liothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelben ſſen, bei Entgegennahme binterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. n entſprechende Summe e von mir zurückerſtattet b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 4 Ter⸗— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. rr„— 9—— t— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „„ und Zurückſendung 4 Von 1 A Paul Feval, * . Verfaſſer der ⸗„Londoner Myſterlen.⸗ Deutſch * . von — 3 Dr. Scherr. 1 Erſtes bis drittes Bändchen. *½ 3 4—— 1 Stuttgart. . Verlag der Franckheſchen Buchhandlung. 1846. Pariſer Liebſchaften. —— Einleitung. Der Karnebval. Pariſer Liebſch. I. 1 1. Die Masken. Unſere Geſchichte beginnt mit dem letzten Tage des berühmten Karnevals vom Jahre 1826, welcher der gan⸗ zen lebensluſtigen Pariſer Jugend ewig unvergeßlich bleibt. Es war fünf Uhr Abends. Die Nacht brach herein. Der Garten des Palais⸗Royal bot einen feenhaften An⸗ blick dar. Der betäubende Lärm, das fieberhafte Ge⸗ woge, das ungeheure Lichtmeer, dieß Alles zuſammen machte einen Eindruck, der ſich nicht beſchreiben läßt. Alle Gewölbe der Galerien, faſt lauter Spielſäle, Kaffee's, Reſtaurationen oder jene Tempel der Luſt, deren rechten Namen kein Mund nennt und keine Feder ſchreibt, waren glänzend erleuchtet. Trotz der ſchneidenden Kälte blieben die meiſten Fenſter geöffnet und geſtatteten Tau⸗ ſenden von neugierigen Zuſchauern den Einblick in dieß flam⸗ mende Parallelogramm, wo jedes Plätzchen beſetzt war, ſo daß es einem rieſenmäßigen Ballſale glich. Der Anfang dieſer Nacht toller Freude verſprach das Beſte. Schon die bloße Luft wirkte berauſchend. Ueberall lachende Geſichter. Kein trüber Schatten fiel in die Halle des Feſtes; auch das kleinſte Fenſter gab ſeinen Beitrag an Licht und Lärm zu dieſem Feuer⸗. und Jubelmeer. Ein einziger dunkler Fleck ließ ſich in dem Licht⸗ ſtreifen auf der ganzen Farade des Flügels Valois be⸗ merken. Dieß war ein kleines Fenſter im vierten Stock, 4 durch deſſen dicht verſchloſſene Jalouſten ein matter Schimmer fiel. Dieß Fenſter gehörte einer ſchmalen, langen, ärm⸗ lich möblirten Kammer an, wo ein Mann, durch Krank⸗ heit abgezehrt und gebleicht, auf dürftigem Lager röchelnd ſchlummerte. Vor dem Bette knieten drei ſchöne Mädchen, deren älteſtes ſechszehn Jahre zählen mochte, auf den kalten Flieſen und beteten mit gefalteten Händen.“ Am Kopfende ſaß eine noch junge Frau mit ver⸗ weinten Augen. Ihre Blicke, worin Zärtlichkeit und Verzweiflung ſich miſchten, hafteten auf dem blaſſen Antlitz des Kranken. Hinter ihr ſtand ein ſchöner fünfzehnjähriger Jüngling mit gramumwölkter Stirne und tiefſinnig⸗ſtolzem Auge. Hinter ihm ein Bauer in den Vierzigern, eine mus⸗ kulöſe, herkuliſche Geſtalt. Sein offenes, ehrliches Ge⸗ ſicht barg er in den Händen. 5 Mitten im Zimmer, vor dem faſt erloſchenen Heerd⸗ feuer, ſaß auf hartem Strohſeſſel eine hochbejahrte Greiſin und las mit ſchwacher, bebender Stimme die Schluß⸗ verſe eines lateiniſchen Gebetes.. Außer dieſer Dame, die ſtolz⸗aufrecht, kalt und vor⸗ nehm im Stuhle ſaß und die Gefühlloſigkeit ſelbſt ſchien, trug Alles im ärmlichen Gemache die Spuren des tief⸗ ſten Elends und der bitterſten Bekümmerniß. Von Zeit zu Zeit drang ein lautes Jubelgeſchrei aus dem Garten herauf und erſtickte das eintönige Gebet der alten Dame. Dieſer Gegenſatz zwiſchen der trunkenen Luſt draußen und der ſinſtern, bis in ihre Thränen ſtummen Ver⸗ weſfnn drinnen, ſchnitt tief in's Herz. Als der Kranke in Fieberträumen vom Bett auffuhr, ſtockte das Gebet auf den bleichen Lippen der jungen Mädchen und der Jüngling warf einen wüthenden Blick auf das Fenſter, als wollte er dieſem Chaos von Geſchrei, Geſang und Gelächter zu ſeinen Füßen, das dem grauſamen Schmerze Hohn ſprach, Stillſchweigen gebieten. 5 Aber wenn der Lärm für einen Augenblick erſtarb, geſchah es nur, um im nächſten noch toller und wilder zu erſtehen und den Seelenleiden dieſer Familie grau⸗ ſamen Trotz zu bieten.... Und doch war die Stunde günſtig. Die Roulette⸗ tiſche feierten, denn die Reihe kam jetzt an die Reſtau⸗ rationen. Eine Flut von Weibern, mit oder ohne Masken, verkleidet und unverkleidet, alle zauberiſch ge⸗ ſchmückt, ergoß ſich in die Galerien und in den Garten. Draußen ſchmetterten auf allen Seiten die hellen Trom⸗ peten. Durch jeden Eingang wälzten ſich, Kopf an Kopf gedrängt, die Scharen neuer Ankömmlinge ein, deren ſechsſpännige Kaleſchen, von Vorreitern, Stall⸗ knechten und Herolden begleitet, vor der Terraſſe der Straße Vivienne, auf dem Platze des Palais⸗Royal, unter dem Theater⸗Francais, in der Straße Montesquieu, kurz, überall, wo es auf dieſem Tummelplatze ausge⸗ laſſener Luſt noch ein Plätzchen gab, anhielten. In dieſer Stunde, wo das Rollfeuer der tauſend Wortſcharmützel von allen Seiten her ſich kreuzt, ſehen wir drei Perſonen, die wenig Antheil an dem Feſte zu nehmen ſcheinen, und ſich auf einen Augenblick aus dem ſtets wachſenden Gewühle abſondern.— Die erſte war ein Mann von mittlerer Größe und offenbar fremder Tournüre. Sein Geſicht verrieth einen Fünfziger. Biederkeit, Offenheit und Klugheit ſprachen aus ſeinen Zügen. Aber in dieſer Feenwelt mußte jeder andere Ausdruck auf ſeinem Antlitz dem einer kindlich⸗ naiven Bewunderung Platz machen, wogegen ſein natür⸗ lich⸗ernſtes Phlegma und ſeine ſenſtere Miene vergeblich ankämpften. Er trug Stulpſtiefeln über eng anliegen⸗ den Beinkleidern; ſein ſchwarzer Ueberrock mit hochauf⸗ ſtehendem, gewölbtem Kragen bedeckte einen halb zuge⸗ knöpften blauen Frack mit goldenen Knöpfen, während ein Mantel zuſammengelegt uͤber ſeinen linken Arm hing. Wir brauchen nicht zu erinnern, daß im Palais⸗ Royal, jenem ungeheuern Hotel, wo die Reiſenden aller 6 Länder und Zonen zuſammentreffen, jeder Gaſt auf größte Schonung und Verſchwiegenheit rechnen darf. Die Frem⸗ den gehen und kommen unbemerkt und unbeläſtigt durch neugierige Blicke müſſiger Zuſchauer. Die Ankunft eines Nuſſen oder Perſers erregt hier eben ſo wenig Staunen, als in Boulogne⸗ſur⸗mer die Landung eines vierhundert⸗ pfündigen Engländers. Unſer Fremder ging in den ſteinernen Galerien auf und ab. All die Wunder der Schönheit, welche jene weltberühmten Kurtiſanen, deren Gedächtniß Engländer und Amerikaner gewiſſenhaft fromm bewahren, vor ihm zur Schau trugen, hatten keinen Reiz für ihn. Er war augenſcheinlich ein Mann von reinen, ſtrengen Sitten, der in dieſem Meer üppiger Luſtbarkeiten nicht in ſeinem Elemente war. Zugleich ein Neuling, dem die abſtoßende Seite dieſer Verführungskünſte entgehen mußte, und der keinen andern Schild hatte, als ſeine Schamhaftigkeit. Unſere zweite Perſon ſchien um fünf oder ſechs Jahre jünger als die erſte. Sein Wuchs war hoch und breit. Man ſah von ſeiner Toilette Nichts als den un⸗ tern Theil der Stiefel, die hie und da leicht mit Schmutz befleckt waren, eine ſeltene Erſcheinung in Palais⸗Royal von 1826, wo zu beiden Seiten aller Eingänge glän⸗ zende Schuhputzerbuden prangten. Der ganze übrige Theil ſeiner Kleidung verſchwand unter den Falten eines weiten Mantels ohne Kragen und Pelzwerk, deſſen rechter Schooß über die linke Schulter geworfen war und das untere Geſicht bedeckte. Was man von dieſem Geſichte ſah, überraſchte und imponirte trotz der zu ſtark gebogenen Naſe und den buſchi⸗ gen, ſpitzgewölbten Brauen. Aus den dunkeln, tieflie⸗ genden Augen ſchoß ein kalter, aber lebhafter und ge⸗ bieteriſcher Blick hervor, der Abglanz einer ſtolzen, ehr⸗ geizigen, kraftvollen, unbeugſamen Seele. Ein breiter, niedriger Filzhut mit gekrümmten Rändern ging tief in’s Geſicht und verdeckte die Form der Stirne.. Ungeachtet ſeines Anſcheines von ſtolzem Ernſte, — 4 4 . für die Größe ſeiner Mühe. benahm ſich dieſer Mann auf eine räthſelhafte Weiſe. So oft ihm längs der Galerien oder im Garten eine unverkleidete Perſon auffiel, gab er ihr ein geheimes Zeichen, ging raſch vorüber, kehrte dann plötzlich um, ſah ihr unter den Hut und flüſterte ihr ein Wort in's Ohr. Die, welche er ſo anredete, lachten oder ärgerten ſich, je nachdem ſie mehr oder minder gut gelaunt waren. Aber Allen kehrte er gleicherweiſe den Rücken zu, unbe⸗ kümmert um ihr Gelächter oder ihren Verdruß. Er ließ einige zornige Worte hören und verſchwand hinter der nächſten Gruppe. Wer ihn ſo herumſtöbern ſah, mußte ihn entweder für einen Wahnſinnigen halten oder für einen jener Mar⸗ ronenverkäufer, die unter ihrem Mantel verbotene Waaren feilbieten. Aber wer dem kalten, durchbohren⸗ den Blicke ſeines Auges begegnete, der mußte auf andere Gedanken kommen. Von Zeit zu Zeit ſchien er muthlos zu werden An⸗ geſichts dieſes Menſchenmeeres, das immer höher und lauter um ihn anſchwoll. Seine Augen irrten unruhig, unentſchloſſen, geblendet in der Menge umher. Er lehnte ſich gegen eine Säule und ſchien, des Krieges müde, ſeiner räthſelhaften Arbeit entſagen zu wollen. Während er ſo ausruhte, ließ er den Schooß des Man⸗ tels fallen und legte einen Brief auseinander, den er zuſammengedrückt in der Hand hielt.— „Eine Stunde früher,“ murmelte er, unter eine mmaa 8 Laterne tretend,„ließ ich auf alle ankommenden Poſt⸗ wagen Acht geben.... Aber jetzt!....“ Unwillig zuckte er die Achſeln und fuhr zähneknir⸗ ſchend fort: „Eine Nadel in einem Bund Stroh! Ein Tropfen in einem Meer!“ G Und gewiß, wenn er in dieſem tollen, ab⸗ und zu⸗ ſtrömenden Gewühle Jemand ſuchte, ſo waren dieſe ſprüch⸗ wörtlichen Redensarten lange nicht bezeichnend genug 8 Er hielt den offenen Brief vor's Auge und las ihn nochmals durch. 1 „Ja, es iſt ſo!“ murrte er.„Sie hätten's mir bei Zeiten melden ſollen, Herr Joſepin!.... Ich weiß ſo gut, wie Sie, welchen Schlag die Ankunft dieſes Man⸗ nes mir verſetzen kann.... Und dieſe ledernen, trivialen Rathſchläge! Bezahle ich Sie deßhalb?.... Hölle und Teufel!“ rief er, aus ſeiner Stellung auffahrend und den Brief zerreißend,„nochmals an's Werk!.... Der dumme Kerl von Doktor preist ſie mir als ſchön!.... Aber wo ihn finden...“. Er warf ſich auf's Neue in die Galerien, drängte ſich unſanft durch die Gruppen und muſterte nach wie vor die Geſichter, unbekümmert um's Gelächter und die Flüche, die er zu hören bekam. Es galt ja eine letzte, verzweifelte Anſtrengung. Während er ſuchte, folgte ihm eine dritte Per⸗ ſon, Schritt für Schritt, wie ſein Schatten. Dieß war ein blutjunger Menſch, faſt noch ein Kind, auf deſſen reizendem Geſichte ſich in dieſem Augenblicke eine Art von boshafter Neugier ſpiegelte. Jede Bewegung des ſchönen Jünglings war leicht, graziös, kühn. Eine eng anliegende, reich mit Schnüren beſetzte Polonaiſe ſchmiegte ſich um einen Wuchs von mittlerer Größe, aber elegant und ſo ſchlank, daß die Schürzen der mei⸗ ſten Gartengottheiten ihm gepaßt hätten. Weite Bein⸗ kleider mit Stegen bedeckten den größten Theil der glanz⸗ ledernen Stiefel und eine Sammetkappe beſchattete halb die glänzenden Locken ſeiner ſchwarzen Haare. In dieſer Zeit, wo das männliche Koſtüm bei den Weibern faſt aller Klaſſen der Geſellſchaft ſo ſehr in der Mode war, daß der Polizeipräfekt von Paris im Jahre 1824 angeblich mehr als zehntauſend Erlaubnißſcheine ausſtellte, würde unſer Jüngling ganz natürlich für eine verkleidete Schöne gegolten haben, wenn nicht die Ober⸗ lippe einen leiſen Anftug weichen Bartflaums gezeigt hätte. Wie durchſichtig dieſe bräunliche Linie ſein mochte, begierig auf die Löſung dieſes Räthſels.... hafte Stimme neben ihm. ſie gab dennoch dem ganzen Geſichte einen Anſtrich männ⸗ licher Kühnheit, welche die weibliche Sanftmuth ſeiner ſchönen Augen aufwog. Inzwiſchen ſetzte der Mann im Mantel ſeinen Weg fort, ohne zu bemerken, wie ſehr er die Aufmerkſamkeit Aller erregte. Sich in dieſem ungeheuern Wirrwarr vollkommen ſicher glaubend, muſterte er jede Perſon von fremder Haltung, jedes Geſicht, das einen Ausländer verrieth, und fluͤſterte im Verbeigehen ihr jenes myſtiſche Wort zu, von dem er ſich Wunder zu verſprechen ſchien. Aber das Wunder blieb aus. Der Mann ermü⸗ dete ſichtbar, während das Kind keinen der von Klug⸗ heit und Neugier ſtralenden Blicke von ihm abwandte, Der Mann im Mantel hatte die ſteinernen Gale⸗ rien verlaſſen und befand ſich gerade vor dem Kaffee der Rotunda, als der Zufall ihm den Fremden, deſſen Porträt wir flüchtig zeichneten, in den Weg führte. Die⸗ ſer bog höflich aus, aber der Mann im Mantel blieb ſtehen, ſah ihn eine Sekunde an und flüſterte ihm das Wort in's Ohr: „Weſtern....“. Plötzlich wandte ſich der Fremde um. Hocherfrent ob ſeines Fundes, ſprang der Mann im Mantel auf die Seite und verſteckte ſich hinter einer Gruppe von Masken, um von dort aus unbemerkt dem Fremden nachzuſehen. Dieſer ſtand wie feſtgenagelt auf dem Platze und blickte erſtaunt um ſich. „Das muß er ſein,“ liſpelte der Mann im Mantel. „Ich wette darauf!“ antwortete eine ſanſtge ſchalk⸗ Der Mann fuhr zuſammen, hüllte das Geſicht tief in den Mantel und ſah die Perſon, die ihn anredete verſtohlen von der Seite an. 3 Es war der Jüngling in der Sammetkappe.. „Meiner Seel', Herr Herzog,“ ſagte er, die Mütze „ 10 abnehmend und ſich tief verneigend,„dieſer Bauer hat uns Beide tüchtig herumgejagt!“ Der Mann im Mantel warf ſich in die Bruſt, maß das Kind von Kopf bis Fuß mit finſterm Blicke und wandte ſich verächtlich von ihm ab. Trotz dieſer mit Athletenanſtand ausgeführten, weg⸗ werfenden Geberde, die den zudringlichen Jüngling mit Einem Schlag vernichten ſollte, wich das Kind nicht von der Stelle und ſah ihn lächelnd an. Der Herzog muſterte das gebrechliche Geſchöpf von ſo runden, biegſamen Formen nochmals, als frage er ſich, was dieſe männliche Kraft mit dieſer kindlichen Grazie zu thun haben könne. „Ich habe Eile,“ ſagte er endlich.„Was wollen Sie?“ „Ihre Bekanntſchaft machen, Herr Herzog, Ihnen behülflich ſein.... Aber ſeien wir ohne Sorge hinſicht⸗ lich des Ehrenmannes, Herr Herzog.... Er gehört uns.“ Uns?“ * „Ja, Herr Herzog, uns!. Ihnen und mir.... Aber auf Ehre, Herr Herzog, Sie haben mich faſt zur Verzweiflung gebracht.... Seit einer halben Stunde folgte ich Ihnen.“ „Und warum folgten Sie mir?“ fragte der Herzog, die Stirn runzelnd.* „Ich folgte Ihnen,“ antwortete der Jüngling kalt, „je nun, weil ich Ihr Vorhaben wiſſen wollte.... Meiner Seel', Herr Herzog, Ihr Mittel iſt naiv, aber göttlich!... Und ich werde mir's zur Ehre rechnen, dürfen.. Der Mann im Mantel, der erſt Ungeduld, dann drohenden Zorn hezeigt hatte, ſchien ſich plötzlich eines Beſſern zu beſinnen.. 8 Er klimperte mit dem Gelde in ſeiner Taſche und warf ſich ſtolz in die Bruſt. „Es könnte ſein,“ ſagte er,„daß ich einen Schel⸗ men nöthig habe.. Zu was biſt Du gut?“ 9 — 8 — 11 „Zu Allem.... Aber ich hab' es nicht gerne, daß man mich dutzt, ohne meine Erlaubniß.... Mein Vater, müſſen Sie wiſſen, war ein ſchottiſcher Zigeuner und meine Mutter eine ſpaniſche Zigeunerin... von väter⸗ licher und mütterlicher Seite adelig.... Alſo ein wenig Rückſicht, wenn ich bitten darf, Herr Herzog.... Jetzt möcht' ich fragen, was mit dem armen Schelm in Stulp⸗ ſtiefeln anzufangen iſt.“ Statt zu antworten beſann ſich der Herzog. Er ſchwankte einen Augenblick. „Nein!“ flüſterte er endlich kopfſchüttelnd. „Nein!“ wiederholte das Kind, das mit wunder⸗ barem Scharffinn die geheimſten Gedanken des Mannes im Mantel zu errathen ſchien....„Warum nein? Weil Sie Mißtrauen hegen?.... Bah, Herr Herzog, wir haben ſchon mit einander zu thun gehabt.“ „Worin?“. 3 „In zarten Dingen, Herr Herzog.... Sie ſind ein Feinſchmecker und etwas leichtfertig, wie ein Grena⸗ dier.... aber auch eiferſüchtig wie ein Muſelmann, Herr Herzog.... und die Frau Herzogin iſt die ſchönſte Blondine im Faubourg Saint Honore....“ „Was ſagſt Du?...“ fragte der Mann im Mantel ganz leiſe. Er wurde leichenblaß und ſeine Augen funkelten. „Nichts,“ antwortete das Kind mit größtem Gleich⸗ muth....„Nichts, als daß Ihr Sekretär, Herr Burot, ſich meiner bediente, um ſeine ehrenwerthen Berufs⸗ pflichten in aller Pomadigkeit erfüllen zu können.... So gabaich auf die Frau Herzogin Acht und... 4 „Und was haſt Du geſehen?“ fiel der Herzog haſtig ein. 3 „Ich weiß es nicht mehr,“ antwortete das ſchöne Kind, während ein unbeſchreiblich feines Lächeln über die roſigen Lippen ſchwebte. Der Mann im Mantel ergriff den Jüngling an beiden Händen. Dieſer ließ es geſchehen und fuhr ruhig fort: „ Sie ſehen, Herr Herzog, wir find ganz geeignet, uns zu verſtändigen... Noch einmal: was haben Sie mit dem armen Schelm vor?“ Der Herzog bückte ſich an's Ohr des Knaben und ſagte mit bebender Stimme: „Mein Weib!.... Was weißt Du von meinem Weibe?....“ „Nichts von Bedeutung.. „Sprich!“ unterbrach ihn der Herzog gewaltſam, während ſeine beiden Fäuſte ſich wie zwei eiſerne Reife um die zarten Handgelenke des Kindes legten und ſie ſchüttelten, daß ſie knackten. Weit entfernt, ein Zeichen des Schmerzes von ſich zu geben, lachte der Jüngling laut auf. „Ha, ha, ha!“ flüſterte er.„Ueber die Frau Her⸗ lohnſ orte. Sprich!“ wiederholte der Herzog, deſſen Wangen glühten. Das Kind runzelte leicht die Stirne⸗ „Jetzt thun Sie mir weh!“ murmelte es. In demſelben Augenblick zog es die Armmuskeln ſtraff an und bog die Handgelenke ſo ſchnell und kräftig um, daß ſie wie zwei glatte Stangen den Fingern ſeines erſtaunten Gegners entſchlüpften. Dieſer dachte nicht daran den Kampf zu ernenern. Er betrachtete einige Sekunden das Kind, das ihm ruhig in's Auge ſah, von Kopf bis zu Fuß, ſchüttelte das Haupt, als wolle er einen läſtigen Gedanken bannen, und blickte unruhig um ſich. „Ich weiß, wo er iſt,“ antwortete der Jüngling dieſer Geberde des Mannes..„Da geht er!“ Er wies mit der Hand auf den Fremden, der in geringer Entfernung von ihm pazierte. Der Mann im Mantel ſchien einen raſchen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben. „Folgen wir ihm!“ rief er..„Geh Du voraus — Das Kind gehorchte auf der Stelle, ohne ringſte Mißtrauen zu bezeigen, als habe es die Gewa that des Herzogs längſt vergeſſen. Der Fremde ging an der Rotunde vorüber. Im nämlichen Augenblick ſchmetterten Trompeten von der Terraſſe herüber und röthete ſich die Halle im rauchigen Schein von zehn Fackeln, die draußen hin und her geſchwungen wurden. Es war eine Kaleſche mit Masken, die am Ende der Straße Vivienne hielt. Der Wagen, mit künſtlichen Blumen, Bändern und man⸗ chen andern Gegenſtänden faſchingsmäßig herausgeputzt, war mit ſechs Schimmeln beſpannt, über deren Kopf⸗ geſchirr ungeheure Federbüſchel wehten. Berittene Trom⸗ peter tummelten ihre Roſſe zu beiden Seiten der Kutſchen⸗ ſchläge. Ueberall wimmelte es von Masken, auf der vordern und hintern Bank, in der Mitte zwiſchen beiden, auf dem Bock, auf dem Bedientenſitz, ſogar auf den beiden Fußtritten. Mehrere Sekunden lang dauerte das Trompeten⸗ geſchmetter und das Hin⸗ und Herſchwingen der Fackeln, daß die Funken weit über die Menge hinſprühten. Ein Strom von Neugierigen hatte ſich dieſem Theile des Gartens zugewälzt; mit ihm auch der Fremde, welcher, um beſſer ſehen zu können, der Straße gegen⸗ über Poſto faßte. 8 Es entſtand eine kurze Stille; dann aber erbebte die Halle von wahnſinnigem Geheul und ohrzerreißenden Geſängen. Ein wahres Chaos von Flittergold, Blu⸗ men, Bändern, geſtreifter Leinwand, ſcharlachrothen Ge⸗ ſichtern, blauunterlaufenen Augen wogte daher. Vor der Gewalt des Gegenſtromes öffnete ſich das Gedränge und wich links und rechts auseinander. Unter furchtbarem Hurrahgeſchrei ſtürzte eine Ge⸗ ſellſchaft von zehn Masken in den Garten. Es wa⸗ ren fünf Männer und fünf Frauen. Der übrige Theil der Bande hatte die Küchen der Drei Gebrüder Pro⸗ vengalen mit Sturm genommen. fünf Männer waren ganz abſonderlich aus⸗ ſtafftrt. Man ſah einen welſchen Truthahn, einen Bären, eine Melone mit ſammt ihren Blättern, eine Eule, deren 1 eer das Trauerkoſtüme der Leichenträger bedeckte, inen Matroſen mit der ungeheuren Maske eines Schleihenkopfes. Leetzterer ging voran, ein großer, langer, magerer, aber ſcheinbar robuſter Burſche. „Platz da, Calicot!“ rief er und ſtieß den Fremden, der ihm den Weg verſperrte unſanſt bei Seite. Calicot war damals der ärgſte Spottnamen gegen die Engländer. Der Fremde legte ſeinen Hut ſorgfältig auf die Erde und darüber den gefalteten Mantel. Dann knöpfte er ſeinen Ueberrock von oben bis unten zu und hielt ſtumm wie ein Fiſch die geballte Fauſt dem Matroſen mit dem Schleihenkopfe unter's Kinn.. „Der Engländer will boxen! brummte der Bär. Gib Acht Joſepin?“ 3* „Zerreiß den treuloſen Sohn Albions, Joſepin!“ krächzte die Eule. „Maſſakrir' den Goddamm, Joſepin!“ gluckte der Truthahn.„ Die fünf Damen, Fiſcherinnen, Hirtinnen, Mar⸗ quiſinnen, unterſtützt von der Melone, ſtimmten im Chor ein langes Kriegsgeſchrei an. Joſepin, tapfer wie eine trunkene Maske, ſetzte ſich in Poſitur, preßt den linken Arm an die Bruſt und er⸗ hob den rechten. Aber ein Schlag der derben Fauſt des Gegners und der Matroſe wälzte ſich im Sande. Ein Hurrahgeſchrei ertönte, daß die Scheiben des Palais⸗Royal zitterten. Der Bär, die Eule, die Melone und die übrigen nahmen ſich an der Hand und tanzten einen luſtigen Ringelreihen um den auf der Erde winſelnden Joſepin. Deer Fremde hob kaltblütig ſeinen Hut auf, hing 15⁵ den Mantel über den Arm und ſetzte ſchweig Weg fort. Der ſchöne Jüngling und der ſogenannte Herr Herzog hatten während des ganzen Auftrittes mit ei— gefluͤſtert und ſchienen ſich jetzt trefflich zu verſtehen. Nat wenigen Minuten einer eiligen Unterredung gab der n im Mantel dem Kinde eine volle Börſe. Dieſes ent⸗ fernte ſich mit den Worten: ſeh„8ch nehm' es auf mich.... Auf baldiges Wider⸗ eh'n!“ Ehe er ſich in die Menge verlor, wandte er ſich nochmals um, zeigte mit dem Finger auf Weſtern und rief: „Halt ihn mir feſt!.....“ 2. Carmen. Der Mann im Mantel, der Herr Herzog genannt wurde, ſah unruhig lächelnd dem Juͤngling nach, welcher anmuthig behende ſich durch die Menge den Weg bahnte. „Was hat er vor?“ dachte er...„Ich hoffe ver⸗ gebens,.. doch iſt morgen noch Zeit,.... den Haupt⸗ ſchlag zu wagen.... Vermögen.. Chre.., Leben .. Alles ſteht auf dem Spiel!..... 4 Die zehn Masken, Herrn Joſepin, der von ſeinem Fall wie zermalmt war und jämmerliche Geſichter ſchnitt, ließen ſich bei den drei Gebrüdern Provencalen die klaſſiſchen Fiſchpaſteten trefflich ſchmecket 4 Der Fremde, der ſeine Heldenthat Whaſt vergeſſen zu haben ſchien, widmete ſich mit Auge ii d Ohr den ewig wechſelnden Ueberraſchungen des bizarren Schau⸗ ſpiels, das die Pariſer Lebewelt um ihn aufführte. Er blickte rechts und links, vor und hinter ſich, denn üb gah es was Reues zu ſehen. Der Lärm und die regel⸗ 16 ofe Bewegung machten ihn taub und ſchwindlich; das Lichtmeer blendete ihn. Sein puritaniſch⸗amerikaniſcher Stoizismus verlor ſich mehr und mehr bei den elektri⸗ ſchen Schlägen dieſer unbekannten Genüſſe; ſeine Phan⸗ ſie erhitzte ſich, ſein Blut rollte wärmer und ſchneller d die Adern. Seitdem ſind mehr als achtzehn Jahre verfloſſen. Hüte dich, Leſer, die Treue unſeres Gemäldes nach der gegenwärtigen Beſchaffenheit jener eiſigen Nekropole*), die heute Palais⸗Royal heißt, bemeſſen zu wollen. Alles iſt jetzt todt. Alles war lebendig damals; nur zu lebendig! Eine Ueberfülle an Jugend, ein Uebermaß im Leben trieb von Auaſihweifung zu Ausſchweifung, von Orgie zu rgie. Denn das Palais⸗Royal war damals noch immer der furchtbare Turnierplatz, wo aus allen fünf Welt⸗ theilen die irrenden Ritter des Vergnügens zuſammen⸗ floßen, ihre Lanzen zu brechen. Hier war unter freiem Himmel die Hauptakademie der Venus Vulvivaga, wo ihre gelehrten Jüngerinnen im Laſter unterrichteten und über die Schande Vorleſungen hielten. Ihr hättet dieſe reizenden Sirenen ſehen ſollen, wie ſie den Garten, der recht eigentlich ihnen gehörte, nach allen Richtungen durchſtreiften und in der Tageshelle der Reverberen ihre üppigen Buſen mit Gepränge zur Schau trugen. Ja gewiß, ſie waren ſchön. Allabendlich kamen ſie, lächelnd und ſtolz auf ihren königlichen Schmuck, die Menge zu ihren Myſterien zu laden. Ueberall aus dieſen Alleen und Galerien wehten Einem die Balſamgerüche künſtlicher Luſt entgegen. Hier war der blumenbeſtreute Kampfplatz ſchmutziger Gefechte; der Harem einer ganzen Welt; der ſchändliche aber prachtvolle Tempel, wo die Prieſterinnen der Venus opferten. *) Nekropole, Todenſtadt. Nach der Analogie von Metropole gebildet. 3 17 Um hier als unumſchränkte Herrin gebieten zu kön⸗ nen, ſchloß die Unzucht keine der ſechs andern Todtſün⸗ den, ihrer Geſchwiſter, aus. Jede von ihnen hatte in irgend einem Winkel ihren privilegirten Altar oder richtiger ihre Altäre; denn das goldene Laſter zeigte ſich duldſam. Man ſah auch das Laſter, in Lumpen ge⸗ wickelt, die Schande, mit Koth beſpritzt, und in den finſtern Höhlen der benachbarten Straßen diente das Laſter oft zum Mantel des Verbrechens. 1 Aber was reden wir von Koth und Schmutz unter ſo vielen lachenden Geſichter, Perlen und Blumen? Was reden wir von Blut in mitten des ausgelaſſenen Jubels des Feſtes? Unſer Fremder hatte ſicherlich weder Zeit, 44 noch Luſt zu ſo trüben Gedanken. Alles, was er ſah und hörte, nahm ihn in Anſpruch: das ewige Ab⸗ und Zuſtrömen neugieriger Scharen, die buntſcheckigen Ko⸗ ſtüme, die ſchönen Weiber, bei deren Anblick ſein puri⸗ taniſches Gewiſſen ſchlug und deren verbuhltes Geblinzel f er endlich ohne zu erröthen aushalten konnte.... Die Eſſenszeit hatte längſt geſchlagen, und da ſein Hunger ſich zu regen begann, ging er zu Véfour. Der Mann im Mantel folgte ihm daher und wählte ſeinen Platz ſo, daß er unbemerkt jede ſeiner Bewegungen be⸗ cbachten konnte., In ſehr fremd klingendem Accente beſtellte der Fremde einige einfache Gerichte. Gleich darauf winkte der Mann im Mantel demſelben Kellner und flüſterte ihm wenige Worte zu. 3 4„Aber der Herr hat Nichts von dem Allen verlangt,“ 4 entgegnete der Kellner. 4„Die Zeche zahle ich!“ ſagte der Herzog. 3 Der Kellner verneigte ſich und erſchien bald darauf mit einer Flaſche Champagner, die er vor den Frem⸗ den hinſetzte. 28 Ddieeſer hielte ihn für gewöhnlichen Landwein und Aieß ihn ſich trefflich munden. Als die Flaſche ausge⸗ runken war, brachte der Kellner auf einen Wink des Pariſer Liebſch. I. —— 18 Mannes im Mantel eine zweite, die zur Anfeuchtung der vom räthſelhaften Amphitryo beſtellten Trüffeln dienen ſollte. Auch dieß Gerichte ſchmeckte ihm ausge⸗ zeichnet. Als der Fremde aufſtand, war er purpurroth. Die Wohlfeilheit der Zeche bei ſolcher Schmackhaftigkeit der Speiſen und Weine zwang ihm ein heiteres Lächeln ab. Der Herzog erhob ſich mit ihm. Es war der Augenblick, wo die übervolle Reſtaura⸗ tion ſich entleerte, und die geſättigten Gäſte ihre alten Vergnügungen wieder aufnahmen. Plötzlich entſtand ein furchtbarer Tumult, die Luſt ſtieg bis zu wildem Ent⸗ zucken. Ein allgemeines tolles Gelächter, das kein Ende nehmen wollte, theilte ſich der bacchantiſchen Maſſe mit. Hier ertönten aus heiſern Kehlen luſtige Lieder oder freche Geſänge, dort ſah man anrüchige Scherze und Lieb⸗ koſungen. Der ganze Hauſen ſchwankte trunken hin und her, als ſtolpere er über ſeine eigenen zahllofen Beine. Man drängte, ſtieß und ſchlug ſich. Irgend eine berühmte Schöne, als Fiſcherin verkleidet und von ihren enihu⸗ ſiaſtiſchen Anbetern im Triumph umhergetragen, ragte über das Gewühl empor und kreiſchte ihre Gaſſen⸗ hauer vom Fiſchmarkte oder ihre unfläthigen Scherze auf das Gewimmel hernieder. Dieſe Maaß und Ziel verhöhnende Luſt wirkte elektriſch. Auch der Fremde, ohnehin durch den Cham⸗ pagner erhitzt, konnte ihm nicht widerſtehen. Immer weiter drängte das kindlich⸗naive Entzücken über dieß Zauberſpiel ſein natürliches Phlegma in den Hinter⸗ grund, als ſich plötzlich ſeine Stirne umwölkte.. Er ſah haſtig nach der Uhr, und von dem Moment an war das Lächeln dahin. Sein Blick wurde kalt und ernſt. „Sie warten auf mich!....“ murmelte er. Der Mann im Mantel hatte Alles mit ange⸗ ſehen. Erſt jetzt gerieth er in Unruhe. War er nicht vielleicht vom ſchönen Jünglinge betrogen worden? 19 Sollte er mit ſeiner Börſe ein vergebliches Opfer ge⸗ bracht haben? Je mehr der Fremde, in gerader Linie die Gärten durchſcheidend, ſich der Halle näherte, die auf die Straße Vivienne zuführte, um ſo unruhiger wurde der Herzog.. Denn ſobald der Fremde fortging, ſchlug das Ren⸗ dez⸗vous fehl, und es blieb ihm Nichts übrig, als dem Fremden zu folgen, um ſeine Wohnung zu erfahren. Der Herzog ſah rechts, ſah links, vor und hinter ſich,— aber nirgends ließ der Jüngling ſich blicken. Darüber mochten einige Minuten vergehen, denn. der Fremde ſtieß auf viele Hinderniſſe, die ſeinen Marſch verzoͤgerten. Aber ſchon hatte er das Kaffee der Rotunda hinter ſich und warf der trunkenen Menge einen Ab⸗ ſchiedsblick zu, um dann die Terraſſe hinabzuſteigen. „Hab ich doch unter der Ulme gewartet!“ rief der Herzog, verdrießlich auf den Boden ſtampfend. Eben wollte er die Galerie betreten, als er ſich leiſe an der Schulter berührt fühlte. Er ſah ſich um, und fuhr erſtaunt zuſammen. Ein Weib, ſchön wie ein Engel und aufs Geſchmack⸗ vollſte gekleidet, ſtand vor ihm. Aber ehe er ſie anreden konnte, war ſie verſchwun⸗ den, ihm lächelnd nachblickend. Wenige Schritte jenſeits des Keller's zum Wil⸗ den Mann holte ſie den Fremden ein, und legte ſanft ihren Arm in den ſeinigen... Der Herzog blieb verdutzt ſtehen und ſah ihr ver⸗ wirrt nach. Es war eine herrliche Geſtalt von hohem, ſchlankem Wuchſe. Bei aller graziöſer Keckheit bewahrte ſie eine Art von keuſchem Stolze. Gewiß, es gab im Garten, unter den Galerien, überall reizende Weiber, ballmäßig geputzt und faſt ſo bloßen Halſes, wie eine Blumen⸗ jungfrau aus der Provinz, die einem reiſenden Königs⸗ ſohn mit offiziellen Reim en beglückwünſcht. Unter den Reverberen und im Schatten zuckten die Blitze der 3 20 Feueraugen, lächelten die Schelmenmienen, funkelten die Juwelen, rauſchten die Atlasgewänder, flatterten die Locken und quollen die ſchneeweißen, üppigen Schultern unter dem Sammet hervor.. Aber der neue Ankömmling überragte alle dieſe Schönheiten, wie die Göttin ihre Nymphen, die Königin ihre Vaſallinnen. Sie war der Demant in mitten eines reichen Geſchmeides, der alle andere Edelſteine durch ſeinen Glanz verdunkelt. Doch war auch ſie vielleicht eine Kurtiſane; denn unter dem erleuchteten Portale des ungeheuren Tempels durfte die Prieſterin allein ungeſtraft ihre Reize entfal⸗ ten. Aber wenn ſie eine Kurtiſane war, ſo war ſie es in der Art der Leontium oder der Läis, der Ninon oder der Delorme, jener ſchönen Buhlerinnen, die mit ihrer Schande den Ruhm erkauften und ihr unkeuſches Lager unter dem Blumenſchleier der Poeſie verſteckten. Sie trug ein hellſeidenes Kleid und darüber ein ſchwarzſammtenes Mieder. Gegen die Sitte des Ortes ſah man die klaſſiſchen Formen ihres Buſens nur durch ein Spitzentuch. Ihre pechſchwarzen, in der Mitte des Hauptes geſcheitelten Haare floßen in vollen, beweglichen Locken bis auf die Schultern herab, ſtatt nach damaliger Mode in dichten Büſcheln gekreppter Haarkrauſen um die Schläfen zu liegen. Mitten auf der Stirne hielt ein Diamantſchloß zwei Doppelreihen weißer Perlen, die unter den reichen glänzenden Haaren umherirrten. Dieſer ſchöne Rahmen umgab das kühngezeichnete Oval eines jungfräulichen Geſichtes, deſſen ernſtes und doch jugendliches Lächeln eine Welt geheimer Ver⸗ heißungen offenbarte. Dieß Lächeln war zu koſtbar, um ſich nicht zu ſcho⸗ nen. Nur in ſeltenen Zwiſchenräumen flog es erhellend über die ſcharfen Linien eines Mundes von ſo klaſſiſchen Formen, daß er, ohne den zarten, faſt hingehauchten Schatten ſeines ſchwarzen Flaumes längs des Randes der Oberlippe, für das Werk eines Phidias oder Praxi⸗ 21 teles gegolten hätte. Dieſer Saum und vorzüglich die kühne Krämmung der beiden Brauen, welche hoch in die ſchneeweiße Stirn hineinragten, liehen dem Antlitz, trotz ſeiner vollendeten Harmonie und Regelmäßigkeit, den Ausdruck einer faſt männlichen Entſchiedenheit. Aber aus dem Blicke ſprach das Weib. Nicht die Jungfrau: das Weib! Ja, in dieſem Blicke liebte und lebte die Tochter Evas mit all' ihren ſieg⸗ reichen Buhlerkünſten und unbegreiflichen Schwächen. Bald war's ein Funke, der aus den tiefblauen Augen unter langen ſeidenen Wimpern ſchüchtern her⸗ vorſprühte. Bald ein ſengender Blitz, ein ſpitzer Pfeil, der die Lüfte durchſchwirrt, eine Flamme, die unter den von unbeugſamer Willenskraft gerunzelten Brauen ſtolz emporlodert. Welche Liebe und welcher Zorn? Welche Hoheit und welche Gemeinheit? Hinter dieſen großen blauen Augen brütete eine Seele, deren furchtbare Myſterien in ſolchen Momenten kein Menſch ergründen konnte. Wer hätte die dunkle Sprache dieſer rollenden Augen verſtanden, wo die Zärtlichkeit des Kindes, die ſchmeichelnde Sanftmuth des liebenden Weibes, aber auch die Kühnheit des Mannes, Berwegenheit in Gedanken und Worten und eine That⸗ kraft, die vor Nichts zurückſchrack, in ſchnellem Wechſel ſich ſpiegelte? Dieſe ſchönen Augen waren ein Buch mit ſieben Siegeln, deſſen Hieroglyphen kein Sterblicher entzifferte. Sie zogen an, ſie bezauberten, und doch wußte Niemand ſich Rechenſchaft zu geben von der wunderſamen, aus Zweifel und Schrecken gemiſchten Empfindung, welche ihr liebliches Gefunkel im Herzen zurückließ....— Als der Fremde ſich am Arm berührt fühlte, fuhr er inſtinktmäßig zuſammen. Beim Anblick eines ſolchen Weibes, das ſich zur Geſellſchaft aufdrang, wurde ihm 8— 8 22 nooch beklommener zu Muth und er that einen Schritt, ſich zu entfernen. Sie zog ihn leiſe an ſich. „Ich kenne Sie,“ redete das junge Weib, ihn ſanft, faſt ſlehend an.„Wir ſind Landsleute und ich bedarf der Unterſtützung.“ Der Fremde verzog keine Miene. Das junge Weib wiederholte ihre Anrede auf Eng⸗ liſch, worauf jener niederblickte. Es ſchien, als mißtraue er ihren Worten. „Wiſſen Sie meinen Namen?“ fragte er nach kurzer Pauſe, gleichfalls auf Engliſch. „Ob ich ihn weiß!“ antwortete das junge Weib, mit der Miene und dem Tone größter Offenheit.„Iſt Einer in Boſton, der den Namen des Herrn James Weſtern nicht kennte!“ Der Fremde ſah wieder auf und erröthete. Es ſchien, als freue er ſich unwillkührlich, aus ſo ſchonem Munde ſeinen Namen zu hören. „Und Sie?“ fragte er weiter.„Wie heißen Sie?“ „Ach,“ ſeufzte ſie,„die Armen wiſſen die Namen der Reichen. Aber wozu brauchen die Reichen die Namen der Armen zu wiſſen?.... Meine Mutter hieß mich Carmen, mein Vater Flamy..... Nennen Sie mich, wie die Mutter mich nannte.“ Sie ſprach dieſe einfachen Worte mit unendlichem Reize in der Stimme und mit einem Blicke auf ihn, deſſen Zauber ihm durch Mark und Bein ging. Die Klugheit der Amerikaner iſt ſprüchwörtlich, und doch gibt es in Amerika, mehr als irgendwo ſonſt, Leute, die bei gründlichſter Geſchäftskenntniß nicht mehr von der Welt wiſſen, als die Buben, wenn ſie die Schule verlaſſen. Weſtern betrachtete prüfend die reiche Kleidung des jungen Weibes. „Arm?“ fragte er ungläubig.„Und doch ſo pracht⸗ volle Kleider?“ — 23 d Sie ſchüttelte den Kopf und ſah ihn lange ſchmach⸗ tend an. 8 „Kommen Sie!“ lispelte ſie.„Sie ſollen Alles erfahren!“ „— Nein... ich kann nicht.. ich darf nicht... laſſen Sie mich!“ ſagte Weſtern halb gezwungen ihr folgend.„Mich ruft die Pflicht... eine heilige Pflicht!“ „— Später!.“ entgegnete ſie mit einem flehent⸗ lichen Blick. Weſtern taumelte. Carmen zog ihn bis an den Rand der Treppe des Kellers zum Wilden Mann. Noch einmal ſtrengte er ſich an, die Verſuchung niederzukämpfen und ſeinem beſſern Ich den Sieg zu erringen. Schon glaubte er zu triumphiren, als die anſtrömende Menge ihn mit ſich fortriß. Er ſtieg eine Staffel hinab, dann zwei... .„„ In dem nämlichen Augenblicke richtete ſich der Kranke des Flügels Valois von ſeinem kümmerlichen Lager auf. Der Jubel der Masken im Garten und unter den Galerien, der mit Donnerſtimmen herauſſcholl, hatte ihn aus ſeinen fieberhaften Träumen geweckt. Die alte Dame legte ihr lateiniſches Gebetbuch bei Seite; die drei jungen Mäͤdchen trockneten ihre Thränen und rſchten ein Lächeln. Mit mattem, faſt erloſchenem Blicke ſah der Kranke die jüngere Dame an, die ſich über ſeine Kiſſen bückte. „Iſt er da?“ fragte er mit hohler, dumpfer Stimme. Es entſtand eine tiefe Stille. Keines wagte zu ant⸗ worten. „Muth, lieber Vater!“ ſagte endlich der Jüngling. „er kann noch kommen... 4 „— Wir haben ſo viel gebetet, daß er komme!“ fügte das Kleinſte der drei Mädchen hinzu, ein ſchoͤnes Kind mit blonden Haaren, die in reichen Locken über ein en⸗ gelſüßes Antlit fielen.. 24 Der Kranke ſchloß die Augen wieder. Todtenbläſſe deckte die abgezehrten Wangen, „Doch nicht gekommen!“ ſtöhnte er mit äußerſter Anſtrengung.„Gott gibt mir ein Ende in Schmerzen!“ „— Lieber Vater!“ ſchluchzte die Kleine, deren große blaue Augen in Thränen ſchwammen...„Wir wollen noch einmal beten... Vielleicht kommt er dann und rettet Dich für uns.“ 3. Der Keller zum Wilden Mann. Der Herzog hatte von einer Ecke der Galerie aus dem ganzen Auftritte zwiſchen dem Amerikaner und Car⸗ men zugeſehen. Kaum war Weſtern auf der Kellertreppe unſichtbar geworden, ſo trat er aus ſeinem Verſteck hervor, richtete ſich zu ſeiner ganzen Höhe empor und athmete tief auf. „Das iſt ein Prachtſtück“ ſagte er zu ſich ſelbſt... „Wir werden noch mehr Geſchäfte mit einander machen....“ Bekanntlich lag der Keller zum Wilden Mann unter dem jetzigen Eingange zu den neuen Drei Gebrüder Provencalen, dem Paſtetenbäcker Felir gegenüber, deſſen Paſtetchen eines welthiſtoriſchen Rufes genoſſen, und nicht weit von jenem verſifizirenden Schuhputzer, über deſſen Bude die vier denkwürdigen Zeilen prangten: „Ihr Herrn und Damen, ſchuhbeſchmutzt, Doch Freund von Reinheit, Reim und Kunſt, Kommt her, daß Meiſter K*** Euch pützt, Und ſchließt ihn ein in Eure Gunſt.“ Gewöhnlich ließ ſich die ſchneidende, ſchmetternde Mufik des Kaffee zum Wilden Mann von den Galerien, 3 7 — 2⁵ ſelbſt vom Garten aus hören. Aber an dieſem Abende hatten das Geraſſel der maskenbeladenen Kaleſchen, das Schmettern der Trompeten und das Hurrahgeſchrei der zahlloſen Volksmaſſen ſogar das Orcheſter der großen Oper betäubt. Kaum daß man am Rande der Keller⸗ treppe einige flüchtige Akkorde und die taktgemäßen Wir⸗ bel der Trommeln des Wilden Mannes hörte. Carmen ſtieg zuerſt hinab. Weſtern fragte nicht, wohin ſie ihn führe; denn er war ganz verſunken in Bewunderung der reichen, üppigen Locken, die kunſt⸗ los über ihren Schwanenhals ſich ergoßen. Es war ihm zu Sinn, als erwache er aus ſchweren Träumen. Seine Stirne glühte, ſeine Schlaͤfen brannten unter den ſtruppigen, ins Gräuliche ſpielenden Haaren. Je weiter er hinabſtieg, um ſo heißer und ſchwüler wehte ihm die Luft aus dem Keller entgegen und trieb ihm noch ungeſtümer das Blut in den Kopf. Seine Ohren ſummten, ſein Athem war kurz und ſchwer. Als Carmen ihn hinter ſich keuchen hörte, lächelte ſie auf eine Weiſe, daß die reinen Linien ihres Mundes ſich haͤßlich verzogen. „Geſchwind, geſchwind!“ rief ſie, ohne ſich umzuſehen. Anmuthig und leicht hüpfte ſie über die letzten Staffeln der Treppe und durchſchritt den Keller in ſeiner ganzen Länge, nach einem leeren Tiſche ſich umſehend. Weſtern folgte ihr wankend. Alles um ihn erſchien ſeinen geblendeten Augen wie ein Trugwerk der Sinne. Zwar noch immer dieſelbe oder nahezu dieſelbe bacchantiſche Luſt, wie im Garten, aber der Schauplatz ſelbſt war ein durchaus anderer, wodurch Alles einen grellern, barokern Anſtrich bekam. Es fehlte an reiner Luft. Der ölige Dunſt der Lam⸗ pen, das beſtändige Athemholen ſo vieler Menſchen in kleinem Raume, der Staub und all die andern Aus⸗ dünſtungen einer eng gedrängten Maſſe verdichteten ſich zu einer ſchweren, erſtickenden, trüben Atmoſphäre, welche die Lichter mit einem gelben Nebelkreiſe umzog 26 und ſich wie ein Flor zwiſchen das Auge und die Gegen⸗ ſtände legte. Ueberall Heiterkeit, Lärm und Thorheit; aber die Heiterkeit klang hier traurig, der Lärm prallte an den harten vier Wänden der unterirdiſchen Mauern unerbittlich zurück und die Thorheit ſchnürte Einem das Herz zuſammen. Es war wie ein Gelage in einer Gruft. Alle Tiſche, bis auf einen oder zwei, die in dun⸗ keln, unbequemen Winkeln ſtanden, waren von Gäſten beſetzt; die Einen verkleidet, die Andern in bürgerlichen Koſtümen. Alle ließen ſich's vortrefflich ſchmecken und ſprachen dem Weine fleißig zu. Rings um die Tiſche marſchirte, je zwei zu zwei, eine ganze Armee derſelben ſchönen Weiber, die wir ſchon im Garten des Palais⸗ Royal bewunderten. Denn in den Abendſtunden gab das Palais⸗Royal ſeine zahlloſen Sirenen aus allen Poren von ſich. Es war dann wie ein ungeheurer Schwarm von Armiden, die, auf ihr Handwerk erpicht, wie Pilze aus dem Boden hervorſchießen, überall her⸗ umhuſchen und, gleich der ägyptiſchen Heuſchreckenplage, hinſtürzen, wo ihnen ein Plätzchen erübrigt, welche die Steinplatten der langen Galerien, den Sand des Gartens, das Pflaſter der benachbarten Straßen be⸗ decken und das Uebermaß ihrer heißhungrigen Menge in die Tauſende von Kämmerchen ablaſſen, welche mit all ihrer goldenen Pracht und Herrlichkeit, aber auch mit all ihrem namenloſen Jammer und Elend der Le⸗ viathan der Pariſer Proſtitution unter ſeinen ſteinernen Weichen verbirgt. Es gab hier welche für alle Arten des Geſchmackes, wie für alle Boͤrſen, und in ſo reicher Auswahl, daß ſelbſt die Herrn von der Polizei, die ſchmutzigen Hirten dieſer ſchmutzigen Heerde, ihre Zahl nicht anzugeben wußten. Hier zogen ſie vorbei, Schar auf Schar, wie die Truppen bei einer Muſterung, einen Jeden auf gleiche Weiſe anlächelnd und aus allen Gläſern trinkend. Nur ſelten ließen ſie ſich nieder, denn Niemand ſchätzt den Werth der Zeit höher als dieſe Mädchen. Geduldig, 27 nimmer verzweifelnd, ſpazirten ſie auf und ab, bis ſie eine hungrige Beute mit dem verbrauchten Köder ihres Angels gefiſcht hatten. In einem offenen Raume zwiſchen den Tiſchen be⸗ fand ſich ein aus fünf oder ſechs Muſikern beſtehendes Orcheſter, ſpeziell angewieſen, wie ihrer vierzig Lärm zu machen. Etwas rechts vor ihnen ſaß ein Menſch von hohem Wuchſe, bis an den Gürtel nackt. Um die Len⸗ den trug er einen Schurz aus bunten Federn. In ge⸗ höriger Entfernung von ihm ſtanden mehrere Trommeln von verſchiedener Größe. Dieſer Menſch ſtellte im Fa⸗ ſching des Jahres 1826 den Wilden Mann dar. Trotz ſeiner aufrechten Haltung und der bewunderns⸗ werthen Fertigkeit, womit er die Trommelſtöcke von einer Trommel zur andern führte und wie ein vollendeter Künſtler die Wirbel ſchlug, war er hochbejahrt. Mitten auf ſeiner Bruſt hatte er mit großer Geſchicklichkeit einen Fuchs in kauernder Stellung eintätowirt. Ungefähr auf der Stelle des Herzens ſah man eine andere kleinere Zeichnung, deren Form ſich in der Entfernung nicht genau erkennen ließ, aber einem Wappenſchilde mit ſeiner Deviſe glich. Mochte es Kunſt oder Natur ſein, gleich⸗ viel. Sein Geſicht war von kupferrother Farbe; auf Stirn und Wangen machten ſich viele und tiefe Narben bemerkbar. Ein Halsband von groben Glasperlen ſchlang ſich dreimal um den ſehnigen Hals und klapperte, ſo oft er mit rieſiger Schnelle von einer Trommel auf die an⸗ dere langte. Ein hohes Diadem fächerartig arrangirter Federn ſchmückte ſein Haupt und an den Füßen trug er eine Art Halbſtiefel von rohem, ungegerbtem Fell, worauf noch die Haare feſtſaßen. 8 Gewöhnlich blickte er ſtier und ſtarr auf den Boden nieder, trotz der unglaublichen Fertigkeit, die er im Rühren der Trommeln an den Tag legte. Aber wenn er zufällig aufblickte, ſahen unter den weißgrauen Wim⸗ pern ein Paar große gläſerne Pupillen hervor, aus denen ein wahrhafter Leichenblick in's Leere hinausſtarrte. 28 Der Eigenthümer des Kellers wechſelte ſehr oft ſeinen Wilden Mann. Der gegenwärtige war von Sach⸗ kennern beſonders geſchätzt und hieß der Großhäupt⸗ ling, weil er zu zwei verſchiedenen Malen die Stimme erhoben hatte, um die Groͤße und Herrlichkeit ſeines Stammes zu befingen, wobei er nicht vergaß, allerhand ſeltſame und räthſelhafte, in Europa erlebte Abenteuer einzuflechten..... Weſtern, der Carmen auf dem Fuß nachfolgte, ſah dieß Chaos, ohne das Geringſte darin zu unter⸗ ſcheiden; denn noch immer ſchwebte die Schöne aus⸗ ſchließlich vor ſeinen leiblichen und geiſtigen Augen. Vergebens bemühte er ſich, den räthſelhaften Einfluß dieſes Mädchens auf ihn zu erklären. Aber ohne den Zuſtand der geiſtigen Spannung, in welchen ihn die Neuheit des gewaltigen Schauſpiels verſetzt und dadurch gewiſſermaßen für die Einwirkung dieſer Scenen vorbe⸗ reitet hatte, wäre es ihr nicht ſo leicht gefallen, Herz und Sinne dieſes Purxitaners zu bethören. Carmen hatte an einem leeren Tiſche Platz ge⸗ nommen. Weſtern ließ ſich neben ihr nieder und trock⸗ nete ſich die Schweißtropfen von der Stirne. „Mir iſt nicht wohl...“, flüſterte er.„Aber ich will bleiben, wo ich bin... bei Ihnen.“ „Und ich bei Ihnen,“ ſagte ſie mit einem langen, erkünſtelt verbuhlten Blick auf ihn. 3 Der Amerikaner ſah verwirrt nieder. Seine Wan⸗ gen entfärbten ſich plötzlich und ein fieberhaftes Zittern ſchüttelte alle ſeine Glieder. 4 9 ki ſchon Sie ſind!...“ ſtammelte er nach einer auſe. Seine Augen blieben an den Boden geheftet, als habe er ſchon zu viel geſagt. Er fürchtete und ſchämte ſich. Was thut der Menſch nicht, wenn die Wuth der Leidenſchaft ihn packt? Hoch und heilig, wie ſie ihm erſchien, machte er ſie zu ſeinem Idol und ſtürzte ihr zu Füßen. Ort, Zeit, Umſtände, Alles war vergeſſen. 29 Der diaboliſche Blick dieſes Weibes hatte ihn ganz be⸗ zaubert. Daſſelbe Weſen, das er in jedem andern Mo⸗ mente gleichgültig, argwöhniſch oder verächtlich ange⸗ ſehen hätte, flößte ihm in dieſer Stunde Unruhe, Scheu, Ehrerbietung, Bewunderung ein! Carmen winkte einem Kellner, der gleich darauf zwei Weingläſer und ein Karaffe mit Kirſchengeiſt brachte. Während Weſtern unter der Laſt ſeiner Gefühle zu erliegen drohte, ſchenkte Carmen in größter Seelenruhe den kräftigen Liqueur in die beiden Gläſer. „Auf unſre Geſundheit!“ ſagte ſie. Weſtern nahm das Glas und leerte es auf Einen Schluck. Carmen berührte das ihrige kaum. Durch dieſe enorme Doſis Branntwein wie galvaniſirt, richtete ſich der Amerikaner auf und blickte um ſich, wie Einer, der plötzlich aus dem Schlafe erwacht. Sein Auge flammte, als es dem ſtralenden Lächeln Carmen's begegnete. „Ja, gewiß..., ja!“ rief er, die Hände faltend, „Sie ſind ſchön!...“ Die junge Frau ſchenkte ihm das zweite Glas ein. Weſtern trank nochmals. „Wo ſind wir?“ fragte er...„Was ſeh' ich? Ein Irokoſe?... Und halbnackte Weiber, die in Wolken auf⸗ und abſteigen?... Wer ſind die Wei⸗ ber? Warum hat der Indianer nicht ſeinen gewöhnlichen „Und Sie auch?“ fragte Weſtern leiſe. CEine hohe Röthe überflog Carmen's edle Stirn. Langſam und traurig ſchüttelte ſie das Haupt. „Ja; auch ich bin, wie dieſe Weiber!....“ flü⸗ ſterte ſie. Die Augen des Amerikaners ſchoßen Flammen. 30 „Um ſo beſſer!“ rief er, ſeiner Gefühle nicht län⸗ ger mächtig.„Ich bin reich. Mein ganzes Vermögen....“ „Ihr Vermögen iſt weit von hier!...“ unter⸗ brach ihn Carmen. „Da, da iſt's.... in der NRocktaſche hier!“ rief Weſtern lebhaft, auf die linke Bruſt klopfend. Langſam hob ſie den Blick unter den langen Wim⸗ pern hervor; aber welch ein Blick? Nach einer kurzen Pauſe winkte ſie dem Kellner, der eiligſt herankam. „Das Kabinet!“ flüſterte ſie ihm zu. „Beſetzt!“ antwortete der Kellner. Carmen ſah ihn ärgerlich an und fragte dann in demſelben flüſternden Tone: „Kein anderes Zimmer 2...“ „Der Keller iſt kein Hotel!“ entgegnete der Burſche. Carmen ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden. Auf dieſe Zeichen des Unwillens von Seite ſeiner Schö⸗ nen gerieth der Amerikaner, der von dem Inhalt des kurzen Geſpräches Nichts gehört und verſtanden hatte, in außerſte Wuth. 7 Er drohte dem Kellner mit geballter Fauſt und wandte ſich an das junge Weib mit der Frage: „Iſt, was man Ihnen abſchlägt, um Gold feil?“ „Nicht hier!“ antwortete Carmen, die inzwiſchen ihre lächelnde Miene wiedergefunden.„Was ich ſuchte, iſt nicht da.“ „Wo finden wir es?“ fragte Weſtern, aufſpringend. Auch Carmen ſtand auf und legte ihren Arm in den ſeinigen. „Wir wollen es ſuchen... zuſammen,“ erwiederte ſie mild. Weſtern warf die Zeche auf den Tiſch und ging mit Carmen auf die Thüre zu. Kaum hatten ſie einige Schritte in dieſer Richtung gethan, als ein wahrer Höllenlärm oben an der Treppe . —»„ 31 losbrach und in die Säle hinabdrang, daß Einem Hören und Sehen verging. Die Geſpräche hörten auf, das Orcheſter ver⸗ ſtummte und der Wilde ſah verblüfft um ſich. „Ho, ho! Wirthſchaft heraus! Ho, ho!“ brüllte eine Stimme draußen. „Hier, Heda!“ antwortete ein Spaßvogel. „Wirthſchaft, heraus! Kellner, heraus! Ho, ho!“ Der Mann am Schenktiſche warf die Serviette über den Arm und ſtürzte hinaus. „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ fragte er. „Iſt Platz da für einen Melone?“ donnerte die Stimme. „Für einen Melon? Einen Melon?“ „Ja, Wilder! Für eine Melone und für eine chen in ein lautes Gelächter aus. „Antwort, wenn's beliebt! Antwort!“ brüllte die Stimme.„Auch ein Truthahn wartet.“ „Geht Eurer Wege, oder macht beſſere Witze!“ rief der erzürnte Schenkwirth. „Ein Truthahn, ein Bär und eine Schleihe bitten um Einlaß!“ „Nebſt ihren Weibern, Wilder!“ Der ganze Keller applaudirte und ſchrie Bravo. Man hörte, wie eine ziemlich zahlreiche Truppe die Staffeln der Kellertreppe herabtrappte, aber methodiſch, nach dem Takte, und den damals ſehr beliebten Dudel⸗ kaſtenhauer:„Paris um fünf Uhr Abends“, aus Leibeskräften intonirend. Dieſer ungewöhnliche Lärm ſchien auf den Wilden einen gewaltigen Eindruck zu machen. Er rührte An⸗ fangs ſeine Trommeln mit noch größerer Geſchwindigkeit, daß es ſchien, als müßten die Felle der Trommeln, die 32 alle zugleich unter ſeinen Schlägen wirbelten, mit lau⸗ tem Gekrach zerreißen. Als aber auch dieß wahrhaft übermenſchliche Getöſe, vor dem die Fenſterſcheiben er⸗ klirrten, Nichts helfen wollte, wurde es immer ſchwächer, bis es ganz erſtarb. Der Greis bückte das Haupt und ließ ermattet die Arme an beiden Seiten niederhängen. Nach einigen Sekunden vollkommener Bewegungs⸗ loſigkeit, ſtand er langſam auf und nahm eine erkünſtelt gebieteriſche Stellung an. „Ich hörte die Stimme eines Yankee,“ ſagte er in harten Gutturallauten und gebot mit ausgeſtreck⸗ tem Arme Stillſchweigen.„.... Wo iſt der Yankee? — d Ich will ihm erzählen, was ich für ſein Volk gethan habe...“. 2 „Still, ſtill!“ riefen einige Stammgäſte...„Der Großhäuptling will uns die irokeſiſche Geſchichte von Lafayette und ſeinem Schimmel erzählen...“ Inzwiſchen trippelte die ſingende Truppe nach dem Takte der obgenannten Arie die Kellerſtiege herab. We⸗ ſtern hatte ſich dem Indianer zugewandt und betrachtete ihn neugierig. „Wir reisten aus dem großen Lande der Blaß⸗ geſichter,“ fuhr er in ſeinem ſeltſamen Rezitativ, ſelt⸗ ſam accentuirend, fort....„auf Böten, die Städte ſchienen... wir waren viele Tauſende von jungen Leu⸗ ten.... und ich war ein Häuptling unter ihnen.... Das geſchah vor vielen Wintern!... Mein Blut war damals weiß... Sagt das nicht wieder, ja nicht; denn die Rothhäute nennen mich ſonſt nicht mehr ihren Vater .... Aber ſie lügen!... Der große Geiſt ſelbſt kann es nicht machen, daß ein Irokeſe anderswo geboren wird, als am Ufer der Seen...... 4 In dem nämlichen Augenblick erbebte der Keller von donnerndem Applaus und Gelächter, worunter die 3 Stimme des Greiſes verhallte. Dieſer ſank müde und erſchlafft auf ſeinen Sitz nieder. 33 Es waren unſre fünf Sänger mit ihren Weibern, die ſchreiend, heulend, winſelnd in den Vorkeller ein⸗ taumelten. Voran ſchritt der Matroſe mit rieſigem Sprach⸗ rohr, das er in ſein Schleihenmaul ſteckte, ſo oft er die Hörorgane auf eine barbariſche Weiſe martern wollte. Kaum eingetreten, oder richtiger, eingeſchwankt, bildeten ſie ſich zu einer Runde und ſtimmten ein ohr⸗ und herzzerreißendes Potpourri an. Die Melone trillerte mit unglaublicher Kehlfertigkeit die famoſe Arie: Stets im Trott, Luſtig und flott, u. ſ. w., der Bär brummte in uniſonem Baß einen Chor aus der Veſtalin, der Truthahn deklamirte mit tragiſchem Pathos eine Stelle aus dem Theramenes, die Eule krächzte ihre ſchauerlichen Huhus in das diaboliſche Con⸗ cert und die Schleihe brüllte in ihr Sprachrohr den genialen Gaſſenhauer: Ach, wüßtet Ihr, Mama! In dieſe entſetzlichen Bierbaßſtimmen quickten die fiſtelnden Diskante der fünf Weiber, deren jede eine andere Melodie ableierte. Es war, um aus der Haut zu fahren! So mörderiſch klang dieß Gejohl, daß ſogar der Wilde ſich in Verzweiflung die Ohren zuhielt. Die zehn Muſikanten ſtanden vor der Treppe. Als Carmen und der Amerikaner, durch das bei der Ankunft unſrer Masken verurſachte Gedränge einen Augenblick aufgehalten, ſich den Weg zur Thüre bahnen wollten, bemerkte die Schleihe Weſtern. Gleich wurde ſie ſtill. „Allgemeines Silentium!“ gebot ſie durch's Sprachrohr. Alle ſchwiegen, bis auf den Truthahn, der ſein Deklamationsſtück mit dem geiſtreichen, wohlklingenden Alexandriner beſchloß: „Joſepin beut uns Stille; ſo hört Joſepin!“ Joſepin kletterte auf den Tiſch. „In Reihe und Glied!“ ſchrie er.„Ich bemerkte den Inſulaner, mit dem ich im Garten die Lanze brach.“ Pariſer Liebſch. I. 3 34 „Seht mir den Calicot an!“ gluckte der Truthahn. „Und ſeine Eroberung, die ſchöne Donna!“ girrte die Melone.„Meiner Seel','s iſt Carmen, die ſchmucke Andaluſierin, die im Koth auf dem Boulevard du Temple den Fandango tanzt.“„ 3„Macht ihm den Garaus!“ krächzte ſchaurig die 3 Carmen gerieth in ſichtliche Unruhe. Sie biß ihre Lippen krampfhaft zuſammen, runzelte die Stirn und blickte kühn und verwegen um ſich. „Man will Sie angreifen,“ flüſterte Sie Weſtern in's Ohr..„Brechen wir durch; ich folge Ihnen.... Sie ſind ja ſtark und die 3 betrunken....“. Weſtern hatte keine Sylbe von dem Gebrüll der Masken verſtanden. Doch merkte er ihr kriegeriſches Vorhaben an ihrer drohenden Stirne und Geberde. Ueberdieß war auch ihm der Branntwein zu Kopfe ge⸗ ſtiegen. So ſtürzte er ſich mit geballten Fäuſten todes⸗ muthig auf ſeine Widerſacher los. Ein Puff und die Melone wälzte ſich auf der Erde. Eikt anderer und der Truthahn purzelte über die Melone. Ein dritter und die Eule rollte über Melone und Truthahn weg. Die Breſche war geſchoſſen. „Joſepin, zur Hülfe!“ donnerte die Schleihe in's Sprachrohr.„Teller, Gläſer, Flaſchen her! Schlagt ihn todt, den Goddam!“ Weſtern ging eben am letzten Tiſche vorbei, als eine Karaffe an ſeinem Ohr vorüberſauste und an der Mauer in tauſend Scherben zerſplitterte. Ein Bierglas traf ihn gleichzeitig in's Genick. Er wendete ſich um: eine Bouteille flog ihm an die Stirn. — ſten beſten Kruge und ſtürzte ſich nochmals auf ſeine Gegner los. 35 Ein furchtbares Scharmützel entſtand. Die eine der zur maskirten Gruppe gehörigen Damen war als Auſternhändlerin verkleidet und trug ſtatt des üblichen ſchartigen Meſſers einen reizenden Dolch mit künſtlich gearbeitetem Handgriffe.. Es war die Gefährtin des Bären, die Bärin. Während des wilden Gefechtes traf die Bruſt des Bären einer jener derben, gewichtigen Fauſtſchläge, die man in Boſton faſt eben ſo gut und geſchickt beizu⸗ bringen weiß, wie an den Ufern der Themſe. Außer ſich vor Wuth, riß der Bär der Auſternhändlerin den Dolch aus der Hand und ſtieß damit nach Weſtern. Dieſer taumelte zurück. Eine eiſerne Hand, welche die Richtung des Stoßes abgelenkt hatte, packte die Tatze des Bären und ent⸗ wandte ihm das Meſſer. Es war keine andere, als die Carmen's. „Kommt!“ flüſterte ſie dem Amerikaner in's Ohr. .„Ich will es!“ Er ſah ſie an, und ſein Zorn war verflogen. Carmen zog ihn eiligſt mit ſich fort. Sie ver⸗ ſchwanden an der Krümmung der Treppe. Ein langes Siegesgeſchrei folgte ihnen nach. „Mein Krug, von ſich'rer Hand geſchwungen, Iſt irgendwo ihm in das Fleiſch gedrungen...“ deklamirte der Truthahn in komiſchem Pathos... „Denn da iſt Blut!“ „Blut! Blut!...“ krächzte die Eule...„So ſind wir gerächt!“ „Te Deum laudamus!“ ſchloß Joſepin....„Jetzt laßt uns Kaffee ſchlürfen!“ Der Bär ſtand noch immer mit erhobener Rechte da und ſtierte auf die Blutſpuren am Boden hin. Er ſchien ſich jetzt dunkel des ganzen Vorfalles zu erinnern. Carmen ſtützte den blutenden, betäubten Amerikaner und führte ihn durch die Straße Beaujolais in die Straße Valois. Hier angekommen, zog ſie eine Maske 36 4 aus der Taſche und legte ſie vor's Geſicht. Bald darauf traten ſie in einen jener raumloſen, feuchten, finſtern, ſchmutzigen, krummen Gänge ein, die in die neue Straße Des⸗Bons⸗Enfants münden.. Ueber der Thüre dieſes Einganges war ein kleines Transparent angebracht mit den Worten: Hotel zum Wilden Mann, menblirt. Nachtquartiere zu vermiethen. 4.. Die ſieben Todſünden. Die Geſchichte des Wachsthums, der Größe und des Verfalles des Palais⸗Royal gibt uns eine traurige Lehre, nämlich die, daß Laſter und Schande ein Boden ſind, worin der Handel beſonders gut gedeiht. Es mag parador klingen und Niemand ließe ſich freudiger vom Gegentheil überzeugen, als wir. Aber die Thatſachen ſprechen für uns. Man muß entweder abſichtlich die Augen verſchließen, oder ſich in ihre un⸗ beugſame Logik ergeben, wohin ſie auch führe. Höchſtens könnte man ſagen, das Palais⸗Royal mache eine Ausnahme von der Regel; es ſei ein ver⸗ fluchter Ort, welcher der Ehrloſigkeit eine gaſtfreie Auf⸗ nahme gewährt; ein Neſt, welches das Laſter wärmt und hält; ein Bazar, der nicht gedeihen kann, ohne daß Tauſende durch Ausſchweifungen aller Art zu Grunde gehen. Vor und während dem Kaiſerreich, auch noch unter der Reſtauration, war die eigentliche Blüthezeit des — Palais⸗Royal. In unbegreiflich kurzer Zeit konnte man hier gewaltige Schätze anſammeln. Es war ein mer⸗ kantiles Paradies, wo aus dem Himmel Merkur's Tag 87 und Nacht das Geld in Strömen von Louisd'ors, Ru⸗ beln, Guineen, Rupien, Pagoden, Gulden, Dukaten, Dublonen, Dollars, Zechinen, Piaſter, Cruſados u. ſ. w. herabregnete. Denn unter ſeinen glänzeuden Galerien ſah man die Repräſentanten aller Länder und Völker, eine wahre Muſtercharte aller Ragen des Erdballs un⸗ aufhörlich auf und abſpazieren. Hier erklangen alle Sprachen des Univerſums. Hier ſchlug es die Mittags⸗ ſtunde für beide Welten, die alte und die neue. Hier gaben ſich alle Punkte der Charte ein Rendez⸗vous. Der Holländer, welcher dem Amerikaner auf dem Kap, in Kalcutta, in Kochinchina begegnete, lud ihn zum Diner bei Véfour ein. Das Palais⸗Royal, kann man ſagen, war der Weltmarktplatz. Es gehörte ebenſo gut Frankreich, wie Pans an; ebenſo gut dem ganzen Erdkreis, wie Frank⸗ reich. London zog es ſeinen herrlichen Parken vor; St. Petersburg den Kais ſeiner weißen Newa; Madrid, ſeinem Prado; Neapel ſeinem azurnen Meere; Wien, Amſterdam, Berlin, Stockholm ließen ſich hier kleiden und beſchuhen. New⸗York behandſchuhte hier ſeine Comptoir⸗Dandys; St. Domingo kaufte hier Berlocken von Similor für ſeine farbigen Marquis. Denn das Palais⸗Royal jener Zeit war eine Art von Feſtung, vor welcher das Laſter, in ſeinem weiteſten und umfaſſendſten Sinne genommen, die ganze Artillerie ſeiner Verführungskünſte aufgefahren hatte. Nichts fehlte. Es war der einige, allgemein anerkannte Mittelpunkt der goldenen Proſtitution. Von einem Ende ſeiner doppelten Galerie von Holz bis zum andern thronten hier bei Tage die als Modepuppen verkleideten Kurtiſanen hinter Schenktiſchen, Theebänken, Büffets u. ſ. w. Den Blicken Aller zugänglich, warfen ſie ſich in die üppigſten Stel⸗ lungen und kokettirten mit Käufern und Spaziergängern auf das Frechſte und Unverſchämteſte. Von zwanzig zu zwanzig Schritt unter den ſteinernen Galerin öffneten 38 ſich die anrüchigen Thüren zu dieſen weiblichen Behau⸗ ſungen. Wer dieſe unkeuſchen Dormitorien beherrſchte, der hatte im Umſehen ſeine Million zuſammengeſcharrt. Wir kennen den Namen einer Kaſtellanin, die vermittelſt des rechtmäßigen Gewinnſtes aus einem Serail mittleren Schlages, das ſie höchſt anſtändig gerirte, ihr Land⸗ gut, ihre Waldung, ihren Park, ihren Fiſchteich u. ſ. w., nebſt dem Ehrenſitze in der gutsherrlichen Loge ihrer Dorfkirche ſich erkaufen konnte. Hotel in Paris, Schloß in der Picardie; das iſt die Belohnung eines langen mühſamen Lebens, in welchem Madame ecer, wie es ehemals auf ihren Empfehlungskarten hieß, ſich ſtets das aufgeklärte Vertrauen der Liebhaber zu erwerben und zu bewahren gewußt hatte. Und dieſe Lokale, wie der Leſer ſich aus den vor⸗ hergehenden Kapiteln erinnert, waren ſtets auf das Beſte verſorgt. Vermöge eines Syſtems reiſender Handlungs⸗ diener beiderlei Geſchlechts wurden die ſchönſten Jung⸗ frauen der Provinz an Ort und Stelle aufgeſucht, ge⸗ muſtert, verführt, zugeſtutzt und in as Verwaltungs⸗ bureau abgeſandt. Dieß Mittel war gut. Im Uebri⸗ gen mußte das Pariſer Elend aushelfen. So kam es denn, daß im Palais⸗Royal und ſeinem Weichbilde mehr hübſche Weſen zu treffen waren, als im geſammten Reich zuſammen. Hand in Hand mit dieſen Verſuchungen der Liebe gingen die des Spieles. Die Göttin Avaritia hatte hier faſt ebenſo viele Altäre, als Venus Pandämos. Tauſend Lokale, wo dem Bauche auf die raffinirteſte Weiſe ge⸗ fröhnt wurde, öffneten die Umgebung ihre Thüren und boten den Priſtern und Prieſterinnen der Wolluſt eine gaſtliche Zufluchtſtätte dar. Was konnte auch geeigneter ſein, die Schmerzen der am Roulettetiſche geſchlagenen— Wunden in Vergeſſenheit zu bringen oder die von Gold ſtrotzenden Taſchen der Sieger im Trente⸗et⸗quarante zu erleichtern? Welch ein meiſterhafter, auf dem Syſtem wechſel⸗ 8 39 ſeitiger Hülfeleiſtung wunderbar ſchön begründeter Or⸗ ganismus! Die Liebe diente dem Spiele, das Spiel bezahlte die Liebe. Liebe und Spiel trieben zur Orgie, welche Beiden Gleiches mit Gleichem vergalt. Wo in aller Welt trefft ihr unter den thieriſchen Inſtincten des Menſchen eine ſo rührende Wechſelſeitigkeit verbindlicher Dienſtleiſtungen wieder? Nicht ſelten begriff ein und daſſelbe Haus alle drei ver⸗ ſchiedenen Spezialitäten des Palais⸗Royal in ſich. Man aß und trank im Parterre, ſpielte im erſten Stocke, tanzte im zweiten, dann in den dritten hinaufgeſtiegen, wo die impotente Trunkenheit aufs Sopha taumelte und.... War das nicht unwiderſtehlich? Was Wunder, daß in jenem goldenen Zeitalter der engliſche Lord in Paris leibte und lebte; daß der ruſſiſche Fürſt keine⸗ Dichtung war, ſondern ſich mit Händen greifen ließ?... Sie hatten Nummero 154 inne. Dort verloren ſie ihre Bankſcheine wenigſtens in erträglicher Geſellſchaft. Nummero 154 war der fashionable Sal, der unr halb kompromittirte, weil ſeine Schurken betitelt waren und ſeine Croupier's ſich das Anſehen von Adeligen zu geben wußten.. Aber nicht Jeder iſt Mitglied des Parlaments von England oder ukräniſcher Grundeigenthümer und Frohn⸗ herr. Die Leute aus der Provinz und die Bürger von Schrot und Korn gingen etwas weiter, in Nummero 129, anſtändige Kammer, ſchickliche Hölle, trot der größern Gemiſchtheit der Geſellſchaft. Die Calicots begaben ſich in Nummero 113, wo die Gauner anfingen Schnurbärte zu tragen, wo die Banquiers nach der Cigarre und die Schneider nach der Pfeife rochen. Dieſe Nummero 113 hatte einen ko⸗ loſſalen Ruf in Pontoiſe und ſelbſt in Beziers. Es war dieſelbe, welche die Choleriker aus der romantiſchen Schule ſich zum Typus eines Spielhauſes erwählten. Noch jetzt denken wir mit Schaudern an eine mehr 40 als fünfzig Seiten füllende, das Hirn verbrennende Schilderung zurück, die wir Gott weiß wo? geleſen haben. Endlich, als letzte Staffel der großen Leiter, war Nummero 9 da, dicht neben dem weltberühmten Kaffee des Mille⸗Colonnes, wo die Weiber Zutritt hatten und was für Weiber? Nummero 9, dieß Frascati der Schmierſtiefler, roch ganz nach der klaſſiſchen Bevölkerung jenes Balllokals, das in dem Kauderwälſch ſeiner Stammgäſte die Zwicke hieß. Dort wurde getrunken und legten die Damen, um in der akademiſchen Sprache zu reden, ihre argliſti⸗ gen Fallen und ſtritten ſich um die Börſen der glückli⸗ chen Spieler. Unter dem geldbedeckten Tiſchchen barg ſich manch ausgetretener Schuh; unter dem bis an's Kinn zugeknüpften Ueberrock manch Hemd, das der Wäſche Feindſchaft geſchworen. Die Dandys an dieſem rte trugen glänzende Gilets, grauſam⸗farbige Kra⸗ vatten und Hände in Halbtrauer.— Judith, die große Jüdin, die ſogenannte Sabbath⸗ königin, war lange Zeit die Löwin von Nummero 9. Sie deponirte bei Nothſchild, ihrem Bruder in Moſes, das Gold und Silber, das die Chriſten für ſie gewannen. Ferner ſah man hier Olga, die Moskowiterin, ſtets jung, ſtets ausgelaſſen, obgleich ſie ſchon vor zehn Jah⸗ ren die Maitreſſe des Koſakenhettmanns Platoff geweſen. Dieſe beiden ſchönen Perſonen machten Furore un⸗ ter den Studenten der Rechtsſchule und den Sicherheits⸗ kettenverkäufern. Sind wir noch nicht am letzten Gliede dieſer fluch⸗ würdigen Progreſſion? Nein. Wir können noch tiefer hinabſteigen, noch tiefer als die Zwicke, als der Keller zum Wilden Mann oder die der Blinden! Nur Ein Schritt außerhalb des Umkreiſes und wir finden auf der Einen Seite des Hotels d'Angleterre, den ſcheußlichen Schlupfwinkel, wo die Miſere und der Diebſtahl ſich verkriechen; auf der andern die unterirdi⸗ 41 ſchen Wohnungen und Keller der Straßen Valois und Beaujolais, elende Neſter, darin ſchmutzige Verworfen⸗ heit auch die kühnſte Feder nicht zu beſchreiben wagt; dunkle Höhlen, wo halbnackte Banditen mit ihren ſchmie⸗ rigen Karten in der Hand ſich um eine geſtohlene Kupfer⸗ münze ſchlugen, während ſchwindſüchtige Sirenen ader krebszerfreſſene, ausſätzige Töchter der Luſt ‚ihre ecklen Liebkoſungen dem Meiſtbietenden von ihnen verkaufen... Ein Schritt weiter und die Wallſtraße zeigt uns den unterſten Bodenſatz, den die ewig gährende Geſell⸗ ſchaft niederſchlägt. Ihre bürgerlichen Küchen öffnen ſich und laſſen uns einen Blick thun in die My⸗ ſterien einer Liebe, bei deren Namen die eherne Stirne auch der gemeinſten Buhldirne ſich purpurroth färbt. Nochmals, es gab hier Mädchen für alle Arten von Geſchmack und für alle Börſen. Das war die gute Zeit. Die Tabakskrämerinnen heirateten Boyarden, die Kafféetiers trieben die Rente in die Höhe, die Schuhputzer wurden wahlfähig und die Händler mit künſtlichen Ju⸗ welen ſetzten ſich die Grille in den Kopf, ihre Töchter an Pairs zu verehelichen. Ach, wer erkennt an dieſem lebenswarmen Bilde die triſten Galerien wieder, wo Falliment auf Falliment ſich häufte; wo zur Nachtzeit kaum noch ein ſeltener Gaſt aus der Provinz hereinſchleicht und der ſchönen Vergangenheit wehmüthig gedenkt! Die guten Leute irren längs der Gitter hin und ſuchen leider! ver⸗ geblich die lärmende Menge von ehmals, ſuchen die Freude, ſuchen im Palais⸗Royal das Palais⸗Royal. Was finden ſie? Einſamkeit, Stille, Tod! Hie und da erhellt noch die Gasflamme die Gold⸗ leiſten eines prächtigen Kaufladens, deſſen Verkaufsliſte allmonatlich kaum um eine Blattſeite wächst. Das Kaffée Lemblin, dieß lärmende Aſyl der Li⸗ beralen aus der Zeit der Reſtauration, iſt ruhig, mäus⸗ chenſtill geworden. Das Kaffée Valois, das Haupt⸗ 42 quartier der unruhigen Köpfe von der äußerſten Linken, iſt ausgeſtorben, ausgeſtorben vor Chodruc⸗Duclos! Die Zauberinnen des Gartens hat die Peitſche der Polizei verjagt. Roulette, Craps, Trente⸗et⸗quarante u. ſ. w. find vor einen Kammervotum gefallen. Nichts gibt es mehr; nichts, als etwas Triſtes, Eiſiges, Todtes; ein Greis, der ſich auf einer Steinbank ſonnt, ein elendes Fontainchen, einige diſponible Loretten, eine Schaar von Bonnen mit rothbäckigen Kindern und vier Baracken, um welche die Lyceiſten ſchwärmen, wenn ſie Donner⸗ ſtags in die Journale gucken. Nur die Galerie Orleans, die damals noch nicht exiſtirte, hat einen Anflug von Leben bewahrt. Hier werden Tabatieren, Zahnbürſten und allerhand obſeure Traktätlein verkauft. Wer hat dieſe klägliche Verwüſtung angerichtet? Die Polizei und das Geſetz, Beide im Namen der Moral. 3. Dieſer Ort lebte vom Laſter. Das Laſter düngte ſeinen Boden und machte ihn ſchön. Die Schande war ſeine Luſt, ſeine Wohlfahrt; die Ausſchweifung, die Orgie waren Lebensbedingung für ihn. Nichts an und in ihm, was nicht böſe, verderbt, befleckt war. Ihr hättet ihn von Grund aus umwühlen können, ohne ein Atom, ein Sonnenſtaubchen des Guten oder Edlen zu finden. Sogar der Patriotismus, dieſe Tugend ſo zäh, daß ſie im Herzen des gemeinſten Verbrechers fortlebt, war ihm unbekannt. Denkt nur daran, daß ſein Cul⸗ minationspunkt die Zeit der Fremdherrſchaft in Paris war. Denkt nur daran, daß die Invaſion ihm wohl bekam, und daß er den Einzug der Koſaken mit lautem Jubel begrüßte. Denkt daran, daß er ſeine tauſend Kurtiſanen entſandte, trunken von Wein und Luſt, ſich dem friedlichen Sieger zu Füßen zu werfen! Und dieſe Kloake, ganz einzig in ihrer Art, wolltet ihr mit gewöhnlichen, alltäglichen Mitteln behandeln? Ihr gabt vor, ſie unſchädlich, ſie geſunder und beſſer zu machen, 3 43 und zu dem Ende wurden ihr an einem ſchönen Morgen ihre Spiele, ihre Bordelle, ihre freie Proſtitution, ihre babyloniſchen Myſterien, ihre Schande, ihr Alles ge⸗ Aber dieß Alles war ihre Seele. Daher iſt ſie geſtorben und ihr ſeid ihre Mörder. Warum dieſer Mord? bedecken. 1 Das Palais⸗Royal war nothwendig zum Gleich⸗ gewichte der großen Metropole. So gab es doch wenig⸗ ſtens Einen Ort in Paris, von dem die beſorgten Müt⸗ ter ihr Kinder ferne hielten; einen allbekannten Pfuhl der Sünde, einen Abgrund, an deſſen Rande gewiſſer⸗ maßen ein Warnzeichen aufgeſteckt war. Jetzt fehlt ein ſolcher Sammelplatz. Heißt dieß nicht faſt: er iſt über⸗ all? Das Haus der Schande gleicht dem ehrlichen Hauſe auf ein Haar. Die Spielhöllen geben ſich das Anſehen eines häuslichen Familienzirkels; die Kurtiſane wirft ein ſeidenes Bruſttuch um und nennt ſich Lorette. Konntet ihr den Graben nicht ausfüllen, warum nehmt ihr die ſchützenden Geländer weg? Ddiie Moral iſt gewiß ein volltönendes Wort, das in einer politiſchen Rede viel Effekt macht. Aber hier ſuchen wir vergeblich unter den Namen die Sache. Der fragliche Gegenſtand hat eine doppelte Seite. Er umfaßt die Spiele, die man ſcheinbar aufhob, und die Proſti⸗ 44 tution, die, aus der einen Stelle vertrieben, an der an⸗ dern wieder aufgenommen wurde. Aber wie? Soall der Moral, deren Geſetzen Alles gehorcht, bloß außerhalb jenes Vierecks aus Bruchſteinen, Palais⸗Royal genannt, ihr Recht wiederfahren? Puri⸗ taner, die ihr das Palais⸗Royal rein fegt, warum laßt ihr den Koth auf den Boulevards ſich anſammeln? Wißt ihr nicht, ihr Logiker, daß ein Feuer, welches mit Rieſenkraft um ſich frißt, in ſich erſtickt und iſolirt werden muß? Warum jagt ihr, um einige Häuſer zu retten, das Feuer über die ganze Stadt? Die Moral! Aber die Moral hat Nichts zu ſchaf⸗ fen mit dieſen Umquartirungen des Laſters, das ſich hier verabſchiedet, um dort, im Beiſein des Notars, den Miethkontrakt aufzuſetzen! Die Moral geht entſchieden zu Werke und haßt alle Halbheiten. Warum von Moral ſprechen, wenn es ſich nur um ein mißlungenes Poſſen⸗ ſpiel handelt?* Was iſt das Ende vom Lied? Was habt ihr mit all dieſem Spektakel erreicht und gewonnen? Ihr habt das Palais⸗Royal geſäubert, damit die Mütter ihre Töchter ſpazieren führen können, ohne daß ſie mit der Schande caramboliren. Und die undankbaren Mütter führen ihre Töchter anderswo hin, gerade dahin, auf den lichtüberſchwemmten Asphalt, wo die Töchter der Luſt eine Freiſtätte gefunden haben!... Bleibt alſo noch das Spiel. Ueber dieſe Frage hat ſich die öffentliche Stimme längſt ausgeſprochen, ſagt man. Das Geſetz, durch welches die Regierung ſich ſelbſt eines ungeheuren Einkommens beraubte, wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Wirklich ſchien es, als müſſe dieß Geſetz ſehr vor⸗ theilhaft auf die öffentliche Sittlichkeit einwirken. Aber was hat es in Wahrheit gefruchtet? Nichts, als daß der Herr Generalpächter der Spielbanken nach Baden⸗Baden flüchtete und die Roulette uns zurückließ. Ja, die Ronlette iſt bei uns, die Roulette und das 45 Craps, auch das Trente⸗et⸗quarante. Wir richten uns unter einander zu Grunde. Herr Benazet allein und die Engländer ſind in Deutſchland. Jedermann weiß, daß es in Paris eine ungeheure Anzahl heimlicher Spielhäuſer gibt. Faſt Jeder kennt deren zwei oder drei; ja Viele behaupten, daß manche in Folge einflußreicher Verwendungen tolerirt werden. Doch das iſt ein Geheimniß, das uns Nichts angeht. Aber das iſt Thatſache, daß ſeit der Aufhebung der alten Spielhäuſer die Zahl der Privathöllen, die unter dem Namen von Zirkeln, Klubs, Geſellſchaften, Kränz⸗ chen u. ſ. w., oder auch ohne allen Namen, jeden Abend ſich armen Beamten, Studierenden, Kindern öffnen, um mehr als das Zehnfache geſtiegen iſt. Man ſage, was man willl, die privilegirte Rou⸗ lette war doch nur gemachten Männern gefährlich, Auch konnte in den öffentlichen Häuſern nicht leicht Etwas verborgen bleiben, während in dieſen finſtern, dunkeln Schlupfwinkeln, deren Eigenthümer notoriſch im Kriege mit dem Geſetze leben, durchaus keine Kontrolle möglich iſt. Im Palais⸗Royal, bei Frascati, fragte man nach den Päſſen. Freilich war dieß eine ſehr prekäre Ga⸗ rantie, aber ſelbſt eine ſolche Garantie, wie unwirkſam ſie auch ſein mag, wird in den vorgeblichen Gaſthäuſern, deren Zahl Legion in Paris iſt, wo reizende Weiber bei einem ſchwelgeriſchen Diner, die gewöhnliche Ein⸗ leitung zu den Gaunereien des Abends, die Honneurs machen, zu einer Unmöglichkeit. Es gibt da keine beſoldete Aufſeher mehr. Nichts als argloſe Tröpfe oder aner⸗ kannte, geübte, habgierige, verwegene Gauner und Spitzbuben. Polizeiſache das, hört man oft ſagen. Allerdings. Aber je weniger Polizeiſachen, um ſo beſſer für's Pub⸗ likum. Die Escarpen gehören auch dahin, und eben deßhalb revidirt jeder weiſe Mann ſorgfältig ſein Teſta⸗ ment, ehe er zur Nachtzeit ausgeht. 46 Daher ſcheint uns, als habe die gerühmte Puriſi⸗ cirung des Palais⸗Royal nicht bloß nicht erreicht, was ſte erreichen ſollte, ſondern gar geſchadet. Dagegen wäre es ungerecht, den Einfluß dieſer allmäligen Ent⸗ centraliſtrung auf das Weichbild der alten Stadt des Laſters abzuläugnen. Vor zwanzig Jahren war das Weichbild entſetzlich, jetzt iſt es unedel. 3 Es ſandte ſeine Radien bis ziemlich tief in Paris aus, ſo daß der Palaſt inmitten eines dunkeln Kreiſes zu liegen ſchien, welcher durch den Contraſt dem etwas verwitterten Glanz der alten Fürſtenwohnung aufhalf. Die weſtliche Grenze dieſes Weichbildes beſtand aus der Wallſtraße, die Straßen Jeanniſon, Traverſiere und jenen krummen Gängen, die zum Carrefour des Moi⸗ neaux führen. Im Süden ging die Grenze längs der Straßen Valois, Batave und Saint⸗Thomas⸗du⸗Louvre und jener vier ſchmutzigen Gäßchen, die parallel mit der Straße Saint⸗Honore auf den unvollendeten Flügel des Louvre zulaufen. Von einem Ende dieſer vier Gäßchen zum andern ſah man eine ununterbrochene Neihe erleuch⸗ teter Transparente, welche die Uneingeweihten benach⸗ richtigten, daß hier Nachtquartiere zu haben ſeien. Im Oſten kam man aus dem Hofe des⸗Fontaines in den berüchtigten Hof Montesquieu, wo ſich ein Keller befand, ähnlich dem zum Wilden Mann. Der Hof Montesquieu hat ſein altes Ausſehen theilweiſe bewahrt. Wer ſich einen Begriff davon machen will, der beſuche die Paſſage de la Pompe und das Hotel d⸗Athenes. Dagegen hat der Hof des⸗Fontaines durchaus das Schick⸗ ſal des Palais⸗Royal, deſſen Anhängſel er iſt, getheilt. Verſchwunden iſt dieſe Maſſe von Verkäufern, die Na⸗ deln, Sicherheitsketten, Ringe, Gürtel u. ſ. w. vor der Facade des Kaffee's Boudignot feil hatten. In dieſem Hofe war recht eigentlich der Sammelplatz all der tauſend Varietäten des großen Genus her Gauner und Spitzbuben, die ſich brüderlich in die Nu nnießung und Ausbeutung des Gartens und der Galerien theilten.. 47 Im Nordoſten bildeten die Grenze die Straße des Bons⸗Enfants, zehnmal dunkler und menſchenleerer als heutiges Tages; die Hintergebäude der Bank, faſt lau⸗ ter übel berüchtigte Wirthshäuſer; endlich die feuchten Gäßchen, die aus der Straße Neuve⸗des⸗Bons⸗Enfants in die Weinkeller der Straße Valois hinabführten. In allen dieſen Straßen, ſo eng, daß Einem die Luft ausging, hockte eine blutarme, dem Muſſiggang und allen Ausſchweifungen ergebene Bevölkerung. Kein Laden, keine Werkſtätte. Eine lange Reihe von Knei⸗ pen, dann und wann durch den Vorhof eines Hotels garni oder eines verdächtigen Hauſes unterbrochen. Hier war die eigentliche Pflanzſchule aller Laſter, aus der das Heer der Spitzbuben, die das Palais⸗Royal und ſeine Zugänge Tag und Nacht in Schach hielten, ſich unerſchöpflich rekrutirte. Jede dieſer Schmutzknei⸗ pen, deren dicht verhängte Fenſter auf die Straße hin⸗ aus ſahen, war das Hauptquartier irgend einer Bande von Juduſtrierittern beiderlei Geſchlechtes, die im Ge⸗ dränge auf Portefeuilles und Uhren Jagd machten und von dem gemeinſchaftlichen Ertrage des Diebſtahls und der Unzucht lebten. Wie man ſieht, glich das Aeußere dem Innern auf ein Haar, um ſo mehr, als ſie ſich gegenſeitig Gaſt⸗ freundſchaft erwieſen. Die Unglücklichen abgerechnet, die im Koth dieſer Räuberhöhlen das Licht der Welt er⸗ blickt hatten, traf man hier Nichts, als heruntergekommene, verwitterte Lebemänner, ruinirte Spieler oder entlarvte, unter ihre lumpenbedeckten Brüder verſtoßene, ehemals glänzende Glücksritter. Dieſer Fall vom Garten in die Straße war an der Tagesordnung. Die an die Gale⸗ rien des Palais⸗Royal ſich knüpfende Sage berichtet, daß jener Schmeerbauch im langen Ueberrock, der unter einem Thorwege der Straße Beaujolais den Vorüber⸗ gehenden mit flüſternder Stimme die namenloſen Gegen⸗ ſtände ſeines myſteriöſen Handels anträgt, einſt ein 48 millionenſchwerer Banquier geweſen, der üͤber den Rou⸗ lettetiſch geſtolpert. 3 So die Männer. Mit den Angelegenheiten der Weiber befaßte ſich das Schickſal nicht. Ihre Zukunft war ihnen gewiß. Schon das Alter genügte, ſie bei Seite zu werfen. Wenn kein ſpleeniger Engländer ſie zu Lady's machte, ſtiegen ſte an einem ſchönen Mor⸗ gen aus der Sphäre, wo die Schande ſich wenigſtens mit Blumen ſchmückt, in eine tiefere Region hinab, ſchlichen geſenkten Blickes durch die Straße Saint⸗Honore und verloren ſich dann in irgend ein obſkures Loch, um bei lebendigem Leibe zu verfaulen. Unter allen dieſen Straßen, die faſt ausſchließlich von dem Abſchaum der Pariſer Bevölkerung bewohnt ſind und das finſtere Labyrinth bilden, das wir das Weichbild des Palais⸗Royal nannten, zeichnete ſich die Straße Neuve⸗des⸗Bons⸗Enfants durch ein halb anſtän⸗ diges Anſehen aus. Es konnte ſcheinen, als würden ihre Inſaßen bis auf einen gewiſſen Punkt durch die Schildwachen der Bank von Frankreich in Furcht ge⸗ halten. Doch durfte man nicht blindlings darauf bauen, denn die Häuſer dieſer Straße ſind doppelgeſichtig, und zwei Stockwerke unter dem Straßenpflaſter, d. h. in den Kellern der Straße Valois hätt' ich, Gott weiß, keiner Schildwache der Bank von Frankreich rathen mögen, ſich blicken zu laſſen! In dieſer Gaſſe lagen zwei oder drei Hotels garnis von üblem Rufe, aber unter den Rittern dieſer Damen äußerſt beliebt, denn ſie konnten ihre Orgien ungeſtört hier feiern. Die Trunkenheit genoß hier eine Art von Aſylrecht und wurde ſo zuvorkommend behandelt, wie es dieſem Erwerbszweige angemeſſen war. Die Zimmer dieſes Hotels machten keinerlei An⸗ ſpruch auf Luxus, aber ſie waren auch weit entfernt von jenem unſäglichen Elend der Nachtquartiere in der Straße Froidmanteau, der Bibliothekſtraße und an⸗ derer halsbrechenden Pennen hinter dem Louvre. Sie glichen ½ A A¼nͤ— .49 ſo ziemlich den Stuben in einem guten Provinzialwirths⸗ hauſe. Um ihren Wirth richtig zu taxiren, mußte man eine Nacht bei ihm verlebt haben, d. h. eine von der lieben Trilogie des Herrn Scribe: eine von Wein, Wei⸗ ber und Spiel verſchönte Nacht..... Vor der Thüre eines ſolchen Hauſes haben wir Carmen und den Amerikaner Weſtern ſtehen laſſen. Der Eigenthümer deſſelben, welcher den wahren oder ver⸗ meinten Indianer für einen hohen Preis an den Schenk⸗ wirth des Kellers zum Wilden Mann vermiethete, hatte ſein Hotel unter die Auſpizien ſeines alten Zög⸗ lings geſtellt und es Hotel zum Wilden Mann getauft. In dieſem, nach ihm benamsten Hotel war dem Wilden Mann ein dunkles Loch, nebſt Stroh, ein⸗ geräumt. 8 Von der Straße Valois aus gelangte man zur Hauptthüre des Hotels über eine feuchte, ſchlüpferige Steintreppe, die zugleich in die Straße Neuve⸗des⸗Bons⸗ Enfants hinüberführt. Obgleich Weſtern ſtark im Geſichte blutete und außerdem viele Spuren des letzten Gefechtes an ſich trug, hatte Carmen, die hinter ihrer Maske verſteckt war, kein Bedenken, ihn mit in's Haus zu nehmen. Die Eigenthümerin, in die Kunſt Nichts zu ſehen, meiſterhaft eingeſchult, empfing ſie lächelnd. „Ein Zimmer für Herrn und Madame!“ rief ſie, die Glocke ziehend. Deer Kellner kam, in der einen Hand einen Schlüſſel, in der andern einen Leuchter haltend. 5. Das Sterbebett eines Marquis. Es war gegen neun Uhr Abends. Im Garten des Palais⸗Royal wogte es nicht mehr, wie früher. Es ſchien, als habe die Freude etwas nachgelaſſen und finde auf den Ueberreiz die Abſpannung ſich ein. Die Masken, nachdem ſie den Vorrath ihrer ge⸗ reimten und ungereimten Witze verſchoſſen, flüchteten ſich gegen die Kälte in die Kaffeehäuſer, wo der Punſch ihre heiſern Stimmen klärte; die Leute aus der Provinz, die keinen Abend im Theater fehlen können, eilten dem Schauſpiel, zu; die Spitzbuben leerten beim nächſten Hehler ihre beuteſtrotzenden Taſchen und die bleichen Glücksjäger, die ſich auf wenige Minuten an dem Ge⸗ wühle des Karnevals zerſtreut hatten, kletterten vier zu vier die Treppen der Spielhöllen hinauf. Die natürliche Folge davon war, daß es im Gar⸗ ten ſtiller und ſtiller wurde. Auch hörte und ſah man nur noch Unverſchämtheiten und Späße von grobem Ka⸗ liber, ohne allen Witz und alles Salz. Das Publikum ſchenkte dieſen Komikern der gemeinſten Art, welche das Luſtſpiel über Gebühr verlängerten, keinen Beifall mehr. Man ging kalt und gleichgültig an ihnen vorüber, ſo daß der Karneval im Freien für heute aus war, um morgen toöller wieder anzufangen. Dieß allmälige Erſterben des Tumultes war ein großer Troſt für die arme Familie, welche das Bett des Kranken im Flügel Valois umſtand. Drei Stunden lang hatte das Getöſe, das aus dem Garten und den Straßen donnernd heraufſcholl, ihm keine ruhige Minute gelaſſen und die Gewalt des Fiebers erhöht. Er ſchloß jetzt ſanft die Augen.. Es war ein Mann in den Vierzigern. Sein furcht⸗ bar abgemagertes Geſicht zeigte noch ſchwache Spuren 51 eines männlich⸗kräftigen Stolzes, welcher auf der hohen, edeln Stirn des Jünglings, der aufrecht hinter ſeinem Bette daſtand, ſich energiſch ausſprach. Er lag auf einem ſchlechten, durch das Gewicht des Kranken ausge⸗ höhlten Strohſacke; ſeine Decke war ein grobes Tuch von grauer Wolle. Kein Vorhang, weder um das Bett, noch vor den Fenſtern. Zwiſchen der Bettſtelle und der Wand hing an der feuchten Mauer ein altmodiſcher Weihkeſſel von Emaille. Dieß kleine Geräth bildete einen ſeltſamen Gegenſatz wider die Leere und Nackt⸗ heit des Zimmers. Es mußte ein altes Familien⸗Erb⸗ ſtück ſein. Wirklich ſah man inmitten der auf dem Emaille befindlichen Blätter und Blumen und in einer zierlich ausgeſchnittenen Einfaſſung ein großes Wappenſchild, von einer eichenblattumlaubten Herzogskrone uͤberragt, um welches in Feſtons die ritterliche Deviſe lief: Gott ſchütz' Haus Maillepré.... Alle Uebrigen, mit Ausnahme des Jünglings und des Bauers, ſtanden, während der Kranke ſchlummerte, um einen kleinen Tiſch, worauf Brod und etwas Käſe lag. Die jungen Mädchen ſprachen mit großem Appetite dieſem groben, ſpärlich gemeſſenen Mohie zu. Sie mußten ſtehen, weil die beiden einzigen Stühle des Ge⸗ maches von den beiden Damen beſetzt waren. Die jüngſte dieſer beiden mochte etwa fünf und dreißig Jahre alt ſein. Ihre ſanften, würdevollen Züge trugen das Gepräge tiefer Seelenleiden. Der Kummer hatte ihre großen Augen gehöhlt, ohne ihrem Blick den Ausdruck ruhiger und frommer Ergebung zu benehmen. Die andere Dame zählte wenigſtens ſiebenzig Jahre. In ihrem ärmlichen Strohſtuhle ſaß ſie mit kaltem, gezwungenem Anſtande da und führte ihren Biſſen Brod mit der Miene einer Königin zum Munde. Stolz und gebieteriſch nahm ſie dem Bauer, der ehrerbietig hinter ihr ſtand, das Glas Waſſer aus der Hand. Ein Tiſch, zwei Stühle und das Bett war das ganze Mobiliar dieſer Kammer. Eine kleine Lampe erhellte das Gemach nur halb und ließ den Bauer, den Jüng⸗ ling, den Kranken und die mit zerfetzten Tapeten be⸗ hängten Mauern im Dunkeln, während ſie ihr mattes Licht auf die fünf Damen in der Nähe des Tiſches ſammelte. Die ausgehungerte Miene der drei jungen Mädchen, deren anmuthige Geſichter die Spuren der Thränen be⸗ wahrten, die Troſtloſigkeit ihrer Mutter, die ſtolze Würde der alten Dame, die inmitten dieſes tiefen Elendes wie eine Königin thronte, dieß Alles vereinte ſich zu einem Bilde, düſter, rührend, aber wahrhaft erſchreckend, wenn der Blick auf dieß kümmerliche Sterbelager fiel.... Und ſollte man's glauben, dieß ging vor— im Palais⸗Royal, am Faſtnacht Abend, in geringer Ent⸗ fernung von den ſchimmernden, dichtgedrängten Sälen Very's und der Gebrüder⸗„Provengalen, wenige Fuß über den feenhaft erleuchteten Galerien. Wie anders, als in den Melodramen, wo die gnä⸗ digen Herren praſſen und ſchwelgen, während ihre unſchuldigen Vaſallen vor der Pforte des Schloſſes Hun⸗ gers ſterben. Das Blatt hatte ſich gewendet. Draußen jubelte und zechte das trunkene Volk; drinnen theilten ſich die Trümmer einer hochadeligen, erlauchten Familie in ihren letzten Biſſen Brod. Die alte Dame war keine andere als die Herzogin⸗ Wittwe von Maillepré.... Die Andern waren der Marquis von Malllepré, ihr Sohn, der nie den Erbtitel angenommen hatte, weil der Tod des letzten Herzogs ſich nicht diplomatiſch genau ermitteln ließ; die Marquiſe, ihre Schwiegertochter; Gaſton von Maillepré, ihr Enkel, und endlich die drei Fräulein von Maillepré, ihre Enkelinnen. Der Bauer hieß Johann Marie Biot, aus der Bretagne gebürtig, wo einſt die Maileis⸗ große Güter beſeſſen hatten. 8 4 53 Gaſton war der einzige männliche Erbe des ältern Zweiges der Maillepré⸗Maillepré. Ein fünfzehnjähriger Jüngling. Sein hoher, ſchlanker, bereits männlicher Wuchs hatte ſich vor der Zeit entwickelt. Aus den ſchönen Zügen ſprach eine ernſte, nachdenkliche Schwer⸗ muth, die ihm allzufrüh das Anſehen eines Mannes gab. So geht oft das Unglück mit den edeln Naturen um; es macht ſie alt, wenn es ſie nicht brechen kann. Nichts im Blicke Gaſtons verrieth die unſtete, etwas ſchüchterne Wärme des Jünglings; er war träumeriſch und ſchien kalt. Auf der hohen Stirne, von der die ſchwarzen Haare nach hinten geſtrichen waren, thronte der ganze Stolz des Edelmannes. Keine Spur von dem heitern, fröhlichen Lächeln des Lebensfrühlings. Frühzeitiger Kummer hatte ſie alle verwiſcht. Dieſe fünfzehnjährige Stirn hatte viel gedacht, viel gelitten, wie man an ihren Furchen und den häufigen Runzeln der ſchwarzen Brauen ſah. Muth und Kraft, edle, männliche, faſt herbe Kraft, waren der charakteriſtiſche Ausdruck ſeines Antlitzes. Trot ſeines ſchnellen Wuchſes, waren die Glied⸗ maßen proportionirt und kräftig. Aber die eingedrückte Bruſt ſank, wenn er ſich gehen ließ, in die ſpitzen Schulterwinkel zurück. Dieß und ein Paar hochrothe, ſcharf begrenzte Flecken, dicht unter den Backenknochen, auf den mattweißen Wangen zeigte, daß ſeine Geſund⸗ heit bei dieſer frühzeitigen Entwickelung gelitten habe. Das älteſte von den drei jungen Mädchen war um ein Jahr älter, als Gaſton, dem ſie durchaus nicht glich. Ihre vollkommen regelmäßigen Züge ſchienen dem run⸗ zeligen Geſichte der Herzogin Wittwe, ihrer Großmutter, Etwas von ihrer hoffärtigen Trockenheit entlehnt zu haben. Auch war ſie der Liebling der alten Dame, von der ſie vorzugsweiſe Fräulein von Maillepré genannt wurde. Sie hieß Bertha. Die zweite hieß Charlotte. Weniger ſchön als Bertha, die jedem Maler als Modell hätte dienen können, 54 war ſie doch lieblicher und anmuthiger. Im Ganzen machte ſie den Eindruck lebhaſter Entſchloſſenheit und eines fröhlichen, heitern Muthes. Das dritte Mädchen war noch ein Kind. Weder Greuze, noch Lawrence hätten einen verklärtern Engels⸗ kopf zeichnen können. Wer ſie anſah, der vergaß das unſägliche Elend der ärmlichen Wohnung. Der Zauber⸗ ſchein ihres kindlich⸗naiven Lächelns erhellte die Fin⸗ ſterniß, verdeckte und ſchmückte die Nacktheit der vier Wände....... Sie hieß Sancta. s Brod war aufgezehrt. Die Herzogin⸗Wittwe wuſch ihre weißen, knöcherigen Hände in einer Fayence⸗ ſchüſſel, die ihr der Bauer vorhielt. Die Blicke der Marquiſe irrten zwiſchen dem leeren Tiſche und ihren drei Töchtern, die in ihren leichten Indiennekleidern vor Kälte zitterten, hin und her. Eine heiße Thräne rann über ihre Wange. Sancta verließ ihren Platz und barg ihr blondes Köpfchen im Schooße der Mutter. „Er kömmt noch,“ tröſtete ſie...„er kömmt noch!“ Die Marquiſin drückte ſie an ihr Mutterherz und ſah ſie, unter Thränen lächelnd, an...... In dem Augenblicke hörte man Fußut Treppe. Gaſton horchte auf. Eine qualvolle Bangigkeit machte die Wolke auf ſeiner Stirn noch finſterer. „Gott erbarmet ſich unſrer!“ ſchluchzte die Marquiſin. Die drei jungen Mäͤdchen ſtarrten auf die Thüre hin. Hoffnung erglänzte auf allen Geſichtern. „Wie Gott uns gut iſt!“ rief Sancta mit gefal⸗ teten Händen.„Ja, er iſt's, er iſt's!....“ Nur die Herzogin⸗Wittwe blieb kalt und unbe⸗ weglich, wie immer.. Gaſton, weit entfernt, an der Freude Theil zu nehmen, hob die Augen gen Himmel und faltete die Arme über der Bruſt, als wollte er einen ſchmerzlichen Stoß abwehren. te auf der 5⁵ Es wurde dreimal ſchnell und laut an die Thüre geklopft. 8 Die Marquifin fuhr zuſammen und erblaßte. 4„Gott!...“ rief ſie mit zitternder Stimme halb⸗ laut...„ich vergaß...“ „Mach' auf, Johann⸗Maria!“ gebot Gaſton. „Noch immer nicht!“ ſeufzte Sancta und flüchtete ſich hinter den Sitz ihrer Mutter. Johann⸗Maria trat auf die Thüre zu. Eine tiefe Stille erfolgte im Gemache. In dem⸗ ſelben Augenblicke, wo der Bauer den Thürdrücker um⸗ drehte, erhob ſich die Stimme der Herzogin⸗Wittwe, gebieteriſch und feierlich, „Fräulein von Maillepré,“ ſagte ſie,„warum ver⸗ geſſen Sie das Dankgebet?“ Ehe Bertha antworten konnte, öffnete ſich die Thüre. Ein ungeheurer Fleiſcherhund ſtürzte ins Zimmer, laut ſchnaubend, mit dem Maule überall herum ſchnuppernd und an den Kleidern der jungen Damen, die vor Schrecken verſtummten, ſein zottiges, ſchmieriges Fell reibend. „Kuſch dich, Bijon, kuſch!“ quickte eine Stimme draußen. Der Hund kauerte mitten im Zimmer nieder und wedelte mit dem Schwanze, als wollte er ſeinen Herrn begrüßen, der eben ins Zimmer eintrat. Dieß war ein unterſetzter Menſch von höchſtens vierzig Jahren, mager, eckig. Ein langer Hals guckte aus ſpitzen, breiten Schultern hervor. Von welcher Seite man ihn betrachten mochte, überall brach das Proſil ſeines Geſichtes urplötzlich ab und ging unver⸗ merkt in eine hellleuchtende, allſeitig zugeſpitzte Naſen⸗ pyramide über. Das Kinn fehlte gänzlich und die Unterlippe zog ſich beſcheiden hinter ihre obere Schweſter zurück, die ihrerſeits eben ſo beſcheiden weit hinter die Wurzel obbeſchriebener glorreicher Naſe ausbog. Links und rechts verſchwanden die Wangen mit gleicher Gefäl⸗ 56 ligkeit. Endlich bildete die mit ſpärlichen graugelben Haaren beſproßte Stirn ein würdiges Gegenſtück zu dem fehlenden Kinne. 4 Summa Summarum: das ganze Geſicht war eigent⸗ lich Nichts als Naſe, beſtrichen von zwei runden Augen, ebenſo ſchläfrig als tückiſch, ähnlich denen eines Raub⸗ vogels, der auf der Stange im Bauer ſich langweilt. Nur halte ihn der geneigte Leſer deßhalb nicht für eine gemeine Perſon. Er hieß Herr Polype und war 8 nichts Geringeres als der Hauptmiethsmann der drei obern Stöcke des Hauſes, die er dem Verwaltungsbureau der Orleans'ſchen Familiengüter abnahm, um ſie unter der Hand wieder zu vermiethen. Außerdem war er Viertelseigenthümer des berühmten Kellers in der Straße Valois, wo die Innung der Garköche zuſammenkam. Ferner, der Commanditar einer Unzahl von Zwi⸗ ſchenhändlern, die Berlocken, Sicherheitsketten, ſchlupf⸗ rige Gaſſenhauer und andern Giftſchund zu Spottpreiſen in der Umgegend des Palais⸗Royal feil boten. Endlich war er mit der Polizei bekannt, aber nur ganz wenig und in allen Ehren. Deßgleichen lebte er in achtbarer Freundſchaft mit den Hauptdieben im Be⸗ reiche des Gartens und der Galerien. Böſe Zungen nannten ihn Hehler; aber ſeine Freunde ſchwuren, daß er Nichts als Pfandleiher ſei. Der einträglichſte Erwerbszweig, die ſchönſte Feder ſeines Gefieders, die ihm Niemand rauben konnte, war der eigenthümliche Beſitz des großen Hotels zum Wilden Mann, eines ſechsſtöckigen Hauſes, mit je fünf Fenſtern nach Vorn hinaus; ein Beſitz, der ſich mit ſchwerem Golde nicht aufwägen ließ. „Recht guten Abend,“ ſagte er den Hut auf dem Kopfe, mit einer Stimme, um deren Tiefe ihn Lablache beneidet hätte....„Der Kranke iſt beſſer? Sollte mich freuen.... Kuſch, Bijon!“. „— „— —— 57 Der Hund ließ ſich auf die Hinterpfoten nieder und firirte die kühne Spitze der Naſenpyramide ſeines Herrn. „Der Kranke iſt leider nicht beſſer! mein Herr,“ entgegnete die Marquiſe freundlich, aber im Tone tiefer Bekümmerniß. „— Nicht?“ brummte Herr Polype....„Sehen Sie's ihm an der Naſe an?... Je nun, um ſo ſchlim⸗ mer! Ich komme wegen unſrer kleinen Angelegenheit.“ „— Fräulein von Maillepré,“ ſagte die alte Dame mit gewohnter Vornehmheit in Ton und Haltung.... „Hab ich Sie nicht um das Dankgebet erſucht?“ „— Madame...“ ſtammelte Bertha...„die Ge⸗ genwart dieſes Herrn...“ Die Herzogin blickte ſich langſam im Zimmer um. „Welchen Herrn meinen Sie, Fräulein von Mail⸗ lepré?“ Herr Polype nahm den Stuhl, den ihm die Mar⸗ quiſe abgetreten, und ließ ſich ohne Umſtände darauf nieder. „Die gute Frau ſchwatzt in Einem fort,“ ſagte er, „Sie iſt nicht gewohnt mit Leuten, wie wir ſind, umzu⸗ gehen.. Ich merke, ich bin ihr nicht recht.... Aber thut Nichts....“ „— Fräulein von Malllepré,“ fiel die alte Dame trocken und gebieteriſch ein,„muß ich befehlen?“ „— Verzeihung, Madame, Verzeihung!“ rief Ber⸗ tha und küßte ehrerbietig die Hand ihrer Großmutter. Dann richtete ſie ſich auf und betete auf lateiniſch das Gratias mit zitternder Stimme. „— Amen!“ quickte Herr Polype, laut auflachend. Der Kranke ſeufzte und drehte ſich im Bette um. Das Antlitz Gaſton's bückte ſich aus dem Schatten, in dem es gelegen, hervor, und ſah den lächelnden Herrn halb wehmüthig, halb zornig an.... Bis jetzt hatte er ſchweigend, mit geſenktem Blicke, gegen die Verſuchung zum Zorne ankämpfend, in der Ecke geſtanden. Aber auf die unruhige Bewegung des Kranken, * 58 veranlaßt durch das laute Gelächter des Herrn Polype, näherte er, ſich dem Tiſche. 7 „Mein Herr,“ flüſterte er ihm leiſe zu,„mein Vater ſchläft....“ „Auch da, mein Burſche!“ rief er.„Am Faſtnacht Abend zu Hauſe? Ha, ha, ha!... In Eurem Alter „Um's Himmels willen, ſtill, mein Herr, ſtill!“ unterbrach ihn Gaſton. „Nach Belieben, junger Mann.... Aber kommen wir zur Sache...Mein Geld will ich, mein Geld!...“ Bei dieſen Worten entſtand eine furchtbare Stille, durch welche man das Röcheln des Kranken hörte. Die Marquiſe ſenkte das Haupt. Gaſton, deſſen Stirn jetzt geſpenſtiſch durch das Dunkel der Ecke leuchtete, ließ entmuthigt beide Arme hängen. „Mein Geld,“ wiederholte Polype. „Sie ſollen es haben, mein Herr..,.“ ſchluchzte die Marquiſe. In dem nämlichen Augenblick zog die alte Dame eine koſtbare Doſe, mit dem herzoglichen Familienwappen geſchmückt, aus der Taſche. Sie ſtrich mit⸗ der Hand über den Deckel, als wolle ſie die getriebene Arbeit auf demſelben putzen, und tupfte dann mit dem Finger in den Spaniol.. . Die runden Augen ſchnupperten hin und her, ſeine Finger ſpitzten ſich unwillkürlich. 5. „Glaub's wohl, daß ich bezahlt werde,“ ſagte er... 5 „Das da iſt unter Brüdern wenigſtens fünfundzwanzig Louis werth und Ihre Schuld an mich beträgt bloß vierhundert und fünfundſiebenzig Franken...., die Cen⸗ times nicht mit gerechnet.“ . Er wandte keinen Blick von der Doſe ab, die we⸗ nigſtens tauſend bis zwölfhundert Franken werth war. f Die Herzogin ſtellte ſie neben ſich auf den Tiſch. Polypes funkelten, ſeine Rüſtern 7 59 „Erlauben Sie gütigſt, liebe Madame,...“ ſagte Polype, der plötzlich mildere Saiten aufzog, mit ſüßem Lächeln die Doſe vom Tiſche nehmend. „Wer iſt der Mann?“ fragte die Herzogin. „Drollige Frage!....“ „Redet er mit mir?“ ſagte die Herzogin, erwachend. ..„Sitzend, den Hut auf dem Kopfe?“* „Augenſcheinlich...“ brummte Polype, dem kalten, verächtlichen Blicke der alten Dame ausweichend. „Reizen Sie ihn nicht, liebe Mutter!“ flehte die „Schweigen Sie, Frau Tochter!.... Weiß der Die alte Dame richtete ſich zu ihrer ganzen Höhe Gliederührte, und ſprach, Wort für Wort betonend: „Ich bin Bertha von Dreux, Gattin Johannes des Dritten, von Maillepré, Herzogs von Maillepré, Mar⸗ quis von Avalon, Grafen von Pontroy und Bleſſac, Vicomte's von Naye, Herrn von Saint⸗Thomas⸗des⸗ Dunes, von Kergaz und von Vesvre, Pairs von Frank⸗ reich, Ritter der Orden Sr. Majeſtät, Fürſten des h. römiſchen Reiches und Brigadier's in der Armee Sr. allerchriſtlichſten Majeſtät!...“ Sie kehrte ihm den Rücken und ließ ſich mit könig⸗ lichem Anſtand auf ihren Strohſeſſel nieder. Polype war einen Augenblick wie angedonnert.: Dann beſann er ſich, ſetzte ruhig wieder den Hut auf rückte ihn mit einem kurzen Schlage zurecht nnd ſagte 60 „Und weiter?“ 7 Keine Antwort. Die alte Dame war ganz die vorige Schweigſamkeit und Unbeweglichkeit. „Alſo das iſt Alles?“ rief Polype.....„So will ich denn mein Geld!“. „Sie ſollen es haben, mein Herr!“ beruhigte ihn die Marquiſe....„Nur noch ein oder zwei Tage Geduld!...“. „Nur noch ein oder zwei Tage Geduld!..“ wie⸗ derholte der Miethsmann ſpöttiſch.....„Auf Ehre, das iſt göttlich!... Klingt das nicht, als wäre der Zins erſt geſtern verfallen?... Meiner Seel', ſchon lange wußt' ich, daß Titel keinen Pfifferling mehr werth ſind! ... Aber wenn man Fürſtin, Herzogin, Gräfin... und weiß der Teufel, was ſonſt noch!... iſt, ſollte man wenigſtens ſeine Schulden bezahlen!... Sind bereits viertehalb Monate, daß Sie mich ewig vertröſten!... Viertehalb Monate und zwei Tage!.. Glauben Sie, daß die Domäne Sr. Gnaden mir Credit eröffnet!.. Mir, der ich kein Herzog bin!... auch kein Fürſt!... auch kein Prinz, kein Graf, kein Marqnis, kein Baron! .. auch kein Bettler, meiner Seel'!*. ha, hal... auch kein Beſitzer einer Tabatiere, die hundert Piſtolen werth iſt!....... 4 Der kleine Mann gerieth immer mehr in Eifer und V Hitze, je länger er ſein furchtbares Organ anſtrengte. Seine Augen rollten; die allzu kühn hingeworfene, jeder Baſis ermangelnde Naſe ſchwankte hin und her im Winde ſeiner eigenen Worte. Der Marquis ſeufzte tief auf. „Mein Herr, mein Herr!“ rief Gaſton..„Hüten Sie ſich!...“. „Mich hüten?“ ſchrie Herr Polype und ſchlug aus aller Gewalt auf den Tiſch...„Seht, ſo hüte ich mich! . Mein Geld will ich! Mein Geld!“. Der Hund richtete ſich auf allen Vieren auf, ſtreckte den Hals und heulte. 61 Der Kranken durch die Gewalt des Schlages er⸗ weckt, hob ſich mühſam empor und blickte ſehnſüchtig nach der Seite des Lichtes.. „Iſt er da?..“ fragte er mit hohler Stimme, die vor Hoffnung und Schwäche zitterte. Gaſton, der ſchon im Begriff ſtand, auf das Unge⸗ heuer loszufahren, hielt plötzlich ein und ging auf das Bett zu. Er ergriff die Hand des ſterbenden Vaters und küßte ſie. Die kleine Sancta ſtahl ſich hinter ihn zwiſchen Bett und Wand und legte ſanft ihre roſige Lippe auf die andere Hand des Kranken. „Still, Bijou, ſtill!“ gebot der Miethsmann..... „Sind alſo doch aufgewacht, mein armer Freund!...“ ſagte er, zum Marquis gewandt....„Gott weiß, wie Viele ſich krank ſtellen, um nicht ihre Schulden zu zahlen. . Will damit Nichts geſagt haben, ha, hal.... Se⸗ acht Uhr, oder Sie wandern mit Sack und Pack zum Hauſe hinaus.... Dieß Zimmer iſt ſchon vermiethet.....“ „Das thun Sie nicht, mein Herr, das können Sie nicht thun!“ rief die Marquiſe laut ſchluchzend. „Das kann ich nicht thun? Wer hindert mich daran, gute Frau?“ fragte der kleine Mann, erſtaunt ſie an⸗ blickend.. „Ihr Mitleid!“ „Mitleid?.. Ja Bah! Das kenn’ ich nicht.“ „Sie wiſſen, mein Herr, daß wir in jedem Augen⸗ blicke die Aktenſtüͤcke erwarten...“ ſagte Gaſton mit dem langſamen Nachdruck eines Mannes, der alle Ge⸗ walt braucht, ſeinen Zorn zu bekämpfen....,„die unſerer Noth ein Ende machen werden, und daß die Stunde nahet, wo der, welcher ſich Herzog von Malllepré⸗ Compans....“ „Ein würdiger Herr!“.., ſiel Polype ein.„Fünf⸗ 79 5 9 62 hunderttauſend Renten werth...! Das neny' ich mir 'nen Herzog!“ „Ein Feigling!“ ſchrie der Kranke, ſo laut er konnte, im Bett' ſich aufrichtend....„Ein Verräther!.... Ja, die Stunde naht, wo das alte Blut derer von Maillepré, das nie vor Gott ſich vergangen, auch vor Menſchen Recht bekommen wird!.... Ach, die Stunde läßt lange auf ſich warten!“.. fuhr er leiſer fort...„Ich fürchte, ich bin nicht mehr da, wenn ſte ſchlägt.“ „Vater!... beſter Vater!..“ ſchluchzte Sancta, die einzige, welche die letzten Worte gehört hatte. Laut weinend, barg ſie das blondgelockte Köpfchen an der ſtürmiſch klopfenden Bruſt des Vaters. „Nur noch Einen Tag Geduld!“ flehte die Marquiſe. „Einen einzigen Tag!“ „Keine Stunde!“ „Der längſt Erwartete kann nicht länger aus⸗ bleiben!“ „Um ſo beſſer für Sie!.... Auch hab' ich meine guten Gründe, mich nicht länger zu gedulden.... Wenn ich Sie morgen ausſetze, bekomm' ich meine Auslagen zurück von... von Einem, der Antheil nimmt an Ihnen..“ „Vom Herzoge!“ rief Gaſton, leichenblaß. „Ja, vom Herzoge!“ wiederholte der Kranke mit dumpfer Stimme.„Schändlich! Schändlich!,“ Gaſton trat noch einen Schritt näher auf Polype zu. Eine Gewitterwolke ſammelie ſich auf ſeiner Stirn. „So wollt Ihr meinen Vater morden?“ flüſterte er ihm ergrimmt ins Ohr. „Ich will mein Geld!“ antwortete der kleine Mann, gegen die Thür retirirend.„Und kommt mir nicht zu nah, das rath ich Euch! Bijou verſteht ſein Handwerk.“ Bijou ſpitzte die Ohren bei Nennung ſeines Namens. „Um Gott, nur Einen Tag!“ flehte die Marquiſin. „Nur Einen Tag!“ flehten die drei jungen Mädchen mit thränenden Augen und gefalteten Händen. „Hört Ihr!“ knirſchte Gaſton mit funkelnden Augen, dU 63 beide Hände krampfhaft gegen die keichende Bruſt preſ⸗ ſend.... Sie bitten,... flehen,... weinen... Einen Tag!... Nur Einen Tag!“ Der Mann zuckte die Achſeln. „Laß mich, Mutter, laß mich!“ ſchrie Gaſton außer ſich.„Ich will ihn ſtrafen, den Elenden!....“ „Der Elende weiß, wo er morgen ſchläft.... rief Polype.„Könnt Ihr das auch ſagen, mein tapferes „Keine Gnade mit dem Schurken, Johann⸗Marie!“ „Pack' an, Bijou!“ hetzte der kleine Mann. Der Hund flog auf den Bauer zu. Dieſer bückte 3 ſich ruhig. Gleich darauf hörte man ein erſticktes Bellen. Als Johann⸗Marie ſich aufrichtete, trug er mit ſteifen Armen das ungeheure Thier, das er am Felle zwiſchen den Ohren gepackt hatte, als wär' er ein Schoßhund. 64 Biot öffnete die Thüre, hob den Hund mit beiden Händen und warf ihn, heulend, über das Geländer die Treppe hinab. Während deſſen hatte ſich der feige Wicht hinter das Bett geflüchtet, wo eben noch Gaſton geſtanden. Biot ging geraden Weges auf ihn zu. Die drei jungen Mädchen waren athemlos vor Schrecken. „Ja, ja, ich geb' Ihnen den Tag... herzlich gerne!“ ſtotterte Polype. Aus Rückſicht auf den Kranken, befahl die Marquiſe dem Bauer, einzuhalten. „Sie mögen jetzt gehen, mein Herr!“ ſagte ſie haſtig.„Gott verzeihe Ihnen alles Böſe, das Sie uns anthun!“ 4 Der kleine Mann huſchte zwiſchen dem Bett und Biot, der wie feſtgewurzelt daſtand, am ganzen Leibe zitternd, vorbei. „Dank' Ihnen, meine gute Dame,“ winſelte er demüthigſt. Aber kaum war er in der Thüre, ſo ſteckte er den Kopf halb ins Zimmer und blies wieder ins alte Horn. „Es friert draußen im Bache, Ihr Lieben!“ rief er.„Morgen früh, Punkt acht Uhr, ſollt Ihr mir ſagen, wie Euch die Nacht behagte.“ Und damit ſchlug er die Thüre zu, daß die Fenſter klirrten. „Was ſoll das bedeuten, Fräulein von Maillepré?“ fragte die Herzogin. —„Gott, Madame!“ antwortete Bertha weinend.. „Morgen ſollen wir unter freiem Himmel wohnen!...“ Lächelnd klopfte die alte Dame auf ihre ſchöne goldene Tabatiere., „Unter freiem Himmel!“ murmelte ſie....„Und Schloß Maillepré?... Und das Hotel meines Herrn Schwiegervaters, Straße Francs⸗Bourgeois au Marais? 2 Und Schloß Avalon in Burgund? Und das Gut Kergaz. 2 65 in Bretagne?... Und das Herrenhaus Naye 2. Tochter, Sie träumen!...“— 4 Die Marquiſe hatte den halbohnmächtigen Gaſton in ihren Stuhl niedergeſetzt und hielt ihn in ihren Armen. 3. Es trat eine tiefe Stille ein, die mehrere Sekunden dauerte. „Richte mich auf, Biot!“ gebot plötzlich die hohle Stimme des Kranken.. Biot that, wie befohlen. „Es gibt nur noch Einen Maillepré,“ hub der Marquis langſam und feierlich an.„Gaſton, mein lieber Sohn, Du biſt das Haupt einer edlen Familie, die Gott dem Untergange geweiht hat.... Sei glücklich, wenn Du kannſt. Wo nicht, ſo trag' die Strafe als Chriſt und gedenke unſeres Wahlſpruchs...“ Er hielt ein, um Athem zu ſchöpfen. „Wir haben eine gerechte Sache,“ fuhr er fort.... „Widme Dich ihr ganz, mein Sohn.... Wenn morgen der Erwartete eintrifft, ſo mach' ihm keine Vorwürfe... Der Wille Gottes geſchehe in allen Dingen.“ Nochmals hielt er an. Seine Stimme wurde matter und matter. „Leben Sie mohl, Frau Mutter!“ hub er von Neuem an.„Gott befohlen, Frau von Maillepré!.... meine Luiſe! Lebend und ſterbend liebte ich Dich l.... Gott befohlen, Gaſton, mein theurer, mein edler Sohn!“ Von der weinenden Mutter geführt, war Gaſton an's Bett des ſterbenden Vaters gewankt und hatte ſich am Kiſſen niedergeworfen. Auch die drei jungen Mäd⸗ chen knieten um's Bett. So oft der Kranke ſchwieg, hörte man das erſtickte Schluchzen der Wittwe und Waiſen, ſo wie den dumpfen, unverſöhnlichen Huſten des letzten Erben der Maillepré.... „Aengſtigt Euch nicht um mich,“ hub der Marquis nochmals an.„Unſere Ahnen haben in den Kranken⸗ häuſern von Paris genug Betten geſtiftet, daß für den Pariſer Liebſch. 1. 5 66 ſterbenden Enkel noch ein Plätzchen erübrigt.... So ſerbeun wahl, ihr Alle, mein liebes Weib, und Ihr, meine vielgeliebten Kinder... Bertha, Charlotte.... auch Du, Sancta, mein ſüßer Engel!“ 4* Er ſchwieg. Biot legte das Haupt des Sterbenden auf's Kiſſen zurück. Die alte Herzogin ſchlief in ihrem Strohſeſſel..... Noch einmal und zum letzten Male öffneten ſich die Lippen des Sterbenden. Kein Schluchzen wurde laut. „Gott, mein Gott!“ liſpelte er.„O, daß ich ihn geſehen hätte, der ſo weit herkömmt, Mailleprés Gut, Ehre und Leben zu retten. Gott, wenn er wüßte, daß ich ſterbe!... Weſtern!.. Weſtern!“.. Weſtern, wo biſt Du? Nicht weit vom Sterbebette des Marquis, in einem Kämmerchen des Hotels zum Wilden Manne tafelte er mit Carmen, die ihm Gedächtniß unnd Herz geraubt hatte. —— 6. Der Fandango. Gleich nach ihrem Eintritt in den Wilden Mann — vor ungefähr einer Stunde— hatte ſich Weſtern das Blut aus dem Geſichte gewaſchen. Die einzige Spur jenes Gefechtes im Keller war eine Beule auf der Stirn. Den Meſſerſtich des Bären hatte Carmen ſo trefflich parirt, daß die Schneide des Dolches kaum die Hand des Amerikaners geritzt hatte... Das Zimmer, in dem ſich die Beiden befanden, war ziemlich groß und mit zwei Fenſtern verſehen, die außen Jalouſien, innen dichte Gardinen von rother * „ — *ᷣæ̈8 8 67 Wolle hatten. Den beiden Fenſtern gegenüber, links und rechts von der Thüre, waren zwei fenſterartige, mit Glas verſchloſſene Oeffnungen angebracht, welche zur Erleuchtung des innern Corridors dienten. Rechts von der Thüre war das Kamin, wo ein helles Feuer loderte; links ein großes Bett mit rothen Vorhängen und dicken, wollenen Troddeln. Zwiſchen der Thüre und dem Kamine ſtand vor dem mit rothem Tuch bezogenen und mit gelben Borten eingefaßten Sopha ein gedeckter Tiſch. Der Fußboden war grob gedielt und der Plafond weiß gegypst. Carmen ruhte nachläſſig auf dem Kanapee, während Weſtern, ihr am Tiſche gegenüberſitzend, mit Biscuit⸗ ſchnitten den edlen Bordeauxwein austunkte. Die Verwirrung zu beſchreiben, die in dieſen Augen⸗ blicken auf dem Geſichte des Amerikaners ſich malte, wäre keine leichte Aufgabe geweſen. Die Hitze des Ge⸗ fechtes hatte ihn zwar wieder nüchtern gemacht; dennoch gährte es in ſeinem Kopfe. Die Trunkenheit des Weines war der Trunkenheit der Liebe, die eben jetzt ihren Höhe⸗ punkt erreicht hatte, gewichen. 3 Bei dem Allem war er die Schüchternheit und Ver⸗ legenheit ſelbſt. Wenn Carmen ihn anlächelte, ſchoß ihm das Blut ins Geſicht und er ſah entweder auf den Boden nieder oder ins Glas, um dort Muth zu finden. Aber der. lautzarme Wein der Gironde hatte für dieß kräftig organiſirte Hirn nicht Feuer genug. Dieſen Nectar, welchen der hitzköpfige Gaſcogner nur zu riechen braucht, um Feuer zu fangen, ſchlürfte der Amerikaner glasweiſe ungeſtraft ein. Die Leidenſchaft allein ver⸗ brannte ihn, tretz aller Anſtrengungen ſeines puritani⸗ ſchen Geiſtes, ſie zu loſchen, und trotz eines peinlichen Gedankens, der ihm nicht aus dem Sinne wollte. Seit länger denn einer halben Stunde gedachte Weſtern unaufhörlich der geheiligten Pflicht, die ihn aus dem Hauſe der Sünde abrief. . Doocch wie ſchon war ſie! So ſchön, wie jene Fleiſch gewordenen Verſuchungen, welche die Sage den betenden St. Antonius umtanzen läßt. Der Ellbogen ſtützte ſich aufs Sophakiſſen und mit der in der Fülle ſchwarzer Locken verſteckten weißen Hand hielt ſie die ſanft geneigte Stirn, über welche mehrere Locken in reizender Unordnung hin⸗ irrten. Ihre Rechte ſpielte in lieblicher Zerſtreutheit mit dem goldenen Griffe des Stiletts, das ihm, ohne Carmen, gefährlich hätte werden können. Ihre reichen Schultern drängten gegen das Sopharückenkiſſen, deſſen Gegendruck die üppigen, herrlichen Formen unter dem durchſichtigen Schleier eines halbgelösten Bruſtiuches um ſo voller hervortreten ließ. Dabei ſah ſie ihn durch die halb geſchloſſenen Augenlider ſo glühend ſehnſüchtig und doch ſo ſchalkhaft an, während der lächelnde Mund weit genug ſich öffnete, um eine Reihe ſchneeweißer, feiner, regelmäßiger Zähne durchblicken zu laſſen! Mit Einem Worte, ſie war die Anmuth, der Zauber ſelbſt! Es ſchien, als ſtrale rings um ſie eine Lichtglorie von Jugend und Schönheit. Ihrer Grazie war nicht zu widerſtehen; ihr Lächeln zwang zur Liebe. Weſtern ſchwamm in einem Meere nie gekannter Wolluſt. Sein ganzer innerer Menſch war in Anbetung aufgelöst. Seine kalt⸗phlegmatiſche Natur glühte im Feuer der Leidenſchaft. Und doch ſtand zwiſchen ihm und ſeinem Idol— ein Geſpenſt, ſeine Schüchternheit. Er wagte nicht einmal, vor ihr auf's Knie zu ſinken. Nie, nie hatte dieß banale Boudouir ein ſolches Paar beherbergt. Kein Wort, kein Laut tönte durch die tiefe Stille. Bald ſetzte der Amerikaner verlegen das Glas an den Mund, bald ſah er ſeine ſchöne Ge⸗ 4 fährtin verftoſſen an. Verlegenheit, dinsbe, Furcht und Verlangen zuckten in ſeltſamer Miſchuͤng aus den natürlich ernſten Zügen hervor. Er hätte alle ſeine Habe hingegeben, nur um zu wiſſen, wie ſie anreden und ihr ſeine Liebe geſtehen.. Wenn ſich zufällig ihre Blicke begegneten, verſtand Q£—— 69 Carmen ihre Augenſprache zur ganzen Höhe buhleriſcher Beredtſamkeit zu erheben. Dann tobte die Leidenſchaft in ſeiner Seele, aber die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen. Er ſenkte die Augen und ſchwieg. In ſolchem Augenblicke ſchwebte ein ſeltſames Lächeln über die ſchönen Züge Carmens. Es war, als verſchwinde alle weibliche Anmuth urplötzlich vor der Kühnheit und Entſchloſſenheit das Mannes. Ihre Grazie wich dem Ausdruck männlicher Kraft. Man glaubte, auf ihrer Stirn drohende Gedanken zu leſen. Weſtern bemerkte ſie ein Mal in dieſem ungewöhn⸗ lichen Licht. Es war ihm, als träume er. Eine Sekunde lang ſah ſie ihn an, ſo hart, durch⸗ dringend, ſo todesgefährlich, wie die Giftſchlange ihre Beute anſtarrt. Weſtern erkaltete bis ins Herz. Er fühlte, wie er erzitterte vor dieſem vernichtenden Blicke, der ihm durch Mark und Bein ging. Hatte er recht geſehen? Oder war es ein Blend⸗ werk der berauſchten Sinne? Als er wieder aufſah, lächelte Carmen wie zuvor, ebenſo zauberiſch und verliebt. Was mochte dieß bedeuten? Die amerikaniſche Klug⸗ heit erwachte inſtinktmäßig, ließ ihre Stimme aus der Ferne vernehmen und ruͤttelte ihn allmählig aus der ſittlichen Apathie auf, in welche der unvorhergeſehene Sturm der Wolluſt ihn verſenkt hatte. Von dem Augen⸗ blick an war der unwiderſtehliche Zauber des Mädchens über ihn gelöst. Zwar hielt ſie ihn noch gefeſſelt, doch war der Flug der Leidenſchaft durch ein dunkles Vor⸗ gefühl in ihm niedergehalten und das Feuer des Ver⸗ langens durch ein räthſelhaftes Etwas erkaltet. Dieſe Reaktion erfolgte ſe plötzlich, daß ſie ſich auf ſeinem männlichen, offenen Geſichte ſpiegeln mußte. Carmen merkte, daß ihre uneingeſchränkte Herrſchaft über den Amerikaner ihrem Ende nahe; ohne ſich dar⸗ über zu bekümmern. Wozu bedurfte ſie auch einer langen Herrſchaft über ihn? So blieb denn ihr ſchönes Antlitz heiter, wie zuvor. Nur daß von Zeit zu Zeit ein leich⸗ ter, kaum wahrnehmbarer Schatten verächtlicher G. 70 gültigkeit über ihre Züge hinſchwebte.. Weſtern dagegen wurde immer verlegener und man ſah ihm an, wie gern er jetzt die Zuſammenkunft abge⸗ brochen hätte. Er füllte ſein Glas bis an den Rand mit Bordeaux⸗ wein und leerte es auf Einen Zug. 4 1 „ Sie redeten mich a,“ ſagte er, durch den herz⸗ haften Schluck ermuthigt,„im Namen unſeres gemein⸗ ſchaftlichen Vaterlandes.. So weit von der Heimat, hat die Stimme einer Tochter Amerikas mein Herz ge⸗ rührt. Sie haben ſich nicht vergebens an mich gewandt.“ „Warum ſagen Sie mir nicht mehr, daß ich ſchön bin?“ unterbrach ihn Carmen mit dem gewinnendſten ihrer Blicke ihn anſehend. 4 Weſtern ſtotterte. Die Leidenſchaft kämpfte wider das Gefühl des Abſcheu's und Schreckens, das einer ihrer unbewachten Blicke ihm eingefloͤßt. Sie erhob ſich auf ihren Ellnbogen, um die Glocke 1 zu ziehen, die über dem Sopha hing.. Sie that dieß mit aller üppiger Grazie einer ihrer Schönheit ſich bewußten Frau, die ihren ſchüchternen Buh⸗ ler in die höchſte Extaſe verſetzen will. Alles umſonſt. Weſtern ſah ſie nicht; ſeine Blicke hafteten feſt am Boden. Gleich daranf erſchien der Kellner. „Eine Flaſche Kirſchengeiſt!“ gebot Carmen auf Franzöſiſch.. Weſtern ſah nach der Uhr. „Hören Sie mich,“ hub er feſten Tones an. Ich bin faſt ein Greis, doch iſt mein Herz jung, weil ihm die ſtete Arbeit keine Zeit zum Lieben gönnte..... Der Teufel will mich durch Sie verſuchen... Er hat mir Sie in den Weg geworfen, wie einen Stein des An⸗ ſtoßes, über den ich ſaſt gefallen wäre.. Ja, Sie ſind reizend, ſchön, fuhr er mit erhobener Stimme fort... Schön, wie kein anderes Weib... Die Flammen Ihrer 71 Augen verzehren und machen wahnſinnig.... Wenn Sie mich ſo anſehen, mit einem ſolchens Blicke... dann zittert und bebt mir die Seele vor Luſt.... Es iſt mir, als würde ich wieder jung... 1 4 Sin ſtolzes triumphirendes Lächeln ſchwebte über ihr itlitz. Der Amerikaner fuhr nachdenklich mit der Hand über die Stirn.. „Zum erſten Male in meinem Leben verſäume ich meine Pflicht!....“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Der Kellner brachte die Flaſche Kirſchengeiſt. „Pfui!“ rief Carmen.„Wer ſpricht von Pflichten am Faſtnachtabend?. Hören Sie nicht den Jubel draußen 2.. Hören Sie nicht, wie der Boden über uns unter den Füßen der Tänzer erbebt?... „Ja, antwortete Weſtern, deſſen Stirn ſich faltete... Aber die Bekümmerten und Darbenden....“ Carmen hatte wahr geſprochen. Der Boden über ihnen rauſchte unter dem Geſchnurr einer wilden Galop⸗ pade. Dieſer Tanz war damals, was die jetzt entthronte Polka noch unlängſt war. Es war der allgeliebte, un⸗ erläßliche Tanz, ohne welchen man nicht luſtig ſein konnte. Das Orcheſter beſtand aus drei oder vier falſch ſingenden Stimmen und einer Feſttrompete, die immer zur Unzeit in das Lied einſchmetterte. Dem Ohre nach zu urtheilen beſtand die Zahl der Tänzer im obern Stocke aus fünf oder ſechs Paaren. Aben ſe tobten dergeſtalt umher, daß das ganze Haus erbebte....... Cuarmen zitterte vor Luſt, ihre Augen funkelten, die Muskeln ihres zarten Körpers ſchwollen, ihr Buſen wogte.**½ Sie ſchenkte Weſtern von dem Liqueur ein und hüpfte dann leicht auf ihre Füße. Im Vorbeigehen an der Thure ſchob ſie unvermerkt den innern Riegel vor, und ſchritt dann im Rythmus auf den Tiſch zu. Plotzlich hörte man. ein dürres, trockenes Geklapper 72² im Zimmer. Carmen war's, die taktgemäß ihre Caſtag⸗ netten ſchlug. 1 Ihr ſchöner Leib bog ſich wellenförmig, die Füß⸗ chen glitten über den Boden hin, die aufgelößten Haare floßen in langen Locken um die herrlichen Schultern, das tiefe Blau ihrer Augen ſprühte diamantene Funken.... Sie tanzte einen jener ſpaniſchen Tänze, denen die Mode von Zeit zu Zeit neue Namen gibt, die aber im Grunde ſtets die alten bleiben, die unſterblichen, ewig reizenden Sinnbilder üppiger Luſt, ritterlicher Kraft, praleriſcher Kühnheit und glühender Weichlichkeit. In ſchmachtenden, buhleriſchen Stellungen, einen Kuß auf den Lippen und in Händen, ſchwebte ſie vor; dann richtete ſie mit ſtolzer Miene und kalter Verachtung ſich zu ihrer ganzen Höhe auf; dann wieder ſchien ſie unter den Qualen der Eiferſucht zuſammenzuſinken..... Bald war ſie die neckiſche, ausgelaſſene, kokette Schöne, bald die leidenſchaftlich Liebende, die um Liebe 1 fleht; bald das ſchwärmeriſche, in zarte Sehnſucht zer⸗ fließende Mädchen; bald die triumphirende Buhlerin, die ihre Siege in wildem Gelächter feiert. Weſtern traute ſeinen Augen nicht. Dieſe Panto⸗ minen, welche in raſchem Wechſel ihm die ſinnlichſten, üppigſten Bilder vorzauberte, krümmte ihn auf's Neue unter das Joch der Leidenſchaft. Er verſchlang das ſchöne Mädchen mit gierigen Blicken. Der magiſche Tanz, dieſe Tochter hiſpaniſcher Liebesglut, reizte ſeine Sinne zu trunkenem Taumel. Seine in trockener Hitze glühenden Schläfen pochten zum Brechen. Es ſchien ihm, als ſchwimme die Tänzerin in einem Meer zauberiſchen Lichtes, als werde ſie von der Luft gehoben, in der Schwebe gehalten und wieder auf den Boden niederge⸗ ſetzt, den ihre Feenfüße nicht einmal ſtreiften. Je länger ſte den Fardango tanzte, um ſo ausdrucks⸗ und lebensvoller wurden ihre Attituden. Immer bieg⸗ ſamer wogte ihr ſchöner Leib. Hie und da zeichnete * 3 73 der ſchwarze Sammet des Spencers die vollendeten Formen ihres Körpers auf die geweißten Mauern. Keine Spur von Ermüdung. Immer dieſelbe Kraft und Anmuth in allen ihren Bewegungen. Ihr Athmen war kaum hörbar. Als ſie mit dem Tanz innehielt, glitt ſie dicht neben Weſtern hin, bog langſam und graziös den Oberleib und neigte lächelnd das Haupt über die rechte Schulter zurück, während die rechte Hand die Caſtagnetten bis zur Höhe der Stirn erhob und die linke anmuthig auf der Hüfte ruhte.. Dieſelbe unvergkeichliche Stellung, in der einige fünfzehn Jahre ſpäter Fanny Elßler dem Wunder ihrer üppigen Kachucha die Krone aufſetzte und ganz Paris entzückte. Weſtern ſah ſie in dieſer ſchwebenden Stellung. Unwillkürlich ſprang er auf, ſie zu halten. Carmen ließ ſich ſanft in ſeine Arme fallen. Aber bei der Berührung dieſer jugendlich elaſti⸗ ſchen, in den Sammet eingezwängten Formen ver⸗ ſagten die Muskeln des Amerikaners den Dienſt. Er taumelte unter der ſüßen Laſt, und hatte eben Zeit, Carmen aufs Sopha zu legen. Die Kniee bogen ſich und er ſank vor der Tänzerin nieder, die aufs Neue ihr Haupt gegen die Kiſſen ſtützte und ihn mit einem unbeſchreiblichen Blicke anſah; immer halb aus Verach⸗ tung, halb aus Mitleid gemiſchten Blicken, worin über⸗ dieß noch Etwas von jener diaboliſchen Drohung lag, vor welcher der Amerikaner unlängſt erſchauerte. „Wer ſind Sie denn?...“ liſpelte er nach weni⸗ gen Sekunden ſtummen Entzückens, ohne zu wiſſen, was dieſe Frage ſollte. 3 „Ein Mann,“ antwortete Carmen. „Ein Mann!“ ſtotterte Weſtern, erſtaunt aufſehend. „Carmen ordnete kokett die Falten ihres Kleides, ſtrich die langen Locken aus dem Geſichte und dehnte ſich noch üppiger auf dem Sopha aus. 74 Weſtern ſah ſie furchtſam ungläubig an. „Trinken Sie!“ gebot ſie in ſpöttiſchem Tone, auf das volle Glas hinweiſend....„Sie bedürfen des Muthes....“ 8 Weſtern ſetzte ſich an ſeinen erſtern Platz zurück. „Ich bin nicht abergläubiſch,“ liſpelte er...„Aber der Geiſt der Finſterniß ſoll ſich oft in einen Engel des Lichtes kleiden....“ Carmen lachte laut auf, während Weſtern erröthete und beſchämt niederblickte. Es entſtand eine tiefe Stille, denn auch oben feierte der Tanz. Ab und zu hörte man ein Rücken mit den Stühlen, das Klingen der Gläſer oder eine lautes Lachen. Wirklich war die Stunde des Abendeſſens herangekom⸗ men. Dem Carneval zu Liebe leiſtet der Magen in dieſer flotten Zeit Ungewöhnliches; weniger aus Nah⸗ rungsbedürfniß, als um die Zeit zwiſchen Mittageſſen und zwiſchen den Bällen im Odeon und in der Porte⸗ Saint⸗Martin, den würdigen Vorläufern Muſard's, auf anſtändige Weiſe zu tödten. Wie überall bei ähnlichen Gelegenheiten, ſo wurde auch im obern Stock die Converſation laut genug ge⸗ pflogen. Ein geübtes Ohr hätte leicht die Koryphäen dieſer kleinen Orgie an ihren Stimmen wieder erkannt. So hörte man z. B. ein einfylbiges Gegluch, welches dem emphatiſchen Organ des uns wohlbekannten Trut⸗ hahns aus dem Keller zum Wilden Mann auf ein Haar glich; dazwiſchen ein Gezirp, Gebrumm und Gekrächz, welches auf die Nähe einer Melone, eines Bären und einer Eule ſchließen ließ. Vor allem aber machte ſich die Schleihe, Herr Joſepin, bemerkbar, der ſtets ſein Shrachrohr anſetzte, ſo oft ihm ein Witz über die Lippen wollte. 3 Doch hatten weder Carmen noch der Amerikaner Zeit und Luſt, an die Vorgänge im obern Stock zu denken. Letzterer, wie betäubt und geblendet, ſann über das I 75 räthſelhafte Geſchöpf nach, in deſſen Netzen er ſich befand, und über die inhaltſchweren Ereigniſſe dieſes Abends. Fünfzig Jahre hatte er das ruhige, friedliche, einförmige Leben eines Geſchäftsmannes in einem Ge⸗ ſchäftslande geführt, und ſeit wenigen Stunden war er in eine Welt des Romanhaften, Bizarren gezaubert worden, die ihn umſtrickte, blendete, bethörte. Auch mit Carmen war eine Veränderung vorge⸗ gangen. Ihre ſchönen Züge umwölkten ſich, ihre Augen ſtarrten den Amerikaner an, ohne ihn zu ſehen, ihre des Wahnſinnes, die ich je eher je lieber vergeſſen will. Wir haben uns zum erſten und letzten Mal geſehen, Weib!.... Wollt Ihr Geld?“ „Ich will, daß Sie trinken!“ befahl Carmen ge⸗ bieteriſch. Weſtern zog eine ſchwere Börſe aus der Taſche und warf ſie dem Mädchen hin. „Sehr gütig, glaubt mir!....“ ſagte ſie in ſanf⸗ terem Tone, die Börſe zurückſtoßend....„Aber trinkt!!“ „Warum denn immer trinken?....“ 4 Carmen zögerte mit der Antwort. Sollte ſie oder ſollte ſie nicht? In dieſem Augenblicke wurde ganz leiſe das eine der beiden innern, auf den Corridor führenden Fenſter geöffnet und eine ſcheußliche Fratze ſchaute daraus hervor. Ein breites, kupferrothes Geſicht mit narbenbedeckter Stirne, ſpiegelglatt geſchornem Schädel, auf deſſen oberſter Spitze ein dürrer Büſchel grauer Haare empor⸗ . 76 ſtarrte, und mit hohlen, erloſchenen Augen ſchaute ſich ings im Zimmer grinſend um und verſchwand dann wieder. Carmen antwortete dem Wilden mit einem ſtarren, drohenden Blick auf Weſtern. „Warum immer trinken?“ hub ſie nach einer Pauſe an.„Weil Sie trunken werden, wenn Sie immer trinken.... und wenn Sie trunken ſind, ſchlafen Sie ein, und wenn Sie ſchlafen........ kann ich Ihnen das Portefouille in Ihrer linken Bruſttaſche neh⸗ men!.... 4 1 muß.... und dann, und dann.... müßt' ich Sie ...... morden.. 7 Zwiſchen vier Brettern. Es ſiel Weſtern nicht im Entfernteſten ein, das Mädchen könne dieſe Worte ernſtlich meinen. Ent⸗ weder, dachte er, ſcherzt ſie, oder Gott hat ihr an Ver⸗ nunft entzogen, was er ihr an Schönheit zu viel gege⸗ ben hat. 4 Sie dehnte ſich noch anmuthig üppiger auf dem Sopha aus und ordnete ſich wie zum Schlafen, obgleich ihr harter, eiſtger Blick auf Weſtern mit dieſer nach⸗ läßigen Hingebung in ſeltſamem Wiederſpruch ſtand. „Sie ſehen,“ hub ſie nach kurzer Pauſe an,„das Beſte iſt, Sie trinken...“ H 77 Je länger er ſie betrachtete, um ſo mehr ſtaunte er. Einige Augenblicke verzogen ſich die Lippen zum Lächeln, ſo geringſchätzig behandelte er dieſe Drohung. Carmen ſtreckte den Arm aus und ſchob ihm mit der Spitze des Dolches das volle Glas zu. „Geſchwind!“ rief ſie... „Aber was willſt Du mit meinem Portefeuille machen?“ „Ich hab' es verkauft!...“ „An wen?“ „An den Mann, der Ihnen heute Abend im Gar⸗ ten des Palgis⸗Royal Ihren Namen zuflüſterte.“ Die Stirn des Amerikaners faltete ſich. Im Ge⸗ dränge der Ereigniſſe hatte er den ſcheinbar geringfügigen Umſtand längſt vergeſſen. Aber die kurze Erinnerung Carmens genügte, ihm ſein Staunen und ſeine vergeb⸗ lichen Nachforſchungen nach dieſer Perſon ins Gedächt⸗ niß zurückzurufen. 4 Er konnte ſich eines geheimen Schauders nicht er⸗ wehren; denn er fühlte ſich, in dem unrechtlichen Paris erſt vor wenig Stunden eingetroffen, ſchon von unſicht⸗ baren Netzen wie umgarnt. Dieß Alles zuſammen gab dem Lauf ſeiner Gedan⸗ ken plötzlich eine andere Richtung. Von dieſer Minute an ſah er in Carmen, dieſer reizenden Sirene das Werk⸗ zeug unbekannter Feinde, die ſich zu ſeinem Untergange verſchworen hatten. Und wie immer, ſobald die Sinnenluſt ſchwindet, das Gewiſſen lautſcheltend ſeine Stimme erhebt, ſo auch bei Weſtern. Er machte ſich bittere Vorwürfe, daß er, der mit Einem Fuße im Greiſenalter ſtand, ſich wie ein Kind von der tollen Luſt einer Faſchingsnacht hatte hin⸗ reißen laſſen. Vergebens ſuchte er mit ſeiner Unkennt⸗ niß fremder Sitten, der Neuheit eines ſolchen Schau⸗ ſpiels, der anſteckenden Kraft einer jubelnden Volksmenge ſich vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen.. Gleich als ob er einen Ueberfall bewaffneter Feinde 78 fürchtete, ſtieß er den Seſſel zuruͤck, blickte links und rechts unruhig um ſich und ergriff das lange Vorſchneide⸗ meſſer, das auf dem Tiſche lag. „O Sie Thor,“ rief Carmen...„Beſſer, Sie trin⸗ „Ich trinke nicht,“ erwiederte Weſtern ruhig und würdevoll, die Hand auf die linke Bruſttaſche legend.... „Wenn ich ſterben ſoll, will ich wenigſtens als Mann ſterben, der das anvertraute Gut bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigt.... Ja, ich bin ſchuldig, denn dieſes Unterpfand ſollte längſt in Sicherheit ſein. Wenn aber ein tapferer Tod einige ſchwache Stunden abbüßt, ſo wird mir Gott verzeihen....“ Damit näherte er ſich der Thüre.. 5 Plötzlich ſprang Carmen auf und war mit Einen Satze zwiſchen der Thüre und dem Amerikaner. „Platz!“ gebot ſie Weſtern. „So wollen Sie doch ſterben!“ murmelte Carmen. Weſtern trat einen Schritt zurück. Seine Stirn legte ſich in düſtre Falten und es ſchien, als wolle er auf das Mädchen losſtürzen, ſie unter ſeiner Laſt zu erdrücken. Aber er ließ die Arme fallen. „Spute Dich, Mädchen!“ rief er, ſeine Stimme mäßigend.„Rufe geſchwind Deinem Helfershelfer oder die Schlinge, die Du mir gelegt, färbt ſich mit Deinem eigenen Blute.... Mein Kopf ſchwindelt und ich könnte vergeſſen, daß Du ein Weib biſt!....“ „Ich bin ein Mann!“ erwiederte Carmen mit wild⸗ funkelndem Stolze...„uUnd bin allein!“ Weſtern ſchuͤttelte das Haupt. Seine Blicke ſielen auf das dicht verhängte Bett. Er ging auf daſſelbe zu und ſchlug die Vorhänge anseinander. Es war leer. Wunderbar! das Bett leer, kein anderer Verſteck im Gemache, er ſelbſt bewaffnet, und doch drohte man ihm mit dem Tode.... Und wer? Ein Weib, deren weiße Hand mit dem Griffe eines Paradedolches ſpielte; ein Weib, das zweimal betheuert hatte, ein 4 79 Mann zu ſein, während ihre herrlichen Formen ſie Lü⸗ gen ſtraften.. Was konnte das anders ſein, als Wahnſinn oder freche Myſtiſikation? Letzterer Gedanke trieb ihm das Blut ins Geſicht. Er zog die Gardienen des Bettes wieder zu und näherte ſich nochmals der Thüre. Die Arme auf die Bruſt gekreuzt, trat ihm Carmen entgegen. „Platz!“ rief er....„Ich bin in einem fremden Lande, wo ich nicht weiß, ob es eine chriſtliche Gaſt⸗ freundſchaft gibt.... Vielleicht hab' ich Deinen Drohungen allzu ſchnell geglaubt; aber gewiß haſt Du mich nicht vor dem Gedanken an dem Tode erblaſſen ſehen. Und damit warf er das Meſſer auf den Boden, als ſchäme er ſich vor ſich ſelbſt. Zugleich ſchob er Carmen ſanft auf die Seite. Als ſie nicht wich, ge⸗ brauchte er Gewalt. Auch das half nichts; ihre Arme wurden zu Eiſen und ſielen mit ſolchem Nachdruck auf Weſterns Bruſt, daß er ſchwankte und mehrere Schritte zurücktaumelte. Wir haben bereits aus ſeinen Kämpfen im Garten und im Keller geſehen, was er leiſten konnte und was ſeine Fauſt werth war. Dazu kömmt, daß er im höch⸗ ſten Grade das Bewußtſein ſeiner Kraft hatte und Bür⸗ ger eines Landes war, wo auch der Friedlichſte oft ge⸗ nöthigt iſt, zu phyſiſcher Gewalt ſeine Zuflucht zu neh⸗ men. Dennoch vermochte er nicht, dieſem Stoße, der einen Ringkämpfer von Profeſſion erſchüttert hätte, zu widerſtehen.. Wie betäubt, ſah er einige Sekunden erſtaunt un⸗ gläubig um ſich, als mißtraue er ſeinen Augen. Sein Beſteger war vor ihm— ein Weib, jung und ſchon, das er wie ein Kind in ſeine Arme hätte nehmen können. So glaubte er wenigſtens noch unlängſt. Wie anders erſchien ihm Earmen jetzt, als ſeine wirren Blicke auf ſie fielen. Nur zwei Schritte von ihm ab ſtand ſie da, auf⸗ recht, plötzlich zur Höhe eines Mannes erwachſen, mit ſtolzer zürnender Stirne und flammenden Augen. War es dasſelbe ſchwächliche Geſchöpf von früher oder der aus dem Engel des Lichts in den Engel der Finſterniß verwandelte böſe Geiſt, der göttlichen Allmacht trotz bietend? Geberde, Stellung, Blick, Alles an ihr war Eine Todesdrohung!... 5 „Das Portefeuille!“ gebot ſie mit rauher Stimme, die in Nichts an die melodiſchen Töne erinnerte, welche bisher über die roſigen Lippen des Mädchens geſloſſen waren. Weſtern erblaßte und ſah nieder. Vor dem flam⸗ menden Blick dieſes räthſelhaften Weſens verſagten ihm die Glieder den Dienſt und erlahmte die Kraft ſeines Willens.. „Das Portefeuille!“ wiederholte Carmen geſpenſtiſch und legte ihm die linke Hand auf die Schultern, wäh⸗ rend die rechte langſam den Dolch zum Stoße erhob. Es bedurfte dieſer äußerſten Gefahr, um Weſtern's Gleichmuth zu erſchüttern. Der Trieb der Selbſterhal⸗ tung erwachte in ihm. Die wunderbare Macht ſeines weiblichen Gegners aus Erfahrung kennend, bot er alle ſeine Kräfte auf und umſchlang plötzlich mit eiſernen Armen den zarten Leib des Mädchens. „Mann oder Weib,“ rief er,„Du willſt mehr als das Leben wir rauben. Dein eigenes Blut komme über Dich!...“. Keine Antwort. Nichts als ein kurzes, trocknes, hohles Gegrinſe. Wie durch ein Wunder hatte ſich Carmen auch dießmal vom Amerikaner losgemacht. Sie floh an die Wand, kam auf Weſtern zu, zog ſich nochmals zurück und fuhr mit dem Sprunge eines Tiegers auf ihn los. Weſtern taumelte und ſtürzte zu Boden. Wie ein 4 5 81 Blitz war ſie über ihn her und ſtemmte ihm das Knie auf die Bruſt. „Das Porteſeuille!“ rief ſie zum dritten Male. „Nein!“ antwortete Weſtern. Carmens Hand ſenkte ſich.... Ein dumpfes Röcheln drang aus der Kehle des Beſiegten. Nach einigen Sekunden ließ Carmen von ihm los, kniete neben ihn, öffnete ſeine Kleider, nahm das Porte⸗ feuille aus ſeiner Taſche und verbarg es in ihrer Bruſt. Als ſie aufſtand, athmete Weſtern nicht mehr.... Bläſſer als der Leichnam, mit hohlem Blicke, bit⸗ terem Lächeln und krampfhaft zuſammengepreßten Lippen ſtarrte ſie ihr Werk an. Träumeriſch ließ ſie das Haupt auf die Schulter hängen.... „Bin ich todt, laßt mich begraben In dem Keller, unter'm Faß....“ ſcholl es plötzlich von oben herab durch die Todesſtille des untern Zimmers. Dazwiſchen klangen und klapper⸗ ten Gläſer, Teller, Flaſchen und Meſſer. Dann wurde es ſtiller, die Stimmen waren vom Schreien und vom Wein heiſer und belegt geworden. Aber beim letzten Verſe des Liedes erwachte der bacchiſche Chor aufs Neue und ſchmetterte Herr Joſepin in ſein Sprachrohr den Refrain:* „Bin ich todt, laßt mich begraben In dem Keller, unter'm Faß....“ Wie von elektriſchem Schlage getroffen, erwachte Carmen aus ihren Träumen, zum Bewußſein ihrer verzweifelten Lage. Was war zu machen? Wo ſollte ſie den Todten verbergen, begraben? Der Alkoven war nicht tief genug und enthielt bloß ein niedriges Bett, das auf Füßen ſtand und mit ſeinem Holzwerke faſt den Boden berührte, ſo daß kein Platz darunter war. Hefer Liebſch. 1. 6 82 Und keine andere Ecke, kein anderer Winkel oder Verſteck im Zimmer. Da fiel ihr ein, daß ſie während des Tanzes meh⸗ rere Male gegen eines der Bretter des Fußbodens ge⸗ ſtoßen, das aus ſeinen Fugen gewichen war und ſtets hin und her ſchwankte, ſo oft ſie es mit ihren Zehen berührte. Sie ſuchte und fand es. 3 Wer ſie in dieſem Momente geſehen hätte! Sie er⸗ ſchrack vor dem Geräuſch ihrer eigenen Tritte, ihre Au⸗ een fuhren wild umher, vor dem erſtickten Athem erhob ſch ihre Bruſt in ungleichen Pauſen. Ujmſonſt verſuchte ſie das Brett wegzunehmen. Es gab nur bis zu einer gewiſſen Weite nach. Erſt mit Hülfe der eiſernen Schürſtange des Heerdes, die ſie in die Spalte des Holzes einklemmte, gelang es, den Riß zu erweitern. Der Boden krachte, die Nägel fuhren auseinander. Carmen ſtand vor einem länglich⸗viereckigen Loche, das ganz wie ein Sarg geſtaltet war, deſſen untere Bohle die Größe der obern hatte und ohne Zweifel zum Plafond des darunter beſindlichen Stockwerkes diente. Die vier Seitenwände wurden von zwei Lang⸗ und zwei Quer⸗Balken gebildet. Zum Wenigſten die Hälfte der gemeinen Schenken der Hauptſtadt iſt ſo gebaut. Ja, es iſt dieß ſchon eine Art von Lurus, denn die andere Hälfte läßt ungeſcheut ihre knorrigen, nachläſſig gefugten Lang⸗ und Quer⸗ balken ſehen, deren Zwiſchenräume in Folge der Ge⸗ ſetze über dieß ungeſtörte Verjährungsrecht in rechtmäßi⸗ gem Beſitze unzähliger Spinnen und ihrer Dynaſtie find. Carmen wandte die Augen ab, der Muth entſank ihr. Aber ein ſchneller Entſchluß, ein kurzer Kampf mit ſich ſelbſt, und jede Schwäche war bewilligt. Sie ſchüt⸗ telte lebhaft das Haupt und richtete ſich zu ihrer ganzen Höhe auf. Ihre langen, von kaltem Schweiße feuchten Haare flatterten in dichten Locken um ſie her⸗ Kühnen X — 83 Blickes maß ſie erſt das Loch, dann den Leichnam. Beide waren von gleicher Größe, In demſelben Momente, wo ſie feſten Schrittes auf den Leichnam zuging, öffnete ſich das rechts von der Thüre befindliche Halbfenſter zum zweiten Male. Das⸗ ſelbe dicke, kupferrothe, glattraſirte Geſicht mit grau⸗ ſtruppigem Büſchel auf kahlem Schädel zeigte ſich noch⸗ mals, wie früher. 1 Die Stammgäſte des Kellers hätten Mühe gehabt, den Wilden ohne ſein Diadem buntfarbiger Federn wieder zu erkennen. Dennoch bewahrte er den Skalpier⸗ büſchel der Irokoſen ſorgfältig unter ſeinem Parade⸗ kopfputz. 3. 1 Der Leſer weiß, daß Herr Polype ihm ein elendes Loch, nebſt ditto Strohſack, in ſeinem Hotel eingeraͤumt hatte. Nach abgelaufenem Paradedienſt des Großhäupt⸗ lings wurde er, gleich einer wilden Beſtie, in ſeinem Käfig eingeſperrt. Geſchah dieß nicht, ſo irrte er Nachts mit dem ſchleichenden Gange der Indianer in den Korri⸗ doren des Hotels umher und ſteckte kindlich⸗neugierig ſeine Naſe bald da, bald dorthin. Seine Spelunke lag gerade unter dem Zimmer, wo Carmen mit Weſtern ge⸗ ſpeiſt hatte, d. h. in jenem, die zwiſchen den Straßen Des⸗Bons⸗Enfants und Valois beſindlichen Häuſer eigen⸗ thümlichen Enterſol, ſo daß ſie auf der einen Seite uͤber und auf der andern Seite unter dem erſten Stock ſich befand. In Folge des großen Andranges von Gäſten, hatten die Kellner was Wichtigeres zu thun, als auf den Wil⸗ den Acht zu geben. So machte er denn von ſeiner Freiheit Gebrauch und flog Treppe auf, Treppe ab, überall in die tauſend Geheimniſſe einer trunkenen, hin⸗ ter Schloß und Riegel verſteckten Liebe dumdreiſt ſich einſchleichend und, ſo oft die Kellner ſichtbar wurden, eiligſt ſich verkriechend. Vor allen andern zog das rothe Zimmer, wie das Gemach hieß, wo Carmen ſich jetzt allein befand, die 7† 8⁴ Neugierde des Häuptlings auf ſich. Denn mit Hülfe einer Leiter hatte er den Riegel von der fenſterartigen Oeffnung, die auf den Corridor hinausging, weggeſcho⸗ ben, ſo daß er Alles im Zimmer ſehen konnte. 4 Eben als er ſeinen glatten Schädel hindurch ſteckte, trat Carmen zwiſchen ihn und den Leichnam, ſo daß dieſer ſeinen Blicken entzogen war. Seine gläſernen Augen rollten von einer Ecke in die andere und ſuchten vergebens die zweite Perſon.. 3 Inzwiſchen hatte Carmen den Amerikaner an ſeinen ſldenn gepackt und ihn bis ans Loch gezogen, doch immer 1 „daß der Wilde Nichts vom Leichnam ſehen konnte. Endlich ſah er ihn; denn als Haupt und Schultern Weſterns bereits im Loche lagen, ſtand ſie auf, um den untern Theil des Leibes nachzuſchieben. hörbar. So Etwas von der befriedigten Neugier der⸗ Galeriebevölkerung bei derb⸗effektreichen Scenen in Trauer⸗ Vnd Schauerſpielen malte ſich auf ſeinen erſtorbenen ügen. Die wenigen Blutſpuren auf dem Boden rieb ſie mit dem Fuße ab und beſtreute ſie mit Aſche. Dann legte ſie das Brett wieder zurecht. Als der Wilde dieß Alles ſah, verzogen ſich die Mundwinkel zu halb ſtaunenden, halb bewunderndem Gegrinſe. Es entfuhr ihm ein widriger Gutturallaut. Carmen erbebte von Kopf bis zu Fuß und ſah ſich entſetzt um. Aber das kupferfarbene Geſicht des Wilden war längſt verſchwunden und die Fenſteröffnung wieder 2 d verſchloſſen. 3 Sie horchte umſonſt. Nichts tönte durch die furcht⸗ bare Stille des Zimmers als der heiſere Geſang der trunkenen Gäſte im obern Stocke. So legte ſie denn. ihre Maske vor und näherte ſich der Thüre. 5 Aber als ſie den Riegel weggeſchoben und den* Thürgriff erfaßt hatte, vernahm ſie draußen denſelben 1 1 —2,— 8⁵ widrigen Gutturallaut. Gleich darauf wurde der Schlüſſel im Loche haſtig umgedreht. Die Augen gingen ihr über und die Glieder ver⸗ ſagten den Dienſt, ſo daß ſie faſt umgeſtürzt wäre. Ver⸗ gebens ſtemmte ſie ſich wider die Thuüre, ſie zu öffnen. Sie war eingeſchloſſen. 8. Fünf Bowlen Punſch. So gab es denn einen Zeugen ihres Verbrechens. Dieſer Gedanke raubte ihr auf eine Weile alle Beſin⸗ nung. Sie hatte ſich bis in die Mitte des Zimmer zu⸗ rückgezogen und ſtützte ſich mit dem ganzen Gewichte ihres Körpers auf die Bohle, unter welcher der Leich⸗ nam lag, als fürchtete ſie die Auferſtehung deſſelben. Mit vorgebogenem Leibe und hochklopfender Bruſt ſtierte ſte auf den Boden und horchte athemlos. Eine hohe Röthe färbte die ſchöne Bläſſe ihrer Wangen unter der Maske. Sie lauſchte und lauſchte, aber vergebens. Keine anderen Laute, als das wilde Getöſe auf der Straße, das letzte Röcheln des erſterbenden Karnevals, oder das heiſere Geſchrei und Gejodel aus dem obern Stocke. Nach einer Weile, wo ſie regungslos und eniſetzt dageſtanden, bückte ſie ſich und hob das Meſſer, womit Weſtern ſich hatte vertheidigen wollen, vom Boden auf. Als ſie es in der Hand ſchwang, verloren ſich die Run⸗ zeln von der Stirne. Sie riß die Maske ab und rich⸗ tete den Blick entſchloſſen auf die Thüre. Ein wilder, unbezwinglicher Muth ſchwellte ihre Adern, die Augen funkelten, ein grimmes Lächeln ſchwebte über ihre Züge, die Muskeln zuckten beim Gedanken an den bevorſtehen⸗ den Kampf.... Ja, ſelbſt Athen hätte ſich vor der verklärten Hoheit 86 dieſer kriegeriſchen Schönen gebückt und ſie eine Pallas genannt. Jeder Zoll an ihr drückte eine wilde Kraft und übermüthige Verachtung der Gefahr aus. Wehe dem, der in dieſem Augenblicke die Thüre — geöffnet hätte! 4 Aber die Thüre öffnete ſich nicht. Nach, wie vor ein tiefes Schweigen auf dem Korridor.... Je länger Gefahr und Kampf auf ſich warten ließen, um ſo mehr erkühlte ihr Blut. Das Gedächtniß des Mordes kehrte zurück, und damit auch der alte Schauer. Mit jeder Sekunde verlor ihre Haltung den Aus⸗ druck männlicher Kraft und Entſchloſſenheit mehr und mehr. Ihr Auge irrte unſtet im Zimmer umher, ver⸗ zweifelnd nach einem Ausgange ſuchend. Ein einziger Gedanke erfüllte ſie, der Gedanke an Flucht! An Flucht aus dieſem verdammten Orte, wo jeder Gegenſtand ſie an den erinnerte, der unter dünnem Brette den Todes⸗ ſchlaf ſchlief; wo die Vorhänge wie in Blut getaucht, wo der mit den letzten Biſſen des ermordeten Weſtern beſetzte Tiſch, wo der mit Aſche beſtreute Boden ſie laut ſhren Miſſethat anzuklagen und nach Rache zu ſchreien ien... Jetzt war ſie wieder ganz Weib. Denn das Ge⸗ wiſſen machte ſie ſchwach und ohnmächtig. Sie zitterte, winſelte und weinte, wie die Tochter Eva's. Sie ließ das Meſſer fallen. Um Alles in der Welt hätte ſie gewünſcht, daß ſich die Thüre öffnen, nicht mehr um zu entweichen oder ſich wohl gar mit Gewalt den Weg durch ihre Feinde zu bahnen, nein! nur damit ein lebendes Weſen zwiſchen ihren Schrecken und den Todten träte! 1 Mit jeder Sekunde ſtiegen die Qualen ihrer Lage. Es galt die Flucht; Flucht um jeden Preis! Sie öffnete ein Fenſter und zog die herabgelaſſenen Jalouſien in die Höhe. Ihr Zimmer lag nach der Straße des⸗Bons⸗Enfants zu im erſten Stocke, aber die Fenſter gingen auf die Straße Valois, ſo daß ſie zwei 4* 87⁷ Etagen hoch über dem Pflaſter war. Carmen maß die Entſernung und faßte einen ſchnellen Entſchluß. Sie wollte und mußte aus dieſer Hölle fort. Obgleich es in der Straße Valois noch lebhaft genug war und die Schenken noch offen ſtanden, wollte ſie ſich durchs Fenſter herablaſſen. Sie trennte die Vorhänge des Bettes los, wickelte ſie zuſammen und befeſtigte ſte an den Gitterſtangen des Fenſtergeländers. Erſt nach langen und heftigen Anſtrengungen gelang es ihr, das Betttuch feſtzuknoten, während das andere Ende draußen fatterte. Als Carmen ſich hinabbog, um zu prüfen, wie weit ſie noch bis aufs Pflaſter habe, ſah ſie zwiſchen ihrem Stockwerke und dem erſten, welches ein Weinhändler der Straße Valois bewohnte, einen Arm aus der Mauer hervorlangen, welcher das Tuch packte und es heftig hin und her ſchüttelte. Carmen befand ſich in ſolcher Geiſtesſtimmung, wo die Erſchütterung des Nervenſyſtems ſich der Phan⸗ taſie mittheilt und gewaltſam auf ſie einwirkt, ſo daß ſie in Folge ihres überreizten Zuſtandes ſich die einfach⸗ ſten und natürlichſten Dinge ſo komplizirt und über⸗ natürlich oder gar unnatürlich, wie möglich, ausmalt. Dieſe räthſelhafte Hand, die ſich ihrer Flucht wider⸗ ſetzte, ſchien ihr keinem irdiſchen Leibe anzugehören. Sie dachte an den Teufel mit Ziegenſchwanz und Bocks⸗ füßen, dem ſie durch den Mord des Amerikaners an⸗ heimgefallen. Sie dachte gar an den Todten, der unter ihren Füßen ſchlief, der vielleicht.„ Genug, dieſer bis zur Verwegenheit unerſchrockenen Perſon fielen plötzlich alle die Sagen Schottlands, der Heimat düſterer Legenden, und Spaniens, des Vater⸗ landes der Schwarzkünſtler, ein, die ſie in ihrer Jugend gehört hatte. Sie flog zurück, aber aus dem Innern des Zim⸗ mers wehte ſie eine erſtickend heiße Atmoſphäre und ein eckler Blut⸗ und Modergeruch an. 2 * 88 Zwiſchen den Trugbildern ihrer erhitzten Phantaſte und den Schreckniſſen der Wirklichkeit hin und her ge⸗ ängſtigt, ſteigerte ſich plötzlich ihr alter Muth zur Ver⸗ zweiflung. Sie bückte ſich nochmals und tiefer hinab. Erſt jetzt gewahrte ſie, daß der Arm aus einer engen, fenſterartigen Oeffnung kam, die zwiſchen dem erſten und zweiten Stocke in der Mitte lag. Zugleich ſah ſie in dieſer Oeffnung einen kahlen, glatt geſchornen Schädel, auf deſſen Gipfelpunkt ein Büſchel weißlicher Haare prangte. Dieſe geiſterartige Erſcheinung, die das flimmernde Licht der Laterne unten auf der Straße nur zur Hälfte erleuchtete, war nicht geeignet, Carmen zu beruhigen oder dem Laufe ihrer Gedanken eine andere Richtung zu geben. Während ſich der Arm unaufhörlich hin und her bewegte, um das Leintuch zu ſchütteln oder loszureißen, intonirte das Geſpenſt langſam und feierlich einen dü⸗ ſtern, monotonen Geſang. Halb ohnmächtig lehnte ſich Carmen gegen das Fenſtergitter. In dieſer Stellung mochte ſie einige Sekunden ver⸗ harrt haben, als ſie durch das Geräuſch von Tritten auf dem Korridor aus ihrer Beräubung geweckt wurde. Zugleich erhellten ſich die halbmatten Scheiben des inneren Fenſters, das auf den Gang hinausſah. Die Schritte hielten vor der Thüre an. Obgleich Carmen die Ankunft der Diener der Gerechtigkeit ver⸗ muthete, leuchteten doch ihre Blicke vor Freude, weil ſie ihrem unerträglichen Zuſtande, den Qualen einer erhitzten, fieberhaft gereizten Phantaſie, ein Ende machen mußten. Dann aber verflogen plötzlich die Geſpenſter ihrer Einbildung. In raſchem Umſchwunge dieſes räthſelhaf⸗ ten Weſens kehrte die Kraft des Leibes und der Seele zurück. Sie war wieder ganz die alte. Dieſelbe furcht⸗ 89 bare Leidenſchaftlichkeit, dieſelbe Energie und. Ent⸗ ſchloſſenheit!.... 4 Die Leute draußen unterhielten ſich laut genng, um von Carmen verſtanden zu werden. Sie merkte,⸗ daß von ihrer Lage die Rede ſei. Bald darauf wurde der Schlüſſel ungeſchickt hin und her gedreht, ohne daß die Thüre ſich öffnete. Carmen ſah zum Fenſter hinaus. Kopf und Hand waren verſchwunden, aber das durch das Auf⸗ und Ab⸗ ziehen faſt gelöste Tuch vermochte die Laſt ihres Körpers nicht mehr zu tragen. 3 Schnellgefaßt, ergriff ſie mit der einen Hand das lange Meſſer, mit der andern die Ofengabel, blies die Lichter aus und war im Nu hinter den Vorhängen des Alkovens verſchwunden. Inzwiſchen wurde immer heftiger am Schloſſe ge⸗ rüttelt, das, ſtatt aufzugehen, ſich nur noch mehr verdrehte. 4 Obwohl dieſer Zuſtand bald ein Ende nehmen und die Thüre ſich öffnen mußte, war Carmen doch auf Alles vorbereitet. In der feſten Ueberzeugung, daß die auf dem Kor⸗ ridor verſammelten Leute Polizeidiener ſeien, welche ſie verhaften ſollten, war ſie entſchloſſen, ſie im Augenblick ihres Eintrittes in's Zimmer zu überraſchen und ſich nöthigenfalls mit Gewalt den Weg zu bahnen. So wartete ſie in kauernder Stellung, zum Sprunge bereit, der Dinge, die kommen ſollten. 8 „Das Aas von Schlüſſel!....“ rief eine heiſere Stimme draußen. „Tretet die Thuͤr' ein!... antwortete eine andere. Gut oder ſchlecht, der Rath wurde ſtraks befolgt. Zwei oder drei kräftige Fußtritte, und die Thüre krachte auf. Schnell duckte ſich Carmen in's Knie nieder, lüftete die Vorhänge ein wenig und ſchwang ihre Waffe. Aber wer malt ihr Staunen, als ſie ſtatt der gefürchteten 90 Häſcheruniform die Eule mit Menſchenkopf, die Melone mit nur noch drei oder vier Schnittchen und den Matro⸗ ſen mit ſeinem ungeheuern Sprachrohr auf der Schwelle erſcheinen ſah? Geſchwind ließ ſie die Vorhänge des Alkovens fallen und verkroch ſich hinter's Bett. „Meine Herren, meine Herren, was machen Sie?“ rief ein Kellner auf dem Gange draußen.„Das Zim⸗ mer iſt beſetzt! Gewiß gibt es Scandal!“ „Der rechte Augenblick dazu!“ antwortete Herr Joſepin mit trunkenem Ernſte.— „Und der rechte Ort dazu!“ krächzte die Eule. „Ort und Zeit machen den wahren Jux!“ brummte der Bär, deſſen Zottelfell vorn aufgegangen war wie ein Paletot. Alle fünf trunknen Hallunken ſpazirten ungenirt ins Zimmer, das von dem Lichte des Kellners, welcher den Zug beſchloß, nur kümmerlich erhellt wurde. „Meine Herren, meine Herren!“ wiederholte dieſer, „Sie ſehen das Licht iſt ausgelöſcht.... Ein Herr und eine Dame ſind im Zimmer!...“ „Nichts als Herr und Dame!...“ rief die halbe Melone. 3 „ Liebe, Liebe, deine Macht, Die hat uns Alle hieher gebracht, Und uns Alle beſoffen gemacht!“ krächzte die Eule in ſchauerlich zärtlichem Tone,..„Gott befohlen, Kell⸗ ner.... Damit packte die Eule den Kellner bei der Schulter und wollte ihn zur Thüre hinaus ſchieben. Der Kellner, der nuſchtern war und ſie Alle fünf mit Einer Hand windelweich geprügelt hätte, durfte nicht, wie er wollte und mußte mit ihnen gütlich parlamentiren. „Meine Herren,“ tröſtete er, nachdem er die Eule etwas unſanft zurückgeſchoben,„Seien wir verſtändig.“ „Recht ſo, verſtändigen wir uns!“ — —— 2— —— — 91 4 „Sie ſehen, dieß Zimmer kann ich Ihnen nicht ab⸗ geben, weil es beſetzt iſt.“ „So gebt uns ein anderes.“ „Es gibt keines mehr, Alles iſt voll.“ „So gebt uns dieß!“ „Unmöglich!“ „So gebt uns ein anderes!“ docirte Herr Joſepin mit wahrhaft ariſtoteliſcher Logik. „Mein Gott, Sie haben ja Eins!“ rief der Kellner ungeduldig.„So gehen Sie doch auf Ihr Zimmer!“ „Auf unſer Zimmer!“ brummte der Bär.„Du vergißt, Jüngling, daß unſre fünf Weiber unterm Tiſch liegen und ſchnarchen. Pfui! So ein Anblick iſt Nichts für geſittete Leute. Auch haben wir eine wichtige Sache zu beſprechen, und wenn die fünf Töchter Eva's erwa⸗ chen, wollen ſie den Galopp tanzen... 1 3„Oho,“ fiel Joſepin ein,„wie heißen doch die Verſe, Noby, wo der Liebe Vorſicht empfohlen wird!.. Draußen frierts und der Herr und die Dame laſſen die Fenſter offen ſtehen.“ „Verwegener Corydon!“ krächste Roby, die Eule, „allzuhitzige Donna! Welchen Rheumatism werden Sie davon tragen!“ „Oho!“ kreiſchte Joſepin,„Oho! Oho! Herr und Dome, Nichts als Lugen und Poſſen... Ihr Herr, Herr Kellner, iſt ein Mythos und Ihre Dame eine Chimäre. Wir ſind die Herren und Damen hier im Zimmer. Fünf Powlen Punſch, Kellner!“ Der Kellner der ſeine ganze Beredtſamkeit erſchöpft hatte, mußte nachgeben, er mochte wollen oder nicht. „So bleiben Sie, wenn Sie nicht anders wollen,“ ſagt er,„ich geh' und hole die Wache!“ „Die Wache?“ krächzte die Eule,„Hab' ich recht gehört?“ „Die Wache!“ ſchrie Joſepin, der das rnſter ver⸗ laſſen hatte, ſich zu ſeiner ganzen Länge vor den Augen des Kellners entwickelnd.„O Wahnſinn, dein Name * 92 iſt Kellner!... Was in aller Welt haben fünf Bowlen Punſch mit der Wache zu thun, Hans Quaß!... Weißt Du auch mit wem Du die Ehre haſt zu reden?... Vor dir ſteht Joſepin, Doktor der Medizin, eine der hoff⸗ nungsvollſten Bluͤthen der mediziniſchen Fakultät der Pariſer Hochſchule.. Die Eule da, iſt Roby; ſie hat eine ungeheure Zukunft vor ſich, obgleich ſie nicht weiß, ob ſie Komödiant, Dichter oder Maſchinenbaumeiſter werden ſoll... Der Herr da iſt Eduard Durandin, der unter dem unſcheinbaren Aeußern einer angeſchnitte⸗ nen Melone ein ebenſo ſtolzes, als gefühlvolles Herz birgt... Der vierte iſt Leon du Chesnel, ein adeliger Jüngling, als Bär verkleidet..... Endlich fünftens, o dienſtbarſter der Geiſter,.... ſiehſt Du dieſe Eule?“ „Ja. Und weiter?“ grunzte der Kellner ärgerlich. „Dieſe Eule,“ ſagte Joſepin in feierlichem Tone und mit würdevollem Anſtand,„heißt Deniſart.“ „Weiter?“ „Was? Du weißt nicht, was Deniſart iſt?“ „Meiner Seel', nein! Laſſen Sie mich gehen!“ Inzwiſchen hatten Deniſart und Durandin ſich heim⸗ lich an den Gläſer gemacht, welche Carmen und Weſtern gehörten. Beide ließen ſich den Kirſchengeiſt trefflich ſchmecken. „Du weißt nicht was Deniſart iſt?“ wiederholte Joſepin,„Selave, ein Problem!“ „Mein Herr und meine Dame,“ ſagte der Kellner, auf die Alkoven zutretend,„gedulden Sie ſich noch eine Weile, die Wache ſoll dem Skandal ein Ende machen!“ „Ha, ha, ha!“ lachte Joſepin, daß er ſich den Bauch halten mußte,„Dein Herr und Deine Dame, Jüngling, ſind längſt durchs Fenſter entwiſcht!“ Derr Kellner ſtürzte aufs Fenſter zu und ſah das Leintuch, das Joſepin zuerſt bemerkt hatte. „Großer Gott!“ rief er verzweifelnd,„Entwiſcht! Und ohne zu zahlen! Die Diebe! Die Diebe!...“ 9³ „Die Diebe! Die Diebe!“ brüllten die fünf Trunken⸗ bolde, ſich den Bauch vor Lachen haltend.— Der erſchreckte Kellner lief auf den Alkofen zu, hob die Vorhänge in die Höhe und ſah— das leere Bett. „Schändlich!“ rief er, außer ſich vor Wuth.„Eine Rechnung von zwanzig Franken....“ und dabei ſchritt er im Zimmer auf und ab und raufte ſich das Haar, „um zwanzig Franken ſpringt man nicht zwei Stock hoch! Gewiß haben ſie das ſilberne Beſteck mit geſtohlen!“ Als er nach den Beſtecken ſah, die richtig an der alten Stelle lagen, fand er Weſtern's Börſe. 5 „Gottlob!“ rief er getröſtet lächelnd,„ſo haben ſie mir doch ein Trinkgeld gelaſſen!“ „Hollah, Page, hollah!“ brüllte Joſepin. „Fünf Bowlen Punſch!“ donnerte Deniſart,„Ich will den meinen mit Kirſchengeiſt!“ „Ich mit Rhum!“ „Ich mit Cognac!“ „Ich mit Madeira!“ „Ich a la Romaine!“ „Aufgepaßt, Kellner!“ ſchrie Joſepin,„Kirſchengeiſt, Rhum, Cagnac, Madeira, Romaine,“ ſagte er an den Fingern nachrechnend.„Ich glaube das macht fünf... Ja richtige Rechnung! Jetzt geh, Knecht Gottes, und ſpute Dich, oder ich ſchlag Dir, meiner Seel', mit der Trompete den Hirnkaſten ein!“ Aber der Kellner ſah und hörte nicht. Mit klaffen⸗ dem Munde und ſperrweiten Augen ſtand er wie feſtge⸗ wurzelt da und klapperte mit den fünfundzwanzig Na⸗ poleons, die er in Weſterns Börſe gefunden hatte. „Zwanzig Franken Verzehrungskoſten!“ murmelte „Kein Gold, kein Silber macht den Menſchen glücklich!....“ 94 Entſetzt ſprang der Kellner auf die Seite. „Den Punſch her, oder Du biſt des Todes!“ don⸗ nerten die fünf im Chor. Der Kellner hielt die Ohren zu und rannie fort. Dann wurde der Tiſch mitten ins Zimmer gerollt. Joſepin ſtellte ſein Sprachrohr in die Ecke, Roby legte ſein Truthahnkoſtüm ab, Deniſart ſein Eunlengeſieder, du Chesnel ſein Bärenfell, Durandin warf die Reſte ſeiner Melone in die Luft. So blieben denn fünf ziemlich wohlgewachſene junge Männer über, die, des ſüßen Weines voll, ſich um den Tiſch niederließen. „Die Sitzung iſt eröffnet!“ rief Joſepin.„Wer bittet ums Wort?“ „Ich, ich!“ ſchrien alle Vier zumal. „Ich ſehe nicht die Möglichkeit ab, Euren Bitten nachzukommen!“ erwiederte Joſepin, ſich nachdenklich die Stirn reibend.„Um den Streit zu ſchlichten, geb ich es Keinem von Euch, ſondern mir ſelbſt. Aber ſagt, ſt Ihr trunken genug, um über ernſte Dinge ernſt zu reden?“ „Trunken, ja!“ antwortete Durandin.„Aber nicht trunken genug. Warten wir den Punſch ab.“ „Warten wir den Punſch ab!“ hallte es im Chore nach. „Und nach dem Punſche,“ ſagte Leon du Chesnel mit gebietender Stimme,„werdet Ihr hübſch ſtill ſein denn ich will reden.“ 3 So lange ſie maskirt waren, hatte es den Anſchein, als ſei Joſepin Führer und Haupt der Geſellſchaft. Aber kaum waren die Masken gefallen, ſo ließ ſich deutlich erkennen, daß ſie Alle, auch Joſepin nicht ausgenommen, ihrem Freunde Du Chesnel eine gewiſſe Superiorität einräumten. Daher hatte denn Keiner gegen das ange⸗ maßte Recht, zuerſt zu reden, Etwas einzuwenden. 4 Es dauerte nicht lange, ſo erſchien Herr Polype in höchſt eigener Perſon nebſt vier Kellnern. Jeder von ihnen trug eine Bowle Punſch. 9⁵ Ein Glas nach dem andern füllte ſich. „Auf unſer Glück!“ rief Leon du Chesnel, ſein Glas erhebend. 6)„Auf unſer Glück!“ wiederholten die Andern im 0 v. Anſetzen, Austrinken und Niederſetzen war Eins. „Auf unſern letzten Tag des Wahnſinns!“ rief Leon aufſtehend und das Glas ſchwenkend. „Warum den letzten?“ fragte Durandin.„Keiner von uns hat die Gicht!“— „Trink und ſchweig!“ gebot Leon. „ Auf unſern letzten Tag des Wahnſinns!“ wieder⸗ holte der Chor gehorſam. Du Chesnel ſtellte ſein leeres Glas auf den Tiſch und erhub ſich. „Stille!“ gebot der Präſident Joſepin, mit zwei Punſchlöffeln an einander ſchlagend....„Du Chesnel hat das Wort!“ Durandin, Roby und Deniſart ſtützten die Elln⸗ bogen auf den Tiſch. In dem nämlichen Augenblick guckte Carmen hinter der Bettſtelle hervor und lüftete fanft die Vorhänge, um beſſer hören zu können. 9. Der Talisman. „Sich ſtets amüſiren, hub Leon Du Chesnel an, iſt ohne Frage das langweiligſte Ding von der Welt.... Verſteht mich recht, Freunde, ſich koſtbar amüfiren; denn koſtet das Amüſement obendrein was, ſo wird aus der Langweilerei eine Dummheit, eine viehiſche Dummheit ⸗ Wir werden alt. Ich bin jetzt dreiundzwanzig Jahre. 96 In dieſem Alter hatte Alexander, Philipps Sohn, Köni von Macedonien, ſchon ſeinen Marſch angetreten.... 9 „Und Napoleon....“ fiel Roby ein. „Schweig!“ gebot Du Chesnel....„Offenbar iſt die Jugend die Zeit der Berechnung, wie das reife Alter die Zeit der Apathie iſt... Im ſiebenzehnten Jahre denkt der Menſch richtiger als im dreißigſten.... Der zwölfjährige Menſch würde die Welt in Erſtaunen ſetzen, wenn er von Ball und Kreiſel ſich trennen könnte. Daraus folgt, daß wir Alle im abnehmenden Mond unſeres Lebens find, und daß jedes Barthaar, das uns ſproßt, ein betrübendes Zeichen unſeres ſittlichen und geiſtigen Verfalls iſt... Unſere Geſundheit!“ Alle ſtießen an und huben dann wieder die Elln⸗ bogen auf den Tiſch. Leon hatte dieſe Reihe abgeriſſener Sätze nicht nur ſchnell, ſondern auch im Kathedertone geſprochen. Dieſe Paradoren wirkten auf das ſtark benebelte Faſſungs⸗ vermögen ſeiner Gefährten wahrhaft betäubend, weil jeder von ihnen verzweifelte Anſtrengungen machte, den Ge⸗ dankenſprüngen des Profeſſors zu folgen und dahinein Zuſammenhang zu bringen, wo keiner war. Gewiß war Leon ebenſo trunken, wie die Andern. Nur wußte er ſeinen Rauſch beſſer zu führen. Er ſprach frei, ungezwungen, ſicher und treffend; auch gab ſein Auge, leicht mit Blut unterlaufen, dann und wann einen Schimmer von Vernunft zu erkennen. Leon war zierlich und ſchlank gewachſen, aber durch allzufrühe Ausſchweifungen etwas abgemagert. Geſicht, wie der Wuchs. Die geiſtreichen, bald mehr bald we⸗ niger hell glänzenden, durch den periodiſchen Fall von erſchlafften Wimpern verdunkelten Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Stirn, auf der ſich hie und da flüch⸗ tige Falten zeigten, war an den Schläfen eingeſunken und über den Brauen leicht gewölbt. Unter den ſchwar⸗ zen Haaren machten ſich ſchon eine große Zahl jener langen, dünnen, gewundenen, wie verſengten Härchen bemerkbar, 97 welche die feine Zange des Friſeurs auf vierzigjährigen Schädeln oft vergebens ſucht. Trotz des Nachteſſens, wobei dem edlen Weine fleißig zugeſprochen wurde, be⸗ wahrten die Wangen ihre krankhafte Bläſſe. Aber um den geiſtreich geformten Mund ſpielte ein feines, ſchalk⸗ haftes Lächeln, deſſen Spottſucht ſich das Anſehen der Offenheit zu geben wußte. Im Uebrigen hatten ſeine Züge viel Ausdruck und Anmnth. Es ſchien, als gebe ſich die Energie ſeines Willens inmitten der gewöhn⸗ lichen Erſchlaffung der Geſichtsmuskeln und einer ge⸗ wiſſen vornehmen Nachläßigkeit faſt ſtoßweiſe zu erkennen. Unter ſeinem Bärenfell war er mit großer, vielleicht gar übertriebener Sorgfalt gekleidet. Der rechts von ihm ſitzende Joſepin war ein großer blonder Jüngling von ſchüchternem, gutmüthigem Aus⸗ ſehen. Das Charakteriſtiſche ſeiner Geſichtsbildung ließ ſich in dieſer Abendſtunde, wo der Punſch ſein hellblaues Auge bald befeuerte, bald trübte, ſchwer ermitteln. Nur ſchien es, als ſei die Grundſchattirung ſeiner Züge jene liebenswürdige, pfifſige Unbeholfenheit, welche dem normänniſchen Bauern eigenthümlich iſt. Roby, der Truthahn, bewahrte unter dem ſchwerfälligen Ernſte ſeiner Trunkenheit das Gepräge eines lebhaften, aufgeweckten Geiſtes, der oft in ein großſprecheriſches, übermüthiges Weſen ausartet. Die gewölbte Stirn verrieth, viel Schlauheit, aber noch mehr Leichtſinn. Roby war ein hübſcher Burſche, der in trunkenem Zuſtande etwas zur Tobſucht hinneigte, jedoch nie über die Grän⸗ zen des Teller⸗ und Gläſerzertrümmerns ſich verſtieg. Die zierlich geformte Naſe, der lächelnde Mund, die blühende Geſichtsfarbe ſicherten ihm ein danerhaftes Glück innerhalb einer gewiſſen Zone der weiblichen At⸗ moſphäre. Von Natur wenig ſtrebſam, konzentrirte er ſeinen Ehrgeiz in der Fürſorge für ſeine Kleidung, die etwas an die Romantik anſtreifte. Er war überglück⸗ lich, wenn nur ſein Gilet von ferne die Blicke auf Pariſer Liebſch. I. 7 1 ſtach gegen die Schatten der Backenhöhlen durch ſeine ſich zog. Es ſteckte ſo Etwas von einem Provinzial⸗ ſchauſpieler und Studenten der Medizin in ihm. Durandin that ſich was auf ſein zirkelrundes Ge⸗ ſicht zu gut, das ſo heiter lächelte, wie der Bauch des Lepeintre junior. Es war ein wohlbeleibter Burſch ohne Arg und Bosheit, der die Rolle eines Tropfs mit vielem Geiſt zu ſpielen wußte. Die Art und Weiſe, wie er ſich für die Maskerade koſtümirt hatte, ſollte dieß ge⸗ wiſſermaßen ſinnbildlich ausdrücken. 4 Deniſart, die Eule, welchen Joſepin ein Problem nannte, war eine magere, eckige Perſon von ſabbath⸗ lichem Ausſehen. Sein Auge blickte Falſchheit; er ſprach wenig, aber mit Nachdruck. Sein Alter ließ ſich aus ſeinem Geſichte ſchwer errathen; doch ſchien er der aäͤlteſte von der Geſellſchaft. Nach ſeiner halb kahlen Stirn zu urtheilen, mochte er ein Dreißiger ſein. Mit Ausnahme eines weißen ungeſteiften Halstuches, deſſen weitgeſäumte Zipfel den Bruſtlatz des Hemdes bedeckten, war er von Kopf bisz warz gekleidet, ſo daß er einem verkappten Mötche DOieſe Perſon ſtieß im höchſten Grade ab. Aus jedem Zoll guckte der Heuchler und zugleich der verſchimmelte Pedantismus eines Uni⸗ verſitätspflaſtertreters hervor. In dieſer Stunde unter⸗ lag er der Gewalt des Weines. Die ſchmale, winzige Naſe funkelte wie ein Rubin; der tiefliegende Mund Bläſſe hervor. Die dürftigen Spuren eines hochmuthi⸗ gen Ernſtes, welche die Trunkenheit verſchont hatte, er⸗ höhten den widerwärtigen Eindruck dieſes Geſichtes... Die Glaͤſer ſtanden leer auf dem Tiſche. Mit Hülfe ſeiner Punſchlöffel gebot Joſepin nochmals Stille. Meine Herren,“ fuhr Du Chesnel fort,„es gibt einen Gott, weil die Welt organiſirt iſt. u hat unſer erhabener Beranger in einem Anfall von Freimuth ſich herabgelaſſen, das Daſein Gottes zu ver⸗ fünden. Aber die Welt iſt ſchlecht organiſiirt, folglich gibt es einen Teufel. Dieß dürfte Euch knabenhaft —.— v———— 99 erſcheinen, wenn ich mich nicht beeilte hinzuzufügen, daß wir alle Fünf, die wir hier um den Tiſch ſitzen, bedroht ſind, den Teufel am Schwanz herauszuholen, und zwar in kürzeſter Friſt. „Das Leben des Menſchen währt übermäßig lang. Er braucht nur zwei, höchſtens drei weiſe angewandie Jahre, um den Genuß ſatt zu kriegen, und doch ſehen wir Menſchen, die es bis auf drei Viertel eines Jahr⸗ hunderts bringen! Dieſe laſſen ſich in zwei Klaſſen thei⸗ len. Die eine hat Geld, Alter und ruhigen Schlaf. Die andere hat Nichts davon; ihr Alter iſt ein böſer Traum. Dennoch erlauben die Stupiditäten unſerer Civiliſation uns jungen Leuten nicht, der weiſen Sitte der Irokeſen zu folgen und alle, die älter ſind als fünfzig, zu ſealpiren. „Tödten wir uns“ nie Gemälde. „Hier iſt ein Fläſchchen mit Hydrocyan⸗ſäure!“ fiel der Doktor mit der Miene und dem Tone eines Kunſt⸗ verſtändigen ein....„Vier Tropfen in jedes Glas Punſch....“ „Durandin und Roby hielten ihre Gläſer hin, De⸗ niſart zog das ſeine zurück. „Wartet wenigſtens, bis Nichts mehr in der Bowle iſt!“ rieth Du Chesnel, die Achſel zuckend....„Wartet und ſchweigt.. Gold iſt Nichts. Es hat nur Werth, weil alles Uebrige Nichts werth iſt. In dieſem Nichts irren die Menſchen geſchäftig hin und her, ſtets nach Etwas ſuchend. Das Glück beſteht in der Heſnng, dieß Etwas zu finden. „Mit dem Glauben, dieß Etwas gefunden zu haben, iſt das Glück dahin und fängt die Langeweile an. Alle Philoſophen geben zu, daß der Erfolg eine große Kala⸗ mität iſt.... Unſere Geſundheit!“ Alle Gläſer füllten und leerten ſich, während Deni⸗ ſart daſſelbe Experiment in derſelben Zeit zweimal machte. „Folglich,“ hub Du Chesnel von Neuem an, nichts⸗ ſagend an der Zimmerdecke hin und her blickend,„iſt das Beſte, wir werden Millionäre.“ „So gewiß, als zwei mal zwei vier iſt!“ ſagte Joſepin. „Und drei mal drei neun!“ rief Roby. „Wunderbar, daß eine ſo einfache Idee uns nicht bälder gekommen iſt,“ bemerkte Durandin. „S iſt keine Idee das!“ brummte Deniſart. „So beſchloſſen!“ erwiederte Du Chesnel trocken. 'S iſt gar eine alte Idee das!... Habt ihr Zutrauen zu mir, Kinder?“ „Ob wir's haben!“ riefen alle Vier einſtimmig... „Du Chesnel ſoll leben!“ „Dank Euch!.... Aber habt Ihr mich auch ver⸗ ſtanden, was ich ſagte?“ „Nein!“ antwortete der Chor. „Schlimm für Euch!“ fuhr Du Chesnel fort, der offenbar Nichts weiter wollte, als ſeine Zechbrüder durch ein volltönendes Wortgeklingel noch mehr berauſchen und betäuben..„So ſchwöre ich bei meiner Ehre, daß ich ein Mittel habe, das Euch alle reich macht...!„ „Einen Talisman?“ rief Durandin. „Ja, einen Talisman,“ antwortete Du Chesnel. Bekanntlich ſind die Trunkenen ungeheuer leicht⸗ gläubig. Das Wort Talisman ſchien ſie Alle, ſogar Deniſart nicht ausgenommen, zu bezaubern. Alle reckten die Hälſe weit aus und riſſen die Augen auf. Es eni⸗ ſtand eine tiefe Stille. Inzwiſchen hörte Carmen ein dumpfes, gleichmäßiges Getöſe im untern Stock. Es war, als hämmere man leiſe und vorſichtig gegen den nach unten gekehrten Theil des Fußbodens. Auch erſcholl derſelbe langſame, mono⸗ — 101 tone Sang, den ſie ſchon früher vernommen, als die geſpenſtiſche Hand aus der Mauer hervorlangte, das Leintuch zu ſchütteln. „Einen Talisman!“ wiederholte Leon.„Einen untrüglichen Talisman!.. Aber Ihr müßt ſelbſtthätig mitwirken.... Für's Erſte, Freunde, iſt Keiner unter Euch, der ſich nicht mehr oder weniger glänzende Pläne von ſeiner Zukunft entworfen. Für's Zweite, hat Jeder von Euch ſchon Etwas gethan, das erſehnte Ziel zu erreichen.... Dieß Ziel und dieſe Beſtrebungen muß ich kennen, ehe ich meinen Talisman anwenden kann... So rückt denn heraus mit den Bekenntniſſen Eurer ſchönen Seelen.... Fang' an, Durandin!“ „Ich wollte lieber....“ ſtotterte der wohlbeleibte Burſche. „ Geſchwind, Durandin, geſchwind!“ riefen Alle einſtimmig. „Soll mich Der und Jener holen, wenn ich weiß“ .... ſagte Durandin...„Aber kurz und gut, ich lernte einen dicken Advokaten kennen, welcher die Fide⸗ lität ſelbſt war.... Das entſchied mich für meinen Be⸗ ruf... Mein Augenmerk iſt der Ankauf einer, Ad⸗ vokatur....“ 1 „Und Deine Mittel?“ „Kein Sou.“ 5 „Mein Talisman paßt für Dich, wie die Fauſt auf’s Auge, Durandin.“ „Und Du, Joſepin?“ Der blonde Doktor ließ ſich nicht lange bitten. „ Mit mir iſt's anders... Ich habe ein vernünf⸗ tiges Ziel und zuverläßige Mittel. Mein Streben iſt, vermöge meiner Praris reich zu werden; meine Mittel meine gründlichen Studien 1....“ 3 „Haſt Du Patienten?“ fragte Du Chesnel. „Einen!“ antwortete Joſepin....„ Nen armen Schelm, todtkrank; er trägt mir monatlich hundert Thaler ein...“ 102 „Wetter!“ rief Durandin.„Was rechneſt Du denn für den Beſuch?“ * „Nach Belieben. Wir haben keinen Preis beſtimmt!“ „Und vweiter?“ fragte Du Chesnel. „Alles Uebrige iſt ein Geheimniß... Doch Ihr ſeid verſchwiegen....“ „Wie das Grab!“ „Denkt Euch, nicht der Kranke bezahlt mich, ſon⸗ dern ſein geſchworner Feind....“ „Ihn zu tödten?“ „Behüte! Dazu hätt' ich den Muth nicht.. Nein, um zu hören.... zu ſehen.... Ihr verſteht mich...“ „Um zu ſpioniren?“ 3 „Ungefähr ſo was... Hauptſächlich um die An⸗ kunft eines gewiſſen Jemand abzupaſſen, der aus Ame⸗ rika kommt und wichtige Papiere mitbringt.... Müßt wiſſen, der, welcher mich bezahlt, hat einen Prozeß mit meinem Kranken.“ „Pfui, wie unmoraliſch!“ rief Deniſart. 8 „Möglich, Freund Cato.... Aber ich wichſe Dir das Nachteſſen, trotz des einzigen Patienten.... Leider iſt dieſer Jemand heut Nachmittag angekommen. Wenn verächtlich.„Er heißt unter uns bloß der Mann im vierten Stock über'm Entreſol.“ „Und der Dich bezahlt? „Proſit, Bruder!“ lächelte Joſepin....„Tauſend, wenn er wüßte, daß ich ihn vier ſolchen Staarmatzen nennen wollte... Aber ſeid Ihr verſchwiegen?“ „Wie das Grab!“ „Er heißt Herzog von Maillepré⸗Compans! mei⸗ ner Seel'!“. „Bruder!“ rief Du Chesnel, mit den Händen zu⸗ ſammenſchlagend.„Du biſt ein gemachter Mann.... Mein Talisman iſt wie geſchaffen für Dich!“ — V —;—;—łᷣ—— y — 10³ Die drei andern Gefährten hörten dieſen Namen mit größter Gleichgültigkeit nennen. Anders Car⸗ men. Dieſe ſpitzte die Ohren, als ſie den Namen Maille⸗ pré⸗Compans höͤrte. Während der Siille, da die Glä⸗ ſer gefüllt wurden und das Geſpräch ſtockte, vernahm ſie noch deutlicher, als zuvor, das Hämmern und den heiſern, monotonen Geſang aus dem untern Stocke... „Du wirſt mir Deine Geſchichte morgen ausführ⸗ lich erzählen,“ hub Du Chesnel an,„denn auch ich ſteh' in Rechnung mit dem Herzog.... Die Reihe iſt jetzt an Dir, Roby.“. „Meine Herren,“ ſagte dieſer,„ich bin aus Tours in Touraienne gebürtig, wo mein Vater Schwefelſchnit⸗ tenfabrikant iſt, und meine Mutter....“ „Behalte das fuͤr Dich,“ fiel Du Chesnel ein... „Zur Sache!“ „Ja, die Sache iſt, daß es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn Dein Talisman bei mir nicht anſchlüge.... Hab' ich doch ſo viele Saiten auf meiner Leier! Bin Dichter, dem nur der Verleger fehlt, um all die alten Schwatzmäuler aus der Kaiſerzeit zur Verzweiflung zu bringen; dazu Schauſpieler, und was für einer? Ein neuer Talma, wenn mir erſt das Theatre⸗francais ſeine Thore geöffnet hat.... Ferner, der doppelten Buchführung kundig... Endlich Erfinder einer neuen Maſchine, die ich hier nicht genauer beſchreiben kann, die aber einſt dem Vaterlande zur Ehre gereichen wird.... Iſt das genug?....“. „Mein Talisman, Roby, ſtellt Dir die Wahl frei! Und Du, Deniſart?“ „Ich glaube an keinen Talisman!“ antwortete dieſer. „Du glaubſt aber an's Geld.“ „Haſt Du welches?“ fragte Deniſart mit einem ſpötti⸗ ſchen Blick auf Du Chesnel. „Zehnmal mehr, als Du werih biſt!“ war die ſchmeichelhafte Antwort. 104 „Ich brauche nur lumpige fünfzehnhundert Franken für den Druck meiner Broſchüre auf Löſchpapier,“ ſagte Deniſart, ein ungeheures Glas Punſch auf Einen Zug leerend. „Was für eine Broſchüre?“ „Seltſame Frage, was für eine Broſchüre!... Ihr wißt, ich habe nur Eine Idee, aber beim Styr! die iſt gut... und ich würde mich hüten, ſie preis zu geben, wenn ich nüchtern wäre.....“ Damit packte er die Bowle mit beiden Händen und that einen herzhaften Schluck. Du Chesnel gebot den Uebrigen Schweigen. „Ja, ich bin trunken,“ fuhr er fort,„und wenn ich trunken bin, muß ich Alles ausplaudern...So hört denn!... Bisher iſt das Elend des Volkes lange nicht genug ausgebeutet. Das Volk hungert ſich den letzten Denar ab, um nur leſen zu können, leſen.... Es hat in der löcherigen Taſche ſeiner zerlumpten Blouſe immer noch zehn Sous für den Advocaten, der ſich ſcheinbar zu ſeinem Vertheidiger aufwirft..... Schmeichelt ihm: Du biſt ein liebes, gutes Volk; biſt das Schönſte und Höchſte auf Erden! Ich bewundere deine Größe! Ich weine blutige Thränen über deine Leiden....“ Er brach in ein lautes Gewieher aus. „Sagt ihm das und Aehnliches,“ fuhr er fort, nachdem er ſich ausgelacht,„und Ihr zwingt ihm ſeinen letzten Heller ab.... Sagt ihm ferner: Liebes, gutes Volk, einige deiner Kinder ſtehlen und morden auf der 1 — 10⁵ Der Arme iſt ein Lamm, der Reiche ein Tiger!. So oft ein Unglücklicher ſich bis zum Straßenmord vergißt, ſollte man einen Marquis guillotiniren und eine Kapuze „Tiefe Wahrheit!“ rief Durandin.„Das gäb' ein „Der Teufelskerl von Deniſart....“ „Aber ich hielt Dich für einen moraliſchen Men⸗ „In dieſen Dingen gewinnt man kein Geld ohne Moral,“ erwiederte Deniſart, cyniſch lächelnd.„Den Narren muß man blauen Dunſt vormachen, damit ſie unſern Edelſinn, unſere Großmuth, unſer Mitleid prei⸗ ſen.... O, das liebe, gute Volk!!.. Eine Million Mit dieſen Worten ſprang er vom Stuhle auf und Liebe!.Wie nennen wir ſie doch, Freunde?.. Denn alles Gute will'nen Namen haben... Vorläuſig be⸗ gnüg' ich mich mit dem abgedroſchenen Titel eines Philantropen.“ Deniſart ſteckte ſeinen Kopf in die Punſchbowle und ſchwieg. „Deine Idee iſt nicht ohne!“ rief Du Chesnel. „Zweifle, ob der Teufel eine teufliſchere hat. Jedenfalls würde man den ganzen Bagno vergeblich nach einer ſo ſchamloſen durchſuchen. Aber es wird gehen, hoffent⸗ lich!.. Ja, Deniſart, mein Talisman läßt ſich herab bis zu ſolchen Infamien.“ „Infamien! Infamien!“ murmelte Deniſart.„Vor⸗ trefflich! Schon wieder ein neues Wort für mein philan⸗ 106 2„Jetzt wär' ich an der Reihe,“ ſagte Du Chesnel. „Ich werde mich kurz faſſen. Mein Augenmerk iſt die Diplomatie..... 4 „Wer Conſul werden will,“ rief Durandin,„muß Protection haben.“ „Ohne Zweifel. Uebrigens zieh' ich den Geſandt⸗ ſchaftspoſten vor.. Da bin ich am Platze... Hin⸗ ſichtlich meiner Mittel, Kameraden, hab' ich, meiner Seel', Nichts als meinen Talisman...“ 1 „Und der iſt?“ fragten Alle zugleich. „Die Weiber!“ antwortete Du Chesnel trocken. Alle verzogen ihr Geſicht zu geringſchätzigen Geberden. „Pfui, wie alltäglich! So in ſeinen Erwartungen getäuſcht zu werden!“ rief Roby. „So trivial, wie die Liebesgeſchichten in den Komö⸗ dien!“ rief Deniſart. 3 8 Durandin und der Doktor ſagten noch geiſtreichere inge. „Eure Rolle iſt hören und trinken!“ gebot Du Chesnel mit kaiſerlicher Würde.„Gebt Acht und unter⸗ brecht mich nicht. Zwar haben Andere vor mir das Weib als Staffel gebraucht, um die Höhe ihrer Wünſche zu erklimmen, und die Geſchichte bezeugt, daß dieſe Leiter ungeheuer viele Stuffen hat, ja, gar bis zum Throne führen kann.“ „Wenn hier revolutionäre Grundſätze verlauten,“ fiel Deniſart ein,„ſo ſchieb' ich mich.“ „Ich will kein neues Syſtem erfinden,“ fuhr Leon ruhig fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,„ich vervollkommne bloß. Ein Weib kann einem Manne widerſtehen, das lehrt die tägliche Erfahrung. Aber 5 iſt das Weib, das fünf Männern zumal widerſtehen ann? 3 107 „Nirgends!“ ſagte Joſepin im Tone tiefſter Ueber⸗ zeugung. „Der glückliche Phönix ſoll erſt geboren werden!“ verſicherte Roby. 3 „Namentlich wenn die Fünf gewiſſe luſtige Brüder ſind,“ bemerkte Durandin, ſich in die Bruſt werfend. „Meine Herren,“ hub Du Chesnel auf's Neue an, „wie können Leute von Eurem Verſtande die ungeheure Wichtigkeit meines Talismans auch nur Einen Augen⸗ blick verkennen.... In der Einfachheit meines Planes beſteht ſeine Größe.... Wir alle Fünf verſchwören uns insgeſammt wider die Weiber. Dadurch verfünffacht ein Jeder von uns eine jede ſeiner Eigenſchaften. Da⸗ durch wird Jeder von uns platterdings unwiderſtehlich.“ „Platterdings unwiderſtehlich!“ wiederholte Joſepin. „Unſere Geſundheit!“ 1 „Vortrefflich!“ ſeufzte Deniſart, ſeine Bowle um⸗ kehrend;„wenn ich nur noch Punſch hätte!“ Roby hing ſich an den Glockenzug, worauf ein Kellner hereinſtürzte. „Noch fünf Bowlen Punſch!“ rief Roby. „Das langt nicht!“ lallte Deniſart. „Und ſeht Ihr,“ fuhr Du Chesnel im Doziren fort, „ſind wir erſt ſo weit, daß uns kein Weib widerſtehen kann, ſo haben wir Alle gewonnen Spiel!.... Du, Durandin, erheirateſt, was Deine Stelle koſtet. Du, Joſepin, doktorirſt Dich aus dem Parterre in den erſten Stock und ſo weiter, bis Du ein Palais erbaueſt..... 44 „Sag' Euch, meine Kaleſche ſoll die ganze medici⸗ niſche Fakultät mit Koth beſpritzen!“ rief der Blondin, entzückt bis in den dritten Himmel.—„Brouſſais(ein berühmter Wundarzt), iſt ſeines Lebens nicht ſicher vor den Rädern meines Wagens!....“ „Du, Roby,“ fuhr Du Chesnel fort,„kämeſt natür⸗ lich in's Inſtitut, in's Theatre⸗français, oder auf die Kunſtausſtellung.“ „In alle drei zugleich!“ rief Roby. 108 „Du, Deniſart, ſindeſt in einer ſeidenen Börſe das Grundkapital zu Deinem teufliſchen Handel.....“ „O, das Volk! das liebe, gute Volk!“ ſchluchzte Deniſart.„Zwei Millionen Sous machen hunderttauſend Franken!“ „Ich endlich,“ ſagte Leon,„ich werde, Dank einer gewiſſen Herzogin, wie im Sturmſchritt zum Wenigſten Geſandſchaftsſecretär.... und dann....“ „Hurrah!“ jauchzte Durandin.„Es lebe der Talisman!“ „Es lebe der Talisman!“ fielen die Uebrigen im Chore ein. „Wir ſind noch nicht fertig!“ hub Du Chesnel nach einer Pauſe an.„Ich fühle die Nothwendigkeit, in einer ſo ernſten, wichtigen Sache ſich verbindlich zu machen....“ „Ich unterzeichne Nichts,“ fiel Deniſart ein, der ſich gelegenheitlich an Unterſchriften die Finger verbrannt haben mochte.. „Ein Schwur!“ rief Durandin. „Ja, ein Schwur!“ wiederholte der Doktor. „Ein ſchauerlicher Schwur!“ bekräftigte Roby. „Ich weiß ein Halbdutzend Opernſchwüre auswendig... Kennt Ihr die pathetiſch⸗poetiſche Arie...“ Und damit erhub er ſich, legte die Hand aufs Herz, riß den Mund ſperrweit auf und improvifirte in melo⸗ diſchen Tönen: 3 „Ich ruf' Euch All' zu Zeugen, Ihr Satyre und Nymphen, Ich ruf’ Euch All’ zu Zeugen, Ihr Göttinnen des Meeres, Ich ruf' Euch All' zu Zeugen, Ihr Geiſter in den Sümpfen, Ich ruf' Euch All' zu Zeugen...... 4 Die Thüre öffnete ſich und die Prozeſſion, beſtehend aus Herrn Polype und ſeinen vier Kellnern, trat aber⸗ mals in's Zimmer ein. Nachdem ſie die fünf Bowlen niedergeſetzt, retirirten ſie ſich krebsweiſe und unter einer Unzahl von Kratz⸗ 109 füßen gegen ſo gute Kunden. Durandin ſchob wieder den Riegel vor. „In ſo ernſten Sachen, Roby,“ ſchalt Du Chesnel, „treibt man keine Kurzweil!“ „Hol' mich der Teufel,“ erwiederte Roby,„wenn die Oper ein kurzweilig Ding iſt.“ 3 „Schweig! Es handelt ſich hier von unſerer Zukunft. Stehen wir zum Schwure auf!..... „Vergeſſen wir ja nicht das bengaliſche Feuer!“ rief der unverbeſſerliche Roby. Er blies hurtig die Lichter aus und zündete den Punſch an, ſo daß die bläulich⸗gelbe Flamme des bren⸗ nenden Spiritus die fünf Geſichter geſpenſtiſch erleuchtete. „Wie ergreifend, wie ſchauerlich erhaben 14 „Noch beſſer,“ bemerkte Roby,„wir könnten ſym⸗ metriſch uns um den Tiſch ordnen, drei auf jeder Seite, wie in der Oper... Wären wir nur ſechs!“ „Wir ſind ſechs!“ rief eine ſanfte, liebliche Stimme hinter ihm. Alle fünf ſahen ſich erſtaunt an und ſuchten die ſechste Perſon. Ja, ſie waren ploͤtzlich ihrer ſechſe. Zwiſchen Roby und Deniſart, Leon du Chesnel gegenüber, ſtand ein Weib mit ſamminer Maske vor dem Geſichte. 10. wo man die Laſinacht begräbt. Die räthſelhafte Erſcheinung dieſes Weſens verſetzte die fünf Zechbrüder in ein Staunen, das faſt au Schrecken gränzte. Wie mochte die Maske in's Zimmer gekommen ſein? Bekanntlich wird der Trunkene durch die kleinſte Ueber⸗ raſchung verdutzt und geräth in Beſtürzung. So glotzten 110 denn die Fünf den neuen Ankömmling, der im geſpen⸗ ſtiſchen Lichte der brennenden Spirituoſen wie ein über⸗ irdiſches Weſen erglänzte, mißtrauiſch an. Deniſart und Durandin, die ihm zunächſt ſtanden, waren erſchreckt auf die Seite getreten. Inzwiſchen ſtreckte das Geſpenſt ſeinen runden, weißen Arm aus und zündete ein Licht nach dem andern an. Keiner von den Fünfen erkannte Carmen unter ihrer Maske, aber Alle bewunderten die herrlichen For⸗ men ihres Wuchſes und die würdevolle Anmuth ihrer Bewegungen. Einem jungen, reizenden Weibe gegenüber, verloren ſich die Nebelbilder des Schreckens bald genug, und ſtellte ſich die alte Luſt wieder ein. Roby ergriff die Hand der Unbekannten und führte ſie galant an die Lippen. Deniſart brachte ſeine Punſchbowle in Sicherheit. „Ah....!“ ſeufzte Joſepin aus tiefer Bruſt erleich⸗ tert auf.„Jetzt athm' ich wieder frei! Glaubt' ich doch Eins unſerer Weiber vor mir zu ſehen.“ Der blonde Schüler Aeſkulaps log, denn er hatte ſchnurgerade an den † Gott ſei bei uns † gedacht. Nur Du Chesnel ſchien von der ätheriſchen Erſchei⸗ nung nicht ſonderlich erbant.. „Schöne Maske,“ ſagte er ziemlich unfreundlich, „Du haſt Dich im Zimmer geirrt. Wir wollen die Laune des Zufalls, der wir Deinen Beſuch verdanken, nicht mißbrauchen..... 4 „Der Zufall hat Nichts mit meiner Ankunft zu ſchaffen,“ erwiederte die Maske.„Ich erſcheine auf Euern Wunſch als Sechster!“ „Schöner Fund!“ flüſterte Roby.„Gewiß eine vor⸗ nehme Dame, die mit uns luſtig ſein will... Ich habe Nichts dawider!...“ „Kellner, ein Glas für die Dame!“ rief Durandin, deſſen Zunge ſich merklich verwickelte. „So haben Sie unſere Unterredung angehört?“ fragte Du Chesnel, ſtirnrunzelnd. „Von A, bis Z.!“ antwortete die Maske. —— „ 111 „und was gedenken Sie zu thun?“ „Mich Ihnen anſchließen.“ „Wie iſt das möglich?“ kicherte Joſepin. „Warum nicht?“ „Weil wir mit Hülſe der Weiber ſteigen wollen,“ erwiederte Du Chesnel trocken,„und Sie eine Schürze tragen....“ „Nichts weiter?“ lächelte die Maske.„Nun gut, Sie wollen durch die Weiber emporkommen und ich durch die Männer.“ „ öBravo! Bravo!“ kreiſchte Roby und applaudirte mit den Händen. Obgleich Leon Du Chesnel ſich bisher von Allen am Beſten gehalten hatte, ſo ſchien es doch, als ſei mit der unvermutheten Dazwiſchenkunft dieſes räthſelhaften Weſens die Schranke zwiſchen ſeiner Willenskraft und der Trunkenheit gefallen. Seine Augen umflorten ſich und die Gedanken wirbelten durch einander. Er ver⸗ ſuchte, ſich durch Trinken zu kuriren; aber das machte das Uebel noch ärger. „Donner Wetter!“ fluchte er, hin und her taumelnd. „Sind wir nicht mehr Herr im eigenen Hauſe!“ Nachdem er ſich mehreremal die Stirn gerieben, als Antidot wider die Schwarmgeiſter, die im Hirnkaſten Beſoffener ihr tolles Spiel treiben, ſetzte er ſelig lächelnd ſich nieder. Durandin kämpfte wider den Schlaf au. „Warum iſt der Deniſart doppelt?“ lallte er. „Haben wir an Einem Deniſart nicht genug 29 „Nicht Deniſart iſt doppelt!“ antwortete Joſepin. „Sein Glas iſt's!“ „Halt, halt!“ rief Du Chesnel, der verzweifelte Anſtrengungen machte, den Faden ſeiner Gedanken wie⸗ derzufinden.„Unſer Talisman, die Weiber! Donner Wetter, unſer Talisman!“ „Wenn der Deniſart doppelt iſt,“ ſtotterte Durandin, „lach' ich zu Deinem Talisman!“ „Setz' Dich, ſchöne Maske,“ hub Du Chesnel von 112 Neuem an.„Trink, iß, ſprich, ſchweig! Thue, wie daheim!“ Carmen blieb ſtehen. Mit gekreuzten Armen mu⸗ ſterte ſie langſam Einen der Fünf nach dem Andern. Man ſah an den Augen, die durch die Oeffnungen der Maske ihre Feuerblicke ſchoßen, was in der Seele dieſes Weibes vorging; man las in ihnen Etwas von der triumphirenden Freude deſſen, der, unter einer ſchweren Laſt erliegend, unvermuthet eine Schulter findet, der er ſte aufbürden kann, oder von dem ſtolzen Jubel des Eroberers, welcher die Schar der unterjochten Vaſallen überzählt. trägt auf ſeinem goldenen Griffe mein Wappen und meinen Namenszug, neben dem Wappen und Namens⸗ zuge der Marcheſe Farneſt, der niedlichſten Närrin in den Staaten Sr. Heiligkeit....“ „Unſer Freund Leon,“ fiel Roby mit ernſter Stimme ein,„hat die Welt nach allen Richtungen durchſtreift und überall zu den Füßen der Schönen geſchmachtet, ge⸗ ſeufzt... Brünetten oder Blondinen, gleichviel!“ „Ich kann Ihnen verſichern,“ ſagte Carmen,„dieſer Gedanke, Ihren Namenszug auf den Dolch graviren zu laſſen, hat meinen vollen Veffall Er iſt trefflich, und ſoll ſich Ihnen, hoff ich, als nützlich erweiſen.... Aber Ihr vergeſſet das Trinken ganz, meine luſtigen Gefähr⸗ ten!„rief ſie mit plötzlich verändertem Ausdruck in Ton und Manieren..„Ich will Euch Beſcheid thun!.... Es lebe unſer Talisman und die Schöne, die Euch 113 zur Höhe des Glückes erhebt!.... Der Gedanke iſt groß und herrlich.... Dennoch fehlte ich Euch!“ „Werft Ihr den Tiſch um,“ brummte Durandin, „werd' ich ärgerlich.“ „Ja, Du fehlteſt uns, ſchöne Maske,'s iſt meiner 7 Seel wahr!“ rief Roby....„Gewiß ſingſt Du die Diskaniſimme zum Schwur.... Du kennſt doch die Arie?....“ „Ja, den Schwur, den Schwur!“ ſiel Du Chesnel ein, auf ſeine fire Idee zurückkommend...„Ohne Bei⸗ ſtand kann ich meine Herzogin nicht entführen.“ „Ich will Dir helfen,“ ſagte Carmen. „Kennſt Du ſie denn?....“ „Vortrefflich.“ „Hab ich doch ihren Namen nicht genannt.. 8* „Ich hab' ihn errathen.“ Du Chesnel ſah Carmen von Kopf bis Fuß miß⸗ trauiſch an. „Ich hab' ihn errathen,“ wiederholte Carmen,„und billige Deinen Geſchmack. Keine beſſere Leiter zur luſtigen Höhe des Ruhmes, als die Frau Herzogin von Maillepré⸗Compans....“ „Wer biſt Du, räthſelhaftes Weſen? Sprich, wer biſt Du?“ rief Leon du Chesnel. „Niemand als die Frau Herzogin ſelbſt, Meiſter Leon!“ meinte Joſepin. „ Aber gib Acht, fuhr Carmen fort:„die letzte Sproſſe iſt die gefährlichſte, Du mußt ſpringen, hoch ſpringen!...“ „ Ich will wiſſen, wer Du biſt!“ rief er und wollte ihr die Maske abreißen. „‚Noch ein Weilchen Geduld!“ erwiederte ſie, ihn mit leichter Mühe zurückſchleudernd....„Erſt ſollſt Du wiſſen, was ich kann und was ich will.... O Ihr Thoren, die Ihr mit fünf leeren Beuteln und im Rauſche den Feldzug eröffnen wollt, ohne das feindliche Ter⸗ rain recognoscirt zu haben!... Du, Du Chesnel haſt Deine Rechnung ohne den Wirth gemacht. Wäh⸗ Pariſer Liebſch. 1. 8 114 rend Du nur den Zweck im Auge hatteſt und Dich Dei⸗ nen Gefährten überlegen hielteſt, wollteſt Du ihre Trun⸗ kenheit benützen, um das zu erreichen, was Du allein nicht erreichen konnteſt, bedachteſt aber nicht, daß die Trunkenheit vergeſſeriſch iſt und ihre Worte in den Wind ſäet.. Die vier luſtigen Brüder da haben Dich ver⸗ ſtanden, ſo gut ſie Dich verſtehen konnten, und in Dei⸗ nem Talisman Nichts als einen erträglichen Faſtnacht⸗ ſcherz geſehen.. „Alles falſch!“ rief Du Chesnel....„Joſepin! Roby! Deniſart! Habt Ihr mich verſtanden? Ja oder nein?“ „Ich verſtehe Alles!“ antwortete Joſepin....„Hab ich nicht ſtudirt?“ „Und daß ich ihn verſtanden habe,“ entgegnete Roby, „beweist der Eidſchwur, den ich ſang....“ Deniſard ſchwieg. Durandin blickte trunken um ſich und lallte: „Eben ſteht der Tiſch ſtill und gleich fängt die Decke an zu tanzen....“ 4„Sie da!“ rief Carmen, auf Durandin weiſend... „Was hätteſt Du morgen noch von Deinem Werk von heut Abend?“ Ehe Du Chesnel ihr antworten konnte, fuhr ſie mit veränderter Stimme fort. 3 4 „Deine Idee iſt mehr werth als ein ſolches Poſſen⸗ ſpiel. Aber Du weißt ſie nicht zu benützen... Willſt Du ſie mir verkaufen?“ „Was gibſt Du dafür?“ 1 „Ein Téte-à-tète mit der Frau Herzogin von Maillepré⸗Compans.“ „Topp!“ rief Leon. „Jetzt haben wir's!“ jauchzte Joſepin,„die Dame iſt Thürſchließerin im Hotel Maillepré!“ — W 115 zum Spion hergibt.... Bis dahin ſuche mich zu ver⸗ ſtehen.... Alſo die Idee iſt mein, Du Chesnel, ich wollen.“ „So will ich!“ wiederholte Carmen nachdrücklich... „Ihr ſollt an mir eine thätige, zuverläßige Bundesge⸗ noſſin haben, dafür ſollt Ihr meine gehorſamen Werk⸗ zeuge ſein.... Um meinetwillen diene ich Euch.... Gelehrter, Advokat, Induſtriellen, Oekonom, Diplo⸗ mat, Jedem ſoll das gewünſchte Loos zufallen, ſobald er mir den Zehnten ſeines Einkommens verſpricht...“ „Der Zehnte war unmoraliſch, drum iſt er abge⸗ ſchafft!“ brummte Deniſart. „Du ſollſt ihn haben, ſobald ich für jede Viſite zwei Louisdor fordern darf!“ betheuerte Joſepin. „Recht ſchön!“ bemerkte Du Chesnel in einem lich⸗ ten Augenblicke.„Aber was willſt Du für uns thun?... Welch ein Ziel haſt Du?“— „Mein Ziel iſt.... Doch wer ſummirte meine Wünſche zuſammen?“ 5 Sdiee hielt ein, als beſinne ſie ſich.. Das Feuer ihrer Augen erloſch. Sie blickte träumeriſch gen Himmel. „Mein Ziel 1....“ hub ſie nach einer Pauſe flüſternd an, als rede ſie mit ſich ſelbſt..„Ich bin jung, zwanzig Jahre alt und ſchön.... Ich habe nie geliebt, mein Leib iſt jungfraͤulich, meine Seele weiß Nichts vom Verlangen... Doch ſagt man, die Liebe habe ihre Freuden, die berauſchen.... Dieſe Liebe iſt mein Ziel. 116 Ja, ich will geliebt ſein, wie nie ein Weib geliebt worden!. Närriſch, leidenſchaftlich, wahnſinnig ge⸗ liebt.... andächtig, ſchwärmeriſch geliebt... Ange⸗ als die Fünf athemlos auf die Zaubertöne dieſer Stimme lauſchten, deren zitternde Akkorde wie in einen „Mein Ziel“ hub ſie nochmals an...„Ich fühle Muth und Kraft in mir... Ich kann denken und han⸗ deln, wie ein Mann... Mein Ziel iſt Macht... Auch die Macht ſoll ihre Freuden und ihre Trunkenheit ha⸗ ben Ich will ſteigen.... ſo hoch ſteigen, daß mir der Kopf ſchwindelt.... Ich will, daß vor meinem Willen jeder fremde Wille ſich beuge und daß vor meinem Blicke Alles erzittere.“ Carmen ſprach dieſe Worte mit volltönender, feſter, beinahe männlicher Stimme. Die Fünf wurden immer ſtiller und aufmerkſamer. Ihre Trunkenheit ſchien gänz⸗ lich verflogen. 5 „So willſt Du Mann und Weib zugleich ſein 298 fragte Du Chesnel. „Geliebt wie ein Weib! Gefürchtet wie ein Mann!“ rief Carmen im Tone glühendſter Leidenſchaft. „Genug der Thorheiten!“ fiel Leon ein, von ſeinem Sitze aufſpringend...„Reden wir endlich einmal ver⸗ nünftig. Du biſt trunkener als wir, Schätzchen.... oder Du haſt den Teufel im Leibe!“ „Nein,“ antwortete Carmen trocken....„Aber ich „ bin reich und habe ein Geheimniß.“ nehme Dame.“ 117 Dieß Eine Wort reich wirkte auf alle Fünf wie ein Zauber. „Hört Ihr, ſie iſt reich!“ flüſterte Roby....„So muß ſie uns Geld leihen. Ich wette, ſie iſt eine vor⸗ Deniſart kroch honigſüß lächelnd und unter Kratz⸗ füßen hervor. Auch Du Chesnel konnte ſich der magi⸗ ſchen Kraft dieſes Wörtchens nicht erwehren und zog plötzlich andere Saiten auf. „Madame,“ ſagte er, ſie von unten auf anſehend und mit einer Höflichkeit in Wort und Benehmen, die gegen ſeine frühere Rückſichtsloſigkeit ſeltſam abſtach... „Sie wiſſen, welcher Art unſere pekuniären Um⸗ ſtände ſind... Leider iſt der Unterſchied allzugroß, und wenn Sie geruhten, uns Ihr holdes Antlitz zu zeigen.... Statt den Satz zu beenden, verneigte er ſich ehrer⸗ bietig. Er mochte ſich erinnern, daß mit Gewalt hier Nichts anzufangen ſei. Auch Carmen ſchien ſich in⸗ zwiſchen eines Andern beſonnen zu haben, denn ſte er⸗ hob beide Hände, um die Maske hinten loszubinden. Alle rißen die Augen auf und hielten den Athem an. Jeder erwartete eine außerordentliche Erſcheinung, zum wenigſten eine Gräfin oder Fürſtin. Niemand ſpannt bekanntlich ſeine Erwartungen höher, als ein Weinverbrannter! Die Maske fiel.... „Carmen“ riefen alle Fünf, ſchrecklich betrogen in ihren Hoffnungen. Joſepin wandte ſich verächtlich um, Durandin zuckte höhniſch die Achſeln, Deniſart rannte mit ſeiner Punſch⸗ bowle davon und Du Chesnel zertrümmerte wüthend ſein Glas auf dem Boden und fluchte. Bloß Roby nahm die Sache von der ſcherzhaften Seite. „Bravo braviſſimo!“ rief er mit Händen und Füßen applaudirend.„Gut geſpielt, Kleine Kein übler Faſt⸗ nachtſcherz!“ 5 118 „Seht nur die Straßendirne,“ rief Deniſart, der Volksfreund, auf ſeinen Stuhl zurückkehrend.....* die für zwei Sous auf dem Boulevard du Temple tanzt.“ Carmen ſchwieg. Hoch, aufrecht und unbeweglich, wie eine Säule ſtand ſte da, mit gekreuzten Armen. Das ſtolze Bewußtſein ihrer Kraft und ihres Muthes war auf der hohen, blaſſen Stirne geſchrieben, ihr ſchöner ernſt⸗heiterer Mund verzog ſich dann und wann zu ver⸗ ächtlichem Lächeln. Sie ragte ſo hoch über die trunke⸗ nen Schwächlinge empor, daß man ſie für ein über⸗ irdiſches Weſen halten konnte, das ſich durch Zufall in eine niedere Sphäre verirrte. Ihr Blick fiel der Reihe nach auf Jeden der fünf Zechbrüder. Sie alle erfuhren den ſiegreichen Einfluß deſſelben. Das Wenige, was ihnen von Verſtand und Willenskraft geblieben, ſchwand vor der überlegenen Macht dieſes Geiſtes. Du Chesnel ſah zitternd nieder. Er allein wehrte ſich gegen die räthſelhafte Gewalt dieſes Weibes; aber verhebens. Um ſo ſchmerzlicher empfand er ſeine Nie⸗ derlage. Nach einigen Sekunden tiefen Schweigens, verließ Carmen ihren Platz in der Mitte des Tiſches und näherte ſich dem Stuhle Deniſart's. „Steh auf!“ gebot ſie. Deniſart ſtand auf. Carmen ſtieß den leeren Stuhl zurück und trat auf das äußerſte Ende einer der Bohlen des Fußbodens. Dieſe Bohle, welche dem Seſſel Deniſart's zum Stütz⸗ punkte gedient hatte, bog ſich leicht unter Carmens Fuß. Ein Schauder überflog ſie, das ſchnell einem Lächeln wich. „Die Dirne, die für zwei Sous auf dem Boule⸗ vard du Temple tanzt,“ hub ſie langſam an,„bin ich oder war ich.. Denn Ihr habt mich geſtern zum letzten Male da geſehen. Morgen,“ fuhr ſie unheimlich flüſternd nach kurzer Pauſe fort....,„vielleicht ſchon — 3 119 morgen iſt aus der armen Tänzerin eine ſtolze Herzo⸗ gin geworden! Ja, von morgen an beginnt ein neues Leben!..Ihr erwacht zur Nüchternheit, ich erwache 114 zu Glück und Ruhm! Morgen ſeid Ihr meine Sklaven! nel„und nehme daher mein Wort zurück.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Carmen..„Auch gilt mir Dein und Deiner Gefährten Wort Nichts.... Deßhalb Blicke ſchoßen unter den halb geſenkten Wimpern hervor, das Herz pochte, der Buſen wogte und der Fuß ſtemmte ſich gegen den Boden, daß die Planken krachten. Die Trunkenheit der Fünf, wenn auch noch dieſelbe, hatte ein anderes Ausſehen gewonnen. Durandin ſchlief, Joſepin war dem Schlafen nahe, Roby hatte die Füße auf dem Tiſche und trillerte ein Liedchen, die Decke an⸗ guckend. Nur Deniſart und Du Chesnel folgten jeder Bewegung des Mädchens mit geheimer Unruhe. Deniſart ängſtigte ſich, er wußte ſelbſt nicht warum. Du Chesnel, weniger trunken und daher empfänglicher für äußere Eindrücke, hatte die räthſelhafte, faſt zaube⸗ riſche Gewalt dieſer Schönheit, die mit Schrecken er⸗ füllte, von Anfang an empfunden. Der Blick, der jetzt 120— auf ihm ruhte, ſchnürte ihm das Herz zu und machte hn erſtarren. Nach kurzer Beſinnung hub ſie in einfach erzählen⸗ dem Tone an: „Ein gewiſſer Jemand iſt heute von Boſton in Paris angelangt. Doktor Joſepin(dieſer fuhr auf und ſpitzte die Ohren) hat die Ankunft dieſes Mannes gemeldet in einem Briefe, der heut Nachmittag drei Uhr geſchrieben wurde. Ich erwähne dieſen Umſtand, veil für die gerichtliche Unterſuchung von Wichtig⸗ eit iſt. „Gerichtliche Unterſuchung? Wie ſo?“ rief Joſepin erſtaunt.. Carmen legte zum Zeichen des Schweigens die Finger auf den Mund. „Fünf Masken, erzählte ſie weiter, ſind heute Abend in ihrer Kaleſche über die Boulevards gefahren, ſo daß um dieſe Stunde ſchon ihre Namen im ſchwarzen Buche der Polizei verzeichnet ſtehen. Dieſelben fünf Masken ſind dann im Keller zum Wilden Mann eingekehrt....“ Dieſer Anfang ſchien mit den Ereigniſſen des Augen⸗ blickes nicht im Entfernteſten zuſammenhängen. Ent⸗ hielten die Worte eine Drohung, war ſie ſo dunkel und unbeſtimmt ausgeſprochen, daß ſie auf Trunkene ihre Wirkung verfehlen mußte. Dennoch ſcheuchte ſie die Dämonen des Rauſches wie auf einen Zauberſchlag aus den Köpfen der jungen Leute. Noby hörte auf zu tril⸗ lern und wurde nachdenklich, Joſepin zitterte, Du Ches⸗ nel rückte unheimlich auf dem Seſſel hin und her, De⸗ niſart liebäugelte mit der Thüre, um ſich bei Zeit zu retiriren. Nach einer zweiten Pauſe fuhr ſie in demſelben Tone fort: „In dieſem Keller haben die fünf trunkenen Mas⸗. ken mit dem Amerikaner Händel angefangen.... Sie haben ihn.... geſchlagen.“ „Bah!“ rief Du Chesnel..„Faſtnachtpoſſen!“ 121 „Sie haben ihn.... verwundet.“ „Leicht!“ murmelte Joſepin...„Wir wiſſen's.“ „Sie haben ihn getödtet!“ flüſterte Carmen kaum hörbar mit unheimlicher Stimme. Alle bebten erſchreckt zuſammen. „Du lügſt!“ ſtotterte Du Chesnel endlich. „Dy lügſt!“ wiederholten die Uebrigen. Carmen trat gewaltſam auf den Boden und das Brett flog in die Höhe. Ein ſchwarzes Loch wurde ſichtbar. Begünſtigt durch die tiefe Stille, drang laut und vernehmlich der⸗ ſelbe dumpfe, monotone Sang, der ſich ſchon früher hören ließ, aus dem Dunkel hervor. Dazwiſchen tön⸗ ten Hammerſchläge die ſich regelmäßig wiederholten. „Schaut hier Euer Werk!“ rief Carmen, ſich mit dem Lichte über den Leichnam beugend.— Joſepin ſtürzte auſ's Knie, Deniſart rannte der Thüre zu, aber Carmen ſtieß ihn zurück, daß er mitten in's Zimmer taumelte; Du Chesnel wurde todtenbleich. „Weib, Weib!“ rief er mit heiſerer Stimme.„Du biſt ſein Mörder!“ Carmen kniete nieder und griff in die Bruſttaſche des Todten.. „Kennſt Du dieſen Dolch?“ fragte ſie in gleichgül⸗ tigem Tone.„Er trägt das Wappen und den Namens⸗ zug einer gewiſſen Marcheſe, der niedlichſten Naͤrrin in den Staaten Sr. Heiligkeit?.... Du Chesnel preßte die Arme krampfhaft gegen die Bruſt. Seine Haare ſträubten ſich empor. „Der Keller zum Wilden Mann,“ fuhr ſie fort, „war dichtgedrängt. Mehr als Hundert ſind Zeugen dieſes Mordes geweſen...“ „Schone mich!“ flehte Du Chesnel, neben Joſepin vor Carmen niederkniend. Einer nach dem Andern ſiel ihr zu Füßen. Alle Fünf hielten ſich des Mordes ſchuldig. Alle Fuünf lagen leichenblaß auf ihren Knien vor einem Weibe, 122 das ſie eben noch auf's Wegwerfendſte behandelt hatten. Alle Fünf waren geiſtig wie vernichtet. Inmitten dieſer trunkenen Feiglinge ſtand ſie da wie eine Göttin, ſchön, ſtolz, majeſtätiſch! Die Größe des Siegers zeigte die Winzigkeit der Befiegten in um ſo grellerem Lichte. „Mitleid!“ flehte Du Chesnel.„Wir ſind in Dei⸗ nen Händen!“ „Welchen Eid Du auch verlangſt, wir ſchwören ihn!“ rief Joſepin. „Dieſer Mann, weiſend .. Ich brauche ſache genügen. uns!.. Wehe, ſchwarze Oeffnung. Entſetzt flogen die Zechbrüder zurück und verbargen ihr Geſicht in beiden Händen. Leblos, wie eine Bildſäule, ſtand Carmen da, nur die Wimpern zitterten und die Wangen überzogen ſich mit Todtenbläſſe.. Plötzlich bebte ſie zuſammen, denn ſie vernahm von unten denſelben widrigen Gutturallaut, der ſie früher geänſtigt hatte, als ſie die Spuren ihres Verbrechens dem Auge der Menſchen zu entziehen ſuchte. . — — = 8 2 — 5 Die große Sber. 3 1. Das Marais. Die Provinzialen und viele Pariſer rümpfen vor⸗ nehm die Naſe, ſobald das Marais genannt wird. Ar⸗ mes Quartier, wie viel fade Spöttereien haſt du hören müſſen, weil du Portiers, Münz⸗ und Leihhaus⸗Beamte, Krämer, Rentiers, ehemalige Weinhändler u. ſ. w., mit einem Worte, die ſogenannten Epieiers oder Kleinſtädter in deinem Schooße beherbergſt. Vaudevilliſten und Romanſe chreiber greifen ſeit dreißig Jahren mit den Waffen ihres ſehr prekären Witzes die ehrliche Bevölkerung dieſes Quartiers an. In drei oder vier Dutzend abgedroſchenen Redensarten; die unermüd⸗ lich abgeleiert und ſtets als neu aufgewaͤrmt werden, 3 beſteht der ganze Vorrath ihrer Ironie. Namentlich zeichnet ſich jenes unerſchrockene Bataillon von Feder⸗ helden aus, deren ſpezielle Aufgabe der Volksroman iſt; ſogenannt, weil er auf unverſchämte Weiſe das Volk verhöhnt und ihm ſein eigenes Kauderwelſch auf⸗ drängen will. Dieſe flotte Schar fällt unerbittlich über das Marais her, zerreißt es Stück für Stüͤck, zum lau⸗ ten Jubel der Griſetten aus den übrigen Stadttheilen und ſtaffirt es ſo wohl aus, daß kein Citadinenkutſcher in die Straße Saint⸗Louis einfährt, ohne ſich und ſeine Maähren mit der ſtupiden Bevölkerung, die ihn umgibt, ſſtolz zu meſſen. Armes edles Marais! Der eleganten Chauſſee⸗ d'Antin bringt man dich zum Opfer!..... 126 Dieſe Sudler haben Nichts von dir geſehen, als deine altergrauen, ehrwürdigen Mauern und deine gras⸗ bewachſenen, öden Straßen. Deine feierliche Stille hat ſie angewidert, denn ſie wollen unaufhörlich unterhalten und zerſtreut ſein. Ihre erſchlaffte Phantaſie bedarf künſtlicher Reizmittel, des lauten Getöſes, der wogenden Menge, der plappernden Gamins, der wiſpernden Dir⸗ nen, des Gaſes, der Asphalt⸗Trottoirs, der Cigarren und jener blendend weißen, modiſch herausgeputzten Häu⸗ ſer, wo der kleinliche Lurus ihrer neugebackenen Magni⸗ fizenzen ſein Flitterweſen treibt. Ja, Ihr habt Recht, die Tabagien in der Nähe der Oper haben mehr Licht und Kryſtall, als die Trinkſtuben der Straßen Saint⸗Antoine. Das Café de Paris ſucht vergebens ſeines Gleichen jenſeits des Tempels und die Magazine der Straße Mont⸗blanc gewähren einen ſtatt⸗ lichern Anblick als die Boutiquen auf den Seine⸗Quais. Aber abgeſehen von dieſen Dingelchen, die wir Euch gerne ſchenken, wem bleibt der Vorzug? Wollt Ihr Saint⸗Merry oder Saint⸗Paul mit jener Schachtel aus illuminirtem Stuk, jenem Firlefanz ächt bürgerlichen Ge⸗ — ſchmacks vergleichen, das unter dem Namen Notre⸗Dames⸗ de⸗Lorette den Loretten des Faubourg Montmartre zum Rendez⸗vous dient? Oder wollt Ihr anders als im Scherze eine Parallele ziehen zwiſchen den niedlichſten, d. h. den wenigſt lächerlichen Würfelchen aus guillo⸗ chirten Bruchſteinen, in der Nähe des Boulevards⸗de⸗ Gand und zwiſchen dem grandioſen Palaſte des jüngern Zweiges der Rohans?..... Es handelt ſich hier nicht von politiſchen und ſozia⸗ len Ideen, ſondern einfach von Fragen des feinen Ge⸗ ſchmacks und des Kunſtſinnes. Uebrigens find beide Quartiere, das Marais und die Chauſſee⸗d'Antin, gleich ariſtokratiſch, jedes auf ſeine Weiſe. Das eine hat ſeine mehr als hundertjährigen Adelstitel erobert, das andere hat volle Beutel, die ſeinigen zu kaufen, und, ſo gut es eben geht, einige Flicken aus dem Mantel der altadeligen 127 ntnehmnen Herren auf ſeine neumodiſchen Livreen zu icken. 1 Beide haben ihre Patrone, auf die ſie ſtolz ſind. Die Chauſſee⸗d'Antin findet die ſeinigen im Almanach du Ceommerce; das Marais findet ſie auf den Wappen⸗ ſchilden über den Thorgiebeln der Paläſte Bourbon, Lo⸗ thringen, Rohan, Bethune, Albret, La Forre, Bretagne, Lesdiguieres u. ſ. w. Beide haben ihre Monumente.... Aber wer, frag' ich, hat die nichtsſagenden Häuſer des Quartiers Saint⸗ George gebaut? Wir wiſſen es nicht. Doch wiſſen wir, daß nur ein Genie, wie Philibert de Lorme, dieß reizende Hotel Carnavalet der Straße Culture⸗Saint⸗ Catherine bauen konnte, deſſen Farade Jean Goujon mit einigen ſeiner wunderbaren Karyatyden verſchönte; Phi⸗ libert de Lorme, der Bildner des berühmten Portals von, Saint⸗Gervais, das ſicherlich in Nichts dem Baſtard⸗ portal in der Straße Chauchat gleicht. ga, wir tragen kein Bedenken— ſelbſt auf die Gefahr, als Epicier des Marais verſchrien zu werden— dem Hotel Soubiſe vor dem Hotel Laffitte, und dem Hotel Angouleme vor dem Hotel Rothſchild den Vorzug zu geben. Vignoles, Jacques Desbroſſes, Jules Har⸗ douin ſcheinen uns den Herren So und So nicht nachzu⸗ ſtehen, mögt Ihr auch unſern Geſchmack bemitleiden. Oft weilen unſere Blicke mit innigem Wohlgefallen auf der ſchönen Einfaſſung der Place⸗Royal, namentlich auf dem edlen, kunſtreichen Palais, das, ungeachtet der Hof es nicht mehr beſucht, doch nicht ganz des königlichen Schmucks entbehrt, ſeit ein Dichter ſein Louvre daraus gemacht hat. Wohin wir von dieſem Mittelpunkte aus unſere Schritte lenken, überall ſtoßen wir auf Kunſtwerke. Hier die Wohnung Sully's; etwas weiter, hinter dem Arſenal, das Hotel Lambert, die Schöpfung Levau's, das der Verfaſſer der„Pariſer Myſterien“ zum Schauplatz eines hübſchen Romans gemacht hat; auf einer andern Seite, 128 mehrere Bauten der beiden Manſard, das Hotel Humieres und jenes kleine Palais, das Manſard, der Neffe, für ſich ſelbſt in der Straße des Tournelles erbaute. Und ſo viele andere, deren Namen allein ganze Seiten füllen würden. Später trugen Bernini, de Wailly, Peyronnet, Rouſſeau ihren Stein zum Gebäude bei. Man kann ſagen, alle unſere Architekten haben Hand an's Werk gelegt, um dieß ungeheure hiſtoriſche Monument, das Marais heißt, und an deſſen vielhundertjährigem Ruhme all die albernen, faden Witzeleien und Spötteleien einer kraſſen Unwiſſenheit ohnmächtig abgleiten, zur Bewunde⸗ rung der Nachwelt aufzuführen. Und die Maler! Wenn in fünfzig Jahren die Namen der Künſtler, die handwerksmäßig die Salons der Finanzwelt verſchönern helfen, längſt vergeſſen ſind, dann werden Roſſo und Primatice, Jakob Jordaens, van Huyſum, van Speandonckt, Robert, Oudry, Nanteuil u. ſ. w., die ſchon vor Jahrhunderten die Galerien und Säle der Paläſte mit ihren Werken ſchmückten, nach wie vor mit Ruhm genannt werden. 4 Simon Vouet hat dieß Gemäuer dekorirt, dieſe Portraits ſind von Rigaud, dieſe Schlachtſtücke hat Van⸗ dermeulen gezeichnet, dieſe Plafonds gehören Mignard le Romain, Lebrun, Leſueur an; Leſueur, unſerem großen Pariſer Maler, der niemals Rom geſehen und alle ſeine künſtleriſchen Inſpirationen dem Himmel des Vaterlandes verdankte! Ein einziges Haus der Inſel Saint⸗Louis, dieſes gleich wegwerfend behandelten An⸗ hängſels des Marais, das Hotel Pimodan, deſſen Ge⸗ ſchichte wir demnächſt aus einer der eleganten Welt wohlbekannten Feder zu erwarten haben, birgt faſt eben ſo viel Werke Leſueurs, als das Louvre. Und die Bildhauer! Wie oft mögt Ihr ſchon die Achſeln gezuckt haben über die zirkelrunden Gypsſcheiben an den Facaden moderner Häuſer, woraus Euch ein wohlgekämmtes Engelsköpfchen entgegenlacht! Laßt Euch 3 4 14 129 einmal herab, Ihr glücklichen Bürger des Quartiers Saint⸗Lazare, und verliert Euch bis in jene dunklen Regionen in der Nähe der alten Baſtille. Statt Eurer magern Medaillons findet Ihr dort Balkone in großar⸗ tigem Style, die von den Sklavengeſtalten eines Ger⸗ main Pilon getragen werden, Wappenſchilde, an denen der Meißel eines Anguier ſich verſuchte, Karyatiden eines Goujon und Milon. In den Gärten ſeht Ihr, mitten auf grünen Raſenplätzen und auf mosbewach⸗ ſenem, verwittertem Piedeſtal, hier eine Statue von Puget, dort eine Gruppe des ältern Couſtou, oder atti⸗ ſche Vaſen, deren ſchlanke Formen die Meiſterhand eines Michel Boudin aus Marmor arbeitete..... Dieß Alles iſt alt! Leider, aber was beſagt dieſer Vorwurf anders, als daß es Euch mißfällt, von geſtern zu ſein!. Wir kennen ja Eure zärtliche Vorliebe für das Alte! Woher ſonſt die hohen Spitzfenſter an manchen Eurer als gothiſche Kathedrälchen herausſtaffirter neu⸗ modiſcher Häuſer? Woher ſonſt dieſe närriſche Vermäh⸗ lung des Alten und Modernen zur Zwittergeſtalt des Renaiſſanceſtils? Habt Ihr es doch nicht ungern, wenn man Euch dann und wann zu Herzögen macht, und ich wette, daß Eure Säle mit den maſſenhaften Seſſeln à la Pompadour meublirt ſind! Am Marais geht eine lange Reihe von Jahrhun⸗ derten vorüber. Es iſt aus dem Alter Marot's, aber auch aus dem Voltaire's. Ihr findet Watteau und Boucher neben dem alten Clouet; Coyſevor, Couſtou junior und Girardon neben Jean Goujon. So bleibt denn noch die Landſchaft. Ihr ſeid ſtolz auf Euren Montmarire, den geliebten Hügel, die frucht⸗ bare Mutter jenes Gypſes, der Euch die Stelle des Granites, Marmors und Porphyrs vertritt. Vom Mont⸗ martre ſeht Ihr mit Hülfe von Gläſern, Paris, dn Paris. Sehr ſchmeichelhaft! Aber erlaubt, daß ich Eu i eine jener engen Straße von jazrhunderialtem Tauf⸗ Pariſer Liebſch. I. 130 namen führe, die aus der Straße Saint⸗Antoine, zwi⸗ ſchen der Mailbahn Heinrichs des Vierten und der Marienbrücke an die Seine geleiten. Wir ſtehen auf dem Quai Saint⸗Paul. Welch eine Ausſicht eröffnet ſich uns, weit, wechſelreich, zauberiſch! Zu unſerer Lin⸗ ken ſpiegelt ſich im Strome das Arſenal, das königliche Werk, wo Sully mit dem Gelde Frankreichs Haus hielt; eine Sache, die gänzlich aus der Mode gekommen iſt. Die Nebengebäude lehnen ſich an das alte Cöleſtiner⸗ kloſter, zum ſprechenden Bilde von dem Leben jener Zeit, wo der Soldat Arm in Arm mit dem Prieſter ging. Uns gegenüber, jenſeits der Inſel Louviers, erheben ſich terraſſenförmig die dunkelgrünen Maſſen des botaniſchen Gartens, auf zwei Seiten von den chriſtlichen Mauern zweier Hoſpitäler eingefaßt. Ein glücklicher Zufall will, daß die dichtgedrängten Häuſer der Inſel Saint⸗Louis uns die Baracken der Halle aux Vins verbergen und unſere Blicke auf die zierliche Kuppel des Val⸗de⸗Grace lenken, deſſen Kreuz in weite Ferne glänzt und den kreuzloſen Dom des Pantheon beſchämt. Gen Abend thürmt ſich ein rieſiges Bauwerk auf, gleichſam der Schnabel des großen Schiffes der Cité.„Siſt Notre⸗ Dame mit ihrem Wald von Strebepfeilern, über wel⸗ chen die Doppelthürme, der Stolz des alten Paris, ſich in die Lüfte emporſchwingen. Noch weiter erblickt das Auge das Profil des Hotel de Ville, die Spitzdächer des Palais de Juſtice und die unabſehbare Reihe der Quais bis hinunter zu den Tuilerien...... Ihr habt bequeme Trottoirs, elegante Glasgalerien und Gas im Ueberfluſſe. Gott ſegne Euch dieſen Ge⸗ nuß! Nur verſchont den Greis, der von den Tagen ſeiner alten Herrlichkeit träumt, mit Euern eckeln Witze⸗ leien. Er war ſo ſchön in ſeiner Jugend! Auch Ihr ſeid ſchön und elegant, aber in der Weiſe der Mode⸗ puppen und den Modejournalen, welche. dem Schneider⸗ 3 genie Ehre machen. So hört denn auf, das zu belächeln, was durch ſein Alter groß und erhaben daſteht. durftigen Ueberreſten, die der unbarmherzige Hammer 131 Unſere Geſchichte knüpft ſich an eines jener gewal⸗ tigen Hotels im Marais, die Zeitgenoſſen der Ligue ſind, wo nicht gar älter noch. Die Facade dieſes zweiſtöckigen Hotels mit ſteilem, hohem Dache ging auf die Straße Culture⸗Sainte⸗Catharine, von der ſie durch einen ge⸗ ſchloſſenen Hof getrennt war. Der rechte Flügel bildete einen Theil der Straße des Francs⸗Bourgeois; der linke, welcher ehedem zu Remiſen und Stallungen diente, lehnte ſich an die Häuſer, die auf dem Bauplatze des alten Kloſters der Blauen Brüder ſtehen. Der hinter dem Hauptgebäude befindliche Garten ging bis an die Rück⸗ ſeite der Straße Payenne. Es war ein Palaſt von finſterm, ſtolzem Ausſehen. Eine achtſtuffige Treppe führte an das hohe Portal, wodurch man in eine geräumige, mit weißen und vio⸗ letten Marmorplatten ſchachbrettartig gepflaſterte Vor⸗ halle eintrat. Dieſe, nebſt der mit Statuen und künſt⸗ lich verſchlungenen Eiſengeländern reich geſchmückten Treppe, wurde von oben durch einen Glaskaſten erhellt. Auf jeder Stufe prangte eine ſchlankgeformte Vaſe, deren Blumen einſt den Weg in die prächtigen Feſtſäle mit ihrem Dufte erfüllten. Jetzt ſah man weder Blumen in den Vaſen mehr, noch Gäſte, die tanzluſtig die platten Stiegen hinaufeilten. Zu beiden Seiten der geräumigen Abſätze erblickte man hohe, reich verzierte Thüren mit Doppelflügeln, aber die goldgetrefften Lakaien von ehemals fehlten, ſowohl hier, wie vor dem Portal des Veſtibüls. Alles war ſchweigſam, verlaſſen, todt. Das Gras wuchs auf dem Hofe; die Fenſterläden öffneten ſich nie. Und draußen, wie inwendig: nirgends ein Zeichen von⸗ Leben. Ueber dem ewig verſchloſſen gehaltenen Thore ſah man ein großes halb zertrümmertes Wappen in Stein. Kaum, daß der erfahrene Heraldiker aus den von 1793 verſchonte, das Wappen einer erlauchten Fa⸗ milie erkennt, deren Schild jetzt an einer der Säulen 132 im Sale der Kreuzzüge hängt, während der Laie dieſe Embleme unbeachtet läßt und höchſtens anhält, um die ritterliche Deviſe in gothiſchen Buchſtaben zu ent⸗ ziffern, die lautet: Gott ſchütz’ Haus Maillepré! Es war das Hotel Maillepré, das ältere und vor⸗ nehmſte Hotel dieſes Namens; denn unter Ludwig dem Fünfzehnten hatte Raoul, Herzog von Maillepré, im Faubourg Saint⸗Honoré eine neue Wohnung aufführen laſſen. Eigenthümer dieſes Hotels, wie aller Güter und Beſitzungen des ältern Zweiges dieſer Familie, war der Herzog von Compans⸗Maillepré, Pair von Frankreich und Grand von Spanien erſter Claſſe. Bei weitem der größte Theil des ungeheuern Ge⸗ bäudes ſtand leer. Ein einziger Miethsmann, ein Fremder, vermuthlich Engländer von Geburt, bewohnte mit zwei Dienern und einem alten Herrn, den man für ſeinen Vater hielt, das Hauptgebäude. Dieſe vier Perſonen führten ein äußerſt zurückgezo⸗ genes Leben. Den Greis ſah man nie; ſelten nur erging er ſich in den ſchattigen Partien des Gartens. Die beiden Diener, Leute von geſetztem Alter und gutem Ausſehen, kamen mit dem Schloßwart bloß, wenn es ſein mußte, in Berührung. Sie waren die Kälte und Schweigſamkeit ſelbſt. Herr Williams endlich, ſo hieß der Fremde, ging zwar dann und wann aus, empfing aber Niemand bei ſich. Von Zeit zu Zeit wollten die Nachbarn hinter den ſtets verſchloſſenen Läden der hohen Fenſter ein bald klägliches, bald wüthendes Geheul hören; doch ehe ſie genau darauf achten konnten, war es ſchon wieder ſtill geworden. Zugleich raunte man ſich ins Ohr, Herr Williams habe mit dem Geſchäftsführer des Herzogs von Compans⸗Maillepré die Verabredung getroffen, daß der Mietheontract null und nichtig werde, ſobald ein 3 Anderer mit ihm das Hauptgebäude theile, obgleich er nur unendlich Wenig davon bewohnte. Hffenbar ſteckte ein Geheimniß dahinter, deſſen — 13³ Beſchaffenheit die guten, aber etwas neugierigen Leute aus der Nachbarſchaft vergebens zu errathen ſuchten, weil ſelbſt die in einem Winkel des Hofes befindliche Loge des Schloßwarts ſich nie öffnete und das Aeußere dieſes Mannes nicht eben zu traulichem Geplauder ein⸗ lud. Er war ein Fünfziger, von herkuliſchem Wuchſe, deſſen lange graue Haare über ein bretaniſches Bauern⸗ wamms hinabſielen. Aus dem feſten, aber düſtern Blicke und den ſcharf gezeichneten Geſichtszügen hätte ein Phyſiog⸗ nomiker auf Herzensgüte geſchloſſen, während die Klein⸗ ſtädter der Umgegend die eben angegebenen Merkmale anders deuteten, und durch die dicken ſchwarzen Augen⸗ brauen und das wilde, ſtruppige Haar von ihm abge⸗ ſchreckt wurden. Den ganzen langen Tag und ſelbſt einen Theil der Nacht ſaß er in der Loge allein und trieb ſein Draht⸗ zieherhandwerk. Jeden Morgen und Abend, den Gott werden ließ, entfernte ſich Jean⸗Marie Biot— ſo hieß unſer Schloß⸗ wart— auf eine Stunde. Inzwiſchen verſah sein ndehen⸗ ein Auvergnat, gegen Vergütung, den Dienſt ür ihn. 3 Man kann ſich leicht denken, daß dieſer Stellver⸗ treter die Zielſcheibe aller Neugierigen im ganzen Quar⸗ tier war. Aber abgeſehen von der ſprüchwörtlichen Verſchwiegenheit der ehrlichen Auvergnaten, gegen die wir einige beſcheidene Zweifel hegen, mochte der Sohn der Berge ſeine beſondere Gründe haben, die ihm Still⸗ ſchweigen geboten. 8 Alles, was er ſagen konnte oder wollte, war, daß Jean⸗Marie Biot jeden Morgen pünktlich um dieſelbe Stunde ſeine Loge verlaſſe und ſich unausgeſetzt an den⸗ 8 ſelben Ort begebe, nämlich in den rechten Flügel des ¾ Hotels, der an Dritte vermiethet werden durfte, weil er in dem zwiſchen Herrn Williams und dem Geſchäfts⸗ führer des Herzogs geſchloſſenen Mietheontract nicht mit begriffen war.. 13⁴ Es mochte ungefähr ein Jahr her ſein, daß mit hereinbrechender Nacht vor dem Wagenthore des Hotels ein altmödiſcher Fiacre anhielt. In dieſem Fiaere ſaßen eine hochbejahrte Dame, die von Biot in den rechten Schloßflügel getragen wurde, ein junges, zweiund⸗ zwanzigjähriges, ſchönes, aber blaſſes Fräulein, ein Jüngling von wunderbar edler Geſichtsbildung, doch tief bekümmertem, leidendem Ausſehen, und ein ſechszehn⸗ jähriges Mädchen von engelgleicher Schönheit, deſſen anmuthiges Laͤcheln gegen die ſchmerzensreichen Züge der beiden andern jungen Leute ſeltſam abſtach und das unheimliche Dunkel, das über dieſe ſchweigſame Ankunft ausgebreitet lag, feenhaft zu erhellen ſchien. Seit jener Nacht hatte weder die Greiſin, noch die ältere der beiden jungen Damen ſich blicken laſſen. Keiner wußte, ob ſie das Hotel nächtlich wieder verlaſſen hatten oder ob ſie noch dort waren. Die jüngſte der beiden Schweſtern und der ſchöne Jüngling gingen jeden Morgen in aller Frühe aus und kehrten Abends ſpät zurück. Beide waren ſehr ärmlich gekleidet; letzterer trug den blauen Kittel der Handwerker oder Tagelöhner, erſtere zeigte ſich in der dürftigen Tracht der Mädchen aus der unterſten Volksklaſſe, die mit ihrem Körper kein Gewerbe treiben. Biot allein kannte den Namen dieſer Familie. Zu ihr begab er ſich, ſo oft er ſeine Loge verließ. Die Beſchaffenheit ſeines Verkehrs mit dieſen armen Leuten, ſo wie das Leben des reichen Engländers, war in einen tiefen Schleier gehüllt, den die Neugierde des Publikums vergebens zu lüften ſuchte...... Das ungeheure Gebäude ſchien wir ausgeſtorben. Kein Blick, kein Hauch drang belebend und erwärmend in dieß unheimliche Schweigen und die froſtige Kälte der gewaltigen Mauern. Eiſig überlief es Jeden, der an dieſer Wohnung des Todes vorbeiging. 8 Was mochte dieß bedeuten? 2„ Die Ahnfrau. Es war an einem Novembertage des Jahres 1833 gegen fünf Uhr Abends, daß der ſchwere Hammer an dem gewaltigen Thore des Hotels Maillepré donnernd auf ſeine metallenen Grundlage niederſiel. Gleich dar⸗ auf knarrten die roſtigen Angeln der rieſigen Pforte und herein trat der Jüngling aus dem rechten Schloßflügel, von ſeiner Schweſter gefolgt, Beide zur gewohnten Stunde heimkehrend. Als ſie die Schwelle hinter ſich hatten, gaben ſich Beide die Hand und gingen auf die Loge des Wardeins zu, woran der junge Mann leiſe anklopfte. Sie waren, wie dem Leſer bereits bekannt, mehr als beſcheiden, faſt dürftig gekleidet: der Bruder trug einen groben blauen dittel mit lederner Gurt um die Hüften und eine Tuch⸗ kappe; die Schweſter ein leichtes Indiennekleid, darüber einen kurzen wollenen Shawl und eine Muſſelinhaube. Wer ſie in dieſem Aufßzuge ſah, mußte ſie für einen Ar⸗ beiter und eine Griſette halten. 3 Durch die Glasſcheiben der Loge gewahrte man Jean⸗Marie Biot, der, auf einer niedern Fußbank ſitzend, mit den groben Eiſendrähten ſo leicht umging, als wä⸗ ren es Seidenfäden und daraus ſeine Gitter flocht. Auf dieß Zeichen des neuen Ankömmlings legte Jean⸗Marie ſeine Arbeit bei Seite und nahm ehrerbie⸗ tigſt ſeine wollne Mütze ab: „Nur zu, Herr Marquis!“ rief er. Aber ohne auf dieſe Antwort zu warten, hatten Bruder und Schweſter Hand in Hand die geräumige Vorhalle durchſchritten und befanden ſich ſchon auf der marmornen Stiege, die in den rechten Schloßflügel hin⸗ aufführte. Biot verließ ſeine Loge, einen Korb unterm Arm 136 und ſteckte den Kopf durch das halbgeöffnete Wagenthor. Auf einen Pfiff von ihm, raffte ſich ein Mann in ſchwarz ſammtenem Wammes von der Schwelle der benachbarten Weinkneipe auf und eilte herbei. Gleich darauf erknarrten die Angeln nochmals und ſchloß ſich die Pforte dröhnend. Während der Ecken⸗ ſteher ſchweigend von der Loge Beſitz nahm, ſtieg Biot die Treppe des rechten Flügels hinan. In dem einzigen Stock dieſes Flügels, gleich links von der Treppe, befand ſich eine kleine Wohnung, aus drei Zimmern beſtehend, deren erſte kein anderes Mobiliar aufzuweiſen hatte als einen Strohſtuhl und ein hölzernes Bettgeſtell. Das zweite war faſt ebenſo ärmlich, aber ungemein ſauber und nett; es enthielt ein kleines Bett mit ſchneeweißen Vorhängen, einen blank gebohnten höl⸗ zernen Arbeitstiſch, einige Stühle, einen Spiegel und ein Cruzifir. In erſterem wohnte der Bruder, in letzte⸗ rem die Schweſter. Dicht vor der Schwelle, welche die beiden Gemächer trennte, ſchieden ſie von einander; der Jüngling küßte die Stirn der Schweſter, dann warfen ſich beide freund⸗ lich lächelnd ein Kußhändchen zu. Kaum hatte die Thüre ſich zwiſchen ihnen geſchloſſen, ſo blieben ſie wie feſtgebannt auf ihrem Platz ſtehen, in tiefes Nachdenken verſunken. Urplötzlich war der Ausdruck ihrer Züge ein anderer geworden; der Bruder ließ entmuthigt das Haupt hängen; das junge Mädchen vergaß ihr Lächeln und eine Thräne zitterte an den langen Wimpern ihrer blauen Augen. „Armer Gaſton!....“ flüſterte ſie. „Arme Sancta!....“ ſeufzte der Jüngling, der keine Thränen finden konnte, die Fieberglut ſeiner hoh⸗ len Augen zu löſchen. Gleich darauf ließen ſchwere Tritte auf der Stiege ſich hören. Gaſton öffnete die Thüre und Biot trat herein. Er ſetzte den Korb auf einen Stuhl und ſah den jungen Herrn, der todtenbleich daſtand und mit halb⸗ —— 137 geöffnetem Munde mühſam Athem holte, unruhig aber freundlich an. f „Recht guten Abend, gnädiger Herr!“ ſagte der Bauer, ſeinen ſtummen Schmerz unter einem Lächeln zu verbergen ſuchend....„Es ſcheint, es geht beſſer?“ „Dauk Dir, mein braver Freund,“ antwortete der Jüngling....„Ich athme leichter.“ „Gott ſei dank, Herr Marquis!'S wird mit der Zeit immer beſſer werden!“ Gaſton ſchüttelte langſam mit dem Haupte, ohne ein Wort zu erwiedern, wäͤhrend Biot einen tiefen Seuf⸗ zer unterdrückte. „S iſt keine Hoffnung, Herr Marquis,“ hub letzte⸗ rer nach einer Pauſe an, eine weiß⸗grüne Livree, deren Aufſchläge mit Anemonen und ſilberfarbigen Hämmer⸗ chen(eine Anſpielung auf den Namen Maillepré, Hammerwieſe; aͤhnlich das Wappenſchild) geſtickt waren, aus einem Wandſchranke hervorholend. „Nein,'s iſt keine Hoffnung!“ fuhr der Bauer⸗ Schloßwardein fort, gemächlich die Livree anziehend.... „Ich bin heute Abend eine ganze Stunde ausgeweſen, um in der Straße Vernenil in unſerem alten Logis zu fragen, ob....“ Plötzlich brach er ab, denn er hatte Mühe, die Hand durch die untere Aermelöffnung zu bringen, wäͤh⸗ rend Gaſton der gleichfalls ſeinen Anzug wechſelte und den ärmlichen Kittel mit einer neuen Kleidung von ſchönem ſchwarzem Tuche vertauſchte, anhielt, um beſſer höxen zu können, und den treuen Diener fragend anſah. Die Blicke des Bretonen fielen von dem edlen Ge⸗ ſichte des Jünglings auf den ärmlichen Kittel, der jetzt. „Was wollteſt Du ſagen?“ entgegnete Gaſton un⸗ ruhig, der letzten Aeußerung des Bauren ausweichend. 138 „Verzeihung, gnädiger Herr, ich vergaß mich.... Leider weiß ich Ihnen nicht viel Tröſtliches zu melden ... Ich war heut Abend in der Straße Verneuil, mich zu erkundigen... Aber ich glaube gar, der Teufel i in Spiel. Richtig iſt derſelbe Unbekämrte, der von Wohnung zu Wohnung ihnen nachläuft, wieder da ge⸗ „Wann denn?“ „Vor ungefähr drei Wochen.. Auch dießmal ge⸗ rieth er außer ſich, als er Sie nicht fand.... Er fragte nach Ihrer Adreſſe, aber die guten Leute in der Straße Verneuil wußten ſie nicht.“ „Ich gab mein Wort darauf, ſie dürfen ſie nicht wiſſen!“ erwiederte Gaſton. „ Siſt wahr... Doch bedenken Sie, gnädiger Herr, der Fremde kommt jetzt ſchon dreimal vergebens... Wer weiß, wer weiß!.... Ganze acht Jahre warten Ihre Gnaden auf eine Perſon... „Die nie mehr kommt!“ fiel der Jüngling in ruhig kaltem Tone der Hoffnungsloſigkeit ein....„Wer acht Jahre auf ſich warten läßt, iſt entweder todt, oder will nicht kommen.“ „Aber wenn er's wäre, gnädiger Herr! Es ſind jetzt an die drei Jahre, daß in der Straße Valois ſich einer nach dem ſeligen Herrn Marquis, den Gott ſegnet, er⸗ kundigte... Sollte man doch glauben, es gebe wen, der Sie unermüdlich aufſuche.“ „Du haſt Recht, es gibt Einen, der uns unermüd⸗ lich aufſucht,“ wiederholte der Jüngling mit wuthfun⸗ kelnden Augen,„und beim lebendigen Gott! er ſoll mich finden, ehe ich ſterbe! Aber das iſt keine befreundete Seele, guter Biot, kein Retter!.... Sonſt hat Nie⸗ mand nach uns gefragt?“ hub er nach einer Pauſe mit leicht zitternder Stimme an. „Niemand!“ flüſterte Biot, die Augen niederſchla⸗ gend.„Ach, ſie war ſo lieb, ſo gut früher.... Wie ſollte ſie ihre Lieben vergeſſen können?“ 139 „Gott ſei mit ihr!“ ſeufzte Gaſton und ſenkte das Haupt auf die Bruſt......... Inzwiſchen waren Beide, Herr und Knecht mit dem Anziehen fertig geworden. Biot ſteckte in der weißgrü⸗ nen Livree des Hauſes Maillepré, Gaſton hatte ſich von Kopf bis Fuß umgewandelt. Er trug jetzt ſchwarze Beinkleider und einen ditto Frack von modiſch⸗elegantem Schnitte, nebſt weißer Cravatte und ſeidenen Strümpfen Man konnte ſich kaum eine edlere, würdevollere Haltung denken, als die ſeine und dieſem neuen An⸗ zuge. Mit dem Arbeiterkittel hatte er die ganze Arm⸗. ſeligkeit wie früher abgeſtreift. Nur das Antlitz be⸗ wahrte nach wie vor ſein leidendes Ausſehen, die bleichen abgemagerten Wangen erſchienen durch das Schwarz ſeiner Kleider noch kränker und bläſſer, in den großen ſchwarmeriſchen, der muntern Jugendluſt erſtorbenen Au⸗ gen zehrte das langſame Feuer eines chroniſchen Fiebers. Dennoch war Gaſton ſchön. Die wunderbare Miſchung von Stolz und Sanftmuth gab ſeinen regelmäßigen, ügen einen unendlichen Reiz. Auf der hohen regelmäßigen gewölbten Stirn mit ihren beweglichen, faſt durchſichti⸗ gen Schläfen lag viel Verſtand und ebenſo viel Herzensgüte, aber auch ein finſteres Gewölk, das langes Leiden und geheimer Kummer aufgehäuft hatte, obwohl Nichts von Runzeln zu ſehen war. Eine ſchmer⸗ zenreiche Vergangenheit ſtand darauf geſchrieben, kein Wort von Gluck, Jugendübermuth und Hoffnung! Bebrigens verrieth Gaſton ſeine Schwäche bloß durch das leidende Ausſehen ſeiner Zuͤge und durch die leicht eingedrückte Bruſt. Sonſt war er ebenſo kräftig als ſchlank gewachſen; das ſchöne Ebenmaß ſeiner vollen, jugendlich gelenkigen Glieder wurde durch Nichts geſtört. 4 Sobald er mit ſeiner Toilette fertig war, klopfte er leiſe an die Thüre ſeiner Schweſter. Gleich darauf trat Sancta ins Zimmer, ſtralend in Anmuth und Schönheit. 3 140 Auch ſie war von Kopf bis zu Fuß umgewandelt. Keine Haube verhüllte neidiſch den reichen Schmuck ihrer glänzend blonden Locken, noch befleckte ein grobes Tuch die Schneeweiße ihres jungfräulichen Buſens, deſſen liebliche Formen durch den Spitzenſchleier neckiſch durch⸗ ſchienen. Statt der ärmlichen Indienne ſchmiegte ſich die Seide um ihre reizenden Glieder. Die geſchmack⸗ volle Einfachheit ihrer Kleidung, erhöhte den Zauber ihrer Anmuth und Jugendfriſche. Und dieß holde Lächeln, wie ſchön ſtand es zu ihrem neuen Schmucke! Welch eine wunderbare Miſchung kind⸗ lich⸗naiver Reize und adliger Würde! Ja, der weiche Sammet dieſer blendend weißen Haut war nimmer für das grobe Leinen geſchaffen. Die Maske der Griſette paßte ihr nicht, und trotz der milden Heiterkeit, die ihre lieblichen Züge auch un⸗ ter der plebejiſchen Haube verklarte, bemitleidete Jeder, der ihr begegnete, die zarten Glieder unter dem ſteifen Leinen, und die zierlichen, einer Fürſtin würdiger Händ⸗ chen, deren gerothete Fingerſpitzen aus den Arbeitshand⸗ ſchuhen hervorſahen. Aber auch als Griſette war ſie ſchön; bleibt doch die Roſe ſchön, mag ſie gleich aus dem Staube aufge⸗ leſen werden, um ein ärmliches Knopfloch zu ſchmücken! Nur daß ſie die Zierde ihrer Blätter und den ſchönen Buſen, der ihrem Eintagskönigthum als Thron dient, ſchmerzlich vermißt!... Sancta war ein unſchuldiges, reines Kind; nie hatte ein böſer Gedanke den klaren Spiegel ihrer Seele mit ſeinem giftigen Hauche getrübt. Den⸗ noch freute ſie ſich ihrer Schönheit, aber wie die Engel im Himmel, die ihrem Schöpfer für dieſelbe Gabe dan⸗ ken. Wohlgefällig lächelte ſie ſich an. Dieß Lächeln war ein Sonnenſchein für die gram⸗ umwölkte Stirn des Bruders. Sancta vergaß ſich ſelbſt über Gaſton und Gaſton hatte ſür Nichts Augen als für die Schweſter, ein Hoffnungsſtral erleuchtete ſeine — —— 141 kummervollen Züge. Nach einer zaͤrtlichen Umarmung gaben ſich Beide die Hand.— Auf einen Wink Gaſtons öffnete Biot, der von der Schwelle aus dieſer rührenden Scene geſchwiſterlicher Liebe mit naſſen Augen zugeſehen hatte, die Flügelthüre, die am entgegengeſetzten Ende der Kammer in das große Nebenzimmer führte. „Herr Marquis von Maillepré! Fräulein von Naye!“ rief er laut, in der Thüre ſtehen bleibend. Letzteren Namen führten die jüngſten Töchter des Hauſes Maillepré. Verglichen mit der Armuth der beiden andern Kam⸗ mern, herrſchte in dieſem Gemache eine wahrhaft kaiſer⸗ liche Pracht. Dunkelblaue Vorhänge von ſchwerem Seidendamaſt hüllten Alles in einen bläulichen Schleier, die im Geſchmack des Zeitalters des vierzehnten Ludwig gearbeiteten Mobilien waren mit reichen Stickereien bedeckt, im Alkoven ſtand auf hohen Füßen ein pracht⸗ volles Himmelbett und daneben eine mit Sammet über⸗ zogene Bettleiter; die Wandbehänge ſtellten die Haupt⸗ perſonen aus den Romanen des Herrn von Florian dar⸗ ſo daß mitten unter Hirten, Schäfern, Flötenbläſern, Sackpfeifern, Lämmern und Schafen, Eſtella, Galathea, Remorin, Numa, Herſilia und Egeria herumtanzten und ſprangen. 3 Auf dem gewaltigen Kamin, wo ein ebenſo gewal⸗ tiges Feuer loderte, brannten zwei prachtvolle vierarmige Kandelaber; am andern Ende des Zimmers dem Kamine gegenüber ſtand ein großer Ofen, der aus weitem Rachen eine wahre Höllengluth ins Gemach ſpie. Kein Wunder, daß es vor Hitze kaum auszuhalten war und den Eintretenden Hören und Sehen verging. Dicht neben dem Kamine ſaß in einem rieſigen Lehnſtuhle, mit Ohrpolſtern ſteif, kerzengerade, eiſig⸗kalt die Frau Herzogin Wittwe von Maillepré, um ſieben Jahre gealtert und faſt ganz zu Haut und Knochen ver⸗ ſchrumpft; ihr zur Seite auf einem andern Seſſel 142 Bertha von Maillepré, ſchneeweiß gekleidet. Ihre pech⸗ ſchwarzen Haare fielen in langen, vollen Locken über den alabaſternen Buſen, der an Weiße mit dem edlen, feinen, aber kalten, todten Antlitze wetteiferte, ihr Wuchs war hoch und über die Maßen ſchlank, doch ſteif; die Formen der Bruſt verſchwanden unter den reichen Falten ihres Mieders. Der Anblick dieſes weißen Schattens, der keinem lebenden Weſen mehr anzugehören ſchien, ging Einem durch Mark und Bein; der todtenähnliche ſtarre Glanz ihrer kryſtallreinen Angen machte das Herz gefrieren. Gewiß war ſie ſchön, aber ſchön wie eine Marmor⸗ braut, wie eine jener Genien, die über den Gräbern erſtorbener Lieben weinen. 5 Sancta und Gaſton gingen auf die alte Dame zu und küßten ehrerbietig die welke, runzelige Hand derſel⸗ ben. Schweigend bot Bertha ihre Stirn Gaſton zum Kuß hin, während ſie die Stirn der Schweſter küßte. 4 Dieß Alles geſchah, ohne daß ein Wort verlautete. Keines von den Vieren rührte und regte ſich. Nach wenigen Sekunden trat Biot in glänzender Livree ins Zimmer und ſchob einen Schirm vor's Kamin, hinter dieſem Schirme deckte er den Tiſch und ſtellte die Schüſſel darauf, die er im Korbe mitgebracht hatte. „Die Tafel iſt gedeckt, Frau Herzogin!“ rief er ſich tief verneigend. Auf erhaltene Erlaubniß rollte Gaſton den Lehn⸗ ſtuhl der Großmutter an den Eßtiſch, Bertha ſprach das Tiſchgebet und das Diner nahm ſeinen Anfang. Ernſt und ſchweigend führte die Wittfrau das Brod und die Biſſen, welche Bertha ihr mundgerecht zuge⸗ ſchnitten hatte, Stück für Stück langſam feierlich an die welken Lippen. Jedes Winkes gewärtig, ſtand Biot hinter dem Seſſel der alten Dame, Sancta und Gaſton aßen Beide, trotz der erſtickenden Hitze des Zimmers, mit dem Appetite ihres Alters. Kein Wort, keine Sylbe ertönte durch die Stille. —— 143 Wie man ſieht, täuſchten ſich die guten Leute aus der Straße Culture⸗Saint⸗Catherine nicht, wenn ſie hinter den altergrauen Mauern und engverſchloſſenen Fenſtern des Palaſtes irgend ein Geheimniß vermutheten. Wie hätten ſie geſtaunt, wenn ſie durch die feuchten Wände dieſen Lurus, der ſo nahe an Elend gränzte, dieſe glänzende Armuth geſehen hätten, oder die beiden Geſchwiſter unlängſt in grobes Leinen und jetzt in reiche Stoffe gekleidet und von einem Livree⸗Domiſtiquen be⸗ dient, oder das bis zu einem vollkommenen Schattenbilde. herab geſunkene junge Mädchen, endlich das ſeltſame, unheimliche Mahl, das im tiefſtem Schweigen genoſſen wurde und wobei ein Weſen den Vorſitz führte, das mehr dem Reiche der Todten als dem der Lebendigen angehörte. Sie hatten Recht, dahinter ſteckte eiwas Geheimniß⸗ reiches, Räthſelhaftes, wozu der Sinn des Geſichtes allein den Schlüſſel nicht gab. Die Löſung dieſes Räth⸗ ſels entging dem Auge. Wollt Ihr die Auflöſung wiſſen? Es war eine Art heroiſcher Lügen, eine Art ehrenwerther Liſt, vermöge welches die letzten Maillepré Blumen ſtreuten auf den jähen Weg, der ihre Großmutter in die Gruft führte. Im Laufe des Tages handhabte Gaſton, gleich dem gemeinſten Manne des Volkes, den Stichel im Atelier eines Graveurs und arbeitete Sancta bei einer Mode⸗ händlerin, um mit dem Erlöſe ihrer Handarbeiten den trügeriſchen Lurus zu beſtreiten, welcher die Wittfrau umgab. Da ſie nie zum Zimmer heraus kam, wußte ſie natürlich nicht, daß jenſeits der ſeidebehängten Wände nichts als Blöße, Armuth und Elend herrſche; ſie konnte ſich der trügeriſchen Hoffnung hingeben, daß noch Alles beim Alten ſei, daß Maillepré ſeinem Nange gemäß lebe, daß die Vorzimmer von goldbetreßten Lakaien wimmelten und die Roſſe in den Ställen ſchnaubten. Eine ſolche wahrhaft rührende, heilige Liebe für 144 ihre Ahnen findet ſich häufig unter den alten Adelsge⸗ ſchlechter. In jener Faſchingsnacht, wo wir am Sterbe⸗ lager des Marquis von Malllepré ſtanden, befahl er ſeine Mutter der Furſorge der Familie. Was er auch gethan hätte, was er zum Theil wirklich gethan, die Hinterbliebenen ehrten den letzten Willen des ſterbenden Vaters mit kindlicher Pietät. Die Prieſterin und zugleich das Opfer dieſes häus⸗ lichen Cultus war Bertha. Sancta und Gaſton fanden in ihrer Arbeit einige Erholung und Zerſtreuung; durften ſie doch friſche Luft ſchöpfen und in das Gewühl des allgemeinen Lebens ſich ſtürzen, um dort ihre Leiden wenigſtens zeitweiſe zu vergeſſen! Aber Bertha ging nie aus, ſah keine Seele und athmete keine andere Luft, als die Stickluft dieſes ewig verſchloſſen gehaltenen Sales. Ein Tag verging ihr, wie der andere, in todtenähnlichem Schweigen. Ihre Jugend war an das Greiſenalter genietet, und die an⸗ ſteckende Kraft des Alters iſt bekannt. Mangel an Be⸗ wegung reibt die Kräfte auf, die Stille ertödtet den Geiſt. Kein Wunder, daß Bertha in Folge dieſes Mangels an körperlicher und geiſtiger Bewegung und in Folge der ewigen Gemüths⸗ und Seelenleiden alle Elaſtizität der Jugend verloren hatte und wie ihre Groß⸗ mutter zu einer Greiſin geworden war. Ihre Seele war in ihrem zarten Körper wie erſtarrt. Keine Spur von dem, was ſonſt in das Leben einer zweiundzwanzig⸗ jährigen Jungfrau Glanz wirft. Man glaubte zwiſchen ihrem Blick und zwiſchen den Ueberreſten ihrer Schön⸗ heit ein durchſichtiges Leichentuch zu bemerken. Es ließ ſich durchaus nicht beſtimmen, ob ſie das Opfer ihres Lebens bereue oder nicht. Ihr Auge ſprach nicht mehr; ihre Züge waren ganz todt. Sie mußte viel gelitten haben, das war gewiß. Aber litt ſie noch? Oder hatte ſich ihre Ergebung bis zur Gefühlloſſigkeit geſteigert, dem Ende jedes Märtyr⸗ thums? — 145⁵ Eines Tages überraſchte Biot, der zufällig ins Gemach getreten, Bertha, wie ſie, während des Schlafes der Großmutter, auf den Knien lag und unter heißen Thränen Etwas ans Herz drückte und dann leidenſchaft⸗ lich küßte, das ihm wie eine blonde Haarlocke ausſah. Biot hatte ſich ſchnell wieder entfernt und nie war ein Wort von dieſer Scene über ſeine Lippen gekommen. Dieß war nicht das Einzige, was Biot wußte. Bertha arbeitete des Nachts. Kaum hatte die Großmutter die ſchweren Vorhänge ihres Bettes zugezo⸗ gen, ſo geſchah es oft, daß Bertha ſtatt ſich zur Ruhe niederzulegen, aus dem Wandſchranke eine Stickerei her⸗ vorholte und die ganze Nacht durch bis an den fruͤhen Morgen arbeitete. Der Erlös aus dieſen nächtlichen Stickereien, die Biot zu Gelde machen mußte, floß nicht wie der Verdienſt Sanctas und Gaſtons in die Haus⸗ haltungskaſſe, ſondern wurde Bertha zugeſtellt. Doch Niemand wußte, zu welchem Zwecke. Es war dieß um ſo auffallender, als Bertha nie ausging und ſchon ſeit länger denn Jahresfriſt nicht das Hotel verlaſſen hatte. Biot beſaß ganz die ängſtlich gewiſſenhafte Ver⸗ ſchwiegenheit ſolcher Diener, die im Dienſte einer und derſelben Familie ergraut ſind und die nicht einmal zu grübeln und zu muthmaßen wagen. Dennoch war ihm das Bild der weinenden Bertha in ſeinen einſamen Arbeitsſtunden nicht aus dem Sinn gekommen. Unwill⸗ So ungefäaͤhr, wenn auch nicht in denſelben Wor⸗ Pariſer Liebſch. 1. 10 146 ten, befragte ſich der ehrliche Bretone über die Gründe. von Bertha's geheimen Schmerzen. Ex wäre in Ver⸗ legenheit geweſen, wenn er ſie Andern hätte ausdrücken ſollen, denn ſein ſchlichter, etwas beſchränkter Geiſt ver⸗ ſtieg ſich nicht leicht uͤber die enge Sphäre ſeiner hand- werksmäßigen Beſchäftigung. Aber ſeine Liebe für b Alles, was den Namen Malllepré führte, machte ihn hellſehend, weil das Herz dem Verſtande dann zu Hülfe kam. Biot dachte oft an Bertha, faſt eben ſo oft als an Sancta, den holden Engel, deren Lächeln die finſtere Nacht des altergrauen Palaſtes wie eine freundliche Sonne erleuchtete; faſt eben ſo oft als an Gaſton, den edlen Jüngling, den das Schickſal mit einem unſeligen Zeichen gezeichnet hatte, die letzte Hoffnung einer erlauch⸗ ten Familie, in dem der berühmte Name der Maillepré langſam abſtarb, um in der Gruft ſeiner Väter auf immer begraben zu werden. In einer Nacht, es war im Sommer und die Luft dunkel, hatte der Schlaf den ehrlichen alten Bretonen bei ſeiner mühſamen Arbeit überraſcht: Er träumte auch dießmal, wie ſo oft, von dem harten Schickſalsfluche, der auf der Familie ſeines Herrn laſtete. Da ſah er, wie eine weiße Geſtalt die Thüre öffnete und auf den Zehenſpitzen durch ſeine Loge ſchlich. „Wie,“ ſagte er ſich im Schlafe,„hat Fräulein Bertha das Zimmer ihrer Großmutter verlaſſen?..... Denn er glaubte, Bertha in dieſer weißen Geſtalt zu erkennen. „Wie doch die Träume oft närriſch ſind und uns täuſchen können!....“ ſagte er ſich weiter, gleichfalls d im Schlafe, denn auch das kommt mitunter vor, daß —,— — 147 1 cu Teen Bertha iſt bei meinen Schlüſſeln!“ achte er. In demſelben Augenblicke machte er in Folge der Lebendigkeit des Traumes eine raſche Bewegung. Darüber erwachte er; aber gleichzeitig hörte er einen dumpfen Schrei und unmittelbar darauf ſiel der gewichtige Bund Schlüſſel klappernd auf die Erde nieder und wurde die Thure ſeiner Loge ziemlich heftig zugeworfen. Wie der Blitz fuhr er auf und rieb ſich die Augen. Da ſah er deutlich dieſelbe weiße Geſtalt, die ihm im Traume erſchienen war, über das Pflaſter des Hofes hingleiten und dem rechten Flügel zueilen. Auf der Thorſchwelle deſſelben ſtand ſie ſtill, und Biot glaubte in der Morgendämmerung zu bemerken, wie ſie gebie⸗ teriſch den Finger auf den Mund lege, zum Zeichen des Schweigens. „Als Biot bald darauf ſeinen Bund Schlüſſel unter⸗ ſuchte, fehlte richtig ein Schlüſſel, der zur Gartenpforte, welche auf die Straße Payenne hinausführte.... Den folgenden Morgen, nachdem Biot in ſeiner Livree das Gemach der Herzogin⸗Wittwe betreten, um das Frühſtück anzurichten, fand er Bertha von Maillepré eben ſo bleich, ebenſo eiſig und ſchweigend, wie immer. Aber in einem Augenblick, wo Bertha ſich unbemerkt glaubte, gab ſie Biot heimlich einen Wink und deutete verſtohlen mit dem Finger auf den Mund, zum Zeichen — des Schweigens. 3. Die Geſchwiſter. Tag aus Tag ein herrſchte dieſelbe ſchweigſame Etikette bei den Diners der Frau Herzogin⸗Wittwe von Maillepré. Keiner durfte in ihrer Gegenwart reden, es 148 ſei denn, daß ſie dieſe oder jene Frage aufzuwerfen ge⸗ ruhte, was aber nur äußerſt ſelten der Fall war, weil ſie entweder in dieſer Atmoſphäre ehrerbietigen Schwei⸗ gens ſich geſiel oder das Sprechen ihrer alterſchweren Zunge zu viel Mühe machte. Nur gegen das Ende der Tafel, wenn Biot ihr in alterthümlicher Schale das Handwaſſer zum Waſchen 4 reichte, oder die arme Bertha, ihrer Vorſchneidedienſte ledig, einige Biſſen langſam und ohne Appetit in das Mündchen ſchob, nur dann geruhte die Frau Herzogin⸗ Wittwe von Maillepré an den Herrn Marquis ven Maillepré oder an Fräulein von Naye einige ſehr lako⸗ niſche Fragen zu richten. Dieſen Mittag hatte ſie mit beſonderem Behagen egeſſen. Sie tauchte ihre verknöcherten Hände in das rß ſiedend heiße Waſſer, das Jean⸗Marie Biot ihr hin⸗ reichte, und wandte ſich dann an ihre Enkel. „Marquis,“ fragte ſie mit einer Stimme, die nicht mehr dieſer Welt anzugehören ſchien,„wie haben Sie zogin ergänzend ein.„Das lobe ich mir.... Ich ſehe, die jungen Herrchen ſind noch ganz dieſelben, wie früher! .... Und Sie, de Naye, mein Schätzchen 2....“ lügen. „Madame,“ ſtotterte ſie,„ich habe meine Kleider ausgebeſſert....“ Erſtaunt ſah die Herzogin ſie an; ein mitleidiges 149 Lächeln lief über die tauſend Runzeln ihres welken Mundes. „Sie belieben zu ſcherzen, mein Töchterchen!....“ ſagte ſie mit brechender Stimme. Dann wurde ihr Geſicht wieder zu Stein. „Fräulein von Maillepré,“ wandte ſie ſich an Bertha, „ſprechen Sie gefälligſt das Dankgebet.“ Alle ſtanden auf, mit Ausnahme der Herzogin⸗ Wittwe, welche die Augen ſchloß und die Hände faltete. Bertha, die kaum Zeit gehabt hatte, einen Mundvoll zu genießen, ſagte das Gebet lateiniſch her, worauf die Anweſenden einfielen. Nachdem die Herzogin ſich bekreuzt und die Uebri⸗ gen zum Handkuß zugelaſſen hatte, wurde die Tafel auf⸗ gehoben. Gaſton und Sancta entfernten ſich eben ſo geräuſchlos, wie ſie gekommen waren, gemäß der ſtren⸗ gen Etikette. Kaum im Nebenzimmer angelangt, ſchöpften ſie in vollen Zügen die friſche Luft ein und warfen die kalte Maske ab, welche ſie ihrer Großmutter zu lieb alltäg⸗ lich um dieſe Stunde vor ihre jugendlichen Geſichter legen mußten. So war denn nochmals die fromme Komödie ge⸗ ſpielt worden! Die alte Dame ſtand im Begriff, ſich in Morpheus Arme zu werfen, um vielleicht den Schlaf zu finden, den die jungen Leute vergeblich ſuchten. Ja, das war der Lohn des Geſchwiſterpaares für die Sorgen und Mühen des Tages. Und der eine wie der andere; heute wie morgen. Dieſelben Beſchwerden; dieſelben Belohnungen. 2 Es waren jetzt ſieben Jahre verfloſſen, ſeit der Marquis von Maillepré das Zeitliche geſegnet. Seine Frau war ihm nach drei Jahren in die Ewigkeit gefolgt. Weitere drei Jahre hatte die zweite Schweſter Gaſtons, Charlotte, an dem Liebeswerke, das die Hinterbliebenen hinſichtlich der Großmutter ſich auferlegt, warmen 1⁵50 Antheil genommen. Dann aber vermochte das junge Mäadchen die Laſt nicht länger zu tragen. Charlotte war lebhaft, raſch, ungeſtüm, wankel⸗ müthig, eben ſo ſchnell im Lieben, wie ſchnell im Ver⸗ geſſen; dabei im höchſten Grade reizend und anmuthig von Perſon. Ihre Schönheit, ganz andern Charakters, wie der ihrer Geſchwiſter, bezauberte durch eine Art neckiſchen Eigenſinnes und allerhand launiſche oder beſſer geiſtreiche Einfälle. So lange die Familie in der Straße Verneuil im Faubourg Saint⸗Germain wohnte, gingen Charlotte und Sancta nicht aus, ſondern arbeiteten auf Beſtellung zu Hauſe. Sie hatten ſich aus dem auf die Straße hinaus⸗ liegenden Zimmer ein kleines Attelier geſchaffen, wo ſie ihren Arbeiten gemeinſchaftlich oblagen. Wie bemerkt, war Charlotte ein Mädchen von launigem, unbeſtändi⸗ gem, wankelmüthigen Charakter. Die meiſte Zeit trug ihre natürliche Heiterkeit den Sieg davon, dann lachte, ſang und ſcherzte ſie unaufhörlich. Wenn aber ihre Launen ſich einſtellten, und das kam oft gar plötzlich, ließ ſie, mit dem Schickſal hadernd und der Einförmig⸗ keit ihres Lebens überdrüſſig, trübſinnig das Köpfchen hängen. In ſolcher Stimmung half kein tröſtliches Zu⸗ reden von Seiten der armen Sancta, die um Alles in der Welt die Schweſter gern erheitert hätte. Sie konnte dann ſtundenlang nachdenklich und hartnäͤckig ſchweigend am Fenſter ſitzen, um die Equipagen zu ſehen. So oft eine glänzende Kaleſche mit zwei ſtolzen Roſſen, welche um die Wette ſich bäumten, in tanzendem Galopp vor⸗ über rollte, huſch ſteckte Charlotte das Köpfchen zum Fenſter hinaus. Sie verſchlang mit ihren Blicken das Innere des Wagens, und bei idete die glücklichen In⸗ ſaßen dieſes kleinen Salons von Seide, welche der ſchau⸗ kelnden Bewegungen der Equipage folgten und mitſammt den Blumen und Federn ihrer Hüte hin und her ge⸗ wiegt wurden. 3 Kaum aber verſchwand der Wagen und erſtarb das 5 — — Geraſſel der Räder in der Ferne, ſo traten Charlotten die Thränen in die Augen. Plötzlich wurde ſie über und über roth, vielleicht aus Neid, vielleicht weil ſie ſich ſchämte. Endlich nachdem ſie dieſe wechſelnden Stadien alle durchgemacht, fand ſie, entweder in Folge der Reak⸗ tion ihrer natürlichen Heiterkeit, oder in Folge ihrer ge⸗ kränkten Eigenliebe, ihr geiſtreiches Lächeln wieder. Nun war des Schwatzens und Gelächters kein Ende; ein Scherz nach dem andern drängte ſich über die feinen Lippen.’ Sancta ſtaunte, aber bemühte ſich vergebens, den wahren Grund dieſer Anfälle von Melancholie zu er⸗ rathen.... Auf der andern Seite der Straße wohnte ein Mode⸗ herrchen, das der politiſchen Welt angehörte, ein diplo⸗ matiſcher Löwe, d. h. ein diſponibler Geſandſchafts⸗ ſekretär. Dieſer Geſandtſchaftsſekretär hatte einen Wagen mit Wappenſchild und ziemlich hübſchen Pferden. Eines Abends— dergleichen Dinge paſſiren, man weiß nicht wie?— plauderten Charloite und der Löwe über eine Stunde lang auf der Gaſſe. Man ſieht dar⸗ aus, ſie mußten ſich kennen. Der Löwe, ein feiner Kunſt⸗ kenner, bewunderte das ſcharmante Geſichtchen des jun⸗ gen Mädchen, und das junge Mädchen hatte oft mit innigem Wohlgefallen die Roſſe des Löwen betrachtet: verſteht ſich Alles vom Fenſter aus. Eben ſo natürlich verſteht ſich's, daß ſie nicht von Liebe plauderten. Den folgenden Morgen, rütiſe zehn Uhr, kam der Löwe und verlangte mit Herrn Gaſton de Naye— ſo nannte ſich, auf den uſch des ſterbenden Vaters, die Familie, welche ihren ſchten Namen Malllepré nur der Herzogin⸗Wittwe gegenüͤber beibehielt— zu ſprechen. Nachdem er Gaſton ſein verbindlichſtes Kompliment gemacht, ſeinen Namen und ſeinen Titel ausgekramt hatte, entſpann ſich folgendes Geſpräch zwiſchen ihnen: 152 „Ich will Sie nicht lange ſtören, mein lieber Herr. Die Sache, wegen der ich komme, iſt eine Kleinigkeit, die ſich in wenig Worten abmachen läßt.... Heirats⸗ angelegenheiten, lieber Herr, weiter Nichts.... Ich will 3 hiermit um die Hand Ihrer Fräulein Schweſter ange⸗ halten haben.... Sie wiſſen die Brünette..., ei! ihr Name ſchwebt mir auf der Zunge...„ „Charlotte?“ fragte Gaſton, durch ſolchen Anfang auf's Hoͤchſte überraſcht. „Recht ſo, Charlotte.... Ich bin nicht übel placirt .... habe Geld.... einen Namen.... Equipage...“ „Aber kennen Sie denn meine Schweſter?“ „Seit geſtern!“ erwiederte der Löwe, ſich höflichſt verneigend...„Wir haben in Zukunft Zeit genug, uns naher kennen zu lernen.... Nur muß ich Ihnen bemerken, die Sache iſt höchſt preſſant.... ich muß in kürzeſter Friſt verheiratet ſein.“ „Aber, mein Herr....“ „Kein Aber, mein Herr.... Wollen Sie gefälligſt Ihre Fräulein Schweſter befragen.... Sie nannten eben ihren Namen....“ „Charlotte!“ ſiel Gaſton mechaniſch ein. „Recht ſo, Charlotte.... Ich wußte ihn doch.... Ich werde mir alſo die Freiheit nehmen, heute Abend wieder vorzufragen.... Bis dahin Adieu, mein Herr!“ Der Geſandtſchaftsſekretär grüßte ihn anmuthig mit der Hand und war verſchwunden. Gaſton ſtand ganz verdutzt da. Einen ſo improvifir⸗ ten Heiratsantrag, in ſolcher Bündigkeit und Kürze vorgetragen, hatte er nicht für möglich gehalten. 89 ließ Charlotte rufen. Beide unterhielten ſich lange mit einander. Charlotte e roth, ſtotterte, bat, ſchluchzte, weinte.... Den Abend, pünktlich zur verabredeten Stunde, fand unſer Geſantiſchaftgſetretä ſich wieder bei Gaſton ein. Nun?“ fragte der Löwe.„Sind wir Schwäger?“ ch habe mit meiner Schweſter geſprochen,“ ant⸗ 1⁵³ wortete Gaſton.„Sie willigt ein, Ihre Gattin zu wer⸗ den.. Aber dieß Alles iſt höchſt ſonderbar, mein Herr . zund die Verantwortlichkeit, die ich als Bruder e.... „Entſchuldigen Sie, mein Herr.... Meine Zeit erlauht mir nicht, mich auf ausführliche Erörterungen einzulaſſen.... Sie kennen meinen Antrag und ich er⸗ warte Ihre Antwort, Ja oder Nein.... Sie haben einen ganzen Tag Zeit gehabt, ſich zu beſinnen.“ „Meine Schweſter iſt Waiſe....“ „Ja oder Nein, wenn ich bitten darf!“ unterbrach ihn der Löwe. Gaſton beſann ſich einen Augenblick und prüfte in⸗ zwiſchen den Löwen mit den Blicken. Es war ein noch junger Mann von ziemlich ein⸗ nehmendem Aeußern, in deſſen Zügen eine gewiſſe Offen⸗ heit und Biederkeit lag. Ich habe nicht das Recht, dachte Gaſton, dieſe Hand, vermittelſt welcher das Schickſal Charlottens und uns dem dürftigen Looſe, in dem wir ſchmachten, viel⸗ leicht entreißen will, von ihr abzuſtoßen.... Sie könnte es mir einſt bitter vorwerfen... „Ihre Antwort, mein Herr.... Ja oder Nein?“ „Der Wille meiner Schweſter geſchehe!“ rief Gaſton. „Nehmen Sie Charlotte.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr.... Obgleich ich mich unſerer Verwandtſchaft glücklich ſchätze, bleibt doch noch eine kleine Schwierigkeit wegzuräumen... eine Kleinigkeit das... ſo gut wie Nichts.... weniger als nichts!.... Meine Kunftige iſt arm; das gilt mir gleich... aber ſie hat zwei Schweſtern, die eben ſo arm ſind, wie ſie, und einen Bruder... Machen Sie kein ſo finſteres Geſicht, mein Herr.. unterbrach ſich der Löwe.„Wir ſprechen von Geſchäftsſachen.... Ich meine alſo, daß ich zwar Fräulein.. ei! der Name, der böſe Name.... recht ſo, Charlotte.... 154 daß ich zwar Fräulein Charlotte zu heiraten gedenke... aber keineswegs ihre Verwandtſchaft....“ „Steht ganz bei Ihnen, mein Herr!“ entgegnete Gaſton in gereiztem Tone. „Das iſt leicht geſagt, mein Herr....“ fiel der Löwe ein.„Aber ich kenne das.... Mit dem beſten Willen von der Welt kommt man in die Sippſchaft hinein, und ehe man ſich's verſieht, hat man eine ganze Familie auf dem Halſe.“ „Beſinnen Sie ſich, mein Herr, oder ſind Sie ge⸗ kommen, mich im eigenen Hauſe gröblich zu kränken?“ rief Gaſton, ſeines Zornes kaum mächtig. „Laſſen Sie doch vernünftig mit ſich reden,“ erwie⸗ derte der Geſandſchaftsſekretär mit größter Kälte.„Ich halte es daher für das Beſte, mich eben ſo offen als kurz gegen Sie auszuſprechen und Sie zu bitten, meine Vorſchläge in reifliche Erwägung zu ziehen. Hören Sie mich an: Wenn ich Fräulein ſo und ſo, Ihre Schwe⸗ ſter, heirate, ſo verlaſſen Sie dieſe Wohnung und geben mir Ihr Wort, daß Sie Keinem ſagen, wohin Sie ziehen. Auch ich gebe meine jetzige Wohnung auf und ſuche eine neue. So verlieren wir uns auf die aller⸗ natürlichſte Weiſe aus dem Geſichte, bleiben übrigens die beſten Schwäger in der Welt. Alſo Gottbefohlen; ich werde morgen wieder kommen....“ „Nicht nöthig, mein Herr!“ rief ihm Gaſton zor⸗ nig nach. Der Geſandtſchaftsſekretär war ſchon auf der Treppe, an deren Fuße ſeine Kaleſche wartete. 9 Im Nebenzimmer lag Charlotte mit halbem Leibe im Fenſter und weidete ſich am Anblick der herrlichen Roſſe, die ein Kutſcher in rieſiger Perrüke zügelte... So ſind die Mädchen!........ Obgleich nicht viel älter, als zwanzig Jahre, war Gaſton das Haupt der Familie, in welcher Eigenſchaft er ſeine Erlaubniß zur Ehe zu geben hatte. Schon lange zuvor ſchien es ihm, als trage Charlotte die 3 v 1⁵⁵ mannigfachen Enibehrungen, die Einſamkeit und nameni⸗ lich die ſtrengen Pflichten, welche die Geſchwiſter ſich hinſichtlich ihres Benehmens gegen die Herzogin⸗Wittwe auferlegten, mit großem Unmuth. Trotz ihrer gut⸗ müthigen Natur, war ſie äußerſt flatterhaft und vergaß mit dem Verſtande faſt eben ſo leicht, wie mit dem Herzen. Gaſton fand ſie bewegt, aber doch fröhlich und guter Dinge..... Entweder maß er dieß der unwiderſtehlichen Macht des Verlangens nach Freiheit, Glanz und dem geräuſch⸗ vollen, bewegten Treiben der Welt bei, das jede jugend⸗ liche Bruſt erwärmt, oder glaubte er, daß Charlotte den jungen Mann im Stillen liebe. Wer beſchreibt, was er in der folgenden Nacht litt? Er wälzte ſich, von allerlei trüben Ahnungen und Ge⸗ danken gequält, ſchlaflos auf ſeinem Lager hin und her. So ſollte er die Schweſter verlieren, die mit Sancta zu⸗ ſammen den ganzen Vorrath ſeines geringen Erden⸗ glückes ausmachte. Was blieb ihm noch übrig, wenn auch die Tröſtungen geſchwiſterlicher Liebe ihm geraubt wurden? Er hütete ſich, das kränkende Benehmen des Diplo⸗ maten gegen ihn Charlotten zu erzählen. Als der Löwe ſich am nächſten Tage einfand, nahm Gaſton, kaltwür⸗ devoll, das demüthigende Ultimatum an. Kurze Zeit darauf wurde die Ehe in Gegenwart Gaſtons und Jean⸗ Marie Biots feierlich eingeſegnet. Am Ausgange der Kirche ſiel Charlotte weinend in die Arme des Bruders, der, von ſchmerzlichen Vorah⸗ nungen geängſtet, todtenbleich daſtand und ſchwer Athem holte, obgleich er ſich bemühte, ſorglos zu erſcheinen. Seit jenem Tage hatte Gaſton die geliebte Schweſter nicht wiedergeſehen..... So war denn Charlotte, wie im Traume, zu einer hübſchen Equipage gekommen und die Gefährtin des Herrn Vieomte Leon du Chesnel, Geſandtſchaftsſecretä 156 ze. c., geworden. Dieſer hatte jetzt, was er bedurfte, — eine ſehr hübſche Frau.. Den Verluſt Charlottens empfand Saucta ungemein tief. Kein Tag verging, wo ſie nicht gehofft hätte, die Schweſter wiederzuſehen. Auch Gaſton litt furchtbar; um ſo furchtbarer, als er ſeinen Schmerz nicht äußern durfte. Berthas Augen erglänzten auf eine Sekunde, als ſie die Nachricht ver⸗ nahm, dann ſenkte ſie den Blick. Die Herzogin⸗Wittwe ſchien die Abweſenheit ihrer Enkelin kaum zu bemerken. Als Sancta und Gaſton die glühend⸗heiße Atmo⸗ ſphäre des Sales, in den Bertha und die Großmutter eintraten, mit der reinen Luft ihrer ärmlichen Kammern vertauſcht hatten, ließen ſich beide Geſchwiſter in einer Ecke von Sancta's Stube neben einander nieder. Sancta und Gaſton liebten ſich mit all' der Liebe, die ſonſt gewöhnlich unter die verſchiedenen Glieder einer Familie ausgetheilt wird. Von früheſter Jugend an hatten ſie die zärtlichſte Hinneigung zu einander gefühlt, und es ſchien, als ob mit jedem Verluſte, jedem Todes⸗ falle ihre wechſelſeitige Liebe einen neuen Zuwachs ge⸗ winne, indem ſie auf einen immer kleineren Kreis be⸗ ſchränkt wurde und doch an Intenſität dieſelbe blieb. Es herrſchte zwiſchen Beiden die vollkommenſte Harmonie im Denken, Fühlen, Wollen und Empfinden. Daher denn auch ein beſtändiger Austauſch tröſtlicher Hoffnungen und herzlicher Liebesbeweiſe. Sie hatten kein Geheimniß vor einander; was der Eine wußte, er⸗ fuhr der Andere gewiß. Nur was ſie bekümmerte, ver⸗ bargen ſie ſich eiferſüchtig. Mit Einem Worte, es ließ ſich kein ſchöneres, reineres, brüderlicheres Verhältniß, als das zwiſchen dieſen beiden, vom Schickſal hart geprüften Geſchwiſtern, denken. Den ganzen, langen Tag freuten ſie ſich auf die wenigen Abendſtunden, wo ſie im traulichen Kämmerlein ungeſtört mit einander plandern durften; war es doch 1 ☛ 1⁵⁷ ihre einzige Erholung nach der beſchwerlichen Arbeit des Tages. O, wie glücklich waren ſie dann; ſo glücklich, daß ſie das entſchwundene Glück ihrer erlauchten Familie und die Sorgen für die Zukunft vergaßen!.... Oft, oft blieben ſie bis tief in die Nacht auf. Zwiſchen dieſen nackten Mauern, wo einſt, in den glän⸗ zenden Tagen der Mailleprés, die niederſte Dienerſchaft wohnte, ſaß jetzt der einzige Erbe dieſes ritterlichen Namens von gutem Klange und pries ſeinem Schwe⸗ ſterchen die ehemalige Größe ihrer Ahnen. Durch das Peuder ſahen ſie die thurmhohen Dächer des rieſigen alaaſtes in das tiefe Blanu der ſternigen Nächte hinauf⸗ ragen, den weiten, ſchweigenden Hof, die verwitterte Treppe, die lichtloſen Bogenfenſter... Ja, das ungeheure Gebäude erhob ſich vor ihren Blicken drohend, wie ein Geſpenſt, das unglück weiſſagt. Kein Wunder, es war die Gruft, in der eine lange, herrliche Vergangenheit moderte....... Anrgeſichts einer ſolchen Vergangenheit, wie arm, wie ſchwach, wie allein, wie elend mußten ſie ſich fühlen! Aber ſie liebten ſich, und dieſe ihre Liebe ließ ſie alles Andere vergeſſen!... Das engelgleiche Lächeln Sanctas ſchien den alten Ruhm ihrer Ahnen zu verdunkeln. Plötzlich entſteht eine tiefe Stille. Beide ſenken träumeriſch das Haupt. Wovon mögen ſie träumen, die beiden jungen Leute, auf ihren ärmlichen Strohſtühlen, kaum zwei Schritte von den prächtigen ſammtenen Seſ⸗ ſeln entfernt, die in goldener Stickerei das alte Fami⸗ lienwappen mit ſeiner ritterlichen Deviſe zeigen? Auch Sancta trauert, aber ohne Groll und ohne Verzweiflung. Sie trauert, ihres geliebten Bruders wegen, der den roſtigen Degen der Mailleprés ſo wacker geſchwungen hätte.... „O wie ſchön wäre ſie im reichen Schmucke unſrer Ahnen!“ ſpricht Gaſton im wachen Traume.„Wie gut würde ſie die Gaben des Glückes gebrauchen! Wie viele Thränen würde ſte trocknen, wie viele Blumen würde — 158 .. der, um das Feuer des Zornes, das in ihm auflodert, den Blicken der Schweſter zu entziehen „Und dieß Alles iſt ſein Werk!“ fährt er in Ge⸗ danken fort.„Sein Werk allein!.... Er iſt’'s, der dem Vater noch den Todeskampf erſchwerte; die letzte Stu de der geliebten Mutter vergiftete;.... uns Alles na n, uns zwang, den Namen Maillepré abzulegen, um ihn vor dem Schmutz des Elends rein zu bewahren..... Mein Gott, ich ſterbe jung, meine Tage ſind gezählt Aber ſie ſah, wie die Schläfen ihm klopften, wie der Schweiß auf ſeiner Stirn perlte, wie er bald erröthete, Sie ſtand auf, ſchlang ihren zarten Arm ſanft um den Hals des Bruders und drückte die roſigen Lippen auf ſeine fieberheißen Wangen. Als er den Blick erhob, ſah er Sancta ihn unter Thränen anlächeln. as war ein Balſam für ſeine wunde Seele. Mit und Bekümmerten ſtreuen! Und jetzt iſt ſie ſelbſt die Aermſte der Armen! So arm, daß ſie ihr Brod erarbeiten muß im Schweiße ihres Antlitzes und ſich unter die beklagenswerthen Geſchöpfe miſchen, die im grobſinnlichen Vergnügen ein Erſatz für ihre undankbare Arbeit ſuchen!... Gefallen, mein Gott! gefallen! und ſo tief, daß ſie den Hohn leichtfinniger oder böſer Gefährtinnen zu fürchten hat, die ihrer 5 ,— Einem Blicke der geliebten Schweſter waren Zorn und Haß vergeſſen.— Die ſanften, ſtillen Reize dieſes jungfräulichen Lä⸗ chelns gaben dem Laufe ſeiner Gedanken eine andere Richtung und die Hoffnung, die freundliche, hülfreiche Gefährtin der jungen Jahre, zeigte ihm von fern eine jenem Selbſtvergeſſen, welches die Liebe iſt. Für Gaſton bat und hoffte Sancta; um Sancta's willen ermannte ſich Gaſton und raffte die letzten Kräfte ſeines geſunkenen Muthes zuſammen. Aber Gaſton hatte einen Troſt mehr, als Sancta; denn mit jedem neuen Tage ſah er das jugendliche, lebensvolle Mädchen kräftiger und ſchöner ſich entfalten. Die Knoſpe wurde immer mehr zur Blüthe, das Mäd⸗ chen erwuchs zur Jungfrau. Siegreich überwand ſie die Gefahren jenes Mittelzuſtandes im weiblichen Leben, wo die Jungfrau bald erröthet, bald erblaßt und unter dem Drucke eines unbekannten Uebels ſich krümmt. Er ſah, wie mit jedem Morgen die holde Blüthe ihre Blät⸗ terkrone immer weiter öffnete. Die liebliche, friſche, ſaftreiche Pflanze, von hohem, ſchlankem Wuchſe im Gerden der Schöpfung, verſprach eine lange, fröhliche auer. Sancta dagegen erkannte mit Schrecken den lang⸗ ſamen, unmerklichen, aber um ſo ſicherern Verfall des geliebten Bruders. Trotz ſeiner Schönheit und ſchein⸗ baren Leibesſtärke entdeckte ihr zärtlich beſorgtes Auge, das mit faſt mütterlicher Liebe über Gaſton wachte, alle Anzeichen jenes ſchleichenden, zehrenden Fiebers, welches die Kräfte der Schwindſüchtigen allmälig aufreibt.... ten gewaltſam unter einem Lächeln verſtecken, wenn Gaſton Morgens mit den traurigen Spuren des nächtlichen Fiebers auf dem Geſichte, mit erſchlafften Zügen und matten Augen, Mehr als einmal hatte ſie ſich erkundigt, wie dem Umſichgreifen des äußern und innern Uebels beim Bru⸗ der am Wirkſamſten zu ſteuern ſei, und immer war ihr die Zerſtreuung des Vergnügens als das beſte Heilmittel Seitdem forderte ſie unermüdlich ihren Bruder auf, dem Beiſpiel der jungen Leute ſeines Standes und Alters zu folgen. Gewiß nie im Leben hatte man reinere, un⸗ ſchuldigere Lippen die Philoſophie des Epikur, d. h. die Lehren des ſinnlichen Vergnügens mit ſo beredtem Munde und warmem Herzen predigen hören. Aber Gaſton verſchloß ſein Ohr den Bitten und Ermahnungen der Schweſter. Er wollte Nichts von den ſinnlichen Freuden, die er verachtete, ohne ſte aus eige⸗ ner Erfahrung zu kennen. Seine biedere, für höhere Genüſſe geſchaffene Natur haßte das laute, geräuſch⸗ volle, ſinnloſe Treiben der Menge; ſeine faſt finſtere Schwermuth gefiel ſich in ernſten Vergnügungen. Er that daher, als ob er die Wünſche Sanctas nicht verſtehe. Das gute Mädchen mußte ſomit zu einer neuen Taktik ihre Zuflucht nehmen..... Sie ließ nachdenklich und betrübt das lockige Köpfchen hängen. „Was fehlt Dir, Sancta? Du biſt ſchon ſeit eini⸗ ger Zeit nicht ſo fröhlich, wie ſonſt?“ fragte Gaſton zärtlich beſorgt. „Ich weiß es nicht!“ antwortete Sancta.„Jeden Tag höre ich von Bällen, Theatern, Concerten reden, und nie bin ich im Theater oder ſonſt wo geweſen. Wie ſchön mag es da ſein, lieber Bruder!“ —— —x 161 „Gewiß, recht ſchön! Aber Du vergißt, wir ſind arm, liebe Sancta!“ Sancta erröthete; daran hatte ſie nicht gedacht. „Alle dieſe Freuden koſten viel Geld, liebe Schwe⸗ ſter, viel Geld!“ wiederholte Gaſton lächelnd,„und Du weißt, wir haben weder Schlöſſer, noch Güter, noch Geld mehr..... 4 Die arme Sancta war entwaffnet. Sie hatte dieſen Weg eingeſchlagen, weil ſie Gaſtons zärtliche Liebe zu ihr kannte und hoffte, unter dem Vorwande, ihr einen Gefallen zu erweiſen, ihn ſeinem einſamen, freudloſen Leben entreißen zu können. Aber das Geld, das böſe Geld! Reichte doch ihr gemeinſamer Erwerb kaum hin, den Luxus, womit ihre rührende Anhänglichkeit die Groß⸗ mutter umgab, zu beſtreiten. So war denn ſchon ſeit geraumer Zeit weder vom Theater, noch von Bällen und Concerten die Rede unter ihnen geweſen........ Dieſen Abend ſetzte er ſich ſchalkhaft lächelnd an der Seite der Schweſter nieder. Er wartete, bis Biot in dem Nebenzimmer der Großmutter fertig geworden und in ſeine Loge zurückgegangen war; dann küßte er Sancta auf die Stirn, nahm ihren Arm und führte ſie in ſeine Kammer. Hier öffnete er den Wandſchrank, wo ſeine und Biots ſonntägliche Kleider hingen. „Was gibt es?“ fragte Sancta erſtaunt. Statt zu antworten, holte Gaſton aus dem oberſten Fache des Wandſchrankes Etwas hervor, das mit einem Tuche verdeckt war, und reichte es Sancta hin. „Was iſt das?“ fragte ſie. Gaſton ſah ſie lächelnd an. Langſam und bedächtig zog ſie eine Nadel nach der andern heraus, welche das Tuch zuſammenhielten. Dieſes fiel und ſie entdeckte darunter— einen allerliebſten Da⸗ menhut von weißer Gaze, um deſſen obern Theil ſich ein zierlicher Kranz rother Roſen ſchlang. Sancta ſah Pariſer Liebſch. I. 11 ihn mit großen Augen an und wurde über und über roth vor Freude. Aber ebenſö plötzlich ſchwand ihre Röthe und um⸗ wölkte ſich ihre lächelnde Miene. Gewiß dachte ſie daran, daß ein ſo prächtiger Hut für ein Mädchen ihres jetzigen Standes ſich nicht paſſe. „Das iſt Nichts für mich!“ flüſterte ſie. Gaſton nahm ihr den Hut aus der Hand und ſetzte ihn ihr auf. „Wie hübſch er Dir ſteht!“ rief er, ſie vor den Spiegel ziehend. Schuchtern beſah ſich Sancta im Spiegel. Sie jauchzte laut auf. „Ich habe Deinen Wunſch, ins Theater zu gehen, nict vergeſſen,“ ſagte Gaſton.„Mit meinen Erſpar⸗ niſſen...... 44 „Oh, mein liebes, liebes Brüderchen!“ ſchluchzte Sancta mit naſſen Augen und umarmte Gaſton, der ſo glücklich war, als hätte er das Erbe ſeiner Väter wiedererlangt. „Jetzt komm'!“ rief Gaſton.„Schleichen wir uns ſachte davon.. Bertha darf nicht wiſſen....“ „Die arme Bertha!“ fiel Sancta ein.„Sie muß allein bleiben?“ „Wir kommen zurück, ohne daß ſie unſere Abwe⸗ ſenheit merkt... Geſchwind!“ Sancta blickte betrübt die Thüre an, hinter welcher Bertha ſchlief oder arbeitete, und folgte ihrem Bruder. Leiſe ſtiegen ſie die Treppe hinunter. Eben wollten ſie den Hof betreten, als der ſchwere Hammer des Wa⸗ genthores donnernd niederſiel und ein Mann, in einen weiten Mantel gehüllt, eintrat. Ohne ein Wort zu ſagen, ging er an der Loge des Wärters vorüber auf das Hauptgebäude zu. Gerade unter der an der Logenmauer befindlichen Laterne ſtreiften ſich der Fremde und Gaſton, ſo daß ſie ſich Beide deutlich ins Geſicht ſehen konnten. Als ihre Blicke ſich begegneten, blieben Beide einen — = ——— 16³ Augenblick ſtehen. Gaſton erinnerte ſich nicht, dieſen Mann, der kein Anderer als Herr Williams, der Be⸗ wohner des mittlern Schloßtheils, war, je geſehen zu haben; dennoch empfand er eine Unruhe, die er ſi nicht beſchreiben konnte. Herr Williams grüßte und ging dann weiter. Als Gaſton ſich umblickte, bemerkte er, daß der Fremde am Fuße der Treppe das Gleiche that. Biot holte einen Wagen, ohne daß es ihm einge⸗ fallen wäre, ſich nach dem Grunde einer ſo ungewöhn⸗ lichen Ausfahrt zu erkundigen.. „In die Oper!“ rief Gaſton dem Kutſcher zu. Der Wagen rollte davon. Biot ging in ſeine Loge zurück und begab ſich wieder an ſeine alltägliche Be⸗ ſchäftigung. Ungefähr drei Stunden mochten verfloſſen ſein, als die Thüre des Sales, welchen die Ahnfrau bewohnte, leiſe und vorſichtig geöffnet wurde. Bertha von Maille⸗ pré, weiß wie ein Geſpenſt, erſchien auf der Schwelle und horchte. Als ſie kein Geräuſch vernahm, glitt ſie gewandt durch die enge Oeffnung und trat in die Kam⸗ mer der Schweſter. Wie immer, war ſie auch dießmal von Kopf bis zu Fuß weiß gekleidet. Ueber ihrem Arm hing ein ſchwarzer faltiger Mantel. Sie näherte ſich dem Bette Sancta's. Als ſie es 43 fand, ſtahl ſich ein bitteres Lächeln über ihre ſtarren Züge. Aus der Kammer der Schweſter trat ſie in die des Bruders. Als ſie auch hier das Bett leer fand, benahm ſie ſich mit weniger Vorſicht. Sie warf den ſchwarzen Mantel um ihre abgemagerten Schultern und verhüllte das Geſicht mit dem Kragen deſſelben. Nachdem ſie die Thüre des Zimmers der Großmutter wieder zugemacht hatte, ſchlich ſie durch Gaſtons Stube der Treppe zu. Statt aber denſelben Weg zu nehmen, wie die Geſchwiſter, und in den Hof hinabzuſteigen, bog ſie, ob⸗ gleich ohne Leuchte, mit ſolcher Sicherheit, daß ihr dieſer Theil des Schloſſes vollkommen bekannt ſein mußte, 2 in den Corridor ein, welcher in das Hauptgebäude und den Garten führte. 4. Die Mutter. Es war kurz vor Mitternacht. Jean⸗Marie Biot wachte einſam in ſeiner Loge und arbeitete, Sancta und Gaſton lauſchten athemlos auf die wunderbar ſchöne Muſik des letzten Aktes des Moſes, die Herzogin Wittwe träumte in den weichen Daunen hinter dem doppelten Wall ihrer ſchwerſeidenen Bett⸗ vorhänge.. Die Nacht war milde und feucht. Der Mond barg ſeine glänzende Scheibe hinter leichtem Gewölk und hüllte den ganzen Himmel wie in einen weißen Schleier. Eine weibliche Geſtalt, von oben bis unten hinter einen ſchwarzen Mantel verſteckt, glitt furchtſam durch die langen Alleen des Gartens, welcher an das Hotel Maillepré anſtößt. Auf dieſer Seite waren die Fenſter des erſten Stockes der Schloßfaçade glänzend erleuchtet, und da die Be⸗ wohner deſſelben keine neugierigen Blicke zu fürchten hatten, weil kein Gebäude auf dieſen verbotenen Theil des Hotels, außerdem noch durch die himmelhohen Bäume des Gartens geſchützt, hinausfah, ſo waren die Fenſter nur mit leichten Muſſelinvorhäugen bedeckt. Angenommen ſelbſt, daß die Miethleute des Haupt⸗ gebändes Gründe gehabt hätten, ſich gegen zudringliche Leute zu ſichern, wie die Bewohner dieſes Quartiers ſich und Andern einredeten, ſo wäre hier jede Vorſichts⸗ maßregel durchaus überflüſſig geweſen. Der Garten ge⸗ hörte ihnen ausſchließlich, nur ſie und Biot durften einen Schluſſel zu demſelben haben. — — 16⁵ Man ſah der weiblichen Geſtalt, die um dieſe Stunde durch den Garten eilte, deutlich die Furcht an, bemerkt zu werden. Wer ſie ängſtlich den Schatten der Bäume und Geſträuche aufſuchen oder über den Raſen des Gartens hinſchleichen geſehen hätte, der mußte glau⸗ ben, ſie habe was Böſes im Sinn. 1 —Oſft kehrte ſich Bertha von Maillepré, denn dieß war die weibliche Geſtalt, erſchreckt um, als fürchte ſte, daß ein Fenſter des Hotels ſich öffnen möge. Da er⸗ blickte ſie eine hohe menſchliche Geſtalt, deren Schatten ſich auf den hellen Vorhängen abmalte. Dieſe Geſtalt bewegte ſich hin und her und geberdete ſich wie ein Wahnſinniger und nach den Umriſſen zu urtheilen, die ſich auf dem Muſſelin ſo deutlich abzeichneten, wie ein Schat⸗ tenſpiel an der Wand, mußte ſie ganz nackt ſein. Kaum hatte Bertha die auf die Straße Payenne führende Gartenthüre erreicht und wollte eben den Schlüſ⸗ ſel umdrehen, um die Pforte zu öffnen, da hörte ſie plötzlich, wie eines der Fenſter des Hotels mit Ungeſtüm aufgeriſſen wurde. Sie ließ den Schlüſſel fahren und drückte krampfhaft die Hände gegen das laut pochende Herz. Als ſie ſich umblickte, ward ſie Augenzeuge einer Scene, welcher die Nacht draußen und die Tageshelle drinnen, einen wahrhaft geſpenſtiſchen Ausdruck gaben. Ein nackter Mann, auf den das Licht von hinten fiel und der daher ganz ſchwarz erſchien, ſprang unter den wunderlichſten Geſtikulationen und ohrzerreißendem Geſange in einer ihr fremden Sprache auf die Fenſter⸗ bank. In demſelben Augenblicke, wo er ſich hinabſtür⸗ zen wollte und beinahe ſchon in der Luft ſchwebte, ſtürz⸗ ten zwei andere Männer auf ihn zu und packten ihn, wogegen er ſich wehrte. Die Schatten dieſer kämpfenden Geſtalten zeichneten ſich ungemein deutlich auf dem glänzenden Hintergrunde eines vergoldeten Getäfels ab, woran Gemälde mit reichen, weit und hoch ausgeſchweiften Rahmen hingen. Die erſte Perſon, dieſelbe, welche das Fenſter ge⸗ öffnet hatte, war nicht blos mit den Armen, ſondern auch mit der Stimme thätig, indem ſie ab und zu hei⸗ ſere, widerliche Kehllaute ausſtieß, während die beiden Andern ſtillſchweigend ſich bemühten, den Dritten an ſeinem Vorhaben zu hindern. Was mochte dies bedeuten? Das arme geängſtigte Mädchen bezog dieſe Scene auf ſich und meinte, daß man ihr nachſetzen wolle. Gleich darauf wurde eine vierte Geſtalt ſichtbar, ein Mann mit bleichem, finſtrem Antlitz, wie ſich zeigte, als er unter das Licht des Kronleuchters trat. Sobald der Nackte, der ſeine beide Gegner bis dahin in Schach gehalten hatte, dieſe vierte Perſon erblickte, hörte er plötzlich auf, ſich zu widerſetzen, und nahm eine flehende Stellung an. Dann wurde das Fenſter wieder zugemacht.... Bertha erholte ſich von ihrem Schrecken, drehte den Schlüſſel um und ſtand in der Straße Payenne.. Im Marais wird es ſchon um zehn Uhr Nacht. Wenn auf dem Boulevard de Gand das luſtige Getüm⸗ mel erſt recht angeht, wenn dort Alles von Licht und Leben überfließt, dann erlöſchen die Lampen in der Um⸗ gegend der Place Royal ſo pünktlich und gewiſſenhaft, daß man glauben könnte, die Chronik wüßte ſeit Dezen⸗ nien Nichts mehr von Diebslaternen, Mädchenjägern, Landſtreichern, Induſtrierittern und guten toledaniſchen Dolchen zu erzählen. Um Mitternacht beſcheinen die ſchmierigen Thran⸗ laternen nur noch eine ungeheure Einöde, wo ſelbſt die Diebe, dieſe Stammgäſte des öffentlichen Lebens, eine ſeltene Erſcheinung ſind. Nach der Meinung gewiſſer Leute ſoll weniger die Furcht vor der Polizei, als die Angſt vor Geſpenſtern ſie von dort vertrieben haben. Nur von Viertelſtunde zu Viertelſtunde ſchleicht ein ſterbliches Weſen durch die mäuschenſtille Gaſſen: ein Jüngling, der ſich verſpätet hat und dem von Seite des — 5 — 167 ängſtlich harrenden Papas ein Donnerwetter zärtlicher Vorwürfe droht; ein vorſündfluthlicher Lumpenſammler, der, in altmodiſchem Hute und die Leuchte in der Hand, den Schmutz nach einem Bankſchein duͤrchwühlt, den jeder Lumpenſammler einmal findet, ehe er das zeitliche ſegnet; eine hübſche, tief verſchleierte Dame, welche die Stunde vergaß und heimkehrt von.... doch ſchweigen wir davon! Endlich eine Patrouille, eine dienſtbefliſſene, nachtwandelnde Patrouille, die aufrecht träumend das Pflaſter tritt und ihre Siebenſachen unterwegs den nim⸗ merſatten Arabern dieſer Wüſte in die Hände ſtreckt... Kaum daß dieſe Todtenſtille durch das ferne Getöſe aus den mittlern Stadttheilen, das Geraſſel eines ver⸗ irrten Wagens, das Knarren der alten Wetterhähne auf den hohen Spitzdächern und hie und da durch die ſchauer⸗ lichen Klagelaute und Flüche aus jenen Höllenſchlünden unterbrochen wird, wo der Menſch ſich zu Tode ſchwitzt, um den Menſchen das Brod zu kneten. Nur wer in einer Faſtnacht die breiten Straßen des alten Marais durchwandert hat, macht ſich einen Begriff von dem plötzlichen Gegenſatz zwiſchen dem nächt⸗ lichen Jubel auf den Boulevards und der todtenähnli⸗ chen Stille im Marais; nur der fühlt den Zauber der Melancholie dieſes Quartiers, das, gleich der Prinzeſ⸗ ſin im Mährchen, einen jahrhundertlangen Schlaf ſchläft und uns Wunderdinge aus der Jugend unſerer Ureltern erzählen würde, wenn es in dieſer Stunde erwachte... In der Straße Payenne war kein Menſch zu ſehen und zu hören. Bertha folgte ihr in ihrer ganzen Länge und ging dann durch die Straße des Park Royal dem Boulevard zu. Obgleich ſie ihre Schritte beflügelte, kam ſie doch nicht von der Stelle. Sie ſchien das Gehen verlernt zu haben, ſo unſicher und ungleich war ihr Gang. Sie ſchwankte förmlich über das Pflaſter hin und oft mußte ſie anhalten, weil ihre an die Stubenluft gewöhnte 168 Bruſt die kaltfeuchten Ausdünſtungen der nebligen At⸗ moſphäre ſchwer einathmete. „Als ſie ſich gegen eine Mauer lehnte, zitterte ihr ganzer Leib unter den Falten des ſeidenen Mantels. Man ſah ihr an, wie ſie litt von Angſt und Körperſchwäche, dennoch flog ein Stral ernſter Freude belebend über die Bläſſe ihres Antlitzes.... Ein fernes Geräuſch weckte ſie aus ihrer träumeri⸗ ſchen Stellung. Sie richtete ſich auf und ſetzte ihre Wanderung fort. Wohin ging ſie?... Ohne Frage mußte ſie ihr Ziel genau kennen, denn nach kurzem Beſinnen fand ſie aus dem Gewirre der Straßen die rechte heraus. Sie ging durch die gauze Straße Neuve⸗Saint⸗ Gilles, über den Boulevard Beaumarchais, in einen jener endloſen Wege, die, auf beiden Seiten mit wah⸗ ren Dorfboutiquen eingefaßt, vom Kanal Saint⸗Martin an bis auf die Höhen im Norden von Paris empor⸗ klettern. Auch hier überall Einſamkeit und Stille, aber keine Größe wie im Marais. Hie und da erheben ſich mitten unter alten baufälligen Häuſern, die ihr elendes, mit dünner Lehmſchicht beklextes Ständerwerk von Weitem zeigen, einige große Fabrikgebäude, die man aus Sani⸗ tätsrückſichten in den fashionablen Stadttheilen nicht duldet, dagegen in die armen Quartiere verlegt, damit ſie hier die Luft verpeſten helfen. Mit jedem Schritte ſtößt man auf lange, ſchmale krumme Gäßchen, welche die Hauptſtraßen durchſchneiden und Gott weiß wohin ühren mögen, ich glaube zu den bewohnten Hinterge⸗ bäuden ungeheurer Holzplätze, wo die Nachtbarn nicht einmal Torf zu brennen haben. Dennoch ſind hier keine ſolche Kloaken, wo das Elend thurmhoch aufgeſpeichert iſt, im Schmutze fort⸗ wuchert und ſeine ecklen Miasmen ausdünſtet, gewiſſer⸗ maßen als eine Art ſtummer Proteſtation wider den un⸗ verſchämten Egoismus jener Klaſſe, die ſich nicht ent⸗ 169 blödet, ſich die Klaſſe der Kapitale ſchimpfen zu laſſen. Denn ſo weit iſt es mit der Schamloſigkeit der induſtriellen und kommerziellen Lerika gekommen, daß ſie ſolche Wörter, worin das Geld ſchlechthin perſoniſfzirt wird, in ihr Verzeichniß aufnehmen. Früher begnügte man ſich doch mit dem Namen Kapitaliſt; jetzt findet man ihn nicht bezeichnend genug, weil er den Cynismus der Metamorphoſe nicht kräftig genug durchblicken läßt. Hinter dem iſt in Kapitaliſt ſteckte immer noch ſo was Menſchliches, das an Herz und Gemüth erinnerte. Aber Kapitale,... wie göttlich!... das klingt nur nach baarer Münze, nach Gold!... Kurz, in dieſen Gegen⸗ den darf man weder die ſieberhafte Cité, noch die offi⸗ ziell purifizirten, immer aber inſizirten⸗ Geſtade der Bievre ſuchen.. Es iſt kein unmäßig armes Quartier; ein Quartier, wo man ſich wenigſtens halb ſatt ißt. Die Armuth hat hier nicht den Höhepunkt erreicht, wo ſie den Poeten begeiſtern kann, oder wo die Leute, gleich hungrigen Wölfen, heulen. Auch erzeugt es nicht viel mehr Strangkünſtler, als der Boulevard de la Madelaine. Bertha war ſchon weit von der Pace⸗Royal und dem alten Hotel Maillepré, aber immer noch nicht am Ziel ihrer Wanderung. Obgleich ſie vor Ermüdung umzuſinken drohte, weil die durchs lange Sitzen ge⸗ geſchwächten Knie den Dienſt verſagten, hielt ſie dennoch muthig aus. Seit Bertha, vom Boulevard aus, die Straße des Chemin⸗Vert betreten, hatte ſie dieſelbe Richtung bei⸗ behalten. Sie folgte der Straße des Amandiers längs den Mauern des Kloſters der barmherzigen Schweſtern von la Roquette und ſah endlich die Gitter der Barriere. Bei dieſem Anblick erleichterte ſich ihr Herz durch einen langen Seufzer. Irgendwo in der Nähe hatte ein Herzog von Maillepré unter der Regentſchaft des Herzogs von Orleans, dem goldenen Zeitalter der Orgieen, ſeine Ma⸗ folie*) gehabt. Dieß Quartier Popincourt war da⸗ mals in der That das klaſſiſche Land der Luſthäuschen des hohen Adels und der hohen Finanzwelt. Wer Bertha in dieſer ſtillen Mitternachtsſtunde an dieſem Ort be⸗ gegnet wäre, der mußte glauben, daß ſie, als gerechte Vergeltung des Schickſals, ihre Rolle vertauſcht habe gegen die Rolle der Bürgermädchen jener Zeit, welche für die geheimen Boudoirs des edlen Herzogs geködert waren. Und nicht unmöglich, daß es im Leben Bertha's eine Stunde gegeben, wo das hochadlige Mädchen dem gemeinen Bürgersſohne die alte Schuld der Unehre aus entſchwundenen Tagen mit gleicher Münze zuruͤckbezahlt hätte. Aber in dieſer Nacht wenigſtens beflügelte kein unreiner Gedanke ihren einſamen Schritt. Sie war jetzt am Ziele ihrer Wallfahrt. Bertha ſtand vor der verſchloſſenen Pforte des Pere⸗Lachaiſe. Nachdem ſie einen Augenblick Athem geſchöpft, zog ſie leiſe die Klingel des Todtendieners. Man ließ lange auf ſich warten. „Wer da?“ fragte endlich eine grobe Stimme. „Bertha von Naye!“ antwortete ſie zitternd. Bald darauf zeigte ſich ein Mann im Thore, der Bertha ſchon an der Stimme zu kennen ſchien. Er öffnete die Pforte und ſtreckte die Händ aus, in welche Bertha ein Goldſtück fallen ließ. „Viel Vergnügen!“ grunzte der Knecht und ver⸗ ſchloß die Pforte, um ſich wieder ſchlafen zu legen. Weil Bertha bei Tage die Großmutter nicht ver⸗ laſſen durfte, konnte ſie den Kirchhof nicht anders als bei Nacht beſuchen. Dann aber ſind die Kerchhöfe ge⸗ ſchloſſen und wurden nur um ein gutes Stück Geld ge⸗ oöͤffnet. Jetzt weiß der Leſer, w nann Berthe im Wand⸗ ſchrank ihre Stickerei verbarg, waruͤm ſie in den nächt⸗ ) Nach der Analogie von Monrepo bildet. 171 lichen Feierſtunden bis an den frühen Morgen arbeitete, warum Jean⸗Marie Biot den Auftrag bekam, ihre Stickereien zu Geld zu machen. So bald nämlich auf dieſe Weiſe ein Louisd'or zuſammengebracht war— und das koſtete lange Zeit und viel Mühe!— wurde er zu dem eben erzählten Zwecke angewandt.. Das Bewußtſein, am Ziele ihre Wünſche zu ſtehen, gab ihr neue Kräfte. Mit ſicherem, feſten Schritte durchmaß ſie den leeren Raum zwiſchen dem Thore und den Alleen dieſer ungeheuern Gräberſtätte. Der Mond hatte immer noch ſeinen Wolkenſchleier vor. Sein dünnes, wäſſeriges Licht, allzu ſchwach, um die dunkeln Maſſen der rieſigen Bäume zu erhellen, warf über Alles im Garten, über Stein und Marmor, einen geiſterartigen Schimmer.— Auch die kühnſte Phantaſte vermag ſich Nichts zu denken, das im Entfernteſten den furchtbaren Eindruck machte, wie dieß ungeheure Leichenfeld mit ſeinen My⸗ riaden von Todesemblemen in ſolcher Mondſcheinbeleuch⸗ ung. Ueberall, wohin wir ſehen und treten, iſt der Tod da: vorn, hinten, neben und unter uns. Die Luft, die wir einathmen, iſt mit Tod geſchwängert, die Bäume mit ihrem Dunkelgrün wurzeln in ihm und ſaugen ihre Lebens⸗ kraft aus ihm; er verſteckt ſich unter jedem Raſen, unter jeden Buſch, jedem Stein. Keiner kann ſich der Todes⸗ gedanken hier entſchlagen. Wie viel Geiſt, wie viel Talent, wie viel Muth, wie viel Schönheit modert unter dieſem Grashalm! Dieſer grüne Raſen, welcher den Gottesacker deckt, erniedrigt alle Höhen und erhöht alle Tiefen des Lebens zu Einer und derſelben Fläche!: Mitten durch dieſe Schreckniſſe, wo ſelbſt die Seele des Mannes erbebt, ging Bertha kalt und feſt einher. „Es war, als habe ſie das Zittern verlernt. Schweigend glitt ihr Füßchen über den Raſen der 172 unzähligen Wege hin, welche Grab von Grab trennen, oder von Allee zu Allee führen. Obwohl am hellen Tage der Wanderer ſich verirrt in dem gewaltigen Labyrinth des Pere⸗Lachaiſe, fand Bertha ſelbſt in der Nacht ihren Weg. Sie mußte an unſichtbaren Zeichen ſich ausken⸗ nen oder wie von höherer Hand geleitet werden. Immer mehr beflügelte ſie den Lauf.... Bald nachdem ſie die gebahnte Straße verlaſſen, blieb ſie vor zwei gleich großen, gleich ſchmuckloſen Steinen ſtehen, die ſich beſcheiden über den Boden er⸗ hoben. Unter dieſer Steindecke ruhten die ſterblichen Ueberreſte ihrer geliebten Eltern. Bertha kniete am Fuße des hölzernen Kreuzes nieder, das beiden Gräbern gemeinſchaftlich war. Sie betete inbrünſtig, aber ihre Angen blieben trocken, ihr Geſicht ſo ſtarr und unbeweglich wie immer. Ihre milde, ernſte Andacht machte es unwahrſchein⸗ lich, daß ſie blos zu dieſem Zwecke, um dieſer kalt frommen Handlung willen das Zimmer der Ahnfrau verlaſſen habe.... Nach kurzem Gebete erhob ſie ſich und bog um ein Gebüſch junger Cypreſſen. 8 Ungefähr zehn Schritte von dem Grabe der Eltern entfernt und bloß durch dieß Gebüſch getrennt, ſtand ein kleines Kreuz aus ſchwarzem Holz, mit welken Blumen umflochten. Es war das Grab eines Kindes, um wel⸗ ches die kunſtloſe Hand der Liebe einen einfachen Zaun aus Buchs geſchlungen hatte.. Gewiß biſt Du, lieber Leſer, das eine oder andere Mal vor jenen Erdhügeln ſtehen geblieben, die kein Stein deckt. Nichts als ein beſcheidenes Kreuz mit einem Namen darauf unter einem Blumenkranz! Aber dieſe Zierde wurde um den letzten Heller einer dürftigen zutter erſtanden!.... Holder Engel, armes Weib!... Deine einzige Freude hat dir Gott genommen!... Alle Hoffnungen deines Mutterſegens, ſo roſig, ſo glück⸗ 173 Ruheplatze. Ihr Buſen hob ſich, ihr Haupt ſiel auf die Bruſt nieder. Sie warf einen ſcheuen Blick auf die Grabſtätte der Eltern, als fürchte ſie, von ihnen belauſcht zu werden. Als ſie die ſchirmenden Cypreſſen ſah, verlor ſich ihre Unruhe. Ein tiefer Seufzer zerriß ihre Bruſt, ſie ſank auf den Boden nieder und barg ihr Antlitz im Graſe, das am Fuße des Kreuzes wucherte. „Mein Kind!.... Mein Edmund!....“ rief ſie mit erſtickter Stimme.— Dann küßte ſie die Erde ſanft, wie die Mutter die Stirn des ſchlafenden Kindes mehr anhaucht, als küßt. Sie erhob ſich auf ihre Kniee und ſtützte die beiden Hände auf den Raſen des kleinen Hügels. Welche Leidenſchaft, welche zärtliche Inbrunſt malte ſich jetzt auf den unlängſt noch ſo ſtarren, marmor⸗ kalten Zügen! Das Blut kehrte auf die todesbleichen Wangen zurück, die Thränen ſtrömten aus den trockenen Augen; die arme, geplagte Seele warf den gehäſſigen Schleier ab und zeigte die ganze Größe ihres Schmerzes und die Schätze ihrer unendlichen Liebe. „Edmund, mein Edmund!“ ſchluchzte ſie....„Mein lieber Sohn! Deine Mutter iſt wieder da und bringt Dir Blumen mit, die ſchönen Blumen, die Du ſo gern hatteſt, mein lieber Engel!.... Ich bins, Deine Mutter! der feuchten Erde.... wie ſchwer drückt ſie auf Dich mein Sohn!....“ Thränen und Schluchzen erſtickten ihre Stimme. „Wie ſchön Du biſtl....“ hub ſie nach einer Weile flüſternd an.„Wem lächelſt Du jetzt, mein Edmund, mein lieber Sohn? Haben die Engel im Himmel Dich ebenſo lieb, wie Deine Mutter Dich liebte?. Wüßteſt .. mein Sohn, mein lieber Sohn... Sie begrub ihre brennendheiße Stirne in beiden Händen, So blieb ſie eine Weile, ohne irgend ein Glied zu rühren. Nur die Bruſt wogte unter ihrem Schluchzen auf und ab. Als ſie das Antlitz entblößte, waren die Thränen verſiegt. Schwärmeriſch blickte ſie gen Himmel.... „Ich habe ihn geſehen,“ flüſterte ſie ruhiger.„Wa⸗ rum noch weinen? Er iſt bei Gott.... Er liegt in weißer Wiege und die Engel wiegen ihn. Ja er iſt ſchöner, wie ſonſt. Ja er liebt ſeine Mutter, ſeine arme Mutter, zer winkt ihr mit ſeinem Händchen einen Kuß au... Sie holte unter dem Mantel einen Strauß Herbſt⸗ blumen hervor. „Sieh, mein Edmund, das hab' ich Dir mitge⸗ bracht.... Dieſe Blumen pflückte ich Dir in dem großen Garten, der unſern Vätern gehörte... Es machte mir viel Angſt, aber ich mußte Blumen haben, Dir einen Kranz zu winden. Rieche mein Kind wie ſchön ſe duften!... Sieh, wie glänzend und prachtvoll ſie nd....“ 3 Sie hielt ein, Ihr Leib erzitterte krampfhaft, die Arme ſanken erſchlafft an der Seite nieder. „Die andern ſind verwelkt,“ fuhr ſie mit hohler Stimme nach einer Pauſe fort und rauſchte mit den Händen in dem trockenen Laub, das um den Stamm des Kreuzes hing....„ja, verwelkt, todt! Ach, der Tod, der Tod! Oh, daß ich bei Dir wäre, mein Edmund im ſtillen, kühlen Grab; wie ſanft würde ich an Deiner Seite ruhen!.... Barmherziger Gott, erhöre mein Gebet........ Ihre Stimme erſtarb.... .. 175 Sie ließ ſich neben dem Hügel nieder und wand einen Blumenkranz. So vergingen die Stunden der Nacht. .„..... Mit Morgenanbruch fand Jean⸗Marie Biot, als er, wie gewöhnlich in den Garten kam, um die Alleen zu harken, neben der auf die Straße Payenne führen⸗ den Pforte eine weibliche Geſtalt, in einen ſchwarzſeide⸗ nen Mantel gehüllt, im Graſe liegen. Es war die arme Bertha. Mit äußerſter An⸗ ſtrengung hatte ſie den weiten Weg vom Kirchhofe des Pere⸗Lachaiſe bis an das Hotel Maillepré zurückgelegt, dann aber war ſie, kaum im Garten angelangt, ohn⸗ mächtig zuſammengeſunken. Biot nahm ſie auf den Arm und trug ſie durch die finſtern Korridore bis in den rechten Schloßflügel. Gaſton und Sancta ſchliefen noch und ohne daß ſie er⸗ wachten, kam er glücklich durch Beider Zimmer in das der Großmutter, wo er Bertha auf ihr Lager niederlegte. Zwei Stunden ſpäter nahm Bertha, kalt und un⸗ beweglich, wie immer, an dem Familienfrühſtück Theil. 5. Sturmlauf mit Operngläſern. Kehren wir zum Geſchwiſterpaar zurück. Wir ver⸗ ließen ſie beim Einſteigen in den Wagen und finden ſie jetzt in der erſten Galerie der Oper wieder. Ganze zwei Stunden lang konnten Gaſton und Sancta vor lauter Staunen und Entzücken nicht zu ſich ſelbſt kom⸗ men. Das junge Mädchen hatte bis dahin keine Idee von dieſen prächtigen Spielen, welche die Sinne in 176 trunkenem Taumel wiegen, um den Verſtand deſto leich⸗ ter zu beſtechen. 4 Alles, was ſie ſah und hörte, erſchien ihr wie ein Traum, der ſeine magiſchen Reize um ſie entfaltete. Sie war ganz Auge, ganz Ohr; alle Sinne taumelten ihr durch einander. Willenlos gab ſie ſich dem Eindruck von außen hin. Gewiß war auch ſie die Tochter Eva's, gewiß be⸗ ſaß auch ſie einen tüchtigen Fond von jener Neugier, die, im Ganzen genommen, ein glückliches Unterpfand kinblich⸗naiver Unwiſſenheit, ein Reiz wahrer Jungfräu⸗ lichkeit iſt. Aber das dürfen wir getroſt verſichern, daß ihrem Wunſche, die Oper zu ſehen, alle Rückſichten auf ſich ſelbſt fern lagen und daß es Nichts als eine unſchuldige Liſt war, um den Bruder zum Genuſſe jenes Heilmittels zu bringen, das, wie ihr betheuert wurde, auf den Kranken ſo ſtärkend und belebend einwirken ſollte, wie der warme Regen auf die welke Pflanze. Plötzlich fand ſie ſich in dieſe Feenwelt verſetzt. Rings um ſie in weiten Reihen eine Blumenleſe der ſchönſten Damen, deren reiche Geſchmeide mit ihren Augen an Glanz wetteiferten. Ueberall lachende, an⸗ muthige Geſichter, blühende Wangen, flatternde Locken, reiche ſchneeweiße Schultern, die fröhlich aus dem Sam⸗ met oder Atlas der reizenden Gewänder hervorquollen. Ja, in dieſem bunten, lichtüberſchwemmten Wirr⸗ warr gibt es nichts Häßliches, oder es bedarf, um das Haͤßliche aus dieſem Meer von Schönheit herauszufinden, des durchbohrenden Scharfblickes weiblichen Neides oder der entſtellenden Brille des Gecken, der über ſeine eigene Langeweile gähnt. Alles glänzt auf den erſten Blick; das Auge ſieht keinen Schatten auf dieſem Gemälde, oder richtiger, es ſieht nur das, was funkelt und ſchimmert. Es ſchmuͤckt Alles mit den Farben der Dichtung aus. Jede Loge erſcheint ihm gewiſſermaßen als ein prächtiger Rahmen, 177 woraus ein Bouquet von Roſen und Lilien ihm ent⸗ gegenlacht. Und wenn dann auf das erſte Zeichen mit dem Bogen, worüber man faſt ebenſo viel gewitzelt hat, wie über die Tragödien des Kaiſerreiches, den die Spott⸗ ſucht, dieſe Scheidemünze beſchränkter Geiſter, ergießt ſich ebenſowohl über das Gute, wie über das Erbärm⸗ liche—, wenn, ſage ich, auf das erſte Bogenzeichen das Orcheſter einfällt und die Ströme der Harmonie durch den ungeheuren Sal zittern: o wie ſchwillt dann das jugendliche Herz in Wonne auf, wie dehnt es ſich aus, wie athemlos, faſt ängſtlos lauſcht es auf jeden Ton! wie hofft es!.... Auch der Dilettant genießt, oder gibt ſich das An⸗ ſehen. Sein Genuß iſt rein, wenn er ungekünſtelt iſt, es iſt der Triumph der Kunſt über das Alltagsleben. Nur laßt es Euch nicht einfallen, den Genuß des Kunſt⸗ verſtändigen oder deſſen, der es zu ſein glaubt, mit dem kindlichen Entzücken des Naturmenſchen bei derlei Wun⸗ dern vergleichen zu wollen. Der Dilettant geräth heute in Extaſe, wie geſtern und wie es morgen ſein wird. Tag aus Tag ein immer das alte Lied. Die Ertaſe wird ihm nachgerade zur Gewohnheit, wie einem Anderen die Journallectüre; ſie wird zu einer Art von Deſſert. Er trägt das Bouquet in der Taſche, das ſeinem Enthuſiasmus zu Hülfe kom⸗ men ſoll; ſein Delirium läßt ihm Beſinnung genug, das Brava oder Bravo mit möglichſt genauer Affectation des Florentiner Accents zu murmeln und dabei ſeine weißglacirten Hände geräuſchlos aneinander zu reiben. Wie anders der Neuling, der Naturmenſch, deſſen Seele für das Göttliche der Kunſt glüht! Wie wahr und aufrichtig iſt ſein Enthuſtasmus! Wie ihm die Begeiſterung ſo warm aus der Bruſt ſtrömt! Er urtheilt mit dem Herzen, während ſein Herz ſo voll iſt von Entzücken, daß es überläuft. Verlangt von einem Solchen nicht, daß er das pedantiſche Thermometer, wo⸗ Pariſer Liebſch. I. 12 mit eine eiferſüchtige Kritik die Skala fremder Kunſt⸗ leiſtungen bemißt, in die Ströme der Harmonie ein⸗ tauche. Er weiß Nichts von gelehrter, figurirter Muſik, Nichts von Muſikſchulen; er weiß nicht, ob die Inſtru⸗ mentalbegleitung ſich innerhalb der Gränzen der klaſſi⸗ ſchen Muſik hält, oder ob ſie wider die altehrwürdigen Normen des Conſervatoriums verſtößt; ja, Gott verzeihe ihm, aber er weiß nicht einmal, wie viele B moll des Schlüſſels es gibt! Dieß Alles weiß er nicht. Aber er weiß, daß ſeine Seele von der himmliſchen Harmonie der Töne wundervoll bewegt werde, daß ſein Puls ge⸗ ſchwinder geht, daß all ſein Denken in Fühlen ſich auf⸗ löst, daß eine alte Vergangenheit mit ihren ſeligen Erinnerungen aus ihrem Grabe auferſteht, oder daß ihn die Muſik in wonnige Träume wiegt. Die Macht der Töne ergreift, feſſelt, zäͤhmt ihn. Er fühlt, wie ein wol⸗ lüſtiger Schauer mit dem Blute durch ſeine Adern rieſelt.... Ihr Alle müßt Ein Mal in Eurem Leben dieſelbe Erfah⸗ rung gemacht haben, nur daß Ihr ſie wieder vergeſſen habt. Es geht den Sinnen, wie den Steinplatten, je häufiger man dieſe abdruckt, um ſo mehr verwiſchen ſie ch und um ſo undeutlicher werden die abgedruckten Exemplare. Euer Gefühlsvermögen, durch den häufigen Gebrauch, richtiger Mißbrauch abgeſtumpft, hat alle Reizbarkeit und Empfänglichkeit verloren, ſogar die Er⸗ innerung an ſeine erſten jungfräuliche Genüſſe, die Euch auf Eine Nacht in trunkenes Entzücken verſetzten. Sancta war ein zartes Weſen. Bei aller natür⸗ lichen Heiterkeit beſaß ſie ein ungemein reizbares Gefühl. In der erſten Stunde ſchien es, als unterliege ſie dem Vollgenuß der auf ſie einſtürmenden äußern Eindrucke. Sie hatte nicht die gewöhnliche Friſche ihrer Farbe und die jugendliche Lebhaftigkeit ihrer Züge verbarg ſich etwas hinter dem Schleier eines dumpfen Staunens. Man ſah, wie ſie ihrer Gefühle nicht mächtig war. Ungefähr daſſelbe ließ ſich von Gaſton ſagen. Faſt 179 ebenſo neu in dieſer Welt unbekannter Freuden, wie Sancta und noch reizbarer als die Schweſter, mußte er den Zauber gleich lebhaft empfinden. Aber Gaſton war weniger jung und kannte die Welt beſſer. Die Eigen⸗ liebe, welche dem Manne ebenſo natürlich kömmt, wie die Koketterie dem Weibe, erlaubte nicht, daß ſeine Züge die Vollgefühle ſeiner Bruſt getreu abſpiegelten. Er wußte ſich zuſammenzunehmen und mehr in ſich ſelbſt zu genießen. Er zog die Hände gewaltſam an ſich, wenn ſie applaudiren wollten. Dennoch war er allzufern von der ſchlecht verſteck⸗ ten Gleichgültigkeit ſeiner Nachbarn, um nicht bemerkt zu werden, namentlich da er Sancta, die ſich nicht den geringſten Zwang anthat, bei ſich hatte. Hie und da wies man mit den Fingern auf ſie oder lächelte ſpöttiſch und flüſterte ſo Etwas, das wie Provinzial klang. Unter dieſem Worte, das ziemlich gleich bedeutend iſt mit Epicier verſteht der Pariſer nicht ſowohl einen aus der Provinz Gebürtigen, als vielmehr jeden Franzoſen, er mag gebürtig ſein, woher er will, der ir⸗ gend Etwas in der Welt zu bewundern im Stande iſt. Im Sinne des Pariſers aus der Straße Saint⸗Denis iſt es das vollkommenſte Synonym und zugleich der bündigſte Inbegriff aller Adjektive, die eine Lächerlich⸗ keit und Dummheit bezeichnen.*⁵) Und, welcher Grund zum Spötteln! Die jungen Leute wagten es, ſich von der Muſik eines Roſſini und dem Geſange eines Nourrit und einer Falcon hinreißen zu laſſen! Uebrigens kömmt Alles darauf an, wie man Etwas thut. Gewiß darf man mit geſpitzten Lippen ſein Himmliſch! Göttlich! u. ſ. w. flüſtern, namentlich wenn man zum guten Glücke einige der techniſchen Ausdrücke im Gedächtniß behalten hat, welche den Kunſtkritiken in den *) Entſprechend dem Deutſchen: Einfalt vom Lande. 3 3 ſorei ſ A. d. Ueb. 180 Journalen ſo viel Farbe geben. Aber von Herzen be⸗ wundern, ohne das Geſicht ſchulgerecht und kunſtverſtän⸗ dig zu verzerren.... oh“, pfui!.... Sancta und Gaſton achteten auf Nichts, was um ſie vorging. Himmel und Erde hätten um ſie einſtür⸗ zen können, ſie hörten nur auf die Muſik und ſahen nur auf die Bühne Anfangs waren ſie wie vernichtet von der Gewalt unbekannter Gefühle, die in ihnen erwachten. Sich ſelbſt und alle Andern vergeſſend, unfähig, Worte zu finden, hatten ſie nur im Stillen genoſſen. Dann aber, nachdem der erſte Sturm ſich gelegt und eine kurze Pauſe eingetreten, ſahen ſich Beide ſtumm an.... Welche Beredtſamkeit lag in dieſem Blick gegenſei⸗ tigen Entzückens. Ihre Augen theilten ſich Alles mit, was im Herzen lebte und den Weg über die Lippen nicht finden konnte. Sancta weinte Thränen, Thränen der Freude und des Dankes... Ja, das Mittel hatte geholfen; die Liſt war gelungen. Keine Spur von Leid und Traurig⸗ keit mehr auf ſeinem männlich ſchönen Antlitz. Er ſchien mit vollen Zügen aus der Lebensquelle zu trinken. Ihrer Wonne kaum mächtig, faltete ſie die Hände und hob die glänzenden Augen mit leidenſchaftlicher Glut gen Himmel.... Als nach dem mit ſtürmiſchem Applaus begrüßten Finale des erſten Aktes der Vorhang fiel, entſtand in dem übervollen Hauſe eine allgemeine Bewegung, vom Parterre bis hinauf zum Amphitheater. Aller Blicke wandten ſich faſt gleichzeitig von der Bühne ab und ſchweiften in dem weiten Raume nach Belieben umher. Während dieſes Zwiſchenaktes, wo die Neugierde überall thätig war, richtete ſich mehr als ein Opern⸗ glas auf das Geſchwiſterpaar, das inmitten dieſer Menge, die nach einſtündiger Ruhe ſo bunt und lärmend durchein⸗ 181 ander wogte, wie ein Schülerſchwarm nach dem erſehn⸗ ten Glockenzeichen, einſam und verlaſſen daſaß. Trotz des unaufhörlichen Gemurmels, das vom Parterre herauf und von der obern Galerie herab ſcholl, wagten ſie nur zu flüſtern, als ob ſie nicht ebenſo gut ein Recht gehabt hätten, laut zu ſein, wie jeder Andere. Manches weibliche Auge, bald kühn, bald beſchei⸗ den, ſuchte den irrenden Blick Gaſtons zu feſſeln, wäh⸗ rend Sancta von einem Schock Opernhelden, die ſich nicht erinnerten, dieß reizende Geſichtchen je zuvor ge⸗ ſehen zu haben, aufs Korn genommen wurde. Kahlköpfige Millionäre und ſchlecht gekleidete De⸗ putirte verſchlangen ſie mit ihren gierigen Blicken. Der Banquier Bartolo, der ländlich ſittliche Marquis Vau⸗ tour des Bouquets und ſelbſt der berühmte exotiſche Prinz Trufaldini geruhten ſie in allerhöchſten Augenſchein zu nehmen.... Vor Allem machten ſich im Orcheſter eine Lorg⸗ nette von Elfenbein und im Proſcenium ein Opernglas von Ebenholz durch die unermüdliche, wahrhaft heroiſche Ausdauer bemerklich, womit ſie auf die friſchen Reize des jungen Mädchens gerichtet blieben, während die übrigen Sedezteloskope, als ſie bemerkten, daß Sancta nur für ihren Nachbar dazuſein ſchien, eines nach dem andern in ihrem lobenswerthen Eifer erkalteten und auf leichtere Eroberungen ausgingen, obwohl ihre Eigen⸗ thümer ſich geſtanden, daß die junge Schöne ihre ganze Bewunderung verdiene. Von noch größerer Bedeutung aber iſt, und wir bitten den Leſer uns dieß auf unſer ehrlich Geſicht zu glauben, daß Sancta der Gegenſtand einer viertelſtündigen Un⸗ terhaltung von Seiten von fünf oder ſechs junger Herrchen war, die am äußerſten Ende des linken Balkons Poſto gefaßt hatten. Dieß iſt inſofern von größter Wichtig⸗ keit, als dieſe gnädigen Herrchen, von denen einige ſchon ein gewiſſes Alter erreicht hatten, zu der Zahl jener famoſen Opernlöwen gehörten, die bald auf dem Balkon, 18² bald in die hölliſche Loge placirt werden, deren Daſein freilich von manchen glaubwürdigen Männern entſchie⸗ den angefochten wurde. Aber was will das im Grunde heißen! hat man nicht auch den guten Vater Homer der Klaſſe der fabelhaften Weſen zugeſellt? Dem ſei, wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß die ſieben oder acht Balkonherrchen einſtimmig Sancta reizend fanden. Das liebe Mädchen wurde kein Anlaß zu einem Schisma zwiſchen dieſer auserleſenen Blüthe unſerer Ariſtokraten, beſtehend aus Felir Chapitaur, dem präſumtiven Erben einer renomirten Wechſelmäk⸗ lerei und ſeinen adeligen Freunden: J. B. S. T., Sanguin vom Hauſe Sanguin und Cloquard von Lyon; Arſene Bon von Montfermeil, vielgeſuchter Zahnkünſtler, der aus purer Erkenntlichkeit den Namen ſeines Geburts⸗ ortes ſeinem Familiennamen beigefügt hatte; Advokat Durandin und Baron Prunot, Neffe des Herzogs von Pharſalus, welchen Titel er einem welthiſtoriſchen Schar⸗ mützel während des Kaiſerreiches verdankte. Felir Chapitaur und J. B. S. T. Sanguin waren jung und häßlich, Arſone Bon fing ſchon etwas zu altern an, Durandin hat ſeit der Zeit, wo wir ihn kennen lernten, an Runde und wohlwollendem Lächeln beträchtlich ge⸗ wonnen; von Baron Prunot ließ ſich nicht viel mehr ſagen, als daß er einen ſtattlichen Schnurrbart nebſt frem⸗ den Ordenszeichen trug. Alle waren mit vielem Geſchmack gekleidet, was aber in unſerem Jahrhundert, wo hinſichtlich der Toi⸗ lette der Geſchmack kein perſönliches Verdienſt mehr iſt, und ſelbſt ein Lovelace ſeinem Schneider ſkaviſch gehor⸗ chen würde, Nichts heißen will. Alle unterhielten ſich laut, ohne deßhalb allzuſtörend zu werden. Alle ſahen unbeſchreiblich heiter und ſelbſtzufrieden in die Welt hinein. Allen ſtand das Bewußtſein ihrer ſiegreichen Verführungskünſte leſerlich auf der Stirn geſchrieben. „Oh, oh, oh! Wie ſchön!“ winſelte Chapiteaux mit 183 verzuckter Miene, mit den Fingern ſchnalzend.„Donner und Doria! „Göttlich, göttlich!“ rief J. B. S. T. Sanguin. „Welch Gebiß!“ bemerkte der Zahnkünſtler. „Zum Freſſen ſchön!“ bekräftigte Falſtaff⸗Durandin. „Sakerlot nochein!“ Der Baron Prunot ſchwieg, aber huſtete und räu⸗ ſperte ſich ſo vielſagend und drehte dabei ſeinen Schnurr⸗ bart auf ſo beredte Weiſe, daß kein Zweifel obwalten konnte, wie ſein äſthetiſches Urtheil lautete. „Man ſollte glauben, das dumme Ding fürchte ſich, uns anzuſehen!“ bemerkte Herr von Montfermeil. „Sie riecht Lunte!“ meinte J. B. S. T. Sanguin. Alle lachten. Das war nicht fein! „Seht nur, ſeht! ˙S iſt nicht zu ſagen!“ ver⸗ ſicherte Felir Chapitauxv.„Donner und Doria...“ Die Operngläſer dieſer Herren behielten noch eine Weile dieſelbe Richtung bei und gingen dann auf neue Entdeckungsreiſen aus.. Nicht ſo die weiße Lorgnette und die ſchwarze Lorg⸗ pettee die beide unermüdlich in ihrem Examen fort⸗ uhren. Die weiße Lorgnette kam, wie dem Leſer bekannt, vom Orcheſter. Sie gehörte einem jungen Manne von fünf bis achtundzwanzig Jahren, der mit einer faſt nach⸗ läßigen Einfachheit gekleidet war und, den Rücken gegen die Bühne gekehrt, aufrecht daſtand. Er war von mittlerem, ſehr regelmäßigem Wuchſe, breiten Schultern und hoher Bruſt, die unter dem eng anliegenden, bis an's Kinn zugeknöpften ſchwarzen Tuchrock ſcharf hervortrat. Sein kurz geſchnittenes, hinten leicht gelocktes kaſtanienbraunes Haar machte im Jahre 1832, wo Jeder ſein Haar kräuſelte und mit Hülfe der Pomade zu einer rieſigen Pyramide in die Höhe thürmte, viel Aufſehen. Dieß und die Art, wie er ſeine ſchwarze Halsbinde geknotet trug, nebſt der ungezwungenen, freien 184 4 Haltung in Weſen und Stellung, liehen ihm ein deut⸗ liches Gepräge von Originalität. Ohne regelmäßig zu ſein, war ſein Geſicht höchſt einnehmend und mußte Allen auffallen durch die Bieder⸗ keit, Offenheit und verſtändige Kühnheit, die aus ſeinen Zügen ſprachen. Seine klugen, glänzenden Augen ſahen feſt und lebhaft unter einer hochgewölbten Stirn hervor, die in der Nähe der rechten Schläfe zwei nicht ſehr breite Schmarren zeigte, deren eine erſt jüngſt vernarbt ſchien; ſeine glatte Wange hatte jene bläuliche Färbung, die ein friſch raſirter ſtarker Bart zurückläßt; längs der geiſtreichen und fein gebildeten Oberlippe lief ein kurzer Schnurrbart, welcher an den Mundſpitzen leicht aufge⸗ wickelt war. Haltung und Geſicht verriethen den Soldaten und Künſtler. Das Atelier oder das Bivonac, vielleicht Beides, hatte ſeinen männlich ſchönen Zügen eine gewiſſe liebenswürdige Nachläßigkeit aufgedrückt, die aber ſeit wenigen Minuten total verſchwunden zu ſein und andern Empfindungen Platz gemacht zu haben ſchien. Denn der Blick unſeres jungen Mannes glitt hinter ſeiner Lorgnette mit brennender Neugier zwiſchen Sancta und Gaſton unaufhörlich hin und her. Offenbar war ſo Etwas von Eiferſucht mit im Spiel. So oft ſein müder Arm auf wenige Sekunden die Lorgnette ſenkte, betrachtete er das ſchöne Mädchen mit unbewaffnetem Auge. Dann war alle kriegeriſche Kühn⸗ heit aus dem Blicke gewichen und er ſah ſie mit der zartlichen, etwas ſchwärmeriſchen Verliebtheit eines fünf⸗ zehnjährigen Knaben an.... In einem jener Momente, wo das Opernglas an ſeiner Seite niederhing, begegneten ſich ihre Blicke, Sancta, die gerade mit ihrem Bruder flüſterte, brach plötzlich mitten im Satze ab. Wangen, Stirn und Hals färbten ſich rofig roth⸗ und über dieſe Röthe flog ein Halblächeln, ſo holdſelig, ſo jungfränlich verlegen, und ſie wandte ſo raſch den Blick ab, daß....... 4 4 185⁵ Das andere Opernglas, das vom Proſcenium aus Sturm lief, wurde von einer runzeligen, ſtark behaarten Hand gehalten, auf der ein herrlicher Demant blitzte. Das war faſt Alles, was ſich von dieſer muthmaß⸗ lichen Perſon ſagen ließ, die hinter dem Schirm der Proſceniumsloge verborgen ſtand. Aber was vermag ein Schirm, und wäre er auch, gleich dem Schilde der Ajarx, ſiebenfach umhäutet, gegen den durchbohrenden Blick des Feuilletoniſten? Hinter dem Schirm ſtand ein Mann von hohem Wuchſe, unge⸗ fähr ein Sechsziger. Neben ihm ſaß eine ſchöne Frau mit reichen blonden Locken, welche offenbar ſchon über den Lenz ihres Lebens hinaus war. Der Herr ging ſehr elegant gekleidet und mußte, nach ſeiner aufrechten Haltung zu urtheilen, noch im ungeſchwächten Beſitze männlicher Kraft ſein. Trotz der faltigen Stirn hatte er volles ſchwarzes Haar, war es nun Kunſt oder Natur. Im Halblichte der Loge ſchienen ſeine Züge hart und eckig, obwohl ſie jenes verbindlichen Ausdrucks nicht ermangelten, welcher den Weltleuten zur Gewohn⸗ heit wird. Die Dame an ſeiner Seite gehörte zu jenen Schön⸗ heiten, die nach den ſtrengſten Regeln der Kunſt mit dem Meiſel aus Marmor gearbeitet ſcheinen und hinſichtlich der Harmonie des Ganzen, ſo wie der einzelnen Theile Nichts zu wünſchen übrig laſſen, wohl aber hinſichtlich des geiſtigen Ausdrucks. Keine Spur von Anmuth und jenem belebenden Geiſte, ohne den auch die regelmäßig⸗ ſten und ſchönſten Geſichter kalt und todt bleiben. Aus den großen blauen Augen ſprach Nichts als Langeweile; aus den klaſſiſchen Formen ihres griechiſchen Mundes wehte eine Eiſeskälte.... Allerdings muß bemerkt werden, daß hier von einem ehelichen Tete⸗a⸗Tete die Rede iſt, bei welcher Gelegen⸗ heit eine hübſche Dame ſich nicht immer von der vor⸗ theilhafteſten Seite zeigen ſoll. 186 Gatte und Gattin ſprachen kein Wort miteinander. Leetztere lehnte gegen die Wand der Loge und blickte unendlich gleichgültig vor ſich hin. Aber die Zeit nahte, wo auch ihr eine Unterhaltung beſcheert wurde. Denn plötzlich fuhr ſie aus ihrer träumeriſchen Lage empor und richtete das Opernglas auf die gegenüber⸗ befindliche Proſceniumsloge, wo Leon du Chesnel unter tiefen Verbeugungen gegen eine dicke, häßliche, ſchwer mit Diamanten behängte Dame eintrat. Seitdem wich das Opernglas der blonden Dame nicht mehr von ſeiner geraden Richtung ab. Während die eine Ehehälfte miit wahrhaft bewundernswerther Ausdauer Sancta belorgnettirte, war die andere ver⸗ mittelſt des Opernglaſes mit Leon du Chesnel beſchäftigt. Beide ſchienen ſich an Wetteifer im Sturmlauf mit Operngläſern überbieten zu wollen. Gatte und Gattin nannten ſich: Herzog und Her⸗ zogin von Compans⸗Maillepré. 6. Schauſpiel im Schauſpielhauſe. Gaſton und Sancta ſaßen am äußerſten Ende der Galerie rechts, dicht vor der Thüre zum Gange.. Der Herzog und die Herzogin von Compans⸗ Maillepré befanden ſich in einer der erſten Proſceniums⸗ logen links und daher ganz in der Nähe des Theiles vom Balkon, wo Felir Chapitaux und ſeine erlauchten Freunde, die Quinteſſenz des geiſtreichſten Volkes der Erde, Poſto gefaßt hatten. Hinter dieſer liebenswürdigen Clique breitete ſich ein anderes Probchen unſerer nationalen Ariſtokratie aus, ein höchſt anſehnliches Pärchen: ein dekorirter b 187 Ehemann nebſt Ehehälfte, ſtrotzend von Körperfülle und blühendrother Geſundheit. Felir Chapitaux, dieſe ergötzliche, unbeſpiegelartige Natur, hatte von Seite J. B. S. T. Sanguins maß⸗ loſen Beifall geerntet, als er dieſe hochrothe Dame mit dem Faſtnachtochſen verglich, und in der That war das Bild nicht übel gewählt; denn ihr ſtattlich⸗fleiſchiges Embonpoint und der heroiſche Federbuſch, der über ihrem viereckigen Kopfe flatterte, gaben ihr alle Anſprche guſ die Ehre dieſes Vergleiches.— Dieſe Dame war keine andere, als die Gattin des Herrn Roncevaur, jenes weltberühmten Pariſer Schläch⸗ ters, deſſen Ruhm von Jahr zu Jahr fetter wird, gleich wie er nicht verabſäumt, der königlichen Küche dann und wann mit ſeinen ungeheuren Lendenſtücken ein wohlthä⸗ tiges Geſchenk zu machen. In der zweiten Hälfte jener Proſceniumsloge rechts, wo die obbezeichnete, häßliche, diamantenbeladene Dame ſaß, erſchien etwas ſpäter eine junge, hübſche, vielleicht gar reizende Frau, die inmitten eines kleinen Hofſtaates wie eine Königin thronte. Erſtere war Lea Verin, die alte Egerie des Für⸗ ſten**s, die damals einen hochgeſtellten Staatsmaun begeiſterte und in dem Rufe ſtand, in den Salons eines gewiſſen Miniſteriums dieſelbe Rolle zu ſpielen, wie Cotillon am Hofe Ludwig XIV. Doch verdient bemerkt zu werden, daß Frau von Verin ſich von dem gewöhnlichen Schlage der Pompa⸗ dours durch ihren bürgerlichen Stolz, ihre zarte Stimme und ihre doktrinäre Pedanterie kräftig genug auszeichnete. Auch ſie hatte ihren kleinen Hofſtaat, zwar etwas gemiſchter Natur, aber doch äußerſt unterwürſig. Man ſah darin gewiſſe ernſte, wo nicht finſtere Geſichter neben holdſelig lächelnden Perſonen, deren Rückgrate ſich an wunderbar geſchmeidigen Krümmungen überboten. Der⸗ gleichen ſeltſame Compagnieſchaften würden überraſchen, wenn ſie nicht an der Tagesordnung wären. Niemand 8 188 verſteht beſſer, gelegenheitlich ſervile Sonnette zu drech⸗ ſeln, als ein grimmig blickender Puritaner. Es iſt nachgerade eine ſprichwörtliche Wahrheit ge⸗ worden, daß bloß die Unbeſtechlichen noch einen gewiſſen käuflichen Werth haben. Wer ſich auf unſern politiſchen Jahrmärkten für einen Spottpreis wegwirft, findet kei⸗ nen Käufer mehr. Daraus folgt, daß wer ſich verkau⸗ fen will, zuvor tugendhaft geweſen ſein muß. Die zu den wahren Prinzipien der Gewiſſensmäk⸗ lerei Bekehrten nennen das: eine ſtürmiſche Jugend ge⸗ habt haben!.... Die Frau Vicomteſſe von Varannes, die Nachbarin des politiſchen Blauſtrumpfs, war das reizende Wider⸗ ſpiel zu jener erſtern Dame. Sie mochte ihre dreiund⸗ zwanzig Jahre zählen, war mehr hübſch als ſchön und noch mehr anmuthig als hübſch. Ihre Toilette zeigte jene ſtolze Einfachheit, die es verſchmäht, gewiſſer Orten mit gewiſſen Rivakinnen an Pracht zu wetteifern, aber wie ungleich geſchmackvöoller, gewählter und künſtlicher iſt dieſe ſcheinbare Kunſtloſigkeit, als jenes freche Prun⸗ ken mit gemeinem Lurus. Kleidung, Haltung, Sprache, Weſen und Benehmen, ſogar der Typus ihrer Schön⸗ heit verrieth die adelige Herkunft. Es war eines jener niedlich⸗ſtolzen Luft⸗ und Schattengebilde, die ihren ganz eigenthümlichen Zauber haben, der außerhalb der Grän⸗ zen akademiſcher Kunſt, vielleicht gar der ächten Poeſie liegt; ein Zauber, der ſo ätheriſcher Natur iſt, daß er den Meiſten entgeht und daher oft vom Neide wegge⸗ läugnet oder in's Lächerliche gezogen wird. Wer an ſolchen Schönheiten, die aus dem alltäg⸗ lichen Gleiſe heraustreten, doch nicht ſo, wie der Blau⸗ ſtrumpf und das St. Simoniſtiſche Weib, keinen Gefallen findet, der gratulire ſich; wer aber dieſe hübſchen Aus⸗ nahmen, in welchen die Vollkommenheit faſt zur Unvoll⸗ kommenheit wird, gern hat, der beeile ſich in ſeinem Genuſſe, denn dieſe Art verliert ſich immer mehr. In dem ſchweren Dunſtkreiſe der materiellen Inte⸗ 189 reſſen unſers Jahrhundert gedeihen die Blumen nicht, welche die Pfade ſchmückten, auf denen jene Königinnen im Reiche des Geiſtes und gefälligen Witzes durch das Leben tanzten, und Schwärme von Anbetern ſich nach⸗ ſchleppten. Von Zeit zu Zeit erſcheinen ſie, wenn ein äichter Genuß ihrer wartet. Die göttliche Harmonie der Muſik zieht ſie an, wie die Motte vom Lichte angezogen wird. Nur ſelten erblickt Ihr ſie noch an den Fenſtern ihrer Wagen, die im Galopp über das kothige Pflaſter von Paris hinrollen, um aufs Land zurückzukehren, wo der Frühling ihnen lächelt, oder im frommen Dämmer⸗ lichte von St. Thomas⸗d'Aquin und St. Sulpice; oder im Gehölz von Longchamps, doch nicht in jenen Tagen, wo es von fürſtlich aufgedonnerten Schneiderfrauen und Putzhändlerinnen wimmelt. Frau von Varannes erwartete ihre Mutter und Schweſter, Frau von Pontlevau und Frau von Baulnes. In ihrer Loge befanden ſich noch ihr Gemahl, ein Mann zwiſchen dreißig und fünfunddreißig Jahren mit ernſtem, nachdenklichem Geſichte, und zwei oder drei Gäſte. Da Gaſton und Sancta faſt in gleicher Linie mit den rechten Proſceniumlogen ſaßen, konnten ſie nicht ſehen, was dort vorging. Unmittelbar hinter dem Geſchwiſterpaar befand ſich die Eingangsthüre zur Sitze⸗Galerie, und weil das Haus gedrängt voll war, hatte die Logenſchließerin Bänke in den offenen Raum geſtellt, welcher ſonſt als Gang dient und daher frei bleibt. Dießmal reihte ſich Kopf an Kopf, ſogar mehrere Damen hatten hier Platz gefunden. Auf dem dicht hinter Gaſton befindlichen Seſſel ſaß ein blonder Herr von ernſtem Ausſehen, der eine goldene Brille trug und dem Advocaten Durandin einen freundlichen Gruß zugeworfen hatte. 4 Von allen übrigen Perſonen im übervollen Hauſe verdient keine die Aufmerkſamkeit des Leſers. Nur auf dem letzten Amphitheater, hoch oben in der Luft, bitten wir, zwei junge hübſche Burſche in ſonntäglichem * 190 Staate und von zwei queckſilberigen Griſetten begleitet, etwas näher ins Auge zu faſſen. Alle vier lehnen weit über das Gitter und betrachten ſich Gaſton vermittelſt eines Fernglaſes mit drei Schiebern, das von Hand zu Hand wandert. „Dragon,“ ſagte der eine von ihnen,„was gilt die Wette, er iſt's!“ Dragon zuckte die Achſeln und ſchnellte ſeinem Ka⸗ meraden, der Poiret hieß, einen Orangenkern an die Naſe, zum großen Ergötzen der beiden Mamſellchen. „Ein Orangenkern iſt keine Antwort!“ erwiederte Poiret.„Ich wette, es iſt der Palot!“ „Der Palot iſt größer,“ ſagte Dragon,„magerer und, Gott weiß, was ſonſt noch; jedenfalls ein braver er 1 7 „Mag ſein!... Gilt die Wette?“ „Ein rechter Arbeiter,“ fuhr Dragon fort,„geht auf keinen Platz, der neun Franken koſtet, mit ſeiner Bekanntſchaft, was achtzehn Franken zuſammen macht, in Bratenrock und ſeidenem Kleide.“ „Mag Alles ſein!...“ „ Iſt der Poiret von Sinnen!“ riefen die Plapper⸗ mäuler von Griſetten.„Der Herr da und ſeine Dame Arbeiter?... Ha, ha!... Proſit die Mahlzeit, Herr Poiret! Vornehme Leute ſind's 4 3 „Mag Alles ſein!“ wiederholte Poiret hartnäckig. „Ich bleib' dabei,'s iſt der Palot..... 4 In Folge des längeren Zwiſchenaktes war eine größere Stille eingetreten, ſo daß Sancta und Gaſton hören konnten, was in ihrer Nähe geſprochen wurde, ohne darauf zu achten. „So ſehen die Pariſer Löwen aus?“ ſagte eine Dame, unlängſt aus der Unternormandie eingetroffen, und wies unerſchrocken mit dem Finger auf Felir Cha⸗ pitaur und ſeine adeligen Freunde.„Pfui, wie häßlich!“ „Ach, Mütterchen!“ quickte die Tochter.„Seh'n Sie nur, wie vornehm... Nicht wahr, Väterchen?“ 191 „Still, Töchterchen,“ näſelte der Herr Papa, der ſich beſſer auf Ochſen als auf Löwen verſtand,„die Herren ſchauen mir impertinent wohlhäbig aus!“ Plötzlich entſtand eine Bewegung im Gange hinter Gaſton. Ein junger Mann mit hellſchimmernder Weſte, woran eine Filigrankette hing, ließ ſich neben dem Herrn mit goldener Brille nieder, nachdem ſie ſich derbe die Hand geſchüttelt hatten. „Heil und Segen, Sohn Aeſculaps!“ grüßte der neue Ankömmling, Herr Roby, unſer poetiſtrender, maſchinenerfindender Schauſpieler. „Nicht ſo laut!“ flüſterte Doctor Joſepin.„Aber woher kömmſt Du, Kunſtjünger?“ „Vom ſFſſen, Brüderchen, aus dem Palais⸗Royal, zwei Franken per Menſch.“ „Welch Gewerbe treibſt Du jetzt?“ fragte er, ihn ſchielend anſehend. „Welch Gewerbe? Meiner Seel', bald dieß, bald jenes,“ antwortete Roby.„Höre mich.... Aber, was Teufel, Du ſiehſt mich an, als hätteſt Du Furcht, an⸗ gepumpt zu werden.... Sei ohne Sorge, Freund,.... ich habe noch für vierzehn Tage zu beißen, und dann, aber ja geſchwiegen, Joſepin, bin ich Millionär,... vielleicht!“ „Ha, ha, ha!“ „Lache nicht! Auf meine Ehre,'s iſt wahr!... Bis dahin hab' ich noch zu beißen; Du weißt, ich lebe einfach....“ „Aber wie haſt Du inzwiſchen gelebt?“ fragte Jo⸗ ſepin, durch die Verſicherungen ſeines Freundes wieder beruhigt und erheitert. 1 „Gott weiß es,“ antwortete Roby,„höchſt aben⸗ teuerlich und romantiſch!... Schon war mir das Glück nahe... ſo nahe, wie die dicke Frau vor uns, deren normänniſcher Accent mich an meinen Fall in Alengon erinnert.“. „Du ſielſt? Und verwundeteſt Dich?“ — 1 „Nein, ich wurde verwundet... in meiner Eigen⸗ liebe,... und am rechten Auge, wie Philipp, der Ma⸗ eedonier, aber ſtatt des Pfeils vom Fragment eines verrotteten Calvilleapfels, den ein Satanas von Bauer auf mich abſchoß......“ „Und warum?“ „Weil ich den Hippolyt in der Phädra ſpielte.“ „Ha, ha, ha!“ kicherte Joſepin.„Solch ein Fall war das?!“ „Solch ein Fall!“ wiederholte Roby mit ſtoiſchem Gleichmuth.„Auch als Autor, nicht bloß als Acteur, bin ich gefallen... Aber, um auf Fortuna zurückzu⸗ kommen, denk' Dir, mir hat der verfluchte Einfall des Du Chesnel ſchlecht genützt.“. „Welcher Einfall?" „Die Weiber, Freund, die Weiber!... So oft ich die Leiter beſteigen wollte, brachen mir immer die Sproſſen, und ich, mitſammt allen meinen liebenswür⸗ digen Eigenſchaften, Talenten und Hoffnungen, mußte zwei Jahre lang von Provinz zu Provinz wandern...“ „Um zu ſchauſpielern?“ fragte Joſepin. „Um den Wein in Flaſchen zu thun...“ „Armer, armer Burſch!.... Und doch war Du Chesnels Einfall nicht übel.“ „Oh, oh,“ ſeufzte Noby,„ohne die ſchöne Baronin...“ „Ja, gewiß, gewiß. Sie hat uns genützt, weil ſie uns brauchte. Aber vergiß auch nicht, wenn man die Weiber an ihrer ſchwachen Seite zu nehmen weiß, und überdieß ſo gründliche wiſſenſchaftliche Studien....“ „Sieh mich an, Freund! Was hat ſie mir genützt, vnn doch weiß ich aus mehr als Einem Loche zu pfeifen.“ 88 6 „Kömmt Alles darauf an, wie man pfeift, Freund,“ bemerkte Joſepin, mit ungeheuer wichtiger Miene ſich die goldene Brille aufſetzend. Gewiß dachte Roby:„Der blonde Doktor iſt noch 2 193 Rüſs ae der alte.“ Doch behielt er dieſe Entdeckung ür ſich. „Iſt ſie noch immer ſchön?“ fragte er. „Schöner als je!“ rief Joſepin feurig, die Backen aufblaſend und ſeine Hand auf Robys Arm legend. „Seltſam, und doch iſt ſie um ſieben Jahre geal⸗ tert.... Deſto beſſer für ſie!... Und Ihr, Du, o Sohn Aesculaps, und die Andern, wie iſt's Euch ergangen? Zwar habt Ihr mich nur zu Dummheiten verleitet, dennoch hab' ich Euch gern und wünſch’ Euch das Beſte .... Sprich, was treibſt Du, Alter?“ „Ich bin im Ganzen zufrieden, Freund.... Wäh⸗ rend der Cholera war ich auf dem Lande, natürlich als Arzt. Später ließ ich ein Nötchen in die Journale rücken des Inhalts, daß ein gewiſſer Doktor Joſepin von der Pariſer Fakultät mehrfache Proben ſeiner ſchätzenswerthen Kenntniſſe, ſowie ſeiner menſchenfreund⸗ lichen Unerſchrockenheit unter den obwaltenden traurigen Umſtänden gegeben habe. Das brachte mich in die Mode, mit Hülfe der Baronine. ich glaube gar, bald hängen ſie mir'nen Orden an...“ „Was Du ſagſt?“ 4 „'S iſt eine Lumperei im Grunde, aber doch gilt man noch einmal ſo viel.“ „Bravo, bravo!... Und Du Chesnel?“ „Noch immer Geſandtſchaftsſekretär.“ „Noch immer! So ſcheint's, die Baronin bedurfte ſeiner nicht?“ „Ich glaube faſt.... Und der Kredit der Herzogin geht auch nicht weiter als das..... Uebrigens hat er ſich ein reizendes Weibchen angeſchnallt.“ „Du meinſt, erobert?“ „Nicht ſo, ich meine erheiratet. Ich rede von Madame Leon du Chesnel.“ „Leon du Chesnel verheiratet?“ „Und wie!“ 2 Pariſer Liebſch. I. 13 „Bravo, bravo!“ wiederholte Roby.„Und Du⸗ randin?...“. Als Antwort wies Joſepin zwiſchen den Köpfen Sanctas und Gaſtons durch auf den dicken Advokaten, der ſich neben Arſene Bon von Montfermeil breit machte, dem Erfinder des odontalgiſch⸗karthaginenſiſchen Elixirs, allbekannt durch ſeine auf galvaniſchem Wege gegen Fäulniß geſchützten und als tüchtig erprobten Kunſtzähne. „Sieh da, Freund Durandin!“ ſagte Roby.„Wie zufrieden er lächelt. Von dem weiß ich im Voraus, ob er verheiratet iſt oder nicht. Wer nach Amt und Wür⸗ den trachtet, der nimmt ſicher ein Weib, denn das Eine zahlt das Andere..... Und Deniſart?“ „Ich ſehe ihn wenig,“ antwortete Joſepin,„und weiß nur, daß er im Gefängniß geſeſſen hat.“ „Im Gefängniß?“ „Ja, im Gefängniß. Der arme Kerl hat Pech über Pech. Erſt ſtiehlt man ihm die großartige Idee von ſcientiſiſcher Ausbeutung des Volkselendes in gran⸗ dioſem Maßſtabe, und dann fshleppt man ihn vor Ge⸗ richt wegen ſeiner Broſchüre.... Das Allerpechöſeſte iſt, daß Andere, während er im Kerker ſchmachtet, ſeine Theorien mit ungeheurem Glück praktiſch anwenden.... Schutzbanken, Leihbureaus, Publikationsinſtitute für zwei Sous, Leichenkaſſen, Ausſteuervereine u. ſ. w., das Alles geht jetzt wie geſchmiert. Auch ich habe ein Paar Actien in einer Vorſchußkaſſe... die helfen mir leben... Aber Deniſart wird ſich blutig rächen!“ „Ein Allerweltskerl das!“ verſicherte Roby.„Als ich ihn das letzte Mal ſah, redigirte er einen Proſpect in genialem Rothwälſch für die Herren und Damen in der Nähe des Palais⸗de⸗Juſtice. Er behauptete damals, die langfingerigen Herren und Damen ſeien leidenſchaft⸗ liche Liebhaber der Lectüre, alſo ein vortreffliches Pub⸗ likum für einen vorurtheilsfreien Schriftſteller...... 14 „Oh!“ fiel der Doktor ein.„Seitdem iſt er ungleich weiter gekommen in der Cultur. Er will jetzt für Saint⸗ —— 195⁵ Lazare und die Conciergerie ſchreiben; dazu fühlt er Beruf in ſich. Noch mehr, er geht damit um, die Lä⸗ ſterung und Verläumdung in größerm Maßſtabe zu orga⸗ nifiren, und berechnet ſchon, wie viele Prozente die Rolle eines geſchickten Inſultators den Actieninhabern abwerfen kann...S iſt ein Kerl zum Staunen!“ „Zum Staunen!“ wiederholte Roby.„Derlei Ge⸗ danken kommen nur ihm!...“ Das Orcheſter präludirte; Alles gerieth in Bewe⸗ gung. Der junge Mann aus dem Orcheſter warf Sancta einen letzten zärtlichen Blick zu und kehrte ſich dann gegen die Bühne. Bis dahin hatte das Geſchwiſterpaar wegen des allgemeinen Geſummens von dem Geſpräch hinter ihnen nichts verſtehen köͤnnen. Je größer aber die Stille wurde und je aufmerkſamer ſie der Muſik zuhörten, um ſo unangenehmer mußie ihnen die Converſation der bei⸗ den Freunde werden, die, trotz des Wiederanfangens der Muſik, ungeſtört ihren Fortgang nahm, wenn auch nicht ſo laut wie ſonſt. Sancta und Gaſton vernahmen daher den größten Theil der von nun an zwiſchen dem Doktor und Roby gewechſelten Unterredung, weil jedes Geräuſch, noch ſo leiſe, ſich dem Ohre unwillkürlich aufdrängt, ſobald es den Hörer beläſtigt. „Die Baronin hat ſich nicht wieder verheiratet?“ fragte Roby. „Nein,“ antwortete Joſepin,„und wird es auch nicht, ich wette!“ „Sie hat keine Kinder?“ Joſepin ſtrich ſich das Kinn und ſah ihn ſchlau lächelnd an. 1 „Kinder 2... Wohin denkſt Du. 1. 9 „Warum nicht?“ fragte Roby. 3 Ein Wort drängte ſich auf des Doktors Lippen. Doch beſann er ſich und hielt es zurück. „Du vergißt, Freund, der Baron de Roye ſtarb den zweiten Tag nach der Hochzeit.“ „Tauſend ja! Ich ſehe, ich muß je eher je lieher zur arouin, i um mich wieder an die alten Geſchichtchen zu erinnern. Das Weib hält uns, aber wir halten auch ſie!“ Joſepin ſchuͤttelte ungläubig den Kopf, ohne ein Wort zu erwiedern. „Wo wohnt ſie?“ fragte Roby. „Ueberall, nur nicht in der eignen Wohnung.“ „Wo iſt die?“ „Straße Caſtiglione, Nro. 4.“ „hnden nie zu Hauſe?“ „Gleichviel,"entgegnete Roby,„ich will mein Gluͤck Probiren⸗ Wir waren viehiſch trunken jene Nacht, weißt .. ich erinnere mich nur ganz dunkel, aber mir ſcheint. daß jener Mord.... Joſepin packte ihn am Arme uund ſchüttelte ihn krampfhaft. Gerade als Roby das Wort Mord ausſprach, ſah Gaſton ſich um. Er erkannte in Joſepin den Arzt ſeines verſtorbenen Vaters wieder. Auch Joſepin erinnerte ſich, den Jüngling irgendwo geſehen zu haben. Von dem Augenblick an war Robys Heiterkeit da⸗ hin; das Bewußtſein der von ihm begangenen Unvor⸗ ſichtigkeit quälte ihn. Joſepin befeſtigte mit ziemlicher Gemüthsruhe ſeine goldene Brille auf ſeiner Magiſter naſe und hörte der Muſik zu..... Während Mademoiſelle Falcon mit Mademoiſelle Dabadie ein Duett ſang und das ganze Haus an ihrem Munde hing, öffnete ſich die Thüre des rechten Balkons. Ein elegant gekleideter junger Mann von faſt weiblicher Schönheit, aber etwas ſtark gebräuntem Teint erſchien auf einen Augenblick in der um Felix Chapitaux ver⸗ ſammelten Gruppe, doch ohne ſie zu grüßen, und kehrte ſein Lorgnon gegen die Proſceniumslogen rechts. Gleich darauf drehte er ſich um und verſchwand. 197 Ein lautes Gemurmel lief von Mund zu Mund durch's ganze Haus, ſo daß ſelbſt die kraftvolle Stimme der Mademoiſelle Falcon betäubt wurde. „Der wilde Marquis!“ raunte man ſich in's Ohr. hatte. Aber kein wilder, ſchöner Marquis war dort zu ſehen Niemand, als zahme, häßliche Felix Chapitaux, J. hörte es Sancta nicht.... „Sehen Sie den jungen Marquis von Malllepré, dort in der Loge der Frau Vicomteſſe von Varannes!“ rief eine Stimme in Gaſtons Nähe. Gaſton, der zu träumen glaubte, lehnte ſich mit halbem Leibe über die Galerie, um den Räuber ſeines Namens ſich anzuſchauen. Er ſah Nichts als die ſchö⸗ nen blonden Haare, welche die rofigen Wangen der Frau Diana von Baulnes beſchatteten.... 7. Der Modeherr. Minutenlang waren Aller Blicke auf die Loge der Frau von Varannes gerichtet. Es ſchien, als errege der junge Mann, der kurz zuvor dort eingetreten war, überall im Hauſe dieſelbe Neugier. Selbſt oben das Amphitheater gerieth in Bewegung. Die beiden Griſetten ſtritten ſich um die Wette, jede wollte das Sedezteleſcop, das von Hand zu Hand wan⸗ derte, zuerſt von Poiret haben. 4 3 „Geſchwind, laß ſehen!“ rief Bebelle, die älteſte von den beiden.„Wie ungefällig er iſt, der Poiret!“ „Galant, wollteſt Du ſagen! rief Mignonne, ein Mäulchen machend. Bebelle war zwanzig Jahre alt; die klaſſiſche Gri⸗ ſette, deren Porträt überall zu ſehen iſt, weil ſie die Dichter und Romanſchriftſteller gleicherweiſe begeiſtert! Die queckſilberige, plappermäulige, geſchrinzelte und ge⸗ bügelte, neckiſch⸗kokette, ſtets ſingende, ſpringende, täͤn⸗ zelnde, lächelnde, bei dem allem zärtlich grollende, ſchmollende, weinende und greinende Griſette! Mignonne war ſechszehn Jahre, und Gott lob! kein Typus! Darin wenigſtens war ſie originell, denn vom gemeinſten Handwerker bis hinauf zum Staatsmann, der nach dem Portefeuille ſchnappt, iſt heutzutage Alles Ty⸗ pus. Ein Galeerenſklave iſt der Typus eines Galeeren⸗ ſklaven, ein Engel der Typus eines Engels, eine Schind⸗ mähre der Typus einer Schindmähre. 4 Es gibt Leute, die bloß dadurch, daß ſie Typen für die Herausgabe von Modejournalen fabriziren, eben ſo viel Geld verdienen, wie Schneiderlehrlinge. Dieſe Leute ſind Typen.... Ihre Verleger gleichfalls... Ihre Leſer am meiſten!.... 2 199 Aber Mignonne war, wie geſagt, kein Typus... Sie tanzte, aber nicht immer, wie die Grasmücken, die Typen von Grasmücken ſind; ſie tanzte nur gelegent⸗ lich, ſie ging auch hübſch ordentlich.... Sie lachte oft recht maliziös, aber ſie konnte auch ernſthaft ausſehen. Sie wußte nicht allzuviel luſtige Lieder und hatte nicht allzuviel unterhaltende Romane geleſen, um ihr natürliches, ungekünſteltes Geplauder von dem affektirten Leihbibliotheklektüretone u nterhalten zu laſſen. Mignonne war die Verlobte Nazaire's, genannt Dragon; die wahre Verlobte, denn Beide meinten es ehrlich mit einander. Bebelle und Poiret verachteten die Che. 3 „Hübſches Bürſchlein!“ rief Poiret. Aber all das Gelächter wiegt keine Unze in der Hand. „Wie niedlich, wie artig!“ rief Bebelle, ihr Tele⸗ ſtöpchen auf den wilden Marauis fixirend. „Still, wenn ich bitten darf!“ rief ein muſiklieben⸗ der Dilettant aus dem zweiten Range herauf. Statt aller Antwort wies Bebelle dem Kunſtjünger zweiten Nanges ihre ſchönen Zähne und lächelte ihn von der Seite an.. „Ei der Tauſend!“ flüſterte Mignonne.„Gibt es denn Männer, die hübſcher ſind als Frauen?.... „Was gilt die Wetie 2“ rief Poiret zu Nazaire, der jetzt die Wohlthaten der Lorgneite genoß.„Was gilt die Wette, daß der Marquis nicht wilder iſt, als Du und ich?“ „Einverſtanden!“ rief Bebelle.„Er ſieht nicht darnach aus.“ 4 „Und dann,“ behaupiete Mignonne,„ſind die Wil⸗ den Neger....“ Nazaire, genannt Dragon, ein ſchöner ſtattlicher Burſch von dreißig Jahren, mit freiem, offenem Antlitz und hellbraunen, faſt blonden Haaren, die a la Titus friſirt waren, ſah bald Mignonne, bald Poiret unſchlüſſig an. Er fürchtete ſich, dem Schätzchen, das ihn etwas —yyy—x— * unter dem Pantoffel hatte, zu widerſprechen, und doch hätt' er ſo gern freundſchaftlichſt mit ſeinem Kameraden Poiret angebunden. „Nazaire,“" ſagte er mit hochwichtiger Miene,„das geb' ich zu.... aber wild.... das ſieht man am Wil⸗ den im Keller... Iſt der nicht auch von Fleiſchfarbe?a „Nicht er; aber ſein Trikot, Theuerſter!“ rief Poiret. „Gleichviel.... er iſt ſo wild, wie Paul und Vir⸗ ginie... Er iſt in Amerika geboren.“ Jetzt erſtieg die Unterredung eine Höhe, wohin we⸗ der Bebelle, noch Mignonne folgen konnten. Sie ließen daher den philoſophiſchen Streit auf ſich beruhen und gaben auf's Theater Acht, während Nazaire Alles aus⸗ kramte, was er über die Geburt und Geſchichte des wil⸗ Inzwiſchen kurfirten die manchfachſten Variationen über das eben verhandelte Thema. Ein Jeder wußte was Neues vom ſchönen wilden Marquis zu erzählen, und nur mit Mühe triumphirte die gewaltige Stimme der Mademoiſelle Falcon über dieſe Disharmonien.... Felir Chapitaur wußte ſich dieſe ungewöhnliche Neugierde des Publikums, die weder ihn, noch Baron Prunot, Neffen des Herzogs von Pharſalus, noch Herrn von Montfermeil zum Gegenſtand hatte, eben ſo wenig als J. B. S. T. Sanguin, zu deuten. Die ganze Clique, mit Ausnahme des Advokaten Durandin, der weislich ſchwieg, kritiſirte den ſchönen Marquis von Kopf bis zu Fuß. Chapitaux gab ihm ſchlechte Lebensart ſchuld; J. B. S. T. Sanguin, vom Hauſe Sanguin und Clo⸗ quard, fand ihn bürgerlich; Baron Prunot focht ſeinen Adel an. Nachdem ſie dieß Kapitel mit einigen faden Witzen beſchloſſen hatten, erſchöpften ſie ſich im Lob Pal⸗ myrens, Sidoniens und der Athenais, drei Lieblings⸗ 201— lorettinnen dieſer hoffnungsvollen Jünglinge. Sie ließen ſich in eine ſo detaillirts Beſchreibung der Reize dieſer Mädchen ein, und das in ſo viel ultra⸗techniſchen Aus⸗ drücken, daß ſchier ein Seelenverkäufer erröthet wäre, ſie in den Mund zu nehmen. Endlich verſtändigten ſich die Löwen über die Abweſenheit der Frau von Saint⸗ Pharamond, welche die Hauptſonne im Weltſyſtem die⸗ ſer Edelleute zu ſein ſchien......... Wirklich hatte die Perſon, welche die allgemeine Aufmerkſamkeit in ſolchem Grade feſſelte, etwas höchſt Auszeichnendes. Es war ein blutjunger Mann; ſeine Haut, vermuthlich durch die tropiſche Sonne leicht ge⸗ bräunt, hatte trotzdem ein zartes, ſammetweiches Aus⸗ ſehen. Aus den glänzend ſchwarzen Augen, von einer ſchönen hohen Stirn überwölbt und von pech⸗ ſchwarzen Haaren anmuthig beſchattet, ſprach eben ſo viel Herzensgüte als Kühnheit. Um den friſchen, kerni⸗ gen Mund mit hochgebogenen Lippen ſproßte ein ſeide⸗ ner Flaum von hellem Braun. Sein Wuchs war unter mittlerer Größe, aber von ſo wunderbar ſchönen Proportionen, daß das Auge über dieſe ebenſo anmuthigen, als edelvornehmen Formen die ge⸗ ringe Höhe vergaß. Höchſtens konnte man ihm eine zu große Nundung und zu weiche Harmonie vorwerfen. Aber, mein Gott, wie alt mochte er ſein? Höchſtens dreiundzwanzig Jahre. Alſo noch nicht in dem Alter, wo das Knochenſyſtem immer mehr ſeine Rundung ver⸗ liert und in das Eckige des Mannesalters übergeht. Nachdem er Herrn von Varannes die Hand ge⸗ ſchüttelt, trat er ſo weit an die äußere Einfaſſung der Loge vor, daß während eines Augenblickes ſich zwiſchen dem weit vorgebückten Gaſton und ſeinem Profil nur das blondgelockte Haupt der Frau von Baulnes be⸗ fand. Sobald er die Hand der Vicomteſſe geküßt und Dianen lächelnd zugenickt hatte, ließ er ſich neben der Vicomteſſe auf einem Stuhle in der zweiten Reihe nieder. 202 „Faleon iſt heute Abend göttlich bei Stimme,“ ſagte Frau von Varannes. 44 Die Antwort des Marquis ging in einem Rinfor⸗ zando des Orcheſters verloren, doch nicht für die Vi⸗ comteſſe, welche unmerklich erröthend abſah. „Ihr ſchöner Vetter macht entſchieden der Frau von Varannes den Hof,“ ſagte die Herzogin von Compans⸗ Maillepré, deren Opernglas zwiſchen dem Marquis und Leon du Chesnel hin und her irrte, zum Herzoge. „Sie iſt bezaubernd!“ dachte der Herzog ganz laut, ſich von dem lieblichen Antlitz Sancta's losreißend. „Sie bleiben ewig jung, Herr Herzog!“ erwiederte Frau von Compans⸗Malillepré ſpöttiſch lächelnd.„Mit meiner Jugend verlier' ich auch meine Eiferſucht immer mehr...... Uebrigens verräth Ihr Herr Vetter für „Das läßt ſich nicht von Herrn Du Chesnel ſagen!“ erwiederte der Herzog trocken. „Sie thun ihm Unrecht,“ entgegnete Frau von Compans, bis unter die Schminke erröthend, doch ſchnell gefaßt:„Er macht einer Geſandtſchaft den Hof.“ In demſelben Augenblicke verneigte ſich der Herzog als Erwiederung auf den flüchtigen Gruß ſeines ſchönen Wetters. Nach dieſem Gruß warf er ſich verdrießlich in den. Armſtuhl der Loge. Sein Blick irrte verſtohlen vom Marquis auf Du Chesnel, noch immer mit Lea Verin beſchäftigt, und von Du Chesnel auf ſeine Frau. Die tiefen Runzeln ſeiner Stirn und der grimme Blick des Auges zeigten, daß dieſe drei Perſonen ihm das Leben verbittern mußten. Wie er ſo daſaß und die Augen gen Boden ſchlug, ſah ihn die Herzogin eine Sekunde lang von der Seite an, ohne Liebe, aber auch ohne Haß, mit größter Gleich⸗ gültigkeit. Alle Gefühle der Gattin für den Gatten waren aus ihrer Bruſt gewichen. Sie hatte ihn ab⸗ wechſelnd geliebt, verabſcheut, gefürchtet, wie man einen 203 unverſöhnlichen Richter fürchtet. Dieß Alles hatte ſich jetzt zu totalſter Kälte und Gleichgültigkeit verftüchtigt. Inzwiſchen war in der Loge der Frau von Va⸗ rannes Alles Ohr, denn Nourrit hatte ſo eben die Bühne betreten. Frau Diana von Baulnes, ein ſchönes Weib, doch ohne die geiſtreiche Anmuth der Vicomteſſe, ihrer Schwe⸗ ſter, that, als ſehe ſie auf die Bühne, während ſie unter dem Opernglaſe durch den Marquis in's Auge faßte, nicht ſeiner Schönheit wegen oder weil ſie ihn liebte, nein! weil ihre ältere Schweſter erröthete, ſo oft ihr der Marquis heimlich ein Wort zuflüſterte. Die achtzehnjährige Diana, ſeit wenigen Tagen erſt vermählt, war ſehr unterrichtet, ſehr fromm, ſehr ge⸗ müthlos, ſehr mittelmäßigen Geiſtes, dabei von blühen⸗ der Geſichtsfarbe, herrlichen blonden Haaren, ſchönen Zügen und untadelhaftem Wuchſe. Ihre Erziehung ließ Nichts zu wünſchen übrig, auch fehlte es ihr nicht an ziemlich wichtiger Urtheilsgabe. Hätte ſie bei dem Allem, namentlich bei ihren ausgebreiteten Kenntniſſen, mehr Geiſt gehabt, ſo wäre ſie vielleicht vollkommen geweſen. Eine ſolche Natur, wie die ihrige, bedurfte vor Allem einer Erziehung, die ihrem Gemüthe Nahrung gab. Der zarifühlende Takt, der beharrliche Wille einer verſtändigen Mutter hätten ohne Zweifel manche ſchöne Anlage in ihr entwickelt und zur Reife gebracht. Statt deſſen war ſie von früheſter Jugend an der er⸗ ziehenden Thätigkeit einer mütterlichen Tante anvertraut worden, welche aus mißverſtandener Frömmigkeit den Grundſätzen einer ſtrengen Aszetik oder einer Art myſtiſch⸗ poetiſcher Theologie huldigte. In dieſem Geiſte wurde die ganze Erziehung geleitet. Vor Allem erwies ſich der ſchädliche Einfluß dieſes Geiſtes auf das jugendliche Gemüth Dianens an ihren falſchen Anſichten von der Ehe, die ſie als eine grobe Sünde wider die göttliche Tugend der Keuſchheit anſah. Und Nichts iſt natürlicher, als dieß. Ein Gegenſatz ruft den andern hervor, eine Uebertreibung die andere. Es darf uns daher nicht wundern, daß in unſerem Jahr⸗ hunderte, wo die Ehe ſo manchen erbitterten Angriffen von Seiten eigennütziger Gegner ausgeſetzt iſt, das an⸗ dere Extrem ſich geltend macht und das längſt entſchla⸗ fene Dogma der Manichäer aus ſeinem Grabe von Neuem erſteht. Wir hegen nicht den geringſten Zweifel gegen die CEhrlichkeit dieſer Kreuzritter wider die heilige Satzung der Ehe; vielmehr ſind wir überzeugt, daß ſie aus Ueber⸗ maß von Tugend eifern. An ihrer Spitze ſteht ein be⸗ rühmter Dichter, der ſich für ſeine Leiſtungen mit dem akademiſchen Stuhle belohnt weiß. Aber das Gift bleibt Gift, in wie lieblicher Geſtalt es ſich auch zeige. Daher glauben wir jeden Wohlmeinenden berufen, dieſen neuen Tempel, welchen achtungswerthe Hände aus Mißverſtand dem eyniſchen Anubis erbaut haben, durch ein Warn⸗ zeichen kenntlich zu machen.... Uebrigens bemerken wir, daß man nicht die Form, ſondern das Weſen und den Zweck der Ehe verwirft, wie das Evangelium dieſer menſchenfeindlichen Re⸗ ligion, der Roman einer Prieſterin dieſes Tempels, in ſehr beredten Worten dieß deutlich ausgeſprechen hat. ſMdan darf heiraten, aber weder Gattin noch Mut⸗ ter ſein. Diana beging alſo keinen Widerſpruch, wenn ſie Herrn von Baulnes, der ſterblich in ſie verliebt war, ihre Hand reichte. Obgleich ſie ihn auf keine Weiſe von ſich abſtieß, hätte man doch Alles gewettet, daß er ihr vollkommen fremd ſei. 3 So trafen ſich denn in der Loge der Frau von Varannes ſechs Perſonen, die, abgeſehen vom Marquis von Maillepré, der nicht zur Familie gehörte, durch die engſten Bande des Blutes vereinigt waren, und dennoch herrſchte der größte Zwang unter ihnen, etwa mit Aus⸗ nahme der guten Frau von Pontlevau, die ſich nie 205⁵ beengt fühlte, ſobald ſie einen Cachemirſhawl hatte und ein Publikum, das die Eigenſchaften deſſelben zu ſchätzen 2⁰6 fallen, ſo nahm er Sancta an Arm und zog ſie unge⸗ ſtüm hinaus. Der junge Mann aus dem Orcheſter folgte dem Geſchwiſterpaar. Als der Herzog ſie hinausgehen ſah, entfernte er ſich unter irgend einer trivialen Entſchuldi⸗ gung. Nicht ſobald hatte er den Rücken gewendet, als der Logenſchirm gewaltſam zugeworfen ward. Mochte es ein geheimes Zeichen ſein oder nicht, genug, Leon Du Chesnel ſah ſich pfeilgeſchwind um. Auf einen gebiete⸗ riſchen Wink der Frau von Compans verließ er die Prosceniumsloge der Frau von Verin und ſaß einige Sekunden ſpäter neben der Herzogin im ſtattlichen Lehn⸗ ſeſſel des Herzogs.... Während der junge Mann aus dem Orcheſter dem Theater Enfantin gegenüber ſeine Cigarre anzündete, hatte der Herzog, von oben bis unten zugeknöpft, links und rechts auf dem Hofe ſich umgeſehen und dann in das Kaffee der Oper ſich begeben. Gleich darauf kam er wieder zum Vorſchein, gefolgt von einer verdächtig ausſehenden Perſon in Hemdsärmeln, welche ein bis über die Hälfte ſeiner Länge dick bekreidetes Billardqueue in der Hand trug. „Hat es ſolche Eile?“ fragte der Menſch in ziem⸗ lich kordialem Tone den Herzog. „Auf der Stelle!“ antwortete der Herzog. „So muß ich meine Parthie verkaufen!“ rief Herr Burot und eilte ins Billardzimmer zurück. Herr Burot war in der Poule, die eben geſpielt wurde, noch Jungfer. Es hielt daher nicht ſchwer, einen Käufer zu finden. Nachdem er ſich in ſeinen ſemi⸗fas⸗ hionablen Frack geworfen und mit dem Gelde, dem Ertrage der verkauften Parthie, geklimpert hatte, eilte er zum Herzoge hinaus, der vor der Thüre des Billardſales wartete „Wo ſitzt ſie?“ fragte Herr Burot, der beim Herzoge den ſtolzen Titel eines Sekretärs führte. „Auf der erſten Galerie,“ antwortete der Herzog.... 207 „neben einem hübſchen Burſchen, der ihr gleicht, wie ein Ei dem andern, und ihr Bruder ſein muß.“ In dem nämlichen Augenblicke ging der junge Mann aus dem Orcheſter an den Beiden vorüber nud hörte dieſe Worte. „So, ſo“ dachte er.... Er ließ ſie einige Schritte voraus gehen und ſchlich ihnen dann auf den Hof nach. 8. Der Kohrſtock. Der kleine Hof zwiſchen den Gebänden der K. Muſik⸗ akademie und den Galerien der Oper war damals noch finſterer und hauptſächlich noch kothiger, als er heute iſt. Man kann ihn als den beſcheidenen Square dieſes glänzenden und volkreichen Stadttheiles anſehen, der von den Boulevard und den Straßen Grange⸗Bateliere, Lepelletier und Pinon begränzt wird. Scheint doch als könne jeder Palaſt oder jedes größere Gebäude nur im kothigen Grunde gedeihen. Die Oper, welche die Könige freilich nur aufnimmt, um ihnen eine wohlthätige Zwerchfallerſchütterung zu ge⸗ währen, hat dieß feuchte Loch, während die Tutllerien auf eine Pfütze hinausſehen, vor welcher der Beſen des Herkules erſchrocken wäre. 8. Früher, erzählt man ſich, ſtellten die gnädigen Herrn ihren Vaſallen eine Art Empfangſcheine über die geleiſte⸗ ten, pflichtſchuldigen Huldigungen. Jetzt bedarf es ſolcher mittelalterlicher Formalitäten nicht mehr. Wer heutzu⸗ tage durch einen Beſuch in der königlichen Wohnung dem Königthum gehuldigt hat, der wieß, ſtatt jedes ſchriftlichen Certiſicates, die Dreckſpritzen von den Ferſen bis zur Schulter vor. Es iſt beinahe ſchon zum Sprich⸗ 208 worte geworden, von einem armen, bis über die Ohren beſchmten Teufel zu ſagen: er kömmt vom Carouſſel⸗ platz!.... Gott ſei Dank, bleibt der kleine Hof der Oper noch weit hinter jenem Platze zurück, welcher ohne die ſechs Zoll dicke Kothlache auf ſeinem ausgetretenen Pflaſter, worin der Fußgänger zu erſticken Gefahr läuft, der ſchönſte der ganzen Welt ſein würde. Nein! Er iſt beſcheiden ſchmutzig, wie einem finſtern Winkel der Erde, wo nicht Louvre und nicht Tullerien ſtehen, erlaubt iſt. Dieſer Hof iſt mit den vier oben genannten Straßen durch die Galerien, durch die Paſſage und durch zwei unterirdiſche Gänge verbunden, welche letztere, trotz ihrer düſtern, unfreundlichen Gewölbe mehr von Liebesſeufzern als von Klagelauten wiederhallen. Um recht ſicher zu ſein, hatten der Herzog und ſein Sekretär Burot mitten im Hofraume ſich aufgeſtellt, während der junge Mann aus dem Orcheſter hinter den ſchmalen Pilaſtern der bretternen Kolonnaden den Athem anhielt und mit geſpitzten Ohren ſie belauſchte. Wenn es ein Verbrechen iſt, ein Geſpräch, das Einen Nichts angeht, Wort für Wort einzuſchlucken, ſo war unſer junger Mann im höchſten Grade ſchuldig, denn er ließ, um beſſer horchen zu können, die Cigarre ausgehen und reckte den Hals weit aus. „Blaue Augen von engelgleicher Unſchuld,“ ſagte der Herzog mit der enthuſiaſtiſchen Salbung des Gour⸗ mands, der ſeine Lieblingsſpeiſen analyſirt....„Ein Teint von Lilien....“ Seide....“ „Will viel heißen,“ grunzte Burot,„aber wenn Sie noch zweiunddreißig Perlzähne Ihrem Signalement hinzufügten, ſo brächte es mich nicht auf die Spur.... Wie alt mag ſie ſein?“— 209 Ja, ſieh nur zu, dachte unſer Mann aus dem Par⸗ terre. Er ſtand noch immer auf den Zehen und drehte ſich friedlich den Schnurrbart, in Nichts jenen abenteuer⸗ lichen Geſtalten gleichend, welche in den Dramen mit * 210 Burot war ein kleiner, hagerer Kerl mit langen krauſen Haaren, deren welke, faſt verdörrte Büſchel ſeinem Kopfe eine gewaltige Breite gaben. Eine krebs⸗ rothe Haut lag feſt und dicht auf ſeinen eckigen, weit hervorſpringenden Backenknochen; die dünne ſchmale Naſe war in der Mitte gebrochen, ſo daß ſie, wie ein Fall⸗ ſchirm, über den mit langen, durch die Pfeifenſpitze tief ausgehöhlten Zähnen, beſetzten Mund herabhing. Ein ſtarker, falber Bart lief wie eine Art Backentuch um die hügeligen Wangen, der ſchwebende blinzelnde Blick der dicht zuſammenſtehenden, runden, kleinen Augen mit röthlicher Einfaſſung verrieth den Spitzbuben von Profeſſion. Seine Kleidung machte offenbar Anſprüche auf Eleganz, denn er trug einen Ueberrock von feinem granatfarbigem Tuch, nebſt einer Weſte von hochrothem Sammet und einer ungeheuren Kravatte von himmel⸗ blauem Atlas, mit hellgelben broſchirten Blumen reich beladen. Ein perlgrauer, blouſenartiger Pantalon ſchlot⸗ terte über die platten knochigen Füße. Auch an Koſt⸗ barkeiten fehlte es nicht, ein großer goldener Siegel⸗ ring ſteckte auf dem Zeigefinger der rechten Hand, eine Filigrankette hing geſchmackvoll an der flammenden Weſte und zwei emaillirte Schmetterlinge breiteten als Hemd⸗ knöpfe ihre zierlichen Flügel aus. Der Herzog, der an die Impertinenzen des Kerls ſchon gewohnt ſein mochte, hielt ſeinen Zorn an ſich. Ueber⸗ dieß entdeckte er beim Schein der verrauchten Thron⸗ lampen die überirdiſche Glorie der Augen inmitten des hochpurpurnen Antlitzes. K„Schon wieder trunken, mein armer Burot?“ ſagte der Herzog in mitleidigem Ton.„Soll es denn nie beſſer werden?“ „Ich fürchte, nie, Herr Herzog... S iſt verflucht ſchwer, eine alte Sünde ablegen; das weiß Niemand beſſer, als Sie....“ Der Herzog legte ihm die Hand auf die Schulter 211 ſo nachdrücklich, daß Burot ein höchſt ernſtes Geſicht machte... „Mit Vergunſt, Herr Herzog. Es war nur Scherz, auch bin ich ſo nüchtern, daß ich jeder Maus nach⸗ ſchleichen wollte.. fahren wir fort in unſerem Signa⸗ lement, Herr Herzog.... Alſo reizend blond, ſeiden⸗ haarig, roſig, ſchneeweiß, blauäugig, mit einem Bru⸗ der, der Bruder und lein Liebhaber iſt.... Weiter?“ „Ein himmliſcher Wuchs, ſo viel man daran ſehen kann.“ „Und Ihre Toilette?....“ „Höchſt einfach... Muſeelintuch, ſeidenes Kleid, kleiner Crepphut mit einem Kranz von Blumen, die weniger friſch find, als ihre Wangen.“ „Alter Troubadour, verliebter Geck!“ murmelte Bu⸗ rot in den Bart....„Wollen ſehen, was ſich machen läßt, Herr Herzog!“ rief er laut. „Gut.... So bleiben nur noch die Beinchen oder die Fiaker.. Im erſtern Fall will ich ihr, wie gewöhn⸗ lich, nachſchleichen. Gott gebe nur, daß ſie nicht bei der Barriere du Trone logirt. Im zweiten Fall will ich abpaſſen, was ſie dem Kutſcher ſagt.... Dann notire ich's mir und bringe Ihnen morgen Beſcheid, wenn Gott mir das Leben ſchenkt.“ „Gut ſo! Aber mach, daß Du ins Parterre kömmſt und Dir die Kleine auskundſchafteſt.... Noch heut Abend erwart ich Beſcheid über Deine Expedition. Deer Herzog ging ins Theater, Burot in die Con⸗ ditorei zuruck. 212 Nachdem unſer junger Mann noch eine Weile ſich ruhig verhalten, kam er ſchnell aus dem Verſteck her⸗ vor und flog dem Herzog nach. 5 Er holte ihn ein, als er eben die große Treppe erſtiegen hatte. 8 „Ich heiße Romeo,“ mein Herr, redete er den Herzog an, den Hut in der Hand.„Ich habe als Ka⸗ pitän in einem Reiterregiment in Afrika gedient und darauf den Dienſt verlaſſen, um meinen Oberſt, der mich gröblich inſultirt, fordern zu können.“ „Darf ich fragen, mein Herr,“ unterbrach ihn der Herzog vornehm höflich,„wie ich zu der Ehre dieſen ebenſo unerwarteten, als ſchmeichelhaften Mittheilungen komme?“ 3 „Der Oberſt hatte drei Söhne,“ fuhr Romeo trocken fort,„drei hübſche, brave, wackere Söhne, die ihren Vater pflichtſchuldigſt vertheidigten. Ich mußte mit ihnen den Anfang machen.“ „Aber, mein Herr!“ „Dann kam die Reihe an den Oberſt... Jetzt bin ich Bildhauer und wohne in der Straße Saint⸗Louis, im Marais, Nro.... 4 3 „Mir liegt an der Nummer Nichts, mein Herr,“ rief der Herzog und wollte fortgehen. Aber Romeo hielt ihn am Knopfe des Ueberrockes zurück. „Nummero 26,“ ſagte er ganz leiſe.„Ich bemerke Ihnen dieſe Kleinigkeit, damit Sie mich zu finden wiſſen, wenn es Sie je gelüſten ſollte, mich aufzuſuchen.“ „Die Skulpturen meines Hotels ſind in beſtem Zuſtande, mein Herr,“ begann der Herzog, feſt über⸗ zeugt, mit einem Narren zu ſchaffen zu haben. „Es handelt ſich nicht von Ihrem Hotel,“ ſagte Romeo, ſich verneigend,„ſondern von Ihnen ſelbſt.“ „ Ich habe nicht die Abſicht, mich in Marmor hauen zu laſſen, mein Herr.“ Nomeo verneigte ſich nochmals. Dann zog er den 213 Herzog ſauft bis vor die offene Thüre der Loge, in welcher Sancta ſaß. „Kennen Sie die Dame?“ fragte er, auf Sancta deutend. Der Herzog ſah ihn erſtaunt an. „Jaã, Sie kennen ſie,“ fuhr Romeo trocken fort. „Ich ſehe es an Ihrem Staunen und Ihrer Bläſſe... Hören Sie mich, mein Herr. Ich bin jung und geſund, hoffe daher, noch lange zu keben.... So lange ich lebe, ſollen Sie dem jungen Mädchen kein Haar krümmen.“ „Iſt das eine Drohung, mein Herr?“ fragte der Herzog, ſich in die Bruſt werfend. „Ja, mein Herr, eine Drohung!“ wiederholte Romeo, drehte ſich auf den Ferſen um nnd ließ den Herzog verblüfft in der Logethüre ſtehen. Inzwiſchen war der Vorhang wieder aufgezogen wor⸗ den. Taglioni bezauberte Aller Blicke durch die Wunder ihres Tanzes; Alle hingen an dieſem idealen Weſen, halb Weib, halb Fee, das auf ſeinen gazenen Flügeln kaum den Boden berührte. Wer vermöchte zu beſchreiben, was ſie, die noch unlängſt uns entzückte, damals im Mai ihres Lebens war, als der Zanber der erſten Jugend ihre keuſchen Verführungskünſte unwiderſtehlich machte? Was mußte ſie damals ſein, als der erſte Beifall ihre jugendkräftigen Muskeln befeuerte, oder ihr Lächeln ſich an dem Duft der erſten Kränze berauſchte, wenn ſie jetzt noch, nach ſo langen Jahren, unbeſtritten als die erſte Tänzerin der Welt daſteht? Trotz der reizenden Gemälde, welche die Sylphide vor den Augen des Geſchwiſterpaares entfaltete, war die alte Lußt dahin; die Stunde des ungetrübten, wolken⸗ loſen Vergnügens entſchwunden. Sie hatte nur kurze Zeit gedauert! Gaſton ließ betrübt den Kopf hängen. Grund genug für Sancta, der Freude Abſchied zu geben. Es ſchien, als ſei ein bitterer Tropfen in den Kelch ihres beiderſeitigen Glückes gefallen. Seit ſie den Bruder trauern ſah, vermochte Nichts mehr, ſie zu erheitern. Gaſton verſchwieg Sancta aus mehreren Gründen die Urſache ſeiner Mißſtimmung, welche die geſunde Röthe von ſeinen Wangen verſcheucht hatte. Während des Zwiſchenaktes durchlief er das Foyer und die Kor⸗ ridore, ſich ängſtlich nach einem Gegenſtande umblickend, den Sancta unmöglich errathen konnte. 3 Aber was er ſuchte, fand er nicht. Er war auf gut Glück hierhin und dorthin gegangen, hatte ſich bald dieſer, bald jener Gruppe genähert, durch den Schall irgend eines Namens angezogen, doch immer vergebens. Er horchte eine Weile, muſterte die Geſichter der Reihe nach mit einer Aufmerkſamkeit, die faſt an Unverſchämt⸗ heit gränzte, und ſetzte dann ſeinen Weg fort, zum großen Erſtaunen Sancta's. Und wirklich hatte er ſich eine ſchwierige Aufgabe 1 geſtellt... Wie Etwas ſinden, das man nicht im Ge⸗ ringſten kennt?.. Wer weiß, ob er nicht dicht an ihm vorüberſtreifte?... Denn bekanntlich ſteht dem Menſchen ſein Namen nicht auf der Stirn geſchrieben! Gaſton wußte dieß Alles, dennoch tröſtete er ſich mit thörichten Hoffnungen und fuhr im Suchen fort, bis ans Ende des Zwiſchenaktes. Der ſchöne Marquis war die ganze Zeit über in der Loge der Frau von Varannes geblieben. Gaſton und er hätten ſich alſo nie begegnen können. Gegen die Mitte des Ballets trat Herr Burot ins Parterre ein, mit dem nonchalanten Benehmen eines Stammgaſtes. Die trockenen, dürren Haare ſtanden weit von dem feuerrothen Geſichte ab, die Farbenpracht ſeiner Kleider verletzte das Auge, wie ein Mißton das Ohr; dabei ſah ein elaſtiſcher Mundſpitz hinten aus der Rock⸗ taſche hervor und ſchwankte luſtig hin und her. Nachdem er mit jenem ehrenwerthen Theile des Publikums, der unter dem großen Lüſtre ſeine Reize auskramt, einige verbindliche Grüße gewechſelt hatte, —————————— 215 muſterte er vermittelſt des Opernglaſes die Galerieen. Auf den erſten Blick fand er Sancta heraus und prüfte ſte als Sachkenner. „Die oder keine Andere!“ ſagte er bei ſich.„Ge⸗ ſchwind ans Werk!... Meiner Seel', ſie iſt hübſch!... Aber da wird der Herzog blechen müſſen.“ Der Titel eines Sekretärs, den Herr Burot beim Herzog von Compans⸗Maillepré führte, gibt übrigens dem Leſer nur einen ſehr unvollſtändigen Begriff von den wichtigen Funnktionen, die ihm oblagen. Der Gramma⸗ tiker würde ſagen, dieſer Sekretärstitel paßte nur per Autonomaſiam oder per Synecdochen auf Herrn Burot, welcher, um ihn unverblümt bei ſeinem rechten Namen zu nennen, Nichts war, als der Leporello eines Don Juan, ein gewerbsmäßiger Kuppler von gutem Geſchmacke und feiner Witterung, ein auf die Liebesjagd trefflich abge⸗ richteter Spürhund, ein gegen alle Prügel abgehärteter Mädchenjäger... Jeder Handwerker hat ſeinen Stolz. So auch Herr Burot, der in der Regel ſeinem Herrn keine Zeit zur Initiative ließ, ſondern ihn zuerſt auf die liebenswür⸗ digen Biſſen aufmerkſam machte. Dießmal war ihm ſein Herr zuvorgekommen; daher erklärt ſich der unver⸗ ſchämte Scepticismus, den er in der oben mitgetheilten Natex⸗dung zwiſchen ihm und dem Herzoge an den Tag egte................ Das Theater war jetzt vorbei und die Menge ſtrömte durch die engen Ausgänge zum Tempel hinaus. Felix Chapitaux, J. B. S. T. Sanguin, Herr von Montfermeil und Baron Prunot ſtanden am Fuß der großen Treppe und unterhielten ſich von der Taglioni, der kleinen Blondine, der ſieggekroͤnten Stute, die Cha⸗ pitaux angekauft, am Angelegentlichſten aber von Frau Bathilde von Saint⸗Pharamond, der blendend ſchoͤnen Lorette, deren Loge den ganzen Abend unbeſetzt geblieben. Lorette und Lorette iſt ein Unterſchied. Frau von 216 Saint⸗Pharamond gehörte zu den vornehmen. Sie bewahrte in ihrem niedlichen Sekretär einen gültigen Ehekontrakt, der bewies, daß ſie die hinterbliebene Wittwe eines hochgeborenen Grafen ſei. Welche beneidenswerthe Stellung für eine Lorette! Aber auch wie ſchön, in ſolcher Stellung ſich dem Vergnügen eines Prunot, eines Sanguin, eines Chapi⸗ taur, eines Fürſten Trufaldini u. ſ. w. zu widmen.... Frau Gräfin von***, genannt Frau von Saint⸗ Pharamond, hatte gerechte Anſprüche auf die Achtung ihrer Mitſchweſtern, wie denn auch die für alles Edle und Schoͤne begeiſterten Redaktoren des Witzblattes*sn⸗ nicht verabſäumten, in jeder Nummer ihres Journales dieſen ihren weiblichen Mäcen zu beſonnetten........ Dragon, der Mignonne am Arme führte, und Poiret mit Bebelle ſchickten ſich zu der weiten Reiſe in ihre obſeuren Quartiere an. Auf dem ganzen langen Wege vertieften ſich die Vier in Erörterung der anfän⸗ lichen Streitfrage, ob der junge Mann auf der Galerie der Palot geweſen ſei oder nicht. Auch die Logen entleerten ſich allmälig. Der Herzog und die Herzogin von Compans⸗Maillepré hatten die ihrige verlaſſen. Ehe letztere in den Wagen ſtieg, warf ſie Leon du Chesnel, der einen koſtbaren Shawl über Lea Verins runzelige Schultern deckte, einen gebie⸗ teriſchen Blick zu. Ohne Zweifel war dieſer Blick eine Ergänzung ihrer während der Abweſenheit des Herzogs gepflogenen Unterhaltung. Gaſton und Sancta blieben vor dem Eingange der Galerie ſtehen; es ſchien, als wolle Gaſton alle Anwe⸗ ſenden die Revue paſſiren laſſen.. Zuerſt kam Lea Verin, die am Arme Leon du Ches⸗ nels einherwatſchelte. Trotz ſeines gebieteriſchen Lächelns merkte man dem Geſandtſchaftsſekretär an, wie ihn ſein Glück langweile. Er ſah Gaſton, erkannte ihn und wandte den Kopf ab. Dann folgte Frau von Varannes mit ihrem Hof⸗ 217 ſtaate. Der ſchöne Marquis führte die Vicomteſſe, mit der er lächelnd flüſterte. Sein Ellbogen berührte leiſe Gaſtons Schulter. Während ſich der Marquis entſchuldigte, ruhte ſein Blick eine Sekunde lang auf dem bleichen Antlitze des letzten der Mailleprés. Seltſam! Dieß Autlitz verlor plötzlich ſeinen Ernſt und verklärte ſich zu dem ſanften, freundlichen Ausdruck weiblicher Züge...... 4 Gott weiß woher, aber Gaſton vermuthete in Herrn von Baulnes den Räuber ſeiner Titel und ſah ihn finſter an...... 4 Zuletzt ſtieg auch er mit der armen Sancta, die ihn traurig betrachtete und doch nicht wagte, nach der Urſache ſeines Kummers zu fragen, die Treppe hinab. Unter dem Periſtyl der Oper ſtand Romeo, bis über's Kinn zugeknöpft, als warte er auf wen. Sobald ihn Sancta erblickte, wurde ſie über und über roth, doch ſah ſie nicht allzu ſchnell weg, und erſt nachdem ſie ihm holdſelig zugelächelt hatte. Nomeo freute ſich wie ein Kind. Er ſchlich dem Geſchwiſterpaar nach, zugleich mit Herrn Burot, der ſeine Pfeife aus der Taſche gezogen hatte und ſie ſtopfte. Eben als Sancta und Gaſton in einen der vor dem Theater haltenden Fiaeres ſteigen wollten, trat Burot, die Pfeife im Munde und einen Fidibus in der Hand, an den Wagen heran. Zwei Schritte von ihm ab, auf dem Trottoir, ſtand Romeo und ſpielte mit einem niedlichen, geſchmei⸗ digen Rohrſtock. „Schwager, erlaubt, daß ich meine Pfeife anzünde,“ bat Burot den Kutſcher, welcher Gaſton und Sancta heimfahren ſollte. 4 „Nur zu!“ rief der Kutſcher.„Wohin belieben die Herrſchaft?“ 218 Burot reckte den Hals aus und ſpitzte die Ohren, um zu horchen. Aber in dem nämlichen Momente fuhr Romeo mit ſeinem Rohrſtock unter die Pfeife und ſchnellte ſie ver⸗ mittelſt deſſelben ſo gewandt und kräftig in die Höhe, daß ſie nebſt den Vorderzähnen bis in den dritten Stock hinaufflog. Blitzſchnell faßte Burot mit den Händen nach dem Munde. Doch ehe er ſich von ſeinem Schrecken erholte, war der Kutſcher verſchwunden und Niemand auf dem Trot⸗ toir zu ſehen, als Romeo, der heiter auf ſein Stöckchen lehnte. „Liſt gegen Liſt!“ rief ihm Nomeo lächelnd zu.... „Ihr Herr wird Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie ihm die meinige erzählen.... Grüßen Sie ihn ergebenſt vom Bild⸗ hauer aus der Straße Saint⸗Louis, im Marais.“" 9. Zwei Werkſtätten. Den folgenden Morgen, Punkt acht Uhr, nach dem gewoͤhnlichen Lever der Herzogin⸗Wittwe, kleideten ſich die Geſchwiſter um. Gaſton zog ſeinen Handwerkerkittel, Sancta ihr Indiennekleid an und ſetzte ihr Häubchen auf. Statt die Schnur der Pforte zu ziehen, ſtand Jean⸗ Marie Biot von ſeiner Arbeit auf und öffnete die Flü⸗ gelthüre, ſich ehrerbietigſt verneigend. Gaſton ſah blaß und niedergeſchlagen aus; mit zärtlicher Unruhe betrachtete ihn Biot. Auch Letzterer war ungewöhnlich düſter und beküm⸗ mert; der Leſer ahnt, warum? Es war ja der Mor⸗ gen, wo er Fräulein Bertha von Malllepré neben der Gertenpforte ohnmächtig gefunden hatte.... Hand in Hand gingen die Geſchwiſter ihren Weg, aber nicht munter plaudernd, wie ſonſt; nein! ſchweig⸗ ſam und betrübt. 3 219 Der letzte Abend, der ſo heiter und fröhlich begon⸗ nen, laſtete Beiden ſchwer auf dem Herzen. Gaſton war in tiefes Nachdenken verſunken; dann und wann furchten ſich ſeine Brauen vor Zorn. Sancta ſah ihn verſtohlen an, als wolle ſie die Urſache ſeiner Trauer ihm vom Geſichte ableſen. Das gute Mädchen zitterte heftig, denn ſie ahnte nichts Gutes; es war ihr, als drohe ihnen Beiden ein neuer Sturm. Nachdem ſie die Straße des Francs⸗Bourgeois durchwandert, bogen ſie in die Straße Saint⸗Louis ein und blieben vor Nro. 26 ſtehen. „Auf Wiederſehen heut Abend!“ ſagte er zu Sancta und küßte ihre Stirn. „Heut Abend....“ ſtotterte Sancta,„wirſt Du mir ſagen, lieb Brüderchen, was Dir fehlt....“ „Du ſollſt es wiſſen, Schweſterchen,“ antwortete Gaſton gezwungen lächelnd und küßte ſie nochmals. Beide trennten ſich. Das Haus, in welches Sancta eintrat, hatte zwei Flügel, zwiſchen denen ein ziemlich geräumiger Hofplatz lag. Ueber der Thüre des rechten Flügels war eine Art von Schild, worauf in goldenen Buchſtaben geſchrieben ſtand: Madame Sorel, Putz⸗ macherin im zweiten Stocke. Die Thüre des linken Flügels hatte keine Inſchrift aufzuweiſen; dieß wäre auch überflüſſig geweſen, denn die längs der Mauer zerſtreuten Fragmente von Gips⸗ formen und zerbrochenen Statuen, ſowie die im Erdge⸗ ſchoß aufgeſtellten Gips⸗ und Marmorgruppen, nebſt Vaſen u. ſ. w., welche durch die geöffneten Fenſter ſich bemerklich machten, verriethen das Atelier eines Bildhauers. So war es auch. In dieſem Flügel befand ſich die Werkſtätte, und im zweiten Stocke, gerade Madame Sorel gegenüber, die Wohnung Romeo's. Zwiſchen den beiden Flügeln führte ein Hof, vder richtiger, eine Art von Straße auf den mit einem Eiſen⸗ gitter verſchloſſenen Garten. 3 Auch längs des rechten Flügels, und noch an an⸗ 220 dern Stellen des Hofes war ein Gitterwerk angebracht, ſo daß es faſt ſchien, als habe ſich Romeo zum Mäzen eines gitterfabrizirenden Künſtlers aufgeworfen. Sancta ging in den rechten Flügel des Hauſes, wohlgemerkt in den rechten. Als ſie in den Arbeitsſal eintrat, der rings mit Stickereien in ihren Stickrahmen behängt war, fand ſie Niemand, nicht einmal Madame.. Sie rückte ihren Sitz zurecht, nahm unter tiefen Seuf⸗ zern nochmals von Gaſton in Gedanken Abſchied, öffnete dann ihren Stickrahmen und begab ſich an die Arbeit. Kaum hatte ſie einige Stiche gethan, als ein heller Schein auf ihre Hand ſiel. Er kam von dem gegen⸗ überliegenden Fenſter, welches die Stralen der Morgen⸗ ſonne zurückwarf. Unwillkürlich blickte Sancta von ihrer Arbeit auf und ſah hinter den halbgeöffneten Vor⸗ shängen das verklärte Antlitz Romeo's. Erröthend ſah ſie nieder. Gleich darauf wurden die Gardinen zugemacht.— O, wie pochte Sancta's Herz! Nie hatte fie eine ſolche Unruhe empfunden; bald war ihr ſo leicht, ſo wohl zu Muth, bald wieder ſo ängſtlich, als würde ihr die Bruſt zugeſchnürt.— Sie verſuchte zu arbeiten, aber die Finger zitterten ihr auf dem Rahmen. Die Augen irrten unſtät über die verſchlungenen Zeichnungen hin und konnten ihren gewohnten Weg nicht finden. Indeß war Madame in's Zimmer getreten. Sancta erbebte beim Geräuſch der Thüre, als fürchte ſie, der Purpur auf ihrer Stirn werde ihr Verbrechen entdecken. Um Alles in der Welt hätte ſie ihre glühendheiße Wange dem Blick der Madame gern entzogen, und doch ſchien es ihr, ſie müſſe ſich eben ſo ſehr durch ihr ſcheues Weſen ver⸗ 4 8 rathen.... 4 — Unwillig ſah Madame Sorel die leeren Plätze und die müſſig an der Wand hängenden Stickereien. Es war eine Frau von etwa fünfunddreißig Jahren und ziemlich eleganter Kleidung. Ihre Geſichtszüge, weder . „ 221 ſchön noch häßlich, hatten im Zuſtande der Ruhe nichts Auffallendes. Dennoch wurde vielleicht das geübte Auge des Phyſtognomikers aus den tauſend Falten rings um die ſchmalen, geradlinigen Lippen auf Sinnlichkeit ge⸗ ſchloſſen haben. Aber jeder Munizipalrath kann Euch ſagen, daß man ein Arbeitshaus nicht aus chriſtlicher Liebe hält. Wozu braucht man noch Lavater und Gallzu ſtudiren, ſeit ein Miniſter in der Pharmakie uns ein untrügliches, ebenſo einfaches als ſinnreiches Mittel gelehrt hat, aus den Titeln oder den Kleidern einer Perſon auf die Be⸗ ſchaffenheit ihrer Geiſtes⸗ und Seelenorgane zurück⸗ zuſchließen? Ein Bischen von der Schuld iſt auf Rechnung un⸗ ſerer alten Komiker zu ſchreiben. Ich will nur an die einzige Rolle erinnern, welche der unſterbliche Autor des Tartüffe die Herren Apotheker ſpielen läßt.... Madame Sorel ſchlug einen Stickrahmen nach dem andern auf, um zu ſehen, wie weit die Arbeiten fort⸗ geſchritten ſeien. Im Vorübergehen ſtrich ſie das nied⸗ liche Kinn Sancta's. „Recht ſo, mein Kind; ſo hab' ich's gern;“ ſchmei⸗ chelte ſie ihr.„Ihr ſeid die pünktlichſte und fleißigſte von Allen.“ Der Lärm, der plötzlich in der Thüre entſtand, ſparte Sancta die Verlegenheit einer Antwort. Fünf oder ſechs junge Mädchen in verſchiedenfar⸗ bigen Kleidern, aber alle gleich kokett und gefallſüchtig herausgeputzt, ſtürzten lärmend in den Sal. Die mei⸗ ſten waren ſehr jung, einige recht niedlich, alle affektirt luſtig. f. Leider müſſen wir geſtehen, daß Roman und Thea⸗ ter gleich viel Schuld haben an dieſer unnatürlichen Verzerrung und Entſtellung. Wer von uns den niedli⸗ chen Mädchen mit dieſen ecklen Fratzen vordem Geſichte begegnet, der ſollte beſchämt zur Erde niederſehen. Man hat ihre Lebendigkeit, ihre Anmuth, ihre liebenswürdige 222 Keckheit ſo oft geprieſen und ſo hoch erhoben, daß fie jetzt eine Ehre darin ſuchen, vornehmſtolz, affektirt und unverſchämt zu ſein oder zu thun. Gott hat ſie, gleich allen andern jungen Mädchen, ſittſam und anſtändig erſchaffen. Eben ſo gewiß hat Gott den Pariſer Gamin nicht unerträglicher als alle anderen Burſche, den Studenten nicht träger, gröber, unglücklicher in der Wahl ſeiner Vergnügungen, als alle anderen Jünglinge gemacht. Der Student bildet oder ſollte bilden den aufgeklärten Theil unſerer Jugend; ſelbſt der Pariſer Gamin ſoll früher eben ſo gutmüthig geweſen ſein, als er jetzt erfinderiſch iſt in klaſſiſchen Teufeleien.— Woher denn dieſe Veränderung in den natürlichen Verhältniſſen? Antwort: Weil einige Sauſewinde die Griſette, den Studenten, den Gamin zu Typen, d. h. zu Kollektiv⸗ geſtalten, zu idealen Weſen erhoben haben. Die Folge davon iſt, daß jede Perſönlichkeit in dem Typus aufgeht. Denn bemerkt es wohl, nicht der Typus kopirt die Griſette, den Gamin, den Studenten, ſondern umgekehrt, der Gamin, die Griſette, der Stu⸗ dent kopirt den Typus, der in jedem Bilderladen ge⸗ druckt, geſtochen und illuminirt für ein paar Sous zu haben iſt. Das iſt eine ernſte, betrübende Erſcheinung. Wenn es ſo fort geht, ſchrumpft in Bälde die ganze Geſell⸗ ſchaft zu ein paar Bildern aus einem beliebigen Mode⸗ journal zuſammen.. Es wird Alles ſo mechaniſch werden, wie im Orga⸗ nismus einer Fabrik, und die Menſchen ſich as, ziren, wie die Exemplare einer Steindruckerei. Ja, die Originalität ſchwindet immer mehr aus dem 8 Bereiche des geſelligen Lebens. Nirgends eine freie, rein innerliche Bewegung, überall Kopie, Abdruck, Convention in Kleidung, Haltung, Sitte, Gang, Eſſen und Trinken, in Vergnügungen u. ſ. w. Jeder iſt in Jedem Kopie. 8 223 Und wovon Kopie? Nicht einmal die Kopie eines Menſchen; nein! die Kopie einer Kopie, die Kopie eines Typus, das heißt ſo viel als: Schatten eines Schattens, einer Art bur⸗ lesken Abdrucks irgend eines burlesken Produktes aus einem leeren Hirn, das ſelbſt Nichts, als eine Kopie iſt. Und ſo geht es weiter bis in's Unendliche. Nehmen wir zum Beiſpiel den Arbeiter der Jetzt⸗ zeit. Der Arbeiter, wie er uns jetzt in den verſchiede⸗ denen Gewerken entgegentritt, iſt Dichter, Philoſoph, Denker, Plappermaul, Eiferſüchtler, Neider, Narr, ein rhetoriſches Talent nicht in der Toga, ſondern in zer⸗ lumpter Blouſe: kurz, er iſt Alles, nur nicht das, was er ſein ſollte— Arbeiter. Im Namen des Arbeiters ſelbſt proteſtiren wir feierlich gegen eine ſolche Verzerrung aller natürlichen Verhältniffe. Ihr behauptet, er leide, und wirklich leidet er. Aber ſeht Euch vor, daß Ihr ihn durch ſolche Uebertreibungen nicht noch unglücklicher macht. Wie uns ſcheint, liegt dieſem bombaſtiſchen Weſen eine Geringſchätzung dieſes höchſt ehrenwerthen Theiles der Menſchheit zum Grunde. Man will ihn ſeiner na⸗ türlichen Sphäre entrücken; das kann nur der thun, der ſie mißliebig anſieht. Niemand kann die arbeitende Klaſſe mehr achten und mehr lieben, als wir; Niemand kann herzlicher wünſchen und ſtreben, ihnen auf vernünf⸗ tigem Wege ein beſſeres Loos und eine günſtigere, ein⸗ flußreichere Stellung im Staate zu verſchaffen. Aber heißt das ihnen dienen, wenn man ihnen wohin ſie von Natur nicht gehören? Heißt das, ihnen dienen, wenn man in hochtra⸗ benden, ſchönklingenden Redensarten ihnen einen Wider⸗ willen gegen ihren Stand beibringt, der den Haß und die Eiferſucht, die in der Seele jeded Leidenden unter der Aſche fortglimmen, zu hellen Flammen aufſchürt? Kezun ſchmeichelt und ſie auf eine Stufe erheben will, 8 Arbeit wollen ſie von Euch und nicht den leeren Dunſt Eurer ſelbſtſüchtigen Reden! Glaubt mir, ſtatt durch ſolche wahnſinnige Philippiken ihre Qualen zu lindern, erhöhet Ihr ſie! Iſt es nicht ein Jammer und Elend! Die Einen predigen dieſen Menſchen, die vor Hunger verſchmachten, von der ſättigenden Kraft des agrariſchen Geſetzes. Die Andern beweiſen mit mathematiſcher Evidenz, daß ſie nicht einen Tag länger leben können. Ein Dritter kleidet ſeine überſpannten Ideen in eine dichteriſche Form, die faſt ans Geniale ſtreift, und überzeugt Jeden, daß er ein Don Juan ſei, welcher Marquiſinnen zur Liebe zwinge. Dieſe Leute ſind nicht durch die Ausſchweifungen im Denken verzärtelt, wie Ihr es ſeid. Sie nehmen Eure poetiſchen Fictionen für Wahrheit. Sie glauben Euch, die Ihr im Wachen träumt. Wüßtet Ihr nur, wie viel Unheil Ihr anrichtet! Das Leſen Eurer Schriften hat ihnen den Kopf verrückt. Sie arbeiten nicht mehr, ſie legen die Hände in den Schooß; ſie träumen, machen ſchlechte Verſe und ſuchen gierig nach den verſprochenen Marquiſinnen oder Gräfinnen, die vor ihnen auf den Knieen ſchmachten.... Es ſind arme, unrettbar verlorene Leute, und Ihr ſeid ihre Mörder... Mit Einem Federſtrich habt Ihr ſie getödtet! 3 Kurz, es ſind Typen!..... „ Von den fünf jungen Mädchen, die ins Atelier desſ 1 Madame Sorel ſtürzten, trugen Vier Kleider aus ver⸗ ſchoſſener Indienne, aber nach der neueſten Mode zuge⸗ ſchnitten, Hüte aus grobem Zeug, aber von eleganteſter Form, und niedliche Halbſtiefel in weiten Ueberſchuhen. Die Fünfte erſchien im Häubchen, ähnlich wie 225 5 Zelia und Mamſell Zulema auf die Empfehlung Be⸗ 6 belle's, ihrer Freundin, der Madame vorgeſtellt 6 wurde. 4 Hinter den fünfen ſchlich eine lange, blaſſe, gries⸗ — grämig ausſehende Geſtalt ins Zimmer. Es war Made⸗ moiſelle, eine Art weiblicher Aufſeherin, die in Ab⸗ weſenheit von Madame die Polizei handhabte. „Immer zu ſpät!“ zankte Mademoiſelle ärgerlich. „Sie bringen mich um allen meinen Gewinnſt!“ 2„Nur um zehn Minuten!“ bemerkte Zelia. „Ich wünſchte, Sie nähmen ſich Sancta zum Mu⸗ ſter!“ fing Madame Sorel an. „Sancta wird Alles verziehen!“ riefen die vier Mädchen im Chor.„Die kann ſich Alles erlauben.“ „Wüßte man nur,“ brummte Mamſell Modeſta, „was ſie zwiſchen fünf Uhr Abends und acht Uhr Mor⸗ gens thut!“ Was Mamſell Modeſta in derſelben Zeit that, wußte freilich Jedermann. Sancta arbeitete fort und antwortéte Nichts. „Hier iſt die neue Stickerin, Madame,“ hub Zelia an. Mignonne trat ſchüchtern zurück; worauf ſie von ihrer Schutzheiligen mir Nichts dir Nichts vorgeſchoben wurde. „ Wollen den Verſuch machen,“ ſagte Madame zur Mademoiſelle, nachdem ſie Mignonne eine Weile prüfend angeſehen.„Sie werden mir ſagen, wie ſie * arbeitet.“— 11*„Auf Verſuch,“ fügte Zulema erklärend hinzu,„das heißt: für fünfundzwanzig Sous den Tag. Wir Andern bekommen vierzig... Wollen Sie das? Niemand zwingt Sie dazu.“ 1„Ich will den Verſuch machen,“ flüſterte Mignonne. „Geſchwind denn an's Werk!“ rief Zulema luſtig Parifer Liebſch. 1. 15 226 Hurtig, ihr Dämchen, Ans Stickerähmchen, Tra la la la, Heiſa ſa, ſa!“ „Mademoiſelle Zulema!“ rief Madame trocken. „Nicht mal trillern darf man!“ brummte Zulema und ſetzte ſich ärgerlich an ihren Rahmen nieder. Mignonne wurde ihr Platz neben Sancta angewieſen. In demſelben Augenblicke erkannte ſie in Sancta das Mädchen, das in Geſellſchaft des angeblichen Palot am letzten Abend die Oper beſucht hatte. 5„Die Mamſell habe ich geſtern Abend in der Oper geſehen,“ flüſterte ſie lächelnd den andern Mädchen zu. „Sancta, im Theater? Heilige Mutter!... Aber gewiß in beſſern Kleidern?....“ Zulema, Zelia, Modeſta und die Vierte, die ohne Zweifel Emmelie hieß, ſchlugen ein lautes Gelächter auf. „Sancta in der Oper!... Sancta in der Oper!“ „Erſte Galerie,“ fügte Mignonne hinzu, überglück⸗ lich, auf Koſten Anderer lachen zu dürfen.„Und mit 'nem kleinen Brünetten, hübſch wie ein Amor.“ Das Gelächter wurde immer lauter. „Mein Gott, Sancta in der Oper, erſte Galerie, mit'nem brünetten Amor!“ Das Wort that weh. Sancta erröthete im ganzen Geſichte; eine Thräne trat ihr ins Auge. „Nichts für ungut, liebſte Mamſell,“ bat Mignonne und ergriff ihre Hand.„War nicht bös von mir ge⸗ meint... und mein Gott! iſt das Urſache zum Weinen? Jede von uns hat ihre Bekanntſchaft....“ „Verſchonen Fie mich mit ſolchen Reden, Mamſell,“ gebot Madame Sorel.„So Etwas darf in meinem Sal und unter meinen Ohren nicht geſagt werden.“ „Aus guten Gründen....“ wollte Mignonne hin⸗ zufügen. 8— Aber der Chor der Maͤdchen übertäubte ihre Stimme. 7 3 — —— N 227 Alle die hämiſchen, böswilligen Neckereien und Spötte⸗ leien, worin die Eiferſucht und der Neid des Weibes, — Griſette oder nicht— ſo erfinderiſch ſind, ſtuͤrmten auf die arme Sancta ein. „Geh'n wir heut Abend zu den Seiltänzern, Mam⸗ ſell Sancta?“ fragte Zulema. „Wohin denkſt Du, Zulema,“ fiel Mamſell Modeſta ein.„So was iſt nur gut für uns Andere.“ 3 Bal„Mit oder ohne den kleinen Brünetten?“ fragte elia. „Der es ſo ehrlich meint!“ fiel Emmelie ein.„Ich habe fünf oder ſechs ſolche gehabt,“ fügte ſie leiſe hinzu. „Laden Sie uns zur Hochzeit ein, Mamſell Sancta?“ fragte Modeſta höchſt ernſthaft. Sancta ſah endlich auf und ſtrich ihre langen, blonden Locken zurück; ihr thränenfeuchtes Auge ſtralte von himmliſcher Unſchuld. 3 „Es iſt mein Bruder,“ ſagte ſie, ruhig um ſich blickend. „Dacht' ich's doch!“ ſiel Zulema ein. „Ich betheure Ihnen, es iſt mein Bruder,“ wieder⸗ holte ſie mit bewegter Stimme. „Man weiß, was das heißt,“ ſagte Emmelie. Sancta erhob ſich von ihrem Sitze. Die friſchen Farben ihrer Wangen waren verſchwunden. Aus ihrem Auge, eben noch ſo ſanft und ſchuͤchtern, funkelte der unbeugſame Stolz ihres Geſchlechts. Sie blickte Mig⸗ nonne verächtlich an, die ſich umſonſt bemühte, ſie zu tröſten, und ging langſam ſchweigend auf die Thüre zu. Nachdem die Läſterzungen der Mädchen einen Au⸗ genblick verſtummt, fingen ſie gleich von Neuem an, als die Thüre ſich hinter Sancta geſchloſſen hatte. „Die dumme Ziererei, die!“ rief Emmelie, vor⸗ nehm die Naſe rümpfend. „Ich muß mir für allemal verbitten,“ rief die wohlbeſtellte Schäferin dieſer undisciplinirten Heerde, „daß ſolche Auftritte ſich in meinem Hauſe und unter ⸗ 228 meinen Augen wiederholen.... Wenn Mamſell Sancta morgen wiederkömmt..... 4 „Sie wird nicht wiederkommen!“ ſiel Mignonne fraurig ein........ Als Sancta die Treppen hinabgeſtiegen war und den Hof erreicht hatte, erblickte ſie einen Mann, der mit einem Fuße im Vorhauſe und mit dem andern im Hofe ſtand. Es ſchien, als wolle er ſich die Gypsfiguren im Erdgeſchoße anſehen. Auf dem Geſichte dieſes Menſchen lag eben ſo viel Furcht, als unverſchämte Neugier. Es war Niemand anders, als Herr Burot. Mit Hintanſetzung aller Gefahren, die ſeinem Buckel drohten, hatte er ſich herbeigeſchlichen, um das feindliche Lager zu recognosciren. 8 Von den vielen Möglichkeiten nämlich war ihm auch die aufgeſtoßen, daß die kleine Blondine die Mai⸗ treſſe des Bildhauers ſein könne und daß dann..... Das Uebrige erräth der Leſer leicht. Es kam alſo hauptſächlich darauf an, das Terrain möglichſt gründlich zu ſtudiren. Um gegen jede Ueberrumpelung ſicher zu ſein, hatte er ſeine Stellung ſo gewählt, daß er auf das erſte feindliche Zeichen zum Reißaus die Beine unter die Arme nehmen konnte. Als er Sancta hörte, fuhr er ſchnell mit dem Hintertheil in das Vorderhaus zurück. Nachdem er ſich überzeugt, daß ihm von dieſer Seite keine Gefahr drohe, wartete er mit dem Rückzuge und ließ das junge Mäd⸗ chen vorübergehen, in der er die Schöne aus der erſten Galerie der Oper auf den erſten Blick wieder erkannte. Er drückte ſeinen Hut quer über die krauſe Perrücke, warf triumphirend dem Bildhauer eine trotzige Fauſthand zu, Notabene, weil Niemand ihn ſah, und ſchlich der armen Sancta nach. B 229 X½ 10. Die zutällige Begegnung. Herr Burot folgte Sanctas Schritten in gemeſſener Entfernung und blieb erſt dann ſtehen, als die Pforte des Hotels Maillepré ſich hinter ihr ſchloß. „Aha, dachte er; die Kleine wohnt bei uns.... Allerliebſt! Vielleicht, daß wir ſie für einen halb⸗ oder vierteljährigen Miethzins haben können....“ Schon wollte er die Hand in den Thürhammer legen, da beſann er ſich eines Beſſeren. „Nuhig Blut! Nichts übereilt. Der lange Lümmel von Portier bezahlt immer ſelbſt den Miethzins für den rechten Flügel und dahin muß die Kleine gehören, weil der Engländer keine Tochter hat und ſonſt Niemand im Schloß wohnt.... Obgeſagter Lümmel iſt gewiß ſo was von Protector... Cerberus.... Man darf ihm keinen Floh ins Ohr ſetzen.... In Folge dieſes Raiſonnements ließ Herr Burot den Hammer los und poſtirte ſich an der Ecke der Straße des Francs⸗Bourgeois, um abzuwarten, ob die kleine Blondine zurückkomme oder nicht. Er wartete von einer Viertelſtunde zur andern, aber die Kleine kam nicht. Inzwiſchen plagten ihn der Durſt nach gewiſſen Feuchtigkeiten und die Luſt, die nagelneue Pfeife anzurauchen, welche die alte, beim gewaltſamen 5 Sprunge in den dritten Stock zertrümmerte zu erſetzen beſtimmt war. Weder die hellblaue Atlaskravatte mit gelben Blumen, noch die ſammtne Weſte genirten ihn im Geringſten. So zog er denn das Pfeifchen aus 1 der ſch und harrte ſchweigend der Dinge die kommen 1 vliten............... Nachdem Gaſton ſich von der Schweſter getrennt, —.,— 230 war er mechaniſch ſeinen Weg zur Werkſtatt, wo er arbeitete, weiter gegangen. Aber je länger er ging, um ſo wirrer und ſtürmi⸗ ſcher wurden ſeine Gedanken. Nie vielleicht in ſeiner ganzen freudeleeren Jugend hatte er ſich ſo total ent⸗ muthigt, ſo nahe der Verzweiflung gefühlt, wie dieſen Morgen. Wohin er ſah, rückwärts oder vorwärts, überall Jammer und Elend. Gelang es ihm auch, das Auge gegen den Blick in die Zukunft zu verſchließen; was 5 Gegenwart oder Vergangenheit Tröſtliches ihm zu ieten?... 4 Gaſton war ſchon im fünfzehnten Jahre leiblich wie geiſtig zum Mann entwickelt. Trotz des reinen ächt kindlichen Glückes, das er im Umgange mit der geliebten Schweſter gefunden, war männlicher Ernſt und jene ruhige Faſſung, die dem Unglück getroſt ins Auge ſieht, der Grundton ſeines Weſens. Dieß verhinderte nicht, daß er in einſamen, ſchwachen Stunden tiefe Be⸗ trübniß empfand und mit dem Schickſale rechtete, na⸗ mentlich aber in grimmigen Zorn wieder den einzigen Ur⸗ heber ſeines Familienunglücks ausbrach. Dazu kam, daß er ſeit dem letzten Tage, um zwei furchtbare Erfahrungen reicher geworden war. Zum erſten Male in ſeinem Leben hatte er aus dem Becher des Glückes dieſer Welt genippt. Aber pfangen ward, der unter den Familientraditionen der Hörigkeit und des erbeigenthümlichen Selaventhums auf⸗ — — 231 wächſt, der kann ohne Gefahr dem weltlichen Glanze Trotz bieten. Dieſe Freuden waren nie die ſeinigen. Er ſieht Andere ſie genießen, ohne daß ihm der Mund darnach wäſſert. Du aber, der perſönlich oder vermöge de Väter an dem glänzenden Leben der Welt Theil nahmſt, um dann in den Abgrund des Elends verſtoßen zu werden, Du, welchem der Engel mit dem Flammenſchwerte den Eintritt ins Paradies der Glücklichen verſagt, o hüte Dich, dem Lichte zu nahen, welches der Reichthum um ſich ausgießt! Bewahre Dir als Dein einziges und höchſtes Gut jenen Seelenſchlummer, in welchem Du die Erin⸗ nerung an das alte Glück verträumeſt. Ach, wenn Du aus dieſem Traume erwachſt, ſteht Dir eine furchtbare Erfahrung bevor. Du erkennſt die himmelhohe Schranke, die ſich zwiſchen Deiner Gegenwart und Deiner Ver⸗ gangenheit aufthürmt. Mit der Verzweiflung des Wüthen⸗ den rennſt Du gegen die Pforte dieſes Paradieſes, ſie zu ſprengen und ſinkeſt ohnmächtig an ihrer Schwelle Armer Gaſton! Derſelbe Abend, welcher dieſen glücklichen Träumen Dich entreißt, bereichert Dich um eine zweite traurige Erfahrung!.... Nicht zufrieden, Dir die unermeßlichen Familiengüter, die Ehren und Wür⸗ den, welche jahrhundertelang von Vater auf Sohn ver⸗ erbten, kurz, das ganze Beſitzthum Deiner Ahnen ge⸗ raubt zu haben, nimmt man Dir das Letzte, was Dir noch blieb— Deinen Namen! „Wie und wo find ich ihn, den ſchändlichen Dieb der um das Vermächtniß des ſterbenden Vaters mich betrügt?“ fragte ſich Gaſton....„Gewiß iſt er reich und und ich bin arm. Sein Weg geht rechts, der meine links. Niemand ſtört ihn im Beſitze des geſtohlenen Gutes, während mir nicht einmal die Zeit bleibt, meine Ehre zu retten!“ In ſolche Gedanken vertieft, geht oder richtiger läuft er weiter, denn das Fieber beflügelt ſeinen Schritt. 2 232 Mit ſehenden Augen fieht er nicht; gedankenlos ſtarrt er die wohlbekannten Häuſer auf beiden Seiten der Straßen an. Endlich bleibt er ſtehen, das Atelier, in dem er arbeitet, zu ſuchen. Aber er iſt längſt darüber hinaus, die unabſehbare Reihe der Boulevards dehnt ſich vor ihm aus. Dennoch eilt er fort, wie von böſen Geiſtern gejagt. Die Stirn glüht, das Auge flammt ihm. Mehr als Einer ſieht ihm nach und bemitleidet den armen Wahn⸗ ſinnigen. Jetzt betritt er den Boulevard du Temple, die klaſſiſche Gegend bürgerlicher Feſtlichkeiten. Hier gibts mehr Säufer, als Wahnſinnige. Natürlich heißt's: er iſt betrunken! Gaſton ſah und hörte Nichts. Er lief gedankenlos den geraden Weg weiter. Und immer röther färbt ſich die Wange, immer heißer ſchießt das Blut durch die Adern, immer toller gährt es im Gehirn.... 4 Er ſucht das Bett, wo der Vater im Todeskampfe liegt. Er hörte ihn röchelnd von den Seinigen Ab⸗ ſchied nehmen und in Verzweiflung den Namen Weſtern rufen.... 4 Weſtern! Ach! der verheißene Retter war nie er⸗ ſchienen! Er ſieht Polype, den ſchändlichen Wucherer, wie er die Mutter und die Schweſter, die weinend den Sarg des Vaters umſtehen, aus dem Hauſe verſtößt! Er ſieht die Mutter, die geliebte Mutter, wie ſie der allzuſchweren Laſt den Leiden unterliegt. Er ſieht Charlotten, das ſtets heiter, ewig lächelnde Kind, die fröhliche Gefährtin Sanctas bei ihrer ſtillen häuslichen Arbeit, der Troſt und die Hoffnung der gan⸗ zen Familie.... er ſieht ſie, wie ſie die Laſt des Elends von ſich abſchüttelt. Ach!.... Wo mag ſie leben? Wie mag es ihr gehen? Gedenkt ſie unſrer noch? —— 233 Heiße Thränen rannen über Gaſtons Wangen.. Aber ſie fielen auf einen Blühenden L Stein Die Fiber⸗ hibe vertrocknete ſie ſchnell.. und immer weiter ging ſein Lauf. Schon hatte er den ruhigen Boulevard, von wo aus man jetzt die Juli⸗ ſäule bemerkt, weit hinter ſich. Deßgleichen die volk⸗ reichen Gegenden des Chateau d'Eau und jene monu⸗ mentalen Pforten⸗ die in lateiniſcher Sprache den Schee⸗ renſchleifern des Quartiers Saint⸗Denis von Ludwig dem Großen erzählen. Mit jedem ſeiner Schritte wurde das Getümmel der Lärm, die Pracht und Herrlichkeit größer. Er ſtand jetzt vor jener andern Säule, dem rieſigen Piedeſtal eines weltbeherrſchenden Ruhmes. Immer träumeriſcher ward ihm, immer tiefer ver⸗ lor er ſich rückwärts in die verſchlungenen Pfade ſeiner jungen Jahre. Er überzählte die furchtbaren Scenen ſeiner Leiden, als wolle er ſich zu jenem Paroxysmus der Verzweiflung ſteigern, welche mit gefletſchten Zähnen und hölliſchem Gelächter gen Himmel blickt und wie Oreſtos ausrufz:„Dank Dir, ich bins zufrieden!“ Aber nein! Sein Zorn fand auf der Erde Beſchäftigung genug! Lebte nicht ſein und ſeiner Familie geſchworner Feind noch? Die Eltern im größten Elend geſtorben; Charlotte abweſend; Sancta zu niederer Handarbeit ver⸗ dammt, er ſelbſt bis i in den tiefſten Abgrund des geſellſchaft⸗ lichen Lebens verſtoßen; das Alles war ſein Werk! Das Werk eines Menſchen, der im Reichthum und Herrlich⸗ keit die geſtohlenen Güter verpraßte!! Gaſton bebte vor Wuth. Er hatte den Böſewicht ſtets gemieden, weil er beim Anblick deſſelben den gewalt⸗ ſamen Ausbruch ſeiner Leidenſchaften fürchtete und ſeine Hände nicht in Blut tauchen wollte. Oft in ſeinen ſieberhaften Nächten, wo er ſich ſchlaflos auf dem Lager hin und her wälzte, wo die Bruſt ihn brannte, die Zunge am Gaumen klebte 234 und der tödliche Schweiß aus allen Poren des Leibes hervordrang; dann war es der Schatten des Herzogs von Compans⸗Maillepré, welcher ihn mehr als alles Andere quälte und ängſtete. Aber immer hatte er den blutigen Gedanken niedergekämpft. Doch ſeit geſtern war er ihm nicht aus dem Sinn gekommen. Ja, ich will und muß ihn tödten, den Mörder und Räuber meiner Familie!“ rief er bei ſich.. Dazu kam, daß ihn die Furcht plagte, der Herzog ſei mit dem, was er bisher gethan, noch nicht zufrie⸗ den und wolle ihm an's Leben, um ſeinem Werke die Krone aufzuſetzen. Denn überall war ihm eine räth⸗ ſelhafte Perſon nachgeſchlichen, woraus er ſchloß, daß Jemand ihn ins Geheim überwache. Dieß konnte kein Anderer ſein als der Herzog oder Weſtern. Aber auf Einen warten, der ſieben Jahre ausgeblieben, ſchien im höchſten Grade thöricht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Gaſton Nichts von dem in der Faſtnacht des Jahres 1826 Weſtern begangenen Morde wußte.... So gerie⸗ then ſeine Gedanken natürlich auf den Herzog, der eines neuen Verbrechens gegen ihn und ſeine Geſchwiſter ebenſo gut fähig war, wie des alten. Jedenfalls lag ihm der Herzog nicht allein im Sinne. Es gährten und tobten die verſchiedenartigſten Em⸗ pfindungen durcheinander; bald haderte er mit dem Ge⸗ ſchicke, das ihm die glänzende Stellung die ihm von Geburt an gehörte, mißgünſtig entzogen hatte; bald zürnte er mit Weſtern, deſſen Ausbleiben ſie Alle ins Elend ſtürzte, bald ſchwur er dem Unbekannten Nache, der ſich ſeinen Titel und Namen anmaßte.......... Ein friſcher Luftzug weckte ihn plötzlich aus jenen halbwachen Seelenträumen, welche die Sinne des Ge⸗ ſichts und Gehörs in vollkommene Unthätigkeit wiegen. Als er aufſah, gewahrte er ſich unter dem Schirm⸗ ....... 8 23⁵ dach hoher Bäume.. Ohne es zu wiſſen, war er bis mitten in die Champs⸗Elyſees gekommen. Es mochte gegen Mittag ſein, die kalte, aber reine Herbſtluft lud die Bewohner der rieſigen Metropole ins Freie. Schon drängte ſich in der großen Allee Equipage auf Equipage, während zierliche Wägelchen, aus denen freundliche Kindergeſichter hervorſahen, von ſchneeweißen Ziegen mit rothem Leder gezogen, im Sande der Neben⸗ wege dahin rollten. Von Zeit zu Zeit flog eine Amazone, von Kava⸗ lieren begleitet, im tanzenden Tritt ihrer ſtolzen Pferde vorüber, oder glitt ein ſchwanker Tilbury zwiſchen hoch⸗ räderrigen Fiakern durch. Hier ſchaukelte ſich der gewich⸗ tige, aber ſchön gebaute Kaſten eines Landauers, dort ſah man im ſorgfältig verſchloſſenen Coupé und durch dicke Pelzkleider gegen die kühle Witterung geſchützt, einen Kranken, der von der erſtorbenen Vegetation ſich reinere Luft verſprach; dort endlich rollte eine offene Kaleſche, ein bewegliches Parterre, wo ein friſches Bouquett ſchöner Damen ſich in den Stralen der Herbſt⸗ ſonne wärmte.... Gaſton warf einen flüchtigen Blick auf dieß neue Schauſpiel, deſſen Pracht ſo furchtbar gegen ſein Elend abſtach. Das Glück der Reichen ſchien wie eine Furie ihn zu verfolgen. Er wandte den Blick ab von dieſem fröhlichen Schimmer, dieſer lächelnden Herrlichkeit, von all den ſchönen, reich geputzten Damen, die ſich üppig in ihren Wagen hin und her ſchaukelten. Eben als er bekümmert wegſehen wollte, galoppirte eine luſtige Gruppe von Reitern, eine Dame und vier junge Kavaliere, vorüber. Die Dame war jung und wohlgewachſen. Ihre als Vollblutgentleman gelkleideten und in angliſi⸗ rendem Franzöſiſch ſchwatzenden Begleiter hockten auf den Gäulen, als wären die Sättel mit Raſiermeſſern beſpickt. Die Herren nannten ſich: Felix Chapitaur, J. B. S. T. Sanguin, Arſene Bon von Montfermeil 236 und Baron Prunot. Sie alle gaben ſich die Ehre und das Vergnügen, Frau von St. Pharamond zu begleiten, die Perle der Loretten des Quartiers Breda; eine Lorette mit Hotel, Equipage und Wappenſchild, eine Lorette, ſo hoch erhaben über den gewöhnlichen Schlag der Loretten, wie ein Marſchall von Frankreich über einen Korporal; eine Lorette endlich, die, obgleich ſie wenigſtens Einen Fürſten in ihrem Schleppthau hatte, doch gern eine Morgenſtunde für bloße Chapitaur und Conſorten erübrigte. Man verzeihe uns den kleinen Anachronismus mit dem Worte Lorette, das im Jahre 1833 noch eine Art von unbekannter Größe war. Felix und ſeine erlauchten Freunde ritten ziemlich brave Thiere, aber tummelten ihre Roſſe höchſt ſchul⸗ widrig, bis auf den Baron Prunot, der es, Dank ſeiner ſtürmiſchen Jugend und der Protektion ſeines Onkels, des tapfern Herzogs von Pharſalus, bis zum Quartier⸗ meiſter in einem Dragoner⸗Regiment gebracht hatte. Aus dieſer kriegeriſchen Epoche ſeines Lebens datirte auch ſein höchſt anſehnlicher Schnurrbart. Die vier Anderen thaten ihr Möglichſtes und be⸗ ſtrebten ſich, alle Künſtſtücke der Reitſchule, die ſie los hatten, mit dem gehörigen Aufwand von Ziererei zum Beſten zu geben. Die Lorette war gegen jeden von den Fünfen gleich bezaubernd, wofür jeder der hoffnungsvollen Jünglinge ihr mit ſeinem ganzen Vorrath von Galanterie und Liebenswürdigkeit aufwartete. Beſonders Felir Chapitaur, der gewaltige Anſprüche machte, für geiſtreich, witzig und muthig zu gelten. Hätte das Bürſchlein nur ein Bischen nachgedacht, ſo würde er bald gefunden haben, daß ſeine Verdienſte als Sohn eines der angeſehenſten Wechſelmäklers und als Neffe des eben ſo berühmten, als ehrenwerthen Hauptes der Firma Polype und Comp., welche den ganzen Pa⸗ riſer Kleinhandel gegen zwölf Procent mit Geld verſah, 6 237, durchaus hinreichten, ihn jeder andern Verdienſte zu überheben. Aber Jeder hat ſeine ſchwache Seite. Dieſe ſchwache Seite des Erben der Chapitaur, dieſe wunderliche Grille, geiſtreich zu ſcheinen, führte Linen Umſtand herbei, der, wie geringfügig er auf den erſten Anblick ſein mochte, dennoch auf das Schickſal der Hauptperſon unſerer Erzählung entſcheidend wirkte. So gewiß hat auch das winzigſte Geſchöpfchen ſeine beſtimmte Rolle in dem großen Drama des Lebens!... Wie ſtände es jetzt mit Rom, wenn die kapitoliniſchen Gänſe nicht zu rechter Zeit geſchnattert hätten!...... Felix Chapitaux hatte ſeinen geringen Vorrath an Witz und Liebenswürdigkeit verſchoſſen; er wußte abſolut Nichts mehr zu ſagen. In Ermanglung eines Beſſern ſing er an, ſeine Reitkünſte auszukramen und als ge⸗ fälliges Bürſchchen, wofür er ſich hielt, mit ſeinem Pferde zu ſpielen. Während er das Pferd kurbettiren ließ, machte es plötzlich einen Seitenſprung, und warf Gaſton, welcher ſich glücklicherweiſe zufällig umſah, mit der Bruſt von hinten nieder. Gaſton blieb ohnmächtig auf dem Platze liegen. Einige Schritte weiter brachte er das Pferd wieder zum Stehen. Chapitaur blickte um ſich und ſah Gaſton in ſeinem ohnmächtigen Zuſtande. „Die verfluchten Blouſen die,“ ſchalt er,„nehmen ſich nie in Acht.“ 4 Damit ſprengte er zu den Freunden zurück, die ſeinen Reitkünſten bewundernd zugeſchaut hatten. „Das Pack wird immer unerträglicher!“ rief J. B. S. T. Sanguin, deſſen Vater Anfangs Trödler ge⸗ weſen.“ „Dieß Geſindel lärmt und tobt, daß man ſein eigen Wort nicht hört!“ verſicherte Baron Prunot, der zur Zeit der Korporalſchaft des Herzogs von Pharſalus in einer Krambude das Licht der Welt begrüßt halte..... Dabei drehte er ſich den ſtattlichen Schnurrbart. „Sie haben Recht, mein Herr!“ betheuerte Frau 238 von St. Pharamond, die reizende Lorette, die Tochter eines ſchornſteinfegenden Savoyarden und einer Apfel⸗ öckerin.... Sie haben Recht, die Canaille iſt nicht mehr zum Aushalten..... 6 Chapitaur ſchwieg; er hatte ſich von ſei nem Schreck noch lange nicht erholt.... 1 Inzwiſchen blieb Gaſton leblos im feuchten Graſe iegen. Der eben erzählte Auftritt, der kaum vierzig Schritt von der Hauptchauſſee entfernt vor ſich ging, hatte keine andern Zeugen, als eines jener armen Weiber, die längs der Alleen Brod und Früchte verkaufen, und eine Herrſchaft, die von ihrer bedeckten Kaleſche aus Gaſton niederſtuͤrzen ſahen. Der Wagen hielt und es zeigte ſich im Kutſchen⸗ ſchlag erſt ein ſchönes Frauenantlitz, dann faſt ein eben ſo ſchönes und ſanftes Herrengeſichtchen. Der Herr winkte der Höckerin herbei. „Gebt die Börſe dem Armen, gute Frau, und laßt ihn dafür pflegen..... Wir können uns nicht aufhalten, wenn er ſonſt was nöthig hat, ſoll er ſich nur an mich wenden; da iſt meine Charte nebſt Adreſſe..... 84 Der junge ſchöne Mann ſah ſich ängſtlich um und gewahrte am jenſeitigen Ende der Allee einen anderen Wagen, der große Eile zu haben ſchien. c„Geſchwind zugefahren, Fritz!“ rief er dem Kut⸗ er zu. Noch ein paar Sekunden und der Wagen mitſammt der ſchönen Herrſchaft war verſchwunden... Wenige Minuten ſpäter kehrte Gaſton die Beſin⸗ nung wieder. Die ehrliche Frau händigte ihm Börſe und Adreſſe gewiſſenhaft ein. Kaum hatte er die elegante Charte fluͤchtig ange⸗ ſehen, als er mit Einem Sprunge auf den Beinen war. „Wo iſt er?“ rief er.„Wo iſt er?“. „Seine Adreſſe ſteht unten auf der Charte!“ be⸗ merkte die gute Alte. ——— ——— — — — 239 Gaſton rieb ſich die Augen und betrachtete die Charte nochmals genau. „Ja, es iſt ſo!“ rief er, aus tiefſter Bruſt ſeufzend. Dann warf er die volle Börſe der Höckerin unwillig vor die Füße und lief aus Leibeskräften dem Platze Ludwig XV. zu. 3 Auf der Charte ſtand, unter einer Marquiskrone, der Name: Gaſton de Maillepré, und darunter mit Bleiſtift geſchrieben: Rue Royal⸗Saint⸗Honore Nr. 9. In unſerem Verlage iſt erſchienen: Der Prophet von Florenz. Dichtung und Wahrheit v on Johannes Scherr.. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 6 fl. 48 kr. „Mehrfach,“ lautet die Beſprechung dieſes Werkes in der Zeitſchrift„Baterland“ 1815, Nro. 123,„hat der Verfaſſer in der letzten Zeit durch raſch auf einander folgende Werke verſchie⸗ denen Inhaltes die Aufmerkſamkeit des deutſchen Leſepublikums auf ſich gezogen. Hier begegnen wir Herrn Scherr auf einem Felde, das er unſeres Wiſſens in dieſer Schrift zuerſt betritt, dem der Romandichtung. Er nahm zugleich Bedacht, ſeine Bil⸗ der in einem hiſtoriſchen Rahmen geordnet, zur Betrachtung auf⸗ zuſtellen, ein Umſtand, welcher das„Dichtung und Wahrheit“ des Titels erklärt. Ein begeiſterter Verehrer Nik Lenau's, hat der Verfaſſer einen von jenem bereits behandelten Stoff friſch aufgefaßt, um ihn dem Volke näher zu führen. Sgvonagrola iſt der Prophet von Florenz, der uns hier in ſeinem Wirken und Denken, ſeinem Leben und Tod entgegentritt. Das Ende des 15. Jahrhunderts, eine Zeit, die eben ſo laut, wie die unſerige, eine religiöſe Umgeſtaitung forderte, zeigt uns in ihm den Mann, der kurz vor dem Aufflammen der nordiſchen Reforma⸗ tionsfackel inmitten der Orthodoxie das hierarchiſche Un⸗ weſen bekämpfte. So geben ſich die Anknüpfungspunkte an die Gegenwart leicht und die Parallelen werden mannigfacher, welche ſich auch in nicht religioſer Beziehung mit um ſeine Zeit ziehen laſſen. Das Ganze iſt fertig, tuchtig geſchrieben, die Charaktere gut auseinandergehalten und durch das hiſtoriſche Intereſſe, das ſie bieten, anziehend, die Verwicklung naturlich uͤnd ſpannend. Das Getriebe der Politik in Italien und am päbſtlichen Hof bot reich die verſchiedenartigſten Situationen, in denen ſich der Per⸗ faſſer leicht bewegt. Dabei vermeidet der Verfaſſer nicht, tiefer in die Charaktere, beſonders des Helden, einzugehen. Freilich mag dann Vieles aus den Schriften Savonarola's ſelbſt und ſeiner Zeitgenoſſen darin verborgen liegen. Es iſt ein lebendiges Ge⸗ mälde jener Zeit, welchem durch die friſche Dichtung nicht das Intereſſe an der hiſtoriſchen Wahrheit und dem tiefen, ernſten Charakter Savonarolg's geraubt wird⸗— Zum Schhpdwat der Verfaſſer noch einige Betrachtungen uͤber die Neuzeit angefügt, die in kurzen raſchen Zügen von Luther aus verfolgt wird. Als die Frucht von ihrem Ringen und Kämpfen ſehen wir fern oder nah eine neue große Aera! Hie die Schlußworte des ganzen Werkes:„Darum getroſt! Die Noth wird der Erkenntniß die That geſellen und den Sargdeckel des erwachenden Nieſen ſpren⸗ gen. Der Erlöſer wird aufſtehen, richtend, ſtrafend, ſchaffend und ſegnend, und wird zur Wahrheit machen die frohe Botſchaft der Freiheit und der Liebe, des Lichtes und der Gerechtigkeit!“ Frauckh'ſche Verlagsbuchhandlung. 1 1