von... Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. pff. 3 3 „„„—„ 3„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——y— ——— ——— 1———— 4———— Die Entſcheidung des Augenblicks. von KRKobert Fels. Keipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann 1826. ——— Zueignung an Pauline. Kennſt Du die Macht, die in dem Herzen waltet, Die mild und kraͤftig doch das inn're Selbſt . geſtaltet?— Durch ſie nur wird der Geiſt dem Himm⸗ liſchen verwandt; Sie will beſcheiden tief ſich in der Bruſt verſchließen, Nicht ſtrebt ſie, heiligrein, nach irdiſchem Genießen, Und dennoch eint ſie feſt, was heimlich ſie verband. Sanft iſt ihr Wort, ihr Blick, und zart ſind ihre Zeichen, Ihr ganzes Weſen mag der holden Jung⸗ frau gleichen, Der ſtille Haͤuslichkeit die ſchoͤnſten Kraͤn⸗ ze flicht, 1* 1 Sie dringt ſich Dir nicht auf, willſt Du ſie nicht verſtehen,— Gern wird ſie unbemerkt im Sehnſuchts⸗ 3 ſchmerz vergehen, Die ſtille Thraͤne nur— Bewundrung ſucht ſie nicht!— — — — „—. MWuWᷓ AòOAAAAAAᷓAAAAANANNANR 44 2 Im Vorzimmer des Miniſters, Grafen Winken, ſtand ein hoch aufgeſchoſſener Juͤngling: blonde Locken hingen um die gewoͤlbte Stirn in reizender Unordnung, ein gutgewaͤhlter, aber ganz einfacher Anzug hob die ſchoͤne kraͤftige Geſtalt nur noch mehr hervor, doch Seele und Leben gaben ihr zwei große funkelnde Augen, die der Juͤngling voll ſtiller Ungeduld auf eine große Fluͤgelthuͤre hefe tete, die ſich immer noch nicht oͤffnen woollte. Das rege Treiben um ihn her, die Menge Diener, welche in wichtiger Geſchaͤftigkeit das Zimmer durcheilten und verwundert das fremde Geſicht an⸗ ſtaunten, die Zoſen, die laͤnger verwei⸗ lend pruͤfende Blicke auf die angenehme Erſcheinung hefteten,— Alles ging ohne Wirkung an unſerm Edmund(ſo hieß der Juͤngling) voruͤber, der jetzt faſt ge⸗ dankenlos durch dic großen Scheiben dem Spiele der Schneeſlocken zuſah, welche haͤufig aus den dichten Wolken herabſie⸗ len. Da rauſchte es hinter ihm, er ſah, ſich um, und aus einer Thuͤre, die er bisher noch nicht bemerkt hatte, traten zwei hohe Geſtalten, die, obgleich in Pelz und Schleier gehuͤllt, doch das ſchoͤn⸗ ſte Ebenmaaß der Glieder verriethen. Verwundert ſah ihnen Edmund nach, ſie aber gingen bis zur großen ſteinernen Treppe, wo ſich beide nach dem ihnen folgenden Kammerdiener umwendeten. Die Eine luͤftete den Schleier; uͤberraſcht den ſchoͤnen Fremdling wahrnehmend, — 1— — 7 warf ſie einen langen, vielſagenden Blick auf ihn und eilte die Treppe hinab. Zau⸗ dernd verweilte ihre Begleiterin einen Au⸗ genblick und, die Hand aufs Herz, folg⸗ te ſie faſt aͤngſtlich der Entſchwundenen, als wolle ſie einer drohenden Gefahr ſchnell entſliehen. Als noch Edmund, keines kla⸗ ren Gedankens maͤchtig, wie einem Wun⸗ der den entſchwundenen Frauen nachſtarr⸗ te, fuͤhlte er ſich ploͤtzlich durch einen ſanf⸗ ten Schlag auf den Ruͤcken aus ſeiner Betaͤubung geriſſen; faſt beſtuͤrzt drehte er ſich um, und hinter ihm ſtand der al⸗ te Kammerdiener, der ihn vorhin gemel⸗ det hatte. „Ei, ei!“— bemerkte dieſer—„wenn Sr. Excellenz hinfuͤhro auch ſo lange auf den Herrn warten muͤſſen, wie jetzt, ſo wird wohl das Wetter nicht lange gut bleiben. Ich rufe hier, und ruſe vergebens in Sie hinein, waͤhrend Sie mit einer Zaͤrtlichkeit das Schoßhuͤndchen der gnaͤdi⸗ gen Comteß in's Auge faſſen, als waͤre es das liebenswuͤrdigſte Weſen von der Welt. 1 Beſchaͤmt folgte Edmund dem Eifern⸗ den, der waͤhrend dieſer Rede die Thuͤre geoͤffnet hatte und ſie ſchnell hinter dem Eingetretenen leiſe zudruͤckte. Verwirrt heftete dieſer, dem Miniſter gegenuͤber, die Angen eine kurze Zeit auf den Boden, doch bald ſammelte er ſich und berichtete mit kurzen Worten und beſcheidner Frei⸗ muͤthigkeit den Zweck und die Veranlaſſung ſeines Hierſeyns. Der Miniſter aber ſiel ihm in's Wort: „Sie ſind mir von einem wuͤrdigen Manne empfohlen, deshalb beſchied ich Sie ohne vorgaͤngige Pruͤfung, und an an Ihnen iſt es, das vortheilhafte Urtheil des Domherrn Warten zu rechtfertigen. Ich fordere Kenntniſſe, Gewandtheit und Treue. Dieſe Eigenſchaften legt Ihnen mein Freund und Ihr Goͤnner bei; Ihr Aeußeres gefaͤllt mir— nun, wir werden ja ſehen. Hier als Probearbeit nehmen Sie dieſen Entwurf, Ihr Gutachten, nebſt den Entſcheidungsgruͤnden erwarte ich in acht Tagen; zum ungeſtoͤrten Arbeiten wird Ihnen ein Zimmer angewieſen werdaen. Dieſer Vorſchuß moͤge Sie einſtweilen in den Stand ſetzen, Ihre erſten Bedärfniſſe zu befriedigen.“ nn Hier winkte die Excellenz dem dankba⸗ ren Edmund mit der Hand, und ſchuͤch⸗ tern eilte dieſer mit ſeinen Papieren und ſeiner Goldrolle der Thuͤre zu, als ihn die Stimme des Miniſters noch ein Mal zu⸗ ruͤckrief. „Noch Eins“— begann er und ſah ihm dabei forſchend ins Auge—„waren Sie je verliebt, oder ſind es vielleicht jetzt noch?“ 10 „Ich war es nie“— antwortete Ed⸗ mund feſt—„und“— fuͤgte er mit ei⸗ nem leichten Erroͤthen hinzu—„bin es auch jetzt nicht.“ „Nun gut,“— verſetzte der Miniſter mit einer faſt eiſigen Kaͤlte—„das iſt mir lieb; aber wenn ich Sie in Kurzem wieder fragte, und Sie wuͤrden minder ſchnell mit Nein antworten, dann waͤre es um meine Gunſt geſchehen. Deshalb, lie⸗ ber Steinberg, ſollen wir Freunde bleiben, ſo gehen Sie Allem, was ſich hier im Hau⸗ ſe von Weibern ſehen laͤßt, unbedingt aus dem Wege.“ Der Miniſter ſchwieg, und Edmund verabſchiedete ſich mit tiefer Verbeugung. a 2. MNiitternacht war voruͤber und ſinnend ſchaute vom Arbeitstiſche Edmund in die ſtuͤrmiſche Winternacht hinaus, muͤrriſch 11 kaute er an der Feder, denn es wollte ihm weder die Arbeit von der Hand gehen, noch ſich der Drang zum Schlafen einfinden. Verſuchte er zu ſchreiben, ſo floß es ihm vor den Augen und aus der Papierflaͤche ſchien ein lieblicher Maͤdchenkopf aufzutau⸗ chen; ſchloß er die Augen, ſo machte ihn der Feuerblick erbeben, der aus zwei wohl⸗ bekannten Augen ihn traf— kurz er ſah wachend und traͤumend nur einen Gegen⸗ ſtand. „Ja ja“— rief er endlich und ſprang haſtig auf—„es iſt anders mit mir ge⸗ worden, ich bin nicht mehr derſelbe, ich bin— „Verliebt!“— rief eine lachende Stimme hinter ihm; er ſah ſich um und bemerkte den alten Canzeliſt Heimlein, der einzige Menſch, den er waͤhrend ſeiner Ar⸗ beit oͤfter geſehen und zu dem er, feines treuherzigen Weſens und ſeiner Offenheit 12 wegen, ſchon einiges Vertrauen gefaßt hat⸗ te. Deshalb bekaͤmpfte der Juͤngling die Ueberraſchung ſchnell und fragte, freund⸗ lich gruͤßend: „Aber fagen Sie, was verſchafft mir die Freude Ihres Beſuchs noch ſo ſpaͤt?“ „Nur ſehen wollte ich“— verſetzte der Alte—„was Ihr Thun und Treiben noch bei naͤchtlicher Weile ſey. Eben wollte ich das Lager ſuchen, als ich, am Fenſter ſte⸗ hend, im andern Fluͤgel des Schloſſes Licht bemerke und bei naͤherer Betrachtung Ihre Fenſter unterſcheide. Es iſt ſchon ſpaͤt in der Nacht— konnten Sie mir nicht beim langen Arbeiten eingeſchlafen ſeyn?— und da ich nun einmal von Ihnen die Erlaub⸗ niß habe, zu jeder Stunde bei Ihnen ein⸗ zutreten, ſo ſchlich ich heruͤber, klopfte mehrere Male vergebens, und als ich des⸗ halb die Thuͤre ohne Umſtaͤnde oͤffne, ſind Sie eben im beſten Zuge, einen ſchoͤnen 18 Perioden zu bauen, wozu ich dann den paſſenden Schlußſtein fuͤgte. Nun zuͤrnen Sie nur deshalb nicht, mein Freund, Sie ſind im Nachtheile, denn die Roͤthe Ihrer Wangen ſpricht zu deutlich fuͤr mich und gegen Sie. Darum iſt es Zweifelsohne das Gerathenſte, ſich dem alten Heimlein, der Sie ſchon laͤngſt heimlich beobachtete, in die Arme zu werfen und freimuͤthig zu beichten, vielleicht weiß der Rath. Na, kurz heraus mit der Sprache, wie heißt das Herzblaͤttchen?“ „Ja, Heimlein ſcherzt wieder ein Mal“ — verſetzte laͤchelnd der Juͤngling—„und will etwas wiſſen, was ich noch nicht ge⸗ dacht.“ 4 „Ei das verſteht ſich, lieber kranker Steinberg“— fuhr Jener eifrig fort— „daß es beim Verlieben nicht zugeht, wie beim Heirathen, woran Sie gewiß jetzt ge⸗ rade dachten. Wo der Pfeil ſitzt, da ſitzt 14 er, ehe man es ſelbſt weiß, und alle Phi⸗ loſophie und aller Selbſtbetrug hilft dann nichts. Mit großen Herren uͤbrigens iſt nicht gut Kirſchen eſſen und mit Gott Amor nicht gut Blindekuh ſpielen— das heißt ſoviel, als: unſer alter Graf laͤßt in puncto nicht mit ſich ſpaßen, und der ſchoͤnen Adele ſieht man nicht ungeſtraft in die Augen. Dixi!“— 3 Noch ſtand Steinberg ſinnend und ſtau⸗ nend da, als Heimlein ſchon lange fort war. Hatte doch der alte Schwaͤtzer zu viel geplaudert und zwar nicht tauben Oh⸗ ren, denn daß das himmliſche Maͤdchen mit dem Feuerauge neulich an der Treppe Niemand anders geweſen, als Adele, daß dieſe Adele wunderſchoͤn ſey, daß ihr An⸗ blick ein Feuer im Herzen des unſchuldigen Steinberg angefacht, das den Armen zu verzehren drohte, das Feuer der zum erſten Male erwachenden Leidenſchaft— das Al⸗ 15 les ward dem aufgeregten Juͤnglinge erſt durch das Geplauder des Alten klar, und mit Ihrem Bilde beſchaͤftigt ſuchte er das Lager. 32 Waͤhrend der eben Verlaſſene im Trau⸗ me um ſein Maͤdchen ritterlich kaͤmpfte, es dem Alten vergebens abzutrotzen bemuͤht war, und nach langem Widerſtreben end⸗ lich eine wohlthaͤtige Fee ſich ins Mittel ſchlug, das junge Paar zu vereinen, lag Comteß Adele ohne Schlaf auf dem wei⸗ chen Pfuͤhl, und bunte Gaukelbilder tanz⸗ ten an ihr in farbigem Gemiſch voruͤber. Sie wußte wohl, was ihr fehle, ach, ſie war ja, obgleich dem Kindesalter kaum entwachſen, in Amors Bereiche keine Frem⸗ de mehr. Und war dies auch ein Wunder? Ein Maͤdchen in der erſten Jugendfriſche, ſchoͤn an Koͤrper, lebendig und gebildet an 16 Geiſt, von uralter Familie, zudem einſt Herrin eines unermeßlichen Vermoͤgens, die Zierde aller Zirkel, die Krone jedes Bal⸗ les, die Koͤnigin jedes Feſtes— ſollte nicht dieſe, von Anbetern taͤglich und ſtuͤndlich umringt, unter des Landes ſchoͤnſten Maͤn⸗ nern die Wahl haben? Die junge Graͤſin hatte ſich auch bisher in dieſen Kreiſen recht wohl und befriedigt gefuͤhlt; da der Va⸗ ter ihre Wahl nur in einer Hinſicht be⸗ ſchraͤukte, im Betreff des alten Adels, ſo hatte ſie ſich gar nicht bange ſeyn laſſen, ja noch vor acht Tagen war ſie gewiß, es gebe auf dem ganzen Erdenrund keinen ſchoͤnern Mann, keinen liebenswuͤrdigern Cavalier, als den Kammerjunker von Polten— und jetzt? ach, jetzt war ſie voͤllig umgewan⸗ delt, die fruͤher oft belachten Scherze des Kammerjunkers kamen ihr fad und ſchaal vor, und nichts konnte ihr die Kammer⸗ jungfer mehr recht machen ſeit dem Tage, 17 ja es war wohl gerade ſeit dem Tage, als ſie dem bildhuͤbſchen fremden jungen Man⸗ ne in des Vaters Vorzimmer begegnet hat⸗ te.— Konnte er ſich denn aber auch gar nicht ein Mal wieder blicken laſſen? Neu⸗ lich, als ſie aus dem Schlitten ſtieg, war er an ihr vorbei geſchoſſen, die Augen zu Boden, als habe er ein boͤſes Gewiſſen, ja er hatte ſie kaum gegruͤßt; nun, wenn ſie ein Mal mit ihm ſpraͤche, da wollte ſie ihn das gewiß entgelten laſſen, und ſo dachte ſie ſich zuͤrnend und liebend hinuͤber in der Traͤume blumenreiche Gefilde. In der Naͤhe unſrer ſchoͤnen Schaͤferin finden wir aber noch ein Weſen ſchlaflos und in ſtillen Thraͤnen. Es war die fruͤ⸗ here Geſpielin, die jetzige Geſellſchafterin und Freundin Adelens, Eliſe von Zonau, eine Waiſe. Selbſt arm, hatte ihr die Mutter, die der Schmerz uber den fruͤhen Verluſt des Gatten bald hinweggerafft hat⸗ 2 te, nichts hinterlaſſen koͤnnen, als ihren Segen, die gfaͤltige Ausbildung eines reichen Geiſtes und die richtige Leitung ei⸗ nes tieffuͤhlenden Herzens. Durch dieſe muͤtterliche Ausſtattung ward Eliſe ein Ideal ſtiller, weiblicher Tugend, ein Maͤd⸗ chen, wie man es ſelten findet. Wenn ihr ſtiller Sinn, ihr ſanftduldendes Weſen, ihr wirthliches Schaffen und wohlthaͤtiges Wirken ihr die Herzen Aller erwarb, wenn ihr Name von manchem Armen nur mit der geheimen Zaͤhre des Dankes genannt wurde, ſo floͤßte ihr weiblich hoher Charak⸗ ter, ihr feſtes Weſen, das ſie oft verſchloſ⸗ ſen zu machen ſchien, weil ſie um ſich Nie⸗ mand verſtand, jedem Beobachter Achtung, ja faſt eine heimliche Ehrfurcht ein, ſo wuß⸗ te auch Adele oft nicht, ſollte ſie die Freundin mehr achten, oder inniger mit Liebe umfaſſen. Eliſe hatte noch nie im Garten der Lie⸗ be ein Bluͤmchen gepfluͤckt— ſo viel auch 4 „ 419 Anbeter ſie umſchwaͤrmt und ihr von Liebe vorgeſprochen hatten; noch nie war der Eindruck, den vielleicht dieſer oder jener durch einen beſondern Vorzug auf ſie ge⸗ macht, ein groͤßerer geweſen, als das fluͤch⸗ tige Wohlgefallen weniger Augenblicke, und jezt?— ſie ſchalt ſich eine Thoͤrin und dennoch wußte ſie ſich nicht zu verdam⸗ men— jetzt hatte ein einziger Moment fuͤr ihr ganzes Leben entſchieden und der bloße Anblick eines Mannes die Grundfeſten ih⸗ res Herzens erſchuͤttert. Wer konnte aber auch Edmund ſehen, wie ſich ſein ed⸗ les Weſen, ſeine ſtille Beſcheidenheit und der innere Werth in der hohen, kraͤftigen Geſtalt, in dem ſchoͤnen, maͤnnlichen Ant⸗ litze unverkennbar ausſprach, welch fuͤh⸗ lendes Weiberherz konnte ihn ſehen, ohne ihn zu lieben?— So hatte auch bei Eli⸗ ſen das Herz ſchnell und beſtimmt entſchie⸗ den: Der, oder Keiner! und faſt erſchrok⸗ 2* daß die feurige Freundin fuͤr den Jüͤngling entbrannt ſey, und deswegen gebot ſie den lauten Wuͤnſchen des Herzens Schweigen. 20 ken uͤber dieſe ungewohnte Sprache hatte ſie das Toben im Innern mit der Hand zu mildern geſucht und war damals, als wir Steinbergen in freudigem Anſchauen Ade⸗ lens verloren fanden, ſchnell enteil hatte ſie das ſuͤße Geheimniß ihres entdeckt, ſo war ihr auch klar gewoꝛ Muͤhſam hatte ſie eben jetzt vomn Him⸗ mel Kraft dazu erfleht und mit Thraͤnen des Muͤtterchens auf dem Friedhofe gedacht, der ſie recht bald folgen zu muͤſſen meinte, als auch auf ſie der Schlummerbringer die Zau⸗ berkoͤrner herabſandte und ſie hinuͤberrief in das Land, wo kein Schmerz mehr weilt.— 4. Die ganze Reſidenz war in freudigem Aufruhr— geſchmackvolle Schlitten ſauß⸗ 3 21 ten mit ihrem ſchoͤnen Inhalt durch die Straßen, reichgekleidete Vorreiter zur Rech⸗ ten und Linken; harmoniſch toͤnten die Schellen und Gloͤckchen der mit Federn und Buͤſchen prangenden Roſſe und zitterten un⸗ ter den rauſchenden Klaͤngen der ebenfalls zu Schlitten folgenden fuͤrſtlichen Kapelle in die klare Schneeluft hinaus. Brauſend ſchuͤttelten die ſtolzen Gold⸗ fuͤchſe vor dem Hauſe des Praͤſidenten das volle Gelaͤute und ſtampften ungeduldig den Boden, als endlich Comteß Adele, friſch und heiter, wie ein Fruͤhlingsmorgen, die Treppe herab in den Schlitten flog und dem überſeligen Edmund recht willig an ihrer Seite Platz machte, indem ſie ihn mit der freundlichſten aller Mienen zur Eil ermahn⸗ te. Haſtig ergriff Steinberg die Zuͤgel, die Roſſe zogen an und im Nu warxen ſie dem Auge der Nachſehenden entſchwun⸗ den. 22 Durch Thraͤnen laͤchelnd ſchloß Eliſe das Fenſter und klagte bei ſich ein tuͤckiſches Geſchick an, das ihr auch die kleinſten Freuden raubte. Hatte doch fruͤher Ed⸗ mund ihr Begleiter ſeyn und der Erbprinz Adelen fahren wollen; ſchon war Alles be⸗ ſprochen und vorbereitet, als wenig Tage vorher noch Letzterer, ſchnell zu einer Reiſe auf die nahe Feſtung genoͤthigt, brieflich ſeine Verzichtung auf das bevorſtende Ver⸗ gnuͤgen kund that, und ſo Freude und Trauer zugleich im Winkenſchen Hauſe be⸗ reitete. Kaum ward die Kunde davon im Kreiſe der jungen und alten Cavaliere ruch⸗ bar, als Gardeofſiziere und Jagdjunker, Kammerherren und Hofmarſchaͤlle, Kom⸗ merzienraͤthe und Partikuͤliers und alle, die ſonſt wuͤrdige Streiter im Dienſte Cythe⸗ rens zu ſeyn glaubten, faſt das Winkenſche Haus ſtuͤrmten, um der ſchoͤnen Graͤfin einen Platz im eignen Schlitten anzubie⸗ — 4 2³ ten. Schlaukoͤpfchen Adele aber hatte an⸗ ders beſchloſſen und wußte Alle mit der Verſicherung abzuweiſen, daß ihr bereits der junge Steinberg vom Vater als Be⸗ gleiter beſtimmt ſey. Mit langen Naſen und hoͤhniſ chen Blicken zogen des Mars und der Diana, des Plutus und der Themis Soͤhne ab, und dem alten Winken wurde von der Goldtochter der Plan mit Stein⸗ berg ſo verdeckt unter den Fuß gegeben, daß er, als waͤre es ſein eigner geweſen, ihn ſelbſt dem in Wonne berauſchten Edmund, der davon nichts ahnete, mittheilte und Alles ſelbſt zur Ausfuͤhrung deſſelben vorbereitete. — Eliſe ſollte in den Schlitten des Oberkam⸗ merherrn eingeſcheben werden, allein Kopf⸗ ſchmerz vorſchuͤtzend, erbat ſie ſich die Er⸗ (aubniß, zu Hauſe bleiben zu duͤrfen, um hier in der Einſamkeit ſich auszuweinen und Kraft zur ſtandhaften Unterdruͤckung einer hoff⸗ nungsloſen Leidenſchaft zu erringen. 24 Waͤhrend dieſer Zeit war Adele ſchon laͤngſt aus der Naͤhe der Reſidenz entſchwun⸗ den und, in der Mitte des praͤchtig geord⸗ neten Zuges, von Waldeck, einem fuͤrſtli⸗ chen Luſtſchloſſe, dem Ziele der heutigen Fahrt, nicht mehr fern. Mit Windes⸗ ſchnelle flogen die leichten Schlitten auf der blendenden Schneebahn dahin, die jubeln⸗ den Toͤne der Muſik wurden bald durch das Klatſchen der Peitſchen, bald durch den froͤhlichen Zuruf der Schlittenlenker unter⸗ brochen, und Freude und Frohſinn ſchien in der ganzen Natur ſich zugleich mit aus⸗ zuſprechen: am reinen Aether glaͤnzte, als ein gluͤhender Stern, die Sonne und ſpie⸗ gelte ſich in den Millionen blitzenden Punk⸗ ten, die von der ſchimmernden Schneedecke heraufſtrahlten, ſo daß das geblendete Au⸗ ge den ungewohnten Anblick faſt nicht zu ertragen vermochte.— Von dem Allen ſah und hoͤrte die ſchoͤne Adele nichts, denn 25⁵ in ihrer Bruſt wogten tauſend ſuͤße Gefuͤh⸗ le gegen einander und trafen harmoniſch alle wieder in einem Punkte zuſammen, und waͤhrend ihr berauſchter Nachbar in fließendem Geſpraͤch durch manch bedeut⸗ ſames Wort ſein Inneres verrieth, lauſch⸗ te ſie ſtillſelig den Worten des Geliebten und mancher Blick, den ſie voll gluͤhender Innigkeit zu ihm emporhob, ſprach nur zu deutlich das aus, was in ihr vorging. Faſt Alles war entzuͤckt uͤber das ſchoͤne Paar, und wen der Neid nicht zu maͤchtig be⸗ herrſchte, der ſprach laut ſeine Bewunde⸗ rung aus. Konnte man aber auch etwas Schoͤneres ſehen, als die kraͤftig bluͤhende Juͤnglingsgeſtalt, wie im Spiele die ſchaͤu⸗ menden Roſſe lenkend, neben dem zarten, lieblichen Maͤdchen, deſſen reizende Formen die prachtvolle Zobelhuͤlle und der niedliche Hut mit den nickenden Federn nur noch mehr erhob?— Man war angekommen, und Alles ſtroͤmte in buntem Gemiſch dem ſchoͤn de⸗ corirten Salon zu, welcher geſchmackvoll zum Vergnuͤgen der angeſagten Gaͤſte be⸗ reitet war.— In großem Kreiſe fanden ſich zu Scherz und Spiel die juͤngern, in kleineren Gruppen zur geheimen Mitthei⸗ lung die aͤltern Damen, waͤhrend das Heer der Maͤnner hier den bluͤhenden Maͤdchen⸗ kranz umſchwaͤrmte, dort in traulichernſtem Geſpraͤch ſich erging, dort Erholung und Genuß am Spieltiſche ſuchte.— Nur un⸗ ſer Edmund ſtand allein, in ſtilles Anſchaun der Geliebten verloren, und empfand nichts von den bald gutgemeinten, bald ſtechenden Scherzen, die um und neben ihm den Lip⸗ pen der witzigen und nicht witzigen Maͤn⸗ ner entſtroͤmten. So hatte ſich unter An⸗ dern auch ein junger weinerfreuter Garde⸗ offizier in ſeiner Naͤhe eingefunden, und durch das ununterbrochene Schweigen 8——— B Steinbergs auf Alles, was doch offenbar ihm galt, unternehmend gemacht, naͤherte er ſich dieſem und begann, indem er ihn mit einem Schlag auf den Ruckun aus ſei⸗ ner Betaͤubung riß: 1 „Mein Guter! das Mdchen Thagen Sie ſich aus dem Sinne; es waͤre doch ewig Schade, wenn das Wunderbluͤmchen verwelken ſollte, waͤhrend einem ſchmach⸗ enden Knaben der Bart waͤchſt!¹— Schweigend, aber mit einem durchboh⸗ 5 renden Blicke fuͤhrte Edmund den Erſtaun⸗ ten einige Schritte zur Seite und raunte ihm vernehmlich die Worte zu: „Seine Antwort gibt der Knabe Mor⸗ gen bei Tages Anbruch auf der Altenauer Haide mit Piſtolen!“—. Mehrere der Umſtehenden waren auf die Scene aufmerkfam geworden und freu⸗ ten ſich uͤber Steinbergs kalte Entſchloſſen⸗ heit. Auch der Beleidiger ſchwieg beſchaͤmt 8 28 ſtill und maß mit ſonderbaren Blicken den eben Verſpotteten.— Ein Trompetenſtoß durchſchmetterte den Saal, das Zeichen zum Aufbruch; die Schlitten fuhren heran, Fackeln leuchte⸗ ten vor, der frohe Jubel der Jugend toͤnte in die Luͤfte und fort ging es, hinaus in die ſternenhelle Winternacht. Auch Adele hatte unſern Edmund und ſein raſches Be⸗ nehmen bemerkt, aber weit entfernt, in Sorge wegen der Folgen zu ſeyn, ſah ſie vielmehr ſchon den Juͤngling als Sieger vor ſich und gab dem Ritterlichen zum Loh⸗ ne einen ſuͤßen Haͤndedruck; doch bei die⸗ ſem Gedanken mochte der Koͤrper als ein willenloſes Werkzeug dem Geiſte gefolgt ſeyn, denn ſo eben fuͤhlte ſie die Erwiede⸗ rung des kaum Gedachten in dem zarten Haͤndchen, welches unbewußt den Weg in die Rechte des nahen Freundes gefunden hatte.— Nach wenig Augenblicken(ſo 29 meinten die Liebenden), war ſchon die gan⸗ ze Luſt verrauſcht, der Schlitten hielt, Edmund hob ſeine Dame aus demſelben und, ſie noch im Arme haltend und ſanft an ſich druͤckend, laspelto er halb iragend, halb bittend: „Und das Schlittenrecht, Adele?“ Da brannte der erſte Kuß der Liebe auf ſeinen Lippen, ihre Arme hatten ihn zag⸗ haft umſchlungen, und verſchaͤmt barg ſie das purpurne Geſichtchen an der Bruſt des Geliebten. Da ſtoͤrte ein halbverhaltener Schrei die Seligen; Eliſe trat mit dem Lichte in die Hausflur, ſie hatte die Scene mit angeſehen. Schalkhaft laͤchelnd nahm Adele die Bewegte in den Arm und riß ſie gewaltſam die Treppe mit ſich hinan. Sin⸗ nend wollte Edmund eben folgen, als eine unbekannte Geſtalt an ihn herantrat. „ Morgen bin ich Ihr Secundant und Sie finden mich mit der Morgenroͤthe auf —.—— ͦ—— 30 dem bezeichneten Orte. Meine Piſtolen ſchießen gut und ſicher und⸗ vaünd zu Ihren Dienſten.“ Sprachs und war Lerſchwundens Ver⸗ wundert ſah ihm Edmund nach und lihlich gedankandoll auf ſein Zimmer. 5. Es war ein truͤber Wintermorgen. Schuͤchtern verbarg ſich die Sonne hinter dem dichten Wolkenſchleier, und ſpaͤrliche Flocken fielen ſpielend zur Erde herab. Ernſt und ſchweigend trabte Steinberg dem beſtimmten Orte zu; er hatte die ganze Nacht ſchreibend dnrchwacht, um alle ſei⸗ ne Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und ſeinen Lieben das letzte Lebewohl zu ſagen.— Jetzt kam er an, mit ihm zu gleicher Zeit ſein Gegner, beide Secundan⸗ ten waren ſchon auf dem Platze. Nach⸗ dem man ſich foͤrmlich begruͤßt, und Alles —— ——————— vorbereitet war, ſprachen beide Secundan⸗ ten, der Sitte gemaͤß, zwar zur Suͤhne, allein beide Kaͤmpfer beſtanden auf dem Kampfe, und, das Wort nehmend, ſprach Steinberg in kurzen Worten ſeine Mei⸗ nung ans, daß er das Duell nie als Spiel betrachtet habe, daß er alſo auch jetzt, da der Zufall die Beſtimmung der Kampfart in ſeine Hand gelegt, ſich nur auf acht Schritt mit Commandowort ſchießen werde. „Obgleich ich dieſe Anſichten nicht thei⸗ Ie“— erwiderte der Gegner—„ſo kann ich doch auch nichts dawider einwenden; darum, meine Herren, thun Sie Ihre Pflicht ‿ 1 G Die Schritte wurden aßgemeſſen, die Piſtolen gewechſelt, ſchweigend ſtanden die Kaͤmpfer einander gegenuͤber.— Eine Zeit lang betrachteten ſich beide faſt forſchend, da toͤnte das erſte Comman⸗ dowort; die Piſtolen wurden erhoben— 82 eins— zwei— drei— und knallend entflohen die Kugeln der engen Muͤndung. Taumelnd ſank der Gardeoffizier dem Secundanten in den Arm, und mit einem ſchmerzvollen Laͤcheln reichte Steinberg dem herbeieilenden Mediciner die linke Hand mit dem zerſchmetterten Mittelfinger zum Ver⸗ binden. Der Gegner blutete nicht; nur die Erſchuͤtterung hatte ihn zur Seite ge⸗ worfen, denn Mitten durch das glaͤnzende Caskett hatte ſich die Kugel einen Weg ge⸗ bahnt; wenige Linien tiefer, und das Haupt war zerſchmettert. Steinberg hatte beim Schießen die linke Hand ausgeſtreckt und dieſe war von der ſeitwaͤrts fliegenden Ku⸗ gel des Gegners getroffen worden. Mit dem Ausbruche lauter Freude ſiel dieſer dem Verbundenen um den Hais: „Parole d'honneur, mein Herr! Sie haben den Gegenbeweis von Geſtern ſo kraͤftig gefuͤhrt, wie er je einem bra⸗ —x;; ven Soldaten gefuͤhrt worden iſt, und nur einem guͤnſtigen Zufalle darf ich es danken, daß ich noch unter den Lebendigen wandle. Ich bin der Lieutenant von Fließberg, alle Welt keunt mich als eine gute luſtige Haut, die manchmal die Flaſche zu lieb hat, und waͤre ich nicht zu unbeſonnen geweſen, ſo⸗ haͤtte ich wohl die Hoffnung, die Ehre Ih⸗ rer naͤhern Bekanniſchaft verdienen zu koͤn⸗ nen. 7* 21.* nidn r 84 5 Steinberg⸗ antwortete mit einem Haͤn⸗ dedrucke und Alle beſtiegen die harrenden Roſſe. Am Thore der Reſidenz hielt Stein⸗ bergs Secundant, ſich zu verabſchieden, und zu Letzterem gewendet ſprach er: „Ich bin der Baxon Kronfelz, hoffent⸗ lich jollene Sie bald unshr von mir hoͤ⸗ ren—— 5 „Halt, Pechbl— uel ihm Fließ⸗ G berg ſchnell ins Wort— 1So hurtig geht das nicht, und Sie werden nicht eher ent⸗ 3 34 kommen, als bis Sie mich nach Hauſe geleitet und mit mir eine Flaſche Johan⸗ nisberger ausgeſtochen haben, wobei wir einander ſchon kennen lernen wollen!“ Nach kurzem Bedenken folgte Kron⸗ felz und vereint trabten Alle durch die lau⸗ ten Snaßen duhun 6. In ſeinem Cabinete ſaß der alte Win⸗ ken mit halb zuͤrnendem, halb laͤchelndem Antlitze, vor ihm ſtand der alte Werner, der, mit ſchlauem Laͤcheln die Haͤnde rei⸗ bend, ſeinem Gebieter entgegenredete. „Ja ja!“— zuͤrnte dieſer—„den Steinberg mir verdaͤchtig zu machen, das ſoll Euch doch nun und nimmermehr gelin⸗ gen. Daß er Euch nicht ſo honorirt, wie die andern niedrigen Seelen, welche wiſ⸗ ſen, daß ich ſchwach genug bin, zuweilen auf Euch zu hoͤren, das macht mir ihn lieb = 35 und werth; denn auch der Loͤwe haͤlt es unter ſeiner Wuͤrde, gemeinſchaftliche Sa⸗ che mit dem Fuchſe zu machen.“ „O, Ew. Excellenz geruhen zu ſcher⸗ zen“— entgegnete, den Stich fuͤhlend, Werner—„aber die Pflicht eines treuen Dieners iſt es, ſeine Schuldigkeit zu thun, ſollte ſein Wille auch nicht anerkannt wer⸗ den. Sind den Eure Gnaden nicht auf⸗ merkſam geworden, wie der junge Menſch ſeine Augen ſelbſt zu Comteß Adelen erhebt, und wie ſeine paſſable Geſtalt ſogar Gna⸗ de gefunden zu baben ſcheint d vor Dero ſchoͤnen Augen?— „Wohl bin ich das“— verſetzte der Graf ruhig—„aber von ſeiner Seite mag ich dies Beginnen nicht uͤbel leiden. Er fliegt hoch, das gefaͤllt mir— die Un⸗ moͤglichkeit der Erreichung ſeines Ziels wird er, bei ſeinem klaren Verſtande, nie aus dem Auge verlieren; von Seiten Ade⸗ 3* 36 lens ſorge ich nicht, die Maͤdchen aͤndern den flatterhaften Sinn ſchnell; buͤrgt mir doch die Wahl des Gegenſtandes fuͤr ihren Geſchmack. Obgleich ich es uͤbrigens nie habe billigen koͤnnen, daß der Juͤngling zu fruͤh durch ein Liebesverhaͤltniß ſeine Thaͤ⸗ tigkeit beenge und ſeinen Kraͤften Feſſeln anlege, ſo iſt doch hier nach Steinbergs Individualitaͤt eine Ausnahme zu machen: dies Mal will ich meinen eignen Weg ge⸗ hen und es dadurch beweiſen, daß in vier Wochen, wenn die Maͤdchen wieder nach Tannefeld hinausziehen, er ſie hinnusbe⸗ gleiten ſoll. Das aber werdet Ihr ihm dann ſelbſt verkuͤnden.“ id G „Und ſollte denn Ew. Excellenz“— fuhr der Alte lauernd fort, durch des Ge⸗ bieters Nachſicht immer dreiſter gemacht— „die Ehrenſache von nenlich unbekannt ge⸗ blieben ſeyn, die bereits das Geſpraͤch der ganzen Reſidenz iſt?— Sollte der Ge⸗ 37 genſtand deſſelben nicht vielleicht auf eine paſſende Art zu entfernen ſeyn und ſo manch zweideutiges Geruͤcht vernirden und zerſtoͤrt werden koͤnnen?— Da hielt ſich der erzuͤrnte Graf nicht laͤnger, haſtig ſprang er auf, daß der Be⸗ ſtuͤrzte einige Schritte zuruͤckwich und rief, wie außer ſich: „Was, Bube? ich glanbe, Du wagſt mir Vorſchriften zu machen! Iſt es dahin gekommen, daß ſich der Praͤſident Winken bei feinem Diener Raths erholen muß? Fort, aus meinen Augen!“ Der Alte wollte einlenkend ſich verthei⸗ digen, aber zorngluͤhend zeigte der Praͤſi⸗ dent nach der Thuͤr, und gebuͤckt, aber mit einem tuͤckiſchen Laͤcheln ſchlich jener hinaus. Seine Probearbeit unter'm Arme ſchritt eben Steinberg uͤber den Vorſaal hinweg nach dem Cabinet des Miniſters zu, als er auf ſeinen alten Freund Heimlein ſtieß. —n — 38 ——) ſprach dieſer, und als der Gefragte dies be⸗ jahte, fuhr er dringend fort: „Wenn mein Rath Ihnen etwas gilt, ſo verſchieben Sie das Geſchaͤft, welches Sie jetzt zu ihm fuͤhrt, denn Sie kommen zur ungelegenen Stunde. So eben kom⸗ me ich aus dem Vorzimmer. Auch ich wollte mit ihm ſprechen und hatte ſchon den Thuͤrgriff in der Hand, als zwei Stim⸗ men innerhalb laut wurden, wovon ich die eine als des Grafen, die andere als Werners erkenne. Es muß zwiſchen Bei⸗ den etwas Derbes gegeben haben, denn ſo heftig habe ich unſern Herrn noch nie ge⸗ hoͤrt, am wenigſten gegen den alten Wer⸗ ner. Wollte Gott, daß es ein Mal zum Durchbruche kaͤme mit dieſem boͤſen Daͤ⸗ mon, der wie die Suͤnde im Hauſe umher⸗ ſchleicht und dennoch leider oft eine ent⸗ ſchiedene Gewalt uͤber unſern Gebieter aus⸗ „Sie wollen zu unſerm Herrn?“— 3 39 uͤbt. Auch Ihr Name wurde vorhin ge⸗ nannt; nehmen Sie ſich ja vor dem grauen Suͤnder in Acht!“ Da ſchoß der eben Genannte an den Sprechenden vorbei und warf auf Beide einen giftigen Blick. „Lupus in fabula!“— fuhr der be⸗ ſorgte Heimlein fort—„Nun, nicht wahr, Sie kehren mit mir um?“ „Schon gut““— verſetzte getroſt der Jungling, ſchied von dem Alten mit ei⸗ nem Haͤndedrucke und ſchritt wohlgemuth auf die Thuͤr zu, welche zum Vorzimmer des Praͤſidenten fuͤhrte. Bedenklich den Kopf ſchuͤttelnd ſah ihm ſein treuer Warner nach und ging, Schline mes ahnend, weiter. . Unter Actenſtoͤßen vergraben ſinden wir vier Wochen ſpaͤter Steinbergen auf ſeinem 140 Zimmer; ſchon begann es zu dunkeln, und mit zufriedenem Laͤcheln uͤber ſein heutiges Tagewerk ſchlug er eben ein Inhaltſchwe⸗ res Volumen zu, um ſeinen Gedanken Au⸗ dienz zu goben, als ſich die Thuͤr oͤffnete und der alte Werner hereintrat, das Ge⸗ ſicht in hoͤflich grinſende Falten und den Ruͤcken zur Sichel gekrummt. „Sr. Errellenz“e hegann er— „haben geruht, mir einen ſehr angeneh⸗ men Auftrag an Dieſelben zuruͤckzulaſſen, denn ſo ſeben ſind ſie auf einige Tage ver⸗ 4 reiſt, Comteß Adele und Fraͤnlein Eliſe werden den Sommeraufenthalt in Tann ſeld wieder beziehen, und Sie die Ch haben, dioſelben hinauszubegleiten. D Wagen ſteht ſchon beroit. Morgen nach Tiſche ſoll ich Sie zu Pferde wieder ab⸗ holen, ſo wollen es der Herr Praͤſident.“ Ohne das hoͤhniſche Laͤcheln zu bemer⸗ ken, womit der Alte ſeine Worte begleite⸗ 41 te, warf ſich Edmund ſchnell in die Klei⸗ der, draͤngte jenen haſtig zur Thuͤr hin⸗ aus, und in wenig Minuten raſſelte die praͤchtige Equipage mit dem Ueberſeligen und den beiden Maͤdchen uͤber das Stein⸗ pflaſter dahin. Still ſaß Eliſe an der Seite der raſtlos ſcherzenden Adele, die heute ganz ausgelaſſen war und mit in⸗ nerem Wohlgefallen den gluͤhenden Blik⸗ ken folgte, mit denen der Juͤngling die ſchoͤne Rednerin faſt verſchlang. Der Weg war kurz und angenehm und in wenig Stunden das romantiſche Tannefeld er⸗ reicht. Man ſtieg aus, geſchaͤftig draͤng⸗ te ſich Alles zu der ſchoͤnen Herrin und der ſanften Eliſe, Jedes brachte ein klei⸗ nes Geſchenk, oder ein Paar herzliche Worte zum Gruß und Alt und Jung ſchien mit der Ankunft der Maͤdchen ein ſtilles Frendenfeſt zu feiern. 42 Unſern Edmund uͤberraſchte eine inni⸗ ge Ruͤhrung, und als nun eine Menge rothwangiger Kinder ſich jubelnd an Eli⸗ ſen ſchmiegten, die ſie freundlich liebkoſte, als alle ſie mit den ſuͤßeſten Schmeichel⸗ worten begruͤßten und jedes derſelben et⸗ was brachte oder erzaͤhlte, um durch ein beifaͤlliges Laͤcheln, oder ein lobendes Wort begluͤckt zu werden— es waren die Waiſen des Dorf's, die an Eliſen eine Mutter gefunden hatten— da ſtahl ſich eine Thraͤne aus Edmunds Auge und mit inniger Ehrfurcht betrachtete er das bisher ganz uͤberſehene Maͤdchen, das ihm unwillkuͤhrlich mit einem faſt zu war⸗ men Blicke dafuͤr dankte. Ein Gleiches hatte Adele bemerkt und ließ jenem des⸗ halb gar nicht Zeit, die Menge Gedanken und Gefuͤhle, die jetzt in ſeinem Innern aufgeregt waren, zu ordnen; ſie zog ihn, Trepp auf, Trepp ab ſpringend und ſin⸗ 43 gend mit ſich fort, um ihn mit all den Herrlichkeiten des Hauſes, wie ſie ſcher⸗ zend bemerkte, bekannt zu machen. Muͤde von der Fahrt’, hob Adele die kleine Tafel auf und indem ſie Steinber⸗ gen verſprach, Morgen mit ihm recht um⸗ herzulaufen, draͤngte ſie ihn zur Thuͤr hinaus; ein niedliches Maͤdchen, des Gaͤrtners Kind und Adelens Liebling, leuchtete ihm vor, wies ihm ein nettes Stuͤbchen an, verabſchiedete ſich mit ei⸗ nem Knix und uͤberließ unſern Edmund ſich ſelbſt, der ſich bald in blühenden Traͤumen verlor. Kaum hatte die Sonne den neuen Lauf begonnen und begruͤßte eben mit dem erſten Blicke das friſche Lenzesgruͤn in Wald und Flur, als ſich Edmund vom Lager erhob und ankleidete. Froͤh⸗ lich oͤffnete er das Fenſter und ſog in vollen Zuͤgen die reine Morgenluft ein; ——õõõÿ— —õyõ 44 da bog eine Maͤdchengeſtals in zicrlichem Negligee um die naͤchſte Hecke, es war Adele. Kaum hatte ſie den Lauſcher ent⸗ deckt⸗ als ſie herbeieilte, ihm zurufend, er moͤchte herunter kommen, den goͤttli⸗ chen Morgen mit ihr im Freien zu genieſ⸗ ſen. Steinberg ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen, in wenig Augenblicken war er an ihrer Seite, vertraulich legte ſie den kleinen vollen Arm in den ſeinigen, vertraulich an ihn geſchmiegt durchwan⸗ delte ſie ſo mit dem Geliebten den kunſt⸗ voll angelegten Garten, ihm alle die klei⸗ nen Denkmaͤler der Erinnerung an die frohe Jugend zeigend.. „Nun aber“— ſprach ſie, ernſter wer⸗ dend—„nun ſollen Sie auch mein eigent⸗ liches Lieblingsplaͤtzchen ſehen, den einſamen Ort, mit dem ich, gleich einem treuen Freun⸗ de, Schmerz und Luſt theile, der die ge⸗ heimſten Falten meines Herzens kennt—⸗ 45 Mit dieſen Worten zog ſie ihn nach dem nahen Park chin. Immer enger wurdeder Weg, immer dichter das Ge⸗ buͤſch, kein Laut ſtoͤrte dieſe heilige, ein⸗ ſame Stille; nur Haͤnfling und Stieglitz huͤpften zwitſchernd von Aſt zu Aſt und ſchienen neckend den Dahinwandelnden zu folgen. Endlich bogen ſie um eine Taxus⸗ hecke, wo ſich der Weg in einer einſamen Grotte verlor. Hier war's lauſchig und ſtill, und faſt feierlich. Eine Moosbank in der einen Ecke bildete eine kleine Ver⸗ tiefung, vor der, in Marmor gehauen, eine herrliche Statne des Amor errichtet war. Schelmiſch laͤchelnd wendete ſich der Goͤtterknabe ab von einer Menge Schmuck und Trophaͤen, die lockend zu ſeinen Fuͤſſen ausgebreitet lagen und wink⸗ te mit der Hand nach entgegengeſetzter Nichtung hin, indem er etwas auszäſsdee chmn ſchien. 1 E ia int ner unen 46 oh,Ein ſchoͤnes Symbol“’“— begann Edmund zuerſt—„voll hoher, ſinniger Dentung, doch dann erſt von der hoͤch⸗ ſten, wenn einſt dem Schelm Adele den Namen deſſen zugeſluͤſtert hat, dem dann ſein jetzt bedeutungsloſes Winken gilt!“— „Und wenn dies nun bereits geſche⸗ hen waͤre?“— warf Adele ſchnell hin— mn,„Dann muͤßte ich den Gläctlchſe aller Sterblichen kennen, um— Er wollte ſich entfernen, ohne zu voll⸗ enden, da ergriff ihn Adele heftig beim Aem⸗ ihm ins thraͤnende Auge ſehend. „ und Sie kennten ihn nicht, Stein⸗ berg?— ſprach ſie mit dem weichſten Laut ihrer Stimme—„Sie ahneten nicht, daß Adele Sie verſtanden, Sie wuͤßten nicht, was Sie dem liebenden Maͤdchen geworden ſind? O, ihr kalten Maͤnner! So mußte ich denn zuerſt ge⸗ ſtehen, was mir die Bruſt erfült? Mag 47 es unrecht ſeyn, daß ich das Alles ſo frei und ruͤckſichtslos bekenne, aber dieſer Ort, mir ſo heilig, als der Tempel Gottes, er entſchuldigt die ſchnellen Worte des jung⸗ fraͤulichen Herzens!”“— Wie außer ſich umſchlang der uͤber⸗ raſchte Juͤngling das geliebte Maͤdchen, welches mit Thraͤnen der Wonne das ver⸗ klaͤrte Auge zum Himmel emporrichtete und verſchaͤmt das Lockenkoͤpfchen an die Bruſt des ſelig Berauſchten lehnte. So ſtanden die Liebenden, im Vollgenuſſe des erſten Geſtaͤndniſſes verloren, als ſie Eli⸗ ſens Stimme aus ihrem Himmel riß. Mit trunknen Blicken eilten ſie der noch Fernen entgegen, welche verkuͤndete, daß der alte Werner angekommen ſey, Ed⸗ munden abzuholen. Mechaniſch beſtieg dieſer den ſtampfenden Goldfuchs und be⸗ merkte Eliſens Thraͤnen nicht, die ſie dem letzten entflohenen Hoffnungsſchimmer nach⸗ ½ 2*2* — 48 weinte; noch rcin Blick voll unendlicher Liebe auf Adelen, und in vollem Gualoh ging es der P ehefehs zu 9131 34 eef is e elu 8..1a. Vor ſeinem Arbeitstiſche ſtand der al⸗ te Winken und richtete lange den forſchen⸗ den Blick auf den Eingetretenen „Ich freue mich, mein lieber Stein⸗ berg,“ redete er endlich den beklom⸗ menen Juͤngling an, indem er ihm freund⸗ lich die Hand bot—„einem Wunſche entgegenkommen zu koͤnnen, den Sie zwar nie gegen mich ausgeſprochen haben, deſ⸗ ſen Erfuͤllung Ihnen aber nur hoͤchſt er⸗ wuͤnſcht ſeyn kann, und zwar zu jeder Zeit—, indem ſie Ihnen die ſchoͤnſte Gelegenheit bietet, ſich fuͤr Ihren Lebens⸗ zweck auszubilden, und Sie uͤberhaupt Ihrem eigentlichen Ziele entſcheidend naͤ⸗ her bringt. Der Geſandtſchaftspoſten am 49 benachbarten Hofe iſt erledigt und mit ihm die der beiden Secretaire. Die Stelle des Geſandten wird Graf Reichenau be⸗ kleiden; Sie und der Baron Kronfelz, der Ihnen ja wohl ſchon perſoͤnlich be⸗ kannt iſt, ſind ihm als Secretaire an die Seite geſetzt. Ich ſelbſt habe mich bei Sr. Durchlaucht fuͤr Sie verwandt, und Ihr Character, wie Ihre Kenntniſſe buͤr⸗ gen mir dafuͤr, daß Sie meiner Empfeh⸗ lung in jeder Hinſicht 8— machehn wer⸗ den.“— Schweigend und wie in den Boden ernur ut ſtierte Steinberg zur Erdo, und, Alles um ſich her vergeſſend, bemerkte er es nicht, wie der Praͤſident ihn mit ſte⸗ chenden Blicken ſixirte, indem er verge⸗ bens auf eine Antwort harrte. „Nun,“— unterbrach endlich dieſer die lange Pauſe=„haͤtte ich mich viel⸗ leicht doch getaͤuſcht, und waͤre mir eine 4 Falte Ihres Innern verborgen geblieben? Sie wiſſen, Steinberg, aͤffen laſſe ich iht micht 12)i n. „Die aroßz ucberraſchung Ew. Er⸗ eellenz, Ee ſtammelte der Geaͤngſtigte— „die zu ſchnell mir kam—— mam 2„Ich will dies Mal glauben, es 10 ſos afuhr der Praͤſident um vieles wei⸗ cher fort—„und uͤbergebe Ihnen hier dieſe Papiere, welche Sie mit dem ei⸗ gentlichen Kreiſe Ihrer nunmehrigen Thaͤ⸗ tigkeit bekannt machen. Die noͤthigen Winke uͤber den Standpunct in dem neuen Verhaͤltniſſe wird Ihnen Baron Kron⸗ felz geben. Sie ſind mir lieb gewordeir, mein lieber Steinberg, und ich laſſe Sie ungern von mir, aber es iſt beſſer ſo⸗ Darum ſeyn Sie ein Mann, Sie haben ſ mir ja oft als ſolcher bewaͤhrt. „Bei dieſen Worten kuͤßte er den ‚angiing. auf die Stirn und bedeutete 51 ihn mit der Hand, ſich zu entfer⸗ nen. i Da ſtuͤrzten dem heftig Bewegten die lange verhaltenen Thraͤnen aus den Au⸗ gen, haſtig riß er die Hand des Alten an ſeine Lippen und mit dem ſchluchzenden Ausrufe:„Ach, mein Vater 1¹ ſtuͤrzte er zur Thuͤr hinaus. Auch der kalte Hofmann zerdruͤckte eine Thraͤne. „Armer Junge e— ſprach er leiſe vor ſich hin—„Du dauerſt mich, aber ich konnte nicht anders!“ 21 4 auecn 9. Durch das prachtvolle Thor der Haupt⸗ ſtadt in einem bluͤhenden Weinlande fuhr ein Reiſewagen herein, aus dem ein ſchwarzer und ein blonder Lockenkopf dem bunten Gewähl, welches in ewigem Wech⸗ — 4*ℳ ſel durch die breiten Straßen wogte, be⸗ gierig zuſchauten. Es waren die beiden neuen Gefande⸗ ſchaftsſecretaire, Kronfelz und Steinberg, welche eben das Ziel ihrer Reiſe erreicht hatten, und vom Anblicke ihres neuen Wohnſitzes ganz freudig gefeſſelt ſchienen, ſo begierig und faſt andaͤchtig ſtaunten ſie Alles an, was ſich gerade ihren Blicken darbot. Oft aber taͤuſcht der aͤußere Au⸗ ſchein, und ſo war es auch hier, wenig⸗ ſtens zum Theil. Denn wenn der junge Baron Kronfelz wirklich froh und lebens⸗ luſtig der naͤchſten Zukunft entgegenſah und der Eindruck, den die laute Menge auf ihn machte, ſich lachend in allen ſei⸗ nen Zuͤgen ausſprach, ſo war der Blick unſers Edmunds nur kalt und ſtarr, ſein Sinnen und Denken galt der bluͤhenden Vergangenheit, in deren Nachgenuß er traͤumend verſunken war, und Alles um⸗ 53 her ging nur ſchnell und bedeutungslos an dem koͤrperlichen Auge voruͤber, ohne das geiſtige zu beruͤhren. Da doͤnte ploͤtzlich ein Angſtruf aus Aller Munde und riß auch den Juͤng⸗ ling aus ſeinen Traͤumen; er wendete die Augen und ſah, wie zwei unbaͤndige Roſ⸗ ſe die Straße herabtobten und Alles um⸗ her ſcheu in die Haͤuſer flog. In dem leichten Wagen lag bleich und ohnmaͤch⸗ tig eine Matrone, ihr zur Seiten ſtreck⸗ ten ein ſchoͤnes Maͤdchen und ein bluͤ⸗ hendes Kind die Arme jammernd nach Huͤlfe aus, und der Wagenlenker, die zerriſſenen Zuͤgel in den Haͤnden und ſo machtlos zugleich mit dem Wagen der ſcheuen Pferde Wuth uͤberlaſſen, rief raſtlos ſein verzweiflungsvolles Haltauf der unthaͤtig gaffenden Menge zu. Aber verge⸗ bens; Niemand wagte es, die goſtreckte Carriere der unbaͤndigen Thiere zu hemmen. 54 So brauſten ſie unaufhaltſam die Straße herab nach der Ecke zu; auch das Maͤdchen im Wagen, ihres nahen Ver⸗ derbens gewiß, ſank bewußtlos zuruͤck an die Seite der Alten, indem ſie krampfhaft das weinende Kind umſchlang.— Jetzt ſtuͤrzte mit Geſchrei ein kleiner Knabe uͤber die Straße hinweg, die naͤchſte offene Hausthuͤr zu gewinnen, wo die Mutter laut jammernd die Haͤnde rang, doch ein Stein hemmte die fluͤchtigen Schritte, er ſiel; ſchon ſauſten die Roſſe heran; nur wenig Augenblicke noch, und das zarte Kind lag zerſchmettert unter den vernich⸗ tenden Hufen; ein Laut des Entſetzens entfloh den Lippen dor regcängſteten Zu⸗ ſchauer Amfe Da ſprang ein kuͤhner Jungling her⸗ bei, mit rieſenkraͤftigem Arm fiel er in die Zuͤgeh, und kaum einen Schritt vor dem Kinde, welches ſchon die Augſt faſt r getoͤdtet hatte, ſtanden die Roſſe ſchnau⸗ bend und zitternd, als ob ſie die Kraft und den Muth des Kuͤhneren fuͤrchteten. Kein Laut regte ſich rings umher. Die Zuͤgel nahm der waͤhrend deſſen her⸗ abgeſprungene Kutſcher und geduldig, wie die Laͤmmer, ließen ſich die wuͤthenden Thiere umlenken. Sorglich und ſchwei⸗ gend hob der Juͤngling den weinenden Knaben auf, legte ihn in den Arm der dankbaren Mutter, welche herbeigeeilt war, und blutend fiel er dem Baron Kronfelz in den Arm. Da loͤſte ſich das bange Schweigen der ſtaunenden Menge in lau⸗ ten Jubel und ſchallendes Beifallklatſchen, Steinberg aber, denn er war es, ſank in die Knie, ihm entflohen die Sinne und Alles um ihn verſchwand in duͤſteren Re⸗ .139 192 4 Btannn 10. 5 Finſtre Gewikterwolken umzogen den naͤchtlichen Himmel und hingen drohend uͤber der ſchmachtenden Flur, Alles ath⸗ mete eine bange Stille, und die bleiche Mondſcheibe, welche nur zuweilen ſich durch den zerriſſenen Wolkenſchleier ſtahl, beleuchtete faſt malaäncholiſch die züſferen Gruppen.. In der einſamſten Grotte des Tanne⸗ felder Parks ſaßen in traulicher Mitthei⸗ lung die trauernden Freundinnen. Tage und Wochen waren entflohen, ſeitdem ſie ein Brief des Vaters von der Veraͤnde⸗ rung unterrichtet hatte, die ſo gewaltſam ſoͤrend in das Gluͤck zweier Herzen ein⸗ griff; aber noch immer war der Eindruck in ſeinen Folgen ſichtbar, den jene Nach⸗ richt in Tannefeld hervorgebracht hatte. Adele war in ihrem innerſten Weſen er⸗ ſchuͤttert. Wenn ſonſt das friſche, le⸗ bensfrohe Maͤdchen nichts that, als ſin⸗ gen, ſpringen und ſcherzen, und mit ih⸗ rer ewig muntern Laune vom Morgen bis zum Abend Alle, die ſie umgaben, mit ſich fortriß, ſo hing ſie jetzt das Koͤpf⸗ chen, einſam ſchlich ſie umher, ſtatt der Worte hatte ſie oft nur Thraͤnen, und das geringfuͤgigſte Ereigniß— hatte es nur den geringſten Bezug auf ungluͤckli⸗ che Liebe— konnte ſie auf Wochen ſchwer⸗ muͤthig und tiefſinnig machen. Die ein⸗ ſame Grotte im Park war ihr liebſter Auf⸗ enthalt; hatte ſie doch hier den ſeligſten Augenblick ihres Lebens genoſſen, und je ſchneller dieſer enteilt, deſto heftiger war der Eindruck, den er in der zarten Maͤd⸗ chenſeele zuruͤckgelaſſen hatte. Auch Eli⸗ ſen hatte Edmunds Entfernung ſchmerz⸗ lich beruͤhrt, aber theils war ja ſchon laͤngſt in ihr die Gewißheit von der Neigung des Geliehten fuͤr Adelen begruͤndet, theils hatten ſie ſchon von Jugend auf eine Menge Leiden und Entſagungen. gewoͤhnt, Luſt und Schmerz ſtill in der Bruſt zu verſchließen, und ſo ahnete auch jetzt Nie⸗ mand, was das Innere der Jangſsau 6 maͤchtig bewegte.. d unns en „Nur wo er iſt, möchte ich wiſſen⸗ 27 — ſeufzte Adele— n„um nach der Ge⸗ gend meine Gruͤſſe und Seufzer ſenden zu koͤnnen. Er ſey nach Wunſche ver⸗ ſorgt, ſchrieb der Vater; ach, vielleicht iſt er weit, weit von hier, hat mich laͤngſt vergeſſen, und einer Anderen Bild lebt in der treuloſen Maͤnnerbruſt. Haͤtte er nicht ſonſt geſchrieben?— Weiß er doch wohl, daß ein einziges, Wort von ihm den geringſten Hoffnungsfunken im Bu⸗ ſen des fernen Maͤdchens zur maͤchtigſten Flamme anfachen wuͤrde. Ach, aber die Naͤnner, ſie vermoͤgen alle nicht die zar⸗ 59 te Eigenthuͤmlichkeit des jungfraͤulichen Herzens zu begreifen, und dennoch ſind ſie nin dem liebenden, ſollte es ſelbſt ver⸗ kannt, verſtoßen werden, mit tauſend in⸗ nigen Zweigen ewig eng verwachſen!¹“ Eliſens Auge entquoll eine Thraͤne, auch ſie war weich geworden und eben wollte ſie das tiefſte Geheimniß des In⸗ nern der einzigen Freundin enthuͤllen, als ploͤtzlich raſche Tritte durch die Stille der Nacht zu den Einſamen heruͤber toͤnten. Kaum waren die Erſchrockenen aufge⸗ ſprungen und hatten die Grotte verlaſſen, als der immerwaͤhrende Ungluͤcksbote, der alte Werner, um die Ecke bog, indem er keuchend meldete, der gnaͤdige Herr Vater ſey ploͤtzlich krank geworden, und er beauftragt, in dem bereit ſtehenden Wagen Comteß Adelen und Fraͤulein Eli⸗ ſen mit nach der Stadt zu bringen. 1 60 Das Schlimmſte ahnend flohen die Geaͤngſteten dem Schloſſe zu und in we⸗ nig Augenblicken ſchon eilte der Wagen mit ihnen auf der einſamen Landſtraße dahin. Fern rollte der Donner, im We⸗ ſten kreuzten Blitze und loͤſchten die Gluth der duͤnſteſchwangeren Luft aus. Nacht war es auch in Adelens Seele und faſt bewußtlos hing die Erſchuͤtterte in den Armen der zitternden Eliſe. 41. Am Krankenlager des ſchlummernden Steinberg war Kronfelz beſchaͤftigt und lauſchte aufmerkſam jedem Athemzuge des Freundes. Seit dem Tage, wo dieſer ſo muthig dem Verderben entgegen gegangen war, hatte ihn ein heftiges Fieber ergrif⸗ fen, wilde Phantaſien ſich ſeiner bemaͤch⸗ tigt, und nur wenig Augenblicke der ru⸗ higen Beſinnung waren ihm gekommen. 64 Blutend und bewußtlos ſahen wir ihn ſeinem Begleiter in den Arm ſinken; die ſcharfe Deichſet des Wagens hatte ihm eine nicht unbedeutende Wunde am rech⸗ ten Oberarm geſchlagen, der geiſtige Schmerz den kraͤftigen Koͤrper uͤberwun⸗ den und eine heftige Gehirnentzuͤndung den Juͤngling darnieder geworfen. Kron⸗ felz war nicht von des Freundes Lager gewichen, denn die geſchickteſten Aerzte hatten bereits ſeine Heilung aufgegeben, und der heutige Tag war der erſte, wo der Kranke etwas ruhiger zu ſeyn ſchien und ſogar in einen unanageſöglen Schlaf nrrkalſen war. 18 Oft kettet ein einziger Augenblick zwei from Herzen an einander, und wie der Strahl der Liebe ſich mit einem Momente aus des Maͤdchens Auge in des Juͤng⸗ lings Seele ſenkt, um hier wie mit ei⸗ nem Zauberſchlage Alles ploͤtzlich zu er⸗ 62 hellen und ſich unterthaͤnig zu machen, ſo entſcheidet auch oft ein einziger Augen⸗ blick das Verhaͤltniß des Mannes zum Manne und macht uns den Fremden zum unzertrennlichſten Gefaͤhrten des Lebens. Auch unſer Edmund hatte ſo in dem jungen Kronfelz ſchon in Waldeck unbe⸗ wußt einen warmen Freund gewonnen und dieſer ſich von Tag zu Tag inniger und inniger an ihn angeſchloſſen. Fruͤh ſchon waren dem jungen Baron beide El⸗ tern entriſſen worden, hatten ihm ein un⸗ ermeßliches Vermoͤgen hinterlaſſen und er war der Sorge und Vormundſchaft eines alten Oheims anheim gefallen. Dieſer hatte nun zwar hohe Plaͤne fuͤr ſeinen Neffen entworfen und ſein ſchoͤnſter Traum war ees, denſelben einſt auf einer bedeu⸗ tenden Stufe im Staats glaͤnzen zu ſe⸗ hen, allein anders war die Neigung des raͤſchen Juͤnglings, der mit den vorzuͤg⸗ . 63 lichſten Anlagen des Geiſtes die unbegrenz⸗ . teſte Liebe zur Freiheit und Unabhaͤngig⸗ keit verband. So hatte er auch auf der Akademie mit leidenſchaftlicher Neigung den ſchoͤnen Wiſſenſchaften obgelegen und ſeine eigentlichen Hauptſtudien, Jurispru⸗ denz und Diplomatik, nur als Nebenſachen betrieben. Kaum war er in das buͤrger⸗ liche Leben eingetreten, als auch ſchon der alte Oheim jede Gelegenheit ergriff, ſeinen Liebling dem getraͤumten Ziele naͤ⸗ her zu bringen; lange war dieſer unter taufenderlei Vorwaͤnden den Beſtuͤrmun⸗ gen des Alten ausgewichen, als ſich in dem erledigten Geſandtſchaftsſecretair⸗Po⸗ ſten ein annehmlicher Weg bot, Beider Wuͤnſche auf gleiche Weiſe zu befriedigen; denn die Stelle war ehrenvoll und muß⸗ te zugleich Gelegenheit geben zu den in⸗ tereſſanteſten Bekanntſchaften und Ver⸗ haͤltniſſen. Kronfelz ward Steinbergs 64 College, nachdem er laͤnger ſchon ſein Freund geweſen war, und beide Juͤng⸗ linge lernten ſich taͤglich naͤher kenneu, um ſich mehr zu lieben und mſeßer an einan⸗ der zu ketten. 4 6 Waͤhrend nun grenfehn ſorgſam de Regung des kranken Freundes bewachte, oͤffnete ſich die Thuͤr und herein trat der Poſtbote, einen ſchwan geſiegelten Wricf in der Hand. „An Herrn Seereenir— ſprach er und uͤbergab den Brief Kronfelzens Haͤnde. Unbekannt waren dieſem die Zuͤge der Aufſchrift, das Poſt⸗ zeichen undeutlich, und als er vom Ue⸗ berbringer die noͤthige Auskunft fordern wollte, war: dieſer ſchon wieder enteilt. So hielt der Sinnende noch gedankenvoll das Couvert in der Hand, als der nahe Schlaͤfer erwachte und ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder den Namen ſei⸗ 65 nes treuen Pflegers rirf. Faſt erſchrok⸗ ken warf dieſer den wunderbaren Brief bei Seite und naͤherte ſich ſchnell dem Kranken, einen neuen Fieberanfall be⸗ fuͤrchtend; aber klar und hell war deſſen Auge und mit feſter Stimme redete er, den Freund an.. „Ich habe wohl recht lunge und ſchwer getraͤumt, mein guter Kronfelz“— ſprach er—„denn wie ein ſinſtrer Nebel ſank der Schlaf von meinen Augenliedern. Iſt keine Nachricht, kein Brief aus der Fer⸗ ne an mich gekommen? O ſprich, ſeyes ſchlimm, oder gut, ich fuͤhle mich ſtark geuug, jetzt Alles zu hoͤren.— Du ver⸗ neinſt? und doch leſe ich in Deiner Mie⸗ ne, daß Du mir etwas Shliunmes ver⸗ hehlſt. 18 e Obgleich Kronfetz. Altes aufwendete, des Freundes Beſorgniß zu vernichten, ſo hatte ſich doch dieſer mit Muͤhe aufge⸗ 5 66 richtet und beim Umherſpaͤhen leicht den ſchwarzgeſiegelten Brief entdeckt. Mit wunderbarer Faſſung erbrach er den Brief und dem Convert entfielen zwei Blaͤtter. „Seit wenig Tagen iſt unſer verehr⸗ „ter Herr Graf nicht mehr,“— ſchrieb der alte Heimlein—„die Trauer um „ihn iſt allgemein, und fuͤr uns, die wir Hihn naͤher kannten, ſein Verluſt uner⸗ „ſetzlich. Sogleich nach ſeinem Hinſchei⸗ nden ſind Comteß Adele und Fraͤulein „Eliſe ploͤtzlich verſchwunden, wahrſchein⸗ lich auf des Verſtorbenen letzte Wei⸗ „ſung; wohin, weiß Niemand. Noch „kurz vor ſeinem Ende ließ mich Sr. „Excellenz zu ſich rufen und uͤbergab mir „beifolgenden Brief mit den Worten: „meinem guten Steinberg. Ach, er hat⸗ „te Ew. Wohlgeb. recht lieb und ſprach „nach Dero Abreiſe von hier oft und nlange von Ihnen. Mit der alten An⸗ 1. 67 „haͤnglichkeit und Liebe habe ich die Eh⸗ „re, mich zu unterzeichnen „Ew. Wohlgeb. „treu ergebener „Chr. Heimlein.“ Mit Thraͤnen der Wehmuth ſank Steinberg in die Kiſſen zuruͤck. „Hier, Kronfelz“— ſprach er wei⸗ nend und uͤbergab dieſem des Graſen Schreiben—„ich kann heute nicht hoͤ⸗ ren, was ſeine Stimme zu mir ſpricht — ach, nun habe ich auch den zweiten Vater nicht mehr!“ 12. 8„. Schwaͤrmeriſch ſchaute die ſchoͤne Do⸗ ris durch die Scheiben in den klaren Abendhimmel hinaus, nachlaͤſſig ruhte ihr die Harfe im Arme und die kleinen Haͤn⸗ de glitten laͤſſig uͤber die rauſchenden Sai⸗ ten dahin. Unſtaͤt irrten die ſprechenden 5*† 68 ſchwarzen Augen von einem Gegenſtande zum andern und ſchienen ſehnſuͤchtig ver⸗ gebens etwas entdecken zu wollen. Em⸗ ſig ſpielte zu ihren Fuͤßen Schweſter Pau⸗ line und wendete ſich oft traulich mit Worten und Blicken an die traͤumende Doris, die vom eenander der Kleina keine Sylbe verſtand... Auf dem Divan ſaß u eine ſcglane ke Maͤdehengeſtalt, mit weiblicher Arbeit beſchaͤftigt; die ſchwarze Trauertracht hob den weißen Teint auf die vortheilhafteſte Weiſe und die reichen blonden Locken fie⸗ len in zierlicher Ordnung auf das Krepp⸗ tuch herab, welches Nacken und Buſen zuͤchtig verhuͤllte. Tiefe Schwermuth ſprach ſich in allen Zuͤgen des edeln Ge⸗ ſichts aus, dem die Spuren fruͤher Lei⸗ den einen ruͤhrenden Ausdruck gaben. Wir finden hier Eliſe von Zonau wieder, die, durch des Praͤſidenten Tod zum zweiten 69 Male verwaiſt, im Hauſe des alten rei⸗ chen Banquier Moſer einen Zufluchtsort gefunden hatte und hier als Aufſeherin der kleinen Pauline und Doris Geſell⸗ ſchafterin galt. Bald waren beide Maͤd⸗ chen Freundinnen geworden, aber als ob Eliſen jeder Freudenkelch mit Wermuth gemiſcht feyn ſollte, ſo hatte ſie auch hier wiederum eine ſchmerzliche Erfahrung ge⸗ macht. Denn als nach des Vaters Tode Adele ſich von der Freundin getrennt hat⸗ te, um mit ihrer Tante, der Graͤfin Ro⸗ thenburg eine Reiſe anzutreten, ſo war der Gedanke an den Geliebten wieder leb⸗ hafter in dem treuen Maͤdchenherzen her⸗ vorgetreten, und da ſie veranlaßt ward, nach der Hauptſtadt des Nachbarlandes zu kommen, wo ſie jetzt den Geliebten wußte; ſo hatte eine ungewiſſe Hoffnung wieder in ihr Raum gefunden. Sie kam in das Moſerſche Haus, ſchon nach we⸗ 70 nig Tagen ſchloß ſich die lebhafte Doris mit einer faſt leidenſchaftlichen Innigkeit an die ſanfte Eliſe an, und dieſe ward zum zweiten Male die Vertraute eines Geheimniſſes, welches ſie auf das Schmerz⸗ lichſte beruͤhrte und ſie an ihre fruͤhere Stellung zu Adelen und Steinbergen er⸗ innerte. An jenem Tage nemlich, wo unſere beiden Freunde in der Reſidenz eintrafen, hatte Doris Steinbergen zum erſten Male geſehen, um ihm zugleich als ihrem muthigen Retter verpflichtet zu werden,— denn Niemand anders, als Doris Moſer war damals das bleiche Maͤdchen im Wagen— und mit ſiegen⸗ der Gewalt war des ſchoͤnen Juͤnglings Bild in das Herz des feurigen Maͤdchens eingezogen. Dieſe Gewißheit ſchlug Eli⸗ ſens ſchwache Hoffnung maͤchtig darnie⸗ der, denn wie waͤre es moͤglich, glaubte ſie, haͤtte auch Steinberg Adelen vergeſ⸗ 71 ſen, mit der ſchoͤnen Doris einen Ver⸗ gleich auszuhalten? und von Stund an war es ihr Entſchluß, jeden Gedanken an den Geliebten im Entſtehen zu unter⸗ druͤcken. Doch ſie kannte das weibliche Herz nicht, und eben jetzt war wieder ihre Phantaſie mit Steinbergs Bild be⸗ ſchaͤftigt, als Doris, ploͤtzlich wie außer ſich jubelnd ansrief:„Er iſt's, er iſt s!“ und ſo Eliſen aus ihren Traͤumen riß. „Wer, ach wer denn?“— frug die⸗ ſe faſt aͤngſtlich, aber Doris hoͤrte nicht, indem ſie forkwaͤhrend mit einer gewiſſen Andacht nach dem ſchwarzen Thore hin⸗ ſchaute, und Eliſe ſah nach langer Tren⸗ nung wieder den— Heißgeliebten. Flam⸗ menroͤthe und Todtenblaͤſſe wechſelte auf ihrer Wange, und dennoch weilte ſie, um raͤnger den ſuͤßen Schmerz zu empfinden, den der Anblick des Juͤnglings in ihr er⸗ zeugte. 72 Zum erſten Male war dieſer heute mit Freund Kronfelz nach ſeiner Krank⸗ heit ausgeritten, und des Leidens Spu⸗ ren hatten ſich dem Zuge der tiefſten Schwermuth beigeſellt, um das angeneh⸗ me Geſicht doppelt intereſſant zu machen. Beide Reiter naͤherten ſich dem Moſer⸗ ſchen Hauſe, und ſchon wollte Steinberg gedankenvoll voruͤberreiten, als ihm ſein Begleiter zurief, ſich doch ein Mal um⸗ zuſehen. Es geſchah; gleichguͤltig ſtreif⸗ ten Edmunds Augen bei der kleinen Harf⸗ nerin voruͤber, und ohne den Gluthblick zu beachten, welchen ihm dieſe zublitzte, trafen ſie auf Eliſen. Da zuckte er ploͤtz⸗ lich faſt erſchrocken zuſammen, doch bald, als ob er eine alte liebe Geſtalt wieder⸗ erkenne, erheiterte ſich ſein Geſicht, ſein Blick leuchtete mit dem alten Feuer und aus ihm ſprachen tauſend Fragen und freudige Hoffnungen. Noch ein Mal blickte er zuruͤkk und— um die nahe Ecke waͤren Roſſe und Reiter moteſchiwnn⸗ den. „O, wenn er ſchon wieder reiten kann“— jubelte Doris—„dann wird, dann muß er kommen, denn vom Mark⸗ te in die Koͤnigsſtraße iſt's ja ſo gar weit nicht. Morgen, Morgen muß Pa⸗ pachen Geſellſchaft laden, dann wird das Wiedergeneſungsfeſt unſres edeln Retters gefeiert, und Alle, Alle, die ganze Reſi⸗ denz ſoll es erfahren, wie hoch wir ihn halten. Der liebe Mann, wie ſchoͤn er iſt! Und froh und heiter ſoll er mir ſchon wieder werden, denn er ſah ja aus, als ſey ihm die Herzliebſte geſtorben— ja, wenn er die haͤtte?“— frug ſie ſich ſin⸗ nend, den Finger an dem Roſenmund „ach nein, nein, Doris!“ ar Singend tanzte die Gluͤckl iche zur Thuͤr hinaus, der Freundin ein Kuß⸗ 74. haͤndchen zuwerfend, hurtig ſchluͤpfte die kleine Pauline der Schweſter nach und Eliſe war allein. Tauſend Gedanken, Entſchließungen und Vorſaͤtze mochten von ihr gefaßt und wieder verworfen werden, denn regungs⸗ los ſchaute ſie zur Erde, und der bunt⸗ gefiederte Schwaͤtzer im ſilbernen Kaͤfig, welcher, durch den lauten Jubel der Her⸗ rin aufgeſcheucht, dieſer ohn' Unterlaß ſein Fehlgeſchoſſen zugeplappert hatte, hielt jetzt inne, als reſpectire er das Schweigen des ſinnenden Maͤdchens; doch bald oͤffnete er von Nenem den gelehrten Schnabel und, mit ſeinen Kunſtſtuͤckchen wechſelnd, kreiſchte er eine zweite Phraſe hervor, die ihn Doris ſelbſt gelehrt. Er liebt Dich, er liebt Dichl toͤnte es durch das weite Zimmer. Aengſtlich ſah ſich die erſchrockene Eliſe nach der pro⸗ phetiſchen Stimme um, weinend ſchuͤt⸗ 75 telte ſie mit dem Koͤpfchen, als muͤſſe ſie den lanten Vogel Luͤgen ſtrafen und ſchlich ſtill auf ihr einſames Stuͤbchen. 13. Vor unſerm Edmund lag das entfal⸗ tete Schreiben des verewigten Winken. Willig und gern uͤbergab ſich der Juͤng⸗ ling der Trauer uͤber den Verluſt deſſen, den er wie ſeinen zweiten Vater geliebt hatte und wehrte den Thraͤnen nicht, wel⸗ che uͤber die bleichen Wangen herabfloſ⸗ ſen. unnies Dcer junge Geſandtſchaftsſecretair fuͤhr⸗ te hier ein ganz in ſich abgeſchloſſenes und faſt einſiedleriſches Leben. Die Zeit der Muße, die ihm die gehaͤuften Arbei⸗ ten uͤbrig ließen, brachte er theils auf einſamen Wanderungen in der romanti⸗ ſchen Umgegend, theils allein auf ſeinem Zimmer in raſtloſer Thaͤtigkeit zu. Sein neuer Wirkungskreis war aber ein ande⸗ rer, als er getraͤumt hatte, denn die po⸗ litiſche Verbindung des hieſigen Hofes mie dem vaterlaͤndiſchen war eine nur geringe und darum gab es anch fuͤr ihn wenig Gelegenheit, ſchnell vorwaͤrts zu ſchreiten und ſein weitumfaſſendes Wiſſen wirkſam und geltend zu machen. Den neuen Be⸗ kanntſchaften, die ihm Freund Kronfelz hatte zufuͤhren wollen, war er gefliſſent⸗ lich und faſt eigenſinnig ansgewichen und Letzterer ſelbſt konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, die freien Stunden mit dem graͤmelnden Edmund im Zimmer zu ver⸗ trauern, ſo lieb er ihn auch hatte, denn ſein unruhiger Geiſt trieb ihn hinaus ins bunte Leben. So war anch jetzt der Schwermuͤthige ſich ſelbſt uͤberlaſſen und 71 lebte in den Erinnerungen an die ſchoͤne Vergangenheit, die der eben geleſene Brief lobhaft wieder in ihm hervorgerufen hatte. — 77 „Du forderſt: Schweres von mir, theurer Verklaͤrter“ mn ſprach er zu ſich ſelbſt.—„ich ſoll dem entſagen, was mir auf dieſer Welt allein noche theuer und werth iſt Den Vater entriß mir der Tod, ehe eich ihn kannte, auch die Mutter weilt unter den Seligen; kaum hat ſich das Herz der Geliebten mir treu ergeben, ſo werde lich ihr entruͤckt und jetzt ſoll, ich auch der einzigen Hoffnung, dem aletzten Troſte entſagen, dem Gedan⸗ ken an eine Wiedervereinigung mit ihr? Doch auch dies, es ſey, und mit dieſem Entſchluſſe das letzte Band, welches mich an ſie knuͤpfte, geloͤſt auf immerdar; ha⸗ be ich doch des Lebens ſeligſten Traum getraͤumt, ſeinen ſuͤßeſten Kelch geko⸗ ſtet!— Eliſe iſt hier, ſie koͤnnte mir Kunde geben von der fernen Freundin, und ich darf ſie nicht fragen?— Ach!— Er wollte ſein Geſpraͤch fortſetzen, als 78 Kronfelz ſingend zur Thuͤr hereinſprang, eine Karte hoch emporhielt und unſern einſamen Denker gewaltſam im Kpeile mit ſich herumtrieb. imn„So ſey doch vernunſtig l⸗— ſorach dieſer aͤrgerlich—„was verſetzt Dich denn wieder ein Mal in eine ſo unauf⸗ haltſaund Begeiſterung?“— Inadl „Ach, was vernuͤnftig“— fiel ihm der immer noch Umherſpringende lachend ins Wort—„begeiſtert bin ich aller⸗ dings und der Begeiſterte darf nie ver⸗ nuͤnftig ſeyn; unaufhaltſam macht mich aber meine heutige Begeiſterung, unauf⸗ haltſamer als den großen Pittſchaft, ſe⸗ ligen Andenkens, denn nur zur Haͤlfte fließt noch das Blut in meinen Adern, der uͤbrige Theil iſt zu Queckſilber gewor⸗ den. Doch lies nur, lies!“ 5 Mit dieſen Worten warf er dem Kopfſchuͤttelnden die Karte zu. 79 „Eine Einladung fuͤr uns beide zum Banquier Moſer?“— ſprach Edmund befremdet—„die Familie kenne 4. ja nur dem Namen nach.“ „So?— Ei du Stockfiſch, du Igno⸗ rant! Was geht Dich denn die Fa⸗ milie an? mit der habe auch ich nichts zu ſchaffen, deſto mehr aber kuͤmmert mich die ſchoͤne Doris, die liebenswuͤr⸗ digſte Bruͤnette der ganzen Reſidenz, ein Geſchoͤpf, reizender als die Liebesgoͤttin, mit einem Worte: des alten Moſer ehe⸗ leibliches Toͤchterlein. Und damit Du endlich capireſt, wie die ganze Sache zu⸗ ſammenhaͤngt, ſo ſey Dir kund gethan, daß der Alte den Juͤngling kennen lernen will, der ſeine raſchen Schimmel neulich ſo kraͤftig ſtehen hieß, und daß die nied⸗ lichſte aller Bauquierstoͤchter vor Verlan⸗ gen brennt, ihre Dankbarkeit dem edlen Retter eines ſchreienden Buben und ne⸗ —õꝛõõ 80 benbei ihres eignen Ichs mit vieler Adreſ⸗ ſe zu Fuͤßen zu legen ſich nicht entbloͤ⸗ Rede bin ich aus der Conſtruction gefal⸗ len, darum genug der Worte und raſch ans Werk, zur Toilette. Nur ſchließlich noch die Verſicherung von meiner Seite: ich wollte mich gluͤcklich preißen mit Mil⸗ lionen Wunden und blauen Flecken an meinem werthen Cadaver, wenn ich heu⸗ te Abend Deine Stelle einnehmen koͤnn⸗ te und neulich ſtatt Deiner den wuͤthen⸗ den Beſtien in die Zuͤgel gefallen waͤre. Doch audaces fortuna juvat 5 Sprach's und war verſchwunden. Wie verzaubert ſtand Steinberg da und ſtaunte bald die Karte in ſeiner Hand, bald den Ort an, wo ſo eben noch der Schwaͤtzer umhergefaſelt hatte, als ſich von Neuem die Thuͤr aufthat und durch dieſelbe ſich ein bekannter Kopf langſam hereinſchob. * 84 „Wie, um Gotteswillen! mein gu⸗ ter Heimlein, wie kommen Sie hierher?“. — rief der erfreute Juͤngling und flog an's Herz ſeines alten Freundes. anzu dienen, mein lieber Steinberg“ — entgegnete dieſer—„ich bin es ſelbſt und praͤſentire Ihnen in mir einen neuen Mitbuͤrger. Nach des alten Winken To⸗ de wollte es mir an meinem fruͤhern Wohnorte gar nicht mehr gefallen; ich hegte den Wunſch, hierher verſetzt zu werden, einen Wunſch, den Ihr jetziger Principal, der Graf Reichenau, thaͤtig unterſtuͤtzte, ſo daß ich die Ehre habe, Ihnen zu berichten, daß ich ſeit einigen Tagen als Director der hieſigen Canzelei foͤrmlich und feierlich in Pflicht genom⸗ men und inſtallirt worden bin. Mein erſter Gang, um den Anforderungen des Herzens zu genuͤgen, war der zu Ihnen, denn obgleich ich hier noch mehrere Be⸗ 6 82 kannte aus der Jugendzeit habe, ſo hat es mich doch zu keinem mehr getrieben, als zu Ihnen, mein gater, lieber S Stein⸗ berg!* 4 „Ich gratulire von ganzem Herzen“ — fiel dieſer ein— mir, ſo wie Ih⸗ nen! Oft habe ich Ihren freundſchaftli⸗ chen Rath entbehrt und jetzt bin ich eben wieder veranlaßt, denſelben in Anſpruch zu nehmen. Ich habe nemlich vor we⸗ nig Augenblicken eine Einladung fuͤr den heutigen Abend zum Banquier Moſer er⸗ halten und weiß nicht, ob ich ihr Füloe leiſten ſoll, oder nicht.“ „Angenommen, angenommen, giuh⸗ chen, das Gold iſt aͤcht!“— rieth der Alte mit Waͤrme—„das iſt noch eine Familie aus der alten guten Zeit, ob⸗ gleich in neuer Form. Der Vater iſt ſo maͤchtig faſt, als Sereniſſimus ſelbſt und hat eine Tochter, die ſelbſt eine Adele * 83 1 vergeſſen machen koͤnnte. Zudem hatten Sie, wie mir berichtet worden iſt, ſo⸗ gleich bei Ihrem erſten Eintritt in die Reſidenz Gelegenheit, ſich die Familie zu verpflichten; darum angenommen L „Er griff nach dem Hute, druͤckte Steinbergen traulich die Hand und ſchritt mit einem bedeutſamen Luaͤcheln eilig zur Thuͤre hinaus. Hier haͤtte ihn aber bei⸗ nahe Kronfelz umgerannt, der eben mit einigen kuͤhnen Spruͤngen an dem laͤcheln⸗ den Heimlein voruͤberſetzte. „Bitte tauſend Mal um Verzeihung, Herr Canzeleidirector!“— entſchuldigte er gutmuͤthig, druͤckte aber doch die Thuͤr ſchnell hinter ſich zu, den Alten behend vollends durch dieſelbe hinaus und ſtand mit einem leichten Entrechat in vollem Glanze vor dem Freunde, deſſen Mie⸗ ne ſich unwillkuͤhrlich zum Lachen ver⸗ zog.. 115 12len 6* 84 2 „Nun, mein Edmuͤndchen“— pol⸗ terte er ſcherzend heraus, indem er ſich auf einem Abſatze herumdrehte—„ſpiele ich nicht eine kapitale Figur? ich ſehrdoch, beim Styr! ſo kuͤhn aus, wie Mars, ſo ſchnellfuͤßig, wie Merkur und ſo ſchoͤn, wie Apoll! Ja, heute wird die Feſtung foͤrmlich berannt, im Sturm erobert und dann muß ſich die Beſatzung dem Sie⸗ ger auf Gnade und Ungnade ergeben. Aber, Bruͤderchen, Goldſteinberg, Du biſt ja noch gaͤnzlich im Regligee! Allons, ſchnell in die Kleider und die ſauertoͤpfige Miene mit einer freundlichen vertauſcht, das rath' ich Dir, ſonſt klag ich Dich bei der ſchoͤnen Doris an und ſie ſpricht keine Sylbe mit Dir!“ Mit dieſen Worten ſchob er den Zau⸗ dernden in die Nebenſtube, ſetzte ſich an den Fluͤgel und begann in parodirendem Fiſteltone zu ſingen: 8⁵ Mich fliehen alle Freuden, Ich ſterb' vor Ungeduld, An allen meinen Leiden Iſt nur Sein Zaudern Schuld!— 14. Im Moſerſchen Hauſe waren die groͤßten Vorbereitungen zur Ankunft ei⸗ ner Menge Gaͤſte getroffen; Diener und Zofen, Alles rannte in eiliger Geſchaͤf⸗ tigkeit durch einander und gegen⸗ einan⸗ der, nur von der Herrſchaft ließ ſich Niemand ſehen. Papa Moſer war noch im Comptoir beſchaͤftigt und Mutter und Tochter hatten eben den Spiegel zu Ra⸗ the gezogen, ob Natur und Kunſt gehoͤ⸗ rig im Einklange ſtaͤnden. Die Mutter, obgleich ſie die liebliche Tochter taͤglich und ſtuͤndlich vor Augen hatte, mußte ſich doch geſtehen, ihre Doris nie ſchoͤner geſehen zu haben, und obgleich ſie ſich 86 wohl huͤtete, dieſe Wahrnehmung laut auszuſprechen, ſo war doch die laͤchelnde Miene nur zu ſehr Verratherin deſſen, te. Konnte man aber auch etwas Rei⸗ zenderes finden, als die Hebegeſtalt des in jugendlicher Friſche erbluͤhenden Maͤd⸗ chens?— In uͤppiger Wellenform um⸗ floß das kaſtanienbraune Seidenhaar das ſprechende Antlitz und fiel, unter dem goldenen Kamme muͤhſam durch eine glaͤn⸗ zende Perlenſchnur gefeſſelt, im Reich⸗ thum natuͤrlicher Locken auf den ſchneeigen Hals und Buſen herab, ſtolz ſich hier auf der reizenden Baſis wiegend. Ein weißes Atlaskleid umfing des Koͤrpers ed⸗ le Formen und ſtrebte, unter dem jung⸗ fraͤulichen Buſen durch einen Guͤrtel ge⸗ halten, zum niedlichſten aller Fuͤßchen herab. Sah man dazu, wie das Gefuͤhl was das Mutterherz eben freudig beweg⸗— ———— — — der freudigen Erwartung die ſchwellenden Lippen umſpielte, ſo mußte man glau⸗ ben, Venus Anadyomene ſey in moder⸗ nem Kleiderſchmucke von Neuem den Wellen entſtiegen. Es ſchlug ſieben Uhr, und mit ver⸗ weinten Augen trat Eliſe in einfach ſchwarzem Kleide herein, zu fragen, ob die Freundin noch einer huͤlfreichen Hand beduͤrfe. Verneinend umfing dieſe das bleiche Maͤdchen und geſtand dem treu⸗ verwandten Schweſterherzen, wie ſie heu⸗ te von unerklaͤrlicher Bangigkeit befallen ſey. Da ward gemeldet, der Herr Vater habe ſchon zu wiederholten Malen nach den Damen gefragt, und Hand in Hand eilten die verſchwiſterten Maͤdchen nach dem Geſellſchaftszimmer. Hier war bereits der groͤßte Theil der Gaͤſte verſammelt, und waͤhrend noch die Frauen gegenſeitig mit pruͤfenden Blicken 88 Schmuck und Anzug muſterten, in bunten Gruppen die Maͤnner ſich von den Neuig⸗ keiten des Tags unterhielten, oͤffnete ſich die Thuͤr und wie gefeſſelt hingen Aller Blicke an den Eintretenden, die ſich er⸗ roͤthend vor den Anweſenden verneigten. Es waren Doris und Eliſe. „Bei Gott, Bruͤderchen“— fluͤſter⸗ te der begeiſterte Kronfelz dem neben ihm ſtehenden Freunde zu, der von dem zau⸗ berhaften Anblick nicht minder uͤberraſcht war—„das ſind zwei aus der Grazien Mitte, die Schoͤnheit in Begleitung der Anmuth! Nein, beim Himmel, das wird ein Goͤtterabend! Iſt es nicht, als be⸗ duͤrfe die Eine der Andern, um in voll⸗ endeterem Reize zu bezaubern?“ Steinberg ſtand noch im Anſchauen verloren und obgleich er der begeiſterten Rede nichts erwiederte, ſo gab doch ſein Schweigen die beredtſte Antwort, da nah⸗ 89 te ſich ihm Papa Moſer, ergriff ſeine Hand und fuͤhrte ihn der lieblichen, bis zur Stirn erglühenden Tochter mit den Worten zu: „Herr Geſandtſchafts⸗ Gerketrit Eteine berg, unſer lieber Reconvalescent, dem Du irgend wo anders ſihon e ein Mal be⸗ gegneteſt— 8* Er entfernte ſich und Oene waren allein. 8* 5n Ein Augenblick der Verlegenheit, und Doris, das Wort nehmend, verſicherte dem Juͤnglinge in fließender Rede, wie ſie dem Augenblicke ſehnend entgegen ge⸗ harrt, wo ſich Gelegenheit boͤte, ihrem edelmuͤthigen Retter die Worte des innig⸗ ſten Dankes auszuſprechen. Der geiſt⸗ volle Mann, dem gebildeten Weibe ge⸗ genuͤber, iſt nie wegen der Wahl des Ge⸗ ſpraͤchs verlegen; ſo war auch hier in Kurzem die Befangenheit und Ueberra⸗ * 90 ſchung des Augenblicks verſchwunden und bald das anziehendſte Geſpraͤch zwiſchen Beiden im Gange. Doris war ſelig in der Naͤhe des geliebten Juͤnglings und bemerkte den Schmerz nicht, der ſich im Auge der Freundin ausſprach, welche nicht fern von dieſer Gruppe der ausgelaſſene Kronfelz umſchwaͤrmte, indem er verge⸗ bens ſich muͤhte, ihr durch ſeine Scherze etwas mehr abzugewinnen, als ein kur⸗ zes Wort, oder ein gezwungenes Laͤcheln. Die arme Eliſe war mit ſich ſelbſt zerfallen. Je laͤnger ſie den heimlich Ge⸗ liebten vor Augen ſah, deſto heftiger kaͤmpften eine Menge ſtreitender Gefuͤhle gegen einander an, wovon das Reſultat ſtets das ernente Selbſtbekenntniß war, daß es unmoͤglich ſey, Steinbergs Bild aus dem Herzen zu verbannen. Ach, noch geſtern hatte ſie geglanbt, von ihm mit einem freundlichen Blicke beachtet —— 91 worden zu ſeyn, dazu die prophetiſche Stimme des Vogels, die ihr noch immer zitternd im Herzen wiederklang,— ja, ſie mußte es ſich ſelbſt geſtehen, ſie hatte von Neuem gehofft— aber heute?— der ſchoͤnen Doris mußte der geſtrige Blick gegolten haben, denn er ſprach nur mit ihr, hatte nur Augen fuͤr ſie und der ar⸗ men Eliſe hatte er noch kein freundliches Wort geſagt. Nein— ſprach ſie zu ſich ſelbſt— er liebt dich nicht, er kann dich nie lieben, und nie ſoll er errathen, was er dem ſchwachen Maͤdchen geweſen iſt, waͤre es auch der Tod des Herzens!— Man hatte noch der Ankunft mehre⸗ rer hoher Gaͤſte geharrt, um dann zur Tafel zu gehen; jene waren gekommen und ſo that ſich auf einen gellenden Trompetenſtoß die Doppelthuͤr auf, wel⸗ che die Ausſicht in den praͤchtig decorirten Saal eroͤffnete, der durch innere und 92 aͤußere Zierde drei Sinne der Gaͤſte in Voraus befriedigte, um ſie nach und nach auf die Genuͤſſe vorzubereiten, wel⸗ che den vierten erwarteten. Die Blicke manches Gourmands flogen ſehnſuͤchtig nach dem Schmucke der wohlbeſetzten Ta⸗ fel hin und gingen befriedigt und getroͤ⸗ ſtet auf den Flaſchenwald uͤber, der ſei⸗ ne bemooſten und glatten Haͤupter auf dem großen runden Schenktiſche prun⸗ kend erhob. Es war aber auch ein an⸗ genehmes Geſchaͤft, die Etiketten zu mu⸗ ſtern, die in wechſelnder Ordnung, wie die Firmen der Haͤuſer zum Einſprechen lockend mahnten. Da war vom Wuͤrz⸗ burger keine Luͤcke bis zum Johannisber⸗ ger Schloßwein und Madera, Tockaier und Champagner, Moſelwein und Bur⸗ gunder waren friedliche Nachbarn, des Vaterlandes uneingedenk. 93 Jeder Herr machte eine Dame zu ſeiner Begleiterin; Steinberg bot der gluͤcklichen Doris, Kronfelz der traurig⸗ ernſten Eliſe den Arm und beide Paare eilten mit der uͤbrigen Geſellſchaft dem lichten Glanze entgegen, welchen die co⸗ loſſalen Kronleuchter und Luͤſtres verbrei⸗ teten, das Auge faſt blendend. Ein je⸗ der ſuchte ſein Plaͤtzchen und Steinberg fand ſeinen Ramen zwiſchen Doris und Eliſe; aber wenn Erſtere in dieſer vaͤter⸗ lichen Anordnung ganz den Wunſch des Herzens befriedigt fand, ſo haͤtte Letztere gern jeder andern der anweſenden Maͤd⸗ chen, von denen Manche neidiſch die Stuͤhle in des intereſſanten Geſandt⸗ ſchafts⸗Secretairs Naͤhe betrachteten, ih⸗ ren Platz uͤberlaſſen, denn ſie fuͤhlte ſich von einer unnennbaren Angſt befallen, welche ihrem Nachbar ſeibſ ein u hoftiges Zittern verrieth. 94 „Sſt nun nicht wohl, mein Fraͤu⸗ lein?“— afrns Snumbaid, welmnahe mnendes u. „Nar ein leichtir Ropfſchinerz“ u erwiederte die Geaͤngſtete ſchnell—„der mich, von Schwindel begleitet, oft heim⸗ ſicht hat tühe hhun. wieder inch befal⸗ len.* 1 Da begann Steinbig ganz Enhig und faß ſcherzend nach der Reihe eine Men⸗ ge Mittel aufzuzaͤhlen, welche Migraͤne und Kopfſchmerz ſicher vertrieben und die er ſelbſt in gleichen Faͤllen mit dem be⸗ ſten Erfolg angewendet haben wollte. Nein, ſo konnte er jetzt ſprechen— waͤhrend ſie, die ihm doch, in der Ver⸗ gangenheit wenigſtens, nahe geſtanden hat⸗ te, in der geheimſten Tiefe des Herzens bekraͤnkt, erroͤthend bei jedem ſeiner Wor⸗ te heftiger erzitterte? Sonſt hatte er ſie doch Eliſe, ja nicht ſelten liebe Eliſe ge⸗ 95 nannt, und jetzt?— wußte er ihren Vornamen nicht mehr, oder wollte er ihn nicht ausſprechen, um alles Andenken an die ſchoͤne Verganzenheit auf ein Mal zu verbannen mjetzt war er ihr ganz, ganz fremd geworden, jetzt konnte er ſcherzen, wo ſie litt! Mach Adelen fragte er auch nicht, gewiß hakte die ſchoͤne Doris auch ihr Andenken wieder aus dem treuloſen Maͤnnerherzen vertilgt!— Mit ſolchen Gedanken beſchaͤftigt, wendete ſich Eliſe von Edmund ab und begann mit ihrem zweiten Nachbar, dem grundhaͤßlichen Oberforſtineiſter von Moorbach ein ſo an⸗ gelegentliches Geſpraͤch, als ſey dieſer der liebenswuͤrdigſte Cavalier von der Welt. in Steinberg klagte bei ſich die Launen der Weiber an und da er auch ſeine Nachbarin zur Linken beſchaͤftigt ſah, ſo ging er gern auf die Fragen ein, die Graf Adolph von Neufeld, der ihm ge⸗ 96 genuͤberſaß, ein ſeingebildeter junger Mann, dem faſt alle Ritterguͤetr der 3 Umgegend gehoͤrten, ſehr augelegeutlich an ihn rich⸗ tete. Sie betrafen meiſt Anſichten uͤber ſchriftſaͤſſige. Guͤter und Patrimonialge⸗ richtsbarkeit uͤberhaupt, und da Stein⸗ berg ſich fruͤher vorzuͤglich mit dieſem Theile des Gerichtsweſens beſchaͤftigt hat⸗ te, ſo war fuͤr Beide der Gegenſtand des Geſpraͤchs ſo intereſſant, daß ſie bald Al⸗ les um ſich her vergaßen. Von Minute zu Minute ward die uͤbrige Geſellſchaft lauter und lebendiger, und ſelbſt die eine Haͤlfte der Tafel, wo die aͤltere Partei den Vorſitz fuͤhrte, im⸗ mer ungezwungener und ſprachſeliger mit jeder nen entſiegelten Flaſche aus Papa Moſers Keller. Niemand aber an der ganzen Tafelrunde war mehr begeiſtert und in ſeinem Gott vergnuͤgt, als der uͤbergluͤckliche Kronfelz, der ſeinen Wunſch, 97 Doris Tiſchnachbar zu werden, nun wirk⸗ lich erreicht ſah, und deshalb mit einem unuͤbertrefflichen Humor bald die ganze Geſellſchaft um ſich in das unaufhaltſam⸗ ſte Lachen verſetzte, bald mit ſeiner Nach⸗ barin zur Linken, der alten Amtsraͤthin Bauer ſchoͤn that und die tollſten Poſſen trieb, bald die liebliche Doris durch tau⸗ ſend Kreuz⸗Quer⸗ und Gewiſſensfragen ſo in die Enge trieb, daß ſie nicht wuß⸗ te, wo aus, noch ein. Dies Alles aber that er mit einer ſo gutmuͤthigen Laune, mit ſo viel Gewandtheit und verrieth doch dabei ſo eine Menge ungewoͤhnlicher Kennt⸗ niſſe, daß man ihm weder gram ſeyn, noch ſeine Achtung verſagen konnte. Schon ſprangen die Champagnerkorke aus den entpfropften Flaſchen, ſprudelnd ergoß ſich das begeiſternde Naß in die ſchlanken Glaͤſer und der wirbelnde Schaum verſchwand nur von der hellen, durchſich⸗ 7 tigen Oberſläche, um in ewigem Wechſel in kleinen Goldperlen aus der Tieſe em⸗ porzuſteigen; ſchon ſah man hier und da einen Kopf ſchwer werden und immer feſ⸗ ſelloſer waltete die Luſt und der Frohſinn in dem bunten Kreiſe. „Was wir lieben!“— eoͤnten zu⸗ gleich jubelnd viele Stimmen, harmoniſch klangen die Glaͤſer dazwiſchen und manch ehrbarer Kuß wurde oͤffentlich gegeben, manch ſuͤßes Kuͤßchen heimlich geraubt— da unterbrach ploͤtzlich eine augenblickli⸗ che Stille das laute Toben, aller Augen richteten ſich nach dem Stuhle, wo Eliſe todtenbleich zuſammenſank. Steinberg fing die Sinkende auf, umſchloß das holde Maͤdchen mit kraͤftigem Arme und trug ſie fort aus der Staunenden Mitte. Aengſtlich und eilig folgte Doris dem Juͤnglinge auf Eliſens Zimmer. Sogleich ward nach dem entfernten Arzte geſchickt ———— 99 und Alles Moͤgliche gethan, die Lebloſe wieder ins Leben zuruͤckzurufen. Bleich lag ſie im Divan und vor ihr kniete Steinberg, aͤngſtlich erwartend, ob kein Lebenszeichen an ihr ſichtbar werde; da oͤffnete ſie endlich die Augen und bemerkte zuerſt den um ſie beſorgten Juͤngling. „Ach, Steinberg!“— waren ihre er⸗ ſteu Worte, die ſie mit inniger Empfin⸗ dung ausſprach; doch ploͤtzlich, als trete ein ſchreckendes Bild vor ihre Seele, ſchauderte ſie zuſammen, verbarg das Ge⸗ ſicht in der Hand und winkte aͤngſtlich dem beſtuͤrzten Juͤnglinge, ſich zu entfer⸗ nen. Staunend und ſchweigend gehorch⸗ te dieſer, die uͤbrigen Gaͤſte hatten ſich ſchon entfernt und der alte Moſer beglei⸗ tete ihn bis zum Wagen. „Auch heute wieder, lieber Stein⸗ berg,“— ſprach er beim Abſchied, dem Juͤnglinge herzlich die Hand druͤckend— 7* 100 „ſind wir Ihnen von Neuem ſehr ver⸗ pflichtet worden; geben Sie mir recht bald Gelegenheit, meine Geſinnungen Ihnen thaͤtig an den Tag zu legen, denn ich moͤchte nicht gern ewig Schuldner bleiben. Unſerm Hauſe uͤbrigens werden Sie zu jeder Stunde ein willkommner Gaſt ſeyn!“. Ehe Steinberg antworten konnte, ſaß er ſchon im Wagen und war ſeinen Gedanken uͤberlaſſen. 3 15. bn Es war wenige Tage nachher, als zwei ruͤſtige Reiter auf der Straße ge⸗ maͤchlich dahintrabten, die ſich von der Reſidenz aus laͤngs dem breiten Strom⸗ ufer, bis Lauterbach, einem Vergnuͤ⸗ gungsorte der feinen Welt aus der Um⸗ gegend, romantiſch hinzog. Beide ſpra⸗ chen kein Wort; der Eine war in tiefes 101 Sinnen verloren, der Andere betrachtete bald laͤchelnd, bald aͤrgerlich den ſtummen Begleiter, den er gleichwohl nicht ſtoͤren zu wollen ſchien. Schon blickte der Kirchthurm des nahen Doͤrſchens aus den Buͤſchen hervor, da brach Letzterer end⸗ lich das lange Schweigen, und wie die Waſſerfluth daherbrauſt, wenn ſie den Damm durchbricht, ſo entlud er in hef⸗ tigen Worten und mit komiſchem Pathos einen langverhaltnen Unwillen. „ Ihr Goͤtter aller vier Elemente!“— hub er an—„ſendet Eure Boten aus, dem unertraͤglichen, ſtummen Kopfhaͤnger durch Gewalt oder Liſt die Zunge zu loͤ⸗ ſen und ihn ſo auf gleiche Weiſe zu ent⸗ zaubern, wie er dermalen bezaubert iſt. Ihr Feen und Nymphen! raͤchet die Schmach des ſchoͤnen Geſchlechts an dem fahrenden Ritter. Steinberg iſt er be⸗ namſet und nicht ohne Bedeutung erblick⸗ 102 te er unter ſolch barbariſchem Namen das Licht der Welt, wuͤrde aber beſſer noch Felſenherz heißen, denn dies Herz iſt radical von Stein; weder die Thraͤnen eines weinenden Engels, noch die Pfeile der Liebe haben Macht an ihm!— Er ſchweigt?— Noch ſchweigt er?— Nun, beim Himmel! per Deos immortales! An dem iſt Hopfen und Malz verlo⸗ ren!—“ Da umſpielte doch ein unwillkuͤhrliches Laͤcheln Steinbergs Lippen, aber er ſchwieg und eifernd fuhr Kronfelz fort: „Das halt ein Anderer laͤnger mit aus, fuͤr ſolche Proben iſt meine Geduld bei Weitem zu ungeduldig, mir faͤllt das Herz vor die Fuͤße, wenn ich ſo etwas mit anſehen muß. Seit jenem verhaͤng⸗ nisvollen Abende bei Moſers biſt Du mir rein ausgewechſelt, denn der ehemalige Steinberg biſt Du wenigſtens nicht mehr. 103 Alle meine Fragen, Urtheile, Bemerkun⸗ gen und Sentenzen beantworteſt Du ent⸗ weder mit Schweigen, oder mit kurzen bedeutungsloſen Worten. Von Fruͤh bis zum Abend biſt Du ſtumm, wie ein Fiſch, liegſt des Nachts mit offenen Au⸗ gen im Bette, kurz ich muß glauben, Du ſeyſt fuͤr eine Verſorgungsanſtalt reif, und dieſer Glaube ſcheint mich ſelbſt mit einem gewiſſen ſtillen Wahnſinne dermaſ⸗ ſen beſeelt zu haben, daß mir's ſeit eini⸗ gen Tagen faſt iſt, als laͤge auch mein Humor im Verſcheiden. Na, wenn ſich dieſe entſetzliche Conjectur beſtaͤtigen ſoll⸗ te, dann beſtelle ich ein Paar Saͤrge fuͤr uns Beide und in dieſen ſeufzen wir um die Wette ſo lange, bis die verzauberten Prinzen durch ihren Stab eine Fei, oder durch die Gewalt ihrer Blicke eine Dul⸗ cinea aus Toboſa, oder irgend anders wer erloͤſen wird!— Nun erlaube mir 104 aber, daß ich Dir ganz ernſtlich und in ſchlichten, proſaiſchen Worten das Extract von dem vor Augen lege, was ſeit jenem Abende Deine Sinne und Gedanken ſo gewaltſam in Anſpruch genommen hat und was auch jetzt noch Deine Zunge bindet.— Du liebteſt Adelen mit der ſchnell auflodernden Gluth der zum erſten Male erwachenden Leidenſchaft eines reinen Juͤnglings⸗ herzens; das Schickſal trennt Dich vom Gegenſtande Deiner Neigang, von dem Dich ohnehin uͤber kurz oder lang die Vernunft trennen mußte, denn auf im⸗ mer konntet Ihr nicht vereint werden; um Dich aber zu verſoͤhnen, fuͤhrt jenes Dir einen weiblichen Engel zu, und nun erſt zog die Liebe mit ihrer ſtillen Macht bei Dir ein. Du fuͤhlſt den maͤchtigen Eindruck, willſt ihn aber verbannen, weil Du in ihm einen Verrath an Adelen 105 ſiehſt— glaubſt Du denn, daß ſie, das junge, feurige Maͤdchen, nicht ein gleiches Schickſal mit Dir hat?— So kaͤmpft das Herz raſtlos mit ſich ſelbſt, ohne ob⸗ zuſiegen; eine Stunde nach der andern geht ungelebt, ungenoſſen voruͤber, denn ſie iſt verloren, da ſie zwei gluͤcklichen Menſchen ſchlagen konnte, waͤhrend ſie jetzt einem laſſen Traͤumer, der ſich ſelbſt quaͤlt, und einem holden Maͤdchen, das ſich im Stillen abhaͤrmt, weil ſie der Ge⸗ liebts des Herzens nicht verſtehen will, langſam dahinſchleicht!“— „Auch Eliſe alſo?“— warf Stein⸗ berg faſt bitter hin—„die mich neulich ſo entſchieden von ſich wieß?“ Heftig wollte ihm eben Kronfelz ins Wort fallen, da bogen die Roſſe um das Tannengebuͤſch und das Ziel war erreicht. Es war heute gerade ungewoͤhnlich Viel herbeigeeilt aus der Naͤhe und Fer⸗ 106 ne, um den freundlichen Herbſttag, der wohl an den enteilten Sommer erinnern konnte, in den reizenden Gartenanlagen des romantiſchen Doͤrfchens zu genießen. Das Gut gehoͤrte dem Grafen Neufeld, und da der Beſitzer ein ſehr geſelliger Mann war und gern ſelbſt ſich unter die Zahl derer miſchte, die ſich im Parke er⸗ gingen, oder bei einem Taͤnzchen im Sa⸗ lon umhertummelten, ſo that er auch al⸗ les zur Erhoͤhung und Beſoͤrderung des allgemeinen Vergnuͤgens, und wo die Na⸗ tur ſelbſt etwa dieſem ein kleines Hinder⸗ niß in den Weg gelegt hatte, da ſparte er weder Koſten, noch Muͤhe, dieſes zu entfernen. So war es kein Wunder, daß der wirthliche Beſitzer, wie das freund⸗ liche Doͤrſchen mit ſeinen zweckmaͤßigen Anlagen weit und breit beruͤhmt und ein Gegenſtand des allgemeinen Intereſſe war. 107 Der heitere Himmel und die warme Luft hatte heute vorzuͤglich das zarte Ge⸗ ſchlecht, die Schoͤnheiten der Reſidenz aus den finſtern Mauern gelockt und deshalb war auch die Moſerſche Familie mit der wieder geneſenen Eliſe nach Lauterbach herausgefahren. Beim erſten Schritte in den Garten hatte auch ſchon Kronfelz die niedliche Doris bemerkt und foͤrmlich elec⸗ triſirt war er bei dem Strahle, der aus den ſchwarzen Augen auf die Ankoͤmm⸗ linge fiel; einen Augenblick ſtarrte er wie entgeiſtert nach dem Puncte hin, wo ſie ſaß, dann aber riß er wie wahnſinnig den gezwungen folgenden Steinberg mit ſich fort, indem er ihm jubelnd ins Ohr raunte:„Beim Styr und Acheron, Ed⸗ mund, ſie iſt's, ja ſie iſt's!“— In wenig Augenblicken ſtanden Bei⸗ de vor den leicht erroͤthenden Maͤdchen, und waͤhrend ſchon Kronfelz im beſten ———————— ———QO—·B—ᷓᷓ’— 108 Zuge war und das ſchelmiſche Banquiers⸗ kind mit Worten und Blicken umſchwaͤrm⸗ te, hatte Steinberg kaum die gewoͤhnli⸗ chen Begruͤßungsformeln an Eliſen zu richten vermocht. Beide waren neulich in einer ſonderbaren Stimmung von ein⸗ ander geſchieden, und dieſer Eindruck ſtand zwiſchen ihnen und verhinderte eine freundliche Annaͤherung, denn auch Eliſe war befangen und konnte ihre Verlegen⸗ heit nicht unterdruͤcken. Zum Gluͤck fuͤr Beide nahte Graf Neufeld, begruͤßte die Moſerſche Familie aufs Freundlichſte nud zog bald in traulichem Geſpraͤche Stein⸗ bergen durch einen Seitengang tiefer in den Park. Hier theilte ihm jener mit, daß er eine Reiſe nach Oberitalien unter⸗ nehmen wolle, daß dies auch laͤngſt ſchon geſchehen, wenn nicht manche Umſtaͤnde bisher hinderlich eingewirkt haͤtten und daß ihn bisher vorzuͤglich die Sorge zuruͤck⸗ 8 109 gehalten, wem ſowohl die Fuͤhrung ſei⸗ ner rechtlichen Angelegenheiten, als die Oberaufſicht uber ſeine weitlaͤuftigen Guͤ⸗ ter anzuvertrauen ſey.* „Zu Ihnen, lieber Steinberg“— fuhr er mit Waͤrme ſort—„habe ich in der kurzen Zeit unſrer Bekanntſchaft ein ſolches Zutrauen gefaßt, daß ich Nie⸗ manden lieber auf dieſer Stelle ſehen wuͤr⸗ de, als Sie. Schon fruͤher hatte mir der Ruf von Ihnen berichtet, Sie wa⸗ ren mir von einer Behoͤrde empfohlen, die ich gern in jedem Falle reſpectire, und ich war deshalb begierig, Sie kennen zu lernen. Dieſe Freude wurde mir vor we⸗ nig Tagen, ich faßte Vertrauen zu Ih⸗ nen und ſprach deshalb ſogleich am fol⸗ genden Tage mit ihrem Prinzipal, dem Grafen Reichenau. Da nun in der jetzt ſo ruhigen Zeit die Verbindung zwiſchen dem hieſigen Hoſe und Ihrem vaterlaͤn⸗ 110 diſchen nur eine ſehr geringe iſt und bei einem verhaͤltnißmaͤßig ſehr geringen Ge⸗ halte den Geſandtſchaftsſecretairen eine Menge unintereſſanter Arbeiten obliegen, ſo erbot ſich der alte gute Graf ſelbſt, der Sie ſehr werth haͤlt, mit Ihrer Ein⸗ willigung ſogleich Ihre Entlaſſung aus dem jetzigen Amte zu bewirken. Wollen Sie alſo von meinem Anerbieten Ge⸗ brauch machen und ſo einem Lieblings⸗ wunſche von mir entgegenkommen, ſo ziehen Sie noch in dieſen Tagen heraus nach Lauterbach; zwar iſt der Winter vor der Thuͤre, allein theils liegt ja die Re⸗ ſidenz nicht fern, theils iſt unſer Doͤrf⸗ chen auch im Winter ein Sammelplatz fuͤr frohe Gaͤſte und ſo der Aufenthalt hier auch in der rauhen Jahreszeit nicht ganz unangenehm. Ihren Entſchluß aber wuͤrde ich nun freilich am liebſten gleich jetzt hoͤren, der jedoch in keinem Falle 111 ein uͤbereilter iſt, da Sie ja fuͤr das kom⸗ mende Halbjahr einen Verſuch machen koͤnnen, wie Ihnen das Leben hier be⸗ hagt, und dann die Wahl Ihnen frei⸗ ſteht, in gleichen Verhaͤltniſſen bei mir zu bleiben,— was mir allerdings das Liebſte waͤre— oder ein angemeſſenes Amt vorzuziehen, was Ihnen dann in keinem Falle entgehen kann, dafuͤr buͤrgt Ihnen mein Ehrenwort!“ Er hatte geendet, nach kurzem Sin⸗ nen ſchlug Steinberg ein in die dargebo⸗ tene Rechte, und der Contract war ge⸗ ſchloſſen, der von Neuem ſeinem Schick⸗ ſale eine ganz andere Wendung gab. Noch ſprachen Beide uͤber Manches, was das neue Amt betraf, als eine Geſell⸗ ſchaft auf die Sprechenden zukam; es war die Moſerſche Familie und Graf Neufeld nahm Steinbergen bei der Hand, um ihn als ſeinen neuen Sachwalter und 142 den Generalinſpector ſeiner Guͤter vor⸗ zuſtellen. Die Wirkung, welche dieſe Nachricht auf die machte, welche ſie hoͤr⸗ ten, war eine ſehr verſchiedene. Doris ſah mit einer faſt zuͤrnenden Miene zu dem ſchoͤnen Fluͤchtling heruͤber, Eliſe ſchlug ſchuͤchtern das Auge zu ihm em⸗ por und ſchien ungewiß, ob ſie dieſen Entſchluß preißen, oder beklagen ſollte, aber Kronfelz ſchloß den Freund in die Arme nnd ſprach halb ſcherzend, halb ernſt: 4 „Nun, wenn Deines Bleibens in loco nicht mehr iſt, dann werde auch ich's nicht lange mehr aushalten. Kuͤnf⸗ tigen Sommer bin ich wieder Dein Nach⸗ bar, hier meine Hand darauf—“ „Da ich ſehe“— nahm der Guts⸗ herr von Neuem das Wort—„daß die ganze Geſellſchaft einen ſo warmen An⸗ theil an unſerm Steinberg nimmt, ſo darf ich ja wohl auch hoffen, daß Sie mich Alle willig in ſein neues Eigenthum begleiten werden.“ Er ging voran und man folgte ihm neugierig nach dem linken Fluͤgel des Schloſſes, der von Außen ſchon den freundlichſten Eindruck machte, denn ſeine Waͤnde waren mit Weinranken und Im⸗ mergruͤn ganz uͤberzogen. Durch eine Zimmerreihe, wo Geſchmack und Bequem⸗ lichkeit in Eins verſchmolzen waren, den Aufenthalt hier hoͤchſt angenehm und wuͤn⸗ ſchenswerth zu machen, gelangte man in ein freundliches Stuͤbchen, einen reizen⸗ den Wohnſitz fuͤr eine Hausfrau aus den hoͤhern Staͤnden. Hier fehlte es an kei⸗ ner Zierde, an keiner Bequemlichkeit, an keiner Rahrung fuͤr Geiſt und Herz. Ein ſchoͤner Fluͤgel von Streicher ſchmuͤck⸗ te die eine Seite des Zimmers und ihm gegenuͤber enthielt ein prachtvoller Schrank 8 114 die vollſtaͤndigſte Frauenbibliothek; die Meubles waren geſchmackvoll, nicht praͤch⸗ tig und unter ihnen fand ſich ein zierli⸗ ſcher Naͤhtiſch, auf dem ſelbſt eine Toi⸗ lette nicht vermißt wurde; dieſer ſtand auf dem Tritte, welcher an dem einen Fen⸗ ſter angebracht war, von wo aus man die unbeſchraͤnkteſte Ausſicht in die wild⸗ romantiſche Umgegend genoß. Die Frauen wollten ſich von hier gar nicht trennen, aber der Graf oͤffnete eine Glasthuͤre und fuͤhrte die Folgenden in das Studierzim⸗ mer, welches nichts entbehrte, was der ſcharfſinnigſte Verſtand als nothwendige, oder angenehme Meuble fuͤr dieſen Raum haͤtte erſinnen koͤnnen. Die Waͤnde wa⸗ ren mit grͤnen Tapeten, der Fußboden mit gleichfarbigem Tuche uͤberzogen, dem Auge wohlzuthun, und man mochte nun von dem bequemen Arbeitstiſche zu den Repoſitorien mit der vollſtaͤndigen Hand⸗ —— bibliothek neben dem glaͤnzenden Maha⸗ goniſecretair, vom bequemen Sopha zur koſtbaren Schlaguhr, oder von da zu den Gemaͤlden ſich wenden, die in ſchoͤner Ordnung und prachtvoller Auswahl die Waͤnde ſchmuͤckten,— uͤberall ward das Auge angenehm uͤberraſcht und uͤberließ ſich gern den Eindruͤcken, die es von den verſchiedenen Gegenſtaͤnden empfing. Noch waren Alle in Anſchauen verloren, als ſich der Graf zu dem uͤberraſchten Stein⸗ berg wandte. „Das, was Sie jetzt kennen gelernt haben“— ſprach er—„iſt von heute an Ihr Eigenthum. Es ſollte mich freuen, wenn ich im Anordnen des Ein⸗ zelnen hier und da Ihrem Geſchmacke be⸗ gegnet waͤre; wo dies nicht der Fall ge⸗ weſen iſt, wird Ihre eigne Anſicht ver⸗ aͤndern oder nachzuhelfen wiſſen. Hier en dieſem Zimmer finden Sie Nahrung 8*† 116 — fuͤr Ihren Geiſt und dieſer zum Denken und Schaffen Veranlaſſung und Gelegen⸗ heit; fuͤr den Ort aber, von welchem uns dieſe Glasthuͤre trennt, wird ſich Ihr Herz das Weſen zu ſuchen wiſſen, welches dort wuͤrdig walten muß, welches Ihnen ſein Sehnen nennt und mit dem erſt der wahre Segen in dieſen friedlichen „Raͤumen einkehren wird.“ Mit wenig herzlichen Worten dankte Steinberg, und in einer faſt feierlichen Stimmung trat die Geſellſchaft den Ruͤck⸗ weg an. Ein ſtagender Blick des gluͤck⸗ lichen Juͤnglings traf Eliſen, und bis zum ſchneeigen Nacken erroͤthend, ſchlug ſchnell das ſcheue Maͤdchen die ſchoͤnen Augen nieder. Kronfelz hatte es bemerkt und Edmunden ſich nahend, fluͤſterte er ihm zu: „Na, wenn Du nun noch nicht ſiehſt, noch nicht glaubſt, ſo halte ich 117 Dich fuͤr das groͤßte Kameel, welches je die Erde trug!“— Die Wagen wurden beſpannt, die Roſſe vorgefuͤhrt, und mit den verſchie⸗ denartigſten Empfindungen zog die Geſell⸗ ſchaft beim Glanze der Abendſonne in die Thore der Reſidenz ein. 46. Schon waren die Blaͤtter gefallen und nur hier und da prangte noch ein Baum, oder Strauch in dem bunten Laubſchmucke, welcher an des Sommers uͤppiges Gruͤn erinnerte. Der Saame war der Erde anvertraut, die Fruͤchte in den feſten Scheuren verborgen, die Stäͤd⸗ ter, die der lachende Sommer aufs Land gelockt, verließen die freundlichen Villen, die jetzt der Herbſtwind umbrauſte, die Gaͤrten entbehrten des duftigen Blumen⸗ ſchmuckes und nur wenig bunte Aſtern 118 hatten ſich noch auf den kahlen Beeten erhalten. In den lauſchigen Grotten, wo ſonſt zwiſchen ſchattigen Gezweigen der Stieglitz zu Neſte trug und Fink und Zeiſig die bunten Eier bruͤteten, da hau⸗ ſten jetzt in den duͤrren Aeſten Raben und Dohlen, und Alles war ein Bild der Verlaſſenheit und der traurigen Oede. Nur auf den Bergen, die das Thal be⸗ kraͤnzten, welches von der Reſidenz aus ſich nach Oſten hinzog und in welchem der breite Strom ſeine Wogen rauſchend waͤlzte, da war es noch laut, tauſend emſige Haͤnde waren geſchaͤftig und die frohen Lieder, welche vom Morgen bis zum Abend ins Thal herniedertoͤnten, waren die Zeichen der Luſt und des Froh⸗ ſinns. aolan Es war ein warmer Octobertag, wie der Spaͤtherbſt deren nur wenige hat, als in jener Gegend ein ungewoͤhnliches Le⸗ 119 ben rege ward. Mit dem erſten Gruſſe des jungen Tags ſah man buntgeſchmuͤck⸗ te Winzer und Winzerinnen auf den Ber⸗ gen umherwandeln; manch ſchoͤnes Band brachte noch der liebende Juͤngling, ſein Maͤdchen zum hentigen Feſte ſchoͤner zu zieren, und die frohen Mienen von Jung und Alt erſchienen als Abglanz der rei⸗ nen Himmelsblaͤue, auf der heute kein ſchwimmendes Woͤlkchen haftete. Gluͤck⸗ lich war die ungewoͤhnlich reiche Reben⸗ erndte vollendet, die den Kelter mit den ſuͤßeſten Beeren gefuͤllt und mit froher Andacht eilte das gluͤckliche Volk der Win⸗ zer der nahen Bergkapelle zu, wo des hellen Gloͤckchens harmoniſches Laͤuten zum Dankgebet fuͤr den reichen Gottes⸗ ſegen lud. Schon hatte die Predigt begonnen, die der Geiſtliche des nahen Doͤrfchens zu der andaͤchtigen Menge ſprach, als zwei 120 Juͤnglinge eilig in das kleine Gotteshaus traten, ſorgſam leiſe die Thuͤr hinter ſich anlehnend, damit kein ſtoͤrender Laut den Fluß der begeiſterten Rede hemme. Sie nahmen hinter einer Saͤule Platz, wo ſie, ungeſehen, Alles um ſich her beob⸗ achten konnten, doch wer beſchreibt ihr freudiges Staunen, als ſie mitten unter den rothwangigen Maͤdchen zwei wohlbe⸗ kannte Frauengeſtalten gewahrten, welche fromm die Haͤnde gefaltet des Redners Worten lauſchten?— Beide hatten ſich ſelbſt in die niedlichſten Winzerinnen ver⸗ wandelt und waren dadurch ſo reizend, daß die Juͤnglinge ſich nicht von ihrem Anblicke zu trennen vermochten und von dem, was die Menge begeiſterte⸗ wohl keine Sylbe verſtanden. Ein purpurſammtnes Mieder umgab die Taille der Einen, an welches das ſchneeige Noͤckchen ſich anſchloß, um in 121 tauſend gereihten Falten bis zum Knoͤ⸗ chel herabzufließen, wo es mit Blumen reich garnirt war; braune Locken umſpiel⸗ ten das friſche Geſichtchen und ſielen feſ⸗ ſellos in reizender Unordnung auf den vollen Nacken herab. Blondes Seiden⸗ haar begrenzte in reicher Fuͤlle die Wan⸗ gen der Zweiten, wo den Roſen die Li⸗ lien gewichen waren, und die dunkel⸗ blauen Augen, welche mit innigem An⸗ theil an den Lippen des Geiſtlichen hin⸗ gen, gaben dem jungfraͤnlichen Antlitz ei⸗ nen bezaubernd⸗ hinreißenden Ausdruck. Zuͤchtig verhuͤllte das Battiſthemdehen den lieblichen Buſen und die rundliche Achſel und ſtand recht niedlich zu dem knappen, blauſeidnen Mieder, welches an den Huͤf⸗ ten ein Guͤrtel mit goldnem Schloſſe mit dem blendendweißen Kleide verband, das eng die ſchoͤnen Formen umfing, bis un⸗ ter die Wade herabreichend, wo ein bun⸗ 8 122 ter Zwickel im feinen Strumpfe bis zum kleinſten aller Fuͤßchen herablief. Einfach umzogen das Kleid mehrere Reihen blau⸗ feidenen Bandes vom Saume bis zum Schuͤrzchen hinauf, welches die nieblich⸗ ſte Tracht vollendete. Die Toͤne der Orgel verklangen, und geſegnet draͤngte ſich die fromme Menge aus der duͤſtern Kapelle der ſonnigen Helle zu, um hier den Tag feſtlich froh zu begehen. Die beiden Juͤnglinge ſtan⸗ noch immer in ſtummes Staunen als ihnen die muntere Doris thhren Morgengruß zurief, in⸗ dem ſi ie vor ſich hin laͤchelnd im Schwei⸗ gen Jener einen ſtillen Triumph ihrer Reize feierte. Ploͤtzlich belebt ſprang Kronfelz herbei, fuͤhrte die Hand der la⸗ chenden Doris zu den Lippen und ver⸗ ſicherte in zierlicher Rede, daß dem ſchwa⸗ chen Menſchen verziehen werden muͤſſe, 123 wenn er beim uͤberraſchenden Anblicke des Hohen und Himmliſchen ſeine Ver⸗ ehrung nur durch ſtummes Staunen an den Tag zu legen wiſe. „Schon gut, ſchon gut!“— fiel ihm die Kleine in's Wort, indem ſie dem Schwaͤtzer die kleine Hand vor den Mund hielt und zog ihn huͤpfend uͤber den Fel⸗ ſenweg mit ſich fort, nach des Vaters nahem Weinberge hin. Mit einem Blik⸗ ke, der mehr ausſprach, als die feurig⸗ ſten Worte, bot Steinberg der erroͤthen⸗ den Eliſe den Arm, und an den Gelieb⸗ ten geſchmiegt, folgte das liebliche Maͤd⸗ chen, ſo gluͤcklich, wie noch nie, der vor⸗ aneilenden Freundin. 3 Der alte Moſer war in der beſten Laune, wie ſtets, wenn er frohe Men⸗ ſchen um ſich ſah, und unter den zahl⸗ reich verſammelten Gaͤſten bald hier, bald dort, um Jeden freundlich zu begruͤßen, „ Jedem etwas Freundliches zu ſagen. Vor⸗ zuͤglich aber ſprach er unſern beiden Freunden zu wiederholten Malen feine Freude uͤber ihre Gegenwart aus, denn ſie waren ſeine Lieblinge geworden, bei keinem Familienfeſte, das er feierte, durf⸗ ten ſie fehlen, und er wußte ſelbſt nicht, ob ihm Steinberg theurer ſey ſeiner aus⸗ gezeichneten Kenntniſſe und ſeiner Gedie⸗ genheit wegen, oder Kronfelz durch ſeine ewig frohe Laune und ſein Bemüthtichos Weſen. 1 Heute ſah man aber auch bei keinem der Gaͤſte eine finſtere Miene, Scherz und Luſt beſeelte Alle, und ſelbſt Stein⸗ berg und Eliſe, von denen man das doch nicht immer ſagen konnte, waren ganz froh mit den Froͤhlichen. Wer haͤtte aber auch den Anforderungen zur Frende wi⸗ derſtehen ſollen, die heute von ſo vielen Seiten an jeden Einzelnen ergingen?— 7 125 Die reine Bergesluft, die reizende Aus⸗ ſicht uͤber den Strom nach der Reſidenz zu, des Weinbergs zweckmaͤßige Anlagen, die frohe Geſellſchaft, der Anblick des ju⸗ belnden Winzervolks auf den Bergen um⸗ her— wer haͤtte da nicht froh ſeyn, nicht einſtimmen ſollen in die allgemeine Freude?—— Der Weinberg ſelbſt war nicht nur ſeiner Lage nach, ſondern auch durch den Geſchmack, mit dem der Beſitzer ſeine Verſchoͤnerungen augebracht hatte, ohne Zweifel der vorzuͤglichſte im ganzen Tha⸗ le. Das Wohnhaus, wie die kleinen Seitengebaͤnde waren in gothiſcher Ma⸗ nier erbaut und erſteres durch ein Thuͤrm⸗ chen geziert, von welchem aus man ſelbſt uͤber die hoͤhern Berge in das geſegnete Nachbarland zu ſpaͤhen vermochte. Ueber einige breite Stufen herab gelangte man auf den freien Platz, der von allen Sei⸗ 126 ten mit Hecken, Lauben und Gebuͤſchen umgeben war und von wo aus ſich dunk⸗ le Laub⸗ und Irrgaͤnge in labyrinthiſchen Windungen und Verſchlingungen zur Rech⸗ ten und Linken weit hinzogen. Von die⸗ ſem freien Platze aus, wo heute ſich die juͤngere Geſellſchaft in munteren Spielen umhertummelte, die aͤltere bei der Karte und Weinflaſche ihre Rechnung fand, hatte man den ſchoͤnſten Punct der Aus⸗ ſicht. ee Zur Linken war zwar durch die fort⸗ laufende Bergkette das weitere Vordrin⸗ gen dem Aunge verwehrt, deſto weiter aber und reicher breitete ſich die Gegend dem Berge gegenuͤber aus, wo die fernen Schloͤſſer und Burgen uͤber Doͤrfer und Auen, Waͤlder und Fluren majeſtaͤtiſch emporragten. Von oben zum Strome herab fuͤhrte uͤber den eigentlichen Wein⸗ berg, der ſich in vielen Teraſſen zum 127 Thale niederſenkte, ein Fußpfad, der ſich ſtromabwaͤrts nach Weſten hinzog, wo ſich die Reſidenz mit ihren freundlichen Umgebungen lachend ausbreitete. Der ausgelaſſene Kronfelz ließ die ſchoͤne Doris nicht aus den Augen, und waͤhrend die uͤbrige Geſellſchaft in ein⸗ zelnen Gruppen ſcherzte, ſpielte, oder ſich in den bunten Rebenreihen erging, wußte er das geiſtvolle Maͤdchen bald durch Scherzreden und Witzworte, bald durch Necken und Jagen geiſtig und koͤr⸗ perlich ſo in Athem zu erhalten, daß ſie weder Ruhe noch Raſt hatte. So war ſie auch jetzt vor dem Schnellfuͤßigen zuͤr⸗ nend, aber doch lachend— denn ſeit ei⸗ niger Zeit konnte ſie ihm eigentlich gar nicht mehr zuͤrnen— geflohen und hatte einen Seitenweg eingeſchlagen; eben woll⸗ te ſie um eine Hecke biegen, als ihr das dichteſte Gebuͤſch den Weg verſperrte. „Nein, Kronfelz“— rief ſie dieſem außer Athem zu und legte dazu beide Haͤndchen an den klopfenden Buſen, als wolle ſie den ungeſtuͤmen Schlag des Her⸗ zens beſchwichtigen—„was zu toll iſt, das iſt zu toll! Ich bin Ihnen recht ernſtlich boͤſe, und wenn Sie mich nicht im Augenblicke frei laſſen, ſo hoͤren Sie kein freundliches Wort wieder von mir!“— „O, mein ſchoͤner Fluͤchtling“— fiel ihr der Kuͤhne ins Wort, indem er den einen Arm um die Geaͤngſtete ſchlang— „ſo leichten Kaufes kommen Wir nicht los. Die Beſatzung mag capituliren; mit klingendem Spiele erlaubt ihr der Sieger abzuziehen, gibt ihr frei Geleit und— leider gezwungen geſteht er ihr ſelbſt den fernern Gebrauch aller ihrer verderblichen Waſſen zu, nur ein kleines Loͤſegeld verlangt er, i er d ehr ſogar darum. a Aalcls 129 „Hier umſchloß er mit beiden kraͤf⸗ tigen Armen das ergluͤhende Maͤdchen, welches ſich vergebens ſtraͤubte und ſchnell hauchte er einen leiſen Kuß auf die fri⸗ ſchen, unentweihten Lippen. an Das vergeſſe ich Ihnen nie!“— ſiieß die Zuͤrnende ernſtlich heraus und war ſchnell um die aahe Baumwand ver⸗ ſchwunden.* „Wohl“— puach der ſelige Juͤng⸗ ling vor ſich hin—„wohl wirſt Du mir den Raub ewig behalten, denn er erſchuͤtterte die Grundpfeiler des ſchaͤ⸗ migen, jungfraͤulichen Herzens. Da eilt ſie dahin, wie das fluͤchtige Reh, das die Wunde und den Pfeil des Jaͤgers mit ſich nimmt; es eilt dahin, das edle Thier, bis die letzte Kraft ver⸗ ſchwindet und es endlich doch noch des kuͤhnen Jaͤgers Beute wird!“— 9 Einige Augenblicke ſtand er in ſin⸗ nigem Schweigen ſtill, dann rief er mit leiſer Stimme in niden reinen nbthes hinaus: Hiat nentih 4 K „Ja, mein Edmund, ein Herz, das bis jetzt das Deine en iſt mein geworden, aber gewiß, zuͤrnſt mir nicht! O moͤchteſt da dheineans loe ſeyn, wie Dein Kronſelz! 4* Epuaahe und eilte der elhehnſt zu.* 96 Hier übertieß ſich Jeder ſeinem Ver⸗ ghuͤgen und genoß das, was ihm ge⸗ rade der Augenblick bot. Der Wein that auch das Seinige, denn der alte Moſer hatte vom eignen und fremden Gewaͤchs das Beſte hergegeben, und ſo war Irder in ſeiner Art uftiede ge⸗ ſtellt. „Ach laſſen Sie uns doch ein Mal⸗ das Thuͤrmchen beſteigen”“— ſprach 131 Steinberg zu ſeiner Nachbarin Eliſe— „von dort aus muß man die hetiliihſte Ausſicht haben.“ 4 Er hatte noch kaum vollendet, als ihm das frohe Maͤdchen winkte, ihr zu folgen, indem ſie leicht voran⸗ huͤpfte. Der Schluͤſſel ward geholt und ſo ſtiegen Beide die enge Wendeltrep⸗ pe hinan, welche zum Thurme fuͤhr⸗ te. Endlich waren ſie zur Stelle und die wundervolle Ausſicht, obgleich ſie Eliſen wenigſtens nicht mehr neu war, machte dennoch auf das ſchoͤne Paar ei⸗ nen ſo maͤchtigen Eindruck, daß Beide eine Zeitlang ohne Sprache, aber trun⸗ ken von ſtillem Entzuͤcken in das Pauo⸗ rama hinausſtarrten, welches ſie bluͤhend umgab.—— Wer je mit dem Midchen feines Herzens auf einem hohen Berge, ei⸗ nem Thurme, oder einer aͤhnlichen 9* 132 Stelle, abgeſondert von dem niedern Erdentreiben, gleichſam auf daſſelbe her⸗ abſah, indem ein maͤchtiger Eindruck von Außen ihn erſchuͤtternd in ſich ſelbſt zuruͤckwies, der kennt die Innigkeit, mit der dann das liebende Gemuͤth alle Arme nach dem theuern Gegenſtande ausſtreckt, der ihm jetzt koͤrperlich und geiſtig ſo nahe ſteht. Alle Feſſeln, die dem Geiſte augelegt ſind, ſie ſchwin⸗ den vor der Macht des Augenblicks, al⸗ le. Stimmen des Zwangs und Vorurtheils ſchweigen, und nur maͤchtig und laut ſpricht das Eine und Einzige, was lan⸗ gem ſtill im Innern ſchlief, furchtend, an ſeinen zarteſten Fuͤhlfaͤden von Außen her verletzt zu werden— das tritt nun ungehindert und furchtlos hervor, das heimtichſte Gefuͤhl regt ſich kennbarer, des Herzens ſtillſte Wuͤnſche werden laut, die heiligſte Empfindung entwindet ſich * der mnfoo Sen und gibt ſich endlich durch begeiſternd kund. So ſtanden jetzt Steinberg und Eli⸗ ſe auf des Thuͤrmchens kleinem Naume allein und ſahen ſtumm von der ſchwin⸗ delnden Hoͤhe in die lachende Ferne hin⸗ aus. Beide waren einander mit jedem Tage werther geworden, hatten ſich aber, eben weil ſie das fuͤhlten, faſt geſtiſſentlich gemieden und mehr und mehr im Aeußern von einander ent⸗ fernt. Nur der heutige Tag mit ſei⸗ nem feſtlichen Antlitz und der Zufall, welcher ſie gleich am Morgen einander genähert hätte, war die Veranlaſſung, daß ſie, die ſich ſelbſt ohne Noth quaͤl⸗ ten, ſich wieder an einander anſchloſ⸗ ſen. Edmund war heute Eliſens ſteter Begleiter, ſie fand ſich in ſeiner Naͤhe unausſprechlich wohl und die wenigen Zweiſel, die ſich doch noch zuweilen in — te. A 134 4 ſie ver⸗ der zagenden Bruſt en, n ſeiner Hand ſchwanden alle, als von der dunklen Treppe aus in das ſon⸗ nige Abendroth hinaustrat, das zauber⸗ haft auf der, zarten Wange wierſahl⸗ mn ‚ehaberg antorbeach gucef das ban⸗ ge Schweigen und umfing die Heißge⸗ liebte faſt willenlos, indem er ſie naͤher an ſich zog; zitternd ließ ihn die Jung⸗ frau gewaͤhren und hoͤrte aufmerkſam ſei⸗ nen Worten, die in begeiſtertem Flu⸗ ge das Gluͤck der Vergangenheit prießen und ihr das Gluͤck einer ſeligen Zukunft vor die Seele fuͤhrten. Immer inniger werdend, nahm er das lauſchende Maͤd⸗ chen beim Kinn und indem er ſich ſo an dem treuen Augenpaare weidete, wel⸗ ches ihm aus dem lieblichen Geſichtchen maͤchtig in die Seele Reahite⸗ fuhr er begeiſtert fort: 135 „Hier, meine Eliſe, hier moͤcht' ich ewig ſo weilen, um ein Gluͤck zu ge⸗ nießen, das das Herz mit all feinem heißen Sehnen ſich nicht reizender aus⸗ zumalen vermochte. Schauft herab, Ihr ſeligen Geiſter des Himmels, und fenkt Enern Frieden in ein Herz, welches ſtets dass Ensre war, und—— Ades De ſchrak Elie heüig ugefmmnc und, ſich aus ſeiuen Armen Inndeude ſprach ſie ſchnell: uns Laſſen Sie uns eilen, man wie uns vermiſſen.“ 4“danm dnn Schon war ſie auf der Treppe⸗ und beſtuͤrzt folgte ihe der Jhnolinde der ſie mie begriff.— Die Sonne neigte 5 9 bereits nac Weſten, die Spitzen der Thuͤrme ver⸗ goldend, die wie Nebelſaͤulen hoch zum Himmel emporſtrebten⸗ und ſchon ward des Mondes voller Kreis mit ſeinen Um⸗ riſſen feſter und deutlicher im dunklen Azur ſichtbar. Der Abend war mild und ſtill und fortwaͤhrend toͤnte die lau⸗ te Muſik uͤber die Berge dahin, nur dann und wann vom Jubel der beranſch⸗ ten Landleute unterbrochen. Das Win⸗ zervolk verſammelte ſich Paarweiſe im Moſerſchen Weinberge auf dem freien Platze zum Tanz und kuͤnſtlichen Rei⸗ gen, denn auch die wollte der Beſitzer heute froh ſehen, die ihm den Reich⸗ thum dder ſaftigen Beeren geſammelt, und unbedenklich miſchten ſich hier und da die vornehmen Gaͤſte unter die Rei⸗ hen der gluͤcklichen Bergbewohner. Doris floh noch immer die Naͤhe des ſchuldigen Kronfekz, aber wenn ſie ſich unbeobachtet glaubte, ſandte ſie doch manch gluͤhenden Blick zu dem fernen Geliebten hinuͤber. Traf ſie nun ein . 1 B 8 Mal auf die blitzenden Liebesſterne im Auge des verlangenden Juͤnglings, da ſenkte ſie ſchnell erroͤthend die ſeidenen Wimpern und warf, ſo gut es gelin⸗ gen wollte, das Geſichtchen in die fin⸗ ſterſten Falten. Ach aber raͤngſt ſchon. war ihr Herz das Eigenthum des Lieben⸗ den, der bald die erſte ſchwaͤrmeriſche Neigung fuͤr Seemnders daraus aaorrdrangt — ntihnts a en 3 Auch Edmund und Eiſſe hirtten ſich ſnma von einander, aber dennoch zit⸗ terte in Beiden noch das Entzuͤcken des darchlebten Augenblicks, der ſie fuͤß be⸗ rauſcht hatte. So war zwiſchen ihnen ein unſichebares Band gewoben und in Eliſen ſprach eine leiſe Stimme zuver⸗ ſichtlich genug: Er iſt dein! eine Stim⸗ me, der ſie willig lauſchte, obgleich ſie ſich zu uͤberreden ſuchte, Adele lebe noch im Herzen des geliebten Mannes. Auch 138 Steinberg glaubte den Schluͤſſel zu dem raͤthſelhaften Betragen Eliſens gefunden zu haben und war gluͤcklich in der Hoff⸗ nung, ihr dieſen Pahn⸗ recht bald zu benehmen. I 4 duss. „Nun wiß t. Ihr was, Hnderchinar — ſprach der uͤberfrohe Moſer, indem er die ganze Geſellſchaft im Kreiſe um ſich verſammelte—„die Nacht wird kuͤhl, aber der Abend iſt Mir einer Wea uſch an. Sch gabe gienaeähngo heranes beſtellt, unten haben ſie bereits angelegt, deshalb looſt Kinderchen, looſt, damit wir ſehen, wen das Schickſal in den Gondeln vereinigen will. Aus dieſer Vaſe wird gezogen, Jeder ſtellt ſich dann mit ſeiner Nummer auf eins der vier Rundtheile hier, welche ich eben⸗ falls mit Nummern bezeichnet habe. Doch zur Bernhigung fuͤr die Einzelnen, 139 deren Wuͤnſche das Gluͤck nicht erfuͤllen ſollte, gebe ich noch die Verſicherung, daß die Schiffer in geringer Entfernung fahren, wir Alle alſo einander uehe ſeyn werden. 0 3 Man that nach— Wilen, Je⸗ der hielt ſein Loos hoch in die Hoͤhe, und ſiehe! das neidiſche Geſchick hatte die Liebenden getrennt, Doris und Stein⸗ bergen, wie Kronfelzen und Eliſen wa⸗ ren gleiche Nummern geworden. irn „Nun gut“— fuhr der hahge Alte fort—„damit wir aber auch et⸗ was hoͤren, ſo habe ich fuͤr zwei puͤſtige Spielleute geſorgt, die uns mit Sang und Klang erfreuen werden.“ nn Ein Diener brachte zwei Guitarren, wovon er die eine Steinbergen, die an⸗ dere Kronfelzen uͤbergab. So wandelte die frohe Geſellſchaft Paatwaſſ uͤber den Fußweg zum ſtil⸗ fen Strome hinab, mo die Schiffer be⸗ reits harrten, die bunte Ladung an Port zu nehmen. Man ſtieß vom Lande ab und ſegelte unter frohem Zuruf in die ſchaukelnden Wogen hinaus. Hell uns rein glanzte die Mondſcheibe vom ſchwim⸗ menden Aether herab auf die dunkle Fluth, von der die Sonne mit den letz⸗ ten ihrer Strahlen Abſchied nahm, bald hinter den fernen Deigene des Weſten verſchwindend. In ſtolzer Majeſtät ſchien die graue Reſidenz mit ihren Khuͤrmen, Kirchen und Pallaͤſten auf der ſtillen Waſſerflaͤche zu fthwimmen, und ein feierliches Schweigen wehte uͤber den Strom, nur einfoͤrmig durch den taktmaͤßigen Ruderſchlag der Schiffer un⸗ terbrochen. Mit wenig einfachen Aecor⸗ den praͤludirend, begann Kronfelz in wei⸗ chem Tenor zu ſingen das loäns Go⸗ the ſche Lied: n 141 Freudvoll und leidvoll, Gedankenvoll ſeyn, Hangen und bangen mnn In ſchwebender Pein, Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betruͤbt adh nſdeeig allein⸗ A die Seele, die n im i an liebt! n 2 s Der letzte Laut zitterte verhallend durch die Abendluft dahin, und nach wenig Augenblicken erwiderte Steinberg iün gleicher Tonart, mit reinem Baß⸗ EsRähproisitends St a2 htla i fi 2121,112 p s Kennſt Du die Stimme, Den ſuͤßen Accord nes Heimlich im Herzen Erklinget er fort, Bangen und Hoffen, cEs iſt ihm vertrant?— Das iſt der e anürse deGhnahden aut! 6 142 So annworteten ſich Beide in Wech⸗ felgeſaͤngen, denen die Uebrigen, in ei⸗ ne weiche Stimmung verſetzt, aufmerk⸗ ſam zuhoͤrten, bis man den Landungs⸗ platz erreicht hatte. Die Geſellſchaft ſtieg an's Ufer und ſchied mit herzlichem Gruſſe von einander. Doris und Kron⸗ felz hatten ſich in einem verſoͤhnenden Blicke wiedergefunden, Steinherg naͤ⸗ herte ſich Eliſen, der eine dankbare Thraͤ⸗ ne im Auge erglaͤnzte ndas ſie mit unz endlicher Innigkeit auf den geliehten . Juͤngling richtete; ſchweigend ergriff die⸗ ſer ihre Hand, einen leiſen Druck fuͤhl⸗ te er in der ſeinen, und im Schatten der hohen Georgskapolle war die holde Geſtalt verſchwunden. „Du bleibſt heute bei mir und reiteſt nicht nach Lauterbach zuruͤck“— So ſprach im Gehen Kronfelz zu dem gluͤcklichen Freunde, bejahend folg⸗ 143 ie dieſer und Arm in Atm ſchritten Beide dahin durch das Dunkel der Nacht. 2 17. Der Herbſt mit ſeinem letzten freund⸗ lichen Gruſſe war voruͤber und ſchon laͤngſt hatte die ſtarre Flur das ſchim⸗ mernde Winterkleid angethan. Mit un⸗ gewoͤhnlicher Strenge war die unfreund⸗ liche Jahreszeit hereingebrochen und zu Vergnuͤgungen außerhalb der Mauern wollte ſich lange Zeit fuͤr die lebenslu⸗ ſtigen Stadtbewohner keine Moͤglichkeit zeigen; da bezwang endlich die Kaͤl⸗ te das fluͤſſige Element, ein ſtarrer Panzer umfing der Wogen raſtloſes Spiel und die eiſige Spiegelflaͤche ward zur glaͤnzenden Bruͤcke uͤber Fluß und Teich. ſatis „Sof war nun auche ein mehrere Jahre, vergebens gehegter Wunſch der Reſidenzbewohner erfuͤllt und Alt und Jung war muthig und begierig genug, einen Wettlauf auf der ſchluͤpfrigen Bahn zu wagen. Vom Morgen bis zum Abend war der ſichere Strom mit einer bunten. Menge bedeckt, die des Eiſes Guͤte und des Tages ſtaͤrkende Friſche erproben wollten, denn der Kaͤl⸗ te grimmigſte Macht war nun gebrochen und die Sonne, welche jetzt taͤglich un⸗ verhuͤllt im dunklen Blau des reinen Himmels prangte und ſich blendend in den beſchneiten Aeſten brach, von de⸗ nen tauſend ſchimmernde Juwelen um⸗ herzuſtrahlen ſchienen, ſie ſah recht freundlich zur Erde herab; und de⸗ nen, die ſo mit Windesſchnelle auf den ſchmalen Eiſen uͤber die ſpiegelnde Bahn dahinglitten, ward oft des Pel⸗ 145 zes waͤrmende Huͤlle faſt laͤſtig, und wie im Sommer auf dem Felde in des Mittags verſengender Gluth der Schnit⸗ ter, ſo trocknete ſich hier der ruͤſtige Laͤufer die raſtlos rinnenden Tropfen von der gluͤhenden Stirn. Es war ein belohnender Anblick, konnte man ſich ſelbſt unter die Lau⸗ fenden nicht miſchen, wenn man hin⸗ ans ans Ufer ging und dem bunten Treiben der Menge auf dem geduldigen Strome ſo recht behaglich zuſah. Hier eilte eine ganze Familie dem Auge voruͤber, vom greiſen Vater bis zum ruͤſtigen Knaben herab mit dem Spiele der gelenken Fuͤße vertraut, dort ſetzte eine zarte Jungfrau, die ſich den kleinen Fuß ohne Zagen in den rauhen Schlittſchuh einſchnallen ließ und dann mit gewandter Schnelligkeit auf den blinkenden Eiſen dahinſflog, 10 146 durch ihren maͤnnlichen Muth die laut aufjubelnde Menge in⸗ Erſtaunen und Verwunderung; hier ſaußte ein roth⸗ wangiger Burſche, ſein verhuͤlltes Maͤd⸗ chen vor ſich auf dem Stuhlſchlitten, vorbei, indem er zu ihr herabgeneigt manch' ſuͤßes Liebeswort in das lau⸗ ſchende Ohr fluͤſterte; dort endlich ver⸗ ſuchte ſich ein dicker Gentleman zum erſten Male im kuͤhnen Ausſchreiten und ward durch ſeine Ungelenkigkeit zum Spotte der zwangloſen Jugend, die, der Schule entlaufen, ihn mit Buͤchern und Mappen tobend um⸗ ſchwaͤrmte— kurz fuͤr den kalten Be⸗ obachter, wie fuͤr den paſſionirten Schlittſchuhlaͤufer war Veranlaſſung ge⸗ nug vorhanden, zur Eisbahn zu gehen, und beide fanden dort gewiß vollkom⸗ men das, was ſie ſuchten. 147 Auf heute war eine große Fackel⸗ fahrt angeſetzt, zu deren Theilnahme ſelbſt der Adel aus der Umgegend her⸗ beiſtroͤmte; auch Steinberg hatte ſich aus Lauterbach eingefunden, vom Pa⸗ pa Moſer ſchriftlich, von Kronfelz aber muͤndlich auſs Dringendſte eingeladen. Man mußte aber auch eilen, die jetzt noch ſichere Bahn zu benutzen, denn ſchon hatte des Thauwinds nagender Zahn die Eisdecke beruͤhrt und der Bruch derſelben war nicht mehr fern. Die Stuhlſchlitten, in zierlicher Ordnung an einander gereiht, ſtanden in Bereikſchaft, die Fiſcher, mit den Kienfackeln in den Haͤnden, harrten des Winks, dieſelben in Brand zu ſetzen und die zahlloſen Züſchauer wog⸗ ten auf dem Eiſe umher und draͤngten ſich am Ufer, um dann in der Naͤhe Zeugen des neuen Anblicks zu ſeyn. 40* —* 148 Des Neumonds ſchmale Sichel blink⸗ te nur matt unter dem funkelnden Sternenheer und goß ein faſt geiſter⸗ haftes Licht auf das wunderbare Ge⸗ maͤlde herab. Vom St. Georgenthur⸗ me trug ein ſanfter Weſt durch die ſtille Abendluft heruͤber acht dumpfe Schlaͤge, da ſetzte man die Lunten in Bewegung und drei ſchnell aufeinander folgende Schuͤſſe verkuͤndeten unter fort⸗ waͤhrendem Jubel der Menge den Be⸗ ginn der Fahrt. Schleier und Pelze wurden am Ufer ſichtbar und Federn, die der Wind muthwillig bewegte. Die Geſellſchaft war angekommen, die Frauen ſtiegen langſamaͤngſtlich die Treppe an der hohen Bruͤcke herab, wo die Her⸗ ren ihrer harrten, um ſie ſicher uͤber die glatte Flaͤche zum Puncte der Ab⸗ fahrt hin zu geleiten. Jeder Schlitten nahm eine Dame ein und hinter dem⸗ 4*. 149 ſelben poſtirte ſich ein ruͤſtiger Fuhr⸗ mann, um das, was ihm der Zug des Herzens, oder Zwang und Eti⸗ kette beigeſellt hatte, unbeſchadet an Ort und Stelle zu bringen. Der ungeheuere Zug ſetzte ſich in Bewegung. Ihn eroͤffneten zwei fluͤchtige Laͤufer mit Kreuzfackeln, welche, fortwaͤhrend kuͤnſtliche Bogen ſchlagend, dem Zu⸗ ſchauer einen recht angenehmen Anblick gewaͤhrten, indem ſiee ſich jetzt von ein⸗ ander entfernten, um ſich in der naͤch⸗ ſten Secunde ſchon gleichmaͤßig wieder zu naͤhern. Dieſen folgte auf vielen Schlitten das erſte Muſikchor, dem bunte Lampen vorleuchteten, ebenfalls von Fiſchern getragen. An einem hoͤl⸗ zernen Bogen hingen dieſelben, wel⸗ cher wieder waagrecht auf einem Stocke befeſtigt war und ſo mußten ſie ſich 9* 150 mit jedem Schritte deſſen, der ſie trug, ſchankelnd hin und her bewegen. Nun ſchloſſen ſich die Reihen der einzelnen Schlitten an, mit denen je zwei ſtets Fackeln oder Lampen abwechſelten bis zuruͤck zum zweiten Muſikchore, wel⸗ ches den Zug mit lauten Toͤnen ſchloß. Unter der ganzen Menge der Theilneh⸗ mer aber war Niemand gluͤcklicher, als Steinberg und Eliſe, Kronfelz und Doris, denn beide Paͤrchen hatten ſich heute wieder zuſammengefunden. Bei⸗ de Schlitten ſlogen pfeilſchnell uͤber die Eisflaͤche dahin, auf der ſich Mond⸗ und Fackelſchein in farbiger Miſchung wunderbar begegnend brach. Eng und ſchuͤtzend umſchloß die weiche Zobelhuͤlle die ſchoͤnen Formen der herzigen Maͤd⸗ chen und ein dichter Schleier verbarg die Zuͤge des lieblichen Geſichtchens, aber doch ſtahl ſich mancher verſtohlene Blick 151 unter demſelben hervor, der wie ein Stern in dunkler Nacht im Herzen der liebenden Juͤnglinge wiederglaͤnzte. Manch neckender Scherz, manch be⸗ deutſames Wort erhielt und belebte ge⸗ genſeitig die frohe Stimmung, und ſo war es kein Wunder, daß Stunden ſchnell wie Minuten entſchwanden. Da ſtand ploͤtzlich der Zug ſtill, man war in Reichenau, am Ziele. Die Damen ſtiegen aus und die ganze Ge⸗ ſellſchaft ſetzte ſich unter dem ſchmettern⸗ den Tone der Trompeten in Bewegung nach dem Gaſthofe zu, wo Speiſe und Trank zur Staͤrkung der Gaͤſte bereit ſtand. Alles war angenehm aufgeregt, freudig begruͤßten ſich die Einzelnen, und Jeder hatte etwas Beſonderes zu⸗ erzaͤhlen, eine auffallende Bemerkung mitzutheilen. Waͤhrend ſich die Frauem dem waͤrmenden Ofen naͤherten, hiel⸗ * * 152 ten ſich die Maͤnner an die dampfende Bowle; luſtig klangen die Glaͤſer und manch lauter Toaſt ſprach die allgemei⸗ ne Freude deutlich genug aus. Auch zum Tanze eilte die Schaar der frohen Jugend in den oberen Saal; man drehte ſich im rauſchenden Walzer und raſte in erſchoͤpfendem Galopp die Rei⸗ hen auf und ab, aber uͤberall war die Theilnahme von kurzer Dauer, denn Alles ſehnte ſich zuruͤck nach des Fah⸗ rens ungewohnter Luſt. Daher kam es, daß der Trompetenſtoß, als er mahnend erſchallte, Allen ein willkom⸗ menes Zeichen zum Aufbruche war. Jubelnd begruͤßte Alt und Jung wieder die bunten Lampen und rau⸗ chenden Fackeln und emſig huͤpften die ſchnellfuͤßigen Maͤdchen jede ihrem Schlit⸗ ten zu. Die Muſikchoͤre blieſen einen jauchzenden Marſch, der Zug ſetzte ſich 153 von Neuem in Bewegung, und wie Irrlichter gaukelten die lodernden Fackeln ſchnell uͤber das Eis durch das Dunkel der Nacht dahin. Schon wurden die Thuͤrme der Reſidenz deutlich, die das falbe Mondlicht zu einer gigantiſchen Groͤße erhob, da entſloh Aller Lippen ein bedauerndes Ach! und man gab das Zeichen, langſamer zu fahren, da⸗ mit die ungewoͤhnliche Luſt nicht zu ſchnell verrauſche. Kronfelz war heute in der roſigſten Laune; ſein lebhafter Geiſt, von Lieb und Wein doppelt aufgeregt, ſprudelte raſtlos Witz und Scherz, und im Stil⸗ len mußte ſich doch die laͤchelnde Do⸗ ris geſtehen, obgleich ſie ſich oft zu zuͤrnen bemuͤhte, daß der holde Schwaͤz⸗ zer gar liebenswuͤrdig ſey. Steinbergs Bild war vor dieſem immer mehr in den Hintergrund getreten, denn er war 154 ihr zu ernſt und gemeſſen, waͤhrend das Weſen des jungen Barons ganz mit dem ihrigen harmonirte; zudem mußte ſie ja bemerken, wie ſich Stein⸗ berg und Eliſe taͤglich enger und inni⸗ ger an einander anſchloſſen; ſo war ihr der Juͤngling zwar noch herzlich lieb und ſo oft er kam, begruͤßte ſie ihn mit dem freundlichſten Laͤcheln, aber ſtuͤrmiſch fing das Herz an zu klopfen, wenn ſich Kronfelz naͤherte, und war er fern, klopfte es nicht minder, ſo Joft ſie ſein gedachte. Halt! toͤnte es ploͤtzlich von vorn her— die Fahrt war vollendet. Hier und da wurde kuͤhn das Schlittenrecht geltend gemacht; ein Gleiches zu thun, ſchloß Kronfelz Doris in die Arme, die ſich ihm ſtraͤubend entwand. „Ei ſo waͤre ich doch der groͤßte Tropf auf dem weiten Erdenrunde“— 155 eiferte er laut—„wollte ich die Ge⸗ legenheit zu ſo himmliſcher Koſt nicht bei der Stirn faſſen, waͤr ich eines Blickes aus einem holden Maͤdchenauge nicht mehr werth!“ Sprach's, umfing die Geliebte von Neuem, und ein Flammenkuß brann⸗ te auf den Lippen der zoͤgernd Gewaͤh⸗ renden. 8 Auch Steinberg haͤtte gern aus dein Kelche der ſchwellenden Lippen gekoſtet, aber hier, vor der ſchauenden Men⸗ ge, im Angeſichte vieler hundert Men⸗ ſchen?— Nein, um Alles in der Welt nein, hier nicht! Gluͤhend ſtarr⸗ te er ins Auge der wunderlieblichen Eliſe, die ihn wohl verſtand, das ſagte ihr freundlich dankender Blick, ſchweigend fuͤhrte er die theuere Hand zu den Lippen und ein feuriger Kuß auf dieſelbe ſprach deutlich des Herzens Wuͤnſche. Ihrem Ziele unendlich naͤ⸗ her gekommen durch den heutigen Abend, eilten die beiden Freunde mit den hol⸗ den Maͤdchen der Stadt zu und ſchie⸗ den unter dem Verſprechen eines baldi⸗ gen Wiedeiſehens. ͤ Ende und mit a hatten. Eine große Redoute ſollte, wie gewoͤhnlich, die Freuden des Winters beſchließen und denſelben mit dem nahenden Fruͤhlinge auf eine ſolenne Weiſe verbinden. Von den hohen Bogenfenſtern des fuͤrſtlichen Ballſaales ſtroͤmte der lich⸗ ic Glanz, den die koloſſalen Kron⸗ leuchter umher verbreiteten, in die — dunkle Nacht hinaus; Caroſſen raſſelten durch das Thor des alterthuͤmlichen Schloſſes in den weiten Hof, wo heu⸗ te Alles in Bewegung war, Jackeln irrten durch die ſchauende Menge und dumpf gaben die weiten Hallen im Echo das Rufen der vorſichtigen Wagenlen⸗ ker und reichgalonnirte Diener hoben die glaͤnzenden Masken aus den Wagen, die dort in zahlloſer Menge hinter einander aufgefahren waren.— Die bezaubernde Symfonia eroica in Es Dur von Becthoven rauſchte in wirbelnden Toͤnen, durch die fuͤrſtliche Capelle meiſterhaft ansgefuͤhrt, vom ho⸗ hen Orcheſter herab zum weiten Saa⸗ le, der ſich mehr und mehr mit bunten Geſtalten erfuͤllte. Nonnen und Harle⸗ kine, Maltheſer und Bajaderen, Ere⸗ miten und Feldherren, Koͤnige und Bettelmoͤnche— Alles wogte in man⸗ 158 nigfaltigem Gemiſch durcheinander und Jeder brachte der Freude und der Narrheit willig und nach Kraͤften ſeine Opfer. Aufſehen erregte ein gelenker Pul⸗ cinello, welcher in luftigen Spruͤngen den Saal auf und nieder ſetzte, die willenloſe Menge mit gewandter Schnel⸗ ligkeit durchſeegelnd. Honny soit qui mal y pense! war deutlich auf ſeiner Schellenkappe zu leſen und frei, aber fein wußte er nach dieſem Wahlſpruche mit treffenden Antworten dem Neugie⸗ rigen zu entgegnen, den Unbeholfenen außer Faſſung zu ſetzen. Ueberall ſchwaͤrmte er umher und wußte Man⸗ chem etwas in's Ohr zu ſagen, daß er ihn betroffen anſtaunte— da rauſchte eine reichgekleidete Prezioſa an ihm voruͤber und im Nu war er an der Seite der Maske, die ihn vom 159 Kopf bis zum Fuße mit den Augen maß. „Harlekin ſuchte ſeine Colombine und er hat ſie gefunden in einem ſchel⸗ miſchen Zigeunermaͤdchen!“ raunte er der Kleinen zu, indem er ihr die Hand reichte, etwas Neues zu erfah⸗ ren. Kopfſchuͤttelnd betrachtete die Gefrag⸗ te eine Zeitlang die verſchlungenen Li⸗ nien der kraftvollen Maͤnnerhand und begann dann mit verſtellter, aber wohl⸗ toͤnender Stimme: „Dein Leben lenkt ein guͤnſtiges Ge⸗ ſtrn Und freundlich laͤcheln Dir des Him⸗ mels Maͤchte, Was Du beginnſt, gelingt, ob Du's bedacht, Ob nicht— Fortuna folgt gezwungen Deinen Ferſen; Was Du begehrt, fuͤhrt Dir der 4 Zufall zu Und jeder Griff nur in die Schick⸗ ſalsurne Bringt willig D Dir des Gluͤckes reich⸗ ſte Looſe. Du ſcheineſt, was Du biſt, ein fro⸗ her Geiſt, Der ungeſtraft ſich aͤußert und ent⸗ faltet— 4 Fuͤr jetzt nur merke Eins noch: Pre⸗ zioſen Kaßi Harlekin verdienen, nicht er⸗ looſen!“— Kaum hatte ſie vollendet, ſo tieß ſie ſeine Hand und war ihm auch ſchon —wie durch einen Zauberſchlag entruͤckt. Lachend ſchaute Harlekin um ſich und eilte weiter, die Entflohene unter der Masken⸗Menge auszuſpähen. Emſig verfolgte ein glaͤnzender Mal⸗ theſer eine ſchlanke urſelinerin, die er bereits lange mit gluͤhenden Blicken firirt hatte. Schon mehrere Male hat⸗ te er ſich ihr zu naͤhern geſucht, aber 161 ſtets hatte ſie Gelegenheit gefunden, ihm gewandt zu entſchluͤpfen. Jetzt war er ihr in eine Saͤulenreihe ge⸗ folgt, an deren Ende ſie ſich nieder⸗ ließ, um auszuruhen. Schnell ſetzte er ſich, ehe ſie es bemerken, oder verhindern konnte, an ihrer Sei⸗ te. „So einſam, ſchoͤne Nonne?“— redete er ſie an und ſchnell antwortete die Ueberraſchte: „ Das iſt meine Wahl und mein Geluͤbde, Herr Ritter, und dieſes for⸗ derte wohl Anerkennung!“ „Wohl, fromme Schweſter,“— entgegnete der Maltheſer—„und ein gleicher Beruf fuͤhrte mich an Deine Seite, denn auch ich habe mich frei⸗ willig aus dem bluͤhenden Leben ver⸗ bannt und meine Kraft iſt einem ho⸗ hen Patron geweiht. St. Johannes 11 162 und die heilige Urſula wuͤrden ſich auch wohl vertragen haben, haͤtten ſie ein⸗ ander gekannt, darum laß uns ein⸗ traͤchtig ein Buͤndniß ſchließen—“ Er wollte fortfahren, als in ge⸗ ſchaͤftiger Eile ein ſchmaͤchtiger Gelb⸗ rock ſich an ihn draͤngte. Ihn beim Arm erfaſſend, zog er ihn in eine Ecke und uͤbergab ihm einen Brief mit der Aufſchrift: Der Ritter, den Johannes Zu ſeinem Dienſte rief, Schnell, ohne langen Zweifel Eroͤffn' er dieſen Brief. Haſtig loͤſte er das Siegel und las:— Kein Orden iſt zu ſtreng, kein Band N 163 — Drum hoffe muthig nur und handle . ſchnell, Denn eine Macht, die ſicherſte von 3 Allen, Sie ſteht gewiß Dir bei, ſie war von 3 je Dir hold, So kaͤmpfe Du fuͤr ſie, Dein harrt ihr reichſter Sold!— Nachdem er lange vergebens geſon⸗ nen hatte, den verborgenen Sinn zu errathen, faltete er den Brief wieder zuſammen, und ſich nach der verlaſ⸗ ſenen Nonne umſehend, erblickte er ſie nicht mehr, ſondern an ihrer Stel⸗ ze einen Greis, der die Zeichen eines Arztes an ſich trug. Noch ſtand der Maltheſer in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken und ſchaute nach der ehrwuͤrdigen Geſtalt hin, als dieſe ſich erhob und langſam auf den Gedankenvollen zu⸗ ſchritt. 11* — 1 1 —— ————— 164 „Ihr ſeyd krank, Herr Ritter, oder ich habe nie einen Kranken geſe⸗ hen“— ſprach der Alte und blickte dabei recht ehrlich mit den munteren Augen aus der Geſichtsmaske hervor— „der Wurm ſitzt im Herzen, das gibt Euer Ausſehen, drum eilt den Scha⸗ den zu heilen, denn hier giebt's eine Univerſalmedizin. Doch ſeht, dort iſt Enere Haͤlfe vielleicht noͤthig!“ Bei dieſen Worten zeigte er nach der Thuͤre des Saales hin, durch die eben Steinberg— denn ihn haben wir laͤngſt in dem Maltheſer wiederer⸗ kannt— die geſuchte Nonne am Ar⸗ me eines Spaniers enteilen ſah. Er traute ſeinen Augen kaum, doch ſie war es, ſie mußte es ja ſeyn, denn ihre Geſtalt mit allen Umriſſen ſtand zu lebhaft vor ſeiner Seele. Mit kraͤf⸗ tigem Arme bahnte er ſich einen Weg ——˖ęę—Q——— 178 2 „Gluͤcklich allein iſt die Serle, die liebt ¹,—e jauchzte er dem Freunde zu, der nichts davon verſtand. Schnell ſchob er den Schweigenden in den Wagen und umſing ihn dort mit bei⸗ den Armen. „Nun wie ſtehen Deine Actien, lieber Stockfiſch?— frug er ſcherzend den Traͤumer; als er aber vergebens auf eine Antwort wartete, legte er ſich in die andere Ecke, ſchloß hier ſtillſelig die Augen und verſank in den angenehmen Zuſtand, der zwiſchen Traum und Wachen ſchwebt, wo ſein neues Gluͤck den trunkenen Sinnen zauberhaft voruͤbergaukelte. . 19. Es war ungefaͤhr einen Monat nach⸗ her, als Kronfelz in der Daͤmmerungs⸗ —O——;—C—⸗—;—⸗——õ—— 174 zeit mit großen Schritten das Zimmer maß, einen Brief in den Haͤnden, der ſo eben ſeiner Feder entfloſſen war. Der Inhalt ſchien ihn ſehr zu beſchaͤf⸗ tigen, denn ſeine Augen durchliefen fortwaͤhrend die Zeilen und dabei wa⸗ ren ſeine Glieder in ſteter Bewegung — wer ihn nicht kannte, mußte glau⸗ ben, er habe ſich dem Stadttheater einverleiben laſſen und praͤge eben eine recht effectreiche Rolle dem Gedaͤchtniſſe ein— Endlich blieb er ſtehen und las mit lauter Stimme: „Mein guter lieber Edmund!“ „Es iſt zwar kaum eine ſtar⸗ „ke Stunde his zu Dir hinaus „nach Lauterbach und mein Fuchs „truͤge mich wohl willig und gern „in einem Viertelſtuͤndchen dahin, 175 „allein dies Mal mag Dir das „Briefcouvert mein zu entbehren⸗ „des Antlitz, der Inhalt jenes „aber meinen geiſtigen Theil er⸗ „ ſetzen, denn ich will heute brief⸗ „lich mit Dir converſiren und zwar „aus triftigen Gruͤnden. Du biſt „nemlich von je mein Rathgeber, ja „ich kann wohl ſagen mein Orakel „geweſen und zwar mit Recht, denn „Du warſt von je beſonnener und „verſtaͤndiger als ich; ſo iſt es „nun gekommen, daß mein Ver⸗ „ſtand ſich vor einer Appellation „von dem Deinigen an eine andere „Behoͤrde gewaltig huͤtet, mit Dei⸗ „nen Urtheilſpruͤchen vielmehr ſich „ſofort ab⸗ und zur Ruhe ver⸗ „weiſen laͤßt. Sintemal ich nun „aber jetzt in einem Falle bin, wo „eine dergleichen zur Ruheverweiſung 176 „nicht wohl ruhig zu acceptiren waͤ⸗ „re, obgleich ich ſie, wollte ich „das Urtheil einholen, ſchon mit „Gewißheit praͤſumiren koͤnnte, ſo „uͤbergehe ich die Praͤliminarien, nach⸗ „dem ich die Form umgangen habe, „Dir das Ergebnis in optima forma „Kund thuend.“ „Irgendwo in den Buͤchern Mo⸗ „ſis ſteht eine Lebensregel geſchrie⸗ „ben, die bereits ſeit der Trennung „von Dir, in goldenen Buchſtaben „unter Glas und Rahmen gezogen, „meinem Zimmer zur Zierde gereicht, „mir aber zur ſtuͤndlichen Mahnung „und zum quaͤlenden Vorwurf. Nun „habe ich zwar außer meinem treuen „Pudel mir noch einen Affen und „einen Papagei angeſchafft, kam „aber doch nach und nach zu der „Ueberzeugung, daß ich dennoch al⸗ 177 „lein ſey. Dacht; ich daran, ſo „ward mir's doch faſt weinerlich zu „Muthe, zumal da ich noch hinſicht⸗ „lich meiner wegen der Mondſucht „fuͤrchtete, denn der Mond, ſonſt „ fuͤr mich eine leere, runde Scheibe, „fing plöͤtzlich an, mir ſehr bedeu⸗ „tungsvoll zu werden, denn ich konn⸗ „te Stunden lang durch die Schei⸗ „ben nach ihm ſchauen, und zwar „ohne Fernrohr. Da dacht ich denn „nun weiter: Heinrich, das muß „anders werden! das ſetzte ich re⸗ „gelmaͤßig alle Tage fort, ja that's „wohl taͤglich hundert Mal— und „ſiehe, die Medizin ſchlug an, es „fing an bei mir zu daͤmmern und „heute kam ich zu dem kuͤhnen Re⸗ „ſultat: Heinrich, du mußt heira⸗ „then!—“ 12 178 „Ach du mein Himmel!“— fuhr er, zu ſich ſelbſt ſprechend, fort— „da bin ich alſo erſt dahin, womit ich feigentlich haͤtte anfangen ſollen und ich will heute noch baumeln, haͤlt mich nicht Steinberg nach Leſung dieſer Epi⸗ ſtele fuͤr total verruͤckt. Nein, fortge⸗ ſchickt wird der Brief nicht; ich aber reite noch heutiges Tages hinaus, ſetze ihm die Sache gehoͤrig aus einander, mache ihm begreiflich, daß Sie will, daß ich will und daß der Alte wollen wird, daß ich alſo in kurzer Zeit mit den Roſenfeſſeln des heiligen Eheſtan⸗ des mich zu bekraͤnzen gedenke und daß es das Gerathenſte iſt, wenn er ein Gkeiches thut. Freilich, ein Ehemann von vier und zwanzig Jahren! Aber jung gefreit hat niemals gereut, dar⸗ um— 3 179 Ein Klopfen an der Thuͤr unter⸗ brach ſeine Betrachtungen uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand, er ging, zu oͤff⸗ nen und— „Guten Abend, lieber Baron!”“— begruͤßte ihn der eintretende Graf Neu⸗ feld. Uunſerm Kronfelz kam dieſer Beſuch ziemlich uͤberraſchend, zumal um die ungewoͤhnliche Stunde; das mochte wohl der Graf in ſeinen Mienen geleſen ha⸗ ben und nachdem ſie ſich niedergeſetzt hatten, begann er, das Wort neh⸗ mend: „Was mich noch ſo ſpaͤt zu Ihnen treibt, iſt etwas, was mir ſehr am Herzen liegt und, wie ich feſt uͤber⸗ zeugt bin, Ihnen nicht minder; des⸗ halb glaube ich, Sie werden meinen unvorbereiteten Eintritt verzeihen. Die Veranlaſſung deſſelben iſt unſer beider⸗ 12* 180 ſeitiger Freund Steinberg, deſſen Wohl mir ſo ſehr am Herzen liegt, daß ich, kaum aus dem Wagen geſtiegen, hier⸗ her eilte, mir die ausfuͤhrlichſte und ſicherſte Auskunft daruͤber zu holen.“ „Steinberg“— fiel Kroufelz ſchnell ein—„iſt zwar ſeit laͤngerer Zeit nicht in der Reſidenz geweſen, allein da wir faſt taͤglich Briefe wechſeln, uns von unſern gegenſeitigen Angelegenheiten zu unterrichten, ſo kann ich verſichern, daß ſowohl ſeine Geſundheitsumſtaͤn⸗ de die beſten ſind, als daß er auch mit der Stellung in ſeinem jetzigen Amte vollkommen zufrieden zu ſeyn ſcheint.“ „So ſehr nich das erfreut”“— fuhr der Graf theilnehmend fort—„ſo iſt es doch vorzuͤglich noch ein Punct, wor⸗ uͤber ich Auskunft zu haben wuͤnſchte. Man ſpricht von einer Heirath und 181 das Geruͤcht nennt das Fraͤulein Eliſe von Zonau die Braut“— „So? hm, ſagt man das?“— erwiederte Jener—„man ſagt oft ſehr viel, was man nicht verantworten kann, aber dies Mal wollte ich bei meinem Leben, das Geruͤcht haͤtte wahr geſpro⸗ chen. Er liebt das Maͤdchen, ſie liebt ihn, und doch— „Nun?“. „Doch qnaͤlen ſich Beide“— pol⸗ terte der Eifernde weiter—„ach, mich aberlaͤuft alle Mal die Galle, ſo oft ich daran denke. Da iſt er doch fruͤ⸗ her im Hauſe des Grafen Winken ge⸗ weſen; der hat eine ſchoͤne Tochter, Steinberg iſt ein ſchoͤner junger Mann und— wie natuͤrlich— Beide neh⸗ men Intereſſe an einander und geſtehen ſich gegenſeitig ihre Neigung. Der Va⸗ ter erraͤth das Geſchehene ſogleich, ſieht 182 das tragiſche Ende voraus und dert, dem zuvorzukommen, gen hierher. Sein Muth bald in dem Moſerſchen Hauſe ein, wo er im Fraͤulein von, Zonau die Freun⸗ din Adelens wiederfindet. Die weibli⸗ chen Tugenden, die er fruͤher in blin⸗ der Liebe uͤberſehen hatte, feſſeln ihn jetzt nach und nach immer mehr und er fuͤhlt ſich mit jedem Tage, jemehr er ſich des Gluͤckes ihrer Gegenliebe be⸗ wußt wird, ungluͤcklicher, da er die⸗ ſe keimende Neigung als einen Treu⸗ bruch an der fruͤheren Geliebten anſieht. Doch die Kriſis iſt nicht mehr fern und ich hoffe, bald ſoll er ſich erklaͤren. Ueberdieß denkt jene Adele gewiß mit keinem Gedanken mehr an ihn, denn ſogleich nach des Vaters Tode iſt ſie verſchwunden, man weiß nicht, wo⸗ hin.“ 183 Mit jedem dieſer Worte hatte ſich des jungen Grafen Geſicht mehr und mehr erheitert und als Kronfelz vollen⸗ det, klatſchte er freudig in die Haͤnde, ſo daß Jener ihn ſtaunend anſah. „So ſey denn der Himmel gepyrie⸗ ſen”“— rief t jubelnd der Erfreu⸗ te—„daß 2 le ſo ſteht, wie ich ſelbſt nimmermehr gehofft hatte. Doch ich ſehe Ihre Verwunderung und eile, △ peſter Kronfelz, daß te Mal ſahen, im Begriffe war, ei⸗ ne Reiſe nach Italien zu unternehmen. Das geſchah und ohne Abentheuer ge⸗ langte i is Venedig, wo ich mich eine Ze 9 zu verweilen gedachte. Eines Abend gehe ich auf dem Mar⸗ kusplatze zwecklos umher, dem Spiele 184 der Wogen begierig zuſchauend. Da nahte ein bekraͤnztes Schifflein, luſtig flatterten die bunten Wimpel im Abend⸗ winde hin und her und die Muſik der Gondolieri zitterte uͤber den ſchaukeln⸗ den Wellenſpiegel dahin. Das Schiff legt an, die Geſellſchaft ſteigt ans Land und gebannt haften meine trunke⸗ nen Blicke im Antlitz eines wunderlieb⸗ lichen Maͤdchens. Ihr zur Seite ging eine aͤltere Dame und Beide bezeichnete die Tracht als Deutſche. Fern von der Heimath verknuͤpft die ſich Frem⸗ den das gemeinſchaftliche Vaterland und ſo naͤhere auch ich mich den Frauen, aber wer beſchreibt mein freudiges Stau⸗ nen, als ich in der Aelteren von ihnen die Graͤfin Rothenburg wiederfinde, ei⸗ ne Freundin unſeres Hauſes. In ih⸗ rer Begleiterin ſtellte ſie mir ihre Nich⸗ te vor, es war— Adele. Von 185 Stund an war ich der ſtete Begleiter der Frauen und mein Plan, weiter zu reiſen, war mit dem Augenblicke auf⸗ gegeben, wo ich hoͤrte, daß dieſe nach einem kurzen Aufenthalt noch in Ve⸗ nedig wieder nach Deutſchland zuruͤck⸗ kehren wuͤrden. Taͤglich lernte ich Ade⸗ len naͤher kennen und meine Leidenſchaft wuchs immer mehr; auch ſie ſchien das Gefuͤhl zu erwiedern, aber eine gewiſ⸗ ſe Schwermuth, die ich zuweilen an ihr wahrnahm, ſo wie eine heftige Angſt, die ſie oft in den traulichſten Stunden ploͤtzlich befiel, verhinderte eine naͤhere Erklaͤrung. Die Graͤfin Rothenburg gab mir den Schluͤſſel da⸗ zu in der Erzaͤhlung des fruͤheren Ver⸗ haͤltniſſes mit Steinberg, indem ſie mir rieth, die Loͤſung des Knotens und die Entfernung jener temporaͤren Schwermuth von der Zeit zu erwar⸗ 188 ten. Wir reiſten zuruͤck nach Deutſch⸗ land und mit, jeder Meile ward Ade⸗ le ruhiger und ich nahm bald das Ge⸗ ſtaͤndnis der Erwiederung meines Ge⸗ fuͤhls von ihren Lippen. Am Abend der Redoute langten wir hier an und ich trat als Spanier am Arm meiner kaledoniſchen Jaͤgerin Adele in den Saal, wo wir Steinbergen als Maltheſer bald wieder erkannten. Sein Benehmen lies uns bald den Zuſtand ſeines Innern errathen und als ich dem Wuͤthenden vollends ſeine Urſulinerin entfuͤhrte, um ſie mit der lange entbehrten Freundin zu vereinen, da blieb ſelbſt Adelen uͤber ſeine Geſinnungen kein Zweifel mehr. Eliſe ward feierlich zum Schweigen ver⸗ pflichtet und noch in der naͤmlichen Nacht reiſte ich mit Adelen zu meinem Bru⸗ der ab; heute ſind wir als ein gluͤck⸗ liches Paar zuruͤckgekehrt. Mein erſter 1 187 Gang war der zu Ihnen und jetzt ei⸗ le ich, meine Adele von dem gluͤckli⸗ chen Stand der Dinge zu unterrich⸗ ten. Auch Sie verpflichte ich noch einſtweilen zum Schweigen und hoffe, daß wir uns bald in Lauterbach wieder⸗ ſehen werden!“ 3 5 Er entfernte ſich mit herzlichem Gruſſe und eben wollte der gluͤckliche Kronfelz das Satteln beſtellen, um noch heute den geliebten Freund zu ſehen, als der Reitknecht einen Brief von ihm uͤber⸗ brachte. Er ward erbrochen und enthielt ei⸗ ne foͤrmliche Einladung zum naͤchſten Tage ſowohl fuͤr Kronfelz, als die Mo⸗ ſerſche Familie. „Bravo, Bravo!“— gauchzi der Leſende, ſteckte den Brief zu ſich, nahm den Hut und ging, die Geliebte ſchnel zu uͤberraſchen. 20. Der rauhe Nordwind brauſte nicht mehr durch kahle Baumwipfel, nicht mehr hoͤrte man der Raben dumpfes Gekraͤchz im verlaſſenen Haine, denn ſchon wohnten die bunten Saͤnger wie⸗ der in den ſchattigen Gezweigen und huͤpften zwitſchernd von einem knospen⸗ den Aſte zum andern, waͤhrend ein ſanfter Wind lau durch die gruͤnenden Buͤſche ſtrich. Der junge Lenz ſproßte von Neuem in Moos und Blume l(uſtig aus dem friſchen Erdreiche hervor und Alles in der weiten Natur athmete die Luſt des froͤhlich erwachenden Lebens⸗ Laͤngſt ſchon hatte der Sonne waͤrmen⸗ der Athem des Winters Ueberreſte von den Fluren gekuͤßt, und wohin das Auge ſich wendete, uͤberall begegnete es 189 den Spuren der fallenden Feſſel, die die Erde mit ihrem Reichthum ſo lan⸗ ge hemmend umfangen hatte, und wei⸗ dete ſich durſtig am Anblicee des feiſchan⸗ duftigen Gruͤns. Am offenen Fenſter ſeines Arbeits⸗ zimmers, welches ſchon wieder des Epheus blaͤtterreiche Ranken fluͤſternd umſpiel⸗ ten, ſaß Steinberg im Scheine der freundlichen Mittagsſonne und ſchaute vergnuͤgt in den bluͤhenden Garten hin⸗ ab; doch galt ſeine Aufmerkſamkeit nicht blos den naͤhern Umgebungen, denn bei jedem Geraͤuſch fuhr er haſtig empor und ſetzte ſich ungeduldig wieder, wenn er ſeine Erwartung getaͤuſcht ſah. Er erwartete die geladenen Gaͤſte aus der Reſidenz und jedes nahe Geraͤuſch ver⸗ kuͤndete dem Harrenden die Ankunft der⸗ ſelben; aber bald fuhr er zum Fenſter hinaus, denn er hoͤrte Pferdegetrappel — 190 und ſiehe, Stephan ritt die Schecken zur Traͤnke; bald uͤberredete er ſich, die niedliche Doris zwiſchen den Baͤumen geſehen zu haben und ſtatt dieſer keuch⸗ te die baͤusbaͤckige Stallmagd mit dem Eimer zum nahen Brunnen. Aerger⸗ lich verließ er das Fenſter, denn mit dem Arbeiten wollt es heute gar nich roch vorwaͤrts gehen. „Seine ſtille Wohnung hatte er heu⸗ te ganz feſtlich ſchmuͤcken laſſen, denn ſie ſollte ja heute in dieſelbe eintreten, deren geliobtes Bild ihn Tag und Nacht umſchwebte, die hier allein noch fehl⸗ te, ſein Gluͤck zu kroͤnen. Enh Ganz vertieft in dem Werke des geiſtreichen Amerikaners Cooper, weide⸗ te er ſich eben an dem Character der Franziska, der mit wenig Linien ge⸗ zeichnet, doch ſo klar und beſtimmt vor die Seele des Leſers tritt, als ein Ge⸗ 491 raͤuſch ſeine Augen vom Buche abzog; er ſah ſich um und zunaͤchſt hinter ſei⸗ nem Stuhle ſtand Doris, die ihm neu⸗ gierig uͤber die Achſel in's Buch geſe⸗ hen hatte, aus der offenen Thuͤre guck⸗ ten Papa Moſer und Kronfelz hervor, waͤhrend Eliſe ſtumm in einer Ecke ſtand, Steinbergs Begruͤßungen mit ei⸗ nem herzlichen Blicke beantwortend. „Nun, bei meinem Eid“— nahm Kronfelz komiſch zankend das Wort— „haͤtteſt Du uns nicht auf hente ſo ſo⸗ lenniter zu Dir herauseitirt, ich waͤre Morgen ungerufen gekommen, im Ge⸗ leit einer Schaar muthiger Burſche, Dir das Haus uͤber dem Kopfe anzu⸗ zuͤnden. Nein, iſt das erlaubt? Du ſitzeſt hier ruhig, wie der Eremit in ſeiner Clauſe und der Dachs im Loche, waͤhrend wir Dich Undankbaren taͤglich und ſtuͤndlich erwarten. Deine Nach⸗ 192 barn hier im Dorſe ſehen Dich nur, wenn Du noothgedrungen ein Mal hinuͤberreiteſt nach Alterode, oder Fich⸗ tenſtein, als wohlbeſtallter Ober⸗In⸗ ſpector auf den Graͤfl. Neufeldſchen Guͤtern doch ein wenig auf Zucht und Ordnung zu ſehen und die Leute geho⸗ rig im Reſpecte zu erhalten; was nun vollends das Hoͤren betrifft, ſo iſt davon gar nichts zu ſagen, als daß zu⸗ weilen ein Ton Deiner Floͤte oder Gui⸗ tarre bei naͤchtlicher Weile erſchallt, wenn ſo allerlei luftiges Geſindel um⸗ herſchwaͤrmt und die Geiſter ihren heim⸗ lichen Umgang halten. Hoͤre, mein Freund, Du biſt entweder ein Erz⸗ ſpitzbube, oder radical— doch’“— unterbrach er ſich ſelbſt, da er die mit jedem Augenblicke wachſende Verlegen⸗ heit Steinbergs und Eliſens bemerk⸗ te—„ein inquiſitoriſches Verhoͤr ſoll 8 193 nicht uͤber Dich verhaͤngt werden, darum daͤcht ich, wir machten einen kleinen Ausflug inH Freie; Du haſt ja ſo hier die Schweiz en miniature!“— Dceer Vorſchlag fand Beifall und nach⸗ dem der Kaffe eingenommen war, eilten die frohen Menſchen, gegenſeitig durch ihre Naͤhe begluͤckt, durch den Park hinaus in's Freie, dem nahen Felſen⸗ thale zu, welches in mannigfachen Kruͤm⸗ mungen das romantiſche Lauterbach um⸗ zog. Da war kein Punct, der nicht be⸗ ſucht, kein Berg, der nicht erſtiegen wor⸗ den waͤre, und ruͤſtig und ſchnell kletter⸗ ten ſo die zarten Maͤdchen, wie der wohl⸗ beleibte Alte, die glatten, abſchuͤſſigen Felſenwaͤnde hinan, wenn es den Ge⸗ nuß einer ſchoͤnen Ansſicht galt. An einem ſprudelnden Quell ruhten ſie aus, der ſich durch die Wieſe ſchlaͤn⸗ gelnd einen Weg gefunden hatte zu dem 13 194 nahen Abhange hin, von welchem herab er in ein ſchmales Bett fiel und ſich in dieſem bis zum nahen Tanntnwalde hin⸗ zog. Trefflich mundete den Maͤdchen die Friſche des klaren Bergwaſſers, als ſey es goldener Wein und ungern verließen Alle die freundliche Stelle, um mit Steinberg den Weg nach deſſen Lieb⸗ lingsplaͤtzchen fortzuſetzen. 6 Ihn als Fuͤhrer an der Spitze, be⸗ gleitete die Geſellſchaft den Lauf des zum Bache gewordenen Quells und drangen an ſeinem blumigen Ufer zugleich mit ihm in des Waldes heiliges Dunkel ein. Hier ward der Weg ſchon beſchwerlicher, oft konn⸗ ten die Maͤdchen den huͤlfreichen Arm der Maͤnner nicht entbehren, da ſich der mit Nadeln bedeckte Weg durch Buͤſche und Straͤucher ganz nahe an dem Fel⸗ ſenabhange fortwand, ſo daß der unge⸗ wohnte Fuß leicht ausgleiten mußte. 195 Tiefer brauſte der Quell, ſchon zum ge⸗ faͤhrlichen Waldbache erwachſen, ſich muͤh⸗ ſam durch die engen Felſenwaͤnde durch⸗ draͤngend, und ſchien ſich hier an ein⸗ zelnen Stellen ſickernd im Mooſe zu ver⸗ lieren, waͤhrend er wenige Schritte wei⸗ ter in Geſtalt eines Waſſerfalls toſend uͤber die zackigen Felsſtuͤcke hinab in den tiefen Abgrund fiel. Immer ſteiler ward der Weg und oft mußten die Frauen ruhen, um neue Kraͤfte zum Steigen zu ſammeln. Raſtlos troͤſtete Steinberg, das Ziel ſey nicht mehr fern und ermu⸗ thigt ſtieg man weiter und weiter, das Auge ſorgſam auf den Boden geheftet, um nicht zu ſtraucheln, oder gar zu fal⸗ len. Noch wenige Schritte und ein ent⸗ zuͤcktes Ach! entfloh den Lirpede der uͤber⸗ raſchten Wanderer. Der Wald oͤffnete ſich in einen mgel ſenvorſprung, von wo aus das reizendſte 13 † 196 Rundgemaͤlde ſichtbar ward, welches ſich lachend rings ausbreitete. Zunaͤchſt ſiel das Schloß Lauterbach in die Augen, welches am jenſeitigen Ufer des Stro⸗ mes den Felſen kroͤnte, von wo aus ſich das Doͤrſchen und der buſchige Garten weiter in die blumenreichen Wieſen hin⸗ auszog. Links begrenzte die Ausſicht die Reſidenz, welche im vollen Glanze der praͤchtigen Abendbeleuchtung ſtolz die um⸗ liegende Gegend uͤberſchaute, und von dort aus zog ſich der breite Strom durch das bald ſanfter, bald wilder werdende Thal, am Schloſſe vorbei, zur Rech⸗ ten hin, wo er⸗ zwiſchen den blauen Bergen glaͤnzend verſchwand. Unterhalb der Schauenden ſtuͤrzte ſich der maͤchtig angeſchwollene Bach Vanſthende in die triuſelnde Fluth. en 1 Die Sonne neigte ſich zum Unter⸗ gange und befriedigt eilte die Geſellſchaft, 197 dem Fuͤhrer freudig dankend, nach dem Ufer, wo ein Nachen die Ermuͤdeten aufnahm und ſicher durch die anſtreben⸗ den Wogen zum wirthlichen Schloſie aacfſebte 3 h Waͤhrend noch die tlrigen im Park verweilten, ging Steinberg mit Eliſen voraus. Sie traten ein in die trauliche Wohnung, und die an einander grenzen⸗ den Zimmer ſchweigend durchwandelnd, gelangten ſie endlich in das freundliche Stuͤbchen, wo die einſtige Herrin wir⸗ ken und walten ſollte. Auf Beide hatte der heutige Tag einen wunderbar maͤch⸗ tigen Eindruck gemacht und ſie in die weichſte Stimmung verſetzt. Eben glaͤnzten der Sonne letzte Strahlen durch die hohen Baͤume, die im Abendwinde hin und her wankend, zaͤrtlich mit einander zu fluͤſtern ſchienen zu den Liebenden heruͤber, die in den Gefuͤhlen unnennbarer Seligkeit verloren einander lautlos gegenuͤberſtanden. „ Ach, es iſt hier ſo praͤchtig ſchoͤn und doch ſo traulich und freundlich“— begann endlich ſchuͤchtern das holde Maͤd⸗ chen, indem ſie das ſchwimmende Au⸗ ge langſam zu dem Freunde empor⸗ hob—„und wohl wird ein recht ſegens⸗ reicher Eindruck mit mir zuruͤckkehren in die laute Reſidenz, wo in den rauſchend⸗ ſten Kreiſen doch die Menſchen verlaſſen ſind und arm an den reichſten Freuden des Lebens.“ „So wuͤrden Sie es wuͤnſchenswerth finden“”— entgegnete Steinberg freu⸗ dig—„den Sommer hier in ſtiller Ein⸗ ſamkeit zu vertrauern?“ „Wie kann man hier trauern,“— ſiel ſie warm ein—„wie kann man hier ſich einſam fuͤhlen, wo die bluͤhen⸗ de Natur in ſo trauten Toͤnen und Zei⸗ 199 chen zum Herzen ſpricht, wo dem harm⸗ loſen Menſchen ein ewig friſches Leben und Regen umgibt?“— Schnell ergriff der Juͤngling ihre zit⸗ ternde Hand, ſah ihr lange ſchweigend in die treuen Augen und mit leuchten⸗ den Blicken und klopfendem Herzen ſprach er zu der geliebten Jungfrau: „Eliſe! wollen Sie dies einſame Stillleben mit mir theilen, wollen Sie die Luͤcke ausfuͤllen, die mir an allen Orten, aber vor allen in dieſem Zimmer ſo mahnend in's Auge faͤllt?— Willſt Du mein liebes Weib ſeyn, Eliſe?— „Mein Edmund!“— ſtammelte un⸗ ter heißen Freudenthraͤnen das erbebende Maͤdchen; verſchaͤmt ſank ſie an die Bruſt des geliebten Juͤnglings und zum erſten Male erſchloſſen ſich einem Manne die keuſchen Widpene 200 Von den Ueberſeligen unbemerkt oͤff⸗ nete ſich die Glasthuͤre, welche zum an⸗ ſtoßenden Zimmer fuͤhrte und herein trat Graf Reufeld, am Arme Adelen. Wer beſchreibt Steinbergs freudiges Staunen, den dies Alles ſo ſchnell uͤberraſchte, wer ſeine ſtille Luſt, als er hoͤrte, wie wohlthaͤtig ſich Alles auch fuͤr ihn ge⸗ ſtaltet?— Noch ſtanden ſie in ſchwei⸗ gender Umarmung, als die Uebrigen her⸗ bei kamen, die ſchoͤne Gruppe zu voll⸗ enden. e e „Bravo, Bravo!“— rief Papa Moſer den Liebenden zu, die ihm gluͤck⸗ lich entgegen eilten. Segnend gab er ihre Haͤnde zuſammen, ohne Worte; zwar deutlich genug ſprachen die Thraͤ⸗ nen im Auge die Gefuͤhle des Innern aus.L., hn e „O, wenn's an's Segnen geht, Pa⸗ pachen,“— rief ſcherzend Kronfelz— 20⁴ „ſo ſind noch mehr Leute da, die der⸗ gleichen begehren!“ Haſtig zog er das ſchaͤmige Miͤdchen zum laͤchelnden Vater. „Auch Ihr, Kinderchen?“— ſprach der gluͤckliche Greis, voll frendiger Ruͤh⸗ rung—„ſo ſeyd gluͤcklich, wie ich es Euch vom Himmel erflehe und verlaßt den alten Papa Moſer nicht!“ „Nein, nein, liebes Vaͤterchen“— be⸗ ruhigte ihn Kronfelz—„den Sommer zie⸗ hen Sie zu uns heraus aufs Land, denn kund und zu wiſſen thue ich Jedermann, daß ich ſeit heute fruͤh wohlconditionirter Erb⸗Lehn⸗ und Gerichtsherr auf Fichten⸗ ſtein und ſomit meines Edmunds Nachbar bin; den Winter aber ziehen wir mit Ih⸗ nen zuruͤck in die Reſidenz und ſo iſt uns Allen geholfen 14 Freudig bewegt nahm Steinberg den Freund ans Herz und ſegnete den gluͤck⸗ lichen: Entſchluß, der ihm den ſchmerzlich vermißten Freund zuruͤckgab. Bin 5), So mußte es kommen und ſo hat es der Himmel gewollt!“— ſprach an⸗ daͤchtig, an die Bruſt ihres Molh ge⸗ lehnt, Adele. „Amen!“ toͤnte es ringsum und Alle fanden ſich in liebender Umarmung. 8 4 Bei dem Verleger dieſes Werkes ſind auch folgende Schriften erſchienen: Arminia, die Stiefmutter, oder Edwin und Theodore. Eine Erzaͤhlung. 8. 4826. Archibalds Abentheuer. Vom Verfaſ⸗ ſer der Stimme des Unſichtbaren ꝛc. „3 Thle. 8. 1825. Bogdan, C., Telesphor. Erzaͤhlung aus dem nordiſchen Kriege. 8. 1824. Buͤhren, A., das Feuerwerk, oder die ſeltſame Bekanntſchaft. Nebſt einem Brautwalzer. 2 Thle. 8. 4826. —— die Reiſe zum Martinsabend. Hu⸗ moriſtiſche Eezähluange Mit topographi⸗ ſcher Karte. 2 Thle. 8. 1825 Samilnn von Kreßburg, die Schickſalsbraut. 2 Thle. 8. 1824. Der Nabob in England, oder die Rach⸗ ſucht verſchmaͤheter Liebe. Aus dem Eng⸗ liſchen von A. F. Bucher. 2 Thle. 1826. S6l Die Schauerburg, oder Abentheuer Wu⸗ nibalds von Altenrothenburg. Ritterge⸗ ſchichte vom Verfaſſer des Veit von Hel⸗ menrodt(J. Falckh). 3 Thle. 8. 1825. Ehrich von Ulfingen. Rittergeſchichte aus dem 14ten Jahrhundert. 2 Thle. Mit Kupfer. 8. 1826. Ewald, die Rabenneſter und Wachtel⸗ buben. Erzaͤhlung aus dem Anfange des 15ten Jahrhunderts, zur Zeit der deut⸗ ſchen Herren in Preußen. 2 Thle. 1826. — Sandſteine. Geſammelte Erzaͤhlungen. 1s und 2s Baͤndchen. 1826. — das betruͤbte Thorn. Eine Erzaͤhlung aus dem Anfange des vorigen Jahrhun⸗ derts. 2 Thle. 1826. — die Bergleute zu Goslar. 3 Thle. 8. 1825. — der Friede zu Prag. 3 Thle. 8. 1825. — die Prinzeſſin vom Ilſenſtein. 8. 1825. — die Huſſiten vor Zittau. 2 Thle. 8. 1824. — die Schlacht am Kapellenberge. 8. 1824. — das Vogelſchießen zu Oſchatz. 8. 1824. Gilling, F. W., Otto von Wetterode. Romantiſches Gemaͤlde aus den letzten Jahren des 30jaͤhrigen Krieges. 3 Thle. Mit Kpfr. 8. 1823 u. 1824. Hildebrandt, C., Berthold von der Nidda, oder die Horde im Schwarzwal⸗ de. Ein Gemaͤlde aus der letzten Haͤlfte des 30jaͤhrigen Krieges. 3 Thle. Mit Knupfer. 1826. 123 94430 Hildebrandt, C., die Familie von Manteufel. Ein hiſtoriſch⸗romantiſches Gemaͤlde aus den Zeiten des Jjaͤhrigen Krieges. 3⸗Thle. 8. 1826. —— Ferdinand v. Waldau. 3Thle. 1825. Hildebrand, Th., Aurora, oder das ungluͤckliche Opfer des Mutterleichtſinns. Ein Gemaͤlde aus der vornehmen Welt. 2 Thle. 1826. —— der Brillant, oder die Raͤnberhoͤhle im Schwarzwalde. 2 Thle. 1826. —— die Doppelehe, oder das Geſpenſt zu Reichenſtein. 2 Thle. 1826. —— Mord und Rache. 2 Thle. Mit Kupfer. 8. 1825. == die Nebenbuhler. 2 Thle. Mit Ku⸗ pfer. 8. 1825.& n die funfzig Pſalmen. Ein ſchotti⸗ ſcher Roman. 2 Thle. 8. 1824. NJoͤrdens, G., der Adjunkt des Pfar⸗ Erers zu Friedau. 8. 1825. 8. 1825. — das Labyrinth der Liebe. 2 Thle. Karl und Anna, oder der Gipfel leichtſin⸗ niger Liebe. Zwei Erzaͤhlungen, aus dem Gebiete der Wirtluitelt entlehnt von A. S. 4826. Keufe, L., die Provinz zu Paris, oder die Klaͤtſchereien einer großen Stadt. Nach dem Franzoͤſiſchen. 3 Thle. 1826. —— ſieben Jahre. 4 Thle. 8. 1824. —— Jugendgeſchichte des Herrn de Mor⸗ biere. 3 Thle. 8. 1825. Leaae A., die Familie von Kron⸗ ſtein. 2 Thle. Mit Kupfer. 4826. —= Heinrich Walters ſeltſame Schick⸗ ſale zu Waſſer und zu Lande. 2 Thle. Mit Kupfer. 1826.. 0 —— der Cardinal. Spaniſche Inquiſi⸗ tionsgeſchichte. 2 Thle. Mit Kupfer. 1824. 8½ 8 —— Gerillo, der edle Naͤuberhaupt⸗ mann. 2 Thle. Mit Kpfr. 8. 1825. — Iſidore, Graͤſin von Sigowſe⸗ 8. 182 55 —— Leben, Unthaten und Ende des be⸗ ruͤchtigten Raͤubers Nickel Liſt. Nach Crim. Akten bearbeitet. 2 Thle. Mit Kupfer. 8. 1824. 84 Leibrock, A., Otto von Woͤlfenſtein. 8. 1824. Melindor, H., die Raubritter⸗ Ein hiſtoriſcher Roman aus der Geſchichte der Kucksburg auf der Teufelsmauer bei Blankenburg. 3 Thle. 8. 1826. —— Scherz und Ernſt auf einer Ba⸗ dereiſe. Eine Erzaͤhlung. 1826. Sellen, G., die Zwillingsburgen, der Weiberfeind, der Birnendieb. Nebſt nooch einigen Erzaͤhlungen. 84 1826. Schaden, A. v., Phantaſieſtuͤcke und Schwaͤnke. 8. 1825. —— Pumpernickels Tod. 2 Thle. 8. 1824. —— des Mainotenfuͤrſten Tertullian Sarvathy und des deutſchen Freiherrn von Maltitz Waffenthaten im heiligen Freiheitskampfe der Hellenen ꝛc. 2 Bde. Mit Kupfern. 8. 1824. Schoppe, Amalie geb. Weiſe, Gluͤck aus Leid. 2 Thle. 8. 1825. Tenelli, M., meines Oheims Flausrock. 8. 1824. Thurm von Ruthyna im Walliſerlande. 2 Thle. 1824. BVeit von Helmenrodt. Rittergeſchicht 2 Thle. 2te Aufl. 1825. Wodomerius, E., Eliſabeth von Frank⸗ reich, und Iwan. wei Erzhlungen. 4 8. 1825. —— das Trauxtſpiels Eißlans 8. 1824. Zeiten, andere, oder die Moͤnche von Lea⸗* denhall. Nach dem Engl. des Verfaſ⸗ ſers der Lollharden, des Calthorpe ꝛc., frei bearbeitet von Gedi Lotz. 3 Bde. dus. 1824. 3