Bibliothek. Die Bib ſale der Bücher jed Uhr offen. Rückgabe eines geliehe t. Die Zeit eines von tun⸗ en müſſen, bei Entgegennahme prche 5 T: 6 Bücher: 5— 1 Mk. 50 P 2 Mk.— Pf. „— II d Zurückſendung lbſt zu ſorgen. rlorene und muß der nutzte, ver⸗ erkes, ſo iſt ene od eer Leſer 55 4 tſprchende Summe 1 zurückerſtattet bezahlt werden und 3 1 — Gettysburg. Erzählung von A. Ferrari. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. —— Erſtes Kapitel. „Eins— zwei, eins— zwei, eins— zwei!— Die Haltung des Soldaten ſoll frei ſein— natürlich und ungezwungen!— Wird der Schwerenöther da am Flügel wohl noch einmal gradaus ſehen?— Schul⸗ tern zurück, iſt’s gefällig, Schaper?— Die Bruſt vor⸗ gebracht, der Bauch tritt dann von ſelbſt zurück. Scha⸗ per, Sackermenter, wird die Kriegskaſſe bald alle werden auf dem Buckel?— Oberkörper vor und den Fuß leb⸗ haft weggeſchnellt, als wenn der Soldat ihn nur ſo von ſich ſchleudern wollte, Spitze auswärts— flach niedergeſetzt!— Geht mir der Kerl da ſchon wieder wie auf Eiern, Kreuzſchockmillionen⸗Donnerwetter! Im⸗ mer frei und ungezwungen!— Ein und— zwanzig, zwei und— zwanzig!“ Ferrari, Gettysburg. 1 2 Da ſtelzen ſie hin, des Kriegsgotts hoffnungsvolle Neophyten! Die Naſe hoch in der Luft, den Hals in die breite, ſteife Binde eingeſchnürt, die Ellbogen ängſt⸗ lich feſtgeklemmt und die Hände krampfhaft an die Lenden gepreßt, als ob es ihre Beſtimmung wäre, de⸗ fecte Stellen eines gewiſſen Kleidungsſtücks zu verber⸗ gen. Der Boden dröhnt, und die ganze Reihe fällt im Takte wackelnd von einem Fuße auf den andern. Ha, welche Luſt, Soldat zu ſein! Welche Luſt, hier zu exerciren im königlichen Kaſernenhofe, wo das Auge nichts ſieht als rothe Ziegelmauern, das Ohr nur das quäkende oder wetternde Durcheinander hört der drillen⸗ den Unteroffiziere.—„Rechts um!“ Schaper, unſeli⸗ ger Rekrut, woran denkſt Du? An das heimatliche Dorf mit den grünen Wieſen, beſchattet von hohen Eichen, in deren Zweigen die Vögel luſtig ſingen, bei deren Wurzeln der klare Bach vorbeirauſcht? An die Schinken und Würſte des väterlichen Hauſes oder an die Kaſernenkoſt, die Deiner wartet, wenn Du einrückſt nach gethaner Arbeit? Woran denkſt Du? Haſt Du vergeſſen, daß der Rekrut überhaupt gar nicht den⸗ ken ſoll? „Marſch!“ ruft des Unteroffiziers ſchnarrende Stimme. Wie Narionetten geſchnellt, wenden ſich die Soldaten rechts, und weiter geht es im Takte. Nur Schaper, der das vorangegangene Rechtsum wieder verſchwitzt hat, ſchlägt die entgegengeſetzte Richtung ein und irrt wie das verlorene Schaf verlaſſen von der Heerde. „Halt! Still geſtanden!“ ſchallt es, da der Sünder Miene macht, wieder in ſeine Lücke ſchlüpfen zu wollen. Mit zorngeröthetem Geſichte tritt der Unteroffizier dicht vor den Delinquenten. Der buſchige Schnurrbart ſträubt ſich wie vor Entſetzen und die grauen Augen rollen empor und wieder herab auf den Schuldigen; es bleibt unge wiß, ob ſie droben über ſo entſetzliche Dummheit Klage führen oder des Himmels Strafen herabbeſchwö⸗ ren wollen auf den Gottvergeſſenen. Endlich bricht das Donnerwetter los, ſchnarrend, polternd, fluchend und in allen Tonarten variirend. Keine Miene ver⸗ zieht ſich in Schaper's Geſicht; die großen blauen Augen ſtarren unverwandt gerade aus, gewaltſam unterdrückt er die Thräne dahinter. Stramm ſteht er da, feſtge⸗ bannt am Boden, wie ein ſteinern Bild. In des Platzes Mitte ſtehen die aufſichtführenden Herren Lieutenants. Der eine gähnt, der andere ver⸗ tieft ſein nicht unbedeutendes Riechorgan in eine volle Roſe, der dritte läßt unabläſſig einen Pudel über den vorgehaltenen Säbel ſpringen, alle aber ſehen recht ge⸗ langweilt aus. Ob ſie von Hunden, Pferden oder Mädchen geredet haben, vermag ich nicht anzugeben, 1* 4 augenblicklich befinden ſich alle in tieffinnigem Schwei⸗ gen, und Reden iſt Silber, aber Schweigen Gold, ſo heißt es in der ganzen Chriſtenheit, ſonderlich aber bei dem herrlichen Kriegsheer! Der vierte Lieutenant, welcher inzwiſchen einſam geſtanden und durch das Gitterthor in das Freie ge⸗ ſchaut hatte, näherte ſich jetzt langſam der Gruppe. „Nun, haſt Du Dich beſonnen, Selbitz“, rief ihm der mit der langen Naſe entgegen,„ſoll ich die Fanny haben?“ Der Angeredete antwortete nicht auf die Frage, ſondern ſagte nur ruhig:„Der Oberſtlieutenant kommt.“ Gleich als ob eine Granate zwiſchen den Herren kre⸗ pirte, eilten dieſe zu ihren Abtheilungen, und wetterten jetzt, es ihren Unteroffizieren gleich thuend, ebenfalls mit lauter Stimme drein. Der Lieutenant Selbitz trat zu dem Trupp, bei welchem noch immer die Straf⸗ predigt wider den unglücklichen Schaper ihren Fort⸗ gang nahm. „Warum ſich denn ſo ereifern, Korporal Wilhelm“, ſagte er ruhig. „Ach, Herr Lieutenant“, erwiderte dieſer,„die Kerle ſind auch zu dumm. Wenn man ihnen nicht noch Heu und Stroh an die Arme bindet, ſo begreifen ſie nicht, was rechts und links iſt. Und dabei ſo träge! Sollten doch dem Herrgott danken, daß er ihnen Gelegenheit gegeben hat, zu Menſchen zu werden. Dieſer Mann hier aber iſt der allerdümmſte, faul und gibt ſich gar keine Mühe. Es iſt der Schaper, wiſſen Sie, Herr Lieutenant, welcher ſchon— es iſt unbegreiflich!— über ein Jahr bei der Infanterie gedient hat, bis die ihn zu uns geſchickt haben. Sollte doch Gott danken— ˙s iſt himmelſchreiend!“ Der angekündigte Regimentscommandeur, Oberſt⸗ lieutenant von Weltkugell, erſchien jetzt auf dem Platze. Es war ein kleiner, runder Herr mit ſpärlichem Haar⸗ wuchs und einem rothen, nicht unfreundlichen Geſichte, welches in einer ungeheuern, bis faſt an die Ohren reichenden Halsbinde wohnte. Er hörte ſich gern reden, ſprach ſtets mit vieler Salbung und nahm namentlich am Rekruten⸗Exerciren regen Antheil, wohl aus dem Grundoe, weil er der Verfaſſer eines umfangreichen Wer⸗ kes über die Ausbildung des gemeinen Mannes war. Wie der Wind eilten die Offiziere auf ihn zu und machten die ſchuldige Meldung, die nämlich, daß alle Leute vorhanden und ſonſt nichts zu melden wäre. Der kleine Weltkugell ging dann von Trupp zu Trupp, ſchob hier und dort einen Mann zurecht, tadelte dies und das und ſprach endlich zu den ihn umſtehenden Offizieren: „Meine Herren, Ihnen iſt die nicht unwichtige Auf⸗ 6 gabe geworden, die Rekruten auszubilden, aus dem rohen Stoffe Soldaten zu machelt. Was dazu nöthig iſt, wiſſen Sie, ſonſt kann ich Sie nur auf die von mir verfaßten Erläuterungen zum Reglement verwei⸗ ſen. Aber auf eins noch möchte ich Sie aufmerkſam machen. Es iſt dies die Haltung des Kinns. Seine Excellenz der Herr Brigadecommandeur werden, wie Ihnen ja bekannt, in den nächſten Tagen das Regi⸗ ment inſpiciren; ſie legen großen Werth darauf, und nicht mit Unrecht. Die Leute ſollen das Kinn mehr einziehen, ſo zu ſagen auf die Binde legen und nicht — bitte, betrachten Sie doch nur beiſpielsweiſe jenen Mann dort— nur ſo in den Wind hineinſtecken. Ich habe dies ſchon mehrmals gerügt. Man wirft uns Kavalleriſten ohnehin vor, wir vernachläſſigten die Fußexercice, und ich wiederhole Ihnen daher: ein Mann, der ſeine richtige Haltung nicht lernt, lernt auch nicht reiten, wird überhaupt kein Soldat. Nehmen Sie daher Ihre Aufgabe mit Ernſt. Meine Herren, ich danke Ihnen.“ Die Offiziere flogen wieder zu ihren Trupps zu⸗ rück. Der Oberſtlieutenant ſchritt nach vollendeter Rede würdevoll davon; auf ſeine Hörer ſchien jedoch der Eindruck derſelben, wahrſcheinlich weil ſie nicht unge⸗ wohnt war, ein nicht gerade bewältigender zu ſein, denn ſobald nur ihr Chef außer Geſichtsweite war, eilten ſie wieder zuſammer und die alte Beſchäftigung nahm ihren Fortgang, bis die Glocke zehn ſchlug, zur allgemeinen Zufriedenheit, denn die Stunde des Einrückens hatte damit geſchlagen. Der Burſche des Lieutenants von Selbitz erſchien indeſſen auf dem Hofe mit der ſchon erwähnten Fanny, der Stute ſeines Herrn. „Wirklich ein kapitaler Gaul, Möller“, ſagte der eine der Offiziere, ein noch ſehr junger Lieutenant,„und ein Gänger dazu. Hat das Thier Knochen!“ „Ja, und dabei die reinſte Vollblutraſſe“, bemerkte ein anderer.„Der Oberſtlieutenant meinte ſelbſt geſtern, er ſtamme von der Eklipſe ab und damit direct von der Stute des Propheten.“ „Welches Propheten?“ fragte der junge Lieutenant Roſen neugierig. „Nun des Propheten Jeremias, der darauf ſeine Klagelieder verfaßte, weil ſie zu hoch trabte.“ Alle lachten über den Lieutenantswitz. „Hab' auch ein gutes Geld dafür geboten“, ſagte Möller.„Iſt doch ſchon ihre neun Jahre alt. Nun wie ſteht'’s, Selbitz? Neunzig, he?“ „Will mir's überlegen“, meinte dieſer und ſchwang ſich auf das feurige Thier.„Adieu.“ Die Andern ſchauten ihm nach.„Ich begreife wirk⸗ lich nicht“, meinte der Lieutenant Möller kopfſchüttelnd, „wie Selbitz ſo zähe ſein kann mit dem Vieh. Weiß ich doch beſtimmt, daß er übermorgen einen Wechſel von fünfhundert Thalern zu bezahlen hat.“ „Aber was ſtehen wir hier nur auf dem triſten Platze ſo lange?“ rief der kleine Roſen gelangweilt. „Kommt, laßt uns frühſtücken, im Rathskeller gibt's friſche Auſtern.“ Die Beiden folgten Roſen's Rathe, während Selbitz indeſſen langſam davonritt. Da er die Beſtimmung hat, eine der Hauptperſonen dieſer Geſchichte zu wer⸗ den, ſo möge hier noch geſagt ſein, daß er zur Zeit, wo dieſelbe ſpielt, etwa in der Mitte der Zwanzig ſtand, eine gute Figur, ſonderlich zu Pferde, beſaß und ein gebräuntes, ernſtes, ausdrucksvolles Geſicht zeigte. Er war erſt ziemlich ſpät Soldat geworden. Anfangs für das Studium beſtimmt, war er ſchon auf der Uni⸗ verſität geweſen, ehe er auf den Wunſch ſeiner Aeltern und namentlich eines alten, reichen, kinderloſen Onkels, der ſeinen Neffen zum alleinigen Erben eingeſetzt hatte, ſich ebenfalls dem Wehrſtande widmete. Anfangs hatte er nur mit Widerſtreben ſich dieſem Wunſche gefügt und, obwohl er ſich bald in die neuen Verhältniſſe hineinlebte und alle Thorheiten ſeiner Kameraden treulich — —— mitmachen half, doch in ſeinem Weſen etwas Ernſtes, häufig faſt Melancholiſches behalten, wie man ſonſt eben bei jungen Offizieren nicht findet. Dies und der Umſtand, daß ſeine mit ihm im gleichen Dienſtal⸗ ter ſtehenden Kameraden faſt ſämmtlich mehrere Jahre jünger waren, mochten denn wohl die Urſache ſein, daß er, wenn auch allgemein beliebt, doch nur wenige inti⸗ mere Freunde im Regimente beſaß. Es war heute ein ausnahmsweiſe ſchöner Spät⸗ herbſttag. Die Sonne ſtrahlte hell, faſt warm, und ein leichter Wind ſpielte in dem rothen Laube auf dem Boden. Selbitz lenkte ſein Pferd quer über die Lin⸗ denallee, die aus der Stadt ins Freie führte und an welcher die meiſten von den Honoratioren des Ortes bewohnten Häuſer lagen, ritt dicht unter ein hohes Parterre⸗Fenſter und ſchlug zu wiederholten Malen an deſſen Kreuz mit der Reitpeitſche. Es währte auch nicht allzu lange, und aus einem geöffneten Thorflügel nebenan erſchien ein anderer Offizier, ebenfalls zu Pferde.„Immer unpräcis, Hackel⸗ berg“, ſagte Selbitz. „Bitte, es iſt eben erſt zehn“, verſetzte der Ange⸗ redete, nach der Uhr ſehend. Der Premierlieutenant von Hackelberg war ein langer, militäriſch ausſehender Mann und mochte we⸗ 10 nige Jahre älter ſein als Selbitz; er hatte ein etwas blaſirtes Ausſehen, war aber mit vieler Sorgfalt gekleidet und namentlich durch einen röthlichen Backen⸗ bart kenntlich, welcher mit dem gleichfarbigen Schnurr⸗ bart in langen Spitzen zuſammenlief, die bis zu den Epauletten reichten, und an dem er mit großer Vorliebe zu drehen pflegte.„Aber“, fuhr er fort,„mit welcher Grandezza kommſt Du denn da auf meine Baracke zugeritten, gerade wie der Comthur im Don Juan? Des Regiments liebliche Tochter, Eliſe Welt⸗ kugell, und die kleine Meyen gingen dicht an Dir gruß⸗ bedürftig, ſchmachtend vorbei, und Du Kieſelherz wür⸗ digſt ſie keines Blickes.“ „Ach, laß die Frauenzimmer“, antwortete der An⸗ dere, indeß beide vorwärts ritten.„Was meinſt Du, laſſe ich Möller die Fanny für neunzig Louis?“ „Neunzig?“ wiederholte Hackelberg verwundert.„Ich denke, Du wollteſt ſie nicht verkaufen; der Pferdejude hat Dir ja erſt neulich hundertfünf dafür geboten.“ „Ja, er iſt aber fort und ich brauche jetzt Geld. Mein Wechſel bei Cohn und der Redern's, welchen ich mit unterſchrieben habe, ſind beide am erſten fällig. Ich bin überzeugt, Möller hat dies in Erfahrung ge⸗ bracht, denn er begann heute Anſpielungen darauf zu machen und mit großer Hartnäckigkeit zu feilſchen.“ 11 „Meinſt Du wirklich? Na, dem Möller werde ich doch einmal eins unter die Naſe reiben“, ſagte Hackel⸗ berg unwillig.„Beim Pferdehandel gilt zwar Mancherlei für gentlemanlike, aber dies Schachern unter Kamera⸗ den finde ich doch höchſt unfair. Wollteſt Du denn die Fanny nicht in der Bahn reiten, oder willſt Du ſchon den Fuchs nehmen?“ „Ich will den Fuchs auch verkaufen.“ „Was?“ Selbitz' Pferd ſcheute vor einem weißen Chauſſee⸗ ſtein und ſprang zur Seite. Er ſchlug ihm heftig die Spo⸗ ren in die Weichen und trieb das aufgeregte Thier wieder auf den Stein zu. Unwirſch ſchob er ſich die Mütze ins Geſicht und verſetzte:„Ich will mich todtſchießen.“ „Iſt recht“, antwortete der Kamerad.„Soll ich Dir meine Piſtolen leihen?“ „Im Ernſt! Oder doch wenigſtens nach Amerika gehen.“ „Wie, drücken Dich auch einmal die Schulden? Und Du haſt doch jahrelang als das Muſter eines Financiers im Regimente gegolten.“ „Ich will Dir's erzählen, Fritz“, ſagte Selbitz und klopfte das noch immer aufgeregte Thier beruhigend auf das ſeidenartige Mähnenhaar.„Meine Aeltern liegen längſt im Grabe, ohne mir etwas hinterlaſſen zu können, 12 und mein Onkel, der mir bisher einen reichlichen Zuſchuß zu zahlen pflegte, hat durch den betrüglichen Bankrott ſeines Banquiers das Seinige eingebüßt. Da iſt meine Geldquelle plötzlich verſiegt.“ Hackelberg ſchwieg eine Weile.„Laß uns jetzt tra⸗ ben“, ſagte er dann ruhig.„Morgen gehen wir zu⸗ ſammen zu Cohn und laſſen prolongiren, oder noch beſſer, wir pumpen Aaron an und bezahlen Cohn da⸗ mit. Denn das Prolongiren iſt immer wenig lucrativ. Laß mich nur machen, mit dem Sohn Israels will ich ſchon fertig werden.“ Der Andere ſchüttelte den Kopf.„Nimmermehr“, rief er aus.„Du ſollſt Dich nicht meinetwegen auch in die Tinte reiten. Ohne Zuſchuß vermag ich nun doch einmal als Kavalleriſt nicht zu leben, ich will mei⸗ nen Abſchied nehmen. Soll ich noch Schulden auf Schulden häufen, blos um eine kurze Galgenfriſt zu erlangen? Nein. Jetzt muß ich abgehen, jetzt, wo ich es noch als ehrlicher Mann kann.“ Sackelberg antwortete nicht, ſchweigend ritten die Beiden im raſchen Trabe dahin. „Vor zehn Jahren war mir wohler“, ſagte Selbitz, als ſie wieder parirten.„Ich war eben zur Univerſität gekommen. Ich war ein armer Student, lebte faſt nur von Stipendien meiner Familie, denn meine Mutter —— 13 konnte von ihrer ſchmalen Penſion mir nur wenig zu⸗ zahlen. Und doch war ich glücklich. Ich ſah das Ziel vor Augen, nach welchem ich ſtrebte, ich fühlte die Kraft, die Fähigkeit in mir, mich durchzuarbeiten zu dem Beruf, den ich erwählt. Da führte mir das Schickſal meinen Großonkel in den Weg. Er war ein alter Mili⸗ tär noch aus den Freiheitskriegen her, der ſich mit meinem einer andern politiſchen Richtung angehören⸗ den Vater immer ſchlecht geſtanden hatte. Auf ſein Verlangen verließ ich meine Carriere und ward Sol⸗ dat. Ich wäre es nicht geworden, hätten nicht alle Verwandten mir zugeredet. Ich mußte ihnen folgen als guter Sohn, damit ich meiner Mutter von der Taſche kam. Ich war noch ſehr jung, kaum ſieb⸗ zehn. So ward ich Soldat, Offizier, habe in der Re⸗ ſidenz auf der Kriegsakademie gelernt, das heißt, eigent⸗ lich nichts gelernt als reiten und tanzen. Womit habe ich die Jahre hingebracht? Mit Rekrutendrillen, Exerciren und Bahnreiten, mit Courſchneiden in Thees und Aſſembléen, mit Liebeleien mit Nähterinnen und Balletmädchen.“ „Du biſt ungerecht gegen Dich ſelbſt wie gegen un⸗ ſern Stand, Robert“, antwortete ſein Freund.„Und wozu jetzt dieſe Reflexionen? Sie dienen nur zur Selbſtverbitterung.“ 14 „Wohl war das ein ſonniger, goldener Frühlingstag“, fuhr Selbitz fort, nals zum erſten Mal auf unſern Schultern die Epauletten glänzten, als wir in den glänzenden Stand traten, glücklich und ſtolz. Jeder freundliche Blick aus ſchönem Auge dünkte uns eine Eroberung, wie nahe wähnten wir Krieg mit Ruhm, Ehre und Avancement. Jetzt iſt's Winter und das Laub fällt. Vorbei, Alles vorbei— ich gehe nach Amerika.“ „Du biſt toll“, ſagte ſein Freund.„Nach Amerika? Dahin paßteſt Du gerade am allerwenigſten, Du biſt viel zu ehrlich für die Yankees. Wart' es doch ab, zu⸗ mal Dein Minus gar nicht ſo beträchtlich ſein kann.“ „Ich mag nicht bei Nacht und Nebel durchbrennen. Ueberdies, was iſt denn ſo Furchtbares dabei? Lange genug habe ich nichts gethan, jetzt fühle ich förmlich ein Bedürfniß in mir, zu arbeiten.“ „Arbeiten?“ wiederholte Hackelberg kopfſchüttelnd. „Dazu brauchſt Du nicht übers Meer. Du haſt mehr gelernt als wir alle, und Deine freie Zeit gibt Dir ja die beſte Gelegenheit, zu arbeiten, was Dir beliebt.“ „Und vermag ich mit all meinem Arbeiten einen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken? Der Techniker, der Arzt, der Juriſt, ja ſelbſt der Theolog, je mehr ſie lernen und leiſten, deſto weiter bringen ſie's. Sie alle können im Studium ihres Faches auch ihre Befriedi⸗ 15 gung finden. Wollen wir geiſtige Nahrung haben, ſo müſſen wir ſie außerhalb unſerer Berufsgeſchäfte ſu⸗ chen und riskiren dabei noch obendrein, von den Vor⸗ geſetzten ſcheel angeſehen zu werden.“ „Du ſiehſt zu grau“, ſagte Hackelberg beſänftigend; nüberlege Dir die Sache ruhig und dann laß uns mor⸗ gen vernünftig darüber reden. Komm, laß uns ver⸗ gnügt ſein, gehe heute Abend mit ins Caſino und vertanze die Grillen.“ Selbitz ſchüttelte den Kopf. „Nun“, fuhr Hackelberg fort,„ob Du einen Tag mehr oder weniger in dem Train fortziehſt, iſt ja doch einerlei. Gehe nur mit, zu tanzen brauchen wir na⸗ türlich nicht. Komm Robert, laß uns links anſprin⸗ gen. Galopp! Vorwärts!“ Zweites Kapitel. In dem großen Mannſchaftszimmer Nr. 15 der Seeburger Dragonerkaſerne geht es ernſt und emſig zu. An dem tannenen Tiſche, der faſt die ganze Länge der Stube einnimmt, ſitzen in vorſchriftsmäßigen Rei⸗ hen die Dragoner, vor ſich die dampfenden blechernen Menagekeſſel. Die Löffel klappern wie im Takte, man ſollte faſt glauben, auch die Kinnbacken bewegten ſich in der Cadence des Dublirtritts oder des verkürzten Schul⸗ galopps. Oben am Ende der Tafel ſitzt der Korporal und Zimmercommandant, überwacht die Ordnung und macht dem inſpicirenden Lieutenant, der die Verpflich⸗ tung hat, beim Eſſen zu viſitiren, die vorſchriftsmäßige Meldung, denn auch das Eſſen iſt bei den Soldaten ein Dienſt. 17 Trübe ſitzt Heinrich Schaper hinter ſeiner Hirſe. Nachexerciren, das Wort gellt noch immer in ſeinen Ohren. Der rothbärtige Dragoner ihm gegenüber ſchaut den traurigen Rekruten ſpöttiſch an.„Angenehmer Spaziergang heute Abend, Schaper“, ruft er ihm zu und wiſcht ſich den Bart.„Werde die Liſette holen. Der Schatz muß Dich doch ſehen, wenn Du nachexerci⸗ ren thuſt.“ Ein anderer Dragoner ruft über den Tiſch herüber: „Um die Liſette brauchſt Du den Schaper auch nicht zu höhnen, Hölſcher;'s iſt'ne reputirliche Perſon, und Du ſollteſt Dich ſchämen, daß Dir altem Kerl ein Re⸗ krut das Mädchen ſo vor der Naſe weggeſchnappt hat.“ „Was?“ ruft Hölſcher und ſchlägt klirrend mit der Fauſt auf den Tiſch, daß die Menagekeſſel in die Höhe ſpringen.„Mir weggeſchnappt? Mir? Mit ſolch ge⸗ wöhnlicher Waare befaſſe ich mich gar nicht. Solch ein gemeines Geſchöpf! Bah!“ Dreierlei darf ein guter Soldat ſich nimmermehr gefallen laſſen: erſtens die Beſchimpfung ſeines Gottes, zweitens die ſeines Königs und endlich die ſeiner Ge⸗ liebten. Der Korporal hatte ſchon vor Beginn des Streites Ferrari, Gettysburg. 2 2 18 das Zimmer verlaſſen; es war daher kein Friedensſtif⸗ ter vorhanden, im Gegentheil, die Kameraden freuten ſich alle innerlich des Haders. Mit einem Satz alſo ſpringt Schaper um den Tiſch herum, auf den Rothbart zu, wirft ihn nieder und be⸗ ginnt weidlich auf den Injurianten loszutrommeln. Die Kameraden bilden einen Kreis um die Kämpfen⸗ den, die Bank fällt polternd um, beide ringen auf dem Boden, Schaper zu oberſt; ſiegreich ſicht er für die Dame ſeines Herzens. Nicht lange! Die Thür öffnet ſich und der ſchnurr⸗ bärtige dicke Wachtmeiſter der Schwadron, durch den ungewöhnlichen Spectakel angelockt, tritt ein. Stumm vor Staunen über den in den geheiligten Räumen un⸗ erhörten Frevel bleibt er einen Augenblick in der Thür ſtehen, dann reißt er mit kräftiger Fauſt die Kämpfen⸗ den von einander. Rothglühend ſtehen ſie vor ihm, beſchmuzt, mit zerzauſten Haaren. „Maul gehalten!“ ruft der Wachtmeiſter, als beide ſich verantworten wollen. Zum Glück ſchneidet das Signal zum Stalldienſt eine längere Rede ab; der Wachtmeiſter endet damit, daß er den Vorfall auf der Parade dem Herrn Rittmeiſter melden werde.„Jetzt marſch in den Stall“, commandirt er, und alle eilen hin⸗ unter zu ihren Pferden. 19 Es iſt gar ein ſchön Ding, an einem hellen Som⸗ mertage hinauszureiten auf ſtolzem Roſſe, bei dem Fenſter der Angebeteten vorbei, in die freie Gottesnatur, in den friſchen, grünen, duftigen Wald. Aber für einen Rekruten, welcher ohne Bügel auf einem hartmäuligen, hoch⸗ und harttrabenden Gaule immerfort den peitſche⸗ knallenden, wetternden Anweiſer umkreiſen muß und faſt ſtets nur überlegt, ob er zuerſt rechts oder links herunterfallen mag, hört doch einigermaßen die Poeſie und ſelbſt die Gemüthlichkeit auf. Dazu iſt ein Unter⸗ offizier vor dem Trupp noch ein Engel an Milde im Vergleich mit dem Anweiſer in der Bahn; das Fluchen und Donnerwettern nimmt dort kein Ende, ja nicht ſelten fällt ein Hieb mit der langen Peitſche, welcher zwar eigentlich und officiell dem Pferde gilt, über die Beine des Nachläſſigen. Schaper ritt an der Spitze des Trupps. Zum Reiten beſaß er viel Geſchick, heute aber wollte es ſelbſt hier nicht recht gehen. Ein Un⸗ glück kommt ſelten allein. Zweierlei Mißgeſchick hatte der heutige Tag ſchon über ihn gebracht, Nachexerciren und den Arreſt, welchen der ſtrenge Herr Rittmeiſter der Prügelei wegen zweifellos über ihn verhängte. Der Bereiter, welcher ſonſt ſeinen Namen nur wenig zu nennen pflegte, hatte ihn heute ſchon mehrmals angeſchnauzt. Dazu ging ſein Pferd, ein junges, feu⸗ 2 ⁵ 20 riges Thier, jetzt gerade ungewöhnlich unruhig und ſcheute fortwährend. „Vorwärts, Schaper!“ rief der Unteroffizier, als zum Schluß des Unterrichts das Ueberſetzen geübt wurde und jenes Pferd vor der vorgehaltenen Stange ſtockte. „Vorwärts! Die Zügel nachgegeben, ein paar Sporen, feſt!“ Das Roß ſtieg kerzengerade in die Höhe.„Laß die Zügel los!“ ſchrie der Bereiter; es war zu ſpät. Rückwärts ſich überſchlagend begrub das Thier ſeinen Reiter unter ſich. Ueber Kindern, Trun kenen und Reitern ſcheint eine beſondere Fürſorge des Himmels zu walten. Schaper war unverletzt geblieben. Ehe noch die Andern Hülfe brachten, hatten Roß und Reiter ſich ſchon wieder aufgerafft. Schaper war raſend, doch nicht vor Schmerz oder Furcht, ſondern vor Aufregung und Eifer. Auf ſein Bitten ließ der Bereitert, da der hinzukommende Herr Rittmeiſter zu⸗ ſtimmend nickte, ihn wieder auf das unbeſchädigte Thier. Er biß die Zähne zuſammen und lenkte das Pferd nochmals gegen das Hinderniß, indem er es kräftig vordrückte. Es gelang ihm; das Thier hob ſich und in hohem Sprunge ſetzte es über die vorgehaltene Barrieère. —— 21 Auf Regen folgt Sonnenſchein. Das Glück war ihm günſtig geweſen, daß es ſeinen Rittmeiſter wäh⸗ rend der Scene in die Bahn geführt hatte. Der Be⸗ reiter belobte ihn, und der gefürchtete Chef erklärte ihn entzückt für einen Teufelskerl, dem er dafür auch die zugedachte Strafe für die Prügelei gnädigſt er⸗ laſſen wolle. Zeuge gebildet. Alles das erſtrahlte in ſo hellem Lichter⸗ Drittes Kapitel. Das diesjährige erſte Caſino in Seeburg fand in dem etwa eine Viertelſtunde von der Stadt gele⸗ genen Schützenhauſe ſtatt. Der Tanzſaal daſelbſt, wel⸗ cher erſt am vergangenen Sonntage der Schauplatz einer großartigen Schlägerei zwiſchen Zimmergeſellen und Dragonern geweſen war, prangte heute ſchon wieder im feſtlichſten Glanze. Der für Füße, die an reſidenzliches Parquet gewöhnt waren, gewiß recht holprige Boden war ſchon vorgeſtern wieder friſch geſcheuert und mit glattem Seifenpulver gepudert, Fenſter und Wände waren mit reinen Gardinen und friſchen Tannenguirlanden verziert und oben am Orcheſter eine prächtige Draperie von Fahnen und ſonſtigem bunten 23 ſcheine, wie ihn die ſeit vorigem Jahre in Seeburg eingeführte Gasbeleuchtung nur zu verleihen vermochte. Da drinnen aber wogte es hin und her, junge Damen von rieſigem gazehaften Umfange und zwiſchen dieſen durchſchlüpfend die Herrenwelt in Frack und Waffenrock, emſig wie Schmetterlinge von Blüte zu Blüte flatternd und die Engagements in den Tanz⸗ karten notirend. Auf erhöhten Sitzen thronten die Mütter, ſorgſam die theuren Küchlein überwachend, und (in der Nähe der Thür harrten die Väter ſehnſüchtig auf den Beginn des Tanzes, um ſich in die Neben⸗ zimmer zur geliebten Partie ſtürzen zu können. Die Geigen rauſchen, die Trompeten ſchmettern, der Ball beginnt mit einer würdevollen Polonaiſe. Die Paare ordnen ſich, und obwohl im Allgemeinen die Zahl der Seeburger Tänzer größer iſt wie die der Tänzerinnen, ſo ſteht doch noch manche Schöne ängſtlich da, ungewiß, ob wohl noch ein ſäumiger Cavalier ſich zum Engagiren nahe, oder ob es gerathen ſcheine, unter die ſchirmenden Flügel der Mutter zurückzukehren. In einer Ecke des Saales, an einen Pfeiler gelehnt, ſtehen der Lieutenant von Hackelberg und die kleine, etwa vierundzwanzigjährige brünette Tochter ſeines Commandeurs, Fräulein von Weltkugell. „Wie Sie duften, Herr von Hackelberg“, ſagte das 24 Fräulein, graziös den Fächer ſchwingend.„Gleich Ara⸗ biens Wohlgerüchen; man ſollte glauhen, Sie führten einen mobilen Spezereiladen mit ſich.“ „Mein Fräulein“, verſetzte Hackelberg ernſthaft „ſchon Moſes verordnete in einem ſeiner fünf Bücher, daß die Juden bei ihrem Cultus allerlei Parfüms wie Aloé, Myrrhen, Knoblauch—“ „Knoblauch!“ rief das kleine Fräulein entſetzt.„Sie meinen Weihrauch!“ „Knoblauch!“ beſtätigte er ruhig.„Wiſſen Sie denn nicht, daß dies noch heutigen Tags das Lieblingsparfüm der Kinder Israels iſt? Aber Sie haben mich ganz aus dem Context gebracht! Alſo Moſes, dieſer große, Mann, verbot all und jegliche Odeurs zu profanen Zwecken, und bei den Juden war bekanntlich auch der Tanz ein Cultus. Ich erinnere Sie nur an Aaron, nicht unſern Banquier hier, ſondern den Bruder des Gottesmannes Moſes, der im Hohenprieſterrocke mit dem geſammten ſchönen Geſchlechte Judas um das gol⸗ dene Kalb tanzte. Können Sie es nun verſtehen, wa⸗ rum ich einen Spezereiladen bei mir führe, da Sie gnädiges Fräulein, mir doch den erſten Tanz verſpro⸗ chen hatten?“ Auf das Fräulein ſchien dieſes lange Compliment durchaus keinen Eindruck zu machen.„Sie werden — unausſtehlich langweilig, Herr von Hackelberg“, rief ſie. „Sehen Sie, da hört die Muſik ſchon auf, und wir haben erſt zweimal getanzt.“ „Nun deſto beſſer!“ entgegnete er.„Dann ſetzen wir uns ruhig hin und plaudern ein wenig. Oder fürchten Sie, ſchon jetzt Ihren reizenden Tarlatan zu chiffo⸗ niren?“ „Plaudern!“ rief ſie unwillig, ließ ſich aber nichts⸗ deſtoweniger auf einem nahen Stuhle nieder.„Sie verſtehen ja heute gar nicht einmal eine vernünftige Converſation zu führen.“ „Nicht? Nun, dann ſoll es eine Monſtre⸗Conver⸗ ſation geben. Die Stimme der Carlotta Patti“, be⸗ gann er dann ſcherzend,„iſt außerordentlich friſch, weich und innig, das hohe, ſechsmal geſtrichene Fis, welches ſie mit voller Bruſtſtimme—“ Weiter ließ Fräulein von Weltkugell ihren Cavalier nicht kommen.„Aber um Gotteswillen“, rief ſie in affectirter Entrüſtung,„welcher Unſinn! Haben Sie eine Zeitung auswendig gelernt, um mir die vorbeten zu können? Herr von Hackelberg, wir werden alt, ich merke es an Ihnen.“ Dem alten Lieutenant ſchienen dieſe Zornesaus⸗ brüche der jungen Dame nichts Ungewohntes, und mit freundlichem Geſicht hob er wieder an:„Dann alſo das Wetter. Wir beginnen mit der Temperatur draußen und gehen ſchließlich zu der des Salons über. Voila la disposition!“ Fräulein von Weltkugell hatte ihr Köpfchen ſchmol⸗ lend abgewandt und zeigte damit ihrem Cavalier eine prachtvolle rothe Camellie in dem dunklen Haare.„O wie fade“, ſeufzte ſie. „Ihr Zorn zermalmt mich! Fade? Erlauben Sie, ich finde ein höchſt thörichtes Vorurtheil darin, eine Wetter⸗ converſation fade zu nennen. Das Wetter iſt für jeden einſichtsvollen Menſchen von höchſter Wichtigkeit. Das Wetter iſt ſo zu ſagen die Geſundheit der Erde. Die üble Laune aller Menſchen und ſo auch heute die Ihrige rührt nur vom ſchlechten Wetter her. Wiſſen Sie nicht, daß der engliſche Nebel die Urſache des Spleens iſt, die Urſache, daß ſich täglich ſo viele ſpleenbehaftete Söhne Britanniens auf dieſe oder jene Art in die an⸗ dere Welt ſpediren? Was ich übrigens nur ſagen wollte, iſt, daß der neue große Wetterprophet Matthieu le Dröme uns für die nächſten Tage ſtarken Schneefall prophezeit, und in der That, es ſchneit auch wirklich ſchon in dieſem Augenblicke.“ „Nun?“ fragte das Fräulein, plötzlich aufmerkſam. „Ich wußte es ja, daß Sie noch an meiner Conver⸗ ſation Geſchmack finden würden. Nun alſo zur Sache! Da im vergangenen Jahre der Schnee gerade geſchmol⸗ zen war, als wir unſere Schlittenpartie loslaſſen wollten, ſo wollen wir uns diesmal mehr ſputen und Roſen hat ſchon jetzt zu entrepreniren begonnen.“ „Eine Schlittenpartie!“ rief ſie freudig.„O das iſt herrlich! Nun, Sie ſollen Abſolution haben, Herr von Hackelberg.“ Das Fräulein ſchwamm in Entzücken. „Sagen Sie“, hob er nach einer Weile, nachdem das Project zur Genüge durchgeſprochen war, an, in⸗ dem er ein Lorgnon ins Auge klemmte,„ſehen Sie Selbitz nicht?“ Die Beiden ſchienen auf einem permanenten Kriegs⸗ fuß zu ſtehen.„Sie blinder Heſſe!“ rief ſie ſcherzend. „Warten Sie, ich werde es dem Papa melden, daß Sie invalid ſind und den Abſchied haben müſſen. Da ſitzt er ja, uns gerade gegenüber.“ „Und die Dame, mit der er ſpricht?“ „Iſt ja Fräulein Dubois, die reiche Hambur⸗ gerin. Aber ſagen Sie wirklich, Hackelberg, finden Sie die junge Dame ſo ſchön, wie ſich alle Herren hier anſtellen?“ „Niedlicher Backfiſch“, erwiderte er, den Kopf wiegend. „Nun, Selbitz macht ihr ja auch tüchtig die Cour. Das freut mich für ihn, denn er iſt ja in Ihrer Schule in enorm kurzer Zeit zum blaſirteſten Sterblichen ge⸗ worden. Hören Sie, eins muß ich Ihnen noch erzählen, Hackelberg. Aber Sie verrathen mich?“ „Gnädiges Fräulein“, rief der Lieutenant mit Em⸗ phaſe, Toujours discret! iſt ſeit der Eroberung Jeru⸗ ſalems durch Gottfried von Bouillon die Deviſe der Hackelberge.“ „Nun gut. Denken Sie ſich, vorgeſtern iſt Kaffee bei Landraths; da ſagt mir die Kleine ganz naiv, ſie fände den Lieutenant Selbitz reizend. Iſt das nicht gottvoll?“ „Wie ſo?“ ſagte er gelaſſen.„Darin finde ich gar nichts. Ich bin überzeugt, daß Sie keinen Anſtand nehmen werden, von mir daſſelbe zu erklären.“ „Gewiß“, antwortete ſie lachend.„Auch Sie reizen, aber die Lachmuskeln.“ Die Muſik begann von neuem und der Lieutenant Roſen bemächtigte ſich der liebenswürdigen Regiments⸗ tochter. Hackelberg empfahl ſich und ging Selbitz auf⸗ zuſuchen, der eben auch ſeine Dame hatte verlaſſen müſſen. Arm in Arm ſchritten die beiden Freunde in ein Nebenzimmer und ließen ſich dort hinter einer Flaſche Wein nieder. „Die kleine Dubois“, ſagte Selbitz, den ſein Freund ſofort über ſeine Tänzerin zu inquiriren begann,„iſt, das muß man ihr laſſen, ein allerliebſtes Mädchen. — 29 Sie iſt unterrichtet und dabei doch natürlich und ein⸗ fach und zeichnet ſich dadurch vortheilhaft vor unſern Seeburger, nach Penſionsbildung ſchmeckenden Schönen aus. Zu ihren zahlreichen Courmachern aber gehöre ich übrigens ebenſo wenig wie Du.“ „Auch gut,, rief Hackelberg und füllte des Freundes geleertes Glas von neuem. Und dem Hackelberger ur⸗ alten Wahlſpruch getreu erzählte er nicht ohne einige Uebertreibung ſeine letzte Unterhaltung mit der Com⸗ mandeurstochter.„Robert“, ſprach er,„ich bin Dein Freund. Befolge meinen Rath. Stürme ihr Herz, aber gleich! Verliere keine Zeit mehr! Dir brennt einmal einmal das Feuer auf den Nagel. Das Mädchen ge⸗ fällt Dir auch, wie ich ſehe, ſie iſt koloſſal reich und ein Gewinn fürs ganze Regiment. Stoß' an, Deine Braut ſoll leben!“ „Ich verſtehe Dich nicht“, entgegnete Selbitz un⸗ willig.„In Deinen Ideen macht ſich das freilich prächtig, wie in einem Schäferroman! Bedenke doch, daß ſie mich noch faſt gar nicht kennt und daß auf ſolch eine kindiſche Aeußerung, ſelbſt für den Fall, daß ſie wirklich ſo wahr iſt, wie Du ſie da erzählſt, gar nichts zu geben iſt. Und glaubſt Du, daß die Aeltern nur gleich ſo ja ſagen werden zur Verbindung ihrer einzigen Tochter mit einem verſchuldeten Lieutenant?“ 30 „Lehre mich doch dieſe Kaufleute nicht kennen“, ſagte Hackelberg unbeirrt.„Bei allem liberalen Anſtrich, den ſie ſich geben möchten, haben ſie doch eine wahr⸗ haft ridicüle Leidenſchaft für die Ariſtokratie. Du ge⸗ hörſt zu den beſten Familien des Landes, alſo beſinne Dich nicht lange.“ Selbitz war der Wein momentan etwas zu Kopfe geſtiegen.„Gut, Fritz“, rief er nach einigem Hin⸗ und Herreden aus,„mir iſt jetzt hier doch Alles einerlei. Ich will es verſuchen, nur um Dir zu zeigen, wie Un⸗ recht Du haſt!“ „So gefällſt Du mir“, antwortete dieſer, indem er den Reſt der Flaſche austheilte.„En avant, vorwärts zur Attake! Mach' Dich friſch an ſie, führe ſie zum Souper, begleite ſie hernach im Mondſchein nach Hauſe, und wenn Du dann mit Deiner Erkorenen noch nicht im Reinen biſt, Robert, ſo biſt Du zum Kavalleriſten verdorben!“ Selbitz ſtützte den Kopf in die Hand und ſah nach⸗ denklich vor ſich nieder.„In Deiner Phantaſie geht das Alles recht hübſch“, ſagte er.„Ich habe aber mit eigenen Ohren gehört, wie der Doctor, welcher auch für die Dubois ſchwärmt, ſie zur Tafel engagirte, und nach Hauſe wird ſie wohl auf dieſelbe Weiſe reiſen, wie ſie hierher gelangt, nämlich in Hudelfeldt's Equipage.“ ——————— 31 „Mit dem Doctor läßt ſich ſchon fertig werden“, meinte der Freund nach kurzer Ueberlegung,„da laß mich nur machen.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und der ſchon erwähnte Roſen, ein noch ſehr junger zierlicher Offizier mit einem friſchen, mädchenhaften Geſichte und übermüthig funkelnden Augen, der Lieb⸗ ling aller Seeburger Damen, ſtürzte herein.„Iſt das Leben ſchön, aber fatigant!“ rief er und warf ſich in einen Seſſel.„Kellner, noch eine Flaſche Sekt!— Aber wo haben Sie denn geſteckt? Eben war Damen⸗ wahl. Fatigant, auf Ehre! An Schlaf wird wohl wieder kein Gedanke ſein! Nachher tempeln wir noch ein bischen, Möller will Bank halten, und dann muß ich machen, daß ich nach Godesheim reite zum Keſſel⸗ treiben. Warum wollen Sie eigentlich nicht mit, Hackel⸗ berg, Sie, der Sprößling des größten Jägers? Aber denken Sie ſich, welche Wirthſchaft in der Schwadron! Wird mein Bedienter krank, ſchickt mir der Wachtmeiſter einen dummen Rekruten als Erſatz. Ich bin in Todes⸗ angſt, ob der Kerl mir mein Pferd richtig hierher bringt, denn wenn ich zu dem Treiben zu ſpät käme und keinen guten Stand mehr erhielte, ich ärgerte mich todt. Proſit“, ſchloß der geſchwätzige Lieutenant und trank ſeinen Kameraden zu. „Fähnrich“, ſagte Hackelberg,„Sie ſind ein hoff⸗ nungsvoller junger Mann, wollen Sie uns einen Dienſt leiſten?“ „Mit tauſend Vergnügen, nur nicht jetzt, denn ich bin fortwährend engagirt, mein Premier!“ „Sie gehören ja zu Hudelfeldt's Bekannten?“ „Hudelfeldt!“ rief Roſen aus, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend.„Hören Sie, Hackelberg, den habe ich ab⸗ laufen laſſen. Famos! Wirklich famos! Der Menſch iſt mir nämlich ſchon immer unausſtehlich geweſen, redet ſtets von Literatur, Aeſthetik und ähnlichem Schwindel, wie alle dieſe Leute, die keine vernünftige Converſation zu führen wiſſen. Daſſelbe ſage ich auch neulich der Elly Mering. Das greuliche Frauenzimmer aber, obgleich ich überzeugt bin, ſie kann ihn ebenſo wenig ausſtehen wie ich, encouragirt ſeitdem, wo ſie mich ſieht, den Hudelfeldt in ſeinem literariſchen Un⸗ ſinn und fragt mich dabei immer malitiös:„Iſt's nicht ſchön, iſt's nicht erhaben, Herr von Roſen?«“ Roſen feuchtete ſeine Kehle an, dann fuhr er fort:„Neulich unterhielt ſie der Hudelfeldt von Kant und Hegel, von ein paar Kerls, von denen ich noch nie im Leben ge⸗ hört habe und welche dazu, denken Sie ſich, wie ich nachher erfuhr, noch nicht einmal Dichter ſind. Ich frage daher ganz unſchuldig, wer denn das wäre.„Ei, 33 Herr Lieutenant“, ſagt der Hudelfeldt,„das wiſſen Sie nicht? Das ſind ja ein paar Trakehner Hengſte!« Nun kenne ich die zwar ſo ziemlich alle— mein Juſſuf iſt ja auch ein Trakehner— bleib' aber doch noch ganz arglos, bis ich an Elly's Geſicht ſehe, daß ich genarrt bin. Ich verſchnupfte es damals ruhig und ſtelle mich nun ganz unſchuldig heute wieder hin und höre zu, wie Hudelfeldt wieder von Iphigenie und Taſſo und von Gott weiß was perorirt. Ich hatte mir aber geſtern gerade von Selbitz den Wallenſtein geliehen, um auch einmal etwas Literatur zu ſtudiren, der denn auch, beiläufig bemerkt, das Soldatenleben recht hübſch dar⸗ ſtellt, wenn mir auch Winterfeld natürlich beſſer behagt. Wie mich da nun eben die Elly Mering wieder fragt, was denn meine literariſchen Studien machten, halte ich denn eine wundervolle Rede über den göttlichen Schiller und ſchließe mit den Worten: Tief auf das Gehudel unter mir, Blick' ich herab von meinem Thier! Das ſaß; er ward abwechſelnd roth und bleich und meinte, wir ſprächen uns noch. Nun, mir recht!— Jean, warum iſt denn der Sekt nicht beſſer gekühlt?“ Hackelberg lachte.„Wenn er Sie noch nicht ge⸗ fordert hat, ſo thut das ja vorerſt nichts“, ſagte er. „Roſen, beweiſen Sie Ihren Scharfſinn. Bewerkſtelligen Ferrari, Gettysburg. 3 34 Sie, daß Hudelfeldt heute Nacht allein nach Hauſe fährt und Bürgermeiſters im Stich läßt. Bringen Sie das fertig, ſo ſollen Sie trotz Ihrer literariſchen Un⸗ kenntniß der talentvollſte Fähnrich des Regiments heißen.“ „Um Gotteswillen“, rief Selbitz dazwiſchen,„willſt Du denn parforce den Zeitungen wieder Nahrung geben? Dir ſollte doch Roſen's Talent, Militärexceſſe anzuſtiften, genugſam bekannt ſein.“ Roſen hatte einen Augenblick ſich beſonnen.„Meine Herren“, rief er wichtig und bemühte ſich vergebens, die Baarthaare auf ſeiner Oberlippe zuſammenzudrehen, „ich werde Ihren Wunſch erfüllen, das heißt unter einer Bedingung.“ Er flüſterte Hackelberg etwas ins Ohr. Dieſer nickte lachend.„Gut; verlaſſen Sie ſich feſt darauf. Aber jetzt Pardon, der Tanz beginnt wieder. Sie ſollen zufrieden ſein, meine Herren.“ Er verbeugte ſich und ſtürmte zur Thür hinaus. „Laß ihn nur gewähren“, beſchwichtigte Hackelberg den Freund;„in dem Burſchen ſitzt Raſſe, und auf den Kopf iſt er nicht gefallen, wenn er auch der literari⸗ ſchen und ſonſtigen Kenntniſſe nicht zu viele hat.“ Viertes Kapitel. Drinnen im Saale rauſchte fort und fort die Muſik, drehten ſich die Paare nach den Klängen der Mazurka. Die Gegenſtände der vorigen Unterhaltung, der lite⸗ rariſche Herr Hudelfeldt und das Fräulein Dubois, tanzten gerade zuſammen. Hudelfeldt, ein hübſcher, etwas gezierter, ſchlanker junger Mann von faſt dreißig Jahren, war der Sohn des reichſten Mannes der Stadt, ja beinahe der ganzen Provinz. In den verſchiedenen Fabriken des alten Commerzienraths, welche rund um Seeburg herum ihre mächtigen Schornſteine in die Höhe reckten, fanden über tauſend Menſchen Nahrung und Verdienſt. Der alte Herr, welcher ſich durch Glück, Geſchick und emſigen Fleiß von unten auf zu ſolchem Reichthum empor⸗ 3* 36 geſchwungen hatte, lebte nur ſeinem Geſchäfte, einfach und zurückgezogen und ging, ob er zwar zuweilen große Feſte gab, wenig unter andere Menſchen, deſto mehr aber der Sohn, in deſſen Geſicht faſt ſtets ein Lächeln der Zufriedenheit ob des eigenen Werthes thronte, denn er war ſich wohl bewußt, hier der Gegenſtand der Sehnſucht des weiblichen Geſchlechts zu ſein. Helene Dubois, ſeine Tänzerin, befand ſich ſchon ſeit einigen Wochen in der Stadt, zum Beſuch bei ihren Verwandten, der Familie des regierenden Bürgermei⸗ ſters von Seeburg. Sie, die Tochter eines der erſten Kaufleute der großen Hanſeſtadt, war eine zierliche, friſche Erſcheinung, welche, abgeſehen von den ſeelen⸗ vollen großen blauen Augen, nicht gerade ſchön, aber wohl ſehr anmuthig zu nennen war. Ihr Auftreten in der kleinen Provinzialſtadt hatte unter der dortigen Herrenwelt eine gewaltige Aufregung hervorgerufen⸗ Partien waren dem Fräulein zu Ehren entreprenirt, die Dragonerkapelle hatte ihr, zum Neide aller See⸗ burger Schönen, eine Nachtmuſik gebracht, ja poetiſche Gemüther’ unter den reiſigen Marsſöhnen ſchon ihren Gefühlen in zierlichen Sonetten und Akroſtichen Luft gemacht. Auch Fräulein Helene war nicht theilnahmlos ge⸗ blieben bei all den ihr dargebrachten Huldigungen. Sie, 37 in deren Vaterſtadt die ſociale Stellung der Offiziere nicht gerade die erſte iſt, hatte hier zuerſt Bekanntſchaft mit dem zweifarbigen Tuche gemacht. Es iſt eine eigen⸗ hümliche Erſcheinung, daß das ſchöne Geſchlecht trotz der gehörten oft haarſträubenden Schilderungen von der Hohlheit, Leichtfertigkeit und Brutalität der Offi⸗ ziere dennoch meiſt eine große Vorliebe für des Königs Rock hat, um ſo größer, je jünger er iſt. Was den Offizier im Allgemeinen vor dem Civiliſten auszeichnet, iſt wohl eine größere Tournüre und ein ſichereres ge⸗ ſellſchaftliches Auftreten. Uebergroße Blödigkeit gehört nicht zu ihren Cardinalfehlern; ſie tanzen in der Regel gut und darauf legen die Damen einen weit größern Werth, als man gewöhnlich glaubt. Zudem übt, ſo lächerlich es klingen mag, die bunte Tracht des Sol⸗ daten einen eigenthümlichen Zauber aus. Wie oft ſieht man nicht einen Offizier über einen Civiliſten den Sieg davontragen, welcher, wenn man die beiden un⸗ parteiiſch vergleicht, jenem in durchaus jeder, ſelbſt in den oben angeführten Beziehungen überlegen iſt. Auf Helene Dubois' junges Herz hatte denn auch ein Sohn des Kriegsgottes Eindruck gemacht, ohne daß dieſer ſelbſt das Geringſte davon ahnte. Helene war zu gut in althergebrachter Sitte erzogen, um ihre ſich ſelbſt kaum bewußten Gefühle in irgend einer Weiſe 38 kund zu geben, und nur einmal, in der von Fräulein von Weltkugell erwähnten Kaffeegeſellſchaft, hatte ſie ſich, als die andern Damen auf den Lieutenant ſchalten, zu jener Aeußerung hinreißen laſſen. Die Beiden hatten gerade aufgehört zu tanzen; Helene horchte nur halb auf Hudelfeldt's beredte Wore, ihre Augen folgten träumeriſch den vorbeiwirbelnden Paaren. Selbitz trat auf ſie zu und bat um eine Extratour; Herr Hudelfeldt nickte bereitwillig, und der Offizier umſchlang die Taille der Erröthenden. Wäh⸗ rend ſie dahinſchwebten, bat Selbitz, da er doch wohl auf keinen Tanz mehr hoffen dürfe, um die Erlaubniß, noch öfter hospitiren zu dürfen. Die Augen nieder⸗ ſchlagend und hocherröthend lispelte ſie:„Recht gern.“ Er führte die junge Dame wieder zu ihrem Tänzer zurück. Der erſte Schritt war gethan.„Jetzt weiter!“ rief er ſich zu. Er benutzte die erhaltene Erlaubniß im ausgiebigſten Maße; zum allgemeinen Staunen wich er in allen Tanzpauſen nicht von ihrer Seite und zwang ſich, ſo unterhaltend wie möglich zu ſein. Sein Be⸗ mühen hatte Erfolg; Helenens unſchuldiges Gemüth ſchwamm in Vergnügen, zugleich aber empfand ihr Herz die reine Freude, den Mann, welcher zuvor ihr Mitgefühl durch ſein trübes Weſen erregt hatte, jetzt — ——— —y— ——— —— 39 ſo munter, ſo angeregt zu ſehen und zwar, wie ihre Eitelkeit ſich ſagen mußte, in ihrer Nähe. Der letzte Tanz vor Tiſche war beendet, Damen und Herren hatten ſich in des Saales Mitte geſam⸗ melt, des Zeichens harrend, das ſie in den anliegenden Speiſeſaal führen ſollte. Bei einer dieſer Grup⸗ pen, welche ſich unwillkürlich gebildet hatten, ſtanden Arm in Arm Helene und ihre Couſine Elly, des Bürger⸗ meiſters Töchterlein, und um ſie herum Hudelfeldt, Selbitz, Hackelberg und Helenens Tiſchherr, der Doctor des Regiments, ein kleiner jovialer junger Mann mit dem erſten Viertel des Mondſcheins auf dem Schädel. „Die Herren vom Comits laſſen uns ja heute lange ſchmachten“, bemerkte Hudelfeldt, als ein Lohndiener auf ſie zutrat und den Doctor, welcher gerade von einem haarſträubenden Krankheitsfalle berichtete, herausrief. Dieſer ging und kehrte nach wenig Augenblicken mit ärgerlichem Geſichte zurück.„Verzeihung, mein Fräu⸗ lein“, ſagte er zu Helenen,„aber unten iſt ein berit⸗ tener Bote, ich muß ſogleich nach Allendorf, wo ein beurlaubter Dragoner krank liegt. Der Mann— ich dachte, ich hätte ihn ſchon durch— hat einen Rückfall be⸗ kommen. Fatale Geſchichte! Bitte tauſendmal um Vergebung! Einer der andern Herren wird die Güte haben, meine Stelle zu verſehen.“ 40 Selbitz erbot ſich natürlich ſofort und wurde freund⸗ lich angenommen.„Doctor, Doctor“, rief Hackelberg dem gewiſſenhaften Arzte zu, welcher ſich, nachdem er ſeine Dame untergebracht ſah!, entfernen wollte,„Sie ſind ein Schelm Nicht zufrieden, uns jeden Abend im Club dieſelbe Reclame aufzuführen, laſſen Sie ſich jetzt ſogar aus dem Tanzſaale holen, nur um uns allen Ihre gewaltige Praxis zu zeigen!“ „Dienſt, Dienſt“, rief der Geneckte unmuthig und eilte davon. „Der iſt beſorgt und aufgehoben“, raunte Hackel⸗ berg dem Freunde zu. Man ging zu Tiſche. Herrn Hudelfeldt, welcher gern an Helenens anderer Seite Platz genommen hätte, kam Hackelberg, der die Frau ſeines Rittmeiſters führte, zuvor, und jener mußte ſich mit einem ziemlich ſchrägen vis à vis begnügen. Hackelberg wandte ſich mit einer Frage nach dem Militär ihrer Heimatſtadt an ſeine Nachbarin und veranlaßte damit eine kurze, den Werth des Offizier⸗ und Kaufmannsſtandes abwägende Debatte. „Wahrlich“, bemerkte gegen den Schluß derſelben Hudelfeldt,„der Kaufmannsſtand iſt ein ſchöner Beruf! Der Kaufmann, welcher ſein Vermögen, ſelbſt wo er genug hat, um in Ruhe zu leben, freudig wagt, um die Produkte ferner Lande zu holen, ſeinem Vaterlande V 41 Wohlſtand, überall aber, wohin ſein Handel reicht, Ge⸗ ſittung und Civiliſation zu ſchaffen, er dünkt mir höher und dazu wohl ebenſo muthig wie der Krieger vor dem Feinde, denn dieſer zerſtört nur, jener aber erwirbtu“ „Der Vergleich möchte wohl nicht paſſen“, ſagte Selbitz ſtolz.„Der brave Soldat kämpft nicht, um zu zerſtören, ſondern um die Seinigen zu ſchirmen, um das Heiligſte, die Freiheit und die Ehre der Nation zu ſchützen! Der Kaufmann? Reden Sie doch nicht von Civiliſation und Geſittung, daran denkt ja kein Kaufmann. Geld iſt ſeine Loſung, einerlei, ob es durch die Sklavenarbeit der Neger unter den glühenden Tro⸗ pen oder durch den moraliſchen Ruin eines ganzen Vol⸗ kes, wie ihn der Opiumhandel in China bewirkt, er⸗ worben wird! Wann hätten ſich wohl je Handelsſtädte durch aufopfernden Patriotismus ausgezeichnet? Und fürwahr, ich glaube denn doch, daß dieſe Erde noch Höheres beherbergt als Geld und Gelderwerb.“ Selbitz hatte mit Feuer geſprochen. Hackelberg ſuchte während ſeiner Worte ihn vergebens durch Blicke zur Mäßigung zu ermahnen, jedoch unnöthigerweiſe, denn Helenens ſchöne Augen ſchienen leuchtend ihrem neuen Verehrer beizupflichten. Die Muſik, welche eine rau⸗ ſchende Opernarie zu ſpielen begann, ſetzte jetzt der allgemeinern Unterhaltung ein Ziel, und Selbitz hatte 42 nun Gelegenheit, ſich ungeſtört ſeiner Dame widmen zu können. Sie ſprachen von vielen gleichgültigen Dingen; ſie erzählte von ihrer großen Vaterſtadt, er von ſeiner ländlichen Heimat. Aber Selbitz fühlte ſich nichts weniger als behaglich. Er ſah Hudelfeldt's Auge eifer⸗ ſüchtig auf ſich ruhen, ſah Hackelberg, welcher ihn fort⸗ während zu energiſchem Vorgehen zu animiren ſuchte, und neben ſich das vor Vergnügen ſtrahlende junge Mädchen, die in ihrer Unſchuld von dem gegen ſie geſchmiedeten Plane nichts ahnte: er fühlte ſich un⸗ angenehm erregt, er empfand, daß er vorwärts gehen müſſe, aber eine ungewohnte Befangenheit hielt ihn zurück. Der lärmende Prophetenmarſch, mit welchem die Muſik jetzt einfiel, ſchien ihn vor jedem Lauſcher zu ſichern, die Gelegenheit war günſtig, doch er wagte es nicht, in ihre blauen Augen zu blicken; die zuvor in Gedanken ſo wohl ſtiliſirten Worte blieben ihm in der Kehle ſtecken. Als man ſich von der Tafel erhob, mußte er im Allgemeinen ſich ſagen, daß er wenig weiter gekommen ſei. Hackelberg zeigte ihm ein unwilliges Geſicht.„Cou⸗ rage, Robert“, raunte er ihm zu. 4 † Fünftes Kapitel. Der Tiſchtanz pflegt Menſchen, welche noch nicht ganz und gar blaſirt ſind, mit erhöhtem Vergnügen, mit der Quinteſſenz der Ballfreude, mit, möchte ich faſt ſagen, einer Art von Begeiſterung zu erfüllen. Der bei Tiſche getrunkene Wein, der ſich bis jetzt ſehr be⸗ ſcheiden verhielt und kaum ſich in die Converſation zu miſchen wagte, die ſo ganz ruhig und ſinnig ver⸗ lief, beginnt ſich im Kopfe zu regen, ſobald die Klänge der Muſik den neuen Tanz verkünden. Er zieht leiſe durch alle Adern, während wir paarweiſe Arm in Arm in den friſch gelüfteten Tanzſaal ziehen, und durchglüht uns mit wonnigem Behagen, überſchüttet uns mit einem leichten Schauer, wenn wir jetzt den Arm unſeres Tän⸗ zers, unſerer Tänzerin ſanft ſich anſchmiegen fühlen 44 und nach dem Walzertakte ſchwebend und drehend die große Ronde dahinkreiſen. Selbitz war ein ſehr guter Tänzer. Er fuhr mit Helene Dubois nach Lanner's Muſik durch den Saal hin wie ein Schiff auf ruhiger See, und Helene über⸗ ließ ſich ſo gern ſeinem kräftigen Arme; dachte ſie wohl, es müſſe doch ſchön ſein, ſo durchs Leben getragen zu werden? So ſchwer manche Dinge ſich zu der einen Zeit ſa⸗ gen laſſen, ſo leicht, faſt natürlich geben ſie ſich zu der andern. Selbitz faßte raſch ſeinen Entſchluß. Kühn hauchte er mit ſchwärmeriſcher Stimme, in der ein leich⸗ tes Zittern der Aufregung durchklang, ſeiner Tänzerin in das Ohr: „Würden Sie den Mann tadeln, welcher ſein Glück, ſeine ganze Seligkeit, wenn ſie ihm flüchtig vorbeieilt, zu halten verſucht?“ Helenens Erſchrecken, die ſteigende Glut ihrer Wangen belehrten ihn, daß ſie das Ziel ſeiner Worte errieth. Ohne eine andere Antwort abzuwarten, fuhr er fort:„Würden Sie ihn verdammen, wenn er jeden Augenblick ſich willkommen wähnt zu dieſem Geſtänd⸗ niß, wenn dieſer ihm nur ein ungeſtörtes Geflüſter er⸗ laubt?“ Er fühlte ein feſteres Anſchmiegen des zarten Kör⸗ 3 1 8 4 3 1 ö11 pers, das höhere Wallen des Buſens. Immer in dem langſamen Takte drehte das Paar ſich dahin. „Helene Dubois“, ſprach er weiter,„ich bin der Mann, Sie ſind mein Glück, meine Seligkeit! O ge⸗ ſtatten Sie mir das Bekenntniß, daß ich Sie liebe, Helene, daß ich nur aus Ihrem Munde das Urtheil zu empfangen habe, ob mein Schickſal ein unendlich ſchö⸗ nes, ein beneidenswerthes ſein wird oder ein unſeliges. Ein kleines Wörtchen entſcheidet. Reden Sie, ſprechen Sie mein Urtheil, Helene!“ Das junge Mädchen ſchwamm in einem Meere von Wonne. Schreck und Entzücken wechſelten. Das lie⸗ bende Herz iſt nur zu geneigt, Alles zum Beſten des Geliebten auszulegen. Wie raſch hatte er die geheim⸗ ſten Gedanken ihres Herzens errathen! Wie ſtürmiſch war der unbeſiegliche Drang nach dem Geſtändniß ſei⸗ ner Liebe! Gewiß, das vermochte nur die allgewaltige Liebe. Ihr ſchwindelte. Kaum vermochte ſie die Hand des jungen Mannes zu drücken, ihre Augen lächelten „Ja“ durch eine Thräne der Seligkeit. Auch Selbitz verlor bald ſeine Faſſung. War es Traum oder Wirklichkeit? So raſch am Ziele ſeiner kaum gefaßten Wünſche! Kein Widerſtreben, kein Be⸗ denken, kein Ueberlegenwollen In ſeinem Auge leuch⸗ tete der Triumph, doch in ſeinem Herzen tobten wider⸗ 46 ſtreitende Gefühle, Befriedigung ſeiner Eitelkeit, Freude über das Gelingen und doch wieder eine unbehagliche Empfindung wie der verletzten Ehre und das Bewußt⸗ ſein der Lüge. Das zitternde Mädchen in ſeinem Arm däuchte ihm wie der Richter vor dem Verbrecher. Er wußte keine Silbe mehr hervorzubringen. „Aber, Herr von Selbitz“, rief halb lachend eine Stimme in ſeiner Nähe,„wollen Sie denn meine Pfle⸗ gebefohlene zu Tode tanzen? Warten Sie nur! Helenchen, wie echauffirt Du ausſiehſt“, fuhr die Bür⸗ germeiſterin fort, als das Paar anhielt.„Warten Sie, Herr Lieutenant, Sie bekommen meine Nichte nicht wie⸗ der. Und Ihr Mädchen ſeid auch ſo leichtſinnig! Da binde Dein Tuch um, Helene, Du möchteſt Dich ſonſt erkälten! Ihr jungen Leute bedenkt nie, daß man das Vergnügen mit Maß genießen muß.“ Das Schelten der guten alten Dame brachte beide zur Beſinnung. Helene war mit glühender Röthe über⸗ goſſen, Selbitz brachte gezwungen lachend einige ent⸗ ſchuldigende Worte hervor. Er athmete freier, als die Hackelberg ſaß ſchon wieder würdevoll hinter einem flaſchenbeſetzten Tiſche und beobachtete die ſteigenden —— 47 Perlen in ſeinem Glaſe Champagner. Selbitz legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte ernſt, faſt be⸗ klommen: „Sie iſt mein, Fritz. Mir iſt, als wäre ich ein Schurke!“ Hackelberg ſetzte das Glas hin, ſah ſeinen Freund gelaſſen an und antwortete:„Ja, ja, das ſieht Dir ganz ähnlich, Du biſt einmal ſo ein ſpaßhafter Kerl. Aber ein verteufelter Burſche dazu. Alſo wirklich? Alles ſchon in Ordnung?“ Dann erhob er ſich und ſagte pathetiſch: „Der iſt ein Narr, der nicht das Glück Feſthält in unauflöslicher Umarmung, Wenn es ein Gott in ſeine Hand gegeben! Höre, Robert, nächſtes Jahr komme ich zu Dir auf Urlaub. Ich habe ſchon immer für die Villas am Elbufer geſchwärmt! So! Stoß' an! Ein volles Glas dem jungen Brautpaare!“ Sechstes Kapitel. In einer Tanzpauſe, etwa eine Stunde vor dem Beginn des Soupers, war der junge Roſen aus dem Saale hinuntergeeilt und aus der Hausthür getreten. Mit großer Bekümmerniß ſah er in der Luft die Flocken wirbeln, den ganzen Boden ſchon weiß mit dichtem Schnee überſäet.—, Die ſchöne Jagd verpufft“, ſeufzte / er und trat in den Stall neben dem Wirthshauſe. Er fand ſein Pferd dort angehalftert, Jaugenſcheinlich eben angekommen. Der Sattel lag noch auf dem Rücken, der Wärter, der Dragoner Schaper, war gerade emſig beſchäftigt, die naſſen Beine des Thieres mit Stroh⸗ wiſchen abzureiben. Roſen überzeugte ſich, daß Alles in Ordnung ſei, dann fragte er, indem er auf ein paar prächtige Rappen an der andern Seite des Stalles ——ñ— 8—— —., — 49 deutete:„Kennſt Du den Kutſcher?“ Schaper, nach⸗ dem er auf des Lieutenants Frage die militäriſche Stellung angenommen hatte, verſetzte:„Zu Befehl! Das iſt ja Buſſe's Wilhelm aus Nottenſen, Herrn Hu⸗ delfeldt ſein Kutſcher, mein Landsmann.“ „Schon gut,, verſetzte Roſen, indem er mit einer Taſchenbürſte durch ſeine ſchweißtriefenden gebrannten Locken ſtrich.„Kannſt Du was vertragen?“ Schaper ſah ihn erſtaunt an. „Ich meine, ob Du das Trinken vertragen kannſt?“ Schaper's Geſicht lachte.„Zu Befehl, Herr Lieute⸗ nant“, verſetzte er dienſtmäßig. „Gut“, ſagte Roſen.„Jetzt paß auf! Hier ſind zwei Thaler, gehe ſofort hin und mache mir Deinen Lands⸗ mann, den Buſſe's Wilhelm, tüchtig betrunken; binnen drei Stunden muß er hier liegen— todt und ſchlafen. Haſt Du mich verſtanden?“ Schaper riß die Augen weit auf; er wußte nicht, was er zu hören bekam. „Binnen drei Stunden, hörſt Du?“ fuhr Roſen fort. „Du ſelbſt aber mußt nüchtern bleiben! „Zu Befehl, Herr Lieutenant.“ „Wiederhole Deinen Auftrag.“ Schaper ſagte die ihm gewordene Inſtruction ge⸗ wiſſenhaft her. Ferrari, Gettysburg. 4 50 „Nun gut“, fuhr Roſen fort.„Nachher erhälſt Du weitere Befehle. Halte den Mund und mache Deine Sache gut. An einem guten Trinkgelde ſoll es dann nicht fehlen!“ „Herr Lieutenant—“hob Schaper zögernd wieder an. Ein glücklicher Gedanke war ihm gekommen. Der Ritt⸗ meiſter hatte ihm heute wider Erwarten ſchon die Prü⸗ gelei verziehen. Vielleicht glückte es jetzt, ſein Kerb⸗ holz völlig frei zu erhalten. „Nun?“ „Herr Lieutenant, wenn ich vielleicht vom Nachexer⸗ eiren frei kommen könnte—⸗ „Das geht mich nichts an“, ſagte Roſen barſch, dann aber ſich beſinnend, fragte er doch:„Wer hat Dich dazu commandirt?“ „Herr Lieutenant von Selbitz“, lautete die Antwort. „Gut, Du ſollſt frei kommen, ich verſpreche Dir's. Mache Deine Sache gut und ich wirke Dir den Nach⸗ laß der Strafe aus. Beſtimmt!“ Selbſtzufrieden lächelnd war der junge Offizier in den Saal zurückgeeilt und befand ſich wenige Minuten nachher ſchon wieder mitten unter den Tanzenden. Die Quadrille und der Cotillon, welche noch auf den Tiſchtanz folgten, verliefen ruhig. Helene war ſchon bei Beginn des Balles zu beiden 51 engagirt, widerſtrebend mußte ſie mit andern Herren tanzen, den Cotillon mit Hudelfeldt, und auf jenes Rede hören, während ihre Gedanken ganz wo anders ſchweiften, während ihr Herz überquoll von ſeligen, nie zuvor geahnten Gefühlen. Mechaniſch nahm ſie die Huldigungen an, welche ihr die Herren beim Cotillon in duftenden Bouquets darbrachten; ihre Blicke ſuchten nur die ſeinigen, um dann, nachdem ſie ihnen begeg⸗ net, ſich ſcheu wieder zu ſenken, gleich als hätten ſie damit etwas Unrechtes gethan. Selbitz tanzte nicht mehr, ſondern hatte ſich in die offene Thür geſtellt, ihr gegenüber. Er vermied es, weiter ſich Helenen zu nä⸗ hern, hier, wo andere Ohren ſeine Worte hätten hören können. Sehnlichſt erwartete er das Ende des Balles. „Gnädiges Fräulein“, ſagte Roſen zu ſeiner Cotil⸗ lon⸗Tänzerin, Fräulein Elly Mering,„Sie willigen alſo ein, morgen bei unſerer Schlittenpartie meine Dame zu ſein? Sie ſollen ſich wundern, wie famos meine Gäule ſich machen werden.“ Elly war eine hübſche, muthwillige kleine Blondine, ihre muntern Augen glänzten vor Freude. „Nur unter einer Bedingung“ ſagte ſie aber dann mit ſchmollender Miene. „Und welche wäre das?“ „Sie fragen noch? Die, daß Sie zuvor feierlichſt 4 5² auf das“— ſie brachte das Wort nur zögernd und leiſe hervor—„Schlittenrecht verzichten.“ Roſen hatte nämlich, wie hier erwähnt werden muß, ſchon im vorigen Winter, wenige Wochen nach dem ſchönen Tage, an welchem die Epauletten zuerſt auf ſeinen Schultern erglänzten, Fräulein Elly im Schlitten gefahren. Nachdem er die Straßen der Stadt und die Promenaden mehrmals mit ihr durchklingelt, hatte er ſie wieder vor ihrer Wohnung abſetzen wollen, ſich zuvor aber nach dem früher üblichen, leider jetzt mehr und mehr abkommenden Brauche das Schlitten⸗ recht erbeten. Sie hatte, vielleicht wider ſein Erwarten, mit Entſchiedenheit dies verweigert, worauf der junge Offizier, ohne ein Wort zu erwidern, die Pferde wieder antrieb und am väterlichen Hauſe ſeiner Dame vor⸗ über den alten Weg noch einmal fuhr. Nach einer halben Stunde, als er in deſſen Nähe zurückgekommen war, wiederholte Roſen ſeinen Wunſch; er wurde wie⸗ derum abgewieſen. Fräulein Elly wurde zornig; ſie drohte und bat nun ihrerſeits abwechſelnd, Alles um⸗ ſonſt. Als der Lieutenant zum dritten Male immer mit derſelben Hölichkeit fragte, begann die Dunkel⸗ heit ſchon mächtig herabzuſinken; das Fräulein hielt längern Widerſtand nicht für gerathen. Wie das Rös⸗. lein auf der Haiden mußte ſie es eben leiden und — 53 unter Androhung ewigen Haſſes hatte ſie damals ſich veranlaßt geſehen, ihre roſige Wange darzubieten. „Sie Grauſame“, antwortete Roſen mit kummervoll gen Himmel gerichteten Augen.„Aber ich bin nun ein⸗ mal von Ihnen um den kleinen Finger zu wickeln. Ich gehe es ein. Doch zuvor auch meinerſeits eine kleine Bedingung. Gehen Sie jetzt ſogleich nach Beendigung des Cotillons zu Hudelfeldt und bitten denſelben, er möge Ihnen Ihren Fanchon oder wie das Ding ſonſt heißen mag, aus ſeinem Wagen holen. Sie hätten ihn dort liegen laſſen, ſagen Sie, hüten ſich jedoch, meinen Namen dabei zu nennen.“ Nach einigen Debatten wurden die Beiden einig. Elly entledigte ſich geſchickt ihres Auftrags, und ge⸗ horſam dem erhaltenen Befehle eilte der dienſteifrige Hudelfeldt hinunter. Er fand ſeinen Wagen ſchon an⸗ geſpannt vor der Thür, der Kutſcher ſaß auf dem Bocke. „Gleich iſt's ſo weit, Wilhelm“ rief er dieſem zu und ſprang in den Wagen, das gewünſchte Kleidungsſtück zu ſuchen. Kaum aber war er drinnen, als auf ein⸗ mal der Kutſcher auf die Pferde lospeitſchte und dieſe im raſchen Trabe davoneilten. Einen Augenblick war Herr Hudelfeldt ſprachlos vor Staunen.„Wilhelm“, rief er, nachdem er ſich ermannt hatte,„Wilhelm, ſo halte doch! Biſt Du betrunken?“ 54 Der vermeintliche Wilhelm nahm auf dieſen Zuruf nicht die geringſte Rückſicht. Hudelfeldt wiederholte ſeine Worte nochmals aus dem Schlage heraus, ſo laut er konnte. Eine ihm völlig unbekannte Stimme ant⸗ wortete:„Jawohl“, und der Kutſcher peitſchte auf die Pferde, daß die feurigen Thiere in einen wilden Ga⸗ lopp übergingen. Hudelfeldt, der jetzt bemerkte, daß ein fremder Mann auf dem Bocke ſaß, begann mit Polizei und Gensdarmen zu drohen, aber ſein unge⸗ wünſchter Roſſelenker ſchien keine Ohren zu haben; wenigſtens machte die Drohung mit der heiligen Her⸗ nandad nicht den geringſten Eindruck auf ihn. In Hudelfeldt wechſelten Staunen und Entrüſtung. End⸗ lich faßte er ſich ein Herz, öffnete das Fenſter über dem Rückſitz des Wagens und begann auf den Rücken des Verwegenen loszutrommeln. Dadurch jedoch ließ ſich dieſer nicht irre machen— er war ganz andere Püffe gewohnt— und vergalt nur jeden Stoß mit Peitſchenknall und einem friſchen Schlag auf die Pferde. Erſchöpft hielt der junge Millionär einen Augen⸗ blick inne. Der Wagen näherte ſich jetzt raſch der Stadt und Hudelfeldt dachte mit Angſt an die engen Gaſſen und das holprige Pflaſter. Dieſe Beſorgniß erwies ſich jedoch als unnütz, vor dem Thore bog der Wagen aus und ſie fuhren längs der Stadt um den 1 „ 55 Wall ſeitwärts ins Feld. Ihm wurde unheimlich zu Muthe. Er erinnerte ſich der Unthaten Berliner Droſch⸗ kenkutſcher, die in der letzten Zeit die Zeitungen gefüllt hatten. Er will mich ermorden, rief es in ihm. Er erwog, ob er aus dem Wagen ſpringen ſolle. Schon war er dazu entſchloſſen, Pferd und Wagen dem Räuber als Beute zu laſſen und den Sprung zu wagen, doch im entſcheidenden Augenblicke fiel ihm plötzlich des Herzogs von Orléans trauriges Geſchick ein, und er ſchloß den ſchon geöffneten Schlag wieder. Noch eine letzte Kraftanſtrengung machte der junge Mann. Er zwängte ſich, ſo gut es gehen wollte, durch das Vorderfenſter, erfaßte mit der einen Hand die Rechte des Kutſchers, mit der andern riß er heftig die Zügel zurück. Es gelang ihm; die Pferde ſtockten im Lauf. Doch nur einen Augenblick. Denn raſch wandte ſich der Unbekannte los, ſchleuderte ihn mit großer Kraft in die Kiſſen zurück und ſchwang die Peitſche von neuem, daß die feurigen Thiere wieder wie mit Windeseile über die ſchneeige Fläche dahinbrauſten. „Hülfe! Mörder!“ ſchrie jetzt Herr Hudelfeldt. Doch Niemand hörte ihn. Sie fuhren auf einem Wege, wohl tauſend Schritt entfernt von der Stadt, und drinnen ſchlief Alles den Schlaf des Gerechten. 56 Der Mond leuchtete geſpenſtiſch hell, aus jedem knorrigen Weidenaſte am Stadtgraben ſchien eine ſpöt⸗ tiſch verzerrte Teufelsfratze zu grinſen, und wie un⸗ heimliche Phantome mit langen, ſich jeden Augenblick zum Zugreifen niederbeugenden Rieſenarmen waren die entlaubten Birken auf dem weißen Grunde anzuſchauen, an denen ſie vorbeiflogen. Ermattet und beklemmt zugleich ſank Hudelfeldt zurück; er begann ſich allmälig in das Unvermeidliche zu ſchicken und das Ende abzuwarten. Zudem beruhigte es ihn merklich, als er ſah, daß ſie nicht ins Weite fuhren, ſondern der Weg immer um die Stadt herumging. Gleich wie der göttliche Achill den Leichnam ſeines Feindes Hektor dreimal um die heilige Veſte Troja ſchleifte, ſo wurde auch der unſelige Hudelfeldt dreimal von den eigenen Roſſen um die Vaterſtadt im raſchen Laufe gezogen. Endlich fingen die ermüdeten Pferde an, langſamer zu gehen; Hudelfeldt erſah einen gün⸗ ſtigen Moment, ſprang aus dem Wagen und eilte athemlos, ohne ſich umzuſehen, zur Stadt, um Hülfe ge⸗ gen den Räuber ſeiner Equipage, ja ſeiner PVerſon zu requiriren. Siebentes Kapitel. Der Ballſaal war leer geworden. Der Cotillon und die übliche darauf folgende Abkühlungs⸗Francaiſe waren längſt zu Ende, faſt ſämmtliche Familien ſchon nach Hauſe gerollt. Nur wenige, darunter Bürger⸗ meiſters, ſtanden noch einſam unter dem halb erloſchenen großen Kronleuchter. „Wo mag Herr Hudelfeldt nur ſo lange bleiben?“ ſagte endlich Elly und warf einen fragenden Blick auf Roſen. Dieſer eilte hinunter und kehrte bald darauf mit der wunderbaren Meldung zurück, Hudelfeldt ſei ſchon vor einer⸗halben Stunde nach Hauſe gefahren. Er blinzelte Elly bittend zu.„Dieſe Wolke“, ſo ſchloß er und zeigte eine weißwollene Kopfbedeckung,„welche wahrſcheinlich Ihnen gehört, mein Fräulein, fand ich —+r 58 einſam und verlaſſen im Schnee liegend. Unbe⸗ greiflich!“ Alle waren oder thaten doch wenigſtens erſtaunt und entrüſtet über Hudelfeldt's ſeltſames Verſchwinden. „Wer hätte das von Herrn Hudelfeldt gedacht“, ſagte die Bürgermeiſterin.„Siehſt Du, liebe Frau“, verſetzte der Bürgermeiſter,„wenn Du nur auf mich gehört hätteſt! Ich habe es ja vorher geahnt und geſagt, wir wollten einen eigenen Wagen nehmen.“ Da jedoch geſchehene Dinge ſich nun einmal nicht ändern laſſen und weitere Ueberlegung auch nichts mehr zu helfen ſchien, ſo entſchloſſen ſich der Herr und die Frau Bürgermeiſterin endlich, trotz des Schnees den Weg zu Fuß zurückzulegen. Hackelberg bot galant der Frau Bürgermeiſterin den Arm, und da dieſe der ver⸗ ſchneiten Straße wegen bereitwillig ihn annahm, ſo trugen auch Elly und Helene kein Bedenken, ſich ihrer⸗ ſeits von Roſen und Selbitz führen zu laſſen. Der Bürgermeiſter ſchritt bedächtig, doch innerlich noch im⸗ mer brummend neben ſeiner Ehehälfte. „Gnädige Frau“, ſagte Hackelberg,„Ihr Herr Ge⸗ mahl reiſt ja in den nächſten Wochen wieder zum Ständehauſe. Legen Sie doch ein gutes Wort für uns ein, daß er die Regierungsvorlagen hinſichtlich der Gage⸗Erhöhung mit günſtigen Augen anſieht.“ 4 —y 59 „Hm, hm“, antwortete der Bürgermeiſter ſich räus⸗ pernd,„Ihr Herren koſtet dem Staate ohnehin ſchon viel zu viel.“.. „O“, ſeufzte Hackelberg,„über die verblendeten Volks⸗ vertreter! Der eine behauptet, wir faulenzten den ganzen Tag, der andere wieder, wir plackten nur un⸗ ſere Leute unermüdlich vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, der dritte, wir mäſteten uns vom Marke des Landes, und der vierte endlich ſingt: Gold am Kra⸗ gen, nichts im Magen! Geld herrücken aber wollen ſie alle zuſammen nicht! Die Frau Bürgermeiſterin lachte, ihr Gemahl re⸗ plicirte und ihr Cavalier ſchien ſeinen Zweck, ſich mit den Beiden in ein möglichſt eifriges Geſpräch zu ver⸗ wickeln, erreichen zu ſollen. Keine Kunſt verſteht der Menſch ſo gut wie die, ſich ſelbſt zu betrügen. „Was werfe ich mir denn eigentlich vor?“ ſprach Selbitz zu ſich ſelbſt.„Welchen Mann möchte ſie denn lieber haben als mich, den ſie liebt? Und weshalb ſollte ich ſie nicht wieder lieben? Iſt ſie denn nicht liebenswürdig? Die Liebe wird ſchon kom⸗ men. Wie viele Ehen werden unter ſchlechtern Auſpi⸗ cien geſchloſſen! Und Heuchelei ſollte es ſein, wenn ich ihr von Liebe ſpreche? Liebe ich ſie denn nicht ſchon 60 wirklich? Ich müßte ja der arroganteſte Menſch ſein, wollte ich eine ſo herzliche Neigung unerwidert laſſen. Ja, ja, Robert, Du haſt einmal Anlage zu Schrullen!“ Damit faßte Selbitz den Vorſatz, Helene zu einer ſehr glücklichen Frau zu machen, ihr in All und Jedem ſeine herzlichſte Liebe zu beweiſen. Arm in Arm ſchritten ſie ſchweigend neben einan⸗ der. Ihre Herzen pochten, Keins wagte zu ſprechen. „Helene“, hob er endlich an, als er das vor ihnen ſchreitende Paar weit genug entfernt glaubte, und ſeine Stimme klang aufgeregt und dabei doch innig,„Helene, iſt’'s denn wahr, iſt mein Glück wirklich kein Traum? Faſt zu kühn erſcheine ich mir ſelbſt, wenn ich an die Erwiderung meiner Liebe glaube!“ Sie hatte das Köpfchen geſenkt, Thränen glänzten in ihren ſchönen Augen.„Ich habe Sie lieb, Robert“, flüſterte ſie leiſe. „Helene, liebe, einzige Helene!“ rief er ſtürmiſch aus und ſchloß die zarte, nicht widerſtrebende Geſtalt in ſeine Arme, nich habe Dich gefunden, jetzt laſſe ich Dich nimmer, nimmer!“ Ihre Lippen begegneten ſich in hei— ßem, langem Kuſſe, bis ſie ſanft ſich loswand.„Wir dürfen nicht verweilen, Robert“, ſprach ſie, nach vor⸗ wärts deutend. Sie ſchritten weiter.„Seit ich Dich das erſte Mal 61 ſah“, ſagte ſie ſchüchtern,„in jener Geſellſchaft, wo Du ſo ſchön ſangſt, wo ich zuerſt mit Dir ſprach, habe ich immerfort an Dich denken müſſen. Du blickteſt ſtets ſo trübe und Dein Auge berührte mich tief. Ich wußte nicht, was ich für Dich empfand. Ich wähnte, es ſei Meitleid. Jetzt aber weiß ich's“, ſchloß ſie leiſe und ſenkte wie beſchämt das Köpfchen,„jetzt iſt's mir klar geworden mit einem Male, es war Liebe!“ Gerührt drückte er die kleine Hand, führte ſie zum Munde und bedeckte ſie mit fieberhaften Küſſen.„Helene“, rief er dann,„hier im Angeſichte des Himmels, der mit ſeinen tauſend Augen auf uns niederſchaut, ſchwöre ich es Dir, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſteht, um Dich glücklich zu machen.“ „Ich weiß es“, ſprach ſie. „Wie arm iſt das Leben“, fuhr er fort,„ohne ein Weſen, das man liebt. Wie leer, wie öde war das meine, ehe ich Dich fand. Ich klammere mich an Dich, Helene, wie ein Ertrinkender!“ „Nicht ſo, Geliebter“, entgegnete ſie.„Dein Herz iſt ja reich, wie könnte es ſonſt ſo viel verſchenken. Ich bin das ſchwache Geſchöpf, welches ſich an Dich klammert, an Dich anlehnt. Du biſt mein Halt, möge mir Gott Dich erhalten!“ „Du ſagſt recht, Helene“, erwiderte er und ſtrich 62 mit der Hand über die Stirn, wie zu verſcheuchen. Sie hatte die Augen gen Himmel erhoben. Herz durchzuckten die verſchied richtige Zuneigung zu dem l wieder tiefe Beſchämung gegenü lichen Zutrauen. um eine trübe Wolke „Möge Gott es zum Beſten lenken!“ Hände über ſeinem Arm gefaltet, die Still führte er ſie, ſein enſten Regungen: auf⸗ ieblichen Mädchen und ber ihrem innigen, kind⸗ gnädige Frau“, weckte t aus ihren Träumen. Sie waren dicht bei der Wohnung des 8 „Gute Nacht“ te leichtfüßig die ſteinernen Treppenſtufen hinauf. Der Bürgermeiſter dankte den Herren noch einmal für ihre Mühe.„Auf Wiederſehen morgen“, rief Fräu⸗ lein Elly grüßend. Einen letzten langen Blick noch tauſchten die beiden Liebenden.„Gute Nacht!“ Die te in derſelben Stel⸗ wo ſie ſeinen Blicken n ihn ſcherzend fort⸗ Thür ſchloß ſich. Selbitz verharr lung und ſtarrte nach der Stelle, entſchwunden, bis die Kamerade Achtes Kapitel. Es war ſchon ſpät, als Selbitz in ſeiner Wohnung in der Kaſerne am andern Morgen ſchweißgebadet er⸗ wachte. Sein Burſche ſtand vor dem Bette.„Der Herr Lieutenant können nur weiter ſchlafen“, ſprach er,„es wird Schnee geſchaufelt vor der Kaſerne.“ Selbitz erhob ſich, ſein Kopf war wirr und ſchwer, als ob Alles in ſeinem Hirn in fortwährender Drehung begriffen ſei. Er ſtürzte ein Glas kalten Waſſers herunter.„Geh und ſattle raſch die Fanny“, ſagte er dann kurz. Der Diener, ein ſchon älterer Soldat, ſah ſeinen Herrn erſtaunt an.„Thue, was ich Dir ſage“, fuhr dieſer ihn ſchroff an, und kopfſchüttelnd über ſeines Herrn ungewohnte Heftigkeit eilte der Burſche in den Stall. ——— —õ—— 64 Hurtig zog Selbitz ſich an, ſtürzte hinunter, ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt durch den hohen Schnee ins Freie. Die Bilder des geſtrigen Tages gaukelten in den wirbelnden Schneeflocken vor ſeinen Augen.„Verlobt“, ſprach er, verkauft, rief das Echo in ſeiner Bruſt, ver⸗ kauft— dich ſelbſt, deine Ehre! Er gab dem Roſſe die Sporen und im Galopp eilte das feurige Thier über die weiße Fläche dahin. Wie die Bäume an ſeiner Seite, ſo flogen die Ge⸗ danken wirr durch ſein Gehirn. Er dachte zurück an die fröhliche Kinderzeit, an das ſtille, friedliche Dorf, in welchem er ſie verlebt, an die Mutter, die ihn liebe⸗ voll gehegt und gepflegt, an deren treuem Herzen er einſt all ſein kindiſch Leid ausgeweint und vergeſſen hatte; ſie war todt, längſt vermodert im kalten Grabe. Er gedachte der Lehrer, die ihn unterrichtet, ihm die beſten Verheißungen mitgegeben für ſeine Zukunft, er gedachte der Univerſitätszeit und ſchließlich der Sol⸗ datenlaufbahn. „Verfehlt!“ rief er wild; wie wahnſinnig peitſchte er auf das unſchuldige Thier, und in wilder, raſender Carrière flogen Roß und Reiter dahin. Der kalte Wind, der ihm um die Schläfe ſauſte, that dem Aufgeregten wohl. Seine Gedanken kehrten — ͦ——— —— 65 von neuem zurück in die Kindheit, ſie führten ihn wieder in die Kirche, wo er einſt vor vielen Jahren als gläubiger Confirmand gekniet hatte. Der Prediger des Dorfes, ſein erſter Lehrer, hatte ihn eingeſegnet; er hatte ihm den Spruch mitgegeben für das Leben: Wer die Hand an den Pflug legt und ſiehet zurück, der iſt nicht geſchickt zum Reiche Gottes.„Ja“, rief er wie läſternd,„wer die Hand an den Pflug legt, darf nicht zurückſchauen! Vorwärts! Vorwärts!“ Das dahinraſende Pferd ſtrauchelte auf der glatten Fläche, plötzlich brach es zuſammen und ſtürzte mit ſeinem Reiter zu Boden. Zum Glück war es ein Fall in weichen Schnee geweſen. Selbitz fühlte ſich unbe⸗ ſchädigt und raffte ſich auf. Der kalte Schnee brachte ihn völlig wieder zum Beſinnen; er hob das keuchende, ſchweißtriefende Roß empor und beſah es ſorgſam; es ſchien ebenfalls keine Verletzung davongetragen zu haben. Mit dem Taſchentuche rieb er ihm die aukle⸗ benden Flocken ab und klopfte das ſchnaubande, zut⸗ ternde Thier beruhigend an den Hals. Dann ſchwang er ſich wieder in den Sattel und itt langſam(zur, Stadt zurück. Ditircfun„5d1bn0. Der Burſche, welcher ſeinen Herxyn dan der Hofthür verwundert erwartete, nahm ihm das Pfend gh und beſtellte dabei eine Einladung Hackelherg's zum Frühſtück. 5 Ferrari, Gettysburg. 66 Selbitz folgte dem Diener in den Stall, er half ihm ſelbſt ſein Roß trocken reiben. Erſt nachdem er ſich überzeugt, daß das Thier ruhig fraß und ſichtlich kei⸗ nen Schaden genommen hatte, überließ er es der Obhut des Burſchen und ſchritt bald darauf nach Hackelberg's Wohnung. Sein Kamerad bewohnte ein großes, ungeachtet der darin herrſchenden maleriſchen Unordnung ziemlich com⸗ fortable eingerichtetes Zimmer. An den Wänden hin⸗ gen außer diverſem Sattelzeuge und Jagdgeräthſchaften die Portraits Napolenn's, Friedrich's des Großen und ver⸗ ſchiedener Zuchthengſte, auf dem Sopha lag der Waf⸗ fenrock des Beſitzers ausgebreitet, auf dem Tiſch davor ſtanden die Zurüſtungen zum Frühſtück und daneben lag Mütze und Reitpeitſche. Auf dem Teppich des Bo⸗ dens zauſten ſich die beiden Rattenfänger Box und Trim mit den Stiefeln ihres Herrn. Der Herr aller dieſer Herrlichkeiten lag, in den Schlaf⸗ rock gehüllt, eine Pfeife dampfend, im Lehnſtuhle und ließ ſich von ſeinem Diener brauſendes Selterſerwaſſer einſchenken.„Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt“, rief Hackelberg aufſpringend dem Freunde entgegen.„Nun, wer das Glück hat, führt die Braut heim. Gratulire Dir nochmals, Du Glückspilz!“ Selbitz antwortete nicht, er warf Säbel und Mütze 67 von ſich und ſchritt mit zuſammengebiſſenen Lippen im Zimmer auf und ab.„Ich wollte, ich hätte ſie nie geſehen!“ rief er dann. „Haſt Du Herzweh, Robert?“ fragte der Freund aufmerkſam.„Komm, trink' einiges Brauſewaſſer, dann vergehen Dir die Grillen! Nein, ernſthaft, Robert, Du biſt der beneidenswertheſte Menſch unter der Sonne. Das liebenswürdigſte Mädchen iſt Dein und Du läßt den Kopf ſo hängen, Du, dem der ganze Himmel doch voll Geigen hängen ſollte!“ Hackelberg hätte noch weiter gepredigt, wenn nicht ſeine Thür aufgeriſſen worden und Roſen hereingeſtürmt wäre. „Morgen!“ rief er und warf ſich aufs Sopha. „Gut bekommen? Famoſer Ball!“ Dann, nachdem er ſeinen Körper in eine möglichſt bequeme Lage gebracht hatte, erzählte er freudeſtrahlend die uns ſchon bekannte Geſchichte von Hudelfeldt's gelungener Beſeitigung. „Hudelfeldt“, ſchloß er,„hat zwar geſtern keine Ahnung gehabt, wer ſein Entführer geweſen; denn als er nach Hauſe gekommen iſt, hat er ſeine Pferde wohlbehalten im Stall gefunde. Sind übrigens doch ein paar kapitale Gäule, die Strapaze ſo abzuhalten!— Heute Morgen iſt er aber durch ſeinen Kutſcher auf die richtige Fährte gelenkt worden, und auf ſeine Denunciation haben ſie den Kerl, den Schaper, inquirirt, der Auditeur und 5* 68 der Rittmeiſter ſelbſt; er leugnete prächtig. Er behaup⸗ tete, für den betrunkenen Kutſcher Hudelfeldt's aus Ge⸗ fälligkeit gefahren zu haben, die Pferde ſeien ihm durch⸗ gegangen.—„Der Menſch hat mich aufs gröbſte in⸗ ſultirt«, rief Hudelfeldt wüthend.„Herr Auditeur“, ſagte Schaper,„wenn Sie gegen einen Menſchen gefällig ſind, und zum Dank ſchimpft ſo ein Civiliſt Ihnen einen Halunken und packt Ihnen an die Gurgel⸗— Scha⸗ per wurde dabei ordentlich deutlich, daß der Auditeur entſetzt zurückfuhr—„was ſagen Sie da?« Der Audi⸗ teur wurde nun auch grob, doch der Rittmeiſter Alten nahm Schaper's Partie. Hudelfeldt aber tobte immer ärger und erklärte, wenn er hier kein Recht erhalte, wolle er eine Immediateingabe, wie er ſagte, an den König machen. Schaper blieb jedoch ruhig bei ſeiner Ausſage und es iſt natürlich nichts herausgekommen. Schließlich iſt Hudelfeldt jedoch vernünftig geworden, auf Alten's Vorſchlag, die Sache todt ſchweigen zu wollen, eingegangen, und Schaper hat verſprechen müſ⸗ ſen, den Mund zu halten. Wirklich ein ausgezeichneter Mann, muß Korporal werden!“ „Aus der Geſchichte ſind Sie noch gut herausgekommen, Roſen“, meinte Hackelberg lachend.„Sie ſind wirklich ein charmanter Kamerad, die Perle des Regiments.“ Roſen nickte ſelbſtgefällig.„Danke!“ ſagte er und 69 griff nach Hackelberg's Cigarrenkiſte. Nehmen Sie's nicht übel, daß ich mir eine Ihrer Havannas an⸗ brenne; bei einem Jammer iſt mir das Rauchen förm⸗ lich Bedürfniß. Curios, nicht wahr? Aber nun hören Sie, warum ich komme. Hudelfeldt muß doch wohl ge⸗ merkt haben, wer ihm die Suppe eingebrockt hat, ob⸗ gleich die kleine Mering— wirklich ein prächtiges Frauen⸗ zimmer!— ganz reinen Mund gehalten hat. Er ſchickt mir denn, wie ich's vermuthet, eben den Aſſeſſor Stein auf die Bude und läßt mich wegen der Geſchichte von geſtern fordern.„Nun“, ſchloß er leichthin,„ich habe den Herrn an Sie gewieſen; machen Sie die Sache ab, Hackelberg.“ Hackelberg nickte.„Aber ja nicht nachgeben“, ſetzte der übermüthige Roſen hinzu. Des erwarteten Aſſeſſors Eintritt unterbrach das Geſpräch. Dieſer, ein langer, untadelig gekleideter Herr in hohen Vatermördern, drückte ſogleich in gemeſſenen Worten den Wunſch aus, den Herrn Lieutenant von Hackelberg allein zu ſprechen. Die Beiden traten in das kalte Vorzimmer von Hackelberg's eleganter Wohnung, kehrten aber ſchon nach einer kurzen Weile zurück.„Die ganze Geſchichte“, ſprach der Wirth,„iſt ja ſo unbedeutend, daß wir ſie, glaube ich, am beſten gleich hier zuſammen abmachen können.“ 70 So leicht ſchien das aber doch nicht gehen zu ſollen, denn der Aſſeſſor erklärte nach einigem Debattiren, Hudel⸗ feldt müſſe unbedingt auf einer Abbitte beſtehen; Roſen dagegen bemerkte, ſich unter keinerlei Umſtänden hierzu herbeilaſſen zu wollen. „Ruhig, Rdſen“, rief Hackelberg. „Die Sache iſt an und für ſich eine Bagatelle, wie Sie ja auch bemerkten, Herr von Hackelberg“, ſprach Hudelfeldt's Secundant, ein ehemaliger Corpsſtudent, welcher ſich inner⸗ lich auf eine Paukerei freute;„wenn die Herren ſie dann) vielleicht unter der Hand gleich mit Schlägern oder Säbeln abmachten—“ „Ich ſchlage mich nur mit Kameraden“, ſagte der Geforderte impertinent. Roſen war als der beſte Piſtolenſchütz der Stadt bekannt, er hatte das Kunſtſtück mit der Spielkarte ſchon unzählige Male auf die üblichen Entfernungen öffentlich gemacht. Der Aſſeſſor hielt es daher als gewiſſenhafter Se⸗ cundant mit Recht für bedenklich, darauf einzugehen. Es wurde noch eine Weile hin und her debattirt, bis endlich auf das Andringen ſeiner Kameraden, welche ihm doch ſchließlich wahrſcheinlich machten, daß ein Ehrengericht des Corps ihm dieſelbe Erklärung aufge⸗ ben würde, Roſen erklärte, die fraglichen Worte nicht in beleidigender Abſicht geſprochen zu haben, und dabei ſein Bedauern über den ganzen Streit zu erkennen gab. Damit gab ſich denn auch der Aſſeſſor zufrieden und empfahl ſich. Der Zwiſt war, wie man zu ſagen pflegt, auf eine für beide Theile gleich ehrenvolle Weiſe beigelegt. „Laßt uns jetzt einen weitern Operationsplan machen“, ſagte Hackelberg.„Sie, Roſen, nachdem Sie die Hände mit Ihren üblichen paillefarbenen Entre⸗ preneur⸗Glacé bekleidet haben, laden die Honoratio⸗ ren, des Offiziercorps voran, zur Schlittenpartie ein. Die Kameraden werden wohl ſchon geſtern ihre Engage⸗ 5 ments gemacht haben, ſonſt ſehen Sie ſich nur nach Arbeitstheilung um. Alles ſei dabei Ihrem Scharfſinn überlaſſen. Selbitz und ich machen inzwiſchen noch einen Geſchäftsweg, in einer Stunde aber treffen Sie beide ſich und gehen zu unſerm regierenden Bürger⸗ meiſter und invitiren dort das ganze Haus, die Alten für den Familien⸗Blockſchlitten, die Jungen für Ihre Separat⸗Gefährte.“ „Entſchuldige mich“, ſagte Selbitz leiſe zu dem Freunde,„aber ich fühle mich in dieſem Augenblicke 3 zu ſolcher doppelten Heuchelei— vor ihr und vor ihren Angehörigen— völlig unfähig.“ Hackelberg ſtampfte ärgerlich mit dem Fuße, er 72 beſann ſich jedoch raſch und ſagte:„Gut, wenn Du behindert biſt, mache ich mit Roſen für Dich dies Geſchäft ab.“ „Abgemacht“, ſagte der unruhige Roſen und eilte davon; die beiden Freunde folgten ihm bald nach, in⸗ dem ſie jetzt einem Theile des Städtchens zuſchritten, welcher wohl Klein⸗Paris genannt wurde, vielleicht wegen ſeiner Contraſte mit dieſer Weltſtadt, vielleicht wegen einer gewiſſen Aehnlichkeit mit ihr, die aus dem Namen Lutetia herzuleiten wäre, wenn man der alt⸗ hergebrachten, ob auch neuerdings angefochtenen Er⸗ klärung dieſes Wortes als„Stadt des Schmuzes“ nach⸗ gehen will. Hackelberg war ſehr vergnügt; er hatte Selbitz untergefaßt und trällerte, indem er dabei kleine Luft⸗ hiebe mit der Reitpeitſche ausführte: „Et si le roi savait La vie que nous menons, Il descendait du trône, El se ferait dragon!“ Sie kamen am Ende eines Nebengäßchens, welches von einer engen und dunklen Straße auslief, vor ein ſchmales, ſchwärzliches Haus, deſſen Parterre⸗Fenſter auf verſchiedene Art und Weiſe, theils durch gemaltes oder buntes Glas, theils durch Fenſtervorſätze, theils 73 durch ganz einfachen und natürlichen Schmuz undurch⸗ ſichtig gemacht waren und von denen eins dem Be⸗ obachter in großen Lettern mittheilte, daß gerade in dieſem Hauſe das Glück zu finden ſei und gerade jetzt der günſtigſte Moment ſei, durch Ankauf eines ganzen oder getheilten Looſes dieſes Glück zu feſſeln. Weder Selbitz noch Hackelberg widmete indeß dieſer verführeriſchen Ausſicht die geringſte Aufmerkſam⸗ keit; ſie öffneten vielmehr ſehr raſch die Hausthür, traten ein und ſchloſſen ſie hinter ſich wie Leute, die nicht gern geſehen werden wollen. Uns iſt jedoch keiner ihrer fernern Schritte ein Geheimniß. Zur linken Hand auf dem halbdunklen Flur war eine Zimmerthür, welche dieſelbe Glückverheißung trug, die wir an dem Fenſter bemerkten; an dieſe klopfte Hackelberg jetzt mit einem energiſchen Schlage, während Selbitz klirrend vor derſelben auf und nieder ging. Es erfolgte weder auf das erſte noch auf das fernere Anklopfen Hackelberg's eine Antwort. Man klopft gar oft an die Pforte des Glücks, ohne daß ſie geöffnet wird! Endlich rief aus unſichtbarer Ferne oder viel⸗ mehr Nähe eine weibliche Stimme mit jenem unver⸗ kennbaren Accent, der ſchon David's Harfe pſalmo⸗ dirend begleitete und einſt an Babels Waſſerflüſſen ertönte, nun aber an allen Flüſſen der Erde: 74 „Wen wünſchten Se zu ſprechen? Wünſchten Se zu ſprechen Herrn Aaron?“ Die beiden Offiziere gaben ihren Wunſch zu erken⸗ nen, allerdings dieſen Herrn ſprechen zu wollen, und nun kam aus dem Hintergrunde des Flurs ein etwas beleibtes, fettiglänzendes Mitglied des ſchönen Geſchlechts zum Vorſchein, welches bedauerte, daß der Vater nicht zu Hauſe ſei, zugleich aber die ſichere Erwartung ſeines Erſcheinens in Ausſicht ſtellte und hieran die Einla⸗ dung zum Nähertreten knüpfte. Waren es nun die zwanzig Jahre der Tochter, welche den jugendfreund⸗ lichen Sinn Hackelberg's, und ihre ſonderbar rothe, volle Büſte, welche ſeine Luſt am Phänomenalen reizte,* oder war es vielmehr das Dringliche des Falls, genug, man beſchloß, der Führerin die Treppe hinauf zu fol⸗ 3 gen, und trat nach Ueberwindung dieſer dunklen und ſteilen Schwierigkeit ins Beſuchszimmer. Wer dieſes Gemach betreten hätte ohne die beruhi⸗ gende Gewißheit, daß es der Salon eines höchſt ehren⸗ werthen Collecteurs, Banquiers, Pfandleihers, in Summa eines Bürgers ſei, der jede Art von Ge⸗. werbe gern betrieb, wenn ſie nur guten Verdienſt ab⸗ warf, und zwar nach dem feſten und unerſchütterlichen Princip, von ſeinen Mitbürgern nie mehr Intereſſen zu gewinnen, als möglich war, der wäre vielleicht geneigt —uB 75 geweſen, beſagtes Zimmer für die Kajüte eines See⸗ räubers zu halten. Nichtz, als hätten halbverſteckte Kanonen und rothe Flaggen hier ihr Weſen getrieben, aber es beſtand doch das ganze Mobiliar und alle Zimmerverzierung aus Dingen, denen man anſah, daß ſie dem Beſitzer im feindlichen Zuſammentreffen mit den verſchiedenartigſten Ständen in Händen geblieben waren, aus Dingen nämlich, die entweder einzelne Theile aus einem größern Zuſammengehörigen waren, wie das kleine Sopha à la Pompadour, oder aus alten Familienerbſtücken, wie zwei Portraits, deren eins einen alten Herrn in halber Rüſtung und das andere eine junge Dame im Maria⸗Stuart⸗Kragen darſtellte, oder aus Steckenpferden, wie eine große Wappenſamm⸗ lung in Mahagoni⸗Käſten, oder aus ſonſtigen beſondern Stücken, wie ein mächtiges Bärenfell vor dem erwähn⸗ ten Sopha. Alle ſolche Sachen läßt der Beſitzer in der Regel nur dann von ſich, wenn er muß. „Sind die Herren auch geweſen auf dem Balle geſtern Abend? fragte die Schöne, nachdem ſie die Herren zum Sitzen genöthigt. „Wir waren dort, mein Fräulein“, entgegnete Hackelberg mit galanter Verbeugung,„und in der That ſchmerzlich berührt, nicht die Ehre zu haben, Sie dort zu ſehen.“ G 76 „Se ſind ſehr gütig, Herr von Hackelberg“, ſagte die Dame,„aber ich verſichere Se, es war mir ganz un⸗ möglich, ſo gern ich es hätte gethan. Vater redete mir ſo zu, aber es greift mich ſo an, die ganze Sai⸗ ſon mitzumachen.“. „War Ihnen denn das Circular zugeſchickt?“ fragte der unbeſonnene Selbitz. „Ob uns war zugeſchickt das Circular?“ erwiderte Fräulein Aaron mit ſchneidender Schärfe.„Warum meinen Se, daß es vielleicht nicht wäre zugeſchickt?“ Hackelberg gab Selbitz unter dem Tiſche einen Stoß. „Nun, entſchuldigen Sie“, ſagte dieſer,„ich dachte, es könnte vielleicht vergeſſen worden ſein.“ „Herr von Hartung, der den Ball hat mit entreprenirt, weiß, warum er uns nicht vergißt“ verſetzte ſie majeſtätiſch. „Verzeihung, wenn ich indiscret bin“, warf Hackel⸗ berg mit ſüßem Lächeln, um die Laune der Dame zu verbeſſern, ein,„aber ſagen Sie mir doch, meine Gnädige, ſind dieſe beiden Bilder vielleicht Portraits irgend welcher Ihrer verehrten Vorältern?“ Und er zeigte nach den erwähnten alten Stücken an der Wand. „Ach nein, wiſſen Se“, antwortete ſie geſchmeichelt. „wir haben behalten die Dinger vom Grafen Bordenau her, als wir waren gezwungen, ihn auszupfänden, und da Keiner was wollte geben für die Portraits, haben 77 wir ſie behalten in Ermangelung von Beſſerem. Es war, wie die Oeſtreicher ſtanden zu 47, wie Se ſich werden erinnen, Herr von Hackelberg; der Graf hatte nur Oeſtreicher, und wie ſein Wechſel war fällig, wollte er laſſen prolongiren, bis die Papiere beſſer ſtänden. Aber wir kennen das. Vater macht ſo unſolide Ge⸗ ſchäfte nicht.“ 3 „Wenn ich nicht irre“, ſagte Selbitz mit gerunzelter Stirn,„ſo hatte der Graf die Papiere kurz vorher von Ihrem Vater zu 90 kaufen müſſen.“ „Müſſen? Wie heißt: müſſen?“ verſetzte die Dame gereizt. „Gewiß, gewiß!“ rief Hackelberg lachend.„Jeder muß ſich vorſehen; Sie haben ganz Recht, Fräulein Aaron.“ Das Geſpräch ward durch den Eintritt des Herrn Aaron ſelbſt unterbrochen, eines kleinen, gelben, alten Mannes in abgetragenen Kleidern, der mit widerlicher Demuth die Herren grüßte, während ſein Auge auf ihnen haftete, wie das der Spinne auf der Fliege, die ſich ihrem Netze nähert. „Will ich nicht ſein geſund, wenn es nicht ſind der Herr Baron von Selbitz und der Herr Baron von Hackelberg“, krächzte er.„Haſt Du ſe auch höflich unterhalten, Rebekkche, die Herren Barons? Se 78 iſt gebildet wie eine Dame, meine Herren Leitnants; es hat mich gekoſtet—“ „Ach doch, was haſt Du zu ſchwatzen“, unterbrach ihn ärgerlich die Tochter.„Sind die Herren gekommen, um zu hören von meiner Bildung, oder ſind ſe ge⸗ kommen wegen' Geſchäft?“ „Du haſt Recht, Rebekka, ˙s Geſchäft geht vor. Wollten de Herren Barons kaufen? Gewiß wollten Se kaufen. Wollten Se kaufen Papiere oder wollten Se nur kaufen Looſe? Oder wollten Se kaufen Ge⸗ genſtände, wie'ne Büchſe oder Bilder oder ne Wap⸗ penſammlung? Sehen Se ſe, iſt ſe nicht geſchaffen wie vor'n Adel? Kaufen Se de Sammlung oder— „Alter Freund“, rief Selbitz, ihn auf die Schulter ſchlagend,„wir wollten kein Geld bringen, ſondern Geld holen.“ „Gott der Gerechte!“ rief der Jude, indem er auf einen Stuhl ſank.„En Mann wie Se und en Mann wie ich! Geld wollten Se holen? Geh hinaus, Re⸗ bekkche, Frauenzimmer gehören nicht zwiſchen's Ge⸗ ſchäft. Geld wollten Se holen?“ fuhr er fort, nach⸗ dem ſich die Tochter entfernt.„Auf meine Ehre, keh⸗ ren Se mir um und um, und wenn Se finden einen Kreuzer, will ich nicht wiederſehen meine Tochter. Wie viel wollten Se denn haben?“ — ö—j mmemee — — 79 „Hundert Piſtolen!“ entgegnete Selbitz.„Mehr brauche ich augenblicklich nicht.“ „Gott der Gerechte! Hundert Louisdor! Ich bin ein geſchlagener Mann. Wie dächten Se zu bekommen hundert Piſtolen! Wiſſen Se nicht, wie rar das Geld iſt? Vertrauen fehlt,'s Geld ſitzt feſt. Hundert Louisdor! Auf mein Ehrenwort, keine hundert Groſchen habe ich im Hauſe!“ „Ich bin bereit, einen Wechſel über fünfhundert achtzig Thaler auszuſtellen, fällig in drei Monaten“, ſagte Selbitz ruhig. „Und wenn Se wollten ſchreiben tauſend, auf mein Ehrenwort, ich habe das Geld nicht. Und der Herr Baron von Hackelberg wollten ſich verbürgen?“ „Ich denke doch, meine Unterſchrift genügt“, erwi⸗ derte Selbitz ſtolz. „Was wollte ſe auch nicht genügen“? rief der Jude unzufrieden.„Aber wie ich Se ſage, es iſt kein Geld da.“ „Nun, Aaron,“ ſagte Hackelberg,„wird's mit dem Gelde oder nicht? Wir haben keine Zeit, auf das Ge⸗ wäſch zu hören. Ich werde bürgen.“ „Gott, was en Mann!“ rief Aaron.„So ſein Se doch nicht ſo heftig. Wollen Se denn kaufen Looſe, Herr Baron, oder die Wappenſammlung? Se kriegen ſe billig.“ 80 „Ach was“, ſagte Selbitz,„wir kaufen gar nichts. Ich ſollte meinen, etwa vierzig Thaler verdient in drei Monaten, wäre genug.“ „Gott der Gerechte! Such' ich denn meinen Vortheil? Und ſoll man nicht ſehen, daß man verdient, wovon man muß leben? Ich laſſe Se de Sammlung vor zehn Louisdor.“ „Und ich verſichere Ihnen“, rief Hackelberg,„faſſe ich Ihren Levi, oder wie der Bengel heißt, wieder mit Looſen auf der Kaſerne, ſo ſchmeckt er meine Reitpeitſche.“ „Herr Baron, was ſind Se vor en Mann“, ſeufzte der Jude ſchmerzlich.„So werden Se doch nehmen Looſe. Die Ziehung iſt in vierzehn Tagen. Wer dem Glück nicht bietet die Hand, zu dem kann es nicht kommen. Nehmen Se zwei Looſe, jeder Herr Baron zwei Looſe, ſo gebe ich das Geld, ſonſt nicht, auf meine Ehre.“ „Gut', ſagte Selbitz,„ich werde auch noch ein Loos nehmen, das heißt, ich und ein einziges. Nun rücken Sie heraus mit dem jämmerlichen Gelde.“ Au weih! Au weih! Kommen die Herren mit ins Comptoir“, ſtöhnte der Jude und ging immerfort ächzend und klagend den beiden Offizieren voran in ein kleines dunkles, ſchmuziges Loch von Zimmer im Erdgeſchoß. Hier kramte er lange in einer Mappe voll Papier 3 b 81 herum, ſchrieb dann auf einen Wechſel und reichte ihn Selbitz zur Unterſchrift. Dieſer las„ſechshundert⸗ fünfzig Thaler“ auf demſelben und warf ihn dem Ju⸗ den in das Geſicht. „Was fehlt? Iſt er nicht richtig?“ fragte dieſer. „Sechshundertfünfzig Thaler?“ „Nu, was denn? Fünfhundertachtzig wollten Se ſchreiben, neunundvierzig und einen halben Thaler koſtet das Loos und ſechshundertfünfzig Thaler iſt die runde Summe. Auf mein Ehrenwort, und ſo war ich lebe und hoffe geſund zu ſein, keinen Pfennig krie⸗ gen Se das Geld billiger.“ Wüthend, doch, wie er wähnte, gezwungen, es ſich gefallen zu laſſen, ergriff Selbitz die Feder. „SHalt!“ rief Hackelberg,„erſt das Geld, dann un⸗ terſchrieben. Wo ſind die hundert Füchſe?“ „Gott der Gerechte! Herr Baron“, rief Aaron in tugendhafter Entrüſtung.„Bin ich denn ein Räuber und wollen Se ſich verwahren, wie vor einem Dieb?“ „Na, Aaron, über die Complimente wollen wir nicht ſtreiten“, lachte Hackelberg und klopfte ſpielend mit der Reitpeitſche auf den Tiſch, während der Jude jetzt in einer eiſernen Schatulle herumwühlte. „Was iſt denn das?“ fragte Selbitz, als Aaron eine Handvoll Papiergeld auf den Tiſch zu zählen be⸗ Ferrari, Gettysburg. 6 82 gann.„Was zählen Sie denn da her? Die Piſtole rechnen Sie zu zwölf und einem halben Groſchen, während ſie doch überall fünf und einen halben Tha⸗ ler gilt?“ „Mag ſe doch gelten, was ſe will, ich gebe ſe jetzt nur zu zwölf und en halb“, ſagte der Jude hartnäckig. „Komm, Fritz, wir wollen fort“, ſagte Selbitz.„Ich laſſe mich von dem Halunken nicht ſo anführen.“ Die Offiziere wandten ſich der Thür zu. „Na, ſo warten Se doch!“ rief Aaron jetzt ängſtlich. „Wollen Se denn einen armen Mann um ſein bischen Verdienſt bringen, ſo ſehen Se her, ich rechne das Geld zu fünfzehn.“ „Vollwichtige Louisdor will ich haben, ſonſt geht das Geſchäft zurück“, ſagte Selbitz entſchieden. „Gott, was en Mann! Nun ja, Se ſollen ſe ha⸗ ben. Da iſt das Gold“, brummte der Jude, und als ſei ihm das Gold in den Händen feſtgewachſen, zählte er langſam hundert Louisdor auf. Einige dreißig wurden als zu ſtark beſchnitten von dem erfahrenen Hackelberg wieder ausgeſchoſſen unter entſetzlichem Weh⸗ geſchrei des Beſitzers. Endlich ſchien die Summe richtig, da ließ Aaron mit anerkennenswerther Geſchicklichkeit noch einen Louisdor fallen, ſodaß er in eine finſtere! Ecke ——— 83 rollte, ſuchte ihn dann emſig und behauptete, ihn nicht wieder finden zu können. „Verdammter Spitzbube!“ rief Hackelberg und ſchüt⸗ telte ihn am Kragen.„Augenblicklich ſchaffſt Du einen andern her!“ „Gott, Herr Baron“, jammerte er erſchreckt.„Wollen Se denn zu Grunde richten einen armen ehrlichen Mann? En Mann wie Se, Herr Baron!“ Als er indeß die Speculation auf des Schuldners Großmuth als verfehlt anſehen mußte, holte er einen neuen Louisdor hervor. „Au weih geſchrien, was ſind Se vor en Mann, Herr von Hackelberg. Au weih!“ Beide unterſchrieben den Wechſel und Selbitz ſteckte das Geld ein. „Se glauben es nicht, meine Herren Leitnants, was es is vor en Schwindel in der Welt“, ſagte der Jude jetzt lächelnd und vertraulich, nachdem er den Wechſel weggeſchloſſen und indem er die Offiziere aus der Thür geleitete.„Wenn en ehrlicher Mann nicht auf⸗ paßt auf ſein kleines Verdienſt—“. Doch die Offiziere hatten ihm ſchon den Rücken gewendet und eilten, wieder das Freie zu erreichen. 6* Neuntes Kapitel. Lichter, roſiger wie ihrem Geliebten war Helenen der Morgen dieſes Tages aufgegangen. Gefühle, wie ſie zu ſolcher Stunde ein jungfräulich Herz bewegen, laſſen ſich nicht ſchildern. Schon früh aus unſchuldig ſeligen Träumen erwacht, hatte ſie die Hände zum Gebet gefaltet, hatte ihrem Gotte den Dank des über⸗ vollen glücklichen Herzens entgegengetragen und ſich dann von ihrem Lager erhoben. „Ach laß mich in Ruhe, ich träume noch“, ſtöhnte ſchlaftrunken ihre Couſine Elly, als Helene dieſe zu wecken ſich bemühte, und vom vergeblichen Verſuche abſtehend, ſchritt ſie allein hinunter in der Tante Stube, in welcher die Familie ſich des Morgens zu verſam⸗ meln pflegte. Auch die Tante ſchlief noch, der Onkel war. 85 wie das Stubenmädchen berichtete, ſchon in die Sitzung gegangen. Helene ſetzte ſich allein an den Tiſch neben dem Fenſter, an welchem ſie gewöhnlich zu arbeiten pflegte. Sie nahm eine angefangene Stickerei aus dem Arbeitskörbchen und begann emſig die Nadel zu regieren. Doch ihre ſonſt fleißige Hand erlahmte heute bald; ihr fehlte die Ausdauer, welche nur durch Ruhe bewirkt wird; ſie ließ die Arbeit in den Schooß ſinken und ſchaute träumeriſch nach dem Fenſter.„Ob er nicht jetzt unter Deinem Fenſter vorbeigeht oder reitet, fragte ſie ſich, blickte hinab und ſah nichts als dicht herniederwirbelnde Schneeflocken, die vor ihren Augen tanzten und ihr faſt die Ausſicht auf die weiße men⸗ ſchenleere Straße benahmen. Eine Weile mochte ſie ſo geſeſſen haben, dann erhob ſie ſich raſch, trocknete die Thränen, welche unwillkür⸗ lich ihre Augen gefüllt hatten, von den langen Wim⸗ pern und trat aus der Stube, um nachzuſehen, ob die Couſine ſich jetzt endlich erhoben hätte. Wie ſie auf dem Flur an der Küche vorbeiſchritt, ſang gerade da drinnen Liſettens, der Köchin, helle Stimme: „Mein Schatz iſt ein Reiter, Ein Reiter muß's ſein; Der Rock iſt des Königs, Der Reiter iſt mein.“ 86 Als Helene noch lauſchend und im Sinnen ver⸗ loren ſtand, kam Elly in voller Toilette den Corridor herab.„Hier finde ich Dich? Sentimental nach Reiter⸗ liedern hörend?“ lachte ſie.„Dabei ſtehſt Du vor dem Hahnſchrei auf, willſt andere Leute aus den Federn jagen. Ich fürchte, Dir hat's geſtern ein Reiter ange⸗ than. Hahaha!“ Beide Mädchen umarmten ſich und gingen auf ihr Zimmer. „War's nicht wunderſchön, Helene?“ ſagte Elly. „Aber jetzt gehe raſch hin und mache Toilette, denn die Herren kommen gewiß bald und laden uns zur Schlit⸗ tenpartie ein. Sieh doch, welch herrliches Wetter! Wie hoch draußen der Schnee ſchon liegt, und jetzt fängt die Sonne gar an zu ſcheinen! Wie himmliſch!— Iſt Dir's“, fuhr die Couſine weiter fort,„denn gut bekommen? Ich habe prächtig geſchlafen.“ Helene bejahte. „Aber horch, da klingelt es ſchon an unſerer Glocke! Haſt Du nicht das Säbelgeklirre gehört? Nun iſt's doch zu ſpät.“ Elly flog davon; Helene, obwohl ihr friſcher reiner Morgenrock ſie reizend kleidete, durfte natürlich nicht wagen, ſich zu zeigen. Sie machte ſich innerlich ſchon die größten Vorwürfe, daß ihre Nachläſſigkeit, wie ſie es ſchalt, ſie nun hinderte, Selbitz zu empfangen. Unterlaſſen konnte ſie es jedoch nicht, durch den Vor⸗ 8— ———— 87 hang des Thürfenſters ſich den Beſuch anzuſehen, wel⸗ cher in den Empfangsſalon getreten war, und faſt gewährte es ihr Befriedigung, als ſie ſah, daß ihr Geliebter nicht mit zur Viſite erſchienen war. Hackelberg und Roſen entfernten ſich bald wieder. Die Tante hatte nach einigem Widerſtreben—„es würde zuviel“— doch eingewilligt, und jetzt begann unter den Damen wieder eine wichtige Berathung über die zu erwählende Toilette und alsdann geſchäftige Thätig⸗ keit, denn in wenig Stunden ſchon ſollte die Fahrt vor ſich gehen. Der Bürgermeiſter knurrte, als er nach Hauſe kam. Die Eſſenszeit war zwei Stunden früher angeſetzt und infolge davon der Braten nicht mürbe genug.„Dazu dieſe Haſt“, ſagte er,„nicht einmal ruhig bei Tiſche kann man ſitzen. Dieſe Lieutenants ſtellen die ganze Stadt noch auf den Kopf. Geſtern erſt Ball und nun heute ſchon wieder! Warum haſt Du das auch nur erlaubt, Eliſe?“ wandte er ſich an ſeine Frau. „Ach, Väterchen, wo denkſt Du hin?“ antwortete die Tochter ſtatt der Mutter.„Bedenke doch, daß He⸗ lene uns in wenig Tagen wieder verläßt, da ſollteſt Du ihr doch wenigſtens das kleine Vergnügen gönnen.“ „Du uneigennützige Tochter“, antwortete ſpottend der Vater. Doch der kaum ernſtlich gemeinte Wider⸗ 88 ſtand des Alten wurde überwunden; es war auch nicht viel Zeit mehr zum Ueberlegen, denn ſchon klingelten drunten auf der Straße die Schlitten. Alles, was in Seeburg nur Beine hatte, war aus⸗ gerückt, das Schauſpiel des heutigen Tages anzuſtau⸗ nen. Zum Glück für die Schuldisciplin war es Mitt⸗ woch, ein Tag, welcher ſeit undenklichen Zeiten der ganzen norddeutſchen Jugend die große Annehmlichkeit bietet, daß an ſeinem Nachmittage kein Unterricht ſtatt⸗ findet, und dicht gedrängt auf allen Trottoirs ſtand Groß und Klein, um den Zug zu bewundern, welcher unter ſchmetternden Fanfaren jetzt durch die Straßen dahinglitt. Es war allerdings auch ein Schauſpiel, was der guten Stadt nicht häufig geboten wurde. Voran ritten unter fortwährendem Peitſchengeknall zwei Poſtillone in ſogenanntem Koller und Kanonen; es waren zu dieſem Behuf umcoſtümirte Offiziersbediente. Dann folgte ein großer mit Vieren beſpannter Blockſchlitten mit dem geſammten Muſikcorps des königlichen Dragonerregi⸗ ments, dann eine längere Reihe von ein⸗ und zweiſpänni⸗ gen, theilweiſe ſehr eleganten und mit bunten Panther⸗ fellen bedeckten Schlitten, in denen die Cavaliere ihre Da⸗ men fuhren, und den Schluß bildete die übrige Geſellſchaft, vornehmlich die Mütter in großen Familienſchlitten. ͤſ— 89 Alle Straßen der Stadt durchklingelte der Zug, ſelbſt die enge Gaſſe, in welcher die Firma Aaron thronte, verſchonte er nicht, und Fräulein Rebekka, die an der Thür ſtand, wurde von Hackelberg mit ele⸗ ganter Senkung der Peitſche geehrt, ein Gruß, den die Roſe von Jericho holdſelig erwiderte und welcher Hackelberg's Dame, Fräulein von Weltkugell, zu der ſpöttiſchen Frage Anlaß gab, ob er ſeine Parfüm⸗ ſtudien etwa hier an Ort und Stelle gemacht habe. Unter den Klängen der Trompeten, unter fröh⸗ lichem Gelächter, Peitſchengeknall, Schellengeläut und dem Geſchrei der begleitenden Gaſſenbuben fuhr der Zug zum Thor hinaus, über den kniſternden, im Son⸗ nenſchein glänzenden Schnee hin nach einem beliebten Sommervergnügungsorte, wo Kaffee und Chocolade eingenommen und alsdann noch ein Tänzchen gemacht werden ſollte, ehe man die Rückfahrt auf demſelben Wege bewerkſtelligte. Es begann zu dunkeln, als die fröhliche Geſellſchaft ſich auf den Heimweg begab. Graue Schneewolken hatten den Himmel umzogen und ſendeten wieder feine, ſcharfe Flocken herab; ein kältender Wind trieb mit dieſen ſein Spiel, indem er die fallenden in die Ge⸗ ſichter wehte, welche ihm zu trotzen wagten, und die liegenden in Wellen zuſammengefegt vor ſich her jagte 90 und den ſchleifenden Schlitten entgegenthürmte. Es war ſo recht ein Wetter, welches empfinden läßt, was Häuslichkeit werth iſt, ein Benehmen der Natur, wel⸗ ches den Menſchen hinweiſt auf den Menſchen, denn wie von ſelbſt ſchmiegt ſich dann weich und warm ein fröſtelndes Paar an einander, vergißt die Außenwelt über dem nahen Klopfen des verwandten Herzens, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſolch ein Herz wirklich hier vorhanden iſt. Wer die Tante eines guten Freundes führt, pflegt gut Wetter und glatte Bahn mit Entſchiedenheit vor⸗ zuziehen, und die Tante thut desgleichen. Reſpekt er⸗ wärmt nicht und von einem guten Gewiſſen weiß man wohl, daß es das vortrefflichſte aller Ruhekiſſen iſt, doch Niemand rühmt ſeine Vorzüge als Ofen. Selbitz hielt in feſter Hand die Zügel und lenkte die ſchnaubenden Thiere ſicher dem Ziele zu. Neben ihm, das anmuthige Geſicht vor dem Einſteigen von der ſorgſamen Tante faſt verhüllt mit Wolle und Pelz, ſaß Helene, glücklich, vertrauend; ihr Arm be⸗ rührte den des Geliebten, und die Winterdämmerung erſchien ihr hell, leuchtend und behaglich. Nicht in einem Sinne nur machte dies Mädchen den Mann ihrer Wahl zum reichen Mann, das fühlte Selbitz. In dem längern ungeſtörten Zuſammenſein hatte ſich ihm ihre ganze reiche Natur erſchloſſen, ein Herz, in deſſen 91 Tiefen jedes ſeiner Worte einen Wiederhall erweckte, der ihn ſelbſt frappirte, ein Geiſt, der durch Kraft des Verſtehens und der Empfindung Alles erſetzte, was ihm an gründlicherer Bildung abgehen mochte, und ganz befähigt war, in alle Anſchauungen ſeines männlichen Geiſtes einzugehen. Mußte er ſich nicht glücklich preiſen? Er hatte eine reiche Partie machen wollen und ſie gefunden, aber er hatte dabei auf jene ordinären Eheempfindun⸗ gen gerechnet, welche ſolche Partien zu begleiten pflegen, und er fand viel Liebe; er hatte ſich mit einer gewöhn⸗ lichen Penſionatspflanze mit handelsſtädtiſchem Anſtrich begnügen wollen, und er fand eine Braut, die in jeder Weiſe ſeinen Anſprüchen auf geiſtige Eigenſchaften nicht nur genügte, ſondern ſie weit übertraf! Warum wogte in ihm ein Meer von Empfindungen? Warum war ſeine Stirn gefaltet, ſein Auge finſter? Warum trieb Helenens liebevolles Geplauder die Scham⸗ röthe in ſeine Wangen? Es gehört zu einer ſogenannten Geldheirath im ge⸗ wöhnlichen Sinne für den Mann, welcher lächelnd ihre Conſequenzen erträgt, entweder ein ſchlechtes Herz oder ein ſeichter Geiſt. Am beſten, wenn Beides zuſammen⸗ kommt, wie das denn auch nicht ſelten der Fall iſt. Mit Selbitz ſtand es anders. Für einen Augenblick 92 hatten das Peinliche ſeiner Lage, die Gewohnheit leicht⸗ ſinniger Anſchauungen und ein gewiſſer Ungeſtüm des unbefriedigten Geiſtes ihn ſein vermeintliches Glück ſchnell erfaſſen laſſen, jetzt aber bei Verfolgung dieſes ſeines raſchen Beginnens kam er ſich vor wie ein Dieb. Von Natur war ſein Herz gut, die offenbaren Beweiſe von Helenens Liebe konnten ihn nicht ungerührt laſſen, und je mehr ihm ſelſt unbewußt die Liebe in ſeinem Herzen ſchwoll, um ſo ſchändlicher kam ihm das frevel⸗ hafte Spiel vor, welches er mit dem unerfahrenen, unſchuldig vertrauenden Herzen getrieben hatte; ſeine erheuchelten Liebesſchwüre dünkten ihm Verrath und Meineid, wie mit Centnerſchwere drückten ſie ihn zu Boden. Dazu empörte ſich ſein Stolz bei dem Gedan⸗ ken, keinen Pfennig verzehren zu können, den er nicht durch eine Lüge erkauft hätte. Sein männliches Selbſt⸗ bewußtſein ließ ihn eine Lage unerträglich finden, in welcher er ſich ſagen mußte: Du ſollteſt der Beſchützer deiner Frau ſein, ihr Ernährer und Hort, während das gerade Gegentheil davon der Fall iſt! „Was die Aeltern nur ſagen werden?“ ſprach He⸗ lene nachdenklich.„Das haben ſie gewiß nicht gedacht, daß ich ſo ganz auf eigene Hand mich entſchließen würde. Papa hält mich noch immer faſt für ein Kind. Ich getraue mich noch gar nicht recht, es ihnen mitzutheilen.“ — lene“, ſagte er. 93 „Du erwähnteſt doch, ſie liebten Dich ſo ſehr, He⸗ „Freilich, ich bin immer ein verzogen Kind geweſen“, antwortete ſie ſcherzend.„Aber weißt Du, ſo etwas iſt doch immer eine gar große Sache. Die Kaufleute, Robert, haben ſo närriſche Vorurtheile, oder, iſt das zu viel geſagt, die väterliche Liebe ſpricht da auch mit. Mein Vater iſt ein ſo toleranter Mann, er hat meine Mutter, die ohne Vermögen war, ja auch aus reiner Liebe wider der Großältern Willen geheirathet, er kennt die Welt ſo gut, aber gegen das Militär— iſt es nicht komiſch?— hat er doch ein kleines, ganz leichtes Vorurtheil.“ „Wirklich?“ erwiderte Selbitz.„Ja, ich weiß es wohl“, ſetzte er wie zerſtreut hinzu,„es liegt das in der Verſchiedenheit der Stände.“ „Nun iſt er dazu ſo reich“, fuhr Helene fort,„und das macht auch argwöhniſch. Kannſt Du Dir denken, daß er mich vor meiner Abreiſe e geradezu vor den Of⸗ fizieren gewarnt hat? Iſt das nicht ordentlich komiſ ſch, Robert?“ Selbitz lachte gezwungen. „Ich nenne es komiſch“, plauderte ſie weiter.„Die Aeltern haben mich beide ſo lieb, und wenn eich ſage: Den habe ich gewählt, ſo ſagt Papa auch ja, ſelbſt 94 wenn ihm meine Wahl nicht ſo ganz recht ſein ſollte. Das iſt ſo das Privilegium verzogener einziger Töchter. — Vergib mir, Robert“, hob ſie, ſich an ihn ſchmie⸗ gend, in herzlichem, bittendem Tone wieder an, als ſie des Geliebten düſter zu Boden gerichtete Augen ſah,„ver⸗ gib mir, wenn ich Dir wehe gethan. Gewiß, ſei ohne Sorge, die Aeltern, ſobald ſie Dich nur kennen, werden, müſſen Dich auch lieb haben.— O, und ich kann mich recht freuen, daß wir reich ſind. Früher habe ich eigent⸗ lich nie daran gedacht, aber ſobald man verlobt iſt, muß man vernünftig werden und auch ſolche Aeußer⸗ lichkeiten beachten. Die ſind doch gar nicht ſo unwich⸗ tig, wie man wohl denkt. Wie viele Freuden ſoll uns das verſchaffen, und wie viel Gutes können wir dann thun! Es gibt doch in der Welt ſo vieles Elend, das man damit lindern kann. Freuſt Du Dich nicht darauf, Robert?“ Die Lichter der Stadt glänzten ſchon näher und näher; bald war das Ziel der Fahrt erreicht.„Ach“, fuhr Helene mit warmer Innigkeit fort,„was wäre mir aller Reichthum ohne Dich! Ja, Robert, und wenn ich auch nichts beſäße als Dich allein, wäre ich ja doch ſo glücklich durch Dich, durch Deine Liebe! Wie war es daheim immer meine Angſt, in einer 95 Convenienzheirath verſchachert zu werden, ohne daß ich es ahnte. In Jedem, der ſich mir näherte, ſah ich mit Scheu den Mann, der mit meinem Beſitz ſich den Glanz der Firma zu erringen ſtrebte. Aber was rede ich da, habe ich doch Dich, Du lieber, lieber Mann. Ja von Dir weiß ich's, daß Du mich liebſt, Deine Augen können mich nicht täuſchen, Dein Mund, Dein treues Herz, ſie konnten mir nicht lügen! O Gott ſei gedankt!“ ſchloß ſie und ſchlang in der Wallung ihres Herzens ihren Arm um ſeine Schulter. Wie ſchön, wie gut, wie liebenswerth erſchien ſie ihm in dieſem Augenblicke! Aber anſtatt dem Himmel zu danken, ſtatt ſich des Schatzes zu freuen, den er blind gefunden, ſchien ihm ſeine Lüge, ſein Betrug nur um ſo verwerflicher, um ſo ſchmählicher. Ein Gemüth, ſo zerriſſen wie das ſeinige zu dieſer Stunde, iſt nicht im Stande, ruhig zu denken und zu handeln. Eine convulſiviſche Bewegung zieht die andere nach ſich. Wie ein Dolchſtich hatte jedes ihrer Worte ſein Inneres durchbohrt. Unwerth, tönte es laut in ihm, biſt du dieſes Engels, den du ſo ſchändlich umſtrickt haſt. Wenn noch ein Funke von Ehre in dir glimmt, zer⸗ reiße die Bande, welche du mit teufliſcher Liſt ſelbſt gewoben haſt. „Helene“, rief er wild, nich ertrage es nicht. Ekel 96 empfinde ich vor mir ſelber. Ich bin, ich war ein Nichtswürdiger, ein Elender, den nur ſchnöde Geld⸗ gier getrieben, der, als er dir Liebe log, dabei nur an die günſtige Gelegenheit dachte, welche ſich ihm darbot, ſich ſeiner Gläubiger zu entledigen, das alte Leben fortzuſetzen. Dein Liebreiz, Deine Unſchuld haben mich zu mir ſelbſt zurückgebracht. Ich verdiene Dich nicht, Du verdienſt es nicht, durch mich elend gemacht zu werden. Fliehe mich, haſſe mich, verabſcheue mich!“ Er hatte in wilder, fieberhafter Aufregung geſprochen. Das Bekenntniß war heraus, unwiderruflich; tief holte er Athem. Helene war in der Ecke des Schlittens zu⸗ ſammengeſunken und hatte das Geſicht mit beiden Händen bedeckt. „in ſolcher Menſch“, fuhr er dann tonlos, aber doch haſtig fort,„iſt Ihrer nicht werth. Mein Geſchick iſt beſiegelt; fern von der Heimat, fern von Ihnen, deren ich mich unwürdig gemacht, werde ich meine Schuld zu ſühnen ſuchen, den einen frohen Gedanken mit mir nehmend, durch mein jetziges Geſtändniß ein reines, edles Weſen vor mir ſelbſt gerettet zu haben. Ich wage nicht, Sie um Verzeihung zu flehen. Eine Handlung, wie ich ſie beging, verzeiht ſich nicht, die einzige mir gebotene Möglichkeit iſt das reumüthige Bekenntniß und Nimmerwiederſehen. Leben Sie wohl, 97 Helene, verachten Sie mich oder gönnen Sie mir Ihr Mitleid, wenn Sie es können; ſeien Sie glücklich, ſo glücklich fortan, wie Sie es verdienen. Möge der gute Gott Sie vor mir und meinesgleichen in Zukunft bewahren!“ Dieſe Worte ſchlugen an des jungen Mädchens Ohr, ohne daß ſie dieſelben verſtand, ſie war wie in einem böſen Traume befangen. Nur das Eine ward ihr zur ſchrecklichen Ueberzeugung, daß ihr Glück vernichtet ſei, und dieſe Ueberzeugung lähmte auch ihre Thatkraft, ihr Denken. Bleich und ſtumm lehnte ſie an der Rück⸗ wand des Schlittens. Das Gefährt hielt vor ihrem Hauſe. Mit Schellen⸗ geklingel, Lachen und Scherzen umgab die übrige Ge⸗ ſellſchaft das getrennte Paar. Sie waren ſich deſſen beide kaum bewußt. Helene fühlte ſich aus dem Schlitten gehoben, es war Selbitz' Hand; ſie ſtand neben ihrer Freundin Elly, welche ſie neckend nach dem gehabten Vergnügen befragte, ſie ſah Selbitz ſich im vollen Laufe ſeiner Roſſe entfernen. Armes Herz, das Zuviel der Schickſalsſchläge erträgſt du nur deshalb, weil du ſo raſch nicht an ſie zu glauben vermagſt! Ferrari, Gettysburg. Zehntes Kapitel. Was in Selbitz' Gemüth vorging, nachdem er auf ſo brüske Weiſe ſeinem Gewiſſen Ruhe, ſeinem Stolze Genugthuung verſchafft, und welche Entſchlüſſe in ihm dadurch zur Reife gelangten, zeigte ſich in ſeinem Ge⸗ ſpräch mit Hackelberg am andern Morgen. Selbitz pflegte, wie wir ſchon geſehen haben, ſeinem Freunde rückhaltlos ſein Herz auszuſchütten, und bei dieſer Gelegenheit zumal drängte es ihn, ſich ſeines Geheimniſſes zu entledigen und über die Zukunft mit einem Manne zu ſprechen, auf deſſen Urtheil er Werth legte. Auch ſehnte er ſich insgeheim nach einer An⸗ erkennung, einer Billigung ſeines Betragens, da ihm doch nachträglich ſein kühner Schritt, wenn er ihn auch nicht reute, doch als eine Handlung erſchien, nach welcher —— — 99 man der Stütze und des Zuſpruchs bedarf, um ſie nicht für eine gänzlich verzweifelte zu halten. „Ich fühle ganz, welchen peinlichen Nothwendig⸗ keiten ich jetzt ausgeſetzt bin“, ſchloß er nach der ge⸗ treuen Erzählung der Begebenheiten des vorigen Abends, „aber gerade, daß ich fühle: jetzt thut eine kräftige Hand und Entſchloſſenheit dir noth, jetzt biſt du ſelbſt dein einziger Rückhalt, gerade dieſer Gedanke ſtählt meine Nerven und läßt mich empfinden, daß ich ein Mann bin und in der Kraft des Lebens. Wir bedürfen der Hinderniſſe, um zu fühlen, was wir durch uns ſelbſt vermögen, und ich bin wahrlich erfreut, endlich des Kriegerlebens Ernſt erfahren zu können und nicht länger hier als Puppe mehr am Draht gezogen zu werden.“ Hackelberg hatte ihn ruhig angehört, ohne ſeine Pfeife ausgehen zu laſſen. Als Selbitz ſchwieg und ihn nun erwartungsvoll anſah, blies er eine mächtige Rauchwolke vor ſich hin und ſagte dann: „Mein lieber Robert, was meinſt Du, wenn ich meinen Rock Nummer eins anzöge, zu Merings ginge und der kleinen Helene ſagte, Du wärſt vor Liebe zu ihr rapplig geworden, ich kennte Dich aber genauer und wollte mich verbürgen, daß Du ein Muſter von Ehemann werden würdeſt?“ 7* 100 „Ich danke Dir für das freundſchaftliche Verſtändniß meiner Empfindungen“ entgegnete Selbitz kalt und finſter, indem er ſeine Mütze ergriff.„Lebe wohl!“ Und er wandte ſich zur Thür. „Freilich“, fuhr Hackelberg ruhig fort,„beſſer wäre es, Du gingſt ſelbſt, denn das arme Ding muß ja ganz außer ſich ſein über eine ſolche Behandlung und“— Selbitz blieb ſtehen—„Deine Gegenwart und Bitte um richtige Auslegung Deiner Worte wäre das beſte Heil⸗ mittel.“ „Du glaubſt auch, ſie wäre außer ſich?“ fragte Selbitz wehmüthig. „Für einen Dragoner“, entgegnete Hackelberg,„wäre ein ſolches Umſpringen vielleicht nicht zu rauh geweſen, aber wenn ich annehme, daß Helene ein junges Mäd⸗ chen iſt, ſo vermuthe ich doch, daß es ihr zu viel iſt, den einen Tag eine Liebeserklärung wie aus der Piſtole geſchoſſen zu bekommen und den andern Tag den eben geſchloſſenen Bund wieder zerriſſen zu ſehen, die Er⸗ klärung, der Geliebte habe nur ihres Geldes wegen um ſie geworben, mitten im Liebesgeflüſter von dem Geliebten ſelbſt zu erhalten.“ „Du haſt Recht, Du haſt Recht darin“, erwiderte Selbitz tief aufſeufzend und aufgeregt im Zimmer auf und nieder gehend.„Aber es iſt einmal geſchehen.“ 101 „Weiber ſind Weiber, das heißt ausgewachſene Kin⸗ der“, fuhr Hackelberg fort.„Zärtlich muß man mit ihnen umgehen, ſchmeichelnd und ſcheinbar ihren Launen nach⸗ gebend, aber man muß ihnen nicht mit Principien und edlen Gefühlen auf Koſten ihrer Eigenliebe in das Geſicht werfen, ebenſo wenig als mit Steinen. Wollteſt Du die Verlobung rückgängig machen, ſo hatteſt Du Wege genug, die auch Helenen bequem waren. Man kann mit Weibern Alles anſtellen. Helene wird denken: Der Selbitz iſt ein ſo überſcrupulöſer Menſch, daß der Gedanke, es könnte die Reinheit ſeiner Liebe durch Freude über deinen Reichthum getrübt werden, ihn allein ſo weit gebracht hat, ſich einzubilden, er hätte dich wirklich des Geldes wegen genommen; oder einen ähnlichen Unſinn. Und deshalb wird ſie Dich nur um ſo mehr lieben, denn das glaube mir auf mein Wort: wenn ein Mädchen einmal Jemand liebt, ſo kann der nichts Außergewöhnliches thun, ohne daß ſie ihn deſto mehr liebt; und halten ſie Jemand für unglücklich, für zerriſſen, kurz, für einen Menſchen, wie Du Dich Helenen präſentirt haſt, ſo fühlen ſie, ich möchte beinahe ſagen, die heilige Verpflichtung, ihn zu heirathen.“ „Und Du, kluger Hackelberg“, antwortete Selbitz mit Bitterkeit,„wollteſt nun, hierauf bauend, mein Ver⸗ hältniß mit Helenen wieder anknüpfen?“ 102 „Natürlich! Und ich halte es ſogar für Deine Pflicht, Alles aufzubieten, um das arme Mädchen aus ſeiner peinlichen Situation zu befreien.“„ Selbitz antwortete nicht; mit gebeugtem Kopfe ſah er zu Boden. Nach einer Pauſe fuhr Hackelberg fort: „Zürne mir nicht, Robert! Es thut mir, weiß Gott, bitter leid, daß mein Rath doch gewiſſermaßen die Veranlaſſung zu dieſer unglücklichen Affaire geweſen iſt. Solchen Ausgang hat meine Seele nicht geahnt.“ „Laß das ruhen, Fritz“, verſetzte jetzt der Andere, „geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern, und Deine Abſicht war ja die beſte, die treuſte. Dankbar von ganzem Herzen erkenne ich es an, was Du hierbei für mich gethan haſt und noch thun willſt, aber verſtehe mich recht. Ich habe gebrochen mit der Vergangen⸗ heit. Alle dieſe jämmerlichen Pläne, ein entwürdigen⸗ des Daſein hier ferner hinzuſchleppen, ſind für mich abgethan. Es thut mir im Innerſten der Seele weh, Helene verletzt, ſo tief verletzt zu haben, doch wünſche ich den Schritt nicht ungeſchehen. Dieſes Neſſusgewand reiße ich endlich von mir, ein neues Leben will ich an⸗ fangen. Ich reiche meinen Abſchied ein, gehe nach Amerika, und dann ſoll ein neuer Abſchnitt meiner Exiſtenz friſchen Muthes begonnen werden.“ „Biſt Du denn närriſch? Du nach Amerika! Leute 103 unſerer Bildung ſind dort verloren! Laß Kerle hin⸗ ziehen, die ihre Mitmenſchen um Groſchen zu betrügen wiſſen, Deine ariſtokratiſchen Hände werden beſtändig refüſiren, in dem Schmuz herumzuwühlen, aus dem Du⸗ dort Deinen Lebensunterhalt hervorſuchen müßteſt. Der Yankee würde Dich bei jeder Gelegenheit übers Ohr hauen. Was willſt Du, geſetzt, ſelbſt der Bürgerkrieg dauerte noch fort, in einem Kampfe machen, wo Deine Partei in einem fort Ferſengeld gibt? Unter einem Heere, aus dem Auswurf aller Völker zuſammengeleſen und von feigen Verräthern commandirt, iſt das über⸗ haupt ein rechtlicher Krieg? Denn zu den Nordſtaaten müßteſt Du um der Sache und um Deiner Nationa⸗ lität willen ehrenhalber doch einmal gehen, obgleich ich die Conföderirten entſchieden noch für die bravſten und ehrenhafteſten halte von jener Rowdie⸗Nation. Du magſt gegen unſern Stand hier ſagen, was Du willſt, er bleibt doch ſchließlich der einzige, in dem man noch ſicher iſt, in anſtändiger Geſellſchaft zu leben, und ohne die würde Dir ſo gut wie mir die Exiſtenz unerträg⸗ lich ſein. Ich kenne Dich und kenne Deine Bedürf⸗ niſſe: heirathe Du ein reiches Mädchen und diene noch ein paar Jahre in Muße, indem Du nebenbei Deinen Neigungen und Studien lebſt; und macht Dir dann ſchließlich die Sache doch keinen Scherz mehr, ſo ſetze 104 Dich auf ein Rittergut. Sonderbare Idee, Du gäbeſt Deiner Frau nichts, ſondern empfingeſt nur von ihr! Ganz abgeſehen von dem Liebesglück, machſt Du ſie zur Freifrau von Selbitz.“ „Davon hat ſie was Rechtes!“ „Sage das nicht. Manch Dutzend Goldfiſche ſchwimmt in den Handelsſtädten, die ſich den kleinen Finger ſchon für das bloße„von⸗ abbeißen. Außerdem—“ „Mein lieber Hackelberg, erlaube doch! Wenn Du ſo ſehr von einer ſolchen Partie erbaut biſt, weshalb haſt Du denn ſelbſt oft rund heraus erklärt, Du wür⸗ deſt niemals eine Geldheirath machen?“ „Das will ich Dir ſagen. Unſere Anſichten ſind darin ungeheuer verſchieden. Die meinigen ſind freilich nach modernen Ideen veraltet, aber ich behalte ſie doch bei. Ich für meine Perſon halte— nenne es lächerlich!— auf meinen alten Adel und das reine Blut der Hackel⸗ berge und werde niemals Dünger auf meinen Acker bringen, wie man jetzt die Mesalliancen zu nennen beliebt. Auch ein adliges Mädchen werde ich nicht heirathen, weil das Vermögen unſerer Familie nicht zerſplittert werden ſoll und ich im Gegentheil bezwecke⸗ daß alles Beſitzthum auf den älteſten Sohn meines ältern Bruders kommt. Ich muß Dir auch offen ge⸗ ſtehen, das Heirathen an und für ſich iſt mir zuwider, 105 und die Liebe däucht mir weit angenehmer als die Ehe, zumal bei einiger Abwechſelung. Im Grunde genommen paßt auch für einen Soldaten das Hei⸗ rathen nicht. Das ſind meine Anſichten.“ „Ich denke allerdings hierin durchaus anders“, ent⸗ gegnete Selbitz,„wir wollen aber über Anſichten nicht ſtreiten, zumal jetzt. Nur das Eine möchte ich Dich fragen, ſage mir auf Ehre und Geviſſen, fändeſt Du es achtungswerther, wenn ich Helene Dubois gehei⸗ rathet hätte, eventuell noch heirathete, oder wenn ich nach Amerika ginge?“ Hackelberg erhob ſich und ging ſchweigend auf und ab; endlich ſagte er: „Mehr Reſpekt vor Deiner Klugheit habe ich, wenn Du heiratheſt, mehr Reſpekt vor Deiner Mannheit, wenn Du nach Amerika gehſt.“ „Nun gut, Freund, Du beſtärkſt mich in meinem Entſchluſſe. Sieh, es wird mir nicht leicht, zu gehen, glaub' es mir. Es blutet mir das Herz, mich von meinen Kameraden und dem ganzen mir lieb gewor⸗ denen Leben losreißen zu müſſen. Man fühlt das erſt, wenn man es verliert, früher dachte ich leichter über eine ſolche Trennung. Aber es muß ſein. Was mir meine Ehre einmal deutlich vorſchreibt, will ich aus⸗ führen, ohne zur Seite zu blicken. Und Du, Fritz 106 redeſt mir alſo nicht wieder vom Bleiben, nicht wahr?“ „Ich verſtehe Dich, Kamerad“, ſagte Hackelberg, ihm die Hand ſchüttelnd.„Dein Schritt iſt gewagt und ſchlägt den Vorurtheilen der großen Menge in das Ge⸗ ſicht, aber meine Achtung haſt Du und ich werde Dir nicht mehr mit Einwürfen kommen.“ „Mündig bin ich“, ſagte Selbitz; nich reiſe in meine Heimat, laſſe mir meine kleine mütterliche Erbſchaft aus⸗ zahlen; mit ihr und mit dem Erlös aus meinen Pfer⸗ den wird mir es, denk' ich, gelingen, meine hieſigen Verbindlichkeiten zu erfüllen und die Ueberfahrt zu be⸗ ſtreiten. Das Glück will mir inſofern wohl, daß der jetzige amerikaniſche Kriegsſecretär Cameron ein ent⸗ fernter Verwandter meiner Familie iſt, die Meinen vor einigen Jahren hier in Deutſchland aufgeſucht und ſchon damals auch mich eingeladen hat, ſeinen Beſuch zu erwidern. Seine Protection werde ich alſo wohl erlangen. Engliſch ſpreche ich ziemlich fertig, ich darf daher hoffen, meine Laufbahn unter verhältnißmäßig günſtigen Auſpicien dort beginnen zu können.“ Es war Mittag geworden; Selbitz, nur an die ſofortige energiſche Durchführung ſeiner Abſichten denkend, hatte ſich von der Parade, wo ſein Regimentscommandeur 107 ausnahmsweiſe diesmal nicht erſchienen war, nach deſſen Hauſe begeben. Nach geſchehener Anmeldung vorgelaſſen, fand er den Chef in Schlafrock und Pantoffeln, jedoch trotzdem nicht ohne die rieſige Militärbinde, eine Pfeife rau⸗ chend, auf dem Sopha liegen. Derſelbe ſprang, als er ſeinen Lieutenant erblickte, ſogleich mit großer Lebhaftigkeit auf, eilte Selbitz entgegen, ſchüttelte ihm die Hand und lud ihn zum Sitzen ein.„Schön, daß Sie kommen, Selbitz“, ſagte er,„gerade wie gerufen; ich hatte ſchon die Abſicht, Sie zu mir holen zu laſſen, da ein leichter Rheumatismusanfall mich veranlaßt hat, bei dieſem heilloſen Wetter einmal das Haus zu hüten. Bitte, bitte, ſetzen Sie ſich doch, lieber Selbitz.“ Und nachdem er ein paar lange Züge aus ſeiner Pfeife gethan, um dieſe vor dem Erlöſchen zu bewahren, fuhr er gemüthlich fort: „Es freut mich recht, Ihnen eine, wie ich glaube, angenehme Mittheilung machen zu können. Sie er⸗ innern ſich, daß ich mich neulich bei Ihnen erkun⸗ digte, ob Sie Neigung zum Generalſtab hätten. Nun, ich wollte Sie überraſchen, es war gerade ein Schrei⸗ ben von der Brigade gekommen, eventuell einen jungen qualificirten Offizier zur Kriegsſchule namhaft zu machen, da der neue Curſus wider Erwarten ſchon Oſtern 108 beginnen ſoll. Sie ſind ein fleißiger junger Mann, Selbitz, haben ein ausgezeichnetes Offiziersexamen ge⸗ macht, und wenn es Ihnen im kleinen Dienſt auch hier und da wohl noch etwas an Eifer gefehlt hat, habe ich doch über Ihre dienſtliche Befähigung mich, Gott Lob, günſtig äußern können. Der Herr Brigadier hat meine Empfehlung gütigſt berückſichtigt. Sie werden ſich, wie Seine Excellenz heute geſchrieben haben, zu Oſtern in der Reſidenz beim Chef des Generalſtabes zum Examen zu melden haben, und falls Sie bis da⸗ hin noch Urlaub zur Vorbereitung wünſchen, ſoll Ihnen derſelbe auch gewährt werden. Nun, Selbitz, ich habe mich gefreut, dies für Sie thun zu können; ich bin überzeugt, Sie machen meinem Regimente Ehre!“ Der Oberſtlieutenant von Weltkugell, welcher die Worte mit lächelndem Geſichte und freundlich zwinkern⸗ den Augen geſprochen hatte, ſah nicht ohne Verwun⸗ derung in Selbitz' unbewegliche Züge, und ſein Geſicht wurde noch länger, als jener, nachdem er für die be⸗ wieſene Güte zuvor gedankt, ihm mit kurzen Worten ſein Abſchiedsgeſuch mit der Bitte um Weiterbeförde⸗ rung überreichte. Er erhob ſich, warf die Pfeife in die Ecke und ſchritt trotz ſeines Rheumatismus in raſchem Schritte mit gerunzelter Stirn unmuthig im Zimmer auf und 109 ab.„So iſt es alſo doch wahr, was man ſich in der Stadt erzählt“, ſagte er dann.„Sie ſtehen im Begriff, eine reiche Partie zu machen, und wollen darum jetzt ſofort des Königs Rock an den Haken hängen. Das thut mir leid um Sie. Etwas mehr Liebe zu Ihrem alten Stande hätte ich Ihnen zugetraut, hätte doch“— „Herr Oberſtlieutenant“, unterbrach ihn Selbitz feſt, faſt mit Heftigkeit,„was man ſich in der Stadt er⸗ zählt, iſt nicht wahr. Ich beabſichtige nicht eine reiche Partie zu machen, ſondern nach Amerika zu gehen.“ Weltkugell ſah ihn eine Weile in ſtummem Staunen an, dann fragte er nach den Gründen, welche Selbitz zu dieſem Entſchluſſe veranlaßt.„Schulden“, gab dieſer an. Der Oberſtlieutenant fragte weiter, ließ ſich die Summen einzeln nennen, und Selbitz vermochte es weder, übertreibend die Unwahrheit zu reden, noch den freundlichen Vorgeſetzten mit Schroffheit abzuwehren. Schließlich drückte der alte Mann ihm herzlich die Hand, ſprach von Grillen und erbot ſich endlich, ihm ſelbſt eine Summe vorzuſtrecken. Jener mußte daher mit der ſtockenden Erklärung heraus, daß noch andere Gründe— Thatendurſt, Abneigung gegen den Friedensſoldaten⸗ ſtand— ihn trieben. Weltkugell ſchüttelte den Kopf. „Lieber Selbitz“, ſagte er,„das ſind, nehmen Sie mir's nicht übel, chimäriſche, unreife Träume einer aufbrau⸗ 110 ſenden Jugend. Hören Sie auf den Rath eines grauen Kopfes, der im Dienſt jung geweſen und alt geworden iſt. Ich weiß wohl, wie einem jungen Offizier zu Muthe iſt, und junge Offiziere waren zu meiner Zeit gerade ſo, wie ſie jetzt ſind. Ich habe auch einſt ein leichtes Herz, auch einſt ein für das Hohe, Edle ſchwär⸗ mendes beſeſſen, habe auch für militäriſchen Liberalis⸗ mus, wenn ich es ſo nennen will, geſchwärmt und meine Vorgeſetzten Zöpfe und Gamaſchenknöpfer ge⸗ nannt; fünfunddreißig Dienſtjahre haben meine Ideale abgeſtreift, meine Anſchauungen nüchterner gemacht. Wenn ich die lange Zeit überdenke, wenn ich an die vielen, zum großen Theil mir lieb geweſenen, oft fähi⸗ gen, talentvollen Kameraden mich erinnere, die, wie Sie es jetzt beabſichtigen, ihr Glück draußen in der Welt geſucht, ich wüßte keinen zu nennen, der es gefunden hätte. Einer von ihnen, einſt mein beſter Freund, iſt nach wechſelvollem Leben unter den badiſchen Rebellen ergriffen und in Raſtatt erſchoſſen worden, ein anderer in Amerika mit dem Dampfſchiff bei einer Wettfahrt in die Luft geflogen, von einem dritten, dem es noch am beſten gegangen, wurde mir neulich erzählt, daß er jetzt in New⸗York Profeſſor der Muſik, das heißt auf Deutſch Klavierſpieler in niedrigen Lokalen ſei; von den meiſten aber habe ich nie auch nur erfahren können, 111 wo ſie geblieben; ſie ſind zerſtoben in die Welt, ver⸗ ſchollen, verdorben, ohne auch nur eine Spur zu hin⸗ terlaſſen. Glauben Sie es mir, Selbitz, Sie werden Ihren Schritt bald bereuen und die Reue iſt dann lang, ſehr lang. Beſinnen Sie ſich darum, ſolange es noch Zeit iſt. Sie beſitzen einen ſtrebenden Geiſt, Ihnen behagt, ich glaube es Ihnen, Ihre Stellung nicht mehr. Nun denn, folgen Sie meinem Rathe, treten Sie in den Generalſtab. Es iſt das auch eine Carriere, wo die Arbeit, der Fleiß ſich lohnt. Der Gamaſchendienſt hört auf, Sie finden dort auch im Frieden eine Thätigkeit, bekommen höhere Gage, machen dann das Springer⸗Avancement und können in wenig Jahren ſchon Rittmeiſter ſein, auf welchen Poſten Sie hier noch lange hätten harren müſſen. Ihre Mittel werden freilich anfangs knapp ſein, aber Sie haben ja, ſoviel ich weiß, zu Ausſchweifungen ohne⸗ hin wenig Inclination gehabt. Zudem leben wir in einer ungewiſſen Zeit. Wer weiß, wie bald der Krieg ausbricht, wie bald Ihnen da die Gelegenheit, auf welche ich ein Leben hindurch geharrt habe, ge⸗ boten wird, für Ihr Vaterland zu kämpfen und ſich auszuzeichnen.“ Selbitz drückte dem alten Manne gerührt die Hand. 7 4 „Gut“, ſchloß Weltkugell,„Sie haben hiermit Urlaub, reiſen Sie in Ihre Heimat. Wenn Sie hierher zurück⸗ kehren, werden Sie, hoffe ich, ſich eines Beſſern beſon⸗ nen und jeden Gedanken an Amerika aufgegeben haben. Ihr Abſchiedsgeſuch ſoll vorläufig hier ſicher bewahrt liegen.“ Selbitz verbeugte ſich und ging. Mit ſchwererem Herzen, als er gekommen, verließ er die Wohnung ſeines Chefs. Das Wohlwollen, welches der alte Mann, den er bisher nur für einen langweiligen Pe⸗ danten angeſehen hatte, ſo unerwartet ihm bezeigte, die Wahrheit ſeiner Worte, die er ſich nicht abzu⸗ leugnen vermochte, waren doch nicht ohne Eindruck geblieben. Gedankenvoll, gebeugten Kopfes ſchritt er die Straße entlang und bemerkte beinahe Roſen nicht, der ihm im Waidmannsanzuge, die Flinte über der Schulter, entgegenkam und in der größten Geſchwin⸗ digkeit ein Breites erzählte über die Jagd, die er morgen und übermorgen auf dem und dem Gute mit⸗ machen werde, und daß er jetzt die größte Eile habe, um noch mit der Poſt abfahren zu können.„Aber“, ſchloß er,„was ich Ihnen eigentlich ſagen wollte, ich habe es freilich ſchon Hackelberg zu beſtellen auf⸗ getragen. Mein neuer Burſche nämlich, der Schaper, 113 deſſen Schatz bei Bürgermeiſters dient, hat mir eben berichtet, daß Fräulein Dubois noch heute wieder nach Hamburg zurückreiſt. Sie hat, ſagt er, dieſen Morgen plötzlich die Nachricht bekommen, daß ihre Mutter gefährlich erkrankt ſei. Nun paſſen Sie alſo auf, daß Sie ſie an der Bahn noch ſehen. Ich dachte mir's wohl, daß Ihnen die Nachricht von Intereſſe ſein möchte, Selbitz. Addio!“ Ferrari, Gettysburg. 8 Elftes Kapitel. Der Winter war verfloſſen, die Frühlingslüfte wehten wieder mild und faſt lau. Reges, leben⸗ diges Gewühl herrſchte in dem Hamburger Hafen. Ein dichter buntbewimpelter Maſtenwald ſchaukelte auf den grünen Wogen, Planke an Planke, vom Oſtindien⸗ fahrer oder mächtigen transatlantiſchen Dampfer bis herab zum kleinſten küſtenfahrenden Ever, denn die der Seefahrt günſtige Jahreszeit hatte, durch heftige Stürme verzögert, erſt in dieſen Tagen wieder begonnen. Durch die unbeweglich liegenden Schiffe hindurch wanden ſich die breiten, ſchwerbeladenen Laſtkähne und unaufhörlich ertönte der laute, eintönige, faſt melancholiſch klingende Geſang, den die Matroſen beim gemeinſamen Heben ſchwerer Laſten anzuſtimmen pflegen. — —— 3 —— 115 Wie das Waſſer, ſo war auch das Land voll Leben und Thätigkeit. Wie Ameiſen ab und zu drängte ſich die Menſchenmaſſe auf dem engen Strande. Aller Nationen Sprachen erſchollen; hier Matroſen mit den verſchiedenartigſten Phyſiognomien aus aller Herren Ländern, dort Reiſende, elegant gekleidete Touriſten, mit dem rothen Bädeker in der Hand, dazwiſchen Hau⸗ ſirer in näſelnder ebräiſcher Mundart, die laut ihre Waaren feilboten, oder ſchön geputzte, geſchminkte junge Weiber mit lockendem Lächeln im Geſichte. Nach dem Abfahrtsplatze, wo ſchon die Glocke klang, wälzte ſich ein dichter Haufe, deutſche Bauerfamilien, Männer und Weiber, Greiſe und Kinder, die wenigen Habſelig⸗ keiten am Arme, in der altehrwürdigen Tracht ihrer ſchwäbiſchen oder heſſiſchen Heimat. An den hohen Krahnen heben und ſenken ſich die ſchweren Laſten, hin und her geſchoben werden die rieſigen Ballen mit den mannichfaltigen Produkten der Fremde oder den Ex⸗ portartikeln des Vaterlandes. Ach, daß unſer eigen Fleiſch und Blut noch immer den werthvollſten Theil des deutſchen Exports bildet! Aus dem Menſchengewühl wand ſich ein hoher ſchlanker Mann und ſchritt wie zwecklos durch die holprigen, ſchmalen Gaſſen, welche ſich längs der Elbe bis zu der hamburgiſchen Nebenſtadt Altona hinziehen; 8⸗ 116 wir kennen ihn, obwohl die ungewohnte Civilkleidung und der volle ſchwarze Bart ihn verändert haben; es iſt der ehemalige Lieutenant von Selbitz. Energiſch und conſequent hatte er ſeinen Plan durch⸗ geführt. Nicht ohne große Mühe hatte er alle Hinder⸗ niſſe, die ſich ſeinem Vorhaben entgegenſtemmten, überwunden und endlich den von ihm erbetenen Ab⸗ ſchied„in Gnaden“ erhalten. Verſchieden von man⸗ chen auf ähnliche Weiſe wie er von der alten Welt ſcheidenden Kameraden, hatte er ſeine Schulden bei Heller und Pfennig bezahlt, bei Juden und Chriſten, von welchen erſtern namentlich Herr Aaron ſchon in großer Beſorgniß geweſen war. Er hatte Abſchied genommen vom Regimente, allen ſeinen Freunden und Kameraden Lebewohl geſagt. Hackelberg, von dem er zuletzt ſich getrennt, hatte ſich ihm als wahrer Freund bis zur letzten Stunde bewieſen, hatte ihm die Abwickelung ſeiner Verhältniſſe in Seeburg beſorgt, namentlich ihm ſeine Equipirung und Pferde verkauft und ihm dann das letzte Geleit bis zur großen See⸗ ſtadt gegeben. Auch er hatte geſtern Abſchied von ihm genommen, da die Abfahrt des Schiffes verzögert und ſein Urlaub abgelaufen war, und Selbitz ſtand nun allein, ohne irgend eine befreundete, auch nur eine be⸗ kannte Seele zur Seite zu haben. Eben hatte er ſein — 117 Gepäck auf den Dampfer bringen laſſen, morgen be⸗ gann die Fahrt über den Ocean, die Fahrt zu der neuen, ungewiſſen Zukunft. Durch die ſchmuzigen Gaſſen Altonas, wo in der deutſchen Stadt betrunkene däniſche Soldaten den„tap⸗ pern Landſoldaten“ ſingend an ihm vorbeitaumelten, ſchritt er mit bitterem Lächeln, bis er ſchließlich un⸗ willkürlich in den weiten prachtvollen Parkanlagen Ham⸗ burger Handelsherren ſich befand, die ſich an der Elbe bis Blankeneſe und weiter hin ausdehnen und dem beſuchenden Publikum faſt ſämmtlich bereitwillig ge⸗ öffnet ſind. Er folgte den geſchlungenen Pfaden zwi⸗ ſchen friſchem Raſen und hohen, im ſaftigen Grün des Frühlings prangenden Bäumen, bis er ſich etwas ermüdet zuletzt auf einer Gartenbank, die hinter einer Baluſtrade am hohen Ufer ſtand, niederließ und hinab⸗ ſchaute auf die im Sonnenſchein funkelnde Elbe zu ſeinen Füßen, auf der die Seeſchiffe in vollen Segeln majeſtätiſch, ſich ſpiegelnd in den blauen Fluten, vor⸗ beizogen und Kähne, Flußſchiffe in zahlloſer Menge ſich tummelten. Er fühlte ſich nicht muthlos oder niedergedrückt, nur brannte ihm der Boden unter den Füßen. Die friſche Seeluft, welche von Weſten, vom weiten uner⸗ meßlichen Ocean her ſeine Stirn umwehte, ſein Haar 118 ſchüttelte, ſie hatte die trüben Erinnerungen niederge⸗ drückt, mit friſcher hochathmender Hoffnung ſeine Bruſt erfüllt. Er ſehnte ſich nach Kampf und Streit und Sieg, er fühlte die Kraft in ſich, in ſeinem Arm, in ſeinem Kopfe, in ſeinem Herzen, die Kraft, zu wirken bei jener Blutarbeit, die drüben jenſeits des Oceans beginnen ſollte für Civiliſation und Freiheit, und die Tage des Harrens dünkten ihm hier endlos. Reue über ſeinen Entſchluß war ihm fern geblieben, und nur der Gedanke an Helene war es, der ihn drückte, der ſeine Augen umdüſterte. Erſt nachdem ihm die ſo leicht Errungene verloren war, hatte er empfunden wie ſo tief ihr Bild ſich doch in ſein Herz geprägt. Er fühlte erſt jetzt, wie er ſie geliebt, fühlte, daß alle ſeine Liebe ihr gehöre und ſtets gehören werde. Wie aus wilden Träumen ſich losreißend, erhob er ſich, um davonzueilen. Doch erſchrocken blieb er ſtehen. Hinter dem Gebüſch hervor traten zwei Damen er erkannte ſie; die eine war Fräulein Elly Mering, die Tochter des Bürgermeiſters zu Seeburg, die andere, in die Farbe der Trauer gekleidet, das Geſicht mit einem kurzen Schleier bedeckt, ja, ſie war es wirklich, es war Helene. Faſt gleichzeitig erkannte ſie ihn; ſie ſtieß einen Schrei aus und ſank ohnmächtig in die Arme ihrer Baſe. —. ——’ 8 119 Wie mechaniſch ſprang Selbitz zu, die Fallende zu unterſtützen. „Zurück, mein Herr!“ rief Elly, welche Helene knieend in ihrem Schoße hielt, und ſtreckte ihm mit zornfun⸗ kelnden Augen gebieteriſch die Hand entgegen.„Wollen Sie Ihr Spiel von neuem beginnen, von neuem falſche Schwüre heucheln? Sind Sie noch nicht zufrieden damit, das Lebensglück dieſer Armen auf immer zerſtört zu haben? Oder wollen Sie nicht eher mit Ihrer Verfolgung ruhen, als bis Sie die Unglückliche, welcher der Himmel vor kurzem noch die theure Mutter ge⸗ raubt hat, die eben erſt ſelbſt von ſchwerer Krankheit geneſen iſt, auch noch tödten?“ Erſchüttert ſtand Selbitz da.„O mein Gott!“ rief er. Doch als er Helene unter ſo ſchwacher Hülfe ohnmächtig daliegen ſah, ließ er ſich nicht mehr zurück⸗ halten, ſondern flehte Fräulein Mering an, nicht ihre Freundin über ihrem gerechten Zorn zu vergeſſen. Dieſe benetzte, ernſtlich beſorgt, die Schläfe der Ohnmächtigen aus ihrem Flacon, und endlich gelang es den Bemühungen beider, Helene zu ſich ſelbſt zu⸗ rückzurufen. Die Röthe begann in ihre bleichen Züge zurückzukehren. „Erwache, liebe, liebe Helene!“ rief Selbitz ſchmerz⸗ lich laut. 120 „Empfinden Sie etwa Reue über Ihre That?⸗ wandte ſich Elly mit ſcharfer, ſchneidender Stimme zu ihm.„Bei Ihnen und Ihresgleichen habe ich gedacht, hielte man es ja wohl für rühmlich, Herzen zu be⸗ thören, und wer die meiſten und die beſten auf dem Gewiſſen hat, gälte für den erſten Helden. Freilich, daß Ihre Heldenthat ſo üble Folgen haben könnte, daß ſie dies Herz für immer gebrochen hätte, das haben Sie nicht gedacht. Aber es war ja auch nicht Ihre Abſicht. Wer hieß Helene auch ſo einfältig ſein, Ihren Worten Glauben zu ſchenken? Wer hieß ſie, nachdem Sie, Herr von Selbitz, ſelbſt galant genug geweſen waren, ſie über die kleine Komödie aufzuklären, ſich auch die Sache ſo zu Herzen nehmen? Ihre Schuld war das wahrlich nicht, o nein!“ Die Worte des erregten jungen Mädchens drangen wie Schwerter in Selbitz⸗ Bruſt. Er hörte ſie ſtumm, erſtarrt an, ohne ſich zu regen. In Helene war das Leben zurückgekehrt. Sie be⸗ wegte ſich und ſchlug die Augen auf. „Entfernen Sie ſich“, wiederholte Elly leiſe, aber mit Heftigkeit. Doch ſchon hatte Helene ihn erblickt.„Robert!“ flüſterte ſie weich. Als er den Ton ihrer Stimme hörte, war er auf 121 die Kniee geſunken, er ergriff ihre Hand, und indem er ſeine Stirn über ſie neigte, fiel eine heiße Thräne glühend darauf.„Helene!“ rief er,„Verzeihung! Ver⸗ zeihung, daß ich von neuem Ihren Frieden geſtört habe! Ich ſchwöre es Ihnen, daß ich es ohne Wiſſen gethan, daß ich hierher gekommen bin, ohne zu ahnen, in weſſen Garten ich mich befand. So bin ich über⸗ zeugt, das iſt Gottes Fügung! Vielleicht erleichtert dieſer Ausbruch meiner Reue auch Ihr Herz, wie er jetzt das meine erleichtert. Morgen trägt der Dampfer mich hinüber nach der neuen Welt, morgen ſchon ſcheide ich auf Nimmerwiederkehr. Glauben Sie mir, Helene, mein Unrecht gegen Sie hat von jenem Augenblicke an nicht aufgehört, mit Centnerſchwere auf mir zu laſten. Jetzt eile ich hinüber, es zu ſühnen im blutigen Kampfe, ja vielleicht im Tode. Können Sie mir das Herzeleid vergeben, was ich Ihnen angethan? Können Sie es, o dann ſprechen Sie es aus, löſen Sie den Bann, der auf meiner Seele laſtet.“ Sie hatte ſich aufgerichtet, mild ruhten ihre Augen auf den ſeinen.„Ich habe Ihnen längſt vergeben“, ſprach ſie gepreßt. „Laſſen Sie mich“, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„zu dem Bekenntniß, welches in jenem ſchrecklichen Augenblicke uns von einander riß, noch einige Worte 12² hinzufügen. Wären Sie mir gleichgültig geblieben, hätte ich in Ihnen ein gewöhnliches, ein hohles Weſen gefunden, ich hätte vielleicht meine Rolle durchgeſpielt, wir wären durch eine Ehe verbunden, wie es deren ſo wiele gibt, eine Ehe, in der Höflichkeit anſtatt der Ach⸗ tung und anſtatt der Liebe egoiſtiſche Rückſichten herr⸗ ſchend wären. Wer weiß, wir wären auf dieſem breit⸗ getretenen Pfade vielleicht ganz zufrieden dahinge⸗ wandelt. Aber als ich Sie kennen, als ich Sie lieben lernte, da fing es in mir wie Höllenglut an zu bren⸗ nen, ich begann meinen eigenen Unwerth Ihnen gegen⸗ über auf das tiefſte zu empfinden. O wären Sie arm geweſen, hätte ich arbeiten müſſen um Ihren Beſitz, glücklich, unendlich glücklich würde ich mein Loos ge⸗ nannt haben.“ „Robert“, unterbrach ihn das junge Mädchen mit leiſer Stimme,„ich freue mich, daß wir uns begegnet ſind. Ihnen wird es eine Beruhigung ſein, zu hören, daß ich Ihnen nie gegrollt und daß ich Ihr Benehmen jetzt zu begreifen vermag, und mir“, fuhr ſie fort, in⸗ dem eine flüchtige Röthe auf ihre Wangen trat und ein glücklicher Glanz in ihren Augen aufleuchtete,„mir iſt Ihr letztes Geſtändniß von noch unendlich größerem Werth. Ich kenne Sie jetzt, denn ich glaube Ihnen, und wenn Ihr Stolz auch meiner Seele fremd iſt, ſo 123 kann ich ihn doch in der Ihrigen achten. Wie der Winter ſich unaufhaltſam auf die Erde ſenkt, ſo fühle ich, wie ein unerbittlich Geſchick mit eiſigem Hauch all die holden Blüten zerſtört, die der Frühling meines Lebens mir zu bieten verſprach. Mit welchen Gefühlen hätte ich Ihrer gedenken ſollen, wenn mich nicht das Bewußtſein ſtützte, doch von Ihnen geliebt zu ſein! Dies Bewußtſein wird kein Sturm aus meinem Herzen reißen, es muß und wird mir genügen, wenn auch ein größeres, kurz geträumtes Glück mir nicht beſchieden iſt, denn ich fühle wohl, daß das Schickſal uns auf immer getrennt hat.“ Laut weinend fiel das junge Mädchen ihrer Freundin in die Arme, ihre mühſam behauptete Faſſung hatte ſie gänzlich verlaſſen. „Wenn es mir anſtände, von Hoffnung zu reden“, erwiderte Selbitz, nachdem der erſte Sturm des Schmerzes bei Helenen ſich in Thränen ausgetobt,„wenn ich wa⸗ gen dürfte, die Gedanken, welche mir ſelbſt tröſtlich ſind, auch Ihnen, Helene, als Troſtgedanken mitzu⸗ theilen, ſo möchte ich wohl daran erinnern, daß Amerika mir das Feld ſein könnte, wo ein ſtarker Arm und entſchloſſener Wille dem Kühnen Erfolge erringt, ſo möchte ich— o wie müſſen Ihnen dieſe Worte aus meinem Munde klingen!— ſo möchte ich all meine 124 Hoffnung ſammt dem Gelübde ſtandhafteſter Treue Ihnen zu Füßen legen und—“ „Ueberlaſſen wir es Gott“, ſagte Helene mit trübem Lächeln.„Ich weiß nicht, wie ich mich verändert ſeit der letzten Zeit, mein Herz iſt, glaube ich, gealtert. Ich habe kein Vertrauen zu der Zukunft. Doch will ich es Ihnen darum nicht nehmen“, fuhr ſie lebhafter fort,„Sie bedürfen ſehr des guten Muths auf Ihrem neuen Wege, und es ſollen meinerſeits nur heiße Segenswünſche Sie begleiten, wie auch mein ſtilles Gebet nie aufhören wird, den Schutz Gottes auf Ihrer gefahrvollen Bahn für Sie herabzuflehen.“ Sie reichte ihm die Hand, noch an ihre Freundin gelehnt, und überließ ſie ſeinen heißen Küſſen. „Wann geht Ihr Schiff?“ fragte ſie mit leiſem Beben. „Schon morgen früh um acht Uhr“, entgegnete er mit tiefem Seufzer. Erſchüttert wandte er ſich zum Gehen. Nach we⸗ nigen Schritten jedoch blieb er ſchon ſtehen und ſchaute ſich um. Auf ihrer Freundin Arm geſtützt, ſtand ſie noch da, unbeweglich, die großen thränenglänzenden Augen auf ihn geheftet. Da übermannte ihn ſeine Bewegung. „Helene!“ rief er in wilder Leidenſchaft und ſtürzte 125 zurück. Und als ob alles Geſchehene mit einem Male vergeſſen ſei, lagen beide ſich unter Thränen in den Armen. Endlich riß er ſich los.„Dein auf ewig!“ rief er aus, und in haſtigen Schritten, ohne noch einen Blick rückwärts zu werfen, war er hinter dem dichten Gebüſche verſchwunden. Der Morgenſonne milder Glanz ſtrahlte auf den breiten, vom Winde bewegten Elbfluten und ſie durch⸗ ſchneidend, brauſend, ſtöhnend gleichſam unter der ſchwe⸗ ren Laſt, eine dunkle Rauchwolke in friſcher Morgenluft, eine lange ſchaumgekrönte Furche in den ſchaukelnden Wogen hinter ſich laſſend, trug das Dampfboot die burg⸗New⸗Yorker Steamer Boruſſia, während die andere ſchon nach dem hannoverſchen Küſtenort Brunshauſen vorausgeeilt war, da der Tiefgang deſſelben ihm nicht geſtattete, die Elbe oberhalb jenes Punktes völlig be⸗ laden zu paſſiren. Das Verdeck des Dampfbootes war ganz gefüllt mit Männern, Weibern und Kindern. Auf dem Schiffe ſelbſt herrſchte eine gar ſeltſame Luſtigkeit, ſodaß mancher oberflächliche Beobachter hätte wähnen ſollen, es ginge zu einer kurzen fröhlichen Luſt⸗ fahrt, anſtatt zu einer Reiſe, welche für die Meiſten wohl ohne Wiederkehr, zu einem ſchickſalsdunklen Ab⸗ ſchnitt im Erdenleben. Geſang ertönte, und das Lied welches hell und laut, ja wild und jauchzend aus hun⸗ dert Kehlen erklang, es war kein anderes als unſer Nationallied, E. M. Arndt's ſchönes, herrliches:„Was 4 iſt des deutſchen Vaterland?“ Wie ſie ſchreien, wie ſie lärmen:„O nein, o nein, o nein, o nein, Sein Vaterland muß größer ſein!“ während ſie doch ſelbſt gerade dem Vaterlande den Rücken kehren. Ach, man glaube nicht, daß es nur Fröhlichkeit war, die hier aus dem tobenden Geſange ſprach! Und wenn auch die meiſten drüben ſich goldene Berge träumen, und das unruhig klopfende Herz beſchwichtigen mit oft ſo chimäriſchen Hoffnungen, es erglänzt doch eine Thräne im Auge und manches Mannes Auge funkelt darum ſo trotzig und die Kehle ſingt ſo laut, weil er die Thränen unterdrücken will, und ach, die unterdrückten Thränen ſind es gerade, die den meiſten Schmerz, die meiſte Bitterkeit haben. Daß auch gerade der Deutſche es ſein muß, welcher jene neue Welt bevölkert, der Deutſche, welcher von allen Nationen am meiſten mit ſolcher Liebe an ſeiner alten Heimat, den alten Gewohnheiten und den alten bekannten Menſchen hängt, während doch im Vater⸗ lande noch Platz genug wäre für ſo viel glückliche, zu⸗ friedene Menſchenkinder. Wie viele wohl von denen, welche jetzt ſich im Zwiſchendeck drängen, werden drüben ihr Glück finden? Mancher hat es im Vaterlande, 127 als er auf der Univerſität ſich fühlte als Blüte deut⸗ ſcher Jugend, als er ſäbelraſſelnd vor der Wachparade her durch die Straßen ſchritt, wohl nicht geträumt, daß er dermaleinſt dort ſein Brod mit Steineklopfen an der Landſtraße verdienen werde. Und diejenigen ſelbſt, denen dort ein glänzenderes Loos beſchieden, welche, vielleicht erſt, nachdem ſie die heimatlichen Begriffe von Rechtlichkeit von ſich geworfen, zu einem Wohlſtande, wie ſie ihn im Vaterlande nie beſaßen, gelangen, wer⸗ den ſie darum glücklicher ſich fühlen in jenem kalten, herzlos egoiſtiſchen Gewühle? Dort, wo ſie, um zu Ehren zu kommen, ſich möglichſt raſch ihrer deutſchen Nationalität entäußern müſſen, um dann, wenn ſie ſich völlig amerikaniſirt wähnen, von den eigenen Kin⸗ dern als damned Dutchman verachtet zu werden! Doch was frommt es, den Schleier aufheben zu wollen, was frommt es, Geſchehenes zu beklagen! Der Himmel hat unſerem Volk ein tiefes Gemüth, aber auch einen fröhlich leichten Sinn geſchenkt. Mögen ſie ſingen— ſingt doch auch die Lerche jauchzend im engen Käfig, fern von der blauen Himmelsluft—; „Soweit die deutſche Zunge klingt Und Gott im Himmel Lieder ſingt.“ O daß die Worte Wahrheit würden, daß wir, ſoweit die deutſche Zunge klingt, uns fühlten als ein Volk, 128 daß ein innig Band uns verbände zu Brüdern, uns alle, die wir deutſch denken, deutſch reden. Dann wäre der Verluſt nicht zu beklagen, jene vielen Tauſende, welche alljährlich von hinnen wandern, ihre Kräfte, ihren Wohlſtand dem Mutterlande entziehen, jetzt in die Fremde und damit, was die Zukunft nur zu bald beweiſen wird, in das Heerlager unſerer Gegner. Die Töne verhallen, der Dampf verliert ſich ringelnd in den blauen Lüften und der weiße Schaum, von den Schaufeln der Räder aufgeſchleudert, ſpritzt zurück und verliert ſich wieder in den weiten Waſſern. Lebt wohl, deutſche Brüder, lebe wohl, deutſches Vaterland, lebt wohl, Aeltern, Geſchwiſter, all ihr Lieben! Der Strand iſt verlaſſen, vor uns liegt ſchon, dem Auge unbegrenzt, die Waſſerfläche; hinaus geht's in die brauſende See, in das ungewiſſe Meer. An der Brüſtung des Verdecks, ſtumm den Blick nach dem Ufer gewandt, ſtand Robert von Selbitz. Sein Haupt war entblößt und der Wind wehte um die hohe Stirn, ſpielte in den dunklen Locken; ſeine Augen waren auf jenen weißen Papvillon gerichtet, droben unfern der hohen, knospenden Ulmen, halb ver⸗ deckt von rothblühenden Mandelſträuchen. Endlich wurde eine dunkle Figur dort ſichtbar hinter den Bü⸗ ſchen, ein weißes Tuch wurde emporgehoben und wallte 129 flatternd in den bewegten Lüften. Raſch bog er ſich vor und erwiderte in gleicher Weiſe den Gruß. Lange wehten ſo die beiden Tücher in den luſtigen Winden, bis die Fahne droben endlich in der Ent⸗ fernung ſeinen Augen verſchwand. Da ließ er den gehobenen Arm ſinken, und zwei ſchwere Thränen rollten langſam in den dunklen Bart. Ferrari, Gettysburg. Zwölftes Kapitel. Ueber zwei Jahre waren ſeit den zuletzt geſchilder⸗ ten Ereigniſſen verfloſſen. Im heißen Monat Juli war es, der Sonne Strahlen brannten ſengend auf Feld und Flur, und doppelt erfriſchend war die Kühle, welche drinnen in dem hohen, prachtvollen Gartenſaale der Villa am Elbſtrande herrſchte. Ausländiſche Ge⸗ wächſe und Stauden in bunter Blüte ſchmückten den Raum, und in der geöffneten Glasthür, welche unmit⸗ telbar zu der von wildem Wein beſchatteten Veranda führte, ſtanden friſch erneute große offene Eiskübel. In dem geräumigen Gemache ſchritt ein kräftiger, ſicht⸗ lich den herrſchenden Ständen angehöriger Mann mit großen Schritten, welche trotz des Fußteppichs den Boden dröhnen machten, auf und ab. Sein Aeußeres 131 ſchien auf eine große Aufregung hinzudeuten, denn die Hände waren geballt, die Lippen auf einander gepreßt, die dunklen Augen rollten wie im Fieber, und trotz der künſtlichen Kühle perlten helle, kalte Schweißtropfen auf der hohen Stirn. Ihm gegenüber an der Thür, die Hand ſchon auf den Drücker geſtützt, ſtand mit bekümmerter Miene ein altersgebeugter, grauhaariger Greis, und ſeine Augen folgten ſorgenvoll dem erſtern. Er ſchien jenes Worte zu erwarten, doch da derſelbe noch immer keine Miene zum Reden machte, hob er zuletzt an:„Wäre es nicht beſſer, Herr Dubois, wenn wir ſofort einen Bevoll⸗ mächtigten nach Liverpool ſchickten, um das Intereſſe des Hauſes in dem Browu'ſchen Concurſe zu wahren? Unſer Antheil iſt ja leider beträchtlich, und nach dem Schreiben unſeres Correſpondenten ſcheint es mir doch, als ob wir bei richtiger Behandlung noch etwa 25 bis 30 Procent retten könnten.“ Eine neue Pauſe erfolgte. Herr Dubois— es war der Vater Helenens— blieb endlich einen Augenblick ſte⸗ hen, blickte den Alten an und ſagte zuletzt ſchwer auf⸗ ſeufzend, indem er ſeinen Weg fortſetzte:„Richten Sie es nur nach Gefallen ein, lieber Werner.“ Der alte Buchhalter ſchüttelte über die unerwar⸗ tete Apathie ſeines Principals trübe den Kopf.„Und 9* 132 dann noch eins wollte ich mir zu erwähnen erlauben, Herr Dubois“, begann er mit unſicherer Stimme von neuem.„Es dünkt mir zwar nur ein Gerücht zu ſein, aber mittheilen möchte ich es doch. Als ich nämlich heute Vormittag von der Börſe zum Hafen ging, hörte ich dort— doch erſchrecken Sie nicht, denn nach Allem, was ich davon halte, ſcheint es mir vor der Hand noch ein durchaus leeres Gerücht— Perrotin in Havre hätte ebenfalls ſeit heute Morgen Zahlung eingeſtellt.“ „Es iſt kein Gerücht“, antwortete Herr Dubois dumpf, mit gepreßter Ruhe;„vor einer Stunde ſchon gab mir ein Telegramm die Gewißheit.“ „Barmherziger Gott!“ rief der alte Mann erſchüt⸗ tert.„Unſer altes, ehrwürdiges Haus! Dubois und Compagnie, das Haus, in deſſen Dienſt ich alt und grau geworden bin, dem ich jetzt bald fünfzig Jahre in Ehren und Stolz angehört habe! Dubois und Com⸗ pagnie, welches die letzte Kriſis kaum zu berühren ver⸗ mocht hat, und jetzt— o das noch in meinen alten Tagen, am Rande des Grabes erleben zu müſſen!“ Und der Buchhalter verhüllte das wankende graue Haupt mit beiden Händen.„Unſere Londoner Wech⸗ ſel“, fuhr er dann nach einer Weile etwas gefaßter fort,„ſind Ende der Woche fällig, die mit Hudelfeldt in Seeburg ebenfalls— woher in dieſem Augenblick das — — —— 133 Geld nehmen? O lieber Herr, laſſen Sie doch jetzt wenigſtens den Kopf nicht ſinken; halten Sie den Muth aufrecht, denn ſonſt iſt ja Alles, Alles vorbei! Durch ſo viele Stürme hat das Haus ſich ſeit Jahrhunderten glücklich hindurchgewunden, überall geachtet und geehrt, und auch jetzt, wenn wir nur Zeit gewinnen, uns nur bis dahin friſten könnten, wo unſere Indigo⸗Schiffe glücklich einlaufen, wäre wahrſcheinlich noch nichts verloren.“ In Herrn Dubois war während dieſer Klagen des alten Werner plötzlich eine Veränderung vorgegangen. Er hatte das vorhin gebeugte Haupt erhoben, ſeine Faſſung wiedergewonnen. Nicht ohne Rührung ſah er die Erregung des langjährigen, treuen Dieners; er legte die Hand wie beruhigend auf deſſen Schulter und ſagte:„Es iſt gut, Werner, wir wollen dem Sturm ins Antlitz ſehen, den Muth noch nicht ſinken laſſen. Sie haben Recht, es iſt noch nicht Alles verloren. Viel⸗ leicht iſt unſer wankendes Schiff noch flott zu machen. Fahren Sie nur zurück zum Comptoir, erledigen Sie dort die laufenden Geſchäfte und ſuchen den geeignet⸗ ſten Comptoiriſten für die Reiſe nach Liverpool aus. In einer Stunde werde ich Ihnen folgen und ich hoffe dann ſchon beſſere Nachrichten bringen zu können.“ Der alte Mann entfernte ſich, Herr Dubois aber, deſſen 134 Züge mit einem Male ihre Spannkraft wiedergewon⸗ nen zu haben ſchienen, riß heftig an dem Glockenzug und befahl dem eintretenden Diener⸗ ſeine Tochter ſo⸗ fort zu ſich zu bitten. Helene Dubois hatte ſich in den vergangenen bei⸗ den Jahren ſehr verändert. Die friſchen Farben ihres Geſichts waren verblaßt, und ihre Augen glänzten nicht mehr wie früher. Das einſt ſo muntere und lebhafte junge Mädchen war ſtill und in ſich gekehrt geworden. Doch ihre Schönheit hatte deſſenungeachtet eher zu⸗ als abgenommen. Die kindliche Geſtalt hatte ſich entwickelt, und auf dem in ſeiner Reife nur noch anmuthigern und lieblichern Geſichte lagen Frieden, Milde und Seelengüte nur noch tiefer, deutlicher ausgeprägt. Seit dem Tode ihrer Mutter hatte Helene in fortwährender Zurückgezogenheit mit einer unverheiratheten ältern Schweſter ihres Vaters, welche von jenem berufen war, die Stelle der Hausfrau zu vertreten, gelebt. Herr Dubois, erkennend, daß auf geſellige Freuden ſeines Kindes Wünſche nicht gerichtet waren, hatte ihr in ihren Neigungen immer gewillfahrt. Wie für nervöſe Naturen die Vorempfindung eines Gewitters, eines Sturms fühlbar werden kann, noch ehe davon ſonſtige Anzeichen bemerklich werden, ſo liegt auch häufig für reizbare Perſonen, welche ſchon härtere 135 Schickſalsſchläge erlebt haben, ein naher Schickſalswech⸗ ſel, das unbewußte Empfinden eines drohenden Un⸗ glücks gleichſam in der Luft, noch ehe ſie Grund haben, auf gewiſſe Anzeichen ihre Furcht zu gründen. Eine ſolche Empfindung hatte Helene dieſen ganzen Tag gehabt. Das auffallend zerſtreute Benehmen ihres Vaters bei Tiſche hatte die Aufregung ihrer Ner⸗ ven noch um ein Bedeutendes erhöht, ſodaß ſie jetzt, nachdem der Bediente ſie vom Fortepiano abgerufen hatte, mit ängſtlichem Herzklopfen die Thür zu dem Wohn⸗ zimmer deſſen öffnete, welchem ſie ſich doch ſonſt nur mit freudigſter Liebe genähert hatte. „Helene“, redete Herr Dubois ſeine Tochter, nach⸗ dem er ſelbſt auf dem Sopha Platz genommen hatte, mit einer Freundlichkeit an, in welcher dieſe doch etwas Erzwungenes zu bemerken vermeinte,„Helene, ſetze Dich hier zu mir, mein Kind. Seitdem uns der Tod Deiner lieben ſeligen Mutter ſo ſehr betrübt hat, haben mir, und ganz beſonders in letzter Zeit, die lei⸗ digen Geſchäfte den Kopf immer ſo warm gemacht, daß wir noch gar nicht einmal Gelegenheit gefunden, etwas Erfreuliches zu ſprechen, uns mit Dir, mein lie⸗ bes Kind, mit Deiner Zukunft zu beſchäftigen. Ich meine nämlich, liebe Helene“, fuhr er fort, als dieſe ihn mit einer Frage unterbrechen zu wollen ſchien, 136 „wir müßten einmal ein Thema berühren, daß Euch Mädchen doch immer am meiſten am Herzen liegt, nämlich das Kapitel von den Herzensangelegenheiten.“ „Nun, Vater?“ fragte das junge Mädchen mit einem möglichſt unbefangenen Geſichte, welches ihr einige Ueberwindung koſtete, während die Berührung dieſer wunden Stelle ihres Herzens und bange Erwartung des Kommenden ihr den Athem ſtocken machten. „Hm“, ſagte Herr Dubois lächelnd,„ich meine, wir haben noch gar nie recht von Seeburg mit einander geſprochen. Wie hat es Dir denn da gefallen? Und ins⸗ beſondere möchte ich fragen, wie hat Dir denn— höre Lenchen, ich kann keine langen Umſchweife machen— wie hat Dir denn eigentlich— Du haſt ihn ja neulich auch hier geſehen— der junge Hudelfeldt gefallen?“ „Ich wüßte doch wirklich nicht, lieber Papa“, ent⸗ gegnete Helene gepreßt,„in welcher Beziehung Herr Hudelfeldt zu meiner Zukunft ſtehen könnte.“ „Ja, ja“, lächelte er,„ſo ſeid Ihr Mädchen! Bei ge⸗ wiſſen Gelegenheiten ſeht Ihr nie Beziehung und Zu⸗ ſammenhang, während Ihr ſie doch immer ſonſt bei den Haaren herbeizieht. Aber ſage mir's ehrlich— ich kann ja auch ohne Zuſammenhang danach fragen, er iſt der Sohn meines Freundes— was für einen Ein⸗ druck hat er Dir denn gemacht?“ 137 „Er ſcheint ein ganz unterrichteter und angenehmer Mann zu ſein, ſoweit ich bei meinem kurzen Aufent⸗ halt dies beurtheilen konnte“, antwortete Helene ſo un⸗ befangen wie möglich. „Das iſt er, das iſt er“, entgegnete der Vater mit gezwungenem Eifer,„und ein ſolider junger Mann, nicht ſo übermäßig ſelbſtbewußt und ſo veränderlichen Sinnes, wie das jetzt Sitte iſt bei den jungen Leuten, nein, ein ruhiger, geſetzter Charakter, dabei außerordent⸗ lich gut erzogen und ein feiner, durch und durch gebildeter Mann.“ Er ſah bei dieſer Lobrede Helene fragend an, doch da dieſe nichts erwiderte, ſondern lediglich mit auf⸗ merkſamer Betrachtung der Stickerei ihres Schnupftu⸗ ches beſchäftigt ſchien, ſo ſtand er auf und fuhr nach einer kurzen Pauſe fort:„Und wenn ich es aufrichtig geſtehen ſoll, Helene, ſo habe ich mir allerdings ſchon ſeit längerer Zeit Beziehungen zwiſchen Deiner Zukunft und dem jungen Hudelfeldt gedacht, ja es iſt mein Lieblingswunſch geweſen“, ſprach er weiter, während Helene auffallend bleich ward, was ihm jedoch im Eifer des Geſprächs und im aufgeregten Auf⸗ und Nieder⸗ gehen im Zimmer entging,„es iſt immer mein Lieb⸗ lingswunſch geweſen, eine Verbindung engerer Art zwiſchen der alten ehrenhaften Firma Hudelfeldt und 138 meinem Hauſe dadurch herzuſtellen, daß Du— aber was iſt Dir, mein Kind?“ In Helenens großen blauen Augen, welche ſie zu dem Vater aufſchlug, lag ein Ausdruck ſolcher Qual, daß derſelbe ihm nicht hatte entgehen können. „Aber was iſt Dir?“ wiederholte er dringend. „Lieber Vater“, entgegnete das junge Mädchen,„ich weiß, daß Deine Worte aus väterlichem Herzen kom⸗ men, ich weiß, daß Du nur mein Glück im Auge haſt, aber ich bitte Dich, verſchone mich mit ſolchen Vor⸗ ſchlägen und glaube mir, daß derartige Pläne mir den größten Schmerz bereiten.“ Der Ausdruck unangenehmſter Ueberraſchung zeigte ſich auf dem Geſicht des Vaters. Krampfhaft preßte er die Hand gegen die Stirn und warf ſich in einen Lehnſtuhl. Helene erhob ſich, trat auf ihn zu und er⸗ griff ſeine Hand. „Was Ihr Mädchen doch für Grillen und Phanta⸗ ſien habt“, ſagte er,„und Dich habe ich noch immer für eins der vernünftigſten gehalten. Du biſt, ich kann es nicht anders ſagen, mir und Deiner guten theuren Mutter ſtets ein folgſames Kind, ſtets unſer Glück, unſere Freude geweſen. So ſage mir doch, Helene, was kannſt Du denn gegen meinen Plan haben? Hudel⸗ feldt hat um Deine Hand angehalten, er liebt Dich— 139 dafür möcht' ich bürgen— und Dir hat er auch ge⸗ fallen— was in aller Welt magſt Du alſo einzuwen⸗ den haben? So ganz ohne jeden vernünftigen Grund kannſt Du mir doch nicht entgegen ſein.“ „Sollte Dir nicht die einfache Verſicherung genügen, lieber Vater, daß mir ſolch eine Ausſicht in die Zu⸗ kunft ſchmerzlich iſt, daß mein ſehnlichſter Wunſch nur der iſt, ruhig und ungetrübt bei Dir zu verbleiben?“ ſagte Helene langſam und trübe. „Ach das ſind immer Eure Ausreden! Wirklich, ich habe nicht gedacht, daß Dir noch ſolche Kindereien im Kopfe ſteckten“, ſagte der Vater ernſt und unwlllig. „Die Ehe iſt das wahre Glück, die Beſtimmung des Weibes. Wer heißt Dich denn Dich von mir trennen? Hudelfeldt zieht zu uns, tritt als Compagnon ins Ge⸗ ſchäft ein und wir beide bleiben auf immer vereinigt. Und glaube mir, Kind, die glücklichſten Ehen ſind es zumeiſt, welche auf gegenſeitiger Achtung und zugleich auf der Berückſichtigung der Verhältniſſe baſirt ſind.“ Helene war aufgeſprungen, ihrem Vater um den Hals gefallen.„O Papa“, rief ſie, wenn Du mich lieb haſt—“ Der Vater ließ ſie nicht ausreden. Seine Miene war eiſig, ſein Geſicht noch blaſſer geworden, er machte ſich von ihr los, ſchob ſie wieder auf ihren Platz und 140 ſetzte ſich dann ihr gegenüber. In völlig verändertem Tone ſagte er: „Liebe Helene, ich werde die Komödie aufgeben; Du biſt ein verſtändiges Kind, ich will Dir die Verhältniſſe klar und bar, wie ſie ſind, auseinanderſetzen. Du biſt mein Augapfel, mein theuerſtes Gut, was ich auf Er⸗ den jetzt beſitze, ich würde Dich nimmer ohne Grund mit Herzensangelegenheiten geplagt haben, zumal ich aus Hudelfeldt's Reden, der mir ſeine innige Liebe zu Dir bei ſeinem letzten Hierſein geſtand, ſowohl wie aus Deinem Benehmen gegen ihn ſchon deutlich zu verſte⸗ hen glaubte, daß ihm Deine Liebe nicht gehöre. Ich habe ihn damals auch direct an Dich gewieſen und, als er den Schritt vor der Hand noch nicht wagen zu wol⸗ len ſchien, mich um die ganze Sache nicht weiter be⸗ kümmert. Nun aber merke auf, mein Kind. Du hältſt mich für einen reichen Mann. Solange ich es war, ſolange ich Dir noch eine ſorgenfreie Exiſtenz zu bie⸗ ten vermochte, würde ich Dich und alle Deine Wünſche berückſichtigt haben. Seit kurzem bin ich es aber nicht mehr. Durch das Scheitern zweier meiner Schiffe ſind mir große, ſchwere Verluſte zugefügt worden. Jetzt aber— ſeit heute ſtehe ich durch die gänzlich unerwar⸗ teten Falliſſements von zwei befreundeten auswärtigen Handelshäuſern am Rande des Verderbens. 141 An mehrere Geſchäftsfreunde, beſonders aber an Hudelfeldt's Vater, habe ich in der allernächſten Zeit bedeutende Summen zu zahlen, wozu ich gegenwärtig völlig außer Stande bin. Und darum wünſche ich Deine Verlobung mit Hudelfeldt zu beſchleunigen, denn ohne die Verbindung der beiden Häuſer bin ich ret⸗ tungslos verloren, während, wenn Du meinem Wunſche nachkommſt, dieſen Rettungsanker mir bieteſt, ſich mein Credit wieder hebt, ich Zeit gewinne und die alte Firma von neuem wieder in ſicherem, feſtem Glanze daſteht.“ „Aber, Papa, wenn es nur Zeit iſt, deren Du be⸗ darſfſt, um Deinen Verbindlichkeiten nachzukommen“, ver⸗ ſetzte angſterfüllt Helene,„dann ſetze Dich doch mit Herrn Hudelfeldt in Verſtändniß, lege ihm Deine Lage klar vor und bitte ihn, einige Tage zu warten; er iſt ja ohnehin unſer Verwandter, er—“ „Kind, das verſtehſt Du nicht. In Geldangelegen⸗ heiten gilt keine Verwandtſchaft, keine Freundſchaft. Für Hudelfeldt ſind große Summen in Gefahr, und je mehr ich ihn über meine Lage aufkläre, deſto mehr wird er ſein Geld gefährdet ſehen, deſto heftiger wird er auf prompte Zahlung dringen.“ „Und Du kannſt glauben, daß jetzt noch Hudelfeldt der Vater mich als Schwiegertochter begrüßen würde? 142 Jetzt, da ich keine reiche Erbin, da ich arm, vielleicht ohne Mitgift bin?“ „Du thuſt ihm Unrecht“, antwortete ihr Vater lang⸗ ſam.„Sei verſichert, Helene, ich habe Alles reiflich überdacht, ich weiß es beſtimmt, daß mein Plan gelin⸗ gen muß. Ich kenne Hudelfeldt, ich weiß, daß er Dich aufrichtig um Deiner ſelbſt willen liebt. Sobald eine ſolche Verbindung bevorſteht, ſobald die beiderſeitigen Intereſſen zuſammenwachſen, wird der junge Hudel⸗ feldt, der ein geſchickter Kaufmann iſt, auch wohl er⸗ kennen, welche Reſſourcen ihm die Beziehungen, die Mittel unſeres Hauſes bieten, wenn er nur vorerſt eini⸗ ges Kapital aufwendet, es zu ſtützen.“ „O mein Vater!“ rief Helene flehentlich, die thrä⸗ nenfeuchten großen Augen ſchmerzvoll zu ihm erhebend, „o Papa, warum den ſchnöden Reichthum erkaufen mit dem Glücke, dem Frieden Deines einzigen Kindes? O laß das Schickſal uns nur ſchlagen, was mag es uns ſchaden, wenn wir den Frieden der Seele, das reine Gewiſſen uns bewahren? Wie ich ihn verachte den Reichthum, der ſo wenig Glück und ſo viel, ſo entſetz⸗ lich viel Mißgeſchick über die Menſchen ſchon gebracht hat! Ohne das geringſte Murren will ich ihm entſa⸗ gen, will mich fortan mit fröhlicherem Herzen von mei⸗ ner Hände Arbeit ernähren, von den Kenntniſſen, die 143 ich mir erworben. Laß uns auf Gott bauen, Papa, er wird uns nicht verlaſſen in unſerer Noth!“ „Eitle Träume, thörichtes Kind“, rang der Vater hervor.„Du weißt nicht, was es heißt: entbehren, von ſeiner Hände Arbeit leben. Du weißt nicht, an Herrſchen und ſofortige Erfüllung Deiner Wünſche von früh auf gewöhnt, was dienen iſt. Laß die Klage, Helene. Höre ruhig an, was ich noch ſage, es ſei mein letztes Wort. Ich werde nicht weiter in Dich dringen. Zwang will ich Dir in keiner Weiſe anthun. Meine Wünſche kennſt Du, thue, was Du willſt, wozu Dein Herz Dich treibt. Das aber verſichere ich Dir, die Schande des Bankrotts werde ich nicht überleben. Der Himmel hat mich an die Spitze dieſes Hauſes geſtellt, gleichſam an das Steuer eines Schiffes; es iſt das ein ſchöner, aber auch ein ſchwerer, ſchwerer Poſten gewe⸗ ſen, und ich habe mein Leben lang dies Schiff nach beſten Kräften gelenkt. Mit dem ſinkenden Schiff ſinkt aber auch der Steuermann. Der Tag— das erkläre ich feſt und unwiderruflich, und Du weißt, daß ich halte, was ich gelobt— der Tag, an dem das Haus Dubois ſeine Zahlungen einſtellt, iſt auch mein letzter und Gott möge dann unſer beider Seelen ſich erbarmen. Wähle daher zwiſchen Hudelfeldt's Hand und dem Verluſt Deines Vaters. Bis heute Abend laſſe ich Dir Zeit 144 zur Ueberlegung, denn die Zeit drängt, es iſt ſchon in der letzten Stunde!“ Herr Dubois hatte dieſe Worte mit großer Heftig⸗ keit hervorgeſtoßen, und ſobald er geendet, ſtürzte er 6 raſch, ohne ſeiner Tochter Entgegnung abzuwarten, aus 4 der Thür. Es war Abend geworden. Die Sonne neigte ſich dem Ende ihrer Laufbahn zu, ein milder, kühlender Weſt wehte über dem Waſſer. Ein prächtiges Schau⸗ ſpiel iſt es, das ſich dem Auge bietet, welches droben von den Blankeneſer Höhen gen Weſten auf die breite, ſtromab ihm unbegrenzte Elbe hinabblickt; wenn dort das ſtrahlende Antlitz des Sonnengottes ſich immer mehr gegen die Waſſer ſenkt, ſich mit immer feurigerem, glühenderem Roth füllt, und dann der blaue Himmel ſich allmälig bis hoch empor vom ſanften Roſa bis zum tiefen Purpur färbt und die grauen Silberwolken dazwiſchen ſeltſam geſtaltet vom wunderſamſten Lichte beleuchtet werden. Allmälig ſcheinen die kalten Wo⸗ gen ſich die Glut anzueignen, die rothe Scheibe ſinkt immer tiefer und tiefer, ihre Strahlen verbreiten ſich weiter und zuletzt iſt die ganze Waſſerebene weithin von rother goldiger Glut angehaucht, es funkelt und glitzert und glänzt, und es iſt, als ob der weite nor⸗ diſche Strom ſich in ein Feuermeer verwandelt habe. 145 Dazwiſchen werfen die Körper der ruhenden und vor⸗ beifahrenden Schiffe auf dem Waſſer lange, rieſige dunkle Streifen. Auf dem Ufer iſt der Erdboden ſchon längſt in tiefen Schatten gehüllt, nur oben auf den Wipfeln der Bäume, an den Wänden der Häuſer mit den herrlich vergoldeten Fenſtern weilt noch die ſchei⸗ dende Erdenleuchte. Am Fenſter droben ſtand auch Helene und ſtarrte lange regungslos in die letzten Sonnenſtrahlen. All⸗ abendlich noch hatte ſie mit heißen Empfindungen die Scheidende gegrüßt, welche jetzt nach der andern Hemi⸗ ſphäre eilte, um dort andern Sterblichen und unter die⸗ ſen auch dem, welchem all ihr Denken und Empfinden gewidmet war, zu leuchten. Ach, wie ganz verſchie⸗ dene Empfindungen mußten das ſchwergeprüfte Herz jetzt beſeelen! Zu ihren Füßen dunkel beſchattet lagen die grünen Plätze, der Schauplatz ihrer heitern, ſorgenloſen Kind⸗ heit, dort lag auch der Ort, wo ſie das Herz des Man⸗ nes wiedergefunden hatte, dem das ihre ſo ganz und ungetheilt gehören ſollte. Die Zeiten waren dahin; immer tiefer und tiefer ſank die Sonne herab und mit der Sonne ſchien auch ihr letzter Hoffnungsſtern, ſchien ihr auch der Sonnenſchein des eigenen Lebens auf immer zu verſinken. Ferrari, Gettysburg. 10 146 Sie fühlte eine Hand leiſe ihre Schulter berühren; ſie wandte ſich um, und als ſie ihre Tante erblickte, eine alte würdige Matrone, welcher ſie von ganzem Herzen zugethan war und der ſie ihr völliges Vertrauen ge⸗ ſchenkt hatte, warf ſie ſich weinend in ihre Arme. „Armes, armes Kind“, ſagte die Tante weich, indem ſie Helenens Haupt an das ihre zog und die dunklen Haare mit der Hand ſtreichelte,„armes Kind, ich weiß es, was Dich quält.— Helene“, ſagte ſie dann nach einer langen, ſtillen, ſchmerzgefüllten Pauſe, in welcher ſie der Nichte Zeit gelaſſen hatte, dem gepeinigten Herzen durch heiße Thränen Luft zu machen,„Helene, faſſe Muth, mein armes Kind. Laß Dich nicht über⸗ wältigen vom Schmerze. Vertraue auf Gottes Segen, der dem ſchweren Opfer, welches Dein Herz jetzt der Liebe zu Deinem Vater bringen ſoll, ja gewißlich wer⸗ den wird. Sieh, ich kann mich in Deine Seele hinein⸗ denken, wenn ich auch um ſo viel älter bin als Du; denn auch in mir iſt die Erinnerung meiner eigenen Leiden noch lebendig, die ich in ähnlicher Weiſe, wie Du, durchgemacht habe und die, glaube mir, einen Ab⸗ ſchnitt im Leben faſt jedes Weibes bilden. Ach, die Welt iſt meiſt anders, wie unſere Träume ſie geſtal⸗ ten. Das allerdings iſt die trübſte Zeit, iſt der härteſte Schlag für unſer Herz, wenn wir dieſen Träumen ent⸗ 147 ſagen müſſen und uns jäh auf die graue Wirklichkeit hingewieſen ſehen. Eben dieſes aber in chriſtlicher Er⸗ gebung zu tragen, als Fügung Gottes hinzunehmen, iſt die ſchönſte Pflicht des Weibes, denn es iſt das ſchwerſte Werk deſſelben. Dulden, entſagen und wieder entſagen iſt ja unſer Loos. Helene, füge Dich in chriſtlicher Geduld in das für Deine Pflichten Unver⸗ meidliche, und Gottes Verheißung, die er der treuen Kindesliebe ſo tröſtend gegeben hat, ſie wird und kann für Dich nicht ausbleiben. Suche da droben Deinen Troſt, Du wirſt ſchon ſeiner hier auf Erden und völlig dermaleinſt im beſſern Jenſeits theilhaftig werden!“ Die Tante ſchwieg. Helene entzog ſich langſam ihren Armen. Drunten rollte ein Wagen vor, ſie ſah, es war der Vater, welcher erſt jetzt aus der Stadt zu⸗ rückkehrte. Die Sonne war geſunken und tiefe Däm⸗ merung herrſchte ſchon in dem großen ſtillen Gemache. Helene umarmte noch einmal in heißer ſtummer Aufregung die alte Frau, dann wandte ſie ſich los und ſchritt langſam ihrem Vater entgegen. 10* Dreizehntes Kapitel. Schon ins dritte Jahr hinein ſieht die alte Mutter Erde auf ihrem langgeſtreckten Theil, Amerika oder die neue Welt genannt, einen Krieg lodern, der an wilder, faſt unerſchöpflicher zäher Hartnäckigkeit, ja an grimmiger Wuth ohnegleichen daſteht in der Ge⸗ ſchichte unſerer Tage. Diesmal ſind es nicht die ſchlanken, braunen Söhne der Wildniß, die ihr väter⸗ liches Erbtheil mit Tomahawk und Bogen vertheidigen gegen die Donnerbüchſe der bärtigen Weißen; es iſt auch nicht der neugeborene Aar mit dem Sternenbanner in den Krallen, welcher in Jugendkraft den Tatzendruck des britiſchen Löwen abſchüttelt; nein, das freie Volk, unabhängig von Jedermann außer von ſeinen eigenen Leidenſchaften, kehrt die Waffen gegen ſich ſelbſt und vergießt ſein eigen Blut auf dem mühſam erworbenen Boden. Im heißen Monat Juli iſt es und glühende Strah⸗ len ſendet die Sonne vom tiefblauen Himmel herab auf den jungfräulichen Boden. Sie ſcheint auf eine prachtvolle Vegetation ſtarker, knorriger, dichtbelaubter, zum Theil auch durch allzu üppiges Wachsthum ab⸗ geſtorbener Bäume, rings verſchlungen und bewachſen mit den verſchiedenartigſten ſeltſam geſtalteten Lianen und Mooſen. Unter der hohen Zweige Schatten er⸗ heben ſich Tulpenbäume, Magnolien und Azaleen in voller, lachender, vielfarbiger Blüte, und zwiſchen den Bäumen und Geſträuchgruppen dehnen ſich Flächen aus mit hohem, dichtem, ſaftigem Prairiegraſe. In allen * Zweigen aber lebt es von unzähligen buntgefiederten Fliegenvögeln und Colibris, und aus dem Dickicht ertönt die helle Stimme des Spottvogels, der ameri⸗ kaniſchen Nachtigall, in ſeinem von allen europäiſchen Singvögeln ſo verſchiedenen neckiſch lockenden, lieblich höhnenden Geſange. Wahrlich, wer dieſe Gegend ſo ſähe in der Ruhe des Friedens, er ſollte das an des Phrat Ufern verlorene Paradies hier jenſeits des Atlan⸗ tic wieder aufgefunden wähnen! Doch Paradieſesruhe herrſchte nicht in dieſer ro⸗ mantiſchen Wildniß, wo die Waffen klirrten, der Ka⸗ 150 nonendonner dröhnte, wo zwei gewaltige Heere ſich bereiteten zum Kampfe der Entſcheidung. Der Gott der Schlachten war der gerechten Sache des Nordens auf dem Hauptkriegsſchauplatze bisher nur wenig günſtig geweſen.' Unbezwungen, ja in den meiſten Kämpfen ſiegreich hatten die Conföderirten der nördlichen Potomac⸗Ar⸗ mee in den Feldzügen der beiden verfloſſenen Jahre widerſtanden, und jetzt, im dritten, ergriff Lee, der Feldherr der Rebellen, George Waſhington's Enkel, nachdem er in den beiden furchtbaren Schlachten bei Fredericksburg und Chancellorsville die Angriffe der Nordländer blutig abgeſchlagen hatte, ſelbſt die Offen⸗ ſive und führte zum zweiten Male ſeine beuteluſtigen Völker nordwärts. Plündernd und brandſchatzend er⸗ goſſen ſich die conföderirten Schaaren durch den Skla⸗ venſtaat Maryland hindurch in den Rücken der Bundes⸗ hauptſtadt Waſhington bis in das Herz des Freiboden⸗ ſtaats Pennſylvanien. Groß war die Gefahr, ja faſt verloren ſchien jetzt die Sache der Union. Baltimore, Philadelphia und Waſhington waren gleichzeitig bedroht, die zahlreichen heimlichen Freunde der Rebellen im Norden triumphirten, ſie und die noch größere Schaar der Kleinmüthigen ſahen ſchon ſelbſt Neu⸗England im Beſitz der Rebellen. Der neue Oberfeldherr der Union, — 151 Meade, war vom Süden herbeigeeilt, das bedrängte Land zu ſchützen, alle waffenfähigen Bürger des Staates zur Vertheidigung ihrer Heimat aufgeboten werden. Dem gegenüber vereinigte denn auch Lee ſeine Schaaren, und nachdem er, Contributionen aller Art mit ſich ſchleppend, rückwärts hinter Gettysburg eine feſte Stellung genommen hatte, erwartete er dort ſtehenden Fußes ſeinen Gegner. 1 Das etwa war die politiſche und militäriſche Lage jener Tage. Das Schlachtfeld von Gettysburg ſei der Schauplatz dieſer Zeilen. Unter jenen oben erwähnten hohen Bäumen befand ſich jetzt das Lager eines jener vielen Volunteer⸗Regi⸗ menter deutſcher Nationalität, deren kräftiger Arm in dieſem Kriege ſchon zu ſo manchen Malen zum Bollwerke des wankenden Bundes geworden. Einige Schritte vor demſelben hält auf einem ſtolzen, rabenſchwarzen Rappen ein bärtiger Offizier und blickt durch ein Fernrohr auf⸗ merkſam hinüber zu den vom Feinde beſetzten Höhen. Es iſt Selbitz, unſer früherer Dragonerlieutenant, jetzt Oberſt und Commandeur desſ echsundvierzigſten Ohio⸗ Volunteer⸗Regiments. Die frühere glänzende Uniform iſt einem einfachern Anzuge gewichen, an dem nur die Waffen den Krieger verkünden. Ein dunkelblauer blou⸗ ſenartiger Rock, nur vorn von einigen blanken Knö⸗ 152 pfen geſchloſſen und von dem Säbelgurt zuſammenge⸗ halten, und hohe Reiterſtiefel bedecken ſeine Glieder. Das ſtolze Geſicht, von dem glänzend ſchwarzen Voll⸗ bart umrahmt, wird von der breiten Krempe eines mächtigen Filzhutes beſchattet. Der lange Säbel und der Revolver am Säbelgurt, die gezogenen Piſtolen in den Halftern bilden ſeine Bewaffnung, der grüne Fe⸗ derbuſch am Hut und die geſtickten Adler auf den Achſeln ſind die Abzeichen ſeiner Würde. 3 Das Glück war Selbitz in den anderthalb Jahren ſeiner amerikaniſchen Laufbahn günſtig geweſen, gün⸗ ſtiger, als er es nur hatte hoffen können. Anfangs als Adjudant angeſtellt, hatte er nach dem ſiegreichen Tage von Antietam, die Zwiſchenchargen überſpringend, durch Protection des Kriegsſecretärs das Oberſtenpa⸗ tent und mit dieſem das Commando eines neugebil⸗ deten Regiments erhalten. Nachdem er mit ſeiner Schaar faſt ein Jahr unthätig in und bei Waſhington gelegen hatte, unmuthig und verſtimmt, wie man ſich denken kann, hatte die Invaſion Pennſylvaniens ihm endlich die erſehnte Gelegenheit geboten, ſich Lorbeeren zu pflücken. Sein Regiment, dem erſten Corps der Meade“⸗ ſchen Armee zugetheilt, hatte ſchon geſtern vor Gettys⸗ burg in einem unentſchiedenen Gefechte gegen überle⸗ gene Schaaren ehrenvoll die Feuertaufe beſtanden, und — 153 jetzt, wo der Entſcheidungskampf, die Erſtürmung der feindlichen Poſition beginnen ſollte, ſtand es in der Linie, des Antheils an dem blutigen Ringen gewiß. Mochte ihn als ehemaligen deutſchen Offizier Man⸗ ches in den neuen Verhältniſſen verdroſſen, ja faſt an⸗ geekelt haben, ſein Herz ſchlug darum doch für die gute Sache, der er ſeinen Arm geliehen, ſeine Augen leuchteten in zuverſichtlicher Erwartung, ſeine Gedan⸗ ken träumten nur Sieg und Auszeichnung, Vorwärts⸗ ſchreiten nach dem erſehnten Ziele. Er dachte nicht an den Todesengel, der unerbittlich da drunten ſeine blutige Ernte halten, auch ihn vielleicht wegmähen würde in 5 der Kraft der Jugend. Aber war denn auch der Sieg 8 der Seinen ſo gewiß? Zwei Tage ſchon hatte der 8 Kampf unentſchieden getobt. Der Stoß, den die Uni⸗ onstruppen am vorgeſtrigen Tage geführt hatten, war mit dem Tode ihres Führers, des Generals Reynolds, mißglückt und vergebens hatten ſie geſtern in verſtärk⸗ ter Zahl jene waffenblinkenden Höhen dreimal zu ſtürmen verſucht, mit blutigen Köpfen hatten die Con⸗ föderirten ſie dreimal zurückgewieſen. Wer bürgte dafür, daß der heutige Tag günſtiger 54 enden würde? Wer bürgte, daß heute, ſobald die letz⸗ ten Kräfte des Heeres im heißen Sturme, von unge⸗ ſchickten Führern geleitet, vergeudet ſein würden, Ge⸗ —— —— 154 neral Lee ſich nicht auf die Erſchöpften ſtürzen, mit ſeinen wilden Schaaren, Verderben vor ſich her verbreitend, ſie zurücktreiben würde bis tief in das Herz des Nor⸗ dens? Vielleicht entſchied ſo der heutige Tag die Ge⸗ ſchicke der neuen Welt, vielleicht war mit ihm die Union auf immer zerriſſen, die Sache der Freiheit, der Humanität auf Jahrhunderte vielleicht verloren! Selbitz dachte nicht daran. Aufmerkſam überflogen ſeine Augen das von der Mittagsſonne beſchienene Schlachtfeld. Die Bundestruppen lagen auf den beſchriebenen bewachſenen Hügeln, denen gegenüber, durch ein breites, von jetzt niedergeſtampften Kornfeldern bedecktes Thal getrennt, amphitheatraliſch ſich die unbewaldeten, nur mit einzelnen Hecken durchzogenen Höhen erhoben, auf denen das Rebellenheer aufgeſtellt war, in weiten dunk⸗ len Linien mit wehenden Fahnen und blinkenden Ba⸗ jonetten, die Infanterie in zwei langen Ketten, zwi⸗ ſchen beiden in der Mitte die Reiterei und auf erha⸗ benen, das Thal beherrſchenden Punkten die Artillerie. Ueber die Berge hinüber zog ſüdwärts der lange Zug ihrer beutebeladenen Fuhrwerke. Heiter und luſtig ging es zu bei dem deutſchen Regimente. Die Keſſel brodelten, Lachen und Geſang, gleich als ſtünde ein Feſt bevor, ertönte, Kränze aus 155 bunten Waldblumen wurden, wie nach ſpartaniſcher Sitte, um die Hüte gewunden, und wohl nur Wenige von denen, welchen nicht vergönnt war, den Abend dieſes Tages zu ſchauen, mochten jetzt beſchäftigt ſein, an das ſo nahe Ende zu denken, ihre Abrechnung mit dem Leben zu ſchließen. Die einzige Ausnahme viel⸗ leicht machte der Major des Regiments, ein ehemaliger Schleswig⸗holſteiniſcher Offizier, welcher Weib und eine Menge Kinder in Cincinnati zurückgelaſſen hatte, die er von ſeiner Gage ernährte. Er hatte, aus einer kurzen Pfeife rauchend, ſich abſeits von den Uebrigen auf einem Baumſtamm geſetzt und las; es war der letzte Brief, welchen das treue Weib ihm ge⸗ ſchrieben. Offiziere und Soldaten lagen und ſaßen gemiſcht, faſt ohne Rangunterſchied da, der Würfelbecher klang und die Whiskyflaſche kreiſte. Eine beſonders dichte Gruppe hatte ſich um die Marketenderin unter dem hohen Ahornbaum gebildet. „Donnerwetter“, flucht ein Lieutenant, der kaum zwanzigjährige Sohn eines Arztes aus Cincinnati, „war das geſtern eine heiße Bataille. Aber wir haben den Kupferköpfen gut heimgeleuchtet, verdamm' mich Gott, das haben wir!“ Alle ſtimmen ein und Jeder weiß etwas Heldenhaftes zu erzählen von dem gehabten 156 Gefechte, nur ein alter Mann— die Chevrons auf dem rechten Arme machen ihn als Sergeanten kenntlich— brummt mißmuthig in den Bart:„Wos iſt's geweſen? Gor nirx iſt's holter geweſen. Von ſo a Gebalg, wo koane ocht Mann gefollen ſind, do broachen dos Maul nit ſo voll znehme. J bin geweſt bei Santa Lucia und bei Somma und bei Novara, wo wer de Wel⸗ ſchen geklopft allemol, wo wer ſie hobe getroffen und ſind drauf gonge, ols hoſte nit g'ſehn; dos wor holt gonz onders wie hier, wo wer nur hoben g'ſtonden und g'ſchoſſen hinter ſo a Fenz.“ „Na, Sergeant Mahlhuber“, antwortete der Lieute⸗ nant, ohne ſich gekränkt zu fühlen,„darum keine Feindſchaft. Kommt, wollen ein Glas trinken, daß wir's heute den Oeſtreichern gleichthun, he?“ Und die junge Marketenderin um die Taille faſſend, ruft er:„Lotty, mein Darling, thue mir die Liebe und reiche mir einen Trunk für mich und den Ser⸗ geanten.“ Lottchen, des ſechsundvierzigſten Ohio⸗Regiments Marketenderin, hatte, an den Baum gelehnt, dageſtanden und aus dem um die Schulter gehängten Brandyfäßchen den Soldaten die leer gewordenen Feldflaſchen gefüllt. Lottchen iſt ein hübſches Mädchen und das militäriſche Coſtüm ſteht ihr gut. Den Soldatenhut hat ſie ver⸗ —— — wogen auf die blonden Locken gedrückt und die blauen 157 Augen funkeln ſo recht trotzig hinein in die weite Welt. Ihr Vater iſt mit dem leeren Marketender⸗ wagen nach Gettysburg zurückgefahren und die junge Dirne ohne Furcht dem Kriegerhaufen auf das Schlacht⸗ feld gefolgt. Der zudringlichen Umarmung gegenüber wendet ſich Lottchen aber raſch um, und ein kräftiger Schlag brennt auf des kühnen Courmachers Wange.„Iſt das Gent⸗ lemans Manier, mit einer Lady umzugehen, Mr. Schu⸗ ſter?“ ruft ſie halb ſchelmiſch, halb ärgerlich, und der Beſchädigte lacht mit den Andern, denn das Schiller'ſche: „Ehret die Frauen!“ gilt in keinem andern Lande in der Ausdehnung wie in dem freien Amerika. „Gib mir auch ein Gläschen, Lotty“, ſagt ein klei⸗ ner, kaum dreizehnjähriger Tambour, die große Trom⸗ mel auf dem Rücken tragend. „Dummer Junge, ſchäm' Dich, trink' Waſſer, daß Du noch wächſt“, antwortet Lotty entrüſtet. „Ach was“, legt aber ein bärtiger Volunteer ſein Fürwort für den jungen Sohn des Mars ein,„gebt dem Jungen heut' eins, daß er ſich Holländermuth trinkt.“ Lotty gehorcht und ſchiebt die zwei Cents des Tam⸗ bours in ihre lederne Geldtaſche.„Aber Wetter! ſeht⸗ 158 Euch doch vor, Sanherib“, fährt ſie dann auf,„daß das Pferd mich nicht tritt.“ Sanherib, welcher mit ſeinem Namensvetter, dem Aſſyrerkönig, deſſen Vernichtung durch Jehovah's Blitze Byron beſungen, wohl wenig mehr als den Namen gemein haben mochte, iſt ein ſtarkknochiger Vollblutneger mit gutmüthigem, ſchwarzglänzendem Geſichte. Er fungirt als Reitknecht und Kammerdiener bei Selbitz und iſt, abgeſehen von einer kleinen Vorliebe für geiſtige Ge⸗ tränke, das Muſter eines Offiziersbedienten. Gegen⸗ wärtig hält er das zweite Pferd ſeines Gebieters am Zügel und beſchäftigt ſich gerade, es mit Maisbrocken zu füttern. „O Miß Lotty, bitte pardon“, antwortet er in gebrochenem Deutſch und tiefen Gutturaltönen;„no fear haben, Maſſa's Thier gutes Thier und nicht treten.“ Und Rib, wie er abgekürzt meiſt genannt wird, klopft wie zur Beſtätigung des Geſagten das Pferd zärtlich an den runden, glänzenden Hals. „Laßt uns eins ſingen“, ſagt ein bärtiger Volunteer und ſetzt ſchon das deutſche Soldatenlied„Morgen⸗ roth, Morgenroth“ mit tiefer lauter Stimme ein. Die Andern ſtimmen ein. Aber horch, was war das? Dumpf fängt auf einmal der Donner an zu rollen, von den gegenüberliegenden Bergen blitzt es, noch ein 159 Knall, noch einer, weithin hallt das Echo, das Ge⸗ töſe, die Kanonen der Rebellen fangen an zu feuern, an den Flügeln hat der Kampf begonnen. Ein Adjudannt kommt angeſprengt.„Angetreten!“ ertönt des Oberſten laute Stimme und in Colonne ordnet ſich das Regiment neben den aufgeſtellten Ge⸗ wehrpyramiden. Es iſt halb zwei Uhr. Immer lauter wird der Donner der Kanonen auf der ganzen Linie, bald knat⸗ tert unaufhörlich das Kleingewehrfeuer, die Plänkler der beiden Heere ſind auf einander geſtoßen, das blutige Drama beginnt. Die Truppen der Union ziehen vorwärts, die Re⸗ bellen haben ihre Vorpoſten eingezogen, auf dem gan⸗ zen Centrum bereitet man ſich zum Sturme. An dem deutſchen Regimente vorbei zieht ein anderes, es gehört derſelben Brigade an und der Ruf der Volunteers: „Hoho, Paddy!“ begrüßt die Söhne des grünen Erin mit ihren plumpen, rohen, aber gutmüthigen Phyſio⸗ gnomien und den langen, ungekämmten Haaren darüber. Hinter dieſen marſchirt eine Batterie, dann folgt Sel⸗ bitz ſelbſt mit den Seinen und neben ihm in gleicher Höhe ein anderes, ebenfalls deutſches Regiment, wäh⸗ rend neben den Iren noch ein amerikaniſches, das heißt, aus anglo⸗amerikaniſchen Offizieren und ge⸗ 160 miſchter Mannſchaft beſtehendes Regiment in präch⸗ tiger zuavenartiger Uniform vorrückt. Die Iren und das Nankee⸗Regiment, welche das erſte Treffen bilden, ſind unangefochten ſchon die An⸗ höhen hinuntergeſtiegen, jetzt überſchreiten ſie den klei⸗ nen, faſt ausgetrockneten Creek; die eigene Artillerie feuert auf die feindlichen Reihen, doch noch immer ge⸗ ſchieht hier nichts von ſeiten der Rebellen. Da aber auf einmal, als ob die Hölle ſie losgelaſſen, krachen von den Höhen die feindlichen Batterien und furchtbare Lücken reißen die Kartätſchen in die dichten Glieder. Stocken kommt in die Bewegung, die Regimenter ſuchen in Linie zu deployiren, um das Feuer mehr zu theilen. Eine zweite, noch furchtbarere Salve ertönt; ganze Reihen liegen wie niedergemäht auf dem Boden; der Brigade⸗ general, der die Ordnung herzuſtellen herangeſprengt iſt, iſt ſelbſt gefallen. Vergebens bemühen ſich die Offiziere, ihre Leute zum Weitervorrücken zu bewegen, trotz Alles Zuredens, Ermahnens, Drohens ſtockt die Bewegung. Da ſchallt durch den Donner der Kanonen gellend vom linken Flügel her ein tauſendſtimmiger Warnungs⸗ ruf. Aus der Schlucht, welche ſich in der Hügelreihe der feindlichen Poſition öffnet, ergießt ſich ein dunkler Strom, der, zu immer größerer Breite anwachſend, mit 161 bedrohlicher Schnelligkeit auf die Flanken der angrei⸗ fenden Infanterielinien ſich loswälzt. Die feindliche Artillerie ſchwieg jetzt und es ertönte dafür das dröhnende Geſtampf unzähliger Roſſeshufe, das Klirren von Stahl an Stahl, und ſoweit das Auge die heranbrauſende Flut überſehen konnte, ward es von dem Zlitzen gezogener Säbel getroffen. Es war die virginiſche Kavallerie, das Corps des gefürchteten Rebellengenerals Stuart, welches zur Attake vorging. Der erſte Stoß traf das iriſche Regi⸗ ment. Paddy iſt ein guter Soldat, das einzelne In⸗ dividuum hat alle Anlagen zum Helden, aber leider macht die ſo hervorſtechende Individualität die Iren in Maſſe ſchwer lenkſam. Dieſe Eigenthümlichkeit, welche hauptſächlich die unglückliche Nation unter die Barbarei der Briten gebeugt, richtete am heutigen Tage das brave Regiment zu Grunde. Freilich war es nur eine ſehr junge Truppe, und auch wohl eine ältere, geſchulte hätte hier kaum Zeit gehabt, die geeignete Stellung zur Vertheidigung zu nehmen. Bei dem Verſuche, Quarré zu formiren, entſtand angeſichts der nahen Gefahr ein wirrer Knäuel, und ſo ergoß ſich die feind⸗ liche Reiterei über das unglückliche Regiment hinweg, wie die Wogen des empörten Meeres über zertrüm⸗ merte Deiche. 8 ⁵ Ferrari, Gettysburg. 11 162 Das nächſte Regiment waren die New⸗Yorker Zua⸗ ven. Sie hatten Zeit gehabt, ein Viereck zu bilden, und was der verachtete Ire nicht gekonnt hatte, ge⸗ dachte der echte Yankee zu vollführen. Das Heranbrau⸗ ſen der Gewitterwolke ſchien aber doch Unruhe in der Bruſt der Söhne New⸗Yorks zu erregen. Nachdem ſie eine unregelmäßige Salve in zu großer Entfernung 4 gegeben hatten, kam Schwanken in die Glieder, und nur die Nähe eines Breterzauns und Gebüſches, hin⸗ ter die die haltloſe Menge ſich zu flüchten vermochte, rettete auch ſie vor der völligen Vernichtung durch die Roſſeshufe und die Pallaſche der ſiegjubelnden Reiter. Vierzehntes Kapitel. Entſetzen lag auf dem Heere der Union; hinter den Reihen der Reiter aber ertönten luſtig die Trompeten; ſie ordneten ſich wieder zum Angriff auf das zweite Treffen, um mit ihm die ganze Stellung zu durchbre⸗ chen, während feindliche Infanterie ſchon gefolgt war, den Erfolg zu nutzen. In wilder Flut ergoſſen ſich völlig aufgelöſte Haufen von Flüchtigen zurück über den Creek. Immer näher kamen die Reiter, die Bat⸗ terie ward genommen, eine Menge der Fliehenden ein⸗ geholt. Dem neuen Angriffe zunächſt ausgeſetzt ſtand jetzt das deutſche Regiment des Oberſten von Selbitz und aller Augen ruhten mit Erwartung auf dieſer Schaar. Unbehindert von dem feindlichen Geſchütz, welches ge⸗ 11* 164 ſchwiegen hatte, um nicht die eigene Kavallerie zu be⸗ ſchädigen, hatte der Oberſt vollkommen Zeit gehabt, Quarré zu formiren, und ritt nun langſam mit heiterem Geſicht und ermunterndem Zuſpruch um daſ⸗ ſelbe herum, während ſeine Krieger, die Büchſe feſt am Schenkel, ſich eng an einander ſchloſſen und blitzen⸗ den Auges, wenn auch pochenden Herzens, der Dinge harrten, die da kommen ſollten. „Niemand feuert ohne Commando“, befahl er,„und dann haltet tief, haltet auf das Pferd; liegt es, ſo liegt der Reiter dabei! Auf, laßt uns den Nankees zeigen, Kameraden, wo ein gutes deutſches Quarré iſt.“ Die Ruhe dieſer kaum neunhundert deutſchen Män⸗ ner ſchien der Reiterei doch aufzufallen. Nicht in voller Maſſe warfen ſie ſich ſogleich darauf, ſondern es ſtob eine Wolke von Plänklern aus einander, welche der umſichtige Führer vorauswarf, um das Feuer abzulocken, während langſam in dichtgeſchloſſenen Linien das Gros folgte. Ein junger Offizier mit ſüdlich dunklen Zügen ſtürmt voran auf prachtvollem Roſſe, Stolz und Todesver⸗ achtung ſprechen aus den blitzenden Augen, den zuſam⸗ mengepreßten Lippen.„Nimm den Kerl aufs Korn, Heinrich“, ruft ein Soldat drinnen dem andern zu. „Wer ſein Gewehr abdrückt“, ſchallt die klare Stimme 165 des Oberſten, welcher auf hohem Roſſe inmitten der Seinen hält, laut über die Reihe,„ehe ich commandire, den trifft die erſte Kugel meines Revolvers.“ Die Reiter kommen näher, ſie feuern ihre Revol⸗ ver und Karabiner ab, doch ohne irgendwie Schaden anzurichten. Der Offizier an ihrer Spitze ſprengt bis auf fünfzig Schritt vor, bittern Haß und Siegestrun⸗ kenheit in dem ſtolzen Antlitz.„Cowards, damned Dutch- man!“ ruft er laut gegen das Quarré. „Sergeant Mahlhuber“, ſagt jetzt Colonel Selbitz, mehmt Euer Gewehr und ſtopft doch da dem Prahl⸗ hans das Maul.“ Ein grimmiges Lächeln überflog des alten Kaiſer⸗ jägers Züge, als er ſeinen alten Stutzen, mit dem er ſchon ſo oft ins Schwarze getroffen, an die bärtige Backe zog. Als der Schuß krachte, ſah man den feindlichen Offi⸗ zier im Sattel wanken und ein Blutſtrom ergoß ſich aus ſeinem Munde. Als er nun rückwärts niederſank, bäumte das Pferd hoch auf und ſchleifte dann ſeinen Reiter, deſſen Fuß im Bügel ſtak, in wilden Sätzen auf dem Felde umher. Die Uebrigen aber kehrten, von der Nutzloſigkeit ihrer Bemühungen überzeugt, zu ihrem Gros zurück. Jetzt aber galoppirt die eine Hälfte des feindlichen Geſchwaders in langer Linie heran, die andere folgt 166 in Abſtänden von ein paar hundert Schritten. Der Boden dröhnt unter ihrer Roſſe Hufen, hagere, knochige Geſtalten ſind die Reiter mit von Entbehrungen zeugen⸗ den, ſonnverbrannten Geſichtern unter den breitkrempi⸗ gen Hüten.„Bulls Run! Bulls Run!“ tönt ihr Schlacht⸗ ruf, die Nordländer an die Niederlage mahnend, welche ſie vor zwei Jahren ihnen bereitet. Lautlos unbeweg⸗ lich ſteht das deutſche Regiment. Es ſind zwar nur junge Soldaten, aber doch zumeiſt Männer, welche mit der Axt in der einen und der Büchſe in der andern Hand der Wildniß Amerikas ihre Exiſtenz abzutrotzen gewohnt waren, im Herzen jene angeborene Kampfes⸗ luſt und den Sinn für militäriſche Ordnung, welche das deutſche Volk vor allen andern auszeichnen. Auf ſechzig Schritt etwa ſind die Rebellen jetzt her⸗ angekommen.„Die beiden erſten Glieder Feuer!“ ertönt Selbitz' lautes Commando. Faſt ein Krach erſchallt, dichter Pulverdampf um⸗ hüllt das Viereck. Als der Wind ihn forttreibt, zeigt ſich ein blutiges Schauſpiel. Menſchen und Thiere wäl⸗ zen ſich im gräßlichen Gemiſch auf dem Boden und reiterloſe Pferde jagen in wilder Aufregung um das Quarré.„Forward, boys!“ ruft der feindliche Führer, es iſt Stuart, der gefürchtete Reitergeneral der Con⸗ föderirten, ſelbſt, und todesmuthig, mit wildem Hurrah —— 167 ſprengen die Rebellen vorwärts den entgegenſtarrenden Bajonetten entgegen. Auf des Oberſten Befehl beginnen jetzt die Trom⸗ meln wild zu wirbeln, um die anſprengenden Pferde ſcheu zu machen. „O Gott, meine Mutter, meine Mutter!“ jammert der kleine Tambour Fritz, leichenblaß, mit wankenden Knieen und klappernden Zähnen.„Schäme Dich, Junge!“ ruft Lotty, deren Augen mit Zuverſicht und Vertrauen nach Selbitz ſchauen.„Weine nicht, ſchlage kräftig! Rib, halte Dein Pferd feſt, ſie kommen die Rebs, da! da! Heilige Jungfrau, ſtehe uns bei!“ Und das Mädchen reibt ſich vor dem Pulverdampf die Augen und dennoch ſieht ſie muthig der kommenden Gefahr entgegen. Durch einen Revolverſchuß getroffen, ſinkt ein Mann in der erſten Reihe der Deutſchen nieder, und ein Re⸗ bellenreiter, den übrigen bis auf zehn Schritte von dem Viereck voraus, will im verzweifelten Muthe die momentane Lücke benutzen und ſpornt ſein wider⸗ ſtrebendes Roß hinein, den andern eine Gaſſe zu ma⸗ chen. Schon ducken ſich die ſeitwärts Stehenden vor den Hufen des bäumenden Thieres, da kracht eine zweite Salve, noch furchtbarer als die erſte, und mit ihm ſtürzt das Thier, das in Todeszuckungen vorwärts zuſammen⸗ bricht, hinein in die Mitte des Fußvolks. Einen Augen⸗ 168 blick zum Glück haben die übriggebliebenen Reiter un⸗ willkürlich parirt.„Forward! Hurrah for old domi- nion!“ ruft ihr Führer und weiſt mit hochgeſchwunge⸗ nem Säbel den Seinen die Bahn. Die höchſte Gefahr iſt da, noch zwei Schritte, und die Conföderirten ſind im Quarré. Doch ſchon hat der Major Steinert, welcher zuvor vom Pferde geſprungen iſt, an den Armen ſeine Leute faſt gewaltſam herbeiziehend, die Lücke wieder geſchloſſen. Der Wall der Bajonnette ſtreckt ſich wieder dicht den Reitern entgegen, die, von allen Seiten das Viereck um⸗ faſſend, mit wildem Geſchrei jetzt die Pferde hineinzu⸗ ſpornen verſuchen. Aber ſcheu weichen die Roſſe ſeit⸗ wärts aus, und wie die Wogen der Meeresflut ſich an den Klippen brechen, ſo zerſchellen an der Feſtig⸗ keit der deutſchen Rekruten die kriegserprobten Geſchwa⸗ der des Südens. Die Nachfolgenden drängen auf die Vordern, doch vergebens; in wilder Unordnung jagen die Reiter zähneknirſchend um das Quarré, noch immer mit höchſter Bravour ſich abmühend, hineinzudringen, und ein Wall von Thier⸗ und Menſchenleichen hat ſich ſchon um daſſelbe gehäuft. Die beiden hintern Glieder. drinnen haben von neuem geladen, jeder legt an, ſo raſch er kann, und unaufhörlich blitzt jetzt das Feuer aus den Mündungen der Rifles. Kein Halten iſt mehr, 169 in jäher Flucht ſprengen die Gefürchteten zurück, die Körper der Gefallenen und Verwundeten laſſen ſie ihren Gegnern zurück und reißen auch das zweite Treffen der Ihrigen in wilder Unordnung mit ſich fort. Frei athmen wieder die Herzen in dem ſich jetzt aus dem Ringe von Sterbenden und Verwundeten lö⸗ ſenden Viereck, und manche Augen richten ſich nach oben im ſtummen Danke für die Errettung aus der dräuen⸗ den Gefahr. Kriegeriſche Märſche erklingen, neue Verſtärkungen, lange Ketten von Kanonen im raſchen Trabe voran, rücken vor, den Oberbefehlshaber, General Meade, von ſeinem Stabe umgeben, an der Spitze. Selbſt der Neid des Yankees muß hier der deutſchen Bravour Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen. Als Meade an das ſechsund⸗ vierzigſte Regiment kommt, zieht er grüßend den Hut und die Offiziere ſeiner Suite folgen ſeinem Beiſpiele. „Hurrah for the Union! antworten in lautem, tau⸗ ſendſtimmigem Rufe die deutſchen Kehlen. Freude blitzt aus des Colonel Selbitz Augen; an Stelle des vorhin gefallenen Brigadegenerals iſt ihm das Commando der Brigade übertragen worden, der Gene⸗ ralshut, eine ſonſt für deutſche Offiziere äußerſt ſeltene Auszeichnung in Amerika, iſt ihm ſicher, ſeine Ausſich⸗ ten auf eine glänzende Stellung im Weſten und damit 170 auf den Beſitz ſeiner Geliebten in der deutſchen Heimat ſcheinen ſich zu verwirklichen. Er eilt hin, die Reſte der beiden vorhin zerſprengten Regimenter der Brigade wieder zu ordnen, nachdem er dem Major zuvor das Commando der jubelnden Seinen übergeben hat, und dieſer führt das Regiment jetzt vor, über die Haufen der verwundeten Feinde, welche mit den eigenen Bleſ⸗ ſirten der Obhut der Aerzte überlaſſen bleiben. Die Schlacht dauerte ſchon mehrere Stunden fort, ohne Entſcheidung. Nachdem die Kavallerie der Re⸗ bellen geworfen, ſchien die Bataille eine Zeit lang in einen reinen Geſchützkampf ausarten zu wollen. Eine lange Linie von über hundert Kanonen hatten die Conföde⸗ rirten vor ihrer Front aufgefahren, eine nicht viel gerin⸗ gere Anzahl die Unioniſten ihnen gegenübergeſtellt, und ſtundenlang ſpieen unabläſſig ſo die Ketten ihrer Feuer⸗ ſchlünde auf einander. Zuletzt, als das Feuer der Bundesgeſchütze, welche in dem dreitägigen Kampfe ihre Munition ſtark ver⸗ ſchoſſen hatten, anfing ſchwächer zu werden, mochte Lee den geeigneten Augenblick gekommen wähnen, den ſchon ſo oft erfolgreich gewordenen Stoß ſeiner Infanterie aus⸗ zuführen, und faſt gleichzeitig war die ganze Schlacht⸗ linie des Südens, ihre Corpsgenerale Longſtreet, Hill und Ewell an der Spitze, unter wildem, weithallendem —— ——— 17ʃ1 Hurrahſchreien vorwärts geſtürmt. Die Unionsinfan⸗ terie war ihnen in das Thal entgegengegangen, wie dunkle Gewitterwolken die beiden Heeresmaſſen gegen einander geſtürmt. Hin und her hatte der Kampf ge⸗ wogt, an keinem Punkte war es zur ordentlichen Ent⸗ ſcheidung gelangt, bis zuletzt die Conföderirten ſich un⸗ gebrochen wieder auf ihre Höhen zurückzogen. Nun endlich gab auch Meade ſeinerſeits den Befehl zum Vorrücken, zum allgemeinen erneuten letzten Sturme gegen die feindliche Stellung. Selbitz hatte ſeine Brigade, die inzwiſchen in Re⸗ ſerve geſtanden, geordnet. Sein und das andere deutſche Regiment, welches ebenfalls dem wenn auch weniger heftigen Anprall der Reiter widerſtanden, bilden ihr erſtes, das vorhin geworfene Regiment ihr zweites Treffen. Von ſeinem Adjutanten und dem treuen San⸗ herib gefolgt, reitet er hinter den in Linie entwickelten Seinen, welche mit wehenden Fahnen, klingendem Spiel, Trommel⸗und Pfeifenklang und trunkenem Hurrahgeſchrei vormarſchiren. Im Kanonenfeuer geht es vorwärts, doch die Conföderirten ſchießen zu hoch, die Kugeln ge⸗ hen ihnen über die Köpfe. Der Muth hebt ſich.„Sie können nicht treffen, die Rebs“, heißt es ſpottend.„Vor⸗ wärts auf die verdammten Hunde, ehe ſie beſſer zielen, drauf!“ Gebete und Flüche, rohe Späße und bange 172 Seufzer durcheinander tönen in den dichten Reihen. „Vorwärts!— Immer weiter!— Rühr' die Schlägel, Tambour, und zittere nicht! Vorwärts!“ Sie kommen an der Stelle vorbei, wo vorhin das iriſche Regiment ſeine Niederlage erlitten. Stöhnend in gräßlicher Qual liegen die Verwundeten durch ein⸗ ander mit Sterbenden und Todten. Faſt alle ſind von ſüdlichen Fußſoldaten, welche vorhin dem Choc der Reiter gefolgt waren, bis aufs Hemde ausgeplündert worden, eine von den Rebellen bei ihrem Mangel an Montirungsſtücken faſt in jedem erfolgreichen Treffen angewendete Grauſamkeit. Jetzt aber beginnen die feindlichen Kugeln zu treffen und reißen tiefe blutige Lücken in die Glieder. Immer neue Gefallene decken den Boden, doch unaufhaltſam geht es vorwärts; über die Leichen der Vorderleute hinweg ſteigen die Nachfolgenden, und das Schmerzens⸗ geſtöhn, die letzten Seufzer der Sterbenden übertönend, klingt hinter der Front das luſtige„Vankee doodle“. Gräßlich, fürchterlich iſt der Krieg, der die Menſchen unempfindlich macht für die Qualen ihrer Mitmenſchen, ſie— Gottes Ebenbilder— in wildem Taumel vor⸗ wärts peitſcht über offene Gräber, dahin zum blutigen, ſchlächterhaften Gemetzel der eigenen Brüder, der jedes menſchliche Gefühl in der Bruſt betäubt, ſelbſt Froh⸗ — 173 locken, wenn auch meiſt nur heimlich und kaum bewußt, weckt über den Fall der Seinigen, wenn er ihm ſelbſt vorwärts hilft, ihm Ehre und Avancement ſchafft. Wo der Krieg naht, da fliehen die guten Engel, fliehen Tugend und Frieden, Arbeitſamkeit und häusliches Glück, und mit flatternden Schlangenhaaren folgen die Furien Haß, Zwietracht, Verzweiflung, folgen die Dä⸗ monen mit der Brandfackel und die Geißeln des Ty⸗ phus ſchwingend in den furchtbaren Krallen! O daß jene, welche leichtſinnig, von ſchnöder Ruhm⸗ und Ehrſucht getrieben, den Krieg hervorgeſtampft, das Uebel, das nur ſanctionirt iſt, wenn es für die heiligſten Rechte, für die Freiheit, für die Exiſtenz einer Nation, für das Wohl ganzer kommender Geſchlechter⸗ reihen einer einzelnen Generation aufgelegt wird, daß ſie auf ſolch ein Schlachtfeld kämen, rauchend von Blut, von zerfetzten Leichnamen bedeckt, von Jammer und Wehklagen, Flüchen und Gebeten erfüllt, daß ſie dann einträten in die Lazarethe, dort die Verſtümmelten ſä⸗ hen und die noch ungleich zahlreichere Menge jener, in deren Gebein das Fieber raſt, aus deren hohlen, eingefallenen Geſichtern der Tod ſpricht, und draußen vor der Thür die Klagen der Wittwen, der Waiſen hörten, denen der Krieg ihre Gatten und Väter, ihre Verſorger gefreſſen hat; wenn ihr Herz nicht ſchon 174 wöllig verſteint iſt, ſo wird, ſo muß es ihnen fortan brennen in Höllenqualen, gräßlicher, wie Dante's Hölle ſie zu malen vermocht hat. Im Sturmſchritt den Bundestruppen entgegen rückt die Anhöhen hinab die feindliche Infanterie; es ſind die Kerntruppen der Conföderacy, das Stonewall⸗ Jackſon'ſche⸗Corps, jetzt von Ewell geführt nach dem Tode des Bayard des Südens. Kavallerie zu Fuß iſt der ſtolze Name, den jenes Corps in dem Heere Lee's wegen ſeiner unerſchöpflichen Bravour, ſeiner un⸗ ermüdlichen Schnelligkeit trägt. Auch von drüben her erſchallt wild aufregend, die dunklen Schaaren zu lautem Jauchzen begeiſternd, die Muſik, es iſt das„Dixie“, das Nationallied des Südens, was ſie ſpielen. Im ſchnellen, gleichmäßigen Schritte unter lautem Geſchrei„Bulls Run“ und„Stonewall, Stonewall!“ mar⸗ ſchiren die Gegner vorwärts, die Musketen auf der Schulter; ſobald ſie etwa hundert Schritte von der Front der Deutſchen angekommen, machen ſie Halt und überſchütten mit einer Gewehrſalve die vordrin⸗ gende Brigade. Die Wirkung iſt ſchrecklich. Wohl Hunderte ſtürzen, unter ihnen Major Steinert, der Führer des ſechsundvierzigſten Regiments.„Mein Weib, mein armes Weib!“ ruft er und ſinkt todt vom Pferde. 175 Beſtürzung ergreift das Regiment, ein Stocken, ein Schwanken entſteht, und ſchon ſtürzen die Conföderirten heran mit wildem Geheule. Selbitz, welcher links hinter dem andern Regi⸗ mente der Brigade ritt, erblickt mit ſcharfem Auge die drohende Gefahr bei den Seinen. Raſch ſprengt er heran, entreißt dem Fahnenträger das Sternenbanner, und es in den Lüften ſchwingend hoch zu Roß, ſprengt er vor die Linie der Seinen. Neue Begeiſterung er⸗ füllt die wankenden Gemüther.„Vorwärts, vorwärts!“ tönt es von neuem. Jetzt ſtoßen die beiden Linien auf einander, grim⸗ miger Haß auf der einen, zähe Entſchloſſenheit auf der andern Seite. Mit Bajonetten, mit Kolben, mit Fäuſten geht es drauf, einer nach dem andern ſinkt, immer fort dauert das furchtbare Gemetzel. Da trifft mitten in die Bruſt ein Schuß aus unmittelbarſter Nähe den Oberſten. Noch mit dem Ruf:„Vorwärts!“ ſinkt er vom Pferde. Als ſie den jugendlichen Selbitz fallen ſehen, er⸗ greift ſtatt Niedergeſchlagenheit furchtbare Wuth die Seinen. Das eigene Leben mißachtend, dringen ſie vor, um das des geliebten Führers zu rächen. Die Rebellen beginnen zu weichen; vergebens ſuchen ihre Offiziere, den Degen in der Hand, ſie anzuſpornen; ſie 176 können dem Andrange nicht widerſtehen, ſie wanken, ſie fliehen— der Stoß iſt gelungen, der Kampf gewon⸗ nen! Mit Hurrahgeſchrei folgen die deutſchen Volun⸗ teers, ihnen nach, die Lücke, welche deutſche Arme ihnen gebahnt, benutzend, rücken die amerikaniſchen Regulären. Die Höhen werden genommen, das ſechsundvierzigſte Ohio⸗ Regiment war das erſte, das ſie erſtiegen. Das feindliche Centrum iſt durchbrochen. Vergebens führt General Lee in Perſon neue Verſtärkungen heran, um das Treffen wiederherzuſtellen. Die Schlacht iſt für die Confö⸗ derirten unrettbar verloren. Die Union hat geſiegt und nach einer Stunde— die Uhr iſt ſechs— ertönt drüben lauter Hörnerklang, das allgemeine Signal zum Rück⸗ zuge. Unter den Haufen von Todten und ſchwer Bleſ⸗ ſirten, welche den leer gewordenen Kampfplatz decken, liegt, in der Rechten noch das Sternenbanner, welches ſein Arm hatte zum Siege führen helfen, der deutſche Oberſt Selbitz. Sein Kopf ruht in dem Schooße der jnngen Marketenderin und zu ſeinen Füßen kniet jam⸗ mernd der treue Sanherib. „Maſſa“, ruft er klagend,„Maſſa, lieb Maſſa, aufwachen, leben! Was ſoll werden aus poor Rib, oh!“ „Sei ſtill, Rib“, ſagt Loky.„Horch, er redet!“ 177 Selbitz ſucht ſich zu erheben, ſeine Augen glänzen, ſeine Lippen bewegen ſich, doch ohne zu ſprechen. Er fällt zurück. Noch ein letzter, tiefer Athemzug, die Seele ſcheint auf immer entflohen.„Oh Lord, have mercy upon his soul!“ ſtammelt, eine methodiſtiſche Hymne anſtimmend, Sanherib, dem die hellen Thränen über die ſchwarzen Backen rieſeln. Von der Ferne her ſchallten noch einzelne Kanonen⸗ ſchüſſe. Allmälig ward es ſtill im Thal. Die Conföde⸗ rirten flohen in wilder Haſt, faſt zwanzigtauſend Todte und Gefangene, eine Menge Kanonen und Wagen mit geraubter Beute in den Händen der Sieger laſſend. Nur der Mangel einer kräftigen Verfolgung rettete wahrſcheinlich ihr Heer vor gänzlicher Vernichtung. Als der folgende Tag, der vierte Juli, der Tag der Unabhängigkeitserklärung Amerikas, anbrach, war kein geordneter Heerhaufen der Rebellen mehr dieſſeits des Potomac und die Kunde von der gewonnenen Schlacht, verbunden mit der Nachricht der faſt gleichzeitig durch den General Grant bewirkten Einnahme des ſüdlichen Gibraltar, Vicksburg, erfüllte den ganzen Norden mit Jubel und Begeiſterung. Das Schlachtfeld von Gettysburg bezeichnet den Wendepunkt des Glücks der Südländer, von da an folgte Unfall auf Unfall ihren Waffen. Immer mehr Ferrari, Gettysburg. 12 ———— 178 eingeengt wurde ihr Gebiet, immer ſchwächer ihr Heer. Mit eiſerner Beharrlichkeit ſetzten die Nordländer den Krieg fort. In den blutigen Kämpfen bei Wilderneß widerſtand der tapfere Lee noch einmal glücklich den Angriffen Grant's. Der kühne Zug Sherman’s in das Herz der conföderirten Staaten folgte aber bald, und nach faſt vierjähriger Dauer des Kriegs gab die Capi⸗ tulation Lee's vor ſeinem ehemaligen Schulkameraden Grant dem heimgeſuchten Lande den Frieden, vier Mil⸗ lionen geknechteten Negern aber die Freiheit. Man hat in Europa über das amerikaniſche Volk vielfach geringſchätzig und höhnend geurtheilt und noch jetzt werden die dortigen Verhältniſſe nur wenig richtig gewürdigt. Noch immer gefällt man ſich bei uns darin, das junge Land durch eine ſchiefe Brille zu betrachten, welche die unleugbaren Mängel, die der aufſtrebende Staat gegenüber unſern ſtabilen Zuſtänden nothwendig haben muß, vergrößert und verzerrt hervortreten, ſeine Ueberlegenheit aber verſchwinden läßt. Auch der Se⸗ ceſſionskrieg hat viel, dazu dienen müſſen, Spiegel⸗ bilder abzugeben, in welchem man nur koloſſale Feig⸗ heit und Betrügerei auf der einen Seite, auf der an⸗ dern aber nur ritterlichen Patriotismus erblickte. Wer indeß ehrlich und unparteiiſch die Geſchichte dieſes Bürgerkriegs betrachtet und mit ähnlichen Beiſpielen 179 aus der Geſchichte Europas vergleicht, kann nicht um⸗ hin, Dreierlei rühmend, ja bewundernd hervorzuheben: einmal die gewaltige und durch keinerlei Unſtern zu erſchütternde Energie, mit der die Union, von dem hochherzigen Lincoln gelenkt, den Kampf fortſetzte, kein Geld und keine Menſchenopfer ſcheute, die politiſche und ſtaatliche Einheit der Union wiederherzuſtellen; dann die Ruhe und Ordnung, womit die mächtigen, nach Hunderttauſenden zählenden Heere, ſtatt eine Säbelherrſchaft zu beginnen, ihre Waffen niederlegten und ruhig zu den Geſchäften des Friedens zurückkehrten, und endlich die, ſeitdem die Welt ſteht, in republika⸗ niſchen wie monarchiſchen Staaten unerhörte Milde und Mäßigung, mit der die Sieger den Beſiegten be⸗ handelten. Keine Hinrichtungen, keine Einkerkerungen der Leiter der Rebellion beſiegelten den Triumph der Union. Die Meuchelmörder Lincoln's waren die Ein⸗ zigen, welche auf dem verdienten Schaffot ihr Ver⸗ brechen büßten. Niemand außer dem Präſidenten der Südſtaaten Davis iſt überhaupt zur Verantwortung gezogen worden und dieſer eigentlich nur wegen der Anklage der barbariſchen Mißhandlung von Kriegs⸗ gefangenen. Will man daneben noch die Chrlichkeit anerkennen, mit der die vereinigten Staaten jetzt der Bezahlung ihrer zu Wucherzinſen contrahirten Kriegs⸗ 12* 180 ſchulden ſich unterziehen, ſo ſind das, denken wir, Alles wohl Momente, welche dem aufblühenden Staate eine hohe Zukunft zu verbürgen ſcheinen, nicht aber ein Volk von Dieben, Betrügern und herzloſen Heuch⸗ lern kennzeichnen. Von den blutigen Kampfſcenen in der neuen Welt wenden unſere Blicke ſich wieder zurück nach der deut⸗ ſchen Heimat. Während die neue Erde ſich durch vier Jahre mit Blut düngte, grünte, kaum unterbrochen, über unſerm Vaterlande ſeit einem halben Jahrhundert die Palme des Friedens fort. Mag auch die kriegs⸗ und thaten⸗ luſtige Jugend oft ungeduldig darüber geworden, viele von ihnen deshalb drüben in der Fremde nach Raum für ihres Armes Kraft geſucht haben, unter jener Palme ſchirmendem Dach wuchſen doch ſtetig Bildung und Geſittung, nahmen Induſtrie, Handel und Acker⸗ bau einen mächtigen, zuvor nie geahnten Aufſchwung⸗ Mit bängſter Ahnung ſah daher vor wenigen Jahren die Nation das Unwetter heranziehen, welches auch über unſere deutſchen Lande die Greuel eines Bruder⸗ kriegs zu bringen drohte. Der Gott droben hat es noch gnädig gelenkt. Raſcher, wie der Meiſten Hoff⸗ nungen ſich wohl träumten, hat das blutige Drama ſich abgeſpielt. S ———— —— 1 181 Auch die Armee, welcher das Regiment, dem wir im Beginn der Erzählung unſere Perſonen entnommen, angehörte, traf die Wucht der Ereigniſſe. Um ihren Fürſten geſchaart, eilfertig, unvorbereitet zum Kriege, zog ſie aus, das eigene Land verlaſſend, um durch Thüringens Gaue den Weg nach dem Süden ſich zu bahnen. Der blutige Kampf von Langenſalza lebt noch friſch in der Erinnerung. Das Regiment, in welchem der Held dieſer Erzählung einſt gedient hatte, war eins der älteſten und ruhmvollſten jener Armee. Viele Lorbeeren hatte es ſich unter des eiſernen Her⸗ zogs Augen auf Hispaniens ſonnigen Feldern errungen, hatte bei Waterloo mit den preußiſchen Kampfesbrü⸗ dern wetteifernd in höchſter Auszeichnung den franzö⸗ ſiſchen Panzerreitern widerſtanden. Auch in dieſem traurigen Streite hat es ſeine Ehre rein und makellos bis zum Ende zu bewahren gewußt. Schon mehrere Stunden hatte die Schlacht gewährt, und es war Nach⸗ mittag geworden, als das Regiment den Befehl erhielt, die preußiſche Infanterie anzugreifen und zu ſprengen. Den ſchweren Auftrag hat das Regiment ausgeführt und ſich bewundernde Anerkennung bei Freund und Feind damit erworben. Vor den geſprengten preußi⸗ ſchen Vierecken ſanken neben vielen andern ihrer Kame⸗ raden auch der Rittmeiſter von Hackelberg und der 182 Korporal Schaper.— Von dem traurigen Tage an, an welchem dann die Ueberlebenden Roß und Waffen abliefern, den Stecken in der Hand zurück in die Hei⸗ mat wandern mußten, will ich ſchweigen. Nicht rechten wollen wir mit dem Geſchehenen; Königgrätz iſt eben Gottesurtheil! Iſt auch manch hoffnungsvolle Saat in jener kurzen Zeit gemäht oder geknickt, manch kräftiges Leben unerbittlich ausgelöſcht worden, hat der Aus⸗ gang auch manches Einzelnen Pläne und Entwürfe ſcheitern gemacht, wenn es nur zum Heil des großen ganzen Vaterlandes geſchah! Mögen aller Wunden bald vernarben und neues Leben erblühen aus den Ruinen! Wenn Du die Blume ihrem Heimatsorte entreißeſt, dem Schatten des Waldes, dem Thau des Himmels und der belebenden Sonne entziehſt, um mit ihrem lieblichen Geruch und der Pracht ihrer Farben Dein Zimmer zu verſchönern, ſo kann ſie wohl eine Zeit lang blühen und duften, aber der Kern ihres Lebens iſt zerſtört, die freudige Kraft ihres Wachsthums iſt gebrochen, ſie kränkelt, welkt hin, in Sehnſucht nach der würzigen Luft der Freiheit, langſam und geduldig. Klagend nur durch die Haltung der Demuth, fällt ſie dem zum Opfer, der ſie ihrer Reize wegen geraubt. ͤͤ 8.— 183 Was für die Blume friſche Luft und Sonne, iſt für das Weib die Liebe! Wird die Jungfrau dem älterlichen Hauſe, in wel⸗ chem ſie heranblühte, durch die rauhe Hand des Schick⸗ ſals entzogen und an einen Mann gefeſſelt, welchen ſie nicht liebt, ſo kann wohl das Bewußtſein ihrer Pflicht, die Kraft ihrer Tugend, welche ſo mächtig iſt im Weibe, ihr Halt verleihen, und ſie wirkt immerhin ſegnend und verſchönernd in dem Hauſe, welches ihr Kerker ward. Aber die belebende Wärme, der göttliche Hauch der Liebe durchzieht ihr Herz nicht, und ſie ſenkt ihr Haupt, ruhig, traurig; kalt erfüllt ſie ihre Pflich⸗ ten, ihr Leben iſt ja ein langſam Sterben nur. Als Helene das Opfer gebracht hatte, welches ihren Vater vor Schande rettete, ſie in Hudelfeldt's Haus als deſſen Gattin eingezogen war, glich ſie der Blume, die dem Abſterben verfallen iſt. Sie war ein treues, freundliches Weib. Mit der weichen Hand zäärtlicher Sorgfalt waltete ſie über Allem, was ihr unterſtellt war, und machte ihrem Manne nach Kräften das Leben angenehm. Aber glücklich war ſie nicht und ihr Gatte wagte ſelbſt nicht, es zu ſein. Bisweilen, wenn er, ſie in ſeine Arme ſchließend, zärtlich ſeine Lippen auf die ihren drückte, begegnete ſeinem Blick der trübe Schimmer einer unendlichen Traurigkeit in 184 ihren Augen und dann durchſchauerte ihn eine Ahnung ihres Leidens. Er umgab ſie mit allen Annehmlich⸗ keiten, welche ſeine Verhältniſſe ihm geſtatteten. Er warb nach ſeinen beſten Kräften um ihr Herz auch in der Ehe, wie vor derſelben, aber erreicht wurde durch dieſe Anſtrengungen von beiden Seiten doch nur ein Daſein, von welchem die Leute ſagten:„Das iſt ein muſterhaftes Ehepaar.“ So konnte es kaum ein Unglück für Helene ge⸗ nannt werden, als nach zwei Jahren gleichmäßigen, pflichttreuen Lebens wieder eine höhere Hand in ihre Exiſtenz gewaltſam eingriff und ſie zur Wittwe machte. Ein tückiſches Fieber raffte in wenigen Tagen ihren Mann hinweg. Da der Vater Hudelfeldt's noch lebte, ſo ſtarb der Sohn mit Hinterlaſſung eines nur ge⸗ ringen eigenen Vermögens, welches der Wittwe eine nur ſehr beſcheidene Exiſtenz gewährte. Leiſe rannen die Thränen über Helenens bleiche Wangen herab, wenn ſie in dem kleinen Garten des beſcheidenen Hauſes am Strande, welches ſie ſtatt der frühern prachtvollen Villa mit ihrem Vater zuſammen bewohnte, unter dem großen Lindenbaume, ihrem Lieblingsplätzchen, ſaß und das Glück überdachte, welches ihr hätte werden können, aber deſſen ſie Gott nicht gewürdigt hatte. Noch immer lag ein jungfräu⸗ „ 185 licher Schimmer tugendhafter Reinheit auf den feinen Zügen der jungen kinderloſen Wittwe, nur war ihr Blick ernſter geworden, und einem Schleier gleich ruhte das Nachdenken auf ihrer Stirn. Allein zu ſein iſt ſchwer, ſchwerer noch wird die Einſamkeit durch die Erinnerung deſſen, was da war, was da iſt, was da ſein könnte. Wo war jener Mann, das immer noch geliebte Bild ihres Herzens? Hatte ihn, der wie das ſichtbare Verhängniß, das eherne Fatum ihren Lebensweg einſt durchkreuzt und ihm eine neue Rich⸗ tung gegeben hatte, gleichfalls ein trauriges Geſchick getroffen, oder lebte er glücklich? Vielleicht weilte er in den Armen eines geliebten Weibes, und das arme Mädchen in der deutſchen Stadt war ganz vergeſſen oder lebte nur noch zuweilen matt auf in ſeiner Erin⸗ nerung, ein blaßgefärbtes Bild thörichter Jugend⸗ liebe. Arme Blume, der Sonne beraubt und des frucht⸗ baren Bodens, kann der Strahl des allbelebenden Ge⸗ ſtirns und der Thau des Himmels Dich noch wieder zu neuem Leben erwecken? Fünfzehntes Kapitel. Im Herbſte des Jahres 1866 war der Senat der ge⸗ waltigen Handelsſtadt in großer Bewegung, denn es war in einer wichtigen handelspolitiſchen Frage ein Abge⸗ ſandter des Präſidenten Johnſon erſchienen. Eine im⸗ ponirende Geſtalt trat in den Sitzungsſaal der regie⸗ renden Herren, hoch, ſtolz, gebräunten Geſichts, mit dunklem Vollbart. Nachdem der vorſitzende Bürger⸗ meiſter die Vollmacht durchleſen, welche ihm der Ame⸗ rikaner überreicht, ſagte er in verbindlichem Tone: „Es iſt eine beſondere Artigkeit des Herrn Präſidenten und hoffentlich eine gute Vorbedeutung für den Ab⸗ ſchluß unſerer Verhandlung, daß uns ein Deutſcher die Vorſchläge ſeines Kabinets überbringt. Der Name 187 Selbitz deutet auf Ihre Abſtammung von einer deutſchen Adelsfamilie, Herr General.“ „Sie haben Recht, Herr Bürgermeiſter, ich bin ein Deutſcher“, erwiderte der Angeredete. Nach Empfang der gefährlichen Wunde, welche ihn in der Schlacht von Gettysburg niedergeworfen hatte, war ſein Leben lange in Gefahr geweſen und es hatte all der aufopfernden Pflege bedurft, welche außer der Sorge der Aerzte ihm von ſeiten des treuen Sanherib zu Theil ward. Als er aber geneſen war, wand die Erinnerung an ſeine Thaten um dieſes bleiche Haupt, welches ſchon dem Tode verfallen ſchien, den Lorbeerkranz. Zwar konnte er an dem Ende des Krieges nicht mehr Theil nehmen und das Commando der Brigade, welche ihm auf dem Schlachtfelde über⸗ geben war, nicht vor Richmond führen, aber die An⸗ erkennung des Präſidenten Lincoln verſchaffte ihm mit dem Range eines Generals eine ehrenvolle Stellung im Miniſterium des Aeußern. Selbitz hatte ſeine jetzige Miſſion ſich erbeten. Wenn er auch Deutſchland verlaſſen hatte im Unmuth über die Verhältniſſe, welche ihn dort bedrückten, und um dem Leide zu entfliehen, welches die eigene Schuld ihm aufgebürdet, ſo lebte doch in ſeiner Seele das Vater⸗ land noch in allem Reize, den die theure Heimat hat, ————— 188 und, ohne daß er ſelbſt es ſich geſtehen mochte, noch ein anderes Bild in ihm, ein Bild, deſſen zarte Um⸗ riſſe mit glühendem Griffel in ſein Herz gegraben waren. Sobald Selbitz den Aufenthalt derjenigen erfahren hatte, zu welcher die Liebe ihn unwiderſtehlich zog, machte er ſich pochenden Herzens auf den Weg, ſie aufzuſuchen. Er nahm einen Wagen, um in die Vor⸗ ſtadt hinauszufahren, doch bald ſtieg er wieder aus und entließ den Kutſcher. Er zog es vor, den herr⸗ lichen Abend zu einem Spaziergange zu benutzen, auch dachte er im Gehen ſeine Gedanken beſſer zu ſammeln. Denn jetzt, bei dem nahe bevorſtehenden Wiederſehen des Weſens, mit dem ſich ſeine Seele immer beſchäftigt hatte, ſchien ihm zu ſchwindeln und er hatte Mühe, ſeinen Muth aufrecht zu erhalten. Unterwegs reute es ihn faſt, daß er ſeinen Beſuch nicht lieber hatte anmelden laſſen, denn er fürchtete durch ſein plötzliches Erſcheinen Beſtürzung hervorzu⸗ rufen. Er hielt inne, er überlegte. Endlich ſchritt er weiter, er wollte die Entſcheidung nicht länger ver⸗ ſchieben. Jeder Augenblick, wo er, ihr nahe, ſie doch nicht ſehen könne, ſchien ihm ein Verluſt. Als er das kleine Haus erreichte und im Flur nach Herrn Dubois fragte, erhielt er die Antwort, dieſer ———— — t. 6 189 ſei nicht zu Hauſe; ſeine Tochter Helene befinde ſich im Garten. Er durchſchritt das Haus und trat in das Grüne. Kühle Dämmerung hatte ſich unter den alten hohen Bäumen verbreitet, die blühenden Geſträuche und Blu⸗ men dufteten ſtärker und ein geheimnißvoller Schauer ſchien die Natur zu durchwehen. Er ſah eine weibliche Geſtalt am andern Ende des Gartens ſitzen und näherte ſich derſelben. Sie erhob ſich und kam ihm entgegen. Er erkannte Helene. Die Veränderung, welche faſt vier Jahre voll erſchütternder Ereigniſſe an ihr bewirkt, ſchienen ihm nur verſchönernde Verklärung über dies liebliche Geſicht gebreitet zu haben. Wie ein Engel des Friedens ſtand ſie da vor ſeinen entzückten Augen. Sie erſchrak und ſtockte, als ſie ihn erblickte. Er ſtürzte auf ſie zu, ergriff ihre Hand und ſank zu ihren Füßen. „Stehen Sie auf, mein Herr“, ſagte ſie nach einer ſtummen Pauſe mit leiſer, zitternder Stimme,„laſſen Sie dieſe Stellung, die Ihnen und mir nicht gebührt.“ Er erhob ſich, und ſchweigend ſie ſtützend, da er ſie wanken ſah, führte er ſie zu der Gartenbank, auf welcher ſie geſeſſen hatte. Er ſetzte ſich neben ihr nieder und ſagte:„Ich habe 190 Sie erſchreckt wie früher. An ſeiner Rückſichtsloſigkeit ſchon müſſen Sie den alten Bekannten wiedererkennen. Wie ſpielt das Schickſal mit uns Menſchen!“ Sie antwortete nicht und ſah vor ſich nieder. „Ich habe den Ton Ihrer Stimme lange nicht ver⸗ nommen“, begann Selbitz wieder,„und auf die Gefahr hin, mich fortgewieſen zu ſehen, möchte ich ihn wieder hören. Haben Sie mir vergeben, Helene, wie Sie einſt ſagten?“ „Hören Sie, was ich denke“, erwiderte ſie nach einem Augenblick des Beſinnens in gefaßtem Tone. „Ich werde frei und offen über unſere Stellung zu einander reden. Sie haben mich erſchüttert durch dies Wiederſehen. Warum ſind Sie gekommen? Was kann ich Ihnen ſein? Ich bin eine arme Wittwe. Mein Leben iſt geſchloſſen, ich tauge zu nichts mehr, als zu Trauer und Tod. Regen Sie den Sturm nicht wieder in dieſer Bruſt auf, den Sturm der Leidenſchaften, der mich früher durchtobte! Ich bin ſehr elend, laſſen Sie es mich wenigſtens in Frieden und Einſamkeit ſein.“ „Ich will Ihren Frieden nicht ſtören“, ſagte Selbitz traurig,„aber ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich über das Glück meines Lebens mit Ihnen ſprechen wollte. Gott hat wohl den trauernden Engel nicht zum ewigen Führer eines ſo jungen Lebens beſtimmt. — 191 In dem bewegten Daſein, welches ich drüben jenſeits des Oceans geführt habe und welches mich zu einer geachteten Stellung in meinem neuen Vaterlande ge⸗ führt, hielt mich der Gedanke an Sie aufrecht, belebte mich immer wieder die Hoffnung, Sie wiederzuſehen! Ich fühlte, daß ich Sie wiederſehen müſſe, denn eine heilige Schuld habe ich Ihnen abzutragen, und ihre Bezahlung würde meine Seligkeit ſein! Ich liebe Sie, Helene, und will Sie nicht laſſen. Ich wiederhole Ihnen, daß mein Glück einzig in Ihrer Hand ruht, daß ich um dieſe Hand bitte und um dieſes Herz. Aber wenn Sie mich von ſich ſtoßen wollen, dann werde ich ſtill, gehorſam und traurig auf ewig Abſchied nehmen.“ „Abſchied nehmen?“ erwiderte ſie und erhob ihr Ge⸗ ſicht. Große Thränen fielen aus ihren Wimpern und ergoſſen ſich reicher und voller zu einem milden Strome, der ihr Herz erleichterte und die Beklemmung ihrer Bruſt hob. Die Nacht des Kummers ihrer letzten Jahre ſchien mit ihm hinwegzuſchwinden und ein neuer ſeli⸗ gerer Tag hereinzubrechen. „Helene“, fragte er,„was antworten Sie mir?“ Sie reichte ihm die Hand und ihr Haupt lehnte ſich an ſeine Bruſt. Still und ohne Gepränge fand nach kurzem 192 Brautſtand die Hochzeit des endlich vereinten Paares ſtatt. Wenige Verwandte und Freunde deſſelben nur nah⸗ men daran Theil und von beſondern Polterabend⸗ ſchwänken wüßten wir nichts mitzutheilen. Das Ein⸗ zeige, was der gewiſſenhafte Chroniſt vielleicht berichten muß, iſt eine Verlobung, welche auf dieſer Hochzeit ſich machte, nämlich die des ehemaligen Kameraden des jungen Gatten, des Lieutenants von Roſen mit der Couſine der Braut, Fräulein Elly Mering. Der junge Offizier, durch die Verhältniſſe außer Activität geſetzt, hatte, gerade als er damit fertig war, ein recht hüb⸗ ſches Vermögen unter die Leute zu bringen, durch den Tod eines Verwandten eine neue namhafte Erbſchaft gethan. Er faßte den Entſchluß, von nun an ein ſo⸗ lides Leben zu führen, und als er Elly wiederſah, ge⸗ langte er zu der Ueberzeugung, daß dieſe junge Dame die paſſendſte Perſon ſei, ſolche gute Vorſätze in ihm zu beſtärken und zum Durchbruch zu bringen. Beide kamen dahin überein, daß Jedes von ihnen ein Jahr praktiſche Landwirthſchaft ſtudiren und ſie ſich dann gemeinſam an die Bewirthſchaftung des Roſen'ſchen Stammgutes begeben wollten. An dem nördlichen Geſtade der blumigen Cheſa⸗ peakebai, wo die letzten Ausläufer der Alleghanies 193 ſich ſanft gegen den Ocean niederſenken, liegt, im Rücken durch hohen Fichtenwald gegen die Stürme geſchützt, eine freundliche einfache Villa. Reben umranken die Frontſeite des Hauſes, dichte Roſen ſprießen am Ab⸗ hang bis zum Strande und die linden Lüfte tragen den Duft empor unter das Dach der Veranda.* Un⸗ zählige buntbewimpelte Schiffe gleiten auf der klaren See, welche die Strahlen der ſcheidenden Sonne goldig zurückwirft. Glück und Zufriedenheit wohnen in den Zügen jener Beiden, die dort oben auf der Veranda ſitzen. Die junge Frau lehnt ihren Kopf an die Schulter des Mannes, deſſen Blick liebevoll bald auf ihr, bald auf dem blondlockigen Haupte des Kindes ruht, welches auf ihrem Schooße ſchlummert. „Heute ſind es ſechs Jahre, Robert“, ſagte ſie,„ſeit Du in Deutſchland Lebewohl mir ſagteſt, um in den Kampf zu ziehen, Lebewohl, wie ich kleinmüthig wähnte, für ewig! Gott im Himmel ſei Dank, der ſo gnädig unſern Pfad gelenkt, der weit über unſer Hoffen uns ein ſolches Erdenglück beſchert hat!“ Seele des Menſchen, wie gleichſt du dem Waſſer, Schickſal des Menſchen, wie gleichſt du dem Wind!— Wieder kommt der Herbſt in das Land, das rothe Laub weht von den Bäumen. Leicht kräuſelt der Wind die Ferrari, Gettysburg. 13 —õ—yõ————— 194 Waſſer, es iſt Ebbe und in friedlicher Ruhe gleitet der Strom dem Meere zu, hinein in den großen Ocean des Lebens. Da ſchaukelt der Wind die Welle auf und ab, hierhin und dorthin. Dann erhebt er ſich⸗ wohl ſpäter zu wildem Sturme, peitſcht thurmhoch die ſchäumenden Fluten, ſchleudert ſie grimmig gegen ſchroffe Klippen, ſodaß, zu Staub zerriſſen, die Tropfen oben in den Lüften wirbeln. Zuletzt aber legt der Orkan ſich dennoch wieder, und am andern Morgen ſchon vielleicht iſt Alles glatt und eben, und tiefe fried⸗ liche Ruhe herrſcht auf dem unendlichen, ewigen Ele⸗ mente. Waſſer und Wind umkreiſen den Erdhall. Die Winde rauſchen in den Eichen und Buchen der deut⸗ ſchen Gaue, ſie ſchwellen auch die Sternenbanner auf der Bai des Cheſapeake. Seele des Menſchen, Schickſal des Menſchen— Waſſer und Wind! Der ewige Gottes⸗ geiſt aber ſchwebt über Wind und Waſſern! Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſan. 18 19