23 Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ) „ von. 7. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. —-————— — 2 7 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wpchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————bucner: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 9 1 1— u—„ 1— 1 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 4 7. kuszalnaeiſ. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 428 8 4 Se d eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 3 — 7 Deutſch von Dr. Scherr. 4 Viertes bis ſechstes Bändchen. „ Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846.“ —. b Pariſer Liebſchaften. Paul Feval, Verfaſſer der„Londoner Myſterien.⸗ ——— — 11. Schwarzer Frack und weiße Handſchuhe. Gegen Ein Uhr kam Gaſton im Hotel Maillepré an und ging eiligſt über den Hof, ohne ſich nach Biot umzuſehen. Seine Züge drückten äußerſte Ermüdung aus, ſeine Haare hingen unordentlich über's Geſicht, Blouſe und Pantelon waren von oben his unten beſpritzt. Was hatte dieſe frühe Rückkunft zu bedeuten? Ka⸗ men doch beide Geſchwiſter nie vor fünf Uhr Abends heim! Denn ſie pflegten die Mittagsſtunde, wo die Arbeit ruhte, in der Werkſtätte zu bleiben, um deſto früher Abends ſie verlaſſen und den Diners der Herzo⸗ gin⸗Wittwe anwohnen zu können. Aber heute war Sancta ſchon Morgens früh und Gaſton um ein Uhr Mittags zurückgekehrt— und wie? Beiden ſchien irgend Etwas zugeſteßen zu ſein; ihre Traurigkeit war nicht die gewöhnliche. Nachdem ſich Biot vergebens den Kopf zerbrochen, die Urſache dieſer beunruhigenden Erſcheinung zu erra⸗ then, hielt er mit der Arbeit inne, ſchüttelte bedenklich das greiſe Haupt und ſah flehend zum ſteinernen Mutter⸗ gottesbilde auf, das in einer Niſche der Mauer aufge⸗ ſtellt war. „Heilige Mutter Gottes, wache über ſie!“ betete er und eine Thräne näßte ſein Auge. In der Kammer angekommen, w aſton den Kittel ab und trat ihn zähneknirſchend mit Füßen, während ein Schweißtropfen nach dem andern über die Stirn rann und ſein Mund Worte ohne Zuſammenhang ſtotterte. Kaum hatte er den Kittel mit ſeinem glänzend ſchwarzen Anzuge vertauſcht, ſo fiel er auf's Bett nie⸗ der und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. In dieſer Stellung überraſchte ihn Sancta; ſie weckte ihn mit einem zärtlichen Kuſſe auf die feuchte Stirn durch die geſpreizten Finger. „Mein Gott, was fehlt Dir, Bruder?.... Wohin willſt Du.“ 3 Gaſton richtete ſich plötzlich auf, ſtotterte einige Worte und ſenkte das Haupt wieder. „Sprich, Gaſton, was fehlt Dir..... ich bitte Dich... 1 Keine Antwort. „Gaſton, Gaſton, ſprich!“ und damit ſchlang ſie laͤchelnd ihren Arm um den Hals des Bruders. Gaſton drückte ſie ſchweigend an das pochende Herz. Dann ſprang er vom Bette auf und ſtürzte der Thüre zu. „Ich will Dir morgen Alles ſagen, liebe Sancta!“ Ohne nach den Gründen ihrer Anweſenheit zu fra⸗ gen— denn er hatte nur für Eines Sinn— ver⸗ ſchwand er durch die Thüre. Kaum war der Bruder hinaus, ſo erleichterte ſich ihr ſchweres Herz in einem Strom heißer Thränen. Dann ging ſie in ihre Kammer zurück und kniete vor dein Kruzifir nieder........... Im Vorbeigehen an Biot's Loge rief Gaſton die⸗ ſem zu: „Wenn ich um fünf Uhr nicht zurück bin, ſo ſag', Du wüßteſt meinen Aufenthalt.“ „Soll ich lügen, gnädiger Herr?“ flüſterte Biot erröthend. „Ja, um Sancta's willen!“ — — 7 „Um Sancta's willen?“ fragte der Bauer leiſe. „Gut, ſo will ich lügen....“* Gaſton hörte dieſe Antwort nicht, er war ſchon auf der Straße. An der Ecke der Straße Culture⸗Saint⸗Catherine ſtieg er in einen Fiaker. ſticht, geborne Elſäßer. Das Elſaß hat eine ſchöne Stimme, aber eine ſchau⸗ derhafte Ausſprache, weßhalb wir, um die Ohren unſerer Leſer zu ſchonen, den deutſchen Accent dieſer trefflichen Franzoſen in das wohlklingende Pariſer⸗Franzöſiſch umſetzen. Uebrigens waren hier alle Nationen Europa's vertreten. Wir führen den Leſer in den Hauptſal, welcher die 4 Geſtalt eines ungeheuren Korridors hat und auf beiden Seiten durch eine doppelte Reihe von Fenſtern ſein Licht erhält. Längs der beiden Wände laufen in der ganzen Ausdehnung des Sals Tiſchplatten, welche in die Mauer befeſtigt ſind. Vor jedem der unzähligen Fenſter liegt eine Platte und vor dieſer Platte ſitzt ein Graveur; zwiſchen den Fenſtern befinden ſich die Werk⸗ zeuge, die jeder nöthig hatte. Die ganze ungeheure Mitte des Sals wird von andern Arbeitern eingenommen, die auf Ziehbanken ſitzen und vermittelſt großer Zangen das Kupfer glätten. Da und dort ſieht man die großen Kohlbecken, worin die Platten von feinem Stahl glühend gemacht werden und die Kübel mit kaltem Waſſer, die zur Lö⸗ ſchung des glühenden Metalls dienen. Alles war in Thätigkeit. Da wurde aus mehreren hundert Kehlen, und was für welchen! geſprochen, ge⸗ lacht, geſungen, meiſtens in deutſcher Sprache; zwiſchen⸗ durch hörte man, in ruhigeren Momenten, das ſchaurige Gekreiſch des gezogenen Kupfers, das Geſchrill des Bims⸗ ſteins und das Ziſchen des glühenden Stahls im Waſſer. Den Hintergrund, ſo zu ſagen, dieſes furchtbar unhar⸗ moniſchen Konzertes bildete ein ewiges Gehämmer, Ge⸗ klopf, Gepoche, das ſich in gleich kurzen und trockenen periodiſchen Schlägen wiederholte. Man glaubte ſich in eine Werkſtätte kleiner Cyclopen verſetzt. Kein noch ſo unerſchrockenes Nervenſyſtem hielt es lange in dieſem hölliſchen Spektakel aus. Jeder wor auf ſeine Weiſe beſchäftigt. Die Einen griffen die Platte ſelbſt mit dem Grabſtichel und Hohl⸗ meiſel an, wie die gewöhnlichen Holzſchneider; die An⸗ dern bogen mit großem Geſchick die ſchmalen Kupfer⸗ blätter in die künſtlichſten Zeichnungen und verſchlungen⸗ ſten Arabesken; noch Andere glätteten das Kupfer, gra⸗ virten mit Stahlpfriemen, präparirten die Platten oder gingen mit den Nadeln um. Von dem Hintergrunde des Sals aus führte eine kleine Treppe in das Bureau des Herrn Malfus. Neben dem Haupteingange befand ſich eine Art Gitterverſchlag, hinter welchem, je nach den Bedürfniſſen des Augenblickes, bald Herr Rohrbach, bald ſein Zahl⸗ meiſter, bald der Faktor abwechſelnd ſaßen, das aber 9 während eines Theiles der nachſtehenden Unterhaltung unbeſetzt war. G „Zehn gegen Eins, der Palot war's!“ rief eine Stimme ſo laut, als nöthig war, um ſich in der Cy⸗ elopenwerkſtatt Gehör zu verſchaffen. „Poiret, Poiret, es ſetzt: noch Händel zwiſchen uns„ warnte Nazaire, genannt Dragon. „Händel mit mir?“ rief Poiret.„Und um des Palots wegen? Was haſt Du an dem Kerl gefreſſen, daß Du ihn den alten Freunden vorziehſt?“ „Weiß Gott,“ antwortete Nazaire.„Aber's geht mir mit dem Palot, wie mit dem Kapitän Romeo.... Ein Säbelhieb, verſteht ſich flach, verſchaffte mir die Ehre ſeiner Bekanntſchaft. Ich wollte eben nem Kaby⸗ len, der um ſein Leben flehte, den Schädel ſpalten, als ich den Hieb auf dem Buckel fühle.... noch jetzt kannſt Du ihn ſehen, wenn's Dir beliebt... Ich dreh' mich um, den Kerl zu frikaſſiren, Frennt oder Feind, da ſchau ich dem Romeo in's Auge.... Sakerlot, das war ein Auge!. Gleich ſah ich mein Unrecht ein; ein Kabyle auf den Knieen iſt kein Engländer!... ſo leg' ich die Hand an den Tſchako und rief: Dank, Herr Kapitän!“ „Schöne Urſache zum Dank!“ fiel Poiret ein. „Was verſteht ſo’n Pflaſtertreter, wie Du, Poiret, von militäriſcher Ehre?... Sag' Dir, ich hatte meine Urſache zum Dank, und damit Baſta!.. Der Kapitän fängt an zu lachen und gibt mir die Hand.... Aber wie? Donnerwetter, Ihr hättet ihn ſehen ſollen!... Seitdem war er mir ſchier an's Herz gewachſen, ſo daß ich um Urlaub dts der Kapitän ſeine Entlaſſung einreichte, um ſich dem Oberſt zu ſchießen. „Wie kam das?“ fragte Cachard, genannt Feignant. „Mag Gott wiſſen,“ antwortete der verſchwiegene Nazaire. „Hat Palot Dich auch mit dem Säbel kareſſirt, da 6 „Säbel hin und Säbel her!“ ſiel Nuzir⸗ mitleidig 10 die Achſel zuckend, ein.„Nicht um des Säbelhiebs we⸗ gen mußt' ich den Kapitän lieben; ich weiß ſelbſt nicht, was es war... Ganz ähnlich beim Palot.... Kaum hatt' ich ihn geſehen, ſo mußt' ich ihn gern haben.... Der Kerl iſt ſeelengut, das ſteht ihm auf'm Geſicht geſchrieben!“ Nazaire legte den Grabſtichel nieder und blickte for⸗ ſchend um ſich. Keiner wagte ihm zu widerſprechen, denn er war der Hahn im Korbe, eben ſo geliebt, als gefürchtet. Alle lächelten ihm zu. Namentlich ein vierſchrötiger, fettwanſtiger Deut⸗ ſcher, Peter Worms, Poupard genannt. Die blühend rothen, feiſten Wangen und der ſchielend⸗falſche Blick ſeiner lebhaften ſchwarzen Augen ließen den Heuchler durchſehen. „Der Dragon iſt ein drolliger Kauz!“ radebrechte er....„Man muß immer über ihn lachen!“ „Gilt die Wette?“ hub Poiret, der um jeden Preis Recht behalten mußte, auf's Neue an.„Aber wo Teufel ſteckt der Kerl?!“ „In ſeiner Haut!“ antwortete Dragon trocken. „Gewiß! Aber doch iſt's ſonderbar.... Und när⸗ riſch, der Papa Potel läßt auch auf ſich warten; ge⸗ wiß zahlt er nicht aus heut' Abend.... Was gilt die Wette?“ „Wollen doch ſehen....“ drohte Feignant.„Drei „S iſt mein gewöhnlich Maaß das, mein Burſchchen; ich will mich nicht überarbeiten.... Hölle und Teufel! Wenn der Potel nicht auszahlt, komm' ich um mein Rendez⸗vous, und was für eines?“ „Was gilt's, Du kömmſt d'rum?“ rief der wett⸗ ſüchtige Poiret. „Mit Poirets Schätzchen!“ flüſterte Feignant ½ e 11 kichernd ſeinem Nachbar links ins Ohr....„Die Wette gilt!“ rief er laut Poiret zu.„Dreißi Sous!“ „Zwei Franken!“ bot Poiret. „Fünfzig Sons!“ „Eine Piece!“ „Eine Piece! Schlag' ein! Kaum hatte Poiret eingeſchlagen, daß es weithin klatſchte, ſo öffnete ſich die Thüre und hereintrat— Papa Potel, der Zahlmeiſter.. Poiret ſchnitt ein ſaures Geſicht; Feignant lachte aus vollem Halſe. Der Schelm hatte Herrn Potel an ſeinem Gange draußen auf der Treppe erkannt. „Fünf Franken plus achtzehn Franken, macht drei⸗ undzwanzig Franken zum Verkareſſiren heut' Abend... Göttlich, göttlich!“ jubelte Feignant. lte wiſchen ſtand Herr Potel bereits vor ſeinem ulte.* „Meine Freunde,“ rief er durch's Gitter,„ich hab' heut viel zu thun und will Euch gleich auszahlen; das Geld iſt ſchon ſeit geſtern Abend in Haufen gezählt. „Um ſo beſſer!“ rief Feignant. „Schön, ſchön!“ bekräftigte Peter Worms mit etwas unſicherer Stimme. Ueberhaupt ſchien ſeit dem Eintritt Herrn Potels eine Veränderung mit ihm vor⸗ gegangen zu ſein; er war lange nicht mehr ſo roth wie fruͤher, aber immer noch roth genug. Alle Arbeiter verließen ihre Plätze und ſammelten ſich um das Bureau des Herrn Potels. „Nazaire, genannt Dragon,“ rief Herr Potel, ſein Kontobuch nachſchlagend.„Dreizehn ganze Arbeitstage, macht acht und ſiebzig Franken.... Das lob' ich mir! Der Nazaire wird ſich bald ein hübſches Sümmchen zuſammengeſpart haben....“ 5 „Ich auch!“ brummte Feignant in den Bart. „Wer ſich verheiraten will, braucht Geld, Herr Potel,“ antwortete Nazaire. „Recht ſo, mein Freund!“ unterbrach ihn Herr Potel.„Ein Cheſtand, ſo angefangen, wird kein Wehe⸗ ſt das Geld... and. Hier iſt das 4 Mit den 2 n ſteckte Herr Potel die Hand ins halbgeöffnete Aber plötzlich hielt er inne und ſah ſich leichenblaß um. B „Haben Sie Ratten in Ihrer Kaſſe feil?“ „Was gibt's?“ fragten Alle wie aus Einem Munde. „Geben Sie die zweitauſend Franken her, oder ich bin Zeitlebens ruinirt!“ ächzte der alte Mann. „Ein Diebſtahl!“ rief Dragon, faſt eben ſo blaß als Herr Potel.. Mit Blitzesſchnelle flogen die Augen gegenſeitig prüfend im Kreiſe herum. Aber keine Miene erbebte vor dieſer Prüfung, wenn nicht etwa die Cachard's, genannt Feignant, obgleich er dießmal unſchuldig war. Der Arme wußte, daß er bei ſeinen Collegen hinſichtlich Feiger Ehrlichkeit nicht eben zum Beſten angeſchrieben and. „Mäuschenſtill!“ gebot Nazaire, ſich an der Thüre aufpflanzend.„Ich wittere einen Galeerenzüchtling hier! Jeder kehre ſeine Taſchen um!“ „Guter Einfall!“ rief Poiret, der zum erſten Male mit ſeinem Kameraden harmonirte.„Die Taſchen um⸗ gekehrt!“„» * 13 „Die Taſchen umgekehrt!“ wiederholte Feignant mit Nachdruck. „Schade, daß nicht Alle da find prnerte der fette Elſäßer, deſſen Pausbacken leicht zitterten. „Wer fehlt?“ fragte Dragon. „Der Palot, Herr Dragon,“ antwortete Poupard. „Der in die Oper geht, auf die erſte Galerie, in ſchwar⸗ zem Frack und weißen Handſchuhen, wie Herr Poiret behauptet.“ „Und ich bleib' dabei!“ flüſterte Poiret, über die vndenaeiliche Schlußfolge aus dieſer ſeiner Entdeckung betroffen. Ein dumpfes Gemurmel ging von Mund zu Mund. „Man geht nicht in die Oper, auf die erſte Ga⸗ lerie,“ ſo hieß es allgemein,„in weißen Handſchuhen und ſchwarzem Frack, nebſt Schätzchen in ſeidenem Kleide, wenn man nur vier Franken täglich verdient, denn Palot macht nur zwei Drittel Tagwerk....“ „S iſt wahr!“ bekräftigte Poiret. „'S iſt falſch!“ ſchrie Nazaire mit Donnerſtimme. „Ich bürge für den Palot, ich!.. Verſtanden?.. Habt Ihr ihn je anders als in ſeiner Blouſe geſehen?.. Er iſt der ehrlichſte Kerl von der Welt und ein guter Ar⸗ beiter..... Laßt Euch Nichts weiß machen von dem Poiret da. Ich, ich wette, was Ihr wollt, daß er nie'nen Frack auf den Schultern und Handſchuhe auf den Händen gehabt hat....“ In demſelben Augenblick wurde die Thüre aufge⸗ riſſen und Gaſton trat herein— in ſchwarzem Frack hd weißen Handſchuhen, leichenblaß und mit, verſtörten ügen. „Da iſt er!“ riefen Alle auf einmal. „In ſchwarzem Frack und weißen Handſchuhen,“ fügte der Elſäßer hinzu. „und beſoffen wie zehntauſend Säue!“ bemerkte Feignanz„Seht, wie er taumelt.“ 8 Nazgse ſah Gaſton ungläubig an, als traue er ſeinen Sinnen nicht. Eine dunkle Wolke flog über ſein offenes, ehrliches Antlitz. „Der Poi at doch Recht gehabt!“ ſeufzte er. 12.. Der Brief. Als Gaſton drei oder vier Schritte weit in das Innere der Werkſtatt vortrat, wichen ihm ſeine Kame⸗ raden mißtrauiſch und verächtlich aus, während der alte Potel dieſen vermeinten Räuber ſeiner geringen Erſpar⸗ niſſe mit den Blicken verſchlang. ggwar ſind die Trunkenbolde am Eheſten bei der Hand, Jeden, der in ſeiner Kleidung derangirt, oder durch irgend Etwas verſtört iſt, der Trunkenheit zu zeihen, als gäbe es keine andere Urſache ſolcher Erſcheinungen. Aber dießmal hätte ſich auch der Vorſichtigſte in Gaſton irren müſſen. Er ſah ganz ſo aus, als komme er direct aus der Kneipe. Die ſonſt ſo weiße Stirn war röthlich gefleckt, die Haare klebten an den feuchten Schläfen, und der von oben bis unten geborſtene rechte Handſchuh ließ die dick⸗ geſchwollenen Adern der zitternden Finger durchſehen. „Nun, Dragon, hab' ich Recht oder Unrecht? Haſt Du noch Luſt zu wetten?“ fragte Poiret mit triumphi⸗ rendem Blick auf Nazaire. „Palot hat ein Bißchen zu tief ins Glas geguckt!“ meinte Cachard. Fritz, Johannes, Nikolaus und die ganze Schar der Elſäßer gaben deßgleichen ihren Senf zu koſten. Erſt jetzt gewahrte Gaſton ſeinen Aufzug. Er erröthete im ganzen Geſichte und mußte ſich auf eine Ziehbank niederlaſſen, um vor Schwindel nicht umzu⸗ fallen.. 15 „Nun, da wir Alle beiſammen ſind, mag Jeder ſeine Taſche umkehren!“ rief Feignant. 3 „Inzwiſchen hat Palot ſeine Taſche leeren können,“ erwiederte der feiſte Worms. 3 „Thut Nichts, mein Schmerbauch!“ rief Feignant. „Laß uns den Spaß!... Ich will anfangen...“ Cachard leerte ſeine Taſche, Andere folgten ſeinem Beiſpiel, während Nazaire wie vernichtet in den hin⸗ terſten Reihen ſtand. Die Prüfung nahm ungeſtört ihren Fortgang. Herr Potel, der Zahlmeiſter, hatte ſeine runde Brille feſt auf die kreideweiße Naſenſpitze gedrückt und wandte keinen Blick von den Taſchen der Arbeiter ab. So oft eine Taſche ſich vergeblich umwandte, ſeufzte er tief auf und ließ eine herzzerreißende Klage erſchallen. Jetzt waren Alle unterſucht bis auf Gaſton und den Elſäßer, welcher ſich neben jenem niedergelaſſen hatte und ſich mit der Puriſicirung ſeiner Taſche nicht ſonderlich zu beeilen ſchien.... Auch dünkte es Man⸗ chem, als habe er Mühe, ſein unſchuldiges, offenes Lächeln auf den roſigen Wangen feſtzuhalten. Gaſton ſah, was um ihn vorging, ohne das Geringſte zu begreifen. Er hatte ſich mehreremale beſorgt nach Nazaire umgeſehen und ihn nicht gefunden. In dem nämlichen Augenblick, wo die Reihe des Taſchenleerens an ihn kommen ſollte, gewahrte er Nazaire im Hintergrunde. Er wankte langſam auf ihn zu. „Ein Wort, Dragon!“ ſagte er ihm. „Jetzt nicht; ſpäter!“ antwortete Nazaire. Gaſton nahm ihn bei der Hand und flüſterte ihm ins Ohr: „Ich habe keinen Freund als Dich! Komm und rathe mir.“ Nazaire, der bis dahin auf die Seite geblickt hatte, richtete forſchend das Auge auf die ſanften, leidensvollen Züge ſeines Freundes. Plötzlich war alles Mißtrauen verſchwunden. „Du haſt Mct Palot,“ ſagte er.„Ich bin Dein Freund. Komm!“ Beide gingen Arm in Arm auf die Thüre zu. „He, wohin, Dragon?“ fragte Poiret. 8 „So war's nicht gemeint, Dragon!“ rief Feignant. „Herr Dragon, Herr Dragon, das iſt nicht Recht von Ihnen!“ quickte der feiſte Elſäßer, dem eine große Laſt vom Herzen gewälzt war. Ohne auf dieß Geſchrei zu achten, ſchob Nazaire Gaſton zur Thüre hinaus, kehrte dann allein zurück und rief in den Saal: „Ich nehme die Sache auf mich, meine Freunde... ich will den Dieb ſchon finden.... Adieu!“ Es war gegen vier Uhr Morgens. Die alte Her⸗ ſecir iehhe von Maillepré träumte hinter den feſt ver⸗ ſchloſſenen Vorhängen ihres Bettes, während Bertha beim ſchwachen Schimmer einer verlöſchenden Lampe an ihrer Arbeit ſtickte. Im Nebenzimmer lehnte Sancta auf bloßen Füßen gegen die Thuͤre zur Kammer des Bruders und lauſchte. Die ganze Nacht hatte Gaſton Licht gebrannt, auch war er ungewöhnlich ſpät nach Haus zuruͤckgekehrt und in ſeine Kammer gegangen, ohne ihr den Abendgruß auf die Stirn zu drücken. Bis nach Mitternacht hatte ſie ihn unruhig im Hinmeer auf⸗ und abgehen hören. Dann glaubte ſie ein dumpfes Seufzen und Stöhnen, endlich ein haſtiges Gekritzel mit der Feder auf Papier zu vernehmen, bis es ſtille geworden. 2 Obgleich Sancta den Bruder im Bette wußte, hatte ſie doch keine Ruhe, ehe ſie nicht gewiß war, daß er ſchlafe. Wenn er in Fiebernächten laut röchelte, ſtand 4 1 b b —-— ** 17 ſie auf, weckte ihn, ſetzte ſich zu ſeinen Füßen und tröſtete ihn mit engelſanften Worten. Während ſie auf den kalten Flieſen lauſchte, tobte der Wind draußen gegen die alten Fenſter des Hotels und heulte in den Windungen des Kamins, ſo daß es ihr oft ſchien, als drängten ſich Klagelaute aus dem Nebenzimmer herüber. 3 Um dem Zuſtande der Ungewißheit ein Ende zu machen, öffnete ſie leiſe die Thüre und ſchlich in die Kammer des Bruders. Auf dem Fenſtergeſimſe, das bei Gaſton die Dienſte eines Tiſches verſah, befand ſich ein noch brennendes Licht und ein Stoß Papiere. Der ſchwache Schimmer der Kerze ließ ſie Gaſton von fern erkennen. Er lag ganz angekleidet auf dem Bette, die Wangen glühten in der Hitze des Fiebers, die Lippen lächelten, während eine Thräne an den Wimpern zitterte. Gaſton ſchlief, und, wie es ſchien, ruhig und ſanft. Vielleicht goß ein glücklicher Traum ſeine Segnungen über den müden Geiſt des Jünglings aus. Auf den Zehen ſchlich ſie heran und bückte ſich faſt athemlos über die Bruſt des Bruders.... Ja, er ſchlief ſanft und ruhig.... Dankbar blickte ſie auf gen Himmel.... Sie kehrte zum Fenſter zurück, um das Licht aus⸗ zulöſchen. Da ſielen ihre Augen auf den Umſchlag eines Briefes, welcher unter den übrigen Papieren her⸗ vorſah und den Namen Sancta zeigte. Sie ſchob die Papiere bei Seite und las die Aufſchrift: „An Fräulein Sancta von Naye, meine Schweſter.“ Ein Zittern und Beben ergriff ſie, ſie wußte ſelbſt nicht warum. Die Ahnung eines neuen Unglücks quälte ſie.„Gewiß,“ dachte ſie,„gibt mir der Vrief den ge⸗ wünſchten Aufſchluß über die Urſache von Gaſtons Betrübniß..... Schon wollte ſie den Brief einſtecken, aber die Furcht uͤbermannte ſie.— Pariſer Liebſch. II. 2 18 Entſchloſſen trat ſie zwei Schritte zurück. Dann erwachte die Neugierde wieder; ſie bog ſich vorwärts und ſah den Umſchlag mit großen Augen an, ſtets zur Flucht bereit. Während dieſes innern Kampfes blickte ſie unwill⸗ kürlich nach dem Bett des Bruders ſich um. Gaſton lächelte im Traume, hold und mild, wie ein unſchul⸗ diges Kind. Muthig ergriff ſie den Brief, aber ebenſo ſchnell ließ ſie ihn wieder fallen. Im Fallen ſchlug er aus einander, ein Zeichen, daß er nicht verſtegelt war. Nochmals ergriff ſie ihn, mit zitternder Hand, denn ihr Gewiſſen ſtrafte ſie, und nochmals ließ ſie ihn los. Endlich zum dritten Male gelang das Wageſtück. Sie barg den Brief am Buſen und entfloh. Sie ſchloß die Thüre, ſtellte die Kerze auf den Ar⸗ beitstiſch und fing an zu leſen. Gleich nach den erſten Zeilen ſtrömten die Thränen auf's Papier. Vor Weinen gingen ihr die Augen über, ſo daß ſie nicht weiter leſen konnte. Halb unmächtig ſank ſie aufs Bett und begrub die glühende Stirne in den Händen. Keine Klage, kein Gebet quoll über ihre Lippen.. Der Brief Gaſton's an Sancta lautete: „Liebe Schweſter, Gott hatte Dich mir anvertraut, Du hatteſt keinen der Dich liebte und beſchützte, außer mir.. Oh, verzeihe mir, wenn ich Dich allein laſſe, mein armer Engel! Die Bürde, die wir gemeinſchaftlich trugen, wirſt Du hinſort allein tragen müſſen... „Ja, verzeihe mir, Schweſter; Die wenigen Tage meines Lebens gehörten Dir ausſchließlich. Gewiß, bin ich ſchuldig, daß ich vor der Zeit von Dir ſcheide. Aber das Schickſal, das mächtiger iſt, als ich bin, ruft mich von Dir. Eine gebieteriſche Pflicht, die Chre un⸗ ſeres Namens, reißt mich aus Deinen Armen. „Oh, ich ſollte widerſtehen! Unſer Geſchlecht iſt ſo tief gebeugt, daß der Stolz des Enkels zur Thorheit wird. — 19 „Liebe Schweſter! Der Muth unſerer Väter be⸗ ſeelt mich, meine Bruſt hebt ſich beim Gedauken an den Kampf, welchen ich zum erſten Male und für die Ehre unſeres Namens beſtehen ſoll... Dennoch iſt mein Auge thränenſchwer, weil ich Deiner Liebe und des Abſchieds von Dir gedenke. Ja, ich liebte und liebe Dich, mit mehr als brüderlicher, mit älterlicher Liebe. Du warſt und biſt mein Ein und Alles auf Erden. Nie hätt' ich ein Weib lieben können! „Die Hand Gottes allein ſollte uns trennen, ich weiß es, ich weiß es, liebe Schweſter. Indeß geh' ich morgen hinaus, ein Leben, das Dir gehört, in die Schanze zu ſchlagen! Ich raube Dir Deine letzte Hoff⸗ nung, Deine letzte Freude! Ach, wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, Sancta, bin ich vielleicht nicht mehr. „Aber weine nicht! Gott iſt gnädig. Er wird uns dort oben zuſammen führen zum ewigen Glücke! „Könnt' ich nur Dich mitnehmen, Sancta, Dich, Du arme Verlaſſene in dieſer Welt, wo keine befreun⸗ dete Bruſt Dir ſchlägt! „O gib, mein Gott, gib, daß ich am Leben bleibe, nicht um meinerwillen, um ihrer willen, um Sancta's willen. Habe Mitleid mit ihr. „Du ſiehſt es, liebe Schweſter, ich flehe ums Leben. D'rum vergib mir, wenn ich nicht mehr ſein werde. Ich wäre ſo gern bei Dir geblieben.... immer bei Dir geblieben!. „Der Mann, durch welchen Du dieſe Zeilen em⸗ pfangſt, wird Dir mein Grab zeigen. Komm' oft zu mir, an meinem Grabe zu beten. Wie lieblich ſoll Deine Stimme mir klingen! „Gott befoöhlen, Schweſter! ich kann nicht mehr, ich muß mich auf morgen ſchonen und dieſer Abſchied tödtet mich.... Bleibe ich am Leben, ſo erfahrſt Du Nichts. Der ſchöne Traum Deines kindlich reinen Shaſe⸗ ſoll keinen Augenblick geſtört werden... Wenn ich falle. 20 „Lebewohl, Schweſter, Du holder Stern meiner dunkeln Lebensnacht! Lebewohl, Sancta, meine engel⸗ reine Freude, meine engelreine Liebe! Lebewohl.... Verzeihe mir!!“ Plötzlich raffte ſie ſich empor aus ihrer ſtummen Verzweiflung und bemühte ſich, die Schlußzeilen des Briefes zu leſen.. Ja, ſie errieth das Wort, das nirgends im Briefe genannt war,. Ein Duell! Was anders konnte gemeint ſein? Unter den furchtbarſten Kämpfen ſchwand die Nacht und nahte der Morgen. Bald hatte ſie ſich auf's Knie geworfen im ſtummen Schmerze, bald ſich aufgerichtet um den Bruder zu wecken, zu bitten, z beſchwören. Aber ſie kannte ihn und wußte, daß Alles nichts helfen würde. In ſolcher Stimmung überraſchie ſie der Morgen. Heiter lächelte die Sonne ins Zimmer und goß ihr Hoff⸗ nung ins bekümmerte Herz. 5 Noch einmal warf ſie vor dem Kruzifir ſich nieder. Ruhigen Blicks erhob ſie ſich, aber plötzlich ſank wieder ihr Muth und die Röthe der Scham ſtieg auf ihre Wangen.. Sie zog ihrs Stiefelchen an, erſt den rechten dann den linken.... —Eiine halbe Stunde ſpäter, während Gaſton noch ſchlief, eilte ſie die Treppe hinab. Biot öffnete die Thüre vermittelſt des Zuges ganz mechaniſch, ohne zu wiſſen was er that. Mit Blitzesſchnelle flog ſie über die menſchenleeren Straßen hin, ihr Mantel flatterte im Winde. Wenige Minuten, nachdem ſie das Hotel verlaſſen, ſtand ſie vor Nr. 26, ihrer alten Werkſtätte und klopfte an die Thüre. „Zu wem wollen Sie?“ fragte der Thürhüter. „Zu Herrn Romeo!“ antwortete Sancta. Zweites Buch. Der wilde Marquis. 1. Wie viele romanhafte, abenteuerliche Prologe hat das alltägliche Leben aufzuweiſen und wie wenig Ent⸗ wickelungen! Ein Jeder von uns bethätigt ſtündlich die Wahrheit des ewigen Sprichworts: der Menſch denkt, und Gott lenkt. Eingangs dieſer Erzählung ſahen wir fünf junge Leute in der Abſicht vereinigt, ein Bündniß zu beſiegeln, welches die Gunſt des Schickſals ihnen erzwingen ſollte. Es galt die Ausbeutung der Liebe, die in unſrem geld⸗ ſüchtigen Jahrhundert, gleich den materiellſten Gegen⸗ ſtänden, nur nach ihrem Diskontwerthe gemeſſen wird. Der Don Juan unſerer Tage iſt längſt nicht mehr das fluchende und läſternde Ungethüm, wie ehemals, deſſen geniale Narrenſtreiche der Schrecken und die Bewunde⸗ rung einer ganzen Welt waren. Nein, er liebt nur noch, um zu ſteigen; jeder ſeiner Liebesſeufzer wiegt ebenſo viel Banknoten oder gute Groſchen auf, je nachdem ſeine ſoziale Stellung iſt, vornehmer oder geringer. Er ver⸗ führt methodiſch, mit Kunſt, gleichwie andere den großen Herrn zu ſpielen oder den Dietrich zu handhaben wiſſen. Der Don Juan der Gegenwart iſt ein Spitzbube, ein Schurke, ein Lump, der, um ſeine Seckel zu füllen, ſich nicht ſcheut, Herzen zu brechen, der vor einem ſechzigjäh⸗ rigen Idol, wenn es vergoldet iſt, auf die Kniee fällt und es anbetet, der gegen eine broncene Medaille als Belohnung ſeines Antheils an den Produkten⸗ und Ge⸗ werbeausſtellung unſerer Nationalinduſtrie ſeine Ehe⸗ hälfte verſchachert. Unſern fünf Glücksjägern ſchnappt ein Weib, das wie ein Deus es machina auftritt, die Vortheile dieſes Vertrages vor dem Munde weg. Sieben Jahre ver⸗ gehen dann, ohne daß er ſich in ſeinen Folgen beſon⸗ ders glücklich für die Fünf erwieſe. Roby's Börſe leidet nach wie vor an galloppirender Schwindſucht, während Deniſart, trotz ſeiner Idee, ſich genöthigt ſieht, ver⸗ mittels abſenter Kapitalien ein Journal zu gründen und was für eines?— ein ungemein vielverſprechendes, der Proletarier betitelt; ein Blatt politiſchen, mo⸗ raliſchen, literariſchen, kommerziellen, induſtriellen, agri⸗ kulturiſchen, religiöſen, philoſophiſchen, inſtruktiven, divertirenden und univerſellen Inhalts, für zehn Sous wöchentlich, redigirt von einer Geſellſchaft Kunſtverſtän⸗ diger und Gelehrter, ohne Pairs von Frankreich zu ſein. Die drei Andern ſind emporgekommen, aber in höchſt beſcheidenen Proportionen. Durandin iſt ſo was von Advokat oder Rechtskonſulent; Joſepin, Medizinä Doktor, mittleren Schlages, der ſich auf zwanzig bis dreißig Tauſend Franken ſteht; endlich Du Chesnel, noch immer Geſandtſchaftsſekretär. So geht es in der Welt; all die ſieberhaften Sprünge und Kapriolen ſo Mancher, die, ihrem Fortkommen zu lieb, Ehre und Manneswürde vergeſſen, nützen meiſtens ebenſo wenig! Wie gering iſt die Zahl derer, die auf ſolchem Wege ihr Ziel erreichen, und es kann nicht anders ſein, weil es in unſerm ſchönen Vaterlande viele, viele Mäuler gibt und nur eine gewiſſe Zahl von Töpfen.. Sich mit Füßen treten laſſen, genügt zum Fort⸗ kommen nicht, man ſage, was man will. Es gehört ebenſo viel Glück als Schamloſigkeit dazu. Wie viele brave Leute möchten ſich dem Satan verkaufen, wenn ſie nur könnten! Aber Satan iſt in⸗ 25 den vier Spezies nicht weniger gut beſchlagen, als ein Wahlmäckler!.... Uebrigens waren Durandin, Joſepin und Du Ches⸗ nel nicht durch eigene Anſtrengungen emporgeſtiegen, ſondern eine fremde Hand und, wie wir glauben, eine mächtige, hatte ſie aus Erkenntlichkeit für die ihr ge⸗ leiſteten Dienſte zu ihrer jetzigen Höhe erhoben. Streng genommen konnten ſie ſagen, daß die Wei⸗ ber ihnen als Leiter zum Ruhme gedient, aber ohne den mächtigen Arm, der dieſe gebrechliche Stange ge⸗ halten, wären ſie ſchmählich durchgefallen. Und kein Wunder! Die Zeiten ſind nicht mehr, wo man durch Weiber ſteigen konnte; nicht einmal durch das eigene Weib ſteigt man mehr.... Was taugt alſo der Don Inan unſerer Tage? Er iſt kaum noch gut zum Jäger! Merkt Euch das, Ihr jungen Franzoſen, welche die geringe Breite von einer Thonwand von den vorneh⸗ men Damen ſcheidet. Wie oft Ihr liebenswürdigen Modeherrchen in ſtrohgelben Glacehandſchuhen, habt Ihr die Regungen des Ehrgeizes in Euch gefühlt, wenn Ihr das Glück hattet, die reichen Cachemirſhawls um hochadelige Schultern zu probiren. Ihr ſeid Alles, ſeid trefflich friſirt und pomadiſirt gtragt Hemden mit Jabots und glanzlederne Schuhe, tanzt die Polka, ſeid jung ſchön, artig, geiſtreich, wie alle Söhne der muthwilligen Nation, welche das Baudeville ſchuf, mit Einem Worte Ihr laßt Nichts zu wünſchen übrig,— nur ſchade, daß Euch das Schickſal die Elle in die Hand gab und die Feder hinters Ohr ſteckte. O, Ihr Thoren, die Ihr vielleicht von Equipagen, Schlöſſern, verliebten Roma⸗ men u. ſ. w. träumt.... 1 Ein Weib? Was heißt das jetzt noch? Sind nicht in unſern Tagen die Weiber alles Mög⸗ liche: Schriftſteller, Journaliſten, Diplomaten, Oberſten und Gott weiß, was ſonſt? Was ſollen ſie alſo mit Euch machen? mauſetodt, und der weibliche Don Juan, oder Donna Juana, wenn Ihr lieber wollt, das erobernde Weib, an deren Fächer das Eine Elle iſt heutzutage ein wahrer Zauberſtab und das ehemals ſo beruͤhmte Handwerk eines Herzensräubers längſt in Mißkredit gekommen. Nur die Schuhmacher und Buchhändler gelten noch was bei den Damen. Es war der Abend deſſelben Tages, wo Gaſton in den Champs⸗Elyſees durch Felir Chapitaur umgeritten worden. Eine große Menſchenmenge wogte in den Sälen der Frau von Pontlevau auf und ab. Ihr Hotel, an der Gränze des Faubourg Saint⸗Honore gelegen, doch ſo, daß es über den Platz de la Concorde weg die letzten Paläſte des Faubourg Saint⸗Germain ſah, gehörte zu den ſogenannten neutralen, in denen Sälen ſich die verſchiedenſten politiſchen Schattirungen zuſammenfanden. Die liebenswürdigen Eigenſchaften der Frau von Pontlevau zogen die heterogenſten Elemente des geſelli⸗ gen und politiſchen Leben an und wußten ſie fuͤr die Dauer eines Abends geſchickt mit einander zu verbinden. Sie hatte ihre älteſte Tochter an den Herren von Varannes, einen enthuſiaſtiſchen Anhänger des ältern Zweiges der Bourbons, und ihre jüngſte an den Herrn von Baulnes, Auditor im Staatsrathe, verheiratet. Die gute Dame betete den Herzog von Bourdeaur an, liebte den Herzog von Orleans, weinte beim An⸗ denken an Mademoiſelle und ihre Mutter, verehrte die Prinzeſſinnen, die Töchter Louis⸗Philipps; das Alles mit dem beſten Herzen von der Welt und ohne anderes Intereſſe, als ihr Vergnügen. Obgleich eine achtundvierzigjährige Dame, hatte ſie das Anſehen einer ſechzehnjährigen. Ein kaltes Lächeln ſchwebte ſtets auf ihren noch ſchönen Zügen; ſie wußte Jedem etwas Verbindliſches zu ſagen, ohne 27 das Geringſte dabei zu denken. Protegiren war ihre Luſt, aber ihre Protectionen nützten Keinem, weil ſie Jedem zu gut kamen. Kein Körnchen Bosheit ſteckte in ihr, aber auch kein Atom von Herzensgüte... Sie war die reine Negation aller hervorſtechenden Seelen⸗ gaben; ſo glatt behauen, ſo ecken⸗ und ſpitzenlos, daß 4 Pienand anzog, aber auch Niemand vor den Kopf ieß.... Ihr Geiſt war ganz von der flüchtigen, imponde⸗ rabeln Natur des Irrlichtes, das vor unſern Augen herumtänzelt. Vergeblich ſuchte die Vernunft ihn zu be⸗ taſten und zu begreifen. Man hörte ſie gern ſchwatzen, aber wenn ſie ſchwieg, hatte man Alles vergeſſen. Ihr Wort hinterließ keine Spur. Kurz, es war ein liebenswürdiges Plappermäulchen, ohne Gedanken und leider auch ohne alles Herz und Gemüth. Nirgends auf der ganzen Welt hätte ſich ihrer Rede nach, eine beſſere Mutter finden laſſen; ſie ſprach mit wahrer Salbung von den Pflichten der Aeltern ge⸗ gen ihre Kinder. Aber das hinderte nicht, daß Maria, Vicomteſſe von Varannes, ihre älteſte Tochter im Kloſter und Diana, Frau von Baulnes, ihre jüngſte, unter den Händen einer geiſtig total verkrüppelten Tante er⸗ zogen wurde. Und trotz dem Allem mußte man Frau von Pont⸗ levau gern haben. Neben der Mutter ſaß Frau von Varannes. Un⸗ ruhe, Trauer und Mattigkeit miſchten ſich auf ihrem reizenden Antlitz. Es ſchien, als ſuche ſie wen in der Menge. So oft die Bedienten einen neuen Ankömmling, meldeten, horchte ſie plötzlich auf, wenn aber der Name ausgeſprochen war, verſchleierte ſich ihr Blick wieder. Nicht weit davon machte ihre Schweſter Diana die Honneurs des Hauſes. Auch der erfahrenſte Kunſtverſtändige hätte ſie für eine unverheiratete Dame gehalten, in ſolcher Ju⸗ / gendfülle prangte ſie unter dem reichen Schmucke, einem Hochzeitsgeſchenke, das ſie heut Abend zum erſten Male trug. Stumm und unbeweglich ſaß ſie da; nur ſelten gab ſie durch ein Lächeln ihre Theilnahme an der Un⸗ terhaltung zu erkennen.... Dank der geſelligen Kenntniſſe der Frau von Pont⸗ levau, welche all die zierlichen Redensarten aus dem Kunſt⸗ und Converſationslexikon der hofhaltenden Welt⸗ damen am Schnürchen wußte, ging es unter der zahl⸗ reichen Menge ziemlich heiter zu, trotz der wiederſtre⸗ benden Elemente, welche in buntem Gemiſch durchein⸗ ander wogten. Und doch wäre der Frau von Pontlevau dieſe Miſchung ſchwerlich gelungen, ohne die thätige Hülfe ihrer beiden Schwiegerſöhne. Die politiſchen Anſichten des Vicomte erklärten hinreichend die Anweſenheit der Legiti⸗ miſten; die Stellung des Herrn von Baulnes rechtfer⸗ tigte die Zulaſſung der übrigen Parteien. Alle aber huldigten einem ſtillſchweigend anerkann⸗ ten Geſetze. Jede Propaganda war aufs Strengſte ver⸗ pönt und eine Bekehrung in den Salons der Frau von Pontlevau etwas Beiſpielloſes. Ungeachtet der lächelnden Mienen, womit die Her⸗ ren von Varannes und von Baulnes im Hotel ihrer Schwiegermutter anmuthigſt die Honneurs machten, ſchienen Beide von geheimer Unruhe gequält und immer dahin zu ſehen, wo ihre Frauen ſaßen. Der Vicomte ſtand wie auf Kohlen, denn die Ei⸗ ferſucht peinigte ihn, obgleich er ſie äußerlich verachtete und Herr von Baulnes litt nicht weniger, denn er war bis über die Ohren verliebt. Schon vor der Schwelle zur Brautkammer hatte letzterer mit Hinderniſſen zu kaͤmpfen gehabt und jenſeits derſelben keinen jungfräulich ſchüchternen Gehorſam, ſondern einſtudirten Widerſpruch, keine züchtig⸗errö⸗ thende Jungfrau, ſondern eine kampfgerüſtete Amazone gefunden, von Kopf bis zu Fuß mit eiſigen Sophismen — A. — 29 bepanzert.... Man denke ſich die Angſt des armen Mannes, welcher den Schlüſſel zu dieſem ſeltſamen Räth⸗ ſel überall ſuchte, nur nicht da, wo er wirklich ſteckte.... Alſo beide Gatten belauſchten ihre Ehehälften. Und ihre Gattinnen? Beide merkten den Argwohn ihrer Männer. Die Vicomteſſe ward unruhig, denn ſie wußte ſich insgeheim ſchuldig, wenn nicht der That, doch den Gedanken nach. Aber Diana lachte der Qualen, die ſie verurſachte, und that nur um ſo heiterer, des ein⸗ gebildeten Ruhmes ihres fanatiſchen Heldenmuthes ſich ſchmeichelnd.... Es war gegen Mitternacht. Ein funkelnder Kranz von Damen ſchlang ſich längs der Wände der Säle hin, zwiſchen den beiden Reihen gingen andere Damen am Arm ihrer Kavaliere auf und ab. Dieß bunte Gemiſch reizender Frauengeſichter, die hinter den Elfenbeinſpitzen der Fächer bald muthwillig, bald zärtlich verliebt hervor⸗ lächelten, mit ihren ſeidenartig ſchillernden Haaren und flammenden Augen, welche den Glanz der Perlen und Diamanten verdunkelten, dieß Alles auf dem ſammtaen Hintergrunde der taghellen, blumen⸗ und ambraduftigen Säle, bezauberte die Sinne der Gäſte. Endlich kamen auch Joſepin, der Hausarzt, ge⸗ waltig herausgeputzt, und Du Chesnel, der Diplomat, deſſen Kleider und Haltung vollkommen in dieſe elegante, frivole Welt paſſen. Er durchſchritt die Reihe der Säle ſo leicht und ungezwungen, als befinde er ſich im Wirthshauſe. „Immer allein, mein Herr!“ rief Frau von Pont⸗ levau anmuthig lächelnd ihm zu, als er ſie begrüßte... „Wann hab' ich endlich das Vergnügen, die Frau Vi⸗ comteſſe zu ſehen?“ Du Chesnel antwortete mit einer ſtummen Verbeu⸗ gung, die aber beredt genug war. Dann trat er zu⸗ rück, um Joſepin Platz zu machen. Dieſer bückte ſich allerunterthänigſt, grinste, wurde roth, ſtoſterte, huſtete, 8 30 rückte an der goldenen Brille und retirirte allmälig bis an die Thüre. Inzwiſchen machte Du Chesnel die Runde durch die Säle. Als er damit fertig war, ſtand Joſepin noch immer auf demſelben Fleck an der Thüre. „Frau von Pontlevau hat Recht, mein Wertheſter,“ fluͤſterte Joſepin dem Diplomaten zu. „Worin?“— „Hinſichtlich Deiner Frau. Ich wette, Dich plagt die Eifeeſchti 8 „Die Herzogin, Doktor, die Herzogin!“ flüſterte er ſich vorſichtig umblickend....„Die Herzogin iſt Eliſa⸗ beth, ich Liß Leiceſter und meine Frau iſt Amy Robſart.“ 2. „Wie ſo? „Haſt Du nicht Walter Scott geleſen?“ „Wollen, Freund.. S iſt beim Willen geblieben.“ „So höre mich.... Eliſabeth hieß eine gewiſſe Königin von England, ſchon etwas bejahrt. Leiceſter ar Shrgeig, ungeheuer ehrgeizig und Amy Robſart übſch.. 3 „Sackerlot!“ „Hübſch wie Charlotte, d. h. das hübſcheſte Ge⸗ ſchöpf auf Gottes Erdboden.“ „So hübſch,“ unterbrach ihn Joſehig,„daß Du ein Thor warſt.“ „Und was für Einer!... Ne ſchlechte Spekula⸗ tion, Freund.... Ich hielt die Heirat für einen Genie⸗ ſtreich von mir, aber, aber.. Hat die Herzogin nen Lärm geſchlagen, als wär die lumpige Stelle, die ſie mir verſchafft hat, Wunder was... Und auch Char⸗ lotte iſt nicht der leichtſinnige Schelm, den ich in ihr ſuchte.'S iſt ein Ausbund von Tugend....“ „Kennſt Du den Gil Blas?“ flüſterſte Joſepin. „Was ſoll die Frage?“ „Weil wir gerade von Walter Scott und Literatur ſprechen. Mir fällt eben der ehrliche Komödiant, der Melchior Zapata ein.“ 31 „Du haſt den wunden Fleck getroffen, Joſepin,“ ſagte Du Chesnel, heimlich um ſich blickend und legte ihm die Hand auf die Schulter...„Wäre ſie nur nicht ſo hübſch, ſo teufliſch hübſch....“ „Unglücklicher! Alſo Eiferſucht?“ „Leider, ja!.... Auch Leiceſter war verliebt!zl! „So hätt' er Geſandtſchaftsſekretär bleiben ſollen.“ „Wohin denkſt Du? er war Miniſter, oder ſo was Aehnliches. Aber er wurde geſtürzt, ſein Ehrgeiz ſtürzte ihn...“ Joſepin kratzte ſich bedenklich. hinterm Ohr, als be⸗ finne er ſich auf ein Rezept. „Den Roman muß ich leſen, Freund.... Aber dobyelt ſchuldig biſt Du, weil Du ihn geleſen haſt und 0 44 Plötzlich entſtand eine allgemeine Bewegung. „Herr Marquis Gaſton von Maillepré,“ wurde gemeldet. Manch lockiges Köpfchen flog der Thüre zu, manch hübſcher Mund ſtotterte eine verkehrte Antwort, manche Wange bedeckte ſich mit Purpurröthe und manches Auge ſchoß Feuerblitze. Marquis Gaſton von Maillepré war der reichſte, ſchönſte und berühmteſte aller ſeiner Standesgenoſſen. Obgleich die ugend ſelbſt, hatte er eine Geſchichte die ans Romanhafte ſtreifte. — 32 V men Auftritt, der nur den Diplomaten und Doktor zu Zeugen hatte.. Frau von Varannes, eben noch blaß, wie eine Lilie, wurde roth und blickte zu Boden. Das ſah ihr Gemahl und gerieth in äußerſte Unruhe. Auch Diana ſah es und blickte die Schweſter aufmerkſam an. Dieſen Blick deutete Herrn von Baulnes als Eiferſucht auf die Schweſter; ihr Gemahl, wurde bald roth, bald blaß, runzelte die Stirn und ſah bald ſeine Frau, bald den jungen Marquis finſter an. Du Chesnel, dem Nichts von der ganzen Scene entgangen war, ſtieß Joſepin an. „Sieh, was die Eiferſucht thut....“ „Göttlich!“ kicherte der Doktor.„Die beiden eifer⸗ ſüchtigen Ehrenmänner ſtehen da, wie auf Dornen!.... Pereat die Eiferſucht!“ —⸗ Der Rout. Vier oder fünf Jahre mochten vergangen ſein, daßs man zuerſt den Namen des Marquis Gaſton von Mail⸗ lepré genannt hatte. 8 Kurz hernach war er auf Reiſen gegangen. Nach⸗ dem er ſich bei der Eroberung von Algier ausgezeichnet, trat er als Freiwilliger in die Armee des Don Carlos und hieb die Chriſtinos zuſammen. 3 Er war überall, wo es Lorbeeren zu ſammeln gab, aber nirgends hielt er es lange aus, ſo daß er, wie in den Salons der vornehmen Welt die Sage ging, in einem und demſelben Monate in den Bergſchluchten Navarras mit dem Stutzer auf der Schulter marſchirend, dann in Baden oder Paris walzend und mit Kämpfen ande⸗ rer Art beſchäftigt, geſehen wurde. 3 33 Schon das klang zauberiſch. Wie viele Helden der komiſchen Oper konnten ſich deſſen rühmen?— und doch war es Nichts gegen den Roman ſeiner Jugend. 3 Wollt Ihr ein deutlich Bild von ihm, ſo denkt Euch einen jener hübſchen Pagen des Mittelalters, wie er ſeiner Herrin das Miſſale nachträgt, und ein zartes Geſicht, große tiefblaue Augen, lange ſchwarze Locken, ſchlanker Wuchs, ſo ſchön und anmuthig, wie ein ganzes Dutzend hübſcher Frauen zuſammengenommen, denkt Euch das und noch mehr und Ihr ſeht unſern Helden, wie er leibt und lebt. Dieſer Gaſton war urplötzlich am Firmament der Pariſer Salonswelt aufgegangen. Niemand wußte von ſeiner Jugend, keine Mutter hatte ihn als vielverſpre⸗ chendes Kind den vornehmen„Onkeln und Tanten“ vorgeſtellt. Wenn einige häßliche Araber, wüſte Wüſtenkinder, ganz Paris auf die Beine bringen konnten, wie erſt unſer Wilder.... Unſer Wilder, der ſchön und civiliſirt war, der große Güter und vorausſichtlich, als Erbe ſeines Onkels, des Herzogs von Compans⸗Maillepré, eine Rente von fünfmalhunderttauſend Franken hatte. Unſer Wilder, der außerdem Marquis war, und was für Einer? Nicht in der Art des älteſten Sohnes des Herzogs von Pharſalus, der ſich alles Ernſtes Mar⸗ Pariſer Liebſch. II. 3 3 34 quis von Rubicon unterzeichnete: nein, ein Marquis von ächtem Schrot und Korn.... Und dennoch ein amerikaniſcher Marquis.... Wir ſehen Onkel und Vettern mit Millionen beladen von Amerika heimkehren, aber daß ſie Genealogien und Stammbäume aus der neuen in die alte Welt zurück⸗ bringen: das iſt beiſpiellos... und wird es bleiben... Summa Summarum, Gaſton von Malllepré ver⸗ einigte Alles an und in ſich, was ihn zum Löwen machen mußte. In kurzer Zeit hatte der bizarre Titel des wilden Marquis ſeinen Namen ganz verdrängt; vor Allem waren es die Herren Unteroffiziere der faſfhionablen Ar⸗ mee, welche Gaſton unter dieſer Benennung in Kurs brachten, weil ſie ihn als den Enkel des in irokeſiſcher Gefangenſchaft verſtorbenen Herzogs Johann von Mallle⸗ pré⸗Maillepré, des Gefährten und Freundes Lafayette's, kannten. Das Wenige, was ſonſt noch über die räthſelhafte Umſtände ſeines Lebens verlautete, hatte Meiſter Eduard Durandin, Advokat beim Gerichtshofe des Seine⸗Depar⸗ tements, ausgeplaudert, welchem die Papiere und Doku⸗ mente des jungen Marquis anvertraut worden waren, für den Fall, daß der Herzog von Compans⸗Malllepré ſich geweigert hätte, den ihm vom Himmel geſandten Erben anzuerkennen. 1 Aber der Herzog hatte ihn mit größter Freundlich⸗ keit aufgenommen, ſo behauptete wenigſtens die Welt; eine Behauptung, die um ſo mehr Glauben fand, als der Herzog mit keinen Leibeserben geſegnet war. Die vier oder füuf Jahre ſeit ſeinem Erſcheinen in den Salons verlebte der Marquis faſt ganz außerhalb Paris, entweder auf Reiſen oder in ländlicher Zurück⸗ gezogenheit. Aber je ſeltener man das Glück genoß, ihn zu ſehen, um ſo mehr vergötterte man ihn. Dieſe faſt ununterbrochene Abweſenheit von Paris und nament⸗ lich der Schleier des Geheimniſſes, der ihn umgab, ob⸗ ͤ B*= 3⁵ gleich er nirgends das Licht der Tages zu meiden ſchien, erhöhten ſeinen Ruf, ſtatt ihn zu beeinträchtigen. Was auch nicht den leiſeſten Zweifel an der Aecht⸗ heit ſeines Marquiſats aufkommen ließ, war der allbe⸗ kannte Stolz des Herzogs, kein Mann darnach, die An⸗ ſprüche auf Verwandtſchaft mit ihm auf Treu und Glauben hinzunehmen. Man erinnerte ſich noch recht gut, daß er im Jahre 1825— 26 eine Familie von Aben⸗ teurern, die ſich für Maillepré's ausgaben mit uner⸗ bittlicher Strenge vor Gericht verfolgte und daß das Gericht ſich ſeiner angenommen hatte. Welchen Gefah⸗ ren wären ehrliche Leute, die noch dazu Herzöge ſind, ausgeſetzt, wenn die Juſtiz ſie nicht beſchirmte...“ Die Familie war bald darauf, nach dem jämmer⸗ lichen Tode ihres Chefs in einer Spelunke der Galerie Ein oder zwei Jahre nach dieſem Prozeſſe war Gaſton aus Amerika in Frankreich angelangt, wohlver⸗ ſehen mit Papieren und Dokumenten aller Art. Ein junger Advokat, Namens Durandin, diente als Mittler zwiſchen den Herzoge und dem Marquis. Alles wurde ſorgfältig den und richtig befunden. Nur Eines fehlte, die gerichtliche Beglaubigung vom Todesfall des letzten angeblich in irokeſiſcher Gefangenſchaft verſtor⸗ benen Herzogs. So begnügte ſich denn der junge Mar⸗ quis einfach mit dem markgräflichen Titel und Wappen⸗ ſchilde.... Welche Zartheit! Abgeſehen von den wunderbaren Schickſalen ſeiner Geburt, ſeinem Stande, ſeinem Reichthum und ſeiner ſeltenen Schönheit, beſaß der junge Marquis Alles, was ein weibliches Herz bezaubert: die außerordentlichſte Miſchung aller nur denkbaren geiſtigen Vollkommenheiten, und das in ſo plötzlichem Wechſel, daß ſich Keiner in ihn finden konnte und er ewig ein Anderer ſchien: heute 3 36 ſpöttiſch, beißend, bitter, eiſigkalt; morgen die Waͤrme und Hingabe ſelbſt. O, und mit welcher Anſchaulichkeit und Lebendig⸗ keit wußte er zu erzählen! Wie glühte ſein Auge, wenn er von den Tagen ſeiner Kindheit an den Ufern der großen Seen ſprach, oder die wilden Spiele des Jüng⸗ lings, die Gefahren der Jagd und des Krieges, endlich ſeinen plötzlicher Uebergang in das civiliſirte Leben, ſeine Ankunft in New⸗York, ſeinen erſter Verkehr mit den Weißen ſchilderte! Mädchen und Frauen, wie ſüß träumten ſie mit ihm von der majeſtätiſchen Pracht der Urwälder; und wie zitterten ſie mit ihm unter dem hochgeſchwungenen Tomahawk eines rieſigen Indianers, oder vor dem ge⸗ ſpannten Feuerrohr, das aus dem Gebüſch der Lianen hervorzielte, oder vor dem Meſſer, das ein Wilder mit blitzenden Augen, wie ein Tiger zum Syrunge bereit, anſ ihn, den raloſen Knaben, zückte!.... Biele hatten an dem flüchtigen, unſteten Feuer dieſer Liebe die Flügelſpitzen verbrannt; Viele einen Tag, einen Monat, ein Jahr geſeufzt, ſo lange der Tanz oder die erſten Sorgen der Toilette ihnen Zeit ließen zum Seuf⸗ zen; Viele ſeine Liebe geſucht, weil ſie in die Mode brachte, Zerſtreuung bot, oder Gelegenheit gab, ſich in der Kunſt des Kokettirens zu üben; Viele endlich viel⸗ leicht wirklich geliebt, doch ſchnell wieder vergeſſen: aber nur Eine liebte ihn mit wahrer Leidenſchaft, ſtill und tief; nur Einer blutete das Herz bei dieſer Liebe.... Dieſe Eine war— Marie von Varannes, ein edles, ſanftes Weſen, aber zu ſtolz, um nicht den Tod dem Falle vorzuziehen; eine glühende Chriſtin, die Gott um Kraft wider ihre Liebe anflehte. Noch war ſie rein, und doch klagte das Gewiſſen ſie an. Sie liebte zu heiß, um ſich ſchuldlos fühlen u können. 1 Ein Weib, das ſo innig liebt, wie ſie, verſchmäht 37 die Maske der Heuchelei, womit tauſend Andere ihre Schande bedecken. Der ewige Seelenkampf raubt ihrer Stirn die heitere Ruhe, ihren Lippen das milde Lächeln, worin ſich das ungetrübte Bewußtſein ſtrenger Pflicht⸗ erfüllung ausſpricht. Die Qualen des Herzens ſpiegeln ſich auf dem Antlitz ab und klagen ſie an. Die Menge rennt an ihnen vorüber, ſieht den ſtummen Schmerz und argwöhnt das Schlimmſte: ein Verbrechen.... 'S iſt ganz die Geſchichte der zwölf Krämer, die als Geſchworne über einen Armen zu Rath ſitzen. Für's Erſte befindet ſich unter dieſen erhabenen Richtern keiner, der nicht ein falſches Gewicht und eine gefällige Wagſchale im Hauſe hätte zu beſſerem Gedei⸗ hen ihres ehrenwerthen Handels; und ſodann iſt es noto⸗ riſch, daß ſie nicht Krumm von Gerade zu unterſcheiden wiſſen. Sie würden den Herrn Chriſtum nochmals ver⸗ dammen und Barrabam losgeben.... Und das aus guten Gründen. Erſtens und vornämlich, weil der Arme kein Kunde iſt. Sodann, weil der Arme hungert, und wer hungert, der ſtiehlt; folglich... Das Beſte iſt, man hängt ihn....... Marie von Varannes hatte keine Ahnung von dem Verdacht der Welt. Sie wußte nicht, daß, ſo oft ſie er⸗ röthete oder lächelte, ſie von lauernden Blicken umlagert war; daß es hinter den Fächern hin und her ziſchelte und jene Halbworte zu verlauten anfingen, die urſprüng⸗ lich mehr ſcherzweiſe gemeint ſind, dann aber von Mund zu Mund immer ſchärfer, bitterer, endlich gar tödtlich werden.... Nein, ihr Schmerz lag tiefer. Sie litt, und litt furchtbar, weil ihr chriſtlicher Sinn beim bloßen Gedanken an die Möglichkeit einer Pflichtverletzung erbebte; weil ſie ihren Muth aufrief und Nichts als Schwäche vorfand; weil die Gegenwart ihr ſtolzes Schamgefühl verwundete und der Blick in die Zukunft ſie erſchreckte.... Unter der großen Zahl reizender Damen, welche Frau von Pontlevau um ſich verſammelt ſah, war kaum rine die eine ſolche Zartheit des Gewiſſens für möglich hielt. Dieſe reizenden Damen hatten ihre Liebhaber ge⸗ habt, ſo viele, als der Anſtand nur einigermaßen er⸗ laubte, um in dem Eden der Salonswelt geduldet zu werden: und doch ſchienen ſie die Seelenruhe und Hei⸗ terkeit ſelbſt, und doch fiel es Niemand ein, den Stab über ſie zu brechen.... Warum mußte es bei Marie von Variannes an⸗ ders ſein? Warum flüſterten ſich die Herren zu, wenn ſie den Marquis und Frau von Varannes anſahen: „Es iſt ausgemachte Sache?“ Die Damen drücken ſich in ſolchen Fällen vorſich⸗ tiger aus. Was ſie ſagen, hat für den Mann kaum einen Sinn; aber unter einander verſtehen ſie ſich treflich „Seit Herr Eſprit Kabinetschef beim Miniſter iſt 4 ſagte Leon du Chesnel, der Diplomat, zum Doktor Jo⸗ ſepin,„muß ich mich bei Lea Verin abquälen.. „Apropos,“ fiel Joſepin ein,„wie iſt ſie mit ihrem Doktor zufrieden?“ „Gott weiß....“ „Wie heißt er?" „Garance....“ „Garance? Pfui.... Aber Du magſt einen ſchwe⸗ ren Stand haben.. „Gewiß.... Zum Gli, iſt Frau von Verin we⸗ der jung, noch hübſch.. „Sehr richtig.“ „Die Herzogin verzeiht mir dieß Herumſcharwenzeln, weil es ihr keinen Grund zur Eiferſucht gibt....“ „Und ſolche Frohndienſte thuſt Du?“ rief der Dok⸗ tor, den Diplomaten unter der Brille anſehend. „Schweigen wir davon!“ antwortete Du Chesnel, achſelzuckend. 39 „Ha, ha! ſieben Jahre lang Geſandtſchaftsſekretär ſein und noch dazu Wagen und Pferde halten müſſen... „Von Hoffnung, Freund, und Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Was fehlte mir auch? Die Her⸗ geſagt haben? 3 Und gewiß entſchuldigte die Beiden nur ihr intimes Verhältniß zu einander. In allen andern Fällen ſind Geſpräche ähnlichen Inhalts in ſolchen Zirkeln ſtreng verpönt. Inzwiſchen hatte der Marquis Frau von Varannes ſeinen Arm geboten und ſie in den Sälen herumgeführt. Wie der Blitz folgte ihm Diana in gemeſſener Entfer⸗ nung, halb neugierig, halb ſchadenfroh, wie Alle, die Nichts von Liebe wiſſen. Dann kamen die beiden eifer⸗ ſüchtigen Ehegatten, gleich zweien Trabanten von ihrem Cenirum angezogen. Natürlich ſahen ſie Nichts, wie dieß Regel iſt. Ebenſo wenig Diana; aber dieß unſchul⸗ dige Tète⸗A⸗tète ihrer Schweſter mit dem Marquis reichte hin, die keuſche Veſtalin, die unbefleckte Jungfrau mit dem ſchlimmſten Argwohn zu erfüllen...... Von wem hatte ſie das gelernt?.... 4 Als Herr von Baulnes die ſchadenfrohe Miene ſeiner Gattin ſah, gerieth dieſer eheloſe Ehemann auf die wunderlichſten Gedanken... Diana war ihm das uner⸗ klärlichſte Räthſel. In dieſer ſeiner Unruhe ſielen ſeine Blicke zufällig auf Herrn von Varannes, der ſich faſt die Augen aus⸗ ſah. Kaum bemerkt Herr von Varannes ſeinen Schwa⸗ ger, als er, im Wahn, ſich durch ſeine Eiferſucht ver⸗ rathen zu haben, beſchämt niederblickt und bis über die Ohren roth wird. 40 Das legt Herr von Baulnes falſch aus, wirft Herrn von Varannes einen feindlichen Blick zu und geht dann eiligſt auf die nächſte Thüre los, um Luft zu ſchöpfen..... Ungefähr eine Stunde nach dieſem Auftritte machte der Marquis die Runde durch die Säle, offenbar in der Abſicht, wen zu ſuchen. Zwei⸗ oder dreimal ſchien es, als wolle er die Entgegenkommenden anreden, aber er ging nach kurzem Zaudern weiter. Endlich ſtieß er auf Joſepin und Du Chesnel. „Freue mich, Sie zu treffen, meine Herren,“ redete er ſie an. „Die Ehre iſt ganz auf unſerer Seite,“ ſtotterte Joſepin. „Dank Ihnen, Doktor. Ich erbitte mir die Hülfe der beiden Herren auf morgen früh zehn Uhr.“ „Haben Sie einen Kranken?“ 4 „Noch nicht. Es handelt ſich um eine Ehrenſache, und ich wünſche die Herrn zu Zeugen.“ „Mit größtem Vergnügen,“ antwortete Du Chesnel. „Wie ſo? Ehrenſache?...“ fragte Joſepin leiſe. Aber der Marquis hörte die Frage nicht mehr. Er hatte ſich leicht grüßend ſchon entfernt. „Ich rechne auf Sie, meine Herren,“ rief er ihnen nach. „Fragt ſich alſo nur,“ ſagte Du Chesnel, nach⸗ denklich ſich die Stirn reibend,„welcher von Beiden es iſt, Herr von Baulnes oder Herr von Varannes!“ Sackerlot!“ brummte Joſepin,„'s iſt das erſte Mal, daß ich zu der Ehre der Zeugenſchaft komme, und ich habe irgendwo geleſen, auch Zeugen können in die Lage kommen, ſich pauken zu müſſen.“ „Haſenfuß,“ erwiederte Du Chesnel,„Du biſt um hundert Jahre zurück.“ „Um ſo beſſer!“ verſicherte Joſepin lächelnd.„Sonſt hätt' ich die Ehre abgelehnt, weil das Pauken ganz wider meine Grundſätze iſt. 41 3. † Hinter dem Vorhange. In den Stunden des Schreckens und der Verzweif⸗ lung erſcheint uns der erſte ſchwache Schimmer, welcher die Nacht unſeres Geiſtes durchbricht, wie ein Meer von Licht. Alles in uns begrüßt dieſen Lichtſtral, wie einen längſt erwarteten Retter und Heiland. Ohne zu über⸗ legen, ohne die Hinderniſſe, die unſern Weg verſperren und uns im nächſten Augenblicke zum Falle bringen müſſen, zu beachten, treibt uns eine thörichte Zuverſicht von innen heraus unaufhaltſam weiter. Ueber das Ziel in der Ferne vergeſſen wir die Schranke dicht vor unſern Füßen. Wir ſtürzen nieder, und die Folge dieſes Sturzes iſt eine noch tiefere ſittliche Entmuthigung...... Gehorſam jener erſten Eingebung, worin der Troſt⸗ 2 loſe ſo gern eine Offenbarung des Himmels erkennt, hatte Sancta das Hotel Maillepré verlaſſen. Während des ganzen Weges fand ſie keine Zeit, über die Beſchaffenheit und das Ziel ihres Vorhabens nachzudenken, noch über die Ausſicht auf einen glücklichen Erfolg deſſelben. Erſt als ſie vor der Schwelle des Hauſes ſtand, tauchten plötzlich quälende Gedanken in ihr auf und entſank ihr aller Muth. Aber ſo geht's im Leben; ehe wir's uns verſehen, erliſcht die Leuchte der Hoffnung, und wir ſind der ſchwärzeſten Finſterniß von Neuem preis gegeben. Cs iſt uns, als ſähen und wüßten wir Nichts mehr. Wie war's möglich, daß du hoffen konnteſt? fragen wir uns. Das arme Kind betrat ſchüchtern den Hof und blieb zwiſchen der Thüre, die in die Wohnung der Madame Sorel, der Modiſtin, führte, und zwiſchen der des Bildhauers Romeo nachdenklich ſtehen. Romeo war ihr gänzlich fremd, ſie hatte nie ein Wort mit ihm gewechſelt; nur durch Zufall hatte ſie ſeinen Namen erfahren. 8 Wie durfte ſie wagen, einem Fremden ihr Anliegen zu eröffnen?.... Mehrere Minuten ſtand ſie da, die Augen ſtarr auf die feuchten Steine des Hofes gerichtet. Alles im Hauſe lag im tiefen Schlafe; kein neu⸗ gieriges Auge gewahrte die ſchmerzliche Ungewißheit des armen Mädchens. Der Portier, mitſammt ſeiner werthen Ehehälfte, Mama Jalambot, wähnte ſie längſt in zaͤrt⸗ lichem Téte⸗A⸗tète mit dem Bildhauer, deſſen Vorliebe für dergleichen Morgenandachten er im Stillen ver⸗ wünſchte. Jalambot war weder ein ſo hübſcher Burſch, wie Prinz Albert von England, noch Mama in der Hand⸗ habung der Reitgerte ſo wohlerfahren, wie jene jugend⸗ liche Königin Albions, von deren Reitkünſten man wahr⸗ haft Staunenswerthes berichtet. Dagegen verſtand ſie trefflich den Beſen zu führen. Wehe Dir, armer Jalambot, unglücklicher Thorwart! Rorelane Jalambot, geborne Pour, herrſchte deſpo⸗ tiſch in ihrer Loge, ihrem kleinen Windſor. Jalambot hatte nur dann Ruhe, wenn er ſchlief; weßhalb er auf dieſe ſeine Ruhe mehr hielt, als Prinz Albert auf ſeine Jagdhunde. Wir verzeihen ihm daher gern ſeinen Unwillen uber dieſen Morgenbeſuch, welcher die Zeit ſeines Waffenſtillſtandes ſo ungebührlich verkürzte. Hätte er in Sancta eine der Nähterinnen der Madame Sorel erkannt, würde er ſie ohne Frage mit einer jener gehäſſigen Epitheta traktirt haben, worin die Pariſer Portiers erfinderiſcher ſind, als ihre geſammte Brüder⸗ ſchaft auf dem ganzen Univerſum zuſammengenommen. Aber gleichviel! das arme Kind hätte deßhalb nicht mehr gelitten. Sie konnte nicht unglücklicher werden, als ſie ſchon war. Noch immer ſtand ſie regungslos da. Das Hin⸗ derniß, das ſie von Weitem überſehen, zeigte ſich plötzlich dicht vor ihr. „Was will ich denn von ihm?“ fragte ſie ſich.... 8 43 Der Zweck ihres Beſuches war ihr plötzlich entfallen; ſie wußte nicht mehr, weßhalb ſie gekommen. Sie wagte weder auf der Stelle zu bleiben, noch vor⸗ oder rückwärts zu gehen. Aber plötzlich kehrten Muth und Vertrauen ihr zurück, denn ſie gedachte— ihres Bruders.... Romeo war ſchon ſeit einer Viertelſtunde auf und arbeitete in dem Kabinetchen neben ſeinem Schlafgemach an einer kleinen Marmorbüſte, über der eine eiſerne Stange einen ſeidenen Vorhang trug, der ſich vermittelſt Ringen hin⸗ und herſchieben ließ. Dieſe Büſte war eine Art Heiligthum für ihn, das er jedem profanen Blick ſorgfältig verborgen hielt. Hören wir das Schickſal dieſer Büſte, oder richtiger der erſten Auflage derſelben, denn das, woran Romeo dieſen Morgen arbeitete, war bereits die zweite Auflage. Einer jener Künſtlerdilettanten, die in ihren ſtroh⸗ gelben Glaceehandſchuhen, ihren gewaltigen Bärten, ihrem Tillbury und ihrem hyperraffinirten Kunſtge⸗ ſchmack der Schrecken und der Fluch aller Ateliers ſind, jener naſeweiſen, ſpießbürgerlichen Kunſtmäzene, die ſich rühmen, die Künſte in Gang zu bringen und zu erhalten, hatte Nomeo's Werkſtätte mit ſeinem Be⸗ ſuche beehrt. Die Büſte ſtand damals in einem Winkel der Hauptwerkſtätte des Erdgeſchoßes hinter ihrem ſeidenen Vorhange. möglich, zu ignoriren. So grüßte er den Mäzen, ohne von ſeiner Arbeit aufzuſtehen, und ließ ihm ſelbſt die Ehre, ſich den Statuen des Sales vorzuſtellen. Das Rhinozeros drückte die Lorgnette ins Auge, legte die Hände nebſt Spazirſtock mit goldenem Knopf auf den Rücken und begann das unglaublich poſſierliche Mienenſpiel eines vermeintlichen Kunſtliebhabers, aber umſonſt, denn Romeo ſah ihn nicht, ja, wir wetten, daß er nach fünf Minuten ihn ganz vergeſſen hatte. Plötzlich ſtieß der Kunſtliebhaber einen lauten Schrei der Bewunderung aus. Romeo blickte ſich ſchnell um und erblaßte vor Zorn. 4 Mit weitgeſpreizten Beinen, die linke Hand unter den Rockſchößen, die rechte mit der Lorgnette an der Naſe, ſtand der entzückte Kunſtjünger vor der ent⸗ ſchleierten Marmorbüſte. Wie der Blitz ſchoß Romeo auf den Dilettanten los und ſchob ihm den Vorhang vor der Naſe zu, ehe er Zeit finden konnte, wegzuſehen. 1 „Göttlich! Meiner Seel', göttlich, Romeo(der Dilettant nennt jeden Künſtler bei Namen)... Geb' Ihnen tauſend blanke Thaler dafür!...“ 1* Statt zu antworten, nahm Romeo die Büſte, be⸗ trachtete ſie eine Weile gerührt, warf ſie auf den Bo⸗ den, daß ſie in tauſend Stücken zerſplitterte, packte dann das Rhinozeros bei beiden Schultern und ſchmieß es zum Tempel hinaus. Alsbald ging er an eine zweite Büſte, die er, wie wir geſehen, ſorgfältiger verbarg. Außer dieſer Büſte war keine Arbeit Romeo's in dieſem Zimmer vorhanden. Hie und da im Gemach,—mehr ein Ka⸗ binet, als ein Atelier— ſah man einige Fragmente antiker Basreliefs, welche die wenigen Mobilien im Nenaiſſanceſtile ſchmückten. Vor dem einen der Fenſter, welche der Wohnung der Madame Sorel gerade gegenüber lagen, waren die Vorhänge vermittelſt einer Nadel ſo zuſammengeſteckt, daß nur ein kleiner Raum, eben groß genug für's Auge, frei blieb. An den Wänden hingen einige Skizzen mo⸗ 45 derner Meiſter, deren Namen, damals noch unbekannt, jetzt mit Ruhm genannt werden. Zwiſchen der Thüre und der Wand prangten zwei Kapitän⸗Epauletten uͤber einem Paar Reiterpiſtolen, einem Säbel und einem Ehrenkreuze. Romeo trug eine mauriſche Mütze mit langen, ſchweren und dichten Troddeln; ein ähnlicher Gurt um die Hüften hielt die Kaſimirblouſe zuſammen. Seine Arbeit ging unter heiterem Geſange munter und friſch von Statten. Die Stimme, kräftig, bieg⸗ ſam und geſchmeidig, wie ſeine ganze Perſon, kam in zitternden Akkorden aus tiefſtem Herzen und erinnerte in Etwas an das ſchöne Echo eines Hornes, das fern durch hohe Laubwälder klingt. Wenn wir ſagen, er arbeitete, ſo meinen wir da⸗ mit, daß er die letzte Hand ans Werk legte und die reizenden Umriſſe eines wahren Engelantlitzes vermit⸗ telſt der Nägel mehr abfeilte und ausrundete, als wirk⸗ lich verbeſſerte. Dieſe ganze Arbeit war ihm ein Spiel, gewiſſermaßen eine lange Liebkoſung, woran der weiß⸗ ſeidene Vorhang einen großen Antheil hatte. Bald entfernte ſich Romeo von der Büſte, dückte ſich nieder und betrachtete ſie von allen Seiten, bald eilte er auf ſie zu, änderte Etwas an den Falten der Draperie, ließ ſie mehr fallen, oder hing ſie höher, offenbar um das rechte Licht fuͤr die Büſte zu finden. Dabei lächelte er das Werk ſeiner Hände an, warf ihm Kußhändchen zu, kurz, benahm ſich, wie ein ver⸗ liebter Narr, ein zärtlicher Seladon, ein Kind! Und das war er auch! Aber ein Seladon, welcher die Waffen trefflich zu führen wußte, ein Kind mit dem Arm und Herzen eines Mannes! Aus dieſen zärtlichen Beſchäftigungen wurde er plötz⸗ lich durch ein leiſes Geräuſch im Nebenzimmer aufge⸗ ſchreckt. Romeo erröthete, als habe er was Böſes ge⸗ than, und zog mit Blitzesſchnelle den ſeidenen Vorhang vor der Büſte zu, ſo daß ſie gänzlich verſchwand. Er lauſchte, hörte aber Nichts. „Was Teufel machſt Du da, Croquignole?“ rief der Bildhauer. Croquignole war ein blutjunger Freund und Gönner der ſchöͤnen Künſte. Nach dem Vorbilde der alten Edel⸗ herrn, von welchen die Ritterſitte verlangte, daß ſie mit Knappendienſten den Anfang machten und gehorchen lernten, ehe ſie die Herren ſpielten, verſah er bei unſerm i Bildhauer die Stellen einer Gouvernante, einer Bonne und eines Kammerdieners, bis die Zeit auch ihn zum großen Künſtler geſchaffen haben würde. Croquignole gab keine Antwort, eine alte Unart dieſes jungen Bürſchleins, zumal wenn er beim Spiel beſchäftigt war, das er leidenſchaftlich liebte. Auch dieß⸗ mal ſpielte er Grubenſpiel mit klein Louis, dem hoff⸗ nungsvollen Erben des triſten Papa Jalambot. Ungeduldig erneuerte Romeo ſeine Frage an Cro⸗ quignole, aber mit ebenſo wenig Glück, denn Letzterer ſpielte im Atelier des Erdgeſchoßes mit klein Louis, und es ſtanden eben ganze neun Sous auf Gewinn. So öffnete denn Romeo ſelbſt und raſch die Thüre. Was ſah er? Mitten im Zimmer ſtand eine ſchwarz verſchleierte junge Dame mit gefalteten Händen und geſenktem Blick, ganz in der Stellung einer Perſon, die plötzlich in ihrem Lauſe gehemmt wird; offenbar hatte die Stimme des Bildhauers ſie erſchreckt, als ſie eben das Gemach durchſchritt. Wegen ihres Schleiers erkannte Romeo ſie nicht, dennoch fühlte er eine eigenthümliche Regung in ſich, doch auf Ehre! nicht ſo, als habe der Reiz eines gewöhn⸗ lichen Abenteuers ihn gekitzelt. Nein, es war ihm ſo voll ums Herz, daß er mit dem zweifelhaften Glücke einer unerwarteten Eroberung Nichts anzufangen gewußt hätte⸗ „Was wünſchen Sie, Madame?“ fragte er. Keine Antwort. Ein tiefer Seufzer entſtieg der Bruſt des Mädchens. 47 „Ich fürchte, Sie irren ſich.“ „chn ich irre mich nicht,“ unterbrach ihr Sancta. mit leiſer, zitternder Stimme.. O, wie ſüß, wie lieblich klang ihm dieſe Stimme, die er nie zuvor gehört hatte, ſo altbekannt, ſo befreun⸗ det und doch ſo neu!— Er näherte ſich ihr langſam, die Bruſt ſchlug ihm, das Herz kam dem Geſicht zu Hülfe, er rieth mehr, als daß er ſah.... „Wär's möglich?“ ſagte er mit unmerklich zitternder Stimme.„Zu mir.... um meinetwillen?“ „Nein, um ſeinetwillen,“ ſiel Sancta flüſternd ein.... 1 Und damit ſchlug ſie den Schleier zurück und Ro⸗ meo ſah in Sanctas liebreizendes engelreines Antlitz, deſſen holdſeliges Lächeln ihm, wenn er hinter der Gar⸗ dine ſtand, die Bruſt mit unſäglichem Entzücken ſo oft erfüllt hatte; in dieß Antlitz, das der Glanz jungfräu⸗ licher Reinheit wie mit einer heiligen Glorie umgab.... Aber ach! wo war dieß ſüße, wonnige Lächeln ge⸗ blieben? Das tiefe Blau der großen Augen war umflort und an den müden Wimpern zitterten ſchwere Thränen. Romeo war erblaßt, er wagte keine Frage mehr. „Um ſeinetwillen!“ wiederholte Sancta nach einer Pauſe, ſchluchzend,„Ja, er muß ſterben, wenn Keiner ihn rettet...“ „Ich will ihn retten!“ ſiel Romeo haſtig ein... „Was ſoll ich thun?“ „Ach mein Gott,“ erwiederte das arme Kind,„wüßt⸗ ich's nur....“ Sie dachte ſo wenig daran, den Grund anzugeben warum ſie gekommen, als Romeo über dieß Vergeſſen erſtaunt war. „Hören Sie auf zu weinen!“ tröſtete ſie Romeo.... „Ich will ihn retten, wie groß die Gefahr auch ſei.... O, Fräulein ich kenne und liebe ihn.“ „Sie kennen ihn?“ wiederholte Sancta hocherfreut, denn dieſe tröſtliche Verſicherung gab ihr neue Hoffnung. „Ob ich Ihren Bruder kenne ¹“ rief Romeo.„Wie oft bin ich Ihnen und Ihrem Bruder nachgeſchlichen, wenn Sie Abends in's Hotel Maillepré zurückgingen. Dieſe herzliche Geſchwiſterliebe that mir ſo wohl!.. Und wie dankte ich ihm für ſeine Liebe zu Ihnen!....“ Sancta hörte dieſe Worte, ohne zu erröthen, ja es ſchirn faſt, als ſchwebe ein Lächeln über ihren ſchönen ippen. ſagte ſie. ihn retten, das gelob ich Ihnen auf Ehre, mein Fräulein.... Ich gehöre Ihnen ganz und mit Ihnen auch ihm, denn ich weiß, daß ſein Glück auch das Ihrige iſt!“ „Dank Ihnen, Dank!“ flüſterte Sancta. Inzwiſchen hatte Romeo ihre Hand ergriffen und ſie zum Stuhle geführt. „Ich weiß noch mehr,“ ſagte Romeo unſchlüſſig, „ich weiß, daß unter dem groben Kittel das Herz eines Edelmannes ſchlägt. Nichts für ungut, Fräulein, ich hab es erſt ſeit Kurzem und zufällig erfahren, auch iſt ſein wahrer Name mir unbekannt geblieben.... Aber welche Gefahr droht ihm?... „Er will ſich duelliren!“ „So ſchlag ich mich fuͤr ihn!“ rief Nomeo. Dieß Wort kam aus der Seele. Ein flüchtiger Blick, aber voll glühenden Dankes, war ſein Lohn. Gleich darauf ſenkte ſie betrübt das Köpfchen. „Ach, er iſt ſo muthig und ſtolz!“ entgegnete ſie ſeufzend.„Er wird es nicht zugeben!!“ „Mag er wollen oder nicht, Fräulein, ich rette ihn, ſag, ich... Wie glücklich bin ich, Ihnen dieß Ver⸗ ſprechen zu geben und mit welcher Freude würd' ich es erfüllen... Schon ſeit langer, langer Zeit, hängt mein „So that ich doch gut, daß ich zu Ihnen kam...“ „D ja, Sie thaten wohl daran! Ich will, ich muß 49 Leben nur an Einer Hoffnung, einer einzigen Hoff⸗ nung!...“ 8 Se ſind Sie unglücklich, auch Sie?, fragte Sancta theilnehmend. „,d nein! Seh ich doch Sie jeden Tag!’“ Er hielt ein und wurde roth, als fürchtete er, ſchon zu viel geſagt und die Gunſt des Schickſals, welches daß junge Mädchen zu ihm fuͤhrte, gemißbraucht zu aben. Aber Sancta ſchien nichts weniger als erzürnt, ihre reizende Stirn bewahrte nach, wie vor, die heitere Ruhe ihres engelreinen Gemüthes. „Und wenn Sie fort ſind, hub er nach einer Weile aufs Neue an, ſeh' ich Sie doch noch?“ Damit ergriff er nochmals ihre Hand und führte ſie in das kleine Atelier des Nebenzimmers vor den ſei⸗ denen Vorhang, hinter welchem die Büſte ſtand. Er zog die Schnur und plötzlich wurde ſie ſichtbar. „O, wie hübſch ich bin!“ rief Sancta, überglück⸗ lich die Hände zuſammenſchlagend. Aber ebenſo plötzlich verſchwand die kindliche Freude wieder. Das Weib erwachte in ihr, glühende Röthe ſerſtog Stirn und Wangen, ſie ſenkte den Blick zur rde. Es entſtand ein tiefes Schweigen, während deſſen RNomeo dieß leibhafte Bild jungfräulicher Reinheit ent⸗ zückt anſah. Als ſie die Wimpern erhob, rannen Zähren über ihre Wangen. „Mein Bruder!“ rief ſie, die Hände faltend.... „Sie haben mich eine Weile den Bruder vergeſſen laſſen!....“ Romeo entzog ſich gewaltſam den ſüßen Träumen. „Kommen Sie, geſchwind,“ rief er, ſeine Kaſimir⸗ bluſe mit einer bürgerlichen Kleidung vertauſchend.... „JIch will ihm folgen und ihn wie meinen Sohn bewachen.“ Der mannlich⸗kräftige Ernſt in der ganzen Haltung 4 Pariſ. Liebſch. II. Romeos theilte ſich belebend und ermuthigend dem ar⸗ men Kinde mit. Während Sancta ihm folgte, kehrte füße Hoffnung in ihre beklommene Bruſt zurück. Ohne es zu wiſſen, flüſterte ſie ſich zu: „Mein Gott, ich that doch wohl, daß ich zu ihm ging..“ . 4. Uazaire, genannt Dragon. Als Croquignole und klein Louis Romeo herunter⸗ kommen hörten, verkrochen ſie ſich eiligſt hinter einem rieſigen Herkules aus Gyps, deſſen muskulöſer Bauch allein hingereicht hätte, zwei Dutzend ſo magerer Gamins, wie ſie waren, daraus zu fertigen. Es ſtanden juſt ganze ſiebenzehn Sous auf dem Spiel, eine Lebensfrage für jeden der beiden Burſchen. Grund genug, ſich aus dem Staube zu machen. Romeo und dann Sancta, die ihren Schleier um⸗ güparſen hatte, gingen an ihnen vorüber, ohne ſte zu ſehen. „Bah!“ rief klein Louis, der ſchon mit der Mut⸗ termilch die böſe Läſterungsſucht ſeiner Mama Rorelane eingeſogen hatte,„Nichts als eine Griſette im Sonn⸗ tagsſtaat!“ Das wurmte Croquignole, ſo unreſpektirlich von der Gefährtin ſeines Herrn und Meiſters reden zu hören. Solche Schmach konnte nur mit Blut abge⸗ waſchen werden und er bot ungeſtüm klein Louis einen Fauſtkampf an. 1 Beide ſetzten ſich zur Wehr, ein furchtbares Blut⸗ bad entſtand. Im Scharmützel bußte ein Gladiat mit dem Leben, ein Satyr verlor ſeinen Schwanz un ein Faun ſeine Hörner. — 51 Nachdem der Forderung der Ehre vollkommen ge⸗ nügt und der Friede geſchloſſen war, ſetzten Croquignole und klein Louis ihre Spielpartie fort.— Es mochte gegen acht Uhr ſein. Papa Jalambot machte ſeiner werthen Ehehälfte das Frühſtück zurecht, während Mama Jalambot unter den hohen Matratzen des ehelichen Bettes ſich gemächlich hin und her wälzte. Neben ihr auf der leeren Stelle Jalambot's lag ein feißter Kater und träumte. Jalambot verabſcheute dieſen vierbeinigen Neben⸗ buhler aufs Aeußerſte, dennoch wagte er nicht, ihm auf den Pelz zu rücken, aus Furcht vor Roxelanens Hausbeſen. Eben als Romeo an der Schnur zog, um ausgelaſſen zu werden, drohte die Milch zum Kaffee herzukvchen, weßhalb der Portier nicht ſogleich öffnen onnte. „Hörſt Du nicht, Unglücklicher!“ grunzte die Lo⸗ genkönigin, die in uͤbler Laune erwacht war. „Gleich, mein Püppchen, gleich!“ antwortete der Portier demüthigſt. Das Thor wurde geöffnet. Romeo und Sancta gingen hinaus. Inzwiſchen hatte Roxelane Zeit gehabt zu ſehen, daß der junge Bildhauer nicht allein war. „Was iſt das?“ fragte ſie. „Was das, mein Engelchen?“ „Die Perſon da mit Herrn Romeo....“ „Ich kenne ſie nicht, Schätzchen,“ flüſterte Jalam⸗ bot furchtſam. 0 „Du ſollſt ſie kennen!“ keifte Rorelane, purpurroth vor Zorn in die Höhe fahrend.„Biſt ſonſt zu Nichts gut.“ „ Aber Wertheſte....“ „Still! Du weißt nie, was Du viſſen ſollteſt! Wozu biſt Du da?⸗ Rorelane legte ſich aufs Kiſſen zurück, während der feißte Kater ſchmeichelnd ſeinen Bart an ihrer hoch⸗ rothen Backe rieb. Jalambot ließ die Ohren hängen und beeiferte ſich, ſeine Ehehälfte zu begütigen, indem er die Taſſe Kaffee bis an den Rand voll goß, doppelt ſo viel Zucker hin⸗ einthat, wie ſonſt, drei Viertel aus dem Rahmtopf in die Taſſe leerte, das Ganze tüchtig umrührte und dann ſeiner Nantippe hingab. „Da, Schätzchen,“ ſagte er, ſchüchtern ſich dem Bette nähernd. 4 Mit Schelmenmiene nahm RNoxelane das Früh⸗ ſtück aus ſeiner Hand. In demſelben Augenblicke erwachte ihr vierbeiniger Bettgenoſſe und ſing an zu miauen. „Willſt Du auch frühſtücken, Murr, mein Feiſt⸗ chen?“ fragte ſie den Kater liebkoſend. Da half nichts, der arme Jalambot mußte ſeinem Nebenbuhler den Morgenimbiß zurecht machen. 4 Erſt nachdem Rorelane und ihr Kater bedient, deß⸗ gleichen der Antheil für klein Louis in Sicherheit ge⸗ bracht war, durfte der vielgeplagte Ehegemahl an ſich ſelbſt denken und die Ueberreſte ſich zu Gemüthe führen.... Inzwiſchen eilte Romeo, von Sancta gefolgt, dem Hotel Maillepré zu. Der Weg dahin war ſchnell zuruckgelegt. Eben als Romeo den Hammer des Thores aufheben wollte, flog Sancta, die hinter ihm ging, auf ihn zu und er⸗ griff ihn beim Arme. „Was wollen Sie ſagen?“ fragte ſie....„Gaſton kennt ſie nicht, und Jean⸗Marie wird Sie nicht ein⸗ laſſen... „Ich weiß, was ich Ihrem Bruder zu ſagen habe,“ antwortete Romeo, ſich lächelnd umkehrend.„Und Biot iſt mein Freund, wir kennen uns ſchon lange, Fräulein. Der wird mich gewiß gut aufnehmen.“ Auf ein Zeichen Romeos wurde die Thüre geöffnet. Aber zum Unglück war der ehrliche Jean⸗Marie nicht in ſeiner Loge. 5³ „Wo iſt Biot?“ fragte Sancta den ſtellvertretenden Auvergnaten. „Im erſten Stock beim Alten, der ſeinen Sabbath feiert,“ lautete die Antwort. Wirklich hörte man von der Seite des mittleren Schloß⸗ gebäudes, deſſen Fenſter nach, wie vor, hermetiſch ge⸗ ſchloſſen blieben, ein furchtbares Geheul. Was mochte dieß entſetzliche Geſchrei hinter den alterſchwarzen, un⸗ heimlichen Mauern bedeuten? Aber Beide, Sancta und Romeo, hatten an was Anderes zu denken. „Und mein Bruder?“ fragte ⸗das junge Mädchen. „Ihr Bruder?“ wiederholte der Auvergnat. „Wo iſt er?“ „Der Kleine in der Blouſe?“ „Iſt er ausgegangen?“. „Ich glaube ja... nein....“ antwortete der Auver⸗ gnat verlegen und kratzte ſich hinterm Ohr. Sancta und Romeo ſahen ſich an. Entſetzen malte ſich auf den Zügen des jungen Mädchens und das ge⸗ zwungene Lächeln Romeos konnte ſeine Unruhe nur halb verſtecken. 313 „Warten Sie auf mich,“ flüſterte ſie und eilte die T⸗is zum rechten Schloßflügel hinan....„Ich will ragen....“ 3 In dem Augenblicke verſchwand ſie hinter der Wen⸗ dung der Treppe. 8 Gleich darauf kam ſie wieder zurück, aber ſo er⸗ ſchöpft, daß ſie auf den letzten Tritten halb ohnmächtig zuſammenſank. „Er iſt fort?“ fragte Romeo. Sancta nickte bejahend mit dem Kopfe. „Und Sie wiſſen nicht, wohin?“ Sie ſchüttelte das Haupt, ihre Augen waren ſtarr und leblos. Vergebens ſuchte ſie durch Thränen ihr Herz zu erleichtern. „Und wie heißt ſein Gegner?“ fragte Romeo weiter. lchem geſchrieben ſtand: .„..... Lebewohl! Im ſechsten Stocke eines jener neuen Häuſer, die vor ungefähr fünfzehn Jahren auf dem Boulevard Beaumarchais erbaut wurden, ſtand über einer weißen Thüre mit ſchwarzer Kreide geſchrieben! Nazaire, ge⸗ nannt Dragon. Dieſe Thüre ging auf einen kalten Korridor, welcher nach dem feuchten Gyps roch, womit der Giebel des Hauſes ausgelegt war. Gegen acht Uhr Morgens keucht ein junger Mann jene Art von Hühnerſteigen hinan, die in den oberſten Stockwerken neuer Häuſer den ſtolzen Namen menſch⸗ licher Treppen führen. Vor Nazaires Thüre ange⸗ kommen, hielt er an und drückte beide Hände gegen die röchelnde Bruſt. Es war Gaſton von Maillepré, Gaſton, der Arbeiter. Ehe er anklopfte, trat ihm Nazaire ſchon entgegen. „Grüß Dich Gott, Palot,“ rief er ihm mit ſeiner kräftigen, friſchen Stimme zu.„Pünktlich auf den, Glockenſchlag, wie ein braver Soldat. Das lob ich mir. Aber höre, hab' die ganze Nacht kein Auge zuge⸗ than. Mir träumte von Nichts als von blanken Klingen, Degenſpitzen, Piſtolen und Gott weiß was ſonſt noch. Schockſchwerenoth, wenn ich ſtatt Deiner ans Werk dürfte. Aber ruh' Dich aus und ſchöpfe Athem!“ Nazaire war von Natur etwas einfilbig, aber jede Gemüthbewegung wirkte auf ihn ähnlich, wie die Trun⸗ kenheit, d. h. ſie machte ihn wortreich. 5⁵ Er nahm Gaſton bei der Hand und führte ihn zu einem Seſſel, in welchen Gaſton athemlos und erſchöpft niederſank. Trotz der Vertraulichkeit ſeiner Reden, war nicht zu verkennen, daß er Gaſton mit einer gewiſſen Ehr⸗ erbietung behandelte. Nimmer hätte ein Dritter, welcher Augenzeuge dieſes Auftrittes geweſen wäre, den jungen einfach aber elegant gekleideten Mann, deſſen Geſicht unverkennbare Spuren ſeiner edlen Abkunft trug, für den Kameraden dieſes ehrlichen biedern Burſchen von Nazaire gehalten, der von Kopf bis Fuß der Arbeiter von ächtem Schrot und Korn war, mit etwas militäriſchem Anſtande. Ja, das Herz lacht Einem im Leibe über ſo einen Handwerker, der ganz iſt, was er ſein ſoll, kräftig, friſch, froh, lebensluſtig, geiſtreich auf ſeine Weiſe, von geſun⸗ den Gliedmaßen und gutem Gewiſſen... Wahrlich, die können es nimmer gut meinen mit dieſer Klaſſe von Leuten, welche ihr natürlich ſchönes Antlitz mit häß⸗ licher Larve verunſtalten und Träumer oder Reimſchmiede aus ihnen drechſeln möchten...... Hören wir nachträglich, wie es den Beiden am Tage zuvor ergangen, als ſie ſich aus der Werkſtätte gemeinſchaftlich entfernt. Der Anblick des„ſchwarzen Fracks und der weißen Glacehandſchuhe,“ welche ſo manche Wetten des wettluſtigen Poiret veranlaßten, hatte Nazaire wie ein Blitzſchlag getroffen. Er liebte Gaſton von ganzem Herzen, wie ein Vater den Sohn, wie ein Bruder den Bruder, mehr noch, wie der Edelmüthige den Schwachen. Plötzlich verlautete die furchtbare Anklage des Diebſtahls gegen ihn. Tauſend Umſtände ſchienen wider Gaſton zu ſprechen, namenlich ſein Beſuch in der Oper an der Seite einer eleganten Dame. Nazaire hatte ihn aufs Aeußerſte vertheidigt, bis die perſönliche Erſcheinung Gaſtons ihn Lügen zu ſtrafen und die Vermuthung zur Gewißheit zu erheben ſchien. 8 56 Was ſollte er von Gaſton halten? Er wollte ihn draußen zur Rede ſtellen, aber ein Blick in das edel⸗ ſtolze Antlitz des jungen Mannes genügte, ihm allen Argwohn zu benehmen. Zum erſten Male wurde er ſich eines gewiſſen Un⸗ terſchieds zwiſchen Gaſton und ſeinen übrigen Kameraden bewußt. Die neue, ungewöhnliche Kleidung ſtand ihm ſo über die Maßen wohl... Und dann glaubte er, auf Gaſton's ſchöner Stirn eine Traurigkeit und Schwermuth höherer Art als ſeine alltägliche zu bemerken. Eine feierliche Würde ſchien über ihn ausgegoſſen. Dieß Alles benahm ihm jeden Verdacht. Sein na⸗ türliches Gefühl ſträubte ſich gegen den empörenden Arg⸗ wohn eines Diebſtahls. Zuletzt mußte er über ſich ſelbſt erröthen, daß er dieſem furchtbaren Gedanken auch nur eine Weile Raum gegeben habe........ „Dragon,“ hub Gaſton an, ihm treuherzig die Hann ſchüttelnd,„Du biſt immer ſo gut gegen mich ge⸗ weſen....“ 3 „Sprich nicht davon,“ unterbrach ihn Nazaire, „Freund iſt Freund!“ „Laß mich ausreden... Ich hab' ein Geheimniß, das ich Dir bisher nicht anvertrauen durfte....“ „Ein Geheimniß!“ flüſterte Nazaire und ſah ihn groß an, denn der kaum bekämpfte Argwohn erwachte auf's Neue in ihm. „Heute muß ich Dir's ſagen, ich bedarf Deiner Hülfe. Verſprichſt Du ſie mir?“ „Von Herzen, Palot! Aber Du machſt mir bange; was fehlt Dir?“ „Ich hab' eine Schweſter,“ fuhr Gaſton mit leiſer, zitternder Stimme fort,„ein liebes, gutes Mädchen, meine einzige Freude hienieden. Ich bin ihre einzige Stütze.. Wenn ich nicht mehr bin.... „Bah!“ fiel Nazaire gezwungen lächelnd ein,„wer denkt an ſo was?“ 9 57 Gaſton ſchüttelte traurig den Kopf und drückte ſei⸗ nem Freunde kräftig die Hand. „Verſprichſt Du mir, ſie zu beſchützen?“ fragte er, „Welche Frage, Brüderchen! Aber muß Dir ſagen, Du gefällſt mir nicht! Du willſt doch nicht....“ 09 Er zog ihn dicht an ſich und flüſterte ihm in's r: „Dich umbringen?“ „Da müßt' ich ſehr ungeduldig ſein!“ antwortete Gaſton bitter lächelnd.„Sieh mich an, ob ich die kurze Zeit nicht abwarten kann.“ „Brüderchen!“ rief Nazaire,„Du ſprichſt, wie nicht geſcheidt. Hab' ich doch ſolche Käuze hundert Jahr alt werden ſehen. Aber weiter im Tert, was haſt Du denn vor?“ uj„Ein Duell, Nazaire, ein Duell, morgen früh zehn r.*¹* „Bah!“ rief Nazaire heiter, die Backen aufblaſend. „Weiter Nichts? Vortrefflich! Das will ich ſchon machen...“ „ uUm Alles in der Welt nicht,“ erwiederte Gaſton mit Nachdruck.„Ich bitte, Dich auf keine Weiſe ein⸗ zumiſchen.“ Nazaire trat erſtaunt zurück und muſterte ſeinen jungen Kameraden von Kopf bis zu Fuß. G Während deſſen waren ſie bis unter die menſchen⸗ leeren Galerien der Palce Royal gekommen, wo das Licht einer Reverbere die ſtolze, aber ſchwermüthige Stirne Gaſtons erhellte und ſeinen hohen Wuchs in geiſterhafter Größe erſcheinen ließ. Nazaire ſah ihn an und ſchüttelte den Kopf. „Du denkſt nicht, wie ein gewöhnlicher Arbeiter,“ ſagte er.„Und wirklich taugteſt Du beſſer zum Sol⸗ daten und würdeſt dem beſten Offizier Ehre machen. Aber das ſind dumme Hypotheſen, wie die Duckmauſer von Gelehrten ſagen. Worauf gehſt Du denn los?“ „Gott weiß...“ 58 „Auf Kompaß, Hobel, Meſſer oder Knittel?“ „Nein!“ „Nein? Doch nicht gar auf Saͤbel, wie Bürſch⸗ chen? Das wär' romantiſcher; aber die Kumpane ſind keine Grenadiere?“ „Ich ſchlage mich mit keinen Kumpanen.“ „Alſo mit Spießbürgern? Das lob' ich mir.... Dann nur zu! Aber wie heißt Dein Quidam? Viel⸗ leicht kenn' ich ihn.“ „Er heißt....“ ſtotterte Gaſton.* „Guter Anfang das! Weiter im Text.“ 8 Gaſton zauderte. „Er heißt,“ ſtieß er endlich gewaltſam heraus, „Marquis von Maillepré!“ „Sieh' mal an!“ rief Dragon verblüfft,„Marquis von Maillepre. Der wilde Marquis! Der Marquis aller Marquis! Ein Ausbund von Stolz! Und Du glaubſt, daß der ſich mit Dir ſchlägt?!“ „Ich weiß es ſicher, er iſt von mir beleidigt.“ 5 „So ſteht die Wahl der Waffen bei ihm, um ſo beſſer! Aber das bloße Beleidigen genügt nicht, Freund⸗ chen. Geſetzten Falls, der Feignant inſultirte den Sohn des Königs— und er wäre wohl dazu fähig— glaubſt Du, der Sohn des Königs würde ſich mit ihm ſchlagen?'S iſt dumm gnug, ſiehſt Du, denn alle Menſchen ſind ſich gleich, nota bene, ſo lange ſie keine Soldaten ſind.'S iſt dumm gnug, ſag ich, aber's iſt einmal ſo.“ 3 „Ich weiß ſicher, er ſtellt ſich mir,“ wiederholte Gaſton, der eine leichte Aeußerung des Unwillens nicht unterdrücken konnte. 4 „Magſt Recht haben,“ entgegnete Nazaire.„Aber ich weiß noch lange nicht Alles. D'rum weiter im Terte.“ „Ich darf nicht ſagen, warum ich ihn beleidigte,“ 3 flüſterte Gaſton, naher auf Nazaire zutretend.„Das iſt ein Geheimniß meines ſeligen Vaters! Aber in ſo weit dieß Geheimniß mir gehört, ſollſt Du es wiſſen, weil 59 Du mir ſtets ein treuer Freund warſt. Ich gehöre einer Familie an, Nazaire, die mehr als adelig, die erlaucht . iſt; mein Großvater war Herzog und Pair von Frank⸗ reich. Mehr darf ich nicht ſagen. Mein ſeliger Vater hat unſere Namen mit ins Grab genommen.“ „Was Du ſagſt, Palot,“ rief Nazaire halb un⸗ gläubig, nachdem er ihn eine Weile ſtumm angeſehen. Dann fuhr er fort, als rede er mit ſich ſelbſt; „Und doch, ſiehſt mir ganz ſo adelig aus, nota bene, was ich unter adelig verſtehe... nicht ſtolz gegen die Kameraden, Wetter nein! Gerade das Gegentheil, auch nicht händelſüchtig, nicht plappermäulig, nicht ver⸗ drießlich, immer ſtill und geduldig, kein Geplärr, keine Grimaſſen! So ſind die Herren nicht, die Unglück ge⸗ habt haben und ihre alten Schuhe in Werkſtätten ab⸗ treten müſſen... Dank Dir für Dein Geheimniß, Palot!“ rief er plötzlich laut auffahrend. „Du ſelbſt haſt es mir abgenöthigt,“ hub Gaſton an. „Ich ſage Dir Dank und damit Baſta! Bin ich doch gewiß, ſo gewiß, als zweimal zwei vier iſt, daß Du nie damit gepralt haſt..“.. „Nie!“ „Recht ſo, Du biſt mir ein braver Burſch; aber darf ac Dich noch Palot nennen? Hörſt Du's nicht un⸗ gern?... Gaſton hielt ihm die Hand hin, die Nazaire biederb ſchüttelte. „Sieh, Palot,“ fuhr er treuherzig fort, vich kenne die hohen Herrſchaften blos aus dem Theater. Alle Wet⸗ ter, da bekommt man einen ſchönen Begriff von Euren Grafen und Baronen, welche mit den armen Mädeln umgehen, daß Mignonne, mein Schätzchen, ſich ſchier die Augen ausweinen möchte. Aber Du, Palot, biſt nicht von dem Schlag. ˙S iſt nicht Deine Schuld, daß Du auch ſo'n vornehmer Herr biſt, und ich hab' Dich dreimal ſo lieb d'rum! Aber zur Sache, Freund, ich will Dein Zeuge ſein, ohne zu fragen, warum Du los⸗ gehſt.'S iſt bitter, aber läßt ſich mal nicht aͤndern. Und Dein Schweſterchen „Die arme Sanctai⸗ ſeufzte Gaſton und ließ das Haupt finken. „Schlag' Dir die trüben Gedanken aus dem Sinn!“ rief Nazaire, der ſeine Rührung nur ſchlecht verſtecken konnte.„Sie ſoll von Deinen Sprüngen Nichts ker⸗ fahren.“ 3 „Aber wenn ich falle...“ „Albernheiten, Palot!“ Kälte. „Albernheiten!“ wiederholte Nazaire. 4 „Ich hab' eine Ahnung,“ ſagte Gaſton mit eiſiger „So was bringt Unglück! Du, Palot, und ſterben?" Nazaire's Stimme zitterte. Er umfaßte Gaſton mit beiden Armen und druͤckte ihn feſt an Bru ſeine kräftige ſt. 8, „Hölle und Teufel!“ rief er zornig auf die Erde ſtampfend und mit der Kehrſeite der Hand die feuchten Augen trocknend.„Du zwingſt mich zu allerlei Dumm⸗ heiten!... Ohne Dein Schweſterchen zu kennen,“ fuhr er nach einer Weile ruhiger fort,„lieb' ich ſie, und wenn's das Schickſal ſo will, ſoll ſte an mir einen zärt⸗ lichen Vater haben!“ Im Nu flog Gaſton auf Nazaire zu und ſchloß ihn in ſeine Arme. Beide hielten ſich lange umſchlungen. „Dank Dir, mein Freund, Dank!“ ſtammelte Ga⸗ ſton gerührt. Auch Nazaire konnte ſich der Thränen ren, er mochte es anfangen, wie er er wollte. „Es iſt ſo!“ rief er endlich, Gaſton nicht erwäh⸗ von ſich ab⸗ ſchüttelnd.„Aber reden wir nicht weiter davon. Ein Mann und Soldat, ſiehſt Du, und Weinen verträgt Kannſt Du ſich nicht!.... Morgen mehr darüber.... „Oder flechten?" — 61 „Mein Gott, nein!“ „Oh weh, o wehl“ rief er, ein ellenlanges Geſicht ſchneidend.„Aber gleichviel, es gibt Exempel von Bei⸗ ſpielen, daß Anfänger... halt, ich will Dir'ne präch⸗ iige Finte zeigen, ich kann fechten, wien Daiſt! Komm mit!“ Er wollte Gaſton fortſchleppen; doch Gaſton wich nicht von der Stelle. „So komm' doch!“« wiederholte er. „Nicht jetzt!“ antwortete er.„S iſt mein letzter Abend und der gehört meiner Schweſter.“" „Haſt Recht, Palot, obgleich ich gewiß bin, daß wir beide morgen fidel im Kapuziner frühſtücken, wo⸗ zu ich Dich hiermit einlade. Aber die Kleine geht vor, Schweſter iſt Schweſter! Somit Gottbefohlen! Morgen früh präciſe acht Uhr ſollſt Du eine Fechtſtunde haben, und was für Eine!“ Apropos, weißt Du meine Adreſſe?⸗.. Es kommt oft vor, daß zwei Handwerker, wenn ſte nicht gerade ihre Vergnügungen mit einander theilen, gut befreundet ſind, ohne ihre Wohnung zu kennen, weil das tägliche Zuſammentreffen in der Werkſtatt jeden Beſuch unnörhig macht. So war es auch in dieſem Falle. Gaſton wußte nicht, wo Nazaire wohnte. Sie gingen in einen Weinladen, woſelbſt Dragon auf einem Stückchen Papier ſeine Adreſſe dergeſtalt ſpeziſizirte: 3 Naizaire, genannt Dragon, Boulevarde Beaumarchais, im neuen Hauſe ohne Num⸗ mer, dem vierten nach dem Kaffé, die dritte Thuͤte im oberſten Gange. Der Name ſteht grüber. 2 5. Die Fechtſtunde. Am folgenden Morgen, pünktlich acht Uhr, war Gaſton bei Nazaire eingetroffen und von ihm auf die erwähnte herzliche Weiſe empfangen worden. 3 Nazaire, genannt Dragon, bewohnte ein großes Manſardenzimmer mit zwei weitausgeſchweiften Bogen⸗ fenſtern, vor welchen einige Blumen ſtanden, die durch den Nachtfroſt etwas gelitten hatten. Sein Gurtbett war mit Vorhängen von blauem gekipertem Zeuge um⸗ geben, welche vermittels eines kupfernen Ringes am Plafond befeſtigt waren und an den Seiten in kunſtreich geordneten Falten herabhingen. Auf dem Geſimſe des Kamins prangten in hohen Straßburger Biergläſern einige Bouquets von Maßlie⸗ ben und Dahlien. Die Komode aus Nußbaumholz, der Wandſchrank von lakirtem Eichenholz, die Stroh⸗ ſtühle und der werkene, mit grauer Kattunleinwand überzogene Armſeſſel, dieß Alles war im höchſten Grade ſauber und zeugte von einem Sinn für Reinlichkeit und Wohlhabenheit, welcher bei Leuten ſeines Standes leider nur allzuſelten angetroffen wird. Endlich die Blumen draußen und drinnen im Gemach, die ſpiegelblanken Kupferſchlöſſer, die zierlich geordneten Falten der Bett⸗ vorhänge und ein gewiſſes Etwas, das dem beſcheidenen Mobiliar einen Anſtrich von Vornehmheit, innerer So⸗ lidität und Symmetrie gaben, ließen viel eher auf die beſtändige Wohnung eines Frauenzimmers ſchließen. Ueberall, wo dieſe wohlthätige Fee Laricberehe da ſtreut ſie Blumen auf ihren Weg, da hinterläßt ſie einen unſäglichen Reiz, welcher ſich auf jede Weiſe den Seinen bemerkbar macht, ohne daß er ſich beſchreiben läßt. Die gute Fee dieſer reinlichen Wohnung war Mig⸗ nonne, Nazaires hübſche Verlobte, ein artiges, braves 63 Mädchen, das ihren Dragon wie närriſch liebte, obgleich ſie ihn mitunter zur Verzweiflung bringen konnte. Eines Morgens, als Nazaire eben in ſeine Werk⸗ ſtatt fort gegangen war, hatte ſich Bebelle, Poirets Geliebte, bei ihr eingefunden. 4 „Hm!“ ſagte ſie naſerümpfend und achſelzuckend, „das nenne ich mir ein Leben, jeden Tag, den Gott gibt, von Morgen früh bis Abends ſpät auf einen Mann war⸗ ten, der ein bloßer Graveur iſt, und immer in derſelben Straße zu bleiben! Ich hab den Poiret, aber das hin⸗ dert mich nicht. Der Tag iſt lang und ne artige Bekannt⸗ ſchaft bald gemacht. Das iſt doch ein Zeitvertreib. O, und die Studenten ſind gar zu nett!“ Dieß und vieles Andere hatte ihr Bebelle oft vor⸗ geſchwatzt, denn Bebelle war ein Typus, und die Ty⸗ pen wiſſen allerhand Neues zu erzählen.... Aber Mignonne hatte nicht darauf gehört und war, nach wie vor, auf derſelben Straße geblieben, ſo daß Bebelle ärgerlich ſich trollte und beim Hinunter⸗ klettern das bekannte Liedchen trillerte: Die Herrn Studenten gehn Hinaus an die Bariere, Zu tanzen den Cancan Und den Robert Macaire u. ſ. w. Nazaire's Gemach beſaß noch andere Zierraten, wo⸗ mit die niedliche Hand Mignonne's Nichts zu ſchaffen hatte, nämlich einen großen geraden Dragonerſäbel, einen weißen Burnus, zwei kreuzweiſe aufgehängte arabiſche Pfeifen und einen jener unendlich langen mauriſchen Gürtel, deren Gewebe unſere Fabriken beſchämt. Man ſieht, wenn Einer eine Reiſe thut, weiß er nicht bloß zu erzählen, ſondern auch Etwas mitzubringen; denn Nazaire hatte in Algier gedient und zwar mit Auszeichnung, um proſaiſcher zu reden und nicht in dem hochtrabenden Style der auf unſre marokkaniſchen Quaiſi⸗ eroberungen geprägten Medaille, welche die ſtolze Um⸗ 64 ſchrift trägt: Der Franzoſe wußte zu ſiegen, weiß es noch und wird es immer wiſſen! Summa Summarum, auch Nazaire hatte ſeine Spolien davongetragen, wenn auch beſcheidenere, als jener famoſe Sonnnenſchirm von Gelyh..... Trotz aller erdenklichen Bemühungen konnte Nazaire die alte Vertraulichkeit mit ſeinem Palot, ſeit dieſer Enkel eines Pairs von Frankreich für ihn geworden, nicht wie⸗ derfinden. 3 Ueberdieß drückte ihn das Bewußtſein ſeines Un⸗ rechts gegen Palot hinſichtlich des falſchen Argwohns. „Ich hab' die ganze Nacht kein Auge zugethan,“ wiederholte er aufrecht vor Gaſton ſtehend, der auf dem Stuhle ſaß und mühſam Athem ſchöpfte.„Denn ich dachte an Dich... weniger an Dein Duell, als an die beiden Banknoten....“ Gaſton ſah ihn erſtaunt an. „Ich merke, Du verſtehſt mich nicht.... Denk Dir, Papa Potel ſind zwei Banknoten geſtohlen worden.... und man hatte Dich...“ „Im Verdacht?“ fiel Gaſton ein. „Ja, ſo Etwas; nicht ich, Gott bewahre mich.... Aber Sakerlot, als ich Dich im ſchwarzen Frack und den weißen Glacehandſchuhen ſah, hm!.... kann nicht läugnen, da ward mir ſchwül ums Herz....“ Er hielt ein und legte Gaſtons Hand auf die Bruſt. „Fühl' nur, noch jetzt klopft mir das Herz, wenn ich dran denke.... Weißt ja, ſo Etwas thut weh.... Aber gleichviel, es war meine eigene Schuld, ich hätte all die Buben, die Dich anklagten, mit Haut und Haar verſchliugen ſollen.... Aber mach Dir's bequem, Burſch, und zieh den Rock aus.... ich will Dir eine Geſchichte erzählen, während ich Dir meine Finten zeige.. ℳ Gaſton ſtand auf und zog den Rock aus. b „Wir trennten uns alſo da unter den Arkaden und ſchnurſtraks lauf ich in die Werkſtatt zurück. Gleich, als ich eintrete, ruft mir der Poiret zu: Was gilt die 6⁵ Wette.. Du weißt, das Wetten iſt ſeine größte Luſt ... Aber krämp' die Armel auf und binde den Gurt feſter... recht ſo, ſo geht's beſſer....⸗ Aber Gaſton wußte Nichts von Terz und von Terz pariren. Dragon bemühte ſich, ihm die Elementarſtellungen und die Anfangsgründe des Parirens beizubringen, was er mit der Suade eines routinirten Fechtmeiſters that; aber alle ſeine Beredtſamkeit und Wiſſenſchaftlichkeit half ihm Nichts, weil Gaſton, trotz ſeines körperlichen Geſchickes allzuweit zurück war in der edlen Fechtkunſt. „Nur Geduld,“ tröſtete ihn Dragon;„'s wird ſchon gehen.. Hübſch aufrecht, Freund.... Hölle und Teufel, dürft' ich nur in unſern Kunſtausdrücken reden! Pariſer Liebſch. II. 5 66 .. Aufgeſchaut, ſo wird die Terz parirt.. verſtau⸗ den 2... und dann gehſt Du in Deine Parade zurück. Nochmals.... Ein, zwei! Nein, nein, nicht ſo!. ℳ Gaſton that ſein Möglichſtes; der Schweiß rann ihm über die bleiche Stirne, der Athem ging ihm aus, und er ließ ermattet den Arm ſinken. „Ruhen wir ein wenig aus,“ ſagte Dragon; nes geht ſchon beſſer!“ Gaſton ſiel erſchöpft auf den Stuhl und trocknete ſich mit dem Tuche die Schläfen, während Nazaire ihn „Das machte mich wüthend,“ fuhr er in ſeiner Er⸗ zählung fort;„denn es handelte ſich um Dich und Deine Ehre.... Außer mir vor Zorn, pack' ich zwei dig Blut! Niemand klagt den Palot an!.... und der Feignant: Der Palvt iſt der bravſte Kerl von Allen!!“ Gaſton hörte ihm zu, ohne ein Glied zu rühren, wie eine Bildſäule. Unter der Leinwand ſeines Hemdes hob und ſenkte ſich die Bruſt, mühſam nach Luft ringend. Dragon ſtand vor ihm und ſah ihn mitleidig an. „fEr hat nie Pulver gerochen,“ dachte er unwill⸗ kürlich.„Er iſt ein Kind, vielleicht gar.. 4 Seine Wangen färbten ſich purpurroth, und die ausdrucksvollen, lebhaften Züge umwölkten ſich plöͤtzlich. „Was iſt das!“ ſchalt er ſich.„Geſtern klag' ich ihn des Diebſtahls an und heute der Feigheit... Iſt das meine Freundſchaft für ihn?... 26— Wäre es dem Menſchen gegeben, ſich ſelbſt ein Leid zuzufügen, gewiß haͤtte ſich Nazaire in dieſem Augen⸗ blicke derb mitgeſpielt. „Als ſie mir das ſagten„“ fuhr Nazaire laut fort, nachdem er wie zerknirſcht aufgeſeufzt hatte,„was blieb mir da noch übrig 2.... Ich ließ Nikolaus, oder Jo⸗ hannes, Fritz oder Gott weiß wen ich unter den Fäuſten hatte, los und rief: So ſcheint's, Ihr habt die Bank⸗ 67 noten von Papa Potel wiedergefunden?— Gerade eben, antwortete Feignant, und wellte mir die Geſchichte er⸗ zählen. Aber Poiret, der immer das große Wort führt, ließ ihm keine Zeit dazu Ne Wette, Dragon, rief er, Du erräthſt den Dieb nicht; und gleich ſchrien alle Andern drein: der Poupart hat's gethan, der Poupart ... Und richtig, ſo war's.... Der Poupart, das dummgutmüthige Geſicht das, war der Dieb. Hätteſt Du das gedacht, Palot?“ „Nein!“ antwortete Gaſton mechaniſch, ihn groß anſehend. Dann ſank er in ſeinen Starrkrampf zurück. „Friſch auf, Kamerad!“ rief Nazaire, ihn bei der Schulter rüttelnd.„Haſt jetzt genug ausgeruht!!“ Gaſton raffte ſich mühſam empor, ergriff den Degen und ſetzte ſich in Poſitur. Aber ſchon nach wenigen Stößen entfiel die Waffe ſeinen müden Händen. 1. Er kreuzte die Arme über der Bruſt, die Wimpern zitterten und eine dicke Thräne rann über ſeine Wange. Nazaire runzelte die Stirn und warf den Degen zornig von ſich. „Ich glaube, Dithaſt Furcht,“ rief er faſt verächtlich. „Dank für Deine Fechtſtunde, Freund,“ antwortete Gaſton, ſchmerzlich lächelnd.„Ich weiß jetzt das Nö⸗ thigſte und genug, um meinem Gegner keine Schande zu machen.... Mehr will ich nicht Ich habe keine Zeit, über Deine Kränkung zu zürnen, ſomit vergeb' ich ſie Dir... „Nichts für ungut, Palot,“ ſtotterte Nazaire, eben ſo unwillig über ſich ſelbſt, als über Gaſton.„Aber wenn man ſolche Reden höͤrt, wie: ich weiß ſchon ge⸗ nug, und wenn man Thränen ſieht... „Wüßteſt Du nur, wem meine Thränen gelten,“ unterbrach ihn Gaſton milde und ergriff ſeine Hand... „Ach, Du kennſt ſie nicht, den Engel, der mein Elend weglächelte. Du weißt nicht, wie ſie verzweifelt nach 68 Schluchzen erſtickten ſeine Stimme. Mit beiden Händen barg er das Antlitz. „Ich Hornvieh, ich,“ rief Nazaire, ſich vor die Stirn ſchlagend und ſich beim Schopf nehmend;„ich, Eſel, der ich die Kleine vergeſſen konnte la Furchtſam ſchlich er an Gaſton heran und ſuchte ihn durch allerhand linkiſche Liebkoſungen zu begütigen. „Nur ruhig, Brüderchen, wer quält ſich mit ſolchen Gedanken!.... Ein Stoß, oder zwei, was hat das auf 2... Als ob Keiner von dort zurückkehrte!...“ „Wie oft in meinen Leidensnächten,“ unterbrach ihn Gaſton,„fand ich ſte, wenn ich erwachte, an meiner Seite, mich tröſtend, mir hold zulächelnd, wie mein guter En⸗ gel.. Ach, dann waren Thränen und Schmerzen ver⸗ geſſen!.... Und jetzt ſoll ich ſie allein laſſen, allein in dieſer weiten Welk, ohne Eltern, ohne Geſchwiſter und Freunde..Iſt das mein Dank? Der Gedanke an ihre Verzweiflung, wenn ich nicht mehr bin, bricht mir das Herd... Gott, ich ſehe ſie, wie ſie troſtlos mein leeres Bett, meine groben Kleider anſtarrt.... Nein, Freund, dieſe Stunde, die letzte meines Lebens, ge⸗ hört meiner Schweſter, meiner theuern Schweſter!“ Er drohte umzuſinken, ſo daß Nazaire ihn halten mußte. Röchelnd ſtarrte er den Boden an. Nach einem Augenblick furchtbaren Schweigens, raffte er ſich müh⸗ ſam empor. „Meine letzte Stunde gehört ihr,“ wiederholte Ga⸗ ſton feierlich.„Dann wird ſich zeigen, ob ich Furcht habe................ Romeo war bei Sancta im Hofe des Hotels Maille⸗ pré geblieben, obgleich er nicht hoffen durfte, ſie tröſten zu können. Wohl mag in den verzweifeltſten Fällen der Bru⸗ 1 69 der die Schweſter, der Sohn die Mutter, der Geliebte die Geliebte tröſten, weil die Liebe ein ſchönes Band zwiſchen ihnen geknüpft hat und der Balſam ſüßer Worte oder zärtlicher Aufmerkſamkeiten ſeine Heilkraft ſelbſt dann bewährt, wenn mit der That nicht mehr zu helfen iſt. Aber zwiſchen Romeo und Sancta fehlte dieß Band, ihr früheres Leben hatte keinen gemeinſchaft⸗ lichen Berührungspunkt aufzuweiſen. Die ſeit Kurzem ſtattgehabte Annäherung zwiſchen Beiden war nicht durch das Spiel des Zufalls herbeigeführt, ſondern durch eine jener plötzlichen Eingebungen, welche dem Unglücklichen in ſeiner Verzweiflung kommen, und dergeſtalt über die Regeln des alltäglichen Lebens hinausgehen, daß man ſie gern in das Gebiet der Dichtung verweist. Obwohl Ereigniſſe dieſer Art ſtündlich unter unſern Augen vorfallen, iſt es doch gewiſſermaßen ſtillſchweigende Uebereinkunft, ſie zu überſehen. Den Schlüſſel zu dieſer Erſcheinung gibt die be⸗ kannte Geſchichte von jenem friedlichen Bürger, der in tugendhaftem Eifer das Daſein der Pariſer Banditen anfocht und bei jeder Erzählung einer neuen Mordthat ädladin die Achſeln zuckte oder in ein„Albernheiten,“ „Mährchen,“„Roman“ u. ſ. w. ausbrach, und wie ſein radikaler Unglaube auch dann nicht kurirt wurde, als er das Unglück hatte, in die Hände eben dieſer Bandi⸗ ten zu gerathen, die ihn ſchulgerecht erdroſſelten.„Ver⸗ ſchont mich mit Euren ſchlechten Späßen,“" rief er ihnen zu, als ſie ihm den Strang um den Hals legten;„Ihr thut mir weh!....“ Der Thomas unſerer Tage ſieht und fühlt und läugnet doch! Trotz ihrer Wirklichkeit bleiben dieſe Sprünge der Verzweiflung oder Leidenſchaft eine Ausnahme. Ihre Reſultate laſſen ſich eben ſo wenig vorausſehen und be⸗ rechnen, als wie ſie ſelbſt. Oft erreichen ſie, was auf keinem gewöhnlichen Wege erreicht worden wäre, aber oft verfehlen ſie ihr Ziel, und dann.... damit iſt Alles geſagt..Die darauf eintretende geiſtige Abſpannung und Muthloſigkeit iſt um ſo größer und gefährlicher.. Nur Ein Wort hätte Sancta tröſten können, das Wort: ich will ihn retten... Aber unter den obwal⸗ tenden Umſtänden ließ ſich dieß Verſprechen nicht geben, denn Gaſton war fort und Niemand wußte ihn zu nden.... ¹ Angeſichts dieſes Seelenſchmerzes eines Weibes, das er innig liebte, und eines Seelenſchmerzes, gegen den er Nichts vermochte, entſank Romeo aller Muth. Bald entſchloß er ſich, bei Sancta auszuhalten, ob⸗ gleich er ihren Leiden unthätig zuſehen mußte. Bald wollte er auf gut Glück den Bruder ſuchen, aber dann wäre die halbohnmächtige Schweſter allein geblieben.... Plötzlich wurden die Thüren zur Straße und zum Hauptgebäude gleichzeitig geöffnet. Durch die erſte trat Herr Williams ein, und in der zweiten erſchien Jean⸗ Marie Biot. Als dieſer den Zuſtand ſeiner Herrin ſah, war er mit zwei Sätzen die Treppe hinab und kniete neben Sancta nieder. „Was gibt's, Herr Nomeo?“ fragte er argwöhniſch. „Was wollen Sie hier?“ 8 Beim Klange die er Stimme erhob Sancta das thränenſchwere Auge. Ein Hoffnungsſtral flog über ihre ſchönen Züge, als ſie den treuen Bauer erkannte. „Du weißt, wo er iſt?“ liſpelte ſie kaum vernehmlich. „Wer?“ fragte Biot, der vom gänzen Auftritt Nichts begriff. Umſonſt verſuchte Sancta zu reden, das Wort erſtarb auf ihren Lippen. 3 „Ihr Bruder,“ antwortete Romeo. 3 „Ihr Bruder?“ wiederholte Biot, leichenblaß.„Der Herr Marquis?... Fuͤrchten Sie für ihn?“ 1 „Er weiß nicht mehr, als wir!“ liſpelte Sancta. Sie ſchluchzte laut auf und ſank ohnmächtig um. Während Romeo ihr ſanft die Hände ſtreichelte und 71 Biot ihren Gürtel löste, trat Herr Williams, welcher in einiger Entfernung vermittelſt ſeiner goldenen Lorgnette die ganze Scene theilnahmslos betrachtet hatte, auf die Gruppe zu. Sein Geſicht verrieth keine Spur von Bewegung. „Um Vergebung,“ ſagte er in ſtark ausländiſchem Accent,„ich bin der Sprache nicht mächtig und kann mich nicht ausdrücken, wie ich möchte, aber meine Abſicht iſt gut..... Wenn das junge Mädchen Geld nöthig 44 at..... Und damit zog er ein Portefeuille aus der Bruſt⸗ taſche. „Hier iſt Geld für ſie....“ „Nicht nöthig!“ fertigte ihn Biot kurz ab. Herr Williams ſteckte das Portefeuille gemächlich wieder ein, langte an den Hut, kehrte ihnen den Rücken und ſtieg langſam die Treppe hinauf. Inzwiſchen gewahrte Romeo in Sanctas Händen das Stückchen Papier, worauf Gaſton zitternd das Wort Lebewohl geſchrieben hatte. Das Papier kehrte ihm die Rückſeite zu. Kaum hatte er neugierig den Inhalt zweier oder dreier Zeilen auf dieſer Rückſeite durchlaufen, als er wie beſeſſen aufſprang und der Thüre zueilte. Ehe Biot ihn befragen konnte, war er ſchon zum Hotel hinaus. Jean⸗Marie nahm Sancta auf ſeine Arme, trug ſie verfichtig die Treppe hinan und legte ſie in ihr Bett nieder. 6. Der Hügel Saint-Chaumont. In ſchmerzliches Träumen verſunken, ſaß Gaſton auf dem Bette Nazaire's. Dieſer that, als bürſte er ſeine Kleider, wandte aber kaum einen Blick von dem jungen Mann ab. Die Unruhe eines zärtlich beſorgten Vaters und die Ergebenheit eines treuen Freundes miſchten ſich in dieſen Blicken des redlichen Nazaire's. Die heiſere Glocke der kleinen Wanduhr von Fayence ſchlug halb zehn Uhr. Plötzlich fuhr Gaſton empor und ſchüttelte ungeſtüm das Haupt. „'S iſt an der Zeit,“ rief ex. Wie feſtgewurzelt ſtand Nazäire, in der einen Hand die Bürſte, in der andern den Rock, ſo ſehr erſtaunte er ob der Veränderung, die in Einem Nu mit ſeinem Freunde vorgegangen. Aller Kummer ſchien vergeſſen und die Laſt der Verzweiflung abgewälzt. Stolze Ruhe thronte auf der edeln Stirn des Jünglings. „Ich rechne auf Dich,“ ſagte Gaſton in kurzem, feſtem Tone, der wunderbar gegen ſeine frühere Weich⸗ heit und Rührung abſtach.„Der Schweſter iſt ihr Recht geſchehen. Die Zeit iſt da, als Mann zu handeln!“ „Bravo!“ rief Nazaire.„Das heißt, als Mann geſprochen.'S wird gut gehen, Freund, es muß!“ Gaſton band das Halstuch los, das ihm als Gurt gedient hatte, legte es um, knotete es in eine zierliche Roſette, wie es bei den Dandys jener Zeit Mode war, und zog erſt die Weſte, dann den Frack an. „Ich bin fertig,“ rief er. „Schön,“ antwortete Nazaire, den ſeidenen Hut glatt bürſtend.„Wo geht's los?“. „Auf dem Hügel Saint⸗Chaumont,“ „Famos! Und Dein Marquis weiß Beſcheid, natür⸗ lich?.. Das Thor Maillot iſt nur für die gut, die ihr Frühſtück im Voraus beſtellen und den Poliziſten bezah⸗ len, damit er ſie abfaſſe, ſo lange noch zum Abfaſſen Zeit iſt.... Das kennt man.. Aber die Hügel.. Und doch,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„gäb' ich alle meine Banknoten d'rum, wenn man uns abfaßte!. In einer halben Stunde,“ fuhr er laut fort,„bringt uns* niger.... Hm, hm! 73 der Karrengaul an Ort und Stelle!... Aber, Sackerlot,“ rief er, ſich die Stirn reibend,„wo iſt unſer zweiter Zeuge?... So ein Marquis hat immer ſeine zwei, und bin ich, meiner Seel', doch nur Einer.“— „Haſt Recht,“ antwortete Gaſton.„Der Marquis hat von zwei Zeugen geſprochen.“ „Was fängt man an, Palot? Wen gabelt man ſo in der Schnelle auf?... Den Poiret? Pfui, der ſchickt ſich nicht für unſer gin... Den Feignant? Noch we⸗ terböſe Geſchichte!“ „So geh'n wir allein... Komm!“ Als Gaſton die Thüre öffnete, hörten ſie auf der Treppe eine friſche Stimme, die ein luſtiges Liedchen trillerte. „Alle Wetter! Mignonne, ich höre Mignonne,“ winſelte Dragon.„Schnell die Degen verſteckt.“ Er hatte Recht. Mignonne war's, gefolgt von Romeo, der noch das Papier in der Hand trug, worauf Nazaire den Abend zuvor deutlich und ohne Abbreviaturen geſchrieben: Nazaire, genannt Dragon, Boulevard Beaumarchais, im neuen Hauſe ohne Num⸗ mer, dem vierten nach dem Kaffé, die dritte Thüre im oberſten Gange. Der Name ſteht darüber. Dieſe Adreſſe war der Inhalt jener Zeilen, die auf der Rückſeite des mit Lebewohl beſchriebenen Blätt⸗ chens Papier ſtanden. Wir begreifen jetzt, warum Romeo ſo plötzlich aus dem Hotel Malillepré forteilte. Sein erſter Gedanke war, daß Gaſtons Gegner kein Anderer ſei, als Nazaire, um ſo mehr, da er Dragons höchſt empfindliches Ehrgefühl von früher her wohl kannte. Dieß und das Bewußtſein ſeines Einfluſſes auf Nazaire, welcher ihn als das Ideal eines braven Sol⸗ daten verehrte, erfüllten ihn mit ſolcher Freude, daß er ſchnurſtracks davon rannte. „Ein Wort von mir,“ ſagte ſich Romeo unterwegs. — „und der Streit zwiſchen Beiden iſt beigelegt. Wenn ich nur noch zu rechter Zeit komme... 23 74 Und er lief, was das Zeug halten wollte. Endlich ſtand er vor dem Portier von Nazaire's Hauſe, einem würdigen Seitenſtück zu Herrn Jalambot. „Iſt Herr Nazaire zu Hauſe?“ „Im ſechsten Stock über'm Entreſol,“ war die Antwort. 4 „Ich frage, ob er zu Hauſe iſt.“. „Gleich die dritte Thüre im Korridor... Wunderbar, daß derlei Würdenträger ſo alt werden können, wie Methuſalem, ohne daß auch nur ein Rohr⸗ ſtöckchen auf ihren Schultern abbricht.... Iſt das nicht das beſte Zeugniß für die unendliche Langmuth und Milde unſers civiliſirten Jahrhunderts?... Romeo hatte weder Zeit noch Luſt, den Thorwart ad coram zu nehmen, und flog die Stufen hinauf, von vier zu vier. 4 3 Auf der ſechsten Treppe traf er mit Mignonne zu⸗ ſammen, welche, den Milchtopf in der Hand, ſingend und trillernd hinauf kletterte und an Nichts weniger dachte, als an den Prolog zum blutigen Drama, der drinnen im Manſardenſtübchen einſtudirt wurde. Romeo trat vor Mignonne ins Zimmer. „Gott ſei gedankt,“ rief er,„ich komme noch zeitig.“ „Und wie gerufen!“ fügte Dragon hinzu.„Das nenn' ich mir ein Glück!....“ Und ehe noch Romeo zu Athem gekommen, redete er ihn an in militäriſcher Stellung, kerzengerade, die flache Hand vor der Stirn: 3 „Habe die Ehre, Kapitän, Ihnen Gaſton, genannt Palot, vorzuſtellen, meinen Freund, meinen wahren Freund, den ich lieber hab' als meinen Augapfel!...“ Romeo prallte zurück.. Hatte er recht geſehen und gehört? „Benannter Freund iſt in übler Lage,“ fuhr Nazaire in gewählten Ausdrücken fort.„Eine Ehrenſache ruft 44 7⁵ ihn, Sie verſtehen mich!.. und ich erlaube mir die be⸗ ſcheidene Anfrage, ob Sie nicht eine oder zwei Stunden ſich abmüßigen könnten, die hergebrachte Zahl zweier Zeugen gewogentlichſt zu vervollſtändigen.... 41 „Mein Herr,“ fiel Gaſton ein, kalthöflich ſich ver⸗ neigend. „Still, Palot, laß mich!“ unterbrach ihn Dragon. „Es handelt ſich um einen Spazirgang auf die Wieſe hinaus, Sie verſtehen mich, Kapitän. Um zehn Uhr ſolls losgehen, und's iſt ſchon halb zehn. Ich bin dafür, die Sachen abzumachen, ehe das Bett kalt wird.“ Aber Romeo hörte ihn nicht. Er ſtand in Gedanken vertieft da. 8 Inzwiſchen war Mignonne mit ihrem Milchtopf in der Hand bis auf die Thürſchwelle vorgetreten, nicht wiſſend, was ſie von dieſem Beſuch denken ſollte. „Mein Herr,“ ſagte Gaſton, zu Romeo gewandt, „die Zeit iſt koſtbar. Dürfen wir auf Ihre Hülfe rechnen?“— „So wollen Sie ſich nicht mit einander ſchlagen?“ fragte Romeo, außer ſich vor Staunen. „Still, ſtill!“ ziſchelte Dragon.„Mignonne hört uns! Ja oder nein, Herr Kapitän?“ 3 „Wenn ich ſonſt Nichts thun kann,“ dachte Romeo halblaut,„will ich wenigſtens das thun. Ich bin zu Ihren Dienſten.“ „Meinen beſten Dank, Herr Kapitän,“ ſagte Gaſton, ſich verneigend.„So wollen wir geh'n!“ Und damit war er ſchon auf der Treppe. „Ein Wort!“ ſagte Romeo, Nazaire zurückhaltend und ihm Etwas ins Ohr flüſternd. „Was? Wie?“ rief dieſer, ganz verblüfft.„Alſo nicht durch Zufall?“. „‚Nein, ich ſuchte ihn hier auf.... Aber wer tröſtet das arme Kind? Sie weiß nicht einmal, daß ich bei ihrem Bruder bin.“ „Halt, Kapitän, da iſt Mignonne.“ Romeo ſah ihn verlegen an und ſchwieg. „S iſt mein Weib, das, Herr Kapitän, mein Weib,“ ſtotterte Nazaire, bis über die Ohren erröthend.„Sei'n Sie ohne Furcht, Herr Kapitän... Wir ſind bereits aufgeboten... Und dann iſt ſie ſo gut und brav! Sonſt„ hätt' ich ſie nicht genommen, Kapitän.“ Die letztern Worte wurden mit ſolcher Treuher⸗ zigkeit geſprochen, daß Nomeo ſich nicht länger beſann. Er ging auf Mignonne zu, die, merkend, daß von ihr die Rede ſei, ſich am Kamin zu ſchaffen machte, um ihre Röthe zu verſtecken. 8 „Mademoiſelle,“ ſagte er,„Nazaire erlaubt mir, 5 Sie um einen Dienſt zu bitten.“ Mignonne erhob ſich eiligſt und verneigte ſich zierlich. „Verzeihung, Kapitän,“ ſiel ihm Dragon ins Wort. „Der Palot rumort unten vor'm Hauſe... ich werde eher mit dem Mädchen fertig.... Höre, Mignonne, der Palot, mein beſter Freund, hat ein Schweſterchen, und der Herr Kapitän, für den ich mich in tauſend Stücke hauen laſſe, der hält was auf ſie; zu der ſollſt Du gleich hingehen und ſie tröſten... Verſtanden 2“ „Und was ſoll ich ihr ſagen?“ fragte Mignonne. „Daß Alles gut geht, Madmoiſelle,“ antwortete Romeo„und daß ich bei ihrem Bruder bin, vergeſſen Sie das ja nicht und daß wir das Beſte hoffen.“— „So iſt's, Mignonne, verſtanden? Aber wie der Palot drunten wüthet... Alſo, Mignonne, ins große Hotel an der Ecke der beiden Straßen des Francs⸗Bour⸗ geois und Culture... zu Fräulein....“ „Sancta von Naye!“ ſiel Romeo ein. „Ich will mein Beſtes thun,“ verſicherte Mignonne. Ehe noch Romeo ihr danken konnte, hatte ihn Nazaire ungenirt zur Thüre hinausgeſchoben. Unten ſtand Gaſton ſchon mit Einem Bein im Fiaker. Kaum ward das Zauberwort ausgeſprochen, welches dem Schwager ein gutes Trinkgeld verhieß, 5 ſtolperten die beiden lendenlahmen Karrengäule Palse — 77 über Kopf davon und ſchleppten den Wagen donnernd über die Steine des Boulevard hin.... Keiner von den Dreien ſprach eine Sylbe. Gaſton ſaß wie leblos in der Ecke des Wagens, Nazaire neben ihm, doch ſo, daß er jeden Augenblick den unbarmher⸗ zigen Stößen der weniger als halb ausgepolſterten Sei⸗ tenwänden ausweichen konnte. Romeo war tief bewegt. Als der Fiaker in die Straße des Fouburg du Temple einbog, brach Nazaire das Schweigen. „Die Regel iſt bekannt,“ ſagte er ſich räuſpernd. „Die Zeugen ſollen wiſſen, warum es ſich handelt.... Ich bin dem Palot auf Treu und Glauben gefolgt, weil ich immer thue, was der Palot will.... Aber mit dem Kapitän iſt das was anders!“ „Kein ſterbend Wörtchen!. Ich weiß nur, daß der Palot durch und durch'en ehrliche Haut iſt, und daß er immer Recht hat.... Fragt ſich nun, ob er ſich erklären will.“ „Ich kann und darf nicht!“ Zantwortete Gaſton. 1„Von ganzem Herzen Dank mein Herr!“ antwor⸗ tete Gaſton. Romeo wollte Etwas ſagen, aber er beſann ſich. Was ſollte er auch ſagen? Das Benehmen Sancta's hatte etwas ſo Ungewöhnliches, daß es ſich nicht in zwei Worten erklären ließ, ohne Mißtrauen und Verdacht zu erwecken. Am Beſten er ſchwieg ganz davon. .„... Wir find den Dreien gefolgt und ſtehen jetzt mit ihnen auf dem Hügel Saint⸗Chaumont. Es war ein rechtes Herbſtwetter, bald Regen bald Sonnenſchein. Pechſchwarze Wolken mit ſchneeweißen 78 Rändern jagten über den wäſſerig⸗blauen Himmel hin, der Wind bließ mit Ungeſtüm in kurzen Stößen, welche die dicken Regentropfen faſt in horizontalen Streifen ſchauer⸗ weiſe herabtrieben, um ſie eben ſo ſchnell wieder aufzu⸗ 8 trocknen. Bald entſchleierte ſich die Sonne und bante 8 jenſeits einen ſtolzen Regenbogen in die Luft, bald ver⸗ kroch ſie ſich hinter einer finſtern Wolkenburg und hüllte Alles in tiefe Nacht.— Die ferne Landſchaft ſpiegelte deutlich den Kampf des Lichtes und der Finſterniß zurück, man ſah, wie Licht und Schatten ſich miſchten, dann wieder ſich ver⸗ drängten und ſo demſelben Orte die verſchiedenartigſte Beleuchtung mittheilten. Breite Lichtſtreifen flogen über die Ebene hin, gefolgt von ebenſo vielen Schattenbildern, welche der Wirkung der Sonnenſtralen entgegenar⸗ beiteten. 3 Wie eine ſchwarze, wirre, todte Maſſe dehnte ſich Paris um den Fuß des Hügels aus. Aber Ein Sonnen⸗ blick und welcher Wechſel! Alles ſchien zu leben, ſogar die zahlloſen Mauern, die wie auf einen Zauberſchlag aus dem Dunkeln der Nacht in die Helle des Tages her⸗ vorſprangen. 4 Es war ein prachtvolles Schauſpiel der Natur! Bald luſtig, bald furchtbar, immer aber groß, ſchön und neu! Und dabei der düſtere Vordergrund der öden unbe⸗ wohnten Hügel mit ihren weit gähnenden Schlünden von gräulicher Thonerde! Noch vor wenig Jahren hatten dieſe Höhen, welche an zwei volkreiche Barrieren gränzen, ein durchaus ländliches Ausſehen, ſo daß, wer nur das moos⸗ bewachſene Terrain dieſer Miniatur⸗Alpen ins Auge faßte, ſich weit von jeder Stadt entfernt glauben konnte. Frreilich dauerte die Täuſchung nicht lange, denn links die weißen Häuſer, welche ſich reihenſörmig über die Ebene von Belleville aufthürmen, vorn aus ganz 4 Paris, vom Dom der Salpetriére bis zu den Portiko der Magdalenenkirche, von den ſchlanken Thürmen de —— 79 heil. Vincenz von Paula bis zu den Kupferdächern der Invaliden; rechts, die runde Kaſerne von Belleville, die Mühlen von Montmartre, hinten der Thurm von Saint⸗ Denis: Alles dieß erinnerte bald genug an die Metro⸗ pole der Welt.... Geſchweige denn in unſern Tagen, wo die Feſtunsgwerke mit ihren Feuerſchlünden, welche nur zum Schein der Gränze zugekehrt ſind, jede Illuſion einer ländlichen Einſamkeit in der Geburt erſticken!.. Romeo, Nazaire und Gaſton warteten ſchon eine ganze Viertelſtunde. Es war zwanzig Minuten nach zehn Uhr und noch immer kein Marquis zu ſchauen. Nazaire hatte den Fechtapparat unter einem Ge⸗ büſch verſteckt und ſich auf die Seite begeben, um ein paſſendes Terrain für den bevorſtehenden Kampf zu ſuchen. „Vielleicht kömmt er nicht,“ ſagte Romeo in einem Ton, welcher unwillkürlich den Wunſch verrieth, daß es ſo ſein möge. „Er kömmt!“ antwortete Gaſton.„Ich hab' ihn be⸗ leidigt.“ 3 „In ſolchen Dingen pflegt man glücklich zu ſein...“ „Er kömmt!“ wiederholte Gaſton....„Ich ſtehe dafür.“ Inzwiſchen waren die Beiden auf den höchſten Punkt des Hügels gekommen, wo ihnen der Wind ſchneidend ins Geſicht wehte. NRomeo nahm Gaſton bei der Hand und zog ihn hinter eine Böſchung, welche einigen Schutz gewahrte. CEs bedarf oft nur einer ſolchen Kleinigkeit, um als Einleitung zu vertraulichen Mittheilungen zu dienen und Herz dem Herzen zu erſchließen. Eben als Romeo ſich Gaſton eröffnen wollte, wurde er durch einen lauten Freudenruf Nazaires jenſeits des Walles geſtört. Nazaire hatte Gaſton von Herzen gern und würde ſeinen Kameraden bis aufs Blut vertheidigt haben, aber ein Duell beſaß einen unwiederſtehlichen Zauber für ihn. Die Vorbereitungen für den Zweikampf hatten ſo manche liebe Erinnerungen an ähnliche Abenteuer in ihm auf⸗ „ ———— gefriſcht und ſein kampfluſtiges Blut in Wallung ge⸗ bracht! Ja, es ſchien, als ob der kühle Morgenwind, den auch der Jäger ſo froh begrüßt, weil er ihm vom Wildſtande Kunde gibt, ihn vergnügend anwehe und in jene Zeit ſeiner afrikaniſchen Heldenlaufbahn zurück ſetze, wo er unter rieſigen Palmen Mann gegen Mann, den Sabel in der Fauſt, der beengenden Uniform ledig, die Waffenprobe beſtanden hatte.... Jeder hat ſeine Schwächen und Fehler! 4 „Ein Juwel!“ rief er den Beiden zu....„Ein wahres Juwel von Terrain! So eben, ſo hart und feſt! Sag' Euch, ein Juwel!.... Mit einem Sprunge ſetzte er den Wall hinab und ſtand vor Romeo, der ihn unwirſch anſah, ohne daß Nazaire es bemerkte. „Das wäre das!“ rief er glücklich.„Somit fehlt uns Nichts als der Marquis. Aber halt, Palot,“ fuhr er in anderm Tone fort,„Du willſt nicht ſagen, warum Du Dich ſchlägſt.... Das magſt Du halten, wie Du willſt, nur ſag' uns, welche Nummer führt Deine Beleidigung wieder ihn... Nummer Eins, Zwei oder Drei?“ „Ein Schlag ins Geſicht!“ antwortete Gaſton. Romeo ſah nieder und runzelte die Stirn. 1 „Nummer Eins!“ rief Nazaire blinzelnd.„Wie aber, wenn der Andere mit dem erſten Blutstropfen zufrieden iſt?...“. „So bin ich's nicht, Auf Tod oder Leben!“ ſagte Gaſton mit eiſiger Kälte.... 3 Romeo bebte zuſammen, Nazaire drehte ſich eiligſt um, ſeinen Schrecken zu verbergen und ging pfeifend von den Beiden weg.... Immer lauter ſchnob der Wind und heulte in den entblätterten Zweigen der benachbarten Gebüſche. Wolken trieben am gräulich⸗blauen Himmel hin und her gleich den Wogen der ſturmgepeitſchten See.... 3 81 Die Uhr wies drei Viertel auf Eilf und Nichtz verkündete die Ankunft des Marquis. Romeo ſchöpfte neue Hoffnung.... „Das könnt' er ſein!“ rief plötzlich Nazaire von oben herab und zeigte nach der Gegend, woher auch ſie gekommen waren. Nomeo blickte um ſich und erſchrack, denn er ſah ein elegantes Coupee, mit zwei prächtigen Roſſen beſpannt, auf dem Wege der Barriere de la Villette in geſtreck⸗ tem Galopp heraneilen. 7. Mignonne. Drei Männer ſtiegen aus dieſem Couvee, das un⸗ gefähr in der Mitte des Hügels in gleicher Höhe mit dem Fiaker, aber auf der entgegengeſetzten Seite anhielt, und klommen den Abhang hinan. Der eine trug unterm Arm ein Paar Degen in einem Maroquin⸗Etui, der Andere in der Hand einen Piſtolenkaſten, der Dritte, ſorgfältig in einen warmen Pelzmantel gehüllt, trug Nichts. Als der Vorangehende Romeo und Nazaire oben ſtehen ſah, grüßte er ſie ſchon von Weitem höflichſt, worauf dieſe ebenſo antworteten. „„Da iſt unſer Mann!“ rief Nazaire.„Jetzt gilt's, Palot. Ich wollt', ich wär an Deiner Stelle, mein Bürſchchen, er wär' mir nur ſo ein Mundvoll, der Marquis da!“ „Ich bitte, faſſen Sie ſich kurz, meine Herren,“ ſagte Gaſton...„Ich habe Eile!“....... In derſelben Viertelſtunde richtetete Jean⸗Marie Pariſer Liebſch. II.. 6 — Biot in Galla⸗Livree das Frühſtück der Frau Herzogin Wittwe von Malillepré an. Er war immer die alte Treue, Ehrerbietung und Ergebenheit, aber ein geheimer Kummer ſchien ihn zu drücken, als er ſo vor dem Kamine kniete, um die Höllenglut zu ſchüren, welche das träge Blut der achzigjährigen Greiſin vor gänzlichem Erſtarren bewah⸗ ren ſollte. Die Herzogin hatte die Abweſenheit Sancta's und Gaſtons nicht bemerkt, ihr Geiſt war vor dem Fleiſch erſtorben und Gemüth hatte ſie nie beſeſſen. Sie richtete ſich auf in ihrem hohen Lehnſtuhl mit Ohrkiſſen, faltete die runzeligen Hände über dem ſchwarz⸗ ſeidenen Gewande und ſchloß die Augen, ihre Sieſta zu halten. „Wo ſind Gaſton und Sancta?“ fragte Bertha leiſe, als Jean⸗Marie an ihr vorüberging. „Fräulein Sancta weint in ihrem Zimmer,“ ant⸗ wortete Biot,„und der Herr Marquis.. 4 Die Stimme verſagte ihm und er blickte ſchweigend zur Pendeluhr, die eben drei Viertel auf Eilf zeigte. „Nun Biot?... Und Gaſton....“ „In'ner Stunde kann ich Ihnen ſagen, Fräulein Bertha, ob der Herr Marquis lebt oder todt iſt." Bertha erbebte an allen Gliedern, denn noch war ihre Geſchwiſterliebe nicht ganz erſtorben. „Sancta weint,“ hub ſie nach einer Weile an. „So will ich zu ihr und ſie tröſten.“ „Fräulein von Maillepré, leſen Sie mir vor, ich bitte,“ erſcholl die heiſere Stimme der Herzogin, eben als Bertha der Thüre ſich näherte. Wie feſtgebannt blieb ſie ſtehen. Ihre Augen erlo⸗ ſchen, ihr Antlitz wurde kalt wie Marmor, aber ſie wagte kein Wort der Erwiederung. Sie gehorchte blindlings. Biot verließ das Zimmer der Herzogin und ging in ſeine Loge. Länger als eine Stunde ſaß er dort, ſtarr und unbeweglich, die angefangene Arbeit auf dem — 83 Schooße, die Arme über der kräftigen Bruſt gekreuzt, mit geſenktem Blick... Keine Klage ſcholl über ſeine Lippen, nicht einmal ein Gebet, und doch war er aus der chriſtlichen, gläubigen Provinz, wo der Bauer, ge⸗ ſchützt durch ſeinen geſunden Sinn, mehr noch als durch ſeine Unwiſſenheit, ſich ſeines Roſenkranzes nicht ſchämt und lieber zum Gekreuzigten aufblickt, als zum Gott der rechtſchaffenen Leute; wo das Unkraut jenes ſterilen Scepticismus, jenes ohnmächtigen Eklekticismus oder veralteten Deismus, den Voltaire neu aufwärmte, noch keine Wurzel geſchlagen hat, um mit dem Schöpfer zu liebäugeln, während ſie ſeine Prieſter, vom niedrig⸗ ſten bis zum höchſten, mit Hohn und Spott übergießen. Wozu ſollte er auch beten? Mußte doch Gaſtons Schickſal bereits entſchieden ſein!... Mit banger Ungeduld wartete er auf Nachrichten. Es war ihm, als ſchwebe an ſeidenem Faden ein zwei⸗ ſchneidig Schwert uͤber ſeinem Haupte....... Werfen wir einen Blick in Sancta's Kammer. Das ſchöne Mädchen lag angekleidet auf ihrem Bette. Mignonne ſaß vor ihr und war nach beſten Kräften bemüht, ihr Troſt und Hoffnung zuzuſprechen. Gleich auf den erſten Blick hatte ſie in Sancta die junge Stickerin aus dem Hauſe der Madame Sorel wieder⸗ erkannt, der ſie den Tag zuvor ſo wehe gethan..... Mignonne war Nichts weniger als ein Engel, oder doch ein ſolcher, der ſich am irdiſchen Feuer leicht die Flügel verſengt und ſein weißes Gewand der Unſchuld von der heiligen Freude der Eltern⸗ und Geſchwiſterliebe einer Freude, die ſich bei Reich und Arm findet, ſo lange 84 die beinde Luſt und die giftige Unzucht nicht das Elend in Schande und die Klage in Läſterung verkehren.... Statt an dieſen unſchuldigen, heiligen Familienfreuden ſich laben zu können, ſeufzen ſie unter dem Joche einer Arbeit, die ſie verwünſchen und von der ſte durch ſinn⸗ loſe Orgien ſich erholen... Kein Lichtſtral fällt erhel⸗ lend in die Nacht dieſes viehiſchen Lebens!... Iſt das ein Vater, der trunken heimkehrt und ſeine Frau würgt? Iſt das eine Mutter, die ſich in die heulenden Saturnalien an den Barrieren ſtürzt und die Nächte durchſchwärmt, während ihre Kinder nach Brod jammern und vor Kälte zittern? Ja, das Herz kehrt ſich im Leibe um beim Anblick dieſes entſetzlichen Elends, wogegen die Orgie betänben ſoll..Oh, welche Grauſamkeit, welche Barbarei ge⸗ hört dazu, dieſen tauſend und aber tauſend Unglücklichen den letzten Troſt, die letzte Hoffnung zu rauben? 1.. Verflucht, dreimal verflucht ſei jene falſche Philo⸗ ſophie, die ihnen das Kreuz entreißt, das ſie zitternd umklammern!! Ihr läſtert ihre Religion, indem Ihr die Diener derſelben verſpottet, Ihr ſcheltet ihre liebſten Hoffnungen Lügen, Ihr nehmt ihnen den Glauben an ein Jenſeits! Was, frage ich, was habt Ihr ihnen als Erſatz gegeben? 3 Den Gott des luſtigen Liedes, nicht wahr? einen Gott, recht lebensfroh und ſinnlich, deſſen Evangelium ein Couplet der komiſchen Oper iſt: Spiel, Wein und Weiber? Aber ihr Spiel endet mit Selbſtmord; ihr Wein iſt vergiftet; ihre Liebe, durch Euch jedes Zügels ledig, ſchwellt den Menſchenſtrom mit jenen Tauſenden armer Würmer an, die nie den ſüßen Vaternamen ſtammeln dürfen; ein entartetes, verſchrumpftes, ausgedörrtes, ſchandſüchtiges Geſchlecht, das Euch um Eures Brodes willen haßt, und mit Recht...... Nicht zufrieden damit, habt Ihr dieſen Unglück⸗ 8⁵ lichen, gegen welche die ganze Tücke Eurer Theorien gerichtet iſt, den Glauben an jede uneigennützige Men⸗ ſchenliebe benommen und die Almoſen geläſtert... Da⸗ her Euern hämiſchen Angriff auf jene barmherzigen Schweſtern, welche der beſcheidene Stolz unſerer chriſt⸗ lichen Civiliſation ſind, vor denen ſelbſt das achtzehnte Jahrhundert ehrerbietig ſich verneigte. Aber habt Ihr nicht Millionen, die unſäglichen Wohlthaten, deren Quelle oder Kanal der Klerus iſt, aufzuwiegen? Gott bewahre, Ihr habt Nichts, als wohlgedrech⸗ ſelte, ſchönklingende Redensarten....„Der Unglückliche iſt Menſch und Bürger, wie wir,“ ſprecht Ihr,„ihn mit Almoſen füttern, wäre eine Beleidigung... er hat ein Recht auf Arbeit.“ Ja, gewiß hat er ein Recht auf Arbeit. Aber ſorgt nur, daß er welche finde! Erſt wenn Ihr ihm die Arbeit gebt, worauf er ein Recht hat, erſt dann iſt's an der Zeit, die uneigennützige Menſchenliebe als veralteten Lumpen auf den Miſt zu werfen. Dann ſeid Ihr bloß⸗ Undankbare; jetzt aber ſeid Ihr Barbaren.......... Mignonne erblickte das Licht der Welt in einer ärmlichen Wohnung des Quartiers Saint⸗Marcel. Ihre Eliern arbeiteten ſechs Tage in der Woche und vertran⸗ ken am ſiebenten, dem Tage des Herrn, ihren ganzen Gewinn, natürlich zur größern Chre Gottes. Beide ſegneten das Zeitliche, ohne etwas Anderes im Leben kennen gelernt zu haben, als Schweiß, Hunger oder viehiſche Luſt... Mignonne wuchs heran, wir wiſſen nicht wie? In ihrem zwölften Jahre, als ſie, blühend wie eine Roſe, bei einem Gärtner in Montrouge diente, zog es ſie unwiderſtehlich nach Paris zurück. Sie kam und ließ ſich als Griſette nieder, aber zum Glück nicht als ſtudirende. Ein günſtiger Stern 86 führte Nazaire ihr in den Weg, eben als ſie am Rande des Laſters hin und her ſchwankte. Nazaire bot ihr die Hand. Das rettete ſie!... Ein gewiſſes, höchſt albernes Sprüchwort beſagt, daß nicht jede Wahrheit für's Ohr tauge!... In der That kennen wir ein Büchlein, wo den jungen Ar⸗ beiterinnen ziemlich unverhohlen alſo vordozirt wird: „Meine wertheſten Damen, einige unverſchämte Moraliſten verlangen einen moraliſchen Lebenswandel von Ihnen; eine Forderung, ebenſo abgedroſchen, als abſurd, wie ich Ihnen beweiſen will... Ihre Arbeit bringt Ihnen täglich wanzig Sous ein, zum Leben gehören aber allerwenigſtens vierzig Sous, folglich iſt es mate⸗ riell unmöglich, daß Sie tugendhaft bleiben; die Tugend iſt für Sie ein Utopien, ein Traum. Wer von Ihnen nach Moral ſtrebt, der ſtrebt nach einer Unmöglichkeit. Nur ein Tieger, ein gemeiner Heuchler, oder ein Geld⸗ menſch kann ſo was von Ihnen verlangen... 4 Ungefähr ſo, wenn auch nicht in denſelben Worten, ſchließt obbeſagtes Büchlein... Folgerichtig hätte es hinzufügen ſollen: Alſo werfen Sie hurtig Ihr Nähzeug in den Wind, meine Damen, tanzen Sie die Polka, ſingen Sie die Maſurka und ſchleichen ſich auf die blu⸗ mig⸗duftigen Pfade jenes gentilen Faubourg, wo die Loretten wachſen..... Ja, das Leben dieſer armen Mädchen, die für ihre undankbare Arbeit ſo geringes Salair beziehen, iſt ein höchſt mühſames, ſchlüpferiges und gefährliches... Je näher ſie dem Abgrunde ſtehen, um ſo ſchonender ſollte man an ihnen vorübergehen. Die leiſeſte Berührung mit der Hand, noch ſo liebenswürdig angebracht, kann tödtlich für ſie werden. Weiß man doch, daß die Tiefen dieſes blumenumrandeten Abgrundes von giftigen Schlan⸗ gen wimmeln!...— Gewiß haben die Ideen und Beſtrebungen der Ge⸗ 87 noch, ſie begeiſtern uns, wenn ſie mit der Beredtſamkeit, der wiſſenſchaftlichen Schärfe und dem männlichen Ernſt eines Louis Blanc vorgetragen und erörtert werden... Aber ſie empören uns im Munde und in der Feder jener beſchränkten, verblendeten oder böswilligen Schwarm⸗ geiſter, die der guten Sache ſchaden, indem ſie blinden Haß gegen alle Ueberlieferungen der Vergangenheit dem Volke einblaſen. Mit Unwillen hören wir jenes fanatiſche Geſchrei von den Dächern herab, das nicht einmal das Verdienſt hat, auf ein neues Uebel aufmerkſam zu machen, weil dieß Uebel ein altbekanntes, längſt eingeſtandenes iſt. Hier, wie überall, iſt wohl zu unterſcheiden. Ehre dem biedergeſinnten, treumeinenden Talent, das in ſtillem Ernſt die ſittliche Umwälzung vorbereitet, die früher oder ſpäter den Arbeiter erheben und ihm ein günſtigeres Loos ſchaffen muß! Aber Schmach und Schande jenen leidenſchaftlichen Schreiern, welche die Frage verwirren, ſtatt ſte zu löſen; welche beleidigen, höhnen, ins Geheim verläſtern, auf niedrige Weiſe um die Volksgunſt buhlen, für Geld ſchmeicheln, kurz, den Kern des Staates, das Polk, vergiften!............ Zu ihrem Glücke konnte Mignonne noch nicht leſen, als das Schickſal ihr Nazaire zuführte... Dieſer wurde ihr Erzieher. Was dem Profeſſor an Geſchick abging, das erſetzte ſein trefflicher Wille, zugleich mit der Wiß⸗ begierde und der Bildungsfähigkeit ſeines niedlichen Zög⸗ lings, ſo daß Mignonne in kurzer Zeit leſen und ſchrei⸗ ben lernte, auch Etwas aus dem chriſtlichen Glauben wußte, gerade ſo viel, als Nazaire von dem Unterrichte ſeiner alten Mutter behalten hatte. Nazaire hatte Recht, das gute Kind verdiente einen braven Mann...... Als Mignonne ins Zimmer trat, ſaß die arme Sancta mit verweinten Augen im Bette. Dieſer Anblick des leidenden Mädchens benahm ihr alle Verlegenheit. 88 Sie ging raſch auf Sancta zu und drückte ihr theilneh⸗ mend die Hand, wie einer Schweſter. „Ich bringe Ihnen einen Gruß von Herrn Romeo,“ ſagte ſie mit einem zärtlichen Blick auf Sancta, welche ſie verwundert anſah. „Ja, ja, es iſt ſo,“ rief ſie lächelnd.„Herr Romeo iſt bei Dragon und Ihrem Bruder.“ „Wo ſind ſie?“ fragte Sancta haſtig. Mignonne beſann ſich; ſie wollte nicht ſagen: ſie ſchlagen ſich. „Sei'n Sie ruhig,“ tröſtete Mignonne.„Dragon iſt ſtark, wie ein Löwe und er liebt den Palot... der Palot iſt Ihr Bruder... wie ſich ſelbſt und mehr noch, auf mein Wort!... Herr Romeo iſt auch da, und der ſagte mir:„Alles geht gut.“ Sancta athmete freier und dankte Gott im Stillen für dieſe frohe Nachricht, denn es ſchien ihr, daß Gaſton bei Romeo gut aufgehoben ſei. „Aber wer iſt der Dragon?“ fragte Sancta. „Mein lieber Mann,“ antwortete Mignonne ent⸗ ſchloſſen, obgleich ihre Wangen purpurroth glühten. „Noch nicht ganz,“ fügte ſie roſig lächelnd hinzu,„aber nächſtens, wir ſind ſchon aufgeboten.... Freuen Sie ſich, mein liebes Mamſellchen, daß Ihr Bruder beim Dragon iſt. Dragon iſt ſo tapfer und muthig, und hat mehr als Eine Medaille im Kriege gegen die Mohren bekommen. Er ſagt, er wolle Jedem die Rippen ent⸗ zwei brechen, der ſeinem Palot was zu Leide thut. Bei ihm und Herrn Romeo, der ſein Kapitän in Algier war, kann Ihrem Bruder Nichts geſchehen.“ „Wie wohl Sie mir thun.....“ „Oh, lange nicht ſo viel, als ich möchte,“ unterbrach ſte Mignonne„Ich ſehe, Sie kennen mich nicht mehr, aber ich war's, die Ihnen geſtern bei Madame Sorel ſo wehe that, daß Sie zu weinen anfingen und fort liefen.... Glauben Sie mir, ich hätte mir faſt die Zunge abgebiſſen, ſo bös war ich auf mich. Ich ſage „ 89 Ihnen das von ſelbſt, weil es mich drückte und ich Nichts auf dem Herzen haben will gegen Sie. Gleich morgen ſollen die Mamſellen..... 4— Sie hielt ein und liebkoste Sancta's Hände. „Aber reden Sie doch.... ich muß wiſſen, ob Sie mich wiederkennen, weil ich Sie liebe und reizend finde.“ Sancta lächelte ſie wehmüthig an. „Betrüͤbt Sie das?“ fragte Mignonne naiv.„Oh, ich muß wiſſen, ob Sie mir noch böſe ſind?“ „Wie könnt' ich,“ antwortete Sancta, dieſem kind⸗ lichen Geplauder willig zuhorchend.„Sie hatten ja keine böſe Abſicht.“ „Oh, gewiß nicht!“ rief Mignonne.„Wüßten Sie nur, wie ich mir zürnte über dieß dumme Geſchwätz... Und doch, ich an Ihrer Stelle hätte mir aus ſolcher Kleinigkeit Nichts gemacht.. Aber ich weiß nicht, Sie ſind ganz anders wie unſer Eins... ſonſt hätt' ich in der halben Stunde Sie längſt geduzt..... 4 Mignonne ſchwieg plötzlich, denn Sancta richtete ſich im Bette auf und ſtützte die brennendheiße Stirn. Tiefbewegt ſah Mignonne ſie an und ließ ſich neben ihr auf's Knie nieder, ſo daß die blonden Häupter der beiden jugendlichen Mädchen ſich berührten. „Wie lang wird Ihnen die Zeit, nicht wahr? Mein Geſchwätz ermüdet Sie, und doch möcht' ich Sie troͤſten.. Nur Geduld, er kömmt gewiß recht bald zurück. Dragon iſt ja bei ihm.“ „Ihre Geſellſchaft thut mir gut,“ ſagte Sancta, Mignonnes Hand drückend.„Ohne Sie wär' ich faſt verzweifelt.“ „Der liebe Gott iſt ſo gut. Er wird gewiß Ihr Gebet erhören.... Laſſen Sie uns für ihn beten!“ Sancta öffnete ihre Arme und ſchloß tiefgerührt Mignonne au's Herz. Dann knieten Beide neben einander und flehten zu Gott um das Leben Gaſtons.......... 90 Das geſchah im nämlichen Augenblicke, wo Nazaire die Degen maß, Gaſton und der Maränis zum blutigen Werke ſich entkleideten. 8. Das Gewitter. Als der junge Marquis Gaſton von Maillepré nebſt ſeinen beiden Zeugen die Spitze des Hügers erreicht hatte, grüßte er ſeinen Gegner vornehm höflich. Um jeder Verwechslung vorzubeugen, wollen wir den Einen den Marquis, den Andern ſchlechthin Gaſton nennen. Gaſton erwiederte dieſen Gruß mit einer ſteifkalten Verbeugung. Du Chesnel, der eine Zeuge des Marquis, erkannte ſeinen Schwager auf den erſten Blick, wußte aber als gewandter Diplomat ſeine Verwunderung gut zu verſtecken.. Joſepin, der zweite Zeuge des Marquis, ließ das Geſicht hängen und ſah gewaltig blaß aus. Bald hatte er mit dem Regenſchirm zu kämpfen, bald rückte er an der goldenen Brille, bald preßte er das Degen⸗ Etui krampf⸗ haft an ſich, das ihm mehr Mühe zu machen ſchien, als zwölf Dutzend chirurgiſche Beſtecke. Als Romeo den Marquis ſah, den er von Afrika her als gewaltigen Raufbold und geübten Fechter kannte, runzelte er die Brauen und blickte Gaſton ſchmerzlich an. „Ich freue mich, Sie hier zu finden, Herr Kapitän,“ ſagte der Marquis, Romeo die Hand reichend, welche der Kapitän kaum mit den Fingerſpitzen berührte. Nazaire ſtand kerzengerade neben Gaſton, die bei⸗ den alten Degen unterm Arm; ihm gegenüber der Dok⸗ tor, der in jeder Beziehung ſeltſam wider den Arbeiter kontraſtirte. 91 „Ein abſcheulich Wetter, meine Herren, für folche Angelegenheiten, wie dieſe,“ rief der Marquis, in die zierlichen, ſchneeweißglacirten Hände blaſend. „Ich rathe, die Sache aufzuſchieben,“ fiel Romeo haſtig ein. „Ich auch,“ ſtimmte Joſepin bei. Du Chesnel und Nazaire ſchwiegen. „Ich,“ warf der Marquis leicht hin, dem Blicke Gaſtons ſcheu ausweichend;„ich bin zu Allem bereit... und wünſche nicht mehr Aufſchub,“ fügte er unter zier⸗ licher Verbeugung hinzu,„als nöthig iſt, mich bei den Herren für mein ſpätes Eintreffen zu entſchuldigen.“ „Eine volle Stunde!“ brummte Nazaire.„Das zählt was....“ Gaſton wies ihn mit zornigem Blick zur Ruhe. „Es ſcheint, wir ſind fertig,“ ſagte Gaſton mit eiſiger Kälte.„Geh'n wir ans Werk!⸗ „Wie Sie befehlen, mein Herr!“ erwiederte der Marquis. „Aber es iſt Regel....“ fing Romeo an, der von trüben Ahnungen gepeinigt wurde.. „Ich erinnere Sie an Ihr Verſprechen, mein Herr,“ ſiel ihm Gaſton ins Wort und ſah ihn finſter an. Romeo ließ betrübt das Haupt ſinken. „Wenn's beliebt, meine Herren,“ rief Nazaire. „Folgen Sie mir zur Stelle, einem wahren Juwel!“ „Wo in aller Welt hat mein Herr Schwager dieſen Zeugen aufgegabelt?“ ſagte Du Chesnel zu Joſepin. „Und denk Dir,“ flüſterte der Doktor dem Diploma⸗ ten ins Ohr;„weder Herr von Varannes, noch Herr von Baulnes!“ Nazaire ging voran und guckte den Marquis ver⸗ ſtohlen über die Schulter an.—„Hätt' ich Dich, wie wollt ich Dich!“ dachte er bei ſich. Ihm folgie zu⸗ nächſt der Marquis, ſeinen Pelzrock über dem Arm. Er mochte um einen Kopf kleiner ſein als Gaſton, welcher 9²2 verglichen mit dem zarten, faſt weiblichen Wuchſe des Marquis ihm an Kraft ungleich überlegen ſchien. Sie ſtanden jetzt auf dem Kampfplatz, dem„Juwel.“ Es war ein längliches, wenig tiefes Loch mit geebnetem Boden, vierzig Fuß lang und fünf oder ſechs Fuß breit. Auf der einen Seite befand ſich eine Art von Mauer, in der ſich hie und da Spuren der Hacke zeigten; auf der andern eine halb mit Haidekraut bekleidete Erdwand, aus der die unterwühlten Wurzeln magerer Geſtraͤuche in langen Flechten herabhingen. Dieſer Platz bot hin⸗ reichenden Schutz wider den Wind und Spazierganger waren in Folge des abſcheulichen Wetters nicht zu fürch⸗ ten. Nur der Zufall konnte die Duellanten hier über⸗ raſchen. Die gegen die Stadt zu liegende Erdwand vertiefte ſich in der Mitte unds ließ auf eine wirre Häuſermaſſe ſehen, deren hohe Schornſteine der Wind beſtrich und ihren Rauch in lange horizontale Streifen wehte. Zwiſchen dieſen Häufern und dem Auge ſtieg einer jener induſtriellen Obelisken empor, die unaufhörlich ihren pechſchwarzen Kohlendampf in die Luft ausſtoßen, bald in ſenkrechten Linien, wenn kein Wind ging, bald in phantaſtiſchen Krümmungen, ähnlich dem Gewölk, welches die ſchnaubende Röhre des Dämpfers in der Luft zurückläßt.... Gaſton zog den Rock aus, faltete ihn zuſammen und legte ihn auf einen Stein. Der Marquis that deß⸗ gleichen, aber warf ihn von Weitem Joſepin zu. Unter dem Rock trug der Marquis ein weites fal⸗ tenreiches Hemd, deſſen Oeffnung ein weitbauſchiger Bruſtſtreif mit tauſend weichen Kräuschen, die unter dem Drucke des Oberrockes gelitten hatten, ſorgfältig ver⸗ deckte. Dieß Hemd hing locker und ungeſteift um den —y obern Theil des Leibes, die Formen deſſelben verhüllend, während die eng anliegenden Beinkleider nicht die leiſe⸗ ſten Falten warfen und die vollen, runden Gliedmaſſen hervordrängten. 9³ Seit den neueſten Entdeckungen auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft iſt es eine ausgemachte Sache, daß die jungen Huſaren⸗Offiziere unter ihren Hemdchen ein Kor⸗ ſett tragen, ſo hart wie Kieſelſtein, ein mechaniſches Kor⸗ ſett, das ihnen gefährlicher wird, als das Blei des Feindes. Dieſe Schnürbruſt, alle Morgen geſchnürt von der derben Fauſt der ordonnanzmäßigen Kammerzofen, die ihre Lieutenants bedienen, ſobald ſie mit der Toi⸗ lette ihrer Pferde fertig ſind, dieſe mörderiſche Schnür⸗ bruſt, ſage ich, wirkt Wunder und gibt einem Fallſtaff an Dicke die luftig ſchlanke Taille der Fräuleins Na⸗ thalie von Fitzjames. ar auch der Marquis nicht ganz ſo dünn, wie ein Huſarenlieutenant, ſo war er doch allzudünn. Uebrigens ſtand dieß trefflich zu dem zarten, faſt weiblichen Ausdruck ſeiner Züge und der Anmuth ſeiner ganzen perſönlichen Erſcheinung. Wie anders Gaſton, der in dieſem feierlichen Augen⸗ blicke ſich in der Fülle ſeiner edlen, männlichen Schönheit wigte⸗ hochaufrecht, ſtolz, ruhig, unerſchrocken, todes⸗ muthig! Mit jeder Sekunde wurde ſein Auge feſter und ſicherer, während der Marquis ſeine Unruhe hinter einer erkünſtelten Heiterkeit zu verſtecken und dem Blicke Ga⸗ ſtons ängſtlich auszuweichen ſchien. „Der Herr Marquis,“ ſagte Du Chesnel, nachdem das Degen⸗Etui und der Piſtolenkaſten geöffnet worden, z der beleidigte Theil, folglich ſteht die Waffenwahl ei uns.“ —„Ich verzichte darauf,“ ſiel der Marquis haſtig ein. Romeo und Dragon ſahen ihn erſtaunt an. „Ich verzichte darauf,“ fügte der Marquis erröthend hinzu,„weil es mir gleich gilt.“ „So greif zum Degen,“ rief Nazaire.„Das knallt 41* nich!... „Es ſei!“ erwiederte der Marquis.„ In dem Augenblick trat die Sonne zwiſchen zwei ————— aander. pechſchwarzen rieſiggroßen Wolken hervor, die beide Enden des Horizonts berührten und nur einen kleinen Raum gerade über den Häuptern der Fechtenden offen ließen, während der Sturm heulte und einige dicke Re⸗ gentropfen niederſchoßen.. „Acht gegeben, Palot, mein Bürſchchen,“ ziſchelte Nazaire, als die Kämpſenden aufgeſtellt waren.„Den Leib aufs linke Bein geſtützt... Das rechte Bein frei.... Aug' in Auge...“ „Gedenke meiner Schweſter....“ unterbrach ihn Gaſton. Aufs gegebene Zeichen klirrten die Degen an ein⸗ Romeo athmete kaum, Nazaire riß den Mund auf und folgte der zitternden Bewegung der Wafeenſpitzen. Joſepin zog ſich unheimlich zurück, Du Chesnel ſtand mit Nazaire's Degen Romeo gegenüber. Gaſton ſtieß gerade darauf los, aber eine ſvielende Bewegung des Marquis und die Waffe flog aus Ga⸗ ſtons Hand. Der Marquis bog die Spitze ſeines Degens zur Erde. Er war blaß, ſeine Lippen zitterten. „Er dauert mich,“ fluͤſterte er Du Chesnel zu, ver kann nicht die Spur.... Wechſeln wir die Waffen, oder hören wir auf, ſo lang es noch Zeit iſt!“ rief er laut, ohne vom Boden aufzuſehen. „Der Herr Marquis ſcheint geneigt, den Kampf aufzugeben,“ fragte Romeo vortretend. „Ich bin geneigt,“ antwortete Herr von Maillepré ganz leiſe. „Aber ich nicht!“ ſagte Gaſton ruhig und hob den Degen auf. „Ich bin der Beleidigte,“ hub der Marquis aufs Neue an, während ſeine Wangen immer röther wurden, „ich weiß nicht, warum Sie mich beleidigten, dennoch verlang' ich keine Abbitte.“ „Was Sie mit Recht können,“ ſiel Nazaire ein. 95⁵ „Mein Herr,“ ſagte Romeo, zu Gaſton gewandt, „alle Umſtände dieſes Duells ſind höchſt befremdend, aber dieſer überſteigt allen Glauben. Ich muß Ihnen ſagen, der Kampf kann nicht fortdauern.“ „Ich darf nicht ſagen, warum ich mich ſchlage,“ antwortete Gaſton ruhig, ſeinen Gegner anblickend, der noch immer niederſah.„Aber das ſchwör' ich Ihnen, daß er morgen wie heute, und nach einem Jahr ſo gut wie morgen, und das an jedem Orte, immer dieſelbe Kränkung von meiner Seite zu gewärtigen hat. Einer von uns Beiden muß bleiben. So lang ich lebe, ſoll er den Namen, den er mir geſtohlen hat, nicht unge⸗ ſtraft tragen.“ Der Marquis runzelte die Stirn und erröthete im ganzen Geſichte, wagte aber nicht aufzuſehen. „Ich habe mein Möglichſtes gethan. Mehr kann ich nicht,“ flüſterte er. Er beſann ſich noch eine Sekunde, dann band er langſam die Klinge. „Aufs Neue klirrten die Degen. Als der Marquis den Metallklang hörte, flammte ihm das Auge. Gaſton packte krampfhaft den Degengriff und ſtieß immer darauf los, daß ihm vor Freuden die Bruſt röchelte und die Stirn von Schweiß triefte, während der Marquis Nichts that, als Pariren. Aber je länger der Kampf dauerte, um ſo umge⸗ duldiger wurde der Marquis; man ſah, wie er nur mit Mühe die Luſt des Nachſtoßens bezähmte und ſeine Züge immer mehr ſich verfinſterten. Noch einmal flog der Degen aus Gaſtons müder Hand und ſchon zückte der Marquis den ſeinen. Doch er beſann ſich.. „Maillepré, Maillepré,“ röchelte Gaſton, mit den Händen das Antlitz verdeckend.„O mein Vater, gut, daß unſer Name bei Dir im Grabe ruht, Dein Sohn weiß ihn nicht zu vertheidigen.“ ———————— 96 Mitt wüthendem Sprunge hob er den Degen auf und eilte an ſeinen Platz zurück. „Seh'n Sie nicht, daß man Sie ſchont, mein Herr?⸗ rief Romeo, hoffend, die Bitterkeit dieſer Worte werde Gaſton zur Beſinnung bringen. „Ich ſehe es,“ antwortete Gaſton, der ſeine Nuhe wiedergefunden, eiſig kalt.„Alles hat ſeine Zeit, auch die Schonung.... Nur Geduld, ſchon kommt ihm der Zorn!" 3 „Der Wahnſinnige!“ flüſterte Joſepin. „Wüßt' ich nur, warum der Marquis ſo viel Um⸗ ſtände macht, ehe er meinen Herrn Schwager in die andere Welt hinuberſpedirt?.... dachte Du Chesnel. „Seltſam!a 4 Nomeo beſann ſich eine Sekunde und trat dann zwiſchen die Kämpfenden. „In meiner Eigenſchaft als Zeuge wiederſetz' ich mich der Fortdauer des Kampfes entſchieden,“ ſagte er. „Die Herren werden mir Recht geben, daß beiderſeitig die Ehre gerettet iſt?20 „Ich glaube faſt,“ antwortete Nazaire. „Mehr als genug!“ ſiel Joſepin haſtig ein. „Die Herren da müſſen es am Beſten wiſſen,“ ſagte Du Chesnel, auf die Streitenden weiſend. Solche Zeugen ſind ihrer Ehrenhaftigkeit wegen beſonders beliebt. Sie kennen die Duellgeſetze beſſer, als ein Richter den Strafkoder, und wenden ſie auf ſich ſelbſt mitunter, auf Andere aber immer an. Sind ſie auch nicht immer ehrliche Leute, ſo haben ſie doch ungeheuer viel Ehre. Geht das Duell ohne Todtſchlag aus, ſo zucken ſie die Achſeln und geben vor, um Nichts und wieder Nichts geſtört worden zu ſein. Fällt bloß Einer der Kämpfer, ſind ſie nur halb zufrieden geſtellt. Von zehn, die im Duell bleiben, haben dieſe Rauf⸗ bolde wenigſtens fünf auf dem Gewiſſen. 97 Hütet Euch vor ſolchen ebenſo gut, wie vor den allzu gutmüthigen und weichlichen Jungen, die Alles, eine Ohrfeige, einen Peitſchenhieb, wohl gar einen Fußtritt arrangiren möchten!! „Iſt das Ihr Verſprechen, mein Herr?“ rief Gaſton zähneknirſchend.„Auf alle Fälle haben Sie nur das Recht, ſich zurückzuziehen....“ „Offenbar!“ bekräftigte Du Chesnel. „So geh'n wir Zeugen fort.— Kommen Sie, Na⸗ zaire,“ rief Romeo. „Nazaire,“ flehte Gaſton, den Griff des Degens krampfhaft an ſich drückend...„Nazaire, verlaß' mich nicht, gedenk Deines Ehrenwortes....“ Nazaire ſchwankte. Sollte er Gaſton oder Romeo folgen? Beide waren ihm gleich lieb und werth. „Nein, ich bleibe,“ ſagte er endlich.„Der Palot hat Recht. Er iſt kein Kind mehr, Kapitän... Soll mich Der und Jener holen, wenn ich nicht meine rechte Hand, die mein Brod iſt, hingäbe, um an ſeiner Stelle zu ſein.... aber, wenn er'mal ſo will... Mann iſt Mann...“ 3 „Ich danke Dir, Freund,“ rief Gaſton triumphirend. „Vorgeſehen, mein Herr!“ Zum dritten Male banden ſich die Klingen. Wirklich ſchien es, als ſei der lange Kampf eine Schule für Gaſton geweſen, denn er hielt ſich ungleich beſſer, als zuvor. Aber wie er ſich auch anſtrengen mochte: es half Nichts. Der Marquis war allzu ge⸗ wandt in Handhabung ſeiner Waffe, an der alle Stoͤße Gaſtons wie an einer ehernen Mauer abprallten. Inzwiſchen ſtieg die Wolke, vom Sturme gepeitſcht, immer höher über den Horizont gegen den Zenith, wie ein rieſiger Schleier, den eine unſichtbare Hand zwiſchen Himmel und Erde gezogen.... Es war ein wunder⸗ ſchöner Anblick, wie die Sonne den weißen Rand dieſer pechſchwarzen Wolke vergoldete! 3 Aber mit Einem Male, wie auf einen Zauber⸗ Pariſer Liebſch. II. 7 3 98 ſchlag, verſchwand die Sonne hinter dem Gewölke und hüllte Alles in finſtere Nacht. . Dieß geſchah ſo urplötzlich, daß der Marquis über⸗ raſcht das Auge gen Himmel hob... Gaſton ſah und hörte Nichts; das Gewölbe des Himmels hätte um ihn zuſammenkrachen können.. Er dachte nur an den Kampf, und ſiehe, in demſelben Moment glitt ſeine Klinge unter die ſeines Gegners und ritzte den Hals des Marquis ſo, daß ſeine Hand ſich blutig färbte.... Gaſton jauchzte auf, aber ein Schrei des Zornes antwortete ihm. Der Marquis warf ſich in die Bruſt, ſeine Augen flammten; aus jedem Zuge ſeines Geſichtes ſprach eine Todesdrohung. „Er iſt verloren! Gott ſchütz' ihn...“ rief Romeo halblaut. 4 „Mein Gott, mein Gott!“ flüſterte Nazaire. Der Degen des Marquis züngelte hin und her mit erſtaunlicher Schnelle. Gaſton parirte auf gut Glück und parirte gut. Mitten in das Geklirre der Waffen entlud ſich der Zorn des Gewitters. Der Hagel ſchoß in dichten Sal⸗ ven praſſelnd auf den Boden nieder, die Blitze zuckten durch die Luft, der Sturm heulte in den dürren Aeſten der Bäume und der Donner rollte. Dazwiſchen tönte der ſtählerne Klang der Waffen. Und je furchtbarer die Elemente zürnten, um ſo blinder, wüthender, tödtlicher ward der Kampf. Stoß folgte auf Stoß, denn Gaſtons Leidenſchaft hatte ſich dem Marquis mitgetheilt. Gleich jenem ſtieß er auf gut Glück los, alle Regeln der⸗ Fechtkunſt hintanſetzend. Welch ein Bild! Zwei junge Leute, die in blinder Wuth ſich nach dem Leben trachten, taub wider die Stimme ihrer Zeugen und die Warnungen des Himmels, der in Donner und Blitz zu ihnen redet!!.... Romeo und Nazaire harrten in banger Erwartung des Ausganges; Joſepin fuhr bei jedem Donnerſchlage 99 zuſammen und ſuchte ſo viel, als möglich, Schutz gegen das Gewitter; Du Chesnel ſah dem Kampfe zu, als würde mit Rappieren gefochten. Gaſton hielt ſich gut, wider Erwarten gut, obgleich er ohne den Ungeſtüm des Marquis verloren geweſen wäre. Aber je länger der Kampf dauerte, um ſo mehr ermattete er. Der Arm verſagte ihm den Dienſt, die Stirn triefte von Schweiß, die Bruſt röchelte..... Er ſenkte das Haupt, wankte, der Degen entfiel ſeiner Hand. „Gedenke meiner Schweſter!“ liſpelte er und ſtürzte zuſammen. 9. Der Kuſz. In dem Augenblick, wo Gaſton ermattet und ver⸗ wundet auf die Knie niederſank, warf ſich der Marquis mit gezücktem Degen auf ihn. Aber Romeo parirte den auf Gaſtons Bruſt gerich⸗ teten Stoß und ergriff ihn bei der Schulter. „Das iſt wider die Regeln!“ ſagte Du Chesnel kalt.“ „Was?“ rief Nazaire überfroh, mit ihm anbinden zu können.„Einen Meuchelmord zu verhüten, wider die Regeln? Ich glaube, Du haſt Luſt... Da nimm!“ Und damit hob er Gaſtons Degen auf, riß dem Marquis den ſeinen aus der Hand und reichte den Griff deſſelben Du Chesnel hin. „Da nimm!“ wiederholte er. Mit größter Kaltblütigkeit drehte Du Chesnel ihm den Rücken zu und ſagte dem Doktor, auf Gaſton hin⸗ weiſend: „Thu Deine Pflicht, Joſepin.“ Dieſer ſtand wie vernichtet da. Donner, Blitz, 100 Hagel, Sturm, das Klirren der Waffen, Alles hatte ſich zu ſeinem Ruin verſchworen..... Ueber die Maßen friedfertig, haßte er jede Gewaltthat und blutige Schlich⸗ ktung eines Streites. Er konnte dem Tode ruhig in's Auge ſchauen, ohne zu blinzeln, ſo lang' es dem Tode genehm ſchien, den Kranken aus ſeinem Federbett in⸗ mitten von Arzneigläſern wegzuholen; aber auf freiem Felde, in ſolchem Wetter...... Als er Du Chesnel ſeinen Namen nennen hörte, riß er die Augen auf, die er geſchloſſen hatte, um die Blitze nicht zu ſehen, und fuhr mit den Händen in den Taſchen herum, nach dem Beſteck ſuchend. 1 Während deſſen rang der Marquis mit Romeo, der ihn gepackt hatte, um den Mord Gaſtons zu verhüten. Trotz ſeines zarten und ſchwächlichen Körpers riß er ſich mit ſolchem Ungeſtüm von dem kräftig gebauten Romeo los, daß Beide zugleich auf dem ſchluͤpferigen Boden ausglitten und niederſtürzten. Der Marquis erhob ſich zuerſt wieder und ſah wie betäubt um ſich.. Dann ſtarrte er eine Weile verzweifelnd den Boden an. „Gott, was hab' ich gethan!“ rief er entſetzt und ſchlug ſich mit geballter Fauſt vor die Stirn.„Hab' ich ihn getödtet?“ „Der Herr hat es verhindert,“ antwortete Du Chesnel, auf Romeo weiſend.. „Oh, wie ſoll ich Ihnen danken, Herr Kapitän,“ rief der Marquis, gerührt dem Kapitän die Hand drückend.„Der Klang der Waffen, die Hitze des Kampfes, der Anblick des Blutes, das aus dieſer Schramme floß... ich kann nicht ſagen, wie das Alles auf mich wirkte. Weiß es Gott, aber auf der Menſur ſteh' ich nicht für mich ein.“ „Man ſchlägt ſich auch nicht zum Spaß,“ flüſterte Du Chesnel, ohne daß der Marquis ihn hörte. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen,“ hub er nach kurzer Pauſe an.„Ich hätte es mir nie verziehen.“ 101 Er hielt plötzlich inne und fuhr dann mit verän⸗ dertem Tone fort: „Einen Wehrloſen getödtet zu haben, Herr Kapitän. ... Sie verſtehen mich!“ 8 Romeo nickte ſtillſchweigend mit dem Kopfe und kniete dann neben Nazaire, an deſſen Bruſt Gaſton ohnmächtig ruhte. Der Marquis näherte ſich den Dreien, doch ohne ſie anzuſehen. Es ſchien, als fliehe er ängſtlich den Anblick des Verwundeten. Inzwiſchen hatte Nazaire gewaltſam das Hemd Gaſtons aufgeriſſen und der Doktor die Wunde unter⸗ ſucht, die nicht gefährlich war, obgleich ſie ſtark blutete. Der Degen des Marquis war unweit der Schulter durch den Oberarm gedrungen, ohne die Weichen zu verletzen. Offenbar hatte weniger die Wunde ſelbſt, als die An⸗ ſtrengung des Kampfes und die Beklemmung der Bruſt Gaſtons Ohnmacht veranlaßt. Zugleich gewahrte man in den beiden Winkeln des todtblaſſen, halbgeöffneten Mundes deutliche Spuren von Blut, ähnlich wie jenen Abend, wo Gaſton am Sterbebette des Vaters den Polype für ſeine Unver⸗ ſchämtheiten ſtrafen wollte..... Das Gewitter hatte ausgetobt, der Sturm ſich ge⸗ legt. Aus dunklem Wolkenſchleier trat die Sonne her⸗ ds und beleuchtete die Scene mit weißlich⸗wäſſerigem ichte. Romeo und Nazaire warteten athemlos auf das ärztliche Ergebniß der Prüfung von Gaſtons Wunde, als läſen ſie auf dem faden, kalten Geſichte des Doktors, das keine Spur von Theilnahme zeigte. „ine bloße Perforatien der Hautgewebe,“ rief dieſer endlich.„Eine leichte Verletzung... Zerreißung einer Vene... Hat Nichts zu bedeuten, meine Herrn!“ Nomev's Antlitz verklärte ſich, während der offene, ehrliche Nazaire ſich vor Freude kaum zu faſſen wußte und beinahe den Doktor mitſammt ſeiner goldenen Brille 3 10² umarmt hätte; eine abſonderliche Luſt von Seiten des guten Nazaire, die bewies, daß ſeine Freude faſt an Wahnſinn gränzte. 3 Wer aber die lebhafteſte Bewegung verrieth, das war der Marquis, obgleich Keiner auf ihn achtete, außer Du Chesnel, der ihn ſpöttiſch belächelte. Kaum hatte der Doktor ſein ärztliches Gutachten abgegeben, als der Marquis zuſammenfuhr, unwillkürlich die Hände faltete und die ſchönen ſchwarzen Augen, in denen eine Thräne zitterte, dankend gen Himmel erhob. „Hand her, Kapitän,“ rief Nazaire.„Tragen wir ihn in den Wagen.“ Als Joſepin mit dem Verbande der Wunde fertig geworden, nahmen Romeo und Nazaire den Ohnmäch⸗ tigen vorſichtig auf und trugen ihn an jener Seite der Vertiefung hinab, die ſanft gegen Paris abfiel. „Ein Fiacre iſt ein hartes Lager für einen Ver⸗ wundeten,“ ſagte der Marquis, höflich ſich verneigend, aber mit einer Verlegenheit, die in etwas Anderem ihren Grund haben mußte, als in ſo einfachem Anliegen.„Ich hoffe, Sie werden meinen Wagen nicht ausſchlagen.“ „Er hat doch ein gutes Herz, der Milchbart,“ dachte Nazaire. „Wir nehmen Ihr Anerbieten mit Dauk an, Herr Dhrſeis. erwiederte Romeo.„Es macht Ihrem Herzen rel“ 8 Der Marquis verneigte ſich kalt, während ſeine Wangen ſich purpurroth färbten.— Nachdem er die beiden Zeugen Gaſtons mit ihrer Laſt voran gelaſſen, fragte er leiſe den Dokeor: „Glauben Sie, daß ſchnelles Fahren dem Kranken ſchadet?“. „Ihm ſchaden?“ antwortete Joſepin.„Nicht im Geringſten. Die Wunde iſt das Wenigſte, aber der krampfhafte Zuſtand der Luftröhre und eine chroniſche Läſton in der Gegend....“ „Auch dann nicht,“ unterbrach ihn der Marquis . 103 haſtig,„wenn etwa meine Pferde zufällig anfangen ſollten zu galloppiren?“ „Auch dann nicht! Und wenn ſie verdoppelt darauf los galloppirten, ſo lange ſie den Wagen nicht umwerfen.“ Der Marquis grüßte mit der Hand und eilte Nazaire und Romeo nach. Das Coupee hielt, wie geſagt, auf der Mitte der Anhöhe gen Villette zu. Der Kutſcher war abgeſtiegen und ſtand vor den Pferden, deren Zügel er um den Arm trug, der Kälte wegen hin⸗ und hertrippelnd. Das ſtolze Geſpann ſchüttelte ungeduldig die Häupter und biß in’s Geſchirr, daß der Schaum nach allen Seiten ſprühte. Nachdem der Bediente den Schlag geöffnet, ſtieg er auf der andern Seite in den Wagen, um beim Hinein⸗ bringen Gaſtons behülflich zu ſein. Während deſſen flüſterte der Marquis ein Paar Worte ſeinem Kutſcher zu, der alsbald den Bock hinaufeilte. Es war den Dreien ein Leichtes, Gaſton in den Wagen zu ſchaffen. Als ſie ihn in eine bequeme Lage gebracht hatten, rief der Marquis ſeinem Groom zu, aufzuſteigen. Eben als Romeo Gaſton nachfolgen wollte und ſchon den Fuß auf den Tritt ſetzte, warf ihn der Mar⸗ quis mit ſcheinbar leichter Bewegung der Hand, aber ſo nachdrücklich und plötzlich zurück, daß er, eh' er's ſich verſah, auf dem Boden ſtand und ſich an Nazaire halten mußte, um aicht zu fallen. In Einem Nu ſaß der Marquis im Wagen. Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein, wie wahnſinnig— und davon flogen ſie. So blieben denn nur die vier Zeugen zurück. Wer beſchreibt ihr Staunen? Es dauerte zwei oder drei Sekunden, ehe Nazaire und Romeo zu ſich kamen und von ihrem Schrecken ſich erholen konnten. Nazaire ſchoß dann, wie der Blitz, dem Coupee nach, 5 8 das den Hügel mehr hinabflog, als hinabfuhr. 104 „Ihre Karten, meine Herren, wenn ich bitten darf,“ ſagte Romeo gebieteriſch.„Wir haben noch ein Wort mit einander zu reden.“ „ Ganz zu Befehl, mein Herr,“ antwortete Du Chesnel ſpöttiſch lächelnd, ihm ſeine Karte reichend. „Aber bemühen Sie ſich nicht ſo weit; die Addreſſe des Herrn Marquis von Maillepré iſt: Straße Royale⸗ Saint⸗Honoré, Nro. 9.⸗ „Von zwölf bis ein Uhr täglich öffentliche Conſul⸗ tation,“ brummte Joſepin, gleichfalls ſeine Karte ein⸗ händigend. Nomoo ſteckte beide Karten ein, griff an den Hut und jagte Nazaire nach, der ſchon weit voraus war. Das Coupee flog inzwiſchen unaufhaltſam durch den Schmutz hin, längs jener Parke, deren Inhalt das ganze nördliche Weichbild der Hauptſtadt der civili⸗ ſirten Welt verpeſtet. Ein ländlich⸗ſittlicher Deputirter hat hierüber ein Wort geſagt, das ihn unſterblich macht. Der Miſt, ſagt er, iſt die Baſis unſerer Civiliſation! Wie tief, wie liebenswürdig, wie menſchenfreundlich, wie er⸗ haben! Erhabener, als das Erhabenſte vom Verfaſſer des Alonzol Gefolgt mit attiſcher Satyre; kräftig, wie alle Erzeugniſſe der Muſterpachthöfe; edelmüthig, denn es ver⸗ zehnfacht den Werth des Staubmiſtes und eröffnet dem jungen Guano eine unermeßliche Zukunft!.... Den Hügel hinunter hatte es Nazaire leicht und es ſchien wirklich, als nähere er ſich Etwas dem Coupee, deſſen Eile durch die grundloſen Wege gehemmt wurde. Aber ſchon am Fuße des Hügels blieb er faſt im Kothe ſtecken. Immer langſamer wurde ſein Lauf, bis er endlich kaum noch ging Romeo war quer über's Feld auf die Barriere von Pantin zugelaufen. Inzwiſchen ſtanden Du Chesnel und Joſepin oben auf der Spitze des Hügels und ſahen dem Kirchthurm⸗ rennen zu, deſſen Ausgang nicht zweifelhaft ſein konnte. I 10⁵ Du Chesnel folgte dem armen Dragon vermittelſt ſeiner Lorgnette Schritt für Schritt. Die ehrliche Haut trabte unverdroſſen, wenn auch todtmüde, durch den Schmutz hin, glitt links und rechts aus, ſtolperte, taumelte, hielt ſich aber immer noch auf den Beinen.. „Der Bauernlümmel,“ ſagte Du Chesnel,„wollte mit mir anbinden... mit mir!.. Der Tropf!“ „Sieh, jetzt ſitzt er feſt im Koth.... Welch Schau⸗ ſpiel! Göttlich!“ jubelte der Doktor, dem nach Been⸗ digung der kriegeriſchen Zwangsdienſte eine Centnerslaſt vom Herzen gefallen war. „Viel Muͤhe um Nichts! Die göttlichen Thoren, das ſchönſte Geſpann in ganz Paris einholen wollen!“ 4„Aber die Barriere,“ ſiel Joſepin ein.„Man wird ſie anhalten.“ „Was hat der Marquis Dir ins Ohr geflüſtert?“ fragte Du Chesnel, abſpringend. „Pſt!“ antwortete der Doktor, den Finger an den Mund legend.„Schweigſamkeit iſt die erſte Tugend des Arztes und Beichtvaters. „Was hat er Dir geſagt? Geſchwind!“ „Nun, Du wirſt ſchweigen.“ Er fragte mich,„ob das Galloppiren ihm ſchaden könne.“ „Bah? Und Du antworteteſt?“ „In Extenſo Freund! Daß größere oder geringere Geſchwindigkeit....“ 3 „Gut gemacht, Doktor! Und Du weißt nicht, was er mit dem armen Tropf anfangen will, den er wie'ne Jungfrau entführt....“ „Wie ſollt' ich? Wenn nicht....“ Dabei ſah Joſepin den Diplomaten liſtig an. „Wohl möglich,“ ſagte Du Chesnel...„Aber ſieh die Lummel von Bauern dort unten.... Sieh, er tau⸗ melt.. er fällt!“ „Bravo, braviſſimo!“ rief der Doktor, in die Hände ſchlagend. Sie hatten recht geſehen. Nazaire hatte ſich, nach⸗ 106 dem er das Coupee aus dem Geſichte verloren, muthlos und erſchöpft niedergelaſſen. Von Romeo und dem Coupee war aber Nichts mehr zu ſehen. „So endet die Hiſtorie!“ lachte Du Chesnel,„Das Traurigſte bei der ganzen Sache iſt, daß wir zu Fuß zurück müſſen.“ „Weh mir!“ ächzte Joſepin.„Und das Coupee hängt ſo teufliſch nett in den Federn! Hätt ich das ge⸗ ahnt, hätt ich meiner Seel' dem Marquis geſagt, der Gallopp wäre tödlich für den Verwundeten.“ „Wer weiß,“ antwortete der Diplomat ſich auf den Abſätzen umdrehend,„ob er dann nicht um ſo toller los⸗ gallophirt wäre.“ „Du magſt Recht haben,“ ſagte der Doktor, die goldene Brille mit dem Zipfel des Taſchentuches zierlich putzend.„Aber laß uns gehen!“ Damit gingen ſie der Richtung der nächſten Bar⸗ riere, der von Belleville zu. Auf dem Wege dahin, kcben als der Himmel ſich aufs Neue ſchwarz umwölkte und ſich in einem Sturzregen zu entleeren drohte, trafen ſte den Fiacre. „Sind die drei Bürgersleute, die ich herfuhr, endlich fertig?“ fragte der Kutſcher ungeduldig. „Ja, Schwager,“ antwortete Du Chesnel. „Wo ſind ſie, Herr?“ „Fort, Schwager!“ „O, ich geprellter Schelm!“ rief der Kutſcher troſtlos und ließ den Arm längs des Flaußrockes hängen.„Oder zahlen Sie für die Drei?“ „Ja, Schwager!“ „Gottlob, Herr,“ rief der Kutſcher und ſeine Stirn entwölkte ſich.„Aber wie ſteht's mit dem Trinkgeld, das mir verſprochen iſt? Zahlen Sie das auch?“ „Ja, Schwager!“ „He, juchhe!“ rief er luſtig und knallte auf die lahmen Mähren los.„Aber das ſoll mich Klugheit 3 ——— 107 lehren. Ein ander Mal laß ich mir hübſch vorauszah⸗ len, wie ſich's gehört.“ 2 „Wie wohl iſt mir!“ rief Joſepin, ſich behaglich in der Ecke aufſtreckend.„Mags regnen, ſchneien, hageln, blitzen und ſtürmen, gilt mir Alles gleich. Aber was Teufel hatteſt Du mit dem jungen Menſchen im Sinne. Du ſahſt aus, als wenn... Du kannteſt ihn, nicht?“ „Ich ihn kennen?“ „Ja, ja! Ich ſah's ihm an den Augen an, er wollte Dich anreden, als wir ankamen.... Was weißt Du von ihm?“ „Nein Gott, Nichts, nicht die Spur!“ „Wo haſt Du ihn denn geſehen?“ „An meinem Hochzeitstage.... Er iſt ſo was von Schwager mit mir!.. Den 20. Februar des Jahres 1845 wurden einer alten Frau in der Straße des Petites⸗Ecuries ein Reſt Milch aus ihrem Topfe geſtohlen. Dicht vor einer Hausthüre erwiſcht ſie den Dieb und packt ihn am Kra⸗ gen, kann aber Nichts ausrichten und wird mit leichter Mühe abgeſchüttelt.— Das Volk rottet ſich zuſammen. Welche Partei ergreift es? In ſeinem natürlichen Gerechtigkeitsgefühl ſteht es dem Diebe bei und ziſcht die Alte aus unter liebkoſenden Benennungen, wie Närrin, Hexe, Zauberin u. ſ. w. u ſ. w.. So geht es in der Welt! Wir citiren dieß Factum, weil es von geſtern iſt und wir mit eigenen Augen die Thränen der Alten fliehen ſahen. Wer das Pariſer Pflaſter kennt, der weiß, daß ſolche und ähnliche Auf⸗ tritte jeden Tag zwanzigmal vorkommen. Ja, wer der blitzſchnellen, ſchreieriſchen Gerech⸗ Uigteiſspſlege dieſer Kothſtiefel anheimfällt, dem gnade ott Dieſer furchtbaren Volksjuſtiz können wir nur die der Pfeife im Munde an den Barrieren Wache halten. Die Regierung beſoldet ſie zur Verhütung der flegelhafte Juſtiz jener Grünröcke vergleichen, die mit Schmuggelei, dazu mögen ſie gut ſein. Aber was heißt das? Dagegen ſtecken ſie in Alles ihre ſchmutzigen Finger und Gott weiß, ob ſie nicht mit Nächſtem den friedlichen Bürgern, die nicht im Schlaf ans Contrebandiren den⸗ ken, ihre roſtigen Sonden durch den Leib rennen? Da⸗ bei ſind ſie grob und unverſchämt, dieſe Grünröcke, öffnen die Wagenthüren, ohne ſie wieder zu ſchließen. Wir haben es uns zum Grundſatz gemacht, dieſe Herren höflichſt zu grüßen und uns nach dem Wohl⸗ ſein der Frau Gemahlinnen zu erkundigen. NomeVo, der dieſe Vorſichtsmaßregel bei Seite ſetzte, wurde das Opfer des fanatiſchen Eifers dieſer Wächter an der Barriere von Pantin, die das Coupee des Mar⸗ quis unviſitirt vorbeiließen, weil der Glanz des mark⸗ gräflichen Wappens ſie blendete, aber den von Schweiß triefenden, über und über beſpritzten Fußgänger oder richtiger Fußläufer anhielten, ſintemalen zu befürchten ſtand, er trage zwiſchen Hemd und Weſte hundert oder hundertundfünfzig Pfund belgiſchen Tabakes verborgen. Als er dagegen proteſtirte, ſchleppten ſie ihn mir Nichts dir Nichts in die rauchige Spelunke. Iſt das nicht aufs Haar die Geſchichte der alten Frau? Der Dieb kömmt durch und die Beſtohlene wird angehalten. Während Romeo im Wachthauſe fluchte und tobte, jagte das Coupee geſprengten Gallopps in die damals kaum abgeſteckte Straße Lafayette ein. Wir lüften auf eine Weile die Fenſter⸗Vorhänge, um dem Leſer einen Blick ins Innere des Wagens zu geſtatten. Es war ein Boudoir im Kleinen, ein Atlasſtübchen, in ſanftem Halbdunkel liegend. Die weich gepolſterten, elaſtiſchen Wände fingen jeden Stoß auf, ſo daß die nicht ganz zu vermeidende Erſchütterung in ein behag⸗ liches Schaukeln überging. ——ʒ——— 109 8 Gaſton lag auf dem hintern Sitze der Länge nach ausgeſtreckt, während der Marquis auf einer als Teppich dienenden Tiegerhaut vor ihm kniete. 3 Gaſton athmete, aber ſchwer. Seine Augen blie⸗ ben geſchloſſen, es ſchien, als habe das ſanfte Geſchaukel des Wagens ſeine ohnehin geſchwächten Nerven noch mehr abgeſpannt. Sein Haupt ruhte auf dem weißen Atlas der Eckpolſter, die Haare waren durch den Druck in Unordnung gerathen, das Fieber röthete die Wangen und ein bläulicher Rand umgab die geſchloſſenen Wim⸗ pern.... Der Marguis hielt eine ſeiner Hände, welche über das Kiſſen herabhing. Die Bläſſe ſeiner Wangen ſtach geiſterhaft gegen die Röthe des Blutes ab, das auf dem Hemde ſich zeigte. Er hatte das Haupt dicht an Gaſtons Haupt gelehnt, die langen, freien Haare fielen in Locken über die edle Stirn, die von Schweißtropfen perlte. Ja, er war ſchön.... Er? Siel Sie war ſchön.... Die großen dunkelblauen Augen blickten heiß ſchmach⸗ tend, alle Glieder zitterten, der Mund liſpelte manch glühendes Wort. Plötzlich erhob ſie das Haupt, ſchlug die ſeidenen Wimpern auf und ſah den bleichen Jüngling an, wie der Liebende die Geliebte, mit tiefer Sehnſucht und feuchtem Blick. Ja, ſie war ſchön, ſchön wir ein Engel des Himmels! Sie litt und doch war ſie ſelig.... Ihr ſchöner Leib bog ſich zuſammen, dann preßte ſie Gaſtons kalte Hand an die heiße Stirn, die im Schimmer der roth⸗ ſeidenen Vorhänge wie mit Roſen beſtreut ſchien. Und dieſer Blick! Die Glut des Weibes und die Schüchternheit der Jungfrau vermählten ſich in ihm. Ja, ſie liebte. Sanfte Klagen, flehende Seufzer, heiße Wünſche und Schwüre drängten ſich durcheinander über die halbgeöffneten Lippen. Eine Thräne bebte an den Wimpern. 1 Eiie lange, tiefe Stille. Ihre Seele flog in das Reich der Träume........... Plötzlich erhob ſie ſich mit brennendem Auge und glühenden Lippen, denn der Kranke lächelte im Schlafe und liſpelte den Namen Sancta. Sie ſah ihn eine Weile tiefbewegt an. Dann drückte ſie zitternd auf ſeine Locken— einen Kuß. 5 * 10. Die Erwartung. Romeo und Biot waren alte Bekannte. Schon lange wurde Sancta vom jungen Bildhauer geliebt, aber faſt mit jungfräulicher Schüchternheit, nicht in der Weiſe ſeiner frühern Offiziersliebſchaften. Denn es konnte nicht fehlen, daß auch er jener Epidemie er⸗ lag, die unter unſern Offizieren furchtbar graſſirt, wir meinen die Geckenhaftigkeit und Fadheit. Was bei uns Uniform trägt, will gleich die Herzen tyraniſtren. Unſere Garniſonen ſtrotzen von Don Juans, oft hübſch, aber noch viel öfter häßlich, die mit ihren kaum gewachſenen, ſpitzgedrehten Schnurrbärtern den ſchwachen Wei⸗ 3 bern methodiſch nach dem Leben trachten. 5 Das iſt um ſo entſetzlicher, als dieſe ſchwachen 5 Weiber, welche ihren Verführungskünſten unterliegen, aichts weniger als im Kurſe ſind. Ohne die Herrn würde kein Lovelace auf dieſe Herzen, bie ſie zum Ka⸗ pituliren zwingen, Sturm laufen. Sind ſie nicht um ſo ſtrafbarer? — 111 Sie ſpielen die Rolle der Schlange bei den Witt⸗ wen und haben das Monopol auf die Jugendfallimente der vierzigjährigen Fräulein: 5„Wo iſt die Schöne, ſpröd und kokette, Die nicht erläg' der Epaulette?....“ Nirgends, lieber Leſer, nirgends! Haben wir doch Großmütter der wunderbarrn Anziehungskraft der Uni⸗ formen unterliegen ſehen! 3 Gemeine, Lieutenants, Oberſten, Generalmajors und Generallieutenants, Alle huldigen Gott Amor ebenſo frank und frei, wie die Zöglinge der K. poly⸗ techniſchen Schule, die während der Vakanz in der Pro⸗ vinz unberechenbare Verwüſtungen anrichten. Erſt mit dem Marſchallſtolz und einem Duodez⸗Herzogthum be⸗ gibt man ſich dieſer privilegirten Herzensſchinderei. Auch Romeo hatte dieſer Krankheit ſeinen Tribut gezahlt. So oft er noch die Garniſon gewechſelt, konnte er ſich rühmen, daß ihm ein hübſches Auge träumend nachgeblickt, wenn auch nur ſo lange, als er in der Straße ſichlbar war. So geht's Euch, Ihr Herrn, und mit Recht! Während Ihr Euch eine Grauſamkeit vor⸗ werft, hoͤhnt man Euch aus. Das Schätzchen weihte Euch eine Zähre, aber damit iſt's aus. Noch denſelben Abend wird gelacht, geſchäckert, geſungen, geſprungen und unter den unbekannten Göttern der neuen Garniſon ſich ein anderer Sieger erkoren.... Romeo war der Sohn eines talentvollen, in der Blüthezeit ſeines Ruhmes verſtorbener Bildhauer, von dem unſere Muſeen manche ſchöne Arbeit bewahren. Das Andenken ſeiner gleichfalls früh dahingeſchiedenen Mutter, einer Frau von ausgezeichneten Körper⸗ und Geiſtes⸗ gaben, pflegte er im treuen, kindlich⸗frommen, liebevollen Herzen. Gelegenheitlich eines Feſteſſens der Offiziere ſeines Regimentes, während er in Afrika diente, ließ der Oberſt dieſes Regiments eine Aeußerung fallen, welche den Namen und die Ehre ſeiner zärtlich ge⸗ 112 liebten Mutter antaſtete. Alsbald reichte er ſein Ent⸗ laſſungsgeſuch ein, und forderte den Oberſt. Es kam zum Zweikampf, in welchem der Oberſt und ſeine bei⸗ den Söhne, die als Lieutenants in demſelben Regiment dienten, ein grauſames Grab fanden. Nachdem er die Ehre der Mutter auf dieſe Weiſe gerächt, kehrte er von Algier nach Paris zurück und griff wieder zum Meißel, den er ſchon vor ſeiner Krie⸗ gerlaufbahn gehandhabt. Gewiß biſt Du, lieber Leſer, in den untern Sälen des Louvre ſchon mehr als Ein Mal von den nicht zahlreichen, aber meiſterhaften Wer⸗ ken ſeines hohen Genius, den er in den Muſenſtunden ſeines häuslichen Glücks geſchaffen hat, ſtehen geblieben. Den Künſten und Wiſeenſchaften wird nicht ſelten der ſchöne Beruf, gegen die geiſttödtende Disziplin un⸗ ſerer Armee eine ſichere Zufluchtsſtätte zu bieten. So hat die Marine uns Eugen Sue, de la Landelle, Cor⸗ biere gegeben; wir erinnern an den berühmten Roman⸗ dichter Amerikas nur beiläufig, weil ſein Ruhm nicht uns gehört. So verdanken wir dem ſtehenden Heere Viennet, den geiſtreichen erfinderiſchen Akademiker; Salvandy, den Miniſter und honigſüßen Proſaiker, über⸗eleganten Red⸗ ner und wortreichen Schwätzer; endlich den anmuthigen Dichter des Chatterton, vieler Andern zu geſchweigen. Aehnlich mit den Künſten. Wir wollen außer Ro⸗ meo, deſſen wahrer Name ein Geheimniß bleiben muß, nur ein Beiſpiel nennen. Sollte man's glauben, der Kavallerieſchule von Saumur haben wir die frucht⸗ bare Erfindung, welche den Email auf die Architektur anwendet, zu verdanken. Das Genie, deſſen Zauberſtab die glänzenden Fabeln der Tauſend und eine Nacht ver⸗ wirklicht, indem es die Frontons unſerer Paläſte mit reinem Gold und ächten Steinen ſchmückt, oder die Säulen unſerer Kathedrale in Jaſpis und Porphyr gießt, hat Anfangs nur an die Evolutionen der Reitſchule und an die Kunſtſtücke mit dem Säbel gedacht. Wie belehrend wäre es, alle die verborgenen Wege 113 aufzuſuchen, die das Talent ſich bahnt; aber auch wie betrübend, denn nur Wenige würden wir an derſelben Stelle finden, die ſie ſich ſelbſt gewählt haben. Der Zufall wollte, daß die Werkſtatt unſeres Romeo's der Nähſtube der Madame Sorel gerade gegenüber lag. Hier ſah er Sancta und von Stund an liebte er ſie. Und ſollte man's glauben, dieſe Liebe machte ihn, den Sieger in ſo vielen Liebesſcharmützeln, ſo ſchüch⸗ tern, daß er alle ſeine tauſend Verführungskünſte, worin er ehemals ſeinen Stolz geſetzt, vergaß. Liebäugeln, reden, ſchreiben: Alles ſchien ihm zu gewagt. Kaum, daß er ſich zu zeigen getraute. So oft er nach dem ſchönen Mädchen ausſchaute, blieben die Vorhänge dicht zugezogen und nur eben Platz genug fürs Auge. Er war Sancta gegenüber ganz der ſchüchterne, furchtſame Jüngling von ſiebenzehn Jahren. Anfangs ſchämte er ſich dieſer jungfräulichen Schüch⸗ ternheit. Aber je höher ſeine Liebe ſtieg, um ſo inni⸗ ger wünſchte er ſich Glück zu dieſem Mangel an ſeckheit. Er las auf Sancta's Stirn ſo viel Reinheit und Sanftmuth, aber auch ſo viel Stolz und Adel.... Was ſollte er ihr ſagen? War ſie doch arm, und Ein Blick kann abſtoßen, Ein Wort entfremden. So ſchwieg er denn und lebte ganz der ſüßen Hoffnung.... 8 Da er des Muthes ermangelte, Sancta anzureden, ſuchte er auf Umwegen zum Ziel zu gelangen. Jean⸗Marie Biot, wie dem Leſer bereits bekannt, war das leibhafte Gegenſtück ſeiner Kameraden, der Portiers von Paris; nicht geſchwätzig, neugierig, ſchwän⸗ zelnd gegen Reiche und beißend gegen Arme, läſtermäu⸗ lig, geldgierig und raubluſtig: Nichts von dem Allem, was der Pariſer Portier iſt. Wie gutmüthig müſſen wir Pariſer ſein, zwei Mal revolutioniren, ohne dieſe biſſigen, ſchnöden Zweifüßler zu entthronen? Pariſer Liebſch. II. 8 Herkulanum hatte ſeine Thürhüter aus gebrannter Erde. Das möchte nicht praktiſch ſein in einer Stadt, die ihre ſechzig tauſend Spitzbuben zählt. Dagegen ſchlagen wir unmaßgeblich vor, ſtatt dieſer leidigen Sub⸗ jekte lieber einen Hund zum Wachen und eine Elſter zum Antworten zu halten. Damit bekämen wir eben ſo viel Intelligenz und viel mehr Treue ins Haus. Dieſe geringe Modiſikation und eine allgemeine Füſilade ſämmt⸗ licher Pariſer Portiers würden die Hauptſtadt der Welt zu einem Eldorado machen. Wir bitten den Leſer, dieß für keine müſſige Ab⸗ ſchweifung zu halten. In unſern Tagen, wo das Feuilleton politiſch, ſozialiſtiſch, garantiſtiſch, introduktiv, paſſional, organiſirend, kommuniſtiſch, meſſianiſtiſch, pha⸗ lanſtiniſch, utilitariſch und noch hundert Dinge mehr iſt, die eben ſo barbariſch klingen, würden wir uns an un⸗ ſerm hehren Beruf verſündigen, wenn nicht auch wir unſern beſcheidenen Stein zum Bau des reformatoriſchen, regeneratoriſchen Romans herbeitrügen. Thut doch Jeder, was in ſeinen Kräften ſteht! Und da wir nicht mehr können, haben wir uns die Vertil⸗ gung ſämmtlicher Portiers und ihrer Nachkommenſchaft, dom Greiſe bis zum Wickelkinde, zur Aufgabe gemacht! 'S iſt zwar wenig; aber die Abſicht iſt gut. Ein ander Mal wollen wir auf etwas Beſſeres uns beſinnen! 3 Es war keine Kleinigkeit, den guten Breton für ſich zu gewinnen. Während Romeo nachdachte, fielen ihm die ſchönen Skulpturen im Garten des Hotels ein. So bat er denn um die Erlaubniß, dieſe abzeichnen zu dürfen. Biot, dem unter der rauhen Bruſt das gut⸗ müthigſte Herz von der Welt ſchlug, ſah dem jungen Künſtler endlich durch die Finger.. 3 Nachdem einmal die Bahn gebrochen, verſtand ſich das Uebrige von ſelbſt. Romeo war einer jener Glück⸗ lichen, die man auf den erſten Anblick gern hat. Sein offenes, freies Geſicht, ſein heiteres Weſen gewann Je⸗ den, ſo auch unſern guten Biot. 7 115 Dazu kam, daß Romeo den Bretonen an ſeiner ſchwachen Seite zu faſſen gewußt hatte. Dieſer hielt ſich naͤmlich für den geſchickteſten Drahtflechter in ganz Frankreich und Navarra. Romeo lobte nicht nur ſeine Arbeiten, ſondern gab ihm auch allerhand Aufträge. Jetzt begreift der Leſer, woher jener Reichthum an Gitterwerk, der ſich überall in der Nähe von Romeo's Wohnung dem Auge des Beſchauers aufdrang. Den jungen Bildhauer ärgerte Nichts, als daß ihm zuletzt kein Ort zum Vergittern mehr übrig blie. So hatte ſich denn Biot, welcher dem Geſchmack des jungen Bildhauers alle Gerechtigkeit und allen Dank widerfahren ließ, nach und nach an die Beſuche deſſel⸗ ben gewöhnt. Ein Wort gibt das andere, unbeſchadet aller Verſchwiegenheit. Endlich wußte er ſo viel, daß die Bewohner des rechten Flügels eine vom Gipfel der Größe in den Abgrund des Unglücks verſtoßene Familie ſei. Der Name blieb ihm ein Geheimniß.... Eine Stunde verfloß nach der andern und noch immer keine Nachricht von oder über Gaſton. Biot ſaß traurig vor ſeiner Arbeit und ſtarrte auf den Boden. Gegen Abend wurde plötzlich laut an das Wagen⸗ thor des Hotels geklopft. Biot fuhr zuſammen und zog das Seil. Durch die halb geöffnete Thüre ſtürzte Ro⸗ meo athemlos herein und ſank ermattet auf eine Bank in der Loge des Hauswarts nieder. „Was wird ſie von mir denken, die Arme,“ rief Romeo außer Athem; naber's iſt nicht meine Schuld, wenn ich erſt jetzt komme. Ich will ſie nicht ſehen, weil ich verſprach, ihr den Bruder mitzubringen.“ „Unſern Herrn?“ fragte Biot leiſe, ihn verwundert anſehend.„Wo iſt er? Sagen Sie mir nicht..„ Und damit ergriff er ihn bei der Schulter und ſchüttelte ihn. „Sagen Sie mir nicht.... daß er... todt iſt,“ fuhr er mit dumpfer Stimme fort. 116 „Er lebt!“ rief Romeo....„Seine Wunde iſt unbedeutend!....“ vernarbt... Aber.... „Aber?“ ſiel Biot haſtig ein. „Wüßten wir nur, wo er iſt.... Sie haben ihn uns entführt?“ „We 12 „Der Marquis Gaſton von Malllepré. „Marquis... Gaſton.... von Malllepré,“ ſtot⸗ terte Biot, erſchreckt zurückbebend und mit der Hand über die Stirn fahrend.„Hab ich recht gehört...“ „Ganz recht.... Kennen Sie ihn?“ „Ja.... nein.... ich weiß es ſelbſt nicht ſagte Biot und lehnte ſich gegen die Mauer der Loge.„Der Kopf ſchwindelt mir, Herr Romeo.... denn es muß heraus, aber der Marquis, den Sie nannten, der iſt unſer Herr, unſer Sohn. Gewiß meinen Sie den Herzog..“ 3 „Nein, nein! Den Marquis....“ „Nen alten Mann?“ 4 „Nen blutjungen, Herr Biot...“ „O Gott,“ rief Biot in tiefem Schmerz,„laß mir mein Bischen Verſtand, damit ich ihnen dienen kann, ſo lange ſie mich brauchen. Iſt Ein Diener zu viel für ſie, die ſo viele hatten?“ 6 „Tröſten Sie ſich, guter Herr Biot,“ ſagte Romeo, gerührt.„Ihr Herr lebt und das iſt die Hauptſache. Wie leicht hätte er im Duell...“ „O, ich weiß es, ich kenne ſeinen Muth. Er iſt ſeiner Väter würdig, vom Kopf bis zum Fuß. Nicht, wahr, er hat ſich brav gewehrt?“ „Das hat er, auf mein Wort! Aber vergeſſen 117 wir die arme Schweſter nicht, die mit Schmerzen auf uns wartet... Ich weiß, wo der Marquis wohnt, ich komme eben daher...Es hieß, er ſei den ganzen Tag aus geweſen Aber Geduld, er ſoll mir nicht entgehen, guter Herr Biot.... ich will und muß Gaſton auffin⸗ den; er iſt ſo gut mein Freund, wie er Ihr Sohn iſt. Das verſpreche, das ſchwöre ich Ihnen.“ 2„Gott ſegne Sie und Ihr Bemühen!“ flüſterte der reton. „Aber jetzt geſchwind! Gehen Sie zu Mamſell Sancta und tröſten Sie ſie... Sagen Sie ihr, daß ich da bin.... nennen Sie ihr meinen Namen.... Sie weiß, daß ich ihren Bruder liebe.“ zi Wi. der Blitz ſprang der ehrliche Alte die Treppe inauf. „S iſt ein gut Zeichen,“ ſagte Biot zu ſich ſelbſt, „daß mein junger Herr in ſeinem Unglück einen Freund gefunden hat!“ Oben auf der Treppe angelangt, blieb er plötz⸗ lich ſtehen. „Was ſoll ich ihr ſagen?“ fragte er ſich. Das war eine peinliche Minute für den Greis, der Nichts von Lügen wußte. Aber die kindliche Liebe zu ſeiner Herrſchaft gab ſeinem trägen Geiſte Flügel und er half ſich geſchickter, als viele Andere von ſchnellerer Faſſungskraft ſich benommen hätten. Mit lachendem Geſichte trat er ins Zimmer ein, wo er Sancta bleich und verweint im Bette liegen und Mignonne an ihrer Seite fand. „Gute Nachricht, Fräulein Sancta!“ rief er ihr zu. „Iſt Gaſton da?“ fragte ſie mit freudeverklärtem Antlitz und richtete ſich ſchnell empor. „Geduld, gnädiges Fräulein! So ſchnell geht's nicht... Aber Herr Romeo.... Sie wiſſen wohl, er liebt unſern Herrn.... der iſt unten.“ „Romeo?“ wiederholte ſie erröthend.„Ja, ich weiß, 118 daß er Gaſton liebt.. Aber Gaſton, Gaſton.... wo iſt er? Geſchwind, wo iſt er?“ „Wo er iſt? Glauben das gnädige Fräulein denn, man ſchlägt ſich, ohne.. „Verwundet?“ riefen beide Mädchen wie aus Einem Halſe. Sancta fiel rücklings auſ's Bett. 4„Nun, nun, gnädiges Fräulein,“ tröſtete Biot,„ſo ſchlimm iſt's nicht. Würd' ich ſonſt geſagt haben: gute Nachricht?“ „Aber wo iſt er? wo iſt er?“ rief Sancta. „Nur zwei oder drei Tage Geduld, Fräulein. Wenn man ihn jetzt fortſchaffte, könnte es böſer werden. 4 „Er hat Recht,“ fiel Mignonne ein;„der Dragon hätte faſt ſein Bein in Algier laſſen müſſen, weil er nicht ſtill liegen wollte im Hoſpital.“ „So will ich ihn ſehen. Wenn er nicht zu mir kann, will ich zu ihm.“ „ Nichts natürlicher, Fräulein,“ ſagte Biot, mit deſſen Faſſung es nahezu aus war.„Aber erſt muß Herr Romeo da ſein.“ „So weißt Du nicht, wo er iſt?“ fragte Sancta ungeſtüm. „Sehen Sie nur, gnädiges Fräulein,“ ſtotterte der alte Bretone verlegen.„Ich fürchtete, was Schlimmeres hören zu müſſen, und wagte daher nicht, ihn zu fragen.. Sancta trocknete ſich die Thränen und ſah erſt Biot, dann Mignonne an. „Sie waren ſo gut gegen mich, liebe Mamſell.... liebe Freundin, wollt' ich ſagen....“ ſprach ſie, Mig⸗ nonne die Hand drückend.„Ohne Sie hätt' ich dieſe Qualen faſt nicht ausgehalten. Aber jetzt muß ich mit dem einzigen Diener unſerer Familie unter vier Augen reden. Würden Sie....“ Ehe Sancta ausreden konnte, lag Mignonne in ihrem Arm und küßte ſie auf die Stirn. 119 „Nur unter der Bedingung,“ rief ſie halb ſcherzhaft, „daß ich wieder kommen darf und ſchon morgen. „Schon morgen!“ antwortete Sancta unter Thrä⸗ nen lächelnd.„Gott befohlen!“ Mit einem Sprunge war Mignonne zur Thüre hinaus. Gerührt ſah Biot ihr nach, denn Alle waren ihm theuer, die am Schickſale der Familie Maillepré Antheil nahmen. Nach kurzem Beſinnen brach Sancta das Schwei⸗ „Biot,“ ſagte ſie und legte ihre zarten Hände auf die breiten Schultern des Bauern, ihn feſt anſehend, „ich will Alles wiſſen.... verſchweig mir Nichts....“ „Gnädiges Fräulein...“ hub der Bauer an. „Biot, täuſche mich nicht,“ fiel ihm Sancta in's Wort.„Wo iſt Gaſton? Hat Gott die letzte Hoffnung uns geraubt?“ „Wenn der Herrgott das gethan hätte,“ rief Biot, nur mit Mühe das Schluchzen niederkämpfend;„wenn unſer junger Herr jetzt da oben wäre bei ſeinem ſeligen Herrn Papa und ſeiner ſeligen Frau Mama und bei Allen, die ich liebe, ehre und beweine. Er mußte vor Rührung einhalten. „Wenn unſer junger Herr,“ hub er nach einer Weile von Neuem an,„das liebe, gute Kind.... der Letzte der Maillepré.... großer Gott! der Letzte! 1.... wenn der todt wäre, dann weiß ich nicht, ob der alte Jean⸗Marie Kraft hätte, das zu überleben.... Liebes, gnädiges Fräulein, Sie ſind ſeine Tochter und ſeine Schweſter, und Gott weiß, daß ich Sie mehr liebe, als mich ſelbſt, aber auf ihm, auf ihm beruhet alle unſere Hoffnung.... So lange er lebt, kann der Stamm der haüllenre noch wieder aufblühen, aber wenn er todt Biot hielt ein, faltete die ſchwieligen, rauhen Hände und hub die feuchten Augen gen Himmel, während Sancta ihn getröſtet anhörte. 120 „Aber nein, Du beſchützeſt ſie, Herr mein Gott,“ rief er wie in Extaſe aus;„Du beſchuͤtzeſt die, welche vom Blut Deiner Diener ſind! Du wachſt ob den Söh⸗ nen Deiner Krieger!... Nein! Maillepré iſt nicht todt, kann nicht todt ſein... Seine Väter, die Heilige im Himmel ſind, wachen über ſeine jungen Jahre... Mag auch ein Aſt nach dem andern abfallen, der Stamm. bleibt... Maillepré ſtirbt nicht!?..... Inzwiſchen wartete Romeo in der Loge auf die Rückkehr Jean⸗Marie Biots, um zu hören, wie es Sancta gehe. Plötzlich wurde leiſe an das Wagenthor geklopft. Als Nomeo das Seil gezogen, ſchlich auf den Zehen⸗ ſpitzen ein Mann herein, in dem der Leſer auf den erſten Blick den kuppelnden Sekretär des Herzogs von Com⸗ pans⸗Maillepré erkannt hätte. Er ſah ſich links und rechts vorſichtig im Hof um und ließ für den Nothfall die Thüre halb offen. Offenbar ging Herr Burot auf Kundſchaft aus. Als er kein verdächtiges Anzeichen im Hofe ge⸗ wahrte, ging er geraden Weges auf die Loge zu, öffnete ſie ungenirt und trat wohlgemuth ein. I1. Doppelter Behmerz. Herr Burot war von Kopf bis z1 Fuß ſchwarz gh⸗ kleidet; ſchwarzer Frack, ſchwarze Beinkleider und ſchwarz⸗ atlaßene Weſte. Offenbar wollte er ſich das Anſehen eines ehrlichen Mannes geben, etwa eines Rentiers aus dem Marais, wogegen freilich mehrere ihm inhärente Eigenſchaften — 121 nachdrücklich proteſtirten. Zuerſt dieſer kriechend⸗freche Blick, welcher meilenweit den Schurken erkennen ließ; ſodann der gezierte Gang und die verſchwenderiſch reichen Locken, endlich all die tauſend unbeſchreiblichen, aber ſogleich fühlbaren Eigenheiten in Wort, Benehmen und Lächeln, die den Wirthshausbruder verrathen und wo⸗ von er ſich ebenſo wenig reinigen läßt, als der Mohr von ſeiner dunkeln Farbe. 6 Das Schwarz paßte zu dem ganzen Menſchen nicht. Ueberdieß vermißte man in ſeiner Hand das Billardqueur und in ſeiner Taſche die Pfeife mit dem langen, ſchlanken Mundſpitz. Alles an ihm war aus dem gewohnten Geleiſe. Er glich ſo etwas einem Nachtvogel, der vom Tage über⸗ raſcht wird und ſcheu unter den andern Vögeln herum⸗ flattert, die mit munterem Geſange die liebe Sonne begrüßen. Was ihn aber vor Allem auszeichnete, das war die Stirn, nicht die phyſiſche, ſondern in jenem Sinne des Wortes, wo es gleichviel bedeutet mit frecher Stirn und Unverſchaͤmtheit. Der Unverſchämte iſt immer auch feige, weil er ſich zum Wagſtücke zwingt und ſich den Anſchein von Muth gibt, während er inwendig Todesangſt ausſteht. Ehe Herr Burot das Hotel Maillepré betrat, hatte er weislich alle möglichen Folgen dieſer Recognoseirung für ſeine werthen Hintertheile berechnet. Obgleich Nichts zu fürchten ſchien, weil Zehn gegen Eins zu wetten ſtand, daß Biot ihn nicht wieder erkennen werde, da ſie ſich nur flüchtig im Hotel des Herzogs geſehen hatten, ſo gebrauchte Burot doch die Vorſicht und ließ das Wagen⸗ thor halb offen. Feſten Schrittes und wohlgemuth trat er in die Loge des Schloßwartes ein. Im Dunkel hielt er Romeo, der auf die Rückkunft Biots wartete, für den Thürſteher. „Guten Abend, mein wackerer Freund!“ redete er ihn an.„Hier ſind Zimmer zu vermiethen, nicht wahr?“ 122 „Ich weiß Nichts davon.“ „Leufel,“ dachte Burot,„der iſt noch gröber, als ich fürchtete......„Dieſe Wohnung ſagt mir in jeder Beziehung zu, mein lieber Herr,“ hub er laut an.„Ein Mann, der viel zu Hauſe iſt und arbeitet, hat die Ruhe gern. Ich arbeite den ganzen Tag und lebe in allen Dingen pünktlich, nach dem Glockenſchlage, komme jeden Werktag um acht Uhr Abends und jeden Sonntag um neun Uhr nach Hauſe. Die Herren Portiers können ſich keinen beſſern Kunden wünſchen, wenig Mühe und viel Verdienſt durch mich. Ich hab' oft ein erklecklich Neben⸗ verdienſtchen für ſie....“ Aber Romeo hörte ihn nicht. Der Gedanke an Sancta zwang ihm einen tiefen Seufzer ab. „Der Lümmel der,“ brummte Burot für ſich und ließ ſich halb auf die leere Fußbank nieder,„der ſchweig⸗ ſame, maulhängkoliſche Cerberus der! Und doch muß ich's herauskriegen aus ihm.... He, guter Freund,“ hub er nach einer Weile laut an,„Eure Miethsleute werden keinen übermäßig hohen Zins zahlen, denn es wird kein Gereiß ſein um dieß Quartier, glaub' ich.. Aber wißt Ihr, daß Ihr Euch nicht ſonderlich kümmert um das Beſte Eures Herrn?“. In demſelben Augenblick erhob ſich Romeo, um nach dem längſt erwarteten Biot auszuſchauen. Kaum hatte er den Kopf in die Nähe der Glasſcheiben gebracht, wo es noch ziemlich helle war, ſo erkannte Burot Romeo und fuhr dann wie der Blitz aus ſeiner nachläſſig ſchau⸗ kelnden Stellung auf. Auch Romeo ſchien dieß Geſicht bekannt vorzukommen. Während er nachſann, war der federleichte, ſpinnebeinige Sekretär, der in derlei über⸗ eilten Retiraden eine große Taktik gewonnen hatte, be⸗ reits in dem Fahrwaſſer zwiſchen ihm und der Thüre. Ohne Zweifel gedachte er jenes Abends in der Oper und der gewandten Manipulation, die ihn eine ſchöne Pfeife und zwei geſunde Zähne koſtete. Um ein Haar hätte Nomeo ihn bei der Perücke ge⸗ — — 123 faßt, aber Burot duckte nieder und verſchwand auf dem Vorhofe. 3 „Halt ihn! halt ihn!“ rief er dem die Treppe herab⸗ ſteigenden Biot entgegen. Biot vertrat dem Flüchtling den Weg zur Haupt⸗ thüre, und jetzt wäre es um ihn geſchehen geweſen, wenn er nicht das Wagenthor bloß halb verſchloſſen hätte. Während er, zwiſchen zwei Feuern befindlich, leichen⸗ blaß nach einem Ausgang ſuchte, fiel ihm das ſtarke eichene Thor ein, das er halb offen gelaſſen. Erſt in den Stunden größter Gefahr zeigt ſich die wahre Geiſtes⸗ größe, wie man ſagt. Obgleich über und über zitternd. bewahrte ſich Burot den Adlerblick, welcher das Schickſal von Schlachten entſcheidet. Kaum wandte ſich Biot der Hauptthüre zu, ſo huſchte er wie der Wind an Romeo 2₰ vorüber, riß das mächtige Thor auf und— fort war er, ddie beiden geprellten Häſcher laut auslachend.... „.... — 3 Den Worten des alten Dieners unbedingt ver⸗ trauend, hatte Sancta ihrem bekümmerten Herzen Luft gemacht durch ein glühendes Dankgebet und in dieſem Gebet Troſt und Ruhe gefunden. Aber inzwiſchen war es ganz Nacht geworden, und e wer kennt nicht die Schrecken der Nacht und Einſamkeit für ein gedrücktes Herz? Sie hatte Niemand, der ſie tröſtete und ermuthigte, nicht einmal ihren guten Biot. Um ihre Angſt zu meiſtern, rief ſie den Zauber ſüßer Träume herbei. Sie malte ſich die Rückkehr des geliebten Bruders aus, die Freude des Wiederſehens und das thränenfeuchte Lächeln, das dem erſten Kuß des Willkommens vorausgeht. Und der Gott der Träume erſchien ihr. Sie ſah Gaſton, aber wie? Todesblaß, mit geſchloſſenen Augen, wirren Haaren, röchelnder Bruſt, auf fremdem Lager. Armes Mädchen. 3 124 Und hie und da Spuren von Blut auf den ſchnee⸗ weißen Leinen.. Von Blut, mein Gott... von Gaſtons Blut!... Dabei war ſie ganz allein, das arme Mädchen, allein mit ihrem Schmerz und Kummer in tiefer Nacht. Kein freundliches Wort, kein Schall einer wohlbekannten Stimme, die Schreckbilder ihrer fieberhaft aufgeregten Phantaſie zu bannen! Zum erſten Male im Leben fühlte ſie die Schreck⸗ niſſe der Einſamkeit. Ach, bisher war ſie die verſchlun⸗ genen Wege ihres kurzen Lebens an der befreundeten Hand des Bruders durchwandert.... Aber jetzt, wo mochte er ſein, der theure Bruder? Vielleicht weit entfernt von der bekümmerten Schwe⸗ ſter! Und was mochte er leiden durch die Trennung? Wie ſehnt er ſich nach dem Abendkuſſe, dem ſchönſten 6 Lohn für die Mühen eines langen Tages! Da war ihr, als höre ſie den Bruder ihren Namen rufen, mit ſchwacher, zitternder, veränderter Stimme!... Wie bethört von der Erſcheinung, ſtreckte ſie ſlehend die zarten Arme aus. „Bruder,“ rief ſie,„lieber Bruder, hier bin ich, Deine Sancta!“ Aber Gaſton kam nicht. Er rief fort und fort, mit immer matterer Stimme, und wie ihr däuchte, in einem Tone zärtlichen Vorwurfs.... Sancta ſaß vor ihrem Arbeitstiſchchen, auf dem eine Kerze brannte. Sobald der Wind draußen ver⸗ ſtummte und eine Stille eintrat, hörte man die eintö⸗ nige, todte Stimme des Fräuleins von Maillepré, welche ihrer Großmutter aus der Lebensgeſchichte der Heiligen vorlas, vom Nebenzimmer herüberſchallen. Aber dieſe Stimme blieb ohne die geringſte Wirkung auf Sancta. Es war ſo weit mit der unglücklichen Bertha gekommen, daß ſelbſt ihre Schweſter ſie nicht mehr der Zahl der Lebendigen zuzählte! Bertha's Stimme wirkte auf das Ohr der Schweſter nicht anders, als ein 125 feines, dem Erſterben nahes Geflüſter, etwa wie das Geräuſch des Windes, der mit welken Blättern ſpielt. Bertha taugte zu Nichts mehr in dieſer Welt, als höchſtens zu einer Art veſtaliſchen Prieſterthums im Dienſte eines Kultus, des Kultus der Vergangenheit, von dem unſere Gegenwart Nichts mehr weiß. Sancta, das ſonſt ſo heitere Mädchen, war in dieſer ſchwarzen Stunde kaum von ihrer ältern Schweſter zu unterſcheiden. In ihre angſtvollen Träume verſunken, ſtarrte ſie wie bewußtlos vor ſich hin. Der Anblick dieſes zarten Geſchöpfes, das der Laſt ſeiner Leiden zu erliegen ſchien, hätte Jedem tief in's Herz geſchnitten. Plötzlich ſiel ein Stral von Hoffnung erhellend in die Nacht ihres Kummers; eine leichte Röthe ſtieg aus dem Herzen auf die Wange. Dennoch hätte ſie Euch nicht antworten können, wenn Ihr ſie nach der Urſache dieſes Lichtblickes befragt hättet. Die jungen Mädchen wiſſen oft ſelbſt nicht, was in ihrem Herzen vorgeht; ſie lächeln, erröthen, blicken züchtig und verſchämt nieder, das Herzchen pocht ihnen unter dem keimenden Buſen, aber nur das geübte Auge verſteht dieſe Sprache; die Jungfrau ſelbſt ſtaunt darüber, ohne zu wiſſen, warum. Wenn erſt dieſe Symtome ſie erſchrecken, dann iſt ihr Fall nahe. Vorſicht iſt nur eine Tugend dieſer Welt; Unſchuld aber der Zauber der Engel. Woher, fragt Ihr, dieſer tröſtliche Hoffnungsſtral? Sie gedachte des ſchützenden Armes, der über ihren Bruder wachte. Hatte nicht Romeo verſichert, Gaſton lebe noch und ſei gerettet.— Und konnte Romeo lügen? Aber ſo ſchnell, wie er gekommen, dieſer Hoffnungs⸗ ſtral, ſo ſchnell verflog er wieder. Wenn die Kraft des Wundbalſams ſich verzehrt hat, dann erwachen die Schmerzen auf's Neue und um ſo ſtärker. Die Schrecken der Einſamkeit ſtießen das jugendliche Gemüth in die alte Nacht zurück... Das Bild des ſchützenden Genius umſchleierte ſich, denn Romeo's Platz in ihrem Herzen war noch nicht groß genug, oder, wenn ſie ihn ſchon 126 liebte, fehlte ihr doch jene Ruhe, welcher die junge Liebe zum Wachsthum bedarf..... Wer hört im Geheul des Sturmes die zarten Klänge der Leier? Nomeo!s Bild verſchwand immer mehr vor dem Bilde des tödtlich getroffenen, aus vielen Wunden blu⸗ tenden Bruders. Je länger der Seelenkampf dauerte, um ſo ſchwãä⸗ cher wurde ſie. Endlich konnte ſie nicht einmal mehr beten. Ihr Haupt neigte ſich auf die Bruſt und ſie ſchluchzte krampfhaft, ohne daß Thränen ihr Auge netzten und Klagen ihr gequältes Herz erleichterten..... Allmälig ſank ſie dem Schlafe in die Arme. Noch⸗ mals erſchien ihr Gaſton, aber wie verändert? Stralend in Jugendkraft und Geſundheit, mit lä⸗ chelnden Lippen, wandelte er am Arme Romeo's auf einem Pfade, der mit grünen Zweigen und wunder⸗ ſchönen Blumen beſtreut und vom milden, warmen Licht des Himmels umfloſſen war. Beide ſahen ſich zärtlich liebend an und nannten ſich Brüder, weil Sancta, einen Kranz von jungen Orangeblüthen und darüber den langen Brautſchleier im Haare, ſie zu Geſchwiſtern fragte ſich Sancta. Aber auch dieſe Träume ſind Schaäͤume und furcht⸗ bar iſt das Erwachen aus ihnen zur Wirklichkeit. Verwirrt und betrübt fuhr Sancta empor und blickte ſich ſcheu in der Nacht um. War auch der Traum von Glück eine Lüge, ſo doch die Erſchreckniß des Er⸗ wachens nicht weniger; ſie hatte weder Grund zum Hoffen noch z1 Verzweifeln.... 3 Das arme Mädchen ſtand von ſeinem Sitze auf, ergriff die Kerze und ſchwankte dem Zimmer des Bru⸗ ders zu. 127 Hier war Alles öde, verlaſſen, traurig, todt. Es war Sancta, als ſchnüre dieſer Anblick ihr das Herz zu. Ja die trügeriſchen Freuden der Einbildung, welche die Verzweiflung in kurzen Schlaf lullen, ſind tauſendmal grauſamer, als die Verzweiflung ſelbſt.... Dieß leere Bett, der blaue Kittel, die groben Beinkleider, die an der Wand hingen, dieß Alles raubte ihr den Reſt von Kraft. Ihre Kniee zitterten und ſie ſank am Fuße des Bettes zuſammen, das Haupt mit der Decke verhüllend. Es war gegen Mitternacht. Todesſtille umgab ſie; Bertha hatte längſt aufgehört vorzuleſen und gewiß ruhte die Herzogin⸗Wittwe ſchon in den Armen des Schlafes. Nur Bertha wachte noch. Wenige Minuten nach Sancta's Fall öffnete ſich leiſe die Thuͤre und die ältere Schweſter erſchien auf der Schwelle, den Namen der jüngern rufend. Als ſie keine Antwort erhielt, ging ſie auf Sancta's Bett zu. Wie verändert war Bertha ſeit zwei Tagen! Auch der letzte Funken von Leben war in ihrem Auge erlo⸗ ſchen. Ihr Antlitz, unlängſt noch ſo kalt und weiß, zeugte von tiefem Seelenleiden. Als ſte das Bett leer fand, ſchwa ſie dem Zim⸗ mer des Bruders zu und rief in daſſelbe hinein mit ge⸗ ſpenſtiſchem Tone! „Schweſter, liebe Schweſter!“ Alles todtenſtill. Bertha erhob die Kerze, da er⸗ kannte ſie Sancta, wie ſie vor dem Bette kniete und das Antlitz in den Falten deſſelben verbarg. Sie ſchrack zuſammen und mußte ſich an der Thüre halten, um nicht umzufallen. „Sie beweint ihn!“ liſpelte ſie gei aft. Keine Thräne löſchte die Glut ihrer Augen. rme Mäd⸗ chen hatte ihren Vorrath an Zähren kangſt erſchöpft und ſie war ihrer Verlaſſenheit auf Erden ſowohl be⸗ 128 wußt, daß ſie nicht einmal zur Schweſter zu ſprechen wagte:„Laß uns zuſammen weinen....“ Sie wußte nur zu gut, wie allein und verlaſſen ſie in dieſem Leben daſtehe. Es ſchien, als ſeufze ſie zwi⸗ ſchen unſichtbaren Mauern in drüͤckender Gefangenſchaft. Schon vor ihrem Tode war ſie aus der Zahl derer ge⸗ ſtrichen, die leben und ihre Lieben tröſten fönnen. Langſam kehrte ſie der Schweſter den Rücken. Sie war gekommen, Auſfſchluß zu erhalten über Gaſtons Schickſal. Die Verzweiflung der Schweſter am leeren Bett des Bruders, weſſen bedurfte es mehr? Er konnte nicht mehr unter den Lebenden ſein. Das De profundis leiſe für ſich herſagend, ging ſie in ihre Kammer zurück und ſank vor ihrer Stickerei in den Seſſel zuſammen. 1 „Ach, ich glaubte, Nichts auf Erden könne ich mehr lieben, aber....“ Die Stimme verſagte ihr und ſie preßte die abge⸗ magerte Hand an die klopfende Bruſt. Nach einer Weile nahm ſie Faden und Nadel und verſuchte zu ſticken. Aber die Hand zitterte und die kalten Schweißtropfen traten ihr auf die Stirn. Sie hielt ein, um zu athmen..... Als ſie nochmals verſuchte, fortzuarbeiten, entſiel 129 — Nach einigen Minuten träumeriſchen Nachdenkens ſtand ſie auf und holte aus dem Wandſchrank ein klei⸗ nes Käſtchen hervor, worin eine blonde Haarlocke und eine Rolle Papier lag. Bertha drückte dieſe Locke, das Einzige, was ſie noch von ihrem lieben Kinde hatte, ihr einziger und höchſter Schatz auf Erden, unter heißen Liebkoſungen an ihre welken Lippen. Nachdem ſie ſie mehrmals geküßt, dann wehmüthig lachelnd beſehen, dann wieder geküßt und mit ihren Thränen benetzt hatte, entrollte ſie langſam das Papier, welches die Aufſchrift trug: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Dieß iſt mein Teſtament. Pariſer Liebſch. II. 9 8 . — A 8 — 8 — E 1 1. Die jungfräuliche Mutter. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Dieſes iſt mein Te⸗ ſtament. Das war die Aufſchrift der Heftes, welches Bertha von Maillepré in ihrer Schatulle neben der blonden Locke, jener ſo theuren, ſchmerzlichen und doch ſo tröſt⸗ lichen Reliquie, welche ihren trockenen Augen Thränen lieh und ihr von ihrem Kinde ſprach, eingeſchloſſen hatte. Bertha rollte langſam das Heft auf. „Gaſton hätte es mir bis zu Sancta's Verheiratung beſchützt,“ liſpelte ſie;„denn Sancta wird ſich vermäh⸗ len. Sie wird einige glückliche Tage haben. Möge Gott ihr all das Glück zu Theil werden laſſen, das den Kin⸗ dern von Maillepré verſagt war Nach ihrer Ver⸗ heiratung hätte Sancta meine Trauer mit jenen ſüßen Thränen der Glücklichen beweinen können.... Sie hätte mein Erbe angetreten und die Sorge für das arme, kleine Gräbchen, wo mein Edmund ſchläft, über⸗ Bei dieſem geliebten Namen hielt ſie inne. Ihr Mund flüſterte ihn mit Lauten, die Liebkoſungen glichen. „Aber Gaſton iſt nicht mehr da,“ hob ſie wieder an,„und auch den werde ich wiederſehen.... O ich, die ich mein Herz erkalten ließ, wie Viele werde ich nach meinem Tode zu lieben haben... meinen Vater... 134 meine Mutter... Gaſton.... Aber meinen Sohn kennen ſie nicht.... werden ſie ihn auch lieben 2.. Bertha ſchaute auf den Boden der Schatulle hin, wo die blonde Haarlocke lag. „O ja!....“ dachte ſie,„ich ſag' ihm dann, er ſolle ſie ſo lieb anlächeln und ihnen die kleinen Arme entgegenſtrecken... ſie werden ihn lieben... Und warum, mein Gott, ſollten ſie ihn zurückſtoßen?.. Im Himmel weiß man im Grunde der Herzen zu leſen. Nur auf dieſer Erde hätte man mich für ſtrafbar hal⸗ ten können....“ Sie unterbrach ſich wieder und ſchien zu träumen. Dann fuhr ſie fort: „Cs war der Letzte!... Maillepré iſt todt. Unſers Väter hat Gott einſt mit Kraft ausgeſtattet.... aber ihrer Kinder Antheil war Elend und Schwäche... Der ritterliche Name mußte wohl früher oder ſpäter erlöſchen.... Was that Maillepré ohne Ruhm hie⸗ nieden 2....“ Bertha ſaß da, den Kopf zur Bruſt geneigt, aber aus der ſtolzen Bitterkeit ihres Halblächelns ſprach den⸗ noch etwas Hochmüthiges. Zwiſchen ihren niedergeſchla⸗ genen Augenlidern ſtahl ſich ein lebhafter Glanz hervor. „Armes Mädchen!....“ murmelte ſie mitleidig; unſerer Voreltern.... und als Grab wird Gaſton, das Haupt, nur eine Handvoll Erde mit einem hölzernen Kreuze haben, und keine Herzogskrone über dem hun⸗ dertjährigen Wappenſchild wird darauf zu ſchauen ſein . Ach!... Gott hat uns Vieles zu vergelten in jener Welt!....“ 4 4 Dieß Wort, welches in einem andern Munde eit kühne Läſterung geweſen wäre, floß aus vollſter Ueb Sie hatte ſo v 13⁵ „Aber Blumen muß er haben, mein Edmund!“ ſege ſie nach einigem Schweigen;„Charlotte.... ich kenne e nicht mehr!.... Sie liebte uns nicht.... Sancta.. o! wie würde ſie meinen Edmund lieben!... Aber ihre Armes, kleines Kreuz, das Niemand mehr bekränzen wird!.... Das Gras wird es überwuchern.... man wird Nichts mehr davon ſehen...“ „Bertha ſchauderte zuſammen. „Nichts!“ wiederholte ſie,„von ſo viel Liebe!.... ſo viel Thränen!.... ſo viel Glück!...... . Bertha war vor Ermattung hingeſunken. Dieſe Nachtwache hatte ihre Kräfte vollends erſchöpft. Gleich⸗ wohl kam ihr nicht in den Sinn, auf dem neben dem Bette der alten Dame für ſie bereiteten Lager zu ſchlafen. Bertha fühlte den Tod heranſchweben. Ihr Leben erloſch langſam, ſchon längſt war ſie ſich ihrer nahenden Auflöſung bewußt und kalt zählte ſie jeden Schritt, der ſie dem Grabe näher brachte.. Sie war eine arme Blume, die der Thau des Him⸗ mels nie erquickt. Verwelkt ſtarb ſie nun vor der Zeit hin. Und wie die verſengte Blume noch ihre letzten ſchwachen Düfte in die Nachtluft aushaucht, ſo ſtrömte ſie eine leiſe Klage, einen erſtickten Schrei der Liebe, einen letz⸗ ten Ausfluß ihrer ergebenen Seele in die Einſamkeit aus. Sie wollte dieſe Nacht nicht ruhen, weil ſie jene Sei⸗ ten, die ſie in Stunden der Schlafloſigkeit geſchrieben, zu hinterlaſſen wünſchte. Dieſe Seiten waren ihr Leben und ihr Geheimniß. Ihr Geheimniß, das Niemand kannte, wollte nun Bertha für einige Thränen, für einige Blumen geben, welche das kleine Gräbchen, auf dem wir ſie knien und beten ſahen, erhalten ſollte.... Sie ſing an, das Heft zu durchblättern. Es war 7 136 eine letzte Ueberleſung. Sie wollte nachſehen, ob Nichts mehr auszuſtreichen, Nichts mehr hinzuzufügen wäre... Am Anfange dieſer Blätter waren viele Worte von⸗ Thränen ausgewiſcht, aber je weiter man kam, deſto ſiche⸗ rer ſah man die Feder werden... Das Auge war ohne Zweifel trocken geworden. Es lautete: „Das kleine Kreuz iſt ſchwarz. Es trägt den Na⸗ men: Edmund. „Unter dieſen Namen ließ ich nicht ſchreiben: Bittet für ihn! denn man bittet nicht für die Engel. 5„Mein Sohn ruht dort unter dem grünen Raſen, Bertha's Sohn. 4 3 „Ich ſchreibe für die, welche mich geliebt haben, für Gaſton, meinen Bruder, das Haupt unſeres Hauſes, welcher das Recht hat, mich zu beurtheilen, für Sancta, meine Schweſter, für die ich bete, ſo oft Gott mir zu beten geſtattet. 5 „Gaſton und Saneta liebten mich ehemals. Jetzt vergeſſen ſie mich. Ich beklage mich nicht. „Ihre gegenſeitige Zärtlichkeit hat mir oft Thrä⸗ nen entlockt, denn ſo gedrückt auch eine Seele ſei, ſie behar noch Anderes, als nur eine Erinnerung zu ieben.... 2 „Allein das Loos, das mir Gott hienieden beſtimmt, war, inmitten meiner Familie allein zu ſtehen und lebend zu ſterben. Der Name Gottes ſei geprieſen. „Ich ſchreibe, damit die, welche mich geliebt, dem Grabe meines Sohnes wieder eine Mutter geben.— „Der Tod erweicht die Herzen, ich weiß nicht warum. Gaſton und Sancta werden an mich denken, wenn ich einſt todt bin. Beweinen ſie mich, o ſo möge es am Fuße des kleinen Kreuzes geſchehen, auf welches ich den Namen meines Sohnes geſchrieben. 4 „So lange Sancta noch Kind iſt, wird mein Bru⸗ der ihr mein Schickſal nicht mittheilen. Er wird ſie 1 4 137 nur einmal zum kleinen Gräbchen führen und Sancta wird es mit Blumen ſchmücken. „Ich bin ein armes Weib und habe viel gelitten. Mein Bruder, meine Schweſter, thut das für mich.... „.... Wir wohnten in der Straße Vaugirard. Un⸗ ſere gute Mutter lag auf dem Bette, von dem ſie nicht mehr erſtehen ſollte. Biot war auf ſeinem Lager vom Fieber geſchüttelt. Gaſton litt an jener langen, ſchreck⸗ bchen Krankheit, die unſer Leid beinahe verdoppelt Kitte.... „Charlotte und Sancta wußten noch nicht zu arbeiten. 3 „Ich beſorgte damals ſchon die Frau Herzogin, un⸗ ſere ehrwürdige Großmutter. „Eines Tages fehlte das Brod. Gaſton hatte Hun⸗ ger. Meine Frau Großmutter befahl, das Mittageſſen aufzutragen.. „Sancta und Charlotte weinten.. „Sie müſſen ſich des Tages erinnern.* „Es war uns nicht, wie jetzt, möglich, die Frau Herzogin mit einem ſcheinbaren Lurus und Wohlſtand 8 zu umgeben; nichts deſto weniger ſah ſie unſer Elend nicht ſo gut, wie ehemals, in dem einzigen Zimmer bei Herrn Polype im Palais⸗Royal, wo wir Alle gedrängt bei einander wohnten. Ihr Zuſtand immerwährenden Stumpfſeins und ihre Gedankenloſigkeit waren uns über⸗ dieß bei der Täuſchung behülflich. Sie ahnte unſere hülfloſe Lage und unſere Noth nicht.... „Aber an jenem Tage hatten wir Nichts mehr. Unſere gute Mutter verlangte vergeblich einen Tropfen jenes Getränkes, das ihre glühende Kehle erquickte.... „Ich ging zur Frau Herzogin hin. Mein Herz Llhitir, denn ich glaubte, ihr den Todesſtreich zu ver⸗ etzen....— „Ich ſagte zu ihr: Frau Großmutter, Ihre Kinder haben kein Brod. „Sie ſaß auf ihrem hohen Lehnſtuhl von gefloch⸗ 138 tenem Stroh. Ich ſehe ihren glanzloſen, ſtarren Blick noch langſam auf mich ſich heften und wie eine bleierne Laſt auf meine Augenlider ſinken, die ich niederſchlu. „ Und was kann ich dafür, mein Schätzchen?“ fragte ſie trocken. „Ich ſtammelte:„Frau Großmutter, ich weiß wohl, daß es an uns iſt, für Sie zu ſorgen, und daß Sie uns Nichts ſchulden, aber....“ 5 „Zur Sprache, Fräulein von Maillepré!“ unterbrach ſie mich mit ihrer dürren und gebieteriſchen Stimme. „Ich wagte nicht weiter zu ſprechen.... „Und doch rief Gaſton im anſtoßenden Zimmer Sancta und ſagte zu ihr:„Ich habe Hunger.“ „Und Sancta ſchluchzte, das arme Maͤdchen. „Das Alles hörte ich. 5 „Auf einem Leuchterſtuhl neben der Frau Herzogin lag ihre goldene emaillirte Doſe, in deren Innern ſich das Bild befindet, deſſen Original Keines von uns ge⸗ kannt hat; das war Alles, was von dem Erbgut der Maillepré übrig blieb. 3. „Lüſternen Blickes betrachtete ich ſie, denn ihr Gold konnte unſere Mutter und Gaſton retten; ſie konnte Jean⸗Marie Biot, unſerem Schützer und Helfer, Zeit zur Wiederherſtellung gewähren. Sie konnte uns zum Heile werden. 3 „Ich faßte Muth und hob wieder an: „Frau Großmutter, dieſe Doſe, die Ihnen unnütz iſt, könnte uns das Leben friſten....“ „Mit einer haſtigen Bewegung ſchlägt die Frau Herzogin ihre Hand über die Doſe, die unter ihrem ſei⸗ denen Kleide verſchwindet. 6 „Sie ſchaut mich mit mißtrauiſchem, zornigem Blicke an. 3 3 „Steht es ſo, mein Schätzchen?“ ſagte ſie, ihr weißes Haupt ſchüttelnd,„könnt Ihr meinen Tod nicht erwar⸗ ten, um Euch in die Kleinodien der Maillepré zu thei⸗ len. Meine Frau Schwiegertochter, Ihre Mutter möge, 139 „Ich blieb niedergedonnert. „Ich erwartete immer die weinende Sancta. „Zu jener Zeit war ich noch nichts völlig von der Welt abgeſchieden. Ich lebte, wie Ihr lebtet. Man ſprach zu mir, wie zu einem lebendigen Weſen.“ „Im untern Stockwerke des Hauſes lebte ein Mann, deſſen Ruf der Mildthätigkeit auch bis zu mir gedrungen war. Ich hatte von ſeinen muthvollen Bemühungen zu Gunſten der Armen gehört. Seine Menſchenliebe führte ihn ſogar in die Gefängniſſe, um dort den Leidenden Troſt zu bringen. Biot ſprach oft von ihm, weil er ebenfalls viel von ihm hörte. Biot ſagte mir, daß dieſer großmüthige Mann ſeine Feder den Hülfloſen he und für ſie unermüdlichen Krieg gegen die Reichen ühre.... „Es erfordert nicht ſo viel Muth, mein Bruder, Almoſen zü heiſchen, als die Seinigen leiden zu ſehen.“ „Ich entfernte mich, ohne daß man es bemerkte, und pochte an die Thüre dieſes Mannes. „Seinen Namen verſchweige ich Dir. Zu was Dir das Unglück einer furchtloſen Rache übermachen? „Ich trat ein. Mein Geſicht war in Thränen gebadet. „Unter Schluchzen ſagte ich:„Meine Mutter ſtirbt und wir haben kein Brod! „Der großmüthige Mann nahm mich bei der Hand und führte mich ins Innere ſeiner Gemächer. 140 „Ich folgte ihm ohne Mißtrauen. Er ſchloß alle Thüren hinter uns. „Im letzten Zimmer ließ er mich neben ſich her⸗ ſitzen und ſagte mir, daß ich ſchön ſei. 2 In dieſem Augenblick erwachte eine innere Stimme in mir, die mich zu fliehen mahnte. Das Geſicht dieſes Mannes war mir zuwider und flößte mir Furcht ein. Aber die, welche ich liebte, bedurften meines Muthes ſo ſehr... und dann war das Lob dieſes mitleidigen Mannes, deſſen uneigennützige Feder nur der Armuth diente, ſo oft zu meinen Ohren gedrungen! „Anfangs richtete er väterliche Worie an mich. Er dankte mir, mich an ihn gewandt zu haben. Er hielt lange Reden über Mildthätigkeit und der Zufrie⸗ denheit, die er beim Gutesthun fühle. „Das fand ich Alles ſchön, aber doch hatte ich Furcht, weil ſeine kühnen Blicke mich verſchlangen und er mir immer ſagte, ich ſei ſchön. „Er ergriff meine Hände.„Die welche Sie lie⸗ ben,“ ſagte er,„werden künftig Brod haben, meine Tochter. Ich bin nicht reich. Ich lomme eben aus den Gefängniſſen, wohin meine Bemühungen zu Gunſten der Unglücklichen mich geführt haben. Aber Keiner iſt ſo arm, daß er nicht die erflehte Gabe finden ſolle... Sie haben wohl gethan zu mir zu kommen! meine Tochter.... „Ich erinnere mich dieſer Worte, weil ſie mir das Herz erwärmten. Ich ſchämte mich, Zweifel in einen ſo guten Mann geſetzt zu haben. „Mein Bruder, meine Schweſter, was auch folgen wird, es iſt lauter Wahrheit! „Der großmüthige Schriftſteller machte eine Bewe⸗ gung. Ich glaubte, er wolle aufſtehen, um die verheißene Unterſtutzung herbeizuholen, ich war unruhig, denn Ihr erwartetet mich und mir war, als hörte ich Eure Kla⸗ gen über mir. „Ich fühlte durch einen rohen Druck meine 141 Arme an die Hüften gepreßt. Ich ſtieß einen Schrei aus.. „Einen einzigen Schrei, denn ein ſchändlicher Mund drückte ſich wie ein dicker Knebel auf den meinigen. „Damals war ich noch ſtark. Ich rang mit ihm. Gott hat uns Frauen mit einem Vorahnen der Gefahr begabt. Ich wußte gar Nichts und in dieſem ſchreck⸗ lichen Augenblick, der meinem Fall voran ging, wurde mir Alles klar. „Der Elende wurde müde, brüllte. Sein rothes Geſicht erdrückte das meine, ſein brennender Athem er⸗ ſtickte mich. „Ich wiederſtand immer. „Er röchelte beſiegt. Seine roihunterlaufenen Augen traten aus ihren Höhlen. 3„Er fiel auf die Kniee.... Ich glaubte mich ge⸗ rettet. „Aber er ſtand wieder auf, ſchäumend und läſternd. Seine geballte Fauſt ſchlug dreimal auf meine Bruſt. Der Tod zog an meinen Augen vorüber. „Mein Bruder, ich habe dieſem Manne längſt vergeben und täglich bete ich für ihn. 8 „.... Vierzehn Tage lang rang ich mit dem Tode. Ihr könnt es nicht vergeſſen haben. Ich fand weder Sprache noch Gedanken... „Als ich aufwachte, ſtandet Ihr alle um mein Bette. Meine Mutter war todt. „Mein Gott! bin ich alſo ſtrafbar? Ich kannte nicht einmal mein Unglück! 1 „Dennoch drückte mich eine unbeſtimmte Traurigkeit. Ich wußte nicht, was ich fürchtete, aber während der Schlafloſigkeit meiner Nächte litt ich heftige Qualen. Ich wünſchte allein zu ſein, und ſobalb ich allein war, briich gerne Geräuſch, Bewegung, Leben um mich gehabt. „Zu jener Zeit weihtet Ihr mir noch Eure Theil⸗ nahme, mein Bruder, meine Schweſter. Oft ſuchtet Ihr 3 zen. Ich fühlte Etwas in meinem Schooße ſich bewe⸗ die Urſache meines Unbehagens zu errathen. Die arme Sancta überſchüttete mich mit Liebkoſungen, Charlotte in ihrer lebhaften, kindlichen Munterkeit wollte mich ausfragen. Konnte ich antworten? Ich erinnerte mich eines furchtbaren Kampfes, der mit einem faſt tödtlichen. Schlage endete. Das iſt Alles. Bei meiner Seligkeit, das iſt Alles. „Beſitzen wir zweierlei Gedächtniß, eines der Ver⸗ nunft, eines des Inſtinktes? Ich erinnerte mich nur eines Ueberfalls und doch klagte ich meinen Mörder nicht an. „Eine eigene Scham ließ mich dieſen Namen nie ausſprechen. Ich habe ihn nie ausgeſprochen. Warum? „Er blieb im Hauſe, den Ruf eines großmüthigen Mannes hehaltend. Nach ſeinem Verbrechen blieb er noch länger als einen Monat daſelbſt, als ob er errathen, daß er von mir Nichts zu fürchten hatte. Dann reiste er ab. Nie habe ich ihn wieder geſehen. Gott ſchenke ihm Reue und Verzeihung! „Ich genas langſam und Eurer zärtlichen Fragen müde, gefiel es mir, bei der Frau Herzogin allein zu bleiben. Nicht nur eine wahre tiefe Verehrung, ſondern auch die Ruhe, die ich in ihrer Nähe fand, hielt mich an ihrer Seite. Wenn ich weinte, ſo ſah ſie mich nicht, wenn ich ſeufzte, ſo hörte ſie mich nicht. „Ich glaube, in ihrem Geiſte bin ich nie über das Alter der Kindheit hinaus zum reifern Verſtandesalter gekommen. Sie hat mich nie über Etwas gefragt. Und doch litt ich ſo ſehr unter ihren Augen! „Monate ſchwanden dahin. „In einer Nacht erwachte ich an ſonderbaren Schmer⸗ gen. Ich horchte betroffen über das unbekannte Regen und Leben in mir, ich lauſchte dem Pochen in meinen Eingeweiden. „Ol wer Anders, als Gott konnte einen Strahl himmliſcher Freude in das Herz des armen Mädchens, das Mutter werden ſollte, herabſenken? 3 143 „Welche Stimme, wenn nicht die ſeinige, erklärte ſtrömte mich. Ich faltete die Hände und betete. „Ich betete für mein Kind, deſſen Kommen ein zärtliches Entzücken mir verkündete. Ich war Mutter, ich fühlte, ich wußte es. „Mutter! Es war eine Nacht voll ſüßer Hoffnungen, voll ngeriſcher Zärtlichkeiten, voll glühender Erhebung zu Gott. „Mein Kind! o wie ſehr liebt ich es ſchon l.... „Es war eine Nacht voll quälender Ungewißheiten, voll bittrer Befürchtungen, voll ſchrecklichen Leides! 1„Ich war Mutter! und ich war Fräulein von Mail⸗ epré.... „In unſerer Kindheit, Gaſton, ſagte unſere gute Mutter, daß wir uns Beide von Gemüth wie von An⸗ geſicht glichen, beide ſeien wir ſanft, aber ſtolz. „Das iſt ganz wahr! Indem uns Gott das Beſitzthum unſerer Väter nahm, ließ er uns den Stolz unſerer Abſtammung. „Für Dich, mein Bruder, deſto beſſer. Bei dem Manne iſt der Stolz ein Geſchenk des Schöpfers. Bei Dir iſt der Stolz Tapferkeit, iſt er Tugend... „Aber bei mirl wohin hat ſich in meinen verletzten Adern das edle Blut der Maillepré verirrt? „Ich weiß es wohl. Rein ſein iſt nicht hinreichend bei den Töchtern unſerer Ahnen. Es iſt verboten zu fallen, ſelbſt durch ein Mißgeſchick. Auch ein unver⸗ ſchuldeter Flecken verdunkelt den Glanz des Wappen⸗ ſchildes. Unglück beſudelt beinahe eben ſo ſehr als Ver⸗ brechen. Nur das Kloſter, nicht wahr, blieb noch dem entehrten Fräulein von Maillepré? „Wohlan denn, mein Bruder, ich habe mich gerich⸗ tet. Ich habe mich verdammt. Ich habe eine ſtrenge 1 144 Schranke zwiſchen das Leben und meine Jugend gezo⸗ gen. Gibt es ein Kloſter, das den Freuden der Außen⸗ welt mehr verſchloſſen, das ſtiller, einſamer wäre, als mein Gefängniß? „Gott, der mir eine fromme Verehrung für unſre Frau Großmutter ins Herz legte, verlieh dem armen ge⸗ fallenen Mädchen, in ſeiner Zurückgezogenheit ohne Mur⸗ ren zu leben. 4 „..Ich blieb in unbeſtimmten Erwartungen, die mit Ungeduld und Entſetzen vermiſcht waren. In gänzlicher Unwiſſenheit konnte ich die Scenen jenes Schmerzensdrama's, wo das Weib ſeinen Odem theilt und ein lebendiges Weſen ſich von ihm ablöst, weder ahnen noch vorausſehen. 4 „Ich traf keine Vorbereitungen, nahm keine Vor⸗ ſichtsmaßregeln. Ich ſetzte einen unbegränzten Glauben in Gott: Gott kannte meine Unſchuld. „Soll ich es ſagen?.. ich hatte einen thörichten gottesläſterlichen Gedanken!... ich verglich mich mit der jungfräulichen Mutter Gottes, zu welcher ich jeden Tag mein brünſtiges Flehen imporſandte. Ich ſollte in meinem tiefſten Elende, wie ſie in göttlicher Glorie ein Kind gebären, ich, die ich kaum ins jungfräuliche Alter . getreten, ich, in deren Herz der Name eines Mannes keinen Wiederhall gefundeu. -„Ich bat Dich um Verzeihung, heilige Maria! Ich weinte, meine dunkle Schande neben die erhabenen Myſterien Deiner Empfängniß zu ſtellen mich erkühnt zu haben. Aber mein Kind, aber mein Jeſus ſollte 3 eboren werden, und ich hatte nicht einmal eine Krippe, gicht eine Windel, um es zu erwärmen. 3 Gütige Mutter Gottes! Du haſt mir verziehen. Du erbarmſt Dich der Mütter. „Ich hoffte auf Dich. Nachdem ich gebetet, ſah ich Dich mit göttlichem Lächeln zu mir, dem armen Mädchen herabneigen und mit Deiner Hand dem Sohne Gottes, bei dem Du Fürbitte einlegſt, mein Leiden zeigen. ——— 145 „.*.. Alles ſchlief in unſerm Hauſe. Ein dünner Verſchlag trennte mich von Dir, mein Bruder, von Sancta und Charlotte. Mein Bett ſtieß an das Bett der Frau Herzogin, unſrer Großmutter. „Ich wand mich in tödtlichen Schmerzen. „Ich litt, o, ich litt... Wie Meſſer wühlte es mir in den Eingeweiden. Kalter Schweiß überlief meinen Körper. Mein Herz brach. Mein Kopf wollte vor Schwere zerſpringen. „Meine Leintuͤcher, die ich in wildem Schmerz mir in ben Mund drückte, ließen mein Wimmern nicht laut werden. „Die hellen Glockentöne von Notre⸗Dame⸗des⸗Champs läuteten die Frühmette. 3 „Ich verſuchte zu beten. Aber wie ſchwer wird uns dies Gebet in den Stunden der Marter! „Ich glaubte, ſterben zu müſſen. „Meine Frau Großmutter lag in tiefem Schlafe. Sie hatte jenen geräuſchvollen Schlummer, welcher ſich in unabläßigen ruhigem und ſtarkem Athemholen kund gibt.... „Es war ganz wie jetzt, da ich dieſe Zeilen ſchreibe. Das Leben meiner Frau Großmutter muß ein ſchönes und chriſtliches geweſen ſein, denn ihr Alter iſt Ruhe. „Nichts ſtört die Ruhe ihrer Tage, kein Traum verſcheucht die Ruhe ihrer Nächte. „Sie wird noch lange leben. Ihr werdet mich bei ihr erſetzen. „In dieſem Augenblick der unſäglichen Qualen ſchien dieſes Wohlſein in meiner Nähe meinem Leiden Hohn zu ſprechen. Ich beneidete dieſe kalte Unerregbar⸗ keit, dieſe Abweſenheit der Gefühle, welche die Frau Herzogin gegen die Uebel dieſer Welt zu beſchutzen ſcheinen.... „O! aber welche Freude plötzlich inmitten meiner Marternl welche Fröhlichkeit, welche Wonne in meinem brechenden Herzen! Pariſer Liebſch. II. 10 146 „Mein ganzes Weſen verſchmolz einen Augenblick in Einen ungeheuren Schmerz. Das Leben wich. Meine kalten Schläfe klopften. Meine Augen umdunfelten ſich. Die Zunge erſtarrte mir im Gaumen. Ich befahl meine Seele Gott. „Dann öffneten ſich meine Augen wieder. Ein un⸗ beſchreibliches Wohlſein durchſtrömte meine Adern. „Edmund!.... armer, theurer Engel! „Ich hielt einen Schrei zurück. Ich raffte mich auf. Die Liebe gab mir Kräfte. „Leiſe ging ich durch das Zimmer wo Ihr Alle ſchliefet und verließ das Haus. „Draußen ſchüttelte mich der Froſt. Ich ſchleppte mich längs den Mauern hin. Niemand war da, um meinen Jammer auszuſpähen. „Erſchöpft erreichte ich die Schwelle des Kloſters Notre⸗Dames⸗des⸗Champs.. mit einer letzten Kraft⸗ anſtrengung hob ich den Hammer.... dann ſank ich zu⸗ ſammen, leblos auf den kalten Stein..* 2. Bertha's Kind. Bertha's Teſtament lautete weiter: „.. Es, war eine kalte, ſchwarze Nacht. Ich war nothdürftig angekleidet. Der Regen durchnäßte mich bis auf die Haut. Der eiskalte Stein, auf wel⸗ chem ich lag, erſtarrte das Blut in meinen Adern. J war erſt zur Hälfte entbunden. „Einige Minuten Verzögerung und es wäre um uns geſchehen geweſen. mit meinem Kinde in den Armen — — ——— 147 „Um uns, mein Bruder! wir waren zwei, mein Rund und ich! O! wäre ich dazumal mit meinem Edmund geſtorben!.... „Doch das Leiden klopft nie vergeblich an die Thüre dieſer heiligen Wohnungen. Eine hülfreiche Hand richtete mich, die Ohnmächtige, bald auf. Das letzte Band, das Edmund an meinen Schooß knüpfte, ward zerſchnitten. Ich kam wieder zu mir und konnte nur durch meine Thränen hindurch die Züge meines Kindes ſehen. „Es ſchlief. Die gute Schweſter, die mich aufge⸗ nommen, wiegte es in ihren Armen. „Sie war ein noch junges Weib, mit ſanften, von Bußübungen abgemagerten Zügen. Ihr Geſicht ſchien zu ſagen, ſie habe viel gelitten. Allein heitere Ergebu lag auf ihrer Stirne und ihre Augen, weih e durch die Gewohnheit des Betens oft zum Himmel auf⸗ ſchlug, hatten einen ruhigen friedlichen Ausdruck. „Aber mein Knäbchen! mein Edmund! wie ſchön war er! Die heilige Frau konnte ſich nicht erwehren, ſeinem Schlafe der Engel zuzulächeln. Sie wiegte ihn ganz ſachte. 3 „Ich küßte den Saum ihres wollenen Gewandes zum Danke für das Lächeln, das ſie meinem Knäbchen ſchenkte. „Dann ſagte ich zu ihr: „— Schweſter, habt Mitleid mit mir! dieß arme Weſen hat keine Zufluchtsſtätte. „Die Nonne ſchaute mich mit ſtrengem Blicke an. Sie drückte jedoch ihre Lippen auf die Stirne meines Knäbchens.. „Sie befragte mich. Ich erzählte Ihr mein Unglück. „Sie glaubte mir, denn ſie legte meinen Edmund nr ihr eignes Lager und drückte meine Hände in den ihrigen. 3 „„Meine Tochter,““ ſagte ſie,„ich bin nur die Pförtnerin eines armen Kloſters, aber Ihr Kind ſoll 148 eine Zufluchtsſtätte haben.. Der Mann, welcher Ihre hülfloſe Lage mißbrauchte, gehört zu jenen, die uns vor vierzig Jahren ermordeten und uns heutzutage ver⸗ läumden... Sie müſſen für ihn beten, meine Tochter.““ „So ſprach ſie zu mir. Ich verſtand ſie nicht, mein Bruder. Gab es denn einen noch nicht fernen Zeitpunkt, wo die heilige Wohlthätigkeit und Menſchen⸗ liebe geächtete Namen waren? Mein Vater ſagte uns wohl, daß während ſeines Aufenthalts in Amerika, Frankreich ſich in zwei feindliche Lager getheilt und daß das Blut in Strömen floß. Allein er ſagte auch, Frank⸗ reich ſei ein Land voll Hochherzigkeit und Ehre. Arme Frauen ermorden!.... 5 „Das iſt unmöglich, nicht wahr! Und wer könnte in unſern Tagen ſie verläumden, dieſe irdiſchen Engel, welche ihr Leben dem Gebete und hülfreichem Beiſtande widmen? „Es wurde Tag. Schweſter Martha weckte eine ihrer Mitſchweſtern und geleitete mich dann bislzur Schwelle unſeres Hauſes. „.... Ich lebte nur meiner Herzensfreude. Mehr als je zog ich mich zurück, ganz nur an die Seite meiner Frau Großmutter, um ſchweigen und immer, immer an ihn denken zu können. „An meinen kleinen Edmund, der mir zuzulächeln lernte! „Schweſter Martha hatte ihn einer armen Frau an der Weſtſtraße anvertraut. Bei jedem Sonnenſtrale genoß mein Edmund der reinen Luft unter den großen Bäumen des Luremburg. glücklich. „Jeden Tag ſtahl ich mich gegen Abend aus dem Hauſe und ging, ihn zu umarmen. Mein Gott, mein Gottl ich war ſehr glücklich. „Niemand im Hauſe bemerkte meine Abweſenheit. Ich verbarg ſie, als ob ich ein Verbrechen begehen „Er wuchs heran. Er wurde ſtark. Ich war ſehr 149 wollte. Biot allein ſah mich ein oder zwei Mal aus dem Zimmer meiner Großmutter ſchlüpfen Aber Biot iſt ein Herz von Gold, deſſen Liebe keinen Argwohn aufkommen läßt. „... Bruder, wenn Du geſehen hätteſt, wie das arme Kind mit ſeinen kleinen Händen meine Thränen trocknete! Es kannte mich. Wenn ich zu ihm hintrat, ſchrie es minder heftig.. „Zu jener Zeit hatte es zwei Mütter. Schweſter Martha beſuchte es faſt ſo oft als ich. Das heilige Weib] ſie iſt nun bei Gott und beſchützt meinen Edmund im Himmel, wie ſie es auf Erden gethan! „O Herr der Welten! wenn ich ſchon ſo glücklich war, ich, die ich mein Kind täglich nur eine Stunde ſehen konnte, um es zu bewundern, um es anzubeten, wie groß muß erſt das Glück der andern Mütter ſein! „Ihre Augen ſchließen ſich nicht bei dem theuren Hinblick auf ihr ſchlafendes Kind. Wenn ſie Nachts durch ſüße Rufe aufgeweckt werden, genießen ſie der hei⸗ ligen Wonne der Mutter, die ihr Kind nährt und ihr eigen Leben in die Adern eines vielgeliebten Weſens überſtrömen läßt. Am Morgen ſind ſie da, um des Kindes erſtem Lächeln zu lauſchen. Und den Tag, den ihn in Schlummer. Aber mein war er; ich war ſeine Mutter.“ *.......... 22 22 150 4 Bertha hielt in ihrem Leſen inne. Ihr Geſicht war in Thränen gebadet. „Ich war ſeine Mutter!“ liſpelte ſie. Sie warf einen Seitenblick auf die blonde Haarlocke. „O ja!“ hob ſie wieder an;„ich ſah dieſe Haare ein lächelndes Köpſchen überſchatten.... Wie fein und glänzend waren ſie!... Es war mein Sohn!... Ach! und ich überlebte ihn noch ſo lange....“ Sie wandte ein Blatt ihres Manuſcriptes um und las: „Meine Pflege fehlte ihm vielleicht. Der Buſen jenes Weibes gab ihm vielleicht nicht die Nahrung, deren er bedurfte. Was weiß ich? Ein Kind bedarf der Mutter... „Eines Abends fand ich ihn bläſſer als gewöhnlich. Ich kam ſehr traurig nach Hauſe. Ich fühlte einen ſtechenden Schmerz in meinem Herzen. Noch zeigte ſich kein beunruhigendes Symptom, aber ich konnte nicht an die Dauer meines Glückes glauben; mir ſchien es, als müßte unſere Freude, alle Freude, die uns andern Mail⸗ lepré, dem geſunkenen, einem geheimnißvollen Mißge⸗ ſchick erlegenen Stamme blieb, immer eine vergängliche und mit Widerwärtigkeiten gemiſchte ſein! „Ach! was mich anbetrifft, ſo täuſchte ich mich nicht. Möchte ich mich in Hinſicht auf Euch getäuſcht haben, mein Bruder, meine Schweſter! „Am folgenden Morgen war Edmund noch bläſſer. Er wollte lächeln und weinte. „Den andern Tag.... „Vergib mir, o Gott! ich verzweifelte an Deiner Gerechtigkeit Ich läſterte. Vergib mir! „Er war ja mein einziger Troſt, meine einzige Hoffnung in dieſer Welt! Die ganze Zärtlichkeit meines Herzens hatte ich auf ihn übertragen..... „Ein weißes Tuch war über ſeine Wiege gebreitet, ſein Körperchen war kalt... Er ſchien zu ſchlafen. „Meine Seele war zerriſſen. Ich hatte kein Kind mehr. — g,— — —,— 151 „Herr, Du hatteſt es mir gegeben, Du konnteſt es wieder nehmen. Ich beging ein Verbrechen, mich gegen Deinen heiligen Willen aufzulehnen. Aber erbarme, er⸗ barme Dich und ſchenke mir Gnade! Ich habe ſeit jenem Tage ſo viel geweint!... Verſage mir in meiner Todes⸗ ſtunde nicht den Eingang in Deinen Himmel, in welchen Du es aufgenommen haſt... „Eines Morgens ging ich aus und folgte einem kleinen Sarge, auf welchem ein Kranz lag, ganz allein zum Kirchhofe... „Man legte den Sarg in ein Grab; ich durfte ihn noch küſſen;z dann warf man Erde darüber... „Sie rollte mit dumpfem Geräuſche auf den kleinen Sarg. Bei jeder Schaufel voll durchzuckte es mein gan⸗ zes Weſen. Dieſes Geräuſch bleibt uns lange im Ge⸗ dächtniß und ſchreckt uns Nachts im Augenblicke des Ein⸗ ſchlafens wieder auf.... 2 „Ich höre es oft!... und dann ſehe ich das offene Gräbchen und den kleinen Sarg, der nach und nach unter der Erde verſchwindet. Und mein Leiden wird wieder größer....— „In der darauf folgenden Nacht hatte ich, ſchwach und mit gebrochenem Herzen, nicht die Kraft, mein Schluchzen zurückzuhalten. Da kamſt Du, mein Bruder, und fragteſt nach meinem Schmerze.... „Ol von da an, nicht wahr, hab' ich ihn beſſer zu verbergen gewußt! Ich wurde Bertha die Bildſäule. Keine Verbindung war mehr zwiſchen den Qualen meines Herzens und meinem ſteinernen Geſichte!... „Für mich war Alles hin. Wer hätte mich künftig nach Außen ziehen ſollen? Ich ſchloß jene ſchwere Thüre, außerhalb welcher der Tag, reine Luft und Leben iſt, vor mir ab. Ich übernahm die gänzliche Verpflegung unſerer Frau Großmutter. „Meine Jugend ging in Alter über. Ich zog einen dreifachen Schleier über mein Herz. Ich ſuchte kalt, unerregbar, unempfindlich zu werden.... 152 „Als Solche beurtheilet Ihr mich vielleicht ein wenig zu fruͤh, mein Bruder, meine Schweſter.. Gleichviel... Euer Irrthum iſt zur Wirklichkeit geworden. „Ja, ich bin kalt geworden in beſtändiger Berüh⸗ rung mit dieſem ſtarren Alter. Ja, mein Herz iſt farblos geworden, wie mein Geſicht.... „Ja, ja! ich weiß nicht, welches Leben noch dieſen durchſichtigen, todtenfarbenen Körper beſeelt, der ſchon jetzt ein Leichnam iſt! „Ich athme, aber ich fühle nicht mehr... Mein Sohn! das iſt der einzige Punkt, durch welchen ich noch mit der Welt in Berührung komme.... „Es iſt ein Grab, das mich an's Leben bindet. „Außer dem Gedanken an meinen Sohn iſt Nichts in mir unverwelkt geblieben.... „Sein Bild muß vor meiner Seele ſchweben, um denken, die Erinnerung an ihn muß mich beleben, um beten zu können....— „Mein Bruder, wenn Gott will, daß Malllepré einſt wieder ſteige, ſo wirſt Du mächtig und ruhmvoll werden, wie es unſere Väter waren. Du biſt deſſen würdig. In jenen Tagen des Glückes aber ſtoße das Andenken an die arme Bertha nicht verächtlich von Dir, ich bitte Dich. Sie ſtirbt unſchuldig. Ihr allein beſitzt ihr Geheimniß. Euer Wappenſchild wird nicht durch ihre Schuld vor den Augen der Welt befleckt werden, und vor Gottes Auge iſt ihre Seele jungfräulich ge⸗ blieben. „Wenn Ihr reich werdet, ſo laßt ſte in der Gruft ruhen, die Eure fromme Liebe ohne Zweifel unſerm Vater und unſrer Mutter errichten wird. Gebt Bertha und ihrem Kinde einen Platz darin.... „Meine Schweſter, wenn Du erfährſt, was ich Alles in Eurer Nähe gelitten habe, ſo wird Dein Herz bewegt werden, ſo wirſt Du mich beklagen, denn Du biſt gut; beklage mich hauptſächlich, Schweſter, daß ich hienieden — — 15³3 keine Seele gefunden, in die ich mein Geheimniß aus⸗ ſchütten konnte. „Mein Schmerz tödtet mich, weil ich ihn bei mir allein, immer allein behalte, meine Schweſter!... „Das Schweigen, das mich umgibt, die Einſamkeit, in welcher ich nur das ſtets unbewegliche, düſtere Antlitz der Frau Herzogin vor Augen habe, die heiße, dunſtige Luft, welche meine Bruſt auftrocknet, mein Fall, der Tod meines Edmunds, Alles das wird zu einer erdrücken⸗ den Bürde, die auf mir laſtet. „Wie oft wollte ich ſprechen und Troſt heiſchen!... „Allein ich hatte mir zur Aufgabe gemacht, Tag und Nacht bei der Frau Herzogin zu wachen. Wiſſen wir andern Maillepré um Verzeihung zu bitten? „... So lange meine Füße den ſterbenden Körper tragen, werde ich meine Pflicht thun. Ich will Morgens mein Lager verlaſſen, um die Toilette unſerer Frau Großmutter zu beſorgen. Meine Stimme ſoll ihren an religiöſe Vorleſungen gewöhnten Ohren dieſen Genuß verſchaffen.... „Nachts will ich von meinem Schlummer Zeit rau⸗ ben, um an der angefangenen Stickerei zu arbeiten, deren Erlös mir vielleicht noch einmal die Pforten jenes ſchenen Gartens öffnet, in welchem die ſchlafen, die wir iebten. „Dann, wenn GCott ſich endlich meiner erbarmt und meinem Leiden ein Ziel ſetzt, wird er mich zu ſich rufen. Ihr werdet mich blaß und kalt, wie Tags zuvor, auf meinem Lager finden. Ich bin dann bei ineinem Edmund. „Bruder und Schweſter, ſeid glücklich, wie ich es Euch wünſche.....“ 3 4 Der anbrechende Tag ließ ein unbeſtimmtes Licht durch die dichten Fenſtervorhänge fallen. Bertha legte das Heft auf den Tiſch. Sie war ſchrecklich blaß. 35 i) 154 Lange vor Beendigung deſſelben hatte ihr Geſicht jenen ſtarren und unbeweglichen Ausdruck angenommen. Sie ſtand auf. Ihre Füße trugen ſie kaum, ſo leicht auch das Gewicht ihres abgemagerten Körpers war. Schwankend gelangte ſie zu dem für ſie bereiteten ärmlichen Lager und ſtreckte ſich mühſelig darauf hin. Vor Ermattung ſank ſie alſobald in Schlaf. Der Schlaf brachte ihr einen Traum. Ihr farb⸗ loſer Mund verzog ſich langſam und lächelte endlich in himmliſchem Entzücken. Ihre Lippen öffneten ſich, um jene ſüßen Klagen zu flüſtern, welche die Sprache freund⸗ licher Träume ſind.... Auf ihrem Geſichte, das wieder in Schönheit auf⸗ lebte, lag eine Wonne der Verzückung.... „Edmund! Edmund!...“ ſagte ſie. Als am folgenden Morgen Jean⸗Marie Biot kam, ſchlief die alte Herzogin noch. „Kannſt Du leſen?“ fragte ihn Bertha. „Ja, mein Fräulein,“ antwortete Biot. Bertha legte ihm das Manuſeript in die Hand. „Du gehörſt zur Familie,“ ſagte ſie;„dieß iſt mein Geheimniß.... Lies dieſes Heft und thue, um was ich meinen Bruder bat...“ Biot wollte antworten, aber eine trockene, heiſere Stimme ließ ſich aus dem Hintergrunde des Alkovens vernehmen und rief Fräulein von Maillepré. Zu derſelben Stunde ſaß in einem Salon des erſten Stockwerkes des Hotels Herr Williams vor einem Tiſche und durchſuchte ein dickes Buch, aus deſſen Blät⸗ tern zahlreiche Papierſtreiſchen herausfielen. Neben dem Kamine, auf deſſen Marmortafel Papiere unordentlich umherlagen, hielt ſich einer der Diener des Herrn Williams. Man kann nicht ſagen, daß es ein eigentlicher Die⸗ ner war. Es war ein Mann von verſtändigem, ehr⸗ — ¼ 155 barem und ſehr kaltem Ausſehen, wie ſein Herr, deſſen Kleidung genau zwiſchen der ſtädtiſchen Kleidung und der Livree die Mittelſtraße hielt. Herr Williams war ſchwarz und zum Ausgehen angekleidet. Auf ſeinem Geſichte lag der Ausdruck männ⸗ licher, ernſter Feſtigkeit, aber ſeine Haare waren ganz gebleicht. Dieſe Eigenthümlichkeit machte ihn jedoch nicht ſo alt, wie man glauben könnte. Seine hohe, kräftige Geſtalt verwiſchte den Eindruck, den dieſes Zei⸗ chen vorgerückten Alters im erſten Augenblick hervor⸗ hruchte Man konnte ihn höchſtens für einen Sechziger alten. In ſeinen Zügen ſprach ſich Phlegma und Güte aus. Zu der Unbeweglichkeit ſeines Geſichtes kam die noch merkwürdigere Unbeweglichkeit ſeines Halſes, der in eine hohe, weiße Halsbinde eingewickelt und unbiegſam wie von Stein war. Man weiß, daß der engliſche Dünkel im Allgemei⸗ nen den Hals jedes Gentlemans, der eine gewiſſe Idee von ſeiner Wichtigkeit hat, ſteift, aber hier war es eine übertriebene Steifheit. Die geſtärkteſten Hemderkrägen unſerer lächerlichſten Sportmen geſtatten noch, ſich ein Wenig zu verneigen, den Kopf zur Hälfte zu drehen und jene nothleidende Stellung anzunehmen, welche die Fortſchritte in ritterlicher Kunſt den raffinirten Mode⸗ narren auferlegt. Herr Williams dagegen ſchien den Zwang eines ſtählernen Halsbandes zu erdulden. Seine ganze Perſon mußte ſich umwenden und ſtatt den Kopf gegen das Buch herabzuneigen, war er genöthigt, daſſelbe zu den Augen emporzuheben. Ueber einen Mann von ſolchem Alter und ſolchem Ernſte hat die Mode wenig Macht. Sie konnte für ihn nur ein Fehler ſeiner Conſtitution, ein Zufall oder eine Wunde ſein. Das Zimmer, in welches wir den Leſer einführen, war einer der Empfangsſäle des Hotels Maillepré. Seine ſchönen, in Uebereinſtimmung ſtehenden Proportionen ver⸗ 156 ringerten ſeinen ſcheinbaren Umfang. An der Decke mit den viereckigen Vertiefungen ſah man farbenreiche Male⸗ reien aus Rubens Schule, in welchen der reiche Mate⸗ rialismus flamändiſcher Manier prunkte. Da waren mächtige Göttinnen mit fleiſchigen Hüften, trinkende Kin⸗ der, berauſcht daliegende Bachantinnen, da war Bachus, der luſtige Kumpan, der verſchmitzt in ſeinen vollen Kelch hinein lachte und das Weinlaub und die durch⸗ ſichtigen Trauben von Schläfen und Stirne ſchüttelte; da war auch Silen, der bürgerliche Halbgott, deſſen Bauch ein voller Schlauch iſt, Silen, das ewige Sinn⸗ bild flamändiſcher Freude, der dicke Trunkenbold, der einen Eſel reitet, Silen, den wir dem heidniſchen Alter⸗ thum bitter beneiden würden, wenn wir nicht von ihm das pausbackige Lachen entlehnt, um damit das dumme Geſicht des Gottes der gutmüthigen Leute zu begaben. Um die Frieſe herum lief eine lange Reihe von Nymphen Es war dieß eine ältere, ebenfalls heitere, aber in ihrer Anmuth geiſtreiche Malerei. Es war das Schöne nicht mehr, wie die fruchtbare flamändiſche Kunſt es gerne ſieht, ſondern wie das reine Genie Italiens es träumt. Diana ſtreifte durch die Wälder, die Hitze ihres ungeſtümen Windhundes mäßigend. Ihr Gang ſchon verkündete die Göttin. Ihre Hand wählte aus dem Köcher den ſpitzen Pfeil, deſſen tödtlicher Flug die Jagd beenden ſollte. Hinter ihr zog ein Schwarm göttlicher Jungfrauen, deren Schärpen ſich im Luftzug ihres ra⸗ ſchen Laufes blähten und entfalteten. Ein Schüler des Giulio Romano, vielleicht ſelbſt Primatice, hatte dieſen lebensvollen Kranz gemalt.... Unter dem Frieſe reihten ſich in weiten Zwiſchen⸗ räumen Familienbildniſſe. Gewöhnlich enthielt ein Ge⸗ täfelſtück deren zwei: einen Herzog und eine Herzogin in ihren Goldrahmen mit den verbundenen Wappenſchildern darüber. 4 Es war die herzogliche Galerie. Ein anderes Zim⸗ 1⁵7 mer enthielt die Bildniſſe der Herren von Maillepré, die als einfache Ritter zu jener Zeit geſtorben waren, wo ſelbſt Könige ſich es zur höchſten Ehre anrechneten, die Sporen anzuziehen. 4 Das letzte Getäfelſtück enthielt die Bildniſſe zweier ſchönen jungen Leute und über ihnen die in vier Felder getheilten Wappen der Maillepré und der Dreux. Der junge Mann trug das Koſtüm eines Befehls⸗ habers der Armeen und den Heiligengeiſtorden auf der Bruſt. Es war Johann III. von Malllepré. Die junge Dame, welche kaum im jungfräulichen Alter ſchien, denn ſolche jugendliche Heiraten waren, wie man weiß, unter unſern Königen ſehr häufig, hieß Bertha von Dreurx.. Sie war ſchön, aber etwas Hartes und Trockenes blickte dennoch unter dem roſigen Glanze ihres jugend⸗ lichen Geſichtes hervor, und in ihrem hinter einem Strauße wilder Roſen halbverborgenen Lächeln lag etwas Dürres. Was Herzog Johann III. betrifft, ſo hätte man geglaubt, Gaſton, als er jünger war, mit einem ſorg⸗ loſen Lächeln um die Lippen und friſchen Farben auf den Wangen hier zu ſehen. Herrn Williams Augen waren in jenem Momente auf dieſes Bild geheftet. Ein ſchräger Stral der eben über die Dächer ſtei⸗ genden Sonne ſtahl ſich durch die Vorhangſpalte und zog über das ganze Gemälde, das Herrn Williams vor⸗ über lag, einen Streif, welcher der Leinwand Leben gab und die düſtern Vergoldungen der ausgeſchnitzten Rahmen wie in Funken ſtralen ließ. Herr Williams nahm ſein Buch, das ein Band der franzöſiſchen Geſetzgebung und„Von den Ahweſenden“ betitelt war, wieder zur Hand. Er las einige Zeilen, dann legte er es auf den Tiſch und durch eine unwillkürliche Bewegung fiel ſein Auge wieder auf das Bild des Herzogs Johann. 158 „Toby,“ ſagte er zu dem Manne, der am Kamine ſtand,„habt Ihr nie zufällig den jungen Mann ange⸗ troffen, der im Hofe neben uns wohnt?“ „Nie,“ antwortete Toby Grant, indem er ſich mit ehrerbietiger Miene gegen ſeinen Herrn wandte. 2...“ machte dieſer in einem bedauernden one Toby erwartete eine neue Frage. Da er aber ſah, daß ſein Herr ſchwieg, machte er ſich wieder an ſein Geſchäft. Sein Geſchäft war, die auf der Kamintafel zer⸗ 77 ſtreuten Papiere zu durchſuchen. Es waren deren in großer Menge vorhanden und die meiſten hatten jenes eigenthümliche Ausſehen von Schriften, die aus einer Kanzlei kommen oder in irgend einem Archive aufbe⸗ wahrt waren. 4 „Toby,“ ſagte Herr Williams nach einer Weile wieder,„wie hat der Herr die Nacht zugebracht?“ „Ziemlich ruhig,“ antwortete Grant,„John und ich konnten wechfelsweiſe ſchlafen.... Dieſen Morgen bei Tagesanbruch hat ſich der Herr im Bette aufgerichtet, um den Kriegsgeſang anzuſtimmen... aber er hat nicht verſucht, das Bett zu verlaſſen.“ „Gut, Toby!“ Herr Williams hatte ſeine Antwort mit zerſtreuter Miene angehört. Er ſchlug die Blätter ſeines Geſetz⸗ buches um und machte ein Zeichen bei der Seite, auf welcher Artikel 762 den außer⸗ehelichen Kindern alles Recht einer Erbſchaft von ihren Eltern verſagt. „Toby,“ fuhr er dann wieder fort, demgt mir gefälligſt das Urtheil des Seinetribunals erſter Inſtanz her, welches dem Herrn von Compans den unbeſtrittenen Beſitz der Maillepréiſchen Güter zuerkennt.“ Grant ſtöberte einen Augenblick unter den Papieren, zog ein von der Zeit vergilbtes Original einer Urkunde daraus hervor und übergab es ſeinem Herrn. Herr Williams las es aufmerkſam durch. 1⁵9 „Vom erſten September 1803!....“ murmelte er; „zu Ende dieſes Monates wäre der Zeitpunkt ver⸗ ſäumt!...“. Er las das Urtheil ein zweites Mal. Während des Leſens drückte ſein ſonſt kaltes, hartes Geſicht Un⸗ geduld und Zorn aus. „Das Geſetz iſt augenſcheinlich übertreten!“ hob er wieder an;„die Zeitfriſt wurde nicht beobachtet.... der Code war ſchon ſeit neun Monaten in Kraft.. Fünf⸗ unddreißig Jahre ſeit dem Verſchwinden des Herzogs hätten verfloſſen ſein ſollen.... und noch waren nicht zwanzig vorbeil Aber wie dieſes Urtheil angreifen? .. Man müßte allervorderſt beweiſen, daß die, welche Rechte haben, am Leben ſind....“ Herr Williams ſtand auf und fing an, das Zimmer mit großen Schritten zu durchmeſſen. 3 Indem er vor dem Bildniſſe des Herzogs Johann vorbeiging, fiel ſein Blick nochmals auf das halb er⸗ leuchtete Gemälde. Er ſtand plötzlich ſtille, mit aufge⸗ ſperrtem Munde, wie es zu geſchehen pflegt, wenn man unverſehens ein lange geſuchtes Geſicht wieder erkennt. Dann wandte er ſich verdrießlich ab und ſchritt wieder auf und nieder. 1 „Ich werde ein Narr!“ murmelte er;„wenn ich mich zuletzt nur noch an einen Advokaten wenden dürfte! .... Aber in dieſer verfluchten Stadt geht man überall in Fallen.. Ich weiß noch wohl!... noch ſehr wohl weiß ich!“ Bei dieſen letzten Worten überfiel Herrn Williams ein krampfhaftes Zittern, er athmete beklemmt. „Dieſer Mann iſt zu mächtig!“ fuhr er fort;„man würde mich ihm, der Alles kaufen kann, verkaufen.... in dieſem Lande tödtet man... ich weiß es.... jeberall ſind dem einfachen Manne, dem, welcher aich miß⸗ trauiſch iſt, Fallen geſtellt. O ich traue nicht, ich .... Ich will Alles durch mich ſelbſt machen.... 160 Herr Williams ſprach dieſes mit einer, ſeiner ernſten ruhigen Gewohnheiten ganz entgegengeſetzten, Aufregung. Als er ſich eben wieder an ſeinen Arbeitstiſch ſetzen wollte, ließ ſich ein dumpfes, andauerndes Heulen aus dem anſtoßenden Zimmer vernehmen. Dann hörte man einen Lärm, wie von einem Kampfe, den ein ſeltſames Geſchrei übertönte. 3 Toby ſprang zur Thürklinke und ſtuͤrzte gleich nachher hinaus. Durch die Oeffnung konnte man einen halbnackten Mann von beinahe rieſigem Wuchſe ſehen, deſſen röth⸗ lich⸗braune Haut zwiſchen den weißen Fetzen ſeines zer⸗ riſſenen Hemdes hindurchſchaute. Dieſer Mann hielt John Robertſon, den andern Diener des Herrn Williams, beim Halſe und würgte ihn, indem er wildes Geſchrei ausſtieß. Herr Williams trat auf die Schwelle und ſagte mit gebieteriſcher Stimme: „Ruhig, Oguah, ruhig!“ Alſobald ließ der Mann Robertſon fahren. Seine Arme fielen an den Huften nieder. Er ſenkte den Kopf und blieb in unterwürfiger Stellung. 4 Er war ein Greis mit verzerrten, welken Geſichts⸗ zügen, wie die eines Leichnams. Alles war ſtille geworden. Toby kam zurück und ſchloß aufs Neue die Thüre... Herr Williams ſetzte ſich an ſein Schreibpult, ſtieß das Geſetzbuch, deſſen vergriffener Einband auf den häu⸗ ſigen Gebrauch, den man davon machte, ſchließen ließ, von ſich weg und ordnete zerſtreute Notizen auf eine Weiſe vor ſich hin, um ſie auf Einen Blick überſchauen zu können. „Nehmt das Memorial, Toby,“ ſagte er,„und ſcchreibt.“ Toby ſtellte ſich alſobald vor ein Pult, wo er eine Art geſtempelten Regiſters öffnete, das ungefähr bis zur Hälfte überſchrieben war.. 161 Herr Williams räuſperte ſich und diktirte in eng⸗ liſcher Sprache. Toby übertrug es ſchreibend ins Franzöfiſche. 3. Was ein Ehebruch nach ſich zieht. Die Zuſchrift des Herrn Williams war an den Herrn Praſidenten des königlichen Gerichtshofs in Paris gerichtet. Der Inhalt derſelben war kurz und beſtimmt gefaßt. Sie war aus der Feder eines geübten Ge⸗ fhiaſrmani gefloſſen. 2* Wir wollen den Leſer einigermaßen mit dieſer Zu⸗ ſchrift, die nun beendigt vor Toby lag, bekannt machen, indem wir uns jedoch vorbehalten, die Erzählung nach unſerer Weiſe zu ordnen. Sie datirte ſich nicht von geſtern her. Es war im Jahr 1769, als der Herzog Raoul von Maillepré in einem hohen Alter und in Folge des Po⸗ dagra's, wie es bei einem großen Herrn, der ehemals in Geſellſchaft des Herrn Regenten getrunken, geliebt, ge⸗ ungen und unter dem Tiſche geſchlafen hatte, nicht an⸗ ders ſein konnte, mit Tod abging. Von der ganzen Nachkommenſchaft des Herzogs war nur ein Sohn, ein Kind ſeines Alters, übrig geblieben, welcher nun den Herzogs⸗ und Pairstitel nebſt den unermeßlichen Gütern der Malllepré erbte. Dieſer Sohn war ein ächter Edelmann, ſchön von Körper, tapfer von Herzen und in Allem ſeinen Ahnen ähnlich, mit Ausnahme jedoch des Herzogs, ſeines Vaters, welchem zu gleichen eben nicht rathſam war. Die Regentſchaft, jener ſchmähliche, ſittenloſe Zeit⸗ Pariſer Liebſch. II. 11 8 16² abſchnitt, deſſen unmögliches Lob einige erkaufte Fe⸗ dern von Zeit zu Zeit vergeblich zu erheben ſuchen, hatte wirklich die männlichſten Gemüther weibiſch ge⸗ macht und mit weinbefleckten Seidengewändern jede „Bruſt, auch die, welche für Waffen am beſten geeignet war, bekleidet. Johann von Maillepré hatte die Jahre nicht ge⸗. ſehen, welche aus unſerer Geſchichte geſtrichen werden ſollten. Er ſah ſogar das Ende der langen Regierung Ludwigs XV., des Königs des Puders und der Schön⸗ heitspfläſterchen, der in ſeiner Jugend Schlachten gewann und in ſeinen alten Tagen fad und abgeſchmackt wurde, wie ein Voudevillevers, nur noch mit den Augen der Kindheit.. Johann war kaum mehr als, füsfzehn Jahre alt, als er Bertha von Dreur heiratete* damals ihr dreizehntes Jahr antrat. Unbeſtimmte Ideen von Freiheit keimten dann in der Welt auf. Der Philoſophismus beſchleunigte ihre Entwicklung in Frankreich und bereitete mit leidenſchaft⸗ licher Wuth die großen Ereigniſſe jener Revolution vor, die zu beurtheilen uns nicht anſteht. Während unſer junger Herzog den Zeitpunkt er⸗ wartete, wo ihm ſeine Gemahlin, welche gleich nach der Vermählungsfeier in ihr Kloſter zurückgekehrt war, über⸗ geben werden ſollte, führte er ein adeliges Leben, beſuchte häufig ſeine Pairs und vervollkommuete ſich in allen, einem Edelmann nothwendigen Wiſſenſchaften. 5 V V Seit fünfzig Jahren hatte ſich die Mode geändert, man ſchlug die Nachtwächter in den Straßen nicht mehr ſo häufig, Duelle gab es ſelten, und fanden noch kleine Abendſchmäuſe ſtatt, ſo war Philoſophie der Gegenſtand der Unterhaltung dabei. Kann man ohne zu ſchaudern daran denken? Um einen unordentlich gedeckten Tiſch unterredeten ſich trun⸗ kene Kinder und liederliche Frauen über Gott, verthei⸗ digten die Tugend und wechſelten nun ſtatt verliebten 3 * 4 — —— 163 Phraſen pedantiſche Anſpielungen und philoſophiſche itzwörter. Es waren, man verzeihe uns die Zeitverwechslung, Orgien von Blauſtrümpfen und Profeſſoren! Jedoch mit Etwas mehr Atlas und Eleganz, mit etwas weniger Cigaren. Johann von Maillepré war von der Bewegung ſeiner Zeit lebhaft ergriffen. Er war jung, edelmüthig, glühend. Dieſe neuen Theorien, welche nicht unter der ſtrengen Form eines Unterrichts erſchienen, ſondern ſo⸗ gar mitten in die Vergnügungen zu ſchlüpfen wußten, fanden bei der Jugend doppelten Anklang. Ueberdieß hatten die Frauen die Philoſophie in ihren reizenden Schutz genommen. Ihr hättet den Roſenmund dieſer und jener Marquſſe den Geſellſchaftsvertrag von Rouſſeau verhandeln oder eine Seite der Encyelopädie bewunderungswürdig wiederholen hören ſollen. Sie wußten von Alembert auswendig und ſchliefen beim Verſuche, Helvetius zu verſtehen, ein. Damals gab es junge, vierzehnjährige Mädchen, welche Atheiſtinnen waren, und die Furchtſamſten nahmen aus beſonderer Klugheit das Daſein eines unbekannten Gottes, ein höchſtes Weſens an. Aber neben dieſem Wahnſinn, welchen nach dem erhabenen Ausdruck des Dichters Voltair es ent⸗ ſetzliches Hohngelächter erregte, durchwehte die Luſt ein Geiſt der Forſchung und der Arbeit, welcher hie und da große und fruchtbare Ideen hervorquellen ließ. Die unbeſonnene und leichtfertige Welt nahm ohne zu wählen das Gute und das Schlechte auf. Keiner half dem Guten das Böſe in dieſem zweiten Chaos zu bekämpfen. Die Geſellſchaft verwandelte ſich von ſelbſt und wie durch Zufall, ohne daß eine kräftige und reine Pand es übernahm, ſolch furchtbares, wichtiges Werk zu eiten. Die jungen, thatkräftigen Geiſter ſammelten ſich um das Wort Fr eiheit, dieſes magiſche aber fana⸗ 164 tiſche Panier, in deſſen weiten Falten ſich ſchon manche Tyrannei barg, die geheiligte Fahne, welche ſchon oft den feigen Ehrgeiz und den niederträchtigen Verrath beſchirmte.. Johann von Maillepré, welcher ſich nicht in die religiöſen Kämpfe miſchte und ungefähr den Glauben ſeiner Väter beibehielt, was viel hieß, warf ſich leiden⸗ ſchaftlich auf die Bahn der Freiheitsfreunde. Vielleicht wußte er nicht genau, was dieſes Wort Alles in ſich begriff, aber wir dürfen verſichern, daß er darin Bewun⸗ derungswürdiges ſah. 1 Er täuſchte ſich nicht, und ungerecht wäre es, die r Freiheit aller jener ſchändlichen, gräuelhaften Thaten beſchuldigen zu wollen, welche unter dem Deckmantel ihres Namens die Welt ſchon mit Schrecken erfüllt.... Johann gehörte unter die Zahl jener jungen Ade⸗ ligen, welche, Laffayette an der Spitze, der Volksbewegung um Vieles voraneilten. Herr Williams Manuſcript gab in dieſer Hinſicht weitläufigen Aufſchluß, den wir hier weglaſſen, indem wir uns ausſchließlich auf die zu unſerm Drama gehö⸗ rigen Punkte zu beſchränken wünſchen. Nach Verfluß von zwei Jahren, trat Bertha von Dreur an ihrem fünfzehnten Geburtstage aus dem Kloſter und ward mit Prunk in den ehelichen Wohnſitz einge⸗ führt. Nach einigen feſtlichen Tagen war der Herzog ſchon leidenſchaftlich in ſeine Frau verliebt, fand aber keine Gegenliebe. Dennoch beſaß Johaun von Malllepré alle Eigen⸗ ſchaften, um zu gefallen, und Herr Williams verwunderte ſich in ſeiner Zuſchrift ungemein über Bertha's unerklär⸗! liche Abneigung. Es war ein bittrer Schmerz für den jungen Gatten, die kalte Zurückhaltung ſeiner Gattin bemerken zu müſſen. Lange Zeit glaubte er ſich zu täuſchen. Seine Liebe verdoppelte die zärtliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, die er ihr ſchenkte. 4 1 er 165 Einen Augenblick glaubte er ſich dem erſehnten Glück nahe. Bertha ſollte Mutter werden. Allein die Geburt eines Sohnes änderte Nichts. Dieſes ſonſt ſo mächtige Band machte keine Wirkung. Bertha blieb kalt: ſie liebte ihren Gatten nicht. Verwundet flüchtete ſich Herzog Johann unter das leidenſchaftliche Getümmel politiſcher Theorien, welche der Tod Ludwigs XV. und die Thronbeſteigung eines für die neuen Ideen eingenommenen Königs weniger ſchüchtern, ſondern vielmehr feuriger auftreten ließen. Wäre vielleicht Herzog Johann glücklicher geweſen, ſo hätte er häusliche Freuden der ritterlichen Unterneh⸗ mung vorgezogen, welche zu jener Zeit die jungen feuri⸗ gen Gemüther nach jenſeits des Meeres rief. Allein die Langeweile drückte ihn. Seine Seele, welche einen Er⸗ guß ihrer übervollen Glut und der jugendlich⸗ſtürmi⸗ ſchen Triebe ſuchte, ſtürzte ſich, von der Liebe zurück⸗ geſtoßen, wildbrauſend in die Gefahr. Mit einer Art Ungeſtüm warf er ſich dieſer edeln Zuflucht entgegen. Sein Geiſt hob, ſein Herz berauſchte ſich. Den gierigen Engländer beſtrafen, einem Volke Freiheit er⸗ werben. Das war groß, war des Sohnes der Kreuz⸗ fahrer würdig. 3 Herzog Johann ſchiffte ſich mit ſeinem Freunde, Herrn von Laffayette, auf dem nämlichen Fahrzenge nach Amerika ein. Hier enthielt die Zuſchrift eine Art gedrängter Darſtellung des Unabhängigkeitskrieges. Die glänzenden Thaten Herzog Johanns waren kurz aber anſchaulich aufgezählt. Washington hatte ihn ausgezeichnet; er hatte in der Armee der Union einen niederern Poſten als in Frankreich, aber rückſichtlich ſeiner Jugend nichts deſtoweniger einen wichtigen Poſten bekleidet und der Name des Oberſten Maillepré blieb allen ſeinen Waffen⸗ gefährten neben dem Namen Laffayette im Gedächtniß. Beim Volke war das ganz anders. Johann von Maillepré zeigte wie alle gebrochenen Herzen im Hand⸗ gemenge einen übertriebenen verwegenen Muth, jene verzweifelte Kühnheit, welche, ſagt man, nicht eine Tu⸗ gend der Häuptlinge iſt, ſondern den Soldaten elektriſirt, weil ſie Wunder vollbringt. Ueberall, wo Gefahr vor⸗ handen war, ſtürzte ſich Johann zuerſt hinein; er ſchien im eigentlichen Sinne des Wortes dem Tode nachzu⸗ laufen und der Tod floh vor ihm. Man ſah ihn den Feurigſten voranſtürmen, ganz allein die Rauchwälle durchdringen jenſeits deren unbe⸗ kannte Gefahren lauern, man verlor ihn aus den Au⸗ gen, ſeine Leute eilten herzu und fänden ihn unverwun⸗ det rings in Leichen neben einer eroberten Kanone oder bei einer verlaſſenen Schanze. 5. Es war, als walte ein Wunder darin. Man glaubte ihn unverletzlich. Er bemerkte nicht, wie wunderbar er immer den Gefahren entging. Er handelte, von geheimnißvollem Zorn getrieben. Er ſchlug die Schlacht mit und ſetzte ſich nach errungenem Siege düſter abſeits..... Man hätte glauben ſollen, ſeine Gedanken ſchwäm⸗ men in unbeſtimmten Finſterniſſen. Er war gewöhnlich ſo traurig, daß auch die, welche ihn umgaben, ſich tief im Herzen angekältet fanden, aber zuweilen durchzuckte ohne alle Urſache eine tolle Luſtigkeit ſeine Melancholie. Er lachte und ſang dann. Und doch konnte man den tapferſten Offizier der Armee nicht als Narren behandeln. Man verlor ſich in Vermuthungen. Keiner kannte das Geheimniß, das ſo wunderliche Anfälle hervorrief. Herzog Johanns Geheimniß war eine tiefe unheil⸗ bare Wunde, welche ſeine unerwiederte Liebe ihm im Herzen zurückgelaſſen. Statt ſeine Leidenſchaft zu er⸗ löſchen hatte die Abweſenheit ſie nur noch heftiger an⸗ gefacht. Er liebte Bertha mehr als am erſten Tage der Vereinigung. Nichts konnte ihn von dieſer bittern Erinnerung zerſtreuen. Er ſah Bertha mit den Augen des abweſen⸗ e o 167 den, ſehnſüchtigen Geliebten, er ſah ſie ſo gut, ſo ſanft, ſo rein, wie ſie ſchön war. Er allein war zu tadeln, wenn er ſich nicht Liebe zu erwerben wußte. Es kam ihm nicht einmal zu Sinne, Bertha, die er wie eine Heilige ehrte, anklagen zu wollen. Sie anklagen!... Waͤhrend aber die Erinnerung ſein Leiden war, war ſie zugleich ſein Troſt. Wenn mitten in ſeiner Traurigkeit eine Regung von Hoffnung in ſeinem Herzen erwachte, ſo lächelte Bertha's Bild vor ſeinem Geiſte und er ſagte ſich:„Sie wird mich vielleicht einſt doch noch lieben....“ In Frankreich iſt, wie man weiß, Alles eine Mode⸗ ſache. Die Einen geben den Ton an, die Andern fol⸗ gen nach. Von Zeit zu Zeit kam von Paris ein Cdel⸗ mann an, gierig, ſich auch den Firniß eines Volkserret⸗ ters zu holen. Solche Neuangekommene wurden, wie man denken kann, mit Freude aufgenommen. Während vierzehn Tagen wenigſtens dienten ſie ſtatt der Zeitungen. Man war begierig, zu vernehmen, was in Paris gethan, ge⸗ ſprochen wurde, und nicht nur der politiſchen Angelegen⸗ heiten, ſondern auch die kleinen Familienhiſtörchen, die Tageschronik, die hübſchen Skandälchen zu erfahren. Zu jener Zeit gab es keine Journale, wie jetzt, noch waren ſie nicht erfunden, die ungeheuren Parallelo⸗ gramme, die mit etwas Wahrem und viel Zuſätzen an⸗ gefüllt ſind, und in welchen jede Woche ein Chriſtenkind, das für ein weniger bitteres Loos geboren, ſeinen Abon⸗ nenten in einem vierhundertzeiligen Feuilleton ſagen muß!„Ganz Paris iſt in den Bädern.... Ganz Paris iſt aus den Bädern zurückgekehrt.... Die Frau Mar⸗ quiſe von N. hat den Marquis, ihren Gemahl, verlaſſen, um einem ungariſchen Tänzer nachzulaufen. Die Polka iſt zur Welt gekommen.... Die Polka iſt abgeſchafft....“ und andern Wortſchwall von ähnlicher Wichtigkeit.... Unter Ludwig XVI. hielten einzig die Per⸗ rückenmacher das Regiſter ſolcher Fadheiten und wahr⸗ —3ÿ—— — — 168 lich die Perrückenmacher hatten doch wenigſten die Ent⸗ ſchuldigung, der menſchlichen Geſellſchaft durch ihre Brenneiſen nützlich zu ſein. Alſo die Gerichte aus der eleganten Welt waren im Allgemeinen noch nicht zum Drucke befördert. Wir zögern nicht, zu behaupten, daß das ihnen den ganzen Reiz verlieh, den ſie verloren haben. In Paris haſchte man wirklich gierig nach Hiſtör⸗ chen. Man urtheile nun, wie das erſt in Amerika ſein mußte!.... Nun kam eines ſchönen Morgens ein junger Edel⸗ mann ganz ſchlagfertig und ſchlagluſtig aus Frankreich an. Der Krieg war beinahe beendigt. Herr von Laffa⸗ yette ſchickte ſich zur Rückreiſe nach Paris an. Der junge Edelmann ward umringt. Man ver⸗ langte Skandälchen von ihm zu hören, und Nichts war ihm erwünſchter, als ſolche zum Beſten zu geben. Feöt Das iſt, Gott ſei Dank, ein Artikel, der uns nie ehlt!.... Meiſterhaft zog er Gräfinnen und Marquiſinnen durch die Hechel, zur großen Freude ſeiner Zuhörerſchaft. Er gab ein Verzeichniß der unglücklichen Ehemänner, welches den ſchmeichelhafteſten Erfolg erntete. Unter dieſen Hiſtörchen gab es auch ein ganz kurzes von der jungen Herzogin von Malllepré, welche zwei Jahre nach der Abreiſe des Herzogs, ihres Herrn Ge⸗ mahls, ganz beſonderer Segnungen theilhaftig war, in⸗ dem ſie einen ſchönen, pausbackigen Jungen zur Welt brachte. Der Edelmann, der das Alles erzählte, war der Ritter von Ryonne. Man ſah ihn nie wieder in Paris, weil er einmal ſein Hiſtörchen vor Johann von Mallle⸗ pré erzählt, der ihm ſeinen Degen in die Bruſt ſtieß. Es lebte damals in Boſton ein Sachwalter mit Namen Williams Weſtern, deſſen Familie, aus dem —p —̈ł 169— Diſtrikt Kent gebürtig, in England den Namen der Lidderdale trug. Dieſe Weſtern von Lidderdale ſind, nach Herr Wil⸗ liams Zuſchrift, eine hochanſehnliche Familie, deren jetziges Oberhaupt, der Vicomte Powis, in der Lord⸗ kammer ſitzt. Man weiß, daß die Engländer ſorgfältig die Be⸗ weiſe ihrer Abkunft und ihre Stammbäume aufbewahren, wenn ſie auch die Adelstitel gering zu ſchätzen ſcheinen. In Betracht ihrer demokratiſchen Stellung iſt das eine Schwachheit. Herr Williams Weſtern, ein noch junger Mann, war ſchon Familienvater und lebte in behaglichem Wohlſtande. Herzog Johann hatte bei ihm eine treuherzige Gaſtfreundſchaft ohne viele Umſtände gefunden, welche dem Unglücke beſſer zuſagt, als alle die überflüſſige Geſchäftigkeit, deren betäubendes Drängen ermüdet und abſchreckt. Durch die Länge der Zeit hatte ſie ein freundſchaft⸗ liches Band verknüpft. Herzog Johann war wie ein Mitglied der Familie. Der älteſte Sohn William We⸗ ſterns, der kleine James, wußte nicht, zu welchem er ſich mehr hingezogen fühlte, ob zu ihm oder zu ſeinem Vater, ſo gefällig und liebreich benahm ſich der edle Franzoſe gegen ihn. Dieſes Band ſollte in der Zukunft ein noch feſteres werden... Als der Unabhängigkeitskrieg völlig beendigt war und Washington, Adams und die andern Häupter des ſtegreichen Aufſtandes eine geregelte Nationalregierung conſtituirt hatten, reiste Laffayette nach Frankreich zu⸗ rück, indem er Franklin mit ſich nahm, welcher während einiger Monate der Löwe von Paris ſein ſollte. Johann von Malllepré folgte ihnen nicht. Was hätte er in Frankreich thun ſollen?... Er hatte durch Fremde Nachrichten von ſeiner Gattin und ſeinem Sohne erhalten. Bertha hatte ihm nie auch nur eine Zeile geſchrieben. Und unter dieſen Nachrichten, die ihm alſo zufällig geworden, lautete eine von Verbrechen und Ehrloſigkeit!... Johann von Malllepré blieb in Weſterns Hauſe. Er war düſter und ſeiner Verzweiflung anheimgegeben. Nirgends mehr Krieg, nirgends mehr Gefahren, worin er ſeinen Schmerz betäuben konnte. Er blieb immer mit ſeinen Gedanken, ſeinen Erinnerungen allein und auf Augenblicke ſchien ſeine Vernunft unter der Laſt ſeines Unglücks zu ſchwanken. Ol wie ſehr liebte er dieſe Frau und wie ſchrecklich verwundet war ſein Herz!... Das einzige Weſen, das er in ſeiner Zurückgezogen⸗ heit gerne ſah, war der junge James Weſtern. James erinnerte ihn an ſeinen Sohn Raoul, den er in Frank⸗ reich zurückgelaſſen. Sie ſprachen mit einander von dem geliebten Kinde, denn James war beinahe zehn Jahre alt. Er verſtand und fühlte. Er hatte das Tiefe, Bittere dieſes Schmerzens er⸗ rathen. Er hatte die ritterliche Delikateſſe dieſer ſtillen Weihe errathen, deren zarten, reinen Glaube Nichts hatte ſchwächen können.... Denn immer noch glaubte der Herzog von Malllepré an Berthas Tugend. Nach ſeiner Meinung hatte er einen Verläumder getödtet.... Das Jahr 1790 kam. Schon war das Echo der franzöſiſchen Revolution nach Amerika hinübergedrungen. In ganz Boſton war vielleicht Johann von Maillepré der Einzige, der die großen, jenſeits des Meeres ſtatt⸗ gefundenen Ereigniſſe nicht kannte. Er erhielt einen aus Frankreich datirten Brief. Das war ein Freudentaumel. Schon der Anblick deſſelben entlockte Thränen. Er küßte dieſen Brief mit dem Entzücken des Dankes und der Wonne. Dieſer Brief war von ſeiner Gattin und kündete ihm ihre und ſeines Sohnes Ankunft an. . 171 Seine Seele erwachte zu neuem Leben. Geſtern war er noch unempfindlich für Alles; heute erregte und erfreute ihn Alles. Jedermann ſollte nun ſein Glück mit ihm theilen. Er eilte, Jedem ſeine theuren Hoffnungen zu verkünden. Die Zukunft lächelte ihm; zum erſten Mal ſah er den langen Trauerſchleier von ſeinem Leben ſtreifen. 2 Einige Tage zuvor war Madame Weſtern von einem Töchterlein entbunden worden.. Herzog Johann kam, ſich neben die Wiege zu ſetze und mit bewegtem Blicke dem Schlafe des Kindes zu lauſchen. Dann nahm er es in ſeine Arme. Er lachte und weinte..... Einige glückſelige Monate verſtrichen. Warten wird nur dem ſchwer, deſſen Leben ruhig dahinfließt und für den jede Arbeit eine Laſt iſt. Aber wie ſüß iſt das War⸗ ten dem Unglücklichen, der unlängſt noch verzweifeln wollte!⸗ Einem Solchen iſt Unruhe eine Wohlthat. Sein ſtarr gewordenes Gemüthe fühlt gern, daß es wacht, daß es fürchtet, daß es hofft.... Herzog Johann war noch ſehr jung. Schöne Jahre lagen vor ihm. Welche Zukunftspläne, welche zauberiſche Luft⸗ ſchlöſſer wurden während dieſen Tagen der Erwartung gebaut! Endlich kam die Frau Herzogin. Sie war eine ſehr ſchöne Frau, von kaltem, ſtolzem Ausſehen. Sie reichte Herzog Johann ihre Hand zum Kuſſe hin und ſagte dann: „Mein Herr, zu dieſer Stunde ſind die Lumpen Herrn von Frankreich. König Ludwig XVI. iſt ein ge⸗ krönter Bürger, der um ſich einige arme Geiſter, wie Sie und Ihren Marquis von Laffayette hat.... Kob⸗ —ÿ—ÿ—ÿ—ꝛx—;—ꝛ—ꝛ—ꝛLBBʒ— —. 172 lenz iſt nicht weit genug von Paris, ich ging über's Meer, um nicht mehr die Namen aller der Bauern zu hören, welche ſich zu großen Herrn umſchaffen.... „Geſegnet ſei dieſe Revolution, da ſie uns zuſam⸗ menführt!“ wollte der Herzog antworten. Bertha heftete einen ſtaunenden, eiſigen Blick auf ihn. Dann ging ſie, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, nach ihrem Zimmer. Dieſes war in einen kleinen Tempel umgeſchaffen, den Herzog Johann mit liebender Sorgfalt ausgeſchmückt hatte. Herr und Frau Weſtern, welche ihm eine auf⸗ richtige Anhänglichkeit bewieſen, hatten ihm getreulich dabei geholfen, und man hätte ganz Boſton durchwan⸗ dern können, ohne Etwas zu finden, das dieſer Pracht und Lieblichkeit beikam. Bertha ſchien nicht darauf zu achten. Der Herzog mußte den ganzen Tag ſeinen Sohn Raoul anſchauen, küſſen und liebkoſen. Aber ſeine Freude ſchwand, weil das feindſelige Geſicht der Herzogin ihn überall verfolgte. Er wagte faſt nicht mehr zu hoffen. Am folgenden Morgen ließ ihn Bertha zu ſich rufen. Sie war ſchwarz gekleidet und hielt in der Hand eine goldene Doſe, auf deren Deckel ſich in Email die Wappen der Malllepré befanden. Der Herzog wollte ſprechen; mit einer kalten Ge⸗ berde legte ſie ihm Schweigen auf und blieb dann lange unbeweglich und ſteif in einem Lehnſtuhl, vor welchem ihr Gemahl ſich ſtehend hielt. Nach einigen Minuten öffnete ſie ihre goldene Doſe und nahm eine Priſe ſpaniſchen Tabak, den ſie langſam ſchnupfte, während ſie ihre Doſe mit einer gewiſſen Ziererei offen ließ. Auf der innern Seite des Deckels befand ſich ein Miniaturbild. Der Herzog konnte deſſen Züge nicht genau erkennen. — 173 Bertha ſchaute ihm ins Geſicht. Ihr Blick war hart und boshaft. 7 Aber bewunderungswürdig ſchön war ſie! „Mein Herr,“ ſagte ſie mit leiſer, barſcher Stimme, „iſt es wahr, daß Sie den Ritter von Ryonne im Zwei⸗ kampf getödtet?“ „Er verläumdete Sie, Madame,“ antwortete der Herzog;„ich habe nur meine Pflicht gethan.... „Sie haben ihn getödtet!“ wiederholte Bertha, deren Augenlider zitterten. „Sie ſtützte ihren Kopf auf die Hand. Ihr Geſicht war blaß, wie das eines Marmorbildes. Mit einer raſchen, zornigen Bewegung ſtand ſie dann plötzlich auf..... Sie erhob die goldene Doſe auf eine Spanne weit zu den Augen ihres Gemahls, der einen Schrei ausſtieß und nun ebenfalls blaß wurde. Das Miniaturbild auf der innern Deckelſeite ſtellte den Ritter von Ryonne vor. „Nicht Ihretwegen bin ich gekommen, mein Herr,“ heb ſie mit dem ſchrecklichen Cynismus herzloſer Weiber wieder an;„ſeinetwegen.... nur ſeinetwegen!.... Ich verbiete Ihnen, je wieder vor meinen Augen zu erſcheinen!...“ Herr Williams Zuſchrift ſchritt hier etwas in der Zeit zurück, um eine Hauptbegebenheit anzuführen. Die Frau Herzogin von Maillepré war die Maitreſſe des Ritters von Ryonne, eines jungen Gecken, geweſen, der ſie einſt geliebt, dann aber aufgegeben hatte. Die Frau Herzogin hatte für den Ritter Etwas ge⸗ fühlt, das von Weitem ein wenig der Liebe glich; eine Laune, eine jener ſeltſamen Leidenſchaften, deren Quelle weder der Sinnlichkeit, noch dem Herzen entſpringt. Ddie Leidenſchaft, womit ſich eine kalte, müßige Frau die Langeweile zu vertreiben ſucht, erliſcht, das —qqq qqdqd1=n — 0 D 174 weiß Jedermann, ſchon nach einigen Tagen, wenn ſie getheilt wird. Wenn aber aus Zufall der Geliebte zuerſt ſatt wird, ſo bleibt dieſe Leidenſchaft und wird hartnäckig. Es iſt der Aerger, eine halsſtarrige, verletzte Eigenliebe; es iſt mit einem Worte jedenfalls etwas ganz Anderes als Zärtlichkeit; aber gibt es bei den Frauen ein Gefühl, das nicht die Symtome der Liebe anzunehmen wiſſe?.... Die Frau Herzogin hatte in ihren ſchönen, den Thränen noch nicht geöffneten Augen Thräͤnen für die Unbeſtändigkeit des Ritters gefunden. Und als er floh, ſtürzte ſie ihm auf dem Fuße nach. Auch ſie hätte wahrſcheinlich eines ſchönen Morgens die Flucht ergriffen, wenn der Herr Ritter die Rolle des getreuen Liebhabers geſpielt hätte. 1 Der Ritter ergriff dieſe Gelegenheit, um der Mode nachzuleben. Er ging über's Meer, um ſich ſeiner Ariadne zu entledigen. Das war unſtreitig entzückend. Allein der Ritter kam nicht mehr zurück. Die Frau Herzogin wurde Mutter. Einem Gatten gegenüber, den man zum Sklaven ge⸗ macht, kann man ſich eyniſch benehmen und dennoch das Urtheil der Welt fürchten. Bertha durfte die Frucht des Ehebruchs nicht in ihrem Hauſe behalten. Was geſchah nun mit dem Kinde 2 In Paris lebte ein armer Edelmann, ein entfernter Verwandter der Maillepré, der ſich Herr von Compans nannte. Dieſer Herr von Compans und ſeine Frau, welche ſchon dem Alter zuſchritten, hatten keine Kinder. Bertha ſchloß einen Vertrag mit ihnen, der ihrem Sohne eine Familie ſicherte. Das Kind des Ehebruchs trägt faſt immer den Fluch und die Strafe deſſelben mit ſich. Es iſt dieß ein Ver⸗ brechen, deſſen Züchtigung ſchon beim Eintritt des Kin⸗ des in die Welt beginnt und die unſeligen Reſultate, die daraus entſtehen, kann ſich auch die kühnſte Einbil⸗ dungskraft nicht in ihrer traurigen Wirklichkeit denken. —— 175 In einer dunkeln Wohnung verborgen, ſollte nun dieſes Kind heranwachſen und ſeinen ſchweren Fuß auf Alles ſetzen, was den Namen ſeiner Mutter trug. Dieſes Kind ſollte mit ſeinem Gewichte einen mäch⸗ tigen Stamm erdrücken. Wir kennen daſſelbe. Es nannte ſich ſpäter Herzog von Compans⸗Maillepré.... 4. Ein BHerz von Stein. Wir fahren fort, die Hauptpunkte aus Herrn Wil⸗ liams Zuſchrift herauszuheben. Herzog Johann war in tiefſter Seele verwundet. Das ſchamloſe Geſtändniß der Frau von Maillepré brach ihm das Herz. In einigen Tagen wurde er um zwanzig Jahre älter. Er war eine in jedem Punkte tapfere und kräftige, aber von Seite der Liebe eine ungemein reizbare Natur, weil er ſeine Hoffnungen auf Glück ganz allein auf Liebe geſetzt hatte. Dieſer Frau gegenüber, die ſein Gott war, verließ ihn ſeine Kraft. Williams Weſtern. und ſeine Familie bemerkten an ihm eine betrübende Veränderung. Er zog ſich in ſein Zimmer zurück, ſein Mund ward ſtumm. Nur der kleine James und Raoul von Maillepré durften ſein Zimmer betreten. Und James Weſtern erinnerte ſich, daß in ſeinem troſtloſen Hinbrüten Herzog Johann recht oft ein Bild, Bertha's Bild, mit ſeinen Thränen benetzt hatte. Bertha aber hatte gleich am folgenden Tage, an welchem ihr Gemahl ihr den Tod des Ritters von Ryonne beſtätigt, große Trauer angezogen. Dieſe Frau hatte Traurigkeit in Weſterns Haus 176 gebracht. Sie kam nie aus ihrem Zimmer, aber Jeder fühlte einigermaßen den Einfluß ihrer eiſigen Kälte... Mehrere Jahre vergingen. Raoul wuchs heran. Er war ein edles Kind, das ſeines Vaters Troſt hätte ſein können, wenn ſein Vater dem Troſte zugänglich ge⸗ weſen wäre. Herzog Johann unterhielt keine Berbindung, mit Frankreich. Von Zeit zu Zeit erhielt ſeine Frau riefe aus Paris. Sie las dieſelben und verbrannte ſie dann. Zu Anfange des Jahres 1794 bat Herzog Johann Williams Weſtern, ihm die Vergünſtigung einer Zuſam⸗ menkunft mit der Frau Herzogin auszuwirken. Seit einiger Zeit war der Herzog unruhig. Der matten Unempfindlichkeit ſeiner Verzweiflung war ein fieberiſcher Zuſtand gefolgt. Er ſprach viel und ſeine ſonderbar verworrenen Worte ſchienen eine geſtörte Ver⸗ nunft anzudeuten. Williams Weſtern bat Bertha um die Zuſammen⸗ kunft. Bertha ſchlug ſie aus. Sie war damals eine Frau von fünfunddreißig Jahren. Die, welche ſie bei ihrer Ankunft in Amerika ſahen, hätten ſie kaum wieder erkannt, obwohl nur wenige Jahre ſeit dieſem Zeitpunkt verfloſſen waren. Es war, als habe die Hand Gottes ſchwer auf ihr gelegen. Ihre Züge hatten ſich nicht verändert, allein es lag etwas Starres und Düſteres darin. Ihre Schönheit, die ſich vollkommen gleichblieb, erfüllte mit Schreck und Grau⸗ ſen. Sie ſchien ihr eigenes Geſpenſt zu ſein. Die Familie Weſtern fürchtete die ſeltenen Fälle, wo der Anſtand ſie zu ſehen erforderte. James Weſtern, der doch ins Jünglingsalter getreten war, ſchrack bei ihrem Anblick zuſammen. Wenn die kleine Luiſe ſie ſah, wurde ſie blaß und fürchtete ſich. Man kannte ihr Geheimniß nicht, aber ein un⸗ heimliches Grauen umſchwebte dieſes kalte Geſpenſt, deſſen Bruſt kein Herz umſchloß... 177 Man ſagt, daß im durchſichtigen Dunkel der Po⸗ larnächte, in welchen das Nordlicht ſeinen weißen Schein über das Firmament hinbreitet, der verſpätete Reiſende lange, ſtumme Geſtalten, deren aufgelöste Schleier der Wind bläht, durch die grauen Schatten fliehen ſieht. Sie gleiten über den Schnee hin, deſſen blendender Tep⸗ pich den Boden bedeckt. Man ſieht die zarten Falten ihrer weißen, Leichentüchern ähnlichen Mäntel langſam dahinflattern. Sie ſchweben vorüber. Und der Reiſende fühlt keinen Herzſchlag mehr. Seine Füße ſind bleiern. Der Schweiß gefriert ihm an den dampfenden Schläfen. Er ſchwankt; er fällt auf die eiſige Straße hin; er ſchließt die Augen ohne mehr ein Gebet liſpeln zu können, und ſchläft ſeinen letzten Schlaf. Am folgenden Morgen findet man am Wege einen hartgefrornen Leichnam. Schon der Anblick dieſer blaſſen Töchter des Todes hat den armen Reiſenden getödtet.... Ein Dichter des Nordens hätte die Herzogin mit jenen Dämonen der nordiſchen Mythologie ver⸗ glichen. Schon bei ihrem Anblick ſchlugen die Pulſe weni⸗ ger ſchnell und verwundet zog ſich die Seele zuſammen. Aber Herzog Johann liebte ſie. Er ward nicht müde, ſie anzubeten. Er ſah ſie immer durch den Zau⸗ ber ſeiner Erinnerungen aus Frankreich. 4 Als Williams Weſtern ihm die abſchlägige Ant⸗ wort der Herzogin brachte, weinte Herr von Maillepré. Dieſes thatkräftige Herz war von der Liebe gebrochen, bezähmt, beſiegt, zernichtet. Er hatte weder Stolz noch Muth mehr. „Wie, ein Kind weinte er. Dann verließ er ſein Zimmer und ging an die Thüre jenes ſeiner Gemahlin zu klopfen, welcher zu nahen er ſchon ſeit mehreren Jah⸗ ren nicht mehr gewagt hatte.. Pariſer Liebſch. II. 12 178 Man zögerte zu öffnen. Der Herzog kniete vor der aͤußern Schwelle nieder. Es war ein ſchmählicher, herzzerreißender Auftritt, deſſen Erinnerung den Zeugen davon jetzt noch mit tie⸗ fer Betrübniß erfüllt. James Weſtern hatte auf das Schluchzen Johanns von Maillepré ſein Zimmer geöffnet. Es lag im näm⸗ lichen Gange mit Bertha's Zimmer. Er konnte Alles ſehen und Alles hören. Nach Verfluß einiger Minuten öͤffnete die Herzogin ihre Thüre ſelbſt und blieb unbeweglich und ſtarr auf der Schwelle ſtehen. „Madame! Madame!“ murmelte Herzog Johann mit gebrochener Stimme,„haben Sie Mitleid mit mir.... 44 1 Die Herzogin warf ihm einen Blick bitterer Ver⸗ achtung zu. Herr von Maillepré wagte nicht die Augen zu ihr aufzuſchlagen. „Haben Sie Mitleid,“ ſagte er;„ich leide allzuſehr! .. Bertha! o, ich ſchwöre es Ihnen, ich verfluche meine Hand und meinen Degen! Ich bereue, ihn ge⸗ tödtet zu haben, weil Sie ihn liebten....“ Dieſe Worte mußten ihm das Herz brechen und den Mund, der ſie ſprach, zerreißen. Ein ſchreckliches Lächeln ſpielte um Bertha's Lippen. „Ich wußte nicht!“ hob Herr von Malllepré wie⸗ der an;„ich hoffte.... Mein Gott! warum muß er mich nicht getödtet haben, um Sie glücklich zu machen, her ſah James Weſtern im Traume den gefühlloſen Zug um ihre Brauen, —— 179 „Bertha! o Bertha!“ ſagte er,„wenn Sie meine in Thränen gebadeten Nächte ſähen, ſo würden Sie Mitleid mit mir haben.... O, wie ſo lange dauert meine Strafe, Madame... Hier auf den Knien bitte ich Sie um Erbarmen!....“ Man hörte ein trockenes, gellendes Gelächter: Frau von Maillepré lachte zum erſten und letzten Mal im Hauſe Williams Weſtern.. Der Herzog bedeckte ſeufzend ſein Geſicht mit den Händen. Bertha lachte nicht mehr. Sie wandte den Rücken, um wegzugehen.... Durch eine letzte, höchſte Kraftanſtrengung kroch Johann von Maillepré dann zu ihr hin, indem er ſeine flehenden Hände gegen ſie ausſtreckte. Er berührte Ber⸗ tha's ſeidenes Kleid. Dieſe ſtand ſtille, ſchaute ihn an und ſtieß ihn mit dem Fuße zurück. Dann ſchloß ſich die Thüre vor dem verzweifelnden Johann von Malllepré ab. James Weſtern war noch ſehr jung. An jenem Tage erfuhr er, bis zu welchem Grade Gott das Leiden eines Mannes ſteigern kann. In der folgenden Nacht hörte man Geſchrei und Stöhnen im Zimmer des Herzogs Johann. Man wollte ihm zu Hülfe eilen. Er hatte ſich eingeſchloſſen. Am Morgen war das Zimmer leer. Auf dem Tiſche fand man ein Billet, das die Worte enthielt: „Williams Weſtern, mein Freund, ich hinterlaſſe Euch mein Weib und meinen Sohn. Ehret meine Gat⸗ tin, ſeid meinem Sohne ein Vater.“ Herzog Johann hatte ſeine Waffen mit ſich genom⸗ men............... 180 Als Raoul von Maillepré ins Mannesalter getre⸗ ten, fühlte er für die Tochter Williams Weſtern eine zarte Liebe. Die Herzogin, ſeine Mutter, lebte immer mehr in Zurückgezogenheit, indem ſie ſich mit einer maſchinen⸗ artigen Regelmäßigkeit den Uebungen der katholiſchen Religion hingab. Sie blätterte immer in Gebetbüchern. Aber hört Gott das Gebet derer, welche nicht Reue fühlen?.... Und das Herz, das voll bittern Haſſes iſt, hat es das Recht, ſeine Stimme zum Himmel zu erheben?.. Die Herzogin ſah ihren Sohn ſehr ſelten. Sie empfing ihn mit kalter Gleichgültigkeit bei ſich. Sie liebte ihn nicht. Raoul dagegen weihte ihr abgöttiſche Verehrung. Es war, als habe er die blinde Zaͤrtlichkeit ſeines Va⸗ ters geerbt. Nichts ſchreckte ihn ab. Obwohl er nun nach dem alten franzöſiſchen Geſetze, das er als Richt⸗ ſchnur betrachtete, das Haupt der Familie war, kannte ſeine Ergebenheit keine Gränzen. Er bat die Herzogin um ihre Einwilligung, ſeine Hand Luiſe Weſtern anzutragen. Die Herzogin ant⸗ wortete: „Herr Marquis, es iſt nicht der Brauch, daß ein Malllepré der Tochter eines kleinen Procurators ſeinen Namen gebe. Aber wenn Sie Luſt dazu haben, ſo thun Sie's, das iſt mir gleichgültig.“ Raoul wollte ihr bemerken, daß Weſtern von Adel ſei und ſeine Vettern in England der Pairie angehörten. Die Herzogin verabſchiedete ihn mit überdrüßiger Geberde.... Williams Weſtern hatte gewiſſenhaft den Willen ſeines unglücklichen Freundes erfüllt. Er hatte die Frau Herzogin von Maillepré mit Hochachtung behandelt. Bei Raoul hatte er Vaterſtelle vertreten. Williams Weſtern legte Raouls Hand in die Hand ſeiner Tochter Luiſe, welche ihn liebte. 181 Luiſe war ſchön und gut. Sie war eine jener edeln Jungfrauen der Union, bei welchen das ariſtokratiſche Element des alten Englands, durch eine neue Natur und die geſunde Kraft jugendlicher Völker gereinigt, in hehrer Geſtalt durchſchimmert. Raoul ſehnte ſich nach der Vereinigung mit ihr. Doch bevor er ſie ſein Weib nennen wollte, hatte er noch eine Pflicht zu erfüllen. Seit ſieben Jahren ſchon war Herzog Johann nicht wieder erſchienen. War er todt? Man hatte hie und da einige unbeſtimmte und wiederſprechende Auskunft erhalten, deren unzuſammen⸗ hängende Berichte, weit entfernt Licht zu verſchaffen, nur noch dunklere Vermuthungen aufkeimen ließen. Raoul reiste ab. James Weſtern kämpfte zu jener Zeit mit einer ernſten heftigen Krankheit. Ohne das hätte er Raoul begleitet, denn er hatte Herzog Johann in frommem Andenken behalten. Raoul blieb ſechs Monate abweſend. Als er zu⸗ rück kam, mußte die Familie Weſtern alle Hoffnung aufgeben, Herzog Johann je wieder zu ſehen. Die Frau Herzogin, welche die Anzeige der Abreiſe ihres Sohnes ohne die geringſte Bewegung angehört hatte, bewies bei ſeiner Rückkehr die nämliche Kälte. Und doch hatte ihr Sohn die Völker des Nordens und Weſtens beſucht. Er hatte die großen Seen und jene unermeßlichen Prairien geſehen, von wo man oft nim⸗ mer zurückkehrt. Aber die Frau Herzogin liebte ihren Sohn nicht. Mit einem ſonderbaren Lächeln vernahm ſie, daß er allein zurückkam. Nach ſeiner Verheiratung ſagte ſie zu Luiſe Weſtern: „Meine Frau Schwiegertochter, aus Ihrem Nichts ſind Sie nun zu einem Rang heraufgeſtiegen, wie Keine, aus⸗ genommen die Königin, ihn behaupten kann. Heben 182 Sie jetzt den Kopf, mein Schätzchen, und trachten Sie, ihn ſo ſtolz zu tragen, wie es einer Maillepré geziemt. Raoul, Marquis von Maillepré, hatte von Luiſe Weſtern vier Kinder: Bertha, Gaſton, Charlotte und Sancta. Obwohl das Haupt der Familie Frankreich aus sinem Grunde verlaſſen, der ihn natürlicherweiſe von der Liſte der Ausgewanderten hätte ausſchließen ſollen, wurde der Name Maillepré dennoch auf dieſe Liſte geſetzt. Zu jener Zeit nahm man es nicht ſo genau und man mußte geringen Verſtand beſitzen, um wegen ſolch einer Klei⸗ nigkeit mit emſigen Bürgern, welche ſo viele Köpfe ab⸗ zuſchneiden hatten, Streit anzufangen. Herzog Johann war abgereist, um für die Sache der Freiheit zu kämpfen, aber er war Herzog. Und was hatte übrigens die Freiheit mit jenen Männern mit dem blutigen Arme, welche die Gulllotine lenkten, gemein?2.... Jedenfalls hätte Herzog Johann, ſo großmüthig und liberal er war, den Mord Ludwigs XVI. mit Ab⸗ ſcheu geſehen. Raoul von Malllepré hatte andere Grundſätze als ſein Vater. Er war nicht nur gegen die Männer der Revolution, ſondern auch gegen deren Prinzip. Freudig nahm er daher die Nachricht der Ereigniſſe des Jahres 1815 auf. Wäre die Geburt Sancta’s, der jüngſten ſeiner Töchter, nicht nahe geſtanden, ſo würde er auf der Stelle nach Frankreich abgereist ſein. Seine Reiſe wurde übrigens nur aufgeſchoben. Gegen Ende des Jahres 1819 verließen die Maillepré Amerika. Der Marquis Raoul nahm alle ſeine Familienpapiere, deren einer Theil im Beſitze des Herzogs, der andere in der Herzogin Verwahrung geweſen, mit ſich. Raoul ließ nur eine Abſchrift der Aktenſtücke, welche ihm zu ſeiner Verheira⸗ tung nothwendig geweſen und ſeinen Nang als Staats⸗ bürger beurkundeten, zurück. h 183 Unter Anderm nahm Raoul von Malllepré auch die Mitgift ſeiner Gattin mit ſich, welche in einer be⸗ trächtlichen Summe Geldes beſtand, da das Haus Wil⸗ liams Weſtern ſich zu blühendem Wohlſtande emporge⸗ ſchwungen. Luiſe umarmte weinend ihren alten Vater, ihre Mutter und James, ihren Bruder. Die Verbannung der Maillepré ging mit dem Anfang der Verbannung der armen Luiſe zu Ende. Während mehr als einem Jahre erhielten die Weſtern keine Nachricht. 4 Sie waren in großer Unruhe, denn ſeit lange hat⸗ ten die beiden Familien nur eine einzige gebildet, und trotz dem zurückſtoßenden Einfluß der Frau Herzogin, weden die Maillepré'ſchen Kinder die Freude von Weſterns aufe. James beſonders war ſehr traurig. Seither fügte er den Maillepré ein vielleicht unheil⸗ bares Uebel zu. Seine zerſtreute und leicht verführe⸗ riſche Natur verleitete ihn einſt in die Tiefe eines Ab⸗ grundes.... Aber ſein Leben gehört den Maillepré. Er könnte ſagen, er habe einen großen Theil ſeines Lebens den Maillepré gewidmet.... Ungefähr ſechs Monate nach der Abreiſe des Mar⸗ quis Raoul brachten Schanzgräber aus dem Weſten Nachrichten, die ſich unbeſtimmt auf Herzog Johann bezogen. Man ſprach von einem vornehmen Weißen, der während mehreren Jahren allein am Ufer der Mohawk gelebt und wahnſinnig ſei. Nachdem dieſer Mann in den urbargemachten Lan⸗ destheilen umhergeirrt, wohne er nun ſeit langer Zeit unter den Jerokeſen. James Weſtern ſchwankte nie, wenn es ſich darum handelte, einen tapfern Entſchluß zu faſſen. Er war damals ein Mann in der Kraft ſeiner Jahre, muthvoll und fähig, auch die anhaltendſten Strapazen auszu⸗ 184 dauern. Unglücklicherweiſe leitete ſein langſames, neu⸗ gieriges Weſen ſeine Gedanken oft vom rechten Wege ab. Er nahm einen Karabiner und ſtieg zu Pferde. Indem er ſich gegen Nordweſt wandte, fand er leicht die erſten Spuren von Herzog Johann, der wirk⸗ lich längs den Ufern der Mohawk das Leben eines Wilden geführt hatte. Man erinnerte ſich ſeiner, man nannte ihn den Narren. Von da war er in die Länder der fünf irokeſiſchen Nationen gegangen, um ſich am Erieſee anzuſiedeln. Er lebte von der Jagd und nie nahte er einem Menſchen. Nach vielen Erkundigungen erfuhr James Weſtern, daß er nach einem kurzen Aufenthalt in der Umgegend des See's gen Norden gezogen ſei. Weſtern verfolgte dieſe neue Spuren. Die Huronen hatten das blaſſe Angeſicht, aus welchem der Große Geiſt(der Wahnſinn) leuchtete, geſehen. Er war nur bei ihnen durchgewandert und hatte ſich nach dem Ohio gewendet. 4 Weſtern lenkte ſein Pferd dem Ohio zu, ging über die Berge und kam an den Gränzen Georgiens in das Land der Jerokeſen. Dort fand er einige Greiſe auf der Aſche eines großen abgebrannten Dorfes ſitzen. Die Greiſe ſagten ihm, daß die Coloniſten Geor⸗ giens und von Teneſſee ihr Volk beſiegt und ſie allein zurückgeblieben ſeien, um auf den Gebeinen ihrer Väter zu ſterben. Sie erzählten ihm weiter, daß die jungen Krieger des Stammes mit einigen Häuptlingen geflohen und Weiber und Kinder mit ſich genommen hatten, da ſie ſich gegen Norden eine neue Heimat ſuchen wollten. Und als Weſtern ſie über Herzog Johann befragte verſtanden ſie ihn lange nicht, endlich aber ſagte einer der Greiſe: 18⁵ „Oguah iſt ein großer Häuptling.“ Und die andern wiederholten, indem ſie ihre ge⸗ ſchornen Köpfe ſchüttelten, auf welchen ein weißer Haar⸗ büſchel ſich emporſträubte: „Oguah iſt ein großer Häuptling.“ Weſtern ſtieg vom Pferde und ſetzte ſich in ihre Mitte. Der erſte der Greiſe hob wieder an: „Ich bin Outareh, der Sohn Uncas. Mein Zu⸗ name iſt Schneidendes⸗Beil.... Die, welche ſagen, Oguah ſei der Sohn eines blaſſen Geſichtes, ſind Lügner.“ „Ich bin Amiz, der Sohn Doons,“ ſagte ein An⸗ derer der Greiſe;„mein Zuname iſt Geier.... Oguah iſt ein Sagamore!.. Der große Geiſt weht in ſeinem Kopfe.. Oguahs Blut iſt roth....“ Die übrigen Greiſe ſprachen nun auch. Weſtern überzeugte ſich aus dem myſtiſchen Wortſchwall ihrer Sprache, daß Herzog Johann unter dem Namen Oguah der Häuptling eines ausgewanderten Stammes ſei. Er ſtieg wieder zu Pferde. Die Greiſe blieben auf der Aſche ihres Dorfes gekauert, indem ſie den Tod neben den Gebeinen ihrer Väter erwarteten. Es iſt nicht leicht, die Fährte eines wilden Stam⸗ mes zu verfolgen. Die Liſt, welche ſich der Menſch im Naturzuſtande zu einer Hauptaufgabe macht, vermehrt die Vorſicht, welche ſolche Stämme auf ihrem Wege beobachten? Durch allerlei Finten, Umwege, verwiſchte Spuren leiten ſie von ihrer Fährte ab. Neben einer Roth⸗ haut, die ſogar an Liſt Meiſter Fuchs übertreffen könnte, iſt die Liſt des Hirſchen ein Nichts. Dennoch verhindert das ganz ehrbare Philoſophen nicht, ihr Leben zu langweiligen Elegien auf die offene Freimüthigkeit und übrigen Tugenden der Wilden zu benützen. Dieſe guten Leute, welche immer eine Thräne im Auge haben, würden dem vorübergehenden Armen einen Heller verweigern, während Kannibalen ſie zu 3 ruhxen vermögen. Der heilige Jean⸗Jacques ſteh ihnen ei... 4 186 Weſtern war überdieß nicht der Mann für ein Un⸗ ternehmen ſolcher Art. In Geſchäften auferzogen und von Kindheit an in einer Atmoſphäre induſtrieller Ent⸗ würfe, wurde er auf ſeinem Wege oft durch das Schau⸗ ſpiel der im Kampfe mit dem trägen Widerſtande der Natur begriffenen Civiliſation aufgehalten. Die rieſen⸗ artige Urbarmachung des Weſtens, das ungeheure Ringen des kühnen Coloniſten mit der gewaltigen Jungfräulich⸗ keit des Bodens, Alles das ergriff ihn, brachte ihn von ſeinem Ziele ab. Dieſe Dinge waren für ihn, wie der Knochen, den eine unbeſonnene Hand auf den Weg eines herumſtreichen⸗ den Leithundes werfen würde. Später und bei einem ernſtern Umſtande mußte er ſich nochmals auf ſeinem Wege aufhalten, einige Stun⸗ den zögern und einen ewigen Gewiſſensbiß davontragen. Er ging lange gegen Weſten und überſchritt den Miſſiſipi zur Zeit des hohen Waſſerſtandes. Die uner⸗ meßliche Prairie dehnte ſich vor ihm aus. Sein Weg führte ihn nun anderwärts, denn wahrſcheinlich hatten die Jerokeſen einen Zufluchtort an den großen Seen in der Nähe von Canada geſucht. Weſtern eilte weiter, ohne den Muth zu verlieren. Oft verirrte er ſich, oft mußte er ſein Leben gegen die Sioux oder Pawnees vertheidigen, aber dann fand er auch wieder einen gaſt⸗ freundlichen Stamm, der ihn auf die verlorne Straße zurückbrachte. Eines Nachts vertiefte er ſich in eine abgebrannte Prairie, eine weite, vom Feuer verheerte Ebene, auf welcher der Wind Aſchenwolken aufwirbelte. Im Mit⸗ telpunkte derſelben ſah er da und dort hingeworfne weiße Gegenſtände, welchen der verſchleierte Mond nur unbe⸗ ſtimmte Formen lieh. James Weſtern näherte ſich. Es war ein Schlachtfeld, auf welchem zerſtreut Knochen von Menſchen und Pferden umherlagen. Ein Greis, eines jener ſeltſamen Weſen, deren halb⸗ — 187 wilde, halbciviliſirte Phyſionomien Coopers kräftiger Pinſel ſo gerne ſchildert, kochte ruhig ſein Nachteſſen in einem Loche.... Das ſind die Wirthshäuſer der Prairie. Weſtern ſetzte ſich neben den Trapper und richtete Fragen an ihn. „Dieſe Gebeine,“ antwortete ihm der Trapper,„ſind von den Jerokeſen.... Die Pawnees haben ſie vor einem Monate bei ihrem Durchzuge angegriffen und das Feuer hat ihre Rippen gebleicht, als ob zwei Jahr⸗ hunderte ſeit ihrem Tode darübergegangen wären.“ „Sind ſie denn Alle da?“ fragte Weſtern. „Sie wären Alle da ohne ihren Sagamore.... einen Krieger mit Namen Oguah, der ihnen mit ſeinem Beil einen Durchgang gebahnt hat.... Ich habe ſie geſehen.... ſie ſind jenſeits des Fluſſes!...“ Weſtern überſchritt auf’s Neue den Miſſiſipi. Als er an das Ufer des Obern Sees kam, gingen ſeine Kräfte zu Ende. Er war am Ziel ſeiner Reiſe, denn er fand da, was von dem Volksſtamme der Jerokeſen übrig ge⸗ blieben war. Ungefähr hundert Männer und einige Weiber wa⸗ ren auf dem nackten Boden gelagert. Die Männer hielten den Kopf zwiſchen ihren Knien. Die Weiber beſangen den Verluſt Oguahs, des Sagamore, der ihnen kürzlich von den Chippeways, den Herrn des Landes, weggenommen worden war. Die Chippeways verkaufen ihre Gefangenen den Engländern in Canada für Branntwein. Oguah war jedenfalls in dieſem Augenblick auf dem Wege nach Quebeck. 4 Weſtern war einige Tage zu ſpät angekommen. Er zerſchlug ſich die Bruſt, denn er hatte unter Weges einige Tage verloren. Seine Reiſe dauerte ſchon lange an. Mehr als 188 ein halbes Jahr war ſeit ſeiner Abreiſe von Boſton verfloſſen. Während ſeiner Abweſenheit waren aus Europa traurige Nachrichten angelangt. Das Schiff, auf welchem ſich die Maillepré einge⸗ miethet, war an den Küſten Englands geſcheitert. Raoul war ſeine Familie retten können, allein er befand ſich ohne Hülfsquellen und ohne Schriften auf fremdem Boden. 8 Er hatte nur Eine Hoffnung: Frankreich wieder zu be⸗ treten und die Güter der Maillepré in Beſitz zu nehmen. ...... 4 Herr Williams Manuſeript, deſſen Inhalt wir nach f unſerm Gutfinden bis hieher übertrugen, das aber wirklich ein gedrängtes Memorial voller Thatſachen und in Form einer Bittſchrift abgefaßt war, fand ſich hier abgebrochen. Herr Williams diktirte nun die Fortſetzung Toby. Die Ereigniſſe reihten ſich darin mit äußerſter Klarheit. Herr Williams ſchien die geringſten Nebenumſtände dieſes Theils der Maillepré'ſchen Geſchichte zu kennen. 5. Rach der Heirat. Wir leben in einem der Kunſt befreundeten Jahr⸗ hundert. Die Anſchlagzettel, die unſere Mauern tape⸗ ziren, ſind wahre Frescomalereien, auf welchen dunkle Genieen, von der Concurrenz beſiegt, zu höchſt billi⸗ gen, ermäßigten Preiſen den Reichthum ihres Pinſels entfalten. Geht aus: nach welcher Seite hin ſich auch Eure Schritte wenden mögen, immer läuft Ihr Gefahr, Euch einem Herrn in ſchwarzem Kleide vorüber zu beſinden, 189 auf dem Rücken, auf Paris einen in ſeiner Art vielleicht grauſamen, ſataniſchen Blick hinwirft. Weiter iſt es ein überaus häßliches Weib, Frankreich, in ein Schaf⸗ fell gekleidet, das eine, dem Anſchein nach kranke Perſon, welche das Pariſervolk vorſtellt, beim Ohre zieht; noch weiter findet Ihr einen ungeheuren Chineſen, der eine rieſige Cigarre raucht, in Paris. Paris, Paris, Paris!... großes Kind, das ge⸗ nörgelt und geäfft ſein will und das lacht und bezahlt, ſobald man ihm eine Schmeichelei oder eine Schmähung ins Geſicht wirft... die engliſche Schamhaftigkeit nicht erfunden hätte, den Galeerenſträfling mit ſeinem rothen Kleide, hier die häß⸗ liche Fratze des Böſewichts aus la Force oder la Ro⸗ quette, hier grüne Regiſter, welche Uebelkeit verurſachen, ſo ſehr gleichen ſie denen unſerer Banquiers; hier Per⸗ rucken, Weinhähne, immer ſpielende Waſſerpumpen und 1 ſpaniſche Inquiſitoren, die nach beſten Kräften ihre armen Teufeleien von Myſterien ankündigen. Da iſt ſogar ein illuſtrirtes Vaudeville, deſſen Ver⸗ faſſerin, fruchtbares Mitglied einer gelehrten Geſellſchaft, welche noch viele hübſche Stücke machen würde, wenn ſie nicht einen Theil ihrer Zeit mit Componiren kleiner Artikelchen zu ihrem eigenen Lobe verwendete, die Leidenſchaft hat, auf alle Häuſer der Hauptſtadt zu ſchreiben: „Ich, ich, ich bin Myrtille, Die Schäferin dieſes Vaudeville.“ Und die Maler beklagen ſich, obwohl ſie unter Anderm die Löcher von Verſailles zu verſtopfen haben! Was uns eigentlich veranlaßte, ſolchergeſtalt über Kunſt zu ſprechen, iſt ein Haus, das wir auf unſerm Wege nach der Wohnung Leon du Chesnels, wohin unſere Geſchichte uns führt, antrafen, deſſen Eigenthümer eeinen Garten auf die Mauern ſeines Hofes malen ließ. welcher der Teufel iſt und der, die Lumpenſammlerkutte Seht! hier bei dieſen Säulen der Boulevards, welche 190 Dieſer Garten iſt entzückend. Zwiſchen dem Blät⸗ terwerk hoher Palmbäume glänzt das bunte Gefieder der Vögel der Tropenländer. Es iſt eine Luſt, die ſchönen Cocosnußtrauben hängen zu ſehen und die Grim⸗ maſſen der Affen zu bewundern, welche, den Schwanz um die biegſamen Aeſte geringelt, ſich ſchaukeln. Auf dem Vordergrunde ſieht man Roſen, groß wie Kohlhäupter und roth wie Fleiſcherinnen, einen Pfau, einen Hahn, mehrere Papagaien, Melonen, Birnen und ein Stück Waſſer, in welchem eine Ente ſchwadert. In einem Winkel zeigt ſich eine lange, ſchmale Ausſicht in die Ferne, durch eine Allee von ſechs Eichen, die ſich perſpektiviſch in der Ferne verlieren. Am Ende dieſer Allee eilt eben ein von Hunden verfolgtes Reh⸗ vorüber. Natürlich iſt auch ein Jäger dabei, der zielt. Denn, ohne das, wozu ein Reh?... 2 Es iſt koſtbar!... Mit einem ſolchen Hofe verlacht man Leute, welche ſo lächerlich ſind, ein Schloß beſitzen zu wollen.— 5 Nach der, in einem der frühern Bücher erzählten ſchnellen Verheiratung Leon du Chesnels, hatte er ſeine Wohnung nach jenſeits der Seine, hinter die Elyſäiſchen Felder, in jene ſtille, ruhige Straße Montaigne, verſetzt, wacter Verfaſſer der„Verſuche“ heutzutage wohnen möchte. 8* Du Chesnel bewohnte ein Haus von ſchönem Aus⸗ ſehen, deſſen Hinterſeite auf jene weitläufigen Gärten ging, die ſich bis zum Coliſeum ausdehnen. Seine im zweiten Stock gelegene Wohnung war mit Geſchmack ausgeſtattet, zielte jedoch allzuſehr auf einen Luxus hin, der ſelten zu erreichen iſt. Es lag etwas Gezwungenes hinter dieſen Vergoldungen und unter dieſem Sammet. Du Chesnel hatte immer ſeinen Wagen und zwei ganz hübſche Pferde. Er ſtack mehr in Schulden als je. In der geſellſchaftlichen Welt trifft man ſelten auf ₰ — Abgründe und Waſſerfälle, aber oft auf gemeine Gru⸗ ben. Du Chesnel ſtand am Abhange, der in jene Gru⸗ ben führt, aus welchen man nur beſchmutzt, verlegen und verrufen wieder hinauskommt. Du Chesnel war ein Mann von Verſtand und Willenskraft. Moraliſcher Sinn mangelte ihm gärzlich. Es iſt dieß das Uebel der Zeit. Ihr grüßt, davon ſeid überzeugt, Viele, wie er, auf der Straße; Ihr drückt ihnen die Hand; Ihr ſeid glück⸗ lich, daß man ſieht, wie Ihr ihnen die Hand drückt. Das ſind in mancher Hinſicht ehrenwerthe Perſonen. Schmäht ſie. Alle Wetter! vom Leder gezogen! Fiir haben Herz nach ihrer Manier. Nur Ehre haben ie keine. Und das noch könnte beſtritten werden. Sie haben Chre in einem gewiſſen Grade, und es iſt in der That etwas Schreckliches um dieſe Männer, deren verlorne Seele gleichſam in ein Kleid der Auszeichnung und zarten uſtandes gehüllt iſt. Es liegt außer allem Zweifel, daß Du Chesnel auf geradem Wege ein ehrlicher Mann geworden wäre. Aber gewiſſe ſpitzfindige Köpfe werdet Ihr nie über⸗ 3 zeugen, daß in der geſellſchaftlichen Welt, wie überall 1 anderswo, der kürzeſte Weg der gerade iſt. 3 Sie wollen Umwege machen, und gäbe es auch 4 keinen! Ihre Arbeit hätte ihnen Unabhängigkeit ver⸗ ſchafft; die Intrigue gibt ihnen eine Tabaksſtube für ihre alten Tage. Kurz, was man Arbeit nennt, iſt reine Ruhe neben dem widerwärtigen Treiben der Intrigue. Du Chesnel war Geſandtſchaftsſekretär, was ein unbeſtimmter Titel iſt, da wohl ein Halbdutzend diplo⸗ matiſcher Stufen damit bekleidet ſind. Du Chesnel harrte ſchon lange auf die Gelegenheit, zu ſteigen. Die Gelegenheit kam nicht, oder aber ſie kam nicht in ſeine Schußweite und eine gewandtere Hand ergriff ſie im Fluge. 192 Err fing an zu fürchten. Er hielt eine Muſterung ſeiner Mittel und ſpannte alle Saiten, die er an ſeinem Bogen hatte. Und ſein Bogen hatte drei Saiten: Lea Verin, die Herzogin und Charlotte. Die Herzogin hatte gethan, was ſie konnte. Lea Verin verwendete ihren Kredit nicht für jemand Anders, ſie kaufte Renten. Was Charlotte anbetraf, ſo mußte die zuerſt her⸗ angebildet werden. 3 Es ſchlug Mittag. Charlotte hatte eben ihre Kam⸗ merfrau verabſchiedet und gab nun ihrem Kopfputze jene harmoniſche Nachläßigkeit, welche eine andere Hand unmöglich hervorbringen kann. 3 1 Charlotte war allerliebſt. Auf ihrem reizenden Ge⸗ ſichte lag Etwas von Sanctas Sanftmuth, mit viel geiſtiger, lebhafter Keckheit vermiſcht. Ehemals gab ihr dieſe Miſchung einen heitern, ſchelmiſchen, etwas unru⸗ higen und neugierigen Ausdruck. Aber ein Hauch von Traurigkeit war über Alles das hingezogen und hatte auf ihre heitern, feinen Züge einen Anflug von Melan⸗ cholie geworfen. 1 Charlotte war noch nicht völlig zwanzig Jahre alt. Seit einem Jahre war ſie an den Vicomte Leon du Chesnel verheiratet. Wir haben ſie früher nachdenklich und mit neidi⸗ ſchen Augen die ſchönen Cquipagen betrachten ſehen, welche auf dem Pflaſter der Vorſtadt Sainte⸗Germain hinrollten. Es wäre vielleicht allzu hart, dieſes erſte Sehnen der Jugend, jene unbeſtimmten Phantaſien, die krankhaften Träume, in welchen die Seele der jungen Mädchen wie zufällig dem Unbekannten entgegenſtrebt, mit Strenge beurtheilen zu wollen. Nichts deſtoweni⸗ ger müſſen wir bekennen, daß Charlottens Natur eine unwiderſtehliche Liebe zu Allem, was Luxus, Eleganz und Pracht heißt, in ſich trug. Alles, was glänzte, zog 193 ihre Blicke an ſich und verſenkte ſie in träumendes Sinnen. Der Putz, die ſchönen Feſte, die vergoldeten Freuden!.. Es war dieß Alles ein Blendwerk für ihr neugebackenes Herz, das nicht wußte, nur ahnte. Man hätte glauben ſollen, ſie trage eine Erinnerung bei ſich, welche, über ihre Wiege hinausreichend, ihr durch wun⸗ derbaren Inſtinkt die erloſchene Pracht ihres Stammes ins Gedächtniß rief. Sie war kühn, verwegen. Die Verheiratung war für ſie ein Abenteuer geweſen. Jenſeits derſelben hatte ſie Vergnügen, Freiheit, Reichthum geſehen.... Das Vergnügen ſtatt ihrer dumpfen Ruhe, die Freiheit ſtatt ihres einförmigen und verhaßten Gefäng⸗ niſſes, den Reichthum ſtatt jenes Elendes, welches ſeit ihrer Kindheit ſie und Alles, was ſie liebte, drückte!... Denn ſie liebte Sancta von ganzem Herzen; ſie liebte Gaſton; ſie weihte der Herzogin⸗Wittwe jene ach⸗ tungsvolle Verehrung, welche, ſo zu ſagen, im Blut der Maillepré lag. Sie war unbeſonnen einer Lockung gefolgt, welcher vielleicht eine gereiftere Vernunft nicht erlegen wäre, an der jedoch das Herz keinen Theil hatte. Ueberdieß muß man einem Umſtande Rechnung tragen, der allein eine Entſchuldigung iſt. Charlotte hatte nie daran gedacht, ſich von ihrer Familie zu tren⸗ nen. Sie kannte die von Du Chesnel deigefügte Clauſel nicht. Denn Nichts hätte ſie dazu gebracht, ſie anzu⸗ nehmen. Sie war vor den Altar getreten mit der Hoffnung, ein verändertes Leben zu führen, ohne ihre herzliche Zärtlichkeit für die Familie aufzugeben, welche ihrer ſtürmiſchen Unruhe nicht genügen konnte, die ſie jedoch nimmermehr gegen irgend eine andere Freude ausge⸗ tauſcht hätte. War ihr Gemahl nicht in der Nähe der Familie? Nur die Breite der Straße trennte ihren ehelichen Pariſ. Liebſch. II. 13 194 ..* Wohnſitz von dem durch ihren Bruder und ihre Schwe⸗ ſter bewohnten Hauſe.... Armes Mädchen! Am Tage nach ihrer Verheira⸗ tung nahm jene ſo lang erſehnte Kutſche ſie auf und führte ſie in ein entferntes, entlegenes Quartier, faſt am Ende der Welt. Und als ſie ins Geheim, gegen die Befehle ihres Gatten, ſich nach der Wohnung ihres Bruders erkundigen ließ, antwortete man, dieſelbe ſtehe zu vermiethen. Hierin war Leon du Chesnel Alles trefflich gelun⸗ gen. Charlotte war fortan vereinſamt. Und der Diplomat ſchien an dieſem Umſtande über⸗ trieben ſtrenge zu halten; denn ein ſo zuvorkommender, gefälliger und liebenswürdigrr Chemann er auch war, er blieb unbeugſam bei den Bitten ſeiner Frau, unbeug⸗ ſam bei ihren Thränen. Er ſagte zu ihr: „Mein liebes Kind, Sie wiſſen, wie ich Sie liebe... Ihr Bruder und ich, wir haben uns verſtändigt.... Er hat begriffen, was Sie nicht begreifen wollen, und ich verſichere Sie, daß er das Opfer Ihrer Geſellſchaft ziemlich leicht gebracht hat....“ Anfangs verwarf Charlotte dieſe übelwollende Be⸗ merkung; allein Du Chesnel war ein gewandter Kauz. Er lief davon, kam zurück, brachte kleine Hiebe bei und warf endlich Zweifel in das Herz ſeiner Gattin.. Sie ſchwieg. Auch ſie barg im Grunde ihrer Seele unter ihren eiteln Launen einen unbezähmbaren Stolz. Sie drängte den Argwohn in ihr verwundetes Herz zurück, weil dieſer Argwohn ihren Bruder betraf. Aber ihm, ſowie Sancta weihte ſie ein ſtündliches Andenken. Sie ſchuf ſich einen Schlupfwinkel, eine theure Zufluchtsſtätte, ein liebes, ſüßes, der Erinnerung geweihtes Plätzchen, wohin ſie jegliche Liebe ihrer Kind⸗ heit flüchtete. Und die Verehrung, mit welcher ſie dieſe Liebe umgab, war um ſo inniger, als ſie ſtumm bleiben mußte und ſich nie nach Außen ergießen durfte. — 49——— Leon du Chesnel war, wenn er wollte, ein höchſt liebenswürdiger Mann. Sein ſeltſamer Geiſt beſaß eine kühne Leichtfertigkeit, die Staunen erregte und verfüh⸗ reriſch war. Charlotte liebte ihn, nicht mit glühender Leidenſchaft, aber mit unverkennbarer, vorzugsweiſer Herzlichkeit. 4 Dieſe Liebe war ihre einzige Stütze im Leben. Denn alle die ſchönen Träume, in denen Charlotte ſich gewiegt, waren ſchnell verblichen. Das arme Kind wurde gerade in dem Punkte geſtraft, in welchem ſie geſündigt hatte. Sie ſah jene Welt, nach welcher alle ihre Wünſche geſtrebt, nicht. Jene ſchönen, nur geahnten Feſte, jene Spazierfahrten in den Gehölzen, jenes Wetteifern in Eleganz und Koketterie, jene ſo lüſtern geſchaute Pracht, jener ſo glühend gewünſchte Glanz, Alles das ent⸗ ſchwand ihr. Sie war in Einſamkeit begraben.... In einer Einſamkeit, nahe bei dem Geräuſch und Getümmel der großen Welt, in einer Zurückgezogenheit am Ufer der geſellſchaftlichen Freuden, denn aus ihrem Fenſter ſah Charlotte über die großen, ſchattigen Gärten hin, wo ſich oft ein heiterer Kreis verſammelte, die Allee von Marigny, welche unaufhörlich von herrlichen Equipagen wimmelte, und ein Stück der Elyſäiſchen Felder. Wir haben einer literariſchen Unterhaltung zwiſchen Leon du Chesnel und dem Doktor Joſepin im Salon der Frau von Pontlevau beigewohnt. Dieſe Unterhal⸗ tung hat uns zum Voraus mit dem Beweggrunde zu Charlottens Verbannung bekannt gemacht. Du Chesnel war ein Dudley im Kleinen. Amy Robſart war reizend und die Herzogin Eliſabeth hatte, im Abnehmen begriffen, läſtige Anfalle von Eiferſucht. Auf ſolche Weiſe Bar dieſes bürgerliche Drama eine Nachahmung der königlichen Komoͤdie Walter Scotts. Auch hier befand ſich ein Mann zwiſchen ſeiner Frau und ſeiner Maitreſſe. 196 Und nun war dieſer Mann genöthigt, ſeine Frau zu verbergen. Wenn übrigens Charlotte in der Ehe nicht das gefunden, was ſie gehofft hatte, ſo ſah ſich Leon du Chesnel noch ganz anders getäuſcht. Er hatte ſeiner Wohnung gegenüber auf der andern Seite der Straße ein aufgewecktes, ſchelmiſches Geſicht⸗ chen, ein wechſelsweiſe keckes oder träumeriſches Auge geſehen; er hatte die langen, neugierig auf den vorüber⸗ ziehenden Lurus ſich heftenden Blicke errathen; er hatte ſich die Melancholie gedeutet.... Wir übertreiben nicht. Unſer Diplomat hatte ſeine Nachbarin emſig und genau beobachtet, wie ein Poet der ſogar ein vertrauter Romandichter es hätte thun nnen. Aber das geſchah nicht, um eine Elegie, nicht um einen Roman zu ſchreiben. Du Chesnel beobachtete in ernſtlicher Abſicht, wie die Profeſſoren, dieſe geſchwätzigen Seelſorger unſrer ſchönen Jugend, ſagen. Du Chesnel hatte einen Zweck. Das Miniſterium hatte eine Veränderung erlitten. Herr Eſprit, ein dicker Bureaukrat, hatte erſt ſeit einigen Wochen den wichtigen Poſten eines Kabinets⸗Chefs erlangt.. Herr Eſprit hatte keine Maitreſſe. — Dieſer Mann war häßlich, gemein, roh, feige, albern, ein Menſch, um ſeinen Weg zu machen. Er hatte tapfer alle ſeine Beförderungen durch krie⸗ chende Gefälligkeit und die vollkommenſten Kratzfüße er⸗ worben. Und zwar ſo, daß der Miniſter ſelbſt treuherzig die Zeit vergeſſen hatte, wo Herr Eſprit ihm noch die Stiefel wichste, die Stiefel des Miniſters. Und dieſer Mann, der nun von der Straße bis zum politiſchen Vorzimmer hinaufgeſtiegen war, hatte keine Maitreſſe! Welches Thor war da nicht geſchickten Berechnungen offen!... * 197 Du Chesnel fühlte das Bedürfniß, eine Frau zu nehmen. Und wahrlich: das Geſichtchen jenſeits der Straße war voll entzückender Verheißungen. Die launigen Wünſche, die man darin las, deu⸗ teten auf einen Anfang der geſellſchaftlichen Verkehrtheit. Einige kluge Worte, Putz und Schmuck und Alles mußte wie geſchliffen gehen. Das hatte ſich Du Chesnel geſagt, und er hatte ſchon im Traume ein huldreiches Lächeln des Herrn Eſprit geſehen. Einen Gnadenblick des Miniſters.... Eine Miſſion!... Nichts von Allem dem! Es fand ſich, daß dieſes auf⸗ geweckte Geſichtchen Nichts bedeutete, als eine tüchtige Portion Heiterkeit, Lebendigkeit und etwas Unbeſonnen⸗ heit. Einmal verheiratet, entdeckte Du Chesnel mit Schreck unter dieſer leichtfinnigen Außenſeite ein ehr⸗ liches Herz, eine große Seele, einen verzweifelnden Stolz. 3 Das war eine verſehlte Spekulation. Indeſſen ließ er ſich vom erſten Verſuche nicht ab⸗ ſchrecken und umgab den widerſpenſtigen Platz mit ge⸗ ſchickten Verſchanzungslinien. Charlotte bemerkte nicht einmal den Angriff. Sie verſtand Nichts, ſo weit entfernt war ſie, ſich verleiten zu laſſen.... Aber was geſchah? Als Du Chesnel ſie ſo reizend und ſo rein ſah, mußte er anfangen, ſie zu lieben. Der arme Du Chesnel! es wurde ihm wirklich zu Herzensſache.... 3 Ueberdieß ward er durch Ueberraſchung beſiegt. Er hatte geglaubt, ein ſicheres Spiel zu haben, und das arm e, junge, prachtliebende Mädchen, das Kind, das mitten in ſeinem Elende von Equipagen und Putz träumte, ließ ihm nicht einen Schatten des Zweifels. Bei ſol⸗ 198 chen Eigenſchaften noch Tugend zu finden, das war wirk⸗ lich überraſchend. Und dann trieb er ſchon ſo lange das Handwerk des pfiffigen Don Juans, ſo lange, daß er jeden ſeiner Seufzer nützte. Die nutzbringende Liebe drückte ihn. Er verab⸗ ſcheute ſeine Seufzerrolle, wie ein Schriftſteller ohne Genie ſeine Feder verabſcheuen muß, wie ein Galeeren⸗ ſklave ſeine Aufgabe verabſcheut. Meiner Treu!l es gibt keinen ſo fleißigen Arbeiter, der nicht hie und da ſich Ferien mache. Du Chesnel ließ ſich verleiten, ſeine Frau zu lieben. Und Gott weiß, daß nie eine ſtrafbare Liebe bei ihrem Gluücke mehr Dornen trug. Menſchen wie Du Chesnel haben nicht das Recht, ſich ehrbaren Gefühlen hinzugeben. Das iſt für ſie verbotener Luxus. Sie haben Verpflichtungen und Verbindlichkeiten. Der Ehe⸗ ſtand iſt für ſie eine zwangvolle, ausnahmsweiſe Stellung, welche nur unter der Bedingung, einen übeln Haushalt zu fuͤhren, haltbar iſt. Seht Ihr dieſen Mann, welcher, um einer Stelle, um eines Kreuzes, um einer Medaille geſehen. In der Wirklichkeit trägt dieſe Art Männer die Strafe ihres Gewerbes. Ein ſolcher Mann iſt klein⸗ müthig, er wird beherrſcht. In der menſchlichen Stu⸗ fenleiter kann man ihn kaum eine Sproſſe höher, als den Mann einer Königin ſtellen.... Er lehnt ſich oft gegen ſein Werkzeug auf, er zer⸗ bricht es nie.... wenn er nicht wenigſtens mit einem 199 2 ſchwachen Geſchöpfe zu thun hat, das leicht mit Einem Schlage zu tödten iſt. Es iſt durchaus nicht Mangel an Energie. Unter dieſen Herren gibt es ſehr tapfere Leute. Aber der Mann, der mit der Frau Spekulation treibt, iſt der Sklave der Frau, und wenn im Kampfe Eines mit Füßen getreten wird, ſo iſt er es.... er, der doch ſtolz iſt und der Euch mit einem Piſtolenſchuſſe das Gehirn zerſchmettert, wenn Ihr ihn ein wenig ſchief anſchaut. Die Herzogin war eiferſüchtig. Leon mußte zuerſt dem Argwohn der Herzogin vorbeugen. Dann fand Herr Eſprit eine Maitreſſe. Lea Verin erhielt die Charlotten beſtimmte Stellung. Lea Verin war ſo häßlich, wie Herr Eſprit. Du Chesnel wollte wenigſtens ſeinen Vortheil aus dem Spiel ziehen. Da er nicht der Gemahl der Maitreſſe des Bureaukraten ſein konnte, ſo wollte er ihr dienſtthuender Cavalier ſein. Aber Frau von Verin war eiferſüchtig. Die Herzogin und der politiſche Blauſtrumpf(be⸗ wundert den Inſtinkt!) vertrugen ſich vollkommen wohl mit einander. Die Herzogin fand Lea Verin lächerlich. Lea Verin wußte, wie alt die Herzogin war. Unter dieſen Beiden fand ſich Du Chesnel behag⸗ lich. Jede von ihnen gab die Nützlichkeit ihrer Ne⸗ benbuhlerin zu. Jede von ihnen war dem Geſandt⸗ ſchaftsſekretär gegenüber in jener ſo komiſchen Stellung des Herzgeliebten einer Lorette. Der Herzgeliebte gibt, wie man weiß, die harte Nothwendigkeit eines Beſchützers zu, welcher Beſchützer ſich unter zehn Malen neun Male der Herzgeliebte glaubt, und über ſeinen Nebenbuhler, den er in der Eigenſchaft des Beſchützers duldet, ins Fäuſtchen lacht. Das iſt die grundſächlichſte Stellung. Wir nehmen in der That an, daß eine Lorette, welche nur zwei Lieb⸗ haber hat, auf ſolche Art die Wahrſcheinlichkeit dem Anſcheine opfert. Gewöhnlich muß man auf vier Liebhaber rechnen, 200 und man führt ſtarke Frauen an, um welche ſich zehn Männer beſtreben, jeder im Bewußtſein, der Vorgezogene zu ſein, indem er mit gemeiner Verachtung die neuen eſchützer bedeckt, welche dieſe ihm in vollſtem Maaße zurückgeben.... Mein Gott! ja, dieſer Spitzbube von Du Chesnel machte ſich mit Lea Verin über die Herzogin luſtig und mit der Herzogin über Lea Verin. Vermittelſt deſſen lebten die beiden Damen in Frieden miteinander. Aber ſie haßten beide um die Wette Du Chesnels Frau, ſeine wahre Frau, die ſie ſich jung und hübſch dachten. Man mußte Charlotte entfernt halten, Lea Verin beruhigen, die Frau Herzogin beruhigen, Du Chesnel war ein Mann, der nicht viel Muße hatte. Und ungeachtet ſo vieler Arbeiten blieb er dennoch Geſandtſchaftsſekretär!...... Charlotte war oft allein. Sie ging nie mit ihrem Gatten aus. Wenn ſie die Welt beſſer gekannt haben würde, hätte ſie glauben müſſen, daß Du Chesnel, in zweifacher Ehe lebend, zwei Wohnſitze habe und ihr nur einen Theil ſeines Lebens widme. Unwiſſend, wie ſie war, ſchmiedete ſie tauſend Ver⸗ muthungen, die an der Wirklichkeit vorbeiſtreiften. Wenn ſie dann recht nachgeſonnen, recht nach Urſachen zu Un⸗ ruhe und Befürchtungen geſucht hatte, brauchte Du Chesnel nur ein Wort zu ſagen, und ſie war beruhigt. Sahen ſie ſich einmal, ſo vertrieben ſie ſich die Zeit mit verliebtem Geplauder, denn Du Chesnels zarte Phantaſie unterhielt ſich ſogar durch die Langeweile, mit der ihn ſein Eheſtandsglück umgab. Aber obwohl dieſe Diplomatenliebe von ziemlicher Lebhaftigkeit war, ſo hatte ſie in ihm doch nie den Ge⸗ danken erſtickt, ſeine Heirat zu einer guten Spekulation zu benützen. Ein Kaufmann kann eine Thorheit begehen, ein fürſtliches Schloß kaufen und tüchtige Summen ver⸗ ſchwenden, um den großen Herrn zu ſpielen, aber er 201 wird die Ueberbleibſel der Früchte ſeines Gartens auf dem Markte verkaufen und ſeine Vaſallen mit Gemüſe verſehen. Du Chesnels Liebe war der Lurus eines Han⸗ delsmannes. Ohailente wollte das nicht bemerken.... Heute hatte ihr Du Chesnel verſprochen, den gan⸗ zen Tag bei ihr zuzubringen. Das war etwas Selte⸗ nes. Charlotte hatte ſich geputzt, wie zu einem Feſte. Sie trug ein veilchenfarbenes Kleid mit langem Leibchen, deſſen anliegende Falten die reinen Formen ihres Buſens abzeichneten. Charlotte war ſehr ſchlank, ziemlich groß und ſchien jünger, als ſie war. Ihr Wuchs hatte einen lebhaften Schwung, der keine Nachläßigkeit der Haltung duldete, ſondern jeder ihrer Bewegungen eine jungfräuliche und kecke Anmuth verlieh. Wenn dann zuweilen die Träumerei ihr ſtürmiſches Weſen etwas milderte, nahm Charlotte eine faſt idea⸗ liſche Schönheit an. Ihre prächtigen, ſchwarzen Augen die ſo reizend beim Lächeln ſtralten, wurden noch rei⸗ Du Chesnel blieb aus. Charlotte erwartete ihn ungeduldig. 4 Durch die Fenſtervorhänge drang ein blaſſer Herbſt⸗ 20⁰²2 ſonnenſtral in das Zimmer und warf einen glänzenden Streif auf die dunkeln Arabesken des Teppichs. Charlotte ſaß ganz nahe am Fenſter. Ihr Blick, der zerſtreut den in ſchnellem Trab unter den Bäumen der Elyſäiſchen Felder hinjagenden Equipagen folgte, wandte ſich zuweilen gegen eine Thüre, deren zugezogene Seidenvorhänge auf den dem Kamine gegenüberbefindlichen Teppich niederfielen. Ohne Zweifel mußte Du Chesnel durch jene Thüre kommen. Nach und nach ſchaute Charlotte weniger oft nach jener Seite hin, weil die Träumerei ſich ihrer bemäch⸗ tigte und ihr Geiſt mit aller jener glänzenden Welt in den ſchönen Equipagen auf dem weichen Sande der Alleen hinſchlüpfte.... Auf ihren Lipven ſpielte ein Halblächeln voll trau⸗ riger Sehnſucht. So war ſie ein poetiſches, ſchönes Geſchöpf. Ihr feines, regelmäßiges Profil blickte nur unter den beweg⸗ lichen Locken ihres Kopfputzes hervor. Ihr Kopf neigte ſich vorwärts und ließ das anmuthige Rund ihrer wohl⸗ geformten Schultern ſehen. Ihre beiden auf den Knieen gefalteten Hände drangen weiß und niedlich aus dem ſeidenen Kleide hervor. Ein faſt unmerkliches Geräuſch ließ ſich hinter der Thürbekleidung vernehmen. Es war wie das Murmeln verhaltener Stimmen. Charlotte hörte es nicht. Der Vorhang hob ſich ſachte, ſo ſachte, daß Char⸗ lottens Träumerei nicht geſtört wurde. Hinter dem ſeidenen Vorhange erſchienen zwei Köpfe, nämlich das welke Geſicht des Sachwalters Durandin und das überſättigte Antlitz Du Chesnels. Du Chesnel zeigte ſeine Frau mit einer ſtummen und wie triumphirenden Geberde. Durandin hielt ſeine Lorgnette vor's Auge und muſterte ſie als Kenner. Dann ſchauten ſich die beiden Freunde an und der Vorhang ſiel wieder zu.... 6. Um zum Zirle zu kommen. Schon geraume Zeit waren der Sachwalter Duran⸗ din und Leon du Chesnel hinter dem Vorhange in ernſtlichem Geſpräche begriffen. Ihre plötzliche Erſcheinung und die Geberde Du Chesnels, welche die Lorgnette des dicken Mannes der Geſetze auf ſeine Frau hinrichtete, deuteten den Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung an, die fortgeſetzt wurde, ohne daß Charlotte die Bewegung des Vorhanges bemerkt hatte. Du Chesnel hatte Durandin angetroffen, der zu Pferde die Kaleſche der Madame Bathilde von Saint⸗ Pharamond in Geſellſchaft von Felir Chapiteaur und J. B. S. T. Sanguin begleitete. Mit dem Baron Prunot, der noch aus dem Kaiſerreich ſtammte, ließ ſich nicht mehr ſo früh Muthwillen treiben. Durandin hatte ſein Pferd beſtiegen, um aus bloßer Politik, wie man leicht denken kann, dem Hofe der Kaiſerin der Loreiten zu folgen. Dieſer Sachwalter war nicht zum Sportman geſchaffen. Aber Felir Cha⸗ pitaur hatte ihm zur Kundſchaft des Hauſes Polype und Comp. verholfen, Madame von Saint⸗Pharamond verſchaffte ihm alle Prozeſſe ihrer Liebhaber und J. B. S. T. Sanguin von Lyon überhäufte ihn mit kleinen Handelsprozeſſen wegen Seidenreſten. So daß Durandin viel Geld erwarb, waͤhrend er ſeine Zeit in den Gehölzen, dem Theater u. ſ. w. verlor. Er war ein guter kugelrunder Lebemann, der immer ſein Herz auf der Hand trug und immer bereit war, 204 mittelſt Finanzen Dienſte zu leiſten. In ſeinem Fache ſpielte er den Ernſt, weil er nichts Anderes zu thun hatte; ſein erſter Schreiber war ja da. Neben ſeinem Berufe äffte er gerne den Leichtſinn nach und bedeckte die Manöver ſeiner bürgerlichen Diplomatie mit dem Schleier einer unverwüſtlichen guten Laune. Allgemeine Sätze aufzuſtellen, iſt Dummheit; aber mißtraut den guten dicken Jungen ohne Galle. Durandin hatte die fire Idee, ein altes Schloß zu kaufen, es neu mit Mörtel bewerfen zu laſſen und die ausgeſchnitzten Fenſterbogen mit hübſchen grünen Som⸗ merläden zu bekleiden. Dieß war ſein Ehrgeiz und füllte ſeine ganze Seele aus, während es ſeine Rechnungen für Prozeſſe über⸗ mäßig anſchwellte. Seine Frau hatte ihm hundert fünfunddreißig tau⸗ ſend Franken Mitgift nebſt anderer Anwartſchaft zuge⸗ bracht. Sie war ſechs Jahre älter, als er, hatte drei falſche Zähne und eine große Menge grauer Haare. Sie war eine jener Frauen, welche Gott hauptſäch⸗ lich dazu erſchaffen, daß ſie die Laſten der Sachwalter verſüßen. Sie nannte ſich Virginie. Durandin hatte ihre Eroberung gemacht, indem er zu ihr ſagte:„Ich will Dein Paul ſein....“ Mit einem Worte, ſie blieb nach Lukretig's Bei⸗ ſpiel bei Hauſe und überwachte den Fleiſchtopf, indem ſie bei Herrn Viktor Ducange’'s Romanen heiße Thränen vergoß. Durandin hätte ſchlimmer hineintappen konnen, denn die Mehrzahl dieſer Frauen ohne Zähne und mit grauen Haaren, welche die ehrgeizigen Schreiber getroſt heiraten, lieben die Polka und machen Verſe.... Durandin träumte ſich ein ſehr großes Schloß ſtatt des weißen Hauſes, welches Seinesgleichen träumen, weil er ſich ſchon mit Virginie darin ſah, er im Thurme gegen Süd, ſie im Thurme gegen Nord. Du Chesnel hatte immer einen gewiſſen Einfluß auf ſeine alten Kameraden behalten. Obwohl die ehe⸗ mals geſchloſſene Verbindung keine ernſtlichen Reſultate gehabt, hatten ſich die fünf Perſonen, welche wir am Abend des Faſtnachtdienſtags von 1826 im Wirthshauſe zum Wilden Mann verſammelt geſehen haben, nichts⸗ deſtoweniger bei verſchiedenen Umſtänden gegenſeitige Hülfe geleiſtet und überdieß beſtand zwiſchen ihnen ein Band, welches zu zerreißen nicht in ihrer Macht lag. Dieſes Band war jene unbeſtimmte und gemein⸗ ſchaftliche Gefahr, welche die ſechste Perſon der Karne⸗ valsſcene geſchickt über ihren Häuptern ſchwebend hielt. Drei unter ihnen, Joſepin, Durandin und Du Ches⸗ nel hatten die Gelegenheit gehabt, ſich Carmens Willen 5 unterwerfen, welche ihre Dienſte übrigens bezahlt atte. Die zwei Andern, Deniſart und Roby, welche viel⸗ leicht allzuniedrig geſtellt waren, als daß Carmen ihren Beiſtand hätte verlangen können, blieben nichtsdeſto⸗ weniger ihrer Willkür überlaſſen und wünſchten nichts⸗ deſtoweniger den Augenblick herbei, wo Carmen ihrer bedürfen würde. Sie befanden ſich Beide in jener Lage, von welcher wir ſchon geſprochen haben, wo man einen Umweg ſucht, um ſeine Seele dem Teufel zu verkaufen, der den Stol⸗ zen ſpielt... Durandin verließ die Cavalcade, während eben Cha⸗ piteaur der Frau von Saint⸗Pharamond ein Kompli⸗ ment machte und folgte Du Chesnel. Sie ſahen ſich ſelten. Man ſchüttet ſein Leid gern in den Buſen eines Freundes aus, der nicht Mißbrauch davon macht. Die Ergüſſe waren gegenſeitig. Durandin ſprach von ſeiner zahnloſen, grauen Frau. Du Chesnel zählte die ſechs guten Jahre ſeiner Würde an ſeinen Finger ab. Der Sachwalter ſeufzte leiſe nach ſeinem Schloß. Der Diplomat beſang die Reize ſeiner ſo lang erſehn⸗ ten Miſſion. — 206 4 Dann wurde eine praktiſchere Wendung der Unter⸗ haltung eingefädelt. „Laſſen wir Deine Frau,“ ſagte Du Chesnel,„es iſt klar, daß wir ihr die Zähne nicht nachwachſen laſſen können und für ſechs Franken färbſt Du ihr die Haare prächtig ſchwarz... Beſchäftigen wir uns mit dem Dauerhaften. Ich möchte Dich zu gerne in Deinem verteufelten Schloſſe ſehen, Durandin.“ „Und ich,“ entgegnete der Sachwalter,„ich gäbe, ich weiß nicht was, damit dieſe verteufelte Miſſion Dir eines ſchönen Morgens wie vom Himmel herabfiele.“ „Wenn ich ſoweit wäre,“ antwortete Du Chesnel, „ſo könnte ich Dir ſtolz auf die Schultern klopfen...“ „Klar, aber....“ „He, he!“. Du Chesnel legte bedeutungsvoll den Finger auf das blaue Kleid des Sachwalters. 5 „He! he!“ wiederholte er,„ich habe ſchöne Chancen.“ „Sie ſind alt,“ murmelte Durandin. „Nicht alle.... Nur zwei davon: Die Herzogin und Lea.... Durandin hob lächelnd die Augen zu ihm auf. „Wie? ein Burſche, wie Du, ſollte nicht daran den⸗ ken Deputirter zu werden?“ fragte er in der redlichſten Abſicht der Welt. „Du ſpotteſt....“ ſagte Du Chesnel. „Nicht doch..“ „Doch.... Du ſpotteſt... aber Du haſt Unrecht. Ich denke ganz ernſthaft daran... Laß ſehen, Durandin,“ hob er in verändertem Tone wieder an,„bringen wir dieſen Handel in Richtigkeit?“ „Gern.... bezahlſt Du den Lehnzins?“ „Der Lehnzins iſt etwas Abgeſchmacktes.“ „Du bezahlſt ihn nicht?“ „Wenn man mir an die Schulden ſteuern ließe!“ ſing Du Chesnel lachend wieder an;„doch ſcherzen wir nicht!... Der Lehnzins macht mir den wenigſten Kum⸗ mer.... Du haſt fünfzigtauſend Thaler in guten Staats⸗ papieren, ich kaufe ſie Dir ab.“ „Mit was?“ „Laß das! ich kaufe ſie Dir ab... mittelſt einem Billet von tauſend Franken und einem Gegenbriefe....“ „Zwei Billets von tauſend Franken,“ ſagte der Sachwalter.. Du Chesnel zuckte die Achſeln. „Es ſei,“ antwortete er,„aber, die Hauptſache ſind die Stimmen.“ „Wenn Du ſo viel Banknoten haſt,“ murmelte Durandin;„ſo nehme ich es über mich, Dir deren nicht übel zu kaufen.... „Pfui doch!“ ſprach Du Chesnel gedehnt,„bringen wir nicht durch Beſtechung Verdorbenheit in die Wahl⸗ behörden. Ueberdieß kann ich wohl tauſend Franken bei Lea und tauſend bei der Herzogin entlehnen, weil ich ſie ihnen nicht zurückgeben werde, aber mehr, das wäre gefährlich... Suchen wir anderswo.... Du kennſt ganz Paris.... Gäbe es nicht etwa unter Deinen Kunden irgend einen braven einflußreichen Mann .... Du verſtehſt mich wohl?“ Durandin kratzte ſich hinterm Ohr. „Etwa Herr Polype,“ antwortete er nach einigem Schweigen. Du Chesnel klatſchte herzlich vergnügt in die Hände. Bis jetzt hatte er, als ein Mann, der gewöhnt iſt, Luftſchlöſſer zu bauen, ein wenig in den Tag hineinge⸗ ſchwatzt, aber der Name Polype ließ in ſeinen Augen einen lebhaften Hoffnungsſtral erglänzen. „Polype?“ rief er,„der Briareus des Wechſelhan⸗ dels!.... der Mann, der mit hundert Händen ausleiht und in tauſend Taſchen einzieht!.... der Alchemiſt, der in einigen Wochen aus einem dicken Sou voller Grün⸗ ſpan einen glänzenden Louisdor zu machen verſteht!... Polype! der zu Fleiſch gewordene Mont⸗de⸗Piété! der ——————— 208 .. Du ſcherzeſt.. weiß das.“ „Nun denn?“ „Nun denn, Polype leiht gegen dreißig Prozent auf hundert. Das iſt kein Grund, daß er Dir gratis dienen ſoll.“ Du Chesnels Begeiſterung legte ſich. „Das iſt richtig,“ murmelte er,„allein da er Dein Client iſt, dachte ich....“ 2⁰9 „Natürlich... Ich begreife Dich ganz wohl... Denke nicht mehr daran, mein Junge.“ 3 Du Chesnel ſchob ſeinen Arm unter den des Sach⸗ walters. „Im Gegentheil,“ ſagte er,„denken wir Beide daran.... Das iſt ein Geſchäft.... Ich werde Dir königlich Deine Mühe und Beſorgung bezahlen, wie Ihr in Euren verteufelten Rechnungen ſagt.... Mit Geld könnte man aus Polype machen, was man will, nicht wahr?“ „Unſtreitig,“ antwortete Durandin. „Das iſt herrlich.... Ich habe kein Geld.... Aber .... Ei, zum Henker, ſiehſt du, man muß ſich aus⸗ ſprechen!... Polype muß doch auch eine ſchwache, eine verwundbare Seite haben.... Man hält ihn für einen Weiberfreund.“ 8 „Puſt!“ machte Durandin,„Gelegenheit zu einem Vaudeville, mein Kleinerl... Du ſollteſt anfangen, Dir das abzugewöhnen....“ Du Chesnel machte eine ungeduldige Geberde. „Ich frage Dich, ob er die Weiber liebt,“ ſagte er. „Ei, gewiß.... Sechs Monate lang hat er Ba⸗ thilden wöchentlich dreitauſend Franken gegeben..“ „Hundertvierundvierzigtauſend Franken jährlich!“ murmelte Du Chesnel.„ „Richtig.... Jetzt leiht er ihr auf Pfand gegen fünf Prozent für hundert monatlich.... das macht ſech⸗ zig auf hundert jährlich.... das Doppelte ſeiner gewöhn⸗ lichen Taxe.... Er bringt ſich's wieder ein!“ „Er thut wohl.... Was für eine Maitreſſe hat er jetzt?“ Durandin betrachtete den Diplomaten mit abge⸗ feimter durchtriebener Miene. „Mein alter Leon,“ ſagte er,„Du biſt wie jene Bauern, die beim Regierungsfeſt auf den gabenbehäng⸗ ten Maſt hinaufzuklettern verſuchen.... heiße nun die Regierung eine Stuart'ſche oder Cromwell'ſche... dreißig Pariſ. Liebſch. II. 44 8 210 Mal ſchluͤpfen beſagte Bauern an dem e aneh Stamm hinauf und fallen dreißig Mal hart zu Boden . aber ſie rutſchen immer wieder hinauf.. „Das iſt das einzige Mittel, die filberne Uhr zu gewinnen,“ entgegnete Du Chesnel. „Du,“ fuhr Durandin fort,„Du haſt ſchon dreißig Mal in Deinem Leben ſehen können, daß die Frauen⸗ leiter ein mit Seife beſchmierter, gabenbehängter Maſt iſt. Du biſt hinaufgekrochen, Du biſt gefallen, aber Du willſt wieder hinauf.“ „Allerliebſt! Aber wer iſt jetzt Polype's Maitreſſe?“ „Du willſt ſie unterjochen?“ 4 „Vielleicht.“ „Ihren Nacken unter Deine Geſetze beugen?“ „Nur zu!“ „Sie an Deinen Wagen feſſeln?“ „Es iſt erlaubt, den Verſuch zu wagen.. „Nein,“ ſagte lachend Durandin;„das iſt förmlich verboten... Polype iſt Wittwer.... Benito, die Tänze⸗ rin, iſt erſt kürzlich nach Petersburg abgereist.“ Sie waren bis zur Treppe in Du Chesnels Hauſe gelangt. Dieſer ergriff die Hand des Sachwalters und drückte ſie ihm heftig.— Ach! Benito iſt nach Rußland abgereist!“ ſagte er;„das iſt was Anderes... Wohlan, mein Sohn, jetzt werde ich Deputirter!“ „Verſteh nicht“ erwiederte Durandin. „Was Teufel!“ rief Du Chesnel, vein oder zwei Monate anwenden, um die Wahlbehörde eines Bezirks zu bearbeiten, das koſtet keine hundertvierundvierzig⸗ tauſend Franken.“ „Für Dich und mich doch.... Du zahlſt die Stimme mit einigen Louisd'ors!. Aber Polype koſtet das nicht fünfzig Centimes, er braucht nur zu ſprechen.“ 3„So mein' ich es auch.... und weil er doch hun⸗ dertvierundvierzigtauſend Franken gegeben hat... 4 8— wndiz ib biſt. 211 li at Dir am Herzen!“ unterbrach ihn Du⸗ 1 nglück iſt nur, daß Du nicht ein hübſches 75* 5 r Du hesnel hatte geläutet. Man kam zu öffnen. Sie traten ein. „Komm hier durch,“ ſagte Du Chesnel,„und mach' kein Geräuſch.“ Durandin folgte ihm. Sie traten in Du Chesnels Kabinet, in welchem ein ſchöner Schreibtiſch von Pali⸗ ſanderholz ſtand, an den ſich der Diplomat zwar nicht oft ſetzte. „Wir ſind immer noch Freunde, wie ehemals?“ hob der Letztere mit an ſich gehaltener Stimme an. „Wozu dieſe Frage?“ wollte Durandin antworten. „Leiſer!“ ſiel ihm Du Chesnel ins Wort,„wir ſind vortreffliche Freunde... alte Freunde, und ich weiß wohl, daß ich auf Dich zählen kann. Ueberdieß haſt Du das Gedächtniß eines Geſchäftsmannes und kannſt ſomit einen Umſtand nicht vergeſſen haben, der uns nöthigt, bis auf einen gewiſſen Punkt in gutem Ein⸗ verſtändniß zu leben... ich will nämlich von der luſti⸗ gen Nacht ſprechen, welche wir kommenden Carneval vor ſieben Jahren im Wirthshauſe zum wilden Mann mit einander zugebracht.... „Wie zum Teufel kommſt Du nun wieder auf das?“ ſagte der Sachwalter, deſſen joviales Lächeln ſich eini⸗ germaßen verlor. „Das kommt mir oft zu Sinn,“ antwortete der Dinlenhat mit einem Tone, leichtfertig und ſchneidend zugleich. „Sollte man nicht meinen, Du droheſt mir.... murmelte Durandin. „Nicht im Geringſten!... Nur... und Du wirſt das vollkommen begreifen.... bin ich in einer Lage, um üble Nachreden fürchten zu müſſen.... und die Welt nimmt gewiſſe Geruchte ſo gern auf! Es wäre mir gar nicht lieb, irgend eines ſchöͤnen Tages um mich herum 212 5 ſtüſtern zu hören: Das iſt der Vicomte Leon du Ches⸗ nel, welcher... den.... Du verſtehſt mich „Nein,“ erwiederte der Sachwalter. „Das wird ſchon kommen.... aber unterdeſſen höre, wohin der Anfang meiner Rede zielt. Was unter uns geſprochen und vorgehen wird, bleibe Geheimniß.“ „Wie Du willſt.“ „Ein unverbrüchliches Geheimniß,“ fügte Du Ches⸗ nel hinzu, der die Brauen runzelte und dem Sachwal⸗ ter feſt in's Geſicht ſchaute. Dieſer durchſchritt unruhigen Blickes das Zimmer. Du Chesnel faßte ihn bei der Hand und drückte ſte ihm treuherzig, indem er plötzlich die Miene änderte. „Das iſt ausgemacht!“ fuhr er luſtig fort, während er jedoch immer leiſe ſprach.„Kommen wir zur Sache. Man muß Herrn Polype eine Maitreſſe geben.“ „Und nachher?“ ſagte Durandin, der auf eine furchtbare Entdeckung gefaßt war. „Das iſt Alles,“ antwortete Du Chesnel. Der Sachwalter blieb einen Augenblick ſchweigend. „Das kann angehn,“ entgegnete er endlich mit kundiger Miene, aber es iſt ein Glücksſpiel.... Zähl Dir's ein wenig an den Fingern ab: erſtlich brauchte es dazu eine hingebungsvolle Frau, zweitens eine gewandte Frau, drittens eine hübſche, viertens eine modiſche, fünftens....“ „Ich habe Beſſeres als das,“ ſagte Du Chesnel. „Ah! bah!“ „Ich beſitze einen Schatz....“ „Iſt ſie Schauſpielerin?“ „Nein.“ „Iſt ſie Virtuoſin?“ „Pah!... „Italiäniſche Prinzeſſin?“ „Geh mir!“ „Was iſt ſie?“ Du Chesnel öſſnete den Mund, aber er ſprach nicht. ohl 213 Seine Lippen bewegten ſich in nervöſem Zittern und ſeine Augenlider zuckten. „Sie iſt ſchön, wie ein Engel,“ murmelte er nach einigem Schweigen„und rein wie....“ Durandin brach in ein Gelächter aus. Der Diplomat ſchloß ihm den Mund mit zorniger Geberde.. „Ja rein,“ fuhr er mit einer Stimme fort, die eine leiſe Klage auszuhauchen ſchien;„rein und edel!“ „Meinetwegen!“ ſagte der Sachwalter,„das iſt das Wenigſte... Aber ſprechen wir von ihrem Geſicht. Polype iſt wunderlich....“ „Hab ich Dir nicht geſagt, ſie ſei ſchön, wie ein Engel ²“ „Doch, aber ich habe noch nie einen Engel geſehn.“ Mit einer gewiſſen Heftigkeit ergriff ihn Du Ches⸗ nel beim Arm und zog ihn gegen das andere Ende des Kabinets, wo ſich eine Thüre öffnete, hinter welcher ein Vorhang niederfiel. Du Chesnel hob ſachte die Falten deſſelben und wies mit dem Finger auf die am Fenſter ſitzende Charlotte. Durandin erſtickte einen Schrei der Bewunderung. Charlotte wandte ihnen beinahe den Rücken, allein zwiſchen den Locken ihrer braunen Haare hindurch er⸗ blickte man die ausgezeichnet ſchönen Linien ihres halb⸗ verhüllten Proſils. Die Erwartung legte, ich weiß nicht welch ungewöhnliches Schmachten auf die lebensvolle Anmuth ihrer Geſtalt. Man errieth ihren Blick an der kühnen Bogenlinie ihrer Wimpern. Ihre Haltung hatte einen ungekünſtelten Zauber. Unbeweglich und leicht vorwärts geneigt, ſchien ſie zwiſchen den dunkeln Mouſſelinvorhängen, die ihre Haare berührten, wie der unbeſtimmte Schattenriß, den man ſieht, wenn man Abends die Augen ſchließt und der lächelnd unſern erſten Schlummer wiegt. Du Chesnel ließ den Vorhang niederfallen. „Ah!“.... machte Durandin mit einem langen Athemzug. 214 Du Chesnel ſchloß geräuſchlos die beiden Flügelthüren und führte den Sachwalter wieder auf die andere Seite des Kabinets. Du Chesnel war blaß. Auf ſeiner Stirn lagen Schweißtropfen. Durandin und er ſetzten ſich zu einander hin. Der Sachwalter ſpähte verſtohlen die wachſende Aufregung Du Chesnels aus. Beide blieben ſtumm. „Sie iſt ſchön. nicht wahr?“ ſagte endlich der Di⸗ plomat mit erſtickter Stimme. „Entzückend!“ antwortete Durandin. Neues Schweigen. „Ach, beim Teufel! ja!“ hob der Sachwalter nach einer Minute wieder an;„Polype verſteht ſich darauf.... Mit dieſer Fee könnte man ihn zum ſanften Lamme umſchaffen.“ 4 „Es iſt meine Frau,“ ſagte Du Chesnel. „Ahl...“ machte wieder Durandin. Dann fügte er hinzu: „Ich dachte ſo was... aber...“ „Aber man muß doch zum Ziele kommen!“ ſagte ganz leiſe Du Chesnel, deſſen verſtörte Züge eine wahre Qual ausdrückten. Der Sachwalter legte die Hände auf ſeinen dicken Bauch, drehte die Daumen und ſchaute zur Zimmer⸗ decke hinauf. 2 „Meiner Treu,“ ſagte er,„mein alter Leon, ſo viel iſt gewiß, daß ich Madame Durandin für jeden Preis verkaufen würde... Es iſt wahrſcheinlich, daß ich ſie für Nichts gäbe... Es iſt möglich, daß ich ſo⸗ gar eine anſtändige Prämie für den ausſetzen würde, der die Mühe nähme, ſie mir zu entführen... Wenn ich aber ein Weibchen, wie das Deinige, hätte...“ „So würdeſt Du es lieben, nicht wahr?“ „Ich wäre wohl fähig dazu.“ „Ich liebe ſie!“ 215 Während Du Chesnel dieſe Worte ausſprach, ſtrich er ſich mit der flachen Hand über die Stirne. „Aber Nichts gelingt mir!“ hob er wieder an;„ich habe Unglück... Jeder Tag verſchlimmert meine Lage . meine Gläubiger verlieren die Geduld... ich habe ein Bein in der Grube... Ich muß mich wieder erheben.“ „Ich ſage nicht nein,“ brummte Durandin zwiſchen den Zähnen;„aber es iſt hart!“ „Ich muß mich wieder erheben!“ wiederholte Du Chesnel, die Fauſt ballend;„um jeden Preis!“ „Gut... das geht Dich an,“ folgerte der theil⸗ nahmloſe Durandin. „Höre!“ rief Du Chesnel;„ein ſolches Weib zu Grunde richten, heißt ſeine Seele Satan verpfänden... Sie iſt noch beſſer, als ſie ſchön iſt... ihr anmuthiger, lebhafter Geiſt bringt unvermuthet die launigſten Ein⸗ fälle, welche die Langeweile verſcheuchen und die Trau⸗ rigkeit unterdrücken... ihr Lächeln macht glücklich. Sie iſt liebevoll, ſie iſt ergeben... nie hat ihr Mund eine Lüge geſprochen... Mein Glück und mein Heil gedenke ich dieſem Manne zu verkaufen.“ Durandin drehte die Daumen. „Prüfe Dich,“ ſagte er. „Ich habe Luſt, mich zu tödten!“ murmelte Du Chesnel, deſſen gewöhnlich ſo kaltes und vor der Zeit welkes Geſicht eine wilde Verzweiflung ausdrückte. „Was das betrifft,“ entgegnete Durandin,„bin ich nicht bei der Partie.... Eigentlich, wenn Dir das Geſchäft gelingen und Du Deputirter werden ſollteſt...“ Du Chesnel erbebte, ſeine Stirn erheiterte ſich Sein Mund nahm wieder einen ſceptiſchen, kalten Ausdruck an. „Deputirter,“ wiederholte er;„Narr, der ich bin! Ich habe Momente, wo ich nicht viel beſſer bin, als ein weinender Schulbube!... Deputirter!... ja, ja. Die Kammer! das iſt der große Weg; dazu muß ich's brin⸗ gen.... Was liegt mir am Uebrigen!“ 216 „Es kommt ganz auf den Geſchmack an,“ ſagte der Sachwalter;„es gibt Leute, für die das Uebrige Alles iſt.“ —„Dummköpfe... Nur weil ich ungluͤcklich bin, hänge ich an ſolchen Lappereien des Herzens... Das Bedürf⸗ niß verderbt den Geſchmack an der Sache..„Wenn man immer nach einigen elenden Louisd'or laufen muß, ſehnt man ſich nach Ruhe; es iſt Einem überall ſo unbe⸗ . haglich, daß man ſich bei ſeiner Frau faſt wohl befindet... Ach! ich kenne das! Die Liebe iſt der Nachtiſch der— Lumpen!.. Ein wenig Lurus, ein wenig Macht, und ich verlache mein dummes Schmachten. Ich würde mich bemitleiden. Gott verzeihe mir, wenn man nicht bei Zeiten dazu thäte, ſo würde man es zuletzt dahin brin⸗ gen, die Grabſchrift des Gewürzkrämers an der Ecke zu verdienen: ſer war ein guter Gatte, ein guter Vater, u. f. f. u. ſ. f....“ Du Chesnel ſprach ungemein geläufig. Man hatte glauben ſollen, er ſuche ſich ſelbſt zu betäuben. Der Sachwalter drehte die Daumen und lächelte, zur Decke hinaufſchauend. 4 „Deputirter!“ hob Du Chesnel wieder an;„iſt das nicht ein kleines Opfer werth?... Ha! Du ſollſt ſehen, Durandin, was ich aus meiner Kugel machen werde!.. Ich werde nicht mehr bitten, ich werde befehlen! Ich werde mich furchtbar machen, damit man mich hätſchelt. Ich werde geſchickte Wendungen machen, kokett den Un⸗ willigen ſpielen. Nichts für Nichts!... Ich brauche meine Stimme, alle Wetter! für hunderttauſend Pfund Einkünfte!“ „Das iſt viel...“ „Das iſt wie Nichts!.. Penſionen, Stellen, kleine ſette Biſſen, ohne des Budgetfraßes zu erwähnen.... Wenn ich ſage hunderttauſend Franken, ſo will ich auch fünfzigtauſend Thaler!“ „Und ich?“ fragte kalt der Sachwalter. 217 „Du? Ich laſſe Deinen Neffen Stipendien be⸗ willigen.“ „Ich habe keine Neffen.“ „Ein Patent für Tabaksverkauf...*)“ „Ich habe keine Baſen.“ „Das Ehrenkreuz...“ „Das brächte nur meinem Schreiber Profit.“ „Eine Stelle...“ „Mehrere Stellen...“ „So viel Du willſt!“ „Und fünfzehn auf hundert von dem Beneſiz der Parlamentsſitzungen.“ Du Chesnel zögerte. „Das ließe ſich hören,“ ſagte er. „Du würdeſt doppelte Bücher führen, mein alter Leon. Es gibt verwickeltere Geſchäfte, als das eines Stimmgebers.“ „Wohlan, es ſei,“ antwortete Du Chesnel. Durandin ſtand auf.. „Topp!“ ſagte er, die Hand des Diplomaten er⸗ greifend;„morgen werde ich Dich dem Herrn Polype vorſtellen.“. 3 0 Charlotte wartete immer, am Fenſter ſitzend. Ein Kuß Du Chesnels weckte ſie aus ihrer Träumerei. „Wie Sie gezögert haben, Leon!“ ſagte ſie. „Sie dürfen mich nicht anklagen„“ antwortete Du Chesnel lächelnd;„ich beſchäftigte mich mit Ihnen.“ *) Bekanntlich iſt in Frankreich der Tabak Staatsmonopol und kann alſo bloß von eigens dazu patentirten Krämern oder ⸗Krämerinnen bezogen werden. A. d. Ueb. 7. Herzog und Herzogin. Der Herzog von Compans bewohnte, wie wir ſchon geſagt, das kleine Hotel Maillepré, das unter Ludwig XV. von dem Herzog Raoul erbaut wurde und in der Vor⸗ ſtadt Saint⸗Honoré lag.. In derſelben Stunde, wo Herr Williams im Marais den Code civil durchblätterte, überließ ſich der Herzog von Malllepré, in einem weichen Lehnſtuhl, der in der Ecke eines prächtigen Kamins mit Nococo⸗Sculpturen, ſtand, gerade der gleichen Beſchäftigung. Und, welch ſonderbare Sympathiel genau bei dem Titel„Von Abweſenden“ fand ſich auch das Geſetz⸗ buch des Herzogs von Compans aufgeſchlagen. Und weiter lag auf einer Ecke des Schreibtiſches des Herrn Herzogs eine ſorgfältig abgefaßte Ausfertigung jenes Urtheils des Seinetribunals, welches ihm die be⸗ ſtimmte Zuficherung für Beſitznahme des Maillepré'ſchen Nachlaſſes gab. Solchergeſtalt begegneten ſich nun der Herzog und Herr Williams, Schöngeiſter oder nicht, auf eine Art, ohne alle Verbindung und Beziehung. Man darf zwar behaupten, daß, wenn ſie ſich auch mit der nämlichen Angelegenheit beſchäftigten, es doch nicht für den nämlichen Zweck geſchah.„ In einer Vertiefung ſaß an einem kleinen Tiſche ein Mann zwiſchen zwei Altern, halb kahl, mit gelben Wangen und rother Naſe, den Mund mit einem ge⸗ meinen Lächeln einwärts gezogen, mit tiefliegenden, miß⸗ trauiſchen Augen, die furchtſame Katzenblicke ſchleuderten, und einer demüthigen und dennoch pedantiſchen Haltung. Man hätte glauben ſollen, einen Profeſſor zu ſehen, der eben die Peitſche gefühlt hat. Dieſe Perſon, welche ſeit Kurzem bei dem Herzog —— 3 219 war, verſah den Dienſt, deſſen Titel Herr Burot trug. Er war Sekretär. Das verhinderte ihn jedoch nicht, unter der Direktion des Herrn Burot, ſeines eigentlichen Patrons, zu bleiben, der ihn mit ziemlich wenig Cere⸗ monie behandelte und keine Rückſicht auf ſein ſchwarzes, abgetragenes Kleid, ſeine klaſſiſche Manier, zu ſprechen, und ſeine Phyſtognomie eines abgedankten Schulfuchſes nahm. Er ſchien fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt und gab allen ſeinen Bewegungen das Anſehen einer bedächt⸗ lichen Langſamkeit. Der Herzog hatte beträchtlich gealtert. Die Run⸗ zeln ſeiner Stirne waren übermäßig tief geworden und andere hatten ſtarke Einſchnitte in ſeine Backen längs den Naſenflügeln und den Mundwinkeln gemacht. Seine ſtark ausgeprägten Züge, deren Zeichnung für den Aus⸗ druck eines kräftigen, unbeugſamen Willens gemacht ſchien, waren einigermaßen ſchlaff geworden. In dieſer frühen Morgenſtunde, wo der tägliche Künſtler ſeiner Toilette noch nicht verſucht hatte, die allzu ſichtlichen Spuren einer frühen Abgelebtheit zu ver⸗ decken, hätte man ihn für einen Greis halten können. Seine faltenvolle gelbe Wange hatte hie und da bläuliche Flecken, eine matte Bleifarbe lagerte auf ſeinem vom Haare entblößten Schädel. Die Nerven ſeines Angeſichtes zuckten häufig und ſchmerzhaft zu⸗ ſammen. Seine breite Geſtalt war ſo gebogen, daß ſie hin⸗ fällig ſchien; ſeine haarige Hand, an welcher prächtige Ringe glänzten, war von krankhafter Bläſſe; ſeine ganze Perſon bot mit einem Wort einen ſchwächlichen, dürftigen Anblick, welcher ſeltſam gegen ſeine mächtige Schulterbreite abſtach. Es konnte nicht das Alter ſein, was mit ſo drücken⸗ dem Gewichte auf dieſer kräftigen Natur laſtete. Nur ſieben Jahre trennen uns von jenem Abend, an welchem wir in den Gärten des Palais⸗Royal ſeine faſt athle⸗ tiſche Kraft zeigten. 220 Um ſich dieſen raſchen Verfall zu erklären, mußte man auf irgend eine heftige Krankheit oder den Angriff eines andauernden, moraliſchen Leidens ſchließen. Für die Welt war übrigens dieſe Veränderung bei Weitem nicht ſo auffallend. Die Außenwelt ſah den Herrn Herzog nicht im Deshabillé. Gegen Mittag warf er ſeinen Schlafrock ab und überließ ſich den Händen eines Perrückenmachers, der ihm wieder das Geſicht eines Mannes, von ſchwarzen Haaren umwallt, gab. Das währte lange: es gab viel Arbeit. Nach dem Perrückenmacher kam der Kammer⸗ diener, ein geſchickter Künſtler, der dieſe ſchlaffe Geſtalt auszuſtopfen und der eingeſunkenen Bruſtwand Wölbung zu geben wußte. Das währte wieder ſehr lange, denn der Herr Herzog trug einen eben ſo großen Lumpen⸗ vorrath bei ſich, wie eine Kokette, die in ihr vierzigſtes Jahr hinein galloppirt. Aber zuletzt berechnet man die wohlangewandte Zeit nicht. Mit Hülfe ſolcher kunſtfertiger Bemühungen konnte der Herzog um die Stunde des Diners, alſo hübſch ausgeſtattet und mit einer künſtlich verfertigten Perrücke verſehen, bei Kurzſichtigen für einen Mann von fünfzig Jahren gelten. Das diente ihm, den Stachel ſeiner Eigenliebe in ſeiner Rolle eines trägen Verführers abzuſtumpfen. Wir nennen einen trägen Verführer jeden Lovelace, der, um ein Wild zu erlegen, dem Andere zu Fuße ohne Hörnerſchall und ſo heimlich als ſie können, nach laufen, eine Koppel Hunde und Jägerburſche braucht. Der Herzog war ein fürchterlicher Jäger. Burot hatte die guten Eigenſchaften eines Leithundes. Sie hatten, Einer dem Andern helfend, in ihrem Leben höchſt namhafte Heldenthaten ausgeführt. Dieſen Tag nun ſchien der Herzog keineswegs auf⸗ gelegt, ſich mit verliebten Tändeleien zu beſchäftigen. Ohne darauf zu achten, trug er heute in ihrer ganzen epiſchen Häßlichkeit das Runzelige, Abgeſpannte, Matte, Entkräfteie, Zerbrochene, Ueberſättigte, Entmuthigte, Bittere, Verworfene, Zurückſtoßende des alten, vom Vergnügen beſiegten Satyrs. Er zeigte ſich, wie er war, als ſchwankende, beſu⸗ delte Ruine, als ein wankendes Trümmerwerk, welchem jener ſchöne Heiligenſchein fehlt, welcher Achtung für alte Männer und alte Sachen gebietet. Er folgte den Texrten des Geſetzes mit merkwür⸗ digem Intereſſe, von Zeit zu Zeit hob er den Code auf, um den zu ſtudirenden Artikel ſeinen tiefliegenden, matten Augen näher zu bringen. „Das iſt Alles ſehr beſtimmt,“ ſagte er endlich; „ich hab' es hundertmal durchgeleſen, aber man kann ſich nie genug von ſeinem guten Rechte uüͤberzeugen... In vierzehn Tagen wird es dreißig Jähre... Damit wird Alles geſagt ſein... Herr Deniſart!“ Der in der Fenſtervertiefung ſitzende Mann ſtand auf und machte eine ſpeichelleckeriſche Verbeugung. Ach! es war wirklich Deniſart! Der mächtige Phi⸗ loſoph, der großmüthige Schriftſteller, der ſich die hohe Aufgabe geſtellt, mit dem Bettler den letzten Heller des Elendes zu theilen, war ſo weit geſunken! Der künftige Oberredakteur des Proletariers diente einem Ariſto⸗ kraten, oder vielmehr dem Diener eines Ariſtokraten, denn Deniſart ſtand unter den Beſehlen des Herrn Burot! Ach! nochmals! aber Ihr wißt es wohl, es iſt immer ſo: der Erſte, welcher eine Brandaſſekuranz errichten wollte, ſtarb im Hoſpital; der, welcher die Omnibus erfand, nahm kein beſſeres Ende. Jede große Idee tödtet ihren Urheber und bringt erſt einer Armee untergeord⸗ neter Spekulanten Nutzen. Wer dürfte ſagen, daß Deniſarts Idee nicht in der Jetztzeit Millionen werth iſt? 4 Sie iſt nach allen Richtungen ausgebeutet. Und warum iſt uns nicht erlaubt, hier die Dinge bei ihrem Namen zu nennen!... 222 In induſtrieller Hinſicht iſt ſie bis zum Meuchel⸗ morde auseinandergeſetzt; in philantropiſcher überſteigt ſie die Gränzen der kühnſten Komödie; literariſch häuft ſie Koth auf Schande, und ſo viel Koth auf ſo viel Schande, daß ſie ſich ein ihrer würdiges Fußgeſtell er⸗ baut hat, auf welchem die erſchrockene Menge ſie thro⸗ nen und ſchmahlich in ihrem monſtruöſen Triumph zer⸗ fallen ſieht.. Um nun zur Verwirklichung ſeiner Idee zu gelan⸗ gen, war Deniſart ſo tief heruntergeſtiegen. Er kannte die Literatur und wußte eine Menge hiſtoriſcher Bei⸗ ſpiele von großen Männern, die ſich dienſtbar mache, um den günſtigen Augenblick zu erwarten. Brutus küͤßte den Boden. Deniſart hätte bei Ge⸗ legenheit gewiß noch mehr gethan. Wohlverſtanden wollen wir aber Deniſart weit über Brutus ſtellen, welcher ſich endlich darauf beſchränkte, einen Tyrannen zu tödten, und keinen Gedanken hatte, ein ganzes Volk zu vergiften.... „Herr Deniſart,“ ſagte der Herzog,„Sie kennen die Geſchäfte hinlänglich.. Sie wiſſen, daß ich nach Recht und Geſetz die Güter des Hauſes von Mail⸗ leyré⸗Maillepré beſitze, deſſen einziger Erbe ich bin.... Sie wiſſen, daß der Herr Marquis von Malllepré, mit einer Thatſache bekannt, die, in meiner Stellung mich einigermaßen in ſeine Gewalt gibt, dieſes mißbraucht und mich gezwungen hat, ihn ausdrücklich als meinen Vetter anzuerkennen.“„ „Ach, Herr Herzog!“ unterbrach ihn Deniſart, nich kenne ihr Geheimniß nicht.... Aber ich bin über⸗ zeugt, daß es das eines edeln Herzens und eines vor⸗ „Sehr wohl, Herr Deniſart... Sie haben Recht.... Aber der Zeitpunkt der Verjährung rückt heran.... In vierzehn Tagen wird der Herr Mar⸗ quis, deſſen Beweisſtücke bis jetzt nicht von ſolcher Na⸗ tur find, daß ſie auf rechtmäßige Weiſe die vorgeſchrie⸗ bene Verjährung unterbrechen könnten, nicht mehr zu⸗ läſſig ſein.... Nach vierzehn Tagen habe ich, die Rückkehr meines Herrn Vetters, des Herzogs Johann von Marllepré vorbehalten, welcher vielleicht ſeit mehr denn vierzig Jahren todt und mehr als todt iſt, durch⸗ aus Nichts mehr zu fürchten. Aber vierzehn Tage, ausſprechen dürfte, ſo würde ich ihm ſagen, daß in vier⸗ zehn Tagen noch viele Intriguen geſponnen werden kön⸗ nen.... Der Herzog ſchaute ihm ſtarr in's Geſicht. Deni⸗ ſart verneigte ſich und ſchlug die Augen nieder.... „Burot hat mir geſagt, daß Sie ein vertrauter Mann wären, Herr Deniſart,“ entgegnete der Herzog. Deniſart verneigte ſich wieder. „Und überdieß hat er mir geſagt,“ fuhr der Her⸗ zog fort,„daß Sie große Luſt hätten, eine gewiſſe Summe zu verdienen....“ „Ach, Herr Herzog....“ fing nun Deniſart an. 2-Sie haben ohne Zweifel eine Familie zu ernäh⸗ xen?.. ine Idee, Herr Herzog! ich habe eine Idee.... und die iſt ſchwerer zu nähren, als fünf Kinder....“ Der Herzog lächelte in ſeinen Runzeln. „Wohlan, Herr Deniſart,“ ſagte er,„mein an⸗ Kblicher Vetter iſt ein junger Narr, unbeſonnen, ohne Vorſicht.... Ein ſachverſtändiger Mann, wie Sie zu ſein es ſcheinen, würde ſich leicht bei ihm einſchmei⸗ cheln.... und.... meiner Treu, Herr Deniſart, Sie würden mit der Belohnung zufrieden ſein. ℳ Deniſart erbleichte und ſchaute erſchrocken drein. „Ich hatte nicht die Ehre, den Herrn Herzog zu verſtehen,“ murmelte er. 1 „So werde ich vergeſſen haben, mich klar auszu⸗ drücken,“ ſagte dieſer Letztere,„es handelt ſich um einen Gewaltsſtreich....“ 224 Der Herzog hielt inne. Deniſart glaubte feſt, man werde einen Mord von ihm verlangen. Nun aber hatte Deniſart nicht die Eigenſchaften eines Bravo. Er fing an, an allen Gliedern zu zittern. Der Herzog fuhr fort: „Mein angeblicher Verwandter weiß, ich bin es überzeugt, ſo gut, als ich, woran wir ſind.... Er hat ſeine Advokaten wie ich die meinigen habe... Ich fürchte irgend einen Streich ſeines Gewerbes von ihm. udem habe ich erfahren, daß ein Anonymus, der fei⸗ nen Namen ſorgfältig verbirgt, Schritte gethan und oberflächlich im Kabinet einer hohen Magiſtratsperſon angekündigt habe, daß die Familie von Manlllepré⸗ Maillepré ſeiner Zeit und an ſeinem Orte kommen würde, ihr Erbgut zu ferdern.... Alles das, Sie verſtehen mich wohl, kommt aus dergleichen Quelle. Es iſt mein Vetter.... Wohlan Herr Deniſart, mein Vetter muß irgendwo, entweder auf ſeinem Leibe oder in ſeiner Wohnung, eine gewiſſe Brieftaſche von rothem Saffian haben. Dieſe Brieftaſche ſollte in meinen Be⸗ ſitz kommen.“ Deniſart athmete wieder auf. Dann ergriff ihn uag einigem Nachſinnen eine hehre Bewegung der Ent⸗ rüſtung. „Herr Herzog,“ ſagte er, ſeine niagere Geſtalt aufrichtend,„das erwartete ich nicht... das konnte ich nicht erwarten. Unſtreitig iſt meine Stellung ſehr niedrige, aber ich habe beſſere Tage geſehen.... ich habe beim Unterricht ehrenvolle Stellen deehwer. und es in ſehr peinlich für einen Mann meines Schla⸗ es. 9 Der Herzog betrachtete ihn mit gerunzelter Stirne. Er bereute, ſich ausgeſprochen zu haben. Deniſart fuhr fort: „Ein Mann, deſſen ernſthafte Studien zum Wohl der Menſchheit ihn eigenſ heiliiß zu einer glängendern Beſtimmung berufen.. — 225 „Ich hatte Sie falſch beurtheilt, mein Herr,“ fiel ihm der Herzog trocken ins Wort.... ſprechen wir weiter nicht davon.“ „Doch! doch.“ ſagte lebhaft Deniſart, der plötzlich einen andern Ton anſchlug; nes iſt gewiß, Herr Her⸗ zog, daß, von mir aus, ich mich mit dem nicht befaſ⸗ ſen kann.... Aber ich beſorge ihre Angelegenheit.... ich nehme ſie in Bauſch und Bogen auf mich.. In achtundvierzig Stunden werde ich Ihnen Nachricht geben.“ Der Herzog legte einen Finger auf ſeinen Mund. „Wenn ich dabei compromittirt werde,“ murmelte er, „ſo können Sie auf's Bagno zählen... bringen Sie mir aber die Brieftaſche, ſo ſollen Sie tauſend Thaler haben.... Rufen Sie meinen Kammerdiener.“ Deniſart ſah die verſprochenen dreitauſend Franken in Geſtalt einer unzuberechnenden Zahl von Lieferungen in Fünfeentimesſtückchen vor ſeinen Augen vorüberziehen. Seine Idee erſchien ihm verwirklicht. Er war geblendet. Als er hinausging, öffnete Herr Burot die Thüre des Vorzimmers, welches ſich alſobald mit einem tüchtigen Taback⸗ und Cognacgeruch anfüllte. Herr Burot klopfte Deniſart auf die Schultern. „Wir führen es dieſe Nacht aus, mein Schätzchen, ſagte er;„Strickleiter, Pförtchen, Dietrich... Alles, wie es nur in Venedig ſein kann.... Ein vollſtändiger Roman.... Ich hole Dich....... Die Frau Herzogin von Compans⸗Maillepré machte ſich viel fruher an ihre Toilette als ihr Gemahl. Sie mußte mit äußerſter Pünktlichkeit beſorgt werden und ihre Kammerfrau verrichtete das Amt mit nicht weniger Kunſtfertigkeit als der Kammerdiener des Herrn Herzogs das ſeine. Im ſtrengſten Sinn genommen, war ſie vier oder fünf Stunden nach ihrem Aufſtehen immer noch eine ſehr ſchöne Frau. Sie mochte nun vierzig Jahr alt ſein, wie Lea Verin es behauptete, oder nur dreiunddreißig, wie ſie vorzugeben ſich geſiel, das war jedenfalls ſo 15 Pariſer Liebſch. I. 226 ziemlich gleich. Schön zu ſein genügt und die, welche durch ein reizendes Lächeln die uͤber ihre Geburt gezo⸗ genen Schlüſſe beantworten kann, hat Nichts zu fürchten. Das Uebel iſt, nicht mehr ſchön zu ſein. Pfui! was ſoll man denn vom Alter ſprechen! Die erſte Run⸗ zel, die muß man bedauern oder verſpotten, komme ſie dann im zwanzigſten oder im vierzigſten Jahre. Wir ſprechen da nicht eben von der Frau Herzögin, welche ihre erſte, ihre zweite und gewiß auch ihre dritte Runzel ſchon hatte. Es iſt nur ein Schnippchen, das wir im Vorbeigehen den raſenden Liebhabern der Schön⸗ heit des Teufels ſchlagen, jenen wackern Leuten, welche gern ſchallende Küſſe auf rothe Backen, drücken, und wenn auch dieſe Backen durch eine Stumpfnaſe von einander getrennt ſind und ein Wurſtmaul überwölben. 1 Und endlich waren es doch wirklich zwanzig Jahre, wo nicht mehr, ſeit Henriette Maſſon Frau Herzogin von Malllepré geworden. Henriette Maſſon war die Tochter eines Kanzlei⸗ ſchreibers des Seinetribunals. Der Name war kein glänzender. Die Stellung hatte Nichts, das einen jungen reichen Herrn, der einen bedeutenden Rang unter den Höflingen des Kaiſerreichs einnahm, hätte anlocken können. Aber Henriette war bewunderungswürdig ſchön und man ſagte ſich, daß Vater Maſſon, ſo gering auch ſein Einfluß ſein konnte, bei einem gewiſſen Ürtheil des Sei⸗ netribunals, bei welchem Niemand Einſprüche gethan, das aber in einem gewiſſen Punkt die kürzlich veröffent⸗ lichten Geſetzesartikel des Code Napoleon verletzte, nicht unbetheiligt geblieben war. Das Urtheil datirte ſich, es iſt wahr, von 1803, und der Herzog von Compans heiratete Henriette erſt 1810; allein man behauptete, daß mit dem guten Kanz⸗ liſten für ſeine gefältigen Dienſtleiſtungen ein gegenſeiti⸗ ger Vertrag abgeſchloſſen worden ſei.. Es iſt Thatſache, daß Henriette bei ihrer Vermäh⸗ 227 lung erſt ſechszehn Jahr alt war. Man hätte die Hei⸗ rat unmöglich um Vieles vorrücken können. Eine zweite Thaiſache iſt, daß das fragliche Ur⸗ theil in Erwägung der Abweſenheit des Herzogs Johann, achtzehn Jahre nach der Abreiſe dieſes Letztern, dem Herrn von Compans die Beſitznahme der Malllepré'ſchen Güter des Beſtimmteſten zuſicherte. Nun aber beſtimmt der Code Napoleon eine Friſt von fünfunddreißig Jah⸗ ren, nicht vom Tage der Abreiſe, ſondern vom Tage des Verſchwindens oder der letzten Nachrichten an. Der Irrthum war jedenfalls ein bedeutender. Man hätte zwar hierauf antworten können, daß es unter dem Kaiſerreich dringend nothwendig war, die Vermögensangelegenheiten beſtmöglichſt zu ordnen, und daß es nach ſo vielen Erſchütterungen, die in Alles eine gewiſſe Verwirrung gebracht, gefahrlich geweſen wäre, auf unermeßlichen Domänen, welche durch die Familie des Herrn von Compan's vor revolutionärer Zerſtückelung bewahrt wurden, die ſchädliche Ungewißheit laſten zu laſ⸗ ſen, welche eine erklärte Abweſenheit immer nach ſich zieht. Zuverläßig iſt, daß Herr von Compan's durch Na⸗ poleon mit dem Titel der Maillepré belehnt wurde, daß er bei Hofe viel galt, daß er mehr als fünfmal⸗ hunderttauſend Pfund Einkünfte hatte und daß er die Tochter eines Kanzleiſchreibers heiratete, der Maſſon hieß. Der Herzog war damals höchſtens dreißig. Er hatte ſchon zu Anfang des Kaiſerreichs die verloren, welche er Vater und Mutter nannte. Er war ein hüb⸗ ſcher Cavalier, glücklich bei den Frauen, deren Män⸗ ner an den Gränzen Lorbeern ernteten; er genoß ſein Vermögen als Lebemann, war ehrgeizig, wie er ohne ſeine halbe Million Einkünfte habſüchtig geweſen wäre. Henriette, die war eine kleine Bürgerin, deren Moral nicht aus dem gewöhnlichen Gleiſe ging. Sie war ziemlich geiſtreich und beſaß kein ſchlechtes Herz. Sie ſchlimmer oder beſſer machen wollen, hieße die Wahrheit übertreten. 1 228 4. Hundert gegen Eins dürfte man wetten, daß Hen⸗ riette Maſſon, an einen Kollegen ihres Vaters verheiratet, den Stolz der ganzen Kanzliſtenwelt ausgemacht hätte. Dorthin hätte ſie gehört. Sie hätte ihren Weg unge⸗ hindert und ohne zu ſtraucheln verfolgt, weil es auf der geebneten Straße beſcheidenen Wohlſtandes keinen Stein des Anſtoßes gibt. Alber es brauchte Kopf und Herz, viel Kopf und viel Herz, um beim Sprunge vom gewichsten Boden ei⸗ nes ärmlichen Zimmers auf die dichten Teppiche eines herzoglichen Hotels nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Henriette war von dieſem neuen Glanze ein wenig betäubt, aber Anfangs war die Liebe ihr Stützpunkt und ihre Aegide. Sie liebte ihren Gatten leidenſchaftlich, und auch der Herzog zeigte ſich ſeinerſeits ganz närriſch für ſie eingenommen. Es war in der That ein aller⸗ liebſter Haushalt. Der Herzog war ein Mann ohne Grundſätze, von kaltem Herzen, deſſen Philoſophie hienieden nur Wohl⸗ leben oder Vergnügen ſah. Die Herzogin ging nicht ſo weit, weil ſie keine vollendete Theorie beſaß, ihre be⸗ ſchränkte Erziehung hatte hierin etwas Finſterniß in ih⸗ rem Geiſt zurückgelaſſen. Man kann ſich denken, daß ein ſolchergeſtalt ausgeſtattetes Paar tauſend Keime der Zwietracht in ſich trug, wie ſehr ſie auch in den erſten Zeiten ihrer Ehe Geſchmack an einander fanden. Und dann ſind ohne Zweifel ſolche Dinge ſchwierig, zu berühren, aber es iſt Pflicht eines Schriftſtellers, ſeine Gedanken auszuſprechen und das Böſe überall was ſich vorfindet, zu brandmarken; und dann, ſagten wir, iſt es ein bürgerliches Verbrechen, das ſchon ſeit Jahr⸗ hunderten zur Gewohnheit geworden, ein Verbrechen, das in unſern Sitten liegt und keinen Namen hat, das ſo gang und gäbe iſt, daß Viele ſtaunen würden, es als Verbrechen betiteln zu hören.„* Es wird begangen, es wird eingeſtanden. Die hei⸗ lige Schrift hält die Worte Gottes in ſich, welche die⸗ 229 ſes Verbrechen, das ärgſte aller Verbrechen nach dem Ausdrucke des Evangeliums, mit Fluch beladen. Aber andererſeits würde Malthus eine Tugend darin ſehen. Die ehrbarſten Leute der Welt ſagen Euch: Ich will nur ein Kind, nur zwei Kinder; die, welche bis auf drei Kinder gehen, beſitzen das Zeugungsorgan in höch⸗ ſter Vollkommenheit.* Aber die Liebe, welche in ihrem Weſen keuſch und göttlich iſt, wendet ſich von dieſen Myſterien ab und flieht. Das Gefühl, welches ſich dieſer Schande ergeben würde, wäre nicht Liebe. Herr von Compans wollte nur zwei Kinder. Er hatte zwei Kinder. Da ſchlich ſich Lauheit unter das eheliche Dach. 4 Indeſſen waren die zwei Kinder, ſanfte, reizende Geſchöpfe, ein Band. Sie ſtarben beide.... Man hatte ſich wohl wieder genähert, aber in der Zwiſchenzeit hatte der Herr Herzogzehn Maitreſſen gehabt. Die Zahl der Liebhaber ſeiner Frau kennen wir nicht. Von nun an war eine Schranke aufgethürmt. Wie viele Stämme erlöſchen auf ſolche Weiſe 1.... Indeſſen war der Herzog höchſt eiferſüchtig. Er ließ ſeine Frau überwachen. Das war ein Stachel. Seine Frau, die ſatt zu werden begann, wurde von der Gefahr aufgeweckt. Sie verabſcheute ihren Gatten, was ein Zeitvertreib iſt, ſie intriguirte, was beinahe ein Glück iſt. Es war ein Normalhausſtand, der Typus eines Hausſtandes, deſſen Formel Herr Burot und Jungfer Viktorine in ſich ſchloß: den Merkur und die Kammerzofe. Man ſtirbt nicht daran. Mit dieſem und fünfmal⸗ hunderttauſend Pfund zinkünften wird man von allen tugendhaften Haushaltungen, die Nichts als ihren Heerd haben, benelbet.... Zu Anfang des Jahres 1822 erfuhr der Herzog, daß eine Familie von Malllepré geſonnen ſei, die Ge⸗ ſammtgüter des Herzog Johann als ihr Eigenthum zu erklären und zurückzufordern. Dieſe Familie kam über England aus den verei⸗ nigten Staaten. Die Erkundigungen, die Herr von Compans un⸗ mittelbar nachher einziehen ließ, gaben ihm die unzwei⸗ felhafte Beſtätigung, daß dieſe Maillepré Kinder des Herzogs Johann wären. 3 Aber zugleich erfuhr er, daß ſie beinahe ohne Hülfs⸗ quellen ſich befänden, und daß ihre Beweistitel und Papiere in einem Schiffbruch verloren gegangen ſeien. Herr von Compans beſchloß, dieſe Leute, auf welche er nicht mehr gezählt, zu vernichten. Sdie hatten einen Zufluchtsort in der Bretagne, in der Umgegend von Kergatz, einer Domäne der Maillepré, gefunden, welche gegenwärtig der Herzog innehatte, der damals am Hofe der Bourbons ſo gut gelitten war, wie unter dem Kaiſerreiche bei Napoleon und er es nach 1830 bei der Dynaſtie der Orleans ſein ſollte. Er war ſo ſtark und jene Leute waren ſo ſchwach, daß der Aus⸗ gang des Kampfes wahrlich kein zweifelhafter ſein konnte. 3 Der Mann, welcher ſie aufgenommen, war ein Beauer der Bretagne, Namens Jean⸗Marie Biöot, deſſen Vater ſein kleines Pachtgut unter dem Convent ge⸗ kauft, um es ſeinem alten Herrn zu erhalten. Was auch kürzlich ein Romanſchreiber, der ſeine Nebenbuhler um einen Kopf überragt und ſein ungemei⸗ nes Talent daran verſchwendet, vorſätzlich die menſchliche Natur häßlicher darzuſtellen, hierüber geſagt haben mag, es gibt dergleichen Bauern in der Bretagne und gewiß auch noch anderswo.. Jean⸗Marie Biot war Wittwer. Er übergab ſein kleines Gut den Händen des Marquis Rarul von Maillepré, wie ſein Vater gethan haben würde, und da er keine Familie hatte, widmete er ſich ganz ſeinen Gebietern. Ihn griff nun Herr von Compans zuerſt an. Die Beſitztitel Biots waren vielleicht nicht ganz in . 231— Ordnung. Er hatte wenig Geld, um Prozeſſe auszu⸗ halten, und der Herzog war ja ſo reich! Die Gerichte ſprachen zu Gunſten des Herzogs. Die Maillepré kamen, von Biot begleitet, nach Paris und huben den Hauptprozeß wegen Rückerſtattung der Güter des Herzogs Johann an. Der Marquis hatte James Weſtern, ſeinem Schwa⸗ ger und Freunde geſchrieben, um die in Amerika zurück⸗ gebliebenen Beweistitel und Geld zu erhalten. James Weſtern hatte nur den nach dem Schiffbruch in England geſchriebenen Brief empfangen und Geld nach Eagland geſandt! 3 Erſt lange nachher, zu Ende des Jahres 1825, kam ein Brief des Marquis wieder in ſeine Hände. Er wollte Niemandem das köſtliche Depofitum anvertrauen und ging ſelbſt über das Meer.— Inzwiſchen war der Marquis Raoul ſchon ſeit mehreren Jahren krank. Er hatte ſeinen Prozeß in er⸗ ſter Inſtanz verloren und appellirt. Wir ſahen ſeine Familie in der bei Herrn Polype im Palais⸗Royal ge⸗ mietheten Dachſtube und wiſſen, bis zu welchem Grade der Dürftigkeit ſie geſunken war. Und doch, ſo kräftig wirkt das gute Recht, flößten die Maillepré im Hinſterben Herrn von Compans noch einen eigentlichen Schreck in. Mit Hülfe eines jungen Arztes, Joſepin genannt, der den Marquis Raoul in ſeiner Krankheit behandelte, wußte Herr von Compans genau Alles, was in der ärmlichen Stube der Galerie Valois vorging. Er kannte die Hoffnun⸗ gen des Marquis und zitterte, ſie in Erfüllung gehen zu ſehen. Auf ſeine Anſtiftung hin hatte Herr Polype ſo oft gedroht, einen Sterbenden auszujagen. Er wollte mit dieſem Geſpenſte fertig werden, bevor die erwarteten Papiere und die Hülfe aus Amerika eine fatale Verãän⸗ derung des Kampfglückes zu bewirken kämen. Am Nachmittage des Faſtnachtdienſtags von 1826 benachrichtigte ein Billet Joſepins den Herzog, daß die 8. 232 Maillepré einen Brief aus dem Havre erhalten hätten, der ihnen noch für denſelben Abend die Ankunft eines gewiſſen James Weſtern aus Boſton anzeigte, welcher der Familie Alles 4 was ihr vonnöthen wäre, bringen würde. Ddieſes Billet verſetzte den Herzog in entſetzliche Angſt. Dieſer Ankömmling war ſein Verderben. Und mman trennt ſich denn doch nicht ſo ohne Kampf von eeinem ungeheuern Vermögen, das man ſeit ſeiner Kind⸗ heit genoſſen hat! Dieſer James Weſtern mußte zu Grunde gerichtet der gewonnen werden. 3. Und vor Allem mußte man ihn finden. Das war der Grund zu jener ſonderbaren Jagd, he der Herzog an jenem Abend, an welchem wir ihn erſten Mal antrafen, im Palais⸗Royal anſtellte. Er hatte die Ankunft des Havreſer Wagens verfehlt und ſuchte nun auf gut Glück, indem er tauſend Urſachen für eine zum Mißlingen hatte.... 4 Sein Zweck war, Weſtern zu folgen, ihn zu über⸗ liſten, ihm das anvertraute Depoſitum gutwillig oder mit Gewalt zu entreißen. Lieber gutwillig, als mit Gewalt, weil Thätlich⸗ keeiten bei unſern Sitten mit zu viel Gefahr verbunden find. 4 Carmen kam, ſeine Abſichten zu durchkreuzen. Er ließ Carmen machen. Im ſchlimmſten Falle war es wenigſtens ein Mittel, Weſtern aufzuhalten und den folgenden Tag bliebe Zeit zum Handeln. Wie man ſich denken kann, brachte der Herzog eine unruhige Nacht zu. Am folgenden Morgen fuhr ein eleganter Tilbury in den Hof ſeines Hotels. Ein junger Mann, beinahe 1 ein Kind, ſprang die Stufen der Vortreppe hinauf und ſagte zum Kammerdiener des Herzogs, der ihm, die frühe Morgenſtunde vorſchützend, den Eintritt verweigerte: „Meldet mich an, ſage ich.... unter Verwandten keewpfängt man ſich zu jeder Stunde.... meldet den Herrn Marquis Gaſton von Maillepré!... *