Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher umd franzöſtſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —.— Leih- und Leſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblis othek ſteht zur Em⸗ vfananaynne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 8 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei S ückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3₰ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 48 b für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: A auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3— 5. Auswürtige Ahonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eine Ritter⸗ und Grittrgrſchchte n aus den Zeiten der Kreuzzuge. mu 2o, d. 7, . 5 Von dem Verfaſſer Adolphs von Bomſen und Veits von Helmenkobt, 5 122 8 Mannheim, bei SFobi as L ffte r. 8 1824.— „ Nitter Ufo von Freyſingen, von ſei⸗ von Winddeck gefallen— und n Taulich li liſpelnde Zephyre mit der Nachti⸗ gallen melodiſch abwaͤrtsſteigendem Ziehen und des uͤbrigen ſchnacken Geſieders floͤtendem Quodlibete geſchmuͤckt, und mit dem Dufte des reichgeglockten unſchuldigen Maibluͤm⸗ chens beladen, kuͤndeten den baldigen über⸗ gang des lauen Fruͤhlings zu den heißen Tagen des Sommers an. Die angenehm erquickende Kuͤhle des heutigen Abends, an welchem nem treuen Kuno gefolgt, auf dem am klaren Waldbache ſich hinebnenden Wege trappte, zog, unterſtutzt von der ſanften 1 Natur des erweiterten Gurxthales, me⸗ lancholiſche Saiten uͤber das in mancher Fehde ſchon erprobte Herz des eben ſo tapfern, als edeln Ritters. In einem Treffen mit den Sarazenen war neben ihm ſein Waffenbruder Coura edlen Gefühle, ſeine Pflicht als Waffenbruder treulich erfullen zu muͤſſen, erſchlug er in dem Toͤdter ſeines Buſenfreundes, Alahim, den Sohn eines Sarazeniſchen Anfuͤhrers, 8 wodurch die Schlacht mit dem gluͤcklichſten Erfolge fuͤr das Chriſtenheer ſich zwar be⸗ .* endigte; allein der edle u von vielen Wun⸗ den bedeckt, und den gebrochenen Worten ſeines ſterbenden Freundes:„Schuůͤtze du jetzt meine Mutter und ſey melner Elsbeth Bruder!“ tief erſchuͤttert, halbtod in das Fager getragen werden mußte.„ Langſam nur erholte er ſich hier auf ſei⸗ nem Siechbette, und alsd die glänzende Ritter⸗ 3 heiligte Staͤtte auf Golgatha die gekroͤnte Erndte ihres deutſchen Ehriſtmmuthes feierte, da ſchiffte ſich der biedere Ufo, den Worten ſeinem Kuno, trotz allen Bitten der uͤbrigen mathlichen Gaue die Bitte Konrads zu er⸗ füͤllen, und ritt jetzt durch den Vordergau die Gemarkung ſeiner Beſi ſitzungen, Burg idseck igegen. 1 ſchaar in dem glorreichen Einzuge an die ge⸗ ſeines gefallenen Freundes gedenkend, mit teutſchen Mersrichaft, ein, um in dem hei⸗ — —— 1 Sanfte Gefuͤhle der Erinnerung aus ſeie nen zarten Jugendjahren durchzogen ſeine . Phantaſie. Wie er dort an jener Eiche, hier am ſchroffen Fels und da am klaren Bache die freundlichſte Zukunft traͤumend, ſpielte, und in der tiefſten Wildniß ihm nur an der 8 4— Seite ſeines Freundes die Jagd am ange⸗ .4 nehmſten war, und wie ſo unſchuldig⸗zart. die kleine Elsbeth ihren Arm um ſeinen rauhen Nacken ſchlang, und ihm Blumen⸗ kraͤnze von helfariſgen Wicken und anderen 1 duftenden Waldbluͤmlein. gewunden, aufs 8 Haupt druͤckte. „Wie gluͤcklich waren jene Tage der frohen Kindheit!“ ſprach zu ſich ſelbſt d ſinnende Ritter.„Wie froͤhlich huͤpfte unde ſprang ich damals dem Mannesalter entg in welchem jetzt, als mit den Gefah Lebens bekannt, die ſteife Berſaht den leichten unſchuldigen Sinn verdraͤngt! Solchen Gedanken nachhaͤngend, konnte der bewegte Ritter nicht umhin, an dem ſcho⸗ — 6— ſeiner aͤngſtlich rufenden Mutter entriß, und ſo manches Eichhoͤrnchen mit Gefahr ſeines eigenen Lebens herabholte, damit jenes an der guten Schweſter Clsbeth eine noch ſorg⸗ faͤltigere Erzieherin ſinde, und ihr, ſodann gezaͤhmt, dankbar auf Schultermannd Finger⸗ chen fliegend und pickend, an den roſenfar⸗ 3 benen Lippen um ſeine Nahrung lalere — und durch ſeinen gezaͤhmteren Schlag in dem 4 guten Herzen des lieben Qi jene ſanfte Neigung erwecke, welche dann zu der alles umfaſſenden Liebe heranreift, und die⸗ ſes durch ſeine poſſierlichen Stellungen ihr klares blanes Auge bis zu Thraͤnen lachen mache— abzuſitzen und die Roſſe weiden zu laſſen. Kun o.(nachdem ſein Herr und er ab⸗ eſtieg en und Erſterer ſich niedergelaſſen hatte, nicht gekaut!— Sollt' auch traun meinen, ihr ſchmeckt's, daß es Neurath waͤre, wird euch aber bald nicht mehr behagen, ſo ihr den vaterlaͤndiſchen Hafer wieder vollauf zu den Roſſen)„Haht ſchon lange das Futter kriegt!— Bin doch baß begierig, was da⸗ heim der alte Streithengſt macht, ſo ihr in ———— ——————— —— 3 3 7 den Marſtall trappt, koönnt ihm mein Seel viel erzaͤhlen! Meint ihr's nicht auch, geſtrenger Herr!“* Ufo.(aus ſeinen Gedanken erwachend) „Was litaneiteſt du denn eben ier? Hab traun nicht denſ geachtet!“ Kugo.„Weiß nicht, je naͤher ihr der Heimath kommt, deſto ſtiller wird unſer Zug und mein Gaul will gar nicht mehr hinter euerm Hengtte bleiben.— Spintiſirt gewiß wie ihr ſo recht verblumt die freilich traurige Kunde vom Ritter Konrads Tod auf Winds⸗ cck der alten Mutter und dem ſchone⸗ jungen, guten Fraͤulein herlitanclen- 4 mir nicht uͤbel, ich mein's eben, gerad heraus damit ſey die beſte Art.— Weint ſich ja ſo manche alte Mutter und junge Dirnen uͤber den im heiligen Lande gefallenen Sohn und treuen Bruder die Auglein roth, ſo mag ſich wohl der guten Alten und des jungen Fraͤuleins ſonnenklares Augenpaar auch etwas um den edlen Konrad nun trüben! Hals auch verdient der tapfere I 'swird mir ſelbſt jetzt noch ganz ſchwüͤl ms. Herz, wenn ich daran denke, der S — — 8— Nitter mit ſo vielen Wunden uͤberſaͤt, lei⸗ chenblaß in unſer Zelt getragen wurde.— Gott hab' ſeine aume Seele ſelig!“ Ufo.„Ja mi t ihm iſt mir der treuſte Buſenfreund gefallen!— Wie gluͤcklich waren doch noch jene Tage, an welchen wir mit dir, treuer Kuno! hier an dieſen Eichen uns herumtummelten, und wir dich baten, doch von deinen fruͤheren Zuͤgen mit meinem und meines Freundes ſeligem Vater zu erzaͤhlen!“ Kuno.„Und beſonders gern habt ihr von dem geharniſchten Geſpenſte, das dort am Ra⸗ bengrunde ſich ſo haͤufig ſehen ließ, gehoͤrt.— Wißt ihr noch, Herr Ritter! wie damals ihr ſo ſehnlich wuͤnſchtet: es doch auch ein⸗ mal zu ſehen, ſprechen und ſogar erloͤſen zu können, und euch dann der ſeelige Konrad mit Recht von euerem Wunſche abrieth?“ Ufo.„Gott gebe, daß es jetzt zur Ruhe iſt!— Doch komm wir wollen ſehen, ob ſich in jener Waldſchlucht noch die vor unſerem Epheukränze befinden, die Elsbeth fuͤr uns — ⁰--— ei. 2 Abzuge gen Palaͤſtina dort aufgehaͤngten 91 ————— — — 9.— Sie gingen; doch wie ſtaunte Ufo und mit ihm ſein treuer Knappe, als ſie den einen noch ganz friſch und grün, als ob er geſtern erſt gewunden worden, den andern aber verduͤrrt und blätterlos fanden. Starre Verwunderung feſſelte ihnen lange die Zunge, bis endlich Ufo mit den Worten:„Ja, theurer Freund, wie hier dein Kranz, ſo i*ſt auch deine Huͤlle jetzt verduͤrrt und welk; doch der Gruͤne ſey nun fuͤr dich und bleibe ewig friſch und jung, wie mein Andenken an dich ſtets neu erbluͤhet!“ die Stille brach. Sprachs, da rollte fuͤrchterlich aus der Ferne her ein ſchwerer Donner, dem alsbald ein kreuzender Blitzſtrahl folgte, und noch ehe ſie den Wieſengrund erreichen konnten, hatte ſich das Gewitter in das Thal gezogen, wo es ſich zwiſchen die Berggipfel haͤngend in heißen Schlaͤgen und ſtarken Regengüſſen, welche das ganze Thal in einen truͤben Ser zu verwandeln drohten, entlud. Schauerlich ſchoͤn erleuchteten die elek⸗ triſchen Zickzacke die ſchwarzumwoͤlkte Natur, und im mehrfachen K cho verſtaͤrkt, rollten mit ſchreckbärem Krachen beſtuͤndig die g * — 10— theilten Wolken wieder zuſammen und ſchienen die erzuͤrnte Stimme der Gottheit ſtummt ihre floͤtende Kehle; nichts als das Rauſchen des angeſchwollenen Waldbaches war hoͤrbar, und ſo nun das anmuthige Thal zum fumhtbarſtn Auſenthaltzorte ge⸗ worden. — Nie hatte ufo noch eine ſchrecklichere Naturſcene erlebt; doch er, der fromme, tapfere Ritter vertraute feſt auf die Allmacht Gottes, und dieſe preiſend, nannte er ſei⸗ nen Freund gluͤcklich, ſchon jenſeits zu ſchwe⸗ ben und den Ewigen ſchauen zu duͤrfen; allein Kuno, zu ſehr dem Gedanken der ihn um⸗ ſchwebenden Gefahr nachhaͤngend, konnte ſeinen Unwillen uͤber das lange Zoͤgern ſei⸗ nes Herrn nicht unterdruͤcken, und eben nen, da fuhr noch einmal ein maͤchtiger Blitzſtrahl zwiſchen das lichter gewordene Ge⸗ ihnen gegenüberliegenden Berges ſtehende, am juͤngſten Gerichte zu verkuͤnden. Ver⸗ ſcheucht war das furchtſame Gefieder, ver⸗ wollte er dieſen zum eiligen Aufbruche mah⸗ wolke hindurch in eine, auf dem Gipfel des 8— alte Eiche, daß ſie kniſternd in eine helle 4 — — mes ſein Ziel geſetzt, denn es hatte ſich mit der ihm nun heftig entgegen heulende Orkan 1— 11— Flamme aufloderte, und einen auf dem ihr nahen alten Gemaͤuer niedergeknieten, voͤllig geharniſchten Ritter beleuchtete, welcher nun aufſtand, ſich umſah und dem nach ihm hin⸗ blickenden Ufo freundlich winkte. Es ſchien, als habe das Wetter in die Zer⸗ trüͤmmerung dieſes hundertjaͤhrigen Stam⸗ dem letzten Schlage völlig entladen, und hörte nun auf. Der Regen ließ nach, und durch den ſich erhebenden Wind wurde das Gewoͤlke bald wieder zerſtreut; doch die Wege waren nun ſchluͤpfrig und ungewiß, und des Baches ſchmales Bett zum breiten Flußufer gewor⸗ 4 den. Ufo mußte deßhalb, da er trotz den Widerreden ſeines heimeilenden Kunos, der ihm geſagt, daß dieſes gewiß der ſchon oft. erſchienene Geiſt ſey, dem Winke des Ge⸗ harniſchten folgen wollte, mit Muͤhe uͤber den breiten Bach waden, und dann mit noch größerer Anſtrengung bergan klimmen, denn oft, wenn er ſchon glaubte, die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt zu haben, trieb ihn 9 4 auf ſeinem ſchluͤpfrigen Pfade wieder ruͤck⸗ waͤrts, und Kuno mußte allen ſeinen Muth. und alle ſeine Kraͤfte ſammeln, um das nun ſchon ſo oft mißlungene Unternehmen wieder von Neuem beginnen zu können. Endlich ſchien es ihnen gelingen zu wollen, 4 denn ſchon wollte Ufo ſich an den letzten Steamm anſtemmend, die Hoͤhe erſchwingen, da wurde der Windſtoß ſo heftig, daß er zu Boden ſiel, und ſammt ſeinem Knappen 1 wieder in die Haͤlfte des Berges herabrollte. Mit Rieſenkraft raffte er nun ſich wieder 4 zuſammen, und drang vorwaͤrts. Kuno folgte ſeinem Beiſpiele, und ſo gelang es ihnen wirklich den Gipfel zu erreichen. Hier ſtanden ſie nun. Des Mondes fahles Licht beleuchtete ſchwach die maleriſche Gegend, in welche ſie eine ergoͤtzende Aus⸗ ſicht genoſſen. Der Wind hatte mit Einem⸗ male aufgehoͤrt zu heulen, und nur der frühere Zephyr wehte; allein nirgends war jetzt mehr die geharniſchte Geſtalt zu ſehen. Hieruͤber verdroſſen, und erſchoͤpft von 4 der großen Anſtrengung, ließ ſich Ufo mit ſeinem keuchenden Knappen auf das ver⸗ ———y— — 1— 1 fallene Gemaͤuer nieder, und ſchaute nach der Richtung hin, in welcher nach ſeiner Meinung Burg Winddeck liege, ſich ent⸗ ſchließend fuͤr heute Nacht auf dieſer Berg⸗ ſpitze zu uͤbernachten. 3 Bald wiegte der Schlaf ſeine ermatteten Glieder in ſanfte erquickende Ruhe, und be⸗ b freite ihn von ſeinem Unwillen uͤber die bis zu dieſem Orte umſonſt bekaͤmpften Hinder⸗ niſſe; auch Kuno entſchlief an ſeines Herrn Seite, und beiden mußte das ziemlich breite 4 Gemaͤuer zu ihrer Lagerſtaͤtte dienen, welches umgeben von beſchattendem Geſtraͤuche, ſie doch einigermaßen vor der Kuͤhle der Nacht ſchuͤtzte. Maͤchtig nahete jetzt die grauſenvolle Mitternacht heran, und mit der erſten Mi⸗ nute des kommenden Tages wurde Ufos Rechte von einer eiſig kalten Hand geſchuͤttelt. Er fuhr auf, ſah um ſich, und die gehar⸗ niſchte Geſtalt ſtand jetzt dicht neben ihm. So muthig auch Ufo immer war, durch⸗ 4 rieſelte dennoch jetzt ein eiskalter Schauer all ſein Gebeine, und die bei dem Mondſcheine immer gröͤßer zu werden ſcheinenden Roſt⸗ — 14— flecken an der Ruͤſtung der vor ihm ſtehenden Geſtalt machten einen aͤußerſt widrigen Ein⸗ druck auf ihn. Ernſt aber wohlwollend blickte ihm eine Zeitlang der Geharniſchte in's Auge, dann aber begann er mit dumpf⸗wehmuͤ⸗ thigem Tone:„Edler Juͤngling! Ufo von Freyſingen! Heil mir, daß du gluͤcklich wie⸗ dergekehret aus dem heiligen Lande, und nun ſchon kraͤftigen Muthes die Hinderniſſe uͤberwandeſt, welche dir bis hierher den Weg erſchwerten, denn du biſt in dieſem Jahr⸗ hunderte der Einzige, der meinen Geiſt zur ewigen Ruhe befoͤrdern kann.— Wiſſe, vor zweihundert Jahren hauſte ich als freier Rit⸗ tersmann unter dem Namen: Boſo der Wilde vom Lindenfelſe, in mancher nächtlichen Stunde meinen Stamm mit den zuͤgelloſeſten Thaten befleckend, hier. Doch denke nicht, daß dieſe beſchraͤnkten überreſte, ddie du hier ſiehſt, die Pracht alle haͤtte faſſen koͤnnen, an die mein irrdiſches Auge von frͤher Jugend an ſchon gewoͤhnt war; nein! dies alte Gemaͤuer erhob ſich ehemals als mein Raubſchloß nur, in welchem ich die Dirnen verbarg, welche meine Sinnlichkeit 8 9 — 15— ſich auserkohr, und das mit meiner eigent⸗ lichen Veſte, vier Stunde weit von hier, dem Lindenfelſe, durch einen unter⸗ irdiſchen Gang in Verbindung ſtand. Schwere Suͤnden belaſteten mein Gewiſſen, als es vor dem Ewigen erſchien; doch auch manches Gute war hier durch meine Hand geſtiftet, ich ward deßhalb von der allmaͤchtigen Guͤte zwar nicht verdammt, allein zuviel unſchuldig ver⸗ goßnes Blut roſtete an meinem Schwerdte und meiner Ruͤſtung, und dieſes wog gar ſchwer und ſchrie um Rache. Des Allge⸗ rechten Ausſpruch wieß mich daher zuruͤck auf dieſe Erde, damit ich auf ihr durch meine Handlungen die Zahl der guten mit der meiner boͤſen Thaten ausgleiche. Jedoch nicht dies allein kann meinem Geiſte die ewige NRuhe ſchenken, noch andere Bedingniſſe ſind hierzu zu erfuͤllen, und zwar durch eines Menſchen Hand, aber leider wird in jedem Jahrhunderte nur ein Einziger geboren, der die Eigenſchaften beſitzt, welche, jene zu er⸗ fuͤllen, ihm noͤthig ſind. Du Ufo biſt in dieſem Jahrhunderte nun der, welcher ſie be⸗ ſitzt, und mein Erſcheinen hier iſt deßhalb — 16— nicht ohne Eigennutz, denn ich habe ſchon ſeit Jahren ein felſenfeſtes Vertrauen auf dich geſetzt, und ſo dir ein fuͤhlend Herz im Buſen ſchlaͤgt, mußt du gewiß alle deine Kraͤfte aufbieten, mich zu erloͤſen von der Hoͤllenpein, die mir durch das Wandeln auf dieſer unvollkommnen Welt auferlegt iſt. Und wuͤrdeſt du mein Flehen deßhalb nicht erhoͤren, ſo muͤßte ich von neuem jene lange Reihe von Jahren wieder in dieſem fuͤrchter⸗ lichen Jammerthale durchziehen, in dem mir jeder Stein und jeder Strauch mit ſchrecken⸗ voller Stimme zuruft:„Moͤrder der zunſchuld, weiche hinweg!“ „Jetzt vernimm erſt meine unerhörten Grauſamkeiten, die ich begann, doch wende nicht voll Abſcheu dich von mir, ſondern laß bei dir mich Mitleid finden.” Ufo.„Hoffe getroſt, denn deine eigene Anklage zeigt ſchon von geringerer Straf⸗ barkeit.“ Geiſt.„Du irreſt. Die Reue kommt bei dem Menſchen groͤßtentheils erſt wenn 85 zu ſpät iſt.“ 3 ſo oft in ſeiner Unterredung dein Stunden⸗ Ufo.„O armer Geiſt! So wahr mir Gott helfen und mich leiten moͤge, will ich, wenn's in meinen ſchwachen Kraͤften liegt, dein Leiden enden.) 8 Geiſt.„Schon in deinen fruͤhen Jugend⸗ jahren freute ich mich uͤber deinen feſt ent⸗ ſchloßnen Willen, deinen Wunſch, mich zu erloͤſen.“ Ufo.„Wiel! waͤrs moͤglich? du den⸗ noch der Geiſt von dem—“ Geiſt.„Dein ſchlafender Knappe hier ſo vieles Falſche zu erzaͤhlen wußte, und kuͤrzer war.“. Ufo.„Nun ſo verſcheuche du jetzt mit der Wahrheit deiner Thaten meinen Schlaf und beginne.“ Geiſt.„Ja alles ſollſt du hören, und beſtehſt du dann nach der Beendigung meiner Rede noch auf deinem jetzigen Willen, meinen Geiſt zur ewigen Ruhe zu befördern, ſo er⸗ fahre auch die Belohnung, welche nach voll⸗ brachter That, im reichſten Maaße dein harret.“— — 18— „Noch zaͤhlte ich nicht vollkommen das ſechszehnte meiner Jahre, da machte mich der Tod meiner Eltern, denen alle meine andern Geſchwiſter ſchon vorangegangen waren, zu fe minderjaͤhrigen Waiſe. Als der Jungſte menſer Geſchwiſter hatte ich von jeher großes Vorrecht in meiner Handlungsweiſe, und obſchon mich mein Vater in ſeinem letzten Willen der Obhut unſeres alten ehrlichen Burgvoigtes, bis zu meiner vollkommenen Volljaͤhrigkeit uͤbergab, ſo konnte dieſer meinen ſchon zu ſehr an Eigenwillen gewoͤhnten Sinn nicht mehr beugen, und bezweckte mit ſeinen wohlge⸗ meinten Lehren nichts, als meinen Haß. Bald erwachte in mir jener himmliſche Trieb zur Liebe, wozu die Schmeicheleien, welche mir meiner jugendlich ſchoͤnen Geſichts⸗ und Koͤrperbildung wegen manches Weib und mmanche Dirne ſagte, nicht wenig beitrugen; allein nicht mein Herz, ſondern meine Sinn⸗ lichkeit wurde von ihr eingenonn.. Das erſte und gleich recht ſchaͤndliche Bubenſtuͤck, welches ich veruͤbte, war, daß, ihnen die heißeſte und aufrichtigſte Minne — 19— Ff heuchelnd, ich die beiden Toͤchter des Grafen von Rauhberg, der fuͤnf Stunden weit 3 von meine Feſte ſeine Burg hatte, in mein 8 Netz zu hamen wußte, ſie verfuͤhrte und dann der Schande und ihrer Verzweiflung uͤber⸗ ließ.—Zwar bekam ich hierauf Fehde mit dem alten Grafen und ſeinem Sohne, jedoch auch Beide hauchten, der Staͤrk' und Schaͤrfe mmeines Schwerdtes unterliegend, unter den füuchterlichſſen Fluchen uͤber mich, ihr ritter⸗ liches Leben aus. Jetzt wollte mich mein —. Burgvoigt von meinem unheilbringenden Wege durch Ermahnungen abbringen, aber leider es war ſchon zu ſpaͤt, denn der Keim— zum Boͤſen hatte bereits zu tiefe Wurzel bei mir gefaßt. Ohne ihn zu hoͤren, ließ ich hier mein Raubſchloß bauen, damit ich ungeſtoͤrt und außer ſeinen Augen mein ver⸗ ruchtes Weſen treiben konnte. Die meiſten meiner Knappen waren mir recht herzlich zugethan, denn ſie liebten bald das zuͤgelloſe Leben, das auch ihnen vielen Genuß ge⸗ waͤhrte; denn ſtach mir ferne oder nah' eine ſchone Dirne in die Augen, ſo mußte ſie, es mochte kommen wie es wollte, hierher, — 20— Unſchuld zu beweinen und daͤn der Noh⸗ den. Doch nicht allein die Dirnen, ſondern auch die Weiber der benachbarten Ritter wußte ich entweder durch Gewalt oder Liſt zur Schaͤndung ihres Chebettes zu zwingen. Dieſen heilloſen Lebenswandel, den ich noch mit Wegelagerungen und Neckereien an den Pfaffen vermiſchte, fuͤhrte ich mehrere Jahre ohne auch nur im Geringſten die Er⸗ mälſmungen meines Burgpoigtes zu beachten; doch als ich eines Tages wieder zu ihm auf 1 meine Feſte kam, da donnerte er mich ob — meiner ſchaͤndlichen That, die ich kurz zuvor an Ritter Eckſteins Gattin veruͤbt hatte, S. f XN Flamme mißbrauchte, und ſie bei der Ruͤckkehr ihres Gatten die Folgen meiner unkenſchen Liebe unter ihrem Herzen tr rug⸗ weßhalb ſie Eckſtein mordete, und bald dar⸗ um erſt in meinen Armen ihre gefallene heit meiner Knappen Preiß gegeben zu wer⸗ 8 indem ich ſie, waͤhrend ihr Gemahl im heiligen — Lande focht, ebenfalls zu meiner unreinen Kuf in ſchrecklichem Wahnſinne ſein Leben 1 endete— recht freiſam an, und wollte die von meinem ſeeligen Vater erhaltenen Rechte — 21— ſ5 uͤber mich geltend machen. An Unterwuͤr⸗ ſigkeit war jedoch bei mir nicht mehr zu dene ken, ich foderte ihn daher zum Zweikampfe heraus, und da er ſeines hohen Alters wegen, dies nicht wollte, ſtieß ich ihm mein Schwerdt durch ſeine ehrliche Bruſt, daß ſich der Greis, in ſeinem Blute waͤlzend, die ein⸗ zelnen Silberhaare aus ſeinem Schuͤdael raufte. Sein letzter Hauch war ein ſchreck⸗ licher Fluch uͤber mich, vnd jenſeits ward die Unthak mir gleich dem Vatermorde — gerechnet.— Ich zog von dieſem meinem fruͤheren Aufenthaltsorte zuruͤck auf meine Feſte, und. lebte eine Zeitlang ruhig. Eines Tags aber, als ich auf der Jagd in meinem Forſte mich zerſtreuen wollte, begegnete mir ein wunder⸗ ſchoͤnes Fraͤulein. Ich begruͤßte ſie freunde ſcch und erfuͤhr aus ihrem Munde mit himm⸗ liſch ſuͤßer Stimme, daß ſie ſich Klara von Hochhorſt nenne⸗— Zu erfahren war ich ſchon, als d nicht alsbald die Gunſt des ſchönen chens haͤtte gewinnen ſollen. ein auf ihres Vaters Feſte 2e e., A A ean —— — 22— nicht des andern Tages die Sonne den Oſten 5 roth gefaͤrbe, da ſprengte ich ſchon den Weg 3 1 6 dahin. Ich kam und wurde freundlich auf⸗ genommen. Ihr Vater, ein ſchon ſehr be⸗ tagter C Greis, machte mit ihr den ganzen Familienzirkel⸗ aus. Auch b bald hatte ich den alten Hochhorſt fuͤr mich gewonnen, und taͤglich war ich nun ſein Gaſt. Der Verſtellung war ich Meiſter, und konnte deßhalb bald den Alten glauben machen, daß ſeine geſchwaͤtzige Zunge mich ſo oft zu ihm führe. Ich lobte ſeinen ſchönen Burg⸗ garten, und konnte immer ungehindert dahin hinab eilen, wo denn jedesmal mein Aug' und, Ohr ſich nicht an der ſchoͤnen Ausſicht und dem Geſange der Vögel, wie ich vor⸗ gab, ſondern an Klaras ſchoͤner Geſtält unnd ihrer ſüßen Stimme weidete. So war es denn auf St. Klara, ihrem Namensfeſte, als ich wieder mit ihr in den Zwinger wandelte, und ſie durch die hintere Pforte zu locken wußte, daß ich ihr 12 himmliſchen Unſchuldskranz entwand. Mit heißer Minne⸗ troͤſtete ich die Gefallene, und Mlte ihr n mit unzaͤhligen Kuͤſſen * das iſt dein Werk!“ raunte — 23— als ſie nach einem Monate lren verän⸗ derten Zuſtand gewahrte. Doch denke dir die Wuth des alten Vaters, als nach einem halben ben Jahre auch er den Zuſtand ſeines einzigen ndes ſa ſah. Er zwang ihr den Namen ihres Scaͤnders ab, und ſtieß ſie dann in die froſtige Mitter⸗ nacht hinan. Mit dem Fruͤheſten des andern Morgens ritt ich ſchon den Burgweg der Hochhorſt hinan, doch plötzlich wieherte, nahe an der aͤußern Ringmauer, mein Roß, und gieng nicht mehr von der Stelle. Ich ſah mich um, und alle meine Haare ſtraͤubten ſich empor, denn K lara Aag⸗ hier entſeelt am feuchten Boden, einen unzeitig gebornen ködn Knaben in ihrem rechten Arme hal⸗ tend. Meine Gebeine ſchlotterten und eis⸗ — . kalter Schauer durchrieſelte meinen Koͤrper. Lange mag ich wohl hier gehalten haben und endlich auch abgeſeſſen ſeyn, denn ſchon war die Soͤnne hoch geſtiegen, als mich endlich des alten Vaters entſetzliche Stimme aus meiner Sinnenloſigkeit weckte.„„ — 24— Ohr. Was mir die Vorſehung noch guͤtig zur Stuͤtze meines Greiſenalters ubrig ließ, das raubte deine ſchaͤndliche Wolluſt mir; doch nun beende auch dein die Hölle noch uͤbertreffendes Werk!— Morde auch mich, und dann fahre dem Satan mit it deiner teuf⸗ liſchen Seele entaeagen,— Deln un⸗ ſeeliger Geiſt aber irre noch viele Menſchenalter hindurch auf dieſer Erde, bis du durch gute und edle Thaten dieſe und alle, die du boshaft veruͤbteſt, wledr au⸗ gleicheſt, underſt, wenn deine Hulle zu Staub und Aſche, ja zu den. kleinſten Sonnenſtaͤubchen verweſet iſt, gehe dein Geiſt zur ewigen Ruhe ein!? Ich war unfaͤhig etwas zu thun oder zu denken, und meine zitternden Beine trugen kaum noch meinen Köͤrper, da ſchrie der alte Greis nech einmal:„Süehe dein Werdt rdt und durchbohre mein Herz! Gleich d d tengeripue ſchollerten jetzt meine Gebeine, da durchbohrte urplötzlich Hochhorſt finte Aüle Herz, und ſtieß dann eben ſo — 25— ſchnell mit verjuͤngter Kraft das von ihrem B riefend dt i Blute noch triefende Schwerdt in meine Bruſt, daß ich zuſammenſiel, und ohne Buße, ohne Reue, nur noch die ſchrecklichen Worte des wuͤthenden Greiſes hörend:„Im Tode noch vermiſche ſich dein buh⸗ leriſches, teufliſches Blut mit dem meines Kindes, und roſte ewig an deiner Ruͤſtung!“ ſtarb⸗ Mälne korperliche Huͤlle ließ er mit der ſeiner Tochter und unſeres Kindes um Mit⸗ ternacht an meine Feſte bringen, wo meine Knechte die Meinige alsdann in die Gruft meiner Ahnen trugen, doch Klaras und un⸗ ſeres Kindes entſeelte Koͤrper verſcharrten ſie in dieſem Walde hier. Mein Geiſt aber flog zu dem Richter⸗ ſtuhl des allgerechten Weltenrichters empor. An der Pforte ſeines richtenden Thrones donnerte mir jedoch ſchon eine fuͤrchterliche Stimme entgegen:„Fort Suͤnder von vn Tehae Du dal s 1 1 Hochherft 8 Spruch erfullet h — 26— Jetzt nahet meine Stunde, edler Juͤng⸗ ling! in der ich wieder in meiner dunkeln Gruft erſcheinen muß. Du kennſt bis hier⸗ her nun mein wohlverdientes Schickſal; mit der morgigen Mitternacht aber komme ich wieder zu dir, und dann will ich vollenden. Stille indeß deinen und deines Knappen Hunger und Durſt mit dem Imbiße und Trunk, den ich fuüͤr euch in jenem geraͤu⸗ migen Behaͤlter, den du leicht findeſt, ſo du um die Ecke beugeſt, einige Steine weg⸗ raͤumeſt und die dann ſich zeigenden Treppen herabſteigeſt, aufbewahret habe. Bis dahin gehab' dich wohl, ſey wacker und bete!“ Sprachs, da rauſchte es durch das Ge⸗ buͤſche und ver ſchwunden war der Geiſt. Doch Ufo, nachdem er noch einmal feſt bei ſich beſchloſſen hatte, Wort zu halten, und all' ſeine Kräfte aufzubieten, den irrenden Geiſt von ſeinen Leiden zu befreien, weckte ſei⸗ nen Knappen und ſuchte mit dieſem, da es ihn 3 ſehr hungerte, den bezeichneten Behaͤlter auf. Wie groß war aber des ſchlaͤſcigen Knap⸗ pen Staunen, hier in dieſem oͤden Orte ein geraumiges Zinmner mit wohlbeſetzter? Tafel mé 3— 27— zu ſinden! Ufo machte ſich alsbald uͤber die gefuͤllten Humpen und das ſchmackhafte Wildpret wacker her; doch Kuno, dem das Auffinden dieſer Speiſen, und uͤberhaupt dieſes Behaͤlters zu unnatuͤrlich, und nicht mit rechten Dingen zugehend, erſchien, gab vor, lieber dem bittern, ſchrecklichen Hunger⸗ tode entgegen gehen zu wollen, als auch nur etwas hier zu genießen. Ufo ſchmaͤlte zwar lange mit ihm uͤber ſein unzeitiges Mißtrauen, vermochte jedoch nicht einmal, ihm ein Stuͤck von dem ſchoͤnen weißen Kloſterbrode aufzudringen, und waͤhrend er das in der Ecke des Gemaches bereitete Stroh⸗ lager ſuchte, um gemaͤchlicher darauf ruhen zu koͤnnen, ruͤckte der furchtſame Knappe einen altgeformten Seſſel in die Mitte des Gadens, um ſich, die erleuchtende Lampe vor⸗ her noch unterſuchend, mit gezogenem Flamm⸗ berge darauf nieder zu laſſen, und ſo, mit gen den Eingang gewandtem Antlitze, des Kom⸗ menden gewaͤrtig, ſeinen Herrn zu beſchuͤtzen. Umſonſt aber waren alle ſeine Ruͤck⸗ erinnerungen an die verſchiedenenen Gluͤcks⸗ und Ungluͤcksfaͤlle, welche er mit ſeinen — 28— Herrn auf dem nun gluͤcklich vollendeten Zuge nach dem geheiligten Lande erlebte; umſonſt die Wiederholung der Fehden und Turniere, die er mit ſeinem alten Gebieter, Ritter Berthold von Freyſingen, Uifos ver⸗ blichenem Vater, in ſeinen frohen Jugend⸗ jahren, als deſſen Leibknappe beſtanden und bezogen hatte, denn für heute war ſein Geiſt unnd Köoͤrper zu erſchöpft, als daß er hiermit ſeine Schlaf verlangende Natur haͤtte be⸗ ſchwichtigen und uͤberwinden koͤnnen. Und ſo hatte ſchon die dem Horizonte weit ent⸗ wichene Sonne durch die weiten Spalten des Gemaches ihre erwaͤrmend⸗leuchtende Strahlen geworfen, als jetzt der erquickte Ufo ſeinem niederen Lager entſprang, und dem ſchnarchenden Knappen mit den Worten: „Nun du haſt traun ehrlich gewacht!“ auf die 4 Schulter klopfte. Sie ſtiegen nun die Treppen wieder hinauf, und nie hatten ſie reitzender und anmuthiger das erkuͤhlte Thal in dem Ab⸗ Alanze der Morgenſonne ſchwimmen ſehen, als heute, wo an deſſen entgegengeſetzter Bergbe⸗ graͤnzung lichte; Nebelſchleier hiengen, welche ſich eben zu zarten Roſenwolken vertheilten. — 20— Wonnige Gefuͤhle durchzogen des Ritters Phantaſie, da ertoͤnten von der Ferne her die Silberklaͤnge einer Glocke, und luden ihn ein, ſein Gemuͤth im frommen Gebete zu dem Ewigen zu erheben, in welchem er ihn um ſeinen goͤttlichen allmaͤchtigen Bei⸗ ſtand, fuͤr die ihm beſtimmte Erloͤſung des Geiſtes, recht inbruͤnſtig bat, und aus dem ihm das nahe bekannte Wiehern ſeines Streithengſtes wieder weckte. Ohne lange uͤber den ſonderbaren Zu⸗ fall, daß ihre Roſſe, welche ſie doch an ver⸗ floſſenem Abende unten in dem Thale zu⸗ rüͤck gelaſſen hatten, ſich nun hier befanden, zu ſpintiſiren, ward bei dem Anblicke der⸗ ſelben die Idee, heute bei dem ſchoͤnen Tage die ſchon ſo lange nicht mehr durchzogene Gegend wieder einmal zu begruͤßen, plotzlich zu dem Lieblingsgedanken des jungen Ritters, und ſo ſehr auch ſein Knappe das endliche Einziehen auf die heimathliche Burg vorzog, ſo mußte er ihm doch folgen. Sie beſtiegen die geduldigen Pferde, nach⸗ dem Ufo noch einen vollen Humpen zu ſich genommen, und Kuno auf deſſen Geheiß — 30— 1 die Steine an dem Eingange zu dem ge⸗ fundenen Gaden wieder geordnet hatte, und ritten den wieder feſt gewordenen ziemlich breiten Burgweg hinab, dem lebendigen Forſte entgegen. Mit dem Gedanken, was wohl die kommende Nacht der Geiſt mit ihm reden, und worin das ihm bevorſtehende Ge⸗ ſchaͤft der einmal uͤbernommenen Erloͤſung deſſelben beſtehen werde, beſchaͤftigt, ritt Ufo ſinnend die ſchmaler werdenden Wald⸗ wege entlang; doch der ihm nachtrappende Kuno gedachte einige Liedchen zu pfeifen, um ſich des unangenehmen Gedankens an die ſonderbare Grille ſeines Herrn, der das unzeitige Umherirren in dieſen unwirth⸗ baren Wildniſſen der gewoͤhnlichen Ruhe und der ihnen und ihren Roſſen ſo nöthigen und wohlthuenden Erholung von de rlangen beſchwerlichen Reiſe vorzog, zu entſchlagen. Ufo, ind pfiff Kuno die Zeit welcher der Schatten durch der Sonne ſenkrecht herabfallenden Strahlen ſich am meiſten verkleinert, und durch die Hitze gedruͤckt, der Wald a am ſtilleſten wird; 4 1 — 31— und eben gedachten Beide, da ſie einen von dem unangenehm⸗niederen Geſtraͤuche leeren, aber von aͤſt⸗ und blaͤtterreichen Hochſtaͤmmen beſchatteten, zur Ruhe und Abwartuug der heißeſten Tageszeit einladenden Raum er⸗ reicht hatten, abzuſetzen und ihre Roſſe weiden zu laſſen, da drang urploͤtzlich die weinende, um Huͤlfe rufende Stimme einer Dirne durch die ſtill⸗zitternde Luft zu ihren Ohren. Sie horchten, und bemerkten deutlich, wie der Laut ihnen immer naͤher und naͤher komme, und endlich mit einer rauhen don⸗ nernden Mannesſtimme ſich vermiſche. Dies war genug um das edle Blut des jungen Ufo in Wallung zu ſetzen. Schnell war ſein Schwerdt feſter geguͤrtet, der Helm⸗ ſturz niedergeſchlagen, die Lanze geſtemmt, und er auf dem ſich unter den kraͤftigen Spornſtichen baͤumenden Hengſte feſter im Sattel, und von dem, ebenfalls ſeine Blech⸗ haube tiefer in das gebraͤunte Geſicht druͤcken⸗ den Knappen gefolgt, der Huͤlfe rufenden 3 Stimme entgegen geſprengt. Nicht lange waren ſie ſo geritten, da vernahmen ſie Huf⸗ ſchlaͤge ſich nahen, und mit einem Satze um bir Ecke des Weges war jetzt mit eingelegter Lanze Ufo auf ſeinem ſchaͤumenden Hengſte dem Klepper gegenuͤber, welcher einen wild ausſehenden Ritter mit reichverzierter Ruͤſtung auf ſeinem Ruͤcken trug. Dieſem folgte, umgeben von ſechs Reiſigen, eine auf einen Zelter gebundene, die Haͤnde ringende, ſehr ſchoͤn gebaute Dirne, welche, ſobald ſie Ufo'n erblickte, d dieſen um Hülfe und Be⸗ freiung aus den Haͤnden dieſer, ihrer Raͤuber, anrief. Ufo beſann ſich daher, trotz der uͤberlegenen Anzahl Reiſige des fremden Ritters kurz, und fragte ſeinen ſich zum Kampfe zurechtſetzenden Gegner mit un⸗ wirſchem Tone:„Auf welche Weiſe biſt du berechtigt Bube, dieſe um Huͤlfe rufende Dirne ſo zu zwingen, mit dir zu ziehen?“ Doch ohne eine Antwort zu geben, legte dieſer ſeine Lanze ein, und rannte auf den, auf ſeinen Streithengſt gewurzelten Frey⸗ ſinger ſo kraͤftig zu, daß an deſſen ſtählernem Bruſtharniſche der ſtarke dicke Speer, gleich einem duͤnnen Staͤbchen zerbrach. Nun aber erfuhr der ſtolze Raͤuber, welchen Gegner er habe, denn Ufos ſtark geuͤbter Arm lenkte 8 ‿ 4* ihm ſo maͤchtig den wohlerprobten Rippen⸗ brecher auf die mit Stahl bedeckte gold⸗ verzierte Bruſt, daß ſattellos er von ſeinem Thiere ſank, und unter deſſen Vieren ſich von dem naſſen Graſe wieder aufzurichten ſtrebte. Jetzt zogen auch, ihrem geſtrengen Herrn zu helfen, die Knappen ihre Flammberge; allein Ufos blaue Damaszenerklinge blitzte ſo freiſam uͤber ihren Blechhauben, und Kuno wußte ſo gewand ſein kurzes, breites Schwerdt zu ſchwingen, daß bald die Haͤlfte der feindlichen Geſellen am Boden lagen, und eben wollte ſich der wieder aufgekrochene Ritter wieder unter die Streiter miſchen, da entflohen ſeine Mannen, und uͤberließen ihn der Wuth, nun einzig und allein von der Großmuth ſeines tapfern Gegners abzu⸗ haͤngen, der ihn denn auch, nur ein kraͤf⸗ tiges Andenken an ſein unritterliches Be⸗ ginnen auf ſeinen rechten Arm ihm zeiche nend, hohnlachend uͤber ſeine unzeitigen Vermaledeyungen und Racheſchwüre ver⸗ ließ, und mit der halbohnmaͤchtigen Dirne dem tieferen Forſte entgegen zon, um hier — 34— ſeine erhaltene leichte Wunde von ſeinem, ebenfalls durch einen Speerſtoß an der linken Seite blutenden Kuno, verbinden zu laſſen, und dann die ſchone Dirne an den von ihr zu beſtimmenden Ort ſo ſchnell wie möglich zu geleiten. In dem gedunkelten Dickichte angelangt, hob er das ſchwache Fraͤulein von ihrem Selter, legte ſie ſanft auf die Kleidungsſtücke ſeines ausgepackten Wetſchers, und bat ſie, nachdem er auf ſeine und ſeines Knappen Wunde heilſamen Balſam getroͤpfelt hatte, ihm nun zu ſagen, wohin ſie von ihm e ge⸗ bracht zu werden wuͤnſche, und wie ſie in die Haͤnde des Raͤubers gekommen ſey, aus denen er ſie jetzt ſo gluͤcklich wieder befreiet habe. „ Mein Name iſt Emma hob jetzt mit ſchwacher Stimme das Fraͤulein an, nach⸗ dem es ſeinen Schleier, unter welchem die einnehmendſten Z Zuͤge einer unter Leiden und Kummer ſchmachtenden Schoͤnheit auf ihrem gebleichten Antlitze ſich dem uͤberraſcht⸗be⸗ wegten Ritter zeigten, zuruͤckgeſchlagen hatte, und ich Pin d die einzige Fohte Nitter Veits. — 35— von Schoͤnberg. Von früher Jugend an genoß ich die ſorgfaͤltigſte Erziehung von meiner Mutter, und als dieſe, der meine lieben Bruͤder ſchon vorangegangen waren, auch dem Herrn entſchlief, da war ich von der Zeit an immer um meinen Vater, und der hoͤchſte Wunſch meines Herzens war: von nun an ſtets, ihm dem guten Greiſe, alles zu erfuͤllen, was ich aus ſeinem vaͤter⸗ lich liebenden Auge nur erſpaͤhen konnte. Es verſtrichen mir an ſeiner Seite zwei wonne⸗ volle Jahre, gleich zwei heiteren Frühlings⸗ tagen, und auch er druͤckte mich oft an ſein vaͤterliches Herz, und nannte mich ſeine jetzt noch einzige Freude. Doch mir, wie ihm, ſollte nicht lange mehr das ſüße Vergnügen, uns beſtaͤndig nahe zu ſeyn, vergoͤnnt werden. Fruͤhe ſchon hatte mein Vater einen kleinen Streit mit einem zungen Ritter, Kunz von Rothenſtein, der ſich bei allen Zechgelagen, bei denen ſich auch mein Vater einfand, nie mit ihm vertragen konnte.. Oft hoͤrten wir, wie er ſich freue, daß Gott meinen Vater durch den Tod meiner Bruͤder und Mutter heimgeſucht habe. Zuletzt auch 8 3 — 36— mußte ihm das ruhige Leben meines Vaters und deſſen Anhaͤnglichkeit an mich ein Dorn in ſeinen Augen ſeyn, denn auf St. Ubaldus war's vor zween Jahren, an meines Vaters ſechzigſtem Geburtsfeſte, als wir, den Tag zu feiern, in ſeinem Forſte eine frohe Jagd⸗ parthie veranſtaltet hatten, daß er mich raubte, und ſo recht teufliſch, meinem guten Vater auf ſein Greiſenfeſt, auch ohne Kampf die tiefſte Wunde zu ſchlagen wußte. Meine kindliche Jugend mochte zwar den wilden Nitter in dem erſten Jahre, waͤhrend welchem er mich gefangen hielt, noch von ſeinen mit mir vorzunehmenden Graͤuel⸗ thaten, zuruͤckhalten; doch da, nach dem Verlaufe dieſes ſchon ſehr kummervollen Jahres, mein Dirnenalter etwas kraͤftiger hervortrat, mußte ich die ſchrecklichſten Scenen durchkaͤmpfen. Mehrmals kam er nach Hauſe, und wollte mich zwingen, ſein Lager mit ihm zu theilen, aber jedesmal war ich ſo gluͤcklich, ihn noch durch mein Bitten und mein Flehen davon abzubringen und Aufſchub zu erlangen. Geſtern Abend aber, da er der Schonung müde, ſollte ich — — und ich verſprach mir eben nach vielem vergeblichen Ringen ſeinem Willen unterliegen, da ſchlug der Blitz ur⸗ plötzlich in den dicken Eckthurm ſeiner Veſte. Er ließ mich deßhalb fahren und ſprang fort. Ich aber benutzte die Zeit der allgemeinen Verwirrung, und entkam mit meinem mir beigegebenen Waͤrter, dem ich den groͤßten Lohn von meinem Vater zugeſichert hatte, gluͤcklich ſeiner Veſte. Wir eilten unauf⸗ hoͤrlich meines Vaters Burg entgegen, doch da die Wege durch den heftigen Regen ſchluͤpferich und viele ſogar ungangbar waren, konnten wir bis zu des heutigen Tages An⸗ bruch nur die Gränze der Beſitzungen meines Naͤubers erreichen, und nun waren wir vor ſeinen Nachſtellungen doch nvch nicht ſicher. Zwar rieth ich meinem Begleiter, in dem dickſten Geſtruͤppe des naͤchſten Gaues die Dunkelheit wieder zu erwarten, und dann erſt weiter fortzuziehen; allein ihm geſiel dies nicht, denn er verlangte allzuſehr nach dem ihm zugeſagten Lohne. Wir gingen alſo fort, doch hielten wir uns immer im Ge⸗ buͤſche. Schon warm ſchien uns die Sonne, ben din ſchönſten, — 38— wonncvollſten Tag meines Lebens, da bellten uns zwei Ruͤden an, und wie groß war jetzt mein Schrecken, als ſie mein Begleiter fuͤr die ſeines Herrn erkannte. An Fluch war nun bei unſerer allzugroßen Ena ui nicht mehr zu denken. Bald darauf er⸗ ſchlug der racheſchnaubende Raͤuber meinen Fuͤhrer; mich aber band er feſt auf dieſen Zelter, und ſchwur mit fuͤrchterlichem Eide, mich ohne Erbarmen der Schande Preiß zu geben, und dann der Rohheit ſeiner Knappen und Knechte zu überlaſſen. Gott, der Allmaͤchtige erhoͤrte aber mein Flehen und lautes Huͤlferufen, und ſande mir in euch, tapferer Ritter! noch zur rechten Stunde einen edlen Retter.— Wie dankbar euch mein Herz dafuͤr entgegenſchlaͤgt, bin ich zu ſchwach, euch jetzt ſchon zu beweiſen; doch kommet mit mir zu meinem Vater und gewiß, er wird euch eben, was ihr ver⸗ langet. 74 Ufo.„Ich habe keinen Dank verdient, für euere Befreiung, edles Fraͤulein, denn ich erfüllte nur meine beſchworne Pflicht.“ * Emma.„Ihr wagtet euer Leben doch um mich.“ Ufo.„Ich wuͤrde es fuͤr jede andere Dirne eben ſo gewaget haben; doch nehmet die Verſicherung, ſchoͤnes Fraͤulein! fuͤr euch wagt ich es gerne, obſchon ein Zwei⸗ kampf mit einem ſolchen Buben wohl kein Wagniß noch zu nennen iſt.“ Emma.„Verzeihet edler Retter meiner Tugend! Der Rothenſteiner ſoll doch der ſtaͤrkſte Ritter in allen nahen und fernen Gauen ſeyn.“ Ufo.„Fands wirklich nicht. Indeß laßt dies' jetzt vergeſſen ſeyn und ſchweigt, ich bitt' euch, auch vom Danke.“ Emma.„Keiner Unwuͤrdigen habt ihr eueren tapfern Arm perliehen; nun aber bitt' ich euch, begleitet mich auch zu meinem Vater. Laßt mich nicht allein durch dieſe mir ganz unbekannte Gegend ziehen, denn leicht konnte mir wieder ein Unfall begegnen, und ach! gewiß wuͤrde ich dann keinen ſo edlen Retter mehr ſinden, wie euch.“ Ufo.„Nicht eher, ed edles Fraͤulein, ver⸗ laſſe ich euch, bis ich euch auf euerer Bur — 40— in den Armen eueres Vaters, die gewiß bekuͤmmert ſich nach euch ausbreiten, ſehez hiezu möge mir der Ewige verhelfen! Doch noch einmal, holde Emma! nennt mir den Namen eueres alten Vaters.“ Emma.„Veit von Schoͤnberg. Ufo. Ich habe euch verſtanden. Beſteigt nun, ſo ihr euch kraͤftig genug fuͤhlet, euer Roß, und laßt uns von dannen ziehen. Sie beſtiegen nun ihre Pferde, und ſo ſchnell es das ſchwache Fraͤulein ertragen konnte, ging's, obſchon ſie alle im Geringſten nicht des Weges kundig waren, dennoch auf der rechten Straße dem Schoͤnberge entgegen. Eben bemahlte im rothen Widerſcheine die ſcheidende Sonne die Zinnen der ſtattlichen Schoͤnberger Veſte, und der alte Veit ſeufzte ihr, an dem in ihrem letzten Strahle glitzernden Fenſter ſeines Gadens melancholiſch nach: „So wie du erwaͤrmende Himmelskugel nun in dem unendlichen Meere dich abkuhleſt, werd auch ich bald in meine küͤhle Gruft ein⸗ gehen, um meines Lebens kummervolle Tage — 41— zu beſchließen; und wahrlich ich wuͤnſche auch nicht, daß du noch oft mich mit deinem ſchoͤnen Morgenglanze auf meinem troſtloſen Lager bemitleideſt!“ Da meldete der Waͤrtel mit ſeiner rauhen Stimme die Ankunft eines Ritters mit einer Dirne und einem Knappen, vor dem Burgthore. Und wer vermag nun wohl dem Gefuͤhle Worte zu geben, welches bei der erſten Umarmung des nie mehr ge⸗ hofften Wiederſehens den alten Vater und die uͤbergluͤckliche Tochter durchdrang! Gleich dem Kinde an dem Weihnachtsfeſte, ſo ſpielte lange der alte Greis mit ſeiner Tochter, bis er endlich mit dem Ausrufe:„Meine Emma! Meine wiedergefundene Emma!“ ſie noch einmal an ſein vaͤterliches Herz druͤckte, und ſo die, ſelbſt dem roheſten Burggeſinde, ruh⸗ rende Stille brach. 3 Ufo ſtand indeſſen in der Ecke des Ga⸗ dens, ſich an dem Bilde unendlich reiner Liebe weidend, und abwechſelnde Gefuühle der Freude und Trauer erfüllten ſein Inneres. Freude fand er in dem Gedanken, daß ihn nun bald ſeine Mutter und herangewachſene Schweſter eben ſo innig auf Freyſiingen um⸗ — 42— armen wuͤrden; von der tiefſten Trauer aber wurde er durchdrungen, wenn er daran dachte, daß ſeine Jugendfreundin Elsbeth und deren Mutter auf der ſeiner Burg be⸗ nachbarten Windseck wohl dieſe Freude in dem Wiederkehren Konrads hoffen, ſie aber nie mehr genießen wuͤrden. Nun aber wurde er durch die Frage des alten Veits an ſeine Tochter:„Aber woher denn meine Emma, woher denn ſo ganz allein?“ in das Geſpraͤche gezogen. Emma erzaͤhlte hierauf in moͤglichſter Kuͤrze die ganze traurige Begebenheit, ihre bisherige Gefangenſchaft, und ſchloß mit den Worten, daß ſie wohl noch einer trau⸗ rigen Zukunft haͤtte entgegen ſehen muͤſſen, wenn nicht dieſes edeln Ritters tapferer Arm ſie heute von ihrem ſchaͤndlichen Raͤuber befreit, und ſo ihr das Gluͤck ihrer Freiheit und das ſo ſehnlichſt gewuͤnſchte Wiederſehen ihres Vaters jetzt geſichert haͤtte. „ An mein freudetrunkenes Herz komm, edler, hochherziger Juͤngling! und fühle und theile mit ihm die hohe Wonne, die dein Sdelſinn ihm bereitete! Fühl' auch den Dank, — 43— den es dir zollt, denn jedes moͤgliche Wort waͤre zu kleinlich und unbedeutend, um dieſen ausſprechen zu koͤnnen. Nur fuͤhlen kannſt du es hier, wie es dir dankbar entgegen ſchlaͤgt, edler, biederer Mann! So rief der Alte wonne⸗ voll unſerem Ufo entgegen; wollte ihm auch wohl etwas von Belohnung reden, aber der Edelgeſinnte bat ihn hiervon zu ſchweigen, und beharrte feſt darauf, daß er nur ſeine Ritterpflicht, die er ja beſchworen, in dieſer Handlung getreulich erfuͤllt habe. Doch der alte Veit wollte durchaus ihn nach dem Maaße belohnen, in welchem er von ihm erfreuet wurde, und deßhalb wandte er ſich mit der Frage an ihn:„Ihr ſeyd doch wohl noch ein junger Ritter, und dies euer erſter Ausflug geweſen?“ Ufo. Nicht doch, edler Greis! ich kehre ſo eben zuruͤck aus dem geheiligten Lande, wo ich zwei volle Jahre gegen die Ungläu⸗ bigen ſtritt. Veit.„Wär's möglich! Und euer Name?“ Ulfo. Ufo von Freyſingen. — 44 Veit.(ſich beſinnend)„Freyſingen! Den Namen nannte ich einſt oft. Hieß nicht euer Vater Berthold, und hat unter Kaiſer Heinrichs, des Vierten, Heer in Italien mit gefochten?“ Ufo.„So iſt's. Veit.„Und als er heigg Fenbhr, buhlte er, ſo ich mich recht erinnere, um ein Fraͤu⸗ kein von Strahlenfels, nicht wahr?“ lUfo.„Sie iſt meilte Mutter.— Ihr kennt aſß meine Familie ſehr genau?”"“ Veit. Bald ſo gut wie die Meinige, und freue mich ſtets noch, wenn ich an eueren biedern Vater denke. Wir hielten uns im Heere ſtets zuſammen, und wo unſere Schwerdter blitzten, durften traun keine Weichlinge und Memmen auspariren. O daß ich ihn jetzt ſehen und ihm ſagen koͤnnte, welch' hohe Freude mir ſein edler Sohn be⸗ reitete!“ Ufo.„Leider iſt aber dieſes jetzt ſchon unmöglich, denn ich habe ſichere Kunde, daß er vor Kurzem ſeine irdiſche Lanfouhn be⸗ ſlcß.4 3 1 — — 45— Veit.„Iſt mir alſo ſchon vorange⸗ gangen? Nun ſo mag er mir wohl einſt⸗ weilen ein Plaͤtzchen neben ſich bereiten, denn gewiß bald folge ich ihm nach.“ Emma.(Sich an ihren Vater ſchmie⸗ gend)„O theurer Vater! redet ihr jetzt, da ihr mich heute erſt nach langen Jahren wieder einmal ſehet, ſchon von einer aber⸗ maligen Trennung, und ſogar von dem Tode, der uns ja fur dieſes ganze Erden⸗ leben von einander iceiden wuͤrde? Bin ich doch ſo gluͤcklich, und waͤhne in dieſer hei⸗ ligen Stunde, daß Jahrtauſende wir jetzt wieder miteinander leben würden!“ Veit. Ja, liebe Emma, ſicher werden wir auch das, aber jenſeits erſt, wenn wir hier unſere Pilgerſchaft beſchloſſen, und den Weg des Fleiſches gegangen ſind. Und ſollten wir uns auf jene Ewigkeit nicht auch in dem uns heiligſten Augenblicke freuen, da dort ja doch keine Veraͤnderung mehr herrſcht? Sicher gehe ich eher von dieſem Pilgerleben weg, als du; allein wir ſcheiden dann nur auf Augenblicke, denn gerade da⸗ durch wird ein hingeſchiedener Menſch ſo — 46— bald vergeſſen, daß wir ihn an dem Orte ſeiner Beſtimmung wiſſen, zu der wir taͤglich auch zu gelangen hoffen muͤſſen; und in dieſer Hoffnung werden uns die durchlebten Jahre, falls auch noch ſo viele uns der Schoͤpfer hier vergönnt, zu einem einzigen Augenblicke. Du liebe Emma biſt fromm und gut, du wirſt mich, deinen dich ſtets liebenden Vater zwar beweinen, ihn auch eine Zeitlang vermiſſen, dann aber wirſt du bald in den Armen eines biedern Gatten dich fuͤr dieſes Erdenlebin. wieder n fuͤhlen.“ Emma.„Lieber Vater, ihr dem biedern Ritter ein Gemach, Labe und Imbiß beſorgen zu laͤffen.“ Veit.„Das beſte Zimmer ſell iöm der Burgvoigt öͤffnen, und aus dem beſten Faſſe ſo viel Humpen ziehen, a ls der Retter meiner Tochter nur verlangt, und aus der Kuche laß du die ſchmackhafteſten Speiſen ihm bereiten. Morgen aber will ich mir dann mit euerer Unterhaltung, tapferer Jüngling, meinen Mittagsimbiß, ſo wie . den ganzt Tag recht freudig wuͤrzen, denn — 4 manche Frage ſchwebt noch fuͤr euch auf meiner Zunge. Ufo wuͤnſchte nun von Herzen dem guten alten Veit und ſeiner ſchöͤnen Emma gute Nacht, ließ ſich auf ſein Zimmer fuͤhren, und da er ſeinen Kuno ſchon dort fand, von dieſem ſich alsbald entwaffnen. Herrlich mundete dem ausgehungerten Magen des alten Kunos die ſchmackhafte Mahlzeit und die mit aͤchtem Nierſteiner ge⸗ fuͤllten Humpen; auch Ufo griff wacker zu. Als aber de rThurmwaͤrtel die neunte Stunde mit der traͤgen Schloßuhr verkündete, ſtreckten ſich baͤde auf die weichen Schragen und ent⸗ ſchlummerten bald. Jetzt entwich mit dem letzten verhallenden Schlage des Hammers der heutige Tag zu ſeinen Bruͤdern, von der Geburt des Kom⸗ menden getrieben; alles war ſtill in der Burg, nur das abgebrochene Achzen des Uhus, und das Plaͤtſchern des großen vierarmigen Röhr⸗ brunnens war hörbar, da oͤffnete es leiſe die Thuͤre von Ufos Schlafgaden, und wie aus einem ſchweren Traume fuhr der tapfere 85 Jungling, durch den Druck einer eiskalten 5 Geſes ſchon geſtillt?“ — 48— Hand geweckt, empor. Er erblickte Boſos Geiſt; aber ein matter Schein, der ihn heute umgab, und den ſich Ufo auf keine Weiſe erklaͤren konnte, machte die ſtarken Roſtflecken an ſeiner Ruſtung und eine blutige Wunde an ſeiner Bruſt ſichtbarer. „Ich halte dir getreulich Wort, begann der Geiſt, indem ich, wie ich's verſprach, auch dir erſcheine!“ Ufo.„Daruͤber bin ich nicht verwun⸗ dert; aber daß auch hier du mich finden konnteſt? 7, Geiſt. Ich bin uberall bei dir, ich ſehe jede deiner Handlungen; 3 auch daß du heute des alten Veits Tochter aus ihres Raͤubers Haͤnden haſt befreien koͤnnen, war mein Werk. Ich leitete dich dahin; denn du weißt, daß ich nur gute Handlungen zu thun nach dem Ausſpruche des Ewigen wmich beſtreben muß.“ Aber warum haſt du nicht laͤngſt die Thraͤnen und den Jammer dieſes helichen — 49— Geiſt. Mir fehlte es, obſchon ich lange ſeine und ihre Thraͤnen fließen ſah, dennech an den gewuͤnſchten Mitteln dazu.“ Ufo.„Nun dieſe wird dir gewiß als eine Gute aufgezeichnet werden.“ Geiſt.„Jetzt ſcheint es ſo, doch ob vielleicht nach einem Jahre ich dieſes noch ſagen kann, das weiß ich nicht; und den⸗ noch bin ich verdammt, auch fuͤr die Folgen jeder meiner Handlungen ſtehen zu müſſen, obſchon die Zukunft mir ſo gut, wie dir, verhuͤllet iſt.“ Ufo.„Armer Geiſt! Doch ſag, was muß ich thun, um zu deiner ewigen Ruhe beizutragen?“ Geiſt.„Nicht beitragen; du allein mußt das große wichtige Geſchaͤft vollbringen, denn der dir helfen könnte, wird erſt in einem Jahrhundert wieder geboren, und dann biſt du laͤngſt verweſet. Indeß wohl magſt du ſchaudern vor der Bedingniß, doch ver⸗ zage nicht, und denke feſt, daß der auf G vertrauet, auch von ſeiner allmaͤchtigen Hand— in jeder ſeiner Handlungen unterſtützt werde.“”* 3 — „Deine tief und überall gero⸗ ſtete Nuſtung, die du ſiehſt in dei⸗ ner Ahnen Gruft, wenn du zuruͤck⸗ gekehrt auf jene Erde— ſo ſprach die mich verdammende Stimme— ſoll, nach Hochhorſts Spruch, ſo lange von dem Roſte zerfreſſen werden, bis einer von denen, die jedes Jahrhundert zu deiner Erloſung geboren werden, ſie ſo rein und blank davon befreiet, daß du den Schatten deines Kindes wie in eeinem Spiegel darin ſehen kannſt, doch darf er keinen Helfer dazu dingen, nur den Zufall darf er be⸗ nutzen, und erſt wenn dies ge⸗ ſchehen, wird deinem Geiſte die Pforte zur twigen Nube ofſen ſtehen.“ „ Ha! rief Ufo, dies' iſt zu 1l da werd ich wohl mein Lebenlang all meine Kräͤfte dazu aufbieten duͤrfen, um dieſe deine vom Roſte ja ganz durchfreſſene Rü⸗ ſtung zu reinigen, und dennoch nicht mit fertig werden.“ Geiſt.„Bei Gott iſt kein Ding un⸗ moͤglich, und ſo du feſt auf ſeine Huͤlfe vertrauſt, wird ſicher dir der Zufall guͤnſtig ſenn. Dein Chrenwort haſt du mir ſchon dafuͤr verpfaͤndet, und ſo du es brichſt, wird dein Geiſt, ſo bald du dieſe Welt verlaſſen haſt, ſtatt dem Meinigen dann wandeln, ich mich aber der ewigen Ruhe erfreuen.“ Uͤfo.„Wehe mirl ich haͤtte ſelbſt mich alſo ſchon verdammt, und iſt kein Rückweg inehe jetzt moͤglich?“ Geiſt.„Keiner, als dein Ehrenwort zu halten, oder füͤr Jahrhunderte dann zu wandeln.“ Ufo.„Nun ſo mag es ſeyn. Ich will von jetzt an mich beſtreben, deine Forderung zu erfuͤllen; allein wie kann ich wohl der Ruͤſtung habhaft werden, da du ſie ja be⸗ ſtaͤndig zu der umßiindg deines Geiſtes brauchſt?"? 1 α Geiſt.„Nicht doch! Was du hier ſiehſt, iſt gleich dem Nebelſtreif an einem ſich aufheiternden Fruͤhlingsmorgen.— Grrife her, du wirſt nichts fühlen. Was mich umgiebt, iſt nur der Schattenriß von 83 8 4 — 52— jener meiner Ruͤſtung, die ich trug, als Hochhorſt meine Bruſt durchſtieß; ſie ſelbſt jedoch liegt in der kuͤhlen Gruft auf meinem Schloſſe Lindenfels, wohin ich dich ſchon leiten werde.“ Ufo. Nun ſo bin ich feſt entſchloſſen, für dich zu handeln.“ Geiſt.„Der Ewige ſegne deinen Vor⸗ ſatz!— Jetzt wiſſe noch: jeden Tag mußt du zwei heilige Meſſen fuͤr die baldige Auf⸗ nahme meiner Seele in jenes himmliſche Reid ich in einem Kloſter leſen laſſen, und ich werde dir in allen deinen Handlungen, ſo viel es mir erlaubt iſt, behuͤlflich ſeyn; nur bitte ich dich, dir ja keine feſte Bande der irdiſchen Liebe aufzubuͤrden. Nun gehab' dich wohl, der nahe Morgen verdraͤngt ſchon die bleichen Sterne des Himmels, ich muß in meine Gruft.“ 1* Sprachs und verſchwunden war der Geiſt. Ufo ſchlief jedoch bald wieder ruhig ein, und erwachte etwas ſpaͤt am Morgen. Veit hatte ihn ſchon lange mit Sehn⸗ ſucht erwartet, denn heute, da ſein Freuden⸗ taumel etwas verrauſcht war, gedachte er A recht viel mit ſinen jungen Freunde zu ſal⸗ badern. Endlich erſchien dieſer, nachdem er noch einmal das Verhaͤltniß uͤberdacht hatte, in welchem er jetzt mit dem Geiſte ſtehe. Allein wie groß war des Juͤnglings Staunen, als ihm Emma in dem ſchoͤnſten Glanze der jugendlichſten Bluͤthe bei ſeinem Eintritte in den Gaden entgegen kam, mit freundlich ſuͤßem Tone einen artigen Morgen⸗ gruß brachte, und ihn, den verwirrt Er⸗ ſtaunten, mit ihrem lilienweißen, zarten Haͤndchen an ſeiner mannhaft rauhen Rechte ergriff, und ſo, an ihren ſchlanken Gliedern, von einem roſenfarbenen, lichten Gewwand umwallet, ihrem zufri eden laͤchelnden Vater zufuͤhrte. Nie hatte noch Ufo den ſanften Zauber der Liebe empfunden, doch jetzt ward ſeinem Herzen ſo weich, ſo wunderbar freundlich zu Muthe, als haͤtte er den Vorhof des Para⸗ dieſes betreten. Er hatte doch geſtern ſchon Emma geſehen, und bei ihrem Anblieke nichts weiter gefuͤhlt, als eine recht freund⸗ ſchaftliche Neigung zu dem hart gepruften ſtandhaft duldenden Mädchen. Doch geſtern⸗ —— 54— ſo geſtand er ſich ſelbſt, hatte das von der Abwechſelung ihrer verſchiedenſten Lagen zu ſehr ergriffene Fraͤulein nichts, als den⸗ üßin lieblichen Ton ihrer Stimme mit ihrem heu⸗ tigen Weſen gemein. Die majeſtaͤtiſche Hal⸗ tung, gepaart mit der unſchuldigſten Hin⸗ gebung, mit welcher ſie ihm heute noch ein⸗ mal fur ihre Rettung dankte, und ihn den Schutzengel ihrer Ehre und Freiheit nannte, fehlte ihr geſtern, und dies' war es ja doch, was heute Alfos Herz ſo ſehr ergriff. Veit bemerkte auch bald mit inniger Freude, d die ihm vielbedeutende Verwirrung ſeines jungen Freundes, doch ſein gutes, edles Herz ſuchte ihn mit der Frage:„Nun, edler Juͤngling! wie habt ihr heute auf mei⸗ ner Feſte geſchlafen?““ daraus zu helfen. Ufo.„So ruhig und ſicher, als haͤtte ich auf der Meinigen uͤbernachtet. Bei wem ſollte ich aber auch ruhiger ſchlafen, als bei einem ſo biederen, alten Freunde meiſes ſerligen Vaters?“ Veit.„Traun, dieſe Rede gefäͤllt mir. Kommt, ſetzt euch neben mich her. Ich bin heute ſo froh und Kücklic, als ob ich ein — König waͤre, und wünſchte nichts ſehnlicher, als einſt dem Holzmaier ſo froh entgegen winken zu köͤnnen.“ Ufo.„Und warum olltet ihr es nicht, 8 wurdiger Greis? Euer Haupt iſt ſicher in Ehren grau geworden, und auf euerem Ge⸗ wiſſen kann kein Verbrechen laſten, das zeigt ſchon euer ruhiges Ausſehen, und ein gut Gewiſſen iſt wohl ſtets das ſanfteſte Sterbe⸗ kiſſen.“ Veit.„Wohl wahr, auch fuͤrcht ich jene Stunde nicht. Doch ich laſſe eine Tochter, meine Emma, allein, ohne Bruder, ohne Freund und Beſchuͤtzer hier zurücke, und dieſer Gedanke mag mir die letzte Stunde noch verherben.“ Emmas roſiges Antlitz uͤberflog bei dieſen Worten eine hohe Purpurroͤthe, und den jungen ſtattlichen Ufo zuͤchtig begruͤßend, entfernte ſie ſich unter einem Vorwande aus dem Gaden; doch dieſer erwiederté beſcheiden dem Alten: „Ja gerne glaube ich euch dieſes, denn welches Vaterherz wuͤrde nicht dadurch be⸗ kümmert werden; allein wol lltet ihr meiner — 56— Jugend es zutrauen, ſo bitt' ich euch, nehmt voon mir den feſten, aufrichtigen Schwur, daß bei meiner Ehre und meiner Ritterpflicht ich ſtets mit Blut und Leben zu jeder Stunde, und bei jeder Gefahr eure ſchoͤne, edle Emma ſchuͤtzen, und all' ihr Eigenthum verthei⸗ digen will.“„ Veit.„Ich nehme ihn dankbar von die Erhaltung ihrer Ehre zu verdanken habe. Gott mag euch in Zukunft Heil und Segen dafür ſchenken, und ſtets will ich ihn deßhalb fuͤr euch bitten.“. Zeit bis zum Mittagsimbiße, wobei der alte Veit wohl heute etwas Übriges that. Wie beklommen pochte es jetzt aber unter Emmas Bufentuch, und in wie viele Falten zog ſich Veitens Stirne, als nach einge⸗ nommenem Mahle Ufo ſeinem Knappen euch an; denn wem ſollte ich meine Emma lieber vertrauen, als dem Sohne meines biedern Jugendfreundes, beſonders da ich euch ſchon einmal meiner Tochter Befreiung und Unter ſolchem Geſpraͤchſel verſtrich die eernſt befahl, die Roſſe aufzuzaͤumen? Alles Zitten zur⸗ laͤngeren Verweilung auf ihter — 57— Burg war vergebens, denn Ufo mußte ja denn, als eben die ſchoͤnen Tulpen und Jasminen in dem heiteren geraͤumigen Burg⸗ garten ſich wieder etwas von der heißeſten Tageszeit zu erholen ſuchten, daß der ſtatt⸗ liche Freyſinger von ſeinem wieder muthig gewordenen Hengſte getragen, und von ſei⸗ nem treuen Kuno gefolgt, uͤber die herab⸗ gelaſſene Zugbruͤcke der friedlichen Burg Schoͤnberg trappte. Emma, ſchon von des edlen Nitters ſchoͤnem blauen Auge tief verwundet, ſah ſo lange wehmuͤthigen Herzens ihm nach, als ihr jetzt wieder maͤchtig getruͤbter Blick ihn erſaͤhen konnte. Auch Veit ſeufzte wohl oft, bis Ufo endlich das Thal begruͤßte. Allein auch dieſer dachte mit innigem Wohl⸗ — 4 —ꝛr——— einmal das ſchoͤne Fraͤulein zu begruͤßen. in dem Buſen der jetzt nur noch melancholiſch⸗ ſchoͤnen Emma, und folgen unſerem Helden, zum Lindenfelſe ziehen; und ſo geſchah es behagen an die reitzend⸗blühende Schön⸗ bergerin, und oft ſchweifte recht ſehnlich noch ſein Blick hinauf zur Burg, um in ihr noch Wir verlaſſen indeß das liebevolle Pochen — 38— welcher ſo edelmuͤthig⸗feſten Sinnes ſich von den Armen dieſes nach ihm ſich ſehnenden, reitzenden Maͤdchens trennen konnte, um einem irrenden Geiſte die ewige Ruhe zu verſchaffen. Nuhig war die ganze Natur. Nur hie und da in gebrochenen Zwiſchenraͤumen ſpielte ein ſanfter Wind mit den Blaͤttern des hoch⸗ grünen Tannenforſtes, durch welchen Ufo jetzt ſinnend dahin zog, ſich dem willkuͤhr⸗ lichen Laufe ſeines Hengſtes uͤberlaſſend. Endlich brach die Daͤmmerung ein, und machte ihn auf eine Herberge fuͤr die kom⸗ mende Nacht bedacht. Er wandte ſich deß⸗ ¹ halb an ſeinen Kuno mit der Frage: ob er wohl hier in der Naͤhe ein wirthbares Ob⸗ dach wiſſe?“ 3 Kuno.„Ich kenne dieſe Gegend nieht, und bin auch ſeither euch immer in der Meinung gefolgt, daß ihr ein beſtimmtes Ziel haͤttet, wornach wir ritten, aber nun werden wir wohl, da ſchon's Zwielicht beinahe voollends voruͤber iſt, keine Herberge für heute mehr ſinden.— Wenn ihr nur ein⸗ mal heimziehen wuͤrdet.“ Ufo.„Wirſt auch ſchon heimkonmen; und was iſt's? Haben wir doch wohl ſchon oft unter Gottes freiem Himmel geſchlafen.“ Kuno.„Meinethalb, ich folge euch, das wißt ihr, wohin ihr wollt!“ Ulfo.„Aber guter Kune, ſiehe ich haͤnge jetzt nicht von meinem eignen Willen mehr* ab, etwas Hoͤheres leitet ihn, was du, wollte ich dir's gleichwohl ſagen, dennoch nicht begreifen wuͤrdeſt.“ Kuno.(ſich kreuzigend)„Gott 3 bei euch auf eueren Wegen!“ Ufo.„Das wird er ſicherlich!“ Sprachs, da erhob ſich urplötzlich ein heftiger Sturmwind, und dicker Hagel ſiel bald darauf, die Luft erkaͤltend, in großer Menge, aus dem ſich mit Einemmale zu⸗ ſammen gezegenen Gewoͤlke. Stockſinſter wurde es vor ihren Augen, und beſtändig ſtrauchelten jetzt ihre Roſſe, welchen ſie ſich 4 ganz uͤberlaſſen mußten, und die endlich* aber, von dem ihnen beſtaͤndig entgegen heulenden Orkane ermüdet, nicht mehr von — 60— der Stetle gingen. Sie ſaßen deßhalb ab, und ſich in die Nothwendigkeit fuͤgend, ta⸗ ſteten ſie nach einem Baume, unter dem ſie ihr Nachtlager zu machen gedachten. Doch welch ein Schaudern durchbebte den alten Kuno, als er ploͤtzlich eine eiskalte Hand ergriff, und ihm eine Maͤdchenſtimme in das Ohr grinzte:„Wehe dir und dei⸗ nem Herrn, ſo ihr auf Bü Lindenfels ziehet!“ ſchrie der entſetzte Knappe in ſeiner Todes⸗ angſt.„Was wird das noch mit uns perdente⸗ Ufo.„Nun was iſt dir denn?“ Kuno.„Höͤrtet ihr's denn nicht? Hu, 8 frieret meine Hand von der Kaͤlte, und gellt mir mein Ohr von dem widrigen Tone!“ Ufo.„Was war denn?“ Kuno erzaͤhlte es ihm, und Ufo ging auf ihn zu, um ihn an der Hand nach der von ihm aufgefundenen Eiche zu fuͤhren, und ihm die Erſcheinung vergeſſen zu machen. „Gott und alle Heiligen ſtehet mir bei! 2 Doch kaum hatten ſie ſich gelagert, und *— 61— ihre Roſſe angebunden, da ſchwebte von fern her ein heller Schimmer gleich dem fruͤhen Morgenglanze, auf ſie zu. Sie harrten mit gezogenen Klingen, und ſo leiſe wie moͤglich, Athem holend, des Kommenden. Immer naͤher und naͤher kam es, bis es ihnen gegenuͤber ſtehen blieb. Da wollte Ufo beherzten Muthes darauf zuſtuͤrzen, doch ein fürchterliches Entſetzen ergriff ihn, denn in dem Augenblicke wurden eine Menge un⸗ gluͤcklicher, blutender Geſtalten ſichtbar, die alle dann, beleuchtet von dem wohlthuenden Lichte, einzeln an ihnen voruͤberzogen. Midchen in Nen Aarteſten Jugendalter Buſen zuerſt, dhnan falgken mit den wuͤthend⸗ ſten Geberden ihre Vaͤter; dann kamen Wei⸗ ber mit zerſchlagenem, nnd allenthalben auf⸗ geritzem Korper, denen die Mäͤnner, ſich gleichſam wahnſinnig beſtaͤndig Dolche in die Bruſt ſtoßend, folgten; alich unſchuldig er⸗ mordete Kinder folgten im Zuge, der lich ein bildſchoͤnes Maͤdchen mit durchbon Bet, und ein n ganz kleines, nengebornes 3 — 62— Kind auf dem rechten Arm tragend, ſchloß. Dieſe blieb unter dem lichten Glanze ſtehen, und ſagte mit drohend aufgehobenem Zeige⸗ finger, und Mark und Bein durchdringendem Tone:„Ufo von Freyſingen! Sah'ſt du die Opfer von dem, deſſen Geiſt du zur ewigen Nuhe befoͤrdern willſt? Laß ab von deinem Vorhaben, denn Wehe! Wehe! Wehe dir! wenn ſein Geiſt fruͤher zur Pforte des Him⸗ mels eingehet, als der Meinige!“ 1 „Weiche du Blendwerk der Holle!“ — ſchrie, obſchon es ihn eiſig überlief, der auf die Geſtalt zuſtuͤrzende Ufo— doch ver⸗ ſchwunden war der erleuchtete Glanz und ein fauler Todtengeruch kam dem herur dringenden Ritter entgegen. „Herr! ach guter Herr! laſſet ab von euerem Beginnen!“ bat jetzt auf ſeinen Knieen der alte Kuno, den ſich unwillig wieder nieder⸗ laſſenden Ufo.„Seht ihr denn nicht, in welches Ungluͤck ihr euch ſtuͤrzet? Laſſet ab von dem Umgange mit Geiſtern! Ihr war't doch ſonſt ein ſo gottesfuͤrchtiger Jungherr. Bedenkt doch, daß ihr eurer Mutter und euerer Schweſter Pflichten ſchuldig ſeyd, und was ihr dem edlen Ritter Konrad verſprochen habt! Kommt, edler Herr! wir wollen, da jetzt der Mond aus dem Gewoͤlke hervor⸗ bricht, die Heerſtraße ſuchen, und gleich heim⸗ ziehen.“ Ufo.„Guter, treuer Kuno! Zwar haſt du Recht, heilige Pflichten draͤngen mich nach meiner Heimath; allein eine noch viel Heiligere gebietet mir hier zu bleiben, und dem Winke einer hoͤheren Macht zu folgen. Ziehe du indeß nur heim, und be⸗ richte meiner Mutter von mir, was du willſt. Ich aber kann und darf nicht ziehen.“ Kuno.„Aber um des Himmels Willen, welches Unheil iſt mit euch vorgegangen! Reißt euch los von jener Macht, jetzt kann es doch noch Zeit ſeyn; wenn ihr aber ein⸗ mal feſter mit ihr verbunden ſeyd— ach dann— guter Herr koͤnnt' es um eure Seeligkeit geſchehen ſeyn.“— Ufo.„Nicht doch, treuer Kuno! und wollte ich mich gleichwohl auch jetzt wieder losreißen, ſo waͤre es ſchon zu ſpaͤt. Sey du deßhalb aber nur beruhigt, und frage mich nichts daruͤber. Ziehe jedoch, wenn — 64— es dir gefallt, nur heim, ich will dich nicht nöthigen, laͤnger mir zu folgen.“ Kuno.„Nimmer werd' ich das. Ich bleibe euch ſtets zur Seite, und gienget ihr jetzt auch in den Tod, ich wuͤrde euch nicht verlaſſen, denn nie, oder mit euch darf ich je wieder Burg Freyſingen betreten; dies' ſchwur ich euerm Vater bei unſerem Abzuge gen Palaͤſtina.“ Ufo.„Nun lieber Kuns, ſo du mir folgen willſt, frage mich nichts weiter mehr, und ſollte ich auch noch ſo viel beginnen, was deinem ſorgenden Auge mißſiel.“ Kuno.„Ihr verlanget zwar viel; je⸗ doch es ſey, ich will ſchweigen und euch folgen.“ Beide waren nun wieder ſtill; doch weder Ufo noch ſein Knappe konnten entſchlummern, obſchon der Sturmwind nicht mehr heulte, und die Wolken nun erleichtert ruhig unter dem Monde voruͤberzogen, um deſſen mattes Licht aufzufangen. Endlich graute der Mor⸗ gen. Halb erſtarrt und ſteif von dem naſſen Wetter und der kuͤhlen Nachtluft ſtanden ſievon ihrem harten, freien Lager auf, nahmen 3 5* ihre ermudenden Roſſe bei dem Zuͤgel, und ſchritten ſo den Weg entlang. Die Luft war heute in der Fruͤhe ſchon warm, und den Himmel truͤbte kein Woͤlk⸗ chen. Eine kurze Strecke fortgegangen, thauten ſie daher ſchon aus ihrer Steifheit auf, ſetzten ſich auf ihre Roſſe und trappten langſam weiter. Eine Stunde mochten ſie etwa nun zuruͤckgeleget haben, da ertoͤnte ploͤtzlich Hufſchlag ihnen entgegen, und als ſie um die Ecke des Weges beugten, erblickten ſie nicht weit mehr vor ſich einen Reiter mit ſechs Knappen, welche im ſtaͤrkſten Galoppe auf ſie zujagten. Ufo ließ ſeinen Helmſturz fallen, und ſetzte ſich zurecht, auch Kuno machte ſich ſtreitfertig; jedoch als jetzt die kleine Gleve heran war, erkannte Ufo in dem Ritter einen ſeiner Freunde, den er in Palaͤſtina hatte kennen lernen, den Ritter Adolph von Starkenburg. Er rief ihn deßhalb an:„Nun Adolph, wohin ſo ſchnell?“ Adolph.(Ihn betrachtend)„Mord Element! Ufo biſt du's? Hab mein' Seel 5 1— 66— geglaubt, du ſeyſt ſchon 6 heiligen Land begraben.“ Ufo.„Fuͤr diesmal noch nicht.“ 3 Adolph.„Aber wo ziehſt du denn ſo gemaͤchlich eben hin?“ Ufo.„Von Palaͤſtina zur Heimath.“ Adolph.„Nun das hat freilich keine Eile, daher gut, daß ich dich treffe, denn du wirſt mich, deinen alten Gefaͤhrten, gewiß nicht jetzt in der Noth verlaſſen.“ 1 lfo.„Nimmer, wenn ich nur erſt weiß, was du beginnen willſt.“ Adolph.„Eile nur ſo ſchnell du kannſt mit fort, dann ſollſt du alles ſchon erfahren."„/ Ufo. Nun mein Hengſt kann wohl noch etwas ſpringen, aber nicht mehr weit, er hat ſeit geſtern Mittag nichts als friſches, naſſes Gras gekaut.“ Adolph.„Zwei Stunden weit v hier iſt eine Herberge, dort mag er B 5 . und Hafer freſſen.“ Im ſtaͤrkſten Trappe ging es nur fomt, und angekommen in der Schenke, erzaͤhlte Adolph folgende a heit die ihn ſo ſehe ur Eile trieb. „Meine Burg liegt, wie du wiſſen wirſt, ſechs Stunden weit von hier, dicht am Gebirge, und leider haben wir zu einem unſerer Nachbaren den Raugrafen Frie⸗ derich von Waldeck. Sein vermale⸗ deites Neſt liegt auf einem faſt unerſteig⸗ baren Felſen, dem nur von einer Seite beizukommen iſt. Seit meinem Gedenken liegt der Freyhard nun immer mit meinem Vater im Streite, und bei der geringſten Urſache lagen ſie ſich fruͤher ſtets blutig in den Haaren. Seit einem Jahre machte er es aber gar zu bunt, und ſtahl uns immer die feiſteſten Stuͤcke aus den Heerden. Vor kurzem aber kam des Abends der Roßbub weinend zur Burg, und berichtete, daß ihm der ſchoͤnſte dreijaͤhrige Hengſt geſtohlen wor⸗ den ſey, und einige Tage darauf ſah man ihn unter des Waldeckers Heerde. Da kochte es mir tuͤchtig unter dem Harniſche, ich ſchickte ihm einen Abſagebrief, und er iſt fuͤr ſeine Frevelthat fuͤr dieſesmal recht ordent⸗ 5 lich gezuͤchtigt worden. Nun dachten wir, er haͤtte wohl lange wieder mit dieſer Schmier genug; allein da ich geſtern Abend recht 3 5* — 68— freudig auf Burg Loͤwenſte in, wohin ich vor einigen Tagen zu einem Zechgelage zog, ſaß, da wurde ein Knappe, der eilig zu mir begehre, eingelaſſen, und dieſer hinter⸗ brachte mir die Maͤhre: der Waldecker habe meine Starkenburg belagert, und feſt ge⸗ ſchworen, falls ſie ſich nicht binnen Tag und Nacht ergebe, ſie zu erſtuͤrmen, und ihr den rothen Hahn auf's Dach zu ſtecken. Der Lauer hatte ſich die rechte Zeit erſehen, und wie meinſt du, wie mir bei der Nach⸗ richt wurde?“ 5 Ufo.„Kann mir's ſchon denken, heiß! wie mir es jetzt, wie ſiedend Hl, ſchon durch die Adern laͤuft. Doch auf! laß uns eilen, Starkenburg muß dein Eigen bleiben.“ Adolph.„Mein's mein Seel auch! Wenns der Freyhard nur nicht ſchon hat, Gott wird dann der gerechten Sache Sieg verleihen!“ Ufo.„Sicher wird er das. Auf na⸗ Starkenburgl“ 8 7 Die Daͤmmerung nahete ſchon, als ſie den Wald verließen, und ins Freie kamen; 5 — 69— doch wie wurde jetzt der ganzen Gleve, als ſie von ferne her einen blutrothen Streif er⸗ blickte. Der Sonne Untergang konnte es doch nicht anzeigen, nein, denn er ſtand ja gen Oſten! Raſch ritten ſie deßhalb den naͤchſten Huͤgel hinan, und wirklich es war Starkenburg, das fernhin die Gegend mit ſeiner Flamme roth bemalte. „Ha meines Vaters Burg, mein erblich „Eigenthum ſteht in lichten Flammen!“ ſchrie jetzt mit grauſenhafter Geberde der junge Adolph!„Gott kannſt du ungeraͤcht ſo etwas geſchehen laſſen! O verleihe mir die Staͤrke eines reißenden Thieres, damit ich mit meinen Zaͤhnen den Waldecker zer⸗ reißen kann!“ So ſprechend rannte er ſei⸗ nem muthigen Thiere den langen Sporn in den Leib, daß es mit ihm, gleich einem fliegenden Drachen den Huͤgel herab, uͤber die Haide dahinflog. Die Ubrigen ihm nach. Je naͤher und naͤher ſie kamen, deſto mehr wurden ſie von der ſchrecklichen Gewißheit uͤberzeugt, daß Starkenburg die Brandſtaͤtte ſey; doch da ſie ganz nahe waren, und ſin⸗ ſtere Nacht ſie jetzt umgab, entdeckten fe 70—= daß nur ein Nebengebaͤude brenne. Man machte nun Halt, und Adolph ritt mit einem Knappen voraus, um zu unterſuchen, wo der Feind am vortheilhafteſten anzu⸗ ggreifen ſey. ir. Kampfluſtig wuͤnſchten Mann und Roß der Zuruͤckgebliebenen, daß ſie bald wieder⸗ kehren moͤchten. Es geſchah, und noch nicht war die Kunde, daß eben der Feind an der bequemſten Seite die Veſte erſtuͤrmen wolle, vöͤllig uͤber Adolphs Lippen, als ſchon alle mit, vor Wuth in ihrer Rechte zitternden* Klingen, riefen:„Auf! Auf! auf zur Rache!"“ Spornſtreichs gieng es nun auf die ſtuͤr⸗ mende Rotte zu, und wie die ſchwerſten Donnerkeile fuhren ihre Hiebe auf ſie ein. Gleich einem Loͤwen focht Adolph, die Knappen hielten ſich wacker; doch wo Ufos Damaszener hinſchlug, da herrſchte der verheerende Wuͤrgengel. Aber auch des Wal⸗ ddeckers Knechte fochten mit angeſtrengtem Muthe, und wurden nicht wenig von denen unterſtuͤtzt, welche ſchon die Mauer erſtiegen Güätten⸗ und jetzt Steine auf die Gegner — — 11— herabwarfen. Endlich war der Kampfplatz leer von des Waldeckers Schaar, denn wer nicht die Höhe der Mauer erreichen konnte, lag erſchlagen am Boden. „Hoͤlle uud Tod!“ ſchrie jetzt Adolph. „Nun hat er dennoch ſein Ziel erreicht, und alle unſere Anſtrengungen waren um⸗. ſonſt! Hoͤrſt Ufo du das Wimmern in der Burg von meinen fallenden Knechten, und das Huͤlferufen meines alten Vaters?“ Ufo.„Laß ſchnell uns die Mauer zu erſteigen verſuchen, damit wir auch drin, wie hier, die Lotterbuben toͤdten.“ Sie machten einen Verſuch die ſteile Mauer zu erklimmen; allein der Waldecker erſchien auf derſelben, und ſchrie ihnen zu, nachdem er ſeinen Knechten den Befehl ge⸗ geben hatte, Feuer in das Neſt zu werfen, daß es bis auf den Grund wegbrenne: „Wartet ich will euch das Steigen erleich⸗ tern ihr Buben!“ und ſomit hieb er mit kraͤftigem Arme ſo maͤchtig auf ihre Helme, und ſchickte einen ſo dicken Steinregen auf ſie herab, daß ſie wieder den Boden ucn mußten. — 72— In dem Augenblicke aber, in welchem im Innern der Burg das Angſt⸗ und Huͤlfe⸗ geſchrei am lauteſten ward, gelang es dem wuͤthenden Ufo an einer anderen Seite die Mauer zu erklimmen. Kuno folgte ihm, und auch Adolph mit ſeinen Knechten, ſobald er die Stelle erſpaͤhet, an welcher von neuem der Kampf auf der Mauer begann, hatte bald die Hoͤhe erreicht. Nun wurde der Kampf wieder heftig, und draͤngte, ſich immer mehr nach dem Hofraume zu. Als aber die ſtreitende Menge hier angelangt war, wurde ſie bald zu un⸗ gleich, denn vier von Adolphs Knappen waren gefallen, und jeder der noch lebenden hatte wohl ſechs Gegner abzuhalten; auch Uſo war leicht verwundet, und Adoplph hatte einen Speerſtich erhalten.„ Ergebt euch ihr Buben!“ ſchrie jetzt eine Stimme, doch wie vom heiligen Feuer geplagt, hieb und ſtach Ufo von neuem um ſich, und wen er nur traf, der hatte gelebt. Jetzt waren aber Adolphs Knechte alle geſunken, nur er mit Kuno ſtanden dem tapfern Freyſinger noch 8 kaͤmpfend zur Seite, da wurde auch Kund ruͤcklings verwundet, und ſein Schrei trieb den edlen Herrn in die groͤßeſte Wuth. Durch die Luͤfte pfeifend und feuerſpruͤhend flog ſein breites Schwerdt jetzt auf die ermuͤdete Rotte des Waldeckers ein.„Haut doch den Wuͤrg⸗ engel nieder!“ ſchrie dieſer, und wollte, eben ſelbſt ſich gegen ihn andraͤngend, ihm einen toͤdtlichen Streich verſetzen, da trat urploͤtzlich Boſos Geiſt zwiſchen ihn und Ufo, und von einem lichten Glanze um⸗ geben, ſagte er mit drohend aufgehobener Rechte und durchdringender Stimme:„Frie⸗ drich von Waldeck! laß ab von deinem un⸗ gerechten Kampfe!“ Wie verſteinert ſtand auch dieſer eine Zeit⸗ lang da, dann aber ſchrie er:„Mich ſoll kein Spuk der Hoͤlle aͤffen!“ und ſomit hieb er auf Ufon einz doch als ob alles Mark und alle Kraft aus ſeinen Knochen waͤre, ſo ſchwach waren jetzt ſeine Streiche, und Ufo vermochte deßhalb leicht ihn auf den erſten Hieb zu Boden zu ſtrecken. Mit ſeinem Falle ergaben ſich auch ſeine ebenfalls muthlos gewordenen Knechte. MWuun eilte dem Brande Einhalt zu thun, und — 277— A dolph ſtuͤrzte, von Ufon begleitet, in ſeines Vaters Gaden, wo er den alt Greis, Hans von Starkenburg, auf ſeinen Knieen liegend und laut betend fand. Adolph.„Gott hat uch erhöret Pater! denn fuͤrchterlich haben wir uns diesmalen an dem Raugrafen geraͤcht. Sein Leichnam ſelbſt mit allen ſeinen noch lebenden Knechten ſind gefangen.“* 4 Hans.„Nun ſo Dank dir, allge⸗ rechter Gott, daß du mein Flehen zu deinem allmaͤchtigen Throne dringen ließeſt!““ Adolph. Ja nebſt Gott verdanken wir meinem Freunde hier, Ufo von Freyſingen, die Rettung unſerer Habe und dieſen herr⸗ lichen Sieg; denn bei Gott, biederer Freund, ſo wie du heute fuͤr mich fochteſt, hab ich noch Niemanden um ſeine eigene Sache ſtreiten ſehen.“ Hans.„Nehmt meinen offnen Dank fuͤr eure edle That, tapferer Juͤngling!“ Ufo.„Ich bitt euch, ſchweigt vom Dankeo, edler Greis. Es war nur Freundes⸗ pflicht, die ich euerm wackeren Sohne, meinem Gefaͤhrten nach dem gelobten Lande, aͤhnliche Lage komme, wieder von ihm for⸗ dere.“ Adoph.(Umarmt und kuͤßt ihn)„Ja bei meiner ritterlichen Ehre, unzertrennliche Waffenbruͤder wollen wir ſeyn.“ Ufo.(Giebt die Umarmung zuruͤck)„Bis in den Tod dein deutſcher Waffenbruder.“ Waͤhrend dem ſich dieſe beiden wackeren Juͤnglinge hier ſo umarmten, entſtand ein Laͤrm im Hof. Eilig ſprang daher jetzt Adolph ans Fenſter und fragte nach der Urſache deſſelben, doch keiner ſeiner Knechte wollte antworten. Er eilte hinab, um ſelbſt darnach zu ſehen, und fragte den naͤchſten Knappen:„Nun was iſt's, was gibts denn hier?“ Knappe.„Ach geſtrenger Herr, als wir im Löſchen begriffen waren, benutzten die gefangenen Knechte ihre Zeit, und ent⸗ wichen mit dem Leichname ihres Herrn.“ Adolph.„Hoͤlle und Tod, ſchnell die Roſſe her, damit ich ihnen nachjagen“ Und wie im Fluge ſprengten Adolph und Ufo, der ſeinem Waffenbruder in den Burg⸗ ſchuldig war, und die ich, falls ich in eine — 76— hof nachgeeilet war, von den vier noch ruͤ⸗ 5 ſtigen Knechten gefolgt, den Entwichenen gen Waldeck nach, und erreichten ſie auch, als ſie eben den Burgweg hinaufziehen wollten. „Haltet ihr Buben, oder ihr ſeyd alle des Todes!“ ſchrie Adolph ihnen zu, indem er mit Ufo unter ſie einſprengte.„Ergebt euch, oder ihr fallt gleich euern andern Ge⸗ ſellen unter unſerem Schwerdte!“ Ein Knappe(der am naͤchſten gen die Burg zuſtand.)„Nein ergebt euch nicht„ Bruͤder! Haltet ſie nur ein wenig auf, ich bringe gleich Huͤlfe von der Burg.“ Ufo.„Ja weiche von der Stelle, Bube! dann biſt du der erſte von dieſen, den mein Schwerdt zur Hölle ſchickt.“ Der Knappe aber achtete ſeine Drohung nicht, und ſprang bergauf. Ufo eilte ihm nach, doch da er des ſchmalen Weges un⸗ kundig war, den zu beiden Seiten ſchroffe Abhaͤnge begraͤnzten, ſtuͤrzte er mit ſeinem Roſſe in die Tiefe hinab. Sobald dies die Knechte ſahen, ſtellten ſie ſich auch wirklich dem, ſeinem Waffen⸗ — 77—, 4 3* bruder nachdringenden Adolphe entgegen; allein dieſer hieb erzuͤrnt gleich ihrer drei zu Boden, die andern aber warfen ihre Wuffen weg und ergaben ſich.„Wo habt ihr den Leichnam eueres Herrn?“ fragte Adolph den einen der Knechte, da er im Gedraͤnge den Sturz Ufos nicht bemerkte. Knecht.„Das weiß ich nicht.“ Adolph.„Ihr habt ihn doch mit fort aus meiner Burg geſchleppt.“ 3 Knecht.„Da irrt ihr ſehr, geſtrenger Herr.“ Adolph.„Du luͤgſt Bube! Geſteh's nur gleich, ſonſt ſend ich dich ihm nach.“ Knecht.„Das heilige Feuer ſoll mich zum Gerippe verzehren, wenn's anders iſt, als ich euch ſage! Fragt alle, die hier mit mir in euerer Gewalt ſind.“ Alle Knechte.„Wir ſahen nferes Herrn Leichnam nicht einmal.“ Adolph.„Donner haͤtt' ich das ge⸗ wußt, ihr waͤrt mir lange gut gezogen! Er iſt alſo noch auf meiner Burg?’"?“ Knecht.„So muß es ſeyn.“ nach einer langen Weile gebot er Aufbruch. — 78— Adolph(zu einem ſeiner Knechte) Wo nur Ufo ſo lange bleibt? Wird doch warlich noch mit dem Knappen fertig ge⸗ worden ſeyn.“ Knecht.„Cy habt ih'rs denn nicht geſehen, geſtrenger Herr? Der fremde Ritter ſtürzte ja mit ſeinem Roß in jenen Abarund dort 10 Adolph.„Wie? Biſt du beſeſſen?“ Knecht.„Nicht doch. So iſt's ge⸗ ſchehen.“ Adolph.„O Erde dann verſchlinge mich! Mußte dieſer Buben wegen der Retter meiner Habe, der treuſte Freund in meiner Roth, noch durch ſolch ein Unglück fallen!— Doch ein ſchrecklich Todtenopfer will ich ihm gleich bereiten!“ Sprachs und zog ſein Schwerdt, und wollte auf die gefangenen Knechte los, doch in dem Augenblicke trat ihm Boſos Geiſt in den Weg, und ſagte drohend ihm:„Allzu⸗ raſcher Jüngling begehe keine Ungerchtis⸗ keit!“ 3 Wie gelaͤhmt ſtand er nun da, und erſt Im vollſten Jagen kam er auf ſeiner Burg an. Hier war ſchon alles gelöͤſcht, nur hie und da loderte noch aus der leuch⸗ tenden Glut ein Flaͤmmchen auf. Gleich ſtuͤrzte der betruͤbte Sohn an ſeines Vaters Bette, und hinterbrachte ihm die ungluͤcklich wunderbare Maͤhr von dem Tode feines Freundes, und dem ihm er⸗ ſchienenen Geiſte; dann aber fragte er nach des Waldeckers Leichname; allein dieſer war, trotz allem Suchen, nicht mehr zu finden. Wir verlaſſen indeß die Starkenburg, auf der nun wieder alles ruhig iſt, und nur Adolph noch ſeinem gefallenen Waffenbruder ſeufzt, und folgen dem treuen Kuno, der ebenfalls die traurige Maͤhr von dem Sturze ſeines Herrn, dem er, ſeiner Wunde wegen, nicht folgen konnte, vernommen hatte. Noch graute der Morgen nicht, und alles war in Wald und Flur noch in ſuͤße Ruhe gewiegt, da verließ ſchon Kuno mit ſeinem alten Klepper die Starkenburg, und— 8 — 80— zog traurig ſeines Weges, ungewiß, was er nun beginnen wolle. „Ach haͤtte doch der edle Jungherr mei⸗ nem Rathe gefolgt, dann wären wir ſchon laͤngſt zu Hauſe geweſen, ehe der Starken⸗ felſer haͤtte zu uns kommen koͤnnen, ſeufzte der treue Kuno oft; und der Gedanke, daß er nun nie mehr die Burg beziehen duͤrfe, in welcher er geboren, und in der er's von ſeiner fruͤhen Jugend an ſo gut gehabt hatte; und wie ſich die gute Mutter ſeines gefallenen Herrn wohl kraͤnken werde, und wie das edle Fraͤulein Kuni⸗ gunde und Elsbeth, ihre Jugendfreundin, jetzt zuſammen weinen würden, wenn ſie den Tod ihrer Bruͤder erfuͤhren, preßte ihm bittere Thraͤnen aus. Denn er hatte ja von ihrer fruͤhſten Jugend an die beiden guten Maͤdchen und ihre Bruder unter ſeinen Augen gehabt; und jemehr er daran dachte, daß nun die zwei biederen Jungherren, der eine in ſeinem heiligen Eifer fuͤr die Religion, der andere fuͤr die heilige Freundespflicht ge⸗ fallen ſey, deſto unmoͤglicher ſchien es ihmn, dieſe Nachricht ſelbſt auf Burg Freyſingen und Windseck kunden zu koͤnnen. „Ich alſo allein noch uͤbrig von allen, die mit mir in das heilige Land zsgen, und war ich doch der aͤlteſte bei der ganzen Gleve! Gott wie wunderbar ſind doch deine Wege!“ rief er jetzt mit gen den heiteren Himmel gerichtetem Blicke; da wiederholte es hart neben ihm:„Ja warlich, wunderbar ſind— des Schoͤpfers Wege.“ Er ſah ſich um, und kein Laut konnte mehr uüber ſeine Zunge ſchweben, da er einen Nitter dicht an ſeinem Steigbügel erblickte, in welchem er ſogleich den Ritter Ufo von Freyſingen erkannte. Lange ſtaunte er ihn an, denn wirklich zweifelte er, ob es wohl nicht nur der Geiſt ſeines Herrn ſey, bis ſich deſſen Geſichtszuge endlich zu einem freundlichen Laͤcheln verzogen, und er ihn fragte:„Nun getreuer Kuno, wo gedachteſt du denn eben hinzutrappen?“ Kuno.„O Gott ſey's gelobt, daß ihr es wirklich ſeyd, lieber, edler Jungherr!“ Freudenthraͤnen rollten nun über des guten Knappen rauhe Wangen, über welche ſich ſelbſt die Sonne zu freuen ſchien, denn ſie beglaͤnzte und erwaͤrmte ſie mit ihrem erſten Morgenſtrahle, den ſie gerade in dieſem Augenblicke uͤber die hohen Berge in das Thal herabwarf. Ufo.„Aber lieber Kuno, wo wollteſt du denn eigentlich da hinzichen?“ Kuno.„Ich weiß es ſelbſt nicht, wie mich mein Gaul daher trug! Denn mit euch hatte ich ja alles verloren, und durfte auch nicht einmal nach Burg Freyſingen oder Windsdeck ziehen; deßhalb ließ ich meinem Klepper die Zuͤgel, und tauſendmal ſey es nun dem Zufall gedankt, daß er mich ſo gluͤcklich zu euch fuͤhrte!/ Ufe.„Wunderbar!(bei Seite)„Auch dafuͤr nimm meinen waͤrmſten Dank, wohl⸗ wollender Geiſt!"/) Kuno.(der indeß abgeſeſſen iſt.)„Aber um Gotteswillen, lieber Herr! hat euch denn der Sturz in jenen tiefen Abgrund gar nichts geſchadet?“ Ufo.„ECine hoͤhere Macht hat allen Schaden von mir abgewandt; doch laß uns davon ſchweigen, Ich bin nur froh, daß 4 — 83— 3&Q 7 ich dich wieder ſehe, und wir wollen nun auch gleich weiter mit einander ziehen.“ Auf Kunos Zunge ſchwebte eben die Frage: ob ſein Herr wohl ſeinen Klepper beſteigen wolle; da wieherte munter der ihm wohlbekannte Hengſt deſſelben im nahen Gebuſche.„Um's Himmelswillen, auch euer Roß iſt hier! Nun das begreife ich nicht!“ rief er deßhalb verwundert aus. Ufo.„Glaub's gerne! Indeß beſteige . nur deinen Gaul, damit wir unſerer Be⸗ 6 ſtimmung naͤher kommen.“ Kuno.(Im bittenden Tone.)„Ihr zieht jetzt aber doch heim, nicht wahr, guter Jangher⸗ zu euerer Frau Mutter und auf Burg Windseck?“ Ufo.„Nein nuch nicht, lrelien Kuno! Erſt geht es gen den Lindenfels.“* Kuno.„Ach großer Gott, was wird da noch aus uns werden? Ich bitt' euch nochmals, guter Herr! laſſet doch ab von euerem Beginnen!“ 2 3 Ufo.„Höchſt undankbar würde ich — ſeyn, wenn ich dieſes thun wollte. Jedoch 4 wie ich dr e ſöon ehehin ſagts⸗ du anuſ 6 4 7. — 84— ſo du es gerne willſt, heimziehen, ich aber folge meiner höhern Beſtimmung.“ Kuno blieb hierauf jedoch wieder bei ſei⸗ nem Entſchluſſe, ſeinem Herrn folgen zu wollen, und ſollte er auch mit ihm in den Tod gehen. Sie beſtiegen daher beide ihre Noſſe, und trappten waldeinwaͤrts. Heiter und angenehm kuͤhl war der Morgen, doch heiß brannten ſchon gegen Mittag die Sonnenſtrahlen auf ihren Nacken, und ihre armen Thiere hatten beſtaͤndig mit ihrem Schweife die vielen kleinen Muͤckchen zu verjagen, welche ſie ſo empfindlich ſtachen; als aber der Tag am heißeſten ward, da konnten ſie ſammt ihren Roſſen vor Durſt nicht mehr fort. Sie ſaßen daher wieder ab, und ſuchten eine labende Quelle. Ufo gieng rechts, Kuno aber links dem tieferen Walde zu; doch kaum hatte erſterer etliche hundert Schritte zuruͤcke gelegt, ſo hoͤrte er ſchon das erfreuliche Plaͤtſchern einer Felſen⸗ quelle. Er ging dem Tone nach; doch groß war ſein Staunen, als er neben dem nun gefundenen klaren Waſſer einen ſchlafenden Ritter liegen ſah, in welchem er ſogleich den e —— . 7. Raugrafen Friedrich von Waldeck erkannte. Er wollte ihn wecken, aber eine Stimme hinter ihm ſagte:„Laſſe ihn ſchlafen!“ Er ſah ſich um, und da er Niemanden erblickte, dachte er an Boſos Geiſt und ge⸗ horchte demſelben. Er fuͤllte ſeinen Helm mit Waſſer, und kehrte, nachdem er ſich ſelbſt recht ſatt getrunken hatte zu den Roſen zuruͤck, wo er auch Kunon wieder traf, denn 4 auch dieſer war ſo gluͤcklich geweſen, eine Quelle zu finden.— 8 Neuerquickt ſetzten ſie nun ihren Weg fort. Der Abend brach an, aber noch immer waren ſie keines Obdaches für dieſe Nacht anſichtig geworden, da lenkte Ufos Roß von dem alten Wege ab, und trappte einen breiteren fuͤrbas, auf welchem auch bald der Wald lichter wurde. Endlich ge⸗ langten ſie an eine Bauernhuͤtte, worin ſie eine alte Frau jaͤmmerlich weinen, und den Mann von ihr, wie es ſchien, furchtbar toben und fluchen hörten. Ufo gebot ſeinem Kuno abzuſitzen, an der niederen Thuͤre zu pochen und zu fragen, ob ſie hier herbergen könnten, Er thats, und alsbald rief ihm — 86— von innen eine rauhe Stimme zu:„Nun was gibt's denn draußen? Kuno.„Macht auf! Ein Ritter mit ſeinem Knappen will Herberge für dieſe Nacht.“ Sogleich wurde nun zehffitt, und ein ziemlich bejahrter Mann trat mit einem brennendem Kiene, und der Frage an Kuno: „Nun wo iſt denn euer geſtrenger Herr?“ unter die Thuͤre.„Koͤnnt ſchon mit ihm hier bleiben!“ Ufo war indeſſen auch abgeſeſſen, und trat nun, waͤhrend Kuno die Roſſe unter einen Schoppen zog und anband, den Bauern freundlich gruͤßend, in die Stube. Hier ſaß eine ſchon betagte Frau mit rothgeweinten Augen in der Ecke; ein Brod lag auf dem Tiſche, und Milch und Kaͤſe ſtanden in irdenen Gefaͤßen daneben. Ufo nahm Platz auf der Bank hinter dem Tiſche, und nachdem er ſich hier erleichtert hatte, fragte er mit theilnehmendem T Tone die Alte: „Nun Muͤtterchen warum habt ihr denn geweint, oder ſind euere Augen vielleicht ihhe e 1. 181 — 87— Alte. Ja, geſtrenger Herr! meine Augen thun wir wehe, aber das kommt eben von dem vielen Weinen.“ Ufo.„Nun was thut euch denn ſo leid, daß ihr daruͤber ſo viel weint?“ Alte.(Von neuem ſchluzend.)„Ach!— die ſuͤndhafte Welt!“— 5 Ufo.„Nun was hat dieſe denn mit euerm Weinen zu ſchaffen?“ Allein da die Alte von neuem zu ſehr in Thraͤnen ausbrach, konnte Ufo nichts weiter von ihr herausbringen, als die noch halb unverſtaͤndlichen Worte:„Ach— meine — Tochter!“ Er geduldete ſich deßhalb, bis der Bauer mit ſeinem Kuno kam, und fragte dann dieſen:„Was das Weinen ſeiner Frau wegen ihrer Tochter fuͤr eine Bewandniß habe, und ob ſie vielleicht geſtorben ſey. Bauer.(Bitter)„Ha, geſtrenger Herr! ſie iſt ſo gut wie tod fuͤr uns, und ich wollte ſogar wuͤnſchen, ſie wäre im Himmel.“ Ufo.„Nun warum denn, gutet Alter?⸗ Bauer.„Ich will's euch, ſo ihr's begehret wohl erzaͤhlen; doch erſt nehmt etwas Eſſen zu euch, geſtrenger Herr! llILfo.„Nein, erzaͤhlet nur, mir ſchmeckt es nicht, wo ich Thraͤnen fließen ſehe, die vielleicht noch zu ſtillen ſind.“ Bauer.„Ja wenn ſich meine Frau ihre Augen aus dem Kopfe geweint hat, dann ſind ſie ihr freilich geſtillt!“ 1 Ufo.„Nun kommt nur zur Sache, und ſagt mir einmal das Warum?“ Bauer.„Es war gerade, als ſich 1 vor vier Tagen der Mond fuͤllte, da gieng meine juͤngſte Tochter, Anna heißt ſie, und iſt die einzige von all' meinen Kindern, die mir uͤbrig geblieben jſt, auf das Geheiß meiner Frau(bei dieſen Worten fing die Alte noch heftiger zu weinen an) des Abends zur Beichte in das Kloſter St. Benno, was ine kleine Stunde von hier liegt, und das Uugluͤck wollte, daß auch gerade unſer Herr, der Ritter Hanz von Krotniz, ſo ſchreibt er ſich, in der Kirche war. Der ſah nun 4 meine Dirne, und ſie mußte ihm leider ge⸗ fallen haben, denn den andern Tag, als — 89— ich eben mit ihr zum Haus heraustrat, um ſie bei ihrer Andacht zu begleiten, da traten vier Knappen auf mich zu, mit der Maͤhre, daß ihr Herr, Ritter Hans von Kronitz, dem ich ja ein Vaſalle ſey, ſie ſchicke, um meine Tochter fur ihn abzuholen. Schon laͤngſt aber hat der Ritter den Namen weit und breit, daß er's gerne mit jungen Dirnen halte; dies fuhr mir gleich in den Sinn, jedoch ließ ich mich nichts vermerken, und begleitete meine Anne hinauf zur Burg, die noch eine gute halbe Stunde von hier liegt. Angekommen, fragte ich ehrerbietig nach unſeres ſtrengen Herrn Begehr; doch gleich riß er mir meine Anne aus dieſer Hand⸗ in der ich die ihrige feſthielt, und donnerte mir entgegen:„Dieſe, deine Anne bleibet hier, doch du geheſt augenblicklich deiner Wege, ſonſt beſchließeſt du deine Tage in meinem Burgverließe!“ Ich ſiel nun vor. ihm auf die Knie, und bat ſo flehentlich, daß es einen Stein haͤtte erbarmen mögen, er ſolle mir doch mein einziges Kind, was ohnehin ſchon mit Vaͤlte, meines Nachbars Sehn, verſprochen ſey, nicht entreißen. — 90— Aber dies half alles nichts, er ließ mich von den vier Knechten packen, und vor das Burgthor werfen. Beſtaͤndig ſchrie ich aber noch meiner Tochter zu, waͤhrend dem ſie mich ſchon feſthielten:„Anne, liebe Tochter! ſterbe lieber, als daß du dich zur Schande zwingen läßt!“ Deßhalb ſchrie der Umen ch zu ſeinen Knechten:„Schlagt ihm auf's Maul, damit er ſchweigen lerne!“ Doch wenn mich die Kerls todt geſchlagen haͤtten, ich haͤtte ihr dies doch zugerufen, ſo lange ich nur Odem haͤtte ſchoͤpfen koͤnnen. Jetzt wißt ihr alles, geſtrenger Herr, und meine Frau kraͤnkt ſich nur ſo, daß ſie das Maͤdel hat gerade zur Beicht gehen heißen.“ Ufo.(tröſtend)„Dies iſt unnoͤthig Muͤtterchen, denn was dieſesmal geſchah, haͤtte ſo gut auch ein anderesmal geſchehen— konnen. Doch ſagt, wo iſt der Punſch⸗ der um euere Anne freite?“ 8 — Bauer.„Zu Hauſe, und weiß nicht,. ob er vor Wuth oder Gram ſich das Leben 8 nehmen ſoll!“ 3 — 91— Ufo.„Iſt er bekannt auf der Burg, und weiß man es dort genau, daß er mit euerer Anne ſchon verſprochen iſt?“ Bauer.„Ich glaub, er iſt ſein Lebe⸗ tag nur zweimal droben geweſen, doch hat er einen rechten guten Bekannten unter den Knechten, der ihm ſchon zweimal verſprach, ſo viel er koͤnne, auch zu ihrer baldigen Be⸗ freiung beitragen zu wollen. Ufo.„Geht Alter und ruft mir den Burſchen. Ich ziehe jetzt gleich hinauf zur Burg, und es koſte, was es wolle, bis morgen habt ihr wieder euere Anne!“ Bauer.„O großer Gott, Herr Ritter, ihr ſetzt euer edles Leben in Gefahr.“ Ufo.„Das laßt meine Sorge ſeyn. Gehet jetzt und ruft den Burſchen, und Kuno du, ſattle wieder unſere Roſſe!“ Freudig über den ſo feſten Entſchluß des Ritters, und den, obgleich noch ſchwachen Hoffnungsſchimmer, ſeine Tochter ſchon bis morgen, und dann gewiß auch noch un⸗ ſchuldig bei ſich zu ſehen, gieng der Bauer fort. Selbſt die Alte hoͤrte jetzt auf zu weinen, und ſing recht inbruͤnſtig bei ſich — 92— des Ritters möoge gelingen laſſen. Vaͤlte kam und folgte dem Ritter zu Fuße, der ſchon mit ſeinem Knappen auf⸗ geſeſſen war. Unterwegs fragte Ufo den immer freudig neben ihm herſpringenden Burſchen:„ob er auch der Freundſchaft des Gefäͤngnißort ſeiner Anne wiſſe?“ 3 Vaäͤlte.,„Ach, geſtrenger Herr! fuͤr den ſtehe ich mit meinem Leben, daß er liebe Anne iſt. Will ihn gleich, wenn ihr im Gaden bei dem boͤſen Hans ſeyd, zu euch ſchicken.“ Ufo.„Das darfſt du nicht, ſondern ſage ihm, er moͤge im Pertrauen hier mei⸗ nem Knappen nur zeigen, wo Anne ge⸗ fangen ſaͤße, und dann auch ſelbſt deine Anne benachrichtigen, wenn er koͤnne, daß ſie heute Nacht noch befreit wuͤrde; du aber laͤßt dir ſonſt ja nichts vermerken.“ Vaͤlte.„Ach kein Laut ſoll mehr uͤber Burg bin.!“ zu beten an, das Gott daß edle Unternehmen Knechtes gewiß ſey, und dieſer auch den alles euch litaneien wird, wie und wo meine 8 meine Lippen kommen, ſobald ich in der —— — 93— Ufo.„Das iſt auch unnöthig. Sal⸗ 5 badere mit den anderen Knechten gleichgül⸗ tiges Zeug, waͤhrend dein Bekannter mit meinem Knappen weggehet; und ſtelle dich uͤberhaupt, als wenn du gar nichts von allem dem wuͤßteſt, weßhalb ich dich mit⸗ nehme auf die Burg.“ Unter ſolchen Geſpraͤchen kamen ſie immer naͤher an den Burgweg, doch hatten ſie denſelben noch nicht voͤllig erreicht, da kam ihnen Pferdegetrappel entgegen. Ufo ſchlug ſeinen Helmſturz herab, und ſetzte ſich feſter in den Sattel, und als er eben jetzt bergauf ziehen wollte, kam ihm ein Ritter in him⸗ melblauer, glaͤnzender Ruͤſtung, von zween Knappen gefolgt, nachgetrappt. Ohne ſich an ihm zu ſtoͤren, ritt Ufo auf dem ziemlich breiten Wege langſam mit ſeinem Kuno voran; Vaͤlte aber ſah ſich von Zeit zu Zeit furchtſam nach den ihnen Folgenden um. Bald hatten ſie jetzt das Burgthor er⸗ reicht, da ſtreckte der fremde Ritter ſeinem Gaule den Sporn in den Wanſt, und ſprengte mit zur Erde gebeugter Lanze an Ufon heran. Dieſer ſah ſich nach ihm um, — 92— und jener begann:„Gott zum Gruß! Ritter! Ziehen wir heute unter ein Obdach hier auf die Burg?“ Ufo.„So ihr auch dahin ziehet!“ Fremder Ritter.„Was Element! hoͤre und ſehe ich jetzt recht, ſo ſeyd ihr Ufo von Freyſingen?“ Ufo.„Ihr ſehet recht, der bin ich!“ Fremder Ritter.„Und kennt ihr mich nicht mehr, tapferer Ufo?“ Ufo.(Ihn bei dem eben durch das Gewölke brechenden Monde ſcharf betrach⸗ tend)„Seyd mir wohl bekannt, weiß aber nicht, wo ich euch im Augenblic hinthun ſoll.“ Fremder Ritter.„Nun ſo kennt ihr alſo den Konrad von Bullendorf nicht mehr, der mit euch im heiligen Lande focht, als unſer Freund und euer Waffen⸗ bruder, Konrad von Windseck, ſiel??? Ufo.„Mein Seel jetzt erinnere ich mich wieder an euch, als waͤr't ihr mir nie aus den Augen geweſen. Nun woher und wohin jetzt?“ Konrad.„Von Palaͤſtina zur Heimath. 5 — 95— Ufo.„Da haben wir gleiches Vor⸗ haben.“ Konrad.„Dachte traun ihr ſaͤßet ſchon lange hinter euerm Heerde!“ Ufo.„Koͤnnt's auch wohl; bin aber durch einige Fehden davon abgehalten worden, und eben zieh' ich wieder da herauf, um einem Dirnenraͤuber ſein Gewiſſen aufzu⸗ wecken.“ Konrad.„Wie verſteh' ich das?“ Ufo erzaͤhlte nun frei und ofſen, was ihn eigentlich auf dieſe Burg fuͤhre, worauf Konrad ihm bei Ritterwort und Ehre ſeine kraͤftige Huͤlfe verſprach. Jetzt waren ſie an dem Burgthore an⸗ gelangt, und auf des Waͤrtels eſchallendes „Werda?“ erwiederte Ufo:„Zwei Ritter mit dreien Knappen und einem Wegweiſer begehren das Gaſtrecht von euerm Herrn!“ Alsbald flog die Zugbrücke herab, und die Gleve ritt burgein.„Wo iſt euer Herr?“ fragte Ufo den naͤchſten Knappen, der ver⸗ wundert über ſeine huͤhnenmäͤſige Geſtalt, gaffend vor ihm ſtand. — 96— Knappe.„Droben im Gelaggaden und erwartet euch.“ Konrad und Ufo traten nun in den Gaden ein, wo Hans ſeiner freundlichen Bewillkommnung gleich die Frage beifuͤgte: „Nun woher des Landes, Kumpane?“ Ufo.„Aus Paläͤſtina!“ Hans.„Nun da habt ihr auch ſchon was verſucht. Mag bunt hergehen in jenem Lande.“ Ufo.„Pah, manchmal gehts noch bunter zu in unſerm Vaterlande.“ Hans.„Wie meint ihr das, Ritter.“ Ufo.„Ich meine eben, obſchon wir Chriſten ſind, verfahren wir doch manchmal noch viel gottloſer und grauſamer, als j jene, die wir Heiden nennen.“ Hans.„Nun das iſt immer, wie man's nimmt!“ Ufo.„Da ſtimme ich doch nicht mit euch uͤberein. Ritter! wenn ihr zum Beiſpiele einem eurerer Vaſallen ſeine einzige Tochter wegnehmet, welche uͤberdies ſchon auch ver⸗ ſprochen iſt, um ſie zu eueren Geluͤſten zu ge⸗ brauchen, ſo nehmt das, wie ihr wollt, ihr — 9— handeltet dann grauſam, denn es waͤre gegen die Religion und ſelbſt gegen eure Ritter⸗ pflicht.“ Hans.„Nun ihr habt da Recht; doch will ich nicht hoffen, daß ihr ſo etwas von mir glaubt!“ Ufo. Es geſchieht dies wohl bei manchem Ritter, und daß es auch bei euch der Fall iſt, hab' ich Urſache zu glauben.“ Hans.„He Ritter, zwingt mich nicht das Gaſtrecht zu verletzen.“ Ufo.„Wie ſo?“ Hans.„Dadurch, daß ihr vielleicht Lügen auf mich gehoͤrt, ſie nun als Wahr⸗ heit nehmt und mir ſie ſogar als ſolche unter das Geſicht ſagt!“ Ufo.„Offen und frei, wie es jedem deutſchen Rittersmann geziemt, ſag ich jedem in's Geſicht, was ich von ihm halte, be⸗ ſonders wenn er mir, wie ihr eben, aus Ver⸗ ſtellung, die keinem Biedermanne eigen iſt, einen andern Glauben von ſich beibringen will, und uͤberdies nennt es nicht Luͤgen, Ritter! wenn ich euch die Wahrheit ſage, und euch auch gleich beweiſen will, daß gerade ihr 7 8 — 98— ſo grauſam waret, ihren armen Eltern, das einzige Kind, das ihnen noch die Vorſehung zu ihrer Stuͤtze übrig ließ, wegzunehmen, und zugleich damit dem Braͤutigam die Braut aus den Armen zu reißen.“ Hans„Donner und Teufel, was ſoll das? Seyd ihr gekommen, um mir mein Verfahren mit meinen Vaſallen zu tadeln, und mich deßhalb meiſtern zu wollen, oder um Gaſtrecht von mir zu verlangen? Im erſteren Falle entfernt euch ſogleich wieder aus meiner Burg, oder ihr ſollt es in mei⸗ nem Verließe bereuen, hierher gekommen zu ſeyn.“ Ufo.„Hoho! Ritter nicht ſo aufbrau⸗ ſend,(ſchlaͤgt an's Schwerdt) hier iſt eine Klinge, die ihren Herrn ſchon vor euerem Burgverließe bewahren ſoll; allein ich will nicht Fehde mit euch beginnen, ſondern euch im guten mahnen, die Dirne wieder ihren Eltern zuruͤck zu geben. Bedenkt, daß in eueren Handlungen, nicht in euerer Ab⸗ ſtammung euer Adel liegen ſoll; und be⸗ denkt, daß es eine Ewigkeit giebt, und einen ſtrengen Richter uͤber ihr. — 99— Har ans.„Sorgt ihr nur für euere Seele, und laßt mit euerem Pfaffenſinn mir Ruhe! So ihr mein Gaſtrecht genießen wollt, ſetzt euch und ſchweigt von der dummen Dirne.“ Ufo.„Mit nichten, Ritter! Ihr laßt ſie auf der Stelle los, und ſammt ihren Eltern und ihrem Braͤutigam in meine Gaue ziehen, ich werde euch dafuͤr das beſtimmte Kopfgeld zahlen.“ Hans.(Aufſpringend)„Hölle und Tod! ſoll ich mir in meiner eigenen Burg vorſchreiben laſſen?(Laͤuft an's Fenſter und ruft hinaus) Ulmo! Ruprecht! Knechte! kommt mit euern Flammbergen und Lanzen herauf.“ Ufo.„Schreit und ruft nur all' euer Burggeſinde zuſammen, es wird euch nichts 8 nuͤtzen, denn ſo bald der erſte in den Gaden tritt,(zieht ſein Schwerdt und ſetzt es dem unbewaffneten Ritter auf die Bruſt) ſtoße ich euch nieder!“ Konrad.(Cbenfalls ſein Schwerdt ziehend)„Und der Erſte, der ſich unter der Schwelle hier ſehen läßt, faͤllt unter meinem Streiche.“ — 100— Hans.(Der immer weiter zurücke weicht, und dem Ufo immer folgt)„Ihr brecht den Burgfrieden! Ihr ſeyd Freyharde! Ich werde euch bei dem Kaiſer und ſeinen Raͤthen belangen!“ Ufo.(Da Hans immer mehr zuruͤcke weicht, wild)„Steh' Memme, oder ich ſtoße zu! Gib gleich die Dirne heraus, und dann kannſt du mich belangen, wo du willſt.“ Hans.(In den Bart brummend) „Verdammt, daß die Buben nicht höͤren!“ (laut)„Nun laßt nur ab mit euerem Schwerdte. Ich will ſie euch geben das dumme Geſicht!“ Ufo.(Indem er ſein Schwerdt wieder einſteckt)„Denke aber ja nicht, daß du an deinem jetzigen Verſprechen meineidig werden könnteſt, ſonſt ſoll dir's uͤbel bekommen!“ Hans.„Waͤr's mein Seel nicht werth die alberne Dirne!“ Eben wollte Ufo das Licht ergreifen, und ſich von Hans in das Gemach fuͤhren laſſen, in welchem die arme Anne ſchmachte, 1 da trat Kuno ein, er befahl deßhalb dieſem die Leuchte zu nehmen. 4 — 101— Hans.„Nun wartet doch Ritter! 5 Ihr werdet die Dirne ja nicht in der Nacht aus meiner Burg fuͤhren wollen? Trinkt erſt einige Humpen, und ſchlaft hier aus, dann kann ſie euch morgen folgen.“ Ufo.„Nimmer! Jetzt gleich bequeme dich, ſie ſelbſt hierher zu holen, oder laſſe ſie durch einen deiner Knechte bringen. Nur ſchnell und ohne alle Umſtaͤnde.“ Hans.„Nun ſo wartet, ich will einen rufen.“ Er gieng an's Fenſter, jedoch nicht in der Abſicht, einen Knecht zu rufen, ſondern um den in ſeinem Wams verborgenen Dolch in Ufos Seite zu ſtoßen; und eben wollte er ſein Vorhaben ausfuͤhren, denn ſchon hatte er den Stahl ergriffen, da trat Boſos Geiſt von einem lichten Glanze umgeben, zwiſchen ihn und Ufo, ſeine Rechte drohend in die Höhe hebend. Wie verſteinert ſtand er nun, den Dolch ſeiner Hand entfallen laſſend, da, und Schaudern ergriff ſeine Gebeine. Ufo kehrte ſich nach ihm um, uͤberſah mit einem Blicke, was vorgegangen war, 1* — 102— und rief entruͤſtet dem Ritter zu: Meuchel⸗ moͤrderiſcher Bube du! Wollteſt durch dieſen erbaͤrmlichen Dolch die dir überlaͤſtigen Retter der Unſchuld dir vom Halſe ſchaffen; aber wiſſe, dort oben wohnt ein Beſchutzer fuͤr 3 ſie! 71 Mit dieſen Worten packte er kraͤftigen Arms den noch immer zitternd daſtehenden Krotnitzer bei der Bruſt, warf ihn in eine Ecke ſeines Gadens, und rannte ihm noch fürchterlich die Worte in ſeine Ohren: „Bekehre dich! Schaͤnder der Unſchuld!“ Hierauf aber verließ er den Geangſtigten, befahl Kuno, den Vaͤlte mit ſeinem Kame⸗ raden zu holen, und ſprengte, da die Thuͤre von Annens Gefaͤngniß verſchloſſen war, die Angeln derſelben. Ruͤhrend war es nun anzuſehen, wie ſich die beiden Liebenden in ſo natuͤrlicher Unſchuld einander herzten, und Vaͤlte mit den Worten:„Sieh'ſt liebe Anne, dies iſt dein Retter! dieſem haben wir das Gluͤck, uns einander wiederſehen zu koͤnnen, zu danken!“ ſein Maͤdchen zu Ufon hinzeg, r — 103— um mit ihr auf den Knien ſeine Dankbarkeit, jene ſchönſte Poeſie des Lebens, zu bezeugen. Ufo aber verwehrte es ihnen, und trieb jetzt zur Ruͤckkehre an. Betroffen wie ihr Herr, ſtaunten die Krotnitzer Knappen den uͤber die Zugbruͤcke Ausziehenden nach; und in der Huͤtte wieder angekommen, umarmte Konrad den ſich an der uͤbermaͤßigen, kindiſchen Freude der Eltern der 1 weidenden Ufo, mit den Worten: Ufo! du haſt ein hohes, edles Herz. Laß auf Tod und Leben mich dein W Puffenbruder ſeyn! 1 71 „Wir ſind auf ewig Bruͤder!“ ſagte Ufo und druͤckte einen recht aufrichtig deutſchen Kuß, begleitet von einem maͤnnlichen Haͤnde⸗ druck, auf Konrads Lippen. Nachdem der erſte Freudenrauſch vorüber, und dem guten Mutterauge nur noch Freuden⸗ thränen entquollen, da wurde jetzt von ihr, was das Haus nur faßte, aufgetiſcht. Selbſt der Wein, den der Alte für ſeiner Anne Hochzeit mit ſo vielem Schweiße ſeines An⸗ geſichtes herbeigeſchaft hatte, wurde heute ſchon, ihrem Retter zu Chren, hergegeben. 88 — 104— Innig nahm Ufo mit Konrad und den Knappen an dem Freudenmahle Theil, und 1— obſchon auch die Nacht bis zu ihrer Mitte gelangt war, kam doch auch Vaͤltens Vater und Mutter mit ihren uͤbrigen Kindern herzu, um Annens Retter anzuſtaunen, bald aber auch recht lieh zu gewinnen. Endlich ver⸗ goͤnnte man ſeinem abgeſpannten Koͤrper die nöthige Ruhe, und obgleich der beengte Raum das Liegen für jede Perſon unthunlich machte, ſo entſchlief doch jeder unter dieſem Obdach der reinen Freude und himmliſchen Unſchuld ſanft⸗ Jetzt war der Tag zu ſeinem hoͤchſten Alter gereift, ſeinen Ahnen gefolgt, und ſchon in der zarteſten Kindheit ſeines Nach⸗ kömmüngs wurde Ufo durch den ihm be⸗ kannten eiskalten Haͤndedruck des Geiſtes wieder aus ſeinem Schlafe geweckt. Der Schein der ihn immer umgab, war dielesmal matter, ſein Blick truͤbe, und der Ton ſeiner Stimme weicher und leidender 3 als ſonſt. — 105— „ufo! begann er, ungerne ſtore ich dich in deiner ſanften Ruhe; doch es thut Noth, und du wirſt mir darum alſo nicht zuͤrnen.“ Ufo.„Nie, unglüͤcklicher Geiſt! werd' ich dir zuͤrnen; bin ich dir ja doch den ver⸗ bindlichſten Dank ſchuldig; denn ſicher, du warſt es, der mich von dem unvermeidlichen Tode bei meinem Sturze in jenen Abgrund errettete.“ Geiſt.„Ich war's, verdieng aber deß⸗ halb keinen Dank, denn ich bin ed, ja auch geweſen, der dich gen Starkenburg fuͤhrte, indem ich dich zum ſchuͤtzenden Engel aller Bedraͤngten auserſehen habe.“ Ufo.„Haſt aber, befuͤrcht ich, deinen Zweck nicht vollkommen erreicht, denn der Waldecker lebt ja noch, und wird ſicher von neuem gen den Starkenburger ziehen.“ Geiſt.„Nimmer wird er das! Ich habe meinen Zweck vollkommner erreicht, als ich ſelbſt mir denken konnte; denn Friedrich von Waldeck hat fernerhin nichts mehr mit Ritterſchwerdt und Lanze zu thun. Er iſt u ſich gekommen, und wird nun die Miſſe⸗ haten ſeines früheren Lebens mit der ſtring⸗ — 106— ſten und einſamſten Zuruͤckgezogenheit, als ein frommer Eremite, wieder abzuſuͤhnen ſuchen.“ Ufo.„Was fagſt du? Der Waldecker ein Eremite?“ Geiſt.„Heil ihm, daß Gott ihm nuch die Gnade ſchenkte, hier auf dieſer Erde ſeine Gewiſſensbiſſe fuüͤhlen zu koͤnnen!“ Ufo.„Nun und ſeine Veſte? Seine unermeßlichen Reichthuͤmer, die er, als ge⸗ ſtohlenes Gut beſitzen ſoll?“ „Geiſt.„Wirſt du alles zu ſeiner Zeit erfahren; doch jetzt nichts mehr davon, denn die Zeit iſt koſtbar. Wiſſe, Juͤngling! Viel haſt du in wenig Zeit zu vollenden. Mit dem Fruͤheſten des kommenden Morgens breche auf und ziehe gen das St. Marien Kloſter, das, wie du weißt, in dem Thale des Windsecker Gaues liegt, dort wirſt du deine Jugendfreundin Elsbeth finden.“ Ufo.„Wie Elsbeth waͤre im Kloſter.“ Geiſt.„Nicht freiwillig, ſondern durch Liſt kam ſie hinein. Dies' wird ſich dir ſchon naͤher aufklaͤren; indeß unterbreche mich nicht mehr⸗ denn ich habe Eil b.— MitEisbech —, — 107— nachdem du auf Winddeck ſo kurz und ſchnell wie moͤglich alles wieder beruhigt haſt, kehhe gen Schönberg, denn auch dort harret deiner neue Arbeit. Sey klug und handle vor⸗ ſichtig, denn du wirſt mit heimtuͤckiſcher Bos⸗ 4* heit zu kampfen haben. Auf Schoͤnberg ſiehſt du mich wieder, denn auch ich habe bis dahin viel zu thun.— Sey wacker und bete!“ Mit dieſen Worten war der Geiſt ver⸗ ſchwunden. Ulfo aber peinigte ſich noch lange mit dem Gedanken, wie Elsbeth eigentlich in das Kloſter gekommen ſeyn möchte; wer wohl ſo unmenſchlich ſeyn könne, ihre gute Mutter ſo hart zu bedraͤngen, und was ihn wieder zu der ſchönen Emma führen ſolle; 3 bis er endlich entſchlief, und der Zeit die 3 1 Aufktaͤrung aller ſeiner Hypotheſen uͤberließ. Wir wollen ihn ruhen laſſen, und uns 3 3 jetzt endlich einmal auf Burg 8 Windöeck und Freiſingen umſehen. 8½ ſpute dich zu ihrer hart bedrängten Mutter, und 1 ¹ Auf einem ſanft aus der Tiefe des kühlen Thales ſich erhebenden Berge lag B Dung Frey⸗ Waſſer fließt, deſto tiefer gruͤnet es, u je unbeachteter der ſchlaue Fuchs an ein 4 ngen in feſter Pracht, die Gegend zierend, ſi in welcher in einer Entfernung von zwei kleinen Stunden Burg Windseck auf ſchroff aufſteigender Felſenhöhe mit ihren ſtattlichen Zinnen, in majeſtaͤtiſcher Haltung hoch em⸗ porragte. Stets befreundet waren beider Veſten ritterliche Bewohner, und woͤchentlich, ja oft taͤglich wurde der anmuthige Thalweg von ihnen begruͤßet, welcher von Freyſingen au dem geraͤumigen Moͤnchskloſter St. Lau⸗ rentius voruͤber, ſich gen Windseck hinan⸗ ſchlaͤngelte. Und wirklich ein ſeltenes Bei⸗ ſpiel in dieſen Zeiten des Mittelalters war das freundſchaftlich⸗vertraͤgliche Verhaͤltniß, in welchem die Plättlinge dieſes Kloſters mit den beiden Rittern lebten. Alles was ſie bisher ihren beiden ritterlichen Freunden in dem ihnen auferlegten heiligen Eifer fuͤr das Wohl der Kirche zumutheten, war die Be⸗ 6 * 8 redung zur Abſchickung ihrer Soͤhne gen Pa⸗ laͤſtina. Allein je ſtiller und ruhiger ein —— — Gegenſtand voruͤbergehet, deſto mehr iſt ſeine Aufmerkſamkeit auf ihn gerichtet. Bis zu Ritter Bertholds von Freyſingen ſeeligem Hinſcheiden, dem ſein alter Kum⸗ pan, Rudolph von Windseck, ſchon voran⸗ gegangen war, wurde die Freundſchaft und Eintracht zwiſchen den Bewohnern beider Burgen, ſowohl unter ſich, als auch mit den Moͤnchen des Kloſters nie geſtoͤrt. Doch jetzt hatte die vorſichtige Schlauheit ihre Zeit endlich erharret, und begann alsbald ihre emſige Thaͤtigkeit recht teufliſch mit der Ausſtreuung des Samens der Zwietracht unter die vieljaͤhrigen Freundinnen, welcher denn auch ſo ſchnell in den ſchwachen Herzen der verwittweten Nitterfrauen Wurzel faßte, daß ſchon nach einigen Wochen ſie nicht mehr zuſammen kamen, und die gute Kunigunde recht inbruͤnſtig weinte, ihre ſtets an ſie ſo anhaͤnglich geweſene Jugendfreundin Elsbeth nicht mehr ſehen zu duͤrfen. Da es aber dieſesmal nicht in unſerm Plane liegt, eine ausführliche Darſtellung in der heimtuͤckiſchen Boßheit und graͤß⸗ lichen Verdorbenheit der Monche jener Zeiten — 110— zu geben; auch dem genelgten Leſer die⸗ ſelbe ſchon aus anderen Schriften leider be⸗ kannt ſeyn wird, ſo uͤbergehen wir die Er⸗ zaͤhlung aller der Kabalen, welche ihre feine Pfaffenliſt erfann, und berichten nur das bei dem Verfolge dieſer Geſchichte Noth⸗ wendige.. Zu Burg Windseck gehörten die meiſten Waldungen und Fluren, die ſich in dem Gaue befanden, und ein recht koͤſtlicher Rebenſaft wuchs auf dem Sandboden, der ſich an dem Fuße des Berges, worauf ſich die ſtattliche Burg erhob, in vier Morgen ausdehnte; Burg Freyſingen dagegen war nur wenig begütert. Wie natuͤrlich alſo, daß ſich der Pfaffen Habſucht nach dem großen Theile wand, und fuͤr die Gewinnung deſ⸗ ſelben am meiſten arbeitete, waͤhrend ſie aber auch das minder Anſehnliche nicht aus den Augen ließen, und, ſomit jedem Freund⸗ ſchaft heuchelnd, ihre Kraͤfte, obſchon un⸗ gleich, theilte. Herrlich kam ihnen die Nachricht von Ritter Konrads Tod zu ſtatten, und auch von Ufos Falle wollten ſie bei der untroͤſtlichen Mutter gehoͤrt haben. 2 — — — — un . 41— So von doppeltem Schmerze gepreßt, ſaßen jetzt oft Mutter und Tochter auf beiden Burgen beiſammen, und fuͤhlten erſt jetzt, was ihnen die gegenſeitige, theilnehmende Freundſchaft ihrer fruͤheren benachbarten Freundinnen war. „O haͤtte nur Adelhaide das nicht ge⸗ than!“— ſeufzte Klara oft— gerne wollte ich ihr alles andere verzeihen!“ „Ach haͤtte Elsbeth mich nur nicht ſo entſetzlich verlaͤumdet, alles andere wollte ich vergeſſen!“ ſchluchzte Kunigunde ihrer Mut⸗ ter nach, waͤhrend auf Windseck von Adel⸗ heiden und Elsbeth, ihrer Tochter, eben ſo traurig das Naͤmliche von ihnen beklagt, und ſomit nur die ſchrecklichſte Unwahrheit, von den teufliſch liſtigen Schorköpfen er⸗ dichtet, von beiden Theilen beweint wurde. Endlich ſing Adelhaide zu kraͤnkeln an, und die Beſuche des Abtes mit dem Wardian wurden jetzt beinahe taͤglich unter dem Scheine wiederholt, ihr in ihrem zwar uoch unbe⸗ deutenden Leiden heizuſtehen, und die nun noch mehr traurende und weinende Tochter zu troͤſten; eigentlich aber, um die gute Witt⸗ 4 welche ſie ihrem ſchon ſo lange erharrte — 112— we nach und nach zu dem Entſchluſſe zu be⸗ wegen, ihren letzten Willen aufſetzen zu wollen, womit alsdann ihre Abſicht erreicht geweſen waͤre. Vorarbeitend hatten ſie ſich ſchon ge⸗ aͤußert, wie es doch wohl am beſten für Elsbeth ſey, wenn, da ſie ja doch nach ihrer Mutter Tod ſo ganz allein und ver⸗ laſſen in der verdorbenen Welt ſtehe, ſie den Schleier nehme, und wie es dann aßch dem Seelenheile der guten Wittwe befoͤrderlich ſeyn wuͤrde, ihre Habe zu frommen Stif⸗ tungen zu verſchenken. Allein Adelhaide war bis jetzt noch zu keinem Entſchluſſe zu bringen, und die ſchoͤne Elsbeth erklaͤrte ſich ſehr beſtimmt, daß, falls auch der ihr ſo entſetzliche Gedanke an den Tod ihrer geliebten Mutter ſich einſt erfuͤllen ſollte, und wenn ſie auch noch ſo verlaſſen in der Welt ſtehe, ſie dennoch den Schleier nicht nehme. Und da in dieſer Hinſicht auch an keinen Zwang von Seiten der Mutter zu denken war, ſannen die Pfaffen auf andere Plaͤne, 1 — 113—. So geſchah es denn, als gerade an einem ſchönen Fruͤhlingsmorgen die gute Mutter. mit ihrer, ſie ſo innig liebenden Tochter in dem Burgzwinger ſaß, und traurigen Blickes hinuͤber nach der von den Strahlen der kaum aufgetauchten Sonne beglaͤnzten Freyſinger Veſte ſah, ſich von dem aus der Thalflur bis zu ihnen heraufſteigenden Lerchlein einen freudig trillernden Morgengruß bringen ließ, und dann ſinnend den kleinen Thierchen nach⸗ ſah, wie ſie ſo mit Pfeilesſchnelle wieder auf die Flur herabſchoſſen, daß der Waͤrtel ſchon die Ankunft des Abtes und Wardians aus dem St. Laurentius Kloſter meldete. Mutter und Tochter giengen in den Ge⸗ ſellſchaftsgaden, um, wie immer, die hoch⸗ wuͤrdigen Herren recht ehrerbietig zu em⸗ pfangen.“ Nach gegenſeitig gegebenem Morgen⸗ gruße begann jetzt Adelhaide:„ Und welchem Zufalle, oder welcher gewiß ſehr frommen Abſicht habe ich das Gluͤck zu danken, euch Hochwuͤrdige! ſchon ſo frühe auf meiner Burg zu ſehen?“ 8 — 114— Abt.„Die Tage werden jetzt ſchon heiß, edle Frau! und da geht unſer einer, wenn man doch gerne ſehen will, wie eine ſo edle fromme Freundin ſich befindet, lieber in der Fruͤhe; ich ſehe aber, ihr ſeyd heute recht munter, da ihr ſchon ſo fruͤhe auf ſeyd!“ Adelhaide.„O ich war auch eine Zeitlang ſchon in meinem Zwinger. Es wird heute ein herrlicher Tag, und ich danke euch Hochwurdiger! fuͤr euern ſo freund⸗ ſchaftlich guͤtigen Entſchluß, mich mit euerer Gegenwart zu beehren!(Zu Elsbeth:) Geh' liebe Tochter, und beſorge etwas zum Mor⸗ genimbiße; auch einige Humpen laß fuͤllen, denn es wird unſeren hochwürdigen Gaͤſten warm geworden ſeyn.“ Elbsbeth gieng, und unter gleichguͤltigem Salbadern wurde der ſchmackhafte Braten von den hochwuͤrdigen Herrn verzehret, und die vollen Humpen wacker dazu geleert. Nach eingenommenem Mahle begann aber der feiſte Abt zu Elsbeth:„Nun ſchoͤnes Fräͤulein, ich habe auch einen Auftrag an euch, der euch zwar wohlthun, aber dennoch einen ſchmerzlichen Gedanken erregen wird.“ — 115— Elsbeth.„Und darf ich fragen Hoch⸗ 5 würdiger! welchen?“ Abt.„Geſtern Abend, es war ſchon ſpät, kam ein aus Paläſtina rückkehrender Pilger an unſere Kloſterpforte. Er ſchleppte nur noch mit Mühe ſeine kranken Knochen fort, und man öffnete ihm deßhalb gleich das Thor. Ich ließ ihn zu mir kommen und erfuhr, da, wie ihr wiſſet, ich immer zuerſt nach Konrad, euerm edlen Bruder, frage, indem mein Herz es noch gar nicht faſſen kann, daß er wirklich todt ſeyn ſoll, daß der Pilger in der letzten Stunde noch bei Konrad geweſen ſey, und kurz vor ſei⸗ nem ſeeligen Ende von ihm aufgetragen be⸗ kam: doch ja, falls er einſt wieder in die heimathlichen Gaue käme, ſeiner lieben Schweſter Elsbeth von ihm den letzten Gruß zu bringen. Zum Wahrzeichen ſoll er aber nur ſagen:„Ihr haͤttet jetzt den Epheu⸗ kranz umſonſt füͤr ihn geflochten.— Ich weiß nun nicht, was das für eine Bedeu⸗ tung hat; ihr werdet es aber ſchon entziffern 4 köoͤnnen.“ 8 ℳ 6 Elsbeth erzählte dem Abte unter Thrä⸗ nen, wie ſie vor dem Abzuge ihres Bru⸗ ders mit Ufo von Freyſingen fuͤr beide Epheu⸗ kränze geflochten, und an einer ſchoͤnen, alten Eiche ihres Forſtes aufgehaͤngt habe, damit ſie, wenn ſie einſt wiederkehrten, ſich an ihre frühere, ſo innige Freundſchaft er⸗ innernd, das durch ihre Trennung unter⸗ brochene Band der bruͤderlichen Liebe von Abt.„Ach gar viel Frommes und Schöoͤnes hat mir der Pilger noch von eueres edlen Bruders 4 Thaten litaneiet, aber wer kann dies' alles ſo behalten.“ bei euch Hochwuͤrden?“ Abt.„Er eilt zwar ſehr, aber ſeine morſchen kranken Glieder nöthigten ihn heute und vielleicht auch morgen in rünſenen Kloſter zu weilen.“ Elsbeth.„O wenn ihr erlaubtet, daß ich ihn ſelbſt ſprechen duͤrfte.“ Abt.„Von ganzem Herzete, gutes Fraͤulein! Das haͤngt bloß von euch und der Erlaubniß euerer edlen Frau Mutter ab.“ neuem recht enge mit ihr knuͤpfen moͤchten. Elsbeth.„Iſt denn der Pilger nug — 117— Elsbeth.„Ach liebe Mutter, du haſt gewiß nichts dawieder, wenn ich mit den hochwuͤrdigen Herren den frommen Pilger beſuche?“ Adelhaide.„Nein liebe Elsbeth, die Erzaͤhlung des Pilgers moͤchte dich zu ſehr ergreifen, und dir von neuem den Schmerz uͤber den Tod deines Bruders recht maͤchtig wecken.“ Elsbeth.„Aber liebe Mutter, es thut mir immer ſo wohl, wenn ich von meinem guten Bruder Konrad etwas hoͤre.“ Adelhaide.„Nun wenn du dich ſtark genug fuͤhleſt, die Kunde des Pilgers anzu⸗ hoͤren und mir daruͤber nicht etwa erkrankeſt.“* Elsbeth.„O gewiß nicht! Laßt mich nur mit den hochwuͤrdigen Herren gehen.“ Adelhaide.„Nun meinethalben, aber es wird dich viele Thraͤnen koſten. Undach! die gute Mutter hatte recht, denn mit dem Verlangen Elsbeths, den Pilger zu beſuchen, hatte der teufliſche Plan der Mönche den gluͤcklichen Anfang genommen. Noch ehe es zu Tiſche in den Referenter läutete, war ſchondas ſchoͤne Fraͤulein gluͤcklich 8 ——— — 118— mit den Hochwurdigen in dem Kloſter an⸗ gelangt, und der gute, fromme Pilger wußte ſie bis zu dem baldigen Untergange der Sonne in der ihm eingeraͤumten Zelle zu feſſeln. Bei ihrem Weggehen aber ſagte er ihr noch ſo recht im Vertyauen, daß er wohl auch noch ihrer Frau Mutter etwas zu kunden habe, welches er ihr aber nur unter vier Augen ſagen duͤrfe. Er wolle es deß⸗ halb, da er ſehr Eile habe, und trotz ſeinen wunden, matten Fuͤßen nur noch Morgen hier weilen koͤnne, verſparen, bis ihn vielleicht bald wieder der Weg in dieſe Gaue führe. „Indeß, fuͤgte er hinzu, ſo ihr, gutes Fraͤu⸗ kein! morgen wieder kommen wollt, will ich. euch ſo viel davon ſagen, daß euere Frau Mutter, wenn ihr's derſelben wieder berichtet, das andere ſchon leicht daraus ſchließen kann.“ Clsbeth dadurch geſpannt, verſprach mit der Fruͤhe des kommenden Tages wiederzu⸗ kehren, gieng und kam gluͤcklich auf ihrer vaͤterlichen Veſte an, als Heſperus ſchon weit vorgeruckt war. Der Morgen des verhaͤngnißvollen Tages 5 brach an, und Elsbeth hielt Wort, denn als — —. 119— eben die Mönche und Bruͤder aus der Kloſter⸗ kirche giengen, in welcher der Abt das Amt gehalten hatte, trat ſchon die ſchone Winds⸗ eckerin in die Zelle des Pilgers, welcher nach freundlich gegebenem Morgengruß zu ihr be⸗ gann:„Nun es freut mich, edles Fräulein! daß ihr ſo puͤnktlich Wort gehalten; allein ich fuͤhle meine matten Glieder heute ſchon ſo viel geſtaͤrkt, daß ich wohl mit der Huͤlfe Gottes und meines Wanderſtabes den Weg nach euerer Burg ſelbſt antreten zu koͤnnen glaube, und ſo kann ich denn euerer Frau Mutter gleich alles kunden. Hieruͤber ſehr erfreut bat ihn die gute Dirne doch ja mit ihr ſich gleich dahin auf den Weg zu machen. Er willigte ein, und ſie giengen unter den gleichgültigſten Ge⸗ ſpraͤchen dem Forſte zu. Doch jetzt hob der Pilger an, da ſie bald die Stelle erreicht hatten, an welcher der Wald am dichteſten iſt:„Nicht wahr, edles Fraulein! hier in dieſen Gauen lebt es ſich gar ruhig?“ Elsbeth.„So lange mir es denkt, weiß ich nur eine Fehde, die mein Vater mit dem Ritter Kunz von Rothenſtein, deſſen — 120— Veſte etwa ſechs Stunden weit von hier liegt, hatte.“ 8 Pilger.„Und auch die Mönche des Kloſters vertrugen ſich ſtets mit den Rittern dieſes Gaues?“ 3 Elsbeth.„O ja, es ſind immer Freunde zuſammen geweſen.“ Pilger.„Dann ſeyd ihr hier gluͤcklich, denn in der Naͤhe eines andern Kloſters wuͤrde ein ſo ſchones Taͤubchen, wie ihr, nicht ſo ungeſtört umherflattern können.“ Elsbeth.„Wie meint ihr das, from⸗ 5 mer Pilger?“— Pilger.(Da ſie eben in dem tiefſten Walde ſich befanden:)„Nun dieſe wuͤrden euch auf einem ſo einſamen Wege ſo er⸗ ggrreifen. und fur ſich rauben.“ Mit dieſen — Worten faßte er die erſtaunte Elsbeth mit dem einen Arme um ihren ſchlanken Leib, und mit der anderen Hand verhinderte er, daß ſie ſchreien konnte; pfiff dreimal durch den Forſt, und ſogleich kamen drei Knechte herzu, welche, ihn unterſtützend, das Fraͤu⸗s-⸗ lein von dem Wege ab, waldeinwaͤrts fuͤhrten. — — /— 121— „, Meine Mutter! ach meine Mutter!“ wiir noch alles, was die getaͤuſchte, unglück⸗ liche Dirne hervorbringen konnte, denn jetzt band man ihr ein Tuch um den Mund, huͤllte ſie in die von Pater Urban abgeworfene Pilgerkleidung, und brachte ſie in den füͤr ſie ſchon beſtimmten Verwahrſam, welcher ſich in dem tiefſten Dickichte, nahe an dem St. Marien⸗Frauenkloſter, unter der Erde befand. Wir verlaſſen jedoch die ohnmaͤchtig⸗ ſchoͤne Elsbeth, beſonders da wir uns ß wieder den Fehler zu Schulden kommen la könnten, fuͤr den ubel auffaſſenden Leſer die ſchaͤndliche Pfaffenwolluſt zu lebend darzuſtellen, und kehren zurü⸗ Windseck, wo wir die gute haide in der groͤßten Angſt biß zu bruche des Zwielichtes ihrer geliebten C ls⸗ beth, welche doch bald wiederzukehren ver⸗ ſprach, entgegenharrend, finden. Jetzt war auch das Swielicht vorüber und immer noch war die ſehnlichſt⸗ herbei ge⸗ wünſchte Tochter noch nicht da. Die Nacht — 122— verbreitete ſchon ihre ſinſteren Fittige über die hohen Berge und das anmuthige Thal; der Mond brach durch die Wolken, allein immer noch wollte der Waͤrtel ſein ſchallendes„Wer da!“ nicht rufen. Da konnte es die gute Mutter nicht mehr laͤnger aushalten, ſie ließ den Burgyoigt, den ehrlichen, aufrichtigen, alten Kaſpar rufen, und klagte dieſem ihre Angſt, worauf er ihr recht offen erwiederte: „Ja gnaͤdige Frau, mein Lebetag war mir das Pfaffengeſchmeiß verhaßt, obſchon die Handlung, welche durch ihre Hand ver⸗ richtet werden muß, mir ſtets⸗ heilig iſt und bleibt. Seit einiger Zeit hab' ich aber gar baß den Kopf geſchuͤttelt, wie ihr ſo Tag taͤglich auch den beſten Wein von den feiſten Mönchen abtrinken laſſet. Ich ſagte von jeher: die fuͤhren nichts Gutes im Schilde, wenn ſie gleich euch noch ſo freundlich thaten und noch thun. Sie haben nur ihre Zeit erpaßt, in welcher ſie ihre ſchaͤndlichen Plaͤne am beſten ſo unter dem Deckmantel der 3 Freundſchaft ausfuhren konnen. Und nun haben wir am Ende ſchon die Beſcherung, denn bei meiner Treue wollte ich beinahe — 123— ſchwören, daß ſie nun das Fraͤulein in ihr Garn eingefangen haben.“— Adelhaide„Aber um des Himmels willen, ſo ſendet doch gleich Knechte nach dem Kloſter, damit ſie mir nur kunden, ob meine Etsbeth noch dort iſt.“ Kaſpar.„Werde eueren Befehl be⸗ folgen, gnaͤdige Fraul aber es iſt ſchon bald neun Uhr, und wenn ſich die Knechte auch noch ſo ſehr ſpuden, ſo werden ſie den traͤgen Abt mit ſeinen Mönchen doch nicht mehr wachend antreffen.“ Adelhaide.„Aber ſie können doch noch erfahren, ob meine Tochter dort iſt.“ Kaſpar.„Wollen ſchen(im Weg⸗ gehen)„Soll ich euch den Pater Gerhard ſchicken, gnaͤdige Frau?“ Adelhaide.„Ja thut das, lieber Kaſpar!“. — Der Burgyoigt gieng, der Pater Gerhard kam, die gute Mutter zu troſten; und die Knechte ritten gen das Kloſter ab, brachten aber, wie ſich der aufrichtige Burgvoigt ſchon 5 zum Voraus vorſtellte, keine Antwort, denn der Bruder Pförtner hatte den ſtrengſten Befehl wegen vorgegebenem Unwohlſeyn des Tbers, niemanden einzulaſſen, und er fuͤr ſich konnte ihre Frage: ob Fraͤulein Elsbeth noch im Kloſter ſey, weder mit ja, noch mit nein beantworten, denn er wußte es nicht. Alles wandte der Pater Gerhard an, die nun heftig weinende Adelhaide zu tröſten, und mußte ſich bequemen, die ganze Nacht bei ihr zu durchwachen. Endlich brach die langerſehnte Tageshelle an, und alsbald waren nun die Knechte wieder auf dem Wege gen das Kloſter, doch der Abt mit ſeinem Wardian begegnete ihnen ſchon auf der Haͤlfte deſſelben. Sie zogen alſo miteinander zuruͤcke, denn obſchon die Rei⸗ ſigen fruͤher haͤtten ankommen koͤnnen, ſo gieng es ihnen doch zu nahe, als daß ſie ihrer ſo geliebten Gebieterinn die ſchon ver⸗ nommene Trauerpoſt, daß ihr gutes Fraͤu⸗ nicht i im Kloſter ſey, nun ſelbſt hütlen lein ingen wollen. zt trat trüben Blickes der Asr mit 4 inem wadelnden Wardiane in Adelhaidens Schlafgaden, und es gehörte wirklich das verſiocteſte, unmenſchlihſte Herz dazu, ſr * ddie gute Wittwe und Mutter, mit dem Be⸗ wußtſeyn ihren tiefen Schmerz veranlaßt zu haben und auch wieder enden zu können, um ihre Tochter ſo gefuͤhllos jammern ſehen zu koͤnnen. Doch ihrer Habſucht wegen war ihnen auch das unmenſchlichſte Opfer nicht zu groß. „Um des Gekreuzigten willen!— rief der ſchaͤndliche Gotteslaͤſterer— edle Frau, was mußte ich heute Morgen höͤren! Ihr ließet geſtern euere Tochter noch in der Nacht in unſern Kloſtermauern ſuchen? Nicht ruhen konnt' ich mehr; gleich trieb es mich hierher um zu ſehen, was euer Schitten bedeuten ſoll!“ Adelhaide.„Ach, was ſoll es be⸗ deuten. Meine Tochter, meine Elsbeth iſt ſeit geſtern Morgen fort, o geſtehtsmur Hoch⸗ wuͤrden, ihr haltet ſie gewiß im Ver⸗ wahrſam.“ —— 2 wahnſinnig geworden, edle Frau? Denn dieſes nicht gegen die geſalbten Diener des —— Abt.„Gott ſtehe uns bei, ſeyd ihr wahrhaftig euer ſonſt ſo frommes Herz konnte Herrn ausſprechen. Eucre El lobeth habe ich, — 126— ſo wahr ich das heilige Meßopfer wuͤrdig em⸗ pfangen will— Gott daß ich dieſen Schwur thun muß— ſchon ſeit Vorgeſtern mit keinem Auge mehr geſehen; die Knechte des Kloſters aber haben mir berichtet, daß ſie geſtern Fruͤhe gekommen, allein auch alsbald wieder mit dem Pilger fortgegangen ſey, und weder ſie noch der Pilger ſind ſeitdem wieder in unſere heilige Mauern gekehret.“ Auch unmenſchlich genug war er, der guten Mutter den Gedanken, obgleich nur dunkel, aber dennoch zu aͤußern, daß ihre Elsbeth mit dem Pilger, der ein ſchoͤner, junger Mann ſey/ vielleicht fortgewandert waͤre. Sein teufliſches Herz aber entäußerte ſich erſt recht darin, daß er nun taͤglich kam und die gute kranke Frau jedesmal mit dem Ver⸗ langen, ihren letzten Willen aufzuſetzen, und darin dem St. Laurentius Kloſter ihre Habe erb⸗ und eigenthuͤmlich zu vermachen, ſo lange peinigte, bis ihr die dickſten Angſt⸗ Schweißtropfen auf der Stirne ſtanden, und ſie vor Beklemmung ihres Herzens nichts mehr reden konnte. — 122— So ſtand es auf Windseck, als Boſes Geiſt unſeren Ufo zur eiligen Huͤlfe herbei⸗ rief, und dieſe war denn auch höchſt nöthig, denn Elsbeth war, da ſie die feuchte mo⸗ dernde Luft durchaus nicht ertragen konnte, in das St. Marien⸗Frauenkloſter gebracht worden, wo ſie dem ſchaͤndlichen Verlangen des Abtes nicht mehr lange haͤtte widerſtehen duͤrfen, ohne Gewalt befuͤrchten zu muͤſſen; und Adelhaide, ihre hartbedraͤngte Mutter, die mit jeder Stunde ihrer Auflößung naͤher eilte, hatte ſchon einen der zunaͤchſt kom⸗ menden Tage beſtimmt, an welchem ſie ihren letzten Willen in des Abtes geheiligte Haͤnde niederlegen wolle.—. Wirr kehren daher zurück zu Ufo, den wir jetzt erwacht, und die ihm entgegen⸗ tretende Anne freundlich zrüßend⸗ in der Bauernhuͤtte ſehen. Herzlichen Abſchied nahm nun Ufo von ſeinem Waffenbruder Konrad von Bullen⸗ dorf, der unter dem Verſprechen, ihn bald einmal auf ſeiner Veſte Freyſingen heim⸗ ſuchen zu wollen, mit ſeinen zwei Knappen nach ſeiner Heimath 0g; und ritt, — on den — 128— ſegen⸗ und glückwunſchenden Thraͤnen des alten und ſchoͤnen jungen Paares begleitet, dem Walde zu, Burg Windseck und dem St. Marien⸗Frauenkloſter entgegen. Freundlich war ihr Weg, und als Au⸗ roras Roſenſinger ſie zum zweitenmale dar⸗ auf begruͤßten, waren ſie nicht mehr fern von dem anmuthig gelegenen Kloſter, welches ein breiter Wall umgab, und das die beiden Thuͤrmchen einer geraͤumigen Kirche zierten. Ufo ſpornte ſein Roß, und nach wenig Mi⸗ nuten hielt er an der Pforte. Angelweit ſtanden die beiden Thorfluͤgel auf, auch die Kirchenthuͤre war offen, und kaum war der ſtattliche Ritter in den Hofraum eingetreten, und hatte dieſe, ſo wie noch manche, ein ſchon geweſenes, oder noch zu beginnendes Feſt anzeichnende Zeichen uͤberſehen, da wuͤrden alle Glocken in der Kirche angezogen, doch ihre melodiſchen Silberklaͤnge erregten in Ufo's Buſen ein ſo trauriges Gefuͤhl, als ob ſie die feierliche Beſtattung einer Leiche verkuͤndeten. Jetzt zog er dreimal an der Glocke der inneren Pforte, und alsbald erſchien die — 120— Pförtnerin mit der Frage nach ſeinem Be⸗ gehre, an dem eiſernen Gitter. Ufo.„Ich habe ein Wort mit euerer Frau, der Abtiſſin, zu ſprechen; geht und meldet mich deßhalb.“ Nonne.„Ihr werdet jetzt nicht mit ihr reden können, da es ſchon in die Kirche ruft, worin heute eine Novize ihr Gelübde ablegt, und unſere neue Mitſchweſter wird.“ Ufo.„Wie nennt ſich die Dirne?““ Nonne.„Das kann ich ſelbſt euch nicht ſagen!“ Ufo.„Ich bitt euch, meldet mich der Abtiſſin, mein Anliegen iſt dringend.“ Nonne.„Will's thun, werdet aber dennoch harren muͤſſen, bis nach vollen⸗ detem Gottesdienſte.“ 8. Die Nonne gieng und kam auch wirklich mit dem Beſcheide zurücke, es habe die Ab: tiſſin jetzt durchaus keine Zeit, ſein Anliegen zu vernehmen; gleich nach Beendigung des Hochamtes jedoch wolle ſie ihn im Geſell ſchaftsgaden erwarten. Unruhig trieb es nun Ufon Pn Ho aume umher. Lnüich wechſelte das Galdut mit — 130— den feierlichen Orgeltönen ab, und jetzt zog des ihn maͤchtig in das Gotteshaus. Er trat hinein, und nahm ſeinen Platz nahe an dem Hochaltare, wo der Wardian des St. Laurentius Kloſters den Ufo gleich erkannte, eben ſein Dominus vobiscum in den Kreuzgang hinausrief. Ufo kniete nieder, und betete recht andaͤchtig das Credo in unum Deum dem Pfaffen nach. Jetzt hatte dieſer ſein Glaubensbekenntniß beendigt, die Orgeltöne waren völlig ver⸗ hallt, und alles ſchien aͤngſtlich das da Kommende zu erwarten; da trat in feier⸗ lichem Ornate die Abtiſſin aus der Sakriſtei heraus, und ihr wankte, auf zwei Nonnen geeſtuͤtzt, eine ſchlanke Geſtalt nach. Ufo bemuͤhte ſich ihre Geſichtszuͤge zu ſehen, doch dieſe waren von Kummer und Leiden ſo entſtellt, und die Spuren fruͤherer zugendlicher Bluͤthe ſo gebleicht, daß Ufo, ſo ſehr es ihm auch bei ihrem erſten Er⸗ ſcheinen unter ſeinem Bruſtharniſche pochte, ſchon ruhiger zu werden begann, und ſeinen innern Drang, es möge Elsbeth ſeyn, zu Verſcheuchen ſuchte. * — 131— Nun aber waren die Nonnen vor dem Altare angelangt. Die wankende Geſtalt hatte ſich auf einem, mit ſchneeweißem Atlaſſe behaͤngten Kirchenſtuhle niedergekniet. Der vor ſie hingetretene Wardian begann ihr das abzulegende Geluͤbde vorzuleſen, und eben bebten die erſten ihr vorgeſagten Worte von ihren Lippen nach, da ſagte eine Stimme hart in Ufo's Ohr:„Es iſt Elsbeth, deine Jugendfreundin!“ „Halte ein, Pfaffe!“ ſchrie, fuͤrchter⸗ lich erkoͤnend, Ufo dem fortredenden War⸗ dian entgegen, ſtuͤrzte auf die mit einem lauten Schrei von ihrem Stuhle umgeſunkene Dirne zu, zog ihr den weißen Schleier von dem Geſichte, und— ſie war es, das jam⸗ mervoll entſtellte Fraͤulein Elsbeth von Windseck, Ufo's geliebte Jugendfreundin. Raſch hob das ohnmaͤchtige Maͤdchen der ſtattliche Ritter vom kalt geplatteten Boden auf, und trug ſie kraͤftigen Armes von den im ſtummem Staunen ihm Nachſehenden weg, zur Kirche hinaus, vor die aͤußere 6 Pforte des Kloſters, wo Kuno, ſeines Herrn bei den Roſſen gewaͤrtig, ihm hocherſtaunt 9* * entgegen rief:„Um des Himmels willen, edler Herr! was wollt ihr mit der Nonne?“ Ufp.„Kennſt du ſie denn nicht? Es iſt Elsbeth.“ Kuno.„Wie? Unmoöͤglich!— Els⸗ beth, das ſchoͤne, gute Fraͤulein waͤre Nonne geworden? Aber ach, was iſt ihr denn? ſie iſt ja ganz entſtellt, und— o Jeſus! Maria! ſie iſt j ja todt, ſie athmet ja nicht mehr!“— Ufo.„Iſt nur eine Ohnmacht! Gib ſchnell Wein fuͤr ſie her, denn es iſt. jetzt nicht die Zeit, und der Ort zur weiteren Aufklaͤrung.“ Raſch langte der um ſein gutes Fraͤulein jammernde Knno Wein aus ſeinem Wetſcher, und nachdem ſie nun Elsbeth damit ange⸗ ſtrichen hatten, und dieſe wieder einiger⸗ maaßen zu ſich gekommen war, ſpudeten ſie ſich gen Windseck. Die lang entbehrte friſche Luft, und das im Anfange zu ſehnelle Reiteli⸗ brachten das Donmaht nahe, weßhalb ſich Ufo genoͤthigt ſah, in der Mitte des Weges nech einmal abzuſetzen, und ſeiner lieben Jugendfreundin * Mutter ſchon laͤngſt geſtorben waͤre, und Unmöglich!“ 8 Ruhe und Erholung zu gönnen. Da llfon wie ſeinen Knappen, indeß noch alles ein Raͤthſel war, wie Elsbeth in das Kloſter gekommen, und heute dort das Geluͤbde der Keuſchheit habe ablegen ſollen, ſo fragte er das jetzt wieder zu ſich gekommene Fraͤulein: Aber liebe, gute Elsbeth ſagt mir doch, wie konnte es denn kommen, daß ich euch in dem Kloſter antreffen konnte, und ihr heute dort der Welt entſagen wolltet?“ Elsbeth erzaͤhlte ihm, was unſerem Uifo meine geneigten Leſer jetzt auch ſchon haͤtten erzaͤhlen können, und ſchloß endlich mit den Worten:„So bedraͤngt von dem Abt des St. Laurentius Kloſters, mußte ich mich endlich dazu verſtehen, den Schleier nehmen zu wollen, beſonders auch, da ich an keine Befreiung aus den Kloſtermauern mehr denken konnte, und der Abt mir uͤberdies die traurige Kunde brachte, daß meine gute ihrem Kloſter all' mein Haabe, als erb und eigen vermacht haͤtte.“ Ufo.„Wie, euere Mutter waͤre todt? — 134— Elsbeth.„Ach guter Ufo, war't ihr denn nech nicht auf Windseck?“ Ufo.„Nein, liebe Elsbeth! Ich kehre ſo eben aus Palaͤſtina, und wollte in der Kloſterkirche, in welcher gerade das Gelaͤute den Gottesdienſt verkuͤndete, ein dankbares Gebet zu dem Ewigen ſchicken, daß er mich ſo gluͤcklich wieder in die Gaue führte, in wel⸗ chen ich meine frohe Jugendzeit ſo freudig durchlebte; da ſah ich euch an den Altar wanken, und eine innere Stimme ſagte mir: „Elsbeth, deine Jugendfrundinn, wird ge⸗ zwungen der Welt zu entſagen!“ Naſch war mein Entſchluß gefaßt, und Heil und ewiger Dank nun der Vorſehung, daß ſie mich noch ſo zur rechten Stunde zu euerer Befreiung heimfuͤhrte!“, Elsbeth.„Dank' euch guter Ufo! aber meine Mutter! Gott meine gute Mutter! wenn es wahr waͤre, was der Abt mir ge⸗ ſagt hat,“ Ufo.„Seyd getroſt, liebe Elsbeth! Sicher iſt es eine Luͤge, die der ſchaͤndliche Scharkopf erſann, um euch deſto fruͤher zur Einkleidung zu bewegen. Indeß wir wollen — 135— uns ſputen, denn auch mich draͤngt es, weiß ich doch ſelbſt nicht warum, hinauf gen Burg Windseck!“ 1 So ſchnell, als es des immer noch ſchwa⸗ chen Fraͤuleins wegen möglich war, gieng es nun den ſteilen Burgweg hinauf, und nach einer halben Stunde hatten ſie die Zugbrücke erreicht, wo Ufo dem fragenden Waͤrtel er⸗ wiederte:„Ufo von Freyſingen bringt euch euer Burgfraͤulein, Elsbeth von Windseck, wieder!“ „Alsbald flog mit freudigem Knarren die Brücke nieder, und auf ihren Haͤnden trugen die hochaufjubelnden Burgbewohner ihr geliebtes Fraͤulein die Treppen hinauf. Ufo folgte ihnen. Doch hatten ſie noch nicht die letzte Stufe erreicht, da trat der alte Kaſper ihnen entgegen, geboth dem Zuge Halt, und gieng auf Ufon mit den Worten zu:„Euch edler Ritter ſendet ein chuͤtzender zu:„ huͤtz Engel zur rechten Stunde mit unſerem Fraͤu⸗ lein hierher; denn wißt, eben ſitzt drinnen im Schlafgaden unſerer kranken, gnaͤdigen Frau, der Abt des St. Laurentius Kloſters mit einem Pater, um ihren letzten Willen aufzu ſetzen, worin die getaͤuſchte und hart von ihnen bedraͤngte Frau, all' ihr Habe ihrem Kloſter verſchreiben will. „Ach fuͤhrt mich zu meiner Mutter!“ bat indeß Elsbeth immer dringender, und ohne die Moͤnche zu achten, flog die ſehnende Tochter jetzt an der guten Mutter Schragen, und ſie freude⸗ und wehmuthsvoll⸗ſchluch⸗ zend umhalſend, uͤberzeugte ſie, die angſtvoll Zweifelnde, daß wirklich ihre Tochter, ihre Elsbeth, ſie ſey. Wie von dem Blitze getroffen, ſtanden die Schardäͤpfe da, und keiner glaubte ſei⸗ nen Augen trauen zu dürfen, da ſie ja wußten, daß gerade in dieſem Augenblicke Elsbeth in die Haͤnde des Wardians das Geluͤbde, auf ewig der Welt entſagen zu wollen, ablegen ſollte. Erſt als ſie den Ritter unter der Thuͤre erblickten, in welchem ſie auch alsbald ſehr richtig den edlen Freyſinger erkannten, wurde ihnen die Möglichkeit und Wahrheit von Elsbeths Erſcheinung einigermaaßen erklaͤr⸗ bar. Zugleich aber bemaͤchtigte ſich ihrer ein angſtvolles Zittern. Unbemerkt ſuchte jedoch noch der Abt die ſchon von Adelhaiden unter⸗ — — — 137— zeichnete Urkunde in ſeine Taſche zu bringen, und ſchritt, nachdem ihm dieſes gluͤcklich gelungen war, den Pater Urban am Rocke zupfend, etwas ermuthigt auf Ufo'n zu, welcher immer noch an der Thuͤre ſtand, mit inniger Freude an den unaufhöͤrlichen Lieb⸗ koſungen der beglückten Mutter und Tochter ſich weidete, und eben in dem Gedanken, die ſeinem gefallenen Buſenfreunde Konrad, beſchworene Pflicht ſchon einmal gluͤcklich er⸗ fuͤllet zu haben, die höchſte Wonne empfand. Auch Boſos Geiſt freute ſich unſichtbar einige Augenblicke uͤber die durch ihn bezweckte Seene des gluͤcklichen Wiederſehens der Mut⸗ ter und Tochter, und die freudige Hoffnung beſeelte ihn, daß gewiß ihn dieſe Hand 9 um einen Schritt ſeinem Ziele naͤher bringe. Doch durch des Abtes Miene, ſich ent⸗ fernen zu wollen, wurden jetzt alle aus der ruͤhrenden Stille aufgeſchreckt; denn Ufo wandte ſich zu ihm und ſagte:„Herr Abt ich wuͤnſche zwar ſelbſt, daß ihr mit dem Pater das Gemach verlaſſet, jedoch noch einige Zeit euch auf der Burg verweilet, bis ich euerer bedarf. Jetzt aber habe ich mit — 138— der edlen Frau etwas zu reden, wobei vor's Erſte euere Gegenwart freilich uberfluͤſſig iſt.“ Abt.(nachlaͤſſig)„Ihr wollt mich aus dem Gemache weiſen? Wollt mit der Frau und ihrer Tochter allein ſeyn?“ Ufo.„So iſt's, deßhalb mögt ihr euch bequemen.“ Abt.„Was veranlaßt euch dieſe Sprache mit mir zu reden, oder habt ihr ſie in Pa⸗ läſtina erlernt?“ Uvt.„Werdet wohl die Veranlaſſung dazu noch jederzeit zu fruͤhe hoͤren, denn gleich einer Todes Poſaune wird ſie in eueren Ohren klingen.“ Abt(wild)„Bube du ſprichſt dir ſelbſt dein Urtheil! Weißt du nicht, daß ein ein⸗ ziges Wort von mir dich zeitlich und ewig verderben kann?“ Ufo.„Ha wird ſich ſchon zeigen, wer von uns beiden den Namen Bube verdient; ich verlache euere Drohungen. Jetzt aber gehet, ſonſt könnte euch euer längeres, wider⸗ ſpenſtiges Harren baß uͤbel bekommen.“ Abt.„Wahnſinniger! wir gehen, aber wehe, wehe dir!“ 3 — 139— Der Abt mit ſeinem Monche gieng, doch Ufo trat jetzt zu Adelhaiden und Elsbeth, welche in dem Augenblicke, als die Moͤnche aus dem Gaden zornig wadelten, mit dem 4 Ausrufe:„Gott der Pilger!“ ihr Antlitz an der guten Mutter Bruſt verbarg.„Wel⸗ cher Pilger?“ fragte deßhalb der naͤher ge⸗ tretene Freyſinger. Elsbeth.„Ach Gott— der Pater— war es, der mir von Konrad ſo viel erzaͤhlte, und mich auf dem Wege raubte!“ 4 Adelhaide.„Erklaͤre dich mir doch 4 deutlicher, liebe Elsbeth!“ Und Elsbeth erzaͤhlte jetzt alles, was wir mit ihr bereits ſchon wiſſen, und Ufo begann, nachdem ſie geendigt, zu der wei⸗ nenden Mutter:„Nun erlaubt mir edle 8 Frau, daß ich ein freundlich Wort mit euch koſe.— Mit der Huͤlfe Gottes und deſſen unergruͤndlich⸗weiſer Leitung war ich zwar ſo gluͤcklich, euere Tochter, meine theuere Jugendfreundin, von dem ihr durch Pfafſen⸗ 4 ſchurkerei beſtimmten Jammer zu befreien und euch und der Welt wieder zu geben; doch ihr, täͤuͤſch' ich mich nicht, habt ſicher durch die⸗ = 440— ſelbe Liſt der Schorkoͤpfe hintergangen, ſie in euerem letzten Willen hablos und arm gemacht. Zu verzeihen war noch vor wenig Augenblicken euerem hart bedraͤngten Herzen dieſe Handlung, doch jetzt, da ihr euere Tochter wieder ſehet und beſitzt, wird gewiß euer gutes Mutterherz ganz anders fuͤr ſie entſcheiden!“ Adelhaide.„O guter Ufo, wie könntet ihr es aͤndern? Gott was hab' ich gethan!“ Ufo.„Seyd deßhalb ruhig, und er⸗ theilt mir nur das Recht, fuͤr euch in dieſer Sache handeln zu durfen.“ Adelhaide.„Tauſend Dank euch, wenn ihr's vermoͤget, den Pfaffen meinen letzten Willen wieder zu entreißen! Ach gute Tochter, liebe Elsbeth, arm, aͤrmer noch, als die gemeinſte Dirne, wuͤrdeſt du ſonſt durch deiner Mutter Uebereilung ſeyn! Ver⸗ gib! o vergib dem hartbedraͤngten Herzen deiner Mutter! Elsbeth.„Seyd doch ruhig liebe Mutter! Kann ich ja dich nech ſehen, und wieder deine Hand an mein kindlich⸗liebend ——— — 4 141— Herz preſſen! Dieß iſt mir mehr, denn all' mein Habe!“ Ufo.„Nicht doch, gute Elsbeth! Deine Mutter lebt ja noch, und es ſteht immerhin in ihrer Macht, zu thun, was ſie noch will.“ Adelhaide.„Edler Nitter handelt fuͤr die ſchwache Witwe! Bereitet ihr durch die Sicherung ihrer Habe für ihre Tochter, eine ruhige Sterbeſtunde, und kroͤnt damit die edle That, der kummervollen Mutter ihr geraubtes Kind wieder gegeben zu haben!“ Ufo.„Gut ich werde handeln. In dieſem Augenblicke trat der ehrliche Burgvoigt Kaſper ein. Ufo.„Recht, daß ihr kommt, uun holt mir geſchwind den Abt mit ſeinem Pater herbei. Kaſper.„Die hab ich gewaltſam ein⸗ ſperren muͤſſen, ſie ſpieen Feuer und Schwe⸗ fel. Ufo.„Thut nichts, will ſie ſchon lehren Honig ſpeien.“ Graͤßlich verzog der jetzt eintretende Abt ſein Geſicht, füͤrchterlich rollte ſein Auge, und gleich einem Wuͤthenden rief er dem — 142— edlen, ſtattlichen Ufo zu:„Graͤuel der Schöpfung, was willſt du von mir? Deine verruchte Seele lodert ſchon hoch auf in den Flammen der Hölle! Weiche hinweg du Satan, ich habe keine Gemeinſchaft mit dir.“ Ufo.„Hatte nie Gemeinſchaft mit euch, Herr Abt, und der Himmel bewahre mich auch ferner dafür. Ihr wollt indeß wiſſen, wmas ich von euch begehre, nun ſo hoͤrt: Vor allem, wollt ihr ſogleich die von der edlen Frau hier erſchlichene, und gleichſam abgezwungene Urkunde herausgeben, damit ſie fuͤr Null und nichtig erklaͤrt, und vor eueren Augen zernichtet werde.“ 4 Abt.„Seyd ihr beſeſſen? Was ge⸗ ſchrieben ſteht, ſteht geſchrieben.“ 3 Ufo.„Dießmal nicht, Herr Abt. Als ihr noch vor wenig Stunden dieſe Urkunde niederſchriebet, hatte die edle Wittwe keine⸗ Tochter mehr, doch jetzt iſt ſie wieder ge⸗ funden, und es hat ſich deßhalb alles ge⸗ aͤndert. Bequemt euch alſo, oder wir treten gemeinſchaftlich eine Wallfahrt nach Roem an, wo ich euch bei dem heiligen Vater des Dirnenraubes beſchuldigen werde.“— — 143— Abt.„Herr! Herr! wie kannſt ſolche Schmach an deinen treuen Dienern üben laſſen. Sende Feuer und Schwefel, damit ſie getödtet werden die Verlaͤumder deiner heiligen Diener!“ Ufo(wild)„Schweig heilloſer Bube, und läſtere den Namen des Höfchſten nicht, der es gerade war, der euere Schandthat mißlingen ließ.(Ergreift den Pater Urban, und führt ihn auf Elsbeth zu.)„Wer war's der dich hieß, dieſes Fraͤulein zu taͤuſchen und zu rauben? Rede frei mir in's Ge⸗ ſicht!“ Urban(halb erſchrocken)„Ich mußte!“ Ufo.„Und wer zwang dich dies' Buben⸗ ſtuͤck zu vollenden?“ Abt.„Fuͤhle meinen Zorn du reudiges Schaaf der Heerde Chriſti, wenn du etwas geſteheſt.") Ufo(zornig zum Abt)„Schweig' du Schandfleck der Menſchheit!“(zum Urban) „Gib Antwort, oder an dem naͤchſten Baume endet dein Leben! Wer zwang dich?“ Urban(zitternd)„J— ich— de— der(leiſe) hochwürdige Herr Abt!“„ — — 144— Ufo.„Alſo hoͤrt ihr's, ihr zwangt ihn! Koͤnnt ihr nun noch laͤugnen?“ Abt.„Ha!— eine Nothluͤge!“ Ufo.(Laͤßt den Pater gehen, zerrt den Abt zu Elsbeth)„Wer war's Schurke, der dieſe edle Dirne peinigte, ihr ſagte, daß ihre Mutter geſtorben ſey, und ſie zur Einklei⸗ dung zwingen wollte? Wer war der verlogene Bube? Rede verſtockter Suͤnder, oder du wallfahrſt ohne Barmherzigkeit mit mir nach Rom!“ Abt.(leiſe)„Der verdammte War⸗ dian!“ Ufo.„Geſtehe, und ſchaffe ſchnell die Urkunde herbei!“ Abt.„Ihr ſollt ſie haben; abet wehe euch! meine Nach' ſoll bis zum jüngſten Gericht dauern!“ Ufo.„Ein Diener der Kirche wollt ihr ſeyn, und redet von Nache! Beſinnt euch, daß die Schrift ſagt, man ſtelle ſeine Nache Gott anheim!“ Abt.(reicht ihm die Urkunde)„Da nehmt, mein tauſendfaͤltiger Fluch ruht darauf!"”?) Ufo.„Den hat der Ewige nicht gehoͤrt.“* — 145— ufo nahm hierauf die Pergamentrolle, zerriß ſie, und warf die Stuͤcke dem Abte vor die Fuͤße. „Nun, ſprach er, ſeyd ihr unnuüͤtze Knechte auf der Burg, verlaßt ſie, und kehret nicht eher wieder, bis man euerer bedarf.“ Kaum ſeiner mächtig ſtürzte der Abt uͤber die Schwelle. Der Pater folgte ihm angſt⸗ vollen Herzens nach, und bald ſah man die verruchten Plaͤttlinge dem Kloſter zueilen. Adelhaide ſtarrte indeß lange noch nach der Thuͤre, aus welcher nach ihren Begriffen der Abt ihre Seligkeit mit hinweggenommen habe. Auch Elsbeth ſaß ſtumm da. 4 Endlich begann Ufo zu ihnen: Nun ſeyd ihr wieder in dem Beſitze euerer Burg und euerer ſonſtigen Guter! Laßt euch die Flüche und Verwunſchungen des Abtes nicht nahe gehen, denn Gott der gerechte Beſchützer der Unſchuld wird ſie in den reichſten Segen ver⸗ wandeln! Mich zieht es jedoch wieder von euch fort, indeß gedenke ich mit Gottes Huͤlfe bald wieder in unſeren Gauen zu ſeyn, bis dahin aber duldet keine Moͤnche mehr in 410 — 146— euerer Veſte, ſeyd uͤberhaupt gegen jeden vorſichtig, und ich werde dem Burgyoigte die Bewachung und Vertheidigung euerer Burg nahe an's Herz legen!“ 1 Nach dieſen Worten erfaßte er Adelhaidens Hand, welche ihm in einer perlenden Thraͤne ihren innigſten Dank bewieß, und nahm Abſchied von ihr. Elsbeth, die geliebte Jugendfreundin aber umhalſte und kuͤßte er recht bruͤderlich. Auch ihr getruͤbtes Auge weinte dem edlen Jugendfreund eine warme, dankbare Zaͤhre. Ohne einen Humpen zu leeren, beſtieg der ſtattliche Freyſinger nun wieder ſein Roß und ſprengte von ſeinem Kuno, obgleich un⸗ gerne, gefolgt, dem Schoͤnberge zu, der ſchöͤnen Emma entgegen.. 4 Der Morgen verbreitete ſein flammendes Schild am öſtlichen Horizonte, und die furchtbarſte Gewitternacht wich dem jungen Tage, als Ufo durchnaͤßt zum zweitenmale von ſeinem freien Lager, mit ſeinem Kuno ſich erhob, an den erſten Morgenſtrahlen ſich erwärmend, langſam fürbas zog, und bald —— — 147— 6.. 3 darauf einem verwundert vor ihm haltenden Ritter ſeine Rechte zum Morgengruße both. Wir laſſen die beiden ſtattlichen Ritter noch eine Zeitlang in ſtummem Anſtaunen einander gegenuͤber halten, und eilen gen Schoͤnberg voraus. Auf des alten Ritter Veits Burg hatte die Freude uͤber die nun wieder gefundene Tochter nur einen kurzen Augenblick gedauert, denn mit Ufo's Abzuge aus der Veſte, war auch Emmas jugendlicher Frohſinn dahin. Das unſchuldige Maͤdchen kannte die Allgewalt der erſten Liebe noch nicht; es fehlte ihrem Weſen ein Etwas, das ihrem Auge noch ſo fremd, und ihrem unverdor⸗ benen Herzen doch ſchon ſo innig verbunden war. liberall hoffte ſie einen Gegenſtand zu ſinden, welcher ihr die unbeſchreibliche Leere in ihrem Buſen wieder ausfuͤllen werde, nirgends aber war er zu ſinden; doch uͤber dem Suchen und Nachdenken verſtrich ihr eine Stunde nach der andern, und der neue Tag verdraͤngte den alten, eben ſo vergeblich 10 † durchſucht und durchdacht wie ſein Ahne; — —ʒ — — 148— indeß das zarte, ſchuldloſe Mäͤdchen wurde immer ernſter und ſtiller. Des guten Vaters Auge bemerkte zwar die innere Veraͤnderung ſeiner Emma bald, allein welcherlei Zerſtreuungen er ihr auch machte, immer giengen ſie, wo nicht gleich⸗ guͤltig, doch nur aus kindlicher Liebe theil⸗ nehmend vor ihren Sinnen voruͤber. Kam aber unvermuthet das Geſpräche auf Ufo'n dann erheiterte ſich plöͤtzlich wieder ihr Auge, und der lange verſchloſſene Mund ward wieder beredte. Was konnte aber Tröſtliches von ihrem Varer dem liebenden Maͤdchen geſagt werden? Denn ſo viel Redlichkeit der alte Veit auf Ufos Stirne las, ſo großen Zweifel mußte er in ſein ſo ſchnelles Entfernen ſetzen. Eines Abends, es war gerade der, an welchem Ufo die gute Anne rettete, ſaßen Vater und Tochter einſam, wie immer, bei⸗ ſammen, und blickten, in tiefes Nachdenken verſunken, nach dem beſchaͤfeten Himmel hinan, dem herandaͤmmernden Heſperus ent⸗ gegen; da erleuchtete urploͤtzlich ein ferner Wetterſtrahl das ſchon duͤſtere Gemach, und Emma rief, aufgeſchreckt aus dem Gewirre 8 8 in ein Kleſter, und bete verſchleiert mit mei⸗ — 149— ihrer Gedanken, ohne es zu wiſſen, laut den Namen:„Ufo!“ „Liebe Emmal ſagte ſanft vermahnend der alte Vater, wie konnteſt du, wenn des Allmaͤchtigen ſchreckbare Blitze unſere Erde treffen, den Namen eines ſchwachen Sterb⸗ lichen anrufen?“ „O guter Vater! erwiederte das ge⸗ troffene Mäͤdchen, warf ſich an ſeinen Hals und ein Strom von Zaͤhren entſtuͤrzte ihren ſchönen, großen Augen.„Guter Vater! neben Gott und euch denk' ich nur an ihn! Vergebt mir dieſe Schwachheit! Es iſt ein ſo ſuͤßer Gedanke, der mir die peinlich zogern⸗ den Stunden verkuͤrzt, und ich glaube dann immer, er denke eben ſo viel an mich.“ Veit.„Sonderbares Maͤdchen! wenn dein Glaube nur kein leerer Wahn iſt! Wollte Gott, du wurdeſt nicht getaͤuſcht, dann waͤre auch ein ſchwerer Stein von meinem Herzen.“ Emma.„Und tauſcht mich auch mein Gefühl, und ſehe ich ihn nimmer, dann iſt doch mein Herz nur ewig ſeyn. Ich gehe — 150— nen frommen Schweſtern fuͤr das zeitliche und ewige Gluͤck meines Ufo's.“ Eben wollte Veit, gerüͤhrt von ſeiner Tochter frommer Schwaͤrmerei, ihr vitrlich mahnend erwiedern, da ſtieß der W Vaͤrtel in ſeine Hippe, und verkuͤndete die Ankunft eines Ritters mit zween Knappen, welche das Gaſtrecht verlangten. Veit befahl zu oͤffnen, und alsbald trat ein ſtattlich junger Kaͤmpfe, ihn und Emman freundlich gruͤßend, in den Gaden. „Seyd mir willkommen, edler Ritter, auf Schoͤnbergs gaſtfreier Burg“ begann jetzt Veit.„Legt ab, nehmt Platz, gleich ſoll ein friſcher Humpen mit Imbiß euch laben; oder begehrt ihr vielleicht gleich in ein Schlafgemach??”? Ritter.„Nein, ich kann ja wohl noch etwas mit euch ſalbadern. Mir iſt zwar auch etwas müͤde, allein unſerer Roſſe wegen muß⸗ ten wir beſonders bei euch einſprechen.(Er legt ſeinen Helm ab, und guͤrtet ſein Schwerdt los)„Ich reite ſchon ſeit geſtern umher in den nahen und fernen Forſten, und ſuche, um mich zu zerſtreuen, hoͤchſtaͤmmige Eichen.“ * Veit.„Wollt ihr vielleicht etwas bauen?“ Ritter.„Ja ich verlor bei einer hef⸗ tigen Fehde durch Feuersbrunſt den großten Hinterbau meiner Veſte, doch wollt' ich dieſes gerne verſchmerzen, denn fuͤrchterlich bin ich dafuͤr geraͤcht, aber ach! des ſchrecklichen Unfalles!“ Veit.„Iſt etwa euer Bruder dabei gefallen?“— Ritter.„Ja mein treueſter Freund und Waffenbruder war's, der fuͤr mich focht', mein Eigenthum mir noch rettete, mich rächte, und dann durch den Sturz in einen tiefen Abgrund ſein Leben endete! O daß ich immer wieder dieſe ſchmerzliche Wunde aufreißen muß!“ Veit.„Er ſiel edel fuͤr die Freundes⸗ 4 pflicht!“ Der Ritter, den meine aufmerkſamen Leſer ſchon ſehr richtig für Adolph von Starkenburg erkannten, erzaäͤhlte jetzt dem alten Veit die Fehde, welche er mit dem⸗ 3 Raugrafen Friedrich von Waldeck hatte, aus⸗ fuͤhrlich, und ſchloß endlich mit den Worten; —— „Nie habe ich einen um ſeine eigene Sache ſo kaͤmpfen ſehen, wie mein theuerer Freund, den ich in Palaͤſtina habe kennen lernen, fuͤr 3 mich focht', und ſchon war alles gluͤcklich 3 vollendet, da mußte er ſein edles Leben noch durch einen ſolchen Unfall enden!“ Emma.(Welche ſichtbar äͤngſtlich⸗be⸗ klommenen Herzens der Erzaͤhlung des Rit⸗ tters zuhorte.)„Und dieſes Ritters, eueres ¹ Freundes, Namen war?“ 5 Adolph.„Ufo von Freyſingen!“ „Gerechter Gott!“ rief ſie im Ausbruche des heftigſten Schmerzes, und wollte eben noch des herbeigeeilten Adolphs Arme, wel⸗ cher beſorgt den alten Veit fragte:„Mein Gott, was iſt euerer Tochter, dem ſchoͤnen Fraͤulein?“ — u Boden ſinken, da unterſtuͤtzten ſie aber „Ihr weiches Herz verſetzte ſie, bei aͤhn⸗ lichen Erzaͤhlungen ſchon oft in dieſe Lage, erwiederte Veit noch beſorgter, und ließ ſo⸗ gleich ihre Zofe rufen, um ſie nach ihrem Gemache zu bringen. Emma durchlebte eine traurige Nacht. Die unerwartete Nachricht von Ufo's ſchreck⸗ — 153— lichem Tode hatte ihren zarten Nerven ein heftiges Fieber zugezogen, in welchem ſich die entſetzlichſten Bilder vor ihrer erregten Phantaſie voruͤber draͤngten, ſo daß ſie oft mit graͤßlich verſtellter Stimme laut den Namen„Ufo!“ rief. Gegen Morgen wurde ſie zwar wieder durch die angewandten Mittel und die Fuͤr⸗ ſorge ihrer Zofe, und des herbeigerufenen Pater Joſeph, etwas ruhiger, allein ihre ohnehin ſehr ſchwachen Nerven waren zu ſehr angegriffen, als daß es nicht einen ſehr ver⸗ aͤndernden Eindruck auf ihr ganzes Weſen hätte machen ſollen. Adolph zog mit dem Fruͤheſten wieder von dem Schoͤnberge weg, anderen Hoch⸗ waldungen zu; doch nahm er den quaͤlenden Gedanken mit, daß er durch ſeine Erzaͤhlung die ſchoͤne Dirne, die vielleicht mit Ufo ge⸗ minnet habe, tief betruͤbt, und ſo zuletzt die Schuld an ihrem wie an deſſen Tode tragen müſſe. Auch der alte Veit wurde bettrieſig, und da er ſeiner Tochter feſten Entſchluß, nach ihres Vaters Tod in ein Kloſter gehen zu wollen, — 154— noch einmal vernommen hatte, ſehnte er ſich darnach, ſeine Rechnung vollends mit der Welt abzuſchließen, und ließ in dieſer Ab⸗ ſicht ſeinen Hauspater Joſeph an ſeinen Schragen kommen, beichtete, und befahl ihm alsdann ſeinen letzten Willen aufzuſetzen, worin er dem nahen Moͤnchskloſter St. Benno den groͤßten Theil ſeiner Habe verſchrieb, das lüberige aber theils fuͤr das Kloſter, in welches ſeine Tochter gehen wolle, beſtimmte, theils unter ſeine Vaſallen zu vertheilen befahl. Nachdem er nun mit Unterſchrift und Siegel das beſchriebene Pergament beur⸗ kundet hatte, befahl er dem Pater, dieſelbe jetzt gleich dem Abte des St. Benno Kloſters eigenhaͤndig zu uͤberreichen, und denſelben in ſeinem Namen zu bitten, doch von morgen an, jeden Tag bis nach ſeinem ſeeligen Hin⸗ uͤberſcheiden eine Meſſe zu ſeiner Intention zu leſen. Eben wollte der Pater den Gaden ver⸗ laſſen, um ſeines Herrn Geheiß zu erfuͤllen, da meldete der Waͤrtel einen Ritter mit einem Knappen, welcher ſchnellen Einlaß begehre. e e — 155— Benno, der Burgvoigt, ließ oͤffnen, und alsbald war Ufo mit ſeinem treuen Kuno im Burghofe abgeſeſſen. Der Ritter, welcher unſerem edlen Frey⸗ ſinger begegnete, war kein anderer als Adolph von Starkenburg, welcher noch immer un⸗ ruhig in den Gauen umherzog. Hoch er⸗ ſtaunt war er uͤber die wundervolle Rettung ſeines ſchon als todt betrauerten Waſſen⸗ bruders, und erzaͤhlte ihm, wie er auf Schoͤn⸗ berg durch die Ausſage von ſeinem Tode auch ſo große Trauer erreget habe, weßhalb ſich Ufo um ſo mehr ſputete, hierher zu kommen, und Unheil ahnend, ſo ſchnellen Einlaß be⸗ gehrte.. „Der edle Retter unſeres Fraͤuleins iſt hier!“ gieng es jetzt gleich auf der Veſte von Mund zu Mund, und bis zu dem Gaden, in welchem der alte Veit lag, ſtaunte dem hühnenmaͤſigen Ritter alles nach. Auch Emman die frohe Nachricht zu kunden, ſputete ſich der ehrliche Benno, und freude⸗ pochenden Herzens tratt jetzt das ſchoͤne Fraͤulein in ihres Vaters Gaden, wo Ufo dem ſchwachen Greiſe ſchon ſeinen Will⸗ — 156— kommsgruß gebracht hatte, und dieſer eben zu ihm begann:„Edler Jufngling, Retter meiner Emma! Kommſt du wohl um ſie zu holen, o ſo nimm ſie und meinen waͤrmſten vaͤterlichen Segen dazu!“ Ufo.(Zu der jetzt eingetretenen Emma 9 „Holdes Fraͤulein, theure Emma, darf ich eueres edlen Vaters Worte erfuͤllen? Zum— Glucklichſten der Erde wuͤrdet ihr mit euerer Minne mich erheben.“ Emma.(Erröͤthend.)„ O guter Ufo.“ Ufo.(Sie umarmend.)„Gute, liebe Emma! Dein Ufo!“ „Deine Emma!“ liſpelte ſie, und ihre Lippen vermochten nicht mehr dem erſten himmliſchen Kuſſe der reinſten, innigſten Liebe zu widerſtehen. Eine perlende Thraͤne des alten Veits heiligte ihn, und feſt um⸗ ſchlungen ſank das ſchöne Paar an des Greiſes Schragen auf die Knie nieder, welcher ſeine ſchwachen Haͤnde auf ihr Haupt legte, und mit empor gerichtetem Blicke den reichſten Segen fuͤr den geheiligten Bund ſeiner Kinder voen dem Ewigen erflehte. 4 — 157— Heilige Stille herrſchte im Gaden, welche endlich die Unruhe des Greißes unterbrach: „Ach ruft mir ſchnell den Pater Joſeph, und iſt er ſchon fort, ſo ſollen ihm zwei Knechte nacheilen, gen das St. Benno Kloſter, damit er gleich wieder hierher zuruͤck⸗ kehre. Denn wißt und vergebt mir Kinder, eben traͤgt er meinen letzten Willen, nach welchem Kloſter all mein Habe anheim fallen ſoll, hinab zum Abte, und wuͤrde dieſer es ſchon haben, ach dann theuere Tochter wuͤrde ich dich als eine arme Dirne deinem Ufo zuruͤcklaſſen muͤſſen!“ Ufo.„Niemals, edler Vater, macht Reichthum gluͤcklich! In euerer Emma allein iſt mir der höͤchſte theuerſte Werth gegruͤndet, den ihr mir geben koͤnnt. An ihrer Seite ſoll mir jede neu auftauchende Morgenſonne einen Feſttag verkunden, und das kleinſte Mahl von ihrer mir ſo theuern Hand ge⸗ reichet, ein Hochzeitſchmauß ſeyn.“ Emma.(An Uffo's Bruſt ſich ſenkend.) „Und deine Liebe, edler Ufo, ſoll mir ein Königreich erſetzen, und deine maͤnnlich — 158— rauhe Bruſt das waͤrmſte Pflaumenkiſſen duͤnken.“ Ufo.(Sie an ſich preſſend, und einen heißen Kuß auf ihre Roſenlippen druͤckend.) „Ich habe eine Veſte und nach ihr ziehſt du mit mir!“ Emma.(Ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlingend)„Mit dir, wohin du willſt!“ Auf die wiederholte Bitte des gerührten alten Veits wurde indeß doch dem Pater Joſeph nachgeſchickt, er noch glücklich ein⸗ geholt, und die Urkunde von dem guten Greiſe ſelbſt wieder zernichtet. In heißer, aufrichtiger Minne verſtrichen Ufo'n drei gluͤckliche Tage; doch in der Nacht auf den vierten wurde er wieder von dem bekannten eiſigen Haͤndedruck aus ſeinem ſanften Schlummer geweckt, und vor ihm ſtand Boſos Geiſt mit truͤbem Blicke, von einem duͤſteren Scheine umgeben, und hob mit beklommener Stimme an: „Gluͤcklich haſt du zwar vollbracht, was bei meinem letzten Erſcheinen ich dich zu thun hieß, und leider immer noch biſt du von dem endlichen, von mir ſo ſehnlichſt — 159— gewuͤnſchten Ziele fern, denn wiſſe Juͤngling, daß deiner Vaͤter Burg in wenig Tagen von einer feindlichen Schaar umlagert werden wird, die deinen und ihren Untergang ge⸗ ſchworen hat.“ Ufo.„Wie? Mein Freyſingen? auf welchem nur eine wehrloſe Mutter mit ihrer Tochter einſam hauſet?“ Geiſt.„So wird's geſehehen. Jener Ritter Kunz von Rothenſtein, mit dem du um Emma rangeſt, hat deinen Namen und deine Burg auskundſchaftet, dazu eine An⸗ zahl wilder Kaͤmpfer, unter denen ſich auch Hans von Krotniz, Annens ſchaͤndlicher Raͤuber beſindet, aufgeboten und geſchworen, nicht eher zu ruhen, bis an deiner Veſte kein Stein mehr auf dem andern ſich be⸗ faͤnde.“. Ufo.„Gott! meine Mutter, meine Schweſter!“ 3 Geiſt.„Ja dieſe ſind es, die kein Sterblicher dir erſetzen kann. Zum Beſitze. aller irdiſchen Guͤter, ja ſelbſt zu einer Burg, an welcher Niemand ein Recht hat, noch haben mag, koͤnnt' ich dir behuͤlflich ſeyn;. — 160— doch eine Mutter, eine Schweſter kann ich dir nicht wiedergeben.“ Ufo. Dank dir! tauſend Dank! daß du mich noch hievon in Kenntniß ſetzteſt, denn vielleicht iſt es mir doch jetzt noch moͤg⸗ lich ſie zu retten; aber ach! ſo ganz allein und ohne eine rüſtige Gleve!“ Geiſt.„Ziehe nur mit Gott, und flehe ihn um ſeinen kraͤftigen Beiſtand an! Und wenn es mir vergöͤnnet iſt, ſo ſende ich dir unterwegs helfende Freunde.— das h vorſichtig, und ſtürze nicht beſinnungslos dich in Gefahren; denn bedenke, daß einen unglücklichen Geiſt von ſeinen Leiden du zu erloͤſen ſchwureſt. Haſt du dieſen Kampf muthig vollendet, dann, ach dann biſt du dem Ziele, und dem dich erwartenden großen 3 Lohne nahe. Leb jetzt wohl! Gott und ſein heeliger Schutz umwalle dich!“ Mit dem Geiſte war nun auch wieder das trübe, dämmernde Licht verſchwunden, und 4 Ufo's Auge ſtarrte wieder in die dickſte Fin⸗ ſterniß hinein, und ſchloß ſich, aller ſeiner Anſtrengungen ungeachtet bald wieder. * — 161— Helios ſtieg jetzt herauf und mit ihm entſprang Ufo ſeinem Lager. Aber wie groß war der ſchoͤnen Emma Schmerz und welche große, helle Thraͤne hieng in des ſchwachen, alten Veits gebleichten Wimpern, als Ufo von ihnen herzlichen innigen Abſchied nahm, und nachdem er mit einem wonnigen Kuſſe auf die ſich an die ſeinigen ſchmiegenden, roſenfarbenen Lippen der engelreinen Schoͤn⸗ bergerin ſeine ſtets treue Liebe noch einmal idee hatte, unter dem Verſprechen bald derkehren zu wollen, von ſeinem Kuno gefolgt, burgaus ſprengte. Naſch trappte der ſtattliche Freyſinger mit dem uͤber die endliche Heimkehr frohen Knappen fort und als ſie an dem heitern, warmen Morgen des zweiten Tages einen dichten Wald erreicht hatten, da ſprengte mit einer ſtarken Gleve ein himmelblau ge⸗ harniſchter Ritter von einem Seitenwege auf ſie zu. Ufo erkannte alsbald in ihm Konrad von Bullendorf, welcher jetzt vor ihm hielt, und mit dem Ausrufe:„Gottlob, daß ich dich hier ſchon ſinde!“ ſeinem edlen Waffen⸗ bruder die biedere Rechte reichte. 11 uUfo.„Aber wo willſt du denn mit dieſer ſtarken Gleve hin?“ Konrad.„Zu dir! denn wiſſe: eine Schaar wilder Freyharde, unter denen auch Kunz von Rothenſtein und Hans von Krot⸗ niz ſich befinden, wollen heute noch deine Veſte erſtuͤrmen. Dieſe Nachricht hat mir ehegeſtern ſchon Vaͤlte, Annens Gatte ge⸗ bracht und mich gebeten, dir zu Huͤlfe zu eilen. Ich bot meine Mannen auf und nun laß uns deiner feindlichen Schaar wo möglich noch zuvor kommen, denn ha ſie einmal deine Burg, dann wird's ſchwere Arbeit koſten, ſie ihren Haͤnden wieder zu entreißen.“ Ufo.„Tauſend Dank dir, treuer Waffenbruder! daß du in meiner Noth mich ſo kraͤftig unterſtuͤtzeſt! Sag, wie ſtark iſt deine Fahne?“ Konrad.„Etwa achtzig ruͤſtige⸗ Knechte, auf die wir uns feſt verlaſſen koͤnnen.“ Ufo.„Nun mit der Huͤlfe Gottes werden wir dann mein Eigenthum, und wmas noch mehr iſt, meine wehrloſe Mutter und Schweſter retten. Laß uns indeß eilen.“ — 163— 5 In vollem Jagen gieng es nun fort, und als der Mittag voruͤber war, bemerkte Kuno mit lautem Freudengeſchrei die Zinne und die, in den Sonnenſtrahlen glaͤnzenden, weißen Waͤnde der Burg Freyſingen. Er ſpornte ſein Roß kraͤftiger, und flog trotz allem Wider⸗ reden ſeines Herrn im Galoppe voraus. Bald verſchwand er aus Ufo's Augen, bald ließen ihn kleine Erhoͤhungen den Nach⸗ folgenden wieder ſichtbar werden, endlich aber verſchwand er eine Zeitlang ganz, und Ufo hatte im Geſpraͤche mit Konrad ſeiner ſchon vergeſſen, als er ihnen mit einem Male und zwar ganz nahe wieder ſichtbar wurde. „Ritter!“ ſchrie er noch weit von ihnen entfernt,„ihr ſeyd verloren! Denn ach, die Burg iſt ſchon in Feindes Haͤnden. Trom⸗ peten⸗ und lautes Jubelgeſchrei ſcholl ſchon eine halbe Stunde davon in meine Ohren, und vom Lugner herab entdeckte mein Auge ganz deutlich fremde Geſtalten.“ „Weh mir!“ rief Ufo beengt,„dann 8 iſt ſie verlohren meine Veſte, und ach meine Mutter! meine Schweſter!“ 11* Konrad.„Nicht doch, tapferer Waſſen⸗ bruder! wozu hätte ich eine ſo ſtarke Gleve mitgenommen, denn wahrlich, auf den Fall um deine Burg gemaͤchlich zu vertheidigen, waͤre dieſe Anzahl unnütze geweſen.“ Ufe.„Unnütze? Du vetgißt, daß ich an Knappen und Reiſigen, was noch ſtreitbar war mit nach Palaͤſtina nahm, und leider dort ließ, womit ſollt' ich ſie nun vertheidiget haben?“ Konrad.„Hab' ich freilich nicht be⸗ dacht, doch faſſe Muth, vertraue gerade wie auf den deinigen, auch auf meinen und der Meinigen Arm.“ 4 Alle Knechte.(Muthig.)„Und iſt der Teufel drin, ſo darf bis Morgen keine Spur mehr davon zu ſehen ſeyn.“ Konrad.„Bravo treue Reiſige!“ Ufo.„Euer Muth erfreuet und belebt mich neu mit Hofſnung, indeß wenn ihr nur nicht zu viel verſprechet.“. Mehrere Knechte.„Das wird der Ausgang der Fehde lehren.“ Koonrad.„Recht ſo! Auf der Klinge gilts!“ — 165— Unterdeſſen waren ſie naͤher gekommen, und man machte Halt, um nicht zu fruͤhe entdeckt zu werden. 1 Konrad.„Sage mir doch Ufo, wem iſt der Forſt dort links?“ Ufo.„Dies iſt der meinige!“ Konrad.„So ziehen wir uns hinein, und verbergen uns bis wir Zeit und Gelegen⸗ heit abgeſehen haben.“ Nach einer Viertelſtunde waren ſie un⸗ entdeckt alle in dem dickſten Forſte angelangt und man lagerte ſich unter die alten hun⸗ dertjaͤhrigen Eichen. Ufo begruͤßte in ihnen ſeine alten Freunde, und würde vielleicht in die ſchwaͤrmeriſchen Betrachtungen ſeiner Jugendjahre verfallen ſeyn, haͤtte ihn Konrad nicht an noͤthigere Arbeit crinnert. Die beiden Freunde giengen zu Fuße der Burg naͤher. Je mehr ſie ſich derſelben aber naheten, deſto weniger war es einem Zweifel unterworfen, daß die Burg in Feindes Haͤnde war. Lauter, zügelloſer Jubel erſcholl durch alle Gemaͤcher und man vernahm ſehr deutlich, daß der von dem alten Berthold von Freyſingen aufgeſparte Wein — 166— die Gemüther der Sieger begeiſtert hatte. Indeß waren nirgends Wachen ausgeſtellt, und die Eroberer ſchienen gar keine Gefahr zu fuͤrchten. Die Beiden traten deßhalb ſchon mehr er⸗ muthigt ihren Ruͤckweg wieder an: doch kaum hatten ſie das Thal erreicht, da ſtieß Konrads Fuß an einen Steinhaufen, welcher ab⸗ ſichtlich ſo dahin aufgeworfen zu ſeyn ſchien. „Höore Ufo, ſagte er, warum iſt dieſer Steinhaufen hier, ſollte er etwa den Ein⸗ gang zu einem unterirdiſchen Gange nach 1 deiner Burg bedecken?“ Ufo.„Weiß es nicht, wollen einmal — ſehen!“ Sie raͤumten einige Steine hinweg, und alsbald gaͤhnte ihnen auch wirklich der Ein⸗ gang zu einem unterirdiſchen Gange ent⸗ gegen. Freudig wurden die uͤbrigen auch von ihrem Platze genückt, und nun konnten e gemaͤchlich eintreten. Konrad. Laß uns jetzt ſchnell zurück⸗ kehren zu un Reiſigen, vielleicht weiß Kuno beſtimmt, wohin der Gang in deine Veſte zieht, und dann wollen wir die glück⸗ — 467— liche Entdeckung ſogleich zu unſerem nicht geringen Vortheile benutzen,“ Sie kehrten eilig zu der muthig harrenden Gleve, und ſehr wurde ihre Freude nun er⸗ höhet, als Kuno ihnen litaneite, daß er ſich aus ſeiner Jugendzeit noch erinnere, wie er einmal mit ſeinem alten Herrn in einen unterirdiſchen Gang gegangen ſey, welcher gerade in einen abgelegenen Hintertheil der Burg fuͤhre, von welchem man durch dunkle Treppen gleich in das ſtattliche Vorder⸗ gebaͤude, und ſomit in jedes Gemach ge⸗ langen koͤnne. Mit dem Einbruche des Zwielichtes machte man ſich auf den Weg, ließ einige Knechte bei den Roſſen zuruͤck und trat endlich in die finſtere Nacht des unterirdiſchen Ganges ein. Kuno gieng mit einem brennenden Spane voraus. Bald mußte man Treppen auf⸗ ſteigen, und nach einer kleinen halben Stunde ſtieß der vorausgehende Knappe auf eine Fallthuͤre. Er wollte ſie aufheben, allein ſeine Kraft wurde unnoͤthig daran geſchwäͤcht. Die beiden Ritter traten nun hinzu, allein —— — 168— auch ihren vereinten Anſtrengungen bot die eiſerne Thuͤre Trotz. Man horchte und ver⸗ nahm deutlich, wie noch alles unbekuͤmmert in frohem Jubel ſchwelgte, hie und da aber ſchien eine weiblich⸗rufende Stimme durch die mit rauhen Mannestoͤnen uͤberfuͤllte Luft hindurch zu dringen. Ufo dachte an ſeine Schweſter, und mit allen geſammelten Kraͤften druͤckte er noch einmal wuͤthend gegen die eiſerne Scheidewand, aber vergebens, ſie wich nicht aus ihren Angeln.„Gott habe Barmherzigkeit mit mir! Laß mich an der Rettung meiner Mutter und Schweſter nicht verzweifeln! Retter und Beſchützer der Un⸗ ſchuld erhoͤre mich!“ 8 Sprachs, und geoͤffnet war die Thuͤte. „Ewigen Dank dir!“ rief er jetzt, und be⸗ geiſtert durch das Zeichen offenbarer Mit⸗ wirkung der Allmacht Gottes ſtiegen mit ge⸗ zogenen Flammbergen die Knechte ihren vor⸗ ausgetretenen Rittern nach. Unbemerkt gelangten ſie alle gluͤcklich in das Innere der Burg, und Ufo vertheilte nun die Gleve an die naͤchſten Eingaͤnge in den Gelaggaden, aus welchem ein alles über⸗ — 169— toͤnender Lärm herausdrang, verabredete mit ihnen ein Zeichen, auf welches ſie alle in den⸗ ſelben ſtuͤrzen ſollten, und trat dann feſten Schrittes mit gezogenem Schwerdt und ſei⸗ nem Waffenbruder Konrad gefolgt, in den Gelaggaden zu den ſich ſicher glaubenden ein. Wie vom Schlage geruͤhrt ſtarrten die Wuͤſtlinge die Eingetretenen an, und auf Ufo's Frage:„Wer ihr Buben giebt euch das Recht, meine Burg zu beſetzen, und mit meinem Eigenthume nach euerem Gut⸗ duͤnken zu verfahren?“ wollte keiner ant⸗ worten. Ufo.„Redet und vertheidigt euch ihr niedertraͤchtigen Freyharde, oder ihr ſeyd alle des Todes!“— Hans von Krotniz.(Halblaut.)- „Der muß es mit dem Satane haben, denn da kommt er wieder mit dem Ritter ganz allein, und keiner von nns allen hat den Muth ihm zu antworten!"“ Ufo.„Noch einmal, ergebt euch oder ihr ſeyd alle des Todes!“ Kunz von Rot thenſtein.„Wem ergeben? Etwa dir, unbaͤrtiger Bube? Auf — 1770— Kumpane, laßt uns die beiden Lotterbuben niederhauen!“ In wildem Wirwarre ſtuͤrzten nun die Berauſchten nach ihren Schwerdter; doch Ufo, nachdem er das Baſchen fuͤr die harrenden Knechte gegeben hatte, machte manchem das Erfaſſen ſeines Schwerdtes unnuͤtze. Auch Konrad hieb wacker um ſich, und die herein⸗ ſtuͤrzenden Knechte thaten baß ihre Schuldig⸗ keit. Indeß auch der Ritter Troß hatte im Burghofe das Schwerdtergeklirre gehoͤrt und ſtuͤrzte bewaffnet auf ihrer Herren, wie vom Himmel gefallen, Feinde ein. Der Kampf wurde heftig, denn der Wein hatte den Muth bei der wilden Schaar erhoͤhet, und that jetzt, nachdem der erſte Schrecken der Uber⸗ raſchung voruͤber war, kraͤftige Wirkung. Immer mehr draͤngte ſich der Kampfplatz nach außen hin, dem geraͤumigen Burghofe zu, und wirklich aller Anſtrengung bedurfte es von Seiten Ufo's und Konrad's, die. Fehde noch im Gleichgewichte zu erhalten, 3 denn ſchon waren mehrere der Ihrigen ge⸗ fallen, und wie tapfer ſich die anderen auch noch hielten, ſo mußten ſie dennoch an meh⸗ 171— reren Orten weichen. Ufo war hart an Kunz von Rothenſtein gerathen, und nach vieler Anſtrengung war es ihm endlich ge⸗ lungen, ſeinen Gegner zu Boden zu ſtrecken; doch jetzt war er ſehr in's Gedraͤnge gerathen. Von allen Seiten ſielen Schwerdtſtreiche auf ihn, und trotz dem, daß er mit beiden Häͤnden ſeinen Damaszener faßte, und wuͤthand um ſich hieb, und trotz ſeines Waffenbruders Konrad's Bemuͤhungen, der ihn ſo im Ge⸗ draͤnge erblickend, ſich zu ihm vordraͤngen und unterſtüͤtzen wollte, konnte er ſich keine Luft verſchaffen. Da ertoͤnte aber ur⸗ ploͤtzlich ein Jagdhorn, und nach wenig Minuten wimmelten die erſtiegenen Mauern von Reiſigen, an deren Spitze ein ſtattlicher Ritter ſtand, und ſtuͤrzten wie die Lowen auf Ufo's Gegner ein. Jetzt war der Kampf bald zu ungleich, denn wo des angekom⸗ menen Ritters Schwerdt hinſchlug, da gab es Leichen und ſeine Schaar ſchien gleich verzehrenden Wuͤrgengeln alles auſäreſſen zu wollen. Endlich erſchallte es allenthalben in der gleichſam aͤngſtlich zitternden Nachtluft: 2 5 — — 2— „Sieg! Sieg!“ Kein Gegner war mehr zu erblicken, nur der eben durchbrechende Mond beleuchtete die bleichen, verzerrten Ge⸗ ſichter der Gefallenen, und machte ſo den mit Leichen uͤberſäeten Wahlplatz zum noch grauſenvolleren Aufenthaltsorte. Ufo eilte deßhalb mit Konrad in den Geſellſchaftsgaden, allein da auch hier noch allenthalben Blut mit Wein vermiſcht, floß und an den Waͤnden umhergeſpritzt war, ſuchten ſie ſich ein anderes Zimmer, in wel⸗ chem ſie dem gluͤcklich errungenen Siege zu Ehren einen vollen Humpen leeren wollten. „Aber wo iſt denn der angekommene Ritter, deſſen Arm, und deſſen wackerer Schaar wir eigentlich dieſen herrlichen Sieg zu danken haben?“ fragte Ufo verwundert.— Doch kaum hatte er ausgeredet, da kam. dieſer herein, Kunigunde, Ufo's Schweſter an der Hand fuͤhrend. Es war Adolph von Starkenburg. 3 Vor einigen Tagen war er ſeinem Freunde Hugo von Sturmbach zu Huͤlfe ge⸗ zogen und es traf ſich gerade, daß er heute Abend zuruͤck durch den Freyſinger Gau — 173— zog. Er beſchloß auf der Burg zu uͤber⸗ nachten und ritt deßhalb, von zween Knappen gefolgt, den Burgweg herauf. Aber je naͤher er kam, deſto deutlicher ward ihm das Schwerdtergeklirre, das Stöhnen der Kaͤm⸗ pfenden und Wimmern der Gefallenen. Raſch war daher ſein Entſchluß gefaßt, er ſtieß in ſein Huͤfthorn, und da auf dieſes Zeichen ſeine Reiſige ihm nacheilen mußten, erſtieg er mit dieſen die Mauern und ſtuͤrzte, Ufo's Freundespflicht gedenkend, ſich auf die Gegner ſeines Waffenbruders. Mitten im Gedränge aber hoͤrte er beſtaͤndig eine weib⸗ liche, huͤlferufende Stimme. Sohbald er daher des Sieges gewiß zu ſeyn glaubte, zog er ſich unbemerkt aus dem Getuͤmmel, bahnte ſich einen Weg uͤber die Leichen, und ſuchte die Richtung nach der Jammernden. Lange tappte er im Finſtern umher, durchſuchte viele Gemaͤcher, und fand nicht, was er ſuchte. Oft ſtand er eine Weile ſtill und horchte, und dann kam es ihm vor, als waͤren die Toͤne uͤber ihm; und hatte er wieder mit vieler Muͤhe eine aufwaͤrtsfuͤhrende Treppe gefunden und war hinauf geſtiegen, * * dann war's wieder, als kaͤmen ſie von unten. So ſuchte er beinahe eine halbe Stunde, wobei er von Zeit zu Zeit immer deutlicher vernahm, daß ſich der Sieg nun voͤllig auf Ufo's Seite muͤſſe geneigt haben, denn die Waffen ſingen nach und nach an zu ruhen und das Siegesgeſchrei ſeiner Leute erhob ſich. Da vernahm auf einmal, und zwar ganz. nahe, ſein Ohr wieder dieſelben Toͤne. Leiſe ſchlich er nun der Thuͤre zu, denn weit konnte ſie nicht mehr entfernt ſeyn; doch auf einmal war alles ſtille, und die Stimme, welche bisher ſein Wegweiſer geweſen war, ließ ſich nicht mehr hoͤren. Ungeduldig ſtampfte er nach einer Weile mit dem Fuße, und in demſelben Augenblicke erhob ſich die Stimme wieder dicht neben ihm, zugleich aber höͤrte er eines Mannes barſche Laute, welche er jedoch nicht deutlich verſtehen fonnte. Mit einer wuͤthenden Kraft ſprengte er die Thuͤre, die ſogleich in Truͤmmern zerfiel und erblickte in einem großen Gemache, das durch eine Lampe ſpaͤrlich erleuchtet war, eine zarte Dirne mit einem vor ihr ſtehenden Nitter um ihre Tugend ringend. Adolp) darüber entruſtet, gieng wuͤthend auf den ehrloſen Ritter zu, und verſetzte ihm mit ſeinem Schwerdte einen ſolchen Hieb, daß er blutend niederſank und, ſich krummend, ſeine teufliſchen Luͤſte vergaß. „Dank, Dankl o nehmt meinen innigſten Dank!“ rief das edle Maͤdchen.„Ihr ſeyd mein Retter! Euch hat der Ewige, der Be⸗ ſchuͤtzer der Unſchuld, geſandt.“ Adolph.„Das hat er, ihm dankt, ich that nur meine Ritterpflicht!“ Kunigunde.(Denn dieſes war das um ihre Tugend ringende Maͤdchen.)„Nein ihr thatet mehr, edler Ritter! Ihr verließet den Kampfplatz, und folgtet meinem Ge⸗ wimmer.„ Der am Boden liegende Ritter erhob ſich plotzlich, und machte Miene ſich zu verthei⸗ digen, und Adolph ſeine Ritterpflicht zu erſchweren, allein dieſer hieb ihm noch ein⸗ mal ſo derbe auf ſein Haupt, daß den ganzen Gaden ſein buhleriſches Blut beſpritzte, und er ſein teufliſches Leben aushauchte. Kunigunde.„O edler Ritter fuͤhrt mmich doch von dieſem Orte weg! Ach fuͤhrt mich doch zu meiner Mutter!“ Adolph.„Ja wenn ich nur wuͤßte, wo dieſe waͤr'; doch ich denke, der Kampf hat jetzt geendet, und wollt ihr da nicht in den Gelaggaden folgen, edles Fraͤulein?“ Kunigunde.„Ach welcher Kampf, ſagt mir doch, was ſeit einigen Stunden im Burghof vorgegangen iſt!“ Adolph.„Wie ihr wuͤßtet nicht?“ Kunigunde.„Daß Ritter Kunz von Rothenſtein unſere Burg uberfallen? Leider!“ Adolph.„Und daß euer Bruder, Ufo von Freyſingen, hier iſt und ſeinen Feind beſiegt hat, das wißt ihr nicht?“ Kunigunde.„Mein Bruder! OGott! Mein Brudar? der laͤngſt als todt Be⸗ weinte?“ Adolph.„Er iſt's, der den Eroberer ſtiner Veſte jetzt gezuͤchtigt haben wird!“ Knnigunde.„O ſo laßt uns eilen, edler Ritter! füͤhrt imich zu ihm, damit ich miich ſeiner freue, und ihm Kunde von un⸗ ſerer armen Mutter gebe, deren Schickſal = 177= nicht minder ſchrecklich ſeyn wird, als das meinige!“ „Und Adolph trat nun mit dem er⸗ ſchoͤpften Fraͤulein in den Gaden, wo dieſes mit den Worten:„Mein Bruder! mein geliebter Bruder! ſeh' ich dich endlich wieder?“ unſerem erſtaunten, hocherfreuten Ufo in die Arme flog, und weinend ihn umhalſte. Ufo.(Sie feſt mit ſeiner Linken um⸗ ſchlingend, und an ſein Herz druͤckend.) „Weine nicht geliebte Schweſter, ich bin nun wieder bei dir und werde jeden Unfall von deinem Haupte abzuwenden ſuchen!““ Ku nigunde.„Ach waͤreſt du wenige Stunden fruͤher gekommen, vielleicht waͤre manches nicht geſchehen. Unſere gute Mut⸗ ter!“— Ufo.„Wol iſt ſie?“ Kunigunde.„O wenn ich dieſes wuͤßte! Gewaltſam wurde ich aus ihren Armen geriſſen. Wohin man ſie gebracht, weiß ich nicht, ich aßer mußte ſchreckliche Stunden um meine Tugend durchkaͤmpfen deren Retter dieſer edle Ritter wurde.“ 12 — 178— Ufo.(Adolphen umarmend)„Tauſend Dank dir, treuer Waffenbruder! herrlich haſt du Edler mir vergolten!“ Adolph.„Deßhalb ſchweig' auch vom Danke!“ Ufo.„Ach jetzt unſere Mutter!“ Kunigunde.„Ja theuerer Bruder! eile die Gute aufzuſuchen, damit wir auch ſie beruhigen. Ufo.„Weile hier, Adolph mag dir Geſellſchaft leiſten. Du aber Konrad hilf mir meine Mutter ſuchen.“ Hierauf eilte er mit dem tapferen Bullen⸗ doorfer die Treppe hinab. Im Bur ofe war alles ruhig. Man war nur zeis aſ die Todten wegzuraͤumen, und den gefallenen Freunden wie den Feinden in einem Be⸗ graͤbniſſe die letzte Chre zu erzeugen, denn der Tod war in jenen rohen Zeiten des Mittelalters ſchon die ſchauerliche Scheide⸗ wand der Rache. Kuno, der treue Knappe lag aber vor einem Kreuze, dicht an der Mauer und betete. 3* „ Oein Gebet kommt noch zu fruͤh, Alter!“ rief Ufo ihm zu;„gehe hinauf zu meiner 5 — 179— Schweſter, und bete dann, wenn ich meine Mutter gefunden habe.“ Die alte, wuͤrdige Frau war ohne große Muͤhe aufgefunden. Sie hatte ſich in der groͤßten Angſt, als man ihr gewaltſam die einzige, geliebte Tochter entriß, in einen fin⸗ ſteren Winkel der unteren Gemaͤcher ver⸗ borgen, und hier zu Gott um Rettung ge⸗ flehet. Man fand und trug ſie, ihrer ſelbſt ſich kaum mehr bewußt, in ihren Schlaf⸗ gaden, wo nun Mutter und Tochter auf einem Ruhebette von den Schreckniſſen des Tages ſich erholten. Auch die ritterlichen Freunde ſuchten bald einen Schragen, um auf ihm, durch ſanften Schlaf, ſich zu erquicken. Mit der kommenden Fruͤhe war jedoch ſchon alles wieder in der Burg lebendig und mit der Reinigung derſelben beſchaͤftigt. Ufo gieng in der Mutter Gemach, um heute erſt die langentbehrte Freude des Wiederſehens zu genießen. Maͤchtig wurde dieſe aber durch die allzugroße Schwaͤche der ſchon ſehr be⸗ tagten Frau verbittert, denn die mancherlei Creigniſſe des Tages hatten einen ſo ſtarken 12** — 490— Eindruck auf ihre ohnehin ſchon ſchwache Nerven gemacht und ſie ſo ſehr abgeſpannt, daß ſie weder allein zu gehen, noch zu ſtehen vermochte. Gegen Abend geſellte ſich dieſem lübel noch ein Fieber zu und man hatte mit Recht Urſache für ihr Leben zu fuͤrchten. Ufo wich mit Kunigunde nicht von ihrem Lager und erfuͤllte mit herzlicher Theil⸗ nahme jeden ihrer leiſeſten Wuͤnſche, waͤh⸗ rend Adolph und Konrad die Aufſicht uͤber die wieder herzuſtellende Veſte uͤbernahmen. Doch Ufo war durch die fruͤheren nächtlichen Unruhen und ſo manchen köͤrperlichen An⸗ ſtrengungen ſo ſehr ermuͤdet, daß ihn in der folgenden Nacht ein unwiderſtehlicher Schlaf uberſiel. Kunigunde bat ihn, in dem angrenzenden Gemache emige Stunden der Ruhe zu genießen, wo ſie ihn, wenn es nothig, ſogleich wieder wecken könne; und die Allgewalt ſeines Schlafes noͤthigte ihn, ihren Bitten, obgleich ungern, zu gehorchen. Kaum eine Stunde hatte er die ſuͤße Wohlthat genoſſen, als ihn ploͤtzlich wieder der eiskalte Haͤndedruck von Boſos Geiſt aaufſchreckte. — 181— „ffne dein Auge Juͤngling,“ begann dieſer—„und laß dich's nicht gereuen, daß du eine Stunde des ſuͤßen Schlafes entbehren mußt, obgleich du ihn jetzt ſo ſehr bedarfſt. Du biſt hier in dem Schloſſe der Deinen; wie leicht könnteſt du des ungluͤcklichen Gei⸗ ſtes vergeſſen, drum erſcheine ich dir und erinnere dich an deinen ritterlichen Schwur; denn nur du kannſt meinen irrenden Geiſt zur Nuhe befoͤrdern.“ Ufo.„Niemals reute es mich, dir meine Aufmerkſamkeit geſchenkt zu haben, denn. ſtets frommte es mir, deine Worte gehoͤret zu haben.“ Geiſt.„Dieſesmal aber wirſt du meine Rede eigennuͤtzig ſinden, denn wiſſe, jetzt iſt es die Zeit, in welcher du dein Wort halten, und mich erloͤſen mußt. Wiſſe: deine Mutter wird den kommenden Abend nicht erleben, laſſe dir den Schmerz uͤber ihren Verluſt nicht zu nahe gehen, troſte deine Schweſter; dann aber eile gen Winds⸗ eck, denn auch dort hat Adelhaide, Elsbeths Mutter, ihr zeitliches Leben geendet. Ver⸗ einige die beiden Freundinnen wieder, und — 12— kehre uͤber den Schoͤnberg gen den Linden⸗ fels. Dort wirſt du mich wiederſehen, und nach vollbrachter That den Lohn empfangen, der im reichſten Maaße deiner harret. Laß dich auf dem Wege durch nichts ſchrecken; bete und ziehe in dem feſten Vertrauen, daß der Allguͤtige deinen Vorſatz gelingen laſſen wird, zu welchem er dich ja ſelbſt auserſehen hat. Noch eins: bitte Adolph von Starken⸗ burg, daß er bis zu deiner Wiederkehr deine Veſte beſchuͤtze, Ritter Konrad von Bullen⸗ dorf aber nehme mit gen Windseck, denn die Burg deiner Jugendfreundin Elsbeth wird eines kraͤftigen Schuͤtzers beduͤrfen, da die Pfaffen in dem St. Laurentius Kloſter einen gewaltſamen Angriff auf deine und Burg Windseck im Schilde fuͤhren.“ 3 Ufo.„Gott, meine Mutter wird alſo ſterben! und ich muß meine Schweſter in ihrer Trauer verlaſſen, darf ſie nicht ſelbſt unterſtuͤtzen und ſchuͤtzen gegen die heim⸗ tuͤckiſche Bosheit der Pfaffen.“ Geiſt.„Edler Ufo, bedenke, daß du dem unglücklichen Geiſte geſchworen haſt ihn u erloͤſen, ohne deſſen Huͤlfe du jetzt nicht — 183— ſo ruhig auf deiner Burg ſeyn könnteſt, ſie vielleicht in einen Steinhaufen verwandelt angetroffen haͤtteſt, denn ich war es, der die Raͤuber abzuhalten wußte ihren Schwur zu erfuͤllen und der dir Konrad von Bullendorf und Adolph von Starkenburg zur Hüuͤlfe ſandte und dir in deiner großen Angſt die Fallthuͤre oͤffnete. Ufo.„Dank, tauſend Dank dir! Ja ich ſchwöͤre dir von neuem willig dänan Winke jetzt, obſchon es mir nahe gehet, zu folgen.“ Geiſt.„Ich verdiene für all' dieſe Hand⸗ lungen keinen Dank, denn dieſe waren eigen⸗ nuͤtzig; doch dir braucht nicht zu bangen für deine Schweſter, Adolph wird ſie dir wie deine Burg erhalten und ſchützen, bis du das edle Werk meiner Erloͤſung, welches dir zeitliches und ewiges Gluͤck bereiten wird, vollbracht haſt.“ Ufo.„Gut, ich ziehe im Verkauen auf Gott und deine Huͤlfe!“ Geiſt.„Sey beſtaͤndig wacker und bete, auf Lindenfels ſiehſt du mich wieder⸗ —— — 184— Der Geiſt war verſchwunden, doch ſeine Worte giengen des andern Tages ſchon treu⸗ lich in Erfuͤllung. G Die Burgfrau fuͤhlte ihr Ende heran⸗ nahen, und mit beklommenem Herzen ließ ſie ihre Kinder an ihr Lager beſcheiden. „Liebet euch ewig als treue Geſchwiſter!“ begann die Mutter.„Schütze du, lieber Sohn, beſtaͤndig deine Schweſter und du, theuere Kunigunde, trage ſtets ſchweſterliche Sorgfalt um deinen Bruder im Herzen. Vergeßt eueren ſchon ſeligen Vater und mich uere, euch ſo innig liebende Mutter nicht. Ich bringe nun bald euerem guten Vater einen kindlichen Gruß von euch in jene Welt, Handelt immer recht, und habet Gott von Augen. Chret das Andenken euerer Eltern in kindlicher Bruſt, und ſie werden euch zeitliches Gluͤck von dem Ewigen erflehen.“ Mit dieſen Worten kuͤßte ſie den ſtill weinenden Sohn und die ſchluchzende Tochter und legte dann ſegnend ihre Haͤnde mit den Worten auf ihr Haupt:„der Herr laſſe es euch euer Lebenlang wohlergehen, damit wir und einſt vor dem Throne des Gerechten rein ———ÿ4 und ſchuldlos wiederſinden und der unge⸗ truͤbten Freuden jenſeits in uͤberſchwenglichem Maaße, wie ſie des Herrn Wort uns ver⸗ ſpricht, vereint genießen können. Amen!“ Noch eine Stunde weilte die Sanfte 6 unter ihren wahrhaft guten Kindern, dann aber kam der unerbittliche Tod und ſanft, wie ihr Leben, war ihr Ende. Eben ſchied die untergehende Sonne; da brach ihr Auge, der letzte Seufzer entquoll ihrer beengten Bruſt und weinend ſtanden die Verlaſſenen an ihrer Leiche. Leiſe, als ſchlafe ſie, beruͤhrte Kuni⸗ gundens lilienweiße Fingerſpitze der Ver⸗ blichenen welkes Augenlied, um das ge⸗ brochene Auge auf ewig zu verdecken; dann aber ſanken ſich beide Geſchwiſter laut ſchluch⸗ zend in die Arme und gelobten einander ewige, unverletzliche, bruͤderliche Freundſchaft und Liebe.—. Nach zween Tagen wurde die Leiche der Burgfrau mit gebuͤhrender Pracht in die Gruft neben ihrem vorangegangenen Gatten beige⸗ ſetzt, und hier an dem ſchauerlichen Aufent⸗. haltsorte der Verweſung ſchwur Ufo, ſeine —— — 186— Schweſter umhalſend, noch einmal recht feſt die letzten Worte der geliebten, ſeligen El⸗ tern, treulich zu erfuͤllen. Dann aber rief er Adolph von Starkenburg, Konrad von Bullendorf und Kunigunde beſonders zu ſich und ſagte ihnen:„Meine Bruͤder! ſo un⸗ gerne ich mich von euch trenne, ſo ruft mich doocc ein heiliges Geluͤbde, ohne deſſen Er⸗ füllung ich nie in meinem Leben eine ruhige Stunde haben wuͤrde, von euch hinweg. In kurzer Zeit hoffe ich aber wieder bei euch zu ſeyn, und mich dann ungeſtort euerer Freundſchaft widmen zu koͤnnen; dringt in⸗ deß meines Gelüͤbdes wegen nicht in mich.— Dich theuerer Adolph bitte ich, bis zu mei⸗ ner Wiederkehr mit deinen Reiſigen die Burg und meine Schweſter zu beſchuͤtzen. Du aber edler Kuno ziehe mit mir gen Windseck und ſtehe dort ſchützend meiner Jugend⸗ freundin Elsbeth zur Seite, an die ich dich liebe Kunigunde bitte, mir den erſten Gruß 5 und Kuß der ſchweſterlichen Verſoͤhnung mit⸗ zugeben, denn wie ich dir und unſerer ſeligen Mutter ſchon litaneite, es war alles eine bos⸗ hafte Luͤge der Pfaffen des St. Laurentius ———————— — 187— Kloſters, auf welche ich euch meine Freunde und Bruͤder bitte ein wachſames Auge zu haben. Morgen mit dem Fruͤheſten ziehen wir fort.“. „Groß ſind die Werke des Herrn!“ ſagte der treue Kuno am anderen Morgen, als er mit ſeinem Herrn, Ritter Konrad von Bullendorf und deſſen noch uͤbriger Gleve 1 uͤber die Zugbruͤcke von Freyſingen zog, und warf einen frohen Blick in das blaue Him⸗ melsgewoͤlbe, das herrlich uͤber ihnen aus⸗ gebreitet war. Die Fluren waren reif und in das muntere Liedchen des ſchnacken Ge⸗ fieders einſtimmend, zog dankbar der Land⸗ mann zur Erndte ſeiner jahrelangen Muhe. Nach zwei kurzen Stunden hielt die ſtattliche Harſte jetzt vor dem Burgthore der Windseck und ſobald Ufo von Freyſingen ſeinen edlen Namen dem Waͤrtel zugerufen hatte, fiel die Bruͤcke nieder und Kaſper, der ehrliche Burgvoigt, kam mit weinenden Augen die Ritter zu begruͤßen.„Ach! hob er an,„edler Retter unſeres Fraͤuleins! ihr kommt jetzt wieder bei uns in das Haus der Trauer, denn wiſſet: vor dreien Tagen —— — 188— haben wir die Leiche unſerer edlen Burgfrau beſtattet, und unſer Fraͤulein hoͤrt nicht auf zu jammern!“ Ufo.„Fuͤhre mich zu ihr, ich will ver⸗ ſuchen, ſie einigermaaßen zu troͤſten.“ Ufo trat nun mit Konrad in den Gaden, wo ihnen Elsbeth ſchluchzend mit dem Aus⸗ rufe:„ Ach meine Mutter!“ entgegen kam. Der biedere Freyſinger druͤckte ſeine jam⸗ mernde Jugendfreundin an ſeine Bruſt, ſprach ihr Worte des Troſtes und gab ihr dann den verſoͤhnenden Gruß und Kuß ſeiner Schweſter Kunigunde.. Ufo.„Auch unſere Mutter iſt ver⸗ ſchieden, gute Elsbeth, und meine Schweſter weint jetzt gerade ſo, wie ihr.“ Elsbeth.„Aber ach ich ſtehe jetzt ſo allein, Kunigunde hat in euch doch noch einen ſchuͤtzenden Bruder!“ Ufo.„Nein theure Freundin, auch ich darf jetzt meine Schweſter eines heiligen 8 Gelubdes wegen nicht ſelbſt ſchützen und ich in dieſem meinem tapferen Waffenbruder mubßte ihr einen meiner Freunde zur Seite geben; und auch euch edles Fraͤulein bringe den andaͤchtig. — 189 Konrad von Bullendorf einen edlen, kraͤf⸗ tigen Beſchuͤtzer, bis nach meiner, hoffentlich baldigen, Wiederkehr ich euere und meiner Schweſter Schutz zugleich uͤbernehmen kann.“ Elsbeth.„Dank ench, edler Ufo! fuͤr euere Fuͤrſorge.“ Bis zu dem Mittage weilte Ufo, ſeine Jugendfreundin troͤſtend, hier, und auch Konrad hatte durch die aufrichtige Theilnahme an ihrem kindlichen Schmerze bald ihre Zu⸗ neigung gewonnen. Als jetzt aber der Mit⸗ tagsimbiß verzehret war, ſaß Ufo wieder auf und jagte, von ſeinem Kuno gefolgt, dem Schoͤnberge zu. Ohne irgend ein Hinderniß waren ſie gluͤcklich mit dem Morgen des zweiten Tages hier angelangt. Er trat in den Gaden ein; doch welche Scene ergriff hier ſein Gemuͤth. Der alte Veit lag in den letzten Zuͤgen auf ſeinem Schragen, Emme niete neben ihm und der alte Burgvoigt ſtand am Fuße des Lagers, hatte, von heiliger Ruͤhrung ergriffen, ine Muͤtze ab und betete mit 3 — 190— Allle blickten jetzt dem eintretenden Ufo entgegen und Emma rief ſchluchzend:„O 5 mein Ufo!“ und ſank an ſein Herz. Auch Veit öffnete noch einmal ſein ſchon halb ge⸗ brochenes Auge und eine Thraͤne ſammelte ſich darin. Es war die letzte, denn noch einmal verzog ſich ſein Mund in ein ſchmerz⸗ lich⸗ſuͤßes Laͤcheln, dann entquoll ihm ſeine Bruſt vollkommen erleichternd, der letzte, ſtille Seufzer und er hatte vollendet.— Der Tod des geliebten Vaters und die Ankunft ihres edlen Retters und Buhlen verſetzte die zarte Seele Emma's in eine weiche Stimmung. Sie klagte nicht, nur dann und wann pellte eine helle Thraͤne in ihrem blauen Auge und dann verbarg ſie ſchnell ihr Antlitz an Ufo's Bruſt.„Nichts als dich! hab' ich nun auf dieſer großen, weeiten Erde,“ ſeufzte ſie ſo zu Ufo.„Alles was ich außer dir liebte iſt fuͤr dieſes Leben nnun dahin!“ Innig preßte hie nuf jedesmal der ge⸗ eruͤhrte Ufo ſeine theuere Emma an's liebende Herz und ein reiner Kuß der heißeſten Minne ſagte ihr, wie viel er fuͤr ſie fuͤhle. —— —— — 191— Nach dreien Tagen, waͤhrend welchen ſich das liebende Paar das zukuͤnftige Leben mit den ſchoͤnſten, lauterſten Farben aus⸗ mahlten, wurde in feierlicher Stille Veits Leiche in die Gruft geſenkt. Hier an dieſem finſteren Scheideweg, wo alle Gemeinſchaft mit den Lebendigen ein Ende hat, wurden dem Verewigten noch einmal heiße Thraͤnen geopfert; dann aber preßte Ufo ſeine holde Braut auf's neue an ſeine Bruſt und ſagte:„Hoͤre nun auf zu weinen, geliebte Emma! Ziehe deinen Geiſt von der Vergangenheit auf das Zukuͤnftige, denn auch ich muß dich noch heute verlaſſen, und da bedarfſt du Muth und Standhaf⸗ tigkeit.“ Emma.„Wie guter Ufo, allein willſt du mich hier zuruͤck laſſen? Und noch heute von mir ziehen? Ufo.„Die Nothwendigkeit erfordert es.“ Emma.„O ſo laſſe mich mit dir ziehen!“ Ufo.„Nein geliebte Emma, daß kannſt, das darfſt du nicht. Ein heiliges Geluͤbde, wovon mein zeitliches und ewiges Glüͤck abs — 192— haͤngt, fordert dies von mir, darum frage nicht weiter, ſondern fuͤge dich in den auf⸗ richtigen, redlichen Willen deines Ufo's, der dich gewiß recht innig liebt. Bete in meiner Abweſenheit fuͤr mich, daß Gott mir das gelingen laſſe, was ich mir jetzt vorgenommen habe, damit ich dich recht bald wieder in meine liebenden Arme ſchließen kann. Dein Burgvoigt wird indeß fuͤr deinen und deiner Burg Schutz Sorge tragen.“ Emma.„Nun ſo ziehe mit Gott! ich werde nicht aufhoͤren fuͤr deine Wohlfahrt zu beten.“ G Kaum war der Mittag voruͤber, als Kuno ſchon die geſattelten Roſſe vorfuͤhrte. Ufo druͤckte die weinende Braut noch einmal an ſeine Bruſt, verließ dann, von Kuno allein begleitet, die Burg, und zog dem Lindenfelſe und ſeiner Beſtimmung entgegen. Es iſt ein großer, herzerhebender Ge⸗ danke fuͤr den Hoͤchſten wie fuͤr den Gering⸗ ſten, fuͤr den Kluͤgſten wie fuͤr den Ein⸗ faͤltigſten, mit feſtem, unwandelbarem Ver⸗ trauen auf ſeinen Gott, auf ſeinen mäch⸗ etigen Beſchutzer und Erhalter zu bauen, ſeine 2 „ Wege ihm anheim zu ſtellen, und ſeiner weiſen Fuͤhrung ſich allein zu uͤberlaſſen. So war es denn auch jetzt mit Ufo und ſeinem treuen Kuno. Erſterer flehte auf s Neue um des Ewigen Beiſtand und Segen und Kuno ſtimmte neu geſtaͤrkt ein freudiges Liedchen an und ſo, jeder ſeinen Gedanken nachhaͤngend, hatten ſie bald die Zinnen des Schoͤnberges weit im Ruͤcken. Um Mittag des andern Tages erreichten ſie ſchon den Gau, in welchem ſich die hohe Burg Lindenfels in majeſtaͤtiſcher Pracht er⸗ hob. Ufo'n durchrieſelte bei ihrem Anblick ein leichter Schauder. Fruͤher war der Himmel heiter und klar geweſen; hier aber umzog er ſich plötzlich mit ſinſterer Nacht. Kalter Regen und dicke Schloßem vom ſchrecklichſten Sturmwinde gepeitſcht, hemmten ihrer Roſſe Tritte. Üüber⸗ all, wohin das Auge ſich wandte, krachten hundertzaͤhrige Eichen, bogen ſich die Spitzen der jungen Buchen zur Erde. Selbſt um Boden raffte der kreiſelnde Wirbelwind ab⸗ gefallenes Laub, Baumaͤſte und ſogar Steine 5 13 — 194— empor und ſchleuderte ſie mit Allgewalt wieder darnieder. Ujo's Standhaftigkeit und unuͤberwind⸗ licher Muth ſuchte mit ſanften Worten den zagenden Kuno zu troͤſten und zum immer⸗ waͤhrenden Fortſchreiten zu bewegen, denn durch all' dies ſchreckliche Geheul des empoͤrten Elementes hoͤrte er eine klagende Stimme rufen:„Wehe, wehe dir, ſo du deinen Schwur nicht haͤltſt!“ Nach langem, unendlichen Streben und tauſend Muͤhſeligkeiten, deren Beſchreiben den Leſer zermuͤden koͤnnte, gelangten ſie endlich den Burgweg hinan und ſtanden jetzt vor dem Burgthore, welches bei Ufo's erſtem Schhlage darwieder mit furchtbarem Krachen ſich oͤffnete. Eiskalter Schauer rieſelte nun uͤber Ufo's Ruͤcken und Kuno drär ngte ſich nahe an ſeinen Herrn hin, als ſie einritten 1 in den mit hohem Graſe bewachſenen 8 Burghof, welcher keine Spur von einem — menſchlichen Bewohner zeigte, wohl aber allenthalben durch eine hoͤhere geiſtige Macht der Zeit und jedem Menſchen zu trotzen ſchien. 5 * 5 2 1* — 195— Ufo gieng mit ſeinem Knappen, nachdem ſie abgeſeſſen waren, die Treppen hinauf gen die Gemaͤcher, und in dem erſten, welches er offnete, fand er zwei Schragen bereitet und Imbiß und Trunk auf einem runden Tiſche zur Labung hingeſtellt. Gaͤnzlich er⸗ mattet, ließ er ſich alsbald hier nieder und langte wacker zu. Kuno ließ ſich abermat nicht bereden, etwas zu genießen. 8 Der Abend war jetzt heran und Ufo ſuchte ſein Lager; auch Kuno, zu erſchopft, nahm den zweiten Schragen ein, und ſo entſchliefen ſie bald. 3 Um Mitternacht wurde er, wie ie gewöhn⸗ lich, durch den kalten Händedruck des Geiſtes aus ſeinem ſüßen Schlafe geweckt. „ Sey mir willkommen auf dieſer meiner irdiſchen Burg, die du von dem Augenblick an, in welchem du meine Ruͤſtung in meiner dunkeln Ahnengruft gereiniget haſt, ald die Deinige betrachten kannſt, und deren Rechte kein Sterblicher dir ſtreitig machen wird, denn unten in dem Nitterſaale in einem Schranke, welcher unter dem Bilde Stammwvaters dieſer Veſte ſich beſindt, fl 13 5 ——́;́ᷓ du alle Dokumente finden, welche hinlaͤng⸗ lich ſind dein Eigenthumsrecht zu ſichern. Auch wirſt du dabei eine Summe Geldes finden, auf dem kein Fluch und keine Thraͤne ruhet; alles iſt dein Eigenthum.“ Ufo.„Ich werde es mit Dank von dir annehmen.„ Geiſt.„Hoͤre ferner: Friedrich von Waldeck, der Eremit wurde, hat dieſe ver⸗ aͤnderte Lebensart nicht lange ertragen koͤn⸗ nen und ſtarb bald darnach. Er hat in Betracht auf das, was er Adolph von Star⸗ kenburg ungerechter Weiſe entriß, alle ſeine Guͤter, ſammt ſeiner Burg dieſem vermacht. Auch deiner hat er in ſeinem letzten Willen gedacht. Dir, als dem Veranlaſſer zu ſei⸗ ner Buße und dem Erwachen ſeines Ge⸗ wiſſens, hat er alle Schaͤtze, die in uͤber⸗ ſchwenglichem Maaße auf ſeiner Burg auf⸗ gehaͤuft, und deren Eigenthuͤmer groͤßtentheils nicht mehr am Leben ſind, alſo keine Zuruͤck⸗ 8 Zabe mehr moͤglich iſt, als erb und eigen 5 arſchriben. Doch mußt du einem Kloſter ſo viel davon geben, als dir gefaͤllt, damit — ein ganzes Jahr hindurch fuͤr ſeine abge⸗ — 497— ſchiedene Seele eine Seelenamt gehalten wird.“ Ufo.„Kann mir aber all' dieſer Reich⸗ thum frommen?“ Geiſt.„Mit allem Rechte. Deine Emma wird dir drei holde Knaben gebaͤhren, in dieſe theile deine drei Burgen und deine Schätze. Dem aͤlteſten magſt du dein Frey⸗ ſingen geben, dem zweiten Schoͤnberg, den juͤngſten aber nenne Boſo und gebe ihm mein Lindenfels. Er ſey auch der Letzte, der meine ungluͤcklichen Wanderungen erfahre. Nun bin ich gleich zu Ende. Der All⸗ barmherzige hat Gnade fur Recht ergehen laſſen. Für jede gute That, die ich hier noch veruͤbte, iſt eine boͤſe geſtrichen und ſo iſt Hochhorſt's Spruch erfuͤllet, denn es iſt alles Null für Null aufgegangen. Jetzt alſo nahet die Stunde meiner Erloͤſung; Gott leite, Gott ſtaͤrke dich!“ ufo öffnete eben die Lippen zum reden, als er bemerkte, daß der Geiſt verſchwunden war. Er wollte wieder entſchlummern, allein es war nicht möglich; deßhalb ſtand er auf und ſchaute in die durch den Mond erleuch —————/——OxE 198— tete, warme Sommernacht hinaus. Selt⸗ ſame Gefuͤhle erwachten in ſeiner Seele, ſein Herz wurde weich und eine dankbare Thraͤne rollte ſeine Wange herab. So ſtand er eine Weile in gedankenvollem Hinbruͤten verſunken. Die letzten Worte des Geiſtes uͤber das kuͤnftige Gluͤck drei Knaben aus der ſchoͤnen Emma Schoos zu erzielen, lagen in unabſehbarer Weite vor ihm, da drangen melancholiſch klagende Toͤne an ſein Ohr, und ſo muthlos im vorhergehenden Augen⸗ blick auch ſein Herz war, ſo trieb es ihn doch ſtandhaft empor.„Auf! Auf!“ rief er ſich ſelber zu.„Gott der Allmaͤchtige wird mir beiſtehen!“ 1 Er eilte zum Gaden hinaus, und ein heller Schimmer zeigte vor ihm herſchwebend ihm alsbald den Weg in die Gruft. Doch kaum war er in die Halle eingetreten, da umwehte ihn eine feuchte modernde Grabes⸗ luft und ſein Herz ſing unwillkuͤhrlich unter ſeinem Panzer aͤngſtlich zu pochen an. Er trat muͤhſam weiter, denn an ſeinen Beinen ſcchienen Bleiklumpen zu haͤngen. Endlich ſah er im vorderſten Gewoͤlbe die bezeichnete, — 199— uͤber und uͤber durchroſtete Ruͤſtung liegen. Aber wie ergriff ihn unwillkührlich wieder auf's neue eine ſchreckbare Angſt, als er zu den Fuͤßen der Ruͤſtung eine weibliche Geſtalt, die ein Kind auf ihrem linken Arme trug, ſitzen ſah. Lange zoͤgerte ſein Fuß, ehe er den Kreis zu beruͤhren wagte und ſtarr war ſein Auge auf die Geſtalt gerichtet, die ihn ebenfalls mit ſtieren Blicken angrinzte. Doch der Gedanke, daß es einmal vollbracht wer⸗ den muͤſſe, gab ihm Muth und er trat ent⸗ ſchloſſen auf die Ruͤſtung zu. Kaum hatte er aber einen Schritt noch gethan, da umgaben ihn ringsum ziſchende Blitze und erleuchteten das Gewoͤlbe, in welchem ſich jeder Sarg aufzuthun ſchien. Die weibliche Geſtalt aber gab ihm ein Zeichen ſich zu entfernen. Schauder und Entſetzen ergriffen Ufo'n immer mehr, und an jedem ſeiner Haare hieng in wenig Minuten ein Angſt⸗Schweißtropfen. Mit jedem Schritte den er nun noch that, ziſch⸗ ten die Blitze ſchneller und häufiger ferner Donner ſchien zu rollen; da ward es auf einmal wieder muthig um Ufo's Herz und — 200— er rief laut:„Herr! O erhoͤre mein Flehen! Vergib, o vergib Allbarmherziger! dem Suͤnder um des Gerechten willen! Und ver⸗ leihe mir die Kraft und den Muth das zu erfuͤllen, wozu dein unergrundliches Auge ſelbſt mich erſah!“ 85 Sprachs, da krachte es noch einmal fürchterlich und ein maͤchtiger Schlag ſchien die Burg in ihren Grundfeſten zu erſchuͤttern; 95 allein verſchwunden war nun die weibliche Geſtalt und alles wurde wieder ruhig. Ufo nahm daher die Ruͤſtung jetzt auf, und wollte ſie aus der Gruft an die Helle tragen, um ſeine Geduld und ſeine Kraͤfte dazu anzuwenden, ſie von dem dicken Roſte, der ſie allenthalben ſchon durchfreſſen zu haben ſchien, zu reinigen. Kaum war er aber einen Schritt weit gegangen, da ſiel ein rother Tropfen auf ſie herab, und wo er hinſiel, da war ſie rein und blank von allem Schmutze. Er ſah in die Hoͤhe und erblickte, wie aus einem Spalten der Decke dieſe Fluͤſſigkeit komme. Er langte hinauf, und ſammelte ſie in ſeiner hohlen Hand, beſtrich dann damit die Rrüüflecken 3 und J ———QOÖO—BEBREBxEE — — 201— war dann in wenig Minuten die Ruͤſtung ſo rein und blank, als ob ſie eben erſt vom Waffenſchmiede kaͤme. Ufo legte ſie nun⸗ wieder an ihren vorigen Ruheort und, vom heiligen Schauer ergriffen, wandte er mit einer dankbaren Thraͤne den Blick zum Him⸗ mel, der ihn ſo wunderbar unterſtuͤtzte und es ihm moͤglich machte, Boſos Geiſt und ſeinen Schwur zu erloſen. Als ſein Blick aber wieder zur Erde ſiel, ſtand Boſos Geiſt noch einmal vor ihm, ſah freundlichen Blickes auf die Ruͤſtung, in welcher der Schatten ſeines Kindes ſich eben ſpiegelte, und ſagte dann:„ Habe Dank, edler Juͤngling! Du haſt Vieles um meinet⸗ willen erduldet, aber der Gerechte wird dir's zeilih und ewig lohnen. Hier ſieheſt du mich nicht wieder, aber dort, wo wir in ungetruͤbter Freude fortleben werden, da wird dein Erſcheinen einſt einen ſchonen Ein⸗ druck auf mich machen! Lebe wohl! ich gche jetzt zur ewigen, lang erſehnten Ruhe ein.“ Sprachs und war verſchwunden; ſeine irdiſche Hülle aber ſiel in Staub und ich vor Ufo's Augen zuſammen. 3 — —õ————̈—— Von dieſem Augenblicke aber ſehnte ſich der edle Freyſinger wieder unter die Leben⸗ digen.— Hiier könnte ich nun fuͤglich meine Feder weglegen, und dieſe Geſchichte als beendigt betrachten; allein es iſt bekannt, daß Kinder keine Erzaͤhlung fuͤr geſchloſſen halten wollen, ſo lange den Weſen fuͤr die ſie ſich nun ein⸗ mal intereſſiret haben noch ferner etwas koͤnnte begegnet ſeyn. Wie gieng es denn weiter? iſt die gewoͤhnliche Frage. Haben einige meiner lieben Leſer dieſe kindliche Eigen⸗ heit noch aus fruͤheren Jahren an ſich, ſo will ich ihr Verlangen durch Nachſtehendes einigermaaßen zufrieden zu ſtellen ſuchen. Ufo eilte die Treppen wieder hinauf zu8— ſeinem Kuno, welchen er eben im Begriffe fand, aufzuſtehen. Auf dem Tiſche neben den leeren Gefaͤßen lag ein Gebund Schluͤſſel, bei deren Anblick Ufo des Schrankes in dem Ritterſaale ge⸗ dachte und ſeinem Kuno dahin zu folgen 9 geboth. Er ſchloß auf, und uͤbergroß war fein Erſtaunen, als ihm hier nebſt den Do⸗: — 203— kumenten und dem letzten Willen Friedrichs von Waldeck, auch ein anſehnlicher Kaſten, vollaufgefuͤllt mit Goldmuͤnzen, auf welchen oben eine Halsbette von edeln Steinen lag, in die Augen fiel. Er hieß ſeinen Knappen ſo viel von dem Gelde nehmen, als er zu ſich ſtecken konnte; die Halskette aber nahm Ufo fuͤr ſeine Emma mit ſich, und nun eilten ſie zum Burghofe hinab, wo ihnen aber alles ganz veraͤndert und freundlicher geworden zu ſeyn ſchien. Sie ſaßen auf und noch ehe die Sonne an dem zweiten Tage den weſtlichen Horizont roͤthete, hatten ſie Burg Schoͤnberg erreicht, auf welcher Ufo ſeine theuere Braut in die Arme ſchloß und ihr freudig ſagte:„Nun biſt du ewig mein, geliebte Emma! Jetzt trenne ich mich nicht mehr von dir!“ „Ewig dein! floß es ſanft von ihren Roſenlippen und zwei glückliche Tage ver⸗ ſtrichen ihnen gleich zwei Minuten in reiner, koſender Minne. Dann aber brach Ufo mit ſeiner Emma auf, um gen Freyſingen und —— — 204— Windseck zu ziehen und dort ſeine harren⸗ den Freunde zu uͤberraſchen. Freundlich war ihr Zug; doch als ſie auf den Burgen anlangten, auf welchen Ufo ſich Adolph und Konrad, als ungeduldig ſeiner Ankunft entgegen ſehend, dachte, kam erſterer an Kunigundens Hand auf ihn zu, und bat ihn um ſeine Einwilligung zu ſeiner Liebe mit der ſchoͤnen Kunigunde. Freudig druͤckte Ufo den edlen Adolph an ſeine deutſche Bruſt und nannte ihn Bruder und Schwager; dann aber führte er Emma ſeiner Schweſter als ſeine Braut zu. Herz⸗ lich umarmten ſich die beiden Maͤdchen, von gleichen Gefuhlen der Liebe durchdrungen. Auf Windseck aber war Konrad und Els⸗ peth auch ein liebendes Paar geworden und lauter Jubel ertoͤnte von der ſtatt⸗ lichen Burg in das Thal herab, als ſich jetzt die drei liebenden Freundinnen und Schwe⸗ 8 ſtern umarmten und dann wieder an die minnende Bruſt ihrer treuen Buhlen ſanken.— „ Aber der Herr Abt,“ ſagte d der ein⸗ tretende, ehrliche Kaſper,„muß jetzt doch ein Amen uͤber euch ſprechen!”“ — 205— „Ihr habt recht, erwiederte ihm Ufo, ſendet nur ſogleich einen Boten hinab, gen das St. Laurentius Kloſter, ſchickt ihm dieſe hundert Goldgulden, für welche er ein Jahr lang jeden Tag ein Seelenamt halten ſoll fuͤr den verſtorbenen Friedrich von Wal⸗ deck und laßt ihm dabei meinen Reſpekt vermelden.“ Kaſper.„Nan das wird ihn ſchon wieder gut machen.“ Der Bote wurde abaeſondt; auch Adol ph 5 ſchickte ſeinem Vater die freundliche Kunde, daß er ſich mit Kunigunde von Freyſingen vermaͤhlen wolle, und nach dreien Tagen traten die drei minnende Paare in die geraͤu⸗ 1 mige Burgkapelle, wo ſich ſchon der feiſte Abt recht freundlich eingefunden hatte, und empfiengen ſeinen ſie ewig verbindenden Segen. 4 Unter hohem Jubel wurde acht Tage lang abwechſelnd auf ihren Burgen das Ver⸗ —— mit ſeinem jungen, geliebten Weibchen heim, um im haͤuslichen, ſtillen Zirkel ſich ihrer twouen en. 1 8 1 1 maͤhlungsfeſt gefeiert, dann aber zog jeder 4 Noch lange l lebte das Andenken an dieſes frohe Feſt in ihren Nachkommen, bis dieſe ſich immer mehr und mehr zerſtreuten und ſich nach langer Zeit nddih vollkommen verloren. 85 4„m kr Prechen!“