Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießeen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 8 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus be beträgt: 3 Zahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 2 Mk. pf 2„„„—„ 1„— 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 t ſuntte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren 2 Verkes, ſo iſt der Leſer uin Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus der Bücher auf n das Weiterverleihen indem Diejenigen, welche die⸗ ur zu ſtehen haben. ——— der Bücher nicht ſtattfinden darf, ſelben Abe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Ter.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 3 4 ——— 1 p ‧α ——jjy Pariſer Liebſchaften. Paul Feval, Verfaſſer der„Londoner Myſterien.“ von Siebentes bis eilftes Bändchen.(Schluß.) Stuttgart. Gerlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. △ * 3 4 8, 8. Karnevalserinnerungen. Nach dieſem Abend des Faſtnachtdienſtags vom Jahr 1826 hatte der Herzog von Compans, wie wir ſchon be⸗ richtet, eine ſehr unruhige Nacht zugebracht. Als man den Marquis Gaſton von Matillepré meldete, war er eben aufgeſtanden. Dieſer Name traf ihn wie ein Donnerſchlag. Mechaniſch und ohne es zu wiſſen befahl er, ihn einzuführen. Der angebliche Marquis trug eine eng anliegende Polenaiſe mit Schnurverzierungen, welche ſeine runde, feine Geſtalt abzeichnete. Er hatte weite, unter den Füßen befeſtigte Hoſen. Sein Kopfputz beſtand in einer militärartigen Mütze, aus welcher bewunderungswürdige braune Locken reichlich hervorquollen. Der Herzog erkannte den jungen Mann, welcher ſich Abends zuvor im Palais⸗Royal zu ihm geſellt, und erkannte die Frau, welche James Weſtern in den Keller des Wilden Manns hinabgelockt hatte. „Sie laſſen ſich Marquis von Maillepré nennen!“ murmelte er, ſich zum Lachen zwingend. Dann fügte er, ohne die Antwort abzuwarten, mit lebhafter Neugierde hinzu: „Und unſer Mann 2....“ Carmen warf ſich in einen Lehnſtuhl, den ſte zum Kamine rollte. Sie legte ihre beiden Füße auf den Feuerbock. „Nichts macht ſo empfindlich für Kälte, wie eine Nachtwache, mein Herr Vetter,“ ſagte ſie; ventſchuldigen Sie, wenn ich es mir bequem mache....“ 4„Weg mit den Späſſen!“ rief der Herzog, der angſtvoll wartete,„was haben Sie ausgerichtet?“? „Ich ſpaſſe nicht,“ ſagte Carmen,„und habe gar Vieles ausgerichtet...,“. Eine Wolke zog über ihre ſchöne Stirne, die ſie wen entblößte, indem ſie ſich die Locken daraus weg⸗ wiſchte. „Sie haben die Brieftaſche!....“ ſtammelte Herr von Compans, dem ein freudiges Gefühl die Bruſt hob. „Ich habe die Brieſtaſche.“ Der Herzog ergriff Carmens Hand in einem Anfall des Entzückens und drückte ſie warm in der ſeinigen. „Wer Sie auch ſeien!“ rief er,„Sie ſollen über Ihre Wünſche belohnt werden.... Verlangen Sie, was Sie wollen, ich gebe es Ihnen!“ Carmen lächelte. „Ich verlange Nichts von Ihnen,“ ſagte ſie;„aber wünſchen Sie nicht zu erfahren, wie dieſe Brieftaſche in meine Hände gefallen iſt?⸗ „Wie 2....“ fragte der Herzog, deſſen Stimme etwas zitterte. „James Weſtern hielt große Stücke auf dieſe Brief⸗ taſche, Herr Herzog.“ „Das glaube ich wohl!....“ 2 Er ſchätzte ſie höher, als ſein Leben.“ „Höher, als ſein Leben!... Und ungeachtet deſſen konnten Sie?2....“ 5 Der Herzog forſchte Carmen, welche den Blick ge⸗ ſenkt, mit fragenden Mienen aus. Sie hob langſam 7 das ſchöne Auge zu ihm auf, deſſen kühne, büſtere Flamme ſich jetzt mit Trauer umſchleierte. „Ich habe ihn getödtet,“ ſagte ſie. Der Herzog bebte zurück und wurde blaß. „Unglückliche!....“ murmelte er,„ein Mord!...“ „Ein Mord, Herr Herzog,“ antwortete Carmen, deren Stirn ſich hochmüthig aufrichtete;„wir waren Beide ſtehend.... Beide bewaffnet.... und wohl drei Male mahnte ich ihn zur Vertheidigung.“ 3 Es entſtand ein Schweigen. Der Herzog ſann nach und berechnete, inwieweit dieſes Verbrechen auf ſeinen eigenen Kopf zurückfallen könnte. Aber er dachte auch, er dachte beſonders an den Preis dieſes Mordes, an die Beute, nach der ihn gelüſtet, an jene Titel, die ihn nun vor dem Geſetze zum unwiderruflichen Eigenthümer einer halben Million Einkünfte machen ſollte. „Und....“ hob er zögernd wieder an,„was haben Sie mit ſeinen Papieren angefangen?“ Carmen hatte ſich in ihren Lehnſtuhl zurückgelegt. Ihre Augen ſchauten zur Decke. Sie hörte nicht. „Es war eine edle, würdige Seele, Herr Herzog,“ liſpelte ſie; ver wagte nicht, meine Hiebe zurückzugeben, weil er mich für eine Frau hielt....⸗ „Sind Sie keine Frau?“ ſagte der Herzog. Carmen ſchaute ihn erſtaunt an, antwortete aber nicht.... „Er hielt mich für eine Frau, wiederholte ſie dann nach einer Weile; nobwohl ich ihm geſagt, daß ich ein Mann ſei.“ Carmens ſanfte Stimme, die dennoch ernſt und männlich klang, betonte dieſe Worte kräftig. Der Herzog maß ſie vom Kopf bis zu den Füßen. Aber ſtatt über dieſen Punkt weiter zu reden, riß ihn ſein Verlangen fort und er ſagte wieder: „Und die Papiere?... 3 Carmen ſchien in die Erinnerung der kürzlich ſtatt⸗ gefundenen Ereigniſſe vertieft. 4 8 „Ja, ja....“ verſetzte ſie, ves war ein wackeres, gutes Herz... er kam über das Meer, um die zu retten, die er liebte.... Aber ich werde rafend, ſobald meine Hand eine Waffe berührt.... Und dann iſt nicht mein ganzes Leben dort oben aufgezeichnet?.... Was geſchehen iſt, mußte geſchehen." Der Herzog maß das Zimmer mit ungeduldiger Miene. Von Zeit zu Zeit ſtand er barſch vor Carmen ſtill, als ob er durch Gewalt ſeine unbeantwortet ge⸗ bliebene Frage hätte unterſtützen wollen. Allein er hielt an ſich und ſchritt weiter. Carmen fuhr langſam und wie im Traume fort: „Mein Blut iſt das Blut derer, welche die glän⸗ zenden Zeichen des großen Buches der Nächte befragten.. Meine Väter wußten am Firmamente zu leſen.... ich, ich glaube.... Es waren ihrer zwei, wiſſen Sie's, die mein Schickſal aus den Sternen laſen.... beide bei hundert Stunden von einander entfernt! In Valencia ſagte die alte Gitana Yahbel zu mir:„Kind, Du wirſt als Mann ſchön ſein.... aber als Weib wirſt Du noch ſchöner ſein.... haſt Du zwei Herzen?...„ Und da ich ſie nicht verſtand, fügte Yahbel hinzu:„Kind, Du wirſt arm ſein 1.... höre!.... Du wirſt tödten..... „Das hat mir Yahbel, die Gitana, geſagt,“ hob Carmen leiſer und ſo wieder an, als ob ſie die Unter⸗ brechung des Herrn von Compans nicht beachtet hätte; „auf den Bergen der Hochlande unterwarf mich Jan Vohr, der Sohn der Nebel, eines Abends ſeinem Spruche * 9 Le sang de Thomme teint son àme. 1 Elle est rouge: ainsi la fit Dieu. Et blanche est Pàme de la femme. C'est l'onde molle et c'est le feu. Qui répondra? Ton dernier jour*) „Zu was aber den Schleier lüften wollen, mit wel⸗ chem die, die in die Zukunft ſchauen, abſichtlich ihre Gedanken verdecken?“ liſpelte ſie;„Jan Vohr fügte hinzu und dießmal verſtand ich: La-has, vois-tu, par la nuit sombre, Un homme vient: tel est le sort. Prends ton poignard, frappe dans T'ombre, Et reléve toi: lhomme est mort. Chacun glisse à sa destinée. A toi le meurtre sans remord. Point de regret! Pheure est sonnée; Te voilà puissant, riche et fort! 2*) * Des Mannes Seele trägt die Farbe ſeines Blutes. Roth iſt ſie; ſo hat Gott ſie gemacht. Weiß iſt die Scele des Wei⸗ bes. Sie iſt die weiche Woge und bae Feuer zugleich. **) Dort unten, ſiehſt Du, durch das nächtliche Dunkel kommt daher ein Mann: das iſt Schickſalsſchluß. Nimm Deinen Dolch, ſtoß hinein in die Finſterniß, richte Dich auf:— der Mann iſt todt.... 4 Jeder rennt in ſein Verhängniß. Dir iſt beſtimmt, ohne Gewiſſensbiß und reuelos zu morden! Die Stunde ſchlagt und machtig wirſt Du ſein und reich und gewaltig! „Was geſchehen iſt, mußte geſchehen,“ wiederholte er langſam, indem er einen gebieteriſchen Blick auf den Herzog heftete;„ich bereue es nicht.... Aber weil das Horoscop zur Hälfte erfüllt iſt, ſo ſoll mir auch die übrige Hälfte werden... Ich habe getödtet: ich bin mächtig und ſtark und reich...Mein Vetter, Sie er 11 müſſen Gaſton von Maillepré nicht mehr fragen, was er mit ſeinen Familienpapieren anfangen will.“" Das Antlitz des Herrn von Compans wurde bläſſer und immer bläſſer, bis es leichenfarb war. Dann ſchoß ihm das Blut ins Geſicht; ſeine an⸗ geſchwollenen, blau unterlaufenen Augenlider zuckten. Sein Blick und der des falſchen Marquis tra⸗ fen ſich.. Der Herzog ſenkte zuerſt den Kopf. Carmen hob wieder an: „Ich bin der Marquis von Malllepré: ich habe ein Recht auf die fünfmalhunderttauſend Franken Ein⸗ künfte, in deren Genuß Sie ſind, mein Vetter; es iſt mein Erbgut....“ Der Herzog regte ſich nicht und antwortete nicht. Er ſuchte in ſeinem verſtörten Gehirne nach Waffen, um dieſen Kampf aufzunehmen, der auf ſo drohende Weiſe begonnen wurde. In dieſem erſten Augenblick verſuchte er nicht ein⸗ mal, eine den Umſtänden angemeſſene Haltung und Miene anzunehmen, und zwiſchen Carmen und ihm be⸗ ſtand ein ſeltſamer Contraſt. Der ſtarke Mann wankte. Seine Muskelkraft, ſeine athletiſche Geſtalt, die Erfahrung eines ganzen Lebens voller Liſt und ehrgeiziger Kämpfe, Alles half ihm Nichts. Er fühlte, ohne es zu wiſſen, ſeinen Ge⸗ bieter und beugte ſich. Der Jüngling dagegen wurde durch ſeine ſtolze Ruhe immer größer. Er beherrſchte, weil er furchtlos war. Die elegante Anmuth ſeines Wuchſes, ſeine har⸗ moniſchen Formen, ſeine jugendliche und unvergleichliche Schönheit, Alles das verband ſich mit ſo viel uner⸗ ſchrockener Kraft, daß das geblendete Auge zwiſchen Bewunderung und Furcht ſchwankte. Sein Blick unterjochte und entzückte, ſeine Stimme klang drohend, aber immer noch ſanft.... Nach langem Schweigen hob der Herzog mit einer 12 8* Anſtrengung wieder ſeine Stirne und zwang ſich, ſeinem Gegner ins Antlitz zu ſchauen. „Mögen Sie nun Mann oder Weib, ein junger Spitzbube oder ein gefunkenes, junges Mädchen ſein, das iſt mir gleichgülttg,“ ſagte er kalt;„mögen Sie nun einen Unglücklichen in irgend einem Verſteck er⸗ mordet haben, das iſt Sache der Gerichte und Ihre Sache.— Was mich angeht, ſind die Papiere, die Sie auf die eine oder die andere Weiſe beſitzen mögen und die für mich von gewiſſem Werthe ſind.... Sprechen wir ernſtlich, ich bitte Sie, und laſſen Sie eine Sprache, die Ihnen nicht anſteht.... Wie wollen Sie mir dieſe „Für fünf Millionen!“ antwortete der Marquis. Der Herzog zuckte die Achſeln und wandte den Rücken, um wieder in ſeinen Lehnſtuhl zu ſitzen. „Zwei oder drei Banknoten von tauſend Franken,“ murmelte er;„höchſtens!“. Der Marquis ſetzte ſich nun auch wieder und ſchlug die Beine übereinander. Der Ausdruck ſeines Geſichtes hatte ſich geändert. Jetzt erweckte eine neckende Luſtigkeit ſprühende Funken in ſeinen lachenden Aug⸗ äpfeln. „Pfui! Herr Herzog!“ antwortete er, ſeinen Lehn⸗ ſtuhl dem Feuer näher rückend;„ich bin großmüthiger, als Sie. Ich laſſe Ihnen, ich, der ich Alles fordern könnte, zweimalhunderttauſend Pfund Einkünfte.... „Sie laſſen mir das!...“ wiederholte Herr von 13 Hhan in ſeiner Barmherzigkeit Ihnen einen Sohn zu⸗ endet....“ „Herr von Compans ſchaute einen Augenblick das liebliche Kindergeſicht an, das den Ausdruck ſtolzer acht abgeſtreift, um einen ſorgloſen, heitern Charak⸗ ter anzunehmen. Der Marquis fuhr in leichtfertigem Tone fort: „Statt ſich zu freuen, machen Sie eine wahre Märtyrersmiene.... Und ſeit ich die Ehre habe, mich bei Ihnen zu befinden, habe ich mehr als ein Mal be⸗ merkt, wie die Luſt Sie anwandelte, mich bei der Gur⸗ gel zu packen.. In der That, Herr Herzog, Sie find nicht in Ihrer Rolle.... Und von zwei Sachen die eine, entweder ſchüchtere ich Sie ſo ſehr ein, daß Sie alle Klugheit verlieren, oder aber iſt es mir noch nicht gelungen, Ihnen das Ernſthafte Ihrer Lage be⸗ greiflich zu machen.“ „Aus Intereſſe für mich und aus Mitleid für Sie,“ ſagte Herr von Compans,„fühle ich wohl, daß ich ſuchen muß, dieſe Sache zu vermitteln.... So ich das nicht fühlte,“ fügte er, wieder eine Anwandlung von Stolz verſpürend, hinzu,„würde ich mich in Unterhand⸗ lungen einlaſſen? Machen wir der Sache ein Ende! 14 bin reich genug, um mir eine Thorheit zu erlau⸗ en..: Er ging an ſein Schreibpult und nahm aus einer der Schubladen einen Pack Banknoten von tauſend Franken. „Nehmen Sie,“ hob er wieder an, indem er dieſel⸗ ben dem jungen Manne hinbot, der ſeine beiden weißen, ausgezeichnet ſchön geformten Hände nachläſſig auf den Knieen gekreuzt hielt;„geben Sie mir die Brieftaſche und brechen wir da ab!“ Der Marquis blieb unbeweglich. „Nehmen Sie!“ wiederholte Herr von Compans. Der Marquis ergriff die Banknoten und warf ſie ins Feuer. 8 14 Es waren ungefähr zwanzigtauſend Franken. Ergriffen und beſtürzt ſah der Herzog dieſe leichten durchſichtigen Papierfetzen brennen, um deretwillen ſo viele Handelsleute ſich die Verdammung dieſer Welt zuziehen. Es gab ein wenig Flamme und ein wenig Aſche. „Herr Herzog,“ ſagte ungemein kalt der Marquis, „die Brieftaſche enthält deren drei⸗ oder viermal ſo viel. Es iſt mein Taſchengeld.... Geruhen Sie jetzt mir aufmerkſam zuzuhören.... Die Brieftaſche enthält über⸗ dieß alle nothwendigen Urkunden, um meine edle Abkunft zu beweiſen, und Briefe, die mich mit meiner Geſchichte bekannt gemacht haben...“ „Und Sie hoffen!“ wollte ihn der Herzog unterbrechen. „Nein, mein Vetter... ich bin gewiß, angenom⸗ men, daß ungeachtet dieſer Beweistitel die Tribunale ch einfallen laſſen ſollten, mir Unrecht zu geben, ſo iſt Nichts verloren.... Die Brieftaſche bleibt mir und ich weiß, wo ich die wahre Familie von Maillepré zu ſuchen habe....“ „Sie wiſſen das!...“ ſtammelte Herr von Com⸗ wird, den Handel anzunehmen, den Sie ſchlagen.... Ich werde immerhin zweimalhundertfünfz auſend Fran⸗ ken Einkünfte haben, ohne des Vergnügens zu erwäh⸗ nen, das eine tugendhafte Handlung mir verſchafft.“ Ach! Sie wiſſen das!“ wie erholte der Herzog, deſſen Zunge ſchwer ward, ſtammelnd. „Ja, mein Vetter.... Und zudem, denn man muß auf Alles bedacht ſein, habe ich Etwas wie ein Schild auf den Fall hin, daß die Laune Sie ankäme, mein Vertrauen zu mißbrauchen und mich in die Gerichts⸗ ſtube zu ſchleppen.. Es iſt wichtig, Herr Herzog; wahrlich es handelt ſich um Nichts weniger als um Ihren Kopf.... fünf Männer werden im Nothfalle 15 ihre geſtrige wilde Jagd in den Galerien des Palais Royal bezeugen.... Der Kellner in den Fréres Pro⸗ venraux wird bezeugen, wie angelegen ſie ſich ſein ließen, auf Ihre Koſten einen Mann betrunken zu machen, der zwei Stunden ſpäter ein paar Schritte von dort unter dem Meſſer gefallen iſt.“" „Das iſt ja hölliſch!“ ſtöhnte der Herzog zitternd und mit großen Schweißtropfen auf der Stirn. „Ja mein Vetter.... Und das und ein gewiſſes Spioniren, das Sie am Bette eines gewiſſen Sterben⸗ den vornehmen laſſen....“—— „Sie kennen Joſepin!“ rief Herrn⸗ von Compans betroffen. „Ja, mein Vetter, ganz beſonders.... Sie fühlen, daß das mehr als Vermuthungen ſind, und daß mit dem Vorbehalt, das Verbrechen auf Sie zurückzuwerfen, meine Vertheidigung leicht ſein wird.“ Der Marquis ſtand auf, ordnete vor dem Spiegel die zerknitterten Falten ſeiner Polonaiſe und fuhr mit der Hand durch die braunen Locken. „Jetzt, mein Vetter,“ hob er wieder an,“ muß ich Sie noch um Verzeihung bitten, Sie geſtört zu haben, ſind wir Freunde?“ „Was iſt zu thun?“ fragte der Herzog mit faſt unverſtändlicher Stimme. „Ganz wenig.... mir einen bewillkommenden Brief ſchreiben, in welchem Sie mir danken, Ihnen meine Beweistitel vorgewieſen zu haben, und worin Sie mich Ihren lieben Vetter nennen, nebſt andern Artigkeiten, wenn Sie's für gut finden.“ „Ich werde es thun... Nachher?“ „Das iſt Alles.... Dieſer Brief wird Ihnen die Hände binden. Verlaſſen Sie ſich auf mich, daß mein Antheil an den Einkünften der Maillepré nicht in Ihrem Sekretär liegen bleiben ſoll.... Auf Wiederſehen, Der Herzog hielt ſich zwiſchen dem Marquis und 16 der Thüre. Er war blaß und ſeine Wangen überlief eine bläuliche Farbe. Sein Geſicht war von verhalte⸗ nem Grimm und Haß, die loszubrechen drohten, ſchrecklich entſtellt. Indem der Marquis, der Thür zugehend, neben ihm vorbei kam, reichte er ihm mit äußerſtem Hohnſprechen ſeine Hand. 3 Der Herzog ekgriff dieſe Hand. Dumpf röchelte es in ſeiner Kehle. Er zog den Marquis gegen ſeine Bruſt und preßte ihn mit wildem Brüllen an ſich. Erſt jetzt hatte er ihn verſtanden. Dieſen Brief ſchreiben, hieß ſich ſeiner Willkür preisgeben und ſich jedes Mittel, die Schlacht je wieder anzufangen, ſich benehmen. 3 Wer dieſen Auftritt mit angeſehen hätte, müßte den ſchönen Jüngling, deſſen anmuthiger Körper unter den ſtarken Armen Compans geknickt zuſammenbrach, für verloren erachtet haben. Compans wollte ihn tödten, das ſah man aus ſeinem verſtörten wahnſinnigen Blick. Er ſchüttelte ihn wüthend, er verſuchte ihn auf dieſe Art zu zerſchmettern. Aber dieſer ſo harmoniſche und ſo anmuthsvolle Körper hatte, wie wir wiſſen, bei Gelegenheit die Elaſti⸗ zität einer Stahlfeder. Unter dieſer ſeidenen Haut la⸗ gen männliche Muskeln, unter dieſem nachläßigen Zau⸗ ber lauerte die Kraft des Athleten. Die beiden Arme des Marquis umſchlangen nur die Lenden des Herzogs, der wankte und den Athem ver⸗ lor. Er ließ einen Augenblick ab, der Marquis war frei.. Aber Compans hielt ſich immer zwiſchen der Thür und ihm. Verzweiflung loderte in ſeinem Auge. Man mußte auf Tod und Leben kämpfen. Die Hand des Marquis ſchlüpfte zwiſchen die Ver⸗ zierungen ſeiner Polonaiſe. Das goldene Heft des Dolches, der Weſtern getödtet, trat zur Hälfte aus der Bruſt⸗ taſche. Aber alſobald fiel er wieder zurück. Die ge⸗ N 17 runzelten Brauen des Marquis glätteten ſich. Seinen Mund umſpielte ein höhniſches Lächeln. Er zuckte die Achſeln mit einer Miene boshaften Mittleids und ergriff den Glockenzug, der am Kamine niederhing, mit der zimperlichen Geberde einer angegriffe⸗ nen Kokette. i 108 ſchellte. Compans Kammerdiener erſchien al⸗ obald. Der Marquis ging vor ſeinem ohnmächtigen Geg⸗ ner vorüber, grüßte ihn freundſchaftlich und ſagte: „Mein Vetter, aufs Vergnügen Sie wiederzuſehen. Vergeſſen Sie meinen Brief nicht.“". Der Herzog konnte ihn durch das Fenſter mit leich⸗ ter, zierlicher Geberde in ſeinen Tilbury ſpringen ſehen, der im Galopp davon fuhr.... Am folgenden Tage erhielt der Marquis den er⸗ warteten Brief und ſeither lebten der Herzog und er im vollkommenſten Einverſtändniß als Vettern⸗ Aber mit dieſer Nacht des Faſtnachtdienſtages von 1826 hatte der Herzog von Compans noch nicht Alles geſchlichtet. Wie wir ſchon geſagt, lebten ſeine Frau und er in keinerlei Uebereinſtimmung. Sie verabſcheuten ſich, nach⸗ dem ſie einander geliebt hatten. Der Herzog führte das doppelte Leben des nach Liebſchaften Lüſternen und des Eiferſüchtigen; Burot diente ihm als Spürhund nach Außen und als Spion nach Innen zugleich. Es iſt gewiß etwas Merkwürdiges um dieſe den Ehenmänner⸗Junggeſellen eigene Eiferſucht, eine Ei⸗ ferſucht, die, eine natürliche Folge der ehelichen Untreue des Eiferſüchtigen, mit ihr wächst und ſich ſteigert. Es iſt dieß aber ein ſo alter Satz, daß man ſeine Feder velßeblich abſtumpfen würde, ſo man ihn verjüngen wollte. „ Bis zu dieſem Zeitpunkt hatte die Frau Herzogin ihren Gemahl gefürchtet, wie man einen ſtrengen und unmöglich zu beugenden Richter fürchtet. Sie hatte Pariſer Liebſch. III. 4 2 18 ihr Thun ſorgfältig verborgen. Ihre Intriguen waren mit jener unerhörten Kunſt weiblichen Scharfſinns an⸗ gezettelt und durchgeführt worden. Sie hatte immer einen Liebhaber, aber nicht immer den Gleichen. Ihr Gemahl ahnte das, weil er es befürchtete, Herr Burot manövrirte. Vergeblich! Der Liebhaber der Frau Her⸗ zogin war ein nicht zu ergründendes Ding. Die Frau Herzogin legte einen Takt, einen An⸗ ſtand, eine Gewandheit, die nicht genug gelobt werden könnten, in dieſe Handlungsweiſe. Bei vorurtheilsfreien, etwas philoſophiſchen Leuten, wurde ſie beinahe für eine Tugend angerechnet. Aber eines ſchönen Tages hörte ſie ganz natürlich und ohne allen Uebergang plötzlich auf, ſich Zwang an⸗ zuthun. 4 Leon du Chesnel war der herrſchende Liebhaber. Die Frau Herzogin trieb dieſe Liebſchaft öffentlich mit aller Anmuth der Welt. Man redete davon. Der Herzog war nun im Falle, die Geſchichte ganz wie der Gemeinſte der Sterblichen zu wiſſen. Er gerieth in ungeheuren Zorn. Eines Abends, als er aus ſeinem Zimmer in der Stadt zurückkam, wo Burot ihm eben mit einem armen, von ſeiner Mut⸗ ter, einer alten Jung⸗Primadonna des Vaudeville, ver⸗ kauften Mädchen, aufgewartet hatte, kam der Herzog nach Hauſe mit dem feſten Entſchluß, Gerechtigkeit zu handhaben. Der Ernſt ſteht Leuten mit gutem Gewiſſen, wie das des Herzogs war, gar gut! Man ſtelle ſich Othello vor, der ein Zimmer in der Stadt beſitzt und ſo eben von einem Liebeshandel kommend, den Dolch gegen Desdemona zuckt. Auf der Treppe ſeines Hotels traf der Herzog Leon du Chesnel an, der ihn mit unterthanigſter Ehrerbie⸗ tung grüßte.. „Mein Herr,“ ſagte der Herzog mit der ganzen — 5 5 —— 19 hieher gehörigen Brutalität,„ich verbiete Ihnen, je wieder einen Fuß zu mir zu ſetzen.“ „Mein Herr,“ antwortete Du Chesnel, ohne ſtehen zu bleiben,„Sie werden zu bemerken geruhen, daß ich nicht von Ihnen her komme.“ Wüthend trat nun der Herzog in das Zimmer ſeiner Frau. Sie empfing ihn mit lächelnder Ruhe. Der Her⸗ zog erzählte, was eben vorgefallen war. Die Herzogin verlor ihr Lächeln nicht. „Dieſer Menſch hat mir unverſchämt Hohn ge⸗ ſprochen!“ ſagte der Herzog,„wollen Sie's etwa auch ſo machen, Madame?“ „Gott behüte, mein Herr.... aber es wird mir geſtattet ſein, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſehr voreilig gehandelt.... Herr Leon du Chesnel“ „Herr Leon du Chesnel mißfällt mir und ich jage ihn fort!" unterbrach ſie der Graf heftig:„er iſt bald zu jeder Stunde hier; er iſt mit Ihnen im Gehölze, in der Kirche, im Theater....„ „Wir haben uns eben Vieles zu ſagen, mein Herr,“ Litextet⸗ die Herzogin mit natürlichem und ſanftem one.... Herr von Compans that mit drohender Miene einen Schritt gegen ihr. „Wir ſprechen oft von Ihnen,“ fuhr die Herzo⸗ gin fort. „Von mir, Madame, ich glaube, ſie ſpotten!“ „Von Ihnen mein Herr.... und von der Mühe, die Sie ſich am Abend des Faſtnachtdienſtags vom vori⸗ gen Jahre gaben, um einem Fremden zu folgen, der, ſagt man, in jener Nacht ermordet wurde. 8 Der Herzog ſtammelte einen Fluch und ſank in einen Lehnſtuhl. „Fühlen Sie ſich unwohl, mein Herr?“ fragte die Herzogin ohne ſich zu rühren.„Nicht?... deſto beſſer! Herr Du Chesnel kennt Ihren neuen Vetter, der ein ———èõ ————— allerliebſter junger Menſch iſt, ſehr gut.... Er kennt auch den Herrn Doktor Joſepin, der, wie es ſcheinen könnte, . Sie von der Ankunft dieſes Fremden benachrichtigte, den Sie... verfolgt haben.“ „Genug, Madame, genug!“ murmelte der Herzog. „Sobald Ihnen dieſer Gegenſtand mißfällt, werde ich ihn bei Seite laſſen, mein Herr.... und ich vertraue auf ihre feine Lebensart, daß Sie die Rohheit Ihres Benehmens gegen Herrn Du Chesnel wieder gut machen werden“............... Einige Tage nachher gab die Frau Herzogin einen großen Ball, an welchem auch Leon du Chesnel Theil nahm. Der Herzog von Compans Maillepré machte Ent⸗ ſchuldigungen, die Leon du Chesnel anzunehmen geruhte, und dieſe beiden Ehrenmänner ſchienen ſich einen herzlichen Handſchlag zu geben. 9.— Eilk Uhr Abends. Nach dem Vorhergehenden ſteht man, daß der Her⸗ zog von Compans⸗Maillepré kein glücklicher Mann war. 4 Es blieben ihm nur noch 250,000 Franken jährlich von der halben Million der Malllepré'ſchen Einkünfte. Zudem war er von drei Perſonen beherrſcht, er, deſſen„ ſelbſtſtändiger Geiſt ehemals keinen Einſpruch duldete. r ſtand unter der Willkür des falſchen Marquis, er machte Du Chesnel ein freundliches Geſicht, er küßte bei Gelegenheit die Hand ſeiner Frau. Dieſes dreifache Gewerbe machte ihm viel böſes Blut. Aber ſo geht es mit den Erfolgen in dieſer Welt.„ Wir erlauben uns, es noch einmal zu bemerken. Wem 1 21 gelingt Alles vollſtändig? Wo iſt ein unumſchränkter Triumph? Von unten herauf geſehen, hatte der Herzog ge⸗ wiß viele Neider.— Man rührt ſich, man ſputet ſich, man erſchöpft ſich, man kommt an's Ziel. Welche Freude! Aber hin⸗ ter dem Ziele ſind die Täuſchungen, die Fehlrechnungen verborgen. Die Freude iſt kurz und lang, ſehr lange ſind die Tage, welche dem Siege folgen. Wenn über Euch noch Stufen zu erſteigen bleiben, ſo werdet Ihr zu Euch ſagen: da oben iſt das Gluck. Und Ihr fanget den Kampf wieder an, welcher der eigentliche Genuß iſt. Habt Ihr aber den Gipfel erſtiegen, ſo koſtet Ihr den Gifttrank. Da findet Ihr wieder die Langeweile, den Ueber⸗ druß, die Bitterkeit und uber Euch iſt das Nichts. Nichts! keinen Vorwand zum Wünſchen, zum Hoffen, zum Leben. Die Weiſen, welche dort angekommen ſind, denken an Gott und ſteigen herunter. Der Herzog konnte nicht höher ſteigen. Er fühlte ſich unbehaglich an ſeinem Platze und Gott war die geringſte ſeiner Sorgen. Er biß in ſeine Kette, wenn er allein war. In Geſellſchaft wußte er zu lächeln. Und ſo viel er konnte, betäubte er ſich in geheimer Schwelgerei. Herr Burot war ſeine Philoſophie. Und doch hatte er eine Hoffnung. Sieben Jahre waren ſeit dem Mord in der Straße Neuve⸗des⸗Bons⸗Enfants verfloſſen. Er fing an, ſich an die Drohungen dieſes Schreckbildes zu gewöhnen. Andererſeits hatte der falſche Marquis keinen ge⸗ richtlichen Schritt gegen ihn gethan, der die dreißig⸗ jährige Friſt, welche das Geſetz den Erben des Abwe⸗ ſenden zur Anmeldung einräumt, hätte unterbrechen können. Geht dieſe Friſt vorüber, ſo mußte der Ver⸗ 22 ſchollene ſelbſt zurückkehren, um die Erkenntniß der Be⸗ fitznahme rückgängig zu machen. Die dreißigjährige Friſt ging in einigen Tagen zu Ende, weil man in der letzten Woche des Novembers 1834 war und das Endurtheil der Zuſicherung im De⸗ zember 1803 ausgeſprochen ward. Nach abgelaufener Zeitfriſt verlor der Herzog alle Furcht vor der wahren Familie von Malllepré, deren Rechte dann völlig ungültig waren. Den falſchen Mar⸗ quis hatte er zwar immer noch zu fürchten, allein ſeine Stellung veränderte ſich. Er hatte keine Waffe mehr, als die Drohung, den Mord aufzudecken. Nun war das eine verzweifelte Maßregel, ſieben Jahre früher, als Alles auf dem Spiele ſtand, ganz in ſeiner Rolle, in ſeiner jetzigen glänzenden Lage aber ziemlich unwahr⸗ ſcheinlich. Er würde unterhandeln; vom Beſiegten würde der Herzog ſich zum Beherrſcher machen, und wenn ein Kopf ſich ſieben Jahre lang gebeugt hat, mit welcher Wonne richtet er ſich dann wieder auf! Es war eine Hoffnung, eine ſo ſüße Hoffnung, daß er zitterte, ſie durch irgend einen zweckmäßigen Schritt des Marquis umgeworfen zu ſehen, und je näher der verhängnißvolle Augenblick rückte, je mehr zitterte er. Dieſe bis zum Fieberzuſtand geſteigerte Furcht ver⸗ anlaßte die Deniſart gemachte Eröffnung. Die Beweis⸗ titel! Der Herzog glaubte ſich erſt dann in Sicherheit, wenn er endlich die Beweistitel in ſeiner Brieftaſche dtfe.... h Er kannte den Herrn Marquis von Maillepré noch nicht. Dieſer bekümmerte ſich in der That wenig um Zeitfriſt und gerichtliche Akten. Er begriff ſeine Lage beſſer und ſah in jedem Tribunal die Klippe, woran ſeine Barke gewiß hätte ſcheitern müſſen. 4 Seine Kraft war die des Seemannes, der mi dem Dochte in der Hand ſich neben das offene Pulver⸗ faß ſtellt. 23 Sieben Jahre Genuß, Luxus und Vergnügungen hatten ihn nicht geändert. Er war bereit, wie ehemals, ſich mit ſeinem Feinde zu vernichten. 4 Die Frau Herzogin von Compans⸗Malllepré ſchmollte eben mit Du Chesnel und machte ihm bit⸗ tere Vorwürfe, der Gatte ſeiner Frau zu ſein. Es war die tauſendſte Auflage dieſer Eiferſuchts⸗ ſcene, welche das elende und verworfene Geſchöpf, das ſich einer Frau verkauft hat, täglich zu erdulden ge⸗ nöthigt iſt. 6 Burot war eben bei dem Herzog eingetreten. „Sind Sie aufgelegt, dieſen Morgen uͤber Geſchäfte zu ſprechen?“ fragte er augenzwickend. „Geſchäfte, ja,“ antwortete der Herzog,„aber nicht über die Ihrigen, Herr Burot. Kommen Sie dieſen Abend wieder, ich bin ſehr in Anſpruch genommen.“ Der Kauz trat etwas näher, warf einen Blick auf den offenen Code und ließ verächtlich ſeine Finger knacken. „Sagen, daß es Leute gibt,“ murmelte er,„die dieſe Scharteke da den ganzen Tag durchblättern und die vielleicht noch nie die Regeln des Billards ge⸗ leſen haben!“ Er zuckte die Achſeln, ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl zum Feuer und ſchürte es friedlich. Nach ungefähr drei Minuten hob er wieder au: „Sind Sie noch in Anſpruch genommen?“ Der Herzog, welcher ſeine Anweſenheit vergeſſen, wandte ſich ungeduldig um. „Was thun Sie da?“ ſagte er ſtrenge. „Ich langweile mich,“ antwortete Burot. „Ich glaubte, Ihnen geſagt zu haben, Sie möchten dieſen Abend wieder kommen!“ „Puſt!“ machte Burot,„dieſen Abend gibt's eine poule d'honneur, einen ſilberbeſchlagenen Meerſchaum⸗ kopf.... unmöglich, dabei zu fehlen! Und nach der 24 Poule ein Geſchäftchen... Hören Sie, Herr Herzog, wir wollen vernünftig ſein. Ich, ich habe auch meine Ge⸗ ſchäftchen... Iſt's gelegen?“ „Nein,“ erwiederte der Herzog,„wenn Sie dieſen Abend nicht können, ſo kommen Sie morgen wieder.“ „Aha! ſteht es ſo!“ ſagte Burot mit unverſchämt übelgelaunter Wiene;„Sie denken alſo ſo wenig daran, als an den Großtürken, und ich ſoll um Nichts zwei Zäaͤhne, meine Pfeife und meine Mühe verloren haben... Das iſt ſauber!“ „Von wem ſprichſt Du?“ fragte der Herzog, ſeinen Code halbzumachend. „Ei, alle Wetter! von der Kleinen.... Sie wiſſen wohl. Korallenlippen, Perlenzähne, blonde Haare, braune Augen.... ein Bruder der kein Liebhaber iſt.“ „Sol....“ machte der Herzog. „Ja doch.... die Kleine von der Oper; wie nun?“ Der Herzog ſchloß ſeinen Code ganz, wandte ſich um und rückte ſeinen Lehnſtuhl zum Feuer⸗ Herr Burot lächelte boshaft, als er durch die ſo plötzliche Lebhaftigkeit die gleichgültige Laune ſeines Herrn verdrängt ſah. „Den haben wir!“ brummte er zwiſchen den Zähnen. „Ich ſehe wohl, daß ich Dich anhören muß,“ ſagte der Herzog,„wenn ich mich Deiner entledigen will.... Du weißt, wo ſie wohnt?“ „Wo ſie wohnt, wo ſie arbeitet, ich weiß Alles und das Uebrige.... Ach! aber Herr Herzog, ich mache Ihnen mein Compliment, Sie werden ſich da ein hüb⸗ ſches Geſchenk machen. Nichts fehlt an ihr. Ich ſah Sie über das Pflaſter der Straße Saint⸗Louis eilen. Die Geſtalt einer Tänzerin, auf Ehrel... Und ein Fuß... aber ein Fuß!“ Herr Burot legte ſich die Hand auf den Mund und ahmt den Schall eines Kuſſes nach, um ſeiner Schil⸗ derung den gehörigen Nachdruck zu geben. Der Herzog laͤchelte, als er das hörte. 25 „Ja, ja, ja,“ ſagte er, vja, ja.. ich habe ein ziemlich gutes Auge... Und... laſſen Sie ſehn! Ich kenne Sie, Herr Burot... Sie ſind nie ſo luſtig und ſo aufgeräumt, außer es ſei etwa ein verteufeltes Hin⸗ derniß dabei... Werden wir viel Mühe haben 2a „Gerade recht, um das Vergnügen zu würzen,⸗ antwortete Herr Burot, der ſeinen Mund recht voll nahm und mit zufriedener Miene ſchmunzelte;„erſtlich hatten Sie richtig geurtheilt... der große Schlanke war ihr Bruder.“ „Alle Wetter!“ ſagte naiv der Herzog. „Aber der Andere, der kurze Schnauzbart... Ah! ah der Tauſend! für den ſteh' ich nicht.“ „Der kurze Schnauzbart?“ wiederholte der Herzog. „Der Bergezerſpalter... der Kraftmenſch... der, welcher mich um meine Pfeife und um meine zwei Zähne gebracht hat.“ „Aha!... jener Bildhauer aus dem Marais?...“ murmelte Herr von Compans, deſſen Geſicht ſich ver⸗ finſterte. „Gerade der... Straße Saint⸗Louis, 26... nein, für den werde ich nicht ſtehen." „Dieſer Bildhauer,“ ſagte der Herzog, niſt imper⸗ tinent mit mir verfahren. Wenn er ſte liebt, einen Grund mehr!“ 7 „Meinetwegen! Meine Pflicht iſt, Sie mit den Vortheilen, wie mit den Nachtheilen bekannt zu machen. ... Wenn es Ihnen ſo recht iſt, vorwärts!... Und wenn der Bildhauer impertinent gegen Sie war, ſo war er mit mir eben auch nicht höflich... gar nicht, durch⸗ aus nicht!... Ich werde darum, nur deſto beſſer arbei⸗ ten, damit er recht tüchtig verdunkelt wird. Unterdeſſen hab' ich zwei Angeln nach dem feinen Grunde des Marais ausgeworfen und ſehen Sie nur, was ich ent⸗ deckt habe.. Die Kleine iſt von einer Art Cerberus bewacht, den man weder einſchläfern noch gewinnen kann. 26 „Wenn man ihm einen Knochen vorwirft?“ „Unmöglich... Aber das Haus hat mehr als einen 1 Eingang... und Sie müſſen irgendwo einen Schlüſſel zur Hinterthüre haben.“ 3 1 44 „Ja.. es iſt ein ganz komiſcher Zufall.. wir ſind Herr über das Feld, wie es in der Oper heißt.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Mit andern Worten, Sie ſind der Eigenthümer der alten Mauern, hinter welchen unſer Täubchen athmet....“ „Sie bewohnt das Hotel Maillepréè!...“ „Ganz richtig... den rechten Flügel... und der 6 Cerberus iſt Jean⸗Marie.“ „Ahl..“ machte der Herzog ſtaunend. Dann fügte er hinzu: „In der That. Jean⸗Marie hat den rechten Flü⸗ gel auf ſeinen Namen gemiethet.... Wäre es zufällig ſeine Tochter?“ „Der Fall iſt nicht beſonders wichtig. Das Spaß⸗ hafte dabei iſt, daß da ein Thürſteher, ein kleiner jun⸗ ger Mann, eine alte Dame und zwei Jungfern ſind, die Alle unter ſich nur einen Taufnamen haben... denn ich habe mich erkundigt. Die Familie im rechten Flügel beſteht aus vier Gliedern, und Niemand im Quartier kennt ihren Namen, nicht einmal ein gewiſſer Auvergnat, der die Loge bewacht, wenn Jean⸗Marie mit ſeinen Kindern... oder ſeinen Freunden beim Eſſen iſt... Ach bah! ſei es nun Fräulein Jean⸗Marie! ſie iſt reizend, das iſt die Hauptſache!“ er Herzog ſann nach.. „Das Ding iſt ernſthaft,“ ſagte er;„dieſer Jean⸗ Marie ſieht mir wie ein Mann von derbem Schrot und Korn aus....“ „Ein Tölpel iſt er!.“ unterbrach ihn Burot; „dieſe Bretagner gleichen Bären... Das gibt Einem natürlich das Ausſehen eines Eiſenfreſſers.“ 27 7 „Eigentlich,“ fuhr Herr von Compans fort, nſteht es meinem Alter nicht an, ſich unbeſonnen in einen böſen Handel einzulaſſen... Wie gedenkſt Du Dich dabei zu benehmen?... Alles hängt von dem ab.“ „Es gibt nicht dreißigerlei Arten,“ antwortete Burot, „ich gedenke ſie zu entführen.“ „Nimm Dich in Acht!“ „Laſſen Sie doch! ich habe meinen Plan. Es gibt dort eine kleine Thüre nach der Straße Payenne, zu der wir einen Schlüſſel behalten haben. Jean⸗Marie hat dort drinnen Nichts zu thun.⸗ „Aber der Bruder...“ „Eben darum muß die Sache noch dieſe Nacht durchgeführt werden. Mein Auvergnat hat mir geſagt, daß der Junge geſtern morgen früh abgereist ſei. Er hat nicht im Hotel übernachtet. Die einfachſten Regeln unſerer Kunſt gebieten uns daher, das Abenteuer zu beſchleunigen.⸗ Herr von Compans ſchien zu zögern.“ „Und dann,“ bemerkte Burot noch mit heuchle⸗ riſcher Miene,„findet man Dergleichen nicht alle Tage, das iſt wahr Aber im Kriege thut, wie im Krieg.... Wir können anderswo ſuchen.“ „Ha!...“ murmelte der Herzog, deſſen tiefliegende Augen ſich entflammten;„je mehr ich an ſie denke, je entzückender ſeh' ich ſie vor mir. Meiner Treu, Burot, mache, was Du willſt.“ 4 „Was ich will?⸗ entgegnete der Schalk bewun⸗ derungswürdig paſſend, indem er aus ſeiner Taſche einen ungeheuren, ganz leeren Tricotbeutel zog.„Weil Sie die Gute haben, mich zu fragen, ich moͤchte Madames Bauch etwas ausſtopfen." Er ſtand auf und ließ eine Goldrolle, die auf dem Kamine lag, in den Beutel gleiten. „Gut!“ ſagte er,„da iſt nun der Schlüſſel... ich kenne ihn... er muß nebſt jenem Ihres Zimmers in der Stadt in meiner Stube liegen... Herr Herzog, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen. Morgen werde ich mein Geld verdient haben.“ Romeo hatte den ganzen Tag geſucht, mit dem Marquis zuſammenzutreffen. Er und Nazaire hatten einander ſeit dem Morgen in Nummer 9 der Straße Royale⸗Saint⸗Honoré abgelöst und ihre Wachſamkeit war auch nicht einen Augenblick müde geworden. Aber der Marquis war nicht in ſeiner Wohnung erſchienen. Seine Leute wußten durchaus nicht, was aus ihm geworden. Das war unerklärlich.... Romeo und Nazaire waren indeß entſchloſſen, die Partie nicht aufzugeben. Sie gaben nicht nach. Als es Nacht geworden, kam Nazaire, Romeo im Vorzimmer des Marquis abzulöſen. Die Leute dieſes Letztern waren über dieſe hals⸗ ſtarrige Hartnäckigkeit höchſt erſtaunt. Der Marquis hatte, obwohl ein Mann nach der Mode, in der That keine Gläubiger.. Als Romeo das Haus Nr. 9 der Straße Royale⸗ Saint⸗Honoré verließ, beſtieg er einen Fiaker und ließ ſich nach Hauſe führen. Dort angekommen, ſteckte er die Briefe jenes Tages in ſeine Taſche, ohne ſich Zeit zu nehmen, ſie zu entſtegeln, um ſogleich in's Hotel Mail⸗ lepré zu eilen. Es drängte ihn, Nachrichten von Sancta zu haben, da er befürchtete, dieſe zwei angſtvollen Tage möchten von ſchädlicher Wirkung auf das Herz des armen Kindes geweſen ſein. Und nun ſuchte er auf dem ganzen langen Wege, welchen Troſt er wohl für ein ſo ſchreckliches Leiden bringen könne. Dieſer Tag hatte keinen Zwiſchenfall herbeigeführt, und in äußerſten Lagen iſt die Verlän⸗ gerung der Ungewißheit das Aergſte. Er fand Nichts, weil der einzige mögliche Troſt . 29 der war, gute Nachrichten von Gaſton zu bringen. Nun aber war ihm Gaſtons jetzige Lage ſo unbekannt, als Tags zuvor.* Was war aus ihm geworden? Warum dieſes ſonderbare Verſchwinden? Wo hatte man ihn hin⸗ geführt?... Romeo war um ſo weniger fähig, Troſt zu bringen, als ſeine Unruhe ſich jeden Augenblick mehrte. Je mehr er ſich Rechenſchaft über den merkwürdigen Ausgang dieſes Duells ablegte, in welchem Gaſtons Leben zwanzig Mal der Willkür ſeines Gegners preis⸗ gegeben war, deſto mehr fühlte er Zweifel in ſeinem Geiſte aufſteigen und ſeine Vernunft verdunkeln. Je näher er nun dem Hotel Maillepré kam, deſto langſamer wurde unwillkürlich ſein Anfangs ſo haſtiger Schritt, Es drängte ihn immer noch dorthin, aber er fürchteke ſich und war untröſtlich bei dem Gedanken, daß ſeine Gegenwart weder Hoffnung noch Hülfsmittel mit ſich bringen würde. Als er in die Portiersloge trat, ſchaute Jean⸗ Manſe Biot ihn an, als ob er ihn nicht mehr erkannt hätte. 1 Jean⸗Marie ſtand und las beim Scheine einer in Mitte der Loge aufgehängten Lampe. Er las in einem kleinen Heft von feinem Papiere, das enganeinanderliegende Zeilen einer Frauenhandſchrift überdeckten. In der einen Hand hielt er das Heft. Seine an⸗ dere Hand, die konvulſiviſch geballt war, zeigte ein ver⸗ ſchlungenes Gewebe von Muskeln und Adern, welche die nervige Zuſammenziehung ſeiner Finger hervor⸗ drängte. Er buchſtabirte mit um ſo mehr Mühe dieſe feine und wenig ausgebildete Schrift, als jeden Augenblick Thränen am Rande der Augenwimpern ihn nur durch einen Schleier blicken ließen. 30 Nach und nach trockneten die Thränen, wie auch der Schweiß, der ihm von der Stirne quoll. Er war ſehr blaß. Seine ſtark gerunzelten Augen⸗ brauen berührten ſich und warfen über ſein ganzes Geſicht tieſe Schatten. Ueber ſeinen Augenbrauen lagen große wellenförmige und tiefe Falten. Sein Kopf zitterte und ſchüttelte die langen Haare, die ihm auf die mächtigen Schultern niederfielen. Sein Mund mit den beweglichen und winkeligen Linien murmelte während dem Buchſtabiren unzuſammenhängende Worte. Sein ganzes Weſen hatte einen Ausdruck düſtern Zornes und drohte fürchterlich. würde.. Aber mit dieſem Unglück ſollte er nicht bekannt werden. Es war Bertha's Geheimniß, und Biot wußte ein Geheimniß zu bewahren.. Romeo wartete einen Augenblick, bis Biot ſich im Leſen unterbrach. „Grüß Euch, mein wackerer Herr Jean⸗Marie,“ ſagte er endlich, als er ſah, daß der Bauer ſich mehr und mehr in ſein Heft vertiefte;„wie geht es Fraulein Sancta?⸗ „Das weiß ich nicht,“ antwortete Biot; nlaſſen Sie mich....“. Romeo trat zu ihm hin und berührte ſeinen Arm. Biot richtete ſich hoch auf und nahm inſtinktmäßig eine drohende Haltung an. „Mein guter Herr Jean⸗Marie,“ ſagte Romeo, „Sie erkennen mich alſo nicht?“ 31 Der Bauer ſchlug ſeine gerunzelten Augenlider auf. Es lag etwas Verwirrung in ſeinem Zorne. „Hal...“ murmelte er,„ich würde ſeinen Kopf unter meinem Fuße zermalmen... Der Elende, der ſie entehrt hat... ich kenne ihn, ich, ich kenne ihn!“ „Sancta?...“ ſagte Romeo erblaſſend. Biot ſchaute ihn während einer Sekunde ſteif an; dann verbarg er haſtig das Manuſcript unter dem Ueber⸗ ſchlag ſeines bretoniſchen Wamſes. „Das Unglück iſt bei uns zu Hauſe,“ ſagte er;„ich liebe ſie zu ſehr, als daß ich ſie ſo leiden ſehen könnte, ich verliere den Kopf.... Ich weiß nicht, was Sie hier wollen, Herr Romeo...“ „Ich bin der Freund Ihrer Herrſchaft, Biot... ich war der Zeuge...“ Biot ließ ihn nicht ausreden. Er ſtürzte auf ihn zu und ergriff ſeine Hand. „Ja, ja!...“ rief er;„unſer Herr!... Sie wiſſen, was aus ihm geworden iſt!...“ Romeo ſchüttelte den Kopf. Biot bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. „Bertha... Gaſton... Sancta!“ murmelte er, „denn ſie wird ſterben, wenn er ſtirbt!“ Seine Bruſt hob ſich mit einem tiefen Stöhnen. „Aber er wird nicht ſterben!“ ſagte Romeo; „oh, Herr Biot! faſſen Sie etwas Muth... ſie bedarf einer Freundesſtimme, das arme Kind....“ „Das kleine Fräulein von geſtern iſt bei ihr,“ ent⸗ gegnete der Bauer;„ſie beten mit einander.“ „Mignonne?“ ſagte Romeo;„ſie wird froh ſein, wenn ich Etwas für Sancta's Glück thun kann.“ „Sie iſt ein Kind des guten Gottes, Herr Romeo!“ entgegnete der Bauer, deſſen Stimme weich wurde; „ohne ſie würde Fräulein Sancta ganz allein. weinen, denn ich, ich kann ſie nicht tröſten.... Aber Sie wiſſen alſo Nichts, mein Gott!.“ „Ich weiß Nichts!“ ſprach der Bildhauer den Kopf 32 ſenkend;„Hören Sie, Herr Biot, wir wollen mit ein⸗ ander ſuchen.... Wir müſſen Etwas erfinden, das wir ihr ſagen wollen, um die Angſt dieſer Nacht zu vermin⸗ dern. Morgen werden wir ohne Zweifel Nachrichten haben; aber bis dahin, armes Kind! bis dahin kann ſie noch viel leiden....“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Biot;„unſere Nächte ſind lang!... Man muß Etwas ſuchen... Ach! könnte ich alle ihre Leiden auf mich nehmen!“ Romeo hatte durch Zufall einen jener Briefe, die er zu ſich geſteckt, in die Hand genommen. Ohne es zu wiſſen, wie das in Augenblicken der Beſtürzung zu ge⸗ ſchehen pflegt, drehte er ihn unter den Fingern. Nachdem der Umſchlag tauſend und kauſend Mal in allen Richtungen gekrümmt, gedreht und gerieben worden war, zerriß er endlich. Mechaniſch richtete er ſeine Augen auf das zerknitterte Papier, das er enthielt. Bei den erſten Worten that er einen Freudenſprung. „Biot, mein wackerer Freund!“ rief er;„da iſt was, um für heute die Thränen des Fräuleins Sancta zu trocknen!..“ Er las mit freudiger Haſt den Brief, deſſen Schrift ihm eine unbekannte war und der einzig folgende Worte enthielt: „Herr Romeo wird mit Vergnügen erfahren, daß die Wunde ſeines Freundes, des Herrn Gaſton von Noye, von keinerlei Gefahr iſt, und daß er ſich an einem Orte befindet, wo er ſorgfältiger Pflege nicht ermangelt.“ Keine Unterſchrift. Aber darunter zwei Linien von einer andern, unre⸗ gelmäßigen und zitternden Schrift: „Das Obige iſt Wahrheit. Sagen Sie Sancta, daß ich ſie liebe. . Gaſton.“ „Steht das auch da?“ rief Biot, in unverhofften Jubel ausbrechend.„Steht das auch da!. Gaſton!...“ Romeo reichte ihm das Billet. — 33 Biot trocknete ſich die Augen. „Gaſton!“ wiederholte er.„Er hat geſchrieben.. Ich kenne das wohl!.. Ach, das liebe Kind! wie gut iſt Gott! der liebe junge Herr!...“ Er ſchlang ſeine Arme um Romeo's Leib und um⸗ armte ihn herzlich derb. Dann ſetzte er ſich, zuſammenfinkend auf ſeinen Schemel. „Mein Herz! mein Herz!“ murmelte er, ſeine bei⸗ den Hände an ſeine Bruſt preſſend.„Es iſt ſchon ſo lange, ſeit Du nicht mehr vor Freuden klopfteſt!.... Ach Dank Dir, gute gebenedeite Jungfrau! Dank Dir Herr Gott, Dank!“ „Mein wackrer Freund,“ ſagte Romeo, der die Rührung des guten Dieners theilte,„man muß zu Fräulein Sancta gehen....“ hat Biot ſtand auf, bevor er noch zu Ende geſprochen atte. „ Was die Maillepré anbetraf, einzig das konnte Eindruck auf dieſes würdige Herz machen, das nur in Shilbſtverläugnung und hingebungsvoller, väterlicher Liebe 3 ug. Elf Uhr Abends war vorbei, als Romeo das Ho⸗ tel verließ. Er hatte Biot's Ruͤckkehr erwarten wollen 3 34 um Sancta getröſtet zu wiſſen, um von ihrem Lächeln ſprechen zu hören..... ls er weg ging, ſchritt er um die Ecke der Straße „Francs⸗Bourgeois, um durch die weißen Vorhänge von Sanctats Fenſter ihr Licht zu ſehen. So ſind die Liebenden, und pfui über die, welche dieſe Kleinigkeiten, worin ſich die wahre Poeſte der Zärtlichkeit verbirgt, abgeſchmackt finden! Wir haben in dieſen Blättern irgendwo die Nacht des Marais beſchrieben. Obwohl die Straße der Franes⸗ Bourgeois eine der beſuchteſten iſt, ſo ſind die Vorüber⸗ gehenden dort gegen elf Uhr Abends ſchon ſelten und die Läden ſchon lange geſchloſſen. Als Romeo, nachdem er zu Sancta's Fenſter, durch welches noch ein Licht ſchimmerte, hinaufgeblickt hatte, ſich umwandte, erblickte er drei Männer unbeweglich neben einer an den hohen Mauern des Hotels Mallle⸗ pré haltenden Kutſche ſtehen. Es befand ſich keine Thüre dort, die das Halten dieſer mit zwei ſtarken Pferden beſpannten Kutſche hätte erklärlich machen können. Romeo kannte ſein Marais, die Anweſenheit dieſer Männer ſiel ihm auf. Dann erſchreckte ſie ihn, denn in jedem leidenſchaft⸗ lich liebenden Herzen iſt immer eine Thüre der Unruhe offen. 3 Als die drei Männer ihn erblickt, hatten ſie ſich in den Schatten der Mauern des Hotels zurückgezogen. Romeo blieb mitten auf der Straße ſtehen. Und ſo blieben nun Alle, ſich gegenſeitig beobach⸗ tend.... 3 Die verdächtige Gruppe beſtand aus Herrn Burot, Deniſart und einem dürftigen Pouleſpieler, den Burot um wohlfeilen Preis zu delikaten Unternehmungen ver⸗ wandte.— Dieſe drei Herren waren da verſammelt, um die 35⁵ Abendkühle zu genießen und wegen allerlei andern Dingen..— 3 Wenn ihre Gegenwart Romeo in Verlegenheit ſetzte, ſo war ihnen Romeo's Gegenwart höchſt uner⸗ wünſcht. Herr Burot hielt ſich ziemlich gut; der Pouleſpie⸗ ler hatte die Miene eines Unerſchrockenen(er hieß Roby), aber Deniſart zitterte an allen Gliedern. Um ſich das Zittern zu benehmen, brachte er von Zeit zu Zeit ein Fläſchchen von anſehnlichem Umfange, worin ſich Brannt⸗ wein befand, an ſeine Lippen. Deniſart fing an ziemlich betrunken zu werden, al⸗ lein von ſeinem Zittern konnte er ſich nicht befreien. Der Himmel war bedeckt. Nichts deſtoweniger brach der Mond von Zeit zu Zeit durch das Gewölke, um faſt gleich nachher wieder zu verſchwinden. „Wen zum Teufel haben wir da?, fragte Burot? „Ich weiß nicht,“ entgegnete Deniſart.“ „Man zönnte ihn bitten, ſich zu entfernen,“ machte Roby bemerklich. „Durchaus nicht!“ beeilte ſich Burot zu erwiedern; „Klugheit iſt die Grundregel unſerer Kunſt....“ „Alsdann,“ antwortete Roby,„wollen wir den Mond abwarten.“⸗. Deniſart ſagte Nichts, ſondern trank einen Schluck. „In dieſem Augenblick trat der Mond wieder aus einer Wane here und warf einen hellen Schein auf die Straße, die lebhaft davon erleuchtet wurde. urot ſah eine Sekunde lang Romeo's Profil. „Verflucht!“ brummte er ärgerlich:„das iſt der Mörder meiner Pfeife und meiner zwei Zähne! dieſen Abend iſt Nichts zu machen!“ „Gehen wir zu Bett,“ unterſtützte ihn Deniſart. Burrot neigte ſich dieſer Meinung zu. Romeo blieb immer mitten auf der Straße. Burot ſetzte den Fuß auf den Kutſchentritt. Ro⸗ meo war für ihn ein wahres Schreckbild. 36 „Hol' ihn der Teufel!“.... verſetzte er;„wir könnten eigentlich eine Finte machen und weder kom⸗ ... horcht!....“ Man hörte in der Ferne auf dem Trottoir jenen langſamen, taktmäßigen Gang, den Gott unſern Pa⸗ trouillen verliehen, um ſie weniger gefährlich für die Diebe zu machen. 4 10. Zwei Uhr Nachts. Um die nämliche Stunde ſchritt Herr Williams in einem geräumigen Sale, welcher die Bibliothek des großen Hotels Maillepré geweſen war, langſam auf und nieder. — In einer Ecke lag ein Tuch auf Stroh ausgebrei⸗ 3 und auf dieſem Tuche ſaß halbliegend ein alter reis.. Dieſer Mann rauchte aus einer langen Pfeife und ſtieß bei jeder Rauchwolke, die er blies, die dumpfen und einſilbigen Töne eines unbeſtimmten Geſanges aus. Er war von beinahe rieſiger Geſtalt. Seine ma⸗ gern, röthlichen Beine zeichneten ſich mit ihren tätovir⸗ ten Schnörkeln auf der weißwollenen Decke ab. Mitten im Zimmer lag auf dem Boden eine Stroh⸗ matte und auf derſelben die Ueberbleibſel eines Mahles. Der Greis ſchien noch kräftig, obwohl die Jahre ſein Fleiſch eingetrocknet und das Spiel ſeiner Muskeln ſteif gemacht hatten. Von Zeit zu Zeit unterbrach er ſeinen Geſang und nahm die Pfeife aus dem Munde. Seine tiefliegenden Augen, die gewöhnlich die gläſerne Unbeweglichkeit der⸗ jenigen eines Leichnams hatten, ſingen dann plötzlich 37 an zu rollen und färbten ſich roth. Er legte ſeine bei⸗ den Hände auf den Boden und ſenkte den Kopf wie ein kriechender Tiger, der einen Sprung nehmen will. Herr Williams ſtellte ſich in ſolchen Augenblicken mit auf der Bruſt gekreuzten Armen vor ihn hin und ſchaute ihn feſt an. Dieſer kalte, durchdringende, ſtrenge Blick ſchien auf den Verrückten zu wirken, wie der zauberiſche Blick des Thierbändigers auf die von ſeiner Gewalt bezwungenen Ungethüme. Herr Williams ſagte jetzt ſanft: „Mein Vater möge ruhen. Es hat keine Feinde um ſein Lager herum.... Und wenn er ſchläft, wird ſein Sohn ſeinen Schlummer bewachen....“ Der Greis ging furchtſam in ſich ſelbſt und ſtreckte ſich wieder auf ſein Lager. ann hörte man neuerdings ſeinen eintönigen, dü⸗ ſtern Geſang. Bei vorrückendem Abend wurde jedoch dieſer Ge⸗ ſang immer dumpfer. Langſam und vorworren ent⸗ quollen noch die Töne den ſtarren Lippen des Greiſes.⸗ Gegen Mitternacht entglitt die Pfeife ſeinem Munde. Sein Kopf ſchwankte eine Minute und legte ſich dann zurück. Seine Augen waren geſchloſſen. Waährend einigen Augenblicken ließ ſein Mund noch einen gurgelnden Ton vernehmen. Dann herrſchte Stille in dem großen Sale. Der Greis ſchlief. Herr Williams näherte ſich auf den Zehenſpitzen und kniete dann vor ihn hin. Mit frommer Sorgfalt ſchob er ein Kiſſen unter den Kopf des Greiſes und zog die Decke über ſeine Bruſt, auf welcher man einige wunderliche Figuren ein⸗ geprägt ſah. Dann betrachtete er ihn einen Augenblick ſchwei⸗ dn. Es lag Ehrerbietung und Zärtlichkeit in ſeinem Blicke. Die Pflicht, welche Herr Williams ſo eben erfüllte, war eine tägliche. Welche Bande ihn auch an dieſen unglücklichen und wahnfinnigen Greis, deſſen Verrückt⸗ heit ſchreckliche Wuthanfälle hatte, knüpfen mochten, Herr Williams hatte ſich eine unbeſchränkte Macht über ihn zu verſchaffen gewußt. Herr Williams allein beſaß die Gabe, ihn zur Ruhe zurückzubringen!, und er brauchte nur ſich zu nähern, um die Raſerei des Tollen in unter⸗ würfige Unbeweglichkeit zu verwandeln... Im Arbeitskabinete, welches nur von einer Lampe beleuchtet war, die ein zweifelhaftes Licht auf den ern⸗ ſten Kranz der Familienbildniſſe warf, verſuchte Toby Grant, vom Schlaf überwältigt, das Diktat ſeines Herrn noch ins Reine zu ſchreiben. Seine ſchwerge⸗ wordene Hand fuhr langſam über das Papier, indem ſie Worte und Sätze ſchrieb, deren Sinn der halbeinge⸗ ſchlafene Grant nicht mehr faßte. Als. Herr Williams den Greis verlaſſen, kam er in dieſes Kabinet zurück. Er klopfte Toby auf die Schultern. „Freund Grant,“ ſagte er zu ihm,„geht, legt Euch ſchlafen; ich will durchſehen, was wir heute ge⸗ macht haben.“ Grant rieb ſich die Augen. „Ich ſchlief nicht....“ murmelte er;„aber was ſoll ich Ihnen denn nur ſagen 2.... Aha!... John iſt zurückgekommen.... Er hat eine große Neuigkeit gebracht... Während Sie in den armen Hotels garni's ſuchten, bewohnt der Marquis Gaſton von Maillepré ein prächtiges Hotel.... er beſttzt Millionen, mein Herr!“ „Sprichſt Du wahr?“ rief Williams, deſſen Herz gewaltig pochte. „Sie können ſich davon überzeugen.... Er wohnt in der Straße Royal Saint⸗Honoré, Nummer 9. „Mit ſeinen Schweſtern?“ „Ich weiß nicht.... John hat nur von dem Jüng⸗ ling geſprochen.“ 39 „Seine Schweſtern ſind gewiß verheiratet,“ ſagte Herr Williams, deſſen Bewegung ſich nicht legte.„Ach! das iſt wohl wahr, ich ſuchte unten, immer unten, weil ich glaubte... aber wenn Gott ſie wieder an ihren Platz geſetzt hat, ſo ſei ſein Name geprieſen!“ Er verabſchiedete Grant mit einer Handbewegung und ſetzte ſich dann an den Tiſch, indem er wieder⸗ olte: „Gott ſei geprieſen! die Folgen meines Fehlers müſſen nicht ſo ſchrecklich geweſen ſein, wie ich mir dachte Das werde ich morgen erfahren....“ Die Nacht rückte vor, Herr Williams machte ſich emſig ans Werk, als ob dieſe Nachricht ihn aufgerich⸗ tet und angeſpornt hätte. Toby und er hatten den ganzen Tag gearbeitet. Das Memorial hatte ſich um viele Seiten vermehrt. Es erzählte das Mißgeſchick und die Unfälle der „Familie von Maillepré in England, ihre Ankunft in der Bretagne und die rührende Aufnahme, die ſie bei einem der guten Söhne jenes freundlichen Landſtrichs gefunden. Herr Williams hatte dieſe Dinge ohne Zweifel nur unvollſtänbig und entſtellt erfahren, denn er ſchritt über die Nebenumſtände hinweg und benannte nicht ein⸗ mal jenen, großmüthigen Lehensmann, der ſo manche Jahre hindurch eine zweite Vorſehung für die Maille⸗ pré war.— Um aber dieſen Namen nicht beizuſetzen, mußte Herr Williams jedenfalls denſelben nicht kennen; denn nicht nur mit Erkenntlichkeit ſondern beinahe mit Hoch⸗ achtung ſprach er von dieſem rettenden Landmanne. Die Maillepré hatten in der Bretagne auf einem kleinen Fleck der unermeßlichen Domänen ihrer Väter gelebt. Sie hatten dort ruhige, wo nicht glückliche Tage hingebracht, indem ſie geduldig die Antwort auf die vom Marquis Raoul au Weſtern geſchriebenen Briefe erwarteten. Aber keine Antwort kam. Der Ocean iſt zuwei⸗ len ein treuloſer Aufbewahrer, der die anvertrauten Bot⸗ 1 ſchaften nicht an ihre Beſtimmung gelangen läßt. Die Weſtern waren mit dem Schickſal ihrer Freunde völlig unbekannt. Sie glaubten Raoul in England und zweimal ſandte James beträchtliche Wechſel nach London. 4 Der Brief, welcher endlich Weſtern mit dem hülf⸗ loſen Zuſtand, in welchen Raoul und ſeine Familie ge⸗ ſunken, bekannt machte, war ein Donnerſchlag für den alten Williams. „Mein armes Kind! meine arme Luiſe!“ ſagte er. „Ach! wäre ich zwanzig Jahre jünger!“ James drückte ſeinem alten Vater die Hand und machte Zurüſtungen zur Abreiſe. Seine Ueberfahrt dauerte lang, war aber ohne Un⸗ fall. Kaum war er in Havre angelangt, ſo ſchrieb er an den Marquis, indem er ihm anzeigte, daß er die Poſt nehmen und faſt zu gleicher Zeit mit ſeinem Briefe ankommen werde. Dieſen Brief nun las der Marquis Raoul ohne alles Mißtrauen ſeiner Familie in Gegenwart des jun⸗ gen Doktor Joſepin vor. Joſepin eilte, dieſes in einigen Zeilen dem Herzog von Compans anzuzeigen. Es war ſein Handwerk, für das er monatlich dreihundert Fran⸗ ken erhielt.. Inzwiſchen harrten der Marquis Ravul und ſeine Familie mit Sehnſucht. (Man wird ſich deſſen erinnern; es war an jenem Abend des Faſtnachtsdienſtags von 1826, wo das ganze Palais⸗Royal bis in ſeine Grundveſten vom Ausbruch einer trunkenen Freude erzitterte.) Weſtern ſtieg bei angebrochener Nacht aus dem Poſtwagen. Er fragte nach dem Palais⸗Royal. Man wies ihm dasſelbe. In dieſem Theile ſeiner Erzählung ſchien Herr 2 Williams vom Zorne hingeriſſen worden zu ſein. Weit 41 entfernt, James Weſtern zu entſchuldigen, verdammte er ihn mit unerbittlicher Strenge. Unſtreitig war das Benehmen James Weſterns bei dieſer Gelegenheit Veranlaſſung zu vielem Unglück. Alher James Weſtern hatte eine ſchreckliche Züchtigung erlitten. Und dann war eigentlich ſein Fehler Sache des Zufalls geweſen. Er war in jenes Palais⸗Royal getreten, in wel⸗ chem Nichts als Lärm, Verwirrung, Tumult war, wo die Narrheit anſteckend heulte, wo das Fieber die Luft durchſchwamm. Anfangs fühlte er Verwirrung, der Stoß dieſer ungeheuren Schwelgerei, die ihn umgab, die ihn um⸗ ſtrickte, die ihn drückte, betäubte ihn. Er fragte nach dem Flügel Valois. Man weiß, wie die Gaſtlichkeit des Karnevals neckt. Die, an welche Weſterns Frage gerichtet war, hatten ihren Imbiß zu ſich genommen. Sie ergötzten ſich, die⸗ ſes ernſte Geſicht in dem grotesken Durcheinander die⸗ ſes Feſtes in die Irre zu führen. Man ſtieß ihn, man führte ihn da und dort hin, man ermüdete ihn. Dann ließ man ihn im Stiche, mitten unter dem ſewühle verloren. Weſtern war, wie wir ſchon wiſſen, eine jener ein⸗ fachen, langſamen und naiv neugierigen Naturen, welche vom Reiz der Neuheit angelockt, ſtaunen und ſich vergeſſen. In Weſterns Gewiſſen regte ſich immer eine Stimme, die ihn an ſeine Pflicht erinnerte, aber er hatte auch eine Entſchuldigung, weil alle dieſe närriſchen Masken ſich das Wort gegeben zu haben ſchienen, das Palais⸗Royal für ihn zu einem unentwirrbaren Labyrinth zu machen. Man hieß ihn rechts, dann links gehen, und nie wies man ihm den rechten Weg. Man trieb es ſo, daß er in die Länge endlich eine Art Schwindel bekam. Jene geheimnißvolle Stimme, welche ihm ſeinen Namen ins Ohr raunte, ſein Kampf mit den aus der Kaleſche geſtiegenen Masken, das Mittageſſen, bei wel⸗ chem eine beſoldete Hand ihm das Glas reichlich mit Champagner füllte, Alles das war nicht geeignet, die wankende Ruhe in ihm herzuſtellen. Dann kam die höchſte der Verſuchungen, ein Weib. Ein ſo ſchönes Weib, daß Weſtern zu träumen glaubte und ſeine Vernunft ihm im glühenden Kopfe ſchwankte. Das Memorial des Herrn Williams erzählte dieſe Umſtände. Und während er ſie überlas, ſtand ihm der Schweiß auf der Stirne. Nichtsdeſtoweniger fuhr er fort zu leſen. 4 Er kam zu der Scene der Trunkenheit im Keller des Wilden Mannes. Er kam zu Carmen, der Zauberin, welche den be⸗ ſiegten Weſtern in die Netze ihres Lächelns verſtrickte. Er kam zu dem rothen Zimmer im Wirthshauſe des Wilden Manns, zu Carmen, die auf dem Sopha lag, und wie ſchön war ſie, zu dem mit Caſtagnetten begleiteten Tanze, zu dem berauſchenden Tanze, der Feuer in Weſterns Adern gegoſſen. Dann zu jenem feſten, harten unverſöhnlichen Blicke des Todes, vor welchem er plötzlich erſtarrte. Eine fürchterliche Drohung unter wonnigem, lieb⸗ lichem Lächeln.... 3 Herr Williams athmete kaum. Sein Athmen war ein Röcheln. Er ließ das Heft fallen, faltete die Hände und hob die Augen mit einem dumpfen Ausruf gen Himmel. Dann ſtand er auf, ſchüttelte ſein glühendes Haupt, als wollte er ſich der auf ihn einſtürmenden en entledigen. Ein tiefes Schweigen herrſchte in dem geräumigen Zimmer, deſſen Gemälde ſich beim ſchwankenden Lichte der erlöſchenden Lampe langſam zu bewegen ſchienen. Als das Licht wieder heller brannte, erſchienen flüch⸗ e „ 43 tige Feuerſtreifen an den geſchwärzten Vergoldungen der alten Rahmen. Aus dem Schatten der hie und da rauchig gewordenen Leinwand trat ein ernſtes, blaſſes Antlitz hervor, das den Rahmen zu verlaſſen und mit hochmüthiger Stirne näher zu kommen ſchien. Williams ſchaute mit geſträubten Haaren und tod⸗ tenblaſſem Geſichte hin. In ſeinen Augen lag Verwirrung und Entſetzen. Man hätte glauben ſollen, dieſe nächtliche Phantas⸗ magorie habe für ihn einen drohenden, vorwurfsvollen Sinn und es kämen dieſe ſtolzen Ahnen der Malllepré, Rechenſchaft von ihm über das Unglück oder das Blut ihrer Söhne zu fordern.— Es ſchlug zwei Uhr an der hohen, bronzenen Pendel⸗ uhr, welche das Kamin verzierte. 2 Williams ſchreckte plötzlich auf. Er öffnete ein Fenſter, um ſeiner brennenden Stirn von der kalten Luft des Gartens Kühlung zufächeln zu laſſen. Draußen, wie drinnen, war die Nacht ſtill und ruhig. Der Mond war untergegangen. Der Nebel wurde ſo dicht, daß die großen Bäume ſich kaum in noch ſchwär⸗ zern Umriſſen auf dem ſchwarzen Himmel abzeichneten. Ihre Gruppen verloren ſich undeutlich wie ungeheure Geſpenſter in der Dunkelheit. 1 Herr Williams fühlte bei der Heranſtrömung der kalten Luft, die ihm ins Geſicht blies, das ſchmerzliche Klopfen ſeiner Schläfe ſich vermindern. Er beruhigte ſich, die fieberiſche Aufregung verließ ihn. Aber plötzlich ſtieg durch die völlige Stille ein un⸗ deutliches Geräuſch zu ihm herauf. 3 Es war etwas Unbeſtimmtes und Unregelmäßiges, Schritte vielleicht, vielleicht ein dürrer Aſt, der auf den Raſen fiel. Herr Williams wollte eben ſein Fenſter ſchließen, als auf dem weißen Sande einer Allee ſchwerfällig und ſchwankend eine ſchwarze Geſtalt vorüberging. 8 44 Wenigſtens glaubte Herr Williams einen Augen⸗ blick ſo was bemerkt zu haben. Er ſchaute aufmerkſamer hin. Nichts war mehr da. Und das Geräuſch ließ ſich nicht mehr hören.... „Es iſt meine Aufregung!“ ſagte er bei ſich. Und vielleicht war es in der That nur Aufregung. Vielleicht aber machte auch der ſchwarze Schatten kein Geräuſch mehr, weil er jetzt auf dem Raſen lief. Als Herr Williams das Fenſter geſchloſſen, begab er ſic, von Müdigkeit erſchöpft, zur Wuhe Sancta ſchlief in ihrem Kämmerchen. Im Zimmer der Großmutter war Alles ſtille. 4 Sancta's Schlaf war ruhig. Ihr Athem machte ein ganz leiſes, gleichförmiges Geräuſch. Sancta war eben glücklich eingeſchlafen. Unter dem Kopfkiſſen ihres weißen Bettchens lag das von Romeo überbrachte Billet. Ol wie vielmal hatte noch Sancta die beiden von Gaſton geſchriebenen Zeilen geküßt und Gott gedankt. Und wie verſchieden war dieſe gute Nacht von der vorhergehenden! Abends zuvor Thränen, die nur beim eiſigen Hauch der Verzweiflung trockneten, langſam vorüberfließende Stunden, unbeweglich und ſedbenatraurig den Kopf auf der Bettdecke des abweſenden Gaſtons.. Des verwundeten Gaſtons!.. Schreckliche Träume, tödtliches Erwachen! Aber heute eine ſüße Ruhe, der reine Schlummer des müden Kindes, zwiſchen langen geſe chloſſenen Augen⸗ wimpern und dem roſigen Bogen eines halboffenen Mun⸗ des das holdeſte Lächeln.. Der Schlaf hatte ſi ſie bei ſo freundlichen Gedanken überraſcht! Gaſton! ſie hatte Nachricht von Gaſton! ohne Zweifel ſollte ſie ihn bald wieder ſehen. Wie würden 45⁵ „ ſie die Freude theilen! wie ſüße, heilige, mit einander Wenn man hofft, ſtralt Alles ſo reizend und glück⸗ lich; der entſchwundene Schmerz gewinnt. Man fühlt Zufriedenheit je nach dem Maaße ſeiner vorangegangenen Verzweiflung. Die geneſende Seele fühlt ſich beſſer und geniest wie der Körper eines armen Kranken, dem Leben und Kräfte zurückkehren.... Und da Sancta nicht mehr litt, hatte ſie Zeit ge⸗ habt, an den zu denken, der eine Stelle in ihrem Herzen einnahm. Sie ließ ihre Gedanken auf jene neuen, blu⸗ migen Gefilde der ſich unbewußten Liebe ſtreifen. Die Angſt breitete nicht mehr ihren ſchwarzen Schleier über ihre ſchönen Kinderträume. Sie ſah die Zukunft, eine ſchöne Straße, vom Glück bekränzt, die ſie zwiſchen Gaſton und Nomeo wandeln würde.... War nicht Romeo ihr Retter? Alle Tröſtungen, alle Hoffnungen, waren ſie nicht von ihm und durch ihn gekommen? Und wie hatte er ihre Lage geachtet! Wie zart, daß er die erwieſene Wohlthat nicht mißbrauchte, um ſeine Gegenwart ihr aufzuzwingen und ſich für die er⸗ wieſene Güte zu bezahlen.... Sancta ſagte das Alles nicht ſo. Ihr hättet ſie durch die einfache Auseinanderſetzung ihrer Gefühle in großes Staunen verſetzt. Sie wußte nicht; ſie fühlte. So viele Andere wiſſen und fühlen nicht. Die Marter zweier langer Tage hatte Romeo bei Sancta, die doch die Erinnerung an ihn verdrängte, * weſentliche Dienſte geleiſtet, weil ſein Name ſich mit jeder Erleichterung vermiſcht fand. So oft der Gedanke an ihn in Sancta's Seele aufgeſtiegen, linderte er eine Weile ihr Leiden. Sancta hätte ihn vielleicht geliebt ohne jenes Duell, aber das Duell hatte den langſamen Gang dieſes Vorſpiels der Liebe beſchleunigt, bei wel⸗ — 1 46 chem das Herz der Jungfrau ſo lange zögert und ſeine Stimme, durch Schamhaftigkeit berathen, unterdrückt. Das junge Mädchen ſollte zur Jungfrau werden. Noch einige Tage und ein lebhafter Stral ſollte das noch nie durchdrungene Dunkel ihres Herzens erleuchten und ihr das myſtiſche Wort darin zeigen, das man zum erſten Male mit ſoviel Schreck und Entzücken entziffert. Dieſen Abend war Romeo's Bild mit dem Bilde ihres Bruders vereint an ihr Lager getreten. Die angezündete Kerze brannte noch immer auf ihrem Nachttiſchchen. 3. Sie ſchlief, ruhig und heiter, wie ein Kind das in ſeinen Träumen lächelt. 2 Es war eben etwas über zwei Uhr. In Gaſtons Zimmer ließ ſich ein Geräuſch verneh⸗ men. Es war, als ob die Treppenthür von einer frem⸗ den oder ungeſchickten Hand geöffnet würde. Ein ſchwerer, ungleichmäßiger und durch eine Vor⸗ ſicht, die nicht hinreichend geweſen wäre, wenn in der Nähe ein Ohr noch gewacht hätte, gedämpfter Schritt ertönte auf dem Boden des anſtoßenden Zimmers. Dann öffnete ſich auch Sancta's Zimmerthür. Die Hand, welche den Drücker hob, zitterte. In der Oeffnung erſchien das unedle und feige Ge⸗ ſicht Deniſart's.. Der Pedant war häßlich in ſeiner Furcht und Trunkenheit. Seine ſchrecklich blaſſen Backen ließen das brennende Roth ſeiner Naſe beſonders hervortreten. Seine Augen blinzelten, nach der völligen Dunkelheit von Außen vom plötzlichen Glanze des Lichtes geblen⸗ det. Sein Mund zog ſich einwärts, indem er tiefe Fur⸗ chen in die ſchlaffe, gelblicht Haut ſeiner Wangen grub. Statt einzutreten, that er einen Sprung rückwärts, indem er ſein eigenes Schreckbild ſloh. Ddie Stille in Sancta's Zimmer ermuthigte ihn. Man hörte nur den gleichmäßigen und leiſen Athemzug⸗ des jungen Maͤdchen. Er wagie ſich vorwärts. „. 1 2 47 Die blonden, losgeknüpften Haare Sancta's welche theilweiſe aus ihrem Schlafhäubchen hervorwallten, be⸗ deckten das Kopfkiſſen. In Mitten dieſer in ihrer Unordnung noch reizenden Flut prangte die reine Voll⸗ kommenheit ihres Geſichtchens. 2 Ihre beiden weißen Arme lagen auf der Decke und beuen ſich mit kindlicher Anmuth auf der verhüllten ruſt. Man hätte ſie für einen mitten im Gebete ent⸗ ſchlummerten Engel halten können. Deniſart trat näher, ſchwankte und betrachtete mit dem Ernſt des Trunkenbolds dieſes züchtige und an⸗ muthsvolle Bild. Dann flog ein eyniſches Lächeln über ſeine Züge und ſeine Hand faßte die Decke, um ſie wegzuziehen. Aber ſeine Beine, welche unter ihm zuſammen⸗ brachen, trugen ihn in die Mitte des Zimmers, wo er ſich kaum im Gleichgewicht halten konnte. „Bah!...“ brummte er,„der Herr Herzog würde vielleicht böſe.... der Kauz!“ Ein keuchendes Lachen überſiel ihn und kämpfte mit dem convulſiviſchen Schlucken des Rauſches, dann fing er an leiſe und falſch anzuſtimmen „Ich, ich denke wie Gregor Und ziehe das Trinken vor....“ Sancta bewegte einen ihrer Arme und legte ihn, ſich umwendend, unter ihren Kopf. Deniſart zuckte die Achſeln. „Das erinnert mich doch an luſtige Geſchichtchen!“ ſtammelte er von ſeinem Lachen ermüdet, ndas erinnert mich an jenes kleine Mädchen in der Straße Vaugirard, das zu mir kam, um meine Hülfe als großmüthiger Schriftſteller anzurufen. Ach! ach!.... und mir zu ſagen, daß ihre Mutter ſterbe und kein Brod habe.... Als ob man Brod nöthig hätte, um ſterben zu können. Ha! meiner Treu... ich habe ihr Brod für ihre Die Leiter ſpannte ſich alſobald an und eine Hand rüttelte ſie tüchtig, um ſich von ihrer Haltbarkeit zu uͤberzeugen. „Es hält,“ ſagte unten Herr Burot;„mach' voran!“ Deniſart ging wieder in's Zimmer, ſtopfte ſein Schnupftuch mit brutaler Kraft in Sancta's Mund, die jählings aufgewacht war, und hob ſie mit der Decke auf. Sancta ſtieß ſchwache Klagetöne aus, welche von den Falten des Schnupftuchs erſtickt wurden. Schwankend unter der Laſt ſeiner Bürde that er einen Schritt gegen das Fenſter, kam zurück, ging wie⸗ der vorwärts und trollte auf gut Glück auf ſeinen zu⸗ 2— 1 49 Herr Burot wäre vom Anprall beinahe kopfüber geworfen worden. „Dummes Vieh!“ ſchalt er. Deniſart, vor läppiſchem Gelächter faſt berſtend, wiegte ſich hin und her und hielt ſich die Seiten. Burot fing an hinabzuſteigen, indem er Sancta mit allen Kräften hielt. Roby hielt die Leiter. Burot er⸗ reichte ohne Unfall den Boden. „Löſe die Leiter ab,“ ſagte er,„und komme wieder durch den Garten zu uns. Es gelang Deniſart, die ſeidenen Stricke zu löſen. Die keiter glitt ab. Als er aber die Treppe aufſuchen wollte, drehte ſch der Kopf mit ihm, ſeine Knie brachen zuſammen; plumps fiel er quer über Sancta's Bett hin und fing unaufhaltſam an zu ſchnarchen. Ein Peitſchenknall wiederhallte in der Straße. Das Pflaſter erdröhnte. Eine Kutſche, die unter den Fenſtern Schalten hatte, ſprengte im Galopp durch die Pariſer Liebſch. UI. 4 Viertes Buch. Die rothe Brieſtaſche. I. Die Baronin von kiope. — Es iſt der Tag nach dem Duell auf der Schießſtätte Saint⸗Chaumont. Wir treten in Nummer 4 der Straße Caſtiglione Frau Baron von Roye ein, bei jener ſchönen lin, von welcher Doktor Joſepin am vorhergehen⸗ und in der Oper mit ſo viel Begeiſterung zu Bei jener ſchönen Baronin, welche nach zwölfſtün⸗ Cheſtand ſchon Wittwe gewerden und Joſepins 9 e 1 randin war und deren Namen wir in dem gleichen Ge⸗ Es war ohne Zweifel das Boudoir der Frau Ba⸗ 4 Blauſeidene Gardinen hingen von der gypsverzier⸗ ten Decke längs den großen Spiegeln herab und mil⸗ derten das allzulebhafte Tageslicht, das ſich zwiſchen den Falten und der reichen Broderie der indiſchen Muſſe⸗ linvorhänge brach. „Durch ihr luftiges Gewebe erblickte man die Zier⸗ ſträucher einer Terraſſe, die eine Art hängender Garten war, in welchem der November noch einiges verſpätetes Grün zuruckgelaſſen hatte. as Zimmer war von mittlerer Größe. Eine laue, 54 2 mit ſanften Wohlgerüchen erfüllte Luft verbreitete ſich. darin. Das Geräuſch von Außen drang nicht über die Schwelle. Rechts öffnete ſich zur Hälfte die ſchwere Gardinen⸗ bekleidung eines Alkovens. Links ließ eine Vertiefung von ähnlicher Formen, wie der Alkoven und gleichergeſtalt verhüllt, einen Betſtuhl von Ebenholz ſehen, auf welchem ein in Sammt und Gold eingebundenes Gebetbuch ruhte. Einige prachtvolle Gemälde hingen an den ſeidenen Wänden hernieder. Zwiſchen zweien derſelben, die ein Kenner mit Gold aufgewogen hätte, lagen in einer nied⸗ 4 „ lichen kleinen Niſche zwei Caſtagnetten von Ebenhol und ein kleiner Dolch, deſſen feine Verzierungen herrlich funkelten. Der Alkoven war dunkel. Das Auge konnte Nic darin unterſcheiden. Aber bei der völligen Stille Zimmers hörte man den ſchwachen, regelmäß einer ſchlafenden Perſon darin. 4 Eine hinter den Draperien des Betzimmerch verſteckte Thüre öffnete ſich ſachte und mit ſchü Vorſicht ſetzte eine Frau ihren Fuß auf den dichten Teppich.— Siie war groß, und die Bewegung, welche ſie machte, um die Thüre zuzuſtoßen, entfaltete hinreichen gezsichnete Anmuth ihres Wuchſes. 3 Sie trug ein Morgenkleid von ſchwarzem Reps, deſſen ſchmiegſame Falten nur durch eine ſeidene Schnur um den Leib und eine Spange am Halſe feſtgehalten wurden. Das Kleid bedeckte Schultern und Bruſt gänz⸗ lich. Aus ſeinen nachläßigen hinfallenden Falten, welche dennoch die edle Schönheit einer königlichen Geſtalt nicht völlig verhüllen konnten, ſchwang ſich ein reiner, biegſamer, harmoniſcher Hals hervor, auf welchen die langen, weichen Locken eines reichen ſchwarzen Haares herniederwallten.. Das Geſicht ſtand im Schatten. Seine ausdrucks⸗ vollen, regelmäßigen Züge erſchienen in unbeſtimmten dis aus⸗ 55 . Umriſſen, von der düſtern Flamme zweier großer blauer Augen beſtralt, deren ſonderbarer Blick wie eine glühende Liebkofung zum Herzen drang. 5 Sie blieb auf der Schwelle ſtehen; ſie horchte. Ihre ſchüchterne, lauſchende Stellung ſtand im Wieder⸗ ſpruch mit dem ſtolzen Charakter ihrer königlichen ESchöͤnheit. Während ſie horchte, hob ihr Buſen ſachte die weiche Seide ihres Kleides. Das ſchwache Geräuſch, das aus dem Alkoven kam, drang bis zu ihr. Man hätte glauben ſollen, dieſer Athem ſpreche zu ihrer Seele. Sie legte ihre beiden Hände auf ihr Herz. 8 Dann ging ſie einige Schritte auf dem Teppich 8 wärts. Ihr Fuß glitt geräuſchlos über ihn hin. Gang hatte jene mit Anmuth gepaarte Kraft des henden Panthers. e blieb wiederum ſtehen und nochmals, um zu horchen „Detzt ſtand ſie mitten im Zimmer. Das Tageslicht welches ſich durch die ausgezackten Bogen der ſeidenen Fenſtervorhänge wand, ehahun von der Seite auf ſie. Die tauſend Vollkommenheiten ihres bewunderungswür⸗ digen Körpers wurde wechſelsweiſe beleuchtet, während ihr Antlitz von ihren Haaren umdunkelt blieb. ich. 3 Einen Augenblick neigte ſich ihre Stirne träumeriſch. Dann warf ſie mit einer raſchen Bewegung den ſtolzen Reichthum ihrer Haare zurück, deſſen wallende Locken ihre beweglichen Schneckenlinien aneinanderließen. Es war, als glitte hie und da ein ſtralender, flüchtiger Schein über dieſe ſchönen Wellen.... 3 Jetzt ſiel das Licht auf ihre Züge. Ihre Stirn er⸗ glänzte. Alles erhellte ſich an ihr. „Sie war die Poeſie der Schönheit, die glühende aber ſchamhafte, die ſchüchterne aber ſtolze Schönheit, die keinen andern Schmuck beſaß, als ihr magiſches Stralen.— Es lag etwas wie ein unſeliger Zauber in dieſem tiefen und ſanften Blicke, dieſes göttliche Lächeln bezwang die geblendete Seele. Sie war ein Meiſterſtück Gottes. Ihr habt ſie vielleicht geſehen, aber im Traume und zu jener erſten Stunde der Liebe, die einen himmliſchen Heiligenſchein um die Stirne des geliebten Weibes zieht. Sie war eben ſo ſchön, ſie war ſchöner als Eure theuerſte Erinnerung, ſchöner als jenes in die Tiefe Eures Herzens eingegrabene Bild, das dem Koſen Eurer Träume lächelt.. Dieſe Frau nannte ſich die Baronin von Roye. Es war Carmen.... Carmen hob den Vorhang ihres Alkovens. D Tageslicht drang etwas hinein und erhellte ſchwach Geſicht des ſchlafenden Gaſton. Sein Schlummer war ruhig. Die Ermüdung einer Schmerzensnacht, die einem Tage der ph n Ermat⸗ tung und moraliſcher Verwirrung gefolgt as Blut, das er aus ſeiner Wunde verloren, die Stille endlich, Alles trug dazu bei, den für den Letzten der Mail⸗ lepré ſo nöthigen Schlummer tief und ruhig zu machen. Bei ſeiner Aufregung über Nacht hatte er die Decke Serſchoben. 5 4 rißenverzierten diſſen hinab. Der eine ſeiner Arme ag gebogen auf der Bruſt, der andere lag unter dem Kopf und verſchwand in der weichen Rundung des Pfuhls. Carmen betrachtete ihn mit zurückgehaltenem Athem. Ihr Mund öffnete ſich, blieb aber ſtumm; ihr Lächeln wurde zärtlich, wie das Lächeln einer Mutter am Bette ihres Sohnes, wie das heilige Lächeln des Engels, der neben unſerm Herzen wacht und uns beſchützt. 3 Fielen aus dieſem ſtralenden Geſicht, das ſich her⸗ 6 * 57 nieder neigte und von Liebe ſprach, nicht ſchöne Traͤume auf die Stirn des ſchlafenden Gaſton. Fühlte Gaſton nicht, wie dieſer liebliche Athem um ſeine vom kaum entſchwundenen Fieber noch heißen Schläfe ſpielte?... Dachte er nicht, daß eine Fee mit goldenen Flügeln über ſeinem Lager ſchwebte und aus ihrem blätterloſen Strauße Blumen auf ihn herabſchüttete, die ſeine Wange osten?.... Es war ein ſonderbarer Magnetismus. Gaſtons Mund umſpielte ein ſanftes Lächeln, dem Carmens ent⸗ zückendes Lächeln antwortete. 3 Liebliche Viſionen wiegten jetzt den Schlummer des Verwundeten. Seine Wange röthete ſich. Seine Hand oͤffnete ſich und ſchloß ſich dann, wie um eine Freundes⸗ hand zu drücken. Von einer unwiderſtehlichen Macht getrieben, nahte Carmens Hand langſam und legte ſich auf Gaſtons Finger. Sie zuckte von der Berührung zuſammen. An die Stelle ihrer ſchönen Bläſſe legte ſich ein lebhaftes Roth, das ſich die Wangen herab bis uͤber ihren Hals ver⸗ breitete..... 4 Dann wurde ihre Bläſſe eine mattere. Die Flamme ihrer Augen verſchleierte ſich. Ihr Augapfel ſchwamm in ſchwärmeriſchem Schmachten. enn auch ſolchermaßen unter der ſiegreichen Wol⸗ luſt gebeugt, behielt ſie doch das Gewand der Scham⸗ haftigkeit.“ Es war die ſtürmiſche Liebe der Jungfrau, der allzu unbekannt geblieben, daß die Leidenſchaft bän⸗ digt und zerſchmettert. aſton ſtammelte. Carmen neigte neugierig ihr Ohr. „Sancta!“ liſpelte Gaſton. Carmens Hand zog ſich zurück. Kalt und ſtarr richtete ſie ſich wieder auf. 4 „Sancta!" wiederholte ſie;„immer Sancta!.... O, wie liebt er ſie! und wie glücklich muß ſie ſein..„ — Carmen kreuzte ihre Arme auf der Bruſt. Ihre Augenlider ſenkten ſich. Die Traurigkeit, eine bittere Traurigkeit hatte die lebhaften Stralen ihrer Augen verlöſcht. DSo blieb ſie lange, und während ihr Auge ſich auf den Boden heftete, zogen tauſend Gefühle durch ihre Seele und malten ſich auf ihren Zügen. Sie war eiferſüchtig; ſie haßte, ſie drohte; aber ſie liebte, ſie liebte leidenſchaftlich. In ihrem ſtärkſten Zorne beugte die Liebe ſie, und unterjocht zerfloß das feindliche Feuer ihres Blickes in ſtillen Thränen.... Der Tag rückte vor. Die Vögel ſangen in dem dünnen Blätterwerk der Geſträuche auf der Terraſſe. Die Sonne, welche die von den Vorhängen gezogene Schranke nicht durchbrechen konnte, ſiebte ihr Licht durch den feinen Stoff und gaukelte an den von ihrem Schein erhellten Gegenſtänden herum. Unter dem durch die Draperien des Alkovens gebil⸗ deten Bogen erblickte man nur Carmens weißes Geſicht, das auf dem dunkeln Grunde abſtach, wie jene himmli⸗ ſchen Geſtalten, die Caravaggio auf ſeine düſtere Leinwand warf und welche, wie die Geſtirne der Nacht, einen eigenen Baanz zu widerſtralen ſcheinen. Aks ihre langen Wimpern ſich wieder hoben, fiel ihr Blick in einem ihr gegenüberbefindlichen Spiegel auf ihre ausgezeichneten Züge, die in dem Dunkel des Alko⸗ vens einzig erleuchtet waren. Ihr Kopf hob ſich wieder. Eine ſtolze Freude triumphirte auf ihrer Stirne. „Dieſe Sancta,“ murmelte ſie mit naiver Erkennt⸗ lichkeit,„kann ſie ſchöner ſein? Mein Gott! Dank Dir für die Schönheit, die Du mir gegeben haſt!... Sie wandte ſich gegen Gaſton um und neigte ſich aufs Neue über ſeinen Schlummer hin. Gaſton bewegte ſich. Sein Mund öffnete ſich zu einem Lächeln. Das Blut ſchoß ihm in die Wangen. Man hätte glauben ſollen, Carmens Blick ſteigere 3 59 durch eine geheimnißvolle Gewalt die Lebensthätigkeit in ihm Sein Athem wurde unregelmäßig und ſtockend. Ein ſehnſüchtiger Seufzer entwand ſich ſeinen Lippen. Er ſtreckte ſeine beiden Arme zitternd vorwärts.... Auch Carmen zitterte.... Ihr geſchmeidiger Körper wogte und glitt in Gaſtons offene Arme hin. Gaſton umfaßte ſie mit geſchloſſenen Augen und zog ſie an ſich. Ihre Lippen berührten ſich. Carmen ſank zuſammenbrechend auf ihre Knie. Gaſton erwachte und blickte ſie neugierig und forſchend an. „Mein Traum!“ ſagte er,„mein ſchöner Traum! . Sie ſah ich!... Steigen Sie vom Himmel her⸗ nieder?...“ Carmen öffnete halb die Augen. Ein ſchwaches Lächeln irrte über ihre gebleichten Lippen. Sie ſprach nicht. Sie faltete die Hände. Ihr Kopf lehnte ſich an die ſeidene Decke. Und zwiſchen ihren langen Wimpern, durch die Spalte ihrer halbgeſchloſſenen Augenlider hervor liebkoste ihr ſklaviſcher Blick Gaſton und bat ihn um Liebe. Carmen ſaß neben dem Kopfkiſſen des Kranken. Eine Stunde war verfloſſen. „Meine Wunde hat Nichts zu bedeuten, Madame, ich kann Ihre großmüthige Gaſtfreundſchaft nicht länger annehmen... Meine Schweſter muß bekümmert ſein und mich erwarten....“ 8 „Wie heißt Ihre Schweſter?“ fragte Carmen. „Sancta, Madame.“ „Sancta!.. Sancta!...„ rief Carmen, deren Herz eine närriſche Freude durchbebte.„Sie ſind Sancta's Bruder!... o, Dank!.. ich glaubte... aber wie ſehr liebe ich ſie jetzt!“ „Arme Sancta!“ entgegnete Gaſton;„ſie muß ſeit geſtern viel geweint haben, Madame.... Wir lieben uns ſo ſehr, denn wir ſtehen allein in der Welt und wer ſollte uns lieben, wenn nicht wir zwei untereinan⸗ der.. Wüßten Sie, welche Schätze himmliſcher Zärt⸗ lichkeit in ihrem Herzen liegen!. „ Sie iſt Ihre Schweſter,“ ſagte Carmen;„ich werde ihre Freundin ſein....“ 8 Gaſton ſchüttelte den Kopf und ſenkte die Augen. Seine Stimme nahm einen feſten und traurigen Aus⸗ druck an. 3 1 3 „Ich erfahre ſoeben von Ihnen, wem ich dieſe zarte Pflege, dieſe ungemeine Gaſtfreundſchaft, womit der arme Verwundete aufgenommen wurde, verdanke,“ ant⸗ wortete er;„Sie ſind die Frau Baron von Roye.. die Schweſter des Herrn Marquis von Maillepré, meinez Gegners... O Madame! glauben Sie, daß mein Herz nur Hochachtung und tiefe Erkenntlichkeit für Sie fühlt. Aber Sancta iſt eine Arbeiterin, wie ich ein Arbeiter bin... was für Beziehungen ſind zwiſchen einer großen Dame und uns möglich?...“ Carmen blieb einige Sekunden ohne zu antworten. „Sie haſſen ihn!..“ liſpelte ſie endlich,„und Sie verzeihen mir nicht, ſeine Schweſter zu ſein!...“ Gaſton erröthete. „Zwiſchen ihm und mir, Madame,“ ſagte er mit einer Stimme, die bei ſeiner wachſenden Bewegung zit⸗ terte,„wird künftig die Erinnerung an Sie ſtehen.. Ich haßte ihn... ohl und ich hatte Grund, ihn zu haſſen, Madame!... aber ich habe Sie geſehen... und ich glaube, meinen Haß vergeſſen zu können...“ Die ſchöne Baronin dankte ihm in ihrem Herzen. Es entſtand ein Schweigen. Gaſton hatte noch nie geliebt. Carmen hatte ein⸗ mal und auf andere Weiſe geliebt. Gaſton fühlte ſeine Seele erweicht und verwirrt. Ohne es ſich bewußt zu ſein, wuchs auch in ihm die Leidenſchaft heran. Sie feſſelte ſein Herz, das noch nicht daran glauben wollte. 3 N B 61 8 Carmen wußte, daß fie liebte, weil die Liebe ſie beherrſchte, bezwang, weil in ihr ein wilder Sturm des Herzens und der Sinne erwacht war, weil Nichts mehr in ihr lag, das nicht Liebe war. Und dieſe plötzliche, heftige, tiefe Liebe hatte in ihren Geiſt eine außerordentliche Verwirrung geworfen. Sie hatte die Nacht mit Nachdenken und Zweifeln zugebracht.. Denn bei den Verbrechen und Zufällen ihres Lebens war ſie Jungfrau geblieben. Sie hatte oft Liebe geſpielt und oft mit der Liebe geſpielt. Die Frau Baron von Roye hatte manchen ſtlaviſchen Liebhaber zu ihren Füßen geſehen. Und wie viele Frauen hatte der glänzende Marquis Sauvage auf ſeiner wunderlichen Lebensbahn an ſich gefeſſelt!... Aber kein Mann hatte den Weg zu dieſem in ſeiner gewaltigen Kraft ſo übermüthigen und ſeltſamen Herzen zu finden gewußt. Sie waren vor dem immer gleich⸗ gültigen Blick der Baronin vorübergezogen. Sie hatte aus ihnen einen Schmuck oder ein Spielzeug gemacht. Und aus ihnen, aus jenen, von dem in ihm liegen⸗ den eigenthümlichen Zauber beſiegten Frauen hatte auch der Marquis Sauvage ein Spielzeug oder einen Schmuck gemacht. Keine hatte ihn beſeſſen; er hatte ſie Alle beſtegt, aber er hatte verſchmäht, ſeinen Sieg zu nützen. Ein Mal, ein einziges Mal hatte ſein Herz ge⸗ klopft, als es mit Erſtaunen ſo ſpät erſt die ungedul⸗ digen Wonnen des Verlangens kennen lernte. 3 Er hatte lange Stunden hindurch geträumt, und der Name Mariens von Varannes hatte ſich ſeiner Seele tief eingeprägt. Marie war aber auch ſehr ſchön und ſehr rein! Ihr Blick war leidend und drückte aus, wie viel Thrä⸗ nen ihr ihre Liebe koſtete! Arme Marie! Der Marquis ſah, wie ſo fromm 62 ſte zu Gott betete! Sie glich den andern Frauen ſo wenig!... Er liebte ſie, er verfolgte ſie; allein bei dieſen rührenden Thränen der beſiegten Gattin, die ihre Hände faltete und Gnade von der Liebe erflehte, hielt er an ſich. Es war keine jener zügelloſen Leidenſchaften, die alle Schranken brechen und überſteigen; es war die edle Zärtlichkeit des Ritters für ſeine Dame, jenes ſtarke und ſüße Gefühl, das zwiſchen brüderlicher Freundſchaft und dem Wahnſtinne der Leidenſchaft die Mitte hält. Eines Abends erblickte am Arme Mariens von Varannes der Marquis, wie wir wiſſen, zum erſten Male Gaſton. Das war ein merkwürdiger Schlag. Er fühlie eine andere Seele in ſich erwachen. Seine Natur ver⸗ hnirlachie ſich. Ein Schleier breitete ſich ihm über die ugen... Und dann konnte die Baronin von Roye die ganze Nacht über nicht ſchlafen... Dieſes mächtige Geſchöpf, Carmen, die Arm und Herz der Männer beugte, ſuchte eine Zuflucht in ihrer Kraft. Sie hatte keine Kraft mehr. Sie konnte immerhin zu ſich ſagen: „Ein Frauenkleid kann das Geſchlecht eines Mannes nicht umändern...“ 5 Sie rief ſich das verdunkelte Bild Mariens von Varannes vor die Seele. Gaſtons Bild erſchien. Und ihr Herz, ihr ſo ſtarkes Herz wurde weich! Ihr Mund lernte eine glühende Sprache. Ihr Verſtand verwirrte ſich. Ein hitziges Fieber ſetzte ſie in einen Zuſtand der Verrücktheit. 8. Der kommende Tag brachte ihr den Muth wieder. Sie trat ihre Frauengewänder, die ihr von nun an eine gehäſſige Verkleidung erſchienen, mit Füßen. Mit einer Regung des Hochmuthes zog ſie das Kleid an, das ſie zu einem Manne machte. 63 Der Marquis Sauvage hob ſeine ſtolze Stirn. Pfui über die Schreckniſſe der Nacht!.... Während dieſes Tages erhielt er dann, ſich zu ſeinen Huldigungen ſwingend, eine Zuſammenkunft unter vier Augen mit Marie von Varannes. Der Zufall brachte ihm Gaſton wieder auf ſeinen Weg; er warf ihm ſeinen Beutel und ſeine Karte zu, ohne ihn wieder zu erkennen. Dann fuhr er im Galopp davon, weil hinter ihm ein anderer ihm bekannter Wagen folgte, in welchem das ſpähende Auge Diana's von Baulnes ſich zeigte.... Wir wiſſen, was aus dieſem Zuſammentreffen ent⸗ ſtand. Gaſton begab ſich in's Hotel des Marquis und forderte ihn. Vielleicht hätte der Marquis den Schimpf ertragen, allein Marie von Varannes war da, ganz in der Nähe, und ſah und hörte zitternd die Schmähung. Und dann fühlte der Marquis in jenem Augenblick eine Regung des wüthendſten Haſſes gegen Gaſton. Er erinnerte ſich der Nacht. Er ſchämte ſich, und noch war ſein Geiſt von einigem Schreck befangen. Gaſton hatte dieſe Verwirrung hervorgebracht und dieſen Wahn⸗ ſinn angezündet. Er mußte Gaſton tödten. Den ganzen Abend hindurch war eine unruhige Aufregung in ihm, die ihn vor ſich ſelbſt rettete. Er war heiter. Der Cirkel der Frau von Pontlevau ſah ihn noch reizender, als gewöhnlich. Für Marie von Varannes hatte er liebreiche Sorgen, zarte Aufmerk⸗ ſamkeiten. Kalt und mit geiſtiger Ueberlegenheit traf er mit Du Chesnel und dem Doktor Joſepin ſeine Maß⸗ regeln für das Duell am folgenden Tage. Aber in der Nacht! oh, welche tödtliche Qualen! welch' unbezähmbare Liebe! welche unfinnigen Hoff⸗ nungen!... Carmen erblaßte; wie ſchön war ſie beim nächt⸗ lichen Schein ihrer Lampe. Ihr haͤttet ihr ſtarres Auge, ihre bleichen Lippen und ihre unter der aufgelösten Flu 64 htar langen ſchwarzen Haare zitternden Schläfe ſehen ſollen. In ſitzender Stellung ſann ſie nach. Ihr bewun⸗ derungswürdiger Körper ſchauerte beim eiſigen Hauch der Furcht zuſammen und ihr Blick ſchloß ſich vor einer Viſton, die ihr Grauen einflößte.... „Ich werde ihn tödten,“ ſagte ſie;„morgen ſtehen 3 wir Degen gegen Degen. Ich muß ihn wohl tödten!“ Und ihr Auge funkelte bei dieſem Rachegedanken. Sie raffte ſich von ihrer Ermattung und Muthloſigkeit auf. Dann neigte ſich ihre Stirne wieder. „Ihn tödten! mein Gott! ihn tödten!..“ liſpelte ſie ſchaudernd;„ſo jung! ſo ſchön! ſo theuer!“ Ihre beiden Hände drückten convulſiviſch den Kopf, der zu berſten drohte. Gebrochen von Müdigkeit, ſchlief ſie ein. Es kamen Träume, die ihren Schlaf beunruhigten und die Qualen ihrer Nachtwachen auch in ihr Reich hinüberzogen. Sie ſtöhnte, das Fieber ſchüttelte ſie... Sie befand ſich auf dem verſengten Abhange einer ſpaniſchen Sierra. Vor ihr ſtand eine Frau in fremd⸗ artiger Kleidung, das Geſicht von tauſend gelben Run⸗ zeln durchfurcht. Und Yahbel ſagte zu ihr: „Kind, als Mann wirſt Du ſchön ſein... aber ſchöner noch wirſt Du als Weib ſein... Haſt Du zwei Herzen?“ Dann war's wieder ſchwarze Nacht. In einer Schlucht — der ſchottiſchen Gebirge winkte ihr ein großer Greis mit wilden, myſtiſchen Zügen heran, deſſen Mund ſich öffnete, um den räthſelhaften und ſeltſamen Geſang Jahn Vohrs hören zu laſſen. 6 „„ . Carmen wachte ſählings G auf. — 65 Ihre Haare flatterten in wilder Unordnung, ihr Blick war verſtört. „Jahn Vohr!“ ſagte ſie;„Jahn Vohr und Yahbel! Ach! ja... ich habe zwei Herzen..Mein Gott! mein Gott! verbirg mir meine Seele!...“ 0 Armida's Lächeln. Nach der Scene des Duells auf der Schießſtätte Saint⸗ Chaumont hatte der Herr Marquis von Malllepré, wie wir wiſſen, Gaſton Angeſichts ſeiner zwei Zeugen, Ro⸗ meo's und des guten Nazaire's, Dragon genannt, da⸗ von geführt. Das elegante Coupee des Herrn Marquis hatte vor Nummer 4 der Straße Caſtiglione gehalten. Man hatte den immer noch ohnmächtigen Gaſton in die Ge⸗ mächer der Frau Baronin von Roye getragen. Ein Arzt war ſogleich herbeigerufen worden. Ga⸗ ſton wurde mit Pflege umgeben und mit aller erdenklichen Vorſicht und Sorgfalt behandelt. Man hätte glauben ſollen, die Liebe einer Mutter wache neben ſeinem Bette. Seit langer Zeit bewohnte die Frau Baronin von Roye den ganzen erſten Stock der Nummer 4 in der Straße Caſtiglione. Sie war gleich nach dem Tode ihres Gemahls, ſomit am Tage nach ihrer Verheiratung, hieher gezogen. Frau von Roye hatte wirklich ihren Gatten einige Stunden nach der Trauung verloren und war, kaum vermählt, Wittwe geworden. Man glaubte im⸗ Hauſe, die Frau von Roye be⸗ wohne gewöhnlich ein prachtvolles Schloß, das ſie, man wußte nicht wo, vielleicht in der Normandie, vielleicht in Burgund beſaß. Sie hatte im Brauch, nur ſehr Pariſer Liebſch. III. 5 ſelten und auf ſehr kurze Zeit in ihrer Wohnung zu erſcheinen. Faſt alle Wochen kam ein Mann, mit einer gedul⸗ digen, unermüdlichen Beharrlichkeit nach ihr zu fragen. Man verweigerte ihm die Thüre und er murrte nicht. „Dieſer Menſch war häßlich wie Baſilius. Er ließ dem Verwalter ſeinen Namen auf einem kleinen Stückchen Papier zurück und ſagte: „Entbietet gefälligſt der Frau Baronin meine Em⸗ pfehlungen... Ich werde wieder kommen.“ Der aufgeſchriebene Name lautete: Deniſart. Seit einer Woche kam noch ein anderer Beſucher, und zwar täglich. Dieſer ſprach laut und wurde jedes⸗ mal böſe, wenn ihm die Abweſenheit der Frau Baronin angezeigt ward. Er gab Karten, das Hundert zu einem Franken und fünfundzwanzig Centimes ab, auf welchen in einem Kranze von Verzierungen der lithographirte Name Roby ſtand. Als die Frau Baronin Deniſarts Papierfetzen erhielt, machte ſie eine Geberde des Eckels, welche ihren Ver⸗ walter in der ſchlechten Meinung, die er von dem un⸗ glücklichen Profeſſor gefaßt hatte, beſtärkte. In Bezug auf Roby's Karten wurden ihr alle mit einander an demſelben Tage, an welchem Gaſton bei ihr angekommen war, zugeſtellt, und alle miteinander warf ſie mit ihrer weißen, zierlichen Hand ins Feuer, weil ſie ohne Zweifel an etwas viel Intereſſanteres dachte. Der herbeigerufene Arzt hatte indeſſen Gaſton un⸗ gemein ſchwach und kraftlos gefunden. Die Wunde war eine leichte, allein es zeigten ſich drohende Folgen der erlittenen Ermüdung und der Arzt ſchrieb die ſorgfäl⸗ tigſte Schonung vor. Die Baronin war nicht zu gleicher Zeit mit Gaſton in ihre Wohnung gekommen, weil der Herr Marquis von Maillepré doch ſeine Männerkleidung ablegen mußte. Nennen wir nun aber Carmen Baronin oder Mar⸗ 4 67 quis, ſie war an dieſen plötzlichen Wechſel ſchon ſo ſehr gewöhnt, daß ſie nur wenige Minuten dazu brauchte. Sie wollte Gaſtons Pflege Niemand anvertrauen. Dieſer hatte eine fieberiſche Nacht. Die Baronin wachte an ſeinem Bette.— Das Zimmer war nur durch eine außerhalb des Alkovens ſtehende Lampe erleuchtet. Mehrmals ſah Ga⸗ ſton in halbem Wachen ein ſchönes Frauenantlitz, das ſich über ſein Lager neigte und ihn liebevoll betrachtete. Er glaubte ſich von einem holden Traume befan⸗ ger.. Aber dieſe Nacht war ſchon lange entſchwunden. Seit mehr denn einer Stunde unterhielten ſich Ga⸗ ſton und Carmen. Ihr Mund ſprach gleichgültige Worte, aber ihre Seelen flüſterten ſich Liebe zu. Sie war ſo ſchön und ihr Blick hatte ſo viel ver⸗ führeriſche Macht! Gaſton hatte noch ein Nenlingsherz, in welchem nur das Gefühl brüderlicher Liebe wohnte. Noch nie hatte das Bild einer Frau ſein ernſtes Sin⸗ nen verlängert und Sancta war es, welche ihm in den reinen Träumen ſeines Schlafes erſchien. Im Mannesalter war er noch ein Kind. Seine ausnahmsweiſe, ſchmerzhafte Lage hatte um ſein Herz und ſeine Sinne gleichſam eine Schranke erbaut. Wenn er zuweilen in der Aufregung ſeiner ſchlafloſen Nächte die unbeſtimmten Rufe der unruhigen Jugend vernommen, ſo ſtanden nicht die Weiber vor ſeiner Seele, ſondern das Weib. Sein Elend machte ihn ſcheu und kalt. Wo konnte überdieß der geſunkene Maillepré lieben? ei den höhern Ständen hätte er nur Staunen oder Verachtung gefunden; bei den niedern.... Ich muß es wohl ausſprechen, der Roman predigt gewöhn⸗ lich eine Vermiſchung der Stämme und ſchleudert ſein kaykäferanathena auf jeden Edelmann, der nicht ge⸗ neigt iſt, mit einem Bäckersmädchen ſeinen Stamm fort⸗ zupflanzen; aber unſerer Meinung nach läßt ſich ein edles Herz nicht zu dem herab. 68 Es wäre unſtreitig in unſerem Jahrhundert, in wel⸗ chem durch ſo viel Unglück und Schmach die Standes⸗ unterſchiede aufgehoben worden, unſinnig, unſinnig wäre es zu behaupten, daß eine Mißheirat ein Verbrechen oder nur eine tadelnswerthe Handlung ſei. Aber wohl ſtark ſcheint es uns, aufzuſtellen, daß ſie eine verdienſt⸗ liche Handlung ſei. Seine Wäſcherin heiraten, iſt höch⸗ ſtens gut, um das gewöhnliche und gemeine Gewebe eines Vaudevilles zu löſen. Hat man ſie geheiratet? Das iſt Thatſache. Sprechen wir weiter nicht davon, weil jede Thatſache, ſagt man, ehrenwerth iſt. Aber ſchreien wir dagegen nicht racca über die armen Geiſter, die ein Aehnliches zu thun nicht den Muth in ſich fühlen. Uebrigens ändert Großmuth gar oft den Anſchein, und ſelbſt die Natur der Dinge. Es mag ſchön ſein, ſich herabzulaſſen, um eine Ehrenſchuld oder eine Schuld des Glückes gut zu machen oder abzutragen, wenn man reich iſt oder auf dem Gipfel menſchlicher Rangſtufe* ſteht. Aber unſers Dafürhaltens weiß der Edelmuth dem Armen ganz anders zu dienen. Wer könnte ihm den Vorwurf machen, ſich ſcheu und kalt in die Einſamkeit ſeines Unglücks zurückzuziehen? Ihn umgibt nicht mehr jenes Blendwerk der Macht, welches ihm geſtattet, die Frau ſeiner Wahl zu ſich zu erheben, ſtatt zu ihr hinabzuſteigen. Er denkt ſich, der Ruhm der Vorfahren ſei ein un⸗ ſeliger Schutz, den man unverſehrt unter einen Grab⸗ ſtein verſenken müſſe. Täuſcht er ſich? Verzeiht ihm den erſten Irrthum um der Seltenheit des Falles willen. Ihr werdet in ⸗ euerem Leben nicht viele dergleichen Irrthümer zu ver⸗ zeihen haben. 3 Bis dahin hatte Gaſton ſeine ganze Zärtlichkeit auf Sancta übergetragen. Er hatte einzig ſie und ſie leidenſchaftlich geliebt, denn ſolch' ſchöne Liebe zu ſeiner Familie kann den Grad der Leidenſchaft erreichen. Gr: * 69 hatte ſeine ganze Hoffnung und ſein ganzes Glück auf ſie geſetzt. Er hatte ſich ſogar oft in ſeinem Innern verſprochen, ſein Herz vor jeder andern Liebe zu be⸗ wahren. Aber wohin gehen ſolche Verſprechungen? Der Anblick der Baronin, dieſes ſo vollkommenen Weſens, hatte in ihm plöͤtzlich ein Heer ſchlummernder Empfindungen wach gerufen. Er hatte, er, der Neu⸗ ling, mit Einem Zlick errathen, daß die Baronin ihn liebte, und mit einem Blick hatte er die ganze Tiefe dieſes Gefühls durchſchaut. Aber weit entfernt, ſich lange mit dieſer Zuverſicht zu tragen, ſtieß er ſie bald als einen Irrthum zurück. Während ſeine Verwirrung zunahm und in die unbe⸗ ſtimmten und ſtürmiſchen Wonnen die erſten Qualen des Liebenden miſchte, ſah er im Lächeln dieſer über ſein Kiſſen hingeneigten Frau nur ein freundliches Mitleid und erſchrack über die ſieberiſche Aufregung ſeiner Ge⸗ danken. Er fürchtete ſich, zu lieben, weil er fühlte, daß er glücklich und leidend zugleich ſein würde. Die Baronin erforſchte ängſtlich dieſe Verwirrung und ſuchte in dieſen erſten Symptomen der Leidenſchaft zu leſen. Sie hatten das Wort Liebe noch nicht ausge⸗ ſprochen, aber in ihnen und um ſie erſetzte Alles dieſes Schweigen.... Die Baronin hatte ſich anfänglich für die Schweſter des Marquis von Maillepré ausgegeben, um eine ſo auf⸗ fallende Aehnlichkeit der Züge, welche Gaſtons Blick nicht lange hätte entgehen können und die kein Wechſel der Kleidung hinreichend verdeckt haben würde, erklär⸗ lich zu machen. 4 Gaſton hatte ihr ohne Schwierigkeit Glauben ge⸗ ſchenkt, und der Widerwillen, den er gegen den Bruder fühlte, hatte den mächtigen Zauber, den ſeine Schweſter auf ihn ausübte, nicht vermindern können. Vielleicht auch, denn die Liebe kümmert ſich nicht um die Lsgik und weiß ungeahnte Wege zu unſerer Seeie 70 zu finden, vielleicht hatte ſogar der Haß ſeine Sympathie für die ſchöne Baronin begünſtigt. Dieſe aber hatte dieſer ihrer erſten Liſt eine zweite beigefügt. Um Gaſton von dem Gedanken abzubringen, auf der Stelle zu ſeiner Schweſter zurückzukehren, deren Bild ſeinem Geiſte unaufhörlich vorſchwebte und mächtig ge⸗ gen die erſten Lockungen des Zaubers ankämpfte, der ihn unterjochen ſollte, hatte die Baronin zu ihm geſagt: „Sie werden Ihre Schweſter wiederſehen, ſobald ſich Ihre Wunde geſchloſſen haben wird.... jetzt hieße das, ſich in unnütze Gefahr ſtürzen.... Wir find weit von Paris.. Mein Bruder hat Sie in ſein Schloß Avalon in Burgund geführt!.... „In ſein Schloß Avalon!“ wiederholte Gaſten mit Bitterkeit, als er den Namen einer ſeiner Familien⸗ domänen hört;„ſo wäre ich denn Gefangener, Madame?“ „Ich bin allein zu Ihrer Bewachung da,“ antwor⸗ tete ſanft die Baronin. „Aber warum brachte man mich in den Wagen des Herrn Marquis?“ fragte Gaſton wieder. „Ich weiß nicht..“ liſpelte die Baronin,„vielleicht aus Zufall...“ Sie ſprach nicht zu Ende, allein die ſchöne Ver⸗ ſchämtheit, die auf ihrer Stirn lagerte, erklärte ihr Lächeln. 3 Gaſtons Mißtrauen in Betreff dieſer ſeltſamen Reiſe wollte ſich nicht verlieren. Da er aber erſt nach ſeiner Ankunft wieder zum Bewußtſein gelangt war und ſich bei ſeinem Erwachen in einem unbekannten Zimmer ge⸗ ſehen hatte, ſo blieb ihm kein Mittel, ſich von der Wahrheit dieſer Ausſage der Baronin zu überzeugen. Dieſe reichen Tapeten, die ihn mit ihrer eleganten Pracht umgaben, konnten wohl der Wohnung eines prunkſüch⸗ tigen und verſchwenderiſchen Menſchen, wie der Herr Marquis von Maillepré war, angehören. Die tiefe Stille, die in dem Zimmer und der Um⸗ 4 71 gegend herrſchte, ſchien überdieß wirklich von der ein⸗ ſamen Ruhe des Landlebens herzurühren. Gaſton glaubte ſich in Burgund.... Seine Schweſter, die in dieſer Welt bis jetzt ſeine lebhafteſte, ſeine einzige Liebe geweſen, konnte er jeden⸗ falls nicht vergeſſen; aber Carmen war eine Zauberin, der ſich nicht widerſtehen ließ. Ohne es zu wiſſen, griff Gaſton bereitwillig den Vorwand auf, ihrer Gegenwart und ihres Anblicks länger zu genießen. Das Gewiſſen hat ſeine Sophismen. Als mitſchul⸗ dig des Verlangens, täuſcht es ſich zuweilen ſelbſt. Der Arzt hatte erklaͤrt, daß eine zweite Fahrt, unmittelbar unternommen, die höchſte Gefahr nach ſich ziehen würde. Gaſton hatte ſomit den leiſen Vorwürfen ſeines Herzens, das ihm Sancta in quälender Unruhe, verzweifelnd und verlaſſen zeigte und einen Wiederhall ihrer Klagen und Seufzer bis zu ihm hinführte, eine Entſchuldigung ent⸗ gegen zu ſtellen. Noch an demſelben Tage ſprach er nicht mehr von Abreiſe. Voller Dank empfing er die Eröffnung der Ba⸗ ronin, welche ihm vorſchlug, Sancta durch einige Zeilen ſeiner Hand zu beruhigen.. Die Baronin ſchrieb ſelbſt jenes Billet, deſſen Inhalt Gaſtons Freunde ſo ſehr er⸗ freute und die bittere Entmuthigung der armen Sancta in Hoffnung verwandelte. „Morgen,“ ſagte ſich Gaſton,„werde ich abreiſen. Sancta! mein geliebtes Schweſterchen!... wer ſollte mich länger von ihr entfernt halten können?...“ Und welches Entzücken lag auf Gaſtons Stirne, auf welcher das wiedergekehrte Leben noch einen Reſt von Bläſſe bekämpfte. „Es beſtand kein Geheimniß mehr zwiſchen ihnen. Sie verſtanden ſich: ſie liebten ſich ohne Rückhalt. 72 Der Zauber, welcher ſich um Carmen verbreitete, wirkte unwiderſtehlich. Es war gleichſam ein wollüſti⸗ ges Stralen allmächtiger Anmuth. Man hätte glauben ſollen, die Liebe, die ſie zum erſten Mal empfand, habe ihre ſiegreichen, verführeriſchen Neize verdoppelt. Sie war glücklich. Ihre bewunderungswürdige Schönheit gewann noch durch ihr Glück. Gaſton betrachtete ſie mit begeiſtertem Entzücken. Ihre Hände verſchlangen ſich, ihre Augen ſprachen zu einander, in ihr Lächeln miſchten ſich gegenſeitige Lieb⸗ koſungen.... Unterjocht, verloren, lebte Gaſton nicht mehr in ſich ſelbſt, ſondern in ihr. Sein Wille hatte keine Schwungkraft mehr, ſein Verſtand dachte nur an Liebe, ſein ganzes Weſen beugte ſich unter die feindliche Lei⸗ denſchaft.... 5 Und ſeine plötzlich erwachte Jugend vergaß den eiſernen Druck des Unglücks. Er ſtand von ſeiner tödt⸗ lichen Erſtarrung auf. Sein Leid war gewichen. Seine ehemals ſo eingeſunkene Bruſt hob und dehnte ſich beim belebenden Hauch einer Atmoſphäre voller Wonnen. Eine neue Wärme trieb in ſeine Knochen den Saft der ſchönen Jahre. Das Blut wallte durch ſeinen Adern, die von Jugendfeuer und Kraft jetzt ſtrotzten. Es war nicht die eitle Aufregung eines vorüber⸗ gehenden Fiebers, das doppelte Ermattung hinter ſich zurückläßt. Es war der Lebensſtrom. Gaſton wurde neugebo⸗ ren. Er liebte. Carmen betete ihn an. O Carmen! Welche Worte könnten das ſtumme Glück ihres begeiſterten Entzückens ſchildern. Ihre Liebe überſtieg Gaſtons Liebe mit der ganzen überlegenen Kraft ihrer Natur. —— Sie war eine zugleich ſtürmiſche und unterwürfige Leidenſchaft, brauſend und wieder fklaviſch ergeben, voll zarter, ſchützender Sorglichkeit und närriſcher Bewunde⸗„ — 73 rung, liebkoſend wie die Zärtlichkeit einer Mutter, aber eiferſüchtig wie die Laune eines Gebieters. Es war eine liebliche Liebe, umduftet von ſchön⸗ ſter Poeſte, und es war eine ungeheure, brennende Liebe, welche die Seele eines gemeinen Geſchöpfes gebrochen hätte, wie ein in verſchloſſenem Gefäſſe ſchäumender, gährender Saft die Wände ſeines zerbrechlichen Gefäng⸗ niſſes berſten macht. „Ich liebe Sie,“ ſagte er;„o ja!.... mit aller Macht meines Herzens.... Aber wohin ſoll dieſe Liebe führen?....“ „Ich bin frei,“ erwiederte die Barcmin. Gaſton ließ ſeinen Kopf auf das Kiſſen zurückfallen. Einen Augenblick zeigten ſeine Züge jene ſtolze Kälte, welche vordem ſein gewöhnlicher Ausdruck war. „Ich, ich bin arm....“ murmelte er. „Aber ich bin arm!...“ Hingeben zu bekämpfen verſuchte. Sie drückte Gaſtons Hände in den ihrigen. Eine 74 Sekunde lang zögerte ſie. Dann drückte ihre Lippe einen ſchüchternen Kuß auf ſeine blaſſe Hand. „Sie müf verzeihen, reich zu ſein!“ Ihre Freuden, damit ich Sie noch beſſer kenne und Ihre Vergangenheit ſo ſehr, wie Sie ſelbſt, liebe.“ Carmens Auge ſiel ſchwer und ſtarr auf den Tep⸗ pich. Eine Falte ward an der edeln Harmonie ihrer „Meine Vergangenheit!....“ murmelte ſie;„das waren böſe Tage, in welchen Gott ſich grauſam gegen ein armes Mädchen erzeigte.... Ich möchte dieſe Tage Gaſton fühlte ſein Herz angekältet. Eine unbe⸗ ſtimmte Furcht trat zwiſchen ihn und Carmen. Zum erſten Mal fragte er ſich: Wer iſt dieſe Frau? 8 „Vergeſſen,“ wiederholte er, ohne ſich der Worte, die er ausſprach, bewußt zu ſein;„man erinnert ſich doch gerne, wenn endlich das Glück gekommen iſt, der Zeiten, wo das Unglück die Seele marterte, ohne ſie verderben zu können...“ Carmen ſchauderte und warf einen Blick des Ent⸗ ſetzens auf ihn. Lag ſchon ein Argwohn in dieſem Herzen, das erſt ſeit geſtern liebte? Carmens durchdringendes Auge erforſchte Gaſtons Geſicht. Sie ſah jene noch unbeſtimmte Furcht darin, die zum Mißtrauen werden ſollte. Die Angſt, welche ſie empfand, konnte ſich nicht einen Augenblick auf ihren Zügen malen. Sie nahm ſogleich die Maske ſtolzer, reiner Heiterkeit an. „Sie haben Recht,“ antwortete ſie mit trauriger und langſamer Stimme;„aber hörten Sie nie von Un⸗ glück ſprechen, das erniedrigt?“ Sie war ſo ſchön und ihre Worte enthielten in ihrer hehren Anmuth einen ſo bittern Vorwurf, daß Gaſton ſich hätte vor ihr auf die Kniee werfen mögen, und ſie um Verzeihung bitten.. Mit einer gebieteriſchen Gebärde hemmte Carmen den Ausdruck ſeiner Reue. „Vor ſieben Jahren,“ ſagte ſie,„tanzte ich eines Abends im Kothe auf dem Boulevard du Temple den Fandango, um ein Stück Brod zu erhalten....“ Gaſton unterbrach ſie mit einem Schrei des Er⸗ ſtaunens. „Carmen ſtand auf, ging ins Boudoir und nahm die neben dem Dolche mit goldenem Hefte liegenden Caſtagnetten von Ebenholz, die ſie auf die Bettdecke warf. Sie blieb ſtehen und kreuzte ihre Arme auf der Bruſt. Ihre Stirne richtete ſich ſtolz auf. Eine Königin hätte ſie um die reine Würde ihrer Haltung und ihrer Phyſiognomie beneidet. „Sehen Sie das,“ begann ſie wieder; dieſes 76 Spielzeug, das meinen Tanz begleitete in jenen Tagen, wo ich genöthigt war, zu lächeln, wenn mein Herz brach, dieſes Spielzeug erinnert mich an meine ganze Vergangenheit, die es in ſich ſchließt.... Verdammen Sie mich nicht, wenn meine Erinnerungen ſchreckliche ſind Ich hatte keinen Vater, keine Mutter mehr... Und ich war noch ſo jung, als all' dieſes Weh über mich kam!....“ 8 3. Vahbel und Jan Vohr. Gaſtons Augen drückten beredt ſeine Reue aus. Carmen hatte ihren Sitz an ſeinem Kopfkiſſen wie⸗ der eingenommen. Sie blieb einen Augenblick ſchwei⸗ gend. Zu weit gegangen, um wieder rückwärts zu kön⸗ nen, ließ ſie ſchnell ihre vergangenen Lebenstage an ih⸗ rer Seele vorübergleiten, um aus dieſem Kranze die reinen Blüthen ſich heraus zu wählen. Gar vielerlei Dinge, deren Mehrzahl jedoch aus einer einzigen That, dem Morde James Weſterns, ent⸗ ſproſſen, hatte ſie zu verbergen. Und in Gaſtons Au⸗ gen wollte ſie mackellos erſcheinen. Aber auch verſtellen wollte ſie ſich nicht vor ihm, denn das Weſen, das er liebte, ſollte wirklich ihr eige⸗ nes, ihr wahres Weſen ſein.— Ein verſtohlener Blick auf ihn hatte ſie überzeugt, daß jeder Argwohn in Gaſtons Herzen erloſchen ſei. Mit der Herrſchaft, die ſie neuerdings über ihn gewann, kam auch ihr Muth wieder. „Vergebung, Madame, Vergebung!....“ liſpelte er;„ich liebe Sie ja ſo ſehr....“ „Nennen Sie mich Carmen,“ entgegnete die Bars 77 nin,„und ſagen Sie mir, wie Sie von Ihrer Schwe⸗ ſter und Allen, die Sie lieben, genannt werden.“ „Gaſton,“ antwortete dieſer mit leiſer Stimme, „wie Ihr Bruder....“ Die Baronin ſchaute ihn feſt an, als wäre ihr plötzlich ein Gedanke in der Seele aufgeſtiegen. Ga⸗ ſton hatte die Augen geſenkt. In ſeinem erzwungenen Lächeln lag etwas Bitteres... „Aber ich und der Herr Marquis von Maillepré,“ ſetzte er hinzu,„haben nur das Eine mit einander gemein.“ „Gaſton!“ wiederholte die Baronin, die nachzuſtn⸗ nen ſchien; nich werde Sie ſo nennen.... Und will's Gott, wird Ihr Haß gegen meinen Bruder nicht auf mich zurückfallen!“ „So lange ich Sie liebe, Carmen,“ ſagte Gaſton, „will ich ihn vergeſſen.... und lieben werde ich Sie immer!... „Aber warum dieſer Haß?....“ hob die Baronin on!... o, wie ſüß iſt mir's, dieſen Namen zu wie⸗ derholen!.. Gaſton, ich bitte Sie.... was hat Ihnen mein Bruder gethan?....“ „Und doch muß ich es wiſſen!“ fuhr die Baronin in leidenſchaftlicher Aufwallung fort,„denn zwiſchen Ih⸗ nen und meinem Bruder würde ich nicht ſchwanken, Ga⸗ ſton!... Würde ich ſchwanken zwiſchen Ihnen und der ganzen übrigen Welt?“ „Madame, haben Sie Mitleid!“ ſagte endlich der Verwundete, der ſeinen Muth dahin ſchwinden fühlte. „In Ihrer Nähe bin ich ſchwach... und ich kenne kein „Opfer, das Ihre ſüßen Worte aufwiegen könnte.... Dank! Dank Ihnen von ganzem Herzen!... Sie lehren mich Freuden kennen, die ich hienieden nie ge⸗ anhnt.... Sie wecken mich aus meinem dunkeln Un⸗ 78 glück durch Ihr Lächeln zu einem neuen Leben auf.... Allein um das Geheimniß meines Zornes.... o, ich bitte, um das fragen Sie mich nimmer!“ In leiſem Zittern bewegte ſich die kühne Linie der ſchönen Brauen der Baronin, die ſich faſt unmerklich runzelten.... Ein gebieteriſcher Stral blitzte unter dem halbgeſchloſſenen Augenlide hervor. Es war, als müßte ihr Mund ſich öffnen, um zu fordern und zu be⸗ fehlen. Aber als ſie dann den Mund öffnete, war es, um ſich ergebungsvoll zu fügen. „Gaſton,“ ſagte ſie zärtlich,„Ihr Geheimniß kann nur das eines edeln Herzens ſein, und an mir iſt es, nachzugeben, weil ich inniger liebe.... Aber!“ fügte ſie mit um ſo reizenderer Munterkeit hinzu, als dieſe eine ernſte, tiefe Bewegung barg,„ich werde ſie er⸗ rathen.“ 3 Sie rückte ihren Lehnſtuhl ganz an das Bett hin und reichte Gaſton ihre Hand, welcher dieſelbe an ſeine Lippen drückte. „Jetzt,“ hob ſie wieder an,„hören Sie mir zu... Ich verlange nicht Ihr Gegenvertrauen und Ihre Ge⸗ gengeſtändniſſe... Ich aber, ich habe Nichts vor Ih⸗ Geſenkten Hauptes und mit ſinnenden Blicken ſam⸗ „Sie ſind arm und haben viel gelitten. Kam wohl Ihr Elend dem meinigen gleich?.... Ich, ich bin das Kind des Zufalls. Mein Erbtheil war Betteln.... „Meine Heimat?... Ich weiß nicht, wo ich ge⸗ boren bin, Gaſton. Mein Vater war ein ſchottiſcher Zigeuner, meine Mutter eine ſpaniſche Zigeunerin.... Wo trafen ſich wohl der Gypſi und die Gitana. Kei⸗ nes von ihnen hat ſich je die Mühe genommen, mich damit bekannt zu machen.... * V 4 * * „Mein Vater war ſtark und verwegen. Er hieß 79 Kaleb. Meine Mutter war ſehr ſchön.... Man nannte ſie Dolores. „Mein Vater hieß mich Flamy, meine Mutter Carmen. „Sie ſprach dieſen Namen beſonders lieblich aus. Aber dennoch iſt Ihre Stimme noch lieblicher, als die meiner Mutter. „Nur unbeſtimmt erinnere ich mich der Tage mei⸗ ner Kindheit. Dolores trug mich in einer aus ihrem wollenen Halstuche bereiteten Hängmatte auf ihrem Rücken. Auf ſolche Weiſe durchwanderten wir große Landesſtrecken. „Kaleb tanzte auf den öffentlichen Plätzen. Er machte Zauberkünſte, bändigte wilde Pferde und ver⸗ kaufte den Picadoren Amulette. „Dolores ſang mit Begleitung ihrer Guitarre, wel⸗ cher ſie ſchwermüthige Harmonien entlockte. Sie tanzte und lenkte die Blicke der Herrn auf ihre ſchöne Geſtalt, die im Jota oder Bolero ſich geſchmeidig wand, wäh⸗ rend ihr Mund beim Schellen ihrer baskiſchen Trommel lächelte.— „Die Herren ſprachen ganz leiſe mit ihr. Kaleb horchte, was die Herren ihr wohl zu ſagen hätten. „Er liebte Dolores, wie man unter dem heißen Him⸗ mel Spaniens liebt, wie man liebt, wenn in den Adern jenes kochende, brennende Blut Egyptens fließt....“ Das Diamantgefunkel der Augen der Baronin er⸗ loſch in dem Schmachten eines langen, feuchten Blickes, der Gaſtons Stirne mit Glut überzog. Er hörte ſie an. Seine Gedanken verſchwammen unbeſtimmt und verworren. Sein Herz warf ſich dieſer ſo ſchönen Frau entge⸗ gen, die von ihrem Unglück ſprach. Aber ein Etwas in ihm ſträubte ſich gegen dieſe Liebe unb kämpfte gegen ihre unbeſiegliche Macht an. War es der Stolz des ritterlichen Blutes, der vor einer Entweihung durch heidniſches Blut zurückbebte? 80 Er hörte ſie an. Seine Seele litt bei dieſer Er⸗ zählung, die ihn entzückte. Das Vergnügen, das er empfand, hatte Etwas gleich einer ſtechenden Kehrſeite. Es war eine verſchie⸗ denartige Bewegung, in welcher ihr Leid und Freude nicht von einander unterſchieden hättet, und in der ſich Bitterkeit mit Entzücken miſchte. Aber mitten unter ſolch ſtummen Kämpfen wuchs die Leidenſchaft und ſchlug ihre Wurzeln im tiefſten Grunde des Herzens. Er liebte. Carmen beſchäftigte ihn ganz und gar. Er liebte ſo ſehr, daß die Erinnerung an die arme Sancta vergeblich an der Schwelle ſeines Gedächtniſſes Lauf. Carmens Blick entriß ihm einen Seufzer des Ent⸗ zückens. Sie fuhr fort: „Kaleb liebte Dolores, wie ich Sie liebe, Gaſton. Er war eiferſüchtig und zuweilen entglitt ſein ſchar⸗ fer Dolch der langen Scheide, wenn die Herrn etwas zu nahe traten und die goldgelbe Wange der Zigeunerin zum Erröthen brachten. 4 „Auch war unſer Leben eine lange Reiſe. Wir hielten zu keinem Stamme. Wir Drei waren allein.“ „Und Ihr Bruder?“ unterbrach ſie Gaſton. Die Baronin erbebte und ſperrte ihre halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen mit einem wahren Entſetzen weit auf. Sie war auf dem Punkte geſtanden, ſich zu ver⸗ rathen. 8 — 81 Einige Worte mehr und das Geheimniß, welches zu verbergen ihr ſo ſehr am Herzen lag, war ent⸗ ſchleiert. Aber noch war es Zeit. Kaum konnte Gaſton die plötzliche Bläſſe bemer⸗ ken, die ihr Geſicht überzog. Durch eine beſondere An⸗ ſtrengung hatte ſie ihre Faſſung wieder gewonnen und antwortete: „Mein Bruder iſt viel jünger, als ich.. ich ſpreche Ihnen von meiner erſten Kindheit. Damals waren wir Drei noch allein....“ Die Autwort wäre auch bei einem Verdachte gut beneſen⸗ und in dieſer Hinſicht hatte Gaſton keinen Ver⸗ dacht. Ueberdieß ſchien der Marquis von Malllepré in der That jünger als die Baronin. Man weiß daß Männer⸗ kleidung das Frauengeſicht immer einige Jahre jünger erſcheinen läßt und daß dagegen der Mann älter aus⸗ egregäeband er die Gewänder des andern Geſchlechtes anzieht. „Zu jener Zeit,“ fuhr die Baronin fort,„hatte ich oft Hunger und fror noch öfter, aber ich war glück⸗ lich. Kaleb und Dolores liebten mich gleich herzlich. Ich war das Band, das ſie einander nach heftigem Streite, deſſen trsurige Exceſſe ſie mir zu verbergen ſuchten, wieder naͤher brachte. In meiner Gegenwart ſprachen ſie freundlich mit einander. Wurde Dolores während der langen Wanderſchaft müde, ſo nahm Ka⸗ leb das wollene Tuch, das mir als Wiege diente, und trug mich ebenfalls.... „Ich weiß nicht... alle dieſe Dinge ſind ſo verwor⸗ ren in meinem Gedächtniß geblieben. Dolores gab ſich mit Wahrſagen ab und ſtellte auf dem Lande das Ho⸗ roscop. Ich glaube mich zu erinnern, daß ein Mön ihr mit dem Verbrennen drohte. Wir reisten na Schottland ab. Pariſer Liebſch. II..46 82 niens. In dieſen kalten Nebeln erſtarrte mein Lächeln. Ich fühlte in dem wilden Geſtrüppe, das in Schott⸗ lands Wäldern den Weg des Reiſenden verſperrt, den Rücken meiner Mutter vor Froſt ſchauern. „Und dann fürchtete ich mich vor jenen Männern* mit den nackten Beinen, die, in ihre buntſcheckigen Män⸗ „Ach! ich bedauerte ſehr den ſchönen Himmel Spa⸗ tel gehüllt, auf uns ſo ernſte, harte Blicke warfen.. „Es war das Heimatland meines Vaters, der in den Bergen ſeine Brüder wieder fand. „Dolore wurde blaß. Sie lächelte nicht mehr, wann ſie ihre ſchönen Weiſen von Sevilla oder Madrid ſang. „Gaſton, jene armen Leute, die von der Welt ver⸗ achtet leben und ſterben, haben kein Vaterland, aber ſie haben ein Herz....— „Ich wuchs heran. Unſere Hütte war eine traurige. Meine Mutter fand nur durch mich Troſt....“ „Aber,“ ſagte Gaſton, als hätte in er dieſem Gedan⸗ ken ein Mittel gegen die ihn drückende Leidenſchaft ge⸗ ſucht;„Ihr Bruder 2....“ Die Baronin vergaß immer.... Ihr Herz war zu voll, um nicht unaufhörlich auf die Wahrheit zurückkommen zu muſſen. Sie biß ſich die Lippen mit einer flächtigen Bewe⸗ gung von Ungeduld. 1 —„Mein Bruder war eben erſt geboren,“ antwortete ſie;„Kaleb befand ſich in Schottland wohl, allein Dolores weinte oft. Wir reisten neuerdings nach Spa⸗ nien, wo wir nochmals verjagt wurden. „So verſtrichen die Jahre meiner Kindheit, Gaſton. Auf langen Reiſen, bei welchen unſere Armuth überall⸗ Ermüdung und Hinderniſſe fand. „Aller Orten das verächtliche Almoſen oder hoͤhni⸗ ſchen Abſchlag. „‚Nirgends die treuherzige Gaſffceundſchaft, die er⸗ quickt und tröſtet... „Ich dachte ſchon und ſorach bei mir ſelbſt: 83 „Was haben mein Vater und meine Mutter ver⸗ brochen, um unter den andern Menſchen zu ſtehen? „Seither habe ich es erfahren und zwar zu jener Zeit, als ein Prieſter von Murcia mir von Gott ſprach. „Mein Vater und meine Mutter ſahen über dem Azur des Himmels Nichts. Sie wußten nicht, was Recht und Unrecht iſt. „Sie hatten keine andere Richtſchnur als die Furcht vor Strafe; das Gut der Andern war das ihrige. Jenſeits dieſer Welt gab es für ſie kein anderes Leben. „Meine Kindheit ging mitten unter jenen geheimen Künſten hin, vermittelſt welcher Leute meines Stam⸗ mes die Zukunft zu erforſchen ſuchen. In Spanien waren es die Wahrſagerinnen, in Schottland ſah ich außer den Gypſis jene ſeltſamen Geſchöpfe, die ein an⸗ deres als das gewöhnliche Geſicht des Menſchen haben. „ Ich glaubte an ihre Macht, und wie ſollte man nicht, wenn die Ereigniſſe ſich ſo getreu nach ihren Vor⸗ herſagungen geſtalten? „Cines Abends, ich war damals acht Jahre alt und wir bewohnten eine verlaſſene Hütte an den Ufern der Guadiana, hatten Kaleb und Dolores mich allein gelaſſen. Eine alte Frau unſers Stammes pochte an die Thüre und bat mich um Aufnahme. „Sie begrüßte mich in der Sprache, welche wir dort unten allein reden und ſagte zu mir: g ndch heiße Yahbel und bin die Mutter Deiner utter. „Ich empfing ſie mit CEhrfurcht und ſetzte ihr die Fnuſeligen Speiſen vor, welche ſich in der Hütte vor⸗ anden. „Sie brachte das ihr vorgeſetzte Brod und Waſſer an ihre runzlige und gebräunte Lippe; die Milch und die Oliven ſtieß fie zurück. „Dann ließ ſie mich ihr gegenüberſitzen und heftete ihre tiefliegenden Augen auf meine Augenlider, die ſich ſchüchtern ſchloßen. 84 „„Kind,““ ſagte ſie,„„Du wirſt als Mann ſehr ſchön ſein.. aber ſchöner noch wirſt Du ſein als Weib.... Carmen hielt inne und ſtützte ihr blaſſes Antlitz auf die Hand. Gaſton hörte ſie an, ohne zu verſtehen. .„Jan“ fuhr die Baronin mit leiſer und beinahe erſtickter Stimme fort,„das hat mir Yahbel geſagt... „Und weiter ſprach ſie zu mir: „„Du wirſt reich ſein, Kind... reicher als ein Grand von Spanien, der vor dem Könige ſitzt....““ „Gaſton! Gaſton! es iſt dieß ein ſeltſamer und fürchterlicher Umſtand! „Ich ſehe Yahbels Augen noch vor mir.... mir iſt, als laſten ſie ſchwer und durchbohrend auf meinem geblendeten Augenlide.... 1— „Wer denn kann dem menſchlichen Weſen das Ver⸗ mögen geben, in der Zukunft zu leſen: „Yahbel ging weg, während ſie den Segensſpruch unſeres Volkes murmelte, der zwar nicht den Namen Gottes in ſich ſchließt. Ich ſah ſie an dem Ufer des Stromes in der Dunkelheit verſchwinden. Seitdem habe ich Yahbel nie wieder geſehen....“ Carmen hob ihre ſchönen Augen zum Himmel und ſchien in einen Traum zu verfinken. „Und Jan Vohr,“ hob ſie plötzlich wieder an. „Das war lange nachher... ich war ſchon mehr als zehn Jahre alt.... Wir waren in Schottland, in den Bergen oberhalb Glenarchy. Mein Vater hatte bei einem Hochländer, deſſen altes, ſchwarzes Häuschen zwiſchen Bäumen über einem in tiefer Schlucht liegenden See hing, ein Unterkommen für die Nacht erbeten. „Kaleb und Dolores ſuchten gern im Rauſche Ver⸗ geſſenheit ihres Elendes. Sie tranken den Usque⸗ baugh des Hochländers und ſielen beide in ſtumpfen Schlaf befangen hin. Jan Vohr, der Hochländer, er⸗ 4 griff meine Hand und küßte mich zitternd, er breitete ⸗* 8⁵ ſein Plaid über mein Haupt und ſchaute mich an, wie Yahbel mich einſt angeſchaut. „So betrachtete er mich lange. „Dann fing ſeine Stimme, die einer andern Welt anzugehören ſchien, in langſamer, dumpfer Weiſe an, myſtiſche Verſe zu ſingen, deren Sinn meinem Ver⸗ ſtande entging. „Aber der ganze Geſang war nicht unverſtändlich. „Nach den erſten Strophen, deren dunkle Worte zu wiederholen ſchienen, was Yahbel mir einſt geſagt, kamen andere Strophen, die mir deutlich Macht und Reichthum verhießen. „Dieſe Dinge gehören zu jenen, die man nie ver⸗ gißt, Gaſton, denn bei den Verheißungen lag auch eine fürchterliche Drohung...“ 3 Carmen zögerte, ſchlug die Augen nieder und ein Ausdruck der Unbehaglichkeit umdunkelte ihre Züge. „Die Verheißung iſt erfüllt,“ murmelte ſie; ndie Drohung...“ Sie hielt nochmals inne und ſchaute Gaſton an, den es ermüdete, dem Faden dieſer ſeltſamen Erzählung zu folgen. Carmens Auge drückte Entſetzen aus. „Aber wozu Ihnen ſolche Dinge erzählen, Gaſton?“ ſagte ſie barſch, indem ſie ſich zu Lächeln zwang;„Sie ſtehen über dergleichen Aberglauben, der das Leben un⸗ wiſſender oder ſchwacher Seelen trübt. Ich wollte Ihnen das Elend meiner Kindheit und meiner Jugend ſchildern und nun ſchweife ich in meiner Erzählung ab... Was liegt Ihnen an Yahbel und Jan Vohr?“ Gaſton blieb eine Weile die Antwort ſchuldig. „Sie ſahen Ihre hohe Schönheit!“ ſagte er endlich, Carmen bewegten Blickes anſchauend,„ſie ahnten, daß die Mächtigſten und Reichſten ſich eines Tages um ihre Hand ſtreiten würden....“ 86 kämpfte gegen eine Todesbläſſe an, die plötzlich auf ihren Zügen lagerte. Allein ihr Lächeln ſiegte; die Bläſſe verſchwand und mit heiterer Miene fuhr ſie fort: „Doch kommen wir auf mein Elend zurück, bei deſſen Erinnerung ich nach ihrer Anſicht ſo viel Ver⸗ „gnügen empfinden ſollte.... „Meine Mutter war immer ſchön; ſie liebte Spa⸗ nien immer, und mein Vater, ein Sclave ihrer Wünſche, trotzte jedes Jahr, ihr zu gefallen, den Gefahren, die in jenem Lande des blinden Glaubens einen mehr unglück⸗ lichen als ſtrafbaren Stamm umringen. „Ich glaube, daß meine Mutter Kaleb liebte, allein ſie war leichtſinnig und ihre wundervolle Schönheit lockte eine Menge dreiſter und geſchmeidiger Herren um ſie her. „Mein Vater litt, denn auch bei den Laſtern, die das Unglück eines gefallenen nnd verfluchten Volkes ſind, war ſeine Seele ſo ſtolz, wie die Seele eines Grands von Spanien. „Als meine Mutter einſt auf dem Platze in Se⸗ govia ſang, trat ein junger Oidor zu ihr hin und küßte ſie. In ſeinem Wahne, dieſe Unverſchämtheit be⸗ zahlen zu können, ſteckte er die Hand in ſeine Börſe, allein er zog ſie nicht wieder zurück, denn während er noch lächelte, drang ihm der ſcharfe Dolch meines Va⸗ ters durch den Rücken in die Eingeweide. „Wie ſo glücklich ſind diejenigen, Gaſton, die in ihrer Jugend nur achtungs⸗ und liebenswerthe Beiſpiele vor Augen hatten! Ich, ich bin die Tochter armer, ge⸗ ſunkener Leute, die keine Gotteshand aufrecht erhielt. „Aber ich liebte meinen Vater, ich liebte meine arme Mutter ohne jenes unſelige Kennzeichen, womit ihre Geburt ſie beſudelt, wären Beide gut geweſen. „Man brachte mich in ein Gefängniß, mein Vater und meine Mutter wurden in einem andern verwahrt. „Es hatte ein Mord ſtattgefunden, die Schuldigen 87 gehörten zu Jenen, welche nie auf Verzeihung heffen dürfen.... 3 „Als ich zwei Monate nachher aus meinem Ge⸗ fängniß entlaſſen wurde, fragte ich nach meinem Vater und meiner Mutter. „Man zeigte mir auf dem Platze von Segovia, an derſelben Stelle, auf welcher der Mord begangen worden, vier Löcher in den Boden gehöhlt, um Pfähle hinein zu ſchlagen. „Und man ſagte zu mir:„„Das iſt der Galgen.““ „Sie hatten den Schuldigen und die Unſchuldige getödtet. „Ich ſtand allein auf der Welt!....“ Carmen weinte. Gaſtons Antlitz ſprach tiefe Rührung aus. „Ich glaubte nicht, mich je über das Daſein dieſes eenſchen freuen zu können,“ murmelte er;„aber ge⸗ ſegnet ſei es, Carmen, weil ohne ihn jeder Troſt Ihnen Um ſeine Geiſtesgegenwart zu behalten, darf man nicht leidend ſein. Die Baronin blickte mit verwunderten Augen zu Gaſton auf.. „Von welchem Menſchen ſprechen Sie?“ ſagte ſie. „Von Ihrem Bruder, Madame,“ antwortete Gaſton ſeinerſeits uͤberraſcht. Carmen ſenkte den Kopf und fand in dieſem Augen⸗ blick nicht die Kraft zu einer Lüge.. 88 I. Das Gute und das Böſe. . Es währte lange, bis die Baronin wieder das Wort ergriff. 4 Die heraufbeſchworenen Erinnerungen prägten den Ausdruck bittern Schmerzes auf ihre ſchöne Stirne. Gaſton betrachtete ſie. Das Liebkoſende ſeines Blickes ſchien Carmen Erſatz für ihr Leiden bieten zu wollen. Auf ſeinen beweglichen und in ihrer ſtrengen Ihr Lächeln vermiſchte ſich. 4 Verwirrt zog ſich dann Carmen zurück, denn die Liebe hauchte ihr Schamgefühl ein. Sie hatte Zeit gehabt, nachzudenken und ihrem Bruder, jener eingebildeten Perſon, der ſie eine Hälfte ihres Lebens lieh, eine Rolle zuzutheilen. „Ich ſtand allein auf der Welt,“ hob ſie wieder an;„denn war nicht damals mein Bruder noch ein Kind? Er weinte.... Ich ſollte ſeine Thränen trocknen, ich, deren Herz gebrochen war! „Ich hatte nur den einen Wunſch, aus Spanien zu fliehen, wo ich überall meines Vaters und meiner Mutter Blut zu ſehen glaubte. 89 „Mein Bruder und ich durchwanderten zu Fuß das Königreich Valencia und Catalonien. „Ich ſprach Ihnen ſchon von einem Prieſter in Murcia, der mich zu Gott beten lehrte. Ohne Troſt war ich alſo nicht, Gaſton. 1 „Aber wie ſchrecklich iſt es, mit fünfzehn Jahren einſam und allein zu ſtehen, allein mit dem Elende! „Stellen Sie ſich mich, das arme Mädchen, vor, Gaſton, das allein mit einem andern Kinde, welches noch zu ſchwach, um mich zu vertheidigen, die Landſtraßen dahinwanderte, durch aller Arten Entbehrungen entkräf⸗ tet und allen Beſchimpfungen ausgeſetzt. „Der Weg war ſehr lange, meine armen geſchun⸗ dehen Füße bluteten, noch ehe ich die Gränze erreicht atte.— „Aber ich weiß nicht, mich hielt unterweges eine unbeſtimmte Hoffnung aufrecht, ich ſollte Frankreich ſehen, Frankreich, deſſen Name immer wie eine geheim⸗ nißvolle Verheißung von Glück an mein Ohr geklungen. „Und dann, ſoll ich es Ihnen ſagen, Gaſton? Meine Träume ſprachen mir von Reichthum und rau⸗ ſchender Vergnügungen. „Ich erinnerte mich Yahbel's, der Gitana, und des Hochländers Jan Vohr. „Nach einem ermüdenden Tagemarſche ſah ich eines Abends eine weite Ebene vor mir, an deren Horizont tauſentfältige Lichter ſchimmerten. „Mein Herz ſchlug. Ich ſtand ſtille. Ich erkannte aris, die unermeßliche Stadt, Paris, das meine Hei⸗ mat werden ſollte. 3 „Aber in Paris, das ich ohne es zu kennen ſo ſehr liebte, muß Gaſtfreundſchaft bezahlt werden. Ich hatte Nichts als meine baskiſche Trommel, meine Caſtag⸗ netten und meine Schönheit, denn damals war ich ſchön, Gaſton, ich war bald ſechzehn Jahre alt. „Von Müdigkeit zerſchlagen, wie ich es war, ſah ich mich ſchon an dieſem erſten Abend genöthigt, noch 90 lange zu tanzen, zu ſingen und zu lächeln, um mein Nachtlager und das meines Bruders zahlen zu können. „Lächeln, Gaſton, wenn unſer Herz erbluten möchte!.... Carmen's Buſen hob ſich. Aus ihrer ernſten, ſanf⸗ ten Stimme klang tiefe Betruübniß. Gaſtons Augen wurden feucht. „Und ich wagte zu klagen!“ murmelte er;„aber ſprechen Sie, ſprechen Sie weiter und laſſen Sie mich bald von den Tagen Ihres Glückes hören....“ 5 Mit dem innigſten Intereſſe folgte nun Gaſton ihrer Erzählung. Die Aufregung hatte ihm wieder Fieber gebracht. Seine Wange war lebhaft geröthet und die durch Car⸗ mens Klage hervorgelockten Thränen trockneten ſich alſo⸗ bald an ſeinem glühenden Augenlide. Die Baronin ſchüttelte den Kopf, indem ſie lang⸗ ſam die ſchönen Locken ihrer ſchwarzen Haare zurückwarf. „Die Tage meines Glückes!“ ſagte ſie,„Gaſton, andere kenne ich nicht in meinem Leben, als die Tage, an welchen ich Sie ſehe, Sie ſpreche, wo ich Ihre Hand in der meinen erzittern fühle. Aber ſolch ein Tag wiegt auch Jahre auf!“ fügte ſie mit Leidenſchaft hinzu,„Gott gibt mir in ihm das Glück eines ganzen Lebens.“ Gaſton antwortete, allein die Worte verwandeln ſich im Munde der Liebenden, ihr Sinn verliert ſich unter der Feder. Wiegen überdieß Worte das zitternde Schweigen und jene ſtumme Sprache auf, welche das Lächeln oder der bewegte Blick dem Herzens zuflüſtert? Carmen hob wieder an: „Sie haben Recht, Gaſton.... In dieſem Augen⸗ blick fühle ich eine Art Freude, die Erinnerung an mein vergangenes Elend in mir zurückzurufen. Ich bin aber auch glücklich in dieſem Augenblick, o ſehr glücklich! „Alles lächelt mir zu!... die verfloſſenen Tage bringen mir ihre bittern Thränen vor die Seele, um mir 91 . zu ſagen: Dieſe Thränen haben keine Spuren zurückge⸗ laſſen. Die kommenden Tage zeigen mir ſüße Liebe.... Glück, überall Glück, weil Sie mich lieben. „Jener erſte in Paris verlebte Abend war ein ſchreck⸗ licher. Die folgenden Tage glichen jenem erſten Abend. „Sie müſſen damals noch ſehr jung geweſen ſein. Nichts deſtoweniger erinnern Sie ſich vielleicht jenes jungen Mädchens mit der weißen ſilberverbrämten Bas⸗ quina und dem ſchwarzen anliegenden Spencer, der bis Theater.. „Sie tanzte. Ich tanzte, Gaſton, bis ich beinahe 1 den Athem verlor. 1 3 *„Zur Winterzeit konnten gar oft meine armen blauen Finger nicht mehr die Caſtagnetten handhaben.„ „Und wenn meine Caſtagnetten nicht in raſchen, lebhaften Bewegungen ihre heitern Töne erklingen ließen. blieben die Vorübergehenden nicht ſtehen. Vergeblich tanzte ich dann vor einigen armen, wie ich vor Froſt halberſtarrten Kindern, die mein Elend verhöhnend ſich für ihr eigenes Leiden rächten. „Paris kennt kein Mitleid, Gaſton. Es wirft ſein Gold aus den Fenſtern, aber es weiß nicht zu gelegener Zeit die Hand zu öffnen, um einen Heller Almoſen zu ſpenden. 5 Mirxgends habe ich ein ſo kaltes Volk gefunden, ein Volk, das ſo zu lächeln weiß, wenn es an dem Un⸗ . glück vorübergeht. „Der Arbeiter, welcher zuweilen ein kleines Stück Münze zu meinen Füßen warf, ließ zugleich einen Spott . mit fallen. Mir ward mehr Beſchimpfung als Hülfe, und nur ſehr wenige waren gutherzig genug, ſich für 92* ihre Gabe nicht durch eine unzüchtige Rede oder eine rohe Liebkoſung bezahlt zu machen. „Wenn ich dann von Mattigkeit erſchöpft meine Lichter auslöſchte, ſo traten, den Hut in die Augen ge⸗ drückt, den Mantel über den Mund geſchlagen, Männer heinißvolt zu mir heran und zeigten mir ein Gold⸗ Uck..... „Zu andern Malen.... Sie werden blaß, Gaſton! ach! ich will Ihnen beweiſen, ich, daß Sie mich ohne Bedenken lieben können, und daß ihre Armuth ein No⸗ ſenlager neben meinem ſchmählichen Märtyrerthum iſt, zu andern Malen folgten mir alte Weiber und redeten mich auf irgend einem abgelegenen Platze an. Sie flüſterten mir dunkle Worte in's Ohr. Sie verſchwen⸗ deten den Honig ihrer heuchleriſchen Beredtſamkeit, um mir Verruchtheit unter lachenden Farben zu zeigen....“ „Ol es iſt zu viel, zu viel!“ murmelte Gaſton, den tauſend verſchiedene Gefühle darniederdrückten;„ſo was hören, heißt ſterben!“— Carmen legte ihre Hand aufs Herz. Ihre Stirn richtete ſich in reinem Stolze ſtralend wieder auf. „Gaſton,“ ſagte ſie,„ſolche Schmach umlagerte mich, allein ſie berührte mich nicht. Feſt und ſtark bin ich längs dem Abgrunde dahingegangen, der an dem ſchmalen Wege des Elendes gähnt. Das Herz, welches ich Ihnen ſchenke, iſt rein, und das Erröthen, das bei ſolchen Erinnerungen meine Stirn überzieht, iſt Ent⸗ rüſtung und nicht Reue.“ Sie ſprach wahr, denn ihr Herz war unlefleckt, wie die bewunderungswürdige Schönheit ihres Körpers. Dieſes Weib, von welchem das Geſetz hätte Rechenſchaft über vergoſſenes Blut verlangen können, hatte bei den romantiſchen Zufällen ihres Lebens das weiße Gewand der Jungfrau behalten. In den Tagen ihrer Noth hatte ſie ſtolz die treu⸗ loſen Einflüſterungen der Hülfloſſigkeit von ſich gewieſen. „Später hatte ſie in ihrer doppelten, glänzenden Rolle, — 93 — bald unter der eleganten Maske des Marquis von Malllepré, bald ſchön, unvergleichlich unter dem Namen, den ihr der Baron von Roye gegeben, mit der Liebe ihr Spiel getrieben. Ein einziges Mal hatte ihr Herz bei der Regung eines ihr neuen Gefühle lauter gepocht. Aber damals hätte ſie ſich faſt ſelbſt überzeugt, daß ihre Frauenge⸗ wänder Verkleidung ſeien. Bisher hatte die Erinnerung an die ſeltſame Poeſie von Jan Vohrs Geſange ſie nicht geſchreckt. Noch hatte ſie ſich nicht in den brennenden Qualen einer glutberauſchten Nacht gefragt: Von welcher Farbe iſt meine Seele? Gaſton war wie geblendet von den Stralen, welche dieſe ſo ſtolze und zugleich ſo milde Stirn ausſtrömte. Er bewunderte ſie, die Unglückliche, leidenſchaftlich. Entzückt, die ganze Tiefe ihres vergangenen Elends er⸗ meſſen zu können, ward ſie immer größer in ſeinen Augen. 1 „Was habe ich gethan,“ ſagte er im Tone glühen⸗ der Bewunderung,„daß Gott mir ſo viel Glück verleiht? O Dank Ihnen, Carmen, mir Ihren Lebenslauf erzaͤhlt zu haben. Jetzt ſtehen Sie ſo heilig als ſchön vor mir und die langen Jahre voller Bitterkeit, in denen meine Jugend verſtrichen, ſind reichlich aufgewogen durch Ihre Liebe?“ Er hatte ſich über den Rand des Bettes hingelehnt, ſein lächelndes Antlitz ſtützte ſich auf ſeine Hand. Er ſchaute auf Carmen, wie die Betenden gen Himmel ſchauen.... Carmen hatte die plötzliche Begeiſterung, welche ſie auf einen Angenblick erfaßte, verloren; was ihr noch zu erzählen blieb, ſchreckte ſie. Einige Sekunden blieb ſie ſchweigend: ſie ſuchte und verbarg hinter einem milden Lächeln die Arbeit ihres unruhigen Geiſtes.... Sie mußte bei dieſer anſtrengenden Erzählung 94 „Wahres mit Falſchem vermiſchen. Sie mußte ihre jetzige glückliche Lage erklärlich machen und die Ereig⸗ niſſe jener unſeligen Nacht verbergen, in welcher die doppelte Prophezeihung ſich erfüllt hatte....— Gedrückt von ſolch gewichtiger Aufgabe, hatte ſie die Augen geſenkt, allein plötzlich ſchlugen ſich dieſe ent⸗ ſchieden und lebhaft auf. Sie hatte ihren Entſchluß gefaßt. 3„Mehr als einmal,“ ſagte ſie in einem Tone, deſ⸗ ſen Käͤlte mit ihrer kurz noch bezeigten Lebhaftigkeit im Widerſpruche ſtand,„ſchienen Sie mir den Vorwurf zu machen, in meiner Erzählung meines Bruders zu ver⸗ geſſen. Bevor ich Ihnen daher ſage, wie ein guter und großmüthiger Mann mich an Kindesſtatt annahm und mir in ſeiner letzten Stunde noch ſeinen Namen gab, um ſeinem edeln Werke eine Dauer über das Grab hinaus zu verſchaffen, will ich Ihnen von meinem Bru⸗ der ſprechen... Die Geſchichte meiner Verheiratung iſt ſprochen, enthalten.... Der Altar, vor dem ich kniete, war das Sterbelager eines Edeln.... „Mein Bruder... er war ein hochmüthiges Kind, ein unlenkbares Herz, ein launiſcher und eiſerner Wille. Ach! er war ein ächter Sohn jenes verfluchten Stammes, der ſeine Freude in dem Kriege findet, welchen er den andern Menſchen erklärt.... Carmen hielt inne. Ihre Bruſt hob ſich beklemmt. ie ſchien nur mit Mühe fortfahren zu können. Durch dieſe Verſtellung, die ihr Leben in zwei Theile theilte und die eine Hälfte davon dem Marquis von Maillepré übertrat, gelang es ihr, in das Erlogene ihrer Erzäh⸗ lung eine Art ſymboliſcher Wahrheit zu bringen. Ihr, Carmen, theilte ſie das zu, was in ihrer Natur wirklich rein und ſchön war. Dem Marquis trat ſte jene unſinnigen Wünſche, die thörichten Verwegen⸗ heiten ab, welche ihre Jugend durchbraust. Sie lieh kurz und in den wenigen Worten, die ich ſoeben ausge⸗⸗ 95 ſomit jedem der beiden Prinzipien, die ſich um ihre Seele geſtritten, einen Körper. Carmen war das gute, der Marquis war das böſe.... Und da ſie ſich in dem einen und andern Bilde dieſes Doppelgeſichtes erkennen mußte, ſo ſtockte ihre Stimme, als ſie das Bild des Marquis entwarf, deſſen Züge ſie jedoch milderte, bevor ſie das Geſtändniß ſeines Verbrechens einleitete. 3 „Mein Bruder war nicht oft um mich,“ fuhr ſie indeſſen fort, indem ſie ihre Faſſung wieder zu erlangen ſuchte;„er war zum Jüngling herangewachſen und hätte mich nun beſchützen können. Aber er fand gerade kein Behagen darin, mir in meiner ſchmerzlichen Aufgabe behülflich zu ſein. Er wollte nicht vor der Menge auf dem Boulevard du Temple mit mir tanzen. „Er hatte ſich andere Beſchäftigungen gewählt und ſich einem Elenden, Namens Burot, dem Sekretär eines edeln Herzogs, verdungen, deſſen Namen nicht zur Sache gehört, wo er die Handlungsweiſe der Frau Herzogin auszuſpioniren hatte. „ Er war träge und neugierig. Jenes Leben voll niedriger Intriguen ſchreckte ihn nicht zurück. „Bei dieſem Gewerbe ſah er ſeltſame Dinge. Sein Spioniren führte ihn zuweilen an jene mit Schmach be⸗ legten Orte, an welchen die Gegenwart einer eleganten Weltfrau ein ſo unwahrſcheinlicher Umſtand iſt, daß es eben darum gewiſſen Damen einfallen kann, einen ſol⸗ chen Ort zu beſſerer Sicherung ihres Geheimniſſes zu wählen. Gequält von dem Argwohn ihres Mannes, benützte die Herzogin die Kleider ihrer Kammerfrau und gab in einem kleinen unterirdiſchen Zimmer der Straße Beaujolais im Palais⸗Royal, das eine Zubehör des Kellers zum Wilden Mann war, ihre Rendez⸗vons... „Dieſes und noch viele andere Dinge entdeckte mein Bruder; er kannte jenes Palais⸗Royal mit ſeinen hölli⸗ 96 ſchen Myſterien und dort fand er denn auch eines Tages auf ſeinem Wege den Titel, welchen er jetzt trägt....“ Alles, was Liebeglühendes in Gaſtons Blicke lag, verſchwand bei dieſem Worte wie durch Zauberkraft. Sein Auge wurde düſter und ungeduldig fragend. „Den Titel des Marquis von Maillepré?“ fagte er. „Den Titel des Marquis von Malllepré,“ antwor⸗ tete die Baronin. Und ihre Augen niederſchlagend, als hätte ſie ſich ſammeln wollen, hauptſächlich aber, um dem forſchenden Blicke Gaſtons auszuweichen, hob ſie wieder an: „Es war in der Nacht des Faſtnachtdienſtages von 1826.“ „In der Todesnacht meines Vaters!“ murmelte Gaſton, auf deſſen Zügen ernſte, düſtere Trauer lagerte. Carmen hörte ihn nicht. „Mein Bruder,“ fuhr ſie fort,„war im Palais⸗ Royal und ſuchte, den Befehlen des Herrn Burot zu⸗ folge, die Herzogin, von welcher er wußte, daß ſie ſich verkleidet und maskirt am Arm ihres Liebhabers unter der Menge befände. „Die Volksmaſſe drängte ſich in dichten Haufen. Mein Bruder ſuchte lange. Denn die Maske leiht allen Frauen das gleiche Geſicht. Mein Bruder wurde des Suchens müde. „Als er ſich eben entfernen wollte, erblickte er in einer der Galerien einen Mann, der ſich in einen wei⸗ ten Mantel gehüllt, und erkannte in ihm den Herrn Herzog ſelbſt. „Mein Bruder ſtand in dem Alter, wo Alles dem Vergnügen eines Schabernacks weichen muß. Er dachte, ſich, der Herzog wäre ſelbſt in der Aufſpürung ſeiner Frau begriffen. Er folgte ihm. „Ich weiß nicht, wie es zuging, genug, mein Bru⸗ der und der Herzog ſprachen ſich. Der Herzog war nicht da, um ſeine Frau auszuſpioniren. „Unter den Spaziergängern im Garten befand ſich 97 ein Mann in fremder Tracht, der ſchon an der Gränze des reiferen Alters angekommen ſchien. Mein Bruder er⸗ kannte leicht, daß dieſer Mann der Gegenſtand der Nach⸗ ſpürungen des Herzogs ſei... „Mit nähern Umſtänden kann ich Ihnen dieſe Dinge nicht erzählen, Gaſton.... ich habe da nur verworrene Erinnerungen... Seit ſieben Jahren ſuchte ich dieſes Alles zu vergeſſen, weil es eine ſträfliche Handlung und der Schuldige mein Bruder war. Alles, was ich Ihnen ſagen kann, iſt, daß der Fremde Papiere bei ſich trug, welche der Herzog mit der Hälfte ſeines unermeßlichen Vermögens bezahlt hätte....“ „Madame,“ unterbrach ſie Gaſton mit hohler und gereizter Stimme,„wie hieß dieſer Herzog?“ Er heftete auf die Baronin einen durchbohrenden und forſchenden Blick. 3 Dieſe hielt die Augen geſenkt. Sie beantwortete Gaſtons Frage nicht. „Mein Bruder und der Herzog,“ hob ſie wieder an,„pflogen mit einander eine lange Unterredung, in Folge welcher mein Bruder verſchwand, um bald darauf in Frauenkleidung wieder zu erſcheinen.... Sie wiſſen, Gaſton, wie ſehr er mir gleicht.... Damals war er höchſtens ſechszehn Jahre alt. Die Täuſchung mußte vollkommen ſein und Niemand konnte die Schelmerei ahnen. 3 „Mein Bruder war eine Frau, eine junge, ſchöne und bewunderungswürdig geſchmückte Frau. 8 „ In jener Nacht der Thorheit wühlte ein Rauſch in allen Adern. Vielleicht wiſſen Sie nicht, was das Palais⸗Royal damals war?2..“ „Ich war dort, Madame, in ebenderſelben Nacht,“ ſagte Gaſton mit dumpfer Stimme;„ich weiß.. ol ich weiß und erinnere mich!...“ „Alles war erlaubt,“ fuhr die Baronin fort,„Nichts erregte Staunen.... In ſeinem glänzenden Frauencoſtüm Pariſer Liebſch. III. 7 98 ergriff mein Bruder den Arm des Fremden.... Was ging vor?...“ Große Schweißtropfen perlten an Carmens Stirn und Schläfen.. Gaſton bog ſich über den Rand des Bettes; ſein beklemmter Athem röchelte in ſeiner Bruſt. „Was ging vor, Madame?“ betonte er mit An⸗ ſtrengung;„o! aus Mitleid, ſagen Sie es mir, wenn Sie es wiſſen!...“ Carmens Augenlid zitterte, das Blut drang ihr gewaltſam in die Wangen, ſie ſchlug die Augen noch nicht auf. 3 „Ich weiß nicht..“ liſpelte ſie,„aber am folgen⸗ den Tage beſaß mein Bruder die Papiere des Fremden, und wieder am folgenden Tage tauſchte er unſere arme Wohnung gegen prunkvolle Gemächer. Er hielt ſich eine Kutſche, Diener.... und der Herzog nannte ihn ſeinen Vetter....“ 8 Gaſton richtete ſich kerzengerad auf; er ergriff den Arm der Baronin, den er mit der Kraft des Fiebers preßte.. 4 „Jener Herzog,“ ſagte er lallend und die Worte kaum artikulirend,„war alſo Herr von Compans⸗ Maillepré?..“ Carmens Augenlider ſchienen von einer bleiernen Laſt gedrückt. Ihr Geſicht, über welches wechſelsweiſe Todesbläſſe und Glut flog, verrieth ihre tiefe Bewegung. Erſchrocken von dem Tone dieſer Stimme, die ſie nicht wieder erkannte, ſchlug ſie endlich bei den letzten Worten Gaſtons die Augen zu ihm auf. Sie blieb wie verſteinert vor der grauenvollen Veränderung, welche ſich in den Zügen des Verwundeten bewerkſtelligt hatte. „Was haben Sie?“ liſpelte ſie in jenem furchtſamen Tone, der die Antwort zu errathen ſcheint. Gaſtons ſtarres Auge durchzuckte ein flüchtiger Stral. „Madame,“ ſagte er langſam,„in jener Carne⸗ valsnacht kniete ich an dem Bette meines ſterbenden 99 Vaters...Mein Vater erwartete, wie man auf das Heil hofft, jene von Ihrem Bruder geſtohlenen Papiere. Bei ſeinem letzten Seufzer, denn er ſtarb noch in der⸗ ſelben Nacht, Madame, nannte er den Mann, den Ihr Bruder von ſeiner Pfiicht verleitete.... Ach! ſoeben forderten Sie mir mein Geheimniß ab.... Ich muß es Ihnen wohl hingeben, denn ich fühle, daß es meine Bruſt zerſprengen würde... Madame, Ihr Bruder hat meinen Vater getödtet... Er hat meine Familie, die ſich eben wieder emporſchwingen ſollte, in ihr tiefſtes Elend und Dunkel zurückgeworfen.... Ich bin der Marquis von Malllepré.“ 5. Vom Boudoir ins Vorzimmer. Dieſe Entdeckung war eine erwartete. Die Baronin hatte ſie geahnt. Und in der That, welch' andern Grund zu ſo blutigem Haſſe gegen den Marquis von Maillepré hätte wohl Gaſton haben kön⸗ nen 7.... Aber die Baronin hatte, ſo lange dieß möglich, da⸗ ran gezweifelt, weil die Wahrheit ihr Herz mit Gewiſ⸗ ſensbiſſen und Entſetzen erfuͤllte. Und jener Fluch, den Gaſton auf ihren vorgeblichen Bruder ſchleuderte, ſiel wie ein Donnerſchlag auf ſie. Denn ſie, ſie allein war es, die Gaſton, ohne ſein Vorwiſſen, des Todes ſeines Vaters und des Untergangs ſeines Stammes beſchuldigte. Der Mann, den ſie mehr als Alles in dieſer Welt liebte, der Mann, welcher ihr Herz erweckt und deſſen Blick ihre kalte Ruhe in leidenſchaftliche Zärtlichkeit keranbelt, dieſer Mann litt, war ein Waiſe, arm, ge⸗ nken. 1d. 1 mich nicht mehr lieben!...“ 100 Zerſchmettert bei der Erinnerung an die Macht, den Glanz und den Reichthum ſeiner Vorfahren, kämpfte er gegen ſein jetziges Elend an. Er verzehrte ſich in dieſem langen Leiden, das muth⸗ loſe Trauer noch erſchwert.. Und ſie war es, Carmen, die ſolche Trauer über ihn gebracht.... Gaſtons Lebenskraft ſchwand dahin, zerſchnitten durch den Dolchſtich im Gaſthof zum Wilden Mann. Sie ſtand auf und kreuzte die Arme über der Bruſt. Das bewegliche Buch ihrer Phyſiognomie entrollte raſch die geſteigerte Kraft ſeiner Blätter.... In ihrem Blicke, der bald ſtolz bald zürnend brannte, lag wechſelsweiſe Entmuthigung, Wahnſinn und ein un⸗ geheurer Grimm gegen ſich ſelbſt. Sie ſprach nicht. Erſchöpft durch die eben gemachte Anſtrengung, war Gaſton auf ſein Kiſſen zurückgeſunken. Sein Kopf hing blaß unter den verworren flatternden Haaren herab. Die Falten ſeines Hemdes waren bei der Schulter roſig ge⸗ färbt. Der blutige Verband ſeiner Wunde hatte ſich an der Leinwand abgedrückt. Ermattet ſchloß er die Augen. Seine zuſammen⸗ gezogenen Brauen und das langſame Spiel der Linien ſeines Mundes ſprachen tiefe Bitterkeit aus. Carmen betrachtete ihn einige Minuten. Zwei Thränen rollten ihr über die brennende Wange. Sie bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen und die ſchmerzlich gehobene Bruſt brach mit Schluchzen zu⸗ ſammen.... Gaſton öffnete die Augen, um ſie gleich nachher wie⸗ der zu ſchließen. Er wandie ſeinen Kopf nach der Wand⸗ ſeite des Bettes. Schmerzdurchwühlt fiel Carmen auf ihre Knie. „O Gaſton! Gaſton!...“ rief ſie,„Sie können 101 Allein nur das Schweigen antwortele dieſem flehen⸗ den Schrei. Unter ihren troſtloſen Thränen hob Carmen wie⸗ der an: „Gaſton, ich bitte Sie um ein Wort des Erbar⸗ mens... um ein einziges Wort... Wüßten Sie, wie ſehr ich leide!....“ Ein abermaliges Schweigen. Carmen faltete ihre Hände und hob ſie gen Himmel. „Mein Gott!“ liſpelte ſie,„ſtrafe mich nicht in ſeiner Liebe.... Gaſton!.... Gaſton, Erbarmen!“ Immerwährendes Schweigen. Die Augen der Baronin wurden ſtier, ſie warf ihre gefalteten Hände auf das Bett und drückte ihr thränen⸗ benetztes Antlitz auf die Decke. Ihr hättet ihren gan⸗ zen Körper in den ſtoßweiſen Anfällen einer gräßlichen Qual erbeben ſehen.... Das ſtarke Weib war tiefer erſchüttert, als es bei einem gewöhnlichen Weibe der Fall geweſen wäre. Eine ſchreckliche Verzweiflung zermalmte ſie. Sie hatte weder Schwungkraft noch Anhaltspunkt mehr. Wo war ihr kräftiger Wille?... Schwächer als ein Kind ſtanden ihr nur noch herz⸗ zerreißende Thränen und Klagen zu Gebote. Sie war bezwungen. Ihre Seele litt Todesangſt. Die Sprache verſagte ihr. Sie ſträubte ſich hinſinkend unter dem furchtbaren Gewichte ihrer Qual.... In dem fortwährenden Schweigen hörte man nur noch ihr Schluchzen, das immer ſchwächer wurde. Dann vermiſchte ſich nach einigen Minuten mit dem immer dumpfer und dumpfer werdenden Tone das mühſame, pfeifende Athemholen des Verwundeten. Gaſton bewegte ſich. Seine beklommene Bruſt ſuchte Luft, weil die Bitterkeit ſeines Zornes ſich mit einer egung anderer Natur verſchmolz. Carmens Schluchzen ſiel ihm auf's Herz. 102 Er wandte ſich raſch um. Auch ihm ſtanden die Thränen in den Augen. Er ſah Carmen in ihren nagenden Schmerz ver⸗ ſunken. Sanft zog er ſie an ſich und küßte ihre Haare. Man hörte nur noch Carmens Schluchzen. Allein ſie erhob ſich nicht ſogleich und ſhhien wonne⸗ voll dieſe unverhoffte Liebkoſung zu koſten. Als ſie endlich wieder aufſtand und die verwühlten Locken, die ihr Geſicht bedeckten, zurückwarf, lächelte eine rührende Erkenntlichkeit unter ihren Thränen hervor. „Dank!“ flü ſterte ſie. Und da ſie in Gaſtons Blick noch viel Liebe ent⸗ deckte, wurde ihr die Seele wieder warm; ihr Herz pochte in jubelnden Schlägen und ließ das Blut wieder 5 * zu den Wangen ſtrömen und ihr ganzes Weſen in lieb: licherer Schönheit ſtralen. Ihre Thränen waren getrocknet, nur die Seide ih⸗ ter langen Wimpern ſchimmerte noch feucht. Ein himmliſches Schmachten blieb auf ihren Zü⸗ een zurück und bildete einen neuen, einen unwider⸗ hegliähen, anbetungswürdigen Reiz. „An mir iſt es, Verzeihung zu erbitten, Madame,“ ſagte Gaſton, bei welchem die wiedererwachende Leiden⸗ ſchaft einen Reſt von Kälte bekämpfte;„durfte ich Ih⸗ nen vorwerfen, was Ihres Bruders Schuld iſt?.... Aber wüßten Sie nur, wie lang und ſchrecklich die ſieben Jahre waren, die dem Verluſte unſerer Hoffnung folg⸗ ten!. Seine Augen ſchweiften von Carmen ab, um zer⸗ ſtreut und verloren in dem Halbdunkel des Alkovens umher zu irren. Er wandte ſich an ſie und ſprach doch nur vor ſich hin. „Hätten Sie uns geſehen,“ fuhr er fort,„um das Sterbebette meines Vaters verſammelt und denjenigen erwartend, der nicht kommen ſollte!.... Damals ſchon hatte unſer Elend lange gedauert.... Meine Schwe⸗ 10³ res Verbrechens ermaß. Die Qual, welche ihr das Herz zerſchnitt, rührte, man muß es ſagen, nicht ſo ſehr von Gewiſſensbiſſen als von dem ſchrecklichen Leide, blindlings dem Glücke deſſen, den ſie liebte, einen ſo ernſten Schlag verſetzt zu haben. Gebeugt unter dem Bewußtſein des Uebels, das ſie angerichtet, verſuchte ſie nicht, ſich freizuſprechen. Ja, von Reue getrieben ſtand ſie oft auf dem Punkte, ſich auf die Knie zu werfen und zu ſagen: „Ich, ich allein bin die Schuldige.“ Denn die Liebe machte ſie aufrichtig und flößte ihr Bedenken ein, zu täuſchen, wenn auch nur durch ihr Schweigen. Aber andererſeits ſchloß ihr die Liebe auch den Mund. Wie ſollte ſie ſich zu Gaſtons Haß verurtheilen? Von ſeinen Erinnerungen hingeriſſen, ſchilderte die⸗ ſer die letzten Augenblicke ſeines Vaters, welchem Gott in der Stunde des Todes jeden Troſt verſagt, er ſchil⸗ derte die Jugend ſeiner Schweſtern, welche gezwungen waren, um Lohn zu arbeiten, ſeine eigene, ſo traurige, von der goldenen Jünglingszeit ſeiner Ahnen ſo ganz verſchiedene Jugend. 2 Und während er von dieſen trüben Leiden ſprach, achtete er nicht mehr auf die Baronin, weil es der Klage eigen iſt, ſich ſelbſt zu ſteigern und in ſelbſtſüch⸗ tigem Erguſſe zu concentriren. „Der Haß erräth!, hob er, immer mehr und mehr hingeriſſen, endlich wieder an,„ich wußte nicht, was die⸗ i bloßen Hören des Na⸗ 2 8 2 S 8₰ — 2. verabſcheuen und zu verfluchen haben wollte.... Ein Frauengeſicht auf dem Körper eines Kindes!.... Die Böſewichts zu verbergen! Das habe ich geſehen.... Und dieſes Kind hat mich zu Boden geworfen.... Ich „Ha!“ rief er in einer plötzlichen Anwandlung von Feler,„hätte Gott dem Letzten der Maillepré einen Mannesarm gegeben, ſo wäre der Elende todt.... und ich hätte ihm den Namen meines Vaters entriſſen.“ „Wollte Gott, dem wäre alſo!“ murmelte Carmen. Dieſe in einem Seufzer geſammelten Worte dran⸗ gen verworren an Gaſtons Ohr. Er verſtand ſie nicht, aber er erwachte aus ſeiner grimmen Träumerei. „Vergebung, Madame!“ ſagte er wieder;„Verge⸗ bung, Carmen!.... mein Kopf iſt ſehr ſchwach und ich bemerkte nicht, daß mein Haß Ihnen ſchmerzlich ſein muß... „Ach! Gaſton,“ liſpelte die Baronin,„Sie haben leider ſo vielen Grund zum Haſſen!.. Dieſes Wort, das ſanft und ergeben einem ſo ſchö⸗ nen Munde entſiel, erweichte Gaſtons Herz. Er ergriff Carmens Hand und küßte ſie.— „Habe ich nicht um ſo viel mehr Grund, Sie zu lieben?“ fragte er,„ich will künftig trachten, dieſe un⸗ Schönheit eines Engels, um die Seele eines niedrigen — *☛ — — „ — 10⁵ ſeligen Erinnerungen zu verſcheuchen... Ich will im⸗ mer an Sie und nur an Sie denken.“ Carmen ſchlug ihren Blick, der in ſeiner Trauer ruhig und feſt war, zu Gaſton auf.. „Sie find gut,“ ſagte ſie,„Sie ſind großmüthig, ich danke Ihnen von Grund der Seele, aber wir müſ⸗ ſen nochmals von meinem Bruder ſprechen.“. „Warum?“ fragte Gaſton erſtaunt;„zwiſchen uns Beiden müſſen Sie unangenehm berührt werden und unſchlüſſig ſein....“ „Ich. liebe einzig Sie in dieſer Welt,“ unterbrach ihn Carmen, deren geſammelter und ernſter Ton ihre tiefe Verehrung und Zärtlichkeit ausdrückte;„ich liebe Sie mehr als meinen Bruder... mehr als mich ſelbſt! Sie ſchwieg einige Sekunden. Ihre ſchönen auf Gaſton ruhenden Augen ſprachen gänzliche Vergeſſenheit Alles deſſen aus, was nicht ihre Liebe war. „Jene Papiere, die mein Bruder raubte,„hob ſie mit leiſer Stimme wieder an,„muß er noch beſitzen. Zwiſchen Ihnen und ihm habe ich nicht zu ſchwanken. Dieſe Papiere gehören von jetzt an Ihnen...“ „Wie, Madame!....“ ſtammelte Gaſton mit einer „Arme Sancta!....“ ſeufzte Gaſton. „Sie muß glücklich ſein!“ ſagte Carmen;„glücklich mit Ihnen, und mögen ihre Freuden die vergangenen Leiden aufwiegen... Der Schuldige ſoll durch Rück⸗ erſtattung ſein Unrecht gut machen; es iſt Nichts als billig... Gaſton, ich will Ihnen das Erbe der Mail⸗ lepré zurückgeben.“ .....„........„.. Dieſe Unterhaltung fand im Hinterhauſe von Num⸗ mer 4 der Straße Caſtiglione ſtatt. In einem andern Theil der Gemächer der Baronin von Roye wurden eben zwei Männer faſt zugleich ein⸗ geführt und warteten im Vorzimmer. Es war Deniſart, der nach zweihundert fruchtloſen Viſiten endlich die geduldige Beharrlichkeit ſeiner Nach⸗ forſchungen gekroͤnt ſah, und Roby war es, der glück⸗ licher, ſchon bei ſeinem dritten Verſuche zugelaſſen wurde. Das beweist wohl, daß das Leben ein Spiel iſt und daß der blinde Zufall das Geſchick der Gunſtſuchen⸗ den regiert. Denn Deniſart und Roby ſpielten hier beinahe die RNolle der Gunſtſuchenden. Ein Glücksritter, kam Roby das Terrain zu be⸗ ſchnüffeln, zu ſehen, ob die Frau Baronin ihre Hand öffnen und einige großmüthige Spenden auf ihn fallen laſſen möchte. Roby war ungemein ehrgeizig, allein er war nicht ſtolz; er hatte ſchon manches Gewerbe getrieben, hatte ſchon viele Länder geſehen. Sein Stolz hatte ſich bei den tauſend Reibungen ſeines abenteuerlichen Lebens ab⸗ genützt.— 3 Und doch beſaß er ehemals tüchtigen Hochmuth, denn er war Poet; allein der Unglückliche war auch Schauſpieler, man hatte ihn ausgepfiffen. Er war Handlungsreiſender, man hatte ihm die Thüre gewieſen. Und das ſo roh und ſo oft, daß er jetzt nur noch ein Flachkopf und ein Geck war. Er hatte wenig Bedürfniſſe, obgleich er viel ver⸗ ſchwendete, weil er ſich nie um den folgenden Tag be⸗ kümmerte. Bei Gelegenheit lachen, ſeinen Tag in Kneipen zu⸗ bringen und den Queue in der Hand um ein Billard herum ſich Luftſchlöſſer bauen, die er auf ſeine litera⸗ riſchen Erzeugniſſe oder die Wundermaſchinen, deren er „ 3 107 im Ueberfluſſe erfand, gründete; das war ſein Beruf und die Beſtimmung, welcher er ſich widmete. Hätte Roby nicht vordem leichtſinnigerweiſe die drei⸗ tauſend Livres Einkünfte ſeines väterlichen Erbgutes auf⸗ gezehrt, ſo wäre er jetzt, wo wir ihn wiederfinden, ein trefflicher Bürger, ſtark im Piquet, ſtark in der Poule, ſtark in Knittelverschen und in Allem der Achtung ſei⸗ nes Quartiers würdig geweſen. Aber ſeine tauſend Thaler Einküunfte hatte er auf⸗ gezehrt.... Nach einer beſonders langen Abweſenheit ſeit Kur⸗ zem in Paris zurück, hatte er keine großen Erſparniſſe aus der Provinz mitgebracht. Seine ganze Habſeligkeit beſtand aus einem dicken Heft voll geometriſcher Zeichnungen, unter welchen etwa ein Dutzend Maſchinen, deren geringſte wohl drei Mil⸗ lionen werth war, und aus einem andern dicken Hefte, welches die Früchte ſeiner Muſe, Komödien, Tragödien u. ſ. w. enthielt, deren Werth unmöglich ganz genau zu beſtimmen wäre. Maſchinen und Dramen, Alles hätte man bei ei⸗ nigem Feilſchen um zwanzig Franken erhandelt. Aber Roby hatte nie die Gelegenheit gehabt, die⸗ ſen außerordentlichen Rabatt zu verwilligen. Niemand, könnte es ſcheinen, beneidete ihn um ſeinen Schatz. Seit ſeiner Ankunft in Paris vegetirte er herum, indem er hie und da beim Billard die Mittageſſen ge⸗ wann, die er auf Kredit und Abſchlagszahlung von dem, was ihm Fortuna ſchuldig war, nehmen mußte. Er war einer der Kunden des Estaminet*) der Oper. Dort hatte ihn Herr Burot getroffen und als feiner Kenner die ungemeine Eleganz ſeiner Doublés und Bricoles bewundert. Ein Bloc hatte ihn vollends gerührt. *) Estaminet, ein Rauchkabinet, Kaffeehaus, wo geraucht wird. D. Ueberſ, 108 Roby und er hatten Bekanntſchaft gemacht und Herr Burot hatte ihn mit gewiſſem Erfolge in einer ſchwierigen Angelegenheit verwendet.... Was Deniſart betraf, ſo war dem nur eine höchſt unbeſtimmte Erinnerung der nächtlichen Scene im Wirths⸗ hauſe zum Wilden Mann geblieben. Aus den Unter⸗ redungen, welche er Tags darauf oder an den folgenden Tagen mit ſeinen vier Zechgeſellen gepflogen, hatte er weit mehr erfahren, als er aus eigener Erinnerung wußte. Der Schreck, den er jene Nacht empfunden, und dazu der Zuſtand ungeheurer Beſoffenheit, ließ in ſeinem Ge⸗ dachtniß nur ein verworrenes, dunkles Durcheinander zurück. Er hatte jedoch gewußt, daß ein Mord ſtattgefun⸗ den, und daß eine geheimnißvolle Mitſchuld ihn, wie ſeine Kameraden, an ein Weib band, welches jetzt eine große Dame war. Seither hatte er Carmen mit der unermüdlichen Geduld aufgeſucht, welche ſeiner Natur eigen war. Als er ſie einſt gefunden, nannte ſich Carmen ſchon die Baronin von Roye. Beim Anblick Deniſart's hatte die Baronin nicht die Mühe genommen, ihren Eckel zu verbergen. Sie hatte weder eine Erklärung noch eine Bitte abgewartet, und ehe noch Deniſart den Mund geöffnet, ihm zwei Billets von tauſend Franken in die Hand gelegt, mit den Worten: „ Verlaſſen Sie mich!“ Deniſart hatte dieſe Handlung in frommem Anden⸗ ken behalten, er wurde jedesmal gerührt, wenn er da⸗ ran dachte. Auf ſolche Weiſe mit ihm verfahren, hieß den geraden Weg zu ſeinem Herzen einſchlagen. Mit ſeinen zweitauſend Franken hatte er ſeine Bro⸗ chüre drucken laſſen und ſie veröffentlicht. Aber in ſeiner enthuſtaſtiſchen Liebe für die Zwei⸗ ſousſtücke der armen Klaſſen, hatte Deniſart wahrſchein⸗ lich die Wärme ſeines Styles nicht erwogen. Die Idee jener fünfzigtauſend Franken, zu deren Erlangung bloß — — 109 eine arme Million Sous nöthig war, hatte ſeine Be⸗ geiſterung bis zum Wahnſinn geſteigert. 3 Er hatte nicht Zeit, die durch ſeine menſchenfreund⸗ lichen Predigten hervorgebrachte Wirkung zu ſchauen. Unverſchämterweiſe kam der königliche Procurator mit ſeiner gemeinen Proſa zwiſchen ſo viel Poeſie.⸗Deniſart ward ein unglückliches Opfer der Macht. Durch Erfahrung belehrt und ſeine verlorenen zweitauſend Franken beweinend, hatte er ſeit jener Zeit ſeine Idee nach allen Seiten gedreht und gewendet und mit dem Scharfſinn des Genies geſucht, wie die Sache anzugreifen wäre, um in ſeine Manſarde jene Million Sous zu bringen, welche das Volk ihm ſchuldete. Er hatte vorzüglich die Baronin aufgeſucht, deren Freigebigkeit die freundlichſte ſeiner Hoffnungen war. Allein Deniſart war gleich Anfangs von den Beziehun⸗ gen ausgeſchloſſen worden, welche ſich zwiſchen der reich gewordenen Carmen und Dreien der Gäſte des Wirths⸗ hauſes zum Wilden Mann geknüpft hatten. 4 Gleicherweiſe hatte ſich auch Roby von dieſen Be⸗ ziehungen ausgeſchloſſen geſehen, das Doppelweſen Car⸗ mens war Beiden völlig unbekannt. Demzufolge konnte Deniſart ſie nur unter dem Na⸗ men der Baronin aufſuchen, während der Marquis von Maillepré wohl fünf Sechstel von Carmens Daſein einnahm. Deniſart fand verſchloſſene Thüre; er wurde ärger⸗ lich, aber bei ſich ſelbſt. Aeußerlich behielt er ſein ſpeichelleckeriſches Lächeln und grüßte unterthänigſt den Diener, der ihm die Thüre wies.... Dieſen Morgen waren Roby und er nur einige Schritte hinter einander gekommen. Mit wahrem Jubel hatte Deniſart die immer verſchloſſene Thüre ſich öffnen ſehen, ſeine geblendeten Augen hatten ſich unverzüglich die geliebten Vignetten der Bankbillets vorgeſtellt; ſeine Finger hatten ſchon bei der eingebildeten Berührung dieſes weichen, durchſichtigen, zerknitterten Papiers zu⸗ 110 ſammengeſchauert, welches faſt nicht weniger Reize als das Gold hat.... 3 Roby hielt ſich in einem Winkel des Vorzimmers, Deniſart ſetzte ſich an das andere Ende. Mehr als ſechs Jahre hatten ſie ſich nicht geſehen. „Nichtsdeſtoweniger hatte Roby beim erſten Blick das häßliche Geſicht des Pedanten erkannt. Dieſer, welcher die Lente nie anders als von un⸗ ten herauf und verſtohlen anſah, brauchte länger, um ſeine Erinnerungen zu ſammeln.. Als ſein tückiſches Auge endlich den Moment wahr⸗ genommen, ſich auf ſeinen alten Kameraden zu heften, erkannte er ihn und ſchnitt ein verdutztes Geſicht, weil er in ihm einen Nebenbuhler ahnte. 4 Deniſart verſuchte zu lächeln. „Was ſuchſt Du hier?“ fragte er. Roby warf ſich auf das Bänkchen und nahm jene nachläßige Stellung an, welche in theatraliſchen Vor⸗ ſtellungen gut oder ſchlecht die Geckenhaftigkeit ausdrückt. „Mein lieber Junge,“ ſagte er,„ich ſuche, die arme Baronin zu ſehen.... ſchon eine Ewigkeit hatte ich nicht das Vergnügen, ihr die Hand zu küſſen.“ „Du kennſt ſie alſo ziemlich gut?“ fragte Deniſart. „Ungeheuer gut, mein lieber Junge.... wir ſtehen zu einander auf einem Punkte, daß ich es, wie Du ſtehſt, nicht mehr übel nehme, bei ihr im Vorzimmer zu harren.“ 6. Biol’s Aufſtehen. Deniſart warf ſeine argliſtigen Augen auf Roby und ſuchte in ſeiner leichtſinnigen und beweglichen Phy⸗ ſiognomie zu leſen, welchen Werth er ſeinen Worten bei⸗ zulegen hätte. Lächelnd und mit ſich ſelbſt zufrieden hielt Roby dieſe ſtumme Frage kecklich aus, er hatte ſogar die Ge⸗ fälligkeit, zwei oder drei Sekunden lang die Verzierung der Decke zu betrachten, um dem ſchüchternen Deniſart Zeit zu geben, ihn nach Wohlgefallen zu muſtern. Das Reſultat dieſes Examens war ein eiferſüchti⸗ ges Augenzwinken und ein trockener Huſten, der vielleicht ſehr ausdrucksvoll ſein mochte. Roby warf nun auch den Blick auf ihn und maß ihn von Kopf bis zu Füßen. „So ſo!“ ſagte er,„demnach haſt Du alſo Dein Glück nicht gemacht, Deniſart?“ Der Pedant nahm wieder ſein erzwungenes Lächeln an und zuckte die Achſeln. Dieß geſchehen, zwinkte er mit dem Auge und huſtete von Neuem. „Ich verſtehe Dich ſehr gut,“ fing Roby mit einer unverſchämten Leutſeligkeit wieder an.„Das will auf franzöſiſch ſagen, daß Du ein Opfer der Dummheit un⸗ ſeres Jahrhunderts biſt, daß Du allzuviel Verdienſte haſt, um zu Etwas zu gelangen, kurz, daß Männer von Genie mit den gemeinſten Albernheiten behelligt werden.... Es liegt Wahres hierin, mein armer Deni⸗ ſart, aber man muß auch zugeben, daß Dein Genie nicht von der verführendſten Art iſt. Ich wette, Du trägſt Dich immer noch mit Deiner Idee 7....“ „Immer,“ antwortete Deniſart. „Meiner Treu!“ ſagte Roby,„es gibt ganz ehren⸗ werthe Bürger, die mit Negerhandel ſich Millionen er⸗ 112 worben haben. Im Allgemeinen iſt Deine Idee nicht viel teufliſcher als die ihre, Du beſchränkſt Dich darauf, den Leuten ihr letztes Stück Brod zu nehmen. Wenn man das Ding recht überdenkt, ſo iſt dieß ganz einfach.“ „Wenn man arm iſt,“ brummte Deniſart,„ſo darf man erwarten, ſchlecht beurtheilt zu werden, beſonders von ſeinen alten Freunden! Mein Gedanke iſt ſo edel, Herr Roby, als Sie ihn ſchändlich darſtellen. Was iſt „Dein Zweck?...„ fiel ihm Noby in's Wort. „Ei, mein Junge, der iſt aus Centimen Fünffranken⸗ ſtücke zu machen.“ „Mein Zweck,“ hob Deniſart mit einer gewiſſen ſtolzen Betonung an, welche mit der Verlegenheit ſeines heuchleriſchen Blickes im Widerſpruch ſtand,„mein Zweck iſt, Leidende zu tröſten und den Armen mit ſeinen Rech⸗ ten und ſeinem Werthe bekannt zu machen.. O!“ fügte er etwas wärmer werdend hinzu,„nur zu, mein Herr, meine Aufgabe iſt eine heilige und ſie erſcheint mir immer ſchöner, je mehr man ſie verläumdet!“ Roby ſchaute ihm in's Geſicht und ſchlug ſich luſtig auf den flachen Bauch. „Ohne Deine Teufelsfratze, Deniſart,“ ſagte er, „wäre ich immer verſucht, Dich für einen Apoſtel zu halten.. Und ungeachtet Deines Geſichtes, das doch einen halben Schurken halten, wenn Du uns nicht einſt dort unten, im Wirthshauſe zum Wilden Mann, Dei⸗ nen ganzen Roſenkranz hergeſagt hätteſt.“ Roby ſtand auf, drehte ſich auf der Fußſpitze und zog kräftig die Klingel. Deniſart hatte die Stellung eines Menſchen ange⸗ nommen, der gelaſſen eine ungerechte Beleidigung hin⸗ nimmt. „Was ich Dir ſage,“ hob Roby wieder an,„ge⸗ ſchieht wenigſtens nicht, um Dich zu beleidigen, mein ein famoſes Gepräge trägt, würde iich Dich nur für 113 Junge, im Gegentheil, ich wäre nicht abgeneigt, Eiwas für Dich zu thun.“ Deniſart ſchlug ſchüchtern ſein Auge auf, welches das Tageslicht fürchtete, und rief ſein erzwungenes Lä⸗ cheln zurück. „Sind Sie bei Fonds?“ fragte er ganz leiſe. „Mittelmäßig!“ antwortete Roby.„Ueberdieß ge⸗ hört Leihen nicht zu meinen Gewohnheiten. Aber ich will hauptſächlich Deinetwegen mit jemand mir Befreun⸗ detem ſprechen.... mit der Boronin, zum Beiſpiel.... oder mit dem Herzoge von Compans⸗Maillepré.“ „Mit dem Herzog von Compans,“ wiederholte De⸗ niſart, der fünfmalhunderttauſend Pfund Einkünfte hat!“ „So kann man hübſch bequem ſein, nicht wahr?“ ſagte Roby.„Man hat mir letzthin vorgeſchlagen, eine Stelle in ſeinem Hauſe anzunehmen, allein Du fühlſt wohl, daß meine Lage... „Was befehlen die Herrn?“ ſagte ein Bedienter, welcher durch die Klingel herbeigerufen an der Thüre erſchien.— 3 „Mein Freund,“ entgegnete Roby,„ich warte nun ſchon eine volle Viertelſtunde.... das iſt unſchicklich!“ „Ich habe den Herrn ſchon benachrichtigt,“ ſagte der Bediente,„daß die Frau Baronin beſchäftigt wäre.“ und überreichte ſie dem Bedienten, der alſobald wegging. Si⸗ ſprachen von einer Stelle...“ ſagte De⸗ art. „Dutze mich, mein Junge.. Ich ſprach wirklich von einer Stelle. Es handelt ſich um den zweiten Se⸗ Pariſer Liebſch. III. 8 —õyõ———— 114 kretär des Herrn Grafen. Würde Dir das an⸗ ſtehen?“ Deniſart hatte ſeine letzten Hülfsquellen erſchöpft, indem er ſein famoſes Journal der Proletarier grün⸗ den wollte. Er war keiner jener ſpeziellen Schurken, die ſich's durch tauſend kleine Händelchen wieder einbringen. Er hatte ſeine unedle Idee, wie Andere große und ſchöne Ideen haben. Er ſah die Dinge großartig an und auf einem großen Fuße wollte er das Elend ausbeuten. Auf dieſe Art lief er bei aller ſeiner Schlechtigkeit wirklich jene allen Geniemenſchen eigene Gefahr, die Gefahr, Hungers zu ſterben. Der Bediente zeigte ſich von Neuem an der Thüre. „Die Frau Baronin wird den Herrn ein andermal empfangen,“ ſagte er. „Sprichſt Du mit mir, Lump?“ rief Roby, indem er ſich mit jener eigenen Art in die Bruſt warf, mit⸗ telſt welcher Komödianten den Ton des großen Herrn anzunehmen vermeinen. Der Bediente antwortete nicht, ſondern öffnete beide Flügelthüren und ſtellte ſich längs derſelben hin, indem er den Paß offen ließ. Deniſart, immer ergebungsvoll, nahm ſeinen Hut und ging zuerſt hinaus. „Lump,“ ſagte Roby ihm nachahmend, das erſte Mal, wo ich die Frau Baronin ſehe, werde ich Dich für Deine Unverſchämtheit züchtigen laſſen.“ Er ging ſtolz und ſich ſpreizend bei dem Bedienten vorüber, indem er mit dem Finger an der Stelle des Hemdes zupfte, wo der Jabot abweſend war. Als der Schein auf ſolche Art gerettet, geſellte er ſich auf der Treppe wieder zu Deniſart und ſchob einen Arm unter den ſeinen. „Weißt Du, mein Junge,“ ſagte er,„daß dieſe — — theure Baronin ein gewaztes Spiel treibt, indem ſie mich mit ſolcher Ungenirtheit behandelt?“ 115 Irüſart ſchwieg, ſie hatten den Hof noch nicht verlaſſen. Als ſie die Einfahrtsthüre überſchritten und ſich auf offener Straße befanden, antwortete Deniſart ohne die Augen aufßzuſchlagen. 4 „Weißt Du noch genug, um drohen zu können?“ „Drohen und die Drohung auszuführen.“ „Ich, ich war zu beſoffen,“ murmelte Deniſart. „Ich erinnere mich nicht des geringſten Umſtandes. Ich habe nur nach dem Streiche von dem Einen und dem Andern ſo Etwas munkeln gehört. Aber wenn Du mir Alles ſagen willſt. Dieſe Baronin iſt ſehr reich!.... Wir könnten miteinander zu ihr zurückkehren.“ Deniſart und Noby brachten dieſen ganzen Tag im Kaffeehaus der Oper zu. Noch an demſelben Abend wurde Deniſart durch Vermittelung Roby's und des Herrn Burot, in der Eigenſchaft eines Sekretärs bei dem Herzoge von Compans⸗Malllepré angeſtellt. Dieß geſchah, wie der Leſer ſich erinnern kann, achtundvierzig Stunden nach jener Scene, wo Deniſart ſich Nachts durch die Gartenthür von der Straße Payenne her in das alte Hotel Maillepré einſchlich. Das alte Hotel Maillepré hatte dem Herrn Herzog einige Zeit als Zimmer in der Stadt gedient. Es war in mehrfacher Beziehung ein köſtlicher Ort voll der trefflichſten Eigenſchaften, allein es hatte den Fehler, in jenem guten Marais gelegen zu ſein, welches wir, ſo gern wir auch wollten, gegen ſeinen Ruf neugieriger Fraubaſerei und unerbittlicher Klatſchſucht nicht verthei⸗ igen können. Das Marais hat in dieſer Beziehung nur wenig vor der Provinz voraus und damit iſt Alles geſagt. an weiß dort, was bei ſeinem Nachbar vorgeht, man ſpricht davon; mitten im Boſtonſpiel, während man zum tauſendſtenmal die unſchuldigen Calembours des —— 116 Lotto wiederholt, macht man Gloſſen, beurtheilt und verdammt. Biſſige alte Jungfern, hirnloſe alte Herrn und alte feierlich ſchwatzende Damen conſtituiren ſich dort zu einem Obertribunal und benagen ihren Nebenmenſchen mit den wenigen ihnen übriggebliebenen Zähnen. Auf ſolch einem tugendhaften Areopagus, deſſen Glieder billigerweiſe wie wüthende Katzen erſäuft wer⸗ den ſollten, weiß man Alles. Was man übrigens nicht weiß, erräth man. Was man nicht erräth, erfindet man. Was für ein Platz in der Hölle iſt wohl dieſen guten Leuten aufbehalten, welche, zahme Menſchenfreſſer, jeden Abend ein Stückchen Menſchenfleiſch knauzeln? Wenn ſie am Ende nur das Schmähliche und Ta⸗ delswerthe angriffen, ſo wären ſie trotz dem wiederwärti⸗ gen Geruch ihres Gerichtsſprengels noch zu loben. Es iibt in der Natur Gegenſtände, welche dem Auge häß⸗ ich, dem Geſchmack bitter, dem Gehör ſchauderhaft er⸗ ſcheinen, die man aber nicht verwünſcht, weil ſie nütz⸗ lich ſind. Allein dieſe guten Leute, um Gott! zu was find die nütze? Der dumme Stachel ihrer Verläumdung reckt ſich und ſticht aufs Gerathewohl. Ohne Galle beißen ſie den Erſten Beſten, nur um ſich die Lange⸗ weile zu vertreiben, um Etwas zu kauen, Etwas unter den Zähnen zu haben. Zuverläſſig hätten wir jene guten Zungen des Marais, welche übrigens nicht den vierten Theil ſind, was ihre Kollegen in der Provinz, in Ruhe gelaſſen, wenn ſie nur den Herrn von Compans und ſein Zim⸗ mer in der Stadt begeifert hätten. Die öffentliche Stimme iſt ein Tribunal, deſſen Competenz wir nicht antaſten und welche leider die einzige iſt, gewiſſe Schänd⸗ lichkeiten zu richten. Aber Herr von Compans iſt hier die Ausnahme, und dieſe Skorpion⸗Stimmen, ſind ſie übrigens ein Theil der öffentlichen Stimme? Wir verabſcheuen jene rothen Triefaugen, welche — .117 die Mauern durchdringen, jene verſtopften Ohren, welche durch Dielen hören.... Jener Mann, der eine alte Jungfer, welche an ſeiner Thüre horchte, vom fünften Stockwerk herab aus dem Fenſter warf, ſcheint uns etwas zu barſch gehandelt zu haben, das iſt Alles, weil die alte Jungfer, als ſie auf das Pflaſter ſiel, wie eine Katze wieder aufſtand und heutzutage noch herumläuft....— Kurz, durch Zufall war nun einmal das Geträtſch des Marais zu Etwas gut. Der Herzog und ſein Se⸗ kretär wichen erſchrocken vor der öffentlichen Kundma⸗ chung zurück, welche bald das Geheimniß ihrer Abenteuer an den Tag brachte. Die Straße Payenne, die Straße der Francs⸗ Bourgeois, die Straße Culture⸗Sainte⸗Catherine und die Straße des Parc⸗Royal wären alleſammt wie eine einzige Rentiersfrau aufgeſtanden, um Herrn Burot die Augen auszukratzen, wenn dieſer würdige Diener nicht bei Zeiten ſeinen Rückzug bewerkſtelligt hätte. Das Hotel blieb verödet. Wir möchten zwar nicht gerade behaupten, daß die guten Leute der Umgegend nicht ganz untröſtlich waren, dem Skandal ein Ende gemacht zu haben, weil mit dem Verlaſſen des Hotels ihnen ein unerſchöpflicher Gegenſtand der Klatſcherei entzogen ward. 3 Indeſſen mußte ſich Herr Burot auf die Beine machen und ein anderes Zimmer in der Stadt ſuchen. Solche Sachen finden ſich; es gibt Häuſer, die man eigens hiefür eingerichtet glauben könnte. Unſere Bau⸗ meiſter ſind gar ſo ſinnreich! Herr Burot, den die Furcht möglichſt weit von dem Marais entfernt hielt, in welchem er beinahe den Lohn für ſein ausnahmsweiſes Gewerbe gekriegt hätte, entdeckte nahe bei den Elyſäiſchen Feldern, in der Straße Ponthieu, ein allerliebſtes Haus, das mit allen erfor⸗ derlichen Eigenſchaften begabt war. 118 Ddieſes Haus, klein, heiter und am Ende eines Gartens gelegen, ſtieß an die Hinterſeite der Straße Montaigne, von welcher ein mit Bäumen bepflanzter Hof es trennte. Im Stadtviertel der Elyſäiſchen Felder iſt man auch neugierig, aber auf eine andere Art. Die Liebe hat dort Aſylsrecht. Es iſt die Heimat ſenatorlicher Freuden, parlamentlicher Liebkoſungen und diplomatiſchen Zeitvertreibs..... Indeſſen hatte Herr Burot doch einen Schlüſſel zur Thüre des Hotel Maillepré behalten, welche ſich auf die Straße Payenne öffnete. Dieſen Schlüͤſſel benützte nun Deniſart, um ſich zuerſt in die Gärten und dann in den langen Corridor zu ſchleichen, der in den rechten Fluͤgel des Hotels führte. Gaſtons Zimmerthüre war offen. Deniſart trat ein. Wir haben die darauf folgenden Begebenheiten ſchon erzählt.... Es waren ſeit Sancta's Entführung ungefähr vier Stunden verſtrichen. Der Tag fing an zu grauen. Die ſchwarzen Mauern der Vorderſeite des Hotel Maillepré zeichneten ſich von dem weniger dunkeln Himmel ab. Drinnen, wie draußen, herrſchte tiefes Schweigen. Der nächtliche Sturm hatte ſich gänzlich gelegt. Der Himmel war weißlich und kalt. Ein dünner Schnee⸗ teppich bedeckte den Hof des Hotels und ſchmiegte ſich zart um die Rundung der Pfaaſterſteine. Ueber die ſteilen, in Giebel ausgeſpitzten Dächer war der Schnee hinabgerutſcht und hatte nur bei jeder Kante ſeine glänzende Borte zurückgelaſſen Der erſte Ton, der endlich das tiefe Schweigen brach, kam aus der Loge Jean⸗Marie Biots. Man hörte den Stahl an den Feuerſtein ſchlagen und gleich nachher war die Loge erhellt. Der, deſſen neugieriges Auge ſich an die gelblichen 119 Scheiben der Loge gedrückt hätte, würde dem Aufſtehen des bretoniſchen Bauers beigewohnt haben. 4 Seine Toilette dauerte nicht lange. Er ſchüttelte ſeine langen Haare, deſſen gräuliche Büſchel wirr auf die breiten Schultern niederfielen, zog ſeine Hoſen und ſeine bretyniſche Weſte an und kniete dann vor dem an der Mauer ſeines Zimmers befeſtigten Bilde der heiligen Jungfrau nieder. Sein Gebet währte lange. An der Bewegung ſeiner Lippen hätte man errathen können, daß ſein Herz im Stillen die Namen der Kinder Maillepré nannte. Sein ehrliches Geſicht drückte einen männlichen und feſten Glauben aus. Als er ſein Gebet mit dem Zeichen des Chriſten beſegelt ſtand er auf und ſetzte ſich an ſeine angefangene Arbeit. Seine rauhen Hände ergriffen die Eiſenfäden ſeines Netzes und drehten ſie mit einer Art heitern Muthes. Der vorhergehende Abend hatte ihm Beruhigung gebracht. Er hatte ja Nachricht von Gaſton; ſein wackeres Herz war voll Vertrauen und Hoffnung. Und doch fielen, nachdem er einige Maſchen ſeines Geflechtes geknüpft, ſeine Finger plötzlich läſſig ab. Sein Blick wurde zerſtreut. Mechaniſch drehte er noch einige Fäden, dann ließ er die Hände ſinken und faltete ſie über den Knieen. Seine Augen hoben ſich gen Himmel; ein ſanfter, ſeliger Zug milderte das bäuriſch Derbe ſeiner Züge. Sein Mund lächelte, in ſeinem Blicke lagen kind⸗ liche Liebkoſungen. Seine Gedanken waren bei Gaſton. „Man muß ihm nicht zu viel Freude zeigen, wann er wieder kommt,“ murmelte er.„Man muß etwas kalt ſein und zu ihm ſagen: Fräulein Sancta hat ſehr ge⸗ weint, ueſer Herr!...“ Esrr hielt inne und hob dann, ſein behaartes Haupt ſchüttelnd, bald wieder an: „O ja! ſie hat ſehr geweint!... Er wird auf mich hören, er wird traurig ſein... aber ſchlagen wird er ſich nicht mehr.“ Biot hatte Thränen in den Augen und lächelte gerührt. „Sie haben einander ſo lieb, die theuren Kinder,“ fuhr er fort.„So lange Gott Eines dem Andern er⸗ halten wird, iſt immer noch einiges Glück unter dem armen Dache der Maillepré...“ 4 Die Dämmerung ſchimmerte nach und nach weißlich in die Scheiben der Loge. Statt ſeine Arbeit wieder vorzunehmen, rückte Biot ſeinen Schemel zum Fenſter gegen den Hof und ſetzte ſich an daſſelbe hin. Auf dem Geſimſe dieſes Fenſters lag das Manu⸗ ſeript, deſſen ſchmerzlichen Inhalt er in jener Nacht zu Ende geleſen hatte. Jetzt kannte er Bertha's ganzes Geheimniß. Er legte ſeine Hand auf das zuſammengerollte Manuſcript und ſein plötzlich umdüſtertes Auge ſchweifte dnni der Mauern des rechten Flügels von Fenſter zu Fenſter. Ein ſchwerer Seufzer hob ſeine Bruſt. „Was die betrifft,“ murmelte er,„wer könnte der das verlorene Glück wieder geben?...“ Einen Augenblick blieb er ſchweigend und unbeweg⸗ lich, dann ballten ſich ſeine beiden Fäuſte und unter den gerunzelten Brauen hervor ſchoß ſein Auge zermalmende Drohungen. b 4 „Ha! ich werde ihn finden, den Schändlichen!⸗ ſagte er;„ich werde ihn tödten, wie er das arme Fräulein getödtet.. und Gott wird mich nicht ſtrafen.“ Sein Gedankenlauf nahm eine andere Richtung. Er erinnerte ſich jetzt, daß er Abends zuvor Bertha ſterbenskrank und in höchſter Kraftloſigkeit verlaſſen hatte. Unruhe ergriff ihn; obwohl es noch nicht vollends die Zeit war, zu welcher er ſich gewöhnlich in das Zim⸗ mer der Großmutter begab, eilte er dennoch haſtigen 121 Laufes über den Hof und die Treppe des rechten Flü⸗ gels hinan.— Er fand Gaſtons Zimmerthüre offen ſtehen. Dieſer Umſtand überraſchte ihn nicht beſonders, weil er Abends zuvor in ſeiner Verwirrung ſo etwas Unbe⸗ deutendes wohl vergeſſen haben konnte. . Gaſtons Zimmer befand ſich noch in dem Zuſtande, wie der junge Mann es bei ſeiner haſtigen Entfernung verlaſſen. Das Bett war ungemacht geblieben. Hie und da ſah man verſchiedene Stücke ſeiner Arbeiter⸗ kleidung umherliegen. Biot warf einen traurigen Blick auf das leere und eingedrückte Lager; dann öffnete er den Wandſchrank und nahm ſeine Livree heraus. Er machte ſich an ſeine tägliche Toilette. Während er die Beinkleider anzog, glaubte er in Sancta's Zimmer ein dumpfes, periodiſches Geräuſch zu hören, deſſen Urſache ihm unerklärlich war. Er ſtand ſtille, um hinzuhorchen. Das Geräuſch fuhr fort; es glich dem heiſern Schnarchen eines Mannes, der halberſtickt im Schlummer liegt. Biot glaubte zu träumen. Er wußte ſich dieſen ſeltſamen Umſtand nicht zu deuten und wollte ſich über⸗ zeugen, daß es ein Irrthum ſei. „Mit vorgerecktem Halſe und geſpitztem Ohre knüpfte er jedoch ſeine Livreehoſen vollends zu und nahm den Rock, um ihn ebenfalls anzuziehen. Allein in dieſem Augenblick ertönte ein ſtärkeres Schnarchen in dem anſtoßenden Zimmer und zwar ſo deutlich, daß Biots Hände zu zittern anfingen und den Rock zu Boden fallen ließen. ABlaß, bis zum Entſetzen ergriffen, lief der gute Diener auf den Zehenſpitzen durch das Zimmer und öffnete ſachte die Thüre, welche in Sancta's Zimmer führte. Der Tag warf ſein noch unbeſtimmtes Licht durch das Fenſter; nichtsdeſtoweniger konnte Biot die ſchwarze 7 122 Geſtalt eines quer über das weiße Lager des jungen Mädchens ausgeſtreckten Mannes ſehen. Er ſtieß einen fürchterlichen Schrei aus; dann ſtützte er ſich, wie von tödtlichem Schlage getroffen, unfähig, einen zweiten Schrei auszuſtoßen, unfähig, ſich zu bewe⸗ gen, kraftlos an die Mauer. Der auf dem Lager aus⸗ geſtreckte Kerl hatte ſich nicht gerührt. Sein Geſicht in den Kiſſen vergraben, fuhr er fort, lärmend zu ſchnarchen. Einige Sekunden verſtrichen. Auch der Großmutter Zimmerthüre öffnete ſich. Wankend, farblos zeigte ſich Bertha an der Schwelle. 7. Zwei Unberufene. Bertha kam, durch das Angſtgeſchrei herbeigezogen, welches Jean⸗Marie Biots Bruſt beim Anblick eines quer über Saneta's Bett liegenden Mannes entflohen. Dieſer Mann war Deniſart, welcher, in dem ſchwe⸗ ren Schlafe des Rauſches befangen, ſeit der Entfernung ſeiner Spießgeſellen ſich nicht geregt hatte. „Was gibt's?“ fragte Bertha mit ſchwacher Stimme. Bi—dot antwortete nicht; ſein kräftiger Körper zuckte in ſchrecklichen Stößen. „Biot,“ ſagte Bertha wieder,„weßhalb dieſer Schrei?... Was habt Ihr?“ Biot machte eine verzweifelte Anſtrengung und richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf. 3 „Was ich habe!...“ murmelte er mit keuchender, erſtickter Stimme.„Iſt's ein Traum?... ſchauen Sie! o ſchauen Sie hier!“ Err ſtreckte ſeinen Arm gegen dem Bette aus, auf welchem Deniſart ſchlief, 123 Bertha wandte ihren Blick nach jener Seite und ging einen Schritt vorwärts. Allein ihre Füße verſagten den Dienſt; erſchöpft lehnte ſie ſich an das Tiſchchen, wo Sancta arbeitete, und blieb dort zitternd und beklemmt Athem ſuchend. „Sie iſt nicht mehr da,“ liſpelte ſie. Biot hatte bis jetzt nur das geſchändete Lager und den ſchlafenden Kerl geſehen. Sancta's Abweſenheit hatte er noch nicht bemerkt. Es wurde heller. Ein einziger Blick überzeugte Biot von der traurigen Wahrheit der Worte Bertha's. Das Bett war leer und das Fenſter offen. Biot, deſſen Geſicht Anfangs erbleichte, wurde plötz⸗ lich ſcharlachroth. Sein Blut, das brauſend dem Ge⸗ hirn zuſtrömte, röthete ſeine Augen und kochte ihm in der Stirn.— Gehemmten Schrittes, als hätte er Blei an den Sohlen, näherte er ſich Sancta's Bett. Bei Deniſart angelangt, blieb er einen Augenblick vor ihm ſtehen und ſchaute auf dieſen ſtumpfen, trägen Körper hin, der auf dem Bette noch die ſeltſame und unfläthige Lage beibehalten, in die er beim Hinfallen geſunken. 3 Dann bogen ſich die kräftigen Lenden des Bauern. Mit einer einzigen Hand faßte er Deniſart am Schopfe, d ihn auf und warf ihn rücklings bis vor Bertha's üße. Jählings aufgewacht und ganz zerſchlagen von dem Falle, fing der Pedant an, dumpf zu brummen, indem er die Augen rieb, die ſich nicht öffnen wollten. Sancta's Arbeitstiſch ſtand hart am Fenſter und Deniſart war an die Tiſchfüße hingefallen. Das Früh⸗ licht beſchien daher ſein rothes, mit grünlichgelben Flecken untermiſchtes Geſicht in ſeiner ganzen Häßlichkeit. Jetzt ſiel Bertha's Blick auf ihn. Sobald ſie ſeiner anſichtig wurde, durchzuckte ein ſchmerzliches Zittern ihren ganzen Körper; ſie ſank auf 124 feinen Stuhl und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen, indem ſie liſpelte: 3 „Er iſt es! er iſt es!...“ Biot hatte den am Boden liegenden Kerl ſchneller erkannt. Noch war er nicht ſo lange mit dem Leſen von Bertha's Manuſeript fertig geworden und die Ereig⸗ niſſe, welche daſſelbe ſchilderte, ſtanden noch zu friſch vor ſeiner Seele, als daß er ſich auch nur einen Augen⸗ blick hätte täuſchen können. Mit geballten Fäuſten, blutunterlaufenen Augen und grimmiger Wuth auf dem Geſicht blieb er an dem Bette ſtehen. 3 Seine langen Haare ſträubten ſich durch das inner⸗ liche Zucken ſeiner Muskeln; ſein Athmen war ein Röcheln.... „O ja!“ betonte er mit hohler Stimme,„er iſt es! wohl iſt er es!...“. Deniſart betrachtete ihn verdutzten Blickes. „Ich weiß mich nicht mehr zurecht zu finden,“ brummte er.„Ich bin noch nie in dieſe Baracke ge⸗ kommen....“ Und als das furchtbar drohende Geſicht Biots auf ſeine halb erwachte Feigheit wirkte, fügte er hinzu: „Wo geht's denn hier hinaus?“ Ein Lächeln grauſamer Zufriedenheit überflog Biots grimme Züge. Er antwortete nicht, trat zu Deniſart heran und ſchüttelte ihn derb. „Wo iſt ſie?“ ſagte er. „Wer denn?“ fragte Denifart. „Fräulein Sancta,“ antwortete Biot, deſſen knir⸗ ſchende Zähne kaum die Worte hervorbrachten. „Kenn' nicht,“ ſagte Deniſart. Bertha lag über den Stuhl hingelehnt. Von Zeit zu Zeit ſtahl ſich ihr erloſchener Blick zwiſchen den Spalten ihrer Finger hindurch und ſuchte Deniſart. So oft ſie ihn auf ſolche Weiſe ſah, ſchauerte ihr— 12⁵ ganzes armes, gebrochenes Weſen zuſammen, um nachher immer ſchwächer hinzuſinken. Und doch konnte ſie ſich nicht enthalten, dieſen Mann anzuſchauen, deſſen Anblick ſie vollends tödten mußte. Nach einigen Augenblicken taumelte ihr Kopf herab, ihre Augen ſchloſſen ſich. Sie glitſchte ohnmächtig auf den Boden, neben Deniſart hin. Ihr weißes Gewand ſtreifte die ſchmierigen Kleider bes Mlenheng der ſie lächelnd und viehiſch dumm an⸗ glotzte. „Die da gleicht einer meiner Bekanntſchaften,“ 5 er;„allein meine Bekanntſchaft hatte lebhaftere axbe.“ Biots Wuth, die ihren Gipfel erreicht, ließ keiner andern Regung mehr Platz. Sein Auge blieb trocken, als es ſich auf die ohnmächtige Bertha heftete. Er ſchleppte nur, getrieben von einem ungewiſſen Inſtinkt von Hochachtung, Deniſart weit von ihr weg. „Höre,“ hob er wieder an, indem er den Pedanten bei den Haaren ſchüttelte,„ich glaube, ich wäre fähig, Dich nicht zu tödten, wenn Du mir ſagſt, wo man ſie hingeführt hat.... Aber ſpute Dich! Du ſiehſt wohl, daß ich mich nicht mehr kenne!“ „Sie thun mir weh,“ ſtammelte Deniſart,„Sie thun mir weh am Kopf....“ Biot ließ ſeine Haare los und gab ihm ſtampfend einen Fußtritt. „Wo iſt ſie? wo iſt ſie?“ wiederholte er.„Du haſt keine Minute mehr, um Dein Leben zu retten!“ Die gelben Flecken auf Deniſarts Backen wurden größer und immer größer, bis endlich ſein ganzes Ge⸗ ſicht von Todtenbläſſe überzogen war. Vor Verwir⸗ rung und Entſetzen gerann ihm das Blut in den Adern; allein er hatte den Rauſch noch nicht ausgeſchlafen und konnte ſomit nicht antworten. Biot mußte ſich mit aller Macht zurückhalten, ihn nicht zu erwürgen, und da er fühlte, daß ihm dieß nicht in die Länge möglich wäre, entfernte er ſich raſch und durchlief mit großen Schritten das Zimmer. Bertha lag noch immer ohnmächtig da. Eine ſchmerzliche Zuckung milderte einen Augen⸗ blick Biots Zorn, ſein gerührter Blick ruhte auf dem armen Mädchen, das eine Leiche ſchien. 4 Er kam zu Deniſart zurück und ſagte in bittendem one: „Ihr ſeht wohl, daß Ihr Dieſe hier getödtet habt! .. Die Andere... gebt uns die Andere zurück.... und ich werde Eurer ſchonen!“ 1 Deniſart folgte Biots Auge, das auf Bertha ſchaute, und fing an, tölpiſch zu lachen. „Meiner Treu!“ ſtammelte er,„ſagen, wo ich Die geſehen habe, das könnt' ich nicht.... aber eine Be⸗ kanntſchaft iſt's.“ Bertha regte ſich ſchwach. „So antworte doch!“ ſchrie Biot dumpf.. „Einzig,“ hob Deniſart wieder an,„hatte ſie leb⸗ haftere Farbe..Ich weiß es gewiß.“ Bertha ſtieß einen Seufzer aus. Biots Wuth ſtellte ſich mit fürchterlicher Gewalt wieder ein. „Antworte!“ ſagte er nachmals mit grimmer Stimme. Deniſart wälzte ſich lachend auf dem Boden. Biot ſtieß ein heiſeres Gebrüll aus; er ergriff den Pedanten mit der einen Hand beim Schopfe, mit der andern krallte er ſich in ſeine Bauchhaut ein und hob ihn heulend auf, wie er ehemals mit dem ungeheuren Hund des Wucherers Polype in jener armen Stube des Flügels Valois gethan. 4 Deniſart bäumte ſich und ſchrie. Biot, toll vor Wuth, hielt ihn mit kräftigen Armen und wandte ſich gegen das Fenſter. 127 Bertha war bei all' dieſem Lärm erwacht und liſpelte: „Gnade! ſchonet ſein!....“ Aber Biot hörte ſie nicht. Beim Fenſter angekommen, ſchwang er den vor Schreck ſchon halb todten Deniſart über ſeinem Kopf und ſtürzte ihn in die Straße hinab.. Deniſart ſiel wie eine lebloſe Maſſe auf das Pfla⸗ ſter. Bevor aber noch Biot Zeit gehabt hätte, von der Wuth zur Reue überzugehen, ſtand der Pedant, wie jene alte Jungfer, von welcher wir im vorhergehenden Kapitel geſprochen, wieder auf, tappte ſchwankend durch die Straße und verſchwand um eine Ecke biegend. Biot blieb mit aufgeſperrtem Munde ſtehen und ſchaute das Loch an, das Deniſart in den Schnee ge⸗ drückt hatte. 3 Es war aber auch gewiß zum Verwundern, beſon⸗ ders für Biot, der nicht wiſſen konnte, welch ein zähes Leben die Philiſter haben. Nach dem erſten Augenblick des Staunens war Biot hinausgeſtürzt, weil er fühlte, daß er ſich ſoeben jedes Mittel benommen, Sancta's Spur zu verfolgen. Deniſart war einigermaßen eine Geißel geweſen. War erſt ſein Rauſch einmal vorüber, ſo hätte man ihn ausfragen, ihn gutwillig oder mit Gewalt zum Sprechen bringen können. Seine Flucht riß den letzten Faden entzwei, welcher in dem Dunkel dieſer Intrigue leiten konnte. Biot hatte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, dieſen Schluß gezogen und war in aller Eile die Treppe hinabgerannt, hoffend, mit Schnelle Deniſart noch in ſeinem ſchwan⸗ kenden Laufe einzuholen. 3 Als er fort war, ſchleppte ſich Bertha an's Fen⸗ ſter, weil ſie das ſeltſame Reſultat der Gewaltthätigkeit des Bauern nicht ahnen konnte und ſie einen Leichnam unter ihrem Fenſter ſehen zu müſſen glaubte. Sie ſah Nichts, außer Jean Marie Biot, der über das ſchlüpfrige Pflaſter lief. Während ſie ſich über das Fenſter hinausbeugte, ließ ſich im anſtoßenden Zimmer die Stimme der Her⸗ zogin⸗Wittwe vernehmen. 3 „Fräulein Maillepré“ ſagte ſie,„woher kommt es, daß ich Sie nicht bei mir ſehe?“ Bertha hatte den Kopf weit über das Fenſter hin⸗ ausgebogen und konnte nicht hören. Ebenſo konnte ſie auch ein ſchnelles Geräuſch in Gaſtons verlaſſenem Zimmer nicht hören. Die Thüre jenes Gemaches, welche nach Biots Weggehen wieder zugefallen war, öffnete ſich langſam. Es zeigte ſich ein Kopf, und zwar nicht in der Höhe, in welcher gewöhnlich der Kopf eines menſchlichen Weſens aufragt, ſondern auf der gleichen Fläche mit dem oden. Dieſer Kopf war kahl, mit Ausnahme eines dünnen Büſchels weißer Haare, der ſich auf der Höhe des Schädels emporſträubte. Stirn, Wangen und Hals hatten eine röthliche Farbe. Unter langen weißen Wimpern erſtarb ein erloſchener wui der von Zeit zu Zeit plötzlich aufflammte und euchtete. 3 Man hätte dann die funkelnden Augen eines Noth⸗ wilds zu ſehen vermeint. Dieſem ſeltſamen Kopfe wand ſich ſachte durch die halboffene Thür ein langer abgemagerter Körper nach. Es war ein Mann von rieſiger Geſtalt, der Wahn⸗ ſinnige, den wir, rauchend und ſein eintöniges Lied ſin⸗ gend, in der Bibliothek des Hotels auf einem Strohlager einſchlafen ſahen. „Fräulein von Maillepré,“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick die Herzogin⸗Witwe,„ich bin aufgeſtanden..., Kommen Sie und helfen Sie mir zum Lehnſtuhl hin.“ 129 Dieſe Stimme drang kaum verſtändlich in Sanctas Zimmer, weil ſie aus dem Alkoven kam, deſſen dichte Vorhänge noch aufgezogen waren. 3 Bertha lag noch immer zu dem Fenſter hinaus⸗ gelehnt. Der Greis, welcher auf dem Boden vorwärts kroch, hielt bei dem kurzen Ton dieſer Stimme plötzlich an. Er reckte den Kopf in die Höhe, um zu hören. Sein Hals ſtreckte ſich aus. Sein ganzer Körper nahm jene wachſame und lauſchende Stellung des Wil⸗ den an, der, wie Cooper es ſo oft beſchrieben, in der Stille der großen Wälder horcht. Ein flüchtiger Verſtandesblitz ſtralte unter den weißen Wimpern ſeiner Augenlider hervor. z Sein belebter Blick ſchweifte rings im Zimmer erum.. Er erblickte Bertha. Bei dieſem Anblick öffnete ſich ſein Mund zu einem ſtummen Lächeln und wies zwei Reihen langer weißer und ſcharfer Zähne. Statt ſeinen Weg zum Zimmer der Großmutter fortzuſetzen, ſing er an, zu Bertha hinzukriechen. 3 In dieſem Augenblick war dieſer Menſch ſchrecklich anzuſehen. Sein langer röthlicher Körper machte Schlan⸗ genwindungen. Sein funkelndes Auge durchbohrte die arme Bertha mit jenem lüſternen Blicke des wilden Thieres, das im Begriff iſt, ſeine Beute zu⸗ erwürgen. In dem Feuer ſeines irren Augapfels hätte man mordluſtigen Wahnſinn leſen können. „Er fuhr fort, ohne das geringſte Geräuſch zu kriechen. Sein wildes Lächeln ließ ſeine großen fletſchen⸗ den Zähne bis auf's Zahnfleiſch ſehen. „Bei Bertha angekommen, richtete er ſich langſam hinter ihr auf. Seine beiden Arme hoben ſich und ſtreckten ſich mit gieriger Langſamkeit aus, den ſchlanken Hals des armen Mädchens zu umſchlingen. Pariſ. Liebſch. III. 130 „Fräulein von Maillepré!“ ſagte die Herzogin mit. — gereizter Stimme;„hören Sie mich nicht?... Der Alte verlor ſein Hyänenlächeln. Seine weißen Wimpern ſenkten ſich über das wieder düſter gewordene Auge herab. Die Arme fielen ihm am Körper nieder,„ bevor er Bertha noch berührt hatte. Bertha ahnte die Gefahr nicht, welche durch einen Zufall über ihrem Haupte ſchwebte und die ein anderer Zufalt entfernte.— Sie ſpähte nach Biots Rückkehr, welchen ſie ſchnel⸗ len Laufes um die Ecke der Straße Culture⸗Sainte⸗ Catherine biegen geſehen. Inzwiſchen hatte der Alte ſeinen gläſernen Augapfel auf die offene Thüre des Zimmers der Großmutter geheftet. Ein Hauch durchwehte die dunkle Verwirrung, die in ſeinem Gehirn herrſchte. Dieſes Lüftchen gab ſeiner lenkſamen Phantaſie, eine andere Wendung. Er brachte ſeine beiden Hände wieder auf den Boden und fing von Neuem an zu kriechen, ohne den geringſten Laut von ſich zu geben. Jetzt entfernte er ſich von Bertha und wandte ſich gegen das Zimmer der Großmutter. Sein kahler Kopf überragte bald die Schwelle. Er hielt an, um freudig die ſeidenen Gardinen und die verblichenen Stickereien des Teppichs zu betrachten. In ſeinem runzligen Geſicht leuchtete die naive und erregſame Ueberraſchung, welche beim geringſten Anlaſſe das Geſicht eines Kindes durchzieht. Zwei oder drei Mal drehte er ſich auf allen Vie⸗* ren, um Alles zu ſehen und als ob er ein Vergnügen daran fände, ſeine ſchwieligen Hände an dem weichen Gewebe des Teppichs zu reiben. „Aber wo ſind Sie denn nur, Fräulein von Mail⸗ lepré?“ rief die Herzogin zornig. 3 6 — —,— 131 Sein Auge heftete ſich auf die geſchloſſenen Vor⸗ hänge des Alkovens. Dann legte er ſein Kinn auf den Teppich, indem er tückiſch das Hinderniß anſah, welches ihm die Perſon verdeckte, deren Stimme ſich ſo eben hören ließ. Sein Augapfel erweiterte ſich und ſchien die ſeide⸗ nen Vorhänge durchdringen zu wollen. Aus dem Alkoven ließ ſich ein leiſes Geräuſch ver⸗ nehmen. Des Rufens müde, beſorgte die Frau Herzogin ohne Zweifel ſelbſt ihre Toilette. Der Alte lieh dieſem Geräuſch ein aufmerkſa⸗ mes Ohr. Da ſich nach Verfluß einiger Minuten die Vor⸗ hänge ſeiner Ungeduld nicht ſchnell genug öffnen wollten, fing er mit unendlicher Vorſicht wieder an, dem Alkoven zuzukriechen. Als ſein Kopf bei dem Schragen vorüber war, auf welchem Bertha ihr Lager fand und der nur einige Schritte von dem Bette der Frau Herzogin entfernt war, „hörte er auf zu kriechen, um nochmals das Ohr zu ſpitzen. Man hörte beſtändig das Rauſchen eines ſeidenen Gewandes, weil die zitternde Hand der alten Dame vergeblich verſuchte, ſich das Kleid anzuziehen. Und während ſie ſich ſo abmühte, murrte ſie und fragte bei ſich ſelbſt, warum Bertha wohl nicht da ſei, ihr Amt zu verrichten. Alles, was ſie fühlte, war Aerger, nicht Unruhe, denn ſie war nun einmal ſo geſchaffen, ſich un⸗ möglich für Andere intereſſiren zu können. d Ihr Brummen drang undeutlich zu dem geſpitzten 3 Ohre der ſeltſamen Perſon, die ſich ſoeben in das Zim⸗ mer eingeſchlichen hatte. Das Geſicht des Wilden drückte eine leidenſchaftliche Neugierde aus. Er verſuchte Anfangs, unter der Draperie hindurch zu. ſchauen, allein dieſe reichte bis auf den Teppich eder. Von dieſer Seite beſiegt, richtete er ſich langſam 1 —— 13² auf die Füße, indem er ſeinen Blick an den Spalten der Vorhänge hingleiten ließ. Allein die Vorhänge waren ſorgfältig zuſammengezogen und die wenigen Lücken, die zwiſchen den Franſen blieben, waren durch das Dunkel des Alkovens dem Auge undurchdringlich gemacht. Der Greis ſah Nichts. Und doch guckte er be⸗ harrlich hin. Und, wie ſonderbar! trotz der unſinnigen Leiden⸗ ſchaft, die ihn in dieſem Augenblick trieb, wagte ſeine Hand nicht, den Vorhang aufzuheben. Ein oder zwei Mal machte er, von ſeiner gierigen Phantaſie aufgereizt, eine barſche Geberde, als wollte er das Hinderniß ent⸗ fernen. 3 Allein ſeine Arme fielen an dem Körper nieder. Eine unerklärliche Furcht hielt ihn zurück. So blieb er da, den Rumpf vorwärts geſtreckt, die Stirne an das Seidenzeug gedrückt, ſtoßweiſe ſeufzend, und im Geſicht die ſeltſamſte Bewegung zeigend. Die Frau Herzogin hatte endlich ihren Anzug zu Stande gebracht. Ihre beiden dürren und faltigen Hände ordneten rechts und links an den krauſen Verzierungen. Nun befanden ſich der Greis und ſie einander ge⸗ genüber.... und zwar ſo nahe Eines dem Andern, daß der brennende Athem des Wahnſinnigen die eiſige Stirn der alten Dame berührte. 3 Sie blieb einen Augenblick erſtaunt vor dem glü⸗ henden Blick, der ſich ſtarr auf ihr Auge geheftet, allein erſchrocken war ſie nicht.. Sie hatte ein Herz von Diamant, das weder Furcht noch Mitleid kannte. „Jean⸗Marie,“ ſagte ſie nicht lauter, als gewöhn⸗ lich,„gebt dieſem Menſchen ein Almoſen und ſchafft ihn fort.“ Jean⸗Marie war nicht da, um dieſem Befehle Folge leiſten zu können. 5 L Der Greis hatte ſeinen Rumpf vorwärts geſtreckt, „— —— 13³3 ſeine Geſtalt dehnte ſich in ihrer ganzen Höhe aus. Auf ſeinen Zügen lag ein Gemiſch von verworrenen Empfin⸗ dungen, die wie ein Abglanz der Finſterniß ſeines zer⸗ ſtörten Gehirns waren..— Er ſchien bis zur Betroffenheit erſtaunt, bis zur Angſt gerührt, und man hätte glauben ſollen, er wiſſe nicht, warum er gerührt, warum er betroffen ſei. Zu wiederholten Malen preßten ſich ſeine zitternden Hände an die Stirne, auf welcher der Schweiß trocknete. Verzweifelnd ſuchte er den Gedanken zu erhaſchen, der in ſeinem Gehirn ſpuckte. Sein von einem unbe⸗ ſtimmten Scheine plötzlich erhellter Verſtand erſchöpfte ſich, den ſtegreichen Wahnſinn zu bekämpfen.... und der Wahnſinn drückte ihn nieder. Sein Auge ließ nicht eine Sekunde von dem Ge⸗ ſichte der Herzogin ab; es ſchien, als wolle er deſſen Runzeln alle unterſuchen und deſſen zahlloſe Falten eine nach der andern zählen. Und die Herzogin blieb ſteif und hochmüthig vor ihm ſtehen, als hätte ſie auf ein Wunder gerechnet, um ihre wehrloſe Einſamkeit gegen dieſen unerwarteten Ueberfall zu ſchützen. Erſt nach Verlauf von mehr denn einer Minute ergriff ſie wieder das Wort. „Jean⸗Marie,“ wiederholte ſie im gewohnten Tone; „gebt dieſem Menſchen ein Almoſen und ſchafft ihn fort!“ Ddeer Greis legte ſeine beiden gefalteten Hände auf ſein Herz. 3 2 Er litt.... eine Erinnerung wollte ſeinen fliehen⸗ den und ihm entweichenden Gedanken feſthalten. „Hoguah! Hoguah!“ Der Greis nahm lägch eine demüthigere Stellung an, er raffte ſich auf die Beine, in ſeinem Geſicht prägte ſich Unruhe und Mißtrauen ab. Mit argliſtiger Miene ſchaute er rings im Zimmer umher, als hätte er einen Ort geſucht, um ſich zu ver⸗ bergen, oder einen Ausgang, um zu entfliehen. Draußen riefen und antworteten ſich die Stimmen. 3 Sie entfernten ſich, dann kamen ſie wieder näher, wie es bei einem eifrigen Nachſpüren zu geſchehen pflegt. Dieſer plötzliche Lärm hatte den zerbrechlichen Fa⸗ den, der des Greiſen Gedanken verknüpfen zu wollen ſchien, barſch entzweigeriſſen. Anfangs hatte er dem, was draußen vorging, eine aͤngſtliche Aufmerkſamkeit geſchenkt; dann war ſein Ge⸗ ſicht wieder düſter geworden und ſein Blick war, ſeine gläſerne Unbeweglichkeit wieder annehmend, von Neuem auf die Herzogin gefallen, die er nicht mehr unter der nämlichen Geſtalt, wie kurz zuvor, zu ſehen ſchien. Wenn der erſte Blick auf dieſe Frau in ihm Em⸗ pfindungen erweckt, welche ſchon lange erſtorben, ſo war es jetzt um ſie geſchehen. Dieſe Empfindungen waren bald in Vergeſſenheit zurückgeſunken, er erkannte ſie nimmer. Unter den verworrenen Stimmen, die ſich draußen vernehmen ließen, machte ſich vor allen die gebieteriſche und ernſte Stimme des Herrn Williams hörbar. „Hoguah!“ ſchrie ſie. 1 Der Alte fiel auf die Kniee, als hätten ſich plötz⸗ lich ſeine Sehnen abgeſpannt. Mit demüthiger Miene legte er ſich auf den Tep⸗ „ich hin und ſtimmte in dumpfen Tönen jenen eintöni⸗ en Geſang an, den wir ſchon mehr als ein Mal ge⸗ ſchildert. Steifen und mühſamen Schrittes erreichte die Her⸗ zogin ihren Lehnſtuhl mit Ohrkiſſen und ſetzte ſich hinein. Vor ihr befand ſich ein halbnackter Mann von rie⸗ 135 ſigem Wuchſe, deſſen Wahnſinn in die Augen ſpringen mußte. Demungeachtet blieben ihre Züge ſteinern. Keine Empfindung, weder Schreck noch Beſtürzung, brach die ſtumpfe Theilnahmloſigkeit ihres Geſichts. Selbſt ihr Staunen war gewichen. Als ob Nichts vorginge, ſuchte ſie in ihrer Rock⸗ taſche nach der goldenen Doſe und wiederholte zum drit⸗ ten Mal in tiefem eiſigem Tone:. „Jean⸗Marie, gebt dieſem Menſchen ein Almoſen und ſchafft ihn fort!“ Zugleich nahm ſie langſam eine Priſe Taback, in⸗ dem ſie die offene Doſe in der Hand behielt. Mit dem Alten war eine außerordentliche Verände⸗ rung vorgegangen. Seine weit aufgeſperrten Augen Peſieter ſich auf die Doſe und verſchlangen ſie gierigen ickes. Er hatte ſich zur Hälfte aufgerichtet und hielt ſich nun auf beiden Händen und den Knieen mit vorgeſtreck⸗ tem Halſe, als hätte er ſich auf Etwas losſtürzen wollen. Sein Geſang hatte aufgehört; ſeine convulſiviſch zuckenden Lippen redeten, ohne die Töne hervorbringen zu können. Eine geheimnißvolle Gewalt ſchien die ſchwärmenden Grillen ſeiner Tollheit feſtzuhalten und auf einen einzi⸗ gen Gegenſtand zu concentriren. Er hielt ſich da, wie ein zum Sprunge bereiter Wolf, der, ſeine Beute belauernd, ſich auf dieſelbe wer⸗ fen will. „Hoguah!“ ſchrie Herr Williams im Hofe. Wie immer, ſo erſchütterte auch jetzt dieſe gefürch⸗ tete Stimme den Alten gewaltig, allein den Lauf ſeiner Phantaſie änderte ſie nicht. Er kroch ſich windend auf dem Teppich fort und naäherte ſich der Herzogin in unmerklichen Zwiſchen⸗ räumen. Als er ihr dann nahe genug war, um ſie erreichen . 136 zu können, entriß er mit wildem Geſchrei den Händen der alten Dame die goldene Doſe. Dann machte er noch mehrere Sprünge durch das Zimmer, in dem er mit unſinnigem Triumphe ſeine Tro⸗ phäe über ſeinem Kopfe ſchwang. Noch hatte die Herzogin den Mund nicht aufgethan, als er ſchon unter. Freudengeheul verſchwunden war. Auf dieß Geſchrei hin verließ Bertha das Fenſter, allein ſie ſah Nichts, ausgenommen die zufallende Flü⸗ gelthüre. Draußen legte ſich der Lärm. Man hörte auf, Hoguah zu rufen Der Alte war wieder in ſein düſteres Schweigen verfallen. S. Der große Häuptling. Biot kam wenige Augenblicke nachher zurück. Er fand Bertha auf ihrem Poſten bei der Herzo⸗ gin Wittwe. Nichts in dem Zimmer konnte ahnen laſſen, was ſo eben darin vorgegangen. Alles war in Ordnung. Die Herzogin Wittwe zitterte in ihrem Lehnſtuhl. Sie verſuchte zu ſprechen, allein es gelang ihr nicht. Sie war ſehr alt. Der Schlag der ſie ſo eben getroffen, war der ſchrecklichſte, der in dieſer Welt ſie erreichen konnte. Sie hatte nur eine Erinnerung. Ein einziges Mal hatte Etwas, das einem Herzen glich, in ihrer Bruſt gelebt.... Dieſe Doſe, oder vielmehr das Bild, welches ſie enthielt, faßte ihre ganze Jugend, ihr ganzes Glück in ſich.. 5 —— — — —— 137 Es war die Reliquie eines Verbrechens, allein die Herzogin kannte keine Gewiſſensbiſſe. Jetzt beſaß ſie Nichts mehr, ſie fühlte ſich allein. Wie niedergedonnert ſtarrte ſie vor ſich hin. ſtarr und gelähmt. Weder Biot noch Bertha konnten wiſſen, was ihr begegnet war. Biot's Laufen war vergeblich geweſen, er hatte Deniſart nicht einholen können, denn dieſer mochte nach unſerer Meinung in eines jener Löcher gefallen ſein, welche Beſoffene durch die beſondere Obhut des Schutz⸗ gottes, der üher ihr Geſchick wacht, auf ihrem Wege anzutreffen pflegen.. 3 Der Alte, den wir in das Zimmer der Großmutter ſchleichen geſehen, lag in dem Zimmer, welches Herr Williams ihm als Aufenthaltsort angewieſen, auf ſeine Decke ausgeſtreckt. Jeden Morgen wurde er von John Robertſon oder Toby Grant in den Garten geführt, damit er ein wenig friſche Luft einathme. Heute war Toby ſchon ſeit Tagesanbruch im Ka⸗ binet ſeines Gebieters beſchäftigt geweſen. John hatte geglaubt, den Alten einen Augenblick allein in dem Garten laſſen zu können, deſſen Ausgänge gewöhnlich alle verſchloßen waren. gemacht. Dieſer hatte wirklich auf feinem Wege die Thüre offen gelaſſen, welche durch den Hofraum zu den Corri⸗ doren des rechten Flügels führte. Umherſtöbernd hatte der Alte dieſen Ausgang ent⸗ deckt und in Folge des neugierigen Inſtinktes, welcher der Tollheit eigen iſt, war er ihm auch alſobald nach⸗ gegangen. Man hatte ihn überall geſucht. *————— — ————— Der ſchwache Lebensreſt, der in ihr war, ward Aber John hatte die Rechnung ohne Deniſart Wie begreiflich, mußte alles Suchen vergeblich ſein. Erſt in ſeinem Zimmer ſelbſt fand man ihn wieder auf ſeiner Decke liegend, indem er ſich mit jener Verſtellung, welche der Wahnſinn keineswegs ausſchließt, den Anſchein vollkommener Ruhe gab. Man wußte nicht, wo er geweſen war. Um deſto⸗ weniger ahnte man den von ihm verübten Diebſtahl... Herr Williams ging in ſein Arbeitszimmer zurück. Toby ſetzte ſich an ſeinen Tiſch und ſie fuhren in ihrem Memorial fort, das ſeinem Ende nahte. Die im letzten Theil derſelben angeführten That⸗ ſachen lauteten folgendermaßen: „James Weſtern wurde noch am gleichen Tage ſeiner Ankunft in Paris in einem Zimmer des Gaſt⸗ hofes zum Wilden Mann, durch ein Weib Namens Carmen vermittelſt Dolchſtichen tödtlich verwundet.“ Was dieſem Mord unmittelbar folgte, war Herrn Williams unbekannt. Er führte nur an, daß am Abend des Aſchermitt⸗ wochs vom Jahr 1826 zwölf Stunden nach dem ſelt⸗ ſamen Kampfe, den Weſtern gegen ein Weib beſtanden und in welchem er beſiegt wurde, der Amerikaner auf einer elenden Pritſche, in einem ſchwarzen, aller Luft unzugänglichen Loche wieder zur Beſinnung kam. James Weſtern hatte eine fürchterliche Wunde an der Kehle. Er war plötzlich ohnmächtig geworden und der Arzt, welcher ihn ſpäter behandelte, erklärte, daß er im Augenblick der Verwundung wie vom Blitz getroffen habe dahinfinken müſſen. Als er wieder zur Beſinnung kam, war ſeine Lage kaum beſſer als die eines Todten. Unfähig, ſich zu regen, erſchöpft durch den erlittenen ungeheuren Blutverluſt, ſah er ſich mit einem Tollen, der ſein Retter geweſen, allein.. Dieſer Tolle war ein im Lohne des Gaſtwirths ſtehender Unglücklicher, den Erſterer in Eigenſchaft eines Wilden an den Keller auf dem Perronplatze vermiethete. 1 · * — 139 Man nannte ihn in dieſem Kaffeehauſe den großen Häuptling oder den Sagamore.. James Weſtern hatte aus dieſem Menſchen nie genaue Angaben über die Art, wie dieſer ihn in ſein Schlupfloch gebracht, herausbringen können, aber un⸗ mittelbar über der Pritſche mangelte ein Brett in der Decke. Seither hatte ſich James Weſtern die Vermuthung gebildet, daß Carmen, um ihr Verbrechen zu verbergen, den Leichnam unter dem Fußboden des Zimmers, in welchem das Abendeſſen ſtatt gefunden, verſtecken wollte. Vielleicht mochte das beim Wegheben der Bretter verurſachte Geräuſch und wohl auch einige Blutstropfen den Wilden aufmerkſam gemacht haben, welcher dann, eben⸗ falls eines der Bretter in der Decke löſend, den Leich⸗ nam in ſeinen Armen auffing. Nach Herrn Williams Schilderung war der, welchen man den Wilden nannte, ein Mann von ſehr hohem Wuchſe und ungemeiner Kraft, ſein Schlupfloch, in einem jener beſondern Entreſols der Straße Valois ge⸗ legen, welche zwiſchen dem erſten und zweiten Stockwerk der Häuſer angebracht ſind, war ſo niedrig, daß man leicht die Decke mit der Hand berühren konnte. Die Sache hatte alſo nichts Unwahrſcheinliches an ſich. James Weſtern litt entſetzlich; das Blut, welches geronnen ihm im Schlunde lag, hinderte ihn am Sprechen, zu ſeiner Rettung mußte die Vorſehung dem armen Wahnſinnigen einen klugen Gedanken eingeben. Als denn auch die Stunde kam, wo der große Häuptling gezwungen ward, ſich zur Abendvorſtellung in dem Keller des Wilden Mannes zu begeben, wollte er den Verwundeten durchaus nicht allein zurücklaſſen. Er wickelte ihn in die Decke ſeiner Pritſche ein, lud ihn auf die Schultern, ging ohne ſich aufzuhalten oder Jemand Antwort zu geben, an dem Geſinde des Wirthshauſes vorüber und pochte an die Thür eines Arztes in der Straße Neuve⸗des⸗Petits⸗Champs. Man öffnete, der Wilde trat ein, legte ſeine Bürde auf ein mauhtn nieder und entfernte ſich ohne ein Wort zu agen. Weſtern war gerettet. Er befand ſich bei einem geſchickten und edeln Manne, deſſen Bemühungen ihn dem Leben wieder gaben. Seine Geneſung war eine lange und ſchmerzliche. Lange Zeit konnte er den Gebrauch der Sprache nicht wieder erhalten. Noch heute trägt er die Spuren dieſer fürchterlichen Wunde. Sein Hals iſt hart und ſtarr wie Stein.—— Weſtern befand ſich ohne alle Hülfsmittel in dem fremden Welttheile. Vor dem Morde hatte er ſelbſt ſeine Börſe verſchenkt und ſein Mörder hatte ihn erdolcht, um ſich der Brieftaſche zu bemächtigen, die alle ſeine Schriften und Valoren enthielt. Gleich Anfangs kam das großmüthige Zutrauen des Arztes dieſem entblößten Zuſtande zu Hülfe. Um demſelben abzuhelfen, bedurfte es übrigens nur der Zeit, um ſich Wechſel aus Amerika zu verſchaffen.. Weſtern's ſchrecklichſtes Leiden während ſeiner Krank⸗ heit waren die Gewiſſensbiſſe. Unabläſſig ſtellte er ſich die Noth und Hülfloſigkeit Derjenigen vor, welchen er hatte Hülfe bringen wollen. 5 Schon am zweitfolgenden Tag nach dem Morde, als die Vorſtellungen noch unklar in ſeinem Gehirne ſpukten, beherrſchte ihn dieſer Gedanke. 4 4 Er ließ unverzüglich Erkundigungen nach dem Mar⸗ auis Raoul von Malllepré einziehen. Allein die Mail⸗ lepré hatten Herr Polypes Haus, wohin ſeine Adreſſe lautete, am Morgen des Aſchermittwochs verlaſſen. Man wußte nicht, was aus ihnen geworden war. In ſeinem damaligen Zuſtande konnte James Weſtern nicht mehr thun. Mit einer Ungeduld, die ſein Fieber veerdoppelte, erwartete er den Augenblick, wo ſeine zurück⸗ gekehrten Kräfte ihm erlauben würden, zu handeln. Während der langen Monate, die er im Bette zu⸗ — — .₰ 141 bringen mußte, empfing er oft den Beſuch des Wilden vom Keller des Perron. Es war ſeltſam. Trotz ſeines verſtörten Gehirnes ſchien der große Häuptling dem Manne, welchem er das Leben gerettet, zärtlich zugethan. So oft er aus dem Loch entwiſchen konnte, das ihm als Aufenthaltsort dienen mußte, klopfte er an die Thür des Arztes in der Straße Neuve⸗des⸗Petits⸗ Champs. Die Bedienten hatten ihm Anfanges den Einlaß verweigern wollen, allein der große Häuptling war von einer Geſtalt und Stärke, daß er ſich aus einem ſolchen Abſchlag Nichts machte. Das erſte Mal hatte er ſich eingedrungen, die andern Male war er gutwillig einge⸗ führt worden. 4 Er ſetzte ſich dann ſchweigend an Weſterns Kopf⸗ kiſſen; er betrachtete ihn und fing an mit ſanfter Stimme ein Lied zu fingen, deſſen dumpfe und eintönige Noten den Vewundeten in Schlummer lullten. Zu jener Zeit war Weſtern der Sprache nicht wie⸗ der mächtig geworden, der Anblick des Wilden lieh ſeinem Geſicht einen bewegten Ausdruck, er machte An⸗ ſtrengungen, um ſprechen zu können, und in ſolchen Au⸗ genblicken ſchien er ſich kaum in ſeine ſtumme Rolle fügen zu können. In Weſtern war nämlich beim Anblick der verſtüm⸗ melten, verunſtalteten Züge des Wilden eine vage Erinne⸗ rung aufgetaucht. Und dann war der große Häuptling ein Irokeſe. Was hätte er ihn nicht Alles zu fragen gehabt! Das waren ſeine erſten Eindrücke. Später hatte er noch weitern Grund, ſeine Sprachlofigkeit zu bereuen und immer aufgeregter zu werden. Wenn der große Häuptling wegging, bedeckte er ſeine wirkliche oder nachgemachte Nacktheit mit einem langen am Halſe geſchloſſenen Mantel. Als er eines Tages wieder an Weſterns Bette ſaß, folgte dieſer mit zerſtreutem Blicke den tätowirten Linien, die ſich auf der Bruſt des Wilden wunderlich durch⸗ kreuzten. Sein Blick fiel auf die linke Seite der Bruſt, ſeine Zerſtreutheit ſchwand. An der Stelle des Herzens trug der große Häupt⸗ ling eine Zeichnung von ganz geringem Umfang, die ungefähr die Form eines Wappens hatte. In ſeiner Eigenſchaft als Republikaner hatte ſich Weſtern wahrſcheinlich nie viel mit heraldiſcher Wiſſen⸗ ſchaft beſchäftigt, aber er hatte ehmals, bald in den Händen des Herzog Johann bald beim Marquis Raoul oder der Herzogin Bertha ſo viele mit dem Malllepré⸗ ſchen Wappen verzierte Gegenſtände geſehen, daß dieſes Wappen ihm ins Gedächtniß geprägt geblieben. Er glaubte in der auf der Bruſt des großen Häupt⸗ lings tätowirten Zeichnung eine Art oberflächlicher Copie von Herzog Johann's Wappen zu ſehen. Er ſchob den Zipfel des Mantels weg, um beſſer hinſchauen zu können. Es waren in der That drei Kolben im grünen Felde: das Wappen im grünen Felde mit den drei ſilbernen Hämmern. Dieſer Anblick verwandelte die vagen Vermuthungen, die bis jetzt in Weſtern's Seele aufgeſtiegen, in plötz⸗ liche Gewißheit. So ſeltſam und unwahrſcheinlich ihm gleich An⸗ fangs dieſer Gedanke hätte erſcheinen können, ſo erfaßte er ihn jetzt gänzlich und beſchwichtigte ſiegreich jeden Zweifel. 3 Der Sprache nicht mächtig, ſuchte er ihn durch Zeichen auszufragen. Er legte den Finger auf das Wappen, indem er dem Irokeſen feſt in's Geſicht ſchaute. Dieſer antwortete dem forſchenden Blick durch eine Regung von Verlegenheit. Sein Auge überſlog zwei oder drei Male James Weſterns Geſicht, wie wenn man ſich der Züge eines längſt verlorenen Freundes zu er⸗ innern ſucht. Und es war in der That ſchon lange her! —— — — —— — 143 Allein dieſes Eramen blieb ohne Reſultat. Der große Häuptling ſchlug das Auge nieder, er verzichtete, dem Irrwege ſeiner Erinnerungen folgen zu wollen. Er ſchob Weſterns Finger weg und verbarg das Wappen unter ſeiner Hand. Dann ſchüttelte er den Kopf als wolle er läugnen und ſich vertheidigen. „Oguah's Blut iſt roth!“ ſagte er mit Nachdruck, „Oguah iſt ein großer Häuptling!“ Die irokeſiſchen Greiſe, welche auf der Aſche ihres Dorfes den Tod erwarteten, hatten den Namen Oguah auch genannt. Es waren dieß alſo nicht weiter mehr oder weniger annehmbare Vermuthungen. Es war eine unbeſtreitbare Gewißheit. Dieſer Mann, dieſer Tolle, dieſer Unglückliche, der auf die letzte Stufe menſchlichen Elends hinabgeſunken, war der Herzog von Maillepré. Durch welche Reihenfolge unſeliger Begebenheiten der Sohn von Rittern ſo tief gefallen, konute Weſtern zwar errathen, aber ganz beſtimmt nie erfahren. Als Herzog Johann Boſton verließ, war ſein Kopf ſchon ſchrecklich mitgenommen. Ohne Zweifel hatten dann ſeine einſamen Reiſen und die tauſendfaltigen Ent⸗ behrungen, welche er unterweges zu erleiden hatte, die Nacht ſeines Geiſtes noch mehr umdunkelt. Uebrigens trug ſein Geſicht und ſein ganzer Körper Spuren un⸗ zähliger Wunden. Es iſt anzunehmen, daß er auf ſei⸗ nen Streifzügen bei irgend einem indianiſchen Stamme eine jener unerhörten Strafen erlitten, deren Schilde⸗ rung in Reiſebüchern uns ſchaudern macht. Sein Verſtand war völlig verwirrt. Man weiß, daß die Tollheit bei den Indianern ein Grund der Ver⸗ ehrung iſt. Herzog Johann von Maillepré war unter dem Na⸗ men Oguah einer der Häuptlinge des Volksſtammes der Irokeſen geworden. Er hatte ihren Zug durch die —————-— ————— Praierien bis an die Ufer der Seen, die an Canada grän⸗ zen, mitgemacht. Dort erfuhr Weſtern, daß er als Gefangener der Chippeways nach Quebeck geführt worden war. Von Quebeck hatte man ihn ohne Zweifel nach London geſandt, wo die öffentlichen exhibitions*) nach ächten Wilden geizen. Man weiß, daß für Dinge, welche der Neugier des Volkes geboten werden, von Paris nach London nur ein Schritt iſt. Und wenn es uns geſtattet wäre, hier mitten in Herrn Williams Memorial das Wort zu ergreifen, ſo würden wir ſagen, daß der große Häuptling den näm⸗ lichen Weg, wie die Herrn van Amburg und Carter machte, den Weg, den Sr. Gnaden der General Tom⸗ Pouce kürzlich mit ſo viel Ruhm zurückgelegt hat. Man verkauft die Löwen, die Zwerge und die Wil⸗ den. Die Tollheit benimmt dem Menſchen die Macht der Vertheidigung. Der engliſche Eigenthümer des großen Häuptlings wollte ſich deſſen wahrſcheinlich entledigen, als die Zeit vorüber, in welcher er im Schwunge war. Herr Polype, der univerſelle Spekulant, der Wech⸗ ſelmäckler, der aus Allem Geld machte, wurde Eigen⸗ thümer des vermeintlichen Wilden und vermiethete ihn an den Keller des Wilden Mannes. S Das iſt das Wahrſcheinliche an der Sache. Was die Wahrheit ſelbſt betrifft, ſo wollte Oguah nie ein Wort über ſeine Geſchichte verlauten laſſen. Sobald James Weſtern die Fähigkeit zum Gehen und Sprechen wieder erlangt hatte, wollte er ſelbſt nach der Familie Maillepré ſuchen. Alle ſeine Schritte waren vergeblich. Auf der Po⸗ lizeipräfektur, wo er Auskunft verlangte, wurde er un⸗ gnädig abgefertigt und er mußte ſich von da an über⸗ *) Exhibitions, Ausſtellungsſäle. — 145 zeugen, daß Herr von Compans ſich die öffentliche Mei⸗ nung gewonnen und jeder Prätendent an das Erbe der Maillepré ſchon das Vorurtheil betrügeriſcher Abſichten men niederlegte, blieb erfolglos. Man hatte ein junges Mädchen dieſes Namens gekannt, welches Nationaltänze taſche wieder zu erhalten, welche die Papiere der Fa⸗ milie von Maillepré enthielt.. In dieſer Brieftaſche befanden ſich Gaſton und ſeiner Schweſtern Geburtsſcheine; eine Abſchrift desjeni⸗ gen des Marquis Raoul; das Oberſtenbrevet des Her⸗ zog Johann und eine Art Deklarationsakte, unterzeichnet von dem alten Williams Weſtern und andern Perſonen von Boſton, welche den Zeitpunkt genau angab, in wel⸗ chem das Haupt der Familie verſchwunden. Außerdem lagen darin noch Briefe des Marquis aoul und einige Notizen, worin Alles erzählt war, was wir von dem Leben der Malllepré vor und ſeit ihrer Abreiſe aus Amerika wiſſen. Aber ſo bedeutend nun auch die Wichtigkeit dieſer Brieftaſche ſein konnte, ſo wurde bei alledem ihr Ver⸗ luſt nur ein Nebenumſtand, weil die Malllepré ſelbſt allen Nachforſchungen unerreichbar blieben. Hätte auch Weſtern alle ihm fehlenden Aktenſtücke beſeſſen, ſo wäre ihm ſelbſt kein Recht zugeſtanden, einen Prozeß gegen den Herrn Herzog von Compans anzuheben. Zwar war nun Oguah, der Herzog Johann, da, deſſen Anweſenheit allein ſchon den Ausgang jedes rich⸗ terlichen Streites zu ſeinen Gunſten entſcheiden mußte. Pariſ. Liebſch. III. 10 Aber wie die Aechtheit der Perſon des Herzogs Jo⸗ hann beweiſen?... Er war toll. er ſchwieg beharrlich, ſobald man ihn über ſeine Vergangenheit befragte. In jedem andern Punkte gehorchte er Weſtern, welcher von jener Zeit an eine unumſchränkte Herrſchaft über ihn zu erlangen anfing; aber in dieſer Hinſicht hatten weder Bitten noch Befehle ſeinen ſtumpfen Starr⸗ ſinn bezwingen können. Wie durfte man im Namen eines Mannes, der von ſeiner Vergangenheit Nichts mehr wußte, ſich ſo zu ſagen für einen andern Menſchen hielt und ſich gegen ſeine wirkliche Perſönlichkeit vertheidigte, vor die Gerichte treten? Denn Oguah war nun einmal ſo. Das Leben des Wilden, welches er ſo lange Zeit geführt, hatte ſeinem geſtörten Geiſte jenen ſonderbaren Stolz des Indianers aufgedrückt, deſſen ganzer Ruhm ſeine Rothhaut iſt. Er fürchtete ſich und hätte ſich geſchämt, für ein blaſſes Geſicht zu gelten. 5 Auf jede Frage antwortete er mit geheimnißvollem Nachdruck: „Oguahs Blut iſt roth. Oguah iſt ein großer Häuptling.“ 29 Um einen Namen wieder an ſich zu bringen, iſt es Hauptſache, dieſen Namen zu tragen. Allein den Ge⸗ richten ohne irgend welche Beweiſe einen unglücklichen Wahnſinnigen vorzuſtellen und ihnen zu ſagen:„Das iſt der Herzog Johann von Maillepré. Entreißt denen, welche im Beſitze ſeines Vermögens ſind, die Güter und gebt ihm ſein Erbe zurück....“ das wäre ein unſinniges Un⸗ ternehmen, deſſen bloßer Gedanke ſchon Jeder, auch nur nn einem Schatten von Verſtand Begabter verbannen ollte. James Weſtern verſuchte ſo Etwas nicht, er ſetzte ſeine Hoffnung auf die Geneſung des alten Herzogs, welchen er mittelſt einer Summe Geldes den Händen 8 147 des Herrn Polype entzog, um ihn der Pflege des † Arztes in der Straße Neuve des Petits⸗Champs anzu⸗ vertrauen. Zugleich ſetzte er ſeine Nachforſchungen fort. 1 Allein James Weſtern hatte bei ſeiner Ankunft in— 5 Paris eine ſo ſchreckliche Aufnahme gefunden, daß er 4 von da an in einem Zuſtande völligen und vielleicht übertriebenen Mißtrauens lebte. Er wagte nicht, ſich Jemandem mitzutheilen, weil er unaufhörlich Fallſtricke vor ſich ſah. Indem er nur durch ſich ſelbſt handeln wollte, erſchöpfte er ſeine kaum wiedererlangten Kräfte und verlor in dieſem unermeß⸗ lichen Paris die eiteln Anſtrengungen, die er in ſeiner Vereinzelung machte. Die Spuren der Familie Maillepré entgingen ihm fort und ſort. Monate ſchwanden. Herzog Johanns Tollheit wider⸗ ſtand allen Gegenmitteln. Er war ſehr alt und ſeine 5* aufgeriebene Natur kam dieſen nicht mehr zu Hülfe. Eines Tages reiste Weſtern aus Paris ab und nahm Oguah mit ſich, denn der Herzog antwortete nur zuf dieſen Namen und ſo mußte man ihn wohl beibe⸗ alten.... 2. Weſtern begab ſich nach der Bretagne, wohin eine unbeſtimmte Hoffnung, endlich von dem Schickſal der Maillepré Kunde zu erhalten, ihn führte. Jahre waren ſchon verſtrichen, ſeit der Herzog Raoul und ſeine Fa⸗ milie die alte Domäne Kergaz mit dem guten Bauer Jean⸗Marie verlaſſen, der um ſeiner Treue und Anhäng⸗ lichkeit willen von Compans vertrieben worden war. 3 Weſtern erfuhr dort nur einige Nebenumſtände, die wirr in den erſten Seiten ſeines Memorials angeführt fanden. Er ſchiffte ſich nach Amerika ein, um an Ort und Stelle wieder Alles zu ſammeln, was die mit ſeiner Brieftaſche verlorenen Papiere erſetzen konnte. Der alte Attorney Williams war während der Ab⸗ 3 weſenheit ſeines Sohnes geſtorben. — ——ö———“ ——— Niemand, als die trauernde Mutter empfing den zurückgekehrten James Weſtern. Der Tod ſeines Vaters hatte ſein Vermögen ge⸗ fährdet. James Weſtern hätte nun ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit ſeinen Familienangelegenheiten zuwenden ſollen, allein er hatte einen Fehler begangen, und dieſen wieder gut zu machen, ſollte fortan die Aufgabe ſeines Lebens ſein. Das war ſein ſtündlicher Gedanke. Jeder ſeiner Schritte ging auf das gleiche Ziel hin. Er hätte ge⸗ glaubt, ein Verbrechen zu begehen, wenn er eine ein⸗ zige ſeiner Kräfte zu ſeinem eigenen Nutzen verwendet haben würde. Er anvertraute ſeine eigenen Intereſſen fremden Handen, um ſi ich mit ſeiner Aufgabe zu beſchäftigen. Es war einige Tage nach James Weſterns Ankunft in Boſton. Der alte Herzog, der auf der Ueberfahrt ſehr leidend geweſen, war vom Schiff in ſein Bett ge⸗ tragen worden, das er ſeither nicht wieder verlaſſen hatte. Während dieſer Zeit war er wie gefühllos geblieben. Eines Morgens glaubte ihn Weſtern in ſeinem Al⸗ koven ſchlafend und durchſuchte Papiere, welche in einem Schreibtiſch eingeſchloſſen waren, den der Herzog vor ſeiner Flucht unter die Wilden für ſi ſich benützt hatte. Das Zimmer, in welchem Beide ſich befanden, war das ehemalige Schlafzimmer der Frau von Maillepré. Der Schreibtiſch ſtand mit dem Bette auf der näm⸗ lichen Seite. Die Vorhänge entzogen ihn dem Blick des Greiſes, der ſich allein glauben konnte. Er erwachte plötzlich aus ſeiner ſtarren Schlafſucht, und zwar zum erſten Male ſeit der Landung. Bei der raſchen Bewegung, die er machte, verließ Weſtern ſein Geſchäft und beobachtete ihn, ohne von ihm geſehen zu werden. In dieſem Augenblicke mußte Weſtern von lebhafter — 149 Hoffnung erfüllt werden, denn Oguahs Geſicht hatte plötzlich ein Stral von Vernunft erhellt. 4 Es war augenſcheinlich, daß er das Zimmer er⸗ kannte, in welchem er ſich befand. Sein Blick durchſtreifte daſſelbe langſam und blieb an jedem Möbel haften, denen er wie alten Freunden melancholiſch zulächelte. Er ſtreckte eines ſeiner Beine aus dem Bett, dann das andere. Nun ſetzte er ſich an den Fuß des Bettes. In ſeinen Augen leuchtete ein Gedanke.... Zu wiederholten Malen ſtreichelte ſeine Hand die geſenkte Stirn. Weſtern betrachtete ihn höchſt neugierig. Mit lei⸗ denſchaftlichem Intereſſe verfolgte er die Fortſchritte die⸗ ſes Scheines von Vernunft, die ſich nach ſo langer Finſterniß wieder erhellen zu wollen ſchien.. Die Hände des Greiſen ſanken gefaltet auf ſeine Knie; ſein Kopf neigte ſich noch mehr. Dann ſchien plötzlich ein Gedanke dieſe Träumerei 4 durchzucken, ein gurgelnder Ausruf entfuhr ſeinen ippen.... Er ſtand haſtig auf und eilte ſchnellen Schrittes der Thüre zu. Erſtaunt folgte ihm Weſtern. Die Thüre führte auf einen Corridor. Mitten auf demſelben ſtille ſtehend, ſchaute der Greis zweifelnd um ſich. Zur Rechten befanden ſich die von der Familie Weſtern bewohnten Zimmer. Zur Linken war die Thüre des Zimmers, welches ehemals die Frau Herzogin von Malllepré innegehabt hatte. Oguahs Zaudern währte nicht lange. Er ging auf letztere Thüre zu und klopfte ſachte an derſelben an. Nichts antwortete. Schon ſeit Jahren war dieſe Thüre nicht mehr geöffnet worden. Der Greis pochte wiederholt, aber immer ſachte, 150 als haͤtte er gefürchtet, einen ſtrengen Herrn gegen ſich aufzubringen.... James Weſtern ſchaute ihm von ferne zu. Eine mächtige Bewegung lag auf ſeinem kalten Geſichte. Seinen Augen, die keine Thränen kannten, ſtand das Weinen nahe..... Denn ach! an dieſe nämliche Stelle war vor lan⸗ ger, langer Zeit auch Herzog Johann einſt gekommen. Wie heute, hatte er flehend an dieſe Thüre gepocht, und als dieſe Thüre ſich geöffnet.... O! Weſtern erinnerte ſich deſſen!.... Das kalte, grauſame Antlitz der Herzogin war auf der Schwelle erſchienen.... Ihr unerbittlicher Fuß hatte den Herzog wegge⸗ ſießen, der vor ihr auf den Knieen lag und weinend ehte. 1 Auch der Herzog erinnerte ſich deſſen, oder es durch⸗ zuckte wenigſtens ſein Gehirn, in das der Wahnſinn wiederkehrte, ein Nachhall dieſer unſeligen Scene.... Und wirklich ſiel er auch, wie ehemals, auf die Knie und ſeine gefalteten Hände ſtreckten ſich flehend aus. iie deſen hörte das Schluchzen, das ſeine Bruſt zerriß... Seine Stimme erhob ſich dumpf, gebrochen, un⸗ kenntlich und ſprach zweimal den Namen Bertha aus. Dann ſank er empfindungslos zuſammen.... Als er wieder zu ſich kam, war von dieſem vor⸗ übergänglichen Schein von Vernunft keine Spur übrig geblieben. Die Erinnerung an Bertha hinderte ihn, die Ver⸗ nunft wieder zu erlangen, die Bertha ſelbſt ihm ge⸗ raubt hatte. ——— ——— 9. Das Zimmer in der Stadt. Von da an hatte James Weſtern jede Hoffnung verloren, den Herzog zur Vernunft zurück zu führen. Mit den wenigen Papieren, die er hatte ſammeln können, kam er nach Frankreich zurück, entſchloſſen, den Kampf wieder anzuheben, und ſollte er ihm auch den Reſt ſeines Lebens opfern. Bei ſeiner Ankunft in Paris miethete er den erſten Stock des alten Hotels Maillepré, weil, auch wenn alle Hoffnung verloren, die welche ſehnlich wünſchen, immer noch Anſtrengungen machen. James Weſtern ſagte ſich, daß vielleicht dieſe be⸗ kannten Orte in der Seele des Herzogs einige Erinne⸗ rungen erwecken würden..1 Hier hatte wirklich Johann von Malllepré ſeine Kindheit zugebracht und man weiß, daß Greiſe Erinne⸗ rungen aus einer frühern Zeit lebendiger und getreuer im Gedächtniß behalten. Herr Williams ſchloß ſein Memorial mit der Er⸗ klärung, daß, wie James Weſtern gefürchtet, dieſe Maß⸗ regel erfolglos geblieben ſei. Ohne weitere Hoffnungen von dieſer Seite, vergeb⸗ lich eine Spur der Familie des Marquis Raoul ſuchend und die verhängnißvolle Zeitfriſt ihrem Erlöſchen nahe ſehend, hatte James Weſtern einen letzten Schritt wa⸗ gen und den Schutz der franzöſiſchen Magiſtratur an⸗ rufen müſſen.. Bevor Herr Williams ſein Memorial ſchloß, fügte er noch hinzu, daß er ſo eben von dem Daſein eines jungen Marquis von Maillepré Kunde erhalten habe. Bevor er aber ſeine Bittſchrift in die Hände des Herrn Präſidenten des königlichen Hofes in Paris ao⸗ gehen ließ, mußte er ſich Gewißheit verſchaffen, ob die⸗ ſer Maillepré Raouls Sohn ſei. Er flehte zu Gott, daß dem ſo ſein und ſeine Maß⸗ regel eine vergebliche ſein möchte, allein er hatte ſchon ſo lange Nachforſchungen getroffen und jeder neue Tag erzeugte in Paris ſo viel neue Betrügereien, daß er ſich eines Zweifels nicht enthalten konnte. In jedem Falle war er bereit.... Herr Williams unterzeichnete das Memorial, die Unterſchrift lautete: James Weſtern. Herr Williams ging aus, ſein Memorial nebſt den verſchiedenen Beweisſtücken mit ſich nehmend, und ließ ſich in Nummer 4 der Straße Royal Saint⸗Honoré zu dem jungen Marquis von Maillepré führen. Dieſer war ſeit mehreren Tagen in ſeiner Wohnung nicht geſehen worden. Man erwartete ihn ſtündlich. Herr Williams wurde in das Vorzimmer geführt und fand dort eine Perſon, welche der ganzen Länge nach auf zwei nebeneinander geſtellte Bänkchen ausge⸗ geſtreckt in tiefem Schlafe lag. Dieſe Perſon war der treffliche Nazaire, welcher ſchon ſeit dem vorhergehenden Abend da war, wo er Romeo abgelöst hatte. Es war die zweite Nacht, die er im Vorzimmer des Herrn von Malllepré zubrachte.. Und da Erfahrung eine gute Rathgeberin iſt, ſo hatte er diesmal ein Ohrkiſſen und ſeinen Madras mit⸗ gebracht. So viel Ausdauer verdiente gewiß ein beſſeres Loos, und doch war ſie bis dahin erfolglos geblieben. Der Marquis hatte ohne Zweifel Paris verlaſſen, jedenfalls war ſein jetziger Aufenthalt ſeinen Leuten un⸗ bekannt. 3 Ungefähr eine Stunde lang wartete Herr Williams neben dem ſchnarchenden Nazaire, der den Schlaf des Gerechten ſchlief. 3 153 Nach Verfluß dieſer Zeit, rief Herr Williams einen der Bedienten und ſagte: „Hat Ihr Gebieter nicht etwa einen Hausmeiſter, an den ich mich wenden könnte?“. „Er hat einen Sachwalter,“ antwortete der Be⸗ diente. „Wer iſt dieſer Sachwalter?...“ „Herr Durandin, Advokat, nur zwei Schritte von hier, Straße de la Paix, Nummer 10. „Beſitzt dieſer Advokat das unumſchränkte Ver⸗ trauen des Herrn Marquis?“ fragte Herr Williams. „O gewiß!“ antwortete der Bediente.„Er kennt die Angelegenheiten des Herrn Marquis weit beſſer, als der Herr Marquis felbſt.... Dieſer Bediente hatte wirklich das Ausſehen eines ehrlichen Kerls und war es vielleicht auch. „Und was das anbetrifft,“ hob er wieder an, ohne daß Herr Williams weiter fragte,„iſt Herr Durandin die Perle der Männer. Wenn Sie dem Herrn Mar⸗ quis etwas Wichtiges zu ſagen haben, ſo ſagen Sie's nur Herr Durandin, es kommt auf Eins heraus....“ Herr Williams beſtieg ſeine Kutſche wieder und ließ ſich nach Nummer 10 der Straße de la Pair, in's Studirzimmer des Sachwalters Durandin führen. Durandin war, wie wir wiſſen, ein Mann von freimüthigem, kugelrundem Ausſehen, er hatte eine un⸗ gemeine Geſchäftskenntniß und ſein Geſicht war die be⸗ quemſte Maske, die je ein Advokat beſitzen konnte. Er kannte alle Theile der Rolle, welche der falſche Marquis von Maillepré ſpielte, vollkommen, und der Inhalt der rothen Brieftaſche, der ihm zu ſeiner Zeit mitgetheilt worden war, hatte ihm den nothwendigen Auf⸗ ſilüf über die wahre Familie des Marquis Raoul ge⸗ geben. Herr Williams ging ihn mit Fragen an. Beim erſten Wort witterte Durandin eine Gefahr und blieb auf ſeiner Hut, während er dem Anſcheine nach den⸗ 154 noch. wie man zu ſagen pflegt, das Herz auf der Hand hielt. Die Fragen des Amerikaners beantwortete er mit triumphirender Miene. Er ſprach von Gaſton, von den Unglücksfäͤllen ſeiner Familie, von ſeinen Schweſtern, Alles Dinge, welches ein ächter Maillepré oder ſein Repräſentant allein genau wiſſen konnte. Anfangs mißtrauiſch, dann aber durch dieſe merk⸗ würdige Komödie beſiegt, ließ Herr Williams der Freude die Oberhand in ſeinem Herzen und ſah ſich am Ziele aller ſeiner Bemühungen. Durandin ſchien ihm ein Freund, ein Bruder, em Diener der Malllepré. Nach einer ſehr langen Unterredung, in welcher der Sachwalter mit unendlicher Kunſt einen wahren Haufen von Lügen aufſchichtete, ging Herr Williams Memorial nebſt ſämmtlichen Beweisſtücken aus deſſen Händen in die Durandin's über. Endlich hatte Herr Williams in dieſem an Nieder⸗ trächtigkeit ſo fruchtbaren Paris einen freimüthigen und aufrichtigen Mann, einen ehrlichen Mann gefunden! Schon am folgenden Tage ſollte er nach Duran⸗ din's beſtimmtem Verſprechen Gaſton, Bertha, Char⸗ lotte und Sancta ſehen. In Betreff des Marquis Raoul und ſeiner Gattin hatte Herr Williams, oder vielmehr James Weſtern, deren Tod unmittelbar nach einander erfahren, indem zer die Fährte der Maillepré in den verſchiedenen Woh⸗ nungen, die ſie ſeit 1826 inne hatten, verfolgte. Da er nicht von ihnen ſprach, ſo hütete ſich Du⸗ randin, ihre Namen zu berühren. Schweigen iſt oft der geſchickteſte Betrug.. James Weſtern kam dieſen Morgen ſehr aufgeräumt in's Hotel Maillepré zurück. Als er ſich an ſein Schreibpult ſetzte und ſein Auge auf das Bildniß des Herzogs Johann fiel, das ſo viel Aehnlichkeit mit dem jungen Manne hatte, der auf der „ 4¹4 4 15⁵ „ andern Seite des Hofes wohnte, zuckte Weſtern die Ach⸗ ſeln und belächelte ſich ſelbſt mitleidig. „Wie kann man nur ſolch' dumme Vermuthungen haben?...“ murmelte er. Sancta befand ſich in einem Zimmer mit eleganten Gardinen, deſſen geſchloſſene Jalouſien nicht nach Auſ⸗ ſen zu ſehen verſtatteten.. Sancta lag ganz angekleidet auf einem mit Muſſe⸗ lin und Seidenſtoff zierlich behangenen Bette. Rings an den Wänden zog ſich eine heitere und lebhafte Malerei hin, bei welcher der Künſtler viel ro⸗ . figes Fleiſch angebracht und dagegen den Kleidungsſtoff karg zugemeſſen hatte. Alles dieſes war gerade nicht von ganz tadelhaf⸗ 6 tem Geſchmacke. Es war glänzend, war prunkvoll, aber unter dieſem Damaſt und dieſen Stickereien guckte der Hausknecht hervor. In dieſer lauen Atmoſphäre mit den lieblichen Wohl⸗ gerüchen roch es einigermaßen nach Gemeinheit. Augenſcheinlich war Herr Burot da im Spiel ge⸗. . weſen. Dieſe zweifelhaften Bezauberungen waren großen⸗ 6 v theils das Werk ſeiner verliebten Einbildungskraft. 1 Er hatte ſich gefallen, dieſe Malereien zu wählen, dieſe Farben zu miſchen, in dem Hintergrund des Al⸗ kovens jenen verrätheriſchen Spiegel anzubringen, den er nicht anſchauen konnte ohne zu lächeln. Herr Burot hatte alle ſeine Sorgfalt darauf ver⸗ wendet, dieſes Boudoir zu ſchaffen. Es war ſein lieb⸗ 1 ſtes Werk. Er hätte gerne mit allen Burots Frank⸗ 5 reichs und Navarra's um die Wette gerungen, daß ſie nichts Vollkommeneres der Art zu Stande brächten. Und wirklich waren da auch eine Menge nützlicher und zierlicher Dinge. Eine kleine Etagére von Boule trug auf ihren Fächern einige Dutzend wunderſchön gebundene Bücher. Dieſe Bucher, deren Titel herzuſetzen nicht geziemend „ 156 wäre, enthielten unter ihrer Vergoldung genug Gift in Proſa und in Verſen, um eine Million Evastöchter in Verdammniß zu führen. Auf dem Tiſche lagen Album, die in Bleiſtiftzeich⸗ nungen wiederholten, was in den Büchern beſungen wurde. In dieſem beſondern Fache war Herr Burot ein Bücherkenner erſten Ranges. 3 Neben dieſen Verführungsmitteln, die er unfehl⸗ bar glaubte, hatte er den mechaniſchen Theil ſeiner Kunſt nicht vernachläßigt. Es gab da einen Lehnſtuhl, deſſen gelenkige Arm⸗ lehne ſich in einander ſchoben; andere, deren verräthe⸗ riſche Rücklehnen dem geringſten Drucke nachgebend, ſich auf einer Axe drehten und jeden Widerſtand vergeb⸗ lich machte. Ueber Alles dieſes hatte ſich Herr Burot eine Samm⸗ lung entzückender, ſcherzhafter Anekdoten gebildet, die er unter Freunden gerne zum Beſten gab. Wir be⸗ dauern ſehr, ſie mit Stillſchweigen übergehen zu müſſen. Sancta war ſo eben wieder zu ſich gekommen. Auf dem Bette in halbſitzender Stellung betrachtete ſie überraſcht die unbekannten Gegenſtände, welche ſie umgaben. In ihrer Verwirrung traten ihr die Ereigniſſe der Nacht nur undeutlich vor die Seele. Sie hatte eine erſte und unbeſtimmte Erinnerung. Sie fühlte noch, wie man ſie in ihre Decke einge⸗ wickelt und ſah ſchaudernd die häßliche Fratze des be⸗ ſoffenen Deniſart's wieder vor ſich.- Dann kamen wiederholte Püffe.... eine dunkle Nacht.... das lärmende Rollen einer Kutſche.... Dann Bewußtloſigkeit und Ohnmacht. So fragte ſich das arme Kind, und konnte ſich nicht antworten, ſie zitterte, allein ſie wußte nicht wa⸗ rum. Die Gefahr, welche ſie umgab, beklemmte ſie, ohne daß ſie deren Natur kannte.. 157 Je mehr ſie ihre Erinnerungen zu Hülfe rief, deſto mehr Zweifel und Entſetzen brachten ihr dieſe. In einem Augenblick, wo Deniſarts weinrothe Fratze ſie angrinste, überlief ſie ein Schauer, ſie wandte ſich auf die Seite, um dieſer fürchterlichen Viſton zu entgehen. Allein mit Entſetzen prallte ſie vor ihrem eigenen Bilde znrück, das der Spiegel unvermuthet im Hinter⸗ grunde des Alkovens auftauchen ließ. Zitternd ſtand ſie auf und fiel auf die Kniee. In⸗ ſtinktmäßig ſuchten ihre Augen im Zimmer umher nach einem heiligen Bilde, zu dem ſie ihr Gebet richten könnte. Aber überall begegneten ihre Blicke dem von Burot zuſammengeſtellten Kranze von Malereien. Ihr Augen⸗ lid ſenkte ſich. Sie faltete ihre kleinen weißen Hände und aus dem Schooße dieſes befleckten Aufenthaltes ſtieg leiſe ein jungfräuliches Gebet zu Gott empor. Bei ihrem brünſtigen Flehen ſchien eine reine Hoff⸗ nung ſich auf ihre Stirn herabzuſenken; ihre Wangen, deren Bläſſe der Anblick jener unzuchtigen Malereien nicht verſcheuchen konnte, überzogen ſich mit einer leich⸗ ten Röthe. Denn das Ende ihres Gebetes hatte den Gedanken an Gaſton hervorgerufen und Gaſton und Romeo waren bei ihr fortan unzertrennlich. Ohne ihr Vorwiſſen flocht ihre kindliche Seele Ro⸗ meo mit in ihr Gebet ein, indem ſie flehte, Gott möge ihn ihr als Rettungsengel ſenden. Es ſchreckte ſie nicht, daß der Bildhauer ſchon einen größern Raum in ihrem Herzen einnahm. Sie liſpelte ſorglos ſeinen Namen und fühlte nicht Scham, dem Himmel ein Herz darzubringen, in welchem die Liebe keimte. Deenn ſie liebte. Gaſton war nicht mehr ihr ein⸗ ziges Glück. In ihrem Innern erklang harmoniſch ein 15⁸ anderer Name und legte ihr ein reines Lächeln auf die Lippe. Sancta blieb auf dem weichen Teppich knieen und neigte ihr liebliches Haupt, das ſich an die ſeidenen Franſen der Decke lehnte. 4 Solche erſte Liebesträumereien breiten einen lachen⸗ den Schleier über die traurigſte Wirklichkeit. — Sancta ſah nicht mehr, was ſie umgab; ihr Traum entrückte ſie ihrem goldenen, aber ehrloſen Kerker. Sie durchſchweifte den freien Himmelsraum; ihre Schwäche ſtützte ſich auf einen ſtarken Arm; ihr Herz theilte ſich ſelig in ihre junge Liebe und die Zärtlichkeit für ihren Bruder, welche ein neues Gefühl nicht beeinträchtigt hatte. Sie ſah ſchöne Tage; ſtille, heilige Freuden, ein Glück, das langſam bis zur Ruhe des Todes... ja, bis jenſeits des Grabes dahinfloß, denn die ſchwärme⸗ riſche Liebe ſchwingt ſich über die Gränzen des Lebens hinaus. Romeo wieder bei Gaſton, heilige Wonnen unter dem Auge Gottes, eine Ewigkeit voller Liebe. Man hörte in den anſtoßenden Zimmern das dumpfe Geräuſch von Schritten auf den Teppichen und das Murmeln einer leiſe geführten Unterredung. Sancta kehrte in die Gegenwart zurück. Sie erhob ſich beinahe getröſtet, als wäre ihr ſchöner Traum eine Verheißung geweſen. Draußen war ein friſcher, heller Tag. Sancta ging an's Fenſter, um zu ſehen, wo ſie ſich befinde. Ohne Zweifel mußte ſich das Fenſter durch eine geheime Springfeder öffnen, denn Sancta konnte die dünne Fenſterſtange nicht heben. Durch die herabge⸗ laſſenen Sproſſen der Jalouſien bemerkte ſie einen großen mit Bäumen bepflanzten Garten und jenſeits deſſelben die Mauern eines Hauſes. Bei aufmerkſamer Prüfung erblickte Sancta über ihrem Kopfe eine der IJalouſieſproſſen aufgezogen; ſie ſtieg auf einen Stuhl und brachte das Auge an die Oeffnung. 159 . Sie hatte eine weitere, allein nicht veränderte Um⸗ ſicht. Sie gewahrte die Wipfel großer Bäume und zwi⸗ ſchen ihren entlaubten Aeſten hindurch mehrere unbe⸗ kannte Hinterhäuſer. 3 Es waren die Häuſer der Straße Montaigne. Sancta wollte eben hinabſteigen, als ſich, jenſeits des Gartens, beinahe ihr gegenüber, ein Fenſter öffnete. An dieſem Fenſter erſchien der Kopf eines jungen Weibes, ein allerliebſter Kopf, um welchen ſchwarze, vom Schlafe etwas zerzauste Flechten herabhingen. Das junge Weib war im Morgenkleide. Sie lächelte der ſchönen, mit ihr aufſtehenden Sonne zu. Sancta ſperrte die Augen verwundert auf. Unge⸗* wiß und überraſcht ſchaute ſie aus allen Kräften hin. ¹ „Iſt ſie es denn wirklich, mein Gott?“ liſpelte ſie. Sie rieb ſich die Augen und ſchaute wieder hin. V Dann fluſterte ihr bewegter Mund den Namen Charlotte....— f In dieſem Augenblick drehte ſich ein Schlüſſel im Thürſchloſſe. Sancta konnte nur noch hinabſpringen. — Sie befand ſich vor einer Frau mittlern Alters, deren nzug zwiſchen dem Anzug einer Zofe und dem einer ame die Mitte hielt: ein Seidenkleid, eine benänderte Haube, Ringe an allen Fingern, aber eine weiße Percal⸗ ſchürze. Dieſes Weib hatte ein freundliches und gemeines Geſicht. Sein ſpeichelleckeriſches Lächeln log. Sie hielt in der einen Hand ein Kleid von koſtbarem Stoffe, in er andern eine Roſenguirlande und ein offenes Schmuck⸗ käſtchen. Im Schmuckkäſtchen funkelte ein Schmuck von Tür⸗ kiſen und Saphirn... Ohne die Thüre wieder zu ſchließen, trat ſie näher und blieb vor der beſtürzten und verwirrten Saneta ſtehen. „Der gnädige Herr ſchickt mich, Madame anzufra⸗ gen, ob ich ihr als Kammerfrau anſtehe,“ ſagte die Eintretende. Sancta ſah ſie verwundert an. Frau Brünel, ſo hieß dieſes Weib, machte eine leichte Verbeugung und hielt das Schmuckkäſtchen an Sancta's bloßen Hals hin, als hätte ſie ſehen wollen, welchen Effekt die blaublitzenden Edelſteine auf der ſammet⸗ weichen Haut des jungen Mädchens hervorbrächten. Sancta erröthete und ſenkte die Augen. „Madame, ich beſchwöre Sie,“ liſpelte ſie,„weß⸗ halb bin ich in dieſem Hauſe und was gedenkt man mit mir anzuheben?“ Frau Brünel machte eine zweite Verbeugung. „Man will Ihr Glück gründen, meine ſchöne Kleine,“ antwortete ſie.„Man will Ihre weißen Schultern mit hübſchen Gewändern umhüllen, Ihre Hanre mit Blumen und Ihre Stirn mit Diamanten zieren.... Ach! Sie haben Glück!...“ „Aber weßhalb hat man mich entführt?“ ſagte Sancta. Frau Brünel fing an zu lachen. „Wollen Sie Ihre Toilette gleich jetzt beginnen?“ ſrante i ſie ſtatt aller Antwort. Zugleich legte ſie die Blumen und das Schmuck⸗ käſtchen uf einen Putztiſch nieder und trat, das Kleid ausbreitend, zu Sancta hin, als wolle ſie ihren Kam⸗ merfrauendienſt verſehen. Sancta trat zurück und ein Stral edeln Unwillens und Stolzes blitzte bei all ihrer Beſtürzung unter ihrem Augenlide hervor. „Sie wollen nicht?“ ſagte Frau Brünel;„nun ſo werde ich ſpäter zu Dienſten ſtehen.. Sie legte das Kleid neben das Schmuckkäſtchen hin und wandte ſich der Thüre zu. Sancta ſtürzte ihr nach. „Ich bitte, ich beſchwöre Sie!“ liſpelte ſie, indem ihr plötzlich die Thränen in die Augen traten,„geſtatten Sie mir, dieſes Haus zu verlaſſen.... Wir ſind ſehr unglücklich!... Biot ſucht mich jedenfalls... laſſen Sie mich zu ihm zurückkehren!“ V 4 1 — 161 „Biot!“ wiederholte lächelnd Frau Brunel,„mag er Sie immerhin ſuchen, meine hübſche Kleine, er wird Sie nicht finden....“ Sie machte Miene, wegzugehen. Sancta hielt ſie am Kleide zurück; ihre Augen baten um Erbarmen. Frau Brunel ſchaute ſie einen Augenblick mit ihrem falſchen und kalten Lächeln an. „Das iſt immer und immer dasſelbe,“ brummte ſie vor ſich hin,„wir wiſſen, was es mit derartigen Ver⸗ zweiflungen für eine Bewandtniß hat.. Morgen kommt das ſchon nicht mehr zum Vorſchein.“ Dann fügte ſie laut hinzu: „Ich bin hier nicht Gebieterin, meine kleine Dame . Sobald Sie aber davon ſprechen, ſich aus unſerer Geſellſchaft wegſtehlen zu wollen, werde ich Ihnen den gnädigen Herrn ſchicken.“ „Nein! o nein!“ rief Sancta mit inſtinktartigem Entſetzen. Aber Frau Brunel war ſchon fort. Erſchrocken wich Sancta bis an das Fenſter zurück. Einige Sekunden ſpäter trat mit ſelbſtzufriedener und ſiegreicher Miene ein Mann ins Zimmer. Es war noch nicht Jupiter, es war erſt Merkur, err Burot trug ſein blaueſtes Kleid, ſeine graue⸗ ſten Hoſen, ſeine grellſte Weſte. Seine zerzausten Haare ragten in borſtigen Büſcheln empor. Seine Perſon hauchte Ströme ſcharfen Tabaks⸗ geruches aus, den ein ſtarker Biſamduft wegzutreiben verſuchte. Das brachte denn ein abſcheuliches Gemiſch hervor, worüber Herr Burot herzlich befriedigt ſchien. Lächelnd, mit gutmüthiger Miene, hochragender Naſe und den Händen auf dem Rucken trat er näher. „Ei, ei, mein liebes Kind,“ ſagte er,„wir ſind la ganz traurig.... Wir haben Furcht, auf Ehre!. Pariſer Liebſch. III. 141 10² Sollte man nicht meinen, wir befänden uns unter Wölfen?....“ Sancta betrachtete ſcheu und mißtrauiſch dieſen Mann, der vergeblich einen Schleier von Güte über ſein eyniſches Geſicht zu breiten ſuchte. Sie drückte ſich an's Fenſter hin, da ſie nicht wei⸗ ter fliehen konnte. Herr Burot, der von ſeiner verführeriſchen Perſön⸗ lichkeit die höchſte Idee hatte, war gekommen, um die Schlacht zu beginnen und ſeinem Herrn eine beſiegte Feſtung zu übergeben. Er benahm ſich dabei mit der ganzen kunſtfertigen Gewandtheit, welche ſeine Erfahrung ihm geben konnte. Er rückte auf den Platz zu, beſchrieb kundige Um⸗ ſchanzungslinien um denſelben und vergaß keinen der Kniffe, die aus einer regelrechten Belagerung die ſchönſte Epiſode machen, welche die Kriegskunſt vorzuweiſen hat. Metaphern bei Seite ſparte er Nichts, er ward wechſelsweiſe flehend, väterlich, gebieteriſch und poetiſch. Seine Beredtſamkeit fand glänzende Tiraden, um das herrliche Glück des Luxus und des Putzes zu ſchildern. In kühner Weiſe beſang er das unvergleichliche Glück des freien Weibes. Wir haben Grund anzunehmen, daß Herr Burot gewöhnlich bei Aufträgen dieſer Art zum Ziele kam. Ohne das hätte ſein Gebieter deſſen Dienſte wahrſchein⸗ lich nicht ſo lange bezahlt. Zudem konnte ſeine Geckenhaftigkeit auch nur von ſeinen häuſigen Erfolgen herrühren. Auch bei dieſer Gelegenheit glaubte er ſich wieder Sieger. Während des ganzen erſten Theils ſeiner ungemein langen Rede hörte ihn Sancta unbeweglich, blaß und mit geſenkten Augen an.. Konnte Herr Burot, der die Frauen ſo gut kannte, 163 Und doch war dem ſo. Einige Zeit lang erſparte ihm Sancta's Unwiſſenheit die Demüthigung. Sie hatte bis dahin in einer ſo reinen Atmoſphäre gelebt, daß die Schande ſie umlagerte, ohne daß ſie dieſelbe ſehen oder erkennen konnte. Allein je wärmer Herr Burot wurde, je mehr ging das Vage ſeiner Poeſie in Deutlichkeit über. Seine Beredtſamkeit hielt ſich an beſtimmten Formen. Seine rhetoriſchen Bilder, ihre überreichen Blumen abſchüttelnd, ſchweiften zur Wirklichkeit hin. Sancta verſtand endlich. Eine bittere Angſt ſchnürte ihr das Herz zuſammen. Sie verſtand, wie ſie verſtehen konnte, wie die Jungfrau verſteht, welche von Nichts weiß, deren In⸗ ſtinkt aber wacht. Es war ein ſchrecklicher Schlag. Die Scham er⸗ drückte ſie und ließ in dieſem erſten Augenblick dem Zorne keinen Raum. Sie ſank auf einen naheſtehenden Stuhl und be⸗ deckte ihr Geſicht mit den Händen. g Herr Burot rieb ſich den Bart mit triumphirender iene. „Abgemachte Sache!...“ brummte er, dieſe letzten Worte mit einer ziemlich wohlgelungenen Pirouette be⸗ gleitend. Er horchte auf. Man hörte eine Kutſche über das Pflaſter rollen. „Das heißt zu gelegener Zeit kommen,“ ſagte er. Eine Minute verging. Die Klingel der außern Thüre ertönte. Burot machte eine zweite, noch beſſer als die erſte gelungene Pirouette. Dann ſtürzte er hinaus. Einen Augenblick nachher erſchien er wieder, dem Herrn Herzog von Compans⸗Maillepré vorangehend, welcher ſo gut bemalt und ſo kunſtvoll ausgeſtopft 164 und geſchniegelt war, daß man ihn kaum für älter als fünfzig gehalten hätte. Burot wies mit der Hand auf Sancta hin, grüßte voll ſelbſtzufriedener Beſcheidenheit und zog ſich ſchwei⸗ gend zurück. 10. Amor in Paris. Ich bitte, ſtellet Euch nicht jenes liebenswürdige, fette und rothbackige Kind vor, jenen blonden Buben mit der galant über die Augen geworfenen, mytholo⸗ giſchen Binde, mit den perlfarbenen Flügeln, dem ver⸗ goldeten Köcher, dem um den Hals geſchlungenen Bogen und den Pfeilen.... Ihr wißt wohl, mit jenen Pfeilen, welche Dido verletzten, welche Calypſo, der Mutter der Abenteuer Telemachs, die Wunde beibrachten, jene Pfeile, deren einer Troja zerſtörte, ein anderer in Theſeus Familie, bis dahin durch ihre tadelloſe Sittenreinheit verehrt, Beſtürzung und Jammer brachte.... Mit jenen ſchrecklichen und feinen Pfeilen, dem Stoffe zu ſo viel Trauerſpielen! Nein. Das Alles haben wir geändert. Unſer Amor hat Augen, ja ſogar Brillen. Wenn er etwas Anderes auf dem Geſichte trägt, ſo iſt es zuweilen eine Maske, denn die Heuchler müſſen ſich doch amüſiren. Was ſeinen Köcher anbetrifft, ſo kann er wohl zu⸗ fälligerweiſe einige ſtumpfe Pfeile zurückbehalten haben, aber ſicherlich hat der Gürtel der Venus keinen Platz mehr für Scherz, Lächeln und Anmuth, denn es kann Euch nicht unbekannt ſein, daß wir ihn mit Gold voll⸗ geſtopft.... 1 Wägen die Louisd'or nicht Roſen auf? V 5 — 165 Haben die zarten Veilchen mehr Wohlgeruch, als die Guineen? Die Zeiten gehen vorwärts. Die Welt vervoll⸗ kommnet ſich. Der Amor des graueu Alterthums, den wir nicht genug verhöhnen können, war unſtreitig einer der fadeſten Burſche. Und in der That, was fingen wir mit einem ſo fetten und ſo blonden Gotte an?.. Und dann, pfui doch! wie wagte er es nur, ſich bloß mit einer einfachen Binde verhüllt zu zeigen?... Wir, die wir das freie Weib erfunden, wir können bei unſerer Schamhaftigkeit nicht weniger thun, als ihm ein ſchwarzes Kleid anziehen. Verbergt dieſe nackten Füße. Steckt ſie in Stiefel, damit die Lais unſerer Tage nicht erröthen muß. Schling eine Cravatte um dieſen anmuthsvollen Hals, oder Meſſaline wird Dich angreifen, Kind, in einer Zeitung, redigirt von.... Wie! Meſſaline in dem Tempel! Kind, Meſaealine im fünfzigſten Jahre. Wer erinnert ſich ihrer Jugend, wenn nicht der Freigelaſſene Narciſſus?... 4 Und Narciſſus, Ihr wißt es vielleicht noch nicht, iſt der Portier des Tempels, von dem ich ſpreche, in welchem das Volk in jener einzigen Religion unterrichtet wird, die da lautet: daß es gut, verdienſtlich, barm⸗ herzig, nützlich, volksthümlich, moraliſch, chriſtlich, pa⸗ triotiſch, geſcheidt, politiſch, unerläßlich und höchſt geiſt⸗ reich ſei, auf die großen Bücher zu unterſchreiben, die der Herr des Etabliſſements entſtehen läßt, ſowie auch auf die kleinen jenes ehrlichen Herrn Reinlich, Feger⸗ meiſter, durch ein laͤuniges Geſchick berufen, die Trot⸗ toirs der Literatur auszukehren. Hat Gott keine Zuchtruthe mehr für die Schultern der Krämer?... Da iſt nun unſer Amor ganz ſchwarz bekleidet. Armer Kleiner! um ihm den Frack anzuziehen, mußte man ſeine Flügel ſtutzen. Zwar dienten ſie auch zu Nichts mehr. Er bedarf höchſtens der ſummenden Rü⸗ 166 ſtung des Käfers, um den ſchwerfälligen Launen unſerer aufgeblaſenen Bürger, unſerer ſteifen oder im Rückgrat vor Bauersſöhnen mit dem Herzogstitel— die ſich auf die Straße verirren, wo ehemals jene Böſewichter von Marquis, deren nacheifernde Carricatur ſie find, einherſtolzirten— allzugeſchmeidigen Pedanten zu folgen... Wohlerwogen, haben wir vielleicht gut gethan, Amors Blöße zu bekleiden. Bei der Geſtalt eines Kin⸗ des hat er dennoch das Alter eines Burggrafen und auf ſeinem ehemals ſammetweichen Fleiſche wuͤrden wir manche Runzeln entdecken. Er iſt kein Kind mehr, ſondern ein alter Zwerg. Ein alter, eyniſcher und geiziger Zwerg, mit dem Lachen Diogens, der die Aktien der Eiſenbahnen wieder verkauft. Der Frack iſt wohl wenig, um ſo viel Häßlichkeit zu verdecken. Meſealine, leih' uns Deinen Schleier, der dicht iſt und Alles zu verbergen weiß, damit wir ihn über die Schultern dieſes Gottes werfen, deſſen Alter ihm Schande macht.... Paris iſt die Stadt der Liebe. Die Bänkelſänger haben es geſagt und die Leute, welche Polka tanzen, wiederholen es. Paris iſt ein unermeßliches Cythere, wohin der Sohn der Venus ſich in ſeinen alten Tagen zurückge⸗ zogen hat. Ihm zu Ehren brennt beſtändig auf tauſend Altären ein zweifelhafter Weihrauch. Sein Cultus iſt eine Sache der Wohlanſtändigkeit, eine Art Aufrechthaltung, welche den ganz jungen„Löwen“ und den über jenes Alter hinausgekommenen Banquiers dient, wie das Meß⸗ buch unter der Reſtauration erlauchten Heiden diente. Der unbekannte Gott, welcher den engliſchen Trab regiert und zu dem die Pferde beten, mag kaum ſo viele und ſo brünſtige Anbeter haben. Ueberdieß ſind ſich dieſe zwei Gottheiten verwandt, „ —,— —— — —e 167 unſer Amor gleicht dem Gotte der Jockeys, welcher eini⸗ germaßen ein Roßkamm ſein muß. 3 Es iſt ſchrecklich, zu denken, Amor habe gealtert und ſei in ſeinem Alter ein Wucherer geworden. In Paris, wo man Alles findet, könntet Ihr viel⸗ leicht irgendwo dem jungen Amor begegnen, dem ſchönen Amor, der zufälligerweiſe ſeit Jahrhunderten ſchlummert, wie die Schöne im Gehölze, die Feenmährchen träumt. Schaut ihn an, denn Ihr werdet ihn nur einmal er⸗ blicken. Seht, wie göttlich und anbetungswürdig ſeine Stirn iſt! wie zärtlich und keuſch ſein Lächeln! wie rein die ſchöne Flamme ſeines Blickes! Schaut ihn an, und wärt Ihr auch ein junges Mädchen, denn dieſer Amor, obwohl er unverhüllt, überzog nie mit dem Roth der Schande die mackelloſe Stirn der Jungfrau. Aber Paris iſt ſehr groß, wo verbirgt ſich dieſer Schatz? Etwa in jenen glücklichen Quartieren, wo die neun Muſen blühen? Dort, wo der Pinſel gleitet, wo der unſern Zeiten’ gealtert.... Euterpe will Königin ſein und gibt ihre ſtolzen Küſſe für einen Thron von Pap⸗ pendeckel hin; Terpſichore, konſtitutionnel verheiratet, kapitaliſirt ihre Güte; Melpomene, welche zwei große Herzen beſitzt, hält ihre Liebe getheilt und nimmt den Heller Pan's, um Thalia zu bekleiden.... Apelles ſtellt ſeine Maitreſſe nackt in den Salon, Phidias läßt ſeine Frau ſitzen und macht dreihundert Abdrücke von ihr; Heſiod, der zur Akademie gehören will, ſteckt die ſeine nach jeder Linie an den Angel und ſiſcht nach Stimmen. Was Sapho betrifft, ſo kennt Ihr deren Schritte alle. Sie verirrt ſich auf endloſe Wege, wohin oft Phaon, oft Phryné ſie begleiten.... Iſt er etwa in jener edeln Vorſtadt, welche ſo wür⸗ 168 dig die Traditionen der Vorzeit bewahrt? Dort liebt man nicht, dort verheiratet man ſich. Reichthum und Namen thun ſich dort zuſammen. Ein Baronendiadem ſchlüpft dort unter eine Marquiſenkrone. Zwanzigtau⸗ ſend Thaler Renten heiraten dort ſechszigtauſend Franken Einkünfte.... Und das Alles in höchſten Ehren. Iſt aber Amor der durch Arithmetik multiplicirte Wappenſchild?.... Gehorſamſter Diener und fort von hier. Iſt er etwa in jenem berüchtigten Quartier, wohin die guten Leute aus der Provinz ihre Erben in die Schulen ſchicken? Wir ehren den Prado, wir ſchätzen die Chartreuſe, wir zollen der Chaumière unſere Hoch⸗ achtung, allein wir ſprechen ſo wenig als möglich davon.... Iſt er endlich vielleicht in jenen tödtlichen Gegenden des zwölften Arrondiſſements, wo das Elend den zehnten Theil der unglücklichen Uferbewohner der Bièvre weg⸗ rafft? Wir wiſſen, die Poeten ſagen, Amor ſitze gerne bei der Armuth zu Tiſche; aber die Philoſophen ver⸗ ſichern, daß der Sohn der Venus den Hunger nicht ertragen kann.... Ach! überall, auf beiden Seiten der Seine, dieß⸗ ſeits und jenſeits der Boulevards, würden wir leider nur jenen häßlichen, berechnenden Amor mit den Runzeln finden! Der rechtmäßige Amor, der von der Moral ver⸗ botene Amor, der ſogar in den Augen des Geſetzes ge⸗ häſſige und verbrecheriſche Amor, ſie alle gleichen ſich hier!... Unter dieſer Stirn, die der weiße Kranz der Orangenblüthen zieren wird, ſtehen Zahlen!.... Es liegt ein geheimes Intereſſe hinter der blaſſen Wange dieſer Frau, die aus dem Ehebett ſchlüpft!... Die Braut additionirt und ſubtrahirt während der Hochzeitsceremonien, der Ehebrecher überlegt. Dieſer Weeni der euch eure Frau ſtiehlt, denkt nicht an eure rau! — * 169 Man ſpricht von Liebe und macht Geſchäfte. An die Stelle der Leidenſchaft tritt das Laſter. Man liebt, um zu erwerben oder zu ſteigen, um zu erhalten oder ſich zu halten. Wenn einer eurer Freunde anders liebt, ſo nehmt euch in Acht! das iſt ein Menſch, der aus dem Geleiſe geht oder allen Menſchenverſtand eingebüßt hat. Er wird euch gefährden. Verdankt ihr nicht eurer Tugend den Erfolg? Der Poet thut wohl, in ſeiner Leier zu wühlen, deren goldene Saiten falſch erklingen, wenn er Minerva in ihrer Abnahme befingt! Dieſer junge Held, der erſt eine Epaulette hat, thut wohl, der Frau ſeines Oberſten als Page zu dienen! Ihr alle, ihr prächtigen Jungen, die ihr von dem ungeheuren Kuchen der Liebe euch euren Theil abreißt, ihr thut wohl, ſeid mir geſegnet! Ein Uebel iſt's, ſich in eine Hirtin zu vernarren, die weder Geld noch Kredit hat; ein Uebel iſt's, mitten in einem erleuchteten Jahr⸗ hundert den Troubadour ſpielen zu wollen; ein Uebel iſt's, wie Angeſtellte, Etablirte und Weltkenner ſagen, ſich den Hals zu brechen! Ein einziges Ding hinieden iſt ſo erbärmlich, wie die Narrethei einer unnützen Liebe, es iſt, der Gewand⸗ heit oder Klugheit zu ermangeln, einen Fehltritt zu thun und die Welt zu zwingen, ihr Anathema aus⸗ zurufen. Denn es iſt eine faſt unglaubliche Thatſache! die Welt, geſtaltet wie ſie nun einmal iſt, maßt ſich noch oft an, ihre Entrüſtung zu zeigen! Sie fällt beſonders über euch her, arme Weiber! ſie ſchleudert ihe heuchleriſchen Blitze auf euch und zer⸗ malmt euch unter dem Gewicht ihrer berechneten Ver⸗ werfung. Wenn Meſaline, die Liſtige, kann, ſo erdrückt ſie die arme Magdalena. 170 Was die Männer betrifft, ſo müſſen die übertrie⸗ ben leichtſinnig oder der Tugend nicht gar entfernt ſtehen, um einige Gefahr fürchten zu brauchen. Iſt es in der That nicht unerläßlich, daß jeder ſeinen Weg mache 2.... Man verdammt im Allgemeinen nur die kriegeriſch bewaffnete Liebe, welche droht und Blut oder Geld verlangt. Denn kaufmänniſch geſprochen, iſt die Liebe wirk⸗ lich gefährlich und greift die Sicherheit der ſentimenta⸗ liſchen Abhandlungen in der Wurzel an. In Bezug auf Galanterie iſt ſie, was in Bezug auf die Preſſe die drohende Kritik. Wir gehören nicht zu Jenen, welche über literariſche Injurien unmäßig aufgebracht werden und dem beißigen Brummen der Kritik, die in ihrer Manſarde Schnupfen erhielt, einen bittern Groll nachtragen. Ganz im Gegentheil fühlen wir in unſerm Herzen ein zärtliches und unbegranztes Mitleid gegen unſere nothdürftigen Brüder, welche von ihrer Noth gezwungen werden, bei Strafe, für den folgenden Tag der Nahrung zu entbehren, auf Zufall hinzubeißen. Wie ſollte man böſe ſein auf jenen Gentleman, der ſeinen dunkeln Namen unter einem unbekannten Pſeudonysmus halb verſchleiernd ſich mit: Halloh! rufen heiſer ſchreit, bei jedem Erfolg in ſeine magern Hände klatſcht, ſich zur Kälte verdammt und wie ein Herkules arbeitet, um wie ein Portier bezahlt zu werden! Wie ſollte man nicht das traurige Loos jenes An⸗ dern, eines guten jungen Menſchen, wie man ſagt, ſchmerzlich bedauern, der zur Geliebten eine alte Revue hat, deren hinfälligem Haſſe und zahnloſer Wuth er als Selave dient! Man muß bedenken, daß Keiner ſeinen Platz im Leben wählt, daß es Polizeiagenten und Cenſoren gibt. Man muß die harte Dunkelheit bedenken, in welcher 171 Srileler leben, die vielleicht Geiſt und Talent be⸗ tzen Und weit entfernt, ſich über den täglichen Geifer zu erzürnen, den ihre ohnmächtigen Lippen erzeugen, muß man ſich ſagen: Wie viel Bitterkeit iſt unter dieſem Grimme! welche Noth hinter dieſen ſchmähenden Reden! und wie muß der Hunger dieſen Menſchen quälen, da er zu ſolchem Gewerbe ſich erniedrigen kann! Wohlverſtanden ſprechen wir hier nur von jenen Federnbravo's, welche gewohnheitshalber und für Lohn ſchimpfen. Die ſtrenge Gewiſſenhaftigkeit des wahren Kritikers achten wir und hätten gewiß nie daran gedacht, bei Gelegenheit der Liebescondottiers von ihm zu ſprechen. Die Liebe in Paris hat eine Menge von Myſterien, die erforſchen zu wollen nicht geſtattet iſt. Und wozu übrigens in jene Höhlen hinabſteigen, welchen die Polizei jährlich einen Tag der Berühmtheit verſchafft? Ihre grauenvolle, plötzlich erleuchtete Nacht verſetzt die Stadt eine Woche lang in Schrecken; dann fängt man wieder an zu zweifeln und die Liebesmahle der Straße Ourſine und die entſetzlichen Feſte der Straße du Rempart als Chimären zu behandeln. Wenn wir dieſen Stoff von Grund aus behandeln möchten, ſo brächten wir wahrlich der Schande genug ans Tageslicht, die überfirnißt iſt und nicht mit jenem Koth ſich mengt! Wir könnten bei allen Bewohnern aller Quartiere, reichen und armen, hochgeſtellten und dunkeln, beweiſen, daß ſie auf tauſend verſchiedene Arten ſich die Leiden⸗ ſchaft zu Nutze zu machen und Liebeswechſel zu diskon⸗ tiren ſuchen. Die Einen thun es offenkundig: ihr tretet ſie mit Füßen, ihr Name wird mit Schmach belegt. Die An⸗ dern ſind oder werden Magiſtrate, Tribunen, Aedilen, Senatoren, vielleicht einſt Conſule. Einer von dieſen wurde ſogar Kaiſer! Und das iſt ſo wahr und dieſe Sache iſt ſo energiſch 172 bis auf den Grund unſerer Sitten gedrungen, daß ſie ſelbſt nicht mehr mit der Tugend zu rechten hat! Die Tugend ſpekulirt, ſie ſpekulirt tugendhaft: die Liebe iſt ihr ein beinahe ehrbarer Fußſchemmel. Somit, man kann es ohne Uebertreibung ſagen, muß man, um in dieſer Materie einen Schein von Un⸗ eigennützigkeit zu finden, bis zum Laſter herabſteigen und das ſchrecklichſte aller wählen, das Laſter, welches verderbt und bezahlt. Somit konnte ferner, denn man muß logiſch ſein, der Herzog von Compans⸗Maillepré in ſeinem Zimmer in der Stadt für einen der reinſten Adepten unſeres Amors im ſchwarzen Kleide gelten. Als der Herzog von Compans⸗Maillepré in das Boudoir trat, wo Herr Burots Kunſt ſo viel ver⸗ führeriſche Wunder aufgehäuft hatte, ſchloß er die Thüre hinter ſich zu und blieb, den Hut in der Hand, in einiger Entfernung von Sancta ſtehen Der Herzog war, wie wir ſchon geſagt, ganz zu ſeinem Vortheil verändert. Seine kunſtfertig hergerich⸗ tete Toilette und die geſchickten Ausbeſſerungen, welche ſein Schneider an der Baufälligkeit ſeiner Perſon vor⸗ zunehmen wußte, befiederten ihn wieder völlig. Er war beinahe noch ein ſchöner Mann. 3 Und dann hatte er, wenn er wollte, vornehme und elegante Manieren. Seine Galanterie roch zwar noch ein wenig nach dem Kaiſerreich, aber das ſtand ihm gut. Einen Augenblick betrachtete er Sancta von Weitem. Sancta hielt ſich immer die Hände vor's Geſicht. Der Herzog muſterte als großer Kenner die feinen Einzelnheiten ihres Halſes und die harmoniſche Abrun⸗ dung ihrer Schultern. Sein Auge maß genau die reizende Wölbung ihrer Geſtalt und zählte die Falten, welche eine jungfräu⸗ liche Kehle zog. 173 Auf feinem Munde ſpielte ein lüſternes Lächeln. Seine Augen blinzelten und er murmelte bei ſich ſelbſt: „Ein köſtliches Kind!“ Der Herzog hatte in der That Recht. Obwohl Sancta's Hände immer ihr Geſicht bedeckten, konnte man unmöglich etwas Lieblicheres und Anmuthsvolleres ſehen. Ihr Kopf neigte ſich etwas zur Schulter hinab, um welche aufgelöst die glänzenden Locken ihrer blon⸗ den Haare wallten. In ihrer Stellung lag viel Schmerz, aber beſon⸗ ders auch viel von jenem ſcheuen Entſetzen, welches die ſender eines Don Juan im Alter des Herrn Her⸗ zogs iſt. Letzterer vertiefte ſich nach Herzensluſt in dieſes Anſchauen, der ſtummen Vorrede der Zuſammenkunft. Er hatte die Lorgnette an's Auge gebracht. Er neigte ſich rechts, er bog ſich links, um ja das rechte Licht zu treffen und von einem ſo entzückenden Schau⸗ ſpiel Nichts zu verlieren. Jetzt war Leben unter die bemalten Augenbrauen des Herzogs gekommen. Unter das welke Fleiſch ſeines Geſichtes ſchienen die Muskeln zurückgekehrt. Seine Geſtalt dehnte ſich aus. Jugendliche Luſt durchſtromte ſeine ganze Perſon und brachte ſeinen alten Gliedern neue Schwungkraft. Mit einem Schritt, der ein ſchwebender hätte ſein ſollen, ging er vorwärts und machte eine bewunderungs⸗ würdig gerundete Wade bemerklich, die jedoch nur ein Zu⸗ behör zu ſeinem ſeidenen Strumpfe war. Er kam bei Sancta an und ergriff ihre Hand, um ſie an ſeine Lippe zu führen. Sancta ſtand haſtig auf und machte große er⸗ ſchrockene Augen. Ihr hättet mit dieſem ſo peinigenden und fabelhaf⸗ ten Entſetzen des Kindes Mitleid gehabt. Der Herzog aber wußte, was lecker und fein iſt; er wurde entzückt von dieſen großen ſcheuen Augen und dieſes konvulſtviſche Leben hätte er gerne mit Gold aufgewogen. Sancta hatte ihm indeſſen die Hand entzogen. Mißtrauiſch und erſchrocken ſtand ſie vor ihm. Un⸗ ter ihren langen ſeidenen Wimpern, die ſich jetzt ſenkten, ſprühte ein entſetzter und wirrer Blick. O über die armen in der Falle gefangenen Kinder, ihre Noth und ihr Jammer macht ſie noch ſchöner. Der Herzog maßigte das Feuer ſeines Blickes und nahm eine väterlich liebkoſende Miene an. „Es iſt eines der großen Vergnügen des Reichen, Fräulein,“ ſagte er mit Milde,„zuweilen das Unrecht eines neidiſchen Geſchicks gutmachen und unverdiente Leiden in Glück verwandeln zu können. Der Herzog hatte wie man ſich denken kann, ſeine Lektion gut einſtudirt. Er brachte ſie nun mit anſtän⸗ digem Tone und den dazu gehörigen Geberden in An⸗ wendung. Ueberdieß hatte er der Formeln mehrere. Aus der Miene des neuen Vogels im Käfig, wie Herr Burot geſagt haben würde, entnahm er, welchen Eingang er aus ſeinem Regiſter zu wählen hätte. Dasſelbe enthielt deren mancherlei, ritterliche, ver⸗ blümte und dunkle, beſtimmte, die gleich zu Sache ka⸗ men und in kaufmänniſchen Redensarten einen Handel vorſchlugen. Alles dieſes je nach. den Umſtänden. Die Eingangsrede, welche er bei Sancta an⸗ wandte, diente ihm ſtets vor jungen, ehrlichen und gut⸗ Fehäaei Mädchen und dieſe wandte er auch am lieb⸗ en an.... Sancta ſchlug die Augen nicht auf, allein ihre Parnt milderte ſich ein wenig, weil Unſchuldige bald hoffen.... 4 „Schon lange kenne ich Sie,“ hob der Herzog wieder an,„und ich weiß, mit welchem Muthe Sie gegen die Dürftigkeit ankämpfen. Sie ſollen nicht mehr leiden⸗ — —yjꝑꝑ 175 Fräulein, weder Sie noch Ihre Familie.... ich werde künftig Ihr Beſchützer ſein.“ Bei dieſer Gelegenheit hatte ſich der Herzog ſeines Sekretärs nicht beſonders zu rühmen. Hätte Herr Bu⸗ rot nicht geſprochen, ſo würde ſich Sancta von dieſen Honigworten vielleicht haben fangen laſſen, aber durch Pnect Unvorſichtigkeit auf ihrer Hut, mißtraute ſie ortan. Und dennoch lag ſo viel naive Ehrlichkeit in ihr, daß ihr Herz bei dieſem Anſchein von Güte bewegt wurde.... Sie hörte auf zu zittern und eine hübſche Roſen⸗ farbe trat an die Stelle der glühenden Röthe ihrer Wange. Der Herzog fühlte ſich im Vortheil und fuhr leb⸗ hafter werdend, fort: 3 „Ich weiß, mein liebes Kind, daß Sie nicht für den dunkeln Stand geboren wurden, in welchem Ihre Jugend verkümmert.“ „Bei dieſen Worten ſchlug Sancta die Augen zu ihm auf. Das war wieder nur ſo eine Phraſe, wie der Her⸗ zog in ſeinem gemeinen Geſchwätz deren ſchmiedete. Viel Gewohnheit und die Erfahrung eines ganzen Lebens voller Liebeshändel hatten ihn gelehrt, daß un⸗ ter zehn armen Frauen es deren neun gibt, welche reich geweſen ſein wollen, einen geſunkenen Adel, eine erlo⸗ ſchene Pracht beklagen.... Unter zehn neun, das reicht hin, um ſich eine Re⸗ gel daraus zu machen, dennoch aber bleibt es möglich, aß die zehnte wirklich ein Opfer des Schickſals ſein ann.... Dieſe Phraſe wirkte denn auch zauberkräftig. Der Herzog erinnerte ſich nicht, ſie je erfolglos ausgeſpro⸗ en zu haben. Dießmal traf ſie wieder mit einem Erfolge, der an's Wunderbare ſtreifte. Ueberraſcht und gerührt, be⸗ kam Saneta Zutrauen. Ihr beruhigter Blick hob ſich zu auf Herrn von Compans zu und haftete ſanft und fra⸗ ven zieht... Sie haben es aus meinen Augen ge⸗ eſen....“ Der Herzog hielt inne, um Sancta's Hand zu er⸗ greifen, welche ſich zitternd in die Ecke der Fenſterver⸗ tiefung ſchmiegte. „Warum ſolche Furcht?“ rief der Herzog lachend, „Alles, was ich Ihnen geſagt habe, iſt wahr... Sie ſollen künftig glücklich und reich ſein, mein Kind.... Auch die Schönheit iſt ein Glück der Vorſehung.... und Sie ſind ſchön!....“ 66,3 —— 177 Etwas mühſelig kniete er auf dem Teppich nieder. „Geſtatten Sie mir Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe,“ hob er wieder an;„laſſen Sie mich dieſe rei⸗ zende Hand küſſen, an deren jeden Finger ich einen Dia⸗ mant ſtecken will 85 . riger. „Wie entzückend ſind ſie auf dieſe Weiſe!“ ſagte er ſein zufriedenes Lächeln beibehaltend;„wie ſehr liebe ich dergleichen ſchöne Thränen und wie ſüß wird es mir ſein, dieſelben zu trocknen!“ Er ſtreckte ſeine beiden zitternden Hände aus und ſchlang ſie um Sancta's zarte Geſtalt. Das junge Mädchen richtete ſich bei dieſer erſten Berührung hoch auf. Ihr Buſen hob ſich. Ihre Wan⸗ gen wurden purpurroth, keine Spur von Thränen blieb mehr, ein bewunderungswürdiger Stolz thronte auf ihrer tirn, von welcher einen Augenblick lang die hehre Tapfer⸗ keit ihrer Abſtammung ſtralte. Sie war nunmehr ſo ſchön, daß der Herzog unbe⸗ weglich vor ihr ſtehen blieb und verworrene Worte ſtam⸗ melte, die er ſelbſt nicht verſtand. Aber ſie war ein Kind und unter dieſen Regungen des Stolzes lag viel Schwäche. Einige Sekunden lang war ſie furchtlos und fähig, jeder Gewalt zu widerſtehen. Pariſer Liebſch. II. 12 „Wie ſchön biſt Du! o! wie ſchön biſt Du!“ ſtam⸗ melte der Herzog, deſſen dreiſte Hände eine Liebkoſung verſuchten.. Sancta ſchwankte, als ob ſie in's Herz getroffen waͤre. Und plötzlich in ihrem verzweiflungsvollen Ent⸗ ſetzen Kraft findend, ſtürzte ſie vorwärts und entwand ſich glücklich der Umſpannung des Herzogs, der ſchwer⸗ fällig auf ſeine beiden Hände ſiel. 6 Sancta hatte ſich an das andere Ende des Zimmers bot. Hier wie überall im Leben, ſtand das Lachen neben dem Angſtgeſchrei. Das Zimmer war wirklich klein und ſeine berechnete Möblirung verlieh dem Herzog den Vortheil. Allein Sancta war behende und ihr Entſetzen verdoppelte noch die Schnelligkeit ihres Laufens. Der Herzog erſchöpfte ſich mit ihrer Verfolgung. Keuchend vermiſchte er Worte der Liebe mit Worten des Zornes. Seine Kehle ſchnaubte, ſein Schritt ſtrauchelte, ſeine ſteifen Gelenke hemmten jede raſchere Bewegung. Sancta floh, leicht wie eine Sylphide. Sie eilte rechts, ſie ſchlüpfte links hin, immer die hartnäckige Verfolgung des Herrn von Compans täuſchend. Und in allem Fliehen flehte das arme Kind verwirrt aber inbrünſtig zu Gott und rief die heilige Jungfrau um Huͤlfe an. 4 8 —— — 7 —— — — 24 179 Gott und die heilige Jungfrau ſchienen ſie jedoch zu verlaſſen.- Ihre Kräfte wurden erſchöpft, ihr Schluchzen hemmte ihr den Athem, die Thränen verdunkelten ihr den Blick und mußten ſie bald verhindern, ihren Weg richtig zu wählen. Der Herzog welcher den Sieg nahe ſah, verdop⸗ pelte ſeine Anſtrengungen, ſein fröhliches und trunkenes Keuchen war ſchrecklich anzuhören. Außerhalb der Thüre, im Corridor, legten abwech⸗ ſelnd Frau Brunel und Herr Burot das Auge an's Schlüſſelloch und ergötzten ſich ungemein. „Die hat er ſich wohl verdienen müſſen!“ ſagte Frau Brunel. „Gleichviel,“ antwortete Herr Burot,„dieſes Ge⸗ vers⸗ möchte ich nicht um das Doppelte meines Lohnes treiben.. „Er erwiſcht ſie....“ „Nein, die erwiſcht er noch nicht!“ Und beide würdige Diener erſtickten faſt vor Lachen. Sie hatten aber auch Grund dazu. 4 Der Herzog, mit ſeinem Muth und ſeinen Kräften⸗ zu Ende, verlor den Athem und ſchwankte. Seine ge⸗, rötheten und aufgeſchwollenen Augen traten aus ihren Höhlen. Er bat nicht mehr, er drohte gehäſſig. Sancta, von Ermüdung aufgerieben, ſtand bei je⸗ dem Schritie auf dem Punkte, zu fallen. Die Drohun⸗ gen des Herzogs zerriſſen ihr die Seele. . ie lief immer noch, getrieben von der Heftigkeit ſhris chreitens, allein ſie wußte nicht mehr, wohin e lief. Armer Engel! der Dämon war der Stärkere. In einem Augenblicke begegnete ihr irrer Blick 180 dem furchtbar entſtellten Geſichte des Herrn von Com⸗ pans. Dieß war der letzte Schlag...Ihr Herz brach; ſie ſiel mit einem Klageſchrei zu Boden. Der Herzog fiel neben ſie hin, indem er ein hãß⸗ liches, heißeres Grunzen ausſtieß. Herr Burot und Frau Brunel klatſchten hinter der Thür in die Hände. II. Die Lorette. Der Herzog von Compans war alt, an Kräften noch mehr als an Jahren. Wäre er zehn Jahre jünger geweſen, ſo hätten wir zu Ende des letzten Kapitels die Scene ſchließen und den Vorhang ziehen ſollen. Er war aber ſo, gänzlich erſchöpft, als er neben Saneta hinfiel, daß er nur noch die Kraft hatte, ſie mit beiden Händen beim Kleide zu faſſen, um ſie am Auf⸗ ſtehen zu verhindern. Dann blieb er keuchend, mit aufgeſperrtem Munde, unfähig eines Lautes, auf dem Boden liegen. Der verzweifelte Lauf, den er eben gemacht, hatte den künſtlichen Bau ſeiner Toilette völlig zerſtört. Er war erſchrecklich anzuſehen, und doch war es wieder ein köſtlicher, grotesker Anblick. Er hätte Mitleid erregen müſſen, wenn die wilde Wuth der Leidenſchaft, welche ſeine Züge verzerrte, nicht das Herz mit Grauen erfüllt haben wurde. Seine Perücke war aus der Ordnung gekommen und lag verkehrt und mit dem Durcheinander ihrer zer⸗ zausten Haarbüſchel auf ſeinem kahlen Schädel. Die Schweißtropfen, welche ihm von der Stirne — 7 181 fielen, hatten auf ihrem Weg über die dicke Schminke ſeiner Wange eine geſchlängelte Linie zurückgelaſſen. an ſah die tauſend Runzeln ſeiner Augen und ſeines Mundes, ſeine entfärbten Augenbrauen, ſeine farb⸗ loſen Lippen.. Hier zeigte ſich nun einmal bei einem Greiſen, und zwar in ihrer ganzen Stärke, die lächerliche Verände⸗ rung, die ein allzu enthuſiaſtiſcher Tanz oft auf dem bemalten Geſichte einer alten Coquette bewirkt. Aber dieſem armen, halb ohnmächtigen und vor Entſetzen wie verſteinerten Kinde gegenüber hättet ihr nicht die Kraft gehabt, euch bei der poſſirlichen Seite dieſer Scene zu verweilen. 3 Ihr hättet geſchaudert, ſo nahe bei der hülfloſen Jungfrau das blutunterlaufene Auge des Satyrs zu ſehen. Euer Herz hätte ſich zuſammengeſchnürt, denn in dieſem Auge lag ein wüthender Wahnſinn, eine uner⸗ bittliche Leidenſchaft. Kein Mittel, zu entfliehen; die Hände des Herrn von Compans krallten ſich in das Kleid, jeder ſeiner Finger machte ein Loch in den leichten Stoff. Mit einer Art Zorn ſchöpfte er nach Athem, keuchte er, raffte er ſeine letzte Kraft zuſammen, verſuchte er jeden Augenblick ſich wieder aufzurichten und fiel er ſchwerfällig immer wieder auf den Teppich hin. Auch Sancta ſchöpfte wieder Athem, ihr anmuthi⸗ ges Geſicht drückte tödtliches Entſetzen aus. Sie war halb aufgerichtet und ſtützte ſich auf ihre beiden Hände, auch ſie keuchte; ihre ſchönen blonden, aufgelösten Haare fielen unordentlich über Schultern und Buſen hinab. Ihr weit aufgeſperrtes Auge war auf den Herzog geheftet, deſſen drohender Blick ſte wahrhaft bezauberte. Der Schreck dehnte ihre Naſenlöcher aus, zog ihr die Augenbrauen in die Höhe und ſchwellte ihre bebenden Lippen an.... Sie war immer noch ſchön, ach! nur zu ſchön. In⸗ dem er ſie anſchaute, erhitzte der Herzog ſeine Leiden⸗ — 182 ſchaft bis zur Verzückung; das Blut kochte ihm in den Adern, und es war häßlich zu ſehen, wie ſeine konvul⸗ ſiviſch zuckenden und durch ungewiſſe Stöße gleichſam galvaniſirten Glieder ſich unabläſſig anſtrengten und aus⸗ ſtreckten, um dieſem unſeligen Drama eine ſchmähliche Löſung zu geben. 8 Er konnte ſich nicht wieder aufrichten. Seine un⸗ ſinnigen Anſtrengungen erſchöpften ihn nur noch mehr. Seine Nägel zerkratzten den Teppich durch Sancta's zer⸗ riſſenes Kleid hindurch.... 4 Aber es ſollte ihm doch noch gelingen. Es war dieß nur eine Friſt von einigen Minuten.... Außerhalb der Thuüre guckten Herr Burot und Frau Brunel hinein und ſchwatzten. „Es lohnt ſich wohl der Mühe, ſich auf ſolche Weiſe zu ermüden!“ ſagte die Kammerfrau achſelzuckend. „Was das betrifft,“ antwortete Herr Burot,„ſo gibt es kein Vergnügen ohne Mühe... Aber wie der drollig ausſieht mit ſeiner verkehrten Perrücke!“ „Und ſeinen weißen Augenbrauen!“ ſagte Frau Brunel, die eben ihr Auge wieder an's Schlüſſelloch gelegt hatte. „Und ſeine linke Wade, ſchauen Sie nur!“ fügte Burot hinzu;„ſie iſt ihm auf die Ferſe hinabgefallen.“ „Ach!“ ſagte die Kammerfrau,„das iſt nun ein⸗ mal gewiß: er wird liegen bleiben!“ „Er iſt blokirt,“ ſagte Burot in ſeinem liebens⸗ würdigen Rothwälſch,„abgekappt, dem Boden gleich gemacht, verſchwunden.... Da läßt die kleine Uner⸗ ſchrockene ihn die Nägel auf dem Boden zählen.... Thatſache iſt's nun einmal, daß es kein Vergnügen ohne Mühe gibt.“. Ohne Umſtände ſtieß er Frau Brunel bei Seite und begab ſich auf ſeinen Platz am Schlüſſelloch. „Auf Ehre,“ fuhr er in bewunderndem Tone fort, „ſie iſt hübſch, wie's nur was Hübſches geben kann!... Die würde gut für ein Comptoir paſſen! Schön, ſchön,“ 183 fügte er, ſich auf den Schenkel ſchlagend, hinzu,„jetzt kriegt der Herr wieder Gelenkſamkeit, er richtet ſich auf .. Ha, meiner Treu, das wird einen Spaß geben!..“ „Laſſen Sie mich auch ein wenig gucken, Herr Bu⸗ rot,“ ſagte Frau Brunel. „Nichts da!“ entgegnete der Schlingel,„die Loge hat nur einen Platz... und es iſt dieß eine erſte Vor⸗ ſtellung...“ 3 Es war dem Herzog in der That gelungen, ſich auf die Knie zu bringen. Er zitterte nicht mehr. Die Art von Lähmung, welche ſeine Glieder gefeſſelt hatte, bazi ein Ende. Ein häßlicher Triumph lag auf ſeinen Zügen. Ohne Sancta's Kleid loszulaſſen, rutſchte er auf ſeinen Knieen und brachte ſein flammendes Geſicht an die Stirn des jungen Mädchens. Dann richtete er ſich auf, um noch etwas näher zu kommen. In dieſem äußerſten Moment umdunkelten ſich Sancta's Augen. In ihrem Innern ſchrie eine Stimme, die ihr Verderben ankündigte. Zugleich aber empörte ſich ihr ganzes Weſen von ſelbſt und ohne eine beſon⸗ dere Willenskraft. Romeo's Pi ging an ihrer Seele vorüber; ſie fühlte ſich plötzlich ſtark. Unbewußt liſpelte ihr Mund den Namen dieſes ihres Schutzheiligen, und als eben der Herzog ſich ſie⸗ gesfroh bückte, ſtieß ſie ihn mit einer gewaltſamen Bewegung zurück und nahm einen Sprung, der ſie be⸗ freite, indem ein Fetzen ihres Kleides in den Händen des Herrn von Compans zurückblieb. Der Herzog ſtieß einen Schrei der Wuth aus. Bevor er wieder aufſtehen konnte, ſtürzte Sancta der Thüre zu, öffnete ſie und ſchoß wie ein Pfeil zwi⸗ ſchen der verdutzten Frau Brunel und dem nicht minder verdutzten Herrn Burot durch. Die beiden würdigen Diener ſchauten ſich an. Bu⸗ 184 rot, der einer der aufgeräumteſten Schurken war, hatte große Luſt zu lachen. „Blokirt,“ wiederholte er halblaut,„dem Boden gleich gemacht, verſchwunden 1..„ Das Zimmer, in welchem ſie ſich befanden, war nicht geſchloſſen wie das Boudoir. Er war ungefähr zwei Uhr Nachmittags. Die Sonne drang durch das weitgeöffnete Fenſter hinein. Sancta war Anfangs auf dieſes Fenſter zugeſtürzt. Ihr Inſtinkt ſagte ihr, daß der helle Tag ſchon ein günſtiger Umſtand für ihre Klage ſei. Ohne Zweifel hatte der Herzog nicht ohne Grund die Jalouſien außerhalb der Fenſter des Boudoirs her⸗ abgelaſſen. Leute, wie er, ſcheuen das offene Auge eines Zeugen, ſie ſind nur hinter der Gardine verwegen. Ohne dieſen Umſtand hätten dieſe Fenſter, welche auf bewohnte Hinterhäuſer hinausgingen, Sancta hin⸗ reichend gegen die Angriffe des Herzogs beſchützt, denn hinter den Scheiben jener Häuſer konnten unbeſcheidene Blicke lauſchen und im Allgemeinen iſt es denn doch für einen Pair von Frankreich ein arges Pech, wie ein alter Schulfuchs des Weiberraubes bezüchtigt zu werden. Der Herzog war von Natur aus klug und ſeine Klugheit wurde noch durch die Berichte des Herrn Bu⸗ rot vermehrt, welcher nicht unterlaſſen hatte, ihm mit⸗ zutheilen, daß das Geheimniß ſeines Zimmers in der Stadt anfange, in dieſem Quartier das Geheimniß der Komödie zu ſein. Man munkelte; man behauptete, jammern gehört zu haben; man machte über den Herzog und ſein Häus⸗ chen die romantiſchſten Erzählungen. Da dieß ſonſt nicht in der Gewohnheit eines für ſeine toleranten und philoſophiſchen Sitten bekannten Quartiers lag, ſo war Burot der Quelle dieſer Gerüchte nachgegangen. 3 Er hatte entdeckt, daß Herr Leon du Chesnel, Ge⸗ ſandtſchaftsſekretär und intimſter Feind des Herrn Her⸗ 185 zogs, in der Straße Montaigne wohne und, wie er ſich ausdrückte, die erſten Logen inne habe, um das Häus⸗ chen zu inſpiziren. Der Herr Herzog wurde daher wieder genöthigt, ſeine Liebeswohnung anderswohin zu verlegen. Unterdeſſen fühlte er die Nothwendigkeit einer äußerſten Vorſicht und benahm ſich, wie man unter dem Auge eines Feindes zu thun pflegt. So trieb er's wenigſtens gewöhnlich. Allein in dieſem Augenblick kannte ſich der Herzog nicht mehr, die Wuth machte ihn toll. Nichts konnte ihn zurückhalten. Er ſchleppte ſich, ſchäumend vor Zorn, bis zur Thüre, vor welcher die Kammerfrau und Burot un⸗ ſchlüſſig ſtehen geblieben waren. „Exgreift ſie,“ ſagte er mit abgebrochener Stimme. „Faſſe ſie mit Gewalt, Burot! Reiß' ſie weg! und wenn ſie Widerſtand leiſtet!...“ 4 Erſtickend vor Wuth, hielt der Herzog inne. „Aber, gnädiger Herr,“ ſagte Burot,„es ſind Leute an den Fenſtern!“ Der Herzog hob die zitternde Hand auf, um ihn zu prügeln. „Elender!“ ſchrie er,„ich ſage Dir, ſie gutwillig oder mit Gewalt zu mir herzuführen!....“ Sancta war auf einen vorſpringenden Balkon ge⸗ ſtiegen, der auf die ſchon benannten Gärten hinausging. Sie ſchaute hinunter, um ein menſchliches Weſen, deſſen Hülfe ſie anflehen könnte, ausfindig zu machen. ie Gärten waren öde. Als ſie die Augen wieder in die Höhe hob, um an den gegenüberliegenden Fenſtern vielleicht Jemand zu entdecken, ſchlug die wuthbebende Stimme des Herzogs an ihr Ohr und hinderte ſie hinzuſchauen. Sie wandte ſich nach dem Innern des Zimmers um, indem ſie jedoch Sorge trug, ſich an dem Balkon mit beiden Händen feſtzuhalten. 186 Burot beeilte ſich indeſſen nicht, den Befehlen des Herzogs Folge zu leiſten. Er machte Geberden über Geberden und deutete auf die Häuſer der Straße Mon⸗ taigne hin.... „Frau Brunel unterſtützte ſeine Vorſtellungen nach Kräften. Allein der Herzog hörte und ſah Nichts. Der Widerſtand ſchürte noch ſeinen Zorn. Der wirre Taumel ſeines Gehirns ließ weder Verſtand noch Klugheit mehr walten. Zum dritten Male wiederholte er ſeinen Befehl, von kräftigen Verwünſchungen begleitet, und als Burot immer noch zauderte, fand der Herzog die Kraft, ihn derb wegzuſtoßen und ſich ſelbſt gegen das Fenſter zu wenden. Sein taumelnder Schritt, der ſeltſame Zuſtand, in welchen ſein Kampf ihn verſetzt hatte, Alles das mußte Jeden, der ihn etwa von Außen erblickt hätte, auf den Gedanken bringen, er raſe in unmäßiger Beſoffenheit. Indeſſen kam er Sancta näher. Dieſe ſtürzte auf dem Balkon auf ihre Knie und hob die gefalteten Hände gen Himmel. 4 Von Weitem mußte es den Anſchein haben, als ob dieſes flehende Weib und der mit drohender Miene auf ſie zugehende Mann am hellen Mittage und mitten in Priis die ausgepeitſchte Scene irgend eines Melodramas pielten. Ueberdieß hatten ſie Zuſchauer.... Im Augenblick, wo der Herzog, ſich mit der einen Hand am Fenſter haltend, mit der andern Sancta er⸗ griff, um ſte vom Balkon wegzuſchleppen, ertönte ein betäubendes Bravorufen, mit ſchallendem Gelächter ver⸗ miſcht, von jenſeits des Gartens herüber. Man klatſchte wüthend in die Hände, man pfiff, man ſchrie:„Bis!“ Herr von Compans ließ ſeine Arme ſinken; ſein flammendes Geſicht wurde leichenblaß.... 187 Sein Verſtand kam ihm wieder, denn dieſer Schlag machte ſeiner vorübergehenden Tollheit ein Ende. Er blieb wie angenagelt an der Stelle. Seine Blicke hefteten ſich an den Boden; er wagte nicht, ſie aufzuſchlagen. Die erſtaunte Sancta wußte nicht, ob ſie noch zu fürchten oder ſich zu freuen habe. Ihr Auge ſtierte mit einem Reſt von Entſetzen Herrn von Compans an.... Burot pfiff vor ſich hin. Frau Brunel ſang nach allen Tonarten: „Ich hab' es ja vorausgeſagt! man will mir aber nie glauben!“ Und draußen wiederholte man: „Bravo! bravo! Bis! bis!“ 8 Der Herzog ſchlug endlich die Augen auf.... Er erblickte am gegenüberliegenden Fenſter, an jenem Fen⸗ ſter, an welchem Sancta Charlotte zu erkennen geglaubt hatte, fünf oder ſechs Männer auf einem Balkon ver⸗ ſammelt, in deren Mitte ſich eine Frau befand. Alle dieſe Perſonen hatten Operngucker. Die Frau bediente ſich eines Fernrohrs und ein Mann im Schlafrock, ohne Zweifel der Herr des Hauſes, ſchaute durch ein— aufgeſchraubtes Telescop. Das war von zermalmender Wirkung. Der Herzog .hätte ſich in die Erde verkriechen mögen. Unſere Leſer erinnern ſich vielleicht noch einer Per⸗ ſon, die in der Einleitung dieſer Geſchichte eine bemer⸗ kenswerthe Rolle ſpielte, des Herrn Polype, Haupt⸗ miether des Hauſes im Flügel Valois des Palais⸗Royal, in welchem der Marquis Raoul von Maillepré ſtarb, Vormund Oguahs, des großen Hauptlings, nächſt Gott Herr des Wirthshauſes zum Wilden Mann, Freund der Polizei, Kamerad der Spitzbuben, Commanditaire der Verkäufer von Sicherheitsketten und Handelsmann in unzüchtigen, eyniſchen Büchelchen. 188 In dieſem Menſchen lag, man wird es zugeben, der Stoff zu einem höchſt bedeutenden Manne. Das Geſchick war ſo vielen Verdienſten nicht ab⸗ hold: Polype hatte ſeinen Weg gemacht. Vermittelſt dieſer verſchiedenen Gewerbe und eines Dutzend anderer, unter welchen das eines Wucherers und Geldmäcklers nicht zu vergeſſen iſt, hatte er ein beträcht⸗ liches Kapital zuſammengeſcharrt. Dieſes Kapital, einmal erworben, erweiterte Polype den Kreis ſeiner Operationen, ſorgte ſeiner Frau, die ihn hinderte, weil ſie, als vormalige Magd eines Wirths⸗ hauſes, gemeine Manieren an ſich hatte, für ein einträg⸗ liches Geſchäft und ſtürzte ſich in einem Alter von fünfzig Jahren noch in das goldene Leben unſerer Faſhionablen. Das einträgliche Geſchäft, womit er ſeine Frau beliehen, war, im Vorbeigehen geſagt, ein Heiratsbüreau unter der Firma: Madame Confiance, durch ſechzig⸗ jährige Erfolge bekannt. Unſere Erzählung wird, wie wir hoffen, unter ihre Leſer auch irgend ein glückliches Pärchen zählen dürfen, das aus dem Bureau der Madame Confiance, jetzt durch zweiundſiebenzigjährige Erfolge be⸗ kannt, hervorgegangen iſt. Herr Polype gab ſich nicht mehr mit dem Verkauf von Sicherheitsketten ab. Er hatte nur die beſte der Sehnen ſeines Bogens beibehalten: den Wucher. Er war Banquier geworden. Männer von Genie begegnen ſich fataler Weiſe. Herr Polype wandte das Syſtem, welches Deniſart auf das Elend anwenden wollte, auf den bedürftigen Mittel⸗ ſtand an. Er machte ſich an die Krämer. Er nahm ihnen all ihren Profit, ein wenig von ihrem Kapital und ließ ihnen die Verluſte, denn ein Jeder muß doch leben. Uebrigens war er vollkommen ehrenwerth, natür⸗ lich mit Vorbehalt ſeines Intereſſes, und es wäre auch nicht gelungen, ihn ins Bagno zu bringen. 189 Das Bagno iſt allerdings nicht mit Heiligen bevöl⸗ kert, wenn man aber aus ſeinen Bewohnern die drei ſchlechteſten Kerls ausgewählt und das Bösartige ihrer Natur zuſammengenommen hätte, ſo würde man immer⸗ hin noch keinen Herrn Polype, die Vorſehung des Pa⸗ riſer Krämers, zuwege gebracht haben. Die Banditen, welche auf legale Weiſe, oder doch beinahe ſo, arbeiten, ſind aber tauſendmal ſchwärzer, als die armen Teufel von Räubern, welche die Leute nicht ermorden können, ohne ſich gegen einen Artikel des Strafgeſetzbuches zu verfehlen. In moraliſcher Hinſicht hatte ſich Herr Polype während dieſer ſieben Jahre wenig verändert; dennoch war er nicht mehr ausſchließlich geizig. Er wußte bei Gelegenheit das Gold mir Nichts dir Nichts auf die Straße hinauszuwerfen, wie Einer, den das Gold Nichts koſtet, außer ein paar Tropfen Blutes von ſeinem Ne⸗ benmenſchen.. In phyſiſcher Hinſicht war immer noch die gleiche ſtolzirende und bewegliche, ausdrucksvolle, auffallende, würdige, beträchtliche Spürnaſe da, der einzige Zug inmitten eines ſchlaffen Geſichtes, der aber allein eine ganze Phyſiognomie aufwog. Herr Polype trug ſich ziemlich ſchlecht gekleidet, wie alle Leute, welche auffallen wollen; dieß gab ihm das Ausſehen eines Deputirten. Er hatte, glauben wir, das Ehrenkreuz. An dieſen Menſchen nun glaubte ſich Du Chesnel hängen zu müſſen, um zur Deputatſchaft zu gelangen. Der Beſchützer, man muß es ſagen, war trefflich gewählt. Welche Stellung, in der That, den Wählern die Piſtole an die Kehle ſetzen zu können, um ihre Stim⸗ men zu erhalten!..... Herr Polype war Charlotten vorgeſtellt worden. Unglücklicherweiſe hatte Du Chesnel ſie nicht in's Vertrauen ziehen können. Charlotte hatte Herrn Polype merkwürdig lächer⸗ — — 190 lich gefunden. Bei ihrer lebhaften, freimüthigen und unbeſonnenen Art wußte ſie ihre Eindrücke nicht gut zu verbergen. Dieß war am Abend vor Sancta's Entführung der Gegenſtand einer Unterhaltung zwiſchen Du Chesnel und dem trefflichen Durandin. „Mein Freund,“ ſagte Durandin,„Deine Frau will nicht vorwärts.... wir verlieren unſere Zeit....“ Ungeachtet ſeiner großen Luſt, Herrn Polype zu ge⸗ winnen, fühlte Du Chesnel doch eine Regung ſtolzer Freude, wenn er an die Tugend ſeiner Frau dachte. „Es iſt zum Teufel holen!“ entgegnete er,„aber ich hatte es ja voraus geſagt! Charlotte iſt die Ehr⸗ barkeit ſelbſt.“ 191 4 pordn und zuckte die Achſeln mit der Miene übler aune. 8 „Es iſt wahr,“ murmelte er;„aber was iſt da zu thun-d. Ich halte mich doch auch für keinen Dummkopf....“ 3 „Nimm Dich in Acht,“ unterbrach ihn Durandin mit väterlicher Miene. „Was die Vorurtheile, anbetrifft,“ hob Du Ches⸗ nel wieder an,„ſo hab' ich deren ſehr wenige. Aber ich fühle, daß ich Mühe haben werde, dieſe Schwach⸗ heit da abzulegen.. Charlotte iſt ſo reizend!“ „Ja, ja! nicht übel! nicht übel!“ ſagte Durandin; „ſte iſt eine ſehr hübſche Frau.... auch hat Polype angebiſſen, man muß nun ſchauen!.... Doch das iſt nicht Alles....“ „Wie es anſtellen?“ ſagte Du Chesnel. Was er auch ſagen mochte, ſein Geſicht drückte deutlich die Eitelkeit des Ehemannes aus. Durandin trällerte lebhaft mit dem Daumen und machte ſeine Beobachtungen. „Hör' einmal, mein lieber Junge,“ hob er mit vieler Gutmüthigkeit wieder an,„wir wollen billig ſein .... Du biſt ſtolz auf Deine Frau, weil ſie ſich über Herrn Polype luſtig gemacht hat.... Das lohnt ſich wohl der Mühe.... Und wenn ich daran denke, daß ein Mann in Deiner Lage, der ſeine Frau liebt und ſich dennoch der Vortheile nicht berauben will.... Du verſtehſt mich wohl.... Herr Polype iſt ein koſtbarer Mann.... Seine Naſe ſcheint mir Mittel gegen die In dieſem Augenblick aber war die Erinnerung der Zuſammenkunft des Herrn Polype mit Charlotte noch zu friſch. Der Kontraſt zwiſchen dem häßlichen 19²2 Laſter und der ſchönen Reinheit war allzuſchlagend in ſeinem Innern geblieben. Er war ernſtlich bekümmert und das, was bei ihm die Stelle des Gewiſſens vertrat, peinigte ihn mit einer Art Reue. „Armes Kind!“ murmelte er mit einem ſchweren Seufzer. Durandin ſchlug die Augen nieder und arbeitete mit verkehrten Daumen. „Ach!“ ſagte er,„mein Junge, Du weißt wohl, daß ich viel zu thun habe.... Ich ſollte ſchon jetzt bei dem Marquis ſein, deſſen Lage ſich verwickelt... Wenn Du ein Kind ſein willſt, ſo guten Abend.... Bete Deine Frau an und geh' zu Bett.“ Du Chesnel fuhr ſich mit verkehrter Hand über die Stirne und ſtand auf, um einen Gang durch's Zim⸗ mer zu machen. „Iſt's vorüber?2„ hob Durandin wieder an.„Sind wir geſcheidter?“ Du Chesnel ſtand hart vor dem Sachwalter ſtille. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, blieb er einen Au⸗ genblick ſchweigend. Durandin ſchaute ihn mit ſeinem beruhigendſten Blicke an. „Vorwärts,“ ſagte Du Chesnel, ſich wieder ſetzend, ich ſehe wohl, daß Du mir ein Mittel weißt...... Machen wir der Sache ein Ende!“ „Und verſprichſt Du mir,“ fragte Durandin,„die⸗ ſes Mittel anzuwenden?⸗ „Wenn es gut iſt...“ hob Du Chesnel an. „Es iſt gut,“ unterbrach ihn Durandin. „Wenigſtens ſollte man wiſſen....“ „Nichts da... ja oder nein?“ Du Chesnel zögerte nicht allzulange. „Gut,“ ſagte er, vich verſpreche Dir, Dein Mittel anzuwenden.. Wie heißt es?“ „Es heißt,“ antwortete Durandin mit einer ge⸗ 193 wiſſen, bei ihm ungewöhnlichen Betonung,„es heißt Madame Bathilde von Saint⸗Pharamond.“ Du Chesnel entfuhr eine Geberde herzlichen Wi⸗ derwillens. Dieſer unglückliche Diplomat war in einer grau⸗ ſamen Lage. Ein laſterhafter Kreis ſchnürte ihm den Hals zu. Er hätte zwar ſeine Frau verkaufen, aber ſie zu gleicher Zeit auch behalten mögen. Er zauderte nach Art jener Mörder, deren Herz etwas ſtärker pocht, während ſie das Gift miſchen. „Madame von Saint⸗Pharamond,“ ſagte er leiſe, „ein feiles Weib!“ „Mein guter Freund,“ entgegnete Durandin,„glaubſt Du, eine ehrbare Perſon würde Deiner Frau den Rath geben, Herrn Polype zu nehmen 2....“ Du Chesnel ſchwieg verlegen. „Es gibt da keinen Mittelweg,“ hob Durandin wieder an,„man muß ſie leichtſinnig machen, ſie ſchnell verderben... Die Wahlen rücken heran.... Herr Po⸗ lype muß dahin gebracht werden, in Bälde zu arbeiten .*. Und was mich betrifft, ſo kenne ich keine Maſchine, die ſo ſtark wäre, wie Madame von Saint⸗Pharamond, um jene tugendhafte Regung, die ſich im Herzen ge⸗ wiſſer Frauen bildet, zu zerreiben und in Staub zu verwandeln.“ 8 „In meinem Hauſe!“ murmelte er wieder,„ein ſolches Weib!“. „Ich finde Dich köſtlich!“ rief Durandin,„Bathilde ſieht ja die erſte Geſellſchaft.... in Bezug auf Männer. Sie könnte Dich einem Dutzend Prinzen, ruſſiſchen oder polniſchen, vorſtellen.... Sie wird Dich überdieß mit einer Welt in Beruͤhrung bringen, welche Du nicht ge⸗ nug kennſt, mit der Elite, der Creme, der Blume unſe⸗ rer neuen Ariſtokratie.... Da iſt zum Beiſpiel Prunot, der treffliche Edelmann, der Neffe des erlauchten Her⸗ zogs von Pharſalus.... J. B. S. T. Sanguin, der Repräſentant einer unſerer reichſten Handlungen..... Pariſer Liebſch. III. 3 13 194 Arſene von Montfermeil, der von Saint⸗Gervais hätte ſein können. Endlich der junge und reizende Felir Chapiteaux, der Verwandte und Erbe des Herrn Polype...“ „Aber dieſe Frau empfangen!“ murmelte wieder Du Chesnel. „Ei, ei! Du ſcherzeſt wohl!....“ erwiederte der ernſtlich geärgerte Durandin;„dieſe Frau iſt Gräfin, mein Junge... Gräfin ganz und gar.... weit mehr Gräfin, als Du Vicomte biſt.“ * Du Chesnel zuckte die Achſeln. „Du brauchſt da keine zweifelnde Miene zu machen,“ fuhr Durandin fort;„ich bin ihr Sachwalter, ich kenne ihre Geſchichte.... Sie iſt die Tochter einer Obſtver⸗ käuferin auf dem Platze Saint⸗Martin.... Lache nicht, Du ſollſt ſchon ſehen!... Sie war ſchön, wie ein En⸗ gel, und nähte meiſterhaft.... Eine Adelige der Vor⸗ ſtadt Saint⸗Honoré nahm ſie als Geſellſchaftsdame an ... Die Obſthändlerin, könnte es ſcheinen, hatte ihr einen Anſtrich von den Sitten der ſchönen Welt gegeben. „Während ſie Geſellſchaftsdame war, verliebte ſich der junge Graf Armand von B's, deſſen Adel Du hof⸗ fentlich nicht in Zweifel ziehen willſt, in ſie.. Bathilde war dieſer Liebe mehr oder weniger zugänglich; allein ſte brauchte Vermögen und der Graf war arm. Sie wartete. „Man wird zur Lorette geboren, ſiehſt Du; Ba⸗ thilde war entzückend! Mehrere Partien zeigten ſich. Sie wartete immer. „Inzwiſchen war der Graf von einer Bruſtkrankheit befallen worden; er zehrte langſam ab und ſagte zu Bathilde, ihre Liebe allein würde ihn dem Leben zurück⸗ gehen können.... „Bathilde zögerte lange, ſie zögerte ſo lange, daß der arme Graf, in die letzte Periode ſeiner Krankheit ge⸗ treten, nicht mehr die Kraft hatte, auszugehen, und auf ſein beſcheidenes Zimmer beſchränkt blieb. — 19⁵ „Eines Tages ſah er Bathilde kommen. Ihm war, als öffne ſich der Himmel. Sie kam ihm Glück und Leben zu bringen; ſie kam, ihm ihre Hand anzu⸗ bieten... Wie findeſt Du das, Du?.. „Nun! wenn da nicht ein Fehltritt dahinterſtack, ſo war es allerdings ein hübſcher Zug!....“ „Pfui doch! Fehltritte!“ rief Durandin,„Bathilde fällt nie, ſie wirft ſich bäuchlings auf den Boden, das iſt Alles.“ einer Griſette oder einer Apothekerstochter?.... Man ſieht wohl, daß Du Bathilden nicht kennſt. Die mußte nicht durch einen Fall debütiren; die hat einen ſichern und feſten Fuß. Glitſcht ſie aus, ſo hat ſie eben aus⸗ glitſchen wollen!.. Nicht doch, nicht doch, zu jener Zeit war ſie rein, wie ein neugebornes Lamm. „Dann,“ ſagte Du Chesnel,„benahm ſie ſich wie eine Frau von Herz. „Gewiß, gewiß,“ brummte Durandin, der anfing, ungewohnt ſchnell mit ſeinen Daumen zu trällern.„Ge⸗ wiß, mein guter Freund.... und auch wie eine Frau von Verſtand.... Es freut mich zu ſehen, daß Du ihr Gerechtigkeit widerfahren läßt.... Denke nur, be⸗ vor ſie ſich zu dem armen Kranken begab, war ſie zu ſeinem Arzte gegangen und hatte mit ihrer hübſchen, ſanften Stimme zu ihm geſagt: „Doktor, wie viel Tage mag der Graf noch zu leben haben?“ 6 „Acht Tage,“ hatte der Arzt geantwortet. „Und hat man keine Hoffnung, ihn zu retten?“ „Mein Gott! nein, Madame.“ „Indeß, ein Wunder?“ „Madame, es gibt kein Wunder mehr. Der Herr Graf iſt ein todter Mann.“ 196 „In Folge dieſer Unterredung kam ſie dann, dem Kranken ihre weiße Hand anzubieten.... „Ei zum Teufel!“ ſagte Du Chesnel, vich glaubte, er habe kein Vermögen?⸗ „Nicht einen Heller! aber warte doch! Die Tri. J⸗ feder abgerechnet, gleicht das ein wenig der Heirat in extremis unſrer lieben Baronin von Roye.... Nach⸗ dem die Ceremonie einmal vorüber war, konnte der Graf ſterben, wie und wann er wollte, und Bathilde richtete ſich, ihre Beſchützerin verlaſſend, in einer präch⸗ tigen Wohnung des Quatiers Breda ein. Das machte ungeheures Aufſehen. Man ſprach nur noch von der reizenden achtzehnjährigen Gräfin, die ihr Herz zum Verkauf ausbot und ſich unter dem Namen von Saint⸗ Pharamond verbarg....“ „O! o!“ machte Du Chesnel, Achtung bezeigend, „das war eine Berechnung!“ „Schon im erſten Jahre erwarb ſie ſich fünfzigtau⸗ ſend Thaler,“ hob Durandin wieder an; njetzt hat ſie achtzigtauſend Livres Einkünfte, gut und gehörig einge⸗ ſchrieben im großen Buche der öffentlichen Schuld..“ „Peſt!“ machte wieder Du Chesnel. „Du ſiehſt wohl,“ fuhr der Sachwalter fort,„daß ſie im Stande iſt, Lectionen zu geben.“ Du Chesnel ſchien nachzudenken. Durandin ſtand auf. „Friſch, vorwärts!“ ſagte er;„kleide Dich an und laß uns zu Bathilde gehen. Sie iſt ein gutes Kind. Wenn Du ihr gefällſt, ſo kommt ſie zu dem Frühſtück, das Du morgen gibſt....“ „Das Frühſtüͤck, das ich gebe?....“ ſtammelte Du Chesnel. „Gewiß, Chapitaur, dem Baron Prunot, San⸗ guin, allen dieſen Herrn.... Das iſt unerläßlich.... Bathilde kann nicht allein kommen....“ Du Chesnel kleidete ſich an, um die Lorette aufzu⸗ 197 ſuchen, welche ſich achtzigtauſend Liores Einkünfte er⸗ worben und ſeiner Frau Lectionen ertheilen ſollte. 12. Das Frühſtück. Du Chesnel's Entſchluß war von jetzt an entſchie⸗ den gefaßt. Er hatte ſich zu einem Zwecke verheiratet; dieſer Zweck mußte erfüllt werden. „Was lag an der unbeſonnenen Liebe, die unkluger⸗ weiſe ſich ſeinen Abſichten in den Weg zu werfen kam? Charlotte war ſchön: deſto beſſer; deßwegen hatte er ſie auch genommen. Im Uebrigen aber hatte er ja dieſe Schönheit nicht für ſich ſelbſt erworben; ſie war ihm ein Werkzeug, ein Hebel, ein Mittel. Du Chesnel, der wieder klug ge⸗ worden, warf ſich beinahe vor, verſchwenderiſch geweſen zu ſein und, wie Panurg, ſein Getreide roh gegeſſen zu haben.—. Er beſaß eine Goldbarre und hatte ſich an ihrem Anſchauen ergötzt, ſtatt dieſelbe prägen zu laſſen und zu guten Zinſen anzulegen. Das hieß ein Kapital thöricht verſchleudern. Glucklicherweiſe war es noch Zeit. Mit Hülfe das trefflichen Durandin's konnte man die verlornen Stun⸗ den wieder einbringen. Es bedurfte nur einer kleinen Anſtrengung, um den erſten Eckel zu überwinden und den Kelch mit einem Zuge zu leeren. Ach! die arme Charlotte ahnte Nichts von der ge⸗ gen ſie angezettelten Verſchwörung. Sie liebte ihren Mann und hatte Vertrauen zu ihm. Am Morgen nach jenem Tage, an welchem ſich Du Chesnel der Madame Bathilde von Saint⸗Phara⸗ mond hatte vorſtellen laſſen, ſtand Charlotte beſonders zeitig und ganz glücklich auf. Zum erſten Male ſollte ſie nun Geſellſchaft ſehen. Ihr Mann hörte auf, ſie, wie eine Laſt, welcher man ſich zu ſchämen hat, vor Aller Augen zu verbergen. Sie wollte ſich aufputzen, ihr Amt als Frau vom Hauſe endlich einnehmen und einem glänzenden Dejeuner vorſtehen, ſie, welche die mehrſte Zeit vergeblich ihre Mann bei ihrem einſamen Mahle erwartete. 4 Sie war ſehr vergnügt, dennoch hatte ſie einige Furcht, weil ſie wenig verſtand. Die Sitten der großen Welt waren ihr unbekannt. Die Wirkung der Einſam⸗ keit machte ſich in dieſem Augenblick fühlbar: ihrer leb⸗ haften Keckheit ungeachtet war ſie zum Voraus ſchüch⸗ tern und erröthete ſchon bei dem Gedanken, Fremde unterhalten zu ſollen. Allein ſie lächelte auch. Sie war es wirklich ge⸗ weſen, die Sancta bei Sonnenaufgang zwiſchen den Lat⸗ ten der Jalouſien hindurch lächeln geſehen. Sie war getheilt zwiſchen der Angſt eines Kindes und den unſchuldigen Hoffnungen ihrer naiven Koketterie. Es war für ſie ein ſchöner Tag, der die ſtille Ein⸗ förmigkeit ihres Daſeins durchſchnitt. Der Titel eines Geſandtſchaftsſekretärs ziert einen „Löwen“. Nach den Journalsartikeln, die von Bagné⸗ res und Baden ſprechen, zu urtheilen, iſt das ein faſhio⸗ nabler Stand. Felir Chapitaux und ſeine erlauchten Freunde waren ſehr vergnügt, Du Chesnels Bekanntſchaft zu machen. Was Madame Bathilde von Saint⸗Pharamond betraf, ſo ging die hin, wo ſie eingeladen wurde, ohne beſonders wähleriſch zu ſein. Sie war eine reizende Frau, die ſehr geiſtreich ge⸗ weſen, durch ihr Gewerbe aber gleichſam verbraucht worden war.. 4 Lorette war ſie von Grund der Seele, das heißt, 199 ſie war ein mehrfaches Weſen, beſtehend aus der Toch⸗ ter des Volkes und der großen Dame, aus der unwiſ⸗ ſenden Griſette und dem pedantiſchen Blauſtrumpf; ein ſeltſames, ſtürmiſches, nachläſſiges, anmuthsvolles, ver⸗ wegenes, bewunderungswürdiges Weſen bis zum zwei⸗ undzwanzigſten Jahre; ein häßliches Weſen im dreißig⸗ ſten Jahre. Zur beſtimmten Stunde betrat, von ihren Kava⸗ lieren begleitet, Madame Bathilde von Saint⸗Phara⸗ mond die Wohnung in der Straße Montaigne. Du Chesnel hatte Charlotten Abends zuvor noch etwas vorbereitet. Er mußte ohne Zweifel gelogen ha⸗ ben, denn Charlotte empfing die Lorette mit einer Ver⸗ wirrung, die wie Ehrerbietung ſchien. 8 Es läßt ſich annehmen, daß ſie nach den Reden ihres Mannes mit einer Dame von hohem Range oder wenigſtens mit einer Frau der großen Welt zu thun zu haben glaubte. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Anfangs ging es bei dem Mahle ziemlich kalt her. Trotz der natürlichen Anmuth, mit welcher Charlotte die Honneurs machte, wollte das Eis nicht brechen. Durandin und Du Chesnel konnten lange all ibren Witz aufbieten; Felix Chapitaur, J. B. S. T. San⸗ guin, der Baron von Prunot und ſelbſt Arſène von Montfermeil blieben theilnahmlos, ungewiß, beinahe umm. Augenſcheinlich erwarteten dieſe dunkeln Trabanten das Signal der Lorette, die ihr Geſtirn war. Dieſe beobachtete Charlotte, welche unter ihrem forſchenden Blick erröthete. MNadame von Saint⸗Pharamond beſaß jene Schön⸗ heit, welche den Männern gefällt, wie die alten Schauſpielerinnen ſagen; ihr Wuchs war prächtig und tadellos, ihr Geſicht hatte regelmäßige, nur etwas zu ſcharf gezeichnete Züge. Man hätte ein wenig mehr Ausdruck in ihren großen Augen gewünſcht, welche der * 200 Bogen ihrer herrlichen Augenbrauen überwölbte. Ihr etwas blaſſer Mund brach häufig in helles Gelächter aus. Wenn ſie nicht lachte, ſo ſpielte ein düſtrer Zug um deſſen Linien. Die reichen Maſſen ihrer feinen ſchwarzen Haare waren glatt an der zu ſchmalen Stirne hinabgeſtrichen. Ihre Feinde ſagten, daß ſie ihr dreißigſtes Jahr überſchritten habe. Allein Loretten, welche ohne die Nebeneinkünfte ihres Berufes über achtzigtauſend Livres Einkünfte zu verfügen haben, entgehen dem fatalen Zeit⸗ punkt, deſſen wir ſo eben erwähnt. Sie ſchaute immer nur Charlotte an und ihre wel⸗ ken Züge ſprachen ein vages Intereſſe aus. War ihr der Grund ihrer Anweſenheit an Du Chesnels Tafel ſchon bekannt? Und bedauerte ſie wohl das arme Kind, welchem ſogar mitten im ehelichen Aſyl eine Falle geſtellt wurde?.... „Ei, Gräfin,“ ſagte Durandin, ſich direkte an ſie wendend,„ſehen Sie nicht, daß Ihr Schweigen uns dü⸗ ſter ſtimmt?“ Bathilde brach alſobald in ein Gelächter aus, als ob hinter ihren Kinnbacken eine Feder losgeſchnellt wäre. Frauengelächter bedeutet bekanntlich Nichts; wie viel weniger alſo Lorettengelächter. Es iſt dieß eine Art Antwort auf Etwas, das man nicht verſtanden hat; es iſt ein Mittel, ſich mit einer Heiterkeit zu zieren, die nicht da iſt; es iſt endlich ein Weg, um ſeine Zähne zu zeigen, wenn ſie ſchön ſind.... Bathilde hatte ſehr ſchöne Zähne. Nachdem ſie gelacht, hielt ſie ihr Glas hin und trank es geſtrichen voll recht burſchenmaßig aus. Dann ſprach ſie von dieſen und jenen Dingen mit einer nicht ganz reizloſen Geläufigkeit: es waren ſchön geſchmiedete Phraſen, eingelernte Worte, auswendig ge⸗ wußte Nichts. Aber es ward anmuthig vorgetragen, es war leichtfertig und hübſch. Die, welche ſie nur ein⸗ 201 mal hörten, mußten ſie für eine Schwätzerin voller Geiſt und Leben halten. 8 Und ſeht nur die Wirkung der Mode auf das ſchafs⸗ köpfige Volk, welches gelbe Handſchuhe trägt und ſeine gefirnißten Stiefel auf dem Asphalt des Boulevard de Gand abnützt! Felir Chapitaurx und ſeine edeln Freunde, welche die Lorette täglich hörten, wurden nicht müde, ſie zu hören.. Sie war in der Mode. Sie war die Königin der Loretten; die einzige Lorette, welche alle hundert Jahre erſcheint, ſich Delorme, Lenclos, Düthé nennt und deren eintägiger Triumph im Vorbeigehen Herzoginnen, Ge⸗ ſandtinnen und Tänzerinnen mit Koth beſpritzt. Wenn man ein Chapitaur iſt, ſo muß man ſie an⸗ beten. Der Geiſt eines Baron Prunot beurkundet ſich darin, ſte geiſtreich zu finden. Jedes Wort, das ihren Lippen entfließt, iſt göttlich, ſo bezeugen alle J. B. S. T. San⸗ guin, ſeien ſie nun vom Hauſe Sanguin und Cloquart in Lyon oder aus irgend einem andern Laden.... Während dem Sprechen trank Madame von Saint⸗ Pharamond häufig, und zwar nicht ſo kleine Schlückchen, welche gewöhnlich den weiblichen Durſt ſtillen, ſondern ſo recht„löwinnenmäßig“ geſtrichene Gläſer voll, die auch eines Gensd'armes Durſt gelöſcht hätten. Je mehr ſie trank. je mehr ſprach ſie und umgekehrt. Das war ein Geſchnatter, ein Gläſerklirren, ein Hinunterſchwemmen. Erſtaunt betrachtete ſie nun auch Charlotte ihrerſeits. Sie kannte die Welt nicht und konnte allenfalls glauben, das gehöre zu den großen Manieren. Aber die Würde, der Anſtand und das Zartgefühl in ihr empörten ſich gegen dieſe dreiſte Geſchwätzigkeit, gegen dieſe burſchikoſen Manieren, die bereits an Frechheit gränzten. Sie ſchwieg, indem ſie fragende Blicke auf ihren Mann warf, der beipflichtende Geberden machte und 20⁰2 ihr in bedeutungsvollem Lächeln die Antwort gab: „Bewundere.“ 4 Durandin hütete ſich gewiß in Zukunft, Bathilde den Vorwurf des Schweigens zu machen. Er trank nicht ſo viel als ſie, aber als ein kluger Advokat, der ſich eines Philoſophenmagens erfreut, trank er genug. Sein dickes, gutmüthiges Geſicht entfaltete ſich und zwiſchen jeder Schüſſel fand er Muße, ein wenig mit den Daumen zu trällern, was ſein Glück vollſtändig machte. Felix Chapitaux machte verzweifelte Anſtrengungen, um Artigkeiten zu ſagen. Sanguin fing an, über Sei⸗ denwaaren zu ſprechen. Montfermeil, der berühmte Zahn⸗ arzt, griff indirekte Deſtrabodes Ruf an. Der Baron Prunot, dieſes kaiſerliche Ueberbleibſel, erzählte die Kriege Napoleons, welche er in den Siegen und Erobe⸗ rungen geleſen, und drehte ſeinen Schnurrbart, indem er ſchilderte, wie das erlauchte Schwert ſeines Oheims die Schlacht von Pharſalus gewonnen. Aber Jeder hatte ein Ohr für die Lorette, welche von Bällen, Concerten, der Fechtkunſt, Theatern und Straßburgerpaſteten, von unterhaltenen Deputirtentöch⸗ tern, Gemälden, Pferden, Schlöſſern und Schmuckkäſt⸗ chen, von Literatur, Johannisberger und Diplomatie ſprach. Das war allerliebſt. 4 Wenn Ihr ſie nur das Glas anfaſſen geſehen hättet, ſo würdet Ihr Chapitaur's Begeiſterung be⸗ griffen haben. Charlotte blieb verwirrt und beinahe erſchrocken. Das Wörterbuch der Madame von Saint⸗Pharamond enthielt Ausdrücke, welche das Ohr der jungen Frau verletzten. 3 Alles verſtand ſie nicht, allein ſie errieth bisweilen und fuͤhlte ſich dann betroffen. Beim Deſſert wurde die Beredtſamkeit der Madame von Saint⸗Pharamond ſo über alle Maßen erxcentriſch, 203 daß Charlottens Staunen ſich in Unbehagen und nach⸗ her in Pein verwandelte. Sie wagte nicht mehr, die Augen aufzuſchlagen. Als man von der Tafel aufſtand, ſtahl ſie ſich fort. Ihr Mann allein bemerkte ihre Abweſenheit. Durandin befand ſich wirklich in jenem Zuſtande unendlicher Seligkeit, in welchen nach dem Mittageſſen dif⸗ Leute mit einem trefflichen Magen zu verfallen pflegen. Was Chapitaux, Sanguin und die Andern anbe⸗ traf, ſo umringten dieſe Madame von Saint⸗Phara⸗ mond, welche eine Cigarre anzündete. Du Chesnel hatte Anfangs den Gedanken gehabt, ſeine Frau zurückzurufen, allein es fehlte ihm an Herz dazu.... Man trank jetzt den Kaffee in dem Salon, deſſen Fenſter auf einen großen Balkon hinausgingen, der die Gärten überſah, jenſeits welcher ſich das kleine Haus des Herrn von Compans erhob. Charlotte erſchien nicht wieder. Man war fortan eine Männergeſellſchaft. Die Unterhaltung wurde immer lärmender. Die Lorette rauchte, wie im Jahr 1833 die„Löwinnen“ noch rauchten, ſtolz und mit dem Bewußtſein, eine Hel⸗ denthat zu verrichten.. Die Mitgäſte ahmten ihr nach und Du Chesnel, welcher einen Anflug von trüber und bitterer Laune hatte, gelang es, ſich zu betäuben. „Sie haben da eine ſehr ſchöne Ausſicht, Herr Vicomte,“ ſagte Chapitaur, deſſen Vorrath von ent⸗ zückenden Reden nachgerade erſchöpft zu werden begann. „ Dieſer Pavillon,“ fügte Montfermeil bei,„macht einen allerliebſten Effekt.“ „Dieſer Pavillon iſt eine Zubehör zum Hotel eines gewiſſen Pair von Frankreich,“ entgegnete Du Chesnel. „Ich ſehe das Hotel nicht,“ ſagte die Lorette. „Ach! das Hotel iſt ſehr weit von hier,“ hob Du. Chesnel wieder an.„Dieſer Pavillon iſt ein kleiner, dem Gotte Amor geweihter Tempel, in welchem ein Herzog opfert, den Ihr Alle kennt.“ „Und wie heißt denn dieſer Herzog?“ fragte man ſellſchaft wendend: „Es iſt freilich ein Fraubaſengeſchwätz, aber im ganzen Quartier behauptet man, daß dieſer Pavillon der Sllibpart des Herzogs von Compans⸗Mallle⸗ pré ſei.“ Alle Anweſenden kannten den Herzog mehr oder weniger. „Ach bah!“ fing Montfermeil an,„ich riß ihm ſeiner Zeit....“ Er hielt inne und biß ſich in die Lippen. „Einen Zahn aus,“ ergänzte Chapitaur. Das machte J., B. S. T. Sanguin lachen. „Ich glaubte,“ ſagte die Lorette,„der Herr Herzog empfingen im Marais.“* Das war in ſeiner Art ebenfalls eine Naivetät, allein Madame von Saint⸗Pharamond biß ſich nicht in die Lippen. Sie hatte mehr Glückliche gemacht, als Montfermeil Zähne ausgeriſſen, und ſie hatte deſſen auch kein Hehl. Sie hatte zur Zeit, wo der Herzog ſein Zimmer in der Stadt im alten Hotel Maillepré aufgeſchlagen, da⸗ ſelbſt einige Beſuche machen müſſen. Inzwiſchen war Alles auf den Balkon getreten, um das kleine Haus des Herzogs etwas mehr in der Nähe zu ſehen. Es war ungefähr in demſelben Augenblicke, wo 20⁵ dieſer Letztere, Sancta's verzweifelte Flucht verfolgend, den Athem verlor. Das Zimmer, in welchem Frau Brunel und Burot ſich damit unterhielten, durch's Schlüſſelloch zu gucken, lag gerade dem Balkon gegenüber. Durch das völlig geöffnete Fenſter ſchien die Sonne hell herein. Ungeachtet der Entfernung konnte der Blick der Gäſte dennoch die würdigen Diener des Herzogs er⸗ reichen und ſogar bei ſcharfer Beobachtung ihr Hand⸗ thieren unterſcheiden. „Es iſt, als ſähe ich Etwas im Hintergrund des Zimmers,“ ſagte die Lorette.„Wenn ſie uns gar eine Vorſtellung geben wollten!...“ Alle Hälſe ſtreckten ſich, alle Lorgnetten richten ſich auf die bezeichnete Stelle. „Ach, zum Teufel! ja, zum Teufel, ja!“ ſagte Chapitaur;„dort im Hintergrund iſt Jemand. Hätt' ich nur meinen Operngucker!...“ „Wenn's nur an dem fehlt,“ antwortete Du Ches⸗ nel,„ſo können wir uns dergleichen verſchaffen.“ Du Chesnel war abſcheulich ſchlechter Laune und hatte längſt einen Span mit Herrn von Compans. Ueber⸗ dieß war ſein Kopf erhitzt. Der Gedanke, einen Skandal zu veranlaſſen, lockte ihn. 3 Er lockte noch weit mehr die andern Gäſte, welche vergnügt in den Salon zurückgingen, ſich eine hübſche Komödie verſprechend. Madame von Saint⸗Pharamond war es beſonders bata gelegen, als ob ſie nie was Aehnliches geſehen Ktte..... Inzwiſchen trieb Du Chesnel alle Operngucker und Ferngläſer des Hauſes zuſammen. Er kam bald mit ſeiner Beute zurück, die aus drei Opernguckern und einem Fernrohr in Futteral beſtand. Hinter ihm ſchritt gemeſſen ein Bedienter einher, welcher ein ungeheures, in Kupfer eingefaßtes und auf Pfähle geſchraubtes Telescop trug. — Dieſes Telescop wurde mit einmüthigem Beifalls⸗ jauchzen begrüßt. Der Bediente ſtellte es in die Mitte des Bal⸗ kons, richtete es gegen das offene Fenſter und zog ſich zurück. Du Chesnel mäßigte durch Winke den ihn umge⸗ benden Lärm. „Stille,“ ſagte er, noder das Fenſter wird zu⸗ gemacht...“ Dieſe weiſe Bemerkung brachte eine magiſche Wir⸗ kung hervor. Man trat ſachte auf den Balkon und Jeder war nun beſchäftigt, Fernrohr und Operngucker, die man herbeigeſchleppt, auf den gehörigen Punkt hin⸗ zurichten. Es war ein ſeltſames Schauſpiel, alle dieſe ver⸗ ſammelten Leute zu ſehen, ein Jeder mit einem optiſchen Inſtrumente in der Hand, das er ohne Umſtände auf die Wohnung eines Andern richtete. Es glich ein wenig jenen Verſammlungen bürgerlicher Aſtronomen, welche zuſammenkommen, um gemeinſam vermittelſt aller Ar⸗ ten Telescope die angekündigte Sonnenfinſterniß zu beobachten. Alle ſchauten ohne das leiſeſte Geräuſch hin. Sie erblickten Anfangs deutlich Burot und Frau Brunel. Die Lorette errieth ihre Beſchäftigung ſogleich. „Die Schelmenwaare iſt ſo neugierig, wie wir,“ ſagte ſie;„ſie haben aber beſſere Plätze.“ Die vier Cavaliere bewunderten den Scharfſinn ihrer Königin. Während einer Minute ſah man weiter Nichts. Durandin, der ein kluger Mann war, nahm an dem allgemeinen Eifer nicht ſichtbaren Antheil. Er hielt ſich halb verborgen in der Fenſtervertiefung und ſchaute mit bloßem Auge hin, ohne ſich ſehen zu laſſen. Madame von Saint⸗Pharamond bediente ſich des Fernrohrs. Mit einer Galanterie, die lebhaft an die x ——— —— 207 Zeiten des Ritterthums erinnerte, hatte Chapitaur das Knie vor ihr gebogen und lieh ſeine Schulter, um ihr zum Auflehnen zu dienen.“ Jeder ſchaute hin. Die Aufmerkſamkeit ward er⸗ müdet. Man wollte vielleicht eben dieſen Zeitvertreib aufgeben, als plötzlich ein junges Mädchen, an Burot und Frau Brunel verbeiſtürzend, durch das Zimmer eilte und ſich keuchend an's Fenſter ſtürzte. ie verſprochene Komödie begann. „Sie iſt aber reizend!“ ſagte Madame von Saint⸗ Pharamond. Jedermann wiederholte: „Sie iſt reizend!“ Nur Felix Chapitaur machte hierin eine Aus⸗ nahme, indem er ſich zu der Lorette wandte und ſagte: „Sie iſt nicht ſo hübſch, wie Sie:“ merkſamkeit nicht wach.“ »Pſt!“ machte Du Chesnel, nrufen wir ihre Auf⸗ an ſchwieg wieder. Man ſchwieg bis zu dem Augenblick, wo der Her⸗ zog ſchwankend Hand an die kniende Sancta legen wollte. Dann aber brach die lange verhaltene Erploſion um ſo betäubender aus. Du Chesnel ſelbſt gab mit boshafter Freude das Signal. Das war ein Pfeifen, ein Gelächter, ein Bravo⸗ rufen, ein Ausziſchen! Der militäriſche tiefe Tenor des Baron Prunot vermiſchte ſich mit Chapitaur's Barytonſtimme und den gellenden Noten, aus welchen die Stimme einer Lorette beſteht. 3 Durandin war in den Salon zurückgekehrt und trällerte, in einem Lehnſtuhl ausgeſtreckt, unter herzlichem Gelächter mit ſeinen Daumen. Auf dem Balkon verdoppelte ſich, ſtatt abzunehmen, das Pfeifen und Gelächter. Du Chesnel war der ärgſte von Allen. Das Charivari fuhr fort bis zu dem Augenblicke, wo der Herzog, erſchöpft durch die eben gemachte fürch⸗ terliche Anſtrengung, vernichtet durch die Schande des öffentlichen Hohngelächters, das er ertragen mußte, wankte und, bläſſer als eine Leiche, in die Arme ſeiner Diener fiel. Die Vorſtellung war beendigt. Die Lorette gähnte und ſagte: „Das iſt keine Entwicklung Dann erlaubte ſie Chapi dete ruhig wieder ihre Cigarre an. Während der Herzog einen ſo fürchterlichen Schlag empfing, trug er anderswo einen kleinen Vortheil davon. Die Bedienten des Marquis von Malllepré hatten nie ſo viel unbekannte Beſucher die Thüre ihres Herrn belagern ſehen, wie ſeit deſſen Verſchwinden. Anfangs waren Romeo und Nazaire da, welche, wie wir ſchon geſagt, einander in ſeinem Vorzimmer ab⸗ lösten, dann kam Herr Williams. Deniſart war Abends zuvor dageweſen. Wir haben nicht vergeſſen, daß er dem Herzog verſprochen, einen Schritt Betreffs einer gewiſſen rothen Brieftaſche zu aufzuſtehen, und zün⸗ thun, die im Beſitz des Marquis ſein mußte. Deniſart war gekommen, den Stand der Dinge zu beſchnüffeln, zu prüfen und auszuwittern. Er hatte im Vorzimmer, in welches man ihn ge⸗ führt, Romeo gefunden, der eben Schildwache ſtand. Deniſart und Romeo kannten ſich nicht. Der Bild⸗ hauer wartete, ein Buch in der Hand, und ſuchte aus ſeiner Lektüre etwas Geduld zu ſchöpfen. 3 Deniſart ſpazierte nach allen Richtungen im Vor⸗ zimmer umher. Die Abweſenheit des Marquis war ſchon ein günſtiger Umſtand: das geſtattete, ein wenig zu ſpioniren; das verſchaffte die nöthige Zeit, um ſich zu recht zu finden. Deniſart ſchielte verſtohlen nach jedem Gegenſtande. 4 ⁵ 200 Wie große Luſt er auch gehabt lhätte, er wagte nicht, die Thürklinken zu drehen, allein er ſteckte ſeinen Kopf zum Fenſter hinaus und merkte ſich genau die Einrich⸗ tung und Lage des Hauſes. Dann ging er weg mit dem Bedeuten, daß er fol⸗ genden Tages wieder vorbeikommen würde. In der Straße erwartete ihn ein Mann. Es war ein dicker Burſche mit treuherzigem, blühendem Geſicht, deſſen Phyſionomie uns nicht unbekannt iſt. ei einigem Nachſinnen werden wir uns erinnern, in den Werkſtätten der Herrn Rohrbach und Malfus ſein unſchuldiges Lächeln zwiſchen dem unerſchrockenen Poiret und dem ſkeptiſchen Buchard, mit Zunamen Feignant bewundert zu haben. Es war kein Anderer als der ehrliche Peter Worms, benannt Poupard, welcher in einem Augenblick der Vergeſſenheit die zweitauſend Franken⸗Billets des Herrn Potel in die Taſche geſchoben hatte. 3 Wenn man etwa ſtaunen wollte, eine Perſon von der Bedeutung Deniſard's, des Philantropen und ehema⸗ ligen Profeſſors, mit einem Peter Worms Bekanntſchaft pflegen zu ſehn, ſo müſſen wir in Erinnerung bringen, daß Deniſart der Freund des Volkes war, daß er für ge⸗ fallene Weſen jene allen Reformpredigern eigene Zärt⸗ lichkeit beſaß; daß er überdieß nicht ſtolz war und daß es keinen noch ſo armſeligen Freund gibt, von welchem in gewandter Mann bei Gelegenheit nicht Nutzen ziehen ann. Uebrigens beſchäftigt ſich ein Jeder Deniſart ein wenig mit dem Unterbringen der Arbeiter. Es iſt dieß eine Manier, dem Armen das Blut auszupumpen, welches faſt ebenſoviel werth iſt, wie die in Liefe⸗ rungen erſcheinenden illuſtrirten Schmeicheleien und der ſociale Fanatismus. Deniſart hatte Peter Worms eine Anſtellung ver⸗ ſchafft und dieſe beiden guten Herzen waren fahig ge⸗ weſen, ſich zu verſtehen. Pariſer Liebſch. III. 14 210 Peter Worms war ſeit dem zum Schaden des Va⸗ ter Potel verſuchten Diebſtahl arbeitslos. Es war Deniſart nicht unbekannt, daß der brave Elſaͤßer noch andere Talente, als das des Modelſtechens beſitze. Er ſchätzte ſich glücklich, ihn bei dieſer Gelegenheit zu finden, und Poupard ſchätzte ſich ebenfalls glücklich, ſeine Mußeſtunden auf ehrbare Weiſe verwenden zu können. „Was iſts?“ ſagte der Elſäßer, als Deniſart zu⸗ rück war. Dieſer zog ihn unter die Säulenhalle des Garde⸗ Elſäßer.„Dernocher, Herr Deniſart?....“ Peter Worms ſagte das mit ſeiner guten treuherzi⸗ gen und langſamen Stimme. Die, welche in dieſem Augenblick in der Galerie des Garde⸗Meuble vorüber⸗ gingen, mußten ſich beim Anblick dieſes trefflichen Ge⸗ ſichts neben dem galgenmäßigen Kopf des Pedanten ſagen: Ein braver Kerl von einem Provinzial, der aber fatale Bekanntſchaften hat. 4 Ihre Unterredung dauerte lang. Deniſart beſchrieb die rothe Brieftaſche nach den von Herrn von Compans ſelbſt gelieferten Andeutungen. Man beſtimmte die Baſis des Kaufpreiſes. Worms erhielt einiges Geld, um ſich die kleinen Geräthſchaften zu verſchaffen, welche ein Vorhaben dieſer Art erfordert, und die beiden Acoly⸗ ten trennten ſich. Am folgenden Tage, das heißt am, gleichen Tage nach der Entführung Sancta's, war nun Peter Worms genannt Poupard, es, der ſich bei dem Marquis von Malillepré meldete. Er war gekleidet, wie ein braver Arbeiter im Sonn⸗ tagsſtaate. Es hätte eines Veterans der Sicherheits⸗ polizei bedurft, um einen Schatten von Mißtrauen gegen beſe treffliche und gutmüthige Geſtalt aufkommen zu aſſen... Er bat, den Herrn Marquis erwarten zu dürfen. 211 Seit einigen E en hatten ſo Viele das Nämliche ge⸗ than, daß die Be Vorzimmer führten. Hier beſand ſich ſchon Nazaire, der, auf ſein Bänk⸗ chen ausgeſtreckt, gerade im erſten Schlafe lag. Er erwachte nicht. Worms erkannte ihn gut. Ein mit Furcht vermiſch⸗ tes Erſtaunen ſpiegelte ſich auf ſeinem dicken Geſichte ab. felreifele Teiffel!“ brummte er,„Herr Dragon! eiffel!.... Er ſetzte ſich auf das Bänkchen und blieb einen. Augenblick unentſchloſſen. Dann ſtand er auf und machte einen Gang durchs Zimmer, indem er ſeine unſchuldige und ruhige Miene wieder annahm. 3 Während er bei einer der Thüren vorüberging, be⸗ rührte ſeine Hand wie durch Zufall die Klinke. die Schwelle und ohne einen Ton zu verurſachen, ſchloß ſich die Thüre wieder, wie ſie ſich geöffnet hatte. 3 —— 13. 1 UDeter Worms, genannt Poupard. Peter Worms, genannt Poupard, befand ſich im Eßſale des Herrn Marquis von Malllepré. Während er die Schwelle des Vorzimmers über⸗ ſchritt, hatten ſich ſeine Brauen gerunzelt und ſeine Phy⸗ ſtognomie den Charakter völlig gewechſelt. Es war dieß aber die Sache einer Sekunde gewe⸗ ſen. Sobald die Thüre zugeſchnappt, fand er ſein ruhi⸗ ges Lächeln und ſeine Heiterkeit wieder. dienten ihn ohne Schwierigkeiten in's 212 „Der Marquis da,“ murmelte er ſich umſehend, „iſt ganz hübſch möblirt!“ Er ſtand jedoch nicht ſtille, ſondern durchſchritt den Sal in ſeiner ganzen Länge, ohne mehr Geräuſch zu machen, als wenn er barfuß geweſen wäre, und mit einer Leichtigkeit und Ungezwungenheit, welche nur Ge⸗ wohnheit in Dergleichen geben konnte. Uebrigens hielt er im Gehen die Hände auf dem Rücken und ihr hättet ihn gewiß nicht für einen Einge⸗ drungenen gehalten. Die Klinke der zweiten Thüre wiederſtand. Peter Worms fhr ganz bedächtig mit der Hand in die weite Taſche ſeines Ueberrock. Das geübteſte Auge hätte nicht bemerkt, was er daraus hervorzog. Peter Worms hatte jene Art behender, flinker Hände, deren Bewegungen das Auge nicht folgen kann. Er hätte einen Taſchenſpieler erſten Ranges abgegeben. Der Gegenſtand, welchen er ſoeben aus ſeiner Taſche gezogen, kreiſchte faſt unmerklich im Innern des Schloſſes und ſchlüpfte unmitelbar nachher mit Peter Worms Fingern wieder in das Futter ſeines Ueberrocks. Die Thüre war offen. Das Zimmer, in welches jetzt der dicke Elſäßer trat, war der Empfangsſalon des Herrn Marquis von Maillepré. Auf Worms Geſicht verbreitete ſich ein bewundern⸗ des Lächeln, als er dieſe reichen Seidentapeten ſah und das Gold, das überall an dem ſchönen Geſimſe des Getäfels glänzte. Er betaſtete die Teppiche, befühlte die Vorhänge, verſuchte mit ſeiner Fleiſchmaſſe den elaſtiſchen Sitz der Lehnſtühle und ſchüttelte mit wohlgefälliger Miene den Kopf, indem er murmelte: „Des iſt hübſch, gor hübſch!“ Nach dem Salon kamen das Arbeitskabinet und das Schlafzimmer des Marquis. Peter Worms drang unaufhaltſam hinein. Er hatte einen Zauberſchlüſſel. 213 Er muſterte zuerſt das eine und das andere dieſer 1 Zimmer genau durch, dann breitete er auf des Marquis Bett ein ungeheures Tuch von elſaßiſchem Fabrikate aus und füllte es ruhig mit allen Gegenſtänden, die ihm dienlich ſein konnten. * Er ſchob ſogar des Marquis Pantoffeln hinein. Als er die Sammlung für vollſtändig hielt, knüpfte er das Tuch an allen vier Enden zu und der Packver⸗ ſchwand unter dem wattirten Umſchlag ſeines Ueberrock. Einige kleinere Gegeſtände fanden in den Hoſen⸗ taſchen und ſogar in ſeinem Hute Platz. ei dieſer ganzen kühnen Plünderungsſcen behielt Peter Worms ſein ruhiges und gutmüthiges Ausſehen. Die Heiterkeit eines reinen Gewiſſens ſtralte auf dem 4 friſchen, ſtrotzenden Geſichte. Als er ſich wohl überzeugt hatte, daß Nichts mehr zu nehmen ſei, dachte er an den Zweck ſeiner Sendung 3 und ging auf das Schreibpult des Marquis zu, nicht 3 2 ohne einen Blick tiefen Bedauerns auf zwei prachtvolle chineſiſche Vaſen zu werfen, in welchen er hätte baden können, die aber ebendeßhalb nicht in die Taſche zu ſtecken waren. 3 Das kleine Schloß des Schreibpultes leiſtete nicht mehr Widerſtand als das ſtarke Schloß des Salons. it einer Handbewegung lagen vor Peter Worms drei Fächer von Paliſanderholz, in welchen einige Papiere, des Goldes in Menge und unter werthvollen Kleinodien auch Banknoten lagen. „Der Elſäßer glaubte beim Anblick aller dieſer Reich⸗ thümer vor Freude den Geiſt aufgeben zu müſſen. * Er legte ſeine beiden Hände auf ſein treffliches Serz, um deſſen Pochen zu beſchwichtigen. Sein Glück machte ſich in einem wahren Grunzen Luft und er be⸗ rührte noch geraume Zeit das Gold nicht, um ſich den Genuß zu verlängern.. Dann tappte er plötzlich mit ſeinen beiden Hünden 24 bebend zu. Er wühlte in den Goldſtücken, liebäugelte 214 mit dem feinen Banknotenpapier, ließ die Steine an den Ringen funkeln und machte ſich hernach wieder an das Gold, das er mit dumpfem Knurren zwiſchen den Fingern preßte. Nun ſchwellten ſich ſeine Taſchen mit allen dieſen bunt durcheinander aufgehäuften Reichthümern hoch an. Er ſteckte ein ohne zu zählen, der brave Elſäßer, und ſelbſt wenn ein danebengeſchobener Louisd'or auf den Teppich rollte, hatte er die Seelengröße, ſich nicht zu bücken, um ihn wieder aufzuheben. „Des iſt wos für de Aufraimer,“ ſagte er mit ſeinem gutmüthigen Ernſt. Und er fuhr fort, in ſeine angeſchwollenen Taſchen zu ſtopfen. Die rothe Brieftaſche war aanz unten in einem ge⸗ heimen Schubfache und hinter Päcken von Papier ver⸗ borgen.. Peter Worms fand ſie. Er war ein ungemein ge⸗ wandter Sucher, dem Nichts entging. Er fing an, ſie zu öffnen, um nachzuſehen ob nicht auch etwa einige Banknoten darin lägen, allein die Brief⸗ taſche enthielt nur die ehmals James Weſtern geraubten Papiere. Peter Worms hatte keinen Platz mehr; er war genöthigt, mit einem ſchmerzlichen Seufzer die Pantoffeln des Marquis wegzuwerfen, um die Brieftaſche irgendwo unterzubringen. Die Aufgabe war erfüllt. Peter Worms ging wieder nach dem Vorzimmer zurüͤck, indem er unterwegs alte Thüren mit vieler Sorgfalt hinter ſich ſchloß. 1 Die des Vorzimmers drehte ſich wie das erſte Mal in ihren Angeln und Worms befand ſich neuerdings neben dem auf einem Bänkchen ſchlafenden Nazaire. Der Elfäßer hatte nicht mehr als eine Vierielſtunde zu ſeinem Vorhaben gebraucht. — 215 Eine teufliſche Idee zuckte ihm durchs Gehirn beim Anblick des ſchlafenden Nazaire. „Wenn i Wos in Herr Dragons Toſch lege thät?“ ſagte er bei ſich. Er ſann einen Augenblick nach und ſeine Hand ſuhr unter den Ueberrock. Er hatte gute Luſt, ſich an Nazaire zu rächen, allein da ſollten noch einige Brocken von ſeiner Beute geopfert werden und er hatte ſchon den Schmerz gehabt, des Marquis Pantoffeln zurücklaſſen zu müſſen. Es fehlte ihm an Muth dazu. Er ging weg. Im erſten Vorzimmer, wo ſich die Bedienten aufhielten, ſagte er im Vorbeigehen: „J komm en ondermol.... meine hefliche Empfeh⸗ lunge.... den Herr Morquis.... J werd wieder vor⸗ ſpreche....“. Er grüßte höflich und ging die Treppe hinunter. Auf der andern Seite der Straße ſtand eine Kutſche. Worms ſchritt auf ſie zu ohne beſonders zu eilen und ſisg hinein. Der Wagen fuhr alſobald im Galopp avon.... Deniſart war da. Am gleichen Morgen war er von Biot zum Fenſter des erſten Stockwerks hinaus⸗ geworfen worden, man ſah aber nicht viel davon. Einige Riſſe an ſeinem abgeſchabten Kleide, einige Schrammen an Händen und Geſicht abgerechnet, befand ſich der Pedant ganz prächtig und war nicht viel häß⸗ licher anzuſchauen als gewöhnlich. „Haſt Du die Brieftaſche?“ fragte er Worms. „Jo,“ antwortete der Elſäßer. Deniſart wurde unter den rothen Flecken, welche ſein kurz vorhergehabter Rauſch ihm auf der Wange gelaſſen, kreidenweiß vor Freude. Die Brieftaſche trug ihm tauſend Thaler ein und mit tauſend Thalern wollte ſich Deniſart einige Millio⸗ nen Sous herauspumpen. „Gib!“ ſagte er drängend zu Worms. 216 Der Elſäßer zog die Brieftaſche heraus, ließ ſie aber nicht los. „Sie hobe mir zweihundert Fronke verſproche,“ entgegnete er. Der brave Elſäßer hatte einen Werth von tauſend Louisd'or zu ſich geſteckt. Deniſart dagegen beſaß nach ſeiner Gewohnheit keinen Heller. Dieſe plötzlich erhobene Schwierigkeit hätte einen ernſtlichen Zwiſt veranlaſſen können, allein Dank dem guten Willen des trefflichen Peter Worms, der ſich mit einer Schuldverſchreibung von Deniſart begnügte, ward Alles ins Geleiſe gebracht. Die Obligation wurde in dem Comptoirs eines Weinhaͤndlers ausgefertigt. Deniſart erhielt die Brief⸗ taſche und Peter Worms ging, ſich einen Platz nach Milhuße zu beſtellen, um im Schooße ſeiner gewerb⸗ reichen Vaterſtadt das ſo ehrenhaft erworbene Vermögen zu genießen. Biot war, wie ſchon geſagt, in das Zimmer der Großmutter zurückgekommen, ohne Deniſart eingeholt zu haben. Als er an der Ecke der Straße Culture⸗Saint⸗ Catherine angekommen, war der Pedant verſchwunden. Bei ſeiner Rückkehr traf er die alte Herzogin ſprachlos und Bertha in einem Zuſtand von Schwäche, welcher der Auflöſung nahe ſchien. Sie athmete höchſt mühſam. Ihr Kopf lag an der Rücklehne ihres Stuhles und ihre Augen waren geſchloſſen. Wir wiſſen, wie weit Biot's Hingebung ging, allein dieſe ganze und völlige Hingebung gab dennoch dem Verſtande des braven Bretagners nicht die ihm fehlende Schwungkraft und Feinheit. Er war zum Verwundern erregbar. Die Zärtlich⸗ keit ſeines Herzens benahm ihm oft den nöthigen Gleich⸗ — —y 217 muth und in der äͤußerſten und unſeligen Lage, in welcher ſich Alle, die er liebte, befanden, konnte Biot, man wird es begreifen, in der That kein ruhiges und geſetz⸗ tes Urtheil behalten. Gewandtere, als er, hätten den Kopf verloren. Seit Jahren häufte die Hand Gottes unaufhörlich und unerbittlich eine Reihe von Unglücksfällen auf die traurigen Ueberbleibſel des Maillepré'ſchen Stammes. Alle hatte auf einmal ein ſchrecklicher Schlag ge⸗ troffen. Man wußte nicht, welchem der Kinder des Marquis Naoul bei dieſen Unglücksſchlägen das entſetzlichſte Loos geworden. Jetzt mußte man bitter jene Tage des Elends miſſen, wo das gleiche Leiden wie zur Gewohnheit gewor⸗ den war. Bertha lag im Sterben, keine Geſchwiſterhand er⸗ leichterte den Todeskampf. Während der verwundete Gaſton der Gefangene einer geheimnißvollen Willens⸗ macht blieb, war Sancta, das arme Kind, entführt worden und erlitt vielleicht das tödtliche Unglück, welches die entehrte Bertha dem Grabe zuführte. Dieſe Gedanken wälzten ſich verworren und ſtür⸗ miſch in Biot's Kopf, der wahnfinnig zu werden meinte. eine Augen ſchauten ſtarr, unter der verzweifelten Anſtrengung ſeines Gehirns faltete ſich die Stirn in große Runzeln. Er ſuchte ein Mittel, das erdrückende Mißgeſchick zu bekämpfen; es erbitterte ihn, Angeſichts der hinſter⸗ benden Maillepré müſſig bleiben zu ſollen. Mit bittrer Angſt bat er Gokt um eine Eingebung, die ſeinen Gebietern zum Heil gereichen konnte. Aber ſein Verſtand war umdunkelt. Sein Muth, der bis dahin nicht gewankt, brach von Verzweiflung erdrückt zuſammen. Sein Blick blieb auf Bertha haften. Seine Brauen 218 waren wild zuſammengezogen. Große Schweißtropfen rieſelten ihm über die Wangen. Nach Verfluß einiger Minuten entriß er ſich unter heftiger Anſtrengung dieſem Zuſtande thatloſer Ent⸗ mannung. Er ſtürzte die Treppe des rechten Flü⸗ gels hinab, öffnete das Einfahrtsthor und rief den Au⸗ vergnaten, der beauftragt war, ihn während ſeiner Ab⸗ weſenheit zu erſetzen. Err hatte weder Zeit noch die Geiſtesgegenwart ge⸗ habt, ſeine Livree abzulegen. Sein Kopf war unbe⸗ deckt. Die langen wirren Haare ſielen in Unordnung auf den betreßten Halskragen nieder. Sein zerknittertes Hemd, das noch die Spuren der Anſtrengung trug, die er gemacht, um Deniſart aufzuheben, hing loſe an der offenen Weſte herab und ließ das ſchwarze Fell ſeiner Bruſt ſehen. Die friedlichen Wanderer in Marais, welche ihn ſchnellen Laufes die Straße der Franes Bourgeois hin⸗ aneilen ſahen, wichen ihm dienſtbefliſſen aus, um ihn nicht aufzuhalten und erzählten gewiß ihren Frauen, wie ſie die Gefahr einer ſo ſchreckhaften Begegnung vermieden. Biot hatte das Ausſehen eines raſenden Tollen. Er hatte ſich durch die Straße geſtürzt und lief ge⸗ ſenkten Kopfes dem Platze Royale zu. Er bog um die Ecke der Straße Saint⸗Louis und klopfte gleich hernach an Nummer 26 an. 3 Ungeachtet ſeines langſamen Weſens mußte der traurige Jalambot ſolch kräftigem Einlaßbegehren unver⸗ züglich nachkommen. Er öffnete und auf Rorxelanes Einſchärfung brachte er den Kopf an die Thür der Loge, um den Unverſchäm⸗ ten, der ſich erlaubte, ſo ſtark zu klopfen, tüchtig aus⸗ zuſchelten. —Allein beim Anblick der ungeheuren Perſon, welche wie ein Pfeil an ihm vorüberſchoß und in Romeos 219 Atelier ſtürzte, blieb die Stimme des Gemahls der Kö⸗ nigin in ſeinem Gaumen ſtecken. „Nun, Jalambot, Unglücklicher!“ ſagte Roxelane, welche eben ihrem dicken Kater ganz unzweideutige Be⸗ weiſe von Liebe gab,„Du haſt ihn vorbeigehen laſſen ohne das Maul aufzuthun, Du furchtſamer Dreck!“ „Mein kleines, liebes....“ fing Jalambot leiſe an. „Ruhig!. Du weißt Dir nicht Achtung zu ver⸗ ſchaffen, Haſe, Die Leute gehen an Dir vorüber, ohne nur den Hut abzuziehen, wie wenn ich um den Gottes Lohn da wäre!“ Jalambot wandte ſich um und antwortete mit je⸗ nem demuthsvollen Tone, der eine Tigerkatze entwaffnen würde, verheiratete Königin aber nicht entwaffnet. „Mein gutes, kleines....“ „Ruhig!“ rief Rorelane wieder:„ſo oft man die Ehrerbietung gegen mich verletzt, würdeſt Du verdienen, Deinen Buckel für die unhöfliche Menſchheit herzuhalten!“ Roxelane erhitzte ſich während dem Sprechen immer mehr. Hätte ſie ihren dicken Kater nicht in den Armen gehalten, ſo würde ihr fürchterlicher Beſen vielleicht eine Rolle in der Unterhaltung geſpielt haben. Aber das Katerchen machte den Galanten, glättete ſich mit dem Pfötchen die Haare, ſpitzte die Ohren und ſchaute ſie mit den gelben, ſchläfrigen Augen zärtlich an. Roxelanes wildes Herz wurde erweicht. Sie drückte einen Kuß zwiſchen die beiden Ohren ihres Katers und ſchloß Waffenſtillſtand mit Jalambot. Wenn man ſich verwundern ſollte, unter unſern Perſonen einen Kater figuriren zu ſehen, ſo diene als Antwort, daß es in den Pariſer Liebſchaften nicht zſend geweſen, die Gefühle der Portiersfrau zu über⸗ gehen.... Biot durchſchritt Romeos Atelier, ohne auf das Rufen Peti⸗Louis und Croquignoles zu achten, welche unverſehens in ihrer täglichen Partie geſtört worden waren.... kranz von Schmäh⸗, Schimpf⸗ und Scheltworten her. 220 In Sprüngen zu vier Stufen ſtürmte er die Treppe hinan und fiel wie eine Bombe in des Bildhauers Zimmer. Romeo war im Bett. Da er die Nacht auf ſei⸗ nem Poſten in der Straße Saint⸗Antoine zugebracht, ſo war er noch nicht lange zurück.. Man erinnert ſich, daß im Augenblick, wo Burot, Deniſart und Roby in der Straße der Francs Bour⸗ geois gegen eilf Uhr Abends Schildwache ſtanden und den günſtigen Augenblick ablauerten, um Sancta's Ent⸗ füͤhrung zu bewerkſtelligen, Romeo, als er Biots Loge verließ plößlich dazwiſchen gekommen war. Seine Gegenwart war den Abſichten des herzog⸗ lichen Sekretärs beſonders ſtörend in den Weg getreten. Herr Burot hatte, wie wir wiſſen, kräftige Gründe, Romeo zu fürchten. Und dieſe Furcht war ſo groß, daß, als er im Mondſchein die Züge des Bildhauers unterſchied, er nichts Anderes zu thun wußte, als den Wagen wieder zu beſteigen. Im Augenblick aber, wo er den Fuß auf den Kut⸗ ſchentritt ſetzte, hatte er den Schritt einer Patrouille gehört und ein hölliſcher Gedanke war ihm durch den Kopf gefahren. Deniſart war dieſe Nacht zu mancherlei Arten Fall beſtimmt. Burot ließ die Patrouille bis auf etwa fünfzig Schritte herankommen, als er dann die Patrontaſchen und andere Abzeichen, welche unſere Soldaten recht ge⸗ fliſſentlich zur Schau tragen, um keine Diebe hinter⸗ liſtig zu überfallen, vollkommen unterſcheiden konnte, faßte er Deniſart bei den Schultern und ſtieß ihn bis zu Romeo vor ſich her. Deniſart, welcher ſchon betrunken war, ſchrie und lamentirte. Burot ſagte nun mit lauter Stimme einen Roſen⸗ ⸗ * 42 V —.— 221 Er endete dann, indem er Deniſart ein Bein unterſchlug, worauf dieſer ausgeſtreckt mitten in die Goſſe fiel. Inzwiſchen verdoppelte die Patrouille den Schritt. Burot lief ihr entgegen und verlangte bewaffnete Mann⸗ ſchaft gegen Romeo, der, wie er ſagte, ſo eben ſeinen unglücklichen Kammeraden niedergemacht habe. Romeo wollte ſich dagegen auflehnen. Der Offi⸗ zier der Patrouille, welcher ein feſter und verſtändiger Mann war, ſchnitt ihm im Namen der öffentlichen Ord⸗ nung das Wort ab. 2 „Er war ja auf friſcher That ertappt. Wie gut iſt es doch, daß die mit der Aufrechthaltung der öffent⸗ lichen Ruhe vertrauten Perſonen dieſen hellen Blick ha⸗ ben, der augenblicklich Wahres vom Falſchen unter⸗ ſcheidet! Man ſchleppte Romeo auf die Wache. Man hätte wohl auch Burot und ſeine beiden Aco⸗ lyten hinführen können, allein dieſe Herren waren au⸗ genſcheinlich ruhige Leute. Sie hatten ja ihren Wagen. Unſtreitig kann man weder Marſchälle von Frankreich noch ſelbſt Zöglinge der polytechniſchen Schule Nachts die Wache in unſern Straßen halten laſſen, aber unbillig wäre es, für die Jurisprudenz unſerer Wachtcorps eine unbedingte Hochachtung zu fordern: ein Korporal iſt Menſch und fehlen iſt menſchlich. Die Schildwachen überfallen uns. Ohne jenes Soldaten zu erwähnen, der einem unglücklichen Betrunkenen, welcher ſich mit dem Gitter der Tuilerien herumraufte, eine Kugel in den Leib jagte, reicht es hin, eine Stunde unter einer der Hallen des Louvre zuzubringen, um Zeuge irgend eines Aktes kleiner Militärdeſpotie zu werden. Jüngſt haben wir dort eine Schildwache geſehen, welche einer armen hinkenden Frau, die drei Hemden in einem Schnupftuche trug, den Durchgang verweigerte. DOhne ſich das Gehirn zu zermartern könnte man unſers Dafürhaltens unſern Saldaten eine andere Be⸗ ſchaͤftigung finden, als das Bajonet auf alte Frauen und kleine Kinder anzulegen.. * 222 Aber es hängt dieß, man muß es ſagen, mit einer durchgängig angenommenen Ordnung der Dinge zu⸗ ſammen. Das ſouveräne Volk wird durch unſere Gebräuche nicht verwöhnt. Man fordert ihm einen Sou ab, um über jene hiſtoriſch merkwürdige Brücke gehen zu dür⸗ fen, wo es einſt im Juli die dreifarbigen Fahnen auf⸗ pflanzte. Nur an jenem Tage durfte es ohne zu zahlen hinüber....* An die beiden Eingänge jener glänzenden Galerien, welche in gerader Linie die Häuſer durchſchneiden und den Weg abkürzen, hat man Invaliden hingeſtellt, wel⸗ che eigens beauftragt ſind, den Leuten, die am meiſten nöthig haben, ihre Schritte zu zählen, den Weg zu ver⸗ ſperren. Ihr, deren Arme Nichts zu ſchleppen haben, die ihr blos ſpaziert, ihr dürft hindurch; allein ihr, die ihr unter eurer allzuſchweren Laſt ſchwankt, macht den weitern Weg! Es iſt im Louvre gerade ſo und die Schildwache in den Tuilerien iſt die ſchlimmſte. In die Tuilerien dürft ihr weder in Blouſe noch Was eure Freuden betrifft, ſo unterſtützt die Staats⸗ kaſſe wohl die Theater, aber ihr dürft nicht hinein. Ihr habt ſelbſt nicht mehr, wie früher, den einen Tag im Jahre, wo es euch erlaubt war, euch in die prächtigen Logen der Oper oder auf die klaſſiſchen Bänke des Thea⸗ ter Francais zu ſetzen! Ihr zahlt unſere Sänger und unſere Schauſpieler, dafür habt ihr das Recht, auf dieſelben ſtolz zu ſein und ihr Talent vom Hörenſagen zu bewundern.... Die Ankunft Biots erweckte Romeo. Er begriff zuerſt nicht, was ihm Biot von dem Unglück Sancta's ſagte, und ließ ſich das Vorgefallene zweimal erzählen. Als er es endlich faßte, ſprang er raſch aus dem 223 Bette und warf ſich in ſchweigſamer Eile in die Kleider. „Was thun? mein Gott! was thun?“ wiederholte Biot in einem fort. Romeo beeilte ſich und antwortete nicht.. Erſt als er angekleidet war, zauderte auch er und zeigte beinahe die nämliche Verwirrung wie Biot. Dieſer Schlag traf ihn ſo hart, daß die kühne Energie ſeines Geiſtes, welche ihm eigenthümlich war, ganz erſtarrt ſchien. Er ſtand einen Augenblick unbeweglich und mit über der Bruſt gekreuzten Armen vor Biot. Ihre fragenden Blicke begegneten ſich und ſchienen gegenſeitig eine Eingebung oder einen Rath zu ſuchen. Aber in Beiden herrſchte nur Zweifel, Verwirrung und ſchmerzliche Ungewißheit. Romeo machte endlich einige Schritte durchs Zim⸗ mer und preßte beide Hände vor die Stirne, als wollte er ſeine empörten Gedanken bändigen. „Man muß handeln,“ ſagte Biot, vjede verlorne Minute iſt ein neues Unglück!“ Romeo legte ihm durch eine Geberde Stillſchweigen auf und fuhr fort, ſeine Gedanken zu ſammeln. Als er ſein Geſicht wieder enthüllte, war er Herr ſeiner ſelbſt. Seine Stirne wurde ruhiger und ſeine Augen glänzten von Verſtand und Muth. Biot fühlte ſich wieder aufleben und faßte Hoffnung. „Nehmt einen Wagen,“ ſagte Romeo mit feſter und raſcher Betonung zu ihm.„Fahrt auf die Polizei⸗ präfektur und gebt dort an, was Ihr geſehen habt!“ „Das iſt wahr,“ murmelte Biot.„Aber Sie?“ „Ich?“ verſetzte Romeo,„ich habe einen Faden in der Hand, der mich auf Sancta's Tritte leiten kann.... Ich hoffe.“ „Briot ergriff heftig Romeo's Hand, drückte ſie an ſeine Bruſt und murmelte mit vor Bewegung faſt er⸗ ſtickter Stimme: „Ach, wenn Sie ſie retteten!... Ich habe Nichts zu verſchenken auf dieſer Welt, aber jeden Tag bis an mein Lebensende würde ich zu Gott flehen, daß er Sie glücklich mache!“ „An's Werk denn!“ erwieberte Romeo und drückte ihm ſtark die Hand. Eiligſt verließen ſie das Zimmer und gewannen die Straße.. Der demüthige Jalambot war auf der Schwelle ſeiner Thür geblieben, um Biot zu erwarten und dem⸗ ſelben die aufgetragenen Schmähungen zu entrichten. Aber Rorelane hatte den gemeinſchaftlichen Muth für ſich allein behalten. Jalambot wagte nicht, ſeinen Auftrag auszurichten. Biot und Nomeo eilten, nach dem Boulevard und ſtiegen dort Jeder in einen eigenen Fiaker. Biot fuhr nach der Polizeipräfektur, Romeo aber nach dem Faubourg Saint⸗Honoré in das Hotel des Herzogs von Compans⸗Malillepré. Fünftes Buch. Der Ahnenſal. Pariſer Liebſch. III. 1. Die goldene Doſe. Nachdem Romeo Jean⸗Marie Biot ſeit ungefähr einer Viertelſtunde verlaſſen, ſtieg er vor dem Einfahrts⸗ thore des kleinen Hotels Maillepré ab. Er warf dem Thürſteher den Namen des Herrn Herzogs zu und wurde gleich einem gewöhnlichen Be⸗ ſucher eingelaſſen. Im Vorzimmer ſagte man ihm, daß der Herr Her⸗ zog abweſend ſei. Romeo kam in große Verlegenheit; er ſtand in der vollſten Ueberzeugung, daß Herr von Compans der Ur⸗ heber von Sancta's Entführung ſei. Er hätte ſeinen Kopf darauf gewettet, daß die Mittelsperſon dieſer Ent⸗ führung jener Mann geweſen, den er ſchon zwei Mal angetroffen hatte, das eine Mal unter der Säulenhalle der Oper, das andere Mal in Jean⸗Marie Biots Loge im alten Hotel Maillepré. Obwohl er ihn am vorhergehenden Abend bei jenen Leuten, welche ſo verdächtig unter Sancta's Fenſter herumſtreiften, nicht erkannt hatte, ſo hätte er ſich's dennoch nicht nehmen laſſen, daß dieſer Kerl einer von jenen Mhi veſen ſein müſſe. ber ſeinen Namen wußte er nicht. In Ermang⸗ lung des Herzogs dieſen Menſchen zu ſehen, wäre wich⸗ tig, vielleicht entſcheidend geweſen. Wie nach ihm fragen? —.ͤ-————· 228 Unbeweglich mitten im Vorzimmer ſtehend, überließ er ſich ſeinem Nachſinnen und die Bedienten fingen an, ihn neugierig zu betrachten. „Es lag mir ſehr daran, den Herrn Herzog zu ſehen,“ ſagte er endlich,„denn ich komme in einer Ange⸗ legenheit von höchſter Bedeutung. Aber nothgedrungen könnte ich meine Eröffnung ſeinem Stellvertreter..... ſeinem Haushofmeiſter machen.... die Sache leidet keinen Verzug.“ „Will der Herr etwa mit dem Sekretär des Herrn Herzogs ſprechen!....“ ſagte einer der Bedienten. „Ja wohl, mit dem,“ antwortete Romeo. Man ſchickte nach Deniſart, welcher der eigentliche Sekretär war, allein es fand ſich kein Deniſart. Der Pedant wartete im gleichen Augenblick mit einem Fia⸗ ker auf Peter Worms, der das Hotel des abweſenden Marquis von Maillepré plünderte. „Der Herr Herzog,“ ſagte man Romeo,„hat wohl noch einen andern Sekretär; aber.... „Laßt mich dieſen andern Sekretär ſprechen,“ ent⸗ gegnete Romeo. Dieſer andere Sekretär war Herr Burot, welcher, nachdem er, wie wir geſehen, ſeine Dienſtleiſtungen im Zimmer in der Stadt erfüllt, ſeit einer Stunde zurück⸗ gekehrt war. Er überließ ſich einem köſtlichen Schlafe, um ſich von den Strapatzen der Nacht zu erholen und ahnte wahrſcheinlich kaum das drohend über ihm ſchwe⸗ bende Gewitter. Romeo ging dem Bedienten, welcher die Treppen hinanſtieg und an Herr Burots Zimmer klopfte, auf dem Fuße nach. Herr Burot antwortete nicht. Der Bediente wandte ſich gegen Romeo mit eine Miene, die zu ſagen ſchien:. „Mehr kann ich nicht thun; kommen Sie ein ander Mal wieder.“ Das lag aber nicht in des Bildhauers Abſicht. 229 Burot lag im Bett, das Geſicht der Helle zu⸗ gewandt. Nomeo erkannte ſeinen Mann auf den erſten Blick. Er rückte einen Stuhl herbei, ſetzte ſich ans Kopf⸗ kiſſen und legte den Finger feſt auf des Sekretärs Schulter. Ddiieſer brachte die verlorne Zeit getreulich wieder ein und ſchlummerte feſt. Aber Romeo's Finger drückte ſich ſtärker und immer ſtärker in das Schulterfleiſch ein. „Blurrot ſtöhnte, brummte, zuckte zuſammen und richtete ſich endlich, die Augen reibend, auf. Im Bett beſehen, erſchien Burot nicht zu ſeinem Vortheil. Das weiße Kopfkiſſen umlagerte unanmuthig ſein rothes, knochiges Geſicht. Um Nichts weiter als häß⸗ lich zu ſein, mußte der Schuft durchaus Toilette machen. Seine zwinkernden Augen, welche plötzlich durch das helle Tageslicht geblendet waren, erkannten Romeo An⸗ fangs nicht. Als ſie ihn dann aber erkannten, ſchloſſen ſie ſich erſchrocken und wollten ſich nicht wieder öffnen. Burot glaubte ſich ohne Zweifel von einem böſen Traum gepeinigt. Aber Romeo's Finger legte ſich wieder auf die gleiche Stelle ſeiner Schulter und grub ſich noch är⸗ ger ein. Burot wagte einen ſchüchternen und feigen Blick. Seeine Backenknochen wurden blaß, er zitterte unter ſeinen Decken. Er konnte ſich eben nicht täuſchen: es war kein 230 Traum. Romeo, der fürchterliche Mann, welcher ihm 4 zwei Zähne ausgeſchlagen und die Pfeife zerbrochen hatte, war da, vor ihm, kalt, ruhig, ernſt, noch tauſend⸗ mal ſchrecklicher, als in ſeinem Zorn. Burot ſtützte ſich halb auf ſeinen Ellbogen und ſtarrte ihn mit aufgeſperr⸗ 1 tem Munde an. Romeo's Auge, das ſich kalt und hart auf ihn 8 heftete, uͤbte einen mächtigen Zauber auf den Schuft. Noch ſprach Romeo nicht. Je länger das Schweigen dauerte, je mehr fühlte der Sekretär die feige Angſt in ſich wachſen. Er rührte ſich nicht; ſeine erſchrockenen Augen allein ſenkten und hoben ſich in einer periodiſchen und langſamen Be⸗ wegung. 4 Romeo ſprach noch immer nicht. Burot erſtickte; ſeine Beine zitterten heftig unter der Decke. Zwei Schweißtropfen quollen ihm unter den Haaren hervor und fielen auf ſeinen Hemdkragen nieder. „Ich will thun, was Sie wollen,“ ſtammelte er, 3 bevor noch Romeo das Wort ergriffen hatte. 3 Aufgeſtanden!“ befahl der Bildhauer. Burot verließ das Bett und wollte anfangen, ſich anzukleiden, allein er zitterte ſo ſehr und ſeine Augen waren ſo verſtört, daß er ſich unter den verſchiedenen Stücken ſeiner Kleidung nicht herausfinden konnte. Seine Strümpfe, ſeine Hoſen ſchienen vernagelt worden zu ſein, er wußte nicht einmal mehr in ſeine Beinkleider zu ſchlüpfen. 1 Romeo geduldete ſich eine Minute lang. Nach Verfluß dieſer Zeit hob er ganz kalt wie⸗ an: „Beeilt Euch!“ Die Hoſen des unglücklichen Burot entglitten ſeiner Hand. Romeo war ihm ein Meduſenhaupt. Um Ro⸗ meo's los zu werden, hätte er gelobt, Jahr und Tag keine Poule mehr zu ſpielen. 3 Seine ſonſt ſo glühenden Backen waren jetzt todten⸗ — — 231 bleich und dieſes magere, knochige, ſcheue Geſicht bildete einen grotesken Anblick, wenn man es nur ſo fauſtgroß unter den ungeheuren Büſcheln eines borſtigen Haares und Bartes verloren ſah. Behende hob er die Hoſen wieder auf und zog ſie eilig an. In einem Augenblick war die blaue Hals⸗ binde mit den gelben Blumen umgeknüpft; an der braunrothen Weſte begnügte er ſich mit einem zuge⸗ machten Knopfe und ſein Rock behielt den Staub vom vorigen Tage. Er ergriff ſeinen Hut, deſſen Filz er mit dem Ell⸗ bogen glättete und blieb vor Romeo in der Stellung eines Kindes, das ſich unter der Zuchtruthe eines ſtren⸗ gen Lehrers fühlt. Romeo erhob ſich. „Folgt mir!“ ſagte er. Burot blieb getheilt zwiſchen ſeinem jetzigen Schreck und der Furcht, was ſich ereignen könnte, wenn er ſeine Wohnung verließe, um ſich in Romeo's Gewalt zu be⸗ geben. Er machte eine heroiſche Anſtrengung, um ſich ſein gewohntes, ungezwungenes Anſehen zu geben. „Hui da!“ ſagte er, indem er zu lächeln verſuchte, „wo zum Teufel wollen Sie mich denn in dieſem Zu⸗ und wandte ſich um. Herrn Burots Lächeln ward zur jämmerlichen Grimaſſe. „Ich muß doch wiſſen, wo ſie mich hinführen!...“ ſagte er mit weinerlicher Stimme. Romeo antwortete nicht und wies mit einer gebie⸗ teriſchen Geberde auf die Thüre. „Marſch voraus,“ ſagte er. 3 Herr Burot machte eine widerſtrebende Bewegung. Er zuckte die Achſeln und ſetzte ſeinen Hut ziemlich vier⸗ ſchrötig auf den Kopf. Man hätte glauben können, er 232 wolle ſich endlich dieſen mit ſo viel lakoniſcher Verach⸗ tung eingeſchärften Befehlen widerſetzen. Allein von Romeo's Blick niedergedonnert, bückte er ſich neuerdings. Er ging zuerſt hinaus. Romeo folgte ihm mit den Worten: „Ich verbiete Euch, wenn wir zurch das Vorzim⸗ mer kommen, irgend einen Wink zu geben oder mit Je⸗ mandem zu ſprechen... Ich werde mich hinter Euch halten.“ 3 So ſtiegen ſie die Treppen des Hotels hinab. Die empfangene Weiſung buchſtäblich befolgend, durchſchritt Burot das Vorzimmer unbeweglichen und ſteifen Kopfes, ohne weder rechts noch links hinſchauen zu dürfen. Er fühlte den fürchterlichen Bildhauer auf ſeinen Ferſen. Unterwegs warf Romeo ſeine Karte einem La⸗ kaien zu. „Macht dem Herzog meine ehrerbietigen Compli⸗ mente,“ ſagte er,„und benachrichtigt ihn, daß er mich wiederſehen wird. Als ſie den Hof betraten, ſtieß Burot einen ſchweren Seufzer aus. Er konnte ſich nicht enthalten, in die Loge des Thürſtehers einen Blick kläglicher Verlegenheit. zu werfen. Der Thürſteher zog den Hut vor ihm ab. Auf der Straße erwartete ſie der Fiaker. „Hinein!“ ſagte Romeo.— Burot glaubte den Boden unter ſich weichen zu fühlen. Bis jetzt hatte die Gegenwart des herzoglichen Dienſtperſonals ihn aleichſam noch beſchützt. Nun ſollte er ſich mit Romeo allein de Faden. Das war fürchterlich! Auf dem Trottoir wimmelte es von Vorübergehen⸗ den; Burot hatte einen Augenblick den Gedanken, da⸗ von zu laufen und Mordio zu rufen. 233 Während er aber noch zauderte, drückte ſich Ro⸗ meo's Finger wieder von hinten in ſeine Schulter. „Hinein!“ wiederholte leiſe der Bildhauer. Burot ſtieg ein.— Als er im Fiaker ſaß, erſchien Nomeo's Kopf am Schlage. „Ihr wißt ganz gut, um was es ſich handelt,“ hob er wieder an;„jede Erklärung wäre überflüffig... Wohin gehen wir?“ Burot hätte gar zu gerne lachen mögen, allein ſeine runzligen Lippen konnten ſich nur zu einer ſchmerz⸗ lichen Grimaſſe verziehen. „Wo wir hingehen?“ wiederholte er, indem er trotz ſeiner zitternden Stimme ſich dennoch ein ungezwunge⸗ nes Ausſehen zu geben verſuchte,„meiner Treu! das weiß ich nicht.“ nen,„ich fürchte, die Geduld zu verlieren!.... Ihr wißt, wen ich ſuche.... Im Hotel des Herrn von Compans ſelbſt kann ſie nicht ſein..... Wo habt Ihr Gewiß hatte der unglückliche Burot noch mehr Furcht, als Romeo, es möchte dieſer die Geduld ver⸗ lieren Der Bildhauer täuſchte ſich nicht, der Schlingel wußte recht gut, wovon die Rede war. Und eben das machte das Dilemma ſeiner Lage fürchterlich. Auf der einen Seite Romeo, und wie Romeo wider⸗ ſtehen, deſſen Beredtſamkeit unumſtößliche Beweisgründe führte? Auf der andern Seite der Herzog, welcher nicht nur die Börſe in Händen hielt, ſondern ebenſo furchtbar war und ſich ſchrecklich zu rächen wußte. Burot klagte den Himmel der Ungerechtigkeit an. All' dieſe Trübſal kam nur durch ſeine Pflichterfül⸗ lung über ihn.... Er zögerte mit der Antwort. Romeo war mit Einem Sprunge im Wagen, ſetzte ſich dem Sekretär gegenüber und ſchloß raſch die beiden Schläge, über welche er die Rollvorhänge von rother Sarſche hinabließ. Burot ſtieß ein Stöhnen aus; außer ſich glotzten ſeine Augen in der verſchloſſenen Schachtel umher, in welcher er wie in einer Falle gefangen und der Willkür eines unerbittlichen Gegners preisgegeben war, Er ſah ſich ſchon ermordet, erwürgt, erdroſſelt. 3 Tauſend Schreckbilder zogen an ſeinen Blicken vor⸗ über.... Durch die herabgelaſſenen Vorhänge ſtahl ſich nur ein röthliches, düſteres Licht. Burot fühlte allen Muth ſchwinden; es ſchien ihm, als ſchwimme er in ſeinem eigenen Blute. Er ſtellte ſich Romeo's Taſchen voll Piſtolen und Dolche vor. Es drohten ihm jedoch nur Stockprügel. „Ich will Ihnen Alles ſagen,“ murmelte er,„haben Sie Mitleid mit mir.“ 8 „Wohin gehen wir?“ ſagte nochmals Romeo. Burot ſagte den ſchönen Trinkgeldern, die er von dem Herzog bezog, ein zärtliches Lebewohl und nannte leiſe Straße und Nummer des Zimmers in der Stadt. Romeo öffnete den Schlag wieder und gab dem Kutſcher Weiſungen. Der Fiaker fuhr alſobald ab. „Jetzt, da Sie's wiſſen, bedürfen Sie meiner nicht mehr,“ ſagte Burot;„kann ich gehen?“ „Nein!“ erwiederte Romeo. Der Sekretär wagte nicht, darauf zu beſtehen. Der Tag fing an ſich zu neigen, als ſie in der Straße Ponthieu ankamen. Vor der Allee, welche nach dem Häuschen führte, hielt der Fiaker ſtill. „Ausgeſtiegen!“ ſagte Romeo. — 235 Der Sekretär faltete die Hände. „Dahinein bringen Sie mich nicht!“ murmelte er, „der Herzog würde mich tödten!.. u Nomeo wies ihm den Kutſchentritt mit jener Miene, welcher der unglückliche Sekretär nicht widerſtehen konnte. Er mußte wohl ausſteigen. Allein jetzt war der Herzog ganz nahe, und Burots beide Schreckbilder wuchſen zur nämlichen Größe an. Die Furcht, welche ſein Herr ihm einflößte, hielt der Furcht, welche Romeo ihm verurſachte, beinahe die Wage; er wußte nicht mehr, auf welche von beiden er horchen ſollte.... Und einmal in der Allee angekommen, wurde ſein Schritt immer langſamer, bis er endlich vollends ſtille and. „Vorwärts!“ herrſchte ihm Romeo zu. Der unglückliche Sekretär ſiel auf die Knie. „Ich weiß wohl, er wird mich tödten!“ ſagte er; „welchen Gewinn kann Ihnen der Tod eines armen Menſchen bringen?“ 33 Romeo hob ihn mit ſtarken Armen wieder auf. „Marſch!“ ſagte er, indem er ihn zwang, ſeinen Weg fortzuſetzen;„Du ſollſt mich einführen.... Ich habe nicht Zeit, dieſes Laſterneſt zu belagern.“ „Err hielt Burot am Rockkragen. Mehr todt als lebendig ließ ſich dieſer bis zum Hofe ſchleppen, der das kleine Haus von vorn umgab. Dort angekommen, warf er einen ſchüchternen Blick auf die Fenſter, als hätte er erwartet, dem drohenden Geſicht ſeines Herrn daſelbſt zu begegnen. An den Fenſtern zeigte ſich Niemand. Indem Herr Burots Blick ſich wieder ſenkte, fiel er auf die Thüre. Mit unbeſchreiblicher Ueberraſchung ſah er, daß tieſt ſonſt beſtändig geſchloſſene Thüre heute weit offen and....— 1 ———— — 23³⁶6 Einen Augenblick ſiegte bei ihm die Neugierde üͤber die Furcht. Er ſtürzte der Thüre zu und beim letzten Schein des Tages bemerkte er an derſelben unzweideutige Spuren gewaltſamer Erbrechung. 3 Das eiſerne Gehäuſe dieſes Schloſſes war wie zer⸗ rieben; der abgeſprengte Riegel zeigte die glänzenden Eiſenſplitterchen ſeines Bruchs. Burot ſtieg ſachte die Treppe hinan, Romeo folgte ihm. Im erſten Stock ſtanden die Thüren offen, wie unten. Während Burot neugierig ſeinen Kopf vorſtreckte, hörte er durch die Stille, welche im Innern herrſchte, deutlich das klaffende und leicht zu erkennende Geräuſch einer Piſtole, die geladen wird. Romeo hörte es deßgleichen. Burot prallte zurück, als ſaͤße ihm die Mündung der Waffe ſchon an der Kehle. Nomeo dagegen ſchritt kalt und feſt vorwärts. Er bedeutete Burot, daß ihm der Rückzug offen ſtehe. Der Sekretär, die ſo heißgewünſchte Erlaubniß benützend, ſtand mit Einem Sprung im Hofe und mit einem zweiten Sprung in der Straße.... Nomeo, der nun allein war, trat in's Vorzimmer, bei deſſen geſchloſſenen Jalouſien ſchon völlige Nacht herrſchte. Durch die Finſterniß tappte er dem Orte zu, wo ſich das Schnappen eines Piſtolenhahns hatte ver⸗ nehmen laſſen. Im Hauptflügel des alten Hotels Maillepré ſaß Herr Williams bei ſeiner Mahlzeit. John Robertſon bediente ihn. . Es war ungefähr um dieſelbe Zeit, wo Biot einen Mugen. beſtieg, der ihn zur Polizeipräfektur bringen ollte. Der Tag neigte ſich ſchon. 6 237 Toby Grant trat in das Zimmer, als ſein Gebieter eben ſeine Mahlzeit beendigte. „Ich glaube, der Herr iſt krank,“ ſagte er,„ſo habe ich ihn noch nie geſehen. Seit einer Stunde ſchluchzt er auf ſeiner Decke und murmelt Worte, die ich nicht ver⸗ ſtehen kann:“—. Herr Williams warf die Serviette weg und verließ alſobald die Tafel. 4 Er wandte ſich der alten Bibliothek des Hotels zu, welche Oguah als Zimmer eingeräumt war, und bedeutete ſeinen beiden Dienern, ihm nicht zu folgen. Als er ſich der Bibliothek näherte, ſchlug er einen langſamern und leichtern Schritt an, um kein Geräuſch zu machen. Noch ehe er an die Schwelle kam, konnte er das Schluchzen des Greiſes hören. Er trat ein. Oguah lag der Länge nach und auf dem Bauche auf der Decke ausgeſtreckt, ſtemmte die Ellbogen auf den Boden und hielt den Kopf zwiſchen den beiden Händen. Er kehrte der Thüre den Rücken zu. Man erblickte nur einen ganz kleinen Theil ſeines Profils; allein Herr Williams glaubte zwiſchen ſeinem Arm und ſeiner Wange reichliche Thränen auf das Stroh ſeines Lagers herab⸗ rieſeln zu ſehen. Eine zärtliche und wahrhaft kindliche Sorglichkeit malte ſich auf dem Geſichte des Amerikaners. 4 Vorſichtig auftretend und mit zurückgehaltenem Athem näherte er ſich. Oguah fuhr fort zu ſchluchzen und wußte nicht, daß man ihn belauſchte. Sein Schluchzen war mit verworrenen Klagen und undeutlichen Worten untermiſcht. Zuweilen kreuzte er die Arme und ließ ſeinen Kopf darauf hinfallen. Sein vom Alter abgemagerter Kör⸗ per ſchauerte vom Stoß eines ungeheuren Schmerzes zuſammen. 238 Dann richtete ſich ſeine Stirne wieder auf und ſtützte ſich auf die flachen Hände. Er ſchien alsdann einen unmittelbar vor ſeinen Augen liegenden Gegenſtand zu betrachten. 3 Dieſen Gegenſtand aber konnte Herr Williams nicht erblicken; Oguahs Schultern verdeckten ihm den⸗ ſelben. Je weiter er auf den Zehenſpitzen vorwärts ſchlich, deſto weniger verworren klang das Stöhnen des großen Häuptlings in ſein Ohr. Herr Williams konnte bald erkennen, daß es Kla⸗ gen in der Indianerſprache ſeien, Klagen oder vielmehr eine Art myſtiſchen Gebetes mit Seufzern vermiſcht. Herr Williams wagte ſich nicht näher, aus Furcht, Oguahs Aufmerkſamkeit rege zu machen, und dieſer ward jedesmal aufgebracht, wenn er ſich auf ſolche Weiſe in ſeinen Schmerzensmomenten überraſcht ſah. Er beſchränkte ſich auf das Hören und gerieth in unſägliches Staunen, als er mitten unter Oguahs Stöhnen mehrmals auf franzöſiſch den Namen Bertha vernahm. „Bertha!“ murmelte der Greis, indem er die nach⸗ drückliche Redeweiſe der Irokeſenſprache wegließ;„Bertha! ich ſehe Dich jede Nacht wieder... meine Träume kennen Dich.... und in meiner Erinnerung biſt Du jung ge⸗ blieben!...Bertha, o Berthal ich liebe Dich, wie ich Dich liebte.... Du biſt immer meine Traurigkeit und meine Freude..Mein ganzes Leben iſt in Dir.... Er richtete ſich raſch auf, ſeine Stimme wurde hohl und bebte vor Zorn. „Und dieſer Mann!“ murmelte er,„o! dieſer Mann, den ich getödtet habe!.. Sein Andenken iſt ihr theuer!... Da iſt er! da iſt erl... warum kann i ihn nicht nochmals tödten!“ 3 Bei der Bewegung, welche Oguah gemacht, war Herr Williams Blick auf die Stelle zwiſchen ſeinem Arm und ſeiner Seite gegleitet;z er hatte vor deſſen Augen * — 239 einen glänzenden Gegenſtand erblickt, ohne ihn jedoch genau unterſcheiden zu können. 9 Bevor er noch ſeine Lorgnette an's Auge bringen konnte, legte der große Häuptling ſeine beiden Hände wieder auf den Boden und bedeckte den glänzenden Gegen⸗ ſtand von Neuem..— „Mich!...“ hob er zuſammenſchauernd und wei⸗ nend wieder an,„mich haßt ſie!.. Hat ſie mich nicht geſtern mit dem Fuße von ſich geſtoßen?... Ihr Fuß brennt noch auf meiner Bruſt!...“ Schwerfällig und wie erſchöpft ſank er zuſammen, ſeine Schläfe berührte den Boden. Herr Williams hatte dieſem Monolog mit gierigem Intereſſe gelauſcht. Einen Augenblick lang hatte der ſo unerwartet ausgeſprochene Name Bertha's unbeſtimmte Hoffnungen in ihm aufdämmern laſſen. Dieſe Hoffnungen hatten ſich einigermaßen beſtärkt, als er die Worte Oguahs hörte, welche zuſammenhän⸗ gend ſchienen und ſich auf Ereigniſſe bezogen, über die der große Häuptling bisdahin ein halsſtarriges Schweigen beobachtet hatte. Sollte dieſer Mann aus ſeinem langen Wahnfinn erwachen und das Leben da wieder beginnen, wo er es zwanzig Jahre zuvor verlaſſen hatte? Herr Williams blieb unbeweglich und wünſchte fehach weiter zu hören, was ſeine Hoffnung beſtätigen önnte.... 5 Oguah ſchwieg. Man hörte nur noch ein herzzerreißendes Schluch⸗ zen, das ſich ſeiner Bruſt entwand und deſſen Gewalt ſeinen ganzen Körper erſchütterte. Zuweilen ſuchte ſein ermüdetes Haupt einen weniger harten Stützpunkt auf dem Stroh ſeines Lagers. Eine ſolche Bewegung machte den glänzenden Gegen⸗ fnd. welchen Herr Williams ſchon bemerkt, auf's Reue ichtbar. 240 Dieſer Letztere richtete alsband dis Lorgnette da⸗ rauf hin. Beim erſten Blick erkannte er mit unbeſchreiblichem Staunen die goldene Doſe, welche er in Amerika ſo oft in den Händen der Herzogin Bertha geſehen und von der er in ſeinem Memorial geſprochen hatte. Die Doſe war geöffnet. Herr Williams unterſchied und erkannte das Bildniß des Ritters von Ryonne, der einſt durch Herzog Johann im Zweikampf getödtet wurde. Er konnte einen Schrei der Ueberraſchung nicht völlig unterdrücken. Mit einer mehr als blitzesſchnellen Bewegung ver⸗ barg Oguah die goldene Doſe unter der Decke. Dann ſprang er mit einer Behendigkeit, welche man ſeinem Alter nicht zugetraut hätte, auf die Füße, legte ſeine beiden Hände auf Herrn Williams Schultern und ſchaute ihm in's Geſicht. Seine ſonſt erloſchenen Augen funkelten und drohten fürchterlich. „Was haſt Du geſehen?“ ſagte er mit ſeiner gut⸗ turalen und tiefen Stimme. Herr Williams hatte die Geiſtesgegenwart, ohne Zögern zu antworten: „Ich habe Nichts geſehen außer meinen Vater, der auf ſeinem Lager ruhte....“ 4 Der große Häuptling forſchte ihn noch einen Au⸗ genblick fragend an, dann ſpannten ſich ſeine Geſichts⸗ muskeln ab und die beiden Hände fielen längs den Hüften nieder. „Oguahs Blut iſt roth,“ ſagte er, wie man me⸗ chaniſch einen Refrain wiederholt;„Oguah iſt ein großer Häuptling!“ Er ſetzte ſich auf ſeine Decke, nahm ſeine lange Pfeife und ſtopfte ſie mit Taback. 4 Herr Williams rief John Robertſon, der Feuer brachte. Nach ſeiner Gewohnheit fing Oguah an, zu rauchen, 241 indem er die langſamen und eintönigen Weiſen ſeines Indianergeſangs anſtimmte. Herr Williams winkte John, ſich zu entfernen. Er ſelbſt blieb nur noch einige Minuten in der Bibliothek. Dann zog auch er ſich zurück, indem er die Thüre hinter Oauah zuſchloß, der nun allein blieb. 3 Sonſt vermied man ſorgfältig, den Alten ſo ſich ſelbſt zu überlaſſen. Allein was Herr Williams ſoeben geſehen, war für ihn ein unerklärliches Geheimniß. Er wollte die Löſung dieſes, ſeinem Verſtande ſo plötzlich aufgegebenen, Räthſels ſuchen, das ſich mit dem ernſteſten Zwecke ſeines Lebens ſo eng verband. Wo kam die Doſe her, welche die Herzogin mit aus Amerika zurückgenommen hatte? Oguah hatte ſie alſo wiedergeſehen? ſie oder ihre Kinder? Wo waren ſie? Da lag eben das Geheimniß. Herr Williams wollte ihn zu belauſchen ſuchen. Eine der Thüren der Bibliothek, die welche ſich Oguah's Lager gegenüber befand, hatte ein kleines run⸗ des, mit einem Glas verſehenes Loch. Es war eine Art Aufſichtslücke, wie man deren in Schulanſtalten und Gefängniſſen ſieht, und die hier bei der eigen⸗ thümlichen Stellung des großen Häuptlings nur allzu nothwendig war. 4 Statt ſich ganz zu entfernen, legte ſich Herr Wil⸗ liams hinter der Thüre auf's Beobachten und brachte ſein Auge an das Loch hin.— Waͤhrend einigen Minuten fuhr Oguah noch zu rauchen und zu ſingen fort.— Er ſchien völlig unbeweglich. Sein Auge allein ſchoß verſtohlen Blicke und rollte unruhig unter dem halbge⸗ chloſſenen Augenlide, als hätte er eine unbeſtimmte hnung von der geheimen Beaufſichtigung, die ihn umgab. 3 Pariſer Liebſch. III. 16 —— 242 Draußen hörte man den regelmäßigen Takt ſeines Geſanges, der bald rauher und ſtärker ertönte, bald wieder zu einem bloßen Gemurmel ward. Nach Verfluß einer Viertelſtunde ungefähr legte er die lange, noch brennende Pfeife beiſeite und heftete ſein Ohr auf den Boden, um zu horchen. Dann warf er ſich raſch wieder auf die Decke, ſtreckte ſich dort auf dem flachen Bauche aus und nahm neuerdings die goldene Doſe hervor, die er bei Herrn Williams Annäherung im Stroh verborgen hatte. Geöffnet legte er ſie wieder auf die nämliche Stelle 4 und ſtarrte mit ſeinem zwiſchen den Händen gehaltenen Kopfe auf ſie hin. 3 Herr Williams ſah ſeine Lippen ſich bewegen, ſeine Thränen fließen und ſeinen ganzen Körper von der Qual geſchüttelt wie vorhin. Er hörte ſogar den ge⸗ dämpften Ton ſeines Schluchzens. Allein die Worte konnte er nicht mehr verſtehen. So verging eine Viertelſtunde. Nach Verfluß dieſer Zeit ſah Herr Williams, daß Oguah die goldene Doſe mit einer verächtlichen Geberde wegſtieß, wie die Kinder mit einem ausgenutzten Spiel⸗ 1 zeug zu thun pflegen. Seine Augen hatten ihr ſtarres, ſtumpfes Ausſehen wieder angenommen. Er erhob ſich und richtete ſeine große Geſtalt ihrer ganzen Länge nach auf. Sein Blick ſchien fragend auf die Thüre geheftet, ſeine Geſichtsmuskeln wurden wieder ſchlaff und Herr Williams hörte ein gellendes Gelächter, das mit einem langen Heulen endete. Auf ſolche Weiſe begannen gewöhnlich die Wuth⸗ anfälle des großen Häuptlings. Herr Williams wollte eben eintreten, als er ſah, daß der Alte die goldene Doſe mit dem Fuß unter das Stroh ſtieß und ſich flach auf den Boden legte, um in aller Stille der Thüre zuzukriechen. 8— 243 Seine erſte Bewegung unterdrückend, pflanzte ſich Herr Williams unbeweglich und ſtumm an die Wand hin. Es war noch nicht völlig finſter, allein die Gegen⸗ ſtände verloren ſich ſchon in einem Halbdunkel. Nach einigen Sekunden öffnete ſich geräuſchlos die Thüre, hinter welcher Herr Williams ſtand. Der große Häuptling ſtreckte den Kopf hinaus und hielt an, um zu horchen. Herr Williams zog den Athem an ſich. 4 Als Oguah Nichts hörte, das ihn hätte beunruhi⸗ gen können, fing er an zu lachen und kroch ſachte längs des Corridors hin. Herr Williams ließ ihn einen Vorſprung gewinnen und folgte ihm, an der Mauer hinſchleichend, von ferne. Am Ende des Corridors befand ſich ein unbewohn⸗ tes Zimmer, in welchem einiges alte, ohne Zweifel von den frühern Eigenthümern des Hotels zurückgelaſſe⸗ nes Mobiliar aufgeſchichtet lag. 5 Herr Williams hatte dieſes Zimmer, welches in einen ſchmalen, düſtern Gang führte, der mit dem Gar⸗ ten in Verbindung ſtand, noch nie betreten. Oguah ſchluͤpfte ohne zu zögern in dieſes Zimmer und drang durch daſſelbe in den Gang. Erſtaunt, ihn einen Weg einſchlagen zu ſehen, der ihm ſelbſt unbekannt war, folgte ihm Herr William immer.— Geheimnißvolle Vermuthungen belagerten ſeinen Geiſt. Unwillkührlich erinnerte er ſich jener ſeltſamen Aehnlich⸗ keit zwiſchen dem Bildniß des Herzog Johann von Mail⸗ lepré und dem ſchönen jungen Menſchen, welcher auf der andern Seite des Hofes wohnte. Als ſich der große Häuptling einmal in dem Gange befand, kehrte er, ſtatt ſich dem Garten zuzuwenden, dieſem den Rücken und ſetzte ſeinen Weg in der völlig⸗ ſten Dunkelheit fort. Etwas weiter folgte ihm Herr Williams auf dem 244 Fuße, indem er, das Herz von ſchwerer Ahnung be⸗ klemmt, längs der feuchten Mauer hintappte. Nach Verlauf einer Minute hörte er eine Thüre vor ſich öffnen und erblickte am äußerſten Ende der Gallerie einige Helle. Dieſe Thüre war die von Gaſtons Zimmer, denn der Gang, in welchem ſich Herr Williams befand, war der Weg, den Bertha nahm, um den Ausgang nach der Straße Payenne zu gewinnen, und gleichfalls derjenige, welchen Deniſart Abends zuvor eingeſchlagen, um in das Zimmer der armen ſchlafenden Sancta zu dringen. Indeſſen hörte noch ſah Herr Williams mehr das Geringſte von Oguah. 2 Er beſchleunigte den Schritt, um ihn einzuholen, erreichte den Abſatz einer Treppe, durcheilte zwei leer⸗ ſtehende Zimmer und befand ſich dann in einem durch eine Lampe erleuchteten Gemache mit ſeidenen Tapeten, in deſſen Mitte Oguah auf ſeine beiden Hände geſtützt, auf den Knieen lag. In dieſer Stellung ſchien Oguah einer auf der höch⸗ ſten Stufe des Alters angekommenen Frau, die ſich un⸗ beweglich und ſteif in ihrem hohen Lehnſtuhl hielt und ihn nicht ſah, ſeine Unterwürfigkeit bezeigen zu wollen. Eine drückende Hitze, die Herrn Williams beinahe zu Boden geſchlagen hätte, herrſchte in dieſem Zimmer. Unweit der alten Dame ſaß in der Fenſtervertie⸗ fung auf einem Kiſſen ein junges Mädchen, mit dem Kopf an das Getäfel gelehnt. Dieſes junge Mädchen, welches der Vorhang beinahe völlig verbarg, war weiß gekleidet und blaß wie ein Marmorbild. Sie regte ſich nicht. Sie athmete nicht. Sie ſchien todt. — Robp. Herr Williams Ankunft bezweckte, was Oguah's Eintritt nicht hatte bezwecken können und zog die Auf⸗ merkſamkeit der Herzogin Wittwe von Maillepré auf ſich. 62' wandte ihre todten Augen der Thüre zu und agte: 4 „Jean Marie, ich hatte euch verboten, Jemand zu mir einzulaſſen.“ 3 Wie am Morgen machte dieſe Stimme Oguah von Kopf bis zu Füßen erbeben. Weſtern ſelbſt fühlte ſich mächtig ergriffen. Dieſe Stimme erweckte höchſt peinliche Erinnerungen in ihm. Die Augen hartnäckig auf die alte Dame geheftet, bemerkte Oguah Herrn Williams Gegenwart nicht. blick Begen hatte die Herzogin erſt dieſen Letztern er⸗ ickt. Bertha, das arme Mädchen, ſah weder den Einen noch den Andern.. Sie erloſch; ihr ſchwacher Athem hob die leichten Falten ihres weißen Kleides nicht mehr.... Auf Knieen und Händen näherte ſich Oguah den Füßen der Herzogin. Er tändelte leiſe murmelnd mit ihrem ſeidenen Kleide. Eine Regung des Abſcheu's bemächtigte ſich der alten Dame, ſobald ihre Blicke auf ihn fielen, und zit⸗ ternd ſchmiegte ſie ſich tiefer in den Lehnſtuhl. ie Stimme, welche ſie mühſam wieder erlangt hatte, verſagte ihr von Neuem. Sie hielt ſich beide Hände vor die Augen, als wollte ſie ſich einer abſcheu⸗ lichen Vifion entziehen. Oguah ſpielte mit ihrem Kleide. Nachdem einmal der erſte Augenblick des Entſetzens — 246 vorüber war, fand die Herzogin, von Zorn beſeelt, die Sprache wieder, um nach Hülfe zu rufen. „Jean Marie,“ ſagte ſie gebieteriſch,„jagt dieſen Mann fort, der mir das Bildniß geſtohlen hat! nehmt ihm das Bildniß!....“ Noch ehe die alte Dame dieſes Wort ausgeſpro⸗ chen, hatte James Weſtern, ſchon durch eine innere Re⸗ gung gemahnt, in dieſem menſchlichen Ueberreſte die Herzogin Bertha von Malllepré erkannt. Was Oguah anbetraf, ſo war es dieſem Worte ge⸗ lungen, die Nacht ſeines Verſtandes zu durchdringen, denn er richtete ſich auf und ſtieß eine heiſere Klage aus. „Das Bildniß,“ ſagte er,„ſein Bildniß!“ Mit ſeinen kräftigen Händen ergriff er nun den dürren Arm der alten Dame und drückte ihn heftig. Sie ſchrie nicht. Hochmüthig und unerſchrocken hob ſie die Stirne. „Jean⸗Marie!“ wiederholte ſie mit ruhiger und verächtlicher Stimme,„ich befehle Euch, dieſen Men⸗ ſchen fortzujagen!“— Ein dumpfes Brummen ließ ſich aus Oguah'’s Bruſt vernehmen, er ſchüttelte den Arm, den er bis zum Krachen preßte. Seine Augen rollten wild in ih⸗ ren tiefen Höhlen. Obwohl Weſtern den ſchrecklichen Ausdruck im Antlitz des großer Häuptlings nicht ſah, glaubte er doch ſeine Dazwiſchenkunft an der Zeit. Er trat lauten Schrittes näher. „Warum liegt mein Vater nicht unter ſeiner Decke?“ ſagte er. Oguah wandte ſich lebhaft um, ließ jedoch die Hand der alten Dame noch nicht los. Er hielt Weſterns Blick aus, ohne den Kopf zu beugen, wie er ſonſt zu thun pflegte. „Oguah iſt ein großer Häuptling!“ ſagte er mit düſtrer Miene, indem ſich ſeine verworrenen Erinnerun⸗ 247 gen vermiſchten.„Oguah will ſeine Frau tödten, wie er das blaſſe Geſicht getödtet hat!“ „Die Frau meines Vaters iſt an den Ufern der großen See'n,“ antwortete Weſtern. Oguah wandte ſich nach der alten Dame um. „Seit wir das Land der blaſſen Geſichter verließen, iſt der Schnee manchmal gefallen,“ murmelte er mit gereizter Stimme.„Oguah ließ ſein Herz jenſeits des Meeres... Oguah hatte nie ein Weib in ſeinem Wigwam....“ Er hielt inne und berührte mit ſeinem Finger die Schulter der Frau von Maillepré „Dieſes Weib ſage,“ hob er wieder an,„was ſie mit Oguah's Herz gemacht hat!.... Weſtern mußte ſchweigen, ſo ſehr lag ein Ausdruck feierlicher Gerechtigkeit in dieſer Scene. „Wer iſt dieſe Frau?“ fuhr der große Häuptling plötzlich fort, indem er die Herzogin mit ſtolzem, fra⸗ gendem Blicke anſah. Dieſe betrachtete den Wilden ſchon ſeit einigen Se⸗ kunden mit einer Art unruhigen Zweifels. 3 Bei dieſer Frage richtete ſie ſich hochmüthig und verächtlich auf. Die Antwort, welche ſie in ihrem Leben ſo manch⸗ mal gegeben, trat mechaniſch auf ihre Lippen. „Wer ich bin?“ ſagte ſie, kerzengerade aufſtehend und den eiſigen Blick auf Oguah heftend.„Ich bin Bertha von Dreur, die Gemahlin Johann's III. von Maillepré, Herzogs von Maillepré, Marquis von Ava⸗ lon, Grafen von Ponthroy und Bleſſaec, Vicomte von Naye, Herr von St Thomas⸗des Dunes, von Kergatz und Vesvres, Pair von Frankreich, Ritter des könig⸗ lichen Ordens, Fürſt des heiligen römiſchen Reiches und Brigadier ſeiner Allerchriſtlichſten Majeſtät.“ Während die Herzogin dieſe Liſte hochtrabender Namen und Titel mit einer nachdrücklichen Langſamkeit wiederholte, verlor Johann III. von Maillepré, welcher 248 vor ihr ſtand, nach und nach den Faden ſeiner vagen Erinnerungen wieder. Der Wahnſinn umdunkelte auf's Neue ſeinen mo⸗ mentan erhellten Geiſt. Er ließ die Hand der alten Dame los und fuhr mit den zitternden Fingern über ſeine ſchweißbedeckte Stirune. Er wandte ſich von ihr ab und ſchüttelte den Kopf mit den Worten: „Das Blut von Oguah's Weib iſt roth Iſt Oguah nicht ein großer Häuptling? Die, welche ſagen, ſein Herz ſei bei den blaſſen Geſichtern, ſind Stillen Schrittes ging er durch das Zimmer und legte ſich auf dem Teppich neben der Thüre nieder. Weſtern ſetzte ſich neben die Herzogin hin. „Madame,“ ſagte er mit einer Stimme, welche vor Aufregung zitterte,„erkennen Sie mich wieder?... Ich bin James Weſtern aus Boſton, der Bruder der Frau Marquiſe von Maillepré, Ihrer Schwiegertochter.“ „Sie iſt todt,“ ſagte die Herzogin in kaltem Tone. „Todt!“ wiederholte ſchmerzlich Weſtern.„Und Ihr Sohn Raoul?“ „Er iſt todt,“ antwortete die Herzogin. „Und Ihre Kinder, Madame?“ fragte Weſtern mit erſtickter Stimme Die Herzogin machte eine Bewegung des Ueber⸗ druſſes. „Was weiß ih?...“ murmelte ſie. Dann brummte ſie, Weſtern in’s Geſicht ſchauend: „Weßhalb fragen Sie mich das 24 „Madame,“ entgegnete Weſtern,„ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich der Bruder Ihrer Schwiegertoch⸗ ter bin und der Oheim der Kinder, die ich ſuche und woran ich ſchon manches Jahr meines Lebens verwen⸗ det habe./.— 3 „Weſtern,“ wiederholte die Herzogin, als hätte ſie dieſen Namen vergeſſen.„Ich erinnere mich Dieſe 249 Frau iſt eine Maillepré geworden. Es war eine Me⸗ ſaillance....“ „Ich bitte Sie,“ rief Weſtern,„ſagen Sie mir, a aus den Kindern Raouls und Luiſens geworden iſt....“ 5 Die Herzogin ſchloß die Augen und ließ nur die Worte fallen: „Waren es nicht ihrer Viere?... Charlotte.... ich glaube, Charlotte iſt todt.... Der Herr Marquis von Matllepré und Fräulein von Naye.... ich erinnere mich nicht.... ich habe für Sancta nicht Leid getragen.... Wenn Gaſton todt iſt, ſo iſt es ein großes Unglück.... weil er der Letzte der Maillepré war,⸗ 4 „Todt, todt, alle todt!“ rief Weſtern, deſſen Herz zerſpringen wollte. „Weiß ich es?“ murmelte die Herzogin.„Es iſt ſo lange her, daß ich das Alles vergeſſen habe.... Laſſen Sie mich ⸗ „Aus Mitleid, Madame„“ entgegnete Weſtern, „weigern Sie ſich nicht mir zu antworten! Und Bertha? Was iſt aus Bertha geworden?“ „Bertha?... ich bin Bertha,“ ſagte die Herzogin. Dann aber beſann ſie ſich und rief mit ihrer dürren und gebieteriſchen Stimme: „Fräulein von Maillepre!“ 3 Ein ſchwaches Stöhnen ließ ſich von dem Orte her, wo Bertha lag, vernehmen. Weſtern, der ſie noch nicht bemeri hatte, ſtürzte ſich auf ſie zu und hob den Vor⸗ hang.... Er ergriff ihre Hand, die kalt war. Ein ſchönes Lächeln lag auf Bertha's blaſſer Lippe. Bei Weſterns Berührung öffnete ſie ihre Augen und ſchloß ſie alſobald wieder⸗ Ihr Mund liſpelte einen Namen, den Weſtern nicht verſtehen konnte, dann glitt ihr lebloſer Körper längs des Getafels hin und ihr lachelndes Antlitz berührte den Teppich. 4 —— 250 Sie war todt. Weſtern kniete nieder und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Mein Gott,“ ſagte er,„ſo nahe bei mir!.... ich Er glaubte, dem Sterben von Raouls letztem Kinde beizuwohnen. In dieſem Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke, ſein Memorial dem Sachwalter Durandin anvertraut zu haben. Dieſer Menſch hatte ihn augenſcheinlich betrogen. Allein was lag ihm jetzt daran? Zu was den Kampf fortſetzen? Niemand als der Herzog von Compans und die Herzogin Wittwe von Marlllepré ſtanden ſich noch ge⸗ genüber. Ein Sohn des Ehebruchs neben ſeiner ſtrafbaren Mutter.... James Weſtern kniete noch neben Bertha's Körper, als Biot wieder eintrat. Die Herzogin Wittwe war friedlich in ihrem Lehn⸗ ſtuhl eingeſchlummert. Oguah ſang auf dem Teppich ſeine einförmige Weiſe. Es war der dritte Tag ſeit dem Duell auf der Schießſtätte von Saint⸗Chaumont, das heißt, eben jener Tag, an welchem die entführte Sancta in Herrn von Compans Zimmer in der Stadt gebracht worden war. Die Frau Baronin von Roye hatte Gaſton ver⸗ ſprochen, ihm das Erbgut der Maillepré zurückzugeben, ſte wollte ihr Wort halten. Allein Gaſton glaubte ſich, wie wir wiſſen, weit von Paris. Die Baronin mußte, wollte ſie nicht ihren Betrug ſogleich geſtehen, die Erfüllung ihres Verſprechens verſchieben. Sie hatte Gaſton geſagt, ihr vermeintlicher Bru⸗ 251 der befinde ſich in Paris, es erforderte Zeit, nach Paris zu ſchreiben. 3 Bereit, der Liebe ein theuer erkauftes Vermögen zu opfern, wollte die Baronin wenigſtens ſich dieſe Liebe nicht entgehen laſſen. Sie wollte glücklich ſein und wäre es auch nur auf einen Tag, vollkommen glücklich, glücklich genug, um die Zukunft herausfordern zu können. 4 Wenn nun Gaſton Ahnung bekäme, daß dieſes an⸗ gebliche Schloß nur ein Haus in Paris ſei, ſo würde er es auf der Stelle verlaſſen und zu Sancta eilen wollen. Denn Sanctas Bild, welches ſich einen Augenblick in der erſten Verwirrung einer ſtürmiſchen Liebe ver⸗ ſchleiert, trat liebender und geliebter wieder vor Gaſtons Erinnerung. Sobald Carmen nicht mehr da war, um ſeinen Geiſt und ſein Herz unter ihren magiſchen Zauber zu beugen, befand ſich Gaſton wieder bei Sancta, deren unſchuldig⸗kindliches Lächeln ſeine Einſamkeit erhellte. Dieſe zweifache Liebe hatte von nun an eine jede ihren Platz in ſeiner Seele. Carmen unterjochte und bezauberte ihn; er kniete vor dieſer unvergleichlichen Schönheit, deren königliche Stirne ſich zu ihm herabneigte und die wie eine Sklavin zu ihm ſprach. 3 8 Die glückliche Leidenſchaft rollte wie ein mächtiges Elixir durch ſeine Adern und belebte die abgeſpannten Triebe ſeiner Jugend wieder. Er fühlte ſich mit dieſer Liebe wieder neu aufleben, neugeboren werden. Sein Herz pochte kräftiger in ſeiner erweiterten Bruſt. In Carmens Nähe vergaß er Alles, er wies die Erinnerungen an ſein vergangenes Unglück zurück und ſchloß die Augen vor den Ausſichten, welche ihm die Zukunft bot. Die Gegenwart, nur die Gegenwart wollte er ſehen. Er hielt ſich an dem Glücke, das ſich ihm eben er⸗ 25² ſchloſſen, und wandte ſeinen Blick weit weg von den kommenden Tagen, als hätte er gefürchtet, neue Drohun⸗ gen darin zu leſen. Ein Etwas ſagte ihm, daß ſein Glück ein kurzes ſein werde. Carmen umſchwebte gleichſam eine unglückweiſſagende Aureole, und die nämlichen Blicke, die ihn bezauberten, erweckten auch ſeine Furcht. Sie, Carmen, hoffte Nichts und fürchtete Nichts. Ihre Liebe gehörte zu jener Art, die erdrückt und zer⸗ ſchmettert. Sie liebte bis zum Wahnſinnigwerden, bis zum Sterben. Lange Stunden brachten ſie nebeneinander zu und vermiſchten ihre Blicke und verſchmolzen ihre Seelen. Gaſton, deſſen Wunde ſchnell heilte, ſtreckte ſich auf einer ſammtenen Chaiſe⸗longue aus und Carmen lag zu ſeinen Füßen.. Gaſton berauſchte ſich in dem Anblick des ſchönen Weſens. Gebändigt, ſchauernd beugte ſich Carmen unter das Joch der Leidenſchaft, die ſie blaß machte und flehte die Liebe um Gnade. Die ſelten gewechſelten Worte floßen ſüß, wie Lieb⸗ koſungen, und harmoniſch, wie der Geſang des Dichters, von ihren Lippen.. Jedes Wort, jeder Blick war ein getheilter Genuß ein verſtandener Wunſch, ein erhörtes Gebet. Für ſie ſtand die Zeit ſtille; die Stunde rief ihnen nicht ihr Enteilen zu, ſie blieben gebannt unter ihrer Liebeslaſt und verlängerten den göttlichen Traum ihrer Verzuckung. ½ Sie waren ſchön und jung. Verleiht Gott jedem Geſchöpfe einen Tag des Glücks? Wenn Carmens ſchwarze Haare Gaſtons Stirn umſloſ⸗ ſen, wenn ihr großes blaues Auge mit unſchleierier Flamme ſchmachtete, wenn das Wort auf ihren gluͤhenden Lippen 253 erſtarb und ihr irrender Mund ſich ſuchte, gab es da einen Morgen? 3 Welch ein langes Leben wiegt nicht eine gewiſſe Stunde auf? Jene Stunde, welche im Vorübergehen die Seele mit einem unauslöſchlichen Zuge bezeichnet, den man vergeblich verfolgt und der nicht wiederkehrt! Wenn ſie ſich aber trennten, wie ſeltſam! ſo flüchtete ſich Gaſton in ſich ſelbſt zurück und empfand gleichſam Ge⸗ wiſſensbiſſe. Dieſe Zärtlichkeit ließ keine ſüßen Träumereien in ſeinem Herzen zurück. Gaſton, in welchen das Leben faſt gewaltſam zurück⸗ kehrte, wenn Carmen zu ſeinen Füßen lag, wurde in der Einſamkeit ſchwach und verzweifelnd. Sanctas hervorgerufenes Bild trat mit ſtummen Vorwürfen zu ihm. Wo ſollte dieſe Liebe, gegen welche der Gedanke an ſeine Schweſter ankämpfte, hinführen? Es war gleich einer myſtiſchen Warnung. Sanctas Geſicht, das er im Traume ſah, hatte ſein ſtralendes Engelslächeln verloren. Sie weinte, ſie ſtreckte die Hände flehend nach ihm aus und ſchien um Hulfe zu bitten. Ihre Zaͤrtlichkeit war eine reine und ſchöne, ſtark wie die Leidenſchaft, und ihre Stimme konnte noch die Stimme der Liebe übertönen. Es war das köͤſtliche und reine Gefühl, welches im Grunde edler Herzen keimt und die heilige Macht der Familie iſt. In der ſtürmiſchen Verwirrung der erſten Liebes⸗ glut ließ Gaſton dieſem ſchützenden Gefühle dennoch ſeinen Platz. 4 Seine Seele war getheilt und es bedurfte der Ge⸗ genwart der Zauberin, um den guten Gedanken an fund abweſende Schweſter in die zweite Reihe zu ver⸗ eiſen.... War er allein und kam Sancta, ihren uſurpirten Platz wieder einzunehmen, ſo machte ſich Gaſton bittere Borwürfe über ſeinen unnützen Aufenthalt im Hauſe ſeines Feindes. Seine Wunde war kein Hinderniß mehr, er nahm ſich vor, folgenden Tages früh mit der Morgendämme⸗ rung abzureiſen. Als aber die Morgendämmerung erſchien und mit ihr wieder die in den Zügen der Baronin wohnende Verführung, vergaß Gaſton ſeine Gewiſſensbiſſe und beſänftigte den Zorn gegen ſich ſelbſt. Alles diente ihm zur Entſchuldigung. Seine Ent⸗ fernung von Paris, ſeine Wunde, die noch nicht völlig geheilt war und die Liebe, die ihn wieder beſiegte und an Carmens Füße feſſelte. Auch Carmen fürchtete die Einſamkeit. Wenn ſie ſich nach dem Glücke des Tages allein in ihr Zimmer zurückzog, beſchuldigte ſie ſich, Gaſton zu täuſchen und beweinte die Lüge, welche ihre Lage ihr auferlegte. Das Fieber begleitete ſie auf ihr brennendes Lager, ihre wachen Träume verſcheuchten den Schlaf. Ihr Herz brach in fanatiſcher Verzweiflung. War ihr Leben ein Traum? Jetzt verſtand ſie die myſtiſche Bedeutung der Worte Yahbels, der Gitana, und Jan Vohrs, des Hochländers. Sie ſchauderte indem ſich ihr das Dunkel dieſes lunerhörten Horoscoves erhellte. „Kind, als Mann wirſt Du ſchön ſein.... aber ſchöner noch als Weib.“ 8. Und wenn ihr müdes Augenlid ſich endlich ſchlum⸗ mer beladen ſchloß, ſo ſang im nächtlichen Dunkel eine unbarmherzige Stimme ihr in'’s Ohr: „Adam wird ſeine Liebe Dir zeigen; Eva Dir ihre Flamme verbergen.“ Sie zuckte dann ſchmerzlich zuſammen. Ihre ge⸗ ſchloſſenen Augen ſahen zu beiden Seiten ihres Kopf⸗ fiſſens Exa und Adam. — Das traurige und ſanfte Geſicht Mariens von Varannes und den ſchmachtenden Blick Gaſtons. Brennende Thränen überſtrömten ihre Wangen. Sie erwachte und ſchrie zu Gott um Erbarmen! Allein ihre Qual hielt an. Ihre Einſamkeit war eine Hölle, wo weder Troſt noch Hoffnung wohnten. Sie mußte Gaſton ſehen, um dieſe zerfleiſchenden Zweifel zu erſticken und ihrer Marter ein Ende zu machen.. Aber wie viel glücklicher war ſie nach dieſem har⸗ ten Leiden! wie ſchien ihr Glück ihr ſchöner und reiner! Keine Zweifel, keine Beſorgniß mehr. Ihre gränzenloſe Liebe brachte Licht in die tiefſte Tiefe ihres Herzens! Gaſton erinnerte ſie nie an ihr Verſprechen, allein nach Verlauf von zwei Tagen erachtete Carmen an der Zeit, daſſelbe zu erfüllen. Die nöthige Friſt, um eine Antwort von Paris erhalten zu können, war abgelaufen. Gegen drei Uhr Nachmittags entriß ſich Carmen Gaſtons feſſelnder Nähe. „Gedulden Sie ſich,“ ſagte ſte, ich werde bald wieder kommen.“ Nachdem ſie noch ihre Stirne Gaſton zum Kuſſe hingereicht, entfernte ſie ſich. Einige Minuten nachher beſtieg ſie ihren Wagen in Männerkleidung. 1 Es war nicht mehr die Frau Baronin von Roye. Der Herr Marquis von Malllepré ließ ſich in ſein Hotel führen. „Er wollte dort die rothe Brieftaſche holen, welche in der Nacht des Faſtnachtdienſtages von 1826 einen ord veranlaßt hatte. Dieſe Brieftaſche lag ganz unten in dem geheimen Schubfache eines Schreibtiſches verſchloſſen. Als der Herr Marquis an der Thüre des Hauſes Num⸗ mer 9 der Straße Royale⸗Saint⸗Honoré ausſtieg, war ungefähr eine Stunde verſtrichen, ſeit der treſſliche 256 Peter Worms, genannt Poupard, das kleine Unterneh⸗ men ausgeführt, das wir erzählt haben. Gaſton befand ſich ſeit einer Viertelſtunde in dem Boudoir der Baronin von Roye allein. Draußen war es noch heller Tag, allein in dieſes verſchloſſene Zimmer, deſſen Fenſter mit dichten Vor⸗ hängen verhüllt waren, drang nur ein gedämpftes, unbeſtimmtes Licht. 4 Sich ſelbſt überlaſſen, war Gaſton ſchnell wieder in jene düſtern Gedanken verſunken, welche Carmens Gegenwart verſcheuchte. Er ſtellte ſich die troſtloſe Unruhe der armen Sancta vor, er hörte ſie jammern, er ſah ſie weinen. Sein Herz warf ſich ihr zärtlich und reuevoll ent⸗ gegen. Und mit den Gewiſſensbiſſen zog Eiwas gleich einer unbeſtimmten Beſorgniß in ſeine Seele. Gaſton fürchtete nicht gerade eine Gefahr, allein Sancta war allein, er wußte nicht, warum ſein Herz beklemmt war. Ein plötzlicher Lärm von Stimmen ließ ſich aus einem andern Theile des Hauſes vernehmen. Man führte einen lebhaften Wortwechſel. Man ſprach laut; die Stimmen wurden gereizter. 1 Es ſchien ein Streit zwiſchen den Bedienten, welche beharrlich den Eingang verweigern, und einem unver⸗ ſchämten Beſucher zu ſein, der gewaliſam der Ordre entgegenhandeln will. Gaſton achtete nicht auf dieſen gemeinen Zwiſchenfall. Indeſſen näherte ſich der Lärm und hätte Gaſton ein wenig ſein Ohr leihen wollen, ſo wurde er den Wort⸗ wechſel ganz deutlich gehört haben. 4 „Schufte,“ ſagte eine lachende und unſichere Stimme, „die Frau Baronin erwartet mich... Die liebe Freundin wäre Euch wenig dafür verbunden, wenn man mich nicht zu ihr hineinließe....“ 257 4 Bedientenſtimmen antworteten mit der Verſicherung, daß die Frau Baronin abweſend ſei. „Paperlapap!“ hob der erſte Redende wieder an, „wir kennen dergleichen Manieren..„Ich ſage Euch, Ihr Schlingel, daß ich ſoeben das Geheimniß der Frau Baronin... dieſer theuren Freundin!... erfahren habe. ... Denn ſie hat ein Geheimniß, das Ihr Andern nicht kennen könnt!... Marſch, laßt mich hindurch, Bedien⸗ tenvolk!“ Der Lärm verdoppelte ſich; man rüttelte an der Thüre, und indem ſich Roby den Händen zweier Be⸗ dienten entriß, die ihn zurückhalten wollten, ſtürmte er barſch in das Boudoir herein. Err lachte aus vollem Halſe und beſchrieb mit ſeinen wankenden Beinen manchen Zickzack. 8 Er war mehr als halbbeſoffen. 4 Verlegen und beſtürzt waren die Bedienten an der Schwelle der Thüre ſtehen geblieben, welche zu überſchrei⸗ ten die Frau Baronin ihnen verboten hatte. Roby wandte ſich, immer lachend, gegen ſie um und machke Miene, nach der triumphirenden Weiſe hoße Theaterherrn an ſeinem abweſenden Jabot zu zupfen. „Geht, Schlingel, geht!“ ſagte er,„ſchließt die Thüre, wir wollen allein ſein.“ Und als die Bedienten zögerten, ihm zu gehorchen, erhob er ſich taumelnd, ſchwankte nochmals durch das Zimmer und warf ihnen die Thüre vor der Naſe zu. Gaſton ſah dieſen Eindringling mit gänzlicher Gleich⸗ gültigkeit an. Nachdem er ihm einen Blick geſchenkt, hatte er ſich wieder in ſeine Gedanken verloren. Wie wir ſchon geſagt, fiel nur ein Dämmerlicht in. das Boudoir. 4 Roby glaubte ſich allein und Herr des Feldes. „Ich will ſie erwarten,“ ſagte er, zuruͤckkommend und ſeinen Schritt wie nach der Muſik eines Vaudeville⸗ DOrcheſters wiegend, zu ſich.„Ich will ſie erwarten und 17 Pariſer Liebſch. III. 2⁵58⁸ müßte ich die Nacht über bleiben!... Hahaha! dieſer Teufels Joſepin hatte qute Luſt, ſein Geheimniß zu be⸗ halten. Wir aber beſitzen Gewandtheit und ſein Wein iſt vortrefflich, meiner Seel!... Er hat ein Bischen zu viel getrunken, der liebe Junge!... Da hat er ſeine goldene Brille auf die Stirn geſchoben und wie eine Elſter geplaudert.... Das iſt ſpaßhaft, meiner Treu, höchſt ſpaßhaft! Baronin und Marquis, Marquis und Baronin, ein hübſcher Burſche und eine reizende Frau... Es iſt zum Entzücken!... Ich hatte das viel früher errathen ſollen... Allein ich habe ſo viel zu thun!..“ Während des ganzen halblaut geführten Monologs lachte er immer aus vollem Halſe und beſchrieb unver⸗ ſehens die poſſierlichſten Krümmungen auf dem Teppich. „Dieſer Teufelsdoktor,“ hob er wieder an,„iſt ein ganz geſetzter Mann geworden! Der iſt nicht mehr an's Trinken gewöhnt!... Ehedem mochte er's wohl vertra⸗ gen... Wenn ich ihn aber nicht benebelt hätte, ſo hätte ich die Baronin bis an's Ende meiger Tage ſuchen können!...“ 8 Er ſtieß an das Sopha, auf welchem Gaſton lag und taumelte darauf hin. 2 Goſton hatte von den abgebrochenen und verwor⸗ renen Reden, welche der Schauſpieler, Dichter und Maſchinenerfinder geführt, Nichts gehört. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich bitte Sie, ſich einen andern Sitz zu wählen.“ „Da iſt ſie!“ rief Roby,„Donnerwetter, da iſt ſie! ... Ich wußte wohl, daß ich jetzt, da der Doktor mir ſeine Laterne gegeben hat, die Hand darüber ſchlagen würde!... Hahal noch dieſen Morgen hätte ich mich von dieſer Männerkleidung fangen laſſen... Allein jetzt, unmöglich!...“ Roby hielt inne, warf ſeinen Hut unter ſeinen Arm, ſuchte ſich im Gleichgewicht zu halten, bis er ſeine theatraliſche Verbeugung gemacht, und hob dann, die Stelle, wo ein Jabot ſein ſollte, berührend, wieder an: 259 „Frau Baronin, ich bin Ihr gehorſamſter Diener.“ Gaſton hielt ihn für verrückt; bis jetzt hatte er ihm keine Aufmerkſamkeit geſchenkt und demzufolge ſeinen betrunkenen Zuſtand nicht bemerkt. „Mein Herr,“ ſagte er ſanft,„Sie täuſchen ſich, außer mir iſt Niemand da.... Die Frau Baronin iſt abweſend.“. „Poſſen!“ entgegnete Roͤby, ſich um ſich ſelbſt dre⸗ hend und dieſe Pirouette mit einem ſchallenden Gelächter begleitend.„Wir kennen das; man foppt uns nicht mehr! Ich komme ſo eben von Joſepin, ſeh'n Sie.. Joſepin hat mir Alles geſagt.... Das iſt recht ſpaßhaft! Wollen Sie mir gefälligſt erlauben, Ihnen die Hand zu küſſen?...“ Dem Worte fügte er alſobald die That bei. Gaſton ſtieß ihn ohne Zorn, aber mit einem Anfang von Ueberdruß weg. „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm, nbetrachten Sie meine Kleider!“ erkennt, meine liebe Dame!... Sie wiſſen wohl, Roby der Truthahn!.... Das war mal eine luſtige Ver⸗ Gaſton wandte ſich auf dem Sopha um und den Kopf der Wand zu. „Wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie wieder erkenne,“ hob Roby neuerdings an,„ſo kommt es gleichwohl nicht vom Sehen her, denn hier iſt's dunkel, wie in einem Ofenloch!... Allein errathen thue ich Sie.. und nun wollen wir ein Bischen vernünftig mit einander plaudern.“ Er ging, einen Lehnſtuhl zu ſuchen, und rollte ihn zum Sopha hin.— „Denken Sie ſich nur,“ fuhr er ſich ſetzend fort, 260 „ich bin in einer ganz erbärmlichen Lage.... das kann nicht länger ſo gehen, meine liebe Dame. Ein Mann, wie ich, kann nicht der Dundesnenofe eines ſo tölpel⸗ haften Deniſarts bleiben!..Wie Sie mich da ſehen, Lohe 13 heute Morgen um einige Sous den Aſſiſenhof riskirt!“ „Mein Herr,“ ſagte Gaſton ungeduldig,„ich bitte Sie inſtändig, mir den Reſt Ihrer vertraulichen Mit⸗ theilungen zu erlaſſen,“ „Nichts da, Nichts da!“ rief Roby,„nehmen Sie immerhin Ihre Altſtimme an, meine liebe Dame. Ich habe bei Joſepin gefrühſtückt... Was ich Ihnen über⸗ dieß anvertrauen werde, muß Sie intereſſiren.... Sie werden gerne ein Chronikelchen erfahren, deſſen Held der Herzog von Maillepré iſt....“ Bei dieſem Namen machte Gaſton eine Bewegung und kehrte ſich zur Hälfte um. Roby klopfte ihm auf die Knie. „Ich wußt' es wohl,“ ſagte er,„ich wußt' es wohl. Allein das Intereſſe der Bekanntſchaft halber bei Seite, wird es Ihnen nicht gleichgültig ſein, zu erfahren, in wie weit Unglück das Verdienſt erniedrigen kann!“ Roby hob die Augen gen Himmel und nahm eine unglückverkündende Miene an. „Dieſen Morgen,“ fuhr er mit dumpfer Stimme fort,„zu einer Stunde, wo Sie ſchliefen, Madame, ent⸗ führte ich ein junges, unſchuldiges Mädchen, um es in die Arme eines geilen Wüſtlings zu werfen!“ Gaſton machte eine Bewegung der Entrüſtung und des Abſcheus. Roby ſchöpfte Athem. „Ein hübſches, kleines Mädchen,“ fuhr er plötzlich den Ton ändernd fort,„ein allerliebſtes kleines Mäd⸗ chen! ſechszehn oder achtzehn Jahre alt, blond, friſch, ſanft... ein niedliches Schäfchen!.. Gaſton hatte gewiß keinen Verdacht, allein bei disſer Schilderung wurde ihm eiskalt ums Herz. 261 „Das Ding war gut angezettelt,“ ſagte Roby, der ſich in ſeiner Plauderei des Betrunkenen gefiel, und je mehr er ſprach, deſto benebelter wurde.„Dieſer Teufels⸗ Burot iſt ſehr ſtark, ſehr ſtark! Kennen Sie das Marais? ... Wenn Sie das Marais kennen, ſo kann ich Ihnen den Plan der ganzen Geſchichte auseinanderſetzen....“ Gaſton mußte unwillkürlich das Ohr leihen. Er bebte am ganzen Leibe, als Roby fortfuhr: „Es war in dem großen Eckhauſe der Straßen des France⸗Bourgeois und Culture⸗Sainte⸗Catherine.... Sie ſehen es von hier aus?“ Gaſton ſaß auf, kalter Schweiß netzte ſeine Haare. „Schaun Sie?“ ſagte Roby,„das Ding amüfirt Sie!... Burot und ich waren in der Straße des Francs⸗ Bourgeois... Deniſart hat den Umweg durch die Straße Hehenins gemacht.... und durch die kleine Garten⸗ thüre.... 3 Gaſton preßte ſeine Hand mit angſtvollem Stöhnen auf ſein Herz. „Das langweilt Sie?“ fragte Roby. „Nein,“ antwortete Gaſton mit erſtickter Stimme. „Weiter... weiter!“ „Ach!“ rief Roby lachend,„das währte nicht lang. Deniſart hatte eine ſeidene Strickleiter... Zehn Minu⸗ ten nachher war das kleine Mädchen in unſerm Fiaker.“ „ Sancta!...“ röchelte Gaſton, der mehr als den Tod litt. Sein Herz war einen Augenblick erſtarrt, er blieb unbeweglich, jeder Geberde und jedes Wortes unfähig. 1 Roby ſprach fort, allein er hatte keinen Zuhörer mehr. Nach Verfluß einiger Sekunden verlieh indeß eine verzweifelte Anſtrengung Gaſtons Gliedern den Gebrauch wieder. Er ſtand auf und faßte Roby beim Arm. „Es war an einem Fenſter des erſten Stockwerks 262 nach der Straße des Frances⸗Bourgeois hin?“ murmelte er mit knirſchenden Zähnen. „Ganz richtig!“ antwortete Roby. „Und das junge Mädchen...“ fuhr Gaſton fort, indem er mit aller Kraft ſeine Stimme zuſammennahm, die toben wollte,„Ihr habt es entführt?“ „Ganz richtig!“ „Wo habt Ihr ſie hingebracht?“ „Ei ja,“ ſagte Roby,„man hat mich bezahlt, um das Ding geheim zu halten.“ „Wo habt Ihr ſie hingebracht?“ wiederholte Gaſton. Seme Hand krallte ſich um Roby's Fauſt. „Wiſſen Sie, daß Sie mir weh thun?“ ſagte dieſer, der aufhörte zu lachen. „Wo habt Ihr ſie hingebracht?“ ſtöhnte Gaſton mit der gleichen dumpfen und drohenden Stimme zum dritten Male. Roby ſtieß einen Schmerzensſchrei aus. Gaſtons Finger zerquetſchten ſeine Fauſt, deren Knochen krachten. Der Unglückliche ſuchte derdeheis ſich loszumachen. Er ſtampfte und krümmte ſich. „Ich will es Ihnen ſagen,“ rief er endlich,„laſſen Sie mich nur los, laſſen Sie los!...⸗ Gaſton hütete ſich wohl, dieſer Bitte Gehör zu ſchenken, und unter den Zuckungen eines ungeheuren Schmerzes ſtammelte Roby die Adreſſe des herzoglichen Zimmers in der Stadt. Nun ließ Gaſton von ihm ab und Roby ſiel halb ohnmächtig auf den Teppich. Gaſton war ſo erſchöpft als er. Dieſe Anſtrengung hatte ihn gebrochen. Seine Bruſt keuchte wieder vor Beklemmung.. Gaſtons Bernunft wankte. Er ließ den zu Boden geſtürzten Noby ſchreiem, drohen, läſtern. Spähenden Blickes und ohne zu wiſſen, was er ſuchte, lief er im Zimmer umher. 263 Sein Blick fiel auf die ſammtene Niſche, wo Car⸗ mens kleiner Dolch mit dem goldenen Hefte lag.— Er ergriff ihn und betrachtete ihn mit gerunzelte Brauen und brennendem Auge. Dann warf er ihn weit von ſich. fn iledei murmelte er,„kampft nicht mit ſolcher affe!“ Er preßte ſeine glühende Stirne zwiſchen die beiden Hände, als wollte er die entfliehenden Gedanken halten. „Sancta!.. Sancta!...“ murmelte er in herz⸗ zerreißendem Tone,„ſo muß ich denn doch tödten!“ Er öffnete auf's Gerathewohl die erſte Thüre, die er vor ſich ſah. In dem Zimmer, welches er nun betrat, war Nichts, das ihm als Waffe hätte dienen können. „Tödten!“ wiederholte Gaſton, indem er daſſelbe durchſchritt,„bin ich nicht weit von Paris?... O! ver⸗ flucht ſei dieſes Weib, das mich zurückgehalten hat!... Sancta! mein armer Engel!... meine Schweſter! Ich war nicht da, um Dir beizuſtehen!... Ich habe Deinen Hülferuf nicht gehört!... Du riefſt mich... und ich kam nicht!...“ Er ſank auf einen Stuhl hin; ſeine Stirn neigte ſich; Thränen überſtrömten ſein Geſicht. Er verabſcheute ſeine Liebe und bat Gott um Ver⸗ zeihung dafür, als wäre ſie ein Verbrechen... Sein Schmerz war von jener Art, die nicht zu beſchreiben iſt. In tödtlicher Bitterkeit erſtarrte ſein Herz. Einen Augenblick blieb er auf dieſe Weiſe darnie⸗ der gedrückt. Dann ſprang er auf, als hätte er einen elektriſchen Schlag empfunden.. Der Zorn peitſchte ihn aus ſeinem verzweiflungs⸗ vollen Stumpfſinn auf. Sei Auge loderte. Das Blut röthete ſein Antlitz wieder. 3 „Was liegt mir an der Entfernung!“ ſagte er, 3 264 1.... .. Am Boden ſah man ein Hemd, deſſen Kragen mit Blut befleckt war. Es war das, welches der Marquis auf der Schieß⸗ ſtätte von Saint⸗Chaumont trug. In einem Winkel lehnten neben ihrem Futteral die beiden Degen an der Mauer, welche beim Duell gedient hatten. Etwas weiter weg lag das Etui mit den Piſtolen. In Einem Sprunge ſtand Gaſton vor dem letztern. „Er nahm es, öffnete es, und nachdem er ſich über⸗ zeugt, daß die beiden Piſtolen geladen ſeien, verbarg er ſie unter ſeinen Kleidern. Dann eilte er hinans. 3. Ein Duell ohne Zeugen. Die Bedienten, welchen Gaſton begegnete, als er das Hotel der Baronin von Roye verließ, hätten ihm gerne den Weg verſperrt, allein ſein verſtörtes Geſicht vaute einen ſchreckhaften Ausdruck. Sie wagten es da⸗ er nicht.. Gaſton ſtieg die Treppe hinab und ging durch das Einfahrtsthor. Als er draußen war, blieb er wie beſtürzt ſtehen. Statt den Bäumen und Feldern, die zu ſehen er 26⁵ erwartet hatte, lagen die Arkaden der Straße Caſtig⸗ lione vor ſeinen Augen. Er glaubte zu träumen, ſo ſehr hatte er ſich mit dem Gedanken, ſich weit von Paris weg zu befinden, vertraut gemacht. 2 Er rieb ſich die Augen und ſchaute feſter hin. Reg⸗ ſamkeit, Leben umringten ihn. Er erkannte hundert Schritte von ſich das Gitter der Tuillerien. Das war doch Paris. Sancta war da, ganz in ſeiner Nähe. Einige Schritte trennten ihn von der Rettung ſeiner Schweſter oder der Rache. „Deſto beſſer! deſto beſſer!“ rief er, den Elyſäiſchen dendem zuſtürzend.„Sie hat mich betrogen.... Deſto eſſer!“ Er lief entblößten Hauptes und rannte und ſtieß an die Vorübergehenden unter den Arkaden der Straße Rivoli hin. Unter ſeinen Kleidern drückte er aus allen Kräften die Piſtolen an ſeine Bruſt. Von den Schelt⸗ worten der Menge begleitet, eilte er dahin, ohne auf r Geſchrei zu achten, und kein Stoß konnte ihn auf⸗ alten. Das ſchnelle Laufen benahm ſeiner beklemmten Bruſt beinahe den Athem, allein ſein Schritt wurde nicht lang⸗ ſamer. In einigen Minuten erreichte er die Ecke der Elyſäiſchen Felder, wo die Straße Ponthien ausmündet. Ohne zu zaudern, lenkte er in die durch Roby's Geſtändniſſe bezeichnete Allee ein. Am Ende dieſer Allee hielt ihn eine verſchloſſene Thüre auf. Er klopfte an. Keine Antwort. Er rief. Noch keine Antwort. Zorn und Ungeduld ſchwellten die Adern ſeiner tirn und Schläfe an. Mit jener vorübergehenden Kraft, welche die Wuth verleiht, faßte er die Thüre an und ſchüttelte ſie. Allein die Thüre war dauerhaft. 1 Gaſtons Mund ſchäumte, ſeine Augen wurden blut⸗ unterlaufen. Er wich etwas zurück und rannte dann mit den —— 266 beiden geballten Fäuſten an die Thüre hin, auf die er ingrimmig zuſchlug. Die Thüre widerſtand immer. Gaſtons Blick ſuchte ringsum einen Hebel, um das Hinderniß anzugreifen. In dem engen Hofe, in welchem er ſich befand, war Nichts, das zu dieſem Gebrauche hätte dienen können. Er kniete nun auf den Boden nieder und kratzte rings um einen Pflaſterſtein die Erde mit ſeinen Nägeln auf, bis ſich dieſer weglöſen ließ. Der Stein war hart und ſchwer. Gaſton ſchwang ihn mit beiden Händen über ſeinem Kopfe und ſchleu⸗ derte ihn auf das Schloß. Es bedurfte keines zweiten Schlages. Zermalmt brach das eiſerne Gehäuſe zuſammen und der zerbrochene Riegel ſprang aus der Schließkappe. Heulend vor Zorn und Freude ſtürzte Gaſton der Treppe zu. Im erſten Stock waren die Thüren noch geſchloſſen, allein der Erfolg ſteigerte Gaſtons Kräfte Sein Fuß reichte hin, dieſes letzte Hinderniß einzuſtoßen, und er befand ſich der Frau Brunel gegenüber, die mehr todt, als lebendig war. „Zum Herzog von Comvans!“ fagte er;„führen Sie mich auf der Stelle zu ihm!“ Frau Brunel zitterte und antwortete ſtammelnd: „Das iſt mein Haus, Herr, und einen Herzog kenne ich nicht.“ Gaſton ſtieß ſie bei Seite und machte ſich den Weg frei. 3 Er brauchte nicht lange zu ſuchen, um den Herzog zu finden. Dieſer hatte ſich nach der Balkonsſcene, wo Felir Chapiteaur, Du Chesnel und ihre Freunde Zeugen ſeiner ſchmählichen Gewaltthat geworden, krank nieder gelegt. Dieſer moraliſche Schlag hatte ihn noch mehr gebrochen, als die Ermüdung von dem Kampfe mit Sancta. 267 Er lag ſeit mehreren Stunden im Bette und das junge Mädchen hatte Wafefenſtillſtand. Das Krachen des Schloſſes, welches von außen aufgeſprengt wurde, der widerhallende Schlag des Pfla⸗ ſterſteines, die eingetretene Thüre des erſten Stocks, Alles das, welches den Herzog in einem Augenblick des Unwohlſeins und moraliſcher Schwäche überraſchte, hatte ihn mit Entſetzen erfüllt. Er war aus dem Bett geſprungen, indem er der Frau Brunel zuſchrie, den Durchpaß zu vertheidigen. Allein die Kammerfrau war ein unzuverläßiger Leibwächter. Sie hatte nur Muth bei den armen, ihrer klugen Sorge anvertrauten Mädchen. Gaſton eilte vorwärts und gelangte zum Herzog, welcher ſich ſchleunig in ſeinen Schlafrock warf. Beim Lärm, welchen er im Näherkommen machte, warf der Herzog einen erſchrockenen Blick auf die Thüre. Augenſcheinlich erwartete er, die Zahl der Daherſtür⸗ menden nach dem Getoͤſe des Angriffs beurtheilend, meh⸗ rere Perſonen eintreten zu ſehen. Die Bemerkung, daß Gaſton allein ſei, ſchien ihn etwas zu ermuthigen. Der Tag neigte ſich; er konnte die verzerrten Züge des Juͤnglings und was Schrecklich⸗ drohendes in ſeinem Geſichte lag, nicht mehr erkennen. Er ſah im Schatten der Thüre nur eine junge, hagere Geſtalt mit aufgeriſſenen Kleidern und wildflat⸗ ternden Haaren. Gaſton ließ ſeinen Blick rings im Zimmer umher ſchweifen. Er ſuchte Sancta. „Wer ſind Sie und was wollen Sie?“ fragte der eerzog, indem er einen Schritt gegen den Neuangekom⸗ menen vortrat. 65 ſGaſton antwortete nicht, ſondern ſtellte ſich vor n hin. In jeder ſeiner Hände hielt er eine Piſtole. „Wo iſt meine Schweſter?“ ſagte er mit dumpfer, barſcher Stimme. — 268 Der Herzog erblickte nun ſeine Waffen und ſein Geſicht auf einmal. Sein Geſicht war von Beiden das Schreckhaftere. Es war der zum Paroxismus geſteigerte und an Wahnwitz gränzende Zorn. Der Anblick des Herrn von Compans, dieſes Man⸗ nes, den er Abends zuvor noch als den Urheber aller ſeiner Leiden verabſcheut hatte und der nun durch einen unſeligen Zufall dahin gekommen war, ihn noch fürch⸗ terlicher zu beleidigen, der Anblick dieſes alten, mit dem geraubten Gute ſeines Stammes bekleideten Feindes hatte ihn mit Wuth erfüllt. Seine Hände preßten krampfhaft die Piſtolen. Sein Blick dürſtete nach Blut. Der Herzog hatte in ihm den jungen Mann wieder erkannt, der in den Galerien der Oper neben Sancta ſaß. Die Gefahr zeigte ſich drohend, allein der Herzog gewann wieder Muth und berechnete ſeine Vertheidi⸗ gungsmittel. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich frage nicht mehr, wer Sie ſind.... Ich könnte Ihnen zwar ſagen, daß ich von dem, worüber ſie zu ſprechen beabſichtigen, Nichts weiß.... allein....“ „Meine Schweſter! meine Schweſter!“ unterbrach ihn Gaſton, der die Mündung ſeiner Piſtolen gegen den Boden richtete, als hätte er ſich vor ſich ſelbſt ge⸗ fürchtet. „Ihre Schweſter iſt hier,“ ſagte der Herzog,„ich will es Ihnen nicht verbergen.... Ich bin bereit, ſie Ihnen zurückzugeben.“ Gaſtons Blick ſchoß ſo wüthende Blitze, daß Herr von Compans die Augen niederſchlagen mußte. „Führen Sie mich zu ihr hin,“ ſagte der junge Mann.„Es drängt mich, zu wiſſen....“ 5 „Auf meine Ehre....“ begann der Herzog. „Gehen Sie voraus!“ unterbrach ihn Gaſton,„ich glaube Ihnen nicht.“ 269 Des Herzogs Stolz war in dieſem Augenblicke ſtumm. Ohne zu antworten, ſchlug er den Weg nach Sancta's Zimmer ein. Das arme Kind hatte verſucht, ſich im Innern deſſelben zu verſchanzen; allein dieſes Zimmer war, wie wir ſchon geſagt, für ſeine Beſtimmung bewunderungs⸗ würdig geeignet. 4 Ungeachtet Sancta's Anſtrengungen öffnete ſich die Thüre beim erſten Verſuche. Der Herzog wollte ausweichen, um Gaſton zuerſt hineinzulaſſen. „Ach! mein Herr, ich beſchwöre Sie!.... haben Sie Mitleid mit mir!....“ Gaſtons Herz wollte zerſpringen, allein er behielt jene eiſerne Ruhe, mit der er ſich, gleich wie mit einer Waffe, in Gegenwart des Herzogs geſtählt hatte. In Folge des grotesken Skandals, welchen die Unbeſcheidenheit der Gäſte Du Chesnels veranlaßt, hatten Herr Burot und die Kammerfrau Sancta wieder in das Boudoir inſtallirt. Seither befand ſie ſich allein darin und ihr Schreck war kein unbeſtimmter mehr, wie am Morgen. Sie wußte jetzt zum Theil, was ſie zu fürchten hatte. Die Erinnerung an den erſchöpfenden Wettlauf, bei welchem jeder Schritt ihr drohte, ſie vertheidigungs⸗ los den viehiſchen Lüſten des Alten zu überliefern, be⸗ nahm ihr alle Kraft und erfüllte ſie mit todtlichem Entſetzen. 3 Sie bebte bei jedem Geräuſche zuſammen und war verändert, als hätte eine lange Krankheit ſie heim⸗ geſucht. Als ſie die Thüre öffnen hörte, gerieth ſie in ſolche 270 Todesangſt, daß ihr, ſo zu ſagen, Hören und Sehen verging. Sie erkannte die Stimme ihres Bruders nicht, als er dem Herzog befahl, vorauszugehen. Als Gaſton eintrat, ſah er ſie in dem hinterſten Winkel des Zimmers feſtgeklammert. Sie war blaß, wie eine Leiche, und ihr lieblicher Körper zitterte und zuckte unter gewaltigen Stößen zuſammen. Gaſton ſchloß die Thüre hinter ſich.. Sancta hatte den Herzog erblickt und dann die Augen niedergeſchlagen. Nun wagte ſie nicht mehr, dieſelben aufzuheben. Gaſton ſtand ſtille und betrachtete ſie einen Augen⸗ blick, indem er in ihrer Haltung zu leſen oder zu erra⸗ then ſuchte, wie weit ihe Unglück ging. Allein die ganze Perſönlichkeit des armen Kindes war eine zu ſprechende Anklage gegen den Herzog! Dieſer wollte das peinliche Schweigen nicht länger zu zertruͤmmern, die Augen nicht aufzuſchlagen. Der Herzog ſenkte vor Gaſton's gebieteriſchem Blicke den Kopf und ſchwieg. Langſam trat der Jüngling auf Sancta zu. Sein Herz wurde von tiefem Mitleid erweicht, allein ſein Auge blieb ſtreng und kalt. —.—,— 271 Als er an dem Herzog vorbei war, machte dieſer eine raſche Bewegung zum Entwiſchen. „Bleiben Sie!“ herrſchte ihm Gaſton zu,„oder ich tödte Sie....“ Der Herzog bebte vor Zorn, allein er blieb. Bei dieſer zweimal vernommenen Stimme hatte in⸗ deſſen Sancta ſchüchtern ihre ſchönen Augen aufge⸗ ſchlagen. Eine plötzliche, ungeheure Freude hatte ihr das Herz erweitert.... eine nach dieſer Todesqual, die ſeit elf Stunden auf ihr laſtete, nur zu große Freude. Sie war wie vom Schlag gevoffen. Die zurückgekehrten Roſen ihrer Wangen erblaßten, ihre Augen ſchloſſen ſich; die ſchwachen Knie wankten. Sie fiel in Gaſtons Arme, der ſich ihr entgegengeſtürzt, um ſie aufzufangen. Allein die Wunden, welche die Freude ſchlägt, tra⸗ gen ihren Balſam in ſich.— Nach Verfluß einiger Sekunden lächelte Sancta milde und ſelig und ihr Antlitz ſprach den Jubel ihrer Seele aus. Durch Gaſtons Blick auf die Stelle gebannt, blieb be Herzog drei Schritte von der Thüre unbeweglich ehen. Ohne dieſen aus den Augen zu laſſen, hatte der Jüngling ſeine Schweſter in leidenſchaftlicher Umarmung an ſeine Bruſt gezogen, allein ſein Blick blieb immer ernſt und hart. „Dank! Dank!“ liſpelte Sancta die Hände faltend. „Gott, zu dem ich ſo herzlich gebetet, hat mich endlich erhört, weil er Dich mir zu Hülfe ſchickt.“ Sie ſchlang ihre Arme um den Hals ihres Bru⸗ ders und ſchaute ihn lange mit entzückten Blicken an. Sie hatte keine Furcht mehr. Sie fühlte ſich gerettet. 3 Gaſton hoffte. Dieſe Freude durchdrang ſein Herz 272 mit einem Troſte ſonder Gleichen. Wäre die entehrte Sancta ſo freudig geweſen?. Die Scene zwiſchen Bruder und Schweſter war kurz. Nach Verfluß einiger Minuten wußte Gaſton, was er wiſſen wollte. Allein das Vergnügen, das er darüber empfand, zeigte ſich nicht äußerlich. Er beantwortete die theuren Liebkoſungen der armen Sancta mit einem einzigen Kuſſe und ſtand dann, im⸗ mer kalt und ernſt, von ſeinem Stuhle auf. 3„Erwarte mich, meine Schweſter,“ ſagte er,„ich werde bald zurückkommen.“ Sancta's Stirn umwölbte ſich. Gaſton näherte ſich wieder dem Herzog und ſagte: „Folgen ſie mir.“ Der Herzog gehorchte. Gaſton kehrte in das Zimmer zurück, welches er zuerſt betreten hatte. Es war beinahe Nacht geworden. Der letzte Schein der Dämmerung warf noch ſein unſicheres Licht auf die Gegenſtände. Gaſton wies mit dem Finger dem Herzog einen Stuhl an und beide nahmen nebeneinander Platz. „Meine Schweſter iſt rein,“ ſa Gaſton,„das brauchen Sie mir nicht mehr zu beihultern, ich weiß es ... urnd ich danke Gott dafür, der ccht gewollt, daß der Sohn meines Vaters einen Mord begehe... Allein, nachdem dieſer Schimpf gehoben, bleiben unter uns, mein Herr, noch zu viele tödtliche Beleidigungen.“ „Ich kenne Sie nicht!....“ ſagte Herzog er⸗ ſtaunt. „Der Fall, welcher uns zuſammen führt, iſt ein Werk ihres Willens und nicht des Zufalls,“ verſetzte Gaſton.„Ich, ich floh Sie, weil mein Herz ſich ge⸗ gen den Gedanken ſträubte, das Blut eines Greiſes zu vergießen. Allein dieſes letzte Verbrechen wirft Sie auf meinen Weg...(s iſt Gottes Gericht!.... Einer von uns muß hier ſterben!“ 1 Gaſtons Stimme tönte tief und feſt. Sie ließ die Hartnäckigkeit eines unbeugſamen Willens errathen. Der Herzog war kein Feigling, allein ſein durch Laſter geſchwachtes Alter hatte mit ſeiner phyſiſchen Kraft zugleich auch die moraliſche verloren. Und überdieß lag in Gaſtons Stimme und dem fürchterlichen Ausdruck ſeines Geſichtes Etwas, wovor auch das tapferſte Herz hätte erſtarren können. Der Herzog fühlte ſich von Schauder durchrieſelt. „Ich kenne Sie nicht,“ wiederholte er ſtammelnd. Gaſton blieb einen Augenblick ſchweigend. Er war in düſtres Nachdenken verſunken, wobei ſich ſeine Brauen zuſammenzogen und ſeine Stirn in tiefe Falten legte.— „Mein Herr,“ hob der Herzog wieder an, welcher dieſe Friſt benützt hatte, um ſeine Ruhe zu gewinnen, und deſſen Stimme nun ſchmeichelnd lautete,„ich bin hier in einer ſehr ſchwierigen Lage... Ich habe Sie beleidigt, ohne Sie zu kennen„Sie ſehen, ich ſpreche offen zu Ihnen.... dden wenſgſtene habe ich Sie belei⸗ gen wollen. Allein bevor Sie noch kamen, hatte ich, das ſchwöre ich Ihnen bei meiner Ehre, auf alle Ab⸗ ſichten gegen Ihr Fraͤulein Schweſter verzichtet, denn ihre himmliſche R aheit hieß mich in mich ſelbſt gehen.“ Gaſton ſchwieg Der Herzog faßte Muth und fuhr fort: „Ich glaube nicht, daß wir uns je getroffen ha⸗ en.... und was Sie auch in einem Augenblick der Verwirrung ſagen mochten, ſo kann ich mir nicht den⸗ een, daß außer dieſem unglücklichen Ereigniſſe ein Grund zum Haß zwiſchen uns vorliege....“ Der Herzog ſenkte die Stimme und verſuchte zu lächeln. 3 „Alles kann wieder gut gemacht werden, Sie wiſ⸗ en es,“ fuhr er fort,„ſo lange die Chre nicht au'fs Pariſer Licbſch. III. 18 274 Aeußerſte angegriffen iſt.. Ihre Schweſter gebe ich Ihnen ſo rein zurück, als ſie es war, bevor ſie mein Haus betrat.... doch darauf ſoll's nicht ankommen... Ich bin ſtrafbar, ich geſtehe es, und ich bin reich.... Ich bitte Sie dringend, mein Herr, in meinen Worten keine neue Beleidigung zu ſehen... der aufrichtige und gewiß ehrenwerthe Wunſch, meinen Fehler gut zu ma⸗ chen, diftirt ſie mir... ich kann ihrer Schweſter Glück ſchaffen.“ Gaſton, der ihn bis jetzt nicht unterbrochen, hob ſeinen eiſigen Blick wieder zu ihm auf und ſagte kalt: „Herr Herzog kennen Sie den Namen des jungen Mädchens, welches ſie entehren wollten 2⸗ Der Herzog verbeugte ſich, eine verneinende Ant⸗ wort murmelnd. „Herr Herzog,“ hob Gaſton, ohne ein anderes Zei⸗ chen der Aufregung, denn ein leiſes Beben der Lippen, wieder an,„das junge Mädchen heißt Sancta von Mail⸗ lepré.“ Herr von Compans ließ die Arme ſinken. Er wankte auf ſeinem Stuhle. 3 „Sancta von Maillepréz“ fuhr Gaſton langſam fort,„die Tochter des Marquis Raoul, deſſen Sterbe⸗ lager Sie auf die Gaſſe betteten.... Die Nichte Ja⸗ mes Weſtern, den einer Ihrer Söldlinge erdolcht.... Die Schweſter des Marquis Gaſton, der die vor Kum⸗ mer geſtorbenen Eltern beweint, der mit ſeiner Hände Arbeit und im Schweiße ſeines Angeſichtes ſich ſei Brod verdienen muß, weil Sie ihm ſein Erbe geſtohlen haben, und der Ihnen wiederholt, Herr Herzog, daß hier einer von uns ſterben muß 126 Gaſton war aufgeſtanden und hielt ſich kerzengerade vor dem Herzog von Compans. Dieſer machte große Augen. Er war von dieſem ſeltſamen Zufall, der ihn durch ſein eigenes Verbrechen züchtigte, niedergedonnert. Er fand keine Sprache und das Blut gerann ihm, ſo zu ſagen, in den Adern. — 275 Gaſton betrachtete ihn und unter der Maske von Kälte, die er ſeinem Geſichte aufdrückte, lag eine zer⸗ malmende Drohung. 7 Der Blick laſtete wie Blei auf Herrn von Com⸗ pans Augenlidern, der dieſelben nicht wieder aufzuſchla⸗ gen wagte. 1 Gaſton nahm die beiden Piſtolen und legte ſie auf einen Tiſch. „Sie ſind geladen,“ ſagte er,„laſſen Sie Licht bringen.“ Man ſah in der That beinahe Nichts mehr. Herr von Compans gehorchte mechaniſch und rief Frau Brunel. Niemand antwortete. Frau Brunel hatte ſich aus dem Staube gemacht.. Gaſton geduldete ſich eine Weile, dann hob er wieder an: „„Mein Herr, ich bin beeilt, Sie müſſen Licht ſchaf⸗ Ohne ein Wort zu ſagen, ſtand der Herzog auf, langte unter ſeinem Kopffiſſen einen chemiſchen Feuer⸗ zeug hervor und zündete eine Wachskerze an. „Sie können wählen,“ hob Gaſton wieder an.... entweder bleiben die beiden Piſtolen, wie ſie ſind, oder wir ſchrauben von einer derſelben die Ladung aus. Die angezündete Wachskerze beleuchtete jetzt das entſtellte Geſicht des Herzogs. Seine Augen blieben auf den Boden geheftet; ſeine Schläfe bebten in convulſiviſchen Zuckungen; ſeine Lip⸗ pen zogen ſich krampfhaft in den verzerrten Mundwin⸗ keln zuſammen.. „Sie wiſſen wohl, mein Herr,“ murmelte er,„daß man ſich nicht ſo obne Zeugen ſchlagen kann.“ „Ich weiß, daß ich Ihnen meinen Willen ausdrücke, mein Herr,“ antwortete Gaſton,„daß Ihr Leben mir auf jede Weiſe gehört, und daß man mir zu gehor⸗ chen hat.“ fen. 276 Dieſe Worte wurden in kurzem, ungekünſteltem Tone geſprochen. Es war nicht daran zu denken, daß die Drohung eine leere ſein könnte.... Wenn überdieß ein Zweifel hätte entſtehen können, ſo würde ein einziger auf Gaſton geworfener Blick ihn ſchnell vernichtet haben. Seine Züge drückten den unbeugſamen Entſchluß ſeines Willens aus. Seine edle, ſtolze Stirne ließ kein Anzeichen des Zorns wahrnehmen. Es war, als ſtünde ein Urtheil, ein unwiderrufliches Urtheil auf ihr geſchrieben. Der Herzog hatte einen verſtohlenen Blick auf ihn geworſen und dieſer einzige Blick hatte ihm geſagt, daß er jede Hoffnung, Gaſtons Rächerarm zu täuſchen oder zu beugen, aufgeben müſſe. „Die Verhältniſſe ſind nicht die gleichen, mein Herr,“ hob er dennoch wieder an;„wir ſind hier in meinem Hauſe. So das Mißgeſchick wollte, daß der Kampf für ſie unglücklich ausfiele, wer würde mich von dieſem Morde freiſprechen?“ „Suchen Sie nicht zu unterhandeln, mein Herr!“ erwiederte Gaſton.„Wenn ich Sie eine dieſer Waffen annehmen laſſe, ſo geſchieht es nicht Ihret⸗ ſondern meinetwillen.“ 1 3 Er nahm ſeine beiden Piſtolen wieder vom Tiſche und bot eine davon beim Kolben Herrn von Compans hin. „Sollen die beiden Waffen geladen bleiben?“ fragte er. Der Herzog zauderte lang. 3 3 „Mein Herr,“ ſagte Gaſton, deſſen Stimme erſt jetzt einen Anfall ſchnell gedämpfter Aufwallung ver⸗ rieth,„bedenken Sie, daß ich mich ſeit einer Viertel⸗ ſtunde frage, ob es ein Verbrechen wäre, Ihnen das Gehirn zu zerſchmettern!“ Der Herzog prallte einen Schritt zurück und wurde noch bläſſer.— „So ziehen wir aus einer der Piſtolen die Ladung,“ ſagte er mit dumpfer Stimme. 277 Gaſton ſchraubte den Hahn von einem der Ge⸗ ſchoſſe los, nahm die Kapſel weg, wiſchte den Lauf mehrmals mit dem Schnupftuch aus, brachte den Hahn wieder hin und ließ ihn zuſchnappen. „Es iſt geſchehen mein Herr,“ ſagte er, kehren Sie um.“ Argliſtigen Blickes hatte der Herzog Gaſtons Ver⸗ richtung zugeſchaut. 4 Er hatte ſorgfältig die beiden Waffen mit einander verglichen, welche auf den erſten Blick ganz ähnlich, doch jene faſt unmerklichen Unterſchiede hatten, die der Fabrikant nicht ganz vermeiden kann. Er wandte den Rücken. Gaſton wechſelte die beiden Piſtolen in der Hand. „Wählen Sie!“ ſagte er. Der Herzog wandte ſich um und hielt die Finger zitternd über die beiden Waffen. Er zögerte. Die Linien, welche er zu erkennen ge⸗ glaubt, entgingen jetzt ſeiner Verwirrung. „Wählen Sie!“ wiederholte Gaſton. Der Herzog nahm eine der Piſtolen. Das Zimmer, in welchem ſie ſich befanden, war von der Treppe durch das Vorzimmer und vom Bou⸗ doir durch jenes andere Zimmer getrennt, wo der Her⸗ zog von Compans⸗Maillepré dem Bravorufen und Pfei⸗ fen der Gäſte Leon Du Chesnels ausgeſetzt geweſen war. Gaſton zog ſich in dieſes Zimmer, der Herzog bis zum Vorzimmer zurück. Zwei brennende Wachskerzen ſtanden im mittlern Zimmer, wo der Kampf ſtattfinden ſollte, 1 Da ſie kein Signal erhalten konnten, ſo ſollten die beiden Gegner in dem Augenblicke ſchießen, wo ſie ſich erblicken würden. Der Herzog erſchien zuerſt an der Thüre des Vor⸗ zimmers. 1 Ungeachtet dieſer Eile hatte er Zeit gehabt, den 278 Lauf ſeiner Waffe zu unterſuchen und zu ſehen, daß Gaſtons Leben in ſeinen Händen war.... 4. Eine zarte Miſſion. zhi Gaſton erſchien ebenfalls an der gegenüberliegenden hüre. Allein ſtatt auf der Schwelle ſtehen zu bleiben, wie ihm vorüber Herr von Compans that, ſchritt er bis in die Mitte des Zimmers vor. Bei den Lichtern angekommen, ſpannte er den Hahn ſeiner Piſtole. Der Herzog ahmte ihm nach. Gaſton ſenkte die Waffe und zielte lange. Seine Hand blieb ſo feſt, als wäre ſie von Marmor geweſen. Der Herzog konnte ſich eines Schauders nicht er⸗ wehren, obwohl er wußte, daß er keine Gefahr lief. Gaſton drückte los. Es erfolgte nur ein ſchwacher, kreiſchender Ton. Gaſton warf die Piſtole weg und kreuzte die Arme über die Bruſt, 5 Der Kerzenſchein ſiel blendend auf ſein edles Ge⸗ ſicht, in welchem keine Muskel bebte. Herrn von Compans Züge überflog ein tückiſches, grauſames Lächeln. „Mein junger Vetter,“ ſagte er,„das wird, denke ich, allen unſern Familienzwiſten ein Ende ſetzen. Allein, ich bitte, hätten Sie nicht, bevor Sie ſich in dieſe ſchlimme Lage brachten, ein wenig an Ihr Fräulein Schweſter denken ſollen, die Sie mir als Erbtheil hin⸗ terlaſſen.“ Herr von Compans Kugel wäre Gaſton minder 279 ſchmerzhaft geweſen, denn dieſe Worte. Der Anblick dieſes verhaßten Mannes, welcher ſich zum Henker ſeiner ganzen Familie gemacht, hatte ihm einen ſo heftigen und ſo tiefen Rachegedanken eingegeben, daß jeder an⸗ dere Gedanke von dieſem gewichen war. Es war ganz richtig! Er hatte Sancta einen Augen⸗ blick vergeſſen! Und dann hatte er ſich geſagt: Gott iſt gerecht, und hatte nicht einen Augenblick an dem Ausgang dieſes Kampfes gezweifelt, den er der rächenden Vorſehung anheim geſtellt hatte. Jetzt ſiel es wie Schuppen ihm von den Augen, er ſah die ſchreckliche Wirklichkeit. Sancta, die er zu retten gekommen, verlor in ihm ihren einzigen Beſchützer. Sie fiel in die hülfloſeſte Lage zurück! Sein Leben gehörte nun dieſem Manne, der über ſeinen Leichnam hinweg zu Sanecta gelangen ſollte! Eine grimme Verzweiflung malte ſich auf ſeinen Zügen. Der Herzog lachte kalt und höhniſch. Gaſton warf einen lüſternen Blick nach der am Boden liegenden Piſtole und machte eine Bewegung, ſie aufzuheben. „Rühren Sie ſich nicht, mein junger Anverwandter!“ ſagte der Herzog ſeine Waffe ſenkend. In dieſem Augenblick fing Sancta, die man ein⸗ geſchloſſen hatte und deren Furcht ohne Zweifel zu⸗ ruckkehrte, leiſe an zu rufen: „Gaſton! Gaſton!“ Dieſer faltete in ſtummer Verzweiflung die Hände. Der Herzog lachte. „Gaſton! Gaſton!“ rief Sancta mit jammernder Stimme. Gaſton bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen, ein Seufzer hob ſeine Bruſt. Der Herzog trat zwei Schritte gegen ihn vor. Auf der Schwelle des Vorzimmers trat an der 280 Stelle, welche Herr von Compans ſoeben verlaſſen, ein anders Geſicht aus dem Dunkel hervor. „Gaſton, komm, ich bitte!....“ ſagte die weinende Sancta. Das war zu viel der Qual. Unfäbig, ſich länger aufrecht zu halten, ſank Gaſton auf die Knie und murmelte: „So tödten Sie mich denn ſchnell!“ Der Herzog hatte keine Eile. Es war ein ſchwieri⸗ ger Fall. Er ſtand getheilt zwiſchen der Furcht vor den Fol⸗ gen eines, in einem bekanntermaßen ihm angehörigen Hauſe begangenen Mordes und dem brennenden Ver⸗ langen, ſich des letzten der Maillepré zu entledigen. Allein das Verlangen war ſtärker als die Furcht. Der Herzog trat ganz an Gaſton heran und ſchien eine Stelle zu ſuchen, wo er ſicher zu treffen rechnen durfte 8 Seine Waffe hielt er hinter ſich, dem Boden zu⸗ gekehrt.... Als er ſie hervorlangen wollte, traf er auf Wi⸗ derſtand. Der Herzoa ſchaute rückwärts, um das Hinderniß zu ſehen, das ſich ihm entgegenſtellte, und befand ſich jenem Geſichte vorüber, das ſeinen Platz auf der Schwelle des Vorzimmers eingenommen hatte. Er war entwaffnet. Romeo hatte ihm eben ſein Piſtol entriſſen. 3 Der Herzog hatte den Bildhauer ein einziges Mal geſehen, allein ſeine Züge waren ſeinem Gedächtniß ohne Zweifel gut eingeprägt geblieben, denn er erkannte ihn auf den erſten Blick. 281 „Sancta wird wenigſtens einen Beſchützer haben.... Führen Sie ſie hinweg, mein Herr; Sie, der Sie mir ein Bruder waren, führen Sie ſie aus dieſem Hauſe deſſen Luft verunreinigt und entehrt!“ 1 „Wir Beide werden Sie wegführen,“ entgegnete Romeo, der den Jüngling aufhob und mit väterlicher Zärtlichkeit in ſeinen Armen hielt.„Armes Kind!“ fügte er im Tone des Vorwurfs hinzu,„ſchon zweimal haben Sie ſie verlaſſen, Gaſton! Sie liebt Sie ſo ſehr. Haben Sie denn ein Recht, Ihr Leben ſo auf's Spiel zu ſetzen?“ Gaſton ſenkte den Kopf. „Mein Leben iſt verwirkt und verloren, melte er. 4 „Dieſem Menſchen vorüber?“ ſagte Romeo, mit ſchneidender Verachtung auf den Herzog hinweiſend,„das wäre ein Narrenſtreich!.. Hören Sie! Ihre Schweſter ruft.... 2 Man hörte in der That die jammernde Stimme der armen Sancta, welche rief: „Gaſton! Gaſton!“ Remeo umfaßte ihn und ſchleppte ihn trotz ſeines Wiederſtandes fort.. „Wir kommen wieder,“ ſagte er. Doch bevor er das Zimmer verließ, wandte er ſich gegen den Herzog um und warf ihm einen gebieteriſchen Blick zu, indem er mit einem Wink auf die Thüre hinwies. Der Herzog zuckte die Achſeln und ſuchte zu lächeln. Romeo und Gaſton traten in das Boudoir, wo ſie nicht länger als eine Minute blieben. Als ſie wieder in das Zimmer kamen, wo der Kampf ſtattgefunden hatte, ſtützte ſich Sancta, wie in ihren ſchönen Träumen, zur einen Seite auf Gaſtons, zur andern auf Romeo's Arm. Und da Gaſton Zeit gehabt hatte, ihr zu ſagen, daß er dem Bildhauer zweimal das Leben verdanke, 8 44 mur⸗ 282 fühlte Sancta's Seele eine Wonne, die ſie herrlich für die lange Marter belohnte. Der Herzog von Compans⸗Maillepré hatte ohne Zweifel nicht für gut befunden, ſie zu erwarten, um ſeine Anſprüche geltend zu machen. Romeo flößte ihm faſt eben ſoviel Furcht ein, wie dem treuen Burot. Der Herzog hatte ſich entfernt. Wir brauchen nur durch die Gärten zu gehen, um in Du Chesnel's Haus zu kommen. Auch halten wir in der That nicht für nothwendig, uns noch bei der Erklärung von Romeo's plötzlichem Erſcheinen zu verweilen, weil wir ihn durch Burots eigene Bemühungen zum Zimmer in der Stadt führen ſahen. Das kleine Feſt, welches Du Chesnel gegeben, war ſchon lange zu Ende. Chapitaur, Prunot, Sanguin waren anderswo hingegangen, um jenen feinen und ge⸗ drechſelten Geiſt zu uͤben, der unſere geldſtrotzende Ju⸗ gend ſo unendlich auszeichnet. Indeſſen hatte Du Chesnel ſein Frühſtück nicht verloren. Bathilde von Saint⸗Pharamond hatte ſeiner Frau eine Lektion gegeben.... eine zwei Stunden lange Lek⸗ tion, die jedenfalls ſpezieller Erwähnung verdient. Es war einige Minuten nach der Vorſtellung, welche der Herzog von Compans⸗Maillepré Du Chesnel's Gäſten durch das Fenſter gegeben. Die Lorette fing ſich augenſcheinlich an zu lang⸗ weilen. Felix Chapitaur ſchien ihr abgeſchmackt, der Baron Prunot empörend, J. B. S. T. Sanguin haſſenswerth. Ihre dritte Cigarre ſchund ihr die Zunge. Jetzt näherte ſich ihr Durandin und knüpfte eine Unterhaltung an. Durandin war kein glänzender Mann, 283 aber neben allen dieſen Chapitaur konnte er ein Adler ſcheinen. Als er ungefähr fünf Minuten lang an ſie hinge⸗ ſprochen und ebenſo lang mit ſeinen Daumen geträllert hatte, wies ihm die Lorette in einem langen, hellen Ge⸗ lächter ihre ſchönen Zähne. Du Chesnel beobachtete ſie von Weitem mit un⸗ ruhiger Miene. „Alſo,“ ſagte die Lorette zu dem Sachwalter,„muß ich ihr ein poetiſches und pomphaftes Lob von dieſem guten Herrn Polype machen?“ „Ein epiſches Lob,“ antwortete Durandin;„Alles, was Sie nur Heldenmäßiges finden können! Und dann, Sie verſtehen mich wohl... Die Art und Weiſe es anzugehen.“ 4 Der Sachwalter fing an läppiſch zu lachen und trällerte in Unſchuld mit den Daumen, die Lorette er⸗ hob ſich. Du Chesnel hatte ſich zu der Gruppe der Chapi⸗ taur geſellt, um ſeine ſteigende Verwirrung zu verbergen. Durandin rief ihn und ſagte. „Mein lieber Freund, Madame möchte gerne noch Deiner Frau einen freundlichen guten Abend wünſchen.“ Es wäre gewiß ſchwierig, ſich eine traurigere Stel⸗ lung als die des unglücklichen Du Chesnel zu denken. Er erröthete und verneigte ſich mit linkiſchem We⸗ ſen, während er einen Haufen von Complimenten ſtam⸗ melte... Dann bot er der Lorette, die ein boshaftes Lächeln auf den Lippen hatte, den Arm. Der gute Durandin ſpielte bei Allem dieſem die Nolle des Gevattermanns. Er folgte dem Diplomaten und Bathilden in Charlottens Zimmer und nahm es über ſich, den Gatten wegzuführen. Die Lorette und Charlotte blieben allein. „Meine liebe Dame,“ ſagte Bathilde, ſich in dem Lehnſtuhl ausſtreckend, nachdem ſie die bauſchigen Falten 1 284 ihres Kleides leicht hingeordnet hatte,„wiſſen Sie auch, daß Sie bewunderungswürdig hübſch ſind? Welch reizen⸗ der Mund! welch friſches Lächeln! die ſchönen Augen! die anmuthsvolke Stirn.... Sie coiffüren ſich ſelbſt” Das herrliche Haar!.... und dann dieſer Wuchs!... Verwirrt mußte Charlotte vor dieſem Redefluß er⸗ röthen. 1' Sie fühlte ſich dieſer Frau gegenüber unbehaglich, denn ſolche Kühnheit machte ſie verlegen und ſchreckte ſie. Ddieſe unverſchämten, ihr unwiderleglich in's Geſicht geworfenen Complimente empörten ſie und verwundeten den edeln Stolz ihres Herzens. Gleich einem beweglichen Spiegel ſtralte ihr Antlitz getreu dieſe verſchiedenen Empfindungen wieder. Bathilde, die ihr unverwandt in's Geſicht blickte, konnte ſich über die Wirkung dieſes Eingangs ihrer Rede nicht täuſchen und las ganz geläufig auf der aus⸗ drucksvollen Phyſiognomie der jungen Frau. Allein Bathilde gerieth nie mehr in Verwirrung oder verlor die Faſſung. „Mein Gott! meine liebe Dame,“ hob ſie im Tone wohlwollender Ueberlegenheit wieder an,„ich ſehe wohl, daß Ihre artige Beſcheidenheit ſich ſträubt, ſo dicke Wahrheiten zu hören. Allein was wollen Sie? ich bin freimüthig, ich. Ich habe das Herz auf der Hand. Sie gefallen mir, das ſag ich Ihnen, wie ich bei Ge⸗ legenheit das Gegentheil ſagen würde.“ Charlotte verneigte ſich kalt. Sie, von Natur aus ſo lebhaft und ſo ungeſtüm, berührt. Eine ſo leichtfertige Keckheit ſchreckte ſie ab. Sie nahm dieſem Weibe gegenüber ein ſo gezwungenes und fühlte ſich von dieſer vorſchnellen Vertraulichkeit eiſig —— — -—— ☛ 285 ſteifes Weſen an, als ihr Charakter ſonſt heiter, geſellig und gut war.— „Ich ſage nicht, daß wir nicht ein Paar Freun⸗ dinnen abgeben können....“ fuhr die Lorette fort;„ich denke, ich ſei die Aeltere, und es ſei folglich an mir, Ihnen entgegenzukommen. Doch laſſen wir das, ich bringe Sie außer Faſſung. Ah, meine Liebe, der⸗ gleichen Schüchternheiten muß man abſtreifen!.... Wir wollen Beide darnach trachten.“ Charlottens Stirn wurde immer röther. Sie ſchlug die Augen auf, in welchen ein würdevoller Stolz lag, und antwortete ſanft:— „Madame, Sie bringen mich nicht außer Faſſung. Ich weiß nur nicht, wie antworten auf die Guͤte, mit der Sie mich zu überhäufen geruhen.“ „Ein bischen Spott!“ ſagte die Lorette, die alſo⸗ bald in Gelächter ausbrach!„das iſt entzückend! Aber ſagen Sie mir, wie finden Sie Herrn Polype?“ Noch hatte Nichts dieſe Frage veranlaßt. Bathilde that ſie raſch, um die Wirkung beſſer be⸗ urtheilen zu können. Charlotte ſchaute ſie erſtaunt an. „Herr Polype?“ wiederholt ſie.„Madame, ich weiß wahrlich nicht.“ „Doch, doch, meine Liebe!“ unterbrach ſie die Lorette,„Sie haben ihn einmal geſehen, das iſt genug. Sie wiſſen das auswendig.“ Bathilde bog ihren reizenden Körper vor und ſtützte ſich mit dem Ellbogen auf die Armlehne des Stuhls. Ihr Auge, das ſich nicht von Charlotte abwandte, hatte den ſtechenden Spötterblick verloren, um einen Ausdruck liebevoller Theilnahme anzunehmen. Es war keine Verſtellung! Die Lorette that ſich nicht einmal bei Männern mehr Zwang an. „Hören Sie,“ ſagte ſie,„ich bin im Stande, Sie zu lieben, weil Sie reizend und unglücklich ſind.“ 286 „Madame!“ unterbrach ſie Charlotte, deren zarte Brauen ſich leicht zuſammenzogen. „O, ich bitte Sie!“ rief Bathilde,„was ich Ihnen auch ſagen mag, werden Sie mir nur nicht ungehalten! Man nimmt mir zie Was übel, obwohl ich Anlaß genug dazu gebe. Wenn Sie böſe würden, gerade Sie, die Sie keinen Grund dazu haben, ſo wäre es undankbar, denn auf mein Wort, ich wünſche Ihnen nur zu dienen.“ Charlotte ſchaute ſie an und fühlte ihr Vorurtheil eden ſie etwas abnehmen. Nichtsdeſtoweniger blieb e kalt. 8 5 Die Lorette hob ernſthaft wieder an: „Ich bin hier, meine Liebe, um Ihnen von Herrn Polype zu ſprechen.... von Nichts, als von Herrn Polype!“ „Warum?“ fragte Charlotte. „Weil Sie durchaus die Verdienſte dieſes würdigen Mannes kennen lernen müſſen... Sie haben ihn ge⸗ ſehen... Sie wiſſen, ob der liebe Gott ihm ein hin⸗ reichend abſchreckendes Gepräge auf's Geſicht gedrückt hat... Wohlan, meine Liebe, was dieſe groteske und ſcheußliche Maske birgt, iſt noch tauſendmal häßlicher, ich betheure es Ihnen!...“ „Weßhalb ſagen Sie mir das?“ fiel ihr Charlotte in's Wort;„kenne ich doch Herrn Polhpe kaum!⸗ „Mein liebes Kind, meine Gründe will ich Ihnen am Ende auseinanderſetzen... Man muß der Ordnung nach verfahren... ich ſpreche oft, um nur zu ſprechen, allein ſein Sie überzeugt, dießmal haben meine Worte einen Zweck.... Laſſen Sie mich Ihnen vorerſt Herrn Polype langſam und bedächtlich ſchildern, und nachher werden wir ſehen....“ Das Geſicht der Lorette hatte jenen gezwungenen Ausdruck verloren, welchen Gewohnheit und Gewerbe ihm aufimpften. Ihr Lächeln ward wieder natürlich und unter dem ſcharfgezeichneten Bogen ihrer ſchwarzen Brauen funkelte ein ſchlauer, ſpitzbübiſcher Blick. 287 Unwillkürlich fühlte Charlotte eine vage Ungeduld, zu hören und zu erfahren.... Die Lorette ſtrich ſich das niedliche Grübchen ihres Kinns und ließ ihrer ſtürmiſchen Beredtſamkeit den Lauf. 3 „Ich bin überzeugt, meine Liebe,“ ſagte ſie,„daß Sie von Herrn Polype und ſeines Gleichen keine Idee haben.... Man muß durch die dichteſte Maſſe dringen und Alles kennen und Alles wiſſen, um ſich eine genaue Vorſtellung von dem Grade der Verruchtheit zu machen, auf welchen ein Mann gelangen kann, der Etwas wie ein menſchliches Geſicht beſitzt, und für die Schande, die er überall ſäet, die Ehrenbezeugungen der Welt erntet. Ich werde Ihnen nicht Alles ſagen, weil ich Ihre ſchöne Stirne nicht zum Erröthen zwingen will... und dann, weil ich vielleicht auch nicht Alles weiß... und endlich, weil es ſicherlich mehrere Tage erfordern würde, um die Geſchichte dieſes Menſchen ausführlich zu erzählen....“ „Und ſollte ich ein mir noch unbekanntes Intereſſe daran haben, dieſe Geſchichte kennen zu lernen?“ fragte Charlotte. „ Ja, meine Liebe,“ antwortete Bathilde ohne zu zögern. Dann fuhr ſie, die Augen zum erſtenmal von Char⸗ lotte abwendend, mit einer plötzlichen Energie fort: „Es iſt ein erbärmlicher Gedanke!... erbärmlich und feig! Stellen Sie ſich vor,“ fügte ſie, ſich an die junge Frau wendend, hinzu,„daß dieſer Polype alle Gewerbe getrieben hat.... ⸗Es gibt keinen geheimen und ſchändlichen Erwerbs⸗ zweig, worein er nicht ſeine gierigen Arme bis an die Ellbogen geſteckt hätte.... Jung, häßlich und nackt iſt er eines Tages in Paris angekommen, wo er die klei⸗ nen lüſternen Augen rechts und links hin ſchielen ließ, um eine volle Taſche zu entdecken, an der er die Geſchick⸗ lichkeit ſeiner Gaunerfinger üben konnte... Er hat ge⸗ ſtohlen, den Diebshehler gemacht; wenn er nicht ge⸗ —— ——— 288 mordet hat, ſo kommt es nur daher, weil er feig iſt, wie ein Haaſe.... und das iſt unſtreitig die am meiſten ge⸗ häſſige Seite ſeines Lebens.... Bei uns, Sie wiſſen das vielleicht noch nicht, mein liebes Kind, hat ein Menſch, der zehntauſend Franken und eine gewiſſe Art Herz mit einer hinreichend undurchdringlichen Schale beſitzt, das Recht, ohne Furcht, ſich zu gefährden, da und dort die armen Leute zu tödten, die nur tauſend Thaler haben. „Polype und ſeines Gleichen haben mehr Unglück⸗ liche getödtet, als die Cholera und das gelbe Fieber.. „Es iſt ihr Gewerbe, ſie leben davon. Eines ſchönen Tages trifft man ſie in Equipagen an. Die Börſe hat ſie in die Zahl der Heiligen geſtellt. Morgen leihen ſie Königen Geld; übermorgen, wenn Jeruſalem zu verkaufen iſt, werden ſie Kaiſer!... „Allein geſtern... jetzt iſt Polypes Macht unan⸗ taſtbar, jetzt ſpaziert ſeine unedle Perſon in unſern erſten Finanzſalons, ohne daß ſich nur eine Naſe vor dem Wuchergeſtank ſträubt, den er um ſich her verbreitet... geſtern gab Polype dem Laſter Wohnung, beutelte das Laſter aus, lebte vom Laſter, geſtern machte Polype mit der einen Hand mit den Dieben, mit der andern mit der Polizei gemeinſame Rechnung; geſtern hatte Polype einen Laden beim Temple, um ſeine dicken Sous auf Wucher zu leihen.... „Das Alles hat ſich jetzt verwiſcht; es bleibt keine Spur mehr davon, und um die Wahrheit zu ſagen, was für ein Unterſchied iſt zwiſchen ihm und gewiſſen Herrn, welche ihr ganzes Leben lang den Wechſelhandel im Großen getrieben und nicht nöthig hatten, ſich auf den niederſten Stufen der Wuchererarmee herumzu⸗ treiben?... „Mein liebes Kind, Sie müſſen dieſen Menſchen kennen lernen. Er hat weder Herz, noch Seele, noch Gewiſſen! Er pflügt das menſchliche Leben, wie ein Bauer ſeinen Acker pflügt. Er ſchneidet in's Leben ein; er ſchaufelt und gräbt und macht ſich Gold aus Blut. 289* „Rings um ihn Thränen, das Schluchzen der Ver⸗ zweiflung, Jammergeſchrei; doch er hat Gold gewonnen und das Gold kommt und häuft ſich unabläſſig bei ihm. Was liegt ihm an den Wunden, aus welchen er dieſes Gold geſogen?... „Wiſſen Sie's!... ſeine Hand hat ſich nie geöffnet, das flehende Leiden zu erleichtern. Allein bei Gelegen⸗ heit weiß er verſchwenderiſch zu ſein, wie ein Satrap. Für eine Kleinigkeit, für weniger als eine Kleinigkeit, für weniger als Nichts, für ein Weib kann er doppelt ſo viel ausgeben, als jährlich die Miniſter des Königs von Frankreich erhalten!... „Und jedes der Zehntauſendfrankenbillets, aus wel⸗ chen dieſe großartige Freigebigkeit beſteht, iſt dem Noth⸗ wendigſten von zehn Familien abgeſtohlen worden!... „Man verlange nur nicht einen Tag Aufſchub, eine Stunde Friſt! Pfui doch, das wäre der Ruin des Han⸗ dels! Denn die kaufmänniſche Rechtlichkeit heißt: Ge⸗ nauigkeit! Der arme Mann, der nicht bezahlen kann, iſt eben deßwegen der Verzeihung unwerth! Polype würde ihn vielleicht noch entſchuldigen, wenn er bezahlen könnte und nicht wollte.... „Ich kenne ihn, Madame, ich ſah ihn Flehende von ſich ſtoßen, Bittende höhnen, das mit dem Tode ringende Elend mit Füßen treten!... „Er iſt der wucherndſte Wucherer, der je ſein ſcham⸗ loſes Spiel mit dem Publikum getrieben! Er iſt der durch den Spitzbuben vervielfachte Banquier, der feine, durchtriebene, gierige Geldmäckler, der Jude, welcher dem Judas Concurrenz gemacht und einen Rabatt an dem Blutgeld des Heilands anerboten hätte...⸗ Bathilde ſprach mit außerordentlicher Heftigkeit. Ihre Wangen glühten, ihre Stirn hatte ſich geröthet, die Augen glänzten im Zornesfeuer. Doch plötzlich hielt ſie inne. Ihr ſkeptiſches Ge⸗ lächter ſiel wie kaltes Waſſer auf die Glut ihrer Rede. Pariſer Liebſch. III. 2 19 290 Sie veränderte den Ton und hob wieder an: „Meine Kleine, das Alles will ſo viel ſagen, als: Polype iſt ein elender Schurke.... Ich hätte weniger ſtarke Worte hiefür gebrauchen können.... allein dieſe Gefahr läuft man bei ſchlechten Bekanntſchaften: ich ſehe nämlich häufig einen an der Tagesordnung ſtehenden Journaliſten.... Um wieder auf Polype zurückzukommen, ſo iſt ſein eigentliches Gewerbe das eines Blutſaugers ... er iſt weder mehr noch weniger werth, als viele Andere. Die Millionen ſind gemacht, um die kleinen Beutel auszuleeren, wie die großen Flüſſe dazu geſchaffen ſind, die Bäche aufzunehmen.... Ich kenne einen Mann, ſehen Sie, der Polype auf's Haar gliche... einen noch hundertmal ſchlechtern Mann, als Polype ſelbſt!... Ich gebe Ihnen ſeinen Namen zu errathen...“ Charlotte, welche Anfangs mit einiger Theilnahme dem Ausfall der Lorette zugehört hatte, war wieder gleichgültig geworden; übertrieben oder nicht, gingen dieſe Dinge ſie Nichts an. Ueberdieß ließ der heftige und aufgebrachte Ton Bathildens die Ueberzeugung nicht bei ihr reifen. Sie empfand gegen den Millionen reichen Wucherer eine mit Verachtung gemiſchte Abneigung, welche Ba⸗ thildens Pfeile nicht bis zum Haß hatten ſteigern können.. Es lag eine zu große Entfernung zwiſchen dieſem Koth und dem edeln Herzen der Tochter der Mail⸗ lepré.... 3 Nichtsdeſtoweniger konnte ſie ſich bei den letzten Worten der Lorette einer unbeſtimmten Verwirrung nicht erwehren. Die Zahl der Perſonen, welche ſie kannte, war ſo beſchränkt! Nach einem ſcheußlichen Bild, das man ihr entworfen, hieß es, es gebe noch einen Schlechtern, und man fügte hinzu: Sie kennen ihn, errathen Sie ſeinen Namen.... „Madame,“ erwiderte ſie,„ich glaube, Sie täu⸗ 291 ſchen ſich... ich lebe in dieſem Hauſe in beinahe gänz⸗ licher Abgeſchloſſenheit.“. „Ah! das iſt ja prächtig!“ rief Bathilde,„wie in einem Kloſter!..„ Sie hielt inne und fügte zwiſchen den Zähnen mur⸗ melnd hinzu: „Bevor man verkauft wird!“ Charlotte ſchaute ſie mit unruhiger Miene an. Bathildens bewegtes Geſicht ſprach ein wahres Mitleid aus. „O! weil Sie eben ſehr hübſch ſind!“ liſpelte ſie. Charlottens Kälte verdoppelte ſich und nahm einen Anflug von Stolz an. 3 Bathilde ſchwieg einige Sekunden lang, dann fuhr ſie, ihren Lehnſtuhl näher rückend, fort: „Ich wiederhole es, Madame, es gibt noch einen tauſendmal ſchlechtern Menſchen, als ſelbſt Polype.... Es iſt der Mann, der eine junge und reine Frau, deren Herz ſo ſchön, wie ihr Geſicht iſt, in Polype's Arme werfen will... eine arme Frau, die Ihnen gleicht, Ma⸗ dame, die allein iſt, wie Sie... die leidet... und die auf die Liebe deſſen hofft, den ſie liebt...“ Charlotte war blaß und zitterte. „Madame,“ ſtammelte ſie mit gereizter Stimme, „ich verſtehe Sie nicht.“ „Ach! armes Kind,“ ſagte die Lorette mit einer Regung wirklicher Theilnahme,„ich muß es Ihnen wohl ſagen; die Frau, die man Herrn Polype überliefern will, ſind Sie...“ Charlotte fühlte ihren Muth wanken. „Und der Mann,“ liſpelte ſie halb ohnmächtig, „und der Mann, der ſie überliefern will?...“ „Iſt Ihr Gatte,“ ſprach Bathilde ganz leiſe. ſanugleic wollte ſie die Hand der jungen Frau er⸗ greifen. 3 Allein Charlotte ſtieß ſie heftig zurück. 1 292 4 Entrüſtet ſtand ſie auf. Ihre biegſame und an⸗ muthsvolle Geſtalt nahm eine königliche Hoheit an. Sie heftete auf Bathilden einen Blick unausſprech⸗ licher Verachtung und ſagte mit ſtolzem Lächeln: „Sie lügen; ich glaube Ihnen nicht!“ Bathilde ſchüttelte langſam den Kopf. „Es iſt ſchwer zu glauben, in der That,“ entgeg⸗ nete ſie;„den Gedanken an eine ſo niederträchtige Ge⸗ meinheit kann eine edle Seele, wie die Ihrige, nicht plötzlich faſſen. Allein Sie müſſen mir glauben, weil Sie ſich vertheidigen müſſen.... Bedenken Sie nur, weß⸗ halb ſollte ich Sie täuſchen?“ „Ich weiß nicht... ich weiß nicht!...“ rief Char⸗ lotte, deren Thränen quollen,„allein ich glaube Ihnen nicht! ich glaube Ihnen nicht! ich will Ihnen nicht glauben! Verlaſſen Sie mich, Madame, ich bitte Sie inſtändig.. Ihre Worte tödten mich!... Bathilde ſann einen Augenblick nach. Ein bitteres Lächeln ſchwebte auf ihrer Lippe. „Vielleicht wäre es beſſer,“ dachte ſie,„allein man ſtirbt nicht daran!“ Ihr Blick heftete ſich auf Charlotte, die ſich nieder⸗ geſchlagen wieder geſetzt hatte.. „Und dennoch,“ ſagte ſie ſich wieder,„liegt ſo viel ſchöne Reinheit in ihr! Welche Thränen würde die Schande in dieſe ſanften Augen locken, die zu lächeln wußten!“ 1 Sie richtete ſich in ihrem Lehnſtuhl wieder auf und fuhr in entſchloſſenem, faſt hartem Tone fort: „Madame, ich habe angefangen; ich will auch en⸗ digen. Befehlen Sie mir nicht, zu ſchweigen, ich würde Ihnen nicht gehorchen.... Wiſſen Sie, wer ich bin, ich, die Ihr Gemahl an Ihre Tafel ſitzen ließ?... Ich bin eine jener Frauen, welche von den Männern geduldet, aber nicht beſchützt werden... eine jener ar⸗ men Thörinnen, die das Vergnügen mit dem Preiſe ihres Glückes erkauft haben... eines jener Geſchöpfe, 293 deren bloße Gegenwart unter dem ehelichen Dache ein ſchwerer Schimpf iſt... Ihr Mann hat mir die Thüre ſeines Hauſes geöffnet und, indem er mit unbarmher⸗ zigem Finger auf Sie hinwies, zu mir geſagt: Du, die Du verloren biſt, zeige ihr den Weg!...“ „Lüge! Lüge!...“ ſtammelte niedergedonnert Charlotte.. „Ach! Madame, Sie werden mir glauben,“ entgeg⸗ nete Bathilde.„Sie können ſich gewiß einiger unge⸗ ſchickter Verſuche erinnern, die an Ihrer Unwiſſenheit ſcheitern mußten.... Um den Entſchluß zu faſſen, mich an Sie hinzuſchicken, mußte Herr Du Chesnel mehr als einen vergeblichen Verſuch gemacht haben...“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte Charlotte,„mich dünkt... Doch nein, es iſt unmöglich!“ „Sie erinnern ſich!“ fuhr Bathilde fort.„Und hat man Ihnen nicht geſtern Herrn Polype vorgeſtellt?... Der Handel iſt geſchloſſen, das Draufgeld gegeben... Ich bin von Seite Ihres Mannes mit dem Auftrag an Sie abgeſchickt, Sie ſachte dem Abhange zuzuſtoßen, der in den Abgrund führt, in den ich gefallen bin!⸗ Charlotte bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Während einigen Sekunden hörte man herzzerreißendes Schluchzen. Dann völliges Schweigen. Beſinnungslos war ſie auf die Rücklehne des Arm⸗ ſtuhls hingeſunken. Bathilde ſtand auf und druckte einen Kuß auf ihre blaſſe Stirn. Der Lorette Auge war feucht. Sie entfernte ſich und anempfahl Charlottens Kam⸗ merfrau, ihrer Gebieterin Beiſtand zu bringen. Als ſie in den Salon, wo ihre Cavaliere ihrer warteten, zurückkam, hatte ſie ihr dreiſtes Lächeln und ihr leichtfertiges Weſen wieder angenommen. Was ſie ſoeben gethan, war vielleicht einer ihrer ſchnellen, wunderlichen Einfälle geweſen. 294 Allein man ſagt, daß es in der Bruſt einer Lo⸗ rette manchmal ein Herz gebe. „Vorwärts, ſchöne Dame,“ ſagte Chapiteaur,„man hat Ihr Amazonenkleid gebracht.... unſere Pferde ſcharren ungeduldig im Hofe.“ Durandin hatte ſich mit Wolfsſchritten genähert. „Nun?....“ murmelte er. „Sie iſt ohnmächtig geworden,“ entgegnete die Lorette. Bathilde trat in ein anſtoßendes Zimmer, um ihr Amazonenkleid anzuziehen. Sobald ſie angekleidet war, ging ſie, von ihren Cha⸗ piteaur eskortirt und von Durandin und Du Chesnel begleitet, in den Hof hinunter. Der Letztere ſchien beſorgt und unruhig. „Madame, ſagte er im Augenblick, wo die Amazone ſich auf ihr munteres Pferd ſchwang, leiſe zu ihr,„was haben Sie ihr denn gethan, daß ſie ohnmächtig gewor⸗ den iſt....“ „Voraus, meine Herren,“ rief Bathilde,„ich will den Zug beſchließen....“ Die Chapiteaux tummelten ihre Pferde und ſpreng⸗ ten voraus. Bathilde, die bei Durandin und Du Chesnel allein zurückgeblieben, wandte ſich gegen dieſe und ſchleuderte dem Diplomaten einen Blick bittern Hohnes zu. „War es nicht eine zarte Aufgabe, Herr Du Ches⸗ nel?“ fragte ſie;„ich habe gethan, was ich konnte... Und jetzt kann ich es Ihnen wohl ſagen: Ihre Frau weiß ſo gut, als ich, daß Sie ein Elender ſind.“ Sie berührte mit dem Knopf ihrer Reitpeitſche den Hals des Pferdes, das alſobald im Galopp davonjagte. 5. Familienangelegenheiten. 1 Du Chesnel und Durandin ſchauten ſich betrof⸗ een an. Der Diplomat war wie vom Blitz getroffen. Der Sachwalter konnte ſtehend nicht mit den Dau⸗ men trällern. Er war dann weit leichter aus der Faſ⸗ ſung zu bringen, weil ihm das ſeine Haltung benahm. Nach Verfluß einiger Sekunden zuckte er die Achſeln und blies die dicken Wangen auf. „Bah!“ machte er,„ſie hat gelogen... 2 „Und wenn ſie nicht gelogen hätte?....“ erwie⸗ derte Du Chesnel mit leiſer Stimme. „Donnerwetter!“ antwortete der Sachwalter;„ſo müßte man ſehen..... was Deine Frau dazu ſagen würde...“ „Alles wäre verloren!“ murmelte Du Chesnel;„ich hnn⸗ Charlotten..... ſie wird mich haſſen, das iſt Alles.... „Zum Henker, mein Guter,“ ſagte Durandin,„Du wirſt doch zugeben müſſen, daß das nicht das Wichtigſte der Sache iſt.“ Du Chesnel ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und ordnet werden....“ Du Chesnel machte eine Geberde der Ungeduld. 296 „Meinetwegen! meinetwegen!“ hob Durandin wie⸗ der an.„Soll ich gehen?“ „Nein,“ entgegnete Du Chesnel;„Du haſt mich in dieſe Patſche geführt... Du kannſt mir auch heraus⸗ helfen.... Du mußt mir rathen.... Wie ziehe ich mich Durandin kratzte am Kinn. „Ich,“ ſagte er,„wenn ich an Deiner Stelle wäre, ſo würde ich zu den großen Mitteln meine Zuflucht nehmen.“ „Unter großen Mitteln verſtehe ich Radikalmittel... Du begreifſt..... keine halben Maaßregeln.... Man muß ſcharf verfahren; das iſt meine Meinung.“ „Deine Lage iſt klar.... Geſtern noch ſagteſt Du zu mir: Ich ſtehe nur zwei Schritte vom Fall....... heute kannſt Du kaum noch anderthalb Schritte davon weg ſein... Man muß vwiſſen, und das ſogleich, ob auf Deine Frau Etwas zu rechnen iſt. Im Fall es ſich völlig erweiſen ſollte, daß keinerlei Abkommen mit ihr zu treffen iſt.... nun, zum Henker, mein Gu⸗ ter, ſo ſchickt man am Ende einer Belagerung die un⸗ „Du denkſt an ſo Was 2....“ rief Du Chesnel. „Gewiß denke ich an ſo Was.... Aber willſt Du denn im Hofe dergleichen verhandeln?....“ Du Chesnel ſtieg die Treppe hinauf. Als er durch's Vorzimmer kam, erkundiate er ſich nach Char⸗ lotten, die eben wieder zur Beſinnung geköommen war. b Durandin und er ſetzten ſich im Salon nebenein⸗ ander. „Ich ſagte alſo,“ hob der Sachwalter wieder an, indem er ſich auf der Stelle dem Vergnügen, mit ſeinen Daumen zu trällern, hingab,„ich ſagte alſo, daß bei einer Belagerung....“ „Weiter 2....“ unterbrach ihn Du Chesnel. 297 „Nun, das iſt ganz einfach.... Zu was nützt Dir Deine Frau? Von jetzt an wird ſie Dich verachten, verabſcheuen....“ Dich verabſcheuen wird.... ganz wohl. Andererſeits, da ſie nun von Allem benachrichtigt iſt, Ade das Ge⸗ zu... aber ſo iſt's nun einmal!.... Frägt ſich jetzt nur, ob in Deiner Lage eine Frau, die zu Nichts dient, nicht das ſchädlichſte und gefährlichſte Ding der Welt ſei... Der Sachwalter ſchwieg. Du Chesnel ebenfalls. „Was ſagſt Du dazu?“ hob Durandin wieder an. Du Chesnel antwortete noch nicht. „Ich erinnere mich nämlich,“ fuhr der Sachwalter fort,„unſerer geſtrigen Unterredung... Die Herzogin iſt eiferſüchtig.... Lea Verin iſt eiferſüchtig.... Mein lieber Junge, Du biſt nicht im Stande, Deine Frau zu behalten, wenn Deine Frau dieſe beiden Damen nicht erſetzen kann.... Sieh Dich lange um, ich wette, da heraus ziehſt Du Dich nicht!“ Du Chesnel war ſehr blaß; er litt ſichtlich. „Ach! ich glaubte nicht, ſie ſo ſehr zu lieben!...“ murmelte er. 1 „Steht es ſo?“ ſagte Durandin.„Falle vor ihr auf die Knie! girre ihr eine kleine Elegie vor...... Schließt Friede, wie zwei Turteltäubchen.... ich aner⸗ biete Dir eine Stelle als zweiter Schreiber in meinem Geſchäfte.“ Du Chesnel warf einen erzürnten Blick auf ihn. 298 „Ich weiß wohl, daß Du Recht haſt,“ ſagte er, aber „Es gibt da kein Aber, mein Junge!“ „Man muß ſich doch wenigſtens überzeugen...“ „Das iſt ganz richtig.“ „Wenn Da es über Dich nähmeſt, zu Charlotten 21 begreife ich.... Wohlan, wenn Du mir verſprechen willſt, Dich als geſcheidter Mann zu betragen, ſo will ich es über mich nehmen, das erſte Feuer auszuhalten.“ „Ich thue, was Du willſt,“ ſagte Du Chesnel. „Setzen wir einmal den Fall.... Da verliere ich nun ſchon zwei völle Tage mit Deinen Angelegenheiten .. und doch bedürften, weiß Gott, die des Marquis meiner im höchſten Grade.... Mein Nichtsthun ſoll aber wenigſtens zu Etwas dienen.. Ich verſtehe näm⸗ lich das Ding ſo: Erſtens, wenn Madame Du Chesnel Nichts weiß, oder wenn ſie Etwas weiß, und ſich nicht allzu⸗ ungeberdig zeigt, ſo iſt es abgemacht, daß der Contract mit Polype ſachte betrieben wird und die Angelegenheit ihren Gang nimmt, wie es zwiſchen den Parteien ver⸗ abredet wurde; Zweitens, wenn im Gegentheil Madame Du Chesnel durch Bathilde.... die zu allen Teufeln gehen ſoll.... von der Sache unterrichtet worden iſt und mit ihr kein Abkommen zu treffen iſt, ſo bleibt's dabei, daß Du ſie in einen Fiaker ſetzeſt und ſie ſtracks wieder da⸗ hin führſt, wo Du ſie hergenommen haſt.“ „Aber....a ſing Du Chesnel an. . 299 „Ich fürchte es,“ murmelte der Diplomat. „Ich hoffe es auch, ich!....“ ſagte Durandin; „ſind wir einverſtanden?“ „Herr von Naye hat mir gerade an der Schieß⸗ ſtätte von Saint⸗Chaumont ſeine Karte gegeben,“ dachte Du Chesnel laut. „Wie gut ſich das trifft!“ rief der Advokat.„Be⸗ denk' es wohl... nie ward ein logiſcheres Dilemma geſtellt.... Wenn Deine Frau Dich noch liebt, ſo be⸗ hältſt Du ſte.... kann ſie Dich nicht mehr leiden, ſo führſt Du ſie zurück.... und kommſt am Ende mit dem Verlangen auf eine Scheidung zu Tiſch und Bett da⸗ von.Ich will die Prozedur gerne übernehmen.“ Du Chesnel zögerte nur einen Augenblick. Der Advokat ſchien die Sache in der That richtig aufzu⸗ faſſen.... Sobald Charlotte den Grad von Schlechtig⸗ keit, zu welchem ihr Mann herabgeſunken war, ermeſſen konnte, wurde eine Scheidung nothwendig. „Thue, was Du willſt,“ ſagte Du Chesnel. Durandin begab ſich in Charlottens Zimmer. Dieſe war allein. Sie war wieder bei Bewußtſein, jedoch in dumpfer Niedergeſchlagenheit. Der Sachwalter ſetzte ſich zu ihr hin. Epiſche Schandthaten tragen noch Poeſie an ſich; bürgerliche Schandthaten ſind nur abſcheulich. Wir wollen einen Schleier über die Scene ziehen, wo ein wackerer Burſche, der einen friedlichen Beruf übt und alles Ernſtes unfähig wäre, ohne Noth auch nur eine Fliege zu tödten, in aller Heimlichkeit eine halbe Stunde lang den Dolch in dem erbitterten Her⸗ zen eines armen Weibes umwandte. 4 Durandins Botſchaft bot übrigens keine Schwierig⸗ keit. Charlotte war ſtolz und lebhaft. Unter ihrem kin⸗ F lichkeit. 3⁰0 diſchen Ungeſtüm lag eine hohe Kraft. Sie mußte ihm halbwegs entgegenkommen. Die erſten Worte Durandins erdrückten ſie unter dem Gefühl ihrer Schmach. Bis zu dieſem Augenblick hatte ſie noch zweifeln wollen. Sie beſchuldigte Ba⸗ thilde der Lüge und wollte ihr ganzes Ungluͤck nicht glauben. Von nun an war ein Zweifel unmöglich. Nachdem einmal der erſte Augenblick des erdrückenden Schmerzes vorüber war, richtete Charlotte ſich auf; ihr angebor⸗ ner Stolz lehrte ſie, was ſie darüber zu denken und zu ſagen habe. Sie benahm ſich würdig, feſt und edel. Sie wußte die Wunde ihrer verzweifelten Seele zu verbergen. „Wohlan, meine liebe Dame,“ ſagte Durandin nach einer ziemlich langen Beſprechung,„mir ſcheint es klar, daß Herr Du Chesnel und Sie ſich über die⸗ ſen Punkt nie werden verſtändigen können.... Dieſer Punkt aber iſt der Hauptpunkt... Habe ich Sie recht verſtanden, ſo wären Sie nicht abgeneigt, den ehelichen Wohnſitz zu verlaſſen.“ „Wenn ich wüßte, wo mein Bruder zu finden wäre!“ liſpelte Charlotte. „Meine liebe Dame, wir wiſſen es.... Ich habe alle Vollmacht von Herrn Du Chesnel.... Willigen Sie ein, ſo machen wir dieſem kleinen Conflikt ganz freund⸗ ſchaftlich, ohne viel Lärm und Aufhebens und ganz, wie es wohlerzogenen Leuten geziemt, ein Ende. Ich will Sie zu Ihrem Herrn Bruder zurückführen.“ CCharlottens Augenlider zitterten und eine vergeblich zurückgehaltene Thräne rann über ihre blaſſe Wange. „Hat Herr Du Chesnel Sie beauftragt, mir hie⸗ von zu ſprechen?“ fragte ſie. Der Sachwalter verbeugte ſich mit lächelnder Höf⸗ Charlotte zögerte eine Weile, dann ſagte ſie auf⸗ ſtehend: 301 „Mein Herr, ich bin bereit, Ihnen zu folgen.“ Durandin bot ſeinen Arm, den Charlotte annahm. Sie beſtiegen Beide Du Chesnels Wagen, der ſie nach dem Marais fuhr. In jenem Augenblick befand ſich Gaſton in dem kleinen Hauſe des Herzogs von Compans. Als Charlotte die Wohnung ihres Bruders wieder betrat, fand ſie dort Niemand als die alte Herzogin, welche unbeweglich und gefühllos in ihrem Lehnſtuhl ſaß, und Jean⸗Marie Biot, der weinend neben der weißen und faſt durchſichtigen Hülle der geſtorbenen Bertha betete. 1* Der Herzog von Compans war ſchon lange wieder in ſeinem Hotel zurück. Es war ungefähr neun Uhr Abends. Der Herzog empfand die Ermüdungen des Tages nicht beſonders. Er war beim Nachhauſekommen von einer guten Nachricht überraſcht worden, und Freude erquickt. Wir treffen ihn mit Deniſart, der ſich ſeit dem vorhergehenden Abend faſt die Manieren des Günſtlings angeeignet, in ſeinem Arbeitskabinet wieder. 4 Was Herrn Burot betraf, ſo konnte die Poule al⸗ lein dieſen darüber tröſten, einen Unberufenen in ſeines Gebieters Zimmer in der Stadt eingeführt zu haben. Der Herzog hatte wahrlich ein ganz jugendlich fri⸗ ſches Ausſehen. Sein Kammerdiener hatte die in ſeiner Toilette entſtandenen Beſchädigungen ausgebeſſert. Er war elegant, geſchniegelt, heiter, luſtig; ein Glück für die arme Sancta, daß ſie jetzt vor ſeinen Angriffen ge⸗ ſichert war. Vor dem Herzog ſah man auf ſeinem Schreibpult die rothe Brieftaſche, welche von Peter Worms, ge⸗ nannt Poupard, aus dem Schreibtiſch des jungen Mar⸗ 3⁰² quis von Maillepré entwendet worden war, geöffnet da liegen. Der Herzog durchblätterte eines nach dem andern der verſchiedenen Papiere, welche die Brieftaſche enthielt. Von Minute zu Minute wurde ſein Lächeln heite⸗ rer; ſeine Augen blinzelten und ſchoſſen ſpöttelnde Blitze. Er ward um zwanzig Jahre jünger. 4 Dieſer Fund hatte eben nicht nur auf ſeine Be⸗ ziehungen zu dem Marquis Einfluß. War einmal der Marquis vom Kampfplatz abgetreten, welches Gewicht hatten dann noch Du Chesnels Großſprechereien? Wel⸗ ches Gewicht die Prätenſionen der Frau Herzogin? 8 Und dann noch, und beſonders, welch' ein Beweis⸗ mittel ſeines Urſprungs blieb dieſem jungen Maillepré, der ſo eben wie eine Drohung vor ihm aufgetaucht? Dieſer Umſtand gab der Brieftaſche einen nicht zu berechnenden Werth. Er ſollte wieder ein Mann werden! er ſollte wieder befehlen, nun ſeinerſeits laut ſprechen, und jene ſüße Tyrannenrolle ſpielen dürfen, welches gewiſſen Naturen ihr Hauptgenuß iſt! ten, ich ſei in ſeiner Gewalt!.... Er hatte die Lunte in der Hand, hätte ich einen Schritt vorwärts gethan, ſo wären wir Beide in die Luft gejagt worden... Das Er hielt inne und fügte dann hohnlächelnd hinzu: „Selbſt in hiſtoriſcher Hinſicht!.... Ein Brief von Lafayette... ein Oberſtenbrevet im Dienſt der Union. Das iſt ja prächtig. Doch die Familienakten ſind mir lieber.... Alles iſt da... Ehekontrakt, Geburts⸗ urkunden, Nichts fehlt.... ausgenommen der Todes⸗ 4 303 ſchein des alten Herzogs!.... Hal meiner Treu, ich bin entzückt, auf ſolche Art die Bekanntſchaft aller mei⸗ ner jungen Malllepré'ſchen Verwandten zu machen.“ . Er wandte ſich gegen Deniſart um, der ihn ver⸗ ſtohlen beobachtete. „Das iſt ganz gut,“ hob er an;„man hatte mich nicht getäuſcht, Ihr ſeid ein Mann von Geſchick.... Wie viel hatte ich Euch verſprochen?“ „Dreitauſend Franken, gnädigſter Herr,“ antwor⸗ tete Deniſart mit einer tiefen Verbeugung. „Dreitauſend Franken!“ rief Compans;„das iſt nicht genug.... Ihr ſollt ſechstauſend haben und Eu⸗ ren Gehalt verdopple ich.“ „Ach! gnädigſter Herr,...“ begann Deniſart, deſ⸗ ſen rothe Naſe und triefende Augen eine ehrerbietige Rührung ausdrücken wollten. Er war ohne Zweifel im Begriff, ſich in das hoch⸗ trabende Kauderwälſch einer ellenlangen Rede zu vertie⸗ fen, als der Kammerdiener des Herzogs eintrat und den Herrn Marquis von Maillepré ankündigte. Deniſart zog ſich in eine Ecke zurück. Mit einer haſtigen Bewegung raffte der Herzog die zerſtreut umherliegenden Papiere zuſammen, welche kurz zuvor den Inhalt der rothen Brieftaſche ausmachten, und warf ſie in eine Schublade, die er abſchloß. Als er eben die rothe Brieftaſche zur Hand nahm, um ſie auf gleiche Weiſe verſchwinden zu laſſen, führte man den Herrn Marquis von Malllepré ein. Der Marquis war ſehr blaß, und vielleicht erman⸗ gelte ſeine Toilette dieſen Abend ihres ausgeſuchten Glanzes; das waren aber auch die einzigen Zeichen von Verwirrung, welche man an ſeiner Perſon hätte wahrnehmen können. Sein ſchönes Geſicht behielt einen Ausdruck ruhiger und ſorgloſer Kühnheit. Der Herzog war aufgeſtanden, um ihn zu empfangen. Sie wechſelten eine Verbeugung. Der Herzog lächelte; der Marquis war kalt. 304 „Mein Herr,“ ſagte dieſer Letztere;„ich war einige Tage von Hauſe abweſend.... während dieſer Abweſen⸗ heit wurde ich auf eine höchſt verwegene Weiſe be⸗ raubt.“ .„Iſt es möglich?“ entgegnete der Herzog,„ſo er⸗ zählen Sie mir doch, mein Vetter.“" Der Herzog lächelte immer. Sein und des Marquis Blick begegneten ſich und fielen zugleich auf die Brieftaſche. „Es iſt ein Familienſtück,“ murmelte der Herzog ſich verneigend. „Ich glaubte es wieder zu erkennen,“ antwortete der Marquis mit gleicher Höflichkeit,„und deßhalb be⸗ mühte ich mich nicht, Ihnen das Ereigniß weitläufiger zu erzählen... Sie mußten die erſte Nachricht davon haben, mein Vetter?“ „Es ſtände mir übel, es zu läugnen,“ antwortete der Herzog. In ſeiner Ecke bückte Deniſart ſeine heuchleriſche Fratze auf eine angefangene Copie und wagte nicht die Augen aufzuſchlagen. Er warf nur von Zeit zu Zeit einen furchtſamen und heimtückiſchen Blick auf den Neuangekommenen, der ihm den Rücken wandte. Die Brauen des Marquis hatten ſich leicht ge⸗ runzelt.— 3 „Wir ſpielen ein gewagtes Spiel, mein Better,“ ſagte er. 3 5 „Ich bin Spieler,“ erwiederte der Herzog. „Man muß es in der That ſein, mein Vetter,“ ſagte der Marquis mit leiſer aber ſtark betonter Stimme, gum heute die Partie wieder anzufangen, die einſt dieſe Brieftaſche in meine Hände brachte.“ Der Herzog mußte ſich zuſammen nehmen, um ſich eines Lächelns zu erwehren. „Mein Vetier,“ hob der Marquis wieder an,„ſind 30⁵ Sie feſt entſchloſſen, mir zum Trotze dieſes Famillienſtück zu behalten?“— „Das unterliegt keiner Frage,“ erwiederte Herr von Compans. „Doch, mein Vetter... und ich will Ihnen ſagen warum... Geſtern war mir an dieſer Brieftaſche gele⸗ gen, wie Einem an ſeinem Vermögen gelegen iſt.... Heute haben ſich die Umſtände gewaltig geändert: jetzt liegt mir tauſendmal mehr daran, als an meinem Le⸗ ben.... Verſtehen Sie mich wohl.... Laſſen Sie ſich nicht durch den Gedanken bethören, daß ich über⸗ treibe oder Sie ſchrecken wolle. Ich muß dieſe Brief⸗ taſche haben... Und müßte ich Sie darum tödten! müßte ich Ihr Haus verbrennen! müßte ich!.... Doch, wozu ſo viele Worte?... Ich ſage Ihnen, daß ich ſie haben muß!“ Der Blick des Marquis war drohend, ſtolz und hart. Sein Geſicht ſprach unbezwingliche Energie aus. Der Herzog hatte ihn zu lange gefürchtet, um bei dieſem verhaltenen und concentrirten Zorne unerregt zu bleiben. Allein ſein Gegner ſelbſt hatte ihm geſagt, es wäre eine eingeleitete Partie; die Mittel, um ſie zu gewin⸗ nen, hatte er in der Hand, es mußte geſpielt werden. 4„Mein Vetter,“ ſagte er, ſein höhniſches Lächeln mit einem Anſchein von Offenheit vertauſchend,„ich weiß ganz wohl, weſſen Sie fähig ſind, und würde mich voor Ihnen fürchten.... das geſtehe ich ganz offen.... wenn ich nicht die Abſicht hätte, Sie auf eine Weiſe zu behandeln, die jeden Krieg unter uns unmöglich ma⸗ chen wird. Was brauchen Sie? zweimalhundertfünfzig⸗ tauſend Franken Einkünfte 2.... Ich gebe ſie Ihnen; morgen ſchon, verkauf ich die Hälfte der Maillepré'ſchen Güter und zahle Ihnen den Erlös davon aus... weil, wie Sie wohl fühlen, unter uns jeder authentiſche Con⸗ trakt eine Unmöglichkeit iſt. Fuͤnf Millionen ſcheinen mir ein annehmbares Löſegeld.“ Pariſer Liebſch. III. 20 306 In ſeiner Ecke ſchnalzte Deniſart, beleckte die Lippen und ſchauderte vor Luſt, in ſeiner Nähe ſo von Millio⸗ nen ſprecheu zu hören.. „Mein Vetter,“ entgegnete der Marquis,„Ihr An⸗ erbieten mag glanzvoll ſein, allein ich nehme es nicht an.“ „Was! die Hälfte meines Vermögens?“ „Ich würde gleicherweiſe die drei Viertel Ihres Vermögens ausſchlagen,“ ſagte der Marquis in ernſtem und entſchloſſenem Tone.„Ich würde Ihr ganzes Ver⸗ mögen ausſchlagen! Ich wiederhole Ihnen, daß ich dieſe Papiere haben muß.“ „ Und ich, ich ſage Ihnen,“ rief der Herzog in Aufwallung,„daß ich es ſatt habe, mir Geſetze von Ihnen vorſchreiben zu laſſen! daß ich den Frieden gern zu übermäßigem Preiſe erkaufen will, daß ich aber Friede haben muß.... So lange Sie jedoch mittelſt dieſer Papiere Gewalt uͤber mich haben, ſo lange werde ich den Krieg befürchten müſſen.“ Die Stirn des Marquis war nachdenklich gewor⸗ den. Er ſtützte ſeine Ellbogen auf Herrn von Compans Schreibpult und hielt ſeinen Kopf in der flachen Hand. Er ſchaute dem Herzog in's Geſicht. „Jener Mann, welchem ich vor ſieben Jahren die Brieftaſche nahm,“ ſagte er mit leiſer und trauriger Stimme,„ſtand ungefähr in ihrem Alter.“ Der Herzog bebte zuſammen und warf unruhige Blicke umher. „Fürchten Sie ſich nicht,“ hob der Marquis wie⸗ der an,„ich bin Willens, Ihnen vierundzwanzig Stun⸗ den Bedenkzeit zu geben... Sehen Sie,“ fuhr er mit ſo leiſer Stimme fort, daß der Herzog ihn kaum ver⸗ ſtehen konnte,„ich habe erſt ſeit wenig Tagen erfahren, was Gewiſſensbiſſe ſind. Es iſt eine gräßliche Qual! Wenn ich ein zweites Mal tödten muß, ſo ſterbe ich daran, ich weiß es wohl... allein von jetzt an habe ich eine Aufgabe in dieſer Welt... ſie muß erfüllt wer⸗ den, und ſollte ich zum zweiten Male Mörder ſein!“ —— 307 Des Herzogs Augenlider ſenkten ſich vor dem ſchwe⸗ ren und feſten Blick des jungen Mannes. Er ſchien gewaltſam bezwungen, und während ſei⸗ nes Zauderns gruben ſich tiefe Runzeln in ſein gealter⸗ tes Geſicht. Der Marquis ſchwieg. Nach Verfluß einiger Sekunden ſchlug der Herzog ſein Auge zu ihm auf, das entſetzlichen Haß verkündete. „Mein Vetter,“ murmelte er,„unter dem gezückten Dolche ſucht man ſich zu vertheidigen.... Stahl mit Stahl abwehren, heißt kein Verbrechen begehen. Den⸗ ken Sie denn, Sie, der Sie mir in's Geſicht drohen, daß es mir ſo ſchwer fallen würde, Ihnen zuvorzukommen!“ „Nein, mein Vetter,“ antwortete der Marquis. „Derjenige Ihrer Diener, der meinen Schreibtiſch ſo geſchickt erbrochen hat, muß auch das Uebrige ſeines Gewerbes kennen.... wenn ich aber von Mord geſpro⸗ chen, ſo wiſſen Sie wohl, was ich habe ſagen wollen. Ich habe ſeit ſieben Jahren Erfahrungen gewonnen und hege die tieſſte Verachtung gegen den Dolch... Meine Waffe iſt eine einfachere, und ſieben Jahre, Sie wiſſen wohl, reichen nicht hin, den Meuchelmord zu verjähren.“ Der Herzog ſtieß einen tiefen Seufzer aus, der eher Erleichterung als Unruhe andeutete. Er theilte die Meinung des Marquis nicht, und ſich der Nacht des Faſtnachtdienſtags vom Jahr 1826 erinnernd, betrachtete er den Dolch als eine Waffe, die nicht zu verſchmähen iſt. „Mein Vetter,“ ſagte er mit wiederkehrender Feſtig⸗ keit,„ich habe Ihnen meine Bedingungen geſtellt.... Fortan wird mich Nichts davon abbringen.“ 4 „Mein Vetter,“ erwiederte der Marquis,„ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden, die meinigen anzu⸗ nehmen.“ Bei dieſen Worten lehnte er ſich in den Armſtuhl zurück. Seine gerunzelten Brauen glätteten ſich und auf ſeinem Geſicht erſchien ſein reizendes Lächeln wieder. 308 „Reden wir von was Anderem, mein Vetter,“ hob er mit leichtfertiger Munterkeit wieder an....„ſagen Sie mir.... Sie ſind bei dieſem Umſtande ja trefflich bedient worden.. Der Schlingel, der mich beraubt, iſt ein wahrer Künſtler... er hat mir zehntauſend Tha⸗ ler geſtohlen, ohne ein einziges meiner Möbel zu be⸗ ſchädigen, ohne ein einziges meiner Schlöſſer zu verder⸗ ben.... Was das geheime Schubfach betrifft, in welchem dieſe Brieftaſche lag, ſo ſtreckte er nur die Hand aus und nahm Beſitz von der rothen Brieftaſche; er fühlte, daß ſie leer war;„keine Enttäuſchung verdunkelte die zurückgekehrte gute Laune.“ Das Schubfach war mit der berühmten Erfindung, welche Herr Goret und Herr Chifel, unſere beiden Schloſſerhelden, ſich ſeit zehn Jah⸗ ren ſtreitig machen, kunſtreich verſchloſſen.... Der Spitzbube hätte die fünfzehntauſend Franken gewinnen können, welche dieſe Herrn ſo großmüthig Jedem aner⸗ bieten, der ihre Schlöſſer öffnen kann... ⸗ Der Herzog konnte ſich nicht enthalten, auf dieſe plötzliche Regung von Heiterkeit einzugehen. „Es freut mich ſehr,“ antwortete er halblächelnd, „daß man wenigſtens Ihr elegantes Mobiliar geſchont hat.... „Ja, ja,“ entgegnete der Marquis,„man iſt dabei mit ungemeiner Schonung zu Werke gegangen... Sie werden mir den Schurken vorſtellen, nicht wahr, Herr Herzog?“ „Mein Vetter, ich kann Ihnen Nichts abſchlagen, allein ich kenne ihn nicht perſönlich.“ Der Herzog ſprach dieſe Worte mit dem ganzen, gebührenden Hohn aus. Dann fügte er hinzu: „Sie müßten ſich hiezu an jenen guten Jungen dort unten in der Ecke wenden... der könnte Ihnen in dieſer Hinſicht genügenden Aufſchluß ertheilen.“ Der Marquis wandte ſich um und erblickte Deni⸗ ſart's Rücken über die Copie hingebeugt. 4 309 Er ſtand auf und ging auf ihn zu. Deniſart, der eine unmittelbare Züchtigung befürch⸗ tete, machte ſich klein und zitterte wie ein Eſpenlaub. Der Marquis packte ihn bei der Schulter, zwang ihn aufzuſtehen und kehrte ihn mit einer derben Bewe⸗ gung um. Jetzt ſtanden ſie ſich gegenüber und ſchauten ſich an. Deniſart, deſſen Geſicht vor Furcht leichenblaß war, ſperrte beim Anblick des Marquis die Augen verwun⸗ dert auf. Der Marquis ſelbſt machte eine Geberde der Ueber⸗ raſchung. Man braucht ein gemeines Geſicht, wie das des Pedanten, nicht drei Mal zu ſehen, um ſich ſeiner auf immer zu erinnern. Der Marquis blieb einen Augenblick unbeweglich. „Aha! Du haſt das ausgeführt!“ murmelte er ſo, daß er nur von Deniſart verſtanden werden konnte; „ſchon gut.“ Er drückte des Pedanten Arm ſo heftig, daß dieſer erſchrocken auf ſeinen Stuhl niederſank. „Meiner Treu, Vetter,“ hob der Marquis wieder an, indem er von Neuem zu dem Herzog hintrat,„dieſer Menſch trägt ganz den Stempel ſeines Gewerbes. Sie haben ihn, ich möchte wetten, auf ſeine Phyſionomie hin gewählt!“ Er nahm ſeinen Hut und fügte mit anmuthsvollſter Verbeugung hinzu: „Herr Herzog, wir haben uns wie biedere und gute Verwandten, die wir ſind, gegen einander erklärt. Ich bitte Sie, völlig überzeugt zu ſein, daß ich meinerſeits allen meinen Verſprechen nachkommen werde. Auf das Vergnügen, Sie wieder zu ſehen!“ Der Marquis beurlaubte ſich. Als er über die Schwelle ſchritt, wandte er ſich um und gab Deniſart, der furchtſam mit den Augen blinzelte und den Kopf ſenkte, noch einen bedeutungsvollen Wink. 6. Das Zimmer des Mordes. Das Palais⸗Royal hatte ſeit ſieben Jahren weſent⸗ liche Veränderungen erlitten. Das Baſſin war ausgehöhlt, die Drahtgitter für die in den hölzernen Galerien zur Schau ausgeſtellten Waaren hatten jener gläſernen Halle Platz gemacht, welche die Schweizer, die Belgier und die Leute aus Cahors durchaus als den Mittelpunkt der Pariſerele⸗ ganz anſehen. 3 Auch das Uebrige war vorwärts geſchritten. Die Reſtaurants hatten ſich in's Unendliche vermehrt und boten den Feinſchmeckern der Provinz leckere Mahlzeiten für die mäßige Auslage von vierzig Sous. Das Spiel hatte ſeine Tempel noch alle behalten und Venus nur mit ihren Prieſterinnen gewechſelt. Aber ſchon fing es an aus der Mode zu kommen. Es herrſchte etwas Trauriges, etwas Kaltes unter den langen Galerien. Die Freude fühlte ſich dort gelang⸗ weilt. Das Laſter ſchlief erſtarrt.— Am Tage nach den Ereigniſſen, welche wir in den vorhergehenden Kapiteln erzählt, fuhr gegen acht Uhr Abends ein elegantes Coupee von der Straße Vivienne her bei der Vortreppe des Palais⸗Royal an. Ein junger Mann von gefälligem, ausgezeichnetem Anſtande ſprang heraus und ſtieg die Stuſen hinan, welche nach der Galerie Beaujolais führen. Er durchſchritt die kurze Halle, indem er links hin einen Blick auf den Keller zum Wilden Mann warf, deſſen Begangenſchaft damals ſchon ſehr abgenommen hatte, und eilte geraden Weges dem Garten zu. Es lag an jenem Tage ein kleiner politiſcher Sturm in der Luft. Das Volk hatte ſich auf dem Boulevards 311 zuſammengerottet und vielleicht hatten in der Nähe des St. Martinthores die Feuerſpritzen geſpielt. Eine ungeheure Menſchenmenge drängte ſich in den Garten. Und wirklich verläuft ſich oft der ſchwatzende, der literariſche Theil des Aufſtandes, im Palais⸗Royal. Anderswo ſchlägt man ſich. Im Palais⸗Royal ſtößt man ſich und ſchwatzt. Der junge Mann, welcher eben die Treppe hinab⸗ kam, war der Marquis von Matillepré. Er kam weder hieher um zu politiſiren, noch waren ſeine Gedanken bei den leeren Aufſchneidereien, die lär⸗ mend von Gruppe zu Gruppe liefen. Sein Geſicht war düſter und ernſt. 4 4 Seit ſieben Jahren hatte der Herr Marquis von Maillepré das Palais⸗Royal nicht wieder betreten. Auch umflutete ſtürmiſch ein Strom von Erinne⸗ rungen ſeinen Geiſt. Die ihn umringende Menge half der ſchmerzlichen Arbeit ſeines Gedächtniſſes nach. Es war ihm faſt, als befände er ſich mitten unter jener andern, buntſcheckigen, betrunkenen, tollen Menge, die am Abend des Faſtnachtsdienſtags vom Jahre 1826 die Gaͤrten füllte. Er drängte ſich, wie damals, durch die dichten Hau⸗ fen. Jeden Augenblick ſtieß ſein Blick auf einen be⸗ kannten Gegenſtand, der ſeine Gewiſſensbiſſe erregte.... Hier vor dem Kaffeehaus der Rotonde hatte der Herzog dem unglücklichen James Weſtern jenen Namen in's Ohr geraunt, welcher gleich einem Zauberworte die Macht beſaß, einen Menſchen zu töͤdten. Dort war das Schlachtfeld, wo Weſtern mit den Masken gekämpft und Joſepin zu Boden geworfen hatte. Weiter hin be⸗ fand ſich jene Thüre, aus welcher Carmen geſchlüpft, um Frauenkleider anzuziehen. Noch weiter weg war der Eingang in die Kaffeewirthſchaft des Caveaus, wo jene unterirdiſche Scene ſtatt gefunden hatte, die das Vorſpiel zu einem blutigen Drama ward. 312 Mit einer Art düſtern Vergnügens in ſeine Er⸗ innerungen verſenkt, ging der Marquis hin und her. Nach Verfluß einiger Minuten ſchritt er wieder am Keller vorbei und in die Straße Beaujolais ein⸗ lenkend, verfolgte er denſelben Weg, welchen er ſieben Jahre vorher unter Carmens Namen mit Weſtern ge⸗ macht, um in das Wirthshaus zum Wilden Mann zu gelangen. Der kleine Durchgang, welcher nach der Straße Valois führte, war noch immer ſo dunkel, ſo feucht und ſo kalt wie ehemals. Der Marquis ſtieg die ſchmieri⸗ Pen Siufen hinan und befand ſich im Erdgeſchoß des otels. Schon längſt hatte Herr Polype dieſe einträgliche Laſterhöhle verkauft. Nicht Herr Polype ſaß mehr im Comptoir der großen Wirthsſtube, fondesn eine Dame von wenigſtens gleichem Werthe.— „Iſt das Zimmer in Bereitſchaft?“ fragte der arquis. „Ja, mein Herr,“ antwortete die Dame,„die rothe Stube im erſten Stock, ſechs Gedecke.“ Der Marquis eilte die Treppe hinauf, ihm voran trug ein Kellner ein Wachslicht. Der Marquis war blaß. Große Schweißtropfen befeuchteten ſeine kalten Schläfe. Der Kellner öffnete die Thüre des rothen Zimmers und wich etwas aus, um den Weg frei zu laſſen. Statt aber einzutreten, that der Marquis einen Schritt zurück, und wankte, als wolle er rücklings hinfallen. An ſeinen Augen war eine Viſion vorübergezogen. Er hatte hinter dieſer offenen Thüre einen Leichnam auf dem Boden ausgeſtreckt geſehen. Es war jedoch die Sache eines Augenblicks; vermit⸗ telſt einer gewaltſamen Anſtrengung fand ſein Geiſt das Gleichgewicht wieder, er trat ein. 313 Dieſes Zimmer, welches man die rothe Stube nannte, hatte indeß nichts beſonders Schauriges an ſich. Es war ein Schlafzimmer des Hotels, deſſen ver⸗ blichene Vorhänge ehemals roth geweſen ſein mochten, jetzt aber nur noch eine unbeſtimmte und verſchoſſene Farbe hatten. 3 Vor den Fenſtern waren die Jalouſien beſcheiden niedergelaſſen; im Hintergrunde ſah man einen großen geſchloſſenen Alkoven und ein hartes Sopha. In Mitte der Stube ſtand ein Tiſch mit einem blendend weißen Tafeltuche bedeckt, wo ſich ſechs Teller mit übrigem Zubehör aneinander reihten. Es war ein Nachteſſen beſtellt worden. Der Marquis blieb einige Schritte von der Thüre ſtehen. Der Kellner ſtellte das Licht auf den Tiſch und machte Miene, ſich zu entfernen. „Dieſer Tiſch iſt zu nahe am Fenſter,“ ſagte er. Der Kellner rückte den Tiſch weiter weg und wandte ſich dann von Neuem der Thüre zu. „Mich dünkt,“ ſagte der Marquis,„wir wären in der Nähe des Kamins beſſer.“ „Wie der Herr befehlen,“ entgegnete der Kellner, der ſogleich die beſagte Veränderung ausführen wollte. Bevor er jedoch den Tiſch vollends hingerollt, ſagte der Marquis barſch: „Schon gut... Verlaßt mich und ſobald die Herrn kommen, fuͤhrt ſie auf der Stelle herauf.“ Der Kellner ging weg und ſchloß die Thüre. Der Marquis hörte das Geräuſch ſeiner Schritte im Corridor ſich verlieren. Er hatte die Augen nie⸗ dergeſchlagen und hob ſie nicht wieder auf. Ein anhal⸗ tendes Zittern bewegte faſt unmerklich ſeine Glieder. Seine Bläſſe war leichenfarb geworden. Seine Züge drückten Abſcheu und Entſetzen aus. Die Anordnungen, welche er einen Augenblick zu⸗ vor getroffen, hatten blos bezwecken wollen, den Kellner zurückzuhalten. Er hatte Furcht. 314 Als er das Geräuſch der Tritte im Corridor nicht mehr hörte, verbreitete ſich ein Ausdruck von Angſt über ſein Geſicht. Sein Herz war zaghaft, ſeine Beine brachen unter ihm zuſammen. Schwankend erreichte er das Sopha, wo er ſich niederſetzte, um nicht rücklings hinzufallen. Allein die Berührung dieſes Sitzes ſchien ihn zu brennen, in einem Satze ſprang er wieder aufV; ein Schauer ſträubte ihm die Haare. Auf dieſem Sopha war Carmen gelegen. Ihr ge⸗ genüber hatte vertrauensvoll James Weſtern ſeine letzte Mahlzeit gehalten. Der Marquis fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, auf welcher eiſiger Schweiß perlte. Er blieb ſtehen, denn er wagte keinen Schritt zu thun und kein Auge aufzuſchlagen, da ja Alles in dieſem verfluchten Zimmer ihm von ſeinem Verbrechen ſprach. Dieſen ſtaubigen Boden hatten ſeine Füße in un⸗ züchtigen und anmuthsvollen Stellungen berührt, wäh⸗ rend er ſich in dem üppigen ſpaniſchen Tanze ſchaukelte. Es war ihm, als höͤrte er noch das häufige Gerölle der Caſtagnetten, das ſich mit den Geſängen der wein⸗ berauſchten Masken miſchte, welche im uniern Stockwerk ihre Orgien hielten. Durch dieſes jetzt geſchloſſene Fenſter hatte Carmen entfliehen wollen. Sie hatte die Tücher an den Balcon geknüpft, jene Tücher, welche eine geheimnißvolle Knochen⸗ hand, gleich der Hand eines Geſpenſtes, ihr gewaltſam entriſſen. In dieſem Alkoven hatte ſich Carmen verborgen. Da zum erſtenmal hatten Gewiſſensbiſſen in der Tiefe ihres Herzens gegrollt. Dieſer kalte Schweiß, der jetzt ihre Schläfe netzte, war hier zum erſtenmal unter ihren Haaren hervorgequollen! Zwei Schritte von ihr hatte Carmen jenes Brett, das eine breite Spalte von ſeinem Nachbarn trennte aufgehoben. 315⁵ Und in das ſchwarze Loch, welches dieſes Brett verdeckte, hatte Carmen James Weſterns Körper ge⸗ ſtoßen.... den ſtummen, ſtarren, ſchweren Leichnam jenes kurz vorher noch ſo lebensvollen Mannes, der eben noch zu ihr, der Unbekannten, Worte der Zärt⸗ lichkeit und des Mitleids geſprochen! Die Kehle des Marquis röchelte, ſeine Schläfe pochten, alle Muskeln ſeines Körpers zitterten, von er⸗ ſchöpfendem Fieber durchſchauert. 3 Er hätte fliehen mögen, allein ſeine lebloſen Füße waren wie an den Boden genagelt. Die entſetzliche Furcht vernichtete ihn. Er wäre unfähig geweſen, eine Bewegung zu machen oder einen Schrei auszuſtoßen. Sein Kopf füllte ſich mehr und mehr mit wahn⸗ witzigen Gebilden. Er hatte ſeinen Erinnerungen Trotz geboten, ſeine Erinnerungen tödteten ihn. Weſtern's Geſpenſt war da, überall, drohend oder klagend. Ueberall haftete Blut. Von allen Seiten her Stöh⸗ nen und Wimmern. Seine Augen konnten ſich lange ſchließen, er ſah immer jenen blaſſen Leichnam zu ſeinen Füßen liegen. 3 Am Ende mangelten ihm die Kräfte, dieſen fürch⸗ terlichen Kampf auszuhalten. Beſiegt ſank er auf den Boden nieder. Einige Minuten nachher ließen ſich Schritte im Corridor vernehmen, Schritte und Stim⸗ men. Man kam näher. Der Marquis erwachte jählings aus ſeinem Wahnwitz und raffte ſich haſtig auf. Nur die Einſamkeit kann ſolche Schreckgebide her⸗ aufbeſchwören. Beim erſten Geräuſch, das die Annähe⸗ rung eines Menſchen verkündet, kehrt die Vernunft zurück. Als die Thüre ſich öffnete, hatte der Marquis ſeine gewöhnliche Haltung wieder angenommen und außer einem über ſein Geſicht verbreiteten Reſt von Bläſſe nigen ähnlich ſein,. Ich habe nur eine dringende Ein⸗ Ddrrohung darin finden können.“" Fnſten und feierlichen Ausdruck. 316 war keine Spur von ſeiner kurz noch erlittenen Qual zu ſehen. b Die Neuangekommenen waren Leon du Chesnel, b Durandin und der Doktor. Sie traten ein, Du Chesnel an der Spitze. In Betracht ſeiner Stellung behandelte der Diplo⸗ mat den Marquis als Seinesgleichen und er bot ihm die Hand. Joſepin dagegen machte eine beinahe ehrerbietige Verbeugung.. Der Sachwalter benahm ſich als Geſchäftsmann, das heißt, man konnte aus ſeiner Begrüßung Nichts folgern. Allein die Leute, die Alles aus den Phyſionomien errathen wollen, hätten dieſen Abend mit dem guten, dicken Geſicht Durandins einen ſchweren Stand gehabt. In ſeinem gutmüthigen Lächeln lag Triumph und Schlauheit. Man hätte glauben können, er wiſſe über die Beweggründe dieſer Zuſammenkunft mehr, als die Andern und mehr, als er ſagen wollte. Du Chesnel ergriff zuerſt das Wort. „Mein Herr,“ ſagte er zum Marquis,„ich denke, die an dieſe Herrn gerichteten Briefe werden dem mei⸗ ladung darin geſehen.... Empfindlichere hätten eine „Laß doch,“ entgegnete Durandin, der wechſelsweiſe dem Diplomaten und dem Marquis zulächelte.„Du ſiehſt überall Drohungen.... Der Marquis weiß, daß wir ſeine Freunde ſind. Wozu ſeinen Freunden drohen?“ Der Marquis dankte mit einer Kopfbewegung und wies ihnen Plätze am Tiſch an. Die drei Ankömmlinge ſetzten ſich. In Folge des kürzlichen Schlages, der ihn betroffen, und auch der Wirkung, welche dieſes unſelige Zimmer bei ihm her⸗ vorbrachte, behielt der Marquis unwillkürlich einen Du Chesnel und Joſepin bemerkten dieſes ernſte 317 Ausſehen und fuͤhlten eine dunkle Unruhe dabei. Der Ort, welcher zu dieſer Vereinigung gewählt worden, hatte in der That etwas Düſteres und ſchien eine Wiederkehr jenes ſchon lange begangenen Verbrechens ankündigen zu wollen, welches die ſechs Gäſte des Car⸗ nevals von 1826 wie ein enger Vertrag band. Beide ſchauten den Marquis verſtohlen an und ſuchten aus ſeinen Zügen einigermaßen ſeine Gedanken zu leſen. Durandin beunruhigte ſich nicht um ſolcher Klei⸗ nigkeit willen. Sein Geſicht drückte, wie gewöhnlich, die glücklichſte Heiterkeit aus; und mehr als gewöhnlich lag in ſeinem Lächeln eine ziemlich ſtarke Doſis Schlauheit; ſein auf den Marquis gehefteter Blick zeigte einen leiſen Schatten von Ueberlegenheit. Noch waren zwei Gedecke leer geblieben; es währte indeß nicht lange, ſo ſah man Deniſart in Begleitung Roby's ankommen. Roby, ruhmredig, vertraulich, praleriſch und die eingebildete Krauſe eines Jabots zupfend, der nicht vor⸗ handen war; Deniſart demüthig, ſpeichelleckeriſch und ringsum geſenkten Auges ſich verneigend. Man trug auf. Während des Nachteſſens blieb man ſtille und kalt. Erſt beim zweiten Service ſah man die Gäſte etwas lebendiger werden und den Schüſſeln des Wirthshauſes zum Wilden Mann Ehre machen. Wir müſſen indeß zu Gunſten Durandins, welcher von der Suppe an wie ein erſter Schreiber aß und wie ein Prokurator trank, eine Ausnahme geſtatten. Roby war der Erſte, der in ſeine Fußſtapfen trat; dann kam Deniſart, welcher, eifrigſt die verlorne Zeit nachholend, ſeine Naſe bald wieder in den Zuſtand einer glühenden Kohle gerathen ließ. Sei es nun Zufall, oder hatte der Marquis es ſo gewollt, die Gaſte ſaßen wieder in derſelben Ordnung zu Tiſche, wie in der Nacht jenes Faſtnachtdienſtags. Der Marquis hatte Durandin zur Linken und Deniſart 318 zur Rechten; ihm gegenüber ſaß Du Chesnel und dem zur Seite Joſepin und Roby. Deniſarts Stuhl ſtand, wie damals, mit einem ſeiner Füße auf dem Brette, welches dem improviſirten Sarge Weſterns als Deckel gedient hatte. Allein dieſes Brett war wieder feſtgenagelt worden es ſchnappte nicht mehr auf. Beim Deſſert ſchob der Marquis ſeinen Lehnſtuhl zuruück und verlangte durch eine Geberde Stille. „Meine Herrn,“ ſagte er,„es beſteht unter uns eine Verbindung, welche der Zufall mit Ohnmacht ge⸗ ſchlagen zu haben ſcheint. Es ſind da Zwei unter uns, die ich nicht kenne.... Seit ſieben Jahren habe ich ſie nicht wieder geſehen...“; „Reiſen,“ fiel ihm Roby in's Wort.„Indeß, Herr Marquis, hoffe ich das Vergnügen zu haben, mit Ihnen in Zukunft ſehr enge und unendlich angenehme Verbin⸗ dungen zu knüpfen....“ „Ich,“ ſagte Deniſart mit ſchüchterner Miene,„habe vier Jahre lang vergeblich alle Wochen an die Thüre der Frau Baronin von Roye geklopft.... Erſt geſtern erfuhr ich, daß ſie noch einen andern Namen trägt.“ „Deniſart,“ verſetzte Durandin,„der Herr Marquis erinnert ſich nicht mehr, Dir einſt unter dem Namen der Baronin fünfzehnhundert Franken gegeben zu haben, um Deine famoſe Brochüre drucken zu laſſen... Ich bin gewiß, Deniſart, Dein gutes Herz hat das nicht ver⸗ geſſen können.“ ℳ Der Pedant vemeigte ſich mit einem falſchen Lächeln. 4 „Gott behüte!“ murmelte er,„wie ſollt' ich je eine Wohlthat vergeſſen können?“ 8 Wir brauchen nicht zu erwähnen, daß ſich Noby des Streiches nicht rühmte, den er Abends zuvor bei der Frau Baronin ausgeführt, und noch weniger des übeln Erfolges deſſelben. Der Marquis hob wieder an: V b 319 „Niemand iſt hier zu tadeln, meine Herren... Die Noth bringt einander näher... Wir haben uns von einander entfernt gehalten, weil ohne Zweifel unſer In⸗ tereſſe uns nicht zuſammenführte.... Heute bedarf ich Ihrer Aller... Ich muß in Ihnen vollkommen ergebene Leute finden, die zu jeder Dienſtleiſtung bereit ſind... Ich hoffe, Sie werden mich entſchuldigen, Ihnen in meinem Briefe jenen höchſt unglücklichen Umſtand, wel⸗ cher ein unauflösliches Band zwiſchen uns iſt, in's Ge⸗ dächtniß gerufen zu haben.“. „So war es alſo doch eine Drohung?“ ſagte Du Chesnel halblaut. „Durchaus nicht, durchaus nicht,“ machte Du⸗ randin....„Du biſt übel aufgelegt, mein Guter!“— Joſepin rückte die goldene Brille zurecht und öffnete den Mund, um zu ſprechen, allein er ſprach nicht. — Das war ſo des Doktors Gewohnheit. „Thatſache iſt's,“ ſagte Roby,„daß eine ziemlich unangenehme Erinnerung zwiſchen uns iſt.... Allein, nach Allem werden der Herr Marquis oder die Frau Baronin mir erlauben, Ihnen zu ſagen, daß es von Roby's Nacken bis zur Gutllotine noch weit iſt!“ Die Naſe im Glas, trank Deniſart ſchüchtern einen Zug und ſchwieg. „Es iſt von Ihrem Hals zur Guillotine um 9 weiter, mein Herr,“ fuhr der Marquis mit ſtrenger Stimme fort,„als man mich vollends auf's Aeußerſte treiben müßte, um von der fürchterlichen Waffe Ge⸗ brauch zu machen, die der Zufall in meine Hände ge⸗ geben hat.“ „Bah!“ machte Roby,„ſieben Jahre, das iſt ver⸗ teufelt lang!... Der brave Mann hat keine Beſchwerde geführt, Niemand hat von dieſer Geſchichte ein Wort gewußt.... Herr Marquis, Ihre Anklage ſchiene ja aus dem Monde zu fallen.“ „Die Form bei Seite,“ ſetzte Du Chesnel hinzu, 320 „muß ich ſagen, daß ich mich Herrn Roby's Meinung anſchließe....“ „Die Form, die Form!...“ brummte Roby,„mit Ausnahme Deniſarts, der eine noch röthere Naſe hat, als ehemals, ſind alle dieſe Unglücklichen da ſo ſüßlich und geſchmeidig geworden, wie junge Erſtlinge vom Gymnaſium!“ „Meine Herrn,“ hob der Marquis wieder an,„das Intereſſe, welches mich treibt, iſt ungemein ernſt.... Neben dieſem Intereſſe iſt Ihrer Aller Leben ſo gut als das meinige ein Nichts, wenn ich es Ihnen doch ſagen muß. Sie erlauben mir daher gefälligſt, darauf zu be⸗ harren und Ihnen zu zeigen, daß Ihre Sicherheit mehr tröſtlich als klug iſt.“— Der Marquis zog ein Journal aus ſeiner Taſche und entfaltete es langſam. „Es iſt eine Nummer des Journal de Com⸗ merce vom Monat April 1826,“ fuhr er fort.„Wenn Jemand von Ihnen die Güte haben will, dieſen mit rother Dinte bezeichneten Artikel laut vorzuleſen, ſo denke ich, Ihre Meinung könnte ſich ändern und ſich mehr der meinigen zuwenden.“ Mit einer gewiſſen Haſt ergriff Du Chesnel das Journal und durchlief den Artikel ſchnellen Blickes. Während er ihn durchlief, erblaßte er ſichtlich. „Laß ſehen, lies uns das Ding vor,“ ſagten die andern Gäſte. Du Chesnel las nun den Artikel mit lauter Stimme. Es war ein Pariſerartikel, der auf kurz ge⸗ faßte Weiſe ein öffentliches Gerücht von einigem Beſtand erzählte, demzufolge im Wirthshauſe zum Wilden Mann, Straße Valois, Palais⸗Royal, in der Nacht vom Faſt⸗ nachtdienſtag auf den Aſchermittwoch des Jahres 1826 ein Mord ſollte begangen worden ſein. Man gab den Namen des Ermordeten an. In Bezug auf die Mör⸗ der, lautete der Artikel, laſte ſchwerer Verdacht auf nachbenannten L. D., E. D., D...t, R...y und 321 J.. n, welche in jener Nacht im Keller des Wilden Mannes einen Streit mit dem unglücklichen Fremden gehabt, und zwar einen Streit, wobei Blut gefloſſen ſei. Die Vorleſung dieſes Artikels machte auf vier der Gäſte einen bedeutenden Eindruck. Es war ein unerwarteter Schlag. Deniſart, Roby, der Doktor und ſelbſt Du Chesnel konnten ihre Unruhe nicht verbergen. Der Sachwalter aber behielt ſeine heitere Ruhe, ſogar ſein Lächeln wurde wo möglich noch vergnügter. Er ſtieß ſeinen leeren Teller weg, und zum erſten Male ſeit dem Beginn der Mahlzeit fand er Muße, mit ſeinen Daumen zu trällern. „Meine Herren,“ ſagte der Marquis,„Ihre An⸗ fangsbuchſtaben ſtehen da, das iſt ein Unglück. Anderer⸗ ſeits muß Ihnen bekannt ſein, daß Ihre Namen alle miteinander und völlig ausgeſchrieben in dem Regiſter der Polizei ſtehen, weil ſie am Nachmittag des Faſt⸗ nachtdienſtags in der Kaleſche und maskirt auf dem Boulevard umhergefahren ſind... eine bloße Zuſammen⸗ ſtellung müßte hier die Identität nachweiſen... über⸗ dieß fühlen Sie wohl, daß, wenn ich die Vorſichts⸗ maßregel ergriff, dieſen klugen Artikel einrücken zu laſſen, ich auch die nöthigen Zeugen nicht aus den Augen ver⸗ lieren durfte....“ Es entſtand auf einige Sekunden Stille, dann aber rief Du Chesnel plötzlich lächelnd: „Wir ſind bewunderungswürdig!... Wir kommen zu Drohungen, bevor wir noch wiſſen, um was es ſich handelt!“ Dieß Wort hatte den größten Erfolg, weil man wieder anfing, ſich zu fürchten. Deniſart, Roby und Joſepin zollten ihm unaufhaltſam ihren Beifall. „Das iſt klar,“ fügte der Doktor hinzu.„Der Herr Marquis möge uns nur ſagen, was wir thun können, um uns ihm gefällig zu erweiſen und ich bin Pariſer Liebſch. III. 21 322 überzeugt, daß Jedermann hier ſich glücklich ſchätzen wird.... „Unſtreitig, unſtreitig!“ rief man einſtimmig. Roby ſuchte nach einem Vers, den er bei dieſer Gelegenheit deklamiren könnte, allein er fand keinen und mußte ſich darauf beſchränken, ſeine Stimme in Proſa abzugeben. Durandin, der bei dieſem friedlichen Enthuſtasmus ſo unerregt blieb, wie bei den kurz noch ſtattgehabten Kriegserklärungen, lächelte immer und ſchien ein Ge⸗ rechter, den die gemeinen⸗Leidenſchaften des großen Hau⸗ fens nicht anfechten konnten. „Ich danke es Herrn Du Chesnel,“ ſagte der Marquis,„einer unnützen Erörterung, welche ernſte Gefahren für Sie, wie für mich bieten konnte, meine Herren... denn ich weiß ſehr wohl, daß, indem ich Sie zu Grunde richte, ich auch mich zu Grunde richte.... Einhalt gethan zu haben. Dieß ſoll Sie jedoch nicht beruhigen! Sie wiſſen, welchen Werth in der Verzweif⸗ lung das Leben hat. Wohlan! ich bin in Verzweiflung. Geſtern beliefen ſich meine Einkünfte noch auf eine Vier⸗ telsmillion; heute bin ich ärmer als ein Bettler.... das wird genug ſein, Ihnen zu beweiſen, daß ich zu Allem bereit bin.“* Durandin bezeugte durch ein Kopfnicken, wie logiſch ihm dieſer Beweisgrund ſchien.. Joſepin und Du Chesnel wechſelten einen unru⸗ higen Blick. Mit der Naſe im Glas horchte Deniſart tuckmäu⸗ ſeriſch zu und gab kein Lebenszeichen. Roby war der, welcher noch am meiſten Duran⸗ dins Heiterkeit theilte. Roby hatte Nichts zu verlieren. „Aus Allem dem entnehmen wir noch nicht, was der Herr Marquis von uns erwartet,“ ſagte er. Dieſer ſammelte ſich einen Augenblick und fuhr dann fort: „Doktor, Sie ſind der Arzt des Herzogs von Com⸗ 323. pans⸗Maillepré... der Eintritt in's Hotel iſt Ihnen zu jeder Stunde geſtattet... Um zu meinem Zweck zu kommen, könnte ich kein nützlicheres Hülfsmittel, als Sie, finden?“ 3 „Welches iſt dieſer Zweck?“ fragte Joſepin. „Herr Du Chesnel,“ hob der Marquis, ohne zu antworten, wieder an.„Sie ſind der Liebhaber der Frau Herzogin von Compans. Ich ſelbſt habe Ihnen vor ſieben Jahren zur erſten Zuſammenkunft verholfen.“ „Das heißt eine Beſtändigkeit!“ murmelte Roby. „Wie der Doktor,“ fuhr der Marquis fort,„ſo können auch Sie zu jeder Stunde in's Hotel. Zudem können Sie auf die Frau Herzogin einwirken... Ich zähle hauptſächlich auf Sie.“ „Und was verlangen Sie von mir, mein Herr?“ ſagte Du Chesnel. „Herr Roby,“ fuhr der Marquis fort,„ich weiß, daß Sie mit dem Sekretär des Herzogs auf freund⸗ ſchaftlichem Fuße ſtehen....“ „O! auf freundſchaftlichem Fuße ſtehen!....“ unterbrach ihn Roby,„Sie verſtehen mich wohl.... Auf freundſchaftlichem Fuße ſtehen, wie ein Mann meines Schlages mit einem Burot auf freundſchaftlichem Fuße ſtehen kann!“ „Ich zähle gleichermaßen auf Sie.“ „Zudem müßte man wiſſen...“ ſagte Roby. „Herr Durandin,“ hob der Marquis wieder an, „ich glaube nicht nöthig zu haben, Ihnen zu ſagen, in was Sie mir dienen können?...“ Der Sachwalter machte eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe. „Sie endlich, Herr Deniſart,“ ſagte der Marquis ferner,„obwohl Ihre Stellung keine Ihrer Verdienſte würdige iſt, Sie ſind unſtreitig am beſten Platze, mir den Dienſt leiſten zu können....“ Deniſart fragte nicht, um was es ſich handle. Er brummte zwiſchen den Zähnen: 324 „Ich habe das Vertrauen des Herzogs, es iſt wahr, allein ſein Schreibpult iſt dreifach geſchloſſen.... Durandin lächelte gutmüthig. „Wir ſollten wohl gar an einem Diebſtahl Theil nehmen?“ ſagte Du Chesnel, ſich ſtolz aufrichtend. Der Marquis ſchaute ihm feſt ins Geſicht; ſein kaltes, ſtechendes Auge drückte einen unbezwinglichen Willen aus. „Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, daß Ihr Le⸗ ben und das meinige neben dem Intereſſe, das mich handeln läßt, ein Nichts ſeien.... Wenn geſtohlen werden muß, ſo werden Sie ſtehlen.... wenn getödtet werden muß, ſo werden Sie tödten!“ 7. Die Fünfe. Der Marquis ſprach dieſe letzten Worte mit lang⸗ ſamer und zugleich eindringlicher Stimme aus. Die Gäſte empfanden einen Schlag dabei, der ſich je nach der Verſchiedenheit ihrer Natur kund gab. Joſepin fühlte ein Zittern. Du Chesnel war aufgebracht und öffnete den Mund, um ſtolz dagegen zu proteſtiren; aber auf ihn hatte ſich in dieſem Augenblick der gewaltige, feſte Blick des Mar⸗ quis geheftet. Er ſchlug ſchaudernd die Augen nieder und ſchwieg. In Roby, der ſeine praleriſche Haltung verlor, tauchten ſchwarze Gedanken auf. Der Marquis erſchien ihm in einem neuen Lichte, und er kam nicht mehr in Verſuchung, ihn durch unbe⸗ ſonnene Angriffe zu reizen. Deniſart, der wußte ſeit dem vorhergehenden Abend um den ganzen Fall. Er war getheilt zwiſchen einem 325 ungeheuren Schmerz, was übrigens bei ihm ein Ge⸗ wohnheitsübel war, und einer vagen Hoffnung, ſeinen Gewinn zu verdoppeln und den ſechstauſend Franken des Herrn Herzogs noch cinige tauſend Thaler beizufügen, um ſeine Spelunke, wir wollen ſagen ſein Haus auf einen guten Fuß zu ſtellen und in den Vorſtädten Ströme von Liebkoſungen zu einem Sou und falſche Schmeiche⸗ leien fließen zu laſſen. Was Durandin betraf, ſo war er um dieſes oder phss Grundes willen vor einer Gemüthsbewegung ge⸗ ützt. Er war der große Vermittler, der es hier übernahm, wechſelsweiſe die feindlichen Leidenſchaften zu beruhigen. Bei dieſer Gelegenheit murmelte er einige Worte von Verſöhnung und nahm dann ſeine unbewegliche Ruhe wieder an. „Meine Herrn,“ fuhr der Marquis fort, indem er den gebieteriſchen Ton ſeiner Stimme etwas mäßigte, „ich habe Unrecht, auf ſolche Weiſe zu befehlen; da es nicht in Ihrer Macht ſteht, meine Forderung abzuſchla⸗ gen... Laſſen wir allen Wortwechſel beiſeite, ich bitte Sie, und verabreden wir die Sache.... Die Brief⸗ taſche, welche meine Familientitel und alle Beweis⸗ ſchriften meines Standes als Marquis von Mailepré enthielt, iſt mir geraubt worden. Zu dieſer Stunde bin ich weiter Nichts mehr als Carmen.... Sie wiſſen, die kleine Unglückliche, welche im Koth auf dem Bou⸗ levard du Temple tanzte....“ Durandin ſchnitt ein erſtauntes Geſicht. Das hatte er nicht erwartet. „Ein böſer Umſtand,“ ſagte Joſepin. „Ich ſehe aber nicht ein,“ ſetzte Du Chesnel hinzu, „was wir hiebei thun können.“ Roby horchte ernſthaft hin, und Deniſart hielt ſich ſtill. Der Marquis fuhr fort: „Es iſt nicht ſchwer, den Urheber dieſer Entwen⸗ 3²26 wenn ich mich zum Aenßerſten entſchloſſen fühle, ſo iſt es, weil ich volle Gewißheit habe.“ „Dein Ehrenwort!....“ ſagte Roby zu Deniſart gewandt. „Was! Elender,“ rief Du Chesnel,„biſt Du es, der uns in dieſe Patſche geführt hat?“ „Unglücklicher!“ fügte Joſepin hinzu, war ich doch berzeugt, daß Du noch ein uͤbles Ende nehmen wür⸗ deſt!* „„Die Ehre iſt eine ſteile und uferloſe Inſel,“ dek⸗ lamirte Roby,„hat man ſie einmal verlaſſen, ſo kann man ſie nicht wieder betreten.“ Mit den Daumen trällernd ſchaute Durandin De⸗ niſart an, und murmelte ganz leiſe: „So, ſo, ſo, ſo..“ war, der zurückblieb, ſtürzte auf den Pedanten zu und riß ihn an ſeinem Jabot. — — 327 Dieſer war bleicher, als die Leinwand ſeines Hem⸗ des, nur ſeine Naſe ſtach blutig aus dieſer Bläſſe hervor. Du Chesnel begann ihn derbe zu ſchütteln, und die Andern ahmten ihm getreulich nach. Kurz, nach allen Richtungen hin gezerrt, geſtoßen und geſchlagen, ſtieß der unglückliche Pedant bald ein Jammergeſchrei aus.. Da erhob ſich die Stimme des Marquis und Alles kehrte zur Ordnung zurück.. „Meine Herrn,“ ſagte er,„verfeinden Sie ſich nicht mit dieſem Menſchen!.... Er kann Ihnen ſehr nütz⸗ lich werden....“ „Uns?“ fragte Du Chesnel. „Ich ſehe nicht ein....“ begann Joſepin. „Laßt doch den Herrn Marquis ſprechen,“ ſagte Roby, der in dieſem Augenblick die Rolle der öffent⸗ lichen Gewalt ſpielte und Deniſart am Entweichen ver⸗ hinderte. „Ihnen,“ wiederholte der Marquis kalt;„faſſen Sie daher Ihre Lage wohl in's Auge, meine Herrn... Die Macht der Umſtände verpflichtet Sie Alle zur Bürg⸗ ſchaft gegen mich.... das Klügſte, glanben Sie mir, iſt, Ihre Kräfte zu vereinigen....“ „Sie gedenken ſomit,“ rief Du Chesnel,„uns für Deniſart's That verantwortlich zu machen....“ „Nicht ganz,“ erwiederte der Marquis,„ich ge⸗ denke nur, Sie einfach und lediglich zu benützen, nicht aber zu ſtrafen.“ 8 Du Chesnel kehrte an ſeinen Platz zurück, und ſebn ſich wieder, indem er ſeinen Zorn zu verhalten uchte. „Hören Sie, was ich von Ihnen verlange,“ hob der Marquis nicht lauter, aber mit ſtarker Betonung ſeiner Worte wieder an:„Auf den 28. November bedarf ich meiner Brieftaſche... heute iſt der 22. Sie haben vich Tage dazu, das iſt wohl mehr Zeit, als Sie brau⸗ en....“ 328 „Wenn aber,“ ſagte Du Chesnel,„am Ende un⸗ ſere Anſtrengungen vergeblich wären?“ „Das geht Sie an, meine Herrn.... ich bin nicht Ihr Richter.“ Seine Stirne verdüſterte ſich. Seine Stimme wurde traurig und beinahe feierlich. Er fügte hinzu: „Mein Zweck iſt ſo ernſt, daß, gelingt es Ihnen nicht, mir ein anderes Mittel bleibt, dazu zu kommen, dieſes Mittel iſt, mich mit Ihnen und noch einer an⸗ dern Perſon zu Grunde zu richten.... Meine Herrn, könnten Sie in die Tiefe meiner Seele ſchauen, ſo wür⸗ den Sie erkennen, wie leicht mir das Opfer meines „ Lebens wird... Hören Sie mich an; ich hege weder Zorn, noch Haß.... leidenſchaftslos drohe ich Ihnen, und nur darum, damit Ihnen recht klar werde, daß Ihr Heil von Ihnen allein abhängt. Am 28. November werde ich Sie bis Mittags erwarten... haben Sie mir Mittags die Brieftaſche mit Allem, was ſte enthalt, noch nicht eingehändigt, ſo überliefert ſich Carmen den Händen des Gerichts.... ſo wird ſie ihr Verbrechen eingeſtehen... und ihre Mitſchuldigen nennen.“ Das Geſicht des Marquis drückte dieſen unſeligen Entſchluß mit fürchterli her Ruhe aus. Mit Ausnahme Durandins hatte die Gäſte alle der Schlag vernichtenden Entſetzens getroffen. Sie glaubten an die Drohung des Marquis, und wer den unerſchütterlichen Entſchluß aus ſeinen Blicken las, hätte unſinnig ſein müſſen, noch daran zweifeln zu wollen. „Carmen wird ihre Mitſchuldigen nennen„“ hob der Marquis wieder an;„alle ihre Mitſchuldigen!... Sie wird den Magiſtrat in den Keller des Wilden Mannes führen, und die aufgerufenen Zeugen werden ſagen, wo der erſte Blutstropfen Weſterns vergoſſen wurde... Von dort weg wird ſich Carmen in das Zimmer begeben, wo wir jetzt ſind.... Sie wird ſagen: hier war Leon Du Chesnel.“ —— Der Marquis wies auf den Platz des Diploma⸗ ten hin. „Hier war Roby.... hier der Doktor Joſepin... der, welcher dem Herzog von Compans⸗Malllepré durch einen Brief die Ankunft des unglücklichen Weſtern zu wiſſen that.... Hier war Edmund Durandin....“ Selbſt in dieſem Augenblick wankte der Sachwalter nicht und ſchaute mit doppelter Milde in ſeinem Lächeln den Marquis an. Die andern Gäſte waren niedergedonnert. „Da endlich,“ begann der Marquis wieder, deſſen Stimme dumpf und bebend erſcholl,„da auf dieſem Brett, welches den Leichnam verdeckte, ſtand Herrn Deniſart's Stuhl.“ Der Pedant rückte inſtinktmäßig mit dem Stuhl zurück und fing an zu zittern, indem er ſeine gläſernen Augen weit aufriß. Der Marquis ſtand auf. Er hatte ſein Weſen an⸗ muthsvoller Höflichkeit wieder angenommen. „Meine Herrn,“ ſagte er, im Kreiſe hevumgrüßend, „ich hoffe von Herzen, daß wir nicht zu dieſem Aeußer⸗ ſten kommen werden.... Sie haben ſechs volle Tage vor Ihnen... Für gewandte Männer mit gutem Wil⸗ len ſind ſechs Tage genug, das Unmögliche zu vollbrin⸗ gen.... Bis Mittag werde ich gewiſſenhaft Ihrer warten.... Von jetzt bis dann, das ſage ich Ihnen zum Voraus, werden Sie Nichts von mir hören.... Weder Aufmunterungen, noch Drohungen... Sie wiſſen es jetzt, es iſt nun an Ihnen, den Rathſchlägen Ihrer Klugheit gemäß zu handeln.“ Der Marquis ergriff ſeinen Hut, machte noch eine grüßende Handbewegung und verſchwand. Die Gäſte blieben unbeweglich und ſtumm. Als Du Chesnel den Mund auſthat, um eine Er⸗ klärung zu fordern, oder einen Zweifel aufzuſtellen, war der Marquis ſchon weit weg.— ——.— 330 Durandin hatte ſeine Serviette auf den Tiſch ge⸗ worfen und war ihm nachgeeilt. Die vier Andern ſchauten ſich verwundert, beſtürzt und wie verſteinert an. Der Marquis war indeſſen die Treppen des Hotels hinab und eben auf jener Flucht feuchter Stufen, welche aus der Straße Neuve⸗des⸗Bons⸗Enfants nach der von Valois führt. 4 Als er mitten auf jener ausgenutzten, ſchlüpfri⸗ gen Treppe war, welche in völligſter Dunkelheit blieb, hörte er hinter ſich keuchendes Athemholen und fühlte ſich bei der Schulter berührt. „Das iſt doch zu verdrießlich, Frau Baronin,“ ſagte hinter ihm Durandins Stimme.„Wo zum Teufel ließen Sie ſich denn nur jene Papiere wegnehmen?“ Der Marquis, Anfangs zuſammengeſchrocken, er⸗ kannte indeß bald das gutmüthige Organ des Sach⸗ walters. „Sie werden mir dieſelben zurückgeben,“ erwie⸗ derte er. „Das könnte wohl ſein,“ entgegnete Durandin. „Auf Ehre! Sie haben die Kerls beſtrickt. Du Chesnel ſogar ließ ſich fangen, er war, glaube ich, noch dum⸗ mer, als die Andern.“ Sie gelangten auf das Trottoir der Straße Valois. Der Marquis ſtand unter der Laterne ſtill und wandte ſich um, Durandin in's Geſicht zu ſchauen. „Haben Sie geglaubt, ich ſcherze?“ fragte, er. „Ei! ei!“ machte der Sachwalter in zweideuti⸗ gem Tone. „An dieſen Papieren,“ fuhr der Marquis mit plötzlicher Heftigkeit fort,„ich habe es ſchon geſagt und wiederhole es Ihnen... liegt mir mehr, als an meinem Leben!"— Ich begreife das,“ ſagte Durandin.„Zweimal⸗ hundertfünfzigtauſend Franken Einkünfte und der Titel 331 eines Marquis! Das iſt höchſt liebenswürdig. Man würde an Wenigerem hangen!“ Der Marquis ſchüttelte den Kopf. „Es iſt weder um des Geldes, noch um des Adels willen...“ murmelte er mit einer Stimme, worin bei⸗ nahe ſchüchterne Verlegenheit lag. „So! ſo!“ machte der Sachwalter. „Es iſt um....“ begann der Marquis ungeſtüm. Er hielt inne und fuhr mit leiſer Stimme fort: „Doch wozu Ihnen von dergleichen Dingen ſprechen? Die Hauptſache für Sie, wie für die Andern iſt, daß mein Entſchluß unwiederruflich iſt!“ „ſehr ſtark, ſehr ſtark!.... Wie! Sie wollten ſo mir Nichts dir Nichts zum königlichen Prokurator gehen und ihm Ihre meà culpà erzählen.... arme Teufel angeben, die eigentlich ziemlich brave Burſche ſind. Ich möchte zum Beiſpiel nur einmal wiſſen, welchen Vortheil Sie davon hätten?“ „Ach! erwiederte der Marquis lebhaft,„Sie wiſſen nicht Alles! Wir werden auf dem Armenſünderbänkchen nicht allein ſein! Der Herzog wird ſich auch zu uns ſetzen. Und die gegen ihn angehäuften Beweiſe werden fürchterlich ſein!“ „Somit,“ murmelte der Sachwalter,„wird man noch Allerlei aus uns machen und wir werden die ſchmeichelhafte Genugthuung haben, in vortrefflicher Geſellſchaft in die andere Welt oder in's Bagno zu wandern! Herr Marquis, ich hielt Sie nicht für ein ſolches Kind!“ 4 Die Stimme des Marquis wurde ſtolz und ſtrenge. „Können denn Sie nicht beurtheilen?....“ ſprach er langſam.„Sie haben ſich ganz recht ausgedrückt: man wird noch Allerlei aus uns machen! Wer weiß, ob ich nicht arbeite, damit nach uns ein Anderer ſeinen Platz beim Bankett bereit finde?“ Der Sachwalter ſann einen Augenblick nach. 8 332 „Meiner Treu,“ rief er,„ich bin nicht ſtolz.... Ich geſtehe offen, daß ich Sie nicht verſtehe! Es iſt immer ſo, wenn es ſich um Poeſie handelt.... Kommen wir zur Poeſie zurück. Sie waren ſehr beredt, Sie haben die Kerls beſiegt, vernichtet, zerſchmettert, Sie werden thun, was Sie wollen; ſo viel iſt gewiß; allein Sie werden mir zugeben müſſen, daß ich Ihnen eine mächtige Hülfe war.“ „Wie das?“ fragte der Marquis. „Indem ich mich nicht während ihrer Rede halb krumm lachte, Frau Baronin.“ Der Sachwalter hatte ſeine Vorrechte; er gehörte zu Jenen, gegen die ſich zu erzürnen unnütz, und über welche unwillig zu werden, lächerlich iſt. Die Unzufriedenheit des Marquis gab ſich nur durch eine ungeduldige Geberde kund. „So hören Sie doch,“ hob Durandin wieder an, „Sie ſelbſt hätten mich entſchuldigt. Es war luſtig auf Ehre, ungemein luſtig! Die armen Teufel glaubten ſich ſchon unter dem unſeligen Meſſer!.... Ich glaube, Zuchthausſtrafe hätten ſie mit Dank angenommen.“ Der Sachwalter fing an, herzlich zu lachen. „Stellen Sie ſich den Eindruck vor,“ begann er wieder,„wenn ich aufgeſtanden wäre und geſagt hatte: Meine guten Freunde, das Alles iſt ſehr gut, allein der Herr Marquis behandelt uns als Kinder. Man kann um des Mordes eines Mannes willen, der ſich einer ziemlich guten Geſundheit erfreut, keine Leute guillotiniren.“ Sie ſpazierten nebeneinander in der öden Straße Valois hin und her, auf und nieder. Bei dieſen letztern Worten ſtand der Marquis plötzlich ſtille und ſchaute den Sachwalter fragend und betroffenen Blickes an. Seit dem Beginn dieſer Unterredung hielt er ihn für betrunken und dieſe Meinung hatte nicht wenig dazu beigetragen, ſeine Geduld zu verlängern; allein in dieſem Augenblicke hielt er ihn für verrückt. 333 „Sie bedenken nicht, was Sie ſprechen!....“ mur⸗ melte er. „Doch,“ antwortete der Advokat. „Von wem ſprechen Sie denn?“ „Donnerwetter! von dem fraglichen Todten! von dem Amerikaner James Weſtern, mit dem ich vorgeſtern die Ehre hatte mich länger, als zwei Stunden, zu un⸗ terhalten.“ Der Marquis meinte zu träumen und wollte es „Weſtern!....“ ſtammelte er endlich,„James Weſtern!.... aber wiſſen Sie auch, daß ich ihn ge⸗ tödtet habe?“ „Allerdings, erwiederte ruhig Durandin. „Wiſſen Sie, daß ich allein bei ſeinem Leichnam geblieben bin!“ Nein,“ ſagte Durandin,„mein Wiſſen geht nicht ſo weit, allein man kommt aus weiter Ferne zurück und Alles, was ich Ihnen ſagen kann....“ Der Marquis ergriff mit einer raſchen Bewegung Durandins beide Hände. Der Zweifel bahnte ſich Weg in ſeine Seele. Zweifel und Hoffnung! „Erklären Sie ſich! erklären Sie ſich!“ murmelte er mit zitternder Stimme. „Meiner Treu!“ entgegnete Durandin,„ſchon lange hätte ich mich erklärt, wenn Sie nicht ſeit drei Tagen unſichtbar geworden wären. Ich wundere mich gar nicht, daß man Ihre Wohnung geplündert hat.... So oft ich die letzten drei Tage bei Ihnen vorſprach, fanden ſich in Ihrem Vorzimmer merkwürdige Geſichter... Es war ſogar ein wackrer Kerl da, welcher die Unge⸗ nirtheit ſo weit trieb, ſich aus Ihren Schemeln ein Bett zu machen, um weniger die Geduld zu verlieren und Sie bequemer zu erwarten.“. Die Aufregung des Marquis ſteigerte ſich bis zur Erſchöpfung. . ————ÿ—ꝛ—x—x x’x’::——ÿ—᷑—ÿ—ꝛ—xxxxꝛꝛx — 334 „Ich ſage Ihnen ja, ſich zu erklären!“ wiederholte er.„Sprechen Sie mir von Weſtern. Sie tödten mich!⸗ „Ich komme ſogleich dazu,“ erwiederte Durandin. „Ich will aber meine Kundſchaft verlieren, wenn ich in den letzten drei Tagen nicht zwanzigmal bei Ihnen an⸗ frug. Ich ſtellte mich in Nummer 4 der Straße Royale ein. Der Herr Marquis iſt abweſend, ſagte man mir. Ich lief in die Straße Caſtiglione, wo mir geantwortet wurde: Die Frau Baronin iſt nicht zu ſprechen. Wer⸗ den Sie nicht ungeduldig, wir ſind gleich dabei!.... Vorgeſtern fand ſich ein braver Gentleman bei mir ein und that üͤber Ihre Perſon eine Menge Fragen an mich. Ich war, meiner Treu, weit entfernt, den Grund des Intereſſes, das er an Ihnen nahm, zu errathen; allein vom erſten Augenblick an ſah ich, daß er Sie für den ächten Gaſton von Malllepré hielt, zu welchem er aus irgend einem Grunde eine väterliche Zuneigung hegte. Es war keine geringe Verlegenheit. Ich ſagte ihm, wohl verſtanden, daß ich Ihr ganzes Zutrauen beſitze; ich nahm mein Gedächtniß zu Hülfe und flocht geſchickt in die Unterhaltung Alles ein, was ich aus dem Inhalt der rothen Brieftaſche von den ächten Maillepré wußte. Das brachte, ich verſichere Sie, eine treffliche Wirkung hervor. Ein Beweis davon, daß der Gentleman, ſoll mich der Teufel holen, wenn ich ihn wieder erkannte! mir ein umfangreiches Memorial übergab, mit der Bitte, mich deſſen zum Vortheil des Marquis Gaſton und hauptſächlich zu Unterbrechung der dreißigjährigen Friſt zu bedienen, welche einmal abgelaufen, die ſchwankenden Nechte des Herzogs in einen unantaſtbaren Beſitz ver⸗ wandeln muß. Bei dieſer Gelegenheit werde ich Ihnen nun ſagen, daß dieſe Idee da keineswegs zu verach⸗ ten iſt....“ 4 „Aber dieſer Mann,“ unterbrach ihn der Marquis mit haſtiger Ungeduld,„dieſer Mann! ſprechen Sie mir nur von dieſem Manne!“ „Der Gentleman? meinetwegen! Als er mir ſein V —— —— 335 Memorial übergeben hatte, ging er nach Hauſe, denke ich.... Ich, ich fing an, das Memorial zu leſen. Ach! Sapperment! ſehen Sie, das iſt außerordentlich, wun⸗ derbar! Da ſtehen Dinge darin! Sie wiſſen wohl noch von dem alten Wilden des Kellers? Doch wenn ich Ihnen das Alles erzählen wollte, ſo würde ich bis mor⸗ gen Mittag nicht fertig.... Alles was ich Ihnen ſagen kann, iſt das, daß der Herzog von Compans ein unehe⸗ liches Kind iſt, das an das Erbgut der Malllepré nicht mehr Rechte, als der Großtürk, hat. Doch das iſt nicht das Merkwürdigſte. Was mich am höchſten intereſſirte, iſt die ausführliche Schilderung Ihres Abenteuers mit dieſem James Weſtern in eben dem Zimmer, in welchem wir ſo eben die kleine Mahlzeit hielten.“ „So iſt er's denn wirklich!“ ſtammelte der Marquis, deſſen kalte, zitternde Hand Durandins Hand ſuchte. „Ich hab' es Ihnen ſchon genug wiederholt!“ fuhr der Sachwalter fort.„Er erzählt den übeln Streich, den ihm eine gewiſſe Carmen geſpielt hat, indem ſie ihm mir Nichts dir Nichts einen Dolchſtich in die Kehle gab. Das trug Ihnen Was ein, Herr Marquis! und wenn ich denke, daß wir Andern gerade während dieſer Zeit im untern Stock mit unſern Dirnen tanzten!“ 4 Durandin lachte herzlich. Erſchöpft horchte der Marquis dieſer Erzählung. Seine Kräfte ſchwankten. 4 „Doch zum Teufel mit dieſen Erinnerungen!“ rief der Sachwalter,„jetzt bin ich ein geſetzter Mann, ich ſchlemme nicht mehr, ich tanze nicht mehr.... aber ich langweile mich. Ach! Donnerwetter! werden Sie mir nicht ungeduldig. Was Ihnen erſt recht merkwürdig ſcheinen muß, iſt das Folgende, denn Sie kennen die Geſchichte nur bis zur Erdolchung. Wohlan denn, ein⸗ mal im Loch, wäre Weſtern bis zum jüngſten Tage darin geblieben ohne dieſen Teufelswilden, der durch eines der Klappfenſter des Zimmers, in welchem wir ſo eben die kleine Mahlzeit hielten, Alles mit angeſehen 336 hätte. Sie erinnern ſich wohl noch, daß im Augenblick, wo Sie das Brett wegſchoben, um uns den Leichnam zu zeigen, wir den armen Unglücklichen verſchwinden und langſam in die Tiefe fahren ſahen. Es ſcheint, das ſei der Wilde geweſen, allerdings ein alter ſehr verſtän⸗ diger Tollkopf.... der unter dem improviſirten Sarge durchgebrochen, um ſich die Freude zu machen, den todten Körper zu einem Arzt zu tragen. Ich, ich kann Ihnen nicht Alles ſagen, was darauf folgte. Das iſt eine Geſchichte, die ganz Paris auf die Beine bringen würde, wenn ſie je vor die Gerichte käme. Kurz und gut, als Weſtern geheilt war, kehrte er nach Amerika zurück, kam mit andern Papieren wieder und ſucht noch jetzt die Maillepré, welche die Kinder ſeiner Schweſter ſind. Er ſelbſt hat das Memorial unterzeichnet.“ Der Marquis faltete inbrünſtig die Hände. Ohne die tiefe Dunkelheit, welche an dem Orte herrſchte, wo die beiden Redenden ſtillgeſtanden waren, hätte man ſeine ſchönen feuchten Augen ſich mit dem Ausdruck feu⸗ rigen Dankes gen Himmel heben ſehen. 3 „Sie ſehen wohl,“ hob Durandin wieder an,„da es nur von mir abhing, die Herren zu beruhigen und Ihrer ſchönen Rede ein ganz anderes Reſultat zu geben! „Können dieſe Papiere, welche Weſtern Ihnen mit dem Memorial zugeſtellt, jene erſetzen, welche in der rothen Brieftaſche waren?“ ſagte der Marquis, ſtatt zu antworten. „Nein,“ erwiederte der Sachwalter.„Es fehlt die Abkunftsurkunde des Marquis Raoul, welcher der Vater der Schweſterkinder dieſes Weſtern iſt, alſo gerade die Hauptſache.“ Der Marquis ſenkte den Kopf und ſchien in Nach⸗ denken zu verfallen. „Allein, wenn auch nicht hinreichend,“ begann Du⸗ randin wieder,„ſo hätten ſie viel dazu beitragen können, uns jämmerlich zu beunruhigen. Der Zufall, der dieſen Weſtern zu mir führte, iſt eine Fügung der Vorſehung 3³37 und beweist, daß dieſer Amerikaner unſtreitig zum Miß⸗ geſchick erkoren iſt. Die von jetzt an wirklich kleinen Malllepré haben, vorausgeſetzt, daß ſie leben, was ich nicht weiß, keinen Schatten von einem Familienpapier. Es liegt daher auf der Hand, daß es eines Wunders bedurfte, um ſie wieder flott zu machen.“ Der Marquis ſchwieg; ſein Kopf war auf die Bruſt geneigt und ſich ſelber unbewußt ſchienen ſeine beiden Hande das Pochen ſeines Herzens beſchwichtigen zu wollen. Nach Verfluß einiger Minuten ſchien er plöͤtzlich aufzuwachen. „ Das tiefſte Geheimniß über Alles dieſes, ich bitte, Herr Durandin!“ ſagte er mit ſchnell veränderter Stimme;„morgen will ich mir das Memorial anſehen. In Hinſicht auf die Brieftaſche iſt Nichts verloren, weil den Leuten gegenüber, die wir oben gelaſſen haben, meine Drohung ihre ganze Kraft behält. Sie haben Furcht, ſie werden handeln... und aus Allem dieſem ziehen wir den Gewinn, daß wir dieſe kleinen Maillepré nicht mehr zu fürchten haben, die, wie Sie ganz richtig bemerken, künftig nur durch ein Wunder wieder zu ihrem Erbgut gelangen könnten. Ich danke Ihnen für Ihr Benehmen an dieſem Abend. Sie ſollen es nicht bereuen, mir ſo treu gedient zu haben.“ 5 „Ich kenne die Großmuth des Herrn Marquis,“ murmelte der Sachwalter ſich verneigend. Sie trennten ſich. Im Wirthshauſe zum Wilden Mann waren unſere vier übrigen Gäſte mit ziemlich traurigen Geſichtern bei einander geblieben. Du Chesnel ſtand zuerſt auf. 1 „Am Ende von Allem dieſem winkt das Bagno,“ ſagte er mit knirſchenden Zähnen und gerunzelten Brauen. Deniſart. Pariſer Liebſch. III. 22 Er ging um den Tiſch herum und ſtellte ſich vor 338 „Elender Schurke!“ hob er wieder an,„wenn Du nicht einen Ausweg findeſt, die verdammte Brieftaſche zurückzugeben, ſo ſchwöre ich Dir bei meiner Ehre, daß ich Dich ohne Gnade und Barmherzigkeit tödten werde!“ Deniſart hatte den Kopf geſenkt, ohne ihn wieder zu erheben. 3 „Verſtehſt Du mich?“ rief Du Chesnel, indem er ihn wüthend rüttelte. Der Pedant ächzte kläglich. „Denk' daran!“ begann Du Chesnel wieder,„und wiur es auf der Bank des Aſſiſſenhofes, ſo tödte ich ich!... Er ging fort und ſchlug die Thüre heftig hinter u. Joſepin ſtand auf und nahm nun ſeinen Platz ein. „Meiſter Deniſart,“ ſagte er mit ſeiner langſamen und näſelnden Stimme,„ich möchte nicht in Eurer Haut ſtecken.... Wenn dieſe Brieftaſche nicht herbeigeſchafft wird, ſo verſpreche ich Euch ein Kügelchen, wie einem wüthenden Hunde.... Vergeßt das nicht, Meiſter Deniſart!“ Joſepin ſetzte die goldene Brille zurecht und ent⸗ fernte ſich in ſeinem gewöhnlichen Doktorſchritt. „Jetzt iſt's an uns!“ rief Roby.„Ha! Du Schurke, Du willſt, daß ein zu Ruhm beſtimmtes Daſein in ehr⸗ loſer Gefangenſchaft endige!... Du willſt einen Mann in den Kerker werfen, der ein großer Künſtler war... der ein großer Poet geweſen wäre... und der unſere Nationalinduſtrie mit Maſchinen begabt hätte, deren Wichtigkeit nicht zu berechnen iſt!... Böſewicht, fürchte meine Rache!“ Er machte eine tragiſche Geberde und ging mit⸗ jenem ruckweiſen Schritt, welcher bei den Schauſpielern des Melodramas eine beſonders große Aufregung bedeutet, der Thüre zu. 1 Deniſart, welcher allein zurückgeblieben, ſchaute X 339 nun mit furchtſamem und heimtückiſchem Blick im Zimmer umher. Seine Naſe glühte, wie eine brennende Kohle, zwi⸗ ſchen ſeinen beiden leichenblaſſen Wangen. Sein Geſicht drückte den höchſten Grad des Schreckens aus. Nichtsdeſtoweniger erheiterte ſich nach einigen Mi⸗ nuten ſeine Stirne nach und nach. Er fuhr mit der Hand in die Taſche ſeines Ueber⸗ rocks und zog eine Brieftaſche heraus, die er auf dem Tiſche öffnete. Dieſe Brieftaſche von rothem Saffian war die, welche man dem Marquis von Malllepré geſtohlen hatte. Deniſart nahm zuerſt ſechs Banknoten, je eine von tauſend Franken, den Preis des Diebſtahls, daraus. Dann legte er eines nach dem andern der verſchie⸗ denen Documente, welche der Herzog mit ſo viel Vergnügen gezählt, vor ſich hin. Auch Deniſart zählte ſie. Ein gemeines Lächeln verzog die eckigen Linien ſeines Geſichts. „Welche Mühe man doch hat, ſich kleine Erſpar⸗ niſſe zu ſammeln!“ murmelte er. S. Compans und Maillepré. Es war am 28. November 1833 gegen fünf Uhr Abends. Herr Williams befand ſich mit ſeinen beiden Die⸗ nern im herzoglichen Ahnenſal. Er trug große Trauer. Ebenfalls ſchwarz gekleidet, waren die beiden Diener beſchäftigt, den Sal, wie für ein Feſt oder eine Feier⸗ lichkeit herzurichten. 8 340 Das geräumige Zimmer war nur durch zwei Lam⸗ pen erhellt, welche in der Mitte deſſelben auf dem mit einem Teppich bedeckten Tiſche ſtanden. Das kaum zu⸗ längliche Licht vertheilte ſich, von den weißen Glaskugeln aufgefaßt, im ganzen Sale. Die Bildniſſe der Ahnen reihten die Linie ihrer ernſten Paare längs des Getäfels hin. 1 Zu beiden Seiten des Tiſches waren Toby Grant und John Robertſon bemüht, zwei Reihen Lehnſtühle aufzuſtellen. ſchon einmal geſehen haben. Die dunkeln Vorhänge fielen in langen Draperien über die Fenſtervertiefungen, an den Frieſen und Karnießen ſchimmerte hie und da noch die hundertjährige Vergoldung. In dem unbeſtimmten Lichte konnte man kaum die ſchäckernden, lachenden und trinkenden Gruppen der flammändiſchen Malerei der Decke erkennen. Die ſchöne Linie der jagenden Nymphen lief halb erleuchtet über den Bildniſſen der Ahnen hin. Kein Dämmerſchein, der mit dem Lampenlicht ge⸗ 4 ſtritten und daſſelbe gebrochen hätte, drang von Außen 8 herein. Die ſeidenen Franſen der dichten Vorhänge berührten ſich überall. Auf Herrn Williams Antlitz lag eine ernſte Bewe⸗ gung. Sein ſtrenges, blaſſes Geſicht, ſeine Trauer⸗ kleider, der ſtille Eifer ſeiner Diener, Alles das ſtimmte mit der feierlichen Pracht des alten Sales und den hehren Erinnerungen zuſammen. „Vier Stühle auf dieſe Seite,“ ſagte Herr Wil⸗ liams.„Gut.“ 4 Dann fügte er, vor ſich hin ſprechend, hinzu: „Denn es ſind nur noch ihrer Vieré!... Bertha iſt zu ihrer Mutter gegangen... Meine arme Luiſe!“ „Der gnädige Herr iſt allein geblieben,“ ſagte Robertſon. „Geht, bleibt bei ihm,“ entgegnete Herr Williams. Der übrige Theil des Sales war, wie wir ihn ——— ——— V 4 Die beiden Diener zogen ſich zurück. Herr Williams ſetzte ſich an den Tiſch. Er zog einen Brief aus der Taſche, der den Stem⸗ pel des vorigen Tages trug, aber ſchon zerknittert und tauſendmal geleſen war. Die Handſchrift dieſes Briefes war ihm nicht bekannt. Er meldete ihm, daß das Loos der Malllepré ſich demnächſt entſcheiden würde. Es gaͤlte noch eine Schlacht zu wagen. Die Papiere, welche Weſtern dem Sach⸗ walter Durandin übergeben, wären wirklich in Betracht des Zuſtandes von Wahnſinn, in welchem das Haupt der Familie ſich befinde, nicht hinreichend, um einen gerichtlichen Kampf anzuheben. Die für Herrn Wil⸗ liams geheimnißvolle Perſon, welche den Titel des Mar⸗ quis von Maillepré trug, ſchien, wie dieſer Brief be⸗ ſagte, ſei es nun aus Haß gegen den Herzog oder aus irgend einem andern Grunde, unter der Hand die aus ihrem Beſitz vertriebenen Kinder des Marquis Raoul unterſtützen zu wollen. Ein ernſter Streit, deſſen Beurtheilung nicht an die Gerichte gewieſen werden könnte, ſchwebe zwiſchen der Perſon des Marquis und dem Herzog von Com⸗ pans ob.. Der Sachwalter Durandin hätte daher triftige Gründe, den Herzog zu einer Zuſammenkunft an einem geheimern und ſicherern Orte, als in ſeiner Schreibſtube, einzuladen, denn die Dinge, welche der Herzog von Compans und der angebliche Marquis von Maillepré ſich zu ſagen hätten, gehörten zu jenen, die man nicht genug geheimhalten könnte. Der Brief lud Herrn Williams ein, ſich für Alles zu waffnen. Er verſprach eine, obwohl noch unbeſtimmte Hülfe. Denn er fügte bei, daß die Bemühungen noch ſcheitern könnten.... Am Morgen des heutigen Tages hatte Herr Wil⸗ 342. liams einen zweiten vom Sachwalter Durandin unter⸗ zeichneten Brief erhalten, welcher ihm anzeigte, daß der Herzog von Compans und der Herr Marquis von Mail⸗ lepré ſich dieſen Abend um ſechs Uhr bei ihm in ſeinem Hotel einfinden würden. Herr Williams wußte jetzt, wo Raouls Kinder waren. 3 Er trug für die arme Bertha Trauer. Er hatte Gaſtom, das lebendige Bild ſeines Ahnherrn, er hatte Sancta umarmt, welche ihm Luiſe zu ſein ſchien, die am Abhange der Zeit wieder bis zum jungfräulichen Alter emporgeklommen war.— Er hatte auch Charlotten wieder gefunden, Char⸗ lotten, die kaum noch ein Lächeln hatte und mit ihrem Gram unter das Dach ihres Bruders geflüchtet war. Er hatte Jean⸗Marie Biot, dem wackern Bauern, dieſer Vorſehung der Familie, welche Gott ihr als einen Gränzſtein im Leiden, als ein Licht des Troſtes in der Verzweiflung gegeben, die Hand gedrückt. Bertha allein fehlte. Seit zehn Tagen war jetzt Herr Williams der Vater aller dieſer wiedergefundenen Kinder. Sein Herz ſchlug ganz nur für ſie. Unter der kalten Hülle ſeines amerikaniſchen Phlegmas lag ein Schatz von hingebender und beinahe mütterlicher Zärt⸗ lichkeit. Seit dem vorhergehenden Abend bereitete er ſich zu dem angekündigten Kampfe vor. Die Maillepré'ſchen Kinder waren benachrichtigt, und man hatte die wenigen Freunde, welche ſich für das Loos der Familie intereſ⸗ firten, zuſammenberufen. Mit dem Schlag Sechs öffnete Biot, der ebenfalls Leid trug, dem Sachwalter Durandin. Einige Minuten nachher kam auch der Herzog, von einem Geſchäftsmanne begleitet. Alle Drei wurden in den herzoglichen Ahnenſal ein⸗ geführt, wo Herr Williams ſich allein befand. —— 343 Toby Grant wies ihnen Plätze neben ſeinem Ge⸗ bieter an. Der Herzog und Durandin wechſelten eine Be⸗ grüßung. Weſtern hinweiſend,„in welcher Eigenſchaft dieſer Herr unſerer Zuſammenkunft beiwohnen wird?“ Bevor Weſtern noch antworten konnte, ergriff Du⸗ randin das Wort. Er hatte augenſcheinlich ſeine Lektion einſtudirt. 1 „Dieſer Herr iſt einigermaßen ein Kollege von mir,“ ſagte er. Und indem er aufſtand, fügte er bei: „Herr Herzog, Herr Williams... Herr Williams, der Herr Herzog von Compans⸗Maillepré!“ „Der Amerikaner und der Pair von Frankreich machten ſich eine ſteife und kalte Begrüßung. Durandin hielt einen Stoß Papier unter dem Arm, worunter ſich Herrn Williams Memorial befand. Er breitete dieſe Papiere auf dem Tiſche aus und ordnete ſie methodiſch. „Herr Herzog,“ ſagte er,„ich bitte Sie, die Ver⸗ ſpätung des Herrn Marquis zu entſchuldigen. Wir können ganz wohl ohne ihn beginnen, Sie wiſſen, daß ich alle Vollmacht von ihm habe.“ Der Herzog nickte beiſtimmend zu. „Wir haben hier unſern Worten nicht Schonung aufzulegen,“ begann Durandin.„Es ſcheint, Herr Herzog, daß Sie betrügeriſcher Weiſe meinem Clienten eine gewiſſe Brieftaſche entwendet, welche ehedem einem Amerikaner, Namens Weſtern, geraubt wurde.“ Der Sachwalter ſchaute Herrn Williams an und gab ihm einen Wink mit den Augen. „Dem iſt ſo,“ antwortete Herr von Compans, „weiter?“ Durandin puſtete und räuſperte ſich. 3 „Trefflich!“ entgegnete er;„ich brauche den Herrn „Darf ich fragen,“ ſagte Herr von Compans, auf. . 344 Herzog nicht zu fragen, ob er wohl geneigt wäre, uns die in dieſer Brieftaſche enthaltenen Schriften zurückzu⸗ geben?... Ich will mich begnügen, als Thatſache auf⸗ zuſtellen, daß die durch den Herrn Herzog bewerkſtelligte Entwendung uns einen unerſetzlichen Schaden hätte ver⸗ urſachen können, wenn nicht andere Papiere, welche den Verluſt der erſten völlig erſetzen, in unſern Beſitz gelangt wären...“ Der Herzog warf einen neugierigen Blick, in wel⸗ chem zwar noch keine Unruhe lag, auf die vor Durandin ausgebreiteten Schriften. „Advokatenpralereien,“ murmelte er. „Wollen Sie die Güte haben, uns eine Einſicht in dieſe Schriften zu verſtatten?“ fragte jetzt der Ge⸗ 3 ſchäftsmann. „Sogleich,“ antwortete Durandin,„ſogleich.... Wir haben, meine Herren, ich will es nicht verhehlen, mehr als eine Sehne an unſerm Bogen.... In der äußerſten Lage, in welche uns der Herr Herzog verſetzt hat, fühlen Sie wohl, daß mein Client mir kein Ge⸗ heimniß verſchweigen konnte. Ach! das iſt eine prächtige Geſchichte!... Statt mit dem Civilgericht werden wir es mit dem Aſſiſſenhof zu thun haben!...“ Der Geſchaftsmann machte eine Bewegung des Staunens. Der Herzog runzelte leicht die Brauen. „Wenn Sie keine andere Waffe, als dieſe armſeligen Drohungen haben...“ begann er.— „Doch, mein Herr,“ unterbrach ihn Durandin; „wir haben ein vollſtändiges Arſenal... Und erſtlich,“ fügte er, das ungeheure Heft Weſterns aufhebend, hinzu, „iſt da ein kleines, von einem Abgeſchiedenen unterzeich⸗ netes Memorial, das ungemein merkwürdige Dinge ent⸗ hält, in Anſchlag zu bringen.... Erinnern Sie ſich des James Weſtern, mein Herr?“ „Meiſter Durandin,“ erwiderte Herr von Compans, indem er eine ſtrenge Miene anzunehmen ſuchte,„wollen 345 Sie ſich gefälligſt, ich bitte Sie, rein bei der Frage „halten, die uns hier zuſammenführt!“ „Ach! Herr Herzog,“ entgegnete der Sachwalter im Tone heuchleriſcher Gutmüthigkeit,„es iſt leider nicht mein Fehler, wenn die Frage hie und da einen kleinen Mord berührt. Doch ſprechen wir jetzt noch nicht da⸗ von, weil dieſer Gegenſtand Ihnen unangenehm zu ſein ſcheint. Wir haben, Gottlob, hinreichende Beſchäftigung. Ich bitte Sie um Erlaubniß, Ihnen einige Worte aus dieſem Memorial mittheilen zu dürfen.“ Durandin durchblätterte langſam das dicke Heft, zwiſchen deſſen Seiten er hie und da Zeichen geſteckt hatte. Herr Williams legte ihm die Hand auf den Arm. „Warten Sie, mein Herr,“ ſagte er mit ernſter Sübnene⸗ n„dieſes Memorial intereffirt noch andere Per⸗ onen Herr Williams ſtand auf und ging einer der Sal⸗ thüren zu, die er öffnete. Im anſtoßenden Zimmer war eine ziemlich zahl⸗ reiche Verſammlung. Ein ſchneller Blick nach Außen hätte, während Herr Williams die Thüre öffnete, das offene und geiſtreiche Geſicht Nazaires, genannt Dragon, das hübſche Frätzchen Mignonne's und das derbe Antlitz Jean⸗Marie Biots erkennen können. Romeo, der Bildhauer, befand ſich zwiſchen Ga⸗ ſton und Sancta. „Führt die Kinder meiner Schweſter mit ihrer Groß⸗ mutter, der Frau Herzogin Wittwe, ein!“ Herr von Compans hob raſch das Haupt. Durandin blickte mit weit geöffnetem Munde und betroffener Miene nach der Thüre hin. Sein Erſtaunen kam im erſten Augenblick wenig⸗ ſtens dem des Herzogs gleich. Allein er hatte beſtimmte Inſtruktionen, die ihm befahlen, zu handeln, was auch begegnen würde. Er durfte ſomit keine Verwunderung ausdrücken. 346 Indeſſen war Jean⸗Marie Biot hereingetreten und hielt ſich, den Hut in der Hand, rechts von der Thüre. „Die Frau Herzogin Wittwe von Maillepré,“ ſprach er mit lauter Stimme. Die alte, ſteife und ausgetrocknete Dame erſchien auf der Schwelle. Dieſe ungewohnte Feierlichkeit ver⸗ urſachte ihr eine vage Empfindung von Stolz und Vergnügen. Sie hielt ihr Haupt, das kein Leben mehr in ſich hatte, unwankbar gerade. Weſtern ergriff ehrerbietig ihre Hand und führte ſte zum oberſten Lehnſtuhl auf der andern Seite des Tiſches, dem Herrn Herzog von Compans⸗Maillepré gegenüber. Die alte Dame ſetzte ſich, ohne ihren ungelenken Körper zu beugen, und ließ langſam ihren geſpenſtigen Blick über die Verſammlung gleiten. Durandin lächelte jetzt in den Bart. Auf den Zü⸗ gen des Herzogs lag Entſetzen und Grimm. „Der Herr Marquis von Maillepré!“ kündigte Jean⸗Marie Biot wieder an.„Fräulein von Kergatz! Fräulein von Naye!....“ Von Kopf bis zu Fuß ſchwarz gekleidet, kamen nun Gaſton, Charlotte und Sancta und nahmen auf den nre leer gebliebenen Stühlen neben der Frau Herzogin latz. Beim Anblick Sancta's üͤberlief den Herzog ein Schauer, er erblaßte unter der Schicht von Schminke, welche die Runzeln ſeiner Wange bedeckte. Er wandte ſich etwas abſeits, um Gaſtons Blick nicht zu begegnen, der ſtolz und ernſt auf ihn hernie⸗ der ſah. Durch dieſe Bewegung ſielen ſeine Augen auf die alte Dame, deren ſtiere, gläſerne Augäpfel in dieſem Augenblicke auf ſein Geſicht hinſtarrten. Etwas Seltſames regte ſich in ihm, eine dumpfe Angſt beklemmte ſeine Bruſt. Er beugte ſich zu ſeinem Geſchäftsmanne hinab 347 und ſagte mit einer gereizten Stimme, die zu ſpotten ſuchte: „Das iſt ja eine ganze Komödie!“ Herr Williams hatte ſeinen Platz wieder eingenom⸗ men. Völliges Schweigen herrſchte im Sale. Gaſton, der neben der alten Dame ſaß, hatte auf ſehhen ſchönen Zügen gleichſam einen Schmuck von ſtolzer ürde. Seine Stirn behielt ihre frühgereifte Melancholie, allein es ſchien wieder Leben in ihn zurückgekehrt zu ſein, um ſeine gebeugte Jugend aufzurichten und von ſeiner Wange die drohende Bläſſe zu verſcheuchen, die erſt kürzlich noch auf ihr gelagert war. Charlotte war ſehr traurig. Kein lebhafter Froh⸗ ſinn, keine Leichtfertigkeiten, kein Lächeln mehr. Sie blieb für das, was Sie umgab, beinahe gleichgültig. Sie konnte immerhin mit Liebe an Sancta und Gaſton hängen, dennoch fühlte ſie, daß ihr Loos nicht das Je⸗ ner ſei, und daß das ſich entwickelnde Drama für Alle eine Löſung, für ſie jedoch keine haben werde. Auf Sancta's Stirn lag eine ſchüchterne Röthe. Sie hatte die ſchönen Augen niedergeſchlagen und ihr Blick hob ſich nur bisweilen, um gegen der Thuͤr hin⸗ zugleiten. Dort hatte ſte Romeo zurückgelaſſen. Die Thüre war jedoch zugemacht und in ſeiner ſchwarzen Kleidung lehnte Jean⸗Marie Biot mit ſeiner Herkulesgeſtalt an den geſchloſſenen Flügeln derſelben. Durandin hatte Jedes der Neuangekommenen mit neugieriger Aufmerkſamkeit gemuſtert. Als er Charlotten zu Geſicht bekam, hatte er ge⸗ lächelt, denn es war ihm der Gedanke aufgeſtiegen, Du Chesnel könnte wohl genöthigt ſein, ſeiner Frau wieder den Hof zu machen. Allein in dem Lächeln des Sachwalters lag nicht die gewöhnliche Ruhe. Er konnte nicht begreifen, was um ihn vorging. 348 Glücklicherweiſe bewährte ſich ſein Gleichmuth. Ei⸗ nige Sekunden Nachſinnens brachten ihn überdieß auf den Gedanken, daß das Alles eine Kriegsliſt ſeines Clien⸗ ten ſei, der auch bei dem ächten Maillepré die Stellung einnehmen wollte, welche ihm von jetzt an Herr von Compans ſtreitig machte. Deßwegen mußte der Herzog zu Boden geworfen und die ganze gefallene Familie gehoben werden. as war eine harte Arbeit. Allein der Herr Mar⸗ quis hatte keine andere Wahl mehr. 3 „Der Herr und dieſe Damen,“ ſagte der Sachwal⸗ ter nach einer Pauſe, indem er ſich an Herrn Williams wandte,„ſind ohne Zweifel Glieder der Familie von Maillepré, von welcher in dieſem Memorial die Rede Herr Williams machte ein bejahendes Zeichen. „Ganz gut,“ hob Durandin wieder an,„meine Lage wird ſchwierig und die Gegenwart des Herrn Mar⸗ quis, meines Clienten, würde mich in dieſem Augenblick einer ſchweren Verantwortlichkeit entheben... allein ich habe gemeſſene Befehle und bin hier, in Folge deren zu handeln.... Wollen Sie mich anhören, Herr Her⸗ zog,“ fügte er, an den Letztern gewandt, hinzu.„Nie mag wohl eine ernſtere Angelegenheit Ihre Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch genommen haben.“— Er öffnete das Memorial wieder und durchblät⸗ terte es. Bei dieſen Worten, welche zu grauſam an die Ab⸗ weſenheit der armen Bertha erinnerten, ſchaute Gaſton düſter ſeine Trauerkleider an und Sancta's Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen.... Charlottens Gedanken waren anderswo. 349 Die Stimme der Frau Herzogin machte auf den Herzog und ſelbſt auf den Sachwalter ihren gewohnten Eindruck. Es durchrieſelte ſie kalt bei jenem Tone, der nicht von dieſer Welt ſchien.... 7 „Frau Mutter,“ antwortete Gaſton ehrerbietig,„dieſe Verſammlung hat den Zweck, unſere Rechte an das Erb⸗ gut des Herzogs Johann, Ihres Gatten, feſtzuſtellen.“ „Ein Prozeß!“ murmelte die alte Dame, welche wieder in ihre dumpfe Gleichgültigkeit verfiel.„Mail⸗ lepré gewinnt ſeine Prozeſſe immer.... Iſt der Herr Präſident des Parlaments nicht unſer Vetter?“ Es entſtand eine Stille, welche Durandin's klare Stimme unterbrach. „Jener Herzog Johann, von welchem dieſer Herr ſo eben geſprochen,“ ſagte er,„reiste zwei Jahre vor der Geburt des hieranweſenden Herrn Herzogs von Compans⸗ Maillepré nach Amerika ab. Ohne dieſen Umſtand iſt es höchſt wahrſcheinlich, daß der Herr Herzog nicht nö⸗ thig gehabt hätte, dem Namen Maillepré den von Com⸗ pans beizufügen....“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ unterbrach ihn der Herzog. „Ich müßte mich ſehr wundern,“ entgegnete Du⸗ randin gelaſſen,„wenn es Herrn von Compans mit dieſer Frage Ernſt wäre.. denn unmöglich können ihm ſeine Adoptiveltern verheimlicht haben, daß er der Sohn Bertha's von Dreur, der Herzogin von Malllepré iſt.“ „Wer ſpricht von Bertha von Dreur?“ hörte man die alte Dame, wie im Traume, reden. „Mein Herr!....“ riefen Gaſton und der Herzog zugleich,„das iſt eine Lüge!“ Ein Advokat, der ſo ſchwach wäre, die Beſchul⸗ digung der Lüge ſo kalt zu ertragen, wäre nicht einmal wuͤrdig, Gerichtsbote zu ſein. Durandin war jedenfalls unfähig, einen ſolchen Formfehler zu begehen. Und hätte er ſich auch noch dagegen auflehnen wollen, ſo würde es ihm an Zeit 350 dazu gebrochen haben. Herr Williams ergriff wirklich das Wort und ſagte, hauptſächlich an Gaſton gewandt: „Das iſt Thatſache... ich verbürge mich dafür.“ Gaſton erröthete und ſchlug die Augen nieder. Der Herzog war einer ſieberiſchen Aufregung an⸗ heimgefallen. Seine Augen hefteten ſich auf den Boden; er wagte nicht mehr, ſie zu jener Frau aufzuſchlagen, die ihm gegenüber ſaß, die ſeine Mutter war. „Der Herr Herzog muß genau darauf achten,“ ſagte Durandin,„daß die neuen Gegner, die er bringt, Nichts an der zwiſchen ihm und dem Herrn Marquis, meinem Clienten, angeregten Frage verändern.“ „Es ſcheint mir indeß,“ erwiederte der Herzog ohne die Augen aufzuheben,„daß dieſe neuen Gegner die Ihrigen, wie die meinigen, ſind.“ „Vielleicht,“ entgegnete Durandin mit leichtem Tone; nin jedem Fall vertheidige ich nicht ihre Sache, die der Advokaten genug finden wird, denk' ich.“ Er verneigte ſich dabei gegen Herrn Williams.„Ich beſchränke mich darauf, mich auf die trefflichen Beweisſtücke zu ſtützen, die Sie mir bringen.... Herr Herzog, wir haben heute den 28. November und bis morgen Abend Zeit, die vom Geſetz beſtimmte Friſt zu unterbrechen. Glau⸗ ben Sie mir, dieſes Memorial iſt ſo viel werth, als die in der Brieftaſche enthaltenen Papiere.... Auch dieſes iſt mit James Weſterns Namen unterzeichnet.“ „Es muß ſomit ſehr alt ſein, dieſes Memorial!“ ſagte der Geſchäftsmann des Herzogs. „Sein Datum iſt von acht Tagen,“ antwortete Durandin. Der Herzog richtete ſchnell den Kopf auf. „Es iſt unmöglich!“ murmelte er.„Es ſind ſieben Jahre her....“ „Herr Herzog,“ unterbrach ihn Durandin,„das iſt ein Wort, welches vor dem Aſſiſſenhof von gewaltig dramatiſcher Wirkung wäre... Aha! es find ſteben . 8 1 A — 351 Jahre her!.. das iſt ganz wahr.... aber ein Teu⸗ felsding iſt das, daß Die Todten nach ſieben Jahren entſteigen ihrem Grabe. James Weſtern erſcheint wieder und erzählt nach ſeiner Weiſe Ihre Verfolgung im Garten des Palais⸗ Royal.. wie befliſſen Sie waren, ihn eine Stunde vor dem Morde betrunken zu machen..... und noch andere kleine Umſtände.“ Der Herzog kämpfte ſeine Verwirrung energiſch nieder. Es war ihm gelungen, wieder eine verächtliche und kalte Miene anzunehmen. „Mein Herr, Sie ſuchen vergeblich mich zu ſchrek⸗ ken,“ ſagte er. „Da müſſen Sie ſehr tapfer ſein!“ entgegnete Du⸗ randin. „Wenn dieſer Weſtern leben würde,“ hob der Her⸗ zog wieder an,„hätte er da ſieben Jahre gewartet?“ Herr Williams ſtand auf. „Verlieren wir die koſtbare Zeit nicht; indem wir über dieſen Punkt ſtreiten,“ ſprach er mit ſeiner ernſten, ruhigen Stimme.„Weſtern lebt und hat ſieben Jahre gewartet.... Und Weſtern, der bin ich.“ Der Herzog fuhr in ſeinem Lehnſtuhl zuſammen und ſchaute ihn an; ſeine Seele war in ſeine Augen übergegangen. Der Geſchäftsmann, welcher ſich bis zu dieſem Au⸗ genblick auf's Hören beſchränkt hatte, griff zu ſeinem Notizenbuch. Er machte mit jener triumphirenden Miene des Advokaten, der einen Sophismus aufgefiſcht hat, eine Anmerkung darein. „So iſt jetzt die Lage,“ fuhr Durandin fort;„wenn ich den Herrn Marquis von Maillepré, meinen Clien⸗ ten, deſſen Rechte ich wahre und deſſen Benehmen ich zum Voraus überdacht glauben muß, bei Seite ſetze... ſo befindet ſich der Herr Herzog Angeſichts der unmit⸗ telbaren Erben des Herzogs Johann von Malllepré, welche nun ihr väterliches Erbtheil zurückfordern. In Hinſicht auf dieſe Familie hat der Herr Herzog manche kleine Sünde auf dem Gewiſſen... Um einer einzigen davon zu erwähnen, ſo erinnern ſich dieſe Kinder, wie ihr Vater eine Stunde vor ſeinem Tode auf die Gaſſe geworfen wurde.“ Gaſton wandte ſchaudernd den Kopf ab, Sancta und Charlotte ſenkten die Augen, neben der Thüre ballte Biot ſeine derben Fäuſte und ſchüttelte ſeine langen Haare. „Außer dieſen Erben,“ fuhr der Sachwalter fort, indem er auf Herrn Williams deutete,„iſt hier ein furchtbarer Zeuge, welcher vor dem Civilgericht, wie beim Criminalhof Sie vernichten wird, Herr Herzog!“ Compans brachte mühſam ein verächtliches Lächeln auf ſeine Lippen. „In dieſer Art Fällen wird ein einzelner Zeuge als unzulänglich betrachtet,“ ſagte der Geſchäftsmann. Durandin klopfte auf ſein dickes Heft. „Eine andere Geſchichte!“ rief er,„der Herzog Jo⸗ hann iſt nicht todt.“ Compans Blick leuchtete ungläubig. 3 „Jean⸗Marie Biot,“ ſagte Herrn Williams,„be⸗ feytt, aß man den Herzog Johann von Maillepré ein⸗ ühre!“ Biot ging hinaus. Im herzoglichen Ahnenſal herrſchte tiefes Schweigen. hi Die drei Maillepré'ſchen Kinder warteten ernſt und ruhig. Herr Williams blieb unbeweglich, mit über der Bruſt gekreuzten Armen in einer ſteifen Haltung, welche in Folge ſeiner Wunde die Unbiegſamkeit ſeines Halſes ihm verlieh. Das fröhliche Geſicht des guten Sachwalters Du⸗ randin drückte eine verſchmitzte Neugier aus, er trällerte lebhaft mit den Daumen und ſchaute den Herzog ver⸗ ſtohlen an. „ X — Dieſer hatte die Brauen gerunzelt. Eine, an ſei⸗ nen Geſchäftsmann gerichtete Frage hatte ihn trotz deſ⸗ ſen Bemühungen nicht beruhigt, und ungeachtet aller Anſtrengungen malte ſich auf ſeinem Geſicht eine heftige Verlegenheit und wachſende Angſt. Sein Blick hlieb ſtier auf die Thüre geheftet, durch welche Biot hinaus⸗ gegangen waͤr. Die Frau Herzogin ſchien dieſer Scene völlig fremd zu bleiben. Ihre todten Augen ſtarrten in's Leere, ihre weißen Lippen bewegten ſich, ohne einen Ton verlauten zu laſſen.. In dieſem Augenblick der Erwartung gab ſich we⸗ der eine Bewegung, noch das leiſeſte Geräuſch kund. Die ernſte Verſammlung der Familienbilder, welche ſich um die lebendige Gruppe reihten, konnte nicht ſtummer und unbeweglicher ſein. Im Gegentheil, das Leben ſchien auf ſie überge⸗ gangen; das Schwanken des Lichts brachte in die todte Leinwand geheimnißvolle Bewegungen. Es war, als nähmen dieſe ſtrengen Geſichter Ge⸗ danken an und als wollten die vereinigten Stimmen dieſer hochadeligen Herren ſich zu Gunſten des letzten Sprößlings ihres Stammes drohend erheben. Biot blieb ziemlich lange weg. „Fräulein von Maillepré,“ ſagte die alte Dame, deren Stimme ſchrill und gebrochen durch die lautloſe Stille hallte,„dieſe Sonnenſtralen thun meinen Augen weh.. wollen Sie mich gefälligſt an den Schatten führen.“ Die Herzogin hatte ſich die Hand vor die Augen gehalten, auf welche blendend der weiße, helle Schein der Lampen fiel. Sancta und Gaſton ſtanden auf. Sachte rollten ſie den Lehnſtuhl ihrer Großmutter an den von den Lampen entfernteſten Punkt des Zimmers. In dieſer neuen Stellung befand ſich der Lehnſtuhl der Frau Herzogin in einer großen, von den gezogenen Vorhängen verdeckten Fenſtervertiefung. Pariſer Liebſch. III. 354 Rechts von ihr war eine Thüre, welche, der Symetrie des Sales zufolge das Gegenſtück zu der war, an welcher kurz zuvor Jean⸗Marie Biot noch Wache ſtand. Beinahe über ihr hing, von dem entfernten Lichte ſchwach erleuchtet, der verzierte Rahmen, welcher das Bildniß Bertha's von Dreux und des Herzogs Johann von Malllepré einfaßte. Gaſton und Sancta waren wieder an ihre Plätze zurückgekehrt. In dieſem Augenblick erſchien Biot wieder auf der Schwelle. „Der Herr Herzog iſt aus ſeinem Zimmer entwiſcht,“ ſagte er. Im gleichen Augenblick hörte man im Garten und in den Höfen Stimmen, welche ſchrieen: „Oguah! Oguah!“ Herr Williams ſtürzte an ein Fenſter, das er öffnete. Die Andern ahmten ihm nach, weil das Schreien und Rufen ſich verdoppelte und man überall durch die Finſterniß brennende Fackeln eilen ſah. Einige Minuten lang blieb Alles an den Fenſtern und das Innere des herzoglichen Ahnenſals leer. Die Thüre, welche ſich zur Rechten der Frau Herzogin befand, öffnete ſich ſo leiſe, daß das geübteſte Ohr kein Geräuſch davon hätte vernehmen können. In der Höhe, in welcher gewöhnlich der Kopf eines menſchlichen Geſchöpfes erſcheint, zeigte ſich Nichts; allein mit dem Boden gleich erſchien ein großes, rothes Geſicht mit gerunzelter Haut, unbeweglichen Augen, kahlem Schädel, auf welchem ſich ein dünner Buſchel weißer Haare emporſträubte.... Dieſer Kopf wand ſich unmerklich durch die geöff⸗ nete Flügelthüre und nach und nach hätte man den rieſigen Körper Oguahs ſehen können, der behutſam in den Sal kroch.... —— — —— 355 9. Das rothe Halsband. Ognahs lange Geſtalt ſchlüpfte geräuſchlos durch die angelehnte Thür. Er kroch auf Händen und Füßen. Als ſeine Beine die Schwelle hinter ſich hatten, hielt er an, drehte den Kopf mit der unruhigen Leb⸗ haftigkeit eines wilden Thiers und ſtieß die Thüre mit dem Fuße zu. Im Hof und im Garten rief man: „Oguah! Oguah!“ Der große Häuptling lachte ſtille, und es war ſeltſam, auf dieſem beinahe hundertjährigen Antlitz den ſchlauen Muthwillen der Kindheit wieder zu finden. Neugierig ſchaute er ſich um. Beim Anblick der an den Fenſtern verſammelten Perſonen, welche ihm den Rücken wandten, öffnete ſich ſein Mund, wie zu einem Ausruf des Erſtaunens, allein kein Laut drang daraus hervor. Er richtete ſich auf die Knie. An ſeinem Halſe hing an einem von dem Stroh ſeines Lagers geflochtenen Schnürchen ein kleines Medaillon, das ihm bis auf die Bruſt hinabreichte. Man hätte es für ein Miniaturbild halten können, das aus einer Doſe, die ihm als Einfaſſung diente, herausgenommen war. Er war höchſtens drei Schritte von der Frau Her⸗ zogin weg, die in ihrem Lehnſtuhl hinter dem Vorhang der äußerſten Fenſtervertiefung ſaß; allein dieſer Theil des Sales war, wie wir ſchon geſagt, von den Lichtern am weiteſten entfernt. Alles blieb dort in verworrenes Halbdunkel gehüllt. Die alte Herzogin hatte Oguah nicht bemerkt und fuhr fort, mit ihren todten Augen in's Leere zu ſtarren. Indeſſen war es draußen immer unruhig geblieben; man ſah den Fackelſchein unter den Bäumen des Gartens herumirren und hörte Herrn Williams zwei Diener den Namen Oguah rufen. 3 So oft der große Häuptling dieſen Namen hörte, zeigte ſich jenes ſtille Lächeln bei ihm, von welchem wir ſchon oft geſprochen haben. Indem ſein Blick im Zimmer umherſchweifte, fiel derſelbe auf den verzierten Rahmen, welcher das Bildniß des Herzogs Johann und der Herzogin Bertha einfaßte, ſein Bild und das Bild ſeiner Frau. Ein Stral von Vernunft ſchoß aus ſeinem Auge, man hätte eine unbeſtimmte Erinnerung darin leſen können.... Es war jedoch nur das Spiel eines Augenblicks. In⸗ dem ſein Blick ſeinen Weg im Kreiſe herum fortſetzte, fiel er auf das matte und unbewegliche Antlitz der alten Dame. Sein Augenlid zuckte, und wieder lag ein düſterer Schleier über ſeinem Blicke... 4 Er legte von Neuem ſeine beiden Hände auf den Teppich und kroch längs der Wand bis zu den Füßen der Herzogin hin, die ihn noch immer nicht bemerkte. Da hielt er nochmals ſtill. Sein Augapfel, den eine kindiſche Neugier belebte, ſtieg von den unterſten Falten des Kleides der Herzogin bis zu ihrem ſtraffen, ſteifen Bruſtleib empor, und immer und immer höher ſich hebend, kam er endlich an die welken Linien des Geſichtes der alten Dame. Seine Hand legte ſich auf's Herz, während die Nun⸗ zeln ſeiner Stirne tiefer wurden und ſeine erloſchenen Augen eine flüchtige Regung von Angſt ausdrückten. Er betrachtete ſie einige Sekunden lang. Dann ſchien er dieſe verwelkten Züge mit den jugendlich ſtralenden Zügen, die auf der Leinwand über der alten Dame lebten, zu vergleichen. Es war die verführeriſche Jugend in ihrer Blüthe und die häßliche Ruine des Alters... Es war die glänzende Schönheit neben einem trau⸗ rigen, vom Reſt der Zeit entſtellten Ueberbleibſel!... 6 5 5 3⁵7 Blieb zwiſchen dieſen beiden Geſichtern noch eine geheimnißvolle Aehnlichkeit, oder ſah der große Häupt⸗ ling ſie durch das lügneriſche Prisma ſeiner Tollheit!... Eine unbeſchreibliche Bewegung trat auf ſeine Züge. Durandin und der Geſchäftsmann des Herzogs ver⸗ ließen zuerſt das Fenſter. Ihr Beiſpiel wurde durch den übrigen Theil der Verſammlung befolgt, die ihren Platz um den Tiſch wieder einzunehmen kam. Selbſt Herr Williams ſetzte ſich wieder zu Duran⸗ din hin, nachdem er den Befehl gegeben, alle Ausgänge des Hauſes ſorgfältig zu bewachen. Oguah hatte ſich bei der Bewegung, welche die Anweſenden gemacht, um wieder zu ihren Sitzen zu ge⸗ langen, mit dem Bauch auf den Teppich geworfen. Sein Auge ruhte fragend und mit wilder Scheu auf Jedem von ihnen. Niemand hatte ihn bemerkt. Als Jedermann wieder Platz genommen, ſchlüpfte er geräuſchlos hinter die gezogenen Vorhänge und verſchwand in der Fenſter⸗ vertiefung. Einen Augenblick nachher hätte man ſein rothes Antlitz gerade über dem Lehnſtuhl der alten Dame erſcheinen und von der ſeidenen Draperie eingefaßt ſehen können... „Ich habe nur Weniges noch beizufügen,“ hob Durandin wieder an,„und um es offen zu geſtehen, iſt mir an der Gegenwart dieſes Greiſes, ſei er nun oder ſei er nicht der Herzog Johann von Maillepré, der Groß⸗ vater des Herrn Marquis, wenig gelegen. Die Haupt⸗ ſache iſt, daß ich morgen Vormittag bei der Kanzlei des königlichen Gerichtshofes dieſes Memorial niederlegen und die nöthigen Schritte thun werde, um die Friſt zu unterbrechen... wenn wenigſtens der Herr Herzog von Compans nicht für gut findet, einen Vergleich zu treffen, in welchem Falle ich ſeine Vorſchläge erwarte.“ „Ich, ich werde mich in keinen Vergleich einlaſſen,“ ſagte Herr Williams.* 3 Gaſton dankte ihm mit einem Blicke und fügte hinzu: „Es iſt zwiſchen dieſem Manne und uns keine Ver⸗ ſtändigung möglich!“ „Erlauben Sie!“ entgegnete Durandin, ſich gegen Gaſton und Herrn Williams verneigend,„ich muß Ihnen bemerklich machen, daß ich nicht den Auftrag habe, für Sie zu ſprechen, meine Herren... ich vertrete hier nur meinen Clienten, den Herrn Marquis von Maillepré... und ich erwarte des Herrn Herzogs Antwort.“ Dieſer ſchaute ſeinen Geſchäftsmann an, welcher ein kaltes und zerſtreutes Weſen zeigte. Seine vollkom⸗ mene Kenutniß deſſen, was zur fraglichen Unterſuchung gehörte, ließ ihn zwar bei Allem dieſem ſeine Gegner im Nachtheil ſehen. Allein andererſeits war er von Drohungen umgarnt. Wenn auch dieſe Beſchwerden vor ein Tribunal gebracht würden, ſo konnte er Sieger bleiben, allein er fühlte, daß er ſelbſt in ſeinem Siege gebrand⸗ markt wäre. Es lagen zu gewichtige Anklagen gegen ihn vor, und dieſe würden halb und halb bewieſen werden. Für die Gerichte wäre es nicht genug, für die Welt wäre es zu viel. Er zanderte. Es war für ihn ein Augenblick der Muthloſigkeit und des Schreckens. Die Beſchuldigung des Mordes, die ihm in's Ge⸗ ſicht geworfen werden ſollte, erfüllte ihn mit Entſetzen. „Was halten Sie davon, mein Herr?“ ſagte er zu ſeinem Nathe. Dieſer war ein Mann in den Fünzigen, mit einem magern, runzligen und zuſammengeſchrumpften Geſichte. Bei der Anfrage des Herzogs ſetzte er ſeine Brille zurecht und durchlief ſeine Notizen. „Die angeblichen Maillepré'ſchen Erben,“ ſagte er,„verzichten auf einen Vergleich und ſie thun wohl daran. Was den Herrn Marquis betrifft, ſo verlangt der im Gegentheil einen ſolchen, und er hat Unrecht... 359 Dieſes Memorial enthält nur unbeſtimmie Anführungen, hinter welchen nicht ein Schatten von Beweis iſt. Die auf's Gerathewohl hingeworfene Beſchuldigung eines Mordes iſt das beſte Anzeichen des Mangels an Mit⸗ teln, in welchem unſere Gegner ſich befinden... Ueber⸗ dieß befindet ſich der Ermordete ganz wohl, wie mich dünkt.... Was den angeblichen Johann von Maille⸗ pré betrifft, der jetzt beinahe hundert Jahre alt wäre, ſo iſt, wie mein Kollege geſagt hat, wenig daran ge⸗ legen, ob man ihn uns zeige oder verberge.... Das Weſentliche, das ſind die Thatſachen, das Weſentliche ſind die Beweiſe.... Wo ſind Ihre Beweiſe?? Bevor noch Durandin antworten konnte, ergriff der Herzog das Wort, indem er ſich an Herrn Williams wandte: „Mein Herr,“ ſagte er im Tone einer ruhigen und trefflich erheuchelten Würde,„ich beſitze ein unermeß⸗ liches Vermögen, das mir von der Seitenlinie herzu⸗ gefallen iſt... ich werde alt und habe keine Kinder... Es mag ſein, daß ich ehemals Leute, die meinen Fa⸗ miliennamen trugen und die ich für Betrüger hielt, ſtrengrechtlich behandelte... Ich habe es ſeither bereut und mit allzu großer Gefälligkeit einen vermeintlichen Maillepré anerkannt, der mich durch gewandte Lügen zu täuſchen wußte.“. Der Herzog hielt inne und ſchaute Durandin mit ſtrenger Miene an. „Ich ſpreche von Ihrem Clienten, mein Herr,“ ſagte er. „Geduld,“ brummte Durandin;„mein Client wird Ihnen ſchon antworten können!“ „Ungeachtet des Verdruſſes, welcher ein erſter Irr⸗ thum mir verurſacht,“ fuhr der Herzog fort,„ſchreit mir eine innere Stim me, eine Stimme der Gerechtigkeit zu, dieſe Waiſen, welche das Vermögen ihres Vaters verlangen, nicht zurückzuſtoßen.. Ich will mich lieber ein zweitesmal täuſchen, als Leute, die vielleicht wirk⸗ liche Maillepré ſind, im Unglücke laſſen... Ich will die angeführten Beweiſe nicht kennen.... Reden Sie, mein Herr... beſtimmen Sie ſelbſt den Theil meiner Güter, den ich abtreten ſoll; ich bin bereit, auch dieſes Opfer noch zu bringen!“ Die Stimme des Herzogs klang gerührt, ſein ge⸗ ſchminktes Geſicht maskirte ſich mit heuchleriſcher Milde. Sein Geſchäftsmann ſchaute ihn verwundert an. Durandin blies die Backen auf. Die Ueberraſchung lähmte ſeine Daumen, die zu trällern aufhörten. Herr Williams zauderte. Es entſtand tiefe Stille. Während dieſer Stille erſchien das rothe Geſicht des großen Häuptlings zwiſchen den beiden halbgeöffneten Vorhängen. Er hielt das Medaillon, welches an einer um ſei⸗ nen Hals geſchlungenen Strohſchnur hing, in der Hand. Von dieſem Medaillon ab, glitt ſein Blick auf die Fabendarbe der alten Dame, welche unbeweglich unter ihm ſaß. 1 Auf Oguah's Zügen zeigte ſich eine große Auf⸗ regung und die Runzeln ſeines Geſichtes ſchoben und miſchten ſich in beſtändiger Bewegung. Seine Aug⸗ brauen zogen ſich wild zuſammen; auf ſeinem Munde lag ein grauſames, grimmiges Lächeln. Der Wahnſinn, der aus ſeinen blutunterlaufenen Augen leuchtete, ſchleu⸗ derte erbitterte Drohungen. Durandin ſtand auf und trat zu Herrn Williams hin. „In dieſem ganzen Papierkram,“ ſagte er ihm in's Ohr,„iſt nicht Etwas, das Einem auch nur einen Thaler aus dem Sack locken könnte. Verlangen Sie Millionen e und wenn man Ihnen fünfzigtauſend Franken an⸗ bietet, ſo folgen Sie meinem Rathe, nehmen Sie's an. Herr Williams kehrte ſich gegen Gaſton um und ſchaute ihn fragenden Blickes an. Gaſton behielt den ganzen edeln Stolz ſeines Antlitzes. „Mein Neffe, ſagte Herr Williams,„ich kann es nicht über mich nehmen, dieſes Anerbieten auszuſchlagen .... Da haben Sie zu reden.“ — — 361 „Ich weiſe es zurück,“ ſagte Gaſton. Und als hätte er jedem letzten Verſuch auf Char⸗ lotte und Sancta zuvorkommen wollen, fügte er hinzu: „Ich weiſe es für mich und meine Schweſtern zurück.“ Einem Wink ihres Bruders gehorſam, wiederholte Sancta mit ihrem ſanften Stimmchen, und Charlotte, mehr zerſtreut, als damit einverſtanden: „Wir weiſen es zurück!“" Statt ſeinen Platz wieder einzunehmen, ſchritt Du⸗ randin vor der Eingangsthüre auf und nieder. Er fühlte ſeine Rolle beendigt. Dieſe Entfernung benützend, rollte der Geſchäfts⸗ mann des Herzogs ſachte ſeinen Lehnſtuhl ſo nah, daß er die Papiere, aus welchem Durandins Akten beſtan⸗ den, unter dem Memorial hervornehmen konnte. „Bedenken Sie ſich wohl!“ fuhr der Herzog fort, „Sie ſtoßen eine Gelegenheit von ſich, welche die Vor⸗ ſehung Ihnen nicht zweimal im Leben zuführt... Was verlangen Sie? mein Vermögen.... ich gebe Ihnen von heute an die Hälfte davon.... und ſetze Sie zu meinen Erben ein.“ „Sie ſehen wohl, mein Herr,“ erwiederte Gaſton in kaltem und entſcheidendem Tone,„daß wir und Sie Nichts mit einander gemein haben können!“ 3 „Ganz wohl!“ rief in dieſem Augenblick der Ge⸗ ſchäftsmann des Herrn von Compans, indem er Duran⸗ dins Akten mit verächtlicher Geberde zurückſtieß..... „Ihre Würde, Herr Herzog, geſtattet Ihnen nicht, ein zweimal zurückgewieſenes Anerbieten zu wiederholen... Und wahrlich, das heißt zu viel Schwäche.... ich will ſagen zu viel Großmuth..... Dieſe Papiere könnten Etwas werth ſein, wenn ſie vollſtändig wären... allein nebſt vielen andern mangelt gerade der Geburtsſchein des Sohnes Johanns von Maillepré und vom Herzog Johann ſelbſt iſt keine Rede darin.... Es iſt kein Pro⸗ zeß möglich.“ Herr von Compans ſtand auf. „Und doch wird es einen Prozeß geben,“ ſagte James Weſtern,„und wir wollen ſehen, was in Frank⸗ reich Gerechtigkeit heißt!....“ 2„Bah!“ machte der Geſchäftsmann, wie Einer, der dieſe Gerechtigkeit genau kennt. Der Herzog raunte ihm ſchnell einige Worte ins Ohr. „Keinen Heller! Herr Herzog,“ antwortete der Ge⸗ ſchäftsmann,„bieten Sie nicht einmal mehr den hun⸗ dertſten Theil eines Hellers!.... von jetzt an ſtehe ich Ihnen für Alles!“ Der Herzog nahm alſobald die Miene verletzter Würde an. Er war jetzt ſeiner Sache gewiß und be⸗ glückwünſchte ſich im Stillen, ſein unbeſonnenes Aner⸗ bieten ausgeſchlagen zu ſehen. „Nach der Art, wie man meine Anerbieten aufge⸗ Beim Anblick Carmens hatte der Herzog Anfangs die Brauen zornig gerunzelt. Dann war er blaß ge⸗ 363 worden und ſein Mund hatte verworrene Dinge als Antwort geſtammelt.... weil er ſoeben in Carmens Hand die rothe Brieftaſche erkannte, die er in ſeinem Schreibpult unter dreifachem Schloſſe wähnte. 1. Auch Durandin hatte die Brieftaſche erkannt. Er rieb ſich voll Enthuſiasmus die Hände und ſtürzte dem herzoglichen Rathgeber entgegen. „Gut, gut, gut!“ rief er dreimal nach einander; „Kollege, ſetzen Sie Ihre Brille wieder auf, da gibt's Was zu lachen!....“ Die Thüre des anſtoßenden Zimmers, durch welche die Baronin eingetreten, blieb offen. 3 Man ſah jetzt auf der Schwelle Romeo, der das Vorgegangene zu errathen ſuchte und die Scene mit dem Intereſſe eines Liebenden beobachtete; man ſah Nazaire's gutes und ehrliches Geſicht und das ſchalkhaft glühende Auge Mignonne's, welche ſich zwiſchen Romeo und ihren Verlobten zu ſchieben bemühte. „Mögen Sie nun Frauen⸗ oder Männerkleider tra⸗ gen,“ ſagte der Herzog zu Carmen,„Ihre Gegenwart, mein Herr, kann hier Nichts mehr ändern.... Ich will fort.“ „Ich will aber, daß Sie bleiben,“ ſagte Carmen. Der Herzog blieb einen Augenblick unſchlüſſig, dann kehrte er mit augenſcheinlichem Widerwillen nochmals an ſeinen Platz zurück. Durandin befand ſich ſchon an dem ſeinigen. Die beiden jungen Mädchen und Herr Williams ſchauten, ohne Etwas davon zu verſtehen, dieſer neuen Wendung der Dinge zu. Gaſton zauderte. Die Stimme der Baronin hatte ihn bis in die tiefſte Seele erregt. Seine Augen ſuch⸗ ten den dichten Schleier zu durchdringen, der Harmens Geſicht noch verdeckte. Dieſe trat bis an den Tiſch vor und hob den Schleier. Gaſton ſtieß einen Freudenſchrei aus. Weſtern riß die Augen weit auf und ſeine Hände zitterten. 364 Auch Carmen, die blaß und einer Ohnmacht nahe ſchien, empfand eine mächtige Bewegung. Ihre wundervolle Schönheit hatte in dieſem ernſten Augenblick einen Charakter von beinahe übermenſchlicher Hoheit angenommen. Sie ſchien durch ihre Trauer gereinigt und um ihre Stirne ſtralte gleichſam eine Aureole ergebungs⸗ vollen Schmerzes.— „James Weſtern,“ ſagte ſie, verkennen Sie mich wieder?“ Weſtern wandte den Kopf ab und murmelte: „Ich glaube, Sie zu erkennen.⸗ „Gott ſei gelobt,“ hob Carmen wieder an,„daß er Sie am Leben ließ und ſeine Hand zwiſchen Sie und mein Verbrechen trat.... Schauen Sie mich an, James Weſtern, mein Herz hat ſich ſehr verändert... 85 bringe Ihnen wieder, was ich Ihnen geraubt hatte. Gaſton horchte und fühlte, daß es ihn wie Eis überlief. Dem Herzog war ein kalter Schweiß auf die Stirn getreten. Nach ſechzig Jahren glänzenden Ueberfluſſes ſah er ſich jetzt am Bettelſtab. Weſtern hatte inzwiſchen die Brieftaſche genommen, und als hätte er ſeinen Augen nicht trauen wollen, wagte er noch nicht, ſich des Fundes zu freuen. Verdutzt ließ Durandin die Arme ſinken. Carmen trat langſam zu Gaſton heran. Charlotte und Sancta betrachteten mit Staunen dieſe Frau von ſo wundervoller Schönheit, welche ſo ſehr zu leiden ſchien und die ſie nicht kannten. „Gaſton,“ ſagte Carmen, mit dem Finger auf die Brieftaſche weiſend, welche Weſtern eben im Begriff war zu öffnen,„da ſind die Titel und das Vermögen Ihres Vaters, welche ich Ihnen zurückzuerſtatten verſprach... Die Baronin von Noye und der falſche Marquis von Maillepré ſind eine und dieſelbe ſchuldige Perſon... Der Schuldige bin ich.. Gaſton, wir ſehen uns niemals wieder!“ —— ——= 365 Gaſton hatte die Augen niedergeſchlagen, ſein Herz bochte heftig. Eine Thräne hing an ſeiner Wimper⸗ In dieſem Augenblick hoͤrte man in jenem Theil des Zimmers, wohin man den Lehnſtuhl der Frau Herzogin gerollt, ein leiſes Geräuſch. Sancta und Charlotte ſchauten ſich an. Die Frau Herzogin ſaß immer ſteif und aufrecht am nämlichen Platze; keine Veränderung hatte an ihrer Perſon ſtattgefunden. Sancta und Charlotte glaubten nur um ihren Hals Etwas wie ein rothes Halsband zu bemerken, das von dem Weiß ihrer Kleidung abſtachtee Sie hatten nicht Zeit, dieſem Umſtande ihre Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken, weil ſich in dieſem Augenblick Herrn Williams Stimme bewegt erhob: „Dank ſei Dir, Weib,“ ſagte er,„von Grund meines Herzens verzeihe ich Dir und begnadige Dich!“ Dann fügte er hinzu, indem er ſein gewöhnliches Phlegma abſtreifte und die Hände mit Jubruuſt faltete: „Kinder, danken wir Gott!... Der Zweck meines Lebens iſt erfüllt und meine Fehler gut gemacht... Ga⸗ ſton, Sie befinden ſich hier in Ihrem Hotel und können den Namen Ihrer Ahnen tragen.“ Auf dieſe mit ſtarker Stimme ausgeſprochenen Worte antwortete ein langer Freudenſchrei im anſtoßenden Zimmer. Romeo und Nazaire wegſtoßend, die den Vorgang erriethen und in die Hände klaiſchten, ſtürzte ein Mann ins Zimmer und vor Gaſtons Pien nieder. Im Vertrauen geſagt, Pane uch der gute Nazaire eine Thräne im Auge. „Das iſt mir ein Alter, wie ich ſie gern habe!“ murmelte er, Jean⸗Marie betrachtend;„wie hat der 366 ſie lieb, nein, ſeh' man doch, wie hat der ſie lieb!... Marſch, Palot! umarm' ihn auch recht derb, den Mignonne wiſchte ſich, ſo viel ſie konnte, die hüb⸗ ſchen Augen ab. Romeo's Herz fühlte viel Freude, aber auch viel Schmerz, denn Sancta war jetzt zu reich für ihn.... Als der Blick des jungen Mädchens feucht und lächelnd dem ſeinen begegnete, ſchlug er unwillkürlich die Augen nieder.... und während Nazaire und Mig⸗ nonne ins Zimmer hineintraten, blieb er allein hinter der Thüre. Durandin näherte ſich Herrn Williams und reichte ihm die Hand. „Sie werden ſich leicht vorſtellen können, mein lieber Herr,“ ſagte er leiſe zu ihm,„daß ich ganz wohl wußte, wie das Alles endigen würde... ich war in das Ge⸗ heimniß eingeweiht.... ich hoffe, ferner der Sachwalter der Familie zu bleiben.“ Traurig in Mitte all ſeiner Freude, ſuchte Gaſton überall nach Carmen; allein Carmen war verſchwunden. Der Herzog von Compans blieb unbeweglich, mit geſenktem Haupte und in gebeugter Haltung an ſeinem Platze, als hätte ihn der Schlag getroffen. Schwankend erhob er ſich endlich und ſchritt der Thüre zu. Er kannte den Inhalt der Brieftaſche zu wohl, um den wiedergefundenen Maillepré gegenüber noch einen Schatten von Hoffnung hegen zu wollen. Niemand dachte daran, ihn zurückzuhalten. Auf der Schwelle angekommen, wandte er ſich um, um zu ſprechen, allein die Stimme verſagte ihm und er entfloh.— 3 „Da hat Du Chesnel eine Sehne weniger an ſei⸗ nem Bogen,“ dachte Durandin.„Wenn er wuüßte, daß er hundertfünfzigtauſend Livres Einkünfte im Fiafer von ſich geſchickt hat!“ — ³ 367 Endlich ſahen ſich die Maillepré allein im herzog⸗ lichen Ahnenſal, oder wenigſtens nur noch von Freun⸗ den umgeben. Gaſton erblickte Romeo, der ſich träumend an die Flügelthüre lehnte. Er eilte auf ihn zu. „Kommen Sie, mein Bruder,“ ſagte er. Er zog ihn mit ſich und legte ihm Sancta's Händ⸗ chen in die Hand.* 4 „Bravo, Palot!“ ſagte Nazaire. Biot ſchaute dem Allem, mit einem herzlichen Dank⸗ gebet gen Himmel, zu. 4 Bei all dieſem Glück fühlte er ſich der Glücklichſte. Sein Herz überfloß vor Freude, die jungen Stir⸗ nen ſeiner Kinder, die er ſeine Gebieter nannte, endlich in Wonne ſtralen zu ſehen. 4 Es war ein ſtiller Jubel. Jedes bedurfte der Sammlung und die Freude tauſchte ſich in ſtummen Blicken aus. 3 In Mitte dieſer Stille hörte man ein undeutliches, Anfangs faſt unmerkliches Geräuſch. 4 Es war wie ein dumpfer, gurgelnder Geſang, der ſich an irgend einem Orte des Zimmers, man wußte nicht wo, vernehmen ließ. Aller Augen wandten ſich um. Man erblickte Nichts. Der Geſang ertönte deutlicher und ließ ſeine lang⸗ ſame und einförmige Melodie erſchallen. Je deutlicher er wurde, je mehr konnte man erken⸗ nen, aus welcher Richtung er kam, und Aller Blicke lenkten ſich nun nach demjenigen Theil des Zimmers, wo die Frau Herzogin von Malllepré ſaß. S iee hielt ſich immer unbeweglich und aufrecht in ihrem Lehnſtuhl und um ihren Hals bemerkte man noch jenes rothe Halsband geſchlungen, worüber Charlotte und Sankta ſich ſchon verwundert hatten. 3 Die beiden jungen Mädchen ſtanden zugleich auf, um zu ihrer Großmutter hinzugehen. 368 5 Beim erſten Schritt, den ſie thaten hörte der Ge⸗ ſang ſchnell auf. Sancta, welche zuerſt zu ihr hintrat, erkundigte ſich nach dem Beſinden der Frau Herzogin. Die Frau Herzogin antwortete nicht. Charlotte wollte nachſehen, was für ein rothes Halsband ihre Großmutter ſich umgeſchlungen hätte. Sie betaſtete es mit der Hand und wich mit einem Schrei des Entſetzens taumelnd zurück. Alles lief herbei; man brachte die Lampen. Als das Licht auf das vermeintliche Halsband fiel, erblickte man zwei rothe, runzlige Hände, welche ſich um den Hals der alten Dame krallten... „Oguah!“ rief Weſtern entſetzt. Bei dem Namen Oguah ließ ſich ein gurgelndes Gelächter hinter den Vorhängen vernehmen und die bei⸗ den rothen Hände zogen ſich ſachte zurück. Die alte Dame, welche jetzt nicht mehr gehalten wurde, ſiel als lebloſe Maſſe zuſammen. Sie war ſchon lange todt. Weſtern zog ſchleunig die Vorhänge auf. Hinter denſelben ſtand Oguah und richtete ſeine hohe Geſtalt ihrer ganzen Länge nach auf. Auf ſeinem blutbeſchmierten Geſicht lag ein fürch⸗ terlicher Ausdruck von befriedigter Nache. Das kleine, mit einer Strohſchnur befeſtigte Me⸗ daillon hiug noch um ſeinen Hals. Es war das Bild⸗ niß des Ritters von Ryonne. Während Jedermann ihn betroffen auſchaute, wies er mit pralender Geberde auf den Körper der Herzogin und ſagte: „Ein Irokeſe rächt ſich!... Oguah iſt ein großer Häuptling!...“ Dann ſtreckte er ſich auf den Teppich aus und be⸗ gann ſeiner Geſang von Neuem. Ende.