wendete ſich Jud links und drang in den dichteſten Wald ein. Nachdem ſie etwa hundert Schritt geritten waren, hielt Didier ſein Pferd an. „Wohin führſt Du mich?“ fragte er. „An einen Ort, wo Nikolas Treml, ehe er ſeine Reiſe an den Hof nach Paris antrat, die Hoffnung und das Vermögen ſeiner Familie ver⸗ graben hat.“ „Haſt Du denn ſo großes Vertrauen zu mir?“ Der Wald von Rennes. I. ‿ — 130—.„ Jud zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort, dann ſagte er: „Ich würde Euch mein Leben anvertrauen, aber Tremls Schatz gehört nicht mir. Ihr habt Recht, es iſt beſſer, ich allein bleibe im Beſitz dieſes Geheimniſſes.“. „Und es iſt noch beſſer, ich wage mich nicht zu tief in dieſes Dickigt, welches zu dem Schlupf⸗ winkel der Wölfe führt. Sie könnten mich beißen, Alter. Geh, Du findeſt mich hier wieder.“ Jud ſtieg vom Pferde und drang zu Fuß weiter in das dichte Gebüſch, in welches wir früher Nikolas Treml gefolgt ſind, als er das von ſeinem Vetter, Hervé von Vaunoy unter⸗ zeichnete Dokument in der Taſche hatte. 4 Als der junge Kapitain allein war, ſtieg er ebenfalls vom Pferde, warf ſich auf den Raſen und überließ ſich ſeinen Gedanken. Dieſe waren ſüß und angenehm. Ein Kind des Glücks war er mit Hülfe ſeiner Verdienſte zu einem Poſten gelangt, den Andre ſeines Gleichen gewöhnlich nicht eher erhalten, als bis ihr Schnurrbart ſich grau färbt und die Haare auf ihrem Kopfe ſpar⸗ ſam werden. So ſaßh er jetzt eine roſenfarbene Zukunft vor ſich. Seine Sendung nach der Bretagne war nicht unwichtig und er hoffte, dieſe Hand voll uner⸗ ſchrockener, aber einfacher und roher Menſchen, welche ſich der Erhebung der Abgaben noch wider⸗d B . I — 131— ſetzten, die dem Könige ergebenen Unterthanen beläſtigten, und ihre unverſchämte Verwegenheit zuweilen ſo weit trieben, daß ſie die Hand an die Gelder der Regierung legten, leicht zu Paaren zu treiben. Abgeſehen von dieſem politiſchen Zwecke hatte ſeine Ankunft in der Gegend von Rennes für ihn noch ein beſonderes Intereſſe, aus dem wir unſeren Leſern kein Geheimniß machen dürfen. Es war nicht das erſte Mal, daß Didier in die Bretagne kam. Im vorhergehenden Jahre hatte er ſechs Monate in Rennes zugebracht, als Edelmann*) Seiner Hoheit des Grafen von Toulouſe, des Gouverneurs der Provinz, der ihn in einem Regimente der Musquetairs ange⸗ ſtellt, welches er mit ſeinem jetzigen Grade ver⸗ laſſen hatte. Schön von Geſicht und Geſtalt, zur Liebe geneigt, aber flüchtig und unbeſtändig, hatte es ihm in der bretagniſchen Hauptſtadt, wo die Damen, wie man ſagt, eben ſo weichherzig als ſchön waren, nicht an Abenteuern fehlen können. Die letzterwähnte Eigenſchaft kann ihnen auch in unſeren Tagen nicht beſtritten werden; in Bezug auf die erſtere aber ſind wir nicht im Stande, die Neugierigen zu befriedigen. Wäh⸗ *) Mit dem Titel eines Edelmannes in dieſem Sinne war nicht immer der Adel verbunden. Racine und ſelbſt Voltaire ſind Edelleute des Königs geweſen, ohne adelig zu ſein. 9* — 132— rend ſeines Aufenthalts flatterte Didier von der Brunnette zur Blondine, pflückte überall Roſen und führte ein Leben, welches ſeinem heiteren Sinne vortrefflich zuſagte. Er hatte wohl zwanzig Geliebte gehabt; ein Jahr war ſeitdem vergangen und er dachte nur an zwei derſelben zurück. Damit unſre Don Juans mit den maleriſchen Bärten den Kapitain nicht einer klaſſiſchen Anmaßung beſchuldigen, wollen wir ſogleich ſagen, daß dieſe Rückerin⸗ nerungen ſich auf die beiden einzigen Frauen bezogen, die ſeine ſiegreiche Galanterie geachtet hatte. Die erſte war Fräulein Alix von Vaunoy von la Tremlays, ein ſchönes, vortreffliches Mädchen, deſſen reizendes Geſicht weniger voll⸗ kommen war als' ihr Geiſt, und deſſen Geiſt von ihrem Herzen noch übertroffen wurde. Didier hatte ſie im Palaſt des Gouverneurs kennen gelernt, der während ſeines Aufenthalts in der Provinz einen förmlichen Hof hielt. Alix hatte ſich nicht die Mühe genommen, ihre Zuneigung zu ihm zu verbergen. Ihr Verhältniß, obgleich es die Grenzen der ſtrengſten Moral nie über⸗ ſchritt, hatte in den Augen der Welt eine Art Publizität erhalten. Herr von Vaunoy allein ſchien es entweder nicht zu bemerken, oder ihm bereitwillig die Hand zu bieten, worüber alle Welt erſtaunt war. Man wußte, daß Vaunoy in Bezug auf eine Vermählung ſeiner Tochter — „. — 133— ſehr hohe Ideen hatte, die auf nichts Geringeres zielten, als auf Herrn Bechameil, Marquis von Nointel, königlichen Itendanten der Steuern und einen der reichſten Finanziers, die es damals in Europa gab. Nichtsdeſtoweniger zog Vaunoy, der anfangs den jungen Glücksritter mit einer ganz beſonderen Geringſchätzung betrachtet hatte, ihn bald an ſich und zeichnete ihn ebenſo ſehr aus, wie die Erben der reichſten und mächtigſten Familien. Wäre dies nicht für das Publikum ein ganz gleich⸗ gültiger Umſtand geweſen, ſo hätte man bemerken können, daß dieſe Veränderung zu der nämlichen Zeit eintrat, als Herr von Vaunoy einen gewiſſen Lapierre, einen Bedienten des Gouvereurs, in ſeinen Dienſt nahm. Aber es war in der That nicht wahrſcheinlich, daß dieſer unbedeutende Umſtand, der nur die Dienerſchaft betraf, irgend einen Einfluß auf das Benehmen des Herrn von la Tremlays gegen den Kapitain Didier haben konnte. Wie dem aber ſein mochte: eines Abends, als Didier, das Herz voll ſüßer Liebesgedanken das Hotel Vaunoy verließ, wurde er auf der Straße von drei Männern angefallen, welche heftig auf ihn eindrangen. Er hatte nur ſeinen Balldegen, aber er wußte einen vortrefflichen Gebrauch davon zu machen, und die Angreifenden hatten für ihre Mühe keinen andren Lohn, als —— — 134— die Degenſtöße, die ſie erhielten. Didier kehrte verwundet in den Palaſt zurück, und die Sache hatte keine weiteren Folgen, da der Graf von Toulouſe einige Tage ſpäter Rennes verließ. Der zweite Gegenſtand der Rückerinnerung unſres Kapitains war zwar von viel beſcheidenerer Art, nahm aber vielleicht einen größeren Platz in ſeinem Herzen ein. Es war ein blondes Mädchen aus dem Walde, die er oft im Traume wiedergeſehen hatte: ein Engelsköpfchen auf einem Silphidenkörper. Auch in dieſem Augenblicke, wo er auf dem feuchten Raſen lag und ſich ſeinen Gedanken überließ, war ſie der Gegenſtand derſelben. Der Name Marie verdrängte den Namen Alix von ſeinen Lippen, und es war das reizende Bild der Haideblume, welches auf dem Grunde ſeines Herzens lächelte. Er träumte alſo, er träumte von Liebe, wie jeder ſchöne Kapitain träumen muß. Die Wölfe, die Steuern, der bevorſtehende Kampf, nichts von dem Allen exiſtirte in dieſem Augenblicke für ihn. „Wenn ſie käme!“ ſagte er vor ſich hin, indem er den ſehnſuchtsvollen Blick im dichten Walde um ſich her warf. Was am wahrſcheinlichſten kommen konnte, war die Kugel eines Wolfes, denn er hatte ſeinen Mantel ausgezogen um ſich darauf zu legen, — — ——. und die Stickereien ſeiner Uniform blitzten jetzt ohne Hülle. Aber es giebt einen Gott für die Liebe. Eine ſanfte und noch weit entfernte Stimme ſchien auf ſeinen Wunſch zu antworten. Er horchte, die Stimme kam näher. Sie ſang das Klagelied Arthurs von Bretagne. Didier lauſchte mit Entzücken dieſer bekannten Stimme und Melodie. Aber mit einer Art von ſentimentalem Raffinement wartete er. Die ächten Gutſchmecker beeilen ſich nicht, einen vorzüglich leckeren Biſſen zum Munde zu führen, denn die Erwartung iſt auch ein Genuß. Je mehr die Stimme ſich näherte, deſto deutlicher wurden die Worte. Haideblume ſang die Stelle des Volksliedes, wo Conſtantia von Bretagne daran zu verzweifeln beginnt, Ihren unglücklichen Sohn wiederzuſehen, und wo das Lied in rührenden Worten ſchildert, wie ſie wartet, hofft und betet, und das geliebte Kind vom Himmel zurückverlangt. Marie war nur noch einige Schritte von Didier entfernt, aber ſie konnten ſich nicht ſehen, ſo dicht war die Waldung. Der Kapitain hielt den Odem an ſich, während Marie fortfuhr zu ſingen. Der Charakter dieſes Liedes, iſt eine ſo zarte und ſo tiefe Melancholie, daß der Sänger, der es einem ländlichen Auditorium vorträgt, gewiß ſein kann, in die Augen ſeiner Zuhörer Thränen — 136 zu locken. Es ſchien, daß die arme Marie den Inhalt des Geſanges auf ſich ſelbſt bezog, denn die Töne der letzten Strophe löſten ſich in einen ſchmerzlichen Seufzer auf. „Haideblume!“ rief Diedier, unfähig, länger an ſich zu halten. Sie hörte den Ruf und drang raſch durch daß Dickigt. Anfangs ſah ſie nichts, ſo ſehr hatte der freudige Schreck ihren Blick verſchleiert. Als ſie endlich den Kapitain erblickte, ſchwankten ihre Knie, und indem ſie die großen blauen Augen zum Himmel emporhob, ſank ſie zuſammen. —2 J. Der weiße Wolf zeigt ſich. Didier fing Marien in ſeinen Armen auf und legte ſie neben ſich auf den Raſen. Das arme Kind hatte keine Worte, denn ſie war zu glücklich. Stumm heftete ſie den Blick auf den ſchönen Kapitain, der ihr mit ſanfter Hand die blonden Flechten von der Stirn ſtrich. Ihre feuchten Augen begegneten ſich mit einem ſüßen, liebe⸗ vollen Blicke. Das dichte Blätterdach, das ihnen 137— den Himmel verbarg, hüllte ſie in ſeinen Schatten und zuweilen, wenn der Wind die Zweige bewegte, ſiel ein flüchtiger Sonnenſtrahl auf ſie. Es war ein Bild, wie es nnr ſelten die kunſt⸗ fertige Hand des Malers hervorbringt, ein Ge⸗ mälde, welches der Dichter in ſeinem Herzen ausbildet, und wie es in den Stunden, wo die heilige Poeſie ſein Inneres erwärmt, vor ſein geiſtiges Auge tritt. Nach einigen Minuten Schweigens ſchüttelte Haideblume plötzlich die langen blonden Locken aus dem Geſicht und betrachtete mit der Freude eines Kindes Didiers Uniform, die ſie noch nicht geſehen hatte. „Ach! wie ſchön biſt Du!“ ſagte ſie,„wie ſchön biſt Du! und wie liebe ich Dich!“ Didier ergriff ihre kleine weiße Hand und zog ſie an ſeine Lippen. „Du biſt größer geworden,“ erwiederte er, „Du biſt noch ſchöner als Du früher warſt.“ Marie verbarg ihre Freude nicht. „Das freut mich,“ ſagte ſie,„aber ich habe viel geweint, und Thränen ſollen die Schönheit zerſtören.“ „Warum weinteſt Du, Marie? „Weil die einſamen Waldwege von Dir und von Deiner Abweſenheit zu mir ſprachen, Didier; weil die Stellen, wo wir gewöhnlich zuſammen ſaßen, wieder mit Raſen bewachſen warenz weil — 138— mein Vater mir ſagte, daß Du nicht zurück— kommen würdeſt.“ „Dein Vater?“ ſagte Didier erſtaunt;„er wußte alſo....2“ „Mein Vater weiß Alles,“ erwiederte Marie, welche ernſthaft geworden war.„Es wäre ver⸗ gebens, wollte man es verſuchen, ſich Pelo Rouans Blicken zu entziehen. Er weiß Alles.“ Didier ſchwieg und verſang in Nachdenken. „Er hat uns alſo belauſcht?“ fragte er nach einer Pauſe. „Wer kann wiſſen, was Pelo Rouan thut?“ ſprach Marie.„Er wußte es, weil er Alles weiß. Als Du fortgingſt, küßte er mich auf die Stirn und ſagte: Du mußt ihn vergeſſen Kind; er iſt ein Franzos und die Franzoſen hintergehen die armen Mädchen. Sie ſind Lügner und ſchlechte Menſchen.“ Didier erröthete und runzelte die Stirn. „Pelo Rouan hat noch nie eine Unwahrheit geſagt,“ fuhr Marie fort.„Ich habe mich geäng⸗ ſtiget... aber jetzt biſt Du daz mein Vater hat ſich geirret. Nicht wahr, Du liebſt mich?“ Es würde überflüſſig ſein, Didiers Antwort zu wiederholen. Die Zeit verging. Sie ſaßen neben einan⸗ der, ſich mit den Armen umſchlungen haltend, und wechſelten Worte, die nur die Liebenden —————.-— — 139— verſtehen, und die auf dem Papiere keinen Sinn haben. Während dem bemühte ſich Jud Leker, den Weg durch das Dickigt zu finden. Er hatte an⸗ fangs große Mühe, ſich zu orientiren, denn keine Spur eines Weges führte durch das dichte Ge⸗ büſch; aber nachdem er etwa hundert Schritte zurückgelegt hatte, ſah er mit Erſtaunen, daß eine Menge ſchmaler Wege ſich in allen Richtun— gen durchkreuzten, aber demohngeachtet nach einem gemeinſchaftlichen Mittelpunkte zu führen ſchienen. Er folgte einem dieſer Fußſtege und gelangte bald an den Rand der wilden Schlucht, die wir ſchon unter dem Namen der Wolsfsſchlucht ken⸗ nen. Mit Ausnahme dieſer verborgenen Wege, welche früher nicht exiſtirten und deutlich auf die Nachbarſchaft einer zahlreichen Vereinigung von Menſchen deuteten, hatte ſich in dem finſtren Anblick der Gegend nichts verändert. Noch immer ſchien die frühere Einſamkeit in der gan⸗ zen Umgebung zu herrſchen. Jud ſtieg den Abhang der Schlucht hinab, indem er ſich an den Baumzweigen feſthielt, und erreichte den Grund, auf welchem die hohle Eiche ſtand. Die Miene des ehrlichen Stallmeiſters war ernſt und traurig. Er dachte ohne Zweifel daran, daß er das letzte Mal dieſen Ort in Ge⸗ ſellſchaft ſeines verewigten Herrn beſucht hatte. 140— Er dachte auch daran, daß die Höhlung des Baumes den Schatz nicht getreulich bewahrt haben könnte, und daß es das ganze Vermögen Tremls ſei, welches zwiſchen den knotigen Wur⸗ zeln, die den Boden durchzogen, vergraben wor⸗ den war. Ehe er in den hohlen Baum trat, unterſuchte Jud ſorgfältig die Umgebung; er bog die Sträu⸗ cher und das Dornengeſtrüpp auseinander, bis er ſich endlich überzeugte, daß er ganz allein war. Bei dieſer Unterſuchung entdeckte er hinter einem der verfallenen Thürme, an der Stelle, wo früher die Hütte Matthias Blanes geſtanden hatte, einen Haufen Trümmer. „Das waren treue Diener Tremls,“ ſagte er, indem er ſein Haupt entblößte;„der Himmel ſei ihrer Seele gnädig!“ Im Innern des Baumes fand er einige Ue⸗ berreſte von Reifen und faſt das ganze Arbeits⸗ geräth Jean Blancs; aber es war verroſtet und in einem Zuſtande, welcher verrieth, daß es ſeit langer Zeit nicht benutzt worden war. Ind nahm eine Hacke und ging ſogleich an's Werk. Während er arbeitete, entſtand eine unmerk⸗ 9 liche Bewegung in den Geſträuchen, und zwei menſchliche Köpfe, welche mit einem Stück Wolfs⸗ felle maskirt waren, wurden ſichtbar. Ein drit⸗ ter Kopf mit einer weißen Verhüllung erſchien — 441— in einem dichten Gebüſch von hohem Stechgin⸗ ſter, welches faſt die Eiche berührte, in welcher Jud arbeitete. Die drei auf dieſe ſonderbare Weiſe verhüll⸗ ten Männer wechſelten raſch einige Winke. Der Wink der weißen Maske war ohne Zweifel ein Befehl, denn die beiden Andren zogen ſich ſogleich in ihr Verſteck zurück. Die weiße Maske legte ſich ohne das min⸗ deſte Geräuſch platt auf die Erde und begann nach der Eiche hin zu kriechen. Langſam legte er die Entfernung, die ihn davon trennte, zurück, und richtete ſich dann empor, ſo daß er durch eine der Oeffnungen blicken konnte, welche mit der Zeit ſich in dem Stamm der hohlen Eiche ge⸗ bildet hatten. Seine Verhüllung hinderte ihn am Sehen; er riß ſie daher ab und zeigte ſein von Ruß und Kohlenſtaub ganz geſchwärztes Geſicht, das Ge— ſicht Pelo Rouans, des Kohlenbrenners. Jud arbeitete immerfort und ahnete nicht, daß ein neugieriger Blick jeder ſeiner Bewegun⸗ gen folgte. Nach einigen Minuten traf die Hacke auf einen harten, klingenden Körper. Iud ſchaffte ſchnell die Erde aus der Oeffnung heraus und zog bald den eiſernen Kaſten hervor, den Niko⸗ las Treml vor zwanzig Jahren hier vergraben hatte. Nachdem er ihn einen Augenblick auf⸗ — 142— merkſam unterſucht hatte, um zu ſehen, ob er in ſeiner Abweſenheit von Niemandem geöffnet wor⸗ den war, nahm er einen Schlüſſel aus ſeiner Rocktaſche. In dieſem Augenblick legte ſich Pelo Rouan geräuſchlos wieder nieder und kroch in ſein Ver⸗ ſteck zurück. Dies war ſein Glück, denn als Jud im Be⸗ griff war, das Käſtchen zu öffnen, beſann er ſich und ging vorher einmal um die Eiche herum, indem er ſich ſorgfältig und ängſtlich überall umſah. Er ſah Niemanden, kehrte in den hoh⸗ len Baum zurück und öffnete das Schloß des eiſernen Kaſtens. Alles war darin unberührt, ſo wie es hinein⸗ gelegt worden war, ſowohl das Gold als das Pergament. Der ehrliche Jud konnte einen freu⸗ — digen Ausruf nicht unterdrücken, indem er daran dachte, daß Georg Treml, wenn er ſich auch in einer Lage befinden ſollte, um ſein Brod betteln zu müſſen, nur ein einziges Wort zu ſagen nö⸗ Ithig hatte, um wieder in den Beſitz ſeines gan⸗ zen Vermögens zu gelangen. Aber ein Aus⸗ druck von Trauer trat bald an die Stelle ſeines freudigen Lächelns: wo war Georg Treml? Jud wünſchte ſchon im Schloß zu ſein, um über das Schickſal des Kindes Erkundigung ein⸗ ziehen zu können. Er legte den Kaſten wieder in die Erde, füllte die Oeffnung ſorgfältig wieder — 143— an, ſo daß keine Spur blieb von dem was er vorgenommen hatte, und kle erte dann den Berg⸗ abhang wieder empor. Während er ſich entfernte, folgte ihm Pelo Rouan mit dem Blicke. „Es iſt Jud,“ ſagte er vor ſich hin,„Jud, Tremls Stallmeiſter! Er hat das Käſtchen nicht mitgenommen, und ich kann dieſe Nacht ſehen, was es enthält. Indeſſen dürfen die Unſrigen nichts von dieſem Geheimniſſe ahnen, denn ſie könnten mir zuvorkommen.“ Jud war verſchwunden. Die beiden Män⸗ ner mit den Wolfsmasken traten aus dem Di⸗ ckigt wieder hervor und gingen in die Höhlung der Eiche. Sie nahmen das Arbeitsgeräth weg, unterſuchten jeden Winkel, jede Spalte im Holze, aber ſie fanden nichts. Dieſe beiden Männer waren Wölfe. „Meiſter,“ ſagten ſie, indem ſie ihre M lüfteten,„was habt Ihr geſehen?“ Pelo Rouan zuckte mit den Achſeln. 6„Es iſt ſehr Schade,“ erwiederte er,„daß Ihr nicht in der guten Stadt Vitré wohnet; Ihr ſeid neugierig wie alte Weiber und würdet vortreffliche Bürger abgeben. Ich habe geſehen, daß ein Bauer zwei Dutzend Sechslivresſtücke aus der Erde holte, die er hier vergraben hatte.“ Die beiden Wölfe ſahen einander an. 1 tützen — 144— „Das ſind ſechs Louisdor,“ ſagte der Eine von ihnen,„und es ſind vielleicht noch mehr da.“ „Sucht,“ erwiederte Pelo Rouan mit der größten Gleichgültigkeit;„ich werde mich inzwi⸗ ſchen für Euch auf die Wache ſtellen.“ Die beiden Wölfe beſannen ſich einen Augen⸗ blick, aber dies währte nicht lange. Sie griffen nochmals an ihre Mützen und gingen wieder auf ihren Poſten. Pelo Rouan legte ſeine Maske wieder an. „Es iſt gut,“ ſagte er dann;„aber merkt es Euch: wenn ich hier bin, wachen meine Augen mit den Eurigen, und ich kann eine kleine Nach⸗ läſſigkeit verzeihen; wenn ich mich jedoch ent— ferne, dann wird die Nachläſſigkeit zum Verrath, und Ihr wißt, wie ich die Verräther beſtrafe. Es haben ſich Soldaten der Morechauſſee im Walde gezeigt, und vielleicht unterſuchen ſchon jetzt feindliche Augen die Tiefe dieſer Schlucht. Die geringſte Unvorſichtigkeit kann das Geheim⸗ niß unſeres Schlupfwinkels verrathen; ſeid alſo auf Eurer Huth!“ Der Kohlenbrenner ſprach dieſe Worte mit kurzer, gebieteriſcher Stimme. Die beiden Wölfe antworteten gehorſam: „Wir werden wachſam ſein, Meiſter.“ Pelo Rouan nahm die zwei Piſtolen, die an ſeinem Gürtel hingen, ab, und verbarg ſie unter ſeinem Rocke. — 145— „Ich gehe in's Schloß,“ fuhr er fort,„um zu hören, was wir von den Leuten des Königs zu fürchten haben. In der Nacht kehre ich zurück.“ Mit dieſen Worten ſtieg er raſch den Abhang empor und verſchwand hinter dem Bänmen des Waldes. „Der weiße Wolf hat den Teufel im Leibe,“ ſagte einer der beiden Wächter vor ſich hin;„es giebt Keinen mehr, der ſo laufen kann... He, Guyot!“ „Was giebts?“ „Ich möchte doch gern die hohle Eiche unter⸗ ſuchen.“ „Ich auch, aber ich thue es nicht.“ „Du haſt Recht; was er ſagt, muß ge⸗ ſchehen.“ In Folge dieſer Betrachtung entſchloſſen ſich die beiden Wölfe, gute Wache zu halten. — — Jud Leker drang mit leichterem Schritt und zufriedenerem Herzen durch das Dickigt, als das erſte Mal. Eine ſeiner Sorgen war wenigſtens gehoben, und er hatte jetzt das Mittel in der Hand, die reichen Beſitzungen des Hauſes Treml zurück zu kaufen. Marie und Didier hörten ihn in der Ferne kommen. Sie waren ſeit länger als zwei Stun⸗ den beiſammen, und doch ſchien ihnen die Zeit ſo kurz! Nur ungern ſtand Marie auf. Der Wald von Rennes. I. 10 · — 146— „Auf Wiederſehen!“ ſagte ſie;„Du wirſt mich nicht wieder verlaſſen, nicht wahr?“ „Nie!“ erwiederte der Kapitain mit einem Kuſſe. 1 Die Geſträuche bogen ſich aus einander und! Jud erſchien. Didier war allein. 5 „Du biſt nicht lange ausgeblieben, Alter,“ ſagte dieſer;„ich erwartete Dich nicht ſo ſchnell zurück.“ Jud nahm dies als einen Vorwurf wegen ſeines langen Außenbleibens auf und erſchöpfte ſich in Entſchuldigungen. „Ich habe wahrſcheinlich geſchlafen, und einen ſchönen Traum gehabt,“ rief der Kapitain, indem er ſich in den Sattel ſchwang, ohne den Bügel zu berühren,„denn ich will ſterben, wenn ich mich nach Deiner Zurückkunft geſehnt habe.— Nun, wie ſteht es denn mit Tremls Schatze?“ „Gott hat darüber gewacht,“ antwortete Ind. „Deſto beſſer! Jetzt in's Schloß; Du müß⸗ teſt denn noch mehr geheimnißvolle Geſchäfte zu beſorgen haben.“ Nur ſelten ſympathiſirt ein Bretagner von altem Schlage mit der unbefangenen und geſprä⸗ d chigen Heiterkeit, welche im Character der Fran⸗ zoſen liegt. Dieſer ſchnelle Uebergang zur Fröh⸗ lichkeit war dem ehrlichen Ind peinlich, und dies um ſo mehr, da er noch den Kopf voll ernſter 1 — 147— ſi Gedanken hatte. Er folgte einige Zeit ſchwei⸗ gend dem jungen Offizier, welcher alle möglichen m alten und neuen Liedchen, die auf den Jahr⸗ marktstheatern geſungen wurden, trällerte. End⸗ d lich trieb Jud ſein Pferd vorwärts, und ergriff das Wort. 1.„Herr Kapitain,“ ſagte er, nmeine Pflicht iſt ſchwer und mein Verſtand iſt beſchränkt. Ich rechne auf den Beiſtand, den Ihr mir zugeſagt n habt.“ „ und Du haſt Recht, Freund; ich werde Al⸗ les thun, was in meinen Kräften ſteht. Aber erkläre mir doch ein wenig, was Du von mir 1 verlangſt.“ „Zuerſt,“ erwiederte Jud,„obgleich zwanzig Jahre verfloſſen ſind, ſeitdem ich das letzte Mal den Fuß in das Schloß la Tremlays geſetzt habe, e könnte es doch möglich ſein, daß mich dort Je⸗ mand erkennte, und es iſt mir darum zu thun, unerkannt zu bleiben. Ich wünſchte daher, nicht voorr Einbruch der Nacht in's Schloß zu kommen.“ „Gut, es iſt ſchönes Wetter, wir können im Walde bleiben. Aber das Mittel ſcheint mir dnicht ausreichend, da es im Schloſſe des Herrn von Vaunoy nicht an Lichtern fehlen wird.“ ⸗ „Das iſt wahr,“ ſagte der arme Jud traurig, daran hatte ich nicht gedacht.“ KLüächelnd erwiederte der Kapitain: 10* — 148— „Es giebt ein Mittel, dieſen Zweck zu errei⸗ chen. Wir kommen in unſre Reiſemäntel ge⸗ hüllt, und ich werde wohl einen Vorwand finden, um Dich vor neungierigen Blicken zu ſchützen. Was weiter?“ f „Dann...“ ſagte Jud in großer Verlegen⸗ heit,„dann werde ich zu erfahren ſuchen... auf irgend eine Art... was aus dem jungen Herrn geworden iſt.“ „Gut, wir werden uns Mühe geben.“ Es wurde dunkel; unſre beiden Reiſenden kamen ins Schloß, wie wir ſchon geſehen haben, und Simonnet, der Poſtmeiſter, übernahm es, ſie einzuführen. Hervé von Vaunoy und ſeine Tochter Alix waren im Salon, in Geſellſchaft des Fräuleins Olivia von Vaunoy, der jüngeren Schweſter Hervé's, und des Herrn Bechameil, Marquis von Nointel, königlichen Intendanten der Steuern. Der Kapitain wurde ſchon ſeit einigen Tagen erwartet, obgleich man den Namen deſſelben nicht kannte. Sobald Meiſter Simonnet das Wort Kapitain ausgeſprochen hatte, ſtanden alle An⸗ weſendeu auf und blickten mit mehr oder weniget ſichtbarer Neugierde nach der Thür. 8 Der Kapitain trat ein und hinter ihm Jud, der, das Geſicht in den Mantel gehüllt, an der Thür ſtehen blieb. Didier ſchritt vorwärts, den Hut unter dem Arm und mit offener, unbefan⸗ — 149— i gener Miene, wie es einem Manne geziemt, der e in den galanten Sitten des Hofes bewandert iſt. 1, Sein Anblick ſchien Alle in Erſtaunen zu t ſetzen, was in deutlichen, obgleich verſchiedenar⸗ tigen Zügen auf den vier Geſichtern zu leſen war. 1 Fräulein Olivia biß ſich auf die Lippen, während ihre zitternden Hände mit dem Fächer n ſpielten. Alix erbleichte und ſtützte ſich auf den Arm ihres Lehnſtuhles. n Herr von Vaunoy konnte unter ſeinem freund⸗ lichen Lächeln ein unwillkürliches Zucken nicht — ganz verbergen. 1 Herr Bechameil, Marquis von Nointel end⸗ r lich, machte das jämmerlichſte Geſicht, das man 3 an einem unangenehm überraſchten Finanzmanne r ſehen kann. 1 —— t 6. 8 Portraits. — Didier verbeugte ſich tief vor den Damen, etwas weniger tief vor Herrn von Vaunoy, und faſt gar nicht vor dem königlichen Intendanten. — 150— Hervé verſtärkte ſogleich ſein freundliches Lächeln, und ging dem Kapitain drei Schritte entgegen. „Beim heiligen Gott, mein junger Freund!“ rief er im freundſchaftlichſten Tone,„Sie ſind mir dreimal willkommen! Eine geheime Stimme ſagte mir, daß ich Sie mit dem Epaulett wieder ſehen würde. Schlagen Sie ein, Kapitain, beim heiligen Gott, ſchlagen Sie ein!“ Didier erwiederte bereitwillig dieſe Freund⸗ ſchaftsbezeugungen. Nachdem er den beiden Da⸗ men die Hand geküßt hatte, nämlich Fräulein Alix ſchweigend, und Fräulein Olivia von Vau⸗ noy, indem er ihr einige alltägliche Schmeiche⸗ leien ſagte, nahm er neben dem Beſitzer von la Tremlays Platz. „Der Befehl Seiner Majeſtät,“ ſagte er, „ließ mir die Wahl zwiſchen der Gaſtfreund⸗ ſchaft des Herrn Marquis von Nointel und der Ihrigen. Ich glaubte, daß es Ihnen nicht un⸗ angenehm ſein würde, mich einige Tage aufzu⸗ nehmen.“ „Beim heiligen Gott, Kapitain, das Gegen⸗ theil würde mir unangenehm geweſen ſein.“ „Ich danke Ihnen, und um von Ihrer Freundlichkeit Gebrauch zu machen, bitte ich um die Erlaubniß, meinen Diener ſogleich in das Zimmer führen zu laſſen, welches für mich be⸗ ſtimmt iſt.“ 3 — 151— , Friäulein Olivia ſetzte eine ſilberne Glocke, die vor ihr auf dem Kamin ſtand, in Bewegung. 2„Vorher muß Ihr Diener aber mit Meiſter d Alain, meinem Haushofmeiſter, den Abendtrunk zu ſich nehmen,“ ſagte Hervé von Vaunoy. Bei dem Namen Alain erbleichte Jud unter ſeinem Mantel. „Mein Diener iſt krank,“ erwiederte der Ka⸗ pitän;„es iſt ihm nichts weiter nöthig, als Ruhe und ein gutes Bett.“ „Nach Ihrem Belieben, mein junger Freund.“ Ein Bedienter, den der Ton der Glocke her— beigerufen hatte, trat ein. „Macht dieſem ehrlichen Manne ein Bett zu⸗ recht,“ ſagte Herr von Vaunoy zu ihm,„und behandelt ihn in Allem, wie den Diener eines „Mannes, den ich hochſchätze und liebe.“ 6 Didier verbeugte ſich. Jud verließ das Zim⸗ mmer und folgte, immer in ſeinen Mantel gehüllt, dem Diener, der, ſo gern er auch gewollt hätte, nichts von ſeinen Geſichtszügen ſehen konnte. Wir kennen Herrn Hervé von Vaunoy, den jetzigen Beſitzer von la Tremlays und von Boue⸗ ris⸗en⸗Forét. Die zwanzig Jahre hatten ſein ooolles, heiteres Geſicht nicht ſo ſehr verändert, ddaß es nöthig wäre, eine neue Beſchreibung von ihm zu geben. 1 Fräulein Olivia von Vaunoy, ſeine Schweſter, war eine lange, hagere Figur, die in ihren jün⸗ *. — 152— geren Jahren ſehr häßlich geweſen war. Das Alter, welches unfähig iſt, zu verſchönern, ver⸗ wiſcht wenigſtens die auffallenden Unterſchiede, welche die Schönheit von der Häßlichkeit trennen. Im fünfzigſten Jahre iſt das, was von einer häßlichen Frau noch übrig iſt, nur wenig ver⸗ ſchieden von dem, was von einer ſchönen bleibt. Der Ausdruck des Geſichts kann allein den Un— terſchied bezeichnen. Das Geſicht des Fräuleins Olivia aber drückte gar nichts aus, als höchſtens eine außerordentliche Ziererei, das hartnäckige Beſtreben, naiv ſein zu wollen und eine un— glaubliche Pruderie. Sie war übrigens nach der neueſten Mode gekleidet, trug ein langes, ausgeſchnittenes Leibchen, weit hervorſtehende Hüf⸗ ten, außerordentlich hoch friſirte und gepuderte Haare, einen Fächer, den wir Rococo nennen würden, und niedrige Schuhe von braunrothem Leder. Ihre Wangen waren mit Schönpfläſter⸗ chen von der verſchiedenſten Form getiegert, und eine Linie von ſchwarzer Farbe verlieh ihr ſchön gebogene Augenbraunen. Wir ſprechen nicht von dem Karmin, mit dem ihre Lippen und Wangen bedeckt waren, noch von der kindlich freundlichen B Miene, welche zu allen dieſen verführeriſchen Reizen noch hinzu kam. Alix hatte keine Aehnlichkeit mit ihrem Vater und noch weniger mit ihrer Tante. Sie war groß, aber dennoch hatte ihr ſchön proportionir⸗ ——— — 153— ter Wuchs eine edle Grazie behalten. Auf ihrer breiten Stirn lag unter den ſchwarzen Flechten ungepuderter Haare ein Ausdruck von ſtolzer Sittſamkeit, der aber durch den ſanften Strahl ihres großen blauen Anges gemildert wurde. Ihr Blick war ernſt aber nicht traurig, und die reinen Linien ihres Mundes verriethen mehr eine ſinnende als melancholiſche Stimmung. Sie war der vollkommene Typus einer bretagniſchen Frau, kräftig bei ihrer Anmuth, und eben ſo weit ent⸗ fernt von der contemplativen Ruhe des Nordens, als von der ausſchweifenden Leidenſchaft des Sü⸗ dens; ſie verband ächtes Gefühl mit würdiger Feſtigkeit, ſie war für Liebe empfänglich und wußte Leiden zu ertragen, und war einer bis zum Heroismus gehenden Hingebung fähig. Hervé von Vaunoy hatte ſich ein Jahr nach der Abreiſe Nikolas Tremls verheirathet, aber ſeine Gattin war ſchon nach achtzehn Monaten geſtorben. Alix war die einzige Frucht dieſer Ehe; ſie war jetzt achtzehn Jahr alt.. Wir haben noch von dem königlichen Inten⸗ danten der Steuern zu ſprechen. Antinous Bechameil, Marquis von Nointel, war ein ſehr ſchöner Mann von vierzig und einigen Jahren. Er war dick, aber nicht zu ſehr, hatte ein blühendes Geſicht und runde, volle Wangen. Er hatte ein ſehr hübſches Un⸗ terkinn und Jedermann war darüber einig, daß — 154— ſeine Waden tadelfrei waren. Was die mora⸗ liſche Seite betrifft, ſo ſchnupfte er Taback aus einer ſo künſtlich geſchnitzten Doſe von Schild⸗ krot, daß alle Marquiſen ihre ſchönen Finger mit Vergnügen in dieſelbe tauchten. Sein Hofkleid war mit Knöpfen von Diamanten beſetzt, von denen jeder zwanzigtauſend Livres werth war. Er hatte eine Art und Weiſe, die Brüßler Spi— tzen ſeines Jabots zu ſchütteln und die Spitze ſeines Degens bis zur Schulter empor zu heben, die nur ihm allein eigen waren, und ſein ziem— lich gutes Gedächtniß ſetzte ihn in den Stand, hin und wieder paſſende Bonmots anzubringen, die nur erſt ſeit ſechs Wochen im Cours waren. Dabei beſaß er einen unvergleichlichen Appetit, dem er ein reichliches Drittel ſeiner Einkünfte opferte, und einen erprobten Magen. In Summa war der Herr Marquis von Nointel nicht eben lächerlicher, als die meiſten adligen Finanziers ſeiner Zeit. Seine Geſchäfte in der Bretagne waren zahl⸗ reich und von großer Wichtigkeit. Zuerſt war er ſterblich in Alix von Vaunoy verliebt, aus der er um jeden Preis ſeine Gattin machen wollte. Herr von Vaunoy hatte gar nichts dagegen, aber Alir zeigte ganz entgegengeſetzte Anſichten, und es war rührend zu ſehen, wie Herr von Becha⸗ meil ſeine Galanterien, ſeine aus dem Gedächt⸗ niß improviſirten Gedichte und beſonders die — e— 4 — 155— Wunderwerke ſeiner Küche, deren Vortrefflichkeit in der Bretagne einen hiſtoriſchen Ruf erhalten hat, verſchwendete. Demohngeachtet verlor er den Muth nicht und verdoppelte täglich ſeine Bemühungen, ſo erfolglos dieſe auch immer blieben. Dabei war er, wie wir ſchon geſagt haben, Intendant der Steuern. Dieſer Poſten, den man mit dem der heutigen Generaleinnehmer in den Gouvernements durchaus nicht vergleichen kann, erforderte, beſonders in der Bretagne, einen außerordentlichen Aufwand von Thätigkeit. Es fehlte in der Provinz eben ſowohl am Gelde, als am guten Willen, um die ſchweren Steuern zu bezahlen, die ſeit Kurzem auf ihr laſteten. Drittens— und dies war dasjenige Amt, auf welches er den meiſten Werth legte— hatte Herr von Bechameil die Oberaufſicht über die Prüfung der Adelsbriefe in der ganzen Provinz. Dieſe Unterſuchung ſtand in gewiſſer Hinſicht mit dem Amte eines Steuerintendanten im Zuſam⸗ menhange, da die Edelleute den Steuern nicht unterworfen waren, und ſich daher mancher Bür⸗ gerliche, indem er ſich widerrechtlich den Adel an⸗ maßte, der Bezahlung derſelben entziehen konnte; aber Bechameil war noch auf eine unwiderſprech⸗ lichere Weiſe im Beſitz dieſes Rechts. Er hatte gegen eine bedeutende Summe, die er jährlich an die Krone zahlte, das Recht erpachtet, die — 156— Titel und Adelsdiplome zu prüfen, und in Folge dieſes Contracts zog er allein die Strafen ein, welche das bretagniſche Parlament auf ſeinen An⸗ trag jedem Bürgerlichen auflegte, der ſich für einen Edelmann ausgab. In Folge deſſen lag es in ſeinem Intereſſe, recht viele ſolcher Uſurpatoren aufzufinden. Auch unterließ er nicht, die Familienarchive durchzu⸗ wühlen, und zeigte ſich ſo unerbittlich bei dieſen Unterſuchungen, daß ihm ſelbſt die Herren, welche zum königlichen Hofe gehörten, nicht beſonders günſtig waren. Aber er wurde mehr gefürchtet, als gehaßt.— Auf dieſe Weiſe war in einer Proviuz, wie die Bretagne, wo Treue und Glaube und alte Gewohnheiten herrſchten, und wo viele Edelleute, die, ſich auf ihren von undenklichen Zeiten her⸗ rührenden Beſitz ſtützend, weder Adelsbriefe noch ſonſtige Dokumente beſaßen, die Macht des Herrn von Bechameil ſehr bedeutend. Beſchränkt von Geiſt, habſüchtig und engherzig, und ohne ein andres Wohlwollen zu beſitzen, als die äußerliche Artigkeit, welche denen, die ſie an den Tag legen, den bedeutungsloſen Namen eines angenehmen Mannes verſchafft, war der Steuerintendant gerade einfältig genug, um ein unbarmherziger Tyrann zu ſein. Nur eins konnte ihn nachgie⸗ big machen: Geld. Wer ihm den Betrag der Strafe und einige tauſend Livres mehr als Prä⸗ —. · 1 1 — 157— mie in die Hand drückte, konnte gewiß ſein, nicht beunruhigt zu werden, wie übertrieben auch ſeine Anforderungen ſein mochten. Für zehntauſend Franken hätte er dem Baſtard eines Lakaien den Titel eines Barons gelaſſen. Wer aber kein Geld hatte, mußte, um ſich aus ſeinen Klauen zu befreien, ganz unbeſtreitbare Rechte haben, und die Geſchichte jener Zeit hat mehrere Bei⸗ ſpiele aufbewahrt, daß vornehme Perſonen durch ihn in den Bürgerſtand verſetzt worden ſind.*) Man kann ſich denken, daß Herr von Vaunoy, deſſen Familienpapiere nicht in der beſten Ordnung waren, anfangs vor einem ſolchen Manne gezittert hatte. Die böſen Zungen behaup⸗ teten, daß er damit begonnen habe, gutwillig zu zahlen, was immer ein ſehr gutes Mittel war. Aber in Vaunoy's Lage war dies nicht hin⸗ reichend. Durch einen Verkauf in Tremls Rechte eingeſetzt, deſſen Namen er führte, und deſſen Wappenſchild er ſogar angenommen hatte, um damit ſein eigenes zweifelhaftes zu vervollſtän⸗ digen, hatte er zu viel zu fürchten, um nicht jedes Mittel aufzuſuchen, was ihm ſeinen Richter geneigt machen konnte. Die Entziehung des Adels würde ihn nicht allein ſeiner Titel beraubt *) Wir wollen nur einen jüngeren Sohn aus der berühmten und hiſtoriſchen Familie Coötlogon an⸗ führen, der auf Bechameils Antrieb ungerechterweiſe abgewieſen wurde. — 158— haben, auf die er viel Werth legte, ſondern auch ſeiner Beſitzungen, die ihm noch mehr am Herzen lagen, denn nur ſein Stand als Edelmann und ſeine Verwandſchaft hatten ihn befähigt, die Beſitzung Tremls zu kaufen. Zu ſeinem Glück kam ihm Bechameil auf mehr als halbem Wege entgegen. Dieſer gewichtige Mann warf ſich ihm gewiſſermaßen in die Arme, indem er aus der Liebe zu Alix, die in ſeinem Herzen entſtanden war, kein Geheimniß machte.. Das war ein ſehr glücklicher Umſtand, und Vaunoy wußte Nutzen daraus zu ziehen. Becha⸗ meil und er verbündeten ſich zuſammen, und obgleich der königliche Intendant in der That der Stärkere war, ließ er ſich doch ſchnell durch die überlegene Geſchicklichkeit ſeines neuen Freundes beherrſchen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Bechameil die Hand der ſchönen Alix zugeſagt erhielt, was Vaunoy jedoch nicht abhielt, das vertrauliche Verhältniß, welches in Rennes zwiſchen ſeiner Tochter und dem Kapitain Didier entſtanden war, einigermaßen zu begünſtigen. Vaunoy hatte ohne Zweifel ſeine Gründe dazu. Während Didiers Aufenthalt in Rennes hatte Bechameil ſehr bald ſein Verhältniß zu Alix ent⸗ deckt. Dies erklärt uns das ſonderbare Geſicht, welches der Finanzier beim Anblick des jungen Kapitains machte. Was Fräulein Olivia be⸗ — 459— trifft, ſo bewegte ſie ihren Fächer, weil ſie auf dieſe Weiſe den Beweis einer reizenden Sittſam⸗ keit zu geben glaubte. Die Mahlzeit iſt immer der wichtigſte Akt der bretagniſchen Gaſtfreundſchaft. Nach einigen Minuten öffnete Meiſter Alain, der Majordomus, mit ſeiner officiellen ſilbernen Kette decorirt, und die Augen noch von ſeinem trunkenen Schlum⸗ mer geröthet, die beiden Flügel der Thür, um das Souper anzukündigen. „Morgen ſprechen wir von Geſchäften,“ ſagte Herr von Vaunoy heiter;„jetzt wollen wir eſſen.“ „Ja, das wollen wir,“ beſtätigte Bechameil, dem dieſes Wort einen Theil ſeiner Heiterkeit zurückgab. Alix ſtand auf und reichte unwillkürlich Di⸗ dier die Hand. Aber Herr von Bechameil er⸗ griff ſie. Der Kapitain begnügte ſich, entweder abſichtlich, oder weil er nichts Beſſeres thun konnte, mit der Knochenhand des Fräuleins Olivia. Wir geben keine Beſchreibung des Soupers, denn wir haben wichtigere Ereigniſſe mitzuthei⸗ len. Wir erwähnen nur, daß Herr von Vau⸗ noy, während er zu wiederholten Malen die Ge⸗ ſundheit ſeines jungen Freundes, des Kapitains Didier ausbrachte, mehr als einen verſtohlenen Blick mit Meiſter Alain wechſelte, dem er ſogar, trug dieſen Befehl einem Bedienten von wenig angenehmen Geſicht, den Herr von Vaunoy im vorigen Jahre dem Gouverneur der Provinz ab⸗ wendig gemacht hatte, und welcher Lapierre hieß. Währenddem machte Bechameil wie gewöhn⸗ lich Fräulein Alix den Hof. Dieſe hörte nicht auf ihn und wendete von Zeit zu Zeit ihren traurigen und ſtaunenden Blick auf den Kapitain, als die Mahlzeit zu Ende werde, mit leiſer Stimme einen Befehl gab. Meiſter Alain über⸗ der mit Fräulein Olivia in einem eifrigen Ge⸗ ſpräch begriffen war. Dieſe zierte ſich, biß ſich auf die Lippen, und unterließ keinen einzigen der beluſtigenden Kunſtgriffe einer alternden Kokette, welche ſich an dem zufälligen Glücke, das ihr zu Theil geworden iſt, labt.* ,— Hervé von Vaunoy führte den Kapitain ſelbſt bis an die Thür ſeines Schlafzimmers, und wünſchte ihm hier gute Nacht. Jud war noch nicht zu Bett gegangen. Er ging mit langſa⸗ men Schritten und in tiefe Gedanken verſunken im Zimmer auf und ab. „Nun,“ fragte ihn ſein Herr,„biſt Du mit mir zufrieden? habe ich Dich den neugierigen Blicken entzogen?“ „Herr Kapitain, ich danke Euch,“ erwiederte Jud. „Haſt Du etwas erfahren?“ „ 161— „Nichts über das Kind, und dies iſt ein bö⸗ ſes Zeichen. Aber ich weiß, daß Frau Goton, welche die Amme des jungen Herrn war, jetzt Haushälterin im Schloſſe iſt.“ „Dieſe wird Dir Auskunft geben.“ „Ich weiß auch, daß ich Muhe haben werde, zich lange verborgen zu halten, denn ich habe das Geſicht eines Feindes geſehen: des alten Haushofmeiſters Alain.“ Etwas Aehnliches kann ich Dir ſagen, Alter; ich habe das Geſicht eines Schurken geſehen, der im Dienſte des Grafen von Toulouſe, des Gou⸗ verneurs der Wuitagne und meines edlen Gön⸗ ners, ſtand, den ich ſtark im Verdacht habe, an einem gewiſſen nächtlichen Ueberfalle, der mir einen Degenſtoß eintrug, Antheil gehabt zu haben. Doch, wir werden dies Alles aufklären; für jetzt wollen wir ſchlafen.“ „Schlafet,“ ſagte Jud. Der Kapitain warf ſich auf ſein Bett, Jud aber blieb wach. 3 Der Wald von Rennes. I. 11 Das geheime Conſeil des Herrn von Uaunoy. Der Kapitain ſchlief und träumte vieleeicht abwechſelnd von dem vornehmen Fräulein Alix und von der beſcheidenen Tochter des Waldes; denn trotz ſeiner ſyſtematiſchen Kälte hatte er die Erſtere nicht ohne eine lebhafte innere Bewegung wiedergeſehen. Jud ging im Zimmer auf und ab, und forderte von ſeinem ehrlichen und ein⸗ fachen Verſtande ein Mittel, um den Enkel ſeines alten Herrn wiederzufinden. Fräulein Olivia baute die ſchönſten Luftſchlöſſer, in denen ſie ſich als Gebieterin und Gattin eines ſchönen Offiziers Seiner Majeſtät des Königs Ludwigs XV. ſah. Alix endlich ſuchte vergebens den Schlummer und bekämpfte ihren inneren Schmerz, denn das arme Mädchen hatte an dieſem Abende viel ge⸗ litten. Sie wollte nicht ihr Herz befragen und ihr Herz ſprach wider ihren Willen: ſie liebte. Der ſtärkſte Charakter aber wird gebeugt von dem erſten Hauche einer Enttäuſchung. Bis jetzt hatte ſie zwiſchen ſich und ihrem Glücke kein anderes Hinderniß geſehen, als ihre Pflicht und den Willen ihres Vaters. Jetzt war es ein Ab⸗ grund, der ſich vor ihren Füßen öffnete: Didier hatte ſie vergeſſen. — 163— Im Zimmer des Herrn von Vaunoy, deſſen doppelte Thür ſorgfältig verſchloſſen war, befan⸗ den ſich drei Männer, welche eine Art von Rath hielten. Es war Herr von Vaunoy ſelbſt, Alain, ſein Haushofmeiſter und der Bediente Lapierre. Alain war jetzt ein alter Mann. Sein rauhes Geſicht, auf welches eine tägliche Trun⸗ kenheit ihre häßlichen Spuren gezeichnet, hatte keinen anderen Ausdruck mehr, als den einer ſtumpfſinnigen, unbeugſamen Härte. Lapierre konnte fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt ſein. Sein Geſicht hatte nicht den bretagniſchen Character, ſeine ſpitzigen Züge, ſein hinterliſtiger und faſt ſcheuer Blick näherte ſich mehr dem Typus von Anjoumois. Er ſtammte in der That aus dem ſüdlichen Theile von An⸗ jou, einer Gegend, welche ganz beſonders frucht⸗ bar an Vagabunden und Seiltänzern iſt. Bis in ſein fünfundzwanzigſtes Jahr hatte er da und dort das dreifache Gewerbe eines Wunderdoctors, eines Jongleurs und eines Seiltänzers betrieben. Dann kam er als Bedienter in das Haus des Grafen von Toulouſe, welcher noch nicht Gou⸗ verneur der Bretagne war. Lapierre hatte da⸗ mals einen Knaben bei ſich, deſſen er ſich bediente, um das Publicum zu ſeinen Schaugebungen anzulocken. Der Knabe war ſchön; der Graf von Toulouſe gewann ihn lieb und machte ihn zu ſeinem Pagen, nach einigen Jahren aber nahm 11* — 164— er ihn unter die Edelleute ſeines Hauſes auf. Lapierre, welcher Bedienter geblieben war, faßte einen tiefen Groll gegen den jungen Menſchen, der früher ſein Sklave geweſen war und jetzt ſo hoch über ihm ſtand. Während der Zeit, als der Gouvernenr der Bretagne ſich in Rennes aufhielt, ſtellte ſich La⸗ pierre bei Herrn von Vaunoy vor nnd bat ihn um geheimes Gehör. Dieſe Conferenz dauerte lange, und Vaunoy wechſelte mehr als einmal die Farbe bei den Worten des geweſenen Seil⸗ tänzers. Ehe ihn Lapierre verließ, empfing er eine geſpickte Börſe und wenige Tage ſpäter nahm Vaunoy ihn in ſeine Dienſte. Von dieſer Zeit an begann der neue Beſitzer von la Tremlays dem Pagen Didier Zutritt in ſeinem Hauſe zu geſtatten und ihm alle Aufmerkſamkeiten zu er⸗ weiſen, was bei Herrn Antinous Bechameil, Marquis von Nointel, Anfälle wüthender Eifer⸗ ſucht weckte, und wenige Wochen ſpäter wurde Didier des Nachts in den Straßen von Rennes hinterliſtig überfallen. Mitternacht war bereits vorüber. Hervé von Vaunoy ging mit allen Zeichen einer heftigen Aufregung im Zimmer auf und ab, während ſeine beiden Diener bequem neben dem Kamin Platz genommen hatten. Lapierre ſchaukelte ſich auf einem Fuße ſeines Stuhles mit einer Ge⸗ ſchicklichkeit, welche ſein ehemaliges Handwerk — 165— verrieth; Meiſter Alain ſtreichelte unter ſeiner Jacke den geliebten Bauch einer großen und immer mit Branntwein gefüllten Blechflaſche, mit der er, ſo oft er die Gelegenheit erlauern konnte, ein paar Wörtchen ſprach, und ſchien dabei gegen den Schlaf zu kämpfen. „Heiliger Gott! heiliger Gott! heiliger Gottz!“ rief Herr von Vaunoy dreimal indem er heftig mit dem Fuße ſtampfte und dann vor ſeinen beiden Gehülfen ſtehen blieb. Meiſter Alain ſchrak zuſammen, als würde er unerwartet aus dem Schlafe geweckt. Lapierre verlor das Gleichgewicht nicht. „Ihr waret Drei gegen Einen,“ fuhr Vau⸗ noy mit zunehmender Heftigkeit fort; es war in der Nacht... Drei tüchtige Degen in der Nacht gegen einen Balldegen!... und Ihr habt ihn entkommen laſſen!“ „Ich hätte gewünſcht, daß Sie dabei geweſen wären,“ ſagte Meiſter Alain mit ſchwerer Zunge; „der junge Menſch vertheidigte ſich wie ein Teufel. Ich will nicht ſelig ſterben, wenn ich nicht zehn⸗ mal den Wind ſeines Degens unter meiner Naſe gefühlt habe!“ „Ich fühlte ſeinen Degen noch beſſer,“ ſagte Lapierre, indem er ſeine Bruſt entblößte und eine dreieckige Narbe zeigte,„und Joachim, der arme Schelm, hat ihn noch viel beſſer als ich gefühlt, denn er blieb auf dem Platze. Ich bitte — 166— den Himmel, daß er ſeiner Seele gnädig ſein möge! „Amen!“ brummte Meiſter Alain. „Ich bitte den Teufel, daß er die Eurige holt!“ rief Vaunoy.„Du haſt Dich gefürchtet, Meiſter Alain, und Du Lapierre, elender Seil⸗ tkänzer, haſt Dich mit Deiner Schmarre aus dem Staube gemacht.“ „Es ſollte mir wohl gehen wie Joachim, nicht wahr?“ fragte der Haushofmeiſter mit einem Anfange von Bitterkeit;„ja, ich weiß wohl, daß Sie uns Beide lieber todt als lebendig ſähen, gnädiger Herr....“ „Schweig!“ unterbrach ihn Hervé mit einer ungeduldigen Bewegung. Widerſtrebend gehorchte Alain, und Herr von Vaunoy begann von Neuem, im Zimmer auf und abzugehen, mit dem Fuße ſtampfend, die Fäuſte ballend und ſeinen Lieblingsfluch in allen Tonarten ausſtoßend.. Die beiden Diener wechſelten einen ver⸗ ſtohlenen Blick. „Das koſtet ihn wieder zwei Louisdor,“ ſagte Lapierre leiſe. Meiſter Alain benutzte einen günſtigen Augen⸗ blick, um einen Zug aus ſeiner Flaſche zu thun, indem er bejahend mit dem Kopfe nickte, und Beide fingen an, heimlich zu lachen, wie Leute, die ihrer Sache gewiß ſind. — 167— Nach einigen Minuten blieb Vaunoy in der That ſtehen und fuhr mit der Hand in die Taſche. „Heiliger Gott!“ ſagte er, indem er ſein freundliches Lächeln wieder annahm,„ich glaube ich habe mich erzürnt, lieben Freunde. Ich will Buße dafür thun, und hier iſt etwas, damit Ihr auf meine Geſundheit trinken könnt, Kinder.“ Zugleich nahm er zwei Louisdor aus der Börſe, welche die beiden Diener nahmen, und der Friede war hergeſtellt. „Wir wollen die Sache jetzt ruhig überlegen,“ fuhr Vaunoy fort,„wie kommen wir aus dieſer Verlegenheit?“ „Als ich noch ein wandernder Arzt war,“ erwiederte Lapierre,„und eine Doſis meines Elixirs nicht hinreichte, gab ich noch eine zweite.“ „Ganz recht,“ beſtätigte der Haushofmeiſter, welcher aus ſeiner Flaſche Beredtſamkeit geſchöpft hatte;„wir müſſen die Doſis verdoppeln. Wir waren unſerer Drei, wir müſſen es mit Sechſen verſuchen.“ „Und diesmal ſtehe ich für den Erfolg,“ ſetzte der geweſene Seiltänzer hinzu. Vaunoy ſchüttelte den Kopf. „Ummbglichl⸗ ſagte er. „Warum?“ „Weil er mißtrauiſch geworden iſt. Ueberdieß haben ſich auch die Zeiten geändert. Früher war er ein junger Sauſewind, der des Nachts aller⸗ — 168— hand verdächtige Häuſer beſuchte, und ſein Tod würde daher keinen Verdacht erweckt haben. Die Polizei in den Straßen von Rennes war mir. nicht übertragen. Jetzt iſt er königlicher Offizier, und iſt mein Gaſt für das Wohl des Staates. Sein Aufenthalt in la Tremlays hat etwas Offi⸗ zielles; die heilige Gaſtfreundſchaft, Kinder, ver⸗ bietet ſtreng, einen Gaſt ums Leben zu bringen, wenn man dies nicht in voller Sicherheit thun kann.“ Alain und Lapierre nahmen dieſen guten Scherz ſehr ſchmeichelhaft auf. „Wir müſſen etwas Anderes aufſuchen,“ fuhr Herr von Vaunoy fort. Meiſter Alain zerbrach ſich den Kopf und auch Lapierre ſtellte ſich als dächte er nach. „Nun?“ fragte Hervé nach einigen Minuten. „Ich finde nichts,“ erwiederte der Haus— hofmeiſter. „Nichts,“ wiederholte Lapierre,„es wäre denn... Aber Gift gefällt Euch wahrſcheinlich eben ſo wenig, als der Dolch!“ „Noch weniger, mein Sohn. Beim heiligen Gott! es iſt eine unglückliche Geſchichte. Von einem Tage zum andren kann ein Zufall ihm verrathen, was er nicht wiſſen darf. Und wer ſteht mir dafür, daß er noch nichts weiß?... Welches Zimmer iſt ihm angewieſen worden?“ — — 4169— „Das Zimmer der Amme,“ erwiederte Alain; „Ihr habt ihn ſelbſt bis an die Thür begleitet.“ Vaunoy erbleichte. „Das Zimmer der Amme?“ wiederholte er zitternd;„das nämliche, in welchem früher die Wiege ſtande Und ich habe nicht daran gedacht!“ „Was ſchadets?“ ſagte Lapierre;„ein Zim⸗ mer gleicht dem andren.“ „Das iſt wahr,“ beſtätigte der Haushof⸗ meiſter, der ſchon faſt ſchlief. Dies ſchien aber Herrn von Vaunoy nicht zu beruhigen: denn er ſagte in ängſtlichem Tone: „Und der kranke Diener? Es ſchien ihm daran gelegen zu ſein, ſich zu verbergen... was iſt es für ein Menſch?“. „Das iſt mehr, als ich Ihnen zu ſagen im Stande bin,“ erwiederte Lapierre.„Er hielt den Mantel bis über die Augen und ich habe nicht einmal ſeine Naſenſpitze geſehen.“ „Sonderbar!“ ſagte Vaunoy, der, wie alle ängſtlichen Gemüther geneigt war, die alltäg⸗ lichſten Dinge in einem gefährlichen Lichte zu ſehen; hich kann dieſes ängſtliche Weſen nicht leiden. Ich muß wiſſen, wer dieſer Menſch iſt, ich muß... „Morgen iſt es hell,“ unterbrach ihn La⸗ pierre mit philoſophiſcher Ruhe. „Nein, dieſe Nacht... auf der Stelle!“ rief Vaunoy in kurzem und faſt wahnſinnigem — 170— Tone.„Eine geheime Stimme ſagt mir, daß dieſer Menſch Gefahr oder Unglück bringt!— Folgt mir!“ Lapierre hatte Luſt entgegenzuſetzen, daß der Kapitain und ſein Diener in dieſer vorgerückten Stunde der Nacht aller Wahrſcheinlichkeit nach in tiefem Schlafe lägen; aber Vaunoy hatte in einem Tone geſprochen, der keine Widerrede er⸗ laubte. Die beiden Diener ſtanden auf. Vaunoy öffnete geräuſchlos die Thür des Zimmers, und alle drei betraten ohne Licht den langen Gang, der von einem Flügel des Schloſſes zum andren führte. Nachdem ſie einige Schritte gegangen waren, blieb Hervé ſtehen und drückte heftig den Arm ſeines Haushofmeiſters. „Sie ſchlafen nicht!“ ſagte er leiſe, indem er auf einen hellen Punkt zeigte, der in der Dun⸗ kelheit am andren Ende des Ganges ſichtbar war. Es war in der That das Zimmer des Kapi⸗ tains, an deſſen Thür man dieſen hellen Punkt erblickte. „Was mögen ſie noch machen?“ fuhr Vau⸗ noy fort.„Wenn ſie zuſammen ſprechen, müſſen wir horchen. Ein Wort kann vielleicht meine Angſt verſcheuchen oder ſie beſtätigen. Und wenn e ———— ich Grund zur Furcht habe... wenn er Alles 2 — 171— weiß... wenn er nur einen Verdacht hat... beim heiligen Gott! dann ſoll ihn ſeine Miſſion nicht ſchützen!“ Sie ſchlichen längs der Mauern weiter. Der Haushofmeiſter, welcher ganz munter geworden war, ging voraus. Als er an die Thür des Ka⸗ pitains kam, legte er das Auge an das Schloß. Jud kniete vor ſeinem Bett und betete, den Kopf auf ſeine Hände gelegt. Alain konnte ſein Geſicht nicht ſehen. Nach einigen Sekunden hatte der Stallmeiſter ſein Gebet beendigt und ſtand auf. Das Licht beleuchtete jetzt ſeine Züge. Meiſter Alain warf ſich erſchrocken zurück. „Ich kenne dieſen Mann!“ ſagte er. Vaunoy ſprang hinzu und legte ebenfalls das Auge an die Schlüſſelöffnung, aber er ſah nur noch den glimmenden und rauchenden Docht des Lichts, das Ind ausgelöſcht hatte, ehe er ſich auf ſein Bett warf. „Heiliger Gott!“ knirſchte er aufſtehend; „Du kennſt ihn, ſagſt Du? wer iſt es?“ Meiſter Alain drückte beide Hände an die Stirn und ſuchte ſeine Erinnerungen zurückzu⸗ rufen. „Ich kenne ihn, ich habe ihn geſehen,“ ſagte er endlich;z aber wo?... das weiß ich nicht; wann?... es muß lange her ſein.“ — 172— Vaunoy verſchluckte einen Fluch und der philoſophiſche Lapierre wiederholte: „Morgen iſt es hell!“ Ende des erſten Bandes. ———— ü,d, — X X fffffrff ſſſſſfſſſſſſſſiiſinnſſtift 8 9 10 11 12 13 14 15