Leihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. 9. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . SLeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ruckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e den angenommen.— 8 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. p 4. Abonnement. Daſſelbe imuß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mkr. 50 Pf. 2 Mer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüuckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Alle Bewohner der Veſte lagen trauerer⸗ müdet im erſten, tiefen Schlaf und tiefe Stille herrſchte in der ganzen Burg; ſelbſt kein Nachtvogel und kein Thurmfaͤhnlein unterbrach mit einem Aechzen oder Girren das traurig öde Schweigen, und auf des 4* jungen Otturs Antlitz war der Ausdruck des innigſten Seelenſchmerzes nicht zu ver⸗ kennen, denn Frau Beata, die er ſeine — Muhme genannt, aber mit der kindlichſten Liebe verehrt hatte, war vor zween Tagen 3 tonde Sie war die Beſitzerin der Burg und Ottur, den ſie von ſeiner früheſten Kind⸗ heit auferzogen und ihm durch Ernſt und Milde Vater und Mutter zugleich zu ſeyn ſich beſtrebt hatte, zum Erben aller ihrer Habe ernannt; doch hatte ſie ihm noch in ihrer Sterbeſtunde ein Schreiben an den Grafen Adalott von Thurn gegeben und den Wunſch geäußert, daß Ottur nach ddem Nathe dieſes würdigen Mannes, der Comthur und Marſchall eines Tempelhofes in Schwaben war, ſeine Lebensbahn wei⸗ ter verfolgen möge. In dieſem letzten Wilzen der edlen Frau Beata lag aber die Erfüllung von Otturs lebhafteſtem Wunſche, denn ſeitdem Gunhilde, ſeine treue Jugendgefährtin, die er mit allem Feuer der erſten Minne liebte, vor einem halben Jahre von ſtillem, geheimnißvollem Sehnen verzehrt, dem Herrn entſchlafen war, trieb es den kraftvollen Jüngling mit unwiderſtehbarer Sehnſucht im leben⸗ digen Gewühle der Welt ſeinen Schmerz über den unerſetzlichen Verluſt zu ver⸗ ſcheuchen und durch raſtloſe Thätigkeit wie⸗ der die Ruhe ſeines Gemüthes zu gewin⸗ nen. Da ihm aber mit Gunhildens Tod auch alle Freuden abgeſtorben waren; ſo glaubte er ſein Ziel am ſchnellſten und vollkommenſten zu erreichen, wenn er ſein Leben dem Kampfe für Religion und Glauben weihe, und da er von Runold, ſeinem alten Waffenmeiſter, längſt gehört hatte, daß ein ſolches Kämpfen der Zweck des Ordens der Tempelritter ſey, ſo glühte auch lange vor Frau Beatens letzter Wil⸗ 1 8 lenserklärung heiß das Verlangen in ihm, ſich dieſer Verbindung anſchließen zu können. Schon auf den kommenden Morgen hatte er daher ſeine Abreiſe nach der Comthurey des Grafen Adalott feſtgeſetzt und ging eben in der Abſicht nach der Kapelle, um in der Gruft noch einmal an den Särgen ſeiner geliebten Gunhilde und ſeiner Muhme zu beten und Abſchied zu nehmen. Er fand zu ſeinem Staunen das Por⸗ tal der Kapelle offen, und als er nicht ohne leiſes Grauen in die heheren Hallen eintrat, ſah er den greiſen, ehrwürdigen Pater Bernhardus auf den Stufen des 4 Hochaltares knieen. Schweigend grüßte er den frommen Burgpfaffen und ſchritt an ihm vorüber nach dem Eingange der Gruft, wo ihm ein friſcher Leichengeruch entgegen⸗ wehte, der beinahe ſeine Kerze erloſch. Er blieb einige Minuten unter der offenen Pforte ſehen, um friſchere Luft eindrin⸗ = gen zu laſſen, und ſchritt dann uͤber d— breiten, ſteinernen Stufen hinab in das Gewölbe, in welchem die irdiſchen Ueber⸗ reſte der theuern Verblichenen verweſten. Hier ſtellte er ſein Licht auf den ſchwarz⸗ umhängten Sarg ſeiner Muhme und kniete ſich zwiſchen ihm und Gunhildens Sarg zum brünſtigen Gebete nieder. „Lebt wohl ihr theuern Reſte, in denen „die edlen Seelen meiner liebſten Ange⸗ „hörigen wohnten!“— ſprach er, nach⸗ dem er ſein Gebet vollender hatte und fuhr, indem er ſeine Hände auf Beatens Sarg legte, fort:„Du, liebe Muhme, „haſt ſo viel für mich gethan, du warſt „mir mehr, als Mutter! O blicke herab „auf mein dankbares Gemüth und ſtärke „und leite mich fürder, damit ich deinen „Lehren getreu und deiner mütterlichen „Fürſorge würdig bleibe, ja, daß du mir „einſt, wenn wir uns jenſeits wieder ſn⸗ — 3— „den, mit zufriedenem Lächeln entgegen „kommen und mich denen zuführen kannſt, „welchen ich mein Daſeyn verdanke und „deren Stelle du ſo vollkommen und treu „an mir vertrateſt. O, edle Beata, dich „habe ich oft im Stillen meine Mutter „genannt, und gewiß du warſt es, du „verdienteſt von mir dieſen Namen. Ewi⸗ „ger, verleihe ihr die Freuden des Him⸗ „mels um meinetwillen!“ ſprach er, und eine Thräne der Dankbarkeit glänzte in ſeinem Auge. Jetzt aber wandte er ſich an Gunhildens Sarg und rief mit heißer Sehnſucht:„O Gunhilde, mein theures, „ſanftes Lieb, hier liegſt du kalt und „todt! O hätte ich mit dir ſterben kön⸗ „nen! Nie zwar, Theure, haſt du mir's „geſagt, daß dein Herz auch mir gehöre, naber wenn deine Hand auf meiner Stirne „ruhte, dann ſtrahlte auch dein Auge, „und gewiß, es ſtrahlte Liebe. Deine „Lippen durfte ich erſt kuüſſen, als ſie vom „nahen Tode ſchon erbleichten, aber ach! „der Kuß, er band auf ewig mich an „dich! Dein ſtilles Sehnen, dein ſtiller „Schmerz war mir heilig und du haſt „mich deines Vertrauens nicht gewürdigt; „doch wenn ich trauernd dir zur Seite „ſtand, weil ich dich trauern ſah, da preß⸗ „teſt du oft meine Hand und lehnteſt dich „an mich, und auch dadurch ward mir's „kund, du liebteſt mich! Und, o Gun⸗ „hilde, meine Liebe erkaltet ſelbſt im „Grabe nicht!“ So rief der ſchmerzerfüllte Jüngling, ſchlang in heißer Sehnſucht ſeine Arme kräftig um den Sarg, lehnte ſein glühendes Haupt und ſeine ſtürmende Bruſt auf die kalte Todtenbahre der Ge⸗ liebten, tränkte mit einem Thränenſtrome des Sarges ſchwarze Decke und fuhr nach einer Pauſe fort:„O Gunhilde, dein „Herz ſchlug für mich, erhalte mir, du „theures, trautes Lieb auch jenſeits deine „Minne, denn ach, mein erſter Gedanke „in jener Welt wird Sehnen nach dir „ſeyn und hier, hier ſchwört Otrur dir”’— „Schwöret nicht!“ unterbrach ihn eine ernſt mahnende Stimme und ſanfte melo⸗ diſche Laute, gleich dem ſterbenden Ackorde einer Aeolsharfe, die unmittelbar aus dem Sarge zu kommen ſchienen, begleiteten die Mahnung. Die Schloßuhr ſchlug draus zwölf. Ottur fuhr erſchrocken auf und lauſchte regungslos, wie die ſüßen Töne in der Gruft verhallten, dann aber rief er weh⸗ müthig:„Und warum, warum ſoll ich „nicht ſchwören? Mein Vorſatz ſteht ja „doch ſo feſt und wie könnt' ich dich, Gun⸗ „hilde je vergeſſen? Nein, du kannſt es „nicht verhindern wollen, daß ich an dei⸗ „nem Sarge in dieſer feierlichen Stunde „ſchwöre”“— —— „Nein Herr, ſchwöret nicht!“— trat 4 der greiſe Pater Bernhardus hinter Ottur hervor—„Was ihr thunk wollt, thut „und erfüllet ohne Schwur und laßt die „Todten ruhen!“ fuhr der Prieſter fort, zog den Jüngling neben ſich in die Knie nieder und betete mit entblößtem Haupte für die Ruhe der Abgeſchiedenen ein from⸗ mes Paternoſter. Hierauf aber erhob er ſich und fuhr zu Ottur fort:„An dieſer „Stätte, lieber Herr, da blüht uns ſüße „Hoffnung, denn jenſeits giebts ein Wie⸗ „derſehen; darum ſollt ihr nicht durch „unmäßige Trauer und Sehnſucht die „Ruhe der Todten ſtören, ſondern wendet „euern Sinn jetzt auf das Leben, in „welchem ihr noch handeln müßt um durch „edle Thaten euch gleich den theuern Ab⸗ „geſchiedenen die Himmelskrone zu verdie⸗ „nen. Eure Muhme, glaubt es mir, hat „ſchwere Prüfungen hienieden beſtanden 9 „und es nicht um euch verdient, daß ihr „ihre Ruhe unterbrecht und wenn ihr „Gunhilde, eure ſanfte, fromme Baaſe „liebtet, ſo dürft ihr derſelben auch nicht „lieblos den Genuß der Himmelsfreuden „trüben. Ach Ottur, Gunhilde hat euch „auchtgeliebt, aber Gott der Herr hats „wohl mit ihr gemeint, denn ihre Liebe „war nicht von dieſer Welt und jenſeits „werdet ihr den reinen Engel wiederfinden, „der ſie hier ſchon war. Ja bewahret „Beyde treu in eurem Andenken, ſie haben „es Beyde gewiß um euch verdient und „der Ewige lenke es, daß ihr dereinſt ſo „rein und ſchuldlos aus dem irdiſchen „Leben ſcheidet, wie euer ſchönes, ſanftes „Lieb. Doch jetzt laßt der Trauer genug „ſeyn und folgt mir zum Altare, damit „ich euch Gottes Segen zu euerm baldi⸗ „gen Auszuge ertheile!“ 6 Noch einmal ergriff Ottur die ſchwarzen —,— —,— —— —— Decken, mit welchen die beyden Särge überhängt waren, preßte ſie an ſeine Bruſt und rief ſchmerzlich:„Ruhet ſanft! „Gott gebe, daß ich dereinſt an eurer „Seite ruhe!“ Jetzt aber nahm er ſeine Kerze von Beatens Sarg und ſchritt dem frommen Bernhardus in die Kapelle nach, wo dieſer ſich mit ihm auf die Stufen des Altares niederkniete und nachdem er ein langes Gebet beendigt hatte, über den jungen kräftigen Helden ſegnend die Worte ſprach: „Der Herr geleite euch, der Herr ſchütze „euch und ſey bey euch auf allen euern „Wegen, Amen!“„ Da war es Ottur, als werde ihm ein warmer Kuß auf ſeine Stirne gehaucht und ein wunderlieblicher Duft wehte an ihm vorüber. Ein inniger Minneſchauer durchdrang 1 ſeine Glieder und leiſe bebte der Name Gunhilde von ſeinen Lippen. Die Schloß⸗ uhr ſchlug draus Eins. „O Gott!“ ſtöhnte der Ritter tief, ſchlug dreimal an ſeine Bruſt, warf einen ſehnſuchtsvollen Blick gen Himmel und ſchritt jetzt mit dem Pater aus den düſtern Hallen der Kapelle in ſein Schlafgemach zurück. „Lebt wohl, lieber Meiſter!“ mit die⸗ ſen Worten trat Ottur am kommenden Morgen in ſeiner glänzend ſchwarzen Rü⸗ ſtung, einen goldenen Helm, in der Ge⸗ ſtalt eines Löwen und mit großen weißen und ſchwarzen Schwungfedern verziert, auf dem Kopfe; von einem maͤchtigen Ritterſchwert, mit goldnem Löwengriff um⸗ gürtet; und eine dünne, goldne Kette, in deren Mitte ein wunderſchön gearbeitetes Agatkreuz hing und welche früher Gun⸗ hildens Hals und Buſen ſchmückte, um die gepanzerte Bruſt, in des alten Runolds Gemach und bot dem guten Waffenmeiſter die Rechte zum Abſchiede. Innig ſchloß der würdige Greis den geliebten herrlichen Zögling in ſeine Arme und ſagte:„Werde „ſo glücklich, lieber Ottur, wie es dein „reines, edles Herz verdient!“ Schneller floſſen die Thränen des Grei⸗ ſes, die über Frau Beatens Tod noch nicht verſiegt waren.„Du ziehſt jetzt hin⸗ „aus in die Welt— fuhr er fort— wie „es dem jungen Ritter geziemt; du wirſt „Gefahren und Mühſeligkeiten kennen und „bekämpfen lernen; doch lieber Ottur, in „welches Gedränge dich dein Geſchick auch „führt, bewahre und erhalte dir ſtets dein „edles Herz und handle immer nach den „Grundſätzen und Lehren, die du von dei⸗ — 16 — „ner edlen, verblichenen Muhme und mir „erhieltſt. Du willſt dich dem Orden der „Tempelritter anſchließen; aber ehe du es „thuſt, lerne ihn und die Welt erſt näher „kennen, damit dich dein Schritt nicht ge⸗ „reue und du dann ganz das wirſt, was „ſo viele in dem Orden nur dem äußeren „Scheine nach ſind. Deine Muhme hat „dich an den Comthur Adalott empfohlen; „er iſt ein würdiger Mann; doch vergeſſe „über der Achtung und Verehrung, die „du ihm ſchenken wirſt, ja nicht, daß das „eigene Gefühl immer am ſicherſten und „beſten leitet und du kannſt dich dem Dei⸗ „nigen völlig vertrauen. O daß ich dich „begleiten könnte! Doch, deine Thaten „werden die Träume meiner letzten Tage fullen! Sollteſt du auf einem deiner der bald nach Gun⸗ „Züge dem Ritter, r den „hildens Tod hier einſprach und di „Ritterſchlag ertheilte, begegnen, ſo melde — 17— „ihm meinen letzten Gruß und auch dem „Comthur magſt du meinen Namen nen⸗ „nen und mich ihm empfehlen, denn er „wird ſich meiner wohl aus früheren „Zeiten noch erinnern. Hiermit ſtrich er ſich die Silberlocken aus dem Geſichte, zog den herrlichen Jüng⸗ ling feſt an ſeine Bruſt und küßte ihn auf die Stirne.„Erhalte mich in deinem „Andenken und Gott bewahre und geleite „dich wie dich mein Segen begleitet!“ ſchloß er mit inniger Rührung und drückte Otturs Rechte an ſein Herz. „Lebt wohl!“ rief dieſer wiederholt und das Gefühl der Dankbarkeit ſtrahlte aus ſeinem naſſen Auge. Er ſtürzte aus der Pfalz, rief den Bewohnern der kleinen Veſte, die ſich im Burghofe um ſein geſatteltes Roß gedrängt hatten, ein freundliches Valet zu und beſtieg ſeinen Hengſt. Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 2 — 18— „Bringe uns unſern geliebten Junk⸗ „herrn glücklich wieder!“ ſchmeichelten die Knappen und Knechte dem ſchnaubenden Rappen und als ob es die Erfüllung ihrer Bitte verheißen wellte, lachte das muthige Thier und ſtob jetzt mit ſeinem ſtattlichen Reiter burgaus. Glück⸗ und Segens⸗ wünſche begleiteten ihn. Die Waldburg,— denn ſo hieß auch das kleine aber äußerſt feſte Bergſchloß, auf welchem Ottur von Muhme Beata erzogen worden war,— lag einſam einer wildromantiſchen Gegend des Harz⸗ gebirges. Gleichſam wie abgeſchloſſen von der Welt hatte daher Ottur ſeine Jugend verbracht, hatte nur ſelten einen Ritter geſehen und ſeine Eltern waren nach der Erzählung ſeiner Muhme im erſten Jahre ſeines Lebens geſtorben. Der Gedanke mit dem Gewuühle der Welt bekannt zu werden und ihre manchfaltige Sa önheiten, * 1 — — 19— von denen ihm Runold, Muhme Beata 8 und die ſanfte Gunhilde wie von frühen Jugendträumen erzählt hatte, kennen zu lernen, ergriff und erwärmte jetzt mächtig die Bruſt des hochherzigen Jünglings, deſſen Kraft ſich nach Thaten und Kampf ſehnte. Die Reinheit, Unverdorbenheit und biederſte Treuherzigkeit ſtrahlte ihm aus dem ſchönen, blühenden Antlitze und ſein blitzendes, großes, blaues Auge zeugte ſprechend für den kühnen Jugendmuth, der ihn belebte; doch ſtach die kleine Falte, die ſich ſeit Gunhildens Tod zwiſchen ſei⸗ nen beiden Augenbraunen immer tiefer furchte, wunderſeltſam dazu ab und um⸗ wölkte ſein ſonſt ſo klares, helles Aeußere ſo ſehr, daß man auf den erſten Blick leicht in Verſuchung gerieth, den ſtattli⸗ chen Junkherrn nicht für den edlen freund⸗ lichen Ritter zu halten, der er doch wirk⸗ lich war. Und dies mußte gerade jetzt um 2 71 ſo mehr der Fall ſeyn, als, trotz den vie⸗ len freundlichen Gefühlen, die ihn durch⸗ ſtrömten, doch auch der Schmerz über die Trennung, den Ausdruck ſeiner Schwer⸗ muth deutlicher zeigte. Alle Lehnsleute und Vaſallen, die ihm begegneten, wichen daher, trotz dem freundlichen Valet, wel⸗ ches er ihnen zurief⸗ ſcheu und ehrerbietig aus und ſahen dem geliebten Jungherrn in der Meinung, daß er einen Zweikampf oder ſonſt ein mißliches Geſchäft auf dem Sittige habe, wehmüthig nach. 4 Dieſer aber ſpähte jetzt noch einmal von der fernen Waldecke her nach der Wald⸗ burg zurück, trank ſich an dem friſchen Silberquell, der gerade hier am Ausgange des Thales zwiſchen Felſen und Schling⸗ kräutern hervorſprudelte und an dem er ſich mit Gunhilde ſo oft gelabt hatte, noch einmal recht ſatt, überblickte wiederholt die wildromantiſche Gegend in der ihm * * 4— 21— die Roſen⸗ und Lilienſtunden ſeiner Ju⸗ gend ſo glücklich dahin gefloſſen waren und rief dann mit lebhaftem Ausdrucke: „Lebe wohl mein freundliches Thal, daß „du mitten in deinem ſtillen Frieden mir „ſo tiefe Wunden ſchlugſt, für die ich „nun in den Stürmen der Welt lindern⸗ „den Balſam ſuchen muß!— Doch auf, „auf, dem Jünglinge gebühret auch zu „kämpfen!“ Hiermit drückte er ſeinem ungeduldig ſtampfenden Rappen die Sporn in den Leib und ſtob hochſchlagenden Herzens von dannen. 1 Die herrlichen Main⸗ und Rheingegenden hatten bereits ihre Reize und Schönheiten vor Ottur ausgebreitet und oft ſchon hatte raſcher das Blut durch die Adern des hoch⸗ 4 — 22— herzigen Junkherrns geſtrömt wenn am Anblicke der Städte, Burgen und herrli⸗ chen Geſilden ſein Auge ſich weidete; da trug es ſich zu, daß eines Abends, als er ſchon in dem geſegneten Schwabenlande ohnweit der Donau fortzog, eine fröhliche, kraftvolle Liederweiſe von dem Strome her an ſein Ohr drang. Neugierig, wer die muntern Sänger ſeyen, wandte er ſeinen Rappen aus dem lichten Gehölze, in welchem er an dem linken Ufer des Fluſſes fürbas ritt, nach dem Strande und ſah wie eben zwey große Kähne dem Ufer zuſchwammen⸗ In dem zunächſt ankommenden Schiffe befanden ſich außer den Ruderern ein jun⸗ ger ſchön geharniſchter Ritter mit drey Knappen ſammt ihren Roſſen und in dem folgenden ſtand ein großer, ſchwarzgehar⸗ niſchter, ältlicher Ritter tiefſinnig an einen lichtbraunen Hengſt gelehnt und zwey Knappen hielten ihm zur Seite ihre Klep⸗ zer am Zaume feſt. Der junge Ritter zog bald Otturs ganze Aufmerkſamkeit auf ſich; er war es, der mit ſeinen Knappen den fröhlichen Geſang angeſtimmt hatte, welcher nur wie vom dumpfen Waldecho von den zwey Reiſigen des alten Ritters nachgebrummt wurde und in dem ganzen Weſen des jungen Racken war die heiterſte, lebendigſte Laune nicht zu verkennen, die mit dem trüben Hinbrüten des alten Ritters auf die auf⸗ fallendſte Weiſe im Widerſpruche ſtand. Ottur war von den Ankommenden noch nicht bemerkt worden und als er ihnen eben einen freundlichen Rittergruß zurufen wollte, ſchwung ſich plötzlich der junge Hühne im Kahne auf ſein Roß, ſchlug ihm kräftig die Sporn in den Leib und ſprengte mit einem furchtbar hohen Satze unter dem freudigen Rufe:„Vive la — 24— — „Courage!“ aus dem Kahne über die noch breite Strecke Waſſers an das Land. In demſelben Augenblicke ſchlug aber ₰ von dem mächtigen Hufſchlage des ſetzen⸗ den Hengſtes aus dem Gleichgewichte ge⸗ bracht— der Kahn um und alles wes darauf war ſtürzte Kopfunter in die hoch⸗ aufſchäumenden Fluthen.„unſinniger!“ donnerte der alte Ritter aus dem zweyten Schiff— welches durch den Umſturz des erſten, noch mehr aber durch die während der Exploſion ſcheu gewordenen Reoſſe, gleichfalls in der Gefahr ſchwebte umzu⸗ ſchlagen— dem jungen Wagling nach, allein dieſer jagte, weil er ſeinen zu hef⸗ tig geſpornten Hengſt nicht anzuhalten vermochte, im ſauſenden Galopp davon in den Wald. Ottur eilte indeſſen ſchnell zu Hülfe und ſeiner Thätigkeit verdankten nicht nur die Schiffer und die Knappen, von denen zwey unter die Roſſe gekommen waren, die Rettung ihres eigenen Lebens, ſondern auch die Erhaltung ihrer Pferde und die glückliche Landung des umgeſtürzten und untergegangenen Kahnes. Auch der alte Ritter hatte es Otturs Beſonnenheit zu danken, daß ſein Schiff nicht umſchlug, denn als der edle Junkherr die Gefahr ſah, in welcher ſie durch die ſcheugeworde⸗ nen Roſſe ſchwebten, rief er den Reiſigen zu, ſie ſollten mit ihren Schildern die Augen der Klepper bedecken und dies Mit⸗ tel brachte ſie denn auch augenblicklich zur Ruhe. „Nehmt meinen herzlichen Dank, edler „Ritter!“ wandte ſich daher jetzt, als alle glücklich am Lande waren, der Schwarz⸗ geharniſchte zu Ottur, auf deſſen edler Ge⸗ ſtalt ſchon lange mit innigem Wohlgefallen ſein Auge geruher hatte.— Freundlich ſchlug Ottur in die ihm von dem würde.. —-— 26— vollen greiſen Ritter dargebotene Rechte eein und erwiederte beſcheiden:„Macht „um den kleinen Geſellendienſt nicht viel „Aufhebens, Herr Ritter;'s freut mich „nur, daß das Wagſtück eures jungen, „munteren Gefährten weiter kein Unheil „brachte.“ „Ohne eure Hülfe wäre es auch nicht „ſo glücklich abgelaufen!“— verſetzte der Ritter ernſt—„und ich muß eure Thä⸗ „tigkeit und Beſonnenheit eben ſo ſehr „beloben, als die unbeſonnene Unthat „Manſurs, meines Neffen tadeln.“ „Wie, Oheim, ihr wollt meine Kourage „noch tadeln?! ſagte eine Stimme in der Nähe und umblickend ſahen ſie Manſur mit komiſch trotzigem Geſichte auf ſeinem ſchäumenden Rothfuchſe langſam aus dem lichten Gehölze auf ſie zutraben. Das Antlitz des alten Ritters überflog ein finſterer Unwillen, doch noch ehe er 7 — 27— zum Ausbruche kommen konnte, fuhr Man⸗ ſur fort:„Nun ſeht, lieber Oheim, we⸗ „der Reden noch Singen hat euch auf⸗ „heitern können, da dacht ich's denn mit „dem Springen und Setzen auch mal zu „verſuchen und was ſchadet's denn, daß „die Knappen und Roſſe ein wenig abge⸗ „ſchwemmt wurden? Da ſeht nur, wie „des Wolfs Grauſchimmel jetzt ſo munter „die Ohren ausſchüttelt. Aber in allem „Ernſte Herr Oheim, wenn ihr denn gar „nicht heiter, ſondern über all mein „Treiben und Anſinnen nur ungehaltener „werden wollt, ſo hättet ihr mich beſſer „daheim in meiner Provence gelaſſen; da „iſt man doch wenigſtens ſo vernünftig, „daß man die That bewundert, wenn auch „die Folgen nicht gar bewundrungswürdig „ſind.“ „Ja, da haſt du leider recht!“— ſeufzte der Oheim—„aber“— fuhr er — 28.— fort—„merke dir Manſur, nur ihre Fol⸗ „gen beſtimmen den Werth einer That.“ „Hm“— verſetzte Manſur freundlich und zufrieden, daß er den Unwillen des Oheims ſo ſchnell verſcheucht hatte— „Hm, lieber Oheim, das meinten wir da⸗ „heim eben nicht, da ſah man auf die „That und ſcherte ſich den Teufel um „ihre Folgen.“ „Das heißt“— erwiederte der Oheim— „man war ſo leichtſinnig und unbeſonnen „wie möglich, und das haſt du—“ „Nun, nun Oheim, ihr könnt recht „haben, aber ihr wißt ja, das Fratzen⸗ „reißen und Nachgrübeln war eben nie „meine Leidenſchaft!“— unterbrach ihn Manſur, und zu Ottur gewandt fuhr er freundlich fort—„Euch, mein lieber De⸗ „gen, muß ich wohl höchlich um Verzei⸗ „hung bitten, denn ihr habt, wie ich ſehe, „auch an den Folgen meiner That ge⸗ „litten. „Seiner Beſonnenheit haſt du's zu dan⸗ „ken, daß deine Unbeſonnenheit noch ſo „glücklich für uns ablief!“ fiel der Oheim ernſt verweiſend ein, aber Ottur ſchüttelte mit biederer Herzlichkeit Manſurs Rechte und ſagte:„Euer Wagſtück, mein lieber, „luſtiger Kumpan, hat mir Freude ge⸗ „macht, doch wollt ihr ein andermal mehr „auf eure Geleitſchaft Rückſicht nehmen.“ „Nun, das iſt doch vernünftig geſpro⸗ „chen, mein ſehr lieber Herr“— ver⸗ ſetzte Manſur—„und beſonders will ich „auf meiner Hut ſeyn, ſo lange ich in „meines Oheims Geleitſchaft bin. Aber „ſagt, welches Weges zieht ihr denn? Es „ſollte mich freuen, wenn wir eine Strecke „mitſammen reiten könnten!“ „Ich ziehe gen Ulm!“ diente Ottur. „Par Dieu, das iſt ja herrlich! So — 30— „haben wir ein und daſſelbe Ziel!“ rief Manſur und ſchüttelte mit lebhafter Freude Otturs Rechte. Auch dieſer äußerte ſeine Freude über die ſo unerwartet getroffene Geſellſchaft um ſo lebendiger, als ihn, ſeitdem er Man⸗ ſur erblickt hatte, ein ihm noch ſelbſt un⸗ erklärbares Etwas zu dem lebensfrohen Provenzalen hinzog. „Nun Gottlob!“— fieel der greiſe Ritter, als er die gegenſeitige offne Herz⸗ lichkeit der beyden Jünglinge ſah, mit ſchöner Rührung ein—„Gottlob, daß du „endlich einmal nach meinem Wunſche „fühlſt und handelſt, lieber Manſur. Aber““ — fuhr er zu Ottur fort—„wollt ihr „uns nicht auch euern Namen nennen, „lieber Ritter?“ „Gerne, ich bin Ottur von Waldburg!“ „Waldburg!“ rief der Alte lebhaft und bekämpfte ſichtbar eine heftige, lei- denſchaftliche Gemüthsbewegung, welche Ottur um ſo mehr auffiel., als er den greiſen, großen Mann— deſſen ſchmales, hageres und ſtrenges Geſicht den Ausdruck der höchſten Leidenſchaftsloſigkeit, verbun⸗ den mit der Kaltblütigkeit und dem Stolze eines gefürchteten Kriegers und erhoben durch einen gewinnenden, aber zugleich Ehrfurcht einſlößenden, milden Ernſt, zeig⸗ te— gar keines ſo lebhaften Eindruckes mehr faͤhig gehalten hätte. Auch dem frohen Manſur ſchien die heftige Bewe⸗ gung ſeines Oheims aufzufallen; denn er blickte dieſen und Ottur abwechſelnd mit großen Augen an, doch ſchwiegen beyde Jünglinge ſtill und nach einer kurzen Pauſe brach der betagte Ritter in die Worte aus: „Wollte Gott, ihr Beyde könntet länger „als auf dem kurzen Ritte beyſammen „bleiben!“ „Das kann ſich ja treffen!““ meinte 8* — 32— Manſur— s'kommt nur darauf an, wie „lange ſich unſer lieber Gefährte in Ulm „aufhält und wo er von dort aus hinzieht.“ „Das weiß ich ſelbſt noch nicht,“— verſetzte Ottur—„meine Beſtimmung „liegt noch im Dunkel der Zukunft ver, „hüllt und ich gedenke ſie in Ulm näher „kennen zu lernen.“ „SDa ergeht es euch gerade wie mir; „und Oheim, gebt acht, euer Wunſch „wird erfüllt!“ freute ſich Manſur.„Doch „für jetzt“— fuhr er fort— denke ich, brechen wir auf, denn hier in der näch⸗ ſten Runde ſcheint's nicht gar wirthlich zu „ſeyn und dort hängt der Herr Gott ſchon „die große Nachtlampe aus.“ „Meine Dalmatika!“ befahl der alte Ritter einem Knappen, und ging um den Schiffern ihren Fährlohn zu zahlen. „So“— fuhr Manſur indeſſen zu Ot- kur fort—„nun ſind wir mit euch, mein 4 lieber Löwenhelm, ein recht wackeres „Kleeblatt geworden: aber um was ich „euch bitte, helft mir meinen grämlichen „Oheim aufheitern. Seht, ich habe ſchon „meinen ganzen Vorrath von Witz an ihm „verſchwendet, aber s'nützt mir nichts. O, „ich habe euch eine ſo jämmerliche Fahrt „gehabt und kann's dem Geſchicke gar nicht „verzeihen, daß es uns jetzt erſt mit euch zuſammen treffen ließ, denn ihr könnt „ſicher allein etwas von dem Grame mei⸗ „nes Oheims wegkriegen. Hat er doch „auf der ganzen Reiſe von meiner himm⸗ „liſchen Provence aus bis hierher an das „linke Donauufer nicht ſo viele Worte ge⸗ „ſprochen, als ſeitdem ihr bey uns ſeyd. „Aber ich kann ihm eben das auch nicht „hoch verdenken, denn gerade heraus, lie⸗ „ber Ottur, ihr ſeyd mir ſelbſt gleich beim „erſten Anblicke ſo ans Herz gewachſen, als „hätt' ich einen alten Waffenbruder wie⸗ Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 3 — 34— „der in euch gefunden. Ich kann mich „eben nicht entſinnen, daß mir ſchon ein⸗ „mal ſo etwas begegnet iſt, und möchte „mich auch wirklich über mich ſelbſt ärgern, „daß mir heute das Vertrauen und die „Freundſchaft ſo ſchnell zu euch überlief; „aber ihr ſeyd nun einmal gerade ſo nach „meinem Sinn und ich kann und will „nicht weiter darüber deuteln. Und nicht „wahr, mein ſehr lieber Ottur ich habe „keine Fehlbitte an euch gethan?“ „Nein das habt ihr nicht, mein lebens⸗ „froher Manſur!“ erwiederte der edle Waldburger und ſchlug in die Rechte des Provenzalen ein.„Aber“— fuhr er fort—„mir will es bedünken als ob „durch Witz und Laune dem ernſten Ge⸗ „müthe eures ſehr edlen und würdigen „Oheims nicht beyzukommen ſey, vielmehr „will es mir ſcheinen, als ſolltet ihr euch „mäßigen und in den Grund von des — —“ — 35— edlen Greiſes Gram mit eindringen um „durch verſtändige Rede und warme Theil⸗ „nahme ihn aufrichten zu können.“ „Ja, ja, das mag wohl ſeyn, aber ich „kanns eben nicht wegkriegen!“— ver⸗ ſetzte Mauſur treuherzig—„Seht des „Oheims Gram thut mir wohl in der „Seele wehe, aber mir wills doch Thor⸗ „heit ſcheinen darob auch mit zu grämeln. „Durch luſtige, heitere Laune gedacht' ich „ſeinen Trübſinn zu beſchwören; aber ich „ſeh's ſchon deutlich ein, daß ein altes „deutſches Gemüth zu ſchwerfällig iſt für „provenzaliſchen Jugendſinn. Ihr denkt „und grübelt hier die Kreuz und Quer „und macht euch zentnerſchwere Gloſſen, „doch wir in der Provence nennen all das „dumme Poſſen und vertrauen uns ver⸗ „nünftiger Weiſe nur friſch dem Augen⸗ „blick; denken nicht vorwärts und auch „nicht zurück.“ 3* „Ganz recht, mein lieber Provenzale, „das thu' ich ſo mitunter auch und wohl „jeder junger Ritter, aber einem Greiſe, „wie euer Oheim iſt, kanns wohl nicht „mehr um den Augenblick zu thun ſeyn; „der muß wohl gerne weiter denken, zum „Exempel, wie es für die, die ihm ange⸗ „hören, kommen mag, wenn er auch nicht „mehr iſt; und da kannss ſchon, denk' ich, „ſolche Sorgen und Gedanken geben, die „eben keine Poſſen ſind.“ „Ja, mein verſtändiger Löwenhelm— verſetzte Manſur freundlich lächelnd— „wenn unſer Burgpfaff, mein alter Leh⸗ „rer, mit dem hochgelehrten Abt von „Saint-Martin oder auch mit ſonſt Je⸗ „manden ſtritt und die Segel ſtreichen „mußte, ſo ſagte er ſtets mit gar anſtän⸗ „diger Miene:„Concedo, in verbis, 3 „herbis et lapidibus liegt doch aller Ver „ſtand!“ Der lateiniſche Brocken iſt mir „ſchon oft zu ſtatten gekommen und ihr „müßt euch eben auch damit begnügen, „mein lieber Degen, denn ich geſteh's euch „frey heraus, daß das Sorgen weit über „meinem Horizonte liegt und ich das in⸗ „haltsſchwere Wort, wie's der Oheim „nennt, trotz aller Mühe nicht einmal be⸗ „greifen kann.“ „Lenk' es Gott, daß du es nie begrei⸗ „,fen lernſt!“ ſagte der Oheim neben ihn reitend und Ottur ſtaunte hoch als er den großen, würdevollen Greis mit einem weißleinenen, ſpitz ausgeſchnittenen Man⸗ tel, dem auf der linken Seite ein achtecki⸗ ges Kreuz von karmoiſinrothem Tuch an⸗ geheftet war, umfloſſen ſah, denn er wußte von dem alten Runold her, daß dieſer Mantel, Dalmatikag genannt, die Auszeich⸗ nung und das Kennzeichen der Tempelrit⸗ ter ſey.— Düſter nachtete unter dem weißen Tuche die ſchwarze Rüſtung her⸗ — 38— vor und Schauer erregend ſtach das grell rothe, große, achteckige Kreuz darauf ab; aber auch dem Ritter gab der Mantel ein noch viel ehrwürdigeres Anſehen und hob den edlen Ernſt und die leidenſchafts⸗ loſe Ruhe ſeines Antlitzes, deſſen blaſſe Hagerkeit von der ernſten, aſcetiſchen Strenge der Disciplin des Tempels zeugte, recht lebhaft und Ehrfurcht erregend her⸗ vor. Staunend blickte Ottur den großen Ritter an und es war ihm als müſſe er ihn wegen Vernachläſſigung der ſchuldigen Hochachtungsbezeugungen um Verzeihung bitten, ja es ſchien ihm unverzeihlich von Manſur in der Gegenwart dieſes würdigen Mitgliedes eines von ihm ſo hoch verehr⸗ ten Bundes ſich ſo luftig und luſtig zu gebärden.— Mit innigem Wohlgefallen mochte der Templer Otturs ehrfurchtsvolles Staunen vor ſeinem Ordenszeichen be⸗ merkt und ſeine Gedanken errathen haben, — 39— denn er reichte dem ſtattlichen Jünglinge jetzt die Rechte und ſagte mit milder Würde:„Ich bin euch in dieſem Man⸗ „tel ſo freundlich geſinnt, als ohne ihn, „mein wackerer Ottur, und hätten wir „um dreyßig Jahre früher zuſammen kom⸗ „men können, ſo haͤtt' ich euch wohl ein⸗ "reden mögen, auch dieſe Auszeichnung „zu verdienen, damit ich euch als meinen „Itreuen Ordensbruder hätte umarmen kön⸗ „nen.“ Ottur wollte antworten, aber Manſur fiel vorlaut ein;„Gott ſeys gedankt, lie⸗ „ber Oheim, daß dies nicht geſchah, ſonſt „zöge der wackere Ritter da wohl auch ſo „grämlich jetzt im Lande herum, wie ihr. „Auch habt ihr wohl nicht Ernſt gemeint mit eurer Rede, denn ihr ſeyd wahrlich zu gut, als daß ihr wünſchen könn⸗ „tet Jemanden zum Uebel gerathen zu „haben.“ — 460— „Haſt recht!“ ſeufzte der Templer mit finſterer Miene, riß ſeinen Hengſt herum und ritt raſch voran in den Wald. „Nun, nun nehmt uns auch mit Herr „Oheim!“ rief Manſur fröhlich und trabte mit Ottur und den Knappen ſeinem Oheime nach. „Was der Blitz, warum ſo ungehalten „mein lieber Ritter?“ fuhr er fort, da ihn Otturs Stille bald aufmerkſam machte— und er deſſen unwilligen Blick bemerkte. „Das ſolltet ihr mich, wenn ich dem „Bunde eures edlen Oheims angehörte, „wahrlich nicht erſt fragen müſſen!“ er⸗ wiederte Ottur bitter. „Wie, hat's euch verdroßen, daß ich „für euch meinem Oheim antwortete! „Ihr hättet ihm doch traun ſelbſt nichts „Vernünftigeres erwiedern können. Aber „wenn ihr ſo verdroſſen ſeyd, ſo iſt mir's „leid um unſere Geſponnſchaft und Tem⸗ 4 3 41— „pelritter, oder nicht; falls ihr etwas gegen „mich habt, ſo wißt mein Name iſt Man⸗ „ſur von Montforit!“ „Was habt ihr hier zuſammen?“ wandte ſich der Templer, welcher den letz⸗ ten Theil von Manſurs Rede, den dieſer mit Lebhaftigkeit ſprach, gehört hatte, zu den beyden Jünglingen zurück und Ottur entgegnete, indem er raſch zu dem Frager hinanritt mit beſcheidener Achtung:„Legt „mirs nicht ungleich aus, ehrwürdiger „Herr, wenn ich euch frage, warum ihr eures Neffen vorige Rede recht hießet, „da ſie doch dem hochachtbaren Bunde, „dem ihr angehöret, kein Lob ſprach und „nach meiner Meinung von einem Mit⸗ „gliede, wie ihr, einen Verweis ver⸗ „diente?“ „Die Beantwortung dieſer Frage, lie⸗ ber Ottur“— entgegnete der Templer mit ſichtbarer Bewegung—„fällt mir — ꝛ—— ———’— — — 42— „ſchwer.— Glaubt es mir, vor zehn „Jahren noch hätte ich eine Rede wie die „meines Neffen, mit der Schneide meines „Schwerdres geahndet, jetzt aber würde „ich das Recht zum Unrechte verkehren, „wenn ich einem Bunde, der leider ſo —„gränzenlos geſunken iſt, wie der, dem „ich angehöre, länger das Wort reden „wollte. Seht wenn es auch noch ein⸗ „zelne Mitglieder giebt, die wirklich acht⸗ „bar ſind, ſo iſt die Mehrzahl doch trotz „allen unſern Entgegenſtemmungen ſo ſehr „gefallen, daß wir Wenige es nicht ver⸗ „mogen, das allgemeine Urtheil über un⸗ „ſern Bund zu widerlegen; ja wir müſſen „es, wenn wir anders nicht gegen unſere „Ueberzeugung reden wollen, leider größ⸗ „tentheils wahr nennen. Wenn ihr nun „auch ein Mitglied meines Ordens wäret, „auf den ich vor zehn Jahren noch ſtolz „war, ſo würdet ihr doch ſicher einen ſol⸗ 2 „chen Verfall auch nicht gleichgültig mit „anſehen; ihr würdet euch gleich mir „darüber kränken und es zuletzt verwün⸗ „ſchen je einer Verbindung angehört zu „haben, deren Mitglieder ſo wenig auf „die Aufrechthaltung ihrer Würde und „ihrer Ehre halten. Ihr ſeht alſo, daß ſich meinem Neffen nicht Unrecht geben „konnte.“ „Wahrlich“— verſetzte Ottur glühend— „härte ein Anderer mir geſagt, was ihr mir eben ſagtet, ich hätte ihm meinen „Handſchuh hingeworfen und ihn für den „ſchmählichſten Lügner gehalten; ihr aber, „denke ich, werdet euer graues Haupt „nicht erſt mit einer Unwahrheit noch be⸗ „ſudeln wollen.“ 3 „O wollte Gott ihr könntet mich Lügen „ſtrafen, oder die ganze Welt dächte ſo „von meinem Orden, wie ihr, mein lieber, „junger Ritter!“ rief der Templer indem — 44— er Otturs Rechte ergriff und mit lebhaf⸗ tem Gefühle drückte. 4„Wißt“— ſagte dieſer offen—„ich „habe bereits beſchloſſen, mich eurem Orden „anzuſchließen, denn Runold, mein Waffen⸗ „meiſter— „Runold!“ rief der Templer überraſcht, doch ſchnell faßte er ſich und bat Ottur weiter zu reden. „Ja Runold, mein alter Waffenmeiſter, „der mir gewiß nicht zum Uebel rathen „wollte, hat mir euern Orden geſchildert „und empfohlen und meine Fahrt gen „Ulm hat gerade meine nähere Bekannt⸗ „ſchaft und wo möglich meine Aufnahme „in demſelben zum Zwecke.“ „Zu eures alten Meiſters Zeiten“— verſetzte der Templer,—„da mag wohl „das Anſehen meines Ordens noch geblüht „haben, aber wenn er ihn jetzt kennen „lernte, würde er euch gewiß von eurem „Worſatze abrathen. Darum folgt mir, „mein lieber Ottur, und kehret, wenn „euer Wille nicht mit einem Gelübde zu⸗ „ſammenhängt, wieder um, oder ſchließt euch einer anderen Verbindung an.“. „Nein“— erwiederte Ottur—„nein „auf halbem Wege kehre ich nicht um, nauch führt mich überdies noch ein ande⸗ „res Geſchäft in den Schwäbiſchen Tem⸗ „pelhof und ich hoffe dort jedenfalls mich „von der Wahrheit eures Gerichtes zu „überzeugen.“ „In dieſem Tempelhof werdet ihr frey⸗ „lich die Ueberzeugung nicht ſo vollkom⸗ immen gewinnen, denn ihm darf ich es zum Ruhm nachreden, daß er ſich an „Diſciplin noch unter allen am meiſten auszeichnet, würdet ihr aber die italieni⸗ „ſchen oder franzöſiſchen Comthureyen, von „denen ich eben herkomme, beſuchen wol⸗ Aen, ſo könntet ihr die traurige Wahr. „heit meiner Ausſage in vollem Umfange „beſtätiget finden.“ Ottur ſchwieg ſtill und zog ſich finſteren Blickes von dem alten Ritter zurück, der ihm mit ſeiner Nachricht ſo viele ſchöne Träume vernichtet hatte. „Aber warum führt ein Templer ſelbſt „ſo ſchlechten Leumund von ſeinem Bunde, „warum verbreitet er ſelbſt die üble Mei⸗ „nung von demſelben noch mehr und be⸗ „ſtätigt ſie, ſtatt ſie ſo viel möglich zu „unterdrücken und ſeinen Bund zu beſchö⸗ „nigen?“ fragte er ſich ſelbſt und wollte „darin einen häßlichen Fleck in des grei⸗ „ſen Templers ſonſt ſo ehrwürdigem Cha⸗ „rakter finden.„Was kann ihn auch noch „veranlaſſen,“— fuhr er fort—„ſeinem „Bunde ein neues Mitglied entziehen zu „wollen, welches ihm doch traun keine „Schande zu machen gedenkt und gerne „alle Kräfte aufbieten würde ſein Anſehen 1 „wieder aufzurichten. Warum ſucht er ihm eine neue kräftige Stütze vorzuent⸗ „halten, die er gerade mit allem Eifer zu „gewinnen ſuchen ſollte? Und hält er „den Bund ſchon für ſo geſunken, daß nIinan an aller Beſſerung und Wiederauf⸗ „richtung ſeines Anſehens verzweifeln muß, „warum tritt er nicht ſelber aus, warum nentſagt er nicht aller Gemeinſchaft mit „dem Orden und ſucht wenigſtens ſeine „perſönliche Ehre zu retten? Und iſt der „Schwäbiſche Tempelhof noch achtbar und „zeichnet ſich unter allen aus, warum „könnte von ihm nicht eine Reformation „über den ganzen Bund ausgehen? Nein „Alter, du ſollſt mich nicht irre machen „mit deiner Kunde und deiner niederge⸗ „drückten Ordensliebe, die vielleicht mehr „von deinem Grame oder ſonſt einem wi⸗ „drigen Verhäͤltniſſe herrühret! Ich werde „mich dem Bunde anſchließen, mag er — 48— „auch geſunken ſeyn, denn darin liegt die „Entſchloſſenheit, daß man trotz aller Wi⸗ „derwärtigkeiten ſeinen Plan durchführt. „Und muß mir nicht doppeltes Verdienſt „erſprießen, wenn ich zugleich für die Beſ⸗ „ſerung meiner Ordensbrüder wirke und „ihnen mit einem würdigen Beiſpiele vor⸗ „angehe!“ So ſprach oder dachte viel⸗ mehr Ottur bei ſich ſelbſt und dieſer letzte Gedanke belebte wieder aufs freundlichſte alle ſeine früheren, ſchönen Hoffnungen und Ausſichten in die Zukunft. Er blickte wieder 3 heiter auf und bot, da er Manſur in weh⸗ 2 müthigem Hinſinnen neben ſich reiten ſah, dem Junkherrn dir Rechte mit der Frage: „Nun mein lieber, lebensfroher Proven⸗ ale warum ſo umgeſtimmt?“ „Gott lob!“— rief Manſur einſchla⸗ gend—„daß ihr endlich zu einem ver⸗ „nünftigen Entſchluſſe gekommen ſeyd! „Dachte mir die ganze Zeit ihr wolltet — 49— „darauf ſinnen, wie ihr mir auf eine recht nanſtändige Manier euern Handſchuh zu⸗ „werfen könntet und da hab' ich mich denn „im Stillen ſchon geärgert, daß unſere „Geſponnſchaft, von der ich doch ſo viel „freundliches hoffte, ſo ſchnell geendigt „haben ſolle und wir, ſtatt den Freund⸗ „ſchaftsbecher zu leeren, eine Lanze mit⸗ „ ſammen brechen würden. Hätten uns „freylich dadurch auch wieder etwas näher „fkennen lernen, doch freut mich's herzlich „daß ihr zu Vernunft gekommen ſeyd und nallem Verdruſſe entſagt! „Da habt ihr euch traun mächtig geir⸗ „ret, mein lieber Degen“— lächelte Ottur—„denn ich denke zum Handſchuh „zuwerfen bedarfs weiter keines Nachſin⸗ „nens, aber ich wüßte ja keine Urſache mzu einem Strauße zwiſchen uns und „wenn ich auch vorhin etwas ungehalten nauf euch war, ſo muß ich jetzt um ſo Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 4 „freundlicher gegen euch ſeyn, als ja euer „Oheim ſelbſt mir hinlänglich euer Recht „bewies. Indeſſen ſeyd ihr mir auch oh⸗ „nedies ſchon zu lieb, mein fröhlicher „Manſur, als daß ich um einer voreiligen „Rede willen gleich Lanze und Schwerdt „gegen euch kehren ſollte. Schlagt ein, „unſere Geſponnſchaft lebe!“ „Topp!“— rief Manſur—„das iſt „nach meinem Sinn! Paſſen ja ohnehin „ſchon unſere Namen ſo gut zuſammen, „daß es ewig ſchade wäre, wenn wir uns entzweiten und nicht feſt zuſammen hiel⸗ „ten. Aber kommt, mein lieber Löwen⸗ „helm, laßt uns meinen Oheim iets in „die Mitte nehmen und verſuchen, ob auch „er mit in unſere fröhliche Geſponnſchaft „einſtimmt. 44 8 Und gerne ritt Ottur mit ſeinem freund⸗ lichen Gefährten zu dem ernſten ehrwuͤr⸗ digen Templer heran, welcher denn auch * 2 — 51— mit unerwarteter Herzlichkeit ſich ihrem Geſpräche anſchloß und es ſi ich gern gefal⸗ len ließ, ihnen einzelne Bruchſtuͤcke aus ſeinem eigenen Leben zu erzählen, wobei ihm Otturs beſcheidene, verſtändige Fra⸗ gen ungemein zu gefallen ſchienen; denn er beantwortete und billigte ſte mit vieler Wärme, während er Manſurs treuherzige oft naive Scherze unbeantwortet ließ, was dieſer jedoch mit der ihm eigenen Unver⸗ droſſenheit und ſeinem provenzaliſchen Leicht⸗ ſinne gerne überſah und ſich ſchon damit begnügte, daß Ottur manchmal— und wenm es auch nur geſchah um ſich ſeinem freundlichen Gefährten gefällig zu erwei⸗ ſen, mit in ſein herzliches Lachen ein⸗ Kimmte. Uunvermerkt gelangten ſie ſo, als die ndhelle Nacht längſt herauf war, nach einer Herberge, in der ſie ihren Nachtſe⸗ del nahmen und dann, nachdem ihnen der 4* — 52— folgende Tag gleichfalls auf ihrem Weiter⸗ zuge unter freundlichem Geſprächswechſel — während welchem ſich Ottur immer inniger zu dem ehrwürdigen greiſen Tem⸗ pelritter hingezegen fühlte— verſtrichen war, mit dem hereinbrechenden Abende die alte Stadt Ulm erreichten. 5 Hier aber trennten ſie ſich und während der Templer mit Manſur und den Knap⸗ pen nahe vor dem Thore der Stadt einen Weg rechts einbog, welcher unmittelbar zu dem Tempelhof führte, trabte Ottur in die alte Reichsſtadt ein und nahm in der nächſten Ritterherberge Quartier; doch hatte er ſeinen Gefährten verſprechen müſ⸗ ſen ſie gleich morgen in der Comthurey beſuchen zu wollen, was er auch um ſo beſtimmter zuſagte, als es ihn ja ſelbſt mächtig drängte den Orden baldmöglichſt kennen zu lernen, deſſen Mitglied er zu werden feſt entſchloſſen war; von welchem — 33— er aber abſichtlich auf dem ganzen Ritte nichts mehr bei dem alten Templer erwähnt hatte. 21 DuſStiftung der ſchwäbiſchen Templer lag ohnweit Ulm auf einer ſeichten Anhöhe, die je⸗ doch hoch genug war um dem großen hohen Gebäude eine ſchöne Ausſicht über die ganze Umgegend zu gewähren. Das Gebäude war feſt und wohl vertheidigt, wie dies in den da⸗ maligen Zeiten nothwendig wurde; um daſ⸗ ſelbe zogen Laufgräben und Barriexen und auch der ſchöne große Garten, welcher mit dem Tempelhofe in Verbindung ſtand und ſich auf der Hinter⸗ und den Nebenſeiten der 4 Anhöhe bis in die Ebene herabſenkte war mit feſtem Pfahlwerk umgeben. Der Hü⸗ gei ſelbſt aber lag mitten unter Wieſen und Weiden, zwiſchen denen ein breiter 34— Fahrweg bis hinan vor das Thor und die Zugbrücke des Tempelhofes führte; eine kleine Strecke hinter der Anhöhe aber breitete ſich ein ſchöner, lichter Hochwald aus, der im Vordergrunde von dem Thurme eines Nonnenkloſters, St. Genofeva im Hain genannt, überragt urde. Uebrigens war die ganze Gegend mit Bäumen, die theils zum Nutzen cheils zur Beſchattung angepflanzt waren, beſäet und wurde von den tauſendſtimmigen Chören der Vögel und den zahlreichen Roß⸗, Rinder⸗ und Schaafheerden, die alle zu dem reichen Lempelhof gehörten und in ſchöner Abſonderung auf den Wieſen und Triften weideten und pergten, belebt. Ottur ergötzte ſich, als er kommenden Morgens aus dem alten Ulm nach der Conthuh trabte, weidlich an der ſanfean, 4 eines ſo ernſten, religiös⸗kriegeriſchen Or⸗ dens, wie der der Templer doch war, zu freundlich und ſeine Ideen von der Ent⸗ haltſamkeit und ſtrengen Eingezogenheit der Tempelritter wurde durch die Lage ihres Ordenshauſes ſehr herabgeſtimmt. „Muß man hier nicht ein wahres Idyllen⸗ „leben führen?“ fragte er ſich und ward durch den Anblick eines ſchönen, großen Teiches, der am Fuße der Anhöhe ſich befand und von ſchönen, kühlen Felſen⸗ grotten und duftendem Geſträuche künſtlich umgeben war, völlig uͤberzeugt, daß man hier alles vereinigt habe, was die Natur genußreiches und reizendes gewähren köͤnne. Als er aber jetzt hügelan ritt und die ſchwarzgekleideten Helebardirer erblickte, die wie mit einem Leichenbegleiterſchritte auf den Wällen hin und herwandelten, da machte ihm der grelle Widerſpruch, den dieſe Geſtalten mit der freundlichen Um⸗ — 56— gebung bildeten, ordentlich enge und es ſchien ihm mit einemmale recht hart, daß man eine ſo reizende Gegend für die Stiftung eines Tempelhofes gewählt habe, welche die Strenge der Ordensregeln nur zwiefach ſchwer fühlen laſſen müſſe, und nicht lieber etwa eine ſolche Stelle dazu auserſehen habe, wie die, auf welcher ſich ſeine heimathliche Waldburg erhob. Räher reitend erblickte er bald auch zwei ſchwarzgekleidete Helebardirer, welche die Zugbrücke bewachten und ſtaunte einen gefällten Lbwen an, der mit dem Lotus⸗ blatte und der Umſchrift:„Semper 1s 8 „cutiatur léo vorans!« als Symbol des Drdens ſehr kunſtreich in den großen Mit⸗ telſtein des weiten Thorbogens ausge⸗ hauen war. n „Mit Gunſt Herr Ritter, nennt ihr „euch Ottur von Waldburg?“ fragte ihn 1tj einer der Wache habenden Trabanten — 57— und als er die Frage bejahet hatte, fiel augenblicklich die Zugbrücke und er ritt durch das hohe Thor in den geräumigen Tempelhof ein, welcher ein regelmäßiges Viereck bildete und deſſen Gebäude allent⸗ halben mit ſeltſam geſtalteten Symbolen des Ordens geſchmückt waren, unter welchen Allen eine große ſchwarze Fahne mit dem rothen Ordenskreuze Otturs Aufmerkſam⸗ keit am meiſten auf ſich zog. Sie war an dem mittleren Bogenfenſter des Hin⸗ tergebäudes, welches ſich durch die kunſt⸗ reichſte Bildhauerarbeit beſonders auszeich⸗ nete, ausgeſteckt und wehte dem Ankom⸗ menden Grauen erregend zu. „Was bedeutet die Fahne dort?“ fragte er daher den Trabanten, welcher herzu ge⸗ treten war um ihm das Roß abzunehmen. „Daß die hochwürdigen Herrn im Rathe „ſitzen;“ erwiederte der Diener. „So kann ich alſo jetzt ſeine Hoheit, — 58— „den Comthur und Marſchall, Grafen „Adalott von Thurn, nicht ſprechen?“ fragte Ottur weiter. „Nein; doch denke ich, wird die Sitzung „bald zu Ende ſeyn. Sie ſind ſchon drei „Stunden beiſammen.“ erwiederte der Trabant und ſchritt mit dem Rappen dem Marſtalle zu. Ottur aber ſchlug die Einladung eines Edelknechtes, der ihn in das Fremdenzim⸗ mer zu führen ſich erbot, aus, bat ihn nur, nach beendigter Sitzung dem Mar⸗ ſchall zu melden daß er ihn zu ſprechen und eine Botſchaft zu überreichen wünſche und ging in dem großen Hofe umher, die manchfaltigen Symbole näher zu beſchauen, die ihn überall einfach aber großartig an⸗ ſprachen. Als er von dem rechten Seitengebäude eben nach dem Hinterhauſe ſchritt, in wel⸗ chem die Verſammlung gehalten wurde, da 5 — — 59— ſchrie plötzlich eine rauhe Knappenſtimme: „Wache heraus!“ und ſogleich traten zwölf Helebardirer aus der großen Säu⸗ lenhalle, die neben dem breiten und hohen mittleren Thoreingange des Hintergebäu⸗ des ſich befand, heraus, ſtellten ſich ins Glied und präſentirten mit ihren Helebar⸗ den. Alsbald kam nun ein langer Dug junger und älterer Ritter, die alle über den ſtählernen Panzerhemden den weißlei⸗ nenen, rothbekreuzten Ordensmantel tru⸗ gen, aus dem Thore geſchritten. Auf ihren Haͤ äuptern wehten weiße und rothe Schwung⸗ federn von den Stahlhelmen herab und mit ihren Linken hielten ſie das Schwerdr⸗ kreuz ihres Degens feſt, während auf den Rechten der Mantel im leichten Falten⸗ wurfe über die linke Schulter zurückgeſchla⸗ gen, ruhte. Sie ſchritten feſten Trittes einher und das rüſtige Aeußere eines J den verkündete den kühnen Helden, der f — 60— trotz den ſchon überſtandenen Schwierigkei⸗ ten und Gefahren immer neuen Wider⸗ ſtand ſucht um durch Entſchloſſenheit, Muth und Willenskraft ſich Bahn zu machen; doch ſtach der ſtrenge Ernſt, der auf man⸗ chem Antlitze lag, ſeltſam zu dem feinen, ſchlauen Blinzeln ab, das unter den über⸗ hängenden Augenbrauen der Meiſten zu bemerken war und welches den vorſichtigen Lüſtling bezeichnet. Otturs Pulſe ſprangen ſchneller, als er dieſen herrlichen Zug kühner Helden ſah; glühender als je fühlte er den Wunſch, ſich recht bald in ihre Mitte aufgenommen zu ſehen und heftig loderte in dieſem Au⸗ genblicke der Unwille über Manſurs Oheim in ihm auf; zugleich aber ſtaunte er, daß er dieſen nicht bei dem Zuge der Ritter erblickte, welche indeſſen bis in die Mitte des Hofraumes gelangt waren, von wo ſie, ſich züeichinm in zwei Arme theilend, theils — 61— nach dem rechten, theils nach dem linken Seitengebäude ſchritten. „Hat euch der Zug gefallen Herr Rit⸗ „ter?“— fragte, als Ottur noch den letzten Templern nachſtaunte, ein Edelknecht ihm zur Seite und lud ihn hierauf ein, ihm zum Marſchalle zu folgen, da er be⸗ reits gemeldet und ihm Zutritt erlaubt worden ſey. Gerne folgte Ottur und ſie ſchritten durch das mittlere Thor des Hintergebäu⸗ des über die breiten, marmornen Stufen hiinan in die Tempelpfalz. „Hier iſt das Kabinet des hochwürdigen „Marſchalls!“ ſagte, nachdem ſie über einen langen Säulengang geſchritten wa⸗ ren, der Edelknecht indem er auf eine hohe mit ſchönem vergoldetem Schnitzwerk ver⸗ zierte Flügelthüre zeigte und ſich nun ent⸗ fernte. Niiccht ohne innere Beklemmung pochte * ₰ 7 — 62— — Ottur an, eine ihm bekannte Stimme rief „Herein!“ und eintretend ſtand Manſurs Oheim vor den ſtaunenden Ottur. Die Ueberraſchung war zu groß, als daß Ottur ſich ihrer ſchnell hätte erwehren können, bis endlich der Marſchall freund⸗ lich lächelnd auf ihn zutrat und ſagte: „Es freut mich mein lieber Reiſegefäͤhrte, „daß ihr ſo pünktlich Wort gehalten habt, „aber ihr ſollt auch, wie mir gemeldet „wurde, eine Botſchaft an mich haben?“ Mit ſtummer, ehrerbietiger Neigung zog Ottur das Schreiben ſeiner verbliche⸗ nen Muhme unter dem Bruſtharniſche her⸗ ver und überreichte es dem Marſchall. Mit ſichtbarer Erſchütterung erbrach und las dieſer den Brief und fragte dann mit einer Thräne im Auge wehmüthig:„Alſo „iſt eure Mutter geſtorben?“ „Erlaubt Hochwürden, es war meine — — „Muhme, doch war ſie mir dunch Cenſt — 63— „und Milde, Vater und Mutter zugleich!" verſetzte Ottur und ſeines Gefühles nicht mehr Meiſter ſchloß der Marſchall den herrlichen Jüngling an ſeine Bruſt und rief:„Ja ich habe mich nicht geirrt, als „ich dich am Donauufer ſah! Wie könnte „dies Gefühl auch täuſchen?“ Schneller perlten die Thränen des ehr⸗ würdigen Greiſes, er küßte Ottur auf die Stirne, winkte ihm ſich zu entfernen und ſchritt auf ſeinen Bettſtuhl zu. „Er hat wohl meine Muhme und viel⸗ „leicht auch meine Eltern gekannt!“ dachte Ottur da er die lebhafte Gemüthsbewe⸗ gung des Marſchalls ſah und als er aus dem Gemache trat, ſtürzte Manſur mit freudiger Herzlichkeit ihm entgegen. Beide gingen zuſammen nach Manſurs Erkerge⸗ mach, welches nicht weit von dem des Marſchalls ſich befand und als Ottur die herrliche Ausſicht bewunderte, welche ſich von dem Bogenfenſter des Erkers aus üͤber die ganze Umgegend eröffnete, ſagte — 64— der fröhliche Provenzale:„ Ja, dieſer „Gaden iſt der ſchönſte Sarg in dieſem „Todtenhauſe hier. Er läßt einem doch „wenigſtens einigermaßen die ſchreckliche „Abgeſchiedenheit vergeſſen, in welche dieſe „Thoren hier ſich vergraben haben wollen. „Auch habe ich's meinem Oheim ſchon an⸗ „gekündigt, daß ich mir alle Freiheiten „erlauben werde, die mich irgend auf eine „anſtändige Weiſe unterhalten können, „ſonſt würde ich's in dieſer Gruft keine „acht Tage ausdauern. Den Bibelſpruch: „Leben und Tod liegt in der Gewalt der „Zunge! habe ich auch ſchon hundertmal „hier hören müſſen; indeß das Beſte iſt, „daß ihn die Meiſten nur aus Gewohn⸗ „heit ausſprechen und ich denke, wenn ſie „mich näher kennen gelernt haben, wirds „ſchon beſſer mit der Unterhaltung gehen. —— — 65— „Auch ſind während meines Oheims Ab⸗ „weſenheit einige franzöſiſche und italieni⸗ „ſche Ordensbrüder hier angekommen und „da wirds denn ſchon Bekanntſchaft für „mich geben. Freilich jetzt iſt alles noch „zu neu und da dank ich denn herzlich „dem Geſchicke, daß es euch wenigſtens „mir zuführte, mein lieber Ottur!“ „Aber warum folgtet ihr denn eurem „Oheime hierher, wenn ihr keinen Beruf „für die Lebensweiſe fühlt, die in einem „Tempelhofe herrſcht?“ fragte Ottur. „Ja, das iſt wohl eine recht vernünf⸗ „tige Frage, aber meine Antwort wird „euch nicht gar ſo vernünftig ſcheinen. „Seht auf meiner ſtolzen Ahnenveſte in „der himmliſchen Provence wurde eine „Baſe mit mir erzogen, die ich recht herz⸗ „innig lieb gewann. Ich legte ihr auf „alle Weiſe meine Minne an den Tag, Ottur von Waldburg. Erſt. Töl. 5 8* — 66— „aber ſie iſt von der ernſten, tiefen Natur, „die bei euch Deutſchen zu Hauſe iſt und hat an all meinen ritterlichen Galanterie „keinen Gefallen gefunden, ſo, daß ich „endlich auch meines Kopfes wurde und „kurz beſchloß ſie ſammt meiner Burg ſo „lange zu verlaſſen, bis ſich Armanda, „— ſo heißt meine ſchöne Baſe— mit „einem anderen Ritter etwa vermählt „oder ſonſt eine Beſtimmung ſich gewählet „habe. Da bot ſich denn gerade keine „ſchicklichere Gelegenheit, als daß ich mit „meinem Oheim von dannen ziehen konnte, „der auf einem Zuge gen Avignon, „einen Abſtecher zu uns machte. Beim „Abſchiede hat Armanda wohl geweint, „wie ſie dies auch manchmal ſonſt zu thun „pflegte, wenn ich ihr zu gefallen etwas „beſonderes ausführte, aber zugleich hat „ſie mir's geſagt, daß ich ſie in der Fremde „vergeſſen ſolle und da war ich denn herz⸗ — — —— — — — — —— — 67— Mlich froh wie meine Burg mir erſt im „Rücken lag.“ „Eure Baſe hat wohl ſchon gewählt, „ſonſt wär' es doch unverzeihlich hart, daß „ſie euch ihre Hand verſagte!“ entgegnete Ottur theilnehmend. „Nein mein lieber Kumpan, das hat „ſie nicht und wenn ſie's hätte, ſo würde „ich der Erſte geweſen ſeyn, der ihr Glück „zu befördern ſich beſtrebt hätte, auch ver⸗ eihe ich es ihr gerne, daß ſie mich nicht „lieben kann, denn ich ſehe ſelbſt ein, „daß wir nicht zuſammen paßten und es „iſt beſſer ſo, als daß ſie unglücklich würde. „Ihre Farbe hat ſie mir zu tragen erlaubt „und darum ſollt ihr mir ſie auch nicht „mehr hart nennen, mein lieber Oktur. „Seht die blau und weiße Schärpe hier, „die hat ſie ſelbſt geſtickt und das hier, „wenn ihr leſen könnt, iſt ihr Name. „Finde ich ſie, wenn ich heimkehre, in 5* „den Armen eines andern Edlen glücklich, „ſo kann es vielleicht ſeyn, daß mir auch „noch ein Eheglück erblüht; bis dahin je⸗ 4 „doch will ich treu an ihrer Farbe halten. „Aber was Teufel ihr ſeht ja ſo wehmü⸗ „thig drein, als wäre eurer Liebe Mühe „auch ſchon umſonſt geweſen?“ Ottur vergalt Manſurs Offenherzigkeit mit dem Bekenntniſſe ſeiner Liebe zu ſei⸗ ner ſeligen Baſe Gunhilde und ſchloß mit den Worten:„Und ſeht mein lieber Man⸗ ſar, was euch eure Schärpe iſt, das iſt „mir dieſe Kette und dieſes Kreuz!“ „Nun bei Gott, ſo ſind wir doch ganz „ leich Schickſalsbrüder!“ rief Manſur indem er Ottur umarmte und an ſeine Bruſt gelehnt fuhr er fort:„Laßt uns „auch Waffenbrüder ſeyn!“ „Mir recht!“ erwiederte Ottur von Manſurs tiefer Innigkeit bewegt und beide Jünglinge küßten ſich herzlich und leer — 69— ten dann einige Becher auf ihren Bruder⸗ bund. Da trat ein Edelpage ein und meldete, daß Ottur ſeine Hoheit den Marſchall auf einem Gange in den Garten begleiten ſolle.— Ottur eilte den Wunſch des wür⸗ digen Greiſes zu erfüllen und bald ſah Manſur von dem Fenſter ſeines Erkers * aus Beide in den laubigen Gängen des 3 Luſtzwingers hügelab nach dem großen K. Teiche wandeln und in eine Felſengrotte eintreten. — edlen Grafen Adalott nähere Nachricht 3 über ſeine Muhme und deren Tod erthei⸗ len, welche der würdige Greis mit weh⸗ müthiger Stille anhörte, ſich jedoch über die Nachricht daß Runold noch lebe, ſo lebhaft freute, als ob dieſer ſein Waffen⸗ bruder ſey und dann, als ſie ſich in der Felſengrotte neben einander auf einen Sitz 3 3 Ottur mußte während dem Gange dem —- 70— niedergelaſſen hatten, zu Ottur anhob: „Eure edle Muhme, lieber Ritter, hat „euch in dem Schreiben mir empfohlen „und ich wünſchte beshalb etwas Weſent⸗ „liches für euch thun zu können; habt ihr „daher einen Wunſch oder ein Anliegen, „welches meine Kräfte fördern könnten, „ſo mögt ihr mir's zuverſichtlich kunden!“ „Mein lebhafteſter Wunſch, Hochwürdi⸗ „ger, iſt, mich bald mit der Dalmatika „des Tempels umhüllen zu können!“ ver⸗ ſetzte Ottur und fuhr, da ihn der Mar⸗ ſchall ſtaunend anſah, fort ihm ſeine Ge⸗ ſinnungen, wie wir ſie ſchon kennen, mit⸗ zutheilen. „Könnte nicht— ſo ſchloß er— der „ehrwürdige Bund dadurch ſein früheres „Anſehen und ſeine Achtung am ſchnellſten „wieder gewinnen, wenn er durch würdige „Mitglieder vermehrt und die unwürdigen „davon ausgeſtoßen würden? Und glaubt —— —— — 1 ˙— „Mitbruͤdern durch würdiges Beiſpiel vor⸗ „gehen zu können, eine neue ſtarke Nei⸗ „gung zum Bundesbeitritte ſeyn muß? „Mein Vorſatz ſteht feſt, meine Abſicht „iſt rein; prüft Beide und ſeyd mir dann „zur Erreichung meines Zieles behülflich.“ „O du edler, lieber Jüngling!“ rief der Comthur von Otturs Redefeuer gerührt. „Wollte Gott der Bund wäre noch eines „ſolchen Opfers werth! Aber auch abge⸗ „ſehen davon; kennet ihr, mein lieber „Ottur, die Entſagungen, die der Orden „der Templer heiſcht?“ „Die wichtigſten dieſer Entſagungen““ verſetzte Ottur—„ſind mir ſchon längſt „heilig geworden! Mein Herz ſehnt ſich „nach einem Gegenſtand, der ſchon die „Freuden des Himmels genießt und an „körperliche Entbehrungen hat meine ſe „ihr nicht hochwürdiger, edler Comthur, „daß mir gerade der Gedanke, meinen —⁰. — „lige Muhme und Runold mich früͤhe „gewöhnt!“ „Unglücklicher Verlaßener!“ ſtöhnte der Comthur im theilnehmenden Schmerze, „Nein, nennt mich nicht alſo!“— erwiederte Ottur mit edler Männlichkeit. „Glücklich bin ich zwar nicht, denn meine „ſchönſten Wünſche und Hoffnungen wur⸗ „den mir vernichtet; aber unglücklich bin „ich darum auch nicht, denn ich glaube „feſt an ein Wiederſehen und will mich „deſſen durch ein edles Streben würdig „machen. Verlaſſen aber iſt nur der, der „ſich ſelbſt aufgiebt; dies lehrte meine „Muhme oft und ich glaube ſie hat recht, „denn ich fühl mich nicht verlaſſ en.“ „Nein, das biſt du nicht!“ rief der Greis ihn mit ſchöner Rührung umſchlin⸗ gend.„O Beata, wie ſtark und edel „war doch deine Seele! Ja, dein Geiſt 5 „lebt in dieſem Jünzlünge fort!— Be⸗ 53— „wahrt euch, lieber Ritter, ſtets die Leh. Iren eurer edlen Muhme, und laßt mich „euch Du nennen; wahrlich ich habe ein „Anrecht dazu!“ „Eure Bitte ehrt mich und ich werde nes mir zur Pflicht machen mich eurer „väterlichen Zuneigung und eures Ver⸗ „trauens würdig zu beweiſen.“ erwiederte Ottur und nachdem der Marſchall in einer langen Pauſe ſein ſtürmendes Gefühl überwunden und beruhigt hatte, ſagte er: „Aber mein. lieber Ottur, wie gerne ich „auch deinem Wunſche entgegen kommen „und dich meinen Ordensbruder nennen „möchte und wie ſehr ich deine feſte Ent⸗ nſchloſſenheit und deine Beweggründe be⸗ „loben muß, ſo iſt es mir doch gerade um „der Freundſchaft und Liebe willen, die nich für dich hege, nicht möglich dein Be⸗ „gehr zu fördern. Auch bin ich überzegt, „daß wenn du von der gegenwärtigen Lage * 8 — 74— „unſeres Ordens näher unterrichtet biſt, „du gewiß deinen Wunſch aufgiebſt. Ich „kann bei dir ſchon eine Ausnahme ma⸗ „chen und dir enthüllen was ſelbſt noch „meinen Ordensbrüdern verborgen iſt, denn „deine Grundſätze bürgen mir, daß du „kein Vertrauen mißbrauchſt und ich ſelbſt, „ich geſtehe dir's, ſehnte mich ſchon lange „meinen Kummer einmal einer verwand⸗ „ten, gleichfühlenden Bruſt vertrauen zu „können.— Du ſtaunſt daß ich dazu nicht „einen meiner Ordensbrüder wahlte, aber „du wirſt bald einſehen, daß wenn meine „Kunde unter ihnen laut würde, ich nicht „nur mir ſelbſt ſchaden, ſondern auch dem „ganzen Orden einen Stoß geben würde, „der ihn nur früher in den unergründli⸗ „chen Abgrund ſtürzen müßte, an deſſen „Rand er ſchwebt und aus welchem er „nie mehr emporklimmen wird.— Höre „inich!“ „abgethan ſeyn Herr Oheim, denn“— „Als der heilige Ordensſtuhl noch am „DTempel zu Jeruſalem ſtand, da waren „Mäßigkeit, Selbſtbeherrſchung, Eintracht „und Frömmigkeit die vier Pfeiler auf „denen er feſt ruhte, als aber“— „Ja, ja“— fiel Manſur, raſch in die Grotte tretend, ein—„und als man ihn „aus dem gelobten Lande flüchten mußte, „hat man der Pfeiler in der Eile vergeſ⸗ „ſen und wo er jetzt ſteht, will er um⸗ „ſtürzen. Und ſomit laßt das Kapitel „Manſur!“— zürnte der Marſchall ihn unterbrechend auf—„wer heißt dich „lauſchen, ſtraks gehe von hinnen und „ſpare deine albernen vorlauten Reden „bis du wieder in der Provence biſt, wo⸗ „hin du je eher je lieber wieder zuruck⸗ „kehren kannſt, denn hier biſt du nichts „nütze, wie denn überhaupt dein ganzes 96— „Leben nur aus einer Reihe von Thorhei⸗ „ten beſtehen wird.“ „Ich bin euch verbunden für den zier⸗ „lichen Abſchied, mein ſehr würdiger Herr „Oheim;— verſetzte Manſur— aber „für jetzt ſolltet ihr mir Dank wiſſen, „daß ich eure Rede ſo ſchnell zu Ende .„brachte, und aufrichtig geſprochen, be⸗ 4„gehet ihr gerade jetzt eine größere Thor⸗ 85„heit als ich je begehen kann, denn ihr „gleicht eben während ihr hier ſitzt einem „Hirten, der ſeine Heerde verläßt wenn „der Wolf drin wüther.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Marſchall. „Je nun, ſo ziemlich nach dem Worte“ — diise de—„denn wenn ihr, .„mein ſehr würdiger Herr Oheim, nur „hier aus der Grotte treten wollt, ſo „könnr ihr hören, welcher Tumult von — herabſchallt. Don 2 „eurem Tempelhof 77 „Conſalvo, der italieniſche⸗Ordensritter, „iſt mit dem tapfern Ku nz von Strau⸗ „bing zuſammen gerathen und ihre Bru⸗ „derliebe iſt ſo heiß, daß ſie wohl nicht „eher von einander ablaſſen werden, bis „ihrer einer kalt am Boden liegt.“ „Wie ſie ſchlagen ſich? Hat der Dra⸗ „pier denn nicht abgewehrt?“ ſprang der Marſchall entrüſtet auf. „Wohl wollte er, aber beide Kaͤmpfer „haben hoch geſchworen daß der Erſte, der „ſich nahe, es mit ihnen zugleich zu thun „haben ſolle. Die italieniſchen und fran⸗ Döſiſchen Ordensbrüder ſtehen auf Con⸗ „ſalvo's Seite und die hieſigen Templer „ſtreiten für den Straubing. Der Dra⸗ „pier hat euch ſchon in dem ganzen Tem⸗ „pelhof geſucht und ſiehe da kommt er ja „ſelbſt.“ „Ach eile hochwürdiger Bruder!“ rief der eintretende Drapier dem Marſchall zu. —ℳ—ℳ — 78— „Eile, ſonſt bricht die Flamme der Zwie⸗ „tracht völlig aus. Conſalvo wurde ganz „wüthend uͤber die Strafe, die du ihm —— diktirteſt, der Straubing ſprach dir das „Wort; die fremden Brüder geben Con⸗ 1 „ſalvo recht und unſere ſtehen Straubing V „bey. Beide haben ſich in der höchſten „Erbitterung angefallen und ſchon droht „der Partheygeiſt in weitere Thätlichkeiten „auszubrechen.“ „O Gott, wie lange wirſt du noch dem „Böſen die Gewalt über unſern Orden „laſſen?!“— ſtöhnte der greiſe Mar⸗ ſchall—„Aber“— fuhr er zum Dra⸗ pier fort—„hab' ich dir's nicht geſagt „Albert, als du mir geſtern die An⸗ „kunft der welſchen Brüder meldeteſt, daß „es nun ſicher auch um unſere Ruhe und „Eintracht geſchehen ſeyn würde? Doch „fort ſollen ſie von hier, ich dulde ſie län⸗- „ger nicht, denn mein Tempelhof ſoll rein —- 79— „bleiben von der Schmach, die die Andern „ſich zu ſchulden kommen laſſen!“ So rief der edle würdige Greis und ging mit ſtarken Schritten nach dem Tem⸗ pelhof hinan, der Drapier ihm zur Seite und Ottur folgte mit Manſur auf dem Fuße nach. Schon als ſie aus der Grotte getreten waren, hatten ſie den heftigen Tumult und das Schwerdtergeklirr vernommen und als ſie jetzt durch die Hinterpforte aus dem Zwinger in den Tempelhof kamen, ſahen ſie ſchon die Schwerdterfunken in dene weiten Säulengängen ſprühen und wie die meiſten Brüder bereits im gegen⸗ feitigen Kampf entbrannt waren. „Gott— rief der Drapier— wir kom⸗ „men ſchon zu ſpat; ſie haben Alle ſchon „Parthey genommen und ſieh die welſchen „Brüder drängen vor.“ „Hole die Wache!“ befahl ihm der Marſchall und ſchritt feſten Trittes auf den Kampfplatz vor.„Halt!“ donnerte er hier die Kämpfer mit furchtbarem Ernſte an und als die Meiſten ſeinem Befehle gehorchten, verſuchte er es auch die Uebrigen durch Wiederholung ſeines ernſten Wortes zur Ruhe zu bringen, al⸗ lein bey ihnen war die Kampfwuth durch das Blut, das ſie bereits vergoſſen hatten, ſchon zu weit gediehen. Sie achteten des Marſchalls Gebot nicht und Conſalvo, ein alter, kampfgeübter Italiener, der immer wüthender auf Straubing eindrang, ließ es ſich ſogar beygehen dem Marſchall zu⸗ zurufen:,„Befehle deinen Knappen aber „uns nicht, grauer Sünder!”“ Da befahl der Marſchall einigen Brü⸗ dern den kühnen Frevler zu entwaffnen, allein furchtbar ſchlug der kampfgeübte Ritter um ſich her und ſchon wollte von neuem die vorige Erbitterung wieder unter 5 — 81— allen Templern ausbrechen, da ſtürzte ſich der Marſchall zwiſchen ſie und gebot noch einmal mit aller Kraft und Würde ſeines Amtes Ruhe. Alle bis auf Conſalvo gehorchten, dieſer aber rief außer ſich vor Wuth dem Mar⸗ ſchall zu:„Hebe dich hinweg alter Gleiß⸗ nImer oder mein Schwerdt kommt über „dich!“ „Ich rathe dir Conſalvo“— ſprach der Marſchall mit ſtrengem Ernſte zurück— „daß du dich mäßigeſt und zum Zeichen „deiner Unterwürfigkeit und Reue jetzt „gleich dein Schwerdt und deine Dalma⸗ „tika an den Bruder Albert unſern Dra⸗ „pier abgibſt.“ Auf dieſe Rede entſtand ein allgemeines Gemurmel unter den fremden Brüdern und wuthſchäumend rief Conſalvo:„Wie, was, „auch dieſe Frechheit noch, du grauer Wicht? „Ziehe und vertheidige dich!“ Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 6 Doch ohne ſein Schwerdt zu entblößen trat der Marſchall in der ihm eigenen hohen Würde vor den Ritter und ſprach mit furchtbarem Ernſte:„Kraft meines Amtes „gebiet' ich dir zum letzten Male dein „Schwerdt abzugeben!“ Lauter wurde das Gemurmel unter Con⸗ ſalvo's Freunden und wüthend ſprang die⸗ ſer einen Schritt zurück, hieb und verletzte den edlen Greis an der rechten Schulter. Da fuhr wie eine Feuerflamme Ottur durch die Reihen der Templer auf den Italiener los.„Lotterbube!“ donnerte er, ſchlug ihm mit einem Fauſtſchlag das Schwerdt aus der Hand und warf ihn zu des Marſchalls Füßen auf den Boden nie⸗ 3„ der. Kaum aber war die That geſchehen, geſammten Templern gegen Ottur loszu⸗ brechen.„Nieder mit dem kühnen Bu⸗ da drohte ein heftiger Sturm von den „ben!“ ſchrien einige und ſchon blitzten — 83— mehrere Schwerdter gegen den hohen Jüngling, der mit zornflammendem Blicke die Menge überſah; da ſprang Conſalvo wild empor und ſchrie:„Zurück, laßt mir „die Rache an dem Wichte!“ Raſch hob er hiermit ſein Schwerdt vom Boden auf und Ottur, der nun einſah, daß der Kampf nicht mehr zu vermeiden ſey, zog ſeine Löwenklinge.— Zwei krachende Streiche wurden gewechſelt und Conſalvo lag mit geſpaltenem Helme und einer tiefen Kopf⸗ wunde bewuſtlos in ſeinem Blute. Entſetzt wichen bei dem Falle des kampf⸗ berühmten Italieners die Templer vor Ottur dem jungen Hühnen zurück, doch dieſer riß ſich zornentbrannt den Hand⸗ ſchuh von der Linken und warf ihn mit den Worten:„Wer den Empörer rächen „will, der greife zu!“ in Conſalvo's dam⸗ pfendes Blut.— Eine tiefe Stille herrſchte rings im Kreiſe der Templer und alle ſtaun⸗ 6* — 34— ten nur den kühnen hochherzigen Jüngling an, deſſen Augen Flammen zu ſprühen ſchienen, keiner aber nahm den Handſchuh auf. Da wurde Otturs Stimmung mil⸗ der; er nahm ſeinen Handſchuh zurück und ſagte mit lebhaftem Redefeuer:„Ehrwür⸗ „dige Ritter, wie konntet ihr euch ſo weit „vergeſſen? Wißt ihr nicht, daß nur „durch Eintracht und Mäßigung ein Bund „und ein geſammtes Streben gedeihen „kann? Und wie wollt ihr mit dem hei⸗ „ligen Namen Brüder euch gegenſeitig „nennen, wenn jeder unter euch gleich „Kain nach Bruderblute dürſtet? Wel⸗ „chen Eindruck muß euer Verfahren auf „die Welt und auf den machen, der ſich „wie ich eurem Bunde anzuſchließen ge⸗ „denkt?“ Ein neues Gemurmel, welches vorzüg⸗ lich unter den welſchen Rittern laut wurde, unterbrach ihn; doch„Stille Brüder!“ — 85— rief der hühnenmäͤßige Kunz von Strau⸗ 3 bing„Stille Brüder, laßt den jungen „Helden ſprechen, er hat recht. Wir alle, „beſonders aber Don Conſalvo hat gefehlt „und unſer Fehler ſoll durch keine neue „Unbeſonnenheit vergrößert werden. Ihr „mein tapferer Löwenhelm mögt aber „immer unſer Ordensbruder werden und „wer etwas gegen euch hat, hats auch gegen mich!“. Frreundlich ſchlug Ottur in die ihm dar⸗ gebotene Rechte des Tempelritters ein, aber noch ehe er etwas erwiedern konnte, ſagte der Marſchall, welcher bald nachdem er die Wunde erhalten hatte, erſchöpft in des herbei geeilten Manſurs Arme geſunken war und ſich jetzt wieder einigermaßen er⸗ holt hatte, mit gemeſſenem Ernſt) zu den Rittern:„Verfügt euch jetzt nach euren „Quartieren; du Albert“— fuhr er zu dem Drapier, der indeſſen mit der Wache —y— — 86— angelangt war, fort—„trage für Don „Conſalvo Sorge und du Ottur falgſtn mir „nach meinem Gaden!“ Es ſchien als wollten alle durch die ſchleunigſte Befolgung ſeines Befehles dem würdigen Greiſe ihre Reue beweiſen und das begangene Unrecht ausgleichen, denn im nächſten Augenblicke ſah ſich dieſer ſchon mit ſeinem Neffen und Ottur allein und ſchritt auf beide ſich ſtützend nach ſei⸗ nem Kabinette wo er ſorgfältig verbunden wurde und auf ſeinem Ruhebette bald 4 entſchlummerte. um die Veranlaſſung zu dem unſeligen Kampfe, dem wir eben beigewohnet haben, ſo viel es nöthig iſt, zu erläutern, müſſen wir einen kleinen Rückblick in unſere G ſchichte thun. 1 —— ———— Don Conſalvo wie alle die während des Marſchall Adalotts Abweſenheit in der Schwäbiſchen Comthurey angekommenen Tempelritter waren theils aus franzöſiſchen theils aus italieniſchen Tempelhöfen aus⸗ gewandert oder vielmehr wegen ihres leich⸗ ten Characters und pflichtvergeſſenen Be⸗ tragens zur Auswanderung gezwungen worden. Sie hatten ſich ſchon früher auf ihren Kreuzzügen in Suden und Norden kennen gelernt, wegen Gleichheit in ihrer Denkungsweiſe an einander angeſchloſſen und ſchon damals wechſelſeitig den Wunſch gehegt, zuſammen eine Comthurey bilden zu können, um ihren Lüſten und Wün⸗ ſchen recht ungeſtört fröhnen zu können. Ziemlich gleichzeitig waren ſie nun aus ihren verſchiedenen Tempelhöfen, or ien ſie angehörten, ausgewandert, hatten ſich auch bald zuſammen gefunden und untereinan⸗ der feſt beſchloſſen ihren früheren Plan auszuführen, ſich eines Tempelhofes zu bemächtigen und ihren Bruder, den alten italieniſchen Wüſtling Don Conſalvo, der wegen ſeiner bekannten Tapferkeir und Entſchloſſenheit ſich am beſten dazu eignete zu ihrem Comthur zu erwählen. Zum Ziel der Ausführung ihres Pla⸗ nes erſahen ſie ſich den Schwäbiſchen Tem⸗ pelhof, der nicht nur durch ſeine herrliche Lage, ſondern auch hauptſächlich durch ſei⸗ nen Reichthum ihren Wuͤnſchen am voll⸗ kommenſten zu genügen verſprach.— Zwar kannten ſie die ſtrenge Disciplin, die der Marſchall Adalott in ſeiner Comthurey im⸗ mer aufrecht zu erhalten wußte, allein das geſetzloſe, jeden Genuß geſtattende Syſtem, welches ſie unter ſich aufgeſtellt hatten, ſchien ꝛen ſelbſt zu lockend, als daß ſie nicht hätten hoffen ſollen, daß die meiſten Ritter des Schwäbiſchen Tempelhofes ſich bald dazu bekennen und ſich mit ihnen 8 verbinden würden.— Der Umſtand, daß der Marſchall bei ihrer Ankunft nicht da war, ſchien ihnen der erwünſchteſte; ſie beſchloſſen ihn zu benutzen und ſogleich mit mehrerer Freiheit und weniger Vor. ſicht, als ſie früher geſonnen waren, ihre Gott und Ehre vergeſſene Reformation den Schwäbiſchen Brüdern zu predigen. Wie ſehr ſtaunten ſie aber als ihre Grundſätze beinahe von jedem einzelnen Ritter nicht nur mit dem lauteſten Wi⸗ derwillen, ſondern ſogar mit der gebüh⸗ renden Verachtung angehöret und verab⸗ ſcheuet wurden und ſie ſich ſo, ſtatt— wie ſie gehofft— noch vor der Ankunft des Marſchalls im Beſitz ſeiner Comthu⸗ rey zu ſehn, immer vorſichtiger zurückzie⸗ hen und ihren Plan immer mehr verber⸗ genz mußten. Keiner unter ihnen war aber uͤber die Standhaftigkeit der Schwä⸗ biſchen Ordensbrüder mehr erbittert als — 90— Don Conſalvo, dem dadurch der Beſitz des herrlichen Tempelhofes und die öffentliche Anerkennung als Comthur ſo lange vor⸗ enthalten wurde, denn darüber„, daß er dazu gelangen müſſe, war er nicht nur lange mit ſich einig, ſondern hatte auch mit ſeinen Vertrauten einen Plan abge ⸗ faßt in deſſen Gemäßheit auf den Fall, daß alle ihre gütlichen Einreden zur An⸗ nahme ihres Syſtemes nicht die erwünſchte Würkung thun würden, die Widerſpen⸗ ſtigſten auf eine meuchelmörderiſche Weiſe aus dem Wege geräumt werden ſollten. Don Conſalvo ſah indeſſen ſelbſt das Ge⸗ fährliche der Ausführung dieſes Planes zu ſehr ein, als daß er nicht zuvor alles hätte verſuchen ſollen, was ihn auf eine gütlichere Weiſe zum Ziele führen konnte. So hatte er denn zwei Tage vor des Marſchalls Ankunft es gewagt ſich mit dem Drapier Albert von Rheinſtein ein⸗ —,.,———--—————ꝑꝑꝑꝑ—————— .. 2 — 91— zulaſſen um ihn für ſeine Abſichten zu beſtricken.— Albert führte während Ada⸗ lotts Abweſenheit den Comthurſtab und ſeiner Umſicht war es nicht entgangen, daß die angekommenen Brüder ihre mit⸗ gebrachten ſchlechten Grundſätze auszubrei⸗ ten ſuchten; allein da er die Feſtigkeit der Mitglieder der Comthurey kannte, ſo wür⸗ digte er das geheime Treiben der fremden Brüder keiner weiteren Aufmerkſamkeit, ſondern ließ es bei nachdrücklichen War⸗ nungen gegen eine Verletzung der Ordens⸗ regeln bewenden. Da Don Conſalvo ſich aber jetzt ſo zutraulich an ihn ſchmiegte und er den Stolz dieſes Italieners kannte, wurde er aufmerkſamer und ließ ſich um ſo williger mit ihm ein, als er das ver⸗ borgene Gewebe eines vielleicht verderbli⸗ chen Planes zu entdecken hoffte. Conſalvo ließ ſich wirklich täuſchen und würde, nach⸗ dem er dem Drapier ſchon mehnere Winke gegeben hatte, ihm ſeinen ganzen Plan in der frohen Zuverſicht, daß Albert ſchon gewonnen ſey, vertraut haben, wenn nicht der Ausbruch des Unwillens, den dieſer nicht mehr länger zu unterdrücken ver⸗ mochte, ihn noch zur rechten Zeit gewarnt hätte. Der Drapier verwies ihm ernſt⸗ lich ſeine ſchlechte Denkungsweiſe und ge⸗ bot ihm bis zur Ankunft des Marſchalls ſein Quartier nicht mehr zu verlaſſen. Der ſchlaue Italiener ſuchte zwar ſo gut es ſeiner Verſchlagenheit gelingen konnte den Drapier wieder zu beſänftigen, brach aber, als er bei ſeinen Vertrauten war, in den heftigſten Unwillen über ihn und ſich ſelbſt ſͤäus. Weit davon entfernt Al⸗ berts Befehl zu gehorſamen, dachte er vielmehr ſich an demſelben zu rächen und ſein Tod wie der aller Anhänger der ſtrik⸗ ten Obſervanz wurde beſchloſſen. Albert aber war durch das was Con⸗ — 93— ſalvo ihm verrathen und noch mehr durch ſeinen Ungehorſam vorſichtig gemacht, ſuchte die Geſinnungen ſeiner Schwäbiſchen Or⸗ densbrüder zu erforſchen, warnte ſie vor dem Italiener und gab ſelbſt den Knap⸗ pen und TDrabanten Befehl ihm jede ver⸗ dächtige Bewegung, die Don Conſalvo 3 oder einer der fremden Ordensritter machen werde, ſogleich zu melden. Conſalvo merkte bald, daß er und ſeine Freunde von Spionen umgeben ſey und kbgleich er darüber noch entrüſteter wurde mußte er doch der nöthigen Vorſicht wegen langſamer zu Werke gehen und war auch lange nicht mit den Vorbereitungen zur Ausführung ſeines ſchändlichen Beſchluſſes zu ſtande, als die Ankunft des Marſchalls einen Strich durch alle bisherigen Rech⸗ nungen machte. Der hitzige Italiener wurde darüber noch erbitterter und als er kommenden Tages ſogar in der öffent⸗ — 94— lichen Sitzung von dem Drapier des Un⸗ gehorſams und Verunglimpfung der Or⸗ densregeln beſchuldigt und von dem Mar⸗ ſchall Adalott zu der ſtrengen Buße, wäh⸗ rend vier Wochen täglich ſechs Stunden in der Kapelle zu beten und ſich einen ganzen Monden des Genuſſes von Fleiſch und Wein zu enthalten, verurtheilt wurde, da ging ſeine Erbitterung in die heftigſte Wuth über. Schon ſeit des Drapiers Warnung waren aber die meiſten Mit⸗ glieder des Schwäbiſchen Tempelhofes mit den Angekommenen geſpannt und, da Con⸗ ſalvo ſich in ſeiner Wuth erlaubte, ihren Marſchall, den ſie hochachteten, mit Wor⸗ ten zu verunglimpfen, ſo war er mit Kunz von Straubing, der überhaupt einer ihrer eifrigſten und gefährlichſten Gegner war und bisher ſchon ſeinen Unwillen über die Umtriebe der fremden Brüder am laute⸗ ſten geäußert hatte, zuſammen gerathen. 3 — 95— Die gegenſeitige Spannung entwickelte ſich immer mehr und Conſalvo's Verbündete ließen es um ſo lieber zu Thätlichkeiten kommen, als ſie durch ſie für ihre Sache zu gewinnen hofften. Otturs Eingriff vernichtete aber mit Einemmale alle ihre Hoffnung und mit Conſalvo, ihrem geheimen Aftercomthur, ſank auch der Muth der ganzen Parthey zu Boden. Conſalvo's Wunde war indeſſen nicht gefährlich und als ſeine Verbündeten für ſeine baldige Geneſung Hoffnung ſchöpf⸗ ten, unterließen ſie es nicht eine Deputa⸗ tion an den Marſchall zu ſchicken um deſ⸗ ſen Verzeihung zu erbitten, denn ſie ahn⸗ ten wohl, daß er von dem unſeeligen Vor⸗ fall leicht Veranlaſſung nehmen könne ihnen insgeſammt den längern Aufenthalt in ſei⸗ ner Comthurey zu verſagen. — 96— 4 Kaum war daher der Marſchall aus dem Schlafe, den ihm die heftigen Ge⸗ müthsbewegungen noch mehr aber der ſtarke Blutverluſt veranlaßt hatten, wieder er⸗ wacht, und hatte dem zu den Häupten ſeines Ruhebettes ſitzenden Ottur mit vä⸗ terlicher Wärme eine kurze Mahnung we⸗ gen ſeiner Handlung, die ohne die Da⸗ zwiſchenkunft des tapfern Kunz von Strau⸗ bing ſo verderblich für ihn hätte werden können, gegeben; da trat der greiſe Dra⸗ pier in das Kloſet und meldete, daß Don Conſalvo's Wunde nicht gefährlich ſey und die welſchen Ordensbrüder Don Hernan⸗ dez, Don Gabrieli, Montauban und de la Vilette um Erlaubniß bäten den Comthur ſprechen zu dürfen.— Der Zutritt wurde ihnen geſtattet und nicht ſobald hatten die vier Deputirten vor dem Schragen des verwundeten Marſchalls ihre Bitte um Verzeihung mit der Zerknirſchung — 97— * reuiger Sünder vorgetragen, als der edle Greis auch ſchon mit gerechtem Unwillen ſich aufrichtete, ihnen eine ernſte, ſcharfe Strafrede hielt und unter den Beding⸗ niſſen, daß ſie ſich mit ihren Brüdern aufrichtig ausſöhnen, dann drei Wochen lang in der ſtrengſten Eingezogenheit le⸗ ben, jede Zuſammenkunft mit einem an⸗ dern Ordensbruder, wie den Genuß des Fleiſches und Weines meiden und die ge⸗ ſetzmäßigen, täglichen Gebete verdoppeln würden, ſeine Verzeihung zuſicherte. Sie verſprachen um ſo williger die pünktliche Erfüllung der Buße, als ſie ja bis zu Conſalvos Geneſung doch nichts weiter für ihren Plan unternehmen konnten und ſchieden mit ſo demüthigen Blicken, daß der edle Comthur ihre Reue wirklich für aufrichtig hielt und bald nach ihrer Ent⸗ fernung zu dem Drapier gewand ſagte: „Gott ſei Dank; ich glaube, lieber Al⸗ Ottur von Waldburg. Erſt. Thly(.)7 — 98— 4 „bert, daß die verſtockten Gemüther noch „zu beſſern ſind!“ „Wollte Gott du hätteſt recht, ehrwür⸗ „diger Bruder!“— verſetzte der Dra⸗ pier, welcher während der ganzen Unter⸗ redung mißmuthig vor ſich niedergeſehen hatte—„aber“ fuhr er fort—„mir „will es bedünken als hätteſt du deinem „früheren Vorſatze getreu, die reudigen „Schaafe beſſer gleich aus deiner Heerde „verſtoſſen, als daß dich vielleicht eine „noch härtere Erfahrung bald dazu zwingt.“ „Nein, Albert“, entgegnete der Com⸗ thur—„da haſt du nicht meinen Sinn! „Du weißt wie ſehr ich unſern Bund „liebe; ſo lange ich noch zur Beſſerung „irgend eines Mitgliedes Hoffnung habe, „darf und kann ich es nicht völlig von „mir ſtoſſen, und geſetzt auch ihre Reue „und Zerknirſchung wure erheuchelt, ſo „iſt es beſſer, wenn ihre unverbeſſerliche, „bodenloſe Verdorbenheit hier an den Tag „kömmt, wo ſie durch meine Kraft und „Würde und die Treue unſerer hieſigen „Brüder unſerm Orden unſchädlich ge⸗ „macht werden kann, als daß ſie noch „einen andern Tempelhof verpeſtete. Habe „nur ein wachſames Auge auf ihr Be⸗ „tragen, lieber Albrecht, und an meinen „Ermahnungen ſoll es nicht fehlen, denn „meine Wunde wird mich, wie ich fühle, „nicht lange ans Bette feſſeln. Was ſie „mir aber auch für Leid bereiten können, „ich bin darauf gefaßt und werde in dei⸗ „mem und unſerer hieſigen Ordensbrüder „treuem Herzen, ſo wie in dem meines „Otturs reichen Erſatz finden. Wahr iſt's, „der Ewige läßt mich die Sünden mei⸗ „ner Jugend jetzt ſchwer fühlen, aber „ſeine Güute träufelt mir auch noch Freu⸗ „den in den Wehrmutsbecher. Gewiß, ich „kann es der Vorſehung nicht genug dan⸗ 7* 100 „ken, daß ſie dich, mein lieber Ottur, „gerade jetzt mir zuführte, nur miſche „dich nicht wieder in die Ordensangele⸗ „genheiten!“ „Ei was, Herr Oheim“— ſagte Man⸗ ſur, der kurz zuvor in den Gaden getre⸗ ten war—„ſeid froh, daß er ſich die⸗ „ſesmal drein legte, denn beim heiligen „Bernhard! ohne meines lieben Waffen⸗ „bruders wahrhaft provenzaliſche Staͤrke „und Tapferkeit hättet ihr die Klinge des „italieniſchen Banditen noch einmal ge⸗ „noſſen. Laßt alſo euer tadeln und gebt „meinem lieben Waffenbruder nebſt eurer „herzlichen Dankſagung lieber gleich mit „euern Abſchied, denn— du begleiteſt „mich doch, mein herzlicher Ottur?““ „Wie, willſt du fort?“ fragte der Comthur ſtaunend. „Nach eurem eigenen Befehl, Herr — 101— „Oheim!“ verſetzte Manſur mit ſchlecht verhehlter Bitterkeit. „Nun damit war's ſo ſtrenge nicht ge⸗ „meint und wenn du nicht gerne fort „willſt, ſo kannſt du hier bleiben; Ottur „aber wird dich keinesfalls begleiten“, ent⸗ gegnete der Comthur.. „Nein, nein“— ſchloß Ottur, indem er Manſur neben ſich niederzog—„du „bleibſt hier, mein lieber Bruder. Müſ. „ſen doch die herrliche Gegend in der „Runde noch etwas näher mitſammen an⸗ „ſehen, wie du dies ja ſelbſt mir ſchon „vorſchlugſt.“ „Meinethalb, wenn euer Abſchied, Herr „Oheim, nichts weiter als ein ſchlechtes „Kompliment war, ſo will ich's denn in „Gottes Namen für diesmal verſchlucken, „aber für die Zukunft ſpart ſolche Re⸗ „densarten, denn ihr wißt, ich bin ein „Montfort!“ ſagte Manſur gutmüthig — 102— drohend, indem er dem edlen Greiſe die Hand zur Verſöhnung reichte. Lächelnd ſchlug der Marſchall ein und entließ dann beide Jünglinge, um mit dem Drapier allein reden zu können. Zwei Tage waren verſtrichen. Ottur hatte nach Manſurs Wünſche ein Kloſet neben deſſen Kerkergemach zur Wohnung angenommen und mit dem lebensfrohen Provenzalen die Zeit theils mit Waffen⸗ übungen und Zechen, theils mit Ausrit⸗ ten in die herrliche Umgegend und mit traulichen Geſprächen hingebracht und ſich immer feſter an ihn angeſchloſſen; da trat am Abende des dritten Tages, als ſie kaum von einer Jagdpartie aus dem nahen Forſte zurückgekehrt waren und ſich eben — 103— mit einigen Bechern Weins gelabt hatten, ein Edelpage zu ihnen ins Gemach und meldete, daß der hochwürdige Comthur ſchon einigemal mit Ottur zu ſprechen ge⸗ wünſcht habe. Sogleich eilte dieſer daher in das Klo⸗ ſet ſeines väterlichen Freundes, den er zu ſeiner Freude außer dem Bette und in recht heiterer Stimmung fand. „Nun, mein luſtiger Neffe macht ſich ndeine Geſellſchaft recht zu nutze!“— ſagte der Comthur, als Ottur ſeine Ent⸗ ſchuldigung, nicht früher zu ſeinem Wunſche geweſen zu ſeyn, vorbrachte—„und es „freut mich“— fuhr er fort—„daß du „ſo viel Behagen an ſeinem Umgange „findeſt, mein lieber Ottur, aber halte „ihm nur die Stange nicht zu leicht 19 „Erlaubt, Ehrwürden“,— verſetzte Ot⸗ tur—„euer Neffe hat trotz ſeinem Leicht⸗ ſinn doch ein tüchtiges Herz, und würde —m— S —— — 104— „die Stange gar freiſam zertrümmern, „die man ihm anlegen wollte!“ „Haſt recht! Er iſt hartmäulig, der „Junge“, ſcherzte der Comthur.„Nun, „haltet nur feſt zuſammen; ihr ſeid ein „tüchtiges Paar. Manſur hat viel Ge⸗ „wandtheit, aber du, mein lieber Ottur, „haſt deſto mehr innere Feſtigkeit und „Kraft und biſt mir darum auch ſo lieb. „In meiner Jugend hätt' ich Manſurs „Sprünge auch gerne mit angeſehen und „wohl ſelbſt mitgemacht, denn da ſchäumte „und ſprudelte mein Blut gleich Meeres⸗ „wogen durch die Adern; jetzt aber fließt „es ruhig wie ein ſtiller klarer Bach und „darum acht' ich nun das ruhige Gemüth „und den ernſtern Sinn. Wer mich in „meiner Adelſchalken Rüſtung ſah, hätte „auch darauf geſchworen, daß ich die goldne „Reliquienkapſel der Templer nie küſſen „würde; aber wir Menſchen ſind das beſte 4 „Bild der Zeiten! Doch ich kme hier au weit 35 von dem„wort „mein Qehn welchen Eindruck hat der letzte unſelige Kampf der Ordensbrüder „auf dich gemacht? Rede ſo aufrichtig „wie dein Blick iſt!“ „Vortheilhaft konnte der Eindruck für „Niemand ſeyn“— verſetzte Ottur— „am wenigſten aber mir, der ich eine ſo „hohe Meinung von der edlen Männer— „freundſchaft hatte, welche die Glieder neures Ordens uncereinander verbindet. „Dieſe Meinung wurde, aufrichtig ge⸗ „ſtanden, ſehr herabgeſtimmt und ſeitdem „ich Zeuge jenes Kampfes war, haben „eure frühern Worte über den jetzigen „Zuſtand des Ordens erſt wahren Glau⸗ „ben bei mir gefunden.“ „So alſo glaubſt du mir nicht maufss „Wort?“ — 106— * „Verzeiht, Ehrwürdiger, euer Wort „war mir viel; die eigne Ueberzeugung „aber mehr und ihr könnt mir dies um „ſo weniger verargen, als meine Vorliebe „für den Orden gegen eure Ausſage mäch⸗ „tig kämpfte. Das eigene Gefühl— „ſagte mein alter Waffenmeiſter— leitet „am ſicherſten und ich meine die eigene „Ueberzeugung ſei der beſte Glaube.“ „Das Letztere möchte wohl richtiger ſeyn „als das Erſtere, indeſſen kommt es dar⸗ „auf an, in welcher Beziehung dein al⸗ „ter Meiſter dir die Lehre gab; doch dar⸗ „über wollen wir jetzt nicht reden, viel⸗ „mehr möchte ich wiſſen, lieber Ottur, 1 „ob du nun von deinem Entſchluſſe dich nunſerm Orden anzuſchließen vernünftiger „Weiſe zurü ückgekommen biſt?7 „Des Kampfes wegen? 285 Nein, wahr⸗ „lich das wäre ein ſehr unvernünftiger „Grund zur Aufgebung eines Entſchluſſes, — — 107— „der ſchon ſo feſt ſteht wie der meinige. „Wohl hat er mir bewieſen, daß es dem „wahren Templer jetzt recht ernſtlich um „die Beſſerung ſeiner Mitbrüder zu thun „ſeyn kann und muß, aber er hat dar⸗ „um auch nur meinen Entſchluß beſtärkt, „denn was ich will, das will ich recht. „Mein Leben und mein Blut ſchwur ich „durch meinen Willen dem Kampfe für „Religion und Glaube zu, und wenn ich „es nun der Wiederaufrichtung oder Beſ⸗ „ſerung des Ordens widme, deſſen erſte nuenwauun ein ſolches Kämpfen iſt, ſo eine ſolche Hingebung wohl ſch werden.“ du auch nicht der wä⸗ „ ich müßte dich lieben, rief der Comthur heftig bewegt. ie gerne würde ich deinen „edlen En. luß fördern, aber ich muß „dir die Klippe zeigen, an der er ſchei⸗ „O, und 1 „reſt, der „mein Ottu „tern wird. Siehe, wenn dich auch die „innere Verderbniß unſeres Ordens, von „der ich jetzt nichts weiteres dir mehr zu „ſagen nöthig habe, nicht von ihm zu⸗ „rückſchrecken kann, ſo muß dies um ſo „entſcheidender ſeine jetzige politiſche Lage „thun. Wiſſe denn, er iſt ſeiner gänzli⸗ „chen Auflöſung nahe.“ „Wie? Unmöglich!“ rief Ottur hoch ſtaunend. „Ja, höre mich ruhig an. Seitdem „der Sitz unſeres Großmeiſters Jakob „Bernhard von Molay aus Bur- „gund, in Nikoſia auf der Inſel Cy⸗ „pern iſt, hat ſich alles mächtig mit uns „geändert. Wenn auch fruüher die ſitt⸗ „liche Verdorbenheit ſchon einigermaßen „unter unſern Mitgliedern eingeriſſen war, „ſo konnte ſie durch die immerwährenden „Kämpfe im Lande der Ungläubigen nicht 109— 4 „der größte Theil des Ordens müßig in „den Temyelhöfen und Comthureien be⸗ „findet, und nur wenige damit beſchäf⸗ „tigt ſind, zur See die Sarazeniſchen „Caper zu bekriegen, da müſſen die Aus⸗ „ſchweifungen unſerer Ordensbrüder nicht nnur immer größer, ſondern auch immer „kundbarer werden; denn der Müßiggang „iſt die erſte, reichſte Quelle des Laſters „und alles Uebels.— Ich ſelbſt habe „mich dagegen auf das nachdrücklichſte er⸗ „klärt und mit zu einem neuen Kreuz⸗ „zuge gerathen, ja meine letzte Fahrt „nach Frankreich hatte den einzigen Zweck, „den Pabſt Clemens den Fünften, „der bekanntlich vor zwei Jahren den „päbſtlichen Stuhl von Rom nach Arig⸗ „non verlegt hat, und mir ſtets auf's „freundlichſte geſinnt war, zu bereden, den „neuen Kreuzzug zu beſchleunigen;— „aber welch' bittere Nachrichten wurden * — 2 —— — 110— „mir zu Theil und welch' ſchändliches Ge⸗ „webe hinterliſtiger Fürſten⸗ und Pfaffen⸗ „bosheit ließ man mich durchblicken?!— „Nicht allein die Ausſchweifungen unſerer „Ordensbrüder, die, ſo viel Wahres auch „on ihnen iſt, doch im Munde des Vol⸗ „kes unſtreitig in einem viel größeren „Lichte erſcheinen, ſondern auch ihr unſe⸗ „liges Streben nach Einfluß auf das bür⸗ „gerliche Leben, beſonders aber der Reich⸗ „thum der franzöſiſchen Comthureien hat „den König von Frankreich, Philipp den „Vierten veranlaßt unſern Orden öf⸗ „fentlich zu verfolgen und die allgemeine „Meinung gegen uns zu empören. Daß „die übrigen, ſowohl weltlichen als geiſt⸗ „lichen Feinde, die vorzüglich der Reich⸗ „thum unſeres Ordens ſich zugezogen hat, „das Ihrige beitragen, läßt ſich denken. „Zwar hat ſich der Pabſt, dem wir ei⸗ „gentlich allein unterworfen ſind, und der — — — 111— Hallein uns richten kann, noch nicht öffent⸗ „lich gegen uns erklärt, allein er iſt zu „ſehr in Philipps Intereſſe verwebt, iſt Vzu ſehr ſein Freund und bedarf ſelbſt zu „nöthig Geld, als daß er nicht bald auch „mit den Verfolgungen des Königs ein⸗ „verſtanden ſeyn ſollte. Er wird nur „die günſtige Gelegenheit abwarten, welche „ihm das entſcheidende Uebergewicht über „uns in die Hände ſpielt, und dieſer „Zeitpunkt iſt ſchon vorbereitet, denn un⸗ „ſer Großmeiſter iſt bereits von Cypern „nach Paris beſchieden, um dort einer „Berathung wegen dem neuen Kreuzzuge „beizuwohnen, und dieſe Berathung iſt „mur der Vorwand, unter welchem die „Schlange des Verderbens lauert, wie „dies ſchon der Ort, der zur Berathung „beſtimmt iſt, noch mehr aber die Anord⸗ „nungen beweiſen, welche man dort trifft. „Philipp ſammelt eine bedeutende Anzahl — 112— „Söldner und die Johannitter, unſere „ſteten Nebenbuhler, ziehen in geſamm⸗ „ter Macht dahin. Kurz alles iſt ſo vor⸗ „bereitet, daß es nicht einmal möglich iſt, „den Orden ſeinem gänzlichen Verderben „zu entreißen. Mit Gewalt, Gewalt zu „vertreiben, iſt unmöglich, denn unſere „Tempelhöfe liegen zu weit in allen Staa⸗ „ten zerſtreut, als daß man eine anſehn⸗ „liche Macht zuſammenbringen könnte, „auch weiß noch kein Mitglied das Ver⸗ „derben, welches dem Orden droht, und „wollte ich, der ich Gelegenheit hatte das „Gewebe der hinterliſtigen Bosheit zu „durchblicken, es unter unſern Brüdern „bekannt machen, ſo würde dies nur Ver⸗ „anlaſſung zum ſchnelleren Verderben ſeyn. 8„Die ſittenloſen Mitglieder, welche bei „weitem die Mehrzahl ſind, würden noch „unſittlicher werden und dadurch unſern „Feinden nur größeres Recht zur Verfol⸗ — 113— „gung geben. Wäre aber auch alles dies „nicht der Fall, ſo würde der König„von „Frankreich ſich dem Einzuge einer bedeu⸗ „tenden Anzahl unſerer Ordensbrüder in „ſein Reich geradezu widerſetzen. Sollte „man den Großmeiſter warnen und ihm „rathen, nicht nach Paris zu gehen, das „heißt, den päpſtlichen Befehl unerfüllt „zu laſſen, ſo würde dadurch der Unwille „des Papſtes noch mehr gereizt werden „und die boshafte Beſchuldigung unſerer 4„Feinde, daß wir die Geiſtlichkeit und „deren Würde und Macht nicht anerkann⸗ „ten, nur gegründet erſcheinen. Es iſt „und bleibt hier alſo kein anderes Mittel, „als der Zeit das Schickſal des Ordens „zu überlaſſen. Er hat jedenfalls zunächſt „den Grund zu ſeinem eigenen Verderben „gelegt, hat durch Gewinnſucht und Aus⸗ „ſchweifung ſo wie durch anſtößige Ge⸗ „bräuche, die hie und da eingeführt wur⸗ Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 8 — —n— ———— 5— ——— — 114— „den, Aergerniß gegeben, und wird nun „ſchwer büßen müſſen. Ich habe viel da⸗ „gegen geſtritten, aber mein Wille und „der Wille derjenigen, die mit mir glei⸗ „chen Sinnes ſind, iſt nicht vermögend „das tiefgewurzelte Uebel auszurotten. Auch „die Reformation, die ich vor zwei Jah⸗ „ren unſerem Großmeiſter ſo hoch und „dringend anempfahl, wurde unterlaſſen „und nun iſt alles viel zu ſpät. Der „Orden ſchwebt am Rande ſeines Unter⸗ 3„ganges und nichts mehr kann ihn retten. „Täglich reizt er durch ſeine Ausſchwei⸗ „fungen neue Feinde gegen ſich auf, täg⸗ „lich werden ihm verderblichere Schlingen „gelegt, und dennoch öffnen ſich ſeine Au⸗ „gen nicht. Es iſt als wäre er mit Blind⸗ „heit geſchlagen; aber wo der Böſe, wo „das Laſter einmal eingeriſſen iſt, da wer⸗ „den alle Sinne ſtumpf und man er⸗ „wacht nicht eher aus dem unſeligen, zu⸗ „eingebrochen iſt, was man ſich ſelbſt be⸗ „reitet hat, und dann iſt es zu ſpät. O „ich möchte blutige Thränen weinen, daß „der Orden, den ich ſo innig liebte, der „mein Stolz, der mir alles war, auf eine „ſo ſchmähliche Weiſe ſein Ende finden „wird!“ „Aber, hochwürdiger Comthur“— nahm Ottur das Wort—„geſetzt auch, daß alle eure Muthmaßungen gegründet ſeyen, „daß man wirklich in Frankreich Arges „gegen den Großmeiſter und den Orden „im Schilde führen und er dort ſeiner „Auflößung nahe ſey, ſo iſt ja dadurch „der ganze Orden nicht aufgehoben. Ver⸗ „breitet er ſich ja doch durch ganz Deutſch⸗ „land, ja durch ganz Europa und wird „ſicher noch manches Mitglied zählen, das „dem Großmeiſter nachzufolgen würdig iſt. „Theilt eure Kunde euren hieſigen Or⸗ 8* „gelloſem Treiben, bis das Unglück her⸗ — 4116— „densbrüdern, ja allen deutſchen Ordens⸗ „gliedern mit, zeigt ihnen das Verderben, „in welches ihre Brüder in Frankreich „durch ihr eignes Verſchulden ſich ſtürzen, „laßt euch ſelbſt zum Großmeiſter ernen⸗ „nen, reinigt alle deutſchen Tempelhöfe „von den unſittlichen Brüdern und Con⸗ „ſalvo's, die der Ehre und Eintracht des „Bundes ſchaden, verbündet euch mit den „deutſchen Fürſten, werft ihnen den Reich⸗ „thum der deutſchen Tempelhöfe hin; die „Ehre allein iſt ja des Ritters höchſtes „Gut und die Dalmatika mit Rüſtung, „Schwerdt und Lanze ſind allein die Ga⸗ „ben, die man zum Zweck des Ordens „braucht, und den wenigen Unterhalt den „wahre Templer nöthig haben, wird man „Niemanden mißgönnen. Friſch auf, Hoch⸗ „würdiger! legt Hand an's Werk, wenn’'s „alſo noth thut, wie ihr ſagt. Durch „Gram und Kummer wird hier nichts gut — 117— „gemacht; greift durch, laßt von hier aus Neine Reformation uüber die deutſchen Or⸗ „densbrüder ausgehen, daß ſie bewahrt „bleiben vor der Schmach, die den wel⸗ „ſchen Brüdern droht. Seyd ſtreng in neurem Werk und wird der Haufen auch „gleichwohl klein und arm, ſo wird er de⸗ „ſto größer und reicher durch den Glanz „und die Reinheit ſeiner Ehre. Ihr ſeyd „geliebt, Hochwürdiger, von allen euren „hieſigen Brüdern, der Ruf eurer Recht⸗ lichkeit und eures würdevollen Edelſinnes „kam im Harzgebirge mir ſchon zu Ohren „die Fürſten können euer Unternehmen „ihres eigenen Vortheils halber ja nur „billigen und ihr habt das Verdienſt einen „Orden aufrecht gehalten zu haben, der „wahrlich um der Thaten willen, die „durch ihn ſchon vollbracht wurden und „ſeiner hohen Beſtimmung wegen es ver⸗ „dient, daß man Blut und Leben ſeiner — — 118— „Ehre opfere, ja um ihn die Märtyrer⸗ krone ſelbſt erwählt. Mich, Hochwürdi⸗ „ger kann wahrlich eure Kunde nimmer „ſchrecken und meinen Entſchluß nimmer „wanken machen, und wollt ihr nur friſch „zum Werke ſchreiten, ſo werde ich gerne „eure rechte Hand, um durch Muth und „Kraft kühn eurem Werke Nachdruck zu „verſchaffen! Viel vermag des Menſchen „Willen, wirft er nur feſt des Fleiſches „Schwachheit von ſich; das ſagte Runold „oft und mein guter Meiſter hatte recht, „ich ahnt' es niemals ſtärker als eben jetzt „und hättet ihr Hochwürden meinen Sinn; „gerettet wäre in Deutſchland des Ordens „Ehre! Im Ausland gäb' das Beiſpiel „ernſte Nacheiferung und die Ehre des „Bundes erblühte neu, ja er ſelbſt ging „kräftiger aus dem Verfall hervor in den „er jetzt verſunken iſt. Eintracht, treuer, „frommer Sinn und edle Männerfreund⸗ — 119— „ſchaft müſſen wieder die Bande werden, „die ihn feſt vereinigen und wie mit Ad⸗ „lerſchwingen wird er das Ziel ſeiner Be⸗ „ſtimmung erreichen und den alten Ruhm „weit kräftiger erneuen. Verſammelt ei⸗ „nen engern Kreis aus euern Ordensbrü⸗ „dern um euch, theilt vorerſt ihnen eure —„Kunde mit, nehmt mich auf in euern „Orden, laßt mich das Wort in der Ver⸗ „ſammlung führen; ha! wahrlich ich will „die edlen Gemüther entzünden, daß an „allen deutſchen Templern der Neid der „Ordensfeinde ſcheitern ſoll! Nennt mei⸗ „nen Entſchluß, Ehrwürdiger, nicht ju⸗ „gendliche Vermeſſenheit, nein das iſt er „nicht, ein inneres Gefühl, eine ſeltſam „überzeugende Stimme verkündet mir, daß „durch ernſten Willen alles Unheil zu „beſchwören ſey. Werft euren Gram, eu⸗ „ern nutzloſen Kummer von euch, zeigt „euern Ordensbrüdern die dringende Ge⸗ — 120— „fahr und die Mittel, wie die unglücks⸗ „ſchwangere Zeit, der drohende Sturm „von dem heiligen Orden abzuwenden ſey „und, noch einmal, nehmt mich auf, mein „väterlicher Freund, zu eurem neuen, ed⸗ „lern Bund, wenn anders reifer Entſchluß, „ffeſter Wille, Muth und Kraft ihm „frommen kann.“ „Jüngling!“— rief der Comthur hoch⸗ bewegt von Otturs Redefeuer—„Jüng⸗ „ling welcher Geiſt ſpricht aus dir? O „daß es ein wahrer wäre! Wenn in dir „der Ewige unſerm Bunde einen Retter „erweckt hätte, o ich wollte meine Ju⸗ „gendſünden ſegnen!— Widerſprechen „kann ich deinem Plane nicht, aber ach, „mein Sohn, du ahneſt nicht wie ſchwer „der Kampf ſeyn wird.“ „Je härter der Kampf, deſto ſchöner „der Sieg und tüchtigen Kämpfern ziemt „nur ſchwerer Kampf!“ rief Ottur mit — 121— glühendem Antlitz und hingeriſſen von des 8 herrlichen Jünglings hohem Muthe, preßte ihn der greiſe Comthur an ſeine Bruſt und rief mit lebhaftem Ausdrucke:„So „kämpfe denn mein Sohn für unſern Or⸗ „den, Gott ſegne deinen Muth!“ Und ihn küſſend fuhr er fort:„Dies ſey der „Bruderkuß!— O Ottur— hob er nach einer gefühlvollen Pauſe von neuem an —„könnteſt du es fühlen, welche „Wonne jetzt meine Bruſt durchſtrömt! „O daß die ſchöne Hoffnung, die deine „Zuverſicht in mir anfacht, ſich bald be⸗ „ſtätigen würde!“ ſchloß er, küßte ihn noch einmal und entließ ihn mit dem Ver⸗ ſprechen daß er morgen ſchon in den Or⸗ den aufgenommen werden ſolle. Hocherfreut enteilte Ottur dem Kloſete und als er uͤber den dunkeln Gang ſchritt, fingen ihn plötzlich zwei Arme auf und unter dem Ausrufe:„O ihr lieber, mu⸗ — 122— „thiger Ritter!“ preßte ihn der Drapier an ſeine Bruſt.„Gott ſegne euch für „eure Rede, durch die ihr meinen würdi⸗ „gen Freund aus ſeinem kummervollen „Hinbrüten erweckt habt!“ fuhr er fort. „Wie, habt ihr gelauſcht?“ ſtaunte Ottur unwillig. „Das war bei der Lebhaftigkeit und „dem Feuer, mit welchem ihr ſpracht, „wahrlich nicht nöthig!“— verſetzte der Drapier.„Nur eine dünne Wand ſchei⸗ „det mein Gemach von dem meines hoch⸗ „würdigen Freundes.— Glück unſerm „Orden, daß ihr ſein Mitglied werdet!“ „Nein Ehre mir, daß ihr mich deſſen „würdigt!“ rief Ottur und drückte des Greiſes Rechte an ſein freudeſtürmendes Herz. Mit Wärme umarmte ihn der Dra⸗ pier noch einmal und ging dann nach des Comthurs Kloſet. Als Ottur aber in Manſur's Erkerge⸗ — 123— mach eintrat, kam ihm der tapfere Kunz 3 von Straubing entgegen und im Hochge⸗ fühle ſeiner Freude ſtürzte Ottur in des freundlichen Templers Arme und ſchloß zum Voraus einen feſten Bruderbund mit ihm. Manſur aber ſchmollte eifrig über ſeines Waffenbruders Entſchluß, ſich dem Tempelorden anſchließen zu wollen und behauptete, daß es die unverzeihlichſte Thorheit ſey ſich auf eine ſolche Weiſe um die beſten Freuen des Lebens zu bringen. Als Ottur ihm aber verſprach, auch als Templer ſein treuer Waffenbruder und Ge⸗ fährte bleiben zu wollen, überwand er nicht nur ſeinen Unwillen, ſondern ließ ſich auch das Edlere von Otturs Entſchluß zu Gemüth führen und verſprach ſogar in ſeinem augenblicklichen, lebhaften Enthu⸗ ſiasmus alles was an ihm ſey und was Otturs und ſeines Oheims, des edlen Com⸗ — 124— thurs Streben erleichtern und begünſtigen könne, gerne aufbieten zu wollen. Vor dem Hochaltare der Ordenskapelle die dicht mit Tempelrittern angefüllt war, kniete, in den weißen Ordensmantel ge⸗ hüllt, ſeine bloße Löwenklinge in der Rech⸗ ten, eine brennende Kerze in der linken Hand am folgenden Morgen der hühnen⸗ mäßige Ottur um die Weihe zu empfan⸗ gen. Vor den Proſitenten trat der Or⸗ densprieſter, empfing das Schwerdt von ihm, beſpritzte daſſelbe mit Weihwaſſer und gab es mit den Worten zurück:„Em⸗ „pfanget dies geweihte Schwerdt im Na⸗ „men Gottes des Vaters, des Sohnes „und des Geiſtes! Brauchet es fürder, euch „ſelbſt und die heilige Kirche zu verthei⸗ „digen und die Feinde des Kreuzes zu be⸗ 8* — 125— „ſiegen. Hütet euch aber jemanden unge⸗ „rechter Weiſe damit zu verletzen. Die „Kraft und Gnade dazu gebe euch der, „welcher lebt und regieret mit dem Vater „und Geiſte in Ewigkeit. Amen.“ Jetzt ſteckte Ottur das Schwerdt in die Scheide. Der Prieſter gürtete ihm daſ⸗ ſelbe um und ſprach:„Gürtet euch dieſes „Schwerdt fürder um im Namen unſeres Herren Jeſu Chriſti; doch erinnert euch „ſtets, daß die Heiligen nicht ſowohl durch „Waffen als durch ihren ſtarken Glau⸗ „ben geſiegt und Königreiche erobert „haben.“ Hierauf umarmte der Ordensprieſter den Jüngling, der jetzt den Ordensmantel ab⸗ legte und ſich dann durch eine ſtrenge Beichte ſeines ganzen vergangenen Lebens durch Anhörung der heiligen Meſſe und durch den Genuß der Hoſtie zu den ferne⸗ ren Feierlichkeiten vorbereitete. — 126— Und wieder kniete er, eine weiße bren⸗ nende Wachskerze mit einem vergoldeten Schilde geziert in der Hand vor dem Prie⸗ ſter, der ihn nochmals ermahnte und ihn fragte, ob er geſonnen ſey nicht nur mit dem Munde ſondern auch mit dem Her⸗ zen allen den Lehren zu folgen, die ihm ertheilt worden? Und mit voller, lauter Stimme antwortete Ottur:„Ich ſchwöre „und verſpreche Jeſu Chriſto, daß ich alle „meine Kräfte aufbieten will, ſeinen Leh⸗ „ren zu gehorchen!“ Hierauf trat der Drapier vor den Altar und fragte den Jüngling:„Was verlangt „ihr?“ Und Ottur antwortete mit feſtem freudigem Tone:„Den Orden des Tem⸗ „pels.“ Der Drapier aber erwiederte: „Weil ihr aus altem erprobtem und eben⸗ „bürtigem Adel ſeyd, ſo kann euch euer „Begehr geſtattet werden und weil wir „euch als redlich und fromm erkannt, wil⸗ † — 127— „ligen wir in euer Verlangen und erin⸗ nnern euch, daß ein Ritter des Tempels, „ein Vertheidiger der Kirche, der Witt⸗ „wen und Waiſen ſeyn ſoll. Verſprecht „ihr ein ſolcher ſeyn zu wollen?“ Ottur verſetzte demüthig:„Ja Herr!“ Hierauf gab ihm der Drapier das Schwerdt in der Scheide in die Hand und ſprach: „Damit ihr das halten möget, was ihr „verſprochen, ſo nehmt jetzt dieſes Schwerdt „im Namen des Vaters, des Sohnes und „des Geiſtes und gebrauchet dieſen geweih⸗ „ten Stahl fortan nicht nur zu eurer Ver⸗ „theidigung ſondern auch zur Vertheidi⸗ „gung der chriſtlichen Kirche und fürchtet neuch nicht für den Namen Gottes, für „das Zeichen des Kreuzes und für die „Sicherheit der Kirche euch in Gefahren „zu ſtürzen und Gerechtigkeit und Troſt „zu handhaben für Wittwen und Wai⸗ ſen. Denn das iſt der wahre Glaube — — 128— 4„und die Rechtfertigung eines Templers, „das iſt ſein Beruf, ſeine Erwählung und „Heiligung, daß er ſeine Seele Gott und „den Leib zu ſeinem Dienſte der Gefahr „darbeut.“ Nachdem er aber hierauf Ottur mit dem Schwerdte umgürtet hatte, ſtand die⸗ ſer auf, zog ſein Schwerdt und ſchwung es auf des Drapiers Geheiß dreimal in der Luft.„Dieſe drey Schwingungen— fuhr der Drapier fort—„bedeuten, daß „ihr mit der Hoffnung zu ſiegen im Na⸗ g„men der heiligen Dreyfaltigkeit alle „Feinde des chriſtlichen Glaubens heraus⸗ „gefordert habt. Gott gebe euch ſeine „Gnade dazu. Amen.“ Nunmehr ſchritt der Drapier in ſein Geſtühle zurück und der Comthur trat von dem Ritter Kunz von Straubing ge⸗ folgt vor den Hochaltar, wo er mit feſtem Tone und hoher Würde zu Ottur anhob: — 129— „Da wir uns auf eure Redlichkeit und „Duͤchtigkeit verlaſſen, Ritter; ſo haben „wir beſchloſſen, im Namen unſers Groß⸗ „meiſters und kraft unſerer Würde als „Comthur eurem Verlangen zu willfah⸗ „ren und euch in unſere Verbindung auf⸗ „zunehmen. Wir hegen die Hoffnung zu euch, daß ihr die Werke der Barm⸗ „herzigkeit übt und mit treuer Ergeben⸗ „heit an unſerem Bunde haftet. So wie „man euch eine brennende Wachskerze in „die Hand gegeben, ſo ſoll euch dies an⸗ Nzeigen, daß auch eure Liebe brennend „ſeyn ſoll, welches die wahre Vollkommen⸗ „eheit dieſes Lebens iſt und euch die Ver⸗ ſicherung gibt, daß wenn ihr mit einem „brennenden Herzen den Glauben Chriſti „wider deſſen Feinde vertheidiget, der „Herr euch deſto ſicherer rufen wird in „ſein Reich. Damit ihr euch nicht einer „Unwiſſenheit entſchuldigen könnt, ſo bin Oitur von Waldburg. Erſt. Thl. 9 * — 130— „ich verbunden euch in Gegenwart dieſer „Verſammlung zu fragen, ob ihr vollkom⸗ „men den Willen habt, den Regeln un⸗ „ſeres Ordens zu folgen, ob ihr von dieſer „Stunde an bereit ſeyd die Mühſeligkei⸗ „ten und Beſchwerden zu ubernehmen, die „euch in dieſem Dienſte erwarten, euch „eures eignen Willens gänzlich zu be⸗ „geben, den ihr heute in die Hände „eurer Oberen legt und ihren Befehlen. „treulich zu gehorchen?“ „Ich will!“ rief Ottur unerſchütterlich. „So wird man denn mit euch ſchalten — fuhr der Comthur fort;„wie mit dem „Wachſe dieſer Kerze, das ſich nach Will⸗ „kühr hantiren läßt. Ihr werdet faſten „müſſen, wenn ihr zu eſſen Luſt habt und „wachen wenn ihr ſchlafen möchtet. Ihr „werdet noch viele andere Beſchwerden „übernehmen müſſen, die der Weltluſt und der Freyheit zuwider ſind. Deshalb be⸗ 1 „denkt wohl, ob ihr euch alſo eures Wil⸗ „lens begeben wollt und könnt?“ „Ich entſage meiner Freiheit zum Wohl „des Ordens und zum Beſten der Kirche „und lege meinen Willen in die Hände „der Ordensoberen!“ antwortete Ottur feſt. „Weil ihr uns denn ſolche Verſicherung „gebt— ſprach der Comthur weiter— „ſo nehmen wir euch denn geneigt an, „nach der Vorſchrift unſeres Ordens und „verſprechen euch Brod und Waſſer, ſchlechte „Kleidung, Mühe und Arbeit.“ Jetzt gebot der Comthur dem Recipien⸗ ten das Miſſale von dem Altare herbey zu holen. Ottur brachte es, legte die Hand darauf und ſchwur dem Comthur folgenden Eid nach:„Ich ſchwöre, verſpreche und „gelobe Gott dem Allmächtigen, der glor⸗ „reichen Jungfrau Maria und allen Hei⸗ „ligen, durch Huͤlfe ihrer Gnade, wahren 9* — 132— „Gehorſam gegen das zu beobachten und „zu halten, was mir von Gott und mei⸗ „nem Orden wird befohlen werden, ohne „Eigenthum zu leben und die Keuſchheit „zu beobachten, wie es der Orden beſiehlt.“ Und der Comthur fuhr fort:„Damit „ihr nun mit dem Gehorſame anfanget, „ſo befehle ich euch, das Miſſale wieder „auf den Altar zu legen. Wenn ihr den „Altar geküßt, kehrt zu mir zurück. Ottur gehorchte und der Comthur ſprach weiter: „Jetzt erkennen wir euch für unſeren Or⸗ „densbruder, das heißt für einen Diener „der Armen Jeſu Chriſti, des Tempels „von Jeruſalem.“ Jetzt nahm der Comthur den bekreuz⸗ ten Mantel, den Kunz von Straubing ihm reichte, zeigte dem Recipienten das achteckige Kreuz und ſprach:„Uns iſt be⸗ „fohlen, das Kreuz roth zu tragen, zum „Zeichen, daß wir unſer Blut im Dienſte „der Kirche vergießen ſellen. Die acht „Spitzen die ihr ſehet, ſind die Symbole „der acht Seeligkeiten, die ihr beſtändig „in euch haben und zum Troſt und zur „Erhaltung eurer Seele in euer Herz „graben ſollt, weshalb ich euch befehle das „Kreuz öffentlich auf der linken Seite, „gerade auf dem Herzen zu tragen!“ Hiermit reichte der Comthur dem Jüng⸗ ling das Kreuz zum küſſen, hing ihm dann den Mantel über die Schultern und fuhr fort:„Nehmt im Namen der heiligen „Dreyeinigkeit das Kreuz und Kleid, bey „dem ihr Ruhe und Heil für eure Seele „finden werdet; es iſt das wahre Panier „unſeres Ordens und indem ihr dieſen „Mantel nehmet, entſagt ihr der Pracht „und Eitelkeit der Welt. Tragt ihn zu „gehöriger Zeit und ſorgt auch dafür, „daß euer Leichnam darin begraben werde.“ Jetzt nahm der Comthur aus Strau⸗ — 134— bings Händen einen Gürtel von leinenen Fäden und indem er ihn dem jungen Or⸗ densritter um die Hüften gürtete, ſagte er:„Dieſer Gürtel deutet eure Ver⸗ „pflichtung zur Keuſchheit an, und gehört „mit zu unſerem Ordenszeichen. Nun „ſeyd ihr noch gehalten, täglich hundert „und fünfzig Paternoſter herzuſagen und „eines für unſere verſtorbenen Brüder, „auch müßt ihr drey Tage wöchentlich dem „Genuſſe des Fleiſches gänzlich entſagen „und euch in den nächſten Tagen mit den „Regeln und Vorſchriften unſeres Ordens „durch den Bruder Drapier unterrichten „laſſen. Jetzt aber umarmt ihr nach dem „Gebete und Seegen, alle eure anweſen⸗ „den Brüder in eurem neuen Kleide und „gebt ihnen den Bruderkuß.“ Nun trat noch einmal der Ordensprie⸗ ſter zum Altare, ſprach ein Gebet über den Aufgenommenen und ertheilte allen — 135— Anweſenden den Seegen. Als ſich Ottur hierauf von den Knieen erhob, nahte ihm der Comthur wieder, ſchloß ihn heftig be⸗ wegt in ſeine Arme, küßte ihn auf die Stirne und flüſterte:„Du haſt es ſo ge⸗ „wollt, mein Sohn; Gott ſchütze und be⸗ „wahre dich vor ſpäter Reue!““ Hiermit wies er ihn an den Drapier; der ihn gleichfalls innig umarmte und küßte und dann den Hocherfreuten an Straubings und der andern Ordensbrüder Umarmun⸗ gen übergab. In Helm und Panzer geſchmückt, mit der rothbekreuzten Dalmatika, einſt dem Ziele ſeiner irdiſchen Wünſche, trat Ottur mit Kunz von Straubing nebſt acht an⸗ dern Ordensbrüdern dem würdigen Drapier nach in das Kloſet des Comthurs Nach — 136— ſeinem Rathe hatte der hochwürdige Mar⸗ ſchall dieſen Brüderausſchuß zuſammenbe⸗ rufen um ihm die dringende Noth und Gefahr, in welcher ihr Orden ſchwebe, vor⸗ zuſtellen und ſeine in Frankreich erhalte⸗ nen Nachrichten mitzutheilen.— Sobald der edle Greis daher jetzt ſeine Klagrede beendigt hatte, erhob ſich Ottur und ver⸗ ſuchte die durch des Comthurs Mittheilun⸗ gen niedergebeugten Gemüther ſeiner Brü⸗ der durch ſein kräftiges Redefeuer zu ent⸗ flammen und es ihnen an's Herz zu legen daß in einer ſolchen verhängnißvollen Zeit der Muth, die Ausdauer und Entſchloſſen⸗ heit der Templer ſich eben recht tüchtig bewähren müſſe, ſo wie, daß durch dieſe Männertugenden allein das drohende Un⸗ wetter beſchworen werden könne. Kunz von Straubing war der Erſte, welcher nach Ottur's Rede das Wort nahm und mit gleichem Feuer ſprach; dach ging er in ſeinem gerechten Eifer zu weit, denn er wollte, daß ſogleich an alle Tem⸗ pelhöfe Aufgebote ergehen ſollten um das gegen den Orden angeſponnene Gewebe gewaltſam niederſchlagen zu können. Der Comthur wie der Drapier und Ottur be⸗ wieſen ihm das Unſtatthafte und Schäd⸗ liche ſeines Rathes und bald ſtimmten Alle mit Ottur dahin überein, daß ihr würdiger Comthur als Großprior aller deut⸗ ſchen Tempelhöfe erwählt werden ſolle, zu welcher Würde ihm nicht nur der ausgebreitete Ruf ſeines Edel⸗ und Biederſinnes ſon⸗ dern auch ſein Alter als Ordensmitglied die nächſte Anwardſchaft gebe, worauf denn durch ihn eine förmliche Reforma⸗ tion über die deutſchen Ordensmitglieder ergehen und alle zur Aufrechthaltung der Ordensehre nöthig gewordenen Verfügun⸗ gen getroffen werden ſollten.— Die Art wie Ortur dieſen Plan vortrug und wie er das Vortheilhafte deſſelben zu beweiſen wußte, ließ Allen bald keinen Zweifel übrig, daß es das beſte und einzige Mittel ſey, wodurch der Orden zunächſt in Deutſchland geſichert bleiben und wie ſich hoffen ließ, auch in andern Ländern ſich wie⸗ der aus ſeinem jetzigen Verfalle erheben könne. Sie dankten mit wahrer, brüder⸗ licher Innigkeit dem hochherzigen Ottur von deſſen Klugheit und Umſicht ſie jetze einen eben ſo großen Beweis hatten, als er ihnen vor kurzem einen von ſeinem Muthe und ſeiner Stärke gegeben hatte. Auch der Comthur preßte den theuern Jüngling an ſeine Bruſt und der Drapier, der ohnehin den jungen Ordensbruder ſchon ſo lieb gewonnen hatte, rief wie in prophetiſcher Begeiſterung:„Gewiß du „wirſt die Ehre des Ordens retten, herr⸗ „licher Jüngling, wenn du ihn auch gleich⸗ „wohl nicht von ſeinem Untergange zu — 139— „retten vermagſt; allein auch dafür wird „dein Glück noch ſo groß ſeyn, wie dein „Verdienſt!“ 34 Auf Otturs Rath wurde nun noch be⸗ ſchloſſen, daß die Ritter vorläufig das Ziel des Planes verheimlichen und nur in der Abſicht nach den verſchiedenen Comthureyen und Tempelhöfen in Deutſchland aufbre⸗ chen ſollten, um die Stimmen der deut⸗ ſchen Ordensbrüder für die Wahl des wür⸗ digen Adalott zum Großprior des Ordens in Deutſchland zu gewinnen und zu wel⸗ chem Ende ſie von dem Ordenspfaffen ſich mit einer Wahlliſte verſehen laſſen ſollten. Der Comthur ſelbſt beſtimmte, nach wel⸗ chem Ordenshauſe jeder von ihnen ziehen ſolle und wählte für Ottur den großen Tempelhof zu Görlitz, von welchem er den meiſten Widerſtand für die Durchfüh⸗ rung ihres Planes befürchtete. Allen wur⸗ de von ihm Eile und Vorſicht anempfoh⸗ 3— 8 — 140— len und jeder verließ mit dem feſten Vor⸗ ſatze und Verſprechen, Blut und Leben für das Wohl und die Ehre des Ordens opfern zu wollen, den hochwürdigen Com⸗ thur, der gleich allen über die entferntere Gefahr die nächſte überſah. Durch die nöthigen Unterweiſungen in den Regeln und Gebräuchen des Ordens ſowohl, als auch durch andere, wiewohl unbedeutende Hinderniſſe wurde Ottur län⸗ ger, als die übrigen neun Ordensritter von ſeinem Auszuge nach dem Görlitzer Tem⸗ pelhof zurückgehalten. Verdrießlich darüber hatte eben feſt beſchloſſen, ſich morgen von allen den an ſich unweſentlichen Verhält⸗ niſſen loszureißen und ſeine Fahrt anzu⸗ treten, da haſtete Manſur zu ihm herein ſaß er eines Abends in ſeinem Kloſet und 2x — 141— und rief:„Nun, beym St. Georg, jetzt „hab' ichs bald auch ſatt hier! Iſt das nicht eine Tagdieberey ohne alle Fagon? „Wollt' ja mein Seel lieber zu dem ſchlech⸗ „teſten Bettelorden gehören, als Tempel⸗ „ritter ſeyn, denn als Mönch kann man „mit dem Abt und Wardian doch eins ze⸗ „chen, hier aber, das Gott erbarm, da „iſt's ja gerade, als ob man lebendig „ſchon begraben wäre! Lauf ich doch den „ganzen Abend in den Gängen hin und „her, hör' nichts, als hie und da ein Pa⸗ „ternoſter aus einem Gaden brummen „und begegnet einem ja ſo ein Nachtlam⸗ „pengeſicht von einem Menſchen, ſo ſchlägt „er's Kreuz und huſcht vorüber, als ob „man mit dem Teufel ſelbſt beſeſſen wär! „Nein die lange Weile brächte mich hier „noch um, und einen ſolchen Heldentod „zu ſterben, hab ich denn endlich keine „Luſt. Kann's wahrhaftig dem Don Con⸗ -— 12— „ſalvo nicht verdenken, daß er heute Nacht „trotz ſeiner Wunde echapirte.“ „Was faſelſt du, Don Conſalvo wäre „fort?“ ſtaunte Ottur. „Haha, das weißt du nicht?“ lachte Manſur.„Nun ſo bedarfs denn gar noch „eines Boten der da kundet, was in ei⸗ „nem und demſelben Haus vorgeht! Ach „Ottur ich möchte weinen, daß auch du „den weißen Lumpen dir umhängen lie⸗ „ßeſt! Nein, was ich in meinem Leben „ſeyn will, wollt' ich doch auch recht ſeyn; „entweder ein Ritter, frank, baar und „frey oder denn in Gottesnamen auch ein „rechter Pfaff!— O ich hab' in meinem „Grolle heute Abend, den Hugo von Pa⸗ „jens ſammt dem Gottfried von St. Ul⸗ „demar und ihren ſieben Spießgeſellen „ſchon verflucht, daß ſie ſolch ein erbärm⸗ „lich Zwitterding von Orden ſtiften moch⸗ * — 143— „ten, der traun am paſſendſten der Fau⸗ „lenzerorden hieß!“ „Nun, nun, Manſur, bedenk' doch was „du ſprichſt! Zu deinem luftigen Weſen „paßt freylich unſer Orden nicht, auch will „ich alle Worte ſparen, um deinen unbe⸗ „ſonnenen Tadel zu widerlegen, doch ſo „viel magſt du dir beherzigen, daß mit „allem deinem Treiben wahrhaftig weni⸗ „ger gethan iſt, als mit unſerer Faulen⸗ „zerey, wie du unſer contemplatives Leben „zu nennen dir erlaubſt. Aber ſag', weißt „du's gewiß, daß Don Conſalvo von hier „entfloh?““ „Ja, ja er iſt aus ſeinem Gewahrſam fort! „Der Knappe Wolf will ihn zwar heute „Abend die Wendeltreppe im Verließthur⸗ „„me heraufſchleichen geſehen haben, aber „die meiſten Knappen zeugen wider ihn, „und behaupten dagegen, daß es ſchon „ſeit ſechs Tagen nicht geheuer auf der — 144— „Treppe ſey. Bin vorhin ſelbſt in der „Hoffnung irgend ein Rendezvous zur „Unterhaltung zu erſchnappen, ein paar „Mal in dem Thurme auf und niederge⸗ „rannt, hab' aber keine Maus, geſchweige „einen Menſchen, oder gar einen Geiſt „geſehen. Nun darauf machte ich mir „auch weiter keine Hoffnung, denn ich bin „Gott lob kein Gyllenſonntagskind.— „Am Ausgang iſt mir Don Hernandez „wohl begegnet und hat mich ſo verplüft „angeklotzt, daß ich faſt Luſt hätte, ihn „für das Geſpenſt zu halten, welches die „Knappen geſehen haben wollen. Uebri⸗ „gens muß ich dir aufrichtig geſtehen, „daß es mir noch nie ſo unfreundlich hier „vorkam, als heute Abend, auch herrſcht „ſo eine unheimliche Stille in dem gan⸗ men Tempelhofe, die ich traun nicht beſſer * vergleichen weiß, als mit der Win⸗ esſtille, die gemeiniglich dem Ausbruche 8 — 145— „eines heftigen Sturmes und Unwetters „vorangeht.“ „Weiß denn der Drapier um Conſal⸗ „vo's Flucht?“ fragte Ottur. „Ja wohl und gebärdet ſich gar luſtig „darüber, aber— horch— was ruft es da? „— Rufts nicht Feuer!?“ „Dir ſpukts im Hirn, ich höre nichts!“ „Nein— hör' doch nur, die Wärtel „huten ja!“ rief Manſur und riß das Fenſter auf. „Feuer, ho! Feuer ho!“ ſcholls dumpf und lauter von den Wällen herauf. „Himmel du haſt recht!“ ſprang Ottur nun auf und wollte, da eben auch die Tempelglocke zum Sturme angezogen wurde, mit Manſur aus dem Gemache eilen, da ſtürzte der alte Drapier mit ſchreckensblei⸗ chem Antlitz ein und rief:„Ha die Schur⸗ „ken! Zum Schwerdt Ottur, Verrath, „Empörung wüthen!“ Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 10 — 146— „Wie, Ehrwürden? es brennt, wollt ihr „wohl ſagen, drum laßt uns fort, daß „wir zum Löſchen kommen, ehe uns die „Sohlen glühen!“ verſetzte Manſur. „Nehmt Helm und Schwerdt, ſag ich, „wenn euch das Comthurs Leben lieb iſt 1⸗⸗ eiferte der Drapier⸗„Hört!““ „Don Conſalvo unſer Marſchall lebe!“ donnerte es plötzlich durch den Feuerlärm zur offnen Thür herein, und heftiges Schwerdtergeklirr erſcholl. „Himmel, was ſoll das!“ rief Ottur entſetzt. „Conſalvos und der welſchen Brüder „Werk! Eilt nur, Gott, ſonſt kommen „wir zu ſpät!“ drängte der Drapier, und raſch griffen Ottur und Manſur jetzt zu den Waffen. 1 „Nieder mit dem alten Gleisner! Frei⸗ „heit und Conſalvo!“ ſcholl es näher als ſie aus dem Gemache nach des Com⸗ thurs Kloſet haſteten und wild krachten und praſſelten die Flammen, die hoch aus dem Verließthurme ſchlugen und ihr bluti⸗ ger Widerſchein erleuchtete ſchrecklich durch die hohen Bogenfenſter die dunkeln Gänge. Inn voller Rüſtung kam ihnen am Ende des Ganges der Comthur mit einigen Ordensrittern ſchon entgegen.„Ach hoch⸗ „würdiger Bruder!“ ſagte der Drapier, „hätteſt du doch nach meinem Rathe die „welſchen Buben gleich zum Teufel gejagt, „jetzt iſt eingetroffen was ich vorher ſah. „Aber um was ich dich bitte, bleibe zu⸗ „rück und überlaße uns den Kampf.“ „Nein Albert, laß mich; die Empörer „haben zwar ihre Zeit ſich gut erſehen, „aber ihr Plan ſoll ihnen dennoch nicht „gelingen!“ erwiederte der Comthur und ſchritt muthig an der Spitze ſeiner weni⸗ 65 10* — 14s— gen Getreuen nach der breiten Treppe die in den Hof hinabführte. „Rettet, rettet euch, Hochwürdiger! ſie „ſind ganz wüthend!“ Mit dieſem Aus⸗ rufe kam der Knappe Wolf die Treppe beraufgeſtürzt.„Die Hälfte der Traban⸗ „tenwache liegt ſchon erſchlagen und auch „euch wollen ſie ermorden!“ fuhr er fort. „Wer hat euch denn befohlen gegen „Ordensritter zu kämpfen?“ fragte der „Comthur den Knappen unwirſch. „Ich hochwürdiger Bruder,“ verſetzte der Drapier,„ich habe der Wache beim „Feuerausbruche befohlen Niemand herauf „zu laſſen.“ „Und Don Conſalvo wollte uns zwingen „die Waffen abzulegen oder ihn als Com⸗ „thur auszurufen!“ ſetzte Wolf hinzu. „So iſt der Elende ſelbſt beim Hau⸗ „fen?“ fragte der Comthur wild. „Er führt ihn an! o Himmel rettet — 149— „euch, ſie ſtürmen ſchon herauf!“ dräng⸗ te Wolf vor, aber:„Zurück!“ donnerte der Comthur und ſchritt den Empörern entgegen, die unter dem wilden Rufe: „Drauf Bruder, alles nieder, das Neſt „muß unſer werden!“ heraufklirrten und zwei Trabanten, welche vor ihnen her⸗ flohen, noch ehe es zu verhindern war, beinahe zu des Comthurs Füßen nieder⸗ hieben.. „Halt!“ rief jetzt mit dem tiefſten Donner ſeiner Stimme der Comthur. „Seyd ihr Banditen und Mordbrenner „oder Tempelritter,“ fuhr er fort.„Iſt „das der Dank daß man euch gaſtlich „hier aufnahm und iſt das die Reue die „ihr für eure Frevelthat verhießet? Wollt „ihr meineidig an dem Schwure werden, „den ihr geleiſtet habt? Zur Stelle „nehmt Quartier. Ein ſchallendes Hohngelächter war die — 150— Antwort der Empörer und Don Conſalvo ſchrie aus ihrer Mitte:„Jetzt nimmſt „du mit»deiner Brut Quartier, alter „Bube, wenn du dein Leben friſten willſt! „Drauf Brüder haut die gleiſneriſchen „Schurken nieder, wenn ſie ſich nicht er⸗ „geben wollen!“ „Halt!— Sſchrie der Comthur noch ein⸗ mal mit feſtem Ton—„laßt ab und „zieht von dannen, oder ſo wahr ein „Gott iſt, ſobald das Schwerdt in mei⸗ „ner Rechten funkelt erhält keiner mehr „Pardon!“ „Freiheit und Conſalvo!“ brüllten aber die Empörer und ſtürmten mit vorgehal⸗ tenen Schwerdtern gegen Adalott.„Drauf „denn Getreue, der Ordensehre gilts!“ rief wild der Comthur ſein Schwerdt ent⸗ blöſend und kaum war das Commando⸗ wort über ſeinen Lippen da ſtürzte Ottur in wilder Kampfwuth vor.„Meineidige — 151— „Schandbuben!“ wüthete er, ſchlug dem Vorderſten den rechten Arm mit einem Hiebe vom Rumpfe und ſtieß ihn über die Treppen hinab, daß er mehrere ſeiner Conſorten mit ſich hinabriß.— Manſur war ſeinem Waffenbruder auf dem Fuße gefolgt und der heftige Angrif von dieſen heiden Hühnon, noch mehr aber deren vortheilhafte Stellung, nöthigte die Em⸗ pörer ſich kämpfend nach dem Hofe zu⸗ rückzuziehen. Hier aber entbrannte, von den hochauf⸗ wirbelnden praßelnden Flammen des auf⸗ lodernden Verließthurms ſchrecklich erleuch⸗ tet, der Kampf mit der höchſten Erbitte⸗ rung. Ottur ſtürzte mitten unter die feind⸗ lichen Brüder und ſandte, einem ſchönen Würgengel gleich, Tod und Wunden mit ſeiner Löwenklinge um ſich her.„Nehmt „Vernunft an, junger Hühne, geht zu „uns über, werdet unſer Drapier!“ rief Montauban ihm mehrmals zu, aber mit kalter ſtummer Verachtung drang der Held nur immer wüthender gegen die Empörer ein.„Gott mein Oheim!“ rief jetzt Manſur und umblickend ſah Ottur wie de la Vilette eben dem würdigen Com⸗ thur ſein Schwerdt in den Nacken ſtoßen wollte. Ein Hieb und der Meuchelmör⸗ der lag in ſeinem Blute.„Dank dir „treuer Waffenbruder!“ jubelte Manſur als er die That verhindert ſah, die er nicht ſelbſt ſo ſchnell verhindern konnte, und ſtürzte mit neuem Muthe in den Feind an Otturs Seite. Hier aber bot ihm Montauban die Spitze und obgleich er ſich verzweifelt wehrte, ſo hatte ihm der Temp⸗ ler doch bald den Schild zertrümmert und führte eben einen neuen Streich, der Man⸗ ſurs Helm geſpalten hätte, wenn nicht Ottur ihm raſch zuvorgekommen wäre. Er fing mit ſeinem Schilde Montaubans — — 153— Hieb auf und ſtieß zugleich des alten Drapiers Gegner, der dieſem hart zuſetzte, nieder, aber in demſelben Augenblicke ſchwirrte ein Dolch aus Don Conſalvos Hand und drang in Otturs Heldenbruſt. „Bube!“ knirſchte er und ſank er⸗ ſchöpft zu Boden. Ein heftiger Blutſtrom quoll aus ſeiner Bruſt; noch ſah er wie die Flammen des mächtig um ſich greifen⸗ den Feuers hoch zum Himmel auf ſich wölbten und hörte noch, wie durch den Schwerdterſturm der Name Straubing ſcholl und wie Don Hernandez rief: „Flieht, rettet euch!“ aber nun waren ſeine Sinne ihm entſchwunden und er lag bewußtlos auf dem blutgetränkten Boden. Als Ottur wieder zu ſich kam, befand er ſich auf ſeinem Ruhebette in ſeinem 6 Kloſette. Die Sonne ſchien freundlich auf ſein Lager herein und Manſur ſtand trübſinnig, das Haupt in die Hand ge⸗ ſtützt, am Fenſter. „Alſo geſiegt!“ ſtöhnte nach einer Pauſe, in welcher die letzten Begebenhei⸗ ten ſich ſeinem Gedächtniße wieder auf— gedrängt hatten, der Schwerverwundete mit matter Stimme und vergaß über den freudigen Gedanken ſeine heftigen Schmer⸗ zen. Manſur hörte die ſchwachen Laute und eilte mit einem Freudenrufe auf ſei⸗ nen Waffenbruder zu.„Gott ſey's ge⸗ „dankt, daß ich endlich einmal wieder dein „offenes Auge ſehe, du treuer, tapferer „Bruder!“ rief er mit dem Ausdrucke der innigſten Theilnahme indem er Ot⸗ turs Rechte zwiſchen ſeinen beiden Hän⸗ de preßte. „Lebt dein Oheim?“ fragte Ottur. „Du haſt ihm ja das Leben gerettet „und als du niederſankſt, kam gerade der „tapfere Straubing mit einem Fähnlein „Ulmer Bürger an, die des ausgebroche⸗ „nen Feuers wegen, uns zu Hülfe eilten. „O die italieniſchen Schandbuben haben „noch tüchtige Büffe genoſſen und auch „der raſende Montauban hat die Ehre „noch erlebt, von mir zur Hölle geſandt „worden zu ſeyn. Brullend wie die Scha⸗ „kals ſtobedie ſaubere Bande auseinander „aber Galle möcht' ich ſpeyen, daß mein „Oheim uns des um ſich greifenden Bran⸗ „des wegen, vom Verfolgen abſtehen hieß, „denn dem elenden Conſalvo hätte ich „gerne noch ſein italieniſches Banditen⸗ „hirn aus dem Schädel getrieben; ſo aber „entkam der Bube mit ſechs ſeiner Con⸗ „ſorten glücklich meiner Rache. Acht von „ihnen wurden erſchlagen, und zwey ſchrey⸗ „en jetzt, weil ihnen der Knöchler am „Schragen winkt und ihr Sündenregiſter „noch vorſchüret, erbärmlich um Gnade. Ich „wünſch ihnen zwar von Herzen gute Fahrt „bitt' aber Gott, daß er vor einer ſolchen „mich bewahret, denn grauſend iſt es an⸗ „zuhören, was die zwey Sündenböcke in „ihrer Todesangſt alles beichten.!“ „Wer fiel von uns?“ fragte Ottur. „Keiner, aber nebſt dir liegen zwey „Ordensritter ſchwer verwundet, den An⸗ „dern wurde hie und da die Haut geritzt, „aber vierzehn Trabanten beſiegelten ihre „Treue mit dem Leben und mir wie mei⸗ „nem Oheim und dem Drapier haſt du, „mein Bruder, mein treuer, tapferer Bru⸗ „der, das Leben gerettet. Was Freund⸗ „ſchaft und Liebe dir vergelten kann Ot⸗ „tur— hier haſt du meine Hand und „den Schwur der kreuſten Bruderliebe! „O daß ich dir an meiner Bruſt danken „könnte! Verflucht ſey des Banditen Dolch, „der dir die Wunde gab!“ „Laß das Manſur, was ich that, war „Waffenbruderpflicht!“ verſetzte Ottur. „War der Schaden des Feuers groß?“ „Der Verließthurm iſt ausgebrannt, „wie ein Mausloch, aber die Pfalz iſt un⸗ „verſehrt geblieben. Es war indeſſen hohe „Zeit, daß man ans Löſchen denken konnte, „denn es erhob ſich bald, nachdem man „dem Feuer Einhalt gethan hatte, ein „heftiger Wind. Doch ſage mir jetzt mein „herzlieber Ortur, wie du dich fühlſt; ich „muß meinen Oheim gleich benachrichtigen.“ „Die Wunde ſchmerzt zwar heftig— ver⸗ „ſetzte Ottur, aber die Siegesnachricht war „der beſte Balſam. Mit Gottes Hülfe „werde ich wohl wieder heil!“ „Daran zweifle nicht, mein Sohn!“ ſprach der eben eintretende Comthur und des Siechen Hand ergreifend, fuhr er mit Wärme fort:„Du haſt nun ſchon den „Orden zu deinem Schuldner, mein Ot⸗ „tur, denn du haſt dich hoch um ihn ver⸗ — 158— p dient gemacht, aber ach! daß Bruderblut „hier fließen mußte!“ Eine Thräne ſam⸗ melte ſich bey dieſen Worten in des edlen. Greiſes Auge, und mit inniger Wehmuth 7 ſetzte er hinzu:„Wären es doch Ungläu⸗ „bige geweſen!“— „Pah, Herr Oheim!“— rief Manſur —„das laßt euch nicht zu Herzen gehen! „Die Buben waren wahrlich ſchlechter noch, „als Sarazenen!“ „Du haſt doch nicht das mindeſte Ge⸗ „fühl, Manſur“— grollte der Marſchall —„iich wollte dich ja noch einmal ſo gerne „haben, wenn du nicht ſo leichtſinnig „wäreſt!“ „Mir leid, Herr Oheim, aber es liegt „einmal ſo in meiner Art. Ich nehme „jede Sache gerne gleich beim Schopf⸗ „zerbrech mir nie über das, was einmal .„geſchehen iſt, den Kopf, nenn auch jedes „Kind gern gleich bey ſeinem rechten Na⸗ — 159— „men und halte in meinem Leben keine „Spreu für Saamen. Auch“— „Geh' nur und beſcheide den Drapier „und Kunz von Straubing hierher!“ unterbrach ihn der Comthur und fuhr, als Manſur munter ſingend weg eilte— zu Ottur fort:„Straubing hat in dem „Breiſacher Tempelhof ſein Geſchäft ſchnell „und glücklich beendigt und ſoll nun auch „ſtatt deiner nach dem Görlitzer Tempel⸗ „hof ziehen. Gott gebe, daß unſer Plan „bald durchgehet, ſonſt gebe ich alle Hoff⸗ „nung auf!“ 4 „Seyd getroſt, Ehrwürdiger, bin ich „nur erſt wieder auf den Beinen! O. daß „ich nicht früher von hier abzog!“ ſtöhnte Ottur... „Dafür ſey der göttlichen Vorſehung 4 „gedankt,“ verſetzte der Comthur—„denn „ohne dich, mein Sohn, haußte jetzt der „elende Conſalvo mit ſeiner Bande hier, — 16660v „und alle unſere Pläne wären geſchei⸗ „tert.“. 1 1 Eben haſtete der Drapier mit Strau⸗ bing ein, und beyde äußerten ihre Theil⸗ nahme an Ottur's Leiden, mit der brüder⸗ lichſten Wärme. Auch die übrigen Ordens⸗ ritter verſammelten ſich nach und nach in Otturs Kloſet, und die Achtung und Liebe, mit der jeder von ihnen den ſiechen, jun⸗ gen Helden, die brüderliche Anerkennung ſeines Verdienſtes an den Tag legte, lie⸗ ßen dieſen die Schmerzen ſeiner Wunde minder fühlen, ſo wie die treue, ſorgſame Pflege, die ihm zu Theil wurde, ſeine Heilung mächtig beförderten. Nie wurde ſein Kloſet von Bruͤdern leer, die ihm jeden Wunſch von den Au⸗ gen zu leſen ſich beſtrebten, um ihn ſo⸗ gleich erfüllen zu können, und Manſur wich nicht von ſeines Waffenbruders Schra⸗ gen, ſuchte ihn, wenn er wach wurde, — 161— durch ſeine Munterkeit zu zerſtreuen, und that, wenn er die Augen ſchloß, ſeiner Lebhaftigkeit Gewalt an, um ihn nicht zu ſtören. Auch der Drapier war, ſo oft es ſeine Geſchäfte erlaubten, bey dem Ver⸗ wundeten, aber des edlen Comthurs väter⸗ liche Theilnahme und Güte rührten den ge⸗ fühlvollen Ottur oft bis zu Zähren. Er, der würdige Greis verweilte täglich ſtun⸗ denlang bey ihm, verband ihm oft ſelbſt ſeine Wunde, ſuchte ihn durch Mitthei⸗ lungen ſeiner in der Jugend gemachten Er⸗ fahrungen, lehrreich zu unterhalten und ließ ſich ſogar Manſurs Scherze gefallen, denn er gewann ſeinen Neffen wegen ſei⸗ ner eifrigen, angeſtrengten Sorgfalt für Ottur, um vieles lieber. So war er, als Ottur ſchon wieder ſehr auf der Beſſerung war, eines Abends mit Manſur auch wieder bey ihm, hatte für ſich und ſeinen Neffen einige Becher Weins Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 11 — 162— bringen laſſen und fetzte ſich mit dieſem vor Otturs Schragen, um ſich den gan⸗ zen Abend über, ſo recht gemüthlich bey den beyden wackeren Junglingen zu un⸗ terhalten. Durch Manſur war bald das Geſpräche auf Liebesabentheuer gelenkt worden, und nachdem dieſer ſelbſt einiges zum Beſten gegeben, was er in ſeiner Provenze gehört oder auch ſelbſt erlebt hatte, hob der Comthur in ſeiner freund⸗ lichen Stimmung an:„Es iſt wahr, auch „ich hatte eine Zeit, in der mir die ir⸗ „diſche Liebe das Höchſte ſchien, was die „Erde zu geben vermöge, nun aber will „ſie mir doch als eine Schwachheit er⸗ „ſcheinen, deren das menſchliche Herz lei⸗ „der ſo viele hat!“ „Erlaubt Herr Oheim“— ſiel Man⸗ ſur ein—„das kommt unſtreitig daher, „weil die Liebe mit eurer Jugend davon — 163— „lief und euch nichts mehr als die Erin⸗ „nerung zurückgelaſſen hat.“ „Da magſt du vielleicht ſo unrecht nicht „haben“— erwiederte der Comthur— —„indeſſen ſollte auch jeder junge Ritter „ſich nicht zu weit von ſeinem Herzen hin⸗ „reißen laſſen und an eine ſtrenge Obhut nüber daſſelbe ſich frühe gewöhnen; denn „nur jene zarte Minne, die unſere Vor⸗ „fahren zu ſo großen, herrlichen Thaten „begeiſterte, wo der Ritter nur durch Treue „und ſeiner Thaten gefeyerte Größe des „Wohlgefallens ſeiner Dame ſich zu ver⸗ „ſichern ſtrebte und mit züchtiger Sitte „und ehrerbietiger Scheu von jedem un⸗ „reinen Beginnen ſich zurückhielt, nur „dieſe Minne, behaupte ich, hat Werth nund iſt des Menſchen, des Chriſten und „des Ritters würdig; aber leider iſt das „Zartgefühl in unſeren Tagen ſo ſehr ſchon „geſunken, daß ein Herz, in welchem ſol⸗ 41 2e — 164— „che Minne lebt, ein ſeltener Edelſtein „geworden iſt und man ſich immer mehr „jener gemeinen, ſinnlichen Liebe hingibt, „die ſelbſt abgeſehen davon, daß ſie des „Menſchen wie des Chriſten unwürdig iſt „und nur zum rohen, thieriſchen Heiden⸗ „thum gehört, auch noch vielfältig ſo gro⸗ „ßen, namenloſen Jammer bereitet. Ich „will euch darüber eine Geſchichte mit⸗ „theilen, deren Wahrheit ich euch verbür⸗ „gen kann, weil ich diejenigen, welchen „ſie widerfuhr, genau kannte.“ „Zu Ende der ſiebenziger Jahre des „vorigen Jahrhunderts, kehrte ein Temp⸗ „ler in Begleitung ſeines Vetters, der „aber keinem Orden angehörte, von Pa⸗ „läſtina zurück, wo ſie ſich während einer „Reihe von Jahren im Kampfe gegen die „Ungläubigen ausgezeichnet hatten und „von wo der Templer mit einer wichtigen „Kunde nach der großen Görlitzer Com⸗ — 165— „thurey von dem Großmeiſter abgeſandt „worden war. Sein Vetter aber beglei⸗ „tete ihn in der Abſicht, um von Görlitz „aus gen Preußen zu ziehen, wo die „deutſchen Ordensritter gerade mit den „Anhängern des alten Heidenthums im „Kampfe waren. Obgleich ſie im Anfang „des Sommers von Tyrus, bis wohin „damals das Chriſtenheer ſchon zurückge⸗ „drangt worden war, abzogen, ſo war doch „der Winter längſt hereingebrochen, als „ſie endlich den Thüringer Wald erreich⸗ „ten. Da erhob ſich eines Abends, als „ſie mitten im Walde ſich befanden, plötz⸗ „lich ein ſo heftiger Sturmwind, daß ſie „vor aufgejagtem Schneegeſtöber bald die „Straße nicht mehr ſahen und ſich herz⸗ „lich nach einer Herberge ſehnten. Der „Templer, der des heftigen Windes we⸗ „gen, ſeinen Mantel abgelegt und ihn „ſeinem Wappner zur Aufbewahrung über⸗ *— 166— „geben hatte, erſpähte endlich, als der „Mond die ſchneebedeckte Gegend erleuch⸗ „tete, ſeitwärts eine Ritterburg. Sie „ritten auf ſie zu, erhielten Einlaß und „wurden, als ſie den Wunſch äußerten, „den Burgherrn kennen zu lernen, nach „dem Zechſaale geführt. Hier hieß ſie „ein freundlicher, greiſer Ritter, der ſich „Kunibertv. Trauungen nannte, mit „deutſcher Herzlichkeit willkommen, und „bald erſchienen auf ſeinen Befehl zwey „Dirnen ſo wunderſchön als züchtig, um „die Willkommsbecher zu kredenzen. Die „eine war des Greiſes Tochter und die „andere eine älternloſe Verwandte des „Burgherrn. Nicht ſobald hatten die Rit⸗ „ter die hohen Fräulein erblickt, als auch d„ſchon ihre Herzen in inniger Liebesglut „für ſie aufloderten und der Templer an „kein Gelübte mehr dachte. Er erkieſte „ſich im ſtillen das älternloſe Fräulein, — 167— „das ſich Beara nannte und auf eine ſelt⸗ „ſame Weiſe hohe Würde und zarte Sanft⸗ „muth in ihrem Weſen vereinigte; ſein „Vetter aber war für Giſella, die Toch⸗ „des Burgherrn entbrannt. Beyde Ritter „verheimlichten ſich indeſſen aus guten „Gründen gegenſeitig ihren Herzenszuſtand, „denn der Templer wollte nicht vor ſeinem „Vetter geradezu als pflichtvergeſſen an „ſeinem Orden erſcheinen, dieſer aber hatte „ſchon früher des Templers Schweſter ſich „verlobt und es gehort wahrlich zu den „wunderbarſten Fügungen des Schickſals „daß beyde ſo ungeſtört ihr Ziel erreichen „konnten. Allein wenn einmal das Ge⸗ „ſchick das Uebel zu begünſtigen ſich vor⸗ „genommen hat, ſo ſtrebt der Schutzgeiſt „des Menſchen oft vergeblich es zu verhin⸗ „dern und nur der feſteſte Welle kann „ihm widerſtehen.— Genug, beyde nah⸗ „men das Anerbieten eder vielmehr die — 168— . „Bitte des edlen, greiſen Kuniberts, ſich „einige Zeit bey ihm auszuruhen, gerne „an und ſuchten ihm, während er ſeiner „Seits alles aufbot, was ihnen den Auf⸗ „enthalt angenehm machen konnte und ſie „für die Nachrichten, die ſie ihm aus dem „gelobten Lande mittheilten, mit Freund⸗ „ſchaft und Achtung belohnte— die ein⸗ „zigen Freuden ſeines Alters zu rauben. „Der Templer, der ſich natürlich wohl hü⸗ „tete, etwas von ſeinem Orden zu erwäh⸗ „nen, fand bald, daß die hohe Beata auch „ihm nicht unhold ſey und ſuchte auf „jede Weiſe ſich ihr zu nähern, ſo wie „ſein Vetter im Geheimen um Giſellas „Gunſt warb. Beyde Dirnen waren in⸗ „deſſen zu edel, als daß ſie ſo leicht ein „Liebesbündniß ohne Mitwiſſen des alten „Kuniberts, ihres Vaters und Beſchützers „hätten anknüpfen ſollen und um ſich nicht „der Verlegenheit auszuſetzen bey der Er⸗ „klärung ihrer Liebe von ihnen an den „alten Ritter verwieſen zu werden, ſchwie⸗ „gen ſie lieber ſtill und hofften eine Ge⸗ „legenheit finden zu können, durch welche „in den Herzen der Dirnen dieſe heilige „Scheu vor Verletzung der kindlichen Liebe „und des Gehorſames von der Geſchlechts⸗ „liebe überſtimmt und beſiegt würde. Dieſe „Gelegenheit fand ſich bald für beide zu⸗ „gleich auf's erwünſchteſte. An einem „ſchönen Wintertage zogen ſie in Beglei⸗ „tung der beyden Fräuleins auf die Jagd „und während der Temnpler mit Beata „gerade in den Forſt eintonkte zog ſein „Wetter mit Giſella, die eine geübte Jä⸗ „gerin war, nach dem Gebirge hinan. Sie „waren ſchon weit von einander entfernt „und der Templer mit ſeiner Gefährtin „tief in den Forſt eingedrungen, als es „ihm endlich möglich wurde, der Gelieb⸗ „ten ein aufgejagtes Reh in den Wurf — 170— „zu treiben. Ungeſchickt ſchleuderte ſie „ihren Speer und traf ſtatt dem Rehe „einen Wolf, der eben aus dem Dickigt „hervorbrach, in den Nacken. Mit grim⸗ „miger Wuth fuhr das gereizte Thier ge: „gen Beata, aber im Nu flog der Temp⸗ „ler heran und rettete mit der ſchnellen „Erlegung des Wolfes das Leben des „Fräuleins. Dieſe That entſchied über „des Fräuleins Herz; ſie lohnte ihrem „Retter mit dem Schwure der Liebe und „Treue und ließ ſich um ſo leichter von „ihm bereden, den Bund ihrer Herzen „noch geheim zu halten, als ſie wähnte, „daß jetzt der Wille und Wunſch des Ge⸗ „liebten ihr näher ſtünde als der ihrer „Verwandten. Beynahe in demſelben Au⸗ „genblicke, in welchem ſie ſich einander „angelobten, hatte auch des Templers Vet⸗ „ter auf ähnliche Weiſe über Giſellas „Herz geſiegt. Er war nämlich mit ihr, „einen Hirſch verfolgend, tief im Gebirge „auf eine kahle, ſchroffe Höhe gekommen, „auf welcher ſich der verfolgte Hirſch auf „einen vorſpringenden Felſen flüchtete. Ih⸗ „re zu hoffende Beute im Auge ſaßen ſie „ab und umklommen, die tiefe Kluft nicht „ beachtend, die ihnen von unten entgegen „gähnte, in der Abſicht den Felſen um veine paſſende Stelle zum Wurfe ihrer „Geſchoſſe zu erſpähen; da gleitete Giſella „auf der ſchneebedeckten Klippe aus und „ſchwebte ſchon mit dem Oberkörper über „der jähen unabſehbaren Tiefe, als ſie „ihr Begleiter noch glücklich erhaſchte „und mit Gefahr ſeines eigenen Lebens „von dem gewiſſen Tode errettete. Jetzt „erſt ſah Giſella die Gefahr in wel⸗ „cher ſie bisher geſchwebt, wurde von ei⸗ „nem heftigen Schwindel befallen und „mußte ſich von ihrem Retter zurücktragen „laſſen, wobey ſie ihm denn auch den Be⸗ „Auch er wußte ſeine Geliebte zu bereden „ſitz ihres Lebens und Herzens zuſchwur. „ihre Liebe geheim zu halten und daher „kam es denn, daß in der Folge beyde „Paare ohne es zu wiſſen, ſich gegenſei⸗ „tig die angenehmnſten oder vielmehr ver⸗ „derblichſten Dienſte leiſteten, ſich niemals „in ihren Liebesſtunden ſtörten und ohne „es zu ahnden, eigentlich nur darum ihre „vertrauten Wächter ausſtellten, daß dieſe „ſich ſelbſt bewachen konnten. Daß der „alte Kunibert den Rettern der beyden „Dirnen aufs wärmiſte dankte, ſie noch „einmal ſo lieb gewann und nichts ge⸗ „gen ihren längeren Aufenthalt hatte, „läßt ſich eben ſo leicht denken— als es „wahrſcheinlich iſt, daß er, wenn beyde „um die Hände der Dirnen bey ihm ge⸗ „beten hätten, er von Herzen gerne ja „geſagt hätte, allein dies konnten die Rit⸗ „ter nicht und waren doch auch zu ſchwach — 173— „oder wenn ihr wollt, zu unedel um den „Roſenbanden zu entſagen, mit denen ſie „die beyden herrlichen Mäͤdchen gefeſſelt „hatten.— Aber wenn einmal der böſe „Wille in dem Menſchen keimt und der „Genuß lockt, ſo wird er gegen die Stim⸗ „me des Gewiſſens und der Vernunft „taub und ſtürzt blind dem Verderben in „die Arme, die ihn dann immer gewalti⸗ „ger umfaſſen und über die Sinne berau⸗ „ſchenden Pfade mit ſich in den finſtern „Abgrund hinabreißen, wo ein ſchreckliches „Erwachen ſeiner harret. O und wie „leicht könnte der Menſch ſich davor be⸗ „wahren, wenn er nur immer die Ver⸗ „nunft hören und gleich von da wegflie⸗ „hen wolle, wo ſie von dem Gifthauch der „Sinnlichkeit eingelullt zu werden, bedroht „wird! Doch zu meiner Geſchichte zurück. „— Beata entwölbte von dieſer Zeit an „dem liebestrunkenen Templer immer ver⸗ „trauungsvoller den klaren Himmel ihrer „edlen Seele und entfaltete immer treuer nihr gefühlvolles Herz vor ihm, ja ſie gab „ihm die rührendſten Beweiſe von der. „Stärke und Allgewalt ihrer Liebe, denn „oft trotzte ſie der grimmigſten Kälte um „ungeſtört mit ihm im Burgzwinger koſen „zu können. Vor der Glut ihres Liebes⸗ „ auches ſchmolz der hohe Schnee in wel⸗ „ꝛchen ſie ſich oft auf Teppiche neben ihren „Buhlen lagerte und ſo willig wie die „Blume den Honig ihres Kelches der Biene „darbeut, bot ſie ihm die Roſen ihres „Mundes und beſchwor ihn, nur im Be⸗ „wußtſeyn ihrer Schwäche um die Erhal⸗ „tung ihrer Tugend. Allein, obgleich ſie „lange die Heftigkeit ihrer Leidenſchaft be⸗ „kämpfte, ja obgleich der Templer ſelbſt entſchloſſen war, dieſe herrliche Blume, „deren hohe Vorzüge er nun völlig kennen „gelernt hatte, keiner unreinen Begierde zu opfern, und ſchon beſchloſſen hat⸗ „te um ihretwillen auf irgend eine „Art dem Orden zu entſagen, ſo wachten „doch beide lange nicht genug über ihre „Leidenſchaft, als daß nicht im Taumel „derſelben ihre Unſchuld endlich hätte „verloren gehen ſollen. Auch Giſella op⸗ „ferte dieſes höchſte Gut ihrer Liebe zu „des Templers Vetter, und ſchnell folgte „der Sünde die Strafe auf dem Fuße „nach, denn dahin waren nun die Freu⸗ „den und Wonnen, deren ſie ſich früher „überlaſſen harten, und die das Herz des „Menſchen nur ſo lange es unſchuldig iſt, „genießen kann. Schreckliche Reue zerriß „ihren Buſen und nur Thränen des Kum⸗ „mers und der Verzweiflung entperlten „fortan ihren Augen. Hatten ſich aber „früher beide Mädchen ihre Liebe nach „dem Wunſche ihrer Buhlen gegenſeitig „verheimlicht, ſo thaten ſie es jetzt aus — 6 „Scham, bis endlich Giſella das Schwei⸗ „gen brach um in Beatas Arme Troſt zu— „ſuchen, allein leider keinen andern fand, „als den, welchen das Bekenntniß der „gleichen Schuld gewähren kann. Beide „verriethen ſich indeſſen aus Zartgefühl 4 „nicht ihren Buhlen, ſondern drangen nur „in ſie bei Kunibert um ihre Hände zu „werben. Noch ehe aber dieſe einen „Entſchluß faßten, hatte Kunibert die „Veränderung der beiden Dirnen he⸗ „merkt, nahm ſeine Tochter vor und drang „mit väterlicher Milde in ſie, ihm die „Urſache ihres Leidens und ihres Kum⸗ „mers zu entdecken. In ihrer Herzens⸗ „angſt beichtete Giſella, aber kaum war „das Geſtändniß unter bittern reuigen „Thränen über ihren Lippen, da donnerte „auch ſchon der empörte Alte racheſchnau⸗ „bend auf, ſtieß ſein einziges Kind, die „einzige Hoffnung für die Freude ſeines — „Ullters, nit Füßen von ſich, ſank aber in „demſelben Augenblicke von einem Schlag⸗ „fluße getroffen, todt neben ihr nieder. „Jetzt gingen mit Einemmale allen die „Augen auf und ſchrecklich waren die „Scenen, die nun folgten. Beata erfuhr, „daß ihr Buhle ein Templer ſey und als „ſolcher das Gelübde der Keuſchheit ge⸗ „than habe, dieſer aber wollte, den eige⸗ „nen Balken in ſeinem Auge überſehend, „ſeine nun betrogene Schweſter an ſei⸗ „nem Vetter rächen und Giſella war un⸗ „tröſtlich über den Tod ihres Vaters, an „dem ſie allein Schuld zu ſeyn glaubte. „Wüthend entbrannte auch wirklich der „Kampf zwiſchen den beiden Rittern, „denn beide waren im Bewußtſeyn ihrer „Schuld nun mehr zum Tode als zum „Leben geneigt und hätten ſich wohl auch „gegenſeitig erſchlagen, wenn nicht Beata, „deren Seelenſtärke ſich in dieſer ver⸗ Ottur von Waldburg. Erſt. Thl. 12 —“ zweiflungsvollen Lage in ihrer ganzen „Größe kund that, zwiſchen die Erbitter⸗ „ten geſprungen und ſie beſchworen hätte „von einander abzulaſſen. Sie ſtellte Bei⸗ „den ihr Verbrechen mit edler Schonung „ins Licht, zeigte ihnen, daß ihre Schuld ngleich groß ſey und hörte nicht auf in „ſie zu dringen, bis ſie ſich mit einander „werſöhnt und ihr verſprochen hatten, ihr „Wergehen ſo viel möglich wieder gut zu „machen. Beatas Liebe war zu glühend, „und ihr Herz zu gut als daß ſie ihrem „Buhlen nicht hätte verzeihen ſollen, aber „er fühlte dadurch nur doppelt die Größe „ſeiner Schuld; er wollte mit ihr in ei⸗ „ne ferne Gegend flüchten, um ihretwillen „treulos an ſeinem Gelübde werden und „ſich mit ihr trauen laſſen, allein ſie war „edel und ſtandhaft genug um ihn vor „dieſer neuen und noch größeren Schuld „zu bewahren, ſelbſt ſeinen Entſchluß — 179— „durch den Pabſt ſein Gelübte entkräfti⸗ „gen zu laſſen, mißbilligte ſie und be⸗ „ſchwor ihn vielmehr durch edle Thaten „und ferneren Kampf gegen die Ungläu⸗ „bigen ſeine Schuld vor Gott wieder ab⸗ „zuſöhnen, während ſie auf ihrer fernen, „väterlichen Veſte, die durch einen Burg⸗ „voigt beſchützt wurde, der Ein ſamkeit „und dem Pfande ihrer Liebe, daß ſie „unter ihrem Herzen trug, leben wolle. „Alles was ſie für dieſe edle Aufopferung „von dem Templer verlangte, war, daß „er ſeinen Vetter an ſeinem Ehebündniß „mit der unglücklichen Giſella nicht hin⸗ „dere. Gewiß nur ein Herz, das ſo edel „und gut war wie das dieſes Mädchens „und nur eine Seele die ſo ſtark war, wie „die ihrige konnte ſo handeln; aber wie „unabſehbar ſchrecklich und verderblich hät⸗ „ten noch die Folgen werden können, nwenn ihre Seele minder ſtark geweſen 4 12* „wäre und ſe ie demn erſten Willen des „Templers nachgegeben hätte, Schmach „und Schande hätte er ſich und ſeinem 4 „ganzen Geſchlechte bereitet und jenſeits „wäre ſeine Seele für die beiden Mein⸗ „eide auf ewig verdammt geweſen. „Wahrlich er hat des Mädchens Leben, „ſie ihm aber die Seele gerettet!— In „Begleitung des Leibknappen ihres ſeeli⸗ „gen Vaters, der ihr auf Kuniberts Veſte „gefolgt war, der allein um ihr Liebes⸗ „verſtändniß mit dem Templer wußte und „von deſſen Treue ued Redlichkeit beide „die überzeugendſten Beweiſe hatten, zog „Beata nach einem fernen Kloſter um „darin ihre Niederkunft abzuwarten und „dann mit dem Kinde nach ihrer väter⸗ „lichen Veſte zurückzukehren, wo ſie „unter irgend einem Vorwande die Ehre „des unehelichen Sprößlings leicht in den „Augen der Welt retten konnte. Sie = 181— „gebar einen Knaben und ihre Seelen⸗ „ſtärke gab ihr die Kraft ihren Entſchluß „durchzuführen und ihrem Sohne zu le⸗ „ben. Nicht ſo ſtark war Giſella. Zwar „verzieh ſie gleichfalls ihrem Buhlen, ließ „ſich auch mit ihm trauen, aber die „ſchrecklichen Auftritte und beſonders der „Gedanke an dem Tode ihres Vaters ſchuld „zu ſeyn, hatten ihre Geſundheit untergra⸗ „ben, und bald, nachdem ſich ein ſchönes „Schweſterpaar ihrem Schooſe entwunden „hatte, lößte der Tod mit ihrem Leben „auch ihren Gram. Aber neue Verzweif⸗ „lung folderte ihren Gatten. Endlich er⸗ „mannte er ſich, ſchenkte Giſellas Erbe „einer nahen Abtey und zog mit ſeinen „beyden Kindern nach der Provence wo „ſein väterliches Stammſchloß lag. Des „Templers Schweſter glaubte ihn wäh⸗ „rend der ganzen Zeit immer noch auf „ſeinem Kreuzzuge und da ihr Bruder, .— „Tempelhof beendet hatte, wieder aus dem „Welttheile, in welchem er durch ſein ei⸗ „genes Verſchulden ſeine Ruhe verloren „hatte, floh, um im erneuten Kampfe ge⸗ „gen die Ungläubigen ſeinen Seelenfrie⸗ „den wieder oder den Tod zu finden, ſo „hatte ſeine Schweſter von der Schuld und „Untreue ihres Geliebten auch nichts er⸗ „fahren und harrte immer noch mit ſehn⸗ „ſuchtsvollem Herzen auf den Augenblick, „in welchem er wiederkehren und ſie als „ſeine Gattin heimführen werde. Bald „erhielt dieſer Kunde davon und da er „ſich jetzt noch verbunden glaubte, ſein „früheres Wort zu halten, ſo ſandte er „ſeine beiden Kinder durch treue Diener „nach Deutſchland zu Beata zurück, ließ „ihr Giſellas Tod melden und die Erzie⸗ „hung der beiden Kinder ihrer unglück⸗ lichen ſchweſterlichen Freundin anempfehlen „ſobald er ſein Geſchäft in dem Görlitze — 183— 1 „und füͤhrte nun ſeine erſte Braut heim, „ohne ihr ſeinen Fehltritt zu bekennen. „Nie würde ſie auch etwas davon erfah⸗ „ren haben, aber die Strafruthe Gottes „für die Verletzung der heiligen Gaſt⸗ „freundſchaft und fuͤr den Tod des edlen „Kunibert, ruhte noch auf dem Ritter.— „Eines Tages als er bei einem ſeiner be⸗ „nachbarten Freunde war, ſprach ein Knap⸗ „pe auf ſeiner Veſte ein, der die Kunde 4„brachte, daß ein Verwandter des ſeeligen „Kuniberts auf deſſen hinterlaſſene Habe „Anſprüche mache und die Schenkung der⸗ „ſelben an die Abtey nicht anerkennen „wolle. Der Knappe forſchte unglücklicher „Weiſe nach den beiden Enkeln ſeines ſeel⸗ 4 „gen Herrn, indem er Verlangen trug, „ſie noch einmal zu ſehen. Eine Zofe der „Burgfrau hörte dies, hinrerbrachte es 4„ihrer Herrin, dieſe ließ den Knappen „vor ſich kommen, erfuhr alles und ent⸗ — 184— „ſetzte ſich über die Unglücksgeſchichte ſo „ſehr, daß ſie bei ihrer bald darauf er⸗ „folgten Niederkunft mit welcher ſie ihrem „Gatten einen Sohn ſchenkte, ſtarb. So „hatte denn jener unglückliche Augenblick, „in welchem ſich die beiden Ritter der „Sinnlichkeit hingaben, außer dem unſäͤg⸗ Mlichen Jammer, den er ihnen ſelbſt be⸗ „reitete, auch das Leben dreier edlen Men⸗ „ſchen erlöſcht und die Lebensblüthe der „ſchönſten Blume, der edlen Beata ent⸗ „blättert.“ „Nun, und wie endigte ſich's denn mit „dieſer und eurem ſaubern Ordensbruder?“ fragte Manſur. „Er kämpfte noch lange gegen die Un⸗ „gläubigen“— erwiederte der Comthur— „und erhielt dann zum Lohne ſeiner vie⸗ „len Verdienſte, die er ſich um den Or, „den erwarb, ein höheres Ordensamt. Sie „aber gab bald nach dem Tode der zwei⸗ * 183— „ten Gattin von des Templers Schweſter, „auf die Bitten deſſelben, ihm eine von „Giſellas Töchtern zurück, erzog die andere „mit mütterlicher Sorgfalt und bildete „ihren Sohn zum ehrſamen Ritter.— „O meine Söhne, was ihr auch thut, be⸗ „wahret euch vor unreiner Liebe und wa⸗ „chet ſorgfältig über euer Herz, denn na⸗ „menlos iſt der Kummer und Gram, den „ſie bereitet. Und wenn auch die Zeit „dieſen heilet, ſo bleibt doch die Erinne⸗ „rung und ſchon dieſe vergället jede Freude. „In einem einzigen Augenblicke hat man „dann alle die Freuden vernichtet, die veinem am Lebenspfade hätten erblühen „können und im Alter noch muß man die „Leiden, die einem wiederfahren, als durch „dieſen einzigen Augenblick verſchuldet, an. „nehmen. Die Ruhe des Lebens iſt für „immer dahin und glücklich iſt man noch, mwenn man ſie jenſeits wieder findet und Ottur von Waldburg. Erſter Thl. 13 „mit dem Weſen dereinigt wied, das man „mit ſich in Schuld und Duldung riß!“ „hier um den goldenen Frieden betrog Yund 3 So ſchloß der edle Comthur und eine Thräne perlte über ſeine Wangen, als er jetzt plötzlich der beiden Sünglinge Hände ergriff, ſie lebhaft drückte und mit einem: „Schlaft wohl!“ ſchnell aus dem Gaden ſchritt.— Staunend ſahen beide dem ſeltſam bewegten Greiſe nach. Ottur dachte an ſeine ſeelige Muhme, pries ſich im Stillen glücklich, daß ſeine Liebe zu Gun⸗ hilde ſo rein geblieben war und empfand lebhaft den Vorgeſchmack der ſeeligen Freu⸗ de, die ſeiner harre, wenn er einſt durch die ewige Liebe mit ihr vereinigt werden würde. Auch Manſur dachte an Armanda aber beide ahnten nicht, wie viel ihnen der Comthur mit heiner Erzählung enthül⸗ — —öͤ 4 ſſfffffffſſiſſnn 12 13 14 15 16 17 1 Mnſnnſſſſſffffſſſiſſſ 8 9 10 11 8 4 2 . 4 * 34 3 82 V 5 — . u 4 . 8 4 4*„A4 1 5*₰ 4 3—