eeeee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nirhabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. —⸗4 ⸗ℳ.-.= 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für aöpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Mongt: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 7 W.— Pf. „ 3„„= e„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ———y— Non possumus. Roman von Fr. Hilarius. Erſter Band. Leipzig, Nem⸗Vork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1870. Erſtes Kapitel. Reißt den Menſchen aus ſeinen Verhältniſſen, und was er dann iſt, nur das iſt er. Seume, Apokryphen. Wittwenbrod iſt ein hartes Brod! Als noch der Mann lebte, war das Einkommen kein glänzendes, aber es bot völliges Genüge. Noch litt es ein bischen hellen Freudenſchein neben der dunklen Mühſal des Lebens, ein bischen bunten Schmuck neben der grauen Werkelthätigkeit. Und am Tiſche blieben noch etliche Broſamen übrig, wenn bereits Alle ſatt waren. Man konnte eines Bettlers Dank damit verdienen. Aber jetzt!— Der Mann hatte zwanzig Jahre dem Staate gedient. Zwanzig Jahre! Sobald ſie vorüber gerauſcht ſind, kann man davon ſprechen, wie von einem Tage, von Hilarius, Non possumus. I. 1 2 einer Minute. Aber ſie durchleben, am Rechentiſche durchleben, zwiſchen Steuerrollen und Sportelregiſtern, im Aktenſtaube und Modergeruche vergilbter Dokumente, das iſt eine ſchwere Sache. Bei einer Arbeit, welche den Körper nicht anſtrengt und dennoch ermüdet, den Geiſt nicht anregt und dennoch erſchöpft, reiht ſich Se⸗ kunde an Sekunde in zäher Langſamkeit. Der Amtmann war ſchon hektiſch, als er ſeine be⸗ ſchwerliche Stelle antrat. Da er endlich der Schwind⸗ ſucht erlag, wunderten ſich die Leute nur, wie er es ſo lange habe treiben können. Der letzte Reſt ſeines Erdenwallens war ſchmerz⸗ liches Siechthum. Seine trübe Laune ließ keine Freu⸗ digkeit aufkommen im Hauſe, und Monate lang durfte ſeine Gattin das Krankenlager nicht verlaſſen. Und dennoch— als er im Todbette lag, da meinte ſie, daß all der Kummer und die Sorge nichts wiege gegen den Verluſt eines geliebten Mannes. Es kam ihr vor, als ſei ihr Herz eine leere Stätte geworden, und ihre Gedanken fänden dort keine Stelle mehr, um auszuruhen. Sie wußte nicht, was ſie eigentlich noch weiter zu leben hätte. Der Sterbemonat war vorüber, und ſie mußte aus⸗ ziehen. Die geräumigen, ſchönen Gelaſſe des Amt⸗ hauſes wurden mit einer Miethwohnung vertauſcht, 3 deren kleine Dachkämmerchen nur ſpärlich Raum boten für ſie und ihre beiden Knaben. Ihr war ein ſo karger Wittwengehalt angewieſen, daß ſie aller Enden ſparen mußte, um ihre Kinder rechtſchaffen erziehen zu können. Arzt und Apotheker hatten die kleinen Erübrigungen eines früheren glücklicheren Haushalts zum großen Theil aufgezehrt. Der Reſt floß in die Kirchen⸗ und Gemeinde⸗ kaſſe für Begräbnißkoſten. Auf welch' humanen, ſitt⸗ lichen Anſchauungen gründen ſich doch die Inſtitute der modernen chriſtlichen Geſellſchaft! Der Schmutz und die Fetzen am Bahrtuche, womit man die Leichen der Pariakaſte überdeckt, bilden einen mächtigen Hebel der Pietät. Sie locken den Heller aus der Sparbüchſe der armen Wittwe, die ſich und dem geliebten Todten die Schande nicht anthun will, daß man ihn wie einen Bettler zum Friedhofe trägt. Es liegt viel profane Weisheit in dieſer geiſtlichen Induſtrie, in dieſer Spe⸗ culation auf die Opferwilligkeit eines mit Trübſal ge⸗ ſchlagenen Herzens. Das Leichenbegängniß des Gatten koſtete der Amt⸗ männin ſo viel, daß ſie ſelbſt einen Theil ihrer be⸗ weglichen Habe unter den Hammer des Auctionators bringen mußte. Beim erſten Anprall des Schmerzes meinte ſie wohl, allem äußeren Schmucke des Daſeins forthin entſagen zu können. Aber das Leben macht 1* 4 ſeine Anſprüche geltend auch bei Wittwen und Waiſen. Darum war es ſo, daß ihr doch manche Thräne ins Auge trat, als ihr die Leute das eine und andere Stück liebgewordenen Hausraths davon ſchleppten. Wie viel freundliche Erinnerungen an vergangene Tage und vergangenes Glück wanderten damit über die Schwelle! So klein die Kammern ihres neuen Haushalts, ſo dünkten ſie ihr doch leer und unheimlich. Ihr ſchmerzten die Lücken in der Reihe jener Merkzeichen, die ihr bishin wie ein offenes Buch beſtändig vorgeplaudert hatten von den lichten und dunklen Stationen ihres Lebens. Jetzt ruhte auf dieſen geliebten Gegenſtänden ein frem⸗ des Auge, dem jedes Verſtändniß ihrer Bedeutung fehlte! Der Tag neigte ſich zu Ende. Zwiſchen den Giebeln der gegenüberliegenden Häuſer hindurch drang noch ein Strahl der untergehenden Sonne in das Dachſtübchen der Wittwe. Er belegte die Fenſterſcheiben mit Glanz⸗ gold, und wob eine Lichtſäule von Millionen glitzernder Atome durch den dämmernden Raum. Sie ſtreifte die Stirn des Knaben, der in der Fenſterniſche ſaß, ein aufgeſchlagenes Buch im Schooße. Seine welligen blonden Haare ſchimmerten und umſäumten das fein⸗ geformte Geſicht wie mit einer Glorie. In der Tiefe des Zimmers machte ſich die Mutter zu ſchaffen. Hin und wieder fiel ihr Blick auf den Knaben. Dann ver⸗ 5 klärten ſich ihre Züge im Widerſchein mütterlichen Stolzes über die Schönheit des Kindes. Ein derbes Klopfen unterbrach die Stille. Die Thür öffnete ſich und die breite, unterſetzte Geſtalt eines Mannes erſchien an der Schwelle. Ein Lichtſtreifen fiel auf das breite, röthliche Geſicht, daß es ſtrahlend abging vom Dunkel der Flur. Der ſpäte Gaſt zwängte ſich nicht mühelos zwiſchen den engen Thürpfoſten durch, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und wünſchte beiderſeits guten Abend. Als der Knabe ſeiner anſichtig wurde, ſchüttelte er unwillig die Locken und wandte den Kopf, während die Mutter den Gruß mit mehr Verlegenheit als Zu⸗ trauen erwiderte. „Ihr treibt's verdammt hoch, Schwägerin!“ bemerkte der Ankömmling lachend, indeß er, jeder Einladung vorgreifend, ſich's im nächſten Stuhle bequem machte. „Hier oben könnt Ihr bei heiterem Wetter die Engel ſingen hören.“ Die Amtmännin fühlte ſich verletzt. Sie nahm die Worte des Schwagers trotz des gutmüthigen Klanges ſeiner Stimme für eine Anſpielung auf ihre ärmlichen Verhältniſſe. Als ihr Gatte noch lebte, war die Gegen⸗ ſeitigkeit zwiſchen ihm und dem Manne ihrer verſtor⸗ benen Schweſter eine ſehr kühle. Beamtenhochmuth und 6 Bürgerſtolz hatten ſich zwiſchen Beide gedrängt. Jetzt erſt ward ſich die Wittwe der Berechtigung jener Schwäche ihres Gatten bewußt, gegen welche ſie während ſeiner Lebzeit vergeblich angekämpft hatte. Sie fühlte ſich als Erbin ſeines Standes, während es ihr an Allem ge⸗ brach, um die hieraus fließenden Anſprüche geltend zu machen. Darum kränkte ſie die Aeußerung des Schwagers. Nach einer Weile fuhr dieſer fort: „Ich weiß, daß kein Schick darin liegt, wenn ich zwiſchen Licht und Dunkel bei Euch zuſpreche. Komm ich ungelegen, ſo gebt mir kurzweg wieder den Laufpaß, Schwägerin.“ Das war unverkennbar gut gemeint. Die Amt⸗ männin hieß ihn bleiben, obwohl ihr die neuerliche, widerwillige Bewegung des Knaben nicht entgangen war. „Ich habe reſpective was auf dem Herzen, Frau Walburg“, bemerkte der ehrſame Rothgießermeiſter, in⸗ deß er ſein ſtattliches Kinn ſtrich, und die Unterlippe ſchier bis zur Naſenſpitze emporzog. Das war das probate Mittel, womit er zuweilen ſeinem ſtets heiteren, jovialen Vollmondsgeſicht die Miene gravitätiſchen Ernſtes zu geben verſuchte.„Geſtern war Verſammlung des Hand⸗ werks vor offener Lade. Es wurde beſchloſſen, daß jeder Meiſter noch einen Lehrling aufnehmen dürfe, 7 1 Ich ſage Euch, Schwägerin, die Gilde geht mit der Zeit; ſie huldigt dem Fortſchritt.“ Er hielt inne, als erwarte er eine Entgegnung. Als keine erfolgte, hob er wieder an: „Frau Walburg, Ihr wißt, Handwerk hat goldenen Boden. Wißt Ihr's nicht, könnt Ihr's an mir erfahren, Euer ſeliger Mann hat ſtudirt, abſolvirt, prakticirt. und hat's weit gebracht im Herrendienſt. Aber trotz aller Plackerei und Schinderei nagt ſeine Wittib am Hungertuch, mit Verlaub zu ſagen Das Handwerk iſt dankbarer; es nährt nicht bloß ſeinen Mann, ſon⸗ dern auch reſpective ſeines Mannes Weib und Kinder.“ „Was meint Ihr damit, Herr Schwager?“ erwiderte die Amtmännin zaghaft. „Was ich meine? Nu, ich meine, daß ich ſeinerzeit mein Teſtament als Rothgießer leichteren Herzens machen werde, als es der hochfürſtliche Amtmann ge⸗ than hat. Mit Gunſt, Fraule, Eure Buben werden auf den Schulbänken mehr Hoſen abwetzen, als Ihr beim Schneider bezahlen könnt. Bis ſie ſich in den Schreibſtuben was verdienen, geht's dann noch alleweil unbändig lange her. Gebt mir Einen in die Lehre, ſo braucht Ihr dem andern den Brodkorb nicht ſo hoch zu hängen. In drei Jahren iſt er frei und ſteht ihm das ganze Univerſum offen. Das iſt die rechte Uni⸗ ———ę’’——— 8 verſität. Was dann geſchieht, nu, ich habe ſo meine Hintergedanken, die ich vor der Hand bei mir behalte.“ Frau Walburga blickte in den Schooß nieder und ſchwieg eine Weile. Sie kämpfte den Kampf des Vor⸗ urtheils. Ihre Kinder, des Amtmanns Söhne, im ledernen Schurzfell, mit ſchwieligen Händen, mit be⸗ ruſtem Geſicht, der Gedanke verletzte ſie, und ließ ſie ihre Armuth doppelt ſchmerzhaft empfinden. Endlich erwiderte ſie zögernd und befangen: „Ich danke Euch, Schwager, für Eure Lieb' und Theilnahme. Aber Euer Vorſchlag kommt mir über⸗ raſchend. Laßt mich die Sache überlegen. Ihr wißt, es war meines ſeligen Mannes Wille, daß Juſtus ſtu⸗ dire. Nun treibt er's im fünften Jahre und hat ſich wacker gehalten. Mit Leib und Seele hängt er an ſeinen Büchern, er würde vergrämen, wenn er davon laſſen müßte. Mein Theobald aber—“ Der Knabe in der Fenſterniſche ſprang haſtig vom Stuhle empor. Er warf das Buch von ſich und rief zornig: „Ich will kein Rothgießer werden, Mutter! Ich bin nicht ſchlechter als Juſtus!“ Damit wandte er ſich in heftiger Bewegung gegen das Fenſter. Die Scheibe klirrte und im nächſten Augen⸗ blick rannen ihm die Blutstropfen über die weiße Stirn. —— —— 4⁴ 9 Erſchreckt ſprang die Mutter bei. Sie liebkoſte den Jungen und ſprach beſänftigende Worte, indeß ſie mit zitternder Hand die leichte Wunde verband. Der Mei⸗ ſter aber erhob ſich mit ganz beſonderer Würde vom Stuhle, griff nach Hut und Stock, fuchtelte mit dieſem eine Weile in der Luft, als wollte er damit der erſten Aufwallung ſeines erzürnten Gemüthes begegnen, und bemerkte ſodann: „Meinen Rath bind' ich Niemand auf den Rücken, Frau Amtmännin. Nach einem Unband von Lehrjungen lecke ich auch die Finger nicht, Frau Amtmännin. Aber ich leid' es nicht, daß einer über das Handwerk ſchim⸗ pfirt. Beſſer ein Schneider, der ſich den Rock ſelber flicken kann, als ein Schreiber, dem der Hunger die Nähte auseinander treibt. Meinetwegen könnt Ihr Eure Buben ſtudiren laſſen, bis ihnen die Glatze wächſt; ich brauch' ihnen die Perrücken nicht zu zahlen. Alles mit Gunſt, Frau Schwägerin; ich will das nur reſpec⸗ tive geſagt haben. Adjes!“ Damit verließ er die Stube. Der Rothgießer war ein vermöglicher Mann. Er hatte mit Nichts begonnen; was er beſaß, war die Errungenſchaft ſeines Fleißes und ſeiner Tüchtigkeit. Das gab ihm jenes Selbſtgefühl, welches bei dem Grade ſeiner Bildung hie und da in erregten Momenten 10 einen ſtarken, für fühlſamere Naturen ſelbſt beleidigenden Ausdruck gewann. Vor Allem geſchah das, wenn er einen Angriff auf die Ehre und Würde ſeines Hand⸗ werks abzuwehren hatte. Sonſt aber war der Meiſter, was man ſo ſagt, eine gute, ehrliche Haut, etwas derb, etwas beſchränkt und altfränkiſch, obwohl er nach ſeiner Ueberzeugung ſtets mit der Zeit ging; dabei aber wohl⸗ meinend hülfreich, ein wackerer Bürger alten Schrot und Korns, der für gewöhnlich mit ſeinem Reichthum weder in Worten noch in Werken prahlte. Das wußte Frau Walburga und mißkannte auch nicht den trefflichen Willen ihres Schwagers. Dennoch lag etwas Demüthigendes in ſeinem Antrag, und die barſchen Worte, womit er ſie verließ, vermehrten noch den Widerſtreit ihrer Gefühle. Sie konnte ſich nicht verbergen, daß die Annahme ſeines Vorſchlags von Vortheil für ſie und ihre Kinder wären; aber ſie fand ſich nicht in dieſe Herabſtimmung ihrer ſtolzen Hoff⸗ nungen. Sinnend und das Auge voll Waſſer ſaß die arme Frau im Winkel hinter dem Ofen, als Juſtus, der Aelteſtgeborene, in das dämmernde Gelaß trat. Er war ein ſchmächtiger, zartgebauter Knabe von wenig mehr als fünfzehn Jahren. Glatt niederhängende Haare von bläulicher Schwärze hoben die Bläſſe des Geſichts. 11 Auf den ſcharfgeſchnittenen Zügen und den ſchmalen, enggeſchloſſenen Lippen lag ein Ernſt, der über ſein Alter hinaus ging. Sein dunkles Auge hielt den Blick feſt und ruhig, und die auffallend ſtarken, geradlinigen Brauen, die ſich über der Naſenwurzel ſchier vereinten, verriethen Sicherheit und Entſchiedenheit. Das ſcharfſichtigſte Auge vermochte keine Familien⸗ ähnlichkeit zwiſchen den beiden Brüdern zu gewahren, deren Geburtstage kaum ein Jahr aus einander ſtanden. Theobald war ſchön wie ein anbrechender, ſonniger Lenzmorgen. Der erſte Eindruck, den die Erſcheinung Juſtus' hervorrief, konnte kaum ein günſtiger genannt werden. Es lag ein dunkler Schleier über ſeinem Ge⸗ ſichte, über ſeinem ganzen Weſen, der erſt gelüftet werden mußte. Wer dieß aber verſtand, den überraſchte das eigenartige Weſen des Knaben, die wunderſame Tiefe ſeines ſcheinbar verſchloſſenen Gemüths. Unter Fremden ſtill und zurückhaltend, ſelbſt im kleinen Krriſe ſeiner Lieben nüchtern und wortkarg, ließ er nur in den ſeltenen Fällen ungewöhnlicher Erregung ahnen, welches reiche Leben unter dieſer kalten Decke ſprühe und glühe. Frau Walburga liebte ihre beiden Kinder herzlich, aber ihre beſchränkte Einfalt begriff die ungewöhnliche Natur des Aeltern nicht. So fühlte ſie ſich wenigſtens 12 äußerlich zu dem ſchönen, offenherzigen, heitern Theobald mehr hingezogen. Aber ſo wenig auffallend dieſe Be⸗ vorzugung war, ſo ward ſie doch von Juſtus ſchmerzlich empfunden, und die Kelchblätter ſeiner Seele zogen ſich noch feſter zuſammen. Als er an jenem Abend das Zimmer betrat, fiel ſein erſter Blick auf den Bruder, der mit verbundener Stirne und mit ungebrochenem Trotze noch immer die Ziegel des gegenüberliegenden Daches zu zählen ſchien. Er zitterte leiſe vor Schrecken, aber er fand im erſten Augenblick kein Wort der Theilnahme. Das war ſo ſeine Art, die nicht von Jedem begriffen ward, ſelbſt nicht von Mutter und Bruder. Sie hielten ihn für kalt und engherzig. Da gewahrte er die weinende Mutter, und ſeine geſteigerte Beſorgniß fand endlich einen Ausdruck. Vor⸗ erſt begegnete Theobald ſeinen Fragen mit abgeriſſenen Worten des Unmuthes, aus denen kein Menſch klug werden konnte; dann fiel die Mutter mit ihren Lamen⸗ tationen ein, und ſo dauerte es denn eine geraume Weile, bis endlich eine genügende und zuſammenhängende Erklärung erfolgte. Schweigſam und nachdenklich vernahm Juſtus die Erzählung des Vorgefallenen. Als die Amtmännin damit fertig war, ließ ſie noch eine Reihe Betrachtungen 4+4—— 13 in ihrem Style nachhinken, denen man durchweg den unvollendeten Kampf in ihrem Innern anſah. In einem Athemzuge beſchwichtigte ſie Theobald, dem der zuge⸗ muthete Lehrburſche neuerdings eine Thränenflut in die Augen lockte, ſchalt über der Bürgersleute Stolz und Anmaſſung, und nannte dabei doch ihren Schwager die einzig freundliche Seele, die ihrer in der Kümmerniß des Wittwenſtandes gedächte. Juſtus übernahm die ſchwere Aufgabe, dieſe Widerſprüche auszugleichen, und die erregten Gemüther zu beruhigen. Schon ſtrich die kühlere Nachtluft durch die zer⸗ brochene Scheibe ins Zimmer, als endlich die Spannung ſich hob, und das Geſpräch in glatte Bahnen einlenkte. Die Eindrücke, welche die unerquickliche Scene hervor⸗ gerufen, verwiſchten ſich allgemach. An ihre Stelle trat die geſchäftige Phantaſie, und entwarf anmuthige ABilder der Zukunft. Von dem dunklen, weichen Grunde, den die märchenſpinnende Nacht um die kleine Familie wob⸗„gingen die Farben in leuchtender Helle ab. Am geſchäftigſten hierbei war Juſtus, der ſtille, verſchloſſene. Er glich der Seeblume, die nur bisweilen zur Nachtzeit auf die Oberfläche taucht, ihre Krone öffnet, und den lang verhaltenen Duft ausathmet. Seine Worte waren geſtaltend. Er baute damit ſtrahlende Luftſchlöſſer mit bunten Kuppeln, Erkern und Säulengängen, mit zaube⸗ 14 riſchen Gemächern voll reizender Ausſichten auf weite, grüne, lenzbeſeelte Fernen! Mutter und Bruder wurden ſtille, und lauſchten ſeiner Rede. Es war ſo helle um ſie geworden, daß ſie vergaßen, die Lampe anzuzünden. Da klang vom Thurm der Andreaskirche die elfte Stunde nieder. Frau Walburga unterbrach das Ge⸗ plauder und ermahnte die Jungen, ihre Lagerſtätte aufzuſuchen. Raſch entſchlief Theobald, und ließ ſich von ſeinen Träumen die angefangenen Bilder vollenden. Von Juſtus' Augen floh der Schlummer. Noch während er den Seinen Tröſtung und Beruhigung brachte, hatten ſchon die Keime weittragender Entſchlüſſe im Grunde ſeiner Seele zu arbeiten begonnen. Als ihm die ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge des Bruders die Ueberzeugung gewährten, daß er ſchlafe, erhob er ſich vom L. Seine Pulſe klopften ſo fieberhaft, daß ihn Kiſſ Decke beängſtigten. Ein brennendes Roth te uf ſeine Wangen. Gedanken um Gedanken flogen ihm durch den Kopf, und ließen nicht nach, ſein Gehirn zu ermüden. Er wog den Werth ſeiner Hoffnungen, der holden Träume ſeiner Kindheit und der reifern Jünglings⸗ entſchlüſſe gegen das Opfer ab, das er dem ſorgen⸗ 15 freien Alter ſeiner Mutter, der Zukunft ſeines Bruders zu bringen gedachte. Keine Seele hatte eine Ahnung davon; keine konnte die Thräne gewahren, die auf der Wange des Knaben erſt auftrocknete, als ſchon ein grauer Dämmerton das Dunkel des Zimmers lichtete, und ihm ein leichter Schlummer die Lider zudrückte. Die Wallgaſſe gehörte zu den älteſten Quartieren der Stadt. Da ſchauten die ſchmalen, hochfirſtigen Häuſer noch alle mit ihren Zinnengiebeln in die Gaſſe hinein, die ſeit drei Jahehunderten kaum das Pflaſter gewechſelt hatte, während ſie ſich mit den beiden Flanken behaglich an die Nachbarn anlehnten. Der Querbau mag ſeine praktiſchen Vortheile haben; ſeine Nüchtern⸗ 8 heit und Eintönigkeit konnte man aber auf das Leb⸗ hafteſte fühlen, wenn man von einem der neuern Stadtoiertel in die Wallgaſſe einlenkte. Wie lebendig und bewegt die Linien, wie ſchlank und drall, und bei aller bürgerlichen Beſchränkung, wie ſtattlich die Häuſer gegenüber der breiten, läſſigen, bequemen Faulheit der modernern Bauten! Wie ſinnig dort die Entfaltung ſchöner Formen nach der Krone zu, während hier alle Pracht ſchwer in Sockel liegt, und im vierten Stocke 16 die Armuth hauſt, die im magern, dürftigem Kranz⸗ geſims auch einen architektoniſchen Ausdruck findet! Faſt in der Mitte der Wallgaſſe ſtand ein Haus von gleichem ehrbarem Alter und Anſehen wie ſeine Beiſaſſen. Doch fiel es raſch in die Augen durch ſein bloßliegendes Fachwerk, die zierlich profilirten Fenſter⸗ gewände und Riegel, die ſauber verputzten und bemalten Füllungen. Das nannte Meiſter Ebenſtreit, der Roth⸗ gießer, ſein Eigen. Er ſteifte ſich darauf, daß es ſein altes Geſicht behielt, innen und außen, vom Kellerraum bis zum Dachboden. In dieſem einzigen Punkte blieb er hinter dem Geiſte der Gegenwart zurück, mit welchem er ſonſt nach ſeiner Behauptung allerwegen gleichen Schritt hielt. Etliche anderweitige Grundſätze und Erſcheinungen der Neuzeit, die er in ſeinen Geſichts⸗ kreis nicht aufnehmen wollte, nannte er ausgekettete Eiſenbahnwagen, die in den falſchen Wechſel gerathen waren. Er ſchwur einen körperlichen Eid darauf, daß er, ein liberaler und freidenkender Mann, in der rechten Strömung ſchwimme. Dafür ſprachen die Conceſſionen, welche er bereits dem Zeitgeiſte gemacht hatte. Daß er ſich in einem verborgenen Winkel ſeiner Seele noch einen Reſt alten, ererbten Vorurtheils für denkbare Fälle aufbewahrte, ging ſchließlich keinen Menſchen etwas an. Dem Scheine nach hatte er den ganzen 17 Plunder einer neuen, beſſern Anſicht zum Opfer gebracht. Nur ſeine Feinde, die Innungsälteſten, behaupteten mit boshafter Beharrlichkeit, es ſtecke hinter der Sache mehr perſönliche Leidenſchaft als Ueberzeugungstreue. Wahr iſt es, daß dem Meiſter das Anſehen und die Gewalt dieſer Herren ins Auge ſtach. Sie hatten ſich vor offener Lade viel mit ihm herum zu balgen und er mit ihnen. Zuletzt machte er gemeinſam mit den jüngern Meiſtern in aller Form Oppoſition. Dadurch gewann er Anſehen und Bedeutung unter den Parteigängern, und er hielt ein gut Stück auf Anſehen. Nun zwang ihn aber auch die Logik, daß er gegen den Zopf Front machte, der zu jener Zeit noch ehrlich blühte. Unter ſeinem Schatten war der Meiſter alt geworden; ein unbefangenes Gemüth kann alſo ermeſſen, welch herber Nachgeſchmack mit den Lorbeeren verknüpft war, die er ſich im Kampfe für freiheitliche Ent⸗ wickelung der Gewerkſchaft errang. Daheim im ſtillen Kämmerlein bat er unſerem Herrgott jedesmal die Blasphemie ab, deren er ſich öffentlich an der Majeſtät des Zunftzwanges ſchuldig gemacht hatte. Eines tröſtete ihn, das Vertrauen auf die Weisheit der Staatslenker. „Die Herren“, dachte er ſich,„werden doch ſo vernünftig ſein, und ſein Geſchwätz nicht höher taxiren, als er ſelbſt. Ein wohlgeordneter Staat kann ſich do ums Hilarius, Non possumus. I. 18 Himmelswillen nicht zum Schutzpatron der„Pönhaſen“ und„Gartenſchleicher“ erniedrigen! Und Meiſter Eben⸗ ſtreit hielt den kleinen Staat, an welchen er ſeine Steuern zahlte, für den wohlgeordnetſten auf Meilen im Umkreiſe. Am Morgen nach der vorgeſchilderten Scene ſaß der alte Herr am ſauber geſcheuerten Eichentiſch der Wohnſtube. Es war das geräumigſte Gelaß im Erd⸗ geſchoß des Hauſes, eine gerechte Bürgerſtube mit niedriger Decke und Tafelwerk von nachgedunkeltem Eichenholz. Dennoch war es ungemein hell und heiter drinnen, und der Sonnenſchein, der durch das Kuppelfenſter bequemen Eingang fand, lag breit und warm auf der Tiſchplatte, die mit Riſſen und Zeichnungen bedeckt war. Zeitweiſe blätterte der Meiſter in den Papieren, aber ſeine Gedanken waren unverkennbar mit andern Dingen beſchäftigt. Er redete leiſe mit ſich ſelbſt, was ihm zuweilen paſſirte, wenn er mit den abſtrakten Ge⸗ danken nicht zurecht kam. Hin und wieder wagte ſich ſelbſt ein lautes Scheltwort über ſeine Lippen. Wider⸗ willig ſchob er zuletzt den Stuhl weiter vom Tiſche ab, warf das Hauskäpplein in eine Ecke der Wandbank, und rief:„Gundel!“ Hinter der Küchenthüre erwiderte eine dünne Weiber⸗ ſtimme:„Was gibt's, Herr?“ — 19 Dem Meiſter trat der Zorn ins Geſicht. Er mußte ein paar Mal Athem holen, ehe er den rechten Ton der Entgegnung fand. „So viel wird's noch leiden, daß Sie Ihre alten Knochen zu mir herein trägt, wenn ich rufe. Bei Euch Ehehalten iſt der Fuß alleweil langſamer als das Maul. Geh ins Spital, wenn Du lahm biſt, alte Rohrdommel!“ Das Knarren der Küchenthüre unterbrach die Straf⸗ rede. Gundel ſtand, die Arme in die Hüften geſtemmt, vor den Herrn, und ihre Augen leuchteten ſo ſcharf unter der weißen Haube und aus dem kantigen Ge⸗ ſichte hervor, daß dieſem ſchier die letzten Worte auf den Lippen erſtarben. „Wie ſo?“ erwiderte ſie in jenem Ton weib⸗ licher Entrüſtung, der in dem Alter, in welchem die tugendſame Jungfrau ſtand, an das Hämmern der Blechſchläger lebhaft gemahnt.„Ihr braucht mir den Weg ins Spital nicht zu zeigen, Herr Meiſter. Ich find' ihn ohne Eure Anweiſung. Und was mein Alter betrifft und die Rohrdommel, ſo ſeid Ihr auch kein junger Rohrſpatz mehr, und da drüben hängt der Spiegel, wenn Ihr Zeugſchaft haben wollt, Herr Ebenſtreit. Ich denk, Euch ſteht der Krückenſtock auch näher als der Fallkorb.“ „Halt's Maul, Spinnrad!“ entgegnete der Meiſter, 9*⁴ 20 den nichts mehr in Harniſch brachte, als eine Anſpie⸗ lung auf ſeinen weit vorgeſchrittenen Herbſt. Im ver⸗ gangenen Jahre hatte ihn der Haber geſtochen, und er trug einem hübſchen Bürgersmädchen, das füglich ſeine Tochter vorſtellen konnte, das Antiquarium ſeines Her⸗ zens an. Die Spröde wies es zurück trotz der anſehn⸗ lichen Morgengabe, die daran hing. Das brachte ihm manches Spottwort von Freund und Feind zuwege. Seitdem verletzte ihn nichts ſo ſehr, als eine Mahnung an ſeine Ueberſtändigkeit. Gundel wandte ſich ſchmollend ab, und wollte das Zimmer verlaſſen. Aber der Meiſter hielt ſie beim Rocke feſt, und bemerkte: „Der Rathsſtubenknecht hat einen Buben, den er anbringen möchte. Es iſt nicht weit her mit dem Alten und dem Jungen, ſagen die Leute; aber—“ „Die Leute wiſſen mehr, als im Taufbuche ſteht!“ unterbrach Gundel die Rede. Der Meiſter lachte.„Schau, Gundel“, erwiderte er,„das freut mich von Dir, daß Du Dich auch einmal über eines Menſchen Ehre erbarmſt. Aber mit Gunſt, der Stubenknecht gehört zu meinen alten Connexionen, wie man jetzt ſagt. Ich hab' ihn ſchon bisweilen ſaure Trauben eſſen ſehen, und davon werden ſeinem Buben die Zähne ſtumpf. Viel taugt er nicht, wie ich ſchätze, 21 und was ſeine Hausfrau unter der Haube hat, gibt kein Menſch für Verſtand aus!“ „Was man nicht an Heu hat, hat man an Stroh“, entgegnete die Hauſerin biſſig. „Laß es gut ſein, Gundel! Ich weiß, Du verſtehſt es mit den Weibſen, und um Deinetwillen will ich mich auch des Buben annehmen. Er ſoll zu mir in die Lehre. Lauf hinüber und ſag' ihm, daß er bei mir vorſpreche. Gut, wenns gleich geſchieht.“ Die letzten Worte des Meiſters riefen die günſtigſte Wirkung hervor. Ein heiteres Lächeln ſtahl ſich durch das Faltennetz, womit Gundel's Geſicht überſponnen war, und nach wenigen Augenblicken hallten ſchon ihre Tritte auf der Flur. In der Eile gewahrte ſie nicht einmal den Knaben, der vor der Hausthüre ſtand und nun den günſtigen Augenblick benützte, um ohne anzuſchellen in die Flur zu gelangen. Der Rothgießer hatte ſich von ſeinem Sorgenſtuhle erhoben und durchmaß mit gekreuzten Armen die Breite der Stube. Ein leiſes Klopfen hemmte ſeine Schritte. Als ſich auf ſein einladendes„Herein“ die Thüre öffnete, wollte er kaum ſeinen Augen trauen. Er hielt die Hand vor, als blende ihn die Sonne. Wirklich, es war Juſtus, der Amtmännin älteſter Sohn! Eine geraume Weile ſtanden ſich beide wortlos 22 gegenüber, der Knabe bleich, mit geſenkten Blicken, an der Mütze neſtelnd, deren Bewegung das Zittern der Hände verrieth. Dem Meiſter ſtieg das Blut zur Stirn. Er gedachte mit erneuerter Lebhaftigkeit der Scene, die er geſtern Abend mit der Schwägerin durch⸗ zuſpielen, und die ihm heute das Frühſtück verdorben hatte. Der Ton, womit er endlich nach des Knaben Begehr fragte, war keineswegs herzgewinnend. Mit gedämpfter Stimme antwortete Juſtus:„Ver⸗ zeiht, Herr Ohm, die Mutter laßt Euch ſchönſtens grüßen, und ſie habe ſich eines Beſſern beſonnen. Ihr möchtet ihr nicht mehr zürnen um deſſentwillen, was geſtern Abend vorfiel.“ In der Seele des Bürgers regte ſich der verletzte Hochmuth wieder.„Ein Augenblick kann viel reißen, was ein Jahr nicht ausflickt!“ erwiderte er herb.„Haſt Du mir weiter nichts zu vermelden, Juſtus?“ Der Knabe holte tief Athem. Seine Lippen be⸗ wegten ſich, aber kein Laut drang über dieſelben. Da ward der Meiſter unwirſch. Er ließ den Jungen ſtehen, wandte ſich gegen das Fenſter und trommelte an die Scheiben. Mit einer raſchen Bewegung wiſchte ſich Juſtus die Thräne von den Wimpern, die ihm wider Vorſatz und Willen ins Auge geſtiegen war. Des Oheims Manier 23 weckte den ganzen Stolz ſeiner jungen Seele wieder. Er empfand es, daß die Mutter Recht hatte, den hoch⸗ fahrigen Mann ſchnöde zu behandeln. Der Druck, der auf der ſpannenden Feder ſeines Geiſtes laſtete, war wie weggehoben. Es ſchnellte ihn empor. Mit auf⸗ rechtem Nacken und offenem Geſichte ſtand er da, und ſeine Worte klangen feſt und beſtimmt: „Ihr ſeid eines Lehrjungen bedürftig. Nach der Mutter Wunſch wollte ich mich Euch anbieten, denn ich habe Freude am Handwerk, und will's mit Gottes Hülfe auch einmal zu rechter Meiſterſchaft bringen. Aber— Ihr ſcheint Euch eines Andern beſonnen zu haben. Das ſteht Euch zu, und Ihr braucht Euch deßhalb nicht abzuwenden von mir, wie von einem bettelnden Strol⸗ chen. Die Gewerkſchaft iſt groß und der Meiſter ſind viele; ich kann mein Glück wo anders verſuchen.“ Der Meiſter war wie aus den Wolken gefallen. Er hatte gleich bei den erſten Worten das Trommeln aufgegeben. Jetzt war er zu dem Knaben herange⸗ treten, der eben im Sinne hatte, ſich wieder der Thüre zuzuwenden. Er zog ihn beim Arme bis in die Mitte des Zimmers, maß ihn vom Kopf bis zu den Füſſen, und hub dann mit einem wunderlichen Gemiſch von Ernſt und Laune an:. „Oho, Bürſchle, ſo war's nicht gemeint. Hab' ich Dich hart angelaſſen, ſo haſt Du auch nicht nach Hand⸗ werksbrauch mit dem Meiſter geredet, und wir ſind quitt. Ich weiß, Junge, die Droſſel ſingt, der Häher gibt ihr Antwort, bleibt Einer dem Andern reſpective nichts ſchuldig. Nun laß uns ein vernünftig Wort discurriren. Alſo Du willſt zum Handwerk greifen, Juſtus?“ „Jd, Oheim“, entgegnete dieſer, den der neu an⸗ geſchlagene Ton wieder einigermaßen verſöhnt hatte. „Aber ich hatte es eigentlich dem Theobald zuge⸗ dacht. Mußt Du ihm den Mann ſtellen, Juſtus?“ Der Knabe erröthete und antwortete leiſe:„Der Bruder will vom Studiren nicht laſſen. Ich thu's frei⸗ willig und gern!“ „Hm, freiwillig und gern! Die zwei Wörtlein ſpricht man ſonſt allerwegen nicht mit einer Miene aus, als ob der Büttel hinter uns ſtände. Freiwillig und gern! Hör', Bürſchle, ich ſchätz' alleweile, Du haſt es erfahren, daß ungleiche Schüſſeln ſchele Augen machen.“ „Wie meint Ihr das, Oheim?“ „Wie ich's meine? So und ſo, reſpective!“ „Ich thu's wirklich aus eigenem Entſchluſſe, frei und ungezwungen.“ „Aber die Conſtitution, ich meine die Leibesbeſchaffen⸗ heit? Theobald iſt ein kräftiger Bengel, was ſonſt den 25 Flachshärigen im Durchſchnitte nicht paſſirt. Du biſt mit Gunſt, Juſtus, Du biſt ein ſchmächtiges Füllen, und das verdammto, heidniſche Latein hat Dir allbereits ſcharf zugeſetzt.“ „Ich bin ſtark und kräftig!“ antwortete der Knabe raſch, und warf ſich in die Bruſt.„Bei mir liegt's in den Nerven und Sehnen, Oheim. Ihr mögt mir's kaum ankennen.“ Der Meiſter ſtrich ſich abwechſelnd Kinn und Stirne, und ließ ſeine Augen forſchend auf dem Knaben ruhen, den dieſe eingehende Prüfung ſeiner Befähigung ſicht⸗ lich beklommen machte. Neue Zweifel tauchten in ihm auf. Aber die Frage, die ihm auf den Lippen ſchwebte, unterbrach Jungfer Gundel zu nicht geringer Befrie⸗ digung des armen Examinanden. Haſtig und geräuſch⸗ voll war ſie ins Zimmer getreten; ſchier athemlos und ohne des Gaſtes zu achten, rief ſie ſchon von der Schwelle weg:„Ich hab' den Rangen glücklich erwiſcht, Herr, als er juſt vor dem Magiſter Stümperlein Reiß⸗ aus nehmen wollte. Da hab' ich ihn denn trotz ſeines Zerrens mit hereingeſchleppt. Hier iſt er, des Stuben⸗ knechts Jonas, wie er leibt und lebt, ein bischen ver⸗ lattert, aber ſonſt ein guter, handſamer Junge.“ Der Meiſter wandte den Kopf nach dem Günſtling ſeiner vielvermögenden Haushälterin. Es war ein 26 Bube von etwa vierzehn Jahren, vierſchrötig und ge⸗ drungen, mit brennrothen Haaren und trotzigen, ver⸗ wilderten Geſichtszügen. Das beſchmuzte und zerriſſene Gewand hing ihm nachläſſig am Leibe, die bloßen Füſſe waren bis an die Knöchel mit Koth überzogen. Der Rothgießer überflog mit prüfendem Blick erſt die wenig anmuthende Geſtalt des Burſchen, und wandte ſich dann zu Juſtus, der bei dieſem Vergleiche höchlichſt ge⸗ wann. Darauf griff er lächelnd in die Taſche, holte ein blankes Guldenſtück hervor, drückte es dem Spröß⸗ linge des Stubenknechts in die Hand und ſprach: „Da, Junge, haſt Du Zehrgeld für die Heimfahrt. Mach' Dir einen luſtigen Tag, und laß Dich's nicht verdrießen, daß ich Dich hergeſprengt habe. Ich wollte Dir nur einen Gruß aufgeben an die wohlachtbaren Deinigen, und ſie ſollen ſich die Zeit nicht lange werden laſſen nach Dir!“ Jonas ſchmunzelte, murmelte etliche unverſtändliche Worte an Stelle des Dankes, und hatte im nächſten Momente wieder das Freie gewonnen. Gleichzeitig legte der Meiſter des Neffen Hand in die ſeine.„Ich will Dich aufnehmen ins Handwerk“, bemerkte er,„und Du ſollſt Dich deſſen noch freuen, Juſtus, ſo wahr ich Hans Ebenſtreit heiße. Von morgen an biſt Du mein Lehrjunge. Du ſollſt es nicht ſchlechter haben in meinem Hauſe, als daheim, und über den Oheim ſollſt Du den Meiſter nicht ſpüren. Alte Kirchen haben dunkle Gläſer; aber ich ſehe doch reſpective noch hell genug trotz meiner dreiundſechzig Jahre. Denn ich bin ein liberaler Mann, und bleibe nicht hinter der Zeit zurück. Und ich weiß, was ich weiß, und das iſt gerade genug für uns zwei, Juſtus.“ Schier wäre er weich geworden, der alte Hans Ebenſtreit, ſonderlich da er gewahrte, daß dem Knaben eine Thräne um die andere über die Backen rann. Jungfer Gundel aber ſtand da wie weiland Loth's Weib, ehe es zur Salzſäule ward. Verdruß und Ueberraſchung hatte ſie ſprachlos gemacht. Ehe ſie wieder zu ſich kam, war das Feld leer, und ſie konnte an keinem theilnehmenden Gemüthe den Ingrimm los laſſen, in welchen ihr ganzes Weſen durch des Meiſters höhniſche Behandlung ihres Schützlings aufgelöſt war. Zweites Kapitel. unſer Leben iſt wie das Ganze, in dem wir enthalten ſind, auf eine unbegreifliche Weiſe aus Freiheit und Nothwendigkeit zuſammengeſetzt. Goethe, Wahrheit und Dichtung. An der Fenſterbrüſtung des Vorzimmers lehnte der Erzieher des jungen Grafen von La Rochelle, des Zei⸗ chens zum Einlaß in die gräflichen Gemächer harrend. In ſeinen Mienen war die Ungeduld über die läſtige Zögerung zu leſen. Endlich meldete der Kammerdiener, daß die Erlaucht ihn nunmehr zu ſprechen wünſche. Er trat ein. Der Graf empfing ihn, am Schreib⸗ tiſche ſitzend, mit leichtem Kopfnicken.„Ich habe Sie erſuchen laſſen, ſich zu mir zu verfügen“, bemerkte er, ohne die Blicke dem Angeredeten zuzuwenden.„Sie wiſſen, wie ſehr mir die Erziehung meines Sohnes am Herzen liegt, Herr Julian. Die träumeriſche Lethargie 29 ſeines Weſens will mir nicht behagen. Ich haſſe jene affectloſe Schmiegſamkeit und Fügſamkeit, die ohne Ab⸗ wehr auf ſich wirken läßt. Der Ehrgeiz iſt in bürger⸗ lichen Kreiſen eine Tugend, in ariſtokratiſchen eine Nothwendigkeit, eine ſociale Bedingung. Ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen, Herr Doctor!“ „Ich verſtehe, Erlaucht!“ antwortete dieſer, indem er nachläſſig zum nächſten Stuhle griff, und ſich, ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, niederſetzte. Der Graf warf ihm einen flüchtigen Seitenblick zu, und biß ſich in die Lippen. Nach kurzer Pauſe fuhr er weiter: „Es gibt Charaktere, die ſich nur in der rechten Umgebung richtig und normal entwickeln. Ich glaube, der junge Graf gehört zu dieſer Gattung. Es iſt ein Unglück, daß ihm das Schickſal Geſchwiſter verſagt hat, in deren Geſellſchaft er Anregung und Belebung finden würde. Sicherlich bedarf es nur eines äußern Anſtoßes, um bei ihm die ſchlummernde Energie zu wecken. Aber dieſer Auſtoß muß von der Seite, nicht von oben herab durch Aeltern oder Lehrer kommen. Was halten Sie davon, Herr Julian?“ „Ich bin überraſcht, Erlaucht“, erwiderte der Hof⸗ meiſter, indem er ohne Rückſicht auf die Miene des Grafen mit ſeinem Stuhle etliche Zoll näher an den Tiſch rückte,„in der That überraſcht, daß ich an dieſer 30 Stelle den Ausdruck meiner kängſt gewonnenen Ueber⸗ zeugung höre. Ich kann mich des Wunſches nicht ent⸗ ſchlagen, daß die Anſchauungen Eurer Erlaucht den meinen auch im therapeutiſchen Theile ſo nahe ſtehen möch⸗ ten, als in der Diagnoſe.“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Dem Mangel einer altersgleichen Geſellſchaft für den jungen Grafen wäre leicht abgeholfen.“ „Leicht? Ich befürchte das Gegentheil. Wo fände ſich eine adelige Familie, die ihren Sohn zum Geſpielen des meinen hergäbe?“ „Meine unmaßgebliche Behauptung bezog ſich nur auf eine altersgleiche Geſellſchaft. Wenn Erlaucht noch eine weitere Bedingung ſetzen, beſcheide ich mich eines Beſſern.“ „Alſo Sie glauben—“ Der Graf ließ den Satz unvollendet. Er blickte nach der Uhr, und erhob ſich raſch vom Stuhle. Der Doctor folgte ſeinem Beiſpiele, und blieb eine Weile zuwartend ſtehen. Dann bemerkte er ohne irgend ein Zeichen von Befangenheit: „Haben Erlaucht noch Weiteres zu befehlen?“ „Wir ſind noch nicht au bout de tout, Herr Julian!“ erwiderte der Graf nach einer flüchtigen Pauſe, indem er ſich mit verſchränkten Armen an den Eckpfeiler der 31 Fenſterniſche lehnte.„Ihre Bemerkungen bewegen ſich alle in einem clair-obscur, daß ſie einem nüchternen Manne wie mir nicht verſtändlich ſein können. Geben Sie mir eine authentiſche Erklärung Ihrer letzten Aeuße⸗ rung.“ Ein ſarkaſtiſches Lächeln überflog das Geſicht des jungen Mannes.„Ich ſündige auf Ihren Scharfſinn, Erlaucht“, entgegnete er,„wenn ich von einer Deutung meiner Worte abſehe und mir ſofort die Gründe meiner Anſicht zu entwickeln erlaube. Hat die Vermuthung einige Berechtigung, daß die ſchlummernde Spannkraft meines Zöglings nur geweckt werden kann, indem man ihm einen Spiel⸗ und Lerngenoſſen an die Seite ſetzt, ſo wird ſchließlich von der Wahl dieſes Genoſſen der Erfolg abhängen. Es handelt ſich nicht darum, daß Erlaucht dem Sprößlinge irgend einer Familie— adelig oder bürgerlich— den Umgang mit Graf Lucian ge⸗ ſtatten. Erlaucht müſſen ſich die freie Auswahl vor⸗ behalten, und dieſe knüpft ſich zuvörderſt an eine mo⸗ raliſche Bedingung. Ich meine die Anerkennung des Opfers auf Seite jener Aeltern, welche ihr Kind zu fremden Zwecken hergeben. So glaube ich, daß Erlaucht ſelbſt in vortheilhaftere Lage geſetzt ſind, wenn Sie dieſe Verbindlichkeit einer bürgerlichen Familie ſchulden. Es läßt ſich leichter abrechnen!— Andrerſeits wünſchte 3² ich auch um Graf Lucians willen, daß die Wahl auf einen bürgerlichen Jungen fiele. Hat dieſer die bür⸗ gerliche Tugend des Ehrgeizes— und das muß einen un⸗ erläßlichen Punkt der Wahlcapitulation bilden— ſo wird die bürgerliche Schüchternheit das Ihre thun, um mit der ariſtokratiſchen Nothwendigkeit nicht in Widerſpruch zu gerathen. Schon das Gefühl der höheren Standes⸗ berechtigung wird den jungen Grafen aneifern, daß ihn ſein Genoſſe nicht überflügle. Erlaucht mögen aus meiner Darſtellung entnehmen, daß ich meinen eigenen Standpunkt preisgebe, um meiner Aufgabe als Er⸗ zieher Ihres Sohnes gerecht zu werden.“ Graf von la Rochelle war ebenſo feinfühlend als klug. Ihm entging weder die Ironie in Wort und Weiſe des Doctors, noch die berechnete Klugheit ſeines Vorſchlags. Nach kurzer Ueberlegung gab er ſeine Zuſtimmung.„Ich hoffe“, fügte er bei,„daß Sie mit Ihrer Ueberredungskunſt bei der Gräfin zum gleichen Ziele gelangen. Verſuchen Sie es, Doctor! Bemerken Sie aber ausdrücklich, daß ich die Sache von Ihrer Einwilligung abhängig mache.“ Der Hofmeiſter verbeugte ſich und verließ das Kabinet. Mit den Blicken eines Luchſes folgte der Graf den Bewegungen des jungen Mannes. Als die Thüre hinter 33 ihm zugefallen war, ballte ſich ſeine Rechte unwillkür⸗ lich zur Fauſt. Ueber ſein Geſicht, das in günſtigen Momenten als ſchön gelten konnte, flog ein Schatten, und die hohe, feingewölbte Stirne furchte ſich. „Wann werde ich die Handſchellen abſtreifen kön⸗ nen“, ſprach er vor ſich hin, indem er ſich wieder in den Lehnſtuhl warf und den Kopf auf den Arm ſtützte, „die mich an dieſen Dämon ketten? Verdammt, daß mein leichtes franzöſiſches Blut gerade mit ſoviel deut⸗ ſchem verſetzt iſt, um über gewiſſe Dinge nicht hinweg⸗ zukommen, die mich bis in den Traum verfolgen! Ich kann meinen Gedanken nicht gebieten, daß ſie ſtille ſtehen, und— iſt die That nicht die nothwendige Folge des Gedankens? Wie, wenn mich dieſe einmal über⸗ raſchte, ehe ich die ſtechende Thätigkeit meines Gehirns zu bändigen vermöchte? Wer kann die Grenze der Zurechnungsfähigkeit ausſtecken wie die Marke eines Grundſtückes?“ Der eintretende Diener unterbrach die weitere Ge⸗ dankenfolge. Er übergab ein Handbillet des Fürſten welches den Grafen zu Hofe beſchied. Unterdeß durchſchritt der Hofmeiſter den Zwiſchen gang des Palaſtes, der von den Gemächern des Haus⸗ herrn zu jenen ſeiner Gattin führte. Die Pfeiler zwiſchen den hohen Fenſtern und die Langwand des Hilarius, Non possumus. I. 3 34 Korridors waren mit einer Reihe von Bruſtbildern geſchmückt, deren Gewandſchnitt die Trachten vor mehr als vier Jahrhunderten verrieth. Sie ſtellten die Ahnen der ehedem reichsunmittelbaren Herren von Thalheim und Dornberg vor, welche ſich der Abſtammung von dem alten Grafengeſchlechte der Ebonen rühmten. Mit der Gräfin Lucinde von La Rochelle ſtand dieſes Geſchlecht auf zwei Augen, und der directe Stamm erloſch mit ihr, da männliche Nachkommenſchaft nicht vorhanden war. Durch einen Erbvertrag mit ihrem Gatten hatte ſie dieſem neben einem Theile ihrer ausgedehnten Be⸗ ſitzungen auch das Eigenthum des Palaſtes übertragen, den ihr Großoheim, von der eigenen kleinen Hofhaltung gelangweilt, in der volkreicheren Reſidenz des benach⸗ barten Fürſten erbaut hatte. Seit der Mediatiſirung der Dynaſten von Thalheim bildete das prachtvolle, im heiteren Style der Renaiſſance aufgeführte Schloß den ſtändigen Sitz derſelben. In ihm fand Alles Vereini⸗ gung, was in den zerſtreuten Schlöſſern der Familie an Erinnerungen einer glänzendern Vergangenheit vor⸗ handen war. Julian muſterte im Vorübergehen die ſtattliche Ge⸗ ſellſchaft hoher Herren in Stahlkragen und Sammtkoller, in Spitzenhalsbinden à la van Dyck und galonirtem Seidenfracke, ſowie die jungen und alten Damen, welche in 35 die unerſchöpflichen Wandelungen der Mode mit ſtoi⸗ ſcher Nachgiebigkeit ſich gefügt hatten. Die theilweiſe niedergelaſſenen Fenſtervorhänge brachen vollends das halbe Licht, das vom umbauten Schloßhofe in den Korridor drang. So waltete darin eine ungewiſſe Däm⸗ merung, welche die Familienähnlichkeit dieſer Porträts noch überraſchend erhöhte. Julian verglich ſie im Geiſte mit dem letzten Gliede dieſer langen Kette, mit der Gräfin Lucinde, und ein Lächeln verzog ſeine Mund⸗ winkel. In dem ſchönen Weibe hatte die Natur einer andern Laune gefröhnt und ſich nicht an den Geſchlechts⸗ typus derer von Thalheim und Dornberg gehalten. Wer hätte auch nur einen Gran Aehnlichkeit zwiſchen dieſen kalten, hochmüthigen Geſichtern mit ihren nie⸗ dern Stirnen und eingedrückten Naſen, und jener rei⸗ zenden Anmuth finden können, mit deren Zauber Lu⸗ cinde Alles feſſelte, was ſich ihr nahte? Obwohl die Gräfin von La Rochelle die verhängnißvolle Linie der dreißiger Jahre bereits überſchritten hatte, wetteiferte ſie doch mit den jüngſten Schönheiten der Reſidenz. Ihre Locken, ihr Auge, ihr Mund, der Schnitt ihres Geſichtes, das harmoniſche Ebenmaß ihres Baues ward von den gewiegteſten Kennern weiblicher Reize für tadellos erklärt. In ihren Bewegungen lag Rhythmus, in ihrer Stimme ein verlockender Wohlklang, in ihrem 36 ganzen Weſen das richtige Maaß anziehender Sinn⸗ lichkeit. Julian fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, als wollte er das Bild wegſcheuchen, das ihm ſeine eigene Phantaſie als verſöhnenden Schluß dieſer Reihe ſteifer, alberner Köpfe vormalte. Wie abſichtlich hemmte er ſeine Schritte durch die zweite Hälfte des Flur⸗ gangs. Noch einmal überflog ſein Auge die lange Galerie der Ahnenbilder, und ſeinen Lippen entſchlüpfte die leiſe Bemerkung:„Vieux habits, vieux galons! Jämmerliche Reſte einer abgeblaßten Herrlichkeit! Schade für den Firniß, womit man dieſe Conterfeis neuerlich überzog. Jetzt tritt erſt das Pfuſchwerk recht brillant hervor!“ Er ſtand an der Thüre des Vorgemachs. Leiſe öffnete er. Die Sitte im gräflichen Hauſe, daß Alles geräuſchlos und ſachte geſchah, um die nervöſe Stim⸗ mung der Erlaucht zu ſchonen, war ihm ſeit Jahren zur Gewohnheit geworden. Sie widerſprach auch ſeiner eigenen Natur nicht. Kaum gewahrte ihn die Kam⸗ merfrau, als ſie ſich auch entfernte, um ihn zu melden. Er folgte ihr auf dem Fuße. Als er die Schwelle überſchritt, rauſchte die Portiere, und Lucinde trat gleichzeitig aus ihrem Schlafkabinet in den kleinen, mit kunſtſinnigem Luxus ausgeſchmückten Sprechſalon. Hinter ihr fiel der rothdamaſtene Vorhang in ſchweren Falten zuſammen, und hob, wie der Grund eines Bildes, die Grazie ihrer Erſcheinung. Nur ein Gedanke der Ueberraſchung und Befangen⸗ heit, und— der ſcharfſichtigſte Phyſiognomiker hätte dem jungen Doctor auch nicht die leiſeſte Gefühlserregung oder Verlegenheit abzulauſchen vermocht. Die Gräfin grüßte ihn mit liebenswürdiger Vertraulichkeit. „Welch' ein wichtiges Ereigniß wies Ihnen zu ſo früher Stunde den Weg in die Frauengemächer?“ be⸗ merkte ſie, indem ſie die langen, wallenden Aermel des weißen Morgenkleides ein wenig zurückſtreifte und ihm die Hand bot. Julian ergriff die Fingerſpitzen, führte ſie an die Lippen und entgegnete: „The fairest hand I ever touch'd! 0 beauty, Till noml never knew thee!“ Das geſchah Alles ſo anſtändig und mit ſo nüchterner Ruhe, daß die leiſe aufſteigende Röthe auf den Wangen der Gräfin kaum eine Berechtigung hatte. Lächelnd wandte ſie ſich ſeitwärts gegen den Pfeilertiſch, und während ihre Hand unter den dort aufgeſtellten Nipp⸗ ſachen aus einem noch nicht enträthſelten Grunde wühlte, erwiderte ſie: ——— —— „Die Worte ſind zu banal, als daß ich ſie aus Ihrem Munde gerne gehört hätte. Kommen Sie zur Sache, Doctor. Sie wiſſen, mich erwartet die Toilette⸗ ſtunde, und die erleidet keinen Aufſchub. Worin beſteht ihr Anliegen?“ Julian bequemte ſich zum geſchäftlichen Tone. Er entwickelte den Plan des Grafen, und machte ſeine Gründe für denſelben mit weniger Sarkasmus und mehr Feuer geltend, als in der vorhergegangenen Unter⸗ redung. Aber gegen Erwarten ſtieß er hier auf ein ernſteres Widerſtreben. Die gleiche Huld der Gräfin im Umgange mit Menſchen aller Art hatte ihn zu der Annahme verführt, daß ſie dieſe Frage mit richtigerem Gefühle, nicht nach den Vorſchriften der Etiquette löſen würde. Lucinde jedoch ſah in jener bedingungsloſen Liebenswürdigkeit ihres Betragens nur eine Aufgabe, kein Aufgeben ihrer Standesvorrechte. Zudem war ſie geiſtreich genug, das letzte Motiv ihres Widerſpruchs hinter einer Reihe höchſt praktiſcher und einleuchtender Gründe zu verbergen. Das Geſpräch ſteigerte ſich zu ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, und alle Kapitel der Er⸗ ziehungslehre mußten ſich die Beleuchtung von zwei entgegengeſetzten Standpunkten gefallen laſſen. Die Gräfin insbeſondere verfocht noch ritterlich ihre An⸗ ſicht, als Julian, durch die weibliche Logik in Ver⸗ 39 zweiflung gebracht, bereits zu ermüden begann. Er ſeufzte. Wetrübt Sie die Niederlage, die Sie erlitten?“ fragte die Gräfin lächelnd. „Doch nicht, Erlaucht!“ erwiderte Julian, indem er den niedergeſchlagenen Blick wieder zu der ſchönen Frau erhob.„Möge es mir die Huld der gnädigen Gräfin verzeihen, wenn ich eine kleine Folgewidrigkeit in der Wahl des Spielgenoſſen, gegenüber der Wahl des Erziehers für Graf Lucian finde. Zudem, ich weiß nicht welcher Dämon mir gerade jetzt den Anfang eines Briefes über Kindererziehung ins Gedächtniß ruft, welchen Rouſſeau an den Herzog Eugen von Würtemberg richtete. „Und der lautet?“ „Si j'avais le malheur, d'étre né prince.“ „Sie ſind boshaft, Doctor!“ entgegnete Lucinde raſch, und warf die kleine Schmuckſchale, die ſie eben in der Hand hielt, ſo heftig auf die Alabaſterplatte des Trumeau, daß ſie zerſprang und einzelne Stücke auf den Boden fielen. Eine Pauſe trat ein. Julian las die Trümmer zuſammen und ſagte mit komiſchem Ernſte: „das Glück von Edenhall!“ „Unausſtehlicher Menſch!“ bemerkte Lucinde mit der früheren Heiterkeit, da das kleine Intermezzo ihren Unmuth ſchnell abgekühlt hatte.„Ich ſehe wohl, daß ich mit Ihnen nur auf dem Wege des Vergleiches zu⸗ recht komme. Wir wollen die Entſcheidung unſerer Streitfrage dem Zufalle überlaſſen. Ich wähle nach meiner Ueberzeugung und meinem Geſchmacke, Sie nach dem Ihrigen. Wem zuerſt der glückliche Wurf gelingt, der mag triumphiren. Sind Sie deſſen zufrieden?“ Julian nahm den Vorſchlag mit Dank und Freude entgegen. Er hatte bereits gewählt, und war ſich auch der Trefflichkeit dieſer Wahl bewußt. Noch deſſelben Nachmittags finden wir ihn im Dachſtübchen der Amt⸗ mannswittwe, deren ſeliger Mann vor etlichen Jahren den jungen Staatsdienſtadſpiranten in die Geheimniſſe der Bureaukratie eingeweiht hatte. Ein glücklicher Zufall wies dieſem nach kurzer Zeit die Rolle an, die er jetzt noch im Palaſte des Grafen von La Rochelle ſpielte. Daß dieſe Rolle wenigſtens ſeit Jahr und Tag nicht die eines Statiſten war, blieb Niemanden verborgen, dem nur ein flüchtiger Blick in die gräfliche Haus⸗ haltung geſtattet war. Aus der furchtſamen Beſcheiden⸗ heit, mit welcher ſich der äußerſt begabte und gründlich gebildete Jüngling anfänglich auf dem ungewohnten Parketboden bewegte, war eine Beſtimmtheit und Zu⸗ perſicht geworden, die alle ſeine frühern Freunde über⸗ raſchte. Andererſeits trat an die Stelle herablaſſender —,— r 41 Freundlichkeit, womit der Graf bisher den Hofmeiſter ſeines einzigen Sohnes behandelte, eine gewiſſe ängſt⸗ liche Scheu vor demſelben. Er war ihm unverkennbar läſtig geworden, ohne daß er den Muth hatte, ſich ſeiner zu entledigen. In der geſchwätzigen Reſidenz raunte man ſich in die Ohren, der Doctor ſtehe unter dem Protectorate ſeiner ſchönen Gebieterin, der Gräfin Lucinde, deren Launen ſich der Ehegatte müſſe gefallen laſſen. Aber die Vorurtheilsloſen fanden an dem Auftreten und Gebaren der Dame auch nicht das Mindeſte, was dieſe Verleumdung rechtfertigte. Zudem fehlte es an jener Vorausſetzung, welche bei derartigen Verhältniſſen ge⸗ meinhin als weſentlich gilt. Julian war witzig, geiſt⸗ voll, anregend; er wußte ſeine ungemeinen Kenntniſſe zu verwerthen, und ſein unterhaltender und lebhafter Vortrag gewann insbeſondere auch durch den Wohlklang ſeiner Stimme. Aber ſeine äußere Erſcheinung war nichts weniger als anmuthend. Es lag etwas Unmar⸗ kirtes, Weibiſches in ſeiner Geſtalt wie in ſeinen Ge⸗ ſichtszügen. Die Wirkung deſſen war um ſo ungünſtiger, als es von der ſelbſtbewußten Sicherheit und der Ironie ſeines Weſens ſeltſam abſtach. Er konnte ſich dem ſchönen Geſchlechte gegenüber trotz ſeiner glänzenden Eigenſchaften keiner ſonderlichen Triumphe rühmen. 42 Alles dieſes zuſammengefaßt, machte ſein Verhältniß im gräflichen Hauſe nur noch räthſelhafter. Frau Walburga empfing den ſeltenen Gaſt mit einer Ehrerbietung, wie ſie nur eine Beamtenwittwe dem Salongeruche zollen kann. Seinem Wunſche, Theo⸗ bald zu ſehen, ward mit aller Geſchäftigkeit entſprochen, und der Junge ſofort herbeigeholt. Er erſchien in heiterſter Laune. Die Natur des Knaben war ſo ent⸗ ſchieden romantiſch angelegt, daß bei ihm der ganz perſönliche Eindruck ohne alle Vermittelung mit voller Kraft wirkte. Doctor Julian gehörte nun einmal zu den Begünſtigten, denen er ſeine Sympathie zugewendet hatte. Das wußte dieſer auch, und neben den ſonſtigen guten Eigenſchaften des lebendigen, ſinnigen Knaben war es vorzugsweiſe dieſer Umſtand, welcher ſein Augen⸗ merk auf ihn gelenkt hatte. Als er nun mit ſeinem Antrage wirklich hervortrat, ſtrahlte Theobald's Geſicht vor heller Freude. Wohlgefällig betrachtete ihn der Doctor, und freute ſich ſeiner friſchen und verſtändigen Antworten.„Wenn ich“, dachte er ſich,„den Lockenkopf in ſolcher Stimmung vor Lucinde bringe, bin ich meines Sieges gewiß!“ Weniger günſtig war die Wirkung, welche der Vor⸗ ſchlag bei Frau Walburga hervorrief. Kaum vor etlichen Monaten hatte ſie ihren Juſtus nach einem ſchmerzlichen 43 Kampfe dem Schwager Rothgießer übergeben; nun ſollte ſie auch noch von ihrem Herzblatte ſcheiden. Das ging faſt über ihr Vermögen. Es koſtete viel, bis der Ge⸗ danke an die Zukunft des Knaben die Mutterliebe in den Hintergrund gedrängt hatte. Weinend gab ſie nach, und ihre Thränen fanden ſchier kein Ende, als ſchon des andern Tages die Entſcheidung eintraf, und Theobald die förmliche Beſtallung als Spiel⸗ und Lern⸗ genoſſe des jungen Grafen Lucian von La Rochelle erhielt. Gräfin Lucinde hatte die Amtmännin gleichzeitig zu ſich beſchieden. Sie empfing die bängliche Frau mit aller Huld, fand ſich aber in ihrer Erwartung voll⸗ kommen getäuſcht. Der überraſchende Eindruck, den die Erſcheinung Theobald's auf ſie gemacht hatte, ver⸗ band ſich mit der Vorſtellung einer nicht weniger an⸗ ziehenden Mutter. Statt deſſen trat ihr ein recht bürgerlich empfindſames, hausbackenes Weib entgegen, deſſen weinerliche Stimmung kein freundliches Wort und keine Theilnahme zu verdrängen vermochte. Für dieſes klägliche, im Schmerz der Entſagung aufgelöſte Weſen hatte die edle Gräfin kein Verſtändniß, und ihr Stolz fand ſich beleidigt durch die ſcheinbare Gering⸗ ſchätzung des Glückes und der Ehre, die man dem bürgerlichen Jungen hatte angedeihen laſſen. So ver⸗ 44 abſchiedete ſie die Amtmännin mit fühlbarer Kälte, und bat, daß wenigſtens Anfangs die gegenſeitigen Beſuche von Mutter und Sohn auf das Unerläßlichſte beſchränkt bleiben mögen. Es handle ſich darum, daß Theobald das Heimweh verlerne, und ſich möglichſt raſch mit Liebe in ſeine neue Lage finde. Frau Walburga hatte nicht ſobald ihr kleines Stüb⸗ chen im vierten Stocke wieder betreten, als ſie ſich einer völligen Troſtloſigkeit hingab. Die letzten Worte der Gräfin hatten ſie niedergedrückt. Zu dem Gefühle der Vereinſammung trat der Vorwurf, daß ſie ſich ihrer Mutterpflicht entſchlagen, und um äußern Vortheiles willen vielleicht das Seelenheil ihres Lieblings in Ge⸗ fahr gebracht habe. Dieſe ſinnbetäubende Pracht, dieſer Hochmuth und Stolz, dieſe Kälte und Gemüthsarmuth, wie konnte das Alles ohne den tiefſten Eindruck auf das bildſame Gemüth des Knaben bleiben? Wie ſehnte ſie ſich nach ihrem Juſtus, um ihr belaſtetes Herz gegen ihn ausſchütten zu können, und doch wieder, mit wel⸗ cher Bangigkeit ſah ſie dem Augenblicke entgegen, wo ſie dieſem das folgenſchwere Familienereigniß mittheilen und ſein Urtheil anhören mußte, deſſen Klarheit und Sicherheit nun nicht mehr wie ehedem den Ausſchlag geben konnte! Die Haſt, womit man zur Entſcheidung 45 drängte, hatte keine Zeit übrig gelaſſen, ſeinen Rath zu vernehmen. Des andern Tages war Feſttag, und Juſtus durfte wie üblich nach dem Morgengottesdienſt die Mutter heimſuchen. Einen Gewinn hatte er bereits aus den etlichen Monaten ſeiner Lehrzeit gezogen; die Beſchrän⸗ kung der freien Stunden erhöhte ihm den Werth der letztern. Die ganze Woche über war ſein Auge auf den Sonntag gerichtet, wo er den Weg nach Hauſe ein⸗ ſchlagen und den Nachmittag über bei ſeinen Lieben verweilen durfte. Wie koſtbar waren ihm dieſe Augen⸗ blicke, und welchen Feſtglanz verbreiteten ſie über den ganzen Tag! Solch ein freudiges und behagliches Sonntagsgefühl hatte er bisher gar nicht gekannt. In dieſer Stimmung brachte er auch heute der Mutter den Morgengruß. Arglos beachtete er nicht ſogleich die Abweſenheit Theobald's, und Frau Wal⸗ burga, welche ſich wie alle ſchwachen Gemüther vor raſchen Entſcheidungen fürchtete, wollte ihn zuvörderſt auch nicht unterbrechen in dem Berichte ſeiner kleinen Erlebniſſe. Endlich mußte aber die Sache doch verhandelt wer⸗ den. Als nun einmal die Bahn gebrochen war, folgte auch die Erzählung der Ereigniſſe in aller Breite und Tiefe, mit Allem, was ſich an Gründen und Gegen⸗ 46 gründen, Zweifeln und Hoffnungen daran reihen ließ. Dabei fehlte es ſelbſtverſtändlich weder an Thränen und Klagen, noch an freudigen Herzensergießungen und hübſchen Phantaſiebildern in Betreff der Zukunft Theobald's. Juſtus ſaß ſtille da. Sein Blick haftete ſtarr und wie theilnahmlos auf dem Gebetbuche, das er noch in den Händen hielt. Nur als er vernahm, daß bereits Alles entſchieden ſei, und der Bruder ſich ſeit geſtern im gräflichen Hauſe befinde, flog ein leiſes Zucken über ſein Geſicht. Die langbewimperten Augenlider hoben ſich zu einem einzigen Blick ſchmerzlicher Ueberraſchung, um ſich ſofort wieder zu ſenken. Der feine Thau von 3 Röthe, der auf ſeinen Wangen lag, ward von innerer Fieberhitze aufgezehrt. Die Mutter merkte es nicht in der Erregung des Geſprächs, und weil es ihr ſelbſt immer vor den Augen flimmerte. Endlich hatte ſie den Schluß ihres Vortrages gefunden. „Hab' ich nun Recht gethan, Juſtus?“ fragte ſie, und fuhr ſich neuerdings mit der Schürze ins Geſicht. „Glaubſt Du nicht, es wäre vernünftiger geweſen, den Verſucher zurückzuweiſen? Ach Du mein Gott, ich bin ein armes, rathloſes Weib, und in mir klingt jetzt Alles ſo zwiſpältig! Soll ich mich freuen darob, wie über eine glückliche Fügung des Himmels? Glaubſt 47 Du, daß es einer Mutter Segen bringt, wann ſie ihr Recht an den Sohn aufgibt um eitler Hoffnungen willen? Ich komme mir vor wie die Amme, die für ein fremdes Kind ihr eigenes opfert. So red' doch, Juſtus, und ſieh nicht ſo jämmerlich drein!“ Aber Juſtus ſchwieg noch eine Weile; denn in ſeiner Seele gingen die Grundwellen noch zu hoch. Erſt als er ſich gefaßt hatte, erwiderte er ruhig und beſtimmt: „Mutter, unſere Ziele ſtecken vor und nicht hinter uns. Meine kindliche Liebe gebietet mir zu glauben, daß Du Alles, was Du gethan haſt, mit Ueberlegung und in der Ueberzeugung eines glücklichen Ausganges thatſt. Was wir aber als recht und gut erkannt haben, zu dem müſſen wir uns auch freudig und getroſt bekennen. Das Ende beſtimmt die Vorſehung!“ Dann reichte er ihr die Hand, und lenkte das Ge⸗ ſpräch auf andere Gegenſtände. So verging der Sonn⸗ tag⸗Nachmittag ſtill und ernſt, doch ohne weitern Mißklang. Der Name Theobald ward von beiden Seiten vermieden. Mutter und Sohn fühlten, daß weitere Erörterungen über dieſe Familienkataſtrophe auf eine Zeit verlegt werden müßten, wo die Beſonnenheit vor der unmittelbaren Empfindung zu Wort kommt. Juſtus insbeſondere ſtrengte ſich an, die zeitweiſe ſtockende Unterhaltung durch Schilderungen aus ſeinem 48 eigenen Leben wieder in den Fluß zu bringen. Er erzählte von der zunehmenden Neigung ſeines lieben Meiſters, und wie ſelbſt Jungfer Gundel allgemach an⸗ fange, ihm ihr Herz zuzuwenden, obwohl ſie es noch immer unverzeihlich finde, daß der Herr den armen Jonas ſo ſchnöde und höhniſch habe abfahren laſſen. Er ſprach von ſeiner wachſenden Freude am Handwerk, und wie er erſt jüngſt geleſen, zu welch hohem Künſtler⸗ ruhme die Rothgießerfamilie Viſcher in Nürnberg vor vielen Jahrhunderten gelangt ſei. Wenn ſeine Lehr⸗ jahre vorüber, ſo wolle er zuvörderſt nach Nürnberg wandern, der Stadt voll gewaltiger Erinnerungen an die Blüthezeit deutſcher Kunſtgewerkſchaft. Einſtweilen benütze er ſeine Freiſtunden zu Zeichnungen und Ent⸗ würfen, die ihm allgemach ſchon beſſer von der Hand gingen, und Herr Lazarus Knechtlein, der Formen⸗ ſchneider an der Ecke der Wallgaſſe, habe ihn ſchon ab und zu eingeweiht in die Handgriffe ſeiner Kunſt. Der Mann ſei zwar ein Sonderling von ganz ausnehmender Art, aber keineswegs der verrückte Narr, wozu ihn die Leute machten. „Dem Himmel ſei Dank!“ dachte ſich Frau Wal⸗ burga in ihrem Sinne, als ſie ihren Sohn ſo ruhig und vernünftig plaudern hörte.„Er findet ſich drein, und ſo kann ich mich auch in Gottes Namen fügen.“ 49* Dann wendete ſie ſich mit der Frage an ihn:„Wie geht's mit der Martha?“ „Ich denke gut. Der Arzt war ſeit zwei Tagen nicht im Hauſe!“ erwiderte Juſtus, indem er raſch wieder auf Herrn Lazarus Knechtlein überſprang, mit dem er eine ganz ſonderliche Freundſchaft angeknüpft zu haben ſchien. So kam die Stunde des Abendimbiſſes, die er beim Meiſter verbringen mußte. Beim Abſchiede gab er der Mutter noch das Verſprechen, dieſem die Ereigniſſe der letzten Tage vorſichtig und klug beizubringen. Denn die Amtmännin hatte eine große Scheu vor dem Schwager. Sie fürchtete die Strenge ſeines Urtheils und die derbe Manier, womit er ihr in allen Dingen die Meinung ſagte. Dennoch durfte ſie das Spiel mit ihm nicht verderben. Die Sonntags⸗Abendſchüſſel dampfte bereits am Tiſche, als Juſtus eintrat. Herr Ebenſtreit arbeitete juſt an einem Lendenſtücke mit demſelben Eifer, wie vor dreißig Jahren an ſeinem Meiſterſtücke. Er wür⸗ digte ſeine Nachbarin, die ſchwatzhafte Gundel, kaum eines Blicks, viel weniger einer Antwort. Seinem würdigen Beiſpiele folgte der Ciſelirer und Vorarbeiter in der Werkſtatt, ein alter, griesgrämlicher Hageſtolz, aber ein geſchickter und handſamer Geſelle, der ſeit Hilarius, Non possumus. I. 4 50 mehr als einem Jahrzehnt die Familiengenoſſenſchaft theilte und beim Meiſter hoch in Ehren ſtand. Zwi⸗ ſchen beiden war der Stuhl für den Lehrjungen frei⸗ gehalten. In der Ecke der Wandbank aber ſaß eine junge Dirne in grauem Hausgewande, den Kopf nach⸗ läſſig an das Lambrisgeſims zurücklehnend. Das war Martha, Herrn Ebenſtreit's Mündel, die nach längerer Krankheit heute zum erſten Male wieder am gemein⸗ ſamen Familienmahle Theil nahm. Juſtus grüßte und nahm ſeinen Platz ein. Sorglich legte ihm Gundel den bereits zugeſchnittenen Antheil vor; aber mit dem beſten Willen vermochte er nicht Beſcheid zu geben. Seine Kehle war ihm wie zuge⸗ ſchnürt. „Was iſt Dir, Junge?“ fragte der Meiſter, dem von ſeinem Standpunkte aus dieſe Enthaltſamkeit eine ebenſo unerklärliche, als eines freiſinnigen Mannes unwürdige Grille dünkte.„Hat Dir die Frau Mutter wieder zugeſteckt? Oder drückt Dich etwas? Einem guten Gewiſſen ſchmeckt ein guter Biſſen, hat man zu meiner Zeit geſagt.“ Juſtus ſchützte ein Unwohlſein vor. Seine Stimme ſchwankte, und Martha meinte auch, er ſehe gar übel drein. Nach Tiſch aber nahm er den Meiſter beiſeite, und bemerkte, daß er ihm etwas anzuvertrauen habe. 4 3 2 51 „Dacht' ich's doch“, erwiderte der Rothgießer, und indem er auf Stirn und Bruſt deutete, fügte er bei:„Wem's da und da richtig iſt, der läßt kein gebratenes Lenden⸗ ſtück ungenoſſen!“ Dann zündete er den Wachsſtock an, und Juſtus folgte ihm in die Lagerkammer auf der andern Seite der Hausflur. Kaum hatten die Beiden das Zimmer verlaſſen, als die Schelle noch einen ſpäten Gaſt meldete. Die Dämmerung war noch nicht ſo weit vorgeſchritten, um die anſehnliche Geſtalt des Eintretenden nicht ſofort erkennen zu laſſen. Es war Herr Tobias Sander, Baccalaureus, Vicar und Chorregent bei Sanct An⸗ dreas, der ſchon als armer Stiftszögling im Hauſe des Rothgießermeiſters freundliche Aufnahme und Unter⸗ ſtützung gefunden hatte. In jüngſter Zeit friſchte er die alte Bekanntſchaft mit ſonderlichem Eifer wieder auf. Der Herr Vicar war im ganzen Pfarrſprengel als unermüdlicher Seelſorger bekannt, und ſeine Pre⸗ digten äußerten eine weſentliche Anziehungskraft auf das eingepfarrte ſchöne Geſchlecht. Aber auch ſonſt im Umgange galt er als ein feiner und gewandter Mann, dem die Rede glatt von den Lippen floß. Artig und einnehmend im Frauenkreiſe, im Männerkreiſe ernſt oder launig, je nach Geſtalt der Sache, überdieß von anſprechendem Aeußern, rechtfertigte Herr Tobias 4* 54 „Fluctuation der Moralität“ zu bearbeiten hatte, wurde durch dieſe Erſcheinung ſo überraſcht, daß er in ſeiner Herzensfreude ein Artikelchen in die Staatszeitung von Stapel laufen ließ. Die Wirkung war eine unerhörte, leider aber in einem andern Sinne, als der Verfaſſer gehofft hatte. Durch ein Verſehen des Setzers erſchien in der Ueberſchrift das Wort„Mortalität“ ſtatt„Mo⸗ ralität“, und ſo rief die erſtaunliche Sterblichkeit unter der Jungfrauenſchaft der Reſidenz einen paniſchen Schrecken hervor, namentlich im betreffenden Kreiſe ſelbſt. Schon im erſten Beſtandjahre des Bundes„zum Herzen Mariä“ mußte jedoch Herr Vicarius Sander die betrübende Erfahrung machen, daß auch in ſo from⸗ men Genoſſenſchaften trotz aller eindringlichen Liebes⸗ ermahnungen der Same der Zwietracht Wurzel ſchlage. Es bildeten ſich zwei Parteien unter den Sodaliten: die gemäßigten Jungfrauen, die eine richtige Miſchung geiſtlichen und irdiſchen Vergnügens als Dogma auf⸗ ſtellten,— und die ſtreng puritaniſche Sekte, welche jede Weltluſt als ein Bleigewicht an den Flügeln der Pſyche verurtheilte, und ſelbſt die Ehe nur als eine ſtaatsrechtliche Nothwendigkeit, als Mittel zum Zwecke der Fortpflanzung des Bundes betrachtet wiſſen wollte. Die gegenſeitige Erbitterung ſteigerte ſich zu einer un⸗ 8 55 leidlichen Höhe, als es ſich um Neuwahl einer Vor⸗ ſteherin handelte, und ein unheilbares Schisma ſtand in Ausſicht. Sander predigte Verſöhnung; aber ſeine Worte glitten, wie Pfeile vom Stahlpanzer, ſonderlich von den Herzen der gemäßigten Jungfrauen ab. Die beiden Parteien knüpften ihr Verbleiben im Bunde an den Wahlſieg der aufgeſtellten Candidatinnen. In dieſer Noth blieb kein anderer Ausweg, als die Auf⸗ ſtellung einer dritten Candidatur im Momente der Entſcheidung. Der ſcharfblickende Vicarius warf ſein Augenmerk ſofort auf Martha, des Rothgießers Mündel. Er wußte, daß das Mädchen eben ſo begeiſtert für die Sache des Bundes im Allgemeinen war, als es den innern Parteikämpfen ferne ſtand. In der That hatte Martha eine reiche Zahl Freundinnen in beiden Lagern, und es waren alle Ausſichten vorhanden, daß dieſe Vermittlungspolitik bei der Wahl eines günſtigen Augen⸗ blicks durchſchlagen werde. Mit der gewohnten Beredtſamkeit ſuchte der Vica⸗ rius Martha für ſeinen Plan zu gewinnen. In der perſönlichen Verehrung, die ihm die Jungfrau zollte, und in ihrer verzeihlichen Eitelkeit hatte er zwei ge⸗ waltige Mitkämpfer. Als ſchließlich noch Gundel ihr kräftiges Wort auf die Wagſchale legte, verzichtete die 5² Sander das nicht gewöhnliche Wohlwollen, welches er allſeits genoß. Seine Talente waren ſo kosmo⸗ politiſcher Natur, daß in ſeiner Umgebung alle Gegen⸗ ſätze ſchwanden. „Du grundgütiger Himmel!“ rief Gundel, und riß die ſchmuzige Schürze vom Leibe, als ſie des Herrn anſichtig ward.„Euer Hochwürden, und ſo ſpät! Kend*) die Lampe an, Loifl! Ach Du mein Gott, wer denkt wohl, daß uns der Herr Vicarius— ſo deck doch den Tiſch ab, Martha, es iſt ja eine Schande vor dem was ich ſagen wollte, Hochwürden bringen 1“ Herrn! Ja, uns ſelber den Abendſegen, und ſo ſpät noch Der Altgeſelle that wie ihm geheißen ward. Als die Lampe brannte, drückte er ſich aus der Stube, offen⸗ bar weniger freudig überraſcht, als Jungfer Gundel. Martha aber empfing den Eintretenden mit herzlichſtem Willkomm, und nöthigte ihn zum Sitzen. Den Grund, welcher den Vicarius zu dem ſpäten Beſuche im Hauſe des Meiſters veranlaßte, hatte Gun⸗ del's Tiefblick nicht errathen. Auch wir bedürfen zu ſeinem Verſtändniß einer kleinen Abſchweifung. Auf Anregung und unter der Obhut des jungen Klerikers hatts ſich im Pfarrſprengel ein Verein von *) Idiotikon für anzünden. 53 Jungfrauen zu dem Zwecke gebildet, einem dringenden Bedürfniſſe abzuhelfen. Bekanntlich liegt in den Freu⸗ den, welche die Welt bietet, wie in dem Honigkranze der Blumen, ein feines Gift, von welchem jene ſorg⸗ loſen Bienennaturen, die nur zum Honigſammeln aus⸗ fliegen, keine Ahnung haben. Es iſt unzweifelhaft ein verdienſtvolles Unternehmen, auf die Myſterien dieſes Giftes hinzuweiſen, und die Wirkungen deſſelben durch chemiſche und mikroſkopiſche Unterſuchungen zum Ver⸗ ſtändniß jener jungfräulichen Gemüther zu bringen, welche ſonſt kein Arg haben. Damit ſteigert ſich dann ſelbſtverſtändlich die Sehnſucht nach wirkſamen Heil⸗ mittteln. Der weltlichen Luſt und Eitelkeit wird ent⸗ ſagt. An die Stelle jenes ſündhaften Genuſſes, der im Arbeiten, Ringen und Kämpfen liegt, tritt die ſüße müheloſe Schwelgerei des Gebetes und der Beſchauung. Fromme, geiſtliche Exercitien müſſen in lieblicher Ge⸗ meinſchaft zum gegenſeitigen Bewußtſein ihrer Verdienſt⸗ lichkeit gebracht werden. Das war die Aufgabe des „Jungfrauenbundes zum Herzen Mariä“, wie er ſich nannte. Mit ungemeiner Raſchheit wuchs die Zahl der Mit⸗ glieder, und machte alsbald alle ſtatiſtiſchen und Wahr⸗ ſcheinlichkeitsberechnungen zu Schanden. Der Referent im Landesdirectorium, welcher das Kapitel über die 56 ſich Sträubende auf die letzten kleinen Bedenklichkeiten, und fügte ſich dem Plane. So hatte man ſich zur allſeitigen Zufriedenheit ver⸗ ſtändigt, und der Vicarius war juſt im Begriffe, ſich zu verabſchieden, als Meiſter Ebenſtreit wieder ins Zimmer trat. Man ſah es ſeinem Geſichte an, daß auch er einen Strauß durchzumachen hatte, der aber eine weniger harmoniſche Löſung mußte gefunden haben. Denn ohne des Gaſtes zu achten, warf ſſich der alte Herr in den Sorgenſtuhl, und ſuchtelte etliche Male mit den Armen durch die Luft, wie er es im Zuſtande ungewöhnlicher Aufregung zu thun pflegte. Selbſt den brennenden Wachsſtock vergaß er auszublaſen, und als ihm der Vicarius ſchüchtern eine ruhſame Nacht bot, ſchob er nur die Mütze etwas ſeitwärts, und der Gegengruß blieb ihm im Halſe ſtecken. Neben der Lagerkammer, in welcher der Herr ſo eben Unterredung mit dem Lehrjungen gepflogen hatte, befand ſich ein kleines Cloſet mit einem Halbfenſter gegen den Hof. Bei helllichtem Tage dämmerig, war der beſcheidene Raum bereit mit tiefem Dunkel erfüllt, als ihn Juſtus nach dem Zweigeſpräche betrat. Hier war ihm, entfernt von der Geſellenkammer, aus be⸗ ſonderer Rückſicht ſein Loſament angewieſen. In erſter +— — 57 Zeit muthete ihn das einſame Nachtlager in dem düſtern Raume unheimlich an; allgemach fügte er ſich drein, wie in manches Andere. Nun aber war es ihm Gewinn, allein zu ſein. Er konnte unbelauſcht die Decke wegheben von ſeinem Schmerz, und ihn laut werden laſſen vor den kalten Wänden, die ihn nicht verriethen, vor der Nacht, die auf ihm lag, ohne ihn zu hören und ſeiner zu achten. War ſie theilnahm⸗ loſer als die Menſchen? Hatte ſeines Leidens die Mutter eine Ahnung, die ſich nur um Theobald küm⸗ merte, und ihren Verluſt beklagte? Oder der Meiſter, der nur über der Amtmännin Hochmuth und die Hint⸗ anſetzung ſeines Rathes grollte? War nur in einer freundlichen Seele der Gedanke angeklungen: Armer Juſtus! Du haſt ſo ein ſchweres Opfer gebracht,— nicht weniger als das Ringen und Mühen Deiner ſchönſten Knabenjahre, den tiefen Drang zu lernen, die dürſtende Sehnſucht nach Wiſſen,— die Hoffnung, einſt die Wunderfrüchte vom Baume der Erkenntniß zu pflücken und die Räthſel der Natur und des Gei⸗ ſtes zu löſen, die Dich wachend und träumend be⸗ ſchäftigten? Den ganzen Reiz des Daſeins haſt Du hingegeben um einen Fleiſchtopf am Tiſche Deiner Mutter! Nun iſt dieſes große, große Opfer überflüſſig, und Du bleibſt dennoch ausgeſchloſſen von dem Para⸗ 58 dieſe, auf das Du einmal verzichtet haſt. Wer lohnt Dir dieſen vergeblichen Verzicht? Wer erſetzt Dir das Unerſetzliche, das unwiderbringlich Ver⸗ lorene? Hat Einer die Spur gefunden und iſt den Fußtritten Deines Schmerzes nachgegangen? Vielleicht Martha? Sie hat Dich theilnehmend an⸗ geſehen und gemeint, Du ſeiſt krank. Aber daß Du in der Seele leideſt, das konnte auch ſie Dir nicht abmerken. Der Knabe ſchloß die brennenden, trockenen Augen. Die Gedanken, die gleich lebendig gewordenen, näch⸗ tigen Geſtalten an ihm vorüber flogen, thaten ihm körperlich wehe. Er richtete die Blicke einwärts, und ſuchte in den dunklen Gängen ſeiner Seele, wo er eines Grubenlichtes Helle fände. Und als er tief genug hinabgeſtiegen war, da ſchlug eine Stimme an ſein Ohr: „Beginnen iſt ſchwer; ſchwerer iſt Vollenden! Wem aber die Kraft gegeben iſt, zu beginnen, der muß ſich die Kraft ſuchen, zu vollenden. Die Reue, die Dich am erſten Meilenſteine Deiner Wan⸗ derung zum Ziele überfällt, liegt in tauſend Fällen nicht im Mangel an Kraft, ſondern im Mangel an Willen. Deines ſeligen Vaters Leibſpruch war: Der Menſch kann, was er will, wenn er will, was er ſoll. Das iſt ein altes, abgenütztes Wort; aber die ewigen, höchſten Wahrheiten ſind alle alt und abge⸗ nützt. Leg' Dich ſchlafen, Juſtus! Du kannſt, was Du willſt!“ Drittes Kapitel. Jede klare Erkenntniß iſt eine Neubildung des Daſeins. Auerbach„auf der Höhe.“ Jeder gewaltige Schmerz wirkt läuternd und klä⸗ rend, wenn wir uns wehrhaft ihm gegenüber ſtellen. Mit ihm ringen, heißt ihn überwinden. Die Narben, die er hinterläßt, ſind wie die Furchen eines Neubru⸗ ches, zu höherer Entwickelung befähigend, Bedingungen einer Wandelung unſeres Weſens, mit der wir höhern Werth erlangen. Als die Frühglocke erſcholl, und ſich Juſtus den Schlaf von den Augen rieb, fühlte er ſich wunderbar beruhigt. Er hatte ſich durchgearbeitet zur Erkenntniß einer nothwendigen Beſtimmung ſeines Lebens, und ſich mit dieſer Nothwendigkeit verſöhnt. Es war in der That eine Wandlung mit ihm vorgegangen. Die 61 Brandungen, denen er Widerſtand leiſten mußte, hatten ihn gekräftigt und geſtählt. Nicht die Zahl der Tage, ſondern ihr Inhalt an Erfahrungen und Errungenſchaften drängt zur Reife. Gleich dem Knaben im Märchen, der im Schloſſe der verwunſchenen Prinzeſſin über Nacht zum Manne wurde, ſo hatte Juſtus in den jüngſten Kämpfen die Kinder⸗ ſchuhe eingebüßt, und war über Nacht zum Jünglinge gereift. Als er in die Wohnſtube trat, in der ſchon das milde, herbſtliche Sonnenlicht auf dem Getäfel lag, da ward es auch in ihm erſt recht helle und heiter, und der geſtrige Tag lag hinter ihm wie in weiter, weiter Ferne. Herr Hans Ebenſtreit hatte wohl auch ſeinen Groll verſchlafen; denn er ging auf ihn zu, was er ſonſt aus Reſpekt vor ſich ſelber nicht zu thun pflegte, gab ihm die Hand und ſprach mit würdigem Lächeln: „Haſt Du's verwunden, Junge? Kannſt Dich alle⸗ weil tröſten, daß Du nicht auch ein Herrenlakai ge⸗ worden biſt, wie der Theobald! Ein freier Meiſter gilt mehr als ein betreßter Knecht, und wenn Du zu Fuß gehſt, ſo fällſt Du nicht vom Gaul. Das iſt reſpektive mein Glaubensbekenntniß, Du verſtehſt mich, Juſtus. So, und nun laß Dir die Suppe ſchmecken!“ Derweilen war auch Martha ins Zimmer getreten und begoß den Rosmarin und die Balſaminſtöcke, die am Fenſtergeſimſe blühten. Darnach wandte ſie ſich gleichfalls zu Juſtus, und fragte ihn, wie es ihm heute gehe. Die Jungfer war im Sonntagsputze, und das ſilbergeſtickte Mieder mit dem reichen Geſchnür, die feine vielgewundene Halskette und das goldene Riegel⸗ häubchen ſtanden ihr ſo anmuthig zu Geſicht, daß Juſtus völlig überraſcht wurde, und ihm ſtatt einer Antwort die Röthe ins Geſicht ſtieg, er wußte nicht warum. Schade, daß ihn Martha um etliche Frühlinge überholt hatte! Zuweilen ſah ſie auch wirklich den Lehrjungen mit einem Blicke an, als bereue ſie dieſe Voreiligkeit. Nur heute war ihre Theilnahme eine völlig uneigennützige; denn in ihrem Köpfchen ſpuckte ausſchließend die Vorſteherin des Bundes zum Herzen Mariä und der Stolz, daß ſie damit noch um eine Stufe höher in der Gunſt des trefflichen Vicarius zu Sanct Andreas ſteigen würde. Dieſes erhebende Be⸗ wußtſein hatte ihr auch in einer Nacht wieder Roſen auf die Wangen geſtreut, und die letzte Spur des kaum überwundenen Siechthums verwiſcht. Juſtus ging rüſtig an die Arbeit. Mit ungemeiner Willenskraft drängte er alle Bilder und Pläne der Vergangenheit beiſeite. Er rechnete mit dem peinlichen Gedanken ab, daß ihn die Willkür des Schickſals auf 63 fremde Bahnen geworfen, und feſtigte die Ueberzeugung von einer vorgeſehenen Lebensbeſtimmung. Hatte er ſich nur vorerſt das Handwerk zu eigen gemacht, ſo hoffte er es noch erringen zu können, daß ihm die Kunſt Einlaß gewähre in ihr Heiligthum. In dieſer Hoffnung beſtärkte ihn ſonderlich ſein neugewonnener Freund, Herr Lazarus Knechtlein, der Formenſchneider. Wenn der Meiſter Feierabend geboten hatte und das Nachtmahl beendet war, dann wanderte Juſtus regelmäßig die Wallgaſſe hinab, und hielt Ein⸗ kehr in der kleinen, dämmerigen Werkſtätte, die einen gar wunderlichen Anblick bot. In buntem Durchein⸗ ander war hier Altes und Neues, Bild und Zeichnung und Schnitzwerk neben Holzſtöcken, Spänen und ſon⸗ ſtigem Unrath aufgehäuft. Das ſtimmte zu der Er⸗ ſcheinung des Formenſchneiders ſelbſt, dem die Kleider am Leibe hingen, als hätte er ſie juſt am Trödelmarkte eingetauſcht, und dem es nicht darauf ankam, wenn er einmal die Perrücke verkehrt aufſetzte. Und dennoch blickte aus all dem Wuſt und Schmuz etwas durch, was den Künſtler verrieth, der hier hanthirte. Er war ein eigener Kauz, der alte Knecht⸗ lein. Wohl bewandert in der Kunſt, trieb er das Formenſchneiden doch bloß handwerksmäßig und um des nothdürftigen Verdienſtes willen. Was er ſonſt in 64 freien Stunden Künſtleriſches ſchuf, wanderte in Schrank und Kaſten, und blieb vor den Augen der Welt ver⸗ borgen. Niemand ahnte, welch ein Reichthum von Zeichnungen, Entwürfen und Holzſchnitzereien aller Art in regelloſen Haufen alle Fächer und Schubläden ſeines kleinen Haushaltes füllte. Niemand wußte, welch einen Schatz älterer Kunſtwerke aus allen Zweigen der men⸗ ſchenſcheue Sonderling die Zeit ſeines Lebens hindurch aller Enden und Orten ſich geſammelt hatte, um ihn, wie der Hahn im Märchen, hinter Schloß und Riegel zu bewachen. Juſtus war der Erſte, dem er einen Blick gönnte in die Geheimniſſe ſeines Beſitzthums. Seine Geſchäfts⸗ verbindung mit Meiſter Ebenſtreit hatte ihn mit dem Jungen zuſammengeführt, und der einſam wunderliche Mann empfand für dieſen alsbald eine Neigung, die, wie bei allen Künſtlernaturen, ebenſo unvermittelt kam, als ſie raſch zu ungewöhnlicher Höhe wuchs. Hinwider gab auch Juſtus im vollen Maße zurück, was er empfing. Schon nach wenigen Wochen hing er mit begeiſterter Liebe und Verehrung an dem Manne, deſſen inneres Weſen und Kunſt er vorderhand nur ahnte. Andächtig lauſchte er ſeiner Erzählung von den großen Meiſtern deutſcher Kunſt, die aus der Werkſtatt hervorgegangen waren, und ſich der Arbeit im Schurzfell 65 und am Blaſebalg nicht geſchämt hatten, ehe ihnen die letzte Künſtlerweihe zu Theil ward. Die Worte fielen wie Lichtfunken in ſeine Seele und erhellten die dunklen Stellen. Sie floßen in eine Regenbogenbrücke zuſam⸗ men, darüber hin ſeine Phantaſie wallte in das Land ſeiner lebendig gewordenen Träume. Als er eines Tages Herrn Knechtlein bat, daß er ihm Anleitung geben möchte in den erſten Elementen des freien Handzeichnens, war dieſer auch alſogleich bereit. Der Meiſter Rothgießer konnte zwar nicht be⸗ greifen, wie Juſtus ſich gerade in den vertrakten Kauz an der Ecke der Wallgaſſe vergafft haben mochte; den⸗ noch gönnte er ihm das Feierabendſtündchen beim Formenſchneider. Er wußte den Einfluß der Kunſt auf ein Gewerk, wie das ſeinige, um ſo ſicherer zu würdigen, als ihn nicht ſelten der Mangel eigenen Verſtändniſſes zur Unzeit überraſcht hatte. So gelangte das Leben unſeres jungen Freundes in dem ſchlichten Bürgerhauſe allgemach zu ſtätiger, nicht unbehaglicher Entfaltung. Selbſt die letzte Kata⸗ ſtrophe, die er durchzumachen hatte, war fördernd und nutzbringend. Wie unruhig hingegen, wie betäubend und faſt ver⸗ wirrend bewegte ſich die Fülle neuer und ungewohnter Erſcheinungen um Theobald! Gleich den bunten, wechſel⸗ Hilarius, Non possumus. I. 5 66 vollen Bildern eines Kaleidoſkops brachte jeder Moment neue Geſtaltungen und Ueberraſchungen. In den erſten Wochen war es ihm geradezu, als ob er träume. Am ſchnellſten noch hatte er ſich mit ſeinem neuen Lebensgenoſſen verſöhnt. Das klare, tiefe, ruhige Ge⸗ müth des jungen Grafen Lucian äußerte auf ſeine heitere, ſanguiniſche Natur die myſtiſche Anziehungskraft des Gegenſatzes. Dieſer Gegenſatz war auch körperlich ein auffallender. Lucian war ein ſchwacher, kränklicher Knabe, vielleicht infolge einer allzu raſchen Entwickelung. Sein fein und ebenmäßig geformtes Geſicht hatte die Farbe des Wachſes; an den Schläfen ſchimmerten die Adern durch und auf der Höhe der Wangen brannte ein kleiner rother Fleck, das verhängnißvolle Zeichen der Hektik. Das Müde und Lethargiſche in ſeiner Erſcheinung regte zum Mitleid an, und in der That war dieſes das erſte Gefühl, das Theobald an ihn kettete. Die gegenſeitige Scheu war bald überwunden. Lucian fühlte ſich wohlthuend angeweht von der Friſche und Natürlichkeit ſeines neuen Gefährten. Er empfing ihn mit dem offenen Geſtändniß:„Was biſt Du ein hübſcher Junge, Theobald! Ich möchte ſo ſein wie Du, ſo kräftig, ſo ſchön, ſo geſund! Und wie iſt Dein Name ſo wohlklin⸗ gend! Theobald heißt Gottgetroſt, ſagte mir Herr Julian.“ 67 „Und Lucian heißt der Leuchtende!“ bemerkte Theo⸗ bald raſch entgegen. Der junge Graf lohnte ihm die freundliche Erinnerung mit einem trübſeligen Lächeln. „Ich habe den Namen nach meiner Mutter“, entgegnete er,„die heißt Lucinde, und verdient es wohl, ſo zu heißen. Meinſt Du nicht, Theobald? Aber ich! Ich bin der Erlöſchende, nicht der Leuchtende!“ In der ſtrotzenden Fülle ſeiner Lebenskraft hatte Theobald kein Verſtändniß für dieſe ahnungsvollen Worte. Aber unbewußt wirkte ſie auf ſein Gemüth, und die Liebe iſt des Mitleids ſchöne Tochter. Nach wenigen Wochen hatten ſich die zwei jungen Herzen völlig in einander verflochten, obwohl Doctor Julian gleich am erſten Tage ihres Beiſammenſeins im Auf⸗ trage der Erlaucht bedeutet hatte, daß der höhere An⸗ ſtand das vertrauliche Du zwiſchen Beiden nicht geſtatte. Was vor den Augen der Welt verſagt war, geſchah nun heimlich; das hatte für Beide noch den beſondern Reiz der verbotenen Frucht. Bei Theobald drängte die Freundſchaft für ſeinen Pylades alles Andere in den Hintergrund. In ſeiner Knabenſchwärmerei vergaß er alles Uebrige, ſelbſt Mutter und Bruder. Dieſe Zurückſetzung machte der armen Frau Wal⸗ burga keinen geringen Kummer. Es drängte ſie, ihrem 5* — 68 gepreßten Herzen durch Mittheilung Luft zu machen, und ſo äußerte ſie ſich unter vielen Thränen gegen den Schwager, ſie hätte nie gedacht, daß das Jungholz ſo ſchnell vom Stamme abfalle. Lachend erwiderte der Rothgießer:„Da habt Ihr's, Frau Schwägerin! Erſt hochmüthig gemacht, dann ge⸗ ſcholten und verachtet. Ihr habt den Jungen ins Kraut ſchießen laſſen; jetzt meint er, er iſt ein Baum. Der Juſtus war Euch immer der zweite trotz ſeiner Erſtgeburt. Dankt unſerm Herrgott, daß es bei dieſem nicht heißt: Gleich Geblüt, gleich Gemüth!“ Darin lag im Grund genommen wenig Troſt für die Wittwe. Doch ging es ihr zu Herzen, und ſie gab ſich alle Mühe, den Vorzug, welchen ſie bishin ihrem Theobald eingeräumt hatte, nunmehr ganz auf den älteſten Sohn überzutragen. Leider verrechnete ſie ſich in dieſem gewaltig. Juſtus fühlte, daß die ſcheinbar erhöhte Gunſt der Mutter nur eine Folge ihrer Miß⸗ ſtimmung gegen den Bruder ſei. Er merkte die Abſicht, und ſie kränkte ihn mehr als die Abſichtsloſigkeit, womit ihm bisher die zweite Stelle im mütterlichen Herzen eingeräumt war. Eine weitere Kränkung erfuhr er vom Bruder ſelbſt. Zum erſten Male begegnete er ihm auf offener Straße im Geleite des jungen Grafen und Doctor Julian's. ——e — 3 69 Der Hofmeiſter redete ihn freundlich an, und die prü⸗ fende Neugierde Lucian's ward durch die wohlwollende Herzlichkeit gemildert, womit er ihm die Hand reichte. Theobald dagegen trat einen Schritt zurück, und blickte verlegen zu Boden. Es war unverkennbar, daß er ſich des Bruders ſchämte um des ſchmuzigen Schurzfelles willen, das er ſeinetwegen umgethan. Als in der Veſperſtunde, wo die Familie des Roth⸗ gießers ſich um den Brodkorb am Eichentiſche zu ver⸗ ſammeln pflegte, nach alter Sitte die Ereigniſſe des Tages zur Sprache kamen, erwähnte Juſtus auch dieſer Begegnung. Der Meiſter meinte, da ſei nichts daran zu verwundern. In der Livrée des Bedienten ſtecke jeweils mehr Hoffahrt als im Staatsfrack des Herrn. Martha aber zog nachgerade den Lehrjungen auf die Seite, da ſie doch merkte, daß ihm die Sache zu Herzen ging.„Gräm' Dich nicht drüber, Juſtus!“ flü⸗ ſterte ſie ihm zu.„Der Theobald macht Dich nicht ſchlimmer, nicht beſſer als Du biſt. Er trägt ſeinen Schmuck am Leibe, Du an der Seele.“ Dann ſprach ſie voon denen, die verachtet ſind vor der Welt, aber hoch⸗ ſtehen vor dem Auge Gottes, und noch Etliches der⸗ gleichen, Alles zierlich und gut, daß man merkte, ſie bewege ſich demnächſt ſchon vier Wochen an der Spitze des Bundes zum Herzen Mariä. 70 In Juſtus' Ohren klangen ihre Worte ſonderlich fein und verführeriſch. Als er ihr nun gar in die dunklen leuchtenden Augenſterne ſah, hielt er es nicht ganz für unmöglich, daß ein kleines Stück einer Hei⸗ ligen in der Martha ſtäke. 3 Ein bekannter Dichter hält die weiblichen Heiligen bloß für ſchöne Verirrungen der Natur; Juſtus hielt ſich an den Irrthum in der ſchönen Natur ſeiner Hei⸗ ligen, und ließ ihre Rede recht tief eindringen in ſein Gemüth. Dabei merkte er gar nicht, daß er mit dem Hauche, der von ihren rothen Lippen weg an ſeine erglühenden Wangen wehte, Einiges von dem fliegenden Staubpilz des geiſtigen Hochmuthes mit einathmete. Herbſt und Winter gingen vorüber, ohne in den Verhältniſſen und Stimmungen der beiden Brüder Weſentliches zu ändern. Dagegen hatte ſich der Ge⸗ ſundheitszuſtand des jungen Grafen Lucian trotz der ſorgſamſten Pflege eher verſchlimmert als verbeſſert. Theobald wurde allgemach von der Ahnung einer drohenden Gefahr beſchlichen, und gab nun ſeine Hin⸗ gebung zu dem Freunde in den rührendſten Zügen kund. Die unverkennbar in ſeinem Weſen liegende Selbſtſucht trat in den Hintergrund. Er verzichtete 2— 71 auf Spiel und Zerſtreuung. Er las dem Kranken vor, wachte an ſeinem Bette und erheiterte ihn durch Scherz und launige Einfälle, womit er die eigene Sorge zu verhüllen wußte. So war es natürlich, daß der Knabe in der Gunſt der gräflichen Aeltern ſtieg. Lucinde insbeſondere über⸗ trug ihm ihr Wohlwollen im ausgedehnteſten Maße, und verſäumte keine Gelegenheit, ihm hiervon Beweiſe zu geben. Als ihr der Sohn im vertrauten Geſpräche geſtand, wie ſchmerzlich ihm das bange Sie falle, das wie eine kalte Hand zwiſchen ihm und dem Freunde liege, da opferte ſie ſelbſt ihre ariſtokratiſche Ueber⸗ zeugung. Sie vermochte nicht ohne leidenſchaftlichen Kampf den erlauchten Gatten, daß er dem Sohne dieſen unerhörten, ihm völlig unverſtändlichen Wunſch erfüllte. Die Aprilſtürme hatten auf den Leidenden einen höchſt ungünſtigen Einfluß geäußert. Der Arzt rieth zu einer Luftveränderung bei der erſten Regung des Lenzes. Als nun im Frühmai ein raſcher Umſchlag erfolgte und der Frühling, ein reichgeſchmückter Herold, unter Finkenpfiff und Amſelſchlag ſeinen Einzug hielt ins Land, da ging es auch im gräflichen Palaſte an ein Vorbereiten und Packen und Emballiren, als handle es ſich um eine Reiſe über den Ocean. In dieſen 72 Kreiſen kennt man den Werth einer ſchönen, an Genuß und Ueberraſchung reichen, die Phantaſie und Erfin⸗ dungsgabe ſpannenden Bedürfnißloſigkeit nicht. Der ganze Kram von Kleinigkeiten und Kurzwaaren, an welchen man mit ebenſo kleinlicher, aufgedrungener Neigung hängt, muß in Schachteln und Koffern mit⸗ wandern, damit ja der wirkſame Reiz neuer Geſtal⸗ tungen um uns abgeſchwächt werde, und ſelbſt im wogenden Harzdufte des Waldes ein bischen Patchoulli⸗ geruch an die Blaſirtheit des Salons gemahne. Es war ein wunderbarer Lenzmorgen, als Graf Lucian im Geleite Theobald's und des Hofmeiſters die Lindenallee entlang fuhr, welche eine halbe Stunde— außerhalb der Stadt in die Hochſtraße einlenkte. Sie geleitete die Niederung entlang, die mittagwärts von einem ſanft anſteigenden Gelände abgemarkt war. Bis hierher reichten die Spuren ſtädtiſcher Cultur. Auf dem Plateau bot ſich allbereits die Ausſicht auf die* ferne, blauduftige Alpenkette. Wald und Wieſe legten ihre Schätze aus, wie eitle Prahlhänſe, daß ſie im Sonnenglaſte ſchimmerten und flimmerten. Der ſilberne Strom in der Tiefe— der Frühthau auf den Flur⸗ halden— der graue Dampf, der über dem Baulande lag und ſich nun ſachte aufrollte— die Lerche, die im leiſe wogendem Meere der Lenzluft ein Lied ohne Worte —— — 73 einübte— Alles das wirkte wunderthätig auf den Kranken. Er fühlte kaum die Beſchwerlichkeiten der Reiſe, die bis gegen Mittag ohne Unterbrechung fortgeſetzt werden konnte. Ein freundliches Dörfchen in den Vorbergen wurde nach Geſchmack und Willkür als erſte Haltſtation ge⸗ wählt. Dazu lockte der grüne Wiesfleck vor der Schenke und der wilde Birnbaum, der ſeine Blüthenäſte drüber ausſpannte. Unter ſeinem Schatten wurden Tiſch und Bänke aufgeſtellt und ein kleines Mahl improvſſirt, Angeſichts der umſtehenden Dorfjugend, welche die ſel⸗ tene Erſcheinung von zukehrenden Reiſenden dieſes Schlages mit offenen Mäulern betrachtete. Theobald knüpfte mit einem der Jungen ein Zwigeſpräch an, das ſich alsbald auf die ganze kleine Geſellſchaft aus⸗ dehnte und viel Heiterkeit erregte. Plötzlich drang aus einer der naheſtehenden Hütten ein gellender Schrei. Die Buben ſtäubten davon; die Mädchen ſchaarten ſich ängſtlich auf einen Knäuel zu⸗ ſammen, und deuteten mit ſcheuen Geberden auf die Hütte, deren Thüre ſich im nächſten Momente öffnete. Einem geſcheuchten Rehe gleich, mit loſem Gewande und offenen Haaren, ſtürzte eine junge Dirne über die Schwelle. Ihre Miene kündete Angſt und Entſetzen. Mit wilder Haſt, daß ihre nackten Füße kaum den 74 Boden berührten, rannte ſie der nächſten Seitengaſſe des Dorfes zu, und war nach wenigen Augenblicken verſchwunden. Die Scene warf einen ſtörenden Schatten über das lachende Bild, und rief Mißſtimmung hervor. Selbſt die beſchauliche Seelenruhe des ſinnigen Leutgebers und Dorfſchenken litt augenſcheinlich herunter. Er ſchob ver⸗ drießlich die grüne Sammtmütze von einem Ohre auf das andere, und berechnete, wie ſehr eine raſchere Ab⸗ reiſe der Gäſte ſeinem Vortheile im Lichte ſtehe. End⸗ lich faßte er ſich ein Herz, trat auf dieſe zu und be⸗ merkte, die Sache habe im Grunde genommen nichts zu bedeuten. Insbeſondere äußere ſie auf die Hühner, die bereits am Spieße ſtäcken, nicht den entfernteſten Einfluß. Als ihn Julian um eine Erklärung des Vor⸗ falles erſuchte, fügte er noch bei: „Ei nun, da drüben in der Barake ſitzt eben die alte Dorle im Korbe, des Chriſtlbauern Austräg⸗ lerin. Bei der iſt es nicht völlig richtig unter der Haube, und wenn ihr ab und zu das Elend kommt, was gerade nicht luſtig mit anzuſchauen iſt, dann läßt ſie ihre ganze Tobſucht an der Dirne aus, die ihr der Bauer zur Auswart gegeben.“ „Und wer iſt denn die Dirne?“ fragte Lucian. „Die Cili? Je nun, das iſt des Chriſtlbauern 75 älteſte Tochter, wenn Ihr wollt!“ erwiderte der Wirth und fügte dann ſchmunzelnd bei:„Der Alte hat das Mädel mit in den Kauf nehmen müſſen, als er mit ſeinem jungen Weibe das Stuhlfeſt feierte. Dazumal hat die Bäuerin noch zurückgehalten mit ihrem unleu⸗ tigen und hochfahrigen Weſen, damit ſie die Heirath durchſetzte mit dem Alten, der an ihrem ſaubern Ge⸗ ſichte den Narren gefreſſen hatte, mit Anſtand zu reden, gnädiger Herr. Hat aber nicht lange gedauert, ſo ſind ihm die Schuppen von den Augen gefallen. Es iſt ein unluſtiges Hausweſen beim Chriſtbauern. Sein zweites Weib koſtet ihm mehr Zank und Hader, als ſein erſtes gute Worte.“ „Und was hat das mit der Cili gemein?“ unter⸗ brach Theobald den Redſeligen. Der Bauer iſt ein Dalk, wie man hierorts ſagt“, entgegnete dieſer;„aber alle heiligen Zeiten will er doch den Herrn ſpielen, und juſt da ſeinen Willen durch⸗ ſetzen, wo's ſeinem Weibe zuwider iſt. Das hat nun die Cili, das arme Häuterle, verbüßen müſſen, die ihm ſchon lange ein Dorn war. Knall und Fall hat ſie aus dem Hauſe gemußt nüber zur närriſchen Aus⸗ träglerin, die ihr das Leben ſauer genug macht.“ Das Mittagmahl war mittlerweile aufgetragen. Der kräuſelnde Dampf, der von der Suppenſchüſſel 76 emporſtieg, gemahnte den Erzähler an die Gaſtgeber⸗ pflicht, und mit einem„Proſit Mahlzeit“ trug er der Höflichkeit nach ſeiner Art Rechnung, indem er die Schlägelmütze aufs andere Ohr ſetzte. Als keine weitere Aufforderung ſeitens der Gäſte erfolgte, überließ er dieſe einer Beſchäftigung, deren Annehmlichkeit ſeiner Anſicht nach die Wirkung des kleinen Zwiſchenfalls aus⸗ zugleichen vollkommen geeignet war. Tnheobald und der Doctor bewieſen auch alsbald die Richtigkeit dieſes Calculs. Lucian hingegen blickte gedankenvoll vor ſich hin, die Mahnungen der Freunde überhörend, welche den ſchädlichen Wirkungen der er⸗ müdenden Fahrt nach ihrem Beiſpiele vorgebeugt wiſſen 3 wollten. „Mich hat die Geſchichte ſatt gemacht!“ bemerkte er nach einer Weile, indem er den Teller unmuthig von ſich ſchob.„Es iſt mir wahrhaft unbegreiflich, wie Du, Theobald, nach dieſem traurigen Zwiſchenfalle noch an 4 Deinen Hühnerknochen nagen kannſt, als wäre nichts geſchehen. Mir iſt die Kehle wie zugeſchnürt Theobald berief ſich lächelnd auf das de ſeines bürgerlichen Nervenſyſtems. Damit reizt Empfindlichkeit des jungen Grafen noch mehr.„ Dich“, erwiderte dieſer,„ein ſo tiefer ſittlicher Verfall 4 ruhig läßt, und Du für dieſe Ruhe ſo ſchlagende Gründe — 77 vorzubringen weißt, was haſt Du dann gegen die Grundſätze einzuwenden, womit man mir die Vorzüge meines„adligen Nervenſyſtems“ mundgerecht machen will? Bei Gott, Theobald, Du biſt daran, den Ge⸗ danken zu ergänzen, der juſt in mir auftauchte. Kann ſolch eine entſetzliche Rohheit, die ein Kind elend macht, um ſich an der Mutter zu rächen, je unter höhern Ständen zur Erſcheinung kommen? Es iſt unmöglich.“ Ein dunkleres Roth unterlief bei dieſen erreäten Worten die bleichen Wangen des Knaben. Theobald fühlte ſich verlegen und überraſcht von dieſer ungeahnten Wirkung einer Aeußerung, die ihm in aller Harmloſigkeit entfallen war. Er ſuchte ver⸗ geblich nach einer Erwiderung, und die doppelte Un⸗ behaglichkeit, mißverſtanden zu ſein und den geliebten Freund verletzt zu haben, lockte ihm eine Thräne ins Auge. Zur rechten Zeit noch legte ſich der Hofmeiſter ins Mittel. „Ihre Entrüſtung iſt ſchön und gerecht, Lucian. Aber ſie gründet ſchließlich doch nur auf der Ausſage unſeres ſchwatzhaften Wirthes. In den untern Regionen der Geſellſchaft treten die Handlungen eben ſo herb und nackt in die Erſcheinung, als ſie ſchonungslos und ohne Rückſicht— ja ohne Verſtändniß der moraliſchen Triebfedern beurtheilt werden. Wir müſſen alſo mit 78 Recht dort dem Scheine, hier der Kritik mißtrauen. Noch Eines, lieber Lucian. Sie kennen unſer Volk, wie es heraußen am platten Lande ſitzt, wohl kaum weiter, als aus den poetiſchen Schilderungen unſerer Dorfnavelien, deren Lectüre ich Ihnen mehr aus ethi⸗ ſchen als culturgeſchichtlichen Gründen empfahl. Nun glaube ich aber, daß wir jenen Dichtern, die den in der Bauernhütte aufgeleſenen Stoff mit Glück und Errffolg behandelten, keineswegs zu nahe treten, wenn wir ihnen den Vorwurf der Unwahrheit machen. Sie haben dem Bauernleben die Realität abgeſtreift, und uns den verbliebenen Reſt idylliſcher Naivität ſo duftig geſchildert, als ſei jeder Düngerhaufen mit dieſem dich⸗ teriſchen Stoffe verſetzt. Wer aus dieſen poetiſchen Schöpfungen in die Wirklichkeit tritt, fühlt ſich ärgerlich ggetäuſcht. In denſelben Fehler der Unwahrheit ver⸗ fallen aber auch jene, welche den Bauern nur nach ſeiner nüchternen Erſcheinung beurtheilen, und aus ſeiner unentſtellten Rohheit einen Schluß auf ſeinen Gemüthszuſtand wagen. Neunmal unter zehnmal ver⸗ letzt nicht das Weſen, ſondern nur die Form den höher Gebildeten. Wenn wir nachſpüren, werden wir finden, daß das Gefühl ein gleiches, und nur in der Kundgabe verſchieden iſt. Es liegt nicht in Blut und Nerven, es iſt kein Erbſtück, ſondern bloß Folge der Erziehung. 79 Eine vollendete, harmoniſche Erziehung und Bildung wird aber nach meinem Ermeſſen ſelbſt auf der höchſten Culturſtufe der Menſchheit kein Gemeingut ſein. So müſſen wir denn auch hier dem Scheine wie der Kritik in gleichem Maße mißtrauen. Wir müſſen es um ſo mehr, wenn uns der Maßſtab der Erfahrung fehlt. Glauben Sie mir, lieber Lucian, in der Nähe und vom rechten Standpunkte aus betrachtet, wird ſich weder die Schlechtigkeit des Chriſtlbauern, oder wie er heißt, noch das Unglück der armen Cili ſo grell ausnehmen, als es bei der flüchtigen Scene, deren Zeugen wir waren, und bei der Erzählung des Wirthes den Schein ge⸗ wann.“ Theobald warf einen dankbaren Zlick auf Julian, der die Rolle ſeines Anwaltes in ſo verſtändiger und verſöhnender Weiſe durchgeführt hatte. Dann ſah er lächelnd, lauſchend Lucian ins Geſicht, als wollte er ſagen:„Juſt ſo habe ich's gemeint.“ Dieſer hinwider hielt mit ſeiner Antwort noch eine Weile zurück. Er ſah ſtill vor ſich hin, und ver⸗ arbeitete das Vernommene in ſeinem Geiſte. Dann aber legte ſich ſeine Hand wie zufällig auf die des Freundes, und er erwiderte ruhig und gelaſſen: „Ich danke Ihnen, Herr Julian. Sie ſind ein beſſerer Arzt, als der Hofmedieus Hambacher, deſſen 80 Morphiumpillen nicht ſo beſänftigend wirken, als Ihre Worte. Sehen Sie, ich bin wieder klug, und ſelbſt mit Theobald's Appetit völlig ausgeſöhnt. Und doch— werden Sie mir zürnen? Es regt ſich in mir eine unverwindliche Begierde, Ihre letzte Vermuthung be⸗ ſtätigt zu finden. Laſſen Sie uns einen Verſuch ma⸗ chen, ob wir nicht unter irgend einem Vorwande ſelbſt einen Blick werfen können in die ſo verläſterte Haus⸗ wirthſchaft. Ich möchte wohl auch einmal die Wirk⸗ lichkeit einer Bauernſtube mit dem Schattenriß verglichen, den ſich meine Phantaſie davon machte, und— wer weiß, ob wir nicht für die arme Cili etwas thun können?“ Der Wunſch kam überraſchend. Julian fand ſich in gleicher Verlegenheit, ihn abzuſchlagen, wie ihm zu begegnen. Nun ſtellte ſich auch noch Theobald auf Seite des Freundes, und Beide trieben den Hofmeiſter ſo in die Enge, daß er ſich zuletzt zu einem Vermitte⸗ lungsvorſchlage bequemte. Er wollte perſönlich unter irgend welchem Scheingrund die Bauersleute ſprechen. Was ſich bei dieſer Gelegenheit über den Gegenſtand ihres gemeinſamen Intereſſes erforſchen und zu deſſen Gunſten ins Werk ſetzen ließe, würde er dann getreu und ungefärbt den Zöglingen berichten. Man erklärte ſich einverſtanden, und die beiden Knaben ſollten bis 81 zur Rückkehr ſich eine kleine Wanderung längs des Baches gefallen laſten, der das Dörflein von ſeiner Landmarke ſchied. Arm in Arm verfolgten die jungen Freunde den Fußpfad, der ſich längs des Waſſers durch üppiges Erlengebüſch hinzog. Die Mißſtimmung hatte ſich ge⸗ legt. Jede Krümmung des Rinnſals brachte neue Fernſicht in den duftübergoſſenen Gürtel der Vorberge und neuen Stoff zur Unterhaltung— hier die an⸗ muthige Staffage einer laubüberdachten Hütte, dort die blühende Weißdornhecke oder das am Bachrand kauernde Mädchen, deſſen weiße Hemdärmel und rothes Röcklein ſo farbig abſtachen von dem ſaftigen Waſen⸗ grün. Als die Wandelnden der Stelle bis auf etliche Schritte genaht waren, ſprang die Kleine wie vom Traume aufgeſchreckt empor. Sie ſah mit großen Augen auf die Knaben, ohne ſich von der Stelle zu regen. Ueberraſchung und Neugierde feſſelte ſie, ſo daß Lucian alle Muße hatte, ihre Erſcheinung zu prüfen. „Das iſt ja bei Gott Cili, die Unheilſtifterin!“ mit dieſen Worten wandte er ſich an den nach⸗ ſchreitenden Theobald, der ſofort keck auf die Dirne zutrat. Es lag nicht in ſeiner Natur, ſich mit Ver⸗ muthungen zu begnügen, wo die Aufklärung ſo nahe lag. Seiner offenen Frage folgte auch alsbald eben Hilarius, Non possumus. I. 6 82 ſo unbefangene Antwort. Das Mädchen, das ihm nur wenig im Alter nachſtehen mochte, gab ohne viel Be⸗ denken Beſcheid und beſtätigte Lucian's Vermuthung. Es lag eine unmittelbare Friſche in ihren Worten und viel Anmuth in ihrer Art. Von dem„Drucke des Elends“, von Betrübniß oder Kummer war auch nicht die leiſeſte Spur an ihr bemerkbar. Im Gegentheil kün⸗ dete ihre Miene die heiterſte Sorgloſigkeit, ſelbſt als die Rede auf ihre blödſinnige Großmutter kam. Nur der Gedanke, daß die Knaben Zeuge ihrer Flucht ge⸗ weſen, trieb ihr das Blut in die Wangen, und ſie blickte eine Weile verlegen auf den Boden. Der nächſte Augenblick fand ſie jedoch ſchon wieder zu einer Ent⸗ gegnung gefaßt.„O Du mein liebſtes Herrgottle!“ be⸗ merkte ſie auf die theilnehmende Frage Lucian’'s.„Es iſt ſo viel ein breſthaftes Weib, das Ahnl, daß ſie weder Raſt noch Ruh' findet Tag und Nacht. Ich verſteh's wohl nicht, aber zuweilen ſteigt ihr das Fieber in den Kopf, ſagen die Leut. Dann ſchlägt ſie um ſich, als ob die Trud auf ihr ſäße, und hat kein Acht, wo ihre Hände hinfallen.“ Theobald lachte. Cili aber ſah ihn ernſthaft an und fuhr fort:„Spaſſig iſt das nicht, mein Eid! Aber mit angeſehen habt Ihr's auch noch nicht, junger Herr, und ſo mag's Euch unſer Herrgott verzeihen, daß Ihr —— 83 über ſolch ein Elend lacht!“ damit wandte ſie ſich haſtig ab, und rannte dem Dorfe zu mit derſelben leicht⸗ füſſigen Schnelligkeit, mit der ſie kurz vorher aus der Hütte der Großmutter geflohen war. Verblüfft und faſt verlegen ſahen ihr die Knaben nach, bis das rothe Röcklein hinter den Erlenbüſchen verſchwand. Dann ſetzten ſie ihre Wanderung fort. Beide waren einſil⸗ big geworden, und ſannen— jeder nach ſeiner Art— über den Schluß dieſer Scene nach. Unter dem wilden Birnbaum vor dem Wirthshauſe harrte der Hofmeiſter ſchon lange der Zöglinge. Mit verſchränkten Armen, in augenſcheinlicher Aufregung durchmaß er die Länge und Breite des kleinen Raumes, den auch im Mittagſonnenbrande der Baum mit ſeinem Schatten ſegnete. Hatte er unter dem Schindeldache des Chriſtlbauernhofes doch Etliches erfahren, was ihm tiefer zu Gemüthe ging, was ſeiner ſo verſtändig vor⸗ getragenen Vermittelungstheorie zwiſchen Schein und Wirklichkeit ins Geſicht ſchlug? Offenbar kam es ihm gelegen, daß die Rückkehrenden in ihrer eigenen Er⸗ regung die ſeinige überſahen. Während ſich dieſe gegenſeitig das Wort aus dem Munde nahmen, um ihr Begegniß zu ſchildern, fand er ſelbſt den rechten Ton für ſeine Eröffnungen. „Es iſt ein glücklicher Zufall, der Euch die Heldin 6 — 84 unſerer kleinen Tragödie zuführte. Statt eines un⸗ glücklichen, bejammernswerthen Geſchöpfes fandet Ihr ein friſches, muthiges Mädchen, das die ihm zugemeſſene Bürde des Ungemachs herzhaft zu tragen weiß!“ „Und Ihre Forſchungen, Doctor?“ fragte Lucian. „Ich bin damit nicht minder zufrieden“, klang die Antwort.„Zwar hatte unſer Wirth unbedenklich recht, als er das Hausweſen des Chriſtlbauern ein unluſtiges nannte. Ein alter läppiſcher Mann und eine lebensfriſche junge Frau gehen nicht gleichen Schrittes. Aber das Unglück iſt nicht ſo groß, als ſich's von der Ferne ausnimmt. Selbſt die Verbannung Eili's aus dem Aelternhauſe geſchah nicht ohne Zuſtimmung der Mutter und ohne den Willen des Mädchens ſelbſt. Die alte„Dorle“ ſoll nach dem eigenen Zugeſtändniſſe der Schwiegertochter eine ganz wackere Matrone ſein. Sie hängt an der Enkelin mit ungemeiner Liebe. Doch leidet ſie zeitweiſe an ſchweren Krämpfen, die ſich bis zur Tobſucht ſteigern. Daß man unter ſol⸗ chen Vorausſetzungen dem jungen Geſchöpfe die Pflege der Alten übertrug, klingt barbariſch. Aber wir müſſen hier zwei Dinge in Rechnung ziehen: die früher ent⸗ wickelte phyſiſche Kraft und den geringern Grad ge⸗ müthlicher Empfindbarkeit, die bei unſern Bauernvolke Hand in Hand gehen. 85 Und nun, meine jungen Freunde, wollen wir uns durch die Wölkchen, die einen vorübergehenden Schatten auf unſere Stimmung warfen, den heitern Nachmittag nicht verkümmern laſſen. Der Wagen erwartet uns. In wenigen Stunden athmen wir Bergluft!“ —ꝛx::—ꝛ—m‧‧ Viertes Kapitel. So verſchieden die Fürſten ſind, ſo ſind doch die Höfe einander ähnlich, und die Hofleute einander gleich. Jean Paul, Herbſtblumine. Der Graf von La Rochelle rühmte ſich einer aus⸗ zeichnenden Gunſt des Fürſten. Ohne ein Amt im Staatsdienſte zu bekleiden, beeinflußte er doch alle Staatsgeſchäfte, und wußte ſeinen eigenen Günſtlingen eine Stellung zu verſchaffen, wo es ihnen möglich war, ſeine Plane zu fördern. In dem Zeitraume weniger Jahre hatte er es dahin gebracht, daß die vorgeſcho⸗ benen Poſten aller Fächer, der Verwaltung wie der Juſtiz, von ſeinen Anhängern beſetzt waren. So rief er in dieſer kurzen Epoche eine durchgreifende Aen⸗ derung des bisherigen Syſtems hervor— zu nicht 87 geringer Befriedigung der großen liberalen Partei des Landes. Man ſprach im Reiche von der freiſinnigen Regierung des kleinen Fürſtenthums wie von einer muſtergiltigen; und in der That trugen alle neueren Inſtitutionen wenigſtens das Gepräge eines zeitgemäßen Fortſchrittes. Die Scharfblickenden glaubten zwar zu bemerken, daß der Inhalt problematiſcher ſei als die Form; aber auch ſie hofften mindeſtens auf eine ſtetige Fortentwickelung oder tröſteten ſich damit, daß ohne eine geradezu verhängnißvolle Revolution von oben ein Rückfall in den frühern Reactionszuſtand unmög⸗ lich ſei. Das Volk wußte, wem es dieſe Geneigtheit der Regierung für die meiſten Anträge der liberalen Kdammer und dieſe anſehnliche Reihe freiſinniger und volksthüm⸗ licher Geſetze zu verdanken habe. Es wandte auch ſeine volle Gunſt dem Grafen zu und vergaß mit der Zeit, was es ihm anfänglich nicht zu verzeihen ver⸗ mochte. Denn La Rochelle war nicht nur der Spröß⸗ ling einer emigrirten franzöſiſchen Familie, ſondern dieſe hatte ſich auch zu allem Ueberfluſſe in einem ent⸗ fernteren deutſchen Staate Heimatsrechte erworben. Der Graf war alſo ein Fremdling par excellence, und die Freundſchaft, welche ihm der Fürſt ſchenkte, galt in den Augen der erbgeſeſſenen Bürgerſchaft für 88 eine Verletzung der landesväterlichen Pflichten.„Der Maier und der Müller ſind auch Staatskerle“, flüſterte der Gevatter Schneider dem Gevatter Schuſter ins Ohr,„und zudem in Zettel und Einſchuß von guter inländiſcher Wolle. Was braucht denn die Durchlaucht über die Landesmarken hinauszugreifen, wenn ſie juſt. Einen mit ſonderlicher Gunſt begnaden will?“ Daß dieſe Stimmen gemach zum Schweigen kamen, gründete aber noch in einem beſonderen Umſtande. La Rochelle hatte bisher noch keine Hand ausgeſtreckt nach einem Portefeuille, wenn nicht etwa nach dem eigenen. Sein Einfluß war kein bureaukratiſcher und ſein Gehalt floß nicht aus der Staatskaſſe. Man fing an, ſeine Uneigennützigkeit zu bewundern. Der Glaube feſtete ſich, daß ſeine Handlungen eine Folge ſeiner Ueberzeugung ſeien. Damit ſtieg er vorzugsweiſe in der Volksgunſt, und den Reſt brachte ſeine gewandte Umgangsſitte und ſeine Leutſeligkeit zuwege. In dem Maße, als er auf dieſer Seite gewann, verlor jedoch der erlauchte Graf in den Hofkreiſen. Man beſchuldigte ihn der Felonie an den geheiligten Rechten des Adels. Es hing ihm ein demokratiſcher Geruch an, der auf den empfindlichen Parfüm der Hof⸗ luft zerſetzend wirkte. Zu allem Ueberfluſſe war er ein Freigeiſt, während die Ariſtokratie mit wenigen 89 Ausnahmen zu der klerikalen Partei zählte. Es ent⸗ ſpricht den allgemeinen Naturgeſetzen, daß ſich die Ele⸗ mente anziehen, welche die meiſte Affinität haben. In der Gemeinſamkeit der Privilegien und des Vorrechts beruht das Räthſel der Wahlverwandtſchaft zwiſchen Adel und Klerus. Wenn in dieſer Welt ſelbſt Ge⸗ ſchmack und Schönheitsgefühl ein Privilegium ſind, wie Seume glaubt, ſo iſt es leicht erklärlich, warum die Privilegirten ſo ungemein zähe zuſammenhalten. Nun konnten aber die neueren, freiſinnigen Geſetze des Landes füglich als die erſten, wenn auch ſchüch⸗ ternen Verſuche gelten, Vorrecht und Vorurtheil als ſinnverwandte Begriffe hinzuſtellen, und dieſe gefähr⸗ lichs Theorie ins Praktiſche zu überſetzen. Kein Wunder, daß die Betheiligten ihr gemeinſames Intereſſe auch gemeinſam vertheidigten. Ariſtokratie und Geiſtlichkeit bildeten eine feſtgeſchloſſene Phalanx, und ſtellten ſich an die Spitze aller Gegner des Grafen. Das leitende Organ dieſer Partei war die Fürſtin ſelbſt. Ihr Verhältniß zu dem durchlauchtigen Gatten förderte dieſe Stellung und ihren Einfluß, und ſtachelte die perſönliche Abneigung, welche ſie ſeit Jahren gegen La Rochelle empfand. Der junge, lebensdurſtige Fürſt, der bei dem unerwartet erfolgten Tode ſeines Vaters aus den Feſſeln einer ſtrengen Erziehung ohne alle 90 moraliſche Vermittelung zu dem Kronrechte ſchranken⸗ loſer Selbſtbeſtimmung gelangt war, hatte ſich kurz vorher der Convenienz fügen und eine Heirath ein⸗ gehen müſſen, die ſeinem ganzen Weſen widerſtrebte. Seine Gemahlin war ſcheinbar eben ſo kalt und ent⸗ ſagungsfähig, als er leicht erregbar und nach Genuß verlangend. Sie überſah ihn mit ihrem durchdringenden Verſtande wie mit ihren Jahren, und die Natur hatte ihr die Grazie der Schönheit und Anmuth verweigert. Sie ſuchte und fand auch kein Mittel, um die Kluft zwiſchen ihr und dem Herzen ihres Gatten auszufüllen, der ſich in ihrer Nähe geradezu unbehaglich fühlte. Dieſes Unbehagen wuchs, als der Thronerbe nach unverhofft kurzer Friſt den Fürſtenſtuhl einnehmen konnte. Er fühlte, daß das Unglück ſeiner Verbindung nur eine Frage der Zeit war, und daß ihm das Schickſal eine Feſſel anlegte, die er wenige Wochen ſpäter un⸗ bedenklich hätte zertrümmern können. Vielleicht war die Abneigung der Fürſtin eine der hauptſächlichſten Triebfedern ſeiner freundlichen Geſinnung für den Grafen von La Rochelle. Neben den Parteigängern hatte dieſer aber auch noch eine ganz achtbare Zahl perſönlicher Gegner, die meiſten aus Neid und Schelſucht, wenige, weil ſie den Charakter des Grafen für einen zweideutigen hiel⸗ 91 ten. Zu dieſen letztern zählte insbeſondere der Oberſt⸗ jägermeiſter Freiherr von Frieſeneck. Die Laune, wo⸗ mit Fürſten ihre Neigung verſchenken, machte ihn zum Mitbeſitzer der allerhöchſten Gunſt. In dieſe Domäne mußte er ſich mit La Rochelle, ſeinem ausgeſprochenſten Antagoniſten, theilen. Der Freiherr Joachim Fries von Frieſeneck gehörte widerſpruchslos zu den hervorragendſten Erſcheinungen am Hofe. Er hatte bereits vor Jahren die Linie des halben Jahrhunderts überſchritten; aber ſeine hohe, markige Geſtalt, die Friſche ſeiner Geſichtszüge ließen ſo wenig als ſeine Beweglichkeit und der offene, leben⸗ dige Blick unter den ſtark gewölbten Brauen den tiefen Fünfziger vermuthen. Nur Haare und Bart übten Schelmenamt und verriethen dieſes durch ihr auffallend weißes Pigment. Frieſeneck bildete einen wunderlichen Gegenſatz zu La Rochelle, der Erſcheinung wie dem innern Weſen nach. Dieſer hatte ſeinerzeit unſtreitig zu den ſchönſten Männern gehört; aber er war raſch gealtert. Dennoch galt er— ſelbſt bei den Frauen ſeiner Gegner— als eine intereſſante Perſönlichkeit. Eine Kunſt war ihm vollſtändig zu eigen, die Kunſt der Toilette. Er wußte die brüchigen Stellen anmuthig zu verkleiden, wie man eine Ruine mit Immergrün und Prairieroſen über⸗ 92 wuchern läßt. Die höfiſche Sitte nie verletzend, wahrte er ſich doch eine gewiſſe Freiheit der Bewegung. Sein Geſpräch war anregend, und über die Klippe einer etwas mangelhaften Bildung hob ihn der ſchlagfer⸗ tigſte Witz. 3 So gewann er in der Geſellſchaft die Partie gegen den polternden, kauſtiſchen Frieſeneck, deſſen Laune ſich häufig zur Satire ſteigerte. Aber dem Fürſten ſchien gerade der Gegenſatz in ſeinen Günſtlingen zu behagen. Noch war es Allen ein Räthſel, wer bei der Durch⸗ laucht den höheren Vorzug genieße. Wenn auch La Rochelle in allen politiſchen Fragen das entſcheidende Wort gab, ſo wollte es doch faſt ſcheinen, als ſei der Oberſtjägermeiſter der vertrautere Freund des Fürſten, dem es zuletzt nur daran lag, ſich die läſtigen Staats⸗ geſchäfte möglichſt vom Leibe zu halten. Für dieſe hatte er den Grafen auserleſen. Der eine helle Kopf ſetzte ihn über alle Skrupel hinweg, womit ihn die fünfköpfige Hyder des Miniſteriums beängſtigte. „Man bedürfte eines delphiſchen Orakels“, flüſterte der glatte, geſchmeidige Hofmedicus Hambacher dem Kammerherrn von Luchsberg bei einem Lever ins Ohr, „um die hochfürſtlichen Paſſionen zu enträthſeln! Im Vertrauen geſagt, Frieſeneck hat geſtern wieder den Verſuch gemacht, der Durchlaucht den Staar zu ſtechen. 93 Durchlaucht haben ihm zugeſtimmt,— und nun ſehen Sie, liebſter, beſter Baron, ein förmliches Douchebad von Gnadenbezeugungen fällt über den Grafen her!“ „Sind Sie nicht des Grafen Hausarzt?“ fragte der Freiherr kurz und ſarkaſtiſch. 1 Ein Gedanke von Röthe ſchillerte in den Vertie⸗ fungen, womit die Pockennarben die Wangen des Hof⸗ medicus durchfurcht hatten. Aber ſchnell wieder gefaßt, erwiderte er:„Nicht alle meine Patienten ſind meine Freunde, lieber Baron. Die Pflicht gebietet über die Stimme des Herzens.“ In dem Augenblicke trat der Oberſtjägermeiſter an die Beiden.„Zum Henker!“ polterte er laut genug, daß es die Umſtehenden vernehmen konnten.„Wir werden uns das Gnadenbrod geben laſſen, ich und mein Bocaſſe, denn wir ſind überſtändig worden. Die Durchlaucht tractirt uns wie einen Wender; heute ſchieß' ich grobes Schrot, morgen der La Rochelle Vogeldunſt. Beim heiligen Hubertus! Ich bin kein Freund der niederen Jagd, und zum Lückenbüßer taug' ich nicht.“ Mit einem bedeutſamen Wink auf die Umgebung, legte der Hofmedicus raſch den Finger auf den Mund. Aber Frieſeneck fuhr nur um ſo lebhafter fort:„Wenn Sie das Maul halten wollen, ſo iſt das Ihre Sache, 94 Doctor! Bei mir knallt's, wenn man an den Tupfer drückt.“ Die draſtiſche Unterhaltung erregte Aufſehen. Es entſtand eine Unruhe im Saale, die dem Fürſten nicht entgehen konnte, und er fragte nach der Urſache. Auch Frieſeneck hatte ſeine Feinde, welche die Aeußerungen ſeines Unmuths der Durchlaucht gern zu Gehör trugen. Der Fürſt lachte über die Parallele, welche der Oberſt⸗ jägermeiſter in jagdgerechter Form zwiſchen ſich und dem Grafen zog. Aber des anderen Tages überraſchte er dieſen mit dem Comthurkreuz des bedeutendſten Landesordens, während der Freiherr Joachim Fries von Frieſeneck unter Anerkennung ſeiner Leiſtungen und mit der Verſicherung der höchſten Huld in den wohlverdienten Ruheſtand verſetzt ward. So war die letzte Concurrenz beſeitigt und La Rochelle der aus⸗ ſchließende Freund und Rathgeber des Fürſten. „Der Moor kann gehen! Ich hoffe, Du gehſt mit ihm, Klara!“ bemerkte der verabſchiedete Günſtling, als ihm der Miniſterialbote das verhängnißvolle Decret ausgeantwortet hatte. Lächelnd reichte er es ſeinem Töchterchen zur Durchſicht hin. Die Kleine ſchüttelte ihre nußbraunen Locken und zog die Stirn kraus. Dann gab ſie das Papier dem Vater zurück und ſagte, indem ſie auf das große fürſt⸗ 95 liche Inſiegel deutete:„Warum noch das Wappen auf⸗ drücken? Wäre ich ein Regent, ich gäbe meine Befehle nur mündlich, namentlich die ungerechten.“ „Warum das, mein Kind?“ „Damit übertrüge ich doch wenigſtens die Verant⸗ wortlichkeit denen, welche die jämmerliche Aufgabe haben, zu vollziehen. Sieh, Väterchen, ich habe ſo meine kindiſchen Anſichten von Majeſtät. Der Begriff verträgt ſich nicht mit dem Menſchlichen, was doch auch dem Fürſten anklebt. Er muß— dächte ich— ſelbſt fühlen, daß die Majeſtät nicht in ihm liegt, ſondern bloß in der Erſcheinung. So ſoll ihm min⸗ deſtens daran liegen, den Schein blank zu halten. Warum nun zweideutige Handlungen noch öffentlich mit Siegel und Unterſchrift vertreten? Gibt es nicht Creaturen genug, welche um Lohn dieſe Haftung über⸗ nehmen?“ Frieſeneck drohte mit dem Finger.„Was predigſt Du für arge, demokratiſche Grundſätze, Klärchen!“ er⸗ widerte er, indem er das Decret mit aller Ruhe wieder in ſeine Falten zuſammenlegte.„Zudem— haſt Du nicht geleſen, daß ich huldvollſt entlaſſen bin? Daß man meine Verdienſte würdigt, und mir die Ruhe von Herzen gönnt?“ Klara ſtampfte mit dem Füßchen, und der Unwille 96 jagte ihr eine Röthe auf die ſchneeweiße Stirne.„Wie viel Schlachten haſt Du geſchlagen, Papa?“ entgegnete ſie zornig.„Wie oft haſt Du Landbotendienſte gethan, die Dich ſo ſehr, ach ſo ſehr ermüdeten, daß Du jetzt ausruhen mußt, um Deine Füße zu ſchonen? Biſt Du ein alter, gebrechlicher Mann? O, ich weiß Alles ich weiß Alles! Du biſt unbequem geworden, und nun möchten ſie Dich am liebſten lebendig begraben, damit Dich ja Niemand in der längſtverdienten Ruhe ſtöre!“ Je dunkler das Mädchen blickte, deſto mehr er⸗ heiterten ſich die Züge des Freiherrn. Faſt ſchien es, als ob er über den Klang ihrer Worte den Inhalt überhöre. Es war die Stimme ſeines einzigen Kindes. Klara dagegen mochte wohl fühlen, daß ihre Rede die beabſichtigte Wirkung verfehle. Sie wandte ſich unwillig vom Vater ab, lehnte ſich an die Fenſter⸗ brüſtung und ſah zu den fliegenden Wolken auf. Zu⸗ weilen aber fuhr ſie flüchtig mit den Fingern über die Augen. „Ich glaube gar, Du weinſt?“ fragte Frieſeneck, indem er ſich vom Lehnſtuhle erhob und auf ſie zutrat. Sachte hob er ihr das niedergebeugte Köpfchen und ſah ihr freundlich lächelnd in die Augen, die wirklich in Thränen ſchwammen. Dann fuhr er fort:„Höre, 97 Klärchen, ein alter Heide— ich glaube, es war der Heraklit— hat ſich die Bemerkung erlaubt, daß im trockenen Auge die weiſeſte Seele ſich ſpiegle. Ich halte den Satz für richtig, und meine Tochter für eine kleine Philoſophin. Drum dächt' ich, Du wiſcheſt das Waſſer weg von Deinen Wimpern, damit ſie in der Lauge nicht abſtehen. Was haſt Du Dich auch zu grämen, da Du ſiehſt, daß mich die Geſchichte den Plunder kümmert?“. „Das meinſt Du jetzt“, erwiderte Klara, indem ſie den Kopf an des Vaters Schultern neigte und ihr trotz aller Weisheit die Thränen über die Wangen rannen.„Aber wenn erſt der Ueberraſchung das Nach⸗ denken folgt, dann wirſt Du Dich recht gekränkt und verletzt fühlen über die Unbill, die ſie Dir anthaten. O ich kenne Dich! Die Ruhe, zu der ſie Dich ver⸗ dammten, wird Dir zur Laſt werden, und die Lange⸗ weile Dich erdrücken.“ Der Vater fiel ihr in die Rede:„Je ne m'ennuie jamais, ſagte der alte Kaunitz, mais on m'ennuie! Ich will den Leuten aus dem Wege gehen, deren Ge⸗ ſellſchaft bisher mit wenigen Ausnahmen eine ein⸗ ſchläfernde Wirkung auf mich ausübte. Sorge Dich nicht, Klärchen, als könnte ich meine Muße nicht mit Würde genießen. Wahrhaftig, jetzt will ich erſt recht Hilarius, Non possumus. I. 7 98 zu leben und zu ſchaffen beginnen, und die Herren ſollen ſich nicht rühmen, als hätten ſie mit ihren Maß⸗ regeln dem alten Joachim von Frieſeneck die Adern unterbunden. Man hat mich unſchädlich gemacht; ich will mich ſelber um ſo nützlicher machen.“ Der eintretende Diener unterbrach das Zwiegeſpräch. Er meldete Beſuch an, und Frieſeneck war nicht wenig überraſcht, den Freiherrn von Luchsberg über die Schwelle treten zu ſehen. Der Kammerherr gehörte zu jenen Perſönlichkeiten, deren Paradigmen kaum irgendwo häufiger zu treffen ſind, als in den höheren ariſtokratiſchen Kreiſen. Ge⸗ wandt und bis zu einem gewiſſen Grade ſelbſt geiſt⸗ reich, mit Kunſt und Viſſenſchaft auf gutem Fuße, aber nirgends recht daheim, zu jedem Genuße aufgelegt und dennoch blaſirt, war er ein ebenſo eifriger An⸗- hänger der frommen Partei am Hofe, als er es mit den Grundſätzen der Moral leicht nahm. Er fand es auch nicht der Mühe werth, die Welt über ſeine Maxime in dieſen Punkten zu täuſchen. Nur der ſtrengen Fürſtin gegenüber wußte er den Schein zu retten, und ſich in der Gunſt zu feſtigen, welche er vorzugsweiſe ſeiner chevaleresken Form verdankte. Der Bannſtrahl der fürſtlichen Ungnade, welcher den Oberſtjägermeiſter ſo plötzlich getroffen, gab das — 99 Signal zu dem Verſuche, den energiſchen und uner⸗ ſchrockenen Mann für die Partei zu gewinnen. Luchs⸗ berg hatte von ſeinen Freunden die Aufgabe erhalten, dieſen Verſuch in Scene zu ſetzen. Man rechnete auf ſeine taktiſche Gewandtheit und Ueberredungskunſt in dem Maße, als man ſich überzeugt hielt, Frieſeneck werde nun entſchieden gegen den Grafen Front machen. Aber man verrechnete ſich in dem Charakter des alten Herrn. Bisher war weder ſein perſönlicher Wider⸗ wille gegen La Rochelle, noch ſein toryſtiſcher gegen die„liberale moderne Bedientenwirthſchaft“, wie er das gegenwärtige Syſtem nannte, vermögend, ihm einige Sympathie für die Gegenpartei beizubringen, die unter dem Banner der ſtreitenden Kirche focht. Jetzt, da ihn keine Verbindlichkeit mehr feſſelte, hatte er nichts weniger im Sinn, als die gewonnene Freiheit um noch zweifel⸗ hafteren Preis wieder hinzugeben. „Sehen Sie, lieber Baron“, alſo begegnete er der dringenden Zuſprache Luchsbergs,„nach meiner etwas mürriſchen Anſicht hat unſer gegenwärtiges ſtaatliches Leben eine doppelte Seite, eine Schatten⸗ und eine Nachtſeite. Dunkel ſind ſie beide Es handelt ſich zuletzt nur darum, wo dieſe Dunkelheit tiefer und dauerhafter iſt. Wie ich die Sache betrachte, wäre es euphemiſtiſch, zu behaupten, ich ſei ſeiner Erlaucht, dem 7* ————— 100 Grafen von La Rochelle im Lichte geſtanden, und er habe mich in den Schatten gedrängt. Umgekehrt, lieber Baron, geradezu umgekehrt! Ich habe noch nie die Wirkungen des Lichtes ſo angenehm empfunden, als juſt dieſen Morgen. Wenn Sie weiter in mich dringen, wahrhaftig ich müßte Sie mit derſelben Bitte behelligen, wie ſie einſt Diogenes an Alexander richtete!“ Luchsberg biß ſich in die Lippen und verabſchiedete ſich ſehr kalt und ſehr gemeſſen. „Ich müßte ihn einen Flegel nennen, wenn ich ihn nicht für einen Narren hielte!“ mit dieſen Worten ſchloß er den Vortrag, welchen er dem Hofmarſchall von Hammel über den Erfolg ſeiner Sendung zu er⸗ ſtatten hatte.„Sie haben Recht, mon cher, er iſt ein Narr!“ erwiderte dieſer, und der Refrain für die Unter⸗ haltung des ganzen Clubs war gefunden. In den alten Frieſeneck ſchien mit dem Augenblicke ſeiner Dienſtesentlaſſung der Geiſt eines Stoikers ge⸗ fahren zu ſein. Bei dieſer Seelenwanderung büßte er ſein polterndes Weſen völlig ein. Selbſt das ſchmeichel⸗ hafte Urtheil des Hofmarſchalls, das man ihm ſelbſt⸗ verſtändlich wieder zu hinterbringen wußte, lockte ihm nur ein heiteres Lächeln hervor, und feſtete ſeinen Ent⸗ ſchluß, ſich dem Schauplatz ſeiner bisherigen Thätigkeit bis auf Weiteres zu entziehen. 101 „Nun wirſt Du wohl die Nothwendigkeit einſehen, Klärchen“, bemerkte er ſeiner Tochter,„daß der„„Moor““ wirklich und ohne alle Metapher gehe. Laß uns den Staub von den Füßen ſchütteln, ehe wir zwiſchen den Mühlſteinen der ſehr ehrenwerthen Parteien zu Staub zermalmt werden. Es wäre doch ſchade— wenigſtens um Dich, mein Kind! Alſo in Gottes Namen, pack zuſammen! Die anmuthige Stille unſeres Tiburnums wird uns für den vielen Lärm entſchädigen, den man hier um Nichts macht.“ Die Kleine klatſchte jubelnd in die Hände. Es konnte kein kräftigeres Mittel zur Heilung der Wunde geben, welche ihr durch die Entlaſſung des Vaters ge⸗ ſchlagen ward. In wenigen Tagen war der Haushalt, der ſeit dem Tode der Mutter ihrer Obhut anvertraut war, bis aufs Tüpfelchen geordnet und jede Vorkehrung zur Abreiſe getroffen.„Fahr' wohl, du falſche Welt!“ rief ſie lachend, als die letzte Thurmſpitze hinter den vortretenden Hügeln verſchwand, und der Wagen in dieſelbe Straße einbog, auf der wir wenige Wochen früher unſeren Freunden Lucian und Theobald das Geleite gaben. Die Entfernung des Oberſtjägermeiſters machte auch in den Bürgerkreiſen viel zu reden. Die Einen be⸗ 10² klagten den Fürſten um den Verluſt eines redlichen und offenherzigen Mannes. Die Andern prieſen ſeine Weisheit, oder überließen ſich der Schadenfreude über den Fall eines Mächtigen der wenig beliebten Adels⸗ partei. Meiſter Ebenſtreit betrachtete die Sache lediglich von ſeinem fortſchrittlichen Standpunkte aus. Nach dem Abendimbiß hatte Jungfer Gundel die wichtige Neuigkeit zum Beſten gegeben, die ihr, wie ſie ſagte, aus unmittelbarſter Quelle war mitgetheilt worden. „Natürlich, Du haſt ja Deine Verbindungen bei Hof!“ bemerkte der Rothgießer mit komiſchem Ernſte. Der Altgeſelle warf einen hämiſchen Blick auf die Jungfer, und belohnte den Witz des Meiſters mit einer Verrenkung der Geſichtsmuskeln, welche bei ihm die Stelle des Lächelns vertrat. Aber Gundel blieb nie eine Antwort ſchuldig, und wenn ſie auszahlte, geſchah es zumeiſt in grober Münze. „Verbindung hab' ich meiner Lebtag keine gehabt“, erwiderte ſie,„und eine honette Perſon bin ich, Ihr mögt's ſo oder ſo nehmen. Aber was ich weiß, weiß ich, und eine blutige Thräne möcht' ich weinen, wenn ich daran denke, wie man der Durchlaucht, dem armen jungen Blut, ſo arg mitſpielt. Seine guten, ehrlichen Freunde müſſen über die Klinge ſpringen, Einer nach dem Andern, und die Heiden und Gottesläſterer, die 103 Phariſäer und Demokraten legen ihm ein Pflaſter auf's Auge, daß er das Elend im eigenen Hauſe nicht ſieht, geſchweige denn im Lande!“ Meiſter Ebenſtreit legte wenig Gewicht darauf, wenn ſeine lieb⸗ und ehrenwerthe Hauſerin ihrem ge⸗ preßten Herzen ab und zu in ätzenden Worten Luft machte. Dießmal aber ärgerte ihn die unerhörte Gleich⸗ ſtellung der Phariſäer und Demokraten mehr als ge⸗ wöhnlich. Gundel hatte in der That— und nicht abſichtslos— an ſeine verwundbarſte Stelle gerührt. „Sie ſpricht, wie Sie's verſteht!“ entgegnete er ge⸗ reizt, indem er den Lehnſtuhl nach der Seite ſchob, um ſeine Widerſacherin recht ins Auge zu faſſen.„Ueber Vermögen kann auch der Kaiſer nicht, und wenn Sie die Sachen ſchief ſieht, ſo geht's Ihr juſt wie den alten Kirchen, die alle dunkle Gläſer haben. Weiß Sie was, Gundel, wir wollen halb Part machen. Den Phariſäer behalt⸗ Sie für ſich; ich will den Demokraten auf mich nehmen.“ Martha hatte bisher keinen Blick von den Strick⸗ nadeln gewandt, die ſich in ihren Händen geſchäftig tummelten. Nun aber lag ihr daran, die wachſende Mißſtimmung zu beſeitigen, und ſie verſuchte eine Ver⸗ mittelung. Faſt wäre es ihr geglückt, und der Meiſter fing allbereits an, ihren ausgleichenden Worten wenigſtens 104 im Geiſte beizuſtimmen, als ſie ſchließlich zu der über⸗ raſchenden Folgerung gelangte, daß der Ohm Recht habe, und die Gundel nicht Unrecht. Das trieb denn doch dem alten Herrn die Hitze in den Kopf. Seine Stimme nahm jenen Fiſtelton an, den er nur in er⸗ regten Augenblicken vernehmen ließ: „Hör' Marthe, zweierlei Mus läßt ſich nicht in einem Hafen kochen. Entweder hab' ich Recht, oder ich habe reſpektive Unrecht, und wer mir Beides zugleich weiß machen will, lügt doppelt!“ Martha blickte wieder auf ihre Arbeit nieder und ſchwieg. Der Vorwurf der Zweideutigkeit hatte ſie um ſo empfindlicher verletzt, als ſie ſeine Berechtigung fühlte und Juſtus Zeuge dieſer Demüthigung war. Nun ging aber Herrn Hans Ebenſtreit nichts mehr wider den Sinn, als wenn Einer ein unrechtes Wort auf ſich ſitzen ließ. Wie er ſelbſt gerne widerſprach, ſo forderte er auch billiger Weiſe von Anderen Wider⸗ ſpruch. Wer ſchweige, achte ſeinen Gegner gering, meinte er, und knüpfte daran noch etliche Betrachtungen, denen er— wie es ſchien— ſchon längſt gerne Aus⸗ druck gegeben hätte. Alles, was ihn wurmte, trat ihm auf die Zunge, und die arme Martha mußte unter Thränen anhören, wie er ihre heiligſten Gefühle ver⸗ unglimpfte. Selbſt der vortreffliche Herr Vicarius 105 Sander hatte ſich einige verfängliche Seitenhiebe ge⸗ fallen zu laſſen, und die ſämmtlichen Sodalitinnen des frommen Bundes zum Herzen Mariä wurden ohne alle Rückſicht auf die anweſende Oberin wie mit ätzender Lauge übergoſſen. Lrhomme se pique, ſagte der alte Montaigne. In den ſeltenen Augenblicken, wo dem Rothgießermeiſter die gute Laune wirklich ausging, wußte er mit uner⸗ hörter Ausdauer den Stachel zu ſchärfen, womit er ſich ſelbſt zum Zorne antrieb. Sein gutmüthiger Spott ſchlug in die bitterſte Ironie um, und bei ſeiner leb⸗ haften und kühnen Gedankenverbindung wußte er das Entfernteſte in den Bereich ſeiner beißenden Satire zu ziehen. Glücklicherweiſe waren dieſe Vorkommniſſe nur Folge einer ganz ungewöhnlichen Aufregung, zu der ſich Herr Hans Ebenſtreit regelmäßig nicht aufgelegt fühlte. Nun war aber nichts mehr geeignet, ſeinen Unmuth zu erregen, als ein Angriff auf ſeine politiſche Geſin⸗ nung und auf die Partei, für die er viel eingeſetzt hatte. Ihr hatte er ſeine angeborene Ueberzeugung geopfert, und um ihretwillen war er jederzeit bereit, auch ſein perſönliches Gefühl preiszugeben. So hatte er na⸗ mentlich gegen die Perſon des Grafen von La Rochelle von vornherein einen ſtarken Widerwillen empfunden, 106 der ſich noch erhöhte, ſeitdem Theobald— wie er ſich ausdrückte— den Bodenwichſer im Hauſe machen mußte. Aber der Graf begünſtigte die liberalen Ideen, zu denen er ſelber ſich bekannte, und die Kluft zwiſchen dem gräflichen Liberalismus und der letzten Forderung der Demokratie blieb dem Auge des ehrenwerthen Mei⸗ ſters verborgen. La Rochelle war ihm der Schirmherr der fortſchrittlichen Partei, Frieſeneck der Vertreter des reactionären Elementes am Hofe. Hiernach vertheilte er mit aller Selbſtverleugnung ſeine Gunſt und Un⸗ gunſt. Die fürſtliche Ungnade, die zum Sturze des Oberſtjägermeiſters Anlaß gab, war ein Triumph ſeiner Sache; die unziemliche Aeußerung Gundels ein Maje⸗ ſtätsverbrechen an derſelben. Nun kam dazu noch Martha's Doppelzüngigkeit und fachte das Wetter vol⸗ lends zum Sturme an! Der empfindſame Altgeſelle war ſchon gleich Anfangs dem wachſenden Zorne des Meiſters aus dem Wege gegangen. Als im weiteren Verlaufe auch die Hau⸗ ſerin ihr Theil gründlich wegbekommen hatte, folgte ſie dem Beiſpiele und verließ das Zimmer. Hinter ihr fiel die Thür ziemlich unſanft ins Schloß. Die Sicherheit, womit die Jungfer vom Schau⸗ platze abtrat und eine Schranke zog zwiſchen ſich und dem Helden des Dramas, blieb nicht ohne Wirkung. 107 Der Meiſter ſchaute ihr verblüfft eine Zeit lang nach, und ſein Redefluß ſtockte. Dann murmelte er ſtoßweiſe oor ſich hin:„Reden iſt Silber und Schweigen iſt Gold! — Wenn du was weiißt, ſo halt' das Maul!— Die Narren kramen ihre Weisheit vor den Weibern aus, und nehmen's mit den Windmühlen auf, wie der Don Quixote, Gott hab' ihn ſelig.— Treibt mich der Satan, und ich fang' ein Gewäſch an, das mich mehr Aerger koſtet, als ich in einer Nacht verſchlafen kann.“ Dabei langte er den Wachsſtock aus der Mauerblende, zündete ihn an und verließ die Stube ohne den üblichen Nachtgruß. Martha hatte ſich in die Ecke zurückgelehnt und hielt die Schürze vor die Augen. Bisweilen unter⸗ brach ein lauter Seufzer ihr ſtilles Weinen. Nicht nur, daß ſie der Oheim bitter verletzt und gedemüthigt hatte, ſcheuloſer denn je gab er auch ſeinen Widerwillen gegen Perſonen und Dinge kund, die ihr im Glorienlichte und Weihrauchdufte unnahbar und unverletzlich dünkten. Hatte er nicht von den Falten der Prieſterröcke und Mönchskutten geſprochen, als ſtäke darin alles Unheil der Welt, wie in der Büchſe Pandora's? Drang ihm nicht das frevelhafte Wort über die Lippen, daß jeder Löffel voll Kloſterſuppe einen Gran Blauſäure enthalte, um die freie forſchende Seele zu vergiften? Martha 108 hatte vollen Grund, nicht nur erzürnt, ſondern auch bekümmert zu ſein, denn das Seelenheil des Oheims lag in augenſcheinlichſter Gefahr.. Vielleicht ging auch Aehnliches im Gemüthe unſeres jungen Freundes Juſtus vor. Schweigſam und ver⸗ zagt war er Zeuge dieſes unerquicklichen Auftrittes. Erſt als der Meiſter aus dem Zimmer und er mit Martha allein war, getraute er ſich, ſeine Blicke gegen dieſe zu erheben. Es lag viel darinnen— Schmerz, Unmuth, Mitleid und noch etwas Unausſprechliches, davor ſeine Seele leiſe zitterte. Nach einer ſchweigſamen Weile nahm die Jungfrau das Tuch vom Geſicht. Noch waren ihr die Augen voll Waſſer, und ſie ſcheute ſich, den Lehrjungen an⸗ zuſehen. Als ob ſie nur ſo für ſich hinreden wollte, hob ſie an:„Ach, es gehört viel Starkmuth und Sicher⸗ heit dazu, um das Alles mit anzuhören, ohne Wider⸗ ſpruch und ohne Wanken! Ich weiß, was Du vom Ohm hältſt, Juſtus, und wie er Dir hoch ſteht. Aber ſeine Worte haben alle einen Widerhaken! Wo ſie eindringen, reißt man ſie ſchwer wieder heraus, und jedes läßt eine blutende Wunde zurück. Das macht mich bange um Dich und um die Saat, die ich in Dein Herz ſtreute. Ach, ich will ja gerne das Alles über mich ergehen laſſen, da ich mich feſt fühle. Aber 109 Du, Juſtus, kannſt Du Dein Ohr verſchließen, wenn die Thorheit der Welt ſpricht?“ Juſtus empfand, was einſt Walther von der Vogel⸗ weide ſang, daß weinend' Aug' ſüßen Mund habe. Um dieſer liebevollen, bekümmerten Worte willen hätte er alle Zweifel beiſeite gelegt, wenn er nicht ſelber ſchon längſt ſicherer geweſen wäre, als es Martha ahnen konnte. Leiſe erwiderte er: „Ich ſchätze den Meiſter hoch, Martha, das mögt Ihr wohl glauben. Er iſt ein rechtſchaffener Herr, ehrlich, treu und ohne Falſch. Aber ich weiß, daß er den Glauben nicht hat, und mit dem Glauben fehlt ihm die rechte Liebe. Die Welt ſteht ihm höher, als der Himmel über ihr, und ſo bewegt ſich ſeine Sorge ausſchließend um die Dinge dieſer Welt, die ihn be⸗ kümmern und befriedigen, erfreuen und erzürnen, als ſeien ſie der Zweck ſeines Lebens. Ob ich auch darüber noch nichts redete, Ihr könnt doch glauben, daß ich um deßwillen ſchon viel Betrübniß gekoſtet habe. Es iſt ein herbes, zwieſpältiges Gefühl, wenn man nicht laſſen kann von der Liebe zu einem Menſchen, der ſeiner unſterblichen Seele kein Acht hat, und die Ewigkeit verpfändet für die Spanne Zeit, die er lebt. Ach Martha, Ihr wißt nicht, wie oft und tief mich dieſe Gedanken quälen, nicht bloß um des Meiſters willen! 110 Ich habe Mutter und Bruder, die in weltlicher Kümmer⸗ niß und weltlichem Leichtſinne gefangen liegen.“ Martha hatte während der Rede des Jünglings das Köpfchen gehoben, und es ging wie ein Leuchten über ihre Züge. Bei ſeinen Worten verſiegten raſch ihre Thränen. Seit den anderthalb Jahren, daß der ſin⸗ nende und ſchweigſame Juſtus nicht nur beim Oheim, ſondern auch bei ihr in die Lehre ging, hatte er noch nie ſo entſchieden in den Ton eingeſtimmt, den der ehr⸗ würdige Vicarius Sander ſo meiſterlich anzuſchlagen wußte. Unvermerkt war ſie näher gerückt— ihre Hand ſenkte ſich auf Juſtus' Arm— er fühlte ihre Wärme bis an's Herz, und ſtockte. „O fahr' fort!“ ermunterte Martha, und der Odem ihres Mundes ſtreifte die Wange Juſtus' ſo nahe hatte ſie ſich zu ihm hingebeugt.„Bei Deinen Worten ebnen ſich die Wellen meines Gemüthes, als träufle Oel von ihnen. Ich fühl' es, Juſtus, in Dir iſt die Gnade ſchon mächtig, und die Lehren unſeres prieſterlichen Freundes ſchlugen ihre Wurzeln in den weichen Boden Deines Herzens.“ Juſtus aber fuhr nicht fort. Das Blut war ihm in die Wangen geſtiegen, und ſeine Pulſe klopften ſo heftig, daß er darüber kein Wort deſſen vernahm, was ihm die Jungfrau erwidert hatte. Die Stelle ſeines 111 Armes, wo ihre warme Hand lag, brannte wie„ſüßes Feuer“, und bei der Wahrheit ſeines Weſens ward er ſich wohl bewußt, daß nun in ſeinen Gefühlen ein gutes Stück jener Weltlichkeit liege, um derentwillen er ſich über Meiſter, Bruder und Mutter ſo ſehr kümmerte. Wie gewandt benahm ſich Martha dagegen! Ihr Umgang mit dem Vicarius und ſeinen gleichgeſinnten Freunden, ihr Amt als Oberin eines frommen und nicht unmächtigen Bundes hatte ſie mit Stimmungen, wie die gegenwärtige, längſt vertraut gemacht, und über die Widerſprüche, die ſich in ihr regten, ging ſie mit weib⸗ licher Seelenruhe hinweg. Die Wirkung der Myſtik iſt eine nach innen gerich⸗ tete; ihre Thätigkeit äußert ſich in der Empfindung und Phantaſie, und Martha hatte ſich dieſer Richtung völlig ergeben. Ihre Stärke lag im Gefühle, und war viel⸗ leicht nur Folge der Schwäche ihrer Nerven, welche ſie ſo oft an's Krankenbett feſſelte. Die Natur gleicht je⸗ den Mangel auf der einen Seite durch einen Ueberfluß auf der andern aus. Mit dieſer überſchüſſigen Empfind⸗ ſamkeit treibt aber Niemand ſo Wucher als das Weib, an deſſen ſelige Unmittelbarkeit und Traumtiefe kein Verſtand der Verſtändigen reicht. Der Pietismus, der „ſeine Seiſenblaſen Himmelfahrt halten läßt“, iſt männ⸗ lich; die Myſtik, welche in wollüſtiger Ekſtaſe das Ge⸗ 11² heimniß des Wunders empfängt, iſt weiblich, und edle Myſtiker unter den Männern ſind ſo ſelten, wie die Hardenberge unter den Romantikern. Deſto entſchie⸗ dener neigt ſich die aufnehmende und unſelbſtändige Frauennatur zur myſtiſchen Gefühlsſeligkeit. Es bewährt die höchſte Staatsklugheit der ſtreitenden Kirche, daß ſie die Frauenherzen in die Fäden dieſes geheimnißvollen Netzes zu verſtricken wußte, und dieſe zu ihren Tria⸗ riern heranbildete. Sie würdigte den Reiz, welchen gerade dieſe leidende und duldende Unſelbſtändigkeit dem Manne gegenüber hat, der ſich ſchließlich— ſei es aus Großmuth oder Bequemlichkeit— die Herrſchaft auf religiöſen Gebiete vom Weibe entreißen läßt. Aus Großmuth oder Bequemlichkeit huldigt er nun dem fri⸗ volen Grundſatze, daß die religiöſe Bildung des Kindes den Frauen zuſtehe. Und ſo wird in jede kommende Generation der alte, myſtiſche Sauerteig gelegt, damit jenes Geſchlecht der„Borſtenfüßler unter den menſch⸗ lichen Weichthieren“ nicht ausſterbe, die mit dem Kopfe nach unten geſtellt ſind, die jeden freien Emporſchwung der Seele für einen Kirchenfrevel halten! Die große Rolle, welche die Sinnlichkeit in der Myſtik ſpielt, fand in der Scene, die wir unſerem Leſer geſchildert, in der That einen geſchickten Darſteller. Martha hatte aus ihrer Neigung zu Juſtus nie ein 113 Geheimniß gemacht; aber ſie nannte es nur ſchweſter⸗ liche Liebe. Damit vertrugen ſich ihre vierundzwan⸗ zig Frühlinge gegenüber dem kaum ſiebzehnjährigen Jun⸗ gen ganz wohl. Dieſer war auch zu zaghaft und ſchüch⸗ tern, um etwa einen Anlaß zur Steigerung ihres Ge⸗ fühls zu geben. Um ſeiner ſelbſt willen vermied er jede Annäherung; denn ihm bangte, daß die ſtille Gluth ſei⸗ nes Herzens auflodern könnte. Sein Verſtand ſah klar, daß die Gegenſeitigkeit zwiſchen ihm und dem gereiften Mädchen keine leidenſchaftliche ſein dürfe; aber er miß⸗ traute ſeinem Blute. Deſto reizender erſchien er in den Augen Marthass, die nach Befriedigung ihres Gefühls verlangte. Je geſetzloſer, deſto verlockender! Noch ſchwieg er; aber ſie las aus den Flammen ſeiner Wange, und ſie hörte ſeine Gedanken, die in klopfenden Pulſen redeten. Da neigte ſie ihre Stirne auf ſeine Hände, und flüſterte leiſe: „Juſtus! Sprich zu mir!“ Und er erwiderte noch leiſer und mit zitternder Stimme:„Martha, Martha! Mir iſt bange vor mir ſelber! Ich habe gefrevelt, daß ich über den Meiſter ſchalt und über die Mutter!“ Da wendete ſie das Geſicht gegen ihn, und ſah ihn lächelnd und fragend an. Und als er die Wimpern ſenkte, fuhr ſie ihm mit der freien Hand über die glatten 8 Hilarius, Non possumus. I. 114 ſchwarzen Haare hin, und ſein Haupt gab dem leiſen Druck nach. Wange lehnte an Wange, er wußte nicht, wie es geſchah und kam. Bald brannten ihre rothen Lippen an den ſeinen, und die Flammen ſchlugen über ihn zuſammen, ſeine eigenen und die der Geliebten. Aber mitten im wonnigſten Entzücken kam ein leiſer Schauder über ihn, und die Linke, die noch eben feſt um die Hüfte des Mädchens geſchlungen war, fiel ſchlaff nieder. „Was iſt Dir, Juſtus?“ fragte Martha erſchreckt, und klammerte ſich mit beiden Händen an ſeine Achſeln. Dieſer erwiderte:„Es geht ein Schatten an meiner Seele vorüber, Martha. Nun hab' ich ein Jahr und mehr noch gekämpft wider meine unſelige Leidenſchaft, und jetzt macht ein Augenblick meine Stärke zu Schan⸗ den! Und doch iſt mir's wieder, als hätte es juſt ſo kommen müſſen. Im Stolze meines Herzens dachte ich, daß ich Alles nach meinem Willen vermöchte. Nun ſteh' ich an der Grenze— ich kann nicht anders!“ „Und das geht Dir ſo tief zu Gemüthe?“ entgeg⸗ nete Martha, ſchelmiſch drohend.„Wie hoch ſchätzeſt Du meine Liebe gegen Dein ſtolzes ſelbſtſüchtiges Kön⸗ nen und Wollen? Wenn Du liebſt, voll und ganz, Juſtus, ſo verlierſt Du Dich ſelbſt, und Deine ganze Macht iſt— ſelige Trunkenheit!“ 115 Da rankten ſich wieder ſeine Arme um das Mäd⸗ chen. Seine Blicke verſanken in den ihrigen; er ſog den Athem ihres Mundes ein, und fühlte den zauber⸗ haften Wellenſchlag ihres Buſens.„Mein Gott!“ ſtam⸗ melte er,„und ob ich mich ganz verlöre,— es iſt nichts, nichts gegen den ſüßen Gewinn Deiner Liebe! Ich bin ja trunken, Martha,— fühlſt Dus nicht? Aber im Grunde des vollen Bechers, der um meine Lippen ſchäumt, ſeh' ich's liegen, wie eine giftige Neige. Wenn ich mich aufgäbe um Deinetwillen, und dann— doch auch Dich verlöre?— Martha, Martha——“ In raſcher Bewegung führte ſie die Hand an ſeinen Mund und verſchloß ihm die Lippen. Und indeß ſie ſich feſter an ihn ſchmiegte, erwiderte ſie, halb ſingend, mit den Strophen der ſchönen, alten Volksweiſe: Mich kränken Deine Worte, Verſchließ nicht Deine Pforte, Herzlieb, nicht von mir ſcheid'. Für Dich ſetz' ich ein Gut und Ehr', Und ſollt' ich mit Dir ziehen, Kein Ort iſt mir zu fern, Kein Weg iſt mir zu weit!— 8* Fünftes Kapitel. Der Mann iſt ein Geſchöpf des Ehrgeizes und des Eigennutzes. Seine Natur führt ihn hinaus in den Kampf und das Getümmel der Welt. — Waſh. Irving, Skizzenbuch. Der Athem von Berg und See, Wald und Wieſe hatte wie ein Wund⸗ und Wunderſegen auf den jungen Grafen Lucian gewirkt. Als er im Spätherbſte mit dem Lehrer und Freunde wieder Heimkehr hielt, konnte ſich Gräfin Lucinde nicht ſatt ſehen an dem geliebten Sohne, an ſeiner ſtrammern Haltung und lebhaftern Bewegung, und an dem bischen Carmin, das ſich an ſeinen Wangen angeſetzt hatte. „Wie danke ich Ihnen für den glücklichen Gedanken dieſes Landaufenthalts!“ bemerkte ſie zu Doctor Julian, als ihr dieſer die ſeiner ausſchließenden Obhut anver⸗ à 117 trauten Zöglinge wieder zuführte.„Wir greifen weit hinaus nach zweifelhaften Geheimmitteln und überſehen die nahe liegende Natur und ihre wunderbare Heil⸗ kraft. Mir iſt auf den Winter bange, lieber Doctor, der den Jungen wieder an die Stube und an die Bücher feſſelt!“ „Von den Büchern haben wir uns nie frei gemacht“, verſetzte Julian,„da ſie uns die Brücke zur Hochſchule mußten ſchlagen helfen. Und was die heilkundige Natur betrifft, ſo denke ich, Erlaucht, daß es nur an uns liegt, ſie wieder aufzuſuchen. Sie weiſt ſelbſt die treuloſen Patienten nicht von ihrer Schwelle.“ Der angeregte Gedanke, Lucian ſchon mit dem kom⸗ menden Winter die Univerſitätsſtudien beginnen zu laſſen, gab Stoff zu bewegterem Wechſelgeſpräche. Die Gräfin meinte, er ſei zu jung; aber Julian ſah in der Jugend kein Hinderniß, nachdem die geiſtigen Vor⸗ bereitungen zu einem ſo ſchönen und harmoniſchen Abſchluß gediehen waren. Ungerechnet die raſchere Entfaltung Lucian's, der doch ſchon ſein ſechzehntes Jahr hinter ſich habe, ſo verlange gerade dieſes Alter nach den ſättigenden Früchten einer poſitiven Wiſſen⸗ ſchaft. Man unterdrücke geradezu die freie, menſchliche Entwickelung, wenn man den Jüngling nicht frühe genug aus dem Kreiſe der äſthetiſchen und ſprachlichen 2 118 Vorbildung übertreten laſſe in das anregende und be⸗ friedigende Gebiet praktiſcher Studien. Mit dem Schul⸗ zwange ſei die heilloſe, ſchablonenmäßige Erziehung zum Geſetze erhoben worden, deſſen Verkehrtheit ſich an jeder nachwachſenden Generation räche. In mehr als thörichter Weiſe knüpfe man den Fortſchritt an äußere, gemeingiltige Bedingungen, ſtatt an den Grad innerer Vollendung. Auch hier möchte man unſerem kranken Pädagogenthume anrathen, ſich von der Natur heilen zu laſſen, die es der Schwarzpapel nicht wehrt, raſcher in den Stamm zu ſchießen als die Steinlinde. Lucinde mußte der Anſicht des Hofmeiſters bei⸗ pflichten. Aber die gleichen Gründe— meinte ſie— ſprächen vielleicht zum Nachtheile Theobald's, deſſen frühere Erziehung doch eine mangelhaftere war. Ihr liege nicht wenig daran, daß die beiden Jünglinge glei⸗ chen Schrittes gingen. „Julian erwiderte:„Laſſen Sie mir die Sorge für Theobald, gnädige Gräfin. Er iſt ein Jüngling, deſſen Talent keiner künſtlichen Steigerung zum Genie bedarf. Dafür hat wieder die gütige Natur geſorgt! Er hat in zwei kurzen Jahren mehr des Fehlenden ergänzt und des Begonnenen vollendet, als ein gewöhnlich angelegter Knabe in doppelten Zeit.“ „Unter Ihrer Leitung!“ fügte mit einem leichten 119 Anfluge von Ironie die Gräfin hinzu. Der mütterliche Stolz war ein klein wenig verletzt durch das beſon⸗ dere Lob, womit der Hofmeiſter Theobald's Talent an⸗ erkannte. Unbefangen antwortete dieſer:„Eingermaßen wohl! Im Allgemeinen iſt es jedoch nur Wirkung jener Un⸗ mittelbarkeit und Perſönlichkeit des Unterrichts, welche der Knabe entbehren muß, der nach dem Regiments⸗ commando in Reih' und Glied gedrillt wird.“ „Und wie nun?“ fragte Lucinde weiter. Wollen Sie Ihre beiden Zöglinge ganz ſich ſelbſt überlaſſen von dem Augenblicke an, wo ſich die ſtolzen Pforten der Hochſchule vor ihnen aufthun? Ach, lieber Doctor, ich fürchte mich wahrhaftig vor der Selbſtſtändigkeit der jungen Leute! Ein Blick auf die vielen uner⸗ quicklichen Beiſpiele dürfte dieſe Beſorgniß wohl recht⸗ fertigen.“ „Ich vermeide gerne die abgenützten Citate unſeres viel mißhandelten Schillers, gnädige Gräfin“, klang die Entgegnung,„und doch muß ich an den leidigen Sklaven gemahnen, der die Kette zerbricht. Unſere jungen Freunde, denk' ich, ſind bereits mit der ſelbſt⸗ ſtändigen Bewegung vertraut. Das wird ſie zwar vor dem Straucheln nicht ſchützen, aber— es muß auch geſtrauchelt ſein! In der That, Erlaucht!“ 120 „Grundgütiger Himmel!“ fiel ihm hier Lucinde ins Wort, und ein Staubwölkchen entſtieg dem Teppich, ſo ſtampfte ſie mit dem Füßchen.„Vergeſſen Sie doch in Augenblicken, wie dieſe, ein bischen die Erlaucht, und ſprechen Sie mit mir. Sie ſind ſteif geworden, Doctor. Iſt Ihnen die Gletſcherluft in die Glieder gefahren?“ Nur eine Sekunde hielt Julian inne, dann fuhr er weiter:„In der That, ſchöne Gräfin, ich ſtehe an der Schwelle der Entſagung— einer ſchweren und ſchmerz⸗ lichen Entſagung. Nicht daß ich mich meiner Erziehungs⸗ kunſt rühmte, aber ich rühme mich der Gewiſſenhaftig⸗ keit, womit ich meinen Grundſätzen nachlebe. Mit den Rechten der akademiſchen Jugend verträgt ſich wohl die Geſellſchaft eines rathgebenden ältern Freundes, aber nicht die Vormundſchaft eines Hofmeiſters.“ „Und warum wollen Sie nicht ſelbſt dieſen ſchönen Rollentauſch übernehmen?“ „Weil ich fürchte, den Lehrmeiſterton nicht mehr anzubringen, und— weil mir die Unabhängigkeit fehlt.“ Lucinde blickte verlegen zu Boden. Sie fühlte die volle Berechtigung von Julian's letzten Worten, und doch verdroß ſie der„bürgerliche“ Stolz, der ſich hinter ihnen verſteckte. Zudem lag in ihnen die Kündigung des Vertrages, der den Hofmeiſter bisher an das gräf⸗ liche Haus gekettet hatte. Sie vorempfand den Verluſt 121 eines anregenden, geiſtvollen und anmuthigen Umgangs, an den ſie nun ſeit mehr als vier Jahren gewöhnt war. So mißlang ihr der ſcherzhafte Ton, den ſie anſchlagen wollte, da ſie Julian den Vorwurf der Fahnenflucht machte. Als ſie ihn anſah, ruhte ſein Blick ernſt und faſt trauernd auf ihr. „Erſchweren Sie mir nicht die Vollendung meiner Pflicht, gnädige Gräfin!“ erwiderte er, und zum Wohl⸗ klange ſeiner Stimme trat noch der Schmelz wehmüthiger Empfindung.„Der Steg, den ich mir jetzt aus einem reizenden idealen Wirkungskreis in die graue Werkel⸗ tägigkeit eines Kanzleimenſchen bauen muß, iſt eine wahre Seufzerbrücke. Aber mir iſt keine andere Wahl gegeben. Ich ſchulde das nicht nur meinem jungen Freunde Lucian, wenn ich ihn ſo nennen darf, ſondern auch meiner eigenen Zukunft. Und— um dieſes Eigennutzes willen wird mich Ihre Huld nicht an⸗ klagen.“ Lucinde reichte ihm die Hand. Er berührte kaum die feinen Finger mit ſeinen Lippen, und ſtand dann wieder ruhig und aufrecht vor ihr. Seine Miene ver⸗ rieth nicht die geringſte Bewegung. Nach einer kleinen Weile bemerkte die Gräfin lächelnd:„Gut, lieber Doc⸗ tor, Ihre Berufung an meine allerhöchſte Huld ſoll nicht vergeblich ſein. Wir wollen uns aber gegenſeitig 122 das Verſprechen geben, daß die letzten Wochen unſeres gemeinſamen Haushaltes durch keinen voreiligen Blick in die Ferne getrübt ſein ſollen. Ich bitte mir für dieſe Nothfriſt Ihren glänzendſten Humor aus. Wiſſen Sie, Julian, daß der gedrückte Ton und die weiche Stimmung ihrem Weſen wie eine Larve anſteht? Wenn Sie von einer„Seufzerbrücke“ reden, ſo gemahnt das wohl an den Carneval, aber nicht an die Bleikammern Venedigs!“ „Ich erinnere mich“, verſetzte Julian,„daß mich einſt dieſer ſchöne Mund mit Carlos in Clavigo ver⸗ glich. Jetzt muß ich mir auch den Falſtaff gefallen laſſen.“— „Beides iſt überſpannt! Ich denke, daß ſich der geläufige Witz und der feine Humor in der Geſell⸗ ſchaft mit dem Ernſte in der Zurückgezogenheit wohl verträgt.“ „Weiſe Männer ſind nicht witzig—“ „Sondern langweilig?“ „Nein,— ſarkaſtiſch!“ „Gut, lieber Doctor, ſo ſeien Sie in Gottes Namen kein weiſer Mann in dieſen letzten Tagen Ihrer— Abhängigkeit! Dann werde ich Ihnen ſelbſt den Sarkasmus verzeihen, den Sie doch nicht los brin⸗ gen können. Alſo— ich will einen heitern Schluß 123 Ihres freundlichen Wirkens in unſerem Hauſe. Hören Sie?“ Unter liebenswürdigem Lächeln entließ die Gräfin den Hofmeiſter. Bald hallten ſeine Schritte auf den polirten Flieſen des Corridors; aber dießmal achtete er der Ahnenbilder nicht, die noch immer in vornehmer Schweigſamkeit an den Wänden hingen. Das Intereſſe für die Lebenden ließ ihn dieſe todten Größen völlig überſehen. Bewegtern Gemüthes, als es die faltenloſe Stirne verrieth, war er aus den Gemächern der Schloßfrau geſchritten, und der nächſte Augenblick, der ihn im Arbeitszimmer des Grafen treffen ſollte, war vielleicht noch mehr geeignet, ſeinen Takt und ſeine Faſſung zu erproben. Er mußte ſich beruhigen und ſammeln. La Rochelle empfing ihn mit jener formellen Artig⸗ keit, die man leicht für einen ungekünſtelten Natur⸗ ausdruck hätte nehmen können. Sie ward jedem, der dieſe Schwelle betrat, in gleichem Maße zu Theil, wenn auch der feinere Beobachter nach den erſten Wen⸗ dungen des Geſprächs zu unterſcheiden vermochte, wie viel hiervon wirklich auf Rechnung einer wahrhaft urbanen Natur kam. Julian hatte nicht nur dieſe Wahr⸗ nehmung längſt gemacht, er wußte auch, daß ihm gegen⸗ 124 über das bedeutungsloſeſte freundliche Wörtchen aus die⸗ ſem Munde eine Maske war. Die erſten Berichte über die innern und äußern Wirkungen von Lucian's Landaufenthalt waren glück⸗ lich erſtattet. Auch der Vorſchlag, die bisherigen Vor⸗ ſtudien als abgeſchloſſen zu betrachten, und mit dem kommenden Winter beide Jünglinge auf die Hochſchule zu ſenden, fand Zuſtimmung. Dem Grafen gegenüber ſprach Julian ſeine Abſicht, mit dieſem Termine auch ſein Hofmeiſteramt abzuſchließen, mit entſchieden mehr Nüchternheit und Beſtimmtheit aus, als er es wenige Augenblicke vorher Lucinden gegenüber gethan hatte. Es lag etwas Lauerndes in dem Blicke ſeiner grauen Augen, als er jetzt ſchon mit ſeinem Wunſche um Ent⸗ laſſung hervortrat. Eine leichte Färbung machte ſich auf La Rochelle's Geſicht merkbar. Mit einer Haſt, die das Vergnügen über dieſen Antrag unſchwer errathen ließ, ging er auf den ausgeſprochenen Wunſch ein. Julian konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. Gleichmüthig hörte er den nachfolgenden Tiraden über ſeine Verdienſte um die Erziehung des jungen Grafen, über den Dank und die Verbindlichkeiten der Familie zu. Sie waren treff⸗ lich geeignet, die wahre Geſinnung La Rochelle's in erhöhtem Maße zu entblößen. Am Schluſſe derſelben 125 konnte natürlich die Frage nicht ausbleiben nach der weitern Berufswahl des bisherigen Pädagogen, und der erlauchte Graf ſicherte im Voraus ſeine mächtige Empfehlung und Unterſtützung zu. „Die juridiſche Facultät unſerer Hochſchule ſoll um einen Staatsrechtslehrer vermehrt werden“, bemerkte er.„Würden Sie eine derartige Berufung verſchmähen, wenn ich meinen geringen Einfluß bei Rector und Dekan und bei unſerem gnädigen Fürſten geltend machte? Ich könnte mich mit gutem Gewiſſen darauf berufen, daß Sie Ihre Kunſt zu lehren bereits erprobt haben.“ Julian überraſchte mit einer abſchlägigen Antwort. Er halte ſeine wiſſenſchaftliche Vorbildung nicht für hinreichend, um den Lehrſtuhl auf einer Univerſität würdig einzunehmen. Sein Wunſch ſei vorderhand eine beſcheidene Stelle im Staatsdienſte. Der Graf hatte ſich vom Stuhle erhoben, und ſchritt— mit den Händen am Rücken— das Zimmer auf und nieder.„Wiſſen Sie auch, Doctor“, entgegnete er, ohne einen Blick auf Julian zu richten,„daß wir in unſern Bureaus keinen genialen Köpfe brauchen? In dieſer Maſchine genügt nur jenes Mittelmaß von Talent, welches die beſcheidene Summe ſeiner Kraft in dem ihm zugewieſenen Geſchäfte völlig verzehrt.“ 126 Julian erwiderte:„Es will mir unglaublich dünken, daß der Staat ſeine Beamten verpflichte, die Grenzen ihres Berufes zu Grenzen ihrer Thätigkeit zu machen.“ „Nicht geradezu“, verſetzte La Rochelle,„aber doch in einem gewiſſen Grade. Ich gemahne Sie an eine Stelle in Schillers Briefen über die äſthetiſche Er⸗ ziehung des Menſchen, die mir eben zu Sinne kommt: Es iſt ſelten eine gute Empfehlung beim Staate, wenn die Kraft den Auftrag überſteigt. Das höhere Geiſtes⸗ bedürfniß des Mannes von Genie gibt ſeinem Amte einen gefährlichen Nebenbuhler.“ Julian ſchien für die Artigkeit, die in den Worten des Grafen lag, kein Verſtändniß zu haben. Mit aller Unbefangenheit entgegnete er:„Die reichen Erfahrungen, die Erlaucht auf dieſem Gebiete gemacht haben, ge⸗ ſtatten mir keinen Widerſpruch. Ich glaube nur, daß dieſe Thatſache eine räumliche Grenze habe.“ „Wie meinen Sie das?“ „Sie bewayrt ſich nur in den Kanzleien und Amts⸗ 8 ſtuben zu ebener Erde. In der belle étage der referirenden Herren und Excellenzen iſt die Summe 4 der Aufträge ſo groß und das Feld des Berufes ſo ausgedehnt, daß die volle Kraft des genialſten Mannes kaum zur Löſung der Aufgabe reicht.“ Lachend verſetzte La Rochelle:„Sie haben Recht, 127 lieber Doctor! Bei der Sache iſt nur das Fatale, daß man erſt in dieſen ebenerdigen Amtsſtuben ſich ein⸗ miethen muß. Oder wollen Sie durchs Fenſter bei den Excellenzen einſteigen?“ „Warum nicht?“ klang die Erwiderung. Der Graf blieb verblüfft ſtehen, und ſein Auge be⸗ gegnete zum erſten Male dem lauerndem Blicke des Doctors. Raſch wendete er ſich zur Seite, und griff nach dem nächſten Buche, das am Schreiöbtiſche lag. Im Durchblättern bemerkte er: „Aut Caesar! Sie halten dafür, Herr Julian, daß man auch den erſten Flug gleich hoch nehmen müſſe. Wer ſich Falkenaugen zutraut, kann die Sonnennähe verſuchen. Wie bringen Sie das aber in Einklang mit der beſcheidenen Stelle im Staatsdienſte, welche Sie wünſchen?“ Julian erwiderte:„Bin ich eine Million zu fordern berechtigt, ſo werden es Erlaucht für beſcheiden halten, wenn ich mich mit etlichen Tauſenden begnüge. Die Stelle eines Referenten im Miniſterium des Aeußern iſt erledigt—“ Mit wachſendem Erſtaunen unterbrach ihn der Graf bei dieſen Worten.„Seine Durchlaucht wünſchen die Stellen in dieſer Sparte vorzugsweiſe von der Ari⸗ ſtokratie des Landes beſetzt. Sie ſollen eine Vorſchule 128 für die Geſandtſchaften und das diplomatiſche Corps bilden, das durch Stand und Vermögen zu repräſen⸗ tiren weiß. Sie ſind nicht von Adel—“ „Wir haben ein bürgerliches Miniſterium!“ unter⸗ brach ihn der Hofmeiſter. „Wohl zum Theile durch meine beſcheidenen Be⸗ mühungen“, verſetzte La Rochelle,„und dieſe Thatſache mag Ihnen Bürge ſein, daß ich nicht in Standesvor⸗ urtheilen befangen bin. Aber es gibt Fälle, wo wir dem Beſtehenden Rechnung tragen müſſen. Die Pri⸗ vilegien ſind nur noch eine Frage der Zeit; aber ſie ſind noch, und wir können ſie mit einem Federſtriche nicht wegdekretiren. Zudem, lieber Doctor, glauben Sie, daß man auf die Zurückſetzung älterer, nicht un⸗ verdienter Bewerber, die eine Laufbahn bereits hinter ſich haben, eingehen werde?“ „Ich rechne auf die Empfehlung Eurer Erlaucht!“ „Bin ich Miniſter?“ „Erlaucht machen Miniſter. Der Schöpfer hat ſeine Geſchöpfe immer in der Hand.“ La Rochelle biß ſich in die Lippen. Er warf das Buch mit Heftigkeit von ſich, und durchmaß wieder raſchern Schrittes das Cabinet. Einige Momente blieb er die Antwort ſchuldig; dann hub er neuerlich an: „Sie überſchätzen meinen Einfluß, Doctor. Aber ſelbſt 129 dieſen zugegeben, ſo werden Sie nicht eine Anforderung an mich ſtellen, die meinen Grundſätzen ſo unziemlich ins Geſicht ſchlägt. Und meine Grundſätze ſind auch die einer Partei, welcher Sie ſelbſt, wie ich glaube, angehören.“ „Ich werde Ihre Wahl zu rechtfertigen wiſſen, Herr Graf!“ erwiderte Julian mit einer eiſigen Seelenruhe, welche dieſen hätte zur Verzweiflung bringen mögen. „Laſſen Sie die Regel im Allgemeinen gelten, ſo wird man— ich bin es überzeugt— dem Freunde des Fürſten eine Ausnahme nicht auf Rechnung ſeiner Grundſätze ſchreiben. Wie geſagt, Herr Graf, ich werde es mir zur heiligſten Pflicht machen, die beſondere Gunſt, welche Sie mir gewähren, als eine wohlbe⸗ gründete, gerade im Intereſſe der Partei liegende zu rechtfertigen.“ „Und— welche Gegenleiſtung habe ich zu hoffen, wenn ich Ihrem Wunſche nachgebe?“ „Ich— werde ſchweigen!“ „Verdammt!“ platzte La Rochelle heraus, welcher ſeine Aufregung nicht mehr zu bemeiſtern vermochte. „Da ich denn doch den Preis für die Verbindlichkeiten, die ich gegen Sie habe, bezahlen muß, ſo nehmen Sie wenigſtens die Bemerkung mit in den Kauf, daß ich Ihre Anmaßung bewundere.“ 3 Hilarius, Non possumus. I. 9 130 Bei dieſen Worten langte er nach dem Glockenzuge. Julian griff raſch und unſanft nach ſeiner Hand und verhinderte die Abſicht. Sein Geſicht war farblos ge⸗ worden, und ſeine Blicke ſtachen dämoniſch.„Bitte, Erlaucht“, bemerkte er ſcharf und beſtimmt,„wir be⸗ dürfen noch keines Vertragszeugen, da über die Punk⸗ tationen noch Anſtände beſtehen.“ Der Graf ließ die Hand ſinken, und trat einige Schritte zurück. Es zuckte um ſeine Mundwinkel und ſeine Fäuſte ballten ſich unwillkürlich. Ohne auf dieſe Zeichen kochender Erregung zu achten, fuhr der Hof⸗ meiſter fort:„Ich acceptire den Wechſel, den Sie auf meine Anmaßung ausſtellten. Als Juriſt weiß ich die Zurechnungsfähigkeit nach dem Grade der Blutwallung zu ſchätzen, und da mir auch das nihil humani einiger⸗ maßen geläufig iſt, ſo finde ich Ihren Zorn und Ihren Haß nicht mehr als billig. Wäre ich in Ihrer Lage, Erlaucht— bei Gott, ich wüßte nicht, ob ich nicht den Erzieher meines Sohnes, den mein böſer Genius in den Beſitz meiner Geheimniſſe ſetzte,— vergiften würde!“ Die Worte klangen in La Rochelle's Ohr wie das Ziſchen einer Natter. Er ward blaß, bis an die Zähne. Ohne ſeine Blicke von ihm zu wenden, hielt Julian etliche Sekunden inne, als prüfe er die Wirkung ſeiner Rede. Dann fügte er mit ſarkaſtiſchem Lächeln bei: 131 „Wahrhaftig, Erlaucht, es gibt Menſchen, welche nach jenen unenträthſelbaren Geſetze der Vorausbeſtimmung die Rolle unſeres Verhängniſſes zu übernehmen haben, ohne es gerade zu wollen. Ich bin— Erlaucht gegen⸗ über— in dieſer Lage, die mir, offen geſtanden, nun⸗ mehr faſt ſelbſt unbequem wird. Aber— kann ich dem Zufall wehren, der mir die lettres cachets all' der klei⸗ nen und großen Myſterien Ihres Lebens in die Hand ſpielt?“ Bei den letzten Worten trat der Doctor um einige Schritte näher an den Grafen. Seine Stimme ſenkte ſich zum Flüſtern, als er noch die Bemerkung anreihte: „Selbſt der„ſchönen Marianne““ mußte ich in den Weg treten! Sie hat ſich nach meinem ſchwachen Kenner⸗ blick trefflich conſervirt, und gedenkt noch einer reizen⸗ den Vergangenheit!—— Beruhigen Sie ſich, Erlaucht! Ich weiß zu ſchweigen, wo mir die Dankbarkeit dieſe Pflicht auferlegt!“ Mit einer ungewöhnlich tiefen Verbeugung ver⸗ ließ er das Kabinet. Wir ſind unſeren jungen Freunden Lucian und Theobald längſt einen Willkommsbeſuch ſchuldig. Noch ſchwelgen ſie in der heiteren Erinnerung an ihren 9* 132 Landaufenthalt, und können ſich kaum in die ermü⸗ dende Unruhe des Stadtlebens und den läſtigen Zwang der Etiquette finden, die nun wieder ihre Schritte mißt, ihre Bewegungen regelt und ihre Worte wägt. Ins⸗ beſondere fühlt ſich Theobald nach allen Seiten beengt und gedrückt, ſeitdem das ſchöne Maß der Freiheit, wel⸗ ches der Doctor ihm und ſeinem Pylades geſtattet hatte, wieder durch Damaſttapeten und Parquetwichſe verkümmert iſt. Julian, dieſer räthſelhafte Charakter, der ſeine viel⸗ geſtaltige Proteusnatur jeder Lage anzupaſſen wußte, hatte mit feinem Takte den Uebergang vom pedantiſchen Erzieher zum belehrenden und ermahnenden Freunde ver⸗ mittelt. Mit wahrer Begeiſterung hingen die Jünglinge an ihm, zumeiſt der lebhaftere und leidenſchaftliche Theo⸗ bald. Die Rückkehr in den formenreichen Zwang des gräflichen Hauſes ließ ihn den Verluſt jener glücklichen Tage, wo das verſtändige Wort des Hofmeiſters allein maßgebend war für Genuß und Entbehrung, doppelt ſchmerzlich fühlen. Dazu kam, daß ſeine Klage über„Sittenzwang und Formelweſen“ bei der Mutter keinen Anklang fand, die ſich nun an ihre Einſamkeit gewöhnt, und wie alle lei⸗ denden, widerſtandsloſen Naturen, mit der Nothwendig⸗ keit völlig verſöhnt hatte. Den Umgang mit dem Bru⸗ —— —— 133 der aber beſchränkte Theobald auf das Unvermeidliche. Nicht, daß er ſich ſeiner ſchämte— dieſes kindiſche Ge⸗ fühl hatte er längſt abgeſtreift. Seine Stellung im gräflichen Hauſe hatte in ganz anderer Weiſe auf ihn eingewirkt, als ſich's der Oheim Rothgießer träumen ließ. Die hingebende Freundſchaft des jungen Grafen, vor Allem aber Doctor Julians Beiſpiel und Lehre, weckten und ſtärkten ſein Selbſtgefühl, und der Gegen⸗ ſatz, den er beſtändig vor Augen hatte, ſchärfte ſein bürgerliches Bewußtſein. Andere Gründe waren es, die ihm den Bruder ent⸗ fremdeten. Als er von ihm Abſchied nahm, hatte er bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß ihre Wege aus⸗ einander gingen. Während der wenigen Monate ſeiner Abweſenheit erweiterte ſich der Riß zwiſchen Beiden zur tiefen Kluft. Theobald hatte zum erſten Male in ſeinem Leben die ſtädtiſche Clauſur verlaſſen, und in dem wechſellvollen, durch Arbeit gewürzten Genuß einer reizvollen Natur eben ſo viel Anregung als Beruhigung gefunden. Er hatte Menſchen und Dinge kennen gelernt, und bis tief hinab viel Schlechtes und Nichtsnutziges, aber nicht minder viel Gutes und Treffliches gefunden. Mißſtände und Thorheiten zündeten in ihm den Gedanken einer nothwendigen neuen Reformation, an der er ſeiner Zeit 134 mitarbeiten würde. Aber ſie beeinträchtigten nicht ſein Wohlwollen gegen die Menſchheit. Mit wachſender Be⸗ geiſterung rüſtete er ſich allbereits im Geiſte zum Kampf gegen Zuſtände und Verhältniſſe, die ihm unwürdig und unſittlich dünkten. Aber ſein Schlachtenplan war vor der Hand nur gegen die Sache ſelbſt gerichtet, und ſeine jugendliche Phantaſie ſchied noch die Menſchen von den Gewalten. Wie anders Juſtus! Mit dem Augenblicke, da er die Bücher zur Seite legte und das Schurzfell umthat, ſah er ſich weggedrängt von ſeinem Lebensziele. Seine Lernbegierde und ſein Wiſſensdrang, ſeine Hoffnungen und Wünſche mußten untergehen in dem einen ſchmerz⸗ lichen Gefühl der Entſagung. In dieſem leidenden Zu⸗ ſtande trat ihm Martha mit dem Worte entgegen: „Dulde und bete“. Es klang verführeriſch aus ihrem Munde! Bald fand er in der ſtillen Dämmerung der Kirche, bei dem narkotiſchen Dufte ihrer Weihrauch⸗ wolken Zeit zu jener Einkehr in ſich, welche ihm der Vicarius Sander mit ſo ſalbungsreichen Worten an⸗ empfahl. Hier löſte ſich denn auch der Schmerz der Entſagung im Gefühle ihrer Verdienſtlichkeit, im Be⸗ wußtſein der Größe des Opfers auf, welches er den Seinen gebracht. Klang ihm nebenbei die Lehre von der Verderbtheit des Menſchenherzens in's Ohr, ſo — 135 fand er ſie beſtätigt, wenn auch mehr an Andern als an ſich. Dieß Alles erhielt Förderung und Nahrung in dem Umgange mit dem alten, menſchenſcheuen Lazarus Knecht⸗ lein, der ſeine eigenen Anſchauungen über die ausſchlie⸗ ßende Berechtigung der religiöſen Kunſt, über die Myſtik des Mittelalters und ihre befruchtende Wirkung auf die wahre Künſtlerſeele auf ſeinen geliebten Zögling über⸗ zupflanzen bemüht war. So bildete ſich Juſtus zum Gegenſatze Theobalds aus. Ihn rührten nicht die Dinge an, ſondern die Menſchen. Die Verhältniſſe waren ihm Nothwendig⸗ keiten; der Kampf gegen ſie Thorheit. Sein ganzer Eifer kehrte ſich gegen die menſchliche Schwäche. Herb⸗ heit und Unduldſamkeit wucherten auf dem Neubruche ſeines geiſtigen Hochmuths.— Es war am Tage nach der leidenſchaftlichen Scene mit Martha, und Juſtus litt noch unter den Nachwir⸗ kungen dieſer Kataſtrophe, als ihn der Bruder, von deſſen Rückkehr er noch nichts erfahren, mit ſeinem Be⸗ ſuche überraſchte. Im Stillen beneidete er dieſen, um all' die Geſchenke, die ihm ſelbſt ein mißgünſtiges Ge⸗ ſchick verſagt hatte, um die freiathmige, ſonnige, lachende Begeiſterung, mit welcher Theobald vom Genuſſe er⸗ zählte. Laut jedoch tadelte er ſeine Verweltlichung, ſeine 136 Vergöttlichung der Creatur, ſein vom Myſtiſch⸗Ewigen abgewendetes Gemüth. Theobald fühlte ſich mißver⸗ ſtanden und in ſeinen reinſten und wärmſten Empfin⸗ dungen verletzt. Er erwiderte erſt leidenſchaftlich, dann höhniſch, und die Brüder ſchieden im Zorn von einander. In der Hausflur unter'm Thorbogen ſtand Meiſter Ebenſtreit, hielt die Sammtmütze vor's Auge und prüfte die Wirkung des Sonnenſtrahls am Gebiet des Nach⸗ barhauſes. Als der übelgeſtimmte Theobald mit flüch⸗ tigem Gruße an ihm vorbei huſchen wollte, faßte er ihn beim Rockſchoße und zog ihn in die Flur herein. „Oho Junge!“ polterte er,„ſcheucht Dich der Hand⸗ werksgeruch, oder genirt Dich die Verwandſchaft? Dein Ohm, dächt' ich, iſt alleweil mehr werth, als einen Hut⸗ lüfter“. Verlegen brachte Theobald etwas vor, das wie Ent⸗ ſchuldigung klang. Der nächſte Augenblick traf ihn in der Wohnſtube an des Oheims Seite, eifrig bemüht, ſich dieſem gegenüber in das richtige Licht zu ſetzen. Er erzählte ihm von ſeiner Reiſe, von ſeinen Aben⸗ teuern zu Waſſer und zu Lande mit jener anziehenden Lebendigkeit, die ihm aller Orten die Zuhörer geneigt machte, Juſtus etwa ausgenommen. Den Meiſter muthete der Jüngling mit jedem Worte mehr an. Er lachte über ſeine Scherze, daß ihm das 137 Waſſer in die Augen trat, ließ ſich vom Ernſthaften ge⸗ hörig rühren, und nickte beiſtimmend zu jeder erläutern⸗ den Bemerkung. „Hör' Theobald“, fiel er ihm nach einer Weile in's Wort,„ſoll ich Dir's ehrlich ſagen, ſo hab' ich Dich re⸗ ſpektive für den Prügeljungen Deines hochgräflichen Kameraden gehalten. Schneid' kein Geſicht, als ob Du Rhabarber ſchluckteſt! Wenn ich die Wahrheit auf die Zunge nehme, darf Dich das nicht verdrießen. Es iſt ſo meine Manier, und Du kennſt wohl meine demo⸗ kratiſchen Grundſätze. Item— ich hab' Dich für den Prügeljungen gehalten— im Perfectum— merkſt Du's? Mit den Jahren kommt die Erkenntniß, und es iſt noch Keiner in Einem Tage ein Gelehrter worden, viel we⸗ niger ein Rothgießer. Ich nehm's zurück, mein Eid! Ich nehm's zurück, weil ich ein vorurtheilsfreier Mann bin, dem nichts über den Fortſchritt aufſteht. Biſt Du's zufrieden, Junge?“ Theobald nahm die dargebotene Hand mit heiterer Miene an. Als er entgegnen wollte, unterbrach ihn jedoch der Meiſter und fuhr fort: „Schwatz' mir nicht d'rein, bevor ich meinen Satz zu Ende gebracht! Noch liegt mir Mancherlei am Herzen, das ich losbringen möchte, wie der Pudel die Wolle. Seid Ihr nicht eines Vaters Kinder, Du und der 138 Juſtus? Gott ſtraf' mich, daß mir der Zweifel kommt. Aber nun iſt's an die zwei Jahre, und wenn es ſo fort geht, ſo wächſt ſich der Burſche zum Schleicher und Duckmäuſer aus, ſo heilig, als ich Hans heiße!“ Ddie Bemerkung des Oheims verſetzte unſern jungen Freund in nicht geringe Verlegenheit. Mußte er auch der ausgeſprochenen Befürchtung beipflichten, ſo war ihm doch darum zu thun, den Bruder in Schutz zu nehmen und ſeinen gegenwärtigen Zuſtand als eine Folge— nicht der Gemüthsanlage, ſondern einer vorübergehenden Gemüthsſtimmung zu erklären. Er machte den Ver⸗ theidiger mit ſo liebenswürdiger Wärme, daß Niemand ahnen konnte, in welcher Mißſtimmung er ſelbſt vor wenigen Augenblicken von Juſtus geſchieden war. Meiſter Ebenſtreit rückte das Hauskäppchen von einem Ohr auf das andere, und wackelte ungläubig mit dem Kopfe. Die Sache ging ihm augenſcheinlich zu Herzen und Theobald vermochte trotz aller Beredſamkeit ſeine Bedenken nicht zu heben. „Laßt ihn erſt die Welt kennen lernen, Oheim“, be⸗ 1 merkte dieſer endlich, als ſeine beſchönigenden Worte* nicht verfangen wollten,„und Ihr werdet ſehen, daß Luft und Sonnenſchein den trüben Firniß klären werden, der über ſein Gemüth gezogen iſt. Ich habe es an mir ſelber erfahren. Und was mir noch fehlt, das will ich —— 139 jetzt auf der Hofſchule gewinnen. Wollte Gott, Ihr Männer vom Handwerke hättet auch ſo etwas von einer Hochſchule, die Euch den Blick über die Eſſe und den Schraubſtock hinaus erweiterte, und...“ „So ſchwatz' in's Blaue!“ fiel ihm hier der Meiſter mit einiger Erregung in die Rede. Er konnte nicht den leiſeſten Vorwurf ertragen, welchen man der Ge⸗ werkſchaft machte. Bald aber fügte er beſänftigend bei: „Haben wir nicht auch reſpective unſere Hochſchule, wenn auch die Facultäten nicht in einem Neſte beiſam⸗ men hocken, wie bei Euch privilegirten Weltweiſen? Wandern— wandern— das gilt uns für eine Uni⸗ verſität. Nicht mit dem Felleiſen umher flankiren, wie die Strolche, die ſich bei Amt als„hautrein“ viſiren laſſen und dann bei der Lade betteln. Aber Land und Leute beim Licht betrachten, die Meiſter heimſuchen und ihre Kunſtgriffe ablauſchen,—— Du haſt Recht, Junge! Er ſoll die Welt kennen lernen, der Juſtus. Das treibt ihm den Dünkel aus, und wird ihn hellſichtig machen. Ich will ihm ein halb Jahr ſchenken von der Lehre. Denn was das Handwerk betrifft, ſo iſt er beim Zeuge, und beim Hans Ebenſtreit hat ſich noch Keiner zum Fretter und Gartenſchleicher ausgewachſen. Der Juſtus ſoll's nicht ſchlechter haben als Du!“— Der Ohm hat ſeine Schrullen“, dachte ſich Theobald, 140 als er um die Ecke der Wallgaſſe bog,„aber er iſt ein für⸗ trefflicher Mann. Wenn ich der Juſtus wäre———⸗ Wer kann für den Zuſammenhang der Gedanken? War die Rolle, die jetzt der Bruder ſpielte, nicht ur⸗ ſprünglich ihm zugedacht? Wie würde er den Wechſel ertragen, wenn man ihm zumuthete, nun an Juſtus' Stelle zu treten? Zum erſten Male ſchätzte Theobald die Größe des Opfers, das ihm der Bruder gebracht. Und ihn überkam eine tiefe innere Betrübniß; denn er ahnte die Quelle der Verkümmerung, an welcher Juſtus ſiechte. Sechstes Kapitel. Der Werth des Beſitzes läßt ſich erſt im Augenblicke des Verluſtes abwägen. Schiller, philoſ. Briefe. Der vorgerückte Herbſt hinderte Meiſter Ebenſtreit nicht, den raſch gefaßten Entſchluß noch zum Vollzuge zu bringen. Wenige Wochen genügten, um Alles zum Freiſpruche des Lehrjungen vorzukehren, und ihn für die Wanderſchaft zuzurüſten. Das war kein kleines Stück Arbeit, und es gehörte des Meiſters Ausdauer und Humor dazu, um alle die Stürme abzuſchlagen, womit ihm Martha und Jungfer Gundel zu Leibe rückten. Juſtus ſelbſt hatte ſich vom Anfange an wider⸗ ſpruchslos in die Beſtimmung des Oheims gefügt. In 142 ſeiner Seele ging jede Gährung geheim und geräuſch⸗ los vor ſich, wie bei jenen Blumen, die nur im Schat⸗ ten der Dämmerung ihre Kataſtrophen durchmachen. Selbſt Martha, die ihn doch zu verſtehen glaubte, konnte ſeinen Zügen die inneren Kämpfe nicht ableſen. Sie war verletzt über die widerſtandsloſe Ruhe, womit er Alles über ſich ergehen ließ. „Kannſt Du ſo harmlos fortwandern“, klagte ſie unter Thränen,„und merkſt nicht, wie ich mich abküm⸗ mere um Deinetwillen!“ Die arme Martha! Sie ſah wirklich welk und ab⸗ gehärmt aus, und in jüngſter Zeit lag auf ihren Wänglein kaum ſo viel Roth, als auf dem Herzblatt einer Roſe. Das konnte unſerm Juſtus unmöglich entgangen ſein, und dennoch wollte es ſcheinen, als ob ihn das Alles wenig berühre. Seit dem letzten Aus⸗ bruche ſeiner Leidenſchaft lag Aſche auf dem Krater ſeines Herzens. Stumm und geſenkten Blickes hörte er ihre Vorwürfe an; nur dem letzten begegnete er mit den Worten:„Ich kann, was ich ſoll, Martha!— Ob leicht, ob ſchwer— wenn Ihr's nicht unausgeſprochen fühlt, dann ſind auch meine Worte vergeblich.“ Unwillig wendete ſich die Jungfrau von ihm ab, ſetzte ſich in den Winkel und weinte vor ſich hin. Sie verſtand ihn nicht. Da ſchlich er leiſe aus dem Zim⸗ —— — 143 mer. Er wollte nicht verrathen, wie es in ſeiner Seele brandete.„Auch ſie mißverſteht mich“, dachte er bei ſich,„und über kurz oder lang wird ſie mich ver⸗ geſſen haben. Vielleicht, daß ich's dann leichter trage. Ach— ſie kennen mich Alle nicht! Den Muskeln meines Geſichtes wollen ſie meine Kämpfe und Leiden, meine Errungenſchaften und Hoffnungen abbuchſtabiren. Sie hören das tönende Erz meiner Worte, aber ihren Sinn verſtehen ſie nicht. Ich bin ein Fremdling in der Heimat! Was gräme ich mich nun, daß ich wan⸗ dern ſoll? Gibt Gott, ſo find' ich eine Heimat in der Fremde.“— Dann wendete er ſeine Schritte die Wallgaſſe hinab zu ſeinem alten Freunde Lazarus Knechtlein. Der war noch der Einzige, den er einen vollen Blick werfen ließ in die Geheimniſſe ſeines innern Lebens. Bei ihm fand er auch jederzeit Troſt und Beruhigung. So ſchwer dem Holzſchneider die Trennung von ſeinem Lieblinge fiel, ſo war er doch am ſchnellſten mit dem Wanderplane einverſtanden.„Mit meiner Lehre iſt's am Ende“, bemerkte er,„— mit Deinem Lernen ſtehſt Du am Anfange. Du kannſt mehr, als die Leute wiſſen, Juſtus; aber es iſt Alles vorerſt nur handwerkliche Form, die noch der Empfängniß des 144 Geiſtes harrt. Deinen Meiſter lob' ich, daß er Dich gerade gen Nürnberg ſchicken will. Dort tritt die Er⸗ innerung einer großen Zeit unmittelbaren Künſtler⸗ thums allenthalben an Dich heran. Kirche und Ka⸗ pelle, Haus und Brunnen und Grabſtein erzählen Dir von Adam Kraft und Sebaſtian Lindenaſt und Peter Viſcher,— von all' den Meiſtern, die noch das Hand⸗ werk mit dem Odem der Kunſt befruchteten, Albrecht Dürer obenan. Jetzt ſehen ſich Handwerk und Kunſt an wie Fremdlinge und kennen ſich nicht. Unſere Zeit iſt arm geworden am Gemüthe, ärmer am Glau⸗ ben, und unſer Wiſſen bleibt dennoch Stückwerk, ob wir auch die Nebelſterne zählen und ihre Fernen meſ⸗ ſen. Maaß und Gewicht haben Gefühl und Empfin⸗ dung verdrängt. Damit iſt alle Harmonie zwiſchen dem Menſchlichen und Geiſtigen zerriſſen. Das Ge⸗ heimniß der Kunſt ging verloren, und das Gewerbe fröhnt bloß dem nackten Bedarfe oder der ſinnloſen Pracht. Es bedient ſich der Kunſt zum Handlangen, während der Künſtler, wie man den Burſchen mit un⸗ geſchlachten Haaren und Sammtrock nennt, im Hand⸗ werker nur den Handlanger ſieht. Geh hin, mein Sohn, und lerne am Alten, und hilf mit an der Ver⸗ ſöhnung, nach der wir ſeufzen. In Dir ſteckt der rechte Geiſt und der rechte Glaube,— laß Dich nur 145 von der Welt nicht irre machen. Leb' wohl, und Gott ſei mit Dir, mein Juſtus!“ Wie Thautropfen erquickten des Lehrers Worte unſern jungen Freund. Zum erſten Male fühlte er ſich verſöhnt mit dem Plane des Oheims, und ihn überraſchte ein freudiges Vorgefühl deſſen, was er draußen in der Welt ſehen und lernen würde. So rückte der Tag ſeiner Abreiſe heran. Es war der letzte Samſtag im October. Non c Säbbato senza sole! ſagt der Wälſchtiroler. Der alte Volks⸗ glaube, daß an jedem Samſtage die Sonne lange genug ſcheine, um mindeſtens eines Kindes Röcklein zu trock⸗ nen, bewährte ſich auch dießmal. Draußen ſtrich die Luft mild, als ob es Frühling wäre, und im Zimmer lag ein warmer Glaſt auf dem Täfelwerk und dem blank geſcheuerten Eichentiſche. Die ganze Hausgenoſ⸗ ſenſchaft des Meiſter Rothgießers⸗ hatte ſich um den⸗ ſelben verſammelt; mit der Amtmännin und Theobald war ſelbſt Doctor Julian erſchienen, um Juſtus Valet zu geben. Die Wendung der Dinge hatte längſt den Groll verſcheucht, der ſich zwiſchen die Herzen der Brüder ge⸗ legt hatte. Während die Weiber nach ihrer Manier weinten und ſeufzten, nahm Theobald heitern Abſchied, und ſeine Worte warfen Glanzlichter in die Weite und Hilarius, Non possumus. I. 10 Ferne, in Zeit und Raum, denen der junge Wanderer entgegen ging. Herr Hans Cbenſtreit aber ließ ſein Licht leuchten, und hielt eine Lehr⸗ und Mahnrede, die ihres Gleichen ſuchte.„Gib des Weges Acht, den Du gehſt“, ſo ſchloß er, während er nach dem vollen Wein⸗ becher griff, und ihn Juſtus zum Trinken reichte,„und ſcheer' Dich nicht darum, wenn die Leute neben Dir reſpective im Dreck laufen. Es hat Jeder ſeine Art, und der Hungrige ſingt anders, als der Volle. Sind ſie nicht Alle über Einen Leiſten geſchlagen, ſo laß den Schuſter drüber lamentiren. Aber halt Friede mit ih⸗ nen, auch wenn Du meinſt, Du ſeiſt beſſer. So kommſt Du rechtſchaffen durch die Welt. Alles hat ſeine Ehr'. Ein Rothgießer iſt kein Reichsfreiherr, aber das Hand⸗ werk adelt ſo gut, als ein kaiſerlich Privilegium. So, Juſtus, und nun trinke auf gute Wanderſchaft und dereinſtige fröhliche Heimkehr!“ Juſtus trank, und dann machte der Becher die Runde, und Jeder reichte nach dem Trunke dem Wan⸗ derburſchen die Hand. So verlangte es die Zunftſitte, an welche ſich der Meiſter noch hielt trotz Fortſchritt und Gewerbefreiheit. Als die Reihe an Martha kam, berührte ſie kaum den Rand des Glaſes mit der Lippe, und den Handſchlag blieb ſie vollends ſchuldig. Sie grollte noch, und es war ihr eine Genugthuung, als 147 ſie merkte, wie Juſtus erblaßte. Er wollte ihr noch einen Gruß aufgeben an den Vicarius Sander; aber die Stimme verſagte ihm. Da gemahnte der Altgeſelle zum Aufbruch. Der neugeworbene Lehrjunge nahm das Ränzlein auf den * Rücken, und ſo wanderten ſie ſelbdritt durch die Gaſ⸗ ſen der Stadt zum Thor hinaus bis an die Grenze des Burgfriedens. Hier legte ſich Juſtus ſelber das Felleiſen auf, der Altgeſelle klopfte ihn auf die Achſel und ſprach nach Handwerksgewohnheit: „Was braucht der Irtgeſell zum Wandern? Gottes Segen zum Ein' und Andern, Ein' Wiſſenſchaft ſeiner lobſamen Kunſt, „ Ein Pfund Heller und Meiſters Gunſt.“ Darauf gab er ihm das letzte Valet, und wendete dann mit dem Jungen heimwärts. Juſtus aber ſchritt des Weges fürbaß, und war froh, daß er nun endlich Zeit gewann, ſeine Gefühle zu ſichten, und die wir⸗ belnden Gedanken wieder zur Klärung zu bringen. Noch waren der Amtmannswittwe von der Einen Trennung kaum die Thränen getrocknet, als ihr ſchon — die zweite, ſchmerzlichere bevorſtand. Theobald rüſtete ſich, dem Grafen Lucian das Geleite auf die Hochſchule zu geben. Er that es mit ſtrahlenden Augen und in freudigſter Erregung; denn er ſah vor ſich ein Kanaan voll ſorg⸗ und zwangloſen Genuſſes, an deſſen ſchwel⸗ 6 10* lenden Früchten ſeine Lernbegierde Sättigung finden würde. Dieſe heitere Stimmung kränkte die Mutter, die ihren Glauben an die Weichheit des Gemüthes und an die Zärtlichkeit ihres Lieblings immer mehr verlor. Sie gehörte zu jenen Frauen, denen alle Dehnkraft mangelt, die— ein räthſelhaftes Gemiſch von Opfer⸗ fähigkeit und Selbſtſucht— Alles nach dem Lichtgrade ihrer eigenen Empfindungen meſſen. Das vergällte unſerm jungen Freunde die letzten wenigen Stunden, welche er bei ihr zubringen konnte, und ließ ihn den Tag der Abreiſe mit verdoppelter Sehnſucht erwarten. Die Abſchiedsſcene im Hauſe des Grafen von La Rochelle war glücklich überſtanden. Wie ſehr ſtach ſie in Form und Innigkeit von jener ab, welche Meiſter Ebenſtreit ſeinem freigeſprochenen Lehrjungen bereitet hatte! Die letzten Worte des Grafen waren ſo kalt wie der Kuß, den er auf des Sohnes Stirne drückte. Lucinde war leidend, und konnte das Bett nicht ver⸗ laſſen. Selbſt der Himmel ſah trüb darein, und der kalte Novembermorgen brachte den erſten Schneeſchauer. Nur Doctor Julian ließ es fühlen, wie ſchwer ihm die Trennung von ſeinen geliebten Zöglingen ward. Er allein hatte ihnen das Geleite gegeben bis hinab zur Einfahrt, wo der Reiſewagen bereitſtand. „Bleibt Euch ſelber getreu, meine Lieben!“ bemerkte „ 149 er, nachdem er Einen um den Andern zärtlich um⸗ ſchlungen und geküßt hatte. Man merkte das Schwan⸗ ken ſeiner Stimme.„Mich bewegt— nicht die Vor⸗ empfindung, ſondern die Gewißheit, daß all' mein künf⸗ tiges Wirken des ſchönen Erfolges entbehren werde, womit Ihr mich lohnet. Wahrt mir eine beſcheidene Stelle in Eurem Herzen. Lernt und genießt, und ſeid glücklich!“ Theobald hielt das Tuch vor und weinte. Die Natur hatte Lucian jene erquickende Fähigkeit verſagt der Seelenſpannung eine Erleichterung im überſtrömen⸗ den Auge zu gewähren. Eine durchſichtige Bläſſe lag auf ſeinem Geſichte, und ſeine Hand war kalt und zitterte, als er ſie dem geliebten Lehrer zum Abſchied reichte. Er wollte ihm Dank ſagen; aber die Worte erſtarben ihm auf der Lippe. Julian wehrte ſich auch allen Ernſtes gegen dieſen Verſuch.„Unſere Rechnun⸗ gen gleichen ſich aus, meine Lieben!“ fügte er lächelnd bei, indem er den Kutſchenſchlag ſchloß, und damit das Zeichen zur Abfahrt gab.„Ihr wißt es ſelbſt nicht, mit welchen Poſten Ihr mich in Eurem Schuldbuche notirt habt.“ In der That weder Theobald noch der fühlſamere Lucian hatten eine Ahnung deſſen, was ihnen Doctor Julian pflichtete. Das offene, heitere, wunderbar 150 empfängliche Gemüth des Einen und die Gefühlsinnig⸗ keit und Wahrheit des Andern hatten auf ihn wie die Regulatoren einer Maſchine gewirkt, die ohne ſolche aausgleichende Gewalt trotz ihres genialen Baues aus dem Takte gerathen und zweifelhafte Erfolge erzielen würde. Die dämoniſche Natur Julians bedurfte keines Antriebs, ſondern eines Aufhaltes, um nicht in das Maßloſe überzuſpringen. Dieſen hatte er in der ſtar⸗ ken perſönlichen Neigung zu ſeinen Zöglingen gewonnen, denen er nicht bloß wiſſenſchaftlich, ſondern auch ſitt⸗ lich imponiren wollte. Mit einer ſtaunenswerthen Selbſtbeherrſchung überwand er ſeine leidenſchaftlich und eigennützig angelegte Natur. Er that es nicht zum Scheine, aber um des Scheines willen. Für einen Tartuffe war er zu genial, zu ſtolz und ſelbſtbewußt, aber zur ächten moraliſchen Größe fehlte ihm doch die innere harmoniſche Ruhe, ſo meiſterhaft er ſie auch durch die äußere Haltung zu erſetzen wußte. Julian gehörte zu jenen groß gezeichneten, kühnen und aus⸗ ſchweifenden Charakteren, welche je nach der Strömung, die ſie ergreift, ſich zu einem Helden oder einem Danton ausbilden. Als er nach dem Abſchiede von den Jünglingen zu einiger Zerſtreuung planlos durch die Straßen der Stadt ſchlenderte, lief ihm der Hofmedicus Hambacher 82 8 151 in die Hände. Der Verſuch, dem Zungendreſcher aus⸗ zuweichen, mißglückte. Julian mußte ſich zu einem Straßengeſpräche bequemen, das er abzukürzen vergeb⸗ lich ſich bemühte. Bald jedoch wandelte ſich ſein Un⸗ wille in Ueberraſchung, als ihn der in alle Geheimniſſe eingeweihte Leibarzt mit dem freundſchaftlichſten Augen⸗ zwinkern zu ſeiner Errungenſchaft beglückwünſchte. „Was meinen Sie damit?“ verſetzte Julian.„Ich bin zur Auflöſung von Rebus nicht geeigenſchaftet.“ Der Doctor ſchmunzelte noch pfiffiger, und drohte mit dem Finger.„Wozu dieſe Verſtellung, Freundchen?“ erwiderte er.„Was Alle wiſſen, wird dem Scharf⸗ blickenden wohl kein Geheimniß ſein. War ich doch ſelbſt Augenzeuge, wie Seine Durchlaucht die Feder zur Unterzeichnung des Decrets ergriffen. Ich gratu⸗ lire, Doctor! Sie beginnen, wo ein mäßiges Glücks⸗ kind zu enden wünſchte! Dem Verdienſte ſeine Krone!“ Julian nahm es höchſt gleichgültig, ob die letzte Bemerkung ernſthaft oder ironiſch gemeint war. Als ihm die Veranlaſſung derſelben einleuchtete, war es ihm nur darum zu thun, ſeine Bewegung nicht zu verrathen.„Contre la force il my a pas de resi- stance!“ erwiderte er mit leichtem Achſelzucken.„Als Fataliſt, wozu Sie die Medicin wahrſcheinlich gemacht hat, gebührt Ihnen zu wiſſen, daß der Menſch wider ſein Verhängniß nichts vermag!“ Damit trennten ſie ſich. „Hochmüthig und arrogant, wie jeder Parvenu!“ brummte der Hofmedicus in den Bart, als ihm Julian den Rücken gekehrt hatte. Dieſer aber fühlte ſich ihm nachgerade doch zu Dank verpflichtet für die Nachricht, in welcher die Entſcheidung ſeines Schickſals lag. Nun hatte er Muße ſich vorzubereiten, um die weiteren Mittheilungen aus dem Munde des Grafen in jener gelaſſenen Art entgegenzunehmen, womit er dieſem zu imponiren wußte. Als ihm am nächſten Morgen La Rochelle das fürſtliche Decret, das ihn zum Hofrath und Referenten im Miniſterium ernannte, mit einigen verbindlichen Worten überreichte, verlor er ſo wenig die Faſſung, daß es zweifelhaft ſchien, wer Geber und wer Em⸗ pfänger ſei. Der Graf hatte Mühe, den Verdruß über die Gleichgültigkeit zu verbergen, womit der Hofmeiſter die Nachricht ſeiner glänzenden Beförderung anhörte. Aber er wetteiferte mit dieſem in der Kunſt der Ver⸗ ſtellung. Im Tone liebenswürdigen Wohlwollens fügte er bei:„Ich weiß, welchen Dank ich dem Erzieher meines Lucians ſchulde. Vielleicht darf ich Sie bitten, einen Maßſtab hierfür in dem Verdienſte zu ſuchen, das ich mir um Ihre Anſtellung erwarb. Wahrhaftig, 153 lieber Doctor, es hat einen heißen Kampf gekoſtet, die Verwirklichung Ihres Wunſches herbeizuführen. Ohne die perſönliche Gunſt, womit mich Seine Durchlaucht beglücken, würde wohl jede Anſtrengung vergeblich ge⸗ weſen ſein.“ Julian verbeugte ſich um etliche Linien tiefer als gewöhnlich. Als er. aber ſeinen Dank ausſprechen wollte, fiel ihm La Rochelle in die Rede: „Laſſen Sie das, Herr Julian. Wir wollen uns Beide mit dem Bewußtſein gegenſeitiger Verdienſte begnügen. Aber ich erſuche Sie, die Audienz bei dem Fürſten ſchleunigſt zu erbitten, und an dieſe Adreſſe Ihren Dank mit möglichſter Wärme zu richten. Sie müſſen ſich nun wohl oder übel an das Antichambriren gewöhnen.“ Lächelnd erwiderte der junge Hofrath: „Erlaucht wiſſen, was man um des Zweckes willen opfert. Zudem gehöre ich zu den Geſunden, denen ſelbſt Auguſt Thümmel die Berechtigung zuſchrieb, ſich in die Vorzimmer der Fürſten zu drängen.“ Der Reſt der Unterhaltung betraf die Beziehungen Julians zum gräflichen Hauſe. Hier hatte der Hof⸗ meiſter ſeine Rolle ausgeſpielt, und obwohl ihn La Rochelle in verbindlicher Weiſe einlud, den Aufenthalt unter ſeinem Dache nach Belieben auszudehnen, ſo 154 fühlte er doch die Nothwendigkeit baldigſter Entfernung. Wenige Tage genügten zur Ordnung ſeiner Angelegen⸗ heiten und zur Gründung eines eigenen kleinen Haus⸗ haltes. Noch vor Schluß der Woche meldete er ſich zum Abſchied. Lucinde empfing ihn in melancholiſcher Stimmung. Es war der erſte Tag, den ſie wieder außer dem Bette zubringen konnte. Sie ſah angegriffen aus; die Ver⸗ anlaſſung lag wohl mehr in der Gemüthsbewegung, als in dem kurzen Unwohlſein. „Kaum daß ich mich in die Einſamkeit zu fügen vermag!“ bemerkte ſie auf Julians erſte Frage nach ihrem Befinden.„Ich fühle, daß ich mich an Ent⸗ behren und Entſagen erſt noch gewöhnen muß, und— Sie wiſſen, wie ſchwer man in meinem Alter lernt!“ Julian war um die Antwort verlegen, ſo nahe ſie lag. Die reizende Frau, der man trotz ihres Sträu⸗ bens ſchon im ſechzehnten Jahre die Myrthe ins Haar geflochten hatte, konnte an der Seite Lucians füglich als deſſen ältere Schweſter gelten. Aber gerade junge Frauen gefallen ſich in Anſpielungen auf ihr Alter, vielleicht nur, um einen wohlthuenden Widerſpruch hervorzurufen. Julian hinwider bewegte ſich nicht gerne auf Gemeinplätzen, und ſo nahm er ſeine Zu⸗ flucht zu den Briefen, welche er ſo eben von den beiden — 155 Jünglingen erhalten hatte.„Die jungen Philoſophen befinden ſich in einem Zuſtande ſo vollendeter Glück⸗ ſeligkeit“, entgegnete er,„daß die leiſeſte Beſorgniß um ſie eine Verſchwendung wäre.“ „Nicht daß ich mich kümmerte!“ erwiderte Lucinde. „Ich bin viel ſelbſtſüchtiger und eigennütziger, als Sie wähnen. Der eigene Mangel an lieber Anſprache betrübt mich, und ich kann dieſe Verkürzung an meinen theuerſten Bedürfniſſen nur mit Schmerz ertragen. Als ich letztes Frühjahr von Lucian Abſchied nahm, war es eine ganz andere Empfindung, obwohl ich mich auf eine Trennung für Monate gefaßt machen mußte. Aber der Gedanke einer jahrelangen Entfernung— es iſt wahr, in allen unſern Schmerzen liegt viel Einbildung. Der Verluſt betrübt uns weniger, als der Gedanke an ſeine Dauer. Und dennoch können wir nicht anders.“ „Setzen ſie wollen ſtatt können!“ entgegnete Julian, fügte aber ſchnell wie verſöhnend bei:„Die karge Natur hat uns, neben einer anſtändigen Fülle von Mängeln, doch auch mit manch' einer ſchönen Morgengabe ausgeſtattet. Die Fähigkeit, ſich in das Gewohnte zu fügen und es zuletzt lieb zu gewinnen, gehört nicht zu ihren kleinſten Geſchenken. Auch die Sehnſucht nach den entfernten Lieben und die Sorge 156 um ſie hat etwas Wohlthuendes, ja ſelbſt mehr poetiſch Anregendes, als der unmittelbare Verkehr.“ „Vorderhand fehlt mir der Sinn für dieſe Poeſie“, verſetzte die Gräfin lächelnd.„Laſſen Sie mich alſo in Gottes Namen ein wenig betrübt ſein! Sie verlaſſen uns ja auch, Julian?“ „Ich muß. Die Lehrjahre ſind abgelaufen—“ „Nun kommen die Hofrathsjahre! Der Tauſch wird Ihnen nicht ſchwer ſein.“ „Vielleicht doch, gnädige Gräfin. Der Wechſel der Rollen fällt hart, härter noch der Wechſel der Bühne.“ Lucinde blickte einige Momente nachdenkend vor ſich hin, dann fragte ſie raſch:„Wann werden Sie Ihren eigenen Haushalt beginnen?“ „ Ich denke morgen.“ „Warum ſo ſchnell?— Ich weiß es, Julian. Sie ſind zu ſtolz— nein, zu empfindlich, um länger als Gaſt in unſerem Hauſe zu weilen.“ „Wenn nicht zu unſicher!“ erwiderte der Doctor, und trat, wie erſchreckt vor ſeinem eigenen Worte, einen Schritt zurück. Er ſchlug die Augen zu Boden und preßte die Lipven über einander, um die verrätheriſche Wallung ſeines Blutes gewaltſam zu unterdrücken. Aber Lucinde war zu ſcharfſinnig, um ſich nicht der tieferen Bedeutung dieſer Worte augenblicklich be⸗ 3——— ——— 157 wußt zu werden. Raſch richtete ſie ſich aus ihrer vor⸗ gebeugten Haltung empor. Ein dunkler Carmin flammte auf der Höhe ihrer Wangen und die ſchönen Formen ihres Mundes verunſtaltete ein Zug verachtenden Hohnes. Kalt und gemeſſen erwiderte ſie:„Nun— ſo wünſche ich Ihnen alles Glück in der ſichern Um⸗ friedung Ihrer neuen Häuslichkeit. Ich hoffe, Sie werden noch ab und zu den Weg finden an die Schwelle unſeres Hauſes.“ Damit reichte ſie ihm die Hand zum Kuſſe. Julian ſchien zu zögern; aber in ſchnell gewonnener Faſſung neigte er ehrerbietig das Haupt, und indem ſeine Lippe kaum die Spitzen dieſer feinen Finger berührte, ſagte er in ruhigen, faſt ſcherzhaftem Tone:„Sie kommen meiner Bitte entgegen, gnädige Gräfin. Gleich dem gewiſſenhaften Autor möchte ich kein Kapitel der un⸗ bedeutenden Novelle meines Lebens abſchließen, ohne von Zeit zu Zeit darauf zurück zu kehren. Man denkt richtig, aber die Feder reißt uns im Fluge hin. Vieles bedarf der Klärung, Vieles der Auslegung. Ich erbitte es mir als eine beſondere Gunſt, hier und da noch an der Pforte des Hotel La Rochelle anklopfen zu dürfen.“ „Räthſelhafter Menſch!“ ſagte Lucinde halblaut vor ſich hin, als die Portiere hinter Julian wieder zu⸗ ſammenrauſchte. Dann ſetzte ſie ſich an das Fenſter 2 158 und ſchaute dem Gewirbel der Schneeflocken zu, die ſich draußen ſo toll jagten, wie die Gedanken in ihrem Kopfe. „Räthſelhafter Menſch, Ihr Protege!“ bemerkte des andern Tages der Fürſt zum Grafen La Rochelle. „Geſicht wie ein raſirter Affe. Etwas Weibbiſches in ſeiner Miene wie in ſeinen Formen. Und dennoch, wenn er ſpricht, anziehend, ſelbſt feſſelnd. Dabei eine ſichere Haltung, als ob ihm kein Parquet zu ſchlüpfrig ſei, und das richtige Maß in ſeinen Worten wie in ſeinem Mienenſpiele. Weder ein Tigellinus, noch ein Marquis Poſa, die mir beide unleidlich ſind.“ „Ich wußte, Durchlaucht, daß ich mit meiner Empfeh⸗ lung keinen Fehlgriff thuͤn würde!“ erwiderte der Graf, und athmete nun wieder leichter auf. Nicht ohne einige Beklemmung hatte er der Vorſtellung Julian's bei Hofe entgegen geſehen. Er wußte, daß der erſte Eindruck des Empfohlenen auf den Fürſten ſein eigenes Anſehen und ſeinen künftigen Einfluß bedingen würde.— Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Romane aus dem Verlag von Ernſt Jul. Günther in Leipzig. Romane von dmund Höfer: In der Welt verloren. Eine Erzählung in 4 Bänden. 16. Geh. Thlr. 4. K 16. Geh. Thlr. 1. 10. Der große Baron. Eine Geſchichte. Zwei Bände. Eine Geſchichte von damals. 16. Geh. Ngr. 20. In Sünden. Eine Familiengeſchichte. Zwei Bände. 16. Geh. Thlr. 1. 15. Vergangene Tage. Geſchichten. 16. Geh. Ngr. 20. Inhalt: Fräulein Elſe. Im Waldſchloß. Ein Schrei. Tolleneck. Eine Erzählung der Napoleoniſchen Zeit. Drei Bände. Ueue Ausgahe. 16. Geh. Ngr. 22 ½. Romane von Affried von Taura: Tochter d. Wilddiebes. Eine Erzählung nach Thatſachen. 16. Geh. Ngr. 20. . 3 3 Die Der Eine reiche Erbin.. i Kaiſeri Aaveln Malerin von Dresden. Ring der Kuiſerin. mMovelll. Erzählung. Zwei Bände. 6. Geh. Ngr. 20. 3 4 89 5 16. Geh. Ngr. 20. ew. Aänabe. Die Die Witkowetze. Hiſtoriſcher Roman. Drei Bände. 16. Geh. Thlr. 2. Zawis v. Roſenberg, genannt v. Falkenſtein. Hiſtoriſcher Roman. Drei Bände. 16. Geh. Thlr. 2. Romane aus dem Engliſchen. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Von der Yerfaſſerin von„Dohn Halifax: John Halifax. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 2 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. Chriſtinens Mißgriff. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 2 Bde. Geh. Thlr. 1. Ein edles Leben. Aus dem Engliſchen von Sophie Vereng. 2 Bde. Geh. Thlr. 1. 10. Leben um Leben. Aus dem Engliſchen Herrin und Dienerin. Aus dem Engliſchen Ein muthiges Weib. Aus dem Engliſchen von von von Sophie Verena. Sophie Verena. Sophie Verena. 3 Bde. Geh. Thlr. 2. 15. 2 Bde. Geh. Thlr. 1. 10./ 3 Bde. Geh. Thlr. 2. 15. Milkie Collins: Die Frau in Weiß. Armadale. Ein tiefes Geheimniß. Aus dem Engliſchen Aus dem Engliſchen Aus dem Engliſchen von von von Marie Scott. Marie Scott. A. Kretzſchmar. 4 Bde. Thlr. 3. 6 Bde. Thlr. 4. 3 Bde. Thlr. 2. Mrs. Henry Wood: Die Channings. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. 4 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. Drangſale einer Frau. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Eaſt Lynne. Aus dem Engliſchen von A. von Hammer. 4 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. 5 Bde. Geh. Thlr. 3. 10. ——— —