8 4 V Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von. Eduard Ottmann in Gießen, eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ hinterlegen, welche bei deſſen bardeſalhe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und . eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe beträgt: für ichutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ZEae: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 4 Mk.— Pf. 13. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Reen eeeee 3 — — 9 efunden auf den We gen der 5 amkaſte und G eſehichle .* * VOII RICHARD ROOS. .. EPBändchen. 4 8 * Zeides is. 1321. J.G hartewafäheheehlanhme. unte Stein f ..r Er . - Vorwortt. ,6s. 8** Die meiſten dieſer bunten Steine— ſo genannt ihres vielfarbigen Inhalts und Gehalts wegen— ſind bereits in Zeitſchrif⸗ ten abgedruckt. Ueber ihren Werth ſteht dem Verfaſſer natuͤrlich kein Ur heil zu. Indeß glaubt er doch Folgendes bemerken zu muͤſſen: Die in der Inhaltsanzeige mit* bezeichneten Auf⸗ ſaͤtze hiſtoriſchen, beſonders biographi⸗ ſchen Inhalts, ſind entweder ganz, oder doch großen Theils aus ungedruckten, vorher nie benutzten— die uͤbrigen 5e nicht allgemein bekangten en ges ſchoͤpft, wozu dem Verfaſſer, ehe er in ſeine jez⸗ zigen Amtsverhaͤltniſſe trat, eine ſiebenjährige Anſtellung bei der hieſigen koͤniglichen offentli⸗ chen Bihliothek die Iadnse Gelegenheit gab. * 2 —ͤͤ 1 — Die Steine und Steinchen, gefunden auf den Wegen der Phantaſie, ſind an⸗ ſpruchloſe Kinder heiterer Stunden, gern ſich besnuͤgend, wenn ſie von der Kritik geeignet er⸗ funden werden, dem Leſer ein heiteres Stuͤndchen zu bereiten. Eins dieſer Kin⸗ der— das Qpiat— wird man vielleicht hie und da(beſonders in Muͤnchen, Berlin und Breslau) ein muthwilliges, ungezo⸗ genes Kind nennen. Darauf hat nun der Verfaſſer nichts zu ergegnen, als: daß er, in Folge vieljaͤhriger hiſtoriſcher Beſchaͤftigungen, ſo ziemlich mit dem Geiſte des deutſchen Mittel⸗ alters vertraut, den poetiſchen Erzeugniſſen jener Periode vom Herzen huldigt— daß er aber auch eben ſo herzlich der Abgotterei gram iſt, welche mit ſo manchem jener Erzeugniſſe— namentlich mit dem— fuͤr ſeine Zeit— allerdings ehrenwerthen Stoffe zu obgedachtem Opiate oft getrieben worden iſt. Dresden, im May 1821. .2 Richard Rooo. S ———i H 8 . 8. 9. 10. 1I. 8 12. 13. 14. 3. Inhaltsverzeichni⸗z des rſten Bändchens. Sutherziges Anerbieten. Wein⸗Addreſſe. Das Pagenbhette* 8 Goldene Jubelfeſte— goldene Sargnägel Das Volkslied. 8 9 Der bin ich.— Epiſtel des Stadiſchreibers peryrarr Schurz⸗ fleiſch zu Krähwinkel an den Stabtſchrei⸗ ber Flavius Heineccius zu Schöppenſtädt Der freimüthige Stiftspater*. Ein frommer General des 17te n Jahrbunderts Günther und König.) Dichteriagithet nd Dichterrache*. † Beiträge zur Charakteriſtik des Satyrit es Gottlieb Wilhelm Rabener⸗ Die Münzbrühe.. Karl XII. zu Freiſtadt in Schleſien Hiſtoriſche Windbeutelet.* tet Seite 3 2 10 —y — VI— 13. Seiſtliche Noth in Kirchengebets⸗Angelegen⸗ heiten.„.. Seite 148 15. à aAndromaque...— 233 27. Schrank und Kommode. 2— 135 18. Converſationseigenheiten.— 1356 19 Einige Lotusblüthen auf Adelungs Grab-— 161 . 20. Die fürſtliche Sprache“.— 4924 21. Jakob von Gültlingen und Konrad von De⸗ genfeld, ein halber und ein ganzer Nacht⸗ wandler....— 196 3 22. Valentin Friedland, genannt Trotſchendorf— 210 33. Ein Paar ehrwürdige Leiſetreter, Philipp Melanchthon und Axel Orenſtierna— 223 24. Peter der Große in Wien..— 225 25. Doktor Knoblauch*.— 229 25. Geiſtreiche Illumination.— 233 27. Prinzen⸗Erziehungs⸗Spiegel 4— 236 28. Der Schloßochſe und der Stadthund— 240 29. Theateranekdote..— 242 30. Der Kapellmeiſter Himmel in der Dorfkirches— 244 31. Seltener Titel* 4.— 248 4 32 Vieta.— 249.. 33. Fürſtliche Ermaßnung zu fürſtlicher Spar⸗ ſamkeit im 16ten Jahrhundert.— 232 34. Poncets Uhrens.— 253 6 1 5 ** 9 8 H.* 10. 11. 13. 13. 14. 13. 16. Inhaltsverzeichniß des 2ten Bändchens. Das römiſche Zitronenmädchen . Das Paſſiren der Linie* Die unglückliche Probe* Speiſe⸗Trank⸗ und Leibes⸗Uebungen elnes deutſchen Prinzen im 16ten Jahrhundert Das Lexikon zweideutiger Reden . Ein ächter Bruder Treuherz Das Dintenfaß ſtatt der Streuſandbüchſe Verſchiedene Anſichten . . — Des Sächſ. Regentenhauſes zu weag et⸗ kannter Glanz. Die Höllenmaſchine Fürchterliche Drohung“* Kanarienvögel auf Elba Der Pflaumenſarg* Große Wirkung aus kleiner urſache Beiſetzen und Beilegen Ehrenfried Walther von racchirnhaufen, ber deutſche Archimedes * 11 4 Seite 3 26 39 40 43 45 47 48 — — — — — — vIII— Spaniſche Schimpftitel, vergolten mit ſpank⸗ 26. Gnade gehet für Recht— und— aich Herr!— 37. Eile mit Weile; oder der thörichte Fuhrmann . und der kluge. 4— 28. Straf⸗Reiterel..— 29, Sanfte Bekehrungsmethode 12— 30. Die in Rechnung paſſirlich zu verſchreibende Ausgabe*. 8— 31 Weinverfälſchung..— 32. Die Champagnerſtaſchen.— 33 Das Gelübde„ 4— 34. Die forcirte Gevatterſchaft“ 4 3— 35 Römiſch Kaiſerliche Etikette gegen den Chur⸗ fürſten von Sachſen Johann Georg II.— 36. Des klugen Mönches thörichtes Begräbniß— 37. Frommer Wunſch, Buchhändler betreffend— 38 Der Rothe⸗Dinten⸗Generat.— 39. Hofämter—.— 40. Vorſchlag zur Güte..— 41, Nichts Neues unter der Sonne. Banner— Creuaiue— Creusziger— Banner— 42. Der Glauhe beſtätigt alle Dinge. ſchem Rohre.. Seite 18. Der Ritter ohne Furcht und Frau Roſel— 19. Gutas Bter. 3— 30 Theure Zukoſt 1 4— 2r Der ſtarke Geiſt und die Leichenfrau“— 22 Todes⸗Anzeige.— — 23. Beitrag zur Biographie des Satyrikers Lis⸗ cov⸗ 14..— 24. Alle Vortheile gelten.— 25. Das Opiat 2.— 4————— 43. Der lange Gottlieb⸗. Seite 44⸗ Bücher— Freunde— 45. Doktor Reinhard auf dem Wege na ſeinem Landhauſe bei Wittenberg⸗. 3— 46. Großgünſtiges Anerbieten*.— 47. Die Famtlie des Dr. Spieg 2*— ——— Bunte Steinchen. 1. Oeffentliche Sterbeanzeigen Seite 2 2. Geburtstags⸗Lichter.— 8. Dorf⸗Schauſpiethaus⸗.— 4. Vorſchlag.— s. Nicht Wachsſtock— ſondern Wachalicht.— 6. Die Erfindung der Kunſt.— 7. Das Salz der Erde.— 8. Kleider⸗Polizei im 14. Jahrhundert— 9. Hausväterliche Strenge.— 10. Irdiſches Verdienſt 3.— 11. Götzendienſt.— 12. Langbeins Paſtor Sumou⸗ ne Schulneiſer Bakel..— 23. Himmelbetten 28.. 2—— 14. Spaniſche Schafzucht„— 15. Die Schule der Ehe.— 16. Die Prachtoper.— 17. Sammt allen Creaturen. 718. — IX— Wo— 2 Wie? 1E 197 2⁰9 210 211 212 27. 28. 30. 31. 39. 33. 34. 8 5 8§ 22. 23. 24. 35. 36. 29. — xX Spiel unter Zweien. Fürſtliche Augenſalbe. Bild vom Leben.. Zeitungen. 5 Anachronismus„ ⸗ Steckenpferde.. Kabale und Liebe„. Im Schiweiße des Angeſichts ſollſt Du Dein Brod eſſen.. Auſtern.. Das letzte Wort und der letzte Biſſen Dr. Joachim Cratz. 5 Holke“s Tod betreffend⸗. Zunftſtolz.. Gläubige. Das Sterbeplätzchen⸗. Aehnliche Wirkung. Seite aae — 223 — 224 — 224 — 224 — 225 — 225 — 225 —-— 226 — 9226 — 227 — 22 — 229 — 229 — 230 — 231 von Richard NRoos Zweites Bändchen. — — Das eomiſche Zitronen⸗Mädchen. Hanschen, Baron von Mordax, war, um einſt ein gehoͤriger Haus⸗, Hof⸗ und Reſidenz⸗ Hans zu werden, auf Reiſen gegangen, und— in Rom ſitzen geblieben, wie der Zeiſig auf der Leimruthe. Wie nun aber, wenn ein Zeiſig auf ſo miſerable Art ſitzen bleibt, nicht der lockere Vogel, ſondern die feſthaltende Leimruthe ſchuld iſt, alſo lag es auch weniger an Haͤnschen, daß er zur gehoͤrigen Zeit nicht wieder der Heimath zuflog, als vielmehr an Arabellen— einem weiland roͤmiſchen Zitronen⸗Maͤdchen, welche⸗ ihm das Land,„wo die Zitronen bluͤhen,“ zu Himmel auf Erden ſchuf, wogegen ihm naut lich die Heimath, wenn er nur daran dachte, wie die Hoͤlle vorkam. Denn, daß Haͤnschen, in das hochfreiherrliche Schloß an der Eibe ein Zitronen⸗Maͤdchen von der Tiber, weder mit noch ohne den goldenen Ring, bringen duͤr fe, * A 2 voon des Barons Freunden und Bekann wohl ſein Verraͤther ſeyn moͤgen! Zwar fanden — 4¼— das hatte mathematiſche Gewißheit fuͤr ihn, der nur zu gut der gnaͤdigen Eltern Grundſaͤtze im Punkte des Stammbaums kannte. Nun war aber Arabella nicht nur ein Kleinod, um wel⸗ ches er letztern herzlich gern mit tauſend Freu⸗ den haͤtte opfern wollen, ſondern er hatte auch dieſes Kleinod bereits ſo feſt ſich angeeignet, daß er, von Pflicht und Liebe gebunden, nur mit, nie ohne Arabella die Burg ſeiner Vaͤ⸗ ter betreten konnte. Seit lange nehmlich war ſie ſein braves Weib, und ein herrliches Kleeblatt, zwei Kna⸗ ben und ein Maͤdchen, Kinder wie Engel, die Frucht ſeiner heimlich geſchloſſenen Ehe. In Rom ſelbſt munkelte man nur davon; denn der Baron hatte Arabellen bei einer Baͤuerin in der Gegend von Tivoli eingemiethet, wo ſie, unter der Aegide der tiefſten Einſamkeit, nur ihm und den Zeugen ihrer Liebe lebte. Der Heimath aber blieb Alles Geheimniß; denn wer ten haͤtte die gnaͤdigen Aeltern Haͤnschens gar zu langes Verweilen in Rom bisweilen wohl ſonderbar und mahnten oft ſtuͤrmiſch an die Heimkehr, nicht ohne die nachdruͤrklichſten Andeutungen, daß es endlich Zeit ſey, den freiherrlichen Stammbaum fortzupflanzen und ihrem einſamen Schloſſe, durch ſeine Vermaͤhlung mit einer ebenbuͤrtigen Iungfrau, wieder Glanz und Le ben zu geben. Allein gerade dies war es, was den Baron fern hielt und dieſes Fernbleiben wußte er auch durch unendliche Liebe fuͤr die Kunſt, die er daheim ſchon mit Erfolg uͤbte, ſo hinreichend zu bemaͤnteln, daß der Urlaub immer von einer Zeit zur andern verlaͤngert ward. Hielt es ja bisweilen gar zu ſchwer, die aͤlterliche Sehnſucht nach dem geliebten Sohne zu beſchwichtigen, ſo durfte dieſer nur eine heilige Familie, eine Magdalena oder des etwas, von ihm ſelbſt gemalt, ſenden und— in der Bewunderung ſeiner Talente ging unter des Vaters Zorn, der Mutter Flehn. Acht lange Jahre waren 6 dem Baron verfloſſen, wie acht kurze Stunden; da brach es endlich mit Gewalt herein das langer gefuͤrchtete Wetter. niger Zeit in Rom ſich aufhielt, und dem Sohne weniger anhing, als den Aeltern, hatte letztern gehoͤrig Aufſchluß gegeben uͤber des lie⸗ ben Sohnes unendliche Anhaͤnglichkeit fur Kunſt und Italien, und ſo empfing denn dieſer einſt, ſtatt hundert Louisd'or, um die er gebeten, tau⸗ ſ Ein Wammee ſeines Hauſes, der ſeit ei⸗ — — 2 ſend Vorwuͤrfe uͤber ſeine unſinnige Liebe und tauſend Drohungen mit gaͤnzlicher Ungnade, ja ſogar mit Enterben, wenn er nicht augenblick⸗ lich heimkehre— ohne— das war die Con- ditio sine dqua non— ohne die ro⸗ miſche Zitronen⸗Jungfer; denn daß dieſe ſchon in den hochfreiherrlichen Stamm⸗ baum eingeſchwaͤrzt ſeyn koͤnne, das ahnete, das glaubte man nicht.— Ungluͤcklicher Weiſe fiel der elterliche Fehde⸗ brief in Arabellens Haͤnde, waͤhrend der Baron an Tivoli's Cascadellen ſich erging, den Odem der Freiheit zu ſchoͤpfen, an welchem er denn doch bisweilen etwas ſchwer zu ziehen hatte, wenn er aus dem idylliſchen Bauerhauſe durch das Telescop der Phantaſie in die Burg des Reichsfreiherrn von Mordar blickte- Statt, wie gewoͤhnlich, mit Umarmung und Kuß, empfing ihn diesmal, als er heimkehrte, mit Thraͤnen und Seufzern Arabella, zeigend auf den Ungluͤcksbrief, als ihres Jammers fuͤrch⸗ terlichen Born. Der Baron las, und ſo viel Thraͤnen in Arahellens Augen, ſo viel Schwu⸗ re auf ſeinen Lippen: ſein ehelich Gemahl, wie ſeine herzigen Kindlein, nicht zu laſſen in Noth und Tod.— Deß zum Beweiſe ließ er noch in derſelben 7— 1 Stunde nach der Heimath eine Antwort fliegen, trotzig und wild, wie nur die erſte Hitze ſie einhauchen konnte, und eine große Kluft, wie zwiſchen dem Mantblanc und Chimboraſſo, war nun auf einmal befeſtigt zwiſchen Eltern und Kind. Der Btaer drohte, nicht einen Heller mehr zu ſenden, wenn man nicht, und zwar „sans Zitronen⸗Maͤdchen,“ zu Kreuze krieche; der Sohn aber blieb trotzig bei„avee Arabel⸗ la,“ und ſo hoͤrte bald alle Korreſpondenz auf — von Seiten der ungnaͤdigen Eltern in der Meinung: daß Noth beten, alſo auch gewiß heimkehren lehre, ohne Zitro⸗ nen⸗Maͤdchen— von Seiten des erbitterten jungen Herrn aber in dem felſenfeſten Glauben: daß ein treues Herz hoͤher ſtehe im Leben, denn der Helmbuſch auf dem Wappen und der Klex im Sitammbaum weniger bedeute, als der gebrochene Schwur. Da ſich aber von treuen Herzen und heili⸗ gen Schwuͤren bekanntlich ſo wenig leben laͤßt, als von der Luft, ſo ſah ſich der Baron genö⸗ thigt, ſtatt der verſiegten elterlichen Geldauelle eine andere zu ſuchen. Und dieſe war auch bald gefunden. Te l. Von der letzten, ziemlich ſtarken Geldſen⸗ 4 Heerde wenig Butter und Kaͤſe gab, truͤbte doch — 8— dung war noch etwas in Kaſſe; mehr gab das Verkaufen aller Gemaͤlde, deren er waͤhrend ſeines Aufenthalts in Rom eine ziemliche Men⸗ ge geſammelt hatte, und— wenn er auch ſo manche Madonna, ſo manche heilige Familie mit Wehmuth fuͤr einen Spottpreis hingeben mußte— die ſchoͤnſte Madonna, die heiligſte Familie blieb ihm in Arabella und drei herzi⸗ gen Kindern.— Mit der auf dieſe Art er⸗ worbenen Summe, die wenigſtens fuͤr den Au⸗ genblick aus allen Noͤthen half, ward nun, un⸗ ter dem Vorgeben: daß man Sicilien auf ei⸗ nige Zeit beſuchen wolle, ganz im Stillen in eines der abgelegenſten Thaͤler Tyrols gezogen, eine Alp⸗Wirthſchaft gekauft und nun erſt das aͤchte Idyllenleben begonnen. Maler Max — wie dort der liebeſelige Trotzkopf ſich nann⸗ te— malte nun fuͤr Geld Heiligenbilder und Feldmarſchaͤlle, Hofrrſche Sandwirthe und Ty⸗ roler Waſtel; Arabella aber— in den Appe⸗ ninen geboren und erzogen— war leicht in den Alpen zu Hauſe, ward bald die gelehrigſte Sennhirtin und machte durch unendliche Liebe ihren Mar zum glücklichſten Schaͤfer.— Ging es auch nicht ſelten etwas knapp her, wenn das arme Alpenvolk nicht viel malen ließ oder die „— —— deshalb kein Wölkchen den haͤuslichen Horizont, denn wo Liebe um Liebe waltet, da wei⸗ chen alle Wolken und ſchweigen alle Stuͤrme.— Und wollte ja zuweilen, nicht etwa Heimweh, ſondern ſo eine Art von Heimangſt den ar⸗ men Maler befallen, dann hieß es: Leichtes Blut, guter Muth!—„„Ziehſt dn endlich einmal mit einem Heerdchen Kinder, wie mit himmliſchen Heerſcharen, in die vaͤterliche Burg, und die lieben Engelchen ſtimmen ſo vor Groß⸗ papa und Großmama ein Lied im hoͤheren Chor an— hm! meinte Max— von Stein, wie die Wappenſchilder auf den Graͤbern der Ahnen, muͤßten die Herzen der Eitern ſeyn, wollten ſie die jungen Wappenhalter verſtoßen.“— Indeß aber alſo in des Sohnes Alphuͤtte der Himmel hing voller Geigen, hing er voll Brummeiſen und Trauer⸗Trompeten daheim in der Burg ſeiner Vaͤter— Großes Schisma 4 waltete nehmlich dort, ob des lieben Sohnes, zwiſchen Vater und Mutter, indem letztere dem Kinde, das ſie unter ihrem Herzen getragen, täglich und ſtuͤndlich die Bruͤcke trat, erſterer aber, ewig tobend und ſcheltend, dieſes Bruͤcke⸗ rreten fuͤr die groͤbſte Verſuͤndigung an ſeinen beſſern Einſichten, wie an der unbefleckten Ehre— ſeiner Ahnen erklaͤrte. — 10— Als aber vollends die Nachricht einging: daß der junge Herr mit der Zitronen⸗Jungfer aus Rom verſchwunden ſey, nach Sizilien ſich ge⸗ wendet habe, und dort, wie die Sage gehe, als Maler ſeiner Haͤnde Arbeit ſich naͤhre, da brach der Baronin das Herz, und ſie zog die muͤtter⸗ liche Sturmglocke ſo derb und ſo lange, bis der alte Herr ſeinen Willen gab in den ihrigen, der nichts geringeres beabſichtigte, als ſelbander im Sturmſchritt, wie Hannibal„uͤber die Alpen zu ziehen und aufzuſuchen den verlornen Sohn und ihn ſo kluͤglich als guͤtlich zuruckzuleiten.— Der Sturmglocke Kraft mag uͤbrigens aus der Wirkung ermeſſen werden; denn Baron Mordar war eins jener Ruhekloͤtzer, die an der Weisheit des Schöͤpfers nichts zu tadeln haben, als daß er ihnen den Lehnſtuhl nicht anwachſen ließ, wie der Schnecke das Haus. Solch ei⸗ nen Gemahl aber aus Lehnſtuhl und Schloß mitten im December— uͤber die Alpen zu ſchroten— die Sturmglocke, die dies vermoch⸗ te, konnte nur von weiblicher Hand gezogen we den.— Nicht drei Tage waren die roͤmiſchen Hiobs⸗ briefe in der Burg, als auch ſchon eine Extra⸗ poſt vor der Schloßtreppe hielt und die beiden alten Figuren, bepelzt und bebaͤrlatſcht, als ging — — — 11— es nach dem Nordpol, ſelbander die Treppe her⸗ abſtiegen, die große Reiſe anzutreten— in welcher Laune— iſt leicht zu ermeſſen. Stumm wie die Fiſſche, ſaß das holde Paar halbe Tage lang im Wagen; denn jedes muͤtterliche Wort, das die Baronin zur Sühne zwiſchen Vater und Sohn verſuchte, blieb ohne Antwort. Von ſelbſt ward der Baron nur laut, wenn Decemberluͤftchen ſo recht wie Scheeren ins Antlitz ihm ſchnitten, oder Holperwege ihn ſitzend gleichſam tanzen ließen. Dann aber beſtand dieſes Lautwerden einzig in Verwuͤnſchungen gegen ſeinen ungerathenen Sohn, der ihm ſolch Ungemach zugezogen, ſo wie in den bitterſten Vorwuͤrfen gegen die Baronin, daß ſie zu dieſer Reiſe in dieſer Jahrszeit und zu dieſen heilloſen Zwecken ihn beredet. Als man endlich jene, damals noch ſo fuͤrch⸗ terlichen Gebirgswege Tyrols erreichte, wo zahl⸗ loſe Ribbenſtöße gegen die ſtere Gefahr, den Hals zu brechen gar nicht mehr in Anſchlag ka⸗ men und ſo die rechten Alpenſchneewetter die alte Kaleſche mit der noch aͤltern Ladung um⸗ gaukelten, da ward des Barons Laune auch ſo ganz fuͤrchterlich, da entſtroͤmten dem vaͤterlichen Munde ſo entſetzliche Drohungen gegen ſein gottloſes Kind, daß die Baronin tauſend und aber tauſend Mal das Ziehen der Sturmglocke — 12— bereute, womit ſie ihren Eheherrn in die Alpen gelaͤutet hatte.— In all dieſer Angſt und Noth aber dankte ſie nur inbruͤnſtig Gott: daß Haͤnschen, wenn er nun einmal von Rom ſich entfernen wollte, immer beſſer hinaus, nehmlich nach Sizilien, und nicht beſſer herein, nehmlich in die Tyroler Alpen, gegangen war— denn, traf hier die vaͤterliche Zornruthe ihr ar⸗ mes Kind, ſo war es um Suͤhne und Heimho⸗ lung geſchehen..... tt Und doch— guͤtiger Himmel!— ſchwebte jene Zornruthe dem armen Kinde bereits ſo na⸗ he, daß ſie es in wenig Minuten erreichen konn⸗ te, denn eben rollte der Wagen dem Doͤrfchen zu, wo der verlorne Sohn hauſete mit Weib und Kind. Sc. Me n. Bisher hatte man noch immer bei guter Tageszeit die Quartiere zu erreichen gewußt, denn die Nacht, keines Menſchen Freundin, war am allerwenigſten die des Barons, der ſie daheim ſchon fuͤrchtete, geſchweige denn in den ſchauerlichen Alpen, und doch mußte ſie ihn hier, noch dazu gerade am Weihnachts⸗Abend, auf offener Straße, in dem fuͤrchterlichſten Wege uͤberfallen; und zwar eine Nacht, finſter und ſtuͤrmiſch und voll Schneegeſtoͤber, wie nur je eine zwiſchen dem h. Chriſtabend und dem Chriſttaze mit Dunkel das Erdreich und Fin⸗ ſterniß die Voͤlker bedeckt hatte. Jeden Augen⸗ blick drohte der Wagen in Abgruͤnde zu ſtuͤrzen, die, ungluͤcklicher Weiſe, bei dem Scheine ei⸗ ner Fackel, die Reiſenden angaͤhnten wie offene Graͤber. Eisluft durchpfiff den Wagen und Sturm hauſete in den Wipfeln der Tannen, als ob ſie zuſammenbrechen muͤßten uͤber die geaͤngſteten Reiſenden. Die Baronin duldete im Stillen. Der Baron aber, ſich denkend da⸗ heim, wie er jetzt ſitzen koͤnne im Lehnſtuhl, hinter ſich knatterndes Kaminfeuer, vor ſich Chriſtſtoln und Marzipan— war rein außer ſich und mit jedem Odemzuge wuͤchs ein Reiß mehr in der vaͤterlichen Zornruthe gegen den, der allein Schuld war an all dem Jammer. Dieſer liebeſelige Boͤſewicht bereitete indeß in der friedlichen Huͤtte eben Alles zum froͤh⸗ lichſten Weihnachtsfeſt, waͤhrend der Wagen mit dem vaͤterlichen Stoͤrenfried immer naͤher rollte. Gluͤcklich mit Arabella, gluͤcklich mit ſeinen Kindern, war Maler Max in dieſen Tagen ge⸗ rade uͤbergluͤcklich, denn mit dem Malen zweier Heiligen hatte er ein feines Suͤmmchen gewon⸗ nen, und damit Kraft: Gattin und Kindern das lieblichſte aller Feſte, mit Freude geben and Freude nehmen, zu vergolden.— Mit den Heiligenbildern aber hatt' es eine ganz eigene Bewandniß. Vor einer Betkapelle an der Heerſtraße, unfern des Dorfes, ſtand ein heiliger Nepomuk und eine heilige Wan⸗ delburgis, welche vor mehr denn hundert Jah⸗ ren ein frommer Hirt des Paſſeyer Thales lebensgroß hatte malen laſſen, aus Dankbarkeit, daß er durch die Heiligen errettet ward aus großer Noth. Denn ſchier zehn Mal war er gezogen gen Alp und von Alp, ohne daß er ſeinen reichen Eltern im Zirler Thal vor Augen kom⸗ men durfte ob der Liebe zu einer armen Maid, ſeiner herzinnig geliebten Hausfrau. Als er aber einſt unter freiem Himmel an der Land⸗ ſtraße recht inbruͤnſtig gebetet mit Weib und Kindern zum heiligen Nepomuk: daß er ihm wieder zuwenden ſollte des Vaters Segen, der Haͤuſer baue den Kindern— und zur hei⸗ ligen Wandelburgis: daß ſie abwenden ſolle der Mutter Fluch, der ſie niederreiße, da kamen des andern Morgens, getrieben vom hei⸗ ligen Geiſte der Vergebung und Eintracht, Va⸗ ter und Mutter in ſeine Huͤtte und ſprachen der Eine: Sohn, Unfrieden bringt Unſe⸗ gen!— Und die Andere: Selig ſind die Friedfertigen!— und umhalſeten ihn und ſein Weib und wurden mit Beiden und —— — ihren Kindern Ein Herz und Eine Seele— Drob innig geruͤhrt ließ der Sohn die Bilder des heiligen Napomuk und der heiligen Wan⸗ delburgis malen, lebensgroß, von einem guten Maler, und ſie aufrichten an der Stelle der Landſtraße, da ihm Erhoͤrung ward von den Heiligen— S Dieſe Bilder nun, worauf die Leute im Dorf immer viel gehalten, waren bei einem Alpguß weggeſchwemmt worden in die Inn, und durften doch nicht fehlen, wenn, dem frommen Glauben und alter Sage zu Folge, dem Dorfe nicht fehlen ſollte der Segen. Darum dingete man den Maler Max um ſchweres Geld, wieder herzuſtellen die Bilder der Heiligen.— o Mayx aber, als er die Maͤhr mit den Hei⸗ ligen vernahm, ging an's Werk mit frommem Herzen, mit frommer Seele und frommem Ge⸗ muͤthe, bei jedem Pinſelſtreich ſeufzend:„Hei⸗ liger Nepomuk! heilige Wandelbur⸗ gisl bitt auch fuͤr mich bei⸗meinen er⸗ zuͤrnten Eltern!“— und legte, faſt un⸗ bewußt, einzig, weil das Herz den Eltern ſchlug, waͤhrend die Hand den Pinſel fuͤhrte, die Zuͤge der erſtern in der Heiligen Antlitz, alſo, daß er am Ende ſelbſt erſtaunté und, mit Thraͤnen — — ₰ im Auge, ſprach: Ach, meiner Eltern Bildniſſe! ſäh ich ſie ſelb ſtle⸗— An den Gemaͤlden aber erwies ſich die uͤber⸗ ſchwengliche Kraft des Gemuͤths auf die Kunſt, denn ſie ſprachen ſo lebendig zum Herzen und gefielen den Aelplern ſo wohl: daß ſie dafuͤr dem frommen Maler dankbar noch einmal ſo viel gaben, denn er gefordert, und ließen die Bilder aufrichten an der alten Stelle und ehr⸗ ten ſeitdem den Mann, der ſie gefertigt, mehr noch als zuvor. 294 Maler Max achtete jedoch weniger der Eh⸗ re, die er mit der Kunſt erworben, denn des Geldes, das ſie ihm gebracht, und trachtete nun mit Huͤlfe des letzteren, ſich und den Seinen den froͤhlichſten Chriſtabend zu ſchaffen. Alles mußte ſeyn, wie einſt daheim, noch lange vor der boͤſen Zeit, ehe aus Liebhaͤnschen der mit Elternzorn belaſtete Hans ward. Nichts durfte fehlen, vom rothbackigen Apfel bis zum weiß⸗ bezuckerten Chriſtſtollen, vom Lichterbaum mit vergoldeten Aepfeln und Nuͤſſen, bis zur ſchlan⸗ ken Gliederpuppe, die er lebensgroß, wie ſeine ſechsjaͤhrige Ciddy, bei den Holzſchnitzlern im Pludenzer Thal hatte fertigen laſſen. Als der heilige Abend da war, zu deſſen gemuͤthlicher Feier dem Maler Mar die Hei⸗ —,— ligen ſelbſt das Geld beſcheert, da war Freude die Fuͤlle und liebliches Weſen in aller Herzen, nur nicht— in Maler Maxens. Mahnungen an die Heimath, wo er einſt auch an dieſem Abende alſo ſich gefreut, und noch jetzt mit Weib und Kindern ſich freuen koͤnnte, wenn beleidigte Aeltern ihm nicht zuͤrn⸗ ten, ſtiegen auf in ſeiner Phantaſie, gleich Ge⸗ witterwolken, welche ſelbſt Arabellens Liebkoſun⸗ gen nicht zu zerſtreuen vermochten. In einem Strom von Thraͤnen aber ergoß ſich das ge⸗ preßte Herz, als die kleine Ciddy ihn fragte: Ob denn Großvater und Großmutter im Sachſenlande nicht auch Chriſtbe⸗ ſcherungen ſenden wuͤrden. In dieſem Augenblick pocht' es an's Fen⸗ ſter. Arabella oͤffnete es, und ein uͤber und uͤber beſchneiter Bedienter bat um Unterkommen fuͤr ſeine ignaͤdige Herrſchaft, die, wie er er⸗ zaͤhlte, bei den Heiligen da draußen an der Heerſtraße mit dem Wagen umgeworfen, durch⸗ aus nicht weiter reiſen wole. Eure Herrſchaft ſoll uns willkommen ſeyn — beſchied Maler Max, ſchnell die Augen ſich trocknend, den Bedienten— fuͤr ihre Equipage aber haben wir nicht Raum; doch will ich ſie ſchon bei Nachbarn unterbringen.— Damit eil⸗ II. Bändch.. B 1 4 — — 18— te er fort, Arabellen die noͤthigen Vorbereitun⸗ gen zu Aufnahme der Fremden empfehlend. Daß dieſe Maler Marens gnaͤdige Eltern waren, bedarf nicht der Erinnerung, deſto mehr aber der nachdruͤcklichen Erlaͤuterung, wie ſie in den Zuſtand verſetzt worden waren, Dach und Fach beim Maler Mar ſuchen zu laſſen. Nachdem ſie, wie bereits bemerkt, gehuͤllt in die duͤſterſte Nacht, und unter Sturm und Schneegeſtoͤber, endlich in die Naͤhe des Dorfs gekommen war, wo, ihnen unbewußt, ihr un⸗ gerathener Sohn hauſete, und dem Baron aus allen Haͤuſern Lichter, gleich Rettungsſternlein entgegen flimmerten, da wuchſen ihm auf einmal Muth und gute Laune, ſo, daß er dem Poſtilli⸗ on befahl, etwas derber zuzufahren. Allein kaum war damit ein von Ribbenſtoͤ⸗ ßen geſegneter Anfang gemacht, und eben naͤher⸗ te man ſich der Betkapelle, vor welcher, von Laͤmpchen erleuchtet, Maler Maxens Kunſtwerke, der Nepomuk und die Wandelburgis, ſtanden, da fuhr der Poſtillion mit aller Gewalt gegen ei⸗ nen Stein und— legte die hohen Rei⸗ ſenden den beiden Heiligen zu Fuͤ⸗ Ben. 1 Hatte nun gleich dieſe unwillkuͤrliche Ehr⸗ furchtsbezeugung, außer Schreck und Aerger, fuͤr beide hochfreiherrliche Figuren weiter keine uͤblen Folgen, ſo ließ ſich doch der Baron nicht wieder in den Wagen zu ſteigen bewegen, ſondern befahl, unter gehoͤriger Verwuͤnſchung des Weges und Wetters, dem Bedienten: ein Unterkommen im erſten beſten Hauſe zu ſuchen, und ſtellte ſich in⸗ deß, ſtumm wie ein Fiſch, in Wildſchur und Pelzmuͤtze gehuͤllt, wie ein Knecht Ruprecht, un⸗ ter den heiligen Nepomuk.— Die Baronin, klappernd vor Froſt und aͤngſtlich fuͤrchtend jeden Beruͤhrungspunkt zu einer Unterhaltung uͤber die nur zu oft und zu bitter beruͤhrte Urſache dieſes unfalls, nahm indeß aus Langeweile den Hei⸗ ligen in Augenſchein, vor welchem der Poſtillion eben eine Fackel aufpflanzte. Kaum aber hatte ſie ihm in's Antlitz geſchaut, da ſtieß ſie den zaͤhn⸗ klappernden Herrn Gemahl an mit den Worten: „Schatz, ein wunderbarer Hei⸗ liger!- 1 Schatz— ein wahrer dito— drehte ſich um, wie ein Wagen ohne Gelenke, und ſchielte ver⸗ droſſen den gemalten Nepomuk an, riß aber die Flaͤgel der alten Seelenfenſter weit auf, als er den Wiederſchein ſeiner ſelbſt in dem Heiligen zu erkennen meinte. 18 5 Mit einer Lebhaftigkeit, die weit uͤber die 2 Grenzen ſeines Phlegma ging, nahm er die Fak⸗ kel, leuchtete damit dem Heiligen zitternd— er wußte ſelbſt nicht: warum?— ins Geſicht, wandte ſich dann zu der heiligen Wandelburgis, und nachdem er auch dieſe gehoͤrig betrachtet, zu ſeiner ehelichen Halbſcheid mit den Worten: „Schatz, eine wunder bare Hei⸗ ligel“— und beide Schaͤtze, ſtumm ob des Geſe⸗ henen und Gefuͤhlten, wollten eben einander ihre Empfindungen abfraget, als der Bediente zuruͤck⸗ kam mit der frohen Zeitung: daß es zwar im gan⸗ zen Dorfe keinen Gaſthof gebe, er aber doch ein Nachtquartier gefunden habe, wo ſeine gnaͤ⸗ dige Herrſchaft beſſer aufgehoben ſeyn werde, als in dem vornehmſten Hotel.— Die nahe Ausſicht auf Atzung und Pflege ſtellten augenblicklich die Heiligen in den Hintergrund, bei dem alten Herrn aber eine ſo gute Laune her, daß er die Baronin an den Arm nahm— denn fahren wollte er nun einmal nicht wieder im Finſtern— und ſo: „Alle Fehd' hat nun ein Ende!“— ſingend, dem gaſtlichen Hauſe zutrabte.— Beim Eintritt der Fremden in die hell er⸗ leuchtete Stube fuhren die armen Kinder— denn der bepelzte Baron ſah auch gar zu fuͤrch⸗ terlich aus— aͤngſtlich unter den Tiſch; deſto freimuͤthiger aber trat Arabella den Fremden —,— —iiyp 8* — 21— entgegen und hieß ſie auf's herzlichſte willkom⸗ men. Waͤhrend ſie aber berichtete, daß ihr Mann zu einem Nachbar gegangen ſey, fuͤr Wa⸗ gen und Pferde Unterkommen zu ſuchen, fuͤhlte ſie ſich von dem Anblick der alten Figuren ſo wunderbar ergriffen, daß es ihr immer vorkam, als wandelten vor ihr die Betſaͤulen mit dem Nepomuk und der Wandelburg. Doch gab ſie ſich, im Drange der haͤuslichen Geſchaͤfte, wel⸗ che gaſtliche Pflichten ihr auflegten, ſelbſt keine Rechenſchaft uͤber jene Empfindungen, und war und blieb gegen die Fremden freundlich und mild, wie die liebe Sonne.— Die Baronin dankte Gott und der wunder⸗ lieblichen Wirthin fuͤr freundliche Aufnahme nach ſo großem Ungemach; blieb aber doch ziem⸗ lich einſylbig, gleichfalls immer vor Augen und im Herzen habend die Heiligenbilder bei der Betkapelle. Der Baron dagegen, von alten Zeiten her noch ein großer Verehrer des ſchoͤ⸗ nen Geſchlechts, war ganz bezaubert von dem holden Cherub— der ihn in ſolch ein Para⸗ dies gelaſſen— wie von den drei kleinen Se⸗ raphinen, deren Engelskoͤpfchen aͤngſtlich unter dem Tiſche hervorguckten, kuͤßte dem Erſten fuͤr gaſtliche Aufnahme immer ein Mal ums andere dankbar die Haͤnde, und holte die Letzteren— die Equipage der Fremden aufnehmen ſollte, zu deren Beruhigung er in Eil die fuͤrchterliche Knechtsgeſtalt ablegte— ſelbſt aus dem Ver⸗ ſteck, trug ſie vor Freude und Behaglichkeit faſt auf den Haͤnden und nahm Theil an ihrer Weihnachtsfrende, als ob ihm ſelbſt mit beſcheert worden waͤre. Auch gewannen die kleinen Aelp⸗ ler, echte Kinder der Natur, bald Zutrauen zu dem Fremden, ja der kleine Mar behandelte den Baron faſt wie eine Kletterſtange. Genug, ehe noch der verlorne Sohn heimkehrte, wurden die lieben Eltern in ſeinen vier Pfaͤhlen ordentlich heimiſch, und, wie ſonderbar ihnen uͤb⸗ rigens auch das ganze haͤusliche, halb vornehme, halb geringe Weſen unter dieſem gaſtlichen Dache vorkam, ſo viel blieb ihnen klar und das geſtanden ſie auch einander, ſo oft Arabella ſie verließ: daß es ein liebevolleres Weib und himm⸗ liſchere Kinder auf Gottes Erdboden nirgends geben koͤnne,— ja mehr als einmal entſchluͤpfte Beiden, in Gedanken an ihren ungerathenen Sohn, der laute Wanſch: daß Gott ſie mit einer ſolchen Schwie⸗ gertochter— mit ſolchen En⸗ keln haͤtte ſegnen moͤgen!— Ehe aber Maler Max zuruͤckkam, verging noch eine geraume Zeit; denn der Nachbar, welcher — 23— wohnte— wie dies in den Alpen⸗Doͤrfern oft der Fall iſt— ziemlich weit. Auch waren die noͤthigen Vorkehrungen, eine Extrapoſt unter zu bringen, nicht ſogleich getroffen in einer Wirth⸗ ſchaft, welche in der Regel nur eine kleine Heerde beherbergte.— Indeß fuͤhrte ein Wort des kleinen Kletter⸗ ſtangenkuͤnſtlers auf einmal duͤſtere Wolken her⸗ auf an dem Horizonte der Fremden. Die Ba⸗ ronin nahm die große Gliederpuppe der liebli⸗ chen Ciddy vom Arme, herzte und kuͤßte ſie im Scherz und gab ſie ihr zuruͤck mit den Worten:„Laß ſie ja nicht fallen, klei⸗ ner Engell der heilige Chriſt ſchafft nicht gleich wieder eine ſo ſchoͤne Puppe.“ „Hm! entgegnete treuherzig der kleine Max — der heilige Chriſt— der hat auch meiner Schweſter die Puppe nicht ge⸗ gebenl“ „Nun, wer denn? „Der heilige Nepomukle „Ja,“ ſiel Ida ein,„Und die heilige Wandelburg— ach! die lieben Heiligen, wenn die nicht geweſen waͤren, da haͤtten wir nichts, gar nichts zu Weihnachten bekommen, denn der arme Vater—* — 24— Arabella, fuͤrchtend die zu offenherzigen haͤus⸗ lichen Angaben der Kleinen, welche nur zu gut wußten, daß, ohne des Vaters Erwerb durch die gemalten Heiligen, es gar knapp mit ihrer Chriſtbeſcheerung wuͤrde hergegangen ſeyn, nahm hier eilig das Wort und erzaͤhlte ſonder Hehl die ganze Geſchichte mit den fortgeſchwemmten und mit den neuen Heiligen, doch ohne des Kuͤnſtlers zu gedenken, der die Letzteren gemalt. Deſto unbefangener zog ſie dabei mit herzzer⸗ ſchneidenden Worten— wie es ihr denn auch wirklich um's Herz war— tuͤchtig auf Eltern los, die der Kinder Herz tyranniſiren wollten, alſo, daß dem Baron angſt, der Baronin bange ward, und ſie einander verſtohlen oft anſahen, als wollten ſie ſagen: Scharf gezielt— gur getroffen!— Waͤhrend aber beide alſo noch ſtanden„wie verſteinert und doch vor Seelenangſt haͤtten ent⸗ rinnen möͤgen, da flog die Thuͤre auf und freundlich herein— Maler Mar.— Einen Menſchen, der, irgend eines wichtigen Ereigniſſes wegen, wie aus den Wolken gefal⸗ len iſt, ſo recht nach dem Leben zu zeichnen— eine ſolche Aufgabe iſt von jeher fuͤr Dichter ſehr ſchwierig geweſen und daher ſelten befrie⸗ digend geloͤſt worden. Wenn nun aber, mit des Makers Einflug in ſeine haͤusliche Zelle, auf einmal vier— ja, zaͤhlt man die kleinen Weihnachtsbienen dazu— ſogar ſieben Men— ſchen, ſtaunend wie aus den Wolken gefallen waren— wie moͤchte die arme Sprache reichen, ſolch eine Scene zu ſchildern. Deshalb laſſen wir da, wo wir zeichnen ſollten: wie Eltern und Sohn, ſich erkennend, einander an den Hals fliegen, wie Letzterer den Erſteren Arabella darſtellt als ſein treues Weib, die Kleinen als ſeine herzigen Kinder— mit kindlicher Ehrfurcht elterlicher Liebe ſie empfeh⸗ lend— wie Worte und Blicke der Suͤhne und Freude herum fliegen, gleich Bluͤthenſtaub um den Baum des Lebens, und Alles nur ein Herz iſt und eine Seele— da laſſen wir, im Gefuͤhl unſerer Ohnmacht, die romantiſche Fe⸗ der fallen und greifen nach dem einfachen hiſto⸗ riſchen Griffel, zu melden, was Geiſt und Herz ohnedem errathen, nehmlich ſo viel: Maler Mar zog heim in Frieden als Hans Baron Mordax mit Weib und Kind, und Alle gruͤß⸗ ten im Voruͤberfahren bei der Betkapelle— wo der Poſtillion die Eltern den Heiligen zu Fuͤßen, damit aber Eltern und Kinder einander in die Arme geworfen— den heiligen Nepomuk und die heilige Wan⸗ — 5 4 — — — — delburgis, als die da wun⸗ derbar gefoͤrdert das heilige Werk der Verſoͤhnung— und die hochfreiherrlichen Eltern hatten Arabella lieb als ihr eigen Kind, und ihre Sproͤßlinge, als ob ſie erzeugt waͤren unter der Mordarer koͤſt⸗ lichſten Wappendecke— und war abſonderlich dem Baron kein Edelfraͤulein auf Erden ſo werth als— die weiland roͤmiſche Zitronen⸗ Jungfer 4— Das Paſſiren der Linie. Auszug aus dem ungedruckten Reiſe⸗Tagebu⸗ che des Kartenmachers Gottfried Trimmer, welcher 1612 mit einem ſpaniſchen Schiffe nach Peru reiſete.*) 1 „Wenn ich mir imaginirte, wie ich noch vor Jahr und Tag an der großen Kartenſcheere *) Dieſer Trimmer hatte die Kartenmacherkunſt zu Buch⸗ holz bei Annaberg im ſächſiſchen Erzgebirge erlernt, und war dann mit einem Kameraden, Sieghart Friebel, über Genua nach Cadiz und von da nach Südamerika gegangen, theils aus Reiſeluſt, theils aus Begterde, reich zu werden und dann in ſeinem Vaterorte, Dresden, wo ihm Aeltern und Freunde die erſtere zu verleiden ſuch⸗ ten, letztern zum Trotz eine große Rolle zu ſpielen. Ganz — geſeſſen und mit meinem Kameraden Abends geſpielt hatte in der Karte hinter dem Kachel⸗ ofen des Meiſters in Buchholz, da ward mir entſetzlich zu Muthe, daß ich ſo weit war von meinem lieben Vaterlande, und las ich fruͤh mein Gebetlein und Abends mein Gebetlein und am andaͤchtigſten las ich, als die Matroſen ſagten, daß wir nun immer naͤher kaͤmen der weltberuͤhmten Linie, wo die Hitze ſo groß iſt, ———— beſonders lockten ihn, wie ſich aus ſeinem Tagebuche er⸗ giebt, die übertriebenen Erzählungen von den Goldgruben in Peru, wo man, nach ſeiner Meinung, nur zugreifen durfte, um reich zu werden. Der gute Mann betrog ſich aber ſehr in ſeinen Enwartungen Er kam 1640 mit zer⸗ rütteter Geſundheit, fehlgeſchlagenen Hoffnungen und lee⸗ ren Taſchen nach Dresden zurück, war froh, daß die mei⸗ ſten jener Verwandten und Freunde, denen er einſt mit ſeinen veruaniſchen Ausſichten getrotzt hatte, ihn nun, wenn auch ziemlich ſpitzig, doch wenigſtens hülfreich auf⸗ nahmen, und dankte Gott, daß ihn eine alte Jungfrau⸗ Beſitzerin einer Kartenfabrik, in dieſer und in ihrer Liebe wenigſtens ein Surrogat jener Goldgruben finden ließ, weshalb er einſt Heimath und Freunde verlaſſen hatte. Das beſte Reſuttat ſeiner Reiſe iſt ein Tagebuch, welches, neben vieler Spreu, auch ſo manches intereſſante hiſtori⸗ ſche und geographiſche Korn enthält. Die hier mitgetheil⸗ te Stelle, das Paſſiren der Linie betreffend, zeigt,⸗ daß der Mann nicht ganz ohne Bildung und Schulkennt⸗ niſſe ſeyn konnte. In der Orthographie habe ich mir die nöthigen Aenderungen erlaubt.— — 23— daß den Leuten das Gehirn trocknet und die Talglichter ſchmelzen. Am allermeiſten aber ward mir Angſt, als die Leutlein in der Fre⸗ gatte ſagten, daß, wer noch nicht uͤber der Linie geweſen, ins Meer geworfen werde und alſo getaufet mit Salzwaſſer, daß ihm Hoͤren und Sehen vergehe.. Ich war aber ein luſtiger Vogel immer ge⸗ weſen und hatte oftmals geſcherzet mit den Seeleuten, alſo daß ſie mich alle lieb hatten und dachte bei mir, ich wollt ihnen wohl ent⸗ wiſchen, wenn ſie mich wollten fahen, mich zu taufen, und ſagte es den Matroſen ins Ange⸗ ſicht, mich ſollten ſie nicht hudeln. Damit machte ich es nun mir ſelbſten gar öübel, denn die Schelme hielten auf mich. Den Zoſten April mit Tages⸗Anbruch ließ mich der Capitain, Don Manuel de las Cal- das, in ſeine Cajuͤte rufen„ zeigte mir eine große Landcharte und wies mit dem Finger auf eine ſchwarze Linie, die nannte er den Ae⸗ quator, ſagend zu mir mit verſchmitzter Mie⸗ ne: Nun Trimmer, mach dich immer fertig zur Taufe, ſobald wir dieſem Striche uns naͤhern, ſollſt Du getau⸗ fet werden mit dem Salzbade Nep⸗ kunt. — — 29—. Obgleich aber der Capitain freundlich dazu ausſah, ward mir doch ganz Angſt und bange, denn ich dachte, der Spaß wird wohl nicht ſanft ſeyn und du biſt in der Gewalt der ſpa⸗ niſchen Matroſen. Doch faßte ich mir ein Herz und ſagte auf gebrochen Spaniſch zu dem Capi⸗ tain, wie ich wohl kein Haſenſchwanz ſey und mich nicht fuͤrchte. Nur baͤte ich ihn, mir die Aequatorlinie vom weiten im Meere zu zeigen, damit ich mich auf den Spaß der Seeleute vor⸗ bereiten koͤnne. hn 3 3 Da lachte er laut, meinend, ich muͤßte wohl gute Augen haben, wenn ich die Linie vom weiten ſehen wollte, maßen auch auf der Linie ſelbſt nichts von der Linie zu ſpuͤren ſey.. 2 1 Das kam mir ſo wunderbar vor, daß ich uͤber⸗ laut anfing zu lachen. Da lachte der Capitain nooch lauter, ſagend: Sieh, Trimmer! ich will Dirs erklaͤren. Und nun ſtellte er ſich vor die Charte, mit einem Staͤblein in der Hand, und hieß mich auf⸗ paſſen und ich ſtrengte mich gar ſehr an, zu ver⸗ ſtehen, was er mir ſagen wuͤrde. Da ward aber auf einmal großes Laͤrmen und Spektakel im ganzen Schiffe und jubelten die Seeleute und ſchrieen: Es lebe Neptunus! ,— — J 1 3 1 und muſicirten mit Trommeln und Pfeiflein, alſo daß mir Hoͤren und Sehen verging; denn die Muſik ertaͤubte mich faſt und die Angſt erſtickte mich faſt, denn, hatte ich gleich das Herz nicht am unrechten Flecke, dachte ich doch bei mir ſelbſt: Trimmer halt dich nun ſteif! das gilt deiner Taufen. Und der Capitain merkte wohl, daß ſo etwas von Seelenangſt in mir vorging, denn er lachte und ſchlug mich derb auf die linke Schulter und ſagte: Nun halte dich tapfer, Trimmer, denn der große Seegott Neptunus verlanget Dein Fell. e li Ich war wie mit ſiedendem Waſſer uͤbergoſſen, denn ich hatte als Lehrjunge ſchon viel geleſen von der Seetaufe unter der Linie. Doch hatte ich nicht lange Zeit, meine große Verlegen⸗ heit zu uͤberdenken und mir vorzunehmen, was ich thun ſollte und wie ich mich wapnen mochte gegen die rohen Seemenſchen. Denn es that ſich ſchnell auf die Cajuͤtenthuͤre und trat herein der Oberbootsmann, hinter welchem ein großer Hau⸗ fen Matroſen und Seeſoldaten ſtand und ſagtc mit abgenommener Muͤtze zum Capitain, wie daß der großmaͤchtige Seekoͤnig Neptunus ihn vorlade vor ſein Gericht. L Und als der Capitain freundlich genicket, ſa⸗ gend, daß er bereit ſey, zu kommen und zu ver⸗ nehmen, was Se. Meer⸗Majeſtaͤt zu befehlen haͤtten, da wandten ſie ſich letztlich auch an mich, ſagend: Trimmer! komm Trimmer! komm! und gieb Antwort unſerm großmaͤchtigen Koͤnige und ſprich deutlich, denn er iſt alt und hoͤret nicht wohl; und antworte herzhaft, denn er liebt nicht die zaghaften Seelen. Da ſagte ich zwar lachend: Ja, ja, ich will wohl thun, wie ihr Herren mir rathet; aber ich hatte nur das Luͤgenherz auf der Zunge, das rechte Herz aber in den Hoſen. Und als ich heraustrat mit dem Crvitain aus der Cajuͤte, was erbliekten meine Augen. Daran will ich denken, ſo lange ſie mir offen ſtehen. Die Matroſen alleſammt hatten aus der Gewehrkammer mit Flinten und Saͤbeln ſich beſchweret und behaͤnget, und ſtanden da mit den Seeſoldaten in Reihe und Glied, und hat⸗ ten auch die Fourquet“) nicht vergeſſen, alſo daß ſie in allem Ding den veritablen Martis⸗ Söͤhnen glichen. Als ſie aber den Capitain anſcchtig wurden, erhoben ſie groß Jubelgeſchrei, ruͤhrten das⸗ * Ein gabelförmmiges Inſtrument, worauf damals der Soldat beim Feuern die Flinte legte. — * — “ Spiel und machten die Honneurs mit dem Ge⸗ wehr. 4 Da fragte der Capitain: Kameraden! wo iſt unſer Koͤnig? Sprachen die Kerls: Hoch in den Luͤften da wohnen die Göͤtter. Und winkten dem Capitain zu ſchauen nach dem großen Maſtbaume: ſaß in einem Korbe an ſelbigem Se. Koͤnigl. Meermajeſtaͤt Neptu⸗ nus und guckte heraus und nickte freundlich uns allen ſeinen getreuen Unterthanen und ließ ſich herab an einem Stricke, trat mitten unter uns, ſtampfte mit ſeinem Dreizack dreimal auf dem Boden, daß mir das Herz im Leibe wackelte und ward gefuͤhret auf einen Thron, welchen man auf dem Verdecke von Bretern erbauet hatte. Dieſer Schalkskönig Neptunus aber war ein Matroſe, genannt Diego Ribero; der hatte ſeine dicken ſchwarzen Haare ins Geſicht gekaͤmmet, daß man ihn nicht anſehen mochte ohne Grauſen und trug eine Krone von Blaͤt⸗ tern auf dem Haupt und einen Schurz um die Lenden und hatt' angethan eine Kleidung von Linnen, die ſah aus, als waͤre er nackend: macht viel naͤrriſches Zeug dieſer Diego, daß man mußt lachen, mocht man auch wollen oder nicht. ,— —— Als nun der Neptunus den Thron einge⸗ nommen, ſagten Alle, werde er nun Gericht halten und zinkten auf mich, daß ich wohl mer⸗ kete, es werde uͤber mein Fell zuerſt hergehen. Es war aber nicht alſo, denn der Capitain kam zuerſt an die Reihe, welchen er Aiſo anre⸗ dete: „Waghals! wer Du auch ſeyſt und wie Du auch heiſſeſt! wer hat Dir erlaubt, zu ſchiffen bis in den Schoß meines ungeheuern Reiches? weißt Du nicht, daß ich hier ungeſtoͤrt wohnen will, maßen man mich ohne dies nicht in Ruhe und Frieden laͤſſet in meinen Seeprovinzen zu Cadiz und zu London— ꝛc.(hier nannte er eine Menge Seeſtaͤdte, ſo viel er deren wiſſen mochte). Zwar koͤnnte ich Dich nun leicht ſtra⸗ fen, indem ich mit meinem Dreizack die Wellen bewegte, alſo daß ſie verſchlingen wuͤrden Dein Schiff mit allem, was darin. Da Du aber biſt ein guter Schiffshauptmann und ein guter Va⸗ ter fuͤr Deine Matroſen, ſo will ich Deines Frevels nicht eingedenk ſeyn, doch kommſt Du ganz ohne Strafe nicht davon, Du ſollſt Dich loͤſen mit Naſſem und Hitzigem ſollſt geben Deiner Schiffsmannſchaft einen Labeſchluck, ſey es in Wein, ſey es in Branntwein, wenn es nur iſt nicht ſchlecht und nicht wenig.“ II. Bändch. C 5 — — Hier ſchwieg Neptunus, ſah den Capitain ernſt⸗ lich an, der vor Lachen den Bauch ſich halten mußte und wandte ſich dann an mich armen Menſchen, dem nicht ganz wohl dabei zu Muthe war.— Tritt naͤher zu meinem Thron! Trimmer! Du Waghals,(ſo fuhr der Neptunus mich an) welches Handwerks biſt Du! Sagte ich: ein Kartenmacher, Majeſtaͤt! der um Deine allerhoͤchſte Gnade demüͤthig flehet. Sagte die Majeſtaͤt: Was hat dich gelocket in die entfernteſten Kammern meines Wellenpalaſtes, fag an, ehrlich und treulich, ſonſt begrab ich dich in den Wellen. Sagte ich: Habe Gnade, großer Wellenkoͤnig, mit mir armen Geſellen! bin gangen zur See, meinend, es mangle an einem Katten machen in Peru. Da lachten Alle uͤberlaut und cc lachte mit und faſſete ſchon etwas mehr Muth, als ich beim Anfange meines Stehens vor dem Meptingerißt hatte. Sagte Neptunus: Eben, daß du auf der See faͤhrſt und mich ſtoͤrſt in dieſer Einſamkeit meines Waſſerreiches, blos damit du Karten macheſt in Peru und die Leute verfuͤhreſt zu unchriſtlichem Spiel, eben darum ſollſt du getaufet werden mit ſaligem Waſſer. — Kaum hatte ſo der Neptunus geſprochen, da jaſſeten mich etliche von hinten, wollten mich ſchnuͤ⸗ ren mit Stricken und mich alſo ins Meer werfen, und jubelten dazu, daß ich nicht wußte, ob ich ſtand oder lag.. Wehrte ich mich aus Leibeskraͤften und langte in die Taſchen, zog hervor mein Geldbeutlein, wollte daraus bezahlen einen tuͤchtigen und vollen Trunk, nahmen es aber nicht an, ſagend: das hernach, wenn Du wieder aus Neptuni Reich kommſt, und banden mich feſt, wie man einen Sack ſchnuͤret, kehrten ſich nicht an mein Schrei⸗ en noch Wehren und warfen mich mit großem Ge⸗ laͤchter ins Waſſer. Das will ich aber nicht vergeſſen, wie mir in den Wellen war, mir war zum Tode angſt, dacht⸗ ich, wenn aber die Stricke riſſen; oder wenn ein großer Fiſch kaͤme und ſchnappte mich als einen fet⸗ ten Biſſen; dacht ich, lieber Gott! wenn du doch bei deinem Meiſter in Buchholz waͤreſt; oder, wenn dich ein Schlagfluß traͤfe und ſtuͤrbeſt in den Wellen und zoͤgen dich todt wieder hervor aus dem Bade der Salzwaſſertaufe. Und vie les dachte ich noch, deß ich mich jetzt nicht mehr beſinnen kann; ſo viel aber weiß ich, ich dachte, ich ſollte vergehen in meiner Noth. Und als man mich wieder hereingezogen hatte, C 2 gebildet. — 36— ſagte einer der Schalksknechte, wie ich nicht raſirt ſey, und doch vor Neptuno erſchienen, muͤſſe man mir den Bart abnehmen, ehe ich zum zweiten Mal getauft werde. Da zog einer hervor eine Däͤten mit Pulver, ſchuͤttets in ein Naͤpflein, goß hinein Waſſer und rieb mir es ins Geſicht, ein anderer aber that ſich hervor mit einem alten Meſſer, kratzte mir im Bart, daß ich vermeinet, laut ſchreien zu muͤſ⸗ ſen und faſſeten mich, noch einmal mich ins Waſ⸗ ſer zu werfen. Dagegen wehrte ich mich ſehr, half aber nichts, denn die Patrone hatten zuſammen natuͤrlich mehr Kraͤfte, als ich armer Geſelle. Als ſie aber zum dritten Mal die Taufe thun wollten an mir, bat ich ſo demuͤthig und verſprach einen ſo guten Trinkpfennig, daß ſie losließen und loͤſeten die Stricke von meinen Haͤnden und Fuͤßen. Da langte ich aus meiner Taſchen, was ich er⸗ faſſen konnte, meine, es waren uͤber 2 Thaler nach unſerm Gelde und warf ſie aufs Verdeck, und die Kerls lachten wie die Kobolde und ich lachte mit, trank aber auch mit von dem erkauften Branntwein. 4 Das war nun mein Schickſal unter der Linca, welches ich mir in meiner Ingend daheim nicht ein⸗ —,— Nach mir wurden noch drei Mann alſo einge⸗ taucht ins Waſſer, weil ſie mit Gelde ſich nicht hatten loͤſen wollen. Da half ich tuͤchtig mit, die armen Geſellen auslachen, maßen ſie mich auch ausgelacht hatten. Mit einem derſelben aber handelten die Ma⸗ troſen noch abſonderlich, weil er viel raiſonniret aͤber die Grobheit der Seeleute; hies Sieber, war buͤrtig aus Bremen und ſeiner Profeſſion ein Brauknecht, war lange in London geweſen, hatt' erlernet die große Braukunſt allda und wollte ſie in Peru einfuͤhren. Dieſen Sieber ſetzten die Matroſen uͤber ein großes Waſſerfaß, alſo daß er uͤber der Buͤt⸗ ten auf einem Querbalken reiten mußte. Waͤh⸗ rend er aber recht feſt zu ſitzen vermeinet, zogen. die Schaͤlke den Balken weg, und ſiel in den Waſ⸗ ſerzüber der arme Geſelle, und ſchwamm darin, wie ein Budel, ſprang aber eilends heraus und ward ihm nachgegoſſen, ſo weit man ihn erreichen konnte, viel Waſſers. Doch ich will abbrechen von dem Scherzen der Seeleute unter der Linca.. Dieſe beruͤhmte aan aber hatt' ich mir ganz ande gedacht, als ich ſie fun⸗ den..— Denn als ich den Capitain nach uͤberſtandnen 3 3 — 38— Fatiquen fragte, ob wir bald Lineam errei⸗ chen wuͤrden, ſagte er: Schau her! und zeig⸗ te mir auf der Charte, daß wir faſt weit, er mein⸗ te 5 bis 6 Meilen ſchon uͤber die Linie waͤren. Und erklaͤrte mir recht lentſelig, wie die beruͤhm⸗ te Linea nur in den Koͤpfen der Seeleute und Mathematicorum zu ſinden.— Welcher Hitze aber der Menſch in dieſen Ge⸗ genden ausgeſetzet, iſt leichtlich abzunehmen. Das Siegelwachs ward in meiner Taſchen ſo weich, als Butter. Die Inſeltlichter ſchmolzen, als ſtaͤnden ſie am heißen Ofen. Die Wurſt in meiner Ka⸗ juͤte lief fettig aus, wie gebraten, und die Klei⸗ der am Leibe wurden mir ſo uͤberlaͤſtig, daß ich gern nackt gangen waͤre, haͤtt es ſich geſchicket. Waͤre nicht bei unſerm Paſſiren der Linea ein ſtar⸗ ker Wind verſpuͤret worden, waͤre es nicht zum Aushalten geweſen. Was aber die Reiſenden und Paſſagiers ſagen vom Vertrocknen des Gehirns unter der Linea, habe ich nicht funden, maßen ich geſcheut und verſtaͤndigen Sinnes blieben bin, als ich immer geweſen all mein Lebtage. Von unſerer Fahrt uͤber die Lineam aber, bis wir ſind eingefahren in den Rio grande in der Terra firma, iſt uns nichts Abſonderliches be⸗ gegnet. Als ich aber bei der großen Stadt Car⸗ „ — tagena ans Land geſtiegen, dankte ich meinem lieben Gotte mit Inbrunſt, daß er mich gluͤcklich und wohlbehalten bis hieher hatte gefuͤhret und geleitet und begab mich mit Friebeln zu einem Hispanier, genannt Caſios, an welchen ich Recommandir⸗Schreiben hatte; nahm mich gut auf u. ſ. w. Die ungluͤckliche Probe. In Dresden lebte vor etwa zwanzig Jah⸗ ren ein Buͤchſenſchaͤfter, Futter, welcher ſo herrliche Gewehre lieferte, daß Jagdlnſtige fuͤr jeden Preis darnach trachteten; und noch kann man einen alten Jaͤger gleichſam wieder jung machen, wenn man ihm einen ſogenannten Fut⸗ ter auch nur zeigt, geſchweige denn ſchenkt. Jener wackere Kuͤnſtler fertigte unter andern auch Windbuͤchſen von derſelben Guͤte und trug ſich Jahre lang mit dem Gedanken, ein Gewehr zu erfinden, das man nach Belieben auf Pulver oder Wind brauchen koͤnne. End⸗ lich meinte er es erfunden zu haben, theilte die Konſtruktion einigen vertrauten Freunden mit, denn er wollte anfaͤnglich die Sache geheim hal⸗ ten, und arbeitete nun Tag und Nacht an der — 40— Vollendung, obſchon man ihn warnte, mit der erſten Probe um Gotteswillen vorſichtig zu ſeyn. Allein, von der Guͤte ſeiner Erfindung zu feſt uͤberzeugt, achtete er auf keinen guten Rath und lachte ſogar laut auf, als ihm, nachdem das neue Gewehr fertig war, ein alter Jaͤger den Vorſchlag that, eine Art von Puppe zu fertigen, an dieſer die Flinte ſchußgerecht zu befeſtigen und in weiter Entfernung durch einen Faden loszudruͤcken. „Die Puppe will ich ſelbſt ſeyn, komme ich ohne Kopf wieder, je nun ſo muß ich denken, es leben viel ſtatt⸗ liche Leute auch ohne Kopf.⸗⸗ Damit ging er in die Verſchanzungen der Neuſtadt, druͤckte zum erſten Mal die neu erfundne Buͤch⸗ ſe los und— mit zerſchmettertem Kop⸗ fe ſank er zu Boden. 1 Speiſe⸗ Trank⸗ und Leibesuͤbungen ei⸗ nes deutſchen Prinzen im 16teg Jahrhundert. 5 In einer Verordnung Herzog C hriſtophs von Wuͤrtemberg, die phyſiſche Erziehung ſeines Prinzen Ludwig und der denſelben umge⸗ benden Edelknaben betreffend v. 1562 heißt es unter andern: Der Prinz ſoll fruͤh um 7 Uhr aufſte⸗ hen und dann— eine Suppe eſſen. Er ſoll ja keine geſalzne Fiſche genießen, wie Hering, Stockſiſch, Lachs, Aal, Karpfen, Schlei⸗ en u. ſ. w., ſondern nur dann und wann gruͤnc Fiſche, wie Hechte, Pfellen, und Vorhellin.(Fo⸗ rellen.) Es ſollen die Speiſen kein hitig Ge⸗ wuͤrz, wie Pfeffer, Ingwer, Naͤgelein, Zimmet u. ſ. w. enthalten. Er ſoll weder„grobes Rind“ noch Schweine⸗ leiſch genießen, ſondern Gemuͤſe, Eier, junges Fleiſch, Federwildpret, Voͤgel, gruͤne Kraͤuter, gekochte Ruͤben u. ſ. w., doch ja nicht Sauer⸗ kraut, Erbſen, Bohnen und Linſen. Er ſoll Mittags und Abends unverfaͤlſch⸗ ten Wein„ein gewonlich Becherlein volle trinken, und, wenn er dann noch Durſt verſpuͤret, den Weinbecher mit geſottenem Waſſer fuͤllen laſſen und„ſolches trinken und nit mehr. 8*s Er ſoll bisweilen etwas Obſt erhalten, doch „mit der Maſſen,“ ein Drittheil von einer maͤßigen Weintraube, einen halben Ap⸗ fel, eine halbe Birne, im Sommer etwas —4 4— Kirſchen und Erdbeern, doch maͤſig in allem, „damit ſich der junge Herr nitt uͤbereſſe.⸗⸗ Er ſoll mit ſeinen Lehrern alle vierzehn Tage vor dem Mittagseſſen ein Schwitzbad neh⸗ men, und aller acht Tage ſoll ihm von dem „Jung⸗Maiſter Conradt Bauſch,“ der Ko pf— und zwar mit Lauche gewaſchen werden. Er ſoll, im zunehmenden Mond und„ußer⸗ wellten Zaichen,“ von Conradt Bauſch die Haa⸗ re verſchneiden laffen⸗ Er ſoll weder Dolch noch Meſſer bei ſich tra⸗ gen, wenn er aber in die Predigt oder in den Garten gehet, ſoll ihm„ſein waͤhrlein an⸗ gegurtet werden.“ Er ſoll nach dem Eſſen anfangen, mit„leich⸗ ten währleine zu fechten. Er ſoll laufen, Kegel ſchieben u. ſ. w., beſon⸗ ders aber„zur Musica mit Pfeiffen, ſingen und geigen ſittlich angebracht werden, damit er eine Neigung dar⸗ zu uͤberkomme.“ In wie fern dieſe Vorſchriften einer kraͤftigen Vorzeit auf die prinzliche und nicht prinzliche Ju⸗ gend unſerer Zeit anwendbar ſeyn duͤrften, bleibt natuͤrlich Aeltern und Paͤdagogen uͤberlaſſen. Un⸗ ter allen genannten Punkten aber ſcheint mir denn doch der des Kopfwaſchens mit Lau⸗ — 7 — ge einer der Anwendung wuͤrdigſten und beduͤrf⸗ tigſten zu ſeyn; ich lebe nehmlich der einfaͤltigen Ueberzeugung: Es wuͤrde in der Welt weit weni⸗ ger Gelbſchnaͤbel und Naſeweiſe geben, wenn man der geſammten aufbluͤhenden Nachwelt oͤf⸗ terer den Kopf wuͤſche, und zwar— mit Lauge. Das Lexicon zweideutiger Reden. Reiger, Hofrath und Geheim⸗Secretair des Kurfuͤrſten, Karl Ludwig von der Pfalz, hatte ein ſolches Lexicon ſich angelegt, und fand es auch als Staatsmann recht probat, und zu allen Dingen nuͤtze. Die Veranlaſſung dazu war folgende: Reiger uͤberbrachte, als er noch Kanzliſt war, dem Kurfuͤrſten ein Konzept, das dieſem ganz be⸗ ſonders geſiel. Auf Befragen, wer es gefertigt? leugnet Reiger nicht, daß er ſelbſt der Verfaſſer ſey, und wird nun vom Kurfuͤrſten fuͤr die Zu⸗ kunft ungefaͤhr alſo inſtruirt: Er ſolle ſich im⸗ mer ſo viel wie moͤglich zweideuti⸗ ger Redensarten und Wendungen bedienen, denn, werde damit der Zweck erreicht, ſo habe man Urſache, zufrieden zu ſeyn— erfolge aber das —— — — 3 4 4— Gegentheil, ſo koͤnne man ſich immer trefflich dahinter verſtecken: Man ha⸗ be es eigentlich ſo und ſo gemeint— koͤnne nichts dafuͤr, wenn der Andere es falſch verſtehe u. ſ. w. Dies nahm auch Reiger wohl zu Herzen und ſammelte ſogar ein Lexicon zweideutiger Worte und Red ensarten, um ſeinen Herrn und Meiſter kuͤnftig gehoͤrig damit bedienen zu koͤnnen.— Wie gut, daß jenes Lexicon nicht ge⸗ druckt worden iſt! Es gibt ohnedem nur zu viel zweideutige Zungen und Herzen, koͤnnten dieſe auch noch durch eine ſolche Quelle ihre furchtbaren Kuͤn⸗ ſte vermehren, was ſollte am Ende aus Wahr⸗ heit und Geradheit werden in dieſer trugvollen Welt! 1 ⸗ Sin aͤchter Bruder Treuherz. Als die Koͤnigin Chriſtine von Schwe⸗ den die Krone, zu Gunſten des Pfalzgrafen, Karl Guſtav, auf dem Reichstage zu Upfal 1654 niederlegte, geſchahen von Seiten der Staͤn⸗ de die dringendſten Vorſtellungen dagegen, am dringendſten aber, und gewiß am herzlichſten, von dem Bauernſtande, der, wie bekannt, auf — 45— ſchwediſchen Reichstaͤgen keine unbedeutende Rol⸗ le ſpielt.. An der Spitze von 80 Bauern, welche zu die⸗ ſem beruͤhmten Landtage deputirt waren, ſtand ein Mann von mittlern Jahren, kraftvollem und geſundem Anſehn, angethan mit einem gewoͤhnli⸗ chem Bauernrock, die Schuhe mit Naͤgeln beſchla⸗ gen und einen tuͤchtigen Knotenſtock in der Hand. So trat er begleitet von ſeinen achtzig Landsleu⸗ ten vor die Koͤnigin und ohne erſt um Erlaubniß zu bitten, wie es den Sprechern an Reichstaͤgen geziemte, redete er die Monarchin an: Mein Gott, Frau Koͤnigin! was in al⸗ ler Welt wollen Sie doch thun! Mit Jammer hoͤ⸗ ren wir ſo eben, daß Sie uns verlaſſen wollen, Sie, die wir doch ſo uͤberaus lieb haben. Koͤn⸗ nen Sie denn irgendwo ein groͤßeres Gluͤck finden, als Sie bereits haben? Sind Sie denn nicht Koͤ⸗ nigin uͤber dieſe ſchoͤnen Provinzen? Wo wollen Sie denn ein ander Koͤnigreich hernehmen, wenn Sie dieſes verlaſſen?— Darum denke ich im⸗ mer noch, Sie werden das nicht thun. Sie moͤch⸗ ten es ſonſt ſehr bedauern, ſo gut als wir, aber nur zu ſpaͤt— Ueberlegen Sie es doch alſo um Gotteswillen beſſer, das bitte ich gar ſehr fuͤr mich und meine Kameraden, be⸗ halten Sie doch die ſchoͤne Schweden⸗ 5 4 — — — 46— krone auf dem Haupte, ſo werden Sie im⸗ mer in Ehren und wir in Ruhe bleiben. Legen Sie aber die Krone nieder, nun bei meiner Treu! da ſetzen Sie alles aufs Spiel! Legen Sie ihr Geſchirr drum ja nicht ab, Frau Koͤnigin, und bleiben Sie doch ja im⸗ mer das vorderſte Pferd all ihr lebelang! Wir wollen gewiß tragen helfen, was nur immer in unſern Kraͤften iſt. Ihr Herr Vater war ein ſeelenguter Herr und ein wackrer Koͤnig und hatte immer vollauf zu thun, und wir waren ihm immer treu und ge⸗ waͤrtig und mit aller Liebe zugethan. Sie ſind nun ſeine leibliche gute Tochter und haben immer brav uns regiert, und wir haben Sie immer ſo lieb gehabt. Der Prinz(Karl Guſtav), gegen den haben wir freilich nichts, das iſt ein ſeelenguter Herr, und kommt er einmal an die Reihe, werden wir ihm ſchon auch folgen, ſo gut wir Ihnen gefolgt haben, Frau Koͤnigin. Aber ſo lange Sie leben, moͤgen wir Sie gar nicht gern weggeben. Darum aber, Frau Koͤnigin, bitten wir auch Sie, geben Sie uns nicht weg!!—— Nachdem der Bruder Treuherz alſo ſich aus, geſprochen hatte vor dem Throne, ſtieg er ohne Umſtaͤnde die Paar Stufen vollends hinan, faßte — 47— die Hand ſeiner koͤniglichen Chriſtine, ſchuͤttelte ſie, wie die Fauſt eines Landmanns, kuͤßte ſie aber auch mehrmals aufs ehrerbietigſte. Dann drehte er ſich um, zog ein aͤchtes Bauernſchnupf⸗ tuch aus der Taſche, wiſchte ſich damit ein Paar große Thraͤnen ab und ging wieder auf ſeine Stelle. Whitelocke, der von Cromwell an Chriſtinens Hof geſchickte Engliſche Geſandte, welcher Zeuge dieſer herzangreifenden Scene war, lobte in einer nachherigen Audienz bei der Koͤnigin, die patrio⸗ tiſchen Aeußerungen ihrer Staͤnde, beſonders Haber die treuherzigen jenes ehrlichen Bau⸗ erufprechers.. 2½ Das Dinten faß ſtatt der Streuſand⸗ buͤchſe. Solch' anmuthige Verwechſelung iſt wohl oft ſchon geſchehen, doch zu groͤßerem Schrecken wohl Niemandem, als einſt einem Lanmerhen Kai⸗ ſer Leopolds I. Der Kaiſer ſchrieb nehmlich kurz vor dem To⸗ de Karls II. von Spanien, an ſeinen Geſandten zu Madrid einen eben ſo langen als wichtigen Brief, vollendete ihn erſt nach Mitternacht und reichte ihn dann dem dienſthahenden Kammerherrn — — 16 zum Streuen. Dieſer, laͤngſt ſchon ſanft und ſelig entſchlafen, ermannt ſich geſchwind, ergreift ſtatt der Streuſandbuͤchſe das Dinten⸗ faß, und— hin iſt der Brief, beſudelt das kaiſerliche Zimmer, der Kammerherr eine leben⸗ dige Leiche.— Doch Leopold, erwaͤge⸗d, daß ſchlafen menſchlich, mit Dinte ſtreuen verzeihlich ſey, ſtrafte den— in dieſem Augenblick hoͤchſt ungluͤcklichen Menſchen nur mit den Worten: Begreife dich, Lecker!(das war der ge⸗ woͤhnliche Titel, womit Leopold ſeinem Zorn Luft machte) Schauts:— hier ſteht das Din⸗ tenfaß, und hier die Streuſandbuͤchſe, heute aber iſt's zu ſpaͤt, einen andern. Brief zu ſchreiben. Es fragt ſich wie ein Advokat ſeinen Schrei⸗ ber in aͤhnlichem Falle behandelt haben wuͤrde? Die Streuſandbuͤchſe wenigſtens waͤre dem Din⸗ tenſuͤnder an den Kopf geflogen. 42 1 Verſchiedene Anſichten. Zu Rouſſeau's Zeit lebte in Paris ein Tanz⸗ meiſter, mit Namen Marcel, den die geſamm⸗ te feine, beſonders vornehme Pariſer Welt, wie * — 49— einen Halbgott verehrte, welchem alle Fremde vom Stande ihre Fuͤße in vaͤterliche Pflege, Bildung und Uebung gaben, und von welchem der beruͤhmte Dichter Dorat in ſeinem Lehrge⸗ gedicht vom Tanze unter andern alſo ſingt: C'est ainsi, que Marccl l'Albane de la Danse*) Communicoir à toits la noblesse et l'aisance, Des mouvemens du Corps il fixa Tunion Et dans un art frivole il fixa la raison etc. etc. Dieſen Marcel nun nennt Rouſſeau in ſei⸗ nem Emil einen Extravagant par ruse, deſſen Kunſt eben ſo entbehrlich als ſchaͤdlich ſey. Und— denſelben Marcel empfiehlt Cheſterfield im 206. ſeiner Briefe, ſeinem Sohn Stanhope, als den Anfaͤnger und Vollen⸗ der alles Koͤnnens und Wiſſens zum Heil eines jungen Mannes, der bei jenem heil⸗ ſameren Unterricht empfange, als beim Ariſto⸗ teles. Worin die Verſchiedenheit der Anſichten zwei ſo beruͤhmter Maͤnner uͤber einen dritten beruͤhm⸗ ten Mann lag, bedarf wohl kaum der Erinne⸗ *) Wenn er ihn den Albano des Danzes nennt, ſpielt er damit auf den Italieniſchen Maler Albano an, wel⸗ cher beſonders Kinder und Frauenzimmer reizend darzu⸗ ſtellen verſtand. II. Bändch. D — 50— rung. Rouſſeau ſchrieb in den heiligen Hallen der Einſamkeit.— Cheſter⸗ field in den Marmorhallen des Hofes — jener wollte aus ſeinem Emil einen Kos⸗ mopoliten, dieſer aus ſeinem Stanhope ei⸗ nen Hofmann bilden. Wenn alſo Rouſſeau in ſeinem Naturſtaate je zum Regenten erwaͤhlt worden waͤre, ſo moͤchte wohl Marcel der Er⸗ ſte geweſen ſeyn, der das Consilium abeundi erhalten haͤtte. Doch durfte letzterer deshalb nicht verzweifeln, ſo lange jenſeits des Kanals Cheſterfield lebte, der ihn gewiß mit offnen Armen empfangen und— als den von den Bau— leuten verworfnen Stein zum Eckſtein gemacht haben wuͤrde. Des Saͤchſiſchen Regentenhauſes zu wenig erkannter Glanz. In J. S. v. K. Kriegsgebetbuͤchlein S. 149 wird ſo recht auf Treu und Glauben verſichert: es ſeyen aus dem Chur⸗ und Fuͤrſt⸗ lichen Hauſe Sachſen entſproſſen: 37 roͤmiſche Kaiſer, 18 griechiſche Kaiſer, 2 Koͤnige in Ger⸗ manien, 3 Koͤnige in Sachſen, 1 Koͤnig der Baiern, 8 Koͤnige in Boͤhmen, 1 Koͤnig der — 362— Obotriten⸗Wenden, 3 Könige in Italien, 2 Ks⸗ nige in Sicilien, 1 Koͤnig in Neapel, 22. 85 nige in Frankreich, 1 Köͤnig in Burgund, Koͤnig in Auſtraſien, 2 Koͤnige in Caſtilien, 2 Könige in Legion(Leon), 18 Köͤnige in Arra⸗ gon, 9 Koͤnige in Portugall, 9 Koͤnige in Na⸗ varra, 14 Koͤnige in England, 2 Koͤnige in Schottland, 21 Koͤnige in Daͤnemark, 3 Koͤni⸗ ge in Schweden, ein Koͤnig in Norwegen, 11 Könige in Ungarn, 11 Könige in Polen, Sar nige zu Jeruſalem, 8 Koͤnige in Cypern, Großfurſt oder Kaiſen in Moskau,— lberhauht 56 Kaiſer und 168 Koͤnige. Ob wohl das Leben von 56 Genealogen und 168 Hiſtorikern ausreichen duͤrfte, den Beweis fuͤr jene fuͤrſtliche Sippſchaft zu fuͤhren. Das muß man doch wahrlich der Vorzeit laſſen, arm⸗ ſtark iſt ihr hiſtoriſcher Glaube im⸗ mer geweſen. Die Hoͤllenmaſchinee. Im Anfange des 18ten Jahrhunderts erfand ein Unbekannter, wahrſcheinlich ein Oberlauſiz⸗ zer, eine Art von Hoͤllenmaſchine, beſtimmt eine große Zahl Kugeln auf einmal ab⸗ . D 2 —— zuſchießen, um damit Bataillonsweiſe die Soldaten niederzudonnern. Dieſe Erfindung theilte ein Herr N. von Noſtitz in Goͤrlitz dem Leipziger Konſiſtorium in der Ab⸗ ſicht mit, deſſen Urtheil zu vernehmen, ob ſie auch von chriſtlichen Potentaten mit gu⸗ tem Gewiſſen im Kriege anzuwenden ſeyn duͤrfte. Das erbetene Gurachten fiel abfaͤllig aus, indem ſolch eine Maſchine„an einen evange⸗ liſch⸗lutheriſchen Fuͤrſten, ohne Verletzung des Gewiſſens, nicht gebracht werden koͤnne.“— Darauf fragte nun Herr v. Noſtitz 1714 be derſelben Behoͤrde wieder an:„Ob jene Maſchine, welche vermehrt und vermindert wer⸗ den koͤnne, nicht wenigſtens Ihro Koͤnigl. Kaiſerl. Majeſtaͤt, ohne Verletzung des Gewiſſens, anzuvertrauen ſeyn duͤrfte? in⸗ dem der Erfinder, als ein guter Evangeliſcher, welcher den, den Evangeliſchen in den Kaiſerl. Erblanden angediehenen Schutz dankbar erken⸗ ne, damit vielleicht, des bevorſtehenden Tuͤr⸗ kenkrieges wegen, mit jener Maſchine den Nutzen der Chriſtenheit zu beſedern ge⸗ denke.“ Allein genanntes Konſiſtorium blieb dabei, daß eine ſolche Erſindung nicht nur den Ge⸗ ——x —,— it ſetzen der allgemeinen Liebe— alſo auch gegen Heiden und Tuͤrken— zuwider ſey, ſondern daß auch der Erfinder an allen Grau⸗ ſamkeiten, welche je damit veruͤbt wuͤrden, ei⸗ nigen Theil nehmen werde— endlich, daß die Tuͤrken ſelbſt dieſe Maſchine, wenn ſie oͤ⸗ fentlich in Gebrauch komme, mit der Zeit ſich aneignen und gegen die Chriſten gebrauchen koͤnnten— und es alſo bedenklich falle, Kaiſer⸗ liche Majeſtaͤt von der(Hoͤllen⸗) Maſchine in Kenntniß zu ſetzen. Ob William Congreve, nach Erſindung der Brandraketen, mit ahnlichen Gewiſſensfragen die engliſchen Erzbiſchoͤffe behelligt habe? iſt nicht bekannt,— wenn es aber ja geſchehen ſeyn ſollte, ſo geht das geiſtliche Urtheil aus der wirkſamen Anwendung der Brandraketen bei Waterloo, Algier ꝛc. deutlich genng hervor. Uebrigens darf, in Anſehung der gedachten Lauſitzer Hoͤllenmaſchine, nicht unbe⸗ merkt bleiben, daß das Leipziger Konſiſtorium im Juli 1714 befragt ward und— im Ju⸗ ni 1761 antwortete.— Binnen 47 Jah⸗ ren, in welchen natuͤrlich ſo manche geiſtliche Beiſizer ab⸗ und zugingen, hatte alſo genannte Behoͤrde doch gewiß Zeit, ein reifes und wohl⸗ uͤberlegtes Urtheil zu faͤllen— deſſen Haupt⸗ ſpitze,— und zwar ganz richtig— darin lag, daß eine Erſindung zum Verderben der Feinde im Kriege nur ſo lange von Nutzen ſey, als die Feinde nicht ſelbſt ſie kennen und anwenden lernen; denn ſonſt bleibt das Zerſtoͤrungs⸗Ver⸗ haͤltniß auf beiden Seiten daſſelbe— und Nie⸗ mand gewinnt dabei, als der noch nie beſieg⸗ te und ewig unuͤberwindliche— Feld⸗ marſchall Klapperbein. Fuͤrchterliche Drohung. Der zu ſeiner Zeit— d. h. ſo um die Mitte des 18. Jahrhunderts— beruͤhmte und verdiente Landcharten⸗Fabrikant Johann Ge⸗ org Schreiber zu Leipzig, deſſen kleine Schulkarten unter allen Stuͤrmen der Landchar⸗ ten⸗ Noth bis in die neueſten Zeiten ſich erhal⸗ ten haben, gab zugleich Taſchenkalender, damals Sackkalender genannt, heraus, und ward deshalb nur der r Sackkalendermacher ge⸗ nannt. Dieſer wackere Mann, welcher auch im ſo⸗ genannten Sacke zu Leipzig wohnte, trug, als Auguſt II. mit ſeiner Gemahlin zur M ichgel meſſe 1736 in Leipzig einſprach, ſein Schaͤrflein 4 — 8 zu der deshalb veranſtalteten Illumination alſo bei: Vor ſeinem Fenſter ſtanden transparent, ein „aufrichtiger Pohle“ und„ein treuer Sachſe,“ welche einen heilloſen Friedens⸗ ſtoͤrer in einen Sack ſteckten. Darunter ſtand geſchrieben:. Zwei Länder und Ein Herr— hat das nicht viel zu ſagen— Die werden ſo regiert, daß keines nicht darf klagen— und ſoutten ja etwa noch Friedensſtörer ſeyn, Die ſtecken wir alsbald in dieſen Sack hinein. Da mögen ſie alsdann, wenn andre werden lachen, (Doch erſt nach meinem Tod)— Hatender lernen ma⸗ . chen— 4 Neben dem Polen aber war eine 2 ½ Elle breite und 2 Ellen hohe Landcharte von Polen, neben dem Sachſen eine gleich transparente Landcharte von Sachſen aufgehangen. Die Reſidenzen Dresden und Warſchau ſtellten darauf föͤrmlich illuminirte Staͤdte dar, und die Elbe und Weichſel ſah man, wie Silberſtroͤ⸗ me fließen; auch auf beiden Schiffchen mit Wim⸗ peln gehen, in welchen F. A. R. transparent erſchienen. Dieſe Illumination fand ſo viel Beifall, daß Schreiber von allen Seiten angegangen ward, ſie in Kupfer zu ſtechen und zu verkaufen, welches 1 — 56— .. denn auch geſchah, und den Erfinder ſo reichlich belohnte, daß er ſich nicht beſſer haͤtte befinden koͤnnen, als wenn ihm Gelegenheit geworden waͤre, alle Monate einmal ſeinen Pa⸗ triotismus durch eine ſolche Illumi⸗ narion an den Tag zu legen. Kanarienvoͤgel auf Elba. Um dieſe Inſel kuͤmmerte man ſich, ehe Napoleon ſie beruͤhmt machte, ſo wenig, daß manche ſtattliche Leute ſie kaum hatten nennen hoͤren. Und doch hat ſie fuͤr das haͤusliche Le⸗ ben, beſonders der Frauen, kein geringes, nur bisher nicht erkanntes, hiſtoriſches Gew icht, denn, von dort ſchreiben ſich wahrſcheinlich unſ⸗ re lieblichen Kanarienvoͤgel her. Dieſe waren nehmlich vor dem Ende des 15. Jahrhunderts gar nicht in Europa bekannt, wurden noch im 16. und 17. Jahrhundert blos von den kanariſchen Inſeln geholt und unter dem Namen: Zuckervoͤgel, von reichen Leu⸗ ten als Lurus⸗Artikel gehalten. Als aber einſt vor etwa 170 Jahren ein Schiff, das, naͤchſt andern Waaren, auch Kanarienvoͤgel geladen hatte, in der Gegend von Livorno verungluͤckte, flogen jene, deren Kaͤfig durch den Schiffbruch —————— z) zertruͤmmert worden war, nach der Inſel Elba, und gruͤndeten hier eine Kolonie, aus welcher in der Folge die meiſten Italieniſchen, und durch dieſe auch alle andre Vogelbauer, Bewohner er⸗ hielten.. Daß dieſer Thierchen niedlich ausſehen, lieb⸗ lich ſingen und(wie Jeantet bewieſen hat) gro⸗ ße Talente beſitzen; wer weiß das nicht. Daß ſie aber auch mit der Gabe des Sehens in die Zukunft ausgeſtattet ſeyen, ergiebt ſich aus ih⸗ rem allmaͤhligen Verlaſſen der Inſel El⸗ ba, wo jetzt auch nicht ein einziger mehr zu finden iſt; denn offenbar ſahen ſie im 17. Jahr⸗ hunderte voraus, daß im 19. ein Stoßvogel der erſten Groͤße dort niſten werde. 8 4 Der Pflaumenſarg. (Nach einer alten Handſchrift.) Es war wohl ein Reſt moͤnchiſcher Vorzeit, daß unſere licben Altvordern nicht ſelten mir den Hochzeitbetten auch ſchon die Saͤrge beſtell⸗ ten, und letztere, freilich nicht in der Braut⸗, doch in der Vorrathskammer beiſetzten. So wollte man nehmlich den Gedanken an das Schmerzlichſte alles Unvermeldlichen, an den Tod, immer gegenwaͤrtig, ſich ſelbſt aber damit — — — — feſt halten auf der Straße, die da heißet die richtige. Freilich ward gar oft der Zweck verſehle; denn unwillkuͤhrlich, wie man meynte, im Grunde aber abſichtlich, vermied man, ſo viel moͤglich die Sargkammer— und alſo die To⸗ des⸗Erinnerung; oder Kinder und Enkel trieben Geſpoͤtt mit den vorraͤthigen Leichengehaͤuſen; oder die Wuͤrmer fraßen ſich, als Praͤnumeran⸗ ten auf den dazu gehoͤrigen Madenſack, ſo aͤm⸗ ſig hinein, daß man,— kam in ſpaͤter Zeit erſt ein Sterbefall— wohl gar einen neuen Sarg fertigen laſſen mußte. Indeß blieb man der ſon⸗ derbaren Sitte treu, bis die neuere Zeit ſie nach und nach in Vergeſſenheit brachte. Hier nun aus alter Zeit und alter Handſchri ft(nur mit verbeſſerter Orthographie) eine luſtige Anekdote, welche jene Sitte veranlaßte. 2 „Vor langer Zeit lebte im Frankenlande ein reicher Pachter, der nahm zur Frau eine Jaͤgerstochter, und das junge Paar hatte alte Sitte; denn es beſtellte mit den Hochzeitbetten auch die Saͤrge, und legte ſich in die Betten jeden Abend mit dem Wunſche: in die Saͤr⸗ ge erſt gelegt zu werden, wenn es ab⸗ gelaufen ſey das Uhrwerk des Lebens. Doch ſcheuten die wackern Leutlein deshalb nicht den Anblick der Leichengehaͤuſe, und ſetzten ſie in die Vorrathskammer neben der Hochzeitkammer; und fuͤllten ſie mit eßbaren Dingen, die ſie nicht benaſcht oder bezupft haben wollten von Kindern und Knech⸗ ten und Maͤgden, und kamen damit zum Zwecke.— Denn wer mochte wohl Luſt haben, ſein Brod zuſchmieren aus einem Sarge; oder gewelkte Pflaumen zu naſchen aus Kaͤ⸗ ſten, welche einſt aufnehmen ſollten die gewelk⸗ ten Lebensfruͤchte des Pachters und ſeiner Haus⸗ frau? Dieſe aber grauten ſich nicht: denn das Sargholz war neu und nie gebraucht. Hatten ſie doch die Eiche ſelbſt dazu faͤllen, und die Leichengehaͤuſe in ihrem Hauſe zimmern laſſen: warum ſollten ſie daupo ſich entſetzen? Als aber die Zeit erfuͤllet war, daß ſie nicht mehr ſelbander wandeln ſollten auf Erden, da traf die Reihe bes Sterbens zuerſt den Mann. und der war wohl betaget und zaͤhlete Kinder und Enkel, und ſtarb gein: denn er war lebensſatt. Und als er verblichen war, und gewaſchen und eingeſchla⸗ gen in ein ſchneeweiß Leilach, und gelegt wer⸗ den ſollte in deßl Sarg, den er als Braͤutigam ſich hatte zimmern laſſen aus der ſchoͤnſten Ei⸗ che des Forſtes; du ſprach ſein Weib zu dem Frauenvolk, das ihn tragen wollte ins letzte Kaͤmmerlein„Eilet mit dem Todten nicht alſo! 8— 60— Denn es faͤllet mir bei: der Sarg, darin er ſchlummern mag, iſt nicht ledig, ſondern eitel voll gewelfter Pflaumen; denn das Jahr war gut und wußten wir des Obſtes kein Ende, und brachten's unter, wo wir konnten; alſo auch in den Saͤrgen. Waren ſie doch neu, und hatte noch nicht darin gelegen ein Todter. Darum, ſo gehet nun hin, und nehmet aus dem Sarge zur Rechten die Pflaumen, und thut ſie zu de⸗ nen im Sarge zur Linken; und leget in den zur Rechten den Mann, der mir war ein treu⸗ er Gefaͤhrte auf den Dornenwegen des Lebens.“ Und das Frauenvolk thate, wie ihm gehei⸗ ßen. Und der geliebte Todte lag alſo im letzten Kaͤmmerlein drei Tage und drei Naͤchte; und am Morgen des vierten Tages verſammelten ſich Verwandte und Freunde, das letzte Geleit zu geben dem Leichnam des Heimgegangenen. Als man aber gegeſſen hatte und getrunken, dem Todten zu Ehren und den Lebenden zur Erquickung; und als man geweinet die uͤblichen Thraͤnen und auch die herzlichen: da gingen Alle, die da mitgehen wollten zu Grabe, Frau und Kinder und Enkel voran, und der Trauerleute viel hinterdrein, ſtumm und betruͤbt in die Sargkammer, Abſchied zu nehmen von dem Verblichnen. Und nachdem man ſelbigen, nehm⸗ — ,— — ,— —— lich den Abſchied, genommen hatte mit Thraͤnen und Haͤnderingen und Seufzen und Lobpreiſen: da ſchloß der Leichenbeſtatter den Sarg, und rief herbei die Traͤger, und zeigte ihnen das gefuͤllte Todengehaͤuſe und ſprach:„Dieſer Sarg iſt's, den nehmet; den andern aber laſſet ſtehn, denn er iſt leer.“ Wollt' nehmlich nicht verrathen, daß gewelkte euni darin waͤren. Da lachten die Traͤger; denn ſolcherlei Volk iſt ſelten zum Weinen geſtimmt, und ſagten zum Grabeshauptmann: Ho! hol was habet ihr Sorgenl Und vergaͤßen wir auch, wel⸗ ches ſey der gefuͤllte Sarg, ob der zur Rechten oder zur Linken: die Laſt wirds lehren. Und damit gingen ſie einmäͤthialich die Stie⸗ gen herab nach der Stube, da man mit Wein ſie geletzt. Denn ſie ſpuͤreten noch Durſt, und die Leidtragenden tranken auch noch und ſpra⸗ chen holdſelig unter einander, und laſen die Leichen⸗Carmina, alſo, daß die Traͤger wohl Zeit nehmen mochten, ſich guͤtlich zu thun, an dem Keller⸗Ausfluß des Verblichenen. Sie thaten aber des Guten faſt zu viel. Denn als ſie geruſen wurden vom Grabeshaupt⸗ mann, zu nehmen den Sarg auf ihre Schul⸗ 5 1 . 1 A tern: da vermochten etzliche kaum zu ſtehen auf ihren ſelbſteignen Beinen; und die es vermoch⸗ ten, die waren froͤhlich und guter Dinge, und ſchaͤlerten alſo die Stiegen hinan, daß man ſchier glauben mußte, es waͤren nicht Leichen⸗ traͤger, ſondern Hochzeitbitter; und faßten an den geſchloßnen Sarg, und hoben ihn auf ihre Schultern— nicht aber den rechrten. 34 Doch hatten ſie deß kein Bedenken, denn der Sarg war faſt ſchwer. Es mußte alſo, meinten ſie, wohl der rechte ſeyn, und ließen ſtehen den Sarg mit dem Leichnam, und trugen von dannen den Pflaumenſarg; und hinter drein gingen laut weinend die verwittwe⸗ te Hausfrau, ſchluchzend die Kinder und Enkel, jammernd die Freunde, murmelnd aber hinten und vorn und zu beiden Seiten die Neugieri⸗ gen. Und als man kam an die Grabesſtelle, da eingeſenkt werden ſollte der Entſchlafne; da wollte der Todtenbettmeiſter oͤfſfnen den Sarg, um das Antlitz des Geſchiedenen noch ein Mal zu goͤnnen den Bleibenden. Der Pfarrer aber wollte nicht alſo, denn er ſah ungern ein Lei⸗ chenantlitz, und beredete ſchier die Leidtragenden, daß ſie wollten, wie er: maßen durch das An⸗ ſchauen des Todten an der Gruſt derſelbe doch — — nicht wieder lebendig, das Herz aber nur deſto trauriger werde. Und man ließ alſo ungeoͤffnet hinab in der Erde Schoos das Todtengehaͤuſe, und zog hervor die dumpf knarrenden Stricke, und be⸗ tete ein andaͤchtiges Vater⸗Unſer. Und als man gebetet hatte, da warfen Alle und Jede, die Hausfrau und Kinder und Enkel zuerſt, eine Hand voll Erde auf den Sarg, und gingen ins Gotteshaus, zu hoͤren den Leichenſermon, ſchluch⸗ zeten und weineten viel dabei; kehrten dann heim, und ſprachen unterwegs von dem frommen Grei⸗ ſe, den ſie zum Ruhe⸗Kaͤmmerlein begleitet. Die Kinder und Enkel aber, begaben ſich am dritten Tage nach dem Kirchhofe und pflanz⸗ ten Vergißmeinnicht und Cypreſſen auf den Gra⸗ beshuͤgel des geliebten Todten, und lobten ihn faſt ſehr, und meinten:„daß ſie wohl, wenn ſie vermoͤchten, mit Nadeln aus der Erde ihn kratzen wollten; indeß die Pflaumen⸗Laſt in der Erde, der gelieb⸗ te Todte aber daheim lag in der Vor⸗ rathskammer, und bereits anfing, den Naſen der Seinigen merken zu laſſen: er wandle zwar nicht, liege aber noch unter den Lebendigen.— Und Leichengeruch verbreitete ſich im ganzen — 6— Hauſe, und ward je ſtaͤrker, und ſtaͤrker von Tage zu Tage: und drang mit Gewalt in Na⸗ ſen und Gemaͤcher: obſchon man die Fenſter uͤberall offen hielt, beſonders die Fenſter der Kammer, da er gelegen hatte der geliebte Todte. Und Alle, die da wohneten im Hauſe und da⸗ neben, und rochen den Leichengeruch, urtheileten und ſprachen: Das gehet mit rechten Din⸗ gen nicht zul Es muß liegen im Hau⸗ ſe ein verweſender Koͤrper, Thier oder Menſch— kurzum es riechet gar uͤbel. Da rief man herbei der Knechte einen, wel⸗ cher das Herz auf dem rechten Flecke, und die Naſe gehoͤrig im Zaum hatte; der durchſuchte Alles; vom Soͤller bis zum Keller; und je naͤ⸗ her er kam dem Vorraths⸗Stuͤblein, deſto hef⸗ tiger ward der Leichengeruch, und wollte er ſchon des alten Spruͤchleins ſich bedienen: hier lie⸗ get der Hund begraben. Doch hielt er noch an ſich; weil auch ein Menſch von Eh⸗ ren und Wuͤrden, ja ſelbſt ſein guter ſel⸗ ger Herr, wohl alſo riechen konnte. und als er eintrat ins Kaͤmmerlein und er⸗ blickte und beroch den Sarg, ſprach er: Ho! hol was wollen wir weiter Zeugniß? Der ſel'ge Herr iſt nicht im Grabe; er iſt noch hier. Die Verwandten aber, wel⸗ cche von fern dem Sucher gefolgt waren, riefen und ſprachen: Nicht alſot Das iſt der Pflaumenſarg.— Der Knecht aber ſprach:„So glaͤubet ihr wohl, ich aber nicht alſo; denn meine Naſe be⸗ lehret mich des Beſſern. Was gilt's, der Stank kommt von nirgends, denn aus dem Leichenge⸗ gehaͤus, das ich da vor mir ſehez die Traͤger aber haben fortgeſchleppt den Pflaumenſarg, und ſtehen laſſen den Todtenſarg.“ Da wollte man faſt lachen, obſchon man im Herzen ſo traurig als in den Naſen beſchweret war. Der Knecht aber ſagte: Laſſet mich oͤff⸗ nen den Sarg, und ihr werdet nicht ſehen die Pflaumen, wohl aber ſehen und riechen den ſel'gen Herrn. Und man erlaubte ihm das. Und als er begann zu luͤften den Deckel, da 45 hervor das weiße Leilach, darein man den Galg'en geſchlagen; der Selige aber ſelbſt vergffenbgrete ſich, ohne daß man den Deckel vollends abnahm: alſo, daß man ihn gern wieder zuſchlug, und kraͤftig inne ward, die Traͤger haben zu Grabe getra⸗ gen die gewelkten Pflaumen, und lich gen laſſen den Leichnam. II. Bändch. E Und man erſtaunte und erzuͤrnte darob, lob⸗ te aber den Knecht mit der rechtriechenden Na⸗ ſe, und rief herbei die Traͤger und ließ ſie an, und noͤthigte ſie: auf ihre Schultern zu nehmen den rechten Sarg, und ſelbſt zu oͤffnen das Grab, und herauszuheben den Sarg mit den Pflaumen, und dafuͤr einzuſenken den mit dem Großvater. Die Pflaumen aber ſamt dem Sarge ſchenk⸗ te man dem Knechte, der den ſelgen Herrn funden— und der aͤußerte ſich deß nicht, ob⸗ ſchon ſie gelegen hatten in der Erde unter den Todten, und hob ſie auf in die neue Wirth⸗ ſchaft; denn er wollte heurathen zum Tage Mi⸗ chaelis, der nicht fern mehr war.— An dieſem Tage aber ließ er kochen von den Pflaumen einen tuͤchtigen Humpen, und ſetzte ſie vor den Gaͤſten. Und die Gaͤſte ſpra⸗ chen: Hol wo habt ihr doch her die ſcho⸗ nen gewelkten Pflaumen? Und er ſprach ſchelmiſch laͤchelnd:„Die Erde des Herrn gab mir füeln⸗ verrieth aber nicht was er damit meinte und aß froͤhlich mit von den Pflaumen, und hatte daran die Huͤlle und die Fuͤlle mit ſeiner jungen Hausfrau faſt ein gan⸗ zes Jahr, denn der Pflaumen waren gar viel.— —ÿ—ꝛ—xℳ-’’—— V — 67— Große Wirkung aus kleiner Urſache. Der Schiffſchreiber der Galliote Lurem⸗ burg, die ſich vor etwa 40 Jahren auf der Ruͤckfahrt von Jamaika nach England befand, befahl einſt ſeinem Negerjungen, etwas Rum im Magazin zu zapfen. Der Junge geht und nimmt einen Kameraden mit. Am Hahn des Rumfaſſes blinkt ein weißes Troͤpfchen. Das haͤlt der eine fuͤr Rum, der andre fuͤr Waſſer, und, um ſein Recht zu beweißen, haͤlt der Ne⸗ gerjunge das Licht daran.— Der Spiritus brennt— im Augenblick die ganze Tonne. Un⸗ vermoͤgend zu loͤſchen, holen die Jungen, in wahrer Todesangſt, den Schiffſchreiber, welcher zwar herbeieilt, aber nie wieder ſichtbar wor⸗ den iſt.. Die Flamme ergreift bald Schiffsraum und Tauwerk. Aufgebend alle Hoffnung zum Ge⸗ waͤltigen des Feuers, ſpringt endlich die Mann⸗ ſchaft, uͤber 20 Perſonen, in ein Boot, ſo eilig und derb, daß es faſt ſinkt, und uͤberlaͤßt ſich den Wellen ohne Kompaß und Karten, ohne Maſt und Segel, ohne Speiſe und Trank. Ueber 200 Seemeilen vom Lande treibt das Fahrzeug auf dem Meere herum. Huͤlfe hof⸗ —4 — 638— fend kaͤmpft man einige Tage gegen Hunger und Durſt. Schon beſchließen Alle einmuͤthig, Einen aus ihrer Mitte zu ſchlachten und das Loos uͤber das Todesopfer entſcheiden zu laſſen, als der Schiffs⸗Chirurg noch um Aufſchub bit⸗ tet, weil ohnedem bald Einer oder der Andre ſterben werde. Seine Worte beſtaͤtigt in we⸗ nig Minuten ſchon der Erfolg. Den Augen⸗ blick zapft nun der traurige Prophet dem Leichname das Blut ab, laͤßt es mit Urin ver⸗ duͤnnen, und ſo Jeden einen Mund voll neh⸗ men zur Stillung des Darſtes, das Herz aber theilt er in kleine Portionen, und reicht Mann fuͤr Mann einen Biſſen. Er ſelbſt verſucht mit Schaudern und Entſetzen den erſten. Der Schiffs⸗ kommandant, Lieutenant Boy, nicht im Stan⸗ de, das Fleiſch zu verſchlucken, druͤckte nur den Saft aus, ſchneidet aber, des Hungers ſich zu erwehren, ein Stuͤck aus ſeiner eignen Schul⸗. ter. Die uͤbrigen ſaͤbeln an dem Leichnam her⸗ um, bis wieder ein Ungluͤcksgefaͤhrte ſtirbt, mit deſſen Koͤrper man auf gleiche Weiſe verfaͤhrt. So hatte der Tod die jammervolle Geſellſchaft binnen 13 Tagen his auf 7 Perſonen vermin⸗ dert, als endlich ein Fiſcherboot an Neufound⸗ lands Kuͤſten die Halbverhungerten aufnahm. Ein dortiger Hafen⸗Gouverneur kaufte das ¹ — 69— Fahrzeug zum Andenken der ſchrecklichen Bege⸗ benheit. Boy aber, der es kommandirt hatte, beging alle Jahre feierlich, mit einer Art von Faſten, jene ihm ſo unvergeßlichen 13 Tage und verewigte das erduldete harte Schickſal auch in ſeinem Petſchaft. Das Schild ſtellte nehmlich ein brennendes Schiff dar, von welchem eben ein Boot ausgeſetzt ward. Statt des Helmes erblickte man einen auf dem Ruͤcken liegenden Menſchen, welchem ein Andrer den Hals auf⸗ ſchnitt und das hervorquellende Blut auffing; darunter der Kopf eines Greifen mit der Um⸗ ſchrift: From Fire, Water and Famine preserved by Providence.—(Vom Feuer, Waſſer und Hunger durch die Vorſehung erret⸗ tet.) Beiſetzen und beilegen. Ein Paar ziemlich nahe verwandte Worte — jenes braucht man von vornehmen Leichen, dieſes von Memorialien, die nichts fruchten. Was iſt aber der Menſch in ſeinen zahlloſen, nicht ſelten thoͤrichten Wuͤnſchen, Beſtrebungen, und Hoffnungen, ſo lange er im Fleiſche wallet, anders, als ein lebendiges Memorial an die Gottheit, welches meiſt ohne Erhoͤrung 6 1 2 5 2. 4 3 5 8 * 8 — 70— beigelegt wird im geheimen Archive der Erde?—— und was ſind nicht erhoͤrte oder beigelegte Memoriale anders, als vor⸗ nehme Leichen unſrer Wuͤnſche, Beſtre⸗ bungen und Hoffnungen, welche beige⸗ ſetzt werden in den Herzgruͤften unſrer Be⸗ ſchuͤtzer und Goͤnner? Uebrigens ſollte die Sprache, und wenn ſie gegen die lebendige vornehme Welt auch noch ſo fein in Huldigungen ſich zu fuͤgen, zu ſchmiegen und zu drehen weiß, wenigſtens gegen die todte durchaus nicht anders ſich verneh⸗ men laſſen, als gegen die gemeine; denn im Grabe und im Himmelreich ſind wir ja wohl einander alle gleich.— Wie wunderbar klingt es z. B., wenn man von einem Vornehmen ſagt: Er ſey beigeſetzt worden, da doch wohl kein Todter, und haͤtte er aller Welt Ti⸗ tel und Mittel, ſitzend, ſondern manniglich liegend, begraben wird. Mit dem Sarge aber, als mit einem Kaſten, auf welchem be⸗ ſonders der Begriff des Beiſetzens paſſe, iſt der gedachte vornehme Wort⸗Unterſchied nicht zu beſchoͤnigen, denn auch die Aermſten werden ja wohl in dergleichen Kaſten oder Saͤrgen begra⸗ ben.— Findet man es aber nun einmal zu ge⸗ — 71— mein, von einem Vornehmen zu ſagen: er ſey begraben worden,— nun, ſo ſage man wenigens: er ſey beigelegt wor⸗ den.— Das paßt am beſten zur Poſi⸗ tur aller Leichen— am beſten zum Aus⸗ ruhen im letzten Kaͤmmerlein— am beſten zum Begriff eines Memorials, das ad Acta gelegt worden iſt im geheimen Archi⸗ ve der Erde. 3 Ehrenfried Walther von Tzſchirnhauſen, der deutſche Archimedes. Allberuͤhmt ſind die Dz ſchirnh au ſenſchen Brennſpiegel, weniger bekannt aber iſt die Biographie ihres Erſinders. Wenn ich ſie hier zum Theil aus ungedruckten Quellen ge⸗ be, die ſich mir bei Nachforſchungen uͤber den beruͤhmten Porzellan⸗Erfinder, Baron Boͤtt⸗ cher, oͤffneten, mit welchem Tzſchirnhauſen ge⸗ gen das Ende ſeines Lebens in der engſten Verbindung ſtand, ſo verbinde ich damit vor⸗ zuͤglich den Wunſch, Ergaͤnzungen und Berich⸗ tigungen zu erhalten. Tzirnhauſen gehoͤrte zu jenen ehrwuͤr⸗ / — 5 — 2 — 82 „·—·— — 72— digen, kraͤftigen Maͤnnern, die, im Streben nach einem edeln Ziele, kein Hinderniß, keine Anſtrengung, kein Opfer ſcheuen; die weder durch das Mißlingen, noch durch das Mißbilli⸗ gen einer Unternehmung abgeſchreckt, und des⸗ halb mit Recht zu den Helden im Gebiete der Kultur gezaͤhlt werden. Tzſchirnhauſen, geboren zu Kieslings⸗ walde bei Goͤrlitz den 10. April 1651, ſtammte aus einem alten boͤhmiſchen Geſchlechte, das ſchon in Urkunden des 14ten Jahrhunderts vorkommt. Sein Vater, Chriſtoph von Tzſchirnhauſen, Kurf. Saͤchſ. Rath und Landesaͤlteſte im Fuͤrſtenthum Göͤrlitz, ſieß ihn bis ins 15te Jahr durch Hofmeiſter unterrich⸗ ten und ſchickte ihn dann auf das Gymnaſium zu Goͤrlitz, wo er neben Philologie, beſonders Mathematik ſtudierte und mit den beſten Wer⸗ ken daruͤber ſo vertraut ſich machte, daß er ſie ohne Anleitung leſen konnte. Mit dem 17ten Jahre beſuchte Tzſchirnhau⸗ ſen die Univerſitaͤt Leiden, aber gerade in einem ſehr ungluͤcklichen Zeitpunkte: denn die Peſt brach dort aus, raffte die meiſten Profeſſoren und Studenten weg, und befiel auch den jun⸗ gen Tzſchirnhauſen, welcher jedoch gluͤcklich da⸗ von kam, und ſich dann ganz den philoſophi⸗ — 73— ſchen, mathematiſchen, phyſikaliſchen und me⸗ diciniſchen Wiſſenſchaften widmete.* Kraft damaliger Adelsſitte, mit der Feder den Degen zu verbinden, trat er, nach voll⸗ endeten Univerſitaͤtsjahren(1668— 72) als Volontaͤr in hollandiſche Dienſte, und zwar auf Zureden ſeines beſten Freundes, des Barons von Nieuland, mit welchem er, wie man damals ſchrieb,„eine Seele in zweien Leibern war.⸗ Wie es faſt ſcheint, wollte Tzſchirnhauſen den Carteſius nachahmen, der auch in ſeiner Jugend Kriegsdienſte gethan, und erſt, nachdem er Wunden erhalten, den Wiſſen⸗ ſchaften ſich gewidmet hatte. Letztre vergaß Tſchirnhauſen ſelbſt im Krie⸗ ge nicht, ſondern ſchenkte ihnen jede dienſtfreie Stunde. Nach der Belagerung von Weſel, welcher er tapfer beigewohnt hatte, ſollte er Hauptmann werden. Allein lieber kehrte er an den Studirtiſch nach Leiden zuruͤck, und machte von hier eine gelehrte Reiſe durch Frankreich, England, Italien, Sicilien und Malta. Da⸗ bei lernte er aber nicht nur die beruͤhmteſten Gelehrten kennen, ſondern zeigte ſich auch uͤber⸗ all ſelbſt als einen ſolchen von aͤchtem Schrot und Korn, und erwarb ſich uͤberall Achtung und Liebe, beſonders in Frankreich, wo er ſo⸗ zog. X gar zum Mitgliede der koͤnigl. Academie er⸗ nannt und mit einer Penſion begnadigt ward, die man aber im naͤchſten Kriege wieder ein⸗ Der Koͤnig von Preußen bot ihm die Kanz⸗ lerſtelle der Univerſttaͤt Halle mit 3000 Thlr. Gehalt an. Aehnliche Anerbieten geſchahen ihm im Heſſiſchen, ja ſelbſt in Frankreich durch Col⸗ bert. Auch Sachſen, ſein Vaterland, ſuchte durch Ehrenſtellen ihn zu feſſeln; allein er ſchlug, den Rathstitel abgerechnet, alles aus, um deſto ungeſtoͤrter den Wiſſenſchaften und der Haͤuslichkeit leben zu koͤnnen. 3 Tzſchirnhauſen vermaͤhlte ſich 1682 mit ei⸗ nem Fraͤnlein von Leſt, welche„ein Aus⸗ bund von Schoͤnheit und Tugend“ ge⸗ weſen ſeyn ſoll, 1701 mit einem Fraͤulein von Schulenburg. Seine erſte Gemahlin ſtarb 1693, die zweite 1706, und er ſelbſt den 11, Oktober 1708. 11 Sein letzter Kampf war kurz, aber ſchwer, denn er litt an Steinſchmerzen, und ſeine Lei⸗ den mehrten ſich dadurch, daß die Aerzte, wie es ſcheint, ſeiner nicht ſonderlich ſich annahmen, weil— er nie ſie gebraucht, immer ſein eigner Arzt geweſen war, und vernuͤnftige, auf Selbſtbeobachtung ſich gruͤnden⸗ — 55— de Selbſtkuren, aller Welt mehr, als aͤrzt⸗ liche Kunſt und Wiſſenſchaft angera⸗ then hatte. Dresdner Aerzte ſprachen ihm gleich beim erſten Beſuche, in der Nacht vom 2 7ſten zum 28ſten September, wo er erkrankte, das Leben ab. Nun conſulirte er den 2ten Ok⸗ tober den damals beruͤhmten Dr. Fritderici in Leipzig, der ihm zwar Mediein ſandte, welche aber nichts fruchtete. Doch trug der ar⸗ me Kranke ſeine Leiden mit philoſophiſcher Ge⸗ duld, erhielt auch, einige Tage vor ſeinem To⸗ de, Linderung, und erklaͤrte nun, daß ſeine Seele in einem Zuſtande ſich befinde, deſſen hohe Seligkeit er nie empfunden habe, und in welchem er zu verſcheiden wuͤnſche. Dieſen frommen Wunſch gewaͤhrte ihm auch der Him⸗ mel. Sein letztes Wort war: Victoria! Wie dieſer geheimnißvolle Mann in Allem tiefer die Natur durchſchauen zu koͤnnen meinte, als andre Menſchenkinder, ſo behauptete er auch, ſeinen Tod auf die Minute voraus zu wiſſen, und hatte ſelbſt den Koͤnig Auguſt II. davon unterrichtet. Deshalb war dieſer, ſobald Tzſchirnhauſen bettlaͤgrig ward, hoͤchſt neugierig auf deſſen Sterbeſtunde, und befahl, ſie ihm ſogleich zu melden. Dies geſchah Nachts halb zwoͤlf Uhr; worauf der Koͤnig ſelbſt nach der —— — — 7 6— Uhr ſah und mit bedenklicher Miene ſagte: Es trifft ein. Tzſchirnhauſens Bruder, Georg Albrecht, ließ dem beruͤhmten Manne in Kieslingswalde, wohin er begraben ward, ein koſtbares Monu⸗ ment ſetzen, das noch jetzt in dortiger Kirche ſich befindet. Tzſchirnhauſens haͤusliche Lage war, als er ſtarb, nicht die beſte, ja es entſtand ſogar ein Concurs zu ſeinem Vermoͤgen. Kein Wunder, denn er hatte zu viel Geld auf Reiſen und Verſuche, zu wenig Aufmerkſamkeit auf das Gewinnen der dazu noͤthigen Fonds gewandt, und uͤberhaupt, wie es bei Maͤnnern ſeiner Art und ſeines Geiſtes nicht ſelten der Fall iſt, die Rechnung immer ohne den Wirth gemacht. Dies die wenigen Hauptmomente der aͤu⸗ ßern Biographie Tzſchirnhauſens, welche freilich weder hiſtoriſches, noch romantiſches Intereſſe hat. Deſto wichtiger und anziehender aber iſt ſeine innere Biographie, d. h. die Geſchichte ſeines Geiſtes und ſeiner Thaͤtig⸗ keit. Tzſchirnhauſen gehoͤrte nehmlich zu den Gruͤblern nach geheimnißvollen Kraͤften, zu den Forſchern im Urhaushalte der Natur, zu den Maͤnnern, die im Gebiete der Kunſt und Wiſ⸗ —-— 77— ſenſchaft nicht ſammeln, zuſammenſtellen und ordnen, ſondern erſinden wollen. Fuͤr ſolche Zwecke aber ſcheute er weder Muͤhe, noch Zeit, noch Geld; ja er ging mit letzterm ſo verſchwen⸗ deriſch um, daß er nicht ſelten mit ſeiner Fa⸗ milie in die groͤßten Verlegenheiten gerieth. Bald waren es phyſikaliſche, bald mechani⸗ ſche, bald optiſche Beſchaͤftigungen, denen er ſich hingab; bald laborirte er auf Gold; bald trachtete er, den Chineſen das Porzellan nach⸗ zumachen; bald ging er auf mineralogiſche Ent⸗ deckungen aus, die ihm auch oft gelangen; bald ſtrebte er nach Erfindung einer Univerſalarznei; bald ſtudirte er die Kabbala, und alles was er vornahm, verfolgte er mit einem Enthuſiasmus, der keine Grenzen kannte. Ein Journal von 1732 ſagt:„Sachſen habe nicht leicht einen kurieuſern Herrn geſehn, als Tzſchirnhauſen, der den Auslaͤndern ſattſam gezeiget, was noch vor curieuſe Leute in Sachſen hin und wieder anzutreffen ſeyen.“ Am beſten gelangen ſeine Bemuͤhungen und Verſuche im Gebiete der Optik und Katoptik. Die von ihm gefertigten Brennſpiegel gehoͤren zu den groͤßten und wirkſamſten, welche man kennt, und geben ihm den gerechteſten Anſpruch auf den Beinamen der deutſche Archimedes. Den erſten großen Brennſpiegel von Glas fertigte er zu Kieslingswalde 1698, und verewigte deſſen Erfindung durch eine Medaille mit lateiniſcher Inſchrift, welche er, ſo oft ihn Jemand in ſeinem dortigen Laboratorio beſuch⸗ te, den Augenblick fertigte, und zwar auf fol⸗ gende Art: Er bat ſich eine Hand voll Silber⸗ muͤnze aus, warf dieſe in eine Kelle, ſchmelzte ſie durch ſeinen groͤßten Brennſpiegel und goß dann die fluͤſſige Maſſe in eine Medaillenform. Daß er als ſolch ein ſchneller Muͤnzmeiſter nur bei Sonnenſchein ſich zeigen konnte, bedarf kei⸗ ner Erinnerung. Einen andern großen Brennſpiegel, welcher drei rheiniſche Fuß im Durchmeſſer hatte, 100 Pfund wog, Holz, auch wenn es eben erſt im Waſſer gelegen hatte, ſchnell entzuͤndete; Waſſer ſiedend, Kieſel gluͤhend machte und in Glas verwandelte, verkaufte er 1702 an den Herzog von Orleans; und einen aͤhnlichen ſchenkte er dem Kaiſer Leopold,*) wofuͤr er eine goldene *) Einige ſeiner Kunſtwerke kaufte Auguſt I. für den mathematiſchen Salon in Dresden um 30,000 thlr.: einen gläſernen Brennſpiegel nehmlich, der 21 Zoll, ei⸗ nen dergleichen kleinern, der 17 Zoll im Durchmeſſer hielt, einen kupfernen von 2½ Elle Diameter und 44 Zoll Focus, und ein Objektivglas von einer Elle Dia⸗ —:,— — 39— Kette mit deſſen Bildniß erhielt und auch in den Freiherrenſtand erhoben werden ſollte. All⸗ ein er dankte fuͤr den Barontitel und nahm nur die Gnabenkette an. Als er letztere zum erſtenmale in Kieslingswalde trug, trat er da⸗ mit vor den Laborirofen, in welchem er eben Porzellanmaſſe durch Schmelzen zu erfinden trachtete, zeigte ſie den Arbeitern, mit denen er meiſt auf einem ſehr vertraulichen Fuß umging, und ſagte laͤchelnd:„Wenn ſolchen Schmuck der Kaiſer fuͤr einen Spiegel giebt, was wird mir erſt werden, wenn ich ihm zeige, daß die Sine⸗ ſen nicht allein klug ſind, daß auch die Sachſen Porzellan liefern koͤnnen.“⸗ Haͤtte Tzſchirnhauſen laͤnger gelebt, ſo wuͤr⸗ den ſeine Brennſpiegel noch manche Verbeſſe⸗ rung erhalten haben; denn naͤchſt der Porzellan⸗ Fabrikation, die ihm, vielleicht aus merkantili⸗ ſchen Gruͤnden, ganz beſonders am Herzen lag, widmete er faſt alle Verſuche und alles Nach⸗ denken der Vervollkommnung des Brennſpiegels, durch welchen er unter andern die Kapellen der La⸗ boriroͤfen, welche doch die meiſte Süse aushalten muͤſſen, in Glas verwandelte. Ia er trug ſich meter und 32 Zoa Focus. Des Letztern gedenken die Pariſer Mémoires de 1'Academie des Sciences von 1710, — — 3 8 2 4 ſogar mit dem koloſſalen Gedanken, Diamanten damit zu ſchmelzen und ſo aus vielen klei⸗ nen einen großen zu machen. Allein es fehlte ihm dazu an einer nicht ſchmelzbaren Maſſe, die Diamanten hinein zu legen, weil jede dazu benutzte eher fluͤſſig wird im Feuer, als der Diamant. Ein akademiſcher Profeſſor ſchrieb deshalb ſcherzweiſe von Tzſchirnhauſens Brenn⸗ ſpiegeln:„Man koͤnne von alten Hoſen die Fenſter flicken, und dann die Lum⸗ pen durch jene in Glas verwandeln. Auf die obengedachte Idee der Porzel⸗ lan⸗Erfindung fuͤhrte Tzſchirnhauſen die Gruͤndung von drei Glashuͤtten, durch welche er ſeine optiſchen Verſuche zu unterſtuͤtzen mein⸗ te. Es waren die erſten in Sachſen, welche dem Lande wenigſtens 20,000 thlr. jaͤhrlich er⸗ hielten, die ſonſt fuͤr Glas nach Boͤhmen ge⸗ gangen waren. Ungleich groͤßere Summen aber gingen damals uͤber Holland nach China fuͤr Porzellan, ohne welches man kein Zimmer und keinen Garten geſchmackvoll verzieren zu koͤnnen meinte. Die Smalte oder blaue Farbe, wel⸗ che die Chineſen dagegen, zu ihrer Porzellan⸗ malerei, aus dem Saͤchſiſchen Erzgebirge durch hollaͤndiſche Kaufleute bezogen, war nur ein ge⸗ ringes Aequivalent gegen die zahlloſen Summen — 32— von Schuͤſſeln und Tellern, Taſſen und Vaſen, Figuren und Blumentoͤpfen, womit ſie vorzuͤg⸗ lich Sachſen bereicherten; denn Auguſt I., be— kanntermaßen ein leidenſchaftlicher Freund des chineſiſchen Porzellans, verſchwendete fuͤr dieſes Hunderttauſende, und ſteckte mit der Porzel⸗ lanſucht, wie man ſeine Vorliebe fuͤr China's bunte, meiſt geſchmackloſe Scherben wohl nen⸗ nen moͤchte, alle Vornehmen und Reichen Dres⸗ dens an. Tzſchirnhauſen gab mehrmals im Stillen ge⸗ gen Freunde, beſonders gegen den Fuͤrſten Egon von Fuͤrſtenberg, ſeine Mißbilligung daruͤber zu erkennen, nannte die Chineſen nur die porzel⸗ lanenen Schroͤpfkoͤpfe, und ſann Tag und Nacht darauf, dieſem Geldabfluſſe nach China durch eine Erfindung Einhalt zu thun, von welcher er ſich, mit Recht, eben ſo viel Nuz⸗ zen als Ehre verſprach. Auch war dieſe Idee die vorherrſchende bei allen ſeinen mineralogiſchen Reiſen durch Sach⸗ ſen, auf welchen er beilaͤufig Agat⸗, Chalcedon⸗, Jaspis⸗ und Amethyſtbruͤche entdeckte, die da⸗ mals eben ſo geachtet wurden, als ſie jetzt ver⸗ nachlaͤſſigt ſind. Zur beſſeern Benutzung derſel⸗ ben baute er an der Weiſſeritz bei Dresden ei⸗ ne Schleif⸗ und Polirmuͤhle, von 32, durch ein 1I. Bändch.. F 32 82 ungeheueres Waſſerrad getriebenen Saͤgen, ein Werk, das alle Reiſende von Einſicht des Be⸗ ſuches wuͤrdigten, welches aber von den Schwe⸗ den 1706 zerſtoͤrt, von dem Porzellan⸗Erfinder, Böttcher, wieder hergeſtellt und 1715 in eine Spiegel⸗Polirmuͤhle verwandelt ward, die bei der Blokade Dresdens im Herbſt 1813 in Feuer aufging ſeit 1818 aber wieder aufge⸗ baut und in eine Spinnmuͤhle verwandelt iſt. Uebrigens kehrte Tzſchirnhauſen von keiner ſei⸗ ner mineralogiſchen Reiſen in Sachſen zuruͤck, ohne eine Menge Erdproben mitzubringen, durch welche er die beruͤhmte Petunſe zu erſetzen meinte, woraus die Chineſen ihr Porzellan fer⸗ tigen. Sein Bedienter hatte bei dieſer Porzellan⸗ ſucht edlerer Art in der That eine ſchlimme Nummer; denn nicht nur die Chatullenartig mit einer Menge Faͤcher verſehenen Kaſten des Reiſewagens, ſondern auſch Rock⸗ und Weſten⸗ taſchen mußte er nicht ſelten mit Erdproben fuͤllen. Tzſchirnhauſen ſelbſt ſchaͤmte ſich nicht, ein Gleiches zu thun, ja wohl gar noch Saͤck⸗ chen mit Erde oder Steinen in der Hand zu halten, und ſo, von mineralogiſchen Schaͤtzen gleichſam ſtrotzend, aus dem Reiſewagen gerade zum damaligen Statthalter Sachſens, zum Fuͤr⸗ —4— — 33— ſten Egon von Fuͤrſtenberg in Dresden zu gehen, welcher, nebſt ſeinem Hofmeiſter, Burkhart, das lebhafteſte Intereſſe fuͤr dergleichen Erſin⸗ dungen und Verſuche hatte. In Tzſchirnhauſens Zimmern, zu Kieslings⸗ walde ſowohl, als zu Dresden, konnte man oft kaum treten vor Erdhaͤufchen, die er bald mit dieſem, bald mit jenem Zuſatze in dem Labo⸗ rirofen probirte, und er ſelbſt glich nicht ſelten eher dem Hoftoͤpfer, als einem Hofrarhe des prunkliebenden Auguſts. Nach zahlloſen Verſuchen und unſäglichen Bemuͤhungen brachte Tzſchirnhauſen endlich ei⸗ ne Porzellanmaſſe zu Stande, welche aber zu glasartig war, als daß ſie auf den Porzellan⸗ namen*) Anſpruch machen konnte. Wenn aus den bisherigen Bemerkungen und Notizen Tzſchirnhauſens hoher Sinn fuͤr alles Neue im Gebiete der Wiſſenſchaſten, beſonders der geheimen hervorgeht, ſo kann man wohl denken, welche angenehme Erſcheinung ihm der beruͤhmte Apothekergeſelle, Boͤttcher, ſeyn muß⸗ te, der in dem Rufe ſtand, als beſitze er den Stein der er Maſſen, und deshalb von Berlin ge⸗ F 2 *) Mehr darüber in meiner nächſtens erſcheinenden, aus archivariſchen Quellen geſchöpften Biographie des Por⸗ zellanerfinders Baron Böttcher. 1 — 1 4 — 8 ¹ — 34— fluͤhtet, ſogar mit Steckbriefen verfolgt, in Sachſen(1703) mit offenen Armen aufgenom⸗ men ward.. Tzſchirnhauſen ſah Boͤttchern zuerſt beim Fuͤrſten von Fuͤrſtenberg, welchem er durch deſſen Hofmeiſter, Burkhart, empfohlen worden war. Die Art, wie Fuͤrſtenberg Tzſchirnhauſen mit Boͤttchern bekannt machte, zeigt deutlich genug, welchen Werth er ſelbſt auf dieſen Mann legte. Der Berliner Goldmacher, wie man Böoͤtt⸗ chern damals in Dresden nannte, ehe er noch als Fluͤchtling daſelbſt einſprach, war das all⸗ gemeine Stadtgeſpraͤch. Denn ein Mann, auf deſſen Kopf der Berliner Hof 1000 Thaler ge⸗ ſetzt hatte, mußte ein Mann von Gewicht ſeyn. Tzſchirnhauſen, wenn auf letztern die Rede kam, — ſeufzte deshalb gleichſam nach ihm, weil er demſelben ungeheuere Kenntniſſe im Felde der geheimen Wiſſenſchaften zutraute. In der Regel ſpeiſete Tzſchirnhauſen, wenn er in Dresden war, jeden Montag bei Fuͤrſten⸗ bergen, an andern Tagen nur in außerordent⸗ lichen Faͤllen. So ward er einſt ſpaͤt Abends noch zu einem Souper eingeladen, mit der Be⸗ merkung, daß ein Neffe Fuͤrſtenbergs angekom⸗ maen ſey, der den folgenden Tag ſchon auf die univerſitaͤt reiſen und ſich beſonders den phyſt⸗ ———— ——„„ kaliſchen und mathematiſchen Wiſſenſchaften wid⸗ men wolle. Dergleichen junge Leute waren, und wenn ſie Bettlern angehoͤrten, Tzſchirnhauſens Lieblinge. Er kam lange vor der Tafel, unter⸗ hielt ſich in einem fort mit dem vermeintlichen Fuͤrſtenbergiſchen Neffen, erbat ſich ihn ſogar zum Tiſchnachbar, und ſagte Fuͤrſtenbergen mehr⸗ mals heimlich ins Ohr: Freund! das wird einmal ein ganzer Mann in unſerm Fache! Waͤhrend des Eſſens lenkte Fuͤrſtenberg ab⸗ ſichtlich das Geſpraͤch auf Boͤttchern, welcher von der Rolle, die er zu ſpielen hatte, natuͤr⸗ lich unterrichtet war. Tzſchirnhauſen brachte bald Boͤttchers Geſundheit aus, mit dem Wun⸗ ſche, daß er einmal nach Dresden kommen moͤch⸗ te. Jetzt verrieth ſich Boͤttcher durch Verlegen⸗ heit, Fuͤrſtenberg durch Lachen, und Tzſchirn⸗ hauſen machte eine Bekanntſchaft, die er von der Stunde an mit dem groͤßten Enthuſiasmus kultivirte, und fuͤr welche er Fuͤrſtenbergen in der Folge noch oft die Hand druͤckte, obſchon ſie ihm ziemlich theuer zu ſtehen kam; denn Boͤttcher koſtete ihm in doppelter Hinſicht be⸗ deutende Summen, zuerſt als Laborant, dann als lockerer Vogel, der nie mit ſeinen Finanzen in Ordnung kam, ewig in Geldverlegenheit ſich — 86— befand, und um Errettung daraus, Freunde und Bekannte anzuſprechen mit einer ſeltnen Dreiſtigkeit begabt war. Tzſchirnhauſen hatte im Fuͤrſtenbergiſchen Hauſe ein Laboratorium, in welchem nun Boͤtt⸗ cher, auf Befehl des Koͤnigs, und unter ſtren⸗ ger Aufſicht, alchymiſtiſche Verſuche machen muß⸗ te, welche aber nicht gluͤcken wollten und ihn in große Angſt ſetzten, denn der Koͤnig gab be⸗ deutende Summen dazu, und machte Boͤttchern fuͤr den nutzloſen Verbrauch derſelben verant⸗ wortlich. Tzſchirnhauſen ging dabei ab und zu und gab endlich Boͤttchern, weil er wohl ſah, daß nimmer Gold zum Vorſchein kommen werde, den Einſchlag, lieber auf die Porzellan⸗Erfin⸗ dung ſich zu legen, womit der Koͤnig am erſten zu beſaͤnftigen ſey. An Erdarten zu Verſuchen fehlte es Tzſchirnhauſen bekanntlich nicht, und ſo brachte denn Boͤttcher endlich 1704 aus ei⸗ nem braunroͤthlichen Thone der Meißner Ge⸗ gend zufaͤllig ein Porzellan zu Stande, welches Tzſchirnhauſens glasartiges an Dauer und Schoͤnheit weit uͤbertraf. Die Porzellan⸗Erfindung intereſſirte den Koͤnig ſo ſehr, daß er Boͤttchern nicht nur auf ſeine Koſten baroniſiren ließ, ſondern ihn auch — — oft ſeines naͤhern Umgangs wuͤrdigte. Weil man aber theils die Fertigung des Porzellans als Geheimniß behandeln wollte, theils auch noch immer auf Golderfindung durch Boͤttchern hoffte, ſo mußte letzterer 1705 ſein Laborato⸗ rium auf die Albrechtsburg nach Meißen ver⸗ legen, und zwar unter der Oberaufſicht Tzſchirn⸗ hauſens, der viel mit ihm dort ſowohl, als vor⸗ her ſchon in Dresden laborirte, auch in Mei⸗ ßen die Arbeiter ſelbſt in Pflicht nahm, welche der Bergrath Pabſt, Boͤttchern zur Huͤlfe, von Freiberg ſandte, ohne daß man weder ihnen, noch ihren Verwandten ſagte, wohin und zu welchem Zwecke man ſie fortſchickte. So geheim betrieb man damals die Porzellan⸗Fabrikatur. Uebrigens war es auch ITzſchirnhauſen, der Boͤttchern, beim Einfall der Schweden in Sachſen, 1706, guf den Koͤnigſtein ſchaffte, weil man dem Fremdlinge entwe⸗ der nicht traute, oder ihn vor Aufhebung von Seiten der Schweden nicht ſicher hielt. Mit 19 Kavalleriſten des Fuͤrſterbergiſchen Regiments erſchien Tzſchirnhauſen bei Nacht und Nebel auf der Albrechtsburg in Meißen, noͤthigte Boͤttchern, der eben mit Laboriren beſchaͤftigt war, den Augenblick in einen Wagen zu ſteigen, der am Fuße des Schloßberges hielt und verſie⸗ 5 8 * 8 eree gelte ſelbſt deſſen Laboratorium mit dem Pet⸗ ſchafte des Koͤnigs. Erſt nachdem die Schweden aus Sachſen waren, erhielt Boͤttcher die Freiheit wieder und kam den 22ſten Sept. 1707 nach Dresden, wo ihm der Koͤnig auf der Venus⸗Baſtion ein La⸗ boratorium hatte einrichten laſſen. Hier ging er nun eifrig wieder ans Porzel⸗ lanmachen, wobei Tzſchirnhauſen aufs thaͤtigſte ihn unterſtuͤtzte und, mehr in der Qualitaͤt des Mitlaboranten, als des Oberaufſehers beſtaͤndig bei ihm einſprach. Die Arbeiter mußten Tag und Nacht Ma⸗ terialien ſtoßen, durch den feinſten Kattun beu⸗ 7. teln, dann auf Marmorplatten reiben und end⸗ lich auf einer Maſchine des Hoftoͤpfers mahlen. Zum Schmelzen der Maſſe bediente man ſich an fonnenhellen Tagen des großen Tzſchirnhau⸗ ſenſchen Brennſpiegels, der oft 12— 14 Stun⸗ den nicht uͤber dem Ofen weg kam. Die Maſſe gerieth zwar immer ſchoͤner, doch gluͤckte die Erfindung des weißen Porzellans, wonach man beſonders trachtete, erſt 1709. Tzſchirnhauſen erlebte aber dieſe Freude 5 nicht, denn er ſtarb, wie bereits erinnert, ſchon den ꝛ2ten Okt. 1708. Izſchirnhauſen war als Menſch, wie als Ge⸗ lehrter gleich achtungswerth. Herz und Kopf ſtanden bei ihm ſtets im ſchoͤnſten Einklange. Als Chriſt neigte er ſich ſtark auf die Seite der Spe⸗ nerianer oder Pietiſten, deren ſtilles, ge⸗ heimnißvolles Weſen ganz mit dem ſeinigen har⸗ monirte. Spenern ſelbſt liebte er von ganzer Seele und nahm an deſſen Schickſalen den lebhaf⸗ teſten Antheil. Sein Umgang hatte etwas unge⸗ mein Anziehendes und zeichnete ſich durch eine himmliſche Gelaſſenheit aus. Im Affekt ſah man Tzſchirnhauſen faſt nie, denn jede aufſteigende Hitze wußte er den Augenblick zu zuͤgeln. Sein ewiges Streben nach neuen Combinationen und Erfindungen im Reiche des Koͤnnens und Wiſſens machte ihn oft zerſtreut, doch wußte er ſich ſchnell zu ſammeln und in jener Hinſicht begangene Feh⸗ ler zu verbeſſern. Der Koͤnig lud ihn oſt zur Tafel, wie zur Jagd. Denn abgerechnet, daß er durch eine ganz eigne Art des ſogenannten trocknen Witzes unter⸗ hielt, war er auch faſt in allen Faͤchern des menſch⸗ lichen Wiſſens zu Hauſe, und deshalb ſtets im Stande, Erlaͤuterungen und Bemerkungen zu geben, welche den gewoͤhnlichen Hofleuten boͤhmi⸗ ſche Doͤrfer waren. Seine Lebensart war einzig auf ſtrenges Be⸗ nutzen der Zeit, auf ſtetes Vorſchreiten im Denken, — 9 0— Erkennen und Erfahren berechnet. Als Gelehr⸗ ter kannte er nur zwei Jahreszeiten, Som⸗ mer und Winter. Dem einen, wie dem andern hatte er beſondere Beſchaͤftigungen ange⸗ wieſen. Im Sommer machte er blos Verſu⸗ che und ſammelte Beobachtungen und Erfahrun⸗ gen, welche aufs genaueſte notirt und geordnet wurden. Im Winter ging er verarbeitend an den Apparat der Sommers und bemuͤhre ſich, Reſultate daraus zu ziehen, neue Theorien und Syſteme zu banen. Um neun Uhr legte er ſich gewoͤhnlich zu Bet⸗ te, und zwar eingehuͤllt in Schlafrock, Bruſttuch und zwei Hemden, denn er hielt, wie ſich weiter unten zeigen wird, viel aufs Duften und Schwiz⸗ zen. Um zwei Uhr wachte er allemal richtig auf, blieb dann aber noch eine gute Weile in derſelben Lage, wie er geſchlafen hatte, um— die Wir kung der Traͤume zu erhalten und zu verfolgen. Dann ſtudirte er, doch im Bette, formlich bis gegen ſechs Uhr, und ſchlummerte endlich noch ein Stuͤndchen. Wie dem Einen der Becher, dem Andern die Karte, ſo war ihm Denken gleichſam zur andern Natur geworden, und er hatte, wie er ſelbſt ſagte, einzig aus Eifer dafuͤr, im 24ſten Jahre ſchon den Sinn fuͤr Wolluſt, Reichthum —y—— —y— 1 und Ehrenſtellen verloren. Darum hielt er auch Jeden, der nicht durch Denken nach Wahrheit ſtrebte, ſcherzweiſe nicht fuͤr Gottes rechten, ſondern fuͤr deſſen Stiefſohn. Von ſcharfer Denk⸗ und Beobachtungskraſt zeugen auch ſeine Schriften, beſonders ſeine Me⸗ dicina mentis et corporis*) und ſeine An⸗ leirung zu nuͤtzlichen Wiſſenſchaften. Erſtere erlebte vier, letztere drei Auflagen. Er⸗ ſtere uͤberſetzte er ſelbſt, auf drei Theile berechnet, unter dem Titel: Curieuſe Mediein(Luͤneb. 1705. 12.) ins Deutſche. Es erſchienen aber nur zwei Theile. Beim dritten uͤberraſchte ihn der Tod. Außerdem arbeitete er auch viel in die Acta Eruditorum und in die Memoiren der Pariſer Akademie. Seine Medicina mentis s. artis invenien- di generalia praecepta, woran er ſchon im 18ten Jahre gearbeitet hatte, weiſet ihm eine eh⸗ renvolle Stelle unter den Philoſophen ſeiner Zeit an, zeigt, daß er mit den Weltweiſen der Vor⸗ *) Obgleich er das Buch lateiniſch herausgab, war er doch kein großer Held im Lateintſchen. Sein Prediger, Neun⸗ herz zu Kieslingswalde, mußte gewöhnlich korrigiren und ſtiliſiren, was er geſchrieben hatte; denn ihm lag mehr an den Sachen, als an den Worten, um welche er ſich oft gar zu wenig bekümmerte. 4 89 4 — zeit innig vertraut war und uͤberhaupt weder zu den Wort⸗ noch zu den hiſtoriſchen, ſondern zu den echten Philoſophen gehoͤrte. Wenn auch Thomaſius und Wolf dem ſogenannten Buͤchlein anfaͤnglich ſeinen Werth, nehmlich den Grundſatz der Er findungskun ſt, im Gebiete der Philoſophie aufzuſtellen, abſpre⸗ chen wollten, ſo kamen ſie doch bald von ihren harten Urtheilen zuruͤck; indem Erſterer in der Vorrede zu ſeiner Logik geſtand, recht viel aus Tzſchirnhauſens Medicina mentis gelernt zu haben— und Letzterer nicht blos Anmerkun⸗ gen dazu, ſondern auch einen Auszug des zweiten Theiles fertigte, woruͤber er ſogar akademiſche Vorleſungen hielt. Freilich ſteht Tzſchirnhauſen weit hinter den neuern Philoſophen. Allein er lebte auch im Anfange des 18ten nicht des 19ten Jahrhunderts. Am richtigſten hat ihn Fuͤlle⸗ born in ſeinen Beitraͤgen zur Geſchichte der Phi⸗ loſophie beurtheilt. Der zweite Theil der obengenannten Schrift, welche eigentlich die Kunſt enthaͤlt, ſein eig⸗ ner Arzt zu ſeyn, hat den ehrlichen Tzſchirn⸗ hauſen freilich bei den Aerzten ſeiner Zeit nicht ſonderlich empfohlen; denn, wo ſollte Galenus die opes fuͤr die Aerzte hernehmen, wenn Je⸗ der ſich ſelbſt kuriren wollte. Doch — enthaͤlt das Buch, neben viel ſonderbaren und komiſchen Grundſaͤtzen, auch gewiß viel richtige und empfehlungswerthe. Seine geſammte Kurart reducirte ſich auf drei Punkte, nehmlich Schweis, Diaͤt, oder, wo beide nicht ausreicheten, auf eine geſottene, mit Eſſig praͤparirte Milch. Gegen Kolik verordnete er, als Specificum, foͤrmlich angekleidet und feſt zugeknuͤpft ins Bette ſich zu legen.— Zum Heil und Troſt derer, denen der Bauch ihr Gott iſt, lehrte er: Man koͤnne Alles genießen und die groͤßten Ungelegenheiten im Lei⸗ be vermeiden, wenn man nur 1) auf ſuͤße Sachen ſaure, 2) auf kuͤhlende hitzige, 3) auf fluͤſſige trockne, 4) auf naͤhren⸗ de zehrende zu ſich naͤhme. Allem Zwange und alſo natuͤrlich dem Hof⸗ leben beſonders abhold, hielt ſich Tzſchirnhauſen am liebſten auf ſeinem Stammgute Kieslingswal⸗ de auf, wo er aber nicht, wie man immer ſagt, in philoſophiſcher Ruhe, ſondern in ge⸗ lehrter Unruhe, doch eben deshalb am froh⸗ ſten, lebte. Denn ſeine Thaͤrigkeit im Studiren und Probiren, Notiren und Kolligiren kannte keine Grenzen. Seinen Unterthanen war er ein echter Vater, und gern wuͤrde er oͤfter unter und mit ihnen ge⸗ lebt haben, waͤre ihm der Aufenthalt in Kieslings⸗ walde, in ſeinen letzten Jahren, nicht durch ei⸗ nen pedantiſchen Prediger Mag. Kellner von Zinnendorf,*) verleidet worden. Dieſer eiferte nehmlich in einem fort ge⸗ gen das Tanzen der Landleute, beſon⸗ ders bei den ſogenannten Bierzuͤgen, ſo, daß ſie endlich dieſem, ihnen ſo theuern Vergnuͤgen entſagten. Das mißſiel aber wieder dem, fuͤr jede Freude empfaͤnglichen und Jedem gern ſie goͤnnenden Tzſchirnhauſen ſo ſehr, daß er des⸗ halb in die heftigſten, uͤber fuͤnf Jahre dauern⸗ den Differenzen, mit ſeinem zelotiſchen Pfarr⸗ herrn gerieth. *) Er ſtammte aus einem altadlichen Geſchlechte in Fran⸗ ken, welches ſo verarmt war, daß ſein Vater Schulmei⸗ ſter zu Akendorf im Magdeburgiſchen werden mußte. Der Sohn aber hob ſich durch Fleiß und Kenntniſſe aus dem väterlichen Schulſtaube, ging 1694 als ſächſiſcher Feld⸗ probſt mit der Armee nach Ungarn, konnte, wie er we⸗ nigſtens ſelbſt, wohl etwas zu eigentiebig, in ſeinen Schriften ſagt, General werden, indem man ihn ſchon zum Generalquartiermeiſter er⸗ nannt habe; ward aber dafür nur Pfarrer n Kieslingswalde. Als er, wie ſich bald zeigen wird, durch Unbeſonnenheit dieſe Stelle verlor, wandte er ſich nach Halle, wv er 1731 als Preußiſcher Hofrath und Pfännerherr ſtarb. Uebrigens unterblieb auch jener froͤhliche Bauerntanz beim Bierzuge, von dem finſtern Pfarrherrn: Tanzgraͤuel genannt, nur, ſo lange die Schweden in Sachſen hauſeten. Dann ſuchte man ſie deſto lebhafter wieder hervor und zwar beguͤnſtigt vom Erb⸗Lehn⸗ und Gerichts⸗ herrn ſelbſt, welcher das pfarrherrliche Unter⸗ ſagen des Tanzes als einen Eingriff in ſeine Jurisdiktion betrachtete und deshalb denſelben ſogar, bei Hochzeiten wenigſtens, unter Andro⸗ hung von Strafen wieder einfuͤhren wollte, um damit den Bauern einen Gefallen, dem Pfarr⸗ herrn eine Kraͤnkung zu erzeigen. Dieſe aber, die eigentlich gar nicht in Tzſchirnhauſens ſanſter Seele lag, zog ſich Mag. Kellner wahrſcheinlich dadurch zu, daß er einſt, nachdem er den Bauerntanz bereits ſchon unter⸗ druͤckt hatte, in einer Predigt uͤber die Hiſto⸗ rie von Jericho, in die zelotiſchen Worte aus⸗ brach:„Verflucht ſey der Mann vor dem Herrn, der das Tanz⸗Jericho wie⸗ der aufrichtet und bauet! Wenn er ih⸗ ren Grund leget, das koſte ihm ſeinen erſten Sohn! und wenn er ihre Thore ſetzet, das koſte ihm ſeinen juͤngſten Sohn! denn ein ſolcher wird ſeiner Seelen, als dem erſten Sohne, und dem Leibe, als dem juͤngſten Sohne⸗ Scha⸗ den thun. Als Kellner hoͤrte, daß ſein Patronatherr das Tanzen bei Hochzeiten durch Befehl wieder einfuͤhren wollte, drohte er von der Kanzel mit Ausſchließen von Beichte und Abendmahl und bewies das Suͤndliche der Tanzfreude ſogar durch Ableſen eines Gutachtens der theologiſchen Facultaͤt zu Halle, worin das Tanzen zu den herrſchenden Suͤnden gerechnet und nur dem hoͤchſtens Abſolution zuge⸗ ſichert wird, der ehrbar getanzt habe. Zu gleicher Zeit ſchrieb er einen„bedrohli⸗ chen Briefe an Tzſchirnhauſens Toch⸗ ter, weil ſie— tanzen lernte— erklaͤrte von der Kanzel herab alle Maͤdchen, welche zu Tanze gingen, fuͤr H... n, und alle Wir⸗ the, die ſie ginähmen. für H... n⸗Wir⸗ the— Durch ſolche und aͤhnliche Aenerungen ver⸗ lor aber Kellner nicht blos des Patronatherrn Achtung und Liebe, ſondern am Ende ſogar ſei⸗ ne Stelle. Tzſchirnhauſen kam nehmlich klagbar gegen ihn ein und brachte es auch in der That ſo weit, daß er durch ein koͤnigl. Reſkript vom 15ten April 1709 des Amtes entſetzt ward. Doch erlebte Tzſchirnhauſen dieſe, mit großem Eifer geſuchte Genugthuung nicht; denn er ſtarb ein halbes Jahr vor Ausgang der Sache. Seinen Tod aber und einige haͤusliche Lei⸗ den, welche ihn waͤhrend des großen Tanz⸗Schis⸗ ma mit dem zelotiſchen Pfarrherrn trafen, deu⸗ tete letzterer, im Geiſte der damaligen Zeit als eine gerechte Strafe des Himmels fuͤr die, den Bauern nicht blos erlaubten, ſondern ſogar be⸗ guͤnſtigten Tanzgraͤuel. 1 Tzſchirnhauſens aͤlteſter Sohn naͤmlich, der auf Reiſen unter andern mit einem Hof⸗ meiſter lange in Paris geweſen war, ſtarb in Geiſteszerruͤttung, ſein juͤngſter Sohn des⸗ gleichen, ſeine Gemahlin bald nach der Entbin⸗ dung von letzterm, und endlich der edle Tzſchirn⸗ hauſen ſelbſt, ehe noch ſein Ungluͤcksprophet Kan⸗ zel und Dorf raͤumen mußte. Dieſer ließ nun, als der Patronatsherr todt, er ſelbſt aber nicht mehr in ſeiner Stelle, ja nicht mehr auf vaterlaͤndiſchem Grund und Boden, ſondern in Halle als Pfaͤnnerherr lebte, ſeiner paſtoraliſchen Galle freien Lauf durch Herausgabe eines, jetzt hoͤchſt ſeltenen Buchs unter dem Titel: Tanzgraͤuel, d. i. voll⸗ kommene Acta publica, was mit dem beruͤhmten Mathematiko Ehrenfried II. Bändeh. G Walther von Tzſchirnhauſen und deſ⸗ ſen Pfarrer, des Tanzes wegen, bin⸗ nen fuͤnf Jahren geſtritten worden, Auguſtburg, druckts Jeremias Klage⸗ zeit 1716. 8. welchem zwei Jahre ſpaͤter noch ein Anhang folgte.— Uebrigens war Kellner nicht blos ein zeloti⸗ ſcher Eiferer gegen den Tanz, ſondern auch ein geiſtlicher Neuerer und Sonderling. Er reichte ſich z. B. das heilige Abenoͤmahl ſelbſt ohne Beichte, er fuͤhrte, ohne hoͤhern Orts anzufragen, die allgemeine Beichte ein — damals ein ſchweres Verbrechen— er be⸗ diente ſich eines neuen Kirchengebets— er las auf der Kanzel aus Buͤchern vor, daß der Gottesdienſt oft ein Paar Stunden uͤber die ge⸗ woͤhnliche Zeit dauerte. u. ſ. w. u. ſ. w. Aus dem allen aber ergiebt ſich, daß es Tzſchirnhauſen wohl nicht zu verdenken war, wenn er mit ſolch einem Prediger nicht immer in den freundſchaftlichſten Verhaͤltniſſen ſtehen konnte— wenn er einſt bei einer froͤhlichen Mahlzeit erklaͤrte: er wolle, daß Paſtor Kellner lieber ſein Kellner, als ſein Seelenhirte geworden ſey.— ————Qyq- — Spaniſche Schimpftitel, vergolten mit ſpaniſchem Rohre. Bei einer kaiſerlichen Jagd im Prater(den 6. December 1666) ward Graf Kevenhuͤller befehligt, außer Kavaliers, Niemanden in den Schirm zu laſſen. Alles fuͤgte ſich der Anord⸗ nung: nur nicht ein Bedienter des ſpani⸗ ſchen Geſandten. Zuruͤckgewieſen von dem Grafen, uͤberſchuͤttete er dieſen mit ſpaniſchen Schimpftiteln, in der Meinung, daß man ſie nicht verſtehen werde. Allein Kevenhuͤller, gar wohl ſie verſtehend, vergalt ſie mit ſpaniſchem Rohre. Der Zudringliche lud auf, was er eben nicht abwehren, am wenigſten erwiedern konnte, und verlor ſich eiligſt unter der Menge. Damit ſchien die Sache abgethan; war es aber nicht. Denn einige Tage nachher, als Graf Kevenhuͤller nach Hofe faͤhrt, wird nach ihm geſchoſſen und ge⸗ hauen. Der Kutſcher peitſcht auf die Pferde und faͤhrt zu, daß ſogar ein Wagen mit Ochſen um und um geſtuͤrzt wird. Ueber zwanzig Spanier aber, zu Roß und zu Fuß, ſetzen mit Degen und Piſtolen der Kutſche nach: bis endlich der Graf den Pallaſt ſeiner Mutter erreicht, und durch ei⸗ nen Sprung aus dem Wagen ſich rettet. Die Meuchelmoͤrder nahmen nun Rache an der Bedie⸗ 1 G 2 nung, verſetzten dem Kutſcher mehrere Stiche, ſchoſſen einen Lakai durch den Fuß, und zerſtreue⸗ ten ſich dann in verſchiedene Straßen: doch wur⸗ den ihrer neun von der kaiſerlichen Garde ergrif⸗ fen, mit Flintenkolben ſo nachdruͤcklich bezahlt, daß einer denſelben Tag noch den Geiſt aufgab. Die uͤbrigen acht ſperrte man ins Landhaus. Dies vermerkte jedoch der ſpaniſche Botſchafter, Don Balthasar de la Queva, ſo uͤbel: daß er mit ſeiner ſaͤmmtlichen Dienerſchaft gewaffnet vor dem Landhauſe erſchien, feſt entſchloſſen, es zu ſtuͤrmen drohte, wovon er nur durch ein tuͤchtiges Kom⸗ mando der Kaiſergarde abgehalten ward. Als er hierauf bei Hofe ſelbſt muͤndlich ſeines Dieners Sache verfechten wollte, ſchlug ihm der Kaiſer zweimal die Audienz ab und ſchickte indeß einen Kourier nach Madrid, Klage zu fuͤhren ge⸗ gen ſolch geſandtſchaftliches Fauſtrecht mitten in der Reſidenz. Nahe daran war es jetzt, daß der Wiener und Madrider Hof bis zum Kriege ſich entzweiten uͤber— ein Paar Stockhiebe, gefuͤhrt auf einen Bedienten⸗Ruͤcken: waͤre nicht die Sa⸗ che durch Kommiſſarien, worunter ſogar der paͤpſt⸗ liche Nuntius ſich befand, in Guͤte beigelegt wor⸗ den; und zwar alſo: daß der Ambaſſadeur beim Kaiſer depreziren— Graf Ke⸗ venhuͤller aber eidlich beſtaͤrken muß⸗ 4 8 1 — 101— te, er habe den Geſchlagenen nicht ge⸗ kannt. Dann erſt kam der Botſchafter wieder nach Hofe, und ſeine Dienerſchaft auf freien Fuß. Der Ritter ohne Furcht und Frau Roſel. Es giebt ſo manche Arten von Furcht und ſelten iſt das Herz, das gar keine kennt. Am haͤufigſten waltet die Furcht vor Leichen und Geſpenſtern. Selbſt Helden, die dem Tode kuͤhn ins Antlitz ſahen— vor jenen ſchauerlichen Zwei bekamen ſie doch bisweilen Manſchetten. Ein aͤchter Ritter aber ohne Furcht— wenn auch nicht immer ohne Tadel— war Graf T— b— n, der im ſiebenjaͤhrigen Kriege als Ruſſiſcher Feldherr, beſonders als feindlicher in Berlin, ſich ausgezeichnet hatte. Von ihm er⸗ zaͤlhte man ſich ſo manche abentheuerliche Anek⸗ dote. Die nachſtehende iſt mir von ſeinem, vor einigen Jahren erſt in Sachſen verſtorbenen Sohne erzaͤhlt und verbuͤrgt worden. Graf T— b— n war ein Liebling des Herzogs von B— So oft er in deſſen Re⸗ ſidenz einſprach, mußte er auch im fuͤrſtlichen Schloſſe wohnen. Seine Ankunft war allemal ein Feſt fuͤr den Herzog, wie fuͤr die Hoſleute; — *— — 2 8 6 — 102— denn den alten deutſchen Degenknopf, eben ſo drollig als derb in Worten und Werken— ſah man nur gern an. Noch lieber hoͤrte man ihn ſprechen; und die fuͤrſtliche Abendtafel verlaͤn⸗ gerte ſich nicht ſelten, wenn er mit daran ſaß, bis nach Mitternacht. Bei einem ſolchen naͤchtlichen Imbiß kam dann einſt das Geſpraͤch auf die Furcht vor Leichen. Eine albernere— erklaͤrte der Graf — kenne er nicht— denn Leichen ſeyen nicht beſſer als Kloͤtzer oder Steine— und da⸗ vor werde doch wohl kein vernuͤnftger Menſch ſich fuͤrchten. Mochte mau ihm auch den ſchauerlichen Anblick Verſtorbener— ihre furchtbare Kaͤlte, den in der Natur gegruͤndeten Abſcheu vor ih⸗ nen, noch ſo lebhaft in Erinnerung bringen, er wollte ſich halb todt daruͤber lachen; blieb dabei, Furcht vor Leichen iſt kindiſche Furcht; nind verſicherte: ihm ſey es ganz gleich, ob er neben einer Leiche, oder neben ſeiner Gemahlin liege. Da war aber Keiner, der ihm Recht gab, auch nicht Einer: und der Fuͤrſt ſelbſt aͤußerte, als der Graf ſich beurlaubt hatte: er moͤchte denn doch wiſſen, ob Letzterer wirklich durch keine Leiche in Verlegenheit geſetzt —,— —,— werden koͤnne? Einige Schaͤker unter den Hofleuten erfaßten ſchnell den Wunſch ihres Herren, und bauten darauf einen Plan, wel⸗ chen— der Fuͤrſt billigte, der Zufall beguͤn⸗ ſtigte. Die aͤlteſte, ſeit geraumer Zeit in Ruheſtand verſetzte Kammerzofe der Herzogin— vom Hof⸗ geſinde nur die alte Frau Roſel genannt — hatte ſo eben das Zeitliche geſegnet. Frau Roſel war ſchon im Lenz ihrer Ta⸗ ge der Jungfrauen haͤßlichſte geweſen und deshalb nur durch ſonderbare Kanaͤle in den Dienſt der Fuͤrſtin gekommen. Man kann alſo wohl glauben, daß der Winter des Lebens ſie nicht erſt ſchoͤn gemacht haben werde. Und ſo war es auch. Haͤßlicher als Frau Roſel, ließ kein altes Weibsbild ſich denken. Ein haarloſer Scheitel, gelbe, verwelkte Haut; Knochenhaͤnde, die, zuſammengeſchlagen, geklap⸗ pert haben wuͤrden; gruͤne, ins Gelbe ſchielen⸗ de, verloſchene Augen; ein halb offener, zahn⸗ loſer Mund; ein Kinn, hervorſtehend, gleich dem Erker in einer alten freien Reichsſtadt, der Gang wie ein Schemen, die Stimme, wie aus der Unterwelt— was Wunder, wenn maͤnnig⸗ lich ſich ſcheute ihr zu begegnen, als ſie noch im Fleiſche wandelte: todt aber war ſie vollends — 104— das Schrecken des geſammten Hofgeſindes. Nie⸗ mand wollte hinfort Abends den Korridor betre⸗ ten, der zu ihrer Wohnung fuͤhrte, ja man be⸗ ſchloß ſogar einmuͤthig, den Fuͤrſten um die Er⸗ laubniß zur totalen Vernagelung jenes finſtern Ganges zu bitten, aus welchem die furchtbare Geſtalt, einem Geſpenſte gleich, ſo oft hervorge⸗ treten war. Dieſe ſanft entſchlafene Frau Roſel nun ließ man durch die Leichenfrau bis aufs Nackte aus⸗ ziehen und dann am folgenden Abend, waͤhrend der Graf an der fuͤrſtlichen Abendtafel ſaß, auf das s. v. heimliche Gemach ſetzen, deſſen erſte⸗ rer ſich bedienen mußte, daneben aber ſtellte man ein Laͤmpchen, als ſey es von der Inha⸗ berin des Platzes mitgebracht worden. Im froͤhlichen Tafelgeſpraͤch berichtete man dem Grafen das Ableben der Frau Roſel, die er ſeit laͤnger als 40 Jahren kannte, uͤber de⸗ ren Schoͤnheit er nicht ſelten geſcherzt, welche er oft des Teufels Großmutter von Au⸗ ßen, und der Engel Großtante von In⸗ nen genannt hatte: denn Frau Roſel verband mit dem haͤßlichſten Koͤrper die ſchoͤnſte Seele. Die Zimmer des Grafen lagen gerade unter dem Quartiere der Frau Roſel. Man machte ihn deshalb auf die Leichen⸗Nachbarſchaft — — 105— aufmerkſam, erinnerte ihn an die Scherze, wo⸗ mit er ſich vft an der Verblichenen verſuͤndigt, und der Fuͤrſt ſelbſt ſagte laͤchelnd:„er ſolle ſich nur vor einem naͤchtlichen Beſuche in Acht nehmen; denn die Leute im Schloſſe behaupteten: Frau Roſel gehe um.“ „Nun, wenn ſie herumgeht— er⸗ wiederte der Graf— und auch mich beſucht: ſo werde ich das todte Weibsbild galant untern Arm nehmen, in die Leichenkammer es fuͤhren, aufs Bret legen und ſagen: Frau Roſel! hieher gehoͤrt ſie, und nicht in die Geſellſchaft der Lebendigen— Die ganze Tafelgeſellſchaft uͤberlief es eis⸗ kalt ob der frechen Rede. Die Raͤdelsfuͤhrer des Schabernacks aber, welchen man dem Gra⸗ fen mit der verblichenen Frau Roſel zugedacht hatte, lenkten ſchnell das Geſpraͤch auf Politik, das Lieblingsfach des Grafen; in welches er ſich denn augenblicklich auch ſo ſehr vertiefte, daß man ihn mitten im heftigſten Partheinehmen fuͤr die Ruſſen, endlich erinnern mußte: Sr. Durchlaucht wuͤrden fuͤr diesmal die beſte Parthei, nehmlich die des Bet⸗ tes ergreifen. „Gute Nacht, lieber T— b— nl— — 106— ſagte der Herzog beim Abſchiede— und, wenn Frau Roſel Sie beſuchen ſollte, ſo erbitte ich mir morgen getreue Relation.“ Die ſollen Ew. Durchlaucht wohl haben, wenn nur die alte Hexe auch kommt— entgegnete lachend der Graf und that herzlich gern Beſcheid auf einen Toaſt, den Einer der Hofherren der alten Hexe brachte.— intt Mit den Worten: Nun laß ſehen Frau Roſel, ob Du mich in gutem Anden⸗ ken haſt— ging endlich der Graf auf ſein Zimmer, legte ſich, nach Gewohnheit, den Au⸗ genblick zu Bette, blies das Licht aus und ent⸗ ſchlummerte ſanft und ſelig— doch nur auf kurze Zeit.— Im letzten Glaſe Wein, der alten Hexe ge⸗ bracht, befand ſich nehmlich ein Laxativ, das jetzt, gerade in der Geiſterſtunde, mit aller Macht zu wirken anfing. Der Graf, ſchlaͤfrig und muͤde wollte an⸗ faͤnglich keine Notiz davon nehmen; allein aufs Wollen kommt es bekanntlich bei derlei An⸗ gelegenheiten nicht allemal an. Der Graf muß⸗ te Notiz nehmen, zuͤndete das Licht an— und begann nun die mit jedem Augenblick dringlicher werdende Wanderſchaft nach dem bewußten Orte. * — 107— Als er den langen ſchmalen Gang betrat, deſſen Schließpunkt der fragliche Ort bildete, bemerkte er, vom Weiten ſchon, daß die Thuͤre offen ſtand— als er aber etwas naͤher trat, ſah er bei duͤſterm Lampenſchimmer, eine Figur, welche ihm da bereits zuvorgekommen war, wo er, ſo ſpaͤt in der Nacht, ohne Umſtaͤnde frei⸗ en Zugang erwartet hatte— Aergerlich kehrte er um, und ſtellte ſich in ein Bogenfenſter ſeit⸗ waͤrts von dem langen Gange, ungeduldig har⸗ rend des Augenblicks, wo er den ihm ſo unent⸗ behrlichen Platz werde einnehmen koͤnnen. Durch die Wirkung des Larirweins in die peinlichſte Verlegenheit geſetzt, wollte er einige⸗ mal— ſchon ſo ein recht Soldatiſches: Abge⸗ loͤßt— rufen; doch hielt er an ſich, weil er nicht wußte, ob die ihm ſo aͤrgerliche Figur auch eine ſolche ſey, die Spas verſtehe und horchte deſto ſehnlicher auf ihre Fußtritte, die ſich aber nicht hoͤren laſſen wollten. Hoͤchſt verdruͤßlich trat er bald wieder in den langen Gang, erblickte aber noch immer die Figur, wie das Laͤmpchen, zog ſich abermals zuruͤck ins Bogenfenſter und harrte und horchte — aber vergebens und immer vergebens. Endlich, da laͤngeres Harren ins Reich des Unmoͤglichen gehoͤrte, trat er mitten in den — 103— ſchmalen Gang und fragte mit Donnerſtimme: ob man bald Platz machen werde? Keine Antwort;— auch auf eine zweite und dritte Frage— Keine Antwort. „Taub oder todr! Platz muß wer⸗ den!““ damit ſchreitet endlich der Graf entruͤ⸗ ſtet vorwaͤrts. Die Geſtalt tritt ſeinen bloͤden Augen mit jedem Schritte mehr aus dem Lam⸗ pendunkel hervor,— und— liebliche Ueber⸗ raſchung— graͤßliches Erkennen! Frau Ro⸗ ſel— die mauſetodte Frau Roſel— Doch bei dem Grafen war periculum in mora. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, faßt er die nackte Leiche bei den Achſeln, ſchiebt ſie mit einem derben„Abgeloͤſt, Frau Ro⸗ ſell!“e auf die Seite, nahm eiligſt Platz ne⸗ ben ihr, und ſchied nachher froͤhlich und guter Dinge mit den Worten: Adieu Frau Ro⸗ ſel! Sitze ſie nun meinetwegen hier bis an den juͤngſten Tag. Der Herzog aber und die den Schabernack veranſtaltet, hatten die ganze Szene durch ein verſtecktes Fenſter belauſcht und ſtuͤrzten mit ſchallendem Gelaͤchter hervor, einmuͤthig den Grafen begruͤßend als den aͤchten Ritter oh⸗ ne Furcht. —.,.— —.,— — 109— Gutes Bier. Als Kaiſer Rudolf 1290 in Erfurt war, und einſt, am Fenſter ſtehend, die Biertroͤdler den ſogenannten Schlunz, ein Bier, welches damals ſeines kraͤftigen und gleichſam oͤligen Gehalts wegen, im groͤßten Anſehen ſtand, aus⸗ rufen hoͤrte, da faßte er ein Glas des koͤſtlichen Gerſten⸗Nektars, hob es hoch in die Hoͤhe und rief:„Wol in! wol in! ein gut Bier dat hat Herr Sifried von Buſtede(Sei⸗ fried von Buttſtädt) ufgetan.— Was wuͤrde der erlauchte Rudolf erſt geſagt, wie hoch wuͤrde er das Glas gehoben haben, haͤtte er unſre Doppelbiere koſten ſollen! Doch viel⸗ leicht war das damalige gewoͤhnliche Bier ſo ſtark und gut, als jetzt unſer doppeltes; außer⸗ dem iſt es unbegreiflich, wie fuͤrſtliche und geiſte liche Herren ſo viel Geſchmack daran finden konnten. 3 Churfuͤrſt Auguſt von Sachſen, im ſechs⸗ zehnten Jahrhundert, ſchickte oft Dresdner, Königſteiner, Torgauer oder Ortran⸗ der Bier, und noch manche andre Sorte, als Geſchenk an fremde Hoͤfe, beſonders nach Ko⸗ penhagen, der Heimath ſeiner guten Mutter Anne. Wie wuͤrden fremde Hoͤfe jetzt lachen, — — — e — 110— wenn ihnen die genannten Stadtbiere als koͤſtlicher Labetrunk geſendet wuͤrden. Theure Zuko ſt. Als der beruͤhmte heſſiſche Theolog, Joh. Balthaſ. Schuppe, wegen der Peſt in Gie⸗ ßen, einige Zeit in Holland ſich aufhielt, brach⸗ te, wie er erzaͤhlte, ein Matroſe Waaren zu einem Kaufmann und erhielt dafuͤr einen He⸗ ring zum Fruͤhſtuͤck. Im Zimmer lagen ver⸗ ſchiedene der theuerſten Blumenzwiebeln, wovon der Matroſe, der wohl ein Zwiebelfreund, aber kein Zwiebelkenner war, einige ohne Umſtaͤnde als Zukoſt zum Heringe verzehrte. Der Kauf⸗ mann bemerkte, nicht eben zu ſeiner Freude, den kleinen Mißgriff, und verſicherte, daß ihm dies Matroſenfruͤhſtuͤck mehr koſte, als wenn er den Prinzen von Oranien zur Tafel gehabt haͤtte. Der ſtarke Geiſt und die Lei⸗ chenfrau. Geg enſt ück zu dem Ritter ohne Furcht 1 6 und Frau Noſel.) Rath St..... Behözte zu den ſogenann⸗ ———— ———.,—-————; —— ———.,--——-——-——-y— ———— ten ſtarken Geiſtern. Er glaubte kein Jen⸗ ſeits, am wenigſten ein vergeltendes— betrach⸗ tete den Menſchen als eine von Temperament, Erziehung und Verhaͤltniſſen abhaͤngige Maſchi⸗ ne— nannte Kirchen nur Hoͤhlen des Aber⸗ glaubens und der Froͤmmelei— meinte dem Schoͤpfer ſo eine Art von Ehre zu erzeigen, wenn er wenigſtens an ihn glaubte, wie an ei⸗ nen Großuhrmacher, der die Welten⸗Uhr gar trefflich gebant habe, und lebte, nebſt ſeiner Familie, nur nach dem: Ede! bibe! lude! pots mortem ſieh, wo du hinkommſt. In ſeinem Hauſe gab es Feſt auf Feſt, das groͤßte allemal an ſeinem Geburtstage. Die Geſellſchaft war dann ſo eine Art von Garde d'Elite aller ſtarken Geiſter, welche, bei den Freuden des Bechers, uͤber alles Hei⸗ lige und Ehrwuͤrdige auf eine Art ſcherzte, daß Jedem, der nicht gleichen Sinnes und Glaubens war, die Haare darob zu Berge ſtan⸗ den. Eine Lieblingsmaterle, an welcher beſ⸗ onders Rath St.... ſeinen Witz erſchoͤpfte, war der Schlußſtein im Behlh des Lebens, der Tod.—— An dieſem und degebaren geinde. der ihn einſt herabſtoßen werde vom Throne des Get 2 chenzuge wich er gaſſenweit aus— vor jedem nuſſes, wollte er— wie er oft im frivolſten Scherze bemerkte— wenigſtens ſein Muͤthchen kuͤhlen— und ſo waren denn Sarg und Sargtuch, Trauerwagen und Leichen⸗ frau, Todtengraͤber und Bahre die ewi⸗ ge Zielſcheibe ſeines Witzes, welcher vielleicht weniger gelaͤufig geweſen ſeyn wuͤrde, haͤtte er nicht eben noch in jener Moſtperiode des Lebens geſtanden, wo man mit dem Dolland der Phan⸗ taſie das Ende der irdiſchen Laufbahn kaum er⸗ blicken zu koͤnnen meint und der Geſundheit herrlichen Tempel als einen Cyklopenbau be⸗ trachtet, der nicht zu zertruͤmmern ſey. Gingen ſie ihm aber zu Leibe, dem Spottvogel des To⸗ des, die ſchwarzen Vorpoſten deſſelben— fing er nur ein wenig an zu kraͤnkeln— dann ſank — eine Erſcheinung, eben ſo haͤufig, als erklaͤr⸗ bar— der Geiſtes⸗Rieſe herab zum Gei⸗ ſtes und Gemuͤths⸗Zwerg— dann war der Arzt ſein Gott, der Arzneiloͤffel ſeine Hoff⸗ nung— und angſtvoll behorchte er das Fallen der Sandkoͤrnchen im Stundenglaſe des Lebens. So ward ihm auch in geſunden Tagen, hat⸗ te er noch ſo frivol geſpottet uͤber Tod und Grab, doch allemal ganz unheimlich, wenn er zufaͤllig damit in Beruͤhrung kam. Jedem Lei⸗ — 113— Trauerwagen blinzte er die Angen zu— vor Grabebitter und Leichenfrau hatte er Reſpect, wie der Rekrut vor dem Korporal— und bei Grabgeſang und Glockenklang aͤrgerte er ſich alle⸗ mal, daß nicht ein zweiter Franklin ſo wie Blitz⸗ auch Ton⸗Ableiter erfunden habe. Trafen vollends Sterbefaͤlle ſeine Familie oder auch nur das Haus, welches er bewohnte, dann verſiegte ſchnell das Bruͤnnlein des Witzes uͤber Seyn und Nichtſeyn, im duͤrren Lande der Furcht, bis die Leiche aus dem Hauſe und das erſchuͤtterte Gemuͤth wieder beruhigt war. Dies wiſſend und ſeine uͤble Laune in dergleichen Faͤllen fuͤrchtend, ſuchte deshalb ſeine Familie allemal, wenn ein Sterbefall in dem von ihm bewohnten Hauſe eintrat, denſelben vor ihm geheim zu halten und gab, betraf er arme Leu⸗ te, lieber etwas zu den Begraͤbnißkoſten, unter der Bedingung, den Leichnam vor Tages⸗ anbruch forrzuſchaffen. Doch alle der⸗ gleichen zaͤrtliche Vorſicht ſcheiterte einſt an den Klippen des Zufalls. Rath St... wollte nehmlich wieder einmal ſein Wiegenfeſt auf oben beſchriebne Art feiern. Die Gaͤſte waren bereits geladen, Ochſen und Maſtvieh geſchlachtet, die Bouteillen⸗Batterieen gebaut und alle Hausgenoſſen im beſten 11 Bändch. H. 1 — — — 8 — 114— Wohlſeyn; denn nach dieſem erkundigte ſich Rath St.... allemal ſorgfaͤltigſt vor jedem ſole chen Feſte, damit es ja nicht etwa durch Todes⸗ erinnerungen geſtoͤrt werden moͤchte. Indeß kehrte ſich daran nicht Freund Hein, welcher, waͤhrend man im 3ten Stockwerke ſich ruͤſtete zum Jubel, ins ate ſich ſchlich, mit ſei⸗ ner allmaͤchtigen Senſe, zu maͤhen die welke Lebensblume eines armen Schneiders. Der Mann ſtarb am Schlagfluß. Darauf hatte ſein lebensluſtiger Hausgenoſſe natuͤrlich nicht gerechnet. Vor dieſem aber den Todesfall zu verheim⸗ lichen, war nun eine Aufgabe, welche ſeine Familie durch Bitten bei den uͤbrigen Hausge⸗ noſſen, ſo wie durch milde Spenden bei den Hinterlaſſenen des armen Schneiders, gluͤcklich loͤſete. Letztere verſprachen, den geliebten Todten erſt am Morgen nach dem St— ſchen großen Wiegenfeſte, und zwar lange vor Tages An⸗ bruch, wenn der Koͤnig des letztern noch den Rauſch der Freude verſchlafe, in aller Stille begraben zu laſſen. Das Bachanal im 3ten Stockwerke, ſonſt im⸗ mer kurz nach Mitternacht endend, war aber diesmal noch in voller Lebendigkeit, als das Castrum doloris im vierten bereits abgebrochen ward. 3 5 . ———— — —— — 115— Waͤhrend man dort ſang und jubelte, weinte man hier— waͤhrend dort Flaſche um Flaſche geoffnet ward, ward hier der Sarg geſchloſſen — und waͤhrend man dort das Glas hob, hob man hier den Todten, ihn verſtohlen zu bringen nach dem Kaͤmmerlein der Ruhe.— Fuͤrchter⸗ licher Kontraſt von der einen, gluͤckliche Unwiſ⸗ ſenheit von der andern Seite.— Rath St..... war froͤhlicher nie— ſcherzte nie ausgelaſſener uͤber Freund Hein,— als diesmal. Mit den grellſten Farben zeichnete er ihn unter andern als den Wirth im Gaſthauſe des Lebens, der, weil er ſelbſt kein Quent Fleiſch am Leibe habe, auch alle ſeine Gaͤſte in Gerippe verwandle— deſſen Marqueurs die Leichentraͤger ſeyen,— der den Grabebitter als Haushofmei⸗ ſter— die Leichenfrau als Koͤchin ange⸗ ſtellt habe—. Letzteres fand man denn doch ein wenig zu ſtark und bat einmuͤthig den froͤhlichen Wirth, einzu⸗ halten mit dieſer Sorte von Witz. Und ich— entgegnete St.— gebe Euch mein Wort— morgen will ich die Leichenfran als Koͤchin in meine Dienſte nehmen und doch mit dem groͤßten Appetite die Werke ihrer Haͤnde verzehren.—. H 2 „ 8 A 1 welche zum letztenmal freund .— 246— Darob entſetzten ſich die Damen bis zu Ohnmachten. Die Herren aber fanden darin wenigſtens eine nicht unwillkommene Gelegen⸗ heit, den Ekel mit Wein hinabzuſchwemmen. Auch St.... ergriff das Glas und brachte— die Geſundheit der Leichen⸗ frau aus.— Einen Toaſt und gaͤlt er dem Teufel und ſeiner Großmutter— verweigert der froͤhliche Zecher nicht.—— Die Leichenfrau ſoll leben! damit ſtieß man herzhaft an. 2 Und nochmals hoch!— und aber⸗ mals hoch!— Rath St..... der Toaſt⸗ bringer, damit noch nicht zufrieden, hielt endlich der Gefeierten ſogar eine foͤrmliche Ehren⸗Erklaͤrung. Die Leichenfrau— deklamirte er mit dem Pathos der Ironie,— die Leichenfrau iſt die treue und leßte Freundin, welche das brechende Auge uns zudruͤckt, daß es nicht mehr ſehe die Greuel der Welt— ſie iſt es ſchaftlich in die Arme uns nimmt— das lette Feierkleid uns anlegt— das letzte Lager uns bereitet— das letzte Haus uns tapezirt— das letzte Schlafkaͤmmer⸗ lein uns beſtellt— und uns pomphaft hinans⸗ 1 — 117— fährt aus dem Gaſthofe der Welt nach dem Lande der Ruhe— Ja— wenn einſt Alles wankt und weicht— Kein Freund uns gern die Hand noch reicht,— Gefunken iſt des Lebens Bau,— Dann kommt doch noch die Leichenfrau, und putzt das alte Trümmer⸗Haus, Mit ihrer Kunſt noch einmal aus,— Drum, traute Brüder, ſchenket ein! Und laßt ſie euch empfohlen ſeyn, Die Freundin, die Freund Hein Euch gab= Die Freundin, treu bis an das Grab! Ja Ihr, die einſt die letzte Hand uns beut— Ihr fey dies volle Glas und dieſer Kuß ge⸗ weiht! So ſprach, aus dem Stegreife dichtend, Rath Stern— und— poch! poch! poch! gings auf einmal an der Thuͤre.— Alle ſahen verwundert und bedenklich einan⸗ der an.— Die Damen ruͤckten naͤher zuſam⸗ men.— Die Herren fetzten die Slaͤſer auf den Tiſch— in den Winkel krochen die Kin⸗ der;— denn—— es war ja Nacht— im Schlumer lagen alle Hausgenoſſen— der Vor⸗ ſaal war, wie man meinte, verriegelt— wer 6 — ö — 1 18*— ſollte alſo wohl an die Thuͤre pochen koͤnnen.—. 1 Waͤhrend aber noch Todtenſtille deshalb herrſchte, und Niemand Miene machte, auf die Spur zu kommen dem klopfenden Finger— da ging es, ſchneller und ſtaͤrker, als vorher: poch! poch! und— noch einmal: poch! poch!— Wer ſollte nun die geheimnißvolle Thuͤr oͤffnen— ein wahrer Gemuͤths⸗ Zentner, welcher natuͤrlich auf den ſtaͤrkern Theil der Geſellſchaft, auf die Herren fiel. Un⸗ ter den Starken aber der Staͤrkſte— wer anders mochte dies wohl ſeyn, als— der Tod und Grab verſpottet, die Leichenfrau beim Zauber des Bechers gleichſam citirt— ja ihr ſogar einen Kuß angeboten hatte— Rath St..... 2 Dieſer ging denn auch endlich— mit po⸗ chendem Puls, ſchlotternden Knieen und gepreß⸗ tem Herzen, nach der bedenklichen Thuͤr— zog eilends den Riegel.— klinkte auf— und— hereintrat— im ſchwarzen Reifrock— mit weißem Hauptſchleier— flatternden Engageanten und glaſirten Handſchuhen— eine Citrone in der Rechten— ein Tuch in der Linken—— die— Leichenfrau— wie ſie ſonſt leibte und hebte.. 1 Der verblichne Schneider war nehmlich her⸗ abgeſchafft ins Haus— der Traͤger Schaar geruͤſtet, aufzuladen die leichte Erdenlaſt— und die Leichenfrau eben Willens, die, auf Geheiß der St..... ſchen Familie maͤuschenſtill verſammelten Leidtragenden die Treppen inab pp und in die ſchwarzen Wagen zu komplimentiren. Allein, ſchon hoch in die Jahre und deshalb etwas vergeßlich, dazu im Finſtern die Treppen wandelnd, weil Geraͤuſch und Licht, aus bewuß⸗ ten Gruͤnden, ihr ſtreng unterſagt waren— meinte die gute Frau das dritte Stockwerk bereits uͤberwunden zu haben, und einzugehen in die vier Pfaͤhle des todten Schneiders, waͤh⸗ rend ſie ein Stockwerk tiefer in denen des le⸗ bensluſtigen Rathes ſich befand. Ein Diener hatte ungluͤcklicher Weiſe die Vorſaalthuͤre offen gelaſſen— daher der Irrthum.— Auf dem einen Ohre ganz, auf dem An⸗ dern wenigſtens halb taub, hoͤrte die ſchwarze Frau wohl das Gerede und Gelache der mun⸗ tern Gaͤſte— allein es kam ihrem invaliden Ohrgewinde nur vor, wie das Gemurmel der Leidtragenden.— Das Verſchließen der Thuͤre ſchob ſie auf die Unbeſonnenheit der Kinder des Schneiders. Und ſo kam es denn, daß ſie pochte und wieder pochte, und hocherzuͤrnt * 4 4 — 120— nochmals pochte— bis ihr endlich geoͤffnet ward die Thuͤre, nicht des Trauer⸗— ſon⸗„ dern des Freudenhauſes.—— Die gute Alte, nicht wenig erſchrocken uͤber ihren Fehltritt— bat vor allen Dingen außerſt vernhemlich, wie Ohren⸗ Invaliden in der Regel zu ſprechen pflegen— um Verzei⸗ . hung, daß ſie an die unrechte Thuͤr gepocht— und wollte denn ſo recht lang uind breit erzaͤh⸗ len, wie ihr eigentlich ſolch Ungluͤck wider fah⸗ ren ſey.— b Allein ſie bekannte ihren Schnitzer und er⸗ zaͤhlte ihr Ungluͤck den— Lichtern— denn Gaſtgeber und Gaͤſte waren, wie Spreu vom Winde getrieben, zuſammengeſtuͤrzt in einen Winkel des Alkovens. Nachdem ſie aber abge⸗. treten war die ſo keck zitirte, und ſo wunder⸗ 1 — bargehorſam erſchienene Leichenfrau und wieder hervorkamen die Verſcheuchten, ſo Maͤnnleimn als Fraͤulein aus dem Alkoven, wie nach der 1 Suͤndfluth die Thiere aus Noahs Kaſten, da. fehlte es— hilf Himmel! an der Familie, wie der Geſellſchaft ehrwuͤrdigem Oberhaupte. Die. Rache der Zitirten fuͤrchtend hatte der Spott⸗ vogel des Todes, Rath St.... unter ein V 3 Kinderbette ſich verkrochen und war hier, vor Angſe unod Scyrecken, in Ohnmacht gefallen. 1 — — — Nun brachte man zwar den armen Mann bald wieder ins Leben, nur nicht ins vorige.— Er war und blieb einſylbig und in ſich gekehrt, aͤrgerte ſich uͤber den bald in voller Kraft wie⸗ derkehrenden Jubel ſeiner Gaͤſte und ſchlich ſich, eh dieſe noch ſchieden, muͤrriſch zu Bette. Schreck und Schaam hatten uͤbrigens ſo maͤchtig gewirkt, daß er in eine ſchwere Krank⸗ heit ſiel, und nachher nie wieder recht heiter ward.— Die Anekdote iſt aͤcht und ertwa 40 Jahre alt. Sie geheim zu halten, verbruͤderten ſich die Intreſſenten aus begreifli⸗ chen Urſachen, gleich nach dem Verſchwinden der Leichenfrau aufs heiligſte. Auch ſchoß man fuͤr Letzte ein tuͤchtiges Schweigegeld zuſammen, welches ihr den andern Tag, unter gehoͤrigen Bedrohungen wenn ſie plandere, durch feinen Vertrauten eingehaͤndigt ward.— Wie nun aber die comi⸗tragiſche Geſchichte zu unſerer Kenntniß gekommen?— Wie an⸗ ders, als in Folge des Bibliſchen: Je mehr man es ihr abet verbot, je mehr ſie es ausbreitete.— “ — 8 8 Todes⸗ Anzeige. Nach vieljaͤhrigen Leiden und gaͤnzlicher Ab⸗ zehrung, welche in Folge der neuern boͤſen Zeit ihn betroffen, ſtarb endlich an gaͤnzlicher Ent⸗ kraͤftung unſer innig verehrter Vater, Groß⸗Ur⸗ und Urgroßvater, Herr Friedfaul Suſus von Schlendrian, Erb⸗, Lehn⸗ und Ge⸗ richtsherr auf hergebracht, Aktenruhe un d Gedankenſperre, Ritter der Orden vom unklaren Verdienſte, der ſchlaͤfri⸗ gen Großmuth, der eiſernen Obſer⸗ vanz und des goldenen Maulkorbs,; Praͤſident der heil⸗ und fruchtloſen Geſellſchaft der Bequemen; Direktor eines loͤblichen Vereins gegen Neuer⸗ ungen aller Art; Mitglied ſaͤmmtli⸗ cher Behoͤrden, die Alles unverbeſſer⸗ lich finden; auch Ehren⸗Mitglied des Staatsraths, mit Sitz— denn Stimme hat er ſich ſtets verbeten; ein Mann vom aͤlte⸗ ſten Schroot und Korn, der geraͤuſchlos durch's Leben ging und in all ſeinem Thun und Trei⸗ ben nie ſuperklug vorwaͤrts oder in die Hoͤ⸗ he, ſondern immer nur beſcheiden und in Gott vergnuͤgt ruͤckwaͤrts ſchauete.— Lange ſchon kraͤnkelnd, beſchleunigten ſein Ende die ——BBn:—ᷓᷓ—ᷓ;— — — 123— boshaften Anfaͤlle der jetzigen Zeitſchriften, wel⸗ chen er, als ein alter, ſchwacher Mann, nicht laͤnger zu widerſtehen vermochte. Den letzten Reſt ſeiner Kraͤfte raubte ihm eine eben ſo tief ge⸗ dachte, als weit hergeholte Abhandlung uͤber das Herkommen, welchem er in allen Ver⸗ haͤltniſſen ſeines Lebens mit unverbruͤchlicher Treue huldigte. Dem Herkommen gemaͤß, trat er in die Welt und wirkte in ſelbiger und ſo ging er denn auch herkoͤmmlich ein in die Woh⸗ nungen der Seligen, wo nichts iſt neu und wandelbar und das Unveraͤnderliche bleibet in Ewigkeit. Ueberzeugt von ſei⸗ ner und unſerer zahlloſer Freunde aufrichtiger Theilnahme, verbitten wir alle Beileidsbezeug⸗ ungen, die unſern gerechten Schmerz nur ver⸗ mehren wuͤrden. 1 Friedfaul Suſus Schlendrians ſel'ge Soͤhne. Nachſchrift: Ob wir unſere Geſchaͤfte unter vorſtehender Firma fortſetzen, daruͤber werden wir uns, gleich nach den Hundstagen durch Circularien erklaͤren. Unterſchrift wie oben. — 1 Beitrag zur Biographie des Satyri⸗ kers Liscov. Als Liscov noch Privatſekretair bei dem Miniſter, Grafen Bruͤhl in Dresden war, ſprach er unter andern oft in dem Hauſe des Kam⸗ merſekretairs Str.... ein, eines jovialen Mannes, der als guter Gelegenheitsdichter be⸗ kannt war, und mit Liscov auf dem freundſchaft⸗ lichſten Fuß lebte. Str.... hatte die klei⸗ ne Schwaͤche, auf ſeine Verſe ein wenig zu viel ſich einzubilden; Liscov aber die große Schwaͤche, uͤber jene kleine ſich zu aͤrgern. Wenn daher der Kammerſekretair ſo ein opus immortale aus den Teufen der Phantaſie zu Tage gefoͤrdert hatte, und es Liscoven vorlas, da mußte dieſer alle Gruͤnde der Hoͤflichkeit und Freundſchaft hervorſuchen, auf die Verſefolter auch nur ein paar Minuten ſich ſpannen zu laſſen. Einſt, als Liscov wieder einmal jene Tortur zu uͤberſtehen hatte, fragte er vorher den Kam⸗ merſekretair vertraulich: Was ihm denn in der Regel fuͤr ſo ein Gedicht werde?— „In der Regel, Freund! nichts, gar nichts, — als ein ſchoͤner Dank,— denn mit Geld denken wahrſcheinlich die lieben Beſteller mich — — — 125— zu beleidigen— Auf andere Art aber hat man ſich zeither immer ſo abgefunden, daß der Frau des Dichters die Sache mehr zu Statten kam, als letzterm ſelbſt.—„Hab' doch“— fuhr ſo recht im Eifer fort—„vielleicht mehr als 150 dergleichen Gedichte ge⸗ macht, und— wenn ich Alles zuſam⸗ mennehme— nicht zwei Dutzend Bou⸗ teillen Wein dafuͤr erhalten.— Hier, das herrliche Lied z. B., das ich dem General von Nostromirsky*) zur Vermaͤhlung ſeiner Nichte gefertigt und heute noch abliefere,— wer weiß, ob es mir einen Tropfen Rebenblut bringt.— Nun, und der Wichker braucht doch Bouteillen⸗Feuer— nicht wahr, Herr Bruder?“— Damit begann der Kammerſekretair Liscoven ein Hochzeitgedicht, unter dem Titel: Des Schaͤfers Damon gute Nachrt, ſeinen Chloe dargebrachr,— vorzuleſen, faſt bei jeder Stanze fragend: Herr Bruder, wie findeſt Du das Ding: So herrlich— entgegnete Liscoy— als * Er diente damals in der ber uhmten Chevglier⸗Gar⸗ de zu Dresden.„ 12* — 126— Du den Wein finden wirſt, den Du dafuͤr em⸗ pfaͤngſt,— ich kenne den General, wie ſeinen herrlichen Keller.— Jener laͤßt ſich nicht lum⸗ pen, und dieſer hat Miniſter⸗Kanaͤle.— Liscov meinte nehinlich die Verhaͤltniſſe des Generals zu dem Miniſter Grafen Bruhl, welcher erſteren, als einen alten Freund und tuͤchtigen Zecher, nicht ſelten mit Weingeſchen⸗ ken erfreute. Der Kam merſekretair aber ſpottete der Hoff⸗ nungen Liscovs, verſichernd, daß er ſein Gluͤck in dieſem Punkte ſchon kenne, und ſagte end⸗ lich: Was wetten wir, Herr Bruder! Das Gedicht wirft mir nicht ein Glas ab?— 3 „Und was wetten wir— entgegnete Lis⸗ cov— wenigſtens ſechs, wo nicht ein Dutzend Bouteillen— halb Part, wenn ſie eingehen.⸗— Topp! ſagte Str... herzlich gern, wenn ſie nur ſchon da waͤren.— Man lachte, legte die idylliſche gute Nacht bei Seite und ſprach von etwas anderm, nicht mehr gedenkend weder des Liedes, noch des Weines. Liscoven aber, der gar zu gern Je⸗ mand neckte, war, waͤhrend er mit Str. uͤber die Weinſpende ſprach, ein Scherz beige⸗ fallen, den er ſich mit jenem machen wollte, — 127— und zu deſſen Ausfuͤhrung er auch alsbald vor⸗ ſchritt, bezaubert im Geiſte ſchon von dem gluͤcklichſten Erfolge. Unter irgend einem ſchicklichen Vorwande eilte er nehmlich am naͤchſten Morgen zum Ge⸗ neral, mit welchem er, Seiten des Miniſters, in genauer Verbindung ſtand, brachte bald das Geſpraͤch auf die Vermaͤhlung ſeiner Nichte, und erfuhr nicht nur, daß des Kammerſekre⸗ tairs Gedicht bereits eingegangen war, ſondern wußte auch alles ſo zu drehen, daß Noſtromirs⸗ ky ihn foͤrmlich fragte: wie man ſich wohl dafuͤr am ſchicklichſten abfinden koͤn⸗ ne— ob der Poet es wohl uͤbel nehmen werde, wenn man ihm ſo Etwas ans dem Mutterfaͤßchen ſende?— Das war es aber gerade, was Liscov wiſ⸗ ſen und— abwenden wollte— Ums Himmelswillen nicht— fluͤſterte er dem General zu,— ich kenne den Kammer⸗ ſekretair— mit dem muß man umgehn, wie mit einem rohen Ei.— Der Mann hat ſelbſt ein gut Glas im Keller und iſt in dieſem Punkt aͤußerſt empfindlich. Eine Schmeichelei, ein gnaͤdi⸗ ger Haͤndedruck, einmal Einladen an Ew. Excell. Tafel damit iſt der Poet gnuͤglich abgefunden. Der General dankte Liscoven fuͤr den guten — 1238— Rath. Dieſer aber braute, ſobald er nach Hauſe kam, mit Huͤlfe ſeiner Haushaͤlterin, zwoͤlf Bouteillen Wein, womit man, nach einem alten Sprichworte, Diebe martern konn⸗ te.— Die Hauptingredienzien waren Hol⸗ lunderbeerſaft, und Glauberſalz⸗Ex⸗ tract, womit ſich leicht ein Faͤrbchen ge⸗ winnen ließ, trotz dem des beſten Burgunders. Ein fremdes Siegel auf die Stoͤpſel, gab dem Fabrikate vollends das gehoͤrige Anſehn. Zwei Flaſchenkoͤrbe mußten den Labetrank in ihren Schoos nehmen. Damit ward denn ein pfiffiger, gehoͤrig abgerichteter Bediente zu dem Kammer⸗ ſekretair geſandt und dieſer, Namens des Ge⸗ nerals, hoͤflichſt gebeten, das bei dem bewußten Gedichte etwa zugeſetzte Feuer aus mitfolgenden Feuerſchluͤnden wieder zu erſetzen und dabei Sr. Excellenz Geſundheit zu trinken. Der gluͤckliche Dichter war wie aus den Wolken gefallen. Nein, ſo große Gnade fuͤr ein ſo kleines Gedicht hatte er nicht erwartet. Eiligſt berathſchlagte er ſich mit ſeiner Haus⸗ ehre uͤber das Trinkgeld, und, ſo zaͤhe er auch ſonſt in dieſem Punkte war, den goldbeblechten Domeſtiken einer Erxcellenz, die noch dazu ſo uͤber alle Maſſen huldreich ſich erwieſen hatte, konnte man nicht lumpig abſpeiſen. r — 129— Ein neuer Species mit dem Segen des Bergbaues*) ward dem Menſchen in die Hand gedruͤckt, in den Mund aber der aller⸗ unterthaͤnigſte Dank gelegt fuͤr Sr. Excellenz hohe Gnade ꝛc. ꝛc. Sobald der Bote fort war, brach erſt des Dichters Freude recht aus; denn ein gutes Glaͤschen verſchmaͤhte wohl nie ein Poet, am wenigſten der Kammerſekretair. Schatz, ſagte er zu ſeiner Hausehre, die eben den Mittagtiſch abdecken wollte,— Schatz, jetzt laß alles ſtehn und liegen. Erſt wird das Weinel gekoſtet.— Und ſo entſiegelte er denn eiligſt eine Flaſche, oͤſfnete leppernd den Born der Seligkeit, ſchenkte ein der Glaͤſer zwei, hielt das eine gegen das Fenſter, letzte das Aug' an dem herrlichen Faͤrbchen, nippte end⸗ lich mit Gier und— warf mit einem zehnfa⸗ chen: pfui Teufel! das Glas zur Erde.— Frauchen las erſchrocken die Scherben zuſam⸗ men und lamentirte uͤber ihre geſcheuerte Stu⸗ be; doch weit mehr ihr Schatz uͤber den geſchen⸗ erten Species, den er dem Bedienten gegeben. ) Ausbeute⸗Species mit jener kmſchrifte er⸗ hielten damats und noch jetzt in Sachſen die Gewerker des Freiberger Bergbaues. 3 11 Bändch. J Verdammter Streich!l den hat mir Liscov geſpielt. — Damit entſtoͤpſelte, beroch und koſtete er auch die uͤbrigen Flaſchen. Richtig— eine, wie die andere— aus derſelben Fa⸗ brik.— Warte nur, wartel maliti⸗ oͤſer Fabrikant! der Raͤcher ſchlaͤft nicht.: Muͤrriſch befahl nun der geraͤnſchte Dichter, 1 die aͤrgerlichen Flaſchen ihm aus den Augen zu ſchaffen, und verfuͤgte ſich dann zu dem Churprinzlichen Reiſe⸗Kuͤchenmeiſter, Mildn er, dieſem alten vertrauten Freunde ſeinen Kummer zu klagen; der ihm denn auch bald einen Ra⸗ cheplan aushecken half, welcher aber erſt in ſpã⸗ ter Zeit, damit die Sache gehoͤrig verrauche, zur Ausfuͤhrung kommen ſollte. Der Kammerſekretair ließ deshalb Liscoven, der am andern Morgen, ſpaͤhend nach des Scher⸗ zes Erfolg, bei ihm in der Kanzlei einſprach, nicht den geringſten Unwillen merken, und ver⸗ kehrte auch noch lange nachher ſo offen und freundlich mit ihm, als wenn der heilloſe Wein gar nicht eingegangen waͤre, woruͤber ſich denn Liscov eben ſo ſehr wunderte, als aͤrgerte; denn was half ihm ein Sieg im Gebiete des Scher⸗ zes, wenn er nicht auch einen Triumph feiern 8 konnte.— Anfaͤnglich traute er dem Landfrie⸗ den nicht, mit Recht Vergeltung fuͤrchtend. Endlich kam die Sache in Vergeſſenheit bei ihm— nur nicht bei dem Kammerſekretair. Als nehmlich, nach Verlauf eines halben Jah⸗ res, Liscovs Geburtstag ſich naͤherte, bat erſte⸗ rer eine zahlreiche Geſellſchaft zu einem froͤh⸗ lichen Abendeſſen, als den Koͤnig des Feſtes, aber— Freund Liscov. Dieſer fuͤhlte ſich dadurch ſchon nicht wenig geſchmeichelt, ward aber bis in den dritten Himmel entzuͤckt, als er vernahm, daß unter andern auch der Churbai⸗ erſche Legationsſekretair Wenzel Schubauer mit ſeinen zwei ſchoͤnen Toͤchtern einſprechen werde, fuͤr welche Liscov eine ziemlich ſtarke Inclination ſpuͤrte. Kaum konnte der Uebergluͤckliche den Goͤt⸗ terabend, wie er ihn nannte, erwarten, und rein außer ſich vor Yerger war er, als er, zu dem hohen Feſte ſich adoniſirend, kaum eine halbe Stunde vorher, durch den koͤniglichen Se⸗ kretair, Laurentius von Swielitzky, zu dem Miniſter Bruͤhl, gerufen ward. Dieſer, welcher damals, wegen Ankaufs der Herrſchaft Pfoͤrthen in der Niederlauſitz, mit dem Sohne des Kabinetsminiſters, Grafen von Watzdorf, in Unterhandlung ſtand, wollte J 2 — 132— Liscoven ſogleich dorthin abſenden, eiligſt uͤber gewiſſe Angelegenheiten ſich zu orientiren, die durch Schreiben nicht wohl abzuthun waren. Liscov aber, welcher mit dem Miniſter auf dem beſten Fuß ſtand, erzaͤhlte offen, welches Feſt er, wenn er ſogleich abreiſen ſolle, im Stich laſſen muͤſſe, bat ſo dringend um Aufſchub und verſprach ſo heilig Einbringen des Verſaͤumten durch Umſicht und Eile, daß der Miniſter end⸗ lich nachgab und die Abreiſe auf den naͤchſten Morgen beſtimmte. Selig in Erwartung der Dinge, die da kom⸗ men ſollten, flog nun Liscov zu den Kammerſe⸗ kretair und fuͤhlte ſich doppelt gluͤcklich durch die unzweidentigen Freudenbezeugungen der gan⸗ zen Geſellſchaft, ihn, den man, als des Feſtes⸗ Koͤnig, fuͤr dieſen Abend ſchon verloren gegeben hatte, dennoch in vollem Glanze erſcheinen zu ſehen. Die Haͤnde zerdruͤckte Liscov faſt dem redli⸗ chen Kammerſekretair, daß er ſo hohen Genuß ihm bereitet; ſtets voller Witz und Laune, war er diesmal ganz beſonders die Seele der Geſell⸗ ſchaft, und als es endlich zur Tafel ging, und er ſein Plaͤtzchen zwiſchen den Toͤchtern des Le⸗ gations⸗Sekretairs Schubauer fand, fehlte es ihm foͤrmlich an Worten, ſein Gluͤck zu ermeſſen. — 133— Kaum hatte man ſich geſetzt, da unterſuchte Liscov— dem als Dichter, nach Liebe N. 1. der Wein N. 2. war, den letztern, und war hoͤchlichſt erfreut, eine Bouteille vor ſich zu ſe⸗ hen, auf deren gewoͤlbtem Buſen das Zauber⸗ wort„Alicante“ ſtand, denn das war, wie der guͤtige Wirth wohl wußte, ſein Lieb⸗ lingswein. Wohlweislich hatte der Kammerſekretair, der den Geſchmack ſeiner Gaͤſte genau kannte, in Liscov's Nachbarſchaft lauter Leutchen gepflanzt, welche nur weißen Wein tranken, daß alſo der gefeierte Koͤnig der Tafel gar nicht in Ver⸗ legenheit kommen konnte, die rothen Troͤpflein aus dem Mutterflaͤſchchen auch fuͤr Nachbarn vergießen zu muͤſſen. Herr Bruderl rief Liscov begeiſtert, nachdem er das erſte Glas geleppert hatte, dem Wirthe am Ende der Tafel zu— Herr Bru⸗ der! Dein Kellermeiſter ſoll leben!— eppes Rores von Troͤpfchen, bei die⸗ ſer Sorte wollen wir bleiben. Ja, das wollen wir, ſchmunzelt emalitioͤs der Kammerſekretair und that Beſcheid. Liscov froͤhlich, wie der Froͤhlichſten keiner, koſend mit ſeinen ſchoͤnen Nachbarinnen zur Rech⸗ ten und Linken und Witzfunken ſpruͤhend, wie ein Feuerrad, ſprach dabei dem Glaͤschen wa⸗ cker zu, fuͤhlte ſich aber bald von einem Grim⸗ men und Schneiden im Leibe geaͤngſtigt, das, mocht' er es auch noch ſo kraͤftig verbeiſſen wol⸗ len, doch mit jedem Augenblicke zunahm, ſo daß er endlich, mitten in dem holdſeligſten Geſpraͤch ſchnell abbrechen mußte, einen Gang zu thun, den ſo lange Menſchen gehen, noch nie der Eine fuͤr den Andern hat thun koͤnnen. Hoͤchſt verdruͤßlich deshalb, entfernte ſich der arme Dichter unter dem Vorwande jaͤhlingen Naſenblutens, war aber bald wieder da, ganz der Vorige.— Allein bald trat auch das vorige Leibſchnei⸗ den wieder ein.— Nicht zehn Minuten, da mußte er ſchon wieder, mitten in einer Erzaͤh⸗ ung abbrechend, und Naſenbluten da Capo vorſchuͤtzend den bewußten Gang thun. Doch uͤber ein Kleines war das da Capo ſchon wieder vonnoͤthen, und zwar gerade bei einer Geſundheit, welche der malitioͤſe Kammer⸗ ſekretair dem W iegenfeſte des geaͤngſtigten Dichters brachte.— Waͤhrend jezt Alles mit ihm anſtieß, und er nicht wußte, wem er zu⸗ erſt Beſcheid thun ſollte, ſuchte er zwar, halb todt vor Angſt, die Dringlichkeit ſeiner aber⸗ — 135— maligen Entfernung zu verbergen— doch, wenn auch der Kaiſer jezt mit ihm anſtoßen wollte— Noth bricht Eiſen— er mußte fort. Das fanden nun freilich die Gaͤſte bedenk⸗ lich; der malitioͤſe Wirth aber ſo ganz ſeinen Wuͤnſchen entſprechend, daß er Muͤhe hatte, die innigſte Schadenfreude zu verbergen. Curioſes Naſenbluten— ſagte er zu der Frau des Reiſekuͤchenmeiſters Muͤldner, die, nebſt ihrem Manne, gar wohl um die Sache wußte, und wollte eben ſich entfernen, dem boshafteſten, nicht mehr zu unterdruͤckenden La⸗ chen im Nebenzimmer freies Spiel zu laſſen, als Liscov ihn auf den Corridor rufen ließ. Herr Bruder! ſchrie dieſer ihn an— das ſchneidet wie Scheermeſſer in den Gebaͤrmen— ich bitte Dich doch um Gotteswillen, in Dei⸗ nem Wein iſt Gift, wo haſt Du den Wein her?— 4. „Sei ruhig, Herr Bruder; entgegnet fau⸗ niſch laͤchend der Kammerſekretair”—„Das Weinel iſt gut; iſt aus dem Keller Sr. Excellenz des Hrn. Generals, der mir neulich fuͤr das bewußte Gedicht.— Hier ließ Liscov den Kammerſekretair nicht — 136— ausreden.— Schwaps! gab er ihm eine Ohr⸗ feige und begann nun auf dem Corridor, gerade vor dem Tafelzimmer, eine Katzbalgerei, welche magnetiſch alle Gaͤſte herbeizog. Natuͤrlich ſuch⸗ ten dieſe die Kaͤmpfenden aus einander zu brin⸗ gen; aber vergebens.—— Liscov, im Zorne ganz den Menſchen ver⸗ leugnend, kannte ſich nicht vor Wuth, ver⸗ ſchmaͤhte alles, ja ſogar weibliches Zureden, und ſchlug nur immer auf den Kammerſekretair los. Dieſer wehrte ſich zwar tuͤchtig ſeiner Haut, wuͤrde aber am Ende doch untergelegen haben, wenn nicht ſein Gegner, von der Wirkung des Larirweines aufs neue geängſtigt, mitten im Kampfe haͤtte abbrechen muͤſſen, ſein Heil in dem nahen Cabinettchen zu ſuchen welches— — weil er auch gar zu eilig hineinſchluͤpfte,— den Zuſchauern den Grund des wiederholten Naſenblutens auf einmal ganz, den Grund der Katzbalgerei aber wenigſtens zur Haͤlfte ent⸗ ſchleierte; denn noch hinter der Thuͤr don⸗ nerte Liscov: Verfluchter Spaß— der Wein ſoll Dir theuer zu ſtehen kom⸗ men. Indeß hatte der Kammerſekretair die Geſell⸗ ſchaft wieder in das Zimmer gefuͤhrt und ſie kaum und in aller Eil uͤber den Scherz belehrt, :— — 137— als Licov, gluͤhend vor Zorn, eintrat und den Kampf erneuen wollte. Jetzt kroch nun der Kammerſekretair zu Kreutze, verſuchend, durch Bitten der Sache ei⸗ ne mildere Wendung zu geben; allein Liscov nahm Hut und Stock und empfahl ſich, aufs aͤußerſte entruͤſtet, der Geſellſchaft mit dem Wunſche, daß man ſich an der Tafel eines ſo exquiſit malitioͤſen Wirthes recht wohl befinden moͤchte. 3 Alles Vorſtellen und Bitten der Gaͤſte, wie des Gaſtgebers, war vergebens. Liscov ſchied mit Saus und Braus. Der groͤßte Theil der erſtern, welche einen ſo groben Scherz allgemein mißbillgten, folgte nach. Die wenigen, welche aus gaſtlichen Ruͤckſichten blieben, waren ſtumm wie Fiſche, und des Wirthes Verlegenheit grenzte nahe an Verzweiflung. Ja, wenn es noch dabei geblieben waͤre.— Allein die Geſchichte war zu intereſſant, als daß ſie der Stadt, beſonders dem Miniſter, ver⸗ borgen bleiben konnte. Dieſer, welchem ſie Liscov gleich den andern Morgen haarklein mit den bitterſten Bemerkungen erzaͤhlte, ließ den Kammer⸗Praͤſidenten kommen und trug ihm auf, den Sekretair Str.... privatim— denn die Sache war freilich kein Dienſtverge⸗ 4 “ hen— ſo recht aus dem Salze zu ſchenern und ihm zugleich anzudeuten, daß er, ſo lange wenigſtens der Graf Bruͤhl lebe, auf Befoͤrde rung nicht zu rechnen habe. Dies ſchlug aber den armen Teufel ſo nieder, daß er ſeitdem nie wieder recht froh und geſund warb. Die Alte⸗ ration bewirkte eine Nervenſchwaͤche, welche ihn faſt zu allen Geſchaͤften unbrauchbar machte. Von Tage zu Tage nahm ſein Siechthum zu, und— binnen 14 Monaten, nach jenem heil⸗ loſen Abende, war er nicht mehr!— Lis⸗ cov ließ ihm zwar in der letzten Zeit nicht nur voͤllige Verzeihung zuſichern, ſondern ihm auch, weil er einige Zeit vor ſeinem. Tode ſeine Frau eingebuͤßt, und nun Niemanden, als eine un⸗ treue Koͤchin um ſich hatte, ſo manchen Dienſt leiſten, ſo manche Erquickung reichen— nur ſelbſt ihn zu beſuchen, dazu konnte er ſich lan⸗ ge nicht entſchließen. Endlich ſiegte doch ſein gutes Herz, und nachdem er den Kammerſekre⸗ tair nur einmal geſprochen hatte, verließ er ihn faſt Tag und Nacht nicht. Letzterer erkannte dies mit dem innigſten Danke, und verwuͤnſchte noch ſterbend den Einfall mit dem Larirweine. Liscov erzaͤhlte die Geſchichte nie ohne die tief⸗ ſte Bemitleidung des Spaßmachers und den bitterſten Tadel ſeiner ſelbſt, daß er an fenem 7— fatalen Abende ſeinen Zorn auch gar nicht habe beherrſchen koͤnnen.— Alle Vortheile gelten. Pierre Savoy, ein franzoͤſiſcher Por trait⸗ maler des 17ten Jahrhunderts, war, wie dies bei Kuͤnſtlern nicht ſelten der Fall iſt, im Ver⸗ thun eifriger, als im Verdienen. Nie mit ſeinen Finanzen in Ordnung, brachte er es oft geraume Zeit nicht dahin, ein eignes Quar⸗ tier zu halten, ſondern zog von Stadt zu Stadt, ſprach uͤberall ein, wo er Kunſtſinn witterte, portraitirte, bald fuͤr Geld, bald fuͤr Azung und Pflege, oft auch nur fuͤr Lie⸗ be, ſo lange es in den naͤchſten Umgebungen noch Figuren zu porrraitieren gab, bei denen das eine oder das andere Blaͤttchen jenes herr⸗ lichen Kleeblattes durch Kunſt und Gunſt zu gewinnen war. Am liebſten waͤhlte er Gaſthoͤ⸗ fe zum Schoͤpfungetheater ſeiner Werke, weil es dort immer luſtiges Leben, reiche Fremde, gefaͤllige Maͤdchen oder Sraun und eine gutbe⸗ ſetzte Tafel gab. Nicht ſelten aber aß und trank er ſich auch in einem Hotel ſo feſt, daß er, wenn gar Nie⸗ mand ſich malen laſſen wollte, wie ein Schiffer Feur-e auf der Sandbank, wochenlang auf Erloͤſung haaren mußte. Freilich konnte er heimlich fort⸗ gehen— dazu aber war Savoy zu ſtolz— die Kunſt allein ſollte ihm aus der Noth hel⸗ fen und— ſte half.— Denn, war er noch ſo lange in einem Gaſthofe, ohne den Heller in der Taſche, endlich rollte doch wieder einmal ein Wa⸗ gen vor, aus welchem Menſchen ſtiegen, die, wenn gleich nicht Sinn fuͤr die Kunſt, doch fuͤr das Farbenecho ihres Antlitzes hatten. In ſolchem Glauben an Menſchen und ſo lebendigem Vertrauen auf Kunſt hatte denn Sa⸗ voy einſt in einem nur von wenig Haͤuſern um⸗ gebnen Gaſthauſe an der Straße nach Paris, la Grenouillère genannt, einen ganzen Mo⸗ nat herrlich und in Freuden gelebt, ohne auch nur die Zeche eines halben Tages verdient zu haben. Der Witth aber war ein alter Gries⸗ gram, welcher an der Kreide, womit er endlich des Malers Rechnung fertigte, mehr ſich ergoͤtzte, als an den kunſtreichſten Pinſelſtrichen, womit jener die Rechnung zu ſaldiren ſich anheiſchig machte. Kein Weibchen, kein Juͤngferchen gab es im Hauſe, die auf andere Art aus der Noth hel, fen konnten. Kunſtſinnige Freunde ſprachen nicht ein, der arme Savoy verging faſt vor Angſt. Faſt im Begriff, diesmal ſeinem Ehrgefuͤhl F — 141— eine Ausnahme zu geſtatten, d. h. nothgedrun⸗ gen bei Nacht und Nebel ſich aus dem Staube zu machen, ſah er einen Wagen vorfahren, aus welchem ein unbaͤndig dicker Herr ſtieg, ſo eine Art von lebendigem Kleiderſchranke, nur mit dem Unterſchiede, daß die Kleider nicht darin, ſondern darauf hingen. Schon die Vollmondsfigur ließ vermuthen, daß der Herr nicht eben von Sorgen der Nah⸗ rung angegriffen ſeyn koͤnne. Noch mehr aber ergab ſich die mit ſeinem Koͤrper al pari ſtehen⸗ de Wohlbeleibtheit des Beutels aus einer pracht⸗ vollen Equipage und goldbeblechten Bedienten. Das Einlaufen der ſpaniſchen Silberſlotte in Kadix kann dem Madrider Hofe nicht mehr Freude bringen, als der arme Savoy empfand beim Schroten des dicken Herrn aus dem Wa⸗ gen. Kaum eingetreten in die Gaſtſtube, ward letzterer auch ſchon angetreten von dem Kuͤnſt⸗ ger, mit dem hoͤflichen Antrage, ſich malen zu laſſen. Als aber darauf eine kalte, ab⸗ ſchlaͤgige Antwort erfolgte, fuͤhrte Savoy mit drolliger Dreuſtigkeit dem dicken Herrn, waͤhrend der Wirth nicht zugegen war, ganz unumwun⸗ den ſeine Verlegenheit wegen der, in Hoffnung auf Kunſt⸗Erwerb, hinaufgegeſſenen und getrun⸗ kenen Rechnung zu Gemuͤthe. — 142— Der Fremde, ein engliſcher Lord, welcher mehr Sinn fuͤr Roſtbeaf und Guineen, als fuͤr die Noth eines armen Kuͤnſtlers hatte, wies Savoy kaͤlter als erſt ab, und als dieſer ſeinen Antrag demuͤthigſt, gleich einem Tabuletkraͤmer, wiederholte, noch kaͤlter; denn ſchon bei der er⸗ ſten Anrede des armen Teufels, fuͤhlte er ſich auf einmal ergriffen, von einem dummen Teu⸗ fel, nehmlich vom Spleen, der, wie bekannt, den Englaͤnder uͤberfaͤllt, wie der Dieb in der Nacht, mit Recht aber wohl zu den duͤmm⸗ ſten Teufeln gezaͤhlt werden mag, weil er die Urſachen ſeines Ueberfalles nie anzugeben im Stande iſt. Savoy mochte Scherz oder Ernſt aufbieten, Bedarf oder Kunſt anfuͤhren, den Britten zu behandeln, er blieb kalt und blieb kalt.— Gern haͤtte nun der Maler ſeine Seele in Geduld ge⸗ faßt, hoffend, daß der Spleen, welchen er an dem Britten augenblicklich bemerkte, ſchon wie⸗ der ſchwinden werde. Doch— traurige Aus⸗ ſicht— der duͤſtre Lord ſchien uͤber einen Pfer⸗ defuͤtterungstermin nicht weilen zu wollen, denn der Wagen ward nicht abgepackt, auch eilte er dem zudringlichen Maler auszuweichen, in ein Zimmer der erſten Etage. Nun blieb fuͤr den armen Savoy nichts uͤbrig, — 443— als der Troſt, daß dem Fremden mit Spleen und ohne Kunſtſinn wohl auch wieder Si⸗ ner folgen koͤnne den jener nicht verduͤſtere die⸗ ſer beſeele.— So kalkulirend ging er, wie ein hungriger Sperling, dem Fenſter des Britten gegenuͤber hin und her, immer hinaufſchielend nach dem Panier ſeiner getaͤuſchten Hoffnung. Dieſe Promenade, ohnedem nicht die erqui⸗ ckendſte— weil ſie ſeinem ehrliebenden Gemuͤ⸗ the doch nur die jammervolle Ausſicht auf eine Nacht⸗ und Nebel⸗Promenade aus dem Gaſt⸗ hofe in die weite Welt eroͤffnete— ward end⸗ lich ganz zum Folterwege, als der Gaſtwirth den armen Savoy ans Fenſter citirte, die ſchul⸗ dige Zeche ihm uͤberreichend, mit der vertrau⸗ lichen Bemerkung: In acht Tagen, Herr! Geld oder Arreſt.— Dem Gaſthofe gegenuͤber wohnte ein armer Schneider, mit welchem Savoy Bekanntſchaft gemacht und manche muͤßige Stunde, woran es beiden nicht fehlte, verplandert hatte. In dem Schooß dieſes Elendsgefaͤhrten goß Savoy eben den Kelch ſeiner Leiden aus, als der Britte gegenuͤber das Fenſter oͤffnete, um entweder in Folge ſeiner Dicke nach Luſt zu ſchnappen. oder die Wetterfahne zu belauſchen, welche bekanntlich zum brittiſchen Spleen in dem Verhaͤltniſſe ſteht, wie die Klinke zur Thuͤre. In einer Art von marmorner Stellung blieb der Lord unbeweglich im Fenſter, die Stirn in Falten, die Augen glaͤſern, die Arme in einan⸗ der geſchlagen und aller fuͤnf Minuten einmal gaͤhnend. Da nahm der Maler, wie von einem guten Geiſte getrieben den Bogen des Gaſtwirths mit dem faͤrchterlichen Conto, zeichnete auf deſſen noch leerer Seite mit kecken Strichen, den fei⸗ ſten Britten am Fenſter in der beſchrieb⸗ nen Stellung, mit der Unterſchrieft Reicher Lord!— Geliebte Guineen!— Verdammter Spleen!— ſich ſelbſt aber gegenuͤber par terre als echten Ritter von der traurigen Geſtalt, in der miſerabelſten Stel⸗ lung von der Welt, die Augen ſchmachtend zum Himmel gekehrt, die Haͤnde ringend und auf der Bruſt die Wirthsrechnung mit der Unter⸗ ſchrift: In acht Tagen, Herr! Geld oder Arreſt.— 7 Binnen einer halben Stunde war die Zeich⸗ nung fertig und fuͤnf Minuten ſpaͤter ſchon in den Haͤnden des Britten, welchem, auf Savoys Geheiß, das Kunſtwerk durch den Marqueur vorgelegt ward, mit der Anmerkung: daß ein — 145— Hauſirer unten ſey, der es fuͤr einen Spottpreiß laſſen wolle, welcher auf der Ruͤckſeite bemerkt ſey.. Der Lord mußte den Schmeerbauch halten vor Lachen, als er ſich und den Maler, beide ſprechend aͤhnlich und ſo charakteriſtiſch gruppirt, auf der Ruͤckſeite aber wirklich die Wirthsrechnung erblickte.— Lachen iſt bekann⸗ termaßen ein Anlispleeniacum.— Sr. Herr⸗ lichkeit ſpuͤrte deshalb auf einmal wieder die herrlichſte Laune von der Welt— erkannte nun in dem Maler keinen armen Teufel ſchlechtweg, ſondern einen genialen ar⸗ men Teufel— und ſaldirte nicht nur deſſen Rechnung, ſondern praͤnumerirte ſogar 60 Gui⸗ neen fuͤr ſechs Kopien der auf ſeine Laune ſo wohlthaͤtig wirkſam geweſenen Zeichnung, um ſie zu vertheilen in die Villen ſeines Parks, zum froͤhlichen Andenken des Augenblicks, wo der boͤſe Geiſt des Spleens gewichen ſey von ſeinem Gemuͤthe. 4 Der gluͤckliche Savoy dankte innig dem Himmel fuͤr den Einfall— dem Lord fuͤr die Guineen— zahlte dem Schneider ein gutes Miethgeld fuͤr die Stube, wo er das ſo erfolg⸗ reiche Kind ſeiner Kunſt empfangen und gebo⸗ ren— ſaldirte den Wirth, und zog als chrli⸗ 11. Bandch. K — 146— 8 cher Mann nicht eher von dannen, bis er die beſtellten Zeichnungen gefertigt und dem Lord nachgeſendet hatte.—. irh MOe wne— Das Opiat. In dem kleinen Gaſthofe der kleinen Stadt A.. ſprach ſpaͤt Abends ein kleiner Mann ein, der winzig kleine Augen im Kopf, ein kleines Raͤnzel auf dem Ruͤcken hatte, ein kleines Zimmer verlangte und ſo klein⸗ laut that, als druͤcke ihn eben nicht der klein⸗ ſte Kummer.— Man deckt ihm den Abend⸗ tiſch. Er aber ſagt: Er eſſe nicht.— Man bringt ihm Getraͤnk. Er ſagt: Er trin⸗ ke nicht.— Man will ihm ein Bett berei⸗ ten. Er ſagt: Er ſchlafe nicht.— Man will ihm einheizen. Er ſagt: Es friere ihn nicht.— Deß zum Beweis entkleidet er ſich, trotz der ſtrengen Kaͤlte, bis aufs Hemd, macht Fenſter und Thuͤren auf und puſtet und blaäͤſt, als ob er zwanzig Grad Reaumuͤr im Leibe habe.— Das Einzige, was er ſich erbittet, iſt — Licht, Papier, Dinte und Feder.— „Kurioſer Patronl großer Gelehr⸗ ter, oder großer Narr!“— alſo mur⸗ melnd uͤberleft der Wirth den kleinen Mann ſeinem Schickſale; denn mit einem Gaſte, der weder ißt, noch trinkt, weder Feuerung, noch Bette verlangt, macht inan bekanntlich in Gaſt⸗ hoͤfen nicht viel Umſtaͤnde.— Mit dem Glockenſchlag zwoͤlf Uhr geſchieht ein Schuß. Niemand wohnt eben im Gaſthofe, als der aͤrmliche Fremde. Man ſtuͤrzt in ſein Zimmer— richtig— der kleine Mann hat ſich expedirt.— Neben ſeiner kleinen Leiche aber liegt ein niedliches Buch, enthaltend das„hohe Lied der Nibelungen“, be⸗ ſpritzt mit dem Blute des Ungluͤcklichen.— Der Wirth, ein ehrlicher Fleiſcher, welcher von der geſammten Literatur nichts genoß, als die Zeitungen, in dieſen aber ſchon oft von jenem hohen Liede geleſen hatte, zog ehrfurchtsvoll ſein Mäͤtzchen davor ab, wie vor einem unbekannten Heiligen und unterſuchte nun des kleinen Man⸗ nes Taſchen und Raͤnzel, fand jedoch in beiden, außer einer Menge Papierchen voll angefange⸗ ner und vollendeter Gedichte, nur das Ingre⸗ dienz, woraus Gott Himmel und Erde geſchaf⸗ fen, nehmlich: nichts.— „Sonder Zweifel ein Dichter“— brummte er ſo fuͤr ſich, waͤhrend er den poeti⸗ ſchen Nachlaß fluͤchtig muſterte—„wie gut, daß der kleine Mann nichts zu ſich genommen, 1 K 2 — 148— ſonſt waͤr; ich geprellt; denn ſo ein Menſch ſingt nur immer von goldenen Bergen und ſilbernen Klaͤngen, waͤhrend er ſelbſt kaum uͤber ein paar Loth gepraͤgtes Kupfer disponiren kann.”— Wie ſich's gebuͤhrt, zeigt der Wirth den Vorfall der Obrigkeit an, welche natuͤrlich, weil die Leichen armer Teufel wenig Einfluß auf die Sportelkaſſe haben, kurzen Prozeß machte. Vor Sonnen⸗Untergang noch ward der kleine Mann — verſteht ſich auf dem Armen⸗Suͤnder⸗ flecke an der Kirchhofs⸗Mauer— verſcharrt, ſeine wenige Kleidung aber, nebſt dem poeti⸗ ſchen Nachlaß, ad depositum genommen, um daraus vielleicht einſt Licht uͤber Namen und Stand des Selbſtmoͤrders zu erhalten.— Lange blieben die Sachen unangetaſtet, bis endlich ein weiſer Mann in einer großen Stadt den Vorſchlag that: das hohe Lied der Nibelungen, dem lieben Worte Got⸗ tes gleich, in den Schulen einzufuͤh⸗ ren.— Nun erſt ward der Buͤrgermeiſter aufmerkſam auf das, unter des kleinen Man⸗ nes Nachlaß befindliche Exemplar jenes Liedes, las und blaͤtterte darin herum, konnte aber dem Dinge durchaus keinen Geſchmack abgewinnen, und wollte es ſchon gehoͤrig bei Seite legen, — — — 149— als er zufaͤllig noch eine Entdeckung machte, welche uͤber des Selbſtmoͤrders Namen und Stand ſowohl, als uͤber die Urſache ſeiner ver⸗ ruchten That, vollkommenen Aufſchluß gab.— Das Buch hatte nehmlich eine doppelte Scha⸗ le, und darin ſteckte nachſtehend abgedrucktes Gedicht, nebſt Erlaͤuterung, welches beides wir hier aus den, uns zufaͤllig in die Haͤnde gefal⸗ lenen Original⸗Papieren mittheilen, wie billig aber, aller Bemerkungen pro und contra uͤber einen Gegenſtand uns enthalten, welcher mit dem Homer und der Bibel al pari, alſo weit uͤber unſerem Horizont ſteht. Des Saͤngers Namen laſſen wir, aus collegialiſchen Ruͤckſich⸗ ten, unterſinken im Strome der Vergeſſenheit — obſchon er es wohl verdiente, als Veraͤch⸗ ter des„hohen Nibelungenliedes“ öffentlich gebrandmarkt zu werden— und kom⸗ men dafuͤr lieber zur Sache, nehmlich zu dem fraglichen Liede nebſt Erlaͤuterung, uͤberſchrieben: Opiat.. Schlafloſigkeit! welch Uebel biſt doch du!— Drei Monden that ich nicht ein Auge zu. Zum Schemen ward ich ſchier— die Sonne konnte mich durchſcheinen— 150— Nur mit Gewalt hielt ich mich auf den Beinen, Nichts fah ich vor mir als den bittern Tod, Als Hingang zu der Schaar verklärter Leiber. Da conſulirt' ich nun, in meiner großen Noth, Scharfrichter und Doctoren, alt' und kluge Weiber, Nahm Opium gleich einem Muſelmann, Ließ dutzendweis mit Pulvern, hundertweis mit Pillen, Mit Tropfen und mit Tränken kannenweis mich füllen, Und doch ſchlug auch nicht eins der Mittel an. Nun hört' ich Predigten— ging meilenweit ſpatzieren— Kroch gar zur Motion auf allen Vieren— Ich ſägte Holz— ich hobelte— ich tanzte fürchterlich— Ich ritt— ich fuhr— ich focht— ich ſprang— ich borte mich—. Umſonſt— des Schlummers Mohn ſank nichther⸗ nieder Auf meine ewig offnen Augenlieder. Nun blieb mir nur noch ein Specificum, Lektüre⸗Opium. Drum fragt' ich höflichſt alle Bibliothekare Der Leſewelt um guten Rath:; Die ſchafften denn bald ihre kurze Waare Mir Karrenweis ins Haus, und— in der That!— Faſt ſchien es mir auf dieſe Art zu glücken. Bald ſpürt’ ich in den Augen ein gewiſſes Drücken, Schon fing ich recht gemüthlich an zu nicken— Beſonders wurden mir— den Helfern Dank Durch dieſen ärmlichen Geſang:— Die Philoſophen und die ſchönen Geiſter Zu einer Art von Augenkleiſter. Doch bald— als wär es mir gethan— Ward ich vor Aerger wieder munter, Und kam nur immer mehr herunter— Nun ging die Kur vom Neuen an. Da rieth man endlich mir, als ſtärkſtes Opiat: Das„hohe Lied der Nibelungen“— Das las ich denn— und— in der That!— Das hat mich herrlich in den Schlaf . geſungen. „Dieſe Paar nſchuldigen Verſe— bedaure mich, der du ſie lieſeſt— ſind die einzige Ur⸗ ſache, daß ich abtrete aus dieſem Jammerthal, ehe ich gerufen werde. Und doch habe ich ſie — weiß es Gott!— nicht aus der Luft, oder, welches bei den Pocten eins iſt, aus der Phantaſie, ſondern aus der Erfahrung gegriffen.— Durch ungeheure Anſtrengun⸗ gen im Erklimmen des Parnaſſes hatte ich mir das namenloſe Ungluͤck der Schlafloſigkeit zugezogen. Nach tauſend und wieder tauſend Verſuchen zu Linderung meiner Noth, half ich mir endlich durch das alte Spruͤchwort: Hunds⸗ haare auf zu legen, wenn man von — 152— einem Hunde gebiſſen worden iſt. Gedichte hatten mir den Schlaf genom⸗ men, Gedichte ſollten mir ihn wieder goben.— Viel Nuͤhmens und Weſens war in oͤffentlichen Blaͤtern von dem„hohen Lie⸗ de der Nibelungen“⸗ gemacht worden— Nach dieſem ankerte ich alſo zuerſt und— kann es, als ein Speciſicum, mediziniſchen Prakti⸗ kanten mit gutem Gewiſſen empfehlen.— Be⸗ geiſtert von dem herrlichen Erfolg, und, um die Sache gemeinnuͤtzger zu machen, brachte ich die Art meiner Herſtellung unter dem ſchalkhaf⸗ ten Titel„Opiate in Verſe.— Laͤngſt ſchon als Deklamator in allen Landen deutſcher Zunge herum ziehend und immer ſo viel erdeclamirend, daß ich die Wirthsrechungen von Stadt zu Stadt, wenn ſie anders nicht mit doppelter Kreide geſchrieben waren, bezah⸗ len konnte, machte ich nun jenes„Opiate⸗ zum Schlußſtein meiner deklamatoriſchen Akade⸗ mieen und erntete damit ſo viel Beifall, als Geld. Denn, hatte ich nur jenes Gedicht mit auf dem Anſchlagzettel, ſo konnte ich auch be⸗ ſtimmt auf vollen Saal und unbaͤndigen Ap⸗ plaus rechnen; dagegen, wenn mein„Opiat“⸗ fehlte, auch die gefeierteſten Gedichte von Schil⸗ ler, Goethe u. ſ. w. nicht ziehen wollten.— — 153— So komme ich denn, ſegnend den Stern des Gluͤcks, der mir in dem Unſtern eines großen Uebels aufgegangen, in der beruͤhmten Reſidenz B....., zwei Stunden von hier, an, ſchlage gleich den erſten Tag— denn fuͤr den zweiten hatte ich keinen Heller mehr in der Taſche— eine deklamatoriſche Akademie an, ſtelle aber diesmal— denn in einer Reſidenz, meinte ich, muͤſſe man mit dem Beſten gleich imponiren— mein Opiat an die Spitze der Affiche.— Der Zudrang war ungeheuer, eine halbe Stunde vor dem Einlaß ſchon kein Bil⸗ let mehr zu bekommen. Sonder Zweifel hatten Briefe und Journale, als Vorlaͤufer des guten Rufs, meine Wege gebahnt, meine Steige rich⸗ tig gemacht.— Fuͤr Herz und Kaſſe den glaͤn⸗ zendſten Erfolg hoffend, will ich eben an dem Tiſche mit den gewoͤhnlichen zwei Deklamations⸗ Kerzen Platz nehmen, als mir der Marqueur einen offenen aber anonymen Brief einhaͤn⸗ digt, worin ich— denke Dir, der Du dies lieſeſt, mein Entſeten— des„d erſchrobe⸗ nen aͤſthetiſchen Sinnes“ wegen, der in meinem„Opiat“ ſpuke, wie ein Betteljunge herunter geriſſen werde, maſſen ich mich durch genanntes Gedicht ſchaͤndlich verſuͤn⸗ digt habe, nicht nur an dem„Zeitaltere⸗ 4 eeee — 154— und dem„Saͤnger des hohen Liedes der Nibelungen“, ſondern auch an all' den „großen Maͤnnern,“ die von jeher dem goͤttlichen Liede gehuldigt. Am Schluſſe des heilloſen Schreibens aber drohte man ſogar: mein Schandlied allen Coriphaͤen des ach⸗ ten Geſchmacks zu ſenden, die mich dann ſchon, nach Verdienſt, an den Pranger der Zeitungen und Journale ſtellen, dort literariſch ſteinigen und endlich in die Haken der Verzweiflung werfen wuͤrden.— Ich war wie vom Donner gerührt, faßte mich aber ſchnell, meinend: daß der Neid, wie mit großen Maͤnnern uͤberhaupt, alſo auch mit einem großen Deklamator ſein haͤmiſches Spiel treibe, und, gehoͤrig erwaͤgend, was aus dem vollen Saale, noch mehr aber, was aus der vollen Kaſſe werden ſolle, wenn ich kein Deklamatorium gaͤbe, trat ich getroſt, ja, ich kann ſagen mit einer gewiſſen Keckheit in den Saal, meinend: daß ſich die Rotte meiner Widerſacher durch die Gewalt meines Opiats ſchon im Zaum halten laſſen werde.— Eben ſchlug die Glocke ſechs— ach! die Sterbeſtunde meines Ruhms— denn, kaum hatte ich mit jenem Schlummerliede begonnen, da erhob ſich ein ſolches Fluͤſtern und Murmeln, daß ich mich ſelbſt kaum verſte⸗ — 15s— hen konnte. Je lauter ich aber ſprach, je lau⸗ ter ward's unter den Hoͤrern, und als ich mit den Schluß⸗ und Kern⸗ Worten:„Das hat mich herrlich in den Schlaf geſungenl's endete, da erhob ſich ein ſo uͤbernatuͤrliches Pfeif⸗ fen, Ziſchen und Pochen, daß ich, wie ein be— goſſener Hund, ins Nebenzimmer ſchluͤpfte.— Nachdem es im Saal ruhig und ich etwas ge⸗ faßter worden war, betrat ich wieder die De⸗ klamationsbuͤhne, verhoffend: daß Schillers Glocke, welche nun an die Reihe kam, ſchon die Wogen der Unruhe ſaͤnftigen werde. Allein der Laͤrmen ging jetzt, ſobald ich nur den Mund aufthat, noch viel aͤrger los.„Pereatl der Schaͤnder des Nibelungen⸗ Liedes— fort mit dem Veraͤchter altdeutſcher Poeſie!“ ſchrieen hundert, zum Theil kindiſch klingende Stimmen, und ſo mochte ich denn Schiller und Goethe, Klopſtock und Mathiſon und noch zehn dergleichen große Geiſter, wie Regenſchirme gegen das Graupel⸗ wetter der Pocher, Pfeifer und Ziſcher halten, ich kam nicht und kam nicht zum Worte und mußte mit Schimpf und Schande Saal und Kaſſe verlaſſen, welche letztere— das war das traurigſte von der ganzen Sache — die Polizei in Beſchlag nahm. In — 156.— meiner Herberge aber fand ich den Wirth, der,* natuͤrlich gegen Freibillet, Zeuge meiner Schan⸗ de geweſen war, bereits beſchaͤftigt, der Zeche wegen, des Raͤnzels ſich zu verſichern, worin mein ganzes Handwerkszeug„ die bekannten „Prager und Wiener“ Pracht⸗Die⸗ bes⸗Editionen der deutſchen Klaſſi⸗ ker ſich befanden.— Im Vertrauen auf mein Opiat und um Kraͤfte zu deſſen Vortrag zu ſammeln, hatte ich nicht wenig verzehrt, im Beutel aber weniger als wenig, nehmlich — nichts— was blieb mir demnach uͤbrig, als die Bluͤthe des deutſchen Parnaſſes fuͤr eine Gaſthof⸗Zeche zu opfern. Kaum daß mir der hartherzige Wirth das leere Raͤnzel ließ, um das herrliche„Nibelungenlied⸗⸗ nebſt mei⸗ nem„Opiate, als die traurigen Denkmale des traurigſten Abends meines Lebens, darin auf zu bewahren!— So wanderte ich nun, arm wie eine Kirchenmaus und mit dem fuͤrch⸗ terlichſten Spleen kaͤmpfend, bei Nacht und Ne⸗ bel fort, jedoch nicht ohne einen Schimmer von Hoffnung, in andern Staͤdten die Scharte aus⸗ zuwetzen, die in B.... das zwetſchneidige Schwerdt meines Ruhms erhalten hatte.— Doch—— guͤtiger Himmel! erbarme dich des Verzweifelnden!— wo ich nur auftreten will finde ich mich ſchon als einen Schaͤnder des Nibelungenliedes,— an dem Pranger der Zeitungen und Journale.— Alles weiſet mit Fingern auf mich. Kaum daß mir die Polizei die Erlaubniß zu deklamatoriſchen Aka⸗ demieen geben will; wo dies aber noch aus Gnade und Barmherzigkeit geſchieht, finde ich entweder gar kein Publikum, oder nur ein ſol⸗ ches, das mich auspocht.— Was bleibt alſo mir armen, geſchlagenen, mit Schande bedeck⸗ ten, alles Erwerbes beraubten Deklamator uͤbrig als— der bittere Tod. Wohlan!— das Terzerol, das ich von jeher zum Schuß der be⸗ merkten Prachtausgaben deutſcher Klaſſiker bei mir trug, ſoll nun, da ich nichts mehr zu beſchuͤtzen habe, der Dietrich werden zu Eroͤff⸗ nung eines Kerkers, aus welchem ſonſt keine Erloͤſung iſt.— So ſtehe denn ſtill, Uhr mei⸗ ner Stunden!— Vertrockene, heiliges Oel der Phantaſie!— Zerreiſſet ſilberne Saiten meiner goldenen Leier!— Verſtumme auf ewig, deklamatoriſche Zunge!— Du aber, richtende Mit⸗ und Nachwelt, gedenke nicht meiner Miſſethat, noch meiner Uebertretung und Suͤnde auf dem Schluͤpferpfade der Poeſie! Und nun— das Lerzerol raſch in die Hand!— — 158— Wiltkommen Weg ins beßre Vaterland! Früh oder ſpät iſt ja wohl einerlei— Ein Druck— und ich bin auler Buͤrden frei!— Lebt wohl, Ihr Deutſchlands auserwählte Gei⸗ ſter, Die ich entrüſtete durch meinen Sing und Sang; Verklebet meine Schuld mit der Verzeihung Kleiſter, Dann folgt Euch jenſeits noch mein wärmſter Dank! Welt, lebe wohl! Auch du, du Lied der Nibelungen, Das einſt ſo ſchnell mich in den Schlaf geſun⸗ gen, und heute mir den lehten Schlummer ſchafft— Hab’ Dank! hab⸗ ewig Dank für deine Wunderkraft! Nur wolleſt noch die lege Bitte hören: Laß uns auf ewig nun geſchieden ſeyn: Denn ſpürt' ich dich einſt in der Engel Chören, Was gilt's: ich ſchlummerte noch als Verklärter ein! Gnade gehet fuͤr Recht,— und— Ach Herr! „Ferner iſt kund“ erzaͤhlt D. Selnekker in der Leichenpredigt auf den großen Kurfuͤrſten Auguſt von Sachſen,„was Seine Churfuͤrſtl. Gnaden fuͤr ein Ernſt mit Straffen gebraucht — 159— und ſich ſchwerlich vom verurſachten Zorn wen⸗ den laſſen. Nu traͤgt ſich dermalneins zu, daß ein fuͤrnemer Mann eines fuͤrnemen Geſchlechts gefangen wird, deß Weib rennt und lauft, auf daß ſie iren Mann wiederum moͤchte erledigen vnd thut manchen Gang vnd Fußfall vergebens. Endlich bittet ſie auch umb Fuͤrbitt bei einem Prediger, welcher, als beide, Churfuͤrſt vnd Churfuͤrſtin, gottſeliger Gedaͤchtniß, bei einander geweſen, kommen iſt vnd die chriſtliche Fuͤrbitte gethan. Der Churfuͤrſt giebt eine ernſtliche Antwort vnd ſagt: Wenn jener Herr u. ſ. w. ihn alſo hette, er wuͤrde ihn lengſt an lichtem Galgen haben hengen laſſen. Darauf ſpricht der Hofprediger: Ach! Gnade gehet fuͤr Recht: Wenn Gott mit uns alſo wollt han⸗ deln, wer wollte doch Gnade erlangen und ſelig werden! Darauf tritt die fromme gottſelige Churfuͤrſtin ihrem Herrn mit ihrem Haupt un⸗ ter dem Bart, und ſpricht mehr nicht, dann dieſe Worte; Ach Herr!— Darauf Sr. Churf. Gnaden den Hofprediger ſobald beſieh⸗ let, den Hecretarium Valerium zu fordern, welchem ferner zu ſchreiben, den Gefangenen loß zu laſſen, befohlen worden. Das hat diß Wort: Gnade gehet fuͤr Recht, und Ach Herr! ausgerichtet.“ — 160— Enghien und Palm! ihr bedurftet nur des Rechts, nicht der Gnade und doch, was wuͤrde es vermocht haben, haͤtte auch die halbe Welt: Ach Herrl in die Ohren geſchrieen dem, der damals auf Erden der Erſte war naͤchſt dem Herrn des Himmels und der Er⸗ den!— 3 1 1 Eile mit Weile; oder der thoͤrichte Fuhrmann und der kluge. Mein Vetter und ich reiſeten miteinander nach..... doch jeder in einem beſondern Wagen, denn wir hatten, außer uns, auch noch Weib und Kind mit aufgeladen. Eine halbe Stunde vor der Stadt ſtand ein Zollhaus, wo man uns einige Groſchen abforderte; wofuͤr? weiß ich nicht, fuͤr E. haltung des Weges wohl nicht; denn der Weg war, gerade die letzte hal⸗ be Stunde bis zur Stadt, halsbrechender und holpriger, als irgendwo im ganzen Fuͤrſte thu⸗ me. Die Sonne ging eben unter, die Thor⸗ ſperre trat alſo bald ein, und damit auch die Zeit der Reife fuͤr den Thorgroſchen. Welcher Reiſender zahlt dieſen gern. Herr! fragte ich den Zoͤllner, iſt's wohl moͤglich die Stadt noch zu erreichen vor der Thorſperre? — 261— „Warum nicht! wenn ihr fein lang⸗ ſam fahret.“ Mein Fuhrmann— ich hatte einen jungen Schnuͤffel— fluchte dem Naſe⸗ weis, wie er den Zoͤllner nannte, meinend, die⸗ ſer habe ihn zum Beſten, und fuhr zu, mit Poſtknechtszungen zu ſprechen, ins Teufels Namen. Der Fuhrmann meines Vettern aber, ein alter geſetzter Mann, nickte freundlich dem Zoͤllner und fuhr auch zu; aber nach dem alten Spruͤchlein: Eile mit Weile— denn der Weg war, um wieder mit Poſtknechtszungen zu reden, zum Teufel holen. Ich, im erſten Wagen, ſteckte beim Abfahren den Kopf zum Wagen heraus und rief ſpoͤttiſch meinem lang⸗ ſam fahrenden Better zu: Der Letzte zahlt den Thorgroſchen— und mein Wetter ant⸗ wortete und ſprach: Am beſten lacht, der am letzten lacht. 1 Nicht zehn Minuten war ich ſo uͤber Stock und Stein gefahren; da brach ein Vorder⸗Rad, und— ich logirte mit Weib und Kind par terre. 5 Mein Vetter holte mich bald ein, und als er ſah, daß wir unbeſchaͤdigt in unſer par terre gezogen waren, fuhr er ganz langſam an uns voruͤber, aus dem Wagen rufend: Der Letzte zahlt den Thorgroſchen. 1I. Bändch. — 162— Und ſo war es auch; die Thorſchluͤſſel hin⸗ gen noch ruhig in der Einnahmeſtube, als mein Vetter luſtig und guter Dinge in die Stadt fuhr; und geſchloſſen war längſt das Thor, als ich demuͤthig zu Fuß einzog mit Weib und Kind. Welcher war nun wohl der kluge Fuhr⸗ mann und welcher der thoͤrichte!“ Straf⸗Reiterei. Eine der fuͤrchterlichſten Strafen, welche die Vorzeit erfand, war gewiß die Strafe der Wild⸗Diebe, welche man auf Hir⸗ ſche mit Ketten befeſtigte und ſo ih⸗ rem Schickſale Preis gab. Das arme Thier, einer ſolchen Laſt nicht gewohnt und ſie noch dazu als ihren Feind fuͤrchtend, eilte mit dem Ungluͤcklichen durch Forſt und Feld, nicht eher ruhend, als bis es den traurigen Reiter los oder ſelbſt ſo erſchoͤpft war, daß es nicht weiter konnte. Nicht ſelten ſchlief es dann, vielleicht auf irgend einem Abhange ein, ſetzte aber, ſo bald es ſich wieder ermannte, ſeinen fürchterlichen Lauf nur deſto hitziger fort. * Nach einer im gojährigen Kriege erſchienenen Flugſchrift, betitelt: Die curieuſe Welt 1638. — 263— Das Schickſal eines ſolchen ungluͤcklichen Reiters iſt leicht zu ermeſſen. Es konnte auf vielfache Art, doch in der Regel nur traurig ſich löſen.— Das Herz bebt, wenn man ſich die Leiden eines alſo geaͤngſteten Menſchen denkt, fuͤr welchen keine Erloͤſung moͤglich ſcheint, welcher den fuͤrchterlichſten Quetſchun⸗ gen und Sroͤßen, Glieder⸗Zerreißen und Zer⸗ brechen und am Ende gar dem Verhungern und Verſchmachten auf dem Ruͤcken einer wilden Beſtie ausgeſetzt iſt. Die Faͤlle ſollen nicht ſelten geweſen ſeyn, daß dergleichen Ungluͤckliche zwei bis drei Tage in einem verzweiflungsvollen Zuſtande zubrach⸗ ten, ehe ſie entweder abgeworfen wurden, oder ihren Geiſt aufgaben. Einen ſolchen Reiter auf Leben und Tod findet man abgebildet in dem Grand théàtre historique a Leide 1703, Vol. V. p. as, und dabei folgende graͤßliche Erlaͤuterung. „Im Jahre 1666 ſey in der Gegend von Friedberg in der Wetterau ein Hirſch, beritten von einem mit Ketten darauf befeſtigten Manne geſehen worden. Niemand ſey im Stande ge⸗ weſen, das Thier aufzuhalten; der Mann dar⸗ aauf habe fuͤrchterlich geſchrieen und um Gottes Willen gebeten, ihn zu retten; er habe geru⸗ 8 2 — 164— fen: er komme aus Sachſen, und reite nun ſchon ſeit drei Tagen. Kurz darauf ſeyen Hirſch und Reiter todt und bis auf die Knochen ab⸗ gezehrt, in der Gegend von Solms gefunden worden.“⸗ Waidmaͤnner moͤgen entſcheiden, ob ein Hirſch wohl vermoͤge, drei Tage einen Men⸗ ſchen als Reiter zu tragen; Hiſtoriker aber eroͤrtern, wie alt wohl jene barbariſche Wild⸗ diebsſtrafe, und ſeit wenn ſie außer Brauch ge⸗ kommen ſey.— Sanfte Bekehrungs⸗Methode. Nachdem Kaiſer Ferdinand die Parthey Friedrichs von der Pfalz in Boͤhmen und Schle⸗ ſien unterdruͤckt hatte, ſtrebte er nun einzig darnach, ſeinen ketzeriſchen Unterthanen die Ue⸗ berzeugungen wieder aufzuzwingen, gegen wel⸗ che ſie ſich, mit den Waffen in der Hand, auf⸗ gelehnt hatten.— Mit Glogau in Schleſien ward der erſte Verſuch gemacht. Dorthin ſchickte er das Re⸗ giment Lichtenſtein, welches Nachts in die Stadt drang, bei evangeliſchen Buͤrgern mit Gewalt ſich einquartirte und ſie auf alle Art hudelte mit dem Bedeuten, daß man nur durch Holen — 165— eines Beichtzettels, d. h. durch Ruͤckkehr zu dem Katholizismus, der militaͤriſchen Gaͤſte ſich entledigen koͤnne. Wehe aber dem, der dazu nicht ſich bequemte. Abſcheulich ſind die Me⸗ thoden, wie man die Standhaften in ihrem Glauben behandelte, ja unglaublich wuͤrden ſie ſeyn, haͤtte nicht, und zwar mit Mißbilligung, ein Jeſuit ſelbſt, P. Nerlich zu Glogau, ſie er⸗ zaͤhlt⸗) Man ließ z. B. die Ungluͤcklichen ſo lange nicht ſchlafen, bis ſie in eine Art von Wahn⸗ ſinn fielen und nun als Verwirrte den Beicht⸗ zettel ſich holten, oder man ſchleppte ſie bei den Haaren zur Communion und Meſſe, oder peitſch⸗ te, ſie mit Ruthen, bis das Fleiſch ſtuͤckweis vom 7 kel, oder man fuͤhrte ſie unter den Gal⸗ Im and bedrohte ſie mit dem Stricke, oder man fetzte ihnen Degen und Piſtolen auf die Bruſt u. ſ. w. Crdoͤchnerinnen nahm man die Kinder, verſteckte ſie in Winkel, bis ſie ſich halb todt geſchrieen hattoh, und ihre Muͤtter ließ man mehrere Kage wiche aus dem Bette. Eben ſo *) Ehrhards Presbyterologie, Th. 1II. S. 21. Wahrſchein⸗ lich hat der trefgiche Erzähler van der Velden den Stoff zu ſeinen Lichtenſteinern in der Abendzeituns 280 jener Schrift entlehnt. — 166— quaͤlte man Kranke. Ja ſelbſt Abgefallene wur⸗ den noch verhoͤhnt und gemißhandelt. Auf gleiche Weiſe verfuhr man in andern Staͤdten. In Polniſch⸗Neuſtadt z. B. theilte ein Offizier mit Stiefeln und Sporen, mit Wehr und Waffen, am Altare den Kelch aus, und rieth, als der Wein nicht zureichte, denen, die nichts empfangen hatten, ſich zu Hauſe mit ei⸗ nem Trunk Bier oder Milch ſchablos zu halten. Wer nun auf ſolche Art, durch das Regi⸗ ment Lichtenſtein ſanft belehrt, in den Schoos der allein ſeligmachenden Kirche zuruͤckgefuͤhrt war, der mußte einen Revers ausſtellen, daß er, nur vom heiligen Geiſte getrieben, ſeinen gottloſen Glauben geaͤndert habe, und ein Si. tut unterzeichnen, kraft deſſen den Evangeliſch alle buͤrgerlichen Rechte in der Stadt unterſagt wurden.“ den.. 3 5 — Die in Rechnung paſſirlich zu ver⸗ ſchreibende Ausgaben. Ein Jagdpage des prunkliebenden Auguſts des Erſten, Koͤnigs von Pohlen und Kurfuͤrſten von Sachſen hatte zu Beſtreitung verſchievener Jagdbeduͤrfniſſe vierhundert Dukaten erhalten, allein ſo uͤbel damit Haus gehalten, daß er, als * nicht leicht etwas vorfallen konnte, indem er — 167— er Rechnung ablegen ſollte, um nicht weniger als hundert Stuͤck in der peinlichſten Verlegen⸗ heit ſich befand.— Verausgabt mußten ſie in der Rechnung erſcheinen— das war keine Frage, denn— ſie lagen ja nicht in Kaſſe — wie aber paſſirlich ſte in Ausgabe zu brin⸗ gen— das war die große Frage, woruͤber der arme Page Tag und Nacht ſich den Kopf zer⸗ brach. Von ſolchen Aengſten beſtuͤrmt hatte er einſt Dienſt beim Koͤnige, und weil, wie er meinte, den Monarchen in einer eben ſo großen als ſchwierigen Arbeit mit dem Miniſter verwickelt wußte, ging er an ſeine verhaͤltnißmaͤßig un⸗ erich ſchwierigere und groͤßere Arbeit, die Verrechnung der hundert Dukaten be⸗ treffend, und vertiefte ſich darin, den Kopf auf den Arm geſtützt, alſo, daß er den Koͤnig, der indeß inz Vorzimmer getreten war, nicht eher bemerkte, als bis dieſer ihm auf die Ach⸗ ſel klopfte mit den Worten: Warum in ſo tiefen Gedanke 1 Der Jhs, erſchrocken und gefaßt zugleich, erwiederte: Wenn Ihro Majeſtaͤt an mei⸗ ner Stelle waͤren, wuͤrden Sie auch nicht wiſſen, wo Ihnen der Kopf ſtaͤne 4½ — 168— de— und geſtand nun unumwunden ſeine Hundert⸗Dukaten Angſt.— Narr! ſagte der gutmuͤthige Monarch— wenn's weiter nichts iſt.— Du biſt doch in den Jagdangelegenheiten viel fuͤr mich geritten? „Allerdings, Ihro Majeſtaͤt!— faſt Tag und Nacht.“— „„, Nun, ſo ſchreib' in Ausgabe: Hundert Dukaten fuͤr Hirſchinfelt— du ver⸗ ſtehſt mich—— ⸗ „Sehr wohl, Ihro Majeſtaͤt— aber— „Was fuͤr aber—*** „Ich meine nur, wie es um das Paſſir⸗ liche der Verausgabung ſtehen wird?—“⸗ „„Dies iſt meine Sorge— ſchreibleese Der Page ſchrieb mit freudigzitternder Hand: „Hundert Dukaten fuͤr Hirſchinſelt, des vielen Reitens wegen in Ihro Majeſtaͤt Jagddienſten.—⸗ Der Koͤnig aber daneben:„Kann und ſoll paſſiren.“ Augustus Rex. Da kuͤßte der Page dankbar die koͤnigliche Rechte. Der Koͤnig rieth ihm, ein ander⸗ mal nicht wieder auf eine dergleichen fette Paſſirlichmachung zu rechnen.— — 169— Und die hoͤchſte Rechnungs⸗Inſtanz zuckte keine Feder uͤber den ſtarken Hirſchinſeltverbrauch.— Waren das nicht fette und goldne Zeiten? ——————4j— Weinverfaͤlſchung. Alle Weintrinker eifern, und mit Recht, faſt bei jedem Glaſe uͤber die heilloſen Wein⸗ verfaͤlſchungen, und klagen bitter die Po⸗ lizeien an, daß ſie dergleichen Vergiftungen nicht kraͤftiger ſteuern. Dieſe Wein⸗Jeremiaſſe aber wuͤrden ſchwei⸗ gen und ihren Mund nicht aufthun, außer zum Weintrinken, wenn ſie die Geſchichte der deut⸗ 4 ſchen Kultur— wozu natuͤrlich auch Wein⸗ verfaͤlſchung gehoͤrt— fleißig ſtudirt haͤtten. Dann wuͤrden ſie nehmlich wiſſen, daß die Verfaͤlſchung der Weine durch Glaͤtte und Bleizuͤcker ſchon im dreizehnten Jahrhunderte begann; daß zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts die Polizeien drohten, allen verfäͤlſchten Fäſſern die Boden auszuſchla⸗ gen, den Wein in die Keller Aaufen zu laſſen, die ſaubern Kuͤnſtler aber um hundert Reichs⸗ gulden zu ſtrafen, ſie moͤchten vor oder nach dem Ablaß, durch eigne oder frem⸗ — 170— de Hand die Verfaͤlſchung begangen haben.. 3 Wenn nun aber— historia teste— unſ⸗ re guten Altvordern erſt laͤnger als zwei Jahr⸗ hunderte friſchweg verfaͤlſchten Wein tranken, ohne daß die Polizei ſich darum bekuͤmmerte; wenn dann wieder gegen vierthalb Jahrhunderte die Polizeien zwar Verordnung auf Verordnung dagegen erließen, aber nichts damit ausrichteten; wenn endlich, ſeitdem es Polizeien giebt, die⸗ ſelben natuͤrlich immer aͤlter, und alſo— Schwaͤche iſt nun einmal das Gefolge des Alters— immer ſchwaͤcher und kraftloſer geworden ſind: ſo ſehe ich wahr⸗ haftig nicht ein, mit welchem Grunde die Her⸗ ren Zecher noch uͤber Weinverfaͤlſchung ſich be⸗ ſchweren wollen. Eine ſo eintraͤgliche Kunſt aber, die man nun ſeit faſt ſiebenhundert Jah⸗ ren betrieben, und bei welcher, außer den Weinmachern und Weinhaͤndlern, auch die Aerz⸗ te und Todtengraͤber immer herrlich ſich befun⸗ den haben, wird man der Weintrinker wegen auch nicht verloren gehen laſſen und damit muthwillig den Kreis menſchlicher Kenntniſſe vermindern. Wollen ſie aber dennoch bei ſo vernuͤnftigen, nicht aus der Luft, ſondern aus dem Weine gegriffenen Gegengruͤnden ſich nicht — 171— heruhigen, ſo weiß ich ihnen keinen beſſern Rath zu geben, als— allen Weinverfaͤlſchern und allen, wohl gar. ſelbſt verfaͤlſchten Wein trinkenden, Polizeien zum Poſſen— keinen Tropfen Wein mehr zu trinken, und auf dieſe Art ins Armenrecht ſich zu ſpielen, welches zu dem unſchuldigſten Trank unter der Sonne, nehmlich zum Waſſer, angeſtamms⸗ te und unveraͤußerliche Anſpruͤche giebt. — Die Champagnerflaſch 6. Auguſt der Starke, Koͤnig von Pohlen und Kurfuͤrſt von Sachſen, hatte einſt, waͤh⸗ rend eines Landtages zu Dresden, die vornehm⸗ ſten Staͤnde zur Tafel. Natuͤrlich fehlte es nicht an Champagner. Ein Page, der beim Koͤnige Dienſt hatte, kaperte bei der Gelegenheit eine Beouteille und ſteckte ſie in die Rocktaſche, welches ſich recht bequem thun ließ; indem die damaligen Roͤcke— um mit Jean Paul zu reden— noch keine s. v. Steisfloßfe dern hatten, welche kaum einem Tuche, geſchweige denn einer Bou⸗ teeille Quartier zu geben vermoͤgen. Unausgeſetzt. beſchaͤftigt, iſt der Pege ungluͤcklicherweiſe nicht im Stande, des feurigen Kleinods ſich zu ent⸗ ledigen. Des letztern Geiſt aber wird durch die ſtarken Dienſtbewegungen des Erſtern rebelliſch, ſprengt, als eben dieſer dem Koͤnige einen Tel⸗ ler praͤſentiren will, den Stoͤpſel an die Decke, und— Himmel! welche Angſt fuͤr den armen Pagen— der Champagnerſtrahl nimmt die Richtung gerade nach der Peruͤcke des Monar⸗ chen und verwandelt die gepuderten Allongen in die uͤppigſten Weintraufen.— Ein Theil der Gaͤſte erſchrickt, der Andre kann kaum das Lachen verbeißen— der Page, mehr todt als lebendig, ſtuͤrzt dem Koͤnige zu Fuͤßen, und der Koͤnig— ſchickt den Champagner⸗Dieb auf der Stelle fort—— doch— nicht aus dem Dienſte, ſondern nach— einer krocknen Peruͤcke— und raͤth dem Pagen, als er letztre bringt, ein andermal dergleichen Flaſchen nicht ſo lange mit ſich herum zu ſchlep⸗ pen, denn— ſetzte er gutmuͤthig hinzu:— Monsieur le Page, le vin de Champagne n'est pas de la bierre de Dresde. Das Geluͤbde. Der Marquis von St. Foir, ein Wuͤſtling der erſten Groͤße, fuhr, nach einer durchſchwelgten Nacht, ſpatzieren. Auf dem Abhange eines Berges gingen die Pferde durch. Rettung war, .— 4 — 5— vor menſchlichen Augen, unmoͤglich. Der Mar⸗ quis gab ſich verloren. Doch— Unkraut ver⸗ liert ſich nicht.— Gerade auf dem gefäͤhrlich⸗ ſten Punkte, unter welchem ein grauſender Ab⸗ grund ſich oͤffnete, blieb der Wagen im Ge⸗ ſtraͤnche haͤngen. Die Pferde arbeiteten fuͤrch⸗ terlich, ihn fortzureißen. Ein Ruck noch und — es war um Menſchen und Pferde geſchehen. Der Marquis wand ſich mit Lebensgefahr aus dem Wagen; Kutſcher und Diener kamen mit ſtarken Kontuſionen davon. St. Foix, außer ſich vor Schreck und Ruͤh⸗ rung, fiel am Abhange, da ihm noch Rettung ward, auf die Kniee, dankte dem Himtnel mit Thraͤnen fuͤr ſeine wunderbare Rettung, und— gelobte mit feierlicher Stimme, Treue ſei⸗ ner Gemahlin— Bezahlung ſeinen Glaͤubigern— und Schenkung von 200 Dukaten den Armeäu.— Die Sonne ging eben auf, als St. Foix das Geluͤbde ſprach— der fromme Mar⸗ quis— und— als ſie unterging— hatte er das Kammermaͤdchen ſeiner Gemah⸗ lin verfuͤhrt— einen mahnenden Glaͤu⸗ biger die Treppe hinabgeworfen— und auf einem Kaffeehauſe das Armengeld verſpielt— der gottloſe Marquis. — 174— Nicht doch— der Mann war fromm und⸗ gut, nur— vergeßlich. Denn, als Francois, ſein getreuer Diener, der das Geluͤbde gehoͤrt, die Verfuͤhrung des Maͤdchens bemerkt— das Treppe hinabwerfen des Glaͤubigers geſehen— von dem Spielverluſt Notiz erhalten hatte— ſeinem gnaͤdigen Herrn Vorſtellung deshalb that, ſchickte ihn dieſer mit der Schlußkette heim: 3 Wenn einem großes Heil wiederfaͤhrt, wird man luſtig— nicht wahr François?— Ja Herr!— †Kann einem aber wohl groͤßeres Heil wi⸗ derfahren, als Rettung in Lebensgefahr? Nein Herr! Iſt es alſo wohl unverzeihlich, wenn ich heute ganz beſonders luſtig war? Nein Herr!— Und alſo das ernſthafte Geluͤbde vergaß? Nein Herr— nein— aber— Was aber— leuchtet dir etwa die Schluß⸗ kette nicht ein?— Wohl aber— mir faͤllt auch eine bei. „Welche— her damit!*⸗ „„„Haben Sie ihr Geluͤbde der Luft oder dem Herrn dort oben gethan?*e⸗ „Narr! welche Frage! wer wird der Luft ein Geluͤbde ablegen!“— — 275— „„Was meinen Sie, hat der Herr dort sben Ihr Geluͤbde fuͤr Ernſt oder Spaͤß genom⸗ men?““““ „Narr! welche Frage— Gott und Spaß!— „„ Alſo Ernſt— heiliger Ernſt.— Nun gnaͤdiger Herr, dann mag ich nicht in ihrer Haut ſtecken— Gemahlin— Glaͤubiger Armenfonds— hul ein fuͤrchterliches Klee⸗ blatt fuͤr das Gewiſſen— meine Seele komme nicht in Ihren Rath.“““ „Narr! das Kleeblatt weiß ja kein Wort von dem Geluͤbde— wo aber kein Klaͤger, iſt auch kein Richter, weder im Himmel noch auf Erden.“ Damit tanzte der Marquis luſtig und guter Dinge zur Thuͤre hinaus. Der alte treue Diener aber fiel auf ſeing Kniee und betete: Herr! vergieb ihm, denn er weiß nicht, was er thut. Die foreirte Gevatterſchaft. Ein adelicher Rittergutsherr, der mit ſeinem Pfarrherrn ſeit Jahren ſchon nicht im beſten Vernehmen lebte, wollte ſein erſtgebornes Knaͤb⸗ lein taufen laſſen, und bat zu Gevattern nur ein Maͤnnlein aber zwei Fraͤulein von Stande. Der Pfarrer, ſobald er dies erfuhr, ließ dem gnaͤdigen Herrn ſagen: wie die Gewohnheit und Kirchenzucht erfordere, daß bei einem Knaͤb⸗ lein zwei maͤnnliche, nicht aber zwei weibliche Perſonen Taufzeugen abgeben koͤnn⸗ ten. Der gnaͤdige Herr moͤchten alſo dies wohl bedenken, und darnach ihre Maßregeln nehmen. Der gnaͤdige Herr aber ließen dem Pfarr⸗ herin vermelden: daß Sr. Wohlehrwuͤr⸗ den in des Gerichtsherrn Pathenwe⸗ ſen ſich gar nicht zu mengen haͤtten.— So brach der Tauftag an. Der Gutsherr hatte ein glaͤnzendes Feſt veranſtaltet. Die Pathen fuhren im groͤßten Prunke zur Kirche. Als aber die heilige Handlung beginnen ſollte und die drei hochadelichen Pathen— ein Maͤnnlein und zwei Fraͤulein— bereits um dem Taufſtein ſtanden, da ſtuͤrzte der Ma⸗ giſter, gleich einer Wetterwolke, aus der Sakri⸗ ſtei, fuhr, dem Wetterſtrahle gleich, unter die verbluͤfften Pathen, ſchob die eine der hohen Ge⸗ vatterinnen unſanft auf die Seite, kommandirte an ihre Stelle den Kuͤſter, mit dem Befehle, Gevatter zu ſtehn, indem ſoviel — 177— Weibsvolk bei einem Knäblein nicht Pathe ſeyn koͤnne,— und taufte nun friſch darauf los, mit einer Eile, als ſtaͤnde der Gott ſey bei uns, zur Seite, das Kind, wenn es binnen fuͤnf Minuten nicht getauft ſey, in ſeine Klauen zu nehmen. Die Verbluͤfftheit der zwei Pathen, welche wirklich Gevatter geſtanden hatten, die Galle des zuruͤckgeſchobenen Fraͤuleins, die Todesangſt des als ſo eine Art von Pathen⸗Surrogat gleich⸗ ſam gepreßten Kuͤſters— die Schadenſreude des Pfarrherrn, daß er ſeinen Zweck erreicht— die Wuth des Gutsherrn, daß jener ihn nicht blos uͤberliſtet, ſondern gleichſam uͤberwaͤltigt— wer vermoͤchte dies zu ſchildern. Ein zehnjaͤhriger Proceß war die Folge der forcirten kuͤſterlichen Gevatterſchaft, und als endlich die richterliche Entſcheidung erfolgte: daß beide Theile Unrecht, alſo die Koſten gemeinſchaftlich zu tragen, und in aͤhnlichen Faͤllen aͤhnlichen Verfahrens ſich zu enthalten haͤtten — da waren Gerichts⸗ und Pfarrherr an den Folgen des waͤhrend des Prozeſſes einander ge⸗ genſeitig angethanen Tortes und Dampfes laͤngſt ſchon entſchlummert, und ruhten friedlich neben einander auf einem Kirchhofe.— II. Dändch. Dieſe Gevarterſchafts⸗Geſchichte iſt uͤbrigens — wohl zu merken— kein Anekdotenwild, wie es im Reviere der Phantaſie fuͤr die Garkuͤche der Leſewelt tagtaͤglich erlegt wird, ſondern eine wahre, und deshalb doppelt intreſſante Geſchich⸗ te, welche gegen die Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts in einer namhaften Provinzialſtadt Sachſens ſich zugetragen hat. Die Namen thun nichts zur Sache. Roͤmiſch⸗Kaiſerliche⸗Etikette gegen den Churfuͤrſten von Sachſen, Johann Georg II. Als Leopold I. zum Kriege gegen Frankreich 1673 ſich ruͤſtete, zog er bei Eger ein Heer von 50,000 Mann zuſammen, und lud den Kurfuͤr⸗ ſten von Sachſen, Johann Georg II., ein, der Heerſchau beizuwohnen. Der Churfuͤrſt machte ſogleich ſich auf die Reiſe— denn welcher Reichsſtand mochte damals einem Kaiſer etwas abſchlagen— und nahm, außer dem Kurprin⸗ zen, noch zwei ſeiner Prinzen mit. Den 20. Auguſt, wo der Churfuͤrſt in Eger eintreffen ſollte, fuhr ihm der Kaiſer eine halbe Stunde weit entgegen. So bald Erſterer Letzteren erblickte, ſtieg er, ungefaͤhr 50 Schrit⸗ 9„ te von des Kaiſers Wagen, aus dem ſeinigen, und ward von einigen kaiſerlichen Hofherren zum Kaiſer begleitet, der jetzt erſt aus dem Wagen ſtieg, und den Kurfuͤrſten, nebſt dem Kurprinzen, zu ſich in den Wagen noͤthigte. Die beiden andern Prinzen ſtiegen in die Kut⸗ ſche des Obriſt⸗Hofmeiſters. Als man den 22. Auguſt zur Muſterung ritt, erlaubte der Kaiſer— erſt vor dem Thore— dem Kurfuͤrſten, an ſeiner Seite zu reiten; die uͤbrigen Prinzen mußten, wie bisher der Churfuͤrſt ſelbſt, noch fer⸗ ner dahinten bleiben.. Alle ritten mit bedecktem Haupte. So bald aber der Kaiſer den Churfuͤrſten anredete: zog dieſer ehrfurchtsvoll, wie der Feldwebel ge⸗ gen den Offizier, den Hut; und wagte es auch nicht wieder, ſich zu bedecken, ſo lange der Kai⸗ ſer ſprach. Bei der Muſterung ſelbſt durften nur die ſaͤchſiſchen Prinzen in der Suite des Kaiſers reuten; alle andre Fuͤrſten— wie die Mark⸗ grafen von Anſpach und Baireuth, der Biſchoff von Bamberg u. ſ. w.— mußten ganz von ferne folgen. Mittags ſpeiſete der Kurfuͤrſt bei dem Kaiſer; eine Ehre, die ihm nur im Felde „ M 2 — 130— und bei der Kaiſerin wiederfuhr, wo der Kai⸗ ſer ſelbſt als Gaſt ſich betrachtete. Die erſte Geſundheit, welche der Kai⸗ ſer ſitzend ausbrachte, mußte der Kurfuͤrſt ſte⸗ hend erwiedern. Dann ließ auch der Kurfuͤrſt ein Glas ſich einſchenken, nahte ſich„mit gebuͤcktem Lei⸗ be“ dem Kaiſer, und brachte ihm eine geheime Geſundheit„welche der Kaiſer gar ver⸗ gnuͤgt annahm, und ſich von ſeinem Stuhle nur ein Bischen erhub. Tempora mutantur!— Des klugen Möonches thoͤrichtes Be⸗ graͤbniß. Im z6ten Jahrhundert lebte im Kloſter zu Kamenz, auch nachdem es ſekulariſirt worden war, noch viele Jahre ein ſogenannter kluger Moͤnch, Matthes Rudolph von St. Annaberg. Der ſtand im Rufe der Nekromantie, und war deshalb allgemein gefuͤrchtet, obſchon er eigentlich nur große aͤrzt⸗ liche Kenntniſſe beſaß, großen Nutzen damit ſtiſtete, auch Geld und Ehre erwarb. Als die⸗ ſer am Sonntage Laͤtare 1564 von einem Kranken, den er getroͤſtet, und mit Geneſungs⸗ 32 mitteln verſehen hatte, heimkehrte, fiel er, vom Schlage getroſſen, auf freiem Felde unfern Kamenz todt zur Erde. Schon dies kam den Buͤrgern bedenklich vor. Ungluͤcklicherweiſe aber war zu gleicher Zeit ein Werter aufgeſtiegen, welches durch Donner und Blitz, Sturm und Hagel ſich ent⸗ ladete. Dies ſchnitt dem Moͤnchs⸗Leichnam vollends alle Ehre ab, denn man hielt es für die Wirkung der zum Teufel gefahrnen nekro⸗ mantiſchen Seele des M atthes Rudolph — und— kein ehrlicher Menſch wagte den Leichnam anzuruͤhren. Der Scharfrichter ſelbſt, welchen man endlich als Todrengraͤber requi⸗ eirte, entſchuldigte ſich damit: daß er dem Teufel nicht ins Handwerk greifen moͤge— wer den Schwarzkuͤnſtler ge⸗ holt, der koͤnne ihn auch begraben. Endlich, nachdem der Leichnam ſchon an⸗ fing, in Faͤulniß uͤberzugehen, luden ihn drei andre Moͤnche— die einzigen, welche von dem ſecnlariſirten Kloſter noch uͤbrig waren— auf einen Duͤngerwagen, und fuͤhrten ihn ſo nach dem Kloſter, ihn dort zu beerdigen. Auf dem Wege dahin wurden ſie vom Po⸗ bel mit Steinen geworfen. Das Grab des wackern Moͤnches aber ließ der Rath, aus 5 ⁵ 4 — 132— Furcht, daß der Todte daraus ſpuken moͤchte, mit ungeheuern Steinen uͤbermauern, wofuͤr der Maurer, der nur auf vieles Zureden ſich dazu brauchen ließ, jaͤhrlich, bis an ſein Ende, auf gemeine Koſten 3 Tonnen Bier erhielt.— Armer Matthes Rudolph! haͤt⸗ teſt du ein Paar Jahrhunderte ſpaͤter gelebt, waͤrſt du vielleicht als fuͤrſtlicher Leibarzt geſtor⸗ ben, prunkvoll begraben, durch Marmordenk⸗ mal geehrt worden und— die Stadt Kamenz haͤtte all die vielen Tonnen Bier erſpart, wel⸗ che ihr deine Vermauerung koſtete. Frommer Wunſch, Buchhaͤndler betreffend. Wenn man ſich denkt, wie ſchnell Kleider zerriſſen, Geſchirre zerbrochen, Geraͤthſchaften ruinirt, Handels⸗ und Genuß⸗Artikel verzehrt werden ꝛc. und— wie lange dagegen Buͤ⸗ cher halten— Buͤcher, die, obſchon ſie nur aus duͤnnen Blaͤttchen und dickern Schaalen beſtehen— dennoch von Erben zu Erben wan⸗ dern, und, ſorgfaͤltig bewahrt, Jahrhunderte dauern,— ſo darf man ſich allerdings nicht wundern, daß je aͤlter der Buchhandel wird, er immer mißlicher werden muͤſſe. Denn das Vermehren der Buͤcher ſteht in gar keinem Ver⸗ haͤltniſe mit dem Verbrauche derſelben durch Kraͤmer, Kuchenbaͤcker, Vogelfutterweiber ꝛc. Soll alſo der Buchhandel je wieder ein gold⸗ ner Handel werden, ſo muß polizeilich ent⸗ weder der Schreibſucht Einhalt geſchehen— oder— das waͤre freilich beſſer— die Erben von Bibliotheken muͤſſen gehalten ſeyn, alle Schriften, welche noch durch den Buchhandel in Menge ſich erlangen laſſen, zu verbrennen— denn die ewigen Buͤcher⸗Auctionen,(wahre wie⸗ derkaͤuende Thiere in der literariſch⸗ merkantili⸗ ſchen Welt,) und das ewige Vererben von Buͤ⸗ chern, thun doch dem Buchhandel auch gar zu viel Schaden. Kaäͤme aber der Vorſchlag des Verbrennens zur Wirklichkeit, und ich wuͤß⸗ te in der That nicht, was ihm entgegen ſtehen ſollte— denn, ſo gut wie die Frauen der Hin⸗ dus, beim Ableben der Maͤnner, ganz ſich ver⸗ brennen laſſen, koͤnnte man ja wohl, beim Ab⸗ leben von Gelehrten, auch einen Theil ihrer Bibliotheken dem Vulkan opfern— welchen Abſatz wuͤrden dann die Verlagsartikel der Buchhaͤndler haben— welche Unzahl von neu⸗ en Auflagen wuͤrde nothwendig werden— oder, welch' ungeheure Auflagen ließen ſich gleich vom Haus aus, ohne Gefahr veranſtalten — 184— und welche Honorare koͤnnten dann die Verleger zahlen.— Den daraus fuͤr Autoren erwachſenden Ruhm vlll, ich, als ein Acceſſorium, nur bei⸗ laͤufig in Erinnerung bringen. Uebrigens bleibt es Buchhaͤndlern uͤberlaſ⸗ ſen, dieſe Verbrennungsidee weiter aus⸗ zubilden, und die damit verknuͤpften Vortheile erleuchteten Staatsmaͤnnern ans Herz zu le⸗ gen. Hier nur noch ſoviel, daß man mit der vorgeſchlagenen Buͤcherglut ſyſtematiſch. verfahren ſollte. Wenn z. B. mit militaͤri⸗ ſchen Schriften die Wachſtuben, mit theologiſchen die Sakriſteien, mit ju⸗ riſtiſchen alle Gefaͤngniſſe, Raths⸗ und Richterſtuben, mit philologiſchen und päͤdagogiſchen die Schulen, mit mediei⸗ niſchen die Todtengraͤberwohnungen und Spitaͤler, die eliniſchen, die Heb⸗ ammen⸗Inſtitute c., mit philoſophi⸗ ſchen die akademiſchen Auditorien, mit Romanen die Toilettenzimmer, auch Geſinde⸗, beſonders Kammerzofen⸗Stu⸗ ben, geheizt, die poetiſchen aber einzig in Windoͤfen verbraucht wuͤrden, ſo duͤrfte we⸗ nigſtens keine Klaſſe der zu verbrennenden Buͤ⸗ — a2. — 35— cher ſich beſchweren, daß ſie durch ihren Unter⸗ gang fremdartigen Zwecken dienen muͤſſe. Der Rothe⸗Dinten⸗General. Ein verſtorbener, beruͤhmter General der —— ſchen Armee hatte eigentlich Theologie ſtu⸗ dirt, war aber durch Zufall von der geiſtlichen auf ie militaͤriſche Heerſtraße gerathen. Um nehmlich ſeinem etwas ſchwachen Gedaͤchtniſſe zu Huͤlfe zu kommen, pflegte er in Predigt⸗Konzepten die Anfangsworte der Hauptſaͤtze mit rother Dinte zu unterſtreichen. Dieſe war ihm denn einſt, als er eben zu memoriren anſing, eingetrocknet. Er eilt alſo in den Kaufmanns⸗ laden gegenuͤber, den Gedaͤchtnißhebel zu ernen⸗ ern, und findet da ein herrliches Maͤdchen, das eben auch rothe Dinte kaufen will. Das Maͤd⸗ chen ſticht ihm in die Augen; ein Wort giebt das andere; die Bekanntſchaft iſt den Augen⸗ blick angeknuͤpft; aus dieſem Anknuͤpfen entſteht bald Anbeten des holden Kindes,— aus dem Anbeten aber ein ſo entſetzliches lebendiges Un⸗ gluͤkk, daß der Anbeter— es war ihm ſchon recht, dem Goͤtzendiener— in die Klemme kommt, die Theologie oder das Maͤdchen zu verlaſſen. — 136— Wohl uͤberlegend, daß erſtere nicht, letz⸗ teres aber ſehr leicht ſich zu Tode graͤmen wuͤrde, heirathete er das Maͤdchen, ging unter die Soldaten, und benahm ſich ſo brav, daß er endlich bis zum General ſtieg. Mit Vergnuͤgen erzaͤhlte er oft, daß nur die rothe Dinte ihn zum General gemacht haͤtte, und daß er außerdem vielleicht auf einer elenden Dorfpfarre verſauert und verbauert ſeyn wuͤrde. Wie viel dergleichen Rothe⸗Dinten⸗ Generale, Miniſter, Raͤthe, Schrift⸗ ſteller, Virtnoſen u. a. mag es nicht von je her in der Weit gegeben haben und noch ge⸗ ben, wieviel aber auch, die, ſtatt durch derglei⸗ chen Dinte zu ſteigen, Zeitlebens in der Dinte ſitzen blieben. Hofaͤmter. Wem es etwa beikommen ſollte, uͤber die Menge und zum Theil Sonderbarkeit der jetzigen Kron⸗ und Hofaͤmter ſich zu wundern, der leſe Dr. Henry's History of Brittain; da wird er denn bei den alten Koͤni⸗ gen von Wallis folgende oberſte Hofbeam⸗ ten finden. 7.) Der Penteula oder Oberſte des Palaſtes— Director des geſammten Hof⸗ ſtaates ſowohl, als Kommandant der ganzen Armee, allemal ein Prinz von Gebluͤte, der zwar nur ein Firum von 3 Pf. Sterling jährlich, aber eine Menge Emolumen⸗ te hatte. 2.) Der Prieſter(was in den neuern Zeiten am franzoͤſiſchen Hofe der Grand Au- monier), welcher an des Koͤnigs Tafel die Speiſen ſegnete und das Vater unſer ſingen mußte, dafuͤr aber auch das geſegnete liebe Gut mit verzehren helfen durfte. 3.) Der Dusdain oder Hofmarſchall; Aufſeher uͤber Kuͤche und Keller. Zu ſeinen großen Emolumenten gehöoͤrte unter andern: von jedem Faſſe gemeinen Biers ſo viel, als er mit dem Mittelſinger— von gewuͤrz⸗ tem Biere ſo viel, als er mit dem zwei⸗ ten Gelenke— von jedem Faſſe Meth ſo viel, als er mit dem erſten Gelenke des gedachten Fingers zu erlangen im Stande waͤre. 4.) Der Peehnhogydd oder Jaͤger⸗ meiſter. An des Königs Tafel durfte er zwar eſſen nach Belieben, aber nicht trinken. Mehr als dreimal den Becher anzuſetzen, war ihm nicht vergoͤnnt, damit er ſich nicht etwa „ 188— betrinken und dann— die Falken vernach⸗ laͤſſigen moͤchte.—(Ob man wohl dem Erzieher der koͤniglichen Prinzen, aus denſelben vernuͤnftigen Gruͤnden, auch nur dreimal zu trinken erlaubte?——) Sein hoher Rang geht unter andern beſonders daraus hervor, daß der König, ſobald erſterer in den Saal trat, aufſtehen und ihn empfangen, ja ihm in manchen Faͤllen ſogar den Steigbuͤgel halten mußte.— 1 5.) Der Richter, welcher alle gelehrten, poetiſchen und bedientlichen Streitigkeiten zu ſchlichten hatte. 6.) Der Pengnuasdraird oder Stall⸗ meiſter. 7.) Der Gywas Yfdafell, oder Kam⸗ merherr, welcher beſonders fuͤr ein bequemes Nachtlager zu ſeorgen, auch Trinkhoͤrner und andre dergleichen Kleinigkeiten aufzubewahren hatte. 8.) Der Barde, oder Oberhofmuſi⸗ kus, beauftragt mit Singen und Spielen am Hofe, wie im Kriege. 9.) Der Gosdegwr oder Schweigen⸗ Gebieter, welcher beſonders auf Ruhe im Saale waͤhrend der koͤniglichen Tafel zu ſehen haete. — 189— 10.) Der Penenynd ober Jaͤsgermei⸗ ſter, hatte, wenn ſein Kollege sub. N. 4. nur die Falkenrei beſorgte, die Aufſicht uͤber Jaͤger, Hunde und Jagdgexaͤthe. 11.) Der Methmacher— vermuthlich eine Art von Hofnarr. 1 12.) Der Arzt, welcher bei unbeden⸗ tenden Wunden nur die mit Blut befleck⸗ ten Kleider oder Waffen, bei gefaͤhrlichen Verwundungen aber außerdem auch noch 180 engliſche Pfennige fuͤr die Kur erhielt. 13.) Der Trulljad oder Kellermei⸗ ſter. 4 14.) Der Thuͤrſteher, der fuͤr Jeden ver⸗ antwortlich war, welcher in die koͤniglichen Ge⸗ maͤcher trat, ohne hinein zu gehoͤren, und des⸗ halb in ſeinem Gedaͤchtniſſe eine Art Muſter⸗ karte von allen Hofgeſichtern haben mußte. 15.) Der Kuͤchenmeiſter, der auch die Pflicht hatte, alle Schuͤſſeln zu koſten, ehe ſie aufgeſetzt wurden. 16.) Der Lichtmeiſter, welcher unter an⸗ dern die Schuͤſſel, aus welcher der Koͤnig ſpei⸗ ſte, mit einer Wachskerze beleuchten mußte. Der Koͤnigin dienten noch beſonders 8 Hof⸗ beamten, welche zum Theil die genannten Stel⸗ len verſahen. — 190— Alle dieſe Hofbeamte, 24 an der Zahl, hat⸗ ten aber nicht blos Titel, ſondern auch Mit⸗ tel, z. B. freie Wohnung, Tafel, Pferde ꝛc. und erhielten an jedem der drei hohen Feſte neue Kleider, wozu der König die wolle⸗ nen, die Koͤnigin die leinenen Ingre⸗ dienzen gab. Vorſchlag zur Guͤre. Dichter und Kapitaliſten haben doch in mancher Hinſicht gleiche Vortheile. Das er⸗ ſte Tauſend zu erwerben, wird jenen in der Regel ſauer— dann aber geht es auch im Geldhaͤufeln deſts raſcher vorwaͤrts. Gerade ſo iſt es auch bei den Dichtern. Haben ſie nur erſt von einer kleinen Zahl wuͤrziger Blumen der Phantaſie einen Kranz ſich gewunden, dann moͤgen ſie, ſtatt Roſen und Hyacinthen, Butter⸗ und Gaͤnſebluͤmchen bringen, man wird auch dieſe lieblich und wuͤrzig finden.— Wenn man ſo dem Leben und Weben auf dem Par⸗ naſſe zuſieht, was fuͤr fade, erbaͤrmliche Lie⸗ der dort nicht ſelten von Leiern ertoͤnen, die nun einmal in dem Kredit von Cremone⸗ ſer Geigen ſtehen und doch gar oft nicht viel beſſer klingen, als Kinderfideln; indeß ſo — 191 mancher wackere Saͤnger die kraͤftigſten Lieder ertoͤnen laͤßt, un beachtet, ja wohl gar verachtet, blos weil. ihr Herr und Meiſter keinen beruͤhmten Namen hat— dann wird dem unbefangenen Horcher im Dichterwal⸗ de gar aͤrgerlich zu Muthe. Darum waͤre es wohl ein hoͤchſt verdienſtli⸗ ches Geſchaͤft, das Fade, Erbaͤrmliche, Matte und Platte, was ſo Manche unſrer Hochgefeier⸗ ten zu Markte bringen, allemal derb zu zuͤchti⸗ gen, damit ſie nicht immer mehr dem Herrn uͤber Alles in der Schoͤpfungsgeſchichte ſich gleichſtel⸗ len, von dem es heißt: Und er ſahe an, was er geſchaffen hatte, und ſiehe dal es war alles ſehr gut.— Damit ſie nicht meinen: man muͤſſe alles ſchoͤn und preiswuͤrdig finden, was von ihnen komme, damit ſie uns nicht im Stillen auslachen, daß wir, von ihrem Ruhme geblendet, Glimmer fuͤr Erz Irrwiſche fuͤr Wachskerzen anſehen,— damit endlich auch die Rezenſenten, welche ſich gleichſam fuͤrchten, dergleichen ſingende Rieſen zu tadeln, Muth bekommen, ihnen die Wahr⸗ heit zu geigen. So eine Art von Journal, vielleicht unter dem Titel: Der Polizei⸗Gensd'arme auf dem Parnaß; oder: Der Waſſer⸗ inſpektor an der kaſtaliſchen Quelle wuͤrde weſentlichen Nutzen ſtiften. Nichts Neues unter der Sonne. Banner— Creuziger— Creuziger— Banner. Was im igten Jahrhundert die Banner, das waren im 15ten Jahrhundert die Creuzi⸗ ger— wie jene gegen den Kaiſer der Fran⸗ zoſen, Napoleon, ſo wurden dieſe gegen den Koͤnig von Boͤhmen, Georg Podie⸗ brad, ausgeruͤſtet.— Die Ausruͤſtung der er⸗ ſtern betrieb die europaͤſche Fuͤrſten⸗Coa⸗ lition— die der letztern der Papſt Paul Il,(1466).— Napolcon war in den po⸗ litiſchen— Georg Podiebrad in den kirchlichen Bann gethan, weil er ein An⸗ haͤnger der Huſſiten war.— Den Banner fuͤhrte das gruͤne, den Creuziger das paͤpſtliche Kreuz in den Kampf— jener hoffte ſich Ehre— dieſer Ablaß zu erſech⸗ ten.— Jener lebte entweder auf eigene Koſten, oder erhielt Ausruͤſtung und Unter⸗ halt von patriotiſchen Vereinen, oft auch von einzelnen Reichen, denen die deutſche Sache am Herzen lag— dieſer lehte gleich⸗ — 193— falls entweder vom eigenen Vermoͤgen, oder aus dem Ablaßkaſten, der deshalb an den Kirch⸗ thuͤren ausgeſetzt war, oder von einzelnen Rei⸗ chen, welchen die Lehre der Huſſiten ein Aergerniß und Podiebrads Koͤnigskrone eine Thorheit war. Wie viel die Ausruͤſtung eines Banners koſtete, iſt noch in friſchem Andenken, die eines Creuzigers war etwas billiger.— Als z. B. das Schloß Hoyerswerda 1467 und 1468 belagert ward, weil Friedrich von Schoͤnburg mit einer bedeutenden Zahl der Anhaͤnger Podiebrads darin hauſ'te, ruͤſtete der görlitzer Buͤrger, Jo⸗ hann Bareith, zu dieſem Heerzuge einen jun⸗ gen Creuziger, Namens Michael Storkau, auf ſechs Monate aus und gab ihm dazu: „Ein Arm⸗ und Beineiſen fuͤr 5 Gr.— eine Pophouſe Ceine Art von Pike) fuͤr 22 Gr.— ein Paar Schuhe fuͤr 3 Gr.— zu Zehrung in der Stadt 3 Gr.— auf erſten Auszug 12 Gr.— im Heer vor Hoyerswerda 12 Gr.— fuͤr ein gutes Meſſer 19 Gr.— zu der Heerfahrt nach Sagan am Tage Martini 16 Gr.— fuͤr eine gute Armbruſt ein Schock Groſchen— fuͤr einen Koͤcher 6 Gr.— Nimmt man nun zu dieſen kleinen Aus⸗ ruͤſtungs⸗ und Zehrkoſten auch die Kleinheit der Heere, ſo giebt dies, im Bergleich mit der II Bändch. N — 194— jetzigen Zeit, Kontraſte, die keiner naͤhern Zer⸗ gliederung beduͤrfen. Der Glaube beſtaͤtigt alle Dinge. (Aus einer alten Handſchrift.) Es begab ſich aber zu der Zeit, als der Thee noch gar ſelten und theuer war, daß ein vornehmer Cavalier zu Mainz, der aber auch ein durchtriebener Schalk war, ſeinen Churfuͤr⸗ ſten und Herrn, ſammt deſſelbigen Hofſtaate, zu einem koͤſtlichen Thee bat; maßen man bei Hofe von dem Theewaſſer, als von einem Tran⸗ ke geſprochen, deſſen guter Geſchmack und hoher Werth nur in der Einbildung liege und doch ſo ſchweres Geld koſte. Darum weigerte ſich der Churfuͤrſt, des Edelmanns Bitte zu willfahren, ſprechend: daß er ihm ſolche große Aus⸗ gabe nicht gern verurſachen moͤchte. Der Edelmann hielt aber darauf, daß der Chur⸗ fuͤrſt kommen ſollte, und er willigte endlich in ſeines Dieners Begehr. Da ließ der Edel⸗ mann große Keſſel voll Waſſer aufſetzen und Heu⸗Saamen darin abſieden; fuͤr ſeinen gnaͤ⸗ digen Churfuͤrſten und Herrn aber ein klein ſilbern Keßlein abſonderlich kochen, darin er von dem köͤſtlichſten Thee that, den er bei dem wel⸗ — 195— ſchen Kaufmann nur erlangen konnte fuͤr ſchwe⸗ res Geld.— Und als der Churfuͤrſt ankam mit ſeinem Comitat, da ließ der Edelmann ein⸗ ſchenken und darreichen, ſo viel man nur trin⸗ ken mochte. Und Alle tranken, der Churfuͤrſt wie ſein Comitat, faſt viel, und als ſie gingen und Abſchied nahmen, da dankten ſie dem Ca⸗ valier gar freundlich. Der aber ſprach:„Al⸗ lergnaͤdigſter Churfuͤrſt und Herrl ich bitt Ew. Gnaden, daß ſie wolle abr ſonderlich mit mir gehen nur eine kurze Weil.“— Dieſer folgte nun dem Edelmanne. Der fuͤhrte ihn in die Kuͤchen, ſchloß die Thuͤren hinter ſich zu und ſprach alſo:„Seht, gnaͤdigſter Herr! in dieſem Sil⸗ ber⸗Keßlein iſt Thee aus Sina, ſo theuer ich ihn nur hab' erkaufen kͤnnen, Ew. Chur⸗ fuͤrſtlichen Gnaden zu Ehren; und in dieſem großen Kupfer⸗Keſſel iſt Heu⸗Saamen, ſo gut ich ihn nur hab erlangen koͤnnen von mei⸗ ner großen Wieſe am Rabenbuſch; und was meine Hausfrau daraus kochen laſſen, hat Euer Comitat gar gern getrunken, als ſineſiſches Getraͤnk, meinend, daß es vornehm und vor⸗ trefflich ſchmecken muͤſſe, weil ihr gnaͤdigſter Churfuͤrſt und Herr mit ſonderlichem Appetit ſolchen Aufguß in ſich trinke und denſelben N. 2 * — 196— ruͤhme.“— Und der Churfuͤrſt lachte alſo, daß er den allerhoͤchſten Schmeerbauch mußt halten, und der Cavalier thaͤt auch lachen, alſo, daß der Comitat in der Stube ſich faſt verwunderte, uͤber was doch die Beiden, Herr und Diener, in der Kuͤchen alſo froͤhlich waͤren— wußten's freilich nicht, daß es uͤber ihre Haut herging, erfuhren's aber nachher.— Und der Chur⸗ fuͤrſt ſprach:„Du Schalksknechtl warum haſt Du doch alſo gethan?“— und es ſagte der Edelmann:„Weil ich Ew. Churfuͤrſtl. Gnaden gern ein altes Spruͤchlein wollte leben⸗ dig vorſtellen: der Gl aube beſtaͤtigt alle Dinge!“— Da lachte der Churfuͤrſt noch zehnfach mehr, als erſt, nahm den Cavalier bei der Hand, ſprechend:„Du ſoliſt nicht al⸗ lein mich klug gemacht haben, auch mein Comitat ſoll klug werden!⸗— oͤffnete Augenblicks die Kuͤchenthuͤren, rief herein den Comitat, und redete ihn alſo an:„Wollt Ihr wohl gern klug werden, wie auch Euer Churfuͤrſt und Herr iſt klug worden 2— Und als ſie einmuͤthiglich riefen:„Recht gern, gnaͤdigſter Herrl⸗— da fuͤhrte ſie der Churfuͤrſt zu dem ſilbernen Theekeſſel und zu dem kupfernen Heuſaamen⸗Keſſel, und ließ ſie ſehen und ſchmecken die Blaͤttlein aus Sina und die Koͤrnlein von der Rabenwieſe, er⸗ klaͤrte ihnen auch des Cavaliers geſpielte Hin⸗ terliſt und fragte:„Habt Ihr nun geſpuͤrt die Wahrheit des Spruͤchleins: Der Glaube be⸗ ſtaͤtigt alle Dinge!— Und ſie ſprachen: Ja, gnaͤdigſter Herr!“— und Einige waren, die da lachten, und Andere, die ſich ſchaͤmten, und wie⸗ der Andere, die ergrimmt waren ob des Betrugs, und noch Andere, die ſtanden wie die Saͤulen von Salz, wußten nicht, wie ihnen geſchehen.— Alle aber nannten den Cavalier einen Schalksknecht, und hielten auf ihn, daß ſie ihm thaͤten, wie er ihnen gethan. Der Schalksknecht entſchluͤpfete je⸗ doch immer, als ein Aal ihren Garnen. — Der lange Gottlieb. Nach mündlicher Uebertieferung und einigen Originalbriefen) Friedrich Auguſt I., Koͤnig von Polen und Kurfuͤrſt von Sachſen hatte dem Kurfuͤr⸗ ſten von Brandenburg Friedrich Wilhelm — der bekanntlich große Freude an außerordent⸗ lich langen Gardiſten fand— 24 Stuͤck derglei⸗ chen ſaͤchſiſche Rieſen verſprochen. um Wort zu halten, ergingen deshalb im Anfange des Jahres 1715 ſcharfe Ordres an ſaͤmmtliche Re⸗ giments⸗Commandanten, alle, 3 Ellen 4 und . lange— der niedrigſte Maßſtab— — 198— wo moͤglich auch laͤngere Mannſchaften aus⸗ zuheben und unverzuͤglich nach Dresden zu ſen⸗ den. Dem allerhoͤchſten Befehle zu entſprechen, geſchah nun das Aeußerſte, und manche Haupt⸗ leute, die gerade in ihren Compagnieen keine Enacksſoͤhne hatten, ſuchten ſie unter den jun⸗ gen Bauerburſchen ihrer Gegend aufzutreiben und gaben dann, weil ſie erſtere natuͤrlich nicht nach Belieben abſenden konnten, ihren Regi⸗ ments⸗Commandanten im Stillen Nachricht, wo junge Burſche zu finden waren, die das Un⸗ gluͤck hatten, laͤnger als lang zu ſeyn. So ſchrieb denn auch ein Capitaͤn der damals erſt errichteten Landmiliz, Gotthard Seyfried zu Annaberg, ſeinem gnaͤdigen Herrn Oberſten zu Chemnitz, daß er auf einer Reiſe nach Zwickau, in dem Schoͤnburgiſchen Dorfe Abtei⸗Lung⸗ witß, einen jungen Burſchen auf dem Felde ge⸗ funden, der wenigſtens noch ein Sechszehn⸗ theil uͤber die vorgeſchriebene Laͤnge habe, ſich aber durchaus nicht bewegen laſſe, Dienſte zu nehmen, und doch auch nicht fuͤglich gezwungen werden koͤnne, da er der einzige, die Wirthſchaft fuͤhrende Sohn einer alten Wittwe ſey. Zwar habe der Capitain letzterer die drin⸗ gendſten Vorſtellungen gethan und die anſehnlich⸗ ſten Vortheile verſprochen; allein das Weib heu⸗ le und ſchreie, wenn er nne kein Wort vom Soldatenwerden ihres Sohnes fallen laſſe. Der Oberſte, Hans von Rauſendorf, ein alter, gutherziger Mann, der nicht gern Je⸗ mand wehe that, ſchrieb dem Capitaͤn mit duͤrren Worten:„Seinen Brief, mein lieber Capitän Seyfried, vom wegen des langen Schling els in Abtei⸗Lungwitz, habe richtig erhalten, und dan⸗ ke Ihm ſchoͤnſtens fuͤr die gehabte Attention vom wegen des koͤniglichen Befehls in puncto der langen Mannſchaften. Wenn aber der Kerl quaestionis nicht will und die Mut⸗ ter auch nicht will, ſo laß Er die Eſel in ihrem Stalle. Ich mag mir nicht Thraͤnen und Seufzer aufladen wegen der Berliner großen Grenadiers⸗Gar⸗ de. Wie muͤßten wir thun, wenn Er den lan⸗ gen Schlingel nicht par hazard geſehen. Es bleibt alſo dabei, der lange Kerl bleibt wo er iſt, ſo wie ich verbleibe ſein dienſtwilliger Serviteur; der Oberſte von Rauſen⸗ dorf. Datum Chemnitz, den 16. Sept. 1715.“ So ſchien nun die Sache abgethan, war es aber nicht. Der Oberſte, welcher oft in Dres⸗ den und dann allemal bei Hofe gern geſehen war, ſpeiſete kurz nachher beim Koͤnige, und erzaͤhl⸗ te der Oberkammerherrin von Loͤwendal, in ſeiner — 200— komiſch⸗trocknen Art, von dem 1 angen Schlin⸗ gel in Lungwitz, ſo, daß dieſe faſt nicht aus dem Lachen kam. Der Koͤnig, welcher der Löwendal ge⸗ genuͤber ſaß, fragte nach der Urſache, und natuͤrlich mußte Rauſendorf die Geſchichte wiederholen. Der Monarch lachte und warf nur ſo das Wort hin: Ob es denn nicht moͤglich ſey, den Menſchen zu erlangen, wenn man ihm ein tuͤch⸗ tiges Handgeld und Loͤhnungzuſchuß böte, der alten Mutter aber einen andern brauchbaren Knecht ſchaffte.—„„Doch— ſetzte der gutmuͤ⸗ thige Monarch hinzu— Gezwungenheit i ſt Gott leid— laß Er das Ding, mein lieber Rauſendorf. Mein Herr Bruder in Berlin wird ja wohl auch ohne den langen Schlingel leben können.“ Rauſendorf aber, dem dieſer Wunſch fuͤr Befehl galt, und welcher uͤberhaupt des feſten Militaͤrglau⸗ bens lebte, daß Soldat werden nun eben kein großes Ungluͤck ſey, machte, ſobald er wieder nach Chemnitz kam, noch einen Verſuch, den Langen in Abtei⸗Lungwitz fuͤr die Lan⸗ gen in Ber lin zu gewinnen und zwar alſo: Unter der Firma eines Spitzenherrn aus Raſchau in der Annaberger Gegend, ritt er ſelbſt nach Lungwitz, kehrte dort, unter einem ſchick⸗ lichen Vorwande, bei der Mutter des, eben ab⸗ — 201— weſenden, langen Schlingels ein, beſprach ſich ſo recht liebreich mit ihr, troͤſtete ſie uͤber die ſchlechten Zeiten und ihre kuͤmmerliche Lage und gewann bald ihr ganzes Zutrauen. End⸗ lich lockte er ihr ſogar die Geſchichte mit dem Antrage des Capitaͤns Seyfried wegen ihres langen Gottliebs ab, gab ihr vollkommen Recht, daß ſie ihr einziges Kind nicht den Sol⸗ daten, geſchweige unter die Berliner Grenadiers geben wollte, und ſchimpfte tuͤchtig mit auf den Hauptmann Seyfried, wie auf den Oberſten Rauſendorf, der jenen angetrieben, lange Leute fuͤr den Brandenburger Kurfuͤrſten zu ſchaffen. Indeß kam der lange Gottlieb vom Felde. Der Oberſte erſchrack faſt vor dem Rie⸗ ſen— denn ſo eine Lange war ihm noch nicht vorgekommen— fand ſich aber deshalb nur noch mehr veranlaßt, ſeinen Plan durchzufuͤhren. Mutterchen— ſagte er, nachdem er den Enacksſohn bewillkommt und dieſer wieder ſich entfernt hatte— Mutterchen! was fuͤr einen Schatz haſt Du doch in Deinem wohlgewachſe⸗ nen Sohne! Um den Menſchen waͤr es wohl Schade, wenn der unter die Sol⸗ daten ſollte; den koͤnnte ich Dir bei Hofe koſtbar anbringen und dann blieb er auf immer vom Soldatenrocke frei. — 202— Bei Hofe— ſchmunzelte die Alte— moͤchte wiſſen, was mein Gottlieb bei Hofe ſollte, der traͤte ja alle die kleinen Leute dort todt. Sieh— fuhr Rauſendorf fort— ich habe einen Vetter in Dresden, der iſt dort Kammer⸗ diener des Koͤnigs, und ſchreibt mir, daß ſein Herr einen Heiducken brauche, der aber, weil er mit ſeinem Kameraden den Koͤnig in der Senſte zu tragen habe, gerade ſo lang ſeyn muͤ ſ⸗ fe, als der vorſtorbene Heiducke war, und der noch lebende iſt, nehmlich 3 Ellen 1 ½ Viertel. Nun, ich ſollte meinen, Deinem Gottlieb muͤßte auch nicht ein Zoll an der Laͤnge fehlen.— Laß doch ſehen, Du Rieſe, wie viel Du haͤltſt.— Damit nahm Rauſendorf, weil Gottlieb eben wie⸗ der zur Thuͤre herein kam, eine Elle und maß ihn. In dem Augenblicke aber trat ein Chemnitzer Senator, der den Oberſten gut kannte, in die Stube, einen Strick ſich zu verſchaffen, der durch die Hinterraͤder ſeines Wagens am Kof⸗ fer zerrieben worden war. J, mein Herr Oberſter! wie treffen wir denn hier zuſammen?— Damit reichte der Senator Rauſendorfen die Hand, welcher nicht wenig in Verlegenheit kam, verrathen zu werden, ſich aber gleich wieder ſammelte und dem Senator, mit ver⸗ ſtoglenem Wink, bedeutete, daß er ſich wahrſchein⸗ — 203— lich in der Perſon irre, indem er nichts we⸗ niger, als ein Oberſter, ſondern ein Annaberger Spitzenherr ſey und—— Hier fiel ihm aber die Alte, welche den ge⸗ heimen Wink bemerkt hatte, wuͤthend in's Wort, mit der Erklaͤrung, daß ſie nun wohl merke, wie ſie und ihr Sohn verrathen und verkauft waͤren, letzteren ſich aber durchaus nicht neh⸗ men laſſe, und fing nun an zu heulen und zu ſchreien, als wenn ſie mit ſammt ihrem langen Gottlieb geſpießt werden ſollte. Letztrer war in⸗ deß mit einem: Er mag mir auch der rech⸗ te Spitzenhaͤndler feyn— uͤber alle Ber⸗ ge und fuͤr den Augenblick nicht wieder zu er⸗ langen, der Oberſte mochte bitten oder drohen. Das Erſtere verſuchte nun Rauſendorf auf's freundlichſte bei der Mutter, welcher er goldene Berge im Hintergrunde zeigte, wenn ſie dem Koͤnige gutwillig ihren Sohn ablaſſe. Als aber Alles nichts verfing, verließ er die Alte mit den Worten: Soll mich der Teufel holen, wenn Du alte Here Deinen langen Gottlieb nicht herge⸗ ben mußt— einem Koͤnige von Pohlen und Kurfuͤrſten von Sachſen zu trotzen mit ſo einem Luͤmmel— Weib! biſt Du naͤrriſch! So ſtuͤrzte der Oberſte zur Thuͤre hinaus, und wollte gleich nach Dresden reiten, um dort — 204— Feuer anzublaſen gegen den Eigenſinn der alten Here. Allein die erſte Hitze war bald verraucht. Die arme Mutter dauerte ihn. Er blieb vor der Hand in Chemnitz und reiſete erſt den naͤch⸗ ſten Sonntag, in Familienangelegenheiten, nach Dresden, wo er denn dem Koͤnige ſeine Auf⸗ wartung machte und dabei die Spitzenhaͤndler⸗ Anekdote recht lebendig erzaͤhlte.. Auguſt fand dieſe ſo ergoͤtzlich, daß er den Ober⸗ ſten bat, am folgenden Tag den Herzog von Sach⸗ ſen⸗Weißenfels bei der Tafel damit zu beluſtigen. Das geſchah. Während aber noch Alles dar⸗ uͤber lachte, ſagt ein Page dem Koͤnige etwas in's Ohr, oͤffnet nach heimlich empfangenem Be⸗ fehl die Saalthuͤre, und— hereintreten—— der lange Gottlieb und die alte Hexe.—— Gottlieb fuhr dem Koͤnige toͤlpiſch nach der Hand, die Mutter aber fiel ihm zu Fuͤßen, und bat heulend und ſchreiend, ihren einzigen Sohn nicht von dem geaͤngſteten Mutterherzen zu rei⸗ ßen. Als ſie aber unfern der Koͤnigin den Ober⸗ ſten Rauſendorf erblickte, las ſie dieſem, immer noch knicend, mit untermiſchten Ehrentiteln, ſo tuͤchtig den Terxt, daß man am Ende kein Wort mehr verſtand vor dem ſchallenden Gelaͤchter um die ganze Tafel. Waͤhrend die Alte ſo fulmi⸗ nirte, ſtand Gottlieb ganz verdutzt da, und ſtieß — 205— ſie immer warnend mit der Muͤtze, ihrem Mun⸗ de Zaum und Gebiß anzulegen. Der Koͤnig, ungemein ergoͤtzt von der Scene, dankte Rauſendorfen fuͤr den verſchafften Lach⸗ ſtoff; die Alte aber nebſt ihrem Sohne ließ er, unter dem Verſprechen, daß ihrem Gottlieb kein Leid widerfahren ſolle, abfuͤhren und in der Hof⸗ kuͤche abfuͤttern. Noch denſelben Tag wollten die geaͤngſteten Zwei, dem Landfrieden nicht trauend, die Heim⸗ reiſe antreten. Der Koͤnig aber, dem die au⸗ ßerordentliche Laͤnge des jungen Mannes geſallen hatte, ließ ihm ernſtlich Heiduckendienſte, ſeiner Mutter aber, wenn ſie ihre kleine Wirthſchaſt in Lungwitz verkaufen wollte, eine Penſion an⸗ bieten, welches denn auch von beiden, nachdem man ſich gehoͤrig ſicher geſetzt hatte, genehmigt ward. In der Charwoche 1716 zogen ſie nach Dresden, wo es ihnen denn bald recht wohl geſiel. Der lange Gottlieb beſonders fuͤhlte ſich bei Hofe weit gluͤcklicher, als daheim hinter dem Pfluge, denn, abgerechnet, daß es wohl noch haͤr⸗ tere Lebensweiſen giebt, als die der Heiducken, ward ihm auch das Joch ſeines Dienſtes ungemein ſanft und ſeine Laſt leicht.— Er hatte nehmlich, weil ein Heiducke von gleicher Laͤnge nicht aufzutreiben war, nichts zu tragen, ſondern ag e — 206— nur in Heiduckenlivree gewoͤhnlichen Hoflakaien⸗ dienſt zu thun. Das muͤßige Leben aber maͤſte⸗ te ihn, und ſo ward er denn bald ſo dick und lang, daß er ſich herrlich zu einem Kammer⸗ tuͤrken eignete, welche Stelle er auch 1720 ſchon erhielt und bis an ſein ſeliges Ende be⸗ kleidete. Die tuͤrkiſche Tracht ließ ihm trefflich. Der Koͤnig hatte ihn gern um ſich, weil er mit der groͤßten Treue und Ehrlichkeit eine Gerad⸗ heit ſondergleichen verband, die nicht ſelten Stoff zum Lachen gab. Auf den damals ſo haͤufigen Rei⸗ ſen nach Warſchau durfte der lange Gottlieb nie fehlen, und die polniſchen Staroſten und Mag⸗ naten ergoͤtzten ſich nicht wenig an dem Lungw 1z⸗ zer Tuͤrken. Von ſeinem bisweilen ziemlich derbdrolligem Thun und Weſen erzaͤhlte man ſich eine Menge Anekdoten. Eine der drolligſten trug ſich bei einem Landtage in Warſchau zu. Die Tafel zu ſehen, welche der Hof am Ta⸗ ge der Landtageroͤffnung gab, war der Zudrang der Neugierigen ſo ungehener, daß ſelbſt die Ge⸗ ladenen, trotz den platzmachenden Garden, nicht ſelten Muͤhe hatten, ſich durchzuarbeiten. Der lange Gottlieb aber durfte am Eingange zum Speiſeſaale nie fehlen, ſo verlangte es ſein Dienſt. Dem gemaͤß hatte er auch diesmal Platz genommen in der Mitte der, einen Kreis — um die Thuͤre bildenden Garden, und half wak⸗ ker mit, dem Andrange des Volks zu widerſte⸗ hen. Unter der Menſchenwolke aber ſchmachtete nebſt andern ein Hoflichtſchreiber, den der Dienſt in's Tafelzimmer rief. Klein von Statur, ſchwach an Kraft, vermochte das Maͤnnchen nicht, ſich durchzuarbeiten. In dieſer großeen Noth flehre er, aus der Tiefe rufend, den langen Gott⸗ lieb um Huͤlfe an. Dieſer, der beſonders mit kleinen Figuren gern Scherz trieb, langte nun uͤber alle Köpfe hinunter nach dem eingequetſch⸗ ten, unſichtbaren Maͤnnchen, hob es, wie einen Federball, in die Hoͤhe, uͤber die Gardiſten weg und ſetzte es wohlbehalten im Saale nieder; wor⸗ uͤber denn ein allgemeines Gelaͤchter an der Tafel, noch mehr unter den Neugierigen außer dem Saa⸗ le entſtand, ſo daß endlich die Kammermuſik da⸗ von uͤbertaͤubt, aufhoͤrte zu ſpielen und ſogar alle Geiger und Blaͤſer in Lacher ſich verwandelten. Der lange Gottlieb— denn ſo hieß er in Dresden bis an ſein ſeliges Ende— hatte uͤbrigens kein langes Leben. Muͤſſiggang und zu gute Nahrung machten ihn, wie bemerkt, ſo ungeheuer fett, daß er in den vierziger Jahren ſchon, wie ein Greis, ſchleichen mußte, und zu⸗ letzt auch ſeinen bloßen Statiſtendienſt nicht mehr verſehen konnte. unbehuͤflichkeit und andere kor⸗ — 208— berliche Beſchwerden nahmen ihm allmaͤhlig auch ſeine gute Laune und er aͤußerte oft: Wenn ihn ſein gnaͤdigſter Koͤnig hinter dem Pfluge gelaſ⸗ ſen haͤtte, ſtatt ihn an den Hof zu zie⸗ hen— wie er ſich immer ſcherzhaft ausdruͤckte — ſo waͤre gewiß aus dem langen auch ein alter Gottlieb geworden, der nun mit all' ſeiner Laͤnge ſo fruͤh ſchon in das kurze Gras beißen muͤſſe. Seine letzten Stunden verlebte er auf ei⸗ nem Dorfe bei Moritzburg, wo ihn der Koͤnig zur Kur hatte einmiethen laſſen, und wo er auch im 43ſten Jahre ſtarb. Seinem Wunſche gemaͤß— denn er wollte durchaus in der Naͤ⸗ he ſeines koͤnigl. Herrn ſchlafen und ſtandesmaͤßig begraben ſeyn— ward er als Leiche nach Dresden geſchafft. Sein Leichenbe⸗ gaͤngniß, welches durch die ganze Hofdienerſchaft verherrlicht ward, brachte halb Dresden in Al⸗ larm, denn alle Welt wollte den langen Gott⸗ lieb begraben ſehn. Bei verdoppelter Traͤger⸗ zahl waͤre aber doch der Sarg unterm Pirnai⸗ ſchen Thore, wo der Weg etwas ſchnell bergab geht, beinahe hingeworfen worden. Der lange Gottlieb war lange das Stadtgeſpraͤch. Sei⸗ ne Mutter uͤberlebte ihn noch zwei Jahre. — 209— Buͤcher⸗Freunde.. Der Gelehrte, auch der bloße Freund der Lektuͤre, nennt ſeine Buͤcher, wenn er ſo recht gemuͤthlich von ihnen ſprechen will, ſeine Freunde. Einen paſſendern, erquickendern Ausdruck dafuͤr giebt es wohl nicht; denn Buͤ⸗ cher vereinigen in ſich doch wahrlich Alles, was man nur von Freunden erwarten, wuͤnſchen, fordern kann. Buͤcher belehren nehmlich, troͤſten und unterhalten— ſie bewirken Weinen und Lachen — ſie ſtaͤrken zu Thaten und wiegen in Schlum⸗ mer— ſie ſprechen, wenn man will— ſie ſchweigen, wenn man will— ſie kommen, wenn mah ſie ruft— ſie gehen, wenn man ihrer ſatt iſt— ſie vertragen Widerſpruch und Tadel, ſey er gegruͤndet oder nicht— ſie kleiden ſich, wie man es verlangt— ſie bleiben ruhig auf der Stelle, die man ihnen anweiſet— ſie ſchwatzen nicht aus der Schule— ſie achten nicht Rang und Stand, ſie bleiben wie ſie ſind, und ihre Jahre nehmen oft in Jahrhunderten kein Ende— ſie haben, und wenn ſie gar nicht mehr vermoͤgen, dem Zahne der Zeit zu wider⸗ ſtehen, doch immer noch ſo viel Kraft in ſich, Stoff zu geben, zur Schoͤpfung aͤhnlicher Freunde. II. Bändch. 9 Der einzige Fall, worin ſie treuen Freun⸗ den nachſtehen, iſt— daß ſie die Feuer⸗ probe nicht aushalten. Das iſt aber (sub rosa geſprochen, damit die treuen Freun⸗ de es ja nicht hoͤren) in mancher Hinſicht recht heilſam, denn ſo manche Antoren wehren ſich ſchon genug gegen die Maculatur— koͤnn⸗ den ſie nun vollends auch feuerfeſt ſchreiben, was ſollte am Ende aus allen Buͤchern werden.— Doktor Reinhard auf dem Wege nach ſeinem Landhauſe bei Wittenberg. Von großen Maͤnnern haben auch kleine Anekdoten Intereſſe. Hier eine der Art! Reinhard, der Unvergeßliche, als er noch Profeſſor in Wittenberg war, hatte bekannter⸗ maßen ein Landhaus unfern der Stadt, wo er in philoſophiſcher Ruhe ſeine gluͤcklichſten Stun⸗ den verlebte, und ſeine Predigten nicht ſelten concipirte, memorirte, declamirte. Auf dem Wege nach dieſer Villa, holte Reinhard einſt zwei ſeiner beſten Freunde— ju⸗ riſtiſche Profeſſoren— ein, und wollte ſich eben denſelben unbemerkt anſchließen, als dieſe, Fuf⸗ — 211— tritte hoͤrend, ſich umdrehten, und— Reinhar⸗ den erblickend, ihn freundlich willkommen hießen. „Laßt uns den kleinen Schaͤcher in die Mitte nehmen!“ ſagte ſcherzend der Eine, und trat auf die Seite. Der andre ſtimm⸗ te bei und that ein Gleiches. Reinhard war, wie bekannt, nicht groß von Statur.„Ei, ei, meine Herren!“ erwie⸗ derte er, in demſelben ſcherzhaften Tone,„man hoͤrt es doch gleich, daß Sie keine The⸗ ologen ſind,— haben Sie vergeſſen, daß die Schaͤcher unſerm Herrn und Meiſter zu beiden Seiten hingen? Großguͤnſtiges Anerbieten. Ein ſaͤchſiſcher Oberſter hatte im dreißigjaͤh⸗ rigen Kriege an eine fremde Provinz eine For⸗ derung von vielen tauſend Thalern erlangt, die er, alles Bittens, Erinnerns und Drohens un⸗ geachtet, immer nicht eintreiben konnte. Als ſich aber endlich eine ſichere Ausſicht dazu zeig⸗ te, ſchrieb der Glaͤubiger an einen ſachſiſchen Kriegs⸗Sekretaͤr, der in jener Provinz eben in Dienſtangelegenheiten ſich aufhielt, und auf deſ⸗ ſen Aufmerkſamkeit in der Sache viel ankam, unter andern alſo: O9 2 „Alß bitt ich, der Herr wollte doch vleißig in quiriren, Mich darvon, ſo⸗ bald er darhind kombt, vnbeſchwert ſchleunig advertiren, und ſonſten da⸗ bei wie Er wohl thun kann, gutte offi⸗ cia leiſten. Ich verſpreche Ihme, daß er vor ſeinen vleiß ein gut Paar Handſchuh haben ſoll und verblei⸗ be ohne dieß des Herrn dienſtwilliger Freund N. N. Waren damit nicht etwa auf eine ſinnige Art ſilberne Handſchuhe gemeint, ſo ſetzt jenes Anerbieten fuͤrwahr einen hohen Grad von Sparſamkeit im Geben, wie von Gnuͤg⸗ ſamkeit im Empfangen voraus. Jetzt duͤrfte man in dergleichen Angelegenheiten wohl ſchwer⸗ lich mit Handſchuhen auftreten. Die Familie des Dr. Spieß. „Ich habe,(erzaͤhlte unter andern der ehr⸗ liche Luther) einen geſehen, der kundt alles; ſagt man von Kriegen, ſo hatte er, weiß nicht wie viel Hannibal geſchlagen; ſagt man von Recht und Weisheit, ſo hatte er funfzehn Sa⸗ ſomon im Maul, im Herzen einen ganzen Schwarm von Narren. Niemand war ichtwas (etwas). Er war es alles, daher nennt man ihn Doktor Spieß. Aber ſein Geſchlecht hat ſich faſt gemehret, daß nit allein in Koͤ⸗ nigen und Fuͤrſtenhoͤfen viel D. Spieß ſindt, ſondern auch in Staͤdten und auf dem Land will jedermann D. Spieß ſeyn und wenn ers Regiment haben kann, ſo verſiegelt ers auch warlich alſo, daß man ſagen muß: „Hier iſt D. Spieß geweſen.“” Dieſe, wie man ſieht, uralte Familie muß ein be⸗ ſonderer Schuͤtz⸗ und Guͤnſtling der Natur ſeyn — denn, ob auch Geſchlechte um Geſchlechte ausſterben, ſie erhaͤlt ſich immer, nimmt eher zu, als ab— und zaͤhlt eben jetzt eine ſo be⸗ deutende Sippſchaft, daß an ein Ausſterben gar nicht zu denken iſt.— 1 Bunte Steinchen. Oeffentliche Sterbeanzeigen. VWieleicht intereſſirt es, das Alter der Ster⸗ beanzeigen in den Zeitungen zu wiſſen, durch welche letzteren man ſeitdem auch Geburten, Vermaͤhlungen, Ortsveraͤnderungen, Dankſagungen u. ſ. w. auf eine eben ſo bequeme, als nuͤtzliche Art bekannt macht. Der erſte Vorſchlag dazu geſchah vor 36 Jahren den zten Januar 1785 im Han⸗ növerſchen Magazin Nr. 2. unterzeichnet mit..... 9g9= J..... t. Wohl nicht leicht kann ein moraliſches Saa⸗ menkorn vieffaͤltigere Fruͤchte getragen haben und je tragen, als obiger Vorſchlag. Ungeheure Summen ſind dadurch in Zirkulation gekommen; denn wer weiß es nicht, daß die gedachten An⸗ zeigen mit zu den beſten Silbergruben der Zei⸗ tungen und Wochenblaͤtter gehoͤren.— Darum ſollte jedes Blatt dieſer Art jaͤhrlich den 7ten Januar mit den dankbarſten Erinne⸗ rungen an jenen Unbekannten feiern, wel der da⸗ mals eine ſo große Roſine in den oft ſo magern Teig der Zeitungs⸗ und Wochenblaͤtter knetete.— — 215— Geburtstag⸗Lichter. 8 Es iſt wohl eine recht paſſende Sitte, bei Ge⸗ burtstagen den Kuchen oder die Pyramide und dergleichen mit ſoviel Lichtern zu beſtecken, als das Geburrstagskind Jahre zaͤhlt; denn jedes Flaͤmmchen erinnert an eine erſtiegne Stufe der Lebenstreppe. Wehmuͤthige Gefuͤhle aber ſchafft es denn doch auch, wenigſtens dem, der Freude die Fuͤlle hatte in dieſer Zeitlichkeit, wenn, je groͤßer die Illu⸗ mination wird, des Grabes Finſterniß deſto naͤher ruͤckt. Kann man es deshalb jenem gnaͤdigen Fraͤu⸗ lein verdenken, welche, mit einem Lichterkuchen von den kleinen Neffen und Nichten angebunden, im Augenblick der Kuchenerſcheinung boͤſe Augen und boͤſe Laune bekam, die Lichter ausblies und vor Aerger kaum im Stande war, ſich zu bedan⸗ ken.— Es brannten aber auch— das Lebens⸗ licht abgerechnet— 56 Lichter auf dem Kuchen— und dieſe gaben doch in der That eine ſolche Helligkeit, warfen einen ſo ſtarken Schein auf ihr langes Fraͤulein⸗Leben, daß boͤſe Augen und boͤſe Laune ſehr natuͤrlich erfolgen mußten. Dorf⸗Schauſpielhaus. Vor etwa 40— 50 Jahren gab es Schau ſpiel⸗ haͤuſer nur in Reſidenzen, auch Re ich s⸗ und Hangelsſtaͤdten; ſpaͤterhin entſtanden derglei⸗ chen Zuch in mittlern Provinzialſtadten. Der als Packiot und Gelehrter gleich achthare, verſtorbene — 216— Traugott Auguſt von Gersdorf auf Meffers⸗ dorf in der Oberlauſitz baute vor etwa 20 Jahren in ſeinem Rittergutsdorfe Meffersdorf ſogar ein Dorf⸗Schauſpielhaus fuͤr herumziehende Geſellſchaften.— Das moͤchte wohl das einzige ſeiner Art in Dentſchland ſeyn, und darf deshalb von einem kuͤnftigen Geſchichtſchreiber des deut⸗ ſchen Theaters nicht unbcachtet bleiben. Vorſchlag. Proletarii hießen bei den Roͤmern die niedrig⸗ ſten Buͤrger, die dem Staate blos als Bev oͤlke⸗ rer dienten. Wie, wenn man kuͤnftig ſo jene Schriftſteller nennte, deren Produkte nur Speiſe fuͤr die Buchdruckereien und Wickelbogen fuͤr die Kraͤmer ſind! Nicht Wachsſtock— ſondern Wachslicht. „Er iſt doch ein wahrer Wachsſtocck,“ ſagt man von einem dummen, ſteifen, unbehuͤlfli⸗ chen Menſchen— und doch iſt gerade der Wachs⸗ ſtock etwas recht Angenehmes„ holde Ju⸗ gendbilder Erweckendes, Schmieg⸗ und Biegſames, das zu den lieblichſten Formen ſich geſtalten laͤßt, und im haͤuslichen Leben aller Augenblicke bei der Hand ſeyn muß.— Nichts aber iſt dagegen ſteifer, unbiegſamer, jeder andern, als der einmal erhaltnen Form widerſtrebender, als das Wachslicht.— Niicht blos billig alſo, ſondern gerecht waͤre es, wenn man dem Wachsſtocke die Ehre gaͤbe, die man ihm ganz unpaſſend genommen hat und dafuͤr einen dum⸗ — 217— men, ſteifen, unbehuͤlflichen Menſchen lieber ein Wachslicht nennte. Die Erfindung der Kunſt. Dibutates, ein Toͤpfer zu Sicvon, hatte eine Tochter und dieſe Tochter einen Geliebten, wel⸗ chen Verhaͤltniſſe auf laͤngere Zeit von ihr ſich zu trennen noͤthigten. Ihr Herz war deshalb tief bekemmert, ihr Auge ſchwamm in Thraͤnen. In ſo ſchwermuͤthiger Stimmung erblickte ſie, beim Schein einer Lampe, des Geliebten Schatten an der Wand. Mit zitternder liebevoller Hand zog ſie eine Linie, welche dem Umriſſe des Schat⸗ tens folgte.— So entſtand das erſte und zwar ein Schatten⸗Bild. Ihr Vater, der Toͤpfer, belegte es mit Thon und brannte es im Ofen. So entſtand das erſte Hautrelief. Die geringſte Klaſſe der Kuͤnſtler, die Schat⸗ tenbildner(Silhouetteurs) konnen ſtolz ſeyn auf die Entſtehung der Kunſt, wie ſie wenigſtens Plinius im 35 Buch ſeiner Naturgeſchichte er⸗ zaͤhlt. Das Salz der Erde. Wenn große Geiſter das Salz der Erde ſind, ſo iſt es in der That eine weiſe Einrichtung der Natur, daß ſie ſo ſelten erſchei⸗ nen, ſonſt wuͤrde den armen kleinen Geiſtern auch gar zu ſehr das Wallen auf Erden verſalzen. — — 218— In einer Verordnung des Zittauer Rathes von 1353 heißt es unter andern: Kein Buͤrger ſolle ſpitzige Schuhe tragen, wenn er nicht gewaͤrtig ſeyn wolle, daß man ihm die Schuh⸗ ſpitzen abhaue; die Kleider ſolle man wenig⸗ ſtens ſo lang tragen, daß ſie die Schande bedeck⸗ ten; keine Frau oder Jungfrau ſolle Koͤgeln (Tuͤrkenbundartige Hauben mit ungeheuerm Kopf⸗ putz von Baͤndern und Tuͤchern) tragen, indem dieſe kuͤnftig nur des Zuchtmeiſters und des Henkers Maͤgden zu tragen geboten wuͤrden.— Das war doch eine durchgreifende Maßregel. 6 Hausvaͤterliche Strenge. Der Goͤrlitzer Buͤrger meiſter Georg Emm⸗ rich, welcher 1480 das ſogenannte heilige Grab zu Görlitz anlegen ließ, war ein ſo wohlhabender Mann, daß Luther ihn ſcherzweiſe nur den Goͤrlitzer Koͤnig nannte; und doch ließ dieſer Emmrich einſt, als er eben das Buͤrgermeiſter⸗Amt verwaltete, ſeine eigne Haus⸗ frau nebſt Toͤchtern durch den Thuͤrſteher aus der Kirche fuͤhren, weil ſie„mit gar zu breiten Boͤrteln auf dem Haupre, ſo doch in der Stadt⸗Willkuͤhr verboten geweſen, ins Gotteshaus gekommen.“ — Ehrlicher Emmrich! wenn Du die Boͤrteln auf den Haͤuptern und Schultern der jetzigen— nicht etwa Buͤrgermeiſters⸗— ſondern Buͤrgers⸗ 3 Toͤchter, ja wohl Buͤrgersdienſtmaͤdchen ſehen Kleider⸗Polizei im 14. Jahrhundert. ſollteſt, du ließeſt ſie durch deinen Thuͤrſteher an den Kirchthuͤren gleich abweiſen!— Irdiſches Verdienſt. Ein reicher Toͤpfer hatte ein Rittergut ge⸗ kauft, eine ziemliche Reihe von Jahren beſeſſen, dem Pfarrer und Schulmeiſter viel Liebes und Gutes erwieſen, und endlich beiden ſogar, bei Verwechſelung des Zeitlichen mit dem Ewigen, ein recht erkleckliches Legat ausgeſetzt. Was war alſo billiger, als daß Beide dem Heimgegange⸗ nen durch ein Trauergedicht im Tode noch Ach⸗ tung und Dank zu beweiſen ſtrebten. Der Pa⸗ ſtor war erboͤtig, die Verſe zu machen, der Schulmeiſter, ſie ſchoͤnſtens auf's Reine zu ſchreiben. 1 Erſterer dichtete; So biſt Du Theurer! dens nun hingegangen, Des irdiſchen Verdienſtes Krone zu empfangen u. ſ. w. Der Schulmeiſter ſchrieb: So biſt Du Theurer! denn nun hingegangen, Des irdenen Verdienſtes Krone zu empfangen— Drob wollte der Paſtor aus der Haut fah⸗ ren— der Schulmeiſter aber ermahnte ihn, drinn zu bleiben, weil irdenen weit poetiſcher klinge, als irdiſchen. Der Paſtor blieb auch wirklich in der Haut und der Schulmeiſter— beim irdenen Verdienſte. Goͤtzendienſt. Ein junger Herr, der gegen ſein Herzgeſpiel immer nur vom Veragoͤttern, vom Anbeten u. dgl. ſprach, heurathete endlich die Vergoͤtterte, die Angebetete, und es war, wie natuͤrlich, von ſolchen Floskeln bald nicht mehr die Rede. Als ihn nun einſt ſeine Gemahlin an jene graue Vorzeit der Liebe erinnerte, erhielt ſie zur Ant⸗ wort:„Die Juden haͤtten auch lange Goͤtzendienſt getrieben, ehe ſie zur Anbetung des wahren Gottes gekom⸗ men waͤren.“ Langbeins Paſtor Schmolke und Schulmeiſter Bakel iſt wohl maͤnniglich als eine echt komiſche poe⸗ tiſche Erzaͤhlung bekannt. Weniger bekannt aber duͤnfte es wohl ſeyn, daß der Stoff dazu ganz aus Monthly Revieu for June 1778. genom⸗ men iſt; nur daß dort, ſtatt eines Paſtors und Schulmeiſters, ein Paar Barfuͤßer⸗ Möoͤnche die Hauptrollen ſpielen. Himmelbetten. Nur in ſolchen ſchliefen unſere guten Alt⸗ vordern vom Tage der ehelichen Verbindung bis zum Tage der irdiſchen Aufloͤſung. Wir aber haben dieſe antike Moͤbeln laͤngſt ſchon abge⸗ ſchafft, ſonder Zweifel, weil die Ehen im mo⸗ dernen Geſchmack die Himmelbetten nur zu bald in Hoͤllenbetten verwandelten. In dieſem Geſchmacke aber koͤnnte man den bibliſchen Ausdruck: Bettete ich mich in die Hölle— allenfalls auch uͤberſetzen: Wollte ich heirathen. Spaniſche Schafzucht. Man ſprach davon, daß der Landesherr eine namhafte Summe zum Ankauf Spaniſcher Schafe beſtimmt habe. MNein— das iſt zu toll— bemerkte eine Dame im heiligen Eifer— die herrlichen Engliſchen Waaren— dagegen eifert man— die will man nicht hereinlaſ⸗ ſen— Spaniſche Schafe aber— die werden ſogar verſchrieben.— Kann denn der Hof nicht ſo gut, als unſer eins, inlaͤn⸗ diſchen Schoͤpſenbraten ſpeiſen?— Die Schule der Ehe. Oft ſchon iſt die Ehe mit einer Schule verglichen worden und zwar ſehr richtig, denn man muß ja darin brap ſtill ſitzen, tuͤchtig ler⸗ nen(beſonders Geduld), mit dem Nachbar ſich vertragen, einer guten Rechenkunſt, beſonders des Dividirens, ſich befleißigen u. ſ. w. Die groͤßte Aehnlichkeit aber mit der Schule hat die Ehe im Anfange. Die Zuckerduͤte, womit das Kind in die Lernfalle gelockt wird, iſt die Hochzeit und die großen Roſinen ſind die Flitterwochen. Ach! wie Mancher geht in die Schule der Ehe der Zuckerduͤte wegen und findet nichts darin, als— ein paar gro⸗ ße Roſinen.— Die Prachtoper. Das wird eine Prachtoper werden— be⸗ — 222— merkte eine Dame— man braucht dazu uͤber 100 Statiſtiker.— Sammt allen Creaturen. Ich glaube daß mich Gott geſchaffen hat, ſammt allen Creaturen u. ſ. w. ſollte die kleine Tochter eines Buchdruckers beten, ehe ſie zu Bette ging. Die Acuglein aber fingen bereits an zuzufallen, die Zunge vermochte nur noch glaͤubig zu lallen— und ſo betete ſie denn mit einfaltigem Herzen und kindlich⸗frommem Geiſte: „Ich glaube daß mich Gott geſchaffen hat, ſammt allen Correkturen— Wie in⸗ bruͤnſtig koͤnnten doch alſo manche Schriftſteller beten!. Wo—: Wie? „Wo mag wohl heute der Thaler liegen, den ich morgen haben muß? ſeufzte ein armer Teufel.— 8 Das kuͤmmert mich nicht— ſagte ein ardre, auch nicht reicher— aber, wie er ehrlich in meine Taſche kommen ſoll — da liegt der Hund begraben.— Wie viel ehrliche arme Teufel ſeufzen doch eaͤglich uͤber ſolche Hundebegraͤb⸗ niſſe. Spiel unter Zweien. Die meiſten Spiele zwiſchen Zweien haben etwas Langweiliges— doch giebt es eins, das — wenigſtens in gewiſſen Jahren— nie lang⸗ — 9223— weilt— das man immer erſt begonnen zu ha⸗ ben meint, wenn Zeit und Verhaͤltniſſe einen Abſchnitt beſtimmen— das Jedes ohne Anwei⸗ ſung lernt— Jedes meiſterhaft ſpielt— wobei der Drittmann, und waͤr er noch ſo unterhal⸗ tend, allemal langweilend erſcheint— ein Spiel, welches noch nie aus der Mode kam, auch nicht untergehen wird im Strome der Zeit, ſo lange noch ein Maͤnnlein und Fraͤulein darauf ſchwim⸗ men— ein Spiel, das den Armen, wie den Reichen ergoͤtzt— in welchem der Duͤrftigſte oft mehr Geſchick und Gluͤck hat, als der Wel⸗ tenuͤberwinder— ein Spiel, das meiſt als Hazard⸗Spiel behandelt wird, wobei aber — und darin unterſcheidet es ſich von allen Kunſt⸗ und Hazardſpielen— in der Regel ent⸗ weder beide Theile gewinnen, oder beide Theile verlieren— welches letztere am haͤufigſten der Fall iſt— Darf ich es erſt noch nennen, das zaͤrtliche Tote à téetel— Fuͤrſtliche Augenſalbe. In der vom Oberhofprediger Oechslin zu Stuttgard auf den 1737 verſtorbnen Herzog von Waͤrtemberg, Karl Alexander, gehaltnen Leichenrede heißt es unter andern: „Wir empfehlen Dir Herr unſer Gott unſ⸗ re Durchl. Frau Herzogin. Deine Hand hat ihr ſolche Wunden geſchlagen; es kann ſie auch Niemand vom Grunde aus heilen, denn Du allein; was ſollen wir wider den Herrn und andre murren. Als der Heiland dem Blindge⸗ — 111 — 224— vornen Koth auf die Augen gethan, da wurde er ſchend. Unſer Durchl. Herzog geht jetzt in Verweſung. Mach Du dieſen Zufall ihr zur Augenſalbe, zu ſehen, wie es wahr iſt, die Welt vergehe mit ihrer Luſt ꝛc. 1 Bild vom Leben. Eins der paſſendſten Bilder des menſch⸗ lichen Lebens iſt wohl das der bunten Maskenzeit, welche mit der Aſchermitt⸗ woche ſich endigt. Denn, was bleibt nach al⸗ len Rollen, die wir geſpielt, nach allen Poſ⸗ ſen, die wir getrieben, nach allen Masken, die wir vorgenommen, nach allen Verklei⸗ dungen, die wir getragen, als—— ein Haͤuſchen Aſche.— e. Zeihungen. kommen mir vor wie ein vieltauſendfaches Echo, das ſich zuletzt in den Ohren der Bauern ver⸗ liert. Anachronismus. 1779 war das bekannte Teſchner Frie⸗ dens⸗, 1763 das bekannte gute Wein⸗ jahr, und doch ruͤhmte ſich ein bekannt r guter Zecher, am Teſchner Friedensfeſte in echtem Drei und Achtziger ſich benebelt zu haben. 9 —— — 225— Steckenpferde. 3 iſt doch traurig— ſeuſzte ein alter Herr— daß man auch nach und nach den Sinn fuͤr Alles verliert, was einen ſonſt ergoͤtz⸗ te— Malerei— Muſik— Theater— alle dieſe und andere Steckenpferde ſind mir geſtorben.— „Und dasmit Recht— ſagte ich—„der Tod iſt ein Infanteriſt— der Kampf mit einem Kavalleriſten waͤre zu un⸗ gleich— darum laͤßt er das Pferd fallen, ehe er dem Reuter zu Leibe geht. Kabale und Liebe. Daß Einer auf dem Anſchlagezettel ſtatt: Menſchenhaß und Reue— geleſen hat: Menſchen— Haſen und Rehe— iſt be⸗ kannt genug. Neulich aber, als Kabale und Liebe angeſchlagen war, behauptete ein alter Herr, der ſich wenig um Theaterſtuͤcke bekuͤm⸗ merte, in allem Ernſte: man gaͤbe Kabale und Hiebe.„. Im Schweiße des Angeſichts ſollſt Du Dein Brod eſſen. Was moͤgen wohl ſo manche reiche Muͤßig⸗ gaͤnger von dieſem Spruche denen!— Faſt thaͤt es Noth, ſie naͤhmen taͤglich eine Portion Minderſchen Schwitzgeiſt, damit ſie nur auch mit der Bibel ſagen koͤnnten: daß ſie im Schweiß des Angeſichts ihren Bra⸗ P — 226— ten, ihre Melonen, ihre Torten ꝛc. eſ⸗ ſen muͤßten. Auſtern. Eſſen Sie gern Auſtern? ward ein gnaͤdiges Fraͤulein gefragt. 31 Antwort: Meinen Sie mit oder ohne Montirung.. 8 Das gnaͤdige Fraͤulein hatte nehmlich wohl oft Erdaͤpfel mit der Montirung, aber nie Auſtern gegeſſen und doch von Auſterſchaa⸗ len gehoͤrt. 4 Das letzte Wort und der letzte Biſſen. So wie es Menſchen giebt, die im geſelli⸗ gen, gelehrten und geſchaͤftigen Leben immer das letzte Wort haben wollen, ſo giebt es auch wieder welche, die bei der Tafel immer nach dem letzten Biſſen trachten. Sollte ich zwiſchen beiden im Umgange waͤhlen, ſo wuͤrde ich unbedenklich die erſtern vorziehen, denn, wer immer Recht, und ſomit das letzte Wort ha⸗ ben will, iſt doch in der Regel nicht gerade ein Dummkopf— die aber immer nach dem letzten Biſſen trachten, gehoͤren meiſt zu den ſogenannten Verfreſſenen, welche auf Gottes Welt fuͤr nichts Sinn haben, als fuͤr die Schuͤſſel.— Naturhiſtoriſch koͤnnte man ſie zu den wiederkaͤuenden Thieren rechnen, wel⸗ che in der Regel die wenigſten Anlagen beſitzen. — 227— . D r. Joachim Cratz, ein Rechtsgelehrter zu Prag, ward dort am 12. Februar 1630 verhaftet, weil er ſich im 3ojaͤh⸗ rigen Kriege als politiſcher Horcher hatte ertappen laſſen. Er ſchlich ſich nehmlich mit in die Verſammlung der evangeliſchen Staͤnde zu Leipzig, welche dort uͤber Maßregeln gegen das bekannte kai⸗ ſerliche Reſtitutions⸗Edikt ſich berathſck la⸗ gen wollten. Ehe man aber zu den Delibera⸗ 8 tionen ſchritt, zaͤhlte man die Deputirten. Dr. Cratz, welchen Einer der Anweſenden erkannt hatte, ward uͤberzaͤhlig befunden und ſogleich nach dem Schloſſe zu Hohnſtein, drei Mei⸗ len von Dresden, den 27. Oktober 1632 aber auf den Koͤnigſtein geſchafft, mit dem Befehl an den Kommandanten, dem Gefangenen Din⸗ te und Feder nie zukommen zu laſſen. Erſt nach dem weſtphaͤliſchen Frieden(im Februar 165⁰) kam er wieder auf freien Fuß, und ward vom Kaiſer fuͤr 19jaͤhriges Gefaͤngniß in den Adelſtand und zum Apellationsrathe in Prag er⸗ hoben. Sein Wahlſpruch war und blieb ſeit ſeiner Verhaftung. Hören iſt wohl gums Gach'“, Horchen bringt manch Ungemach, Ob man gleich horchet fürs Vaterland, Geräth man doch oft in Elend und Schand“, Drum prägt euch wohl die Lehre ein: Ein Hörer, doch nimmer ein Horcher zu ſeyn. „ P 2 — 228— Holke's Tod betreffend. (Aus einem Originalbriefe des Kurfuͤrſten von Sachſen, Johann Georgs I., an den Oberſtwachtmeiſter von Wangenheim, vom 2ten Sept. 1633.) „Welchergeſtalt geſtriges tages Matthes 4. Gunoßpe zu Ellefeldt ein Schreiben an Euch haltende, durch ein eigen Bothen anhero uͤber⸗ ſchicket, ſo vnns zu handen kommen; Wann Wir denn gnedigſt vermeinet, wuͤrde eines vnd das andere, ſo Vns zu Vnſerer nachrichtung zu wiſſen vonnoͤthen, in ſolchen zu befindenn ſeyn, Als habenn Wir daßelbige erbrochen, Vnd des Holcken ploͤtzlichen unverſehenenn Todtesfal zu Adorff vnd mehres draus vernommen. Daß aber der Holcken tod, hat Vns herzinniglichen vergnuͤget, war ein faſt boͤſer krigsknecht der Holcken, hat Vnſre armen Unterthanen baß geplaget. Werden Sein denkenn, abſonderlichen die Voigtlender, ſo lang innen die Augenn ofſtehn. Moͤgt Vns auch meldenn, da ihrs kennet erfahrenn, wie der Holcken abfahren. Wann ihme der libe Gott auch noch ſo leichtlichen ſein todesbett ge⸗ macht, muß Er doch nicht ſanffter drauf ſchla⸗ fen haben, denn Er gar offtermalen die Men⸗ ſchen faſt gſchunden Hiermit vberſenden Wier ¹ euch ꝛc. ꝛc.“ In demſelben Briefe iſt von: Koͤnigli⸗ cher As urelen zu Dennemarcken Her⸗ 8 ren Abgeſandten die Rede. Der Titel: Wuͤr⸗ digkeitſtatt Majeſtaͤt— iſt mir ſonſt nir⸗ gends in Schriften und Urkunden des 17ten Jahrhunderts vorgekommen. Zunftſtolz. Es war in der Mitte des ſechzehnten Jahr⸗ hunderts, als der Sohn eines Goͤrlitzer Tuchma⸗ chermeiſters in die ſchoͤne Tochter eines Goͤrliz⸗ zer Barbiers ſterblich ſich verliebte und— wie billig und recht— das holde Kind ehelichte.— Dies fanden aber die Goͤrlitzer Tuchmacher nicht nur nicht billig und nicht recht— ſondern ſo entehrend fuͤr ihre Zunſt, daß ſie dem Vater des gluͤcklichen Gatten deshalb das Handwerk legen wollten.— 2 Sollte man wohl glauben, daß einſt der Zunftſtolz ſo weit gehen konnte.— Um nun dergleichen Mesallianzen kuͤnftig ihre uͤbelwirkende Kraft zu nehmen, verordnete K. Ferdinand l. am 21ſten Januar 1552, die Barbiere kuͤnftig an allen Goͤrlitzer Zechen Theil nehmen zu laſſen.— Glaͤubige. Die traurige Witterung des Sommers 1818 hat bekanntlich in mehrern katholiſchen Laͤndern das Halten oͤffentlicher Gebete veran⸗ laßt. So ſtand denn unter andern auls Paris geſchrieben: Bei den geſtern gehaltenen vierzigſtuͤndigen Gebeten hatte ſich eine große Menge Glaͤubige einge⸗ funden. 4 Ein Kaufmann, der dieſen Artikel in einer 7 2 — 230— Geſellſchaft vorlas, und als ein Freund frem⸗ der, gelehrt klingender Worte, oft mitten im Vorleſen Ueberſetzungen ſich erlaubte, las denn auch diesmal ſtatt Glaͤubiger— Credito⸗ ren— und meinte: da wuͤrden wohl die Debitoren zu Hauſe fuͤr ſich allein lieber gebetet haben— denn Debi⸗ toren und Creditoren taugten nie zu⸗ ſammen.—. Das Sterbeplaͤtzchen. In der Dresdner Schreckenszeit 1813, als Kanonendonner und Einquartierung, Hunger und Sterben die ungluͤckliche Stadt aͤngſtigten und einem auf jedem Tritte und Schritte fran⸗ zoͤſiſche Soldaten begegneten, welche an der Thuͤre zum Schattenreiche lange ſchon angepocht zu haben ſchienen— in jener boͤſen Zeit ſchlich unter andern auch ſo ein ungluͤcklicher Flinten⸗ traͤger— denn Soldaten konnte man die Halb⸗ verhungerten nicht nennen— aus den Schan⸗ zen am Ziegelſchlage daher nach dem Pirnaer Thore.— Die Augen ſtarr und erloſchen— die Backen eingefallen wie Graͤber— der Mund offen— die Zaͤhne fletſchend— und dabei Toͤ⸗ ne heulend, die durch Mark und Bein gingen — ſo warf ſich erſchoͤpft— unvermoͤgend, noch einen Schritt zu thun, die Jammergeſtalt mit⸗ ten im Fahrwege des außerſt frequenten Thors nieder und ſtoͤhnte Worte, aus denen nur das oft wiederkehrende mourir zu verſtehen war. Neugierige in Menge umgaben den Ster⸗ benden. Mitten unter ſie draͤngte ſich ein Ser⸗ geant⸗Major. Als er vernommen, was es da gab, fuhr er mit einer Legion Fluͤchen den Un⸗ gluͤcklichen an, daß er im Fahrwege ſein Ster⸗ bebette aufgeſchlagen habe und befahl ihm, in halb hartem und halb ſcherzhaftem Tone, wenn er nun einmal abſegeln wolle, den Augenblick auf den Winkel zu kriechen. 3 Der ſterbende Krieger— gehorſam bis zum Tode— that, wie ihm geheißen— er kroch auf allen Vieren hinter eine Tabaksbude und verſchied.—. Aehnliche Wirkung. Die magiſche Wirkung des ça ira iſt be⸗ kannt genug. Ein aͤhnlicher Gaſſenhauer ver⸗ ſchaffte im 16ten Jahrhundert dem Reformator Kalvin unglaublich viel Anhaͤnger. Jede Stro⸗ phe ſchloß naͤmlich mit den Worten: O moi- nes, o moines, il faut vous marier! Mönchleins! Moͤnchleins! daß ihrs nur wißt, Weibleins, Weibleins, ihr euch nehmen muͤßt.— So uͤberſetzte man das Zauberlied in Nuͤrnberg, von wo aus es in alle Laͤnder deutſcher Zunge ſich verbreitete und offene Ohren und Herzen zu Tauſenden fand. Am haufigſten ſangen es die aus den Kloͤſtern entwichenen und ins buͤrgerliche Leben uͤberge⸗ tretenen Moͤnche. Verbeſſerungen. Band I. Seite 1 ſtatt Hantaſch lies Hantuſch. — —— 20— Droßler 1 Dre ßler. —— 2r— erlangte aber 1 erlangte er aber. —— Die Uebrigen alle waren l. die übri⸗ gen Alle aber. was man ꝛcl. was man im Leben Alles thun müſſe mit Freuden und dulden mit Ergebung, um ꝛc. r02— und ewig l. ewig. 137— auf die folgenden l. auch die fol⸗ genden. 4 169— zu Kauf l. zum Kauf. 171— Aultetraaten Koltekraneen. 174 nach: Wenn man aber auch t aus nur bemerkten vollgültigen Gründen. 304 ſtatt Spruch kollegium l. Spruch⸗Kolle⸗ gium. 4 219— befindet ſich I. befand ſich. — 240— unhetlig I. unheilig. 4 Seite 17 ſtatt Ciddy k. Liddy. — 32— Budei. Pudel. — 68— drückte l. drück. — 77— Katoptik I. Katoptrik. 34 ——— der deutſche l. des deutſche — v0o drohte— ſoll wegfallen. — z22 ſtatt Dolland 1. Dolond. — 133— ſchmunzelt emalitiös I. ſchmun zelte malitiös. — 144— Unterſchrieft 1. unterſchrift. — 132— gemeinnützger l. gemeinnütziger. — 159— Nu rrägt ſich dermalneins l. Nun. ꝛc. dermaleins. — nach 160 in der Seitenzahl iſt ſt 261 zu leſen 161. — nach 162 in der Seitenzahl iſt ſt. 263 zu leſen 163. — 20o9 ſtatt Buücher: Freunde l. Bucher reunde. * 8