4 von. 4 Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A, Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 135 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 3 für asbcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 3 Mk.— Pf. 1 Mt 50 Pf. 1 Mi. Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Wenn man dem Glaſe auch noch ſo nahe tritt, kann es doch nicht umgeſtoßen wer⸗ den.— Verriechen kann ſich der Wein nicht, denn— er iſt ſehr gut zugedeckt.— Genießen kann ihn Jeder, wer— den Deckel vom Glaſe nimmt.— Der ihn eingeſchenkt hat, iſt laͤngſt todt— war aber ein Ehrenmann und von uralter, glorreicher Familie. Von ſeiner Sippſchaft leben noch Viele— lauter Ehrenleute— ob ſie es aber wiſ⸗ ſen, daß ihr Ahnherr jenes Glas Wein eingeſchenkt hat, bezweifle ich faſt.— Dem jetzt das? Recht zuſtehen wuͤrde, ſo A2 „ — 4— ein Glas Wein einzuſchenken, der iſt die Krone der Familie— Der hat— ſo lang' es mich gedenkt— Nur reinen Wein ttets eingeſchenkt— und wird, wie es auch Andre treiben— Doch ſtets bei ſolchem Weine bleiben— Sein Haus— ach! ſterb' es nimmer aus!— Das iſt ein ächt altdeutſches Haus.— Die Aoͤdreſſe zu dem gedachten Labe⸗ ſchluͤckchen ſteht Jedem zu Dienſte, der mich— im Stillen darum befragt.— Oeffentlich kann ich ſie nicht geben; denn der Kompetenten moͤchten wohl gar zu viele ſich finden— und— ich kann nur ein Glas anbieten— nur eins— dafuͤr aber auch ein ziemlich großes— und— ein Weinel wie ein Rack.— Schwaͤchlichen Perſonen rathe ich nicht, ſich zu melden, denn das Glas ſteht fuͤr ſie zu hoch und zu tief— und der Deckel— ja der Deckel— der iſt allerdings etwas ſchwer, ſo daß nur eine beſonders kraͤftige Hand dazu gehoͤren duͤrfte, ihn abzunehmen. Ich ſelbſt bin kein Weintrinker— denn— ich mache bisweilen Verſe, und— bekannt iſt es ja maͤnniglich, daß die meiſten Dichter ihre Feuerlieder beim Waſſerglaſe ſingen.— Au⸗ ßerdem wuͤrde ich die alte Rheiniſche Ma⸗ v geneſſen; natuͤrlich lieber fuͤr mich behalten, 4 als oͤffentlich ausbieten.— 2 Es ſoll mich alſo recht herzlich freuen, wenn 5 Dieſem oder Jenem ein Gefallen mit gegen⸗ waͤrtiger Anzeige geſchieht— noch mehr aber, wenn ſo manchem Weinfreunde das Waſſer da⸗ bei im Munde zuſammenlaͤuft. Wein⸗Addreſſe. Kaum hatte ich das ebenbemerkte Glas al⸗ ten Rheinweins ausgeboten, da ließ ich auch meine Vorhausthuͤre mit einem neuen ſtarken Klingeldrathe verſehen, und zwar in der ſehr natuͤrlichen Vorausſetzung, daß der Frager kein Ende ſeyn werde— denn, wer trinkt nicht gern ein gutes Glas Wein— zumal gratis, und— vom Rhein.—8 Allein ich habe mir ohne Noth Unkoſten ge⸗ macht.— Keine menſchliche Seele hat die Ad⸗ „ dreſſe verlangt; ſonder Zweifel, weil Jeder, der gern mit dem alten Wein ſeinen jungen Gaumen geletzt oder ſeinen alten Magen 4 geſtaͤrkt haͤtte, in der Meinung ſtand, daß Jeder kommen und fragen und alſo das Glas Wein der Liebhaber ſo viel finden wuͤrde, daß am — 8 — 6— Ende kaum ein Bruchtheil Tröpfchen auf eine Zunge kommen duͤrfte.— Da ich aber doch unmoͤglich guten Wein, wie ſauer Bier, zu wiederholten malen aus⸗ bieten kann, ſo will ich lieber die verheiſene Addreſſe hier, als in einem Archive niederlegen, des feſten Glaubens, daß ſie einſt doch wohl ihren Benutzer finden werde. Das fragliche Glas Wein ſteht naͤm⸗ lich— auf der beruͤhmten Bergfeſte Koͤ⸗ nigſtein.— Im dritten Jahre des dreiſigjaͤhrigen Krie⸗ ges— 1621— iſt es eingeſchenkt wor⸗ den und wuͤrde alſo der edle Rebenſaft— waͤ⸗ re er auch gleich vom Stocke ins Glas ge⸗ wachſen— doch nun 200 Jahre alt ſeyn— iſt aber auf jeden Fall weit aͤlter, viel⸗ leicht 300 und mehr Jahre, denn als er ein⸗ geſchenkt werden ſollte, ward dazu der aͤlteſte Rheinwein erfordert, welcher in der Kellerei des Kurfuͤrſten von Sachſen aufzutreiben war. Das vielgenannte Glas Wein kann aber weder umgeſtoßen werden, noch ſich ver⸗ riechen, weil es— in dem Grundſteine der Magdalenenburg, alſo unter der, in letzterer befindlichen großen Kellerei mit dem be⸗ kannten großen Weinfaſſe ſteht. ₰ Wer im Stande iſt, dieſen Deckel vom Glaſe zu nehmen, dem wird— kaͤme ihm auch das Trinkrecht aus einem ſpaͤter anzugeben⸗ den Grunde nicht ſchon von ſelbſt zu— glaube ich, des Weinglasdeckels koͤniglicher Herr gewiß nicht wehren, durch den Genuß des alten Rebenſaftes fuͤr das ſchwere Deckelab⸗ heben ſich zu ſtaͤrken.— Der Weineinſchenker ward der Kurfuͤrſt von Sachſen, Johann Georg I.— deſſen er⸗ habene Sippſchaft noch herrlich ſteht, wie ein uͤppiger Weinſtock, und jugendlich gruͤnt, wie die ſchoͤnſte Raute— und alſo ſtehen und gruͤnen moͤge immerdar! Als naͤmlich der Kur⸗ fuͤrſt im Jahre 1621 nach Beendigung der Be⸗ lagerung von Bautzen den Bau der oben ge⸗ nannten Masdalenenburg anfangen ließ, war er bei den Feierlichkeiten des Grundſteinlegens zu⸗ gegen, ließ eine Flaſche Rheinwein brin⸗ gen, ſo alt er in ſeiner Kellerei aufzuſinden war, trank ein Glas auf die Geſundheit der Bauleu⸗ te, ſchenkte das andere ſelbſt ein, ſetzte es, faſt uͤberſchweppend voll, auch ſelbſt in den Grundſtein und ließ es nun, nebſt ei⸗ ner beigelegten Denkſchrift, vermauern. Daß das Glas— zum Troſte deſſen ſey es erinnert, der es einſt austrinken wird— ziem⸗ — 8— lich groß ſeyn muͤſſe, ergiebt ſich daraus, daß das Gefaͤß, woraus es geſchenkt ward— wahr⸗ ſcheinlich, nach alter Sitte ein großer ſilberner Deckelkrug— gerade nur die genannten zwei Glaͤſer enthielt. 6 Fuͤr wen anders aben ſchenkte wohl der wackere Fuͤrſt das Glaͤschen ein, deſſen Addreſ⸗ ſe ich ſo eben gegeben habe, als— fuͤr die Nachwelt und dazu kann ſich doch wohl Jeder rechnen, der im Jahre 1821 noch lebt und Ap⸗ petit hat, den 1621 eingeſchenkten und einge⸗ ſenkten Rheinwein zu koſten.— Noch wuͤßte ich eine aͤhnliche und zwar um 15 Jahr aͤltere Weinaddreſſe zu geben, wenn nicht— der Thurm der ſogenannten neuen Waſ⸗ ſerkunſt in Bautzen 1608 eingeſtuͤrzt waͤre.— Denn in oder unter deſſen Grundſtein ward 1606 gleichfalls ein vollgeſchenktes Glas Rheinwein geſetzt, nachdem man 40 Schulkna⸗ ben, die bei der Grundſteinlegung geiſtliche Lieder ſangen, mit Rheiniſchem Rebenblute geletzt hatte. Ob nun letztgedachtes Glas bei dem gedach⸗ ten Thurmſturze zerbrochen oder in der Folge, bei dem neuen Thurm⸗ und alſo auch Grund⸗ bau, ausgetrunken, oder vielleicht unverſehrt wieder vermauert worden ſey— daruͤber habe ich einige ſichere Nachricht nicht auffinden koͤn⸗ — 3 nen, und muß Jeden bitten, deshalb an das Bautzner Raths⸗Archiv ſich zu wenden. Daß uͤbrigens, den hier mitgetheilten Nach⸗ richten zufolge, gewiß noch eine Menge voll⸗ geſchenkter Weinglaͤſer unter, oder viel⸗ mehr in der Erde ſtehen, iſt mir mehr als wahrſcheinlich, deſto inniger aber auch mein Be⸗ dauern, daß ich— trotz ſo mancher hiſtoriſchen Unterſuchungen, zu welchen Luſt und Pflicht in einer ziemlichen Reihe von Jahren mich veran⸗ laßt haben— dennoch keine Addreſſe dazu ge⸗ ben kann, welche mehr Sicherheit gewaͤhrte, als jene alte bekannte: „An meinen lieben Sohn in Deutſch⸗ land,“ oder die neuere: „An meinen lieben Sohn, Koͤnigl. Saͤchſ. Trinkſoldaten(Trainſoldaten) in Ungarn.“ Gluͤckt mir es aber je, auf meinen hiſtori⸗ ſchen Kreuz⸗ und Querzuͤgen ein ſolch unterir⸗ diſches Weinglas auszuwittern, ſo werde ich nicht ermangeln, Kunde davon zu geben. Indeß bin ich gar nicht abgeneigt zu glau⸗ ben, daß es des ſchweren Griffels der Geſchich⸗ te nicht einmal beduͤrfe, um damit, wie mit ei⸗ nem Butterſtecher, auf die Entdeckung voller Weinglaͤſer in die Erde zu fahren.— -— 10— So gut, wie es naͤmlich, den Zeugniſſen be⸗ ruͤhmter Phyſiker zufolge, Waſſerfuͤhler giebt, welche die Orte, wo unterirdiſche Quel⸗ len rieſeln, aufs Haar anzugeben wiſſen, kann es ja wohl auch Weinfuͤhler geben, welche vollgeſchenkt⸗verſenkte Weinglaͤſer auszuwittern im Stande ſind.— Wenigſtens ſoll es gar nicht an Solchen fehlen, welche gaſſenweit wiſ⸗ ſen, wo ein gutes Glas Wein uͤber der Erde— und zwar gratis— fuͤr ſie eingeſchenkt ſteht. Das Pagenbette. Wo ein Kaiſer oder Koͤnig, auf Felſenwan⸗ derungen, geſeſſen oder gegeſſen, verſchnaufet oder ſich umgeſehen, das nennt man gewoͤhn⸗ lich einen Kaiſer⸗ oder Koͤnigs⸗Stuhl.— Dergleichen erhabne und beruͤhmte, aber des⸗ halb doch immer und ewig harte Monarchen⸗ ſtuͤhle giebt es faſt ſo viel, als beruͤhmte Fel⸗ ſen.— Ja, ſo ein rechter Berg⸗ und Fel⸗ ſen⸗Buͤſching koͤnnte leicht eine Art von Kaiſer⸗ oder Koͤnigs⸗Stuhl⸗Geographie herausgeben. Ein Pagenbette aber, wie das auf der — 11— beruͤhmten Felſenfeſtung Koͤnigſtein in Sachſen, iſt vielleicht— denn wer mag alle Pagenbetten kennen— einzig in ſeiner Art.— Darum hier ein paar Worte uͤber jenes weiche Bette, wie uͤber den Helden⸗Schlaͤfer, dem es ſeinen unſterblichen Namen verdankt; und zwar zum Theil aus handſchriftlichen bis⸗ her unbenutzten Quellen. Kurfuͤrſt Johan Georg II. hatte, wie die meiſten Saͤchſiſchen Regenten, ſeit dem 16ten Jahrhundert, eine ganz beſondere Vorliebe fuͤr die alte Bergfeſte Koͤnigſtein und war nie heit⸗ rer, als wenn er dorthin fuhr oder dort ſich be⸗ fand, welches letztere nicht ſelten acht und mehr Tage dauerte. Da ging es denn in der Regel recht froͤh⸗ lich und erquicklich zus denn der Kurfuͤrſt freute ſich nicht nur ſelbſt gern des Lebens, ſondern ſah es auch nicht ungern, wenn andere ein Glei⸗ ches thaten und wußte in den meiſten ſeiner Feſte den Hof Ludwigs des Vierzehnten im ver⸗ juͤngten Maasſtabe trefflich zu kopiren. Ein Feſt dieſer Art war es denn auch, wel⸗ ches er am 12. Auguſt 1675 dem Engliſchen Geſandten, William Swan gab, den er un⸗ gemein ſchaͤtzte weil„derſelbige ein gar feiner Herr von magnifiquer Art — ͦ— und Sitte war, abſonderlich unſers gnaͤdigſten Herrn Bauluſt admirirte und lobete.“ Des Kurfuͤrſten Vorliebe aber fuͤr dieſen Geſandten gruͤndete ſich, deſſen einnehmende Per⸗ ſoͤnlichkeit abgerechnet, ſonder Zweifel auch dar⸗ auf, daß er durch ihn, einige Jahre vorher, den Engliſchen Hoſenband⸗Orden erhal⸗ ten hatte, auf welchen Johann Georg nicht we⸗ nig ſich zu Gute that, weil jener Oeden nur in aͤußerſt ſeltnen Faͤllen uͤber den Kanal ge⸗ ſchickt ward. Bekanntlich guckten damahls s auch die groͤß⸗ ten Herren nicht ſelten ſo tief in den Becher, daß ſie die Welt doppelt ſahen. Was Wunder, wenn die Diener ein Gleiches thaten. Solch ein treuer Diener war denn des Kur⸗ fuͤrſten Page, Karl Heinrich von Gru⸗ nau. Gemuͤthlich hatte dieſer— wie ſich weiter unten zeigen wird— ziemlich mann⸗ bare Edelknabe ſeinem gnaͤdigſten Herrn trin⸗ ken helfen; Endlich— es war lange ſchon jen⸗ ſeits der Mitternacht— ſehnte er ſich nach Ruhe — zugleich aber auch nach Kuͤhlung, denn eine ziemlich ſtarke Miſchung von altem Re⸗ ben mit jungem Pagenblute hatte die ge⸗ maͤßigte Zone in ihm zur heißen umgeſchaffen. 86 — 13— So taumelte denn der weinſelige Grunau nach einer Schießſcharte hinter der Friedrichs⸗oder damahligen Chriſtiansburg, kroch hinaus und legte ſich auf einen ſchmalen, kaum 1 Elle brei⸗ ten Felſenrand, der nicht viel mehr Raum hat⸗ te, als gerade fuͤr einen muͤden Pagen noth⸗ wendig war und entſchlummerte hier, ſo ruhig und ſorglos, wie das Kind im Gitterbette. Und doch bedurfte es nur, wenn auch nicht des Umdrehens einer Hand, doch eines Pagens, um— in den fuͤrchterlichſten Aborund zu ſtuͤr⸗ zen. Waͤhrend Grunau aber alſo unter Gottes freiem Himmel, auf Gottes hartem Felſen, im holden Taumel lag, dauerte das Feſt in der Chriſtiansburg noch fort bis zum Grauen des Tages; denn heißt es in der Handſchrift— 9 „unſer gnaͤdigſter Herr war faſt froͤh⸗ lich und guter Ding und die um ihn, waren es gleichermaßen, abſonderlich der brittanniſche Legatus, mit wel⸗ chem unſer gnaͤdigſter Churfuͤrſt dieſes Feſt uͤber viel ſcher rzete und ſich entre⸗ tenirte.“⸗ Als endlich die naͤchtliche Freude zum En⸗ de ſich neigte, der Kurfuͤrſt aber ſich zur Ruhe begehen wollte, und ſeines Pagen bedurfte, ſuch⸗ te man dieſen vergebens in und außer der Chriſtiansburg. Endlich erzaͤhlte ein daͤniſcher Junker Knut Jarlſen, der im Gefolge der Kurprinzeſſin, welche aus Daͤniſchem Koͤnigsblute ſtammte, dem Feſte beigewohnt hatte, daß er vor einigen Stunden ſchon Grunau im aͤußerſten Vorzim⸗ mer geſehen, wie er taumelnd die Thuͤre ge⸗ ſucht, aber nicht wuͤrde haben finden koͤnnen, wenn er ſie ihm nicht gezeigt. Weiter war nichts von dem abhanden ge⸗ kommenen Pagen zu ergruͤnden, fuͤr langes Suchen aber Niemand ſonderlich geſtimmt, weil Jeder die Folgen der naͤchtlichen Freude in den Gliedern ſpuͤrte, und man ohnedem des Pagen Verſchwinden irgend einem galanten Abentheuer zuſchrieb, welchem auf den Grund zu kommen kein kluger Menſch ſich berufen fuͤhlte. So ging denn alles zur Ruhe, doch nur auf kurze Zeit; denn kaum graute der Tag, da ward wieder Leben in der ganzen Burg, weil — der vermißte Page, und zwar an einem Orte ſich gefunden, wo man keine unpaͤßliche Katze, geſchweige denn einen kurfuͤrſtlichen Edelknaben geſucht haben wuͤrde. Eine Schildwache nehmlich hatte den holden Schlaͤfer im gitterloſen Felſenbette entdeckt und — in dem felſenfeſten Glauben, daß, wer ſo lange ruhig gelegen habe, auch noch— laͤnger alſo liegen werde— ganz gelaſſen ſeinen Unter⸗ offizier davon in Kenntniß geſetzt, der dann den Purſchen— es war ein tuͤchtiger Wende, mit Namen Hantaſch— beorderte, den Schlaͤfer beim Rockzipfel feſt zu halten, waͤhrend er ſelbſt in der Burg Laͤrm machte, ob des ſeltenen Fundes.— 3 Das Hofgeſinde weckte nun zuerſt den Kur⸗ prinzen, dieſer den Kurfuͤrſten, und ſo war denn bald der ganze nicht lange erſt entſchlummerte Hof wieder lebendig, einen entſchlummerten Pagen zu ſehen. Johann Georg aber gebot Stille in der Naͤhe des Schlaͤfers, damit er nicht aufwache, und ließ Seile um ihn werfen,„wobey chur⸗ fuͤrſtliche Durchlaucht, wie auch unſer gnaͤdigſter Churprinz ſelbſten mit Hand ans Werk geleget, maßen ſich beyde Durchlauchtige Herrſchaften lan⸗ ge Zeit nicht an etwas ſo herzinniglich ergoͤtzet, als an dieſem Schlafſacke, dem betrunkenen Grunau.“ Nachdem alle Faͤhrlichkeit beſeitigt war, ließ der Kurfuͤrſt Trompeten und Pauken hringen und einen Tuſch blaſen,„alſo, daß das Echo — 16— wie bei einem solennen Banquette.““ Beim erſten Schmettern und Wirbeln er⸗ wacht der holde Schlaͤfer, und, meinend, er ſey V wiederſchallete, von dem Lilienſteine,”) A 4 im Tanzſaale eingenickt, ruft er mit halboffnen Augen: Schoͤnberg: ich komme gleich.— Wahrſcheinlich traͤumte er eben von Haubolden von Schoͤnberg, der als Kammerpage des Kur⸗ prinzen, mit ihm zugleich Dienſt gehabt hatte. Als er aber, unter fortdauerndem Trompe⸗ ten⸗ und Pauken⸗Laͤrm, die Augen vollends 8 aufſchlaͤgt, den Himmel uͤber ſich— den Ab⸗ grund unter ſich— die Zuſchauer um ſich— darunter die hoͤchſten Herrſchaften erblickt—⸗ und— aufſpringen wollend— ſich gebunden fuͤhlt— was Wunder! wenn er nichts, auch gar nichts weiter ſtammeln konnte, als: Chur⸗ fuͤrſtliche Durchlauchten!— Churfuͤrſt⸗ liche Durchlauchten!—— Die Durchlauchten aber und alle dieſelben umgebenden Nichtdurchlauchten wollten ſchie ſterben vor Lachen uͤber den Pagen, welcher den Erſtern gern einen Fußfall gethan und den Aux gen der Letztern ſich entzogen haͤtte, wenn er * 8 *) Ein dem Königſteine gegehrüber frei ſich erhebender n und van ienem nux deuch die Elbe geirennter Felſen. 8 8 1 — 1 1 4 —— — 17— enicht gefängen geweſen waͤre, wie die Maus im Bade. Nachdem man aber den armen Grunau lan⸗ ge genug hatte zappeln laſſen, zog man ihn, wie einen umſchnuͤrten Koffer, durch die Schieß⸗ ſcharte herein und befreite ihn endlich aus ſei⸗ nen Rettungs⸗Stricken und Banden. „Da hub der Page faſt ſehr zu wei⸗ nen an, warf ſich ſeinem gnaͤdigſten Herrn zu Fuͤßen, bat, ſeiner Laſterhaf⸗ tigkeit wegen, wie daß er uͤber den Durſt getrunken, um gnaͤdigſten Par⸗ don, der ihm darauf auch mit ſonder⸗ licher Clemence gegeben ward, und verſprach, hinfort ſchlafen zu gehen durch die Kammerthuͤren, nicht aber durch Schießſcharten.“ Deerr Kurfuͤrſt ſelbſt befahl nachher, die Fel⸗ ſenkante, wo Grunau den Rauſch verſchlafen hatte, kuͤnftig das Pagenbette zu nennen, und des Kurprinzen Gemahlin berichtete eigen⸗ haͤndig dieſe intereſſante Anekdote an ihre köͤ⸗ niglichen Aeltern in Daͤnemark. Der gute Grunau aber mußte, ſo lange er am Hofe war, das Pagenbette, wie man zu ſagen pflegt, auf jedem Biſſen Brod hoͤren. In den Curiosis Saxonicis von 1736 erſchien B darauf nachſtehendes Gedicht, welches jedoch ſonder Zweifel, nicht gleich nach dem Wunder: — 18— ſchlafe, gefertigt ward: „O Wunderſchlaf! auf ſchmalen Gipfeln raſten, Was mag denn dieſes wohl für eine Ruhe ſeyn? Sich da der Sorg' und Müh' bemüht ſeyn zu entlaſten, Wo die Gefährlichkeit uns drohet Quaal und Pein— Des Todes Bild, der Schlaf, ſoll dich allhier ergötzen⸗ So Schmerzen, ja der Tod, dir ſelbſt zur Seiten ſtehn, Doch weil du deinen Dienſt nicht böslich aus wilt ſetzen, Schaut man zu deinem Dienſt um dich die Engel gehn.“ Am Neujahrstage 1676, welcher zugleich des Pagen Geburtstag war, erhielt er„von K einem leichtfertigen Anonymo““ ein Wiegenlied im Namen des Koͤnigſteins, worin beſonders auf die Urſache ſeines Felſen⸗ ſchlummers, aufs Weinglas nehmlich, recht handfeſt angeſpielt war. Ein aͤhnliches ſchickte man ihm auch zu ſeiner Vermaͤhlung mit Jung⸗ frau Sophie Jentzſch, einer Kaufmannstoch⸗ ter in Dresden. Aus letztgenanntem Gedichte, welches groͤß⸗ tentheils nicht öffentlich mittheilbar iſt, mag nur ein Vers hier ſtehen: „Der Herr von Grunau, der, vom Weingott warm. Sich einſtens warf in meinen Felſenarm, 5 Der wirft ſich heut'’, charmirt von Amors Triebe, 9 1 3 — 19— Mit Jungfrau Jentzſchin in den Arm der Liebe. Nun welcher Schlaf der beßre ſey geweſen, Wird man im Kirchenbuch des Herrn Pastoris leſen. Ein tres fidele ami ſtellt ſich mit Wünſchen ein. Mein Grunau kennſt du mich?— ich heiß: der König⸗ ſtein.“ Uebrigens war Grunaus Schlummer im Koͤnigſteiner Felſenbette nicht etwa ein unrei⸗ fer, ſondern ehr ein uͤberreifer Jugend⸗ ſtreich.— Denn, nach damaliger Sitte, wel⸗ iche fuͤr Pagenhaͤuſer, hohe Schulen und Uni⸗ cerſitaͤten ungleich reifere Jahre als jetzt, heiſch⸗ ſte, ward Grunau erſt im 36ſten Jahre Page, und gar erſt im 3sſten durch einen„zu fri⸗ „ſchen“ Trunk in das erwaͤhnte Felſenbette 3 gefuͤhrt. f t Einige Jahre nachher avancirte er zum 3 Leibpagen, und unter Johann Georg III. . endlich zum Kammerjunker und Tafel⸗ , ſeher. In ſeinen ppaͤtern Jahren zog ſich Grunau „ vom Hofe zuruͤck und lebte geraume Zeit erſt g bei ſeinem Bruder, dem Oberforſtmeiſter von Grunau in Torgau, dann bei ſeiner Schweſter, einer verehelichten von Staupitz u Staupit, in ſeinen letzten Jahren aber zu Schnülen bei Biſchoffswerda, und zwar 1 B 2 * — 20— als Miethmann bei dem Bauer Droßler. Seine Lage war damals nicht die beſte, denn er hatte jaͤhrlich nur 16 Thlr. Penſion, und da⸗ von, wie von einigen Zuſchuͤſſen, die er theils von ſeiner Familie, theils von einigen ſeiner al⸗ ten Freunde bei Hofe erhielt, auch ſogar zwei Bedienten mit zu erhalten, die ihm aus dem ehemaligen Glanzleben treu geblieben waren, ihn aber auf mancherlei Art misbrauchten. Doch war er immer luſtig und guter Dinge, und fand ſeine Freude darin, die Landleute, auf deren Um⸗ gang er nun einzig beſchraͤnkt war, entweder durch Schnurren zu ergoͤtzen, oder durch geiſtigen Ho⸗ cus Pocus in Angſt und Verlegenheit zu ſetzen; wovon man ſich dort noch jetzt gar ſchauerliche Dinge erzaͤhlt. Der Schreck muß uͤbrigens an dieſem Pagen nicht ſonderlich Macht und Gewalt gehabt haben, denn, das Erwachen im Felſenbette ab⸗ gerechnet, hatte er in ſeiner fruͤhern Jugend ſchon einen, noch weit größern Schreckeneinzja⸗ genden Unfall. Waͤhrend er naͤmlich uͤber die Dresdner Elbbruͤcke ritt, ward ſein Pferd ſcheu und ſetzte mit ihm uͤber das Gelaͤnder in die Elbe, ohne daß er den mindeſten Scha⸗ den nahm. Im 97ſten Jahre beſuchte Grunau noch ein⸗ mal ſein Felſenbette auf dem Koͤnigſtein, und ſpeiſete bei dem Kommandanten, dem, ewig gu⸗ ter Laune und witziger Einfaͤlle wegen beruͤhm⸗ ten Freiherrn von Kyau. Als Auguſt II. 1740 nach Pohlen reiſete, machte ihm Grunau als Greis, in ſeinem 103 ten Jahre, zu Schmiedefeld, in deſſen Naͤhe er wohnte, ſeine Aufwartung, erzaͤhlte, daß er es ſey, von welchem das Koͤnigſteiner Pa⸗ genbette ſich herſchreibe, und ward mit eben ſo viel Gnade, als Bewunderung aufgenommen. Leider! erlangte aber nicht, was er mit jener Aufwartung bezweckte, nehmlich eine Erhoͤh⸗ ung ſeiner erbaͤrmlichen Penſion; um welche er auch ſpaͤter eine Bittſchrift, doch gleich⸗ falls ohne Erfolg, einreichte. Sonder Zweifel hatte er die Gunſt des Hofes auf irgend eine Art verſcherzt, ſonſt waͤre es unbegreiflich, war⸗ um damals— wo man mit dem Gelde nicht eben ſparſam umging— einem Greiſe von 103 Jahren die kleine Erhoͤhung eines winzig kleinen Gnadengehaltes verſagt worden ſeyn ſollte. 4 Dieſer beruͤhmte Page ſtarb zu Schmoͤllen den gten December 1744 im 107ten Jahre. Er war in der That ein Mann von altem Schrot und Korne; denn ſein Vater, ein 4 * 1 —— —— ——— d — 22— Schleſiſcher Edelmann, erreichte ſogar ein Alter von 110 Jahren.— Goldene Jubelfeſte— goldene Sargnaͤgel. Wenn ein Haus alt und baufaͤllig iſt, wer wird es dann noch belaſten, ja wohl gar einen Tanz⸗ oder Fechtboden darin anlegen?— Der⸗ gleichen alte Gebaͤude aber ſind Alle, welche goldene Jubilaͤen feiern. Die Juͤngſten ſtreifen doch gewiß immer nahe an die Sieben⸗ zig, die Meiſten ſind bereits tief hinein in jene verfaͤngliche Zahl, ja wohl ſchon daruͤber hin⸗ aus; jene, wie dieſe alſo ausgewittert von den Stuͤrmen des Lebens, leicht um zu reißen von der kleinſten Erſchuͤtterung. Was Wunder alſo, wenn durch Jubelfeiern, wie man ſie ge⸗ woͤhnlich veranſtaltet, die letzten Stuͤtz⸗ balken des morſchen Lebens vollends durchbro⸗ chen werden.— Da weckt man z. B. den muͤden Schlaͤfer bei fruͤher Tageszeit ſchon mit geiſtlichem Sang und Klang,— da tritt ihm die wertheſte Familie mit tauſend Haͤndedruͤcken und Kuͤſſen, zehntauſend Worten und hundert⸗ tauſend Thraͤnen gluͤckwuͤnſchend entgegen,— da holen blumenſtreuende Maͤdchen ihn ab in die Kirche,— Geiſtlichkeit, Honoratioren, und Rath an der Spitze, der Jubilirende, wie ein armer Suͤnder, in der Mitte,— da ſpricht man von heiliger Staͤtte ehrenreiche, aber herzzerſchnei⸗ dende Worte ihm ins Geſicht, und fuͤhrt ihn dann— gleich dem, der Pardon erhalten hat, — mit rothgeweinten Augen, an Armen und Beinen zitternd vor Ruͤhrung, in die Heimath, woo ein neuer Gratulations⸗Sturm ſich erhebt. Iſt aber dieſer endlich uͤberſtanden, und der Jubelgreis rein erſchoͤpft an Erwiederungen des Dankes und der Freude, ſo beginnet nun erſt ein foͤrmliches Ruͤtteln an dem alten Lebens⸗ Gehaͤuſe.— Man ſetzt ſich zur Tafel.— Dieſe bricht faſt unter der Laſt der Dinge, die da netzen ſollen die Lippen, letzen die Zunge, ergoͤtzen den Gaumen, illuminiren den Kopf, erleichtern das Herz und— beſchweren den Magen.— Der Jubelgreis hatte bisher ſo ſei⸗ nen Eß⸗ und Trink⸗Katechismus, deſſen heilige zehn Gebote, wollte er wohl ſich befinden, nicht im Mindeſten uͤbertreten werden durften. Auch jetzt, an der reich beſetzten Tafel, will er ſich gleich bleiben, aber— man beſtuͤrmt ihn mit Bitten, man will doch die Koͤſtlichkeiten aller Art nicht 4 ͤͤͤ 8 ——— — 2 4—. bloß fuͤr die Gaͤſte, ſondern fuͤr ihn, ja fuͤr ihn zuerſt angeſchafft, bezahlt, bereitet haben — der arme Jubelgreis!— Eben ſo hoͤflich als gutmuͤthig, giebt er nach, koſtet hier, naſcht dort— nippt von dieſer Sorte ein Glaͤschen, von jener einen Fingerhut voll und— muß, vielleicht in wenig Stunden ſchon, aufs Em⸗ pfindlichſte dafuͤr buͤſſen.— Indeß er aber ſo koſtet und naſcht und nippt, erhebt ſich aus Dichtermunde ein neuer Sturm auf das alte Gebaͤnde des Lebens: lobpreiſende und herzbrechende Gedichte beginnen die Run⸗ de— ihre Verfaſſer haben ſich uͤberboten im Benutzen des Ruͤhrungsſtoffes; Thraͤnen, wie Erbſen, fallen in die Becher, wie auf die Tel⸗ ler— der, dem und von dem ſie am reinſten fließen, iſt rein außer ſich vor Dank gegen Gott, Familie, Geſellſchaft und Dichter— er kann faſt nicht mehr weinen, es will ihm das Herz abdruͤcken.— Obſchon unbehuͤflich und matt haͤlt er es jedoch fuͤr ſchicklich, ſich zu erheben zur dankbringenden Geſundheit, aber— Jedes erhebt ſich, haͤlt ihm dar den Becher und ſchluchzt und redet und weint ihm ins Geſicht und zerdruͤckt und zerquetſcht ihm die Haͤnde. So kommt er denn endlich zum Aufſtehen und trinkt mit zitternder Stimme und ſchlotternden — 25— Knieen die Geſundheit Aller, die ſo hoch ihn geehrt.— Tuſch und Glaͤſerklang und gellendes Lebehoch die Antwort— Dem armen Jubel⸗ Senior vergeht faſt Hoͤren und Sehen; er ſetzt ſich und ſein Glas, und ſtrebt, mit den naͤch⸗ ſten Nachbarn zierlich und verbindlich zu ſpre⸗ chen uͤber die auch gar zu große, ihm bereitete Ehre; iſt aber kaum der Rede fähig. Indeß entſteht ein Fluͤſtern und Raͤuspern um die ganze Tafel. Schuͤchtern blickt der Hoch⸗ gefeierte auf; denn— kommt ihm noch ein ſolch' Opfer der Achtung und Liebe: woher dann Worte nehmen und Geberden und Thraͤnen, aus⸗ zudruͤcken das ſchuldige Gegenopfer.— Doch ehe er ſich noch in etwas vorbereiten kann fuͤr ein abermaliges Ertemporaneum des Danks und der Freude— da liegt vor ihm, dem treuen funfzigjaͤhrigen Staats⸗Diener, ein fuͤrſtliches Belobungs⸗Dekret nebſt Medaille.— Und wenn ſeine alten Thraͤnenſaͤckchen auch laͤngſt vertrocknet waͤren, gleich Baͤchen in der Gluthißze des Sommers, jetzt eigen ſie doch noch einmal Waſſer geben.— Sr. Majeſtaͤt hoͤchſteigne Unterſchrift ſauf dem Papier, die ehrenvolleſte Schrift auf dem glaͤn⸗ zenden Golde— wer wollte da nicht ein — 4 ———————— — — ——— — 26— Uebriges thun?— Der Jubel⸗Senior weint wie ein Kind— die Gaͤſte ſtaunen.— Kaum aber haben Dekret und Medallle, gleich den Jubel⸗Gedichten, die Runde gemacht — da ertoͤnt wieder Muſik. Ein tuͤchtiger Vor⸗ ſaͤnger ſchlaͤgt mit der Gabel ans Glas, laͤutet zur Stille die plaudernden Gaͤſte, und ſtimmt an ein Jubel⸗Lied im hoͤhern Chor. Alles fällt ein. Der Ruͤhrungsſtoff aber, poetiſch und melodiſch zugleich behandelt, thut doppelte Wir⸗ kung— die Haͤlfte der Saͤnger, beſonders der weiblichen, kann vor Schluchzen kaum Ton treffen und Takt halten— der Beſungene nun geradezu gar nicht. So endet die Tafel mit leeren Schuͤſſeln und Flaſchen, aber vollen Herzen, vollen Ma⸗ gen und— vollgeweinten Schnupftuͤchern. Der arme Jubelgreis, wie gern haͤtte er nun ſein Mittagſchlaͤſchen gemacht— das Sand⸗ maͤnnchen ſitzt ihm in beiden Augen— aber es muß heraus, denn nun erſt hat der Gefeierte, und zwar meiſt ſtehend, Audienz zu geben Al⸗ len, die ſich ihm bei der Tafel nicht naͤhern konnten.— 3 Endlich folgt der Jubeltanz. Vielleicht haͤtte Manches gern ohne ihn den feſtlichen Tag beſchloſſen— am liebſten der, dem er gilt.— 4 3 Allein die junge Welt will doch entſchaͤdigt ſeyn dafuͤr, daß ſie mit der alten ſang, trank und weinte— ihr gilt eigentlich der Tanz, der Jubel⸗Papa giebt nur die Firma dazu. Doch eben deßhalb muß er auch bei dem erſten Violienſtrich der Erſte auf den Beinen ſeyn.— Eine prominirende Polonoiſe, eine ſchleifende Menuett— was daruͤber iſt, iſt na⸗ tuͤrlich fuͤr ihn vom Uebel. Alllein ſelbſt dieſe, wahrſcheinlich von Alten fuͤr Alte erfunden, ſind doch immer noch erſchuͤtternd und ermattend genug fuͤr ſchlotternde Beine und ein erſchuͤtter⸗ tes Herz, voll des beklemmenden Glaubens: alle Welt ſehe nur auf ihn, rezenſire nur ihn, den jubilirenden Vortaͤn⸗ zer.— Mit einem geheimen: Consummatum est, zieht er ſich endlich zuruͤck auf den laͤngſt er⸗ ſehnten Lehnſtuhl, und bald auch aus dem Ge⸗ tuͤmmel ins erquickende Bette, indeß die juͤn⸗ gere Welt ſein Jubelfeſt vollends durchtanzt und durchſpringt.— Inbruͤnſtig dankend dem himm⸗ liſchen Geber dieſes feſtlichen Tages, will er nun das muͤde, mattgeweinte Auge ſchließen; aber Alles iſt zu bewegt, zu unruhig in ihm: Bilder der Vergangenheit ſchweben ſeiner Phan⸗ taſite voruͤber, des alten Lebens ſtiller See iſt — 23— heute zum ſtuͤrmiſchen Meer geworden, die Wo⸗ gen der Ueberraſchung und Freude, der Nuͤh⸗ rung und Dankbarkeit, der Anſtrengung und Gezwungenheit— ſie wollen durchaus ſich nicht legen. Der arme gefeierte Greis ſchlaͤft in die⸗ ſer Nacht faſt gar nicht, in der zweiten und dritten nur wenig, ja er verwindet binnen acht Tagen kaum die ihm angethane Ehre- Auf große Anſtrengung folgt große Erſchoͤp⸗ fung, wenn ſchon bei jungen, wie viel mehr bei alten Nerven— Der Jubel⸗Senior, bisher ſo munter und friſch, faͤngt an zu kraͤn⸗ keln und— kraͤnkelt fort bis zur baldigen Ge⸗ neſung— im Grabe. 3 So— die Erfahrung lehrt es— ſo ver⸗ haͤlt es ſich mit den meiſten Jubel⸗Senio⸗ ren. Vermoͤge ihrer Jahre ſchon ſtehend auf der Schwelle des Lebens, werden ſie nicht ſelten durch ihr Jubelfeſt mit Gewalt gleichſam hin⸗ aus gedraͤngt; denn nur Wenige ſind mit einem Koͤrper begabt, an welchem Freudenſturm und Ruͤhrungswogen weder Macht noch Gewalt ha⸗ ben. Belobungs⸗Dekrete und Verdienſt⸗Me⸗ daillen, Blumenkraͤnze und Gedichte, in der Regel nur gefertigt und uͤberreicht, um in kur⸗ zer Zeit ſchon beigelegt zu werden im Familien⸗ Archive— ſind daher fuͤr die meiſten golde⸗ — 29— nen Juͤbelgreiſe nur goldone Sargna⸗ gel.—.. n Zwei und dreifache dergleichen Naͤgel aber werden geſchmiedet, wenn die Jubelfeſte wohl gar ſchnell einander folgen. Denn, gleich wie einen andern Glanz hat die Sonne und einen andern der Mond, ſo hat auch der Menſch einen andern Jubeltag fuͤr die Ehe, einen andern fuͤr das Amt u. ſ. w. Fuͤr letzteres werde ich wohl keinen erleben;— fuͤr die Ehe aber— je nun, das waͤre wohl moͤg⸗ lich.— Darum, wenn ich einſt durch die Klip⸗ pen und Sandbaͤnke des Lebens, als Sohuͤttel⸗ koͤpfchen mit meiner Hausehre— nur ja nicht ohne ſie— gelangen ſollte ans Eiland der Ju⸗ belfreude, ſo will ich anlanden und em⸗ pfangen ſeyn von den befreundeten und ver⸗ wandeen Inſulanern, wie folget: S Zuerſt mag ich nicht enrſteigen dem Schiff⸗ lein der Tagesfahrt, d. h. dem Bette, ohne Erhebung des Herzens zu dem großen Steuermann, der mich immer ſicher leitete auf den unſichren Wogen des Lebens— Ihm, meinem himmliſchen Vater, will ich danken mit Inbrunſt und Freude: daß er mich erreichen ließ ein Ufer, nach welchem Unzaͤhlige ſtreben, das aber von Tauſenden nicht Zehen erreichen.* Habe ich ſo mich geſtaͤrkt durch Gebet, dann ſoll die Phantaſie vor mir aufthun das gro⸗ ße Bilderbuch der verklungenen Stun⸗ den. Darin will ich blaͤttern mit Freuden und Wohlgefallen, denn nicht blos die heiteren Stillleben und Blumenſtuͤcke, die lieblichen Fa⸗ milien⸗Gruppen und Landſchaften, die freundli⸗ chen Fruͤhlings⸗ und Sommer⸗Gemaͤhlde, die friedlichen Mondſchein⸗Parthieen und Waſſer⸗ fahrten— nein, auch Bataillen- und Belage⸗ rungs⸗ und Herbſt⸗ und Winter⸗ und Nacht⸗ und Sturm⸗Stuͤcke ſollen mich erquicken und anziehen, weil ſie— durch Gottes Huͤlfe— voll⸗ endet ſind und nun, belehrend und erinnernd, ruhig da haͤngen in der Bilder⸗Gallerie des Le⸗ bens.—— Gleicherweiſe— deß bin ich feſt uͤberzeugt— wird auch beten und bildern meine Hausehre, und wenn wir uns endlich dabey angekleidet ha⸗ ben, dann will ich— iſt mild und rein die Luft, in der Gartenlaube, iſt's aber ſtuͤrmiſch und kalt, im Zimmer— mit meiner Hausehre empfangen ſeyn zum Fruͤhſtuͤck von Kindern und Enkeln, ohne Sang und Klang, ohne Blu⸗ men und Deklamation.— Vater und Mut⸗ ter, Großvater und Großmutter,— Kuß und Haͤndedruck— damit gut— was dar⸗ — 323— uber iſt, iſt vom Uebel.— Doch moͤgen auch gern, recht gern ein Paar Freunde mit ſte⸗ hen unter dem Haͤuflein der Geruͤhrten, nur nicht Titular⸗ ſondern wirkliche— nicht Aſſeſſoren der Freundſchaft, ſondern Raͤthe mit Sitz und Stimme im Seſſi⸗ onszimmer der Haͤuslichkeit. Auch der Haͤnde⸗ druck eines alten treuen Dienſtboten ſoll uns willkommen ſeyn; denn nach Luther, gehoͤrt ja, naͤchſt guten Freunden, auch gut Geſinde mit zum haͤuslichen Gluͤck,— Nach dem Fruͤhſtuͤck gehen wir— iſes des Herrn Tag, zuſammen in die Kirche— iſt's aber des Koͤnigs Tag, in die Kanzlei: ich in die landesherrliche, meine Hausehre in die haͤusliche. Mittags Familiientafel, nicht ohne Leibeſſen und ohne Freund, aber ohne Saus und Braus, ohne Aufwand und Prunk— indeß darf doch ſo eine gebackene Arabeske nicht fehlen; denn— ſingt Blumauer— Weib und Kinder naſchen gern! Beim Deſert— das bin ich feſt uͤberzeugt — bringt meine Hausehre weiland Braut⸗ kraͤnzchen zum Vorſchein— ein niedliches Gorlneſt, nicht viel groͤßer, als eine Makrone — zwar noch unverſehrt— denn es ſtand ein⸗ geſchachtelt im Nusbaumſchranke, gleich neben Schmolkens Communionbuch— aber zuſammen⸗ geſunken und verſchoſſen. Die Farbe der Hoff⸗ nung— ſie iſt weggehaucht von dem Odem der Zeit, welcher die Goldlocken der Braut ver⸗ wandelt in ſilberne Stoppeln.— Mut⸗ terchen ſetzt das Ding auf, doch wahrlich nicht zur Zier, ſondern zum Scherz— ich ſelbſt nehm' es ihr ab— denn Fruͤhjahr und Winter— Fruͤhroth und Abenddaͤm⸗ merung, die Zwei ſind nimmer Eins,— das will dem Herzen nicht zuſagen.— Daßar zieh' ich den Trauring vom Fin⸗ ger. Mutterchen desgleichen. Von den gold⸗ nen Reifchen und Roͤschen keine Spur mehr, alles abgeſchliffen— kaum Namen und Datum noch lesbar— doch was ſie einſt binden und deuten ſollten, das iſt geblieben und bleibet in Ewigkeit— Herz fuͤr Herz— Liebe um Liebe.— Endlich bringt meine Hangoßre e einen gro⸗ ßen Bogen, darauf verzeichnet ſtehen, die wei⸗ land ſaͤmmtlichen Gaͤſte unſers hochzeit⸗ lichen Males.— Ein trauriges Regiſter Kreuz an Kreuz— Von fuͤnf und funfzi⸗ gen kaum fuͤnf noch— und auch dieſe lauter Schneeſieber und Stundenzaͤhler, Invaliden und Schuͤttelkoͤpfchen, gleich dem verwitterten Braut⸗ paar— Die Uebrigen alle waren auf dem Se⸗ ge nach jenſeits, winkend zur Nachfolge.— Das mahnt zu ernſt in der Stunde der Freude.— Nun iſt's doch wohl rathſam, die Tafel aufzu⸗ heben.——. Die Zeit zwiſchen Mittag und Abend gehoͤrt den haͤuslichen Annalen, die ich ſeit Gruͤn⸗ dung meines Hausſtandes, als Familien⸗Hi⸗ ſtoriograph, treu und gewiſſenhaft immer ge⸗ fuͤhrt habe. Hier ſtehen geſchrieben und be⸗ ſchrieben alle Leiden und Freuden, die mich und mein Haus betroffen, verziert mit Bemerkungen, wie der erſte Eindruck ſie mir in die Feder dik⸗ tirte.— Vorgeleſen wird ſie natuͤrlich nicht, dieſe haͤusliche Chronik— dazu iſt ſie zu kor⸗ pulent; die kernhafteſten Stellen aber werden herausgehoben; denn ſie geben Stoff zur Unter⸗ haltung, Stoff zum Bewundern der goͤttlichen Fuͤhrungen im menſchlichen Leben, Stoff zum Dank fuͤr den, der bis hieher geholfen und auch noch weiter hilft, Stoff zur Belehrung endlich fuͤr Kinder und Kindeskinder: was man im Leben Alles thun und dulden muͤſſe mit Freuden, um zum Ziele zu gelan⸗ gen mit Ehren. Die zehnte Stunde des Abends macht bei uns gewoͤhnlich den Schlußſtein zum Gewoͤl⸗ C — 34— be des Tages; diesmal aber iſt's die neunte⸗ Denn obſchon kein großes Feſt in große Unruhe uns verſetzte, mehr als gewoͤhnlich ſind doch die alten Maſchinen in Umlauf gekommen, vorzuͤg⸗ lich angegriffen aber die Springfedern der ſo ziemlich abgelaufenen Uhr alter Ordnung und Sitte, die Nerven.— Kinder, Enkel, Freun⸗ de druͤcken uns bei dem Abſchiede zur auten Nacht, unter tauſend Segenswuͤnſchen, die Haͤn⸗ de; Worte vom letzten Abſchiede, von der letzten guten Nacht, vom Hingange nach Jenſeits fließen mit unter. Spat und leicht— fluͤſtert Eines hie, Eines da— mei⸗ ne alte Hausehre faͤngt an zu weinen— mir bricht auch das Herz, denn ich habe ja kein ſteinernes; doch laſſ ich mir es nicht merken, wenigſtens durch Thraͤnen nicht— Mit Freu⸗ de und Dank ſoll der goldene Jubeltag beſchloſſen werden, nicht mit Jammer— darum werde ich zum Dichter aus dem Steg⸗ reif, meine Hausehre alſo anſingend: Fort, Mütterchen! ach! fort mit Tod und Grab In dieſer ſchönen Stunde— Nur mit der Freude ſteh'n wir heut' im Bunde, Iſt er gleich morſch, der alte Wanderſtab, Wird er— ſo Gott wilt— doch noch etwas halten— Drum weg mit Stirn⸗ und Herzensfalten! c g 909— Bie Freude nur— die Freude ſoll jetzt walten!— Sie ſey uns ein erquickendes Gebot! Sie ſtimme uns zu Lob“ und Dank, und zu dem alten Hochgeſang: Nun danket Alle Gott Dieſen ſtimme ich nun, als Haus⸗Kantor, gemuͤthlich an— der Familien⸗Chor faͤllt ein. Singend— das Muͤtzchen unter dem einen, mei⸗ ne Hausehre am andern Arme, die Haͤnde ge⸗ faltet, die Augen jen Himmel— gehen wir ſelbander nach demſelben Kaͤmmerlein, wohin wir— ach! mit ganz andern Wuͤnſchen, Er⸗ wartungen und Hoffnungen— vor einem hal⸗ ben Jahrhundert zum erſten Mal gingen. Die Familie folgt, und ſo fuͤhrt denn des Hauſes Regent, der Jubel⸗Braͤutigam, heim die Jubel⸗Braut, ohne Fackeltanz und oh⸗ ne Nervenſturm— aber betend und ſingend— So ſchließt ſich der frohe Tag— und ſo— nur ſo wird nicht zum goldenen Sarg,⸗ nagel das goldene Jubelfeſt. Das Volkslied. Es war in einer der ſchoͤnſten Mondnaͤchte C 2 — 36— wie der ſuͤdliche Himmel ſie nur geben, der pro⸗ denzaliſche Dichter ſie nur ſchildern kann, als ich mit Auguſten das einſame Thal durchwan⸗ derte. Auf der ſteinernen Bachbruͤcke ruhten wir— um und uͤber uns das heilige Rauſchen der Ulmen, Platanen und Eſchen, unter uns das Plaͤtſchern der mondbeglaͤnzten Wellen, ringsum feierliche Stille im naͤchtlichen Tempel der Natur. Auguſte, die blauen Augen gegen den Abendſtern gewendet, ſang: Dir Vater der Natur, u. ſ. w. Ich fiel mit ein— doch uͤber zwei Verſe hielt ich's nicht aus— Thraͤnen erſtickten die Stimme; aber ach! es waren nicht Thraͤnen der Liebe allein— es waren Thraͤnen der Andacht und Liebe, die reinſten, die ſchoͤn⸗ ſten, welche das Auge weinen kann. Jenes unendliche Sehnen nach einem Etwas, wofuͤr keine Sprache ein Wort hat, jetzt ergriff es mich ſo, daß ich es auszuſprechen ſtrebte und doch nicht vermochte das heilige Verhaͤltniß zwiſchen Liebe und Natur— daß ich ſie zu ſehen meinte, die Leiter der Weſen, welche durch den unendlichen Raum auf⸗ und abwaͤrts fuͤhrt. Auguſte, bemerkend meine Stimmung, ſang nur deſto ſchoͤner, und ſchloß mit den Worten: s iſt doch ein herrliches Lied. 1 ——— — 37— Und eine himmliſche Melodiel antwor⸗ tete ich, dankbar die Hand ihr druͤckend fuͤr den himmliſchen Geſang. Dergleichen Lieder, in welchen Worte und Toͤne gleichſam auf's in⸗ nigſte ſich vermaͤhlt haben, das arme Herz zu beruhigen, zu teoͤſten, zu erheben, zu beſeligen, ich meine die hoͤheren Volksgeſaͤnge, mir kommen ſie immer vor, als haͤtte die Gottheit ſelbſt ihren Verfaſſern ſie eingehaucht. Auguſte ſtimmte mir bei und meinte: Keine Wiſſenſchaft oder Kunſt ſey doch im Stande, ſo allgemein auf's Gefuͤhl zu wirken, als der heilige Verein von Dichtkunſt und Muſik. Malerei und Bildhauerei, Architektur und Skulp⸗ tur— ſie wirkten immer nur auf Auser⸗ waͤhlte, auf Kenner oder Freunde der Kunſt; ſie veraͤnderten ſich durch Schulen und Manieren; ſie waͤren meiſt zu aͤngſtlich an Ort und Stelle gebunden; ſie zu beſiz⸗ zen, ja oft nur zu ſehen, heiſche nicht ſelten p ecuniaͤre Kraͤfte, die nur Wenigen eigen waͤren— indeß jene verſchwiſterten Kuͤnſte Alle und immer erxgriffen, und ohne großen Auf wand von Muͤhe, Zeit und Geld das Eigenthum eines Jeden werden koͤnnten.— Correggio's heil. Nacht z. B., die Peterskirche in Rom, der vatikaniſche Apoll, die medi⸗ gg9 09— — zeiſche Venus; ob von einer Million Men⸗ ſchen wohl Zehn zu rechnen waͤren, die ſie ge⸗ ſehen— wohl fuͤnf, die ihren Werth ge⸗ fuͤhlt haͤtten; das Volkslied aber fliege, wie ein Geiſt, an Zeit und Raum nicht gebun⸗ den, uͤber Land und Meer, ertoͤne von Millio⸗ nen Zungen, erquicke Millionen Herzen. Dar⸗ um preiſe ſie auch hoͤchſt gluͤcklich Dichter und Muſiker, die ſo maͤchtig auf das Ge⸗ fuͤhl wirkten, daß ihre oft ganz einfachen Wor⸗ te und Toͤne Jahrhunderte uͤberlebten und Mil⸗ lionen zu denſelben Gedanken und Empfindun⸗ gen ſtimmten,— darum wolle ſie fuͤr ihren Theil, wenn ſie waͤhlen duͤrfe, lieber Hoͤlty und Schiller, als Bramante ſeyn und Correggio, lieber: Roſen auf den Weg geſtreut, oder: Freude ſchoöner Goͤtter⸗ funken geſungen, als die Peterskirche ge⸗ baut, oder die heil. Nacht in der Dresdner Gallerie gemalt haben; kurz, moͤge man auch ihren Enthuſiasmus uͤbertrieben, ja wohl gar laͤcherlich finden, ſie beneide alle Mei⸗ ſter aͤchter Volkslieder um ihren Ruhm, und aͤrgere ſich, daß man ihre Aſche nicht, in Kruͤ⸗ gen geſammelt, ſo gut in Pantheons aufſtelle, als die der Helden, welchen von den Knochen derer, die fuͤr ſie bluteten„ Obelisken errichtet —— werden koͤnnten; ja unbegreiflich nicht blos, ſondern unperantwortlich komme es ihr vor, daß man von ſo manchem herzerhe⸗ benden Volksliede nicht einmal die Ur⸗ heber kenne. Hatte Auguſte wohl Unrecht? ich denke nein — denn Wilt ich froh ſeyn an der Tafelrunde, Letzen mich an Freu ndſchaft, Lieb' und Wein— Will ich in der düſtern Leidensſtunde Aufgeheitert und getröſtet ſeyn, Schweſtern! Brüder! ſagt, was hilft es da, Ob ich je die ſtolzen Werke ſah, Die im Gold⸗Orangen⸗ und Zitronen⸗Lande, Schufen einſt Correggio und Bramante?— Doch das Herz ergreifen und beleben, Kräftigen das Reich der Phantaſie, Von dem Staub' empor zum Himmel heben, Kann daheim des Liedes Melodie, Tauſend, aber tauſend Herzen beut Hohe Tröſtung es und Seligkeit. Geiſtig trägt es ſeiner Schöpfer Ehre Fernen Brüdern über ferne Meere. 23 Könnt ihr ſelbſt nicht fühlen mehr, nicht ſingen, Was auch euch einſt Troſt und Freude gab, — 40— Schivebt der Zeiten Goit auf düſtern Schwingen Längſt ſchon friedlich uber euerm Grab, Spielt an eurem Aſchenkrug das Kind, Pfeift durch eure Harfe längſt der Wind, Ach! Euntſchlafne! eure Lieder geben Bei der Nachwelt euch ein ewig Leben. Mag die Zeit im Horentanz ſich kreiſen, Schiller, Göthe, Hölty, Mathiſon, Und wie all' die hehren Namen heißen— Sterne bleibt ihr eurer Natlon, Heil'ge Sterne, deren Zauberlicht Sich in Millionen Herzen bricht, Eure Töne— eure ſüßen Lieder Giebt der Zeiten Nachhall ewig wieder. Der bin ich. Ich ſtieg— erzaͤhlt ein Reiſender in British Mercury for April 1733— in einem kleinen Dorfe der Grafſchaft Yorkſhire vom Pferde und verlangte, weil letzteres ein Eiſen verloren hat⸗ te, einen Grobſchmied.„Der bin ich⸗— ſagte der Wirth und ſchritt ſogleich zu Werke, meine Wuͤnſche zu erfuͤllen. Indeß meldete ſich Jemand, der einen Notarius zu Vollziehung 4 einer Vollmacht brauchte.„Der bin ich,“ ſagte der Wirth, atteſtirte die Vollziehung der Vollmacht und bot zugleich ſeine Dienſte als Advokat an. Jetzt verlangte ein Kranker durch Boten einen Arzt.„Der bin ich, ſagte der Wirth, eilte fort, war bald wieder da, und verſicherte, daß er auch Mediein ferti⸗ ge und chirurgiſche Operationen zu ver⸗ richten im Stande ſey. Und damit gab er mir ungefaͤhr folgende Topographie ſeines Hauſes. „Hier iſt mein Laboratorium, dort mei⸗ ne Apotheke,— hier meine Verbinde⸗, dort meine Studierſtube— hier meine Kuͤ⸗ che, dort mein Fremdenzimmer— und un⸗ ter Gottes freiem Himmel, im Hofe, meine Schmiede.— Sie ſehen, ich bin auf man⸗ cherlei eingerichtet und doch ſind die Zeiten ſo ſchlecht, daß ich manchen Tag nicht einen Hel⸗ ler verdiene.“— Wem fallen bei dieſem Grobſchmiede nicht gewiſſe Buͤcherſchmiede ein, die, wenn Verleger verlegen ſind um ein asketiſches oder moraliſches, dogmatiſches oder ro⸗ mantiſches, philoſophiſches oder phyſi⸗ kaliſches, ſtatiſtiſches oder hiſtoriſches, oder ſonſt um ein ophiſches, iſtiſches, ini⸗ ſches, aliſches Artikelchen, und nach einem — 42— Autor ſich umſehen, der es fertige, den Au⸗ genblick rufen: Der bin ich!— aber leider nur ſelten ſind, was ſie ſeyn wollen und ſollen.— Epiſtel des Stadtſchreibers Po⸗ licarp Schurzfleiſch zu Kraͤhwin⸗ kel, an den Stadtſchreiber Flavius Heinneccius zu Schoͤppenſtaͤdt. Freund von altem Schrot und Korn! Ich muß dem gepreßten Herzen Luft machen, ſonſt ergeht es ihm noch, wie einer uͤberfuͤllten Dampfmaſchine. Nach welcher Weltgegend hin koͤnnte ich aber wohl lieber ein Ventil oͤffnen, als nach dorthin, wo Du, ehrliche Haut! wohnſt, der Du mit mir gleiche Buͤrde und Wuͤr⸗ de— gleiche An- und Einſichten haſt und dermalen, ohne daß Du es weißt— von glei⸗ cher Angſt und Sorge bedroht wirſt. So hoͤre denn! erſchrick! und— aͤrgere Dich!. Ja, wenn es damit abgethan waͤre— aber der Beutel, Bruͤderchen! der Beutel und— — 43— die ganze haͤusliche Ruhe ſtehn auf dem Spiele.— Die Zukunft, Freund! geht mit Dingen ſchwanger— hochſchwanger, ſag ich Dir, vor deren Entbindung— truͤg' ich nicht eine Peruͤcke— mir alle Haare zu Bergen ſte⸗ hen wuͤrden.— M Ach! wenn es nur keine Zukunft in der Welt gaͤbe, dann koͤnnten doch alle die Teufels⸗ erfindungen, womit jetzt ſo viel muͤſſige Koͤpfe ſich beſchaͤftigen, nicht vervollkommnet werden. Es bliebe bei der erſten rohen Idee und ſo man⸗ cher ehrliche Mann in ſeiner Ruhe. Doch ad ar- ma! Mache Dich auf einen langen, ſehr langen Brief gefaßt. Der Gegenſtand iſt zu wichtig. Daß ich mit ganzer Scele an der Literatur haͤnge, weißt Du. Mit welchem Heishunger ich daher allemal der Dresdner Abendzeitung und dem dito Anzeiger mit ſeiner Beipoſt, den Miszellen zur Belehrung und Un⸗ terhaltung, entgegenſchmachte, kannſt Du denken. Und wenn anch der Rathsbote, der die Blaͤtter mitbringt, nach dem Waͤchterrufe erſt eintrifft, wo doch in der Regel alle Haͤuſer der guten Stadt Kraͤhwinkel laͤngſt ſchon wie Auſtern geſchloſſen ſind— meine Haus⸗ und He tzensthuͤre bleibt offen, und ſollte ich daruͤber die halbe Nacht mir verpfuſchen. — 4 Das weiß auch ſchon meine Familie, darum denkt an Botentagen kein Menſch ans Bette, ſo lange jene Blaͤtter noch ermangeln. Nie aber, ſeit ich ſie leſe, war ich geſpann⸗ ker darauf, als ſeit dem 31. October.*) War⸗ um?— hm! das Saͤkularfeſt der Refor⸗ mation— die gute Stadt Kraͤhwinkel hat es ſich ſchweres Geld koſten laſſen, es wuͤrdig zu feiern. Nun will man doch aber auch gern wiſſen, wie es an jenen hehren Tagen in der Reſidenz hergegangen.— Denn daß obengenannte Blaͤtter davon nicht ſchweigen wuͤrden, ließ ſich denken. Vorgeſtern Abend gegen 11 Uhr trafen end⸗ lich die ſehnlich erwarteten Blaͤtter ein. Dies wirkte nun mit Auferweckungskraͤften in meiner Familic und gab Leben den Entſchla⸗ fenen— denn, ich will es Dir nur geſtehen, Frau und Kinder waren uͤber mein declamiren⸗ des Vorleſen des weltberuͤhmten Nibel ungen⸗ liedes ſanft und ſelig entſchlummert— Mar⸗ the ſaß am Ofen, wie eine verwelkte Klatſch⸗ roſe.— Die Maͤdel hingen die Koͤpfe, gleich geknickten Lilien und mein halbes Dutzend Jungen gab das Bild eines Schlachtfeldes, wo alles niedergehauen iſt. 9) Der Brief fällt in das Jahr 1817. — „ So wie ich aber die Donnerworte: Holla die Abendzeitung!— der Anzeiger!— erſchallen ließ, da erhoben ſich blitzſchnell die ge⸗ ſenkten Haͤupter und binnen drei Minuten war auch ſchon ein Krieg ausgebrochen, daruͤber, ob die Abendzeitung oder der Anzeiger zu⸗ erſt geleſen werden ſollte. Das Alter hat die Ehre— damit griff ich nach dem Anzeiger— und las nun dar⸗ aus— Du kennſt mein Organ— ſo vor, daß ſaͤmmtliche 22 alte und junge Ohren meiner lieben Familie nur ein Ohr zu ſeyn ſchienen und endlich Alles ordentlich zuſammenfuhr bei den nieder⸗ ſchlagenden Worten: Der Beſchluß folgt.— Mir ſelbſt war damit die halbe Freude und das ganze Urtheil verdorben— denn letzteres muß⸗ te ich doch natuͤrlich einſtweilen, bis zu Voll⸗ endung des Aufſatzes, dahin geſtellt ſeyn laſſen. So viel konnte ich mir indeß daraus wohl ab⸗ nehmen, daß es in unſrer guten Stadt an jenen hehern Tagen weit feſtlicher zugegangen ſey, als in der Rieſidenz; denn nicht einen Schuß hat man dort gethan— und— wie iſt dagegen bei uns gebuͤchſt und geboͤllert worden!— Doch dies bei Seite! Ich leſe weiter: Ueber den Zeitgeiſt— Ach! wir haben hier keinen Zeit⸗=— wir ha⸗ — 46— ben Stadt⸗— wir haben Magiſtratsa Geiſt— damit gehe ich in der Lectuͤre fort. Beſchreibung und practiſche Be⸗ merkungen uͤber die Draiſine oder Reiſemaſchine, nebſt Abbildung der⸗ ſelben. Kinder! ſagt' ich, indem ich mir ſo obiter das Kupfer beſah— Kinder! nun wollen wir zu Neſte— denn ſolch mechaniſch⸗ mathemati⸗ ſches Zeug lieſt man doch nicht— Schade ums Papier, das damit bedruckt wird— Reiſema⸗ ſchane— Reiſemaſchine.— Haben wir doch ſchon genug. Woll⸗ und Flachs⸗ und Schreibe⸗ und Sprech⸗ und Amts⸗ und Pflichtmaſchinen— nun gar eine Reiſe⸗ maſchine— wie weit wird man's aber auch noch treiben mit dem heilloſen Maſchinenweſen; — Je! ſo bleibt doch bei Euern Thee⸗ und Kaffeemaſchinen, die machen keinen Men⸗ ſchen brotlos und geben herrliche Gelegenheit zn Unterhaltung— denn, wo ſo ein goldnes Thuͤrmchen der Geſelligkeit blinkt, da iſt's, als wenn die Zungen, abſonderlich die woſolichem gar nicht angewachſen waͤren.— 3 Der verwuͤnſchte engliſche Peruͤckenmache ich glaube, der Menſch hieß Arkwr ight, durch den das Maſchinenweſen ſo in Gang ge⸗ † — kommen iſt!— ich daͤchte, den ließen die Seufs⸗ zer der Menſchen, die ſeine Kuͤnſte brotlos ge⸗ macht haben, in der Erde nicht Ruhe— Drai⸗ ſine— Reiſemaſchine— Reiſemaſchine — Draiſine.— Was ſoll ich mir aber dabei denken!— nichts, gar nichts— und ſo viel wird's wohl auch mit der ganzen Erſindung ſeyn.— Das Reiſen in eine Maſchine zu bringen— ha, ha, ha, ha!— uͤber die Einfaͤlle— Paule! du raſeſt.— Damit warf ich das Blatt auf den Acten⸗ tiſch, kommandirte zu Bette— und ging ſelbſt mit gutem Beiſpiel voran. Doch, ſo ermuͤdet ich auch war von den Buͤr⸗ den des Tages(wir hatten eine unfrer bluͤhend⸗ ſten Jungfrauen an's Halseiſen ſchließen laſ⸗ ſen) konnte ich doch nicht einſchlafen vor der heilloſen Draiſine.— Das Wort hatte mir ſo etwas traurig Omi⸗ noͤſes, das ich mir durchaus nicht zu erklaͤren wußte.—. Damit aufs Reine zu kommen— denn ich bin nun einmal kein Freund dunkler Ideen — greife ich, arme, abgemattete Aktenma⸗ ſchine nach der Lichtzuͤndemaſchine, brin⸗ ge die Erleuchtungsmaſchine, meine Stu⸗ dirlampe, wieder zum Brennen, und hole nun — 48— meine großen und kleinen Worterklaͤrungs⸗ und Verdeutſchungsmaſchinen, den alten ehrlichen Adelung und die nagelneuen Petri und Heinſius herbei, ſuche mich darin bald blind, finde aber auch nicht die leiſeſte Spur we⸗ der von einer Reiſemaſchine, noch von einer Draiſine.. Das macht mich ſtutzig— ich fange den Auf⸗ ſatz an zu koſten, wie man ſo ein Stuͤck Kuchen anbeißt, um zu merken, ob er Salz und Schmalz habe und— traue meinen Augen kaum, als ich leſe: „Unter die nuͤtzlichſten Erſindungen der neu⸗ ern Zeit gehoͤrt unſtreitig die vom Forſtmeiſter 4 Freiherr Carl von Drais zu Mannheim juͤngſt erfundene und in den Leipziger Zeitungen vor einiger Zeit beſchriebene Maſchine, womit eine Perſon, balancirend auf einem Reitſitze zwi⸗ ſchen zwei hinter einander laufenden Raͤdern, wel⸗ che, wie beim Schlittſchuhfahren, vermittelſt der Fuͤße auf dem Erdboden fortgeſtoßen werden, mit der Geſchwindigkeit eines austrabenden Pferdes von einem Orte zum andern reiſen kann.“ Niedliche Erfindung— eine Maſchine al⸗ ſo, den Leuten in ihren vier Pfaͤhlen aller Minu⸗ ten einmal uͤber den Hals zu kommen— nun, daran hat es nur noch gefehlt, um einem vollends das bischen Leben zu verbittern und den letzten Heller aus dem Beutel zu locken.— Damit zog ich mein bereits ſchnarchendes Weib bei der Naſe— eine erprobte Art zu wecken, die ich faſt Weckemaſchine nennen moͤchte— und welche ich, beilaͤufig, Jedem anrathen will, der eine ſchlaftrunkene Ehehaͤlfte hat.— Marthe— im Augenblick munter, wie ein Fiſch,— denn ich hatte etwas derb am Sonnen⸗ zeiger ihres holden Antlitzes gezogen— fragte ziemlich lebendig, was es gaͤbe? Ohne zu antworten, leſe ich ihr den ganzen Aufſatz mit Eifer und Glut vor,— denkend, ſie wird, gleich mir, außer ſich ſeyn, ob der entſetz⸗ lichen Zukunft, die in der Draiſine, wie ein Schreckensbild, vor mir lag, und— als ich um ihre Meinung ſie befrage, iſt ſie ſchon halb wieder im Hinbruͤten, brummend, daß ſie nichts verſtehe von den Hebelſtangen und Naben, und Langbaͤu⸗ men und Kurbeln und mich zur Ruhe ermahnend mit ſo einer Art von Halbtroſt; daß ja ſchon ſo viel erfunden worden ſey, wovon man erſt groß Weſen gemacht und nach⸗ her nichts wieder erfahren. DObſchon nun in der Regel Halbtroſt ſo we⸗ nig beruhigen, als Halbbier berauſchen kann, fand ich mich, doch durch erſtern ſo halb und — D 3 — 50— mich dem Schutze des Himmels, die Draiſine aber dem Meere der Vergeſſenheit, und ſchlief endlich ein; doch wahrlich nicht ohne den bitter⸗ ſten Groll gegen den Oberforſtmeiſter von Drais zu Mannheim, den ich auch die ganze Nacht im Traume auf ſeiner heilloſen Maſchine balanciren ſah. Beim Erwachen war letztere natuͤrlich mein erſter Gedanke, beim Fruͤhſtuͤck mein erſtes Wort. Ich las den Aufſatz nochmals bedaͤchtig und lang⸗ ſam, Wort fuͤr Wort, meiner Familie vor, uͤber⸗ zeugte mich, abſonderlich mit Huͤlfe des Kupfers, immer mehr von der Ausfuͤhrbarkeit der Idee, und gerieth ordentlich in Harniſch, wenn mir Eins auch nur ein Wort des Troſtes ſprach. Eben wollte ich die aͤrgerliche Kaffeeſitzung aufheben, um in meinen lieben Acten⸗Alpen die Ruhe wieder zu finden, die ich in den Steppen des Dresdner Anzeigers verloren hatte— da ſtuͤrzte Gottlieb, mein Juͤngſter, odemlos zur Thuͤre herein, mit den Worten: Vater! ein Menſch auf einem Spinnradel Frau und Kinder belagerten die Fenſter,— ich gehe endlich mit einem: Dummer Junge— Menſchen auf Spinnraͤdern— vor die Hausthuͤre, und— was erblicken meine Augen 3 4 halb erquickt, loͤſchte die Lampe aus, empfahl 3 —— — den geheimen Secretarium Stera auf einer Draiſine.— Ich denke, ich ſoll in die Erde ſinken.— Ehe dieſe aber ſich oͤffnet, den Sinkenden in ihren friedlichen Schooß zu nehmen, iſt der Draiſinen⸗ ritter indeß abgeſtiegen, und faͤllt mir um den Hals mit einem:„Herzensbruͤderchen! da bin ich endlich— lange nicht geſehen— aͤber kuͤnftig wollen wir einander ſchon beſſer genießen.— Sieh da, das ſchoͤnſte Bindemittel der Freundſchaft— eine Draiſine— wirſt wohl von dem herrlichen Dinge geleſen haben.— Ja, ſo wahr ich bin!— da haſt Du ſchon die Beſchreibung in den Haͤnden.— Nun ſieh, Bruͤderchen! auf ſo einem Flederwiſch von Wagen legt man einen Weg von drei Stun⸗ den ſpielend in einer zuruͤck. Nicht wahr, von Dresden bis hieher rechnet ihr neun Stunden — nun— was meinſt Du dazu— die bin ich in 2 ½ gefahren.— Habe ich aber die Sache nur erſt recht in Uebung, dann getraue ich mir, wenn ich ſo Abends 6 Uhr nach der Kanzlei abſegle, Euch Lieben— nicht wahr, Ihr ſpeiſet um 8 Uhr? — noch bei der Abendtafel zu uͤberraſchen.— Seit ſieben Jahren hab' ich Euch, Kinderchen! nicht beſucht, immer das heilloſe Fahren ſcheuend, theils, weil es Geld koſtet— theils, weil ich es nun einmal fuͤr Thorheit halte, vernuͤnftige We⸗ 8 2 — 52— ſen unvernuͤnftigen Beſtien anzuvertrauen,— aber kuͤnftig, Herr Bruder, ſiehſt Du mich wenigſtens alle Sonnabende, und— vor den Kanzleiherren, die Du ſo freundſchaftlich zu Dir einludeſt, als Du neulich mit ihnen bei mir ſpeiſtteſt, biſt Di, weiß Gott! keine Stunde ſicher.“”““ Schoͤner Troſt— dacht' ich in meinem Herzen — machte aber doch zu boͤſem Spiele gute Miene, und wollte mir nur das koͤſtliche Bindemittel der Freundſchaft beſehen. Da ſchreien mei⸗ ne Jungens aus dem Fenſter laut auf: Vater! eine ganze Wolke ſolcher Spinnraͤder — und, ſo wahr ich bin! zum Galgenthore her⸗ ein ſchnellen ſo ein halbes Dutzend fahrende Rei⸗ ter oder reitende Fahrer, wie ich ſie nennen ſoll, geradewegs vor meine Hausthuͤre, daß mir Hoͤren und Sehen vergeht, ſpringen ab und— vor mir ſtehen die ganzen— nicht weniger als ſechs— Kanzleiherren, womit der geheime Secretarius — ich denke nicht, daß es Ernſt ſeyn wird,— vorhin mich bedroht hatte.— Wie mir zu Muthe war, will ich beſchwei⸗ gen— indeß ließen mich die Menſchen vor lauter Nuͤhmen und Preiſen und Zeigen und Anatomiren ihrer Draiſinen gar nicht zu mir ſelbſt kommen, ſonſt weiß der Himmel, wie unwirſch ich mich dar hei henommen haben wuͤrde. — 53— Indeß hatten ſich Frau und Kinder auch vor der Thuͤre eingefunden, und unſre guten Einwoh⸗ ner ermangelten natuͤrlich nicht, gleich Schloßen⸗ wolken, auf die Draiſinen loszuſtuͤrmen, ob wel⸗ chen die Kinder lachten, die Geſetztern verbluͤfft waren und das liebe Alter die Haͤnde uͤber den Kopf zuſammenſchlug. Mir war bei all' dem Spektakel nur leid vor den finſtern Geſichtern meiner Marthe, welche die Gaſtfreundſchaft, wenn ſie nicht eine uralte Erfindung waͤre, wohl ſchwerlich erfinden wuͤrde — und doch beſah ſich das liebe Weibchen die lie⸗ ben Draiſinen mit ſo viel Gemuͤthlichkeit, daß ſie mir ordentlich vorkam, wie eine Charade ohne Schluͤſſel. Wahrſcheinlich aber ſpekulirte ſie ſchon auf Draiſinenreiſen in die Re⸗ ſidenz. Zum Gluͤck blieben die gaſtlichen Herren nicht lange da, verſprachen mir aber dagegen— und zwar ungebeten— bald wieder alſo einzuſprechen — quod Deus avertat!! Drei Kreuze machte ich hinter den boͤſen Sie⸗ ben, nannte den ſuperklugen Herrn von Drais in Mannheim, dem ich doch eigentlich den theu⸗ ern Beſuch verdankte, im Herzen einen Stoͤren⸗ fried aller haͤuslichen Ruhe, las meiner Frau tuͤch⸗ tig das Kapitel uͤber ihre unzeitige Gaſtfreiheit, — 44— und ſetzte mich dann ans Pult, Dir, Seelenbruͤ⸗ derchen, das volle Herz auszuſchuͤtten. Damit Du aber in Sachen der Dkaiſinen ſelbſt ſehen moͤgeſt, lege ich Dir das fatale Blatt der Dresdner Anzeigen, nebſt dem noch fatalern Kup⸗ fer bei, und frage Dich nun, Freund! ob ich et⸗ wa Geſpenſter ſehe, wo keine ſind?— Die Herren, welche dergleichen unheilbringen⸗ den Maſchinenbau jetzt betreiben, ſcheeren ſich den Teufel um die Folgen, welche aus ihren Koͤpfen und Haͤnden, gleich Uebeln aus Pandorens Buͤch⸗ ſe, hervorgehen. Sollten ſie aber nur in Unſer⸗ eines Haut ſtecken, da wuͤrden ſie Zeit und Muͤhe gewiß auf nuͤtzlichere Dinge wenden. Schwatzen doch die Menſchen von unzube⸗ rechnenden Folgen ihrer Maſchinen fuͤr die Staats⸗Oeconomie.— Ja, ja— die wer⸗ den ſie wohl haben, aber traurige, ſage ich Dir, hoͤchſt traurige;— denn waͤchſt dieſe Erfindung, die als Wiegenkind ſchon ein Rieſen⸗ kind iſt, ſo fort, dann ſtehet allen Staatseinrich⸗ tungen, beſonders den finanziellen und ka⸗ meraliſtiſchen, ein totaler Umſturz bevor. Wenn nehmlich eine Draiſine jetzt ſchon, da ſie kaum das Licht der mechaniſchen Welt erblickt hat, die Stunde in 20 Minuten zurucklegt, wie bald wird man es dahin bringen, daß man durch ſie zu einer guten Poſtſtunde nur 10— ja endlich— wohl gar nur 5 Minuten braucht.— Wenn jetzt ſchon eine ſolche Maſchine fuͤr 15 bis 20 Thlr. zu haben iſt, wie bald wird man ſie zu dem billi⸗ gen Preiſe von 5 und 6 Thlr. bauen.— Natuͤr⸗ lich ſchafft dann jeder Lump ſo eine Equipage ſich an— und reiche Leute— nun die werden ſie wie Sophas und Stuͤhle fuͤr ſich und die Ihrigen halten. Was aber— ich bitte Dich doch um Gottes Willen, Bruͤderchen, was ſoll denn aus dem P o ſt⸗ beſonders aus dem Ertrapoſt⸗ Kourier⸗ und Staffettenweſen werden!— Jede Familie, die nur einigermaßen Correſpondenz zu fuͤhren hat, wird ſie, wenn die Entfernung nicht zu groß iſt, durch Huͤlfe ihrer Draiſinen beſorgen laſſen, und die Chauſſeen werden Tag und Nacht von diesfalſigen Handelsdienern, Bedienten, ja wohl Lehrburſchen und Markthelfern wimmeln. Rei⸗ ſen, die man ſonſt auf Diligeneen, in Extrapoſt⸗ und Kourirchaiſen machte, werden kuͤnſtig in Draiſinen geſchehen— den eigentlichen Poſten wird nichts bleiben, als Chauſſeen ruinirendes Frachtgut, und die mit ungeheunern Koſten gebau⸗ ten Hochſtraßen werden durch die ewigen Draiſi⸗ nen ruinirt werden, ohne daß die betreffenden Kaſſen verhaͤltnißmaͤßige Entſchaͤdigung erhalten — denn was will man ſolchen Heupferden fuͤr Chauſſeegeld abfordern— welcher Einnehmer wird ſchnellfuͤßig genug ſeyn, ſo ein Ding im Vorbei⸗ raſen einzuholen, wenn der Inhaber mit dem Chauſſeegelde zum Teufel faͤhrt.— Ich ſchwei⸗ ge von der totalen Revolution, womit dieſes boͤſe Werkzeug das Acciſe⸗Syſtem bedroht— denn— um nur ein Beiſpiel anzufuͤhren— wird nicht kuͤnf⸗ tig jeder Hausvater ſich ſeine Paar Pfund Kaffee und Zucker ſelbſt von Leipzig oder Magdeburg holen — und welche Heere von Guͤterbeſchauern muͤß⸗ ten auf den Beinen ſeyn, wenn ſie allen derglei⸗ chen auf Draiſinen reiſenden Hausvaͤtern die Ta⸗ ſchen unterſuchen ſollten. Außer den ungeheuern Summen aber, welche der Landesherr auf dieſe Art an ſeinen beſten Re⸗ galien einbuͤßen muß, wie viel wird er dagegen auf ſo manche neue koſtſpielige Einrichtung, blos der Draiſinen wegen, zu wenden haben.— Das alte ehrwuͤrdige und wohlfeile Straßen⸗ pflaſter in den Staͤdten z. B., wird dem neumodi⸗ ſchen, theuern Chauſſeebau weichen, denn daß die bisherigen Pflaſtertreter nicht ruhen werden, bis die Straßen fuͤr das Draiſinenweſen vorge⸗ richtet ſind— wer mag daran zweifeln.— Iſt dies aber nur erſt der Fall, dann jagen gewiß alle Staatsdiener auf Draiſinen in Amt und Pflicht, ₰ — und ſo gut wie man vor nicht gar langer Zeit erſt in den Kanzleizimmern die koſtſpieligſten Vorrich⸗ tungen zur Steinkohlenfeuerung treffen mußte, wird man dann in den Kanzleihoͤfen Schuppen fuͤr die Draiſinen der Officianten zu bauen ha⸗ ben.— Daß uͤbrigens dieſe Maſchine dem Deſer⸗ tions⸗ und Auswanderungsweſen gleich⸗ ſam Thor und Thuͤre oͤffne— daß der Banque⸗ routirer und Wechſelſchuldner kuͤnftig nicht aus⸗ treten, ſondern ausfahren werde— daß ganze Schaaren von Gaſtwirthen und Lohnkut⸗ ſchern, Brieftraͤgern, Poſt⸗ und Hausknechten, Pferdehaͤndlern und Wagenbauern brotlos werden und dadurch dem Staate zur Laſt fallen muͤſſen, — dieſe und tauſend andre Nachtheile jener Erfin⸗ dung fuͤr den Staat will ich weiter nicht in An⸗ ſchlag bringen, denn was geht unſrer guten Stadt Kraͤhwinkel der Staat an.— Daß es aber, wenn die Draiſinen allgemein werden, um haͤusliche Ruhe und Sparſamkeit geſchehen iſt— da liegt der Hund begraben.— Denn, Bruͤderchen! ich bitte Dich doch um Gottes Willen, was ſoll aus unſern Geldbeuteln — was in specie aus unſern Kuͤchen und Kel⸗ lern werden, wenn die Draiſinenreiterei immer mehr um ſich greift.— Welche Heere von Be⸗ — 58— ſuchern werden einem dann auf den Hals kom⸗ men— wie wird man taͤglich und ſtuͤndlich in Angſt ſeyn muͤſſen, jeden Kuchen und Braten, den man gern mit den Seinigen im Stillen ver⸗ zehrte— jede Bouteille Wein, die man gern auf dem Winkel getrunken haͤtte, mit gaſtlichen Drai⸗ ſinenreitern zu theilen.— Wie wird man immer und ewig, ja bis ſpaͤt in die Nacht, nett ange⸗ zogen bleiben, Gaſtzimmer und Gaſtbetten bereit halten muͤſſen, weil man— Draiſinen zu erwarten hat.— Nun, wahrhaftig Baͤn⸗ der— eiſerne Baͤnder moͤchte man kuͤnftig der Zunge anlegen, daß ſie nicht Freunde einlade, die von der Draiſine gelockt, aus leeren Worten Ernſt machen.— Wird vollends die verdammte Maſchine, wie zu erwarten, an Schnellkraft verbeſſert und im Preiſe herabgeſetzt, weiß es Gott! dann wird das Vaterhaus zum Gaſthof und der Hausvater zum Wirth, der nur immer das Muͤtzchen unterm Arme, In der Thuͤre ſtehen muß, freundſchaft⸗ liche Draiſinenreiter zu empfangen.— G Was gilts! binnen Jahr und Tag haben es die Draiſinen⸗Macher ſo weit gebracht, daß man einander in Dresden und Leipzig Nachmittags auf eine Taſſe Kaffee beſucht, auch wohl noch ein Vesperbrot einnimmt, und doch mit dem Zapfen⸗ 3 ftreich wieder zu Hauſe iſt— oder daß man, in den laͤngſten Tagen, fruͤh ſo um drei oder vier Uhr auf der Berliner Straße abfaͤhrt, in Dah⸗ me oder Baruth fruͤhſtuͤckt, in Berlin zu Mit⸗ tage ſpeißt, in Potsdam Kaffee trinkt, in Witten⸗ berg vespert, in Großenhain ſonpirt, und doch mit dem Nachtwaͤchter wieder in ſeinen vier Pfaͤhlen iſt.— Wehe dann aber den Gaſtfreunden, die in jenen Staͤdten oder in der Naͤhe ſolcher Stra⸗ ßen wohnen,— denn ein Abſtecher von ein paar Meilen— was iſt das fuͤr eine Draiſine?— Zeither, wenn es ja einem entfernten Jemand in den Sinn kam, unſer einen in ſeinem Bene qui latet, bene vivit-Winkel zu uͤberraſchen, da gab es, Gott ſey Dank! tauſend Schwierig⸗ keiten— langer Weg— theure Fuhre— koſt⸗ ſpielige Zehrung ꝛc.— und ſo legte ſich die Reiſe⸗ ſucht nicht ſelten im Entſtehen. Jetzt aber— ja wahrhaftig ganze Familien— die Mama mit dem Wiegenkindlein nicht ausgenommen— ma⸗ chen ſich, Kraft ihrer Draiſinen, auf den Weg— fruͤhſtuͤcken zu Hauſe, eſſen unterwegs eine But⸗ terſchnitte aus der Taſche, erbitten ſich auf jeder Station hoͤchſtens warmes Waſſer zum Zolpein⸗ tauchen fuͤr das juͤngſte Reiſegliedchen, und— halten vor der Thuͤre des Gaſtfreundes, ohne einen Groſchen unterwegs verzehrt zu haben. 6— 60— Zeither, wenn man ja einmal von entfernten Verwandten oder Bekannten heimgeſucht ward, konnte man doch auf Abreiſe bei guter Ta⸗ geszeit rechnen, und, hatte man die Leute Mit⸗ tags gehoͤrig abgefuͤttert, war das Abendbrot fuͤg⸗ lich zu erſparen.— Kuͤnftig aber bleibt einem dergleichen Schnabelirgarde wohl bis gegen Son⸗ nenuntergang auf dem Halſe— denn wie ſchnell kann ſie nach Hauſe ſeyn und was erfaͤhrt ſie ſich denn im Finſtern fuͤr Gefahr mit Wagen, auf wel⸗ chen man wie eine Papierſcheere ſitzt und ſich jedes gefahrvolle Fleckchen nach Belieben wegſchneidet. Zeither wirkte die bloße Entfernung, wie ein Blitzableiter, gegen Gevatterbriefe und andre dergleichen theure Ehrenbezeugungen, kuͤnftig wird der Kindtaufvarer, auf ſeiner Draiſine, wie auf Fittigen des Windes, vorfahren, und— wer mag dann ſagen, daß man ſich des weiten Weges hal⸗ ber nicht einſtellen koͤnne, wenn ſo ein Menſch kurz und gut ſpricht: Ich borge Ihnen meine Draiſine— oder: Sie werden ja wohl eine Draiſine im Hauſe haben!— So aber wird es mit Hochzeiten, wo man jeden Biſſen verſilbern muß, ſo wird es mit Borggeſchichten und mit tauſenderlei andern Zudringlichkeiten gehen, die mir nur nicht alle gleich beifallen.— — 6¹— Ein Gluͤck, daß die Maſchine bei ſchlechtem Wetter nicht anwendbar iſt, ſo hat man doch we⸗ nigſtens darin eine Art von Draiſinenableiter. Ei! wie wird kuͤnftig, beſonders um die Zeit der Oſter⸗ und Pfingſtfladen, der Martinsgaͤnſe und Weihnachtsſtollen, der kluge Hausvater auf einen guten Barometer, die ſparſame Hausmutter auf einen tuͤchtigen Laubfroſch halten— wie wird man, wenn erſterer faͤllt und letzterer quackt, gemuͤthlich ſich gratuliren zu baldiger Ruhe vor Draiſinenbeſuchen— wie wird man, wenn alle Indicia eines Landregens ſich zeigen, jubelnd der Familie zurufen: Kinderl! der Himmel umzieht ſich— nun koͤnnen wir unge⸗ ſtoͤrt Kuchen backen.— Doch abgeſehen vom Geldbeutel, den die Draiſine zerfaͤhrt, kommt auch der Herzbeutel dabei noch ganz beſonders in die Klemme. Wem der Himmel z. B. ein Weib ſo nach der jetzigen Mode beſcheert hat— das meinige ſchillert auch ſchon etwas darnach— welche Gelegenheit bietet die verdammte Draiſine dar, dem Hauſe und der Pflicht zu entſchluͤpfen, oder vielmehr zu entfah⸗ ren.— Nun wahrlich! wenn man kuͤnftig in Arbeiten vergraben, ſeine Hausehre rufen wird, ſo wird es heißen: Sie iſt auf ein Paar Stunden in die Reſidenz oder nach Leipzig gefahren, und— was kann dort in ein Paar Stunden geſchehen gegen Sittlichkeit und Caſſe. Welch ungeheurer Spielraum vollends fuͤr die ſogenannten Hausfreunde durch die Draiſine ſich eroͤffnet, daran darf ich gar nicht denken— kurz, wenn die verdammte Maſchine ſo allge⸗ mein wird, wie ich, kraft des vor mir lie⸗ genden Kupfers, gewiß nicht ohne Grund fuͤrch⸗ te, dann fahren wir uͤber kurz oder lang unſre ganze Moralitaͤt zum Teufel. Das iſt doch einmal ſo eine rechte Erfin⸗ dung fuͤr die unbeſonnene Jugend, die ohnedem in jeder Hinſicht ins Zeug hinein zu fahren pflegt— denn— dafuaͤr glaube ich ſtehen zu koͤnnen— Leute von meinen Jahren ſetzen ſich auf keine Draiſine. Ueberhaupt fuͤrchte ich von dieſer Erfindung fuͤr alle Verhaͤltn ſſe des Le⸗ bens das Einreißen eines unbegraͤnzten Leicht⸗ ſinns— denn bringt die Draiſine nicht Zeit und Raum— die Grundpfeiler und Bedingun gen alles Seyns, durch ihre entſetzliche Schnel⸗ ligkeit ganz aus dem Gleichgewicht— und was ſoll— was wird daraus werden— leichtes Fuhrwerk— leichter Sinn— ſo wird's gehen — ich ſchaudre, wenn ich an die Zukunft denke.— Nun gebe ich zwar, als unpartheiiſcher Mann, gern zu, daß die Draiſine, gleich einem lockern Zeiſig, auch ihre guten Seiten habe. — Man kann z. B., wenn man verreiſet iſt, ſein liebes Weibchen ſchnell uͤberraſchen, man kann dem lieben Toͤchterchen in der Reſtdenz, dem Herren Sohne auf der Univerſität, dem untreuen Verwalter, dem boͤſen Schuldner ſchnell auf den Hals fahren; man kann, wenn etwa Kroͤnungen, Luſtlaͤger, Hinvichtun⸗ gen ꝛc. in der Ferne vorgehen ſollen, ſeine Neu⸗ gier auf eine recht leichte Art befriedigen.— Doch alle dieſe kleinen Vortheile verhalten ſich zu den geſchilderten Nachtheilen immer nur wie Kartoffelzucker zum Indiſchen— wie Erbſenkaffee zum Levantiſchen.— Wie man aber und mit welchem Erfolg man auch ſtreben moͤge, das mechaniſche Rieſen⸗ kind zum Rieſen zu erziehen, bluͤht doch in meinem Herzen noch eine wahre Sonnenblume des Troſtes. Die Reiſemaſchine— darauf laſ⸗ ſe ich mich todt ſchlagen— kann nie allge⸗ mein werden.— Denn zuerſt ſoll— wie der Dresdner An⸗ zeiger ſagt— zum Gebrauch der Draiſine eine gewiſſe Balancirkunſt gehoͤren— nun, und wie wenig Menſchen ſich im Gleichgewicht zu halten wiſſen, davon haben wir end⸗ lich Erempel dir Huͤlle und die Fuͤlle— das beſte an dem Eremiten auf St. Helena.— Wie kraͤftig und alles zerraͤdernd wuͤrde der Mann noch jetzt durch Europa fahren, wenn— er ſich im Gleichgewicht zu halten gewußt haͤtte.— Dann— die Draiſine iſt hauptſauͤch⸗ lich zum Vortheil der Maͤnner. Das laſſen ſich aber die Frauen nun und nimmer⸗ mehr gefallen. Was ſollte auch aus dem haͤus⸗ lichen Gleichgewichte werden, wenn der eine Theil durchs Leben jagte, indeß der andre durch⸗ kroͤche— wenn der Mann auf ſeiner Draiſine der Cenſur und Controle ſeiner lieben Ehehaͤlfte wie ein Aal entſchluͤpfen koͤnnte, indeß letztere ewig, wie eine Auſter, am Felſen der Wirth⸗ ſchaft kleben muͤßte? Daß nun wohl manche wilde Hummeln in Amazonenkleidung auf ſolchen Balaneirſaͤtteln erſcheinen werden, will ich gern glauben— ehr⸗ bare Frauen und Punsfeauen aber gewiß nie. Endlich, Bräͤberchen!— ein Hauptpunkt— Die Draiſine iſt in gebirgigen, ſteinigen, ſandigen und ſumpfigen Gegenden nicht anwendbar.— Nun, und an ſolchen Feſtungen, wohin geſetzte Maͤnner vor jenem Feind aller Haͤuslichkeit und Ruhe ſich zuruͤck⸗ — 635½— ziehen koͤnnen, fehlt es wenigſtens in unſerm lieben Vaterlande nicht.. 1 Darum Freund!— denn ich weiß, auch Du huldigſt dem köͤſtlichen: Bene, qui latet— ſo wie wir merken, daß die Draiſinenſucht zu⸗ nimmt— den Augenblick ein Memorial ad Se- renissimum gemacht und alle Kanaͤle eroͤffnet, alle Regiſter gezogen, eine Verſorgung in der ſaͤchſiſchen Schweiz, oder im obern Erz⸗ gebirge, ſo in der Gegend des Prebiſch⸗ thors, oder bei Johann⸗Georgenſtadt zu erhalten und— den Hausfreund will ich ſehen, der dort— Kraft ſo einer Hoͤllenma⸗ ſchine— unſre Weiber verfuͤhren— unſre Toͤch⸗ ter entfuͤhren— unſre Kaſſen unterminiren— unſre Speicher und Keller evacuiren und unſre himmliſche Ruhe turbiren ſoll.— Doch eben ſehe ich, wie entſetzlich groß mein Brief uͤber einen kleinen Gegenſtand geworden iſt.— Verzeihe fervorem scribendi— das Herz war mir zu voll. Der Himmel nehme Dich in ſeinen heili⸗ gen Schutz gegen alle Draiſinenritter. Nicht wahr, du wanſcheſt ein Gleiches Deinem— ob jener Maſchine tief bekuͤmmerten Polykarp Schurzfleiſch. E ————; Nachſchrift. ſtalt— ich meine Marthen— zu mir, horcht mich aus, was ich von den Draiſinen denke— fragt um's Raͤndchen herum: was wohl ſo ein niedlich Dingelchen koſte— und ſtellt es einſt⸗ weilen— denn ſie wird ſchon derber kommen — meinem Gutduͤnken anheim: ob es nicht gerathen ſey, ſich kuͤnftig auch ſo ein leichtes Waͤgelchen anzuſchaffen?— Vor der Hand— denn ich hatte gerade nicht Luſt hitzig zu ſprechen, da ich bereits hiz⸗ zig geſchrieben hatte— gab ich ihr blos halbe Antworten.— Kommt ſie mir aber nur wieder mit ihrer Draiſine, da will ich ſie ſchon bedralſinen. Noch eins. Unſer Stadtchirurgus, mein wertheſter Herr Gevatter— Du kennſt das Elendsthier— hat keine ruhige Stunde — mehr, ſeit ich ihm von der Draiſine geſagt. „Nun ſo wird Einem doch auch jeder Biſſen Brod verwaͤſſert. Wenn kuͤnftig keine Pferde mehr durchgehen, keine Wagen mehr umgewor⸗ fen werden, wer ſoll da noch Arme und e. Beine brechen.“— Damit ging er wuͤ⸗* So eben tritt der Verſucher in Weibsge⸗ * . — 67— thend fort— und kann man das dem Manne wohl verdenken.— Vale mihique fave! P. Sch. Der freimuͤthige Stifts⸗Pater. Wahre Anekdote. Der Vorſteher eines geiſtlichen, katholiſchen Krankenſtifts, in einer der groͤßern Staͤdte Deutſchlands, Pater...„ ein auſgeklaͤrter, wiſſenſchaftlicher und wohlthaͤtiger Mann, nahm in den Jahren 1812 und 1813, obſchon ſein Stift von Einquartirung frei war, doch immer franzoͤſiſche Offiziers auf, um der Kommun Er⸗ leichterung zu verſchaffen, von ſich aber die Nachrede abzuwenden, als wolle er gemei⸗ ne Laſten nicht tragen helfen. Einſt verpflegte er einige Monate hinter⸗ einander immer dieſelben Offiziers, ſehr artige Herren, die mit ihm an einer Tafel ſpeiſeten und mit welchen er trefflich ſich unterhielt. Ganz beſonders zutraulich und dankbar bewies ſich der kaiſerliche Adjutant.... Dieſer ließ oft politiſche Meinungen und Geſinnungen blik⸗ ken, woruͤber der Pater erſchrack,— welchen er aber, obſchon ſie ganz die ſeinigen waren, beizupflichten Bedenken trug. Doch einſt, als der Adjutant allein bei ihm ſpeiſete, und, wie es ſchien, durch Wein das Band ſeiner Zunge vollends los ward, da oͤffnete auch der ehrwuͤr⸗ dige Pater ſein Herz, und zwar unbedenklich, denn— ein Mann, der alſo zu ſprechen ge⸗ neigt war, konnte es auch ſenn, alſo zu hoͤren. Den folgenden Mittag brachte der Adjutant noch einige Offiziers mit zur Tafel, die vorher nie da geſpeiſet hatten, von dem gaſtfreien Wir⸗ the aber ſo freundlich, als ſeine taͤglichen Gaͤſte empfangen wurden. Kaum war die Suppe vor⸗ bei, da ſchlug der Adjutant das geſtrige Tiſch⸗ geſpraͤch ein, und fragte den Pater ganz unbe⸗ fangen und zutraulich: ob er auch heute noch der geſtrigen Meinung ſey? Unbedenklich bejahte es der ehrliche Mann, denn er ſtuͤtzte ſich auf die eignen Aeußerungen des Adjutanten. Dieſer ſtand auf, rief die Of⸗ fiziers zu Zeugen an, daß ihr Wirth Frank⸗ reichs Kaiſer und deſſen Syſteme ge⸗ faͤhrliche Aeußerungen gethan habe, und entſchuldigte ſeine eignen damit, daß er, als ein treuer Diener ſeines Herrn, den Pa⸗ ter nur habe aushorchen wollen. — Dieſer war wie verſteinert. Todenblaͤſſe uͤberzod ſein Geſicht;— die Sprache ſtockte;— angſtvoll ſchlug ſein Herz;— Zittern ergriff al⸗ le ſeine Glieder; denn— was mit ihm werden wuͤrde, konnte er leicht ſich denken. In dieſem entſcheidenden Augenblick tritt die Stifts⸗Koͤchin ein, den Braten außzuſetzen. Ihren guten Herrn in Angſt ſehn— und ſchnell ihn abrufen, unter dem Vorwande, daß ein Kranker im Stift die letzte Oelung verlange, iſt eins.— Der Pater entfernt ſich, erzaͤhlt der alten treuen Dienerin den Vorfall, und— wird ſogleich von ihr in ein Gewoͤlbe verſteckt, das ſchlechterdings nicht zu entdecken iſt. Die Offiziers brauſen, daß ihr Wirth nicht zuruͤck kommt, und laſſen die Koͤchin rufen. Dieſe heult und ſchreit uͤber das Verſchwinden ihres guten Herrn, und bleibt dabei, er muͤſſe ſich im nahen Fluſſe erſaͤuft haben. Dies beruhigt die Brauskoͤpfe. Ein Menſch wie dieſer, der ihrem Syſtem nicht hold war, konnte abkommen, wenn nur deshalb der reich⸗ lich beſetzte Tiſch im Stifte nicht einging. Letz⸗ tern aber beſorgte die treue Koͤchin nach wie vor, indeß ſie auch ihren guten Herrn in dem geheimen Gewoͤlbe Eeichlic mit Speiſe nnd Trank verſah. — 70— In einigen Wochen ſchieden die militaͤriſchen Gaͤſte. Der Verſteckte ward wieder ſichtbar. Alteration aber, Kummer uͤber ſein Schickſal und Kellerluft hatten ſo nachtheilig auf ihn ge⸗ wirkt, daß er kaum einen Monat ſeine Befrei⸗ ung uͤber lebte. Ein frommer General des 17. Jahrhunderts. Wutginau, dieſer beruͤhmte Kaiſerliche und Reichsgeneral betete taͤglich meiſt laut bei ver⸗ ſchloßenen Thuͤren anderthalb Stunden und ſet⸗ te dieſe regelmaͤßige Andachtsuͤbung ſelbſt bei Belagerungen nicht aus. Als Kommandant von Philippsburg z. B. hielt er ſeine Betſtunde al⸗ lemal von 11 bis 1 Uhr. Ob auch die Bela⸗ gerer bisweilen mit Kanonen ſie ein⸗ und aus⸗ lauteten, das galt ihm gleichviel. Bei Betſtunden und Predigten im Lager fiel er dem Pfarrer nicht ſelten in die Rede und ſetzte ertemporirend die geiſtliche Unterhal⸗ 3 tung oöft in den ruͤhrendſten Ausdruͤcken fort. Unter dem ſtaͤrkſten Bomben⸗ und Kugel⸗Re⸗ gen ging er, im Vertrauen auf Gott, mit dem — 71— Perſpektiv ſo ruhig auf den Waͤllen umher, wie mit der langen Pfeife im Zimmer, und fſielen auch Bomben oder Kugeln neben ihm nieder, ſo blickte er ruhig gen Himmel mit einem ge⸗ muͤthlichen: Gott ſey Lob, Ehre, Preis und Dank!— Bei einem ſo eiſenfeſten Muthe aber mochte er es natuͤrlich nicht gern ſehen, wenn Andre, beim Sauſen der Kugeln, ſich buͤckten. Ganz gelaſſen ſagte er dann: bleib nur aufrecht ſtehen, mein Sohnl! es thut nichts— Gott iſt unſer Retter. Mit derſelben Gelaſſenheit empfing er auch die Nachricht von dem Tode des Wuͤrzburgiſchen Obr. Lieut. von Wirſching, welcher, in ei⸗ nem Gewoͤlbe des biſchoͤfflichen Schloſſes ganz fuͤr ſicher ſich haltend, von einev achtzehnpfuͤn⸗ digen Kugel zerſchmettert worden war.„Gott findet uns allenthalben.“ Damit ent⸗ ließ Wutginau den Offizier, der ihm den Tod des Oberſtlieutenants meldete. Er hatte alſo den Glauben Guſtav Adolfs: daß der Apfel nicht eher abfalle, als bis er reif ſey— und befand ſich recht wohl dabei. Einfach und feſt, wie im Glauben, war uͤbrigens dieſer altdeutſche Degenknopf auch im — 72— 8 Anzuge. Kein Freund von Prunk, trug er 9 gewoͤhnlich eine Allongen Peruͤcke, einen aſchfarbenen Rock mit dergleichen We⸗ ſte und ſilberuͤberſponnenen Knoͤpfen; nur aͤußerſt ſelten aber eine Uniform — einen Orden nie.— —õ—õ Guͤnther und Koͤnig. Dichter⸗Schalk⸗ heit und Dichter⸗Rache. Der bekannte ſchleſiſche Dichter Chriſtian Guͤnther, ein offener Kopf, aber lockerer Ge⸗ ſell, war dem Koͤnige von Polen und Kurfuͤr⸗ ſten von Sachſen, Auguſt II., zum Pritſch⸗ meiſter*) empfſohlen, eine Stelle, die ihren *) So hicß urſprünglich der Mann, welcher bei Scheiben⸗ ſchießen mit der Pritſche oder dem Schlagbrete an der Scheibe die Stelle zeigte und ausrief, wohin der Schütze getroffen hatte. In der Regel nahm man dazu nur Leute, welche mit dem Volke Poſſen zu treiben und . die Schützengeſellſchaft zu beluſtigen verſtanden. Am mei⸗ ſten empfohlen, zu einem gewiſſn Anſehn und beſſern Einkommen erhoben ſie ſich, wenn ſie Knittelverſe zu ſchmie⸗ den wußten. Weit aber auf dieſe edle Kunſt nach und nach die meiſten Pritſchmeiſter ſich legten, ſo verſtand man nach⸗ her unter ketztern nicht mehr blos kuſtige Zielzeiger,— ** —-— 1 Mann naͤhrte, das Talent aber entehrte und un⸗ terdruͤckte, indem ſie mit der des Hofnarren in mancher Hinſicht nahe verwandt war; denn der Pritſchmeiſter trug, gleich letzterm, eine eig⸗ ne komiſche Kleidung, mußte alles beſingen, was man ihm aufgab, die Kunſt zu ſchmeicheln in hohem Grade verſtehn, Trinkſpruͤche, Leber⸗Rei⸗ me, Liebeslieder u. ſ. w. aus dem Stegreife fertigen, auch bei Tafel und Spiel, Maskerade und Tanz, auf Jagden und Reiſen, kurz uͤberall bei der Hand ſeyn, wo der Hof ſeiner Verherr⸗ lichung oder Erheiterung durch Verſe zu beduͤr⸗ fen meinte. Uebrigens war die Hofpritſch⸗ meiſterſtelle gewoͤhnlich nur ein Nebenaͤmt⸗ chen, und Staatsdiener und Pritſchmeiſter nicht ſelten in einer Perſon vereinigt. So ver⸗ waltete z. B. der Pritſchmeiſter Meder, deſſen Stelle eben Guͤnther erhalten ſollte, bis an ſein Ende zugleich die Stelle eines Kam⸗ mer⸗Sekretaͤrs, welcher freilich dann und wann in der Kammer fehlen mochte, wenn er bei Hofe Spaͤſe und Verſe zu machen hatte. — dazu dünkten ſio ſich nun zu erhaben— ſondern lu⸗ ſtige Reimſchmiede, ohne welche hohe Perſonen nicht leicht ein Feſt begannen oder beſchloſſen. Aus dieſen Neimſchmieden aber entſtanden, wie ſich weiter unten zei gen wird(in Sachſen wenigſtens), die Hofpoeten. Eine ſolche Pritſchmeiſterſtelle war nun frei⸗ lich gewiſſermaßen nicht fuͤr Guͤnther, deſſen Muſe in der That hoͤher ſtrebte— doch Hun⸗ ger thut wehe— und durſtige Lippen, von wel⸗ chen der gute Dichter immer und ewig geplagt war, wollten genetzt ſeyn. Darum trug er kein Bedenken, die, wenn auch nicht den Geiſt eh⸗ rende, doch den Leib naͤhrende Stelle anzuneh⸗ men. Auf den Fittigen der Hoffnung und guten Laune eilte Guͤnther nach Dresden, ſeinem ge⸗ kroͤnten Maͤren ſich vorſtellen zu laſſen. Dies aber ſollte durch den Oberhofmarſchall, Freiherrn von Lowenthal, geſchehen, welchem er durch den damals berühmten Dichter Joh. Ulrich Koͤ⸗ nig empfohlen worden war. Letzterm naͤmlich hatte der Feldmarſchall, Graf Flemming, die Pritſchmeiſterſtelle an⸗ getragen, welche Koͤnig aber, der vor einigen Jahren ſchon am Weiſſenfelſiſchen Hofe erſt ei⸗ ne Sekretaͤr⸗ dann eine Hofrathsſtelle ausſchlug und nun zu Dresden privatiſirte, zu tief unter ſeiner Wuͤrde hielt, und deshalb Guͤnthern, als einen armen Teufel, vorſchlug, der gewiß ſich nicht lange bedenken werde. Doch ſcheint Koͤnigen ſeine Empfehlung, noch ehe, derſelben zufolge, Guͤnther in Dresden — — 75— einſprach, ſchon gereuet zu haben. Entweder fuͤrchtete er, daß des letztern jovialiſche Laune und Dichtergabe ihm in der Gunſt des Hofes, um welche er ſelbſt durch Verſe ſich bewarb,) 2) Beſonders 1719 durch ein langes Gedicht unter dem Litel; Auguſts Heldenlob, welches nicht nur deſſen Feld⸗ züge, ſondern auch ſeinen Sinn fuür Kunſt und Literatur, für feinen Lebensgenuß, Prunk und Luſtbarkeiten ſchil⸗ dert. So heißt es z. B. von des Königs Bau⸗ und Ver⸗ zierungsluſt: 3 „»Den wunderſchönen Bau des Zwingers aufzuführen, Zwingt man ſelbſt die Natur, ihn ſchöner auszuzieren. Doch iſt ſein beſter Schmuck, daß ihn ein König baut, Den ſelber alle Welt als Wunder angeſchaut. Wie tauſend Hände hier zur Arbeit ſchwitzend eilen, So muß ſich auch das Aug', um ſie zu ſehn, vertheilen, Der ſchnitzelt, jener leimt, der hobelt, dieſer ſägt, Der füget, der zerſchneid't, der bohret, dieſer ſchlägt, Der zeichnet, jener malt, der bildet Heldenköpfe, Der haut ein Bruſtbild aus und jener Blumentöpfe. Der angelegte Bau wächſt augenſcheinlich fort, Kommſt Du des Abends her, kennſt Du nicht mehr den Ort,„, Den Du des Morgens doch ſelbſt haſt errichten ſchauen, So ſchnell ſteigt hier das Werk, ſo eifrig geht das Bauen Kurz: Schauplatz, Gärten, Stadt, Markt, Reitbaln, Schloß und Stall, 4 Kunſt⸗Kammer, Grotten, Saal, Jagd, Zeughaus, Haupt⸗ wach, Wall, Paläſte, Zwingerbau, Kunſtwaſſer, Schiffe, Brücke, Sind lauter königlich erhabne Meiſterſtücke ꝛc. ꝛc. leicht Eintrag thun koͤnne, oder, es war ihm erſt, nachdem er Guͤnthers Empfehlung ausge⸗ ſprochen, der Plan durch den Kopf gefahren, die erledigte Stelle ſelbſt, doch auf eine ehren⸗ dere und anſtaͤndigere Art, einſt zu bekleiden. Letztres ſcheint wenigſtens ſeine nachherige An⸗ ſtellung als Hofpoet zu beweiſen. Kurz, Koͤ⸗ nig traf Maßregeln, den empfohlnen Dichter, gleich bei ſeinem Erſcheinen am Dresner Hofe in Miskredit zu bringen. Unbegraͤnzte Anhaͤnglichkeit fuͤrs Glaͤschen war Guͤnthers ſchwache Seite, das wußte Koͤ⸗ nig wohl. Bei dieſer ſuchte er ihn alſo zu faſ⸗ ſen, und es gelang. An dem Morgen nehmlich, als Guͤnther durch den Freiherrn von Loͤwendal dem Monarchen vorgeſtellt werden ſollte, lud er ihn zu ſich zum Fruͤhſtuͤck und bewirthete ihn mit einem Glaſe aus dem Mutterfaͤßchen. Der arme Dichter! ſolchen Reizen zu wider⸗ ſtehen, lag jenſeit der Graͤnzen ſeiner moralichen und phyſiſchen Kraft. Zum Ungluͤck hatte ſein ſchalkhafter Wirth auch noch ein Paar luſtige Voͤgel als Zechkumpane eingeladen, welche Guͤn⸗ thern vollends den Kopf ſchwindeln machten von ſeinem nahen Gluͤcke, ihm vorſchwatzten von dem Nektar, den er kuͤnftig an der Tafel des Mo⸗ — 77— narchen in vollen Zuͤgen ſchluͤrfen werde, und immer ein Glas um das andre ihm brachten auf die Geſundheit des kuͤnftigen Pritſchmeiſters. Man trank alſo nicht blos, man jubelte auch. Beides vereinigt aber, wie viel es wirke, wem waͤre das wohl unbekannt. Kurz der Pritſch⸗ meiſter in spe war endlich, wenn auch nicht gerade fertig,(Cnach dem Kunſtworte der Ze⸗ cher), aber doch ſo ſelig, wie nur immer ein Dichter ſeyn kann, der ein Herz voll Hoff⸗ nung und ein Glas voll Wein hat. In ſolcher Stimmung nun fand Guͤnthern, — ſo wollte es Koͤnig,— die Stunde, wo er bei dem Oberhofmarſchall erſcheinen ſollte, um von dieſem dem Monarchen vorgeſtellt zu wer⸗ den. Auf einem Beine huͤpfte der gluͤckliche Dichter herum, als der Wagen vorfuhr, und jubelnd ſprang er mit Koͤnig die Treppe hinab, als gehe es zu einem Balle, nicht aber zu ei⸗ nem Monarchen, von welchem das Gluͤck. ſeines Lebens abhing. Waͤhrend beide Dichter, wie ein Paar Sympathievoͤgel, beim Freiherrn von Loͤwendal angemeldet wurden, ermahnte Koͤnig Guͤnthern, der ihm denn doch ein wenig zu lu⸗ ſtig geworden war, dringend, ſich zuſammen zu nehmen. Was vermag aber des Freundes Bitte, wo des Freundes Becher regiert. Die armen Poeten mußten uͤber eine Stun⸗ de in der Antichambre warten, weil der Feld⸗ marſchall Flemming eben beim Freiherrn von Löwendal ſich befand.— Eine ſchwere Aufgabe fuͤr den berauſchten Guͤnther, der es uner⸗ traͤglich fand, ſo lange auf einem Flecke zu ſtehn, ja ſogar— wie hebt nicht der Becher den Duͤnkel— es faſt uͤbel nehmen wollte, daß ein Hofmarſchall einen Poeten ſo auf ſich war⸗ ten laſſen koͤnne; denn was jener am Hofe, das duͤnkte Guͤnther ſich zu ſeyn im Reiche der Muſen. Daß aber ein Oberhofmarſchall mit einem Feldmarſchall wichtigere Angelegen⸗ heiten zu verhandeln haben koͤnne, als Verſe, wie mochte das einem Dichter einleuchten— be⸗ ſonders einem illuminirten.— Koͤnig hatte in der That Noth, den unru⸗ higen und murrenden Guͤnther ruhig zu erhal⸗ ten, und wollte ihm eben den Text nach Noten leſen, als der Freiherr von Loͤwendal erſchien und hoͤchſt eilig— denn er hatte im Geſpraͤch mit Flemming die beſtimmte Zeit der Vorſtellung Guͤn⸗ thers bei Hofe faſt verſaͤumt— mit beiden Dich⸗ tern nur im Fluge ein Paar Worte ſprach, Koͤnigen auf den Nachmittag zu ſich beſchied, Guͤnthern aber ihm zu folgen befahl. Der Weg war kurz, der Wagen rollte ſchnell. — 7 9— Es gab alſo fuͤr Guͤnthern nicht lange Zeit und Gelegenheit, als illuminirten Dichter ſich zu zeigen. Sein luſtiges Weſen fiel aber dem Hofmarſchalle nicht ſonderlich auf. Ein Pitſch⸗ meiſter ſollte und mußte natuͤrlich ſtets jovialer Laune ſeyn. Beim Ausſteigen am Schloſſe waͤre der ar⸗ me Dichter faſt parterre gekommen, denn im Rauſch des Weins, der Hoffnung und der Freu⸗ de, achtete er nicht des Trittes am Wagen, trat fehl und hatte, bei ſeinem ohnedem etwas zu ſchwerem Haupte, Noth genug, daß er nicht ganz zu Falle kam. Die Schweizer, vor dem Oberhofmarſchall im Gewehre, vermochten kaum des Lachens ſich zu erhalten. Doch die Excel⸗ lenz war natuͤrlich zuerſt ausgeſtiegen, ſah alſo nicht, was hinter ihrem Ruͤcken vorging und ſo kam denn Guͤnther auch diesmal noch mit Eh⸗ ren aus der Afaͤre. Allein mit jeder Stufe der Schloßtreppe ruͤckte an ſeinem Horizonte naͤher, der boͤſe Stern, der heute uͤber ihn waltete. Der Marſchall ward, auf Anmelden, in des Koͤnigs Zimmer gerufen; der Dichter mußte natuͤrlich in der Antichambre warten. Nach einer kleinen Viertelſtunde erſchien der Monarch mit dem Marſchall, blieb in ziemlicher — 80— Entfernung von Guͤnthern ſtehen, und ſagte mit einer majeſtaͤtiſchen, letztern ganz bezaubernden Freundlichkeit: Das iſt alſo das Subjekt, das man mir zum Hritſchmeſter re⸗ commandirt?— Der Marſchall bejahte es in tiefſter Ehr⸗ furcht. Guͤnther aber, vermuthlich meinend, daß ein Pritſchmeiſter gleich in der erſten Vor⸗ ſtellung als luſtiger Vogel ſich zeigen muͤſſe, trip⸗ pelte eilig in den Vorgrund, fuhr halb demuͤthig, halb poſſierlich nach der Hand des Monarchen, und kuͤßte ſie mit den Worten:„Ja, der bin ich— Ew. Majeſtaͤt unterthaͤnigſter Knecht, und, wenn Ew. Majeſtaͤt be⸗ fehlen, auch allergetreueſter Pritſch⸗ meiſter.— „Er kann alſo Verſe machen”— „Zu Befehl, Ew. Majeſtaͤt,— Verſe, die Ew. Majeſtaͤt gewiß charmiren ſollen. Kom⸗ mandiren Ew. Majeſtaͤt! und Guͤnther wird ſingen— ſingen wird er, daß“—— damit ward das Band ſeiner Zunge los, und er redete recht, ſo daß der Koͤnig kaum zum Worte kom⸗ men konnte. Auch ſprach er nicht blos mit der Zunge, ſondern mit allen Gliedmaßen, unter welchen wieder die den Chapeau bas dirigi⸗ girende rechte Hand die Hauptrolle ſpielte. Statt aller Antwort wandte ſich der Mo⸗ narch an den Freiherrn von Loͤwendal, welcher Demuth und Reſpekt in demſelben Grade ſteiger⸗ te, als Guͤnther ſie ſinken ließ, ſprach mit ihm uͤber eine Hofwirthſchaft des letzten Karnevals, wobei Auguſt mit ſeiner Gemahlin einen litthaui⸗ ſchen Gaſthalter vorgeſtellt hatte, gedachte dabei in Ehren des verſtorbenen Pritſchmeiſters, des Kammerſekretaͤrs Meder, und maß Guͤnthern nur dann und wann mit einem kalten, Ehr⸗ furcht gebietenden Blicke. Trotz des ſeligen oder vielmehr unſeligen Weinhumors merkte der vorlaute Dichter doch bald, wie viel es fuͤr ihn an der Gnadenuhr des Koͤnigs von Polen geſchlagen habe, und verſuchte nun auf anſtaͤndigere Art dem Monar⸗ chen Rede abzugewinnen, oder wenigſtens ſein Benehmen unter dem Mantel des Pritſchmei⸗ ſters und der licentia poetica zu verſtecken. Allein Auguſt nahm weiter keine Notiz von ihm und zog ſich nach 10 bis 12 Minuten, wovon er Guͤnthern nicht drei gewidmet hatte, mit dem Hofmarſchall in ſein Zimmer zuruͤck. Der Erfolg war voraus zu ſehen. Guͤn⸗ ther bekam, qua Pritſchmeiſter in spe, den⸗ ſelben Tag noch das Consilium abeundi— Koͤnig vom Oberhofmarſchall einen derben Ver⸗ 5 — 832— weis, daß er ihm einen ſo ungehobelten, vor⸗ lauten Menſchen empfohlen habe.— Guͤnther von Koͤnigen die ſchneidendſten Vorwuͤrfe, daß er ſeiner Empfehlung ſo wenig entſprochen— und Koͤnig von Guͤnthern endlich den ge⸗ rechteſten Undank fuͤr das heilloſe Fruͤhſtuͤck, welches allein an ſeinem Ungluͤcke Schuld ſey. Nach einigen Tagen kam es ſogar zwiſchen beiden Poeten faſt zu einer höchſt proſaiſchen Rauferei, denn Einige von Guͤnthers Dresdner Freunden ſtellten demſelben das Koͤnigſche Fruͤhſtuͤck ſo ganz aus dem rechten Geſichts⸗ punkte dar, daß der arme Poet wohl einſah, es ſey darauf abgeſehen geweſen, ihn von der Hofſtelle eher zu entfernen, als in dieſelbe zu bringen. Indeß ließ er ſich am Ende auch kein grau— es Haar daruͤber wachſen, denn der, mit der vorgeſpiegelten Anſtellung verbundene Zwang hatte fuͤr ihn, den echtluſtigen Bruder, ſo viel Abſchreckendes, daß er mit Freuden Dresden verlaſſen, mit Freuden den Hofſtaub abgeſchuͤt⸗ telt haben wuͤrde, der ihn bereits angeweht hat⸗ te, wenn nur Koͤnig mit dem herrlichen Fruͤh⸗ ſtuͤcke ihn nicht ſo boshaft aufs Eis gefuͤhrt haͤtte. An dieſem vor ſeiner Abreiſe ſich noch zu reiben, war,— wer mags ihm verdenken— ſein einziges Dichten und Trachten, und das that er denn auf folgende poetiſche Art: Koͤnig brauchte damals eine Kur, welche ihn noͤthigte, in den Morgenſtunden ſich Be⸗ wegung zu machen. Kam er dann nach Hauſe, ſo erwartete ihn ein koͤſtliches Fruͤhſtuͤck, auf welches er ſich allemal innig freute.— Das wußte Guͤnther— und darauf bau⸗ te er den Plan ſeiner Rache.— Hatte ihm Koͤnig durch ein Fruͤhſtuͤck die Hoffnung auf die Pritſchmeiſterſtelle verbittert, ſo wollte er jenem dafuͤr nun wenigſtens ein Fruͤhſtuͤck verbittern. Deshalb ſchrieb er denn ein poeti⸗ ſches Lebewohl auf einen ungeheuern Zettel, paß⸗ te damit in einem benachbarten Hauſe, bis er Koͤnig von ſeiner Promenade zuruͤck kehren ſah, eilte unbemerkt nach deſſen Wohnung, klebte den Zettel an die Vorhausthuͤre, und verſteckte ſich dann in einen Winkel der Treppe, wo er des gefeierten Dichters Ueberraſchung bequem mit anſehen konnte. Die malitioͤſen Verſe aber lauteten alſo: „Gehab Dich wohl, Du kleiner König, „Der Du mich boshaft angeführt— „Werth biſt Du weniger, als wenig— „„Doch werth, daß man, wie ſichs gebührt, 2 „Mit gleicher Tücke Dich traktirt. „Dein Weinel hat mich baß charmirt, „Doch Dein Geſang, wenn gleich der Polenkönig „Sein Heldenlob durch Deine Fedev ehrt, „Iſt doch viel weniger als wenig— „Iſt nicht den Teufel werth. 4 „Elb⸗Wechſelbälge nur ſind Deine Geiſteskinder, „Dies ſchreibt aus Herzensgrunde Dir Poeta Günther. Des Fraͤhſtuͤck⸗hungrigen Koͤnigs angeneh⸗ mes Erſtaunen beim Leſen dieſes ſaubern Zet⸗ tels bedarf keiner Schilderung. Wuͤthend riß er ihn ab, opferte ihn dem Vulkan, und fuͤhlte ſich dann genoͤthigt, dieſem heiligen Brandopfer noch eine kleine Faſtenzeit beizuſetzen: denn vor Aerger vermochte er nicht einen Biſſen zu ſich zu nehmen. Guͤnther aber wollte ſich in ſeinem Hinterhalte faſt todt lachen uͤber das wuͤthende Abreißen des Zettels, ſchlich ſich unbemerkt aus ſeinem Hinterhalte, nahm bei dem Italiener Stoppantonuf der Schloßgaſſe ein geiſterwek⸗ kendes Fruͤhſtuͤkk, voll des frohen Gedankens, daß er Königen das ſeine wahrſcheinlich fuͤr diesmal verkuͤmmert habe, und verließ dann heiter, wie ein deutſcher Poet nach einem ita⸗ lieniſchen Fruͤhſtuͤke nur immer ſeyn konnte, die Stadt, wo er ſo weit neben großen Hoff⸗ nungen fehl geſchoſſen hatte. In Guͤnthers, wie in Koͤnigs Lebensbeſchrei⸗ bungen ſucht man die erzaͤhlte Anekdote verge⸗ bens; denn ich verdanke ſie einem alten, vor 30 Jahren bereits heimgegangenen Manne, bei deſſen Großvater, Chriſtian Bluͤthig, der lockere Guͤnther wohnte, als er in Dresden ein⸗ ſprach. Eine Abſchrift der malitioͤſen Verſe des Letztern klebte, als großvaͤterliches Erbſtuͤck, an Bluͤthigs Kammerthuͤre, welcher die Veranlaſ⸗ ſung dazu Jedem, der ſie las, mit einem ge⸗ wiſſen Stolze erzaͤhlte, daß ein ſo beruͤhmter Dichter, wie Guͤnther, einſt bei ſeinem Groß⸗ vater gewohnt habe. Die Quelle der Erzaͤhlung ſließt alſo freilich gewiſſermaßen von Guͤnthern ſelbſt, welcher, indem er ſeinem Wirthe den Vorfall erzaͤhlte, ſich natuͤrlich im ſchlechteſten Lichte nicht dargeſtellt haben wird. Indeß iſt ſie doch immer als ein Beitrag zu Guͤnthers Biographie nicht zu verwerfen, und findet vielleicht einen Berichtiger oder Ergaͤnzer. Daß uͤbrigens Koͤnig, wie ſchon bemerkt, ſelbſt im Stillen, aber unter andern Verhaͤlt⸗ niſſen, die Pritſchmeiſterſtelle jetzt wuͤnſchte, die er ehedem ausgeſchlagen hatte, daß er ſeine Em⸗ pfehlung Guͤnthers, noch ehe dieſer eintraf, be⸗ — 36— reuete, und ſie durch das köſtliche Fruͤh⸗ ſtuͤck zu vereiteln ſtrebte, ergiebt ſich aus dem Erfolg. Kurz nach Guͤnthers Falle nehmlich ſprach Auguſt in Moritzburg mit ſeinem Leibmedicus, dem Hofrath Heucher, von Beſetzung der Pritſch⸗ meiſterſtelle, welche, in ſo fern Erheiterung eins der wirkſamſten Geſundheitsmittel iſt, in der That mit zum Reſſort des Leibarztes gehoͤrte. Dr. Heucher, ein Goͤnner Koͤnigs, und von dieſem wahrſcheinlich geſtimmt, ſchlug den Ver⸗ faſſer des Heldenlobes Friedrich Auguſts zu je⸗ ner Stelle vor. Ach! ſagte der Monarch, dieſer nimmt ſie nicht an, den habe ich ſchon deshalb befragen laſſen. Der Hofrath aber meinte: Annehmen werde ſie Koͤnig wohl, nur nicht in der bis⸗ herigen Art und mit dem Pritſchmeiſter⸗ titel und Kleide, welches freilich jeden Mann von Talenten abſchrecken muͤſſe. Der Monarch verlangte nun das unter dem Namen ſeines Heldenlobes beruͤhmte Gedicht Koͤnigs noch einmal zu ſehen. Zum Ungluͤck war in Moritzburg kein Eremplar aufzutreiben. Es ward alſo ein reitender Bote nach Dresden an den Verfaſſer ſelbſt abgefertigt, welcher nicht wenig dadurch ſich geſchmeichelt fand, und jetzt — — auf einmal in demſelben Hoffnungsparadieſe leb⸗ te, aus welchem er durch ſeinen feurigen Wein als Engel mit dem Flammenſchwerte den armen Guͤnther vertrieben hatte. Binnen wenig Stunden war das Gedicht zu Moritzburg in den Haͤnden des Monarchen, welcher es, obſchon es, ohne die erlaͤuternden hiſtoriſchen Anmerkungen, gegen 900 Reimzeilen enthielt, doch vom Anfange bis zum Ende mit dem gnaͤdigſten Beifalle hoͤrte, und dann dem Freiherrn von Loͤwendal auftrug, mit dem Ver⸗ faſſer wegen Annahme der Pritſchmeiſterſtelle zu unterhandeln. Koͤnig war bald gewonnen, weil Einfluß und Anwendung, ſo wie Anerkennung ſeiner Talente bei Hofe laͤngſt zu den Lieblingsplaͤnen gehoͤrte, weshalb er in Drooden privatiſirte. Als geſuchter Poet konnte er natuͤrlich Bedin⸗ gungen ſetzen, welche auch ohne Umſtaͤnde geneh⸗ migt wurden. Den verhaßten entehrenden Namen des Pritſchmeiſters nehmlich vertauſchte man, ihm zu Gunſten, mit dem Titel eines Koͤnigl. Ge⸗ heimen Sekretaͤrs und Hofpoeten— ſtatt des narrenmaͤßigen Pritſchmeiſterklei⸗ des gab man ihm das Koſtuͤm eines alten roͤ⸗ miſchen Heroldes, und der Pritſchmei⸗ ſter-Gehalt endlich erhielt eine dem neuen Range angemeſſene Erhoͤhung. Koͤnig entſprach aber auch ganz den Erwar⸗ tungen ſeines koͤniglichen Maͤcens, ehrte die Hofpoetenſtelle durch nicht gemeine gelehrte Kenntniſſe, durch ein aͤußerſt anſtaͤndiges Beneh⸗ men und durch ſeine(freilich nur fuͤr da⸗ mals) ſchoͤnen Verſe, hielt ſeine joviale Laune ſtets in den Graͤnzen des Schicklichen, und er⸗ ſang ſich mit der Zeit nicht nur die Ceremo⸗ nienmeiſterſtelle, ſondern ſogar den Adel. So weit wuͤrde es nun freilich Guͤnther nicht gebracht haben, welcher aus Bachus⸗ Keller gemuͤthlicher, als aus der ka ſtali⸗ ſchen Auelle zu ſchoͤpfen pflegte. Beitraͤge zur Charakteriſtik des Satyrikers Gottlieb Wilhelm Rabener. Schwerlich iſt von irgend einem geiſtvollen Manne an dem Orte, und zur Zeit ſeines Le⸗ bens und Wirkens mehr geſprochen und erzaͤhlt worden, als von dem den 22. Maͤrz 1771 zu Dresden verſtorbenen Steu errath Rabener. Kein Wunder— denn ſeine ungemein bei⸗ ßenden Satyren brachten die Thoren durch Aerger in Harniſch— die Klugen durch Lachen in Bewegung.— Zudem war Rabe⸗ ner nicht bloß ſpitzig mit der Feder, ſondern auch witzig mit der Zunge und ſetzte ſein Licht in amtlichen Verhaͤltniſſen ſo wenig, als in ge⸗ ſelligen, unter den Scheffel.— Am lebendigſten aber ward natuͤrlich das Erzaͤhlen und Sprechen von ihm, als er von dem Schauplatze abgetreten war, auf welchem er die Narren unbarmherzig gegeißelt, die Klugen ſo geiſt⸗ als gemuͤthvoll erquickt hatte. Die erſten vier Wochen nach ſeinem Tode war nur Rabener in Familien⸗ zirkeln, wie an oͤffentlichen Orten, der Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung, und ſo mancher ſeiner Bekannten und Freunde ruͤckte nun erſt mit Anekdoten, ihn betreffend, mit Scherzen, von ihm veranlaßt, mit Witzreden, von ihm geſpro⸗ chen, heraus, die man bei ſeinem Leben wieder zu erzaͤhlen bedenklich gefunden hatte. Auch ward natuͤrlich ſo manches, auf Rabeners Rech⸗ nung, erzaͤhlt, was der große Mann weder ge⸗ than, noch geſprochen hatte. Und doch iſt— ſonderbar genug— von al⸗ le dem nur wenig öoͤffentlich bekannt gemacht — 90— worden— ja, ich kenne faſt keinen Gelehrten von Rabeners Rufe, uͤber welchen— Weiſſens Nachricht von deſſen Leben und Schriften—(Leipzig Pei Dyk, 1772)— eine kleine Anekdote im deutſchen Muſeum 1782— und die Wuͤrdigung ſeiner ſchriftſtelleriſchen Ver⸗ dienſte in der deutſchen Literargeſchichte abge⸗ rechnet— ſo wenig geſchrieben worden waͤre.— Den Grund zu dieſem Schweigen in den er⸗ ſten Jahren nach Rabeners Tode, legte ſonder Zweifel der ehrwuͤrdige Weiße in Leipzig, in⸗ dem er in ſeiner Bioge phie Rabeners ſchrieb: „Wiele ſeiner in Geſellſchaft geſagten Scherze verdienten aufbehalten zu werden. Aber ſie ſind zum Theil vergeſſen, und die, welche ich noch weiß, werde ich mich ſehr huͤten, bekannt zu machen. Solche Anekdoten beluſtigen, ohne im geringſten von dem Manne etwas Neues zu lehren. Sie ſind oft mit beſondern Umſtaͤnden ſo zuſammenhaͤngend, daß der Scherz nur von wenigen ſo empfunden werden kann, als von denjenigen, welche dabei gegenwaͤrtig geweſen ſind, und oft thun ſie demjenigen, von dem ſie erzaͤhlt werden, oder dem, an den ſie gerichtet, oder denen, die dabei verwickelt waren, Scha⸗ den. Von einem vertrauten Freunde nimmt man auch den freiſten Scherz nicht uͤbel; man 4 — 91— lacht ſelbſt mit; man will aber deswegen nicht von andern belacht ſeyn und der Inhalt einer luſtigen Erzaͤhlung werden.“ Nach ſolchen Aeußerungen traute ſich nun ſo leicht kein Gelehrter, dem an Weißens Ach⸗ tung lag, etwas uͤber Rabenern drucken zu laſ⸗ ſen.*) Zudem gab es der wandelnden Ar⸗ chive fuͤr dergleichen Anekdoten— naͤmlich Journale— damals nicht zum achten Theile ſo viel, als jetzt— und endlich— ward auch Rabener, weil er in einer Reſidenz lebte, wo bekanntlich Neuigkeiten, gleich Wellen, einander verſchlingen, wenigſtens in Hinſicht auf Anek⸗ doten, die man ſich von ihm zu erzaͤhlen hatte, bald vergeſſen.— *) Der unter der Pflege der barmherzigen Brüder zu Prag 1788 verſtorbene Heinrich Keller, weccher einſt, in der bekannten Fehde über das Schenauiſche Altar⸗ gemälde, 17986, zu Dresden eine beſonders lebhafte Rolle ſpielte, ſoll eine Menge Rabenern betreffende Anek⸗ doten geſammelt, und die Idee gehabt haben, ſie unter dem Titel: Rabneriana— herauszugeben, welches aber, vielleicht zum Beſten Rabeners, wie der Literatur, unterblieben iſt, weil ſie ſonder Zweifel von nicht größe⸗ rem hiſtoriſchen Belange geweſen ſeyn würden, als die bekannten Taubmanniana, deren Werth Herr Biblio⸗ thek. Sekretär Ebert zu Dresden in ſeiner gründ⸗ lichen Schrift über Taubmann in das gehörige vinhs geſetzt hat. Indem ich daher nachſtehende Beitraͤge zur Charakteriſtik Rabeners mittheile, glaube ich damit weder ſeinem, noch ſeines Freundes, des unvergeßlichen Weiße, ehrwuͤr⸗ digem Schatten zu nahe zu treten, denn, ſie werfen kein nachtheiliges Licht auf Ra⸗ benern, ſie treten Keinem ſeiner Zeit⸗ oder Amtsgenoſſen zu nahe, und endlich gehoͤren ſie auch nicht in die Klaſſe jener, von Weiſſen, mit Recht hochverpoͤnten A nekdoten, deren Intereſſe einzig von Zeit und Umſtaͤnden abhaͤngt.. Geſchoͤpft ſind ſie theils aus den Handſchrif⸗ ten eines 1774 verſtorbenen Geheimen⸗Canzel⸗ liſten Schoͤne, der zu ſeiner Zeit ein ſchoͤner Geiſt, aber ohne Hinterlaſſung ſchoͤner Wer⸗ ke, mehrere Jahre Rabeners literariſcher Agent war, und an dem ſeltnen Manne mit unbegrenz⸗ ter Achtung und Liebe hing— theils aus den muͤndlichen Ueberlieferungen eines laͤngſt Verſtor⸗ benen, der zu Rabeners Zeit als Muſiklehrer zu Dresden in vielen angeſehenen Familien Unter⸗ richt ertheilte, in welchen Rabener als Freund aus⸗ und einging. Dieſer, der Rabenern faſt abgoͤttiſch verehr⸗ te, und von ihm ſtets, wie von einem Heiligen ſprach, war ſo eine Art von Anedoktenlexicon zu Rabeners Leben, das ſich den Augenblick von ſelbſt aufthat, ſobald deſſen Name nur genannt ward, worin aber freilich, neben vielen Anzie⸗ henden, auch ſo manche Anekdoten vorkamen, auf welche Weißens obige Bemerkungen ſich an⸗ wenden ließen. Wenn ſich aber, was ich daraus mittheile, nur auf Relata refero gruͤndet, ſo dienet viel⸗ leicht zur Entſchuldigung, daß leider! wohl un⸗ zahlige Beitraͤge zur Geſchichte der Welt und Menſchheit, auch keine reineren Quellen haben— und dann, daß dieſe Mittheilungen vielleicht Berichtigungen veranlaſſen koͤnnen; denn Rabener iſt erſt ſeit 50 Jahren todt. Es leben alſo wahrſcheinlich noch ſo manche ſeiner Zeit⸗- und Amtsgenoſſen, welche Berichtigungen zu geben im Stande ſind. Freilich haͤtte ich, in dieſer Hinſicht, dieſe Beitraͤge zu Rabeners Biographie, fruͤher mit⸗ theilen ſollen.— Doch, wer mag, unter Ber⸗ gen von Amts⸗ und literariſchen Arbeiten, alle⸗ mal Zeit und Luſt haben, von letztern gerade diejenigen zu Tage zu foͤrdern, die es am er⸗ ſten beduͤrfen.— Immer beſſer, denke ich— etwas endlich, als gar nichts geben. 1. Als ſich zu Dresden, im Sommer 1753, die Nachricht verbreitete, daß der Leipziger Steuer⸗Reviſor Rabener, als erſter Oberſteuer⸗Sekretaͤr, nach Dresden beru⸗ fen werden ſollte, ſteckten ſeine kuͤnftigen Kolle⸗ gen die Koͤpfe zuſammen, meinend, daß ein Schriftſteller in keine Kanzlei tauge, und daß ſie nun wohl der Reihe nach von ihm in ſeinen Schriften ſatyriſch porrrantirt werden wuͤrden. Dieſe Sage tam Nabenern zugleich mit ſei⸗ ner Ernennung zu genannter Stelle zu Ohren, und verbitterte ihm, der ſo gern von allen Men⸗ ſchen ſich geachtet ſah, nicht wenig die Frenbe uͤber ſeine Befoͤrderung. „Wenn ich doch— aͤußerte er damaſs ge⸗ gen Breitkopf— ſchon ein halbes Jahr im Steuerhauſe zu Dresden geſeſſen haͤtte, damit nur die Herren, die mich ſo fuͤrchten, ſaͤhen, daß ich nicht ſo furchtbar bin, als ſie denken. Sobald er ſeine Stelle angetreten hatte, gab er ſeinen ſaͤmmtlichen Kollegen, an einem oͤffent⸗ lichen Orte, ein ſolennes Abendeſſen, und wußte dabei den Geladenen ſo viel Zutrauen, Achtung und Liebe einzufloͤßen, daß ſie ganz bezaubert ihren geiſt⸗ und gemuͤthvollen Wirth und Kolle⸗ gen verließen. Auch erklaͤrte dieſer uͤber Tiſche, beim Aus⸗ bringen einer Geſundheit, ſcherzhaft⸗ feierlich, daß er ſeine ſatyriſche Camera obſcu⸗ ra nie vor dem Steuerhauſe zu Dres⸗ den aufſtellen werde.— Und er hielt Wort.— Wenigſtens ſind von den damaligen ſogenannten Steuergeiſtern nie Klagen uͤber Rabeners Geiſt laut wor⸗ den.— Ja er genoß vielmehr in ſeinen Ver⸗ haͤltniſen, vom Oberſteuer⸗Director bis zum Aufwaͤrter, die groͤßte Achtung und aͤußerte des⸗ halb einſt gegen den Stadtprediger M. Grenz: Es freue ihn nur, wenn er auch in Dresden ſo manchen Feind habe, doch, 2 ſo viel er wiſſe, im Steuerhauſe nur unter lauter Freunden zu ſitzen. 2. Der zu ſeiner Zeit bekannte Dichter Roſt, deſſen Muſe bekanntlich nur immer uͤber den Gewaͤſſern idylliſcher Zaͤrtlichkeit ſchwebte, ſtand mit Rabenern von Jugend auf in Verbindung; denn jener war bei, dieſer in Leipzig nur drei Jahre ſpaͤter, als Rabener geboren; auch hat⸗ ken beide ziemlich zu gleicher Zeit daſelbſt ſtu⸗ — 96— diert. Doch fand eine gegenſeitige herzliche An⸗ naͤherung nur erſt ſtatt, als Roſt(1744) Bib⸗ liothekar des Miniſters, Grafen Bruͤhl in Dresden ward, und aus der ihm anvertrau⸗ ten großen Bibliothek Rabenern oft mit Buͤ⸗ chern unterſtuͤtzte, die dieſer, damals Steuerre⸗ viſor zu Leipzig, dort nicht auftreiben konnte; wogegen denn Rabener, einheimiſch an dem Stapelplatze der Literatur, Roſten wieder ſo manches ſeltne Werk fuͤr die Bruͤhlſche Biblio⸗ thek ſandte, was derſelben außerdem vielleicht ſpaͤt oder nie zugekommen waͤre. Dieſer freundſchaftlich⸗literariſche Verkehr nun ward einſt von Rabenern durch eine Un⸗ vorſichtigkeit geſtoͤrt, die dieſer, der perſoͤnlich keinen Menſchen durch ſeine Satyren kraͤnken wollte, ſtets recht herzlich bedauerte. Rabener hatte nehmlich die Art, jeden Ge⸗ danken, jedes Bild, jeden Einfall, der ihm ent⸗ weder ungerufen kam, oder durch aͤußere Umge⸗ bungen veranlaßt ward, augenblicklich nur mit einigen Worten— damit er ihm nicht entgehe — auf kleine Zettel zu ſchreiben. Zu dieſem Zwecke hielt er denn in ſeinem Schreib⸗ pulte ſtets eine Menge ſogenannter Gedanken⸗ Zettel vorraͤthig, welche gelegentlich benutzt oder vernichtet wurden. Nun ſandte Roſt 1742 ſeine bekannten Schaͤfererzaͤhlungen von Berlin aus, wo er ſich damals aufhielt, Rabenern zu, und ward darauf natuͤrlich— denn wer lobt wohl nicht ein Werk, das ihm von dem Verfaſſer verehrt wird— mit einem lobpreiſenden Schreiben re⸗ galirt, worauf ſich Roſt— es kam ja von dem beruͤhmten Rabener— nicht wenig zu Gute that. Aus dieſem ſuͤßen Traume aber ward der arme Roſt in der Folge ziemlich un⸗ ſanft geweckt. Rabener hatte nehmlich in den erſten Jahren als Steuerreviſor ſo viel zu thun, daß er an das Sichten jener Gedanken⸗Zettel immer nicht denken konnte, und als er endlich dazu kam, fand er deren eine ſo ungeheure Menge, daß er, wie er ſich nachher ſcherzhaft ausdruͤckte, vor ſeinen ſo uͤberaus zahlreichen klugen Einfaͤllen ordentlich erſchrak, indem allzukluge Menſchen immer nicht alt wuͤrden. Ein Theil der Papiere ward nun, wie ge⸗ woͤhnlich, vernichtet, der groͤßere aufgehoben! Unter erſtern befand ſich denn auch ein Zet⸗ tel, auf welchem Rabener, bei Gelegenheit des Durchleſens der Roſtiſchen Schaͤfererzaͤhlungen, uͤber dergleichen Poeſten einige ſpitzige Bemer⸗ . G kungengentworfen hatte. Da ſprach er z. B. von zaͤrtlichen Schaͤfern, die oft nur ge⸗ meine Schafknechte waͤren, von kriſtall⸗ hellen Baͤchlein fuͤr die Schaͤſchen, die in Wein⸗ und Bierhaͤuſern plaͤtſcherten — von Schalmeipfeifern(Dichtern), wel⸗ chen nur die groͤßten Schoͤpſe am auf⸗ merkſamſten horchten. ꝛc. ꝛc. Wahrſcheinlich wollte Rabener von dieſen Bemerkungen— welche uͤbrigens nicht gerade Roſten, als Dichter, ſondern die ganze Idil⸗ lenwelt der Dichter laͤcherlich machen ſoll⸗ ten— jetzt keinen Gebrauch machen, weil er es nicht mehr mit dem Berliner Zeitungs⸗* ſchreiber,*) ſondern mit dem Bruͤhlſchen Bibliothekar Roſt zu thun hatte, dem er große literariſche Gefaͤlligkeiten verdankte.— Ungluͤcklicherweiſe aber entging jenes Papier der Vernichtung. Rabener zerriß in der Regel nur die auf beiden Seiten beſchriebenen Zettel; die uͤbrigen wurden, um ſie, als guter Papierwirth, noch einmal zu benutzen, in den Kaſten der unbe⸗ ſchriebenen Zettel gethan, und ſo wanderte 4 denn auch, aus dem angefuͤhrten Grunde, der mit den antiidylliſchen Bemerkungen hinein. — *) Roſt ſchrieb nämlich 1743 die Haude⸗ und Spenerſche politi⸗ ſche Zeitung in Bexlin, ehe er in Brühlſche Dienſte trat. — — Einſt(im Winter 1744) als Rabener ein Paͤckchen Bruͤhlſcher Buͤcher eben zuſammenge⸗ legt hat, um es den folgenden Tag an Roſten nach Dresden zuruͤck zu ſenden, ſchlaͤgt er ſpaͤt Abends in einem derſelben noch etwas nach, langt aber, weil er ſchlaͤfrig wird, in ſeinen Kaſten der weißen Zettel, nach einem Buch⸗ zeichen, erfaßt zufaͤllig den mit den vorbemerk⸗ ten antiidylliſchen Herzensaͤußerun⸗ gen, legt ihn in's Buch, vergißt ihn, weil er fruͤh nicht wieder zum Leſen kommen kann, her⸗ aus zu nehmen, und ſendet ſo das Buch gluͤck⸗ lich mit dem ungluͤcklichen Buchzeichen fort, wel⸗ ches denn auch richtig von Roſten gefſunden ward.—. Roſt, welcher auf den, von ihm eingeſchlage, nen Schaͤferweg zu literariſchem Ruhm um ſo mehr ſich einbildete, je weniger ihm die Kraſt zu wichtigern aeſthetiſchen Arbeiten fehlte, ſpie Feuer und Flammen ob des verdammten Zettels, ließ ſich zwar gegen Rabenern, deſſen ſpitzige Feder er fuͤrchtete, nichts merken, machte aber in den Dresdner geſelligen Zirkeln durch muͤnd⸗ liche Aeußerungen ſeinem gepreßten Herzen Luft, und ſprach unter andern davon: daß der Schalmeipfeifer dem Bockpfeifer(wie er jetzt Rabenern als Satyrikus nannte) — 100— ſchon gelegentlich einen tuͤchtigen Schaͤferhund auf den Hals hetzen wolle. Rabener, welchem die Wirkung jenes un⸗ gluͤcklichen Zettelmißgriffes durch ſeinen literari⸗ ſchen Agenten, Schoͤne, vertraulich mitgetheilt ward, aͤrgerte ſich ſo daruͤber, daß er mehrere Tage faſt nicht arbeiten konnte, ſchlug aber den Weg des ehrlichen Mannes ein, ſchrieb Roſten offen, wie leid ihm die Sache thue, und uͤber⸗ zeugte ihn davon, daß er den Zettel, aus Ach⸗ tung fuͤr ihn, ſchon zur Vernichtung beſtimmt gehabt, ſo ganz, daß Roſt am Ende noch um Verzeihung bat, ſo viel Aufhebens davon ge⸗ macht zu haben.— Seitdem blieben Rabener und Roſt die be— ſten Freunde, und wurden in der Folge die ver⸗ traͤglichſten Collegen, denn auch Roſt erhielt 1760 die Stelle als Oberſteuer⸗Sekretaͤr, und zwar großentheils durch Rabeners Ver⸗ wendung. Die ungluͤckliche Zettelgeſchichte gab uͤbri⸗ gens den beiden ſchoͤnen Geiſtern nachher Stoff zu manchem Scherz, indem ſie in heitern Zir⸗ keln ſich nicht anders, als resp. Bock⸗ und Schalmeipfeifer titulirten. Als Roſts famoͤſes Gedicht, die ſchoͤne — 1601— Nacht, ohne ſein Wiſſen, ins Publicum kam, wollte man ihm Rabenern, als den boshaften Befoͤrderer des Drucks, verdaͤchtig machen; Roſt aber war ſo von deſſen Rechtlichkeit uͤber⸗ zeugt, daß ihm nicht der mindeſte Verdacht in den Sinn kam. Wer aber den biedern Rabe⸗ ner auch nur halb kannte, mochte ihm eine ſol⸗ che Schlechtheit nimmer zutrauen. 3. Als die beruͤhmte Schauſpielerin, Caroli⸗ ne Neuber, mit Gottſched in Leipzig zer⸗ fallen war, dieſen bei jeder Gelegenheit auf der Buͤhne neckte, und jeden Gelehrten, mit dem ſie in Verbindung ſtand, Gottſcheden auf den Hals hetzte, ſchrieb Roſt(1753), im Stil⸗ len von ihr veranlaßt, ſeine Epiſtel des Teufels an Gottſched— welche dieſer be⸗ kanntlich ſo uͤbel nahm, daß er ſich wie ein li⸗ terariſcher Unſinniger benahm. Dieſen Witzpfeil nun, welcher allerdings nicht ohne Spitze war, ſollte, wie man Gottſcheden ins Ohr fluͤſterte, nicht Roſt allein, ſondern dieſer, in Verbindung mit Rabenern, geſchmiedet haben, welches dem eiteln Profeſſor deſto wahrſcheinlicher vorkam, da Rabener, der damals Oberſteuer⸗Sekretaͤr in Dresden geworden war, ſo mancher oͤrtlichen — 102— und perſoͤnlichen Ruͤckſichten ſich entſchlagen konnte, welche ihm in Leipzig gegen Gottſche⸗ den Feſſeln angelegt haben wuͤrde. Letzterer ſchrieb deshalb Rabenern einen erz⸗ groben Brief, welchen, wie er meinte, dieſer gewiß nicht hinter den Spiegel ſtecken werde. Das that auch Rabener nicht, ſondern ſchickte ihn mit umgehender Poſt in der Urſchrift, mit der einzigen Randgloſſe zuruͤck: Dieſer Brief gehet retour, weil ſich der Briefſteller wahrſcheinlich in der Ad⸗ dreſſe verſehen hat. 4 Ein junger Mann aus guter Familie, der ſchlechte Verſe machte, die er fuͤr gut hielt, und deshalb gar zu gern von einem anerkannt guten Dichter ein lobpreiſendes Urtheil daruͤber erpreſſen wollte, belagerte Rabenern Tag fuͤr Tag mit ſeinem meiſt ungereimten Reim⸗ geklingel. Bald uͤberlief er ihn im Hauſe, bald in der Kanzlei— bald paßte er ihn auf Promenaden ab, bald nahm er ihn in Geſell⸗ ſchaften bei Seite, ſogar in der Kirche pflanzte er ſich neben ihn; und ewig ihm vordeclami— rend, was er den Tag, oft nur die Stunde vorher gedichtet hatte, uͤnd ein beifaͤlliges — 103— Uurtheil ihm gleichſam abzwingend. Was wollte aber auch der eben ſo gutmuͤthige als feine Ra⸗ bener anders thun, wenn ihn der Zudringliche z. B. ſo recht ins Geſicht fragte: Nun, was meinen Sie zu dieſem Bilde! iſt jene Wendung nicht paſſend?— dieſer Schluß nicht ergreifend? ꝛc. ꝛc. Rabener hatte, aus Ruͤckſichten fuͤr die Fa⸗ milie des Zudringlichen, lange Geduld. Endlich riß ſie ihm doch aus. Wenn er eine ſchwierige Arbeit im Sinne hatte, pflegte er auf einſamen Spaziergaͤngen im ſogenannten großen Gar⸗ ten bei Dresden zu meditiren. Am liebſten ſchlenderte er dann in den Buchenlabyrinthen herum, welche noch jetzt an den Blumengarten des Hofgaͤrtners grenzen. Auch dort ſpaͤhete ihn einſt jener zudringliche Reimſchmid aus. Nabener erblickte den Stoͤrenfried von wei⸗ tem, und beſchloß auf der Stelle, ihn mit ei⸗ nemmale ſich vom Halſe zu ſchaffen. „Wo ſoll ich hingehen vor Deinem Geiſte— wo ſoll ich hinfliehen vor Deinen Gedichten— fuͤhre ich in die Studierſtube oder Kanzlei, ſiehe, ſo biſt Du da— bettete ich mich in die Kirche, ſo biſt Du auch da— naͤhme ich Fluͤgel der Vorſicht und floͤge in den — 104— einſamſten Garten, ſo waͤrden mich doch Deine Verſe daſelbſt ausſpuͤren und Deine Reime mich halten.— Ra⸗ bener.“ So ſchrieb der bedraͤngte Steuer⸗ rath in ſeine Brieftaſche, ließ dieſe offen auf der Bank, wo er geſeſſen hatte, liegen, und ver⸗ lor ſich hinter Hecken, lauſchend auf den Erfolg. Der Zudringliche, nachdem er, was er ſoll⸗ te, gefunden und geleſen, ſchrie laut auf: Goͤttlicher Einfall!— Wißiger Ra⸗ bener! dafuͤr muß ich Dich kuͤſſen!— und durchkroch nun aͤmſig alle Gaͤnge, bis er den armen, aus einem Schlupfwinkel in den an⸗ dern ſich fluͤchtenden Satyriker fand, der denn von dem erbaͤrmlichen Dichter geherzt und gekuͤßt ward, als habe er ihm, ſtatt der bitterſten Spottrede, die ſuͤßeſte Schmeichelei ge⸗ ſagt.—„Schaffen Sie mir,“ ſagte Ra⸗ bener nachher zu dem geheimen Kaͤmmerierer Dattel, wo er den laͤſtigen Versmacher hatte kennen lernen,„ſchaffen Sie mir den Hans Dampf vom Halſe, oder ich kom⸗ me nicht wieder uͤber Ihre Schwelle.⸗ Und nun erzaͤhlte er Datteln die Brieftaſchen⸗ Scene im großen Garten mit, ſo lebendigen Far⸗ ben, daß jener ſich den Leib halten mußte vor La⸗ chen. 3 — 105— 5. Aus den Zeiten, wo Rabener noch als Steu⸗ erreviſor zu Leipzig lebte,(1741— 1753) und faſt immer reiſen mußte, pflegte er in Dresden oft eine Menge Anekdoten zu erzaͤhlen, die, moch⸗ ten ſie nun auch bisweilen mit zu ſeinen apokry⸗ phiſchen Werken gehoͤren, doch wenigſtens bei ſeiner Gabe der Darſtellung, aͤußerſt angenehm ſich hoͤren ließen. Von vielen nur einige: Als Rabener einſt, von trocknen Reviſorar⸗ beiten erſchoͤpft, an der Literatur, dem reinſten Born der Erholung, ſich erquicken will, tritt haſtig ein Bauer ein, und fragt: Ob er der Herr Steuerproviſor Rabener ſey? Antwort: Ja. „Ob er ſich, wie man ihm geſagt, darauf ver⸗ ſtehe, die Leute auszuhecheln?⸗ Antwort: Je nun, nachdem die Leute ſind. „Nun ſo thu Er mir den Gefallen und hechle Er mir den Schoͤppen Pietſch durch, weil er mir bei der Kirchrechnung ins Geſicht ſagte: Anne Lieſen kriegt' ich nicht, denn ich verſtaͤnde die Wirthſchaft nicht ordentlich. Aber tuͤchtig muß Er den Kerl zwiebeln— tuͤchtig.⸗ Damit wollte der Mann Rabenern einen Gul⸗ den in die Hand druͤcken und einen Zuber mit — 106— Eiern auf ſein Schreibepult ſetzen, welches beides der begehrte Satyrikus kaum abzuwehren vermoch⸗ te; denn der Bauer ward faſt grob, daß ſein Geld nicht ſo gut ſey, als andrer Leu⸗ te Geld, und als ihn Rabener, lachend uͤber die falſche Addreſſe, die man ihm gegeben, beleh⸗ ren wollte, ging endlich der Mann trotzig zur Thuͤre hinaus, mit den Worten:„Nun, wenn Er Pietſchenicht auf's Korn nehmen will, ſo gehe ich zu einem Abvokaten.“⸗ Da thut Er wohl daran!— rief Ra⸗ bener ihm nach, konnte aber lange vor Lachen nicht ſchreiben, und ſchaͤtzte dieſen Antrag dem be⸗ ſten Mittel gegen die Hypochondrie gleich, mit welcher auch er, wie die meiſten Gelehrten, doch nur aͤußerſt ſelten, zu kaͤmpfen hatte. 6. Rabener wohnte nicht ſelten, aus amtlichen Urſachen, in einem Dorfe bei Leipzig, deſſen Schulze, außer dem Geſangbuche und den lan⸗ desherrlichen Mandaten, auch der ſchoͤnen Lite⸗ ratur ſeine Freiſtunden widmete. Ganz beſon⸗ ders intereſſirten den wackern Mann die von Schwabe damals herausgegebenen Beluſti⸗ gungen des Verſtandes und Witzes, in welchen Rabener bekanntlich zuerſt als — 107— Satyriker auftrat; denn er hatte mit Ra⸗ benern einen Geburtsort— Wachau bei Leipzig— hatte als Knabe mit ihm ſo manche Spiele der Jugend getrieben und that ſich nicht wenig darauf zu gut. Auch Rabener ſchaͤtzte den leſeluſtigen Schulzen, denn Letztrer zeigte in der That keine gemeinen Geiſtesgaben, und es war ihm eine Doſis ſatyriſchen Mutterwitzes eigen, den ſogar Rabener nicht ſelten belachen mußte, und welchem er, wie er einſt vertraulich gegen einen Freund in Dresden aͤußerte, den Stoff zu ſo mancher ſpitzigen Satyre ver⸗ dankte. Einſt ſaß Rabener mit dieſem gelehrten Bau⸗ er im freundſchaftlichen Geſpraͤch in der Gerichts⸗ ſtube, als der Gutsherr mit ſeinem Gerichts⸗Di⸗ rector eintrat; welche beide dann ohne Umſtaͤnde an der Unterhaltung Theil nahmen. Rabener, der jenen Prieſter der Themis, weil er ſo manche widerrechtliche Stuͤckchen von ihm wußte, nicht wohl leiden mochte, brachte das Geſpraͤch bald auf die Juſtiz und erzaͤhlte, er habe einen Ge⸗ richtshalter gekannt, der die Themis in allen Geſtalten, als Leuchter, als Buchhalter, als Tabaksbuͤchſe, als Decoration des Schreibezengs, als Bild uͤber ſeinem Ar⸗ beitstiſch, als Springbrunnen im Ear⸗ — 108— ten ꝛc., kurz uͤberall um ſich, das Ori ginal aber nicht in ſich gehabt habe. Ach! fiel der gnaͤdige Herr ein:— Sie bringen mich da auf einen Gedanken. Unſere Gerichtsſtube ſieht gar zu verraͤuchert aus. Ich laſſe jetzt mein ganzes Schloß neu decoriren. Das Heiligthum der Juſtiz muß auch verſchoͤ⸗ nert werden. Ich will es malen laſſen, aber wie?— Herr Steuerreviſor! Rabener that verſchiedne Vorſchlaͤge, die der gnaͤdige Herr recht paſſend fand, nur wollte ihm die Idee zum Deckenſtuͤcke nicht ganz gefallen. Schulze,— ſagte endlich Rabener, nachdem er einige verworfene Allegorien angegeben hat⸗ te,— Schulze, helft Ihr mir aus der Noth. Wenn Ihr nun Gerichtsherr waͤret, was wuͤr⸗ det Ihr in Eure Gerichtsſtube an die Decke malen laſſen? 8 Titt 18 Antwort:— Das juͤngſte Gericht und den Herrn Gerichtshalter, ſtehend vor Gottes Thron.—. Der gnaͤdige Herr, wie der Steuerreviſor, lachten laut uͤber den Einfall. Der Gerichts⸗ halter laͤchelte nur, ſchrieb ſich aber die Sache deſto ernſtlicher hinter's Ohr, und knoͤchelte da⸗ fuͤr in der Folge, wie Rabener oft erzaͤhlte, den armen Schulzen ſo, daß dieſer tauſendmal ſei⸗ . — 109— nen Witz bereute, und Rabener es eben ſo ofr bedauerte, die Veranlaſſung dazu gegeben zu haben. 7. Wie jeder Menſch, beſonders der geiſtvolle und beruͤhmte— eben weil er beides iſt— ſeine Feinde hat, ſo fehlten ſie auch Rabenern nicht.— Seine Satyren trafen— und wa⸗ ren ſie gleich nicht Kopieen einzelner Narren, ſondern Kompoſitionen von vie⸗ len, und fuͤrchtete auch Keiner der gemeinte oder getroffene zu ſeyn, ſo waren doch die Rabenerſchen Narren⸗Taſchenſpiegel auch gar zu hell, als daß nicht ſo Mancher ſich, wo nicht in ganzer Figur, doch als Knie⸗ oder Bruſtſtuͤck darin haͤtte erblicken ſollen. Am lebhafteſten zeigte ſich der ſtill verhal⸗ tene Haß der Feinde Rabeners waͤhrend der Anweſenheit Friedrichs II. zu Dresden, im Win⸗ ter von 1756— 1757. Natuͤrlich ward ein Mann von Nabeners Rufe von jedem geiſtvollen Fremden aufgeſucht. Dazu kam, daß Rabener unter dem feindlichen Heere ſelbſt(wie er Gellerten unterm 18. Ja⸗ nuar 1757 ſchrieb) viel Maͤnner von„einem vernuͤnftigen Betragen, einem feinen Geſchmack, einer guten Beleſenheit und einem redlichen Herzen“ kennen kernte. Endlich kam auch ein wenig Eitelkeit bei ihm, wie bei manchem beruͤhmten Manne, mit ins Spiel. Prinz Heinrich hatte nehm⸗ lich den großen Satyrenſchoͤpfer ſich vorſtellen laſſen.— Friedrich ſelbſt, der doch bekannt⸗ lich den deutſchen Gelehrten nicht eben hoſd war, wollte ihn ſprechen.“) Mochte man es Rabenern alſo weht verar⸗ *) Es geſchah aber leider nicht, weit der König eher abrei⸗ ſete, als der Zweifel gehoben war, wer Rabener'n dem Monarchen vorſtellen ſollte. Bekannt⸗ lich wollte es der Marquis d'Argens thun, welche Eh⸗ re jedoch Rabener unter dem Vorwande: daß er zu ſchlecht franzöſiſch ſpreche, ablehnte. Eigent⸗ lich aber wich er dieſer Stufe, dem Throne ſich zu näh⸗ ern, nur deshalb aus, weil ſie— franzöſiſch war. Wenigſtens ſchrieb er Gellerten im Betreff jener Vor⸗ ſtellung:„Ruß es denn aber ein Franzoſe ſeyn, der mitten in Deutſchland einen deutſchen Autor mit einem deutſchen Ko⸗ nige bekannt macht?“— Ehre dem Entſchlafe⸗ nen, daß er alſo die Würde der deutſchen Lite⸗ ratur behauptete!— Wie mancher große Gelehrte an Rabeners Stelle würde es nicht verſchmäht haben, von den erſten beſten franzöſiſchen Windbeutel ſich vorſtellen F laſſen, wenn er nur den großen Friedrich ſpre⸗ chen konnte.— — 111— gen, wenn er ſich vor den Preußen wenigſtens nicht verſteckte,— und— war es, unter ſol— chen Umſtaͤnden, wohl ein Wunder, wenn ſeine Feinde ſagten: Rabener iſt gut Preußiſch — wird in Preußiſche Dienſte tre⸗ ten ꝛc. ꝛc. Und doch hing gewiß Niemand treuer dem Koͤnige, dem Vaterlande und Dresden an, als der ehrliche Rabener. Abgerechnet, wie ernſt⸗ haft er ſich gegen alle jene haͤmiſchen Sagen und Urtheile in dem oben angezognen Briefe an Gellert verwahrte, ſuchte er auch, ſo viel ohne Verletzung des Anſtandes geſchehen konnte, den Schein zu meiden. Zu den Haͤuſern von gutem Ton gehoͤrte damals vorzuͤglich das des geh. K. v. P— t., wo es oft Tafel, Concert und Ball gab. Die Preuß. Offiziers, welche hier einquartirt lagen, befanden ſich allemal ſo wohl, daß ſie, wenn es geſchieden ſeyn mußte, meiſt mit Thraͤnen von der feinen Familie Abſchied nahmen. In jenem Hauſe ward einſt zum Geburtstage eines Ge⸗ nerals, der dort im Quatiere lag, ein glaͤnzen⸗ des Feſt veranſtaltet, wovon man ſchon acht Tage vorher in ganz Dresden ſprach. Auch Rabenern erzeigte man die Ehre der Einladunag, welche er natuͤrlich nicht ausſchlagen konnte, — 112— Im Stillen aber erkundigte er ſich nach den Maͤnnern, welche Saͤchſ. Seits zu dem Feſte geladen waren, und als er erfuhr, daß es meiſt ſolche waren, die ganz auf Preuß. Seite hingen, oder wenigſtens den Schein davon auf ſich geladen hatten, war er 4 durchaus nicht dazu zu bringen, Theil an dem Feſte zu nehmen. Unter dem Vorwande ſchnell eingetretner Unpaͤßlichkeit ließ er ſich kurze Zeit vor der Tafel entſchuldigen, und hielt ſich ſeitdem mehrere Wochen zu Hauſe, um, bei den Preußen wenigſtens, dem ſchnellen Erkran⸗ ken etwas mehr Wahrſcheinlichkeit zu geben. Zu den Preuß. Militaͤr⸗Beamten, welche von Rabenern, ihres Kopfs und Herzens we⸗ gen, aufrichtig geachtet wurden, gehoͤrte auch ein Generalſtabs⸗Chirurgus Rieſenbeck, ein Mann, der ohne gerade Literatus zu ſeyn, doch aͤcht literariſchen Sinn hatte, und von Rabeners geiſtreichem Umgange ganz bezaubert war. Dieſer, der Rabener's politiſches Syſtem kannte, und die Urſache ſeiner Unpaͤßlichkeit er⸗ rieth, ſchlich ſich waͤhrend der Tafel heimlich zu Rabener'n, welcher nicht weit von dem %— tſchen Hauſe wohnte, und machte ihm freundſchaftliche Vorwuͤrfe daruͤber, daß er ihn durch ſein Wegbleiben um den ſchoͤnſten Genuß des Feſtes— um ſeine Geſellſchaft ge⸗ bracht habe. Statt aller Entſchuldigungen fragte Rabener: Setzen Sie den Fall: Der Churfuͤrſt von Sachſen haͤtte Berlin beſetzt,— der Saͤchſ. Commandant gaͤbe dort ein Feſt— ladete unter andern, der Anhaͤnglichkeit fuͤr Sachſen verdaͤchtigen Preußen, auch den Pa⸗ trioten Rieſenbeck ein,— wuͤrde dieſen wohl nicht auch ſo eine Art von politiſcher Schulkrankheit anwandeln? Da druͤckte Rieſenbeck Rabenern die Hand und ſchied, ohne ein Wort zu ſprechen,— hing ihm aber nachher nur deſto mehr an, und be⸗ dauerte, als er 1778 mit dem Moͤllendorfiſchen Corps wieder nach Dresden kam, nichts mehr, als ſeinen ehrlichen Rabener nicht wieder zu fin⸗ den, welchen er jetzt deſto freier haͤtte genießen koͤnnen, da keine politiſche Scheidewand zwiſchen Preußen und Sachſen gezogen war. Noch in den letzten Tagen vor dem Abmarſch des Moͤllendorfiſchen Corps aus der Dresdner Ge⸗ gend, als Rieſenbeck auf der Pfarre zu Roͤhrs⸗ dorf bei Maxen im Quartiere lag, ritt er nach Dresden, ließ ſich die Rathsgruft, Nabeners Ruheſtaͤtte, oͤffnen, und ſchied, ſegnend den Modernden, mit Thraͤnen von deſſen Grabe. H ————— — 114— Eben ſo klug, als unpartheliſch— nur die Maͤnner von Geiſt und Verdienſt achtend— be⸗ nahm ſich Rabener auch gegen die Offiziere der Kaiſerlich⸗Heſterreichiſchen Armee, welche ſeine Bekanntſchaft ſuchten.) Daß aber von dem Saͤchſ. Hofe ſowohl, als von dem Mi⸗ niſterio, den Klaͤtſchereien, welche uͤber Rabeners politiſches Syſtem, waͤhrend des ſiebenjaͤhrigen Kriegs, in Dresden walteten, kein Glauben bei⸗ gemeſſen worden, ergab ſich am beſten durch ſeine Befoͤrderung zum Steuerrathe, welche kurz nach dem Frieden 1763 erfolgte— und zwar— nachdem er mehrere Antraͤge zu Aemtern mit hoͤh⸗ erm Rang und groͤßerm Einkommen abgelehnt hat⸗ te, blos um in dem Steuerfache zu bleiben, dem er ganz gewachſen ſich fuͤhlte, und in welchem er ſeiner Vorgeſetzten Vertrauen und Achtung bisher in einem Grade genoſſen hatte, der ihm nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ließ. *) Unter ſeinen, von Weiße herausgegebenen Briefen, be⸗ findet ſich ein Antwortſchreiben Rabeners an einen Kai⸗ ſerlichen Stabsofſtzier, wo lich ſeine Anhänglichkeit auch für dieſes Militär, in ſo fern er Bildung und Herzlich⸗ keit bei demſelben fand, eben ſo deutlich, als ſeine un⸗ begränzte Anhänglichkeit für Sachſens Regentenhaus ausſpricht.— Die Belagerung Dresdens, im July 1760, hatte bekanntlich auch Rabenern von Haus und Hof vertrieben. Die, halb Mitleid, halb Lachen erregende Schilderung ſeiner Auswanderung, erſt zu Fuß nach Neuſtadt, dann auf den Sahr⸗ ſchen Weinberg und nach Loſchwitz, end⸗ lich zu Pferde nach Hohnſtein, iſt aus den an⸗ gezognen Briefen an Gellert und den Kabincts⸗ Sekretaͤr Ferber in Warſchau, bekannt genug. Hier nur einige Nachtraͤge. Am Abend vorher, ehe Rabener die Roſi⸗ nante erhielt, auf welcher er, ſeiner eignen Schilderung nach, als der wahre Nitrter von der traurigen Geſtalt, Loſchwitz ver⸗ ließ, um nach Hohnſtein zu reiten, ging er am E bufer traurig hin und her, und blieb biswei⸗ len am Stock*) gelehnt, ſtehen, die ungluͤckliche *) Wahrſcheinlich derſelbe zerbrochene Wein pfahl, den Rabener, ſeiner brieſtichen Erzählung zufolge, auf dem Sande vor der Neuſtadt fand, als er mit ſeinen treu⸗ en Bedienten, durch feindliche Kugeln auch von dort vertrieben, in der ſchmähligſten Hitze die mühſelige Wan⸗ derung nach dem Sahrſchen Weinberge antrat. Nabe⸗ ner band, als er fortritt, jenen Weinpfahl, als ein koſtbares Denkmal ſeiner Emigration, dem Winzer des Sahrſchen Berges auf die Seele, ließ ihn auch, als er wieder in Dresden heimiſch ward, durch ſeinen Bedien⸗ . H 9 — 116— Stadt betrachtend, welche die Schrecken des Kriegs in ſo vollem Maße empfand, unter de⸗ ren Truͤmmern auch ſeine Habe— und, was ihn am meiſten ſchmerzte— ſein ganzer literariſcher Reichthum an Buͤchern und Manuſcripten— begraben lag. Da kommt des Wegs daher ein Bauer, der ſchwer traͤgt, Rabenern im Vorbeigehn gruͤßt, und, weil eben die Kanonen in der Ferne don⸗ nern, mit den Worten: die arme Stadt— bedeutend nach Dresden zeigt. Waͤhrend aber Rabener dem Manne dankt und ihm mit einem: Ja wohl die arme Stadt!— nachſieht, rutſcht ihm der Stock, woran er gelehnt ſtand, aus, und— er faͤllt der Laͤnge lang hin. Rabener war bekanntlich etwas ſchwerfaͤllig, und hatte, wie er ſich in dem Briefe an den Kabinets⸗Sekretaͤr Ferber**) ſcherzhaft aus⸗ ten abholen, und zeigte ihn nachher oft ſeinen Freun⸗ den unter der Firma ſeines Bennoſtabes, wie er ihn nannte, weil, der Sage nach, Biſchoff Benno zu Meißen, einſt an einem ähnlichen Rebenpfahle über die Elbe gegangen ſeyn ſoll. Noch zeigt man in der Sakriſtei der dortigen Domkirche den in Stücke zer⸗ brochnen Stab, von welchem Rabener jenen Ehrentitel für ſeinen Emigrantenſtab entlehnte. ²*) Rabeners Briefe von Weiße, S. 291. — 11— druͤckt:„der ſchweren Zeiten ungeach⸗ tet, anderthalbe Elle im Durch⸗ ſchnitte.“ Das Aufſtehen ward ihm daher nicht wenig ſauer, und er dankte dem Manne, der ihm half, mit Wort und Hand. Daruͤber entſpann ſich ein laͤngeres Geſpraͤch, und aus dieſem er⸗ gab ſich, daß der Bauer Mehle heiße und in der Neuſtadt vor Dresden bei einigen vornehmen Leuten(die er auch nannte) ein Paar Groſchen Geld fuͤr eine alte kranke„Komoͤdienſpie⸗ lerin,“ die bei ihm in Laubegaſt wohne, erbet⸗ telt, und nun dafuͤr Lebensmittel, auch einen alten Rock und Kontuſch gekauft habe, um die arme Perſon nur einigermaßen gegen Hunger und Bloͤße zu ſchuͤtzen. Die„alte Komoͤdienſpielerin“ aber war Niemand anders, als die zu ihrer Zeit allberuͤhmte Caroline Neuber, welche be⸗ kanntlich die deutſche Buͤhne von dem Hanns⸗ wurſt ſaͤuberte, das Intereſſe derſelben durch die Auffuͤhrung auslaͤndiſcher, beſonders franzoͤſiſcher Stuͤcke, in guten Ueberſetzun⸗ gen, bedeutend erhoͤhte und den Geſchmack des theatraliſchen Anzugs ungemein ver⸗ feinerte. Dieſe, einſt auf allen deutſchen Buͤhnen, — 118— von Straßburg bis Petersburg gefeierte Kuͤnſt⸗ lerin, war, in ihren ſpaͤtern Jahren, meiſt durch eigne Schuld, in oͤkonomiſcher und theatraliſcher Hinſicht, ſo tief geſunken, daß ſie nur noch mit den niedrigſten Banden in Badeorten ſpielte. Als die Preußiſche Armee Dresden zu belagern anfing, hatte ſie ſich, arm und krank, nach Lau⸗ begaſt gefluͤchtet, wo ſie, nachdem ſie faſt vor allen Thuͤren abgewieſen worden war, bei dem genannten Bauer Mehle noch Dach und Fach fand, wahrſcheinlich aber auch hier nicht gefun⸗ den haben wuͤrde, haͤtte der Mann, als er ſie aufnahm, ihren Stand gewußts denn mit Komoͤdianten befaßte ſich damals Niemand gern, am wenigſten der Landmann, welcher ſie mit Seil⸗ und Leitertänzern, ja wohl mit den Hexen ſo ziemlich in eine Klaſſe ſtellte. In Laubegaſt war damals ein Preußiſches Lazareth, und beim Bauer Me ehle ward, einige Wochen nach dem Einzuge der Neuber, ein Of⸗ fizier einquartist, welcher dieſe beruͦhmte Frau einſt in Leipzig hatte ſpielen ſehen, und ſie, ſo⸗ bald ſie als Emigrantin zu ſprechen anfing— denn ſie behielt bis an ihr Ende eine gewiſſe vornehme, pathetiſche Sprache— den Augen⸗ blick erkannte, obſchon ſie nicht viel beſſer, als ein Bettelweib gekleidet war. — 149— Jener wackre Krieger ließ der armen Schau⸗ ſpielerin, die jetzt meiſt nur trocknes Brod— und auch dieſes manchen Tag nicht einmal hin⸗ reichend hatte— dann und wann etwas beſſe⸗ res von ſeinem Tiſche zukommen, bearbeitete auch ſeinen und ihren Wirth, welcher, als er erfuhr, daß er eine Komoͤdiantin beher⸗ berge, die Arme nicht ſelten ſchnoͤde behandelte, ſo geſchickt, daß des Mannes Haß in wahres Mitleid uͤberging. Denn Mehle gab ihr nun nicht nur beſſre Koſt, ſondern auch, damit ſie ihren alten, abgezehrten Koͤrper nur einiger⸗ maßen pflegen konnte— aus ſeinem eignen Bette einen Pfuͤhl,(der auch bald ihr Sterbe⸗ kiſſen ward.) Ja er erbot ſich ſogar, Briefe um Unterſtuͤtzung, die ſie an einige ihrer ehe⸗ maligen Verehrer und Freunde in Dresden ſchrieb, ſelbſt zu beſorgen— ein wahres Wag⸗ ſtuͤck, da der Feind die Wege unſicher machte, und das Fahren uͤber die Elbe am Tage nicht wohl zu wagen war. Zu jenen Freunden und Verehrern aber ge⸗ hoͤrte beſonders der fruͤher erwaͤhnte Canzel⸗ liſt Schoͤne, welcher, außer Rabeners literaͤ⸗ riſchen, auch der Neuberin theatraliſche Ange⸗ legenheiten zu Dresden in beſſern Zeiten beſorgt hatte, und jetzt, auf ihr ſchriftliches Dringen 8 bei ihren, in Neuſtadt aufzuſindendem Goͤnnern den Vermittler machte, daß ſie eine kleine Col⸗ lecte erhielt. Mit dieſer kehrte Mehle eben zuruͤck, als er auf die bemerkte ſonderbare Art Rabeners Bekanntſchaft am Loſchwitzer Elbufer machte. Letzterer erkundigte ſich nun mit der innig⸗ ſten Theilnahme nach der Neuberin Umſtaͤnden, fuͤgte der Schoͤniſchen Collecte ſelbſt etwas An⸗ ſehnliches bei, doch ohne ſich zu nennen, ver⸗ ſprach auch, obſchon er den folgenden Morgen nach Hohnſtein abreiſete, ihrer dort gewiß ein⸗ gedenk zu ſeyn, und hielt, durch eine in Hohn⸗ ſtein geſammelte reichliche Collecte, Wort. Ob ſich Rabener, welcher im Anfange des Auguſts 1760 nach Dresden zuruͤckkehrte, auch dann noch der Neuberin angenommen habe, daruͤber iſt ſichere Nachricht nicht zu erlangen geweſen. Seinem Herzen iſt dies wohl zuzu⸗ trauen, wenn anders nicht die ungeheuern Ar⸗ beiten, welche er nach ſeiner Heimkehr, der Un⸗ ordnung wegen, welche der Krieg dem Saͤchſ. Steuerweſen zugezogen hatte, vorfand, ihn viel⸗ leicht abgehalten haben, der Ungluͤcklichen zu ge⸗ denken. Auch fluͤchtete er ſelbſt zum zweiten⸗ mal im November 1 760, als neue Kriegsdrang⸗ ſale dem ungluͤcklichen Dresden drohten, nach — — 121— Hohnſtein, woher er erſt im December, kurz vor der Neuberin Tode, zuruͤckkehrte. Die Ungluͤckliche litt uͤbrigens auch nicht lange mehr, denn der Tod ſetzte ihrer, erſt ſo glaͤnzenden, endlich ſo muͤhſeligen Laufbahn das wohlthaͤtigſte Ziel[den 30. December 1760. Gleich gemeinen Soldatenleichen, deren man taͤglich eine Menge aus dem Lazarethe zu Laube⸗ gaſt fortſchaffte, ward auch ſie auf einem Schub⸗ karren nach dem Leubner Kirchhof gefahren und dort ohne Sang und Klang eingeſcharrt. Unter den edlen Maͤnnern, welche ihr 1776 das noch jetzt vorhandene Denkmal an der Elbe bei Laubegaſt ſetzen ließen, konnte Rabener frei⸗ lich nicht ſeyn, denn er ſtarb bekanntlich ſchon 1771. Die Idce dazu aber ruͤhrt zum Theil von ihm her. 9. Rabeners Gabe, das Laͤcherliche zu beobach⸗ ten, ſo wie ſein faſt unbezaͤhmbarer Hang, Zuͤ⸗ ge zum Portraitiren menſchlicher Thorheiten zu ſammeln, verließ ihn ſelbſt in der traurigen Belagerungszeit Dresdens(17.— 29. Juli 1760) nicht, wo er doch, wie aus ſeinen Brie⸗ fen bekannt iſt, mit Lebensgefahr und Aufgeben des groͤßten Theils ſeiner Habſeligkeiten, uͤber — 122— die Bruͤcke in die Neuſtadt fluͤchten mußte. Waͤ⸗ re er nach dem Hubertsburger Frieden nicht erſt zu ſehr mit Steuerarbeiten uͤberladen, dann von ſteter Kraͤnklechkeit befallen worden, welches bei⸗ des ihm Luſt und Laune zur Schriftſtellerei raub⸗ ten, ſo haͤtte er gewiß noch manche beißende Satyre geſchrieben, wozu er den Stoff in jener truͤben Zeit ſammelte. Denn mitten unter dem Kanonendonner, der Aller Herzen angſtvoll erſchuͤtterte, in einem Hauſe der Neuſtadt eng zuſammengeſchachtelt mit faſt verzweifelnden Ungluͤcksgefaͤhrten, konnte Rabener es doch nicht laſſen, jede ſpitzige Be⸗ merkung, jede Beobachtung des Lächerlichen, die ſich ihm ungeſucht aufdrang, ſogleich in der Schreibtafel mit einigen Worten zu notiren. In Hohnſtein, wohin er endlich von Neuſtadt fluͤchtete, trng er dann die beſten jener Bemer⸗ kungen und Beobachtungen in ein Buch, um, wie er ſagte, zu neuen ſatyriſchen Ge⸗ baͤnden wenigſtens den Grund zu gra⸗ ben, da ihm die Preußen ſeine ganzen Handſchriften zerſtoͤrt hatten.. Die harten Urtheile, welche deshalb uͤber Rabenern ergingen, ſind eben ſo bekannt, als die feine Vertheidigung, welche ihm Weiße in deſſen Biographie, und zwar mit Recht, hat an⸗ — 123— gedeihen laſſen. Denn dem Manne von Geiſt und Witz kommen anziehende Bemerkungen und Einfaͤlle meiſt ſo ganz ungerufen, dringen ſo le— endig ſich auf, daß man eigentlich nicht ihn, ſondern die Natur, die ihn gleichſam damit be⸗ lehnte, deshalb verantwotlich machen moͤchte. 6 Auch verraͤth es in der That nicht gerade Herz⸗ loſigkeit und Leichtſinn, ſondern wohl eher Geiſtesſtaͤrke, ſogar in Stunden der. Truͤbſal fuͤr beſſere Stunden Erhei⸗ terungsſtoff zu ſammeln, der deſto ſorg⸗ faͤltiger beachtet werden muß, je ſchneller er in der Regel verſchwindet, und je mehr er nicht 7 ſelten die Fruͤchte des muͤhſamſten Nachdenkens 4 und emſigſten Suchens an Kraft und Wirkung uͤberwiegt. Wenn uͤbrigens Rabener, als Emigrant, ſich nicht entbrechen konnte, im Stillen zu ſatyri⸗ ſchen Gemaͤlden Zuͤge zu ſammeln, die ihm ſo pikant vielleicht nie wieder vorkamen, ſo geſchahe damit im Augenblicke Niemand wehe. Daß er aber nachher, wenn er ja an das Aus⸗ 4. malen gekommen waͤre, gewiß vermieden haben 8 wuͤrde, die Originale durchſchimmern zu laſſen, war ſeiner bekannten Klugheit und Gewandtheit im Verſtecken der perſoͤnlichen Nar⸗ rengeiſel wohl zuzutrauen. 8 10. Je ſeltner der Fall iſt, daß Schriftſtel⸗ ler, beſonders Dichter, auch zugleich brauch⸗ bare Geſchaͤftsmaͤnner ſind, deſto achtungs⸗ werther erſcheint Rabener, auch in dieſer Hin⸗ ſicht, denn— er war Steuer⸗ und ſchoͤner Geiſt in gleichem Gradez erfüllte die Pflich⸗ ten ſeines trocknen Amtes mit der ſtrengſten Gewiſſenhaftigkeit, und arbeitete nicht blos, was er wußte und ſollte, ſondern auch was er fuͤr heilſam fand. Seinen Obern und Kollegen galt er fuͤr eine Art von Lexikon, welches ſie in jedem bedenklichen Falle, und zwar ſelten ohne die buͤndigſte Auskunft, nachſchlugen. Auch nannte man ihn deshalb oft nur die Steuer⸗ bibel oder den Steuerkatechismus, und es war gewiß nicht der Satyrenſchreiber ſondern der Steuerreviſor, der 1753 zum Steuerſekretaͤr— dann wieder nicht der Schriftſteller und feine Geſellſchafter, ſondern der Steuerſekretaͤr, welcher 1763 zum Steuerrath erhoben ward. Wenn Rabener daher 1753 an den Dichter von Hage⸗ dorn in Hamburg ſchrieb:„ovb man dort wohl auch das Herz habe, einen Mann um deswillen zu befoͤrdern, weil er Satyren geſchrieben habe,“ ſo meinte er — 125— dies wohl nur im Scherz— und wenn er, wie er ſagte, bei ſeiner Verpflichtung als Steuer⸗ ſekretaͤr, d. 22 Mai 1753 vom Premier⸗Mini⸗ ſter(Grafen Bruͤhl)„ein Kompliment bekam, das ihm als Sekretaͤr wie als Autor gleich ſchmeichelhaft war,“ ſo wußte wohl niemand beſſer, als er ſelbſt, daß man den ſchoͤnen Geiſt, Rabener, ſchwerlich befoͤrdert haben wuͤrde, wenn er nicht auch ein eben ſo tuͤchti⸗ ger Steuergeiſt geweſen waͤre; denn wohl war es Rabenern zu Ohren gekommen, daß ſei⸗ ne Befoͤrderung nach Dresden dort nicht uͤber⸗ all die angenehmſte Senſation gemacht habe, weil ſo Mancher und ſo Manche fuͤrchteten, dem ſchar⸗ fen Satyriker Stoff zum Schimpfen— wie der Hamburger Korreſpondent ſein Saty⸗ riſiren nannte— zu geben. Ja es fehlte nicht an Thoren, beſonders an Thoͤrinnen, welche, als Rabeners Verſetzung nach Dresden kund ward, vom gefliſſentlichen Zuruͤckziehen aus dem geſelligen Leben ſprachen, weil, wie ſie meinten, der ſuperkluge Herr Rabener wohl jedes Wort aufſchnappen, jede Geberde beobachten, und dann in ſei⸗ nen Schriften laͤcherlich machen werde. Indeß legte ſich dieſe Furcht, wenn auch nicht bei Allen, doch bei den Meiſten, ſobald — 126— man in dem heilloſen Satyriker den feinen und rechtlichen Mann, den Geſellſchaf⸗ ter, unerſchoͤpflich an Witz und Laune, den echten Patrioten und Chriſten naͤher ken⸗ nen lernte, und es entzogen ſich endlich nur diejenigen ſeinem Umgange, welche zu viel mo⸗ raliſches Werg am Rocken hatten. Ja Rabener war bald in den gebildetſten und angeſehenſten Haͤuſern Dresdens mehr geſucht, als ihm, der ſo gern amtlichen oder literariſchen Arbeiten lebte, oft lieb war. Seine witzigen Einfaͤlle gingen von Mund zu Mund, und der erſt ſo gefuͤrchtete Steuerſekreraͤr erwarb ſich in Dresden in kurzer Zeit eben ſo viel Freunde und Bewunderer, als der Steuerreviſor in ſeinem, ihm unvergeßlichen Leipzig zuruͤckge⸗ laſſen hatte. Eine Art von Acgide fuͤr ſeinen Charakter, dem man, wie es dem Satyrikus meiſt geht, nicht immer das Beſte zutraute, war die unbe⸗ grenzte Anhaͤnglichkeit, mit welcher ihm die geachtetſten Gelehrten ſeiner Zeit, ein Klop⸗ ſtock, Kramer, Schlegel u. a. zugethan blie⸗ ben, ſo wie die hohe Achtung, welche ſie nicht ſelten in ihren Schriften ihm bezeigten. Am meiſten ehrte, am innigſten erquickte ihn Gel⸗ lerts unwandelbare Freundſchaft— — 127— denn, wen dieſer fromme Sittenlehrer ſchaͤtzt und preißt, der kann— ſo urtheil⸗ te einſt eine der vornehmſten Dresdner Damen, welcher man Rabeners Umgang verleiden woll⸗ te— der kann unmoͤglich ein boͤſer Menſch ſeyn.— Das ſchöͤnſte Denkmal hat Rabenern Gellert in einer ſeiner moraliſchen Vorleſungen geſetzt, wo er ſeinen Zuhoͤrern ſagte: „Der Chargkter dieſes Mannes ver⸗ dient eben ſo viel Achtung, als ſein Genie. Lernen Sie an ſeinem Beiſpie⸗ le, daß man ein Originalautor und doch zugleich fuͤr die Geſchaͤfte des Vaterlandes der arbeitſa mſte und brauchbarſte Mann ſeyn kann.“ Daß Rabener in Zirkeln, wo er wußte, daß man ihn nur eingeladen hatte, um ihn zu be⸗ obachten und zu behorchen, oder gegen Gaͤſte mit ihm zu prunken, meiſt einſylbig und ver⸗ ſchloſſen war, iſt aus ſeiner Biographie von Weiße bekannt genug. Dieſes Einſylbige und Verſchloſſene aber trieb er auch manchmal gar zu weit. 1 Als z. B. gleich nach dem Hubertsburger Frieden, zur Vorbereitung auf den erſten Land⸗ tag nach dem Kriege, zu ſogenannten Praͤcon⸗ fultationen, gewiſſe Glieder der Ritterſchaft und — 123— Staͤdte im Mai 1763 nach Dresden berufen wurden, zog man uͤber die zu verhandelnden Steuerangelegenheiten ganz beſonders Rabenern zu Rathe, der denn bei dieſer Gelegenheit von ſeinem Obern mit jener Landtagselite oft zur Tafel geladen ward. Unter erſterer aber befand ſich ein lebenslu⸗ ſtiger Landedelmann, der, als man ihm Rabe⸗ nern vorſtellte, ihn mit einem freundſchaftlichen Haͤndedruck und der ganz unumwundenen Aeu⸗ ßerung empfing:„Nun mein Herr Ober⸗ Steuerſekretarius,“) man hat mir ſo viel von Ihnen erzaͤhlt, daß ich hung⸗ riger bin auf Ihren Witz, als auf die Paſtete, die da auf der Tafel prangt.“ —„Gnaͤdiger Herr!— entgegnete trocken der dadurch empfindlich gereizte Rabener— gnaͤ⸗ diger Herrl ich bin— ich bitte— ja dieſer Krieg hat das arme Land recht mitgenommen!“— Und damit begann er uͤber den maͤhrigen Krieg trocken, wie ein Zeitungsblatt zu ſprechen, ſaß bei Tafel, wie ein Stummer, und ſpielte ſo ganz nur den ehrfurchtsvollen, unterthaͤnig *) Steuerrath ward er erſt einige Monate ſpäter, und zwar beſonders in Folge der Einſichten, welche er bei den gedachten Präconſultationen gezeist hatte. 4 1 — 129— gehorſamſten Subalternen, daß der Edelmann, als Rabener ſich empfohlen hatte, im vollen Unmuthe uͤber getaͤuſchte Erwartungen, ausrief: „Nun laßt mich mit Eurem Rabener zufrieden! den Menſchen hatt' ich mir ganz anders vorgeſtellt. Eben ſo einſylbig war auch Rabener, wenn durchreiſende Fremde ihn blos aus Neugierde be⸗ oder vielmehr heimſuchten, wie er der⸗ gleichen Zudringlichkeit nannte; denn, obſchon wandernde Gelehrte damals nicht ſo haͤufig, (und— wohl groͤßtentheils laͤſt ig) als jetzt, bei Maͤnnern von Ruf einſprachen, ging doch, beſonders zur Zeit der Badereiſen, ſelten eine Woche vorbei, wo Rabener nicht dergleichen ihm meiſt ſehr unangenehme Beſuche erhielt. Doch verſtand er die treffliche Kunſt, die Beſucher zu ſondiren, ob ſie Leute von Handwerk, das hieß bei ihm, von Geiſt und Witz waren oder nicht. Im erſten Falle ward er bald mit ihnen recht herzlich bekannt, im letztern aber blieb er ſo trocken, daß ſie, wenn nicht die Un⸗ terhaltung ganz ſtocken ſollte, kurz abbrechen mußten. Uebrigens war auch ſein Bedienter ſchon abgerichtet, dergleichen Zugvöͤgel, wo moͤg⸗ lich gar nicht zu melden, ſondern in die Ober⸗ Stenuer⸗Expedition zu ſpediren, wo dann Rabe⸗ J — 130— ner, hinter Aktenbergen verſchanzt, leichter es in der Gewalt hatte, laͤſtige Converſations⸗Blo⸗ kaden aufzuheben. Waͤren ſeine Handſchriften beim Dresdner Bombardement nicht verbrannt, ſo wuͤrde ſich unter den Aufſaͤtzen, deren Bekanntmachung er erſt nach ſeinem Tode angeoroͤnet hatte, vielleicht eine derbe Satyre auf dergleichen heimſuchen⸗ de Gelehrte gefunden haben, und zwar de⸗ ſto wahrſcheinlicher, je haͤufiger Rabener die Thorheiten der Gelehrten zur Zielſcheibe der Satyre zu machen pflegte. Als er nehmlich einſt auch wieder ſo einen Converſations⸗, Kreuz⸗, Noth⸗ und Verlegen⸗ heitsſtand mit einem Gelehrten aus Bremen uͤber⸗ ſtanden hatte, trat er bei einer Familie, wo er haͤufig und gerade auch diesmal ſpeiſte, mit ei⸗ nem angeblich unterwegs gefundenen Zettel des Inhalts herein:„Allhier iſt angekommen der große Satyrenſchreiber, Herr Ra⸗ bener, der ſich durch ſeine Kuͤnſte, vor⸗ zuͤglich im Schwingen der Nar⸗ rengeißel, in und außer Deutſch⸗ land beruͤhmt gemacht hat, Nebenbei treibt er auch Steueralien, die aber freilich nicht Jedermanns Sache ſind. Seine Bude iſt auf der Kreuz⸗ — 4 gaſſe,(ort wohnte Rabener) unfern der Kirche. Zu ſehen und zu ſprechen iſt er praͤciſe von 2 bis 3 Uhr des Mor⸗ gens, und von 11— 12 Uhr des Nachts. Man bittet, keine Thor⸗ heiten mirzubringen, denn ſei⸗ ne Narrengeißel iſt ſchwer zu baͤndi⸗ gen, ſobald ſie dergleichen wittert.“ Die Geſellſchaft lachte. Rabener aber meinte: Man habe gut lachen; ſollte man nur in ſeiner Haut ſtecken, dann wuͤrde man ſich ſchon auch gegen laͤſtige Seher und Sprecher zu decken ſuchen.— Wundern darf man ſich uͤbrigens nicht, wenn ein Mann, der ſeine Zeit unter Amt und Schrift⸗ ſtellerei ſo haushaͤlteriſch eintheilte, daß nur fuͤr freundſchaftlichen und geiſtvollen Umgang etwas uͤbrig blieb, uͤber Beſucher ſich entruͤſtete, die am Ende nichts wollten, als die Befriedigung des Stolzes, nach der Heimkehr von unnüutzen Reiſen in der lieben Heimath ſagen zu koͤnnen: „In resp. Leipzig oder Dresden habe ich auch den beruͤhmten Rabener ge⸗ ſprochen.“ 11. Rabeners Name war im Auslande ſo bekannt und geehrt— ja beides oft mehr als im Vater⸗ & X 2 4 — 132— lande, und er unterhielt einen ſehr lebhaften Briefwechſel mit den großen, beſonders mit den ſchoͤnen Geiſtern ſeiner Zeit in und außer Deutſch⸗ land, am haͤufigſten mit Cramer, Schlegel, Schwabe, Gaͤrtner, Breitkopf, Gie⸗ ſecke, ꝛc. welche ihn, als ſie ſeine Flucht von Dresden vernahmen, nicht nur unendlich bedau⸗ erten, ſondern ihm zum Theil gewiß gern Unter⸗ ſtuͤtung geſandt haben wuͤrden, wenn ſie nicht von ihm ſelbſt erfahren haͤtten, daß er, außer ſei⸗ nem handſchriftlichen und Mobiliarvermoͤgen, an Baarſchaft und Dokumenten wenig oder nichts eingebuͤßt habe. Deſto haͤufiger beehrte und er⸗ freute man ihn mit Baarſendungen zum Beſten der Armen und Abgebrannten in Dresden. Die Vertheilung derſelben war Rabenern ſtets der hoͤchſte Genuß, und ſein treuer Diener erhielt die gemeſſenſten Befehle, im Stillen nur nach Still⸗Leidenden ſich zu erkundigen. Zu dieſen gehoͤrte denn unter andern auch ein gewiſſer Koch, Geſelle in der Boͤhmenſchen Kartenfabrik auf der Breitengaſſe, der, weil ſeine Prinzipalin(die nachherige Gattin des oben⸗ genannten geheimen Kanzelliſten Schoͤne) ſelbſt alles eingebuͤßt hatte, und ihn alſo nicht unter⸗ ſtuͤtzen konnte, mit ſeiner Familie in großer Noth ſchmachtete. — 133— Bekanntlich nannte man ſonſt die Kartenma⸗ cher nur Teufelsbuchbinder.— Rabener, der gern alles, wo moͤglich, mit Scherz verband, fiegelte daher einſt 5 Thlr. von eben eingegange⸗ nen Beitraͤgen unter der Addreſſe: An den Teu⸗ felsbuchbinder Koch— ein, ſchickte dieſem das Paͤcktchen Geld durch ſeinen Bedienten, und verbat ſich, als der Mann kam, ſeinen ſchuldigen Dank abzuſtatten, denſelben mit der Bemerkung: Er ſolle ja einſt dem lieben Gott nichts merken laſſen, daß der Steuer⸗ geiſt Rabener einen Teufelsbuchbin⸗ der unterſtuͤtzt habe. 12. Rabener nannte bekanntlich Gellerten oft ſcherzhaft den Kleinen, oder ſeinen lieben Kleinen, zum Unterſchied von des Dichters aͤlterm Bruder, dem Bergkommiſſionsrath Gellert in Freiberg. Ein Leipziger ſchoͤner Geiſt, dem man von jener vertraulichen Titulatur erzaͤhlte, brach in den lauten Seufzer aus: Ach! Gott! was gaͤbe ich darum, wenn Ra⸗ bener mich ſeinen lieben Kleinen nennte.— Zu der Ehre— ſagte ein An⸗ derer, koͤnnen Sie ſehr leicht kommen, denn großen Maͤnnern erſcheinen gar viel Maͤnner klein.— 13. Im deutſchen Muſeum von 1782 ſteht eine Anekdote von Rabener„ welche wahrſcheinlich der verſtorbene Profeſſor Meisner mitgetheilt hat. Sie lautet kurz alſo: Rabener war ſeit einiger Zeit ſchon krank und brauchte den Arzt. Von dieſem hatte er ſich be⸗ dungen, ihm, ſobald er ihn bedenklich finde, es nicht nur unumwunden zu ſagen, ſondern lieber ohne Umſtaͤnde den Beichtvater gleich mitzu⸗ bringen, damit er ſich zum Scheiden von der Welt gehoͤrig bereiten koͤnne. Der Arzt, wel⸗ cher einſt, als Rabener gerade in der Beſſerung und an Gefahr nicht zu denken iſt, den Patienten beſuchen will, trifft vor deſſen Hausthuͤre Ra⸗ beners Beichtvater. Dieſer, nachdem er zufaͤl⸗ lig gehoͤrt, daß ſein Freund und Beichtſohn krank ſey, ſchließt ſich den Augenblick dem Arz⸗ te an, um den Patienten, jedoch nicht als Beichtvater— denn dazu eignete ſich die Krankheit gar nicht,— ſondern als Freund zu beſuchen. Der Arzt, welchem Rabeners Uebereinkom⸗ men mit ihm auf den Fall des Eintretens be⸗ denklicher Umſtaͤnde nicht in den Sinn kommt, nimmt den Prediger mit; Rabener aber, aus des letztern Erſcheinen natuͤrlich das Schlimmſte ahnend, alterirte ſich ſo, daß nicht viel fehlte, er waͤre nun erſt bedenklich krank geworden. Dieſe Anekdote, welche zu ihrer Zeit die ganze Stadt durchlief, iſt mir von meinen Waͤhrmaͤnnern alſo erzaͤhlt worden: Rabenern hatte, als er von der Leipziger Michaelmeſſe 1767*) zuruͤckgekehrt war, in ei⸗ ner Oktobernacht, welcher der geſundſte und frohſte Abend voranging, eine Art von Schlag⸗ fluß getroffen, welchen er fuͤr ſo grabvorbedeu⸗ tend hieltz, daß er ſeinem Herzensfreunde, dem Kreisſteuer⸗Einnehmer Weiße in Leipzig, ſchrieb: „Der erſte Schritt zum Grabe waͤre alſo gethan.— Wenn kommt der zwei⸗ te? Wie Gott will. Ich bin nur froh, daß es die linke Seite getroffen. Vielleicht macht es bald aus, ohne mich lange zu martern. Ich bin zu al⸗ lem bereit. Hier kann ich doch nicht bleiben.*)— *) Er mußte, ſcit er Oberſteuer⸗Sekretär geworden war, alle Jahre die Leipziger Oſter⸗ und Michaelmeſſe, Kraft ſeines Amtes, beſuchen. **) Schon drei Jahre früher, im Sonnner 1764, wo Rabe; — 236— Weiße in ſeiner Sammlung der Rabner⸗ ſchen Briefe ſagt nach Mittheilung jenes Brie⸗ fes(S. LXII.): Dieſer Anfall habe, nebſt ei⸗ nem andern kleinen Umſtande, wenig Wochen darauf zu dem Geruͤchte Anlaß gegeben, daß Rabener geſtorben ſey.— Jenen kleinen Umſtand nun erlaͤutert zwar Rabener ſelbſt in dem naͤchſten Briefe an Wei⸗ ße,(vom 22. Nov. 176⁷) welcher ſich alſo anfaͤngt:„„Noch lebe ich, mein lieber Weiße! was auch meine Feinde von meinem Tode moö⸗ gen ausgeſprengt haben. Denn am heiligen . Abende vor dem Bußtage war die ganze Stadt voll, ich ſey geſtorben, ungeachtet meine Ge⸗ ſundheitsumſtaͤnde nicht gefaͤhrlicher waren, als ſonſt. Das verurſachte ein ungefaͤhrer Zufall: daß nehmlich mein Wirth vor dem Hauſe das ner, einige leichte Anwandlungen von Podagra abge⸗ . rechnet, noch ſo kerngeſund war, daß er, ſeinen eignen Bemerkungen zufolge, fuhr, ging, tanzte und viele Divertiſſements genoß, ſprach er doch ſchon als Philo⸗ ſoph und Chriſt ganz gelaſſen von ſtark bergunter⸗ gehen, und ſchrieb unter andern an Schlegel:„Der Gedanke, daß ich vielleicht bald abtreten m u ß⸗ iſt bei meinen einſamen und ruhigen Stunden demungeachtet einer von meinen vergnügteſten Gedanken. Sie glauben nicht, wie lehr dieſes meine Heiterkeit er höhte⸗ 2c. 1 — 1237— Martinſingen gewoͤhnlichermaßen von dem gan⸗ zen Chore mit Fackeln verrichten ließ. Darum ſtarb ich, und hatte noch das ſeltene Vergnuͤ⸗ gen, daß ich hinter dem Vorhange meines Fen⸗ ſters lauſchte und mein Sterbelied mitſang, auf die folgenden Tage die Leichenreden anhoͤrte, die mir meine Freunde und verſchiedne Vornehme gehalten. Nun weiß ich doch, was man unge⸗ faͤhr nach meinem Tode von mir ſagen wird, und ſo zufrieden ich auch damit ſenn kann, ſo habe ich doch deswegen nicht eher Luſt zu ſter⸗ ben, oder mir den Faden abſchneiden zu laſſen, bis mein Knaul ganz abgeſponnen iſt.“ Allein jenem kleinen Umſtande mit dem Martinsſingen wear der kleine Umſtand mit dem Beichtvater vorangegangen. Dieſen hatte man mit dem Arzte in Rabeners Haus gehen ſehen.— Kurz darauf ward mit Fackeln vor ſeiner Thuͤre geſungen— naruͤrlich mußte Ra⸗ bener geſtorben ſeyn.— Der Umſtand mit dem Beichtvater aber ver⸗ hielt ſich alſo: der Arzt traf Letztern, den Stadt⸗ prediger M. Grenz, der eben im voͤlligen Orna⸗ te einen Kranken beſuchen wollte, auf der Kreuz⸗ gaſſe unfern dem ſonſt ſogenannten Frau⸗Mut⸗ terhanſe, und erzaͤhlte, in der Vorausſetzung, — 138— daß ihm Rabeners Krankheit bekannt ſey, wie er ſo eben im Begriff ſtehe, dem Patienten den Paß zum baldigen Ausgehen in die Kanz⸗ lei zu ertheilen, weil auch nicht die mindeſte Gefahr mehr ſich zeige. Der Beichtvater, der jetzt das erſte Wort von Rabeners Krankheit hoͤrte, wollte nun mit dem Arzte zugleich Ra⸗ benern beſuchen, welches jener aber bedenklich fand, weil der Patient mit ihm uͤbereingekom⸗ men ſey, ſo bald er ihn im mindeſten gefaͤhrlich finde, den Beichtvater mitzubringen. Dieſer aber meinte, daß Rabener ja wohl, da er faſt ganz wieder hergeſtellt ſey, aus ſei⸗ nem Erſcheinen nichts Arges ſchließen koͤnne, und ging deshalb ohne Umſtaͤnde, und zwar um ſo lieber mit, weil er Rabenern ſchon laͤngſt in literariſcher Hinſicht zu ſprechen wuͤnſchte. Rabeners Diener, der ſeinen Herrn unbe⸗ grenzt liebte, erſchrack ſelbſt uͤber die Erſchei⸗ nung des Arztes mit dem Beichtvater im voͤl⸗ ligen Ornate, und obſchon er beide als Haus⸗ freunde nicht zu melden brauchte, war er doch ſo vorſichtig, die Herren unter dem Vorwande, daß Rabener ſich gerade ankleide, ein wenig verziehen zu laſſen, waͤhrend er ſeinem Herrn den ihm ſo bedenklichen Beſuch moͤglichſt ſcho⸗ nend meldete. — 139— Rabener, welcher eben Thee trank, ſtutzte, und fragte, ob Herr Magiſter Grenz den Prieſterrock trage? Als der Bediente dies bejahte, ſetzte Rabener die Taſſe Thee ſchwei⸗ gend hin, rieb ſich die Stirn, ging dann ge⸗ laſſen ſelbſt nach der Thuͤre, die Herren herein zu laſſen, und— der ſtille Ernſt, womit er dieſe ihm natuͤrlich nicht unwichtige Angelegen⸗ heit behandelte, verwandelte ſich ſchnell in das freudigſte Erſtaunen, als Arzt und Beichtvater nicht nur auf die heiterſte Art eintraten, ſon⸗ dern ihm auch ſogleich durch ihre erſten Re⸗ den alle Bedenklichkeiten wegen ihres gemein⸗ ſchaftlichen Erſcheinens benahmen. Indeß hatte die Sache doch einen ſo nach⸗ theiligen Eindruck auf Rabeners Krankheitszu⸗ ſtand, daß er in der folgenden Nacht wieder ungleich kraͤnker ward, und, ſtatt daß er bin⸗ nen acht Tagen ausgehen zu koͤnnen hoffte, die aͤrztliche Erlaubniß dazu erſt in 4 Wochen er⸗ hielt. G Der Patient haͤtte wohl aber auch triplex aes philosophicum circa pectus haben muͤſ⸗ ſen, der unter ſolchen Unſtaͤnden nicht haͤtte erſchrecken wollen. ———— 5— 5— S 2 2 4 .—*- — 10— Die Muͤnzbruͤhe. jers aͤrgerte ſich oſt im Stillen uͤber das alte Zeug, womit ihr Mann Zeit und Geld ver⸗ ſchwende, und meinte einſt: ſie wolle es auch gewiß einmal putzen laſſen, da⸗ mit es nur wenigſtens beſſer ſich aus⸗ nehme. Der gelehrte Eheherr, eben uͤber ei⸗ nem Caracalla bruͤtend, laͤchelte ob des tollen Einfalles und gab weiter keine Antwort. Als er aber den folgenden Tag verreiſete, ging ſeine gute Frau, mit Huͤlfe einer treuen Koͤchin, in allem Ernſt raſch an das Muͤnzputzgeſchaͤft, um dem geliebten Manne eine heimliche Freude zu machen. Da wurden denn die theuern Schaͤtze in einen Topf voll Lauge ge⸗ than, erſt tuͤchtig ausgekocht, dann nach Ver⸗ ſchiedenheit des Metalls mit Trippel, Ziegel⸗ mehl oder klarem Sand, Stuͤck fuͤr Stuͤck ge⸗ putzt oder geſcheuert, und endlich in die Kaͤſten gelegt, wie ſie nun ſo nach ihren Groͤßen und Formen paßten. Den Topf mit der Muͤnz⸗ bruͤhe aber hob die kluge Frau ſorgfaͤltig auf, um ihren Gemahl zu uͤberzeugen, was fuͤr Die Frau eines leidenſchaſtlichen Muͤnzſamm⸗ — Sieooffe zu den wichtigſten Konjekturen. — 141— Schmuzgoͤtzenbilder er bisher angebetet habe. Wer je einen aͤchten Muͤnzſammler gekannt und deſſen Ehrfurcht vor dem heiligen Roſt des Alterthums beobachtet hat, kann ſich den Sfolg leicht denken. Wie aber jedes Boͤſt in der Welt immer ſein Gutes bei ſich fuͤhrt, ſo ergab ſich a aus dem Putzlappen der Hausfrau Freude 1 r den Hausherrn, Gewinn fuͤr die Wiſſenſchaft, denn ſo mancher griechilche und römiſche Buch⸗ ſtabe, der bisher keinen Sinn zuließ, war nun in einen ſinnreichen geſcheuert, und gab dem Muͤnzkritikus reichhaltigen Stoff zu neuen Konjekturen. Darum, wer weiß, welche Vortheile die Numismatik davon ziehen wuͤrde, wenn alle Muͤnzſammler Muͤnzbruͤhe kochen ließen? Ich wette, in Trippel und Ziegelmehl, in Scheuer⸗ ſand und Putzlappen, nach Art jener reinlichen Hausfran angewandt, ſtecken die Aufloͤſungen der groͤßten numismatiſchen Probleme, die — 142— Karl der zwölfte zu Freiſtadt in Schleſien. 4 Durch den Weſtphaͤliſchen Frieden hatten die armen Proteſtanten in Schleſien endlich Ruhe zu finden gemeint fuͤr ihre Seelen. Allein, was zu Osnabruͤck und Muͤnſter fuͤr ihr Beſtes verhandelt und niedergeſchrieben war, ward zu Wien vergeſſen und verſaͤumt— ſie blieben nicht blos unter dem alten Gewiſſenszwange, ſondern kamen vielmehr unter immer neuen, obſchon die maͤchtigſten proteſtantiſchen Fuͤrſten es weder vergaßen, noch verſaͤumten, ſich ihrer Noth durch Fuͤrbitten am Kaiſerhofe anzuneh⸗ men. Doch, was durch Recht und Billigkeit nicht zu erlangen war, geſchah endlich mit Gewalt. Karl XII.— der allgefuͤrchtete Held aus Schweden— erſchien mit ſeinen ſiegreichen Le⸗ gionen an Schleſiens Grenze, und vernahm hier mit Unwillen und ſtellte ab mit Macht die Beſchwerden ſeiner gedruͤckten Glaubensbruͤder. Die erſten eilf Paragraphen des erſten Altranſtaͤdter Friedens⸗Artikels, wo⸗ durch dem proteſtantiſchen Schleſien volle Re⸗ ligionsfreiheit zugeſichert ward, ſind al⸗ geemein bekannt; weniger bekannt aber duͤrfte wohl die Art ſeyn, wie Karl, in Schleſien ſelbſt, muͤndlich gleichſam die Praͤliminarien dazu diktirte. Sobald nehmlich dort das Geruͤcht erſcholl, es naͤhere ſich der große ſchwediſche und— pro⸗ teſtantiſche Held, da ſtroͤmt faſt Alles, was Pro⸗ teſtant hieß, in ganz Niederſchleſien dem Mo⸗ narchen entgegen, der Herzen Huldigungen und Anliegen ihm darzubringen. Man traf ihn zu⸗ erſt mitten im Walde, unfern Leſſen bei Gruͤ⸗ neberg. Der Jubel des bedruͤckten Volkes beim An⸗ blick ihres, nicht blos vermeinten, ſondern— das trauten ſie ſeinen Waffen, wie ſeinen Ge⸗ ſinnungen zu— wirklichen Retters, kann⸗ te keine Grenzen, und wer ihm nur nahe zu kommen im Stande war, der erleichterte auch ſein proteſtantiſches, von katholiſcher Intoleranz hart gepreßtes Herz.— Karl, zu Pferde, umgeben von einem eben ſo glaͤnzenden als zahlreichen Generalſtabe, und an der Spitze ſeiner Truppen hielt lange ſtill, ſprach maͤnniglich, hoͤrte geduldig Beſchwerden und verhieß heilig Linderung und Huͤlfe.— Am meiſten nnterhielt ſich der Monarch mit einem ganz gemeinen Buͤrger aus Frei⸗ ſtadt; denn der Mann verband mit natuͤrli⸗ ſchem Anſtand anſtaͤndige Dreiſtheit und Unbe⸗ fangenheit. Einige Tage nachher ſtellte Karl ſelbſt zu Freiſtadt ſich ein, und bezog hier ein Haus am Markte, vor welchem er taͤglich, ſo oft er aus⸗ ritt, Audienz ertheilte Jedem, der ſie begehrte, und unter der ewigen Menſchenwolke hervor ſich zu draͤngen vermochte. Dem Monarchen zu ſeiner Ankunft Gluͤck zu wuͤnſchen, ſich und die Stadt ſeiner Gnade zu empfehlen, hatten gleich den erſten Tag die 4 Vornehmſten der Stadt, geiſtlichen und weltli⸗ † chen Standes, vor jenem Hauſe ſich verſam⸗ melt. Karl erſchien— iderſehante die in Demuth vor ihm ſich Beugenden— gab gnaͤdige Blicke Allen— ein gnaͤdiges Wort aber Keinem.— Er wollte ausreiten und hatte wahrſcheinlich nicht Luſt, mit leeren Komplimenten die koſtba⸗.* re Zeit zu verlieren. Doch eben, als er das Pferd beſteigt, faͤllt der freimuͤthige Buͤrger aus Freiſtadt ihm ein. „Welche ſind die vornehmſten Sruſt lichen unter Euch? fragt er mit rauhen Ton und ernſtem Blick.— — 145— Baron R... und der Erzprieſter.... naͤhern ſich erſchrocken und nennen aͤngſtlich ih⸗ re Namen dem Monarchen.— „Man hate— faͤhrt Karl im gebieten⸗ den Tone fort—„man hat hier einem ehrlichen Buͤrger(er nannte ihn mit Vor⸗ und Zunamen) ſeine Kinder genommen, um ſie katholiſch zu erziehen— man hat ſeinem ſterbenden Weibe die Be⸗ richtung durch den evangeliſchen Geiſt⸗ lichen verſagt— man hat den von ihm hinterlaſſenen Acker zum Beſten der Kirche verkauft— aber, ich verlange (und dies ſagte er mit Mark und Bein durch⸗ dringendem Tone) ich verlange Abhuͤlfe fuͤr dieſe und alle aͤhnlichen Beſchwer⸗ den binnen 24 Stunden— oder, ihr Herren!(hier hob ſich drohend ſeine Rechte gegen die beiden vornehmſten Geiſtlichen) ich ſtatuire an Euch ein Beiſpiel fuͤr an⸗ dre und laſſe denſelben Weg Euch ge⸗ hen, den ſieben meiner Relter hente fruͤh gefuͤhrt wurden. Nan hatte nehm⸗ lich ſieben Deſerteuvs 1ehanff Dieſer harten Deu tſchen Rede fuͤgte er noch einige Schwediſche Worte an ſein Ge⸗ folge bei und ritt fort. Ein Adjntant aber lud K 2* — — — mmmmmEEEEEZ — 146— in ſeinem Namen die erſchrockenen Vornehmſten der Stadt zur Tafel, bei welcher alſo auch die beiden, mit Galgen bedrohten, geiſtlichen Her⸗ ren ſich einſtellen mußten. Ihr Appetit mochte freilich nicht viel groͤßer ſeyn, als ihre Liebe fuͤr einen Monarchen, der, bei Strafe des Galgens, Toleranz ſie gelehrt hatte.— Doch, quod non mutandum tole- randum, ſie thaten wie ihnen geheißen— ſtellten an der Tafel des Monarchen ſich ein, — und die Beſchwerden des armen Buͤrgers zu Freiſtadt a b.— Hiſtoriſche Windbeutelei. Bei der Zerſtoͤrung des Tempels zu Jeru⸗ ſalem durch die Chaldaͤer gingen, außer der Bundeslade, verloren: 8⁰,000 goldne Weinkannen, 20,000 goldne Becher, 100,000 goldene Schaalen, 80,000 goldne Schuͤſſeln, 20,000 goldne Maße, 20,000 goldne Rauchfaͤſſer, 40,000 ſilberne Becher, 200,000 ſilberne Schaalen, 160,000 ſilberne Schuͤſſeln, 40,000 ſilberne Maße, 50,000 ſilber⸗ ne Rauchfaͤſſer,— in Summa 650,000 Stuͤck. — 147— —— So berichtet Joſephus im zweiten Kapi⸗ tel des achten Buchs ſeiner juͤdiſchen Antiqui⸗ taͤten.— 650,000 Stuͤck, und zwar meiſt große, gold⸗ ne und ſilberne Gefaͤße— welch ein Kontraſt zu der Angabe der Bibel: daß Salomo einen großen Schatz von Silber und Gold und aller⸗ lei Gefaͤßen in den Schatz des Hauſes des Herrn gelegt habe. Wenn Joſephus, als General der Galilaͤer, den patriotiſchen Degen eben ſo kraͤftig, wie die hiſtoriſche Feder gefuͤhrt hat, ſo darf man ſich ſreilich nicht wundern, daß Jeruſalem fallen mußte. Wie aber ein grundgelehrter Menſch, der Theologe Lund, ſolchen Muͤnchhauſianis Glau⸗ ben beimeſſen konnte, das iſt faſt ein eben ſo großes Wunder, als das Wunder von den 650,000 goldnen und filbernen Schuͤſſeln und Bechern. Und doch haͤlt Lund, in ſeinen Juͤdiſchen Heiligthuͤmern(Kap. XI. S. 291.) in allem Ernſte dafuͤr:„daß die meiſten jener Gefaͤße blos zum Trinken dageſtanden, aber nicht alle gebraucht worden; wie es denn oft an großer Herren Hoͤfe viel Gefaͤße gegeben, die nicht zum Gebrauch, ſondern bloß deshalb vorhanden K 2 — 148— waͤren, um großer Herren Herrlichkeiten anzu⸗ deuten.—— Schaͤtzt man die 650,000 Gefaͤße Stuͤck fuͤr Stuͤck nur zu 40 Thalern— und das iſt doch bei maſſivem Golde und Silber gewiß ein viel zu kleiner Anſatz— ſo giebt dies ein Suͤmm⸗ chen von 26 Millionen Thaler.— Darf man ſich alſo wundern, wenn die Kin⸗ der Israels noch jetzt in Zeiten und Gegenden ſich zuruͤckſehnen, wo es— wenn man den Maßſtab jener Tempelzier aufs haͤusliche und buͤrgerliche Leben anwendet— unge⸗ heuer viel Gelegenheiten zum Schacher gege⸗ ben haben muß.— Geiſtliche Noth in Kirchenge⸗ bets⸗Angelegenheiten. Des Kurfuͤrſten von Sachſen, Johann Ge⸗ orgs I. bekannter Uebertritt von der ſchwediſchen zur oͤſterreichiſchen Parthei im 3ojaͤhrigen Krie⸗ ge, zog dem armen Sachſen die fuͤrchterlichſten Verheerungen durch die ſchwediſchen Armeen zu. Außer dieſen aber und Kontributionen und Lie⸗ ferungen war es auch Gewiſſenszwang, welcher die ungluͤcklichen Unterthanen, beſonders ihre — 149— Seelenhirten, aͤngſtigte; denn Torſtenſon befahl 1643 feine Koͤnigin und ihn und das Gluͤck der ſchwediſchen Waffen ins Kirchengebet einzuſchließen. Zu einer Zeit, wo man des Glanbens lebte, daß dergleichen Memoriale in die Hauptregiſtran⸗ de der himmliſchen Kriegskanzlei richtig einge⸗ tragen und dann in's Plenum der goͤttlichen Rathſchluͤſſe gegeben wuͤrden, war ein ſolcher Befehl wohl der haͤrteſte, womit ein Feldmar⸗ ſchall die armen Geiſtlichen in Verlegenheit ſez⸗ zen konnte. Dann— ſie beteten ja bereits fuͤr ihren Kurfuͤrſten, wie auch fuͤr den roͤmiſchen Kaiſer als Reichsoberhaupt und Sachſens Bun⸗ desgenoſſen, wie ſollten ſie nun dieſe ihre recht⸗ maͤßigen Herren im Kirchengebete weglaſſen und gerade deren Feinde dafuͤr aufnehmen— beſon⸗ ders, da der Kurfuͤrſt von Leipzig aus ſogar es ihnen verboten hatte, dem Kirchengebet⸗ Despotismus der Schweden Folge zu leiſten. Doch Torſtenſon, der ohnedem und zwar auch nur der Soldaten wegen, mehr auf die Form, als auf die Materie ſah, war zwar to⸗ lerant genug, den ſaͤchſiſchen Geiſtlichen obge⸗ dachte Fuͤrbitte nicht zu unterſagen, ſondern blos zu verlangen, daß man auch Schwedens — 1z0— Wohl mit ins Kirchengebet ſchließen und es dann dem himmliſchen Gehei⸗ men Kriegesrathe uͤberlaſſen möͤge, weſſen Geſuch g ehoͤrt, oder ad Acta gelegt werden ſolle. Allein die Kurſaͤchſi⸗ ſche Geiſtlichkeit wollte und konnte von jener Toleranz nicht Gebrauch machen. Am meiſten geriethen deshalb die Prediger des kurſaͤchſiſchen Hennebergs in Verlegenheit. Denn die Einkuͤnf⸗ te dieſer Provinz waren groͤßtentheils zu ihren Beſoldungen beſtimmt, Leichter als anders wo, meinte man daher das gedachte Kirchengebet im Hennebergiſchen zu erzwingen. Der Verſuch ward gemacht und wuͤrde auch gelungen ſeyn, haͤtte der Gang des Krieges nicht Erleichterung verſchafft den gepreßten Beuteln und Herzen der armen Prediger. Eine Kontribution von 1000 Rthlr. baar und 50 Maltern Korn war dem Koͤnigl. ſaͤchſiſchen Hen⸗ neberg aufgelegt. Die Geiſtlichkeit, welche da⸗ durch in ihren Einkuͤnften geſchmaͤlert ward, leg⸗ te dagegen die de⸗ und wehmuͤthigſten Bitten und Vorſtellungen bei den ſchwediſchen Kommiſ⸗ ſarien ein. 3 Des Feldmarſchalls Reſolution darauf vom 27. Dez. 1643 lautete alſo: Daß man die geforderten 1000 Rthlr. ganz und die 5° Malter Korn halb, zum Beſten der — 151— Kirchen und Schulen erlaſſen wolle, wenn in allen Kirchen, es ſey in Staͤd⸗ ten oder auf dem Lande, nebenſt dem gewoͤhnlichen Gebet vor ihre landes⸗ fuͤrſtliche Obrigkeiten, welches an ſich felbſten ohngeaͤndert verrichtet wer⸗ den moͤge, man auch vor die koͤnigl. Majeſtaͤt in Schweden, ſeine allergnaͤ⸗ digſte Koͤnigin folgendergeſtalt bitten wolle: „vor die Durchlauchtigſte, Groß⸗ maͤchtigſte Fuͤrſtin und Fraͤulein, Fraͤu⸗ lein Chriſtina, der Schweden, Gothen und Wenden Koͤnigin, deren ſaͤmmtli⸗ che Herren Reichsraͤthe, inſonderheit des Herren General⸗Feldmarſchallen Linard Torſtenſohnes Excellenz, alle Generale, Oberſten, hohe und niedere Offiziere, ſamt der ganzen hochloͤbli⸗ chen Armee, unter Dero Schutz wir jetzo leben.“. Sollte aber, heißt es weiter,„wider Verhoffen dieſes Gebet nicht beliebet, noch ins Werk gerichtet werden,“ ſo ſolle der ſchwediſche Generalkommiſ⸗ ſarius Brandt gedachte 1000 Rthlr. baar, und 50 Malter Korn einzutrei⸗ — 152— ben,„keinen Fleiß noch Zeit verſpa⸗ ren, ſondern man wolle,„auf ſolchen Fall mit genugſamer Aſſiſtenz zu wirklicher und ſcharfer Exekution an die Hand gehen,„alles nach des Herrn General⸗Feldmarſchalls Ex⸗ cellenz„gnaͤdigen Willen und Mei⸗ nung.“— Die arme Geiſtlichkeit, welche den ſchwedi⸗ ſchen Befehl ſchon einmal ignorirt hatte, konn⸗ te dies, unter ſolchen Verſprechungen und Dro⸗ hungen, nicht noch einmal wagen und befand ſich nun in der peinlichſten Lage. Ihr Kurfuͤrſt hatte das Kirchengebet fuͤr die Schweden verboten— ihre erſte kirchliche In⸗ ſtanz, anf Anfrage deshalb, es ihrem Gutdin⸗ ken uͤberlaſſen— ihr proteſtantiſches Gewiſſen hieß ſie die ſchwediſchen Waffen, als Vertheidi⸗ ger des Proteſtantismus ſegnen, ihr Untertha⸗ nen⸗Gewiſſen ihnen fluchen— Schrieben ſie nun ihren Kanzelworten eine erhoͤrende Kraft zu— was ſollten ſie thun— In dieſer großen Angſt wußten ſie kein and⸗ res Heil, als bei den Strasburger Theologen, den 12. Jan. 1644 ein Gutachten einzuholen. Ehe dies aber eintraf, wurden die Schweden aus Sachſen getrieben— die Henneberger Pre⸗ diger aber dadurch, zu nicht geringer Freude, allen Verlegenheiten entnommen. Das Strasburger Concluſum vom 4. Maͤrz 1644 war uͤbrigens, wie ſich erwarten ließ, be⸗ jahend abgefaßt und lautete unter andern alſo: Sie koͤnnten„ohne Verſehrung ihrer Gewiſſen und darauf liegenden Eiden dem angefuͤhrten Begehren willfahren und die vorgeſchriebene Form ihrem Gebet inſeriren,„der Obrigkeit halber, als eines blos politiſchen Werkes und weltlichen Gepraͤnges, damit coelestis Rheto- rica in Oratorio divino nichts zu thun hat, nach der alten Regel: Evangelium non abo- let Politias, nicht viel Skrupulirens machen und alſo finaliter naͤchſt dem Gottesdienſte ihre Salaria redimiren.— à PAndromaque Die Frauenwelt hat doch nun ſchon ſo man⸗ che Modekleidung getragen, deren Name der Goͤtterwelt entlehnt war, ja es ließe ſich aus dem aà la— ſeit Ludwig des Vierzehnten Zeiten, recht fuͤglich ein ganzes Lexicon formi⸗ ren. Nie aber iſt mir eine Mode: à PAndro- maque—(Wittwenkleidung)*) vorge⸗ kommen.— Den Erfinderinnen und Verbrei⸗ terinnen neuer Moden ſey daher dieſe Idee hiermit zu beliebiger Ausbildung und Realiſi⸗ rung hingeworfen, wie dem Wallfiſch die Ton⸗ ne.— Die Tracht einer jungen, ſchoͤnen Witt⸗ we— denn alte und haͤßliche kommen natuͤrlich nicht in Frage— hat ſo viel Herz⸗Anzieh⸗ endes, Theilnahme Erregendes, zur Tröſtung Einladendes, Troſt Heiſchen⸗ des, Erſatz Forderndes, Hoffnung Gebendes, daß mir es ganz unbegreiflich iſt, warum die Windfahnen der Mode ſich noch nicht um die Erfindung einer ſolchen Wittwentracht ge⸗ dreht haben. Die dem Hauptbegriffe: Wittwe, anhaͤngenden traurigen Nebenideen duͤrften uͤbri⸗ gens kein Maͤdchen und keine Dame von der Tracht, wenn ſie nur auffiele und ſchoͤn kleidete, abſchrecken; denn, was kann z. B. fuͤr Maͤdchen, die gern heirathen wollen, abſchreckender ſeyn, als der Begriff: Veſtalin oder Nonne— und doch, wer hat von jeher die den Veſtalin⸗ nen und Nonnen entlehnte Schleiermo⸗ de lieber getragen, als heirathsluſtige Maͤd⸗ chen.— ——— „ Andromache, Hektors Gemahlin, ward im Trojani⸗ ſchen Kriege Wittwe. Schrank und Kommode. Die Hauptmeubles anſtaͤndiger Wirthſchaften waren ehedem Schrank und Kommode— ein herrliches Ebenbild von Mann und Frau — der Schrank als Oberhaupt, enthielt in ſich die. beſte Habe, vorzuͤglich den nervum rerum gerendarum, das Geld— die Kom⸗ mode dem Schranke unterthan, beſon⸗ ders Waͤſche und andre zum weiblichen Depar⸗ tement gahoͤrige Dinge.— Jektzt erſetzt die Stel⸗ le von Schrank und Kommode ſo eine Art Zwitter von beiden, Sekretaͤr genannt.— Seitdem dieſe Meuble in die Zimmer ſich ge⸗ ſchlichen und das alte ehrwuͤrdige Bild von Mann und Frau— Schrank und Kom⸗ mode verdraͤngt hat, iſt die Grenze zwiſchen der befehlenden und anordnenden Be⸗ hoͤrde gehoben, ja hie und da hat ſogar die eine das Gewicht gewonnen uͤber die andere— der Schrank hat Kommoden⸗— die Kommode hat Schrankrechte ſich angemaßet.— Wie, wenn wir den hoͤlzernen Sekretaͤrs ihre uſurpirten Rechte naͤhmen, und an ihrer Stelle die alten, bequemen, ehrwuͤrdigen und— allegori⸗ ſchen Schraͤnke und Kommoden wieder ein fuͤhrten! Ohnedem klingt es denn doch ſonderbar, wenn der Hausherr vielleicht ein moraliſch hoͤl⸗ zerner Sekretaͤr iſt, und einen phyſiſch hoͤl⸗ zernen Sekretaͤr zu ſeinem Beſitzthume— oder wenn die Frau vom Hauſe einen Se⸗ kretaͤr zum Manne,— einen Sekretaͤr zum Bruder oder Vetter,— einen Se⸗ kretaͤr zum Hausfreund, und einen Se⸗ kretaͤr fuͤr ihre ſieben Sachen hat. Converſations⸗Eigenheiten. Der.... ſche Geſandte B— g zu D. eben ſo achtbar als Menſch, wie als Gelehrter und Diplomatiker, hatte die ganzen Waͤnde ſeines Wohnzimmers, ſo hoch nehmlich das bewaffnete Auge reichte, mit Landcharten geſchmuͤckt, ging dann oft, waͤhrend er mit einem Supplikanten oder Beſucher gewoͤhnlicher Art ſprach, an allen vier Waͤnden herum, verfolgte mit einem Staͤb⸗ chen bald dieſe bald jene Punkte auf den Char⸗ ten, die ihm, der Zeitverhaͤltniſſe wegen, eben beſonders intereſſant waren, und ſprach und verhandelte dabei das Noͤthige mit der groͤßten Aufmerkſamkeit, als ſey die Landcharte der — 157— Beſuch, der Beſuch aber die Land⸗ charte. 4 2 4* Der im Gebiete der Acciſe zu ſeiner Zeit, das heißt vor etwa 40— 50 Jahren, in— n beruͤhmte Graf B..... zu D.... ſaß an ſeinem Schreibtiſche meiſt im Hemde, ſprach ſo Jeden, dem er nicht ganz beſondere Ruͤckſich⸗ ten ſchuldig zu ſeyn glaubte, und ging dann ſtets ſo ſchnell im Zimmer hin und her, daß das Hemde wie auf Fittigen des Windes ge⸗ tragen wurde. Es verſteht ſich uͤbrigens, daß er in dergleichen luftigem Anzuge nur Maͤnner vor ſich ließ. 85 ℳ Frau von Z...., eine Dame von Geiſt, welcher auch die gelehrte Welt einige geiſt⸗ und gemuͤthvolle Schriften verdankt, hatte die Ge⸗ „ wohnheit, waͤhrend ſie konverſirte, die Ecken oder Zipfel jedes Tuches, Kleides, Bettuͤberzu⸗ ges ꝛc., den ſie in die Haͤnde bekommen konnte, zu drehen, bis ſie entweder ganz ſchmutzig oder ſchadhaft wurden. Dabei aber vergaß ſie ſich oft ſo, daß ſie nicht wußte, was geſprochen ward, und ganz verkehrte Antworten gab. Die⸗ ſelbe drehende und kneipende Gewohnheit uͤbte ſie auch, wenn ſie allein und mit beſonders in⸗ tereſſanten Gedanken beſchaͤftigt war. In ihrem Hauſe gab es deshalb wenig Schnupf⸗ Hals⸗ oder andre Tuͤcher mit ganzen Ecken; ja ſelbſt die Stuhlkappen blieben nicht verſchont. So manchen nicht unbedeutenden Schaden hatte ſie ſich und Andern damit zugezogen, un⸗ zaͤhligemal feſt es ſich vorgenommen, der alber⸗ nen Gewohnheit zu entſagen— allein— usus tyrannus— bis endlich die groͤßte Verlegen⸗ heit ihr dieſes wunderbare Vergnuͤgen auf im⸗ mer verleidete. Der alte General und Kriegsminiſter von G....... feierte nehmlich ſein Geburtsfeſt am liebſten im Stillen, und lud dazu gewoͤhn⸗ lich nur einige Perſonen, denen er beſonders wohl wollte. Zu dieſen gehoͤrte Frau von Z...„ welche ſich immer an dieſem Tage ein halbes Stuͤndchen fruͤher, als andre Gaͤſte, einſtellte, um dem General ſo recht gemuͤthlich ihre Gratulation zu bringen. Der alte Kriegsmann ſetzte ſich dann gewoͤhnlich mit ihr in ein Fenſter und plauderte bis die uͤbrige Geſellſchaft erſchien. Einſt— dies Geburtsfeſt iſt der Frau von 3... bis an ihr Ende unvergeßlich geblieben— ruft ſie, kanm ins Zimmer getreten, der Mini⸗ .— 159— ſter in ein Nebenkabinet, zeigt ihr hier einen mit Damaſt⸗Servietten uͤberdeckten Tiſch, auf wel⸗ chem ſechs Weinbouteillen ſtehen, erzaͤhlt ihr, daß er ſo eben von einem alten Freunde mit altem Tokaier erfreut worden ſey, ſchenkt zwei Glaͤſer ein, noͤthigt Frau von 3.... eins zu faſſen und mit ihm auf alte Freundſchaft anzuſtoßen, und ſetzt ſich mit ihr an den Bouteillen vollen Tiſch, bei altem Weine alter Zeiten, Sitten und Freunde gedenkend. 4 Frau von 3... mit ganzer Seele derglei⸗ chen altem intereſſanten Kleeblatte ergeben, plau⸗ dert ſo recht gemuͤthlich mit dem Miniſter, ſaßt in Gedanken einen Zipfel der Serviette, worauf der Wein ſteht, dreht und kneipt nach ihrer alten ubeln Gewohnheit in Gedanken daran herum, zieht die Serviette immer mehr und mehr an ſich, bis endlich eine der koͤſtlichſten Flaſchen dem Ran⸗ de nahe kommt und zu wanken anfaͤngt. Erſchrok⸗ en will Frau von Z.... die Bouteille mit ei⸗ ner Hand halten— waͤhrend ſie mit der andern immer noch den geliebten Zipfel der Serviette 3 feſthaͤlt und zerdreht und zerkneipt.— Der Miniſter, aͤngſtlich um ſeinen alten Tokaier be⸗ ſorgt, fährt gleichfalls zu, verwirrt ſich aber in ddie von Frau von 3.... feſtgehaltene Serviet⸗ tenecke— und— waͤhrend vier Haͤnde in der — 160— groͤßten Alteration zur Huͤlfe ſich ausſtrerken, klirren alle ſechs Bouteillen auf die Erde, und der koͤſtliche Wein benetzt in großen Teichen den Fußboden.. Der Unwille des Miniſters— und die Ver⸗ legenheit der Frau von Z.... ſtanden al pari— damit kam aber natuͤrlich der köͤſtliche Rebenſaft nicht wieder in die Flaſchen. Der Miniſter war zu fein und zu guͤtig, als daß er das Ungluͤck einzig der ihm wohlbe⸗ kannten Unart ſeiner Freundin haͤtte zuſchreiben ſollen. Die Haͤlfte wenigſtens nahm er auf ſich, als der zu ungeſchickt zur Huͤlfe zugefahren ſey. Allein auch Frau von 3.... war wieder zu fein, als daß ſie nicht das ganze Gewicht ihrer Schuld haͤtte empfinden ſollen. Außer ſich vor Unmuth und Verlegenheit, wuͤrde ſie ſich den Augenblick entfernt, und auf das, ihr ſonſt ſo theure, Feſt ganz Verzicht geleiſtet haben, haͤtte der Miniſter ſie nicht mit Gewalt zuruͤckgehal⸗ ten, und ſeinen indeß verſammelten Gaͤſten ſcherzhaft als ſeine Kellermeiſterin vorgeſtellt, welche die beſten Weine nicht auf Flaſchen ſondern auf Diehlen ziehe. Wie ſehr uͤbrigens auch der Miniſter durch Scherz und Laune das herbe Schickſal der Frau von Z.... an dieſem Tage zu erleichtern ſuch⸗ —— — 1261— te, ihr ſelbſt war es unertraͤglich. Dem Him⸗ mel dankte ſie, als ſie endlich die Geſellſchaft verlaſſen konnte, und dem Himmel gelobte ſie, auf ewig zu entſagen der ſtummen und alber⸗ nen Konverſation der Haͤnde mit den Ecken der Servietten, Schnupftuͤcher ꝛc. 5 Sie hat Wort gehalten, und die Geſchichte der durch ihre Unart veranlaßten Tokaier⸗Wein⸗ fluth oft als ein Beiſpiel zur Warnung erzaͤhlt. — Einige Lotusbluͤthen auf Adelungs Grab. Als Adelung in ſeiner letzten Krankheit, doch ohne die mindeſte Ausſicht zur Geneſung, noch auf dem Siechbette lag, dachte ich oft bei mir ſelbſt: Nun, wenn dieſer große Mann heimgegangen iſt, dann werden gelehrte Zeitungen und Journale einander gleichſam den Rang ablau⸗ fen, das innere und aͤußere Leben ei⸗ nes Gelehrten zu ſchildern, der faſt ein halbes Jahrhundert die Wuͤrde eines Kron⸗Großmeiſters der deut⸗ ſchen Sprache behauptete, der mit ei⸗ ſernem Fleiße die vielſeitigſte Ge⸗ L — 162— lehrſamkeit verband, und zu den fruchtbarſten Schriftſtellern ſeiner Zeit gehöͤrte. Ich meinte nehmlich, weil Adelung doch mit den groͤßten Gelehrten Deutſchlands in Verbindung ſtand, und beſon⸗ ders in Dresden, wo er faſt 20 Jahre lebte und wirkte, eine Menge Freunde und Verehrer zaͤhlte, die ihn in amtlichen, geſelligen und ge⸗ lehrten Verhaͤltniſſen kennen zu lernen Gelegen⸗ heit hatten, es werde ſo mancher wackere Mann ein Steinchen zu dem biographiſchen Denkmale eines Gelehrten beitragen, der das Gebaͤnde der deutſchen Sprache ſo feſt begruͤndete, ſo herrlich auffuͤhrte, daß es, wenn auch die neue⸗ re Sprach⸗Bankunſt noch ſo viel daran zu ta⸗ deln finden ſollte, doch ſeinen Meiſter loben wird, ſo lange man in deutſcher Zunge noch ſpricht und ſchreibt. Allein ich hatte, wie ich bald merkte, in meinen wohl nicht ungerechten Erwartungen mich getaͤuſcht. Adelungs Tod haben alle gelehrte Zeitungen kurz angezeigt, Ade⸗ lungs Biographie aber mit Stillſchweigen uͤbergangen, und doch geben ſie oft die ausfuͤhr⸗ lichſten Biographien von Maͤnnern, die nicht werth waren, Adelungen die Schuhriemen aufzuloͤſen. — 165— Staͤnden mir die noͤthigen Data zu Gebote, wie gern wuͤrde ich aus Achtung und Dankbar⸗ keit es wenigſtens verſuchen, die bemerkte Luͤcke auszufuͤllen. Allein mit der geſammten, beſonders lin⸗ guiſtiſchen Literatur nicht ſo innig vertraut, als Adelungs Biograph es ſeyn muß, und nur mit dem Greiſe Adelung erſt in naͤ⸗ hern Verhaͤltniſſen, kann ich zu deſſen Biographie blos unbedeutende Beitraͤge geben, deſto weniger aber den Wunſch unterdruͤcken, daß Maͤnner, die in laͤngerer und engerer Verbin⸗ dung mit Adelung ſtanden, wichtigere Beitraͤge geben moͤgen; daß beſonders von einem dazu Berufenen und Auserwaͤhlten eine foͤrmliche, des großen Verſtorbenen wuͤrdige Biographie folgen moͤge. Den erſten Platz unter Adelungs Schriften behauptet wohl ſein großes, grammatiſch⸗ kritiſches Woͤrterbuch der deutſchen Sprache, das gewiß immer in Ehren bleiben wird, und wenn noch zehn Voße, auf Ade⸗ lungs Schultern tretend, es herabzuwuͤrdigen verſuchen ſollten. Auf Geiſteswerke haben, wie bekannt, die aͤußeren Verhaͤltniſſe, unter welchen ſie empfan⸗ gen und geboren wurden, den groͤßten Einfluß. 8 2 — 164— Je leichter, gluͤcklicher, unterſtuͤtzender dieſe, deſto beſſer gerathen in der Regel jene. Iſt aber irgend ein großes Werk von ſeinem Ver⸗ faſſer invita Minerva, und unter druͤckenden aͤußern Verhaͤltniſſen geſchrieben worden, ſo war es jenes große Woͤrterbuch. Die Idee dazu faßte Adelung ſchon 15 Jahre vor deſſen Erſcheinen, als er noch Pro⸗ feſſor am evangeliſchen Gymnaſium zu Erfurt war. So lange ſammelte, ordnete, ſichtete er ſeinen ungeheuern Sprachſchatz, ehe er ihn ge⸗ ſichtet und geordnet, zum Gebrauch der Deut⸗ ſchen vorlegte.. In jener Zeit aber kaͤmpfte er oft mit den druͤckendſten Nahrungsſorgen und ſchrieb mit namenloſer Anſtrengung fuͤr den Erwerb, um daneben Zeit fuͤr die Ehre, das heißt fuͤr die Ausarbeitung ſeines großen Werkes zu gewin⸗ nen. Adelung legte nehmlich ſeine Profeſſor⸗ Stelle in Erfurt, die er 1759 angetreten hatte, ſchon 1761 nieder, um deſto ungeſtoͤrter der Literatur ſich widmen zu koͤnnen. Von 1763 an lebte er nun, faſt ein Vier⸗ tel⸗Jahrhundert, als privatiſirender Gelehrter in Leipzig, und redigirte daneben die dortige politiſche Zeitung. Wer die Muhſeligkeiten kennt, welche der Gelehrte ohne Amt und Ver⸗ moͤgen zu uͤberwinden hat, wie er, Zeit und Kraft dem literariſchen Erwerb widmend, die Stunden eintheilen muß, wie der Arme die Groſchen, der wird wohl glauben, daß Adelung nicht wenig ſich anſtrengen mußte, neben dem Broderwerb auch den gelehrten Ruf, ja ſogar den Weg zur ſchriftſtelleriſchen Unſterblichkeit im Auge zu be⸗ halten, nach welcher er allerdings trachtete. Die Redaktion der Leipziger Zeitung beſchaͤf⸗ tigte ihn freilich am wenigſten, denn ſie war(und durfte es auch nur ſeyn) meiſt nur Nachhall an⸗ derer politiſchen Blaͤtter. Waren allenfalls dann und wann Original⸗Nachrichten und Bemerkun⸗ gen, hiſtoriſche Nachweiſungen, politiſche Finger⸗ zeige und Andeutungen zu geben, wie leicht muß⸗ ten ſie einem Manne werden, der den Styl ganz in der Gewalt hatte und auf dem ungeheuern Felde der Geſchichte bewandert war, wie auf heimiſchen Boden. Mehr Zeit raubte Adelungen die eigent⸗ liche Schriftſtellerei, welche meiſt uͤber po⸗ litiſche und hiſtoriſche Gegenſtäͤnde ſich verbreitete, oft aber auch ins Gebiet der Kinderſchriften und Romane uͤberſtreifte. Vielleicht iſt es manchem Deutſchen, der in ſeiner Jugend an dem einſt vielgeleſenen Leipziger Wochenblatte fuͤr — 166— Kinder ſich erbaute, nicht bekannt, daß Ade⸗ lung Mitarbeiter jener kleinen, aber gewiß nuͤßzlichen Schrift war, welche, beilaͤufig geſagt, den Weiſſiſchen Kinderfreund veran⸗ laßte. Doch Zeitungs⸗Redaktion und Schriftſtellerei, oft auch Korrektur in Buchdruckereien, durften Adelungen nur die kleine Haͤlfte der Zeit rau⸗ ben. Die bei weitem groͤßere widmete er ſeinem Woͤrterbuche. Gleich dem klugen Haushalter ſpaltete er nehmlich ſeine Woche in den geld⸗ und in den ruhmbringenden Theil. Vom Sonntage bis zur Mittwoche arbeitete er in der Regel an Schriſten, die er bei ſeinen Kenntniſſen, bei ſei⸗ ner Gewandtheit im Styl, gleichſam nur aus dem Aermel ſchuͤttelte, womit er aber doch den Unterhalt fuͤr die ganze Woche erwarb. Von der Mittwoche aber, oft auch wenn die Brod⸗ arbeit nicht recht von ſtatten ging, erſt vom Don⸗ nerſtage und Freitage an, bruͤtete er dann mit raſtloſem Eifer uͤber ſeinem Wörterbuche, fuͤr welches er uͤbrigens die ganze Woche in den Abendſtunden, wann Andere ausruhen oder ſich erholen, Beitraͤge durch Lectuͤre ſammelte. Da nehmlich las er meiſt Schriften, die zu jenem Zwecke förderlich und dienſtlich ſey konn⸗ — ten, zur Hand habend eine Menge Zettel, auf welchen die noͤthigen Extrakte oder auch nur Citate bemerkt wurden. Dieſe Zettel, wozu er jedes Couvert, jedes nur auf einer Seite beſchriebene Blaͤttchen Pa⸗ pier nutzte, warf er ſaͤmmtlich in einen Kaſten, zu deſſen Sichtung der Sonnabends⸗ Abend be⸗ ſtimmt war, wo er dann die zahlloſen Notizen fuͤr den kuͤnftigen Gebrauch ordnete. Jener Sammlerfleiß umfaßte aber nicht nur die Sprache, ſondern auch andere, beſonders hiſtoriſche Gegenſtaͤnde. Ungeheuer wa⸗ ren die Kollektaneen, welche der Unermuͤdliche dadurch erhielt, und er vernichtete einſt einen großen Theil derſelben, weil er, wie er ſelbſt geſtand, in fruͤhern Jahren eine Menge nutz⸗ loſer Notizen geſammelt hatte. Die Lieblingsgegenſtaͤnde, welchen Adelung neben der deutſchen Sprache und der Geſchichte der deutſchen Literatur, im Aufthuͤrmen von Kollektaneen eine beſondere Aufmerkſamkeit wid⸗ mete, waren die Geſchichte der Jeſuiten, die ſaͤchſiſche Geſchichte und die Char⸗ ten⸗Literatur Deutſchlands, vorrzuͤglich Sachſens. Bereits 1769— 1770 hatte er den Ver⸗ ſuch einer Geſchichte der Jeſuiten in — 163— 2 Theilen(Berlin und Halle bei Cruſius) her⸗ ausgegeben, welchem eine moͤglichſt vollſtaͤndige Geſchichte jenes Ordens folgen ſollte. Wie ernſt⸗ lich ihm letztere am Herzen lag, zeigt der von dem zu Dresden verſtorbnen Sekretaͤr der koͤnigl. Bibliothek, M. Roch, verfaßte Katalog ſeiner Bibliothek, welcher die kleinſten und ſel⸗ tenſten Schriften uͤber jenen Gegenſtand enthaͤlt. Dieſe zu erlangen ſcheute Adelung weder Muͤ⸗ he noch Koſten und ſeinen ausgebreiteten Brief⸗ wechſel mit auswaͤrtigen Gelehrten benutzte er haͤufig dazu, jene Schriften ſich zu verſchaffen. Auf dieſe Art aber ward ſein Plan, eine moͤg⸗ lichſt vollſtaͤndige Geſchichte der Jeſuiten zu be⸗ arbeiten, allgemein bekannt und deshalb Veran⸗ laſſung zu folgendem Vorfalle. Einige Jahre nach dem Erſcheinen des obgedachten Verſuchs einer Jeſuitengeſchichte ſprach einſt ein fremder Gelehrter bei Adelung ein, der von hohem Range zu ſeyn und nur zu kommen ſchien, um ſeine Bekanntſchaft zu erlangen. Bald aber zeigte ſich ſeine Abſicht deutlicher. Er lenkte das Geſpraͤch auf Adelungs Geſchichte der Jeſuiten, lobte dieſe als die unpartheiiſchſte, welche er uͤber dieſen Orden geleſen, ließ ſich den Vorrath von Schriften zeigen, welche Ade⸗ lung zu dieſem Zweck geſammelt hatte, und — erbot ſich zu Kauf derſelben anfaͤnglich nur ganz gleichguͤltig, bald aber fuͤr jeden Preis, als er werkte, daß Adelung zum Verkauf nicht ge⸗ neigt war. Doch gerade dies beſtimmte Ade⸗ lungen, obgleich er damals gerade in ſehr mißlichen oͤkonomiſchen Verhaͤltniſſen war, die Buͤcher, deren Sammlung ihm ſo viel Muͤhe gekoſtet hatte, nicht wegzugeben; denn nun erſt merkte er, wer mit ihm den Handel abſchließen wollte. Der Fremde war— wie ſich nachher ergab, ein roͤmiſcher Jeſuit, der es ſich, wahrſcheinlich in Auftrag ſeines Ordens, zum Geſchaͤft machte, alle Buͤcher uͤber die Jeſuiten, ſo viel er deren nur habhaft werden konnte, auf⸗ zukaufen. Ob, ſie zu vernichten oder zu ewi⸗ gem Verwahrſam nach Rom zu ſenden? iſt nie kund worden. Die damaligen Antiquare in Dresden beſuchte jener Fremde binnen den 4 Wochen ſeines dortigen Aufenthalts immer ei⸗ nen Tag um den andern, ſpornte ſie durch hohe Preiße, Buͤcher uͤber die Jeſuiten zu ſchaffen, und kaufte von jeder Schrift dieſer Art ſo viel Eremplare, als nur aufzubringen waren. So hat⸗ te z. B. einer der damals bedeutendſten Antiqua⸗ re in Dresden, Helmert, einen Buchhalter, welcher mit dergleichen Schriften einen Handel fuͤr eigne Rechnung trieb und unter andern von Ade⸗ — 170— ungs Jeſuitengeſchichte nach und nach 120 Eremplare ſchaffte, welche er von dem Verleger mit anſehnlichem Rabatt erhielt. An letztern ſelbſt ſich zu wenden und dieſem die ganze Auf⸗ lage abzukaufen, verſuchte der Fremde wahr⸗ ſcheinlich nur deßhalb nicht, weil dieß leicht ſei⸗ nen Einkauf von Schriften uͤber die Jeſuiten haͤtte verdaͤchtig machen koͤnnen. In ſpaͤtern Jahren, wo Adelungen am meiſten die neue Auflage ſeines Woͤrter⸗ buchs, ſein Mithridates, und ſeine Ge⸗ ſchichte der deutſchen Literatur und Sprache beſchaͤftigten, legte er die Jeſuiten⸗ geſchichte ganz bei Seite, doch nicht ohne den Wunſch, daß irgend ein der Arbeit gewachſener Gelehrter in ſeine Fußtapfen treten moͤchte, wel⸗ chem er dann, wie er oft verſicherte, ſeine gan⸗ zen den Jeſuiten⸗Orden betreffenden Sammlun⸗ gen uͤberlaſſen wollte. Leider ließ es Adelung auch in Anſehung der ſaͤchſiſchen Geſchichte beim bloßen Vor⸗ bereiten bewenden! Obgleich ein geborner Pommer*) hatte er doch, weil er ſeit ſeinem 29ſten Jahre in — *) Er war den zoſten Augnſt 1734 zu Spantekow, unweit Anklam, in Vor⸗Pommern, geboren, wo ſein Vater, M. Johann Paul, Prediger war. — 171— Sachſen lebte, eine ſolche Neigung fuͤr dieſes Land gewonnen, daß er es als ſein zweites Vaterland betrachtete, und deſſen Geſchichte kritiſch zu bearbeiten zu ſeinen Lieblingsplaͤnchen rechnete. Die Vorarbeiten dazu waren ungeheuer und verdienen deſto mehr Bewunderung, in ſo fern Adelung ſich damit in ein neues Feld wagte, das er nur, ſeitdem er(1787) Oberbibliothekar in Dresden geworden war, in ſeinem 54. Jahre alſo erſt, zu kultiviren begann. Er theil⸗ te nehmlich ſeine Sammlungen in Auszuͤge aus gleichzeitigen Schriftſtellern und in Auszuͤge von mehr als 20,000 Urkun⸗ den, die er chronologiſch zuſammenſtellte und mit kritiſchen Bemerkungen und literariſchen Nach⸗ weiſungen begleitete. Man muß dieſe Sammlungen geſehen haben, wenn man nicht nur den ſtupenden Fleiß, der ihnen zum Grunde liegt, ſondern auch die nach⸗ ahmungswuͤrdige Ordnung und Nettigkeit bewun⸗ dern will, womit der große Mann zu Werke ging. Faſt giebt es in der Regel keinen verworrenern unangenehmern Anblick, als die Kollektanten der Gelehrten. Die genannten Adelungiſchen aber hatten etwas Freundliches, gleichſam zur Arbeit Einladendes, waren auf lauter Foliolagen — 172— von 6 bis 8 Bogen guten Papiers geſchrieben und ſteckten in eleganten Kapſeln. Schade, daß Adelung den Plan zu einer ſaͤchſiſchen Geſchichte aus Quellen und Urkunden und alſo auch ſeine Sammlun⸗ gen nur bis auf die Zeiten der Reformation ange⸗ legt hatte, denn ſpaͤter, meinte er, fehle es jener Geſchichte nicht an Vorarbeiten, die ein Mann von Kenntniß nur benutzen duͤrfe; noch weit mehr Schade aber, daß aus dem fleißigen Sammler nicht ein foͤrmlicher Hiſtorio⸗ graph geworden iſt. Denn mit ſo viel Kritik und Huͤlfsmitteln von der einen, und Fleiß und Eifer von der andern Seite ausgeruͤſtet, wird wohl ſchwerlich je wieder ein vaterlaͤndiſcher Gelehrter an das große Werk einer moͤglichſt vollſtaͤndigen und kritiſchen ſaͤchſiſchen Geſchichte gehen. 6 Immer nur mit Vorbereiten beſchaͤftigt, hat⸗ te ſich, wie Adelung ſelbſt ſagt,*) ſein Schat⸗ ten unvermerkt ſo verlaͤngert, daß es Vermeſ⸗ ſenheit geweſen ſeyn wuͤrde, ein Ziel noch laͤn⸗ ger verfolgen zu wollen, deſſen Erreichung meh⸗ rere Jahre eines kraftvollen und thaͤtigen Le⸗ bens erfoderte. 4 —ʒÿ—— 5 *) Direktorium der ſuͤdſächſiſchen Geſchichte S. VIII. — 1273— Um indeß, wenn auch nicht dem Publikum, doch wenigſtens dem kuͤnftigen Hiſtoriographen zu nuͤtzen, und dieſem viele Jahre muͤhſamer Vorarbeit zu ſparen, gab er 1802 ſein Direk⸗ torium, das iſt: chronologiſches Ver⸗ zeichniß der AQuellen zur ſuͤdſaͤchſi⸗ ſchen Geſchichte ꝛc.(Meißen bei Erbſtein) heraus, welches die gleichzeitigen Schriftſteller mit den noͤthigſten Literar⸗Notizen enthaͤlt, und wollte dann in einem zweiten Bande die Ur⸗ kunden⸗Extratte folgen laſſen. Allein der Verleger fand ſeine Rechnung ſo wenig dabei(nicht 100 Exemplare ſollen abge⸗ gangen ſeyn) daß er die Herausgabe des 2ten Theils nicht wagen, Adelung ſelbſt aber ſie ihm nicht zumuthen wollte, obſchon er, ſo viel ich weiß, kein oder nur ein geringes Buͤcherho⸗ norar dafuͤr verlangte. Die Urkunden⸗Extrakte werden alſo wahr⸗ ſcheinlich nie ans Tageslicht kommen, ja wohl gar quod Deus avertat! mit der Adelung i⸗ ſchen Bibliothek uͤber lang oder kurz ins Aus⸗ land wandern, wenn letztere, wie man vermu⸗ thet, nach Petersburg oder Muͤnchen ver⸗ kauft werden ſollte; dann gute Nacht fuͤr Sach⸗ ſen Adelungs diplomatiſcher Fleiß auf im⸗ mer! denn wem wird es im Auslande je ein⸗ — 474— fallen, dieſe Schaͤtze fuͤr den bemerkten Zweck zu benutzen! Der Verluſt derſelben aber wuͤrde fuͤr Sach⸗ ſen deſto mehr zu bedauern ſeyn, da Adelung naͤchſt den vorhandenen gedruckten auch eine Menge handſchriftlicher Quellen benutzte, welche ihm theils durch die in dieſem Fache ungemein reiche öͤffentliche k. Bibliothek zu Dresden, theils durch die. Gefäͤlligkeit mehre⸗ rer Archivare zu Gebote ſtanden. Es war einſt eine goldne Zeit, wo die Fuͤr⸗ ſten ſelbſt ſo viel Sinn und gerechte, man moͤchte ſagen, ſchuldige Achtung fuͤr die Ge⸗ ſchichte ihrer Familien und Staaten hatten, daß ſie eigene Hiſtoriographen beſoldeten. Leider iſt jene ehrwuͤrdige Einrichtung in den meiſten Staaten theils ganz in Vergeſſenheit ge⸗ kommen, theils zu einer bloßen Titulatur herabgeſunken, vielleicht aus noͤthiger Oeko⸗ nomie, vielleicht auch, weil die Hiſtoriogra⸗ phen in der Regel mehr verſprachen als lei⸗ ſteten, und alſo ihre Wuͤrde ſelbſt zur Titulatur herabwuͤrdigten. Wenn man aber auch nicht gerade Bearbeiter und Pfleger der Vaterlands⸗ geſchichte foͤrmlich beſolden will, ſollte man doch wenigſtens ſo bedeutende Sammlungen fuͤr letz⸗ tere, wie die Adelungiſchen, wenn ſie an⸗ — 175— ders verkaͤuflich ſind, nicht in Privathaͤnde kom⸗ men laſſen, wo ſie am Ende leicht Makulatur werden koͤnnen; noch weniger aber ſollte man ſie uͤber die Grenze laſſen, weil ſie dann fuͤr immer verloren ſind; ſondern man ſollte ſie— und welcher gelehrte Patriot wird nicht Ja und Amen dazu ſagen?— fuͤr Archive oder Bibliotheken zum Beſten des kuͤnftigen Ge⸗ ſchichtſchreibers kaufen— dann aber auch die Benutzung derſelben nicht erſchweren, oder wohl gar verbieten, ſondern auf alle nur moͤgliche Art erleichtern. Freilich konnte Adelung ſelbſt am beſten fuͤr die von ihm ſo muͤhſam geſammelten hiſtoriſchen Schaͤtze wirken, wenn er in den letzten Jahren ſeines Lebens den Koͤnig von Sachſen, mit dem er oft Kraft ſeines Amtes uͤber Literatur ſprechen mußte, und welcher wie bekannt, nicht bloß den lebendigſten Sinn fuͤr die Wiſſenſchaf⸗ ten, ſondern auch die gruͤndlichſten Kenntniſſe hat, auf den Werth ſeiner Sammlungen aufmerkſam machte, ihm den Ankauf derſelben als nuͤtzlich vorſtellte oder noch beſſer um Unterſtuͤtzung fuͤr den Verleger bat, damit ſie durch die Preſſe ge⸗ meinnuͤtzig werden konnten. Allein dazu war Adelung zu beſcheiden, und die dama⸗ lige kriegeriſche Zeit zu unguͤnſtig. — 1276— Eben ſo verdienſtlich, als die Sammlung von Urkunden⸗Ertrakten, war eine Sammlung von Urkundenabſchriften in Extenso, deren Staͤrke mir aber nicht bekannt iſt. Die wichtigſten Dienſte dabei leiſtete Adelungen der vor ci⸗ nigen Jahren erſt in Leipzig verſtorbene Aus⸗ wechslungskaſſenaſſiſtent Mi lhauſer,*) wel⸗ cher mit guten diplomatiſchen Kenntniſſen die ſeltene Kunſtfertigkeit verband, Urkunden des Mittelalters ſo taͤuſchend zu kopi⸗ ren, daß man verſucht ward, ſie fuͤr Originale zu halten.*) Uebrigens waren es nicht bloß die genann⸗ ten allgemeinen Sammlungen fuͤr ſaͤchſiſche Ge⸗ ſchichte, womit Adelung mehrere Decennien ſeines thaͤtigen Lebens ſich beſchaͤſtigte. Er ſam⸗ *) Derſelbe, welcher zu den vorletzten ſächſiſchen und war⸗ ſchauiſchen Kaſſenhillets die Zeichnungen lieferte. *⸗) Derſelbe fremde Gelehrte, oder vielmehr Jeſuit, wel⸗ 3 cher Adelungen ſeine Sammlungen über den Jeſui⸗ ten⸗Orden abkaufen wollte, ſprach auch bei Mi lhau⸗ ſer ein, deſſen Kunſt, Urkunden zu kopiren, er bei Ade⸗ lung hatte kennen lernen, und[ſuchte ihn durch große Verheißungen zu gewinnen, daß er einige Jahre mit ihm die vorzüglichſten Länder Europas durchreiſen und in Klöſtern Urkunden für hiſtoriſche Zwecke kopiren ſolte, welches aber Mithauſer aus guten Gründen abſchlug. 8 melte zugleich Materialien zu einer Ge ſchicch⸗ te des großen Kur fuͤrſten Auguſt im 16. Jahrhundert, welchem er, als dem wahren Vater der Kultur in Sachſen, ein biographi⸗ ſches Denkmal ſtiften wollte. Allein auch dazu gewann der fleißige Mann nicht Zeit, ſondern gab bloß einen Abriß der Geſchichte zu einem Bildniſſe deſſelben, welches der verſtorbene Ma⸗ ler Holzmann in Kupfer geſtochen thatte,) und ſchenkte mir ſeine aͤußerſt reichhaltigen Auguſteiſchen Sammlungen(einen dik⸗ ken Folioband) aus eigener Bewegung, blos weil er wußte, daß ich mich mit einer Biogra⸗ phie des großen Kurfuͤrſten Auguſt be⸗ ſchaͤftigte. 3 So thaͤtig uͤbrigens, wie fuͤr die Geſchichte Sachſens, war Adelung auch im verjuͤng⸗ ten Maaßſtabe, wie der Gegenſtand es heiſchte, fuͤr deutſche und beſonders ſaͤchſ. Geogra⸗ phie, durch eine uͤber 30 Jahre mit eben ſo viel Eifer als Einſicht fortgeſetzte Sammlung von Landcharten und topographiſchen *) Das Gemälde, wonach Holzmann jenen Kupferſtich fertigte, beſindet ſich vor einer Bibel von Hanns Kraft und Hanus Luft, welche Auguſts Hand⸗ exemplar geweſen zu ſeyn ſcheint, und in der königl. Bibliothek zu Dresden verwahrt wird. M — 178— Blaͤttern. Ein kritiſches Verzeichniß des ſaͤchſiſchen Theils derſelben machte er durch den Druck bekannt(Meißen bei Erbſtein 1796.) Mit ſeiner allgemeinen deutſchen gegen 6000 Blaͤtter ſtarken Chartenſammlung wollte er, wenn jenes Verzeichniß Beifall und Unterſtuͤtz⸗ ung faͤnde, ein Gleiches thun. Konnte nun gleich erſterer dem Werke natuͤrlich nicht ent⸗ ſtehen, ſo fehlte deſto mehr die letztere, Denn auch mit der ſaͤchſ. Landcharten⸗Literatur iſt der Verleger, wie mit dem obengenannten Di⸗ rektorium, kaum auf ſeine Koſten gekommen— welchen Vertrieb aber wuͤrde ein Buch dieſer Art in England gefunden haben! Zu Vorgaͤngern im Fache der ſaͤchſ. Land⸗ chartenkunde hatte Adelung den verſtorbenen gelehrten Buchdrucker Breitkopf in Leipzig, und den gleichfalls verſtorbenen Geh. Kriegs⸗ rath von Ponikau in Dresden, deſſen Chartenſammlung zugleich mit ſeinem trefflichen Buͤcher⸗ und Manuſtripten„Schatze 1789 ſchon, als eine Donatio inter vivos, in die Witten⸗ berger Univerſitaͤtsbibliothet*) gekommen iſt. *) Dieſe ward während der Belagerung Wittenbergo 1818, nach Seußlitz an der Elbe geſchafft, wo ſie lange mit der Univerſitäts⸗Bibliothek zugleich in Kiſten verpackt ſtand. Nur ſeit einigen Jahren erſt ſind dieſe 4*— 1479— Ponikau hatte es in geographiſcher, Breitkopf in topographiſcher Hinſicht am weiteſten gebracht. Adelung ſtrebte nach beidem, und erreichte auch die bezweckte Voll⸗ ſtaͤndigkeit in einem ziemlich hohen Grade; Nachtraͤge dazu ſammelte er bis gegen das En⸗ de ſeines Lebens, und kaufte ſogar, blos der Vollſtaͤndigkeit wegen, oft Blaͤtter, die kaum der kritiſchen Anſicht werth waren. Mit welcher grenzenloſen Genauigkeit und Sorgfalt der ehrwuͤrdige Sammler zu Werke ging, ergiebt ſich unter andern daraus, daß er in[dem obengenannten kritiſchen Verzeichniſſe von manchen Charten, beſonders aus der Wit⸗ teſchen, Schenkiſchen und Homanni⸗ ſchen Fabrik, wenn ſie auch ganz einerlei Titel hatten, und nirgends eine Reviſion be⸗ merkt war, doch mehrere Eremplare auf⸗ fuͤhrte, deren Verſchiedenheit nur durch die muͤh⸗ ſamſte Vergleichung ſich finden ließ, weil jene Fabriken die ruͤhmliche Gewohnheit hatten, die Fehler ihrer Charten, wenn ſie ihnen bekannt wurden, in der Stille zu verbeſſern, ohne es allemal auf dem Titel zu bemerken. — großen literariſchen Schätze nach Halle transportirt worden, wo aber wenigſtens der ſächſiſche Theil derſel⸗ ben woht immer unbenutzt bleiben dürfte. M 2 — 8 — 6 — — — 130—. Abgerechnet uͤdrigens den literariſchen Werth der Adelungiſchen Chartenſammlung, bewaͤhrte ſich auch mehrmals ihr praktiſcher, indem ſie nicht ſelten den hoͤchſten Landesbehoͤrden in Pro⸗ zeſſen, wo es auf alte Grenzberichtigun⸗ gen ankam, die aͤlteſten zum Theil ungeſtochnen topographiſchen Blaͤtter darbot, wornach die wichtigſten Streitpunkte erlaͤutert werden konn⸗ ten. Solche Faͤlle aber waren dann gleichſam die Kronen des Verdienſtes, welche der unermuͤdete Sammler ſich erwarb, und ſolche erzaͤhlte er mit einer Freude, in welcher ſelbſt bereiteter Lohn ſich beſcheiden ausdruͤckte. Einige Jahre vor ſeinem Tode, wo ſein Eifer fuͤr dergleichen literariſche Nebenzweige erkaltete, weil er die letzten Kraͤſte mit Recht nur dem Hauptſtamm ſeiner Thaͤtigkeit, der Ge⸗ ſchichte der deutſchen Literatur und Sprache widmete, wuͤnſchte er ſeine Charten⸗ ſammlungen zu verkaufen, aber leider! fiel die⸗ ſer Wunſch in eine Zeit, wo Deutſchland, ge⸗ bruͤckt von fremden Feſſeln, fuͤr alles was Deutſch hieß, erkaltete, und blieb deshalb un⸗ erhoͤrt. Wegen der Charten von Deutſchland ſollen mit Adelungen einſt von der eoͤnigl. Bibliothek in Berlin Unterhandlungen ange⸗ knuͤpft geweſen ſeyn, mit welchem Erfolge iſt unbekannt. Hinſichtlich der ſaͤchſ. Landchar⸗ tenſammlung kann ich uͤbrigens denſel⸗ ben Wunſch nicht unterdruͤcken, welchen ich oben wegen der Adelungiſchen han dſchriftli⸗ chen Sammlungen zur ſaͤchſ. Geſchich⸗ te aͤußerte. 1 Von Adelungs enormen Fleiße zeigen ſatt⸗ ſam ſeine gedruckten Werke wie ſeine Handſchriften. Es kann aber auch nicht leicht ein Gelehrter mehr glebae literariae ad- scriptus ſeyn, als Adelung es war, der, wie er oft verſicherte, nicht beſſer ſich befand, als wenn er vom Sonntage früh bis zum Sonnabend Abend auf Einer Stelle am Studirtiſche ſaß. In der That traf man ihn auch ſo zu jeder Tageszeit, ein Schlummerſtuͤndchen nach Tiſche abgerechnet. Spaziergaͤnge waren ihm faſt ganz fremd, und nie verließ er das Zimmer, wenn nicht Geſchaͤfte oder Freundſchaft ihn von der Arbeit riefen. Bis in ſeine ſpaͤtern Jahre oh⸗ ne oͤffentliches Amt, immer nur theils aus Ei⸗ fer, theils aus Nothwendigkeit der Literatur le⸗ bend, endlich aber im 54ſten Jahre erſt in Ge⸗ ſchaͤften angeſtellt, die ihn nicht auf die Stunde — 182— beſchraͤnkten, hatte er ſich ſo ans Zimmer ge⸗ woͤhnt, daß er dieſes wie ſeine Welt betrachtete, wo nichts ihn genirte, nichts in ſeinen Ideen und⸗Arbeiten ihn ſtoͤrte und nur ein Paar Voͤ⸗ gel, die er ſelbſt fuͤtterte, ſeine einzigen Geſell⸗ ſchafter waren. Letztre betrachtete er, wie er einſt ſagte, gleichſam als Surrogate der freien Natur, welcher auch Adelung mit ganzer Seele anhing, nur daß er ſich im⸗ mer Zeit und Muͤhe nicht nehmen wollte, ſie zu genießen. Erſt nachdem Adelung im Joſten Jahre eine ſchwere Bruſtkrankheit uͤberſtanden und da⸗ bei eingeſehen hatte, wie unentbehrlich dem Grei⸗ ſe weibliche Pflege ſey, nahm er eine Tochter ſeines Bruders, des Juſtizrathes Adelung in Stettin zu ſich und gewann dadurch nicht bloß Unterſtuͤtzung, ſondern auch Freude; denn dieſe Nichte, welche zu den Gebildetern ihres Geſchlechts gehoͤrte, kuͤrzte ihm die Abendſtunden des Lebens durch Muſik, Lektuͤre und Unterhal⸗ tung.*) Verheirathet war Adelung nie, aber auch *) Sie iſt jetzt die Gattin des würdigen Appellationsrathes und Domherrn D. Günz in Dresden. nichts weniger als Feind der Ehe, in welche er nur deshalb nicht getreten war, weil er, ſei⸗ ner eignen Erklaͤrung zufolge, in fruͤhern Jah⸗ ren aus ökonomiſchen Gruͤnden nicht konnte, in ſpaͤtern aber aus vernuͤnftigen nicht wollte. Doch hatte er ſtets eine vollſtaͤndige und nett eingerichtete Wirthſchaft, in welcher er Freunde aufs Anſtaͤndigſte zu bewirthen im Stan⸗ de war, welches denn auch nicht ſelten mit der ihm vorzuͤglich eigenen Eleganz und Jovialitaͤt geſchah. an enle In den erſten Jahren ſeiner Anſtellung als Oberbibliothekar in Dresden beſuchte Ade⸗ lung wenigſtens fruͤh faſt taͤglich die Bibliothek, ſpaͤterhin aber, nachdem er mit dem Ordnen derſelben nach ſeinem Plane zu Stande war, arbeitete er meiſt zu Hauſe, ließ ſich alle Buͤ⸗ cher zur Arbeit, wie auch die Materialien zu Vortraͤgen an ſeinen Chef bringen und ſprach nur dann als Oberprieſter im koͤnigl. Muſen⸗ tempel ein, wenn Pflicht oder literariſches Be⸗ duͤrfniß es heiſchten. 15 WM Uebrigens ſah man ihn, wenn er nicht nach Hofe oder in Geſellſchaft ging, nie, weder auf der Straße noch auf Promenaden. Daher kam es denn auch, daß ihm Dresden in lokaler Hinſicht ziemlich fremd blieb und daß von tau⸗ —— ſend Mitbuͤrgern nicht zehn den groͤßen Ade⸗ lung kannten, welchen kennen zu lernen die vornehmſten und beruͤhmteſten Reiſenden ſich zur angenehmſten Pflicht machten.. Selbſt auf der Straße der Neuſtadt, wo er faſt 20 Jahre wohnte, kannten ihn viele ſei⸗ ner naͤchſten Nachbarn entweder gar nicht oder wenigſtens nicht namemlich und von Seiten ſei⸗ ner Verdienſte. Schreiber dieſes hoͤrte ſelbſt bei ſeinem Leichenbegaͤngniſſe(welchem im Stil⸗ len zu folgen er ſich zur traurig⸗angenehmen Pflicht machte) einen neugierigen Nachbar den andern auf die Frage: Wen man begrabe? die intereſſanten Auskunft geben: Den alten langen Herrn mit Degen und Haar⸗ beutel, der aller Jubeljahre einmal wegging. 121. 2. 11 2 Einem großen Mißverſtandniſſe vorzubeugen, iſt es nothwendig, der oben gegebenen Bemer⸗ kung: Wenn Adelung nicht nach Hofe ging— eine Erlaͤuterung beizufuͤgen. Obgleich Adelung nehmlich in der vierten Klaſſe der Hofordnung ſtand, und alſo hoffähig war, fiel es doch wohl nie einem Hoſſaͤhigen weniger ein, von ſeinem Rechte Gebrauch zu. machen, als dem ſchlichten gevxaden Adelung, der am gluͤck⸗ 1 1 p lichſten unter ſeinen Buͤchern, am ungluͤcklich⸗ ſten in Antichambern und Prunkſaͤlen ſich fuͤhlte. Adelung war aber nicht blos Oberbibli⸗ othekar der großen oͤffentlichen Bibliothek, ſon⸗ dern auch Privatbibliothekar des Königs, und hatte als ſolcher die Pflicht, wenn er nicht beſonders gerufen ward, wenigſtens einmal woͤ⸗ chentlich zum Koͤnige zu gehen, um deſſen lite⸗ rariſche Beduͤrfniſſe zu vernehmen oder ihn auf ſolche aufmerkſam zu machen. Dieſer litera⸗ riſche Hofgang geſchah gewoͤhnlich Nachmit⸗ tags zwiſchen 2 und 3 Uhr, wenn der Koͤnig von der Tafel kam, der dann in ſeinem Bibli⸗ othekzimmer mit Adelung ganz ohne Swang und aͤcht literariſch ſich unterhielt. Adelung war alſo der wenigen Gluͤcklichen Einer, welche Gelegenheit hatten, den Lan⸗ desherrn in literariſcher Hinſicht ken⸗ nen zu lernen und— er ſprach nie anders, als mit der groͤßten Achtung und Ehrfurcht von dem aͤcht literariſchen Sinn, wie von den tiefen Kenntniſſen des Koͤnigs, beſonders im geographiſchen, hiſtoriſchen, botaniſchen, phy⸗ ſikaliſchen, ſtaatswiſſenſchaftlichen und philoſophi⸗ ſchen Fache. Auch konnte er nie genug die her⸗ ablaſſende und einnehmende Behandlung ruͤhmen, welcher ihn der Koͤnig wuͤrdigte. — 1386— In ſpaͤterer Zeit, beſonders ſeit dem fuͤr Deutſchland ſo verhaͤngnißvollen Jahre 1806, wo wahrhaft koͤnigliche und landesherrliche Sor⸗ gen den ungluͤcklichen Friedrich Auguſt be⸗ ſtuͤrmten, und ihm, wenn auch nicht den Sinn, doch die Zeit fuͤr Literatur raubten, wurden jene literariſchen Unterhaltungen Adelungs mit dem ehrwuͤrdigen Monarchen immer ſeltner. Stubengelehrter— vor dieſem Titel ſchaudern in der Regel zuruͤck nicht nur die Kinder dieſer Welt, ſondern auch viel andre Gebildete, die mit der Welt mehr im Ein⸗ als Mißklange ſtehen; denn unter jener Benennung denkt man ſich faſt immer nur einen ſteifen, unbehuͤlflichen, finſtern, freudenleeren und freu⸗ denhaſſenden, Welt und Menſchen ſcheuenden, alles, außer der Literatur, verachtenden, die hoͤchſten Zwecke des Lebens nur in Buͤchern ſu⸗ chenden, von der Zehe bis zum Scheitel, vom Herz⸗ bis zum Geldbentel hypochondriſchen Mann— Nach dieſen Begriffen aber war Adelung bloß Titular⸗Stubengelehrter, denn ob⸗ ſchon meiſt nur unter Buͤchern und in literariſchen Ideen lebend, war er doch nichts weniger als Feind der Welt und ihrer Herrlichkeit. Außer freundſchaſtlichen Gaſtmaͤhlern, an welchen er als Mitglied eines geſelligen Vereins der ge⸗ bildetſten Familien Dresdens oft Theil nahm, ſprach er woͤchentlich einmal Mittags in der ſo⸗ genannten Harmonie ein, und war dann ſo froh, ſo offen und vertraulich, ſo ganz dem feinen Scherz, bei Sang und Becher ſich hin⸗ gebend, als habe er von jeher mehr im leben⸗ digen Zirkel der Freude, als im todten der Buͤ⸗ cher gelebt. 4 Sein Umgang war dann fein, ſeine Laune jovial, ſein Witz attiſch, und ſelbſt Damen wußte er in ſpaͤtern Jahren noch ganz nach den Galanterien der Zeit zu behandeln, in welcher er jung geworden war. Kehrte er aber von ſolch einer frohen Tafel zuruͤck, dann war er auch gleich wieder heimiſch unter ſeinen Buͤchern und arbeitete oft noch bis ſpaͤt am Abend. Wahr iſt es uͤbrigens, daß Adelung im gewoͤhnlichen Umgange, wo es auf Alltags⸗ frivollitaͤten ankam, etwas Ernſthaftes und Kaltes hatte, daß jene Gewandtheit und Ge⸗ ſchmeidigkeit ihm fehlte, worin nicht ſelten allein das Verdienſt der Leute vom ſogenannten guten Ton beſteht. Wie konnte man aber auch die Erlernung ſolcher Kuͤnſte einem Manne zutran⸗ — 8* — ₰ en und zumuthen, der im ſteten Umgange mit den großen Geiſtern der Vor⸗ und Mitwelt lebte.— Am erſten ward eine gewiſſe Kaͤlte und Un⸗ behuͤlflichkeit, ein gewiſſes ernſthaftes und ſtei⸗ fes Weſen an dem ehrwuͤrdigen Greiſe ſichtbar, wenn(wie Referent oft Zeuge geweſen iſt), laͤ⸗ ſtige Fremdenbeſuche ihn vom Studirtiſche rie⸗ fen, und oft ſchien es dann, als ob der erſte Lehrer der deutſchen Sprache um die gewoͤhnlich⸗ ſten Ausdruͤcke und Wendungen derſelben verle⸗ gen ſey. Es iſt aber auch in der That eine ganz eig⸗ ne Sache um die Ehre, ein beruͤhmter Mann zu ſeyn, wenn man in ſeinen vier Pfaͤhlen kei⸗ ne Stunde vor neugierigen Beſuchern ſicher iſt, die oft nur kommen zu ſehen, wie man fremde Thiere oder ſeltne Kunſtwerke ſieht. Der be⸗ ruͤhmte Mann und der gewoͤhnliche Neiſende, einander gegenuͤber, welche Kon⸗ traſte— Jener vertieft vielleicht in die wich⸗ tigſten Unterſuchungen, erfuͤllt mit Ideen, die gleich Eilanden im Ocean des Wiſſens wohl 50 Grade vom feſten Lande des Alltagslebens ent⸗ fernt liegen— Dieſer im Alltagsleben gebo⸗ ren und erzogen, reiſend, nicht Welt und Men⸗ ſchen zu ſtudiren, ſondern nur ſich zu divertiren, und, vor dem beruͤhmten Manne ſtehend, wie . — 1289— vor dem Montblanc, voͤllig befriedigt, in der Heimath ſagen zu koͤnnen: Da und da habe ich den und den großen Gelehr⸗ ten geſehen und geſprochen— wo ſoll da die bluͤhende Unterhaltung herkommen. Iſt nun vollends der neugierige Fremde nicht ſelbſt redefaͤhig oder vielmehr redeſelig, muß da der veruͤhmte Mann, den er bei ſeinen Arbeiten geſtoͤrt hat, nicht trocken und einſylbig erſchei⸗ nen?—— Deshalb that denn auch der ehrwuͤrdige Adelung herzlich gern Verzicht auf dergleichen Ehrenbeſuche, die ihm nicht nur die koſt⸗ barſte Zeit raubten, ſondern ihn auch oft in die peinlichſte Verlegenheit ſetzten. Letztre aber mehrte ſich, wenn ihn der Fremde wohl gar franzoͤſiſch anredete. Daß dem ehrwuͤrdigen Verfaſſer des Mithridates fremde Sprachen nicht fremd ſeyn konnten, war wohl keine Frage.— Mit der Structur der aͤltern wie der nenern innig vertraut, hatte er beſonders das Franzoͤſiſche und Engliſche ganz ſich angeeignet, aus beiden viel Ue⸗ berſetzungen geliefert, ja ſogar ein grammatiſch⸗ kritiſches Woͤrterbuch der engliſchen Sprache nach Johnſon(Leipzig 1783) herauszugeben an⸗ gefangen. Allein zwiſchen dem Verſtehen g* — —— — 190— und Sprechen einer Sprache iſt bekanntlich eine große Kluft befeſtigt; denn jenes laͤßt ſich in der tiefſten Einſamkeit, in gaͤnzlicher Abge⸗ zogenheit von der Welt, dieſes nur durch ſteten Umgang mit der Welt erlan⸗ gen. Wie konnte aber fuͤr letztren die noͤthige Zeit ein Mann gewinnen, der abſichtlich von der Welt ſich zuruͤckzog, um unter Buͤchern zu leben?— Ihm genuͤgte es, den Geiſt fremder Sprachen zu kennen, und die Werke der erſten Geiſter fremder Nationen im Original zu ver⸗ ſtehen; ob er die Gewandtheit der Zunge, die Kraft des Gedaͤchtniſſes hatte, welches im Au⸗ genblick des Bedarfs zu ſprechen die noͤthigen Worte und Wendungen darbietet, galt ihm gleichviel.. Aus den bemerkten Gruͤnden allein aber er⸗ ſchien Adelung ſteif und einſylbig, wenn Fremde vom gewoͤhnlichen Schlage oder mit fremden Zungen redend, bei ihm einſprachen. Deſto herzlicher und offener, deſto weniger ver⸗ legen um Stoff zur Unterhandlung war er, wenn Maͤnner vom Handwerk ihn beſuchten. Die Natur hatte Adelungen mit einem großen, wohlgebildeten und eiſenfeſten Koͤrper ausgeruͤſtet. In ſeiner Jugend muß er ein — 191— wahrhaft ſchoͤner Mann geweſen ſeyn. Noch als Greis hatte er ein angenehmes und Ehr⸗ furcht gebietendes Aeußere. Das Gluͤck einer feſten Geſundheit begleite⸗ te ihn bis in ſein ö8ſtes Jahr, obſchon er Be⸗ wegung und Zerſtreuung, die erſten Huͤlfsmittel des Wohlbefindens, eher geflohen als geſucht hatte. Das ewige Stubenleben war ihm ſo zur andern Natur geworden, daß er die feſte Ueber⸗ zeugung hatte, er werde weniger wohl ſich be⸗ finden, wenn er mehr Bewegung und freie Luft ſuchte. Beſonders glaubte er bei ſeiner Lebens⸗ weiſe weniger, als bei jeder andern dem Einfluſſe der Witterung ausgeſetzt zu ſcyn. Darum hielt er auch immer ſehr auf immer gleiche Temperatur des Zimmers, und ließ oft mitten im Sommer heizen, wenn nur etwas kalte Tage eintraten. Nie von einer ſchweren Krankheit gedruͤckt, warf ihn erſt 1802 ein Anfall von Bruſtwaſſer⸗ ſucht aufs Lager, gerade als er mit Herausga⸗ be ſeines Direktoriums der ſaͤchſiſchen Geſchichte beſchaͤftigt war. Doch arbeitete er daran, bis er gar nicht mehr aufdauern konnte, und ſchrieb noch, wie er mir verſicherte, die geiſt⸗ volle und fuͤr den Hiſtoriker ſo belehrende Ein⸗ leitung dazu unter den angſtvollſten Beklemmun⸗ gen und heftigſten Bruſtſchmerzen. In ſeinen hohen Jahren und bei einer ſo bedenklichen Krankheit war an Wiederherſtellung wohl kaum zu denken und der Kranke ſelbſt ſchien daran zu zweifeln. Doch gelang ſie den raſtloſen und geiſtvollen Bemuͤhungen ſeines Arz⸗ tes und Freundes, des Hofrathes D. Weigel, welcher dieſe Kur zu den ſchwierigſten, aber auch erfreulichſten Faͤllen ſeiner Praxis rechnete; denn er hatte der Welt einen ihrer edelſten Buͤrger, der Literatur aber einen wahrhaft vaͤterlichen Pfle⸗ ger erhalten, der ſchon am Rande des Grabes nur als ſolcher noch dachte, empfand und wuͤnſch⸗ te— dem, wie er gegen ſeinen Arzt aͤußerte, bei ſeinem wahrſcheinlichen Abgange nach Jen⸗ ſeits nichts mehr am Herzen lag, als das Hinterlaſſen unvollendeter Arbeiten, welchen er den groͤßten Theil ſeines thaͤtigen Le⸗ bens gewidmet hatte. Er meinte damit nehm⸗ lich ſeine Geſchichte der deutſchen Lite⸗ ratur und Sprache. Des ehrwuͤrdigen Greiſes literariſch⸗ frommer Wunſch fuͤr Geneſung ward ihm nun zwar ge⸗ waͤhrt, nicht aber die Erfuͤllung ſeiner Sehn⸗ ſucht nach Vollendung der genannten Lieblings⸗ arbeit. Wann wuͤrde aber auch Er, der Uner⸗ ſaͤttliche in Arbeiten, ein Ziel derſelben gefun⸗ den haben!— Er, der einſt verſicherte: Er —jj- — — — 1 95—— kenne nie jene, auch den aͤmſigſten Gelehrten nicht ſelten anwandelnde Empfindung von Ueberdruß der Ar⸗ beit— je mehr er ſtudire, deſto mehr wolle er ſtudiren— je mehr er ar⸗ beite, deſto mehr fuͤhle er ſich dazu geſtimmt, und er muͤſſe faſt allemal Gewalt ſich anthun, wenn er die Fe⸗ der hinlegen ſolle. Seit der genannten ſchweren Krankheit gab Adelungen die Natur nur noch eine Friſt von zwei Jahren, welche er mit gewohnter Thaͤtigkeit und mit wenig merklicher Abnahme der Kraͤfte, doch unter oͤfteren Anfaͤllen von Haͤmorrhoidalbeſchwerden verlebte, denen er end⸗ lich auch unterliegen mußte. Groß, ja namenlos waren die Leiden ſeiner letzten Tage und Stunden— aber groß auch und muſterhaft die Ergebung, mit welcher er ſie trug und den entſcheidenden Augenblick ſich naͤh⸗ ern ſah, wo er ein Leben verlaſſen ſollte, das faſt nur der Arbeit wegen Werth fuͤr ihn gehabt hatte. „Diesmal werſen wir doch wohl um?“ befragte er gelaſſen den Arzt um Aus⸗ kunft, wie es mit ihm ſtehe; und, obſchon mit Hoffnung vertroͤſtet, uͤberzeugte er ſich doch bald, N — 194— daß er nicht auffommen werde, behielt aber bei allen Leiden dennoch eine faſt unglaubliche Ge⸗ laſſenheit, geſchoͤpſft aus dem heiligen Born ei⸗ ner, dem Unvermeidlichen ſich hingebenden Ueber⸗ zeugung und verſchied mit der Ruhe des Weiſen. Adelung, als Gelehrter kann nur von einem an Geiſt und Kenntniſſen ihm verwand⸗ ten Gelehrten gewuͤrdigt werden— und dieſes muß, wenn anders dem großen Manne Recht werden ſoll, mit Ruͤckſicht auf das Zeit⸗ alter geſchehen, in welchem und auf welches er am kraͤftigſten wirkte. Adelung als Menſch aber— wenn Referent vom ihm ſagt, er habe mit deutſcher Zucht und Sitte ein deutſches Herz verbunden— er ſey ein Mann geweſen von altem, d. h. aͤchtem Schrot und Korn— ein Juͤnger, in dem kein Falſch war—— wer mag auftreten und ſagen: Das war er nicht?—— Die fuͤrſtliche Sprache. Als Wolf von Werthern, Herr auf Pulsnitz, ſeine zweite Gemahlinn, Anna von Noſtitz, 1653 zum erſtenmal an die kurfuͤrſtliche — 195— Tafel in Dresden brachte, ließ er ſie— zum Beweis ihrer Kenntniſſe— laut, vor allen Gaͤſten, das Wendiſche Vater unſer be⸗ ten— woruͤber maͤnniglich ſtaunte, der Kurfuͤrſt Johann Georg I. ſelbſt aber in die Worte aus⸗ brach: Das iſt ja eine recht fuͤrſtliche Sprache.— Als der beruͤhmte Ehrenfried Walther von Tzſchirnhauſen 1682 mit einem Fraͤu⸗ lein von Leſt ſich vermaͤhlt hatte, meinte er ſeiner jungen Gemahlin einſt an ihrem Geburts⸗ tage eine heimliche Freude dadurch zu machen, daß er ein Fraͤulein von Metzradt, welches in der ganzen Gegend fuͤr die beſte Saͤngerinn Wendiſcher Lieder galt, zur Tafel lud, und als die Gaͤſte ſo recht froh waren, dringend er⸗ ſuchte, mit einem Wendiſchen Liedchen ſich hoͤren zu laſſen. Die Virtuoſin war willig und bereit, bat aber nur erſt um Erlaubniß, ihr Liederbuch holen zu duͤrfen, und trat dann, in Eil als eine Wendinn verkleidet, ein Wendi⸗ ſches Rockenlied ſingend, zur Thuͤre herein. 8 Daruͤber wollte der ehrliche Tzſchirnhauſen ſich halb tod lachen. Seine Gemahlinn aber hielt der Saͤngerinn erſt den Mund, und, als dies nicht erlaubt ward, ſich die Ohren zu, und Na — 196— meinte ſcherzhaft: ſie wolle doch lieber den Unkenruf in Teichen, als ſolchen Geſang hoͤren. Als endlich das ſchalkhafte Fraͤulein die gnaͤ⸗ dige Frau ſogar Wendiſch anredete, da verkroch ſich dieſe hinter ihren Gemahl und fluͤ⸗ ſterte ihm bittend in die Ohren: Er ſolle doch um Gottes Willen den Wendi⸗ ſchen Dudelſack aus dem Zimmer ſchaffen— ſie koͤnne die Spitzbuben⸗ Sprache nun einmal nicht leiden.— Wer hoͤrte nun wohl richtig— der alte Kur fuͤrſt Johann Georg I.— oder die junge Frau von Tzſchirnhauſen. Jakob von Guͤltlingen und Konrad von Degenfeld, ein halber und ein ganzer Nachtwandler. Jakob von Guͤltlingen auf Teufringen. Mitglied der fraͤnkiſchen Reichsritterſchaft und Obervoigt zu Schorndorf im Wirtembergiſchen, ritt den gten Oktober 1600 uͤber Land, Voigt⸗ gericht zu halten in Gradſtetten unfern Waib⸗ lingen. Eine Menge Ritter mit ihren Familten — 197— ſprachen dort ein; unter dieſen Konrad von Degenfeld mit ſeiner Hausfrau. Man trank und ſang und koſete und ſcherzte. So kam der Abend heran. Da wollte Ritter Guͤltlingen ehrlich fortreiten mit ſeinem Knappen; denn heimzukehren vor Nacht noch, hatte er ehrlich verſprochen der treuen Haus⸗ frau, ja ſogar ſie gebeten, auf Gaͤſte ſich einzu⸗ richten, weil er ſonder Zweifel einige Ritter mitbringen werde. Allein im Zirkel der Freun⸗ de war's ihm ſo gemuͤthlich, daß gute Worte, zu bleiben, leicht eine gute Statt fanden. Junker Jakob verweilte nicht ungern beim vollen Humpen, doch mit dem heiligen Vorſatze, nur ſparſam ihm zuzuſprechen; denn— er kannte ſein Uebel wohl— ein altes und ehren⸗ werthes, aber bedenkliches— das, verſah er den rechten Punkt, leicht in große Faͤhrlichkeit ihn bringen konnte. Eine Kopſnnde. nehmmlich, die 8 in juͤngern Jahren bei der Belagerung von Maſtricht er⸗ hielt, hatte die ſonderbare Folge, daß er ſeit⸗ dem nicht uͤber Durſt trinken durfte, ohne dann im Schlafe zu einer Art Nachtwandler zu wer⸗ den. In ſolchem Falle ſtand er dann, ſeiner unbewußt, auf, hieb um ſich, als kaͤmpfte er mitten im Schlachtgewuͤhl, kam aber, ſobald — 198— man ihn rief, zur Beſinnung, und legte ſich ruhig wieder zu Bette. Von dieſem Uebel ir⸗ gend einmal das Schlimmſte fuͤrchtend, bat er immer dringend ſeine Hausfrau, fuͤr ſein und Andrer Beſtes zu ſorgen, wenn er dann und wann zu tief in den Humpen geguckt, woran er es freilich nach Ritterſitte weder fehlen laſſen durfte, noch mochte. Sonder Zweifel lag auch in jener vernuͤnfti⸗ gen Sorgfalt die Urſache, warum er diesmal heimzukehren verſprach; weil er nehmlich wohl wußte, daß es im traulichen Zirkel zu Grad⸗ ſtetten ein wenig bunt zugehen werde und er alſo bei der treuen Gattin beſſer verſorgt ſey, als dort. Doch da er nun einmal unter den froͤhli⸗ chen Rittern und Frauen zu bleiben ſich hatte bereden laſſen, was Wunder, wenn er vielleicht etwas mehr trank, als er ſollte. Beſonders verleitete ihn dazu ein Zwiegeſpraͤch mit Vetter Konrad von Degenfeld, dem er ſich die⸗ ſen Abend auf Leben und Tod verbruͤderte. Obſchon ſo ziemlich vom Becher begeiſtert, hatte er endlich doch noch Beſinnung genug, mit einem Abſchiedstrunke bei Zeiten ſich zu be⸗ urlauben, abſichtlich den Degen liegen zu laſſen und ein Schlafgemach allein ſich zu erbitten, um, wenn ja der Weingeiſt des Nachts aus ihm ſpuckte, Niemanden damit laͤſtig oder Kädlich zu werden. Man willlfahrte gern ſeinem Begehr. Auch wollte ſein treuer Knappe, aus loͤblicher Vor⸗ ſicht, nicht von ihm weichen. Allein der Ritter hieß ihn gehen und die Pferde im Gaſthof be⸗ ſorgen, meinend, er werde ruhig ſchlafen bis an den ſpaͤten Morgen. Der Knappe that, wie ihm geheißen. Ritter Guͤltlingen aber ſchloß die Thuͤre ab, da mit Niemand ihm Unruhe, ſich aber Faͤhrlich⸗ keit bringen moͤge und ſchlief ruhig ein. Nicht lange darauf kommt Konrad von Degenfeld, oͤffnet, wahrſcheinlich mit einem Nachſchluͤſſel vom Hausherren verſehen, die Kammer, und will ſchon, mit dem Licht in der Hand, den Ritter wecken, um noch ſo dies und das uͤber die Freuden des Tages mit ihm zu ſprechen. Doch beſinnt er ſchnell ſich eines Beſſern, aus Furcht, den Schlafenden zu er⸗ ſchrecken, zieht ſich aus, laͤßt ſeiner Hausfrau ſagen, daß er in Guͤltlingens Kammer ſich befinde, damit ſie nicht vergebens ihn erwarte, und legt ſich in einem beſondern Bette, unfern ſeinem Freunde, zur Ruhe. Zum Ungluͤck war Degenfeld ganz, was Guͤltlingen nur halb war, nehmlich— ein Nachtwandler, der faſt alle Naͤchte ſeinen ſchauerlichen Umgang hielt.— Nach 12 Uhr faͤngt Degenfelds Uebel an zu wirken. Er ſteht auf, ſchlägt um ſich die Bettdecke und— wandelt ſo auf und nieder in der vom Mond nur daͤſter beleuchteten Kammer. Guͤltlingen erwacht, glaubt ſich natuͤrlich allein im verſchloßenen Gemach, hoͤrt aber doch gehen, und bemerkt eine weiße Geſtalt. Geiſter⸗ gedanken ergreifen ihn. Er ſpringt auf— ruft dem Knappen, daß er den Degen ihm bringe— keine Antwort— der Nachtwandler aber kommt auf ihn zu, als woll' er ihn packen. Da langt Guͤltlingen um ſich nach irgend einem Inſtrument zur Wehr, erwiſcht zufaͤllig Konrads Degen, den dieſer beim Entkleiden auf eine Truhe gelegt hat, ſchreit mit einem don⸗ nernden: Wer dar den Nachtwandler an— haut um ſich, weil keine Antwort erfolgt und— toͤdtlich verwundet ſinkt mit einem fuͤrchterlichen Schrey zu Boden Konrad von Degenfeld.—— Das Gehen, Rufen, Schreien, Fallen in Guͤltlings Kammer bringt Alles aus dem Schlafe. Man kommt mit Licht, die Urſache des Laͤrmens zu unterſuchen. — 201— Der Teufel, ſchreit Junker Jakob, treibt mit mir ſein Spiel! und nimmt dem Erſten dem Beſten das Licht aus der Hand, die gefallne Figur zu beleuchten. Hilf Himmel! es iſt Konrad— Konrad von Degenfeld, ſein Vetter, Freund und Waffenbruder— derſelbe Ritter, mit dem er vor wenig Stunden noch traulich koſete; mit dem er ſich verbruͤderte auf Leben und Tod. In einem ziemlich langen, gleichzeitigen Ge⸗ dichte, welches den traurigen Unfall darſtellt, wird, bei jener Jammer und Schreckensſcene, Junker Jakob von Guͤltlingen alſo redend ein⸗ gefuͤhrt: Ach! Du herzlieber Bruder mein Wie biſt Du zu mir kommen herein? und haſi mir das verborgen! Ach Gott! wie haſt Du mich verlahn Und mich geſteckt in Sorgen! Wollt Gott! ich könnt Dich aus dem Tod Crkaufen mit meinem Blut ſo roth, Gern wollt' ich's vor Dich geben— Mein Haab und Gut, auch Leib und Blut, Daß Du nur möchteſt leben. — — — — 202— Junker von Dirnau die Stieg nauf ging, Jakob ganz trauerlich anfing: Ach! das muß Gott erbarmen! Den Conrad ich erſtochen hab,— Ach weh; ach weh! mir Armen! Es war ſehr natuͤrlich, daß in den erſten Augenblicken des Entſetzens Jedes nur den Ermordeten bedauerte— und Niemand ach⸗ tete des redlichen Jammers, der lebhaften Vertheidigung des unwiſſentlichen, ungluͤcklichen Moͤrders.. Rache! ſchrie uͤber dieſen die Hausfrau des Ermordeten.— Rache! wiederholten der Schultheiß von Gradſtetten und die gaſtlichen Ritter. So ward Junker Jakob verhaftet und von Schuͤtzen 36 Stunden bewacht, bis man ſicher nach Waiblingen ihn ſchaffen konnte. Degenfelds Gemahlin, von welcher es in dem genannten Gedichte heißt: Weil Du mir haſt erſtochen Meinen Edlen lieben werthen Schatz; So muß es werden g'rochen— Er muß mir nit kommen ins Grab, Bis ich ihn vor gerochen hab, 4 Du wirſt auch ſterben müſſen, Du mußt mir auch Dein rothes Blut Von ſeinetwegen vergießen.— Dieſe, ohne Mitleid und Erwaͤgung der uUmſtaͤnde, nur nach Schmerz⸗ und Rachegefuͤhl handelnde Hausfrau, eilte mit der Hiobspoſt nach Stuttgard, zu ihrem Schwiegervater, dem oberſten Kammerrath, Chriſtoph von De⸗ genfeld, welcher auf der Stelle ſchwur, daß auch Guͤltlingen ſein Blut vergießen,— daß Vertheidigung ihm nicht werden— daß Einer der Familie Degenfeld durch Zweikampf die Blutſchuld loͤſen ſolle.— Mit ſolchen Geſin⸗ nungen trug er dem Herzoge den Trauerfall vor, wie konnte da ſein Bericht unbefangen und wahr ſeyn. Einen leidenſchaftlichern, aufwallendern, mehr nach Willkuͤhr und Hitze zu Werke ſchreitenden Fuͤrſten, als Herzog Friedrich von Wir⸗ temberg, kann es ſo leicht nicht geben.— Er war, wie der gerade, patriotiſche Moſer ſagt:„Einer von jenen boͤſen Fritzen, deren die Geſchichte einiger deut⸗ ſchen Provinzen gedenkt— der er ſt haͤngen und koͤpfen, dann aber ſeine Landſtaͤnde proteſtiren und ſeine Raͤ⸗ — 204— the unterſuchen ließ, ob der Ungluͤck⸗ liche Galgen und Schwert, oder— nur einen Prozeß verdient hatte.⸗— Wenn aber ſolch' ein Fuͤrſt in ſolch einem Falle, von einem ſeiner oberſten Raͤthe, als gebeugtem Vater, und von einer jammernden Wittwe, mit Bitten um Rache beſtuͤrmt ward, ſo darf man ſich freilich nicht wundern, daß bei Beurtheilung der Blutſchuld des ungluͤcklichen Guͤltlingen weder Gnade noch Recht, ſon⸗ dern nur Willkuͤhr waltete, geſtuͤtzt auf den Buchſtaben, nicht aber auf den Geiſt des Moſaiſchen: Wer Menſchenblut ver⸗ geußt, des Blut ſol! wieder vergoſ⸗ ſen werden. Zwar verlangte der Herzog von ſeinem Oberrathe(Spruch kollegium) ein foͤrmliches Gutachten, welches auch ſchnell genug— denn man kannte Friedrichs Eile— am dritten Ta⸗ ge nach der That ſchon erfolgte. Allein dieſer fand es zu ſeicht, obſchon er es gerade gruͤnd⸗ lich und umſtaͤndlich haͤtte nennen ſollen. Denn ſeine gerechten Richter erkannten; Weil Nie⸗ mand bei dem Morde zugegen geweſen, der al⸗ le Umſtaͤnde bezeugen koͤnne, und man alſo die⸗ ſe traurige Sache nicht gruͤndlich zu wiſſen im Stande ſey, ſo halte man in aller Unterthaͤnig⸗ keit dafuͤr,„daß ſolliches durch anſtel⸗ lenden ordentlichen Prozeß eigent⸗ lich erlernett vnnd ausgefuͤertt wer⸗ den moͤchte.“ Der Frau und Schweſter des Moͤrders ſolle man uͤbrigens zwar keinen Zu⸗ gang geſtatten, ihn aber auch nicht, wie einen gemeinen Verbrecher in Ketten legen, ſondern nur durch vier Waͤchter feſthalten; auch dem Vater des Ermordeten es uͤberlaſſen, ob er die Sache vor dem Gerichte zu Waiblingen, oder bei Sr. Fuͤrſtl. Gnaden unmittelbar anbringen wolle; dagegen aber auch dem Verbrecher einige Rechtsgelehrte zur Vertheidigung erlauben, be⸗ ſonders ihm ſein Begehr nach dem Stadtſchrei⸗ ber zu Schorndorf, als dem Anwald, den er am meiſten vertraue, nicht verſagen. Konnte ein Rechtsſpruch wohl gruͤndlicher und billiger abgefaßt ſeyn?— Doch der blind erbitterte Herzog, der nun einmal Blut fuͤr Blut haben wollte, achtete deß nicht, ſondern ſchrieb hoͤchſt eigenhaͤndig darunter: „Der Rhaͤtt faſt zu Seych(ſeicht) Be⸗ denkhen haben Wir nicht annehmen koͤnnen, derhalben haben Wuͤer geſchehen mieſſen laſſen, was der Thaͤtter verſchuldt hatt,⸗ und ſchickte mit dieſer allergnaͤdigſten Reſolution, denſelben Tag noch, den Scharfrichter an den — 206— Rath zu Waiblingen, mit dem Befehl, den 15ten Oktober in der Morgenfruͤhe den Ritter enthaupten zu laſſen. 5 Der Rath entſetzte ſich ob der eben ſo ſchnellen, als ſtrengen Iuſtiz, mußte aber na⸗ tuͤrlich gehorchen. Er ließ deshalb den Ungluͤck⸗ lichen aus dem Thurm in die Rathsſtube fuͤh⸗ ren und verkuͤndigte ihm hier den gnaͤdigen Befehl ſeines ungnaͤdigen Herzogs und Richters. Guͤltlingen vernahm das Todesurtheil mehr mit Verwunderung, als Jammer, ergab ſich aber, durch die Religion beruhigt, in ſein hartes unvermeidliches Schickſal, und bejam⸗ merte nur das fruͤhe Scheiden von ſeiner ge⸗ liebten Familie. Am Abend vor ſeinem Sterbemorgen ſagte er ſeiner Hausfrau ſchriftlich das letzte Lebe⸗ wohl, und empfahl ihr darin dringend ſeine Kinder, ſeine hochbetagte Mutter und zaͤrtlich ihn liebende Schweſter. Auch machte er das Teſtament und ließ ſich das heilige Nachtmahl reichen. Den 15ten Oktober fruͤh, eine Stunde vor Tages Anbruch, oͤffnete man die Stadtthore, ließ hinaus alle Pilger und fremde Fuhrleute, verſchloß dann wieder die Stadt, verſammelte die Buͤrger bewaffnet auf dem Markte, und verkuͤndigte ihnen das ſo eben zu vollziehende Todesurtheil, geſprochen vom Herzoge ſelbſt uͤber Junker Jakob von Guͤltlingen. Die meiſten Buͤrger eilten nun ins Gefaͤng⸗ niß, Theilnahme und Liebe zu beweiſen dem Ungluͤcklichen, der freundlich und getroͤſtet ſie empfing und ihre Worte des Jammers mit den trefflichſten Ermahnungen zu Fuͤhrung eines from⸗ men und weiſen Stadtregiments erwiederte. Dann ging er feſten Schrittes nach dem Nichtplatze, trat freimuͤthig in den geſchloßnen Kreis, bot maͤnniglich den herrlichſten Morgen⸗ gruß, warnte die Zuſchauer vor aͤhnlichen teuf⸗ liſchen Verſtrickungen, bezeugte nochmals vor Gott dem Allſehenden, daß er ſeinen Freund und Waffenbruder fuͤr ein Geſpenſt gehalten, betete laut und inbruͤnſtig zum Himmel, bat um Verzeihung jeden von ihm Beleidigten, naͤherte ſich offnen Blickes und ſchuldloſen Herzens dem Platze der Enthaup⸗ tung, wo ein ſchwarzes Tuch hingebreitet und ſchon die Bahre fuͤr ſeinen Leichnam daneben geſtellt war, warf ab den Rittermantel, machte ſich ſelbſt den Halskragen auf, zog das Wamms aus und ſchenkte es ſeinem Schreiber, verband mit einem ſeidnen Tuche ſich die Augen, knieete — 203— nieder auf den Leichenteppich, ſtemmte die Arme in die Seite und empfing ſo— als der echte Ritter ohne Furcht und ohne Tadel— den Todesſtreich. In ein ſchwarzes Tuch gehuͤllt trug man den Entſeelten auf der Bahre in die Kirche, wo er balſamirt, in einigen Tagen von ſeinen Verwandten abgeholt und auf dem Stammgute Teufringen ehrlich und ritterlich beigeſetzt ward in der Gruft ſeiner Ahnen. Das Todesurtheil des Herzogs ward uͤbri⸗ ggens, erſt nachdem es vollzogen war, den Rich⸗ tern mitgetheilt, wahrſcheinlich zur Belehrung fuͤr die Zukunft, damit ſie ein andermal weni⸗ ger ſeicht, d. h. ſchneller, haͤrter, blutiger ihre Sentenzen abfaſſen moͤchten. Richter und Verwandte ſchwiegen, vermuth⸗ lich in der Ueberzeugung, daß frei reden ihnen ſchaden, dem Enthaupteten aber nicht helfen koͤnne. Die Fraͤnkiſche Reichsritterſchaft vermerkte zwar gar uͤbel das harte Verfahren gegen einen der Edelſten ihres Bundes, ließ auch nicht nur bedenkliche Reden fallen, ſondern drohte ſogar dem Herzoge mit Verklagen beim Kaiſer. Ob ſie aber wirklich geklagt habe, iſt ungewiß. Nur ein ſchwaches Werkzeug unter Rit⸗ tern und Richtern, ein Maͤdchen, erhob ihre Stimme uͤber dieſe himmelſchreiende Kabinets⸗ Juſtiz.— Die Schweſter des Enthaupteten beſang in einem Gedicht von 102 Verſen, das Schickſal ihres ungluͤcklichen Beuders. Ihr ſchlichtes, aber herzangreifendes Lied zirkulirte natuͤrlich nur privatim, kam aber doch endlich dem Vater des Ermordeten, dem oberſten Kam⸗ merrathe, Chriſtoph von Degenfeld, zu Geſichte. Dieſer wuͤrde vielleicht das Lied ignorirt haben, waͤre er nicht darin beſchuldigt worden, daß er de Herzog zu dem blutigen Macht⸗ ſpruche veranlaßt habe. Dies brachte ihm Schmach in den Augen des Publikums. Darum ward Degenfeld klagbar gegen den unbekannten Saͤnger, und ſtellte ihn nicht ſo⸗ wohl als einen Angreifer ſeiner, ſondern der Ehre des Herzogs dar, welchen er als ungerechten Richter dargeſtellt habe. In der deshalb bei den Geheimen Raͤthen eingereich⸗ ten Beſchwerdeſchrift, bat Degenfeld den Pfar⸗ rer zu Neckerhauſen, der den Verfaſſer des hi⸗ ſtoriſchen Liedes kennen ſolle, im Geheim zu vernehmen, welches auch durch den Direktor des Kirchenrathes geſchah. Jener Pfarrer aber berief ſich wieder auf einen geiſtlichen Verwal⸗ ter zu Nuͤrtingen, welcher dann endlich aus⸗ O —— ſagte, daß ein„junger Seribente ihm das Lied mitgetheilt habe, die Verfaſſerin aber die Schweſter des Enthaupteten ſey.— Der Kanzler, Dr. Enslin, unterließ nun zwar nicht, die zaͤrtliche Saͤngerin dem Herzoge anzuzeigen; allein Friedrich, erhaben uͤber die trockne Sentenz ſeiner Recht ſprechenden Raͤthe, fuͤhlte ſich ſonder Zweifel noch weit mehr erha⸗ ben uͤber die gereimte Rache einer Dichterin — und— ließ ungeſtraft ihre ſchwe⸗ ſterlich⸗zaͤrtlichen Reime verhallen. 1 Valentin Friedland, genannt Trot⸗ ſchendorf, geboren den 14ten Februar 1496, geſtorben den 26ſten April 3 15 56. Die meiſten Lehrer, wenn ſie ihren Schuͤ⸗ lern die verſchiednen Staͤnde bemerklich machen wollen, in die ſie einſt treten werden, pflegen gewoͤhnlich die Anekdote von einem beruͤhm⸗ ten Schulmanne zu erzaͤhlen, der ſeine Schuͤler nicht ſelten alſo angeredet habe: Seyd gegruͤßt, ihr Edelleute, ihr Buͤrger⸗ meiſter und Ratchherren, der Kaiſer, — 211— der Koͤnige und Fuͤrſten Raͤthe, ihr Werkleute und Handwerker, ihr Kauf⸗ leute, ihr Henker, Schergen und Schel⸗ men.— Jener beruͤhmte Schulmann aber war Valentin Friedland, nach ſeinem Geburts⸗ orte bei Goͤrlitz(wie es damals gelehrte Sitte war) Trotſchendorf genannt, einer der ver⸗ dienteſten Gelehrten und Paͤdagogen des 16ten Jahrhunderts, deſſen Andenken gewiß ewig im Segen bleiben wird. Trotſchendorfs Vater, Bernhard Friedland, ein nicht ganz unvermoͤgender Haͤusler und Gaͤrtner, war ein ſchlichter, from⸗ mer Mann, der den Moͤnchen beſonders hul⸗ digte, weshalb auch die Dominikaner eine Art von Bettelherberge(Terminirhaus) bei ihm aufſchlugen, wo ſie, was bigotte Gutherzigkeit ihnen zufließen ließ, aufhaͤuften, bis Vater Friedland Zeit hatte, es allein oder mit ſeinem kleinen Valentin ins Kloſter nach Goͤrlitz zu ſchleppen. Des Knaben Talente erregten bald die Auf⸗ merkſamkeit der Moͤnche, welche dem Vater riethen, ihn ſtudiren zu laſſen. Wirklich ſchick⸗ te man auch den kleinen Valentin auf die Schule nach Goͤrlitz, wo er es aber nicht wei⸗ ter, als bis zum Buchſtabiren brachte, dann 9 2 — . — — — 212— ging er wieder nach Hauſe, in der Wirthſchaft dem Vater beizuſtehen, der ihn wohl auch am meiſten dazu beredet haben mochte. Das ge⸗ fiel aber wieder nicht der Mutter, welche nun einmal ihren Sohn dem Herrn weihen wollte, in der Meinung, ſich und ihm damit den Him⸗ mel zu erwerben. Deshalb bat ſie denn den Prediger und Schulmeiſter zu Trotſchendorf, des Knaben ſich anzunehmen, welches beide auch redlich thaten. Jener lehrte ihn ſchreiben, dieſer leſen, und Valentin zeigte, beſonders zu erſterem, ſo viel Neigung, daß er, weil es ihm aus Armuth oft an Schreibmaterialien fehlte, aus Kienruß Tinte, und aus Birkenrinde Pa⸗ pier ſich fertigte. Entweder ſtarb in dieſer Zeit ſein Vater, oder letzterer fuͤgte ſich beſſer in des Sohnes Wunſch und Willen. Kurz! Valentin bezog binnen zwei Jahren das Gymnaſium zu Goͤr⸗ litz, wohin ihn ſeine Mutter unter tauſend Thraͤ⸗ nen mit den Worten entließ: Valten! bleib ja bei der Schule!l welches ihn auch nach⸗ her, wie er oft verſicherte, beſtimmte, nie eine auch die beſte Pfarrſtelle zu verlangen oder an⸗ zunehmen, obſchon er mehrmals, z. B. nach Goͤrlitz, Nuͤrnberg ꝛc. die vortheilhafteſten Vovo rationen erhielt. Valentin zeichnete ſich uͤbri⸗ — 213— gens auf dem Gymnaſio ſo ſehr aus, daß er hald die obern Schuͤler einholte oder aͤbertraf, und die Moͤnche, welche ſeine Talente zuerſt be⸗ merkt hatten, freuten ſich ſo ſehr uͤber die Ent⸗ wickelung derſelben, daß ſie ihn ſeit 1506 taͤg⸗ lich am Almoſentiſche im Kloſter theilnehmen ließen. Im 253ſten Jahre(denn Univerſitaͤten wurden damals noch nicht von unbaͤr⸗ tigen Juͤnglingen bezogen) bezog Valen⸗ tin, nachdem er die vaͤterliche, durch der Ael⸗ tern Tod ihm anheim gefallne Nahrung ver⸗ kauft hatte, die Univerſitaͤt Leipzig, ſtudirte das ſelbſt von 1513 bis 1515, ward, wie es da⸗ mals allgemeine Sitte war, Magiſter, und wandte ſich dann, auf erhaltnen Ruf, nach Goͤr⸗ litz, wo er als unterſter Lehrer des Gymnaſi⸗ um's angeſtellt ward. Wie ſehr ſich aber Trotſchendorf damals ſchon durch Gelehrſamkeit, beſonders im lingui⸗ ſtiſchen Fache, auszeichnete, ergiebt ſich unter an⸗ dern daraus, daß ſeine obern Kollegen, ſo⸗ gar den Rektor nicht ausgenommen, von ihm in der griechiſchen Sprache privatiſſime ſich un⸗ terrichten ließen. Uebrigens zogen auch mehre⸗ re Staͤdte, bei Gruͤndung oder Verbeſſerung ih⸗ rer Schulen, Trotſchendorfen zu Rathe. In — 214— Schleſten vorzuͤglich ſtritt man ſich um die Ehre ſeines Beſuchs, ſeines Rathes und ſeiner Un⸗ terhaltung. Daß ein Mann von ſolchen Kenntniſſen an Luthers Werke den lebhafteſten Antheil nehmen wuͤrde, ließ ſich erwarten. Und ſo geſchah es auch. Kaum hatte der große Reformator die Fackel angezuͤndet, alles, was Chriſt hieß, zu erleuchten; da eilte Trotſchendorf, Er, der Leh⸗ rer ſeiner hoͤhern Kollegen, ſogleich nach Wit⸗ tenberg(1518), Luthers und Melanchthons Schuͤler zu werden. Erſtern begleitete er 15 19 zu der beruͤhmten Disputation mit Eck in Leip⸗ zis, und die Lehrmethode deſſelben ſprach ihn ſo an, daß er beſchloß, dieſen großen Mann ſtets nachzuahmen, ſogar in Sentenzen und Worten, welches er denn auch treulich hielt bis an ſein Ende. Bei ſeinem zweiten Aufenthalte in Witten⸗ berg lernte er erſt, und zwar von einem ſpani⸗ ſchen Juden Hadrian, das Ebraͤiſche, las daruͤber, wie auch uͤber Pauli Epiſteln und Ci⸗ ceros Schriften, Privat⸗ Collegia, und verſchaff⸗ te ſich damit ganzer fuͤnf Jahre den nothduͤrf⸗ tigſten Unterhalt; bis er endlich 1523 Kollege und 1524 Rektor der Schule zu Goldberg in Schleſien ward. Dieſe erlangte nun einzig durch Trotſchendorf einen ſo großen Ruf, daß nicht nur Deutſche, ſondern auch Boͤhmen, Po⸗ len, Ungarn, Siebenbuͤrger und Litthauer da⸗ ſelbſt ſtudirten, ja, daß man faſt nur dem echte Gelehrſamkeit zutraute, welcher den Grund dazu unter Trotſchendorf gelegt hatte. Mit Recht konnte daher letzterer ſich ruͤh⸗ men, daß er von ſeinen Schuͤlern al⸗ lein ſchon eine tuͤchtige Armee gegen den Tuͤrken ins Feld ſtellen koͤnne— daß Viele zu großen Ehren geſtiegen, Viele auch misrathen und ſchaͤndlich umgekommen waͤren. 1526 erhielt Trotſchendorf den Ruf als Profeſſor zu Liegnitz, wo Herzog Friedrich II. eine Univerſität ſtiſten wollte; welches aber die Irrlehren der Schwenkfeldianer vereitelten, ob⸗ ſchon Trotſchendorf bis 1530 ſie nach Kraͤften bekaͤmpfte. Mismuthig uͤber ſo manche fehlgeſchlagne Hoffnung, welche letztrer auf die Liegnitzer Uni⸗ verſitaͤr gegruͤndet hatte, beſonders aber Schwenk⸗ felden zum Trotz, den man zu einem Colloquio mit Luthern nach Wittenberg geſchickt hatte, ging auch Trotſchendorf wieder dorthin(1530) und lebte hier, wie ehemals, von Vorleſungen. Allein ſchon 1531 ward er als Rektor wieder — 216— nach Goldberg berufen, deſſen Schule der Her⸗ zog in ein Gymnaſium verwandelt hatte. An dieſem lehrte er nun, mit eben ſo viel Ehre als Segen, uͤber 27 Jahre. Sein Eifer dafuͤr erkaltete nie, ſondern trotzte vielmehr allen Schwachen und Beſchwerden des Alters. Als z. B. das Schulgebaude in Goldberg 1554 abge⸗ brannt und Trotſchendorf mit der Schule indeß nach Liegnitz verſetzt worden war, ſammelte er nicht nur milde Beitraͤge zum Wiederaufbau der Schule zu Goldberg, ſondern ging ſelbſt oft alt und ſchwach am Stocke dorthin, die Zimmerleute und Maurer zu baldiger Vollen⸗ dung des neuen Gebaͤudes anzuhalten.— Wie mancher an ſeiner Stelle, der ſein Amt mit Seufzen, aber nicht mit Freuden thut, wuͤrde die Arbeiten nicht nur nicht angetrieben, ſon⸗ dern ſie wohl im Herzen um ein Moratorium erſucht haben.— Von koͤrperlicher Schwaͤche und andern Be⸗ ſchwerden des Alters oft heimgeſucht, bat Trot⸗ ſchendorf Gott in ſeinen letzten Tagen oft:„Er moͤge ihn doch mitten in ſeinem Be⸗ rufe einſt abfordern, mit einem lan⸗ gen Lager aber gnaͤdig verſchonen und es in Summa kurz und gut mit ihm machen,“ denn er„befahre ſich, er möchte dadurch bei ſeinem geringen Leibe, daran nur Haut und Bein waͤ⸗ ren, zur Ungeduld bewegt werden.“— Und dieſe Bitte gewaͤhrte auch der Herr im Himmel ſeinem alten treuen Diener auf Erden. Trotſchendorfs Tod war Folge eines Schlag⸗ fluſſes, der ihn den 21ſten April 1556 mitten in Erklaͤrung des 23ſten Pſalms uͤberſiel. Bei dem Verſe: Dein Stecken und Stab troͤ⸗ ſtet mich— fing er an zu ſtammeln: Ego vero, auditores, avocor in alie- nam scholam—(Ich aber, liebe Zuhoͤrer, werde eben in eine fremde Schule abgerufen) ſo ſchloß der ehrwuͤrdige Mann, von Krank⸗ heit uͤberwaͤltigt, ſeinen letzten Unterricht und binnen fuͤnf Tagen ſein ſegenreiches Leben im 66ſten Jahre. Der bekannte Kurſaͤchſiſche Geheime Rath, Abraham v. Bock, ließ ihm in der Kirche zu Liegnitz, wo er begraben ward, ein Denkmal ſetzen und ſein Bildniß dazu malen, welches ſich uͤbrigens auch in der Kirche ſeines Ge⸗ burtsortes beſindet. Trotſchendorf war ein kleiner gravitaͤtiſcher Mann, auf deſſen rothem Geſichte ſtets die wahre Amtsmiene herrſchte. Dabei aber konnte wohl Niemand leicht froͤmmer und thaͤtiger — 216— ſeyn, als er; denn nie ſchlief er uͤber fuͤnf Stunden, und nie begann oder vollendete er ſein Tagewerk ohne Gebet. Unablaͤſſiges Studiren, meiſt bis ſpaͤt in die Nacht, haͤtte ihm einſt faſt das Leben gekoſtet. Ein Breslauer Profeſſor nehmlich ſendet ihm eine neue Schrift noch zur Durchſicht, mit der Bedingung, ſie den folgenden Tag ſchon zuruͤck⸗ zugeben. Voll literariſchen Heißhungers will Trotſchendorf dieſe Nacht noch die intereſſante Lektuͤre beendigen. Der Geiſt iſt auch willig, das Fleiſch aber ſchwach. Die Augen fallen ihm zu. Der Wachsſtock brennt ein, ergreift die einzelnen herumliegenden Bogen der neuen Schrift, und helle Flamme weckt natuͤrlich bald den gelehrten Schlaͤfer. Dieſer fäͤllt ſogleich mit dem ganzen Leibe uͤber das brennende Pa⸗ pier, in der Meinung, dae Feuer zu erſticken, verbrennt ſich aber ſo, daß er mehrere Monate aufs ſchmerzhafteſte unter chirurgiſchen Haͤnden ſchmachten muß. 3 Sein Denkſpruch war: Diligite veritatem et pacem! Zwei Jahre vor ſeinem Tode hatte er das Ungluͤck, durch den Brand zu Goldberg(1554) alle ſeine Buͤcher und Handſchriften zu verlie⸗ ren. Sein Hand⸗Exemplar der ebraͤiſchen Bi⸗ bel mit Anmerkungen befindet ſich in der Bibli⸗ othek des verſtorbenen Oberhofprediger D. Reinhard. Seine wenigen gedruckten Schrif⸗ ten ſind meiſt ascetiſchen und katechetiſchen In⸗ halts, kamen auch erſt nach ſeinem Tode her⸗ aus. Auf ſeinen Katechismus,“) der aus ſonn⸗ taͤglichen Diktaten uͤber Luthers kleinen Katechis⸗ mus entſtand, legte man einſt großen Werth, der aber jetzt natuͤrlich ganz gefallen iſt. Iſt Trotſchendorf auch nicht gerade beruͤhmt als Schriftſteller, ſo iſt er es deſto mehr als praktiſcher Padagog. Seine Schule war, fuͤr damalige Zeit, trefflich organiſirt. In ſechs Klaſſen zerſiel das Ganze, und jede Klaſ⸗ ſe wieder in gewiſſe Staͤmme oder Unterabthei⸗ lungen. In den oberſten Klaſſen docirte er ſelbſt; in den unterſten ließ er ſeine beſten Schuͤler als Lehrer auftreten, um ſie dadurch in der katechetiſchen Methode zu leiten— ei⸗ ne Art Schullehrer⸗Seminar alſo ſchon im 16ten Jahrhundert. Doch nicht blos ſeine Lehrmethode, auch ſeine Schulpolizei war muſterhaft. Er ſelbſt herrſchte als ein echter, aber gerechter und guͤ⸗ *) Unter dem Titel: Katechismus des Ehrw. Herrn Valen⸗ tin Trotſchendorfs ſamt einem chriſtlichen Rosario für die ſtudirende Jugend zu Goldberg ꝛc. Jen. 1578. 4⸗ — 2280— tiger Schulmonarch, und handhabte ſeinen ge⸗ bietenden Willen durch Ephoren, Oekono⸗ men, Inſpektoren und Quaͤſtoren, de⸗ ren jeder wieder ſeine beſondere Inſtruktion hatte. Die Oekonomen z. B. fuͤhrten die Auf⸗ ſicht uͤber alle haͤuslichen Verhaͤltniſſe. Sie mußten die Schuͤler fruͤh mit einem Gloͤckchen wecken, erſt zum Waſchen und Ankleiden, dann zum andaͤchtigen Beſuchen des allgemeinen Ge⸗ bets anhalten, die Zellen unterſuchen, und hier beſonders auf Reinlichkeit der Betten, Waͤſche und Kleider ſehen; ſie mußten dafuͤr ſorgen, daß jeder nach der Speiſe⸗ und Erholungszeit richtig wieder zum Uuterricht ſich einſtellte, daß keine Zellengenoſſenſchaft die andre durch Tanz, Muſik, Laͤrmen u. ſ. w. im Studiren oder Schlafen ſtoͤrte, ſie mußten, nach dem Abend⸗ gebete, alles zur Ruhe verweiſen, vor jeder Zelle die Namen der Bewohner vorleſen, und dann, wenn dieſe ihre Anweſenheit durch Antwort dokumentirt hatten, vor jeder Thuͤre mit lauter Stimme! Silentium!!! rufen. Sie ſelbſt aber durften nicht eher ſchla⸗ fen, als bis alles im ganzen Schulhauſe ſchlief und ruhig war. Das Amt der Ephoren betraf beſonders alle oͤffentlichen Zuſammenkuͤnfte in der Kirche, — 221— bei Disputationen u. ſ. w. Eine Unterabthei⸗ lung derſelben waren die Discophoren, wel⸗ che die Tiſchpolizei handhabten, und beſon⸗ ders darauf ſehen mußten, daß ſaͤmmtliche Schuͤ⸗ ler:„geguͤrtet bei Tiſche ſaßen, damit der zuſammengezwaͤngte und geſchnuͤr⸗ te Leib nicht allzuſehr von der Spei⸗ ſe, der Geſundheit und dem Studi⸗ ren zum Nachtheil, angefuͤllet, belaͤ⸗ ſtiget und aberſacket wuͤrde.“ Allemal am Michaelistage hatte jeder Schuͤ⸗ ler, ſtatt des lateiniſchen Exercitii, eine Art Tagebuch zu bringen, worin bemerkt ſeyn muß⸗ te, was ihm Gutes und Boͤſes binnen Jahr und Tag wiederfahren war; dieſe Einrichtung traf aber Trotſchendo ef deshalb, damit der Schuͤler„Gottes Guͤtigkeitund Freund⸗ lichkeit dabei handgreiflich merken moͤchte.“ 3 Vergehungen belegte Trotſchendorf nach Befinden mit Geld⸗ oder Leibesſtrafen, zu deren Beſtimmung, wie uͤberhaupt zur Verwaltung der Juſtiz, er einen foͤrmlichen Schulmagi⸗ ſtrat niedergeſetzt hatte, welcher aus einem Buͤrgermeiſter, zwolf Rathsherren und zwei Richtern beſtand, und monatlich aus dem Schul⸗ Coetu gewaͤhlt ward. Dies alles aber behandelte Trotſchen⸗ dorf mit dem groͤßten Ernſt und Gewicht, „„damit die Scholaren von Jugend auf die Wuͤrde Ordinis politici beden⸗ ken, und die Gerichte der Obrigkeit als ein Werk Gottes veneriren ler⸗ nen ſollten.“. Auch als einen Freund gymnaſtiſcher Ue⸗ bungen,„die zu einer Hurtigkeit des Leibes dienlich waͤren“⸗ zeigte ſich dieſer hoͤchſt verdiente Paͤdagog des 16ten Jahrhun⸗ derts, ja er beſtrafte ſogar Alle, welche„bei 1 ſolchen Exercitien faul und toͤlpiſch ſich 1 benahmen.“ 1 Die rechten Grund⸗- und Kerngelehrten, be⸗ ſonders die Linguiſten, ſind bekanntlich ſelten Freunde der Muſik, Trotſchendorf aber liebte ſie leidenſchaftlich, vorzuͤglich den Geſang, und ermunterte zu letzteem oft ſeine Schuͤler, mit den Worten:„Lernt ſingen, lieben Soͤhnel lernt ſingen, wenn ihr ein⸗ mal werdet in den Himmel kommen, ſo werden euch auch die Engel laſſen in ihrem Chore ſtehen, und das wird euch eine Ehre ſeyn.“ 4 — Ein Paar ehrwuüͤrdige Leiſe⸗ treter, Philipp Melanchthon und Arxel Orenſtiern a. Melanchthon und Orxrenſtierna, ein Magiſter und ein Miniſter, jener im 16 ten, dieſer im 17ten Jahrhundert; jener eines Profeſſors(Luthers), dieſer eines Mo⸗ narchen(Guſtav Adolphs) Ruthgeber und Freund; jener ein Held in der Kir⸗ che, dieſer im Kabinet; jener lebend und wirkend im Gebiete der Haͤuslichkeit und des Katheders, dieſer auf der großen Schau⸗ buͤhne des Kriegs und der Politik.— Beide hoͤchſt verſchieden im Rang, hoͤchſt aͤhnlich aber in Anſehung des Einfluſſes auf ihre erhabenen Freunde und durch dieſe auf Zeitgenoſſen und Nachwelt. Wenn Luther Gewiſſensfreiheit im 16ten Jahrhundert gruͤndete, ſo war es Gu⸗ ſtav Adolph, der ſie im 17ten erhielt und befeſtigte. Beider großes und ſegensreiches Werk aber wuͤrde nimmer gediehen ſeyn, haͤtte jener nicht ſeinen Melanchthon, dieſer nicht ſeinen — * —— — 5 2 — 224— Oxenſtierna gehabt; denn beide, und darin liegt beſonders die Spitze gegenſeitiger Aehnlich⸗ keit, beide waren wohlthaͤtiges, zu rechter Zeit und Stunde temperirendes, daͤmpfendes, loͤſchen⸗ des Waſſer fuͤr Feuer, das, ohne ſie, Alles im Gebiete der Religion und Politik, ja die Feuermaͤnner Martin Luther und Guſtav Adolph ſelbſt verzehrt haben wuͤrde. Uebrigens waren Melanchthon und Oxenſtierna auch darin einander hoͤchſt aͤhn⸗ lich, daß ſie von denen, welche ihre heilſame Kuͤhle, oft Kaͤlte, vor Verbrennen ſchuͤtzte, nicht ſelten gar hart angelaſſen wurden. Luther fuhr, wie bekannt, auf ſeinen treu⸗ en, aber aͤngſtlichen Magiſter Philipp, oft ſo derb los, daß dieſem Hoͤren und Sehen ver⸗ ging, und nannte ihn dann ſpoͤttiſch nur den Leiſetreter. Guſtav Adolph aber ſagte ſeinem ehrlichen Orenſtierna frei ins Geſicht: Tu nimis frigidus, semper cunctis in negotiis cur- renti moram injicis, welches der Kanzler gelaſſen mit einem treuherzigen: At, ego nisi hoc frigore calorem tuum subinde restin- guerem, totus olim conflagrasses. Wohl dem Helden, dem Staats⸗ und Ge⸗ ſchaͤftsmanne, dem Reformator im Reiche des — 225— — 2235 Könnens und Wiſſens, dem Stuͤrmer im Rei⸗ che des Glaubens und Hoffens; vor allem aber wohl dem Regenten, dem ſolch ein Leiſe⸗ treter zur Seite ſteht!—— Nur muß er, verſteht ſich, ihn nicht blos ſtehen und rathen und reden, ſondern auch auf ſich wirken laſſen. 1 Haͤtte der Einſiedler auf Helena ſo man⸗ chen politiſchen und militaͤriſchen Leiſetreter, der auf ihn zu wirken ſuchte, gehoͤrt, wuͤrde er vielleicht noch auf Galliens Throne ſitzen, und ſo manche Nation zum Schemmel ſeiner Fuͤße haben.—* Peter der Große in Wien. Den oͤſterreichiſchen Hof zu einer Allianz gegen die Pforte zu gewinnen, ſchickte Peter eine glaͤnzende Geſandtſchaft nach Wien, bei welcher er ſelbſt, unter dem Inkognito eines Geſandtſchafts⸗Kavaliers, ſich befand. Unter andern Feſtivitaͤten, welche ihm zu Ehren gegeben wurden, veranſtaltete man auch an ſeinem Namenstage, den 2iſten Juli 1698, eine ſogenannte Wirthſchaft, wobei Kaiſer und Kaiſerin Wirth und Wirthin, der Romi⸗ * — 226— ſche Koͤnig einen Perſer, der Czar aber einen frieslaͤndiſchen Bauer vorſtellte. Bei der Ta⸗ fel, an welcher uͤber 300 Perſonen theilnah⸗ men, erhob ſich der deutſche Kaiſer, ein Kry⸗ ſtallglas voll Wein in der Hand, gegen den frieslaͤndiſchen Bauer und ſagte: So viel ihm wiſſend, kenne er den Groß⸗Czar von Moskau, und er bringe ihm des⸗ halb deſſen Geſundheit. Der erhabne Bauer laͤchelte ob der holden verbluͤmten Rede, dankte nach laͤndlicher Sitte aufs hoͤflichſte, und antwortete eben ſo verbluͤmt, durch Huͤlſe ſeines treuen Le Fort, der den Dollmetſcher machte: Er muͤßte allerdings geſtehen, daß er den Groß⸗Czar von Moskau in⸗ und auswendig gar wohl kenne— er ſey ein Freund Ihrer kai⸗ ſerlichen Majeſtaͤt und ein Feind De⸗ ro Feinde, ja fuͤr des Kaiſers Inter⸗ eſſe und Liebe ſo portirt, daß er, wenn gleich dieſes Glas voll Gift waͤre, daſſelbe doch augenblicklich aus⸗ trinken wollte.— Damit trank er es denn auch auf einen Zug aus— denn Peter konnte bekanntermaßen gut ziehen— und wollte es dem Kaiſer wie⸗ der uͤberreichen, der es ihm aber mit der ſcherz⸗ 3 — 227— haften Aeußerung zuruͤcksab: Da er ihm gar nichts im Glaſe gelaſſen, ſo möge er es auch nicht, und wolle es hiermit dem Bauer geſchenkt haben.— Dieſer nahm es mit Dank und Freuden an, verſicherte, daß, ſo lange er lebe, ſein Herz beim Anblick dieſes Bechers Ihro kaiſerliche Majeſtaͤt zu Dienſten ſtehen ſolle, naͤherte ſich dann dem roͤmiſchen Koͤnige mit den Worten: Eure Majeſtaͤt ſind noch jung und koͤnnen den Trunk beſſer vertragen, als Ihr Herr Va⸗ ter— und noͤthigte ihn ſo 8— ſage acht Geſundheit⸗Glaͤſer hinter einander zu leeren. Glanz und Freude paarten ſich uͤbrigens gleichſam bei dieſem Feſte. Beſonders waren ſaͤmmtliche Herrſchaften mit ſo unermeß ich viel Sdelſteinen geſchmuͤckt, daß der franzoͤſiſche Ge⸗ ſandte, Marquis de Villars,„nach ſeiner be⸗ kannten Unbeſcheidenheit“ gegen einen kaiſerlichen Miniſter erklaͤlte: Er habe nim⸗ mermehr geglaubt, daß ſein Koͤnig ſoviel Edelſteine in Deutſchland ge⸗ laſſen.. So beliebt und angeſehen auch Peter am Kaiſerhofe war, mußte er doch dem zum Theil P 2 — — 228— hochſ ſonderbaren Schmiegen ſeiner Geſandt⸗ ſchaft in die Formen der kaiſerlichen Etikette, als Augenzeuge beiwohnen. So durften z. B. die moskowitiſchen Geſchenke— beſtehend aus einem ſchwarzen Fuchspelz, deſſen Haare nach allen Seiten Strich machten, einem großen Zo⸗ belpelz fuͤr den Kaiſer und viel anderm Pelz⸗ werk, Pferdezeug, Geld⸗ und Silber⸗Brokad u. ſ. w.— nicht, wie die Geſandten praͤten⸗ dirten, auf einen Nebentiſch, ſondern mußten dem Monarchen zu Fuͤßen auf die Eſtrade des Throns gelegt werden. Eben ſo ward den Geſandten auch die For⸗ derung, in der Antichambre ſich bedecken zu duͤrfen, rund abgeſchlagen, obſchon ſie ſich auf das einem ehemaligen moscowitiſchen Ambaſſa⸗ deur bereits zugeſtandne ddecht dieſer Art be⸗ riefen.— Der einzige Le Fort war ſo frei, die Muͤtze einmal auftſohen— von ſelbſt aber auch ſo beſcheiden, ſie den Augen⸗ blick wieder abzunehmen.— Peter verweilte uͤber drei Wochen in Wien, und waͤre noch laͤnger geblieben, haͤtte ihn nicht 3 eine Nachricht von Rebellion in ſeinen Staa⸗ ten ſchnell abgerufen. Ganz Wien war begeiſtert von ſeinem Geiſte, und die Hoſdienerſchaft von ſeiner — 229— Freigebigkeit. Von letzterer nur ein Bei⸗ ſpiel: Einen kaiſerlichen Pagen, der ihm die Ein⸗ ladung zur Jagd anzeigte, beſchenkte er mit einer ganzen Hand voll Dukaten, welche aber der Edelknabe, ein Graf, mit der beſcheidnen Aeußerung zuruͤckgab: daß kein Edelknabe des Kaiſers Geldgeſchenke nehme.— Den Augenblick ſchnallte Peter ſeinen eignen ungemein koſtbaren Degen ab, und uͤbergab ihn dem jungen Grafen mit dem Wunſche: Er ſolle mit dieſem Degen immer groß⸗ muͤthig handeln und tapfer fechten. ————r— Doktor Knoblauch. Gegen die Mitte des 18ten Jahrhunderts lebte in Dresden ein allzeitfertiger Gelegen⸗ heits⸗Dichter, D. Knoblauch, welcher keine vornehme Gelegenheit vorbei ließ, ohne ſeinen Pegaſus zu beſteigen. Dieſer Allzeitfertige be⸗ ſang denn einſt auch eine Prinzeſſin des koͤnig⸗ lichen Hauſes, welche an den Maſern krank danieder lag, alſo: N Das Zeughaus menſchlicher Natur, Die Kette der geſchickten Glieder, Dein Leib ſank nächſt in Krankheit nieder u. ſ. w. Die poetiſche Figur des Zeughauſes hat⸗ te aber hoͤchſten Orts einiges Misfallen erregt. Man lispelte davon erſt in den hoͤhern Zir⸗ keln— raiſonnirte aber daruͤber bald in der ganzen Stadt. Ein anderer Dichter dieſer Ars, Chriſt⸗ lieb Bluͤtig, welcher Knoblauch's bisheri⸗ gen Ruhm zu beſchneiden trachtete, lies auf einem Viertelbogen ein Gedicht drucken unter dem Titel: Das Zeughaus— worin er Knoblauch's hohes Lied Wort fuͤr Wort pa⸗ rodirte und perſiflirte. Der Anfang hieß: Du Zeughaus wäßriger Natur, Du Keite ganz verrenkter Glieder, Mein Knoblauchl! ei wie ſankſt Du nieder! In Deinem Lied iſt keine Spur Von Kraft, die Fürſtin zu beſingen— Weißt Zwiebeln nur zu Markt zu bringen— O, hätt' ich nur Minervä Gunſt, Ich jagte, Knoblauch! ſonder Zweifel, Dich und Dein Zwiebellied zum Teufel. Ei bleib zu Haus mit Deiner Kunſt— u. ſ. w. — 231— Von dieſem malitioͤſen Liede aber befoͤrder⸗ te der Saͤnger nicht nur einige Dutzend Exem⸗ plare nach Hofe, wo man recht herzlich daruͤber lachte, ſondern lies auch einen Knaben vor Knoblauchs Hauſe auf einem kleinen Tiſche das Lied in ganzen Stoͤſen ſeil bieten; und bald verſammelte ſich eine Menge Menſchen um das Verſe⸗Magazin. Der beſungene Dichter ſelbſt, welcher eben mit einem Prachtexemplare ſeines hohen Liedes zu einem hohen Goͤnner ſich bege⸗ ben wollte, ſprach natuͤrlich auch bei dem flie⸗ genden Buchladen ein und— hilf Himmel! wie entſetzte er ſich ob der heilloſen Verſe.— Im Augenblick kaufte er dem After⸗Buchhaͤndler den ganzen Vorrath ab, und verlangte nun von ihm dafuͤr Auskunft uͤber den Verfaſſer. Allein weder mit Drohungen, noch Verſprechungen war etwas auszurichten, weil— der Knabe Den nicht kannte, welcher ihn mit einem ſo eintraͤg⸗ lichen Kommiſſions⸗ Artikel geſegnet hatte.— Gern haͤtte nun der arme Knoblauch, we⸗ nigſtens im Stillen, ſein Leid getragen, wenn dieß nur moͤglich geweſen waͤre.— Denn trotz ſeines theuern Lieder⸗Kaufs in Bauſch und Bogen, ſpukten doch in allen Familien Exemplare des heilloſen Zeughau⸗ ſes— und er ſelbſt erhielt und behielt bis 5 — 252— an ſein ſeliges Ende den Namen Doktor Zeughaus.— Der Verfaſſer des Spottliedes iſt nie be⸗ kannt worden. Nicht ungegruͤndeten Verdacht aber warf man auf den damaligen Hofrath und Ceremsnienmeiſter von Koͤnig, welcher ein Jahr nachher, 1744, ſtarb und, wie man ſich erzaͤhlte, einige Tage vor ſeinem Tode mit eig⸗ ner Hand einen Bogen mit Verſen beſchriebe⸗ nes Papier dem Feuer geopfert hatte. 3 Derſelbe D. Knoblauch ſchrieb uͤbrigens etwa fuͤnf Wochen nach Erſcheinung ſeines durch die poetiſche Neidhechel gezogenen Gedichtes den⸗ noch ein aͤhnliches und zwar abermals auf eine Prinzeſſin des koͤniglichen Hauſes, worin es un⸗ ter andern hieß: Zwar mich betäubt, ich geb' es zu, Oft das Geräuſche der Gerichte, Ein Advokat und ein Gedichte Schickt ſich wie Trommeln zu der Ruh u. ſ. w. Worauf den folgenden Morgen an ſeiner Thuͤre mit ellenlanger Schrift angeſchlagen ſtand: Kunoblauche! Knoblauche! Reck Deine Ohren in die Höh', Es werden Dich betrommeln„ob Deiner Thaten, Die Advokaten. 8. — 233ñ— 8½ Woruͤber der arme Doktor ſo in Angſt ge⸗ rieth, daß er vier Wochen nicht aus dem Hau⸗ „ 9 ſe ging.— Geiſtreiche, Illumination. Als Friedrich Auguſt II., Koͤnig von Poh⸗ len und Kurfuͤrſt von Sachſen, mit ſeiner Ge⸗ mahlin im September 1736 die Leipziger Mi⸗ chaelismeſſe beſuchte, ward er mit einer Illu⸗ mination empfangen, bei welcher ſich die Woh⸗ nung des ſogenannten Deutſch⸗Franzoſen ganz beſonders auszeichnete. Dieſer ſonderbare und zu ſeiner Zeit be⸗ ruͤhmte Mann hieß eigentlich Troͤmer, war Koͤnigl. Saͤchſiſcher Poſt⸗ Kommiſſaͤr und Ruſſ. Kaiſerlicher Agent der Petersburger Akademie der Wiſſenſchaften; auch nicht ohne Talente und Kenntniſſe, hatte ſich aber ein ganz eignes Gen⸗ re von Witzmachen gewaͤhlt, das weder vor, noch nach ihm von irgend einem ähntichen Genie kultivirt worden iſt. Troͤmer fertigte nehmlich bei jeder, nur ei⸗ nigermaßer feierlichen Gelegenheit auf die koͤnig⸗ liche Familie ſowohl, als auf ſeine hohen Goͤn⸗ ner, Verſe in einem Gemiſch von gebro⸗ chenem Deutſch und Franzoöſiſch, das wenigſtens allemal eine komiſche Tendenz hatte, wenn es auch dieſelbe nicht immer erreichte; und welches man zum Theil oft gehoͤrt oder geleſen haben mußte, wenn man es gleich ver⸗ ſtehen wollte. So nannte er z. B. den Koͤnig: Kroß⸗ Knaͤdikſt Lanz⸗Papa— die Koͤnigin Kroß⸗Knaäaͤdikſt Lanz⸗Mamal— den Fuͤrſten Sulkowsky: Hock⸗Graͤflick Excel- lenz u. ſ. w. Uebrigens war Troͤmer ein Mann von dem regſten Sinn fuͤr das Schoͤne und Gute, wie unter andern die treffliche Friedrichſtaͤdter Allee zu Dresden beweißt, deren Anlage in den 1740er Jahren ganz ſein Werk iſt. 3 Und doch ſtrebte dieſer ſonderbare Mann nach der Ehre, ſo eine Art von Hofnarrn abzugeben, und durch burleske Einfaͤlle die Gunſt des Hofes zu erhalten.. Dies ſprach er denn unter andern auch durch die bemerkte Illumination bei Ankunft der koͤniglichen Familie in Leipzig aus. Auf einem 6 Ellen hohen und 4 Ellen brei⸗ ten Portale ſtand nehmlich ein von Bildhauer⸗ arbeit geſertigter Tambour in Ruſſiſcher Mon⸗ tur, mit illuminirter Grenadiers⸗Muͤtze, in — 2836— welcher Virkt A. R. et M. J. R.(Augustus rex et Maria Josepha regina) und uͤber welcher: 4 Strast way 3(Willkommen) Patschke Matschka (Vater)(Mutter) zu leſen war. Jener Tambour aber hatte ein Uhrwerk im Leibe, ſchlug, ſobald er aufgezogen war, 10 Minuten lang den Fahnenmarſch, machte den Mund auf und zu wie ein Karpfen, nickte mit dem Kopfe, verdrehte die Augen und ſchnitt den Zuſchauern gravitaͤtiſche Komplimente. Zu ſeinen Fuͤßen ſtand transparent geſchrieben: Aus Rußland ick bin arrivir Mit kute Sackß zu jubilir. Mein kroſſe Freud ick trommel aus. . Vivat Die kanß Koͤnigklik Hauhß. Man kann denken, daß der Trommler Beifall fand. So lange noch ein Laͤmpchen an ihm brannte, wogten Menſchen vor Troͤmmers Wohnung hin und her, und was auch die reich⸗ ſten und geiſtreichſten Maͤnner der Univerſitaͤt und Kaufmannſchaft an Geld und Witz aufge⸗ boten hatten, den Koͤnig und ſein Haus zu ver⸗ herrlichen, Troͤmers Trommler trug doch den Preis davon.— 5 3 Prinzenerziehungsſpiegell. Der Halliſche Kanzler, von Ludwig, in ſeinen Erlaͤuterungen der guͤldnen Bulle(II. 1445) giebt unter andern daruͤber: ob man Prinzen auf Univerſitaͤten ſtudiren, oder ihnen am Hofe die Wiſſenſchaften privatim beibringen ſolle? ein Bedenken(1719), welches die da⸗ malige Prinzenerziehung auf eine hoͤchſt mert⸗ wuͤrdige Art ſchildert. n. Nachdem der bedaͤchtige Kanzler, das Stu⸗ diren der Prinzen auf Univerſikaͤten fuͤr hoͤchſt bedenklich erklaͤrt hat und zwar aus Gruͤnden, die in der damaligen ſchlechten Ein⸗ richtung jener Hochſchulen, beſonders in den ungeſchlachten Sitten der Seudenten und in dem „lotterbuͤbiſchen und ſchmaͤhſuͤchtigen Zanken der Gelehrten“ lagen, erleichtert er ſein Herz auch uͤber die Erziehung am Hofe durch beſondere Lehrer, alſo: „Gleichwohl haben auch die einzeln Unter⸗ richtungen zu Hofe ihre große Gebrechen. Denn — 237— anfangs iſt zu Hofe des Ohrenblaſens, Schmei⸗ chelns, Verfuͤhrens, Zeitvertreibs von hohen, mittlern und geringen Bedienten kein Ende noch Ziel; jeder ſuchet bei dem Prinzen zu dem⸗ jenigen eine Liebe zu erwecken, wovon er kuͤnf⸗ tig Nutzen zu ſchoͤpfen gedenkt. Da werden in des Prinzen ſeinem Gemach ſchon einige Haſen gehetzt und das Waldhorn geblaſen, um demſelben Luſt zur Jaͤgerei zu machen— da macht man Hunde zu Pferden, um demſelben den Marſtall zu recommandi⸗ ren— da muß er das A. B. C. auf Patron⸗ taſchen lernen, im Buchſtabiren die mit Buch⸗ ſtaben gezeichneten Soldaten muſtern, in der Hoſſnung, daß der Prinz ein Soldaten freund werde— zu eben dem Ende muß der lhebe heilige Chriſt Piſtolen, Chabraken, Degen, Feld ſtuͤkchen u. ſ. w. beſcheren— da bitten die Komoͤdianten, Operiſten, Gaukler und andre den Prinzen ſich zum Zuhoͤrer und Zuſchauer aus, daß er ſich in dergleichen Dinge von Iu gend an verliere und verliebe.— Der Hof⸗ marſchall laͤßt eine Glaͤßerbibliothek zu des Prinzen Geſundheittrinken ſammeln— die Hof⸗ junker, Kammerherren und andre reden von nichts, als von Galanterieen, wohl gemachten Kleidern und Stoffen u. ſ. w.— da wird zu „ 14 f⸗ Hof ein Namenstag, Geburtsfeſt, Ordensfeſt oder ſonſt dergleichen gehalten, ein Fremder empfangen und hundert dergleichen Tage des Jahres gefeiert, dabei man gern den Prinzen ſehen will und ihm dadurch Zeit und Gemuͤth verderbet und zerruͤttet. Gemeiniglich wird auch die Wahl eines Informators uͤbel getroffen, weil ſolchen bald der Hofprediger, bald die Kammerfrau, bald die Maitreſſe, bald dieſer, bald jener, vorſchlagen, welche mehr auf ihre Verwandten oder ihren Eigennutzen, als das Beſte des Prinzen zu ſehen pflegen. Oefters nehmen auch die groͤßeſten Miniſter denjenigen am allerwilligſten zum Informator an, der es an Unart, Unverſtand, Einfalt und Dummheit andern zuvor thut; weil nehmlich die erſtern glauben, daß es ihnen am zutraͤglichſten ſey, wenn der Prinz nichts lerne, folglich ſich nach dem Bedienten ſchlechterdings richten und Ja ſa⸗ gen muͤſſe. Und geſchiehet es durch ein Wunder⸗ werk, daß man einen guten Informator an⸗ trifft, ſo arbeitet alles daran, daß deſſen Cre⸗ dit nicht beſtaͤndig ſey. Da geben Lakaien, Pa⸗ gen, Kammerjunker und Kammerdiener auf deſ⸗ ſen Tritte und Schritte, Mienen und Geber⸗ den Acht. Bald kann der Kerl keinen rechten Reverenz machen— bald ſitzt ihm die Peruͤcke „— oder Krauſe nicht recht— bald hat er einen Flecken im Rock— bald iſt er nicht nett genug — bald haͤlt er ſich im weißen Zeug nicht recht — bald fehlt das, bald jenes. Dann geht das Vexiren und Scherzen an. Schweigt er zu al⸗ lem, ſo heißt er ein einfaͤltiger Tropf. Laͤßt er ſich mit einem ein, ſo fallen die andern auf ihn zu und ſind viel Hunde eines Haſen Tod. Geht es das eine Mal nicht, ſo ſetzt man das ande⸗ re und mehrere Male an und ruhet nicht, bis der Informator zum Geſpoͤtt und Gelaͤchter ge⸗ macht und bei dem Prinzen in Verachtung, Mißtrauen, Haß und Schimpf geſetzt wird; da denn aller Unterricht zu Waſſer wird, und die Informationsſtunden zu verlornen Zeiten werden. Redet er einmal dem Prinzen ſcharf zu, ſo wird ein Gelaͤchter, und man thut der Herrſchaft ungleiche Vorſtellung: der Menſch mache dem Prinzen die Wiſſenſchaft gehaͤſſig, er habe keine Conduite, der Prinz werde in Chagrin geſetzt, der Menſch ſeye ein ge⸗ lehrter Toͤlpel, und meine, er habe ſei⸗ nes gleichen vor ſich, man muͤſſe auf eine Aenderung bedacht ſeyn; oder man quaͤlt den armen Mann ſo lange, daß er ſelbſt Gott dankt, daß er davon kommt. Indeſſen gehet die Zeit vorbey und wenn der Grund nicht geleget wird, — 240— ſo laͤſſet ſich nichts darauf bauen. Da heißt es denn am Ende: Ein Fuͤrſt duͤrfe nicht gelehrt ſeyn, dafuͤr habe er ſeine Leute. Das iſt, man hat ſodann ſeinen Zweck erreicht, daß der Prinz in Unwiſſenheit und ein Ignorant bleibt. So daß heut zu Tages bei den Evangeliſchen ein gelehrter Fuͤrſt unter die Staats⸗ wunder gehoͤrt. Ich ſage: ein Evange⸗ liſcher, denn die roͤmiſche Geiſtlichkeit hat eher Gelegenheit zu Zwangsmitteln, einem Prinzen Wiſſenſchaften, wenn nur ſelbige ihm einmal nuͤtzlich waͤren, beizubringen. Welcher treue und kluge Unterthan wird hier nicht ausrufen und ſogar ſprechen: Dem Himmel Dank! daß dies alles jetzt anders iſt.— Der Schloßochſe und der Stadthund. An einem fuͤrſtlichen Hofe(erzaͤhlt Tenzel in ſeinen monatlichen Unterredungen 1697. S. 270.) hatte man, vor etwa hundert Jahren, die heilige Faſtnacht ziemlich unhetlig zugebracht und fuͤrchtete, daß der Hofprediger den naͤch⸗ ſten Sonntag von heiliger Staͤtte daruͤber etwas * — 241— ſagen werde. Denn damals war den Hofpre⸗ digern noch gegeben Macht und Gewalt, zu richten die Sitten der Hoͤfe und es iſt nie er⸗ hoͤrt worden, daß derſelben Einer am Herzdruͤk⸗ ken geſtorben. Um alſo dem gedachten Hofprediger Still⸗ ſchweigen zu empſehlen, oder, altdeutſch geſpro⸗ chen, das Maul zu ſtopfen, befahl der Faͤrſt, einen feiſten Ochſen, den man, mit Band geputzt, und auf den Hoͤrnern vergoldet, zum Faſtnachtſpaß durch die Stadt gefuͤhrt hat⸗ te, endlich zum Hofprediger zu fuͤhren und dort ſtehen zu laſſen, als ein Zei⸗ chen fuͤrſtlicher Gnade. Der Sonntag kam, und alle Welt ſtroͤmte in die Kirche, zu hoͤren, wie der Hofprediger abkanzeln wuͤrde den Hof ob der Freuden der Faſtnacht. Der Hofprediger aber, des feiſten Ochſen daheim wohl eingedenk, ſchwieg weislich uͤber Alles. Das nahm ſich ad notam der Stadtdia⸗ konus, welchem kein Ochſe zugefuͤhrt worden war, beſtieg, darob erbittert, die heilige Staͤtte, eroͤffnete ſeinen Vortrag mit den Donnerworten: Wenn der Schloßochſe nicht will brum⸗ men, ſo muß der Stadthund bellen, und zog nun zu Felde, mit allen Waffen ſeines heiligen Amtes, gegen das unheilige Weſen der letzten Faſtnacht am Hofe. Das waren doch Zeiten des Freimuthes— Wenn kehren ſie wieder? Theater⸗Anekdote. Als noch in dem großen Opernhauſe zu Dresden, welches jetzt in einen Konzert⸗ und Redoutenſaal verwandelt iſt, die einſt ſo be⸗ ruͤhmten Opern gegeben wurden, in welchen ſogar lebendige Elephanten, als Stati⸗ ſten, mit auftraten, hatte die Saͤngerin Fuora- monti, waͤhrend einer Bravourarie, einem kleinen, als Goͤtterknaben gekleideten Maͤdchen, die Hand auf den Kopf zu halten, bei der Ca⸗ dence aber die Hand ſchwoͤrend gen Himmel zu heben, indeß der Knabe verſchwand. Das Halten ging gut— das Heben aber— Angſt uͤber Angſt— Noth uͤber Noth— Der Goͤtterknabe hatte ein Peruͤckchen auf, das man feſt zu ſchnallen vergeſſen. Die Saͤngerin blieb mit einem Finger in dem Peruͤckchen haͤngen, hob es ſchwoͤrend gen Himmel, und— die Erde zitterte von dem Lachen der Zuſchauer. Verlegen, aber nicht ganz außer Faſſung, langte — 243— die Signora geſchwind das Peruͤckchen einem der— Genien darſtellenden, Statiſten zu, deren Zahl an dieſem Abend uͤber 200 war, und winkte, das Ding hinter die Kouliſſen zu ſchleu⸗ dern. Der damit beauftragte Genius aber, ge⸗ rade der Duͤmmſten einer, nicht wiſſend, was er mit dem Haarneſt machen ſollte, gab ſie ſeinem Nachbar, dieſer wieder dem Naͤchſtſtehen⸗ den, und ſo ging denn die Peruͤcke durch das ganze Genienchor von Hand zu Hand, bis ſie endlich der letzte der Schutzgeiſter, duͤmmer noch als der erſte, der Saͤngerin wieder einhaͤndigen wollte. Dieſe, welche indeß ſin⸗ gend, nicht wußte, was hinter ihrem Nuͤcken vorging, noch weniger aber ſich erklaͤren konnte, weshalb das Publikum, trotz ihrer Anſtrengung, durch eine ſentimentale Arie zu bezaubern, ihre holden Toͤne durch Lachen uͤberſtimmte, war außer ſich vor Verlegenheit. Als ihr aber die verwuͤnſchte Peruͤcke wieder in die Haͤnde kam, da mußte auch ſie lachen, und— denn ſie kam gar nicht wieder heraus— Der Vorhang fallen.— Der Kapellmeiſter Himmel in der Dorfkirche. Als Himmel noch unter Naumanns Leitung in Dresden ſtudirte, ſprach er oft in den geſelligen Zirkeln eines nahen Ritterguts ein. Hier kam einſt die Rede auf einen Schul⸗ meiſter, in dem nur einige Stunden entfernten Dorfe R.. welcher nicht blos Schul⸗ ſondern auch Orgelmeiſter heißen ſolle, weil er ſei⸗ nes Orgelſpiels wegen weit und breit beruͤhmt ſey, und mit ſeltner Fertigkeit beſonders die Kraft verbinde, das Vorſpiel allemal dem 7 ganzen Liede, das Zwiſchenſpiel aber jedem Liederverſe, ja jeder Sangzeile trefflich anzupaſſen. 3 Himmel war neugierig, den in ſeiner Art ſeltnen Mann kennen zu lernen. Der naͤchſte Sonntag ward beſtimmt, dieſe Neugier zu befriedigen. Man fuhr in großer Geſellſchaft nach R... und wohnte dort in der herrſchaftlichen Empor⸗ kirche dem Gottesdienſte bei. Der wackere Schulmeiſter, ſchon aus Ge⸗ wohnheit und Neigung ſein Orgelſpiel allemal, — — wenn auch nur laͤndliche Ohren ihn be⸗ horchten— meiſterhaft uͤbend, fuͤhlte denn doch allemal einen beſondern Sporn dazu, wenn er in der hochadelichen Emporkirche ſeine gnaͤdige Herrſchaft, oder wohl gar Gaͤſte derſelben be⸗ merkte. Er ſpielte alſo auch diesmal ſo recht con amore, und befriedigte nicht nur den großen Himmel, ſondern uͤbertraf ſogar deſſen Er⸗ wartung, ſo, daß letztrer ſeiner Geſellſchaft den Vorſchlag that, dem braven Virtuoſen nach dem Segenſprechen einen Beſuch auf der Orgelbank abzuſtatten, ihm Dank und Achtung fuͤr ſein meiſterhaftes Spiel zu bezeigen und ſich von ihm noch eine Fuge zum Beſten geben zu laſſen. Nun hatte der wackere Schulmeiſter gegen ſeine gnaͤdige Herrſchaft oft den Wunſch geaͤu⸗ ßert, Himmeln kennen zu lernen und ihn ſpielen zu hoͤren. Wie wuͤrde ihm das muſikaliſche Herz im Leibe gehuͤpft haben, wenn er gewußt haͤtte, daß Himmel mit un⸗ ter den fremden Geſichtern in der herrſchaftli⸗ chen Emporkirche ſich befand, ihn zu behorchen, daß Himmel es wear, der jetzt, vertraulich auf die Achſel ihn klopfend, ſagte: Bravo Herr Schulmeiſter! Sie ſind ein echter Or⸗ K — — 246— gelmeiſter!— daß Himmel es war, der ſich ſogar eine Fuge von ihm ausbat.— Der laͤndliche Virtuos nahm die Bitte des Unbekannten fuͤr Befehl, und griff und trat nun wieder ſo kunſtgerecht und genial in ſein Orgelwerk, daß Himmel ihm nicht blos mit dem Munde, ſondern auch im Herzen ſeine ganze Achtung zollte. Als der Schulmeiſter, entzuͤckt uͤber des Fremden Lob, von der Orgelbank ſtieg, fragte er nur ſo gelegentlich Himmeln: Ob er auch muſikaliſch ſey?„Ich klimpre und ſtuͤmpre ein wenig— ſagte Himmel, und griff dabei ſo auf den Taſten der Orgel herum, wie Einer, der kaum: Bluͤhe liebes Veilchen! auf dem Klaviere zu geben, ge⸗ ſchweige denn einen Choral auf der Orgel vor⸗ zutragen im Stande iſt, ſetzte ſich aber doch auf die Orgelbank, und fing allmaͤhlig an, im⸗ mer beſſer und beſſer zu greiffen und zu treten, bis er ſich endlich in Phantaſieen verlor, daß dem davon bezauberten Schulmeiſter Hoͤren und Sehen verging, und er in die Worte ausbrach: Ach Gottl da iſt man ja wie im Himmel!— 3 Das nun eben nicht— entgeg nete laͤchelnd der Virtuos— aber doch in der Naͤhe, denn— ich heiße Himmel.— 1 Die Geſellſchaft lachte— der Schulmeiſter aber war wie anus den Wolken gefallen.— Wer das im Augenblicke ſich bildende Gemiſch von Staunen und Ehrfurcht, Verlegenheit und Schreck in des Mannes Seele ſchildern koͤnnte, der waͤr' in der Sprache, was der Schulmeiſter auf der Orgel war— Virtuos.— Der Ritterguthsherr lud uͤbrigens letztern mit zur Tafel und gab ihm auf Himmels Verlangen, den Platz neben dieſem; eine Ehre und Freude, welche den wackern Mann ſo begeiſterte, daß er faſt Eſſen und Trinken vergaß. Die Unterhaltung war natuͤrlich rein muſikaliſch und Seiten des Schulmeiſters ſo, daß Himmel ihm mehrmals ſelbſt geſtand, ſo einen Mann ſeines Standes nie gefunden zu haben. So lange mir meine zwei Ohren offen ſtehen— ſagte der Ludimagiſter, als er nach Hauſe kam— werde ich dieſe Tafel⸗ Unterhaltung nicht vergeſſen; und in ſein Tagebuch, das er regelmaͤßig zu fuͤhren pflegte, ſchrieb er mit rother Tinte: Anheute habe ich in der Kirche dem großen Himmel— und hat der große — 243— Himmel mir vorgeſpielt auf der Oer⸗ gel— Darnach hat mir die gnaͤdige Herrſchaft die Ehre erzeigt, mich zur Tafel zu ziehen und mich neben dem großen Himmel ſitzen laſſen. Das war doch einmal ein recht him⸗ melſcher Tag. Seltner Titel. Vor etwa 70 Jahren lebte in D... ein Mann, der manche nuͤtzliche, auf das Wind⸗ oder Zugofenweſen ſich beziehende Kenntniſſe hatte, damit aber eine unbegrenzte Titelſucht verband und deshalb durch Herrſchaften, aus deren Wohnungen er den Rauch verdraͤngte, im⸗ mer eine betitelte Stelle bei Hofe zu er⸗ langen ſuchte. Als aber Alles nicht gelingen wollte, wandte er ſich an den Monarchen ſelbſt mit einem Memoriale, worin er die Wuͤnſche ſeines Herzens unbefangen vortrug und beſon⸗ ders darauf hinſtrebte, daß er dem Koͤnige, wenn er ihn mit auf Reiſen nehmen wollte, die nuͤtzlichſten Dienſte leiſten koͤnne, indem er, wenn Sr. Majeſtaͤt in Gaſthoͤfen einkehrten, wo ſie von Rauch incommodirt wuͤrden, durch — 249— Verſchneiden der Ofenroͤhren ſogleich dem Uebel abzuhelfen im Stande ſey. Der Koͤnig lachte herzlich uͤber das Geſuch des Mannes, und ertheilte ihm eine Stelle in ſeinem Reiſegefolge mit dem Scherz⸗Titel ei⸗ nes: Hof⸗Reiſe⸗Ofen⸗ Roͤhren⸗Rauch⸗ Loch⸗Verſchneiders, welche auch der Mann, zur Zufriedenheit des Hofes, bis an ſein Ende verwaltete. Im gemeinen Leben konnte der Titel freilich ihm nicht ſehr zu ſtatten kommen, denn— wer mochte ihn ausſprechen. Indeß war der Mann auch ſchon zufrieden, wenn man ihn nur wenigſtens: Hof⸗Reiſever⸗ ſchneider nannte; wie man anfaͤnglich nur im Scherz jenen langen Titel verpfuſchte, end⸗ lich aber foͤrmlich in Gang brachte. Vieta, der bekannte franzoͤſiſche Mathematiker*) lebte ſo ganz nur der Studirſtube, daß ihm oft viele 4 2 Geboren zu Fontenay in Poiton, enndeckte viele Fehler im Gregorianiſchen Kalender und entwarf deshalb einen neuen, ganz nach den Gebräuchen der römiſchen Kirche eingerichtet, welcher im Jahr 1600 gedruckt, aber vom — 250— Tage das Eſſen hineingeſchoben und auch wie⸗ der weggenommen wurde, ohne daß er ſich umſah, wer es brachte und worin es beſtand. Der Fall war deshalb nichts weniger, als ſel⸗ ten, daß er Abends ſchon nicht mehr wußte, was er Mittags gegeſſen hatte. Eiinſt beſuchte ihn ein fremder Gelehrter, den ein Hund begleitete. Es war gerade Tafel⸗ zeit. Vieta trat mit dem Fremden in ein Fen⸗ ſter und ſprach viel uͤber ein Problem, das Hadrianus Nomanus allen Mathematikern Eu⸗ ropens zur Auflöſung vorgelegt hatte. Indeß ward, wie gewoͤhnlich, das Eſſen gebracht, und auf den Studirtiſch geſetzt, ohne daß Vieta die mindeſte Notiz davon nahm. Deſto mehr aber intereſſirte ſich dafuͤr der Hund des Fremden, welcher, waͤhrend ſein Herr und Vieta in die Tiefen des mathematiſchen Problems ſich ver⸗ loren, die Tiefe des vollen Tellers zu Tage foͤr⸗ derte, und dann ruhig unterm Ofen ſein Mit⸗ tagsſchlaͤfchen hielt. Als endlich, nach langen Geſpraͤchen, der — päpſtlichen Stuhle nicht angenommen ward. Vieta ver⸗ ſtand ſich unter andern auch vorzüglich auf die Dechifrir⸗ kunſt, ſo daß man oft glaubte, er ſtehe mit dem Teufel zm Bunde. Seine Schriften ſind ſelten, weil er ſie nur an Freunde vertheilte. Er ſtarb 1605. Fremde ſich beurlaubte, trat eben Vietas Die⸗ ner ins Zimmer, das Speiſegeſchirr zu holen. Vieta, der vom vielen Reden, und zwar weit uͤber die gewoͤhnliche Tafelſtunde, diesmal doch im Magen eine gewiſſe Leere fuͤhlte, die durch alle Ziffern und Linien der ganzen Mathematik nicht ſich fuͤllen ließ, fragte den Diener, was er mit dem Eſſen vornehmen wolle? „Mit dem leeren Geſchirr, werden Sie meinen, denn Suppe und Braten haben Sie ja verzehrt?““ „„Ich— verzehrt? nicht einen Biſſen— das weiß dieſer Herr, mit dem ich unaufhoͤr⸗ lich geſprochen.“““ Der Fremde bezeugte es, empfahl ſich aber in eben ſo großer Eil, als Verlegenheit, weil er wohl merkte, daß ſein Hund Vieta's Stelle in Hinſicht auf Braten und Suppe vertreten hatte. Vieta und ſein Diener aber, welche bei— de den Hund, der erſt unter dem Ofen ſchlum⸗ merte, dann beim Abſchiede ſchnell zur Thuͤre hinausſchluͤpfte, nicht bemerkt hatten, zankten ſich noch eine lange Weile herum, indem der Diener dabei blieb, das Eſſen gebracht,— der Herr aber— es nicht verzehrt zu haben. Schon wollte Vieta in ſein Schickſal d. h⸗ — — — in den Glauben ſich ergeben: Er habe gegeſ⸗ ſen; da trat ſein Diener auf einige friſch ab⸗ genagte Knochen und loͤſete damit ſchnell das Raͤthſel zu ſeiner, wie ſeines Herrn Ehre und des Hundes Schande. Nun entſann ſich auch Vieta wohl, daß ihm, waͤhrend er mit dem Fremden ſprach, mehrmals etwas die Haͤnde geleckt hatte. Herr und Diener lachten, daß von zwei Streitenden der Dritte, und zwar ein Hund, ſchon ſiegte, ehe erſtern noch das Streiten in den Sinn kam. Die Ta⸗ fel ward bald aufs neue ſervirt. Vieta ſpeiſete diesmal, durch den komiſchen Vorfall ergoͤtzt und zerſtreut, mit mehr Appetit und Beſonnenheit als je, und ließ dieſelbe Stunde noch dem Frem⸗ den dankbar Notiz geben, daß ſeines Hun⸗ des Appetit ihm ein eben ſo angeneh⸗ mes, als erquickendes Mittagsmahl verſchafft habe.— Fuͤrſtliche Ermahnung zu fuͤrſtlicher Sparſamkeit im 16. Jahrhundert. Landgraf Philipp zu Heſſen⸗Rhein⸗ fels hatte gegen ſeinen Bruder, Wilhelm IVY, oder den Weiſen, uͤber Geldverlegenheiten ge⸗ D 5 — 253— klagt und ward dafuͤr von letzterm, in einem Schreiben vom 14. Maͤrz 1575, zur Sparſam⸗ keit, und zwar unter andern alſo vermahnt: Er ſelbſt habe, des bisherigen Mißwachſes we⸗ 8 gen,„in dieſem Jahre etliche tauſend Gulden uͤher ſein Einkommen zuſetzen muͤſſen— haͤtte er nun ſolches in vorigen Jahren nicht erſpart, wuͤrde er dieſes Jahr ohne Schulden nicht ha⸗ ben hinbringen koͤnnen.“ Ferner:„ſonderlich nehmen auch Unſer ei⸗ nes Theils die großen Scharrhanſen in den guͤldenen Ketten am Hof, ſammt Weib und Kindern, denen muß man nichts verſagen, ſon⸗ 5 dern ihnen Kuͤch und Keller offen ſtehen, geben* darzu groß Dienſtgeld aus; meinen damit eine große Autoritaͤt zu bekommen, da ſie darnach mit ungewiſchtem Maul davon ziehen, Uns deſſen nicht allein keinen Dank wiſſen, ſon⸗ dern Unſer noch dazu in die Zaͤhn ſpotten. Zu⸗ dem ſo laſſen wir es dahei nicht, ſondern wol⸗ len Unſre Frauenzimmer, desgleichen Edelkna⸗ ben, und auch die Junkern, ſelbſt alles in 4 Sammet und Seiden kleiden, item Unſere Pfer⸗ de alle mit Federn und ſammetnen Zeugen aus⸗ putzen, anders nicht, als waͤren Wir welſche Zibethkatzen welches ſich gar uͤbel in dieſe Landesart ſchicket.“ Ferner:„Dann warlich der welſche und deutſche Pracht dienet nicht zuſammen. Sintemal ob ſich wohl die Welſchen in Klei⸗ dung ſtattlich halten, ſo freſſen ſie deſto uͤbler und ſparſamer, laſſen ſich auch mit einem Gericht Eyer und Sallat begnuͤgen, da die Deutſchen das Maul und den Bauch voll haben wollen; darum unmoͤglich beide deutſche und welſche Gepraͤnge mit einander zu vertragen, es verderben auch beides Fuͤrſten, Grafen und Edelleute, ſo ſolches anſtellen und kommen daruͤber in Leid und Noth u. ſ. w.“ Auch uͤber das koſtſpielige und unnoͤthig erweirerte Kanzleiweſen eifert der Land⸗ graf, beſonders uͤber die Menge„geſchwor⸗ ner Doktoren und Kanzleiſchreiber indem ihr Vater(Philipp der Großmuͤthige), der doch ein fuͤnfmal groͤßeres Land, zudem auch die Reichs⸗, die Schmalkaldiſchen und Naſſauiſchen Angelegenheiten zu beſorgen gehabt, doch nur den Dr. Walther mit 50 Fl., einen Kanz⸗ ler mit 80 Fl. jaͤhrlichen Gehalts und ei⸗ nen Sekretarium, Simon Binge, ge⸗ halten, der uͤber 20 Jahre ohne Beſol⸗ dung gedient habe. „„Zudem, faͤhrt der Landgraf fort; haͤlt Un⸗ ſer jeden ſo ein Haufen Jaͤger, Koͤche und Haus⸗ geſinde, daß ſchier zu einem Berg ein eig⸗ ner Jaͤger, zu einem jeden Topf ein eigner Koch und zu jedem Faß ein Schenker iſt.“e Endlich raͤth er, auf den naͤchſten Erbver⸗ bruͤderungstag zu Naumburg, die Gemahlin⸗ nen daheim zu laſſen,„ſintemal ſolches nicht allein zu Erſparung großer Unkoſten ge⸗ reichet, ſondern auch zu hervor Reden hoͤnlicher Nachrede dienlich, daß nicht die Leute ſprechen⸗ Wir koͤnnten nicht eine Meile ziehen, Wir muͤßten dann die Taſchen an der Seite hangen haben.“ Poncets Uhren. Unter den vormaligen Dresdner Uhrmachern ſteht hoch in Ehren der Name: Poncet. Die Uhren, welche dieſer geſchickte Mann fertigte, gehoͤren zu den beſten, welche man kennt, und werden noch jetzt, waͤre ihr Aeußeres auch noch ſo altmodiſch, mit ſchwerem Gelde bezahlt. Wie jeder Kuͤnſtler ſeiner Art, gravirte auch Ponecet ſeinen Namen auf jede von ihm ge⸗ baute Uhr. Pfuſcher mißbrauchten aber denſel⸗ ‿ — — 256— ben gar oft, indem ſie damit ihre Machwerke be⸗ zeichneten. 4 Mit einem ſolchen Pſeudo⸗Poncet kommt denn einſt eine vornehme Dame zu dem echten Poncet, und bittet um Reparatur. Kaum hat der Kuͤnſtler die Uhr in den Haͤn⸗ den, da legt er ſie auf einen Ambos, und gibt ihr mit dem Hammer einen Schlag, daß der Beſitzerin Hoͤren und Sehen vergeht; holt aber ſogleich aus dem Schranke eine andere, nagel⸗ neue Uhr, und reicht ſie ihr dar mit den — Worken: ,⸗Hieir Madamel ein echter Poncet — der falſche da ſoll meinen Namen nicht ſchaͤnden.——