Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret —— wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————- auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 8 5—---oo-— Nſ 4—.—————— Non possumus. Roman von Fr. Hilarius. Zweiter Band. Leipzig, New-Vork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1870. Erſtes Kapitel. Und dann ſeh' ich nicht, warum das Land dem Miniſter nicht ſo gut Abgaben ſchuldig iſt als dem Könige. Dieſer gibt ſeinen Namen her und jener die Kräfte. Göthe, Clavigo. Eine fieberhafte Spannung kennzeichnet das politi⸗ ſche Leben der kleinen deutſchen Staaten in der Gegen⸗ wart. Ihre Geſchichte iſt eine Anhäufung von Bege⸗ benheiten, deren Summe in keinem Verhältniſſe ſteht zu den gewonnenen Endergebniſſen. Ihre Anſtrengungen und Kämpfe, ihre raſtloſen Verſuche, alle Erſcheinungen und Zuſtände des Lebens in eine Geſetzesformel zu zwängen, ſind nur die Kundgebungen eines Dranges, deſſen tiefſter Grund ſich bisher noch dem allgemeinen Bewußtſein entzog. Sie gemahnen an die thörichte Bemühung jenes Inſulaners, der durch beharrliche Hilarius, Non possumus. II. 1 2 Wanderung längs der Küſte, doch endlich einmal an das Feſtland zu gelangen hoffte. Was wir Großes erreicht haben im Entwicklungs⸗ gange deutſcher Cultur, hatte eine bedingende Voraus⸗ ſetzung— die Verleugnung aller territorialen Schran⸗ ken. Im Banne derſelben begegnen wir bloß An⸗ läufen und unfruchtbaren Verſuchen,— einer erhitzen⸗ den und aufregenden Kreisbewegung, welche keinen aus⸗ gleichenden Ruhepunkt im Erfolge findet. Die ge⸗ wonnenen Ziele ſind alle problematiſch, denn ſie liegen nicht im Mittelpunkte eines wohlgegliederten Ganzen, dem wir angehören.. Dieſer Thatſache begegnen wir auch in dem kleinen Fürſtenthum, dem Schauplatze unſerer Erzählung. Die Kämpfe der Parteien hatten in den letzten Jahren eine unerquickliche Höhe erreicht. Leidenſchaft und Erbitte⸗ rung erweiterten ſtündlich den Riß zwiſchen den ge⸗ mäßigten Liberalen und den nationalgeſinnten Männern des Fortſchritts. In dem Maße als ſich dieſe beiden Parteien der Mitte gegenſeitig ſchwächten, gewannen die Extreme an Kraft und Beſtand. Vor Allem war es die klerikale Partei, welche mit jedem Tage kühner das Haupt erhob. Sie hatte den Vortheil, daß ſie allein einem großen, geſchloſſenen Ganzen angehörte, deſſen Ziel weit über alle Landes⸗ —. 3 marken hinausreichte. An ihrer Ferſe hing nicht das hemmende Bleigewicht der Kleinſtaaterei, und ihre Vor⸗ kämpfer kümmerten ſich wenig um den Scheltnamen der „Vaterlandsloſen.“ Neben den Zerwürfniſſen im Lager der Gegner war es insbeſondere noch ein Moment, das ihre Macht⸗ fülle erweiterte und feſtete,— ihr Einfluß auf die Weiber. Die Fürſtin hatte ſich, dem erlauchten Gatten zum Trotze, offen zu ihrer Fahne bekannt, und zu ihrem Beichtvater den Stiftscanonicus Tobias Sander er⸗ wählt. Dieſer gehörte nicht nur zu den gewandteſten und verſchlagenſten, ſondern auch zu den unerſchrockenſten Kämpen der ſtreitenden Kirche. Man raunte ſich in die Ohren, er ſei ein geheimer Schüler Loyola's, und verdanke juſt dieſem Umſtande ſein raſches Emporſteigen auf der Leiter klerikaler Würden. Das klöſterliche Weſen und der Heiligengeruch in den Gemächern der Fürſtin bildete den entſchiedenſten Gegenſatz zu der heiteren, genußbietenden Pracht am Hoflager des Regenten. Die Nähe dieſer Contraſte machte die Wirkung um ſo auffallender, und es konnte nicht anders kommen, als daß dem leicht erregbaren, leidenſchaftlichen Fürſten dieſer Zwieſpalt im eigenen Hauſe mit jedem Augenblicke unerträglicher ward. Er ſah es für eine Beeinträchtigung ſeiner Machtvoll⸗ 1*½ 4 kommenheit an, daß man von der Norm ſeiner eigenen Empfindungen und Lebensanſchauungen ſo rückſichtslos abwich. Ja, er litt körperlich unter den Einwirkungen des Schattens, welchen der düſtere weſtliche Schloß⸗ flügel, darinnen ſeine Gattin reſidirte, auf den ſonnigen Trakt des neuen Schloſſes warf. Seine wachſende Ab⸗ neigung gegen„Pfaffen und Bonzen“, wie er ſie nannte, hatte nur dieſen äußern anregenden Grund. Ihre Triebfeder lag weder in den politiſchen noch religiöſen Anſchauungen des hohen Herrn. Graf La Rochelle theilte— wiewohl aus anderen Motiven und mit klarerem Bewußtſein— dieſen Wider⸗ willen ſeines Gebieters. Darin lag zum großen Theile das Geheimniß der Gunſt, welche er genoß, und welcher ſchließlich ſelbſt der alte Freiherr von Frieſeneck trotz der perſönlichen Neigung des Fürſten zum Opfer fallen mußte. Aber noch ein anderes Räthſel findet in dieſem Umſtand ſeine Erklärung. La Rochelle war der vollendetſte Ariſtokrat. Frei von dem Vorurtheile, welches den Privilegien des Adels einen vorweltlichen Urſprung zuſchreibt, trug er die feſte und volle Ueberzeugung von der hiſtoriſchen Be⸗ rechtigung, von der ſocialen Nothwendigkeit deſſelben⸗ Er wußte, daß ſeine Ahnen um dieſer Ueberzeugung willen von dem heimatlichen Herde verdrängt wurden —*+ 5 und das Brod der Verbannung aßen. Die modernen Anſchauungen in dieſem Punkte widerſtrebten nicht bloß ſeinem Gefühle, ſondern ſeiner tief gründenden Ueber⸗ zeugung. Aber— mächtiger als dieſe Ueberzeugung, gewaltſamer als alle Vernunftgründe ſeines ſcharfen Verſtandes bewegte ihn eine Leidenſchaft, für die ihm kein Opfer zu gering war. Er wollte— herrſchen! Er wollte der Erſte ſein in einem Staate, gleichgiltig, ob deſſen Ländereien nach Quadratmeilen oder nach be⸗ ſcheidenen Jaucherten gemeſſen würden. Nicht Reich⸗ thum, nicht jenes kleinliche bureaukratiſche Anſehen, das ſich mit einer beſchränkten Sphäre begnügt, nicht Titel und Orden,— wirkliche, reale Macht, Einfluß ohne Abhängigkeit, die Hand allein am Ruder des Staats⸗ ſchiffes, das war die Gletſcherhöhe, nach der er klomm. Darum verzichtete er vor der Hand auf jede äußere Auszeichnung und Würde. Er gewann hiefür den Schein ſtolzer Uneigennützigkeit und ſelbſt die Unab⸗ hängigen im Lande bewunderten ihn. Daß er bisher die Annahme eines Portefeuilles ungeachtet der Wünſche des Fürſten verweigerte, gab all' ſeinen Machthand⸗ lungen die gewinnende Folie männlicher Ueberzeugung. Niemand ahnte, daß er ein Miniſterdecret nur darum nicht annahm, weil er damit die Handhabe zur Leitung ſämmtlicher Miniſterien zu verlieren fürchtete. 6 Die gleichen Beweggründe waren es, welche ihn der liberalen Partei des Landes näherten. Klar lag das Endziel der ultramontanen Beſtrebungen vor ſeinem herrſchſüchtigen Geiſte. Er wußte, wo er die gefährlich⸗ ſten Rivalen ſeiner Macht zu ſuchen hatte. Nur eine Verbindung mit ihren heftigſten Widerſachern ſchützte ihn vor dieſer Gefahr, und gab ſeinen Gegenbeſtrebungen das Anſehen politiſcher Berechtigung. Damit traf er zugleich die Sympathieen ſeines gnädigſten Fürſten, der die freiwillige Betheiligung des Grafen an den Staatsgeſchäften als ein perſönliches Opfer betrachtete und mit Vertrauen und Gunſt belohnte. Die Regie⸗ rungsgeſchäfte waren für die Durchlaucht eine Laſt, die ſie gern anderen Schultern aufbürdete. Noch blieb aber eine Klippe zu umſchiffen, und wir müſſen den Lotſen bewundern, der auch hier das Fahr⸗ zeug richtig zu lenken wußte. La Rochelle verſtand die liberale Strömung der Zeit, und bis zu dem Punkte, wo ſie Beſtand und Vorrechte des Adels antaſtete oder an den ſouveränen Machtverhältniſſen rüttelte, glaubte er ſogar an ihre Berechtigung. Bei dem Fürſten war das nicht der Fall. Hatte ſeine Abneigung gegen den Klerus einen perſönlichen Charakter, ſo war ſein Wider⸗ wille gegen das„Demagogenthum“ dinglicher Natur, aber nicht minder heftig. Es gehörte alle Kunſt und 3 7 diplomatiſche Gewandtheit des Grafen dazu, die Noth⸗ wendigkeit eines politiſchen Zuſammengehens einleuch⸗ tend zu machen, welches nach der allerhöchſten Anſicht die Berührung mit den ſchmutzigſten Elementen zur Folge haben mußte. La Rochelle wußte aber den Be⸗ weis zu liefern, daß die Einnahme eines Parteiſtand⸗ punktes unerläßlich ſei, um gewiſſe Ziele zu erreichen. Sei die Höhe gewonnen, ſo ſei es ein Leichtes, die Hand zurückzuweiſen, die uns über Klippen und Klüfte hin⸗ weg geholfen. Unter ſolchen Verhältniſſen und Gegenſeitigkeiten übernahm Doctor Julian die Stelle als Rath im Mi⸗ niſterium. Der Graf hatte keineswegs die Gefahr unterſchätzt, die mit der Empfehlung dieſes Mannes verknüpft war. Er ahnte— ja er wußte, daß er ſich ſelbſt einen Nebenbuhler an die Seite ſetzte; aber er konnte nicht anders. Er war im Banne des Menſchen, den ein böſer Genius den Weg über die Schwelle ſei⸗ nes Hauſes geführt hatte. Die Richtigkeit ſeiner Befürchtungen beſtätigte ſich auch früher, als er vermuthete. Mit unerhörter Raſch⸗ heit ſetzte ſich Julian in der Gunſt des Fürſten feſt. Er gewann deſſen Vertrauen, ohne ſich im mindeſten den Schein zu geben, als ob er darum buhle. Nie drängte er ſich vor; aber wo er auftrat, geſchah es mit 8 Sicherheit und Selbſtbewußtſein. So bildete ſich in den Hofkreiſen, zu welchen er alsbald gezogen wurde, in nächſter Friſt ein feſtes Urtheil über ihn. Man ſtimmte vollkommen der Anſicht des ſcharfſinnigen Hofmedicus bei:„Hochmüthig und arrogant, wie jeder Emporkömm⸗ ling!“ Nichts deſto weniger bewarb ſich Alles, vom Hofjunker bis zum höchſten Würdenträger, um deſſen Gunſt. Was man von ihn hielt, ziſchelte man ſich in die Ohren; was man von ihm wünſchte, kleidete man in die Sprache tiefſter Verehrung für den genialen Mann. Julian wußte, wie er das Alles zu nehmen habe. Er ſah durch die ausgeſchnittenen Augenhöhlen der Larven das ganze Geſicht dieſer Schauſpielerbande, und begnügte ſich, ſie gründlich zu verachten. So vergingen Jahre, ohne daß es La Rochelle ge⸗ lang, den wachſenden Einfluß eines Rivalen zu hemmen, den er ſich ſelbſt an die Seite hatte ſetzen müſſen. Noch ruhte zwar die perſönliche Neigung des Fürſten vorzugsweiſe auf ihm; aber er fühlte, wie ſein Anſehen in den maßgebenden politiſchen Kreiſen allgemach ſchwand. Julians Stimme überholte ſeine Rathſchläge und der Fürſt hielt alsbald auf deſſen Worte mehr, als auf das Votum des geſammten Miniſterraths. Noch ein wichtiger Umſtand machte den Grafen be⸗ denklich. Von ſeinen Schmeichlern und Paraſiten zog — 1 —— W 9 ſich Einer nach dem Andern zurück. Er wußte, daß dieſe Leute mit einem wunderbaren Inſtincte die Strömungen der Hofluft wittern, und gleich den Schwal⸗ ben das Haus verlaſſen, in welches der Wetterſtrahl einſchlägt. Alſo galt es, eine Kataſtrophe mit aller Klugheit und allem diplomatiſchen Witze abzuwenden. Zu den gefügigſten Werkzeugen La Rochelle's ge⸗ hörte der Finanzminiſter. Herr von Schimmelbein war eine jener gefeiten Perſönlichkeiten, welche von Stufe zu Stufe ſteigen, weil ſie das Unglück haben, nirgends ihren Platz anſtändig auszufüllen. Erſcheinungen, wie Herr von Schimmelbein, gehören keineswegs zu den Seltenheiten in der Beamtenwirthſchaft. Man muß auf der einen Seite der Protection Rechnung tragen; auf der anderen Seite bedarf man der Figuranten welche bloß den leeren Raum auf der Bühne auszu⸗ füllen haben. Herr von Schimmelbein war noch vor etlichen Jah⸗ ren Kaufmann, der Soll und Haben öfter verwechſelte, als es ſich mit ſeinem Vermögensſtande vertrug. Er fallirte— zum großen Leidweſen nicht bloß ſeiner Gläu⸗ biger, ſondern auch jener wackern Männer, die in den Tagen, da die Firma noch blühte, ſeiner verſchwende⸗ riſchen Gaſtlichkeit alle Ehre angedeihen ließen. Einer gefallenen Größe dieſer Gattung mußte man wieder 10 unter die Arme greifen. Noch ließ ſich aus dem Wracke ſeines Vermögens ſo viel retten, als zu einer anſtän⸗ digen Bürgſchaftsſumme ausreichte. Damit gelang es Herrn von Schimmelbein, ſeine Mitbewerber zu über⸗ flügeln. Er ward Armeelieferant. Schönes Feld der Thätigkeit für einen begabten Mann, welcher nicht an Aengſtlichkeit und Engbrüſtig⸗ keit leidet! Herr von Schimmelbein war offenbar zu genial für das krämerhafte Philiſterthum ſeines bis⸗ herigen Berufs, und ſein Bankerott war die Vor⸗ ſehung, die ihn auf die rechte Bahn leitete. Seine ſegensvolle Aufgabe löſte er mit eben ſo viel Glück als Klugheit, und mit ſeinem Reichthume wuchs die Ueber⸗ zeugung, daß ihm auf dem Gebiete ſicherer Finanzſpe⸗ culationen Keiner das Waſſer reiche. Gewiſſe militä⸗ riſche Größen, die ihm kleine Verbindlichkeiten ſchulde⸗ ten, ſchwärmten geradezu für ihn, und als man den bisherigen altersſchwachen Finanzminiſter in den Ruhe⸗ ſtand verſetzte, lenkte man das Augenmerk der Durch⸗ laucht auf Herrn von Schimmelbein. Der Armeelieferant ward zur Excellenz. Er fand ſich raſch in die veränderte Lebensſtellung, und der neue Beruf dünkte ihm Kinderſpiel gegen die hals⸗ brecheriſchen Wagniſſe ſeiner bisherigen Handthierung. Für ſein neues Wappen wählte er ſich die Deviſe. 11 per aspera ad astra. Uebrigens bewährte er die gleiche Liebenswürdigkeit im Bureau, im Audienzzimmer, wie daheim im vertrauten Kreiſe ſeiner Freunde und Freundinnen. Seine Gaſtereien waren tadellos, ſeine Weine die blumigſten und ſeine Tochter Roſamunde die reizendſte Hebe, die man im ganzen Fürſtenthum fin⸗ den konnte. Dieſe ungemeinen Vorzüge ließen die kleinen Schwä⸗ chen der Excellenz in den Schatten treten. Es war offenbar nur die Stimme des Neides, die davon ſprach, daß der Aufwand des Miniſters ſeine Einkünfte über⸗ ſteige. Herr von Schimmelbein war vorſichtig genug, ſich beſondere Verdienſte auch beſonders belohnen zu laſſen. Glücklicher Weiſe ſetzte ihn das Mißverhältniß zwiſchen der Civilliſte und dem Bedarfe des fürſtlichen Hofhaltes häufig genug in die Lage, die Staatskaſſe mit einem gnädigſten Handbillete zu überraſchen, das den Finanzminiſter um ſeiner treugeleiſteten Dienſte willen mit anſehnlicher Gratification bedachte. La Rochelle beurtheilte Verhältniſſe und Menſchen viel zu richtig, um nicht die Niederträchtigkeit des Mi⸗ niſters völlig zu durchſchauen. Aber es fand ſich kein Zweiter, welcher die Verantwortung für eine gewiſſen⸗ loſe Verwaltung des Staatsſchatzes ſo unbedingt und ſorglos übernommen hätte. Und doch bedurfte es eines 12 ſolchen, um dem Grafen die Gunſt des Fürſten zu ſichern. In allen ihren Verlegenheiten wendete ſich die Durchlaucht an La Rochelle, und ein Wink von deſſen Seite genügte, um den bereitwilligen Herrn von Schimmelbein zu einer kleinen Finanzoperation zu be⸗ wegen. Der treffliche Herr war eine wahre Wünſchel⸗ ruthe, die ſtets auf verborgene Goldquellen zeigte. Bei dem ungemeinen Scharfſinn, womit der Mini⸗ ſter ſeine Rechnungen zu ſtellen und zu verſtellen wußte, konnte man es geradezu als ein Wunder betrachten, daß die Landtagscommiſſion ſchließlich dennoch auf et⸗ liche kleine Anſtände ſtieß. Der Verdacht war ange⸗ regt, und gab Anlaß zu tiefer gehenden Unterſuchungen Mit jeder Stunde wuchs die Verlegenheit des Finanz⸗ miniſters. „Darf ich mich wohl auf die allerhöchſten Wünſche und Befehle berufen?“ fragte er den Grafen nach einer verhängnißvollen Sitzung, deren Wirkungen noch in lichten Schweißperlen auf ſeiner Stirne ſichtbar waren. „Haben Sie Beweiſe hiefür?“ erwiderte La Rochelle trocken.„Wie ich die Sache anſehe, denke ich, daß die Durchlaucht durch die Verantwortlichkeit des Miniſters geſchützt ſein wird.“ Schimmelbein biß ſich auf die Lippen. Er fühlte, 13 daß er ſich ohne alle Gewähr einem Manne verkauft hatte, an deſſen Klugheit ſein eigenes Talent nicht reichte. Was nützte es ihm, die moraliſche Urheber⸗ ſchaft ſeiner Handlungen auf einen Dritten zu wälzen, den keine Beamtenpflicht feſſelte? Der Graf hatte nichts zu vertreten, am wenigſten die Bereitwilligkeit eines Finanzminiſters, leiſe angedeutete Verlegenheiten ſeines fürſtlichen Freundes um jeden Preis zu heben. „Ich bedaure die fatale Lage, in welche Sie Ihre allzu große Loyalität verſetzte“, fuhr La Rochelle nach einiger Zögerung fort.„Doch würde eine Verletzung der Diſcretion, welche Sie unſerem durchlauchtigen Herrn ſchulden, die Wirkung kaum ſchwächen.“ Der Miniſter ſah ihn zweifelhaft an. In dieſer Anſpielung auf pflichtgemäße Verſchwiegenheit entdeckte ſein Scharfſinn die ſichern Spuren der Furcht, er möge aus der Schule ſchwatzen. Daraus ließ ſich offenbar Kapital ſchlagen.„Rien est perdu, près de Phon- neur“, dachte ſich der ehrenwerthe Finanzmann, ſtrich mit der breiten Hand über die Stirne, als wollte er die Falten glätten, womit die Sorge ſie gefurcht hatte, und ſeine Züge fanden ſich allgemach wieder in die ge⸗ wohnte ſybaritiſche Heiterkeit. Vertraulich trat er an den Grafen heran, faßte den Widerſtrebenden beim Handgelenke und erwiderte lachend:„Ihr Wort in 14 1 Ehren, Graf, aber Sie halten mich nicht bloß für einen Schelm, ſondern auch für einen Dummkopf. Das müſſen Sie beileibe nicht thun— beileibe nicht— in Ihrem eigenen Intereſſe. Sehen Sie, mein Verehr⸗ teſter, wenn unſer Einer gezwungen iſt, ſich inſolvent zu erklären, ſo kümmert er ſich den Teufel um Dis⸗ cretion. Ich werde reden, Herr Graf. Ja wahrhaf⸗ tig, ich werde ſehr laut, ſehr verſtändlich reden!“ Mit einem leiſen Fluche machte ſich La Rochelle von ſeiner Umklammerung los.„Meinetwegen ſchwatzen Sie ſich an den Galgen!“ verſetzte er zornglühend und wendete ſich ab. Aber Herr von Schimmelbein hatte bereits wieder jene Höhe des Gleichmuthes erlangt, auf welcher ihn keine Sottiſe mehr angriff. Ohne der Unterbrechung zu achten, fuhr er fort: „Ich werde mich aller Vorausſetzung gemäß auf meine allzu große Loyalität berufen, wie Sie das Ding nannten. Unter vier Augen, lieber Graf, hätten Sie das Kind auch beim rechten Namen nennen dürfen, ich hätte Ihnen nicht gezürnt, wahrhaftig nicht. Wiſſen Sie, was ich mit dieſer Berufung gewinne?“ La Rochelle antwortete nicht. Er hatte ſich an den Schreibtiſch geſetzt und das nächſtliegende Buch zur Hand genommen. Der Miniſter poſtirte ſich hinter ihn, 1 - — — 15 ſtützte ſich mit der Linken auf die Stuhllehne, ſteckte den Zwicker in's Auge und nahm über die Achſel des Grafen eine Weile ſcheinbar an deſſen Lectüre Theil. Dann ſagte er leiſe und vertraulich: „Kennen Sie den Pater Abraham a Sancta Clara, lieber Graf? Ein drolliger Kauz! Mir fällt juſt eine Aeußerung von ihm ein: Kein Schelmenſtück iſt ſo groß, daß man es nicht mit einem Geldſtück bedecken könnte. Iſt das nicht ungemein treffend und witzig, he?“ Es erfolgte keine Antwort. Nach einer kurzen Pauſe fuhr Schimmelbein fort:„Was bieten Sie mir, Er⸗ laucht, wenn ich meine Ehre daran gebe, um die Ihrige zu retten?“ „Geben Sie ſofort Ihre Entlaſſung ein“, erwi⸗ derte La Rochelle, ohne die Augen vom Buche zu wenden. „Um vorläufig zur Dispoſition geſtellt zu werden, und mit Anſtand zu verhungern?“ „Seine Durchlaucht werden Ihre Hingebung zu be⸗ lohnen wiſſen.“ „Und die Kammer——?“ „Mag in dem Opfer, das Sie bringen, einen glän⸗ zenden Erfolg ihrer Machtvollkommenheit erblicken. Die Herren werden die Sache beruhen laſſen.“ 16 „Vortrefflich, lieber Graf! Nur noch die ſchüchterne Frage: Wer übernimmt die Garantie? Zum zweiten Mals die Kaſtanien aus der Aſche zu holen, verträgt ſich nicht mit der guten Meinung, die ich von mir hege. Ohne die verbriefte Sicherheit eines Erſatzes möchte ich wahrhaftig das Portefeuille nicht früher aus der Hand geben, als ich muß. Keinenfalls früher, als die Akten geſchloſſen und die Triebfedern meiner Handlungen klar geſtellt ſind.“ Die Forderung rechtfertigte ſich aus der Sachlage. La Rochelle war ſo billig, dieſes bei ruhigem Blute ein⸗ zuſehen und ſich zu einem Vertrage zu bequemen, der ihm den Schein reiner Hand und die fortgeſetzte Gunſt des Fürſten rettete, und dem Miniſter die verläſſige Ausſicht auf eine einträgliche Sinecure ſtellte. Beide ſchieden mit lächelndem Händedruck und unter der herz⸗ lichen Verſicherung gegenſeitiger Hochachtung. Noch deſſelben Tages gab Herr von Schimmelbein ſeine Entlaſſung ein. Die Menſchen ſind eben ſo geneigt, eine hervor⸗ ragende Größe zu ſtürzen, als eine geſtürzte Größe zu bedauern. Allgemein hieß es, der edle Mann habe im Conflicte widerſprechender Pflichten gegen Staat und Souverän der Loyalität ein hochherziges Opfer gebracht. Selbſt die Kammer fühlte drob ein menſchliches Rüh⸗ 17 ren. Die Unterſuchung wurde niedergeſchlagen, und es erfolgte eine Indemnitätsbill. Nach wenigen Wochen erledigte ſich der Poſten eines Präſidenten des oberſten Lehenshofes. Die Stelle er⸗ heiſchte weder Kenntniß noch Tugend, aber ſie warf ein hübſches Einkommen ab. Wer konnte ſie mit mehr Würde bekleiden, als Herr von Schimmelbein? La Rochelle hatte ſein Wort eingelöſt, wenn auch mit etwas mehr Anſtrengung und Mühe, als er ver⸗ muthen konnte. Denn der Fürſt wollte, in Folge einer natürlichen Regung des Dankgefühls, lange nicht auf die Entlaſſung des Miniſters eingehen. Er betrachtete das Vorgehen der Kammer als eine verletzende An⸗ maßung, als eine Beeinträchtigung der Kronrechte und es gehörte die Feinheit des Grafen dazu, um ſeiner Durchlaucht gewiſſe conſtitutionelle Grundſätze mundge⸗ recht zu machen. In der äußerſten Verlegenheit erbot er ſich ſelbſt zur Bildung eines neuen Miniſteriums und zur Uebernahme des Vorſitzes in demſelben. „Ich entſage damit einer ſchönen, zwangloſen Frei⸗ heit“, bemerkte er,„die bisher keine andere Feſſel kannte, als die Gunſt meines gnädigen Fürſten. Wie hoch ich dieſe Unabhängigkeit hielt, möge mein Thun und Laſſen bezeugen, das nun ſeit ſieben Jahren offen und unver⸗ hüllt vor den Augen Eurer Durchlaucht legt. Wenn Hilarius, Non possumus. II. 18 ich nun meine Grundſätze aufgebe, und mich in die Formen und Verpflichtungen eines Beamten füge, ſo geſchieht es nur, um einem Wunſche meines hohen Herrn zu genügen.“ Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. In der That betrachtete der Fürſt das Anerbieten La Rochelle’s als ein Opfer von ungewöhnlicher Höhe. Als er nun gar in der Liſte der Miniſtercandidaten auch den Na⸗ men des Hofraths Julian las, gab er mit ſichtlicher Befriedigung ſeine unbedingte Zuſtimmung. Die Kriſis war beſeitigt. Der Graf ſtand im Ze⸗ nith des Vertrauens und der perſönlichen Gunſt ſeines Souveräns. Mit dem befriedigenden Bewußtſein, daß dieſe Unterredung ihn an das Ziel all' ſeiner Wünſche geleitet, daß ſie ihm die Macht eines Generalbevoll⸗ mächtigten in die Hände gelegt habe, verließ er das Cabinet. Selbſt der Vorſchlag Julian's als Miniſter⸗ candidaten, welcher mit ſo unverkennbarem Wohlwollen entgegengenommen wurde, war nur ein Einſchlag in den künſtlichen Zettel ſeiner Plane. In Folge Alles deſſen war ſeine Stimmung eine ſo freudig erregte, daß er ſelbſt den dienſthabenden Kammerjunker von Luchsberg, ſeinen rückſichtsloſeſten Widerſacher, mit einigen liebenswürdigen Worten in Verlegenheit ſetzte, als er durch das Vorzimmer ſchritt. —— 19 Dann verlor er ſich in den labyrinthiſchen Corri⸗ dor des Schloſſes. Er war mit dieſem architektoniſchen Wirrſal beſſer vertraut, als mit den Räumlichkeiten ſeines eigenen Hauſes. Wer einen Hofmann ſpielen will, muß das Terrain kennen, nicht bloß die große helle Arena der Pracht⸗ räume und Empfangsſäle, auch jene dunkeln Termiten⸗ gänge und Winkeltreppen, durch welche die Myſterien der Reſidenzen auf Socken ſchleichen. Von keinem unberufenen Späherauge verfolgt, war der Graf an eine ſchmale Wendeltreppe des weſtlichen Schloßflügels gelangt, welche durch eine geheime Thür unmittelbar in die Gemächer der Fürſtin geleitete. Er zögerte einen Augenblick, ehe er die Klinke hob. Aber der vorübergehenden Beklemmung, welche ihm der ver⸗ wegene Schritt verurſachte, folgte alsbald wieder jene leidenſchaftsloſe Glätte der Züge, die nicht die leiſeſte nnere Bewegung verrathen ließ. Wie die Sprache zur Verheimlichung der Gedanken, ſo dient dem Diploma⸗ ten die Phyſiognomie zur Verhüllung der Empfindungen. Seine höchſte Kunſt iſt, die Kunſt eines Lavater zu täuſchen. „Heiliger Gott!“ rief die im Vorzimmer weilende Kammerfrau, indeß ihr der Schrecken das Blut aus dem Geſichte trieb.„Welcher Dämon lenkte Ihre 2* 20 Schritte hierher, Erlaucht? Sie ſind im nächſten Augen⸗ blicke verrathen. Die Durchlaucht erwarten ſo eben ihren Beichtvater!“ „Um ſo mehr Eile hat es, ſchöne Aurelie!“ erwiderte der Graf lächelnd.„Melden Sie mich bei der Fürſtin!“ Wie vom Starrkrampfe erfaßt, rührte ſich die An⸗ geredete nicht von der Stelle. Scheu und prüfend ruhte ihr Blick auf La Rochelle, als fürchte ſie eine plötzlich eingetretene Sinnesverwirrung. Aber dieſer fuhr mit drängender Entſchiedenheit fort: „Sie kennen meine Ungeduld, Fräulein Aurelie. Laſſen Sie mich nicht länger warten und melden Sie mich bei der Durchlaucht. Sagen Sie, es ſei eine ge⸗ bieteriſche Nothwendigkeit, daß mir die Gnade einer Audienz gewährt werde; es hänge Alles— hören Sie? — Alles von dieſer Gewähr ab.“ Die Kammerfrau verließ das Gemach. In großen Schritten, mit verſchränkten Armen durchmaß der Graf den Raum, als wollte er den letzten Reſt innerer Auf⸗ regung durch dieſe heftige Bewegung ausgleichen. Es dauerte einige Minuten, ehe ſeinem Verlangen nachge⸗ geben ward. Eine hohe Geſtalt von faſt männlichen Formen, in ſchmuckloſes, dunkles Seidengewand gehüllt, ſtand ſtramm und aufrecht in Mitte des Cloſets. Das Licht des 21 Raumes war durch die Glasmalereien der hohen Bogen⸗ fenſter faſt bis zur Dämmerung gebrochen. Auf dem dunklen Grunde der Wände hoben ſich die matten Gold⸗ rahmen, welche die Bruſtbilder von Heiligen umſchloſſen Die Mitte des Gelaſſes nahm ein großer, nach alt⸗ deutſchem Muſter geſchnitzter Eichentiſch ein, auf deſſen Platte Zeichnungen, Mappen und Bücher in regelloſem Durcheinander aufgehäuft langen. Ein mächtiger Wand⸗ ſchrank und etliche Stühle von verwandter Form, eine Staffelei mit einer Nachbildung der Madonna della Sedia und ein zierlich geſchnitzter Hausaltar in der Ecke bildeten den Reſt einer Einrichtung, welche den Geiſt, der hier waltete, mit den erſten Blicken erra⸗ then ließ. Zum erſten Male ſeit ſieben Jahren betrat La Rochelle wieder dieſen Raum. So lange hatte ihn die Ungunſt der Fürſtin aus demſelben verbannt. Ihn mochte die Erinnerung an eine Zeit überkommen, wo hier noch eine mehr weltliche, heitere Pracht ihre Stätte aufgeſchlagen und die Kunſt noch eine allgemeinere Berechtigung hatte. Denn überaſcht und befangen hielt er an der Schwelle inne, und nach dem erſten ehr⸗ furchtsvollen Gruße irrte ſein Blick wie in verlegener Ungewißheit über alle dieſe Gegenſtände hin, die ihn fremd und froſtig anſahen. Die feinen Lippen der Fürſtin verdünnten ſich zu einer ſchmalen Linie. Ihre dunklen, vollen Brauen neigten ſich über die tiefliegenden, blaugrünen Augen, deren ſtechender Blick den Eintretenden vom Scheitel bis zur Sohle maß. Sonſt lag eine eiſige Kälte und Ruhe in dieſem marmornen Geſicht, auf dieſer breiten Stirne mit den ſcharf markirten Schläfen, an welche ſich das rabenſchwarze Haar glatt und klöſterlich an ſchmiegte. La Rochelle litt ſichtlich unter der Wirkung des beklemmenden Schweigens, das die ſtolze Frau ab⸗ ſichtlich über Gebühr auszudehnen ſchien. Endlich hob ſie mit feſter, tiefer Stimme an: „Ich bewundere die Kühnheit des Grafen von La Rochelle, noch einmal den Fuß über dieſe Schwelle zu ſetzen. In der That, die Gewähr ſeines Verlangens verdankt er bloß meiner eigenen Neugierde. Ich möchte erfahren, wie weit die Vermeſſenheit eines Mannes zu gehen vermag!“ „Durchlaucht!“ erwiderte La Rochelle und ſein Blick begegnete zum erſten Male dem der Fürſtin. Unwill⸗ kürlich ſenkten ſich ſeine Wimpern wieder und er fand die Worte nicht, die er ſich doch ſo beſtimmt für dieſe Begegnung zurecht gelegt hatte. Wieder entſtand eine Pauſe; auch die Fürſtin ſchwieg und weidete ſich eine geraume Weile an der ängſtlichen Verlegenheit des 23 ſchlagfertigſten Mannes am ganzen Hofe. Dann fuhr ſie ohne die mindeſte Aenderung in Ton und Haltung weiter: „Meine Zeit iſt koſtbar. Ich muß den Grafen von La Rochelle erſuchen, mir möglichſt ſchnell und bündig den ſeltſamen Grund mitzutheilen, der ihn zu dieſem Schritte veranlaßte.“ „Ich kenne die Größe meines Wagniſſes, Durch⸗ laucht“, entgegnete dieſer,„aber ich weiß auch, daß ich nichts mehr zu verlieren habe, nachdem ich— Alles bereits verlor.“ „Ich haſſe Floskeln und Umſchweife!“ fiel ihm die Fürſtin ins Wort, und ein ſarkaſtiſcher Zug ſpielte um ihre Mundwinkel.„Zur Sache!“ „Ich gehorche! Vielleicht täuſche ich mich; aber ich hielt es für meine Pflicht, Durchlaucht die Andeutung einer bevorſtehenden Kriſis zu geben. Ein Miniſter⸗ wechſel...“ „Die Politik iſt mir fremd,— die Puppe, die Sie an die Spitze dieſes oder jenes Departements ſtellen, namenlos gleichgiltig.“ „Aus meiner Werkſtätte, Durchlaucht, gehen keine Miniſter hervor. Ich ſtehe— oder ich ſtand wenig⸗ ſtens bis zu dieſem Augenblicke jedem Staatsgeſchäfte fern.“ 24 Die Fürſtin lachte laut und höhniſch.„Der er⸗ lauchte Graf von La Rochelle“, entgegnete ſie,„hält mich für einen Gevatter Leineweber, der über ſein Geſpinſt nicht hinausſieht. In der That, naiv!— oder impertinent, à votre aise!“ La Rochelle biß ſich auf die Lippen. Aber er ver⸗ gaß nicht, daß es eine Frau war, die vor ihm ſtand. In gleich ehrfurchtsvollem Tone erwiderte er:„Es iſt nicht zum erſten Male, daß ich Eure Durchlaucht um die wunderbare Gabe des Vorgeſichts zu beneiden wage. Dießmal wahrhaftig hat mich mein gnädigſter Fürſt nicht nur mit der Bildung des neuen Miniſte⸗ riums betraut, ſondern mir ſelbſt das Präſidium gnä⸗ digſt übertragen.“ Ueberraſcht trat die Fürſtin einen Schritt zurück. Doch genügte ein Augenblick, ihr die Faſſung wieder zu geben.„Das iſt gut!“ verſetzte ſie mit der vollen, ſchneidenden Schärfe ihres Organs.„So wird die Hand ſichtbar, welche die Fäden lenkt. Die Zaghaften und Abergläubiſchen werden erſtaunen, daß es nur eines Menſchen Hand iſt. Der Nimbus wird weichen, — ich gratulire Ihren Feinden, Herr Graf! Aber Sie haben mich getäuſcht! Sie ſchützten weltbewegende Kataſtrophen vor, um ſich in meine Nähe zu drängen, und behelligen mich nun mit Nichtigkeiten. Dem Pre⸗ 25 mierminiſter werde ich officielle Audienz gewähren. Der Graf von La Rochelle iſt entlaſſen!“— Ihre Rechte hob ſich und die Hand deutete nach der Thüre. Des Gebotes nicht achtend, trat La Rochelle einen Schritt vor, und indem er ſich auf das Knie nieder⸗ ließ, rief er in flehenden Tone:„Beim allmächtigen Gott, Durchlaucht mißkennen mich! Ich weiß, daß meine Stimme keinen Widerhall mehr findet in dem Herzen meiner gnädigſten Fürſtin,— ich weiß, daß ich der Felonie geziehen bin,— daß ich kein Canoſſa finde, um meine Schuld abzubüßen! Aber ich beſchwöre Eure Durchlaucht bei Allem, was heilig iſt,— bei dem Gedächtniſſe einer längſt begrabenen Vergangen⸗ heit——“ Eine Gluth, gleich dem Widerſchein einer aufflackern⸗ den, ſchnell verlöſchenden Lohe flog über Wangen und Stirne der Fürſtin. Ihre Brauen zogen ſich ſo tief herab, daß aus ihrem Schatten die Augenſterne wie Funken vorleuchteten. „La Rochelle!“ preßte ſie zwiſchen den Zähnen vor, und ſtreckte ihre Arme wie abwehrend aus. Der Graf hielt eine Weile inne, dann fuhr er fort und ſeine klangvolle Stimme ward weicher und melo⸗ diſcher mit jedem Worte:„Nicht eitle Selbſtſucht, nicht eine ekle politiſche Frage iſt es, die mich zum Bann⸗ 26 bruche verleitete. Nein, Durchlaucht, beim Blute mei⸗ nes Heilands! Nur die Gefahr, die meiner hohen Ge⸗ bieterin ſelbſt droht, drängt mich zu ihren Füßen. Ich weiß, daß der Flügel dieſes gewaltigen Geiſtes längſt zum reinen Aether der Alpenhöhe ſich aufgeſchwungen — weit über die Moräne weltlicher Niedrigkeit und Leidenſchaft. Durchlaucht haben gefunden, wonach ich noch ſchmerzlich ringe. Aber je ferner mir ſelbſt dieſes Ziel, deſto unſchätzbarer ſcheint mir die Errungenſchaft. Ich kann den Gedanken nicht faſſen, daß man Eurer Durchlaucht den Beſitz derſelben verkümmere, daß man jetzt noch nach den längſt verwiſchten Spuren eines Makels ſucht,— und dieß Alles um meinetwillen!“ „Ich verſtehe Sie nicht, La Rochelle“, entgegnete die Fürſtin milderen Tones. Ehe jedoch dieſer das Wort wieder nahm, fügte ſie bei:„Erheben Sie ſich! Ich bin dieſe Stellung nur von Bettlern ge⸗ wohnt!“ Indem er dem Befehle, der ihn von einer höchſt unbequemen Situation befreite, raſch nachkam, erwi⸗ derte der Graf:„Vielleicht war es auch ein Mißver⸗ ſtändniß, als mich jener tödtliche Vorwurf traf, daß ich die Fürſtin um des Fürſten willen verrathe. Ich habe die Gunſt Seiner Durchlaucht nie beſeſſen.“ „So hätte es höchſtens an Ihrer Kunſt, aber nicht — 27 an Ihrem Willen gefehlt. Doch— ich glaube Ihrem Worte nicht.“ „Und dennoch iſt es wahr. Man hat meinen Rath verlangt; meine Dienſte waren je uneigennütziger, deſto angenehmer. Ich war offener und klüger als hundert Andere, und man fand es höchſt anſtändig, daß ich mein Talent einen Staate opferte, der mir bis zur Stunde kaum das Bürgerrecht gewährte.“ „Ein kleiner Mann denkt niedrig von ſich ſelbſt!“ ſchaltete die Fürſtin ſarkaſtiſch ein. „Ja, Durchlaucht!“ fuhr La Rochelle mit der Miene edlen Stolzes fort.„Ich war meines eigenes Werthes bewußt, und darum habe ich nach der perſönlichen Nei⸗ gung meines Fürſten nicht gegriffen, wie das Kind nach dem Apfel, aber ich habe ſie gewünſcht. An dieſen Gewinn knüpfte ich den Gedanken einer Sühne meiner Schuld. Nun mag ich mit meinem Gefühle ab⸗ rechnen; denn ich habe mich bitter getäuſcht.“ „Sind Sie deß' vollkommen gewiß?“ „Soll ich glauben, daß Durchlaucht den Vorgängen am Hofe ſo völlig fremd ſeien? Man hat einen—— Beſſeren als mich der höchſten Gunſt gewürdigt—“. „Julian?“ fragte die Fürſtin raſch und leiſe. „Er wird Cultusminiſter an Herrn von Humfrieds Stelle!“ erwiderte La Rochelle. 28 Die Wirkung dieſer Antwort war ſchlagender, als er ſelbſt vermuthete. Die Fürſtin erbleichte bis an den Lippenrand, und ihre Hände zitterten. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe ſie wieder Gewalt über ſich gewann, und das leiſe Zucken ihrer Mundwinkel nach⸗ ließ. Die heftige Gemüthserſchütterung ließ ſie ſelbſt den lauernden Blick des Grafen überſehen, der ſich im Stillen das Zeugniß des vollendetſten Künſtlers nicht verſagen konnte. Als nach längerer Pauſe eine Ent⸗ gegnung nicht erfolgte, hielt er es an der Zeit, den Act mit der richtigen Pointe zu ſchließen. Gedämpften Tones, als klänge die empörte Empfindung der hohen Frau ſchmerzlich in ihm nach, fuhr er fort: „Das Räthſel, wie man Premierminiſter wird, iſt gelöſt. Durchlaucht wiſſen, wie lahm die Schwingen meines Ehrgeizes ſind. Mein Stolz und mein Selbſt⸗ ſtändigkeitsdrang überflügelten bis jetzt jeden Wunſch nach Amt und Ehre. Nun habe ich dieſen beiden ſchönen Gütern entſagt. Ich habe mich ſelbſt verkauft, um mich zwiſchen den Fürſten und jenen Mann zu drängen, dem jedes Mittel zur Befriedigung ſeines Ehr⸗ geizes gerecht iſt. Nur auf dieſe Weiſe vermochte ich den unausgeſetzten Verkehr deſſelben mit Seiner Durch⸗ laucht und deſſen Folgen abzuwenden. Das Präſidium im Miniſterrathe war Dr. Julian zugedacht.“ 29 „Das war klug und gut von Ihnen“, entgegnete die Fürſtin, deren Stimme noch immer eine tiefe Be⸗ klemmung verrieth.„Ob Sie aber ein Opfer— und ob ſie dieſes Opfer mir gebracht?— dem Grafen von La Rochelle wird es ſchwer fallen, dieſen Zweifel zu verdrängen!“ Wie ein Schatten legte es ſich auf des Grafen Miene. Geneigten Hauptes antwortete er:„Wer rech⸗ net dem Manne ſeine Vergangenheit nach? Man fragt uns, was wir ſind, nicht was wir waren. Bei den Frauen dunkelt jeder Flecken nach. Ich habe für die Ungerechtigkeit, die hierin liegt, nicht einzuſtehen.“ Die Fürſtin zog die Lippen zuſammen, und eine leiſe Röthe trat auf ihre Wangen:„So hätten Sie alſo ſchlimmſten Falles perſönlich nichts zu verlieren gehabt?“ fragte ſie. Raſch erwiderte La Rochelle:„Bei Gott, nein! Was ich verloren hätte, iſt bereits nicht mehr mein Beſitz. Ich habe meinen hohen Herrn zu einer Maßnahme gedrängt, die ſeinem Wunſche und ſeiner Neigung widerſprach. Daß ich damit in ſeiner Gunſt nicht ſtieg, liegt nahe, wenn er auch meinen Vernunft⸗ gründen nachgab. Nun ſtehe ich mit offener Bruſt meinen Feinden gegenüber, und ich weiß, daß deren Zahl Legion iſt. Durchlaucht hatten allen Fug, ihnen Glück zu wünſchen. Nun muß ich Alles vertreten, nicht 30 bloß meine Anſicht,— für Alles einſtehen, nicht bloß für meine Ueberzeugung. Mich treffen alle Pfeile des Haſſes und der Verunglimpfung. Ich habe mich ſelbſt zum Heloten gemacht— ſo wahr ich athme, Durchlaucht, nicht um meines eigenen Vortheils willen!“ Eine Pauſe trat ein. Die Fürſtin war bewegt, aber ſie vermied es, durch ein Wort ihr Gefühl zu ver⸗ rathen. Ihre Blicke begegneten jenen La Rochelle's, und ſie ſchlug die Wimpern nieder. Da hub dieſer wieder an: „Ich bitte meine gnädigſte Fürſtin— nicht um Zu⸗ rücknahme des Anathems, das auf meinem Haupte ruht — nicht ſtatt unlöſchlichen Haßes eine Blume zu pflan⸗ zen auf die Grabſtätte todter Erinnerungen, ich bitte nur, mir ſo viel ritterlichen Sinn zuzumuthen, daß ich noch Etliches auf's Spiel zu ſetzen wage um der Ehre einer hohen Frau willen. Eine weitere Bitte—— aber ſie wagt ſich kaum über meine Lippen.“ „Sprechen Sie, La Rochelle!“ „Julian iſt der vollendetſte Freigeiſt. Sein Haß gegen den Klerus kennt keine Schranke.“ „Damit begegnet er ja Ihrer eigenen Geſinnung!“ „Verzeihung, Durchlaucht! Ich habe nicht einzu⸗ ſtehen für das, was bisher im Staate für oder gegen die Kirche geſchah. Wenn aber auch meine Anſicht * 31 über die Gegenſeitigkeit beider von der Ueberzeugung meiner gnädigſten Herrin abweichen ſollte,— auf die⸗ ſem Felde fühle ich mich frei von perſönlichem Vorur⸗ theile und leidenſchaftlicher Befangenheit.“ „Gut, La Rochelle. So haben Sie es jetzt in der Hand, das Unrecht, das bisher an unſerer heiligen Kirche geſchah, zu ſühnen!“ „Cultusminiſter wird Doctor Julian!“ entgeg⸗ nete der Graf mit Nachdruck. „Aber den Vorſitz im Miniſterrathe führt der Graf von La Rochelle, und die Verantwortlichkeit laſtet auf ihm.“ „Der Einzelne iſt machtlos gegen die Partei. Ich bedarf der Unterſtützung jener, für deren Intereſſe ich einſtehen ſoll und— will. Zu Eurer Durchlaucht Füßen lege ich die Bitte, dieſe Unterſtützung zu ver⸗ mitteln.“ Ein triumphirendes Lächeln verdrängte den düſtern Ernſt auf den Zügen der Fürſtin. Ihre volle Spann⸗ kraft kehrte zurück und indem ſie dem Grafen Ihre Hand zum Kuſſe reichte, erwiderte ſie mit ſtolz erho⸗ benem Haupte:„Ich habe meinem Jugendglücke, meinen irdiſchen Wünſchen und Hoffnungen entſagt, um Ruhe zu finden im Glauben und im Gebete. Die heilige Kirche hat ihre Arme geöffnet und mir Erſatz geboten 8 32 für den Verluſt Alles deſſen, woran mein Herz hing. Um ihrer Verherrlichung willen bin ich ſtark genug, auch meinen Haß zu opfern. Ich will Ihrem Wunſche entſprechen, Graf von La Rochelle, ſo weit meine ge⸗ ringe Macht reicht, und erwarte Sie in den nächſten Tagen, um Ihnen meine Entſchlüſſe mitzutheilen. Sor⸗ gen Sie ſelbſt dafür, daß man im neuen Schloſſe Ihre Schritte nicht unzeitig erſpähe, und Ihre Plane ver⸗ eitle.“ La Rochelle war entlaſſen. Unbeirrt von den fra⸗ genden Blicken der„ſchönen Aurelie“ eilte er durch das Vorzimmer, die kleine Treppe hinab bis zum Erdge⸗ ſchoſſe, wo ein ſchmaler, lichtleerer Hof dieſen Reſidenz⸗ flügel von der angebauten Schloßkapelle ſchied. Die Sacriſteipforte ſtand offen. Gern benutzte der Graf dieſe Gelegenheit, den Ausgang durch die Kirche zu nehmen, um ſo der Gefahr einer unlieben Begegnung aus dem Wege zu gehen. Von der Sacriſtei aus führte eine Thüre unmittel⸗ bar an die Stufen des Hochaltars der kleinen Kapelle. Zunächſt derſelben auf einem einzeln ſtehenden Betſchemel kniete eine Dame, den Kopf auf das Gebetbuch geneigt, die einzige Seele in dem ſtillen, dämmerigen Raum. Das Geräuſch von Schritten ſtörte ſie in der Andacht. Sie richtete ſich auf, und der Strahl der Abendſonne, 33 durch die Farben der Fenſtermalereien gedämpft, be⸗ leuchtete das ſchmale, bleiche, von reichen Locken be⸗ ſchattete Geſicht. In demſelben Augenblicke ging La Rochelle in der Entfernung weniger Schritte an ihr vorüber. Als er— unwillkürlich genug— ihrem Blicke begegnete, ſchien es, als ſchräcke er vor einem Schemen zurück. Er ging einen Schritt zurück. Dann ſtürzte er mit verdoppelter Haſt der Pforte zu. — Die friſche Luft und der milde Glanz des Abends wirkten beruhigend. Der Graf athmete tief auf, und während er ſeine Schritte mäßigte, murmelte er mit heiterem Humor vor ſich hin:„Scylla und Charybdis in Einer Stunde! Die Eine beſiegt, die Andre um⸗ ſegelt! Ich vertraue dem Glück und der magnetiſchen Kraft meines Sternes. Er hebt mein Schiff wieder, wenn es am Verſinken iſt. Nun zu Hofrath Julian!“ Hilarius, Non possumus, II. 3 Zweites Kapitel. Ich ſelber, die Furcht Gottes linker Hand laſſend, und meine Ehre in mein Bedürfniß einhüllend, muß mich zuweilen zu Praktiken entſchließen. Shakeſpeare, luſtige Weiber von Windſor. Lucian und Theobald waren nach vierjährigem überſiedelt. Goldene Tage des Studententhums! Wie ein Sonnen⸗ morgen liegt ihr zwiſchen der Dämmerung der Kind⸗ heit und der Schwüle der Mannesjahre,— zwiſchen der Unbeſtimmtheit des Gefühls und der entblätternden Reife des Verſtandes! Hell und jauchzend wie Lerchen⸗ geſchmetter ſind eure Freuden; ſchnell geglättet die Sorgenfurchen, die ihr— ſelten genug— auf die Stirne des übermüthigen Jünglings lockt! O ihr Aufenthalte auf der Univerſität wieder in die Heimat 35 ſchönen Tage voll ſtolzer Hoffnungen und märchen⸗ hafter Träume, voll weltſtürmender Entwürfe, voll Sehnſucht und Liebe! Aus weiter, weiter Ferne weht ihr uns noch die Roſen der Erinnerung nach, und wir legen ſie gern neben die Haarlocke der Geliebten oder die letzten vergilbten Schriftzüge der Mutter. Vieles verbleicht im Gedächtniſſe, Vieles dunkelt nach. Aber die Farben eures Bildes bleiben hell und friſch und leuchtend; denn ihr verſteht das poetiſche Geheimniß der Miſchung beſſer als je ein Titian oder Veroneſe! Nur wenige Monate lagen zwiſchen dieſen glück⸗ lichen Tagen und der Abendſtunde, da ſich unſere jungen Freunde nach wochenlanger Trennung einmal wieder fanden. Auch ſie konnten nicht ſatt werden im Nach⸗ empfinden jener reizvollen Lern⸗ und Wanderjahre, die raſcher denn Falkenflug an ihnen vorbeigezogen waren. Wie Vieles hatte ſich geändert in der kurzen Spanne Zeit, ſeitdem des Rectors Muniſicenz ſie der letzten akademiſchen Bürgerpflicht entbunden! Theobald war kurz nach der Rückkehr von der Univerſität wieder ein⸗ gezogen in das Dachkämmerchen der Mutter, das er vor mehr denn ſieben Jahren als lockiger Knabe ver⸗ laſſen hatte. Der Grund, der ſeine Ueberſiedelung in das gräfliche Haus veranlaßte, galt längſt nicht mehr, und ſeit er zur Erkenntniß eigener Kraft und Fähigkeit 3* 36 gelangt war, widerſtrebte es ſeinem geſunden Gefühle, ſich vom Brode des Almoſens zu ſättigen. Zwar hatte man ihn nie die Bitterkeit deſſelben empfinden laſſen und die Gräfin ſonderlich behandelte ihn mit der Liebe und Güte einer Mutter. Es koſtete viel, ihren und Lucians Bitten zu widerſtehen, und die Allen liebge⸗ wordene Stellung im Hauſe aufzugeben. Aber der Drang nach eigener Geltung, nach dem befriedigenden Lohne eigenen Verdienſtes überbot die Lockung ſorg⸗ loſer Behaglichkeit. Als Julian ſich des ehemaligen Zöglings anzu⸗ nehmen verſprach, ließ ſich dieſer in ſeinem Entſchluſſe nicht mehr wankend machen. Unter dem Schutze des jüngſternannten Cultusminiſters wagte er die erſten Verſuche auf der Bühne der Beamtenwirkſamkeit. Der Uebergang aus dem Reichthum und der Fülle des gräflichen Palaſtes in den ärmlichen Haushalt der Mutter koſtete Theobald weniger Entſagung, als die Trennung von Lucian. Auf keine Gewohnheit ver⸗ zichten wir ſo ſchwer, als auf jene eines ſtändigen, liebevollen Umganges und eines unvermittelten, leben⸗ digen Verkehrs. Wir empfinden den Verluſt nicht bloß als eigenen, ſondern auch in die Seele des Freundes. Bei Theobald kam noch hinzu, daß ihn ſchmerzliche Ahnungen in der Ferne noch viel heftiger quälten, als r 7 37 in unmittelbarer Nähe. Denn neuerlich kündeten ſich bei Lucian wieder die Symptome ſeines verhängniß⸗ vollen Leidens an. Bis in die letzten Wochen ſeines Aufenthaltes auf der Univerſität hatte ihn nicht die Spur eines Un⸗ wohlſeins beläſtigt. Dieſe Wendung zum Beſſeren ver⸗ dankte er weniger den Recepten des Hofmedicus Ham⸗ bacher, deren Wirkungen er nur an einem Todfeinde zu erproben gewagt hätte, als ſich ſelbſt. Einſicht und Nothwendigkeit hatten ihm die Kunſt gelehrt, Maß zu halten und die Genüſſe haushälteriſch abzuwägen. Aber innerhalb dieſer Grenze, welche ſeine Natur vorzeichnete, genoß der Jüngling mit einer wunderbaren Empfäng⸗ lichkeit. Für die feine Beſaitung ſeiner Seele genügte die leiſeſte Betaſtung, um einen Accord hervorzulocken. Die ſchwirrende Lerche über ſeinem Haupte, das fröh⸗ liche Kind, das neben ihm ſpielte, die farbige Blume, die unter ihm ſproßte, reichte hin, um jene Andachts⸗ flammen anzufachen, die„aus dem Herzen ohne Rauch brennen“. Lucian hing an dem Munde des Lehrers, der ihm die Räthſel von Geiſt und Welt offenbarte, mit der gleichen Luſt und dem gleichen Wohlbehagen, womit er die Balſamtropfen des Frühlings einſog und im Herbſt den nickenden Halmen einen Gegen⸗ gruß bot. Noch nie war ihm der Genuß ſo voll 6 1 38 und unverkümmert, als während der paar heiteren Studentenjahre. Es ſchien aber auch, als habe er damit die Eſſenz ſeines Lebens aufgezehrt. Kurz vor ſeinem Abgange von der Hochſchule kündeten ſich unvermuthet wieder die Vorboten ſeiner Krankheit an. Auf die übermäßige Anſtrengung, womit er ſich zur Promotion vorbereitete, folgte ein Zuſtand beängſtigender Erſchlaffung. So kehrte er krank und müde in das Vaterhaus zurück. Als der Winter kam, feſſelte ihn das Siechthum häufig an das Zimmer, nicht ſelten an das Bett. Krankheiten, bemerkt Novalis, beſonders langwierige ſind Lehrjahre der Lebenskunſt und Gemüthsbildung. Die haſtige Unruhe, das kleinliche Treiben des Geiſtes geht in große, ruhige, einfache, vielumfaſſende Thätigkeit über, und die herrliche Geduld findet ſich ein. Für Theobald waren die Abende, welche er beim Freunde zubringen konnte, eine Quelle ächter Revela⸗ tion. Die Tiefe und Tragfähigkeit des menſchlichen Herzens ward ihm offenbar. Lucians Ruhe und Sicher⸗ heit lehrte ihn, den üppigen, ſchwellenden Jugenddrang zu mäßigen. Im Wechſelgeſpräche mit ihm vergaß er ſelbſt die bange Sorge um den Geliebten. Leider wurden dieſe Abende immer ſeltener. Der Miniſter beanſpruchte die volle Thätigkeit des jungen .39 Staatsdienſtadſpiranten. Es gehörte zu ſeinen entſchie⸗ denſten Grundſätzen, Jedem nach ſeiner Kraft das rich⸗ tige Maß der Arbeit zuzuwägen und ihm nur Zeit zur Erholung, aber nicht zu einer zerſtreuenden Beſchäf⸗ tigung zu gönnen. Er ſelbſt ging hierin mit ſeinem Beiſpiele vor.„Euer Lernen in den Hörſälen iſt ein centrifugales“, bemerkte er eines Tages zu Theobald, als er dieſem eine allzufrühe Ermüdung anſah.„Da⸗ mit trete ich der Univerſität nicht zu nahe, deren Auf⸗ gabe es iſt, daß ſie in Euch Jünglingen den Drang, Alles zu wiſſen, wecke und fördere. Um ſo noth⸗ wendiger iſt eine nachfolgende Sammlung, deren An⸗ fangsverſuche zwar bereits im Fachſtudium liegen, welche aber erſt im praktiſchen Leben zur vollen Bedeutung gelangen muß. Biſt Du in Einem Dinge ein tüchtiger Mann, ſo biſt Du ein ganzer Mann. So lange Dir das Erſte noch fehlt, darfſt Du Dein Ziel nicht aus den Augen laſſen. Haſt Du es erreicht, dann iſt noch immer Zeit zu Abſchweifungen und Excurſionen.“ Theobald fand das Alles wahr und gerecht; aber es ſtand doch im Widerſpruch mit dem Göthe'ſchen: „Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, Und grün des Lebens gold'ner Baum.“ Er hatte ſich die lebendige, ſchaffende Wirkſamkeit wo möglich noch anziehender und lohnender gedacht, als die — 40 abſtracte Thätigkeit des Lernens. Jetzt fand er ſie nicht ſelten ermüdend. Sie ſtrengte ihn an, ohne ihn zu be⸗ friedigen. Zeitweiſe dünkte ihm die ganze, aufreibende Laſt von Bureauarbeiten wie ein end⸗ und zweckloſer Kreislauf. Er ſah, wie aus dieſen tauſend Händen, in denen die Federn in raſtloſer Eile ſchwirrten, namen⸗ los wenig lebenathmende, lebenbringende Schöpfungen hervorgingen. Ein ertödtender Formalismus drängte den Geiſt in den Hintergrund. Die verkünſtelte Ma⸗ ſchine, welche den Regulator des politiſchen Lebens bilden ſollte, koſtete mehr Oel, um ſie im Gange zu halten, als das Werk ſelbſt thatſächlichen Werth hatte. Unter ſolchen Vorausſetzungen mußte es ihm unbe⸗ greiflich vorkommen, daß ein Mann, wie Julian, ſich in einer ſolchen Sphäre der Thätigkeit zurecht finden konnte, ohne mit dem Beſtehenden alsbald in Kampf zu gerathen. Der praktiſche, kluge, geniale Mann— wie mochte er dieſe tauſend Hemmräder und Sperr⸗ ketten des großen Uhrwerkes in ihrer Danaidenarbeit ſich fortwälzen und ſchleppen laſſen, da es doch ſeinem Scharfblick nicht entgangen ſein konnte, daß mit etlichen kühnen Schwungrädern dem Dienſte abgeholfen werden könnte! „Gelüſtet es Dir, in die Fußſtapfen eines Ulrich 41 von Hutten zu treten?“ erwiderte Lucian lächelnd, als ihm Theobald an jenem Abende, mit welchem wir un⸗ ſer Kapitel begannen, all dieſe Bedenken mittheilte, und den gewünſchten Erwartungen ſeine eigenen gro⸗ ßen, reformatoriſchen Gedanken gegenüber ſtellte.„Du weißt, ich gehöre nicht zu den quietiſtiſchen Naturen; aber der romantiſchen Höhe Deines Fluges vermag ich doch nicht zu folgen. Faſt fürchte ich, Du entziehſt dem Wirklichen alle Helle, um dem Möglichen das ganze Licht zu borgen.“ „Nicht doch!“ verſetzte Theobald.„Ich bemühe mich, Allem eine ſchöne Seite abzugewinnen; aber es gelingt mir oft trotz des beſten Willens nicht. Wer nicht in Mitten dieſer Verhältniſſe ſteht, vermag ſie kaum rich⸗ tig zu würdigen. Der allgemeine Widerwille gegen das, was man Bureaukratie nennt, iſt nur in ſofern ein ungerechter, als er zu einer unbeſtimmten Gefühls⸗ ſache geworden iſt. Man urtheilt nach dem Schein, ohne das Weſen zu kennen. Ich fange an, dieſes We⸗ ſen zu begreifen.“ „Jetzt ſchon— nach kaum einem halben Jahre?“ „Habe ich nicht das Glück, in unmittelbarer Nähe des Miniſters zu arbeiten? O Lucian, Du glaubſt nicht, wie dieſe Erhitzung um Kleinigkeiten, dieſes Pan⸗ zerhemd von Formen um einen inhaltsloſen Kern, dieſe 42 Tretmühlarbeit eine geiſtige und körperliche Aſthenie hervorruft.“ 1— „Sei nicht unbillig, Theobald! die Form trägt den Geiſt, und die Ueberwindung des Kleinen führt erſt zum Großen.“ „Wenn es ſo wäre! Aber in der ſogenannten Beamtenrepublik liegt das Große und Entſcheidende in den Händen weniger Hochbegnadeter. Hier wird es im Stillen, kurzweg und nach unbeſchränktem Ermeſſen abgemacht. Das weiß ich aus eigner Wahrnehmung. Was die Maſſe der Untergebenen beſchäftigt, iſt zum großen Theil unweſentlich, nicht ein ſchöpferiſches Mit⸗ wirken, ſordern ein unbedingtes Vollziehen. Damit viele Hände zu thun haben, verlangt man Filigran⸗ arbeit; denn man bedarf um der Macht willen eines großen Apparates, und will doch den Schein gewinnen, als diene man damit nur dem öffentlichen Wohle.“ „Und dennoch haſt Du Dich jüngſt erſt ſo ereifert, als man in unſerer Kammer die Forderung an den Miniſter ſtellte, dieſes Beamtenheer auf den Friedens⸗ fuß zu ſtellen.“ „Das war ſo thöricht, als lächerlich. Dem Feld⸗ herrn, ſo lange er Krieg führt, muthe ich nicht zu, daß er einen Theil ſeiner Truppen entlaſſe. Aber ich for⸗ dere von ihm, daß er Frieden ſchließe, wenn der Kampf 43 ein zweckloſer und unvernünftiger iſt. Iſt dieſer For⸗ derung genügt und trotzdem das Heer noch auf dem Kriegsfuße, dann erſt bin ich berechtigt auf Abſtellung zu dringen.— Zum Kuckuck mit unſern Kammern, deren Liberalität bis an die Marken ihres eigenen Intereſſes und noch etlicher perſönlicher Rückſichten geht! Sie haben unſern Beamten eine Maulſchelle gegeben salvo regressu, wie wir Juriſten ſagen. Schade, daß dieſe Regreßnahme Jeden, der ſie wagte, brodlos machen würde.“ Theobald wußte nicht, daß er von Tauſenden be⸗ neidet ward um das Glück ſeiner gegenwärtigen Stel⸗ lung und um die glänzende Ausſicht, die ſie bot. Vielleicht würde er ſonſt mehr Gewicht auf die beſon⸗ dere Gunſt des Miniſters als auf die Erfahrungen ſeiner kurzen Laufbahn gelegt haben. Selbſt Lucian glaubte dieſes andeuten zu ſollen, war aber nahe daran, den Freund zu verſtimmen. Um ſo eifriger haſchte er nach einer Gelegenheit, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. Wie allen Leidenden ſeiner Gattung war ihm trotz des Gefühls beſtändiger Unbehaglichkeit noch nie die Ahnung einer wirklichen Gefahr gekommen. Sein Blick in die Zukunft war ein heiterer und hoffnungsvoller. Er redete gern von Allem, was in weiter Ferne lag. 44 Neuerlich beſchäftigte ihn insbeſondere der Gedanke an die Sommerfriſche in jenem lieblichen Gebirgsthale, worin ſie als Knaben ſo harmloſe, glückliche Stunden verlebt hatten. Der Plan, den kommenden Frühling zu einem erneuten Ausfluge dahin zu benützen, wurde gefaßt und gemeinſam mit großer Lebhaftigkeit be⸗ ſprochen. Theobald ſollte dem Freunde das Geleite geben, und wo möglich ein Paar Wochen an ſeiner Seite zubringen. Da wurde Lucian inmitten des heiterſten Geſprächs von einem Stickanfall überraſcht. Eine Leichenfarbe deckte plötzlich ſein Geſicht, und durch die blutleere Haut ſchimmerten die Adern. Theobald neigte ſich zu ihm, legte ihm den Arm um den Nacken und ſtützte mit zitternder Hand das ſinkende Haupt des Geliebten. Er hörte, wie es in ſeiner Bruſt arbeitete und kochte, bis endlich ein krampfhafter Huſten ſich losrang. Der zueilende Diener mußte die Gräfin holen. Sie trat in dem Augenblicke ein, als mit einem heftigen Blut⸗ ſtrome, der aus Lucian's Mund drang, die Kataſtrophe endete, und eine todähnliche Ermattung des Kranken eintrat. —— —— 45 Es war an demſelben Abende, daß auch im Ge⸗ mache des Grafen ein ſehr anregendes Zweigeſpräch ſich entwickelte. La Rochelle ſpannte ſeinen Scharfſinn und ſeine Beredtſamkeit auf die möglichſte Höhe, um ſeine Ideen dem etwas rückhaltigen Gaſte mundgerecht machen, einem Gaſte, den wir in dieſem Raume am wenigſten geſucht hätten. Es war ſeine Hochwürden der Stiftscanonicus Sander. Zwar war dieſem das gräfliche Haus nichts weniger als fremd; aber ſeine Beſuche hatten vordem nur den Frauengemächern ge⸗ golten, und auch von dieſen hatte er ſich in jüngerer Zeit wieder gänzlich zurückgezogen. Dem Bereiche des Grafen ſelbſt war er bisher fern geblieben. Ihre Wege gingen auseinander. So dachte ſich wenigſtens der Ca⸗ nonicus, und fand ſich deßhalb kaum in dem Erſtaunen zurecht, als ihm plötzlich von dieſem die Einladung zu einer vertraulichen Unterredung unter vier Augen zuging. Der geiſtliche Herr hatte in dem verhältnißmäßig kurzem Zeitraume, der ihn vom armen Stiftszögling zum Stiftscanonicus und einflußreichen Beichtvater der Fürſtin emporhob, erſtaunliche Studien in der Geſchichte der Menſchenherzen gemacht. Die Gelegenheit dazu ward ihm im üppigſten Maße geboten, ehedem, da er noch als hungriges Studentlein am Freitiſch des gut⸗ — ꝗM ——— 1 ————OoA9———— ———————— 46 müthigen Bürgers das Maul am Tiſchtuche abwiſchte, wie jetzt an der ſybaritiſchen Tafel der Großen, als Hauslehrer wie als Hausfreund, als Präfekt des Bun⸗ des zum Herzen Mariä wie als hoher kirchlicher Würden⸗ träger. Zu dieſer Fülle äußern Anſtoßes geſellte ſich ſeine eigene Proteusnatur, die ſich in alle Verhältniſſe und Menſchen zu ſchmiegen wußte, ſeine ſcharfe Beobach⸗ tungsgabe und ſein wunderbares Gedächtniß. Wie die Rohrmilbe in das Fleiſch, ſo wußte er ſich allenthalben in das Vertrauen einzubohren, und mit der gewonnenen Ausbeute von Geheimniſſen zu wuchern. So hatte er auch aus dem Munde der ſchönen Aurelie die unerhörte Nachricht aufgefangen, La Ro⸗ chelle ſei von der Fürſtin bereits mehrere Male empfan⸗ gen worden. Nur den geheimnißvollen Zweck dieſer Audienzen vermochte er trotz aller eingeſchlagenen Schleich⸗ wege nicht zu ergründen. Die Fürſtin ſchien ſeit meh⸗ reren Wochen abſichtlich ihre Pflichten als Beichtkind zu verſäumen, um ihm die Verlegenheit der Mitwiſſen⸗ ſchaft ihre Plane zu erſparen. Unter ſolchen Vorausſetzungen hatte die Einladung des Grafen für ihn etwas doppelt Spannendes. Und dennoch ſtand er jetzt mit einer faſt verletzenden Kälte und zurückweiſenden Ruhe vor der Erlaucht, als belä⸗ ſtige ihn dieſes nie geſuchte Vertrauen, dem er nach —— 47 den Vorgängen ein gleiches nicht entgegen zu tragen vermöge. La Rochelle hinwider ließ ſein Talent, liebenswür⸗ dig zu ſein, in allen Schattirungen ſpielen. Mit einer faſt jugendlich⸗naiven Offenheit erklärte er, daß er um jeden Preis den geiſtlichen Herrn für ſeine Plane ge⸗ winnen müſſe. Die beiden Schauſpieler ſpielten ihre Rollen ſo vortrefflich, daß ſie nahe daran waren, ſich ſelbſt zu täuſchen. Schließlich bewährte ſich aber doch La Ro⸗ chelle als der geübtere Künſtler. Der Canonicus hatte ſeine Aufgabe zu hoch geſpannt, und er fühlte, daß er die angenommene würdevolle Ruhe nicht länger be⸗ — haupten könne. „Ich merke wohl“, erwiderte er mit einem Aufluge von Spott,„daß Ehrlaucht meiner bedürfen, und ich entſpreche zuletzt auch gern ihrem Wunſche. Aber ich werde es nur unter einer Bedingung thun.“ „Und dieſe iſt?“ „Daß Sie nicht immer das Intereſſe meiner Sache zum Schilde nehmen.“ „Wahrhaftig, Verehrteſter“, entgegnete La Rochelle dringlich,„ich bedarf nicht Ihrer Perſon. Daß ich Ihrer Partei nicht angehöre, geſtehe ich offen; aber die Sache Ihrer Partei geht mich an, und muß mir nun⸗ 48 mehr, als erſten Beamten des Reiches, am Herzen liegen. Ich weiß, daß Sie die Seele Ihrer Partei ſind; aber Sie, mein lieber Canonicus, wiſſen wohl nicht, daß Graf La Rochelle keineswegs ein Engver⸗ bündeter des radikalen Liberalismus und des überſtür⸗ zenden Fortſchritts iſt.“ „Damit gewinne ich wenig!“ verſetzte Sander lächelnd. Ohne auf dieſe Zwiſchenbemerkung zu achten, fuhr der Graf fort:„Die Parteibildungen ſind zu einer Noth⸗ wendigkeit des politiſchen Lebens geworden. Aufgabe der Staatskunſt aber iſt es, jeder einſeitigen Partei⸗ überwucherung vorzubeugen. Schon von dieſem Geſichts⸗ punkte aus kann ich mir nicht gefallen laſſen, daß die „Herren von der Linken“ allzu ſehr in's Kraut ſchießen. Aber ich habe noch ein perſönliches Intereſſe. Die Minen, welche man unter die geheiligten Vorrechte des Adels und der Kirche gräbt, gehen zu weit. Mein ſtän⸗ diſches Parteiintereſſe liegt mir zum mindeſten ebenſo am Herzen als mein politiſches, und ich denke, es wird Ihnen ebenſo gehen, lieber Canonicus. Sie werden fühlen, daß nicht bloß die res circa sacra- gefährdet ſind, ſondern die Religion ſelbſt. Wir wollen dem weiſen Juden Nathan Recht geben, der auch dieſe zu den Parteien regiſtrirt.“ Ein eintretender Diener unterbrach das Zweigeſpräch. 49 Im Auftrage der Gräfin meldete er die plötzliche Er⸗ krankung Lucians. La Rochelle entgegnete kurz, er werde alsbald nachſehen, und nahm ſofort die Unter⸗ redung wieder auf. „Unter ſolchen Vorausſetzungen werden Sie es ſicher vortheilhaft finden, wenn wir uns raſch und gemeinſam über die Anlage einer Quetſchmine verſtändigen.“ „Darf ich Ehrlaucht um eine nähere Beleuchtung der Art bitten, wie Sie Ihre Plane in's Werk zu ſetzen gedenken?“ Der Graf erhob ſich vom Stuhle und ſchritt etliche Male im Zimmer auf und nieder. Wollte er die Spannung ſeines Gaſtes erhöhen, oder fehlte es ihm an einem einleitenden Worte? Endlich unterbrach er das Stillſchweigen. „Sie ſind ſcharfſichtig und ſtehen hoch genug, um das ganze Lager Ihrer Gegner überblicken zu können. Ich ſetze mit Gewißheit voraus, doß Sie auch den Punkt bereits wahrnahmen, in welchem ſich deſſen Arterien gemeinſam ſchneiden. Wenn wir vernünftig operiren wollen, dürfen wir uns vor einem Angriff auf das Centrum nicht ſcheuen. Die Seele unſerer gemeinſamen Widerſacher...“ „Doctor Julian!“ bemerkte Sander zwiſchenein. Lächelnd erwiderte der Graf:„Sie ſind ein wahrer Hilarius, Non possumus, II. 4 50 Oedipus, lieber Canonicus! In der That, die Verhält⸗ niſſe ſind hier ſo auf den Kopf geſtellt, daß die Seele der Oppoſition ſelbſt im Miniſterrathe ſitzt. Man hat den Skeptiker zum Hüter unſeres Glaubensſchatzes gemacht.“ „War nicht der Cultusminiſter vordem der Erzieher Ihres einzigen Sohnes?“ fragte der Canonicus, der ſich mittlerweile gleichfalls erhoben und mit verſchränkten Armen dem Grafen gegenüber geſtellt hatte. Seine hohe, breitſchultrige Geſtalt gewann durch die ſichere Haltung etwas Imponirendes. La Rochelle, ſeinen Blicken ausweichend, entgegnete: „Er leitete die wiſſenſchaftliche Bildung meines Lu⸗ cians, und beſaß hiefür auch die vollendetſte Befähigung. Mir ſelbſt waren durch einen voreiligen Vertrag die Hände gefeſſelt; ich konnte meinen eigenen ſpäteren Wünſchen nicht nachgeben. Zudem begünſtigte die Gräfin den jungen Mann, und— man überläßt um der Be⸗ quemlichkeit willen in ſolchen Dingen das Regiment den Frauen williger, als man nachgerade zu verant⸗ worten vermag.“ Der Canonicus fuhr ſich mit der Hand über's Ge⸗ ſicht. Es war eine unnöthige Vorſicht, ſein Mienen⸗ ſpiel vor dem Grafen zu verbergen, der mit ſeiner eigenen Verlegenheit zu ſchaffen hatte. Dann erwi⸗ derte er: — 51 „Man erzählt ſich, Doctor Julian verdanke ſeine ge⸗ genwärtige Stellung bloß dem Fürworte des Grafen von La Rochelle.“ „Les on dits font les gazettes des foux!“ entgeg⸗ nete dieſer im ärgerlichen Tone. Das inquiſitoriſche Verfahren des Prieſters fing an ihm läſtig zu werden. „Ich vermochte dem entſchiedenen Wunſche ſeiner Durch⸗ laucht nicht entgegen zu handeln. Aber ich fügte mich nur, weil mir ſchon damals der Gedanke einleuchtete, daß die Beſeitigung eines Hofrathes anders wirke als der Sturz eines Miniſters. Es liegt einige diploma⸗ tiſche Weisheit darin, lieber Canonicus, Einem ein Portefeuille in die Hände zu ſpielen, bloß um es ihm mit Eclat wieder abnehmen zu können.“ „Ich verſtehe Sie nun, Erlaucht!“ „Nun, Gott ſei Dank! Was Ihnen übrigens noch nicht klar iſt, mag Ihnen der Mund ihrer Durchlaucht enträthſeln.“ „Der Fürſtin?“ „Sie kennt und billigt meine Plane. Sehen Sie, lieber Canonicus, es gibt doch Dinge, welche man ſelbſt im Beichtſtuhle nicht erfährt.“ „Was ſich ſelbſt verräth, bedarf keiner Beichte!“ „Sie ſollen Recht haben, wenn Sie mir nach alle dem Ihre Alliance zuſagen!“ verſetzte La Rochelle la⸗ 4* V V V —-ᷓ V V — O—— — 5² chend, indem er die Rechte dem Canonicus hinreichte. Dieſer ergriff die dargebotene Hand in dem Augenblicke, als ſich die Thüre raſch öffnete und die Gräfin herein⸗ ſtürzte. Ihre Locken waren aufgelöſt, und auf ihrem Kleide zeigten ſich Blutſpuren. Als ſie des Prieſters anſichtig ward, hielt ſie plötzlich in ihren eilenden Schritten inne, und blieb erſchreckt und überraſcht an der Stelle haften. „Was willſt Du, Lucinde?“ fragte der Graf in einem Tone, welcher ſeinen Unwillen über dieſe Stö⸗ rung deutlich genug verrieth. Ohne ſich vom Platze zu regen, erwiderte dieſe leiſe, aber beſtimmt:„Dein Sohn iſt todkrank, Edgar. Er verlangt nach Dir. Es könnte ſein, daß er Abſchied nehmen will!“ Dann wandte ſie ſich wieder gegen die Thüre, ohne den Gaſt ihres Gatten weiter eines Blickes oder Grußes zu würdigen. Der Weg zu den Fürſten führt zwiſchen den La⸗ kaien durch. Man legt ihn um ſo raſcher zurück, je mehr man ſich Zeit läßt, dieſe Courtinen kennen zu ler⸗ nen und ihre Schwächen zu erlauſchen. Es fragt ſich, ob der Canonicus ohne die beſondere Gunſt der ſchönen Aurelie ſich bis zum Gewiſſensrath der Fürſtin hätte 53 emporſchwingen können. Denn die zierliche Kammer⸗ frau übte einen größeren Einfluß auf die Durchlaucht aus, als irgend eine der ſtiftsmäßigen Hofdamen, und genoß ihr unbedingtes Vertrauen. Entſchieden lag der Grund deſſen nicht nur in der perſönlichen Liebens⸗ würdigkeit des Mädchens, ſondern insbeſondere auch in dem Umſtande, daß nicht die Vorſchrift der Hofſitte, ſondern die freie Wahl ſie an die Seite der Fürſtin geſetzt hatte. Abgeſehen von der Pflicht der Dankbarkeit, war es ſonach eine Forderung gewöhnlicher Klugheit, daß der Canonicus mit der Kammerfrau im freundlichen Ein⸗ verſtändniſſe blieb. Dieſe Aufgabe war auch nicht unter beſonders erſchwerenden Umſtänden zu löſen; denn Aurelie — obwohl ſie bereits ſeit mehreren Frühlingen die Kinderſchuhe ausgetreten hatte— war immerhin noch eine äußerſt anmuthige Erſcheinung, mit roſigen Wan⸗ gen und dunklen, warmen Augen, und von jener locken⸗ den Fülle der Formen, welche bei einem lebhaften und elaſtiſchen Naturel das kleine Uebermaß vergeſſen läßt. Man hätte ſich wundern können, daß das ernſte, getra⸗ gene Weſen der Fürſtin ſich mit dieſer lachenden, ſchalk⸗ haften Heiterkeit vertrage. Aber Aurelie beſaß neben anderen Vorzügen eine ungemeine Schweigſamkeit, wo⸗ mit ſie ſich zuletzt in alle Launen ihrer Gebieterin fand. 54 Sie verſtand insbeſondere die Kunſt, ihr Lärvchen je nach Bedarf in die richtigen Falten zu legen. Mit Einem Worte: Aurelie war eine kleine Perle von Kam⸗ merfrau. Sie verdiente im vollen Maße die unge⸗ heuchelte Neigung des hochwürdigen Canonicus, und erwiderte ſie auch ſeit dem Tage, da er ihr zum erſten Male die Abſolution ertheilte, mit rührender Hingabe. Die Unterredung im Palais des Grafen ſchloß ge⸗ rade mit der Stunde, da die Fürſtin zur Abendtafel ging, und der geplagten Aurelie eine Paar freie Augen⸗ blicke gegönnt waren. Das wußte der Canonicus, und da ihn Stand und Würde vor jeder Mißdeutung ſchütz⸗ ten, ſo konnte er ſich den Genuß nicht verſagen, der Seelenfreundin noch einige Mittheilungen zu machen. Er kannte ihre brennende Neugierde, und hoffte ſich einen ganz beſonderen Dank. Aurelie lag juſt nachdenklich auf der Ottomane ihres zierlichen Boudoirs, als der ſpäte Gaſt eintrat. Während ſie ſich raſch erhob und die kleinen Unordnungen ihrer Toilette ausglich, bemerkte ſie lächelnd:„Bei allen Hei⸗ ligen, Canonicus, Sie ſündigen auf meine Indulgenz! Wenn die Durchlaucht erführe, daß ich ſo ſpät noch Beſuch von einem Manne annehme...“ „Meglio tardi che mai!“ erwiderte der hochwür⸗ dige Herr, indem er mit muſterhafter Galanterie die ———— 55 kleine Hand der Kammerfrau an die Lippen zog.„Die Fürſtin erfährt nichts, was ihr die liebenswürdige Aurelie nicht ſelbſt mittheilt. Oder ſind Sie wirklich zum Verrathe geſtimmt? Dann will ich mich lieber wieder über die Schwelle dieſes kleinen Heiligthums zurückziehen, ſo ſehr es mich auch verlangt, einmal die Rolle des Beichtvaters mit der des Beichtkindes zu ver⸗ tauſchen.“ Die letztere Andeutung reichte hin, um den ohne⸗ dieß nicht ernſtlich gemeinten Verweis zurück zu nehmen. Aurelie hatte auch ihre„Indulgenz“ keineswegs zu be⸗ reuen; denn die Mittheilungen Sanders brachten ihr die Löſung eines Räthſels, mit dem ſich ihre lebhafte Phantaſie ſchon längſt vergeblich abgequält hatte. Zwar ließ ſich der berechnende Canonicus ſelbſt nicht durch die Nähe des Mädchens, das ihm neuerlich die welt⸗ liche Partie ſeines Herzens völlig einnahm, zu der Un⸗ vorſichtigkeit hinreißen, ihr Alles anzuvertrauen was er wußte. Aber Aurelien genügte einſtweilen das Gehörte. Sie war von jeher keine Freundin des Grafen, von dem ſie wußte, daß er ihre Vorgängerin im Amte der herablaſſendſten Vertraulichkeit würdigte, während er an ihr kalt und ſtolz vorüber ging. Jetzt war ſie ſeine abgeſagte Feindin. Hatte er nicht das Vertrauen der Fürſtin wieder erobert, ohne erſt den Schlüſſel zu dieſer 56 Feſtung von ihr zu verlangen? Wußte er nicht, daß die Fäden aller kleinen und großen Intriguen, die ſich in der Umgebung der Durchlaucht anſpannen, in ihren Händen zuſammen gingen? „Ich haſſe dieſen hochmüthigen, überſtändigen Gecken!“ rief ſie, und ſtampfte mit dem kleinen Füßchen.„Und nun haſſe ich ihn erſt doppelt, ſeit er ſich vermißt, mit uns gemeinſame Sache machen zu wollen. Um Gottes⸗ willen, Tobi— der Canonicus hörte dieſe trauliche Abkürzung ſeines Vornamens gar gerne von den ſchö⸗ nen Lippen klingen—, wittern Sie denn nicht hinter all' den ſüßen Worten des Sykophanten den heilloſeſten Verrath? O Ihr blöden, kurzſichtigen Männer, Eure eigennützige Eitelkeit tappt blindlings nach jedem Da⸗ naergeſchenk!“ „Der Zorn macht dich reizend, Aurelie!“ erwiderte der Canonicus, und konnte ſich nicht enthalten, ein bischen in den nußbraunen Locken zu wühlen, die ſich den weißen Nacken hinabringelten. Dann fügte er ſchmeichelnd bei:„Ich bin nur kurzſichtig, ſo lang mich Deine Schönheit blendet. Fern von dieſem Zauber hat mir der gütige Himmel einen ziemlichen Scharfblick ver⸗ liehen. Kann mir die kluge Aurelie wirklich zutrauen, daß ich mir an dem Grafen von La Rochelle einen Vogelſteller gefallen laſſe? Nein, mein Kind! Ich 57 kenne jede Maſche des Netzes, mit welcher der erlauchte Graf die Fürſtin und mich fangen will. Ein Paar leicht wiegende Zugeſtändniſſe ſollen der Köder ſein, um uns für ſeine Plane zu gewinnen. Warum ſollen wir nicht mit jener Schlangenklugheit zu Werke gehen, welche ſelbſt die Bibel empfiehlt? Dem Grafen droht der aufgehende Stern eines neuen Günſtlings. Er be⸗ darf unſer, um Doctor Julian von der Höhe der Ex⸗ cellenz herabzuſchleudern. Damit iſt uns ſelbſt gedient, und deßwegen bieten wir ihm auch unſere Hilfe an. Der Partei, die gerne auf den Trümmern unſerer heiligen Kirche einen Götzen⸗Tempel der Vernunft gründen und den Staat entchriſtlichen will, iſt damit eine tödtliche Wunde geſchlagen.“ „Und dann?“ fragte Aurelie, indem ſie den Zeige⸗ finger wie ſinnend an die Wange legte. „Dann? Nun, alsdann ſoll unſer gnädigſter Fürſt erfahren, welche Wege der Miniſterpräſident einſchlägt, um ſeine Rivalen zu beſeitigen. Ich denke, eine der geheimen Audienzen bei der Fürſtin reicht hin, um den Grafen La Rochelle unmöglich zu machen.“ Aurelie rieb ſich die Hände. Sie war entzückt über die feinen Fäden des canoniſchen Gewebes, welches mit der Zeit das Todtenhemd von La Rochelles Glanz und Macht abgeben ſollte. Mit liebenswürdiger Dienſt⸗ 58 willigkeit übernahm ſie es, den Kammerherrn von Luchs⸗ berg zum Verbündeten zu gewinnen. Man bedurfte noch eines Adeligen von ſeiner Geſinnung und ſeinem Einfluſſe in den ariſtokratiſchen Kreiſen. Leider war der hochwürdige Herr Tobias Sander perſönlich nicht in der Lage, dieſe Aufgabe mit Ausſicht auf Erfolg zu übernehmen. Er hatte ſich mit dem Kammerherrn über⸗ worfen, und bedurfte ſohin einer Mittelsperſon. Wer konnte wohl dieſe Rolle mit mehr Klugheit und Grazie ſpielen, als die ſchöne Aurelie? ——— Drittes Kapitel. Auch der Zufall iſt nicht unergründlich, er hat ſeine Regelmäßigkeit. Novalis, Fragmente. „Geſtorben ſein iſt wohl das Allerſchönſte; Indeſſen doch, wie iſt es ſchön zu leben!“ Der Kranke ſprach die Worte leiſe vor ſich hin. Lucinde neigte ſich über ihn und flüſterte:„Lucian, Du denkſt wieder laut! Weißt Du nicht, daß Dir der Arzt jeden Ton, jede Bewegung unterſagt hat? Ach, ich fühle wohl, wie hart es Dir ankommen muß. Aber thue nach ſeinem Geheiß, mein Kind,— gerade weil es ſo ſchön zu leben iſt!“ Er ſah ſie mit großen Augen an, und die Ahnung eines Lächelns legte ſich um ſeinen Mund, daß die weißen Zähne zwiſchen den dünnen, fahlen Lippen 60 durchſchimmerten. Seine Züge waren bis zur Unkennt⸗ lichkeit entſtellt; es lag noch das Grauen des Todes darauf, mit dem er Tage und Nächte lang gerungen. Lucinde trat hinter die Gardine zurück, und über⸗ ließ die Pflege des Kranken wieder der barmherzigen Schweſter, deren Hilfe ſie bei der eigenen Erſchöpfung die letzte Zeit beanſpruchen mußte. Dann nahm ſie das Tuch vor das Geſicht, und ihre Thränen quollen durch das feine Linnen. Sie hatte Mühe, einen lauten Ausbruch ihres unſäglichen Schmerzes zu unterdrücken. Noch Einer ſtand an ihrer Seite, deſſen Bitten ſie, wenn auch mit Widerſtreben, nachgegeben hatte. Es war Julian. Angſt und Sorge um den theuren ehe⸗ maligen Zögling hatten ihn zu dieſem Wagniß ver⸗ leitet. Die Dämmerung, die im Gemache herrſchte, und die Bettvorhänge entzogen ihn den Blicken des Kranken, und verhinderten eine bedenkliche Aufregung, während er ſelbſt ihn ungehindert betrachten konnte. Der Anblick bewegte ihn tief. Er hatte Mühe, die eigene Faſſung zu bewahren; denn aus dieſen welken Zügen, dieſen hohlen, blutleeren Wangen und tiefein⸗ geſunkenen Augen las er die Gewißheit eines unrett⸗ baren Verluſtes. Sachte griff er nach der niederhangenden Rechte Lucindens, und führte die Weinende nach der Thüre 7 61 des Krankenzimmers. Auf ſeinen Arm geſtützt, ließ ſie ſich, halb willenlos, durch die angrenzenden Kabinete bis an die Schwelle ihres eigenen Empfangszimmers geleiten. Hier wollte er ſich verabſchieden. Eine leiſe Handbewegung der Gräfin veranlaßte ihn jedoch zum Eintritte. Wer kennt nicht jene unergründliche Tiefe der Mutterliebe, die ſich ſelber— neidlos und unbewußt — auf Alles überträgt, was dem geliebten Kinde werth und theuer iſt? Lucinde war dem Hofmeiſter ihres Sohnes ſeit Jahren immer ferner getreten, obwohl es dieſer nicht verſäumt hatte, periodenweiſe dem gräflichen Hauſe jene Aufmerkſamkeit zu ſchenken, welche er ihm nach ſeiner frühern Stellung und nach ſeiner dermaligen Beziehung zu La Rochelle ſchuldete. Aber ſie fühlte, daß die Worte, welche ſie mit Julian bei deſſen Tren⸗ nung von der Familie wechſelte, ſeine Haltung ver⸗ ändert hatten. Der Ton gegenſeitiger Unbefangenheit war völlig verklungen, und ſie büßte damit den Genuß einer anmuthigen, geiſtreichen Unterhaltung ein, an welche ſie ſich während einer langen Reihe von Jahren gewöhnt hatte. War es nicht ein Gebot ihrer Frauenwürde, daß ſie eine Aeußerung zurückwies, welche doppelt anma⸗ ßend in dem Munde eines— Dieners?— ja, eines Dieners ihres Hauſes klang? War der Mann berech⸗ tigt, die freundliche Neigung ſeiner Gebieterin nach ſei⸗ nem Eigendünkel auszulegen? Gebührte ihm nicht die Zurechtweiſung, und wäre es nicht anſtändiger geweſen, wenn er ſich zur früheren harmloſen Liebenswürdigkeit bekehrt hätte, ſtatt den Hochmuth des Emporkömmlings alſo zur Schau zu tragen? Dieſe und ähnliche Fra⸗ gen quälten„den letzten Sprößling des uralten Gra⸗ fengeſchlechts der Ebonen“ lange, lange Zeit. Lucinde empfand eine wahre Beklemmung, ſo oft ſie Julian empfangen mußte. Sie konnte ſchließlich mit ihren Ge⸗ fühlen gar nicht mehr zurecht kommen, ſeitdem der Doctor zu einer ſo zu ſagen morganatiſchen Ebenbür⸗ tigkeit mit ihrem Gatten ſich aufgeſchwungen hatte. Verdroß ſie jetzt dieſe Laune der Glücksgöttin, ſo be⸗ wunderte ſie im nächſten Augenblicke die ſeltene That⸗ kraft und Klugheit des genialen Mannes. Sie ſchenkte ihm in der Ferne die wärmſte Theilnahme, und ärgerte ſich über ihn, wenn er ihr nahe ſtand und ſie überſah oder den Grafen mit unverkennbarer Ueberlegenheit behandelte. In dem Momente aber, da er als treuer, beſorgter Freund ihres Sohnes im Hauſe erſchien und ſich eine Gunſt erbat, welche ſeine große Liebe für Lucian be⸗ kundete, löſten ſich alle dieſe Widerſprüche. Julian war — 63 wieder, was er geweſen, der theilnehmende Hausgenoſſe, der liebenswürdige und ſchnellbreite Freund, der nicht allein in Angelegenheiten des Mutterherzens, ſondern auch ſonſt in kleinen und größeren Dingen verſtändigen Wahrſpruch zu geben wußte. „Ich danke Ihnen, Julian!“ ſagte die Gräfin, nach⸗ dem ſie das Tuch von den verweinten Augen genom⸗ men.„Daß Sie mit mir am Schmerzenslager meines Lucians ſtanden, hat mich mehr erquickt, als ein Buch voll Troſtgründe. Glauben Sie, daß ich noch Hoffnung ſchöpfen darf?“ „Die Hoffnungsloſigkeit iſt der Tod!“ entgegnete Julian.„Laſſen Sie uns das Geliebte nicht doppelt verlieren, Erlaucht!“ 1 „Soll ich Sie Excellenz tituliren?“ erwiderte Lu⸗ cinde, trübe lächelnd. Julian nannte ſie hierauf wieder ſeine edle Schirm⸗ herrin, wie ehedem, und das Zwiegeſpräch gewann all⸗ gemach die Klangfarbe, wie vor Jahren. Es wurde faſt unbefangener, denn der Miniſter hatte ſich geſell⸗ ſchaftliche Rechte erworben, die der Hofmeiſter noch nicht beſaß. Von dem Tage an mehrten ſich die Beſuche Ju⸗ lians in dem Palaſte des Grafen von La Rochelle. Eine wunderbare Zähigkeit der Natur förderte wider 64 Erwarten die Geneſung Lucians, und geſtattete der mütterlichen Sorge auch Raſtpunkte. Andere nahe⸗ liegende Intereſſen wurden in den Kreis der Beſpre⸗ chung gezogen, und mit der Vertraulichkeit wuchs das Vertrauen. Nun lag es der Gräfin aus zwei Gründen daran, daß Julian von dem neuerlichen Verkehr ihres Gatten mit dem Canonicus Sander Kenntniß erhielt. Sie konnte mit Beſtimmtheit vermuthen, daß ſich hier Ränke anſpannen, welche dem Cultusminiſter galten; denn die Geſinnungen ihres Gatten waren ihr nicht völlig fremd, und— ſie kannte den Mann, mit dem er eben Unter⸗ handlungen angeknüpft hatte. Alſo warnte ſie erſt, dann gab ſie Andeutungen und Winke, bis ſie endlich zu Geſtändniſſen ſich bequemte. Nicht in Vorurtheilen gründete ihr Widerwille gegen den geiſtlichen Herrn, ſondern in unmittelbarer Erfahrung. Der anregbaren Lucinde war es nicht unwillkommen, als ſich der Beichtvater der Fürſtin auch in ihrem Kreiſe hatte aufführen laſſen. Sie hatte namentlich von Frauen ihres Umganges mit einiger Begeiſterung von ihm ſprechen hören. Seine anziehende Erſcheinung und ſeine Beredſamkeit machten ſie neugierig, und ſie durfte einen gewinnbringenden geiſtigen Verkehr er⸗ warten. Aber ſie fand ſich ſchon bei den erſten Be⸗ 65 ſuchen des Canonicus getäuſcht. Das Zeug, was er ſchwatzte, klang ihr bald zu myſtiſch, bald zu ſüß und weibiſch, ſo ſehr ſie auch an der poetiſchen Romantik der Kirche hing. Mit jedem neuen Geſpräch erhob ſich in ihr ein neuer Zweifel, ob der Mann nur aus Fahr⸗ läſſigkeit oder mit Bewußtſein lüge. Raſcher als ſie vermuthete, kamen ihre Bedenken zur Entſcheidung. Sonſt ein herzenskundiger Mann, fand ſich der Canonicus doch zuweilen in der Lage, an ſich die Erfahrung zu machen, daß alle menſchliche Kenntniß Stückwerk ſei. Lucinde war eine anmuths⸗ volle Erſcheinung. Ihre Art, ihre Bewegungen, der Tonfall ihrer Stimme machten ſie reizend,— man konnte über dieſen ſchönen, ſonnigen Tag den Thau und die duftige Friſche des Morgens vergeſſen. Sander zog überhaupt die Frauen den Mädchen vor. So fing er denn an, auch die Gräfin zu lieben. Die Berech⸗ tigung hierzu leitete er nicht nur aus der Gewalt des Binde⸗ und Löſeſchlüſſels, ſondern auch aus der Natur des Weibes ab. Er hatte geleſen und erfahren, daß das Weſen der Frau leidend ſei, daß ſie empfange, was ihr von außen her geboten wird, und durch Wieder⸗ geben antworte. In jedem mit Schönheit begnadeten Weibe ſah er ein Ebenbild Aureliens oder Martha's. Aber Lucinde glich keiner von Beiden, und der Cano⸗ Hilarius, Non possumus. II. 5 66 nicus erlitt eine Niederlage, die ihn empfindlicher ſchmerzte, als alle Sünden ſeiner Beichtkinder. „Wußte Ihr Gatte von dieſen Beziehungen?“ fragte Julian, als ihm die Gräfin das letzte Fragment ihrer Bekenntniſſe mitgetheilt hatte. Sie bejahte es— nicht völlig arglos; denn ſie fühlte den Vorwurf, den ſie damit La Rochelle machte. „Und dennoch öffnet er dieſem Menſchen die Pforte ſeines Hauſes!“ erwiderte Julian unmuthig.„Der Preis, der ihm für dieſe Verbindung in Ausſicht geſtellt ward, muß hoch ſein.“ Lucinde hatte bishin die leiſeſte Andeutung ver⸗ mieden, welche einen Schatten auf ihr Familienleben hätte werfen können. Aber Julian wußte, daß ſie nicht glücklich war. Er hatte Gelegenheit genug, das Weſenhafte hinter dieſen conventionellen Formen zu belauſchen.. La Rochelle trieb eine Jdololatrie, die jede andere Andacht aus ſeiner Seele verdrängte. Berechnend, eigennützig, herrſchſüchtig, wie er war, dachte er nicht daran, zu bieten und zu geben, und Lucinde, in ächter Weiblichkeit des Empfanges harrend, ſehnte ſich ver⸗ geblich nach der bildenden Hand, die den reichen Stoff ihrer Liebe zur ſchönen Geſtalt erhebe. Ihr Buſen hatte Raum, viel Gebotenes zu bewahren und all' die 67 Schätze liebend zu pflegen, die der Mann aus ſeinen eigenen Tiefen hob und in ihre Seele legte. Aber ſie war zu ſtolz, zu fordern. So ging ſie getäuſcht und betrogen neben ihm, nicht mit ihm durch die Welt. Einmal in ihrem Leben wäre ſie faſt der Verſuchung erlegen, einen Erſatz zu gewinnen für den Verluſt ihres Ideals. Da ſchützte ihr Gefühl ein anderer Stolz, der vielleicht ihre größte Schwäche war. Man möchte ſagen, ſie hatte eine phyſiſche Scheu vor bürgerlichem Blute. Und als dieſe Empfindung Ausdruck gewann in jener Abſchiedsſcene mit Julian, da fühlte dieſer zu gut, daß nur das Vorurtheil die Hand hielt, welche den Vorhang von dem Heiligthume ihres Herzens weg⸗ zuheben verſuchte. Er aber wollte an Stolz und Fühlſamkeit nicht hinter dem Weibe ſtehen, um deſſen Bild ſich die ganze Gluth ſeiner Seele, die er ſo wunderbar zu be⸗ herrſchen wußte, glorienhaft gelegt hatte. Ja, er liebte Lucinde, er liebte Lucian vielleicht nur um ihretwillen. Sie war ihm, dem einſam Stehenden, das einzig Werthe, Schöne, Heilige auf der Welt, und er freute ſich des inneren Reichthums ſeiner Natur nur, ſo lange er ſie mit dieſem Reichthume beglücken konnte. Als ihm vollends ein Zufall die Dokumente über den Un⸗ werth des Grafen in die Hand ſpielte, ſchloß er auch 5 68 die Rechnung mit ſeinem Gewiſſen ab, das ihm die Sündhaftigkeit dieſer Liebe bishin unbarmherzig vor⸗ gehalten hatte.— Die fieberhafte Thätigkeit, die ſtaunenswerthe Energie, welche Julian ſeit dem Beginne ſeiner Beamtenlaufbahn entwickelte, war mehr oder minder die Wirkung jener Abweiſung, womit ſich das kurze Drama ſeiner Liebe ſchloß. Das war die einzige Narkoſe, womit er die ſchmerzlichen Erinnerungen einzuſchläfern vermochte. Sein Wirken entſprach zwar ſeiner politiſchen und ſittlichen Ueberzeugung, aber es war dennoch durch eine Leidenſchaftlichkeit gefärbt, die auf dem Boden der Er⸗ bitterung wucherte. Da hat immer Ungerechtigkeit die Hand mit im Spiele. Er konnte der Frau nichts an⸗ haben, welche die leiſe Andeutung ſeines beſten Gefühls ſo ſchroff und ſchonungslos zurückwies; dafür wollte er es dem Grafen entgelten laſſen, den er haßte, weil er ihn beneidete. Eine Rechtfertigung hierfür fand er in dem Charakter wie in den Handlungen deſſelben. Vor Julians Augen lagen die Beweggründe der politiſchen Wirkſamkeit La Rochelles wie ein offenes Buch. Er wog ſeine Freiſinnigkeit mit dem richtigen Gewichte, als das Mittel, die Gunſt einer Partei zu erringen, deren Macht mit der Culturentwickelung wachſen mußte. Jetzt, nachdem der Zweck erreicht und 69 die ganze Leitung der Regierungsangelegenheiten mit unbeſchränkter Vollmacht in deſſen Hand gelegt war, konnte man eine Aenderung des Syſtems mit aller Zuverſicht erwarten. Die übrigen Miniſter ſpielten eine Schattenrolle; die Kammern waren theils ermüdet, theils durch die Vorgänge in den Schlummer der Sicherheit gewiegt, die Bequemen oder— wie ſie lieber hießen— die„Maßvollen“ durch das Drängen der kleinen Fortſchrittsfraktion verletzt und beunruhigt. Der Miniſterpräſident konnte mit einiger Zuverſicht ſelbſt auf den Beifall der Mehrheit rechnen, wenn er nun wieder um etliche Schritte zurück hufen würde. Zu allem Ueberfluſſe wußten auch die Klerikalen dieſen ſchwankenden, unſicheren Zuſtand auszubeuten. Die Gefahr— nicht der Kirche, ſondern der Religion, die Entchriſtlichung des Staates erſchien als Wahlſpruch auf ihrem Banner. Der klare Blick Julians überſchaute alle dieſe Ver⸗ hältniſſe. Er wußte, daß die kampfſchweren Errungen⸗ ſchaften der moraliſchen und politiſchen Freiheit auf dem Spiele ſtanden. Mit Schmerz und Groll mußte er wahrnehmen, wie muth⸗ und charakterlos die Sache vertheidigt wurde, in deren Sieg allein die Gewähr einer beſſeren Zukunft lag. Da faßte er den Entſchluß, der haltlos gewordenen 70 Partei ſelber einen Mittelpunkt zu geben. Er ward, wenn auch äußerlich nicht ihr Führer, doch ihre Seele, und brachte ſich damit in eine Stellung, die La Rochelle mit Recht eine verſchrobene und widernatürliche nannte. Es war ein großer politiſcher Mißgriff, deſſen ſich Julian ſchuldig machte, der nur dann einer Recht⸗ fertigung fähig geweſen wäre, wenn er den Miniſter aufgegeben hätte. Aber er befand ſich in dem Wahne, ſeine Würde und ſein bureaukratiſcher Einfluß vermehre das Gewicht auf der Wagſchaale der Partei. Er bedachte nicht, daß er damit die Macht des Gegenſatzes aufhebe und der Oppoſition den Stachel nehme. So war die Sachlage, als Julian von Lucinde die erſten Andeutungen über die noch immer geheim ge⸗ haltene Beziehung des Canonicus zu ihrem Gatten erhielt. Er zog ſeine Folgerungen und gelangte zur Gewißheit, daß dieſe Machinationen in letzter Linie nur ihm galten. Was La Rochelle aus zwingenden Grün⸗ den ſelbſt nicht zu vollziehen vermochte, übertrug er nun der Partei. Sie mußte den Miniſter unmöglich machen, während der Präſident des Miniſterrathes mit allem Anſtande die Rolle des Pilatus ſpielen konnte. „Es handelt ſich nur, wer ſich in der Falle fängt!“ murmelte Julian vor ſich hin, und griff nach der * 71 Schelle. Er ließ Theobald rufen, der auch alsbald erſchien. „Du haſt die Bekanntſchaft des Freiherrn von Frie⸗ ſeneck gemacht?“ fragte er.„Iſt mir's doch, als hätteſt Du mir jüngſt davon erzählt.“ „Nur oberflächlich!“ entgegnete dieſer.„Ich traf den liebenswürdigen alten Herrn etliche Mal im Schach⸗ club, und ließ mir ab und zu ein Matt anbieten.“ „Ich möchte wohl“, erwiderte der Miniſter,„daß nun Du ihm eine Partie anböteſt. Aber— Du darfſt Dich dieſes Mal nicht matt ſtellen laſſen!“ Und nun entwarf er in großen Zügen ein Bild von dem Stande der Dinge, und weihte den erſtaunten Jüngling in die Geheimniſſe all' der Ränke und Um⸗ triebe ein, deren Zettel ſchon angelegt war und nur noch des Einſchlags harrte. Theobald hatte die Empfindung, als wandle er in einem Irrgarten. Hin und wider hatte er ſich ſeinem Freunde Lucian gegenüber den Schein gegeben, als habe er mit dem Staube, der vom Miniſtertiſch auf⸗ ſteigt, ein Verſtändniß des ganzen Intriguenſpiels ein⸗ geathmet, deſſen Karten hier gemiſcht werden. Nun kam er ſich ſo knabenhaft unwiſſend vor, daß er ſich faſt ſchämte.— „Was ſoll's aber nun mit Frieſeneck?“ fragte er, 72 als das wirre Gemälde der ganzen Länge und Breite nach vor ihm aufgerollt war. „Wir bedürfen Succurs, Theobald“, erwiderte der Miniſter, die Hände reibend,„und La Rochelle hat mich gelehrt, ſie zu nehmen, wo ich ſie finde.“ Der junge Secretär ſchüttelte ungläubig den Kopf. Er äußerte ſeine Bedenken, ob der alte Freiherr, der im vollſten Wortſinne ſein„otium cum dignitate“ genoß, je wieder geneigt ſein werde, in das politiſche Handgemenge ſich einzulaſſen. Und wenn auch— was würde eine Perſönlichkeit nützen, die weder der Gunſt des Fürſten ſich erfreue, noch der Sache ſonderlich ge⸗ neigt ſei, für welche ſie zum Schilde greifen ſollte? „Ueberlaß das mir, Theobald!“ bemerkte Julian hinwider.„Es gibt keinen Menſchen auf der Welt, der nicht für irgendwelchen Zweck eine Handhabe böte. Du darfſt ſicher glauben, daß bei all' der unbefangenen Heiterkeit des jovialen Oberſtjägermeiſters doch noch eine kleine wunde Stelle zu finden iſt, die ihn beſtän⸗ dig wie ein Haarſeil an ſeinen Sturz gemahnt. Ich bedarf Deiner nur als vorläufiger Vermittler meines Beſuches, oder— wenn Dich das Wort nicht verletzt— als Auſcultator. Und nun höre! Auf unſeren Staats⸗ waldungen ruhen ſo empfindliche Forſtrechte von Pfrün⸗ den und Stiftungen, daß ich mir ſchon längſt die Be⸗ — 73 ſeitigung derſelben zur Aufgabe geſtellt habe. Hierzu bedarf ich nun den Rath eines Mannes, der jeden Holzweg und jede Rehfährte in unſeren Forſtungen kennt, und dem dieſe Verhältniſſe geläufig ſind, wie keinem Anderen. Er wird mir eine perſönliche Anfrage wohl geſtatten.“ Mit einigem Widerſtreben ging Theobald des an⸗ deren Vormittags an den Vollzug ſeiner Sendung.— Die Stadt lehnt ſich ſüdwärts an einen breiten ſchiffbaren Strom. Entlang dem Quai hat die jüngere Zeit eine Reihe ſchöner, ſtattlicher Privatbauten ent⸗ ſtehen ſehen, die Häuſer der reicheren Kaufherren und Geſchäftsleute. Hier vermittelt ſich der Landverkehr mit der Waſſerſtraße. Es iſt der belebteſte Boulevard der kleinen Reſidenz, während das ariſtokratiſche Viertel am Nordende den blutärmſten Theil der Stadt bildet. In der äußerſten Ecke dieſes letzteren umgeben noch die Reſte von Mauer und Graben den älteren Fürſten⸗ bau, an den ſich das neue Schloß nur mit der Flanke lehnt. Von hier aus geleiten zu beiden Seiten freund⸗ liche Anlagen längs der eingeebneten alten Wall⸗ böſchungen rings um die Stadt bis zu den Ausgängen der Quaiſtraße. Dieſe Garten⸗ und Baumanlagen entſtanden erſt mit der Planirung der Feſtungswerke. Sonderlich in 74 der Nähe der Reſidenz waren ſie mit großem Aufwand und feinem, künſtleriſchen Geſchmack angelegt. Der verſtorbene Fürſt hatte zu dieſem Zwecke aus ſeiner Chatouille in glänzender Weiſe beigeſteuert und hiefür einen eigenen Hofgärtner beſtellt. Dagegen mußte ihm die Stadtverwaltung das Zugeſtändniß machen, daß an keiner Stelle ein Privatbau aufgeführt werden dürfe. Es war ein Zeichen beſonderer Huld, daß die Durchlaucht dem Oberſtjägermeiſter gegenüber von dieſer Beſtimmung eine Ausnahme machte. Frieſeneck, dem der jagdliebende hohe Herr perſönlich wohlwollte, hatte den Moment gnädiger Laune wahrgenommen und ſich die Erlaubniß erwirkt, am reizendſten Punkte, nahe der Einmündung der Glacis in den weſtlichen Ausgang des Quai, ein Wohnhaus errichten zu dürfen. Die Anlage erweiterte ſich hier zu einem kleinen Park deſſen Marke ein ſchilfbewachſenes Altwaſſer des Fluſſes zu einem großen Theil umkränzte. Am oberen Rande mündete ein Quellenbach in das teichähnliche Gewäſſer, und ſchützte vor gänzlicher Stagnation. „Ich brauche Waldluft, Durchlaucht, wenn ich nicht verkümmern ſoll, wie der Hirſch an der Weitwunde!“ Gegen dieſe und ähnliche triftige Beweggründe Frieſen⸗ ecks wußte der Fürſt nichts einzuwenden, und gewährte ihm endlich die oft wiederholte Bitte. Als die neue 75 Siedelung vollendet war, hatte er auch nicht Urſache, dieſes Zugeſtändniß zu bereuen. Das villenartige Haus war in ſeiner Anlage und Durchführung ſo ſchön und harmoniſch, daß es als ſchmucke Staffage dem Park eine neue, freundliche Zierde bot. Ueber dem eben⸗ erdigen Bau erhob ſich ein ſchmälerer Pavillon mit flacher Dachung, über dem Kranzgeſimſe mit zierlichen Akroterien gekrönt. Die Maßwerke von Fenſtern und Thüren waren alle ſo glücklich gewählt, daß man ſchon dem Aeußeren die ſonnenhellen Gelaſſe anſah. Man mußte das ſinnige Verſtändniß des Baumeiſters loben, der damit die Schattenwirkung der umgebenden hohen Platanen und Rüſtern aufhob. An den linken Flügel lehnte ſich eine Veranda im florentiniſchen Style, welche durch Vorſetzfenſter in einen Wintergartenraum ver⸗ wandelt werden konnte. Den Haupteingang ſchützte ein leichtes, auf feinen Säulen ruhendes Vordach von zier⸗ licher Eiſenconſtruction, mit Waldreben, wildem Wein und Hängeroſen dicht überwuchert. Das mäßige Stück Gartenland vor der Fronte, durch eine beſchnittene Weißdornhecke von dem vorbeiziehenden Parkwege ge⸗ ſchieden, war mit ebenſo viel Oekonomie als Geſchmack angelegt. Ein reicher Flor von Syringen und Roſen hüllte im Frühlinge das ganze Haus in Duft. Wir haben hiermit das Ziel unſrer Wanderung ge⸗ 76 zeichnet, die unſer junger Freund Theobald an jenem Vormittage auf des Miniſters Geheiß unternehmen mußte. Die Sonne ſchien ihm warm ins Geſicht, als er läſſig die Quaiſtraße entlang ſchlenderte. Es war März⸗Anfang, und in der Luft lag ſchon etwas wie Würze aufkeimender Veilchen. Sie wehte lau und lenz⸗ haft, während der Strom noch Eis trieb. Aber Theobald war heute nicht empfänglich ge⸗ ſtimmt für das Liebäugeln der Frau Sonne und für ſchmeichelnden Märzathem, der ihm die Wange ſtrich. Der„Auscultator“ war ihm widerwärtig. Er hatte von Kindesbeinen auf einen unſäglichen Widerwillen gegen alles Sondiren und Erlauſchen und gegen das ganze eckle Handwerk der Leiſetreter und Schleichhändler.— Zu allem Ueberfluſſe hielt er den alten Freiherrn, der ſich jeweils ſo wohlwollend und rückhaltlos mit ihm unterhielt, ſo oft ſie am Schachbrete zuſammentrafen, für eine ähnlich geartete Natur. War es doch wirklich nur eine Schelmerei, die ihm Julian übertragen hatte! Warum ſolch einen nichtigen Vorwand für eine Sache, die doch gewiß an ſich vollkommen gerechtfertigt iſt? Bedarf es eines Umweges, um Jemanden zu ſagen, Du biſt ein ehrlicher Kerl, und ich brauche Dich, daß wir mitſammen gehen und uns die Arbeit erleichtern? Theobald ſchwankte, ob er dem Befehle ſeines Mi⸗ 77 niſters oder ſeines Gewiſſens folgen ſolle. Er war noch nicht im Klaren mit ſich, als er bereits an der Weißdornhecke ſtand und die Klinke der Gartenthüre in der Hand hielt. Sachte ließ er ſie wieder los, ging in raſchen Schritten und geneigten Hauptes, damit man ihn nicht erkenne, am Hauſe vorüber und bog dann links ein in das pfadloſe Buſchwerk. Hier wollte er ungeſtört noch etliche Augenblicke die Bedenken für und wider abwägen. Es ging auf Mittag,— ich meine den Mittag der Handwerker und Tagelöhner. Die Reichen und Vor⸗ nehmen haben nichts gemein mit der Sitte der armen Leute, nicht einmal die Tageszeiten. Auf dem ſtruppigen Waldboden lag der warme Sonnenſchein, dem das blätterloſe Geäſte freien Zutritt ließ. Es fing an ſtark zu thauen, und der letzte Reſt des Schneehanges träu⸗ felte von den Bäumen nieder. Im ganzen Gehege des kleinen Parkes glitzerte es wie von gaukelnden, ſchwe⸗ benden Funken. Die Tropfen gaben im Falle einen leiſen, melodiſchen Klang, wie Taktſchläge zu dem Rie⸗ ſeln des nahen Quellbaches. Die Mücken ſumſten, als ob es Frühling wäre, und die Amſel hielt Wald⸗ umgang. Theobald ward von der Stimmung ergriffen, und vergaß Aufgabe und Vorſatz. So folgte er planlos 78 dem Fußpfade längs des Baches, bis das braune vom Winter geknickte Schilfrohr die Nähe des Altwaſſers verrieth. Bald gewahrte er die blinkende Fläche, von Bänken röthlichen Hüllmooſes und Waſſerſeide unter⸗ brochen. Am moorigen Uferrande deckte noch dünnes Eis die Lachen rings um die Moosbündel. Dort ſtand ein Reiher, warf ſich in die Bruſt, und ließ den Schna⸗ bel nachdenkend darauf ruhen. Auf einem leichten Bretterdamm, der über das ſumpfige Geſtade weg bis zum hellen Waſſer geleitete, ſpielte ein kleiner Junge. Auf den weißen Hemdärmeln und dem Flachshaare lag das volle Sonnenlicht, daß ſie ſcharf von dem dunkel⸗ blauen Himmel abgingen. Theobald hielt die Hand ſchirmend vor das Auge, und freute ſich des vollende⸗ ten Bildes. Der Knabe unterhielt ſich mit den Binſen, die zu beiden Seiten des Dammes ihre Bürſtenkronen in die Höhe reckten. Es ſchien eine Berſerkerwuth in ihn ge⸗ fahren zu ſein, denn er hieb dem unſchuldigen Volke die Köpfe ab, daß die Halme rauſchten. Ein hochge⸗ wachſener Binſenſtengel wollte den Streichen nicht un⸗ terliegen, die ihn nur mit der äußerſten Spitze der Ruthe trafen. Er wackelte nur jeweils wie hämiſch mit ſeinem braunen Aehrenkolben, als wollte er ſagen: Ueberall hin reicht doch die Hand der Tyrannen nicht! 79 Das erboſte den Jungen offenbar. Er ſetzte ſich auf den Rand des Brettes, beugte ſich möglichſt weit vor, und holte zum entſcheidenden Hiebe aus. Aber die Wucht deſſelben traf ihn ſelbſt. Mit dem Kopfe vor ſtürzte er herab auf den Moorgrund, deſſen blatt⸗ dünne Eisdecke das Einſinken des ſchweren Körpers nicht hinderte. Soweit reichte noch die Beſinnung des Knaben, daß er den Kopf raſch wieder emporhob. Aber der Schlamm reichte ihm bereits bis über die Kniee, und mit jedem Verſuche, ſich los zu machen, ſank er tiefer ein. In großen Sätzen ſprang Theobald hinzu. Der heulende Junge hatte ſich ſo weit vom Damme hinweg gearbeitet, daß jeder Verſuch, ihn von hier aus zu er⸗ reichen, mißlang. Theobald mußte ſich von der Brücke herab laſſen, wo ein Moosbuckel einigermaßen feſten Untergrund bot. So konnte er, indem er ſich mit der Linken am Brette anklammerte, mit der Rechten das zappelnde Bürſchlein juſt noch erreichen. Ihn beim Halskragen faſſen und auf die Dammhöhe ſchleudern, daß die Diehlen krachten, war das Werk eines Augen⸗ blickes. Nicht Jeder hätte das Kunſtſtück dem gewand⸗ ten und kräftigen Jünglinge nachgemacht, ſelbſt wenn wir zugeſtehen, daß ihn die gewaltige Anſtrengung et⸗ was aus dem Gleichgewicht brachte. Mit Einem Fuße 80 hatte er ſeinen archimediſchen Standpunkt verloren. Als er ſich wieder am Trockenen befand, mußte er mit Bedauern wahrnehmen, daß eine ganz erkleckliche Por⸗ tion Moraſt ſeinen Beinen das Ausſehen von ausge⸗ ſchwemmten Trifthölzern gab. Mittlerweile hatte ſich der Junge von ſeinem Schrecken erholt und war aufgeſprungen. Ohne ſeinen Retter eines weitern Blickes zu würdigen, lief er heulend dem Ufer zu, daß der Moorſchlamm in braunen Fäden von ihm wegſtäubte, und verſchwand alsbald hinter dem Buſchwerk. Theobald ſchaute ihm erſt lächelnd nach; dann aber, als ſeine Blicke auf die bisher ſo tadel⸗ loſen Beinkleider fielen, konnte er ſich doch eines leiſen Fluches nicht erwehren. Die Scene war von Anfang bis zu Ende von ſo komiſcher Wirkung, daß wir den beiden Zuſchauern, welche das Geſchrei des Knaben herbeigelockt hatte, ihr herzliches Gelächter nicht verübeln wollen. „Ich hoffe, mein Verehrteſter“, klang die heitere Stimme des Freiherrn von Frieſeneck vom Uferrande her,„daß Sie der Zweck mit den Mitteln verſöhnen wird. Sie haben einem Rangen aus der Patſche ge⸗ holfen, den ich wahrſcheinlich im Drecke hätte ſtecken laſſen, weil er mir jüngſt erſt meinen ſchönſten Roſen⸗ baum abgeſchlagen.“ 3 81 Die Verlegenheit trieb unſerm Freunde das Blut in die Wangen. Er zögerte, ſich von der Stelle zu bewegen, bis ihm Frieſeneck ſelbſt freundlich entgegen kam, und ihn der jungen Dame vorſtellte, die ihm am Arme hing, und mit ihren dunklen lachenden Augen den Jüngling wohlgefällig muſterte. „Meine Tochter Klara!“ bemerkte der Oberſtjäger⸗ meiſter.„Ein kleiner, trotziger Wildfang, der es wahr⸗ ſcheinlich Ihnen nachgemacht hätte, wenn auch mit we⸗ niger Erfolg!— Aber nun bitte ich Sie, mein Lieber, ſich unter meinem Dache von Ihrem Schlammbade zu erholen. Mit dieſer Uebermalung werden Sie doch wahrhaftig nicht auf der Promenade erſcheinen wollen.“ Theobald konnte nicht anders, als die freundliche Einladung annehmen. Bald waren unter den gewand⸗ ten Händen eines Dieners die Spuren ſeiner„retten⸗ den That“ möglichſt verwiſcht, und als ihn dieſer an die Schwelle des Empfangszimmers geleitete, konnte er ſich eines Lächelns nicht erwehren. Die Laune des Zufalls hatte ihn plötzlich da abgeſetzt, wohin er längſt ſteuern wollte. Der Widerſtreit mit ſeinen Bedenken war durch das Verhängniß gelöſt worden.— Ein hohes, luftiges Gemach, deſſen Licht nur we⸗ nig gedämpft war durch das Epheulaub, das an den Fenſterniſchen emporrankte und die obern Scheiben Hilarius, Non possumus. II, 6 82² theilweiſe überwucherte! Die Wände ſtatt aller Tape⸗ tenverkleidung mit einem einfachen, graugrünen Tone überzogen, wohlberechnet in der Wirkung auf die dop⸗ pelte Reihe von Bildern in einfachen, ſchöngeformten Goldrahmen, welche dem Salon das Anſehen einer kleinen Gallerie verliehen. An der Höhe unterm Ge⸗ ſimſe lief ein Fries mit enkauſtiſcher Malerei hin, einen Zug kleiner Bacchanten und Nymphen darſtellend, welche reiche Feſtons und Traubengewinde ſchleppten. Meubel und Geräthe hatten in Farbe und Form etwas unge⸗ mein Zuſammenſtimmendes und Künſtleriſches, das mehr an die Antike als den modernen Ungeſchmack erinnerte. In den Ecken der Fenſterwand ſtanden auf Säulen⸗ ſtrunken Gypscopien von Canova's geflügeltem Amor und der Pſyche mit dem Schmetterling. Ein künſtle⸗ riſcher Athem wehte in dem ſchönen Gelaſſe, und der reiche Blumenflor in zierlichen Vaſen und Gläſern durchduftete es, daß man den Winter außen vergeſſen konnte. Theobald war durch ſeine Lehrjahre im gräflichen Hauſe mit aller Pracht und dem auserleſenſten Luxus des Reichthums bekannt geworden. Aber noch nie ward ſeinem Schönheitsgefühle eine ſo volle Befriedigung gewährt, als beim Eintritte in dieſen Salon. Alles Andere hätte er dem liebenswürdigen alten Herrn gern zuge⸗ 83 traut, aber dieſer überaus feine, künſtleriſche Geſchmack überraſchte ihn. Da fielen ſeine Blicke auf Klara,— und nun glaubte er der Löſung dieſes Räthſels nahe zu ſein. Der Oberſtjägermeiſter empfing ihn mit der Herz⸗ lichkeit eines alten Bekannten. Klara grüßte ihn mit einiger Befangenheit, die aber ſchnell verſchwand, als als erſt einige Worte gewechſelt waren. „Wiſſen Sie, daß ich Ihnen noch ganz beſonders zu Dank verpflichtet bin?“ ſagte ſie, indem ſie mit heiterm Lächeln zu ihm aufblickte.„Bisher hat mich noch immer eine kleine romantiſche Neigung zu der Moornixe hingezogen, die, wie die Leute ſagen, im Röhricht des Altwaſſers hauſen ſoll. Nun aber kün⸗ dige ich ihr die Freundſchaft, da ſie ihre Fangarme ſelbſt nach meinem kleinen Schützling ausgeſtreckt.“ „Ihrem Schützlinge?“ fragte Theobald zweifelnd. „Wirklich, mein Herr!“ entgegnete ſie raſch.„Glau⸗ ben Sie vielleicht, mich genirt der barfüßige Junge? Oder die Antipathie meines Vaters? O, es ſind noch gar viele Streitfragen zwiſchen uns beiden ungelöſt, und mir hat der kleine Knirps, der Theobald, noch keinen Roſenſtock abgeſchlagen.“ F Der Jüngling ward roth bis unter die Wimpern, als er ſeinen eigenen Namen ſo melodiſch von dieſen 6* 84 Lippen klingen hörte. Klara aber fuhr unbefangen weiter:„Nun thu' ich's aber juſt dem Papa zum Trotze, und danke Ihnen recht, recht herzlich, daß Sie den Kampf mit der Moornixe ſo ritterlich beſtanden, und meine kleine Tauchente, wenn auch etwas unſanft gerettet haben!“ Dabei reichte ſie ihm die Hand, und machte ein völlig ernſtes Geſicht, ſo daß Theobald der Aeltere eigentlich nicht wußte, was er erwidern und mit dem zierlichen Händchen beginnen ſollte. Lachend bemerkte der Oberſtjägermeiſter:„Ach mein lieber junger Freund! Es thut mir leid, daß Sie gleich beim Eintritte in mein Haus erfahren müſſen, wie ſchlimm geſegnet ich mit meinem einzigen Kinde bin. Ihre Freundſchaft vertheilt ſie unter Waſſernixen und Betteljungen. Ich muß mit den Broſamen vorlieb nehmen!“ „Einen Nibelungenhort für ſolche Broſamen!“ dachte ſich Theobald, und ſegnete im Stillen ſeinen flachs⸗ haarigen Namensvetter, der zu ſo guter Stunde ſeine Wiedertaufe im Moraſte hielt, und die Moornixe im Röhricht des Altwaſſers, die ihn mit ihren grünen Armen zu ſich niederzog. Um ſolcher Broſamen willen 3 ätte er einen ganzen Teutoburger Wald voll von Sümpfen durchwatet, wie Varus ſeligen Angedenkens. Nun aber machte er ſich ernſthaft daran, endlich 85⁵ einmal mit der Wahrheit heraus zu rücken und das Geſtändniß abzulegen, daß er auch ohne den launigen Zwiſchenfall um vorübergehendes Gaſtrecht gebeten hätte. Klara fand dieſe kleine dramatiſche Verwicke⸗ lung äußerſt romantiſch. Sie ſchalt den Vater, deſſen nüchterne Anſchauung die Sache nur von der komiſchen Seite würdigte, bis dieſer endlich unter herzlichem Ge⸗ lächter den verlegenen Abgeſandten des hohen Cultus⸗ miniſteriums bat, ihm in ſein Arbeitszimmer zu folgen. „Unterdeſſen wirſt Du dafür ſorgen“, bemerkte er im Abgehen zu Klara,„daß ein Teller mehr auf dem Tiſche ſteht, wenn wir zurück kommen. Sie werden doch unſer Gaſt ſein? Ich bin kein Sybarit, mein junger Freund, aber ich halte es mit dem Profeſſor in der „verlorenen Handſchrift.“ Sie werden ſehen, welch treffliches Mittel ein gedeckter Tiſch nicht bloß gegen das Tragiſche ſondern auch gegen das Romantiſche iſt. Das macht ruhig und feſt.“ Die Dämmerung ging zur Neige, und längs der Quaiſtraße brannten bereits die Laternen. Ein ſchar⸗ fer Oſtwind blies den Strom herauf. Nach der kurzen Täuſchung des ſommerlichen Tages war die raſch ein⸗ getretene Kälte um ſo empfindlicher. Die Leute wickel⸗ ten ſich feſter in die Mäntel, und ihre Schritte ge⸗ wannen raſcheres Tempo. Nur Theobald ſchien von 86 dieſem Umſchlag des Wetters nichts zu ſpüren. Ge⸗ mächlich wandelte er die Straße entlang, und bot den offenen Paletot der vollen Briſe. Es war kein luculliſches, doch immerhin ein treff⸗ liches Mahl, zu dem er geladen war, und der Wein überbot noch die Gerichte. Aber nicht das war es, was ihn bis zum Abende feſſelte, und ihm Leib und Seele ſo durchwärmte, daß ihm der froſtige Luftzug wie liebliche Kühlung däuchte. Der jugendlich friſche Humor und die Herzlichkeit des alten Freiherrn äußerten faſt eine gleiche Anziehungskraft wie die Anmuth Klara's. Im leichtflüſſigen Geſpräche war der Nachmittag vorüber⸗ geflogen, daß Gaſt und Gaſtfreundfaſt den Klang der Veſper⸗ glocke überhörten, der ernſtlich zum Aufbruch gemahnte. Theobald mußte noch dem Miniſter Nachricht bringen. Froh, daß er ihn weder im Bureau noch zu Hauſe traf, hinterließ er ein Billet, in welchem er die Löſung ſeiner Aufgabe meldete. Dann wandte er ſich heim⸗ wärts. Mit heiterer Miene empfing ihn die Mutter.„Es ſind Briefe da von Juſtus!“ ſagte ſie, als ſie ihn kaum gegrüßt hatte.„Du meine Güte, habe ich mich ge⸗ kümmert um den Jungen! Drei Monate ohne eine Zeile Nachricht! Ach, ihr Kinder wißt nicht, was es um ein Mutterherz iſt. Das ängſtigt ſich um Schlim⸗ 87 mes und Gutes, und hat keine Ruhe, bis es vollends aus iſt mit all den quälenden Freuden und Schmerzen.“ Theobald ſtrich ihr verſöhnend die Wangen.„Es wird doch wohl eine gute Nachricht ſein“, meinte er,„denn ſonſt wären Dir ſchon längſt die Augen übergelaufen. Wenn Du ſchiltſt, Mutter, merke ich immer, daß es nicht ſchlimm ſteht.“ Lächelnd bejahte ſie die Frage, und übergab ihm die Briefe zum Durchleſen. Auch Einer mit ſeiner Adreſſe war darunter mit unverſehrtem Siegel. Aber Theobald fand vorderhand Genüge an der Botſchaft, daß es gut ſtehe mit dem Bruder. Die Empfindungen, welche ſeine Briefe jeweils in ihm erweckten, hätten ihm die volle warme Poeſie abgekühlt, die gerade jetzt ſeine Seele hob und dehnte! Viertes Kapitel. Wer auf Vorrechte Anſpruch macht, iſt von der Vernunft geächtet. Seume, Apokryphen. Herr Hans Cbenſtreit, der Rothgießer, iſt alt ge⸗ worden, ſeit er vor etwa fünf Jahren ſeinen Lehrjungen, den Juſtus, in die Fremde geſchickt hat. Er hat em⸗ pfindliche Verluſte erlitten, die ihn um ſo mehr ſchmerz⸗ ten, als er ſie„guten Freunden“ verdankt. Die Con⸗ currenz beeinträchtigt ſein Geſchäft, und er merkt, daß er ein Meiſter alten Schlages ſei, obwohl er dem Fort⸗ ſchritt huldigt. Sein Intereſſe iſt in bitteren Zwieſpalt gerathen mit ſeinen liberalen Geſinnungen und mit den Lehren über die freie Bewegung des Gewerbes, womit er einſt im Vereine der Jungmeiſter, Geſellen 89 und Arbeiter die älteren Zunftherren ſo erfolgreich verdonnert hatte. Auch im Haushalte gab es Kummer und Betrübniß mancher Art. Die rührige Gundel wurde plötzlich auf Einer Seite lahm, konnte den Dienſt nicht mehr ver⸗ ſehen und ging für etliche Zeit in die Heimat. Sie wollte das Gnadenbrod nicht eſſen, das ihr der Meiſter liebreich anbot. Das kränkte dieſen, und als ſie Ab⸗ ſchied nahm, bemerkte er:„Ich halt' Dich nicht auf Gundel. Wir haben nicht zuſammen geheirathet, und auf eine neue Hauſerin brauch' ich nicht bis oculi zu warten, wie auf Schnepfen!“ Als ſie aber fort war, kam es ihm doch leer vor in allen Winkeln des Hauſes. Es war Niemand mehr da, der ihm widerſprach, und er ſehnte ſich ſtündlich mehr nach dem„alten Zankeiſen.“ Nach etlicher Zeit ward auch Martha ſtiller und tiefſinniger. Sie ließ ihren Namen ſtreichen aus dem Regiſter der Sodalitinnen zum Herzen Mariä. Das nahm ihr nun eben der Meiſter nicht übel, und noch weniger verdroß es ihn, als allgemach auch die Beſuche ſeiner Hochwürden, des Stiftscanonicus Sander, nach⸗ ließen, und zuletzt ganz aufhörten. Aber damit war's noch nicht abgethan. Martha fing an zu kränkeln, und ſah von Tag zu Tag übler aus. Das kümmerte den 90 alten Herrn doch, und er ließ den Arzt rufen, obwohl ſie ſich dagegen geſträubt hatte. „Eine ſchlimme Krankheit, die ich nicht curiren kann!“ entgegnete dieſer auf die ſorgliche Frage des Ohms, und fügte dann mit bedeutſamen Lächeln bei:„Sie wird ſich aber binnen etlichen Monaten von ſelbſt heben.“ Dem Rothgießer fuhr es durch die Glieder, als habe ihn der Herzſchlag getroffen. Er konnte ſich nicht von der Stelle rühren, nicht einmal das Sammtkäpplein zur Seite ſchieben, als der Doctor ſich empfahl. Dann überfiel ihn ein heftiges Zittern. Juſt daß er noch den Polſterſtuhl erreichte, ſonſt wäre er zuſammenge⸗ ſunken auf den blanken Eſtrich. Da ſaß er nun, ein verwundeter und geſchlagener Mann. Das Haupt ge⸗ beugt, die gefalteten Hände auf die Kniee geſtützt, ſah er ſtarr vor ſich hin eine gute Weile. Dann wiſchte er ſich mit der Hand über die Stirne, als ſäßen da die Gedanken, die ihn ſo ſchmerzhaft ins Gehirn ſtachen, und er könnte ſie verjagen. Aber ſie hafteten feſt, und es half ihm nichts, daß ihm zuletzt das Waſſer in die Augen trat. Nach einer Zeit, als die erſte Betäubung vorüber war, ſprach er mit ſich ſelbſt. So that er jeweils. Wenn's in ihm ſtürmte, mußte er laut grollen. „Iſt ſie dein Kind?— Was kümmert's dich, wenn 91 die Dirne herzſchlechtig und kernfaul wird? Aber— daß die Leute mit Fingern auf ſie deuten,— und auf mich! Hat's nicht immer geheißen: des Ebenſtreits Martha?— Ich habe ſie gehalten wie mein Herzblatt; ich hab' ſie lieb gehabt, unſer Herrgott weiß es, wie Vater und Mutter zuſammen. Nun bringt ſie Schande über mich und verunglimpft mein Haus, das ſchönſte Haus in der Wallgaſſe, unter deſſen Firſte ein Kaiſer mit Ehren hätte herbergen können! Hätt' ich ſie wohl beſſer hüten können?— O ich alter, jämmerlicher Narr, reſpective, daß ich meinte, der Schimmel wachſe nur auf altem Brod! Etwas Gutes hatten dieſe lauten Selbſtbetrachtungen des ehrſamen, nun ſo tief gebeugten Meiſters. Es war der Ballaſt, den er auswarf, wenn ſein Schiff zu ſchei⸗ tern drohte, weil es zu viel Tiefgang hatte. Wenn ihm die Räthſel des Lebens zu wirr wurden, kam er nur auf dieſe Weiſe wieder in das Fahrwaſſer richtiger Gedanken. Als er ſich erhob von ſeinem Sorgenſtuhle, war ihm, als ſtünde er doch um etliche Mark leichter auf. Er hatte ſich zu einem Entſchluß durchgeredet und durchgerungen. Derartige Entſchlüſſe waren bei ihm ſo feſt und unbiegſam, wie die Glockenſpeiſe in ſeiner Werkſtatt; es ließ ſich höchſtens noch etwas daran glätten und ciſeliren. 92 Martha ward herbeigerufen. Sie ſtand vor ihm, zitternd und händeringend, und wäre lieber in die Kniee geſunken, wenn er ſie nicht auf den Stuhl ge⸗ wieſen hätte. „Bei Deinen Zuſtänden thut das Stehen nicht gut!“ ſagte er bitter.„Setz Dich; ich will's kurz machen. Ich hab' geſündigt, weil ich Deinen Hochmuth gelten ließ. Du warſt alleweil mit Deinem Maule vorn dran, als ob Du mit den eilftauſend heiligen Jung⸗ frauen verwandt wärſt. Beten thut wahrhaftig noth; aber Du haſt mit Litaneien und Vespern gehandlangert, und mit Deinem Kirchgang und Deiner Andächtigkeit reſpective ein offenes Gewerbe getrieben. Nun iſt der Profit größer, als Dir lieb iſt und mir recht. Unſer Herrgott hat mich geſtraft durch Dich, und es wird wohl ſeinen Fug haben. Du biſt jung; ich aber bin alt, und hätte wiſſen ſollen, daß eines Mädels Herz leichtflüſſig iſt und gern die Form ſprengt, wenn man nicht Acht hat beim Guß. Was aber einmal iſt, das iſt ſol Item— Ehren halber kannſt Du nicht länger hier bleiben. Alſo pack Deine ſieben Sachen zuſammen; ich hab' Dir einen Platz ausgemacht, wo Dir's an Nichts fehlen ſoll. Ich frag' Dich nicht wer, und was, und wo— Du fragſt mich auch nicht, Martha, und gehſt auf mein Geheiß. Morgen geb' ich Dir Valet!“ 1 93 Und des andern Abends war auch der Meiſter wirklich mutterſeelenallein! Der Altgeſelle und Lehr⸗ junge mußten auswärts„nachtſüppeln“, denn Martha hatte bisher die Wirthſchaft geführt, und die neue Hauſerin zog erſt des andern Tages auf. Ihm ſelber war es um Nichts zu thun, und er dämmerte ſo hin, und manchmal kam es ihm vor, als ſei er nun all⸗ bereits ein recht unnützer Hausrath worden. Er bracht' es nicht mehr in's Reine mit der Zeit und mit ſich ſelber. Von der Vergangenheit hatte er ſich losgeriſſen, und hing doch an ihr mit tauſend Fäden; der Gegen⸗ wart wollte er angehören, und verſtand ſie doch nicht, und grollte ihr in hundert Dingen, die er laut aner⸗ kennen mußte. Herr Hans Ebenſtreit, der Rothgießer, war das Urbild jener braven, aber beſcheiden ange⸗ legten Männer, die das Unglück an die Grenzſcheide zweier Culturepochen hingeſetzt hat. Der Riß zwiſchen dem Alten und Neuen ging mitten durch ihn. Es war allbereits Nacht, als ſich noch der Klöppel rührte und Theobald eintrat. Das war noch ein froh⸗ ſamer Moment am Schluſſe eines trübſeligen Tages. Der Meiſter hielt den Neffen über Alles hoch und Theobald empfand für den Oheim trotz aller ſeiner Schrullen eine herzliche Liebe. Dießmal kam er gar ſonderlich gelegen, denn er wußte, wie Keiner, den 94 Meiſter zu beruhigen und ihm in vernünftiger Weiſe Troſt zuzuſprechen, obwohl ihn ſelbſt die Mittheilungen in nicht geringe Aufregung verſetzten. Aus den An⸗ deutungen errieth er den Urheber all' des Jammers, der über den wackeren Rothgießer gekommen war. Er gedachte der Worte Julian's, als dieſer von der gehei⸗ men Verbindung La Rochelle's mit dem Stiftscanonicus Kunde erhielt:„Ich fürchte den Geiſtlichen mehr als den Laien. Dieſem ſteht das Kabinet, jenem die Kabi⸗ nete offen. Mit Letzterem kämpft ein Heer von Ama⸗ zonen, die nur ihm gegenüber die Rolle moderner Pen⸗ theſileen ſpielen.“ Theobald war zu jung und zu unreif, um die Par⸗ teien noch gehörig von den Perſonen zu ſcheiden. Zu ſeiner Entſchuldigung mag wohl dienen, daß die We⸗ nigſten über dieſe Unreife hinaus gelangen, obwohl damit eben ſo wenig gewonnen iſt. Die Erfahrung dieſes Abends gab ihm gewiſſermaßen die moraliſche Rechtfertigung für das dem Miniſter gegebene Verſpre⸗ chen, daß er ihm und der Sache ſeiner Partei treu bleiben wolle. „Laßt mich Euch auch eine erquicklichere Nachricht bringen, Oheim!“ Mit dieſen Worten gab Theobald dem Geſpräche, das den leidigen Stoff nun hinlänglich verarbeitet hatte, eine andere Wendung.„Ich habe 8* 95⁵ Briefe von Juſtus, die mir beſſer munden, als all ſeine flunkernde Salbaderei die fünf Jahre her.“ „Das hat er der Martha zu danken!“ fiel ihm Eben⸗ ſtreit in die Rede.„Sie lag ihm in den Ohren, bis ſie ihm den Hochmuth eingeblaſen. Was ihr nicht ge⸗ lang, hat der Knechtlein fertig gebracht, der reſpective Narr!“ Theobald erwiderte:„Wer mag das entſcheiden, Oheim? In der Seele Juſtus' hat ſich von jeher Alles ſelbſtändig und eigenwillig gebildet. Was nicht in ihr lag, hat Keiner hinein legen können. Höchſtens daß er ſich den Anſtoß gefallen ließ. Was er geworden iſt, iſt er durch ſich geworden oder— durch mich! Um meinetwillen hat er ſich ſelbſt, wie er urſprünglich war, aufgegeben, und ich kann es Euch jetzt wohl ge⸗ ſtehen, Oheim, daß mich dieſer Gedanke ſeit langer, langer Zeit quält. Und dennoch liegt es in mir wie eine gewiſſe Zuverſicht— ich weiß nicht, woher ſie mir kommt— der Juſtus werde ſich durcharbeiten durch dieſen jämmerlichen, dämmerlichen Nebel, den ſeine eigene Phantaſie um ihn wob. Wenn er nur einmal den ungebrochenen Strahl des Tages wird in ſeine Seele ſcheinen laſſen, dann wird ſie ſelber leuch⸗ tend werden gleich dem Bologneſer Stein, auch im Dunkeln.“ 96 „Gott walt' es!“ ſagte der Meiſter, ſchob die Sammt⸗ mütze vom linken auf das rechte Ohr und wackelte mit dem Kopfe, als ſei ihm die gewiſſe Zuverſicht des Neffen nichts weniger als eine ausgemachte Sache„Es ſteht nichts auf über's Hoffen, Theobald“, fuhr er als⸗ bald fort,„und wer lang hofft, wird alt dabei. Wer aber nichts hofft, Junge, dem geht Alles in Erfüllung. Fragt ſich alleweile noch, wer der Geſcheitere iſt.“ „Der das richtige Maß hält zwiſchen beiden!“ ant⸗ wortete dieſer.„Wenn Ihr nichts dawider habt, leſ ich Euch Etliches aus dem letzten Schreiben des Bru⸗ ders vor. Ihr mögt daraus entnehmen, daß ich nicht in's Blaue hoffe.“ Es war noch bei guter Stunde, und Herr Ebenſtreit fürchtete ſich vor dem langen, einſamen Abend. So kam ihm Theobald's Vorſchlag nicht ungelegen. Er nahm Stellung, ſchlug die Beine über einander, kreuzte die Hände unter'm Knie, nachdem er vorerſt noch ein⸗ mal am Hauskäpochen gerückt, und commandirte:„Nun, ſo laß eben los, Junge, in Gottes Namen!“ Während ſich die Beiden, Oheim und Neffe, mit dem jüngſten Actenſtücke beſchäftigen, gebührt es uns wohl, noch etwas weiter zurück zu blättern, und uns um die Geſchicke unſeres Freundes Juſtus zu kümmern, den wir faſt aus den Augen verloren haben. 97 Vom Freiſpruche weg hatte der junge Geſelle ſeine Wanderung ohne irgend welchen Aufenthalt bis Nürn⸗ berg fortgeſetzt. Dort hatte ihm der Oheim Aufnahme in achtbarer Werkſtatt vermittelt, und Juſtus fand guten Willkomm im Hauſe ſeines neuen Meiſters. Die Stadt ſelbſt war ihm— wir wiſſen es— das Ziel der Sehnſucht, ſeit ihm der alte Lazarus Knecht⸗ lein was Wunders von ihr erzählt hatte. Mit heiliger Scheu hatte er ihr Weichbild betreten, und was er fand, reichte zwar nicht an das ideale Gebilde ſeiner über⸗ wuchernden Phantaſie, aber es befriedigte ihn je mehr und mehr, und ſeine Begeiſterung wuchs mit jedem Schritte, der ihn an einem der Denkmäler einer kunſt⸗ ſinnigen Vergangenheit vorüber führte. Dieſe ſchönen, alten, dunklen Häuſer mit ihren Zinnengiebeln und Erkern und Vorſprüngen, dieſe Kirchen mit ihrer wun⸗ baren Bildhauerei, mit ihren Fialen und Heiligen⸗ häuschen und all' dem ſteinernen Zierwerk voll geheim⸗ nißreicher Symbolik, dieſe hochgewölbten Brücken über dem dunkelfluthigen Strom inmitten der Stadt, und über alle dem der alte Burggrafenſitz, die Reichsfeſte mit ihrer Freiung, ihren grauen Mauern und Thürmen und Zwingern— wie wirkte das Alles ſo ganz anders auf ſein Gemüth und ſeine Einbildungskraft, als die moderne Nüchternheit ſeiner Vaterſtadt, die breiten, blen⸗ Hilarius, Non possumus. II, 7· 98 denden, ſtaubigen Straßen, die neuen Kirchen und glän⸗ zenden Monumente, denen der poetiſche Reiz farbiger Verwitterung, rothen Roſtes, grauen Spinnengewebes und grüner Patina faſt allenthalben fehlt! Ueberall entſprach die ſchöne Form ſeinem Kunſt⸗ gefühl und der myſtiſche Sinn ſeiner Stimmung. Es ſpornte ihn zum Schaffen und Lernen. In den freien Stunden, die ihm das Handwerk übrig ließ, beſuchte er die Kunſtſchule, und baute auf dem tüchtigen Funda⸗ mente weiter, das Meiſter Knechtlein gelegt, immer mit gleicher Liebe, mit gleichem, raſtloſen Eifer, wenn auch mit gleicher Befangenheit und Einſeitigkeit. Die Kunſt war ihm nur die ſchöne Verſinnlichung des Glaubens, ihrem Weſen und Zwecke nach die Dienerin der Kirche. Er betrauerte ihre Verweltlichung, ihren „Sündenfall“, wie er es nannte. Die ſich den Künſtler⸗ namen anmaßten ohne das volle Verſtändniß ihrer heiligen chriſtkatholiſchen Sendung und ohne den ſelig⸗ machenden Glauben an das Nittelalter, da allein noch ihr Bronnquell lauter und genutt floß, waren ihm ſchier ein Greuel und ein Aergerniß. Aber— es iſt immerhim Etwas, in Einem Stücke rechtſchaffen tüchtig zu ſein, und Keiner wird es zur Meiſterſchaft in Allem bringen. So gelangte auch Juſtus mit ſeinem ernſten Wollen und Ringen zu 99 einem Ziele, und was er bei der Einſeitigkeit ſeines Studiums einbüßte, gewann er wieder an Tiefe und Gründlichkeit. Dabei blieb er jedoch dem äußeren Leben völlig fremd, ſoweit nicht das Handwerk, dem er mit gleich ſtrengem, beharrlichen Fleiße oblag, noth⸗ wendige Anknüpfungspunkte bot. Er war gut gelitten im Hauſe ſeines Meiſters, aber zur freundlichen Einkehr in die Familie konnte ihn kein Zuſpruch vermögen. Wohl hatte er dem Gebote des Anſtandes genügt, und der Meiſterin und ihren Töcheern die aufgetragenen Grüße des Oheims perſönlich überbracht. Aber er fand an den Weibern zu viel Weltlichkeit und üppigen Schmuck, und konnte zudem den Ketzergeruch nicht loskriegen, den das gut proteſtantiſche Hausweſen hatte. Eben ſo wenig behagte ihm der Verkehr mit ſeinen Mitgeſellen, die ſchließlich den„Mucker“ ſeinen Weg laufen ließen. So vergingen Jahre ohne ſonderlichen Wechſel, und Juſtus lief wirklich ſeinen Weg mutterſeelenallein, aber ohne ſich einſam zu fühlen oder zu ermüden. Da brachte ihn der Zufall, vielleicht auch die Gemeinſamkeit des Strebens und der Anſichten, mit einem Jünglinge, dem einzigen Sohne einer angeſehenen und wohl⸗ habenden Patricierfamilie, in nähere Berührung. Mit rührender Ausdauer hatte dieſer, unbeirrt durch eine Reihe mißlungener Verſuche, ſeine Bewerbungen um 7* 100 Juſtus' Neigung fortgeſetzt, bis es ihm endlich gelang, einen der verdeckten Laufgräben zu finden, welche in die Seele des ängſtlich Verſchloſſenen mündeten. Nach der Schwere des Erringens mißt ſich die Tiefe des Genuſſes. Als Juſtus nach langer, ſcheuer Zurückhaltung den Freund vollends erprobt hatte, da blätterten ſich auch allgemach die dunklen Schichten ab, die über den Schatzkammern ſeines Gemüthes gelagert waren, und die Freundſchaft der beiden Jünglinge wuchs alsbald zur Höhe romantiſcher Schwärmerei. Nach Jahr und Tag ertrank der junge Mann beim Bade an einer Stelle der Pegnitz, die ein zehnjähriger Knabe gefahrlos als Furth hätte überſchreiten können. Der plötzliche Tod des Freundes, den das Geſchick mitten in der Fülle hoffnungsvollen Lebens und Strebens erreicht hatte, wirkte erſchütternd auf Juſtus. An dieſer Kataſtrophe ſchärfte ſich ſein Glaube an ein unvermeidliches Verhängniß, deſſen Nothwendigkeit eine unbedingte, willenloſe Ergebung verlange, deſſen be⸗ täubender Druck allein ausgeglichen werde durch die Zuverſicht auf ein Jenſeits, welches ſeine Seligkeiten nach dem Maße irdiſchen Leidens zuwäge. Er ward noch tiefſinniger und verſchloſſener und ſeine Aſceſe wucherte zu gefährlicher Höhe auf. Wenige Monate nach dem Ereigniſſe bat er ſeinen 101 Meiſter um Urlaub und verließ Nürnberg. Nicht bloß die ſchmerzliche Erinnerung trieb ihn zu neuer Wan⸗ derung; der Kreis ſeines Wirkens war ihm zu eng und die Arbeit allzu handwerksmäßig geworden. Er ſehnte ſich nach ſelbſtändigem Schaffen, und ſo folgte er ſeinem eigenem Drange und dem Rufe, der durch ſeines Meiſters gütige Vermittelung an ihn ergangen war, wanderte den Main entlang an den Rhein und das weinduftige Gelände hinab bis zum„heiligen Cöln“, wo er Herberge nahm, und zuvörderſt etliche Tage noch an der neuerſtandenen Pracht des Domes und den übrigen Bau⸗ und Kunſtwerken der Stadt ſich ſattſam erbaute. Dann ſtellte er ſich in der neuen Werkſtätte, ward mit Gunſt empfangen, und freute ſich alsbald der höheren Anforderungen, die man an ihn als Ciſeleur und Formenſchneider in dem großen viel⸗ verzweigten Gewerke ſtellte. Dagegen empfing ſein äußeres Leben eine neue Ge⸗ ſtaltung, in die er ſich ſchwerer fügte. In dem prote⸗ ſtantiſchen Nürnberg hatte ſeine Abgeſchloſſenheit keine Anfechtung erfahren; im katholiſchen Cöln ward er wider Willen in den Kreis der Gleichgeſtimmten gezo⸗ gen. Wo er ſelbſt keine Anknüpfungspunkte fand, fan⸗ den ihn die Andern. Der Belehrung über Parteizwecke mußte er ſein Ohr leihen, wenn er den Verdacht der 10² Zweideutigkeit vermeiden wollte. Damit wurde er aber auch alsbald inne, daß dem Kampfheere der Kirche viel weltlicher Troß anhänge, und daß man neben den ewi⸗ gen auch gelegentlich um zeitliche Güter ſich balge. Er lernte Menſchen kennen, die in Geberde und Anſehen, in Worten und augenfälligen Handlungen Allem entſprachen, was er für muſtergiltig hielt. Wo er ſie traf, im Laien⸗ oder Levitengewande, ging der Weihrauchgeruch der Andacht und Gottſeligkeit von ihnen. Von ihren Lippen trof es in ſüßer, myſtiſcher Rede, und ihre Augen legten im Verrenken wahre Akro⸗ batenkunſtſtücke los. Zufall und Gelegenheit aber übten niederträchtigen Verrath, und der Argloſe mußte erfahren, daß hinter all' den geſenkten Lidern, hinter dieſem Heiligenſcheine, den er für Ausſtrahlung der Seele hielt, Neid, Haß und Selbſtſucht lauerten, daß die Begierde den Joſephs⸗ mantel keuſcher Entſagung umhing, um ihre eckle Ge⸗ ſtalt zu verdecken, daß derſelbe Mund, der in heiliger Zeloſe den Verfall der Kirchenzucht bejammerte, auf züchtige Wangen die zürnende Schamröthe zu locken verſtand. Er konnte wahrnehmen, wie Unwiſſenheit und Aberglaube in den Herzen derer wucherten, welche den Tag in trägen Erbauungsſtunden aufzehrten, mit brennenden Wachsſtöcken ihre erheuchelte Andacht beleuch⸗ 103 teten, und hinter gemalten Fenſterſcheiben ihren geiſti⸗ gen Hochmuth mit Litaneien mäſteten.— Hievon und von manch anderm Erbaulichen hatte er dem Bruder geſchrieben, und Theobald las die ſchla⸗ genden Stellen des Briefes Herrn Hans Ebenſtreit mit lauter, wohltönender Stimme vor. Er wußte das Rechte auch recht zu betonen, und ſetzte auf manchen Satz ein Glanzlicht, daß Juſtus von der Wirkung ſei⸗ ner eigenen Worte überraſcht geweſen wäre, wenn er's hätte hören können. Zu Manchem lächelte der Meiſter; Vielem galt ſein beifälliges Kopfnicken, und als der Neffe fertig war mit ſeiner Vorleſung, mußte er auch ſelber noch billi⸗ ger Weiſe ſeinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck geben. „Man ſollte ſchier denken, das Fieber bricht ſich! Es liegt etlicher Menſchenverſtand drin in dem Ge⸗ ſchreibſel, der Einen wieder in's Geleiſe bringt, wie der Fuhrmann den Karren, wenn er nüchtern wird. Was meinſt Du, Theobald, es hat ſo ſeine Sache, daß uns unſer Herrgott alleweile wieder was Liebes ſchenkt, wenn er uns was Werthes genommen hat. Ich hab' den Juſtus aufgegeben, wahrhaftig, denn die Mucker und Kopfhänger, die Knierutſcher und Herrgottshaſcher ſind mir reſpective wie ein Dorn im Fleiſche, den ich 104 herausſchneide, und wenn's mir ſelber Fleiſch koſtet. Jetzt krieg' ich wieder Hoffnung— juſt da ich das Mädel aufgeben muß. Schreib ihm von ihr und ihrer Errungenſchaft! Vielleicht geht das für den Staarſtich hin, und er ſieht wieder, ſtatt zu tappen. Schwer wird ihn die Nachricht wohl treffen, denk ich; denn er hat was auf die Dirne gehalten— mehr vielleicht, als nach den Zunftartikeln Rechtens iſt. Schreib ihm, ich ſei alt geworden und gäb's wohlfeil mit meinem Ge⸗ ſchäft. Jetzt ſehn' ich mich nach dem Austrag, wie der Wanderburſch nach der Herberg!“ Herrn Hans Ebenſtreit war es um ein Fühlbares leichter zu Muthe, als Theobald von ihm ging.„Der Junge hat's los, Einen wieder in Reih' und Glied zu bringen, wenn man ſich verlaufen hat. Ein Menſchen⸗ kind aus dem Herzen Gottes, wahrhaftig, wahrhaftig!“ So ſprach er vor ſich hin, als er die Treppe hinauf⸗ ſtieg zur Schlafkammer. Theobald aber hatte ſich warm geredet, daß ihm der Kühltruuk gar ſonderlich behagte, den ihm die ſternhelle Märznacht bot. Der gerade Weg heimwärts dünkte ihm zu kurz, und er durchlief noch etliche Straßen, bis er unverſehens am Quai angelangt war und rechts einlenkte in die Glacis⸗-Anlagen. Da drüben lag es, das ſchöne, freundliche Haus, und über ſeiner Firſte 105 leuchteten gerade die Sternbündel des Orion, und die blätterloſen Aeſte der Rüſtern bewegten ſich im Winde, und neigten ſich an einander. In der Ferne rauſchte das dürre Röhricht, und es ging ein Geflüſter um, wie leiſe, eintönige Nachtmuſik. Die Fenſter des Hauſes waren dunkel, bis auf den Widerſchein eines Sternes, der von etlichen Scheiben zurückſtrahlte.„Sie wird wohl ſchon ſchlafen und von Nixen und Betteljungen träumen.“ Theobald ſchaute ſich um, ob Niemand ſeine Gedanken gehört habe. Dann wickelte er ſich tiefer in den Mantel, und lenkte heimwärts. Auch an Julians Haus führte ihn der Weg vorüber. Hier warfen die erleuchteten Fenſter noch hellen Schein auf die Gaſſe. Der Miniſter hatte nicht Zeit zum Träumen, wie die braunlockige Klara, und heute am wenigſten. Denn der Beſuch beim Oberſtjägermeiſter hatte ihm ein ganzes Heer von Gedanken aufgeweckt, obwohl er dem vorgeſteckten Ziele nicht näher gekom⸗ men war. Was er als Abſicht ſeines Beſuchs nur vor⸗ geſchützt hatte, gewann im Laufe des Geſpräches eine ſo hervortretende Bedeutung, daß er daraus mehr Ge⸗ winn zu ziehen hoffte, als aus einer Parteinahme des alten Herrn, der ſeine Rechnung mit der Politik wie mit der Fürſtengunſt wirklich abgeſchloſſen zu haben ſchien. 106 Die Sache verhielt ſich aber alſo. Die einträglichſte Domäne des Landes waren deſſen weitausgedehnte Forſtungen. Ein beträchtlicher Theil derſelben gelangte erſt mit der Säculariſation der reichen Klöſter und Stifte am Anfange dieſes Jahr⸗ 3 hunderts in das Staatseigenthum. Auf dieſen laſteten jedoch unverhältnißmäßige Reichniſſe an die zahlreichen Pfarrpfründen. Die ſervitutmäßigen Forſtnutzungen bildeten ein ſehr beträchtliches Einkommen der geiſt⸗ lichen Herren, und erhöhten ihre Macht und ihren Einfluß auf die armen Waldgemeinden, welche mit ihrem Holzbedarfe, mit dem Bau ihrer Häuſer und dem Material ihres mühſeligen Arbeitsverdienſtes faſt ausſchließend an ſie verwieſen waren. Man hieß die Pfarrer nur die„Holzherren“, von deren Gnade Wohl und Wehe abhing. Daß ſie dieſe Abhängigkeit in ihrem Sinne verwertheten, lag nahe. Ohnedieß bis zu einem beträchtlichen Grade willenlos, empfingen dem⸗ nach dieſe zahlreichen Gemeinden in kirchlichen wie pro⸗ fanen Angelegenheiten ihre Parole faſt ausſchließlich aus klerikalem Munde. Ueberdieß hinderten aber auch dieſe Waldrechte die forſtwirthſchaftlichen Plane des Staates gewaltig und verlockten zu Eigenthumsan⸗ ſprüchen, welche endloſe Proceſſe im Gefolge hatten. Der Oberſtjägermeiſter, welchem ſeinerzeit auch die 107 Verwaltung der Landesforſten unterſtellt war, kannte dieſe Verhältniſſe ganz genau. Ihm waren ſie eine Quelle vielfachen Verdruſſes, da ſie ſeine ſchönſten Wirthſchaftsplane vielfach durchkreuzten, und namhafte Waldbeſtände für undenkliche Zeiten ruinirten. Der Wald galt ihm aber als ein Heiligthum, und jeder Frevel an demſelben wie Kirchenraub. Alle Verſuche, dieſe Mißſtände gütlich auszugleichen, ſcheiterten, und ſein Eifer hatte ſchließlich nur die Wirkung, daß er perſönlich faſt mit dem ganzen Klerus des Landes in Hader gerieth. Frieſeneck fühlte ſich geſchmeichelt, daß der Cultus⸗ miniſter ſeinen Rath in einer Angelegenheit ſich erbat, welche nach ſeinem Bedünken all' die politiſchen small matters, um welche ſich Regierung und Kammer balg⸗ ten, an Wichtigkeit weit überholte. Er entwickelte ihm den geſchichtlichen Hergang des Langen und Breiten, ſchilderte ihm die Verhältniſſe bis in's Kleinſte, und kam endlich zu der Folgerung, daß es die würdigſte Aufgabe eines Staatsmannes ſei, für dieſen wunden Fleck ein energiſches Heilmittel zu entdecken. Schon im Verlaufe dieſer Mittheilungen bildete ſich in Julian der Gedanke, dieſes Material als Rüſt⸗ zeug für einen Angriff zu verwerthen, der ſeine Geg⸗ ner mindeſtens überraſchen und betäuben ſollte. Sich 108 ſelbſt aber wollte er damit aus der entmuthigenden Stellung der Defenſive reißen, und ſeine Parteigenoſſen zu einem entſcheidenden Handeln drängen. Es war weit über Mitternacht, ehe die Lampe im Arbeitszimmer des Cultusminiſters erloſch. Am frühe⸗ ſten Morgen des andern Tages ließ er Theobald rufen, und legte ihm die erſte Skizze eines Geſetzes vor, welches die zwangsweiſe Ablöſung dieſer Forſtrechte gegen mäßige Entſchädigung forderte. Was auf dem Wege der Verſtändigung nicht erzielt werden konnte, ſollte das Geſetz zur Pflicht machen. Daß dem Vor⸗ theile der Pfründebeſitzer nur ſo weit Rechnung getragen war, als es das ſtrenge Recht forderte, ließ ſich voraus⸗ ſetzen. Aber der greifbare Nachtheil des betheiligten Klerus wog gering gegenüber dem moraliſchen Gewinne des Staates und den Folgen, welche nur der Fernſichtige einigermaßen zu beurtheilen vermochte. Das Einkom⸗ men jener gewaltigen Herren war damit zwar nicht weſentlich verringert; aber es ward auf ein flüſſiges Kapital fundirt, dem die Gefahr des Verluſtes, der Vergeudung und der Verwendung zu andern Zwecken nicht fern ſtand. Die Hauptſache aber war, daß da⸗ mit der klerikale Einfluß in den betreffenden Gemein⸗ den untergraben und der Staatsregierung das Mittel 109 geboten wurde, materielle Vortheile zu gewähren, und an jede Begünſtigung eine Bedingung zu knüpfen. Aus jenen Gemeinden hatte ſich bisher das ultramon⸗ tane Lager in der Volkskammer recrutirt, dem neuen Geſetze ſollte es vorbehalten ſein, einen anderen Geiſt in die Wähler zu bringen. Dieß waren die Gründe, welche der Berufung des Oberſtjägermeiſters an die Weisheit des Staatsmannes Nachdruck verliehen. Der„Wald“ und die„Forſteul⸗ tur“ lagen Julian nicht im geringſten am Herzen. Ihm genügte, ſie als Schild und Vorwand benützen zu können. „Nun ſammle Deine Kräfte“, bemerkte er Theobald, als er ihm die Schrift überreichte.„Arbeite mir dieſe Punkte zu einem Geſetzesentwurfe aus, welcher Hand und Fuß hat. Er bedarf einer eingehenden und ſchar⸗ fen Begründung. Erprobe Deine Kenntniſſe, Deine Gewandtheit in der Logik und Dein ſtaatsmänniſches Talent. Die Mittheilungen des Oberſtjägermeiſters werden Dich unterſtützen und die Akten bieten Dir reiche Behelfe.“. Theobald erſtaunte über das kühne Wagniß eines ſolchen Handſtreiches. Aber er machte ſich mit einer gewiſſen Befriedigung an die Aufgabe. Nicht bloß, daß er das Vertrauen des Miniſters zu würdigen 110 wußte, er hatte ſich auch alsbald die innern und äu⸗ ßern Rechtfertigungsgründe klar gemacht und die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß hier Geſetz und Recht zuſam⸗ men fallen. Nach ſeiner Anſicht mußte jeder Privile⸗ gienbrief, der nur auf den Titel eines hundertjährigen Pergaments pocht und verrottete Verhältniſſe für ſtän⸗ dig erklärt, dem höhern Geſetze ewig fortſchreitender Culturentwickelung zum Opfer fallen. Ihm galt es als die hohe und heilige Sendung des modernen Staats, nicht das Beſtehende zu Recht anzuerkennen, ſondern das Rechte als beſtehend zu verkünden. So war ſein Standpunkt in dieſer Angelegenheit ein viel höherer, als jener Julian's und des Freiherrn von Frieſeneck. Er hatte weder die politiſche Partei noch den Waldſtand im Auge, ſondern das ſittliche und ökonomiſche Wohl und die Freiheit jener Gemeinden, welche jedes Stück Werkholz, womit ſie die Löcher im Dache ihrer elenden Hütten ausflicken wollten, mit einem Stück ihres Menſchenrechtes— mit ihrer Un⸗ abhängigkeit erkaufen mußten. Das Behagen und die Freude an ſeiner Aufgabe hielt ihn von jeder Zerſtreuung zurück. Der Zutritt zu dem kranken Freunde war ihm ohnedieß noch verſagt, und Meiſter Ebenſtreit mußte ſich wohl oder übel drein 111 finden, den Neffen Wochen lang nicht zu Geſicht zu bekommen. Nur hie und da geſtattete ſich Theobald eine Raſt⸗ zeit, wenn er ſich veranlaßt ſah, den Rath des Oberſt⸗ jägermeiſters in Anſpruch zu nehmen, an den ihn ja Julian ſelbſt verwieſen hatte. Der alte Freiherr gab ſich gerne dazu her, aber er bedung ſich dazu aus, daß er dabei nicht die ſpaniſchen Stiefel des„Geſchäfts⸗ ganges“ anlegen müſſe. Bei einem Glaſe Wein und dem Duft einer Cigarre laſſe ſich Alles vernünftiger überlegen und klarer erfaſſen, und die Inſpiration führe oft raſcher zum Ziele als die Induction. „Laſſen Sie in Gottes Namen auch mein Klärchen ein Wort drein reden!“ ließ er ſich Theobald gegen⸗ über gleich beim erſten Beſuche vernehmen.„Sie ver⸗ ſteht eigentlich nichts und ſchwatzt viel in den Tag hinein. Aber wir Weiſe vermögen ja das Körnchen aus der Spreu zu leſen.“ Theobald empfand gerade keinen heftigen Wider⸗ willen gegen eine ſolche Ergänzung des Collegiums, und ſo ſchlug gewöhnlich der Curialſtyl ſchon nach der erſten halben Stunde in ein heiteres oder ernſtes Ge⸗ ſpräch um, deſſen Thema einige Meilen von dem Ka⸗ pitel über Forſtrecht und Waldcultur abſtand. Dem Oberſtjägermeiſter ſtand aus der Zeit ſeines 112 Hoflebens ein unerſchöpflicher Reichthum von Geſchich⸗ ten zu Gebote, die er mit liebenswürdigem Humor vorzutragen wußte. Klara flocht ihre ſinnigen Bemer⸗ kungen ein, und hatte für Alles ein richtiges Gefühl und ein paſſendes Wort. Auch Theobald that ſein Möglichſtes, obwohl eine unerklärliche Befangenheit ihn an der Entfaltung ſeiner Schwingen in ihrer vollen Breite hinderte, namentlich wenn Klara's Blicke auf ihn ruhten. Stockte die Unterhaltung, ſo flüchtete man wohl auch zur Muſik, und Klara ſang ein Lied, wozu Theobald die Begleitung auf dem Klaviere ſpielte. Sie war keine große Sängerin, und er griff nicht in die Saiten mit jener herzerſchütternden Virtuoſität, unter deren Gewalt die Taſten beben und der Reſonanzboden vor Wonne zerſpringt. Aber es klang gut zuſammen, und reichte hin, um die Gemüther in Schwingung zu erhalten. So ward Theobald raſch ein lieber Freund des Hauſes. Frieſeneck betrachtete ihn alsbald als ein er⸗ gänzendes Glied des kleinen Familienkreiſes, und pol⸗ terte, wenn er etliche Abende hindurch nicht erſchien. Er nannte ihn bloß beim Vornamen, und ohne zu wiſſen wie gelangte auch Klara zu dieſem Vorrechte der Vertraulichkeit. Im Uebrigen empfing ihn dieſe mit ſtets gleicher Herzlichkeit. Sie freute ſich der Ge⸗ 113 genwart, und als er wieder ging, machte ſie weder ein betrübtes noch ein ſchwärmeriſches Geſicht. Mit hei⸗ term Lächeln gab ſie ihm die Hand zum Abſchied wie zum Willkomm. Ihre Beziehung zu dem Jünglinge trug das volle Gepräge ſchweſterlicher Unbefangenheit. Zu Zeiten und wenn es ſich um Dinge des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens und Umgangs handelte, erhob ſie ſich ſelbſt zum belehrenden Tone, und ließ ihn einige Ueberlegenheit fühlen. Sie war nur um ein Jahr jünger, und daraus leitete ſie dieſes Frauenrecht ab. Mädchen können füglich um ein halbes Decennium früher mündig erklärt werden, als Jünglinge. Theobald freilich theilte dieſe letztere Anſicht nicht. Die erſte Liebe wuchert raſch, und ihre Wurzeln ſenken ſich um ſo tiefer, je mehr die Bewegung zum Lichte gehemmt iſt. Nun maaß er nach ſeinem eigenen Ge⸗ fühle, nach der flammenden Sonne in ſeinem Herzen die Empfindungen Klara's, und fühlte ſich zeitweiſe entſetzlich unglücklich. Wir wiſſen aber aus eigener Erfahrung, daß ſich gemeinhin die Schwere dieſes Un⸗ glücks ertragen läßt. Es liegt ſelbſt ein eigener, tiefer Reiz darin, und poetiſche Naturen wie Theobald, be⸗ dürfen ſogar hie und da eines Gegendruckes, der ſie vor Abſpannung ſchützt. Als ſich nach Wochen Lucian's Krankenzimmer wie⸗ Hilarius, Non possumus. II. 8 — 114 der dem Freunde öffnete, und die Gräfin den Zutritt, jedoch nur unter der Bedingung geſtattete, daß der langſam Geneſende ſo wenig als möglich zum Sprechen angeregt werde, da erfüllte Theobald dieſe Verpflich⸗ tung mit rührender Gewiſſenhaftigkeit. Er erzählte von dem Oberſtjägermeiſter, von dem claſſiſchen Hauſe in der Parkanlage, von Klara's Augen und Klara's Locken und Klara's Stimme mit ſolcher Unerſchöpflich⸗ keit, daß Lucian mit dem beſten Willen nicht hätte zu Wort kommen können. Fünftes Kapitel. Anders wird's, als wir's begonnen, Anders kommt's, als wir gehofft. — Geibel, Lied der Spinnerin. Das Geſetz fiel! Kaum je waren die Gegenſätze mit ſolcher Heftigkeit an einander gerathen, als bei Berathung des Entwurfes in der Abgeordnetenkammer. Es war ein Kampf der Leidenſchaften, deſſen Sturm auch die Gemäßigten mit ſich riß. Julians Vertheidigung konnte als ein Meiſterſtück der Redekunſt gelten; aber er ließ ſich an einzelnen Stellen verführen, den Schleier ſeiner geheimen Be⸗ weggründe mehr zu lüften, als klug war. Damit erzielte er kaum mehr, als den zweifelhaften Beifall der Zuhörer⸗Tribünen, die, wie zumeiſt, von dem unter⸗ geordneten Troſſe der vorgeſchrittenſten Radikalen und 8* 116 von— Damen beſetzt waren. Deſto mächtiger wuchs die Zahl ſeiner Gegner im Saale. Mit der klerikalen Partei gingen die Vertheidiger des hiſtoriſchen Rechtes, die Aengſtlichen, denen man das Geſpenſt ſocialiſtiſcher Staatstheorieen vorhielt, und als der Sieg unzweifel⸗ haft war, auch die große Sippe der Schwankenden und Achſelträger. Es wurden Stimmen laut, welche die Verſetzung des verantwortlichen Miniſterpräſidenten in den Anklageſtand forderten, weil er den Raub des Kirchengutes geſetzlich zu ſanctioniren trachtete. Bei ſolchen Piratengrundſätzen der Regierung ſtehe die Un⸗ antaſtbarkeit des Beſitzes, das Heiligthum des Eigen⸗ thums in Gefahr. La Rochelle ſaß zur Rechten Julians am grünen Tiſche. Er verfolgte die leidenſchaftlichen Verhand⸗ lungen ſcheinbar mit ziemlicher Gemüthsruhe, und hin und wieder, wenn die Erbitterung in mehr als draſti⸗ ſcher Weiſe ſich Luft machte, flüſterte er ſeinem Col⸗ legen lächelnd einige Worte zu. Nur bei der Berufung an ſeine Verantwortlichkeit trat ihm eine flüchtige Röthe in's Geſicht. Er erbat ſich das Wort, und als er ſich zur Erwiderung vom Stuhle erhob, trat plötzlich eine lautloſe Stille ein. Es ſchien, als ob La Rochelle mit ſeinem Neben⸗ buhler einen Wettlauf in der Dialektik beabſichtigte. 117 Er ſprach mit überraſchender Schlagfertigkeit, und ſeine Rede war mit ungemeinem Geſchicke derart angelegt, die ganze Verſammlung der Lieben und Getreuen über ſeine eigene Stellung zu dem Geſetze und ſeine Anſicht über deſſen Inhalt im Trüben zu laſſen. Nur den einen Umſtand betonte er mit aller Entſchiedenheit, daß der Entwurf nach Form und Weſen die ungetheilte Zuſtimmung des Geſammtminiſteriums nicht habe er⸗ zielen können. Mit Rückſicht auf die betheiligten Inter⸗ eſſen des Aerars ſei jedoch die Vorlage an die Kammer beſchloſſen worden, ſofern der Cultusminiſter die volle Verantwortlichkeit übernehmen werde. Dieſer habe die Bedingung eingegangen; ſo müſſe denn der Miniſter⸗ präſident für ſich jede weitere Haftung ablehnen. Der Wetterſtrahl war abgeleitet, und traf nun in voller Wucht das Haupt Julians. In den unangemeſſenſten Ausdrücken ward ihm das Mißtrauen der Landesvertretung votirt, und das Anathem der Kirche in erfreuliche Ausſicht geſtellt. Die Aufregung ſtieg faſt zur Höhe des Tumultes, als er wiederholt verſuchte, von dem Rechte der Erwiderung und Vertheidigung Gebrauch zu machen. So erreichte die parlamentariſche Taktloſigkeit jene ſtaunenswerthe Höhe, welche von den Scheelſüchtigen ſo gern als das Zeichen der Ueberlebtheit ausgelegt wird, während wir 118 billig nur die Unreife unſeres politiſchen Weſens hierin erblicken.— In der Hofloge ſaß die Fürſtin, mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Verhandlungen folgend. Der Ernſt ihrer Züge wich allgemach einem ſtolzen, triumphirenden Lächeln. Als der Landtagspräſident das Ergebniß der Abſtimmung verkündet hatte, erhob ſie ſich raſch vom Stuhle, und bemerkte zu dem an ihrer Seite ſitzenden Kammerherrn von Luchsberg.„Das Schwert Gideons, des Manaſſiten! Laſſen Sie eine Meſſe leſen, Baron, daß Gott und ſeine Heiligen den Sieg erringen helfen über die Baalsprieſter!“ Sie ſprach die Worte ſo laut, daß man ſelbſt im Saale ihre tiefe Stimme vernahm, und Aller Augen ſich auf ſie richteten. Dann verließ ſie geräuſchlos die Loge. Raſch, wie Haidebrand, durchlief die Kunde von dieſer verhängnißvollen Sitzung und ihrem Erfolge die Reſidenz. Die Partei bemühte ſich, das Gerücht zu übertreiben und mit Zuſätzen auszuſchmücken, welche die Aufregung noch erhöhten. In den unteren Volks⸗ ſchichten hieß es, der Cultusminiſter habe das geſammte Kirchenvermögen für den Staat einziehen wollen und bereits Hand angelegt. Man ſchilderte ſein und ſeiner Freunde Gebaren mit den Farben des Nationalcon⸗ vents. Religion und Kirche ſeien in Geſahr geſtan⸗ 119 den, die Grundſäulen des Thrones von dem Jakobiner⸗ Miniſter erſchüttert worden. So ſchürte man künſtlich die Flamme der Entrüſtung, bis ſie zuletzt in wider⸗ lichen Unfug ausartete. Als der Abend hereinbrach, fanden— von der Dämmerung begünſtigt— da und dort Zuſammenrottungen ſtatt. Es iſt keine Selten⸗ heit, daß plötzlich Ein Gedanke die Maſſe zu einer gemeinſamen That hinreißt. Dem Scheine nach ohne irgend welche Verabredung trafen ſich zerſtreute Pöbel⸗ haufen vor dem Hauſe Julians. Die ſchrille Nacht⸗ muſik, die ſie ihm brachten, konnte ihn zur Genüge überzeugen, wie wenig man geneigt war, die Abſichten des Miniſters im volksthümlichen Sinne auszulegen. Ddie Scheiben klirrten von dem erſten Steinwurfe, der das Fenſter traf. Das Stück einer Ziegelplatte ſtreifte die Schläfe Theobalds, der ſich gerade bei Ju⸗ lian befand, und das Blut rann ihm über die Wange herab. Dieß reichte hin, um die fieberhafte Aufregung, in welche ihn die Vorgänge auf der Straße verſetzt hatten, zur Wuth zu ſteigern. Unwillkürlich griff er nach dem Revolver, der über dem Schreibtiſche hing. „Was ſicht Dich an, Junge?“ bemerkte der Mi⸗ niſter, welcher nachläſſig in der Sophaecke lehnte, und mit ſcheinbar unerſchütterter Gemüthsruhe rauchte „Willſt Du Dich mitbetheiligen an dem Skandale und 120 ihm die Krone aufſetzen? Es wird klüger ſein, wenn Du hübſch die Läden ſchließeſt, ſofern Du nicht mit bibliſcher Gelaſſenheit auch die andere Wange dem Schlage des Pöbels Preis geben willſt.“ „Entſetzlich!“ erwiderte Theobald, indem er dem Wunſche Julians nachkam.„Das alſo iſt des Volkes Dank für den redlichen Willen, ihm die Handſchellen unwürdiger Bevormundung nur einigermaßen zu lüf⸗ ten! Iſt denn wirklich dieſe rohe, zuchtloſe Maſſe nicht einmal für das Verſtändniß ſeiner handgreiflichſten In⸗ tereſſen reif?“ „Du unterſchätzeſt dieſe„rohe Maſſe““, mein Freund!“ entgegnete Julian ſarkaſtiſch.„Sie iſt idealer, als Du Dir denkſt, und wechſelt opferfreudig Geld und Gut für ein Aſſignat an das Himmelreich, auch wenn es verfälſcht ſein ſollte. Wir bieten ihm nur panem et circenses, der Pfaffe aber Himmel und Hölle. Da iſt die Wahl nicht ſchwer.“ „So mögen ſie die Hand zurückweiſen, die ihnen das Brod reichen will!“ verſetzte Theobald.„Aber be⸗ darf es hiezu einer Meuterei? Wo findet ſich die Spur eines ſittlichen Gedankens im Volke, wenn es—“ Der Miniſter unterbrach ihn.„Nicht das Volk,“ erwiderte er, ce sont les prêtres et les fanatiques qui font les revolutions, ſagt der treffliche Boulanger.“ 121 Dabei erhob er ſich von ſeinem Sitze und durchmaß mit gekreuzten Armen das Zimmer. Draußen verlor ſich allgemach das Getöſe; aber noch immer prallten einzelne Steinwürfe an den Läden ab. Eines der Wurfgeſchoſſe rührte von ſo ſicherer und gewaltiger Hand her, daß es die obere Füllung eines Ladens zer⸗ trümmerte, und— wenn auch kraftlos— auf das Parquet niederfiel. Julian hob den wuchtigen Stein auf, legte ihn behutſam neben die ſilbernen und kry⸗ ſtallenen Prunkſtücke der Etagere, und bemerkte lächelnd: „Ich will mir den Bombenſplitter aufbewahren. Hin und wieder mag ſich daran die Erinnerung auffriſchen an die Freudenſalven, womit man den Abſchluß meiner Miniſterthätigkeit begrüßte. Es thut mir nur um Dich leid, Theobald. Denn meine Gunſt und Deine Liebe zu mir werden Dich bei meinem Nachfolger ſchlecht empfehlen.“ „Ich verzichte auf jede Empfehlung!“ erwiderte Theobald ſtürmiſch.„Die beſte, das, was ich bin, gilt doch nichts!“ Als ihm Julian die Antwort ſchul⸗ dig blieb, fügte er wie im Selbſtgeſpräche bei:„O, wenn ich die Spur eines neuen Pfades fände, den ich mit mehr Freudigkeit wandeln könnte! „Vielleicht führe ich Dich auf die Fährte“, entgeg⸗ nete der Miniſter, indem er nach der Uhr ſah.„Es iſt 122 noch weit von acht Uhr. Ich weiß, daß Dir unſer würdigere Freund Frieſeneck auch nach der Vesperglocke noch die Thür öffnet, und ich lege beſondern Werth auf ſein Urtheil über die Vorgänge. Willſt Du mir den Gefallen thun, ihn heute noch darüber zu be⸗ fragen?“ Theobald war ſchnell bereit und empfahl ſich. Als ihm der Diener das Hausthor öffnete und er die Straße betrat, war ſie noch mit zahlreichen Gruppen beſetzt, und Aller Augen wandten ſich gegen ihn. Aber ſeine hohe Geſtalt und ſein helles lockiges Haar, auf das gerade der Schein der Lampe fiel, hinderten eine Verwechslung mit der Perſon des Miniſters. Zudem hatten auch die Haupthähne das Feld bereits geräumt und nur der Bodenſatz müßiger Gaffer war noch zu⸗ rück geblieben. So gelang es ihm anſtandlos, ſich zwi⸗ ſchen den Pflaſtertretern durchzuwinden. Juſt war er daran, in eine Seitengaſſe einzubiegen, als ſich ein Arm in den ſeinigen legte und ſeinen raſchen Schritt hemmte. „Du haſt reſpective einen Bremſer von Nöthen!“ bemerkte Meiſter Ebenſtreit, den der Jüngling zu ſeiner großen Beruhigung auch allſogleich an der Stimme er⸗ kannte.„Läufſt Du dem Malefizgericht aus dem Wege, das die Nachteulen und Fledermäuſe hier aus dem Steg⸗ 123 reif abhalten? Aha, Bürſchlein, ich merk's, Du fürch⸗ teſt Dich vor dem Mitgefangen, Mitgehangen!“ „Nicht doch!“ erwiderte Theobald lachend.„Ich habe die Feſtung erſt verlaſſen, nachdem die Belagerer abge⸗ zogen waren. Aber Ihr, Oheim, Ihr ſetzt mich billig in Erſtaunen. Euch hätte ich— offen geſtanden— unter den Nachtvögeln nicht geſucht.“ „Vorerſt lauf' nicht, wie ein Beutelſchneider!“ ent⸗ gegnete der Rothgießer, indem er ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte und den lebhaften Gang Theobalds zu hemmen ſich bemühte.„Sodann mach' mir keine Sottiſen, Junge! Du weißt, daß ich nicht hinter dem Zeitgeiſt herhinke, wie ein Feldſpitäler. Aber es hat ſo ſeine Sache mit dem Pechanrühren. Man beſudelt ſich leichter, als man ſich wieder rein wäſcht.“ „Und doch habt Ihr bei der heitern Serenade mit⸗ gearbeitet?“ „So ſchwatz' Dir das Maul krumm! Ich bin kein Muſikant, Bürſchle, aber ab und zu hört man gern ſo etwas umſonſt, was Einem außerdem im Schauſpielhaus ſeinen Sechsbätzner koſtet.“ „Alſo bloß Zuſchauer? Oheim, Oheim! Ich fürchte, die Leute werden ſich nicht daran kehren, und nur von der ſchlechten Geſellſchaft reden, in der ſich Meiſter Ebenſtreit ertappen ließ.“ 124 „Je nachdem!“ verſetzte der Rothgießer, und indem er den Neffen vertraulich in die Seite ſtieß, fuhr er flüſternden Tones weiter:„Gute Geſellſchaft— ich ſage Dir, Theobald, noble, reſpective Geſellſchaft! Links der Kammerherr von Luchsberg, der vor Luſtbarkeit das Maul bis hinter die Ohren verzog, ſo oft eine Scheibe klirrte. Rechts mein Eidam, der Stiftscanonicus. Ich habe den Flauskragen bis über die Naſe gezogen, da⸗ mit er mich nicht erkenne. Eigentlich that's aber nicht Noth; denn der hochwürdige Herr hatte vollauf zu thun mit den Schmiedeknechten und Schuſterjungen, welche die erſte Stimme ſangen und die Pauken ſchlugen.“ „Sander?“ fragte Theobald erſtaunt. Ebenſtreit antwortete:„So ſchreibt ſich der Menſch; aber ich bring' den Namen nicht über die Lippen ohne ein läſterlich Jurament, und— das hat's nicht von Nöthen.“ Noch knüpfte der redſelige Meiſter an dieſe Er⸗ öffnung die Schilderung einzelner Vorkommniſſe, welche ein eigenthümliches Licht auf den Vorgang warfen. Sie boten hinreichende Anhaltspunkte für die Ver⸗ muthung, daß die Inſcenirung von Perſönlichkeiten ausgegangen ſei, welche gemeinhin nicht zum Pöbel rechnen. Die Aeußerung des Miniſters kam Theobald wieder zu Sinne. Er fing an, ſich zu orientiren. Die 125 Schlußfolgerungen beſchäftigten ihn ſo ſehr, daß er dem weiteren Geſpräche kaum die nöthige Aufmerkſam⸗ keit ſchenken konnte und froh war, als er, am Ziele ſeiner Wanderung angelangt, den Oheim verabſchieden konnte. Der Salon war durch eine kleine Lampe ſchwach erleuchtet. Klara ſaß am Flügel; aber ſie hatte die Arme läſſig im Schooße, und ihr Köpfchen ruhte in der flachen Hand. Man konnte vermuthen, daß ſie ſchlummere, und in der That überhörte ſie auch das wiederholte Klopfen an der Thüre. Als Theobald, auf das längſt geſtattete Vorrecht ſündigend, ohne weiteres eintrat, fuhr ſie wie erſchreckt zuſammen. Sie erröthete, da ſie des jungen Mannes anſichtig ward, und empfing ihn augenſcheinlich befangener als gewöhnlich. „Ich habe Ihre Geſellſchaft verſcheucht!“ bemerkte dieſer nach dem erſten Gruße.„Sie hielten Zwiegeſpräch mit Ihren Gedanken,— ſtöre ich wohl?“ Klara erwiderte:„Ich war allein; ſelbſt meine Ge⸗ danken waren fern. Sie haben den Vater begleitet, der zum Fürſten gerufen wurde.“ Es lag etwas Fremdes in ihrem Ton und Weſen. War ihr der Beſuch nicht gelegen, oder ſcheute ſie ſich, mit dem jungen Manne allein zu ſein? Theobald glaubte Beides durchzufühlen, und machte Anſtalt, ſich 126 ſogleich wieder zu entfernen. Der Abend war ſo weit vorgeſchritten, daß ihn der Gedanke verletzter Schicklich⸗ keit quälte, und nicht ohne Verlegenheit entſchuldigte er den verſpäteten Beſuch mit dem Auftrage des Miniſters. „Bedarf es deſſen?“ fragte Klara, indem ſie ihm mit mehr Freundlichkeit in's Geſicht ſah. Dann forderte ſie ihn geradewegs auf, zu bleiben, und die Rückkehr des Vaters zu erwarten, die unmöglich lange mehr anſtehen könne. Er folgte ihrem Wunſche, aber die Unterhaltung wollte nicht in den Fluß gerathen. Nach einer Weile bat ſie ihn, ſie zu einem Liede zu be⸗ gleiten. Er langte nach den Noten, und der Zufall gab ihm Schuberts„Frühlingsglauben“ in die Hand. Klara ſang bewegt und mit zitternder Stimme. Als ſie an die Stelle kam: „Nun armes Herze ſei nicht bang, „Nun muß ſich Alles, Alles wenden.“ ſtockte ſie. Fragend blickte Theobald ſie an. Da warf ſie das Blatt beiſeite, bedeckte das Geſicht mit beiden Händen, und fing an ſo bitterlich zu weinen, daß ihr die Thränen zwiſchen den weißen Fingern durchrannen. Die Lage unſeres jungen Freundes war um ſo peinlicher, als die ganze Scene mit der Eigenart und dem Weſen Klara's in räthſelhaftem Widerſpruche 127 ſtand. Unwillkürlich blieb ſeine Hand eine Weile auf den Taſten liegen, daß die Saiten melancholiſch nach⸗ klangen. Seine Augen hafteten fragend an dem Mädchen, aber er fand kein Wort der Anrede. Ihm war, als feſſle ihn ein böſer Zauber an den Klavierſtuhl. Da griff Klara plötzlich nach dem Tuche, wiſchte ſich die Thränen weg, und verſuchte den gewohnten anmuthig heiteren Ton anzuſchlagen:„Was werden Sie von dem thörichten Mädchen denken, Theobald, das Ihre Accorde mit obligaten Thränen begleitet? Bitte, zürnen Sie nicht! Oder zürnen Sie mir lieber, ehe Sie mich in die Klaſſe jener ſentimentalen, weiner⸗ lichen Geſchöpfe einreihen, denen alle Gefühle zu Waſſer werden. Laſſen Sie uns das Lied von Neuem be⸗ ginnen! Ich verſpreche Ihnen, es wacker und taktfeſt bis zur letzten Note durchzuſingen.“ Theobald hatte ſich indeſſen vom Stuhle erhoben. In den gleichen Ton einfallend, erwiderte er:„Sie wiſſen, mein Fräulein, wie ich gewohnt bin, Ihren Winken zu gehorchen. Aber hin und wider ziemt ſich doch eine kleine Empörung. Die Mächtigen der Erde ſollen ſich nicht für die Allmächtigen halten.“ Damit nahm er die Noten vom Pulte, und ſchickte ſich an, das Klavier zu ſchließen. Klara fiel ihm in die Hände. „Nicht doch!“ rief ſie ſchmollend.„Sie kränken * e 128 mich, wenn Sie glauben, daß ich eine Stimmung nicht zu bemeiſtern vermöchte, in welche mich dieſes und jenes hinein drängte. Ernſthaft entgegnete Theobald:„Es gibt aber Stimmungen, die ihre Berechtigung haben. Warum ſollen wir dann— ſofern kein Zwang nöthigt— unſere Freunde mit einer falſchen Miene täuſchen? Oder— rechnen Sie mich noch nicht zu Ihren Freunden?“ Klara ſchlug die Augen nieder. Die friſche Röthe ihrer Wangen dunkelte nach, und verlor ſich dann plötzlich. Das Tuch in ihren Händen zitterte. Nach einer Weile hub ſie zaghaft und leiſe an:„Wir kennen uns kaum etliche Wochen lang.— Mißverſtehen Sie mich nicht, Theobald. Mir genügt dieſe kurze Friſt; denn mein Urtheil bildet ſich ſchnell, und es kommt mir vor, als bewahre mich ein glücklicher Inſtinct vor jeder Täuſchung. Vielleicht liegt das überhaupt in der Unmittelbarkeit des Frauengemüths. Wir empfinden mehr, als wir urtheilen, und das Gefühl iſt untrüg⸗ licher als der Verſtand. Aber—“ „Aber?“ fiel Theobald der Zögernden fragend in's Wort, und ſein Athem ging raſcher. Klara ſenkte das Köpfchen noch tiefer. Ihre Lippen bewegten ſich, aber es wagte ſich kein Laut über ſie. Mit ſchmerzlichem Unmuthe ſagte Theobald:„Klara, 129 ſo überlaſſen Sie es wirklich meinem Scharfſinne, den verhängnißvollen Schlußſatz der angefangenen Periode zu errathen?“ „Das vermöchten Sie wohl kaum!“ entgegnete ſie, indem ihr ängſtlicher Blick wie bittend auf Theobald fiel, als wollte ſie ſagen: O thu es nicht, auch wenn Du kannſt! Aber der Zürnende achtete dieſe ſtumme Sprache nicht, und entgegnete raſch:„Doch, doch, mein Fräulein! Man hat ſein eigenes Urtheil, aber man fürchtet ſich vor dem fremden und bequemt ſich deſſen. Man hat ſeinen Glauben für ſich, aber man wagt ſich nicht an das Bekenntniß.“ Die weiße Stirne Klara's verdunkelte ſich. Sie raffte ſich wie gewaltſam aus ihrer gedrückten Stellung empor und erwiderte nicht ohne einen fühlbaren Anflug zurückweiſenden Stolzes.„Ich fürchte mich ſo wenig vor fremdem Urtheile, als ich meinen Glauben ver⸗ leugne. Aber ich verletze ebenſo ungern Anſichten und Meinungen, wo ich die Pflicht habe, zu gehorchen.“ Die Worte fielen wie Reif in des Jünglings Seele. Deutlich genug klang aus ihnen ein Gebot heraus, welches Klara von keiner andern Seite her empfangen haben konnte, als von ihrem Vater. Als er auf dieſe kränkende Vermuthung anſpielte, ſchwieg ſie ſtill. Das alſo war die Wirkung des Eindruckes, welchen Hilarius, Non possumus. II. 9 130 er auf den alten Freiherrn von Frieſeneck gemacht hatte! Lag hierin nicht mehr als bloße Täuſchung ſeinerſeits? War es nicht ein frevles Spiel, womit man ihm Freundlichkeit und Wohlwollen, Vertrauen und Offenheit als baare Münze anbot, um nachgerade das Geſchenk als ein übereiltes wieder zurückzufordern? Ein Hauch der Kälte zog ſeine Seele zuſammen, und ſeine ſchönſten Empfindungen erlitten einen Farben⸗ wechſel, wie Blumen im Froſte. Theobald war eine zu wahre Natur, als daß er die Heftigkeit ſeines Gefühls mit einem glatten Worte hätte bemänteln können. Er gab dieſem einen ſtärkeren Ausdruck und entgegnete gereizter, als es Klara er⸗ tragen konnte. So ſchärfte die Leidenſchaft mit jedem Augenblicke die unmuthvolle Stimmung mehr, und zwei Menſchenkinder, deren Herzen wie zwei Knospen an einem Zweige verwachſen waren in lauter Liebe, mühten ſich ab in gegenſeitiger Kränkung. „Theobald!“ rief Klara, und ſtreckte die Arme ſeh⸗ nend nach ihm aus. Aber ſie that es erſt, als er im Grolle geſchieden und die Thüre hinter ihm in's Schloß gefallen war,— als er die Stimme nicht mehr hören konnte, die ihn wie ein Magnet aus allen Tiefen ge⸗ zogen hätte. Dann legte ſie ihr glühendes Geſicht an die kalte Fenſterſcheibe, und verfolgte die Geſtalt, die 131 im Sternenlichte von dem weißen Kieſelſande des Gartenweges dunkel abging, und lauſchte ſeinen Fuß⸗ tritten, bis ſie in der Ferne verhallten. Ihre Hände klammerten ſich an die Olive der Fenſterrahme; es war, als ob ihr der Schmerz die Glieder lähme, daß ſie ſich nicht mehr von der Stelle rühren konnte. Das Knarren der Angeln weckte ſie. Der Oberſt⸗ jägermeiſter war eingetreten, und hatte bei der düſter brennenden Lampe ihre Geſtalt in der dunklen Fenſter⸗ niſche nicht gewahrt. Faſt erſchrack er, als ſie ihm plötzlich entgegenflog, ihn mit beiden Armen umſchlang und den Kopf an ſeiner Bruſt barg. „Was iſt Dir, Klärchen?“ fragte er das geliebte Kind, indem er die Hand auf ihre Locken legte. Am warmen Vaterherzen thaute Alles auf, was der Froſt in Bande gelegt hatte. Ihre Flechten löſten ſich, ihr Buſen wallte, und aus den dunklen Rehaugen träufelte es nieder wie ein Sommerregen. „So rede doch, Kind!“ drängte der Freiherr liebe⸗ voll.„Du weißt, daß mir das Salzwaſſer den Ge⸗ ſchmack verdirbt. Was man ſo mühſelig herauslaugt, kann man viel verſtändlicher herausplaudern!“ Dabei hob er ihr mit der Rechten das Köpfchen, indeß er mit der Linken ſachte über die naſſen Augen hinſtrich. „Er war hier!“ ſtammelte endlich Klara. . 9⸗ 13²2 „Wer, mein Schatz?“ „Theobald!“ „Und das bewegt Dich ſo übermäßig?“ „Er wird wohl nicht wieder kommen!“ Frieſeneck hatte ſie ſachte zum Sopha geleitet und ſaß liebkoſend neben ihr. Auf die letzten Worte hin barg ſie das Geſicht in die Kiſſen; ihre Bewegungen verriethen die Leidenſchaftlichkeit ihres Schmerzes. Der Vater antwortete eine Weile nichts. Er erhob ſich, und ging, die Hände auf dem Rücken, ſinnend das Zimmer auf und nieder. Auf ſeinen Zügen lag ein wehmüthiger Ernſt, den man an dem alten Herrn nicht gewohnt war. Es koſtete ihm ſichtlich Mühe, das rechte Wort zu einer weiteren Frage zu finden. Endlich be⸗ merkte er: „Du haſt ihm alſo unſer Geſpräch mitgetheilt?“ „Was ich nicht ſagte, errieth er!“ klang die Ant⸗ wort. Wieder eine Pauſe. Der Oberſtjägermeiſter war an's Fenſter getreten und ſchien die etlichen Sterne zählen zu wollen, die noch zwiſchen den aufziehenden Wolken durchſchimmerten. Er kämpfte mit einem Ent⸗ ſchluſſe. Plötzlich kehrte er zur Tochter zurück, ſetzte ſich wieder an ihre Seite, ſchlang die Rechte um ihre Hüfte, und zog ſie nahe an ſich heran. 133 „Du haſt Recht gethan, Herzkind!“ ſagte er und in ſeiner Stimme gewann die ganze Tiefe ſeiner Liebe Ausdruck.„Das Vaterauge ſieht ſchärfer als ein Falke, und macht jede Fährte aus, auch wenn ſie verweht und verſchneit iſt. Ich hab' Dir's nicht übel genommen, als Du heute Morgens die Stirne kraus zogeſt über meine Reden. Iſt mir der Burſche doch ſelber vorge⸗ kommen, wie das ſchönſte Stück Edelwild, das ich am liebſten eingeparkt hätte. Aber— er war herzſchlächtig! Manchmal täuſcht ſich auch der hirſchgerechte Waidmann. Jetzt, Klärchen, da Du dem Menſchen ſelber den Lauf⸗ paß geſchrieben, gewinne ich auch den Muth, Dir Alles offen und ehrlich mitzutheilen—— „Ich habe genug, Vater!“ unterbrach ihn Klara. „O mach' mir keine weitern Eröffnungen mehr!“ „Es muß ſein, mein Kind“, entgegnete dieſer.„Beim heiligen Hubertus, ich kann Dir jetzt nichts mehr er⸗ laſſen, um Deinet⸗ und meinetwillen. Haſt Du denn wirklich nicht gemerkt, daß die verdammten Phraſen, die mir heute Morgen üher die Lippen gekrochen ſind, die purſte Lüge waren? Glaubſt Du wirklich, ich ſei ſo knorrig und wurmſtichig, daß ich meinem einzigen Kinde eine Liebſchaft mißgönne, weil der Liebhaber kein Folium hat in der Adels⸗Matrikel, oder keine Ausſicht, morgen die Reichskanzlerſchaft zu übernehmen? Ich 134 hab' mir die Blöße gegeben, um Dich zu ſchonen, Klär⸗ chen. Jetzt, da Du den Knoten muthig durchgehauen, ſollſt Du auch die Wahrheit zu koſten kriegen.— Der Theobald iſt ein leichtfertiger, ehrloſer Menſch!“ „Unmöglich— unmöglich! Vater, Du irrſt Dich!“ rief Klara ſchmerzlich, und rang die Hände. „Ich habe mich geirrt, Kind. Den Ohrenbläſern, die mir jüngſter Zeit dieß und das zuraunen wollten, bin ich aus dem Wege gegangen, oder hab' ihnen ſteif in's Geſicht behauptet, daß ſie lügen. Den erwieſenen Thatſachen aber muß ich ihr Recht laſſen.— In der Seele thut mir's weh, daß an der jungen, hochwüchſigen Tanne der Borkenkäfer nagt!— Wiſch Dir die Thrä⸗ nen ab, Klärchen; er iſt ihrer völlig unwerth. Ein ſchlimmer Troſt, aber immerhin einer, daß Du nicht die Einzige biſt, die um ſeinetwillen weint!“ Klara ſah den Vater zum Tode erſchreckt an. Sie zitterte und auf ihren erbleichten Lippen ſchwebte eine Frage, die ſich laut zu werden ſcheute. Er zog ſie näher an ſich, ſtrich ihr die wirren Locken aus der Stirne, und ſeine Hand glitt liebkoſend über ihre Wan⸗ gen. Ihm ſelber bebte die Stimme, als er weiter re⸗ dete: „Eines ehrbaren und wackeren Bürgers Kind, die Tochter ſeines leiblichen Oheims, hat der gewiſſenloſe 135 Vogelſteller in ſeinem Garne gefangen. Die arme Dirne— ſie ſoll hübſch ſein, nur etwas übertragen— muß nun in der Fremde an ihrer Schande zehren. Denn der Alte hat ſie Knall und Fall aus dem Hauſe gejagt.“ Das Schluchzen Klärchens unterbrach ihn. Sie hatte ſich aus ſeinen Armen gewunden, und barg ihren Kopf wieder in den Kiſſen des Sopha's. Draußen pfiff der Wind und wuchs zum Sturme. Die Ulmen und Rüſtern rauſchten und ächzten und ſchwere Tropfen ſchlugen an die Scheiben. Da riß ein Windſtoß plötzlich einen ſchlecht geſchloſſenen Fenſter⸗ flügel auf, und der Luftzug drohte die Lampe zu löſchen. Der Freiherr eilte bei, ſchloß das Fenſter wieder und legte den Laden an. Der Regen war ihm in's Geſicht geſchlagen und es kam ihm juſt gelegen, daß er ſich mit dem Tuche abtrocknen mußte. So ging auch die Thräne mit, deren er ſich ſelber ſchämte. „Ein Heidenſturm!“ hub er nach einer Weile wieder an, indem er da und dort im Saale Nachſchau hielt, um ähnlichen Ueberraſchungen zu begegnen.„Aber— was heftig iſt, währt nicht lange. Er wird ſich bald wieder legen, wie der Sturm in Deinem Herzen. Hörſt Du, Klärchen?—— Es ſind die Troßbuben des Winters, die ſich mit der Vorhut des nahenden Früh⸗ 136 lings raufen.— Du wirſt ſehen, Klärchen, morgen ſind die Primeln offen, und das Kaſtanienlaub wird aus ſeinen Pechlappen herausſpitzen. Es iſt das rechte Lenz⸗ wetter, wahrhaftig!—— Kind, thu mir den Gefallen, und ſchluchze nicht mehr ſo erbärmlich. Haſt Du dem Unwetter ſein Recht gelaſſen, ſo gib nun wieder dem Sonnenſchein ſein Recht— Alles secundum ordinem, wie der ſelige Jobſt ſagte!“ Klara raffte ſich zuſammen. Sie that es um ihres Vaters willen, da ſie merkte, wie er unter dieſer hef⸗ tigen Aeußerung ihres Schmerzes litt. Bishin hatte ſie ihn verwöhnt mit dem ſchönen Gleichmuthe, dem rhyth⸗ miſchen Ebenmaße ihrer Gefühle in ernſten und trüben Stunden. Dieſe ſtürmiſche Erregung machte ihn faſt irre am eigenen Kinde, und er war nahe daran, ſich gekränkt zu fühlen, daß ihr Herz ſo übermäßig an einem unwürdigen Gegenſtande hing. Alſo richtete ſie ſich auf, und indem ſie die Thränenſpuren vertilgte, ging ſie auf ihn zu, legte beide Hände in die ſeinen und ſah ihm mildfreundlich in die Augen. „Du haſt Recht, Vater!“ ſagte ſie, und ihre Seelen⸗ ſtärke half ihr, die bebende Stimme wieder in's Gleich⸗ gewicht zu bringen.„Ich will mich vor dem Lenz⸗ ſturme nicht fürchten, auch wenn er hier und dort eine voreilige Knospe vom Stengel bricht. Daß ich ihn 137 liebte, haſt Du errathen. Ich trug auch keine Scheu, Dir's offen zu geſtehen, ehe ich ihm ſelber ein Wört⸗ lein darüber ſagte. Nun hab' ich nichts zurückzuneh⸗ men, und— Gott wird es ſchicken, daß ich den kurzen Traum auch bald wieder vergeſſe.“ „Das walte der Himmel!“ erwiderte der Freiherr, küßte ſein Kind auf die Stirne, und geleitete es an die Schwelle des Schlafgemachs. Die kleine Bühne, auf welcher ſich einmal wieder eine Scene aus dem„großen Kampf der Liebe“ abſpielte, hat unſern Blick ſo gefeſſelt, daß wir ein anderes über⸗ raſchendes Vorkommniß faſt überſahen. Oder ſollen wir nicht billig erſtaunt ſein über die Berufung Frie⸗ ſenecks zum Fürſten? Wozu bedurfte man des entlaſ⸗ ſenen, in Ungnade gefallenen Günſtlings, der ſeit Jahren kein Vorzimmer mehr betreten und nicht das mindeſte Verlangen gezeigt hatte, neuerlich von den betäubenden Früchten fürſtlicher Huld zu genießen? Als der Oberſtjägermeiſter die Aufforderung erhielt, kam ihm beinahe ein leiſes Grauen an. Er fürchtete ſich vor der Möglichkeit wiederauflebender Gunſt, die ihn ſeine harmloſe, behagliche Zurückgezogenheit koſten würde. Zudem fühlte er einen kleinen Druck im Ge⸗ 138 wiſſen. Sollte man erfahren haben, daß er aus der Schule geſchwatzt und das Material zu dem unſeligen Geſetze geboten habe, das keineswegs nach ſeinem Sinne artikulirt war? Sollte er nun in ſeinen alten Tagen den Schein gewinnen, als gehöre er zur Sippe der „Unkirchlichen und Gottesleugner“, die es— nach der umlaufenden Redensart— auf den Sturz der Altäre abgeſehen hatten? Jäger und Forſtleute reihen ſich gemeinhin in die Klaſſe der Gefühlsmenſchen. Der pantheiſtiſche Zug in der Natur, der ausſchließenden Wertſtätte ihrer Thätig⸗ keit, ſtimmt ſie für die Romantik des Chriſtenthums und vorzugsweiſe des Katholicismus. Noch bin ich keinem Waidmanne begegnet, der ſich mit Grübeleien in überſinnlichen Dinge befaßt hätte. So war denn auch der Oberſtjägermeiſter gut kirchlich geſinnt trotz ſeiner Proceſſe mit den geiſtlichen Herren, und es wollte ihm bedünken, als habe Julian mit ſeinem Ablöſungs⸗ entwurfe das Recht des Klerus doch mehr als bihig angetaſtet. Zu ſeiner nicht geringen Beruhigung empfing Uhn der Fürſt mit freundlichem Wohlwollen, als ſei zwiſchen ihnen nichts vorgefallen. Er fragte nach dieſem und jenem, was ihn im Grunde ungemein wenig intereſ⸗ ſirte, und gewährte dem ehemaligen Günſtlinge ſelbſt 139 die Genugthuung, daß er ſeinen Nachfolger im Amte nichts gelten ließ. Nach mancherlei Umſchweifen kam endlich auch der veranlaſſende Gegenſtand der Audienz zur Sprache. Der Fürſt verlangte nach dem Urtheil eines Sachverſtändigen über das mit ſo vielem Eclat durchgefallene Geſetz. Offenbar lag ihm daran, in einer Sache klar zu ſehen, die ihn ungewöhnlich tief berührte. Auf der einen Seite wog ſein Widerwille gegen die Herren mit der Tonſur und ſeine perſönliche Neigung für Julian, welcher klugerweiſe die allerhöchſte Leidenſchaft für das edle Waidwerk mit in's Spiel gezogen hatte. Anderer⸗ ſeits fürchtete er doch die Macht der klerikalen Partei. Der ſtürmiſche Widerſpruch einer auffallenden Kammer⸗ mehrheit mußte ihn beunruhigen, und nebenbei lagen ihm auch der Miniſterpräſident, ſein doppelzüngiger Leib⸗ arzt Doctor Hambacher, und der Kammerherr von Luchs⸗ berg in den Ohren. Die Verdächtigungen galten nicht bloß der Sache, ſondern auch der Perſon. Man zuckte ſelbſt über den ſittlichen Gehalt Julians die Achſel, und der edle Baron von Luchsberg benützte die günſtige Gelegenheit, nach zwei Seiten zugleich auszuholen. Es ſei ihm unbegreiflich, meinte er, wie ſich La Rochelle das intime Verhältniß des Collegen mit ſeiner Gattin, das bereitszum Stadtgeſpräche geworden, gefallen laſſen könne. 140 Das iſt das Unglück der Fürſten, daß ihre Umge⸗ bung neun⸗ unter zehn Mal gewiſſenlos beſtrebt iſt, ſie um das Gefühl der Sicherheit und eines wohlge⸗ wogenen Gleichgewichts zu bringen. Und gerade in jener einſamen Höhe der Menſchheit, auf dem ſchmalen Steig über den Alpengrat, den die Könige zu wandeln haben, bedarf es neben dem ſchwindelfreien Adlerblicke in die Ferne und Tiefe auch der ſtrammen Haltung und des feſten, entſchiedenen Schrittes. Auf dieſem ſchweren, gefahrvollen Gange ſchwankend und wankend zu machen, iſt ein Verbrechen nicht bloß wider die Majeſtät, ſondern wieder die Menſchlichkeit. Den alten Freiherrn Joachim Fries von Frieſeneck konnte ein ſolcher Vorwurf wahrlich nicht treffen. Wie er für ſich gewohnt war, jeden Knoten durchzuhauen, ſo war auch ſein Rath jeweils unzweideutig, knapp und beſtimmt. Aber— in dieſer heiklen Sache ver⸗ ließ ihn doch einigermaßen die Sicherheit. Er brachte Mancherlei für und wider vor, und konnte ſchließlich wohl fühlen, daß der ungeduldige Fürſt ihm für die offen gelaſſene Wahl wenig Dank wußte. Glücklicher Weiſe war ein reicher Stoff der Unter⸗ redung geboten. Der Oberſtjägermeiſter hatte Zeit, ſich neuerlich in die längſt entwöhnte Umgebung zu finden, und gewann allgemach wieder die alte Zuver⸗ 141 ſicht. Zuletzt meinte er wirklich, es ſei beſſer ſo ge⸗ kommen als anders. „Durchlaucht halten zu Gnaden,“ bemerkte er,„ich trage noch altfränkiſches Gepräge, bin das Sachtegehen vom Pirſchen gewohnt, und kann mich vor meinem ſeligen Ende wohl kaum mehr mit dem verſöhnen, was die Leute jetzt Fortſchritt nennen. Man ſchießt zumeiſt über das Ziel hinaus, und ich denke, der Herr Cultusminiſter mag ſich wohl auch im Pulvermaß ver⸗ griffen haben.“ Der Fürſt ſtimmte ihm lachend bei. „Wenn ich gern mit allen Menſchen glatte Ab⸗ rechnung pflege,“ fuhr Frieſeneck fort,„ſo möchte ich nicht gern, daß unſer Herrgott und ſeine Werkleute dabei zu kurz kommen. Durchlaucht wiſſen, daß ich juſt keine Liebſchaft mit der Kleriſei angezettelt habe, und daß mir der Wald näher an's Herz gewachſen iſt, als irgend welche Pfarrpfründe. Aber mit vollen Hän⸗ den nehmen und mit leeren geben, macht ſcheele Augen.“ So und ähnlich ſprach der Oberſtjägermeiſter, und ſeine praktiſchen Anſichten fanden Beifall. Mit wach⸗ ſendem Unmuthe äußerte ſich der Fürſt über das allzu rückſichtsloſe Vorgehen Julians, und ſeine Worte ver⸗ riethen nur zu deutlich, daß das Ferment, welches ihm die Ohrenbläſer in die Seele gelegt, bereits die Gäh⸗ 14² rung vermittelt habe. Als Frieſeneck mit einem Ur⸗ theile über die Perſönlichkeit des Cultusminiſters zu⸗ rückhielt, weil er ihn zu wenig kenne, ſah ſich die Durchlaucht ſelbſt zu einer Charakterſchilderung ver⸗ anlaßt. Das Gerücht ward zur Thatſache, Verläum⸗ dung zur Wahrheit umgeſtempelt. Selbſt Julians Um⸗ gebung, und vor Allen ſein Zögling und Vertrauter Theobald, fanden eine herbe Kritik. So vernahm der Oberſtjägermeiſter aus dem Munde des Fürſten eine Beſtätigung jener Gerüchte, die man ihm mit ungemeiner Geſchäftigkeit über Theobald's Leben und Irrfahrten zugetragen hatte. Einer ſolchen Autorität mußten ſeine Bedenken weichen, und er gab den Jüngling auf, der ſich ihm ſo raſch in's Herz ge⸗ ſtohlen hatte, und den er liebte wie ſeinen Sohn. „Die verdammten Demokraten!“ murmelte er vor ſich in den Bart, als er die Reſidenz hinter ſich hatte, und die nächtliche Stille ſeinen Gedankengang nicht ſtörte. Sie halten es mit der Moral wie mit der Politik. Freiheit und Zuchtloſigkeit!— Wie wird mein armes Klärchen ſich in dieſe jämmerlichen Er⸗ fahrungen finden?“ Der freundliche Leſer weiß bereits eine Antwort auf dieſe bekümmerte Frage. Sechstes Kapitel. Was man ſcheint, Hat Jedermann zum Richter; was man iſt, Hat keinen. Schiller, Maria Stuart. Julian hatte Acten und Papiere geordnet, um ſie ſeinem Nachfolger zu überantworten, da ſein Ent⸗ laſſungsgeſuch bereits angenommen war. An den hohen Bogenfenſtern ſeines Geſchäftszimmers waren die Roll⸗ vorhänge niedergelaſſen. Halbe Dämmerung füllte den Raum, während draußen noch der helle Schein eines lauen Aprilabends auf den Straßen lag. Der Ermi⸗ niſter ſaß in den Lehnſtuhl zurückgebeugt; ſein ganzes Ausſehen verrieth mehr Erſchöpfung, als wir bisher an dem ſpannkräftigen Manne zu beobachten gewohnt waren. Nicht ſowohl die Abnahme des Portefeuilles an ſich, als die Form, mit welcher die Durchlaucht 144 ſeiner Enthebungsbitte entſprach, hatte ſeinen Stolz bis an die Wurzel verletzt. Auf dem Schreibtiſche lag noch eine Anzahl unge⸗ öffneter Briefe. Läſſig griff er nach dem nächſtbeſten; er trug das La Rochelle'ſche Siegel. Eine kaum merk⸗ liche Röthe flog ihn über Stirn und Wange, als er ihn erbrach; dann las er: „Ich finde es begreiflich, lieber Doctor, daß Sie nach den letzten ſchweren Tagen weder Zeit noch Be⸗ hagen finden, an unſere Thüre zu klopfen. Dennoch überwinde ich die ängſtliche Scheu, die mich bei jeder unbeſcheidenen Bitte befällt, und wage eine Berufung an Ihre Freundlichkeit. Lucian, der nächſter Tage ſeine Reiſe nach Italien antreten wird, ſehnt ſich noch nach einer Herzensergießung mit ſeinem Lehrer und Freunde, und ich ſelbſt hätte Einiges auf der Seele, was mich Ihnen mitzutheilen drängt. Legen Sie nur für ein halbes Stündchen den politiſchen Groll bei Seite, und erfreuen Sie uns an einem der nächſtkommenden Abende mit Ihrem Beſuche. Lucinde.“ Die Hand ſank ihm mit dem Briefe in den Schooß, und ein bitteres Lächeln zuckte um ſeine Lippen. Da pochte es an die Thüre. Im nächſten Augenblicke drängte ſich eine Frauengeſtalt raſch durch den halbge⸗ 145 öffneten Flügel, eng umhüllt von dem dunkelfarbigen Buenus, das Haupt in einen ſchweren ſchwarzen Schleier gewickelt, den ſie erſt lüftete, als ſie kaum etliche Schritte vor Julian ſtand. Während ſie die Kopfhülle zurück⸗ ſchob, drängte ſich ein Fülle langer, ſchwarzer Locken zu beiden Seiten des bleichen Geſichtes vor, das bei dem ge⸗ brochenen Licht des Zimmers noch ſchmäler und blei⸗ farbener erſchien, als es wirklich war. Ein Ruf des Staunens und der Ueberraſchung ent⸗ ſchlüpfte Julian. Er ſprang vom Stuhle empor, ohne ihr näher zu treten, und ſprach mit halber Stimme, als wollte er jeder Gefahr, belauſcht zu werden, vor⸗ beugen:„Sibylle!—— Ich dachte nicht, daß Du den Weg noch fändeſt über meine Schwelle!“ „Nicht um meinetwillen, Georg!“ erwiderte die Dame, indem ſie mit einer krankhaften Haſt die Hand⸗ ſchuhe abſtreifte, den Schleier völlig zurückſchlug, und ſelbſt nach einem Stuhle griff.„Bitte, ſetze Dich, Georg! Ich brauche eine Viertelſtunde, vielleicht auch mehr, um Dich mit meinem Erſcheinen auszuſöhnen. Du wirſt Dich mittlerweile von Deinem Schrecken erholen.“ „Ich weiß von keinem Schrecken“, entgegnete Julian, durch die letzte Bemerkung verletzt. „Doch, doch, ich hab' es an Deinen Augen geſehen und an Deiner Stimme gehört. Du biſt erſchrocken, 4 10 Hilarius, Non possumus, II. 146 Georg, und haſt vielleicht auch Deine Gründe. Ich habe etliche Male vergeblich an des Miniſters Thüre geklopft, und— ich weiß, daß ich ſchlecht ausſehe, wirklich zum Erſchrecken ſchlecht, wie mir die Baſe Schlumpert in's Geſicht ſagt.—“ Und Sibylle lachte, daß ihre weißen, vorſtehenden Zähne zwiſchen den ſchmalen Lippen durchblickten. Beſänftigend ſagte Julian:„Laß das, Schweſter!“ Da fiel ſie ihm ſofort wieder in die Rede: „Schweſter?— Wie kommſt Du dazu, Georg? Ich bin alt geworden, ohne dieſes Wort von Deinen Lip⸗ pen zu vernehmen. Was kümmert's Dich auch, daß meine Mutter, wie Lady Macbeth, meinen Vater über Nacht vergaß, und den Deinen heirathete? Sind wir verwandt? Führſt Du meinen Namen? Habe ich je Bruderliebe von Dir gefordert und Schweſterliebe ge⸗ boten? Ich kenne den Doctor Julian, den Hofrath Julian, Julian den gefallenen Miniſter,— einen Bru⸗ der Georg kenne ich nicht.“ „Ich weiß das Alles“, verſetzte Julian ungeduldig, „Du haſt mich oft genug daran erinnert. Laß uns zur Sache kommen, Sibylle. Die Zeit drängt und ich habe Geſchäfte. Bedarfſt Du meiner, oder— iſt vielleicht endlich die Stunde gekommen, wo Du Dein Verſprechen einlöſen wirſt?“ 147 Sie erwiderte:„Habe ich je nicht gehalten, was ich verſprach? Du biſt undankbar, Georg, undankbar und herzlos, wie Alle Deines Geſchlechtes. Aber ich will keinen Dank; ich that Alles nicht um Deinetwillen. Du biſt mir gleichgiltig, Georg! Dein Glück, Dein Ruhm, Deine Thorheit, Deine Himmel⸗ und Höllen⸗ fahrt— ſie ſind mir gleichgiltig!“. Julian war von ſeinem Sitze aufgeſtanden. Er trat an's Fenſter und zog den Rollvorhang empor. Der letzte Tagesſchein fiel auf die Geſtalt Sibyllens und beleuchtete ihr hageres, wachsgelbes Geſicht. Nur eine leiſe Spur früherer außerordentlicher Schönheit ließ ſich aus dieſen zerſtörten und verwitterten Zügen. errathen; alles Uebrige war von Kummer, Gram und Leidenſchaft zernagt. Der unheimliche Glanz ihrer Augen, ihrer unſtäter Blick weckten unwillkürlich die Befürchtung, als wache jeden Augenblick der ſchlum⸗ mernde Dämon des Wahnſinns auf. Ein Gefühl des Mitleids überraſchte Julian, als ſein Blick auf die Stiefſchweſter fiel, die— kaum et⸗ liche Jahre älter als er— gleich einem in der Jugend verdorrten Baume die letzte Neige geiſtiger und kör⸗ perlicher Kraft in krankhafter Haſt aufzehrte. Er beſchwichtigte ſeine Ungeduld, antwortete in milder, 10 * verföhnender Weiſe, und bat ſie, ihm endlich den Zweck ihres Beſuches mitzutheilen. 3 Sibylle ſtrich ſich die langen, ſchweren Locken aus dem Geſichte, und hub an.„Georg, Du weißt, wem Du die Stelle verdankteſt im Hauſe des Mannes, deſ⸗ ſen Name mir wie Gift auf den Lippen liegt, ohne daß ich ihn ausſprechen könnte. Heute noch ahnt er nicht, daß ich es war, die ihm eine Schlange an den Buſen ſetzte. Er weiß es nicht, daß der Hofmeiſter ſeines einzigen Kindes aus einer Mutter Schooß ent⸗ ſprang mit dem Mädchen, dem er ſeine falſchen, heuch⸗ leriſchen Liebesworte wie Morphium ins Ohr träufelte. Ich lechzte nach Rache für den Treubruch, womit er mich elend machte. Ich weihte Dich ein in ſein ver⸗ brecheriſches Geheimniß, und ward ſelbſt zur Verbre⸗ cherin, indem ich Verrath übte an meiner eigenen Her⸗ rin. Sie hat es verdient, tauſendfach verdient, die kalte, falſche, ſchlangenherzige Tugendheldin, welche dem Gatten die Hingabe verweigert, um ſie dem Ehebrecher zu gewähren. Aber es war dennoch Verrath, und er brennt mir auf der Seele, Georg, und ich kann dieſen Brand nicht eher löſchen, bis Alles, Alles vollendet iſt!“ „Und wann willſt Du es vollenden, Sibylle?“ fragte Julian inzwiſchen. „Unterbrich mich nicht!“ erwiderte ſie und ſchüttelte 149 ihre Locken. Ich habe Deinen Ehrgeiz geſtachelt, Georg. Du warſt ein gelehriger Schüler, und gingſt verwegen vorwärts, ohne zu gewahren, daß ich Dir die Wege glättete und die Thüren öffnete. Blick' nicht ſo höh⸗ niſch, Georg! Ich verlange nicht, daß Du es glaubſt, — ich fordere keinen Dank, denn ich that Alles um meinetwillen. Sein Schickſal ſollte ſich erfüllen, ſein Haupt ſollte der tödtliche Strahl treffen in dem Augen⸗ blicke, als es ſich am ſtolzeſten erhob und die Lorbee⸗ ren des höchſten irdiſchen Glückes um ſeine Stirne flatterten. Du ſollteſt der Felſen ſein, an dem ſein Fahrzeug zerſchmetterte. Es war Alles vorbereitet— Alles gerüſtet— die brennende Lunte ſtand keines Zolles Breite vom Zündfaden ab. Da hat Deine Thorheit Alles vereitelt! Du warſt Deiner Aufgabe nicht gewachſen, Georg. In eitler, hochmüthiger Ver⸗ blendung haſt Du auf die Gunſt des Fürſten geſündigt, wollteſt den Demagogen und Miniſter in Einer Perſon ſpielen, ein halber Poſa, ein halber Volkstribun. In Deiner Verblendung haſt Du nicht gemerkt, wie er ſelbſt Dir den Köder vorhielt, und Dir dann rücklings einen Fußtritt gab, der Dich zum Sturze brachte. Du wollteſt Dir den Anlauf nehmen zu einem Giganten, und Dein Geſichtskreis reichte nicht weiter als der eines Zwergen. Der Günſtling, der Miniſter, der * 150 Demokraten⸗Häuptling dünkte ſich größer, als er war!“ Julian ging mit raſchen Schritten das Zimmer auf und nieder. Er fühlte, daß in all dieſen verworrenen, abgeriſſenen Sätzen, die wie aus dem Munde einer Nonne klangen, manche Wahrheit lag, und mancher Vorwurf gerechtfertigt war. Er konnte ſich nicht ver⸗ hehlen, daß namentlich die feine und liebenswürdige Art, womit La Rochelle ihn als Collegen im Miniſter⸗ rathe behandelte, ihn ſicherer gemacht hatte, als es die Klugheit verlangte, daß er dem diplomatiſchen Künſtler gegenüber eine knabenhafte Stümperrolle geſpielt habe. Aber ſein Stolz ſträubte ſich gegen die Art, wie ihm das halbverrückte Mädchen ſeine Sünden vorhielt, und gegen die Anmaſſung, als ſei er— die Puppe eines Ma⸗ rionettenſpielers— von den Fäden gehalten geweſen, die ihre Finger lenkten. Seine Gegenrede klang hart und übermüthig. Er ſprach mit Hohn von dem Gän⸗ gelbande, von dem ihre kranke Phantaſie geträumt habe, von dem Einfluß einer Närrin auf den Gang großer Ereigniſſe. Sibylle hatte ſich vom Stuhle gehoben. Sie ſtrich von Zeit zu Zeit mit ihren langen, weißen Fingern die Locken über die Schläfe zurück, und während ihre brennenden Augen den Auf⸗ und Niederwandelnden 151 raſtlos verfolgten, zuckte es ihr wie Wetterleuchten um den Mund. Als Julian einen Moment inne hielt, fiel ſie raſch ein: b „Du ſchiltſt mich verrückt, Georg,— das thut die Baſe Schlumpert auch, wenn ich ihr die bittere Wahr⸗ heit ins Geſicht ſage. Das täppiſche Weib iſt um kei⸗ nen Gran ſchlechter, als Du mit all Deiner Weisheit und Seelengröße. Glaubſt Du, daß ich dem Sturm nicht gewahre, der in Deiner Seele raſt, trotz Deines glatten Geſichtes? Deine See geht hohl, Georg, und mein Gehör iſt ſcharf, daß es das Rauſchen der Grund⸗ wellen in der Tiefe hört!“ „Du haſt Deinen Namen nicht umſonſt!“ entgegnete Julian ſarkaſtiſch.„Eine Pythia oder Velleda könnte nicht mit mehr Pomp orakeln, als Du, Sibyllle. Schade, daß es bei mir nicht verfängt. Sage mir, wann ſich Deine Weisheit erſchöpft hat, damit wir uns dann zum Abſchiede rüſten. Mich ruft noch eine dringende Pflicht.“ 3 Langſam wiederholte Sibylle die letzten Worte. „Eine dringende Pflicht,— das Weib Deines Tod⸗ feindes, das Du liebſt, Georg!“ Julian hielt mit ſeinen Schritten inne, und ſchaute die Stiefſchweſter überraſcht an. Sie ließ wieder ihre Alabaſterzähne blicken, und fuhr fort, ohne den Blick von ihm abzuwenden:„Eine wahre Pythia— was meinſt Du, Georg?— Aber laß Dich nicht irre ma⸗ chen! Lucinde iſt aus anderm Stoff geformt, als die Fürſtin. Sie liebt Dich— aber ſie liebt Dich nur, weil ſie ihren Gatten verachtet. Es iſt ein Reif auf ſie gefallen, aber die Wärme ihres keuſchen Herzens wird ihn in Thau auflöſen. Du biſt nicht der Mann, Georg, dieſe Perle zu faſſen!“ Er biß ſich auf die Lippen und ſchwieg. Nach kurzer Pauſe fuhr ſie fort:„Du weißt, daß ſie die Sünde ihres Mannes ahnt, ohne ſie zu kennen. Ich will ihr Gewißheit verſchaffen. Jede Erlöſung aus der Bangigkeit des Zweifels iſt ein Heilandswerk, und das ſichere Unglück ſieht uns barmherziger an, als die un⸗ gewiſſe, drohende Gefahr. Dieſe Papiere ſollen ihr Licht bringen in die Dämmerung. In Deinen Händen wären ſie doch nichts weiter, als der vergiftete Pfeil in den Händen eines Knaben.“ Bei dieſen Worten zog ſie ein Päckchen Briefe vor, die ſie unter dem Buſentuche verborgen gehalten, legte es läſſig auf den Schoß, und neſtelte an dem Bande, das es zuſammen hielt. „Sibylle!“ rief Julian mit wachſendem Zorne,„die Briefe ſind mir verpfändet— ſie ſind mein Eigenthum, und Du wirſt Dein Wort nicht brechen. Willſt Du 153 die Rache aus der Hand geben, nur um mich wehrlos zu ſtellen in dem Augenblicke, da mir die feindlichen Streiche das Haupt zu zerſchmettern drohen? Bei allen Heiligen des Himmels, Sibylle, gib mir die Briefe!“ Sie ſchüttelte ihre Locken und erwiderte:„Du haſt mich verrückt geſcholten, Georg; ich will Dir Zeugniß geben, daß Du kurzſichtig biſt auch in der Beurtheilung eines ſchwachen Weibes. Meine Rache habe ich in ſichere Hände gelegt; der Beichtvater der Fürſtin hat mir die Laſt abgenommen. Die Mine iſt gefüllt— ſie ſpringt— heute— morgen— er iſt unrettbar ver⸗ loren! Es bedarf Deiner Hand und dieſer Papiere nicht mehr.— Du haſt mich verrückt geſcholten, Georg; ich will es dulden, daß Du mich für völlig unzurechnungsfähig hältſt, wenn ich's nun mit einem Wortbruch nicht mehr genau nehme!“ Bei den letzten Worten erhob ſich Sibylle von ihrem Sitze. Sie war daran, die Briefe wieder bei⸗ zuſtecken, als ihr Julian in die Arme fiel.„Halt, Schweſter!“ rief er, und ſeine Stimme bebte.„Ich kann Dir die Freude dieſes Wortbruches nicht gönnen. Gib mir die Papiere, Sibylle,— gib ſie mir, oder— ſo wahr ich lebe, ich mißbrauche das Recht des Stär⸗ keren. Du magſt mein Thun und Laſſen beurtheilen 154 nach Deinem Gelüſte; aber ich habe nie gegen den Vertrag gehandelt, den wir beide eingingen. Um Deinetwillen habe ich fünf Jahre hindurch die ekle Rolle eines Peinigers dem Manne gegenüber geſpielt, der mich gaſtlich aufgenommen hatte und deſſen Brod ich aß. Du haſt keinen Fug, mir nun die Dokumente zu verſagen, aus denen ich die traurige Berechtigung zu dieſer Rolle ableitete. Gib mir die Briefe, Sibyllle, und löſe Dein Wort ehrlich ein, wenn Du nicht willſt, daß ich mich meines vorenthaltenen Eigenthums mit Gewalt bemächtige!“ Sibylle wehrte ſich gegen die umſtrickenden Hände ihres Bruders.„Laß mich, Georg!“ rief ſie und zeigte ihre Zähne.„Er wird ein unſchädlicher Mann, auch ohne Dich, und Du kannſt ſeine Verachtung tragen, die Du— verdient haſt.“ Die Worte ſteigerten die Erbitterung des Gereizten. Ohne des heftigen Widerſtandes zu achten, bemächtigte er ſich der Papiere, und indem er ſie auf den Schreib⸗ tiſch ſchleuderte, pflanzte er ſich mit erhobenen Armen vor demſelben auf. Ein Schrei entfuhr Sibyllens Lippen. Ihr Mund zitterte, ihre Augen traten vor, aus ihren Geberden ſprach der entfeſſelte Wahnſinn. Mit geballten Fäuſten ſtürzte ſie ſich auf den Bruder; aber in demſelben Augenblicke fiel ſie ihm bewußtlos 155 in die Arme. Der übermächtigen Aufregung folgte eine völlige Atonie. Julian hatte Mühe, den ſchweren, haltloſen Körper bis zum Sopha zu ſchleppen. Dann griff er zur Schelle. 1 Die Thüre öffnete ſich, und Theobald trat ein. Im Zimmer war die Dämmerung ſo weit vorgerückt, daß im erſten Augenblicke ein Erkennen deſſelben nicht möglich war. Als er ſich Julian genähert hatte, trat dieſer verblüfft einige Schritte zurück, und ſeine Miene kündete eben ſo viel Ueberraſchung als Unwille.„Was willſt Du hier?“ fragte er ihn barſch.„Haſt Du Botendienſte zu verrichten? Ich bedarf Deiner nicht!“ Ohne jedoch dieſer Abweiſung zu achten, trat Theobald nahe an ihn heran, und erwiderte leiſe: „Ich wollte mich vor einer Viertelſtunde zur Ver⸗ fügung ſtellen. Als ich das Vorzimmer betrat, gewahrte ich den Diener lauſchend an der Thüre. Die Unter⸗ haltung hier ward ſo laut und lebhaft geführt, daß ihm kein Wort entgehen konnte. Ich habe mir erlaubt, ihm Aufträge zu ertheilen, die ihn aus dem Zimmer entfernten, und bequemte mich mittlerweile, ſeine Stelle einzunehmen. „Um Dich ſelbſt an den Lauſcherpoſten zu ſtellen?“ fiel ihn Julian heftig in die Rede. Entrüſtet ſchwieg Theobald etliche Augenblicke; dann 156 erwiderte er:„Ich weiß nicht, Excellenz, ob ich je in meinem Leben Anlaß zu ſolch einem beleidigenden Ver⸗ dachte gegeben. Aber— wie bemerkt— das Zwie⸗ geſpräch wurde hier ſo laut geführt, daß ich mich in der That dazu bekennen muß, Bruchſtücke deſſelben gegen meinen Willen vernommen zu haben. Es fragt ſich nur, Exzellenz, ob Sie die Mitwiſſenſchaft eines Geheimniſſes einem Bureaudiener lieber gegönnt hätten, als mir!“ 5 Julian blickte finſter und zögerte mit einer Ant⸗ wort. Da regte ſich's am Sopha, und Sibylle kündete durch einen leiſen Seufzer das Erwachen aus ihrer Erſtarrung.„Sorge für einen Wagen, Theobald,“ bemerkte Julian, indem er raſch wieder den gewohnten vertraulichen Ton anſchlug.„Du ſiehſt, die Dame iſt unwohl geworden. Sie bedarf einer Stütze, und Du wirſt ſo freundlich ſein, ſie heim zu geleiten.“ Dem Wunſche ward mit möglichſter Eile ent⸗ ſprochen. Willenlos, als läge ſie noch in den Banden eines ſchweren Traumes, überließ ſich Sibylle der Führung Theobalds. Nach wenigen Minuten war Julian allein, und hatte Muße, die Fluth ſeiner Empfindungen wieder in das gewohnte Bett zurückzuſtauen. Es gelang ihm ſchwer. Manches von Sibyllens Worten hatte einen Wider⸗ 157 haken, der ihn ſchmerzhaft verwundete. Er konnte ſich eines wachſenden Schamgefühls nicht erwehren über den gewaltſamen Abſchluß, welchen er der eben erlebten tragiſchen Scene gegeben hatte. Die Sophiſtik, womit er die rohe Gewaltthat zu einem Acte der Nothwehr umzuprägen ſich bemühte, ließ ihn im Stiche, und es beſchlich ihn faſt eine Scheu, die verhängnißvollen Pa⸗ piere zu berühren. Noch hatte er ſich mit ſeinen Gedanken und Em⸗ pfindungen nicht zurecht gefunden, als der Diener Licht brachte. Das gemahnte ihn an die vorgerückte Abend⸗ ſtunde und an den Vorſatz, der Einladung Lucindens Folge zu leiſten. Die letzten Vorkehrungen waren ge⸗ troffen. Für immer ſollte der Parquetboden des Mi⸗ niſterbureaus verlaſſen werden, deſſen Glätte ihn früher zum Straucheln brachte, als ihm ſein eitles Selbſtver⸗ trauen vorgeſpiegelt hatte. Da vernahm er— im Begriff zur Klinke zu greifen— die Stimme Theo⸗ balds, welcher im Vorzimmer nach ihm fragte. Im nächſten Augenblicke ſtanden ſich Beide wieder gegenüber. Julian reichte dem Eintretenden die Hand und be⸗ merkte freundlich:„Ich danke Dir, Theobald, für die Bereitwilligkeit, womit Du meinen Wunſch erfüllteſt. Hoffentlich haben ſich Dir keine weiteren Unannehm⸗ lichkeiten in den Weg gelegt.“ 158 Theobald antwortete mit einem leichten Kopfnicken. Er war blaß, und ſeine Züge ließen errathen, daß er unter dem Drucke widerſtreitender Gefühle leide. „Ich bin im Begriffe“, fuhr der Miniſter fort,„von Lucian Abſchied zu nehmen, der nächſter Tage ſeine Fahrt nach Italien antreten wird. Biſt Du nicht ge⸗ neigt, mitzugehen? Ich denke, Du wirſt dem Freunde ſo willkommen ſein, als der Gräfin.“ „Entſchuldigen Sie mich, Excellenz!“ begann Theo⸗ bald ſeine Erwiderung mit der gemeſſenen Höflichkeit eines Untergebenen. Julian unterbrach ihn ſofort. „Wie kommſt Du mir vor, Junge? Warum legſt Du Deinen Worten ſpaniſche Stiefeln an? Hat ſich plötzlich eine Scheidewand zwiſchen uns geſchoben, oder willſt Du mich abſichtlich verletzen, indem Du fort⸗ während auf die Höhe anſpielſt, von der man mich herabwarf?“ Theobald blickte zu Boden und ſchwieg. Noch war das rechte Wort nicht geſprochen, an welches er ſeine Entgegnung hätte anknüpfen können. „Ich habe einen unwürdigen Verdacht gegen Dich ausgeſprochen“, fuhr Julian fort.„Wenn Du die mo⸗ raliſche Bedeutung jenes Wortwechſels ermeſſen könnteſt, zu deſſen Ohrenzeugen Dich der Zufall machte, Du würdeſt mir eben ſo ſchnell verzeihen, als ich ſelbſt 159 mein Vergehen bereute. Sprich, Theobald, wirſt Du mir noch länger zürnen?“ „Ich zürne nicht“, erwiderte dieſer zögernd.„Ihre Worte hatten, wie ich ſelbſt fühle, im Momente den Schein einer Berechtigung. Aber—“ „Vollende, Theobald, was Du ſagen willſt. Nicht Deinem Lehrer, nicht Deinem Miniſter, Du ſtehſt jetzt Deinem Freunde gegenüber. Zeit und Schickſale haben den Abſtand zwiſchen uns ausgeglichen. Du biſt mir nichts ſchuldig, als die Wahrheit, und— ich kann ſie hören.“ „Sie fordern ein herbes Geſtändniß von mir!“ rief Theobald. Der Riß, der ſeine Seele ſpaltete, ging hinab bis zu den Grundquellen, daß das Waſſer ſich hob und ſeine Augen bis zum Rande füllte.„Mir iſt, als habe ein Wetterſtrahl das Götterbild zertrümmert, das ich in meinem Herzen aufgerichtet— zu dem ich mit unſagbarer Verehrung empor geblickt— in deſſen Tugend und Größe all mein Wirken und Schaffen die Richtſchnur fand. O Julian, rechten Sie nicht mit der Thorheit eines Jünglings, der noch an die Möglichkeit eines Ideals glaubte, und über ſeinen Anforderungen an den Menſchen das Menſchliche ver⸗ gaß!“ Julian war an das Fenſter getreten und blickte 160 ſinnend in die dunkle Nacht hinaus. Als er mit einer Entgegnung zögerte, fuhr Theobald fort: „Je länger die Täuſchung währt, deſto empfindlicher wirkt die Enttäuſchung. Glauben Sie mir, Julian, bei all meiner Unerfahrenheit war mein Blick doch ſcharf genug, um das Ungewöhnliche in Ihrer Beziehung zu Graf La Rochelle zu bemerken. Aber ich ſah darin nur die Ueberlegenheit vollendeter Bildung über die Oberflächlichkeit, den Sieg wahrer geiſtiger Größe über converſationellen Witz und Routine, und— ich be⸗ wunderte Sie. Ich triumphirte über die Kühnheit und Höhe Ihres Fluges, und was Sie— ein Mann aus dem Volke— errangen, bot mir freudige Gewähr für die Macht des Genie's! Und nun—“ „Und nun?“ „Ich habe mich getäuſcht.“ „In mir?“ „Wenn nicht in Ihnen, Julian, ſo doch in dem ſchönen Glauben an die ſiegende Gewalt mannhafter Tugend und Tüchtigkeit. Ich ſchöpfte dieſen Glauben aus Ihrer perſönlichen Errungenſchaft, und ſelbſt der Sturz des Miniſters brachte ihn nicht zum Wanken. Was Sie geworden, ſo dachte ich, war Ihr eigenſtes Werk; was Sie verloren, das Werk einer ränkeſüchtigen Partei, die vor keinem Mittel zur Erreichung ihrer 161 Zwecke zurückſchrickt. Dieſer augenblickliche Sieg der Dummheit und Schlechtigkeit betrübte mich, aber er entwerthete nicht die Bürgſchaft, die ich gewonnen zu haben glaubte,— die Bürgſchaft, daß das Edle und Gute durch ſich ſelbſt die verlorene Oberhand auch wieder zurückgewinnen werde! Nun lehrt mich ein Zufall— ſoll ich ihm fluchen oder ihn ſegnen?— daß mein Glaube nichts weiter war, als blöder, thörichter Wahn! Nicht der Mann ſelbſt, den ich um deßwillen ſo hoch verehrte, ſondern die Intrigue war es, die ihn hob!“ Es war ein hartes Wort, und Theobald ſprach es mit gedämpfter Stimme aus. Dann ſchwieg er, als erwarte er eine Gegenrede. Julian lehnte noch immer mit verſchränkten Armen an der Fenſterbrüſtung, und der Schatten, den die vorſpringende Niſche auf ſein Geſicht warf, machte es unmöglich, die Wirkung zu ge⸗ wahren, welche die Rede des Jünglings in ſeinen Zü⸗ gen hervorrief. Ohne jedoch im mindeſten eine Be⸗ wegung zu verrathen, bemerkte er nach kurzer Pauſe: „Noch liegt Dir Etliches am Herzen und auf der Zunge, Theobald. Fürchte nicht, daß ich Dir zürne, wenn Du mir Alles ſagſt.“ Theobald erwiderte: „O daß ich gerade Ihnen gegenüber, deſſen Hand Hilarius, Non possumus. II. 11 — 4 162 mich über alle Verführungen der Jugend hinweglenkte, deſſen Lippen ich nur das Schöne und Gute abzu⸗ lauſchen gewohnt war,— daß ich gerade Ihnen gegen⸗ über dem bittern Zwange unterliegen muß, mit der Wahrheit zu kränken! Aber Sie verlangen es, Julian, und ich komme Ihrem Willen nach, ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, daß ich mich in meinen Vorausſetzungen und Folgerungen täuſchte, und daß Sie dann doppelt Recht haben, dem Zweifelnden und Vertrauensloſen Ihre Liebe zu entziehen. Was ich noch vor einer halben Stunde nicht wußte, haben mir die letzten Augenblicke verrathen. Sibylle iſt Ihre Schweſter. Während der kurzen Fahrt ſteigerte ſich ihre Aufregung bis zu einer beängſtigenden Höhe, und ihr Schmerz löſte ſich in Klagen und Verwünſchungen auf, denen ich nicht Ein⸗ halt zu gebieten vermochte. Zum zweiten Male mußte ich mich einweihen laſſen in die Myſterien eines heil⸗ loſen Romanes, und wenn mir auch die Fäden des Zu⸗ ſammenhanges fehlen, ſo erfuhr ich doch genug, um an Allem irre zu werden, woran ich bisher wie an einem heiligen Dogma feſtgehalten hatte.“ Der Jüngling hielt eine Weile wie erſchöpft inne. Als keine Unterbrechung erfolgte, fuhr er weiter:„Ju⸗ 6 lian— Sie ſind im Beſitze von Documenten, welche La Rochelle und die Fürſtin in gleichem Maße bloß⸗ 163 ſtellen. Daß Sie mit dieſen Papieren in der Taſche die Rolle eines Dämons im Hauſe des Grafen ſpielten, daß Sie nicht mit der Stärke Ihres Geiſtes und der Macht Ihrer Kenntniſſe Bahn ſich brachen, ſondern die Mitwiſſenſchaft einer ehrloſen Handlung und die Furcht vor der Schande als Folterwerkzeuge benutzten, um ſich auf den Schultern jener, die Sie verachten, em⸗ porzuſchwingen— das iſt es, was meinen Glauben an die Menſchheit in ſeinen Grunffeſten erſchütterte Denn dieſen Glauben verdankte ich Ihnen allein!“ „Biſt Du fertig?“ fragte Julian, als Theobald nach den letzten Worten eine Pauſe eintreten ließ. „Ich habe nichts mehr zu ſagen!“ entgegnete dieſer, indem er den Kopf neigte und die Hand vor die Stirne legte. „Gut, mein Freund“, entgegnete Julian, trat auf ihn zu, ergriff ſeine Rechte, und zog ihn neben ſich auf das Sopha nieder.„Ich danke Dir für das ſchwere Opfer, das mir Deine Aufrichtigkeit brachte. Aber Dein Wiſſen iſt mangelhaft; ich ſchulde Dir die Mit⸗ theilung auch deſſen, was Du nicht weißt. Wehre Dich nicht, Theobald! Deine Verpflichtung mich anzuhören, iſt nicht geringer als die meine, Dir Licht zu bieten, wo noch zweideutiges Dunkel waltet. Höre mich an! Sibylle war das einzige Kind aus der erſten Ehe 11* meiner Mutter. Die Abneigung meines Vaters gegen das Mädchen veranlaßte dieſe, ſich unmittelbar nach meiner Geburt von der Tochter zu trennen und ſie fremder Pflege und Erziehung anzuvertrauen. Ich wuchs auf, ohne zu wiſſen, daß ich eine Schweſter be⸗ ſitze, und als ſich nach des Vaters Tod die Mutter bewogen fand, Sibylle wieder zu ſich zu nehmen, war ich nicht wenig erſtaunt über den Zuwachs unſerer kleinen Familie. Ich zählte damals kaum dreizehn Jahre. Ein ſchwacher, kränklicher, verzogener Junge, war ich jedoch geiſtig meinen Jahren vorgeeilt. Meine größte Tugend und mein größtes Laſter war ein Ehr⸗ geiz, der keine Schranken kannte, und der in der über⸗ triebenen Zärtlichkeit und Sorgfalt meiner Eltern, in ihrer unverhohlenen Bewunderung meines Talentes und meiner Kenntniſſe ſtets neue Nahrung fand. Die Wiederaufnahme Sibyllens in die Familie weckte die Beſorgniß, daß nun die Mutter einen Theil ihrer aus⸗ ſchließenden Liebe auf die Tochter übertragen und ich um den gleichen Antheil verkürzt würde. Zudem hatte ſich das Mädchen bereits zur Jungfrau entfaltet, die ich eben ſo ſehr um ihre wunderbare Schönheit, als um die Sicherheit ihres Auftretens, um jenes Ueber⸗ gewicht beneidete, welches eine, wenn auch beſchränkte, doch innerhalb dieſer Schranken fertige Bildung ge⸗ 165 währt. Sibylle hinwider konnte eben ſo wenig ihre Zu⸗ neigung einem Knaben ſchenken, dem ſie die Verbannung aus dem elterlichen Hauſe zu verdanken glaubte. So war unſer erſtes Begegnen ein widerwilliges, und un⸗ ſere Abneigung wuchs mit den Jahren. Die ſchwache Mutter beſaß nicht die Fähigkeit, dieſes Verhältniß zu ändern. Ihre Verſöhnungsverſuche waren vollkommen geeignet, die Kluft zwiſchen uns beiden zu erweitern, und als ſie ſtarb, gingen wir auseinander— kalt und theilnahmlos, und blieben uns fremd, als hätten wir uns nie gekannt. 3 Die kleine Hinterlaſſenſchaft meiner Eltern zehrten die Univerſitätsjahre auf. Als ich meine Laufbahn im Staatsdienſte betrat, war ich faſt von allen Hilfsquellen entblößt. Während ich mich mühſelig gegen die an⸗ dringende Noth ſtemmte, war es der Schweſter— ich weiß nicht durch welche Mittel— längſt gelungen, ſich eine dem Rufe nach glänzende Stellung zu erringen. Unmittelbar nach der Vermählung der Fürſtin war ſie dieſer als Kammerfrau beigegeben, und das Gerücht wußte viel zu erzählen von dem unbedingten Vertrauen, welches ihre Herrin ihr ſchenkte, und von dem Einfluß, den ſie ausübte. Mein jahrelanges Ringen nach einem wenn auch noch ſo beſcheidenen Plätzchen war fruchtlos, und ich 166 mußte mich glücklich preiſen, als ich endlich in der Amtsſtube Deines Vaters kargen Verdienſt fand. Wäh⸗ rend ich nach außen mit der gemeinen Noth des Lebens kämpfte, nagte an meiner Seele der Grimm über die feile Nichtsnutzigkeit, womit die Erbpächter unſerer Staatswürden Talent, Ernſt und Tüchtigkeit gering achteten gegen bettelhafte Gönner⸗ und Gevatterſchaft. Ich fing an, mich des ſelbſtgewählten Standes zu ſchämen, deſſen Würde und Bedeutung durch Feilheit und Feigheit geſchändet war Nach meinem Dafür⸗ halten war das ganze moderne Beamtenthum mit einem unheilbaren Krebsſchaden behaftet und die Macht der Bureaukratie beſtand nur in der unbegrenzten Will⸗ kür der oberſten Leiter jenes Siechhauſes, deſſen Pfründ⸗ ner man an Ordnungsgehorſam und an das Bedürf⸗ niß ewiger Bevormundung gewöhnt hatte. Als ich die Spuren dieſes Uebels bis zur Höhe ſeiner Quelle verfolgt hatte, fand ich, daß die Adern dieſes Borns noch über die Waſſerſcheide hinauf reich⸗ ten. Ein räthſelhafter Inſtinct ſagte mir, daß auch die Miniſter nur auf den Sandalen tanzten, die ihnen ein Mächtigerer unter die Füße gebunden. Ich ſpio⸗ nirte und ſchürfte, und wo ich anſchlug, ſtieß ich auf die Hand des Grafen La Rochelle, wo ich anklopfte, öffnete mir eine ſeiner Creaturen. So wuchs in meiner 167 Seele der Haß gegen einen Mann, den ich noch mit keinem Blick meines Auges geſehen hatte, und der gerade damals als der uneigennützige Verfechter aller liberalen Inſtitutionen und als deren Vertreter beim Fürſten im Zenithe der Volksgunſt ſtand. Es bildete ſich in mir die Ueberzeugung, daß die ganze Corruption unſerer Beamtenwirthſchaft in der Macht dieſes Günſt⸗ lings wurzle, und die Erfahrungen des Mannes haben dieſen Jünglingsglauben bewährt. In dieſer Zeit erſchien plötzlich Sibylle in meinem Dachkämmerchen. Ich war mehr als betroffen nicht nur über den unerklärlichen Grund, ſondern auch über die Erſcheinung ſelbſt. Die wenigen Jahre, während welcher wir uns nicht mehr in den Weg getreten waren, hatten ihre Schönheit faſt ſpurlos verwiſcht. Ihr Geſicht war von Kummer und Leidenſchaft durch⸗ pflügt; in ihren Augen brannte ein unſtetes, unheim⸗ liches Feuer, und die üppigen Formen des blühenden Mädchens hatten ſich zu jener hageren Geſtalt geſtreckt, die Du kennen lernteſt. Ich war von dem Anblicke erſchüttert, und ein tiefes Mitleid ließ mich die Kluft vergeſſen, die zwiſchen uns lag. Aber ſie wies meine Gefühle hart und kalt zurück. Nicht um ſentimentale Empfindungen zu erwecken, war ſie zu mir gekommen, ſondern um Geſchäfte zu machen, Geſchäfte in einer 168 Angelegenheit, in welcher unſere weit auseinander gehenden Geiſter wunderbarer Weiſe einen gemeinſamen Brennpunkt gefunden hatten. Die auffallende Schönheit Sibyllens hatte ihr zu einer Cohorte ſogenannter Anbeter verholfen, und ihre ausgeſetzte Stellung mehrte noch die Zahl jener Un⸗ verſchämten, mit denen ſchon die arme Penelope kämpfen mußte. Unter Allen, die ihr huldigten, fand Keiner ſo ſchnell Beifall und Erwiderung, als— der erlauchte Graf von La Rochelle. Damals, ſo hieß es, ſtand er noch hoch in der Gunſt der Fürſtin, und dieſe Gunſt rief ihn häufiger in das Vorzimmer, als es für die Gemüthsruhe der Kammerfrau zuträglich war. So gelang es ſeiner Bewerbung, Sibyllens Herz zu ge⸗ winnen, und die Atmoſphäre leichtfertiger Moral, in der ſie ſich bewegte, half ihr auch, ſich ſchneller über das Bedenkliche eines Verhältniſſes mit einem ver⸗ heiratheten Mann hinwegzuſetzen, als ich nach ihren Grundſätzen je hätte ahnen können. La Rochelle beſaß alle Eigenſchaften, ein Mädchen zu bethören. Er war ſchön und witzig, glatt und gewandt, und wo dieſe Tugenden nicht ausreichten, rief er das Mitleid zu Hilfe und jammerte über das Schickſal, das ihn wider Willen an ein ungeliebtes Weib gefeſſelt und ſein Lebensglück zerſtört habe. So 169 wußte der edle Graf mit allen Mitteln die längſt er⸗ wachte Neigung Sibyllens zu einer Höhe zu ſpannen, wo die leidenſchaftlich angelegte Natur des Mädchens keiner Schranke mehr achtete. Bei ihr wiederholte ſich das pſychologiſche Räthſel, daß Menſchen von unge⸗ wöhnlicher Entſchiedenheit und eherner Willensſtärke unter dem Einfluſſe eines einzigen bedenklichen Augen⸗ blickes plötzlich den Halt verlieren und wie Schilfrohr geknickt werden. Man kann dem Grafen von La Rochelle nicht den Vorwurf der Unerſättlichkeit machen. Er begnügte ſich, als ihm die Liebende das Opfer ihrer keuſchen Jugend, ihrer unbetaſteten ſtolzen Schönheit gebracht hatte, und fand es gerathen, nun wieder eine Ebbe eintreten zu laſſen. Sibylle merkte das ſachte Zurücktreten der Fluth. Als ſich mit jedem Tage ihre bangen Ahnungen mehr bewahrheiteten, als ſich die Zeichen mehrten, aus denen ſie La Rochelle's Verrath und ſeine Charakter⸗ loſigkeit zu leſen vermochte, wandelte ſich ihre Liebe in eben ſo unergründlichen Haß. Sie ſetzte ſeiner zu⸗ nehmenden Gleichgültigkeit keine Klage entgegen; aber all ihr Sinnen floß in den einen Gedanken der Rache zuſammen. Ihre Energie und Willenskraft erwachten wieder aus dem lethargiſchen Zuſtande, in welchen ſie die Liebe eingelullt hatte. 170 Inderſelben Zeit konnte man bemerken, daß die Audien⸗ zen des Grafen bei der Fürſtin ſich in demſelben Maße mehrten, als die Beſuche bei der ſchönen Kammerfrau nachließen. Eiferſucht ſchärft das Geſicht. Sibyllle merkte, daß nur die Gletſcherſtirne ihrer Gebieterin über die Schneelinie hinausreichte, während in den un⸗ tern Regionen lauere Lüfte wehten; daß ſie mit dem ſchönen Manne mehr zu verhandeln habe, als diplo⸗ matiſche Angelegenheiten. Als für die fürſtliche Paſſion das flüchtige Wort nicht mehr ausreichte, ward auf die Argloſigkeit der Kammerfrau geſündigt, und ihr die Vermittelung des ſchriftlichen Verkehrs anvertraut. Das war zu viel für die arme, am Wundfieber des Treubruchs krankende Sibylle. Sie widerſtand der Ver⸗ ſuchung nicht, und verletzte das fürſtliche Siegel. Aber es geſchah mit geſchickten Fingern, und die allerhöchſten Schriftzüge, welche das geahnte Geheimniß verriethen, fanden ſo täuſchende Nachahmung, daß dem Empfänger nicht der entfernteſte Gedanken einer Fälſchung kam. So blieben die Originalien in der Hand Sibyllens, die von dem gefährlichen Wagniß nicht eher abließ, bis ihr dieſe koſtbaren Documente den Beweis lieferten, daß auch auf dem Pfade, welcher über die Sonnenhöhe der Menſchheit hinzieht, das Straucheln nicht unmög⸗ lich iſt 171 Dieſe Entdeckung genügte, und Sibylle dachte nur daran, ihrer hohen Herrin Entgelt zu geben für den Betrug, den ſie an ihr verübt. Sie packte Alles, was ſie ſelbſt ehedem an ſchriftlichen Liebesverſicherungen und papiernen Eidſchwüren aus der Hand des Grafen von La Rochelle empfangen hatte, hübſch chronologiſch zuſammen, entdeckte der Fürſtin unter der entſprechen⸗ den Geleitſchaft von Thränen, Seufzern und ringenden Händen ihre Beziehung zum Grafen und deren tragi⸗ ſchen Abſchluß, und übergab gleichzeitig die unwider⸗ ſprechlichen Zeugniſſe der Wahrheit ihrer Ausſage. Der Schlag wirkte. La Rochelle ſank eben ſo tief in Ungnade, als er bishin hoch in der Huld ſtand. Während er aber alsbald wieder Erſatz für dieſen Ver⸗ luſt in der Gunſt des Fürſten fand, und ſich die Fürſtin für die Treuloſigkeit ihres Sargines im geweihten Verkehr mit Ordens⸗ und Weltgeiſtlichen und im from⸗ men Intriguenſpiel entſchädigte, weinte Sibylle in der Verbannung die ätzenden Thränen halbgelungener Rache, und die ſchmale Penſion, welche ſie mit ihrer Ent⸗ laſſung aus dem Hofſdienſte erhalten hatte, ſtachelte ihren Haß auch gegen die Fürſtin. Sie ſann auf eine paſſende Verwerthung, aber die Gefahr der Entdeckung ihres eigenen Verbrechens hinderte ſie am Vollzuge. Ein dämoniſcher Zufall wollte es, daß zu jener Zeit 172 Graf La Rochelle nach einem Hofmeiſter ſeines Sohnes ſich umſah. Sibylle erhielt davon Kenntniß und baute hierauf ihre Plane. Sie hatte meine drückende Lage erfahren, und ihre früheren ausgedehnten Verbindungen ließen ſie hoffen, daß ſie wenigſtens noch Mittelsper⸗ ſonen finde, die ſich meiner annehmen würden. Das waren die Gründe, welche ſie bewogen, mich in meiner Kammer aufzuſuchen. Während ſie mich mit der Aus⸗ ſicht auf Erlöſung aus einer kümmerlichen Exiſtenz köderte, knüpfte ſie zugleich eine Bedingung an, die meinen damaligen Empfindungen keineswegs wider⸗ ſprach. Der Grimm, womit der unerhörte Einfluß des Grafen auf Wahl und Beförderung der Staatsbeam⸗ ten meine Seele erfüllt hatte, fand in der flüchtigen Schilderung, welche mir Sibylle von ihren Erlebniſſen gab, ſo reiche Nahrung, daß ich mit einer Empfindung von Wolluſt auf ihre Bedingungen einging. Der Plan glückte. Der Palaſt des Grafen von La Rochelle öffnete mir ſeine Pforten; man empfing mich mit jener feinen, hofmänniſchen Art, die uns Bürgerliche im erſten Augenblicke verblüfft. Aber ich beſaß einen Talisman, der mein Selbſtvertrauen ſtählte und mich bald über das läſtige Gefühl der Unſicher⸗ heit und Unbeholfenheit hinweg hob. Das Bewußtſein, meine Ueberlegenheit nach Willkür geltend machen zu 173 können, förderte die Freiheit meiner Bewegung, und die kleine Summe deſſen, was ich wußte, genügte, um mir Achtung zu verſchaffen. Mein Zögling hatte im erſten Augenblicke mein ganzes Herz gewonnen, und der ungemeine geiſtige und körperliche Liebreiz ſeiner Mutter weckte in dem Jünglinge eine ideale Stimmung. Neben⸗ bei verlockte die Schönheit und Pracht alles Umgeben⸗ den, die Sorgloſigkeit des Daſeins, der unverkümmerte Genuß zu anmuthigem Behagen. Unter ſolch heiteren, gemütherfriſchenden Eindrücken, die durch den Verkehr mit dem Grafen nur äußerſt ſelten geſtört wurden, war ich daran den Pakt zu vergeſſen, welchen ich mit Sibylle abgeſchloſſen. Von Tag zu Tag ſteigerte ſich mein Widerwille gegen die zugemuthete Rolle eines böſen Genius, die ich in dem Hauſe ſpielen ſollte, an deſſen Heerd ich gaſtliche Aufnahme gefunden, deſſen Penaten ich als freundliche, Schutz und ſegenſpendende Gottheiten kennen gelernt hatte. Aber Sibyllens unabläßige Mahnung und das Ge⸗ baren des Grafen drängte mich zur Ausführung halb aufgegebener Vorſätze. Längſt hatte ich die widerwillige Bemerkung gemacht, daß die rückſichtsloſe, beinahe fri⸗ vole Art, wie La Rochelle ſeine Gattin behandelte, die Familiengegenſeitigkeit zu einer ſehr unerquicklichen machte. Es gewann den Anſchein, als ob die wachſende +— 174 Neigung Lucians und die freundliche, aber ſtreng ab⸗ gemarkte Gunſt, welche mir Lucinde ſchenkte, nicht ſo⸗ wohl die Eiferſucht des Grafen weckten, als ihm zu der läſtigen Ueberzeugung verhalfen, daß die ſchwache Oppoſition, welche bisher ſein Willkürregiment im Hauſe gefunden, mit meiner Perſon eine Verſtärkung erhalten habe. Die Methode, womit er die Wirkung dieſer vermeintlichen Thatſache auszugleichen ſuchte, ver⸗ letzte meinen Stolz und meine Eitelkeit. Er gedachte, mich durch die Gleichſtellung mit Lakai und Kammerdiener in das richtige Verhältniß zu den Hausgenoſſen zu bringen. So kam es zum erſten Anpralle, und die Andeutungen, welche ich auf die Mitwiſſenſchaft eines tief verſchleier⸗ ten Geheimniſſes machte, waren von überraſchendem Erfolge. Die Gelegenheit wiederholte ſich, und La Rochelle, deſſen Haß ſich mit dem meinigen zu meſſen begann, leiſtete mir bereits die Genugthuung, den Standpunkt des Vergleiches anzuſtreben. Er ſchlug mir vor, ſein Haus gegen Bezug einer anſtändigen, bis zu meiner Anſtellung beziehbaren Penſion zu verlaſſen. Aber— ich liebte Lucian und wußte, daß ihm meine Entfernung eine ſchmerzliche Wunde ſchlagen würde; ich hatte mich eingelebt in glänzende, genußbietende Verhältniſſe, und das eitle Siegesbewußtſein reizte 175 mich. So wies ich— vielleicht mit weniger Anſtand als ſich ziemte— das Anerbieten zurück. Da zeigte mir der edle Graf ſeine wahre Miene, und mein Haß verwandelte ſich in Verachtung. Ich legte ihm eine Abſchrift der Briefe vor, die ich ſelbſt zu beſitzen vorgab, und weidete mich an der vernichten⸗ den Wirkung, welche dieſe Urkundenproduction hervor⸗ rief. Dieſen Effect erhöhte das unbegreifliche Räthſel, wie ich den Schatz gewann; denn für La Rochelle war meine Beziehung zu Sibylle damals, wie noch heutzu⸗ tage, ein Geheimniß. Der Standpunkt hatte ſich geklärt. Ich hatte glück⸗ lich debütirt, und fand mich ebenſo glücklich in die Fortſetzung meiner Rolle. Als ich Sibylle die Sach⸗ lage mittheilte, glaubte ich in ihrem Entzücken die erſten Spuren des Wahnſinns leſen zu können; aber ſie war immerhin noch klug genug, mir die verſprochene Aus⸗ antwortung der Originalien vorderhand zu verweigern, und ſich ſo meine Abhängigkeit von ihr zu ſichern. Du weißt, Theobald, wie ſich im weiteren Verlaufe die Verhältniſſe geſtalteten. Ich läugne nicht, daß ich die Macht, welche ich über den Grafen gewonnen, mög⸗ lichſt verwerthete; aber es liegt mir daran, Dich zu überzeugen, daß ich ſie nicht mißbrauchte— wenigſtens nicht mit dem Bewußtſein einer ſchlechten That miß⸗ 176 brauchte. Ich fühlte, daß mein ganzes Gebaren in einer zweifelhaften Moral gründete; aber ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß ich doch nur ein Stück Vorſehung ſpielte, daß ich eine gerechte Vergeltung ausübte an dem Manne, der das ganze Lebensglück meiner Schweſter zerſtört hatte. Die Zeit ſättigte mich und mehrte mit der zuneh⸗ menden Reife und Beſonnenheit meinen Abſcheu vor dem widerlichen Beruf eines Quälgeiſtes. Ich wollte mit La Rochelle abrechnen. Die unerhörten und uner⸗ füllbaren Forderungen, welche Sibylle— eine raſt⸗ und ruheloſe Erinnye— an meine Thätigkeit im gräf⸗ lichen Hauſe ſtellte, wirkten gerade gegentheilig und brachten meinen Entſchluß zur Reife. Das war der entſcheidende Grund, warum ich auf den dargebotenen ſchönen Genuß, Euch nach der Univerſität das Geleite zu geben, verzichtete. Zum letzten Male ließ ich die magiſchen Kräfte meiner geheimen Viſſenſchaft ſpielen. Ich forderte Großes, und La Rochelle kam meinem Begehr nach. Die Bedingung meinerſeits war— Schweigen. Indem ich dieſe Bedingung vom erſten Augenblicke an unver⸗ brüchlich hielt, handelte ich nach meinem Gewiſſen und nach meiner Anſicht von Ehre, aber nicht nach den Pla⸗ nen Sibyllens, die nunmehr jeden Verkehr mit mir ab⸗ 177 brach, ohne weiter ihres Verſprechens wegen Heraus⸗ gabe der Originalbriefe zu gedenken. Um meinet⸗ willen konnte ich darauf verzichten, denn ich hatte keinen Grund, mich über die Haltung des Grafen mir gegenüber zu beklagen. Er trat meinem zunehmenden Einfluß auf den Fürſten ſo wenig in das Licht, als den Grundſätzen, nach denen ich meine Beamtenthätigkeit re⸗ gelte. Seinem unmittelbaren Vorſchlage verdankte ich den Eintritt in den Miniſterrath. So fehlte es mir an jedem Anhaltspunkte, hinter dieſem ungemeinen Ver⸗ trauen und dieſer Bevorzugung Verrath zu wittern, ſelbſt dann noch nicht, als ich erfuhr, daß der Miniſter⸗ präſident ſein offen bekanntes Programm Lügen ſtrafte, und heimlich mit Führern der klerikalen Partei unterhandelte. Erſt in letzter Zeit wurde mir die Binde abgenom⸗ men. Es war ein infames, planmäßig angelegtes Ränkeſpiel, das man mir trieb. Selbſt die Ernennung zum Miniſter hatte von Anfang nur den Zweck, ſeiner⸗ zeit meinen Fall zum Gegenſtand unerhörten Aufſehens zu machen und mir für alle Zukunft den Verſuch zu erſparen, mich wieder aufzuraffen. Man wollte mich vernichten— zertreten,— und bei alle dem zeigte mir der erlauchte Graf die Miene des Bedauerns und freund⸗ licher Theilnahme!— Hilarius, Non possumus. II.- 12 — 178 Und nun, Theobald überlaſſe ich es Dir, den Auf⸗ tritt zu beurtheilen, deſſen unverhoffter Zeuge Du warſt. Was ich that, war nicht bloß das Ergebniß einer, alles Maaß überſchreitenden Gemüthsaufregung; es geſchah zur Rettung meiner perſönlichen Ehre und zur eigenen Sicherheit Sibyllens. Ohne Erkenntniß der Gefahr hätte ſich die verrückte Dirne nicht nur ſelbſt dem Aeußerſten ausgeſetzt, ſondern auch mich unauslöſchlich gebrandmarkt. Vielleicht habe ich es verdient, meinſt Du? Es wäre die ſichtbare Hand der Nemeſis, die gerechte Folge einer längſt fällig gewordenen, unbezahl⸗ ten Schuld? Gut, Theobald, ſo laß mir wenigſtens das Menſchenrecht, mich ſo lange gegen dieſe Folgen zu wehren, als ich die Kraft hiezu beſitze,— das ewige Recht der Selbſterhaltung. Ich ſpreche dem Menſchen die Zuſtändigkeit der Verurtheilung ab, ſo lange ich ſelbſt nicht über die Grenze des Menſchlichen hinaus ging, ſo lange nicht das Kainszeichen des Verbrechers auf meiner Stirne ſteht. Nicht Deiner ſittlichen Entrüſtung, ſondern nur dem Grade derſelben möchte ich entgegentreten. Da Du weißt, was ich gefehlt, ſo ſollſt Du auch wiſſen, was ich geſühnt. Was ich mit meinen inneren Kämpfen und Leiden zu dieſer Sühne beitrug, bleibt doch im⸗ 179 merhin deiner Beurtheilung entrückt, und das iſt viel, Theobald, unausſprechlich viel! Deine Vorwürfe trafen insbeſondere die Art, wie ich meinen Handlungen die Krönung aufſetzte. Du ſagſt, nicht die Stärke meines Geiſtes ſei es geweſen, nicht die Macht meiner Kenntniſſe, die mir Bahn brach. Mich hob der ſchmutzige Hebel der Intrigue! Laß mich dieſer vernichtenden Beſchuldigung entgegenſetzen, daß ich mir der Macht meines Geiſtes wenigſtens bewußt war, daß ich mein Wollen und Können auf die Wagſchaale legte, als ich das Mittel meinem Zwecke unterordnete. Theo⸗ bald, dieſer Grundſatz iſt keine Erfindung der Jeſuiten, wie die gedankenloſe Menge irgend einem Thoren nach⸗ plappert, ſondern die geheime Triebkraft von neun Zehnttheilen aller menſchlichen Handlungen, ſelbſt der edelſten und meiſtbewunderten. Ich achtete des Schmutzes nicht, der ſich an meine Sohlen hängte, nicht der Dornen am Bege, die meine Kleider zerriſſen, um des Zieles willen, das ich mit Kühnheit und Begeiſterung anſtrebte. Den Fluch, der mich während des Empor⸗ klimmens begleitete, ſollte eine Fülle des Segens aus⸗ gleichen, die ich von der Höhe meiner Errungenſchaft wollte niederſenden auf alle die Gedrückten und Be⸗ kümmerten, die unter der gleichen Laſt ſeufzten, wie ich ſelbſt in den Tagen meiner Prüfung. Ich wollte Frei⸗ 12* 180 heit bringen, wo ich Ketten ſah, wo noch die Flügel der Dämmerung ſchatteten— ein Prometheus, der den Zorn der Götter zu ertragen weiß um des Raubes der heiligen Flamme willen!— Das iſt das Bekenntniß meines Handelns und Wollens. Wenn ich damit die Glorie abſtreife, die Du in unklarer Schwärmerei um mein Haupt wobſt, wenn ich auch das Muſterbild zerſtöre, zu dem mich Deine weltentfremdete Phantaſie erhob— noch immer kann ich nicht von dem Glauben laſſen, daß Du von den ſchwimmenden Trümmern des Wrackes, mit dem Dein traumhaftes Ideal verſank, noch ein Gefühl der Ach⸗ tung für Deinen Lehrer und Freund gerettet haſt. Ich bin zu Ende, Theobald!“ Bei den letzten Worten lehnte ſich Julian zurück in die Kiſſen des Sopha'’s. Seine Augenlider ſchloſſen ſich für einige Momente, und die Züge ſeines bleichen Geſichtes trugen die Merkmale tiefſter Erſchöpfung. Theo⸗ bald antwortete nicht, aber ſeine Hand ſuchte nach der des theuren Mannes, den er auch trotz des Zwieſpaltes in ſeiner Seele lieben mußte. Es war tief in der Nacht, als ſie ſchieden. Julian mußte die Abſicht aufgeben, heute noch der Einladung Lucindens zu folgen. Siebentes Kapitel. Ein Räthſel aller Räthſel iſt, wenn auf der Welt, So viel in jeder Stunde Falſches wird gethan, Am Ende doch das Rechte ſtets geſchehen iſt. Rückert, lyr. Nachlaß. Die Gelaſſe, welche der ſchönen Aurelie zur ſelb⸗ ſtändigen Benutzung angewieſen ſind, liegen in einem Winkel der Reſidenz, fern den Gemächern der Fürſtin. Der Wechſel des Dienſtes, welcher nur Eine der Kam⸗ merfrauen in die ſtändige und unmittelbare Nähe der Durchlaucht bannt, geſtattet dieſe Abgeſchiedenheit. Au⸗ relie weiß ſie auch zu ſchätzen; denn ihr Verkehr, ihr Handel und Wandel während der dienſtfreien Tage iſt in Folge deſſen der Beobachtung faſt gänzlich entrückt. Die Räume ſind beſcheiden,— ein kleines Boudoir neben einem kleineren Schlafkabinet und ein Salon im 4 182 beſchränkteſten Sinne des Wortes umfaſſen Alles, was Aurelie als ihre eigene Häuslichkeit bezeichnen kann. Was aber die Ausdehnung vermiſſen läßt, gewährt die Eleganz depsetusſtattung im verdoppelten Maaße. Ohne mit dem modernen Geſchmacke zu rechten, welchem Au⸗ relie unbedingt huldigt, können wir doch nicht anders, als die Erfindungsgabe bewundern, womit ſie allen Anforderungen des feinſten Comforts und der lüſtern⸗ ſten Bequemlichkeit auf dieſen wenigen Geviertſchuhen zu entſprechen wußte. Aurelie empfängt Beſuche nach ihrer Willkür. Man buhlt um die Bergünſtigung, in ihren Gemächern Zutritt zu finden, ihre Liebenswürdigkeit, ihr Einfluß bei der Fürſtin und— ſelbſt die kleinen luculliſchen Genüſſe, welche ſie ihren Gäſten zu bieten verſteht, ſind der Bewerbung nicht unwürdig. Am Abende nach jener bedeutungsvollen Unterre⸗ dung, durch welche Julian ſeinen ehemaligen Zögling zum ſtillen Theilnehmer ſeines Geheimniſſes machte, erleuchtet bereits die vielarmige Aſtrallampe das Em⸗ pfangzimmer der Kammerfrau. Der mit dem feinſten Linnendamaſt gedeckte Tiſch ſteht voll von den Reſten des kaum geendeten Mahles, während die eben ent⸗ korkten Flaſchen die Abſicht der Gäſte verrathen, den Nachgenuß der Tafelfreuden noch eine Weile zu verlängern. 183 Aurelie entfaltet ihre weiblichen Jägerkünſte mit unvergleichlicher Meiſterſchaft und mit jenem reizenden Trug der Anſpruchsloſigkeit, den ſelbſt ein Kennerauge nicht zu entdecken vermag. Le soin de Sembellir est le desir de plaire, bemerkt der feine Marmontel; aber Aurelie weiß trotz ihrer anmuthigen und gewählten Toilette das Verlangen, zu gefallen, auf die argloſeſte Weiſe zu verdecken, und„Natur zu ſpielen.“ Lächelnd lehnt ſie im Stuhl, ſcheinbar gefeſſelt vom Inhalte des halblauten Geflüſters, womit ſie Freiherr von Luchs⸗ berg unterhält. Er hat den Arm vertraulich auf die Lehne ihres Stuhles geſtützt, während er mit der Lin⸗ ken den perlenden Schaumwein von ſeinem Glaſe in das ihre träufeln läßt. „Wie unbefangen der Kammerherr eine Vermögens⸗ theilung mit unſerer holden Wirthin eingeht!“ bemerkte der geiſtreiche Hofmedicus Hambacher, indem er ſeiner witzigen Parabel die ſelbſtgefällige Anerkennung zollte. „Finden Sie nicht, Schimmelbein, daß den beiden hübſchen Perſönchen ſo ein kleines morganatiſches Ehe⸗ bündniß trefflich anſtehen würde?“ Der Präſident des oberſten Lehenshofes, der Einzige des kleinen Cirkels, der noch mit Krachmandeln und Roſinen vollauf beſchäftigt war, ſchien die Frage überhört zu haben. Das Körnchen Witz war aber zu 184 koſtbar, um auf unempfänglichem Boden zu verkümmern. Hambacher wendete ſich deßhalb mit der gleichen Be⸗ merkung an den Stiftscanonicus. Der hochwürdige Herr war aufgeſtanden und an das Fenſter getreten, daß die Florgardine ſeine ſtatt⸗ liche Figur faſt völlig bedeckte. Aber ſeine glühenden Blicke durchdrangen das dünne Gewebe, und hafteten auf dem Kammerherrn, deſſen Zärtlichkeit gegen Aurelie mit jedem Augenblicke ſich ſteigerte. Es rührte ſich etwas wie Eiferſucht in ſeinem cölibatären Herzen, und der Doctor hätte ſich in ſeiner angeborenen Furcht⸗ ſamkeit wahrſcheinlich mit keiner ſo verfänglichen Frage an ihn gewendet, wenn er die niedergezogenen Augen⸗ brauen und zuſammengekniffenen Lippen hätte gewahren können. Er ſchrak auch ſichtlich zuſammen, als der Canonicus mit merklicher Steigerung in ſeiner ſonoren Stimme eine kurz angebundene Erwiderung gab. Auch der Präſident des oberſten Lehenshofes war einiger⸗ maßen verblüfft über den barſchen Ton, der hinter ſeinem Rücken aus dem Halbdunkel hervordrang, und die beiden würdigen Männer ſahen ſich eine Weile verlegen an. [Da trat der Stiftscanonicus raſch vor, faßte den kaum verlaſſenen Stuhl mit beiden Händen an der Lehne, und indem er denſelben läſſig 185 ſchaukelte, hub er mit einem merklichen Anflug von Ironie an: „Ich war weder bei der Verſchwörung des Catilina betheiligt, noch bei jener des Fiesko oder irgend eines 1 andern Narren, der ſein Leben für ein Hirngeſpinſt in die Schanze ſchlug. Dennoch ſtelle ich die kühne Behauptung auf, daß die Conventikel der genannten, nun in Gott ruhenden Herren nach einem anderen Muſter angelegt waren, als das unſrige.“ Der Kammerherr von Luchsberg fiel ihm unter hellem Gelächter in die Rede:„Aber mein wertheſter Freund und Canonicus, Sie werden uns harmloſen Geſchöpfen doch nicht die Abſicht einer Verſchwörung in die Schuhe ſchieben wollen?“ „Wahrhaftig“, fügte der Hofmedicus ängſtlich bei, indem ſich ein ſanfter Purpur in den Vertiefungen ſeiner Pockennarben anſetzte,„wie Sie Einen erſchrecken können mit Ihren übelgewählten Ausdrücken! Ver⸗ ſchwörung! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Sander, denken Sie nicht an Rad und Galgen! Ein plato⸗ niſches Gaſtmahl, eine freundſchaftliche Unterredung und— Ver— ſchwö— rung!“ „Ich kann Sie mit dem beſten Willen von dieſer Beſchuldigung nicht losſprechen!“ erwiderte Sander, einen verächtlichen Blick auf den fürſtlichen Leibarzt 186 werfend.„Eine Beſprechung, die nichts weniger be⸗ zwecken will, als das vom Fürſten ſanctionirte Regie⸗ rungsſyſtem auf den Kopf zu ſtellen, ſeine vertrauten Miniſter zu beſeitigen, ſeinen Günſtling zu ſtürzen, iſt eine Verſchwörung, mögen Sie ihr einen Namen geben, welchen Sie wollen.“ Und Aurelie ſetzte mit boshaftem Lächeln hinzu: „Und Sie, Herr Hofmedicus, ſind ein Verſchworener, — wirklich ein Verſchworener vom reinſten Waſſer, dem im Falle des Mißlingens der anmuthige Weg zu Rad und Galgen offen ſteht. Aber ſeien Sie getroſt, Ham⸗ bacherchen, wir wandeln ihn dann mit einander.“ Der Arzt rückte unruhig auf ſeinem Sitze hin und her. Unterdeſſen hatte von Schimmelbein ruhig ſeine 2 auf Roſinen und Krachmandeln fortgeſetzt, bis Zufall bei den letzten Worten Aureliens ein Wielliebchen“ in die Hände ſpielte. Indem er die Schaale mit den beiden Kernen dem Nachbar zuſchob, ſagte er mit drolligem Pathos: „Zwei Seelen und ein Gedanke! Unſere holdſelige Wirthin hat mir das Wort aus dem Munde genom⸗ men; ich kann nicht anders, als ihr unbedingt Recht geben. Gott helfe uns Beiden, lieber Doctor!“ Das Gelächter der übrigen Gäſte belohnte den Einfall, aber die joviale Heiterkeit, die bishin gewal⸗ 187 tet, ſchlug dennoch alsbald um. Der Zweck des Stifts⸗ canonicus, ein ernſteres Geſpräch in Gang zu bringen, und damit zugleich den Kammerjunker aus dem Banne von Aureliens Reizen zu erlöſen, war erreicht. Mit jedem Augenblicke ſteigerte ſich auch die lebhafte Theil⸗ nahme an den Verhandlungen, deren Thema in der That kein geringeres war, als der Sturz des allmäch⸗ tigen Miniſters. Mit einem wunderbaren Inſtincte hatten ſich die Feinde La Rochelle's gefunden, und die Gemeinſamkeit des Zweckes einigte ſie zu einem Bündniſſe trotz der Verſchiedenheit der Beweggründe. Während Luchsberg und der Stiftscanonicus die Aenderung des Syſtems und den endlichen Sieg ihrer Partei im Auge hatten, war es bei Aurelie nur die verletzte Eitelkeit, welche ſie zur Gegnerin La Rochelle's machte. Sie hatte für. den mächtigen, ſelbſt in der Abblüthe noch ſchönen Mann in der Ferne ein ungewöhnliches Intereſſe ge⸗ wonnen, und fühlte ſich durch die abweiſende Kälte, womit er ſie behandelte, um ſo tiefer gekränkt, als ihr ſeine ſonſtige Empfänglichkeit für Frauenſchönheit nicht unbekannt war. Herr von Schimmelbein hinwider hatte noch eine ungedeckte Forderung an den Grafen, dem er ſeinen unliebſamen Stellentauſch ausſchließlich verdanken zu müſſen glaubte, und— Herr von Schim⸗ 188 melbein war ein eben ſo ſtrenger Gläubiger, als ver⸗ geßlicher Schuldner. Nur den Hofmedicus hätte die Frage einigermaßen in Verlegenheit ſetzen können, warum er ſich an dieſem Intriguenſpiel betheiligte. Eines beſtimmenden Grun⸗ des war er ſich wohl ſelbſt kaum bewußt. Seine Be⸗ ziehungen zum gräflichen Hauſe waren die freund⸗ lichſten, und er ſchuldete perſönlich dem Grafen manche Verbindlichkeit. Aber es gibt Menſchen, bei denen Charakterloſigkeit den Grundzug des Charakters bildet. Zudem gehörte Hambacher zu der zahlreichen Klaſſe jener, welche ſich um jeden Preis— ſelbſt auf Koſten ihrer Ehre gern vordrängen und wichtig machen. Bei ſeiner Hohlheit und Bedeutungsloſigkeit haſchte er nach einer Gelegenheit, ſich bedeutend zu machen, und ſei es auch nur, daß er einem großen Manne die Schuhe bürſtete. Jetzt ſpielte er die Rolle eines Zubringers. Mehr oder weniger kennen alle Aerzte die Familien⸗ geheimniſſe ihrer ſtändigen Patienten, und Hambacher hatte wenigſtens eine hervorſtechende Eigenſchaft, die Tugend der Trüffelhunde. Durch ihn kam dem kleinen Kreiſe der Verſchwo⸗ renen manche Kunde über Beziehungen des Grafen zu, welche ſich trefflich verwerthen ließ. Insbeſondere war er es allein, der die Hofgeſchichte einer früheren Pe⸗ 189 riode als Zeitgenoſſe genauer kannte, und von den romantiſchen Abenteuern La Rochelle's mehr wußte, als dieſem lieb war. Ihm verdankte der Stiftscanonicus die Adreſſe Sibyllens und ihrer trefflichen„Baſe Schlum⸗ pert“, die ſich die Vormundſchaft über das ungliückliche, geiſteskranke Mädchen angemaßt hatte. Der Geſchmeidigkeit und Aalglätte des geiſtlichen Herrn war es gelungen, trotz dieſer ſtrengen Hüterin in das ſtille Kämmerchen Sibyllens und in ihr Ver⸗ trauen ſich einzuſchleichen. Was der Seelenfreund nicht erfuhr, ward dem Beichtvater anvertraut, bis dieſer zuletzt trotz der Wirrniß in den fragmentariſchen Be⸗ kenntniſſen zur vollſten Klarheit in der dunklen Liebes⸗ und Leidensgeſchichte der ehemaligen Kammerfrau der Fürſtin gelangte. Es handelte ſich nur noch um das Eine, Sibylle zur Ausantwortung der verhängnißvollen Briefe zu vermögen, die ſie bisher ſtandhaft verwei⸗ gerte. Aber Sander hoffte, mit der Zeit auch die letzten Bedenken zu beſeitigen, indem er die übernom⸗ mene Miſſion eines rächenden Verhängniſſes entſchieden von dem Beſitz dieſer Papiere abhängig machte. Die Vorbereitungen, welche das Gelingen des Planes bedungen, waren längſt getroffen. Man hatte nicht verſäumt, dem ängſtlichen Fürſten die Erregung des Volkes in Folge der letzten Ereigniſſe ſo zu ſchildern, 190 wie ſie thatſächlich nicht war. Der trefflich in Scene geſetzte Pöbelunfug vor dem Hauſe des Cultusminiſters wurde mit ungebrochenen Farben geſchildert, und durch etliche entlehnte Verſatzſtücke und einen blutrothen Hin⸗ tergrund in der Wirkung gehoben. Aber nicht bloß politiſche, auch perſönliche Triebfedern wurden mit Er⸗ folg in Bewegung geſetzt. Jede Täuſchung, welche wir von liebgewonnenen und begünſtigten Menſchen erfahren, erregt in uns ein Gefühl des Verdruſſes über uns ſelbſt, über unſere Schwäche und Leichtgläubigkeit. Die Durchlaucht, welche ſich gern einer feinen Menſchenkenntniß rühmte, befand ſich in dieſer Stimmung, und es gereichte ihr zu einiger Genugthuung, wenn man den offenbaren Mißgriff in der Perſon Julians nicht der allerhöchſten Kurzſichtig⸗ keit, ſondern dem Grafen von La Rochelle zumaß. Nur der Ueberredungskunſt La Rochelle's hatte der Fürſt nachgegeben, und ſo hatte er allen Fug, über dieſen ungehalten zu ſein. Andeutungen über eigennützige Be⸗ weggründe und über die perſönlichen Beziehungen des Grafen zu dem von ihm empfohlenen Unwürdigen ſtachelten den Unmuth, und der Same des Mißtrauens fand zum erſten Male günſtigen Boden. Mehr jedoch als all' dieſes wirkte die Kunde von den neuerlichen geheimen Audienzen des Grafen bei der 191 Fürſtin. Man hatte deren als einer bekannten That⸗ ſache mit meiſterhafter Unbefangenheit in Gegenwart des Fürſten erwähnt, und rieb ſich im Geheimen die Hände, als dieſer im heftigſten Zorne ſofort den Mi⸗ niſterpräſidenten vor ſich beſchied. Aber— der Himmel weiß, durch welche Künſte La Rochelle zu blenden ver⸗ ſtand. Das ſelbſtgefällige Lächeln, womit er aus dem Kabinete trat, ließ das Schlimmſte vermuthen. Beim Lever des folgenden Tages trat der Fürſt, ein Geſpräch mit dem Oberſtkämmerer an der intereſſanteſten Stelle unterbrechend, raſch an den Hofmarſchall von Hammel, welcher die fatale Aeußerung über den Grafen gemacht hatte, klopfte ihn auf die Achſel, und bemerkte mit mehr Nachdruck als Freundlichkeit:„Sie haben ſich nicht ge⸗ täuſcht, wie ich faſt vermuthete, lieber Hofmarſchall. Die Fürſtin empfängt wirklich den Grafen von La Rochelle,— wirklich, lieber Hofmarſchall, und ich bin ihr nicht wenig verbunden für dieſen Verſuch einer Annäherung an meine Freunde!“ Der Hofmarſchall krümmte den Rücken um etliche Zoll tiefer als gewöhn⸗ lich, und verzog ſein Geſicht, daß es einem ſeiner Na⸗ mensvetter täuſchend ähnlich ſah. In der That ſchien es, als ob der Günſtling, den man ſchon halb aus dem Sattel gehoben wähnte, juſt durch den letzten entſcheidenden Angriff wieder bügelfeſt 192 geworden wäre. Es bedurfte noch draſtiſcherer Mittel, um ſeiner Herr zu werden, und die Gäſte der ſchönen Aurelie hatten ſich die Löſung dieſes Problems zur Aufgabe gemacht. „Ihre Phantaſie iſt raſcher erſchöpft, als mein Flaſchenkeller“, bemerkte die Kammerfrau ihren Gäſten, als die Unterredung zu keinem Ziele führen wollte. „Darf ich Ihren Humor mit etwas Xeres auffriſchen, Doctor? Oder wollen Sie lieber Maraschino? Er macht ſchläfrig, behauptet Baron Luchsberg. Sie ſehen, wie er bereits einen praktiſchen Commentar zu ſeiner Behauptung gibt.— Mein lieber Canonicus, ich bitte Sie um der elftauſend heiligen Jungfrauen willen, glätten Sie die Bramarbasfalten in Ihrem Geſicht! Seit einer Stunde hüllen Sie ſich in ein göttliches Schweigen. Fällt Ihnen wirklich nichts Vernünftigeres ein als den übrigen drei Viertheilen meiner Tiſchge⸗ noſſenſchaft, die mit ihrem Witz zu Ende iſt?“ Der Canonicus griff nach der Uhr, und that er⸗ ſtaunt.„Wahrhaftig, Aurelia,“ ſagte er,„es geht auf neun Uhr! Wollen wir uns nicht die Endergebniſſe unſerer vierſtündigen Sitzung etwas klar machen? Was denken Sie, meine Herren,— in fünf Minuten iſt das Facit gezogen?“ „Sie ſind der Geiſt, der ſtets verneint!“ entgegnete 193 Luchsberg.„Aber ich kann mir Ihren Spott gefallen laſſen, ſo lange Sie ſelbſt nichts Beſſeres zu bieten wiſſen.“. Gereizt erwiderte der geiſtliche Herr:„Es handelt ſich um den Verſuch! Der Kammerherr von Luchsberg hat es noch nicht der Mühe werth erachtet, mich um eine entſcheidende Stimme zu erſuchen. Und bei den ſinnreichen Vorſchlägen meiner diplomatiſchen Freunde bedurfte es wahrhaftig meines Rathes nicht!“ Eine Antwort im gleichen Tone ſchwebte auf den Lippen des Freiherrn. Aber Aurelia faßte ihn beim Arme, und indem ſie dem Canonicus mit dem Finger drohte, wehrte ſie einem weiteren Zuſammenſtoß ihrer beiden Liebhaber mit des Dichters Worten: „In der Gereiztheit Neſſeln Kleidet Euch nicht, Mit den Nadeln der Bosheit Gürtet Euch nicht.“ wir bitten Sie, lieber Canonicus,— ich bitte Sie im Namen meiner werthen Gäſte, uns mit Ihrer Klug⸗ heit und Ihrem Scharfſinn beizuſtehen. Sind Sie nun zufrieden?“ Sander lag einmal im Banne der dunklen Augen, deren Blicke jetzt mit verlockender Freundlichkeit auf ihm ruhten. Er beherrſchte ſeinen Unmuth, und nach Hilaxius, Non possumus, II. 13 194 kurzer Friſt waren die Verhandlungen, deren Seele er jetzt bildete, wieder im beſten Gange. „Sie täuſchen ſich gründlich im Charakter der Durch⸗ laucht,“ bemerkte er im Verlaufe des Geſprächs.„Es ſind gerade die ſanguiniſchen Naturen, welche dem Ge⸗ ſetze der Trägheit am liebſten gehorchen, wenn der äußere Anſtoß nicht ein gewaltiger iſt. Die Mittel, die bisher angewendet wurden, haben den Fürſten ge⸗ ängſtigt und mißtrauiſch gemacht, aber zu keiner That getrieben.“ „Ich hätte wenigſtens ittheilung über den Verkehr La Rochelle's mit der Fürſtin dieſe Wirkung zugetraut,“ warf hier Aurelie ein. „Vielleicht wäre dieſer Verſuch geglückt,“ verſetzte der Canonicus,„wenn er nicht verfrüht geweſen wäre. Nicht die Thatſache, ſondern die Abſicht hätte hier den Ausſchlag gegeben. Die Klugheit des Grafen iſt uns mit einer unverfänglichen Darſtellung dieſer Ab⸗ ſicht zuvor gekommen.“ „Unverfänglich!“ wiederholte der Hofmedicus mit zweideutigem Lächeln.„Ja, wenn man die Durchlaucht in gewiſſe Geheimniſſe einweihen könnte, ohne andere hohe Perſönlichkeiten mit in’s Spiel zu ziehen!“ „Zum Kuckuck mit Ihren Geheimniſſen!“ ließ ſich Herr von Schimmelbein vernehmen, indem er nach der 195 letzten Krachmandel griff und ſie zwiſchen ſeinen dicken Fingern zermalmte.„Glauben Sie denn, die Durch⸗ laucht wird auf Ihre Worte ſo viel halten, als auf Ihre Mixturen? Beweiſe, lieber Doctor, Beweiſe, oder Sie blamiren ſich eben ſo gründlich, wie der Hofmar⸗ ſchall Hammel.“ „Nicht zu vergeſſen, daß unſere gnädigſte Fürſtin auf keinen Fall mit in die Tragödie verwickelt werden darf!“ fügte der Kammerherr mit Protectormiene bei. Aurelie warf einen bedeutſamen Blick auf den Stiftscanonicus, welcher, nachläſſig und mit verſchlun⸗ genen Beinen in den Stuhl zurückgelehnt, ein Kelchglas ſchäumenden Weines zwiſchen ſich und das Licht hielt, als ſei er eifrigſt bemüht, die aufſteigenden Perlen zu zählen. Als er den Wink nicht verſtehen wollte, fiel das Händchen der Kammerfrau mit mehr Unwillen als Grazie auf den Tiſch, daß der Hofmedicus erſchreckt zuſammenfuhr, und aus ihren Augen ſchoſſen ein Paar zornige Pfeile. Mit mehr Aufwand an Stimme, als juſt nöthig war, rief ſie dem geiſtlichen Würdenträger über den Tiſch zu:„So reden Sie doch, Tobi, in Gottes Namen! Finden Ihre Gedanken gar keine Anknüpfungs punkte in dem, was Sie hören?“ Der Canonicus ſtellte lächelnd das Glas beiſeite. Wir wiſſen bereits, daß er die ſchöne Aurelie im Zorne 19 196 am reizendſten fand und ſich dann ihren Befehlen am willigſten fügte.„Anknüpfungspunkte genug!“ erwiderte er bedächtig.„Ich bin nur eben in der ungewöhnlichen Lage, nachzudenken, wie ich den Schein der Zweideutig⸗ keit vermeide, da ich den drei ſtreitenden Parteien zu⸗ gleich Recht geben muß.“ „Spielen Sie den räthſelhaften Autor nicht gar zu lange!“ bat der ungeduldige Hofmedicus, und da die übrigen Gäſte gleichfalls drängten, ſo fuhr Sander mit mehr Lebhaftigkeit fort:„Ich muß unſerem Freunde Hambacher zuſtimmen, daß das Geheimniß, welches er ſo ſchüchtern berührte, das einzige Mittel iſt, das uns noch zu Gebote ſteht, und von dem wir eine draſtiſche Wirkung hoffen können.“ „Und die Fürſtin?“ fiel ihm der Kammerherr in's Wort. „Auch Ihren chevaleresken Gefühlen kann dabei Rechnung getragen werden, Luchsberg. Die Fürſtin übernimmt die Rolle der Verführten, welche einen kleinen Fehltritt durch jahrelange Buße längſt geſühnt hat. Ich rechne ſogar auf ein bischen romantiſchen Effekt, wenn es uns gelingen ſollte, Ihre Durchlaucht um der großen Sache willen zu einem kleinen Selbſtbekenntniſſe zu bewegen. Zudem bleibt das Geheimniß im engſten Familienkreiſe, und ich kann, ohne ein Majeſtätsver⸗ 197 brechen zu begehen, wohl annehmen, daß unſer gnä⸗ digſter Fürſt ſeiner durchlauchtigen Gattin gegenüber Etliches zu compenſiren hat.“ Die Reihe der Erwiderung kam an Herrn von Schimmelbein. Mit bedenklicher Miene bemerkte er: „Wenn aber dieſes„„kleine Selbſtbekenntniß““ nicht erfolgen ſollte, wie mich meine Logik und meine Wei⸗ berkenntniß vermuthen läßt, was dann? Beweiſe, mein Trefkflichſter, Beweiſe, oder— denken Sie an den Hofmarſchall!“ Die Blicke des Stiftscanonicus ſtreiften die ganze Tiſchgeſellſchaft, und ein Zug überhebender Gering⸗ ſchätzung ſpielte um ſeinen Mund.„Muthen Sie mir nicht zu“, erwiderte er,„daß ich beim Laden die Kugel vergeſſe, wie dieß ab und zu geſchieht. Sie ſollen Ihr Recht haben, Präſident, wie die übrigen Räthe dieſes ehrenwerthen Collegiums. Beweiſe— vollgiltige, un⸗ widerlegliche Beweiſe— das iſt des Pudels Kern, und—— ich werde ſie liefern, wenn Sie geneigt ſein wollen, mir das Recht der Leitung dieſer Ange⸗ legenheit mit einigem Vertrauen zu übertragen. Die Bedingungen, die ich ſtelle, ſind keineswegs perſönlicher Natur, und Sie können um ſo unbefangener darauf eingehen, da ich mich um keinen Miniſterpoſten be⸗ werbe.“ 198 Der Freiherr von Luchsberg drehte ſich den zier⸗ lichen Schnurrbart, um die aufſteigende Röthe zu ver⸗ bergen. Er hatte es bisher nicht für nöthig erachtet, ſeinen Freunden von den geheimen Schritten Kenntniß zu geben, welche er zur Erreichung dieſes lockenden Zieles bereits gethan. Glücklicher Weiſe nahm die Eröffnung des Canonicus das allgemeine Intereſſe ſo in Anſpruch, daß ſich ſeine Verlegenheit wieder ſachte und unbemerkt verlaufen konnte. Mit möglichſter Harmloſigkeit nahm er an den Beſtrebungen der Uebrigen Theil, den Canonicus zu weiteren Enthüllungen zu vermögen und den nebelhaften Andeutungen eine be⸗ ſtimmte Geſtalt zu geben. Sander hatte Mühe, die drängenden Zumuthungen vorderhand zurückweiſen, und es kam ihm nicht ungelegen, als der eintretende Diener die Anweſenheit einer Perſon meldete, welche nach Seiner Hochwürden verlangte. Er war an das Lager eines Sterbenden gerufen, der gerade von ſeiner Hand die letzte Wegzehrung wünſchte. Mit dem geiſtlichen Herren war die Seele des klei⸗ nen Cirkels ausgeflogen und Aurelie hatte Rückſicht genug für ihn, die Sitzung aufzuheben. — 199 Es ſchlug zehn Uhr. Die Gaſſen waren ſtill und menſchenleer, namentlich in der Vorſtadt, wo das gräf⸗ lich La Rochelle'ſche Palais ſtand. Aus der erleuchte⸗ ten Einfahrthalle deſſelben trat Doctor Julian in das nächtliche Dunkel. Er beſchleunigte ſeine Schritte, bis er in die einmündende Querſtraße einbog. Als er den unmittelbaren Bereich des Palaſtes hinter ſich hatte, lüftete er den Rock und ſchlug eine ruhigere Gang⸗ art ein. Er hatte Abſchied genommen von Lucian, der be⸗ reits vollkommen für ſeine Fahrt nach Italien und einen längeren Aufenthalt in Neapel gerüſtet war. Mehr als die Trennung von ſeinem geliebten jungen Freunde aber hatte ihn die Zwieſprache mit der Gräfin angegriffen. Lucinde wußte es zu veranſtalten, daß ſie die letzten Momente ohne Zeuge mit ihm reden konnte. War es eine unbeſtimmte Ahnung, oder eine Entdeckung ihres Scharfſinnes— ſie ſprach von ſeiner Beziehung zu ihrem Gatten, als läge das Schickſal des Grafen in ſeinen Händen. Seinem Verſuche, zu widerſprechen, ſetzte ſie die Ruhe der Gewißheit entgegen, bis ſich endlich Julian zu einem Geſtändniſſe bequemte. Nicht daß er ſie in ſeine Myſterien einweihte; aber er gab zu, daß er in der Lage ſei, ſich an dem Manne em⸗ 200 pfindlich zu rächen, deſſen zweideutigem Spiele er den Bankerot ſeiner ſtolzeſten Plane verdankte. Lucinde ſprach ſeinen tief verletzten Gefühlen die Berechtigung nicht ab. Sie bat ihn nur, daß er den Namen, den ſie trug, mit keinem Makel behafte, daß er den Gatten um ihretwegen ſchone. Die Verſicherung Julians, daß das Anſehen des gräflichen Hauſes unan⸗ getaſtet bleibe, da es ſich nicht um Enthüllung ent⸗ ehrender Verbrechen handle, genügte ihr nicht. In der Reinheit ihres Herzens galt ihr jede ſittliche Ent⸗ würdigung einem Verbrechen gleich. Um der Achtung willen, die ſie vor ihm ſelber hegte, um der Erinnerung ſchöner Tage— um ihres Lucians willen flehte ſie ihn an, daß er den Riß nicht erweitere, der ohnedieß durch die Familie ging. Ihre Stimme bebte; ihr Auge floß von Thränen über, als ſie ihren ganzen Stolz verleugnete und ein Opfer verlangte, das ihr größer dünkte, als es wirklich war. Denn in der Seele Julians hatten die letzten Ereigniſſe und vor Allem die Scene mit Theobald längſt eine Um⸗ ſtimmung hervorgerufen, und er konnte ſich den Dank der Frau, die er ſo leidenſchaftlich liebte, leicht ver⸗ dienen. Schwerer gelang es ihm, mit ſeinen wärmſten, heiligſten Gefühlen abzurechnen, als ihm Lucinde eine 5— 201 zweite Verpflichtung auferlegte. Es gab giftige Zun⸗ gen genug, welche ihr das Urtheil der Welt über ihre Beziehung zum ehemaligen Hofmeiſter ihres Sohnes unter dem Scheine gutmüthiger Warnung zuflüſterten. Selbſt aus dem Munde ihres Gatten mußte ſie ſchwer verletzende Anſpielungen vernehmen, die ihr um ſo ſchmerzlicher auf die Seele fielen als ſie längſt im Kampfe mit ihren Gefühlen für Julian lag. „Und nun— nehmen Sie auch von mir Abſchied, als ob ich fortginge!“ ſprach ſie, als ſie ihre zitternde Hand hinreichte, um ſein Gelöbniß entgegen zu nehmen. „Wir müſſen offen ſein, Julian, und wir dürfen es, ohne gegenſeitig zu erröthen. Nicht bloß die Begebniſſe außer uns, auch das was in uns ſelbſt vorgeht, droht uns wie ein feindliches Verhängniß. Ich habe mich lange meiner Stärke gerühmt; aber jeder Kampf er⸗ müdet, und ich fühle mit zunehmender Angſt, daß die Schwachheit das gemeinſame Erbtheil des Weibes iſt. Wenn ich der Gefahr unterliege, ſo ſterbe ich! Nach dieſem Geſtändniſſe kann ich Ihnen nicht wieder unter die Augen treten.— Nehmen Sie Abſchied von mir, Julian!“ Und er that nach dem Willen der geliebten Frau, 202 entſchieden, ruhig, beinahe kalt, um ihr die Trennung zu erleichtern. Als er aber hinaustrat in die ſternhelle Mainacht, da rangen ſich alle ſeine Gefühle aus der Tiefe empor, in welche er ſie mit der vollen Macht ſeines Willens in dem entſcheidendſten Augenblicke ſeines Lebens ge⸗ bannt hatte. Sie überflutheten ihn, daß er Mühe hatte nicht unterzuſinken. Seine Augen brannten, ſeine Stirne glühte. Er öffnete das Gewand, daß die kalte Nacht⸗ luft an ſeine Bruſt blies, und die Decke des tobenden Bulkans ein wenig kühlte. So jagte er, ohne darauf zu achten, von Straße zu Straße, von Platz zu Platz, und verlor ſich im Gewirre entfernter Stadtviertel. Als er um eine Ecke bog, kam ihm ein Prieſter im Ornate mit dem Sterbeſacramenten entgegen. Der Miniſtrant klingelte; unwillkürlich blieb Julian am Pfahl einer Gaslaterne ſtehen. Beim Lichtſcheine er⸗ kannte er in dem Vorübergehenden den Stiftscanonicus, der einer entfliehenden Seele mit den letzten Tröſtungen der Religion den Heimgang erleichtert hatte. In den Zügen des geiſtlichen Herrn kündete ſich etwas, was mehr auf weltliche Mißſtimmung deutete, als auf jene erſchütternde Wirkung, welche die Schauer des Todes äußern. Ein Herzſchlag hatte dem Leben der unglücklichen 203 Sibylle ein raſches Ende gegeben. Sie ſtarb, ohne Herrn Tobias Sander das Erbe jener verhängnißvollen Briefe zu gönnen, in deren ſichern Beſitz er ſich bereits gewähnt hatte. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig.