.— 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. 6. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ———— 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für dchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— wBer: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlprene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. kusie ezolle Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —y *9 ———— 8 ,.—— ——— 1 Non possumus. Roman von Fr. Hilarius. Dritter Band. Leipzig, Eruſt Julius Günther. 1870. Uew-Vork, L. W. Schmidt. ——— Erſtes Kapitel. Gewöhnlich wehrt ſich der Menſch ſo lange, als er kann, den Thoren, den er im Buſen hegt, zu verabſchieden. Goethe, Meiſters Lehrjahre. Lucian an Theobald. Am.. See, den 17. Mai 18.. Was wirſt Du wohl denken, mein getreuer Phin⸗ tias, wenn Du am Kopfe dieſer Cpiſtel noch mein altes Standquartier lieſt? Vor mehr als zwei Wochen, am Beginne meiner Odyſſee, wünſchte ich mir Flügel der Morgenröthe, um ja noch früh genug campaniſche Frühlingsluft athmen und unter Pinien träumen zu können, und nun ſitze ich noch hier an der Schwelle unſerer Alpen, feſtgebannt wie Ulyſſes auf der Inſel der Circe, und vergeſſe ſchier das Land der Orangen, Hilarius, Non possumus. III. 1 2 das ſäulengetragene Haus, die glänzenden Säle und ſchimmernden Gemächer— das ganze ſehnſuchtweckende Lied Mignon's, das mir während der wüſten Träume meiner Krankheit unaufhörlich wie ein zauberiſcher Lock⸗ ruf in die Ohren klang. Ach, Theobald, es iſt gar zu lieblich hier, und die ſeligen Knabenerinnerungen machen mir all die be⸗ kannten Stellen im Thal und auf den Höhen doppelt theuer und werth. Mir iſt, als begegnete ich noch überall den Spuren unſerer Fußtritte, als halle noch Dein heiteres Jauchzen von den Bergen wieder, und dazwiſchen klänge die Stimme unſeres theuren Mentors! Aber nicht blos der Nachhall vergangener Tage, mich feſſelt— offen geſtanden— auch die Gegenwart. Ich habe in jener Mühle, die ſo oft das Ziel unſerer ſpätern Abendwanderung bildete, ein paar Zimmer gemiethet, einfach, reinlich und doch nicht ohne jenen ländlichen Comfort, der für uns Sybariten, wenn wir noch nicht allen Sinn für eine anmuthige Bedürfniß⸗ loſigkeit verloren haben, einen ganz beſondern Reiz hat. Im Hauſe waltet die Müllerin, eine wohlconſer⸗ virte Wittwe, mit männlicher Würde und Entſchieden⸗ heit, und ihrem Commandoworte muß ſich ſelbſt der Gaſt fügen, was auch ohne alle Widerwilligkeit geſchieht. Denn ihre Anordnungen ſind nicht nur billig und ver⸗ — 3 nünftig, ſondern bekunden geradezu eine wahrhaft rührende Theilnahme und Aufmerkſamkeit für den in⸗ vwaliden Geſellen, der bei ihr Herberge fand. Uebrigens führt ſie nur die Zügel der Wirthſchaft, die bei dem anſehnlichen Mühlgewerke und der bedeu⸗ tenden Oekonomie wohl eine feſte Hand und einen ſichern Blick erfordern. Für den Vollzug ſorgen drei Söhne, prächtige, hochwüchſige, ſtämmige Burſchen, und eine nicht geringe Zahl von Dienſtboten, die hier zu Lande die ſinnige Bezeichnung Ehehalten führen. Eine ganz eigene, gewiſſermaßen vermittelnde Rolle im Hauſe iſt aber einem jungen Mädchen übertragen, deſſen erſte Erſcheinung mich nicht wenig überraſchte. Denke Dir mein Erſtaunen, Theobald, als mir am nächſten Morgen nach der Gründung meines Karawanen⸗ Hausſtandes der Kaffee von einer kleinen, hübſchen, ſchlanken Dirne vorgeſetzt wurde, die ich beim erſten Blicke in die blauen Augen als unſere alte Freundin— die Cili vom Chriſtlbauern— wiedererkannte. Du wirſt Dich wohl noch des rothröckigen, barfüßigen Flücht⸗ lings erinnern, dem wir vor ſechs Jahren die erſte an⸗ regende Epiſode auf unſerer Pilgerfahrt hierher ver⸗ dankten? Es bedurfte keiner weitläufigen Erörterung, um der Kleinen auch die Erinnerung an mich wieder auf⸗ 1* zufriſchen. Seitdem ſind wir beide herzlich gute Freunde, und ich darf Dir wohl ohne Gefahr des Verraths das Geſtändniß machen, daß ein paar Glieder der freund⸗ lichen Kette, die mich an dieſen herzigen, traulichen Winkel der Erde feſſeln, von Cili's Händen geſchmiedet ſind. Rümpfe nicht die Naſe, Theobald, über meinen Geſchmack an einer„Bauerdirne“, oder denke Dir gar Schlimmeres über meine Beziehungen zu dem Mädchen. Fürs Erſte ſind wir eben herzlich gute Freunde, wie ich Dir ſagte— nicht mehr, nicht weniger! Fürs Zweite iſt aus der barfüßigen Cili mit dem kurzgeſchürzten Röcklein und dem wirren, fliegenden Haare eine Meta⸗ morphoſe vor ſich gegangen, die Dich beim erſten Wiederbegegnen ſicher in ein ebenſo angenehmes Er⸗ ſtaunen verſetzt hätte, als es bei mir der Fall war. Nur zur Berichtigung etwaiger Vorurtheile will ich Dir Einiges von den Wandlungen in dem Schickſale dieſes Mädchens erzählen. Zuvörderſt muß ich den Verdacht ausſprechen, daß unſer Freund Julian in dem Berichte, welchen er uns dazumal über den Hausſtand des beſagten Chriſtlbauern erſtattete, mehr helle Farben verbrauchte und Glanz⸗ lichter aufſetzte, als er der Wahrheit gegenüber zu ver⸗ antworten vermag. That er es, um uns die Stimmung 5 nicht zu verderben, oder um für ſeine Theorie über die Gemüthszuſtände der untern Volksklaſſen die Folie der Wirklichkeit zu gewinnen, oder aus irgend einem andern Grunde— die Antwort auf dieſe Fragen mußt Du von ihm ſelbſt erholen. Gewiß iſt, daß Cili daheim wie im Hauſe ihrer verrückten Großmutter körperlich und geiſtig mehr zu leiden hatte, als ſie uns zu⸗ dringlichen jungen Burſchen unter die Naſe reiben wollte. Als vor etwa vier Jahren die Großmutter ſtarb und ſie wieder unter das väterliche Dach überſiedeln mußte, ward ihr das junge Leben durch ſo viel Härte und Bosheit verkümmert und vergällt, daß es die Trag⸗ kraft des armen Geſchöpfes überſtieg und nur eine Flucht vor der Verzweiflung retten konnte. Es war ein dorniger Pfad, welchen Cili von der Heimat bis an die Schwelle der gaſtlichen Mühle zu wandern hatte, wo ſie endlich ein Aſyl fand. Nicht von ihr, die über die Vergangenheit ſchweigt oder höchſtens mit ein paar Worten milder Verſöhnung ihrer gedenkt, ſondern aus dem Munde der Müllerin erhielt ich bruchſtückweiſe eine Schilderung ihres Lebenslaufs, daraus ſich hinlänglich Stoff für eine kleine tragiſche Novelle ſchöpfen ließe. Ich behalte mir vor, Dir das Alles mündlich zu er⸗ zählen, und knüpfe hier da an, wo Cili bei ihrer Frau ——ͤͤͤſ Baſe, wie ſich die Müllerin von ihr nennen läßt, eine neue Heimſtätte fand. Die treffliche Frau hat mir unter vier Augen ge⸗ ſtanden, daß ihr das Mädchen wie„ein wildes, ſcheues Füllen“ über den Hals gekommen ſei. Aber ſie habe ſofort den tüchtigen Kern unter der Hülle entdeckt und 5 nun ihr ganzes Erziehertalent verſchwendet, um alle die wilden Triebe und dornigen Schößlinge zu ent⸗ fernen, die das zierliche Stämmchen verunſtalteten. Mit Gottes Hülfe und mit dem Beiſtande des ſeligen Can⸗ tors— nach ihrer Schilderung ein wahres Pracht⸗ und Muſterexemplar von einem Cantor— ſei ihr das auch gelungen, und nun könne ſich die Cili füglich mit jeder 3 Stadtjungfer meſſen und ſei ein Kind ganz nach ihrem Herzen! Und wahrhaftig, Theobald, wenn ich alle meine Erfahrungen zuſammennehme, ich finde kein Bild, das einen Vergleich mit Cili aushielte. Du, der Du mich immer als allzu ſpröde gegenüber dem Frauenreize ſchalteſt, wirſt mich wohl jetzt nicht eines übereilten und befangenen Urtheils zeihen, wenn ich Dir einen 4 flüchtigen Schattenriß von dem Mädchen mittheile. Am wenigſten mag ſich Cili ihrer Größe rühmen. Sie ge⸗ hört zu jenen mittlern Mädchengeſtalten, die gerade nicht auffallen. Ihre ſchlanke, von der richtigen Fülle 7 gehobene Geſtalt, ihr feingeformter Hals, der ſich in tadelloſem Verhältniſſe an die reizende Büſte anſchließt, das ſchöne Oval ihres Köpfchens, von einer Fülle nuß⸗ brauner Flechten gekrönt— alles das berechtigt ſie zu dem halb lächelnden, halb ſchmollenden Geſichtchen, wenm ich ſie„die Kleine“ ſchelte. Ihr Fuß wetteifert an Zierlichkeit keineswegs mit dem einer Tänzerin, aber ſie iſt flüchtig wie eine Gazelle und holt ein junges Pferd im Laufe ein. Ihr Wuchs iſt nicht derb und gedrungen, wie der einer Bauerdirne, und den⸗ noch entwickelt ſie eine Körperkraft, daß ſie ſelbſt den Kampf mit einem Farren aufnimmt. Ihrem Geſichte fehlt die Weichheit des Schnittes und der Reiz eines klaren, durchſichtigen Incarnats, und dennoch liegt der volle Zauber anmuthiger, thauig friſcher Schönheit auf ihm. Wäre nicht ihr ganzes Weſen der unmittelbare Ausdruck lauterſter, unverfälſchter Natürlichkeit, man könnte glauben, ſie buhle mit ihren pflaumblauen Augen, mit den Grübchen in den Wangen. Ich ſehe, wie Du die Mundwinkel zu einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln verziehſt; aber bei allen Göttern des Olymps, Theobald, alll der glänzende Firniß, den ich für Cili's Bildniß verſchwende, geht nicht um eines Haares Breite über die Wirklichkeit hinaus. Ich würde ſelbſt unter dem Einfluſſe Deines Inquirentenblicks nichts weiter zu geſtehen vermögen, als daß wir beide, das Mädchen und ich, herzlich gute Freunde ſind. Sie feſſelt mich nicht mehr und nicht minder als alles Uebrige, was im Hauſe lebt und athmet, die Müllerin, ihre Söhne, Knechte und Mägde, ſelbſt das ſinnige Volk der Ochſen und Kühe, die ſich mit ihren breiten Stirnen zu ihrer Liebkoſung drängen. Es muß eine magnetiſche Kraft in der Kleinen wohnen; denn die Tauben fliegen ihr auf die Schultern, der Hahn kräht und ſchlägt die Flügel, und die Enten wackeln ihr ent⸗ gegen, wenn ſie den Hühnerhof betritt. Um ihren Kopf flattern die Sperlingez daß ſie faſt ihre Flechten ſtreifen, und auf ihren Lockruf rauſcht es durch das Geäſt des Lindenbaums, der vor dem Hauſe ſteht, und die Finken nehmen ihr die Brodkrume aus den Fingern, Die trocken aus den ſchönen Händen ſchmeckt, Als hätt' ſie in Ambroſia geſteckt. Alles wie in„Lili's Park“, der mir jedesmal in den Sinn kommt, ſo oft ich die kleine Zaubrerin im Ver⸗ kehr mit den gefiederten Republikanern belauſche, mit denen ſie ganz eigene, mir großentheils unverſtändliche Worte wechſelt. Faſt erſchrecke ich— nicht ſowohl über die Länge meines Briefes und die Breite der eingeflochtenen Schil⸗ derungen als über die Selbſtſucht, die aus jeder Zeile 9 hervorblinzelt. Rede ich da nicht beſtändig von mei⸗ nen Gefühlen, meinen Freuden und Erlebniſſen, als wäre außer mir Niemand auf der Welt, den ich liebte! Von meiner Mutter erhielt ich jüngſter Zeit Briefe, in welchen ſie ſich unter Anderem über Deine Zurück⸗ gezogenheit beklagt. Theobald, Du glaubſt nicht, wie ſie Dich liebt und wie ſie ſich bei meiner Abreiſe mit der Hoffnung tröſtete, daß ſie in dem Umgange mit Dir Erſatz finden würde für den flüchtigen Sohn. Gönne ihr hier und da einen freundlichen Beſuch und den er⸗ heiternden Genuß der Zwieſprache mit dem geliebten Freunde ihres Lucian. Sie bedarf deſſen und viel⸗ leicht jetzt mehr als je. Die Stimmung meines Vaters, von der Du weißt, daß ſie im Familienkreiſe nie eine ſehr erquickliche war, ſcheint ſich nach Allem, was ich zwiſchen den Zeilen ihres Briefes leſen kann, noch mehr verſchlimmert zu haben. Ich erhielt bereits von anderer Seite her An⸗ deutungen über die Machinationen, mit denen man jetzt, nachdem Julian glücklich beſeitigt iſt, auch an dem Sturze des Grafen arbeitet. Bei dem Werthe, welchen er auf die Gunſt des Fürſten ſetzt, kann ich mir jetzt ſchon die Wirkung vorſtellig machen, die ein Gelingen dieſes Plans auf ihn äußern würde. Sage mir, Theobald, wie iſt es möglich, daß ein 10 Mann in den Verhältniſſen meines Vaters ſeine Frei⸗ heit und Selbſtſtändigkeit um ſo jämmerlichen Preis zu verkaufen vermag? Gerade jetzt, wo ich den Segen einer vom Glücke gewährten ſchönen Unabhängigkeit tiefer und dankbarer empfinde als je, kommt es mir vor, als läge in ſolchen ſelbſt angelegten Feſſeln ein Verrath meiner Würde, der gröbſte Undank gegen die Vorſehung, welche mir in reichſter Fülle die Mittel ge⸗ währte, frei zu ſein. Oder kann ich der Menſchheit wirklich nur nützen, wenn ich ein Miniſterportefeuille in der Taſche trage, wenn eine Wagenlaſt von Orden an mir hängt und mein ehrlicher Name nichts mehr gilt gegen den lächerlichen Titel, womit man ihn zu⸗ deckt? Noch eine Sorge iſt's, die mich quält und die Du, mein Liebſter, mir vielleicht abnehmen kannſt. Bis zur Stunde habe ich keine Zeile von Julian empfangen, und die Briefe meiner Mutter enthalten nicht einmal ſeinen Namen. Ich weiß, daß er ein ſeltener Gaſt in unſerem Hauſe geworden iſt und daß ſeine Beziehungen zum Vater nie über die Grenze der Gemeſſenheit und des ſteifſten Anſtandes hinausgingen. Menſchen, die im Ganzen ihres Weſens ſo verſchieden ſind, wirken um ſo antipathiſcher auf einander, je mehr ſie nach einzelnen Richtungen ſich einer gewiſſen geiſtigen oder gemüth⸗ 3 11 lichen Wahlverwandtſchaft bewußt ſind. Oder glaubſt Du nicht, daß Julian Vieles mit dem Vater gemein habe— ſeinen Stolz, ſeine Gewalt über die äußere Erſcheinung, ſeinen Ehrzeiz? Das äußerte aber Alles bisher keine Rückwirkung auf die freundliche Gegen⸗ ſeitigkeit zwiſchen ihm und meiner Mutter, und es würde mich ſehr betrüben, wenn es anders geworden wäre. Ueber alle dieſe und noch etliche andere Dinge er⸗ warte ich von Dir baldige und beruhigende Auf⸗ klärung. Wirſt Du mich täuſchen? Die Abſendung dieſes Briefes hat ſich verzögert, und ich bin damit nicht völlig unzufrieden. Nun kann ich ihn mit einer Neuigkeit ſchließen, die Dir einige Ueberraſchung bieten wird. Du erinnerſt Dich wohl noch einer unſerer Lieblingspartien, des hübſchen Häus⸗ chens auf der Weſtſeite des Sees, mitten auf der Wies⸗ halde einer kleinen Landzunge, überdacht von einer hohen, weitäſtigen Ulme, die man faſt an allen Punkten des Geſtades im Auge hat? Geſtern Nachmittag ließ ich mich hinüberrudern und war nicht wenig erſtaunt, als mir an der Landungsbrücke Dein alter, würdiger Freund Frieſeneck entgegentrat und mich auf ſeinem Grund und Boden willkommen hieß. Das Anweſen ging vor 12 wenigen Wochen in ſeinen Beſitz über, und er hat es, ohne dem bäuerlichen Charakter des Häuschens Ein⸗ trag zu thun, in einen kleinen, behaglichen, reizenden Sommerlandſitz verwandelt— eine wahre Freiſtätte ländlichen Stilllebens. Täuſche ich mich nicht, ſo kündet ſich in der Ausſchmückung und Einrichtung des Häus⸗ chens, in der zierlichen Anlage des kleinen Gartens, in der ſinnigen Verwendung alles deſſen, was bereits die Natur Schönes bot, jene geſchickte Hand und jener feine Frauengeſchmack, von dem Du mir ſchon hier und da mit einigem Entzücken vorgeplaudert haſt. Dieſes Entzücken ward mir erſt recht begreiflich, als ich der freundlichen Einladung Folge leiſtete und unter der vorſpringenden Laube des Hauſes im grünen Dämmerſchatten überhangenden Epheus und junger Sproſſen wilden Weins eine zierliche Geſtalt erblickte, die ich wahrhaftig für die Hamadryade des ſchönen Ulmenbaums hielt, bis mir der Oberſtjägermeiſter die Täuſchung benahm. Die niedliche Elfe entpuppte ſich als ſein Töchterchen Klara, und ich— ich war mit dieſer Entgöttlichung keineswegs unzufrieden. Wenn Du mir nicht zürnſt, will ich Dir ein Geſtändniß ma⸗ chen. Es kam mir vor, als hätten meine blöden Augen noch nie eine ſo holdſelige Erſcheinung geſehen wie dieſes Oberſtjägermeiſterskind. Glücklicher Weiſe mahnte 13 mich mein Gewiſſen an die Freundespflicht, und ſo lenkte ich denn die Blicke raſch wieder von der Tochter zum Vater und begann mit dieſem eine ſo lebhafte Unterhaltung, daß Klara kaum Zeit gewann, mir eine Taſſe Thee anzubieten. Aus dem bunten Inhalte dieſes Geſprächs, das mich an den trefflichen, von liebenswürdigem Humor überſprudelnden alten Herrn feſſelte, bis die ſtille Flamme des Mondes ſich ſachte hinter den Bergen emporhob, muß ich Dir ſchnell noch etwas mittheilen, was Dich unmittelbar betrifft. Ich will nicht unter⸗ ſuchen, Liebſter, ob Du Dir nicht eine kleine Hinter⸗ haltigkeit gegen Deinen offenherzigen Freund Lucian zu Schulden kommen ließeſt. Sicher iſt, daß irgend ein ſchlimmer Geſelle einen Drudenfuß zwiſchen Euch beide in den Sand zeichnete, der Euch gegenſeitig entfremdete. Als der Zufall die Rede auf Dich lenkte, drangen ſelbſt⸗ verſtändlich die Worte wie Poſaunenklänge über meine Lippen und prieſen den Freund als die Perle unter der Spreu der übrigen Jünglinge dieſer laſterhaften Welt und kündeten mit nicht zu verachtender Begei⸗ ſterung den Hort ſeiner Tugenden. Ich war nicht wenig erſtaunt über die problema⸗ tiſche Wirkung meiner wohlgeſetzten Rede. Frieſeneck ſchüttelte mit ironiſchem Lächeln das Haupt, ſprach von 14 Kurzſichtigkeit, Täuſchung, Vorurtheil und ähnlichem Unſinne und meinte, es gäbe Dinge, von welchen man am beſten ſchwiege. Klärchen aber, die Deine Schil⸗ derung in Allem übertraf, nur nicht in der gerühmten Lebhaftigkeit ihres Weſens, ward im Verlauf der Ver⸗ handlungen zuſehends bläſſer, bis ſie ſich endlich raſch dem Hauſe zuwendete. Du weißt, daß ich in Gegen⸗ wart eines weiblichen Zuhörers immer befangener ſpreche. Als die Tochter uns verlaſſen hatte, gedachte ich den Vater mit der Gewalt meiner Redewendungen alsbald zur Erkenntniß ſeines eigenen Vorurtheils zu bringen. Aber der Dorn ſitzt tief, und es war ein ſchweres Werk, den alten Starrkopf nur einigermaßen in ſeiner vorgefaßten Meinung wankend zu machen. Was er Dir Schlimmes zutraut, weiß ich nicht; aber ich dächte, mein Theobald, es lohnte ſich der Mühe, daß edle, gute Menſchen mit der ganzen Kraft ihrer Seele darnach trachteten, ſich wiederzufinden, wenn ſie ſich in den dunklen Labyrinthgängen des Lebens verloren haben. Ich fordere von Dir ein offenes Bekenntniß deſſen, was zwiſchen Euch hartköpfigen Leuten vorgefallen iſt. Dann ſoll es mir auch mit Gottes Hülfe gelingen, einen Steg über die Kluft zu bauen, die Euch ſcheidet. Ich weiß, daß Du Klara liebſt; daß ſie Dich wieder liebt, ſteht ihr in den Augen geſchrieben. Ihr werdet 15 doch— bei den GCöttern des Hades!— nicht den Vorwurf abgeben wollen für die ſentimentalen Verſe Freund Heine's: Sie ſahen ſich an ſo feindlich Und wollten vor Liebe vergehn! Damit Gott befohlen! Theobald an Lucian. *. den 21. Mai 18.. Womit kann ich die Antwort auf Deinen Brief füglicher beginnen als mit einem ernſtgemeinten Vor⸗ wurf über Deine Saumſal, Du ungetreuer Damon? Ich dachte ſchon— um im Texte Deines vielgeliebten Mignonliedes fortzufahren— es ſei der Fels geſtürzt und über ihn die Flut, und beide hätten Dich unter Trümmern und Wellen begraben. Wenn mich etwas verſöhnte, ſo war es die Ausführlichkeit, womit Du Dein Thun und Treiben ſchilderteſt und mir den Nach⸗ genuß Deiner eigenen Genüſſe boteſt. Du wirſt es billig finden, daß ich in der Freude meines Herzens Deine Epiſtel den beiden liebſten Men⸗ ſchen mittheilte, die ich nächſt Dir auf der Welt habe. Deine Mutter war herzlich erfreut über Inhalt und Faſſung. Sie meint, unter ſolchen Verhältniſſen könne 16 ſie Dir unmöglich zumuthen, den Fuß über den Bren⸗ ner zu ſetzen. Es ſei mehr als zweifelhaft, ob Du jenſeits der Alpen je wieder ſolch eine Idylle fändeſt. Laß Dir alſo den herzerfriſchenden Genuß nicht ver⸗ kümmern, ſelbſt nicht durch die kleine Sorge, daß ich die Verpflichtungen vergäße, welche mich an das Haus La Rochelle knüpfen. Nur während der aufgeregten Tage des Miniſterwechſels, welcher auch auf meine Stellung und mein Schickſal maßgebend zurückwirkte, ließ ich mir eine vorübergehende Säumniß zu Schulden kommen. Nun bin ich faſt der tägliche Gaſt Deiner Mutter und freue mich, ein Scherflein zu ihrer Er⸗ heiterung beitragen zu können. Die Stimmung des Grafen, welcher ſich zur Zeit wirklich gegen die Angriffe einer mächtigen Partei zu wehren und manche Unbill zu erfahren hat, übt einen ſchmerzlichen Rückſchlag auf das Gemüth der unüber⸗ trefflichen Frau, und ich leſe ihr trotz alles freundlichen Lächelns die Laſt der Sorgen ab. Doch hoffe ich auf eine baldige Wendung der Dinge. Sollte ſich— was der Himmel um unſeres Landes willen verhüte!— die Schale zu Ungunſten des Grafen neigen, ſo würde ich das für ſeine Perſon nicht als ein Unglück betrachten. Ich theile in dieſer Beziehung vollkommen Deine An⸗ ſichten, mein Lucian, und möchte mich faſt der beruhigenden 417 Hoffnung hingeben, daß es ſich nur um das Durch⸗ leben einer vorübergehend ſchmerzlichen Kataſtrophe handelt, um Deinen Vater mit dem koſtbaren Gute der Unabhängigkeit von Menſchen und Verhältniſſen zu verſöhnen. Weniger als Deine Mutter ſcheint Julian von dem Texte Deines Briefes erbaut geweſen zu ſein. War es der Druck, den die Ereigniſſe überhaupt auf ſeinen Humor ausübten, oder iſt er für Deine Seelenruhe beſorgt— als ich ihm die Schilderung Deines idyl⸗ liſchen Hausſtandes und das Märchen von der kleinen Fee Cili vorlas, legte ſich's wie eine Wolke auf ſeine Stirn, und ſeine Augen begannen jenes unſtäte Flim⸗ mern, womit er uns Jungen Furcht einzujagen wußte. Mein Forſchen nach dem Grunde blieb erfolglos, und als ich die Frage nach der Wahrheit ſeines Berichts über jene Bauersleute ſtellte, wandte er ſich geradezu unwillig von mir ab. Du darfſt Dich hierüber ſo wenig wundern als über ſeine Schweigſamkeit, die in den ſchweren Schlä⸗ gen, welche ſeinen Geiſt und ſein Gemüth trafen, we⸗ nigſtens einige Rechtfertigung hat. Zulian liebt Dich wie vielleicht kein anderes Geſchöpf auf der Welt; aber er iſt ein ungewöhnlicher Menſch, der ſich mit keinem Zollſtabe meſſen läßt. Es war knabenhaft von mir, Hilarius, Non possumus. III. 2 18 daß ich in ihm nur den über alles gemein Menſchliche erhabenen Heros ſah und mich, als ich meine Täu⸗ ſchung gewahrte, eine Zeit lang gar nicht zu tröſten vermochte über die Verkümmerung meines Ideals. Ich hielt es nicht für unmöglich, daß da und dort eines Menſchen Seele ſich nur für das Licht öffne, gleich der Lychnis, während ich hätte denken ſollen, daß die Dunkel⸗ heit das Urſprüngliche und Gegebene ſei, und daß un⸗ ſere Unvollkommenheit eine Einwirkung der Gegenſätze und einen Kampf derſelben nothwendig bedinge. Ich habe die Schatten in ſeiner Seele gewahrt, aber ich bin jetzt, da ich ihn kenne und vernünftig denke, wieder völlig mit ihm ausgeſöhnt. Er ſteht mir nicht mehr ſo hoch, aber nun deſto näher, und ich liebe ihn mit aller Kraft meiner Jugend. Er beſitzt mehr Muth und Selbſtverleugnung, mehr Adel und Manneswürde als ein Dutzend ſogenannter braver Leute, und es hat mich bis ins Herz hinein gefreut, als er jeden Antrag weiterer Verwendung im Staatsdienſte zurückwies und ſtolz wie Ariſtides in die ſelbſtgewählte Verbannung ging. Die Wahl ſeines künftigen Berufs hält ihn nunmehr ſo in Spannung, daß Du ihm eine vorüber⸗ gehende Vernachläſſigung der Freundespflicht nachſehen mußt. Leider habe ich mich ſelbſt nicht ſtark genug gefühlt, 19 um es Julian nachzuthun. Mir gebricht es an der bahnbrechenden Fülle des Wiſſens und an Vertrauen auf die eigene Kraft. Zudem konnte ich meine alte Mutter bisher unterſtützen und bringe es nun nicht übers Herz, ihren Dank— wenn auch nur vorüber⸗ gehend— entbehren zu ſollen. So habe ich denn in Gottes Namen die leidige Laſt des Lebens wieder auf mich genommen, aber nicht ohne vorerſt noch einen bittern Kampf durchzukämpfen. Statt der beſcheidenen Stelle, die ich jetzt einnehme, wurde mir ein meine Jahre und meine Verdienſte weit überholender Poſten in Ausſicht geſtellt, wenn ich mich hätte veranlaßt fin⸗ den können, meiner Fahne treulos zu werden und nebenbei einen kleinen Verrath an Deinem Vater aus⸗ zuüben. Ich habe Dir bereits das Geſtändniß gemacht, daß ich trotz allen Dankgefühls, das mich an den Grafen von La Rochelle feſſelt, ſeiner politiſchen Thätigkeit mißtraute, ſeit mir der Begriff einer uneigennützigen und ehrlichen Parteiſtellung klar geworden iſt. Dennoch wahrte ich die Pietät für den Mann, der einer freien Bewegung Bahn brach und dem unſer Vaterland ſo viel verdankt. Ich trat für ihn ein, denn ich wog ſeine Handlungen, nicht ſeine Beweggründe. Da erfuhr ich, welcher Antheil am Sturze Julian's 2* 20 ihn trifft. Ich bekenne Dir offen, Lucian, daß ich aus dieſer bittern Erfahrung das Gefühl der Verpflichtung und einer großen, uneingelöſten Dankesſchuld nur müh⸗ ſam rettete! Dieſen Zwieſpalt in meiner Seele ſcheint einer jener Miſſionäre zur Erforſchung der Herzen und Nie⸗ ren wirklich entdeckt zu haben. Man bemühte ſich, ihn nutzbar zu machen, und der Kammerherr von Luchsberg, welchen man als Nachfolger Julian's bezeichnet, machte mir mit der ſchamloſeſten Stirn glänzende Anerbie⸗ tungen, wenn ich mich dazu bequemen wollte, ihm wenn auch nur im flüchtigſten Concepte mitzutheilen, was ich von der Familiengeſchichte des Hauſes La Rochelle und von den Beziehungen Doctor Julian's zu demſelben wüßte. Daß ich dieſe Zumuthung mit der entſpre⸗ chenden Entrüſtung zurückwies, bedarf keiner Worte. Nun bin ich auf einem höchſt überflüſſigen Poſten am oberſten Lehnshofe unſchädlich gemacht. Ich arbeite unter dem Präſidium des würdigen Herrn von Schimmel⸗ bein und bequeme mich den kleinen Plackereien, wo⸗ durch er mir das Bewußtſein, daß der Günſtling des Miniſters hinter mir liege, mit unverkennbarer Abſicht beibringen will. Noch habe ich mit keinem Manne verkehrt, der ſo namenlos wenig Begriff von ſeiner Aufgabe hatte als 21 dieſer Emporkömmling. Die übrigen Mitglieder des Collegiums, denen man das„Recommandirt“ von der Adreſſe ableſen kann, ſchließen ſich mit wenig Aus⸗ nahmen dem Vorſtande würdig an. Das ganze In⸗ ſtitut iſt ein Körper von unbeſchreiblicher Schwerfällig⸗ keit, der ſich neben der ſparſamen Arbeit von wirklicher Bedeutung nur noch etliche Kreisbewegungen ſelbſt vor⸗ geſchrieben hat, um nicht gänzlich zu verſumpfen. Mit zwei tüchtigen Männern erledige ich alle Geſchäfte dieſer Stelle, wofür der Staat Tauſende opfert, nur um die Legionen ſeiner Beamten vollzählig zu erhalten. Widerliche Gefühle übermannen mich. Sei barm⸗ herzig, o Geliebter, und entbinde mich von der Pflicht, noch trübſeligere Erinnerungen wach zu rufen. Mein nächſter Brief ſoll Dich von Allem genau unterrichten, was auf mein Verhältniß zu Klara nur irgendwie Bezug hat. In allertreueſter Liebe u. f. w. Juſtus an Theobald. Köln, den 23. Mai 18.. Ich bin daran, den Staub von den Füßen zu ſchüt⸗ teln und heimzukehren. Sechs Jahre in der Fremde ſollen wohl genügen, um den engen Geſichtskreis, den die Heimat bietet, zu erweitern und neue Fernſichten zu eröffnen. Noch habe ich vor, einen Theil meiner Erſparungen zu einer kleinen Reiſe durch Frankreich und Belgien zu verwenden; aber binnen wenig Wochen bin ich ſicher daheim und freue mich jetzt ſchon un⸗ ſaglich auf den erſten warmen Handſchlag von Mutter und Bruder nach ſo langer, langer Trennung. Du wirſt wohl erſtaunt ſein, lieber Theobald, über die Raſchheit meines Entſchluſſes. Aber neben der Sehnſucht nach Euch und meinem alten Knechtlein drängt mich noch etwas zur Beſchleunigung meiner Abreiſe. Ich habe noch unſaglich viel zu lernen und zu erfahren, nicht nur in Gewerkſchaft und Kunſt, ſon⸗ dern auch in der doppelten Rolle, die uns das Leben zuweiſt, die ich aber bisher nur zur Hälfte begriff. Daß ich die andere Hälfte jetzt begreifen lerne, darf ich— ohne ungerecht zu ſein— nicht blos meinem innern Eigenweſen, ſondern auch dem, was außer mir meinen Lebensgang regelte, meiner Erziehung, meiner unterbrochenen Bildung, den Erfahrungen meiner jun⸗ gen Jahre zur Laſt ſchreiben. Was ich Dir jetzt ſage, Theobald, geſchieht bei Gott nicht, um mich eines Verdienſtes gegen Dich zu rüh⸗ men oder gar Dir einen Vorwurf zu machen. Nun, da eine dunkle Zeit hinter mir liegt, beſchleicht mich die Sehnſucht nach Mittheilung, wie den Wanderer, — 1 23 der bislang einſam ſeines Weges ging. Wem könnte ich aber mein Vertrauen rückhaltloſer und mit mehr Hoffnung auf mitfühlende Theilnahme ſchenken als dem geliebten Bruder? Wäre die Unterbrechung meiner Studien nicht ein⸗ getreten, vielleicht hätte mich der Hang, in der Stille meiner Seele zu forſchen, in jene Schächte und Gänge, jene Fundorte geleitet, aus denen die Wiſſenſchaft ihre goldenen Körner zu Tage fördert. Als ich aber zum Handwerk griff, betrachtete ich dieſes als eine ewige Haltſtelle des Geiſtes und war troſtlos darüber, bis ich fand, daß die nüchterne Arbeit doch Muße genug gewähre zu fortſchreitendem Denken. Nur mußte es auf einem Gebiete geſchehen, wo das lebendige und Leben zeugende Material der Wiſſenſchaft entbehrlich war. Da begann— nicht ohne äußere Einwirkung— meine religiöſe Schwärmerei, wie Du ſie nannteſt, und jener Hang verwandelte ſich in ein dumpfes, brütendes Grübeln, das mich, wenn nicht befriedigte, doch in jene geiſtige Spannung verſetzte, die meine Natur for⸗ derte. Als mein getreuer Freund Knechtlein meiner ſchüchternen Bitte willfahrte und mich in die Lehre nahm gewannen meine Speculationen noch einen praktiſchen Halt. Die Kunſt, in welche er mich einweihte und wofür er mir die Begeiſterung erweckte, war ebenſo 4——õ—ꝛx'ÿjj4 ſ— ——— ausſchließend religiös, ebenſo myſtiſch und über⸗ ſinnlich. Während meines Aufenthalts in Nürnberg erreichte dieſer Zuſtand meiner Seele ſeinen Höhepunkt. Ich ward mißtrauiſch gegen Alles, was an Weltlichkeit ſtreifte. Unter dem Kämpfen und Ringen, alle Wärme menſchlichen Gefühls abzuſtreifen, erſtarrte mir faſt das Herz. Und trotz alledem kam es mir vor, als trete das Ewig⸗Göttliche immer ferner von mir, als erlahme ſelbſt der Flug der Phantaſie bei dieſem an Sinnlichkeit ſtreifenden Schwelgen in einer gegenſtandsloſen Liebe, als fange die„Wonne des Unendlichen“ an, Galle ab⸗ zuſetzen. Als ich nach Jahren die Stadt verließ, kämpfte ich mit der Empfindung vollſtändigen Lebensüberdruſſes. Ich fand die Menſchen nicht liebenswürdig, obwohl ſie mir fremd geblieben waren, das Leben nicht lebens⸗ werth, obwohl ich mir nie Mühe gegeben hatte, es ken⸗ nen zu lernen.— Aus alledem rettete mich nur Eins. Ich war der Kunſt und ihrem Verſtändniſſe näher getreten. Das Lebensvolle in ihr erweckte mir zuerſt wieder die Sehn⸗ ſucht nach jenem Lebensgefühle, das den vollen Lebens⸗ genuß bedingt. Erſt den zweiten Anſtoß gab mir die Natur, vor deren Herrlichkeit ich bisher das Auge ver⸗ ſchloſſen hatte. 4 W Ich erinnere mich ſonderlich lebhaft eines Morgens, da mich meine Wanderung die Bergſtraße entlang führte. Träumeriſch war ich des Weges fürbaß ge⸗ gangen, die Blicke geſenkt, die Gedanken alle nach innen gekehrt. Ich achtete des Frühroths nicht, das die fer⸗ nen ſanften Höhen mit Crocus beſtreute, nicht des Thaues, der ſeine Diamantperlen über die Wieſe ſtreute, nicht der Morgenpſalmen aufſteigender Lerchen. Da überholte mich ein Mann mit einem gewaltigen Bund am Rücken. Es war friſchgemähtes Gras, in ein weites Tuch eingeſchlagen, das er ſeinem Kühlein als Frühfutter heimtrug. Faſt verdroß es mich, als er ſich mir anſchloß und ein Geſpräch anknüpfte. Bald aber fühlte ich mich ungewöhnlich angeregt von der Art, wie er redete, am meiſten von der natürlichen Begeiſterung, womit er mir die Schönheit der Land⸗ ſchaft zu Gemüthe führte. Er erzählte mir, wie er bei der erſten Frühdämmerung hinausgegangen ſei an den Waldſaum, wo ſein Stück Wiesland liege auf halber Höhe; wie dort die ſchönſte Niederſchau ſei von der ganzen Welt und der Harzduft herüber wehe, und welch melodiſchen Klang es gebe, wenn die Senſe rauſche im Graſe. Daß Leute ſeines Schlags eine ſolche Sprache ſprächen, war mir fremd; aber es mu⸗ thete mich ungemein an, um ſeinet⸗ und meinetwillen. Denn er verſöhnte mich mit der ganzen Gattung ſeiner Lebensgenoſſen, und mich ſelber kam es an, als ath⸗ mete ich den wehenden Tannenduft und vernähme den rauſchenden Klang der Senſe. Und als ich den Kopf hob und die Augen öffnete, war es mir, als ſei der Schleier gehoben, der mir bisher wie ein Nebel den wunderſamen Reiz der Landſchaft getrübt hatte. Zum erſten Male empfand ich den Einfluß, welchen die Schönheit der Natur auf das offene Gemüth äußert; denn ich hatte alle Pforten meiner Seele geöffnet. Und doch war es nur die Schönheit des Endlichen und Vergänglichen, was alſo auf mich wirkte, ſtärkend und erhebend und beruhigend. Nicht daß dieſes kleine Ereigniß eine gewaltige Wandlung in meinem Weſen hervorgerufen hätte, aber es war ſchon von Bedeutung, daß ich das Leben⸗ dige in der Natur fühlte, daß ich ſeine Berechtigung erkannte und die Schönheit des Wirklichen in vollen Zügen koſtete. Damals wagte ich mich, wenn auch zaghaft und befangen, zum erſten Male an den Ge⸗ danken, daß der Menſch eine höhere Beſtimmung nicht blos im Himmel, ſondern ſchon auf Erden zu ſuchen habe. Es war der Beginn einer Kriſis. Aus dem Inhalte meiner frühern Briefe wirſt Du wiſſen, wie mich die Verhältniſſe in Köln noch näher 27 an das wirkliche Leben drängten. Meine religiöſe Ueberzeugung litt unter den praktiſchen Erfahrungen, die ich im Kreiſe der Gleichgeſinnten und Gleichge⸗ ſtimmten machen mußte. Alles, was wir gelernt, wird ſchwankend und un⸗ ſicher, wenn das Vertrauen auf den Lehrer zu wanken beginnt. Das bewährt ſich nirgends mehr als auf dem Gebiete der Speculation und des Glaubens. Ach, Theobald, wie hat mich die Nachricht über das Schickſal der armen Martha bis ins Mark erſchüttert! Aber der Stachel des Schmerzes lag nicht ſowohl in der Theil⸗ nahme am Unglück des Mädchens als in der kläg⸗ lichen Täuſchung in dem Manne, der mich gerade in dieſe Bahnen gelenkt. Erfahrungen dieſer Art wiederholten ſich. Ich lernte einen jungen Prieſter kennen, der mich zuerſt durch ſein wohlklingendes, einſchmeichelndes Organ und ſeine liebenswürdige Ueberredungsgabe gefangen nahm. Er war ein Mann von mäßigen Kenntniſſen, aber viel Klugheit und Scharfſinn, und bei ſeinem Alter und Stande überraſchte die erſtaunliche Summe ſeiner Le⸗ benserfahrungen. Mit raſtloſem Eifer arbeitete er für die„Glorie der Kirche“, und da er mich für ein wür⸗ diges Werkzeug hielt, ſchloß er ſich enger an mich. Bei meiner bereits erwachten Neigung zum Zweifel konnte 28 ich mich mit mancher ſeiner eindringlichſten Lehren, die den Zögling der Jeſuiten verriethen, nicht ver⸗ ſöhnen. Aber ich bewunderte ſeinen uneigennützigen Eifer, ſeinen unbedingten Glauben und Gehorſam, und je weniger ich anderwärts Gelegenheit fand, einen Freund zu gewinnen, deſto ſtärker entwickelte ſich meine Neigung zu ihm. Es kränkte mich, daß er dieſe nur mit einer gewiſſen Zurückhaltung erwiderte, und ich konnte ein Gefühl der Eiferſucht nicht verwinden, als ich gewahrte, wie ein junger, blöder, bedeutungsloſer Menſch mir den Vorrang ablief.— Ein Zufall entdeckte mir den Grund dieſer Zurück⸗ ſetzung. Theobald, wenn ich ein Stück Vergeſſenheit für ein Jahr meines Lebens erkaufen könnte, wie gern, o wie gern böte ich es an, um die Erinnerung jenes entſetzlichen Augenblicks los zu werden! Kurze Zeit darnach traf den ehrwürdigen Suffragan von... einer jener Bannſtrahlen, welche jetzt, wie es ſcheint, an dem Schienenweg über die Alpenpäſſe einen neuen Conductor gefunden haben. Daß die gewaltige Gemüthserſchütterung den raſchen Tod dieſes vortreff⸗ lichen, allgemein verehrten Greiſes zur Folge hatte, iſt bekannt. Die Acten des Laterans enthalten aber auch den Namen deſſen, der an ſeinem eigenen Oberhirten falſchen Verrath übte. Es iſt derſelbe Menſch, der ſich die„Glorie der Kirche“ ſo angelegen ſein ließ. In jenen Tagen begann der letzte, entſcheidende Kampf in meiner Seele. Ich öffnete die Augen und ſah, wie die Herrſchſucht ſich in Stola und Rauch⸗ mantel gewandete, wie man die Begriffe verwirrte und die Hierarchie an die Stelle der Kirche ſetzte. Ich ſah, wie man Haß ſäete und das Gewicht verfälſchte, das die Schalen der geiſtlichen und weltlichen Gewalt nach ewigen Geſetzen in gleicher Höhe halten ſollte. Die Helden lernte ich kennen, die mit dem Preßbengel für das chriſtliche Seelenheil fochten, daß es den eigenen Parteigängern die Schamröthe ins Geſicht jagte. Da begannen die Gerüchte von den Vorkehrungen, die man jenſeits der Berge traf, um ein Stück von dem Weſen der Gottheit auf einen Sterblichen zu übertragen. Männer, in deren Kleidern noch der Meilergeruch des Hußfeuers hing, bereiten ſich zu einem Wahrſpruche, kraft deſſen Menſchenwort und Satzung den Stempel der Unfehlbarkeit gewinnen ſollen!— Hier ſtand ich an der Marke meines Glaubens, und ich fühlte, daß man an ſeinen Grundfeſten rüttle, wie einſt der geblen⸗ dete Simſon an den Säulen des Tempels. Das Wort, das einſt vom Vatican niederſcholl, wiederhallte in mir: Non possumus! 30 Am Ausgange des Weges, den ich bisher gewandelt, gähnte eine unüberſchreitbare Kluft. Ich mußte meine Schritte rückwärts lenken, und ich that es mit der ſchwergewonnenen, aber klaren und unerſchütterlichen Ueberzeugung, daß ich trotz des Dunkels, das mich umgab, noch einen andern Pfad zum Heile finden werde. Nun wirſt Du begreifen, Theobald, daß mir die Sohle brennt. Mich treibt es von dieſem Schauplatze widriger und ſchmerzlicher Erfahrungen, wie den Ge⸗ neſenden aus der Krankenſtube. Ich fürchte alte Be⸗ rührungen, welche die reifende Frucht meiner mühſamen Errungenſchaften vergiften könnten. Bereite Du mir einen freundlichen Empfang zu Hauſe und bitte Meiſter Ebenſtreit, daß er dem Wandergeſellen für etliche Zeit Arbeit und Herberge gewähre. Bei dem ſchönen, dem Kunſtgebiete ſo nahe liegenden Wir⸗ kungskreiſe, den ich hier hatte, wird es mir anfangs wohl ſchwer fallen, in das ſchlichte Handwerk mich wieder zu finden. Aber es wird gehen! Gott behüte Dich, bis wir uns wiederſehen. Zweites Kapitel. Von Ränken und aber Ränken umgarnt, Der ſtellt Dir ein Bein, der vor Schlingen Dich warnt. Chamiſſo, Vetter Anſelmo. „Er bleibt reſpective ein Narr, ob er die Schellen vorne trägt oder hinten!“ bemerkte Herr Hans Eben⸗ ſtreit, als ihm Theobald am nächſten Morgen den Brief des Bruders mitgetheilt hatte.„Was er will, kann ich mir juſt herausklauben; aber Gott ſtraf' mich, wenn ich das ganze Kauderwelſch verſtehe. Es geht Alles übers Ziel bei dem Juſtus!“ „Ihr mögt Recht haben, Oheim“, erwiderte Theo⸗ bald.„Es gibt Menſchen, die aus dem Gährungs⸗ proceſſe gar nicht herauskommen, bis ſich nicht ihre ganze Natur erſchöpft hat. Aber gebt Acht, der ausgegorene Wein wird dann um ſo ſüßer!“ Der Meiſter wackelte ungläubig mit dem Kopfe und rückte das Hauskäppchen von einem Ohre zum andern.„Wenn er nur nicht über Alles ſchimpfirte“, fuhr er fort,„was er weiland ſo hoch und heilig hielt! Unſereinem hängt die Ehrfurcht, die wir im Buben⸗ kittel empfanden, noch in den alten Tagen an, auch wenn wir längſt andern Sinnes ſind. Aber ſo ein Ungegorener, wie der Juſtus, ſchmeißt heute über den Haufen, was er geſtern aufgebaut, und tritt heuer mit Füßen, was er ferten*) in Baumwolle eingewickelt hat. Haſt Du's verbrieft, daß er auf Neujahr nicht wieder umſchlägt und ihm die Farbe ſchießt?“ Theobald ſchwieg eine Weile. Er fühlte die Wahr⸗ heit, die in den Worten des ſchlichten Mannes lag. Plötzlich erhob er ſich vom Stuhle, trat auf den Oheim zu, legte ihm die Rechte auf die Achſel und entgegnete lachend:„Wie nun, ehr⸗ und tugendſamer Hans Eben⸗ ſtreit, wenn Euer zweiter Neffe, auf den Ihr doch ein Stück haltet, drauf und dran wäre, in ſeines Bruders Fußtapfen zu treten? Oheim, ich will' nicht verſchwören, ob ich nicht eines ſchönen Morgens noch umſattle und dem Staatsdienſt Valet gebe, wie der Juſtus dem Kirchendienſte. Nehmt Ihr wohl noch Lehrjungen meines Alters auf?“ 33 Der Rothgießer ſchaute den Neffen an, als hege er wirklich Furcht, daß es nun auch bei dieſem nicht mehr völlig richtig ſei. Als aber Theobald mit unbefangener Heiterkeit auf ihn niederſah, da beſchwichtigte er die aufſteigende Beſorgniß und erwiderte halb ernſthaft, halb im Scherze:„Ein Narr macht zehn, Theobald; aber Dein Vater— Gott hab' ihn ſelig!— war ein geſcheidter Mann. Drum hat er nur zwei zu Wege ge⸗ bracht. Vor zehn Jahren, Junge, da wäre ſolch ein Wort am rechten Platze geweſen, und aus Dir, dächt' ich, wär' ein richtiger Meiſter geworden, wenn Dich nicht der lateiniſche Hochmuth gejuckt hätte. Aber jetzt! — Ich weiß noch, wie man Anno ſiebzehnhundert ſchrieb, und mein eigen Gewerk treib' ich an die fünfzig Jahre. Es iſt mir hart worden in der letzten Zeit und ich hätt' es längſt aufgegeben, wenn mir nicht der Juſtus und mein Verſprechen im Sinne gelegen hätten. Nun denk' ich, da er heimkehrt, läßt er auch vernünftig mit ſich reden. Wart' noch etliche Wochen zu, Theobald, dann kannſt Du beim Bruder in die Lehre gehen.“ Es lag in den letzten Worten etwas wie ein leiſer Nachhall jener Kränkung, die ihm Theobald durch die Zurückweiſung ſeiner urſprünglichen Werbung an⸗ gethan. Dieſer mochte es auch wohl durchfühlen; denn in ſeiner Entgegnung lag die unverkennbare Abſicht, zu Hilarius, Non possumus. III. 3 34 verſöhnen und jeden Mißton zu beſeitigen. Er gab ſeiner Freude Ausdruck, daß der Bruder nicht nur eine Herberge, ſondern eine Heimat finden ſolle bei dem vielgeliebten Oheim, und meinte ſchließlich, Juſtus ſei durch ſo viele Waſſer gegangen, daß er dem„ver⸗ nünftigen Worte“, welches ihm nunmehr ein trockenes Plätzchen anbiete, wohl Gehör geben werde. „Du wirſt ihm wohl den trockenen Platz gönnen!“ erwiderte der Meiſter lächelnd, indem er die Hand des Neffen ergriff und ſie liebevoll zwiſchen die ſeinen legte. Theobald fühlte, wie dieſe leiſe zitterten. Auch in den Zügen des Greiſes kündete ſich das Beſtreben, eine innere Rührung durch den heitern Ausdruck zu ver⸗ bergen. Ihn bewegte der Gedanke, daß er um der redlichen Erfüllung ſeines Wortes und ſeiner Verpflich⸗ tungen willen den geliebtern der Brüder hintanſetze. „Laß es gut ſein, Junge“, fuhr er fort, ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten.„Wenn ich dem Juſtus ſein Recht laſſe, weil er meines Standes und Gewerbes iſt und weil er um meinetwillen den Studio an den Nagel ge⸗ hängt hat, ſo ſoll Dir kein Unrecht damit geſchehen. Ungleiche Schüſſeln machen ſchele Augen. Du ſollſt mich nicht ſchel anſehen, weder jetzt, noch wenn ich am Schragen liege. Was drehſt Du den Kopf, Theobald? Unſer Herrgott hat mich vor lachenden Erben be⸗ 35 wahrt, wenn Ihr's nicht etwa ſein wollt. Geht's nun einmal an's letzte Stündlein—“ „Sprecht nicht alſo, Oheim!“ fiel ihm Theobald in die Rede, und ſeine Stimme klang unſicher.„Wie mögt Ihr, ein rüſtiger Mann, gerade jetzt an's Sterben denken, wo Ihr daran ſeid, Euch nach langer Tages⸗ arbeit Feierabend zu bereiten?“ „Halt's Maul, Junge“, entgegnete der alte Herr, „und bring' mich nicht aus dem Concept. Siebenzig Jahre, ſagt die Bibel, währt eines Menſchen Leben. Wenn ich's zuſammenrechne, fehlen mir noch anderthalb Monate, und auf den Tag erräth's auch die Bibel nicht. Alſo— in Summa und reſpective— Du ſollſt nicht zu kurz kommen gegen den Juſtus, obwohl Du mir den Lehrjungen abgeſchlagen haſt. Und wenn ich geſagt habe, daß Du bei mir ein rechtſchaffener Meiſter hätteſt werden können, ſo kann ich mich auch geirrt haben. Weizen braucht andern Boden als Hafer und des Stubenknechts Jonas iſt unter meinen Augen ein Lump geworden, wie Du ſiehſt.“ Bei den letzten Worten deutete er auf das offene Schubfenſter, deſſen ganze Lichtung ausgefüllt war durch ein ungeſchlachtes, von brennrothem Haar und Bart umrahmtes Geſicht. Der Burſche, dem die verſchwen⸗ deriſche Natur dieſes gewichtige Haupt auf einen eben⸗ 3* ſo derben und vierſchrötigen Rumpf aufgeſetzt hatte, war ebenbeſagter Stubenknecht⸗Jonas, den wir ſeiner Zeit als den Mitbewerber um den erledigten Lehr⸗ jungenpoſten kennen gelernt haben. Als Juſtus auf die Wanderung ging, nahm ihn der Meiſter auf die erneute Empfehlung Jungfer Gundel's in die Werkſtatt auf. Aber lange konnte er mit dem verwahrloſten Burſchen nicht zurecht kommen, und nach etlichen Mo⸗ naten, ehe ſich's Gundel verſah, hatte ihr Schützling den Laufpaß erhalten. Seitdem führte er das zwang⸗ los heitere Leben eines Lohndieners und Gaſſenläufers und nur ein paar Familien konnten ſich des Glückes ſeiner regelmäßigen Dienſtleiſtungen während der Mor⸗ genſtunden rühmen. Zu dieſen gehörte auch die Frau Amtmännin. Zwar hatte ſich ſchon oft genug Anlaß geboten, ihm den Ab⸗ ſchied zu geben; aber der ſchlaue Rothkopf hatte die Schwächen der kurzſichtigen und wankelmüthigen Frau abgelauſcht und ſaß feſt in ihrer Gunſt. Wenn Alles, ſo konnte ſie die ausführlichen Berichte nicht miſſen, welche ihr Jonas jeden Morgen über die Stadtneuig⸗ keiten hinterbrachte. Theobald mußte ſich trotz ſeines Widerwillens den Handdienſten des Burſchen beque⸗ men, wenn er mit der Mutter Frieden halten wollte. „Was willſt Du, Jonas?“ rief er, als er, durch 37 des Oheims Fingerzeig aufmerkſam gemacht, das ver⸗ dächtige Geſicht am Fenſter erblickte. „Nichts von Euch, gnädiger Herr“, erwiderte Jonas. „Aber den Meiſter läßt die Frau Amtmännin bitten, wenn er auf eine Viertelſtunde Zeit hätte, daß er ſie heimſuchen möchte. Sie hätte mit ihm etwas Wichtiges ins Reine zu bringen!“ Damit entfernte er ſich, ohne eine Antwort abzu⸗ warten. „Etwas Wichtiges!“ murmelte Herr Ebenſtreit ver⸗ drießlich vor ſich hin.„Den Weibern iſt Alles wichtig, was ihnen durch den Kopf fährt.“ Dann wandte er ſich gegen den Neffen und fuhr fort:„Nichts für un⸗ gut, Theobald; aber wenn Deine Mutter etwas Wich⸗ tiges mit mir zu verhandeln hat, ſo weiß ſie die Wall⸗ gaſſe und das Rothgießerhaus, und die Thüre ſteht ihr offen zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Sie hat jüngere Beine als ich, und der Weg her iſt reſpective nicht weiter als der Weg hin.“ Während er aber noch eine gute Weile in gleichem ärgerlichen Tone ſich ausließ, war er längſt aufgeſtan⸗ den, hatte die Hausjacke mit dem Rock und das Sammt⸗ käppchen mit dem Hute verwechſelt und ſtand zum Fortgehen gerüſtet an der Thür. Theobald, die gut⸗ müthige Fügſamkeit im Stillen bewundernd, ſchickte ſich 38 an, ihm das Geleite zu geben. Beide hatten kaum das Ende der Wallgaſſe erreicht, als ihnen Julian in den Weg trat. „Ich war im Begriffe, Dich aufzuſuchen“, bemerkte er zu Theobald in auffallender Haſt.„Wenn Dir heute Nachmittag ein freies Stündchen bleibt, kannſt Du es wohl mir opfern?“ Die Frage wurde bejaht, und nach flüchtigem Gruße lenkte der Doctor ſeine behenden Schritte der nächſten Seitengaſſe zu. Unentſchloſſen, ob er dem Freunde nacheilen ſolle oder nicht, zögerte Theobald einige Augenblicke. Da faßte ihn der Meiſter am Rockärmel und ſagte, indem er ihn mit ſich fortzog: „Wer Eil' hat, braucht keinen Geleitsmann. Du ſiehſt, daß ihm die Sohle brennt. Thu' ihm den Gefallen und laß ihn allein laufen!“ „Ihr ſeid auf den Doctor nicht gut zu reden!“ meinte Theobald, dem Zwange des Oheims mit einigem Widerſtreben nachgebend. Dieſer erwiderte:„Der Sproſſer ſingt und die Dohle krächzt, kann Keiner was davon noch dazu. Der beſte Hofrath kann den ſchlechteſten Miniſter abgeben; das ſoll er ſelbſt wiſſen und die Hand nicht darnach ausſtrecken, wie das Kind nach dem bren⸗ nenden Docht. Ich bin ein liberaler Mann und hul— dige dem Fortſchritt, aber nur reſpective, Theobald, nur — 39 reſpective und mit ziemendem Bedacht. Der Doctor aber bläſt in die Kohlen, daß ihm die Aſche in's Ge⸗ ſicht fährt, und will's zu Wege bringen, daß die Bäume über Nacht in den Himmel wachſen. Allzu ſcharf macht ſchartig. Er kann's gut gemeint haben, aber das Spiel hat er uns allerwegen verdorben. Daß der durchlauchtige Herr ſcheu geworden iſt und den Luchs⸗ berg zum Miniſter gemacht hat, wem anders verdan⸗ ken wir es als ihm? Der Junker pfeift aus einem Loche mit den Pfaffen und der Schaden iſt doppelt.“ „Iſt es nicht ungerecht, Oheim, wenn wir die Menſchen nur nach dem Erfolge ihrer Handlungen be⸗ urtheilen?“ „Was der Schmied kann, vermag der Schneider nicht, und wenn der Schneider den Grobhammer ſchwingt und dem Lehrjungen die Hand zerquetſcht, ſo nutzt mir ſein guter Wille den Plunder. Er hätt' es vorausſehen können, und es geſchieht ihm Recht, wenn ihn der Meiſter vor die Thüre ſetzt. Aber dem Lehrjungen bleibt der Schaden ſo wie ſo!“ Theobald ſchwieg. Er fühlte, wie ſchwer dem Meiſter bei ſeiner Gewandtheit in der praktiſchen Beweisführung beizukommen ſei. So ſtockte das Geſpräch, bis beide die ſteile Treppe zur Dachwohnung der Frau Amt⸗ männin emporgeſtiegen. i 8 3 af b f 1 f 4 1 40 Während die ängſtliche Frau nach irgend einer Hinterthür tappt, um dem Schwager in derſelben An⸗ gelegenheit von der Seite beizukommen, die er ſo eben mit Theobald geradaus und kurzweg abgemacht hatte, ſehen wir Doctor Julian, wie er auf weitem Umwege durch Winkel⸗ und Quergaſſen eilt bis an die alten Stadtmauern, um von hier aus einen Seitenweg in die Vorſtadt zu gewinnen. Es ſcheint, als ob er grund⸗ ſätzlich die Hauptſtraßen vermeide, um ſich jeder Beob⸗ achtung zu entziehen. Darauf deutet auch die Haſt ſeiner Schritte und der ſpähende Blick, den er von je⸗ der Ecke aus über die Straßenlänge hinſendet. Ein ſchmaler Gartenpfad führt ihn gerade vor die Fronte des gräflich La Rochelle'ſchen Palaſtes. Im nächſten Augenblicke ſteht er unter der Einfahrtshalle. Er trock⸗ net ſich den Schweiß von der Stirn und hält an der Treppenflucht einige Sekunden inne, um wieder ruhigen Athem zu gewinnen. Lucinde hat ihn vom Fenſter aus erblickt, und es befällt ſie eine tödtliche Angſt. Sollte ſie ſich in der Verläſſigkeit ſeines Wortes getäuſcht haben? Iſt es eine drohende Gefahr, die ihn zwingt, ſeinem Ver⸗ ſprechen untreu zu werden? Sie eilt in das Vor⸗ zimmer und lauſcht beklommen den hallenden Schritten auf der Steintreppe. Als der Schall näher dringt, 41 klopfen ihre Pulſe wie Hämmer, und es flimmert ihr vor den Augen. Aber er verliert ſich alsbald in der Tiefe des Corridors. Da ſinkt ſie erſchöpft auf den nächſten Stuhl, die Hände feſt über der Bruſt gekreuzt, und dankt Gott und allen Heiligen, als ob der Todes⸗ engel an ihrer Thür vorübergegangen ſei! Der Beſuch Julian's galt dem Miniſterpräſidenten. Mehr befangen als überraſcht empfing La Rochelle den Eintretenden. Man hatte ihm beizubringen gewußt, daß das falſche Spiel, welches er geſpielt, ein öffent⸗ liches Geheimniß geworden ſſei, das Niemand klarer durchſchaute als der Betheiligte ſelbſt. Soweit er Ju⸗ lian kannte, durfte er erwarten, daß dieſer eine Er⸗ klärung fordern werde. Er war auch zu einer Erwi⸗ derung gerüſtet und hatte ſich, gleich den römiſchen Gladiatoren, mit Oel geſalbt, um jedem Griffe ſeines Gegners entſchlüpfen zu können. Und dennoch machte ihn der Beſuch im erſten Augenblicke betreten. Als Julian um eine längere, ungeſtörte Unterredung er⸗ ſuchte, verrieth ein raſcher Farbenwechſel ſeine innere Bewegung, wenn auch der gewandte Schauſpieler die äußere Haltung ſchnell wiedergewann. Das Zwiegeſpräch dauerte geraume Zeit; aber entgegen den Erwartungen des Grafen wurde es ohne irgend einen ſtürmiſchen Ausbruch der Leiden⸗ 42 ſchaft und mit ſo gedämpfter Stimme zu Ende geführt, daß der Kammerdiener, durch die verriegelte Thür zu erhöhter Neugierde verlockt, auch nicht einen zuſammen⸗ hängenden Satz zu erlauſchen vermochte. Als endlich Julian das Kabinet verließ, gab ihm La Rochelle bis an die Ausgangsthür des Vorzimmers das Geleite, eine unerhörte Rückſicht, die der Ariſtokrat dem Bürger ge⸗ währte und die aller Vermuthung einer vorgefallenen Scene Hohn ſprach. Julian ſchlug mit gleicher Haſt den gleichen Weg heimwärts ein. Er fühlte ſich erſchöpft, und als er ſich auf den Lehnſtuhl warf, ſanken ihm willenlos die Augenlider zu. Theobald traf ihn nachmittags in tiefen Schlaf verſunken und hatte Mühe, ihn zu wecken. 3 „Wie biſt Du liebenswürdig, mein Getreuer!“ ſagte der Doctor, indem er ſich die Augen rieb.„Du haſt mir zwar einen ſchönen Traum unterbrochen, aber ich danke Deiner Anweſenheit dennoch das Erwachen. Die Zeit iſt mir werthvoller als je, und ich ärgere mich faſt, daß ich ſchlief, während ich handeln ſollte. Biſt Du geneigt, mir auch jetzt noch Deine Dienſte zu leihen, nachdem Dich keine Beſtallung mehr dazu ver⸗ pflichtet?“ Theobald fühlte ſich durch dieſe Aeußerung faſt —ͤ 43 verletzt.„Ei nun“, fuhr Julian lächelnd fort,„Du darfſt meine Worte nicht nach Granen abwiegen, gerade jetzt nicht, wo ich Dein bedingungsloſes Ver⸗ trauen beanſpruchen möchte. Es gilt zugleich eine Sühne, die ich Dir ſchulde, einen Verſuch, die Trümmer des Götterbildes wieder zuſammenzuflicken, das ich Dir vom Altare ſtieß.“ Damit begann er den jungen Freund in das künſt⸗ liche Gewebe einzuweihen, womit die klerikale Partei den Fürſten umſponnen hatte. Bereits war es ihr ge⸗ lungen, die Ernennung des Freiherrn von Luchsberg zum Cultusminiſter durchzuſetzen, und ihr ganzes Augen⸗ merk war nun auf den Grafen von La Rochelle ge⸗ richtet. Seinem Einfluſſe und ſeiner öffentlichen Wirkſamkeit verdankte ſie die Tage ihrer Erniedrigung, das Hereinbrechen einer Zeit, wo man mit frevelnder Hand die Sigille göttlicher Privilegienbriefe abſchnitt und an Raritätenſammler verkaufte. Seine Ein⸗ flüſterungen und Rathſchläge waren es, die den ohne⸗ dies weltlich geſinnten Fürſten noch mehr verweltlich⸗ ten und ihm die Grundſätze einer charakterloſen Tole⸗ ranz einblieſen. Es ſollte ihm wenig nützen, daß er ſich in jüngſter Zeit ſelbſt an die Partei anlehnte, de⸗ ren Führer die eigennützigen Gründe dieſer unnatürlichen Verbindung wohl durchſchauten. 44 So hatte der Graf ſtatt eines ihm perſönlich ab⸗ geneigten, aber ehrenwerthen Mannes ſich ſelbſt Geg⸗ ner von zweifelhafter Moral an die Seite geſetzt, die ihn nicht minder haßten. Die Gunſt des Fürſten, die er mit Julian nicht theilen wollte, ward ihm von einem Widerſacher ſtreitig gemacht, der nach ſeinen Lehrbegriffen in der Wahl der Mittel keine Schranke kannte. Der hochwürdige Stiftskanonikus hatte den Paſchergangſteig ausgeſpürt, auf welchem man bis zum Audienzzimmer der Durchlaucht vordringen und die ge⸗ ſchwärzte Waare abſetzen konnte, die den Grafen für alle Zeit ruiniren ſollte. Daß die eigene Landesfürſtin, unter deren Hermelin die Partei bisher das ſicherſte Aſyl gefunden hatte, durch dieſes Mittel bloßgeſtellt würde, galt nichts gegen die Heiligkeit des Zweckes. Durch den unvermutheten Tod Sybillens war zwar ein neues Hinderniß in den Weg geſchoben, die Ausführung aber nur eine Frage der Zeit, nicht der Möglichkeit. An dieſe Schilderung der Situation anknüpfend, bemerkte Julian:„Du ſiehſt, daß ich in dieſe Kriſis verwickelt bin; nun liegt mir auch daran, ſie zu be⸗ ſchleunigen. Die gnädigen Herrn wiſſen bereits, daß die Schriftſtücke in meiner Hand liegen, deren Beſitz ſie ſo ſehnſüchtig wünſchen, um gelegentlich die Ehre ihrer eigenen hohen Herrin vor dem ganzen Lande zu be⸗ 45 ſchmuzen. Ja, ſie wiſſen noch mehr, denn ich habe mich veranlaßt geſehen, meine Seele mit einer Noth⸗ lüge zu beflecken. Ich vertraute einem redlichen Freunde das Geheimniß an, daß die Briefe um der Sicherheit willen bei Dir hinterlegt ſeien. In der nächſten Stunde wußte es die ganze Sippe, und mein Zweck war erreicht. Nun mußt Du mir helfen, mein Ge⸗ wiſſen zu entlaſten. Hier, mein Lieber!“ Bei dieſen Worten zog er ein verſiegeltes Päckchen aus der Bruſttaſche und reichte es Theobald hin. Be⸗ troffen trat dieſer einen Schritt zurück.„Was ſoll ich damit?“ erwiderte er, indem er die verhängnißvollen Schriftſtücke anzunehmen zögerte. Der Doctor entgeg⸗ nete lachend:„Hörſt Du nicht, daß es um der Sicher⸗ heit willen geſchieht? Ich weiß, daß dieſe koſtbaren Documente bei Dir weniger ſicher ſind als in meinem Verwahre. Mehr braucht es nicht.“ Theobald fuhr ſich verwirrt und werlegen an die Stirn. Wie ſollte er aus dieſer zweideutigen Rede klug werden? Aber ehe er noch zu einer Antwort gefaßt war, bemerkte Julian in ernſterem Tone weiter: „Es mag eine Grille ſein, Theobald, aber laß mich nun einmal Dir, meinem Carlos, gegenüber die Rolle eines Marquis Poſa ſpielen. Ich fordere Dein Vertrauen, rückhaltlos und unbedingt. Du ſollſt dem 46 Zweifel, der ſich Dir über meine Handlungsweiſe aufdrängt, keinen Raum geben. Du ſollſt mir die Erfüllung eines Wunſches zuſichern, ohne zu fragen warum. Der Er⸗ folg wird Dir eine Antwort geben, die Dir genügen wird, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Kannſt Du Das?“ Nach kurzem Beſinnen erklärte ſich Theobald bereit. Der Doctor fuhr fort: „Ich danke Dir, mein Freund! Und nun— nimm die Briefe für einige Zeit in Verwahr. Die Friſt wird nach meiner Berechnung kurz genug ſein, und der Verſucher ſteht bereits an der Schwelle Deines Hauſes. Man wird Dir beizubringen wiſſen, daß der Inhalt dieſer Urkunden ſtaatsverrätheriſcher Natur iſt, daß Du Dir durch ihre Auslieferung das Vaterland zu Danke verpflichten wirſt. Das wird höher wiegen als der kleine Verrath an Treue und Freundſchaft.“ Zürnend erhob Theobald die Hand wie zum Schwure und entgegnete:„Beim ewigen Gott, keine Macht der Welt ſoll mich zwingen, das anvertraute Pfand—“ „Halt!“ unterbrach ihn Julian lächelnd.„Du ſtörſt mit Deinem Eifer meine wohlberechneten Schachzüge. Fort mit dem Papier! Losgeſchlagen, ehe der Curs ſinkt! Was ſtarrſt Du mich an, ols ob Du Ge⸗ ſpenſter ſäheſt? Zweifelſt Du an meiner Zurech⸗ 47 nungsfähigkeit? Nein, Theobald, ich ſage Dir's mit aller Ruhe und Ueberlegung, Du ſollſt Dich in die honette Art dieſer Herren fügen und ihren billigen Wünſchen entgegenkommen. Das iſt die Bedingung unſeres Vertrags.“ „Aber meine Ehre— mein Gewiſſen—“ ſtammelte Theobald in wahrer Seelenpein. „In dieſem Falle bin ich Dein Gewiſſen, denn Du verfügſt lediglich über mein Eigenthum nach meinem ausdrücklichen Willen. Und Deine Ehre? Sei über⸗ zeugt, Theobald, daß die Herren keiner Seele verrathen, wie ſie in den Beſitz dieſes corpus delicti gelangt ſind. Die ſittliche Rechtfertigung Deiner Handlung aber liegt in Dir ſelbſt.“ „Ich finde ſie kaum!“ rief der junge Mann ſchmerz⸗ lich.„Uebe ich nicht Verrath an La Rochelle, an dem Manne, dem ich eine ſchöne, ſorgenfreie Jugend ver⸗ danke, an der Gräfin—" „Was Du thuſt, thuſt Du um ihretwillen!“ ent⸗ gegnete Julian ernſt.„Mir erſparſt Du nur eine kleine Verlegenheit, den entfernten Verdacht eines Dieb⸗ ſtahls und die erträgliche Schande einer Hausſuchung. Der Fürſt ſteht bereits dem Geheimniſſe ſehr nahe, und Du weißt, daß ſich gewiſſe Organe der Staatsgewalt vor dem Willen des Souveräns unbedingt beugen. Es 48 klingt eigennützig, daß ich es vorzog, Dir eine Ver⸗ legenheit zu bereiten, ſtatt mich ſelbſt in eine ſolche zu fügen, aber indem ich dieſes Freundesopfer von Dir verlange, habe ich blos den Erfolg im Auge. Die Art, wie man Dich zur Auslieferung der Papiere ver⸗ anlaſſen wird, wird ſich weſentlich von dem Verfahren unterſcheiden, das man mir bereits zugedacht hat. Nur auf dieſe Weiſe kann ich ſelbſt aus freiem Antriebe vor den Fürſten treten und mich auf geheiligte Satzungen berufen, an denen man wiſſentlich frevelte.— Und nun, Theobald, ſtehe ich an der Grenze deſſen, was ich Dir ſagen kann. Vermagſt Du den Widerſtreit mit Deiner Ehre und Deinem Gewiſſen nicht für eine kurze Zeit zu bändigen, ſo gib mir die Briefe wieder zurück. Ich werde Dir darob nicht zürnen.“ „Nur eine Frage laſſen Sie mich noch ſtellen“, erwiderte Theobald.„Darf ich keinen Vermittler zu Hülfe nehmen? Müſſen die Briefe gerade durch meine Hände ihrer Beſtimmung zugeführt werden?“ „Bah!“ verſetzte der Doctor,„ich bin kein eng⸗ brüſtiger Vollmachtgeber. Du machſt Deine Sache gut, wenn Du ſie klug machſt. Nur mußt Du für die Sicherheit der Spedition haften.“ Da reichte ihm Theobald die Hand, und der Ver⸗ trag war gefeſtet. 49 Der Scharfblick Julian's hatte ſich nicht getäuſcht. Bereits am nächſten Tage ließ ſich der Präſident von Schimmelbein herab, das beſcheidene Arbeitszimmer ſei⸗ nes Untergebenen eines Beſuchs zu würdigen. Die Excellenz fand ſich veranlaßt, in einer ganz belangloſen Sache an den Scharfſinn Theobald's ſich zu wenden, welchen er erſt entdeckt zu haben ſchien. Dabei ent⸗ wickelte er eine Herablaſſung und Liebenswürdigkeit, die ſeines Bedünkens ihre Wirkung auf den jungen Menſchen unmöglich verfehlen konnte. Nur ſo nebenhin fragte er nach deſſen Beziehungen zu dem frühern Cultusminiſter, und ſeine Warnung vor dieſem geiſt⸗ reichen, aber höchſt ausſchweifenden Manne und ſeinen ſtaatsgefährlichen Maximen klang ebenſo unverfäng⸗ lich als wohlgemeint. Im nächſten Augenblicke gewann das Geſpräch wieder den geſchäftlichen Charakter, und Theobald gab ſich bereits der Hoffnung hin, daß die erſte Verſuchung überwunden ſei. Die Sache war bereinigt, und der Präſident hatte bereits die Thürklinke gefaßt, als er ſich plötzlich einer Kleinigkeit erinnerte.„Apropos“, bemerkte er,„man erzählt ſich in den höchſten Kreiſen, Doctor Julian habe ſeine Papiere bei Ihnen hinterlegt, um einer allenfallſigen Compromittirung vorzubeugen. Iſt das wahr?“ Hilarius, Non possumus. III. 4 50 „Zum geringſten Theile, Excellenz!“ entgegnete Theo⸗ bald.„Er gab mir nur etliche Privatbriefe in Verwahr, weil dieſe—“ „Kennen Sie den Inhalt derſelben?“ unterbrach ihn Herr von Schimmelbein mit verrätheriſcher Leb⸗ haftigkeit. Theobald erröthete bis in die Augen. Ihm war jedes falſche Wort ein Greuel, und das zögernde„Nein“, welches er hervorſtammelte, verſteckte die Lüge ſchlecht genug. Aber dem Präſidenten ſchien dieſe Antwort zu genügen. Indem er warnend den Zeigefinger erhob, nahm er die Miene des treuherzigſten und wohlmeinend⸗ ſten Freundes an und ſagte:„Sie ſind ſchlecht bera⸗ then, mein junger Freund, und man mißbraucht Ihre Argloſigkeit. Entledigen Sie ſich dieſer Papiere, wann und wie Sie können. Wie bemerkt, man hegt bereits in den höchſten Kreiſen Vermuthungen, und ich möchte nicht, daß Sie ſelbſt den ſchönen Ausſichten, zu welchen Sie Talent und Kenntniſſe berechtigen, ins Licht treten. Kennen Sie den Stiftskanonikus Sander?“ Auf die Bejahung dieſer Frage fuhr er fort: „Gut, mein Lieber, ſo geſtatten Sie mir, daß ich ihn in die Verhältniſſe einweihe und zu einer perſönlichen Unterredung mit Ihnen veranlaſſe. Der Kanonikus iſt ein ebenſo kluger und ehrenwerther Mann als ein ,“ 51 wohlmeinender und verläſſiger Seelenhirt. Ich denke, Sie können ſeinem Rathe in dieſer verhängnißvollen Angelegenheit unbedingt folgen. Wollen Sie ihn heute Nachmittag erwarten?“ Eine gemeſſene Verbeugung galt als genügende Antwort, und der Präſident verließ das Zimmer. Das Vorſpiel des Dramas war beendet! Es gibt Ränkeſchmiede, welche es nur aus Hang zur Intrigue ſind. Die Intrigue ſelbſt hat auch in der That etwas Verlockendes, gleich dem Hazard⸗ ſpiele, und es wandelt uns, wenn wir uns in ihren Kreis gezogen wiſſen, unwillkürlich die Luſt zu gleichem Gegenſpiele an. Theobald, obwohl ſeine ganze Natur auf harmo⸗ niſche Löſungen, nicht auf perwickelte Schürzungen an⸗ gelegt war, empfand nach der Begegnung mit dem Präſidenten einen unwiderſtehlichen Trieb, ſich auch einmal in der Kunſt der Truggewebe zu verſuchen. Er hatte nun einmal die eigenthümliche Verpflichtung übernommen, ein anvertrautes Pfand in unberechtigte Hände zu ſpielen; nun wollte er dieſe heikle Aufgabe auch mit möglichſtem Anſtande löſen. Sein Plan war ſchnell gefaßt und der Gehülfe, deſſen er zur Ausführung be⸗ durfte, ebenſo ſchnell gefunden. So ſah er mit ſpannender Erwartung dem Beſuche des Stiftskanonikus entgegen. 4* 52² Der Nachmittag war kaum angebrochen, als ſich der„wohlmeinende und verläſſige Seelenhirt“ die vier ſteilen Treppen zur Dachwohnung der Frau Amt⸗ männin emporarbeitete. Herr Tobias Sander neigte etwas zur Beleibtheit, wie Hamlet, und mußte, ehe er die Klingel zog, eine kurze Raſt halten, um Athem und Faſſung zu gewinnen. Als ſich endlich die Thür zum Einlaß öffnete, überraſchte ihn Jonas, der treff⸗ liche Junge, an der Schwelle. Der Sprößling des Stubenknechts war ihm noch vom Kirchſpiele her keine fremde Erſcheinung, und er hatte ſich des gewandten Burſchen ſchon bei mancher verwickelten Angelegenheit mit Erfolg bedient. „Stehſt Du hier in Arbeit?“ fragte der Kanonikus herablaſſend. Jonas neigte ſein röthlich ſtrahlendes Haupt, machte eine Handbewegung, die den Stiefelwichſer unverkennbar verrieth, und geleitete dann den Gaſt durch die dunkle Hausflur in das beſcheidene Cloſet unſeres Freundes. Eine lebhafte Unterhaltung begann. Der Kanoni⸗ kus hatte urſprünglich ſeiner Stimme einen Dämpfer angelegt, verzichtete aber darauf, als ihn Theobald bat, ſich keinen Zwang anzuthun, da die Mutter an un⸗ heilbarer Gehörſchwäche leide. Er ging ihm hierbei ſelbſt mit dem beſten Beiſpiele voran, als erſt die Zu⸗ 53 muthungen, die man an ihn richtete, einen beſtimmten und verſtändlichen Ausdruck gewannen. Je eindring⸗ licher ihn der Kanonikus an die moraliſche Verpflich⸗ tung zur Herausgabe von Documenten gemahnte, deren Beſitz allein ſchon genüge, um den Verdacht gemein⸗ ſchädlicher Abſichen auf ihn zu werfen, deſto lauter und energiſcher proteſtirte Theobald. Nicht das lockendſte Verſprechen wollte verfangen, und die Verſuche, ſein engbrüſtiges Gewiſſen zu beſchwichtigen, mißglückten voll⸗ ſtändig. Es war an keine Ueberredung und Verſtän⸗ digung zu denken. Im höchſten Unwillen verließ der geiſtliche Herr nach einer halben Stunde den Schauplatz ſeiner ver⸗ geblichen Anſtrengungen, und der Aerger über ſeine un⸗ fruchtbaren dialektiſchen Verſuche verleitete ihn ſogar zu etlichen vernehmbaren Drohungen. In der Haſt, womit er aus dem Zimmer ſtürmte, wäre er beinahe über den geſchäftigen Jonas geſtolpert, welcher— wie es ſchien— in der Dämmerung der Flur Kammer⸗ junkerdienſte verrichten mußte und dabei allzu nahe an die Thür gerathen war, als daß ihm ein Wort des Zwiegeſprächs hätte entgehen können. Theobald öffnete das Fenſter, daſſelbe, deſſen Glasſplitter dereinſt an jenem verhängnißvollen Nach⸗ mittage die Stirn des Knaben verwundet hatten. Heute 54 wie damals hatte er einen Verſucher abzuweiſen und für die Feſtigkeit ſeines Willens eine Lanze zu brechen. Aber aus dem„Unband von Jungen“, wie ihn jener Zeit der erzürnte Oheim ſchalt, war nun ein gereifter und entſchiedener Mann geworden, der nicht nur ſeines Entſchluſſes, ſondern auch der Mittel zur Durchführung deſſelben ſicher war. Die Atmoſphäre war gereinigt. Theobald, die Hände auf dem Rücken, durchmaß das kleine Stübchen mit raſchen Schritten und unterhielt mit ſeinen Gedanken — nach Art Meiſter Ebenſtreit’'s— ein lautes Zwie⸗ geſpräch. In dieſer Unterhaltnng ließ er ſich ſelbſt von Jonas nicht ſtören, der den Kopf zur leiſe geöff⸗ neten Thür hereingeſteckt hatte, wahrſcheinlich um die Beendigung der ihm zugewieſenen Geſchäfte anzukündigen. Ohne des Lauſchers zu achten, langte Theobald aus einem Schubfache ſeines Schreibtiſches ein verſiegeltes Packet hervor, prüfte es nach allen Seiten, wog es mit den Händen und bemerkte laut genug, um in der fern⸗ ſten Ecke des kleinen Gemachs vernommen zu werden: „Fünfzig Thaler für den Brief— hundert Thaler, wenn es einer verſtünde zu handeln! Das Geld wäre leicht verdient, bei meiner Seele! Und die gnädigen Herren müßten ſchweigen— ſchweigen, und wenn das Meſſer ihnen an die Kehle ginge! Aber die verdammten * 8 55 Gewiſſensſcrupel!“ Und wieder hefteten ſich ſeine Blicke mit lüſternem Verlangen auf das Päckchen, bis er es endlich langſam und zögernd in das offene Fach wieder hineinſchob. In demſelben Augenblick zog ſich auch der Rothkopf ſachte wieder durch die Thürſpalte zurück. Theobald rieb ſich die Hände, und in ſeiner lächelnden Miene ſpiegelte ſich die Zuverſicht eines gelungenen Plans. Am andern Morgen war das koſtbare Pfandgut entwendet, und die Frau Amtmännin rang die Hände, daß in dieſer gottloſen Zeit ſelbſt die Dachwohnung einer armen Wittwe nicht ſicher ſei vor Diebsgeſindel. geſchieht Unrecht um des Rechtes willen. H. König, Hohe Braut. Drittes Kapitel. Die Geſchichte hat wie die Natur ihre Geheimniſſe der Entwickelung, und ſo. Die kühlere Bergluft bewegt die ſchilfgrüne Fläche des Sees. Am ſeichten Geſtade beginnt das Schaukeln der Wellen und das leiſe Getön des nachrieſelnden Uferſandes. Nach der ſtockenden Schwüle des Mittags, die wie ein leichter, flimmernder Dunſt über der glas⸗ flachen Waſſerebene lag, kündet ſich überall wieder Leben und Regung. Die Möven ſtreichen, der Taucher huſcht durch das Röhricht; die Binſen neigen und beugen ſich im Winde, und wenn ſich ihre Halme ſtreifen, gibt es einen ſcharfen, ſchneidenden Klang. Da und dort am Ufer wird ein Kahn losgebunden — 57 und man hört die Ruderſchläge. Ein kleiner Nachen ſteuert der Landzunge mit dem ſchönen Ulmenbaume zu und bringt den Bewohnern des kleinen Landhauſes einen willkommenen Gaſt. Klara hat ihn erwartet und reicht ihm von der ſchmalen Landungsbrücke aus die Hand, um ihm das Ausſteigen aus dem ſchwankenden Fahrzeug zu erleichtern. „Mir iſt bange geworden, Lucian, daß Sie Ihres Verſprechens nicht mehr eingedenk ſeien“, bemerkte ſie, nachdem die erſten Grüße ausgetauſcht waren.„Seit einer halben Stunde erwarte ich Sie.“ „Nach dem Laienbrevier iſt Erwarten unſelbſtſtändig Glück für ſich“,— das wollte ich Ihnen gönnen!“ erwidert Lucian, indem er ſeine Rechte in den freund⸗ lich dargebotenen Arm Klärchens legt. Er iſt blaß und hager geworden, ſein Gang iſt müde und erſchöpft. Die Hoffnungen, die der Frühling weckte, ſind mit dem Frühling dahingegangen. Auf halbem Wege kommt ihnen Frieſeneck entgegen. Er ſchüttelt dem Jüngling freudig die Hand zum Will⸗ komm, ohne zu bemerken, wie dieſen die Bewegung ſchmerzt. Im Schatten der Laube iſt der Tiſch mit Linnen gedeckt und mit Taſſen und Kannen garnirt. Der Oberſtjägermeiſter hat ſchon die Schleußen ſeiner Red⸗ ſeligkeit geöffnet, während Klara noch in wirthlicher Thätigkeit ab und zu geht. Erſt nachdem Alles beſorgt und verſorgt iſt, ſchiebt ſie den Stuhl an Lucian's Seite und nimmt an dem Geſpräche Theil, das ſich vorerſt nur um das Befinden des Leidenden dreht. Nach einer Weile fragt ſie, die forſchenden Blicke in die Runde ſendend:„Aber wo haben Sie unſere kleine Freundin gelaſſen? Galt nicht Ihr Verſprechen auch in Cili's Namen?“ Eine kaum merkliche Röthe legt ſich auf Lucian's Wangen. Er zuckt die Achſeln und entgegnet:„Die räthſelhafte Gewalt, die ich nach Ihrer Behauptung auf das Mädchen ausübe, hat ihr Ende erreicht. Cili iſt krank geworden, und die heutige Nacht ſteigerte ihr Fieber zu ungemeiner Heftigkeit. Es liegt in der Natur dieſes Mädchens, daß Alles, was an ſie heran⸗ tritt, mit ungewöhnlicher Stärke auf ſie wirkt.“ Klara gibt ihrer ängſtlichen Sorge Ausdruck, aber der Oberſtjägermeiſter meint, daß bei einem ſo elaſtiſchen Weſen, wie Cili, die Macht der Krankheit an der Energie des Widerſtandes ſich breche. So beruhigen ſich all⸗ gemach die Freunde, und Klärchens ſchmeichelnde Be⸗ redtſamkeit gewinnt es über Lucian, ihm die Grillen aus dem Kopfe zu jagen. Ihn hatte der Gedanke gequält, daß hauptſächlich er Schuld trage an Cili's ———— 60 59 Unwohlſein. Der Kummer über die unverhofft ſchlimme Wendung ſeines eigenen Geſundheitszuſtandes, die un⸗ ermüdliche Sorgfalt, womit ſie ihn pflegte, hatten ſie in eine gefährliche Spannung verſetzt. Klara gibt das ſelbſt zu, aber indem ſie ihm lächelnd mit dem Finger droht, bemerkt ſie, daß das Unheil, welches er an der armen Kleinen angerichtet, nunmehr hoffentlich durch die Natur ſelbſt ausg eglichen werde. So war das Geſpräch wieder in freundliche Bahnen geleitet, als eine neue Störung eintrat. Ein Eilbote überbrachte dem Oberſtjägermeiſter eine telegraphiſche Depeſche, die ihn augenblicklich vor den Fürſten rief. Gelegentlich übergab er Lucian einen Brief, in welchem ihm Theobald mit flüchtiger Hand meldete, er wolle, durch wichtige Vorgänge veranlaßt, Urlaub nehmen und rüſte ſich bereits, ihn für etliche Tage heimzu⸗ ſuchen. Nähere Aufklärung werde er ihm mündlich mittheilen. Die Nachrichten überraſchten und beängſtigten. Wäh⸗ rend Frieſeneck trotz allen Reſpekts vor der Durchlaucht das allerhöchſte Vertrauen, das ihn wiederholt aus der ſorgloſen Zurückgezogenheit auf den entwöhnten Par⸗ quetboden rief, über alle Berge wünſchte und unter fortwährendem Schelten ſich zur Abreiſe rüſtete, er⸗ gingen ſich die jungen Leute in Vermuthungen über das Räthſel der Ereigniſſe, bis die Stunde des ge⸗ meinſchaftlichen Aufbruchs nahte. Der Oberſtjägermeiſter benutzte die Nacht zur Reiſe. Er war an einen raſchen Vollzug der fürſtlichen Be⸗ fehle gewöhnt, auch wenn ſie ihm juſt nicht recht zu Sinne ſtanden. Beim erſten Grauen des Morgens hatte er bereits die Stadt erreicht, und ſobald es die Etikette erlaubte, meldete er ſich bei der Durchlaucht. Der Fürſt ging ihm entgegen und empfing ihn mit einem Wort des Dankes. Im nächſten Augenblicke aber verdüſterte ſich ſein Blick und ſeine Brauen zogen ſich zuſammen.„Ich bin verlaſſen und verrathen wie alle Fürſten!“ bemerkte er leidenſchaftlich.„Gekrümmte Rücken, aber keine warmen Herzen, wohin ich mich wende. Wohldiener, Paraſiten, Heuchler! Undank, wo ich Wohlwollen ſpende, Lüge und Verrath, wo ich Ver⸗ trauen gewährte. Ich bedarf eines Freundes, Frieſeneck. In meiner Umgebung fand ich keinen, drum ließ ich Sie rufen.“ Ohne Ahnung der Vorgänge, die das Gemüth des Fürſten ſo tief erſchütterten, war es dem Oberſtjäger⸗ meiſter ſchwer, ſich in die rechte Haltung zu finden. Er war in der Kunſt allgemeiner Redensarten ſchlecht bewandert, und doch hätte er jetzt einer ſolchen bedurft. Aus dieſer Verlegenheit half ihm die Unruhe und 61 Ungeduld des Fürſten. Ohne eine Entgegnung abzu⸗ warten, nahm dieſer nach kurzer Unterbrechung wieder das Wort. Er erwähnte der Vorfälle bruchſtückweiſe und in jener aphoriſtiſchen Art, die ihn nur ſeinen Vertrauten vollkommen verſtändlich machte. Aber es geſchah mit ſo tiefer, innerer Bewegung, daß Frieſeneck die Durchlaucht vergaß um des Menſchen willen. Dem offenen, ehrlichen Manne ſchien die heimtückiſche Art, wie man dem Fürſten die Beweisurkunde eines Fehltritts ſeiner Gattin in die Hände zu ſpielen wußte, keine geringere Felonie als das Verſchulden des Grafen von La Rochelle. Er mußte ſeiner ſittlichen Entrüſtung und der warmen Theilnahme für ſeinen Fürſten ein Wort leihen, und die Stimmung des Augenblicks überhob ihn der Nothwendigkeit eines wähleriſchen Ausdrucks. „Beim heiligen Hubertus, Durchlaucht, zuvörderſt ließe ich den Denuncianten ſtäupen! Ich verſtehe nichts von Proceß und Strafrecht, halten zu Gnaden, Durch⸗ laucht; aber das iſt frevelhafter, heilloſer Friedensbruch! Das iſt Hochverrath, auch wenn ſich im Geſetzbuch dafür kein Paragraph findet.“ „Und La Rochelle?“ „Durchlaucht erlaſſen mir allergnädigſt die Quali⸗ ficirung des Herrn Grafen. Man nennt mich ſeinen perſönlichen Gegner, weil—⸗ 2 67 d „Weil er Sie von meiner Seite gedrängt hat!“ fiel der Fürſt dem Zögernden in die Rede.„Ich war übel berathen, Frieſeneck, übel berathen wie alle Fürſten, alle! Man lehrt uns, die Geſinnungen nach dem Klang der Worte zu wägen. Ihre Sprache klingt etwas rauh, und meine Ohren ſind verwöhnt. Ich weiß es, Frieſeneck!“ In dem Augenblicke erſchien der dienſthabende Kammerherr an der geöffneten Thür. Dem ſonſt ſo gewandten Hofmanne war bereits durch den erſten Morgengruß der Durchlaucht die Faſſung abhanden gekommen. Jetzt ſtak ihm das kreideweiße Geſicht zwi⸗ ſchen den galonirten Kragen ſeiner Uniform, wie eine Gipslarve. Er war plötzlich kurzathmig geworden und ſtotterte, als er die weiland Excellenz, nun ſchlechtweg Doctor Julian, zur Audienz meldete. Der Fürſt warf ſich in die Bruſt. In ſeinen Zügen kündete ſich der höchſte Grad der Entrüſtung, und er war zu einer Aeußerung bereit, die dem armen Kammer⸗ herrn wahrſcheinlich einen kleinen Schlaganfall gekoſtet haben würde. Da fiel ſein Blick auf den Oberſtjäger⸗ meiſter, welcher bereit war, ſich zurückzuziehen. „Bleiben Sie, Frieſeneck“, rief er, ſeine Aufregung bewältigend,„ich bedarf Ihrer als Zeuge und Bei⸗ ſtand.“ 3 Ein zuſtimmender Wink— und Julian überſchritt „ . die verhängnißvolle Schwelle. Die Kunſt der Selbſt⸗ beherrſchung hatte ihn auch in dieſem entſcheidenden Momente nicht verlaſſen. Nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung erwartete er in ſicherer Haltung die erſte Anrede des Fürſten. Sie erfolgte nach einer peinlichen Pauſe und in einer Art, die gerade nicht ſonderlich ermunterte. „Ich habe mich an die Gnade Eurer Durchlaucht zu wenden, nicht für mich, ſondern für eine Todte!“ bemerkte er, ohne den Blick zu Boden zu ſchlagen.„Es ſind mir auf eine Weiſe, deren Beurtheilung ich dem Richter überlaſſe, Documente entwendet worden, welche ein Familiengeheimniß enthalten. Der Raub wird, wie ich vermuthe, den Weg bis in die Hände Eurer Durchlaucht finden oder gefunden haben.“ „Gefunden haben!“ entgegnete der Fürſt, die Arme über der Bruſt kreuzend, als wolle er damit ihre Wal⸗ lungen bändigen. Julian fuhr fort: „Vielleicht geruhen Eure Durchlaucht auch eine zweite Vermuthung zu beſtätigen. Die Abſicht, an der unbefleckten Ehre meiner erlauchten Fürſtin zu freveln, ſtände einem Majeſtätsverbrechen zu nahe, ſie wäre zu unerhört, um ſie nur denken zu können. Der Zweck dieſes Raubes galt wahrſcheinlich einem andern Ziele. Der Graf von La Rochelle—⸗ 64 Eine abwehrende Handbewegung unterbrach den begonnenen Satz. Der Fürſt trat an den Tiſch und nahm aus der bereit ſtehenden Schatulle eine Rolle entfalteter Briefe. Indem er ſie auf der Platte aus⸗ breitete, fragte er: „Sind dies die Urkunden, in denen Ihr Familien⸗ geheimniß ruht?“ Nach einem flüchtigen Blicke bejahte Julian die Frage. „Und wie gelangten Sie in den Beſitz dieſer Briefe?“ „Sie ſind der Nachlaß meiner unglücklichen Schweſter.“ „Ihrer Schweſter?“ „Sie war im Dienſte Ihrer Durchlaucht. Eine verrathene Liebe und die Abſicht, ſich an dem treuloſen Geliebten zu rächen, lenkte ihre Hand zu einem Ver⸗ brechen, an deſſen Vollendung ſie die Ehrfurcht vor der hohen Gebieterin hinderte. Die Briefe ſind ge⸗ fälſcht.“ Der Fürſt trat betroffen einen Schritt zurück. Seine Hand zitterte, während er nach einem der Schriftſtücke griff und ſeine Augen prüfend die Zeilen durchflogen. „Es iſt die Handſchrift der Fürſtin, Gott verdamme mich!“ rief er, indem er das Blatt zornglühend wieder auf den Tiſch warf.„Gaukelſpiel! Märchenkram! Man will mich täuſchen, den Fürſten täuſchen, nachdem man 65 ihn vorher frevelhaft enttäuſcht hat. Hören Sie, Frie⸗ ſeneck, man wagt ſich mit Schelmenſtücken bis an die Stufen des Throns.“ „Die Briefe ſind gefälſcht, Durchlaucht!“ entgegnete Julian mit unerſchütterlicher Ruhe.„Ich wage es, mich auf das Zeugniß ſachkundiger Männer, auf das Wort meiner gnädigſten Fürſtin ſelbſt zu berufen. Ich beſchwöre es vor Gott und allen Heiligen! Indem ich dies ſage, handle ich mit dem Bewußtſein, daß ich ſelbſt die Ehre meiner Familie beflecke, daß ich das Bahrtuch hebe und einen Blick werfen laſſe in die Verirrungen eines gequälten Mädchenherzens, das erſt vor wenigen Tagen aufgehört hat zu ſchlagen. Durch⸗ laucht, ich bin beim lebendigen Gotte nicht veranlaßt, meine Schweſter noch im Grabe um eines Mannes willen zu verunglimpfen, der ihre Jugend vergiftet und ſie dem Wahnſinne in die Arme gejagt hat, aber— die Briefe ſind gefälſcht!“ Der Fürſt ſchritt in heftiger Bewegung auf und nieder. Eine raſche Wendung brachte ihn in Julian's unmittelbarſte Nähe. Während ſeine durchdringenden Blicke auf ihm ruhten, fragte er: „Und wem gelang es, dieſes Geheimniß in Curs zu bringen? Wer konnte es verrathen, wenn nicht Sie ſelbſt?“ Hilarius, Non possumus. III. 5 66 Julian erwiderte:„Würde die Sache nicht für mich ſprechen, der Schein ſpräche gegen mich. Ich bekenne, Durchlaucht, daß ich hier vor einem Räthſel ſtehe. Mir iſt bis jetzt nur eine Löſung denkbar: die Verletzung des Beichtgeheimniſſes.“ „Conjecturen! Spitzfindige Vermuthungen! Aber die Sache ſoll unterſucht werden. Sie ſind entlaſſen!“ bemerkte der Fürſt, indem er ſich gegen Frieſeneck wendete. Julian verbeugte ſich, und im nächſten Augenblick geleitete ihn die Gipslarve mit ſtereotyper Artigkeit bis an die Ausgangsthür des Vorzimmers. Nur einige Sekunden zum Aufathmen und ſeine haſtigen Schritte verloren ſich wieder in den Windungen der Gänge und Corridore. Hatte ihm die eine Andienz noch nicht genügt? Noch klangen ihm die Worte des Fürſten im Ohre, als ſich der Unerſättliche bereits durch den Kammer⸗ herrn bei der Fürſtin melden ließ. Der Beſcheid lautete, daß ihn die Durchlaucht nicht vorzulaſſen geruhe. Er biß ſich auf die Lippen, aber es galt ſeinen Entſchluß durchzuſetzen. Aus der halbgeöffneten Thür eines Seitenkabinets klang die Stimme Aureliens. Der Doctor ſtand vor ihr, ehe er ſich ſelbſt recht beſonnen hatte.„Vermitteln Sie mir eine Unterredung mit der 67 Fürſtin“, bat er die allmächtige Kammerfrau.„Es droht eine Gefahr für die Durchlaucht, deren Folgen unberechenbar ſein könnten.“ „Sind Sie im Stande, ſie abzuwenden?“ fragte die ſchöne Aurelie ſpitzig. „Mit Gottes Hülfe— ja!“ erwiderte Julian. Das flehentlichſte Geſuch aus dieſem Munde würde kein Gehör gefunden haben, wenn es nicht in Aureliens Pläne gepaßt hätte. Sie, die Eingeweihte, konnte den Zweck dieſer Audienz leicht errathen, und es kam ihr gelegen, daß die Fürſtin gerade aus Julian's Munde die erſte Kunde von den Vorfällen erhielt. Der Ver⸗ rath an der eigenen Gebieterin, welche ihr Gunſt und Vertrauen wie einer Freundin geſchenkt hatte, verur⸗ ſachte ihr doch einige Beklemmung, obwohl ihr der Stiftskanonikus die Lehre von der Heiligung der Mittel mit aller Wärme eingeprägt hatte. Nun wollte ihr dieſer Doctor eine Gewiſſenserleichterung verſchaffen, indem er den Wetterſtrahl von dem Haupte der Durch⸗ laucht abzuwenden verſprach. So träfe alſo die ganze Wucht den Grafen allein und die Fürſtin wäre ihr ſchließlich noch zu Dank verpflichtet. Frauen, ſelbſt verſtändige und ſinnige, denken nicht immer logiſch, aber ſie denken raſch. Während der Mann noch die Quaderſteine für den Bau ſeiner Syl⸗ 68 logismen mühſelig herbeiſchleppt, ſind ſie mit ihren Schlüſſen längſt fertig. Ihre Folgerungen ſind mehr Sache einer unmittelbaren Empfindung als eines ver⸗ mittelnden Denkvermögens. Die Bindeglieder werden nur nach Bedürfniß eingefügt, wenn das Urtheil bereits gefällt iſt. Sie machen es wie die Baumeiſter in den Dörfern unſeres Hochlandes, die vorerſt den Dachſtuhl auf ein paar ſchwanke Pfähle ſetzen und dann erſt das Haus vom Grunde auf mauern. Aurelie bedurfte zu allen Erwägungen nur eines Augenblicks. Im nächſten ſtand ſie bereits vor der Fürſtin, und— Julian ward vorgelaſſen. In den Zügen der hohen Frau lagen noch die Spuren des Widerwillens, womit ſie der Ueberredung ihrer Kammerfrau ſich gefügt hatte. Aus ihren Blicken flogen die Pfeile des Haſſes gegen den Mann, von deſſen Willkür die Makelloſigkeit ihres Namens abhing. Sie haßte ihn doppelt um der Schonung willen, die ſie ihm verdankte und womit er ihren Stolz demüthigte. Und indem ſie ihn empfing, gab ſie in Haltung und Miene, in ihrem ganzen Weſen dieſem leidenſchaftlichen Gefühle einen vollen, ungeheuchelten Ausdruck. Julian bedurfte aller Kraft ſeines Geiſtes, um nicht unter dem Drucke dieſer verachtenden Kälte ſeinem Entſchluſſe untreu zu werden. Aber um ſeiner 69 ſelbſt willen mußte er jetzt vollenden, was er begonnen hatte. Als den einleitenden Formen der Hofſitte Genüge geſchehen war, trat er der Fürſtin um einen Schritt näher und ſprach:„Geſtatten Euer Durchlaucht gnä⸗ digſt, daß ich mich kurz faſſe— es iſt Gefahr im Verzuge. Ich habe eine Erbſchaft angetreten, die Pflicht der Sühne für die Verirrungen eines gequälten und verkümmerten Herzens. Wenige Stunden vor dem jüngſt erfolgten Tode meiner Schweſter gelangte ich in den Beſitz dieſer Papiere. Sie ſind Eigenthum Eurer Durchlaucht, und ich bitte um deren gnädigſte Zurück⸗ nahme.“ Mit dieſen Worten überreichte er die Briefe. Die Fürſtin neigte das Haupt, und ihre Rechte griff nach der Tiſchplatte, um eine Stütze zu gewinnen. Es war ein Rollenwechſel eingetreten; denn nun ſtand Julian ſtolz und aufrecht vor der gebietenden Frau, über deren geſchloſſene Lippen lange Zeit kein Laut zu dringen vermochte. Endlich bemerkte ſie mit gedämpfter Stimme: „Sie kommen Ihrer Pflicht ſpät nach. Die Sühne eines Verraths, eines Treubruchs, eines Verbrechens hatte für Sie keine Eile.“ „Durchlaucht geruhen ſich meines Wortes zu erinnern, 70 daß die Schriften erſt jüngſter Zeit in meine Hände gelangten“, erwiderte Julian.„Ich wage es nicht, ſelbſt dieſe kurze Zögerung zu rechtfertigen; aber ich rechne auf die nachſichtsvolle Huld meiner gnädigſten Fürſtin. Der Inhalt dieſer Briefe war keineswegs mein ausſchließendes Geheimniß; ich mußte es ſeit ge⸗ raumer Zeit mit dritten Perſonen theilen, die— ich weiß nicht, durch welche Künſte— das Vertrauen meiner geiſteskranken Schweſter zu gewinnen wußten. Ich erfuhr, daß man dieſe Kenntniß zu verwerthen ſuchte, um den Grafen von La Rochelle unmöglich zu machen. Die Documente ſollten um jeden Preis, ſelbſt um den der Ehre Eurer Durchlaucht, aus meiner Hand in die Hände des Fürſten übergehen.“ „Warum durchkreuzten Sie dieſe unglaublichen In⸗ triguen nicht? Es war ein Gebot Ihrer eigenen Ehre, mir mein Eigenthum ſogleich zurückzugeben.“ „Damit wäre zwar der Beweis unmöglich geworden, aber der Verdacht geblieben.“ „Und nun?“ „Durchlaucht, es galt Argliſt gegen Argliſt. Graf La Rochelle war noch— dem Himmel ſei Dank— Beſitze der gefälſchten Briefe, und ſeinem Vertrauen ſchulde ich das Gelingen meines Plans. Die Copien, welche er mir anvertraute, ſind mir glücklich abhanden 71 gekommen— Seine Durchlaucht prüfen ſo eben die Schriftzüge.“ „Alſo dennoch verrathen!“ ſagte die Fürſtin halb⸗ laut vor ſich hin und rang die Hände. „Nein, Durchlaucht!“ rief Julian mit geſteigertem Gefühle.„Ich habe dem Fürſten die Geſchichte eines gebrochenen Herzens erzählt. Wenn ich dabei einen Schatten auf die Todte warf, geſchah es um der Lebenden willen! Eins vergaß ich bei meiner Er⸗ zählung— die Exiſtenz der Originalien! Sie haben nie exiſtirt, wenn Durchlaucht den Muth haben, es zu behaupten.“ „Und Sie, Doctor Julian?“ bemerkte die Fürſtin, indem wieder ein Strahl der Hoffnung aus ihren Augen leuchtete. Julian entgegnete:„Ich übernehme die Verpflich⸗ tung, die Manen Sibyllens zu verſöhnen. In dem Augenblicke, wo Euer Durchlaucht dieſe Zeugniſſe einer längſt erkannten Täuſchung vernichten, iſt dieſe auch bis auf die letzte Spur verwiſcht. Daß ich ſchweige, iſt mir jetzt ein Gebot der Ehre und der Klugheit.“ Ein prüfender, durchdringender Blick der hohen Frau maß den Doctor von der Sohle bis zum Scheitel. Er begegnete ihm mit aller Offenheit und Ruhe, und es ſchien, als beſchwichtige ſie allgemach den Zweifel 72 an der Wahrheit ſeines Verſprechens. Aber den Aus⸗ druck ſtolzer Gemeſſenheit und Kälte in ihren Zügen milderte ſelbſt dieſe Zuverſicht wenig. Was ſie auch empfinden mochte, nachdem der Alpdruck gehoben und eine ſeit Jahren drohende Gefahr beſeitigt war, die kargen Worte ihres Dankes verriethen es nicht. Julian blieb nach wie vor der einzige Mitwiſſer ihrer geheimen Schuld, der unerreichbare Gegenſtand ihres ſeit Jahren eingeroſteten Haſſes. Faſt gleichzeitig mit Doctor Julian verließ der Oberſtjägermeiſter den fürſtlichen Palaſt. Er war un⸗ wirſch geworden über eine Audienz, welche nach ihrem Verlauf und Erfolg des Opfers einer geſtörten Nacht⸗ ruhe und der Reiſeſtrapazen nicht werth war. Der Fürſt hatte ſeinen Rath verlangt, ohne ihn anzuhören, und ſeine Theilnahme beanſprucht, nur um ſich durch den Ausdruck derſelben verletzt zu fühlen. Als durch die Erklärung Julian's die Sache in ein neues Stadium getreten war, hatte ſich Frieſeneck wiederholt die Bemerkung erlaubt, daß er den namen⸗ loſen Urheber dieſes Vorfalls nicht vor dem Flintenlauf haben möchte. Dem begegnete aber die Durchlaucht mit einer ſehr vernehmlichen Berufung auf die Unter⸗ ——— 73 thanenpflicht, die ſelbſt einen Zuſammenſtoß mit der Moral müſſe ertragen können. Und als der alte Herr dieſe macchiavelliſtiſche Doctrin nicht begreifen wollte und das Maul nicht halten konnte, ward er in Gnaden entlaſſen. „Damit baſta!“ dachte er ſich, als er heimging. „Hab' ich die rechte Fühlung, ſo werden mich Seine Durchlaucht kaum mehr zum Rathgeber und Vertrauens⸗ mann erkieſen. Aber— alle Hagel— ſoll ich in ein Horn blaſen mit Heimtückern und Denuncianten? Wenn mir einer meinen Todfeind auf ſolchem Wege verriethe, ich legte mir eher ein Pflaſter aufs Ohr, als daß ich der Stimme Gehör gäbe, von der ich nicht weiß, wem ſie gehört. Alles in hirſchgerechter Art— nur keine Fuchsangeln und Falleiſen!“ Alſo ritterbürtig dachte der edle Freiherr Joachim Fries von Frieſeneck. Und als er bereits des andern Tages wieder in den Armen ſeines Klärchens lag, ließ er ſich in ſeiner geſprächigen Manier nochmals des Langen und Breiten darüber aus. „Aber ſiehſt Du, mein Kind“, ſo ſchloß er ſeine Herzensergießungen,„ſelbſt aus dieſer zweckloſen Plackerei iſt mir ein Vortheil erwachſen, den ich nicht zu theuer erkaufte. Uebel zu denken von einem Manne, den ich bisher geachtet habe, das koſtet mir immer ein paar 74 Unzen von meiner allgemeinen Menſchenliebe, die ich doch ſo gern recht rentirlich angelegt haben möchte, wie ein unaufkündbares Ewiggeldkapital. So ging's mir eine Weile mit dem Doctor Julian. Seit ich ihn aber vor dem Fürſten habe ſtehen ſehen— alle Wetter, Klärchen, ich habe Reſpekt gekriegt vor dem Menſchen, der von der Durchlaucht ſein Recht verlangte, wie der Frohnbote das Mahngeld, und auf ſeinem Worte be⸗ harrte trotz allerhöchſten Widerſpruchs.“ „Ich habe nie aufgehört, ihn für einen ungewöhn⸗ lichen Mann zu halten“, fiel hier Klara ein. „Natürlich!“ erwiderte Frieſeneck lachend.„Das Ei iſt allzeit klüger als die Henne, und Dein Zlick hat etwas von Deinem Namen, während mir die ſiebenzig Jahre vor den Augen flimmern. Unter uns geſagt, Klärchen, ich bin mit meinem Sündenbekenntniß noch nicht zu Ende. Die Geſchichte mit Theobald war eine gründliche Verleumdung, wie ich jetzt aus unmittelbarer Quelle weiß. Hat Dir das Dein Scharfblick auch all⸗ bereits verrathen?“ Klara war ein beſcheidenes Mädchen, aber ſie mußte der Wahrheit ihr Recht laſſen. Drum nickte ſie be⸗ jahend mit dem Köpfchen, obwohl ſie fühlte, daß ihr bei dieſem Bekenntniſſe das Blut in die Wangen ſtieg. Viertes Kapitel. Ob dem friſch Vertrauenden Will' und Hoffnung war geneigt— Dem zurücke Schauenden Sich die Mißerfüllung zeigt! Varnhagen, Wie es geht! Das Haus am untern Ende der Wallgaſſe hat an der Ecke eine Mauerblende, in welcher ein heiliger Georgius ſeit etlichen Jahrhunderten ſeine Lanze nach dem Drachen zückt. Sein Fuß ruht mit ritterlicher Zierlichkeit auf der Magengegend des Ungethüms, wäh⸗ rend ihm das vorgebeugte Haupt und die lächelnde Miene das Anſehen gibt, als mache ihm der wechſelnde Anblick der Vorüberwandelnden bedeutend mehr Spaß als der leidige Kampf mit dem Lindwurm. Dieſer aber ſperrt ſeinen Krokodilsrachen auf, wie die Klappen eines Waffeleiſens, und ſchaut den Heiligen mit ſanften, 76 wehmüthigen Augen an, als wollte er ſagen:„So ſtecht doch in Gottes Namen einmal zu, Herr Ritter! Lieber ein rechtſchaffener Todesſtoß als dieſer fort⸗ währende Gaumenkitzel mit Eurem leidigen Bratſpieße!“ Das altdeutſche Bildwerk, deſſen Kunſtwerth— wie das gar häufig der Fall iſt— lediglich in der Verwitterung und dem Schmuze liegt, den ein paar Jahrhunderte darauf abgelagert, intereſſirt uns zuletzt weniger als der ſinnige Spruch, den der Bildſchnitzer darunter geſetzt hat: Ego draconem vinxi; me vinxit mors; mortem evinxit Christus! Halleluja! Es waren dies auch die letzten Worte, mit denen ein alter Freund die Pilgerſchaft endete und die Rechnung abſchloß mit der Welt. Die Sommernacht iſt lau und ſternhell. Im Erd⸗ geſchoſſe deſſelben Hauſes, an deſſen Ecke der heilige Georg mit ſeinem frommen Werk nicht fertig werden kann, ſind die Läden zurückgeſchlagen und die Fenſter matt erleuchtet. Ein Flügel iſt geöffnet, und der Nacht⸗ wind bewegt leiſe den vorgezogenen Vorhang, daß man hin und wieder das Geſicht der alten Frau erblicken kann, die im Lehnſtuhle am Fenſter zu ſchlummern ſcheint. Es iſt das Krückerlweib, wie hier zu Lande die Seelnonne vom Volke genannt wird. Sie hält die —y 77 Todtenwacht bei dem Formenſchneider, dem Lazarus Knechtlein, der vor etlichen Stunden verſchieden iſt. Der einſame Mann hatte nicht Verwandte, nicht Freunde, nicht einmal einen Dienſtboten. So muß eine Fremde die letzte irdiſche Liebespflicht erfüllen. Sie hatte ihm auch die Augen zugedrückt, doch nur um des Lohns willen. Was kümmert ſich das Todtenweib um den Formenſchneider, den halbverrückten Menſchen, der ſich ſein Lebtag um keine Seele gekümmert hat! Wer aber den alten Lazarus Knechtlein ſo kannte wie unſer Freund Juſtus oder wie etwa der junge Arzt, der ihn während ſeines kurzen Siechthums be⸗ handelte, der hielt ihn wahrlich nicht für verrückt. „Mich wird der Tod überwinden wie den heiligen Georg über mir!“ hatte er lächelnd dem Doctor ent⸗ gegnet, als dieſer ihn wenige Tage vor ſeinem Ende noch mit freundlichen Lebenshoffnungen aufrichten wollte. „Nicht die fünfundſiebenzig Jahre hinter mir machen mein Leben aus. Jeder Augenblick für ſich war volles Le— ben, und ich habe genug gelebt, ob ich heute ſterbe oder morgen!“ Etliche Stunden, ehe ihm der Todeskampf die Be⸗ ſinnung nahm und die Gedanken abſchnitt, ließ er den Arzt noch zu ſich rufen. Er hatte den jungen, theil⸗ nehmenden Mann lieb gewonnen und mit dem hell⸗ 78 ſehenden Auge des Sterbenden einen Blick in ſeine Sl geworfen.„Soweit es gehen wollte“, bemerkte r,„haben Sie mir in meinem leiblichen Gebreſte Carrceuung verſchafft. Aber Sie ſind ein Mann nach dem Herzen Gottes, Doctor, und erleichtern mir auch meine Seelenbürde. In dem Schränklein dort im Winkel liegt mein Teſtament; es iſt in aller Form Rechtens verfaßt. Hier iſt der Schlüſſel— holen Sie mir das Geſchreibſel— im untern Fache links. So— ich danke Ihnen! Und nun, lieber Doctor, behalten und bewahren Sie's; thun Sie mir die Liebe! Ich hatte in meinem Leben einen einzigen Freund. Er iſt in Ihrem Alter und brav und rechtſchaffen wie Sie. Seit mehr denn acht Jahren iſt es der Troſt und die Freude meines einſamen Lebens, daß ich's vermag, ihm eine ſorgenfreie Zukunft zu verſchaffen. Was ich durch Gottes Gunſt und meiner Hände Arbeit erworben, hab' ich ihm verſchreiben laſſen. Es wird genügen zum Fundamente, darauf er ſich einen Eigenherd gründen kann.“ Der Kranke lehnte ſich in das Kiſſen zurück, er⸗ müdet von der Anſtrengung, welche ihm das längere Sprechen koſtete. Aber in ſeinen Zügen kündete ſich immer noch eine ängſtliche Unruhe, und ſeine Lippen bewegten ſich, als hätte er noch etwas mitzutheilen, 79 was ihm auf dem Herzen laſtete. Dem Scharfblick des kundigen Arztes entging das nicht. Nachdem er ihm eine Weile Ruhe gegönnt und ihn mit einem Tropfen Wein gelabt hatte, fragte er ihn theilnehmend:„Habt Ihr mir ſonſt noch etwas anzuvertrauen, Herr Knecht⸗ lein?“ Da ſtreckte ihm dieſer ſeine zitternde Rechte ent⸗ gegen:„Verſprechen Sie mir, Doctor“, erwiderte er kaum vernehmlich, mit gebrochener Stimme,„das Te⸗ ſtament nicht aus der Hand zu laſſen bis zur gericht⸗ lichen Verhandlung über meinen Nachlaß. Man hat bereits die Finger ausgeſtreckt nach meinem mühſeligen Erwerb. Sie haben meine Sparpfennige erſpürt, weiß Gott wie. Mein Seelenheil ſollt' ich damit erkaufen— das Kloſter der Redemptoriſten— harter Kampf—“ Eine Agonie trat ein, und dem Kranken verfiel die Stimme. Aber die Hand des Arztes ruhte in ſeiner Rechten und gab dem Sterbenden die Gewähr der Erfüllung ſeines Wunſches. Zwei Tage darnach trugen ſie den Formenſchneider Lazarus Knechtlein auf den Friedhof. Theobald gab ihm das letzte Geleite um der großen Liebe willen, die er bei Lebzeiten zu ſeinem Bruder gehegt. Er war der einzige Leidtragende, der hinter dem Sarge ging 80 und am offenen Grabe ſtand, während der Geiſtliche das„Requiescat“ herſagte. Als er ſich heimwärts wandte, fuhr ihm eins und das Andere durch den Sinn. Dem alten Manne, der all ſein Lebtag ſeine Wege einſam ging, konnte es wohl gleichgültig ſein, wer ihm Alles eine Hand voll Erde in die Grube nachwarf. Aber den Lebenden be⸗ wegte der Gedanke an ſolche Theilnahmloſigkeit unge⸗ mein ſchmerzlich. Was bedeuten eines Menſchen Pläne und Entwürfe, ſein Arbeiten, Ringen und Kämpfen, wenn der Tod die Reihen lichtet, ohne daß der Nachbar eine Lücke fühlt? Keiner von all den Trägern großer Gedanken, von all den Helden und Koryphäen, welche Stolz und Hoffnung von Nationen ſind, iſt unerſetzlich, und wo die Halme unter der Sichel fallen, wuchert die junge Saat am üppigſten. Iſt es der Mühe werth, für eine Zukunft zu ſchaffen, die uns ſo wenig Dank weiß? Wie viel Namen, die ſie in ihre Tafeln gräbt, ſind wahrhaft würdig, das Leben zu überdauern, und wie viel Millionen redlich wirkender, edler und ver⸗ dienſtvoller Männer hüllt ſie in den Schleier der Ver⸗ geſſenheit! Die Stimmung unſeres jungen Freundes war nicht die glücklichſte, als er ſein Stübchen betrat. Um ſo freudiger wirkte die Ueberraſchung, da die Mutter mit 81 glänzendem Geſichte die Ankunft eines lieben Gaſtes verkündete und Juſtus die Arme gegen ihn ausbreitete. Er hatte Heimkehr gehalten, während man ſeinen alten Freund und Lehrer begrub. Die Freude des Wieder⸗ ſehens milderte den Schmerz über dieſen Verluſt. Als aber Theobald von dem ſang⸗ und klangloſen Leichen⸗ begängniſſe zu erzählen begann, überfiel ihn eine herz⸗ liche Wehmuth. „Ich hätte ihm gern noch Kunde gegeben von meiner Wandlung!“ bemerkte er zu dem Bruder.„Faſt möchte ich mir einen Vorwurf machen, daß ich ihm nur die äußern Vorgänge meines Lebens mittheilte und die innern verſchwieg. Aber ich ſcheute mich vor der Doppelſinnigkeit des geſchriebenen Wortes.“ „Es iſt auch gut ſo“, erwiderte Theobald.„Viel⸗ leicht haſt Du ihm einen Kummer und Dir einen Kampf erſpart, und Ihr ſeid nun beide befriedigt am Ziele. Was wir in der Stille und Tiefe unſerer Seele ſpinnen und weben, läßt ſich, ſolange das Schifflein noch hin und her fliegt, ſchwer verſtändlich machen. Die Leute wollen gleich wiſſen, was Zettel und Einſchlag ſei, und das wiſſen wir ſelbſt kaum. Beſſer iſt's, man kommt und ſagt ihnen: Nun iſt's fertig, und ihr könnt das Gewebe ſo wenig mehr aufzetteln als ich ſelber, wenn ich es eben nicht zerreißen will.“ Hilarius, Non possumus. III. 6 Juſtus ſah den Bruder eine Weile mit nachdenk⸗ licher Miene an. Endlich verſetzte er lächelnd:„Iſt mir's doch, Theobald, als läge in Deinen Worten der entfernte Verſuch eines Verraths. Niſtet etwa„„in der Tiefe und Stille Deiner Seele““ auch ſo eine kleine Spinnerin, die nicht belauſcht und beredet ſein will, bis das Gehäuſe fertig und der Tagfalter darin ent⸗ wickelt und beſchwingt iſt? Ich dachte mir, Du hätteſt die Wege zu einem feſten, ſichern Ziele längſt ausge⸗ ſteckt und ſeieſt bereits am Glichten, wie es unſere Landmeſſer nennen. Habe ich mich getäuſcht?“ Theobald wich einer Antwort aus, indem er ſich erhob, den Arm in den ſeines Bruders legte und ihn zum Beſuche des Oheims aufforderte. Dem alten Herrn trieb es das Waſſer in die Augen, als ihn Juſtus mit der Liebe eines Sohnes umfaßte und den Willkommkuß bot. Kaum daß er ihn wiedererkannte, ſo war aus dem aufgeſchoſſenen, ſchmächtigen, kopfhängeriſchen Bürſchlein ein feſter und fertiger Mann geworden.„Du kommſt als ein wahrer Juſtus“, bemerkte er, nachdem er ſich die Thrä⸗ nen mit dem Rockärmel weggewiſcht.„Ich hätt' es kaum länger mehr ausgemacht. Denn die Hand, die lenken und leiten ſoll, zittert, und ich komme mir ſelber wie abgeſtanden und windbrüchig vor. Wenn Du 83 meine ſieben Sachen nicht willſt, muß ich ſie fremden Händen anvertrauen.“ Deſſen bedurfte es aber zur großen Freude des Alten nicht; denn Juſtus erklärte ſich bereit, das Ge⸗ ſchäft vorläufig unter der alten Firma als Werkmeiſter fortzuführen. „Warum nicht lieber als Meiſter ſchlechtweg?“ ent⸗ gegnete Ebenſtreit.„Du ſollſt was halten auf die Ehre des Gewerks; dann ehrſt Du meinen Namen, auch wenn er nicht mehr auf dem Schilde ſteht. Ich möchte Ruhe haben und meinen Austrag bei Dir ge⸗ nießen.“ Darauf wollte aber Juſtus um keinen Preis ein⸗ gehen. Der Oheim ſollte Herr im Hauſe bleiben bis an ſein ſeliges Ende und nur die Leitung des Geſchäfts dem Neffen übertragen. „Ich habe meine guten Gründe hierfür“, bemerkte er zu Theobald, als die Brüder allein waren.„Von jeher ging mir ſolch ein Beerben bei lebendigem Leibe wider den Mann. Es ſoll ſich Keiner ſeines Eigens völlig entſchlagen, ſolange ihn das Alter nicht kindiſch gemacht hat. Dann iſt mir auch des Oheims Werk⸗ ſtätte zu eng für das, was ich gelernt habe und was ich ſchaffen will. Meine Pläne ſind weitſehend ge⸗ worden, ſeitdem ſie in der Wirklichkeit wurzeln. Dürfte 6* 84 ich unbeſchränkt nach meinem Willen ſchalten, ſo würde ich der Verſuchung kaum widerſtehen können, Alles über den Haufen zu werfen, woran der wackere alte Herr mit unfürdenklicher Pietät hängt. Das kann ich mit meinem wohlerworbenen Eigenthum, aber nicht mit einem Geſchenk, welches mit ſeinen Früchten noch dem Schenkenden verpfändet iſt.“ Dieſe Gründe reichten jedoch nur für einige Tage hin. Denn als Herrn Lazarus Knechtlein's Teſtament geöffnet und die Verlaſſenſchaft bereinigt war, fand ſich zu aller Erſtaunen an Werthpapieren und Effecten eine ganz beträchtliche Summe vor, und Juſtus, der einzige Erbe, war über Nacht zum wohlhabenden Manne ge⸗ worden. Die Nachbarn in der Wallgaſſe ſteckten die Köpfe zuſammen, hielten ein Todtengericht, und die mildeſten unter ihnen nannten den ſeligen Formen⸗ ſchneider einen filzigen Knicker, der ſich zu Tode ge⸗ hungert habe um eines lachenden Erben willen. Aber Juſtus war nichts weniger als ein lachender Erbe. Hatte ihn die Kunde von dem Tode des geliebten väterlichen Freundes ſchon tief ergriffen, ſo netzte jetzt mehr als eine Thräne das Teſtament, deſſen Schrift⸗ züge ihn wie ein Konterfei des wunderlichen und doch ſo fürtrefflichen Mannes anſahen. Es war das Ver⸗ mächtniß einziger, Alles ausſchließender Liebe. V 85 „Jetzt läßt ſich ein anderes Wort mit dem Oheim reden“, äußerte ſich Juſtus dem Bruder gegenüber, nachdem er ihm die Nachricht ſeines unverhofften Glücks hinterbracht hatte.„Mit dem, was wirklich mein iſt, kann ich ihm nun Sicherheit gewähren für jene Verpflichtungen, welche er an die Uebergabe ſeines Geſchäfts nothwendig knüpfen muß. Ich habe dann freie Hand und kann beginnen, was ich will.“ „Glaubſt Du nicht, daß ſich der Oheim gerade da⸗ durch verletzt fühlen wird?“ fragte Theobald hinwider. Juſtus entgegnete:„Ich bin darauf gefaßt, aber ich hoffe den Strauß glücklich durchzufechten. Wenn nichts verfängt, wird ſicher Eins durchſchlagen— die Hinweiſung auf ſeinen Liebling Theobald!“ „Wie verſtehſt Du das?“ „Unſere Rechte und Anſprüche ſind gleich, Theobald und ich könnte mich nie mit dem Gedanken verſöhnen, daß Dir der knappere Antheil zufiele. Ich will Großes unternehmen und muß gefaßt ſein, daß es mir miß⸗ glückt. Für dieſen Fall bedarf Dein Erbtheil einer Sicherung.“ Lachend reichte ihm Theobald die Hand und er⸗ widerte:„Glück auf zu Deinen Unternehmungen, Bru⸗ der, wenn ſie nicht allzu ſchwindlig ſind! Zur Durch⸗ führung großer Pläne bedarf es aber auch großer 86 Mittel, und ſo magſt Du denn getroſt über mein zu hoffendes Erbtheil verfügen. Am liebſten wäre mir's, Du nähmeſt gleich mich ſelbſt zum Geſchäftsgenoſſen!“ „Du wirſt dem Glück auf anderem Wege begegnen“, verſetzte Juſtus. Aber Theobald fiel ihm haſtig in die Rede:„Es iſt ein Dornenweg, ſag' ich Dir, und das Ziel der Mühe unwerth. Du freuſt Dich deſſen, was Du ſchaffſt, mehr noch als des Lohns, der Dir dafür geboten wird. Das iſt's, um was ich Dich, um was ich jeden Handlanger beneide. Ich, Juſtus, ich ſehe keinen lohnenden Erfolg meiner Arbeit, und wenn ich am Schluß des Monats meinen Gehalt einziehe, ſchäme ich mich ſchier vor dem Zahlmeiſter. So kärg⸗ lich wir niedern Beamten beſoldet ſind, quält uns doch das Bewußtſein, daß wir es— nicht nach dem Um⸗ fang, aber nach dem Inhalt unſerer Arbeit— nicht verdienen.“ „Drücke den Werth Deiner Arbeit nicht ſelbſt herab, Bruder!“ entgegnete Juſtus.„Nicht Jeder kann ſelbſt⸗ ſtändig ſchaffen, aber er wirkt mit zum Wohle des Ganzen.“ „Was geſchieht denn zum Wohle des Ganzen?“ verſetzte Theobald mit zunehmender Bitterkeit.„Die Regierung hat ſich in der Bureaukratie einen Staat im Staate geſchaffen, nicht um des Volkes, ſondern um 87 ihrer ſelbſt willen. Wir ſind ihre Landsknechte, und jede nähere Berührung mit dem Volke, jede lebhaftere Betheiligung an ſeinen Intereſſen wird uns als ein Makel angerechnet. Wer den Kaſtengeiſt verleugnet, handelt wider Dienſtpflicht. Darum dieſe Bevorzugung einer unſelbſtſtändigen Mittelmäßigkeit, dieſer verletzende Nepotismus, dieſe Dreſſur zu einem allerunterthänigſt treugehorſamſten Diener! Das paßt Alles zu dem Syſteme. O Juſtus, es bedarf keiner Jahrzehnte, um in dem nach ſchöner menſchlicher Freiheit dürſten⸗ den Geiſte das Gefühl des Widerwillens und der Ent⸗ muthigung über dieſe Zuſtände zu wecken. Für mich wenigſtens reichten die Erfahrungen eines kürzern Zeit⸗ raums hin. Das verhängnißvolle Wort, das Du ſelber ausſprachſt, klingt mir beſtändig im Ohre nach: Non possumus!“ Juſtus ſah eine Zeit lang ſinnend vor ſich hin. Die Berufung auf ſeine eigenen Worte bewegte ſein Gemüth und er erwog ihre Berechtigung im Munde des Bruders. Dann hob er an: „Kein Menſch muß müſſen, ſagte der weiſe Na⸗ than. Aber hüte Dich, Theobald, eine leichtſinnige That mit einem ſchwerwiegenden Worte zu bedecken. Die Grenze zwiſchen dem, was wir nicht können, und dem, was wir nicht wollen, iſt eine ſehr feine und das 88 Markgericht, das hier zu entſcheiden hat, ein äußerſt beſtechliches. Wie willſt Du zur Höhe gelangen, wenn Dich ſchon die kleinen Fährlichkeiten der Niederung entmuthigen?“ „Es führen mancherlei Pfade aufwärts!“ entgegnete Theobald.„Ich bin jung und rüſtig genug, um meine Schritte an jene Keuzung zurückzulenken, von welcher die Wege nach verſchiedenen Lebenszielen auseinander gehen. Wenn ich den Muth finde, es zu thun, geſchieht es nicht unbedacht und leichtſinnig. Gabſt Du mir nicht ſelbſt das Beiſpiel einer nothwenigen Umkehr?“ „Wohl', verſetzte Juſtus,„aber meine Umkehr war eine geiſtige und das Ergebniß eines geiſtigen Proceſſes. Die äußern Verhältniſſe kamen hierbei nicht in Betracht. Gerade in dieſen liegt jedoch unter Umſtänden eine Nothwendigkeit, gegen welche wir uns nur freventlich ſtemmen. Du weißt, Bruder, daß auch ich mich dieſem Zwange beugen mußte. Wenn nur unſer Wohlſein und Behagen, die äußern Formen unſeres Daſeins in Frage ſtehen, ſo können wir Alles, was wir recht⸗ ſchaffen wollen. Aber unſere Ueberzeugung ſei die Errungenſchaft eines Kampfes um Wahrheit und Freiheit!“ „Kennſt Du den Werth einer ſichern und gebor⸗ genen Exiſtenz?“ fragte Theobald hinwider.„Wir „— — 89 Beamte werden vielfach darum beneidet, und nicht mit Unrecht. Das iſt die„„äußere Form unſeres Daſeins““! Wenn ich dieſer ſorgenfreien Behaglichkeit um meiner Ueberzeugung willen entſage, ſo iſt das ein Opfer, Juſtus, deſſen Schwere Du kaum zu ermeſſen vermagſt. Ich binde den Kahn los, der bereits im geſchützten Hafen vor Anker lag, und gebe ihn und mich neuer⸗ dings den Winden und Wellen preis, die auf offener, hoher See ſtürmen.“ „Und warum?“ entgegnete Juſtus bedenklich. „Weil ich an der Stelle, wo ich landete, das nicht fand, wonach ich rang und ſtrebte. Iſt die Befreiung von der gemeinen Nothdurft des Lebens, von der Sorge um das, was ich eſſe und trinke, der einzige Lohn mei⸗ ner Arbeit und Mühe, ſo iſt das Leben des Lebens nicht werth. Wenn ich nicht ſchöpferiſch wirken und Selbſtſtändiges erzeugen kann, ſo verlange ich doch we⸗ nigſtens nach einer nützlichen Thätigkeit und nach einer ehrlichen und ehrenhaften Art des Erwerbes. Das Handgeld aber, das ich jetzt für eine Danaidenarbeit beziehe, bannt mich in Reih und Glied jener willen⸗ loſen Triarier, welche für die Gewalthaber des Tages vorkämpfen und mit jedem Wechſel des Syſtems auch ihre Farbe wechſeln müſſen. Und nun, Juſtus, kannſt Du es noch thöricht und leichtſinnig nennen, 90 wenn ich den Willen habe, in andere Bahnen zu lenken, und nach der Kraft ringe, es durchzuſetzen?“ Juſtus ſann auf eine Erwiderung. Noch waren ſeine Bedenken nicht gehoben, und er erachtete es für ſeine Pflicht, alle Folgen eines Schrittes zu erwägen, der das künftige Geſchick eines geliebten Bruders entſchied. Erſt die Mitternachtsſtunde ſetzte dem erregten Ge⸗ ſpräche ein Ziel. e Fünftes Kapitel. Die Vorſehung behält ſich die Ueber⸗ raſchung bevor. H. König, Aus dem Leben. Die Vorgänge am Hofe hatten eine Gährung ver⸗ anlaßt, welche zu ganz unerwarteten Reſultaten führte. Der ſtaunenswerthen Gewandtheit und Geiſtesgegen⸗ wart der Fürſtin war es gelungen, jeden Verdacht von ſich abzuwälzen und die Urheberſchaft jener bloßſtellen⸗ den Correſpondenz der thörichten und grundloſen Eifer⸗ ſucht eines halb verrückten Mädchens zuzuſchreiben. Bei der Wendung, welche die Dinge genommen hatten, lag es zugleich im Intereſſe aller Betheiligten, nunmehr als Entlaſtungszeugen aufzutreten. Am wirkungsvollſten ſpielte der hochwürdige Stifts⸗ kanonikus dieſe Rolle. Er berief ſich, wenn auch 92 nur andeutungsweiſe— auf die Geſtändniſſe ſeines Beichtkindes Sibylle und gelangte damit zu dem be— friedigenden Ergebniſſe, daß er nicht nur in der Gunſt der Fürſtin ſtieg, ſondern ſich auch dem Fürſten ver⸗ bindlich machte. Denn der Durchlaucht lag daran, daß dieſe fatale Geſchichte einen möglichſt günſtigen Abſchluß finde. So wenig Neigung er für die Gattin empfand, ſo wollte er doch ihre Ehre gewahrt wiſſen um der Ehre des Hauſes willen. So geſtalteten ſich die Verhältniſſe im Allgemeinen dennoch zu Gunſten derjenigen, deren wohlangelegten Plan Julian's Klugheit ſo glücklich durchkreuzt hatte. Selbſt zwiſchen dem Fürſten und ſeiner Gattin fand eine Annäherung ſtatt. Es gewann den Anſchein, als ob beide den zwiſchen ſie geſtreuten Samen des Ver⸗ dachts durch eine erhöhte gegenſeitige Aufmerkſamkeit erſticken wollten. In dem Maße, als der Verkehr zwiſchen dem rechten und linken Flügel der Reſidenz an Lebhaftigkeit gewann, minderte ſich die Abneigung des Fürſten gegen Perſonen und Dinge, die er bisher fern von ſich gehalten. Es kam zu Erörterungen und er freute ſich der klugen Anſichten ſeiner erlauchten Gattin über landesherrliche Würde und Bürde. Zu⸗ letzt fand er, daß dieſe Grundſätze den Traditionen ſei⸗ nes Hauſes weit mehr entſprachen als die Begriffs⸗ I r 93 verwirrung, welche er Männern wie Doctor Julian verdankte. Dieſe unerwartete Entwickelung der Dinge traf in ihren Wirkungen am empfindlichſten den Grafen von La Rochelle. Während ihn die Fürſtin nun, da ſie ſich ſicher wußte, verleugnete, blieb in dem Fürſten ein Stachel zurück, deſſen Spitze ſich gegen ihn, als den Urheber dieſer anſtößigen Geſchichte, wendete. Er fühlte das Schwanken der höchſten Gunſt, und die erſte bittere Frucht davon war die Uebertragung des Präſidiums im Miniſterrathe auf den Freiherrn von Luchsberg. Die Ausſichten des Herrn von Schimmelbein, die Fi⸗ nanzangelegenheiten des Landes wieder ſeiner geſchick⸗ ten Leitung anvertraut zu ſehen, geſtalteten ſich unge⸗ mein günſtig. Im Dome feierten ſie den nahen Tri⸗ umph der ſtreitenden Kirche mit einem Tedeum unter verſtärktem Orgel⸗ und Poſaunenſchall, und der Stifts⸗ kanonikus fand für ſeine jubilirenden Herzensergießungen kein geneigteres Ohr und keine freundlichere Zuhörerin als die ſchöne Aurelie. Die freiſinnigen Patrioten aber hingen ihre Pſalter an den Nagel und ließen muthlos die Köpfe ſinken, wie weiland die Juden an den Waſſer⸗ flüſſen Babylons.„ Der räthſelhafte Grund und der unerwartete, raſche Eintritt einer derartigen politiſchen Kataſtrophe äußerten 94 eine lähmende Wirkung auf ſie, und während ihre Gegner eine rühmliche Thätigkeit entfalteten, legten ſie rathlos die Hände in den Schooß. Ihre Entmuthigung ſteigerte ſich, als La Rochelle, deſſen Stolz ſich gegen jede abhängige Rolle ſträubte, auf den Reſt einer zweifelhaften Gunſt verzichtete und ſeine Entlaſſung nahm. Die Partei ſchmückte in ihrer Kurzſichtigkeit das Haupt des zweideutigen Grafen mit der Glorie des Märtyrerthums, und während ſie dem Gegner beinahe widerſtandslos das Feld räumte, ſchleuderte ſie die Pfeile der Erbitterung gegen den ohnmächtigen Doctor Julian. Er war offenbar zu weit gegangen. Seine Kühnheit, ſein ſchonungsloſes, aller Rückſicht bares Auftreten hatte ſelbſtverſtändlich das Spiel verdorben. Jede Ueberſchreitung der richtigen mittlern Durch⸗ ſchnittsgrenze muß nothwendig eine Reaction hervor⸗ rufen, und ſo war folgerichtig Julian der natürliche Vater dieſer Reaction. So begegnen wir hier einer Erſcheinung, welche den Grundzug des unreifen politiſchen Lebens der Gegenwart bildet. Das Ganze wollen, das Ziel un⸗ mittelbar anſtreben heißt ſich an der Staatsklug⸗ heit verſündigen. Die Leiſetreter, die Nachgiebigen und Vermittelnden, ſie allein gelten als die richtigen —,— — —— 95 Staatskünſtler. Nicht das volle Maß bürgerlicher Freiheit, nicht die unverkümmerte Gleichberechtigung, ſondern von Allem ein Stückwerk, das auf dem krummen Wege des Vergleichs erzielt wird! Man muß Vor⸗ rechte ſchonen, auch wenn ſie von der Vernunft geäch⸗ tet ſind, und Wucherungen, welche dem geſunden Or⸗ ganismus die Kraft entziehen, dürfen nicht gleich mit Höllenſtein behandelt werden. Die Ehrfurcht vor dem Frerbten, vor ſtaubigem Hausrath und wurmſtichigem Geraffel hat ihre Berechtigung, und die Pietät fordert es, die Ueberlieferungen einer guten alten Zeit zu ſchonen, auch wenn ſie mit unſerer vorgeſchrittenen Entwickelung im grellſten Widerſpruche ſtehen! In die⸗ ſer unſeligen Verwirrung der Begriffe, welche die ge⸗ ſchichtliche Berechtigung mit dem Rechte des Beſtan⸗ des verwechſelt, gründet jene Halbheit, die ſich unter günſtigen Sternen vor entſchiedener Thatkraft ſcheut und bei der Ungunſt der Verhältniſſe raſch erlahmt. Theobald war den Erſchütterungen, welche dieſer Umſchwung der politiſchen Beziehungen namentlich auf die Reſidenzſtadt äußerte, längſt aus dem Wege ge⸗ gangen. Der Urlaub, welcher ihm mit auffallender Geneigtheit gewährt wurde, geſtattete ihm, Alles aus der Ferne zu betrachten und ſo der Aufregung einer unmittelbaren Betheiligung zu entfliehen. Am Arme 96 des Freundes macht er kleine Streifzüge durch Wald und Flur, da Lucian's zunehmende Schwäche weitere Ausflüge verbietet, oder er theilt mit ihm das freund⸗ liche Plätzchen unter der Jasminlaube hinter der Mühle. Hier iſt die Ausſicht auf die Zinken und Schröfen des fernern Hochgebirgs und auf die ſanftern, waldbe⸗ ſtandenen Vorberge von dem Blätterwerk der Laube wie von einem Rahmen umkränzt. Die Landſchaft iſt wie in Sonnenglut getaucht. Vorüberziehende Wol⸗ ken werfen leichte, flüchtige Schatten darüber hin. Das Mühlrad rauſcht, und einzelne Waſſerfunken ſtäuben herüber bis an die wildrankende Laube. „Ich liebe ſolch ein abgeſchloſſenes und begrenztes Bild“, ſagte Lucian mit ſchwacher Stimme.„Das iſt etwas Fertiges und Abgerundetes, das wir mit einem Blicke überſehen und voll genießen können. Weite, endloſe Fernſichten wirken in entgegengeſetzter Weiſe erdrückend und beängſtigend auf mich. Ich fürchte mich ſelbſt zu ver⸗ lieren. Und wie mit der Natur, ſo geht es mit dem Leben. Weder Umgebung noch Erziehung konnten mir einen Geſchmack beibringen an großen Verhältniſſen und weitreichenden Beziehungen, die wir kaum überblicken, viel weniger zu bewältigen verſtehen. Im engern Rahmen läßt ſich Alles beherrſchen und ordnen und zu harmoniſcher Gegenſeitigkeit bringen. Nichts wird dem 97 Zufall oder einer eigenmächtigen Laune überlaſſen; nichts iſt uns fremd, ſondern Alles anmuthend und heimatlich. Es fehlt nicht viel, Theobald, ſo möcht, ich lieber hier den Herrn der Mühle als am Hofe den Reichskanzler ſpielen. „Inſonders“, entgegnete Theobald lachend,„wenn Cili die Partie der Müllerin übernehmen würde.“ Ohne irgend welche Verlegenheit erwiderte Lu⸗ cian:„Gewiß, mein Lieber! Und wenn ich nicht be⸗ reits eine andere Beſtimmung hätte, ſo würde ich ſicher den Verſuch, wenn nicht mit der Mühle, doch mit der Müllerin machen.“ „Eine andere Beſtimmung?“ fragte Theobald über⸗ raſcht. Ein ſtoßweiſer Huſten, der ſich in kurzen Abſätzen wiederholte, verzögerte die Antwort Lucian's. Als er wieder zu Athem gekommen war, bemerkte er:„Da haſt Du die Erwiderung auf Deine Frage! Glaubſt Du, ich ſei ſo thöricht und kurzſichtig, daß ich nicht wüßte, wie meine Lebenshoffnungen ſtehen? Weil ich das ſichere Gefühl in mir trage, daß dieſe Sommertage die letzten ſind, die mich noch an dieſe Welt— ach, an dieſe ſchöne Welt feſſeln, ſo kann ich Dir auch ruhig ge⸗ ſtehen, daß ich Cili über Alles liebe.“ Theobald hatte ſeine kalte, abgemagerte Hand er⸗ 7 Hilarius, Non possumus. III. 98 griffen und ſchaute ihm voll tiefer Wehmuth in die Augen.„Wie magſt Du ſo tolles Zeug ſchwatzen!“ erwiderte er, die eigene Befürchtung mühſam unter⸗ drückend.„Es ſind die Nachwehen Deiner Winterkrank⸗ heit, die ſich jetzt erſt fühlbar machen. Daß Du liebſt, Lucian, war mir längſt kein Räthſel mehr; aber daß Dich die Liebe nicht muthiger und hoffnungsvoller macht, will mir Unrecht dünken.“ Lucian drohte dem Freunde mit dem Finger. „Sehe ich, daß Dich die Liebe muthig macht?“ verſetzte er.„Nun ſind es nahezu acht Tage, daß Du hier weilſt, und noch ſendeſt Du nur unnütze Schmachtblicke hinüber zu dem Ulmenbaume, in deſſen Schatten ſie wandelt und alle Blumen fragt: Liebt er mich? Von Herzen? Mit Schmerzen? Ein wenig? Et cetera, et cetera!“. „Noch weiß ich nicht, ob ich willkommen bin“, ver⸗ ſetzte Theobald. „Das ſollſt Du wiſſen, Liebſter, denn ich habe Dir's oft genug geſagt.“ „Du wohl, aber—“ „Aber? Soll etwa Frieſeneck in Gala vorfahren und ſeine Karte abgeben? Oder ſoll vielleicht Klärchen, ein weiblicher Leander, über den See ſchwimmen und ihren Vielgeliebten um Gottes Barmherzigkeit willen —,— 99 bitten, daß er den Roman da wieder aufnehme, wo er unterbrochen wurde?“ „Spotte nur, Lucian! Du weißt nicht—“ „Ich weiß Alles! Ich weiß, daß ich Dir die Wege geebnet habe, und daß Du nicht länger mehr weder den Gekränkten noch den Verſchämten ſpielen darfſt. Es iſt Gefahr im Verzuge.“ Der Eifer übermannte Lucian in ſolchem Maße, daß Theobald ſchon aus Beſorgniß um den kranken Freund ſeinem Drängen nachgab und ſich endlich zu einem Beſuche bei dem Oberſtjägermeiſter verſtand. Kurze Zeit darnach ſtößt der Nachen vom Ufer, und die Freunde ſteuern der Landzunge zu, aus deren Buſch⸗ werk die zierlich geſchnitzten Sparrenköpfe und Giebel⸗ krönungen des Landhäuschens vorſpitzen. Dem Wunſche Klara's entſprechend, hatte Lucian Cili überredet, an der Fahrt Theil zu nehmen. Noch war ſie nicht im Stande, in gewohnter Weiſe die Ruder zu handhaben, id auf ihren Wangen lag noch die Bläſſe der eben überſtandenen ſchweren Fieberkrankheit. Aber die Steuer⸗ bohle ließ ſie ſich nicht ſtreitig machen, und mit ſicherer Hand lenkte ſie den Kahn durch die kaum bewegte Flut. Lucian's Blicke ruhten mit ſtillem Wohlgefallen auf ihr, während ſie ſelbſt das Auge kaum von dem Ziele ihrer Fahrt abwendete. 74 100 Es lag wirklich ein unſagbarer Liebreiz in der Er⸗ ſcheinung dieſes Mädchens. Zum ſtädtiſchen Bürgerge⸗ wande, dem kurzgeſchürzten Röcklein und dem dunklen Mieder mit der reichen Stickerei und der ſilbernen Schnürkette, trug ſie das ſchmucke grüne Berglerhütchen, das ihr keck über dem Scheitel ſaß, während die reichen Haarflechten von der Stirn bis tief in den Nacken den Kopf umſchlangen. Ihren Zügen fehlte die Fein⸗ heit des Schnittes, aber Anmuth und ſinniger Ernſt verlieh ihnen Zauber. Wie ſie ſo daſaß mit ihrer zier⸗ lichen, ſchlanken Geſtalt, den Ellenbogen auf das Steuer⸗ ruder geſtützt, in der warmen Beleuchtung der Nach⸗ mittagsſonne, bot ſie ein reizendes Bild, und Theobald fand den Eindruck, den ſie auf den Freund gemacht hatte, völlig gerechtfertigt. „Sie werden ſich über Gebühr ermüden, Cili!“ bemerkte er, als die kräftigen Ruderſchläge des Schiffer⸗ burſchen den Nachen aus dem richtigen Gleiſe zu bringen drohten und die Steuernde mit aller Anſtrengung Wider⸗ ſtand leiſten mußte.„Wollen Sie mit Gewalt wieder ins Krankenſtübchen gebannt ſein?“ Cili ſah ihn groß an und erwiderte:„Keiner thut über Vermögen! Ihr glaubt wohl, Herr, ich ſei durch die paar Fiebernächte breſthaft geworden wie eine Pfründnerin?“ 101 Dabei griff ſie ſcharf nach der Ruderſtange, und im Nu war das Schifflein wieder in den richtigen Curs gebracht. Nach wenigen Minuten lag es am Strande der kleinen Halbinſel, und die Freunde ſchritten zu bei⸗ den Seiten des Mädchens auf dem gebahnten Kiespfade dem Landhauſe zu. Theobald fühlte, wie ihm das Herz unter der Weſte pochte. Aber der Empfang Frieſeneck's vor der Thür des Hauſes war ſo herzlich und ſeine Freude an dem Beſuche ſo unverfälſcht, daß die Beklemmung ſchon halb überwunden war, als Klärchen unter der Schwelle er⸗ ſchien. Da ſie Theobald unter den Gäſten gewahrte, ſtieg ihr die Glut ins Geſicht, und ihre Schritte ſtock⸗ ten. In dem Augenblicke trat Lucian an ſie heran, faßte ihre Hand zum Willkomm und ſtellte ſich und ſeine Begleiter als ein gar ſeltſames Kleeblatt vor. „Dieſen da“, bemerkte er, indem er auf Theobald deu⸗ tete,„haben wir mitgenommen ſelbſt auf die Gefahr hin, daß er, der Geſunde, dem Kranken und der kaum Geneſenen den Rang ablaufe.“ Klara lächelte und gab nun Theobald freundlichen Gruß. Nach kurzer Zeit war jede Spannung aus dem kleinen Kreiſe verſchwunden, und die unbefangenſte Heiterkeit waltete. Mißſtimmungen zwiſchen guten Menſchen löſen ſich, ſobald ſie ſich die Hand reichen. 102 Es bedarf nicht der bangen Förmlichkeit der Verſöh⸗ nung, wenn nicht etwa im Stile des alten Frieſeneck, der, das gemeinſame Geſpräch unterbrechend, ſich plötz⸗ lich gegen Theobald wendete, ihm die Hand auf die Achſel legte und mit drolligem Pathos bemerkte: „Wiſſen Sie, junger Freund, daß ich eigentlich ein alter Eſel war? Laſſ' ich mir da etwas weis machen und traue dieſen Spitzwürfelgeſichtern mehr als meinen eigenen, geſunden Augen! Sie brauchen nicht roth zu werden, Theobald, weder für ſich noch für mich, denn ich komme mit keinem Gnadengeſuch. Dazu bin ich zu ſteif, und ich denke, mit dem Handſchlag, den ich Ihnen bot, wird die Sache abgemacht ſein. Aber es brennt mir noch was auf der Seele! Kann man in contumaciam verurtheilen, wie Ihr Juriſten ſagt, ſo dächte ich, könnte man einem auch in contumaciam wieder die Ehre geben. Was glauben Sie?“ Theobald verſtand den Sinn der Frage nicht und war um eine Antwort verlegen. Da fuhr Frieſeneck fort:„Sehen Sie, mein Lieber, ich habe nie recht gewußt, was ich aus Ihrem Gönner und Freund, dem Doctor Julian, machen ſoll. Erſt hielt ich ihn für einen Fuchsſchwänzer und Vorzimmerhelden, der ſich ſeine Stellung zu erſchwindeln wußte; dann für einen genia⸗ len Roué und ſchließlich für einen Jakobiner oder —— 103 Sansculotten oder für Beides zugleich, wenn Sie nichts dagegen haben. Obwohl ich dieſe ſchmeichelhaften An⸗ ſichten weder ihm noch Andern kund gab, ſondern ſie als mein Separateigenthum für mich behielt, ſo drängt es mich doch jetzt vor Zeugen zu widerrufen und Ab⸗ bitte zu thun. Die letzte Situation, in welcher ich den Doctor traf, hat ihn mir in der rechten Beleuchtung gezeigt. Von dem Augenblicke an war ich überzeugt, daß ich auch Ihnen Unrecht gethan. Man zieht gern auf den Menſchen einen Schluß aus ſeiner Umgebung und ſeinen Freunden.“ Der Oberſtjägermeiſter hatte einen Gegenſtand be⸗ rührt, welcher für die beiden Jünglinge gleich anziehend war. Während Lucian dem Gefühle wärmſter Ver⸗ ehrung für ſeinen Erzieher im Allgemeinen einen Aus⸗ druck gab, legte Theobald den meiſten Nachdruck auf das Opfer, welches Julian ſeiner Ueberzeugung brachte, indem er auf jede andere Verwendung im Staats⸗ dienſte und auf die Anſprüche verzichtete, welche er aus ſeiner frühern Stellung als Miniſter hätte ableiten können. „Ich fürchte nur“, fiel hier Klara ein,„Euch Männer macht die Freundſchaft ebenſo blind wie die Liebe. Iſt das Opfer wirklich ſo groß, als Sie es rühmen?“ Theobald erwiderte:„In der That, mein Fräulein, 104 und wohl ſchon aus dem einen Grunde, weil Julian vermögenslos iſt. Es gehört mehr dazu, als wir Jüngern in unſerer ſorgloſen Schwärmerei für„„eine Hütte und ein Herz““ begreifen, dem ſchönen Schmucke und der anmuthigen Behaglichkeit des Lebens zu ent⸗ ſagen und den Kampf mit dem Bedürfniſſe und der Noth wieder von vorn zu beginnen. Julian will es als Schriftſteller verſuchen; aber weder ſein Wiſſen noch ſeine Genialität erſetzt den Mangel eines Namens. Wir leben in dem Zeitalter der berühmten Mittel⸗ mäßigkeiten. Der treffliche und gediegene Charakter, der nicht ihre Bahnen geht, hat neun⸗ unter zehnmal die Ausſicht zu verhungern.“ „Unſer Freund iſt ein wahrer Höllenbreughel ge⸗ worden“, unterbrach ihn Lucian;„was er malt, hat einen Pferdefuß. Ich glaube, Dich hat die Kanzleiluft ſchwarzblütig gemacht, Theobald, daß Du überall nur Schatten ſiehſt. Welt und Menſchen ſind doch ſo übel nicht, und wenn ich auch gerade nicht für berühmte Mittelmäßigkeiten ſchwärme, ſo halte ich doch etwas auf ein ſchönes Mittelmaß. Das verletzt nirgends und befriedigt überall.“ Klara nickte dem Sprechenden beifällig zu, und der Oberſtjägermeiſter meinte, daß die Summe des Schlechten, wenn man ſie ziehen könnte, doch immerhin noch ——— 105 von jener des Guten und Trefflichen auf der Welt überboten werde. Selbſt Cili, die bisher ſchweigend dem Geſpräche gelauſcht hatte, bemerkte zwiſchenein, daß die Leute im Grunde ihres Herzens alle viel beſſer ſeien, als man glaube.. Der allgemeine Widerſpruch reizte. Theobald wollte beweiſen, daß ſeine Anſichten nicht auf bloßer Einbil⸗ dung beruhten, und warf einige erhellende Streiflichter auf die jüngſten Vorgänge am Hofe. Die Enthüllungen betrübten und überraſchten. Zudem fand man es be⸗ denklich, daß ein junger Mann, wie er, am Beginne ſeiner Laufbahn in den Kreis derartiger Myſterien hin⸗ eingezogen ward. Der Oberſtjägermeiſter gab der Befürch⸗ tung für ſeine Zukunft einen unumwundenen Ausdruck. Aber Theobald erwiderte: „Ich bin jung, und meine Stellung iſt leichter auf⸗ gegeben als die eines Miniſters.“ „Und was dann?“ fiel Lucian ein, nachdem er ihn eine Weile fragend betrachtet hatte. „Dann“, entgegnete Theobald heiter,„dann ſteht mir erſt die ganze Welt offen. Was ich jetzt weg⸗ werfe, kann ich leicht wiedergewinnen. Das Bürger⸗ thum hat noch Raum für etliche Apoſtaten des Beam⸗ tenthums!“ Lucian ſchwieg und grub mit ſeinem Stocke Keil⸗ 106 ſchriften in den Sand. Der Oberſtjägermeiſter aber zog die Augenbrauen unwlllkürlich tiefer herab, und ein leichter Unmuth machte ſich in ſeinen Zügen bemerk⸗ bar. Es war ein Gedanke, der beide beſchäftigte. Theobald der Staatsdiener, der Embryo eines mög⸗ lichen Geheimraths, und Theobald der Kleinkrämer, der Schneider oder Schuſter!— Man kann wohl eine kleine zierliche Bauerdirne zur. Geliebten, aber keinen Bauerjungen zum Freunde haben. Lucian hatte juſt nicht dieſen Gedanken, aber er empfand etwas Aehnliches, während Frieſeneck der Verſündigung ge⸗ dachte, deren er ſich ſeiner Zeit der Tochter gegen⸗ über am Gothaer Hofkalender ſchuldig gemacht hatte. Es gibt Helden, die ſich vor einer Spinne fürch⸗ ten, und helldenkende, unbefangene Köpfe, die— viel⸗ leicht nur infolge einer Beule am Schädelknochen — ein lächerliches Vorurtheil nicht überwinden können. Die Unterhaltung ſtockte, und eine unbehagliche Pauſe trat ein. Da deutete plötzlich Klara nach den Bergen. Die entferntern Steinwände glühten im Abendſtrahle wie flüſſiges Erz, und da und dort tauchte es hinter dem Walddunkel der Vorhöhen wie eine flammende Zunge empor. Die feinen Contou⸗ ren verloren ſich faſt in dem Aether, deſſen leuchtende, 107 helle Bläue gegen den Horizont mit zauberhaftem Gold⸗ glanze abgetont war. „Doch laß uns dieſer Stunde ſchönes Gut Mit ſolchem Trübſinn nicht verkümmern!“ rief Klara und ſprach ihr Entzücken aus über jenes wundervolle Schauſpiel.„Legt es uns die Flüchtigkeit dieſer Erſcheinung nicht recht dringend ans Herz“, fügte ſie bei,„die ſonnigen Augenblicke nicht zu verſäumen? Sehen Sie, Bürger Theobald, wie ſchnell dieſe Glut verlöſcht! Die äußerſten Kuppen, dieſe ernſthaften hohen Häupter, ſchauen ſchon wieder drein, als ſei ihnen die Bläſſe des Gedankens angekränkelt. Ich meine, wir ſollen uns hier alle unnützen Gedanken fern halten und nur genießen! Haben Sie ſchon einen dieſer Berg⸗ köpfe erſtiegen?“ Theobald verneinte es, und alsbald war der Ent⸗ ſchluß gefaßt, einen der nächſten ſchönen Tage zu einem derartigen Ausfluge zu verwenden. Cili erbot ſich als Führerin, und ſelbſt der alte Herr entſchloß ſich zu dem Verſuche, wenigſtens bis zur Höhe der Alphütte mitzuſteigen. „Und ich“, bemerkte Lucian mit trübſeligem Lächeln, „will Euch wenigſtens mit meinem Fernrohr und meinen Gedanken das Geleite geben!“ Es war ein freundlicher Sonntag⸗Nachmittag, als ſich die kleine Karawane marſchfertig machte. Voran ſchritt der Koſer⸗Hannes, ein ſtämmiger, hochwüchſiger Dorfburſche, der ſeit Jahren den Sommerfriſchlern als Wegweiſer und Proviantträger diente und dem jeder Gangſteig nnd jede Gemsfährte auf allen Schröfen und Jöchern der Umgegend bekannt war. Er hatte mit der Herrſchaft Erlaubniß einen jungen norddeutſchen Arzt mitgebracht, welcher zur gleichen Bergfahrt gerüſtet war. Der unverhoffte Reiſegefährte ward willkommen geheißen und hatte ſich alsbald mit Frieſeneck in ein lebhaftes Wechſelgeſpräch vertieft. Theobald ſchloß mit den Mädchen den Zug. So ward die vorliegende An⸗ höhe erſtiegen und auf deren Platte am Rande einer friſchen Bergquelle erſte Raſt gehalten. Cili hatte ſich nahe dem Abhange auf den Stumpf einer Tanne geſetzt und ſchaute ſehnſüchtig in das Thal nieder. Vor ihr auf dem Schooße lag der grüne Berglerhut, und die dunklen Flechten hingen ledig von dem entblößten Haupte nieder. Ihr Geſicht war voll be⸗ leuchtet von den abendlichen Sonnenſtrahlen und hatte— vielleicht auch infolge der kaum überſtandenen Krankheit — einen feinern, geiſtigen Ausdruck gewonnen. Unwill⸗ kürlich hefteten Clara und Theobald eine Weile ſprach⸗ los ihre Blicke auf das ſchöne Bild. Dann rief erſtere: „Was ſinnſt Du, Cili?“ „Ich habe Heimweh!“ erwiderte das Mädchen. 109 „Dort unten ſchimmern die weißen Mauern der Mühle, als ob ſie mir winkten. Ich meine, ich höre den Mühl⸗ bach rauſchen bis herauf!“ „Winkt Dir blos das Haus?“ fragte Klara lächelnd. „Du haſt Falkenaugen— ſieh doch, ob nicht einer auf der Laube ſteht, der durch ein langes, langes Rohr guckt und ein weißes Tuch flattern läßt!“ Eili ward roth bis an die Wimpern, aber die Farbe wich ſchnell wieder einer tiefern Bläſſe. Sie ſenkte die Blicke und erwiderte:„Ich weiß, wen Ihr meint, Fräulein!“ Dann hob ſie die flache Hand wie einen Schirm über die Augen, ſah ſcharf hinab und fuhr fort:„Lucian iſt weder auf der Laube noch auf der Gräd*). Mir iſt bange, daß ihm ſchlimmer geworden ſei. Er hat den ganzen Morgen gehuſtet, und als er mir Abſchied gab, lag ſeine Hand kalt und feucht wie eine Eisſcholle in der meinen!“ „Kehren Sie um, Cili!“ bemerkte Theobald ſorglich. „Mit dieſer Angſt und Kümmerniß im Herzen kann Ihnen unſere Fahrt doch keine Freude machen!“ Raſch wendete Cili das Köpfchen nach dem Sprechen⸗ den. Auf ihren Lidern lag ein ſtarker Thau; dennoch gewann ihre Miene einen faſt heitern, zuverſichtlichen *) Der gepflaſterte oder gedielte Randweg am Hauſe. 110 Ausdruck, als ſie antwortete:„Ich kann Alles verwin⸗ den, Herr Theobald. Was ich einmal anfange, das bring' ich zu Ende, und ich weiß auch, wie es aus⸗ geht. Es iſt etwas in mir, das mir's leiſe, aber deut⸗ lich ſagt, und ich meine oft, andere Menſchen müßten es auch hören.“ „So will ich hoffen“, erwiderte Theobald,„daß Ihnen dieſe Stimme auch heute nur Gutes weiſſagt.“ Cili wendete die Blicke wieder thalabwärts und ſann einige Augenblicke nach. Dann ſprach ſie halblaut und wie im Traume vor ſich hin:„Es klingt nicht klar, und ich verſteh' es nur zum Theil. Mir iſt, als ſei er weit, weit von mir, und doch ganz nahe und— ſo ſchön und verklärt! Er reicht mir ſeine Hand zum Willkomm, und ich zieh' ihn herauf zu mir— ſonder⸗ bar, ich zieh' ihn wirklich herauf zu mir!“ Sie ſchwieg und ſah vor ſich hin. Eine Meiſe kam auf die Berberishecke zugeflogen, die kaum zwei Schritte von jihren Füßen die gelbblühenden Zweige ſonnte. Das Vöglein ſetzte ſich ſcheulos mitten ins duftige Ge⸗ äſte und fing, dem Mädchen zugewendet, ein fröh⸗ liches Gezwitſcher an. Cili lächelte, und ein leiſer Lockruf wie Vogelſtimme drang über ihre Lippen. Da⸗ bei rannen ihr aber die Thränen unaufhaltſam über die Wangen. — —— —— —— —— 111 „Ein ſeltſames Geſchöpf!“ flüſterte Klara und neigte ſich näher an Theobald.„Sie liebt wohl Lucian unſaglich.“ „Und Lucian ſie!“ entgegnete Theobald, und ſeine Hand berührte zufällig Klara's Hand. Es durchſchauerte ihn, und er hätte ſich nicht um den Preis eines Her⸗ melins eines leiſen Drucks erwehren können. Es war ihm, da er von des Freundes Liebe ſprach, als hätte er das Geſtändniß ſeiner eigenen gemacht. Und Klara— ſie empfand und verſtand den Druck, ohne ſich dagegen zu wehren, und zog nur ſachte und langſam ihre Hand unter der ſeinigen hervor. „Auf, Ihr Mädel!, Auf, Bürger Theobald!“ er⸗ klang die ſonore Stimme des Oberſtjägermeiſters, und die Karawane ſetzte ſich wieder in Bewegung. Die Sonne war bereits an den Rand des Horizonts ge⸗ treten, und der beſchwerlichere Weg zur Alphütte nahm noch ein Stündchen in Anſpruch. Als man das Ziel erreichte, war bereits tiefe Dämmerung eingetreten, und die Sennerin wunderte ſich höchlich über die ſpäten Ankömmlinge, um deren Bewirthung ſie in Verlegenheit war. Aber Koſer⸗Hannes verſcheuchte alle Sorge, indem er ſeinen wohgefüllten Ruckſack entleerte, und es bedurfte nach der Hand ſeiner ernſten Mahnung, um die jungen Leute endlich zum Schlafgang auf den Heuboden zu 112 veranlaſſen. Die Stimmung war eine bewegte und heitere geworden. Der junge Arzt wußte Mannichfaches zu erzählen von ſeinen weiten Wanderungen; Frieſen⸗ eck war in geſegnetſter Laune, und ſelbſt Cili verſtand ſich dazu, ein paar Volksweiſen zum Beſten zu geben, zu denen ihre liebliche Stimme ganz trefflich paßte. Aber der Weg bis zur Höhe des Grats war noch ein langer, ſchwieriger und ermüdender, und eine kurze Ruhe war geboten, da der Aufbruch ſchon alsbald nach Mitternacht erfolgen mußte. Die Vorſicht war nicht unbegründet, und Klärchen war die erſte, die zu ihrem eigenen Verdruſſe ſich er⸗ müdet fühlte. Die Dunkelheit machte das Steigen be⸗ ſchwerlich und unſicher. Da der ſchmale Felspfad nicht völlig gefahrlos, ſo mußte ſie ſich bequemen, die größte Strecke an der Hand Theobalds zu durchwandern, in⸗ deſſen Cili, des Weges kundig, wie eine Gemſe em⸗ porklomm und längs des Gewändes hinhuſchte. Die erſten Strahlenbündel der leuchtenden Flamme ſchoſſen über die nebelgraue Ebene hin, als die Geſell⸗ ſchaft auf der Höhe anlangte. Es war ein wunder⸗ bares Schauſpiel, das alle zu lautem Entzücken hinriß Auch Klara ſtimmte mit ein, aber es geſchah nicht mit jener offenen, zwangloſen Freudigkeit, welche die Freunde an ihr gewohnt waren. Sonſt bei gleichem Anlaſſe jubelte ſie laut auf; jetzt ſtand ſie— an den Bergſtock gelehnt— auf der Kante eines verwitterten Fels⸗ blocks ſtill und wie verklärt. Ihre Augen waren gen Sonnenaufgang, aber ihre Zlicke nach innen gerichtet. Hier lag das Mekka ihrer Wünſche und Hoffnungen. Sie hatte noch immer das Gefühl, als umſchlöſſe Theo⸗ bald's warme Hand die ihre, feſt und doch mit leiſem Zittern. Was wiegt alle Herrlichkeit der Welt gegen das eine, große Glück der Liebe! Die Morgenluft wehte auf der freien Höhe ſcharf und ſchneidend. Der junge Arzt machte auf die Ge⸗ fahr einer Erkältung aufmerkſam und mahnte zum Aufbruche.„Wie iſt doch Alles ſo kurz und flüchtig!“ bemerkte Klara.„Das Beſte iſt, daß wir den Genuß nach der augenblicklichen Wirkung, nicht nach der Müh⸗ ſal wägen, die er uns koſtet.“ „Armes Fräulein!“ erwiderte der Arzt lächelnd.„Ich merke wohl, daß Sie ihre Müdigkeit hinter einer Sen⸗ tenz verbergen wollen. Aber tröſten Sie ſich damit, daß es niederwärts, wenn auch beſchwerlicher, doch raſcher geht als aufwärts.“ Klara, die ſich in ſolchen Dingen nicht gern einen Vorwurf machen ließ, wollte eben die Zumuthung der Müdigkeit zurückweiſen, als Theobald auf ſie zutrat und ſich wieder als Stütze anbot. Um ſeinetwillen Hilarius, Non possumus. III. 8 114 mochte ſie ſich die ärgerliche Bemerkung gefallen laſſen. Als es nun bergab ging, empfand ſie auch, daß die Aeußerung des Arztes vollkommen berechtigt war. Sie ging ſich mit ihrer allzu leichten Fußbekleidung hart auf dem kantigen Geſtein und dem nachlaſſenden Ge⸗ röll, und an den abſchüſſigen Stellen wankten ihr die Kniee. So blieb ſie mit Theobald weit hinter den Uebrigen zurück. Die beiden Nachzügler ſtanden am Rande einer Felsbank von etlichen Fuß Höhe. Der Pfad ſeitwärts war durch eine ſickernde Bergquelle feucht und ſchlüpf⸗ rig geworden, und Theobald rieth zu einem Sprunge. Er ſelbſt ging mit gutem Beiſpiele voran und verlockte Klara zu dem ungefährlichen Wagſtück, indem er eine Stellung wie ein lebendiges Widerlager einnahm. Lange zögerte ſie mit dem Entſchluſſe; endlich gewann ſie den Muth und— lag in ſeinen Armen. Und dieſe verrätheriſchen Arme umwanden die ſchlanke Hüfte, was eigentlich bei der Gefahrloſigkeit der Lage gar nicht nothwendig war. Klara mußte ſich erſt beſinnen, wie ihr geſchah. Sie beſann ſich lange, ſo lange, daß Theobald Zeit fand, ſie noch feſter an ſich zu ſchließen. Er fühlte die Wärme ihres klopfenden Buſens, deſſen Wallungen zuverläſſig nur von dem Sprunge herrührten. Aber er deutete das Alles ganz anders, 115 wie das bei ſelbſtſüchtigen Menſchen in ſolcher Stellung gewöhnlich der Fall iſt. Und als ſie nun gar aus un⸗ verkennbarer Erſchöpfung den Lockenkopf an ſeine Bruſt lehnte, um etwas behaglicher auszuathmen, da fing er an und redete in fremden Zungen, wie die Apoſtel am Pfingſtfeſte, und das Mädchen hatte alle Mühe, das Kauderwelſch in die einfachen Worte aufzulöſen: Ich liebe Dich! Nun aber ward es beiden, als leuchtete die Sonne heller, als ſproßte es aus allen Ecken und Enden aus dem kahlen Gewände, und der eintönige Pfiff des Geiers, der über ihren Häupten kreiſte, klang ihnen wie Nachtigallenruf. In der Felsritze wucherte ſpärlicher Thymian. Theobald pflückte eine der duftigen kleinen Blüten und ſteckte ſie Klara in den Gürtel.„Die Welt iſt nirgends ſo arm und gottvergeſſen“, ſagte er, „daß ſie nicht Raum böte für Leben und Liebe. Selbſt auf kahlem Geſtein ſchlägt der Samen eines Blüm⸗ chens Wurzel. Dein Liebeswort hat einen heimatlichen Zauber um dieſe einſame, unwirthliche Höhe gewoben, und nun tauſche ich dieſe kleine Thymianblüte nicht um eine Roſe von Kaſchmir. Wie nun, Klara, wenn mich das ungewiſſe Geſchick fernhin verſchlüge, wenn es mich aus dem Kreiſe geliebter Menſchen und ſchöner Verhältniſſe bannte, würdeſt Du entſagen und mir folgen können?“ 8* 116 „Ueber Meer und Wüſte!“ entgegnete ſie und um⸗ ſchlang mit beiden Armen ſeinen Nacken. Ihre Lippen begegneten ſich, und der Bergwind, der dem anbrechen⸗ den Morgen voranjagte, verflocht ſein blondes Haar mit ihren braunen Locken. Ein Juchſchrei klang aus der Tiefe und mahnte die Liebenden, daß der Platz, wo ſie ſtanden, zu einer dauerhaften Anſiedelung doch nicht völlig geeignet war. Klara riß ſich los und ſprang leichtfüßig voran. Ihre Müdigkeit war völlig gehoben; ſie hätte fliegen können, meinte ſie. Aber Theobald rieth zur Vorſicht und zu einem bedächtigern Schritt, denn ſie waren juſt an der gefährlichſten Stelle angelangt. Ein ſchmaler Gangſteig von mehreren Klaftern Länge führte das ſteilabfallende Gewände entlang. Die Höhe zur rechten Hand war unerſteiglich, während es links ſenkrecht niederging in die Klamm, die ſich der Bergbach in die Felſen einge⸗ graben. Als ſie in den ſchwindligen Pfad einbogen, gewahrten ſie am andern Ende deſſelben Cili, die auf die Zurückgebliebenen gewartet hatte und ihnen nun lachend mit dem Finger drohte. In demſelben Augenblicke ward ein Geräuſch auf der Höhe vernehmbar und einzelne Steine gingen los. Ein Rudel Gemſen zog längs der Gratwand hin. Das anführende Thier bekam die Wandernden in den Wind 117 und ward flüchtig. Die übrigen thaten ihm nach, und nun ging es in ſauſender Eile über das mürbe, viel⸗ zerklüftete Felſengehänge weg. Theobald drückte ſich und Klara an die Wand zurück, damit das abfallende Gerölle ſchadlos über ihren Häuptern wegfliege. Auch Cili, mit ſolchen Abenteuern vertraut, that das Gleiche. Aber ein langſam abrutſchender Fels⸗ block fiel ſenkrecht von der Wand an der Stelle nieder, wo ſie ſtand, und zerborſt zu ihren Füßen. Erſchreckt fuhr ſie zurück. Sie mochte dem Steilrande zu nahe gekommen ſein und den Halt verloren haben— Klara ſah ihr flatterndes Gewand über dem Abgrunde— ein leiſer Angſtſchrei— der dumpfe Schlag eines fallen⸗ den Körpers in der Tiefe— dann wieder die Stille der Berg⸗ einſamkeit, nur von dem klagenden Pfiff des Geiers unter⸗ brochen, der nun über dem Abgrunde ſeine Kreiſe zog. Theobald, von dem Schrecken des entſetzlichen Augen⸗ blicks ſelbſt übermannt, hatte alle Mühe, die wankende, halb ohnmächtige Geliebte auf den Füßen zu erhalten und ſie den gefahrvollen Weg hinüberzugeleiten. Sie waren kaum an ſicherer Stelle angelangt, als ihr die Kniee brachen und ſie weinend ins Gras nieder⸗ ſank. Theobald beruhigte ſie nur flüchtig und bat ſie, ſeiner Rückkehr zu harren. Dann eilte er dem Arzt und Führer nach, welche ſein Ruf alsbald erreichte. 118 Letzterer hatte nicht ſobald die Kunde des traurigen Vorfalls vernommen, als er den Ruckſack von ſich warf, ſeitab die ſteile Lahne mit Blitzesſchnelle niederfuhr und zwiſchen dem Geklüfte verſchwand. „Seien Sie um den Burſchen unbeſorgt!“ ſagte der Arzt, als er bemerkte, wie Theobald über die tollkühne Verwegenheit von neuem Schrecken erfaßt wurde.„Der Koſer⸗Hannes klettert wie eine Gemſe und kennt das Gebirge. Zudem iſt die Schlucht, wie ich mich bereits überzeugte, weniger tief, als es den Anſchein haben mag. Ich hoffe die Sohle leicht zu gewinnen und bitte Sie nur, Fräulein Klara in Ihre Obhut zu neh⸗ men. Mit Gottes Hülfe iſt vielleicht noch Rettung möglich!“ Damit ſchlug er vorſichtig, aber doch mit dem Ge⸗ ſchick eines geübten Bergſteigers den Weg niederwärts ein, während Theobald zu Klara zurückkehrte. Sie hatte ſich aufgerichtet und lehnte todtenbleich an einer entäſteten Wettertanne, gleich der Dryade des abſter⸗ benden Baums. Als ſie ihn gewahrte, wankte ſie ihm einige Schritte entgegen und fiel ihm dann weinend an die Bruſt. „O Theobald“, rief ſie,„wie nahe liegen ſich Him⸗ mel und Hölle! Die Erinnerung an den ſeligſten Augenblick meines Lebens iſt mir getrübt für alle Zeit. 119 Und Lucian, der arme, kranke Lucian! Der Jammer wird den kleinen Reſt ſeines Lebens aufzehren.“ Theobald tröſtete und wies auf die ſchnelle Hülfe und die leiſe Hoffnung des Arztes hin. Er ſelbſt war hoffnungslos, und der Gedanke an den Freund kümmerte ihn faſt tiefer als das Unglück des Mädchens. So ward die mäßige Strecke bis zur Alphütte ein wahrer Kreuzweg für die Beiden, und als ſie an der Thür des Häuschens den alten Herrn gewahrten, der ihnen mit der heiterſten Geberde entgegenwinkte und einen Morgengruß zurief, wirkte der Contraſt noch ſchmerz⸗ licher. Die Stunde des Harrens dünkte den Freunden eine bange Ewigkeit. Endlich traten Geſtalten aus dem Schatten des Laubwaldes, der die Alpentrift umkränzte. Theobald eilte ihnen entgegen. Aus abgefallenem Stangenholz und Tannenreiſig hatte der Koſer⸗Hannes eine Tragbahre zugerichtet. In dem grünen Nadelbette lag Cili, blaß, mit geſchloſſenen Lidern, wie eine Leiche. Die Arme waren über der Bruſt gekreuzt, und ihre brau⸗ nen Flechten hingen gelöſt zu beiden Seiten der Bahre hinab. Eine äußere Verletzung war nicht bemerkbar, ja kaum ein Riß des Gewandes. Theobald löſte den Arzt in ſeinem mühſeligen Ge⸗ ſchäfte ab. Er ging zu Häupten des Mädchens, und 120 ſeine Blicke wichen nicht von ihrem Geſicht, das von keinem Schmerzenszug entſtellt war. Von Zeit zu Zeit kam es ihm vor, als bewegten ſich ihre Lippen. „Sie iſt nicht todt“, flüſterte er, und der Arzt er⸗ widerte:„Noch nicht, aber ich fürchte— bald!“ Als der kleine Trauerzug an der Hütte anlangte, waren bereits die möglichen Vorkehrungen getroffen, und Cili fand ein weicheres Lager auf dem Kreiſter*) der Sennerin. In Zwiſchenräumen hob ſich ihre Bruſt und ihr Mund öffnete ſich, wie Athem ſchöpfend. Auf die Bitte des Arztes hin hatten ſich alle aus der Hütte entfernt, und ſo ſtand er allein an dem Bette, nach all den vergeblichen Verſuchen auf ein letztes Mittel ſinnend, um das entfliehende, kaum entknospete Leben zurückzubannen. Die ſchmerzliche Erregung, welche der Miene des wackern jungen Mannes abzuleſen war, galt der Ohnmacht der Wiſſenſchaft, für die er ſo ſehr ſchwärmte, gegenüber einem unverrückbaren Verhängniß. Noch einmal netzte er die Schläfe des Mädchens mit der ſtärkenden Eſſenz, die er ſtets bei ſich führte. Er beugte ſich zu ihrem Munde nieder und hauchte ihr den eigenen Athem ein, während ſeine Hand auf ihrer Bruſt lag, um den Verſuchen des Athemholens durch *) Bett. 121 geſchickte Bewegung nachzuhelfen. Da zuckte es wirk⸗ lich wie wiederkehrendes Leben durch den Körper. Ein leiſes Röcheln ward hörbar— Cili ſchlug die Augen auf, und ihr Blick haftete ſtarr und glanzlos auf dem Arzte. Freudiger Hoffnung voll eilte dieſer an die Thür und rief Theobald herein.„Ich gebe ihre Rettung nicht auf“, bemerkte er, indeß er ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte.„Sorgen Sie für friſches Waſſer und Tücher zu Umſchlägen.“ Noch ſchwebte ihm das letzte Wort auf den Lippen, als es wie der Sprung einer Saite vom Bette her klang. Im nächſten Augenblicke drang ein Blutſtrom aus Eili's Munde, dunkel und unſtillbar. Ihre Augen brachen und die Wimpern ſenkten ſich ſachte bis zum Stern drüber hin. Noch dauerte die Blutung eine kleine Weile fort— die letzte Kunde des ver⸗ klingenden Lebens⸗ dann lag der Tod auf ihren Zügen. Trotz aller Zacken und Vorſprünge des Felswand war ſie wunderbarer Weiſe ohne irgendwelche ſicht⸗ bare Verletzung auf eine feinkieſige Sandbank nieder⸗ geſtürzt; aber die heftige Erſchütterung hatte ihr, wie der Arzt alsbald vermuthete, ein Blutgefäß zer⸗ ſprengt. 122 „Die Dirn iſt woltern*) zu fein geweſt für unſer⸗ eins und dächten“*) zu gring für herriſche Leut. Da hat ihr unſer Herrgott aus der Zwieſchlächtigkeit herausgeholfen!“ ſagte der Koſer⸗Hannes, als er an das Lager der Todten getreten war, und machte das Kreuz über ſie. Dann wiſchte er ſich mit den Schößen der Lodenjoppe die Thränen weg, die ihm über die Backen liefen, nahm eine glühende Kohle vom offenen Herd und ſteckte die Pfeife wieder an, die ihm ausge⸗ gangen war, als er von der Lahne niederfuhr. Die Sennerin aber ſchob den Laden zurück und öffnete das kleine Guckfenſterchen an der Seite des Kreiſters, damit nach ihrem Glauben die Seele der Geſtorbenen ausfliegen könne. Da fiel ein warmer, voller Sonnenſtrahl auf Cili und umflocht ihr Haupt mit einem Glorienſchein! *) Wohl. *n) Doch, dennoch. — — Sechstes Kapitel. Die Vorſehung behält ſich die Ueberraſchung bevor. H. König, Aus dem Leben. Frieſeneck hatte mit Klara und dem Führer un⸗ mittelbar nach dem ſchmerzlichen Ausgange dieſer Kata⸗ ſtrophe die Thalfahrt angetreten. Er übernahm es, die Vorkehrungen zur Abholung der Leiche Cili's zu treffen, während Theobald auf Klara's Bitte zurück⸗ blieb. Es war ihr ein unheimlicher Gedanke, die Todte allein zu wiſſen, gleich als ob ſie auch jetzt noch eines freundlichen Schutzes bedürfe. „Geſtatten Sie mir, daß ich Ihr trauriges Wächter⸗ amt theile“, bemerkte der junge Arzt.„Die Verpflich⸗ tung, hier auszuharren, läge ohnedies vor allen mir ob.“ Theobald errieth die wohlmeinende Abſicht und 124 war für das Anerbieten herzlich dankbar. So willig er dem Wunſche der Geliebten nachkam, war es ihm doch eine harte Aufgabe, hier oben einſam auszuharren, während ihn nach all den Ereigniſſen gerade jetzt die Sorge für den kranken Freund fortdrängte. Die jungen Männer, beide müde und erſchöpft, ſuchten ſich einen Ruheplatz aus im Schatten eines naheſtehenden Ahornbaums. Bildete auch anfangs der tragiſche Vorfall, ſeine Veranlaſſung und ſeine Folge den ausſchließenden Inhalt ihres Zwiegeſprächs, ſo ſtellte ſich doch allgemach das Bedürfniß zerſtreuender Unterhaltung ein. Sie begegneten ſich in der Abſicht, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Nach einer Weile fragte der Arzt:„Sie ſind Juriſt, mein Herr?“ Als Theobald die Frage bejahte, fuhr er fort: „Ich war für die gleiche Fachwiſſenſchaft beſtimmt, ſprang aber gegen den Willen meines Vaters ſchon im erſten Jahre ab. Es iſt doch ein trockenes, unlohnendes Studium um dieſe Pandekten und Inſtitutionen— meinen Sie nicht auch?“ „Das ſind nur die Propyläen der Viſeenſchaft!“ klang die Antwort.„Wir haben uns wohl mit zahl⸗ loſen Formeln herumzubalgen, dem Lernenden wird dieſes aber kaum irgendwo erſpart ſein.“ 125 „Ich gebe das zu“, verſetzte der Arzt,„aber ich glaube, daß mir nach Ueberwindung der Form auch das Weſen nicht zugeſagt hätte. Es widerſpricht ſo Vieles in dieſer Wiſſenſchaft den naiven, menſchlichen Anſchauungen, und eine große Zahl von Rechtsgrund⸗ ſätzen ſpricht wenigſtens ſcheinbar dem natürlichen Rechtsgefühle Hohn!“ „Dieſer Schein“, erwiderte Theobald,„weicht vor dem halbwegs geläuterten juriſtiſchen Verſtändniſſe. Vielleicht iſt keine Wiſſenſchaft, mit Ausnahme der Mathematik, ſo unerbittlich an die logiſche Folgerichtig⸗ keit gefeſſelt als gerade die Jurisprudenz. Die Schlüſſe, welche die Mediein und ihre Hülfswiſſenſchaften von Erſcheinungen auf Erſcheinungen ziehen, gründen, zum Theil wenigſtens, nur auf einer muthmaßlichen Noth⸗ wendigkeit. Der Philoſophie wird es ſchwer, in dem Labyrinthe ihrer transſcendentalen Forſchungen den Faden zu gewinnen, der ſie zur Thatſache wieder zurück⸗ führt. Der Juriſt dagegen kann das Gebiet der that⸗ ſächlichen Erſcheinung gar nie verlieren. Die Richtig⸗ keit ſeiner Schlußfolgerungen muß ſich durch die Wirk⸗ lichkeit erproben, ehe ſie feſtſteht. Und wo die Logik an der Grenze alles Menſchlichen auch ihre Grenze findet, da darf er allein von dem höchſten Menſchen⸗ rechte— der Autonomie— Gebrauch machen.“ 126 „Hat Sie die Praxis nie mit einem Hohne auf Ihre geiſtreiche Theorie überraſcht?“ entgegnete der Arzt lächelnd. „Irre ich nicht“, antwortete Theobald,„ſo ſprachen wir von der Wiſſenſchaft als ſolcher. Der richtigſte Grundſatz kann in der Wirklichkeit eine falſche Aus⸗ legung oder Anwendung finden.“ „Vielleicht doch nur deshalb“, fiel hier der Arzt lebhaft ein,„weil er mehr im Boden des abgezogenen Denkvermögens als in der Weſenheit wurzelt. Darin liegt aber gerade der Werth und Vorzug und zugleich der hohe Reiz der mediciniſchen Wiſſenſchaft, daß die Gegenſtände ihrer Forſchung zugleich die finnlichſten und die höchſten ſind. Sie beſchäftigt, wie Goethe ſagt, den ganzen Menſchen, weil ſie ſich mit dem ganzen Menſchen beſchäftigt. Ihre unterſuchende Thätigkeit umfaßt Alles— vom todten Steine bis zur vollen⸗ detſten Erſcheinung des Lebens, und ihr letztes Ziel iſt die Erforſchung jenes größten Geheimniſſes— der Wechſelwirkung von Körper, Pſyche und Geiſt. Zwar ſind wir ewig abhängig von den feſten Geſetzen und dem unbeugſamen Willen der Natur und müſſen auf das„„höchſte Menſchenrecht der Autonomie“ verzichten, dagegen iſt unſern Forſchungen auch keine Grenze geſetzt, und unſer Wiſſensdrang findet ein unerſchöpftes 127 und unerſchöpfliches Material. Unſer Schatz mehrt ſich mit jeder Stunde, mit jedem Tage treten wir den Myſterien der Schöpfung um einen Schritt näher.“ „Um es am Ende gehn zu laſſen, wie's Gott ge⸗ fällt!“ ergänzte Theobald mit einem leiſen Anflug von Ironie. Der Arzt warf einen unmuthigen Blick auf ihn und ſchwieg einen Augenblick. Dann entgegnete er: „Für gewiſſe Fälle, mein Herr, reicht freilich auch unſere Wiſſenſchaft nicht aus. Den Blutſtrom, der über die Lippen unſerer ſchönen Todten quoll, hätte ſie nicht zurückzuleiten vermocht. An der Marke des Lebens wird jede Schulweisheit zu Schanden, und unſer ganzes Latein erſchöpft ſich in den zwei verhängnißvollen Wor⸗ ten: Non possumus!“ Theobald ſchwieg betroffen. Auch hier klang ihm wieder das Schibboleth entgegen, das unausſprechbare das unſern Weiterſchritt hemmt, wie die Furt des, Jordan den Flüchtigen Ephraims! Das Zwiegeſpräch der jungen Männer erlitt eine Unterbrechung. Endlich erſchienen am Rande der Platt⸗ form, deren Mitte die Sennhütte einnahm, die Männer, welche Cili's Leiche in das Thal trugen. Theobald und der Arzt gingen voran, um das traurige Bild nicht beſtändig vor Augen zu haben. Der beſchwerliche 128 Weg abwärts konnte nur langſam zurückgelegt werden, und als die Thalſohle erreicht war, dämmerte bereits der Abend. Es war eine erſchütternde Scene, als die Müllerin, das ſtarke, herzhafte Weib, mit einem jähen Schrei zuſammenbrach, da man ihren todten Liebling vor dem Hauſe abſetzte. Theobald eilte zu dem kranken Freunde. Man hatte Lucian vorläufig nur eine leichte Verletzung Cili's vorgeſpiegelt, aber ſchon dieſe Kunde genügte, ihn in fieberhafte Erregung zu verſetzen. Klara war an Stelle ſeiner kleinen Freundin tröſtend und beruhigend ihm zur Seite geblieben, bis ein leichter Schlummer ſeine Lider ſchloß. Als Theobald in das Zimmer trat, flü⸗ ſterte ſie ihm leiſe zu, er möge doch den Arzt, der noch ordnend und rathend im Hauſe weilte, herüberſenden, denn ihr ſcheine Lucian ſehr krank. Ihr Scharfblick hatte ſie nicht getäuſcht. „Es iſt Gefahr im Verzuge“, bemerkte der Arzt, nachdem er den Schlummernden lange theilnehmend betrachtet und auf ſeine Bruſt geneigt die kurzen Athem⸗ züge belauſcht hatte.„Senden Sie augenblicklich eine Depeſche an jene, die dem Kranken nahe ſtehen!“ Der Graf und die Gräfin von La Rochelle ſtiegen an dem beſcheidenen Gaſthaus zum Seefräulein aus, 129 wo ſie Theobald des andern Tags erwartete und em⸗ pfing. Er hatte die ärztliche Weiſung befolgt, und Lucinde, von banger Ahnung ergriffen, war mit ihrem Entſchluſſe augenblicklicher Abreiſe bei dem Grafen durchgedrungen. Als ſie das Gereut der Mühle betraten, ließ ſich La Rochelle in zürnenden Worten aus. Er ſchalt die Müllerin rückſichtslos, weil ſie nicht um des Kranken willen Räder und Gewerke ſtehen ließ. „Sie hätten ihr füglich jede Entſchädigung zuſichern können“, bemerkte er unwillig zu Theobald,„ohne ſich mit der Haftung hierfür einer Gefahr auszuſetzen.“ „Ich würde es auch trotz dieſer Gefahr gethan haben, Erlaucht“, entgegnete Theobald gereizt,„aber Lucian's ausdrücklicher Wille hinderte mich daran. Er iſt an das gleichmäßige Geräuſch ſo gewöhnt, daß ihn die wwirklich verſuchte Unterbrechung deſſelben verletzte. Jede auffallende Rückſicht weckt ſeine Befürchtungen, und der Arzt band es uns auf das Gewiſſen, ihn auch nicht durch den leiſeſten Schein der Gefahr zu beunruhigen.“ „Mein Sohn ſcheint ſich ſehr in die bäuerliche At⸗ moſphäre eingelebt zu haben“, verſetzte der Graf mit geſteigertem Unmuthe.„In den Cirkeln der Reſidenz erzählt man ſich ſelbſt einen kleinen Liebesroman, in Hilarius, Non possumus. III. 9 welchem eine hübſche, rothbäckige Bauerdirne nicht ohne Glück debütiren ſoll. Haben Sie vielleicht die Regie des anmuthigen Schwankes übernommen?“ Die letzten Worte waren laut genug geſprochen, daß man ſie auf einige Schritte Entfernung vernehmen konnte. Als La Rochelle dabei den zu Boden gehefteten Blick hob, gewahrte er an der Schwelle des Hauſes einen Mann, auf deſſen Erſcheinung er im Augenblicke nicht gefaßt war. Er grüßte mit auffälliger Befangen⸗ heit, und Doctor Julian erwiderte mit einer kaum merklichen Neigung des Hauptes. Dann trat dieſer an Lucindens Seite. „Sie hier?“ fragte die Gräfin mit zitternder Stimme, und eine leichte Röthe flog über ihre Züge, die in den letzten Monaten an jugendlicher Friſche Unerſetzliches verloren hatten. Nach ehrerbietigem Gruße erwiderte Julian: „Ich habe zwiſchen meines Freundes Theobald Zeilen geleſen und konnte meine wachſende Sorge nicht mehr bewältigen. Als ich geſtern Abend hier anlangte, fand ich zu meinem großen Schmerze die Befürchtung begründet.“ „Iſt Lucian ſo ſchwer krank?“ entgegnete die Gräfin, indem ſich ihre kaum getrockneten Augen wieder mit Thränen füllten. 131 „Die Kataſtrophe des vergangenen Winters hat ſich heute Mittag wiederholt“, ſagte Julian.„Eine heftige Gemüthserſchütterung, vor der ihn die liebevollſte Sorg⸗ falt nicht wahren konnte, gab den Anlaß. Krankheits⸗ rückfälle ſind immer gefährlicher Natur, und ich bitte, gnädige Frau, dieſe Gefahr durch eine zu heftige Kund⸗ gebung Ihres Schmerzes nicht zu vermehren.“ Dann erſuchte er die Ankommenden, der Einladung der Müllerin zu folgen, welche die Gäſte in die Bau⸗ mannsſtube geleitete, bis Lucian zu deren Empfang gehörig vorbereitet war. Die große, ſtattliche Frau, die ſonſt in allen Fährlichkeiten des Lebens den Kopf hoch trug und ſich nicht leicht von einem Schlage be⸗ täuben ließ, war ſo gewaltig ergriffen, daß ſie in lautes Weinen ausbrach, während ſie den Eingetretenen die Hand zum Willkomm bot. Lucinde deutete das allein auf die Theilnahme für ihren eigenen Sohn, und die ſchlichten Troſtesworte der ſelbſt ſo ganz untröſt⸗ lich Scheinenden wirkten erwärmend und beruhigend auf ſie. Da öffnete Theobald die Thür und lud den Grafen und ſeine Gattin ein, ihm in das Krankenzimmer zu folgen. Sie traten ein. Zu Häupten des Bettes ſaß Julian und hielt die Hand des Kranken in der ſeinigen. Lucian hatte eine halb aufgerichtete Stellung einge⸗ 9²⁶ nommen; ſein Haupt war auf die Bruſt geſunken. Das volle, dunkle Haar fiel über die Stirn herein und warf einen grauen Schatten auf die farbloſen, blut⸗ leeren Wangen und die weißen Schläfe mit den durch⸗ ſcheinenden Adern. Sein Athem ging ſchwer. Bei dem Geräuſch, das die Eintretenden verurſachten, hob er langſam das Haupt. Als er die Mutter er⸗ blickte, entzog er Julian die Hand, ſtreckte ſie ihr ent⸗ gegen und verſuchte zu lächeln. Lucinde überwand ſich wunderbar. Sie vermochte es, mit jenen gedämpften Tönen, die ſelbſt dem Ohre des Kranken ſchmeicheln, von der Freude des Wiederſehens zu ſprechen, während ſie in den Zügen des geliebten Sohnes die Handſchrift des Todes las. La Rochelle, welcher bis dahin die Gefahr für nicht ſo dringend hielt, vermochte ſeine Erſchütterung we⸗ niger zu bemeiſtern. Als er Lucian bewillkommt hatte, wandte er ſich raſch ab und trat an das Fenſter. Das Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn war von jeher ein gemeſſenes, und dem ſelbſtſüchtigen Manne, der die Leidenſchaft über die Liebe ſetzte, fehlte Verſtändniß und Empfindung für Familienglück. Aber Lucian war doch ſein Kind, der einzige Erbe ſeines Namens, der letzte Sproſſe eines alten Geſchlechts, deſſen halb er⸗ loſchener Glanz gerade durch ihn und ſeine glückliche 133 Verbindung mit dem Hauſe Thalheim und Dornberg wieder zu verjüngter Herrlichkeit gelangt war. Julian, welcher mittlerweile ſeinen Platz am Lager des Kranken an Lucinde abgetreten hatte, ging mit leiſen Schritten anf ihn zu. Er hätte Mitleid mit ihm gehabt trotz allen Haſſes; denn er gewahrte den zuckenden Schmerz in ſeinem Geſicht und das naſſe Auge, deſſen er ihn kaum für fähig gehalten. Aber die letzten Worte, die der Graf zu Theobald geſprochen, klangen ihm noch im Ohre. Es gibt Männer, die ſich in Augenblicken, wo ſie das Recht eines ſittlichen Entſcheides zu haben glau⸗ ben, jeder empfindſamen Regung ſchämen und ſie ſelbſt mit Gewalt unterdrücken. In ſolchen Momenten gilt ihnen das Mitleid als eine Verſündigung am Moral⸗ geſetze. Sie erheben ſich über ihre eigene Gefühls⸗ ſtimmung aus Grundſatz, und ihre Härte kennt dann nur den todten Buchſtaben des Rechts, nicht aber das lebendige Wort mildernder Gründe. Julian gehörte zu dieſer Gattung. Er verleugnete unter Umſtänden nichts entſchiedener als die angeborene Weichheit ſeines Gemüths. Nachdem er La Rochelle einige Augenblicke von der Seite betrachtet hatte, berührte er ihn leicht am Arme. „Ich ſtöre Sie in ihren Gedanken, Erlaucht“, bemerkte V G V er leiſe,„aber ich muß Sie um Ihre Geleitſchaft und Ihr Gehör bitten. Es handelt ſich um eine höchſt dringende Angelegenheit, die noch vor Eintritt einer möglichen Kataſtrophe bereinigt ſein muß!“ Damit wandte er ſich gegen die Thür. Ohne ein Wort der Erwiderung folgte ihm der Graf in die Haus⸗ flur und über die Treppe in den Oberſtock. Die Treppe mündete in einen breiten, lichten Quer⸗ gang, zu deſſen beiden Seiten die Gelaſſe des ſtatt⸗ lichen und geräumigen Hauſes hinliefen. Dieſer„obere Gang“ führte unmittelbar zur Laube, gegen welche er durch eine doppelflügelige Glasthür abgeſchloſſen war. Von dieſer erhielt er das Licht und bildete ſonſt ſelbſt einen kühlen, wohnlichen, von den Sommerfriſchgäſten gern benutzten Raum. Jetzt war die Glasthür durch ein ſchwarzes Tuch verhangen, das nur an einzelnen brüchigen Stellen der Tageshelle Einlaß gewährte. Die gelben Flämmchen etlicher Wachskerzen warfen matte, ungewiſſe Lichtſtreifen in das Halbdunkel der Flur, in deren Mitte auf der von blühendem Goldlack und Rosmarinſtöcken umſtellten* Bahre das„Todtenbret“ mit der Leiche Cili's aufge⸗ richtet war. Ein ſcharfer Geruch von Wachs und Blumen durchräucherte den Raum. La Rochelle blieb betroffen am Treppenausgange 135 ſtehen.„Was ſoll das?“ fragte er Julian, und ſeine Stirn zog ſich in Furchen. Wortlos trat dieſer an das Todtenbret und hob das übergebreitete Tuch ab, daß der Lichtſchein gerade auf das ſchneeweiße Geſicht des Mädchens fiel. Dann wandte er ſich gegen den Grafen und erwiderte:„Er⸗ laucht, das iſt die rothbäckige Bauerdirne, welche in Lucian's Liebesroman ſo glücklich debütirte.“ Nur für einen Augenblick verlor La Rochelle die Farbe und die Beſonnenheit. Der nächſte fand ihn wieder kühl und überlegt.„Ich bin kein Freund des Bühneneffects, Doctor!“ entgegnete er leichthin und ſchickte ſich an, dieſen unerquicklichen Schauplatz wieder zu verlaſſen. Julian war indeß an ihn herangetreten, faßte ihn am Arme und zog ihn, ehe er noch die erſte Treppen⸗ ſtufe erreicht hatte, wider Willen zurück.„Graf La Rochelle“, ſagte er mit erhobener Stimme,„Sie werden mir angeſichts einer Leiche keine Komödie zutrauen. Wenn ich Sie zu dieſer Todtenſchau veranlaßte, geſchah es nicht um jener trivialen Ungebühr willen, deren Sie ſich dieſer Verklärten gegenüber ſchuldig machten. In ihrem Namen erlaſſe ich Ihnen den Widerruf. Aber ich fühle mich verpflichtet, Ihnen gerade an dieſer Stelle, vor dieſem castrum doloris eine Aufklärung zu geben. 136 In der That, Herr Graf, dieſes Mädchen war es, welches mit ſeiner Liebe in die letzten Lebenstage Lu⸗ cian’s Roſen flocht. Daß eine magiſche Kraft die beiden jungen Herzen aneinander kettete, darf Sie nicht Wunder nehmen. Solche Stimmen der Natur ſind nicht ſelten. Sie, den Ueberlebenden, darf ich auf eine gewiſſe Aehn⸗ lichkeit der Züge aufmerkſam machen, welche Sie dieſem Myſterium näher führen wird. Prüfen Sie ſelbſt, Graf La Rochelle! Der Tod hat hier ein Wunder gewirkt— die Schweſter Lucian's iſt unverkennbar!“ Bei dieſen Worten hatte er eins der Wachslichter ergriffen und beleuchtete das Antlitz Cili's, welches nunmehr, nachdem die vollere Blüte des Lebens abge⸗ ſtreift war, in der That durch eine Familienähnlichkeit mit Lucian den ſchärfern Blick überraſchte. „Was wollen Sie mit dieſer Phraſe?“ erwiderte der Graf, indeß ſeine Rechte nach der Brüſtung ſuchte. Er bedurfte einer Stütze. „Es iſt die Tochter der ſchönen Marianne, Erlaucht!“ entgegnete Julian kalt und beſtimmt. Eine längere Pauſe trat ein. Das Geſicht La Noocelle's überzog eine fahle Bläſſe. Sein Haupt ſank langſam auf die Bruſt nieder. Da ergriff Julian noch einmal das Wort: „Mit dieſem jungen Leben wird das letzte Geheimniß 137 Ihrer Geſchichte zu Grabe getragen, in welches mich Zufall oder Verhängniß einweihte. So wenig Cili je mehr einen Anſpruch auf Legitimation erheben wird, ſo wenig haben Sie je mehr eine Beeinträchtigung Ihrer Seelenruhe von mir zu befürchten. Ich denke, unſere Wege durchkreuzen ſich von jetzt ab nie wieder. Nur eins erbitte ich noch von Ihnen, Herr Graf! Ueber Ihrem einzigen Sohne ſchweben bereits die Schatten des Todes. Vergällen Sie ihm nicht die letzte Lebens⸗ neige durch eine unfreundliche Mahnung an die Bauer⸗ dirne!“ Damit wandte er ſich der Treppe zu und überließ den Grafen ſeinen Betrachtungen. Der Tag ging zur Rüſte. Als der nächſte Morgen zu grauen begann, hatte Lucian bereits den letzten Kampf gekämpft. Die Befürchtung des Arztes ver⸗ wirklichte ſich ſchneller, als dieſer ſelbſt vermuthete. So lagen zwei Leichen im Hauſe der Müllerin— der erbberechtigte Sohn und die natürliche Tochter des Grafen von La Rochelle. In einer Anwandlung von Gewiſſenhaftigkeit hatte dieſer der Gattin gegenüber das Geſtändniß ſeiner Schuld abgelegt, nachdem er aus dem Munde der Müllerin über Cili's Herkunft und Schickſale beſtätigende Gewißheit erhalten hatte. Lucinde ward kaum davon bewegt. Für ſie war 138 die Untreue des Gatten aus andern Erfahrungen kein Geheimniß mehr, und der Tod ihres einzigen Kindes beſchäftigte ihre Seele ganz und ausſchließend. Als der Graf Vorkehrung getroffen hatte, daß Lu⸗ cian und Cili von einer Gruft umſchloſſen würden, freute ſie ſich darüber, nicht weil er bei der Schweſter, ſondern bei der Geliebten ruhen konnte. Vom Grabe des Sohnes weg beſtiegen die Aeltern den Wagen, der ſie wieder in die Stadt zurückführte. Doctor Julian war ſchon am Tage nach Lucian's Tod abgereiſt. Er wollte der Gefahr einer weitern Be⸗ rührung mit dem gräflichen Ehepaar ſo raſch als mög⸗ lich entrinnen. So blieb Theobald allein zurück. Trotz der Nähe der Geliebten ward ihm dieſe Einſamkeit alsbald un⸗ erträglich. Jeder Blick und Tritt gemahnte ihn an den unerſetzlichen Verluſt ſeines theuern Pylades und vergällte ihm den Genuß. Das reifte nach wenigen Tagen ſeinen Entſchluß, ſobald als möglich heimzu⸗ reiſen, obwohl ſein Urlaub kaum zur Hälfte abge⸗ laufen war. „Ich hole den Reſt nach!“ flüſterte er Klara zu, als er ihr ſein Vorhaben geſtanden hatte.„Wie könnte ich unter der Laſt meiner gegenwärtigen Empfindungen das Glück meiner Liebe ſo unverkürzt genießen, als ich 139 es verlange! Ich komme wieder, mein Herz, wann dieſe herbe Wunde, wenn auch nur oberflächlich, ver⸗ narbt iſt.“ Dieſe Verſicherung glättete die Falten wieder ein wenig, welche Theobald's Mittheilung auf der Stirn Klara's hervorgerufen hatte. Dennoch wiſchte ſie ſich heimlich eine Thräne aus dem Auge, als ſie des an⸗ dern Morgens am Fenſter ſaß und über die vom Früh⸗ winde bewegte Seefläche hinwegſah. Noch waren die Furchen erkennbar, die ein davoneilender Kahn im Waſſer zog. Frieſeneck ging im Zimmer auf und nieder. Er hatte die brennende Cigarre weggelegt, die ihm nicht mehr munden wollte, wie gewöhnlich. Von Zeit zu Zeit blieb er wie nachdenkend ſtehen und rieb ſich das Kinn. Endlich unterbrach er das Stillſchweigen und bemerkte: „Eigentlich— was hätte es denn dem Jungen verſchlagen, wenn er noch einige Tage geblieben wäre? Er würde ſich und uns die ſchweren Stunden erleichtert haben, die ſich jedem erſchütternden Wechſel der Dinge anreihen. Aber da fährt er hin, unbekümmert um die Zurückbleibenden, die da ſehen mögen, wie ſie mit ſich ſelber zurecht kommen. Es war doch verdamtmt eigennützig und ſelbſtſüchtig von dem Menſchen, daß 140 er uns gerade jetzt ſo ohne Noth verließ. Meinſt Du nicht, Klara?“ Im Grunde genommen meinte das wohl Klara auch, aber dennoch drängte ſie es, den Geliebten zu vertheidigen.„Ich glaube, daß ihn der Tod des Freundes gewaltiger erſchüttert hat, als wir ver⸗ muthen“, entgegnete ſie.„Es gibt Zuſtände, in denen wir ſo wenig befähigt ſind, Troſt zu ſpenden, als zu empfangen.“ „Wohl, mein Kind“, verſetzte der Oberſtjägermeiſter. „Mir kommt es eben nur ſo vor, als ob ich Alles überwinden könnte, um guten Menſchen eine Freude zu machen.“ „Das thut Theobald auch!“ fiel Klara lebhaft ein. Der alte Herr blieb ſtehen, ſah das Töchterchen blinzelnd an und erwiderte:„Möglich, Klärchen, aber mir ſcheint er doch einer von jenen Hartköpfen zu ſein, die ſich ſelbſt von denen, die ſie lieben, in nichts beſtimmen laſſen. Verſuch's einmal, ihm die Pläne aus dem Kopf zu jagen, über denen er gerade jetzt brütet!“* Klara antwortete nicht, aber ein ſelbſtzufriedenes Kcächeln ſpielte um ihre Lippen. Es ging dem Oberſt⸗ ſägermeiſter wie allen Vätern, die mit ihren Rath⸗ ſchlägen bei den Töchtern gewöhnlich etwas zu ſpät 141 kommen. Gerade dieſes Thema hatte ſie mit Theobald des Langen und Breiten beſprochen, und ſein Wort bürgte, daß er keinen unbedachten Entſchluß faſſen werde, der für ihre Liebe gefahrdrohend ſein könnte. Die Jugend iſt verſchwenderiſch mit ihrer Hoff⸗ nung wie mit ihrem Vertrauen! Siebentes Kapitel. Wer lebt, muß auf Wechſel gefaßt ſein. Goethe, Meiſters Wanderjahre. Im Laufe der paar Wochen, während welcher Theo⸗ bald entfernt war, hatte ſich der Umſchlag in der Re⸗ ſidenz vollendet. Mit männlicher Entſchiedenheit hatte die Fürſtin die Zügel der Regierung in die Hand ge⸗ nommen und lenkte ſie im Sinne ihrer Partei. Sander hörte die Beichte des Fürſten, der, von ſeinen milden Anſichten über menſchliche Verirrungen überraſcht und gerührt, ihm die violettenen Domherrnſtrümpfe huld⸗ vollſt gewährte. Selbſt der Hofmarſchall von Kalb ſtand wieder in vollen Gnaden, und Herr von Schimmelbein erwartete jede Stunde die Wiederberufung an die Spitze des Finanzminiſteriums. 143 Den erfolgreichſten Handſtreich aber hatte der neue Miniſterpräſident Freiherr von Luchsberg gewagt, indem er die freiſinnige Kammer auflöſte und eine Neuwahl der Landesabgeordneten veranlaßte. Allenthalben und mit aller Macht rüſtete ſich der Klerus zum Wahl⸗ kampfe, und bei den Mitteln, welche ihm Kanzel und Beichtſtuhl boten, konnte er ſich auch im voraus des ſichern Siegs rühmen. In all dieſe Zuſtände, die er ungemein troſtlos fand, mußte ſich Theobald fügen. Er hatte Klara ſein Wort verpfändet, daß er ausharren wolle, bis beſſere Tage aufgingen. Nun wollte er auch ſein Verſprechen einlöſen, aber er that es ohne alle Freudigkeit. Ihn peinigte der Gedanke, daß durch die Beziehung zu einem Mädchen die ſchöne männliche Freiheit ſeiner Bewe⸗ gung gehemmt war. Er litt unter dem herben Wider⸗ ſpruche ſeines Herzens mit ſeinen Grundſätzen und fand zudem keine freundliche Seele, die ihm rathend und beſtimmend zu Hülfe kam. Julian war unzugänglich. Er hatte ſich von allem öffentlichen Wirken zurückgezogen und in eine Arbeit vertieft, welche keine Störung litt. Juſtus befand ſich mitten in der Ausführung ſeiner großen Pläne, die ihn völlig beanſpruchten. Meiſter Ebenſtreit aber fühlte ſich ſelber zu gedrückt und verſtimmt, als daß er die 144 Wolken auf der Stirn des Neffen hätte gewahren und verſcheuchen können. Ihn kümmerte der politiſche Um⸗ ſchwung weniger als die gewaltigen Wandlungen, die ſein eigenes Haus und ſein Gewerke erfahren mußten, ſeit er beide an Juſtus übergeben hatte. „Ei du meine Güte!“ bemerkte er zu Theobald, als ſie eines Tags zwiſchen Licht und Dunkel ohne Zeugen beiſammen ſaßen und die Sprache auf den Gegenſtand kam.„Er treibt's hier wie in allen Din⸗ gen! Die Landſtraß' iſt ihm zu glatt; er muß einen holperigen Fußweg einſchlagen, der ihn ſchneller zu Gant und Schand bringt. Hat nicht mein Handwerk einen goldenen Boden gehabt? Fort mit Schaden, und auf Sand gebaut, ſagt der Juſtus. Haſt Du die Ba⸗ racke geſehen, die er draußen am Quai aufführt?“ „Es wird ein ſtattlicher Bau werden“, entgegnete Theobald.„Das Gießhaus iſt bereits vollendet, und Ihr hättet gewiß Eure Freude daran, lieber Oheim, wenn Ihr Euch die Einrichtung nur einmal beſchauen wolltet.“ Der Rothgießer hieb mit beiden Armen in die Luft, ſchob das Hauskäppchen von einem Ohr zum andern und erwiderte zornig:„Soll mich Gott ſtrafen, wenn ich einen Fuß über die Schwelle ſetze! Koſtet ihm der reſpective Plunder jetzt ſchon an die achttauſend Thaler 145 und bis es zum Hebwein kommt, hat er Kapital und Zins verjuckt, ſo wahr ich Hans heiße!“ Beſänftigend verſetzte Theobald:„Ihr ſeht doch wohl zu trüb, Oheim. Juſtus hat die Sache genau überlegt und berechnet. Das Beſitzthum allein wird ihm Credit verſchaffen, wenn er deſſen zum Be⸗ ginne des Gewerks ſelbſt bedarf. Es iſt die erſte und einzige Kunſtgießerei im Lande, und jetzt ſchon, da kaum das Haus unter Dach, iſt die Ausſicht auf be⸗ deutende Beſtellungen geboten.“ „Kunſtgießerei!“ erwiderte der Meiſter höhniſch. „Natürlich, das Handwerk iſt gemein und der Roth⸗ gießer ein Lump gegen den Kunſtgießer. Hoch hinaus und über die Firſte weg— das iſt jetzt die Loſung unſerer Jungen. Das Haus in der Wallgaſſe iſt zu altmodiſch, die Kundſchaft zu ſolid und der Profit zu ehrbar für den Herrn Juſtus. Der Gewinn muß an die Tauſend gehen, ſonſt heißt es ein Frettergeſchäft. Daß zehntauſend dabei verleppert werden, wird nicht auf die Rechnung geſetzt. Man kann ein freiſinniger Mann ſein und dem Fortſchritt huldigen, und ich thu's auch, Theobald, ſo hart mir's ankommt. Aber wer den Berg hinaufläuft, verliert den Athem, und der Sperling auf der Hand iſt mir lieber als die Taube auf dem Dach. Allzu hoch macht ſchwindlig, und auf 10 Hilarius, Non possumus. III. 146 die Seilſpringer halt' ich nicht viel— es ſind zumeiſt Gauner. Ich will das Alles nur reſpective geſagt haben, verſtehſt Du?“ Theobald that ſo, als verſtände er es, um den alten Herrn nicht weiter zu erzürnen, aber insgeheim beneidete er den Bruder, der für ſeine Unternehmungen ein großes, weites Feld ausgeſteckt hatte und die Vor⸗ kehrungen zu Einrichtung und Betrieb eines ausge⸗ dehnten Fabrikgeſchäfts mit Umſicht und Ausdauer traf. Kaum ein Viertelſtündchen außerhalb der Stadt, wo die Quaibauten endeten, waren bereits ſeit Wochen Hunderte von Händen am Baue des anſehnlichen Fa⸗ brikgebäudes beſchäftigt. Schon wurden die Sparren über dem Gießhaus aufgerichtet, und die Gerüſte ſtan⸗ den, um die übrigen Werkgebäude aus dem Grunde zu heben. Kanäle wurden gegraben, um die Kraft des Waſſers dem Unternehmen dienſtbar zu machen, und die Pfahlbürger der Stadt ließen ſich den täglichen Gang nicht gereuen, um mit offenen Mäulern die Bauwerke zu begaffen. Die Philiſter ſchüttelten die Köpfe über das Wagniß einer ſolchen Speculation, ärgerten ſich aber im Stillen, daß ihnen und ihrer ganzen Sippe der naheliegende Gedanke noch nicht gekommen ſei, die bisher brach gelegene bedeutende Waſſerkraft aus⸗ zunutzen. Der induſtrielle Geiſt war bisher dem Spießbürger⸗ thum der beſcheidenen Reſidenzſtadt, die ſich faſt aus⸗ ſchließend von der Hofhaltung nährte, ein Räthſel mit ſieben Siegeln geblieben. Nach ihrer Theorie galt es, die Hände in den Schooß zu legen und zuzuwarten, bis ſich Markt und Verkehr durch ein gemüthliches Wunder von ſelbſt machten. Der Staat war ja vor⸗ zugsweiſe ein Agriculturſtaat und hatte ſich bisher glücklich ohne alles gewerbliche Proletariat fortgeſchleppt. Was man im Lande nicht fertig bringen konnte, holte man eben einfach aus dem Auslande. Damit war Mühe und Wagniß der eigenen Fabrikation glücklich vermieden. So lauteten im Allgemeinen die volkswirth⸗ ſchaftlichen Grundſätze, welchen auch die Regierung bis in die jüngere Zeit huldigte. Es war ohne Wider⸗ ſpruch ein großes Verdienſt La Rochelle's, daß er in dieſe Stagnation Bewegung brachte und eine freiſin⸗ nige Partei unterſtützte, welche die Culturbedeutung des Verkehrs und Güterlebens nicht unterf ſchätzte. Jetzt freilich erwachte neuerdings die Hoffnung, daß die Lücken wieder ausgeflickt würden, welche ein pietät⸗ wſe Fortſchritt in die chineſiſche Landesmauer ge⸗ brochen hatte. Damit wurde nicht nur zu Nutzen der Rechtgläubigen der zuei antiſche Wind abgehalten, der von Norden her zu wehen ſich untermaß, ſondern auch 10* der induſtriellen Concurrenz des Auslandes ein Riegel vorgeſchoben. Die Philiſter jubelten, und als nun mit Uebertragung der Finanzen an Herrn von Schimmel⸗ bein das neue Geſammtminiſterium einen würdigen Abſchluß erhielt, gehorchte man dem Drange des Her⸗ zens und illuminirte die ganze Stadt. Der Fürſt war entzückt über die Loyalität ſeiner getreuen Unterthanen und wünſchte dem ehemaligen Günſtlinge La Rochelle von Herzen eine glückliche Reiſe nach ſeinen weſtfä⸗ liſchen Gütern. Einigermaßen hatte ihn der demokra⸗ tiſche Anſtrich, den ſich der kluge Graf zu geben wußte, doch immer genirt, und er war dem neuen Premier⸗ miniſter zu großem Dank verpflichtet, daß er ſich mit dieſer Koketterie nicht befaßte. Den ſchönſten Erſatz für den Verluſt La Rochelle's aber fand der Fürſt in dem bisher ſo viel verkannten Schimmelbein. Welche Vielſeitigkeit der Tugenden dieſes ausgezeichneten Mannes! Mit dem Augenblick, als ihm das Ruder des Finanzminiſteriums wieder in die Hand gelegt war, hörte jene ſchmuzig⸗-bürgerliche Aengſtlich⸗ keit im Haushalte auf, an welche ſich die Durchlaucht ſo ſchwer hatte gewöhnen müſſen. Im unmittelbaren Verkehr wußte er durch prickelnden Humor unwider⸗ ſtehlich zu gewinnen, und in der Kunſt, den Sybariten mit einem geiſtlichen Mäntelchen zu bedecken, war er Meiſter. Ueberdies hatte von Schimmelbein die günſtige Gelegenheit benutzt, ſeine ſchöne Tochter Roſamunde dem Fürſten vorzuſtellen. Er würdigte das für Frauen⸗ reize leicht zugängliche Herz ſeines gnädigen Gebieters. Und dennoch war es zuverläſſig nur eine Stimme des Neides und der Mißgunſt, welche den gewaltigen Ein⸗ fluß des Vaters von den Künſten der Tochter ableitete! Es ziemt ſich, den Eintritt großer Ereigniſſe in würdiger Weiſe zum öffentlichen Ausdruck zu bringen. Wochen waren vergangen, und Herr von Schimmel⸗ bein ſäumte noch immer, die neue verbeſſerte Miniſter⸗ auflage, die er erlebt, mit einer feſtlichen Vorrede zu verſehen. Er, dem die Huld des Fürſten dreitauſend Thaler Tafelgeld zugewieſen, er, der ſo gern die Gelegenheit vom Zaune brach, ſich und ſeinen Freunden einen ungewöhnlichen Genuß zu verſchaffen, ſetzte ſich nun dem gerechten Vorwurfe aus, daß es ihm an Lebens⸗ art mangle. „Es iſt geradezu wider den Anſtand, Excellenz“, bemerkte der würdige Hofmedicus Hambacher,„wenn Sie die neue Aera unſeres politiſchen und Ihres Privatlebens ſo im Handumdrehen beginnen. Was Eindruck machen ſoll, muß mit Pomp angehoben wer⸗ den. Sie ſchulden das der Dankbarkeit gegen den Fürſten, Ihrem Ruf und Ihren Freunden. Selbſt das 150 Collegium, deſſen Präſidentenſtuhl Sie verlaſſen haben, verdient eine feſtliche Verabſchiedung.“ Der Miniſter dankte dem Freunde für dieſe Mah⸗ nung an eine Pflicht, die er nur im Drange der Ge⸗ ſchäfte überſehen hatte. Schon am nächſten Morgen rannten die Lakaien mit einem Ballaſt zierlicher Einladungskarten von Straße zu Straße. Der ganze Adel, ſämmtliche Staatswür⸗ denträger und alle höhern Beamten des oberſten Lehn⸗ hofs, ſelbſt Theobald mitgerechnet, wurden zu Gaſte gebeten. Der Feſtabend rückte heran. Vor dem Portale des Miniſterhotels wogte eine Menge müßiger Gaffer. Endlos war die Reihe der Wagen, und die galo⸗ nirten Bedienten, welche den Kutſchenſchlag öffneten, hatten Mühe, ihrer Herrſchaft den Weg in die blumen⸗ durchduftete, glänzend beleuchtete Vorhalle zu bahnen. Die Räume füllten ſich allgemach. Aber es waren vorzugsweiſe nur die Vertreter des ſtärkern Geſchlechts, welche der Einladung Folge geleiſtet hatten. Der grö⸗ ßere Theil der weiblichen Ariſtokratie konnte den Gant⸗ und Lieferantengeruch nicht ertragen, der dem Namen Schimmelbein noch anhing. Die Frauen ſind fein⸗ fühlender als die Männer, und worüber ſich dieſe leichtfertig hinwegſetzen, die Erinnerung an irgend — 151 einen geſellſchaftlichen Makel, das verwiſcht ſich bei jenen ungemein ſchwer. Mit weniger Befangenheit als Unmuth betrat Theo⸗ bald die zauberhaft geſchmückten Säle. Auch das be⸗ trachtete er als ein Opfer, welches der Beamtenſtellung gebracht werden mußte. Die Beziehungen ſeiner Ju⸗ gendjahre hatten ihn nicht ſowohl mit den Cirkeln verſöhnt, in denen er nur geduldet war, als vielmehr ſeinen bürgerlichen Stolz zu einer ungemeinen Empfind⸗ lichkeit geſteigert. Nun konnte ſich zwar die Geſellſchaft bei Schimmelbein keiner tadelloſen Reinheit und Voll⸗ blütigkeit rühmen, aber es bewegten ſich doch ſo viel Sterne und Kreuze in der Runde, daß ſich unſer junger Freund mit dem leeren Knopfloche wie ein Paria unter Halbgöttern vorkam. In ſeiner Mißlaune verſäumte er ſelbſt die Formen des Anſtandes. „Willſt Du uns nicht den hübſchen, jungen Flegel vorſtellen, lieber Papa, der es nicht der Mühe werth hält, die Dame des Hauſes zu begrüßen?“ Mit dieſen Worten wendete ſich Roſamunde von Schimmelbein an den Vater, der auch dem Winke ſeines Lieblings ſofort zu entſprechen ſuchte. Die ſchöne Tochter der Excellenz ſaß, nachläſſig auf die Ottomane hingeſtreckt, neben ihrer Freundin Aurelie, und beide bildeten ſo ziemlich die Angelpunkte der jün⸗ 152 gern Helden des Salons. Ihre Arme waren ver⸗ ſchlungen wie ihre Herzen, wenn man den wiederholten Verſicherungen dieſer vier küſſigen Lippen trauen durfte. Es war ſtadtbekannt, daß ſie gegenſeitig ihre Leiden und Freuden, ihre Sympathien und Antipathien theil⸗ ten. Wenn es einigermaßen möglich geweſen wäre, hätte gern eine jede die Hälfte ihrer Lebenszeit der geliebten Freundin entſagungsvoll überlaſſen. Roſa⸗ munde war zwar um einige Athemzüge jünger als Aurelie und ſpielte deshalb gern die naivere Rolle, doch ſtand auch ſie bereits nahe der Wendekreishöhe, und eine anſtändige Zahl von Frühlingen nebſt einer noch hübſchern Summe von Erfahrungen hatten der Friſche und Rundung etwas zugeſetzt. Nach dem Ur⸗ theile aller Sachverſtändigen hatte ſich die ältere Aurelie beſſer conſervirt, und das war auch der einzige Grund, weshalb ihr die Freundin hin und wieder einen vorwurfs⸗ vollen Blick zuwarf. Theobald hatte das Vergnügen der Vorſtellung glücklich und nicht ohne Erfolg überſtanden. Die Damen waren angenehm überraſcht von der natür⸗ lichen Anmuth und Freiheit ſeiner Bewegung und der Geläufigkeit ſeines Witzes. Aurelie ſchäkerte und Noſa⸗ munde ſchmachtete mit mehr Bewußtſein und Abſicht als gewöhnlich, und ſo ward unſer junger Freund 153 unmerklich von den feinen Fäden einer heitern, anre⸗ genden Unterhaltung umſtrickt. Das Vorrecht der Dame des Hauſes geſtattete Roſamunde, ihn zur erſten Tour aufzufordern. Er konnte nicht ausweichen und tanzte trotz aller Vorſätze. Im Tanze liegt etwas Berauſchendes und das ſchöne Mädchen in ſeinen Armen war ungemein hingebend. Dieſe doppelte Gefahr machte ihm bange. Er ſuchte ihr auszuweichen, indem er nachgerade bemerkte, daß doch eigentlich das Vergnügen dieſer zweckloſen Ermü⸗ dung weit hinter dem Genuſſe eines graziöſen Wechſel⸗ geſprächs zurückſtehe.„Erhitzender Bordeaux gegen ſchäumenden Champagner“, meinte er,„Pigment gegen leuchtende, prickelnde Gedankenperlen! Sind Sie nicht auch meiner Anſicht, Fräulein Aurelie?“ Aurelie gab ihm Recht. Sie konnte das um ſo leichter, als ſie, einem Wunſche der Fürſtin entſpre⸗ chend, nicht mehr tanzte. Und Roſamunde? Es ſchien in der That, als ob auch dieſe der Anſicht Theobald's beipflichte. Noch nie hatte ſie ihre leidenſchaftliche Vor⸗ liebe für den Tanz ſo heroiſch unterdrückt als an die⸗ ſem Abend, und die Körbe flogen von ihren Lippen. Als einer ihrer bevorzugteſten Günſtlinge dem gleichen Geſchick verfiel, drohte ihr Aurelie lächelnd mit dem Finger.„Sie beeinfluſſen meine Freundin über Gebühr!“ 154 ſagte ſie zu Theobald, indem ſie ihn mit dem Fächer neckiſch auf die Hände ſchlug.„Wiſſen Sie, daß ich noch eiferſüchtig werde?“ Theobald erröthete— nicht vor den Worten der Kammerfrau, aber vor dem Gedanken an Klara. Seine ernſtlichſten Beſtrebungen, ſich von den Damen loszu⸗ machen, blieben jedoch fruchtlos. Ein gefeſſelter Pro⸗ metheus mußte er an der verhängnißvollen Ottomane Standquartier nehmen, und zuletzt ergriff Aurelie ſelbſt ſeinen Arm und erbat ſich das Geleite zum Souper. „Die kokette Zierpuppe!“ flüſterte die Hofmarſchallin von Kalb ihrer Tiſchnachbarin ins Ohr.„Der junge, harmloſe Cicisbeo ſcheint ihr wirklich ins Garn zu gehen. Finden Sie das Benehmen der überreifen Jung⸗ frau nicht auffallend indiscret, meine Theure?“ „Beſſer jetzt noch als nie!“ klang die Antwort. „Fräulein Roſamunde hält ſich für eine Spättraube, die man erſt zu Anfang Winters leſen darf! Der arme Junge weiß nicht, daß die ſchönſten Beeren bereits ab⸗ gepflückt ſind!“ Und die beiden Damen lachten recht herzlich über den gelungenen Vergleich. Die Hofmarſchallin war übrigens nicht die Einzige, welche die Tochter des Hauſes ihrer beſondern Auf⸗ merkſamkeit würdigte. Der neidloſe Theil der Gäſte bewunderte die geſchickte Vogelſtellerin; die Mädchen 155 neuern Datums bemitleideten den unerfahrenen Jüng⸗ ling, der ſich mit ſolch einer Nachleſe begnügte; den Scharfſichtigen aber war es klar, daß Theobald nur den Zaun ſtatt des Gartens küſſe. Als die Tafel aufgehoben war, legte Freiherr von Luchsberg den Arm in den des wiedergeborenen Finanz⸗ miniſters, zog ihn beiſeite und bemerkte ihm vertrau⸗ lich:„Bei allen Grazien und Muſen, Collega, Ihre Roſamunde iſt eine wahre Zaubrerin! Haben Sie nicht bemerkt, wie nun auch der ſprödeſte aller Jünglinge des Continents im Banne ihrer Schönheit ſchmachtet?“ Herr von Schimmelbein ſchmunzelte und ſtrich ſich das fette Kinn. Der Miniſterpräſident aber fuhr fort: „Wäre es undenkbar, daß ſich hier wirklich zwei Herzen begegnet ſeien? Ich verſichere Ihnen, mein Wertheſter, wenn wir auf dieſem Wege den jungen Mann für unſere Partei und unſere Sache gewinnen könnten, ſo würde ich das als eine ſehr wünſchenswerthe Errungen⸗ ſchaft betrachten.“ Geringſchätzig erwiderte Schimmelbein:„Sie meinen doch nicht, Excellens—“ „Ich meine in der That!“ fiel Luchsberg raſch wieder ein.„Ihr hübſcher Secretär iſt aus einer an⸗ ſtändigen Beamtenfamilie, beſitzt ungemeine Kenntniſſe 156 und Fähigkeiten und eine ſtaunenswerthe Arbeitskraft. Wir werden dieſe— ſelbſtverſtändlich nur unter Vor⸗ ausſetzungen— nach Gebühr würdigen und ihm eine entſprechende Stelle einräumen, die ihm ſchließlich auch geſtattet, ein anſtändiges Haus zu halten. Damit ha⸗ ben wir nicht nur für uns einen achtbaren Kämpen gewonnen, ſondern iſoliren auch Doctor Julian, deſſen geheime Agitationen und Einflüſſe ich noch immer fürchte.“ Der Finanzminiſter nickte mit dem Kopfe. Er ſchien ſich allgemach in den Ideengang ſeines Collegen hineinzufinden. Nach kurzer Pauſe fuhr dieſer leiſer und eifriger fort:„Zudem, Verehrteſter, kümmert mich die verdammte Briefgeſchichte noch immer ein wenig. So glücklich ſich der Ausgang dieſer Affaire geſtaltete, ſo würde es doch uns beiden nicht ſonderlich angenehm ſein, wenn die Durchlaucht gelegentlich den Hergang der Sache erführe.“ Herr von Schimmelbein nickte noch lebhafter. SIch weiß“, nahm Luchsberg wieder das Wort, „daß ſich unſere Wünſche nach dieſer Richtung be⸗ gegnen. Nun wurde mir aber hinterbracht, daß der hübſche Blondin, den Roſamundchen ſo beſonders zu begünſtigen ſcheint, mit Julian unter einer Decke ſpielte, daß beiden unſere Abſicht verrathen ward, ehe wir 157 noch an die Durchführung dachten, und daß nicht ſie, ſondern wir die Puppen dieſer Komödie waren. Unſer trefflicher Beichtvater, den gerade hier die diplo⸗ matiſche Feinheit und Ruhe im Stiche ließ, mag das verantworten.“ „In dieſer Sache“, erwiderte Schimmelbein oben⸗ hin,„wird die Durchlaucht Niemand mehr Gehör geben. Die Acten ſind geſchloſſen und reponirt. Ich fürchte nichts.“ Dringlich entgegnete Luchsberg:„Auch ich fürchte nichts, mein Wertheſter, bereite mich aber auf Alles vor. Ich habe meine verläſſigen Spione, wie es jedem Mi⸗ niſter zukommt. Ihr Bericht lautet, daß nicht nur der kritiſche Diebſtahl von unſern Gegnern ſelbſt angelegt war, ſondern daß ihnen auch die Perſon des Thäters bekannt iſt. An den Beweiſen wird es nicht fehlen, wenn etwa die fatale Angelegenheit nicht vor die Durchlaucht, ſondern vor den Unterſuchungsrichter ge⸗ bracht werden wollte!“ „Verdammt!“ murmelte der Finanzminiſter in den Bart. Da er die Charaktere nach dem eigenen Ge⸗ wichte wog, ſo däuchte ihm eine Entwickelung der Dinge, wie ſie ihm vorgeſpiegelt ward, gar nicht un⸗ möglich. In dieſem Augenblicke trat der Hofmedicus an die ĩĩ 158 Sprechenden heran. Schnell raunte Luchsberg dem Col⸗ legen noch ins Ohr:„Die Gefahr wäre leicht abzu⸗ wenden. Der legitime Liebhaber Ihrer reizenden Roſa⸗ munde wird nicht daran denken, den künftigen Schwieger⸗ vater bloßzuſtellen.“ Damit wandte er ſich ab und überließ es dem bewährteſten aller Zungendreſcher, das aufgeregte Ge⸗ müth Herrn von Schimmelbein's wieder zu beſchwichtigen. Die Muſik war verhallt. Die Säle des Miniſter⸗ hotels entleerten ſich, und die nüchterne Proſa, die jedem rauſchenden Feſte folgt, ſchlich erſchöpft und gähnend über den Parquetboden hin. Aurelie, welche den Freu⸗ denbecher gern bis auf die Neige leerte, gehörte zu den letzten Gäſten, die an der Thür noch Herrn von Schimmel⸗ bein die Artigkeit erwieſen, dieſen Abend als den reizendſten und genußvollſten ihrer ganzen Erdenpilger⸗ ſchaft zu bezeichnen. Als ſie der zärtlichen Freundin den Abſchiedskuß bot, flüſterte ſie ihr leiſe zu:„Meine ſüße Pentheſileia hat ihren Achilles gefunden! Nicht wahr, Herzchen? Nun überlege, ob Du um dieſen Preis Deine Freiheit opfern willſt. Biſt Du's geſonnen, ſo überlaß das Weitere Deiner Aurelie. Binnen acht Tagen ſoll der blonde Adonis vor Dir knieen.“ Ein ſchwärmeriſches Lächeln überflog Roſamundens Züge. Der künſtliche Karmin ihrer Wangen ließ es 159 ungewiß, ob ſie nicht auch gleichzeitig erröthete. Aber ſie that, wie ihr die Freundin geheißen, ging hin und überlegte, bis ihr der Schlaf die Augen ſchloß. Und ſiehe da, der hübſche, junge Flegel ſchlich ſich unver⸗ merkt in ihren Traum ein und liebkoſte ſie mit einer Zärtlichkeit und Anmuth, daß ſie wie von einem Zauber⸗ tranke berauſcht in ſeinen Armen lag. Und als ſie des andern Mittags erwachte, war ſie auch feſt entſchloſſen, daß er binnen acht Tagen vor ihr knieen müſſe. Achtes Kapitel. Ich fühle tief, wie wenig an ſich ſelbſt Der Erde Güter ſind, wofern ſie nicht In Harmonie mit unſrer Seele ſtehn. Platten, Treue um Treue. Die Tage politiſcher Stagnation ſind die Brütezeit des Stadtklatſches. La Rochelle gehörte bereits der Geſchichte an, als ob er nicht erſt vor Wochen, ſondern vor Jahren vom Schauplatze abgetreten wäre. Julian's Name war faſt gänzlich verſchollen. Die neuen Miniſter arbeiteten ſtill und geräuſchlos am Bau ihrer Maulwurfsgänge, hielten die Preſſe im Zaume und verſtändigten ſich 5 unter der Hand mit den verwegenſten Schreihälſen einer matten und muthloſen Oppoſition. So bedurfte die kleine Reſidenz eines Stoffes, der ein bischen Gäh⸗ rung in die träge Fäulniß brachte. 161 Die ſchöne Roſamunde war längſt ſchon der Ge⸗ genſtand der Unterhaltungen am häuslichen Herde. Man ſchrieb die auffallende Gunſt, womit der Fürſt Herrn von Schimmelbein förmlich überſchüttete, auf Rechnung ihrer Reize. Plötzlich verbreitete ſich das Gerücht, die Tochter des Miniſters gebe ihre einfluß⸗ reiche Stellung auf und gedenke ſich die Roſenbande der Ehe ſelbſt nach freier Wahl anzulegen. Der junge Secretär des Lehngerichtshofs ſei der Erkürte. Dies war der Kern der belangreichſten Stadtneuigkeit, an welchen die Gloſſen wie Kryſtalldruſen anwuchſen. Es lag Syſtem in der Verbreitung dieſes Ge⸗ rüchts. Theobald war von den Maſchen deſſelben umgarnt, ehe er es ahnte, und es bedurfte eines Er⸗ eigniſſes, um ihn aus der harmloſen Unwiſſenheit zu reißen.. Ein duftiges Briefchen hatte ihn zur Kammerfrau Aurelie beſchieden. Nicht auf ausdrücklichen Befehl der Fürſtin, ſo ſchrieb ſie, aber auf ihre ſehr verſtänd⸗ lichen Winke hin wage ſie es, ihn um eine Unter⸗ redung zu bitten. Der Gegenſtand ſei ebenſo dringend als wichtig. Theobald fand keinen Grund, dieſem Wunſche nicht zu entſprechen. Den Argloſen empfing Aurelie mit jener hinneigenden Vertraulichkeit, welche ſie als ein Hilarius, Non possumus. III. 11 Vorrecht ihrer Stellung und ihrer Jahre betrachtete. Selbſt mit dieſen kokettirte ſie, weil ſie wußte, daß ſie doch nur einen höchſt angenehmen Widerſpruch her⸗ vorrief. „Wie lieb und gut Sie ſind, daß Sie meinem Wunſche nachkamen!“ ſagte ſie zu dem Eintretenden, indem ſie ihm wie eine längſt erprobte reifere Freundin beide Hände zum Willkomm hinreichte. Es waren zwei ſchöne, weiße, feingliedrige Händchen, und die Arme, die ſich an ihre Gelenke ſchloſſen, waren womöglich noch reizender. Der dunkle Spitzenbeſatz an den Halb⸗ ärmeln des hellern Muſſelinkleides hob ihren Sammt⸗ glanz, während der bis an den Hals geſchloſſene Leib nur die Formen der ſchönen Büſte errathen ließ. Seit er das ſelige Geſtändniß der Liebe von Klara's Lippen weggeküßt, hielt ſich Theobald für gewappnet gegen alle weiblichen Reize des Erdballs. Aber die zwangloſe Liebenswürdigkeit Aureliens überzeugte ihn, daß nach ſeiner Empfänglichkeit doch noch einige Gefahr in dem zeugenloſen Verkehr mit einem körperlich und geiſtig anziehenden Mädchen liege, welches die Er⸗ fahrungen eines reich bewegten Lebens zu verwerthen weiß. Dazu trat die Heimlichkeit des Boudoirs, der Zauber, womit hier ein ſinniger Frauengeſchmack Alles geordnet und geſchmückt hatte, ſelbſt das 4 163 feine Aroma, welches den kleinen Raum durch⸗ räucherte. Aurelie wußte mit dem Goldklange ihrer Altſtimme und den dunklen Tollkirſchenaugen gewandtere Männer ihrem Willen geneigt zu machen, warum ſollte es ihr mit dem unerfahrenen Jüngling nicht glücken! Ihr angeborener pſychologiſcher Scharfblick und der Gewinn aus einem ſehr belebten Verkehr mit Leuten aller Gattung hatten ihr die ſchwere Kunſt des Umgangs gelehrt. Sie verſtand es, jederzeit die richtige Tonart und den treffenden Takt zu wählen. Theobald befand ſich bereits in einem Zuſtande angenehmer Betäubung, als ſich erſt das Geſpräch zur Hauptſache kehrte. Die Fürſtin ſtand nämlich an der Wahl eines Kabinetsraths, deſſen ſie perſönlich bedurfte. Ihre rege Betheiligung an den Staatsgeſchäften ver⸗ wies ſie an die Beihülfe eines klugen und gebildeten Mannes, und die in alle Vorhaben ihrer Herrin ein⸗ geweihte Kammerfrau konnte vorausſehen, daß ihr Einfluß auf die Durchlaucht möglicher Weiſe eine ge⸗ fährliche Concurrenz zu erfahren habe. Alſo lag ihr daran, eine Perſönlichkeit einzuſchmuggeln, welche ſich ihre Leitung gefallen laſſe. Sie dachte an Theobald. Seine Erſcheinung hatte einen ungemein günſtigen Eindruck auf ſie gemacht, 11* und ſie glaubte zu fühlen, daß der ſchöne Jüngling mehr ſchwärmeriſch als kühl angelegt ſei. Er müſſe dem ſanften Drucke einer Weiberhand nachgeben, die ihn aus dem Dunkel der Kanzleiſtube in den Glanz der Fürſtengunſt emporgehoben. Zugleich wäre damit ein großes Verdienſt um das Glück der zärtlichen Freundin erworben. In ſolch einflußreicher Stellung konnte ihm ſelbſt die Tochter des Miniſters ihre Hand ohne Skrupel bieten. Aurelie ließ ſich durch das Widerſtreben, das ſchon die einleitenden Verſuche fanden, nicht irre machen. Sie war durch Luchsberg darauf vorbereitet, und nun ſetzte ſie ſich's erſt recht in den Kopf, aus dem liebenswür⸗ digen Demokraten einen noch liebenswürdigern Proſe⸗ lyten zu machen. Juſt war Theobald daran, ihr die Gründe zu ent⸗ wickeln, die ihn zum Gegner der Hofpolitik machten. Er that es in jener leichten, mit Laune gewürzten Weiſe, womit man Frauen gegenüber über politiſche Dinge überhaupt nur reden ſoll. Ein ſchärferes Ohr würde aus dem Klange ſeiner Worte vielleicht ein wenig geſchmeichelte Eitelkeit vernommen haben, und Aurelie, welche ſich eines äußerſt feinen Gehörs rüh⸗ men konnte, benutzte auch dieſe Blöße. So ent⸗ ſpann ſich ein lebhaftes Wechſelgeſpräch, und beide 165 ließen ihre Ueberredungskünſte auf das brillanteſte ſpielen. Da rauſchte die Portiere und Roſamundens gra⸗ ziöſe Geſtalt erſchien an der Schwelle des Gemachs. Wie überraſcht über den unvermuthet Anweſenden zögerte ſie, einen Schritt vorwärts zu thun, bis ihr Aurelie entgegenſprang und ſie heiter begrüßte. „Du kommſt wie der Gott in der Maſchine, meine holde Pentheſileia!“ rief ſie, indem ſie die Eintretende vorſichtig in die Arme ſchloß, um nicht durch den Aus⸗ bruch ihrer Zärtlichkeit Coiffure und Buſenſchleife der Freundin in Unordnung zu bringen.„Hilf mir dieſen blonden Starrkopf überzeugen, daß er daran iſt, das Glück mit Füßen von ſich zu ſtoßen.“ Roſamunde war natürlich vollkommen unvorbereitet. Aber ſie fand ſich äußerſt ſchnell in den verhandelten Gegenſtand und unterſtützte nun die Anſichten der Freundin mit ſolchem Nachdrucke, daß unwillkürlich ein leichter Nebel des Mißtrauens in Theobald's Seele aufſtieg. Er verſtummte, und Roſamunde hatte allen Grund, dieſes Schweigen als ein beginnendes Schwan⸗ ken auszulegen. Beſchränkter und kurzſichtiger als Aurelie, verſtand ſie ſelbſt das ſarkaſtiſche Lächeln nicht, das um ſeine Mundwinkel zu ſpielen be⸗ gann. 166 In dem Augenblick ward die Kammerfrau höchſt ungelegen zur Fürſtin berufen. „Du haſt meine Vollmacht“, bemerkte ſie zu Roſa⸗ munden,„und magſt in meinem Namen den Kampf fortſetzen. Werde mir ja nicht fahnenflüchtig, mein Schatz!“ Dann wendete ſie ſich gegen Theobald, und in⸗ dem ſie ihn bat, womöglich bis zu ihrer Rückkehr ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben, verließ ſie das Zimmer. Der Perſonenwechſel wirkte ernüchternd auf unſern jungen Freund. Mit Aureliens Abgehen war der Fa⸗ den des Geſprächs zerriſſen und die Unterhaltung ſtockte. Man ſchwenkte von der Hauptſache ab, und Roſamunde lenkte die Rede allgemach auf ein ſen⸗ timentaleres Gebiet. War es der Vergleich mit der witzigern, geiſtvollern und beweglichern Freundin, war es der aufkeimende Verdacht oder die Furcht vor er Gefahr, je deutungsvoller die Worte von Roſamun⸗ dens Lippen floſſen, je verſtändlicher ihre Anſpielungen klangen, deſto ſteifer und einſilbiger ward Theobald. Zuletzt hätte ihm das blödeſte Auge die Ungeduld ab⸗ ſehen können, und es klang faſt unhöflich, als er unter dem Vorwande dringender Geſchäfte plötzlich um ſeine Entlaſſung bat. 167 Roſamunde hatte eben eine blühende Schilderung von Familienglück und Häuslichkeit begonnen, auf deren Wirkung ſie große Hoffnungen ſetzte. Sie kniff ver⸗ drießlich die Lippen zuſammen, als ſie eine ſo ſchnöde Unterbrechung erfuhr, und ihr zürnender Blick gab einen ſchlechten Commentar zu dem roſigen Bilde, das ſie noch kaum vollendet hatte. Theobald bemerkte es, aber es war ihm unmöglich, in dieſer Atmoſphäre noch länger auszuharren. Als er ſich aus dem Knäuel von Gängen, Treppen und Corridoren herausgewunden hatte und ins Freie trat, wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirn, und unwillkürlich entſchlüpfte ihm ein be⸗ hagliches„Ah!“ „Steckt der Hamen?“ klang eine ſonore Stimme hart an ſeiner Seite. Theobald wendete ſich raſch und war nicht wenig erſtaunt, als Julian, den er ſeit Wochen nicht geſehen, wie aus dem Boden gehoben vor ihm ſtand. Voll freudiger Ueberraſchung ſtreckte er ihm beide Hände entgegen. Aber der Doctor wich einen Schritt zurück, legte die Arme mit unverkennbarer Abſicht auf den Rücken und erwiderte den Gruß mit gefurchter Stirn. „Lüfte Dich erſt ein wenig aus!“ bemerkte er ſar⸗ kaſtiſch.„Deine Finger duften nach eau de mille fleurs, und ich kann dieſen anſteckenden Geruch nicht 8 168 ertragen. Du weißt, ich habe für gewiſſe Dinge wei⸗ biſch empfindliche Nerven!“ Die Stimmung Theobald's, in welche ihn dieſe Anſprache verſetzte, ſchwankte zwiſchen Aerger und Be⸗ trübniß. Seit jener Kataſtrophe mit Sibyllens Briefen hatte ſich Julian des hofmeiſterlichen Tons völlig ent⸗ ſchlagen, und zwiſchen beiden galt nun die Gleichbe⸗ rechtigung der Freundſchaft. Jetzt klang wieder der Mentor recht verſtändlich aus den Worten des Doctors, der durch weiß Gott welche Vermittelung von Theo⸗ bald's Beſuch bei der Kammerfrau und dem Zweck deſſelben benachrichtigt worden war. Nicht der Zufall, ſondern beſtimmte Abſicht hatte ihn hierher geführt. Die lange Zeit, während welcher er einer Schildwache gleich auf ſeinem Wartepoſten ausharren mußte, ſtei⸗ gerte ſeine Ungeduld und ließ ihn das Schlimmſte be⸗ fürchten. Es koſtete einen ziemlich erregten Wortwechſel, ehe Beſänftigung und Verſtändigung eintrat. Als endlich Theobald mit Hand und Mund verſichert hatte, daß er Aureliens verlockenden Anträgen ſtandhaft aus⸗ gewichen ſei, da glätteten ſich erſt die Falten in Ju⸗ lian's Geſicht. „Und glaubteſt Du wirklich“, fragte Theobald,„daß mich die hübſche Circe zu ködern vermöchte? Sie hat 169 eine Sirenenſtimme, das läßt ſich nicht leugnen, und man hat ſich zu hüten vor der anmuthigen Verführerin, aber mein Widerwille gegen den Hofdienſt, gegen dieſen Hofdienſt diente mir als ein Schild mit ſieben⸗ fachem Leder überzogen, gleich jenem des Ajax.“ Julian erwiderte:„Wenn es nur der Hofdienſt allein geweſen wäre, wozu ſie Dich mißbrauchen woll⸗ ten! Dieſer Verſumpfung und Verknöcherung wäre ein offener, heller Kopf zu gönnen, der für friſchen Luftzug ſorgte, und eine kräftige Fauſt, die den Kehrbeſen zu handhaben wüßte. Aber—“ „Aber?“ wiederholte Theobald, als Julian mit der Vollendung des Satzes zögerte. Dieſer maß ihn lächelnd vom Kopf bis zum Fuß und entgegnete:„Du biſt ein verdammt argloſer Knabe, Theobald! Habt Ihr wirklich nur unter vier Augen verhandelt? Täuſchte mich mein kurzes Geſicht, als ich unter der parfümirten Spitzentunica, die vor einem halben Stündchen an mir vorüberrauſchte, die Geſtalt der ſchönen Roſamunde zu erkennen glaubte?“ „In der That“, verſetzte Theobald, und eine leichte Röthe flog über ſeine Wangen,„ihr zufälliges Er⸗ ſcheinen war mir ärgerlich genug. Es hat uns im Abſchluß der Verhandlungen geſtört.“ „Zufällig? Und ärgerlich? Dir ärgerlich, der Du 170 ſeit Wochen wie ein Falter um dieſe künſtliche Blume flatterſt?“ „Biſt Du von Sinnen?“ rief Theobald erſchreckt. „Wer hat Dir dieſes Märchen aufgebunden?“ „Ich bin nicht mehr, nicht weniger als das Echo des allgemeinen Stadtgeſprächs“, erwiderte Julian ernſt⸗ haft.„Bis in die Einſamkeit meines Studirſtübchens drang es, und wenn Du es eine Fabel nennſt, ſo liegt Dir jetzt der Beweis ob.“ Theobald hielt ſeine Schritte ein und ſah den Freund mit ängſtlich forſchendem Blicke an. So wenig ſchuldbewußt er ſich fühlte, ſo hatte er ſich doch als⸗ bald den Zuſammenhang der Dinge klar gemacht. Das Ballfeſt bei dem Finanzminiſter und ein nachfolgender Anſtandsbeſuch bei Roſamunden konnten allein den fliegenden Samenſtaub dieſer Gerüchte bilden. Beides erſchien ihm zu harmlos, als daß er dem Freunde nur eine Silbe deſſen hätte verheimlichen ſollen, was dabei geſprochen wurde. „Es bedarf Deiner Betheuerungen nicht“, entgegnete der Doctor, indem er ſeinen jungen Freund in den lebhaften Verſicherungen ſeiner Unſchuld unterbrach. „Aber ich bewundere die Harmloſigkeit, mit der Du dem Verlauf der Sache zuſahſt. Ahnteſt Du wirklich nicht, daß Dich die ſchlaue Kammerzofe in die Falle . 171 lockte, nicht blos um Dich für die Partei zu gewinnen, ſondern auch um ihrer Herzensfreundin einen Gefallen zu erweiſen?“ Als alle dieſe Fragen mit einem erſtaunten Nein beantwortet wurden, neigte ſich Julian näher an Theo⸗ bald's Ohr und flüſterte ihm zu:„Du Kurzſichtiger! Sie gehen umher wie der brüllende Löwe in der Bibel und ſuchen einen Figuranten, der ſeinen ehrlichen Namen hergibt für die Maitreſſe des Fürſten!“ Ein paniſcher Schrecken bemächtigte ſich Theobald's. Nun erſt begriff er den Sinn jener zarten Geſtändniſſe, die er noch vor wenigen Augenblicken achtlos überhört hatte. Er ſchlug ſich grimmig vor die Stirn, und Julian hatte Mühe, ihn ſo weit zu beſänftigen, daß er den Vorübergehenden nicht ein lächerliches Schauſpiel bot. Aber er bekräftigte ihn zugleich in dem Vorſatze, mit einem Griffe alle die feingeſponnenen Fäden zu zerreißen, die i˙hn ſachte abziehen ſollten von dem Wege der Ehre und der öffentlichen Achtung. Mit der ge⸗ wohnten Ueberlegung dictirte er ihm ſelbſt die wenigen Zeilen, womit er Aureliens Zumuthungen mit bündiger Höflichkeit abfertigte. „Das wäre geſchehen“, bemerkte er händereibend, als der Abſagebrief geſchloſſen und verſiegelt war. „Nun aber täuſche Dich nicht, mein Lieber, als ob 172 damit ſchon jede Verſuchung abgethan wäre. Ich fürchte, der entſcheidende Kampf ſteht Dir erſt noch bevor.“ Der prophetiſche Scharfblick Julian's bewährte ſich. Bereits nach wenigen Tagen treffen wir Theobald im Kabinet des Miniſters. Luchsberg hatte ihn rufen laſſen, und wenn auch der Apoſtrophe Seiner Excellenz der bekannte Sirenenklang von Aureliens Stimme fehlte, ſo hatte ſie doch den Vorzug einer ungemeinen Ver⸗ ſtändlichkeit. Der Miniſterpräſident machte keine Um⸗ ſchweife. Er führte den jungen Mann, der in einiger Befangenheit vor ihm ſtand, gleich auf den Gegenſtand los und bemerkte mit großer Entſchiedenheit, daß er in einer ſo heiklen Sache, welche nichts weniger als die Familienehre ſeines würdigen Collegen betreffe, ein williges Eingehen auf ſeine Wünſche zuverſichtlich er⸗ warte. Theobald bat um eine Erläuterung. „Ich begreife den Eindruck, den Fräulein von Schimmelbein bei Ihnen hervorrief!“ erwiderte Luchs⸗ berg, indem er durch ein vornehmes Lächeln den Zug ſittlicher Hoheit, den ſein verſchiebbares Geſicht ange⸗ nommen hatte, einigermaßen abmilderte.„Was ſich begreifen läßt, läßt ſich auch rechtfertigen. Niemand wird Ihnen die Aufmerkſamkeit verübeln, die Sie dem 173 ſchönen Mädchen zollten. Aber ſie war zu auf⸗ fallend und— wenn Sie wollen— zu rückſichtslos, als daß ſie nicht für alle Cirkel der Geſellſchaft einen Gegenſtand der Beurtheilung hätte abgeben ſollen.“ Von dieſem Standpunkte aus hatte Theobald die Sache noch nicht beurtheilt. Er blickte erſtaunt auf den Miniſter und verſuchte eine Entgegnung. Luchs⸗ berg aber fiel ihm in die Rede:„Zugegeben, daß Ihnen Roſamunde ein Stück Wegs entgegenging— nun, ſo tragen Sie eben beide die Schuld. Sie iſt nicht ſo ſchwer zu tragen, mein junger Freund, und es will mir faſt ſcheinen, als ob Sie ſich darüber auch bereits vereinbart hätten. Wozu ſonſt die weitern Beſuche? Wozu das heimliche Rendezvous im linken Reſidenz⸗ flügel?“ Schmunzelnd drohte die Excellenz mit dem Zeige⸗ finger. Das verſchiebbare Geſicht war bereits wieder in eine neue Phaſe getreten und zeigte den mit den Geheimniſſ en des Schützlings vertrauten liebenswürdigen Gönner. Theobald war nahe daran, die Faſſung vollſtändig zu verlieren. Die Deutung, welche man dem abſichts⸗ loſen Zuſammentreffen mit Roſamunden bei der Kammer⸗ frau gab, verwirrte ihn. In dieſer ſichtbaren Ver⸗ legenheit des Jünglings glaubte Luchsberg eine verläſſige Gewähr für das glückliche Gelingen ſeines Vorhabens erblicken zu ſollen. Er hielt es an der Zeit, unver blümt mit der Sprache herauszurücken. Wiederholt⸗ betonte er die Allgemeinheit des Gerüchts und die Nothwendigkeit, aus einer Sache Ernſt zu machen, bei welcher die geſellſchaftliche Stellung einer Dame von Stande in Frage ſtehe. „Ich ſpreche hier nicht als Ihr Miniſter“, bemerkte er im Verlaufe ſeiner Rede,„da mir in dieſer Eigen⸗ ſchaft keine Controle der Privathandlungen meiner untergebenen Beamten zuſteht. Aber ich ſpreche als der Freund der Familie von Schimmelbein und— wie Sie mir wohl zugeben werden— auch als Ihr Freund. Denn eine Verbindung mit Roſamunden, mit der Tochter des ausgeſprochenſten Günſtlings der Durch⸗ laucht, kann einem jungen ſtrebſamen Manne nur vor⸗ theilhaft und erwünſcht ſein. Ich befinde mich in der eigenthümlichen Lage, Ihnen dieſes Glück faſt auf⸗ nöthigen zu müſſen. Denn die Sache iſt ſo weit ge⸗ diehen, daß ſie ohne auffällige, nachtheilige Behelligung der Familie nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Sorgen Sie nicht, daß Ihnen die Mittel zu einem ſtandesgemäßen Haushalte fehlen werden. Es iſt eine Stelle in meinem Miniſterium offen, die Sie nach Ihrem anerkannten Talente und nach Ihren be⸗ 175 währten Kenntniſſen füglich zu verſehen im Stande ſind.“ Nach dem, was Theobald aus Julian's Munde erfahren, lag in dieſem Anerbieten eine unerhörte Schamloſigkeit. Als fühlte er einen Natternſtich in der Ferſe, ſo wich er raſch einen Schritt zurück, und ſeine Entrüſtung kündete ſich in dem flammenden Roth, das ſein Geſicht bis an die Stirnhaare überzog. Wie mit einem Zauberſchlage wich jede Befangenheit von ihm. Er erklärte ſich geradezu unfähig zu einer ſolch entwürdigenden Rolle. „Mein Gebaren gegenüber dem Fräulein von Schimmelbein erträgt jede Kritik“ ſo ſchloß er ſeine zürnende Rede.„Es wird dem Rufe der Dame ſo wenig ſchaden, als es meine Ehre benachtheiligen kann, daß ich mich in argloſer Unwiſſenheit ein Stündchen mit der Freundin ſeiner Durchlaucht unterhielt.“ Der Miniſter zog die Lippen zuſammen, und ſeine Augen gewannen den grünſchillernden Glanz, wie ſer auf ſumpfigem Waſſer liegt.„Ihre Sprache iſt weniger kühn als beleidigend“, entgegnete er, indem er ſeine etwas frühzeitig gebeugte Geſtalt aufrichtete und die Arme über der Bruſt kreuzte. Sie klingt doppelt un⸗ geziemend aus dem Munde eines jungen Mannes, dem man ein unverdientes Wohlwollen entgegentrug und deſſen Fehltritt man mit einer beſondern Gnade aus⸗ zugleichen ſuchte.“ „Excellenz halten zu Gnaden“, erwiderte Theobald, „ich bin mir weder eines Fehltritts bewußt, noch geize ich nach einer Auszeichnung, die ich nicht verdiene. Am wenigſten aber vertrüge es ſich mit meinen ſteif⸗ bürgerlichen Grundſätzen, wenn ich meine Stellung den Verdienſten meiner künftigen Gattin verdanken müßte.“ „Freilich!“ fiel hier Luchsberg mit höhniſchem Lä⸗ cheln ein.„Das wäre ein unerhörter Fall, der um ſeiner Seltenheit willen Aufſehen erregen könnte! Ihr Ehrgefühl iſt ja ein wahres Prachtexemplar von einer Mimoſe!“ „Das wäre möglich, Excellenz!“ erwiderte Theobald. „Wenigſtens kann ich mich nicht mit dem verſöhnen, was nirgends ſo wie im Staatsdienſte Berechtigung zu haben ſcheint und was man gemeinhin mit den Wölfen heulen nennt.“ Der Miniſter wandte ſich unwillig ab, trat an den Schreibtiſch und bemerkte, ſeinem trotzigen Partner den Rücken zukehrend:„Seine Durchlaucht iſt von dem, was man mit Ihrer Perſon beabſichtigte, bereits prävenirt. Sie werden es ſelbſtverſtändlich finden, daß 17 ich auch unſer heutiges Geſpräch möglichſt wortgetreu berichte. Für die Folgen mögen Sie einſtehen.“ Nur einen Augenblick zögerte Theobald, dann ent⸗ gegnete er in einem faſt verbindlichen Tone:„Excel⸗ lenz werden mich zu Dank verpflichten, wenn Sie es ermöglichen, daß ich meine Handlungsweiſe vor meinem gnädigſten Fürſten perſönlich rechtfertige. Vielleicht fände ſich bei dieſer Gelegenheit Anlaß, Seiner Durch⸗ laucht auch nach anderer Richtung intereſſante Auf⸗ ſchlüſſe zu geben.“ Das Einzige, was Luchsberg von einem Diplomaten beſaß, war ein raſches Combinationsvermögen. Die leiſe Andeutung Theobald's zündete. Ehe ſich's dieſer verſah, ſtand er ihm wieder Auge gegen Auge und ſagte, ohne den Blick von ihm zu wenden, mit halber Stimme:„Sie drohen, mein Herr?“ „Womit, Excellenz?“ fragte Theobald in einem ſo argloſen Tone, daß er ſich ſelbſt über ſeine Fortſchritte in der Verſtellungskunſt wunderte. Eine Pauſe trat ein. Theobald harrte des Zeichens der Entlaſſung— ob in Gnade oder Ungnade, war ihm nun völlig gleichgültig. Aber der Miniſter ſchien noch etwas auf dem Herzen zu haben, wofür ihm augenblicklich der Ausdruck gebrach. Endlich erwiderte er obenhin:„Der Gegenſtand iſt beſeitigt, und jede 12 Hilarius, Non possumus. III. 178 weitere Erörterung überflüſſig. Sie haben mich jedoch in die Lage geſetzt, Verfügungen zu treffen, die Ihnen vielleicht nicht völlig zuſagen. Ihre Verwendung im innern Dienſte und Ihre Stellung in der Reſidenz iſt unmöglich geworden. Ich werde dafür Sorge tra⸗ gen, daß Ihre Verſetzung auf einen Poſten in der Provinz beſchleunigt werde, eine Rückſicht, die ich der Hausehre Seiner Excellenz des Herrn Finanzminiſters ſchulde!“ Eine zuckende Bewegung des Oberkörpers kündete, daß dieſe Erklärung ihre Wirkung auf Theobald nicht verfehlte. In der That war er gerade auf eine ſolche Maßregel nicht gefaßt, und er bedurfte einiger Augen⸗ blicke der Sammlung. Unterdeſſen neigte der Miniſter mit ariſtokratiſcher Hoheit den Kopf um einen halben Zoll und ſenkte die Augenlider. Der Vorhang fiel— die Scene ſollte geſchloſſen ſein. Aber die Zeichen wurden nicht verſtanden. Theobald rührte ſich nicht von der Stelle. Erſt als er gewahrte, daß Luchsberg mit einem höhniſchen Lächeln über dieſe horrende Miß⸗ achtung des Anſtandes ſelbſt ſich zum Abgehen wendete, gewann er die Sprache wieder. Seine Stimme zitterte ein wenig, aber ſie kündete immerhin die Feſtigkeit ſeines Entſchluſſes. „Geſtatten mir Excellenz, der Fertigung des Decrets 179 zuvorzukommen!“ ſagte er, indem er der Wendung des Miniſters folgte und ſich ſtramm vor ihn hinſtellte. „Ich erachte es nachgerade als eine ſehr zweifelhafte Ehre, daß meinem guten Namen ein Beamtentitel an⸗ hängt. Erlauben Sie, daß ich heute noch um meine Entlaſſung aus dem Staatsdienſte einkomme.“ Luchsberg neigte das Haupt um einen Zoll tiefer. Die Audienz war beendet! Der freundliche Leſer wird uns das Geleite vom Hotel des Miniſters nach dem Bürgerhauſe in der Wall⸗ gaſſe nicht verſagen. Wenn wir durch das breite Kuppelfenſter einen Blick in die trauliche Wohnſtube werfen, gewahren wir Meiſter Ebenſtreit behaglich und mit heiterer Miene im Armſtuhle lehnend und mit dem ältern Neffen in lebhaftes Wechſelgeſpräch vertieft. Nach langem Kampfe hatte er ſich heute zum erſten Male bewegen laſſen, die Bauſtätte zu beſuchen und von der neugegründeten Niederlaſſung Juſtus' Einſicht zu nehmen. Unter der umſichtigen und energiſchen Leitung des jungen Mannes war es gelungen, im Verlaufe weniger Monate Haupt⸗ und Nebengebäude unter Dach zu bringen. Bereits wurde in dem Gieß⸗ 12* 180 hauſe und den angrenzenden Werkſtatträumen rüſtig gehämmert und gefeilt, modellirt und ciſelirt, und das Gewerke ſelbſt war offenbar ſchon im lebhaften Gange, während noch fleißige Hände an der äußern Vollendung des Baues arbeiteten. Dem alten Herrn gingen ganz eigene Gedanken durch den Kopf, als er Alles ſo treff⸗ lich und wohleingerichtet fand. Er begann zu ahnen, daß ſeine Zeit um ſei, und daß Juſtus Recht hatte, über jene beſchränkte Marke hinauszugehen, die er nach ſeinem eigenen beſchränkten Geſichtskreiſe bisher als die einzige Grundlage ehrbarer, pfahlbürgerlicher Solidität betrachtet hatte. Der Mann des Forſchritts kam ſich auf dieſer Stätte, wo das wahre Verſtändniß des mo⸗ dernen Fortſchritts waltete, wie ein hinkender Landbote gegenüber dem beflügelten Laufe der Locomotive vor. Aber er bewährte ſich doch als ein kluger und ver⸗ ſtändiger Mann, der, wenn er auch Manches nicht begriff, das große Ganze doch anerkannte, obwohl ſich ſein Vorurtheil dagegen ſtemmte. Verſöhnt reichte er dem Neffen die Hand. Er hatte Freude erlebt, wo er Verdruß erwartete, und ſein noch immer reger Geiſt hatte eine Fülle neuer Gedanken vorräthig, über die er ſich noch mit Juſtus ausplaudern mußte. Was ihm noch am meiſten Be⸗ ſorgniß erregte, war die ungewöhnlich große Ausdehnung, 181 auf welche das Gewerke angelegt war. Er fürchtete, daß weder das Kapital noch die Befähigung und Kraft eines Einzigen ausreiche, um das Ganze zu überſehen und zu lenken. In letzterer Beziehung pflichtete ihm Juſtus bei. Was er ſich ſelbſt vorbehielt— die tech⸗ niſche und künſtleriſche Leitung des Geſchäfts— be⸗ anſpruchte die Energie eines ganzen Mannes. So ward alſo bei dem Umfange des Betriebes, welchen er anbahnte, ein Geſchäftsgenoſſe zur Führung des kauf⸗ männiſchen Theils nahezu unerlaßlich. Der Gegenſtand wurde hin und wieder beſprochen. Er bedurfte einer reiflichen Ueberlegung und feſſelte die Aufmerkſamkeit von Neffe und Oheim, als plötzlich die Thür aufflog und Theobald hereinſtürmte. Sein erhitztes Geſicht verrieth die Nachwirkung der letzten Erlebniſſe. 3 „Jacta est alea! Ich hab's gewagt!“ rief er dem Bruder entgegen, ehe dieſer noch Zeit zur Begrüßung gefunden hatte. Der alte Herr fuhr erſchreckt zuſammen. Theobald's Stimme beruhigte ihn zwar wieder, aber ſeine ſicht⸗ liche Aufregung und ſein ſeltſamer Willkomm riefen neue Beſorgniß wach.„Laß Dein verdammtes Latein“, polterte er,„und ſag' uns in derbem Deutſch, was Dir wieder einmal zugeſtoßen iſt. Dein Geſicht ſieht 182 ja aus wie eine Krebsſuppe und Du zitterſt wie ein Pudel, wenn er reſpective aus dem Waſſer ſteigt. Setz' Dich, Junge, und komm zu Athem!“ Theobald folgte dem Geheiß des Oheims. Er be⸗ durfte thatſächlich einiger Augenblicke Erholung, denn ſeine Pulſe klopften faſt hörbar, und in großen Perlen lag ihm der Schweiß auf der Stirn. Als die ſtürmi⸗ ſche Wallung einigermaßen beſänftigt war, hob er an und erzählte. Mit jedem Worte wuchs die Spannung ſeiner Zuhörer, und als er zur Schilderung der Schluß⸗ kataſtrophe gelangte, mußte ſich Herr Cbenſtreit gleich⸗ falls den Schweiß von der Stirn wiſchen, ſo hatte ihn die Sache angegriffen. Theobald war mit ſeiner Erzählung zu Ende ge⸗ diehen. Seine Blicke ruhten fragend auf dem Bruder, der unſchlüſſig und ſchweigend vor ſich hinſah. Auch der Oheim, ſonſt ſo ſchnell zur Gegenrede bereit, hielt die Lippen feſt geſchloſſen, und es ſchien, als wolle er erſt das Urtheil des beſonnenen Juſtus abwarten. Endlich— nach einer peinlichen, beklemmenden Pauſe— ſagte dieſer: „Es wird mir ſchwer, Theobald, Deine Handlungs⸗ weiſe zu tadeln. An Deiner Stelle hätte ich wahr⸗ ſcheinlich das Gleiche gethan. Du haſt Deiner Ehre genügt, aber haſt Du auch mit Deinen Hoffnungen — — 183 abgerechnet? Weißt Du auch, daß Du den Brief zer⸗ riſſen haſt, der Dir die Anwartſchaft auf Erfüllung Deiner ſchönen und gerechten Wünſche gab? Du haſt auf die Früchte Deiner Geiſtesarbeit, auf den Lohn Deines Strebens, Deiner Mühen und Sorgen verzichtet— biſt Du gewiß, daß nicht eine Zeit bitterer Reue kom⸗ men wird?“ „Das bin ich!“ erwiderte Theobald feſt und ruhig. „Es iſt eine gemeingültige, aber um ſo größere Thor⸗ heit, daß man glaubt, Kenntniß und Talent ließen ſich blos im ſogenannten Staatsdienſte verwerthen und fänden dort allein Lohn und Anerkennung. Wie ich in jeder Form dem Staate dienen kann, ſo iſt auch mein Wiſſen eine Errungenſchaft, für die ich überall einen Markt finden werde.“ „Vergiß nicht“, ſagte Juſtus,„zwei Dinge in die Berechnung zu ziehen, die von unſchätzbarem Werthe ſind, die behagliche Sicherheit der Exiſtenz und die bevorzugte Stellung in der Geſellſchaft.“ „Bruder“, entgegnete Theobald leidenſchaftlich,„ſprich nicht von einem Krebsſchaden unſerer ſocialen Verhält⸗ niſſe als von einer begehrenswerthen Sache. Ehre, Achtung und Selbſtbewußtſein unſeres Bürgerthums haben Schaden gelitten, ſeitdem der Beamtenkaſte dieſe bevorzugte Stellung eingeräumt iſt. Das ehrfurchtsvolle 184 Geſicht, welches der Bürger vor dem Ariſtokraten ſchnei⸗ det, hat wenigſtens noch eine antiquariſche Berechtigung. Der Reſpekt aber, welcher dem Manne um ſeines Amts willen gezollt wird, iſt bei der vorgeſchrittenen Bildung unſeres Bürgerſtandes neun⸗ unter zehnmal eine Lüge. Soll mir der gefeſſelte Mann, der gleich dem Sträfling an der Galeere mühſelig am Ruder keucht, ohne z wiſſen, wohin der Steuermann das Schiff lenkt, ja, ohne danach fragen zu dürfen, beneidenswerther ſein als der freie Bürger, der noch ein Selbſtbeſtimmungs⸗ recht beſitzt? Dieſer iſt ſeines Schickſals eigener Herr— das Fatum des Beamten iſt der Miniſter, und auf der Wage am grünen Tiſche wiegt Talent und Verdienſt viel leichter als Gunſt und Gnade. Jedem Vater will ich rathen, daß er nur die mittelmäßigen Köpfe unter ſeinen Söhnen in die Kanzleien ſchickt. Den den⸗ kenden und genialen Mann wird nur die freie Wiſſen⸗ ſchaft oder das unbeſchränkte und lohnende Feld bürger⸗ licher Thätigkeit befriedigen.“ Meiſter Ebenſtreit hatte bisher kein Wort geſprochen. Auch jetzt noch hielt er mit ſeinem entſcheidenden Vo⸗ tum zurück; aber in der Rede Theobald's lag etwas, was mit ſeinen Gefühlen übereinſtimmte. Jeweils hatte er mit Widerwillen an den Hut gegriffen, wenn er ihn lüpfen und„um der Kundſchaft willen“ Reverenz machen 185 mußte vor einem dieſer leidigen Actenwürmer, wie er die Beamten nannte. In ihm ſtak noch ein achtbares Maß gerechten Bürgerſtolzes. Und dennoch ſah auch er ſich zu jener conventionellen Lüge genöthigt, deren Grund und Bedeutung ihm jetzt erſt der Neffe klar ge⸗ macht. Deshalb nickte er ihm wohlgefällig und bei⸗ ſtimmend zu. Als nun Juſtus neuerdings mit ſeinen Bedenken hervortreten wollte, da riß ihm endlich die Geduld und er fiel ihm unwirſch in die Rede: „Wer ſatt iſt, kann mit der Zunge ſchnalzen. Wenn Du im Trockenen ſitzeſt, Juſtus, dann haſt Du's leicht, einem zuzurufen: Wollen Sie gefälligſt nicht ertrinken! Hör' auf mit Deiner Weisheit, jetzt handelt es ſich um Rath und That. Daß Theobald recht gethan hat, gibſt Du ſelber zu; über's Recht hinaus aber kann nur der Schelm!“ Juſtus nahm die polternde Rede des Oheims mit heiterer Miene hin. Er war längſt mit ſich im Klaren und ſeine Bedenken bezweckten nichts weiter, als eine Gewähr für die Feſtigkeit der Entſchlüſſe Theobald's zu gewinnen. Als ihm klar geworden, daß nicht die Haſt der Gereiztheit, ſondern ein tiefes ſittliches Gefühl und eine ſichere, im Kampfe gewonnene Ueberzeugung den Bruder zu dieſem äußerſten Schritt gedrängt hatten, da reichte er ihm die Hand und ſagte: 186 „Wir haben uns beide von dem Ziele gewendet, wonach wir lange Jahre in redlichem Arbeiten, Hoffen und Harren geſtrebt. Uns ging es wie jenem Baumeiſter, der erſt beim Einfügen des Schlußſteins gewahrte, daß die Grundmauern nachgeben und er ſelbſt unter dem Gewölbe erſchlagen würde, das er mit ſo viel Sorgfalt auf ſchwankendem Untergrunde aufgerichtet. So laß uns denn ein neues Haus bauen, Theobald, ein helles, offenes Haus ohne dunkle Winkel und geheime Gänge, ein Haus, in das der lichte Sonnenſchein eindringen kann und der friſche Dreikönigswind, von dem die Sage geht, daß er Segen bringe in alle Gelaſſe, durch welche ſein Hauch weht!“ — Neuntes Kapitel. Ich habe gefunden, daß Mißverſtändniſſe mehr Irrungen in der Welt machen als Liſt und Bosheit. Goethe, Werthers Leiden. Den Arm auf die Brüſtung gelehnt, ſitzt Klara auf dem Söller und ſchaut gedankenvoll in die Berge, um deren Lenden und Häupter die Nebel wie Geſpenſter ſchleichen. Ein feiner Regen ſchauert nieder; über den See hin pfeift der Wind, und die Wellen tragen weiße Schaumkronen, die Vorboten anhaltend ſchlechter Wit⸗ terung. In Klara's trüben Blicken findet der trübe Himmel einen Wiederſchein, und täuſchen wir uns nicht, ſo hängen auch an ihren Wimpern etliche Tropfen. Ihre Rechte 188 ruht im Schooß und hält ein zerknittertes Papier. Es iſt die Epiſtel einer Freundin. Ach, dieſe leidſeligen Freundinnen, die da meinen, die Einförmigkeit des Landlebens ſei ungenießbar ohne den Sauerteig der Stadtneuigkeiten! Klara hatte ſich ſchon genug gehärmt über die ver⸗ gebliche Erwartung des Geliebten; nun muß ſie auch noch leſen, daß man allenthalben davon ſpreche, Roſa⸗ munde von Schimmelbein gedenke ihrem welkenden Lebenslenze einen Liebesfrühling aufzupfropfen. Der glückliche Bräutigam ſei— „Es iſt doch wohl nur ein Gerücht!“ dachte ſie ſich. Dabei fiel aber ihre Thräne gerade auf den verhäng⸗ nißvollen Namen und verwiſchte die Züge bis zur Unleſerlichkeit.. In dem Augenblicke trat der Oberſtjägermeiſter auf die Laube. Auch ſeine Miene kündete grämlichen Ver⸗ druß. Als er Wind und Wolken geprüft und, wie es ſchien, wenig Tröſtliches gefunden hatte, ſagte er un⸗ muthig: „Keine Ausſicht, daß das heilloſe Wetter umſchlage! Der See hat Flecken und die verdammten Nebel ſteigen allenthalben wie aus einem Hexenkeſſel auf. Höre, Klärchen, mich befällt nachgerade eine menſchliche Schwäche. Ich glaube, die Luft iſt mit Langeweile 189 geſchwängert. Was hältſt Du von einem kleinen In⸗ termezzo in der Stadt? Glaubſt Du nicht, daß uns dann der Spätherbſt in den Bergen wieder um ſo treff⸗ licher behagen würde?“ Klara ſtimmte ohne alle Widerrede bei. Des Va⸗ ters Wunſch war der ihre und ſie verſäumte nichts zur Beſchleunigung der Abreiſe. Schon am folgenden Nachmittage waren die Läden aufgethan und die Fenſter des ſchönen Hauſes auf dem Glacis der Stadt geöffnet und vom Garten her zog der Blumenduft durch die gelüfteten Räume. Denn es waren juſt die letzten Tage der Roſenzeit. Klara hatte zu räumen und zu ordnen, aber ihre Blicke ſuchten immer wieder das offene Fenſter, und ſo oft ſich draußen ein Laut hören ließ oder der Sand unter einem Fußtritt knirſchte, klopften ihr die Pulſe merklich ſchneller. Endlich— ja, er war es— ſie erkannte ihn an Gang und Bewegung, obwohl ſie ſich nach dem einen flüchtigen, verſtohlenen Blick gleich wieder abgewendet hatte. Der Vater empfing ihn in der Vorhalle mit lauten, gutmüthigen Vorwürfen, die er noch fortſetzte, als beide ſchon die Schwelle des Zimmers überſchritten hatten. Theobald ſah ernſt und angegriffen aus. Sein Gruß war nicht unfreudig, aber befangen, und gleicher 190 Weiſe klangen ſeine Worte. In ſeinem ganzen Weſen drückte ſich eine ängſtliche Verlegenheit aus, und Frie⸗ ſeneck mußte manche Frage wiederholen, ehe er die treffende Antwort erhielt. Das Geſpräch ſtockte häu⸗ figer, als es ſonſt unter den Dreien der Fall war, und zuletzt verſtummte Klärchen gänzlich. Sie glaubte zu bemerken, wie Theobald beſtändig ihren Blicken auswich, und dann kam ihr jedesmal der Liebesfrühling der verführeriſchen Roſamunde in den Sinn. Nach einer Weile ſchützte ſie ein plötzliches Unwohlſein vor und verließ den Salon. „Curios!“ ſagte der Oberſtjägermeiſter gedehnt und ſah ihr nach, bis ſich die Thür hinter ihr ſchloß. Dann fuhr er zu Theobald gewendet fort:„So macht ſie mir's nun ſeit Wochen! Es iſt eine Wandlung vorgegangen mit dem Mädchen— finden Sie nicht, Theobald? Dem jungen Manne ſtieg das Blut in die Wangen. Er ſchlug die Blicke zu Boden und verſuchte ſtot⸗ ternd eine Entgegnung. Da drohte ihm der Freiherr lächelnd mit dem Finger:„Alle Wetter, Ihre Worte klingen ſchief, als ob ſie gegen den Wind lavirten. Wie wär's, mein junger Freund, wenn Sie den Curs geradeaus nähmen?“ Die Anſpielung war zu deutlich, als daß ſie hätte 191 unverſtanden bleiben können. Wohl oder übel mußte ſich Theobald zu einem Geſtändniſſe bequemen, und als er erſt die Schwierigkeit der Einleitung überwunden hatte, that er es auch mit dem gewohnten Freimuthe. Er bekannte ſeine Liebe zu Klara und legte die ganze poetiſche Wärme ſeines Gefühls in dieſe Erklärung. Aber der Schlußſatz klang wehmüthig und hoffnungslos. Frieſeneck hatte ſeine treue Freundin, die Eigarre, beiſeite gelegt. Aus ſeinen Zügen ſprach freudige Ge⸗ nugthuung und lauteres Wohlwollen. Als endlich Theo⸗ bald's Vortrag eine ſentimentale Färbung anzunehmen begann, unterbrach er ihn mit der Bemerkung, daß nach dem heitern Allegro ein lamentables Adagio gar zu übel klinge. „Ueberlaſſen Sie die Molltöne den hyſteriſchen Wei⸗ bern!“ ſagte er, indem er die Hand auf die Achſel des Jünglings legte.„Daß Sie ein wackeres und treffliches Mädchen lieben, iſt wahrhaftig kein Unglück, und— alle Wetter, Sie werden doch nicht etwa ver⸗ langen, daß man Ihnen den väterlichen Conſens etliche Meilen weit mit Trompeten⸗ und Paukenſchall ent⸗ gegentrage?“ „Ich bin arm und— bürgerlich!“ erwiderte Theo⸗ bald leiſe. Frieſeneck ſtampfte mit dem Fuße.„Des Teufels 192 ſind Sie!“ polterte er.„Habe ich Ihnen je den Baron fühlen laſſen, wenn Sie um meine Tochter ſchlichen wie der Marder um die Taube? Halten Sie mir den Vergleich zu gute, aber Sie müſſen einem Waidmann doch geſunde Augen zutrauen. Ihre Mittheilung über⸗ raſchte mich nicht, denn ich habe ſie erwartet.“ Kleinlaut entgegnete Theobald:„Zürnen Sie nicht, daß ich in jenen Tagen der Trauer mit meinem Be⸗ kenntniſſe zurückhielt. Es hätte mißtönend geklungen, ſolange der Sarg unſerer kleinen Freundin noch offen ſtand. Und als mein Lucian ſtarb, wie konnte ich da von meinem Glück und meinen Hoffnungen reden! Es war ein betrübender Zufall, der meinen Mund verſchloß, aber mir wird jetzt klarer denn je, daß auch der Zufall ſeine Geſetze hat, und daß es mein Ver⸗ hängniß war, damals noch zu ſchweigen.“ „Das ſind halbe Worte!“ verſetzte Frieſeneck, durch die letzten Bemerkungen unwillig angeregt.„In Sen⸗ tenzen läßt ſich ſelbſt eine Thorheit einkleiden. Sagen Sie mir lieber glatt und rund heraus, was Sie unter Ihrem Verhängniſſe verſtehen.“ Einer ſo bündigen Aufforderung mußte Theobald genügen, ſo ſchweren Kampf es ihn auch koſtete.„Als ich um die Liebe Ihrer Tochter warb“, erwiderte er, „geſchah es mit dem Bewußtſein einer Stellung in der 193 Geſellſchaft, die den Standesunterſchied einigermaßen aufhebt. Ich hatte die gewiſſe Anwartſchaft, früher oder ſpäter meinen eigenen Herd gründen zu können. Nun bin ich daran, Beides zu verlieren.“ „Julianus secundus!“ rief der Oberſtjägermeiſter, den die Erinnerung an früher Beſprochenes ſogleich die Abſicht Theobald's errathen ließ. Zürnend erhob er ſich vom Stuhle und durchmaß— die Hände am Rücken— mit raſchen Schritten den Salon.„Die jungen Herren glauben, man mache ſie für die po⸗ litiſchen Grundſätze der Miniſter verantwortlich! Als ob es nicht auch andere ehrliche Kerle gäbe, die un⸗ beſchadet ihrer Ehrlichkeit ſich doch mit den Zuſtänden abfinden, deren Rechtfertigung ihnen nicht obliegt. Alle Wetter! Es gehört ungemein viel Hochmuth dazu, ſich ſelbſt unter Tauſenden für den einzigen Charakter zu halten.“ Theobald war mittlerweile gleichfalls aufgeſtanden. Die Worte ſeines väterlichen Freundes trafen ihn tief und ſchmerzlich. Er bat, mit der Beurtheilung ſeiner Handlungsweiſe zurückzuhalten, bis die Motive ent⸗ wickelt ſeien. Aber Frieſeneck ließ ſich nicht be⸗ ſänftigen.. „Iſt es nicht Hochmuth“, fuhr er fort,„ſo iſt es eine Idioſynkraſie, eine Krankheit, die bei unſerer Hilarius, Non possumus. III. 13 194 Jugend endemiſch wird. Sie iſt ſchnell fertig mit ihrem Urtheil und hält es für unfehlbar. In allen Dingen und über alles Maß iſt ſie kritiſch geworden, und was der alte Goethe will, daß ſie nicht blos das Schlechte, ſondern vor allem das Treffliche und Gute ohne Unterſuchung und Sonderung auf ſich wirken laſſe, klingt ihr eben wie eine anmaßliche Thorheit des Alters!“ Mit Ruhe und Beſtimmtheit antwortete Theobald: „Sie täuſchen ſich, Herr von Frieſeneck, wenn Sie glauben, daß mich blos der Widerwille gegen das Syſtem und die Politik des Miniſteriums zu einem Entlaſſungsgeſuche drängte. Um einer großen Hoff⸗ nung willen läßt ſich eine kleine Geduld üben, und ſo wie die Verhältniſſe jetzt ſind, bleiben ſie nicht. Jeder Verſuch, den wandelloſen Gang der Cultur zu hem⸗ men, iſt thörichte Danaidenarbeit. Bei mir aber han⸗ delt es ſich um die Verletzung meiner ſittlichen Würde, die ich ſelbſt für eine kurze Uebergangszeit nicht ertragen kann. Aus der Größe des Opfers, das ich bringe, bitte ich Sie auf die Berechtigung meiner Handlungs⸗ weiſe zu ſchließen.“ Menſchen, die wir lieben, beleidigen uns ungemein leicht. Ihnen gegenüber ſind wir am wenigſten geneigt, Widerſpruch zu ertragen und auf die Gründe dieſes 195 Widerſpruchs zu achten. So ließ auch der Oberſtjäger⸗ meiſter ſeinem jungen Freunde nicht Zeit, ſich zu recht⸗ fertigen. In ſeinen Augen gab es für einen ſo folgen⸗ ſchweren Schritt gar keinen Entſchuldigungsgrund, und mit der Berufung an die ſittliche Würde, meinte er, laſſe ſich kein Hund vom Ofen locken.„Der Ver⸗ trag zwiſchen Ihnen und dem Staate iſt ein gegen⸗ ſeitiger. Nun werfen Sie ihm den Vertragsbrief zerriſſen vor die Füße und machen es ihm unmöglich, ſeine Pflicht zu erfüllen. Darin liegt doch auch ver⸗ dammt wenig Moral! Oder rechnen Sie darauf, daß er Ihnen eine Stelle anweiſt in einer Pfründneranſtalt?“ Theobald biß ſich auf die Lippe.„Deſſen bedarf es nicht“, antwortete er gereizt,„denn ich kann arbeiten!“ „Wollen Sie unter die Schreiber? Dann wünſche ich Glück zur Kameradſchaft! Oder unter die Literaten? Servum pecus, ſagt mein Freund Horaz! Oder haben Sie etwa ein Handwerk gelernt?“ „Ich bin nicht zu alt, um Vieles noch zu lernen!“ „Wohl geſprochen, mein Lieber. Zwar will es mir drollig vorkommen, Sie als Lehrburſche oder Laden⸗ junge zu denken, aber die Zeit lehrt Alles gewöhnen und entwöhnen. Ich bin nicht adelſtolz, ſo wahr ich Frieſeneck heiße; dennoch fühle ich, daß auch die Vor⸗ urtheilsloſigkeit eine Grenze habe. Das Handwerk wird 13* 196 mir's nicht verübeln, wenn ich geſtehe, daß ich meine Tochter weder für den Ladenpudel noch für die Werk⸗ ſtube erzogen habe.“ Das war klar und bündig geſprochen. Theobald wußte nnn, woran er war, und ſeine Abſicht, die Be⸗ ziehungen zu klären, war erreicht. Er empfahl ſich, und der Abſchied des Oberſtjägersmeiſters klang froſtig und förmlich. Als er aus der Flur des Hauſes heraustrat in den Garten, huſchten die letzten rothgoldenen Streiflichter des Abends durch das Geäſte der Rüſtern und ſpran⸗ gen von Blumenbeet zu Blumenbeet, und die Reſeden an den Rabatten verſchwendeten Wohlgerüche. In den Glacisalleen gingen geputzte Leute ſpazieren, und auf den Wiesflecken tummelten ſich Kinder und Mägde. Es war eben Feierabend geworden. Handlanger und Tage⸗ löhner kehrten von der Arbeit heim, plauderten und lachten laut und ließen ſich den Umweg um die Stadt und durch die freundlichen Anlagen nicht gereuen. In ſeiner Mißſtimmung kam es Theobald vor, als hätten es juſt heute alle Menſchen darauf angelegt, mit ihrer Freude recht ſchmerzlich an ſeine Seele zu rühren. Er bog raſch in die innere Stadt ein und ſuchte den ein⸗ ſamſten, dämmerigſten Weg aus, der zur Wallgaſſe führte. 4 197 Juſtus war eben von der Bauſtätte heimgekehrt, als der Bruder eintrat. Er ſah ihm den Kummer von den Augen ab und fragte theilnehmend, was ihm fehle. Jetzt erſt brach Theobald's lang gewahrte Seelenſtärke zuſammen. Er lehnte ſeine beiden Arme auf Juſtus' Achſeln, barg den Kopf in die Hände und weinte. Es gibt Thränen, deren ſich auch der Mann nicht zu ſchä⸗ men braucht. Die Fülle erſchütternder Ereigniſſe übte einen allzu gewaltigen Druck auf den Jüngling aus, der bisher nach allen Richtungen vom Glücke getragen und wohl auch verwöhnt war. Binnen wenigen Wochen hatte man ſich von allen Seiten redlich bemüht, ſeinen Glauben an Wahrheit und Chrlichkeit zu untergraben. Er ſtand am Sterbelager des geliebten Jugendfreundes. Einem allzu warmen Ehrgefühle hatte er ſeine Lebens⸗ ſtellung mit allen Ausſichten auf eine freundlich ge⸗ ſtaltete Zukunft geopfert. Nun traf ihn auch der Verluſt der Geliebten und die tief kränkende Miß⸗ kennung ſeines Wollens und Handelns! „O Juſtus“, klagte er,„es iſt wahrhaftig ſchwer, rechtſchaffen zu bleiben! Wer nicht den betretenen Weg derer wandelt, die ſich das Unrecht gefallen laſſen und ihr Gewiſſen mit dem Drange der Verhältniſſe beſchwichtigen, iſt verloren. Vieles läßt ſich ertragen, aber über ein Maß hinaus wird uns die Laſt zu ſchwer!“ 198 Da legte ihm Juſtus die Hand auf den Scheitel und erwiderte:„Du haſt die Knabenjahre hinter Dir, Theobald, und mußt ertragen lernen. Nur einmal hatteſt Du Recht zu ſagen: Ich kann nicht mehr; denn hier ſtandeſt Du an der Grenze des Sittlichen. Jeder andere Verluſt aber iſt nur im Augenblicke ſchmerzlich, und die Zeit gewährt nicht blos Troſt, ſondern auch Erſatz. Das weiß ich Alles aus eigener Erfahrung. Nicht wie Sir Falſtaff, der lieber Alles ertrug als ein Unglück, laß uns lieber jedes Unglück ertragen als einen Flecken Schande und freudiger Alles opfern als unſere Freiheit und unſere Ueberzeugung. Glück auf, mein Theobald! Jetzt erſt ſind alle Feſſeln ge⸗ fallen, die Dich noch an frühere Verhältniſſe und Beziehungen banden. Von heute ab iſt nach des Oheims Willen mein Haus Dein Haus; Du ſollſt drin ſchaffen und walten als freier Eigener, und ſie ſollen Dich achten lernen, nicht Deinen Stand. Fortan gehen wir zuſammen, Bruder!“ Theobald wollte erwidern, aber Juſtus legte ihm lächelnd die Hand auf die Lippen.„Ich weiß, was Du ſagen wilſſt“, fuhr er fort,„es hilft Dir aber nichts. Du mußt den Freiherrn verſchmerzen, der Dir um des Gewerks willen die Hand der Tochter ver⸗ ſagte, und das Töchterlein ſelbſt, wenn's auch ſo ſchön * 199 wäre wie Meluſine. Du haſt es gehört, die Jungfer iſt für die Werkſtube nicht erzogen, und auch der alte Herr wird das Zeug nicht haben, ſich vollends mit dem bürgerlichen Eidam zu verſöhnen, ſelbſt wenn dieſer Staatskanzler geworden wäre. Zur Sippe gehörſt Du nun einmal nicht!“ Meiſter Ebenſtreit war leiſe ins Zimmer getreten. Als er die Gruppe gewahrte und deſſen gedachte, was ihm der fernſehende Juſtus von kommenden Dingen längſt ſchon prophezeit hatte, begriff er auch alsbald das Vorgefallene. Ohne vorerſt die Brüder, die ſeinen Eintritt nicht bemerkt hatten, zu ſtören, blieb er an der Schwelle ſtehen und lauſchte. Was er hörte, war, wie er meinte, nicht blos nach ſeinem Sinne, ſondern nach dem Herzen Gottes. 1 Juſtus hielt ein. Da trat er auf die Ueberraſchten zu, faßte ihre Hände und ſagte:„Mein Eid, Dein Bruder hat Recht, Theobald! Wer den Kaiſer zum Schwäher hat, iſt noch lange kein Geſalbter, und daß er Honig frißt, macht den Fuchs nicht zum Bären. Das iſt nun einmal die Ordnung der Welt, und Dich darf's nicht verdrießen, Theobald, ſo wenig als mich. Alſo laß ſie ihrer Wege gehen und ſchlage Du den Deinen ein. Er führt nicht zu Titel und Orden, aber zur Ehre, und Bürgerehre wiegt reſpective nicht geringer als h g 200 Landgrafenehre. Als ich Dich ſchon vor etlichen acht Jahren zum Handwerk warb, hab' ich mich blos in der Zeit vergriffen. Sein ſollen hat es doch, und nach Rom kommt man auch auf Umwegen. Drum ſei guten Muths, mein Junge. Was Du mehr gelernt haſt, als Du brauchſt, wird Dich nicht drücken, und was hinter Dir liegt, laß liegen. Jetzt biſt Du ſelbſt der Mann; kein Miniſter, kein Junker und kein Pfaff kann Dich mehr aus dem Gleiſe bringen. Gott walt's!“ Zehntes Kapitel. Cs tragen ſich die morſchen Pfeiler kaum, Der Boden wankt, der Glauben iſt verloren! Chamiſſo, Gelegenheitsgedichte. Der Fürſt hatte ſich mit ſeiner Gemahlin gründlich verſöhnt. Er lernte ihre Tugenden kennen, ihre Ent⸗ ſchiedenheit, ihren Scharfblick, ihre Gewandtheit in Staatsgeſchäften, ſo oft er ſich an ihren Rath wendete. Die neuen Miniſter mit ihren ermüdenden Vorträgen hatten längſt ſeine Geduld erſchöpft, und er wußte es der erlauchten Fürſtin Dank, daß ſie ihm allgemach dieſe ſchwere Laſt abnahm und ihm wieder Muße ge⸗ währte für ſeine kleinen Paſſionen, die er ſich ſeit La Rochelle's Abgang hatte verſagen müſſen. Mit ungewöhnlicher Energie griff dieſe in die 202 Zügel des Regiments. Sie wußte die Miniſter zu ge⸗ ſchmeidigen Handlangern ihres Willens zu machen, und dieſer Wille war mit zäher Entſchiedenheit dahin ge⸗ richtet, die letzten Spuren der bisherigen heilloſen De⸗ mokratenwirthſchaft und des Freimaurerthums zu verwiſchen. 1 Freiherr von Luchsberg, der Miniſterpräſident, war ihr treueſter Genoſſe. Beide verdankten ſich gegenſeitig zu viel, um nicht durch die Gemeinſamkeit der In⸗ tereſſen an einander gefeſſelt zu werden. Zudem ent⸗ wickelte der Freiherr im Umgange mit Frauen eine un⸗ gemeine Anziehungskraft, und die fromme Fürſtin gab ſich in allen übrigen Dingen einer ſolch bewunderns⸗ werthen Ascetik hin, daß ſie wenigſtens in Sachen ihres Herzens eine Ausnahme machen durfte. Seitdem ſie wieder die Pflicht auf ſich genommen hatte, die ſchwere Laſt weltlicher Geſchäfte zu tragen, behauptete ſie auch das Anrecht auf weltliche Gefühle. Lange Jahre voll dürrer Oede und Einſamkeit hatte ſie darauf verzichten und ein leidenſchaftlich angelegtes Herz unter künſt⸗ licher Eisdecke verbergen müſſen. Seit dem Treubruche La Rochelle's war ihr die Wonne klopfender Pulſe und ſehnſüchtiger Erwartung fremd geworden; dafür wollte ſie nun auch in verdoppelten Zügen das neue Glück genießen. 203 Luchsberg fand ſich mit gewohnter Meiſterſchaft in der Rolle des geliebten Freundes zurecht. Während er — Geſetz und Verfaſſung mißachtend— die volle Re⸗ gierungsgewalt der Willkür der Fürſtin überließ, beu⸗ tete er ihre Gunſt für ſein perſönliches und für das Intereſſe ſeiner eigenen Günſtlinge aus. Die Cor⸗ ruption des Beamtenſtandes erreichte den Höhepunkt. Selbſt die Miniſter der übrigen Reſſorts, obwohl nichts weiter als die Creaturen der Durchlaucht und ihres Premiers, ſelbſt der geſchmeidige und Hharakterloſe Herr von Schimmelbein fing an, die öffentlichen Zu⸗ ſtände für bedenklich zu erklären. Eine leiſe Andeutung des letztern hatte eine Scene veranlaßt, in welcher Luchsberg den Collegen mit wegwerfender Verachtung behandelte. Schimmelbein gehörte nicht zu den ſanften Naturen, welche Beleidigungen in den Sand ſchreiben. Der Freiherr ſchuldete ihm ohnedies noch Abrechnung, denn ſeinem mißglückten Kupplerverſuche verdankte er die „ſchiefe Stellung“, in welche ſeine Roſamunde dem Fürſten gegenüber gebracht wurde. Böſe Zungen hat⸗ ten dem hohen Herrn die Geſchichte von dem ſchönen blonden Secretär erzählt, welcher die Ehre, einen Ac⸗ täon zu ſpielen, ſo ſchnöde zurückwies. Der Fürſt ärgerte ſich, daß ſeine Geliebte ohne höhere Ermäch⸗ 204 tigung die Anziehungskraft ihrer Reize auch außerhalb des Kabinets verſuchte, und entließ ſie. Für dieſe Zu⸗ rückſetzung konnte ſelbſt die aus der fürſtlichen Privat⸗ ſchatulle ausgeworfene Penſion nicht entſchädigen. Seltſamer Weiſe hatte aber Herr von Schimmel⸗ bein trotz dieſer Kriſis die allerhöchſte Gunſt ſich per⸗ ſönlich zu retten gewußt. Die Neigung, die ihm der Fürſt ſchenkte, gründete auf ſeinen unvergleichlichen ge⸗ ſellſchaftlichen Talenten, welche ihn in dem kleinen ver⸗ trauten„cercle“ der Durchlaucht unentbehrlich mach⸗ ten. Von dieſem archimediſchen Standpunkte aus un⸗ ternahm er es, den Premierminiſter im neuen Schloſſe mit Glück und Geſchick aus den Angeln zu heben. Eine leiſe Regung der Eiferſucht ſetzte ſich im Herzen des Fürſten feſt und ward gefahrdrohend für die kaum ins Leben gerufene Familienharmonie. Luchsberg ahnte die Gefahr nicht. Er hielt ſich für geborgen und unangreifbar unter dem Schilde der Fürſtin. Noch weniger fiel dem Argloſen die finſtere Miene des Domherrn auf, deſſen Treue er ſich ver⸗ ſichert hielt. Es war zu viel Gemeinſames in ihren Errungenſchaften, in den viel verſchlungenen Wegen, welche beide zum Ziele führten, als daß er von dieſer Seite einen Verrath hätte befürchten ſollen. Er kannte eben den geiſtlichen Herrn, dieſe unberechenbare Größe, — 205 nicht. Am allerwenigſten konnte er vermuthen, daß das Herz des armen Cölibatärs wie ein Wrack auf der ſtürmiſchen See der Eiferſucht umhertreibe. Hatte ihm nicht Sander ſelbſt tauſendmal verſichert, daß er eine natürliche Waffe gegen alle Anfechtungen weib⸗ licher Reize beſitze? Aeußerlich wußte der Domherr auch den Schein noch zu retten. Deſto heftiger gor und brandete es ihm in der Seele, wenn er merkte, wie die Fürſtin tagtäglich mehr mit der weltlichen als mit der geiſtlichen Macht verkehrte. Er fühlte, daß ſein Einfluß, wenn auch nur tropfenweiſe, abnahm. Noch empfindlicher aber traf es ihn, als er ſich auch anderwärts in den Schatten geſtellt ſah. Neuerer Zeit drang nur ſelten mehr der zärtliche Name Tobi über die Lippen der ſchönen Aurelie, und das leiſe Pochen, auf deſſen berechnete Taktſchläge ſich ehedem ihr Boudoir ſelbſt am ſpäten Abende wie vor einer Wünſchelruthe öffnete, blieb ſehr oft unge⸗ hört. Und dennoch waren die Fenſter erleuchtet, und auf der vorgezogenen Gardine zeigten ſich die Schatten⸗ bilder zweier Köpfe, die unmöglich alle beide der Kam⸗ merfrau angehören konnten. Sander ſtellte ſich auf die Lauer. Er hatte dieſes ſeinerzeit ſchon als Zögling des Convicts nicht ohne 206 Glück verſucht. Jetzt that er es vorzugsweiſe nur aus Sorge für das Seelenheil ſeines geliebten Beichtkindes. Die Nacht war ſternenhell; nur in dem kleinen Schloßhofe warfen die vorſpringenden Pilaſter der Durchfahrt undurchdringliche Schatten in den Winkel, den er ſich zum Standpunkte gewählt hatte. Sein Blick war unverwandt emporgerichtet zu der verhäng⸗ nißvollen Gardine mit dem lebendigen Schattenſpiele. In dem Augenblicke, als oben die Lichter verloſchen, huſchte unten eine Geſtalt aus dem Seitenpförtchen, die mit dem Freiherrn von Luchsberg eine verwünſchte Aehnlichkeit hatte. „Durchlaucht haben zu beſtimmen!“ bemerkte des andern Morgens der Domherr zur Fürſtin, die ihn zu ſich beſchieden hatte, um ſeinen Rath zu vernehmen. Es handelte ſich um die Beſtrafung eines Hofdieners, dem ein plumper Betrug zur Laſt gelegt war. „Ich frage Sie nicht um die Grenzen meines Be⸗ ſtimmungsrechts“, entgegnete die Fürſtin verdrießlich. „Ihre Anſicht in der Sache will ich hören.“ Sander rieb ſich das glatte Kinn und erwiderte nach kurzer Ueberlegung:„Ich bin nur allzu gern be⸗ reit, zu vergeben, ſolange nicht ein öffentliches Aerger⸗ 207 niß vorliegt. Wer jedoch nicht die Klugheit beſitzt und den Schein zu retten weiß, verdient die Strafe im vollen Maße. Die beleidigte Geſellſchaft will geſühnt ſein, nicht die Gerechtigkeit, die deſſen nicht bedarf.“ Für einen Charakter, wie jener der Fürſtin war, lag ein verfänglicher Reiz in dieſer kühnen Lehre des Prieſters. Ihre Tugend war der Schein, die äußerſte Ruhe und Glätte, wenn auch im Innern die Leiden⸗ ſchaften brandeten und jedes Verlangen ungeduldig nach Erfüllung ſtrebte. Nun fand ſie die Rechtfertigung ihres ganzen Weſens in den Worten des geiſtlichen Freundes, der ſeine ſtaunenswerthe Herzenskunde ver⸗ werthete, um der hohen Gönnerin zu Gefallen zu re⸗ den. Er hatte mit allem Nachdrucke betont, daß er den Sünder bemitleide, aber den Mann verachte, der die Sünde nicht mit dem Mantel des Anſtandes zu bekleiden wiſſe, und es lag ihm daran, dieſe Theorie mit praktiſchen Beiſpielen zu beleuchten. Eine günſti⸗ gere Gelegenheit, mißliebigen Perſonen einen dunklen Flecken anzuhängen, konnte ſich nicht bieten. Sander hatte Zutritt in tauſend Paläſte und Hütten. Er kannte die Myſterien des Salons wie der Kellerkeuche des Bettlers, und die Fülle ſeiner Erfahrungen bot ihm reiches Material. Um die edle Wißbegierde der Durchlaucht zu befriedigen, ward manches Familien⸗ 208 geheimniß entſchleiert und zu einem öffentlichen Skan⸗ dal umgeſtempelt. Plötzlich unterbrach er ſich ſelbſt in dem Strome ſeiner Enthüllungen. Er ließ den begonnenen Satz unvollendet und ſchwieg. Aber gerade damit ſtachelte er die Neugierde und die Fürſtin verlangte entſchieden eine Fortſetzung der kleinen Romane, die er ſo ſpan⸗ nend zu erzählen wußte. „Und wenn ich damit die Gefühle meiner gnä⸗ digſten Gebieterin verletzte?“ fragte er mit fein er⸗ künſtelter Verlegenheit. Die Fürſtin verzog die Lippen zu einem ſarkaſtiſchen Lächeln.„Wie, Hochwürden“, entgegnete ſie,„wollen Sie vielleicht ein Kapitel aus Ihren eigenen Leben zum Beſten geben?“ Der Domherr fühlte ſich durch den Spott verletzt, und in dieſer Stimmung fand er gerade die rechte Form der Entgegnung. Das Abenteuer unter dem Fenſter von Aureliens Schlafgemach, wohin ihm ſelbſt⸗ verſtändlich nur der Zufall die Schritte gelenkt hatte, bildete einen hübſchen Schluß ſeiner Erzählungen aus Tauſend und einer Nacht. Der Name Luchsberg's in ſolcher Geſellſchaft lockte eine tiefe Röthe auf die Wangen der Fürſtin. Sie war nahe daran, den Schein zu verlieren und 209 ihre Jugend zu vergeſſen. Aber der nächſte Augenblick brachte wieder Faſſung, und das Herz barg ſeine Be⸗ wegungen unter den Falten der Stirn. Das war jedenfalls klüger und konnte als ſittliche Entrüſtung gelten. Um dieſer willen verlangte ſie überzeugende Beweiſe. Der Domherr berief ſich auf die Standkun⸗ digkeit, auf ſeine eigenen Augen. „Ich traue nur den meinen!“ erwiderte die Fürſtin raſch und befehlend. Auch dem konnte Genüge geſchehen. Nach wenigen Tagen geleitete Sander die Durchlaucht durch die engen Corridore des alten Reſidenzflügels nach den abgele⸗ genen Gemächern der Kammerfrau. Die Fürſtin be⸗ ſaß den Schlüſſel zu der geheimen Pforte, die un⸗ mittelbar in Aureliens Boudoir mündete. Die Ueber⸗ raſchung gelang vollſtändig. An der Schwelle des Gemachs verharrte die hohe Frau eine peinliche Minute. Sie hatte die Arme unter der Bruſt gekreuzt; die Züge ihres alabaſterweißen Ge⸗ ſichts verriethen die unſagliche Gewalt, womit ſie Schmerz und Grimm in der Seele niederhielt. Nur um die Mundwinkel zuckte verächtlicher Hohn, und ihre Blicke blendeten wie Wetterleuchten. Bei dem Geräuſche des Eintritts hatte ſich Aurelie aus der zärtlichen Umſchlingung Luchsberg's losgewun⸗ Hilarius, Non possumus. III. 14 210 den und war mit einem Ruf des Schreckens aufge⸗ ſprungen. Im nächſten Augenblicke bedeckte ſie das Geſicht mit beiden Händen und näherte ſich wankend und ſprachlos der Herrin. Indem ſie vor ihr auf die Kniee ſank, brach ſie in heftiges Weinen aus. Ein gebieteriſcher Wink traf den Domherrn, den die Wirkung dieſer Scene doch mehr aus der Faſſung brachte, als er ſich vorgenommen hatte. Er beugte ſich zu der Kammerfrau nieder und ergriff ſachte den ſchö⸗ nen, entblößten Arm. Erſchreckt, wie von der kalten Berührung einer Schlange, fuhr Aurelie empor. Sie trat einen Schritt zurück; mit einer Geberde des Ab⸗ ſcheus legte ſie die Hand wie ſchützend auf die Stelle, welche die Finger des Prieſters berührt hatten; dann folgte ſie dem ſtummen Geheiß der Fürſtin, die mit erhobenem Arm auf die nächſte Thür deutete. Unterdeſſen hatte Luchsberg Zeit gewonnen, ſich einigermaßen zu ſammeln. Seine noble Gewandtheit half ihm über die Unbehülflichkeit hinaus, welche den Roturier in einer derartigen verfänglichen Lage gern überraſcht. Um nicht den völlig unthätigen Zuſchauer machen zu müſſen, hatte er nach dem Hute gegriffen und beſchäftigte ſich ernſtlich damit, den Filz von jedem Stäubchen zu befreien. Als Aurelie das Gemach ver⸗ ließ, wendeten ſich unwillkürlich ſeine Blicke nach ihr 211 und begegneten auf der Rückkehr auch der Fürſtin. Sie maß ihn eben von der Sohle bis zum Scheitel, und ein ſchwacher Hauch von Röthe flog über ihre Wangen. Es überraſchte ſie etwas wie Scham in die Seele des Mannes, dem ſie um Einiges mehr als ihr vollſtes Vertrauen geſchenkt hatte. Zum zweiten Male war es ihr vorbehalten, die gleiche Erfahrung zu machen, und die Geſtalten La Rochelle's und Sybillens ſchwebten ihr lebhaft vor der Seele. Sie trat einige Schritte vor. Mit gedämpfter, aber ſicherer Stimme bemerkte ſie:„Ich unterſage dem Freiherrn von Luchsberg, ſeinen Fuß wieder über den gefriedeten Bann des Hauſes zu ſetzen, in dem ich un⸗ bedingt herrſche. Der Premierminiſter aber wird da⸗ für ſorgen, daß ich ihm nur auf neutralem Gebiete begegne. Dann wandte ſie ſich kalt und ſtolz ab, legte die Hand auf den Arm des Domherrn und verließ das Zimmer. Luchsberg verharrte noch etliche Sekunden in der demüthigen Stellung eines Verurtheilten, über den der Stab gebrochen ward. Er hatte ſich Vorwürfe erwar⸗ tet und war auf Erwiderungen und Ausflüchte gefaßt. Dieſes bedingungsloſe Anathem ging wider ſein Er⸗ warten und wider die Ueberzeugung, die er von ſeinem 14* 212 perſönlichen Einfluß nicht auf die Fürſtin, ſondern auf das Weib hatte. Längſt war jedes Geräuſch von Tritten im Corri⸗ dor verhallt, als er ſich endlich aufraffte und mit einem lauten„Verdammt!“ ſeinem gepreßten Herzen Luft machte. Er ballte die Fauſt gegen die Thür und murmelte leiſe zwiſchen den Zähnen:„Verrath gegen Ver⸗ rath! Wir rechnen noch ab mit einander, Hochwürden!“ Wer hat nicht ſchon die bittere Ironie des Zufalls erfahren, der unſern ſchlimmen Abſichten williger ent⸗ gegenkommt als unſern wohlmeinenden Plänen? Ge⸗ wöhnlich betäuben wir in ſolchen Fällen die Stimme des Gewiſſens mit einer Hinweiſung auf den Wink des Schickſals, wenn wir auch ſonſt in guten Dingen auf derartige Winke wenig geben. So erging es auch dem edlen Freiherrn von Luchs⸗ berg. Die Kunde, welche ihm des andern Morgens ſein vertrauter Kammerdiener hinterbrachte, war wie dazu gemacht, ihm für den Verrath ſeiner kleinen Liebſchaft Genugthuung zu verſchaffen. Der ſogenannte Diebsthurm, ein Reſt der Stadt⸗ befeſtigung, deſſen bombenfeſte Kaſematten auf ihre kriegeriſche Beſtimmung längſt verzichten und dafür die friedliche Aufgabe einer ſichern Unterſuchungshaft übernehmen mußten, hatte ſeine gewaltige Pforte einem 213 neuen Gaſte geöffnet. Der Eiſenmeiſter empfing den ſtämmigen, rothköpfigen Burſchen wie einen alten, längſt⸗ erwarteten Bekannten. Wer ſollte auch den Stuben⸗ knecht⸗Jonas, dieſen allerweltläufigen Charakterkopf, nicht kennen? „Haben ſie Dich endlich einmal beim Plattmachen erwiſcht, Jonas?“ Mit dieſem Willkommsgruße gelei⸗ tete der joviale Thurmvogt den Ankömmling in eine der Kaſematten, deren Zuſtand und Einrichtung ſelbſt hinter den beſcheidenen Erwartungen des Burſchen zu⸗ rückblieb. „Gott ſtraf' mich!“ entgegnete Jonas, indem er, die Hände in den Hoſentaſchen, ſich der Breite nach an den Eingang ſtellte und verächtlich ausſpuckte.„Das iſt eine Armeſünderkeuche! Gebt mir ordentlich Quar⸗ tier, wie ſich's für einen ziemt, der noch lange nicht auf den Büttel wartet.“ Die Rede hatte ihren Fug, aber Gewalt geht vor Recht. Mit einem derben Ruck ſchob der Eiſenmeiſter ſeinen jüngſten Miethsmann in das düſtere Gelaß und bemerkte, während er die Thür ins Schloß warf: „Laßt Euch vor der Hand dran genügen, Jonas. Die hohen Herren, die Euch hier beſuchen, werden an Eurer Einrichtung keinen Anſtoß nehmen!“ Ganz getroffen hatte es der Diener der heiligen 214 Hermandad mit dieſer Prophezeiung nicht, denn ſchon des andern Tages mußten ſich die Pforten deſſelben Gemachs vor den gebietenden Worten des Premier⸗ miniſters öffnen, und Jonas empfing einen Beſuch, den er ſelbſt am wenigſten gehofft hatte. Die Unterredung unter vier Augen dauerte geraume Zeit und ſchien zu beiderſeitiger Zufriedenheit ausge⸗ fallen zu ſein. Luchsberg rieb ſich mit boshaftem Lächeln die Hände, als ihm der Eiſenmeiſter unter ehrfurchtsvollen Bücklingen wieder das Ausgangsthor öffnete, und dieſer ſelbſt empfing am nächſten Morgen vom Unterſuchungsrichter die Weiſung, den Inculpaten in das anſtändigſte Gemach des Diebsthurms überſie⸗ deln zu laſſen. Die Fernſicht in die freundliche Um⸗ gebung der Stadt, Luft und Sonnenſchein, welche die hohen Bogenfenſter in reicher Fülle einließen, dazu ine nahrhafte Koſt und ein bequemes Lotterbett wirk⸗ ten ſo wohlthätig auf die Gemüthsſtimmung unſeres fuchsköpfigen Freundes, daß ihm bei der öffentlichen Gerichtsverhandlung die Bekenntniſſe einer ſchönen Seele nur ſo von den Lippen floſſen. Mit einer Alles übertreffenden Offenheit beichtete er alle ſeine großen und kleinen Sünden und appellirte mit dieſer thätigen Reue an die Mildherzigkeit ſeiner Richter in gleichem Maße, wie an die Neugierde und Ueberraſchung des Auditoriums. 215 Die Unterſuchung gewann alsbald den Charakter einer cause célèbre. Man balgte ſich um einen Platz im Zuhörerraum, denn jedes Verhör brachte neue Skandalgeſchichten, in welche der reumüthige Jo⸗ nas ſeine ehemaligen hohen Gönner unbarmherzig ver⸗ wickelte. Trotz der Abwehr des in tiefſter Loyalität befangenen Staatsanwalts, trotz der wachſenden Ver⸗ legenheit des vorſitzenden Richters gab der Burſche alle die ſchmuzigen Handlangerdienſte zum Beſten, welche er namentlich für den Domherrn Tobias Sander ſeit einer Reihe von Jahren gegen allerdings anſtändigen Sold zu verrichten hatte. Die meiſte Anziehungskraft aber äußerte die Geſchichte jenes Briefdiebſtahls bei dem ehemaligen Miniſterſecretär. Der Domherr hatte hierzu Weiſung und Inſtruction ertheilt; er war der moraliſche Urheber des Verbrechens. So wurden nicht nur die Flecken am prieſterlichen Talare aufgedeckt, auch die Geheimniſſe des fürſtlichen Hauſes fanden ihren Weg in die Oeffentlichkeit. Dieſen unerwarteten Enthüllungen entſprach die Wirkung. Von Stunde zu Stunde ſteigerte ſich die Aufregung in allen Kreiſen, und was bisher der Ein⸗ zelne als gefährliches Geheimniß für ſich behalten hatte, wanderte nun von Ohr zu Ohr. Die Ausſagen des unverſchämten Jonas bildeten nur das erſte Glied einer 216 unendlichen Kette von falſchen und wahren Inzichten, von Thatſachen und Erdichtungen, welche man den erſten Beamten des Staats, dem Pfaffenregimente, ja der Fürſtin ſelbſt aufbürdete. Dem Premierminiſter er⸗ ging es wie dem Goethe'ſchen Zauberlehrlinge. Er ver⸗ mochte die böſen Geiſter, die er entfeſſelt hatte, nicht mehr zu bannen, und bald ſchwankte er ſelbſt über dem Abgrunde, den er ſeinem bisherigen treuen Bundesge⸗ noſſen geöffnet hatte. Es war Zeit, dem unerquicklichen Schauſpiele ein Ende zu machen. Am ſechsten Tage, als die Unter⸗ ſuchung noch im lebhafteſten Gange war, trat plötzlich eine Unterbrechung ein, welche zwar neuen Stoff zu Verdächtigungen bot, aber doch nebenbei dem Skandale ein Ziel ſetzte. Als der Eiſenmeiſter Jonas zum letzten Ver⸗ höre vorführen ſollte, fand er deſſen Zelle leer. Weder die reizende Fernſicht, noch die ſonſtigen vielen An⸗ nehmlichkeiten dieſer Haft konnten den undankbaren Burſchen vermögen, dem jovialen Burgvogt länger zu Gaſte zu ſitzen. Der Vogel war ausgeflogen. Wer ihm die ikariſchen Schwingen zu dieſem Fluge verlieh, wußten mit Sicherheit nur er ſelbſt und noch einer. Beide aber ſchwiegen mit ſtaunenswerther Beharr⸗ lichkeit. 217 Die tiefwurzelnde Pietät für die Perſon des Für⸗ ſten bildet einen Grundzug im politiſchen Charakter des deutſchen Volks. Vom Standpunkt des heutigen Libe⸗ ralismus gehört zwar einiger Muth dazu, dieſe für eine politiſche Tugend zu erklären; und doch iſt ſie eine. Solange das Königthum nicht nur eine hiſtoriſche, ſondern auch eine in den thatſächlichen Verhältniſſen gründende Berechtigung hat, ſo lange muß dem Volke die Perſon als die Vertreterin des Princips eine ge⸗ heiligte und unantaſtbare ſein. Wir unterſcheiden dies wohl von dem Fetiſchdienſte, womit man da und dort vor der Gottesgnadenſchaft die Kniee beugt. Unſere Behauptung bewährte ſich bei den letzten Vorfällen in der kleinen Reſidenz. Im Allgemeinen blieb die Perſon des Fürſten unbehelligt von dem Wett⸗ kampf der böſen Zungen. Man verurtheilte deſſen Günſtlinge und Rathgeber, aber ihm ſelbſt zollte man aufrichtiges Mitleid. Waltete doch in ſeiner ganzen Umgebung nur Lüge, Verrath und Treuloſigkeit. Eine von Parteileidenſchaft verblendete Camarilla hatte alle ſeine Schwächen abgelauſcht und zu ihren ſelbſtſüchtigen Zwecken verwendet. Selbſt das Gute und Trefkliche, was er anſtrebte, trat nur verdunkelt und verunſtaltet über die Bannmeile des Reſidenzhofes, und jene, welche ſein wärmſtes Vertrauen genoſſen, täuſchten ihn am 218 meiſten über die Erfolge ſeiner guten und ſchlechten Handlungen. Luchsberg hatte dafür geſorgt, daß die Ergebniſſe der Unterſuchung gegen Jonas zur allerhöchſten Kennt⸗ niß gelangten. Als nun der Burſche Manches aus der Schule zu ſchwatzen begann, was gegen den Vertrag mit der Excellenz ging, und keine Macht dem Strome ſeiner Enthüllungen und Bekenntniſſe mehr Einhalt thun konnte, war das Intereſſe des Fürſten für den Gang der Verhandlungen bereits ſo weit gediehen, daß alle Verſuche, die ins Kabinet gelangenden Mittheilungen zu fälſchen, mißglückten. Noch nie hatte ſich die Durch⸗ laucht ſo eifrig mit der Tagespreſſe beſchäftigt als während dieſer verhängnißvollen Tage. Dieſe brachte aber nicht nur die Verhandlungen in aller Breite, ſon⸗ dern verſah ſie auch noch mit zierlichen Randgloſſen. Der Fürſt las Alles; nicht genug, er hatte auch noch einen mündlichen Vermittler, den er in geheimer Audienz empfing, Niemand wußte, wen. Wie eine ſchwere Wetterwolke lag es über der Re⸗ ſidenz. Seit zweimal vierundzwanzig Stunden hatte die Durchlaucht weder mit der Fürſtin, noch mit den Miniſtern, noch mit einem der Kammerherren verkehrt. Den Domherrn überraſchte ein gnädigſtes Handbillet, welches ihm die ſchwere beichtväterliche Laſt vorläufig 219 abnahm und ihm eine Sieſta in dem wenige Meilen von der Stadt entfernten Kloſter der Ligorianer em⸗ pfahl. 1 Am Morgen des dritten Tages ſtanden die fürſt⸗ lichen Reiſewagen vor dem Portale des alten Schloſſes. Dem Wunſche ihres Gemahls entſprechend benutzte die Fürſtin die ſchönen Spätherbſttage, um ſich durch eine Luftveränderung von den Sorgen der Regierungsge⸗ ſchäfte einigermaßen zu erholen. Ein paniſcher Schrecken erfaßte die Gemüther, vom Hofmarſchalle herab bis zum Küchenjungen, der ſeine Hände nicht ganz ſauber wußte, vom Kanzleiboten, dem man bisher um ſeiner ſonſtigen Brauchbarkeit willen, beharrlich durch die Finger geſehen, bis hinauf zum Miniſter. Und dies Alles in Folge des Verhörs eines Lumpen und Taugenichtſes! Luchsberg ſchlug ſich vor die Stirn und verwünſchte den Dämon, der ihn an die Pforte des Diebsthurms geführt! Das Geraſſel der Hofwagen, die, von den Zlicken einer neugierigen, heimlich flüſternden Menge verfolgt, über das Pflaſter des Reſidenzhofes hinflogen, war verhallt. Der Fürſt war im letzten Augenblicke an das Fenſter getreten. Als er ſich von der wirklichen Abreiſe der Gemahlin überzeugt hatte, ließ er den dienſt⸗ thuenden Kammerherrn vor ſich rufen. 220 „Senden Sie nach dem Oberſtjägermeiſter!“ herrſchte er den Eintretenden an.„Ich will ihn ſprechen— augenblicklich!“ 1 Der Mann mit der Gipslarve öffnete den Mund, aber die Stimme verſagte ihm. Die Angſt vor dem erzürnten Gebieter hatte ihm den Kehlkopf zuge⸗ ſchnürt. „Nun, was zögern Sie, Baron?“ fuhr ihn der Fürſt heftig an. „Verzeihung, Durchlaucht“, entgegnete der Er⸗ ſchreckte mit halber Stimme,„Freiherr von Frieſen⸗ eck iſt meines Wiſſens ſeit drei Wochen verreiſt.“ Der Fürſt ſtampfte mit dem Fuße. Höhniſch er⸗ widerte er:„Ihres Wiſſens? Sie wiſſen nichts, Ba⸗ ron, weniger als nichts. Sie werden mir den Oberſt⸗ jägermeiſter holen, ſelbſt holen. Verſtehen Sie?“ Der Kammerherr verneigte ſich und trat ab. Er ſah dem„ſchadhaften Mann“, der zum Galgen geht, frappant ähnlich. Nach einer Viertelſtunde konnte er der Durch⸗ laucht zu ſeiner Rechtfertigung melden, daß Frieſeneck in der That vor etwa drei Wochen mit ſeiner Tochter eine Reiſe nach Italien angetreten habe. Der Fürſt vernahm die Nachricht mit geſteigertem Verdruſſe. Nach einigen ſehr verſtändlichen Aeußerungen 221 des Unwillens gab er Auftrag, augenblicklich eine tele⸗ graphiſche Depeſche an den Grafen von La Rochelle abzuſenden. Er forderte ihn, den bewährten Staats⸗ mann, den einzigen wahren Freund, zur beſchleunigten Rückkehr auf. Dem Verkannten und Verleumdeten wolle er jede Garantie erneuter und unverbrüchlicher fürſtlicher Gnade gewähren. Er lege das Schickſal des treulos verwalteten Staates wie Frieden und Glück des eigenen Hauſes in ſeine Hände. Die Antwort erfolgte raſch. Lucinde berichtete dem Fürſten, daß ihr Gatte an Geiſt und Körper leide. Sein Siechthum geſtatte es nicht, ihm eine Nachricht zu hinterbringen, deren Inhalt nach dem Ausſpruche der Aerzte eine gefahrvolle Wirkung auf den Kranken äußern würde. „Ich bin ein einſamer, freundloſer Mann!“ klagte der Fürſt, als er die abweiſenden Zeilen geleſen hatte. „Jeder Bettler in meinem Lande iſt reicher, denn er weiß eine Seele zu finden, der er völlig vertrauen kann. Meine Macht iſt Schein! Nicht einen Steg kaun ſie bauen über die Kluft, die mich von treuen Menſchen⸗ herzen ſcheidet. Ich bin ein einſamer, freundloſer Mann!“ Das Volk hatte Recht, daß es ſeinen Fürſten nicht verurtheilte, ſondern bedauerte. 222 Zuweilen gedachte die Durchlaucht noch eines Man⸗ nes, dem etwa die Ausgleichung dieſer Bedrängniſſe gelingen könnte. Aber ein zwiſchen Scham und Furcht ſchwankendes Gefühl ließ ihn den wiederholt aufkei⸗ menden Gedanken unterdrücken. So blieb Doctor Ju⸗ lian unbehelligt. Damit entging er auch der Noth⸗ wendigkeit, durch eine abſchlägige Antwort zu verletzen Denn ſein Entſchluß war bereits zur Reife gediehen und der neue Lebensplan im Grundriß fertig. Seine ſchriftſtelleriſche Thätigkeit hatte ihm überraſchend ſchnell einen glänzenden Namen gemacht. Die Univerſität X. bot ihm die offene Stelle als Lehrer des Staatsrechts und Julian bereitete ſich vor, dieſem ehrenvollen Rufe im kommenden Frühjahr Folge zu leiſten. So blieb das Staatsſchiff eine Zeit lang ohne Pilot. Die anſchwellenden Wogen der Parteileiden⸗ ſchaft ſchlugen an ſeine Flanken und brachten ſie aus den Fugen. Auch die neue Wahl der Staatslenker, die der ängſtlich und mißtrauiſch gewordene Fürſt nach ſeinem unſichern Gefühle nur aus den loyalſten Be⸗ werbern ausgehoben hatte, fiel unglücklich aus. Nicht ſowohl die ſchlechten Grundſätze als die Grundſatzloſigkeit der Regierung förderte den Ruin des Staatsweſens. Die Erbärmlichkeit kleiner Verhältniſſe machte ſich ſelbſt in der geringen Zahl kenntnißreicher und charaktervoller 223 Männer geltend. Es hätte mehr bedurft als der La⸗ terne eines Diogenes, um aus dieſen wenigen den ge⸗ nialen Kopf herauszuſuchen, der die allgemeine Be⸗ ſchränktheit der Anſichten überragt hätte. Ein Mann wie La Rochelle fand ſich ſo leicht nicht wieder und ein Charakter wie Julian taugte nicht für jene Win⸗ kelzüge und Flankenbewegungen, deren man noch immer bedarf, um die Forderungen wahrer Freiheit und Ge⸗ ſittung zur Geltung zu bringen. Ein dunkles, unbeſtimmtes Gefühl alles deſſen be⸗ wegte das Gemüth des Fürſten und ſteigerte ſeinen Un-⸗ muth. Der Gedanke, den ſchon ſeine Kinderloſigkeit und der Mangel eines nähern Thronerben in ihm angeregt hatten, fand hierin Nahrung und Förderung. In aller Heimlichkeit wurde mit dem benachbarten Großſtaate unterhandelt und ein Erbvertrag abge⸗ ſchloſſen, welcher dem kleinen Lande die Selbſtſtändig⸗ keit koſtete. Der Fürſt ließ ſich die Regentenpflicht, die ihm zu ſchwer geworden, ablöſen um den Preis eines ſorgenfreien Daſeins, das ihm nunmehr— fern von allen Miniſterkriſen und Parteikämpfen— den behaglichen Genuß ſeiner Liebhabereien ſicherte. Das Land wurde von der vollendeten Thatſache überraſcht. Am empfindlichſten traf der Schlag jene Zeloten, deren Macht die Schwäche der Regierung ſo 224 emſig gefördert hatte. Was ſie mit allen Mitteln ihrer unheimlichen Kunſt zu verhindern geſucht, ſtand plötz⸗ lich als ein fertiges Ereigniß vor ihnen. Die Aufrich⸗ tigen unter ihnen mußten ſich das leiſe Selbſtbekennt⸗ niß ablegen, daß ſie nun nichts weiter als die Frucht ihrer eigenen Lüge ernteten. Mit dem Schildſpruche „Für Fürſt und Vaterland“ hatten ſie das Volk ge⸗ ködert, während ſie das Anſehen des Fürſten mit Maul⸗ wurfsgängen untergruben und für das Maß ihrer Vaterlandsliebe die Parole aus der Siebenhügelſtadt empfingen. Ihr Anathem ſollte die aufkeimende Saat des Nationalgefühls wie Mäuſefraß zerſtören. Um ihrer Macht, nicht um des Glaubens Willen hatten ſie die Gemüther fanatiſirt und in ihren Schulen die ge⸗ ſchmeidige Kunſt der Heuchelei und der Scheinheiligkeit gelehrt. Um dieſes große Ziel zu erreichen, drangen ſie mit den glatten, knochenloſen Polypenarmen, die ſich ohne Beinbruch krümmten, in alle Poren und Spalten der Geſellſchaft und ſammelten unter ihre Fahnen jenen Theil des Adels, der ſeine ſchöne Miſſion ver⸗ kannte, und jene feige Klaſſe der Beamten, welche für den Fortbeſtand prätorianiſcher Willkür und Unver⸗ antwortlichkeit beſorgt war. Daß übrigens das folgenſchwere Ereigniß auch bei ehrlichen Vaterlandsfreunden Mißſtimmung und Be⸗ 225 ängſtigung hervorrief, wollen wir nicht in Abrede ſtellen. „Ich fürchte nur, wir ändern die Uniform, aber nicht die Grundſätze!“ bemerkte Theobald eines Tages zu Julian, der ſich neuerer Zeit wieder etliche Muße gönnte und die beginnenden Winterabende gern bei den jungen Freunden zubrachte. Er freute ſich des aufblühenden Geſchäfts, das unter der Brüder that⸗ kräftigen Leitung in wenigen Monaten eine überra⸗ ſchende Ausdehnung gewonnen hatte und ſichere Bürg⸗ ſchaft für die Zukunft gewährte. Gern beſprach Intereſſen, die, ſo fern ſie ihm lagen, doch ſeine Welt⸗ kenntniß mehrten und neue Einſichten boten. Mit ſon⸗ derlicher Genugthuung blickte er insbeſondere auf ſeinen henuglicen Zögling, der in ſo ſchlagender Weiſe be⸗ ies, daß eine gründliche wiſſenſchaftliche Bildung in alle wrnfen Verhältniſſe ſich finde und ihrer Herr werde. „Jede Erweiterung des Horizonts iſt gewinnbrin⸗ gend“, entgegnete der Doctor auf die ſorgenvolle Be⸗ merkung Theobald's.„Wenn wir ungern aus der imlichkeit einer engbegrenzten Stätte ſcheiden, in die weingelebt ſind, die wir mit einem Blicke zu überſehen und in der wir jedes Stäubchen im Winkel zu zählen ver⸗ mögen, ſo iſt das menſchlich und natürlich. Aber mit dieſem Gefühl iſt's nicht abgethan. In kleinlichen Ver⸗ Hilarius, Non possumus. III. 15 He wir 226 hältniſſen verkümmert man leicht vom Welt⸗ zum Spieß⸗ bürger. Unſere Ideen, unſere Unternehmungen und Hoff⸗ nungen wachſen mit dem Durchmeſſer unſeres Geſichts⸗ rreiſes und die Schwingen unſeres Geiſtes brauchen Raum ſich zu entfalten— Raum, auch in politiſcher Beziehung!“ „Und was erſetzt uns jene unſagliche Liebe für das engere Vaterland?“ fiel hier Theobald ein.„Oder ſprichſt Du dieſer alle Berechtigung ab?“ Mit tiefem Ernſte erwiderte Julian:„Dein Vater⸗ land iſt, wo man Deine Sprache ſpricht, wo Deine Rechtsanſchauung gilt und Deiner Väter Sitte, von den Alpen bis zur Nordſee, vom Elſaß bis zur ſorbiſchen Grenze. Verwechsle nicht die Idylle Heimat mit dem großen Epos Vaterland. Du magſt für die Stätte Deiner Geburt ſchwärmen, der die ſeligen Erinnerungen an Knabenſpiele und Jugendträume ankleben, aber das heilige Gefühl der Vaterlandsliebe kennt keine Territorialgrenze, keinen Tilſiter Frieden und Karls⸗ bader Vertrag. Was mich an einen abgemarkten Theil dieſes Vaterlandes feſſelt, ſind neben den gewohnten Beziehungen nur mein Eid und meine Treue, von welchen mich jener wieder entbinden kann, dem ich ſie leiſtete. Meine Liebe jedoch gehört dem Ganzen und nur das Ganze vermag meinen nationalen Stolz zu befriedigen.“ 227 „Du ſchwärmſt, Freund!“ verſetzte Theobald lächelnd. „Sollte man nach Deinen Worten nicht meinen, mit dem, was über uns gekommen, vollende ſich die Wie⸗ dergeburt Deutſchlands? Ach, es bleibt doch nur Stück⸗ werk und überall klaffen die Riſſe! Ich hoffe wenig; aber nach den vorliegenden Thatſachen muß ich fürch⸗ ten, daß uns die„größern Verhältniſſe“ ſelbſt das kleine Maß der Freiheit noch verkümmern, das wir mühſelig errungen. Erwarteſt Du Beſſeres?“ „Ich erwarte gewaltige Kämpfe“, klang die Antwort, „weil die Maſſen gewaltiger ſind und der Anprall um ſo heftiger ſein wird. Das endliche Ergebniß dieſer Kämpfe mag jedoch kaum einem Zweifel unterliegen. In allen Ländern, die nur leidlich frei ſind, muß mit der Zeit jedes Syſtem fallen, das ſich dem Fortſchritte des Geiſtes widerſetzt. Die Parteien, welche Träger eines ſolchen Syſtems ſind, unterliegen dem Wechſel der Perſon und der Gewalt der Ereigniſſe, aber die Kraft der öffentlichen Meinung bleibt nach den Worten eines großen Briten unberührt von dem Geſetze der Sterblichkeit. Was bedeuten gegen ihre Großmacht jene kleinen Künſte, womit Fürſten und Staatsmänner den unaufhaltbaren Fortſchritt zu hemmen und die Geſchicke eines großen und civiliſirten Volkes nach ihrem Willen einzurichten denken?“ 15* 228 Herr Hans Ebenſtreit hatte ſchweigend und auf⸗ merkſam den Reden der jüngern Männer gelauſcht, die ſich bis tief in die Nacht ausdehnten, ohne daß eine völlige Verſöhnung der Anſichten Platz gegriffen hätte. Als Julian Abſchied genommen, bemerkte der alte Herr zu Theobald: „Er ſpricht unvernünftig geſcheidt, der Doctor, das muß man ihm laſſen. Strichweiſe mein’ ich wohl auch, er hat Recht. Aber Alles zuſammengenommen gehört er doch zu den neumodiſchen Allerweltsmenſchen! Die ſchlagen ihren Patriotismus um einen Sechsbätzner los und kümmern ſich den Plunder, ob königlich oder kaiſerlich, ob Helm oder Pickelhaube! Gott ſtraf mich— Der Meiſter ſtockte. Er ſah eine Weile melancho⸗ liſch vor ſich hin. Dann fuhr er mit den Aermeln über die Augen, erhob ſich aus dem Lehnſtuhle und wünſchte den Neffen eine ruhſame Nacht. „Liegt nicht eine tiefe Berechtigung in den Worten und in dem Schmerzgefühle des Oheims?“ fragte Theo⸗ bald den Bruder. Juſtus erwiderte:„Wer entſagt gern und ſchlecht⸗ hin den gewohnten Verhältniſſen und Beziehungen, in die er ſich eingelebt und die er trotz ihrer Schatten⸗ ſeiten liebgewonnen hat? Und dennoch, bei großen 229 politiſchen Entſcheidungen dürfen wir ohne dringende Gefahr dieſes höchſt perſönliche Gefühl nicht in Rech⸗ nung ſtellen! Julian's Worte ſind mir wie aus der Tiefe meiner Seele gehoben und ich denke, daß auch Dir, Bruder, der Ausbau unſerer deutſchen Macht und Einheit näher am Herzen liegen werde als des Oheims Frage, ob Helm oder Pickelhaube!“ Elftes Kapitel. Die Liebe wirkt der Welten gold'nen Zaum, Und ihre Kette muß die Schöpfung tragen. Rückert, Vier Geſichte. Und wieder kündete der Haidelerche Lied den nahen⸗ den Frühling. Aber nicht überall hin brachte der Lenzodem ſchwel⸗ lenden Knoſpendrang und freudige Bewegung! Dem wackeren Meiſter Ebenſtreit hatte die erſte Ueberwin⸗ terung in dem Neubau der Fabrik ein ſchweres körper⸗ liches Leiden zugezogen. Kaum geneſen, traf ihn die unverhoffte Kunde von dem Tode Martha's. Hatte er auch die Unglückliche von der gefriedeten Stelle ſeines Heerdes weggewieſen, ſo konnte er doch dem Herzen nicht gebieten, das an dem Mädchen wie an einer eige⸗ nen Tochter hing. 231 Durch des Vormunds Fürſorge war Martha mit ihrem Kinde der Noth des Lebens überhoben. Aber den Druck der Schande konnte kein Menſch wegheben von ihr, und ſo verhärmte ſie in der Fremde, bis der Tod ſie von aller Bürde erlöſte. Es war des Meiſters ſtiller Wunſch geweſen, daß ſie nach etlichen Jahren der Sühne wieder heimkehren und ihn für den Reſt ſeines Lebens pflegen ſolle. Er fühlte, wie kein Liebesdienſt der Neffen die Wohlthat ſorglicher Frauenhände erſetzte. Juſtus, in dieſen Plan eingeweiht, war damit völlig einverſtanden, und die Vorbereitung zur Rückkehr war bereits für den Früh⸗ ling getroffen. Statt deſſen hatte Martha unter dem Geleite fremder Menſchen jene Reiſe angetreten, von der keine Heimkehr mehr möglich. Juſtus tröſtete den Oheim, deſſen Auge zu blöde war, um wahrzunehmen, daß in der Seele des jungen Mannes ſelbſt eine ſchmerzliche Wunde blutete. War nicht Martha ſeine erſte Liebe? War ſie nicht ſeine einzige, die er wie einen geheimen Schatz im Schreine ſeines Herzens geborgen hatte? Daß er an dieſem Gefühle auch dann noch zehrte, als er des Mädchens Sünde erfuhr, konnte nur Einer begreifen, der die Höhe und Tiefe, die Stärke und Stetigkeit ſeiner Em⸗ pfindungen zu ermeſſen vermochte. Und wer konnte 232 das? Selbſt der Bruder ward an ihm irre, als er den Grund ſeines Trübſinns zu ahnen begann. Ueberdieß ging es Theobald nicht beſſer. Die Athmungsbeſchwerden, welche ein liebebeklommenes Herz verurſacht, hatten ſich bei ihm wieder eingeſtellt, ſeit⸗ dem Frieſeneck von ſeinem Winteraufenthalte in Ita⸗ lien wieder zurückgekehrt war. Unmuthig, freud⸗ und raſtlos trieb es ihn umher, oder er brütete über den Büchern, ohne den Abſchluß von Soll und Haben zu finden. Man hätte ſchier denken können, die Gant ſei vor der Thüre. Und war doch Alles im beſten Flore, und die Geſchäfte gingen ſo glänzend, daß die Brüder ſelbſt ihre Hoffnungen überflügelt ſahen. Aber das Menſchen⸗ herz kennt keine erreichten Ziele und unſere Wünſche wenden ſich ſtets von der Gegenwart ab nach der Zu⸗ kunft oder Vergangenheit. Juſtus gedachte mit weh⸗ müthiger Sehnſucht der Lehrjungenjahre, deren Dunkel⸗ heit das leuchtende Auge Martha's erhellt hatte, und Theobald grübelte darüber nach, ob Klärchens Herz wirklich ſo vom Vorurtheil umpanzert ſei, wie ſich's nach der Anſchauung des Oberſtjägermeiſters gebührt hätte. Wär' es ihm gelungen, die Geliebte beim ſtillen Walten im Haushalte zu überraſchen, er hätte aus ihren trüben, träumeriſchen Blicken und aus dem Zuge 233 ſchmerzlicher Entſagung, der an die Stelle immer heiteren Lächelns getreten war, gar Vieles zu ſeinen Gunſten herausleſen können. Die ganze Erſcheinung Klara's bewies, daß die weichen Lüfte Italiens wohl eine kranke Bruſt aber kein krankes Herz zu heilen vermögen. Das ward auch dem Oberſtjägermeiſter allgemach klar, und der Kummer um ſein einziges Kind machte ihn ebenſo ſtill und nachdenklich, als dieſes ſelbſt. So brachte auch in das ſchöne Haus, durch deſſen offene Fenſter der Duft des jungen Flieders allenthalben eindrang, der Frühling keinen freundlichen Gruß. Ging es anderswärts beſſer? Draußen in der Vorſtadt ſah der Palaſt des Grafen von La Rochelle ſo traurig und düſter her, wie ein verwunſchenes Schloß. Erſt in jüngſter Zeit wurden etliche Läden des erſten Stockes zurückge⸗ ſchlagen, und ab und zu huſchte über das Flies der hohen Einfahrtshalle die dunkle Geſtalt des Thür⸗ ſtehers. Den Eintretenden überraſchte ſtatt der Un⸗ ruhe und Bewegung, die ehedem der geſchäftige Müßiggang eines überzähligen Bediententroſſes her⸗ vorrief, eine ungewöhnliche Stille in den Gängen und Corridors, obwohl es hieß, die„Herrſchaft“ ſei wieder zurückgekehrt. Nur ein alter Kammerdiener ſchlich zeit⸗ eMlas 2s Rhe Eiseeat feeSssreee BeeiceSeet efüeeercetet iee ooobſſſ — 234 weiſe wie auf Socken umher, wiſchte den Staub von den Meubeln und Ahnenbildern, oder unterhielt ſich leiſe mit dem Mädchen, das im Vorzimmer der Gräfin ſchaltete. An den Thüren, die zu den Gemächern des Grafen führten, blieben die Vorhängſchlöſſer unberührt. Der hohe Gebieter hatte ſich ein anderes Standquartier ausgewählt, wo er keiner betreßten Laquaien und galonirter Ausläufer mehr bedurfte. Lucinde ſchaltete allein in den weiten Räumen des Schloſſes. Sie hatte ihre Ankunft Theobald wiſſen laſſen, und ſchon in der nächſten Stunde ſtand er vor der mütterlichen Freundin, der er eine ſchwärmeriſche Verehrung zollte. Wie erſchrack er über die Ver⸗ änderung, welche Lucinde in dem kurzen Zeitraum von kaum einem Jahre erfahren hatte! Die Spuren des Kampfes und eines ſchweren Seelenleidens lagen auf ihrem Antlitz, deſſen Linien ſchärfer und weniger an⸗ muthig geworden waren. Durch die dunkeln Locken zogen ſich grauweiße Streifen, und das ſchwarze, bis an den Hals geſchloſſene Gewand hob die auffallende Bläſſe des Geſichtes. Lucinde war ſeit wenigen Wochen Wittwe.— Als ſie den Freund und Jugendgeſpielen ihres ſeligen Lucian empfing, konnte ſie ſich der Thränen nicht erwehren. Es dauerte eine geraume Weile, bis 235 ſie Faſſung gewann.„Theobald,“ bemerkte ſie, indem ſie ihm beide Hände reichte,„mir iſt, als redete ich zu einem Sohne,— da darf ich wohl meinen Gefühlen nachgeben. Ach, Sie wiſſen nicht, wie alle Stationen meines Lebens durch eine Martertafel gekennzeichnet ſind. Ich kann die Verluſte kaum zählen bis herauf zum Tode meines Lucian. Nun hat mir der Himmel auch meinen Gatten entriſſen, und all' die Güter und Reichthümer, mit denen ich geſegnet ward, ſind wie Hohn auf meine freudloſe Einſamkeit! Das mag meine Thränen rechtfertigen.“ Theobald tröſtete, obwohl ihm ſelber das Herz be⸗ klommen war, und verſuchte einen heiteren Ton anzu⸗ ſchlagen. Mit trübſeligem Lächeln entgegnete die Gräfin:„Sie haben Recht mich daran zu gemahnen, was ich der Jugend ſchulde. Laſſen Sie ſich durch meine Klagen ihre Stimmung nicht trüben! Wenn ich von meiner Freudloſigkeit ſprach, ſo muß ich insbe⸗ ſondere das Gefühl ausnehmen, das ich für Sie und Ihr Glück empfinde. Ich denke wohl, daß Sie ſich bei der freien Wahl Ihres Berufes und bei den glänzen⸗ den Erfolgen, die Sie erzielt, glücklich und behaglich fühlen.“ „In der That,“ verſetzte Theobald,„ich habe für meinen Verzicht einen reichen und lohnenden Erſatz ———— 236 gefunden. Aber unſere Errungenſchaften bleiben immer hinter unſeren Wünſchen. Nicht blos der Tod, auch das Leben trennt und ſcheidet. Und dieſe Ver⸗ luſte ſind faſt noch empfindlicher, weil uns der Ge⸗ danke einer möglichen Wiedervereinigung beſtändig quält.“ Lächelnd hob die Gräfin den Zeigefinger, und er⸗ widerte:„Theobald, ich merke, die kleine treuloſe Klara ſpukt im Herzen!“ Eine tiefere Röthe überflog das Geſicht des jungen Mannes. Aber, als hätte er die letzten Worte über⸗ hört, fuhr er raſch weiter:„Julian verläßt uns in nächſter Friſt. Ich verliere an ihm einen unerſetzlichen Freund, und wir werden gerade jetzt ſeinen Fortgang recht ſchmerzlich fühlen.“ „Er geht?“ fragte Lucinde betroffen. Aber ſchnell wieder ihrer Bewegung Herr, fügte ſie in möglichſt un⸗ befangenem Tone bei:„kann der Verluſt eines Freun⸗ des heute empfindlicher ſein, als morgen?“ „Warum nicht“, verſetzte Theobald,„wenn wir im Momente ſeiner mehr als je bedürfen? Gerade in dieſen Tagen erkannte ich wieder Julians wunderbare Gabe, Alles zu beeinfluſſen. Er war es, der allein noch die trübe Stimmung zu verſcheuchen wußte, die ſich in unſeren Kreis eingeſchlichen hat. Mein alter, 237 trefflicher Oheim, krank an Seele und Leib, ſo gewal⸗ tig hat ihn der nie geahnte Umſchwung der Dinge ergriffen. Und Juſtus—“ „Was iſt's mit Juſtus?“ fiel Lucinde zerſtreut ein. Sie hatte nur mit halbem Ohre gehört. „Ach, Sie kennen den Bruder, gnädige Frau! Er gehört zu jenen eigen gearteten Naturen, die uns plötz⸗ lich mit einem Widerſpruch ihres Weſens überraſchen.“ „Ihr leidigen Männer! So hat auch die ſchöne Harmonie zwiſchen Euch ausgeklungen, von der mir mein Freund Theobald mit ſo warmer Begeiſterung ſchrieb?“ „Nicht doch!“ entgegnete dieſer abwehrend.„Der Widerſpruch liegt in ihm, keineswegs zwiſchen uns. Juſtus hatte eine Knabenliebe, deren Spur ich längſt verwiſcht glaubte. Er ſelbſt ſprach mit heiterer Ruhe und Gleichgiltigkeit von dieſer Verirrung ſeines Her⸗ zens. Nun trifft uns die Nachricht ihres plötzlichen Todes, und reißt eine Wunde auf, deren Tiefe ich nicht geahnt hatte. In all' dieſer Trübſal brachte Julian Troſt und Freude. Seine Gegenwart wirkte auf die kranken Gemüther, wie die friſche Briſe auf ſchlaffe Segel.“ Lucinde erwiderte mit etlichen theilnehmenden Wor⸗ ten; aber ſie that es nicht mit der gewohnten Wärme. 238 Die Nachricht von Julians Abreiſe war ihr ſo neu als überraſchend. Sie fühlte ſich tief verletzt, daß ſie erſt aus fremdem Munde hievon Kunde erhalten mußte. Dennoch beſtärkte ſie Theobald in der Vorausſetzung, als ob ſie davon wiſſe und erforſchte nur gelegentlich im Verlaufe des Geſpräches das Nähere. „Wieder um eine Hoffnung ärmer!“ klang es von ihren Lippen, als ſich die Thüre hinter dem jungen Freunde ſchloß. Ihre Hand blätterte mechaniſch in dem Buche, das vor ihr auf dem Tiſche lag, indeß ihr Kopf ſich tiefer und tiefer ſenkte, wie niedergezogen von der ſchweren Thräne, die an der Wimper hing. Bis⸗ hin hatte ſie ſich ſelbſt zu täuſchen geſucht. Jetzt legte ihr Herz das Geſtändniß ab, daß es nur die An⸗ ziehungskraft jenes Mannes war, welche ſie zur Rück⸗ kehr in die Reſidenz bewogen hatte. Im Vorzimmer klang das Geräuſch von Schritten. Lucinde richtete ſich raſch empor, fuhr mit der Hand über die Augen, und ſagte leiſe vor ſich hin:„Es iſt beſſer ſo— beſſer für mein Herz und meine Grund⸗ ſätze!“ Im nächſten Augenblicke meldete der Diener Doctor Julian. Wir taſten manchmal mit unſeren Gedanken in die Zukunft, und plötzlich überraſcht uns die Gegenwart 239 recht ungelegen mit ihrer Verwirklichung. Lucinde hätte ſich zu keiner Zeit durch eine Begegnung mit Julian ſo erſchrecken laſſen, als gerade in dieſem Momente, wo ſie ſo lebhaft mit dem Entſchluſſe kämpfte, ihm ruhig und mit dem ſicheren Bewußtſein der Entſagung gegenüber zu treten. Und faſt wollte es ſcheinen, als ob ihre Befangenheit auch auf ihn zurückwirke. Julian bedurfte längere Zeit, um die gewohnte Faſſung zu gewinnen und das Geſpräch aus dem Geleiſe kalter Förmlichkeit zu bringen. Die Unterhaltung ſtockte. Da griff er nach dem offenen Buch am Tiſche. Es war Platen's„Treue um Treue“. Das aufgeſchlagene Blatt hub mit den Ver⸗ ſen an: „Verwieſen ſind wir auf die Gegenwart; „Denn was die Zukunft bietet, iſt ja nur „Allmälige Zerſtörung und ein Grab!“ Mit ſeiner ſchönen, klangvollen Stimme las er die Stelle laut vor. Dann ſchlug er das Buch zu und ſich gegen Lucinde wendend, rief er:„Iſt das nicht eine Mahnung des Himmels? Laſſen Sie uns, Lucinde, auch„dieſer Stunde ſchönes Gut“ mit keinem Trübſinn verkümmern. Ich weiß, daß Sie mich einer Schuld zeihen können, da ich das Gelübde verletzte, das mich von dieſer Stelle verbannte. Aber— wer das Recht hat zu binden, findet auch das Recht zu löſen.“ 240 Die Gräfin ſah ihn ernſt an, und erwiderte:„Es iſt nicht Alles wahr, was ſich in den Bau eines wohl⸗ tönenden Verſes ſchmiegt. Wäre ich auf die Gegen⸗ wart verwieſen, Julian, ich wäre ſehr unglücklich. Mir bleibt nur die Erinnerung an Vergangenes. Mit der Zukunft habe ich ſo feſte Rechnung gemacht, daß ich jetzt furchtlos ſelbſt jenen Bann, wie Sie ihn nannten, wieder löſen kann. Sie werden ja ohnedieß bald von hier ſcheiden, wie mir Theobald ſagte?“ Ihr Herz zitterte, da ſie alſo ſprach, aber ihre Stimme behielt Feſtigkeit. Julian, von dieſer Erwide⸗ rung betroffen, zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort. Dann entgegnete er: „Noch liegen etliche Wochen zwiſchen jetzt und der Ausführung meines Entſchluſſes. Die Zeit iſt kurz, aber ich hoffe, ſie genügt noch, um Begonnenes zu vollenden. Wenn ich den Muth hätte, möchte ich faſt um Ihre Unterſtützung bitten, meine Gnädige.“ „Um was handelt es ſich?“ fragte die Gräfin. „Um die Löſung von Mißverſtändniſſen!“ Lucinde lächelte.„Dann dürfen Sie die Stunden, die Ihnen noch übrig ſind, zu Jahren verlängern! Jedes Mißverſtändniß iſt nur ein Glied in der Kette von Mißverſtändniſſen, unter deren Druck wir ſeufzen. Wir mißverſtehen uns Alle!“ 241 „Löſen Sie dieſes eine Glied auf, und die Kette fällt auseinander!“ erwiderte Julian mit Eifer und Nachdruck.„Es dürfte ſich wenigſtens des Verſuches lohnen.“ „So zergliedern Sie mir in Gottes Namen den Fall,“ entgegnete die Gräfin,„und wir wollen dann ſehen, was ſich machen läßt.“ Im Referententone hub Julian an:„Ich habe einen jungen Freund, Namens Theobald. Der junge Freund hat eine Geliebte, die heißt Klara. Zwiſchen beiden ſteht das Vorurtheil in Geſtalt eines Oberſt⸗ jägermeiſters. Es handelt ſich lediglich darum, das letztbezeichnete Hinderniß zu beſeitigen, und die beiden Menſchenkinder werden ſich zu einem Vergleiche be⸗ quemen, der zu überraſchenden Zielen führt. Was meinen Sie, gnädige Gräfin, iſt es der Mühe werth, um deßwillen eine kleine Verſchwörung anzuzetteln?“ Mit jedem Worte heiterte ſich Lucindens Miene mehr auf. Das freundliche Vermittleramt, das wir mit dem ſchnöden Worte„fkuppeln“ bezeichnen, hat für weibliche Herzen einen unwiderſtehlichen Reiz. Es wird ſelbſt unter den ſinnigen Frauen wenige geben, die ſich nicht mit Eifer und Erfolg an dieſe Aufgabe drängen, und dabei ihr eigenes Liebesleid vergeſſen. Selbſt Lucinde machte hievon keine Ausnahme, und Hilarius, Non possumus. III. 16 242 während ſie mit lebhaftem Vergnügen ſofort die Feld⸗ zugspläne entwarf, gewann ihr Zwiegeſpräch mit Julian wieder jene heitere Unbefangenheit, die ihr ſo ungemein reizend ſtand. „Ich nehme mein Wort zurück,“ bemerkte ſie, in⸗ dem ſie dem Freunde zum Abſchied die Hand reichte. „Der Dichter hat dennoch recht,— wir ſind wahr⸗ haftig auf die Gegenwart verwieſen, ſo lange wir überhaupt noch leben wollen!“——— Der Zufall ſchien das Unternehmen über alle Er⸗ wartung zu begünſtigen. Frieſeneck, welcher das Haus des Grafen von La Rochelle nicht mehr betreten hatte, ſeitdem ihn dieſer von ſeiner Stelle gedrängt, ver⸗ mochte ſeinen Groll nicht über das Grab auszudehnen. Es ging gegen ſeinen chevaleresken Sinn, der Wittwe noch fühlen zu laſſen, was der Gatte an ihm verſün⸗ digt. Als er ihr in nächſter Friſt perſönlich die Ver⸗ ſicherung ſeiner Theilnahme brachte, empfing ihn Lu⸗ cinde wie den bewährteſten Freund des Hauſes, und ihre Liebenswürdigkeit wußte ſchon beim erſten Beſuche ſein Herz zu gewinnen. „Ihr Mann hat mir einen verdammten Streich geſpielt,“ dachte ſich der Oberſtjägermeiſter, als er die Treppe hinabging,„aber— er war trotz Allem und Allem doch ein Titane unter den Pygmäen, deren 243 Schwarzkunſt ihn vergiftete. Und ſeine Frau— alle Wetter! Gott ſegne ihr den Wittwenſtand! Die könnte Einen um Herz und Verſtand bringen, ehe man ſich umſieht!“ Der Beſuch ward in den nächſten Tagen erwidert. Klara, welche die Gräfin weniger aus früheren con⸗ ventionellen Begegnungen als aus der begeiſterten Schilderung Theobalds kannte, trug ihr das volle Herz entgegen. Sie hatte ſich ſo lange vergeblich nach Frauenumgang geſehnt! Auch Lueinde fühlte ſich ſym⸗ pathiſch angezogen, und ſo begegneten ſich alsbald beide in herzlicher Vertraulichkeit. Klara war durch die Schule, die ſie durchgemacht, ernſter, aber um ſo tiefer geworden, und Lucinde hinwider hatte ſich trotz aller Erfahrungen und Leiden etwas ſo anziehend Mädchenhaftes gerettet, daß der Unterſchied der Jahre zwiſchen beiden allgemach völlig verſchwand. Noch lebhafter, aber auch noch gefährlicher war der Eindruck, den die Gräfin auf den Oberſtjägermeiſter machte. Den alten Herrn überraſchten zeitweiſe ſo heftige Wallungen, daß er ſorglich nach dem Pulſe griff, und ſeine Schläge nach dem Laufe des Sekunden⸗ zeigers abzählte. Seine Selbſtgeſpräche beſtanden jüngſter Zeit lediglich in Mahnungen, die er an ſich ſelbſt und an ſein Herz richtete, dem er eine Eſelei in 16* 244 alten Tagen mit allen ihren Conſequenzen auf das Lebhafteſte vormalte. Aber— wir wiſſen, daß ſelbſt die überſchrittene Polarlinie der ſechziger Jahre vor Thorheit nicht ſchützt. Dem Scharfblick Lucindens entging es nicht, in welchen Aufruhr ſie die Gefühle des alten Herrn ver⸗ letzt hatte. Nun beſaß ſie neben ihrer Taubenunſchuld doch auch ein richtiges Maaß von Schlangenklugheit, und ſo beutete ſie denn dieſen anarchiſchen Zuſtand in ihrem Intereſſe erſt recht wacker aus, ehe ſie daran dachte, den armen Oberſtjägermeiſter von ſeinem Wahne zu heilen. Klaro hatte ſie bald genug eingeweiht in die Myſterien ihrer Liebe, und gab auch nach kurzem Widerſtreben ihre Einwilligung zu den Vermittlungs⸗ verſuchen. Die Art, womit die erſten Angriffe abgewieſen wurden, ermuthigte zu den folgenden. Ohne beſondere Herzenskunde konnte man wahrnehmen, daß Frieſeneck auf ſeinen Irrfahrten vom Brenner bis zum Veſuv ebenſo wenig als Klara den jungen Freund vergeſſen hatte. Als er überdieß nach ſeiner Rückkehr in Er⸗ fahrung brachte, daß Theobald weder„hinter'm Laden⸗ pudel“ noch„im Schurzfell“ handthierte, ſondern als tüchtiger Fabrikherr faſt mehr Achtung und Anſehen genoß, als das ganze Collegium des Lehengerichtshofes, da fühlte er, wie ſeine Grundſätze immer ſchwankender wurden. Frieſeneck war kein Sklave des Vorurtheils, wie Julian vermuthete. Verſtand und Herz hielten bei ihm das Gleichgewicht, und ſo oft ſein Blick auf Klara fiel, war die Partie des Herzens die ſtärkere. Aber— er hielt es für unmännlich, auf jede Regung hin die Entſchlüſſe zu wechſeln, und es verdroß ihn, daß ſich die Tochter ſo ſtill und duldend ſeinem Willen fügte. Etwas mehr Widerſpruch— etwas mehr Trotz wäre ihm höchſt willkommen geweſen. „Alle Wetter, Kind!“ polterte er eines Tages, „Quäl mich nicht ſo mit deiner Lazarusmiene! Ich weiß daraus zu leſen, auch wenn Du ſie verſuchsweiſe zu einem nonnenhaften Lächeln verziehſt. Die Gri⸗ maſſe iſt mir ſchließlich unleidlicher, als ein rechtſchaf⸗ fenes Grollen und Schmollen!“ Lucinde war unbemerkt eingetreten und hatte die letzten Worte vernommen. Die Arme herausfordernd in die Seite geſtemmt, machte ſie vor dem überraſchten Frieſeneck Poſition.„Ihr gewaltiger Jäger vor dem Herrn!“ bemerkte ſie mit leidlichem Ernſte,„Euern Hirſchen und Rehen gönnt Ihr eine Hegezeit— uns armen Frauen nicht! Und Ihr wißt doch, daß die Thränen in unſeren Augen neun unter zehnmal von Euch ſelber hervorgelockt ſind. Ich und Klärchen ſind 246 Eins! Bedenken Sie das, mein wertheſter Freund, und wenn Sie mit mir Friede halten wollen, ſo dürfen Sie mein Mädchen nicht verletzen.“ Der Oberſtjägermeiſter holte aus zur Antwort, aber Lucinde ließ ihn nicht eher zur Rede kommen, als bis er das Verſprechen vollſter Verſöhnlichkeit ohne allen Vor⸗ behalt in ihre Hände abgelegt hatte. Und nun wur⸗ den die Beziehungen Theobalds zu Klara offen zur Sprache gebracht. Frieſeneck wehrte ſich, aber die Gräfin ließ ſich nicht irre machen und drohte zuletzt mit dem Anlegen der Sturmleitern. Dabei ſah ſie den alten Herrn mit ſo verführeriſchen Blicken an, daß dieſer ſich kaum aus der Klemme zu retten wußte.„Alle Wetter!“ rief er abwehrend, ich kann doch nicht zum zweiten Male dem Jungen gegenüber das pater peccavi anſtimmen? Sähe das nicht aus, als ob ich ihm mein Kind an den Hals werfen wollte? Alles hat ſeine Grenze, und wenn Sie mir ſolbſt mit ihrer Ungnade drohen— ich thu's nicht!“ Lucinde reichte ihm lachend die Hand.„Deſſen be⸗ darf es auch nicht“, erwiderte ſie.„Ich will dafür ſorgen, daß Theobald wie ein armer Sünder vor Ihnen ſteht und Sie um Gnade anfleht!“ An die Rückſeite des La Rochelle'ſchen Palaſtes lehnt ſich eine parkähnliche Anlage. Zu beiden Seiten von den Vorſtadtgärten begrenzt, hat ſie ſüdwärts durch einen ſtattlichen Gitterzaun mit zopfigem Schnör⸗ kelwerk den Abſchluß gegen die ſtädtiſchen Anlagen. Eine Allee alter, weitäſtiger Linden trennt Gemüſe⸗ und Blumengarten von den Bosquets der engliſchen Anlage, deren Mitte ein zierlicher Kiosk, von Jasmin und Flieder halb verdeckt, einnimmt. Hierher hatte die Gräfin Theobald beſchieden. Es war die Stelle, wo er mit ſeinem unvergeßlichen Lu⸗ cian die ſchönſten Knabentage durchſchwärmt. Seit Jahren hatte er ſie nicht mehr betreten. Nun kam ihm Alles kleiner, beſchränkter vor, als in jener Zeit feſſelloſer Phantaſie. Aber an jedem Baume, jeder Ruhebank hing ein Blatt ſeliger Erinnerung. Der Duft des jungen Hollunders, die wohlgepflegten Tul⸗ penrabatten, ſelbſt der Hall ſeiner Fußtrittte über die feinbekieſten Gangſteige friſchten halbvergeſſene Bilder wieder auf. In dieſer Stimmung trat er über die Schwelle des Gartenhauſes. Die Gräfin empfing ihn mit ſtrahlen⸗ dem Geſicht, und ehe er ſich recht beſann, ſtand er vor Klara. Theobald hatte die Gabe raſcher Combination. 248 Der Gedanke eines angelegten Planes erhöhte die Verwirrung, in welche ihn die unerwartete Anweſen⸗ heit der Geliebten brachte, und gab ſeiner Verlegen⸗ heit noch den Anſtrich des Unwillens. Klara war blaß bis in die Lippen. Ihr Köpfchen ſank tiefer auf die Stickarbeit, die ſie vor ſich hatte, und die Nadel zitterte in ihren Händen. In dieſe Mißſtimmung freundliche Verſtändigung zu bringen, war keine leichte Arbeit. Sie konnte auch Lucinden trotz ihrer Klugheit und ihres feinen Taktes nur zur Hälfte gelingen. Die Wolke des Mißtrauens wollte von Theobalds Stirne nicht weichen, und ſo war zwiſchen den beiden jungen Leuten ſelbſt noch keine Silbe gewechſelt, als der Diener neue Gäſte mel⸗ dete. Die Gräfin erhob ſich raſch und trat in den Garten. Klara wollte ihr folgen; aber es war, als hemme ſie ein Bleigewicht an den Füßen. Sie konnte ſich nicht von der Stelle rühren, und ihre Hände ſan⸗ ken kraftlos in den Schooß.— Lucindens Rückkehr verzögerte ſich, und die Lage fing an peinlich zu werden. Zuletzt fühlte denn doch Theobald, daß er trotz der künſtlichen Trudenfüße, die er unverwandten Blickes auf den Eſtrich zeichnete, eine klägliche Figur ſpiele. Er mußte wenigſtens der For⸗ derung des Anſtandes genügen, und eine harmloſe Be⸗ 249 merkung ſchlich halblaut und beklommen über ſeine Lippen. Klara ſchrack zuſammen. Sie neigte ſich wie⸗ der über die Stickerei und während ihre zitternde Hand planlos über den Stramin hinfuhr, flüſterte ſie etliche kaum vernehmbare Worte. Neue Pauſe! Man hätte ein fallendes Blatt hören können! Endlich— Theobald richtete ſich empor, und indem er die Rechte an's Herz legte, bemerkte er:„Sie haben eine warme Vertreterin gefunden, mein Fräu⸗ lein!“ Sachte hob Klara das Haupt. Sie lenkte den Blick auf den Geliebten, und ein Paar Thränen rie⸗ ſelten über die Wangen, die in ſo kurzer Zeit ſo viel von ihrer roſigen Friſche eingebüßt hatten. Dann er⸗ widerte ſie leiſe:„Und doch verhallt ihr Wort, wie eine Stimme in der Wüſte!“ „Klara!“ rief Theobald, von den widerſtreitendſten Gefühlen überfluthet,„Können Sie mir die Erfahrun⸗ gen eines halben Jahres aus der Seele reißen? Ich habe des Mannes höchſtes Gut, die Ehre, um den Preis meiner Lebensanſprüche gerettet— Sie opferten die Liebe dem Vorurtheile.“ „Gott helfe mir,“ erwiderte Klara,„ich kenne das Vorurtheil nicht, von dem Sie reden!“ „Und dennoch— dennoch wendeten Sie ſich ab 250 von dem Geliebten in der bängſten Kriſis ſeines Le⸗ bens? Haben Sie eine Löſung für dieſen Wider⸗ ſpruch?“ Klara ſchlug die Wimpern nieder, und die Hände ſanken ihr in den Schooß. Dann verſetzte ſie ſchmerzlich: „Sie wiſſen nicht, Theobald, was ich litt! Ihre Thaten gründen auf freiem, ſelbſteigenem Entſchluſſe; mein Wille und meine Handlungen ſind an den Wil⸗ len meines Vaters gekettet. Ich bin ſein einziges Kind und— würde ſterben, wenn ich ſeinen Segen verlöre.“ 3 „ und jetzt?“ fiel ihr Theobald in die Rede—,Ha⸗ ben Sie mit dieſer Kindespflicht abgerechnet? oder lag Ihnen nur daran, die Hand an meine Wunde zu legen und ſie wieder bluten zu machen?“ Die Worte klangen herb, und in der Miene des Sprechenden lag der Ausdruck verletzenden Miß⸗ trauens. Klara richtete ſich raſch aus der gebeugten Stellung auf. Sie gewann Stolz und Haltung wieder und antworte ruhig und beſtimmt: „Rechten Sie mit Luecinde, die dieſe unfreundliche Scene gegen meinen Willen veranlaßte. Mein Herz dachte an nichts, als an die Löſung von Mißverſtänd⸗ niſſen. Nun weiß ich, daß Sie mich nie erkannt haben!“ Sie ſtand auf und bewegte ſich gegen die Thüre. 251 Theobald war blaß geworden, denn er fühlte, daß dieſer Augenblick das Schickſal ſeiner Liebe entſchied. Er trat ihr in den Weg, und indem er leidenſchaftlich ihre Hand erfaßte, rief er:„Nie Klara, nie habe ich Sie mißkannt! Ich weiß nur, daß es thöricht und ungerecht war, Ihr Pflichtgefühl mit dem Maaß meiner Liebe zu wägen.“ Sie ſah ihn ſchmerzlich an, und erwiderte:„da Sie mich verſöhnen wollen, verletzen Sie mich neuer⸗ dings! Ach, Theobald, muß ich Ihnen das beſchämende Geſtändniß machen, daß ich mich im Kampfe gegen mein Herz ſchwächer fühle, als im Kampfe gegen meine Kindespflicht?“ Wie ein Frühlingsſchauer ging es durch die Seele des Jünglings. Sachte zog er die verloren Geglaubte näher an ſich und flüſterte leiſe:„Alſo liebſt Du mich noch, Klara?“ Sie neigte den Kopf auf ſeine Schulter und ſchwieg.——— „Alle Wetter!“ klang im ſelben Augenblicke die Stimme des Oberſtjägermeiſters von der offenen Thüre her.„Das macht ſich ja wunderbar raſch! Die Ge⸗ ſchäfte gehen hinter dem Rücken des Vaters trefflich, wie es ſcheint!“— Dann wandte er ſich gegen Julian, 252 der ihm mit der Gräfin auf dem Fuße folgte, und fügte bei: „Sch habe die Wette verloren, Doctor. Aber— Gott ſtrafe mich, ich hätte Häuſer gebaut auf die Offenheit meines Kindes! Wer kann für Täuſchungen im Leben?“— Dabei machte er Miene, ſich der Tochter zu erwehren, die ſich ihm weinend an den Hals ge⸗ worfen hatte. Lucinde legte ſich in's Mittel.„Das geht wider den Vertrag, mein ſehr ehrenwerther Freund!“ bemerkte ſie heiter, aber mit jener Entſchiedenheit, welche den alten Herrn bishin immer widerſtandslos gemacht hatte. „Wer den Zweck will, muß ſich der Mittel bedienen. Ich verſprach Ihnen, dafür zu ſorgen, daß unſer Aller Freund Theobald wie ein armer Sünder vor Ihnen ſtehe und Sie um Gnade anflehe. Hier!“ Sie deutete lachend auf den Jüngling, der in der That geſenkten Hauptes und in bitterer Verlegenheit da ſtand, und eine wahre Delinquentenmiene machte. Aber all' dieſes wollte bei Frieſeneck nicht ver⸗ fangen. Man merkte, wie er durch widerſtrebende Ge⸗ fühle ſich durchwand, und nicht zum Richtigen gelangte. Er ſei den ruhigen, ſichern Pirſchgang gewohnt, meinte er, nicht dieſe Hetzjagd, und Grundſätze, in die man ſich hinein gelebt, klopfe man nicht wie einen Haſen 253 aus dem Buſche. Zur Beſtätigung deſſen wandte er ſich fragend an Julian, und— dieſer gab ihm Recht trotz der zürnenden Blicke Theobalds und der abwinken⸗ den Bewegung Lucindens. „Ich bin kein Mann eingeroſteter Vorurtheile“, fuhr der Oberſtjägermeiſter fort, und machte dabei ein herbes Geſicht, obwohl ſich unverſehens ſein Arm um die Hüfte ſeines Kindes geſchlungen hatte.„Ich bin kein Barbar, aber ich habe meine Erfahrungen gemacht! Die Geſellſchaft will ihre Rechte und wir müſſen mit den Wölfen heulen, wenn wir nicht von ihnen zer⸗ riſſen ſein wollen. Nicht wahr, Doctor?“ Und Julian, der Treuloſe, ſtimmte in Allem bei, ohne ſich um die Verzweiflung Theobalds zu kümmern. Mit dem boshafteſten Scharfſinn zergliederte er die Folgen der Mißheirath, und ſeine Beredſamkeit wollte gar nicht zu Ende gelangen. Frieſeneck hörte ihm eine Weile geduldig zu. Dann ward er unruhig, ſchüttelte ein um's andere Mal den Kopf, und fuhr endlich zornig auf:„Nichts für ungut, Doctor, aber Sie tragen etwas dick auf! Alle Wetter, wenn Sie das Recht ſtudirt haben, müſſen Sie doch auch das Kapitel vom Menſchenrecht kennen. Eine Grenze hat Alles, und wenn ich mich juſt meiner Zeit in eine Kaiſerstochter hätte verlieben wollen, und ſie 254 wäre einverſtanden geweſen— ich hätte ſie wurzweg geheirathet. Aber Sie ſind ein Hageſtolz, Doctor, und dieſe Species von Mannsleuten wägt immer das warme Herz nach dem kalten Verſtand. Töchter haben Sie wohl keine,— nun, ſo kann ich Ihnen auch keine Vor⸗ leſung darüber halten, wie man den Kummer und die Thränen eines Kindes zu taxiren hat!“— Julian wollte ſich entſchuldigen, aber Frieſeneck ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er redete ſich allen Eifers in den Zorn hinein, und ehe ſich's die Anderen ver⸗ ſahen, hatte er Theobald und Klara bei den Händen gefaßt, ſchob ſie gegen die Thüre, und rief:„Kommt, Kinder, wir machen die Sache unter uns ab! Geſcheidte Leute brauchen zur Verſtändigung keine Rechtsgelehr⸗ ten und keine Zwiſchenträger!“ Verletzt und verlegen ſchaute Lucinde einige Augen⸗ blicke den Abtretenden nach. Dann wandte ſie ſich gegen Julian und ein unwilliges Wort ſchwebte ihr auf den Lippen. Aber es erſtarb, als ſie die heitere Miene des Doctors gewahrte, und im nächſten Mo⸗ mente brachen beide in ein herzliches Gelächter aus. „Kommen Sie, meine Gnädige!“ bemerkte Julian, indem er der Gräfin den Arm bot.„Wir haben un⸗ ſern Theil, und können nun getroſt von der Bühne abtreten!“ 255 „Sie ſind doch ein treuloſer Geſelle!“ erwiderte Lucinde, der Einladung des Doctors folgend.„Ich bitte Sie um des Himmels willen, wie brachten Sie es über das Herz, an dem beſten Freunde ſolchen Ver⸗ rath zu üben?“ Julian entgegnete:„Ich denke, er wird meinen Ver⸗ rath ſegnen! Glauben Sie, Lucinde, daß wir auf dem Wege der Ueberredung ſo leicht zum Ziele gelangt wären? Nur der Widerſpruch reizt. Indem ich mich auf Seite des abgeſchmackteſten Verſtandes ſtellte, em⸗ pörte ich das warme Gefühl des Vaterherzens, und erleichterte dieſem den Sieg. Können Sie mir um dieſer Kriegsliſt willen zürnen?“ Die Hand Lucinden's ſtützte ſich feſter auf Julian's Arm.„Wunderlicher, ungewöhnlicher Mann!“ dachte ſie ſich; aber ſie ſah ihn nur freundlich lächelnd an und erwiderte keine Silbe. Wenige Wochen, und alle Räume des Fabrikge⸗ bäudes prangten im feſtlichen Schmucke. Es galt dem Einzuge der Braut, der künftigen Herrin des Hauſes. Die Arbeiter im Sonntagsſchmucke ordneten geſchäftig die letzten Kränze und Gewinde in der Vorhalle, und ſelbſt Meiſter Ebenſtreit, des Hauſes Senior, trippelte in den Gängen und Zimmern umher, hielt Nachſchau und ordnete dies und das an. Auf ſeinem Geſichte 256 lag es wie der Glanz eines ſonnigen Herbſtabends. Denn Klara hatte bereits beim erſten Begegnen ſein Herz völlig gewonnen und den Unwillen verſcheucht, womit er die Kunde von Theobald's Rückfall ver⸗ nommen. „Ein Mädel aus dem Herzen Gottes!“ bemerkte er zu Juſtus, der ihm ſtill und ſinnend das Geleite gab. „Du weißt, daß mir ſonſt allwegen die Zähne lang werden, wenn ich mit Junkern und Junkersfrauen zu thun habe. Aber die ſchaut— mein’ Eid!— ſo recht⸗ ſchaffen bürgerlich drein, daß man den Adel gar nicht rrausſpürt. Ich denke, ihr Regiment ſoll uns reſpective wohl thun, Junge, und— ehrlich geſtanden, mich verlangt herzhaft nach einem Erſatz für—“ Ein freudiger Hochruf unterbrach den alten Herrn, deſſen Gedanken die Spuren der ſeligen Martha nie verloren. Alsbald erſchien der Oberſtjägermeiſter an der Schwelle des Wohnzimmers, und der Meiſter em⸗ pfing den Edelmann mit gerechtem Bürgergruße. Sein Willkomm lautete:„auf gute Schwäherſchaft“, und die Miene Frieſenecks, als er einſchlug, verrieth, daß er längſt die Befangenheit des Vorurtheils aufgegeben habe. Klara, das reizende Bräutchen, ſtrahlte vor Selig⸗ keit.„Lauter, lauter Segen wohin ich blicke!“ rief ſie, 257 während ſie Ebenſtreit und Juſtus gleichzeitig die Hände bot.„Nun habe ich zwei Väterchen und überdies noch einen theuren Bruder, wie ich mir ſo oft einen erſehnte!“ Juſtus aber erwiderte mit freundlichem Ernſte:„Wir gewinnen ſelten ohne Verluſt, liebe Klara, und der höchſte Reiz, den die neue Heimat bietet, läßt uns den Zauber der alten nur ſchwer vergeſſen. Oft genug wird Ihnen das eintönige Geräuſch der Tagesarbeit die Sehnſucht wecken nach der poetiſchen Stille Ihrer bisherigen ſchönen Häuslichkeit, und dann—" „Tages Arbeit! Abends Gäſte! Saure Wochen! frohe Feſte!“ fiel Julian ein, der eben mit Lucinde und Theobald zugetreten war.„Mir wird zwar für geraume Zeit der Genuß dieſer Gaſtlichkeit verſagt ſein; aber ich behalte mir das Recht vor.“ Die Freunde verbaten ſich jede Abſchiedsmahnung, die den Freudenwein der glücklichen Stunden trüben könnte. Aber der Doctor entgegnete mit unbefangener Heiterkeit:„Die kleine Wolke, die am Horizont auf⸗ ſteigt, wirft keinen Schatten, aber ſie bringt angenehmen Wechſel in die eintönige Klarheit des Himmels. Wenn ich von Trennung rede, geſchieht es im Vorgenuß des freudigen Empfangs, der mir nach Jahren am Heerde des Freundes bereitet ſein wird!“ Hilarius, Non possumus. III. 17 — 1 258 Sein Blick fiel dabei unwillkürlich auf Lucinde. Sie hatte die Wimpern geſenkt, und eine feine Bläſſe lag auf ihrem Antlitz. Die Ruhe, womit Julian ſeiner Abreiſe gedachte, ſchmerzte und verletzte ſie zugleich. Ihr Stolz empörte ſich gegen den Gedanken, dem ge⸗ liebten Mann gegenüber, der ſo gleichgiltig von ihr weggehen konnte, die Schwäche ihres Herzens zu ver⸗ rathen. War nicht ſie es, die zuerſt ſeine Gefühle in die richtigen Schranken zurückwies? Welche De⸗ müthigung, wenn es jetzt den Anſchein gewänne, als verleugnete ſie ihr Wort, ihre Grundſätze, ihre Ver⸗ gangenheit! Es war unmöglich!„Erlaucht und Pro⸗ feſſorsfrau“— der Gegenhalt entlockte ihr ein bitteres Lächeln, und feſtete ihren Entſchluß. Im nächſten Momente nahm ſie an der gemeinſamen Unterhaltung mit einer faſt ausgelaſſenen Fröhlichkeit Theil. Dem tiefblickenden Julian entging der Vorgang in ihrer Seele nicht. Je heiterer die Gräfin, deſto einſilbiger ward er. Wie ſchmerzlich empfand er es, daß die Bundesgenoſſin, die im Kampfe wider die Pri⸗ wilegien der Geſellſchaft ſo treu an ſeiner Seite ſtand, im Banne deſſelben Vorurtheils ſich befinde!„Es iſt Alles im Leben Widerſpruch!“ dachte er ſich, und der Gedanke der Entſagung ſtand unerſchütterlich feſt in ſeiner Seele. Eines aber blieb dem großen Menſchen⸗ kenner doch ein Geheimniß,— die Größe jenes Opfers, welches Lucinde der anerzogenen Ueberzeugung brachte! Das Hochzeitmahl war vorüber, und auf Juſtus' Anregung ward nun gemeinſame Hausſchau gehalten. Der Herrin Fußtritt mußte in allen Räumen und Werkſtätten der Fabrik widerhallen; ſo forderte es die Bürgerſitte. Allenthalben ward die anmuthige Braut von den Arbeitern jubelnd empfangen, und ihrem Weg⸗ gange folgte das gemeinſame Lob ihrer Schönheit und Freundlichkeit. Von der gewaltigen Halle des Gießhauſes führte zunächſt eine Thüre in die Werkſtätte Juſtus'. Es war ein luftiges, ſchönes Gemach voll bunten, künſt⸗ leriſchen Ausſchmuckes. Das große, bis zum Plafond⸗ geſims reichende Fenſter ließ den vollen Sonnenglanz ein, der nur durch den ringsum wuchernden Epheu angenehm gedämpft wurde. In der Mitte ſtand unter anderen plaſtiſchen Werken und Ornamentſtücken eine halbvollendete Gruppe zierlicher Najaden, welche für die Krönung eines öffentlichen Brunnens beſtimmt war. Die Gäſte waren entzückt über die anmuthige Aus⸗ ſtattung des Raumes ſelbſt, wie über die mancherlei Kunſtſchätze, die er barg. Um ſo auffallender war der Contraſt, den das anſtoßende Zimmerchen bot. Es 17 260 war das Comtoir, in welchem Theobald ſeine Arbeits⸗ ſtätte aufgeſchlagen hatte, ein beſcheidenes Gelaß, ein⸗ fach und ſchmucklos, das große Pult am Fenſter mit Rechnungen und den Folianten der Caſſabücher bedeckt. Um der Kaſſe willen waren die Fenſter durch dicke Eiſenſtäbe vergittert. „Armer Schelm!“ ſagte Klara zu Theobald, indem ſie ſich feſter an ſeinen Arm ſchmiegte.„In dieſer traurigen Stube unter Ziffern und Conti’'s mußt Du Deine Tage verbringen? Der Bruder hat Dir ja alle Poeſie vorweg genommen!“ „Er hätt' es anders haben können!“ fiel Frieſeneck ein, bei dem der Comtoirgeruch eine leichte Anwand⸗ lung ſchwer verwundenen Widerwillens hervorgerufen hatte. Theobald erwiderte:„Anders, aber nicht beſſer! Das Selbſtgeſchaffene behagt uns, und wir fühlen nur die Unbequemlichkeit, die uns Andere beweiſen, und der wir uns fügen müſſen. In wenigen Monden habe ich den Werth dieſes ſelbſtändigen Wirkens erkennen und würdigen gelernt, daß ich die Freiheit des Bürger⸗ thums um keinen Preis der Welt mehr hingeben möchte. Ich habe im Palaſte des Edelmanns und unter dem Strohdach der Bauernhütte lange genug ge⸗ lebt, um in beiden Lagern— zürnen Sie nicht meiner 7 1 ” 2 1 ſ 1 261 Offenheit— den gebundenen Stand zu finden, den das Vorurtheil, dort traditonell hier aus Mangel an Bildung beherrſcht. Ich habe den Beamten geſpielt, und die Fußfeſſeln und Handſchellen der Büreaukratie ſo lange getragen, bis mir Ehre und Gewiſſen zu⸗ riefen:„Weiter kannſt Du nicht!“ Daß ich auch auf der neuen Bahn, in die ich eingelenkt, der Unfreiheit und dem Vorurtheile begegnen werde, weiß ich; aber ich kann mich ihrer überheben, ohne in die Acht ge⸗ than oder— entlaſſen zu werden. Die Unfreiheit des Bürgers iſt eine perſönliche; beim Adel und Bauern iſt ſie dinglich, beim Beamten beides zugleich. Ich wollte ein freier Mann werden, und da mir zum freien Künſtler und Gelehrten Genie und Kenntniſſe fehlten, ſo bin ich Bürger geworden.— Nun beſitze ich noch überdieß ein Pfand für die Unfehlbarkeit meines Glaubens, daß die Bewegung zur Ausgleichung aller Menſchenrechte wirklich ein ewiges Geſetz bilde. Sie ſelbſt, mein theurer Vater, haben eine Brücke vom Edelmann zum Bürger gebaut. Sie haben Ihr werth⸗ vollſtes Gut auf bürgerlichen Grund verpflanzt. An meinem Herzen ruht ihr Kind, mein herrlichſtes Be⸗ ſitzthum! Sprich, Klara, ob ich's beſſer hätte treffen können?“ 262 Da ſchlang Klara beide Arme um ſeinen Hals, und barg ihr Geſicht, von ſüßen Thränen benetzt, an ſeiner Bruſt! Frieſeneck aber legte die Hände ſegnend auf die Häupter ſeiner Kinder. Juſtus an Theobald. Mars la Tour, den 17. Auguſt 1870. Das war eine mörderiſche Schlacht; aber um ſo glänzender und erfolgreicher der Sieg! Unſer Regiment befand ſich im Vordertreffen, und manch' ein wackerer Kamerad fiel zu meiner Rechten und Linken, während mich die feindlichen Kugeln verſchonten. Ich danke Gott, der es zuließ, daß ich an Deiner Statt den heiligen Kampf um deutſche Ehre und Selb⸗ ſtändigkeit durchkämpfen darf. Dir wäre der Gedanke an Dein junges Weib, wenn nicht ein Hemmniß Deines Muthes, doch eine Verkümmerung jener reinen Begei⸗ ſterung geweſen, wie ſie mich— den Unabhängigen und Feſſelloſen— durchglüht.— Der Kanonendonner hat mir allen Trübſinn ver⸗ ſcheucht. Eine lichte Freudigkeit und Zuverſicht belebt mich und macht mich wunderbar heiter. Häufig über⸗ 264 raſcht mich der Gedanke, daß das Geſchick des theuern Vaterlandes an demſelben Wendepunkte angelangt ſei, wie unſere perſönlichen Geſchicke. Aus ehernem Munde beantwortet es die Forderungen frevelhafter Anmaßung mit einem weit hallenden:„Non possumus!“ Wir werden unſere Ehre retten; wir werden ſiegen, Theobald, und eine große, einige Nation wird aus dem Samen des vergoſſenen Blutes emporwachſen! Und iſt uns erſt dies gelungen, dann, Bruder, dann wird ſich auch mit Gottes Hilfe eine innere Klärung und Läuterung vollziehen. Die Zeit wird kommen, wo unſer religiöſes Bewußtſein und unſer bürgerliches Ge⸗ wiſſen nicht mehr vor die Schranken wird gefordert. werden, wenn wir gegenüber dem Wahnſinn der Ze⸗ loten und der Tyrannei ehrloſer Gewalthaber uns auf das große Wort Leſſings berufen:„Kein Menſch muß müſſen!“ Leb' wohl! Grüße Deine und meine Lieben, und ſage ihnen, daß ich voll freudiger Hoffnung lebe und kämpfe. Dein Juſtus. Wenige Tage nach dem Datum dieſes Briefes ſtand der Name Juſtus' auf der Liſte der gefallenen Helden. Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Trnrfffffſnfffffſiſſ 11 12 14 15 16 17 18