Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 2. Lesepreis. Bei Nuckgbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 83.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme f eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt, werden und Klrägt:— en.. für wöchentlich 2 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Pf. 2 Mk.— Pf. 4 und Zurückſendung r ſelbſt zu ſorgen. lene, verlorene und fern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ in Werkes, ſo iſt erleihen en, welche die⸗ ben. ———— —— Ottur von Waldburg. Der Templer. Ritterroman a us dem erſten Zehntheil des vierzehnten Jahrhunderts. Von J. Falckh. — Zweiter Theil. Mannheim. Bei Tobias Löffler. 1 8 27. —-⸗-⸗-⸗--Oℳ-— Band nach Otturs völliger Wiederherſtel⸗ lung, die auf des Comthurs und Drapiers Anordnung mit einem allgemeinen Feſte in der Comthurey gefeyert worden war, bat Manſur eines Abends ſeinen Waffen⸗ bruder, ihn auf einem Spazierritte in den nahen Genofevenforſt zu begleiten. Ger⸗ ne willfahrte Ottur und von Rolf gefolgt, ritten ſie aus. Als ſie in die Nähe des Kloſters kamen hoben die Silberglöcklein deſſelben im ſchö⸗ nen Accorde zu läuten an und hallten im mehrfachen Waldecho ſo wunderlieblich wi⸗ der, daß ſich Ottur von einer ſüßen, from⸗ 1* men Wehmuth ergriffen fühlte. Er blickte zum reingebläuten Himmel auf und ſandte ein ſtilles Dankgebet für die glückliche Heilung ſeiner gefährlichen Wunde empor. „Was bedeutet das Geläute?“ fragte unterdeſſen Manſur den nachtrabenden Rolf, der eben ſeine Blechhaube abnahm und ſeine Hände gleichfalls zum Gebete faltete. „Es iſt das Zeichen zum Erzengelsgruß „und weil morgen Maria Himmelfahrts⸗ „tag iſt, wird erſt mit allen Glocken ge⸗ „läutet,“ antwortete der Knappe. „Wie's läutet zum Erzengelgruß? „davon habe ich noch nie was gehört!“ ſagte Manſur. „Weiß auch die Zeit, wo man hier her⸗ „um noch nichts davon wußte. Habens „erſt in den neunziger Jahren des vori⸗ „gen Jahrhunderts aufgebracht, die heili⸗ „gen Herrn. Man ſagt's wär wegen „den vielen Irrthümern und Ketzereyen die „unterm Volk einſchleichen wollten. Ob's „wahr iſt, weiß ich nicht, aber ich denk' „s Beten frommt jedem!“ erwiederte Rolf und während er nun ſein Gebet anhob, brummte Manſur die muntere Weiſe eines provenzaliſchen Minnelieds vor ſich hin. „Aber“— ſagte er hierauf, als ſie ſeitwärts an dem Frauenmünſter vorüber geritten waren und hier der mehrfache Wi⸗ derhall des Geläutes noch deutlicher wurde zu Ottur:—„Aber ſollte man nicht glau⸗ „ben, es werde hier in der Runde min⸗ „deſtens in fünf Klöſtern geläutet? Es „iſt ein wahrer Ohrenſchmaus. Doch hör' „nur“— fuhr er, als das Geläute nun endigte und nur noch ein Glöckchen das eigentliche Zeichen zum Engelsgruß gab, fort—„hör' nur, wie der Einton jetzt „ſo widerlich auf die früheren ſchönen Ac⸗ „corde durch den Forſt ſchallt. So kläg⸗ „lich und jämmerlich, wie's den Nonnen „im Kloſter um's Herzchen ſeyn mag; „denn das iſt traun ein traurig Leben, „das ſo in ſich ſelbſt zerrinnt.— Wollt' „wahrlich's höre auf zu läuten,'s klingt „mir in den Ohren wie ein erbarmungs⸗ „würdiger Hülferuf und hör nur auch— „’s ruft wahrlich hier in der Nähe Je⸗ „mand um Hülfe!“ „Pah, Einbildung, das Glöckchen iſt's!“ verſetzte Ottur. „Nein Herr, euer edler Waffenbruder „hat glaub' ich recht“— ſagte Rolf— „hier rechts im Forſt riefs gar jämmerlich „um Hülfe.“ In dieſem Augenblicke verhallte auch der Glockenklang und:„Habt Erbarmen, „Hülfe, Hülfe!“ ſcholls von einer durch⸗ dringenden Stimme durch den Wald. „Wahrlich ihr habt recht!“ rief Ottur überzeugt und da ſie nun auch Waffenge⸗ klirr vernahmen, ſprengten ſie jach dem Rufe nach. Bald hatten ſie eine lichte Stelle im Walde erreicht und ſahen wie hier ein Ritter ſich eben eines um Hülfe und Erbarmen rufenden Fräuleins bemäch⸗ tigen wollte, während zwei andere Ritter mit vier Knappen im heftigſten Kampfe waren und eine Zofe händeringend zu dem Räuber ihres Fräuleins aufflehte. 3„Donner und Hölle, das iſt ja Conſalvo „mit zwey ſeiner Buben!“ ſtaunte Ottur als er näher gekommen war.„Befreye „das Fräulein!“ rief er Manſur zu und ſtürzte mit Rolf in den Kampf gegen die zwey meineidigen Templer, die ſich eben zweyer ihrer Gegner entledigt hatten. „Schandbube, laſſe die Dirne los!“ donnerte Manſur den Italiener an und ſtürzte mit geſchwungenem Schwerdte auf ihn zu, aber ſchnell hatte Conſalvo ſeine Klinge blank und parirte, des Comthurs Neffen erkennend unter dem Rufe:„Ha „Bube kommſt mir geradezu recht!“ den Hieb. Ein wüthender Kampf hob zwiſchen beyden an und wohl wäre Man⸗ ſur, trotz ſeiner Gewandtheit und Kraft dem kampfgeübten Italiener unterlegen, wäre es nicht Ottur inzwiſchen gelungen, einen der meineidigen Templer todt nieder⸗ zuſtrecken und den andern in die Flucht zu jagen, denn als hierauf Conſalvo auch Ottur ſeinen früheren Gegner erkannte und die Uebermacht einſah ſtob er gleich⸗ falls mit dem Rufe:„Sie muß doch mein „werden!“ und unter wilden Flüchen davon. Das Fräulein war bey Conſalvos letz⸗ tem Rufe bewußtlos niedergeſunken und während jetzt die Zofe ihre Herrin in's Leben zurückzubringen bemüht war, ſtand Manſur auf ſein Schwerdt gelehnt und ſtaunte die Schönheit und Reize des Fraͤu⸗ leins an, die durch die Bläſſe, welche ſich über ihr Antlitz verbreitet hatte und durch die Unordnung in welche ihre Kleider während dem Ringen mit dem ſchändlichen Italiener gekommen waren, noch mehr ge⸗ hoben wurden. Ottur aber forſchte indeſ⸗ ſen bey den zwey fremden Knappen, wem ſie und das Fräulein zugehörten.“ „Unſer Herr“— berichtete einer der Knappen—„nennt ſich Graf Rudolph „von Rothenſte in und wir ſollten ſei⸗ „ne Tochter, unſer gnädiges Fräulein Ida „nach dem St. Genofeven Kloſter im „Hain geleiten, wo ihre Baſe Aebtiſſin niſt und ſie auf den morgigen Feſttag zu „ſich laden ließ. Die drey Ritter aber, „die uns hier überfielen, ſprachen vor acht „Tagen bey unſerem gnädigen Grafen „ein, blieben zwo Tage auf dem Rothen⸗ nſteine, hörten die Einladung der ehrwür⸗ „digen Frau Aebtiſſin, welche dieſe durch einen Kloſterknecht auf unſere Veſte ſandte, lauerten uns auf und wollten uns hier „unſer gnädiges Fräulein rauben! O Gott „ſey Dank, daß ihr hochedler Herr uns „zu Hülfe kamt, denn ach, wenn uns das „Fräulein entriſſen worden ware, unſer „gnädiger Herr Graf wäre untröſtlich ge⸗ „weſen. Wir hätten zwar den letzten „Blutstropfen für ihre Freiheit geopfert, „allein das würde doch weiter nichts ge⸗ „nützt haben, als daß wir ihren Raub „nicht überlebt hätten. Aber euch, edler, „tapferer Herr Ritter, wird unſer gnädi⸗ „iger Graf, gewißlich hoch danken, denn 's iſt ſeine einzige Tochter.“ 3 „ Und die einzige Erbin!“ ſetzte der zweite Knappe hinzu, aber ohne weiter auf ihre Dankesverheißungen zu achten, näherte ſich Oitur dem Fräulein, um von ihr zu erfahren, ob ſie nach dem Klo⸗ — 11— ſter oder auf den Rothenſtein, der wie er ſchon wußte, nur vier Stunden entfernt lag, zurückgebracht werden wolle. Eben erholte ſich auch Ida und als Man⸗ ſur das große blaue Auge des Fräuleins erblickte, das in einem ſo reinen Glanze ſtrahlte und ein liebliches Gemiſche von Scham, Freude und Dankbarkeit in ſei⸗ nem Blicke ausdrückte, der zunachſt ihn traf, da wurde es ihm wunderſeltſam zu Muthe.„Es iſt eine himmliſche Dirne!“ ſtöhnte er vor ſich hin und ſchneller pochte es unter ſeinem Harniſche. Ottur verſuchte indeſſen dem Fräulein durch einige Troſtworte Muth einzuflößen und erbot ſich mit ſeinem Gefährten ſie bis zu dem Orte begleiten zu wollen, nach welchem ſie verlangen möge, 8 „Ich bin zwar nahe an dem Ziel mei⸗ „ner Fahrt“— ſagte Ida mit der ihr eigenen ſanften, melodiſchen Stimme— „aber die Angſt vor der Verfolgung des „ſchwarzen Freyhardten würde mich in „den Kloſtermauern zu Tode foltern und „wenn ihr edle, tapfere Ritter euer Werk „vollenden wollt, o ſo bringt mich zurück „zu meinem Vater auf den Rothenſtein.“ „Euer Wunſch edles Fräulein, iſt uns „zwar Befehl“— antwortete ihr Man⸗ ſur der ſich indeſſen genähert hatte— „aber Angſt ſoll euch nicht von euerm „frommen Vorhaben abhalten, denn gerne „werde ich, wenn ihr es mir erlaubt, ſo „lange ihr in dem Kloſter euch verweilen „mögt, vor demſelben Wache halten, ſo „wie ich denn auch Jedem Tod und Ver⸗ „derben ſchwöre, der es wagt auf irgend „eine unhöfliche Weiſe euch zu nahen.““ Ein leichter Purpur überflog Ida's Wan⸗ gen, ſie ſchlug den Blick zu Boden und bat wiederholt, daß man ſie nach ihrer vaterlichen Veſte zurückbringen möge, denn — 13— Don Conſalvo's letzte Worte hatten einen zu tiefen Eindruck auf ſie gemacht. „Ladet die Gefallnen auf die ledigen „Roſſe!“ befahl daher Ottur den Rothen⸗ ſteiner Knappen, ſchwung ſich in den Sat⸗ tel und überließ es ſeinem Waffenbruder das Fräulein beim Aufſitzen zu bedienen. Manſur hielt ihr den Bügel, hob ſie ge⸗ wandt auf ihren Zelter und hauchte einen glühenden Kuß auf ihres Kleides Saum. Der Zug ging, von Ottur angeführet, ſchnell voran und während dieſer ſeine Blicke durch den Forſt ſandte um jede Ge⸗ fahr, die ihnen etwa drohen könnte, zeit⸗ lich zu erſpähen, unterhielt ſich Manſur freundlich mit der neben ihm reiten⸗ den, angſterfüllten Ida und weidete ſein Auge an ihrer himmliſchen Schöne, die bei dem Silberlichte des Mondes, der bald von dem reinen Himmel herabglänzte, wie von einem wunderholden Zauberſchein um⸗ — 14— geben, in ihrer jugendlichen Fülle und Reinheit ſtrahlte.. Eher, als Manſur gewünſcht, hatten ſie die Veſte Rothenſtein erreicht, auf welcher der alte Graf Rudolph noch mit einem ſeiner Lehnsritter im Zechſaale beim vollen Becher ſaß. Hoch ſtaunte der edle Alte als ihm die Ankunft ſeiner Tochter gemel⸗ det wurde, die er längſt bei ſeiner ehr⸗ würdigen Verwandte, im Kloſter glaubte als bald darauf Ida von ihren beiden Ret⸗ tern gefolgt, in den Saal trat, ihren Va⸗ ter umhalste und nachdem ſie den Strom von Gefühlen, der ihren Buſen bisher be⸗ engte, mit einer Thränenfluth entzügelt hatre, ihm die Urſache ihrer Rückkunft mittheilte; da bebte der hohe Alte vor dem Gedanken ſeine einzige Tochter verloren haben zu können, zuſammen, ſchloß dann mit väterlicher Innigkeit Ida in ſeine Ar⸗ me, dankte mit einem feuchten Blicke der Vorſehung, daß ſie die Unthat verhütet und rief nun, indem er Ottur und Man⸗ ſur mit freudigem Ungeſtümme an ſeine Bruſt riß:„Und wie ſoll, wie kann ich neuch vergelten ihr edlen Zwey? O ihr „wißt nicht wie viel ihr einem alten Greiſe nerhalten habt!“ „Die That, edler Graf“— verſetzte Ottur freundlich—„hat ſich ſchon ſelbſt „belohnt und einen größeren Lohn als den „Anblick eurer Freude, könnt ihr uns nicht „gewähren!“ „Ich ſtimme meinem Waffenbruder bei!“ ſagte Manſur und des Grafen Rechte mit biederer Offenherzigkeit ſchüttelnd, fuhr er fort:—„Doch bedinge ich mir eure „Freundſchaft und die Erlaubniß dieſer „Tage in eurem Gebiete ſtreifen zu dür⸗ „fen, um wo möglich den ehrvergeſſenen „über alle Maaßen ſchändlichen Buben, „der eure edle Tochter rauben wollte, auf⸗ — 16— „ſpüren und ihm die Luſt zu künftigen „ähnlichen Anſchlägen vergällen zu können, „die er uns ſehr unbeſonnen, aber deut⸗ „lich an den Tag legte.“ „ Das heißt, mein lieber muthiger Rit⸗ „ter“— ſagte der Graf freundlich—„ihr „wollt mich noch mehr zum Danke ver⸗ „pflichten!“ „Erlaubt Herr Graf“— verſetzte Man⸗ ſur:—„ſo viel man mir ſagte, haben „die Edlen von Montfort nie um des „Dankes willen etwas gethan und ich ehre „die Sitten meiner Ahnen.“ „Wie, alſo ſeyd ihr ein Montfort? „Aus der Provenze? O ſo ſeyd mir zwie⸗ „fach willkommen, denn der Name eures „Geſchlechtes iſt traun männiglich bekannt „und wenn ſich euer Vater etwa Hein⸗ „rich Manſur von Montfort nennt „ſo ſeyd ihr ohne Zweifel der Sohn eines „meiner treuſten Gefährten in Palaäſtina!“ — 17— „Zu dienen, Herr Graf. Ihr habt ein „gutes Gedächtniß, daß ihr die Namen „eurer alten Geſponne ſo genau behaltet „und es freut mich recht herzlich, eine „alte Bekanntſchaft meines Vaters erneu⸗ nern zu können, doch hätte die Veranlaſ⸗ „ſung beſſer ſeyn ſollen.“ „Die konnte traun nicht ehrenvoller fuͤr „euch ſeyn mein lieber Montfort“— ver⸗ ſetzte der Graf, indem er Manſurs Rechte lebhaft drückte.„Aber wie nennt ſich denn neuer edler Gefährte?“ „Ottur von Waldburg, der tapferſte „und edelſte Templer, der unter der Sonne „lebt und darum auch mein herzlieber Waf⸗ „fenbruder!“ antwortete Manſur. „So gehört ihr wohl auch zum Orden?“ „Erlaubt Herr Graf, ſo lange noch „blaues Manteltuch in der Provenze zu „haben iſt, gedenke ich auf die weiße Dal⸗ „matika zu verzichten!“ ſcherzte Manfur. Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. 2 — 18— „Nun jeder waͤhlt ſich ſeine Beſtim⸗ „mung,“ erwiederte der Graf und verſi⸗ cherte Ottur mit herzlicher Wärme ſeiner aufrichtigſten Achtung und Freundſchaft. „Ja, ja, Herr Graf, die gebühren ihm „von euch ganz abſonderlich, denn ihm „habt ihr zunächſt die Rettung eurer edlen „WTochter zu danken!“ fiel Manſur dazu ein. 1. „Aber wie magſt du denn ſo unverſchämt lügen?“ zürnte Ottur auf.„Haſt du „nicht den Hülfruf des Fräuleins zuerſt „gehört und ſie ihrem Räuber zunächſt „entriſſen?“„ „Wahr, aber haſt du nicht einen der „Buben erſchlagen und gerade als ich durch „den Fehlhieb, der mich am jüngſten Tage „noch ärgern ſollte, meinem Gegner den „entſcheidendſten Vortheil über mich gege⸗ „ben hatte, dieſen ſammt ſeinem Genoſſen Mzur Flucht gezwungen? He Kumpan — 19— „ſchmähe ein andermal beſcheidener, ſonſt „ſchimpfſt du dich ſelbſt und ſo viel Re⸗ „ſpekt ich auch vor deiner geweihten Klinge „habe, ſo ſollſt du mich doch nicht mehr „lügen ſtrafen! ſprudelte Manſur auf. „Nun, nun,“— unterbrach ihn der Graf—„wozu dies alles? Ich danke euch „beyden die Rettung meiner Ida und bin „gewiß, daß euer Verdienſt um ſie gleich „groß iſt.“ „Ja lieber Vater,“ nahm Ida ſelbſt das Wort—„ſieh, während dieſer tap⸗ „fere Ritter”“— fuhr ſie auf Ottur zei⸗ gend fort—„das Leben zweyer unſerer Knappen rettete und den Sieg entſchied, „.hat der edle Sohn deines Jugendfreundes „mich aus den Händen des ſchwarzen Frey⸗ „harden, der mir Gewalt anthun wollte, „befreyt.“ Höher rötheten ſich bey dieſen Worten Idas Wangen und ein Blick voll Dank⸗ 2* — 20— barkeit traf aus ihrem naſſen Auge den Provenzalen und lähmte deſſen Zunge. Ottur dankte dem Fräulein für die wahre Entſcheidung des Zwiſtes und während der Graf nun noch einmal mit lebhaftem Ge⸗ fühle beyde Ritter umarmte und zum Ab⸗ legen ihrer Waffen nöthigte, eilte Ida für die Bewirthung ihrer Retter zu ſorgen. Als ſie bald darauf Manſur den erſten Becher voll des beſten Rheingauers mit holder Anmuth kredenzte, ſiel eine Zähre aus ihrem Auge in den Wein und ehe ſie den Becher zurücknehmen konnte, hatte Manſur ihn mit den Worten:„O gönnt „mir die theure Perle!“ ergriffen und auf ihr Wohl geleert. Hoch entzündete ſich bey der Bitte des Ritters die Gluth ihres Antlitzes und ſie reichte zum Dank ſeiner Artigkeit ihm die Rechte zum Kuſſe. Innig preßte Manſur ſeine heißen Lippen — 21— auf den Schnee ihrer Hand und ein ſelt⸗ ſames Weh durchbebte ſein Herz. Mit beyfälligem Lächeln bemerkte der alte Graf die ſtille Scene und als bald darauf Ottur ſich nicht mehr von dem Rückritte nach der Comthurey abhalten ließ, lud er Manſur freundlich ein, ja bald wieder zu kommen und ſeine vorge⸗ nommenen Streifereyen gegen Conſalvo von dem Rothenſteine aus, in ſeiner und der Lehnsritter Begleitung vorzunehmen. In Idas feuchtem Auge las Manſur den⸗ felben Wunſch. Glücklich kamen Ottur und Manſur mit dem anbrechenden Morgen in dem Tempelhofe an und berichteten ſogleich dem hochwürdigen Comthur die Urſache ihres — 22— langen Ausbleibens. Wie ſehr ſich dieſer auch über die gelungene Rettung der ein⸗ zigen Tochter des Grafen Rudolph von Rothenſtein, mit welchem er ſtets in nachbarlicher Freundſchaft lebte, freute, ſo brachte ihm doch die Nachricht daß der ſchändliche Conſalvo mit ſeinen entkomme⸗ nen meineidigen Spießgeſellen ſich noch in der Gegend aufhalte und durch elende Freihardtenſtreiche den Orden beſchimpfe und beſonders den Ulmer Tempelhof in einen üblen Ruf bringe, auf das höchſte auf und er beſchloß ſogleich mehrere Knap⸗ pen auszuſchicken um den Aufenthalt der meineidigen Freihardten aufſpüren zu laſ. ſen und ſich ihrer dann todt oder lebendig zu verſichern. Ottur zog ſelbſt öfter mit einigen ſeiner Ordensbrüder auf Spä⸗ hung aus, allein ſowohl ſeine als der Knap⸗ pen Mühe blieb unbelohnt. Da haſtete eines Mittags Manſur, der — 23— inzwiſchen die meiſte Zeit auf dem Rothen⸗ ſtein zugebracht hatte und eben wieder von dort zurück kam, plötzlich in Otturs Kloſet und rief, indem er Helm und Handſchuhe abwarf, im Ausbruche der leb⸗ hafteſten Freude:„Gelungen, herrlich, „herrlich gelungen lieber Bruder!“ „Was denn?“ ſtaunte Ottur. „Der Bube hat ſeinen Lohn! Ha wie veiner Kröte haben ihm die Augen aus „dem Kopfe geklotzt, ſo habe ich ihm mei⸗ „ne Lanze auf den Helm gedonnert!“ „Nun wem denn?“ „Ey wem! dem italieniſchen Gaudieb „dem tapferen Don Conſalvo!“ „Wie du hätteſt wirklich ihn getroffen „und erſchlagen?“ „Wills meinen! Hör' nur. Geſtern „Abend begleitete ich den alten Huno, „des Rothenſteiners Lehnsritter nach ſei⸗ wner Veſte und ſchimpfte gerade als — 24— „wir durch den Forſt ritten, gar waidlich auf den italieniſchen Banditen, weil ſich „die ſchöne Ida ob ſeiner letzten Droh⸗ „ung nicht mehr aus den Burgmauern „wagte und ein wahrhaft klöſterliches Le⸗ „ben führte, was mich gar baß verdroß „und weshalb ich ſchon beim St. Georg „geſchworen hatte doch nicht eher zu ra⸗ „ſten bis ich des Buben habhaft geworden „wäre; da hörte ich plötzlich Pferdege⸗ „trappel uns entgegen ſchallen, ſchlug mein „Wiſir zu und— ſtelle dir meine Freu⸗ „de vor— als ich bald darauf den Don „Conſalvo mit ſeinem Spießgeſellen auf „uns zukommen ſah.„Ida!“ rief ich, „legte meine Lanze ein und noch ehe „ſich's der Bube verſah, lag er unter ſei⸗ „nem Roße. Sein Kumpan wollte ihm „zwar helfen, aber als er Huno mit den „beiden Knappen gewahrte, die mir auf „dem Fuße folgten, ſorgte er für die eig⸗ „ne Haut und ſtob davon. Ich war in⸗ „deſſen ſchnell vom Roß geſprungen und „hatte dem Conſalvo, der ſich noch „auf dem Boden wie ein Löwe wehrte „und dazu wie ein Wolf durch den Horſt „nach Hülfe heulte, die Klinge auf die „Bruſt geſetzt. Denk' dir nur, der Schand⸗ „bube wollte noch von Verletzung der „Kampfrechte ſprechen und wirklich hält „mich auch der alte Huno ſo lange von „dem Stoße ab, bis ihm der Helm ab⸗ „genommen war und ich mich feſt überzeugt „hatte, daß wirklich kein Irrthum in der „Perſon obwalte, aber als ich ſein teuf⸗ „liſches Antlitz, daß von der Todesangſt „ſchon ganz verzerrt und entſtellt war, „ſah; da fiel mir auf einmal deine Wun⸗ „de und alles was der Bube verübt hatte nein und aus war's mit ihm. War ja „doch keine Beſſerung mehr bei ihm zu „hoffen und hat noch einen leichten Tod — 26— „gehabt, denn ich habe ihn gleich recht, „gerade hier durchs Herz getroffen.— „Mordelement hat dir der alte Graf ei⸗ neine Freude gehabt, als ich mit dem ge⸗ „fällten Widder aller Sündenböcke in Hu⸗ „nos Begleitung auf Rothenſtein zurück⸗ „kam! Und Ida!— Ha Bruder, ich ha⸗ „be dir glückliche Stunden gehabt und— „nun was ſagſt du dazu?“ „Ich freue mich, daß dir die That ſo⸗ „glücklich gelungen iſt, aber wünſchen „möchte ich doch, daß du ihn ſtatt nieder⸗ „geſtoßen, lebendig eingefangen hätteſt.“ „Pah!— der Graf hat dies zwar auch „geſagt, aber es iſt doch beſſer ſo; der „Bube wäre zuletzt noch einmal echapirt „und hätte nur neues Unheilgeſtiftet. Nein, „des Wunderfrevels Maaß war übervoll „und was geſchehen iſt, das iſt vorbey!““ „Sehr wahr, auch wünſchte ich es nur, — 27— „um von Conſalvo den Aufenthalt feiner „übrigen Conſorten erfahren zu können.“ „Ey was, wenn dieſe nicht ſchon aus „dem Gaue fort ſind, ſo ſagen ſie ihm „jetzt gewiß Valet. Indeſſen glaube ich, „daß ſte bis auf den einen, der Conſalvo „begleitete, ſchon lange das Weite ge⸗ „ſucht haben, denn ich ſtöberte ja jede „Hecke im ganzen Gaue durch und hätte „doch ſicher wenigſtens dem einen oder „dem andern auf die Fährte kommen „müſſen.“ „Du kannſt recht haben, aber ſage mir „lieber Manſur, wirſt du jetzt noch ſo oft „auf dem Rothenſteine einſprechen?““ „Gewiß, bin ja traun froh daß ich ſo „gute Geſponnſchaft gefunden habe, die „mir doch wahrlich mehr Unterhaltung ge⸗ „währt, als ich hier ſinden kann. Auch „iſt der alte Graf ein Geſponne und Ge⸗ „fährte meines Vaters und traun ein ſo 28— „munterer froher Greis, daß ich es für „Sünde hielt, wenn ich ſeine Freundſchaft „nicht erwiederte. Aber aha, jetzt merke „„ich wo deine Frage hinzielt. Du meinſt „die ſchöne Ida? Ja, lieber Ottur ich „„geſtehe dir aufrichtig, ſie iſt nicht minder „die Urſache meiner häufigen Beſuche auf „dem Rothenſteine, als die Freundſchaft ih⸗ „res Vaters.“ „Und du wünſcheſt wohl jetzt auch, daß „Armanda, deine Baſe ſchon Gattin ſeyn „möchte, nicht wahr?“ „Aufrichtig geſprochen; ja. Wahrlich lieber Ottur es iſt ein mächtiger Unter⸗ „ſchied in der Liebe. Meine Baſe habe „ich gewiß recht herzlich lieb, aber mir „will es nun doch ſcheinen, als ſey meine „Minne zu ihr mehr die Liebe, welche ein „Bruder zu ſeiner Schweſter hegt; denn „nie habe ich bey ihr die heiße Sehn⸗ „ſucht und das glühende Verlangen ge⸗ „fühlt, das in Idas Nähe mein Blut „erhitzt und meine Bruſt zuſammenſchnürt. „Auch ſcheint mir, ſeitdem ich ſie kenne „das Verbrechen des Templers und ſeines „Vetters, von dem uns der Oheim erzählte „oiel verzeihlicher, als früher. O Ottur! „Idas Roſengluth, ihr großes blaues Au⸗ „ge, das in einem ſo reinen feuchten „Glanze ſchwimmt und den Adel und die „Sanftmuth ihrer Seele in ſeinen Blicken „abſtrahlet und die Fülle ihrer Jugend! „O nie hätte ich geglaubt, daß die Na⸗ „tur ein ſo vollendetes Weſen hervorzu⸗ „bringen im Stande ſey, das die Götter „ſelbſt um ſei ne Vollkommenheit beneiden „müſſen! Und wer, wer kann es einem „Menſchen verargen, wenn er nach dem „Beſitze eines ſolchen Weſens ſtrebt, deſ⸗ „ſen äußere Formen ſelbſt Unſterblichkeit nin ſich zu tragen ſcheinen und von himm⸗ „liſcher Luſt überwallen?“ — 30— „Nun, nun Manſur, geh' nur nicht „ganz in Feuer auf und vergiß die Leh⸗ „ren nicht, die dein Oheim uns mit ſei⸗ „ner Geſchichte gab.“ „Ha das ſey fern von mir, daß ich Ida „um ihren Frieden brächte! Er iſt mir ſo „heilig wie meine eigene Ehre und wahr⸗ „lich außer dir, dürfte mir Niemand un⸗ „geahndet eine ſolche Mahnung geben!“ grollte Manſur bitter. „So höre ich dich gerne, mein lieber „Bruder!“ rief Ottur indem er ſeinen Waffenbruder in ſeine Arme zog—„und „was ich ſagte, war wahrlich gut gemeint!“ „Das weiß ich mein herzlieber Ottur!“ rief der Provenzale und kaum hatte er mit brüderlicher Offenherzigkeit es auch ge⸗ ſtanden, daß Ida geſtern Abend ihm ihr Herz und ihre Hand ſchon angelobet habe, da trat ein Edelknabe ein und beſchied beide in des hochwürdigen Comthurs Kloſet. Sie gingen und trafen zu ihrem gro⸗ ßen Erſtaunen den, von dem Görlitzer Tempelhofe zurückgekehrten Straubing und einen alten Knappen, den Manſur ſogleich für den Leibknappen ſeines Vaters erkannte, bei dem edlen Marſchall. „Himmel, Claude! Was führt dich hier⸗ „her?“ rief Manſur und ſtürzte, wäh⸗ rend Ottur und Straubing ſich aufs brü⸗ derlichſte bewillkommten, auf den Knap⸗ pen zu. „Nichts Gutes, edler Junkherr!“ ver⸗ ſetzte der Knappe und nun hob der Com⸗ thur alſo zu ſeinem erwartungsvoll ſtau⸗ nenden Neffen und Ottur an:„Rüſtet neuch beide, denn morgen mit dem Früh⸗ neſten müßt ihr von hier nach der Pro⸗ „penze aufbrechen. Du Ottur mußt gen „Avignon ziehen und dich Manſur läßt „dein Vater eiligſt heimbeſcheiden, damit „du dir dein väterliches Erbe vertheidigeſt — 32— „denn Krieg und Fehde wüthen durch dein „Vaterland. Karl von Sicilien und der „Provenze ahmt König Philipps Beiſpiel „nach und verfolgt die Templer auch in „ſeinem Lande; Aufruhr regieret überall „und das Dringendſte iſt, daß Armanda, „deine Baſe, drey Tage vor Claudes Ab⸗ „zug bei einem Ritte durch aaeha „entführt worden iſt.“ 33 „Wie, was, Armanda? Donner und 4 blle!“ rief Manſur und ſah den Knap⸗ pen fragend an. „Ja edler Junkherr“— betheuerte Claude—„eure ſchöne Baſe iſt geraubt! „O und's ſieht ſchrecklich aus daheim! „Wißt ihr, das ſchöne Urſulinerkloſter am „Kaſtanienwäldchen, das haben ſie erſt „rein ausgeplündert, einen Theil der from⸗ „men Schweſtern mit ſich fortgeſchleppt „und die andern theils ermordet, theils — 33.— „verjagt und zuletzt das ſchöne Kloſter „mit ſammt dem Gnadenbilde verbrannt!“ „Wer, wer denn?“ fragte Manſur. „Ja, man ſagt's wären verkappte „Tempelritter, die ſo im Lande hauſen!“ verſetzte Claude. „Nun ſo wollt ich, daß“— wollte Manſur auffluchen aber ein ernſter Blick ſeines Oheims erſtickte ihm den Fluch im Munde—„Alſo Morgen ziehen wir, „und Ottur begleitet mich?“ fragte er, und auf ſeines Oheims Bejahung rief er: „Valet!“ und haſtete ohne auf des Com⸗ thurs Fragen und Rufen zu achten, von dannen. „Laßt ihn Hochwürdiger“— ſagte Ot⸗ tur—„ich will euch nachher ſagen, wo „er hin iſt.“ 1 Und nachdem der Comthur jetzt den Knappen verabſchiedet hatte, fuhr er zu Ottur fort:„Unſer Straubing war ſo Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. 3 — 34= „glücklich auch im Görlitzer Tempelhof, „die Einſtimmung für unſern Plan zu „erhalten und es fehlt uns nun vorerſt „nichts mehr, als daß unſer Großmeiſter „oder der Pabſt die Macht beſtättiget und „mich wirklich zum Großprior ernennt. Da „aber von dir mein lieber Ottur der „ganze Plan ausging, ſo ſollſt du ihn nun auch vollends zu Ende bringen. Un⸗ ſer Großmeiſter iſt, wie ich vernommen, „ chon von Nikoſia in Avignon angekom⸗ „men und ſo findeſt du alſo dort die bei⸗ „den hohen Perſonen, die wir noch zur „Förmlichkeit nöthig haben, beiſammen. „Bei dem Großmeiſter wirſt du die höch⸗ „ſte Vorſicht nöthig haben, denn er hat „einen herriſchen, eigenwilligen, bigotten „und ſtrengen Charakter; doch ich ver⸗ „traue deiner Einſicht und Klugheit und „nöthigen Falles auch der Unterſtützung „des Pabſtes, an den ich dir ein Schrei⸗ — 35— „ben ausfertigen werde. Die geſammel⸗ „ten Wahlliſten nimmſt du mit, doch ge⸗ „brauche ſie nicht gleich, ſondern ſuche erſt „des Großmeiſters Machtſpruch für meine „Ernennung zu erlangen. Geht dies „nicht, ſo kannſt du ihm dann zeigen, „wie, ſelbſt ohne ſeinen Willen, ich „mich zum Großprior der deutſchen Tem⸗ „welhöfe erheben kann. Daß deinem Ge⸗ „ſchäfte Eile noth thut, ſiehſt du ein, „denn da ſich auch ſchon Karl von Sici⸗ „lien mit dem Könige von Frankreich ge⸗ „gen uns verbunden hat, ſo werden die „deutſchen Fürſten wohl auch bald zu „gleichem Verfahren ſich berechtigt glauben „und ich kann nicht eher etwas dagegen „unternehmen, bis ich die Macht und „Würde dazu habe. Du nimmſt zwölf „von unſern Knappen mit und wählſt ſo „viel möglich die Tempelhöfe die auf dei⸗ „„ner Route liegen, zu deinen Herbergen. 3* „Der Drapier wird dich mit einer Liſte „von ihnen verſehen und dir überhaupt „alles Nöthige zuſtellen. Möge es deinem „Muthe, deiner Klugheit und Beſonnen⸗ „heit gelingen, alles ſo zu erfüllen, „wie es unſerm Orden am meiſten from⸗ „men kann!“ „Alles was an mir iſt, werde ich treu⸗ „lich erwinden, Hochwuͤrdiger!“ rief Ot⸗ tur feurig. „Das bin ich überzeugt, mein Sohn!“ ſagte der Comthur ihn umarmend. „Auch“— fuhr er fort—„kannſt du „meinen Neffen nach ſeiner Veſte beglei⸗ „ten, die nicht ſehr weit von Avignon ent⸗ „fernt liegt. Der kleine Umweg wird „nicht viel Zeit wegnehmen und du „kannſt durch ihn vielleicht viel nützen; „doch hüte dich ja mit den Provenzaliſchen „Ordensbrüdern zuſammen zu gerathen.“ „Seyd unbeſorgt, das Wohl des Ordens — 37— vund der Zweck meiner Fahrt wird mir „ſtets die Richtſchnur für meine Hand⸗ „lungen ſeyn!“ verſetzte Ottur und theil⸗ te nun dem Comthur und Straubing die Nachricht von Conſalvos Tod mit. Auch der edle Comthur äußerte den Wunſch, daß ſein Neffe den Italiener lie⸗ ber lebendig hätte einfangen ſollen, doch als Straubing urtheilte, daß Manſur durch Conſalvos ſchnelle Ermordung dem Orden einen Schimpf erſparet habe, ſagte er:„Nun es freut mich, daß uns mein „luftiger Neffe ſo viel genützt hat, und vich muß dir, mein lieber Ottur jetzt „wahrlich beiſtimmen, daß er trotz allem „ſeinem Leichtſinn doch ein recht tüchtiges „Herz hat. Aber wo meinſt du denn, daß „der Wetterjunge eben wieder hin iſt?“ „Auf den Rothenſtein um Abſchied von „dem alten Grafen und ſeiner Tochter zu „nehmen! verſetzte Ottur lächelnd. „Wie hätte ſich etwa hier ſchon eine „vertrautere Bekanntſchaft entſponnen?“ ſtaunte der Graf. „Aufrichtig, hochwuͤrdiger Comthur“— verſetzte Ottur—„Ida des Grafen Toch⸗ „ter iſt wahrlich zu ſchön, als daß ein „ſo feuriges Herz wie das eures edlen „Neffen für ſie hätte gleichgültig bleiben „ſollen und daß ſie ihm zunächſt ihre „Rettung zu danken hat, wißt ihr. Ge⸗ „wiß ſie ſind beide einander werth!“ „Dachte mir's doch gleich, dem Jungen „läßt ſein provenzaliſch Blut nicht lange „Ruhe. Nun'siſt gut, daß er fort muß, „indeſſen wenn er Ernſt hat mit ſeiner „Liebe, ſo will ich ihm für die Dienſte „die er uns leiſtete ſo viel ich vermag be. „huͤlflich ſeyn! „O ſeyd ihm daß, gewiß ſein edles „Herz verdient es!“ bat Ottur mit ſchö⸗ ner Wärme. — 39— „Gerne miſche ich mich zwar nicht in „ſolche Angelegenheiten, und jedenfalls „ſoll er mir zuerſt noch ſelber beichten!“ erwiederte der Comthur und entließ jetzt Ottur freundlich damit er ſeine Anſtalten zum morgigen Auszuge treffe. Wirklich hatte Ottur recht vermuthet; denn kaum war Manſur aus ſeines Oheims Gemach gehaſtet, da ſaß er auch ſchon hoch zu Roß und ſprengte wie von den Fittigen des Windes getragen nach dem Rothenſteine. „Bringe mich zu deinem Fräulein!“ befahl er Idas Zofe, die gerade, als er burgein ſprengte und abſaß, über den Hofraum ſchritt und gerne erfüllte die Dirne dem Retter ihrer Herrin die Bitte. Ida kniete, als Manſur in ihr Gemach eintrat, vor ihrem Betſtuhl um ihre Abendandacht zu verrichten. „Verzeihe mir traute, fromme Ida“⸗ — 40— — heb er zu der erſchrocken aufbebenden Geliebten an—„daß ich ſo kühn dich „hier überraſche, allein meine Augenblicke „ſind gezählt. Es gilt ein ſchnelles Lebe⸗ „wohl und in langen Monten ſehen wir uns „vielleicht nicht wieder!““ „Um Gott, Manſur, verſteh' ich recht, „du wollteſt fort?“ ſtaunte Ida. „Ich muß, mein ſüßes, einziges Lieb! „Armanda meine Baße, von der ich dir „ſchon manchmal ſprach, wurde auf mei⸗ „ner väterlichen Veſte geraubt. Sie zu „befreien hat mein Vater mich eilig durch „einen Boten nach Haus entbieten „laſſen.“ „Iſt dies der wahre Grund, mein Trau⸗ „ter, ſo mache ich dir bei meiner Liebe „ſelbſt zur Pflicht, daß du das edle Mäd⸗ „ſchen, wie du mir's geſchildert, retteſt!“ „Gewiß keine andere Urſache könnte „mich ſo ſchnell aus deiner Nähe reißen, „Theure, und was du mir zur Pflicht „machſt, muß mir zwiefach dringend ſeyn; „aber Ida, o meine Ida gewähre mir, „ehe ich ziehe noch eine Bitte!“ flehte Manſur. „Und was könnte der Retter meiner „Ehre bitten, das ich ihm nicht geſtatten „ſollte?“ „Laße mich jetzt deinen Vater von un⸗ „ſerem Bunde unterrichten und folge mir „zu ihm! Daß er um unſere Liebe weiß, „wird mir den Abſchied erleichtern und „muß ja auch dir ſelbſt Troſt gewähren!“ bat Manſur mit tiefer Innigkeit. Betroffen ſtand zwar Ida einen Augen⸗ blick, doch freundlich reichte ſie alsbald dem theuren Buhlen ihre Hand und folg⸗ te ihm nach dem Gelaggaden, wo der al⸗ te Graf eben zum hohen Fenſter hinaus einen Knappen gefragt hatte, wer ſo jach burgein geſprengt ſey. „Edler Graf““— redete Manſur den freundlichen Alten an—„wenn ihr et⸗ „was an meinen Vater, euern alten Ge⸗ „fährten zu beſtellen habt, ſo werde ich „gerne eure Botſchaft mitnehmen, denn „morgen mit dem früheſten ziehe ich fort „in die Provence und will deshalb Ab⸗ „ſchied von euch nehmen.“ „Wie, ſo ſchnell, mein lieber Geſponn?“ ſtaunte der Graf und nachdem Manſur ihm gleichfalls die Urſache mitgetheilt hat⸗ te, fuhr er fort:„Jetzt aber noch eins: „Wenn ihr wißt, oder euch vielleicht er⸗ 7/ „innern könnt, was es heißt, eine Dame, „die man mit aller Treue, heißer Sehn⸗ „ſucht und Innigkeit liebt und anbetet, „verlaſſen zu müßen, ohne die Gewißheit „mitnehmen zu können, daß ihr einſtiger „Beſitz einem gewiß iſt, ſo könnt ihr ohn⸗ „gefähr euch denken, wie mir's nun ge⸗ „rade zu Muth ſeyn muß, denn ich liebe⸗ 1— 43— „eure Ida! wollt ihr ſie mir einſt geben „und bis zu meiner Wiederkehr getreu⸗ „lich aufbewahren?““ „Das lieber Ritter kann ich nur dann „verſprechen, wenn meine Tochter gleichen „Sinnes mit euch iſt, denn ſie hat freye „Hand und Wahl,“ verſetzte der Graf und zu Ida gewand fuhr er fort:„Rede „meine Tochter, liebſt du den edlen Montfort?“ „Vater“— ſagte Ida hocheröthend— „er hat das Leben und die Ehre mir ge⸗ „rettet!“ „Nun dafür magſt und mußt du ihm „ſtets ein dankbares Andenken ſchenken, „aber der Ritter ſpricht von Liebe meine „Tochter!“ ermahnte der Graf. „O Ida!“ ſlehte Manſur und ſie um⸗ halſte ihren Vater und liſpelte ihre Glut und Thränen an ſeiner Bruſt verbergend: „Ja ich liebe ihn!“ — 44— „Nun topp, mein lieber Montfort, das „Rothenſteiner Blut iſt treu und meine „Tochter euer!“ rief der Graf, Manſurs Rechte mit inniger Rührung ſchüttelnd. „ Dank guter Vater, heißen Dank!“ jauchzte Manſur den Greis umhalſend und Ida ſanft neben ſich dann nie⸗ derziehend bat er:„Euern Segen!“ Und ſein grünſammtnes Barett von den Silberlocken nehmend, ſprach der edle Greis ein kurzes Gebet, legte dann ſeine Hände auf ihre Häupter und ſagte: „Werdet glücklich!“ „Nun lebt wohl!“ rief jetzt Manſur aufſpringend, umſchlang die ſchluchzende Geliebte und grub ſeine Lippen in die Roſen ihres Mundes, die ſie ihm willig darbot. „Willſt du denn keinen Abſchiedsbecher „leeren?“ bat Ida ſchmerzlich. „Ja, auf unſere Treue und unſer bal⸗ „diges Glück!“ erwiederte Manſur, ließ ſich einen Becher von ihr reichen und klirrte mit dem Grafen an, dem die Thränen reichlich über die umbräunten Wangen rollten. „Jetzt aber lebt wohl mein Vater!“ rief er, als ſein Becher die Nagelprobe beſtanden hatte, drückte wiederholt des Grafen Rechte und wandte ſich dann wie⸗ der an die Geliebte.„O Ida, das Schei⸗ 1 „den iſt ſchwer!“ flüſterte er, ſank vor ihr nieder in die Knie, umſchlang ihren Leib und bath mit tiefer Innigkeit: „O denke unſerer Liebe!“ Da lößte Ida ihren Buſengürtel, wand ihn dem theuern Buhlen um Bruſt und Nacken und ſprach leiſe:„Gott erhalte dich mir!“ Und auf ſprang freudig der Beglückte, küßte noch einmal die weinende Geliebte, rief wiederholt„Valet!“ und ſtob in der — 46— nächſten Minute ſchon burgaus, nach dem Tempelhofe zurück. „Nun du kommſt wohl nicht wieder?“ fragte der Comthur ſeinen Neffen, als dieſer kommenden Morgens mit Ottur in ſein Kloſet trat um Abſchied zu nehmen. „Wenn ihr mir's verbietet, komm ich „freilich nicht wieder, ſonſt aber kehre ich, „ſobald Armanda befreit iſt, hierher zu⸗ „rück!“ verſetzte Manſur. „Vom Verbieten kann keine Rede ſeyn, „denn du haſt wirklich manches zu meiner „vollkommenen Zufriedenheit gethan, lie⸗ „ber Manſur, aber ich denke das Leben „hier behagt dir nicht?“ fragte der Comthur. „Ja, da habt ihr wahrlich recht, Herr „Oheim, denn euer Lebensparadies will „ich meinem ärgſten Feinde nicht wün⸗ „ſchen!“ „Und dennoch gedenkſt du uns wieder „zu beſuchen, doch kurz heraus— denn „ihr habt keine Zeit zu verlieren— ſage „mir, lieber Neffe, iſt deine Liebe zu Ida „von Rothenſtein Scherz oder Ernſt?“ „Ich habe deinen edlen Oheim unter⸗ „richtet und hoffte dir dadurch einen Ge⸗ „fallen zu thun!“ ſagte Ottur, als er ſeines Waffenbruders Staunen ſah. „Das hätteſt du ſparen können!“ ſpru⸗ delte Manſur auf und zu ſeinem Oheime fuhr er fort:„Scherz oder Ernſt Herr „Oheim, es muß euch gleichviel ſeyn, in⸗ „deſſen da ihr doch einmal ſo viel von der „Sache wißt, ſo mögt ihr auch beherzigen, „daß ich kein Templer bin!“ „Ey du flegelhafter Junge, weißt du „denn ſchon aus welchem Grund ich frag⸗ „Irte, oder biſt du ſchon ſo weit, daß dei⸗ Ines Oheims Fürſprache unnütz wäre?“ „Zu dienen mein lieber Herr Oheim; „es ſind nicht alle alten Ritter ſolche ¹ „Grämler wie ihr, daß ſie jeden Scherz „gleich mit Verweis beſtrafen und den „munteren Humor nur haßen; und über⸗ „dieß wißt ihr ja, ich bin aus der Pro⸗ „venze wo ritterliche Galanterie zu Hauſe „iſt, drum macht euch keine Mühe wegen „meiner Liebe und ſorgt nur, wenn ihr „wollt und könnt, daß kein Conſalvo mehr „mir ins Gehege kommt. Indeſſen wollen „doch recht freundlich ſcheiden, ich will mir „meinerſeits alles aufbieten, den Tempel⸗ „rittern in meinem Vaterlande alle meine „Flegelhaftigkeit vollends aufzuhängen und „ihr, mein herzlieber Herr Oheim habt, „bis ich wiederkehre, einſtweilen die Güte „mir einen keinen Schenkungsbrief auszu⸗ „fertigen, denn ihr wißt ja, ein Bräutigam „muß immer ſpenden, will er der Frauen „Gunſt ſich recht zuwenden! Und nun Va⸗ „let, ich bringe meinem Vater euern Gruß „und ſo viel Lob von euch, daß es in en⸗ —„ —y 8 — 49— „ern beyden Ohren immer klingen ſoll!“ Hiermit drückte er des Oheims Rechte und haſtete davon. „Man kann dem Jungen eben doch „nicht böſe ſeyn!““ ſagte der Comthur und entließ nun auch Ottur, indem er ihn an ſeine Bruſt drückend ſagte:„Ziehe mit „Gott mein Sohn! Rechtfertige das „Vertrauen, das ich und deine Ordens⸗ „brüder in dich ſetzen; ſey vorſichtig und „erhalte dich ihnen und mir, ſo weit es „mit Ehre geſchehen kann, denn du zie⸗ „heſt in ein Land, in welchem Krieg, Feh⸗ „de und Ungerechtigkeiten wüthen!“ „Seyd unbeſorgt; ſo Gott und unſere „Frau mir helfen, kehr ich mit guter Bot⸗ „ſchaft glücklich wieder!“ rief Ottur an ſeine Löwenklinge ſchlagend, verbeugte ſich ehrerbietig vor ſeinem edlen, väterlichen Freunde und eilte Manſur in den Hof hinab nach. Ottur von Waldburg. Zweit. T01. 4 Raſch ſchwungen ſich beide hier auf ihre Hengſte, winkten dem an das offene Fen⸗ ſter getretenen Comthur und Drapier ſo wie den Ordensbrüdern wiederholt mit Helm und Lanze ein freundliches Valet zu und ſtoben jetzt von ihrer rüſtigen Knappen⸗ ſchaar gefolgt, durch das offene Thor und über die herabgelaſſene Zugbrücke, von dannen. Schnell und glücklich war zwar Otturs und ſeines Waffenbruders Fahrt, allein zu ſeinem großen Leide fand er, ſobald er einige franzöſiſche Tempelhöfe beſucht hatte daß die Schilderung die ihm der edle Com⸗ thur Adalott von der Sittenloſigkeit und Verderbtheit derſelben gemacht hatte, mehr als allzuwahr ſey. Oft mußte er ſeinem Unwillen Gewalt anthun, wenn er ſah wie hier nicht nur die Strenge der Or⸗ densdisciplin, ſondern auch die Ordensge⸗ lübde ſo völlig vergeſſen waren, daß man ſtatt ein ernſtes contemplatives Leben zu führen, ſich allen erdenklichen Genüſſen hingab, ſtatt zu faſten und zu beten, Zech⸗ und Prunkgelage hielt, ja ſich ſogar nicht entblödete in den Ordenshäuſern mit einer Pracht und einem ſo glänzenden Aufwande Bankette zu geben, die ſich Ottur ſelbſt am Hofe des Kaiſers nicht ſo hätte träumen laſſen. „Wie iſt es bei einem ſſolchen Leben „und Treiben anders möglich, als daß die „Aufmerkſamkeit und der Neid der Für⸗ "ſten aufgeregt wird,“ ſagte er oft zu ſich; wenn er aber dieſe ſeine Meinung gegen einen oder den andern Ordensbruder äußerte, ſo wurde ihm ſtets eine ſo ſchnö⸗ de Erwiederung, daß ihn nur der Gedanke an den Zweck ſeiner Fahrt, abhalten konnte, 4* ſeinen Unwillen und ſeinen Groll au lauteſte und nachdrücklichſte auszuſprechen. Nur zu deutlich ſah er ein, daß es hie Keinem um die Erhaltung der Ordensehre ſondern nur darum zu thun ſey, daß der Reichthum der Comthureyen, als das Ge⸗ ſammtgut des Ordens ſo verſchwendet wer⸗ de, wie es ſeinen perſönlichen Lüſten am meiſten fröhne, gleichgültig ob es der Ge⸗ ſammtheit und dem allgemeinen Beſten und Wohl des Ordens ſchade oder nütze. „O ſolcher ſchmählichen Ichſucht!“ rief Ottur oft im Stillen und nie fühlte er ſeine Ohnmacht ſchmerzlicher als jetzt, da er die Unmöglichkeit, dieſen Wüſtlingen ein beſſeres Gefühl und edlere Geſinnun⸗ gen beibringen zu können um ſo mehr ein⸗ ſehen mußte, als ſie ja im Taumel ihrer Freuden und Genüſſe nicht einmal das Verderben ſahen oder beachteten, das dicht ihnen ſchwebte, ja das bereits ſchon viele ihrer Brüder getroffen hatte. So zog Ottur mit immer traurigeren Erfahrungen weiter und beſchloß zuletzt in gar keinem Tempelhofe mehr Herberge zu nehmen, da man ihn ja doch wegen ſeinen Ablehnungen aller Einladungen zur Theil⸗ nahme an den Feſten, als einen Gleisner häufig mit verächtlichen Blicken anſah und er ſich für die Kränkungen, die ſeinem edleren Gefühle widerfuhren, nicht einmal rächen konnte und durfte. Niemand war mit dieſem Entſchluſſe zufriedener als Manſur, der aus Liebe zu ſeinem Waffenbruder immer in ſeinem Thun gleichen Schritt mit dieſem zu hal⸗ ten ſich zwang und von Natur aus nichts mehr haßte, als ein paſſives Verhalten. Hatte aber Ottur vorher die Zügelloſig⸗ keit der franzöſiſchen Ordensbruder kennen lernen, ſo lernte er jetzt die Verachtung über — 54— kennen, mit welcher das Volk wie der de von dem Tempelorden dachte und redete und dieß mußte ihm um ſo ſchmerzlicher ſeyn, als er bei ſeinen eigenen bisher gemachten Erfahrungen nicht einmal mit Nachdruck widerſprechen konnte, denn er ſah natürlich ein, daß man dem Worte eines Einzigen weniger Glauben ſchenken werde, als den Beiſpielen von ſo vielen, die man täglich vor Augen hatte. Schon öfter hatte ihm deshalb Manſur gerathen, er ſolle um al⸗ lem Verdruße auszuweichen, ſeine Dalma⸗ tika ablegen, allein noch immer wollte ſich Ottur nicht dazu verſtehen, bis ihn end⸗ lich ein Vorfall ernſtlich dazu mahnte. Eines Abends, als ſie ſchon in den herr⸗ 3 lichen Landſchaften, welche die Rhone mit ihren ſilbernen Fluthen durchſtrömt fort⸗ zogen und eben aus einem Palmenwäld⸗ chen, welches den Rücken eines Hügels über den die Heerſtraße führte, bedeckte, — 55— wieder in die freie Ebene gekommen wa⸗ ren, wölbte ſich eine machtige Staubwolke ihnen entgegen und bald ſahen ſie daraus in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne Helme und Lanzen widerblitzen und hörten vielfaches Pferdegetrappel. Jetzt erblickten ſie auf einem ſchöngetiegerten Hengſte einen ſtattlichen, blaugeharniſch⸗ ten Ritter mit goldenem Helme, auf dem eine diamantbeſetzte Grafenkrone in ſchönen farbigen Strahlen funkelte und von wel⸗ chem drei rothe und eben ſo viele weiße Schwungfedern emporſtiegen und in be⸗ ſtändigen Schwingungen um den Helm wallten. Dem Grafen folgten mehrere minder reich gepanzerte Ritter und ein ſtarker Troß von Knappen und Knechten. Ottur, der gleich Manſur der Vorſicht wegen, ſein Viſier zugeſchlagen hatte, wollte dem Zuge ausweichen, aber als er ſah, daß der Graf ſeinem Gefolge etwas „ —. 56— zurief und dann mit blankem Schwerdte gerade auf ihn zuſprengte, zog er gleich⸗ falls ſeine Klinge, befahl ſeinen Knappen ſich kampffertig zu halten und ritt ihm mit hoher, muthiger Haltung entgegen. „Halt!“ donnerte jetzt der Graf lang⸗ ſamer heranreitend:„Ergebt euch Herr „Templer mit euren Leuten in Frieden 4 „und überliefert mir euer Schwerdt und „eure Lanze!“ „Wer berechtiget euch zu dieſer Forde⸗ „rung Herr Ritter?“ fragte Ottur. „Der Befehl des Königs!“ trotzte der Graf. „Wißt ihr denn, ob euer König Fug „hat, mir etwas zu befehlen, oder ob ich „ſeine Befehle zu beachten nöthig habe?“ „Gilt gleich, ihr ſeyd ein Templer und „als ſolcher des Königs Gefangner und „ſomit bequemt euch ohne Widerrede oder — 57— „— vorwärts Mannen, umringt die ge⸗ ächtete Schaar!“ kommandirte der Graf. „Halt! Tod und Hölle! der Erſte, der „vorreitet, fällt unter meinem Hiebe!“ donnerte Ottur indem er ſeine Löwenklinge furchtbar durch die Luft pfeifen ließ und zu dem Grafen fuhr er fort:„Wißt ich „bin ein deutſcher Templer und ziehe mit „Botſchoft gen Avignon an den päpſtlichen „Hof. Habt ihr nun noch Luſt eures Kö⸗ „nigs Befehl an mir und meinen Leuten „geltend zu machen, ſo laßt es euch ge⸗ „ſagt ſeyn, daß ein deutſcher Templer eher "ſtirbt als ſich ergibt.“ „Und wer oder was bürgt mir denn „für die Wahrheit eurer Ausrede?“ fragte der Graf.. „Ich, ein Graf von Montfort!“⸗ rief Manſur und ſein Viſir aufſchlagend, fuhr er fort:„Meine Bürgſchaft wird euch „wohl genügen, denn ſo ich nicht irre ſeyd „ihr der Reichsmarſchall, Graf Heinrich „von Fronſak und müßt die Montforts „kennen.“ „Der bin ich“ verſetzte der Marſchall— „aber wie kommt ihr denn in die Geleit⸗ „ſchaft eines Templers, edler Junkgraf?“ Noch ehe Manſur aber antworten konnte rief ein Ritter aus des Grafen Gefolge: „Himmel Manſur!“ und ritt zu ihm her⸗ an.„Willkommen, willkommen im Va⸗ „terlande!“ fuhr er Manſur ſeine Rechte bietend fort.„Mort de ma vie! Da iſt „ja Foix! Willkommen, willkommen mein „lieber Waffengeſelle! jubelte Manſur, „des Ritters Rechte herzlich ſchüttelnd. „Du weißt gewiß noch nicht Manſur, „daß Armanda, deine ſchöne Baſe von „Tempelrittern geraubt iſt?“ fragte Foix. „Wohl weiß ichs, denn das iſt gerade „die eigentliche Veranlaſſung zu meiner „ſo baldigen Rückkehr!“ verſetzte Manſur. „Und in Geſellſchaft eines Conſorten „ihrer Räuber? fragten mit einem ver⸗ ächtlichen Seitenblicke auf Ottur, Ritter Foix und der Marſchall zugleich. Da riß ſich Ottur im Aufruhr ſeines edlen Gefühles wild den Handſchuh von der Linken, warf ihn dem Marſchall zu und donnerte:„Mann gegen Mann oder „wie ihr wollt, lernt den Conſorten naͤher „kennen und dann ſchmäht noch, wenn ihr „mögt!“ Und ſchon blitzte ſeine Löwen⸗ klinge gegen des Marſchalls Schwerdt, da fiel Manſur ſeinem Waffenbruder in den Arm und bat:„Laß doch ab, ſie kennen „dich ja nicht!“ und zu Foix und dem Marſchall fuhr er fort:„Schämt euch ihr „Herrn, einen Ritter ſo unverdient zu „ſchmähen. Wißt vor allem Ottur von „Waldburg iſt mein Waffenbruder und „wer etwas gegen ihn hat, hat es ohne „Umſtände auch gegen mich. Daß einige „ 4 „Schurken in dem Ordenskleide, das auch „er trägt, Bubenſtreiche ausführten, dafür „kann er ſo wenig als ihr dafür könnt, „mein ſehr edler Marſchall, daß euer Vet⸗ „ter ein Erzſchurke und Hochverräther war; „denn jeder kann vernünftiger Weiſe nur „für ſich ſelber ſtehen und ich war Augen⸗ „zeuge, daß dieſer edle Templer ſchon ſei⸗ „nen Orden von manchem Buben reinigte. „Habt alſo die Gefälligkeit ihr Herrn „eure Unbeſonnenheit damit zu geſtehen, „daß ihr mir den Handſchuh meines Waf⸗ „fenbruders zurückgebt, und dankt es mir „gelegentlich, daß ich eure Haut und Kno⸗ „chen ganz erhielt, denn wißt mein Waf⸗ „fenbruder iſt der ſtärkſte, tapferſte und „gewandteſte Ritter, den ich je habe ken⸗ „nen lernen!“ „Manſur“— grollte Ottur auf—„du „ſchwatzeſt einmal wieder viel unnöthiges „Zeug. Die Ritter halten mich für einen — 61— „Conſorten der Räuber deiner Baſe und „müſſen mir dafür mit Schwerdt und „Lanze Rede ſtehen!“. „Herr Templer“— verſetzte der Mar⸗ ſchall—„vom Zweikampfe kann keine „Rede ſeyn, denn euer Orden iſt von un⸗ „ ſerm König in die Acht erklaͤret, habt „ihr aber Luſt es mit uns insgeſammt „hier aufzunehmen, ſo werden wir euch „freilich Rede ſtehen. Damit ihr aber „ſehet, daß wir die Worte eures Waffen⸗ „bruders, unſeres edlen Landesmannes ach⸗ „ten, ſind wir bereit, euch euern Hand⸗ „ſchuh hier zurückzugeben und euch in „Frieden ziehen zu laſſen.“ „Nun Bruder, das nimmſt du mir zu „lieb doch an?“ bat Manſur. „Auf keine andere Weiſe, als daß die „beiden Ritter ihre Schmähung vorerſt zurücknehmen!“ erwiederte Ottur mit feſtem Tone. † — 62— „Das müßt ihr auch ihr Herrn, denn „wenn ihr je in eurem Leben eine Un⸗ „wahrheit geſagt habt, ſo war es diesmal. „Bei meiner Ehre ſchwör ich euch, daß „mein Waffenbruder eben aus Deutſch⸗ „land mit mir herkommt und ich ſo lange „er zum Tempelorden gehört, nicht von „ſeiner Seite kam; auch bin ich überzeugt, „daß falls er mit mir Armanda's Rauber „aufſpürt, er ihrer wahrlich, und wenn „ſie gleichwohl die Dalmatika trügen, nicht „ſchonen würde!“ „Nein gewiß, das werde ich nicht, aber „o!“ rief Ottur vom Schmerze überwäl⸗ tigt. „Es thut dir weh mein lieber Bruder, „daß dein Orden hier in ſo ſchlechtem An⸗ „ſehen ſteht und daß du es nicht beſſern „kannſt, aber laſſe es, mein Ottur, dir „ſoll doch, ſo wahr ich ein Montfort bin, „keiner mehr die Achtung verſagen, die „dir gebührt!“ ſagte Manſur ihm theil⸗ „nehmend die Rechte druckend. Da ritten Foix und der Marſchall zu Ottur heran, reichten ihm zur Ausſöͤhnung die Hand und ſagten:„Vergebt uns ed⸗ „ler Ritter, die ungerechte Kränkung! „Legt aber“— fuhr der Marſchall, nach⸗ „dem Ottur die Sühne angenommen hatte, fort—„wenn ihr meinem Rathe folgen „und euch keinen anderen Unannehmlich⸗ „keiten in unſerem Lande ausſetzen wollt, eure Dalmatika ab, die hier für das „Kleid geächteter Schurken gilt. Auch „iſolltet ihr dies um ſo eher thun, als „ijetzt allenthalben königliche Söldner im „Lande umherſtreichen, die den Befehl „haben, jeden Templer, deſſen ſie anſich⸗ „tig werden, zu verhaften. Gleich mir „„ſind noch alle Reichsmarſchälle und zwölf „Reichsgrafen mit der Beſitznehmung der „Comthureyen und Einziehung der Güter — 64— „und Mitglieder des geächteten Ordens „beauftragt und da würdet ihr, falls ihr „einem oder dem andern königlichen Söld⸗ „nertruppe begegnetet, nicht ſo leicht eure „Freiheit behaupten können. Ja, wenn „ihr tiefer ins Reich kommt, ſeyd ihr vor „dem gemeinen Volke in dieſem Mantel „nicht ſicher, denn ihr werdet euch ſchon „bald ſelbſt überzeugen, welche Urſachen „das Volk hat aufs höchſte gegen euern „Ordern erbittert zu ſeyn!“ „Aber wie iſt es denn möglich, daß „man gerade jetzt, wo unſer Großmeiſter „in Avignon iſt, auf ſolche Weiſe mit „dem Orden hier verfährt, die lſich doch „ſelbſt durch die größeſten Ausſchweifun⸗ „gen einiger ſchändlichen Ordensglieder „nicht rechtfertigen laͤßt? Wie kann euer „König, dem der Orden durchaus nicht „untergeben iſt, ſich anmaßen, ihn in die „Acht zu erklaͤren und ſo unrechtmäßiger „Weiße, ja mit himmelſchreiender Will⸗ „kühr den ganzen Orden zu beſchimpfen, „der doch wahrlich noch viele edle und „biedere Ritter zählt?“ „Mag leicht, mein lieber Ritter, allein „Gewalt iſt ſtets das beſte Recht und was „euern Großmeiſter betrifft, ſo ſeyd ihr nin ſehr großem Irrthume, wenn ihr ihn „in Avignon glaubt, denn er ſitzt bereits „mit ſechszig ſeiner Ordensritter und meh⸗ „reren Großprioren in Paris in ſeinem ei⸗ „genen Pallaſte gefangen.“ „Wie, was? Unmöglich!“ ſtaunte Ottur. „Und doch, ich kann es euch bey mei⸗ „nem Marſchallsworte verſichern, denn ich „komme ſo ziemlich direkt von Paris, doch „ihr werdet dies auch vom heiligen Vater „beſtätigt bekommen, zu dem ihr eure „Reiſe beſchleunigen müßt,wenn ihr etwa „in Bundesangelegenheiten mit ihm zu Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. 5 ₰ — 66— „thun haben ſolltet, denn wie ich aus ſiche⸗ „ren Quellen weiß, wird er wahrſcheinlich „mit unſerem Könige Parthei gegen euern „Orden machen und da dürfte euch wohl „keine allzugünſtige Aufnahme werden. „Indeſſen ihr werdet ja ſchon ſelbſt am „beſten wiſſen, was ihr in einer Sache „zu thun und zu laſſen habt! Ich wün⸗ „ſche euch von Herzen gute Geſchäfte und „jetzt, Valer! denn wir haben Eile. Lebt „wohl edler Montfort und grüßt mir eu⸗ „ern Vater!“— Hiermit gab der Mar⸗ ſchall ſeinem Hengſte die Sporen. „Auf Wiederſehen, Manſur! Befreie „bald deine Baſe und finde ſie geſund!“ rief Foix und ſtob jetzt mit ſeinen Beglei⸗ tern an Ottur und ſeiner Knappenſchaar vorüber. „Ach lieber Waffenbruder! hob, als die Harſte des Marſchalls hinter dem Pal⸗ menwäldchen verſchwunden war, Manſur 4 ⁴ — 67— an—„jetzt lege endlich deine Dalmatika nab, ehe du noch eine ernſtere Mahnung „bekommſt!“ „Ach Manſur“— klagte Ottur—„wie „gerne wollte ich den blutigſten Kampf „für den Orden beſtehen, wenn mir die „traurige Kunde von unſerem Großmeiſter „nicht geworden wäre. Jetzt iſt mein „Zug nach Avignon vergeblich; o daß wir „nicht früher von Ulm aufbrechen konnten! „Aber, ha! zerreißen könnte ich alle die „Schurken, die durch ihre ſchändliche Auf⸗ „führung zu ſolcher Schmach den Anlaß „gaben! Unverzeilich iſts, daß man ſolche „Buben in den Orden nahm! Den „erſten Fanten, der mir wieder von den „hieſigen Aftertemplern unter die Augen „kommt, will ich zu Boden donnern, daß „ſein Mantel in tauſend Stücke zerreißt!“ knirſchte er, riß ſich die Dalmatika von 5* — — 68— den Schultern und warf ſie Rolf, der ihn als Wappner begleitete, in die Arme. „Wozu biſt du ſo wüthend?“ lieber Ottur, beſänftigte ihn Manſur—„du „vermagſt ja doch nichts über die Seuche, „die hier unter den unwürdigen Gliedern „des Ordens herrſcht. Sieh ſo, ohne den „Mantel habe ich dich noch einmal ſo gerne „und es iſt mir als ob du jetzt erſt wie⸗ „der mein herzlieber Waffenbruder und „der freundliche Ritter wäreſt, wie ich „dich an der Donau fand. O daß du „dir den weißen Lappen nie hätteſt um⸗ „hängen laſſen! Mir iſt, als würdeſt du's „auch noch recht bitter bereuen. Doch laſſe „nicht alle Hoffnung ſinken, vielleicht wird's „in Deutſchland noch gut mit deinem „Bunde!“ „Ja, das ſoll, das muß es werden und „beweiſen ſollen es meine deutſchen Or⸗ „densbrüder dem habſüchtigen Philipp, wie „ungerecht er handelte, daß er den Orden „in die Acht erklärte!“ rief Ottur feurig. „Aber willſt du nun noch zuerſt nach „Avignon ziehen?“ fragte Manſur. „Allerdings, denn jedenfalls muß ich „das Schreiben deines Oheims dem Pap⸗ „ſte überliefern und auch wo möglich über „die Gefangenſchaft des Großmeiſters nä⸗ „here Kunde einziehen!“ verſetzte Ottur, band ſich nun noch den leinenen Gürtel von den Hüften los, gab ihn gleichfalls ſeinem Rolf zur Aufbewahrung und zog nun raſcher an Manſurs Seite weiter. In Avignon konnte Ottur trotz allen ſeinen Bemühungen nicht die Erlaubniß erlangen, ſich ſelbſt dem Papſte vorſtellen zu dürfen, und alles, was er erlangte, war ein verſiegeltes Erwiederungsſchreiben — 70— an den Comthur Adalott, deſſen Brief durch die Hand eines Cardinals, dem hei⸗ ligen Vater überliefert wurde.— Trau⸗ rig über die ſchnöde Behandlung, die na⸗ türlich ſeinen Groll gegen die franzöſiſchen Ordensbrüder noch mehrte, zog er daher mit dem zum Aufbruche drängenden Man⸗ ſur bald gen deſſen Veſte ab. Wirklich fand er bei dieſem Zuge die Ausſage des Marſchalls, Grafen Fronſak beſtätiget, denn die ſchöne herrliche Land⸗ ſchaft war auf das roheſte verwüſtet. Bald lagen Felder und Bäume niedergetreten und umgehauen, bald ſahen ſie ein ein⸗ ſam ſtehendes Kloſter auflodern, bald Ve⸗ ſten rauchen und zogen durch eingeäſcherte Dörfer. Ueberall hallte der Jammer der Einwohner und die ſchrecklichſten Flüche und Verwünſchungen gegen den Tempel⸗ orden wider und dumpf ſchallte ihnen von Zeit zu Zeit Waffengetöſe aus der weiten 1 RX — 11— Ferne entgegen.„O mein ſchönes Vater⸗ „land!“ klagte Manſur oft und Ottur ritt im ſtummen Schmerze und blutendem Herzen an ſeiner Seite. Seine Klagen waren zu tief, als daß ſie hätten laut werden ſollen, denn was mußte er, der hochherzige Ritter nicht alles fühlen, wenn er dachte, daß Mitglieder des Ordens, dem auch er angehöre, an allem dem Elende ſchuld trügen, anſtatt daß ſie es zu ver⸗ hindern ſuchen und lieber hätten dulden ſollen. Es war ihm, als trüge er mit Schuld, und der Jammer des Volkes zer⸗ riß ihm die Seele und vergrub ſeinen Blick in die Erde. „Siehſt du dort jenes große rothe Ge⸗ „bäude auf der Anhöhe?“ fragte ihn am Mittage des dritten Tages nach ihrem Abzuge von Avignon, Manſur indem er feitwärts gegen Oſten deutete.„Es iſt „die große Comthurey, in der die Buben „hauſen, die all die ſchrecklichen Verwü⸗ „ſtungen und den Jammer ſtiften. Jetzt „haben wir noch ſechs Stunden bis auf „meine väterliche Veſte.“ „O daß die Schandgrube noch ſteht!“ zürnte Ottur. „Verdrießt mich zwar jetzt auch, daß „das Neſt noch ſo trotzend die Zinnen „erhebt, indeß's war doch nicht immer „eine Schandgrube; zu ſeiner Zeit ſollen, „wie mir mein alter Lehrer und der Abt „von St. Martin ſagte, ſehr hochwürdige „Herrn darin gewohnt haben und auch „darin begraben liegen. Unter andern iſt „auch der Großmeiſter Albert von Beau⸗ „manoir geſtorben, der gerade ein volles „tauſend Sarazenenſchädel geſpalten ha⸗ „ben ſoll; ein wackerer Ahne des Ordens, „deſſen du, mein lieber Ottur zwar recht „würdig biſt, aber die jetzigen Inhaber „dieſer Comthurey traun ſehr unwürdig — 73— „ſind; doch— hör' nur, iſt das nicht „wieder Waffengetöſe, was uns entgegen „ſchallt?“ „Ja edler Junkgraf!“ antwortete der Knappe Claude, der eben dicht hinter ſei⸗ nem Herrn ritt.—„Seht dort links am „St. Klaren Stift! Himmel eben ſchlägt vauch ſchon die Flamme daraus empor!“ „Laß uns hin!“ rief Ottur von wilder Kampfluſt plötzlich entflammt, ſpornte ſei⸗ nen Hengſt zum ſchnellen Laufe und lenkte in gerader Richtung quer feldein auf das Kloſter zu. „Ich kanns nicht begreifen, das Stift „war doch ſonſt mit der Comthurey im „gutem Einverſtändniſſe!“ brummte Man⸗ ſur ſeinem Waffenbruder nachjagend. Näher gekommen, ſahen ſie, wie ein anſehnlicher Haufe Templer und Ordens⸗ knappen mit königlichen Söldnern und be⸗ waffneten Bauern im Kampfe waren. 4 „Element, dort weht ja des Marſchalls „Fronſak roth und weißer Helmbuſch und „Foix auch dort!“— rief plötzlich Man⸗ ſur.„Teufel, ſie ſind tüchtig im Gedrän⸗ „ge!— Sie wollen ins Kloſter, die Temp⸗ „ler werfen ſie zurück!— Drauf Bruder, „da iſt ein Bubenſtück dahinter, ſonſt „wehrten ſich die Weißmäntel nicht ſo „tapfer um das alte Neſt!— Ha, jetzt „kannſt du es dem Marſchalle beweiſen, „was ein wahrer Templer, und was Schur⸗ „ken ſind!“ „Meine Dalmatika!“ rief Ottur ſeinem Wappner zu und machte einen kurzen Halt. „Was willſt du!“ ſtaunte Manſur; aber ohne ihm eine Antwort zu geben, warf Ortur den Mantel über, rief ſeinen Knappen zu, dicht hinter ihm zu folgen und ſtob jetzt auf einem kleinen Umwege gleich in das Vordertreffen und auf die große Kloſterpforte zu, die von den Temp⸗ lern hitzig vertheidigt wurde. „Platz da!“ rief er den kböniglichen Söldnern zu und vor ſeinem wilden Un⸗ geſtüm wichen alle aus, ja viele würden in der Meinung, daß die Templer noch Verſtärkung erhielten, ſchon geflohen ſeyn, wenn nicht der Marſchall Fronſak und Foix, denen ſich Manſur zu erkennen gab, ſie zurückgehalten hätten. „Halt!“ donnerte indeſſen Ottur die vorderſten Templer an—„Im Namen „des heiligen Ordens befehl ich euch, die „Waffen abzulegen!“ Otturs hohe Geſtalt und ſein ernſter, befehlender Ton, machte die Kämpfer ſo betroffen, daß ſie wirklich einige Augen⸗ blicke inne hielten. „Wem gehört das Stift?“ fuhr Ottur raſch fort. „Dem Papſte!“ ſcholls im königlichen Haufen. „Welches Recht habt ihr denn ſeinen „Beſitz zu vertheidigen, wenn es nicht des „Ordens Eigenthum iſt? Seyd ihr Kir⸗ „chen⸗ und Straßenräuber und Mord⸗ „brenner, oder Templer? Die Waffen nie⸗ „der!“ ſchrie Ottur von neuem gegen ſei⸗ ne Ordensbrüder. Da fragte der Vorderſte trotzig von ih⸗ nen:„Wer biſt du und welche Würde „begleiteſt du, daß du uns befehlen willſt, „junger Fant? Drauf Brüder, werft den „abtrünnigen Buben in den Graben und „nieder mit den königlichen Hunden, un⸗ „ſern Feinden!“ Da blickte Ottur den Sprecher, deſſen Stimme ihm bekannt vorkam, ſcharf an und wie ſtaunte er, als er einen von den entronnenen meineidigen Conſorten des Don Conſalvo in ihm erkannte. = 7,— „Ha Conſalvos Buben ihr!“ ſchäumte er und ſtürzte ſeiner nicht mehr mächtig, gegen ſie in den Kampf. Mit einem Hiebe ſank der kühne Spre⸗ cher todt darnieder und in wenigen Minu⸗ ten waren die Templer in den inneren Hofraum zurückgeworfen. Schnell dran⸗ gen nun auch Manſur, Graf Fronſak und Foir mit den königlichen Söldnern, Ottur und ſeiner Knappenſchaar nach. „Das iſt der Teufel ſelbſt, oder der Ul⸗ „mer Leue!“ ſchrie jetzt eine Stimme und hinblickend erkannte Ottur den Italiener Don Hernandez. Zornentbrannt wollte er ſich einen Weg zu ihm bahnen, aber noch ehe er das konnte, war Hernandez plötz⸗ lich verſchwunden. „Ergebt euch, oder ihr müßt alle über „die Klinge ſpringen!“ drohte bald dar⸗ auf Ottur, als er ſeine Kampfluſt einiger⸗ maßen gebüßt hatte, aber„Eher verbren⸗ „nen wir, als daß wir uns dir abtrünni⸗ „ger Bube ergeben!“ wütheten die Temp⸗ ler und hitziger wurde wieder der Kampf; da ſah Ottur den Marſchall im dichten Gedränge und im Nu war er heran und ſchaffte ihm Luft. „Noch einmal, ergebt euch!“ donnerte er als nur noch wenige der Aftertempler kämpfen konnten und da keiner von ihnen dem wüthenden Leuen etwas anzuhaben vermochte, warfen mehrere feindliche Or⸗ densknappen ihre Waffen weg und zwan⸗ gen dadurch auch ihre kampfermüdeten Rit. rer, ſich zu ergeben. Da vernahm, als das Waffengetöſe ſich legte, Ottur einen lauten, ängſtlichen Hülf⸗ ruf, den er ſchon während dem Gefechte einigemal gehöret zu haben glaubte und ſtürzte fort dem Rufe nach.— Er führte ihn nach dem Hintergebäude des Stiftes, welches eben auch von den Flammen er⸗ — 79— griffen wurde. Immer ängſtlicher aber ſchwä⸗ cher wurde die hülferufende weibliche Stim⸗ me, doch bald hatte Ottur das Gemach aufgefunden, aus welchem ſie kam. „So, jetzt winde ihr erſt den Dolch „noch aus der Hand!“ rief eine barſche Stimme, frohlockend als Ottur wild die Thüre des Gemaches ſprengte und hinein⸗ ſtürzte.— Er fand Don Hernandez, der eben mit roher Frechheit den Buſen⸗ ſchleier eines Fräuleins zerriß, das von einem anderen Templer, den Ottur ſogleich als den meineidigen Gabrieli erkannte, rücklings auf ein Ruhebett niedergezogen und an beiden Armen feſtgehalten wurde. „Heilloſe Buben!“ ſchäumte Ottur und ſein erſter Hieb ſtreckte den Gabrieli, der ihm zunächſt ſtand todt nieder. „Verfluchter Schurke tritſt du mir nſchon wieder in den Weg!“ tobte Her⸗ — 30— nandez außer ſich vor Leidenſchaft und zog ſein Schwerdt. „Schandbube!“ donnerte ſaber Ottur und drang auf ihn ein, da ſchallten plötz⸗ . lich Fußtritte auf dem Gange und Her⸗ nandez entfloh mit einer Wunde in dem linken Arme. 3 Jetzt erſt betrachtete Ottur das Fräu⸗ leiu näher, das während dem Kampfe er⸗ ſchöpft und bewußtlos hingeſunken war, und:„Ewiger Gott, Gunhilde, Gunhil⸗ „del! biſt du's wirklich?“ rief er nach ei⸗ ner Pauſe des höchſten Erſtaunens und der Beſtürzung und nicht wiſſend ob er träu⸗ me oder wache ſank er neben ihr in die Knie, ergriff ihre rothgerungene Hand und bedeckte ſie mit feurigen Küßen. Da erholte ſich das Fräulein und in ihr gro⸗ ßes, glänzendſchwarzes Auge blickend, rief Ottur, noch mehr in ſeinem Glauben be⸗ ſtärkt:„Ach Gunhilde ſo biſt du nicht ge⸗ „ſtorben? Gunhilde, meine traute, theure „Baſe ¹ 44 Schmerzlich lächelte das Fräulein den getäuſchten Ritter an und entzog ihm ſanft die Hand, doch ehe ſie noch ſprechen konnte, rief es:„Gerechter Gott Arman⸗ „da!“ und Manſur ſtürzte herzu. Wirklich war die Gerettete Manſurs Baſe; auch ſie ſtaunte hoch als ſie ihren Vetter ſah, bot ihm die Hand zum Will⸗ kommen und ein Thränenſtrom riß ſich jetzt aus ihrem Buſen los. „Weint nicht liebe Baſe, ihr ſeyd ja „nun befreit!“ beſänftigte ſie Manſur zutraulich.„Aber ſagt, waret ihr es denn, „holde Armanda, die hier um Hulfe rief?“ fuhr er fragend fort. „Dieſer edle Ritter hat meine Unſchuld „gerettet!“ erwiederte ſie auf Ottur zei⸗ gend, der immer noch wie ein Träumen⸗ Dttur von Waldburg. Zweit. Thl. 6 — 3à2— * der ihr zur Seite kniete und mit ſtiller Wehmuth ihr ins naſſe Auge blickte. „ Aber was Teufel iſt dir denn, mein „tapferer lieber Waffenbruder?“ wandte ſich Manſur zu ihm und ihn in ſeine Ar⸗ me aufziehend, fuhr er fort:„Dank, „tauſend Dank dir, daß du meine Baſe „retteteſt!“ „O Manſur!“ ſtöhnte endlich der edle Waldburger, und es war jetzt, als ob er erwache. Er riß ſich aus ſeines Waffen⸗ bruders Armen los, ſtürzte vor Armanda nieder und flehte:„Vergebt mir, edles „Fräulein, eine auffallende Aehnlichkeit „hat mich getäuſchet!“. Armandas Blick ſicherte ihm mehr als Verzeihung zu, er verwundete noch tiefer ſein ſchon wundes Herz und von ſüßen Erinnerungen und Gefühlen durchbebt, preßte er wiederholt ſeine Lippen auf ihre Rechte, die ſie ihm jetzt willig überließ. — 33— + Da praſſelte es plötzlich an der Außen⸗ wand des Gemaches und alsbald ſahen ſie die Flammen an den Fenſtern empor⸗ lecken. „Fort, fort, ſonſt finden wir zuletzt hier „noch den Tod!“ rief daher Manſur und wollte die Hand ſeiner Baſe ergreifen, . dieſe aber hatte ſich ſchon auf Ottur ge⸗ 5 lehnt und ließ ſich von ihm Manſur nach⸗ führen, der eilig voraus haſtete. Glücklich gelangte dieſer bis an die höl⸗ zerne Wendeltreppe, welche aus dem zwei⸗ ten Stockwerke hinabführte; hier aber ſchlugen die Flammen ſchon von unten herauf ihm entgegen. A5 ilt, eilt!“ rief er daher Ottur zu, ſtürzte durch die Flammen hinab und kam noch glücklich ins Freie. Allein als Ottur mit Armanda die Treppe erreichte, ſtürzte dieſe ſchon krachend zuſammen und ein ſcheußliches Hohngelächter, an dem Ottur 6* 4— 84— ſogleich Hernandez erkannte, ſcholl zu ih⸗ nen herauf. „Ha das iſt des Buben Werk!“ knirſchte Ottur und eilte mit Armanda zurück in den Gang um einen anderen Ausweg zu ſuchen. Vergeblich, Hitze, Nauch und Flammen kamen ihm überall entgegen und drohten ihn und Armanda, die ſich ohne zu klagen mit heldenmüthiger Faſſung an ſeinem Arme feſthielt, zu erſticken. „So laßt uns denn den gräßlichen Flam⸗ „mentod ſterben!“ liſpelte endlich Armanda halb athemlos.„Möchten unſere Seelen „jenſeits vereinigt werden!“ fuhr ſie mit brechender Stimme fort, ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken und verbarg ihr Angſt⸗ ſchweißtriefendes Antlitz an ſeinem Buſen. „ Nein!“ rief Ottur mitten in der ſchrecklichen Lage von ſüßer Wonne durch⸗ bebt—„Nein ſo darf es nicht mit euch „enden!“ Raſch zerſchlug er das Kreuz ei⸗ nes Fenſters, welches in den Stiftsgarten hinabführte, ſchlug ſeinen Mantel um Ar⸗ manda, umſchlang ſie feſt, ſtieg auf das Geſimſe des Fenſters, rief noch:„Ewiger „erhalte nur ſie!“ und ſprang mit der theuern Bürde die furchtbare Höhe hinab in den Garten. „Iſts möglich!“ jauchzte Ottur, als er ſich von einem hohen Blumenbeete unver⸗ ſehrt und unverletzt aufgefangen fühlte und ſchlug jetzt mit ängſtlicher Beklem⸗ mung den Mantel von Armanda, die ſich feſt an ihn geklammert hatte. Wie der Mond mit ſeinem Silberlichte dem nächtlichen Wanderer zulächelt, ſo und noch unausſprechlich ſinnvoller lächelte Ar⸗ manda zu ihrem Retter empor. Da ſchlug Ottur den Blick zum Himmel auf, zwei große Perlen rollten über ſeine Wangen und:„Dank Unendlicher, Dank dir!“ rief er mit frommer Innbrunſt. 8 — 36— „Ja ihm zunächſt ſey Dank!“ ſprach Armanda von Otturs Gefühlen ergriffen, ſank in ihre Knie und wie aus den Kel⸗ chen der Blumen lieblicher Duft aufwallte, ſo wallte über die Roſen ihres Mundes aus der Tiefe ihres Herzens ein ſtilles Dankgebet zu dem Ewigen empor. „Sie iſt die ſchönſte Blume unter die⸗ „ſen Blüthen!“ liſpelte Ottur, ſein Auge verſchlang Armandas verklärtes Antlitz und eine Sehnſucht, die er früher nur dunkel in Gunhildens Nähe gefühlt hatte, durch⸗ bebte ſein Innerſtes jetzt mit lebhaftem Feuer und beflügelte ſeine Pulſe. Bald erhob ſich indeß Armanda wieder und ihr Blick ſagte ihm, daß ihr Dankge⸗ bet auch ſeiner glücklichen Erhaltung wohl erwähnt habe. Er bat ſie nun mit ihm aus dem Garten ins Freie zu eilen, um Manſur, der um ſie beſorgt ſeyn möchte, — 87— von ihrer Errettung benachrichtigen zu können. Noch ehe ſie aber einen Ausgang er⸗ reicht hatten, ſcholl ihnen ein lautes Freu⸗ dengeſchrei entgegen und bald darauf ſtürzte Manſur, von dem Ritter Foix und eini⸗ gen Knappen, die hohe Leitern trugen, ge⸗ folgt, durch einen Schattengang auf ſie zu. „Gottlob, Gottlob, daß ihr gerettet ſeyd!“ rief er halb athemlos und umhalste ſeinen Waffenbruder.„Ich wollte euch eben mit „den Leitern zu Hülfe kommen, aber wie habt ihr euch denn gerettet?“ „Durch einen glücklichen Sprung!“ ver⸗ ſetzte Ottur. „Wäre es möglich!“ ſtaunte Manſur und maß mit einem Blicke die furchtbare Höhe.„Nun da hat Gott ein Wunder „gethan, daß ihr lebendig und wohlerhal⸗ „ten herab kamt. Nein ſo viel Luſt ich — 38— „auch ſonſt zum Setzen und Springen „habe, einen ſolchen Sprung würde ich „doch nur in der Tollheit wagen!“ „Glaube es dir; auch reift die Ver⸗ „zweiflung die tollſten und verwegenſten „Entſchlüſſe! Der Rauch hätte uns ja bis „zu deiner jetzigen Rettungsanſtalt längſt „erſtickt, denn ſiehe nur, wie er ſchon aus „allen Fugen dick hervorqualmt!“ erwie⸗ derte Ottur. „O ſchweige lieber Bruder und laſſe uns „von hier fort. Ha ich darf traun nicht „an die Gefahr denken, in welcher ihr „euch befandet, ſonſt vergehen mir die „Sinne!“ ſagte Manſur und wandte ſich nun an Armanda um ihr, während ſie aus dem Garten gingen, gleich Foix mit den artigſten Worten ſeine innige Freude und Theilnahme über ihre gluckliche Ret⸗ tung an den Tag zu legen. „Weißt du ſchon“— fragte er bald darauf Ottur—„der Marſchall will die „Schurken gleich alle erſchlagen, oder auf⸗ „knüpfen laſſen?“ „Wie, iſt dies dein Ernſt?“ ſtaunte Ottur. „Ja, ja er hält ſchon Spießrecht über „ſie!“ erwiederte Manſur. „Ha das ſoll und darf er nicht. Sie „ haben ſich ergeben und müſſſen alſo als „Gefangene rechtmäßig behandelt werden, „nur den Don Hernandez kann er nieder⸗ „ſtoßen laſſen!“ eiferte Ottur. „Ja deſſen müßte er erſt habhaft wer⸗ „den, was wohl ſchwerlich geſchehen wird, „denn der Bube ſoll, wie ein Knappe „ſagte, jedes Mausloch in dem Stifte und „der ganzen Umgegend kennen und wird „alſo wohl ſchon entkommen ſeyn! Für „ihn ſollen aber die andern büßen, denn „wer mit geſtohlen hat, der wird auch mit „gehangen!“ erwiederte Manſur. „Das paßt hier ſchlecht, und ich muß „hin, um den Marſchall von ſeinem un⸗ „rechtlichen Beginnen abzuhalten; trage „indeß für deine Baſe Sorge!“ erwie⸗ derte und bat Ottur und eilte jetzt dem Haupteingange des Kloſters zu, vor wel⸗ chem ſich die königlichen Söldner und Rit⸗ ter in einem Kreiſe um ihren Marſchall und die gefangen genommenen Tempelrit⸗ ter aufgeſtellt hatten, während die Bauern mit der Löſchung des Feuers im innern Hofraume beſchäftigt waren. Eben als Ottur die Gruppe erreicht hatte, ſah er die Streitaxe eines Söld⸗ ners in der Mitte des Kreiſes blitzen, ſtürzte mit Blitzesſchnelle zwiſchen den Söldnern durch, und ſein donnerndes Halt vereitelte noch glücklich den Mord, der eben an einem Templer vollbracht werden ſollte. „Wie könnt ihr die Ritter zum Tode „verurtheilen, da ſie ſich als Kriegsgefan⸗ „gene ergeben haben?“ fragte Ottur den Marſchall unwirſch. „Ich habe königlichen Befehl, mein ed⸗ „ler Ritter; auch kennt ihr die Verbre⸗ „chen dieſer Schurken nicht, ſonſt würdet „ihr keine ſolche Gewiſſenszartheit wegen „ihrer Hinrichtung äußern!“ bedeutete ihm der Marſchall freundlich. „Erlaubt Herr Marſchall“— verſetzte Ottur—„ihr Verbrechen mag noch ſo „groß ſeyn, ſo haben ſie dadurch, daß ſie „ſich als Gefangene ergaben, Anſprüche „auf eine rechtmäßige Unterſuchung ihrer „Schuld und keinesfalls dürft ihr Spies⸗ „recht über ſie halten. Mit jeder freiwil⸗ „ligen Ergebung im Kriege iſt der An⸗ „ſpruch auf rechtliche und menſchliche Be⸗ „handlung verbunden und dürft ihr kei⸗ „nem von ihnen verſagen. Was aber eu⸗ „ern königlichen Befehl betrifft, ſo wie⸗ „derhole ich euch, was ich ſchon früher „geſagt habe, daß euer König nicht be⸗ „rechtigt iſt, über einen Tempelritter Ur⸗ „theil zu ſprechen. Sie müſſen und ſollen „vor ein Ordensgericht, oder vor den Papſt „zur Unterſuchung und Verurtheilung ge⸗ „ſtellt werden. Dies verlange ich um ſo „beſtimmter, als ich die Rechte des Ordens „keinesfalls beeinträchtigen laſſen werde!““ „Es iſt mir leid, mein edler, tapferer „Ritter, daß ich, ſo gerne ich auch wollte, „eurem Wunſche nicht willfahren kann, „denn ich habe den ausdrücklichen Befehl, „jeden Templer, den ich auf einer Fre⸗ „velthat ertappe und der ſich mir wider⸗ „ſetzt, ohne alle Rückſichten niederſtoßen „zu laſſen, ſelbſt dann, wenn er ſich ſpä⸗ „ter ergeben wolle oder würde. Daß dieſe „Gefangenen hier, mehr als eine Frevel⸗ „that verübten, könnt ihr an den Ver⸗ „wüſtungen dieſer Gegend ſehen und daß — 93—. „ſie ſich des Stifts hier bemächtigten, mit „den Stiftsdamen und Chorherrn, die ſich „ihren Abſichten entgegenſtemmten, auf die „empörendſte Weiſe verfuhren, ſich mir wider⸗ „ſetzten und dasStift eher niederbrennen als „abtreten wollten, iſt klar genug bewieſen. „Ich muß alſo als Reichsmarſchall mei⸗ anem königlichen Befehle gemäß handeln „und über die Mordbrenner ohne alle „Rückſichten den Tod verhängen.“ „Was ich aber nicht dulden werde Herr „ Marſchall, denn ſelbſt, abgeſehen davon, „daß der Befehl eures Königs höchſt un⸗ „gerecht und für mich und den Orden ſo „gut als nicht gegeben iſt, könnt ihr un „möglich jeden dieſer Ritter hier perſönlich „auf einer Frevelthat ertappt haben. Daß „ſie gegen euch kämpften, iſt begreiflich, „denn ſie hielten ſich wohl eher verpflich⸗ „tet, ihren Ordensbrüdern, auch in der „ſchlechteſten Sache beizuſtehen, als gegen — 94— „ſie zu ſtreiten. So verwerflich dieſer „Grund auch an und für ſich iſt, ſo mil⸗ „dert er doch bei dem Umſtande, daß ſie „ſich als Kriegsgefangene ergaben, ſehr „ihre Theilnahme an der Schuld ihrer „Ordensbrüder und jedenfalls muß deß⸗ „halb über jeden Einzelnen von den dazu „berechtigten Obern ein Verhör verhängt „werden, damit der Strafe erſt der Be⸗ „weis vorher gehet, wie groß die Schuld „und das Verbrechen jedes Einzelnen von „ihnen iſt. Da nun weder ihr noch euer „König zu einem ſolchen Verhöre berech⸗ „tiget iſt, ſo erkläre ich hiermit die Ge⸗ „fangenen ſo lange in meinen Schutz, bis „ſie den geeigneten Oberen des Ordens „überliefert ſind. Denn ſo wie ich mit „euch kämpfte, um euch zu ſbeweiſen, daß „ein wahrer Templer nur das Recht ver⸗ „theidiget und nur das Herz und den in⸗ „neren Werth ſeiner Ordensbrüder, nicht — 95— „ihre Mäntel achtet; ſo muß ich mich jetzt 4.„euch widerſetzen und wenn ihr nicht an⸗ „ders wollt, ſelbſt durch den Kampf es „entſcheiden laſſen, weſſen Wille hier ge⸗ „ſchehen ſoll, denn ſo heilig mir und je⸗ „dem Templer die Pflicht iſt, nur das „Recht zu ſchützen, ſo und noch heiliger „muß mir und jedem meiner Brüder die „Pflicht ſeyn, die Rechte des Ordens auf⸗ „recht zu erhalten. Leicht iſt indeſſen zwi⸗ „ſchen uns zu entſcheiden, denn dieſe Rit⸗ „ter haben ſich nicht euch, ſondern mir „als Gefangene ergeben, und ihr habt 8„alſo nicht das Mindeſte über ſie zu be⸗ „ſtimmen und könnt noch weniger darüber „zur Verantwortung gezogen werden, wie „ich es mit meinen Gefangenen gehalten „habe. Wollt ihr dies annehmen, ſo iſt „Friede zwiſchen uns, wo nicht, ſo iſt hier veine Klinge, die zwar meiner Hand ent⸗ „ſinken kann, aber ſo lange ſie in ihr — 96— 62 „feſthält, kein Unrecht und keine Willkür „duldet!“ „Der Templer hat recht!“ murmelten die Ritter, die den Marſchall umgaben und dieſer ſelbſt ergriff Otturs Rechte und ſagte:„Es ſey fern von mir, daß ich mit „dem Retter meines Lebens kämpfe! Ihr „habt entſchieden; die Gefangenen ſind „euer!“ „Dank Herr Marſchall, daß ihr das „Recht erkanntet und weiter darf hier „nichts in Erwähnung kommen, denn der „kleine Geſellendienſt, den ich euch leiſtete „geht den Grafen Fronſak und nicht den „Reichsmarſchall an!“ erwiederte Ottur und zu den gefangenen Tempelrittern ſich wendend, fuhr er fort: „Ritter! Wie mochtet ihr alſo vergeſſen, „daß ihr nicht nur den Bund, deſſen „Glieder ihr ſeyn wollt, mit euren Un⸗ „thaten beſchimpftet, ſondern ſelbſt den — 9,— „Stand, aus dem ihr ſeyd, beflecktet! „Wenn euch auch die Erhaltung des Ruh⸗ „mes und der Achtung, die eure Ahnen „ſich erworben haben mögen, nicht ſchätz⸗ „bar war, ja wenn euch auch die eigene „Ehre nicht heilig war, ſo hätte euch die „Ehre des Bundes, dem ihr euch angelob⸗ „tet, heilig ſeyn ſollen. Bedachtet ihr „nicht, daß ihr nicht mehr euch ſelbſt, ſon⸗ „dern einem Bunde angehöret und daß „jedem von euch die Ehre der vielen Tau⸗ „ſenden vertraut ſey, die mit euch das „gleiche Ordenszeichen tragen? Wie konn⸗ „tet ihr ſo ſchändlich handeln und dieſe „um das höchſte Gut, das der Ritter „kennt, in den Augen der Welt betrügen? „Nicht eure Perſon, nicht eure perſönliche „Ehre war es allein, die ihr bei euern „Handlungen zu beachten hattet, ſondern i„die Ehre des Ordens, dem ihr angehör⸗ „tet. Habt ihr euch deshalb nicht bei Otkur von Waldburg. Zweit. Thl. 7 — 98— „eurer Aufnahme eures freien Willens „gänzlich begeben und wißt ihr nicht, daß „nur durch die Tüchtigkeit jedes einzelnen „Gliedes das Ganze in ſeiner würdevollen „Haltung erhalten werden kann? Habt „ihr vergeſſen, daß Mäßigung, Armuth „und Duldung des wahren Tempelritters „eigentliche Erwählung und Heiligung iſt? „Solchen Schandbuben, wie die, deren „Gehülfen ihr waret, hat der Orden die „Verfolgungen und die Verachtung zu „danken, die ihm hier wiederfahren. Aber „wer die eigne Ehre nicht achtet, wie „kann und ſoll dem die Ehre ſeiner Brü⸗ „der heilig ſeyn! Wißt darum auch; nicht „ihr ſeyd es eigentlich, die ich vor dem „Befehle des Königs ſchütze, ſondern das „Recht des Ordens iſt es, deſſen ihr lei⸗ „der theilhaftig geworden ſeyd durch eure „Aufnahme in denſelben.“ Hiermit warf Ottur den ehrvergeſſenen — 99— Templern, die in ihrer argen Verſtocktheit die Wahrheiten, die ſie hören mußten, in ihrem Herzen verhöhnten, noch einen ver⸗ ächtlichen Blick zu und wandte ſich nun zu dem Marſchalle, der ihn in ſeine Arme zog und mit lebhaftem Ausdrucke rief: „Wahrlich, wahrlich euer Gefährte hatte „recht, daß er euch den tapferſten und nedelſten Ritter nannte! O daß ihr ein „Templer ſeyd!— Wären aber alle Bun⸗ „desglieder Euresgleichen, wer würde den „Orden dann nicht achten müſſen? Laßt „mich auf eure Freundſchaft ſtolz ſeyn, „edler, großherziger Ottur und gebt mir „Gelegenheit, euch die meinige thätig zu „beweiſen!“ Da ſcholl es plötzlich wie aus einem Munde von den königlichen Söldnern und Rittern:„Hoch lebe Ottur der edle Temp⸗ nler!“ und Schilder und Schwerdter er⸗ — 7 ℳ 100— klirrten den Hochruß auf kriegeriſche Weiſe zu begleiten.— „Dank euch, wackere Mannen, für dieſe „Freude!“ rief Ottur, preßte im Strome ſeines Hochgefühles den Marſchall mit deutſcher Kraft an ſeine Bruſt und ſagte „Eure Freundſchaft ehrt mich, edler Graf; „aber kommt mit in mein Vaterland und „ihr ſollt Templer kennen lernen, denen „ich noch nachſtehe. Möchtet ihr aus die⸗ „ſem, gewiß wahren Geſtändniſſe ſchließen, „daß euer König meinem Orden zu viel „that, wenn er ihn ächtete!“ „Das läßt der Marſchall unentſchieden, „Graf Fronſak aber gibt euch recht und „geächtet oder nicht, ich bin euer Freund „und Schuldner!“ „Die kleine Schuld könntet ihr mir „hundertfach vergüten, wenn ihr wolltet, „edler Graf!“ verſetzte Ottur freundlich. — 101— „Gut und Blut für euch!“ rief feurig der Franzoſe. „Beides nicht,“— erwiederte Ottur lächelnd—„aber wenn ihr mir euer „Marſchallswort geben würdet, daß ihr, „ſtatt meiner, die Gefangenen ſicher nach „Avignon zum Papſte bringen laſſen wollt; „ſo wäre mir dies traun ein wahrer „Freundſchaftsdienſt, denn ich möchte jetzt „nicht wieder dahin zurück, ſondern mit „meinem Waffenbruder gen Montfort zie⸗ „hen. Eure edlen Gefährten, ſie werden euch ja wohl die Wahrheit gerne bezeu⸗ „gen, daß die Gefangenen mir ſind und „ihr nur aus Freundſchaft fuͤr mich ihre „Einbringung übernomm en.“ „Unſeres Marſchalls Wort muß dem „Papſte ſchon begnügen!“ ſagten einſtim⸗ „mig Fronſaks Ritter. „Das wohl, ihr Herrn, aber bei dem „Könige wird es wegen dem Befehle nö⸗ — 102— „thig ſeyn, daß ihr mir Zeugniß gebt „und da ich mich auf eure Wahrheitsliebe „und Biederkeit verlaſſen kann, ſo— ge⸗ „be ich euch mein lieber Ottur mein Mar⸗ „ſchallwort für die Erfüllung eurer Bitte. „Die Gefangenen kommen unbeleidigt vor „den Papſt und mit ihnen der Ruhm „eurer Thaten.“ Hiermit befahl der Marſchall einigen ſeiner Söldner, die Gefangenen in ihren Banden nach der Comthurey zu bringen, die er ſchon mit ſeinen Leuten beſetzt hatte und fuhr dann zu Ottur und den Rittern fort:„Jetzt aber kommt und laßt uns „mitſammen einige Becher leeren, denn „mir klebt die Zunge faſt am Gaumen „feſt und von der Kampfarbeit bin ich „herzlich müde!“ „Ihr habt aus meinem Mund geſpro⸗ „chen Herr Graf, denn ich bin traun noch „ſo nüchtern wie ein Karthäuſer und müͤ⸗ — 103— „der als ein Jagdhund!“ ſagte der eben mit Foix herzutretende Manſur.„Auch „dir mein herzlieber Waffenbruder“— fuhr er zu Oitur fort—„wird von dem „Höllenſprunge die Lunge halb in Brand „gerathen ſeyn?“ „Was meint ihr damit tapferer Junk⸗ „graf?“ fragte der Reichsmarſchall, indem ler von ſeinen Rittern gefolgt, zwiſchen Manſur und Ottur auf das Stiftsgebäude zuſchritt, in welchem durch die Anſtrengung der Bauern und Stiftsdiener das Feuer ſchon bald wieder völlig gelöſcht und das an ſeinem linken Flügel unverſehrt geblie⸗ ben war. „Wie, ihr wißt noch nicht, daß mein „Waffenbruder mit meiner Baſe dort aus „dem zweiten Stocke des Hintergebäudes „in den Kloſtergarten hinabgeſprungen iſt? „Seht gerade von der Höhe, wo eben „jener Bauer mit der rothen Mütze ſeine — 1014— „Butte ausſchüttet!“ erwiederte Manſur auf des Marſchalls Frage. „Unmöglich!“ ſtaunte der Marſchall. „Ja!“ verſetzte Ottur—„der elende „Hernandez zündete die Wendeltreppe, „welche herabführte, an, und dieſe ſtürzte „vor meinen Augen zuſammen. Der Flam⸗ „mentod wäre mir und Manſurs Baſe „gewiß geweſen und ſo wagte ich den „Sprung, der— Gott ſey es ewig ge⸗ Alobt!— für uns beide glücklich gelang!“ „Nicht wahr, edler Marſchall, das heißt „man ſpringen? So glücklich thäts wahr⸗ „lich keinem alle Tag gelingen! Aber ſeht „meinen Waffenbruder nur recht an, der „Sprung ſieht ihm mein Seel ähnlicher „als euch und mir!“ ſcherzte Manſur dem ſtaunenden Marſchalle zu. „Die That verdient von einem Minne⸗ „ſänger beharft zu werden!— Aber wißt „ihr denn gewiß, daß der ſchändliche Her⸗ ————— — 105— „nandez die Treppe anzündete?“ fragte der Marſchall und fuhr nachdem ihm Ottur geſagt hatte, daß er es aus jenem Hohn⸗ gelächter ſchließen müſſe, fort:„Nun ſo „ſollte mir der Bube, wenn wir ſeiner „habhaft geworden wären, doch zur Strafe „den Sprung wagen müſſen! Wie konn⸗ „tet ihr aber die Conſorten dieſes Schand⸗ „buben, der euch euer Leben ſo aufs „Spiel zu ſetzen zwang, ja der euch den „Flammentod zudachte, noch ſchonen wol⸗ „len?— Fürwahr ihr erſcheint mir im⸗ „mer herrlicher, mein lieber edler Ottur!“ „Laßt das würdiger Marſchall und „kundet mir lieber, wenn ihr könnt, ſeit „wann Hernandez in dieſer Gegend „haußt?“ fragte Ottur. „Das kann ich euch am beſten ſagen, „tapferer Ritter““— nahm Foix das Wort—„Vor vier Monden war ich in „der Schweiz bei meinem Vetter, dem — 106— „Ritter Ullo von Thur, da verlang⸗ „ten eines Abends vier italieniſche Temp⸗ „ler Herberge vor ſeiner Veſte. Es war „Don Hernandez mit noch drei Conſorten. „Sie blieben mehrere Tage und zogen „dann, nachdem ſie mir— wie ich jetzt „ſehe— unter teufliſcher Scheinheiligkeit „Nachrichten über den Stand der hie ſigen „Comthureyen abgeforſcht hatten, wieder „weiter. Auch ich brach bald darauf von „meines Vetters Veſte hierher auf und „begegnete bei Valence wieder den vier „Templern. Sie baren mich um meine „Gefährtſchaft und da ich keine Urſache „hatte, ſie ihnen zu verſagen, ſo izogen „wir mitſammen weiter und ſchieden erſt „hier an der Comthurey, des Grafen „Touſon, die ihr dort ſehet. Ueber ſie „hatten ſie mich beſonders ausgefragt und „einen halben Monden nach unſerer Tren⸗ „mung, erfuhr ich, daß Graf Touſon ge⸗ — 107— „ſtorben und ein italieniſcher Templer, „Don Hernandez, in der Comthurey das „Regiment führe. Man munkelte, daß „die hieſigen Ordensbrüder ihren alten „Comthur, mit dem ſie längſt, wegen ſei⸗ „ner allgemeinen anerkannten Redlichkeit „nicht ſehr zufrieden waren, aus dem We⸗ „ge geräumt hätten und die bald darauf „überhand nehmenden Exceſſe der hieſigen „Templer, ſchienen die Wahrheit dieſes „Gerüchtes zu beſtätigen. Niemand war „won dieſer Zeit an mehr in der ganzen „Umgegend ſicher— ſelbſt deine Baſe, „Manſur, wurde ja, wie es jetzt klar iſt „won ihnen entführt— und als die „Achtserklärung unſeres Königs über den „Orden erging, wurden die Schandthaten „des Hernandez und ſeiner Conſorten im⸗ „mer häufiger. Ich beſchloß deshalb mich nan unſeren edlen Reichsmarſchall hier, „der, wie ich hörte, mit der Verhaftung — 108— „des geächteten Ordens beauftragt ſey, „anzuſchließen, um ihn ſo bald wie mög⸗ „lich dazu zu bewegen, daß er auch an „der hieſigen Comthurey die königliche „Ordre in Vollzug bringe; was er nun, „nachdem wir zuvor die Tempelhöfe in „Nions und Valence in Beſchlag genom⸗ „men haben, auch that. Nichts ärgert „mich nun aber mehr, als daß wir des „Hauptſchurkens nicht habhaft geworden „ſind. Meine Leute haben alle Schlupf⸗ „winkel hier ſchon vergeblich nach ihm „durchſucht!“ „Ja, es iſt ein arger Bube, hat auch „uns ſeine Liebenswürdigkeit ſchon früher „bewieſen!“ ſagte Manſur und nun tra⸗ ten Alle in den kerzenerhellten Referen⸗ ter des Stiftes ein, wo einige Chorherrn und Stiftsdamen ſie mit ängſtlicher Höf⸗ lichkeit empfingen und ihnen den Gaden — 109— bald allein überließen, damit ſie nach Her⸗ zensluſt zechen möchten. „Aber wo haſt du denn Armanda ge⸗ „laſſen?“ fragte Ottur, nachdem er mit dem Marſchalle und den Rittern einige Becher geleert hatte, mit auffallender Wärme ſeinen Waffenbruder. „Sie ruhet in einer nahen Bauernhüt⸗ „te aus. Claude und Rolf ſind zu ih⸗ „rer Beſchützung, damit ſie ſorglos ſchla⸗ „ifen kann, denn wegen ihrer Ermüdung „können wir nun doch vor morgen frühe „nicht von hier aufbrechen!“ erwiederte Manſur über Otturs Beſorgniß freundlich lächelnd. „Warum haſt du ſie denn nicht hierher „ins Stift gebracht?“ fragte Ottur weiter. „Sie hat einen Widerwillen gegen dieſe „Mauern; auch war die Dirne des Bau⸗ „ers, bei dem ſie iſt, während ihrer Ge⸗ — 140— „fangenſchaft ihre Dienerin und hat ihr, „wie ſie ſagt, ſo weſentliche Dienſte ge⸗ „leiſtet, daß ſie ſich bei ihr am liebſten „noch verweilet!“ berichtete Manſur und ſtimmte jetzt aus ganzem Herzen in den Toaſt ein, den der Marſchall eben Ottur zu Ehren aufbrachte. Der feurige Vaterländer, die Freude, ſeine Baſe ſchon gerettet zu wiſſen, der Gedanke nun bald zu ſeiner Ida wieder zurückkehren zu können und das ſiegesfrohe Gelage ſtimmte Manſur ſo heiter und froh, daß der Marſchall und alle Ritter den luſtigen Kumpanen recht herzlich lieb gewannen und ſich gerne von ihm dazu bereden ließen, die Nacht über in ſeiner Geſellſchaft zu zechen. Wie aber das feurige, geiſtreiche Trau⸗ benblut in Manſur die launigſten gelun⸗ genſten Scherze aufregte, ſo verbreitete es über Otturs Innerſtes eine ſanfte Weh⸗ — 114— muth, die ihn bald dazu bewog, in ſtiller Einſamkeit ſeinen Gefühlen nachzuhängen. Er verließ die frohe Geſponnſchaft und ging ins Freie. In ſtummem Hinſinnen ſchritt er an dem Waſſer gefüllten Graben entlang, der in einiger Entfernung um das Stift und den Stiftsgarten zog. Es war längſt Nacht geworden, doch goß der herrlichſte azurne Himmel ſein ſanftes Silberlicht über die Gegend aus, in welcher ein ruhiges Schweigen herrſchte, das nur dann und wann von einzelnen, dumpfen Lauten von dem Stifte her un⸗ terbrochen wurde, aus welchem ſich von dersnun völlig gelöſchten Brandſtäͤtte noch ſchwarze Rauchwolken himmelwarts wölb⸗ ten und die milde Nachtluft mit einem widrigen Geruche erfüllten. Da fiel, als Ottur ſchon die Hinterſeite des Stiftsgartens erreicht hatte, ſein Blick — 112— auf das rothe Kreuz ſeiner Dalmatika und ein ſchmerzliches„Ach!“ preßte ſich aus ſeinem Buſen hervor, denn er dachte eben an Armanda. G „O Gott!“— rief er bald darauf in ſeiner Schwermuth aus—„hätte ich ge⸗ „wußt, daß ich nur Bruderblut in dieſem „Mantel vergießen müßte, nie wäre er „auf meine Schultern gekommen!“ Er ſah jetzt deutlich ein, wie verzeihlich des edlen Comthur Adalott niedergebeugte Ordensliebe war, die dieſer gleich im An⸗ fange ſeiner Bekanntſchaft mit ihm an den Tag lebte, denn er ſelbſt fühlte ſeinen früheren Enthuſiasmus für die Aufrecht⸗ haltung des Ordens mächtig herabgeſtimmt. Daß aber ſeine Neigung zu Armanda da⸗ ran die meiſte Schuld trage, das wollte er ſich nicht geſtehen; doch warf er einen Blick zum Himmel, der ihm Stärke für — 113— den harten Kampf ſeines Herzens erflehen ſollte, den er ſich nicht erflehen konnte. Da ſah er, als er um die Ecke des Weges beugte, eine hohe, verhüllte Ge⸗ ſtalt im ſchwärzeren Schatten der Bäume, die einen Feldweg beſäumten, hineilen; er blickte ihr nach und ſah daß ſie auf eine niedere Hütte zuhaſtete, die am Ende des Weges ſich befand. „Sollte das die Hütte ſeyn, in der Ar⸗ „manda ruhet?“ fragte er ſich und lenkte den Weg ein. „Wer da?“ ſcholl es bald von der Hütte der vorauseilenden Geſtalt zu.„Ottur!“ rief eine Stimme, in welcher dieſer trotz aller Verſtellung ſogleich die des Don Her⸗ nandez erkannte. „Lügner!“ zürnte Ottur und beflügelte ſeine Schritte, aber noch ehe er ankam, hörte er einen Schwerdthieb fallen und gleich darauf ſeinen Wappner Rolf rufen: Ortur von Waldburg. Zweik. Thl. 8 7 — 114— „Tod und Teufel, was ſoll das, ihr ſeyd „mein Herr nicht!“ „Nehmt Pardon!“ rieth Hernandez, aber in dem Augenblicke ſtürzte Ottur mit geſchwungenem Schwerdte herzu und donnerte:„Schandbube ich will dir mei⸗ „nen Namen mißbrauchen!“ Sein Hieb fiel und Hernandez lag mit geſpaltenem Helm und Haupte am Boden. „Werft den Schurken in den Kloſter⸗ „graben, denn er verdient kein ehrliches „Begräbniß!“ befahl Ottur ſeinem Rolf und Claude, den Hernandez Hieb am lin⸗ 4 ken Arme leicht geſtreift hatte und beſchloß 1 4 nun ſelbſt zu Armandas Schutz hier zu bleiben.—. Während die Knappen ihres Herrn Be⸗ fehl vollzogen, knarrte leiſe die Thüre der Hütte und ein liebliches Stimmchen lockte leiſe und dann lauter:„Pſt, pſt, Rolf! „Rolf!“ — 115— „Wer ruft hier?“ fragte Ottur ſich der Thüre nähernd und ſah das ſchwarzlockige Köpfchen eines ſchlanken Dirnchens her⸗ ausgucken. „Was willſt du hübſches Mädchen „Mein Wappner iſt nicht hier!“ fuhr er daher freundlich fort und zog das Mäd⸗ chen ſanft aus der Hütte. „Es war Waffengetöſe hier und das „Fräulein ſchläft!“ ſagte die Dirne ſich Otturs Hand entziehend. „Sey deshalb unbeſorgt, es iſt ſchon alles glücklich vorüber. Iſt dein Fräu⸗ „lein nicht durch den Lärm erwacht?“ „Nein, es ſchläft recht feſt, aber mir „ward bange! Himmel, da iſt ja Blut! „O Gott, wer iſt denn hier gefallen?“ bebte das Mädchen. „Ein Bube, der „rauben wollte!“ das Fräulein wieder 1 en, tapferer — 161— „Herr?“ fragte die Dirne Otturs Hand freudig ergreifend. „Ja, ſchönes Kind, freuſt du dich dar⸗ „über?“ lächelte Ottur. „Gewiß! das Fräulein hätte ja ſonſt „wieder ſo viel leiden müſſen! Ach was „hat ſie ſo viel geduldet! Aber ihr thut „ihr doch nichts zu leid?“ „Ich, ich habe ſie ja gerettet, närrſches „Kind!“ „Ihr?!“ ſtaunte das Mädchen.„Ja, „ja ihr ſeht auch ſo ſtark und muthig „drein! Doch ihr werdet nun gewiß recht „glücklich ſeyn mit dem Fräulein! Sie „aber auch!“ lächelte das ſchlanke Dirn⸗ chen lüſtern. Da ſchlug Ottur ſeine Dalmatika vor, um einen Seufzer, der ſeine Bruſt beengte zu entlaſſen; die Dirne ſah das blutrothe Ordenskreuz und floh mit einem lauten Schreckensruf in die Hütte. — 117— „Ja, du haſt recht, daß du entfliehſt!“ ſagte Ottur ihr traurig nachſehend.„Vor „dir, du blutiges Kreuz, fliehen des Le⸗ 4 „bens ſchönſte Freuden und gerne wollte „ich ſie verſchmerzen, wenn ich die blutige „Bahn auch gehen könnte, die du vor⸗ zeichneſt!“ klagte er, lehnte ſich an die Pfoſten der Thüre und bruͤtete ſo düſter in ſich hinein, daß er nicht einmal die Rückkehr der Knappen gewahrte. Bald graute der Morgen und als eben der öſtliche Horizont ſich zu röthen begann, trat Manſur hinter der Hütte hervor und rief, indem er auf Ottur zueilte:„Ei du „lieber, loſer Bruder! Hier läßt du dich „finden? Den Traubenſaft haſt du ver⸗ niſchmäht, um Nektar und Ambroſia zu „koſten! Nun ein ſo herrlicher Adler wie „du, verdient es auch wohl, daß Hebe „den Durſt ihn ſtillen läßt!“ 4 „Scherze nicht Manſur, ſondern danke — 118— „mirs, daß ich dem Gelage entſagte, um „deine Baſe hier noch einmal zu retten!“ verſetzte Ottur und erzählte ſeinem Waf⸗ fenbruder den Vorfall mit Hernandez. „Dreimal, dreimal alſo haſt du ſie er⸗ „rettet! O du wäreſt ihrer traun viel wür⸗ „diger als ich und mit dir würde ſie ge⸗ „wiß recht glücklich ſeyn. O daß du mir „gefolgt hätteſt und nie zum Orden ge⸗ „treten wäreſt!“ rief Manſur, indem er Ottur umarmte. „Laſſe das jetzt, Manſur, der Ritter „muß entſagen können und des Templers „Braut iſt dieſes blutige Kreuz!“ erwie⸗ derte ihm Ottur. „Leider wahr!“ ſeufzte Manſur.„Doch „komm mein edler Bruder, wir wollen „meine Baſe jetzt zum Aufbruche mahnen, „der Marſchall und die Ritter ſitzen ſchon „auf und wünſchen dir Valet zu ſagen.“ Hiermit zog Manſur ſeinen Waffenbru⸗ — — 119— der mit ſich in die Hütte, öffnete leiſe die Stubenthüre und trat mit ihm ein. „Das Fräulein ſchläft ja noch!“ liſpelte die Bauerndirne, als ſie Manſur erkannte, mit gutmüthigem Unwillen.„Seht!“ fuhr ſie fort und ſchlug den unhang des Schragens vorſichtig zurück. Eine lächelnde Charis lag die ſchöne Jungfrau da. Die ſchwarzen Locken quol⸗ len aufgelößt auf den Wunderbuſen nieder, auf das holdlächelnde Antlitz war eine ſanfte Röthe gehaucht und während der linke Arm in lieblicher anmuthiger Beu⸗ gung über dem Haupte auf den Kiſſen ruhte wo ſeine Lilienweiſe durch die glän⸗ zende Schwärze des Haupthaares noch mehr gehoden wurde, hatze die rechte Hand ſich auf das Herz gelegt. Lange ſtaunten die beiden Ritter die engelſchöne Schlafende an und ſchalkhaft lächelte das ſchmucke Bauerndirnchen, da — 120— umfloß plötzlich ein milder Purpurglanz Armandas himmliſche Formen und:„O Manſur!“ ſtöhnte Ottur im Strome ſei⸗ V nes ſchmerzlichen Entzückens und warf ſich an ſeines Waffenbruders Bruſt.— Schnell ließ die Dirne den Umhang fallen und die Ritter traten wieder aus der Hütte, von deren Fenſter und Wän⸗ den eben die purpurne Morgenröthe von den erſten Strahlen der aufgehenden Son⸗ ne verdrängt wurde.. „Bruder!“ rief Manſur in edler Theil⸗ b nahme Ottur an ſeine Bruſt ziehend 2 „warum haſt du die ſchreckliche Scheide⸗ „wand zwiſchen dich und dein Glück ge⸗ „drängt! O daß ich ſie niederreißen und „die Herrliche dir zuführen könnte! Kann ſ „denn dein Gelübde nie gelöſet werden?“ „Nie!“ rief Ottur ſchmerzlich und zu 8 ihnen trat das ſchmucke Dirnchen und meldete den Templer mit theilnehmender — 121— Wehmuth anblickend, daß das Fraͤulein erwacht ſey und ihren Vetter zu ſprechen wünſche. „Ich gehe voraus, wir treffen uns im „Stifte!“ ſagte Ottur als Manſur in die Hütte eilte und ging, um in der kühlen Morgenluft ſein ſchneller ſtrömendes Blut zu kühlen, langſam nach dem Kloſter. Hier ſaßen eben der Marſchall und die Ritter auf und ſchmollten, als ſie Ottur gewahrten mit ihm, daß er ſich ihrer Ge⸗ ſellſchaft entzogen habe, doch als ſie Her⸗ nandez Tod durch ihn erfuhren, dankte beſonders Foix ihm aufs Herzlichſte. Ottur befahl nun ſeinen Knappen auch die Roſſe vorzuführen und ließ ſich noch einen Becher Weins zum Frühtrunk rei⸗ chen. Auch der Marſchall und alle Ritter thaten dies und klirrten vom Roſſe herab mit Ottur zum Abſchiede an. Kaum hat⸗ ten fie aber geleert, da kam auch ſchon Manſur mit Armanda, von den beiden Knappen und der Dirne gefolgt, auf ei⸗ nem näheren Wege, als Ottur gegangen war, von der Hütte an. Der Marſchall wie ſeine Begleiter be⸗ willkommten das hohe Fräulein mit ehrer— bietiger Achtung, gaben ihr mit ritterlicher Artigkeit ihre aufrichtige Theilnahme an dem Mißgeſchicke, das ſie überſtanden hatte, ſo wie ihre Freude über ihre glückliche Be⸗ bis für Armanda ein Zelter aus dem Stiftsmarſtalle herbeigeführt war, um ſie, ihren Vetter und Ottur bis an die Heer⸗ ſtraße zu begleiten. —„Nun, willſt du denn ernſtlich mit, „Schwarzköpfchen?“ fragte als jetzt alle aufgeſeſſen waren, Manſur die Bauern⸗ dirne. Sie nickte freundlich und Armanda ſag⸗ te:„Ja edler Vetter, laßt Clodine freiung zu erkennen und harrten nun noch 4. — 123— „mit mir nach eurer Veſte ziehen. Ich „habe ihr viel zu danken und ſo lange ſie „will, mag ſie bei mir bleiben. Sie hat „im Unglücke mit mir ausgehalten und „ihre Treue mir bewieſen und ſoll nun „auch freudigere Tage mit mir theilen. 42 „Nun ſo wähle dir einen von unſern „Knappen, zu dem du aufſitzen magſt, „treues Dirnchen!“ ſagte Manſur und mit naivem Stolze reichte ſie Rolf ihre Rechte. „Nimm ſie nur!“ erlaubte Ottur in das beifällige Lächeln der Ritter einſtim⸗ mend, als ſein Wappner ihn fragend an⸗ ſah und nun ging der Zug raſch der Heerſtraße zu, wo der Marſchall, nachdem er Ottur die Verſicherung wegen der pünkt⸗ lichen Ablieferung der Gefangenen nach Avignon wiederholet und ſich bei Armanda und ihrem Vetter empfohlen hatte, mit ſeinen Begleitern nördlich zog, während — 424— ſich Manſur mit ſeiner Baſe und Ottur ſammt ihrem Gefolge gegen Süden wandte. Manſurs freundliche Scherze und Ar⸗ tigkeit gegen Armanda, kürzten die Zeit und der ſchöne, heitere Morgen machte Allen den Zug angenehm und ließ ſelbſt Ottur eine leichtere Stimmung gewinnen. Unvermerkt gelangten ſie daher gegen Mittag an das Kaſtanienwäldchen und das niedergebrannte St. Urſulinerkloſter, mit deſſen Wiederaufbauung man ſchon beſchäf⸗ tigt war. „Es iſt doch ein ſchändliches Treiben „von ſo elenden Freyhardten, ſelbſt die „friedlichen, artigen Nönnchen nicht in „Ruhe zu laſſen!“ ſagte Manſur die Trümmer des Kloſters überblickend, doch — 8 als er ſah wie ſich Otturs Stirne in duſ⸗ tere Falten legte, unterdrückte er ſeinen Unwillen, wandte ſich ab und tummelte ſeinen Hengſt, der den heimathlichen Bo⸗ den freundlich anſchnaubte, gar zierlich neben Armanda und rief, als es jetzt um die Ecke der Heeresſtraße ging und die Zinnen einer ſtattlichen Veſte auf einem hohen Berge ſichtbar wurden:„Hallo! „Sey mirxgegrüßt du liebes Ahnenſchloß, „aller Montforts ſtolze Wiege!“ Und ſchneller ging jetzt der Zug von Manſurs und Armandas Sehnſucht befluͤ⸗ gelt der Veſte zu. Noch hatten ſie nicht den Burgweg erreicht, da ſchallte ſchon lauter⸗Jubel und Freudengeſchrei von der Burg herab und verkündete daß man ſie ſchon erkannt habe. Manſur erwiederte den Willkomm mit Schwenkung ſeiner Lanze, und ſo ſchnell Armandas Zelter traben konnte, ging der Zug bergan. — 126— „Ja, ja ſie iſts, ſie iſt gerettet!“ ſcholl es an der Zugbrücke und das Burgvolk drängte ſich den Ankommenden entgegen und umringte den geliebten Junkgrafen und das angebetete gerettete Fräulein. „Gott grüß euch liebe Mannen!“ rief der gutherzige Manſur und gab jedem ſeine Rechte und von jedem ließ die ſanfte Armanda ihre Hände mit Freudenküſſen bedecken. „Wo iſt mein Vater?“ fragte jetzt Manſur als er ſeine Baſe im Schloßhofe pon dem Zelter hob und da man ihm ſagte, daß der alte Graf nicht recht wohl ſey und ſeiner im Zechſaale harre, haſtete er mit Armanda und Ottur über die breite Marmortreppe in die reich verzierte Pfalz hinan. „Willkommen lieber Vater!“ rief er in den mit Waffen und Rüſtungen ſchönge⸗ ſchmückten Zechſaal eintretend, einem ho⸗ hen alten Ritter zu, der im gräflichen Wappenrocke und einem blau ſammtnen Barette auf den Silberlocken, in einem Polſter lehnte, und in welchem Ottur zu ſeinem größten Erſtaunen auf den erſten Blick den Ritter zu erkennen glaubte, der bald nach Gunhildens Tod auf ſeiner Wald⸗ burg eingeſprochen und ihm den Ritterſchlag ertheilet hatte. „Ach meine Kinder!“ rief indeſſen der Graf, den die Freude ſeine Hinfalligkeit vergeſſen ließ, ſchloß Manſur und Ar⸗ manda an ſeine Bruſt und Freudenthrä⸗ nen rollten über ſeine Wangen. „Haſt du Armanda gerettet, mein „Sohn?“ fragte er, nachdem der erſte Freudenrauſch vorüber war, und jetzt ent⸗ wand ſich Manſur den Armen ſeines Va⸗ ters, eilte auf Ottur zu und führte ihn mit den Worten:„Dieſer edle Ritter, „mein treuer Waffenbruder Ottur von „Waldburg iſt Armandas Retter!“ ſei⸗ nem Vater entgegen. „Waldburg!“ rief der Graf, zog Ottur in ſeine Arme und fuhr mit lebhaftem Ausdrucke fort:„Willkommen, willkom⸗ „men lieber Ottur! Kennt ihr mich nicht „mehr?“ „So ich nicht irre, edler Graf, habt „ihr den Ritterſchlag mir ertheilet, und „ſeyd ihrs wirklich, ſo muß ich mich eines „Auftrages von dem alten Runold, mei⸗ „nes Waffenmeiſters, entledigen. Er läßt „euch durch mich ſeinen letzten Gruß ver⸗ „melden!“ erwiederte Ottur. „Wie, lebt der treue Alte nicht mehr? „Und was macht denn eure edle Mutter? „Meine Baſe wollt ihr ſagen, edler „Graf; ſie iſt leider nicht mehr, aber „Runold war noch friſch und geſund als „ich ihn verließ!“ verſetzte Ottur. „O Gott, ſo mußtet alſo ihr, ihr lie⸗ 9 — 129— „ber Ottur meine Armanda retten! O wie „ſeltſam ſind doch deine Wege!“ rief der Graf mit einem wehmüthigen Blicke zum Himmel. „Wie, was?— fragte jetzt der ſtau⸗ nende Manſur ſeinen Vater—„Ihr „kanntet meinen Waffenbruder ſchon früͤ⸗ „her? O dann möchte ichs euch ja bey⸗ „nahe nicht verzeihen, daß ihr mich nicht „ſchon längſt mit ihm bekannt machtet.“ „Darüber rechte nicht mit mir mein „Sohn. Es gibt Verhältniſſe im menſch⸗ „lichen Leben, die wir Menſchen gerne in „den Schoos der Erde vergraben würden, „damit ſie Niemanden kundig werden „könnten, aber Gott lenkts oftmals an⸗ ders!“ antwortete der Graf. „Ihr ſprecht geheimnißvoll, Herr Va⸗ „ter, und ihr wißt ich liebe die Offenher⸗ zigkeit. Sagt, iſt Ottur vielleicht am „Ende ſelbſt mein Bruder?“ Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. 9 — 130— „Dein Waffenbruder iſt er ja und das „ſoll er dir auch bleiben; doch ſagt, wie „kommt ihr denn zuſammen?“ „Auf der Donau, Vater, habe ich dem „Oheim Adalott, dem gutherzigen Gräm⸗ „ler, nach meiner alten Weiſe, auf meinem „Rothfuchſen eins vorgeſprungen und bey⸗ 5 „nahe Unheil dadurch angefangen, wenn „nicht Ottur gerade auch des Weges ge⸗ „kommen und zu Hllfe geeilet wäre. Er „zog mit uns nach Ulm und ließ ſich von „dem Obeim die Dalmatika aufhängen.“ „Aber wie mochte Adalott euch denn „dazu bewegen?“ ſtaunte der alte Mont⸗ fort kopfſchüttelnd. „Verzeiht, edler Graf, es war mein „eigner Wille, der würdige Comthur „wollte nicht, allein ihr wißt des Men⸗ „ſchen Willen iſt ſtets ſein Glück!“ ver⸗ ſetzte Ottur. „Für den Augenblick wohl, aber nur zu — 131— „bald folgt oft ſolchem Willen„ Reue!“ erwiederte der Graf. „Ja Vater, da habt ihr recht!“ rief Manſur, doch Otturs Blick brachte ihn ſchnell zum Schweigen. Der Graf errieth bald aus den Thraͤ⸗ 5 nen, die in Armandas Auge glänzten, und aus Otturs Schweigen, wie es um die Herzen beyder ſtehen möchte, er ſtöhnte mit 6 einem trüben Blicke ein leiſes:„Ach!“ hervor, doch ſchwieg er ſtill und ließ ſich, nachdem Ottur und Manſur ihre Waffen abgelegt und ſich niedergeſetzt hatten, von ihnen ihren Zug von Ulm und Armandas Errettung erzählen. Dieſe entfernte ſich indeſſen mit Clodine um ſich von ihr um⸗ kleiden zu laſſen„ und leichter geſchürzt, und noch einmal ſo ſchön dann den Rit⸗ tern die Becher zu kredenzen. „O, ich bin ſtolz darauf, daß ich euch „den Ritterſchlag ertheilte!“ rief der alte 9* Montfort, als er Alles erfahren hatte, und drückte mit lebhafter, dankbarer Rüh⸗ rung Otturs Rechte„Aber— fuhr er dann fort—„Armandas Rettung muß „mit einem Feſte ihr und euch, ihrem „Retter zu Ehren gefeiert werden. Ach „daß jetzt ſo unruhevolle Zeiten ſind, und „jeder ſo zum Schutze ſeines eignen Her⸗ „des daheim zbleiben muß! Aber meine „Lehnsritter ſollen doch beſchieden werden. „Gehe Manſur, und ſende Knechte aus, „um Pery, Bar und Melun, auf den „vierten Tag von heute, zu einem Zech⸗ „gelage zu laden!“ Recht herzvoll und mit der väterlichſten Wärme begegnete der alte Montfort dem edlen Ottur, die Freude hatte ihm bald ſein Unwohlſeyn völlig vertrieben, und er wetteiferte gleichſam mit Manſur um Ar⸗ mandas Retter den Aufenthalt ſo ange⸗ nehm zu machen, daß er alle die trauri⸗ — 133— gen Verhaͤltniſſe ſeines Ordens vergeſſen „O Gott!“— rief Ottur, als er am Abende des zweyten Tages allein in dem Erker des Zechſaales am Fenſter lehnte— „du hatteſt wohl recht, du gute Muhme, „daß es manche edle Menſchen, aber auch „recht viele ſchlechte gebe, und ſich der „glücklich achten könne, der auf ſeinem „Lebenslauf mehr von jenen als von die ſen kennen lerne! Warum aber iſt der „Keim des Uebels ſtärker, als der des „Guten? Warum ſind die Menſchen ſo „große Thoren, das Beſſere in ſich eher zu „erſticken, als es zu vervollkommnen zu ſuchen?— Wie wohlthuend iſt doch die „Freundſchaft edler Menſchen und warum bringen ſich ſo Viele ſelbſt um dieſe Him⸗ „melsgabe, die in jeder, ſelbſt der trau⸗ „rigſten Lage allein uns aufrichten kann! „— O guter ehrlicher Runold, hätte ich — 134— „deinem Rathe doch gefolgt und die Welt „erſt kennen lernen, ehe ich meine Be⸗ „ſtimmung in ihr ſo unwiderruflich feſt⸗ „geſetzt hätte! Wie viel glücklicher könnte „ich nun ſeyn!“ So ſprach er zu ſich ſelbſt und ſtand jetzt, in den Anblick des Abendhimmels verſunken, der ungemein ſchön war. 1 Eben flammte der letzte Sonnenblick hin⸗ ter den weſtlichen Bergen auf, die Hälfte des Horizontes erſchien, in ein dunkeles Purpurroth getaugt, und färbte die Land⸗ ſchaft mit lieblich violetetten ſanft in ein⸗ ander fließenden Tinten. „Ja, das iſt ein Anblick wie Gunhilde „mir ihn oft beſchrieb, wenn hinter un⸗ „iſeren wilden Wäldern die letzten Strah⸗ „len der Sonne durch die Eichen ſchim⸗ „merten und ſie mir dann von Ländern „ſprach, die in ihrer früheſten Kindheit „ſie geſehen zu haben meynte!“ ſtöhnte Ottur in ſich hinein.„„Aber wie iſt es „möglich— fuhr er nach einer Pauſe fort—„daß es in der Welt unter ſo „verſchiedenen Himmelsſtrichen, zwey Men⸗ „ſchen gibt, die ſich ſo vollkommen ähn⸗ „lich ſind an Geſtalt und Charakter wie „Armanda und meine ſeelige Baſe! Zwar „iſt Armandas Schönheit vollkommner noch nFals die Gunhildens war; auch iſt ihr „Geiſt gebildeter, aber daran trägt die „freiere Bildung und die feineren Sitten „dieſes Landes wohl am meiſten Schuld, „und wäre Gunhilde hier unter Arman⸗ „das Verhältniſſen geboren und erzogen „worden, ſie hätte wohl dieſelbe Vollkom⸗ „menheit erlangt!— O Gunhilde! fuhr er wieder nach ſtummen Sinnen fort— „du kannſt mirs nicht verargen, daß ich vein Weſen, das dir ähnlicher noch iſt, „als eine Zwillingsſchweſter der andern, „ſo aufrichtig achte und mit demſelben — 136— „Feuer liebe und verehre, mit welchem „ich dich liebte und verehrte! Zwillings⸗ „ſchweſter!“ wiederholte er nach einer Pauſe und ihm ſiel plötzlich die Erzählung des Comthur Adalott ein; er dachte an die auffallenden Gemüthsbewegungen des⸗ ſelben und an die geheimnißvollen Reden des alten Montfort, und daß dieſer bey ſeinem Einſpruche auf der Waldburg mit Muhme Beata oft im verſchloſſenen Ge⸗ mache geſprochen habe, und es ſtiegen dunkle Gedanken in ſeiner Seele auf, doch flogen ſie wie wirre Schatten an ſeinen Sinnen vorüber und mit einem zerpreßten Seufzer eilte er vom Fenſter in den blü⸗ henden Burggarten hinab um ſeine düſtern Ahnungen aus ſeiner beengten Bruſt in die milde Abendluft hineinzuhauchen und ſein ſchneller wallendes Blut zu kühlen. Da ſah er ein Frauengewand durch eine Hecke ſchimmern, trat hervor und ſah wie — 137— ſich Clodine unter einem Baume im näch⸗ ſten Seitenwege willig von ſeinem Wapp⸗ ner Rolf küſſen ließ und ihm dann freund⸗ lich die braunrothe Wange ſchmeichelte. Lächelnd ſah er dem Paare zu, da fühlte er plötzlich eine Hand auf ſeiner Schulter, ſah um und Armanda ſtand vor ihm. „Seht hier eure artige Zofe wie ſie ſich „von meinem Wappner hoffiren läßt?“ ſagte er leiſe zu dem Fraͤulein. „Laßt ihr die Freude, ſie iſt ihn ſchon werth!“ erwiederte Armanda. „Ich gönnte ihr ihn gerne, allein er „gehört zum Orden und muß mit zurück „gen Ulm. Darum holdes Fräulein wird „es wohl beſſer ſeyn, wenn man ſie trennt, „ehe vielleicht die Trennung für Beyde „ſchwerer wird.— O Gott, ſolche Wun⸗ „den heilen ohnehin ſo ſchwer und ſchnelle „Flucht iſt wohl das beſte Mittel für ſie!“ 138 „So wollt ihr eures Knappen wegen „von hier fliehen?“ fragte Armanda. „Ach!“ ſtöhnte Ottur, denn die Frage that ihm um ſo weher, weil er ſie nicht beantworten durfte. Da ergriff Armanda ſeine Rechte und bat ihn mit gepreßter Stimme, ſie nach der Pfalz hinein zu begleiten. Noch ehe ſie aber den Ausgang des Gartens erreichten, brach Armandas Herz. Sie verhüllte ihr Haupt mit ihrem Schleier, weinte heftig und bat mit zum Himmel erhobenen Händen:„O gib mir Stärke!“ Da ſcheiterte Otturs Faſſung, er warf ſich vor der Geliebten nieder, umſchlang ihren Leib und flehte mit heißer Liebes⸗ brunſt:„O Armanda!“ Doch ernſt befahl ihm die Jungfrau ſich zu erheben und fuhr dann ſanft fort: „Laßt uns, lieber Ottur, des Schickſals „Fügung ſtandhaft ertragen. Den Wunſch — 139— „meines Herzens habe ich euch ſchon aus⸗ „geſprochen. Jenſeits mögen unſere See⸗ „ilen vereinigt werden. Dies iſt alles. „was wir hoffen und uns einander ſagen „dürfen!“ „Nein Armanda— rief Ottur glü⸗ hend—„nein, wir dürfen es uns geſte⸗ „,hen, daß unſere Herzen einander ange⸗ „hören! O, die Entſagung iſt nicht ſo „hart, als die erzwungene Berläugnung „der Liebe! Armanda, ſeyd nicht haͤrter „als das Schickſal!“ flehte er. „SOttur!“—lächelte die Jungfrau ſchmerz⸗ lich—„bedarf es noch eines Geſtändniſſes „meiner Liebe zu euch?!— Denkt aber „an eure Pflichten und an das Gelübde 3 „das hienieden eine eherne Mauer zwiſchen „uns gedrängt hat, und brechet auch nicht „durch nutzloſen Schmerz eure Kraft!“ „O, warum ſcheint ihr härter, als ihr ſeyd 2 klagte Ottur.„Meine Pflichten 9 — 140— „kenne ich und werde ſie üben, nicht al⸗ „lein durch Duldung, ſondern auch durch „Handeln und Wirken, aber verlangt nicht, „daß es mich nicht ſchmerzen ſoll! Zu die⸗ „ſem übermenſchlichen Heldenmuthe fühle „ich mich nicht ſtark genug und heucheln „kann ich nicht. O, daß ich euch entſagen „ſoll und muß, das thut ſchon nühe, „ſchrecklich wehe!“ Seine Stimme verging in ſchmerzlichen Klagen, da ſiegte die Macht der Liebe in Armandas Herz; ſie ſank an Otturs Bruſt und klagte, ihn mit brünſtigem Feuer um⸗ ſchlingend, unter hittern Thränen leiſe: „Ach wehe, wehe meiner Ruhe!? In heißer Glut wand er ſeine Arme um die Geliebte und preßte ſeinen Mund in ihre Roſenlippen, doch als er ihr ins dämmernde Auge ſah, das ihm die Allge⸗ walt ihrer Liebe zuſtrahlte, da ſiegte auch — 141— ſchnell das edlere Gefühl in ihm, er ſtürzte vor ihr nieder und flehte:„Ver⸗ gebung!“ Sie reichte ihm die Rechte, zog ihn ſanft auf und liſpelte ihn um⸗ ſchlingend:„O, du edler Ottur! „Nein, nein Armanda, nenne mich nnicht mehr alſo. Jetzt ſchon muß ich füh⸗ „len zu welchem unedlen Beginnen die „Leidenſchaft hinreißt! O, warum goß ich „DOehl in die Flammen deiner Liebe! Ver⸗ „gib mir!“ bat Ottur wehmüthig. Heftig ſchluchzend both Armanda ihm den Roſenmund, da rief eine Stimme hinter ihm:„O Adalott, Adalott, was „haſt du gethan? War es deine Unbe⸗ „ſonnenheit oder ruht noch die rächende „Hand des Ewigen auf uns?!“ Umblickend ſahen Ottur und Armanda den alten Montfort mit geſenktem Haupte auf einem Seitenwege nach der Pfalz eilen — 142— und ſchritten ihm mit zerriſſenem Herzen nach. Fröhlich zechten Manſur und die auf Burg Montfort mit mehreren Freunden angekommenen Lehnsritter in dem Prunk⸗ ſaale; auch der alte Graf und Ottur hat⸗ ten ſich von der muntern Stimmung mit ergreifen laſſen, und wiederholt erſchallte dem edlen Ottur, dem Retter ihres ange⸗ beteten Fräuleins zu Ehren, ein Lebehoch von den Knappen und Knechten aus dem Burghof herauf; Armanda aber fehlte im Kreiſe der Frohen, denn ſie hatte ſich bald, nachdem die erſten Becher von ihr kredenzt waren, nach der ehrbaren Sitte der ritter⸗ lichen Frauen und Fräuleins, nach ihrem Kloſette zurückgezogen. Da ging plötzlich die hohe Flügelthüre des Saales auf und hereintrat ein Min⸗ neſänger mit einem jungen Gefährten. — 143— „Herzlich, herzlich willkommen ſchöner „Blondell!“ rief Manſur und die andern Ritter ihm nach, der holden Erſcheinung zu. Freundlich neigte der Sänger das Haupt, ließ ſich auf einen Polſter nieder und ſtimmte die Harfe, die ſein junger Ge⸗ fährte ihm reichte. Manſur eilte indeß ihn mit Wein und Imbiß zu verſehen und nachdein der Sän⸗ ger etwas genoſſen, bat er um geneigtes Gehör, und ſang mit holder Anmuth und ſanfter Stimme ein provenzaliſches Min⸗ nelied. Lieblich rauſchten die Saiten zu dem Geſange und weckten in Otturs Buſen eine ſanfte Schwermuth auf. Bald en⸗ digte indeß der Sänger ſein Minnelob und ſtimmte nun, auf Manſurs höfliche Bitte, einige Zech⸗ und Kriegeslieder an, wobey die Ritter wacker die vollen Scheu⸗ ern kreiſen ließen und oft im Chore zu — 144— dem Geſange einſielen. Nur Ottur wurde immer ſtiller und düſterer, da winkte der alte Graf den Gefährten des Sängers zu ſich, gab ihm einige Goldſtücke und ſagte, daß er mit ſeinem jungen Meiſter vom Burgvoigte ſich ein Gemach möge anweiſen und es ſich einige Tage auf der Montfort möge gefallen laſſen. „Zwey ſchöne Jungen!“ ſagten die Ritter dem Sänger und ſeinem Begleiter nachblickend, die jetzt, nach höflicher Ver⸗ beugung, aus dem Saale ſich entfernten, und Ottur gelang es ſich unbemerkt eine Zähre aus ſeinem Auge trocknen zu kön⸗ nen. Allein trotz aller Bemühung vermochte er nicht mehr ſeine frühere, frohe Laune zu gewinnen, und ſobald er daher auf eine ſchickliche Weiſe ſich aus dem heitern Zirkel der Geſpanne entfernen konnte, ging er, um im Freyen ſeinen Trübſinn zu unterdrücken. Lange war er ſchon in den Gängen des Burgzwingers umhergewandelt„ da erblickte er plötzlich in einer fernen, lichten Laube Armanda und Manſur, und ſtaunte hoch, als er ſah wie eben ſeine Geliebte mit brünſtiger Freude ihres Vetters Rechte er⸗ griff und ihm ſogar mit lebhafter Innig⸗ keit ihre Lippen bot. „Himmel, was ſoll das?“ grollte er vor ſich hin, doch bald ſah er das Thö⸗ richte ſeines Grolles ein und lenkte im Aufruhre ſeiner Gefühle nach einem an⸗ dern Wege.„Nein— ſagte er nach einer langen Pauſe—„es iſt unmöglich, ſie „können Beyde nicht treulos ſeyn; aber „was die Lebhaftigkeit und Innigkeit ih⸗ „res Benehmens für einen Grund haben mag?“ fragte er ſich und ſeine Schritte wurden bald ſchneller, bald langſamer. Da ſah er, als er wieder aufblickte, Ottur von Wardburg. Zweit. Thl. 10 — 146— am Ende des Weges wieder Armanda al⸗ lein ſtehen. Sie entblätterte unter ſtum⸗ men Hinſinnen eine Roſe', die ſie von einem nahen Strauche gepflückt hatte, ließ die Blume plötzlich fallen, faltete ihre Hände, preßte ſie erſt heftig an ihren hochwogenden Buſen, erhob dann ihren Blick und mit unendlich ſeelenvollem Aus⸗ drucke entfloh der Ruf„O Ottur!“ ihren Lippen.] „Ja, ja ſie liebt mich treu!“ jubelte dieſer halblaut und war im Begriffe auf die Herrliche, deren Antlitz von den letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne wie von einem Wunderglanze umfloſſen wurde, zu⸗ zuſtürzen, da trat Manſur von einem Seitenwege auf ihn zu und fragte lä⸗ chelnd:„Was iſt dir, lieber Bruder? „Haſt du denn je an Armandas Treue „gegen dich gezweifelt?““ „Was haſt du vorhin in der Laube — — 147— „dort mit ihr geſprochen?“ fragte Ottur halb verlegen über Manſurs Anrede. „Haha!— lachte dieſer—„biſt du ſo „werliebt und eiferſüchtig, daß du Arman⸗ „das Lippen ſelbſt ihrem Vetter, deinem „Waffenbruder, nicht gönnſt? Beynahe „möchte ich auf dich zürnen, denn wenn „du nur den leiſeſten Zweifel an Arman⸗ „das Treue hegteſt, ſo wäreſt du ihrer „ſchon kaum mehr werth, und gar wegen „mir! Nun es freut mich, daß du ſo „hoch von mir denkſt, aber noch mehr „freut es mich, daß ich dich nun doch „auch auf einer menſchlichen Schwachheit „ertapt habe, deren ich dich traun nicht „fähig gehalten hatte.“ 6 „Sey nicht hart, Manſur= entgegnete ihm Ottur—„ich liebe deine Baſe ſo in⸗ „nig und dabey ſo unglücklich, daß mir „dieſe Schwachheit wohl zu verzeihen iſt. „Dir gönne ich gewiß gerne ihre Küſſe, 10* — 148— „müͤßt ich es ja doch ſelbſt verſchmerzen, „wenn ſie einem Andern ihre Hand gäbe, „da ich ja nie zu ihrem Beſitze gelangen „kann, aber dies ſchmerzt mich eben ſo „ſehr, denn aufrichtig kann ich es dir „nicht bergen, daß trotz der ſchrecklichen „Gewißheit, ſie nie völlig die Meinige nnennen zu können, mir doch der Ge⸗ „danke, ihr Herz wenigſtens ungetheilt „zu beſitzen, der ſeelenvollſte iſt, den ich „kenne, und auf deſſen Gewißheit meine „Ergebung in mein Geſchick allein beru⸗ „het, ja ohne den mir mein Leben ſelbſt „verhaßt wäre.“ 3 „Das kann und muß er dir auch al⸗ „les ſeyn, mein lieber Bruder, doch um „dir aus dem Traume zu helfen, warum „Armanda ſich vorhin ſo lebhaft gegen „mich benahm, ſo wiſſe: ich habe ihr „eben erſt meine Liebe zu Ida geſtanden „und ſie um ihre Einwilligung gebeten. 7 4 — 449— „die ſie mir denn auch mit vieler Freude „und Herzlichkeit zuſicherte. Weiter war „es nichts; jetzt aber komm und laß uns „ſie bitten mit hinan in die Pfalz zu ge⸗ „hen, denn der Abend bricht herein und „wir ſind Beyde ſchon ziemlich lange aus „dem Prunkſaale.“ Mit einem halbreumüthigen Blicke trat Ottur auf Armanda zu, aber dieſe eilte ihm, als ſie ihn bemerkte, mit ſo lebhaf⸗ ter Zärtlichkeit entgegen, daß es ihm or⸗ dentlich bange wurde; noch mehr aber ſtaunte er, als ſie auf einen ernſten Blick Manſurs ſich ſo plötzlich mäßigte, doch wollte er durch keine Frage Manſur ver⸗ anlaſſen, ſeine letzte Unterhaltung an Ar⸗ manda zu verrathen und hauchte lieber mit einem Glutkuſſe auf deren Rechte den ſchmerzlichen Seufzer aus, der ſeine Bruſt engte. 3 13 Sie ſchritten mitſammen in die Pfalz — 150— hinan, wo ihnen bald ein Diener ent⸗ gegen kam und meldete, daß Ottur in den Saal kommen möge, wo ein Knappe mit Botſchaft ſeiner harre. Ottur eilte und erkannte in dem Bo⸗ ten ſogleich einen Knappen des Ritters Foix, der ihm ein Schreiben des Mar⸗ ſchalls Fronſack überſandte, in welchem dieſer ihm dringend rieth, ſo bald wie möglich, Frankreich zu verlaſſen, weil der Papſt ſich nun wirklich mit dem Könige Philipp zur gemeinſchaftlichen Verfolgung des Tempelordens vereiniget habe und die ſchärfſten Befehle ertheilt worden ſeyen, eeden, der nur zum Orden des Tempels gehöre, zu verhaften, und beſonders die⸗ jenigen ſtrenge zu behandeln, welche bey dem Volke noch in einiger Achtung ſtün⸗ den.„Ohne es zu wiſſen— fuhr der Marſchall in ſeinem Briefe fort—„habe „ich euch einen ſchlechten Dienſt erwieſen, — 151— „daß ich eure Thaten vor dem Papſte pries, „denn man will hier noch weit weniger „von würdigen Ordensgliedern hören, als „von ausgearteten, und man hat mir mehr „Vorwürfe darüber gemacht, daß ich euch „nicht verhaften ließ, als darüber, daß ich „den Schurken das Leben friſtete, welches „ſie ſich nun auch deſto gewiſſer erhalten „werden, je größer ſie ihre eigenen und „des Ordens Verbrechen ſchildern. Sobald „ihr daher mein Schreiben erhalten habt, „brechet aus unſerm Lande auf, denn ihr „ſeyd mehr in Gefahr, als alle Schurken „eurer hieſigen Bundesglieder. Eilet und „ſeyd vorſichtig, daß man euch nicht als „Templer erkenne, ſo lange ihr nicht über „Frankreichs Gränze ſeyd; vertauſchet „ſelbſt, wenn es möglich iſt, eure Rü⸗ „ſtung, denn wer euch gefangen oder tod „einbrächte, würde des Königs beſondere „Gunſt ſich verſichert halten können, und — 152— „es ſollte mir leid ſeyn, wenn meinem „und der ſchönen Armanda edlem Retter „Uebel geſchehe.“ Hoch ſtaunte Ottur als er den Brief geleſen hatte; er theilte den Inhalt dem alten Marſchalle und Manſur mit und dieſe konnten ihn nur mit Mühe von dem tollkühnen Entſchluſſe zurückbringen, ſogleich ſelbſt gegen Avignon zum Papſte aufzu⸗ brechen. Die Vorſtellungen, wie ſchlecht er dadurch des Marſchalls Fronſack Freund⸗ ſchaftsdienſt vergelten würde, wirkten am meiſten auf ihn, und nachdem ihm der alte Montfort noch ans Herz gelegt hatte, daß er ſich ſeinen deutſchen Ordensbrüdern erhalten müſſe, ſtand er von ſeinem Ent⸗ ſchluſſe ab, und entließ den Boten mit einem dankbaren Erwiederungsſchreiben an den Marſchall. Vergeblich mühete ſich nun Manſur die düſteren Wolken, die Fronſacks Botſchaft über Otturs Inneres heraufgezogen hatte, durch den Sonnenſtrahl ſeiner Fröhlichkeit zu zerſtreuen und ihn wieder zur Theil⸗ nahme an dem Gelage zu bewegen. Ottur ſuchte bald die Ruhe, um das Wehe ſei⸗ nes vielfach zerriſſenen Herzens im Schlafe zu vergeſſen. Als er erwachte ſaß ſchon Manſur zu den Häupten ſeines Schragens und fragte ihn, nach einem brüderlichen Morgengruß, freundlich:„Nun Bruder, wann gedenkſt „du gen Ulm aufzubrechen? Mein Vater „hat mir ſeine Einwilligung zu meinem „Ehebündniſſe mit Ida gegeben, und daß „ich nun lieber auf dem Rothenſteine ſäße „als hier, kannſt du dir denken!“ „Ach!“ ſtöhnte Ottur, doch ſchnell ſprang er gleich darauf von ſeinem Lager auf und rief:„Es muß ja ſeyn, darum ſchnell, „damit das Herz nicht bricht! Ich laſſe „ſatteln, Manſur; noch ehe es Mittag „wird, muß die Veſte uns im Rücken „liegen!“. „Wie du willſt, lieber Bruder, ich bin „jede Stunde bereit!“ erwiederte Manſur, und da jetzt Rolf in den Gaden trat, ließ ſich Ottur wappnen, befahl dem Knappen ſeine Dalmatika in den Wetſcher zu pa⸗ cken und ſogleich zum Aufbruche zu ſatteln. Rolf eilte und Ottur ging mit Manſur zu dem alten Montfort, der Otturs ſchleuni⸗ gen Aufbruch billigre. „Ich komme euch vielleicht bald nach, „lieber Waldburg, denn da die Unruhen „ſich doch legen werden, will ich, zu mei⸗ „ner Erholung, eine Fahrt vornehmen. „Möchte ohnehin meinen Schwager und „den alten Rothenſtein gerne noch einmal „vor meinem Ende ſprechen, auf das ich „mich nun alle Tage gefaßt halten kann!“ ſagte der alte Graf und winkte nun ſeinem — 455— Sohne in das anſtoßende Kloſet um noch einiges mit ihm allein zu ſprechen. Als ſie wieder heraustraten kam Arman⸗ da mit ihnen. Ein tiefer Stich drang in Otturs Herz als er der Geliebten die Hand zum Abſchiede bot. Er konnte lange kein Wort reden, denn ſein Gefühl ſtürmte zu heftig. Endlich brach Armanda das Schwei⸗ gen.„Lebe wohl, mein Ottur, vielleicht „ſehen wir uns wieder!“ flüſterte ſie mit erzwungener Standhaftigkeit und preßte ſeine Rechte an ihr Herz. „Armanda!“ ſtöhnte Ottur, und eine große Perle rollte über ſeine Wange; da nahm er die goldne Kette mit dem Agat⸗ kreuze von ſeinem Harniſche, hing ſie Ar⸗ manda um und ſagte:„Es iſt das Theuer⸗ „ſte was ich beſitze; o tragt es zu meinem „Andenken!“ Ein ſanftes Lächeln flog über Arman. das Antlitz, ihre Lippen wollten ſich zum 4 Sprechen öffnen, aber ſie ſank in Otturs Arme und er preßte den Scheidekuß auf ihren Roſenmund. Lange hingen ihre Lippen an einander feſt und wild ſtürmte der Schmerz in Ot⸗ turs Bruſt; da trat endlich der alte Graf zu ihnen und ſagte mit naſſem Auge: aſſet es genug ſeyn, Kinder, und haltet „feſt an der Hoffnung, daß wenn auch „hier eure Wünſche nicht gekrönt werden, „doch einſt ihre Erfüllung eurer harret!“ Und Armanda wand ſich aus Otturs Armen, lößte ihre blaue Buſenſchärpe und ſagte, indem ſie dieſelbe um Otturs Bruſt ſchlang:„Ja, halte feſt an dieſer „Hoffnung, mein Ottur! Nie iſt ja der „Genuß der Freude ſchöner und vollkom⸗ „mener als nach bitteren Leiden! Jetzt „lebe wohl!“ Noch hauchte ſie unter freundlich ſchmerzlichem Lächeln ihm einen Kuß auf die Lippen, liſpelte leiſe:„O, — 157— „daß ich ſo hart gegen dich ſeyn muß!“ und entfloh in das Kloſet. Vernichtet ſah ihr Ottur nach, aber Man⸗ ſur ſchloß ihn in ſeine Arme und rief:„Ver⸗ „traue deinem Waffenbruder!“ „O Manſur!“ ſtöhnte der Schmerzer⸗ füllte, eilte auf den Grafen zu, preßte deſſen Rechte mit dankbarer Inbrunſt an ſeine Bruſt, rief den Rittern im Vorſaale ein Valet zu und ſtürzte hinab in den Burghof, wo die Knappen ſchon aufgeſeſſen waren. Manſur kam ihm bald nach, und von den herzlichſten Glückswünſchen der ganzen Burgmannſchaft begleitet, ſtoben jetzt die beyden Waffenbrüder mit ihrer rüſtigen Schaar burgaus. Vergeblich ſpähte Ottur am Fuße des Schlotzberges noch einmal zurück nach der Veſte, in der Hoffnung, die Geliebte noch einmal ſehen zu können. Niemand als die 8— Lehnsritter und Burgknappen waren auf die Söller und Barrieren geeilt den Zie⸗ henden wiederholt ihr Lebewohl nachzurufen und zu winken, nirgends aber war Ar⸗ manda und der alte Graf zu erblicken. Da ſpornte Ottur, von gränzenloſem Schmerze durchdrungen, ſeinen Hengſt, während Manſur, von hoher Freude und froher Hoffnung ſeine Ida bald wieder zu ſehen, beſeelet, ihm noch vorausflog. Schon hat⸗ ten ſie die Veſte weit hinter ſich, aber im⸗ mer noch war kein Wort über Otturs Lip⸗ pen gekommen und unbekümmert, welchen Weg ſein Waffenbruder wählte, ritt er ihm nach und ſtöhnte nur von Zeit zu Zeit tief auf.— Gegen Abend erſt wollte es ihm bedünken, als ſey er ſchon einige Mal an denſelben Gegenſtänden vorüberge⸗ ritten und eben war er im Begriff Man⸗ ſur ob einem ſolchen Narrenritte zu Rede zu ſtellen, da hielt dieſer plötzlich ſeinen — 159— Hengſt an und rief:„Wo geht die Fahrt „hin? Meiſter Blondell!“ Hinſpähend erkannte Ottur den Minne⸗ ſänger und ſeinen jungen Gefährten, die geſtern auf der Montfort eingeſprochen hat⸗ ten und eben am Wege ausruhten. „Wollt ihr mit gen Deutſchland?“ fragte indeſſen Manſur den ſich erheben⸗ den Sänger. „Ja, bis wieder Ruhe iſt im Vater⸗ „lande, möchte ich gerne ſolche Fahrt un⸗ „ternehmen. Wenn es euch Ernſt iſt, ed⸗ „ler Herr, ziehe ich mit!“ verſetzte treu⸗ herzig der Saͤnger. „Topp!“ rief Manſur„Ich nehme euch „mit, wenn ihr verſprecht meinen edlen „Gefahrten hier durch eure Kunſt auf „unſerer Fahrt aufheitern zu wollen!“ „Wenn Geſang und Spiel es vermag „will ich gerne Alles an mir erwinden!“ erwiederte der Sänger. *— 160— „Ha! was vermag dieſe Göttergabe „nicht! das kälteſte Herz muß ihrem Zau⸗ „ber unterliegen, und meines Bruders „Herz iſt ſanft und mild wie deine Kunſt. „Doch halt, noch eins! Ich gedenke in „Deutſchland mich zu beweiben, verſprichſt „du meinen Brauttag mit provenzaliſchen „Liedern mir verherrlichen zu wollen, ſo „will ich meinen Sattel mit dir theilen, „und dein Gefährte mag zu einem unſe⸗ „rer Knappen aufſitzen!“ Freundlich verſprach der Sänger Man⸗ ſurs Bedingung und dieſer nahm ihn hier⸗ auf vor ſich aufs Roß, während des Mei⸗ ſters Gefährte ſich mit ſeiner Harfe von Claude in den Sattel heben ließ. „So Bruder!— rief hierauf Manſur freudig Ottur zu—„jetzt beſitze ich das „Bannungsmittel für deinen Gram, und „ehe wir noch an die Donau kommen, „ſollſt du mir ſingen lernen!“ — 161— Ottur vergaß über ſeines Waffenbruders Reden, die Frage, die er an ihn thun wollte, ritt ihm wieder unter ſtummen Hinbrüten nach und raſcher führte dieſer den Zug nun gradaus. Der Sänger hielt treulich ſein Verſpre⸗ chen, denn ſo oft ſie abſaßen und einen Halt machten, ſtimmte er die Harfe und ſang dazu ſo wunderſchön und rührend, daß Alles um ihn her ſchwieg und ſelbſt das ſchnacke Gefieder ſich auf den Zweigen der Bäume um ihn verſammelte und ſtill und neugierig den ſüßen Tönen lauſchte, die Otturs Schmerz in ſanfte Wehmuth auflößten. Aber öfter wandelte dieſen auch, wenn er dem Sänger näher trat und deſ⸗ ſen Hauch an ſeinen Wangen vorüber⸗ glitt, ein ſo wunderſeltſames Gefühl an, das er ſich nicht zu erklären wußte. Glücklich erreichten ſie indeſſen Frank⸗ reichs Gränze; nahmen jetzt ihren Weg Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. 11 — 162— durch die Schweiz und von liebender Sehn⸗ ſucht getrieben ſpornte Manſur jeden Mor⸗ gen ſeinen Hengſt kräftiger und zählte jede Stunde Weges, die noch zwiſchen ihm und ſeiner Ida liege. „Melde meinem Oheim einſtweilen mei⸗ „nen Willkomm!“ rief Manſur, als ſie endlich Ulm erreicht hatten und ſtob, ohne Otturs Antwort abzuwarten, mit dem Minneſänger und von Claude mit des Sängers Gefährte gefolgt, im ſaußenden Galoppe durch den St. Genovefen⸗Forſt der Veſte Rothenſtein zu, während Ottur mit ſeinen Knappen in düſterem Hinbrü⸗ ten den Weg nach der Comthurey ein⸗ lenkte. Er dachte daran, wie wenig er durch ſeinen Zug bezweckt habe, und wie unzufrieden der edle Adalott, ſein väter⸗ licher Freund, mit ihm ſeyn müſſe, wenn — 163— er auch noch die Haupturſache ſeiner nie⸗ dergebeugten Ordensliebe erfahre.„O!— rief er jetzt aus—„hätte ich doch lieber n„nie Armanda geſehen! Vor wenig Mon⸗ „den noch zog ich mit dem glühendſten „Enthuſiasmus für das Wohl des Ordens „und von den freundlichſten Hoffnungen „beſeelt, auf dieſem Wege aus, und nun „kehre ich mit zerriſſenem Herzen wieder! „O Gott, welchem Wechſel iſt doch der „Menſch unterworfen, wie hängt doch al⸗ „les von Zeit und Zufall ab und wie we⸗ „nig vermag oft ſelbſt der feſteſte Wille nüber die eigene Beſtimmung!“ Unter ſolchen und ähnlichen Ausrufungen gelangte Ottur an das Thor des Tempel⸗ hofes und wie hoch ſtaunte er jetzt, als er dieſes nicht von Ordensknappen und Tra⸗ banten, ſondern von deutſchen Reichsſöld⸗ nern beſetzt fand, die ihm jadoch ehrer⸗ bietig begegneten. 11* — 164— „Himmel, was iſt hier vorgefallen? „Wo iſt unſer Comthur?“ fragte er ha⸗ ſtig den Bruder Straubing, der ihm mit offenen Armen entgegen eilte. „Komm, komm nur lieber Bruder, du „ſollſt alles erfahren!“ erwiederte Strau⸗ bing ihn umarmend, und eilte dann mit ihm nach dem Verſammlungsſaale, wo der Comthur mit dem Drapier und allen Or⸗ densbrüdern verſammelt waren, die Alle mit herzlicher, brüderlicher Freude und Innigkeit Ottur bewillkommten. „Ach!“— rief der Comthur als er Ottur mit väterlicher Wärme in ſeinen Armen hielt—„die Zeit hat alle unſere „Hoffnungen und Wünſche überflügelt, „mein Sohn! Mit unſerm Orden iſt es „zu Ende. Du bringſt wohl auch noch „ſchlechte Bothſchaft!“ „Leider!“ rief Ottur traurig und über⸗ gab des Papſtes Schreiben. — 165— „Ja, es meldet mir, was wir ſchon „wiſſen!“— ſagte der Comthur, als er geleſen hatte—„Der letzte Damm iſt auch gebrochen und der Papſt nun ſelbſt „unſer Gegner. Das Beſte iſt noch, daß „unſere deutſchen Fürſten zu edel ſind, als „daß ſie des gewaltſamen Philipps und „des Clemens hinterliſtiges Treiben billi⸗ „gen und nachahmen ſollten; von ihnen „ihaben wir doch wenigſtens keine rechtloſe „Behandlung zu befürchten.“ „Aber wozu ſind denn die Reichsſöldner „in unſerer Comthurey?“ fragte Ottur. „Zum Scheine!“ erwiederte der Com⸗ thur und fuhr fort ihm zu kunden, daß der Papſt bereits den deutſchen Kaiſer und die Fürſten habe mahnen laſſen, die Ver⸗ folgungen gegen den Tempelorden auch in Deutſchland zu beginnen, weßhalb dieſe, um dem Papſte nicht gerade zuwider zu handeln„ in jede Comthurey eine Anzahl — 166— Söldner, unter der Anführung eines lehns⸗ pflichtigen Ritters, geſandt hätten, die zum äußeren Scheine die Ordenshäuſer in Beſitz nehmen, keineswegs aber befugt ſeyn ſoll⸗ ten, den Orden in irgend einem ſeiner Rechte und Statuten zu kränken oder auch nur zu beſchränken.„Wir mußten uns „um ſo williger dazu bequemen— fuhr der Comthur fort—„als uns der Kaiſer „nicht nur die ſchriftliche Verſicherung der „rechtlichſten Behandlung, ſondern auch „ſeiner Achtung und Fürſprache bey dem „Papſte verſichern ließ. Dieſe hat auch „ſchon ſo viel genützt, daß kommenden „Monden in Mainz, unter dem Vorſitze „eines päpſtlichen Nuntius, von allen deut⸗ „ſchen, weltlichen und geiſtlichen Fürſten „eine Synode gehalten werden muß, durch „welche entſchieden werden ſoll, in wie „fern die Anklagen gegen unſern Orden „bey den deutſchen Ordensgliedern gegrün. — 167— „det ſeyen oder nicht. Alle Marſchälle und „Comthuren ſind dazu eingeladen und wir „ſind daher eben verſammelt, um zu ent⸗ „ſcheiden, welche Entſchlüſſe und Beſtim⸗ „mungen ich im Namen meiner hieſigen „Ordensbrüder der Synode vortragen ſoll, „da ich in drey Tagen ſchon nach Mainz „aufzubrechen entſchloſſen bin. Wird der „Orden für ſo ſchuldig erkannt, daß man „ſeine Auflößung beſchließt, ſo folgt je⸗ „denfalls, daß die Ordensglieder ihres „Gelübdes entbunden werden, doch hoffe „ich, daß die Wahrheit und das Recht „ſiegen, und die Schuldloſigkeit unſerer „deutſchen Ordensbrüder dargethan und „anerkannt werden ſoll!“ G „Wollte Gott!“ wünſchte Ottur aus dem Grunde ſeines Herzens, denn er dachte zu edel, als daß er ſeine eigene Perſon und perſönlichen Wünſche bey der Rede über das Wohl ſo vieler biederen — 168— Bundesbrüder in Betracht haͤtte bringen können. Auf des Comthurs Fragen berich⸗ tigte er nun vor allen Brüdern ausführlich die Vorfälle und Ereigniſſe ſeiner Fahrt und ſchloß damit, daß er den Brief des Reichs⸗ marſchalls, Grafen Fronſak, laut vorlas. Aufs höchſte erbitterte der Inhalt des⸗ ſelben die edlen Gemüther und dämpfte mächtig ihre Hoffnung für einen günſtigen Erfolg der Mainzer Synode, doch vertrau⸗ ungsvoll rief der edle Comthur:„Nein, „mag auch in Frankreich, alſo Willkür, „Liſt und Bosheit die Gerechtigkeit unter⸗ „drücken, nie haben wir von unſern Für⸗ „ſten dies zu fürchten. Daß der grau⸗ „ſame Philipp und ſein treuer Helfer Cle⸗ „mens zu ſolchen ſchmählichen Waffen ihre „Zuflucht nehmen und Schurken begnadi⸗ „gen müſſen, um durch ihr erkauftes, lü⸗ „genhaftes Zeugniß die Unſchuld berücken „und ihren Plan gegen unſern heiligen — 169— „Orden durchführen zu können, das Bruͤ⸗ „der muß uns ſchon ein mächtiger Troſt⸗ „grund ſeyn, der uns ruhig unſerm und „des Ordens Schickſal entgegenſehen läßt!“ Das lauteſte, ungetheilteſte Lob wurde indeſſen jetzt Ottur von allen ſeinen Brü⸗ dern für ſeine Thaten zu Theil, aber erſt 3 als er mit dem hochwürdigen Comthur al⸗ lein auf deſſen Kabinet war, gab dieſer ihm ſeine Freude über alles, was er voll⸗ bracht, mit der väterlichſten Innigkeit zu er⸗ kennen und fragte nun auch nach Manſur. Dieſer kam erſt kommenden Morgen von — dem Rothenſteine zurück, wo er den alten Grafen und Ida heiter und wohl getroffen hatte. Er verweilte erſt lange in ſeines Oheims Gemach ehe er zu Ottur kam, und als dieſer den edlen Comthur folgen⸗ 3 den Tages ſprach, fand er ihn ſo düſter und traurig, daß er ſchloß, Manſur müſſe ihm vielleicht etwas von ſeiner Liebe zu — 0— Armanda geſagt haben und ſchon wollte er deshalb ſeinen väterlichen Freund fragen und ihm ſelbſt alles geſtehen, da ſchloß ihn dieſer plötzlich lebhaft an ſeine Bruſt und rief mit lebendigem Ausdrucke:„Ach, „wie hoch ſind wir doch alle dir verſchul⸗ „det! O, daß wir dir nach deinem Ver⸗ „dienſte danken könnren! Gewiß Nie⸗ „mand hat es mehr zu wünſchen Urſache, nals ich!— Ich will morgen ſchon auf⸗ „brechen— fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort—„denn ich will einen Tag „auf dem Rothenſteine zubringen. Strau⸗ „bing ſoll mich begleiten und du wirſt „mit dem Drapier die Aufſicht über das „Ordenshaus übernehmen.“ Ottur bat zwar ſeinen väterlichen Freund dringend, daß er ihn ſtatt Straubing zu ſeinem Begleiter wählen ſolle, allein der Comthur verſagte ihm die Gewährung die⸗ ſer Bitte um ſo beſtimmter, als Otturs — 1714— lebhaftes Feuer ihn nicht dazu eignete ei⸗ ner Sitzung beyzuwohnen, in welcher nur durch ernſte Mäßigung etwas gewonnen und bezweckt werden könnte. Lange ſchon war der edle Comthur Ada⸗ lott gen Mainz aufgebrochen. Im Zirkel ſeiner Ordensbrüder und an der Seite des würdigen Drapiers waren Ottur die Stun⸗ den verfloſſen, und die bruderlich⸗trauliche Unterhaltung und gemüthliche Ruhe hatte ſo wohlthätig auf ihn gewirkt, daß das Andenken an Armanda ihn weniger ſchmerzte. Da trat eines Morgens Manſur, der bisher die meiſte Zeit auf dem Rothen⸗ ſteine verbracht hatte, zu ihm ins Kloſet und fragte:„Nun, lieber Bruder, willſt „du mich denn durchaus nicht einmal nach „dem Rothenſteine begleiten. Der alte „Graf und Ida haben ſchon ſo oft nach „dir gefragt und Blondell kam ehegeſtern „von einem Zuge durch das Schwaben⸗ „land wieder auf der Veſte an. Der Tag „iſt heute ſo ſchön; komm mit!“ Ottur hatte ſeines Waffenbruders Bitte, ihn dahin zu begleiten, ſchon oft abgelehnt, denn wie ſehr er ihm auch ſein Gluͤck mit Ida von Herzen gönnte, ſo fürchtete er doch ſeine eigene Herzenswunde wieder von neuem aufzureiſſen, wenn er Zeuge der Wonnen und Freuden ſey, die dieſer auf der Rothenſtein genieße. Dieſes Mal ließ er ſich aber bewegen und bald trabten ſie zuſammen durch den Genofeven⸗Forſt der Burg des Grafen Rudolph von ohen⸗ ſtein zu. Recht herzlich war die Freude, die der edle Alte und die ſchöne ſanfte Ida über Otturs Beſuch äuſſerten, und bald eilten Manſur und Ida den Minneſänger auf⸗ — 173— zuſuchen und um ſein Spiel zu bitten. Es währte eine geraume Zeit bis ſie end⸗ lich mit ihm und ſeinem Gefährten in den Saal traten, und nachdem der ſchöne Meiſter noch lange in ſichtbarer Gemüths⸗ bewegung auf ſeinem Inſtrumente prälu⸗ dirt hatte, hob er zuerſt ſeinen Geſang mit ſo ungewiſſer Stimme an, die Ottur nie früher bey ihm bemerkt hatte. „Die deutſche Luft ſcheint zu eurem „Organe nicht zuträglich zu ſeyn, lieber „Meiſter?“ tadelte Ottur freundlich, als der Sänger die erſte Strofe beendigt hat⸗ te, da griff dieſer aber ſchnell einen rau⸗ ſchenden Accord aus den Saiten, erhob ſeine Stimme von neuem und ſang nun mit einem ſo hinreiſſenden, ſchwärmeriſchen Ausdrucke, der Ottur bald von dem Un⸗ rechte ſeines Tadels überzeugte und ſein Herz zu ſchmelzen drohte.— Ida lehnte im ſeeligſten Vorgefühle ihr Haupt an — 174— Manſurs Bruſt uud dieſem ſprangen, von dem herrlichſten Geſange entzündet, mächtig die Pulſe, während in dem alten Grafen ſo ſüße Erinnerungen aufgeregt wurden, daß ſeinen Augen Thränen entquollen. „Ach!“ ſtöhnte Ottur endlich tief auf, doch plötzlich ſchien des Sängers Kraft zu brechen; in der Mitte einer Strophe brach er ab, ſah Ottur mit einem ſchmerzlichen Blicke an, den dieſer für einen Verweis ſeines Tadels hielt, gab ſeinem Gefährten die Harfe, verhüllte mit beyden Händen ſein Antlitz und haſtete eilig aus dem Ge⸗ mache. Alles dies war das Werk eines Augen⸗ blickes.„Himmel! was iſt ihm?“ rief Manſur und eilte mit Ida dem Sänger nach. „Er hat, wie ſein Gefährte ſagt, ſchon „einigemal einen Anfall von Heimweh ge⸗ „habt— berichtete Manſur, als er wie⸗ — 175— derkam—„und du— fuhr er zu Ottur fort—„magſt dieſes mit deinem Tadel „lebhafter in ihm aufgeregt haben.“ „Er reute mich ſchon vorhin!“ verſetzte Ottur über ſich ſelbſt unwillig, beſchloß den Minneſänger aufzuſuchen und um Verge⸗ bung zu bitten, und entfernte ſich auch bald, nachdem Ida wieder in den Saal getreten war, um ſeinen Entſchluß auszu⸗ führen. Er fand den Sänger und ſeinen Gefährten im Burggarten, aber wie hoch ſtaunte er, als er ſah, wie dieſer, gerade als er auf ihn zutreten wollte, Armandas güldne Kette mit dem Agatkreuze unter ſeiner braunen Pilgerkutte aus dem Bu⸗ ſen hervorzog und unter heftigen Thränen küßte! Schnell war Otturs Mitleid in Zorn verwandelt.„Schurke, von wem haſt du „die Kette?“ donnerte er und ſeine Fauſt ballte ſich über des Säͤngers Haupt aber: — 176— „Ach Ottur!“ ſchluchzte dieſer laut, die Maske ſank und Armanda lag in des ſtau⸗ nenden Otturs Armen. „Armanda! Du? Iſts möglich?!“ rief er endlich, als ihn die Ueberraſchung wieder die Sprache finden ließ, preßte die Geliebte mit heißer Inbrunſt an ſeine Bruſt und ihre Lippen begegneten ſich zum ſchmerzlich⸗ ſüßen Kuſſe. „O Himmel, es iſt ſchon verrathen!“ rief Manſur an Idas Hand herzueilend, und als Ottur jetzt aufſah, erkannte er in Armandas Gefährte die ſchlanke Clo⸗ dine, die ihn weinend anlächelte. „Aber, um Gott, theure Armanda, „warum zogeſt du hierher?“ fragte jetzt Ottur, ihr die Thränen von den Wangen küſſend. „Wie kannſt du dies noch fragen?“— verwies ſie ihm ſanft—„Iſt hier nicht — 1 7— „auch ein Frauenkloſter, und bin ich da „nicht näher bey dir?“ „Wie, du wollteſt Nonne werden?“ bebte Ottur. „Ja, Trauter, außer dir kann ich mein „Herz nur dem noch weihen, der uns ſo „wunderbar erhielt. Morgen gehe ich in „das St. Genofeven⸗Kloſter und heute „wollte ich dich noch einmal ſehen.“ „O Gott!“ ſtöhnte Ottur, und ein furchtbarer Kampf hob in ſeinem Innern an.„Armanda!“ rief er wiederholt, und Freude und Schmerz wogten gleich zwey feindlichen Wellen in ſeiner Bruſt. „Bruder!— nahm jetzt Manſur das Wort—„Verliere noch nicht allen Muth! „Daß Armanda hier iſt, iſt der Anfang „meines Werkes und du weißt ich bringe „meine Pläne gerne raſch zu Ende.“ „O Manſur!— rief Ottur ihn an ſeine Bruſt ziehend—„Ich danke dir für dei⸗ Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. 12 — 178— „nen bruderlichen Willen, aber dieſes Glück „kann mir nimmer beſchieden ſeyn!“ „Zweifle wenigſtens nicht eher an der „Möglichkeit bis dieſe zur Gewißheit ge⸗ „worden iſt oder nicht, was ſich mit mei⸗ „nes Oheims Rüuckkehr von Mainz ent⸗ „ſcheiden wird. Jetzt aber hilf uns Ar⸗ „manda bitten, daß ſie wenigſtens noch „bis dahin von ihrem Entſchluſſe, in das „Kloſter zu gehen, abſteht!“ verſetzte Manſur. 1 „Armanda!“ wollte Ottur flehen, aber wie erſchrack er, als er jetzt gewahrte, daß er dieſe, vom Schmerze überwältigt, bewußtlos in ſeinem Arme hielt? Ihr Auge war geſchloſſen und ihre Wange bleich. „Ach, das Fräulein!“ jammerte Clo⸗ dine und im höchſten Schmerze rief Ottur: „O Armanda, erwache!“ Er preßte einen Flammenkuß auf ihre kalten Lippen, aber — 179— umſonſt, immer tiefer und dunkler ver⸗ breiteten ſich der Ohnmacht ſchwarze Fit⸗ tige über ſie. Ida wollte durch ihr Riech⸗ fläſchchen, das ſie am Gürtel trug, helfen, allein auch dies war vergeblich, und erſt als ſie Ottur auf ſeinen Armen hinan in die Pfalz getragen, und auf Idas Ruhe⸗ bett niedergelegt hatte, begann ſie ſich all⸗ mählig zu erholen.— Ottur kniete neben ihrem Schragen und bedeckte ihre Hände mit ſeinen Küſſen, während Ida und Clo⸗ dine beſchäftigt waren, ihr, durch Löſung ihrer Kleider, Luft zu ſchaffen. Endlich athmete ſie tief und ſchlug die Augen auf. Ihr erſter Blick fiel auf Ottur. Sie zog ihn ſanft zu ſich, liſpelte leiſe:„Lebe wohl!“ bot ihm noch einmal die Lippen und winkte ihm nun ernſt, ſich zu ent⸗ fernen. Mit ſchrecklich zerriſſenem Herzen eilte er daher mit Manſur aus dem Gemache, 12* — 180— doch verließ er die Rothenſtein nicht eher, bis ihm von Ida die tröſtende Kunde ge⸗ worden war, daß Armanda ſich wieder völlig erholt habe. „Aber warum habt ihr mich denn ſo „getäuſcht mit der Verkappung?“ fragte Ottur ſeinen Waffenbruder, nachdem er lange auf dem Rückwege nach der Com⸗ thurey ſtumm neben ihm hergeritten war. „Die Urſache, lieber Bruder, mußt du „wohl in der Heftigkeit von Armandas „Liebe zu dir ſuchen. Mit der Verkap⸗ „pung legte ſie ſich ſelbſt einen Zwang „auf, der ihr um ſo nothwendiger ſchien, „als ſie die Allgewalt ihrer Leidenſchaft „und die Schwäche ihres Geſchlechtes kann⸗ „te. Daß die Täuſchung gelinge, hat ſie „auf meiner Montfort ſchon erprobt und „die Freude darüber und daß ſie nach „meinem Rathe und Anerbieten ſo in dei⸗ „ner Nähe bleiben kann, war es eigent⸗ — 181— „lich, die ſie zu jener Dankesäuſſerung „hinriß, in welcher du ſie und mich in „jener Laube meines Burgzwingers be⸗ „lauſcht haſt!“ verſetzte Manſur und jetzt konnte ſich auch Ottur die Bedeutung je⸗ nes ernſten Blickes von ſeinem Waffen⸗ bruder, auf welchen Armanda an eben je⸗ nem Abende ſo ſchnell achtete und noch ſo manches andere erklären, was bisher im⸗ mer noch einen leiſen Zweifel gegen ihre und ſeines Waffenbruders Treue im Hin⸗ tergruude ſeiner Seele zurückgelaſſen hatte. Er drückte Manſurs Rechte mit lebhafter Wärme und dankte ihm wiederholt für ſeine brüderliche Liebe. Die Nacht war ſchon hereingebrochen, als ſie in dem Tempelhofe anlangten, in welchem ſie zu ihrem größten Erſtaunen den Verſammlungsſaal hell erleuchtet fan⸗ den. 1 „Der hochwürdige Comthur iſt ange⸗ — 182— „kommen!“ riefen ihnen einige Knappen freudig zu, und mit bangem Herzen eilte Ottur mit Manſur in die Verſammlung. Die Freude ſtrahlenden Blicke ſeiner Or⸗ densbrüder und noch mehr der freudige Willkomm des edlen Comthurs ſelbſt lie⸗ ßen Ottur bald errathen, daß der Be⸗ ſchluß der Synode zu des Ordens Wohl und Glück und alſo zu ſeinem perſönlichen Unglücke ausgefallen ſeyn müſſe. Er irrte ſich nicht, denn der würdige Comthur be⸗ richtete ihm jetzt, daß die Unſchuld des Srdens anerkannt und allen deutſchen Templern von den Fürſten und dem Kai⸗ ſer völlige Freiheit ihrer Rechte und Sta⸗ tuten zugeſtanden worden ſey. Ottur äuſſerte zwar lebhaft ſeine Freu⸗ de über den Sieg der Unſchuld und des Rechtes, aber es entging doch keinem ſei⸗ ner Ordensbrüder, daß ſeine Freude nicht ſo recht aus dem Grunde ſeines Herzens — 183— kommen könne. Auch ſchlich er bald tief⸗ aufſtöhnend in ſein Kloſet, während Man⸗ ſur noch ſeinem Oheime in deſſen Kabinet nachfolgte. Einſam, den Kopf in die Hand gewor⸗ fen, ſaß Ottur am folgenden Abende an dem Tiſche in ſeinem Gemache und heftete ſein naſſes Auge auf Armandas blaue Schärpe, da hörte er plötzlich ſtarkes Pfer⸗ degetrappel über die Zugbrücke donnern. Er wollte fort um zu ſehen wer angekom⸗ men ſey, da trat aber der ehrwürdige Drapier zu ihm ins Gemach und ſagte, indem er ihm einen verſiegelten Brief hin⸗ reichte:„Ich ſoll euch, mein edler lieber „Ottur, im Namen unſeres hochwürdigen „Comthurs dieſen Brief behändigen. Ihr „ſollt ihn leſen und morgen frühe wieder „verſiegelt an mich zurückgeben. Zuvor — 184— „aber ſollt ihr mir mit eurem Worte ver⸗ nſprechen gegen Jedermann, auch gegen „mich und den Comthur von ſeinem In⸗ „halte zu ſchweigen bis in das Grab!“ Ottur ſtaunte um ſo höher, als er den Brief auf den erſten Blick, als denjenigen erkannte, den er ſelbſt dem Comthur von ſeiner ſeeligen Muhme Beata überbracht hatte, doch verſprach er, was der Drapier von ihm verlangte, und dieſer ging, nach⸗ dem er ihm zuvor noch gemeldet hatte, daß er ſich auf kommenden Morgen zu f einem Ausritte mit dem Comthur bereit halten ſolle, wieder weg. Neugierig er⸗ brach Ottur ſogleich den Brief und las: 3 Beata von Waldburg an den Com⸗ thur Adalott von Thurn. 1304. Wenn du dieſe Zeilen lieſeſt, Adalott, bin ich nicht mehr. Unſer S hn bringt ſie dir. Daß ex nichts von der Verirrung weiß, die ihm das Leben gab, darf ich dir nicht erſt ſagen. Weil ich ihm das Andenken an ſeine Eltern rein erhalten wollte, habe ich ihn als meinen Neffen erzogen. Runold, meines ſeeligen Vaters Leibknappe, der treue Runold hat mir auch darin treulich beygeſtanden. Erndte du nun, was ich mit treuer Hand für dich geſäet und denke dabey meiner, die dann ſchon an Gottes Thron um Gnade und Seelenfrieden für dich bittet. Einſt werden wir uns wiederſehen durch kein Gelübde mehr getrennt, ſeelig vereinigt durch die ewige Liebe. Poſtſcriptum. Daß Gunhilde, Giſellas jüngſte Zwil⸗ lingstochter vor einem halben Jahre ſtarb, wirſt du durch deinen Vetter und Schwa⸗ ger, den Grafen Montfort, ſchon erfahren haben. Gott erhalte ihm Armanda, das — 186— nun noch einzige Pfand ſeiner Liebe zu der unglücklichen Giſella!— Unſerm Ot⸗ tur ertheilte er hier den Ritterſchlag. „O Gott!““ rief Ottur, als er zu Ende geleſen hatte, und verſiegelte unter ſtrö⸗ menden Thränen wieder den Brief.„Ach, „ſo war meine Ahnung gegründet!— O „Beata, du warſt alſo wirklich meine „Mutter; er mein Vater! Und Armanda d„du, Gunhildens Zwillingsſchweſter? O! — fuhr er im Strome der aufgeregten Empfindung fort—„ſo war er ſelbſt der „Templer, deſſen Geſchichte er uns er⸗ „zählte und Montfort ſein Vetter!— „Ach, mein Vater!“ rief er, und eine nie gefühlte Wonne durchbebte ſein In⸗ nerſtes; aber heftig loderte auch die Flamme der Liebe zu Armanda in ihm auf und lößte bald ſein glückliches Gefühl in ſchmerzliche Wehmuth. Er ſehnte ſich ſeine Empfindungen an der Bruſt Man⸗ ſurs, der, wie er jetzt wußte, Armandas Stiefbruder und ſein Vetter war, aus⸗ ſtrömen laſſen zu können, allein vergeb⸗ lich ſuchte er ihn auf; er war ſchon am frühen Morgen ausgeritten und noch nicht wiedergekehret. In die eigene Bruſt mußte daher Ottur ſein Gefühl zurückdrängen, und dies that ihm um ſo weher, als er einſah, daß es um ſeiner und ſeines Va⸗ ters Ehre willen nöthig ſey. Lange hielten ihn ſeine Empfindungen wach. Gegen Tag entſchlummerte er erſt, und es war ſchon ſpät am Morgen al ſein Wappner Rolf ihn weckte und freund⸗ lich mahnte, daß der hochwürdige Comthur ſchon ſeiner zum Ausritte harre. Die freudige Haſt, mit welcher Rolf ihn bald darauf wappnete, ſiel Ottur auf, er fragte nach der Urſache, und treuherzig ſagte der Knappe:„Ach Herr, Clodine iſt „ja mit uns aus der Provence hierher ge⸗ „zogen. Sie haben euch und mich recht „genarrt. Wenn Clodine nicht ſo ſchön „und gut wär' ich thät's ihr mein Seel „nimmermehr verzeihen. Element, hätte „das eine ſüße Fahrt ſeyn können! Nun, „ich wills ſchon einbringen, denn—“ Eben trat der Drapier ein und ver⸗ langte von Ottur den Brief. Er übergab ihm denſelben und wollte nun noch ſeine Dalmatika über die feſtgeſchnallte Rüſtung hängen, aber:„Laßt ſie liegen, lieber „Ottur— ſagte der Drapier—„der hoch⸗ „würdige Comthur und ich laſſen ſie auch „zu Hauſe!“ „So reitet ihr mit, edler Albert?“ fragte Ottur. „Ja, eilet nur, die Roſſe ſind ſchon „lange vorgeführt!“ drängte der Drapier und ging jetzt mit ihm zu dem Comthur, der Beyde mit vieler Heiterkeit empfing, und ſogleich mit ihnen in den Hof hinab⸗ ſchritt und aufſaß. Es ſchien Ottur ſo ſtill und leer in der Comthurey, daß er den Drapier aufmerkſam machte. „Die meiſten Brüder benützen das „ſchöne Wetter und ſind ſchon frühe aus⸗ „geritten!“ erwiederte ihm dieſer, und von Rolf gefolgt, zogen ſie, den Comthur in die Mitte nehmend, jetzt über die Zug⸗ brücke aushin. Sie nahmen ihren Weg nach dem St. Genofeven⸗Forſte und bald hob der Com⸗ thur zu Ottur an:„Deine Freude, mein „Sohn, über die Nachrichten, die ich mit „von Mainz brachte, war nicht ſo lebhaft, nals ich ſie erwartet habe, aber du hatteſt „im Grunde Recht, denn es iſt doch auch „ein Tropfen Wermuth unſerer Freude „beygemiſcht worden, den ich dich aber „geſtern noch nicht koſten laſſen wollte. „Der Papſt hat nämlich zwar nicht im „Wege der Verdammung, aber aus eige⸗ — 190— „nem Willen, Antrieb und Macht unſern „Orden dahin aufgehoben, daß diejenigen „Mitglieder, die ihre Schuld bekennen, „Verzeihung erhalten und, nach ſeinem „Rathe, zum Orden der Johanniter tre⸗ „ten, diejenigen aber, welche hartneckig „ihre gänzliche Unſchuld behaupten, von „den Fürſten eingezogen und beſtraft wer⸗ „den ſollen. Obgleich dieſer Befehl des „Papſtes höchſt ungerecht iſt und mit dem „Beſchluſſe der Synode im offenbaren Wi⸗ „derſpruche ſtehr, ſo iſt er doch von den „deutſchen Fürſten dahin angenommen wor⸗ „den, daß wir zwar ungekränkt ſeyn, aber „uns dazu verſtehen ſollen, uns mit den „Johannitern zu verkörpern und ihren „Großmeiſter auch als den unſerigen an⸗ „zuerkennen. Wir konnten bey der vielen „Milde, mit der uns der Kaiſer und die „Reichsfürſten behandelten, dieſem Wun⸗ „ſche um ſo weniger widerſprechen, als *8 — 191— „die Ordensgelübden und Statuten der „Johanniter nicht weſentlich von den un⸗ „ſerigen verſchieden ſind. Doch haben ſich „mit mir noch zwey Comthuren dahin er⸗ „klärt, daß wir, als die älteſten Ordens⸗ „beamten in Deutſchland, mit vierzig von „uns zu wählenden Ordensrittern, in der „Görlitzer Comthurey unbeſchränkt als „Templer unſer Leben beſchließen, aber „keine neuen Mitglieder aufnehmen wol⸗ „len, was uns von dem Kaiſer auch zu⸗ „geſtanden wurde. Dir, mein lieber Ot⸗ „tur, ſtehet es nun frey mit mir, der ich als Oberprior des Görlitzer Tempelhofes „gewählt wurde, dahin zu ziehen, oder „auch mit den Brüdern der hieſigen Eom⸗ „thurey zu den Johannitern zu treten. „Straubing und vier andere unſerer Brü⸗ „der haben es mit Albert hier vorgezogen „mir nach Görlitz zu folgen; die Uebrigen „ſind entſchloſſen den weißen Ordensman⸗ — 192— „tel mit der rothen Johanniter⸗Dalmatika „zu vertauſchen. Meiner Anſicht nach wäh⸗ „leſt du nun auch beſſer das Letztere, „denn obgleich ich dich gewiß gerne um „mich hätte, ſo iſt es doch deiner Jugend „angemeſſener, wenn du dich zu der Par⸗ „they wendeſt, bey welcher du am meiſten „wirken und handeln kannſt. Ich kann „dich auch dem jetzigen Großmeiſter der „Johanniter empfehlen, und da überdies nein neuer Kreuzzug, zu deſſen Unterſtü⸗ „tzung ein anſehnlicher Theil unſeres Or⸗ „densſchatzes beſtimmt iſt, feſt beſchloſſen „wurde, ſo wirſt du endlich das Ziel dei⸗ „ner Wünſche, die dich dazu bewogen dem „Tempelorden beyzutreten, als Johanniter nerreichen, und dein Leben dem Kampfe „für Religion und Glauben weihen kön⸗ nnen. Noch hatte der Comthur nicht ausge⸗ redet, da ſtimmten die Glocken des nahen — 193.— St. Genofevenkloſters ein ſchönes Feſtge⸗ läute an, und der Drapier hielt einen Augenblick und redete mit dem nachtraben⸗ den Rolf einige Worte, worauf dieſer im ſchnellſten Galoppe voraus dem Kloſter zus jagte. Tief hatte indeſſen Ottur auf des Com⸗ thurs Rede aufgeſtöhnt und als er ihm jetzt zu antworten im Begriff war, fragte dieſer den Drapier:„Wo haſt du den „Knappen hingeſandt, lieber Albert?“ „Ins Kloſter! Es ſoll, wie ich geſtern „hörte, eine Novitze heute eingekleidet „werden, und ich denke wir wohnen der „Feſthandlung bey. Rolf wird uns ein „Zeichen geben wenn die Kunde wahr iſt. „Ja, ſieh, er winkt!“ erwiederte der Dra⸗ pier, und raſch wandte der Comthur ſein Roß und hielt bald mit ſeinen beyden Begleitern vor dem Kloſter. 13 Ottur von Waldburg. Zweit. Thl. — 194— Ottur wurde bey des Drapiers Worten wie vom Donner gerührt.„Gott, wenn „es Armanda wäre!“ ſtöhnte er und ſchritt jetzt halb bewußtlos dem Comthur und dem Drapier durch die offene Kloſterpforte nach. „Wer iſt die Nonne, die eingekleidet wird?“ fragte er halblaut und von ſchrecklicher Angſt gefoltert, einen Knappen, der unter dem offenen Portale der Kirche ſtand und ehr⸗ erbietig vor dem Comthur und dem Dra⸗ pier auswich. „Sie iſt aus der Provence!“ erwiederte ihm dieſer. „ Ach!“ klagte Ottur, von der Wahr⸗ heit ſeiner Ahnung überzeugt, im tiefſten Schmerze. Er wankte und kalter Angſt⸗ ſchweiß triefte von ſeiner Stirne; aber in dem Augenblicke wandte ſich der Comthur zu ihm zurück, faßte ihn an der Hand und rief, indem er mit ihm in die hehe⸗ ren Hallen trat:„Sohn, warum warſt „du nicht aufrichtig gegen mich? Warum „haſt du das väterliche Herz durch Miß⸗ „trauen gekränkt? Doch die Strafe dafür „ſey mit deinem Leiden und deiner Angſt „geſühnt, und wohl mir, daß ich dir lohnen „kann wie es mein Herz ſich wünſchte!“ Kaum traute Ottur ſeinen Sinnen, als er die Worte ſeines Vaters hörte und die Geſtühle der Kirche mit ſeinen Ordensbrü⸗ dern angefüllt und alles aufs feſtlichſte ge⸗ ſchmückt ſah. „Ueberzeuge dich, daß es wenigſtens nicht „an meinem Vaterherzen gelegen, wenn du „nicht glücklich wirſt!“ fuhr der Comthur fort, als ſie durch die Reihen der Ordens⸗ brüder dem Altare zugeſchritten waren, und legte ihm ein Pergament, das er unter ſeinem Harniſche hervorzog und mit St. Peters Fiſcherring beſiegelt war, in ſeine Hand. Ottur entfaltete es und las die päpſt⸗ 13 1r — 196— liche Dispenſation von ſeinem Ordensge⸗ lübde. „Deine eigene Thaten haben am mei⸗ „iſten dazu beygetragen, daß ich ſie dir ſo —„ſchnell auswirken konnte!“ ſagte der Com⸗ thur und;„Vater!“ ſtammelte Ottur al⸗ . ler Worte beraubt, da riſſen Straubing und der Drapier die Flügelthuͤre der Sa⸗ kriſtey auf und heraustraten vor den ker⸗ zenflammenden Altar der ehrwürdige Or⸗ denskapellan im feſtlichen Ornate. Freu⸗ denthränen in den Augen folgten ihm der alte Graf von Montfort, der am verfloſſe⸗ nen Abende auf der Comthurey angekom⸗ men war und führte, herrlich geſchmückt, den Myrthenkranz in den Rabenlocken, ſchön wie eine holde Charis, Armanda an der Vaterhand. Ihm nach ſchritten Man⸗ ſur mit ſeiner bräutlich geſchmückten ſanf⸗ ten Ida und dem alten Grafen Rothen⸗ 4 ſtein nebſt Rolf mit der lieblichen Clodine. 8 — 197— Aber kaum wollte Ottur ſeinem Auge trauen, als er ſeinen treuen Waffenbruder Runold den Zug ſchließen ſah. „Ihr habt ſie euch redlich erkämpft!“ ſagte der alte Montfort als jetzt Armanda dem Ueberglücklichen an das Herz ſank. „Armanda!“ jauchzte er unter den Küſſen der glühenden Braut und„Bruder!“ rief Manſur„Gleiches mit Gleichem; ich habe „deinen Verrath an meiner Liebe bezahlt!““ „Treuer Bruder!“ dankte Ottur ihn küſſend, und:„Vater!“ rief er dann nach dem Comthur und dem alten Mont⸗ fort mit dankbarer Liebe die Arme aus⸗ breitend. „Ja, Vater!“ ſprach der Comthur— das Paar mit freudiger Rührung um⸗ ſchlingend—„wohl mir, daß ich eines „ſolchen Sohnes Vater bin!“ Der alte Montfort aber ſagte, ſich der Gruppe an⸗ ſchließend:„Eure Tugend, Kinder, und „euer Glück tritt verſöhnend zwiſchen eure „Wäter und die Sünden ihrer Vergangen⸗ „heit, und wenn einſt im Kreiſe weinen⸗ „der Enkel der Todesengel uns nahet, ſo „wird er freundlich lächeln, und auf den „Flügeln eurer Gebete werden unſere See⸗ „len hinauf ſchweben zum Throne eines „gnädigen Richters und zu euern Müt⸗ „tern!“ „Amen!“ ſchluchzte der treue Runold, der auf Otturs, ſeines Zöglings Rechte, weinte, und innig umſchlang ihn dieſer jetzt und rief:„O du lieber, treuer Mei⸗ nſter⸗ „Wollte Gott!— wünſchte noch der Comthur, mit naſſem Auge zu den Or⸗ densrittern gewandt—„die Auflöſung „unſeres Ordens würde jedem von euch „die Pforte zu ſeinem Glücke öffnen, wie „ dieſem, eurem Bruder!“ Und:„Brüder!“ rief Manſur den — 199— Templern zu—„Die Liebe iſt traun der „ſchönſte Glaube, und wollt ihr für einen „Glauben kämpfen, ſo thut es mir und „eurem Bruder nach, und kämpft und lebt „und ſterbt für ſie!“— Da hob plötzlich ſanft melodiſches Orgelgetöne an und von dem Chore der Nonnen begleitet, ſchwebte ein heiterer Feſtgeſang durch die heheren Hallen, denn Idas Verwandte, die fromme Aebtiſſin, wollte die Stunde noch ſchöner verherrlichen, und von glühender Sehn⸗ ſucht durchbebt, ſanken während demſelben Armanda mit Ottur und Ida mit Man⸗ ſur neben einander, und hinter ihnen, an Rolfs Seite, die weinende Clodine, die treue, liebliche Zofe, auf die Stufen des Traualtars nieder. —ℳ— ——— — Bei Tobias Löffler in Mannheim ſind folgende allen Leihbibliotheken und Freun⸗ den der Lektüre vorzüglich zu empfehlende Schriften erſchienen und durch alle Buch⸗ handlungen zu haben: Bothe, Fr. H., Schauſpiele. 8. 3fl.— 1 Thlr. 16 gr. —— der Dedipiden Fall, oder die Brüder. Dramatiſches Gemaͤlde der Griechenwelt, in 5 Abtheilungen. 8. 1 fl. 20 kr.— 20 gr. Graf Conrad von Worms, oder der Sturm nuf d. Rheine. Ritterroman von J. Falckh. 2 fl.— 1 Thlr. 8 gr. Männerſchule, die, Luftſtiel in 3 Abtheilun⸗ xen nach Molliere, bearbeitet von F. H. othe. 8. 40 kr.— 10 gr. Monimia, Trauerſpiel in 5 Abthrilungen nach Otway, bearbeitet von F. H 52 othe. 8. — 16 gr. Otto, Graf von Nordheim, Herig von Baiern, eine Geſchichte aus dem 11ten Jahrhundert dramat. bearbeitet. 8. 1 fl.— 16 gr. Ritter Raimunds Fahrten, Abentheuer und 5 Schickſale, oder der heilige Bund im Fels⸗ thale. Eine Rittergeſchichte aus den Zeiten König Artus und der Tafelrunde. 8. 1 fl. 30 kr.— 1 Thlr. Schatzkaͤſtlein, neues, fur Freunde munterer Laune und heitern Sinnes. Eine Samm⸗ lung der ausgefuchteſton und neueſten Ge⸗ ſellſchafts⸗, Karten⸗, Sprichwörter⸗ und Pfaͤnderſpiele; Rätyſel, Charaden, unter⸗ haltende Kunſtſtücke, Aneldoten„Toaſte, und die vorzüglichſten Geſellſchaftslieder für frohe Zirkel. gr. 16. geb. 1 fl. as kr.— 1 Thlr. Weyrwolf von Wolfſtem, oder der Todtenhü⸗ 8 inzden ſchwarzen Ruinen des Rüdhorſtes. Ritterroman aus den Zeiten des 14ten Jahr⸗ hunderts. Vom Verfaſſer des Adolf von Bom⸗ ſen. 2 Bände. 8.„ 3 fl.— 2 Thlr.