— deutſcher, engliſcher und franzo öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pf. angnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 . ——— 85 Leihbibliothek 1 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Monnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlieh 2aBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Augwärtigy Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir Leliahen unch efür zu ſtehen — Die Mühle am Floß. Von George Eliot. Aus dem Engliſchen von Dr. C. Kolb. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung, 1861. V 4 Druck der K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Sechstes Buch. Die ſchwere Verſuchung. Erſtes Kapitel. Ein Duett im Paradies. Das ſchön möblirte Beſuchzimmer mit dem offe⸗ nen prächtigen Piano und der angenehmen Ausſicht über den Garten nach dem Boothaus am Floß⸗ ufer hinunter gehört Mr. Deane. Das hübſche kleine Frauenzimmer in Trauer, deſſen lichtbraune Locken auf die bunte Stickerei niederfallen, mit wel⸗ cher ſich ihre Finger beſchäftigen, iſt natürlich Lucy Deane; und der ſchöne junge Mann, der ſich von ſeinem Sitz niederbeugt, um eine Scheere gegen das ſehr abgeſtutzte Geſicht eines zu den Füßen der Dame liegenden langhaarigen Wachtelhündchens ſchnappen zu laſſen, iſt Niemand anders, als Mr. Stephen Gueſt, deſſen Diamantring, Roſenduft und unbekümmerte müßige Haltung um die zwölfte Stunde des Mit⸗ tags als das anmuthige und wohlriechende Reſultat der größten Oelmühle und des ausgedehnteſten Werfte⸗ platzes von St. Oggs betrachtet werden mögen. Es liegt augenſcheinlich etwas ungemein Ordinäres in dem Scheerenſpiel; aber der ſcharfſichtige Beob⸗ achter bemerkt mit Einemmal, daß eine Abſicht da⸗ 6 hinter ſteckt, die es an einem großköpfigen, lang⸗ gliederigen jungen Mann als eine äußerſt würdige Unterhaltung erſcheinen läßt, denn es kann ihm nicht entgehen, daß Lucy die Scheere braucht; ſie muß daher, mag ſie wollen oder nicht, ihre Locken zurück⸗ ſchütteln, ihre ſanften nußbraunen Augen erheben, auf das Geſicht, das ſich in gleicher Höhe mit ihrem Knie befindet, ſcherzhaft niederlächeln und, während ſie die kleine, blaßroſenfarbige Hand ausſtreckt, ſprechen: „Ich bitte, meine Scheere, wenn Sie ſich das große Vergnügen verſagen können, meinen armen Minny zu plagen.“ Die thörichte Scheere iſt, wie es ſcheint, zu weit über die Knöchel zurückgeglitten, und Hercules ſtreckt hoffnungslos ſeine in der Falle befindlichen Fin⸗ ger aus. „Die nichtswürdige Scheere! Die ovalen Halb⸗ ringe ſind verſchoben. Haben Sie die Güte, ſie loszumachen.“ „Das können Sie ja mit Ihrer anderen Hand thun,“ verſetzt Miß Lucy ſchelmiſch. „Oh, es iſt meine linke, mit der ich nichts aus⸗ richten kann.“ Lucy lacht, und die Scheere folgt dem Verſuch mit den feinen Fingerſpitzen, der natürlich Mr. Ste⸗ phen zu einem Da capo Luſt macht. Er lauert daher nur auf den Moment ſeiner Befreiung, um ſich auf's neue der Scheexe zu bemächtigen. „Nein, nein,“ ſagte Lucy, das Werkzeug in ihren Gürtel ſteckend;„Sie kriegen meine Scheere nicht wieder, denn Sie haben ſie ohnehin ſchon verſprengt. Laſſen Sie doch den Minny in Ruhe. Setzen Sie ſich dr 7 aufrecht und benehmen Sie ſich anſtändig, ſo will ich Ihnen etwas Neues mittheilen.“ „Das wäre?“ entgegnete Stephen, indem er ſich zurückwarf und den rechten Arm über die Stuhllehne niederhängen ließ. Er hätte ſo einem Maler ſitzen können, der in ihm einen ziemlich anſehnlichen jungen Mann von fünſundzwanzig mit einer viereckigen Stirne, aufrecht ſtehendem Haar, das nach Art eines dichten Getreidewuchſes am oberen Ende ſich leicht einbog, und einem halb feurigen, halb ſarkaſtiſchen Blick unter den gut markirten horizontalen Brauen dargeſtellt haben würde.„Iſt ſie von großer Wich⸗ tigkeit?“ „Ja— von ſehr großer. Rathen Sie!“ „Sie ſind im Begriff, Minny auf andere Koſt zu ſetzen und ihm täglich drei in einem Deſſertlöffel voll Rahm eingeweichte Rataſias zu geben.“ „Ganz falſch.“ „So hat wohl Dr. Kenn gegen die Steiflein⸗ wand gepredigt und ihr Damen habt ihm eine ſchriftliche Vorſtellung zugehen laſſen, des Inhalts: Dieß iſt eine harte Lehre; wer kann ſie tragen?““ „Pfui!“ entgegnete Lucy, ihrem kleinen Mund einen ernſten Ausdruck gebend.„Es iſt ſehr unge⸗ ſchick von Ihnen, daß Sie meine Neuigkeit nicht errathen, denn ſie betrifft einen Gegenſtand, über den ich erſt kürzlich mit Ihnen geſprochen habe.“ „Aber Sie haben kürzlich üͤber ſo viele Dinge mit mir geſprochen. Verlangt Ihre weibliche Ty⸗ rannei, ich ſolle Das, was Sie im Kopf haben, augenblicklich an der Eigenſchaft erkennen, daß es unter die vielen gehört?“ 8 5 und⸗ ich weiß wohl, daß Sie mich für albern alten.“ „Ich halte Sie für ganz und gar bezaubernd.“ „Und meine Einfalt iſt ein Theil dieſes Zaubers?“ „Ich habe dies nicht geſagt.“ „Aber ich weiß, Sie haben Ihre Freude daran, wenn Frauenzimmer etwas abgeſchmackt ſind. Phi⸗ lipp Wakem hat Sie verrathen; er ſagte mir's eines Tages, als Sie nicht hier waren.“ „Oh, ich weiß, Philipp iſt voll Feuer über dieſen Punkt und macht ihn ganz zu einer perſönlichen Angelegenheit. Ich denke, er muß verliebt ſein in irgend eine unbekannte Dame— in eine hehre Bea⸗ trice, die er auf ſeinen Reiſen getroffen hat.“ „Beiläufig,“ verſetzte Lucy, in ihrer Arbeit inne haltend,„es iſt mir eben eingefallen, ob wohl meine Muhme Maggie Philipp eben ſo wenig wird ſehen wollen, wie ihr Bruder. Tom betritt, wenn er Kunde davon hat, nie ein Zimmer, in dem Philipp ſich befindet. Vielleicht hält es Maggie ebenſo, und dann werden wir unſere Trios nicht mehr ſingen können. Was ſagen Sie dazu?“ „Wie, ſoll Ihre Muhme bei Ihnen bleiben?“ entgegnete Stephen im Tone leichten Aergers. „Ja, dies war meine Neuigkeit, die Sie vergeſſen haben. Das arme Ding iſt im Begriff, ihre Stelle aufzugeben, in der ſie faſt zwei Jahre— ſeit dem Tod ihres Vaters— geweilt hat, und wird ſich ein Paar Monate, hoffentlich auch noch länger, bei mir aufhalten.“ 3 „Wird von mir erwartet, daß ich mich über dieſe Neuigkeit freuen ſoll?“ — — ———— — —— „ — 9 „O nein, durchaus nicht,“ verſetzte Lucie mit einem kleinen Anflug von Aerger.„Ich freue mich darüber, und dies iſt natürlich kein Grund, warum auch Sie ſich freuen ſollten. Es gibt kein Mädchen in der Welt, das mir ſo lieb wäre, wie mein Bäs⸗ chen Maggie.“ „Und wenn ſie kömmt, werdet ihr natürlich un⸗ zertrennlich ſein. Es gibt dann vorausſichtlich keine Möglichkeit mehr zu einem Tôte-h-tête mit Ihnen, es ſei denn, daß Sie für ſie einen Verehrer finden, der gelegentlich auch ſie in Anſpruch nimmt. Sollte ihr Philipp zuwider ſein? Ich denke, dies wäre ein Ausweg.“ „Es beſteht eine Familienfeindſchaft mit Philipps Vater. Es ſind, glaube ich, ſehr unangenehme Auf⸗ tritte vorgefallen. Um was es ſich eigentlich han⸗ delt, verſtehe ich nicht, oder weiß es nicht recht. Mein Onkel Tulliver war unglücklich und verlor ſein ganzes Vermögen; wie ich höre, glaubte er, daß Mr. Wakem Schuld daran geweſen ſei. Mr. Wakem kaufte die Dorlcotemühle, meines Onkels früheres Eigenthum, auf dem er erzogen worden war. Sie müſſen ſich wohl noch des Mr. Tulliver erinnern?“ „Nein,“ verſetzte Stephen mit etwas hochmüthiger Gleichgiltigkeit.„Des Namens erinnere ich mich zwar, und ich habe den Mann veelleicht auch geſehen, aber ohne zu wiſſen, wer er iſt. Es geht mir ſo faſt mit der Hälfte der Geſichter aus der Umgegend, denen man begegnet.“ „Er war ein hitzköpfiger Mann. Ich erinnere mich ſeiner noch aus meiner früheſten Jugend; ich beſuchte hin und wieder meinen Vetter und mein 10 Bäschen, und er erſchreckte mich oft durch ſeine Reden, wenn er zornig war. Papa erzählte mir, es habe am Tag vor ſeinem Tod zwiſchen ihm und Mr. Wakem eine ſchreckliche Scene gegeben, die aber ver⸗ tuſcht worden ſei. Ich befand mich zu jener Zeit in London. Papa ſagt mir, der Onkel habe in vieler Beziehung gar verkehrte Anſichten gehabt, und ſeine Stimmung ſei in den letzten Jahren ſeines Lebens ſehr verbittert geweſen. Tom und Maggie werden ſich freilich an dieſe Dinge nicht gern erinnern laſſen; ſie haben ohnehin ſo viele Kämpfe durchzumachen gehabt. Maggie war vor ſechs Jahren mit mir auf der Schule, wurde aber, als das Unglück in dem Haus ihres Vaters einkehrte, plötzlich heimberufen und hat ſeitdem wohl nicht viele heitere Stunden gehabt. Seit des Onkels Tod iſt ſie in einer ſehr untergeordneten Stellung thätig geweſen; denn ſie wollte unabhängig ſein und nicht bei Tante Pullet bleiben. Damals konnte ich auch nicht wünſchen, daß ſie zu mir ziehe, denn meine liebe Mutter war ſehr krank, und es gab keine frohen Tage im Haus. Darum habe ich ſie jetzt zu mir eingeladen, um es ihr auf lange Zeit recht angenehm zu machen.“ „Sehr ſchön und edel von Ihnen,“ ſagte Stephen, ſie mit einem huldigenden Lächeln betrachtend,„um ſo mehr, wenn ſie mit der Unterhaltungsgabe ihrer Mutter geſegnet iſt.“ „Die arme Tante! Es iſt ſehr boshaft von Ihnen, daß Sie ſich über ſie luſtig machen. Sie hält das Haus in ſchönſter Ordnung— weit beſſer, als es eine Fremde thun würde— und iſt mir während der Krankheit der Mamma ſehr zum Troſt geworden.“ 11 „Ja, aber was die Geſellſchaft betrifft, ſo halte ich es lieber mit ihren eingemachten Kirſchen und ihren Rahmtörtchen, als mit ihrer Converſation. Ich denke mit Schauder daran, daß ihre Tochter ſtets in Perſon anweſend ſein ſoll— wahrſcheinlich ein wohlgenährtes blondes Mädchen, mit runden blauen Augen, das Einen ſtets ſtumm anſtiert.“ „Oh ja,“ rief Lucie mit einem ſchalkhaften Lachen, während ſie ihre Hände zuſammenſchlug;„das iſt das Bild meiner Couſine Maggie, wie ſie leibt und lebt. Sie müſſen ſie ſchon geſehen haben.“ „Nein, das nicht; ich denke mir nur, wie Mrs. Tullivers Tochter ausſehen mag. Und wenn ſie uns noch obendrein den Philipp vertreibt, deſſen Tenor wir ſo gut brauchen können, ſo wird es gar kurz⸗ weilig werden.“ „Ich hoffe nicht, daß dies der Fall ſein wird. Ich möchte Sie wohl erſuchen, ihm mitzutheilen, daß ich Maggie morgen erwarte. Er weiß recht wohl, wie Tom gegen ihn geſinnt iſt, und geht ihm deß⸗ halb aus dem Wege; er wird es daher zu deuten wiſſen, wenn Sie ihm mittheilen, ich habe Sie ge⸗ beten, ihn zu erſuchen, wegzubleiben, bis er von mir eine ſchriftliche Einladung erhält.“ „Ich denke, es iſt am beſten, Sie geben mir an ihn ein Paar Zeilen mit. Sie wiſſen, Philipp iſt ſo empfindlich, daß er leicht einen Anſtoß nimmt und ganz und gar wegbleibt; es wird dann Mühe genug koſten, ihn wieder herzubringen. Er läßt ſich nicht bewegen, nach dem Park zu kommen— vielleicht weil ihm meine Schweſtern nicht gefallen. Nur Ihrer 12 feenhaften Hand gelingt es, ſein ſtruppiges Gefieder glatt zu ſtreichen.“ Stephen bemächtigte ſich der kleinen Hand, die ſich eben nach dem Tiſch hin bewegen wollte, und drückte ſie leicht an ſeine Lippen. Die kleine Lucie fühlte ſich geſchmeichelt und glücklich. Sie und Ste⸗ phen befanden ſich in jenem Stadium des Hofmachens, welches den glücklichſten Moment in dem Leben des Jünglings und der Jungfrau, die friſcheſte Blüthen⸗ zeit der Leidenſchaft bildet— jedes iſt der Liebe des anderen ſicher, ohne daß eine förmliche Erklärung ſtattgefunden hat; man ſchwelgt in wechſelſeitiger Ahnung, und das unbedeutendſte Wort, die leichteſte Geberde, erſcheint in Roſenlicht und Roſenduft. Hat einmal die Verlobung ſtattgefunden, ſo iſt ſchon der ſchönſte Zauber dahin; die Roſe bleibt wohl, aber man ſteckt ſie in das Bouquet. „Es iſt in der That merkwürdig, daß Sie Maggie in ihrem Aeußeren und in ihren Manieren ſo gut porträtiren konnten,“ ſagte die ſchlaue Lucie, ihre Hand nach ihrem Pult ausſtreckend;„denn ſie hätte ja auch ihrem Bruder gleichſehen können. Sie wiſſen, Tom hat keine runden Augen, und es fällt ihm wahrhaftig nicht ein, die Leute anzuſtieren.“ „Ich denke mir, daß er ſeinem Vater nachartet; er ſcheint ſo ſtolz wie Lucifer zu ſein. Kein ſehr angenehmer Geſellſchafter, ſollte ich meinen.“ „Ich habe Tom gern. Er ſchenkte mir den Min⸗ nie, als ich Lolo verloren hatte, und Papa, der große Stücke auf ihn hält, ſagt, er habe treffliche Grundſätze. Er war es, der ſeinen Vater in die Lage brachte, vor ſeinem Tod noch ſeine Schulden zu bezahlen.“ ** 13 „Ach, ich habe davon gehört. Ihr Vater und der meinige ſprachen vor einiger Zeit über die Sache bei Gelegenheit einer jener Nachtiſchunterhaltungen, bei denen es mit Geſchäftsſachen kein Ende nehmen will. Sie beabſichtigen, etwas für den jungen Tul⸗ liver zu thun; er hat ſie vor einem beträchtlichen Verluſt bewahrt— durch einen wunderbaren Ritt, glaube ich, der es ihm möglich machte, ihnen noch zu guter Zeit Nachricht von der Inſolvenz einer Bank oder etwas derartigem zu bringen. Ich weiß es nicht mehr recht, denn ich bin damals ſchläfrig geweſen.“ Stephen erhob ſich von ſeinem Sitz, trat an das Piano und ſummte in der Fiſtel„Holde Gattin“ vor ſich hin, während er in dem Klavierauszug zu Haydns Schöpfung blätterte, der auf dem Muſik⸗ pult lag. „Kommen Sie, wir wollen das Duett ſingen,“ ſagte er, als er bemerkte, daß auch Lucie aufſtand. „Wie, ‚holde Gattin?: Ich glaube nicht, daß dies für Ihre Stimme paßt.“ „Gleichviel; es paßt ganz genau für meine Ge⸗ fühle und Philipp behauptet, daß dies die Grund⸗ bedingung eines guten Geſangs ſei. Ich finde dieſe Anſicht ſehr verbreitet unter Leuten mit mittelmäßigen Stimmen.“ „Philipp ließ letzthin wieder eine von ſeinen Schmähreden gegen die ‚Schöpfung’ los,“ bemerkte Lucie, vor dem Piano Platz nehmend.„Er ſagt, ſie habe eine Art verzuckerter Gefälligkeit und ſchmei⸗ chelhafter Weismacherei an ſich, als ſei ſie auf den 14 Geburtstag eines deutſchen Großherzogs geſchrieben worden.“ „Ah, pah! Er iſt der gefallene Adam mit einem ſchwarzgalligen Temperament. Wir ſind Adam und Eva vor dem Fall im Paradies. Nun denn das Recitativ, um der Moral willen. Sie ſingen die ganze Partie der Eva— ‚und dir gehorchen bringt 4 mir Luſt und Freude, Glück und Ruhm.“ „Oh, ich habe keinen Reſpekt vor meinem Adam, der ein ſo ſchleppendes Tempo einhält, wie Sie,“ ſagte Lucie, indem ſie zu ſpielen begann. Wenn irgend eine Courmacherei nicht von Zwei⸗ feln und Beſorgniſſen erſchüttert wird, ſo muß es diejenige ſein, welche ein Liebespaar ſingend betreibt. Wenn die paar tiefen Noten zwiſchen den Silber⸗ tönen des Soprans gerade rechtzeitig einfallen, wenn die abſteigenden Terzen und Quinten einen vollkomme⸗ nen Accord bilden, oder wenn nach vorherigem Verſtändniß die Liebesjagd zu einer Fuge ſich ver⸗n einigt, ſo entſteht daraus ein Gefühl von wechſell ſeitigem Zuſammengehören, welches wohl jedes un⸗ mittelbare Bedürfniß nach weniger leidenſchaftlichen Uebereinkunftsformen zu verdrängen geeignet iſt. Der Contraalt wird es gegen den Baß nicht auf eine Catecheſe abheben und der Tenor keine verlegen machende Wortkargheit fürchten, wenn er ſeine Abende mit dem lieblichen Sopran verbringt. Dazu noch in der Provinz, wo man in jenen Tagen blutwenig von Muſik wußte— wie wäre es da möglich gewe⸗ ſen, daß ein muſikaliſches Paar ſich nicht wechſelſeitig verliebte? Selbſt politiſche Grundſätze hätten unter ſolchen Umſtänden Gefahr gelaufen, zu erſchlaffen, 4 15 und eine für die„morſchen Wahlflecken“ ſchwärmende Violine wäre ſicherlich in ſchwere Verſuchung gekom⸗ men, in höchſt demoraliſirender Weiſe mit einem zur Reform ſchwörenden Violoncell zu fraterniſiren. Im vorliegenden Fall glaubten der zeiſigkehlige Sopran und der volltönige Baß, wenn ſie ſängen: „Dir zur Seite ſchwimmt in Freude mir das Herz; Dir gewidmet iſt mein Leben,“ es habe all dieß ſeine volle Wichtigkeit, blos weil ſie es ſangen. „Und nun das Recitativ Nro. 12 von Raphael,“ ſagte Lucie, als ſie mit dem Duett zu Ende waren. „Sie geben die„Laſt der Thiere, welche den Boden drückt“, vortrefflich.“ „Ein ſchönes Compliment,“ verſetzte Stephen, auf ſeine Uhr ſehend.„Wahrhaftig, es iſt faſt halb zwei Uhr; aber dieß kann ich ſchon noch ſingen.“ Stephen trug mit bewundernswürdiger Leichtig⸗ keit die tiefen Noten vor, welche den Tritt der ſchweren Thiere verſinnlichten; doch wenn ein Sän⸗ ger ein Auditorium von zweien hat, ſo gibt es Ge⸗ legenheit zu getheilten Anſichten. Minnie's Herrin war begeiſtert, Minnie ſelbſt aber, der ſich mit dem Be⸗ ginn der Muſik zitternd in ſeinen Korb verkrochen hatte, fand dieſen Donner ſo wenig nach ſeinem Geſchmack, daß er wieder herausſprang und unter das entlegenſte Krempeltiſchchen ſich verkroch, als ſei dieß für einen kleinen Hund der allerbeſte Platz, um den Einſturz der Welt abzuwarten. „Adieu,„holde Gattin“,“ ſagte Stephen, als er nach Beendigung des Geſangs ſich auf der Bruſt den 16 Rock zuknöpfte und mit der Miene eines patroni⸗ er ſirenden Liebhabers aus der vollen Höhe ſeiner lan⸗ n. gen Figur zu der kleinen Dame auf dem Muſikſtuhl ü niederlächelte.„Es reißt mich ſort von Ihrer Seite d und ich muß im Galopp nach Haus, da ich ver⸗ a ſprochen habe, mich zur Imbißzeit einzufinden.“ 5 „Sie werden dann nicht bei Philipp einſprechen e können? Doch es thut nichts. Ich habe in meinem e Billet Alles geſagt.“ h „Sie werden wahrſcheinlich morgen von Ihrer Couſine in Anſpruch genommen ſein?“ d „Ja; es gibt ein kleines Familienmahl. Vetter b Tom ſpeist bei uns, und für mein armes Tantchen 1 wird es eine Luſt ſein, ihre zwei Kinder nach langer Zeit wieder zum erſten Mal beiſammen zu ſehen. Ich verſpreche mir viel Vergnügen davon.“ 4 „Aber ich darf doch übermorgen wieder kommen?“ „Oh ja; kommen Sie, damit ich Sie mit meiner Couſine Maggie bekannt machen kann— obſchon ich kaum ſo ſagen ſollte; denn nach der Beſchreibung, die Sie von ihr gegeben haben, kennen Sie ſie ſchon recht gut.“ 48„Gott befohlen.“ Und es folgte ein leichter Händedruck und ein momentanes Sichbegegnen der Augen. Dergleichen Dinge ſetzen oft das Antlitz einer kleinen Dame in Glut und laſſen auf demſelben ein Lächeln zurück, das mit dem Zugehen der Thüre nicht augenblicklich verſchwindet, wohl aber die Luſt erregt, lieber im Zimmer auf und ab zu wandeln, als ruhig vor dem Stickrahmen oder zu einer anderen vernünftigen und bildenden Beſchäftigung niederzuſitzen. Wenigſtens —ͤ„ 17 erging es Lucien ſo, und man wird es hoffentlich nicht als einen Beweis einer alle zarteren Regungen überwiegenden Citelkeit betrachten, wenn wir ſagen, daß ſie ihren Blick nach dem Spiegel hingleiten ließ, als ihr Spaziergang ſie an demſelben vorbeiführte. Der Wunſch, ſich zu überzeugen, daß man während einer Unterhaltung von einigen Stunden nicht wie ein abſolutes Schreckbild ausgeſehen hat, dürfte wohl in das Gebiet einer löblichen, wohlwollenden Rück⸗ ſicht für Andere fallen. Und Lucie hatte ſo viel von dieſem Wohlwollen in ihrem Weſen, daß ich geneigt bin, zu glauben, auch die kleinen Züge von Eigen⸗ liebe, die ſich vielleicht an ihr bemerklich machten, ſeien davon durchdrungen geweſen, wie es ja be⸗ kanntlich umgekehrt auch Leute gibt, deren kleine Züge von Wohlwollen einen ſehr ſtarken Beigeſchmack von Egoismus haben. Sogar jetzt, während ihr jungfräuliches Herz triumphirend klopft, in dem Be⸗ wußtſein, geliebt zu werden von der Perſon, welche ihr in ihrer kleinen Welt als die bedeutendſte erſcheint, kann man in ihren nußbraunen Augen die ſtets an⸗ weſende ſonnige Milde erkennen, in welcher das momentane Aufflackern perſönlicher Eitelkeit völlig untergeht, und wenn ſie ſich glücklich fühlt in dem Gedanken an ihren Verehrer, ſo hat dieſes Gefühl ſeinen Grund in dem Umſtand, daß ſie dabei all der Liebe und der Liebesdienſte gedenken darf, wo⸗ mit ſie ihre friedlichen Tage auszufüllen bemüht iſt. Selbſt jetzt blickt mit jenem plötzlichen Wechſel, der 5 zwei Gefühlsſtrömungen als gleichzeitig erſcheinen läßt, ihr Geiſt ohne Unterlaß von Stephen weg auf Eliot, Die Mühle am Floß. III. 2 die Vorbereitungen, die ſie erſt zur Hälfte getroffen hat, um Maggie's Zimmer für den Empfang des Gaſtes vorzubereiten. Couſine Maggie ſollte ſo gut aufgenommen werden, wie der vornehmſte Beſuch — ja, noch beſſer, denn Lucie gedachte das Gaſt⸗ ſtübchen ihr zu Ehren mit dem prächtigſten Blumen⸗ bouquet und mit den ſchönſten Kupferſtichen zu zie⸗ ren, die ſie in ihrem Schlafzimmer hatte. Wie mußte ſich wohl Maggie darüber freuen, die eine ſo große Freundin von hübſchen Dingen war! Und dann die arme Tante Tulliver, aus der ſich Niemand etwas machte— welche Ueberraſchung für ſie, wenn ihr die wunderſchöne Haube zum Präſent gemacht und bei Tiſch in anerkennender Weiſe ein Toaſt auf ihre Geſundheit ausgebracht wurde, wie Lucie dieſen Abend mit ihrem Vater zu verabreden gedachte. Augenſcheinlich hatte ſie nicht Zeit, lange in glück⸗ lichen Liebesträumen ſich zu ergehen. Mit dieſer Vorſtellung an ſich ſelbſt wollte ſie das Zimmer ver⸗ laſſen, machte aber auf der Schwelle Halt. „Was gibt's denn, Minnie?“ ſagte ſie als Ant⸗ wort auf das Winſeln des kleinen Vierfüßlers, indem ſie ſich zu ihm niederbeugte und ſeinen glänzend ſchwarzen Kopf an ihre roſige Wange drückte.„Haſt Du geglaubt, ich gehe ohne Dich? So komm; wir wollen nach Sindbad ſehen.“ Sindbad war eine Fuchsſtutte, die Lucie immer eigenhändig zu füttern pflegte, wenn man dieſes Thier, das ihr eigen gehörte, nach dem eingehägten Grasplatz hinter dem Haus hinaustrieb. Es machte ihr eine Freude, abhängigen Geſchöpfen Nahrung zu reichen, wußte, was jedes Thier im Haus gerne 19 fraß, und ſah mit Luſt zu, wenn ihre Kanarienvögel mit ihren Schnäbeln im friſchen Hanfſamen kniſterten oder das Eichhörnchen die ihm gereichte Nuß mit ſeinen meiſelartigen Zähnen befeilte. Hatte nicht Stephen Gueſt Recht, wenn er mit aller Entſchiedenheit ſeine Anſicht dahin ausſprach, dieſes achtzehnjährige Jungfräulein ſei ganz der rechte Schlag, den zu heirathen ein Mann nie zu bereuen Urſache haben werde?— ſolch ein Frauenzimmer, das auch andere Frauenzimmer liebte und für ſie ſorgte, nicht mit Judasküſſen ſpielte und ſcheele Blicke nach den willkommenen Mängeln ihrer Freundinnen warf, ſondern mit wahrem Eifer, mit zarter Rückſicht für ihre halbverborgenen Leiden und Kränkungen in glücklichem Vorgenuß der kleinen Freuden ſchwelgte, die ſie für ſie bereit hielt? Doch vielleicht lag der Hauptgrund ſeiner Bewunderung nicht eben in dieſer ſo ſeltenen Fraueneigenſchaft— möglich, daß ihm ſeine Wahl hauptſächlich nur deßhalb ſo löblich erſchien, weil die junge Dame ihm nicht als eine ſo merkwürdige Rarität vorkam. Ein Mann hat es gern, wenn ſeine Frau hübſch iſt; gut— Lucie war hübſch, aber nicht eben zum Närriſchwerden. Ein Mann liebt es, wenn ſeine Frau ſanft, liebevoll, gebildet und mit etwas Geiſt begabt iſt; dieſe Eigenſchaften waren bei Lucie vorhanden. Stephen wunderte ſich daher nicht, daß er in ſie verliebt wurde, und wußte recht wohl, warum er ſie der Miß Leyburn, der Tochter des Parlamentsmitglieds für die County, vorzog, ob⸗ gleich Lucie nur die Tochter eines untergeordneten Aſſociés in dem Geſchäft ſeines Vaters war; dazu kam noch, daß er gegen eine kleine Ungeneigiheit 20 von Seite ſeines Vaters und ſeiner Schweſtern an⸗ zukämpfen hatte— ein Umſtand, der einem jungen Mann ein angenehmes Bewußtſein von ſeiner eigenen Würde einflößt. Stephen wußte, daß er unabhängig genug ſtand, um ſich eine Frau wählen zu können, die ihn glücklich zu machen verſprach, ohne ander⸗ artigen mittelbaren Rückſichten einen Einfluß auf ſich zu geſtatten. Und ſo dachte er ſeine Wahl Lucien zuzuwenden: ſie war ein herziges Weſen und über⸗ haupt der Frauenzimmerſchlag, den er ſtets am mei⸗ ſten bewundert hatte. Zweites Kapitel. Erſte Eindrücke. „Er iſt ſehr verſtändig, Maggie,“ ſagte Lucie. Sie kniete vor Maggie auf einem Schemel, während dieſe in dem großen Scharlachſammtſeſſel hatte Platz nehmen müſſen.„Ich bin überzeugt, daß er Dir gefallen wird. Ich hoffe es.“ „Das wird ſchwer halten,“ verſetzte Maggie lächelnd, indem ſie eine von Luciens langen Locken in die Höhe hob, um die Sonne durchſcheinen zu laſſen.„Ein Herr, der für Lucie gut genug zu ſein glaubt, muß ſich auf eine ſcharfe Kritik gefaßt machen.“ „Er iſt freilich viel zu gut für mich. Und wenn er fort iſt, muß ich bisweilen faſt denken, ob es auch eine Wirklichkeit ſei, daß er mich liebt. In ſeiner Gegenwart kann ich allerdings nicht daran zweifeln — öbſchon ich es nicht zu ertragen vermöchte, wenn 21 außer Dir, Maggie, irgend Jemand etwas von dem Stand meiner Gefühle wüßte.“ „Oh, und wenn er Dir nicht gefällt, ſo kannſt Du ihn ja aufgeben, da ihr noch nicht verſprochen ſeid,“ ſagte Maggie mit einer ſcherzhaft ernſten Miene. „Es iſt mir lieber, daß noch kein Verſpruch ſtatt⸗ gefunden hat. Iſt man einmal verlobt, ſo denkt man an die nahe Hochzeit,“ bemerkte Lucie, welche zu ſehr in Gedanken war, um auf Maggie's Scherz zu achten,„und ich möchte, daß es noch eine Weile ſo fortginge, wie jetzt. Bisweilen wird mir's ganz Angſt davor, Stephen könnte ſagen, er habe mit dem Papa geſprochen, und eine Aeußerung, die letzt⸗ hin dem Papa entfiel, gibt mir die Ueberzeugung, daß er und Mr. Gueſt eine Erklärung von ſeiner Seite erwarten. Auch ſind Stephens Schweſtern jetzt ſehr höflich gegen mich. Ich glaube, anfangs hatten ſie nicht Luſt, mir viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und dies war auch natürlich. Ein ſo unbedeutendes kleines Ding, wie ich bin, paßt nur ſchlecht in eine ſo große Wohnung, wie das Parkhaus iſt.“ „Aber man erwartet doch nicht, daß die Leute wie die Schnecken im Verhältniß zu der Größe der Wohnungen ſtehen ſollen, in denen ſie leben?“ ver⸗ ſetzte Maggie lachend.„Sind Mr. Gueſts Schwe⸗ ſtern Rieſinnen?“ „d nein, und auch nicht ſchön— das heißt, nicht ſehr ſchön,“ ſagte Lucie in halber Reue über ihre liebloſe Bemerkung.„Aber er iſt— wenigſtens gilt er allgemein als ſehr hübſch.“ 22 „Obſchon Du dieſe Anſicht nicht zu theilen in der Lage biſt?“ „Oh, ich weiß nicht,“ entgegnete Lucie, von der Stirne bis in den Nacken hinunter erröthend.„Es taugt vielleicht nichts, Erwartungen allzu ſehr zu ſpannen, da ſie möglicherweiſe getäuſcht werden kön⸗ nen; aber ich habe ihm eine koſtbare Ueberraſchung vorbereitet und werde ihn tüchtig auslachen können. Ich ſage Dir noch nicht, worin ſie beſteht.“ Lucie erhob ſich von ihren Knieen und trat, ihr hübſches Köpfchen etwas ſeitwärts haltend, ein wenig zurück, als ſuche ſie den rechten Standpunkt, um von Maggie ein Porträt aufzunehmen und ſich ein Urtheil über den Geſammteindruck ihrer Figur zu bilden. „Steh' einen Augenblick auf, Maggie.“ „Was haſt Du mit mir vor?“ verſetzte Maggie mit einem matten Lächeln, während ſie ſich von ihrem Sitz erhob und auf ihre ſchmächtige, elfen⸗ artige Couſine niederſchaute, deren Figur dem tadel⸗ loſen Faltenwurf des Seiden⸗ und Florgewands gegenüber eine ſehr untergeordnete Rolle ſpielte. Lucie verharrte eine Weile in ihrer beſchaulichen Haltung und ſprach ſodann: „Ich kann mir nicht denken, welche Zauberei es macht, daß Du am beſten in Deinen abgetragenen Kleidern ausſiehſt, obſchon jetzt ein neuer Anzug für Dich her muß. Du weißt, wie ich geſtern Abend verſuchte, Dich mir in einer ſchönen modernen Tracht vorzuſtellen; aber ich mochte thun, was ich wollte, immer kam mir vor, als ſtehe Dir der ſchlaffe Merino am beſten. Ich habe mir oft Gedanken dar⸗ über gemacht, ob nicht Marie Antoinette noch groß⸗ — 23 artiger ausgeſehen habe in dem Kleid mit den ge⸗ flickten Ellenbogen. Wenn ich ſo ein ſchäbiges Röck⸗ lein anzöge, ſo würde kein Menſch auf mich achten — ich wäre der helle Lumpen.“ „O freilich,“ ſagte Maggie mit neckiſcher Gravi⸗ tät.„Es könnte Dir begegnen, daß man Dich ſammt dem Teppichſtaub und den Spinnweben mit dem Beſen aus dem Zimmer hinauskehrte und Du wie der Aſchenbrödel Dich in einem Kohlenloch wieder fändeſt. Darf ich jetzt nicht wieder niederſitzen?“ „Ja, ich gebe Dir Erlaubniß dazu,“ ſagte Lucie lachend. Dann nahm ſie mit der Miene ernſten Nachdenkens ihre große Gagatbruſtnadel ab.„Doch Du mußt eine andere Broche vorſtecken. Dieſer Schmeiterling ſieht ſo einfältig aus.“ „Würde dies nicht der bezaubernden Wirkung der mir ſo gut paſſenden Aermlichkeit Abtrag thun?“ verſetzte Maggie, wieder Platz nehmend, während Lucie abermals vor ihr niederkniete und den verach⸗ teten Schmetterling losmachte.„Ich wollte, meine Mutter wäre Deiner Anſicht, denn ſie verelendete ſich geſtern Abend, weil dies mein beſtes Kleid iſt. Ich habe mein Geld zuſammenſparen müſſen, um Unterrichtſtunden zu bezahlen; denn ohne weitere Ausbildung kann ich nicht auf eine beſſere Stelle Anſpruch machen.“ Maggie ſtieß einen leichten Seufzer aus. „Mach mir nur nicht wieder dieſes betrübte Ge⸗ ſicht,“ ſagte Lucie, die große Nadel unter Maggie's ſchöngeformtem Hals befeſtigend.„Du mußt nicht vergeſſen, daß Du die traurige Schulſtube hinter 24 Dir haſt und nicht mehr die Kleider der Koſtmädchen auszubeſſern brauchſt.“ „Du haſt wohl Recht, Lucie,“ entgegnete Maggie, „aber es ergeht mir, wie es meiner Vorſtellung nach wohl dem armen unſteten weißen Bären ergehen müßte, den ich in der Menggerie ſah. Ich dachte mir, die Gewohnheit des ewigen Vor⸗ und Rück⸗ wärtsgehens in dem engen Raum müſſe ihn ſo dumm gemacht haben, daß er nicht umhin könne, es fort⸗ zuſetzen, wenn man ihn auch frei ließe. Wenn man unglücklich iſt, ſo nimmt man üble Gewohnheiten an.“ „Du ſollſt es aber jetzt gut kriegen, und in die⸗ ſer Schule wirſt Du bald die üble Gewohnheit ab⸗ legen,“ entgegnete Lucie, zerſtreut den ſchwarzen Schmetterling an ihre eigene Bruſt ſteckend, während ihre Augen liebevoll auf Maggie hafteten. „O Du herziges kleines Weſen!“ rief Maggie in einem Ausbruch bewundernder Innigkeit,„Du biſt ſo ſelig in dem Glück Anderer, daß ich faſt glaube, Du könnteſt des eigenen entrathen. Wollte Gott, ich wäre wie Du.“ „Ich bin nie in dieſer Weiſe verſucht worden, ſondern immer glücklich geweſen,“ entgegnete Lucie. „Ich weiß nicht, ob ich viel Kummer ertragen könnte, und bin auch nur ein einziges Mal davon heimgeſucht worden, als meine arme Mamma ſtarb. Doch Du haſt viel durchgemacht, Maggie, und ich bin über⸗ zeugt, Du haſt für Deinen Nebenmenſchen ſo viel Mitgefühl, wie ich.“ „Nein, Lucie,“ ſagte Maggie, langſam den Kopf ſchüttelnd,„ich kann mich ihres Glückes nicht ſo er⸗ freuen, wie Du; denn ich müßte dann zufriedener 2⁵ ſein. Ich fühle für andere Leute, wenn ſie in Noth ſind, und könnte es wohl nicht über's Herz bringen, Jemand unglücklich zu machen; aber ich möchte mich oft ſelbſt haſſen, daß ich bisweilen ſo böſe werde, wenn ich Andere glücklich ſehe. Und dies verſchlim⸗ mert ſich leider mit den Jahren— ich werde ſelbſt⸗ ſüchtiger, und dies macht mir bitteren Kummer.“ „Maggie, ich glaube kein Wort von dem, was Du ſagſt,“ erwiederte Lucie im Ton des Verweiſes. „Dies iſt nur eine düſtere Einbildung— eine Folge Deines langweiligen, mühſeligen Lebens.“ „Möglich,“ ſagte Maggie, die, während ſie ſich im Seſſel zurücklehnte, die Wolken auf ihrem An⸗ tlitz durch ein klares Lächeln zu verſcheuchen ſuchte. „Vielleicht rührt es von der Penſionatskoſt her— wäſſeriger Reisbrei mit keinem andern Gewürz als Nelkenpfeffer. Hoffen wir, daß es beſſer wird bei den Törtchen meiner Mutter und bei dieſem köſtlichen Gottfried Crayon.“ Maggie nahm das„Skizzenbuch“ auf, das auf dem Tiſche lag. „Kann ich mich auch ſehen laſſen mit dieſer klei⸗ nen Broche?“ fragte Lucie, vor den Spiegel tretend, um ſich von der Wirkung dieſes Schmuckes zu über⸗ zeugen. „Oh nein; Mr. Gueſt läuft aus dem Zimmer, wenn er Dich darin ſieht. Tummle Dich, eine an⸗ dere vorzuſtecken.“ Lucie eilte aus dem Gemach; aber Maggie be⸗ nützte dieſe Gelegenheit nicht, um ihr Buch zu öff⸗ nen, ſondern ließ es auf ihre Kniee fallen. Ihre Augen wanderten nach dem Fenſter, durch das ſie 27 abgewiſcht hatte, begann ſie in ihrem Buche zu blättern. „Ich weiß, Maggie, es gibt einen Genuß, dem auch Deine tiefſte Schwermuth nicht wird widerſtehen können,“ ſagte Lucie, die, ſobald ſie in das Zim⸗ mer getreten, zu ſprechen begann;„die Muſik näm⸗ lich, und wir wollen uns ihr in einer recht ſchwel⸗ geriſchen Weiſe hingeben. Du mußt Dein Klavier⸗ ſpielen wieder aufnehmen, denn Du weißt, ich konnte 5 Dir, als wir noch in Laceham waren, nie nach⸗ thun.“ „Du würdeſt gelacht haben, wenn Du geſehen hät⸗ teſt, wie ich den kleinen Mädchen, wenn ich ihre Uebun⸗ gen leiten ſollte, wieder und wieder Arien vorſpielte,“ entgegnete Maggie,„nur um meine Finger wieder an den lieben Taſten zu verſuchen. Aber ich weiß nicht, ob ich jetzt noch etwas Schwereres ſpielen kann, als:„‚Hinweg, du bange Sorge!““ „Ich weiß, in welches Entzücken Du zu gerathen pflegteſt, wenn die Chorſänger ihren Umgang hiel⸗ ten,“ ſagte Lucie, ihre Stickerei wieder aufnehmend, „und wir könnten alle die alten Lieder wieder vor⸗ nehmen, wenn ich wüßte, daß Du in einigen Din⸗ gen nicht den Sinn Deines Bruders Tom theilſt.“ „Ich meine, davon könnteſt Du zum Voraus überzeugt ſein,“ entgegnete Maggie lächelnd. „Ich hätte lieber ſagen ſollen, über einen gewiſ⸗ ſen Punkt; denn wenn Du in dieſem gerade ſo fühlſt, wie er, ſo geht uns unſere dritte Stimme ab. St. Oggs iſt traurig arm an muſtikaliſchen Herrn, und außer Stephen und Philipp Wakem gibt es Niemand, 28 der genug Muſik verſteht, um eine Partie leidlich ſingen zu können.“ Lucie blickte während dieſer Worte von ihrer Arbeit auf und bemerkte, daß in Maggie's Geſicht eine Veränderung vorging. „Berührt Dich dieſer Name unangenehm, Maggie? enn dies der Fall iſt, will ich ihn nie wieder er⸗ wähnen. Ich weiß, Tom weicht ihm aus, wo er nur immer kann.“ „Ich bin über dieſen Punkt mit Tom nicht ein⸗ verſtanden,“ ſagte Maggie, indem ſie ſich von ihrem Sitz erhob und an das Fenſter trat, als wolle ſie ſich die Landſchaft beſſer betrachten.„Philipp Wakem hat mir immer gefallen, ſeit ich ein kleines Mäd⸗ chen war und ihn zu Lorton kennen lernte. Er war ſo freundlich gegen Tom, als dieſer ſeinen Fuß be⸗ ſchädigt hatte.“ „Oh, das freut mich!“ ſagte Lucie.„Dann haſt Du wohl nichts dagegen, wenn er bisweilen her⸗ kömmt, und es geht dann mit dem Muſiciren beſſer, als ohne ihn. Ich habe den armen Philipp ſehr gern, und möchte nur wünſchen, daß er nicht ſo merten Leib und ſein blaſſes Geſicht neben großen ſtarken Perſonen ſieht.“ „Aber, Lucie,“ fiel ihr Maggie in's Wort, um den Strom ihrer Plaudereien zu hemmen.... „Ah, das iſt die Hausthürklingel. Ohne Zwei⸗ fel Stephen,“ fuhr Lucie fort, ohne auf Maggie's kleinen Verſuch, ſelbſt auch zum Wort zu kommen, zu achten.„Es iſt ein beſonders ſchöner Zug von Stephen, daß er ſich mit Philipp mehr als irgend Jemand befreundet hat.“ Es war jetzt für Maggie zu ſpät, zu ſprechen. Die Thüre des Beſuchzimmers ging auf und Min⸗ nie ſignaliſirte durch ſein Discantgebell einen großen Herrn, der auf Lucie zuging und mit halb höflichem, halb zärtlichem Blick ihre Hand ergriff, als nähme er nichts wahr von der Anweſenheit einer dritten Perſon. „Erlauben Sie mir, Sie meiner Couſine Miß Tulliver vorzuſtellen,“ ſagte Lucie, mit boshafter Freude ſich gegen Maggie wendend, die jetzt von dem Fenſter zurücktrat.„Dies iſt Mr. Stephen Gueſt.“ Stephen vermochte im erſten Moment ſeine Ueber⸗ raſchung bei dem Anblick der großen, ſchwarzaugigen Nymphe mit der rabenſchwarzen Haarkrone nicht zu verbergen, und im nächſten fühlte Maggie zum er⸗ ſten Mal in ihrem Leben, daß ihr der Zoll eines ſehr hohen Erröthens und einer ſehr tiefen Verbeu⸗ gung von einer Perſon zu Theil wurde, der ſie ſelbſt in ſchüchterner Befangenheit gegenüberſtand. Dieſe neue Erfahrung war ihr ſehr angenehm— ſo angenehm, daß ſie faſt die frühere Aufregung wegen Philipps austilgte. Ihr Auge glänzte, und ein anſtändiges Roth überflog ihre Wangen, als ſie ſich niederſetzte. 3 „Ich hoffe, Sie bemerken die treffende Aehnlich⸗ keit des Porträts, das Sie vorgeſtern entworfen haben,“ ſagte Lucie mit ſilberhellem triumphirendem 30 Lachen. Die Verwirrung ihres Verehrers machte ihr um ſo mehr Vergnügen, da der Vortheil ge⸗ wöhnlich auf ſeiner Seite war. „Ihre boshafte Couſine hat mich angeführt, Miß Tulliver,“ ſagte Stephen, indem er neben Lucien Platz nahm und ſich niederbeugte, um mit Minnie zu ſpielen, dabei aber gelegentlich verſtohlene Blicke nach Maggie hinwarf.„Sie ſagte mir, Sie hätten blondes Haar und blaue Augen.“ „Nein, das haben Sie geſagt,“ entgegnete Lucie. „Ich habe mich nur enthalten, Ihnen das Vertrauen zu Ihrem zweiten Geſicht zu benehmen.“ „Ich wollte, ich könnte immer in derſelben Weiſe irren,“ erwiederte Stephen,„und die Wirklichkeit ſchöner finden, als meine Muthmaßungen.“ „Sie wiſſen ſich doch gleich zurecht zu finden und das zu ſagen, was Ihnen den Umſtänden nach ob⸗ liegt,“ bemerkte Maggie. 8 Sie warf ihm einen etwas trotzigen Blick zu, denn es war klar, daß er von ihr zum Voraus ein ſatyriſches Porträt entworfen hatte. Wie ſie von Lucie gehört, war er etwas ſpöttiſch—„und etwas dünkelvoll obendrein,“ fügte ſie in ihrem Innern bei. „Die hat den Teufel im Leib,“ war Stephens erſter Gedanke. Der zweite, als ſie ſich wieder über ihre Arbeit hinbeugte, betraf den Wunſch, daß ſie wieder ihre Blicke ihm zuwenden möchte. Zunächſt lag ihm jedoch ob, zu antworten. „„Ich denke, alle Phraſen bloßen Compliments treffen gelegentlich auch die Wahrheit. Man meint es gewiß häufig genug im Ernſt, wenn man ſagt: zich danke. Es iſt dann freilich unbequem, daß man 31 ſich derſelben Worte bedienen muß, mit denen alle Welt eine unangenehme Einladung abzulehnen pflegt — ſind Sie nicht auch dieſer Meinung, Miß Tul⸗ liver?“ „Nein,“ verſetzte Maggie, ihm gerade in's Ge⸗ ſicht ſehend.„Wenn wir bei würdigeren Anläſſen uns gewöhnlicher Worte bedienen, ſo ſprechen ſie nur um ſo mehr an, weil man ſogleich ihre beſondere Be⸗ deutung herausfühlt; ſie kommen mir vor wie alte Banner oder Werktagskleider, die an einem heiligen Platz aufgehangen ſind.“ „Dann ſollte mein Compliment um ſo beredter erſcheinen,“ ſagte Stephen, der unter Maggie's Blicken nicht recht wußte, was er ſagte,„ſofern die Worte weit unter dem Anlaß ſtehen.“ „Kein Compliment kann beredt ſein, wenn man es nicht etwa als einen beredten Ausdruck der Gleich⸗ giltigkeit anſehen will,“ entgegnete Maggie, ein wenig erröthend. Lucie wurde unruhig; denn ſie fürchtete in dieſem Wortwechſel die Einleitung zu einer gegenſeitigen Abneigung zwiſchen Stephen und Maggie. Es war ihr immer bange davor geweſen, ihr Bäschen möchte dieſem kritiſchen Herrn als zu eigen und zu altklug erſcheinen. „Ach, liebe Maggie,“ legte ſie ſich in's Mittel, „Du machſt Dir immer den Vorwurf, Du liebeſt es allzu ſehr, bewundert zu werden, und nun thuſt Du ſo böſe, da Dir Jemand Verehrung erweist.“ „Durchaus nicht,“ verſetzte Maggie.„Ich habe es recht gern, wenn man Etwas an mir bewundert; aber Complimente ſind etwas ganz Anderes.“ 32 „Ich werde Ihnen nie wieder ein Compliment machen,“ ſagte Stephen. „Ich danke; ich werde es als einen Beweis der Achtung anſehen.“ Die arme Maggie! Sie war ſo wenig an Ge⸗ ſellſchaft gewöhnt, daß ſie nichts obenhin nehmen konnte, und da ſie ihr ganzes Leben über nie blos mit den Lippen geſprochen hatte, ſo mußte ſie bei ihrer Empfindlichkeit, die ſie ſelbſt bei den gewöhn⸗ lichſten Dingen an den Tag zu legen pflegte, den erfahreneren Damen ſehr abgeſchmackt erſcheinen. Im vorliegenden Fall kam ſie ſich freilich ſelbſt ein wenig abgeſchmackt vor. Allerdings waren ihr in der Theorie die Complimente ſehr zuwider, und ſie hatte ſich einmal gegen Philipp ungeduldig dahin geäußert, ſie könne ebenſo wenig einſehen, warum man den Frauenzimmern vorzulöffeln pflege, daß ſie ſchön ſeien, als wenn man an alten Leuten ihr ehr⸗ würdiges Ausſehen hervorhebe; aber es war doch unvernünftig von ihr, daß ſie einem Fremden wie Stephen Gueſt gegenüber wegen eines gewöhnlichen Brauchs ſich ſo gereizt zeigte, oder daß ſie einen Menſchen, der ſie nie geſehen, eine geringſchätzige Aeußerung über ſie übel nahm, und ſobald ſie ausgeſprochen hatte, begann ſie ſich vor ſich ſelbſt zu ſchämen. Es fiel ihr nicht ein, daß ihre Empfind⸗ lichkeit in der vorausgehenden angenehmeren Er⸗ regung ihren Grund hatte, wie es uns zum Beiſpiel ſehr unangenehm berührt, wenn wir in einem Ge⸗ fühl recht behaglicher Wärme plötzlich von einem un⸗ ſchuldigen Tropfen kalten Waſſers getroffen werden. Stephen war zu gebildet, um nicht zu fühlen, 33 daß ein Beharren auf dem gleichen Thema nur zu Verlegenheiten führen würde; er begann daher von anderen Dingen zu ſprechen, indem er Lucie fragte, ob ſie nicht wiſſe, wenn der Bazar einmal ſtattfin⸗ den werde; er hoffe dann den Regen ihrer Blicke auf angenehmere Gegenſtände niederfallen zu ſehen, als auf die wollenen Blumen, die unter ihren Fin⸗ gern hervorwüchſen. „Im nächſten Monat, glaube ich,“ lautete Lu⸗ ciens Antwort.„Aber Ihre Schweſtern arbeiten weit mehr, als ich; ſie werden die größte Bude haben.“ „Oh, freilich; ſie nehmen übrigens ihre Arbeiten in ihr Zimmer mit, wo ich ihnen nicht läſtig falle. Ich ſehe, Sie ſind nicht mit der Modethorheit der ſogenannten feinen weiblichen Arbeiten behaftet, Miß Tulliver,“ ſagte Stephen mit Beziehung auf die ein⸗ fache Weißnätherei, mit der ſich Maggie eben zu thun machte. „Nein,“ verſetzte Maggie.„Ein Hemd zu ma⸗ chen iſt das Schwierigſte und Eleganteſte, auf das ich mich verſtehe.“ „Aber Dein Weißnähen iſt ſo ſchön, Ma gie,“ ſagte Lucie,„daß ich mir von Dir ein Paar röb⸗ chen ausbitten werde, um ſie als feine Damenarbeit vorzeigen zu können. Es iſt mir ein wahres Ge⸗ heimniß, wie Du's nur angreifſt— Du hatteſt doch früher eine Abneigung gegen alle derartigen Geſchäfte.“ „Das Geheimniß iſt leicht erklärt, meine Liebe,“ entgegnete Maggie, ruhig aufſchauend.„Ich konnte mir nur durch Weißnähen Geld verdienen, und ſo Eliot, Die Mühle am Floß. III. 3 34 mußte ich mir eben Mühe geben, die Sache recht zu machen.“ Bei aller Herzensgüte und Einfachheit konnte Lucie nicht umhin, ein wenig zu erröthen, denn es war ihr nicht lieb, daß Stephen dies erfuhr— Maggie hätte nicht nöthig gehabt, davon zu ſprechen. Vielleicht lag ein gewiſſer Stolz in dem Bekenntniß — der Stolz des Armen, der in ſeiner Armuth kei⸗ nen Grund zur Scham fühlt. Aber wenn Maggie die Königin aller Koketten geweſen wäre, ſo hätte ſie kaum ein zweckmäßigeres Mittel aufzufinden ver⸗ mocht, um ihrer Schönheit in Stephens Augen einen größeren Reiz zu verleihen. Ich glaube allerdings nicht, daß das Zugeſtändniß des Weißnähens und der Armuth dafür ausgereicht hätte, aber unter der Mitwirkung der Schönheit zeichnete es Maggie nur um ſo vortheilhafter vor anderen Frauenzimmern aus. „Aber ich kann ſtricken, Lucie, wenn dies für euren Bazar von Nutzen ſein wird,“ fuhr Mag⸗ gie fort. 3 „O ja, von ſehr großem. Ich will Dich gleich morgen dazu mit Scharlachwolle verſehen. Aber Ihre Schweſter iſt eine ſehr beneidenswerthe Perſon,“ fügte Lucie gegen Stephen bei,„daß ſie ſo viel Talent für's Modelliren hat. Sie macht eine wun⸗ dervolle Büſte von Dr. Kenn ganz aus dem Ge⸗ dächtniß.“ „Je nun, wenn ſie ſich gemerkt hat, daß ſie die Augen ſehr nahe zuſammenſtellen und die Mund⸗ winkel ſehr weit auseinander ziehen muß, ſo kann die Porträtähnlichkeit für alle Bewohner von St. Oggs nicht anders als treffend ſein.“ 3⁵ „Ei, Sie boshafter Menſch,“ verſetzte Lucie und machte eine etwas beleidigte Miene.„Ich hätte Ihnen nicht zugetraut, daß Sie achtungswidrig von Dr. Kenn ſprechen würden.“ „Habe ich etwas Achtungswidriges gegen ihn geäußert? Gott behüte! Aber ich bin nicht ver⸗ pflichtet, eine verläumderiſche Büſte von ihm zu reſpectiren. Ich halte den Doctor für einen der ſchönſten Männer von der Welt. Die hohen Leuch⸗ ter, die er auf den Communiontiſch hat auſſtellen laſſen, gehen mich nichts an; auch mag ich mir nicht damit meine gute Laune verderben, daß ich alle Tage zum Frühgottesdienſt aufſtehe. Aber von allen mir bekannten Geiſtlichen iſt er der Einzige, der mir etwas von einem wahren Apoſtel an ſich zu haben ſcheint— ein Mann, der ſeine achthundert Pfund jährliches Einkommen bezieht und ſich mit tannenen Möbeln und Rindfleiſch begnügt, weil er zwei Dritttheile ſeines Gehalts verſchenkt. Es war ein ſehr ſchöner Zug von ihm, daß er den armen Jungen, den Grattan, welcher zufällig ſeine Mutter erſchoſſen hatte, zu ſich in's Haus nahm. Um zu verhindern, daß der Kummer des armen Schelms nicht in eine Geiſteskrankheit übergehe, opfert er ihm mehr Zeit auf, als ſelbſt ein weniger be⸗ ſchäftigter Mann aufzuwenden vermöchte. Wie ich ſehe, nimmt er den Knaben überall mit ſich hin.“ „Das iſt ſchön,“ ſagte Maggie, die in ihrem lebhaften Intereſſe fuͤr die Erzählung ihre Arbeit hatte fallen laſſen.„Ich habe nie Jemand gekannt, der ſo edel gehandelt hätte.“ „Und man bewundert dieſe That an dem 3* 36 Doctor um ſo mehr,“ fuhr Stephen fort,„da er ſonſt in ſeinem Benehmen etwas kalt und ſtrenge iſt. Er hat nichts Nebeliges und Mareipaniges an ſich.“ „Oh! er iſt ein vollkommener Character!“ rief Lucie mit ſchöner Begeiſterung. „Nein, dazu kann ich nicht Ja ſagen,“ verſetzte Stephen, mit ſarcaſtiſcher Gravität den Kopf ſchüt⸗ telnd. „Was haben Sie an ihm auszuſetzen?“ „Er iſt ein Anglicaner.“ „Nun, und iſt dies nicht die richtige Lehre?“ entgegnete Lucie ernſt. „Das hieße die Frage zu abſtract und nicht vom parlamentariſchen Geſichtspunkt aus erledigen,“ ſagte Stephen.„Er hat die Diſſenters und die Hochkirchler hinter einander gehetzt, und ein Senator in der Hoffnung, wie ich, deſſen Dienſte dem Land ſo hoch von Nöthen ſind, wird dieſen Umſtand ſehr unbequem finden, wenn er ſich um die Ehre bewirbt, St. Oggs im Parlament zu vertreten.“ „Haben Sie dies wirklich im Sinne?“ entgeg⸗ nete Lucie, und ihre Augen glänzten von ſtolzer Freude, in der ſie die Controverſe für die Anglicaner ganz vergaß. „Gewiß, ſobald einmal die öffentliche Meinung und die Gicht den alten Mr. Leyburn zum Zurück⸗ tritt zwingen. Mein Vater hat ſich dies einmal in den Kopf geſetzt, und Sie wiſſen, Gaben, wie die meinigen“— Stephen warf ſich in die Bruſt und ſtreichelte ſich in ſcherzhafter Selbſtbewunderung mit ſeinen großen weißen Händen das Haar—„Gaben, 1 — 37 wie die meinigen, legen auch große Verpflichtungen auf. Sind Sie nicht auch dieſer Anſicht, Miß Tulliver?“ „Ja,“ verſetzte Maggie lächelnd, aber ohne auf⸗ zuſchauen;„eine ſolche Redefertigkeit und ein ſolches Selbſtgefühl ſollten nicht bloß ſich in Privatangelegen⸗ heiten verzehren.“ 1 „Ah, Sie beſitzen einen ſcharfen Blick und haben ſchon herausgefunden, daß ich ein geſchwätziger, unverſchämter Burſche bin,“ ſagte Stephen.„Je⸗ nun, oberflächliche Leute merken das nicht— ver⸗ muthlich iſt mein äußerer Anſtand daran Schuld.“ „Sie ſieht mich nicht an, wenn ich von mir ſelbſt ſpreche,“ dachte er, während ſeine Zuhöre⸗ rinnen lachten.„Ich muß es mit etwas Anderem verſuchen.“ Ob Lucie beabſichtige, in der nächſten Woche der Verſammlung des Bücherclubs anzuwohnen, lautete die nächſte Frage. Dann folgte die Empfeh⸗ lung,„Cowpers Leben von Southey“ zu wählen, wenn ſie nicht etwa Luſt habe, die Philoſophin zu ſpielen und die Damen von Oggs durch den Vor⸗ ſchlag zu erſchrecken, eine von den Bridgewater⸗Ab⸗ handlungen anzuſchaffen. Natürlich wünſchte Lucie zu wiſſen, was an dieſen erſtaunlich gelehrten Büchern ſei, und da es immer angenehm iſt, den Geiſt von Damen dadurch zu bilden, daß man geläufig mit ihnen über Gegenſtände ſpricht, von denen ſie nichts verſtehen, ſo erging ſich Stephen in einem ſchwung⸗ haften Bericht über Bucklands„Urwelt und ihre Wunder,“ ein Buch, das er erſt kürzlich geleſen hatte. Er wurde dafür durch die Wahrnehmung 38 belohnt, daß Maggie ihre Arbeit ruhen ließ und ſich allmälig in ſeinen geologiſchen Vortrag vertiefte; ſie lehnte ſich mit gekreuzten Armen vorwärts und hörte ihm mit einer Andacht zu, als wäre er der ſchnupfnaſigſte von allen alten Profeſſoren und ſie der milchbärtigſte von ſeinen Schülern geweſen. Der klare, offene Blick bezauberte ihn dermaßen, daß er endlich vergaß, gelegentlich von ihr weg und auf Lucie zu ſchauen; in dem lieben Kind aber weckte dies kein anderes Gefühl, als das der Freude, denn Stephen bewies jetzt Maggie, welch ein guter Kopf er war, und es ſtand zu hoffen, daß ſie ge⸗ wiß noch gute Freunde wurden. „Wenn Sie es wünſchen, ſo will ich Ihnen das Buch bringen, Miß Tulliver,“ ſagte Stephen, als er bemerkte, daß der Strom ſeiner Erinnerungen etwas ſeicht zu rinnen begann.„Es ſind viele Abbil⸗ dungen darin, die vielleicht ein Intereſſe für Sie haben.“ „Oh, ich danke Ihnen,“ ſagte Maggie erröthend, als ſie durch die unmittelbare Anſprache aus ihrem Sichſelbſtvergeſſen geweckt wurde, und nahm ihre Arbeit wieder auf. „Nein, nein,“ nahm Lucie abwehrend das Wort. „Ich muß mir's verbitten, daß Sie Maggie mit Büchern berücken. Ich bringe ſie dann nicht mehr davon weg, und ſie ſoll mir angenehme Feiertage haben, angefüllt mit Kutſchen⸗ und Waſſerfahrten, Plaudern und Ausritten. Sie braucht eine ſolche Erholung.“ „Da könnten wir es ja gleich mit einer Fluß⸗ fahrt verſuchen,“ entgegnete Stephen, auf ſeine Uhr 39 ſehend.„Die Fluth iſt gerade günſtig, um nach Toſton zu kommen, und den Rückweg könnten wir zu Fuß machen.“ Dies war für Maggie, die ſeit Jahren in keinen Nachen mehr gekommen war, ein entzückender Vor⸗ ſchlag. Als ſie ſich entfernte, um ihren Hut zu holen, blieb Lucie zurück, um dem Dienſtmädchen noch einen Auftrag zu geben; auch benützte ſie dieſe Gelegenheit, Stephen mitzutheilen, daß Maggie gegen Philipps Beſuche nichts einzuwenden habe. Sie bedauerte die Abſage in ihrem vorgeſtrigen Billet, wollte ihm aber morgen in einem zweiten eine Ein⸗ ladung zugehen laſſen. „Ich will zu ihm gehen und ihn auf morgen herbeſtellen,“ ſagte Stephen.„Oder darf ich ihn nicht ſchon heute Abend mitbringen? Meine Schweſtern werden Sie beſuchen wollen, wenn ich ihnen mittheile, daß Ihre Couſine angekommen iſt. Man muß ihnen dann morgen das Feld frei laſſen.“ „O ja, ich bitte, bringen Sie ihn mit,“ verſetzte Lucie.„Und nicht wahr, Sie werden Maggie gern haben?“ fügte ſie in bittendem Tone bei.„Iſt ſie nicht ein liebes Weſen und von ſo edler Geſtalt?“ „Zu groß,“ entgegnete Stephen, zu ihr nieder⸗ lächelnd,„und ein bischen zu feurig. Sie wiſſen, dies iſt kein Frauenzimmerſchlag nach meinem Ge⸗ ſchmack.“ Junge Herren ſind bekanntlich nur zu geneigt, gegen Damen dergleichen unkluge, vertrauliche Kund⸗ gebungen ihrer ungünſtigen Meinung über andere Frauenzimmer laut werden zu laſſen. Dies iſt der 41 ſtens unter Umſtänden, wie die gegenwärtigen. Und es war wirklich etwas ſehr Intereſſantes an dieſem Mädchen mit ihrer Armuth und mit ihren kummer⸗ vollen Erlebniſſen, wie denn auch die Freundſchaft der beiden Couſinen einen äußerſt angenehmen Ein⸗ druck machen mußte. Im Allgemeinen gab zwar Stephen zu, daß er keine Vorliebe habe für Frauen⸗ zimmer mit beſonderen Charaktereigenthümlichkeiten; aber im vorliegenden Falle ſchienen ſie wirklich über⸗ legener Art zu ſein, und vorausgeſetzt, daß man nicht gezwungen war, ſolche Damen zu heirathen, ſo brach⸗ ten ſie jedenfalls Abwechslung in den geſellſchaftlichen Verkehr. Maggie erfüllte Stephens Hoffnung, das Anſehen betreffend, in der erſten Viertelſtunde nicht; ihre Augen waren zu ſehr mit den wohlbekannten alten Ufern beſchäftigt. Sie fühlte ſich einſam, von Phi⸗ lipp abgeſchnitten, der doch die einzige Perſon war, welche ſie ſo innig zu lieben ſchien, als ſie ſtets ge⸗ liebt zu werden ſich gewünſcht hatte. Aber bald feſſelte die rhythmiſche Bewegung des Ruders ihre Aufmerkſamkeit, und ſie hätte wohl gerne rudern lernen mögen. Dies weckte ſie aus ihrer Träumerei, und ſie fragte, ob ſie nicht auch Hand anlegen könne. Augenſcheinlich ging dies nicht ſo leicht und ſie wurde ehrgeizig. Die Anſtrengung trieb ihr das warme Blut nach den Wangen und machte ſie geneigt, die Unterweiſung in heiterer Stimmung hinzunehmen. „Ich werde mich nicht zufrieden geben, bis ich beide Ruder bewältigen und Sie und Lucie davon⸗ führen kann,“ ſagte ſie mit ſtrahlendem Geſicht, als ſie aus dem Nachen ſtieg. 42 hatte für ihre Bemerkung einen ſehr ungünſtigen Augenblick gewählt. Ihr Fuß glitt aus; zum Glück aber hatte Mr. Stephen Gueſt ihre Hand gefaßt und hielt ſie mit feſtem Griffe aufrecht. „Sie haben doch hoffentlich keinen Schaden ge⸗ nommen?“ fragte er, mit einem beſorgten Blick ihr in's Geſicht ſehend. Es iſt etwas Entzückendes, wenn Jemand, der größer und ſtärker iſt als wir, in einer ſo freund⸗ lichen, anmuthigen Weiſe für uns Sorge trägt. Maggie hatte dies früher nie in einer ähnlichen Weiſe gefühlt. Als ſie zu Hauſe anlangten, fanden ſie Onkel und Tante Pullet bei Mrs. Tulliver im Beſuchzim⸗ mer. Stephen eilte von hinnen, nachdem er zuvor um die Erlaubniß gebeten hatte, am Abend wieder kommen zu dürfen. „Und vergeſſen Sie nicht, das Heft von Purcell mitzubringen, das Sie mitgenommen haben,“ ſagte Lucie.„Ich wünſche, daß Maggie Ihre beſten Arien zu hören kriegt.“ Tante Pullet, welche nicht daran zweifelte, Mag⸗ kam, die Familie in Mißkredit bringen konnte. Da mußte ſchnelle und durchgreifende Abhilfe geleiſtet werden. Es kam ſofort zu einer Berathung über das, was von Mrs. Pullets überflüſſiger Garderobe 43 am beſten dieſem Zweck entſprach, und Lucie ſowohl, als Mrs. Tulliver ließen ſich mit großem Eifer auf dieſelbe ein. Maggie mußte in der That ſo bald als möglich einen Abendanzug haben, und ſie war mit Tante Pullet ſo ziemlich von gleicher Größe. „Aber um die Schultern iſt ſie viel breiter als ich— wie ungeſchickt,“ bemerkte Mrs. Pullet:„ſonſt könnte ſie mein ſchönes ſchwarzes Brocatkleid ohne alle Veränderung tragen. Und ihre Arme“— fügte die Dame bekümmert bei, indem ſie Maggie's ſtarken runden Arm erhob—„ſie kömmt nie in meine Aermel hinein.“ „Oh, ſorgen Sie nicht, Tante— ſchicken Sie nur das Kleid her,“ ſagte Lucie.„Maggie braucht keine langen Aermel, und ich habe eine Menge ſchwar⸗ zer Spitzen zum Beſatz. Ihre Arme werden ſich dann ſchön ausnehmen.“ „Maggie hat ſchöne Arme,“ meinte Mrs. Tulliver. „Sie ſind gerade ſo, wie die meinigen waren; nur hatten ſie keine ſo braune Farbe. Ich wollte, ſie hätte die Haut der Familie.“ „Poſſen, Tante!“ ſagte Lucie, Mrs. Tulliver auf die Schulter pätſchelnd.„Sie verſtehen nichts von dieſen Dingen. Ein Maler würde Maggie's Teint für ſchön erklären.“ „Mag ſein, liebes Kind,“ verſetzte Mrs. Tulliver ergebungsvoll.„Du mußt dies beſſer verſtehen, als ich; aber in meiner Jugend war bei den achtbaren Leuten eine braune Haut nicht wohl angeſchrieben.“ „Nein,“ ſagte Onkel Pullet, der während der Bearbeitung ſeiner Bruſtzeltchen ein großes Intereſſe an der Damenunterhaltung nahm;„obſchon es ein 44 Lied gab von dem nußbraunen Mädchen. Ich kann mich nicht mehr recht erinnern, aber ich glaube, es handelte von einem verrückten Geſchöpf— der ver⸗ rückten Käte.“ „Ach du mein Himmel,“ fiel Maggie ungeduldig, aber mit Lachen ein,„ſo weit wird man auch mich noch mit meiner braunen Haut bringen, wenn man immer ſo viel von ihr ſpricht.“ Drittes Kapitel. Vertrauliche Augenblicke. Als Maggie ſelbige Nacht in ihrem Schlafzimmer anlangte, war es ihr gar nicht um's Auskleiden zu Tiſch und begann in dem ſehr geräumigen Gemach mit feſtem, regelmäßigem und etwas ſchnellem Schritt, welcher bekundete, daß ſie durch dieſe Leibesübung ein ſchönes Lied gehört, geſungen von einer ſchönen Baßſtimme— freilich nur in provincieller Dilettan⸗ tenweiſe, ſo daß ein kritiſches Ohr viel daran aus⸗ 45 zuſetzen gehabt haben würde. Und ſie war ſich fer⸗ ner bewußt, unter ein Paar wohlmarkirten horizon⸗ talen Augenbrauen hervor viel in etwas verſtohlener Weiſe angeſehen worden zu ſein mit einem Blick, der irgend wie etwas von dem vibrirenmachenden Ein⸗ fluß der Stimme abgefangen zu haben ſchien. Solche Dinge waren allerdings nicht geeignet, einen merk⸗ lichen Eindruck hervorzubringen auf eine durchaus wohlerzogene junge Dame, deren Geiſt ſich in voll⸗ kommenem Gleichgewicht befand und der alle Vor⸗ theile des Vermögens, der Bildung und der guten Geſellſchaft zu Gebot ſtanden. Aber wenn Maggie eine ſolche Dame geweſen wäre, würde der geneigte Leſer wahrſcheinlich nie etwas von ihr erfahren haben. Das Leben wäre ihr dann mit ſo wenig Abwechs⸗ lungen verronnen, daß man kaum etwas davon hätte erzählen können. Die glücklichſten Frauen wie die glücklichſten Völker haben keine Geſchichte. In dem hochgeſpannten ſehnſüchtigen Weſen der armen Maggie, die eben von einem Schulzimmer dritten Rangs mit allen ſeinen ſchrillen Tönen und ſeiner kleinen Reihe von Geſchäften herkam, übten dieſe augenſcheinlich geringfügigen Urſachen die Wir⸗ kung, die Phantaſie in einer Weiſe anzuregen und zu beſchäftigen, die dem Mädchen ſelbſt geheimnißvoll erſchien. Nicht daß ſie mit Beſtimmtheit an Mr. Stephen Gueſt gedacht oder bei den Anzeigen ver⸗ weilt hätte, aus denen ſich auf Bewunderung ſchließen ließ; ſie fühlte vielmehr die halbentfernte Gegenwart einer Welt von Liebe, Schönheit und Wonne, zu⸗ ſammengeſetzt aus unbeſtimmten Bildern, die zum Theil ihrer Dichter⸗ und Romanenlectüre, zum Theil 46 ihren eigenen Tagträumen entnommen waren. Wohl blickte ihr Geiſt ein paarmal auf die Zeit ihrer Ent⸗ ſagung zurück, als ſie all' ihr Sehnen, alle ihre Un⸗ geduld erſtickt wähnte; aber jener Zuſtand ſchien ihr unwiderruflich vorüber zu ſein, und ſie erſchrack ſo⸗ gar vor der Erinnerung daran. Kein Gebet, kein Ringen konnte ihr jetzt jenen negativen Frieden zu⸗ rückbringen; es ſchien, als ſolle der Kampf ihres Lebens nicht in dieſer kurzen und leichten Weiſe, durch einen ergebungsvollen Verzicht ſchon an der Schwelle ihrer Jugend, zu Ende kommen. Der Ge⸗ ſang zitterte noch immer in ihr nach— eine Purcell⸗ ſche Arie mit ihrer wilden Poeſie und Leidenſchaft⸗ lichkeit— und ſie konnte nicht verweilen bei dem Gedanken an jene kahle, einſame Vergangenheit. Sie befand ſich wieder in ihrer ſchöneren, luſtigeren Welt, als es leiſe an ihre Thüre klopfte. Es war natür⸗ lich ihre Couſine, die in einem weiten, weißen Haus⸗ kleid eintrat.. „Ci, Maggie, Du böſes Kind— Du haſt noch nicht einmal angefangen, Dich zu entkleiden?“ rief Lucie erſtaunt.„Ich habe Dir nicht verſprochen, zu kommen und mit Dir zu plaudern, weil ich dachte, Du müſſeſt müde ſein. Aber da biſt Du und ſiehſt aus, als ſeieſt Du im Begriff, Dich für einen Ball herauszuputzen. Komm, zieh' Dein Nachtkleid an; ich will Dir das Haar aufflechten.“ 4 „Nun, Du haſt auch nicht ſehr geeilt,“ verſetzte Maggie, haſtig nach ihrem roſenrothen Kattunkleid langend und dabei auf Luciens blonde Locken ſehend, die etwas wirr zurückgekämmt waren.. „Oh, ich habe nicht mehr viel zu thun. Ich 47 will daher bei Dir aufbleiben und mit Dir plaudern, bis ich ſehe, daß Du wirklich im Begriff biſt, Dich niederzulegen.“ Während Maggie daſtand und über ihrem roſen⸗ rothen Bettgewand ihr langes ſchwarzes Haar auf⸗ flocht, nahm Lucie in der Nähe des Ankleidetiſches Platz und ſah ihrer Couſine mit liebevollen Blicken zu; ſie hatte den Kopf etwas zur Seite geneigt und nahm ſich dabei wie ein hübſches Wachtelhündchen aus. Wenn es als unglaublich erſcheint, daß junge Damen in einer ſolchen Lage noch vertrauliche Ge⸗ ſpräche führen, ſo erlaube ich mir, daran zu erinnern, daß das menſchliche Leben allerlei Ausnahmsfälle zuläßt. „Die Muſik hat Dir doch dieſen Abend wirklich Freude gemacht, Maggie?“ „Oh ja, und eben deßhalb kann ich nicht zum Schlafen kommen. Ich meine, ich würde auf Erden gar nichts mehr brauchen, wenn ich nur immer ge⸗ nug Muſik haben könnte; ſie ſcheint mir Kraft in die Glieder und Ideen in's Gehirn zu gießen. Bin ich mit Muſik erfüllt, ſo glaube ich ohne Mühe durch's Leben kommen zu können, während es mir zu an⸗ deren Zeiten immer iſt, als drücke es wie eine ſchwere Laſt auf mich.“ „Und Stephen hat eine ſo herrliche Stimme.“ „Nun, vielleicht verſtehen wir dies nicht recht,“ ſagte Maggie lachend, indem ſie ſich niederſetzte und ihr langes Haar zurückſchüttelte.„Du biſt nicht un⸗ parteiiſch, und mir kömmt jede Drehorgel als herr⸗ lich vor.“ „Aber ſag' mir jetzt, was Du von ihm hältſt — ohne Rückhalt— Gutes ſowohl als Schlimmes.“ „Oh, ich denke, Du ſollteſt ihn ein wenig in der Demuth erhalten. Ein Liebhaber ſollte ſich nicht ſo unbekümmert gehen laſſen und nicht ſo zuverſicht⸗ lich ſein. Er müßte mir mehr zittern.“ „Unſinn, Maggie! Als ob Jemand vor mir zittern könnte! Ich ſehe, Du hältſt ihn für einge⸗ bildet. Aber er iſt Dir doch nicht zuwider?“ „Zuwider? nein. Bin ich daran gewöhnt, ſolche bezaubernde Perſonen zu ſehen, um ſo ſchwer zu befriedigen zu ſein? Außerdem muß ich ja wohl ein Intereſſe für einen Mann haben, der Dich, mein liebes Weſen, glücklich zu machen in Ausſicht nimmt.“ Und Maggie kneipte Lucie in ihr Grübchenkinn. „Wir wollen uns morgen Abend wieder mit Muſik und Geſang unterhalten,“ ſagte Lucie in glücklichem Vorgenuß.„Stephen wird Philipp Wa⸗ kem mitbringen.“ „Oh, Lucie, ich darf nicht mit ihm zuſammen⸗ kommen,“ ſagte Maggie erblaſſend—„wenigſtens nicht ohne Toms Erlaubniß.“ „Wie, iſt Tom ein ſolcher Tyrann?“ verſetzte Lucie überraſcht.„Dann nehme ich die Verantwort⸗ lichkeit auf mich und ſage, ich ſei daran Schuld geweſen.“ „Aber, meine Liebe,“ entgegnete Maggie ſtot⸗ ternd,„ich habe Tom auf' Feierlichſte geloben müſ⸗ ſen— es war vor meines Vaters Tod— ich ver⸗ ſprach ihm, nicht mit Philipp zu reden ohne ſein Vorwiſſen und ſeine Zuſtimmung. Und ich fürchte mich ſehr, die Sache gegen Tom zur Sprache zu 49 bringen— es könnte wieder zu einem Streit kommen.“ „Wer hat auch je etwas ſo Seltſames und Un⸗ vernünftiges gehört! Und was ſollte wohl der arme Philipp verbrochen haben? Darf ich mit Tom darüber ſprechen?“ „Oh nein, ich bitte, thu' es nicht, meine Liebe,“ entgegnete Maggie.„Ich will ſelbſt morgen zu ihm gehen und ihm ſagen, es ſei Dein Wunſch, daß Philipp komme. Es iſt mir wohl ſchon früher in den Sinn gekommen, ihn zu bitten, daß er mich meines Verſprechens entbinde; aber ich habe bisher nicht den Muth dazu gewinnen können.“— Sie blieben eine Weile ſtumm; dann nahm Lucie das Geſpräch wieder auf. „Maggie,“ ſagte ſie,„Du haſt Geheimniſſe vor mir, während vor Dir mein Herz offen daliegt.“ Maggie blickte gedankenvoll von Lucien weg; dann wandte ſie ſich ihr wieder zu und ſagte: „Ich möchte Dir wohl von Philipp erzählen. Aber Du darſſt, was ich Dir ſage, Niemand ver⸗ rathen, Lucie, am allerwenigſten Philipp ſelbſt oder Mr. Stephen Gueſt.“ Die Erzählung dauerte lange, denn Maggie hatte ſich nie zuvor des Troſts erfreut, ihr Herz ausſchüt⸗ ten zu können. Ihr innerſtes Leben war vor Lucien ſtets verſchloſſen geweſen; letztere hörte deßhalb, ihr holdes Antlitz der Freundin zugekehrt, mit großer Theilnahme zu, und ihre kleine Hand drückte die ihrer Couſine, ſie zum Fortfahren ermuthigend. Nur über zwei Punkte hielt Maggie an ſich. Sie ver⸗ Eliot, Die Mühle am Floß. III. 4 rieth nicht in voller Ausdehnung die Beſchimpfung, die ihr Bruder Philipp zugefügt hatte und die ſie ihm noch immer nicht verzeihen konnte. So bitter auch die Erinnerung war, vermochte ſie es doch nicht über ſich zu gewinnen, von dem vollen Hergang Jemand anders in Kenntniß zu ſetzen— ſowohl um Toms, als um Philipps willen. Auch konnte ſie den Gedanken nicht ertragen, daß Lucie Kunde er⸗ halten ſollte von der letzten Scene zwiſchen ihrem Vater und Watkem, obſchon ſie ſich immer hatte ſagen müſſen, daß ſie eine neue Schranke ſei zwi⸗ ſchen ihr und Philipp. Sie ſagte bloß, ſie ſehe ein, daß Tom im Ganzen Recht habe, wenn er er⸗ kläre, daß wegen des zwiſchen beiden Familien be⸗ ſtehenden Verhältniſſes von einer Liebe und Ehe zwiſchen ihr und Philipp nicht die Rede ſein könne; Philiops Vater werde natürlich nie ſeine Zuſtimmung geben. „Da haſt Du nun meine Geſchichte, Lucie,“ ſagte Maggie, durch ihre Thränen lächelnd.„Du ſiehſt, es geht mir wie Sir Andrew Ague⸗cheek— auch ich wurde einmal angebetet.“ „Ah, jetzt begreife ich, wie es kam, daß Du nach Deinem Abgang von der Schule den Shake⸗ ſpeare und ſo viel Anderes kennen lernteſt, was mir immer wie Hexerei vorzukommen ſchien,“ ſagte ucie. Sie blickte eine Weile mit geſenkten Augen vor ſich hintund fuhr dann, zu Maggie aufſchauend, wie⸗ er fort: „Es iſt ſehr ſchön, daß Du Philipp liebſt, denn ich dachte nicht, daß ihm je ein ſolches Glück zu 51 Theil werden würde. Und meiner Meinung nach ſollteſt Du ihn nicht aufgeben. Es ſind wohl jetzt Hinderniſſe vorhanden; aber die Zeit wird ſie be⸗ ſeitigen.“ Maggie ſchüttelte den Kopf. „Ja, ja,“ fügte Lucie bekräftigend bei.„Ich kann mich der Hoffnung nicht entſchlagen. Es liegt etwas Romantiſches— etwas Ungewöhnliches darin, wie überhaupt in Allem, was Dir ſchon begegnet iſt. Und Philipp wird dich anbeten wie ein Gatte aus einem Feenmärchen. Ich muß da ſchon mein kleines Gehirn anſtrengen, ob ich nicht einen Anſchlag herausbringe, der Allen die Köpfe zurecht ſetzt, ſo daß Du Philipp heirathen kannſt, wenn ich— Je⸗ mand anders heirathe. Wäre dies nicht ein hübſches Ende für alle die Leiden meiner armen, armen Maggie?“ Maggie verſuchte zu lächeln, ſchauderte aber, als ob ſie einen plötzlichen Froſt fühle. „Ach Gott, wie kalt Du biſt!“ ſagte Lucie.„Du mußt zu Bette gehen, und ich auch. Ich wage nicht daran zu denken, wie ſpät es ſchon iſt.“ Sie küßten einander und Lucie entfernte ſich im Beſitz eines Vertrauens, das einen gewaltigen Ein⸗ fluß auf ihre ſpäteren Handlungen übte. Maggie war durchaus aufrichtig geweſen; ihrem Charakter wäre das Gegentheil nie leicht geworden. Aber bis⸗ weilen blendet das Vertrauen, ſelbſt wenn es auf⸗ richtig iſt. 4* Viertes Kapitel. Bruder und Schweſter. Maggie mußte Toms Wohnung in der NMitte des Tags, wenn er zum Eſſen nach Haus kam, auf⸗ ſuchen, da ſie ihn ſonſt nicht zu treffen hoffen durfte. Er wohnte nicht bei ganz Fremden. Unſer Freund Bob Jakin hatte unter Mumps' ſtillſchweigender Zu⸗ ſtimmung nicht nur vor acht Monaten ein Weib ge⸗ nommen, ſondern auch eines jener wunderlichen, von überraſchenden Durchgängen durchbohrten Häuſern am Flußufer erworben, wo ſein Weib und ſeine Mutter, wie er bemerkte, eine zerſtreuende Beſchäf⸗ tigung im Ausborgen von zwei„Luſtbooten“, in denen er einiges von ſeinen Erſparniſſen angelegt, und in der Bedienung eines Miethmanns fanden, an welchen er ein Wohn⸗ und Schlafgemach abzugeben hatte. Was konnte, die geſundheitlichen Rückſichten ausgenommen, mehr im Intereſſe aller Parteien lie⸗ gen, als daß dieſer Miethsmann Mr. Tom war? Bobs Frau öffnete Maggie die Thüre. Sie war ein kleines Weibchen mit der allgemeinen Phyſiogno⸗ mie einer Nürnberger Puppe und nahm ſich in Ver⸗ gleichung mit Bobs Mutter, welche die Flur im Hintergrund ausfüllte, wie eine von den menſchlichen Figuren aus, welche der Künſtler neben der Abbildung einer coloſſalen Statue anzubringen pflegt, um die Verhältniſſe zu zeigen. Das Weiblein knixte und ſchaute nach dem Oeffnen der Thüre mit einer Art von Ehrfurcht zu Maggie auf; die Worte aber, die dieſe lächelnd ausſprach:„Iſt mein Bruder zu Haus?“ 53 bewogen das Püppchen, ſich in plötzlicher Aufregung umzuwenden und zu rufen: „He, Mutter, Mutter— ſagt es Bob— es iſt Miß Maggie. Haben Sie doch die Güte, herein⸗ zukommen, Miß,“ fuhr ſie fort, indem ſie eine Seiten⸗ thüre aufmachte und ſich bemühte, ihre Perſon an der Wand platt zu drücken, um dem Beſuch möglichſt viel Raum zu ſchaffen. Traurige Erinnerungen beſtürmten Maggie bei ihrem Eintritt in das Stübchen, das nun Alles war, was der arme Tom ſeine„Heimath“ nennen konnte — ein Name, der vor Jahren für ſie beide die gleiche Summe lieber vertrauter Gegenſtände umſchloſſen hatte. Doch war ihr in dieſem neuen Zimmer nicht Alles fremd. Zuerſt fiel ihr Auge auf die große alte Bibel; aber dieſer Anblick war nicht geeignet, die trüben Erinnerungen zu verſcheuchen. Sie blieb ſtumm ſtehen. „Wollen Sie nicht ſo gut ſein, von Ihrem Recht, Platz zu nehmen, Gebrauch zu machen, Miß?“ ſagte Mrs. Jakin, mit ihrer Schürze über einen vollkom⸗ men reinen Stuhl fahrend, worauf ſie den Zipfel dieſes Kleidungsſtücks emporhob und mit verlegener Miene vor ihr Geſicht hielt, während ſie zugleich Maggie verwundert anſah. „Bob iſt alſo zu Haus?“ ſagte Maggie, die, nachdem ſie ſich etwas geſammelt hatte, dem Nürn⸗ berger Püppchen zulächelte. „Ja, Miß, aber ich denke, er iſt eben im Wa⸗ ſchen und Ankleiden begriffen. Ich will nach ihm ſehen,“ fügte Mrs. Jakin bei und verſchwand. Bald darauf kam ſie mit neuem Muth zurück, 54 wobei ſie ſich ein wenig hinter ihrem Mann hielt, der in dem vollen Glanz ſeiner blauen Augen und ſeiner regelmäßigen weißen Zähne auf der Schwelle ſich achtungsvoll verbeugte. „Wie geht's Ihnen, Bob?“ fragte Maggie, ihm entgegentretend und die Hand hinhaltend.„Ich hatte mir vorgenommen, Ihrer Frau meinen Beſuch zu machen, und werde, wenn ſie es mir erlaubt, dieſer Tage ausdrücklich zu dieſem Zweck herkommen; aber heut führt mich der Wunſch her, meinen Bru⸗ der zu ſprechen.“ „Sie werden nicht nöthig haben, lange zu war⸗ ten, Miß. Nicht wahr, Mr. Tom logirt nett, und Sie werden ſehen, daß er noch einer der erſten Männer in der ganzen Umgegend wird.“ „Was auch aus ihm werden mag, Bob, ſo wird er Ihnen doch ſtets verpflichtet ſein. Ich habe dies Anerkenntniß erſt vor Kurzem, als er von Ihnen ſprach, aus ſeinem Munde gehört.“ „Ei, Miß, es iſt ſo ſeine Art, die Sache anzu⸗ ſehen. Aber mir iſt's um ſo wichtiger, wenn er etwas ſagt, weil ſeine Zunge nicht mit ihm davon läuft, wie die meinige mit mir. Hercules, mir geht's da wie einer umgeſtürzten Flaſche— es iſt nichts mehr zu halten, wenn ich einmal angefangen habe.— Aber Sie ſehen merkwürdig gut aus, Miß — es thut mir eigentlich wohl, Sie zu betrachten. Was meinſt Du jetzt, Priſſy,“ fügte er gegen ſein Weibchen bei.„Iſt nicht Alles wahr, was ich ge⸗ ſagt habe?— obgleich es nicht viele Arten von Waaren gibt, die ich nicht über Gebühr herauszu⸗ 5⁵ neachen verſtünde, wenn meine Zunge einmal im ug iſt.“ IMrs. Bobs kleine Naſe ſchien dem Beiſpiel ihrer Augen zu folgen, indem ſie ſich ehrerbietig gegen Maggie in die Höhe hob; doch war ſie jetzt auch im Stand, zu lächeln, und mit einem Knix zu be⸗ merken: „Ich habe ein großes Verlangen getragen, Sie kennen zu lernen, Miß, denn wenn von Ihnen die Rede war, ſo ging meinem Mann ſchon von der erſten Zeit unſerer Bekanntſchaft an das MMunchdest als ob's in ſeinem Kopf nicht recht rich⸗ tig ſei.“ g„Ci, ei,“ bemerkte Bob mit verlegen einfältiger Miene.„Geh doch und ſieh nach den Cotteleten, daß Mr. Tom nicht darauf warten muß.“ „Ich hoffe, Mumps ſteht auf freundſchaftlichem Fuß mit Ihrer Frau, Bob,“ ſagte Maggie lächelnd. „Ich erinnere mich noch, wie Sie einmal ſag⸗ ten, er werde es nicht leiden, daß Sie heirathen.“ „Ach, Miß,“ verſetzte Bob grinſend,„er hat ſich darein gefunden, als er ſah, wie klein ſie war. Er that meiſt, als bemerke er ſie gar nicht oder als halte er ſie für noch nicht ausgewachſen. Bei Mr. Tom dagegen führt er ſich ganz anders auf und iſt vollkommen gut Freund mit ihm. Mich ver⸗ drießt nur, daß Mr. Tom oft ſo ſtöckiſch daſitzt, die Stirne furcht und Abends in's Feuer hinein ſchaut. Er ſollte jetzt ein Bischen lebendiger ſein— ſo ein hübſcher junger Menſch, wie er. Mein Weib ſagt, wenn ſie bisweilen zu ihm hinein⸗ kommt und er keine Notiz von ihr nimmt, er ſitze 56 da, gucke in's Feuer und verziehe das Geſicht, als ob er darin arbeitende Leute beaufſichtigen müſſe.“ „Sein Geſchäft gibt ihm ſo viel Anlaß zum Den⸗ ken,“ entſchuldigte ihn Maggie. „Wohl,“ verſetzte Bob und fuhr dann mit leiſe⸗ rer Stimme fort:„Aber meinen Sie nicht, es könnte auch etwas Anderes ſein, Miß? Mr. Tom iſt wohl ſehr zurückhaltig, aber ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen, und da meine ich nun letzte Weih⸗ nachten an ihm eine verwundbare Stelle aufgefun⸗ den zu haben.“ Es war wegen eines kleinen ſchwarzen Wachtelhündchens— eines Thierleins von ſeltener Zucht— und er bot Allem auf, es zu kriegen. Aber ſeitdem iſt etwas über ihn gekommen, und er be⸗ nimmt ſich ungeſelliger als je; doch hat er bei alle⸗ dem immer Glück. Ich wollte Sie darauf aufmerk⸗ ſam machen, Miß, denn nun Sie hier ſind, gelingt es Ihnen vielleicht, ihm eine beſſere Stimmung beizubringen. Er iſt vie zu einſam und geht nicht genug in Geſellſchaft.“ „Ich fürchte, daß ich nur ſehr wenig Einfluß über ihn habe, Bob,“ ſagte Maggie, durch Bobs Andeutung ſehr ergriffen. Es war ihrem Geiſt eine völlig neue Vorſtellung, daß Tom Liebeskummer haben ſollte. Der arme Schelm— und noch oben⸗ drein verliebt ſein in Lucie! Doch vielleicht war's nur eine Ausgeburt von Bobs allzu beſorgtem Ge⸗ hirn. Die Beſchenkung mit dem Hund fiel wahr⸗ ſcheinlich nur in die Grenzen der Verwandtſchaft und der Dankbarkeit. Doch Bob hatte bereits ge⸗ ſagt:„Da iſt Mr. Tom,“ und die äußere Thüre that ſich auf. 1 * 57 „Es iſt keine Zeit übrig, Tom,“ ſagte Maggie, ſobald Bob das Zimmer verlaſſen hatte.„Ich muß Dir ohne Einleitung ſagen, was mich herführt, damit Du nicht in Deiner Mahlzeit geſtört wirſt.“ Tom ſtand mit dem Rücken gegen das Kamin gekehrt, und Maggie ſaß dem durch's Fenſter ein⸗ fallenden Licht gegenüber. Er bemerkte, daß ſie bebte, und hatte ein Vorgefühl von dem Gegenſtand, wegen deſſen ſie mit ihm ſprechen wollte. Um die⸗ ſer Ahnung willen klang ſeine Stimme härter und kälter, als er die Frage ſtellte: „Was gibt's?“ Dieſer Ton weckte in Maggie den Geiſt des Widerſtandes, und ſie ſtellte ihr Geſuch in ganz anderer Form, als ſie urſprünglich beabſichtigt hatte. Sie ſtand von ihrem Sitz auf, faßte Tom feſt in's Auge und ſagte: „Ich verlange, von dem Verſprechen entbunden zu werden, das ich Dir wegen Philipp Wakem ge⸗ geben habe. Oder vielmehr, ich verſprach Dir, ihn nicht mehr zu ſehen, ohne daß ich Dir davon ſage. Jetzt komme ich, um Dir anzuzeigen, daß ich ihn zu ſehen wünſche.“ „Sehr wohl,“ verſetzte Tom mit noch größerer Kälte. Aber Maggie hatte kaum ihre trotzige Rede zu Ende gebracht, als ſie dieſelbe ſchon wieder bereute, weil ſie den Bruder zu entfremden fürchtete. „Nicht um meinetwillen, lieber Tom— Du mußt mir nicht böſe werden. Ich würde es nicht ver⸗ langen, aber Du weißt, daß Philipp ein Freund von Lucien iſt, und Lucie wünſcht, daß er in's Haus 58 komme— ſie hat ihn ſogar auf heute Abend eingeladen, weßhalb ich ihr erklären mußte, daß ich ohne Dein Vorwiſſen nicht mit ihm in Berührung kommen dürfe. Ich werde ihn übrigens nur im Beiſein von anderen Leuten ſehen. Nichts Heimliches ſoll je wieder zwi⸗ ſchen uns ſtattfinden.“ Tom blickte von Maggie weg und zog eine Weile ſeine Stirne in noch finſterere Falten; dann wandte er ſich wieder zu ihr und ſprach langſam und mit Nachdruck: „Du weißt, wie ich in dieſer Angelegenheit ge⸗ ſinnt bin, Maggie. Es iſt nicht nöthig, von dem, was ich vor einem Jahr geſagt habe, auch nur ein Wort zu wiederholen. So lang der Vater lebte, hielt ich es für meine Pflicht, alle mir über Dich zu Gebot ſtehende Gewalt zu gebrauchen, um Dich zu verhindern, daß Du nicht Dir und uns Allen Schande machteſt. Nun muß ich es Deiner freien Wahl überlaſſen. Du verlangſt unabhängig zu ſein, wie Du mir ſelbſt nach des Vaters Tod erklärt haſt. Mein Sinn hat ſich nicht geändert. Wenn Du in Philipp Wakem wieder einen Verehrer haben willſt, ſo mußt Du mich aufgeben.“ „Dies verlange ich durchaus nicht, lieber Tom — wenigſtens nicht bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge, denn ich ſehe ein, daß es zu nichts als zu Elend führen könnte. Aber ich werde bald wie⸗ der eine andere Stelle antreten, und ſo möchte ich denn Freundſchaft mit ihm halten, ſo lange ich noch hier bin. Lucie wünſcht es.“ Hi Strenge in Toms Geſicht ließ ein wenig nach. „ 59 „Ich habe nichts dagegen, wenn Du hin und wieder bei dem Onkel mit ihm zuſammen kommſt, und will daraus kein Aufheben machen. Aber ich habe kein Vertrauen zu Dir, Maggie. Du läßt Dich zu Allem verleiten.“ Dies war ein grauſames Wort. Maggie's Lip⸗ pen begannen zu beben. „Wie magſt Du ſo ſprechen, Tom? Es iſt ſehr hart von Dir. Habe ich nicht Alles gethan und getragen, ſo gut ich konnte? Und ich hielt Dir mein Wort— als— als.... Mein Leben iſt eben ſo wenig glücklich geweſen, wie das Dei⸗ ni.“ Sie mußte kindiſch werden, denn die Thränen wollten kommen. Wenn⸗Maggie nicht eben zürnte, war ſie von freundlichen oder kalten Worten ſo abhängig, wie das Maßliebchen von Sonnenſchein oder Wolken. Das Bedürfniß, geliebt zu werden, beugte ſie noch immer, wie ehedem in dem wurm⸗ ſtichigen Dachſtübchen. Dieſe Berufung öffnete in Toms Herz die Schleuſen der Güte; aber ſie konnte ſich eben nur in Toms Art kundgeben. Er legte ſanft ſeine Hand auf ihren Arm und ſagte im Ton eines wohlwollenden Schulmeiſters: „Hör' mich jetzt an, Maggie. Ich will Dir ſagen, wie ich's meine. Du ſchwankſt immer zwi⸗ ſchen Exrtremen— haſt kein eigenes Urtheil, keine Selbſtbeherrſchung; und doch glaubſt Du, daß Du Alles am beſten wiſſeſt, und willſt Dich keiner Füh⸗ rung unterwerfen. Du weißt, Du haſt gegen mei⸗ nen Wunſch eine Stelle angenommen. Bei Tante Pullet hätteſt Du eine gute Heimath gehabt und 60 achtbar unter Deinen Verwandten leben können, bis es mir möglich ſein würde, Dir und der Mut⸗ ter ein Unterkommen zu bereiten. Dahin ſteht noch immer mein Sinn. Ich hätte in meiner Schweſter gern ein gebildetes Frauenzimmer geſehen und würde, wie es der Vater wünſchte, immer für Dich geſorgt haben, bis ſich eine gute Partie für Dich fände. Aber Deine Ideen ſtehen nie im Einklang mit den meinigen, und Du willſt nie nachgeben. Und doch ſollte Dir Dein Verſtand ſagen, daß ein Bruder, der ſich in der Welt umtreibt und mit den Menſchen verkehrt, nothwendig beſſer wiſſen muß, was für ſeine Schweſter paßt und ihr wohl an⸗ ſteht, als ſie ſelbſt. Du hältſt mich für lieblos; aber meine Liebe kann ſich nur das zur Richtſchnur nehmen, was nach meiner Ueberzeugung zu Deinem Beſten dient.“ „Ja— ich weiß es— lieber Tom,“ entgegnete Maggie, noch immer halb ſchluchzend, obſchon ſie ihren Thränen Einhalt zu thun verſuchte.„Ich kenne Deine Bereitwilligkeit, viel für mich zu thun— ich weiß, wie Du Dich abmühſt und Dich ſelbſt nicht ſchonſt. Auch erkenne ich es dankbar an. Aber Du kannſt doch wahrhaftig nicht in allen Stücken mein Urtheil bevormunden— unſere Naturen ſind ſo ver⸗ ſchieden. Du weißt nicht, wie mich die Dinge oft ſo ganz anders anſprechen, als Dich.“ „Oh, wohl weiß ich dies— ich weiß es nur zu gut. Ich habe erfahren müſſen, wie ganz an⸗ ders Du fühlſt in Allem, was unſere Familie oder Deine eigene Würde als Jungfrau betrifft, ſonſt hätteſt Du nicht daran denken können, Dir im Ge⸗ 61 heim von Philipp Wakem den Hof machen zu laſſen. Wenn es mir nicht in jeder anderen Weiſe zuwider wäre, ſo könnte ich es nicht über mich gewinnen, den Namen meiner Schweſter auch nur einen Augen⸗ blick mit dem eines jungen Mannes in Verbindung zu bringen, deſſen Vater uns Alle haſſen und Dich mit Geringſchätzung zurückweiſen muß. Bei jeder anderen Perſon, Dich ausgenommen, könnte ich verſichert ſein, daß ſie nach dem, was ſie kurz vor des Vaters Tod mit angeſehen hat, ſich nicht im Schlaf einfallen laſſen würde, an Philipp Wakem als an einen Liebhaber zu denken; bei Dir aber kann ich mich nicht— überhaupt über gar nichts ſicher fühlen. Das eine Mal macht es Dir ein Ver⸗ gnügen, Dich in eine Art verkehrter Selbſtverläug⸗ nung zu hüllen; ein ander Mal kannſt Du Dich nicht einmal zu dem Entſchluß auſſchwingen, einer Sache Widerſtand zu leiſten, die Du ſelbſt als Unrecht anerkennſt.“ Es lag eine ſchreckliche, eine ſchneidende Wahr⸗ heit in Toms Worten— jene harte Rinde der Wahrheit, die von allen nüchternen, nicht ſympathe⸗ tiſchen Gemüthern als ſolche anerkannt wird. Maggie krümmte ſich unter dieſem Urtheil ihres Bruders wie ein Wurm; ſie empörte ſich dagegen und fühlte ſich doch in dem gleichen Augenblicke gedemüthigt. Es war, als halte er ihr einen Spiegel vor, um ſie ihre eigene Schwäche und Thorheit ſchauen zu laſſen— als ſage ihr eine prophetiſche Stimme ihre zukünfti⸗ gen Verirrungen voraus. Und doch konnte ſie nicht umhin, in ihrem Inneren über ihn ſelbſt das Urtheil zu füllen, er ſei engherzig und ungerecht und verſtehe 62 nicht jene Bedürfniſſe ihrer Seele, die ſo oft die Quelle ihrer unrechten oder thörichten Handlungen waren und ihm ihr Leben zu einem planloſen Räthſel machten. Sie antwortete nicht ſogleich; ihr Herz war zu voll dafür. Sie ſetzte ſich nieder und ſtützte ihren Kopf auf den Tiſch. Was half ſie der Verſuch, Tom 1 fühlen zu laſſen, daß ſie ihm nahe war. Er ſtieß ſie ja immer zurück. Das Gefühl, das ſeine Worte in ihr weckten, wurde durch ſeine Anſpielung auf die letzte Scene zwiſchen ihrem Vater und Wakem noch verwickelter, und endlich überwog dieſe pein⸗ liche, erſchütternde Erinnerung den unmittelbaren Schmerz. Nein! Sie dachte an ſolche Dinge nicht mit leichtfertiger Gleichgiltigkeit, und Tom durfte ihr dies nicht zur Laſt legen. Mit einem ernſten, traurigen Blick ſah ſie zu ihm auf und ſprach: „Ich kann Dir, was ich auch ſagen mag, keine beſſere Meinung von mir beibringen; aber ich bin Deinen eigenen Gefühlen nicht ſo fremd, als Du wähnſt. Ich begreife ſo gut, wie Du, daß wegen unſerer Stellung zu Philipps Vater— aus keinem andern Grunde, wenn man nicht der Unvernunft Gehör geben will— es Unrecht von uns wäre, an eine eheliche Verbindung zu denken, und ich habe es längſt aufgegeben, in ihm einen Liebhaber zu ſehen. Ich ſage Dir die volle Wahrheit und Du haſt nicht das Recht, mir den Glauben zu ver⸗ ſagen. Ich habe Dir mein Wort gehalten, und Du kannſt nicht behaupten, daß ich je eine Unwahrheit gegen Dich geſprochen habe. Ich werde mich mit Philipp in keinen anderen Verkehr einlaſſen, als in den einer ruhigen Freundſchaft. Du magſt denken, 3 * 63 ich ſei unfähig, an meinen Entſchließungen feſtzu⸗ halten; aber wenigſtens ſollteſt Du mich nicht mit ſtrenger Verachtung behandeln auf den Grund von Fehlern hin, die ich noch nicht begangen habe.“ „Gut, Maggie, ich will den Bogen nicht überſpan⸗ nen,“ ſagte Tom, unter dem Einfluß dieſer Beru⸗ fung milder werdend.„In Anbetracht aller Dinge kömmt es auch mir als das Zweckmäßigſte vor, wenn Du mit Philipp Wakem hin und wieder zuſammen⸗ triffſt, da es einmal Luciens Wunſch iſt, ihn im Haus zu haben. Ich glaube Deinen Worten— weiß wenigſtens, daß ſie aufrichtig gemeint ſind; aber ich muß Dich warnen. Du ſollſt einen liebe⸗ vollen Bruder an mir haben, wenn Du mir die Liebe nicht unmöglich machſt.“ Es lag ein leichtes Beben in Toms Stimme, als er die letzten Worte ſprach, und Maggie's volles Herz flog ihm plötzlich wieder entgegen wie in ihrer Kinderzeit, als ſie an dem Kuchen, aus dem ſie ab⸗ wechſelnd ihre Biſſen holten, das Sacrament ihrer Verſöhnung feierten. Sie ſtand auf und legte ihre Hand auf Toms Schulter. „„Lieber Tom, ich weiß, daß Du es gut mit mir meinſt. Ich weiß, daß Du viel durchmachen und Dich ſchwer anſtrengen mußteſt. Ich möchte ſo gerne Dir zum Troſt leben und Dich nie betrüben. Meinſt Du denn immer noch, ich ſei ſo ganz und gar verderbt?“ Tom lächelte ihrem ängſtlichen Geſicht zu. Sein Lächeln, wenn es kam, war ſehr lieblich anzu⸗ ſehen, denn die grauen Augen konnten unter der gefurchten Stirne einen ſo innigen Ausdruck zeigen. 64 „Nein, Maggie.“ „Ich mache mich vielleicht beſſer, als Du Dir denkſt.“ „Ich hoffe es.“ „Und darf ich dieſer Tage einmal zu Dir kom⸗ men, Dir Deinen Thee bereiten und Bobs winzig. kleines Weibchen wieder ſehen?“ „Ja; aber tummle Dich jetzt, daß Du fortkömmſt, denn ich habe keine Zeit mehr übrig,“ entgegnete Tom, auf ſeine Uhr ſehend. „Auch nicht zu einem Kuß für mich?“ Tom beugte ſich nieder, um ſie auf die Wange zu küſſen, und ſagte: „Dal Sei ein gutes Mädchen. Ich habe heute noch viel zu denken. Onkel Deane hat mich auf beule Abend zu einer langen Beſprechung einge⸗ aden.“ „Du kömmſt doch morgen zu Tante Glegg? Wir werden zeitig Mittag halten, um bei ihr den Thee einzunehmen. Du mußt auch kommen. Lucie for⸗ derte mich auf, es Dir zu ſagen.“ „Pah, ich habe eine Fülle Anderes zu thun,“ entgegnete Tom und riß ſo ungeſtüm an ſeiner Klingelſchnur, daß ſie ihm in der Hand blieb. „Du erſchreckſt mich— da läuft man gerne da⸗ von,“ ſagte Maggie, lachend ihren Rückzug antretend, während Tom mit männlicher Philoſophie die Klingel⸗ ſchnur in die entlegenſte Ecke— ſie war freilich nicht ſehr weit weg— ſeines Zimmers ſchleuderte, Viel⸗ leicht trifft dieſer Zug eine nachklingende Saite in der Seele manches reichen oder hochgeſtellten Man⸗— 6⁵ nes, der in den Anfängen ſeiner erfolgreichen Lauf⸗ bahn ſehr große Hoffnungen in einem ſehr engen Quartier hegte. Fünftes Kapitel. Zeigt, daß Tom die Auſter geöffnet hat. „Und nun wir dieſe Newcaſtler Angelegenheit bereinigt haben, Tom,“ ſagte Mr. Deane, als ſie ſelbigen Nachmittag in dem Privatzimmer der Bank bei einander ſaßen,„iſt noch etwas Anderes vorhanden, über das ich mit Dir ſprechen muß. Die nächſten Paar Wochen in Newcaſtle werden eine ziemlich rauchige und unluſtige Zeit für Dich ſein; um Dich guten Muths zu erhalten, mag Dir eine hübſche Ausſicht auf irgend Etwas wohl zu ſtatten kommen.“ Tom ſaß diesmal in dem Bankzimmer nicht ſo auf Nadeln, wie bei einem früheren Anlaß, und ſah ruhig zu, während ſein Onkel die Tabaksdoſe herausnahm und ſeine beiden Naſenlöcher mit über⸗ legter Unparteilichkeit bewirthete. „Du ſiehſt, Tom,“ fuhr Mr. Deane endlich fort, indem er ſich in ſeinem Seſſel zurücklehnte,„es geht in der Welt hurtiger voran, als es in meinen jun⸗ gen Tagen der Fall war. Vor vierzig Jahren, als ich noch ſo ein aufgeſchoſſener Burſch war, wie Du, mußte man noch den beſten Theil ſeines Lebens im Karren ziehen, eh' man erwarten durfte, ſelbſt die Peitſche in die Hand zu kriegen. Die Webſtühle arbeiteten langſam, und die Moden wechſelten nicht ſo ſchnell; mein beſter Anzug mußte damals ſechs Eliot, Die Mühle am Floß. III. 5 66 Jahre aushalten. Alles iſt damals geringer geweſen — ich meine, was den Koſtenpunkt betrifft. Du ſiehſt, an dieſem Unterſchied iſt der Dampf ſchuld; er treibt jedes Rad mit doppelter Geſchwindigkeit, und ſo auch das Glücksrad, wie unſer Mr. Stephen Gueſt bei dem Neujahrsdiner ſagte(er trifft in ſol⸗ chen Dingen den Nagel auf den Kopf, obſchon er nicht viel Erfahrung vom eigentlichen Geſchäftsgang hat). Ich kann in dieſer Veränderung nichts ſo Schlimmes ſehen, wie manche Leute. Der Handel öffnet dem Menſchen die Augen, und wenn die Be⸗ völkerung in dem Maß zulegt, wie es jetzt geſchieht, ſo muß die Welt ihren Witz in Erfindungen dieſer oder jener Art üben. Ich weiß, daß ich als ge⸗ wöhnlicher Geſchäftsmann meinen Theil dazu beige⸗ tragen habe. Es hat Jemand geſagt, es ſei was Schönes, wenn man zwei Aehren auf einem Platz erziele, der bisher nur eine einzige hervorbrachte:; aber es iſt auch etwas Schönes, den Umſatz der Waaren zu fördern und das Korn den hungrigen Mäulern zuzuführen. Dies ſchlägt in unſeren Ge⸗ ſchäftskreis ein, und wer dazu mitwirkt, nimmt meiner Anſicht nach eine ſo ehrenvolle Stellung ein, wie es nur irgend eine geben kann.“ Tom wußte, daß die Angelegenheit, von der ſein Onkel ſprechen wollte, nicht dringend war; denn Mr. Deane gehörte zu den klugen, praktiſchen Männern, die ſich, wenn ſich's um wichtige Ge⸗ ſchäftsſachen handelte, weder durch ihre Erinnerungen noch durch ihren Schnupftabak von der Hauptſache abbringen ließen. Doch hatte er ſchon während eini⸗ ger Monate gelegentliche Winke fallen laſſen, welche „— 67 Tom ahnen ließen, daß eine Verfügung zu ſeinen Gunſten in Ausſicht ſtand. Während des Beginns der letzten Anſprache reckte er die Beine aus, ſteckte die Hände in die Taſche und machte ſich auf eine weitläufige Einleitung zu dem Nachweis gefaßt, daß Mr. Deane ſich durch eigenes Verdienſt aufgeſchwungen und daß junge Leute, die es nicht vorwärts brächten, im Allgemeinen dies nur ſich ſelbſt zuzuſchreiben hätten. Um ſo mehr überraſchte es ihn, daß ſein Onkel auf einmal eine unmittelbare Frage an ihn richtete. „Laß einmal ſehen— es iſt, glaub' ich, ſchon an die ſieben Jahre, daß Du mich um einen Platz angegangen haſt— iſt's nicht ſo, Tom?“ „Ja, Onkel; ich bin jetzt dreiundzwanzig,“ ant⸗ wortete Tom. „Ah— das brauchſt Du übrigens Niemand zu ſa⸗ gen, denn Du ſiehſt um ein Anſehnliches älter aus, und im Geſchäftsleben fällt das Alter in's Gewicht. Ich erinnere mich noch recht wohl, wie Du anfingſt; ich bemerkte, daß Du Schneide hatteſt, und dies bewog mich, Dir unter die Arme zu greifen. Es freut mich, daß ich mich nicht in Dir täuſchte— ich täuſche mich über⸗ haupt ſelten. Natürlich war ich etwas bedenklich, mei⸗ nen Neffen einzuſchieben; aber ich muß ſagen, daß Du mir Chre gemacht haſt. Hätte ich einen eigenen Sohn, ſo thäte es mir nicht Leid, wenn er wäre, wie Du.“ Mr. Deane klopfte auf ſeine Doſe, öffnete ſie und wiederholte in etwas gefühlvollem Tone: „Nein; es thäte mir nicht Leid, wenn er wäre wie Du.“ „Ich ſchätze mich glücklich, wenn ich mich Ihrer Zufriedenheit erfreuen darf; wenigſtens habe ich mein 5* 68 Beſtes zu thun verſucht,“ entgegnete Tom in ſeiner ſtolzen, unabhängigen Weiſe. „Ja, Tom; ich bin mit Dir zufrieden. Ich ſpreche nicht von Deinem Verhalten als Sohn, ob⸗ ſchon ich dieſes nicht gering anſchlage; aber als Aſſocié unſerer Firma habe ich es nur mit den Eigenſchaften zu thun, die Du als Geſchäftsmann gezeigt haſt. Unſer Umtrieb iſt ſchön— ein präch⸗ tiges Geſchäft, kann ich Dir ſagen— und ich ſehe nicht ein, warum es nicht noch immer zulegen ſollte. Das Kapital wächst und muß arbeiten. Aber zum Blühen eines jeden Geſchäfts, mag es groß oder klein ſein, gehört noch etwas Anderes— tüchtige Leute, die es betreiben— nicht das gewöhnliche, läppiſche Comptoirvolk, ſondern Perſonen, auf die man ſich verlaſſen kann. Ueber dieſen Punkt iſt Mr. Gueſt vollkommen mit mir einverſtanden. Vor drei Jahren haben wir den Gell in's Geſchäft genommen und ihm einen Antheil an der Oelmühle gegeben. Warum? Weil Gell ein Menſch war, deſſen Leiſtun⸗ gen eine beſondere Anerkennung verdienten. So geht es immer— ſo ging es auch mit mir. Und obgleich Gell faſt zehn Jahre älter iſt, als Du, ſo ſprechen doch auch andere Punkte zu Deinen Gunſten.“ Tom wurde im Verlauf von Mr. Deane's Rede aufgeregter; es lag ihm etwas auf dem Herzen, das vielleicht ſein Onkel weniger günſtig aufnahm, ein⸗ fach weil es eher eine neue Andeutung, als eine Annahme des Vorſchlags war, den er vorausſah. „Es iſt begreiflich,“ fuhr Mr. Deane nach der Verſorgung einer weiteren Priſe fort,„der Umſtand, daß Du mein Neffe biſt, fällt für Dich in's Gewicht; — 69 aber ich läugne nicht— auch wenn Du mir ganz fremd wäreſt, ſo würde Dein Verhalten in der An⸗ gelegenheit der Pelley'ſchen Bank Mr. Gueſt und mich bewogen haben, Dir für den uns geleiſteten Dienſt eine Anerkennung zu Theil werden zu laſſen. Da uns außerdem Deine Aufführung im Allgemeinen und Deine Geſchäftstüchtigkeit gefällt, ſo haben wir beſchloſſen, Dir einen Antheil am Geſchäft zu ge⸗ währen, den wir im Lauf der Zeit gern zu vergrößern bereit ſind. Wir haben unſere Gründe, eine ſolche Belohnung einer Gehaltserhöhung vorzuziehen. Du gewinnſt dadurch mehr Bedeutung und kannſt Dich beſſer darauf vorbereiten, bei Gelegenheit mir Eini⸗ ges von meiner Laſt abzunehmen. Vorderhand iſt's zwar nicht nöthig, Gott ſei Dank; aber man wird älter— es hilft nichts, dies abzuläugnen. Ich habe Mr. Gueſt geſagt, ich wolle über die Sache mit Dir ſprechen, und wenn Du von Deiner Reiſe nach dem Norden zurückkömmſt, läßt ſich das Weitere erörtern. Dies iſt ein mächtiger Vorſprung für einen jungen Menſchen von dreiundzwanzig, obſchon ich ſagen muß, daß Du es verdient haſt.“ „Ich bin Mr. Gueſt und Ihnen ſehr dankbar, und natürlich fühle ich mich Ihnen ganz beſonders verpflichtet, da Sie mich in's Geſchäft eingeführt und ſich ſo viele Mühe mit mir gegeben haben.“ Tom ſprach dies mit etwas bebender Stimme und hielt dann inne. „Ja, ja,“ ſagte Mr. Deane.„Ich ſcheue keine Mühe, wenn ich ſehe, daß ſie angelegt iſt. Auch um Gell habe ich mich angenommen; ſonſt wäre er nicht der Mann geworden, als der er jetzt daſteht.“ 70 „Aber ich möchte nur noch Eines erwähnen, Onkel. Ich habe früher nie davon geſprochen. Sie erinnern ſich vielleicht, daß um die Zeit, als meines Vaters Eigenthum verkauft wurde, Ihre Firma mit dem Gedanken umging, die Mühle zu erwerben. Ich weiß, daß Sie damals der Anſicht waren, das dar⸗ auf verwendete Kapital werde ſich gut rentiren, na⸗ mentlich wenn man die Dampfmaſchine einführe.“ „Ja, ganz richtig. Aber Wakem überbot uns— er war auf den Kauf erpicht. Ueberhaupt will er immer größer thun als andere Leute.“ „Vielleicht iſt es unnütz, jetzt ſchon davon zu reden,“ fuhr Tom fort;„aber doch möchte ich Sie von dem in Kenntniß ſetzen, was ich mit der Mühle im Sinn habe. Sie legt mir ſehr am Herzen; denn noch auf dem Sterbebette hat mein Vater den Wunſch ausgedrückt, ich möchte, wenn es mir mög⸗ lich ſei, ſie wieder an mich zu bringen verſuchen, da ſie ſchon fünf Generationen in der Familie geweſen. Ich verſprach es dem Vater und habe außerdem eine Vorliebe für den Platz, der mir beſſer gefällt, als irgend ein anderer. Und wenn es ſich mit Ihren Plänen vertrüge, ihn für die Firma zu erwerben, ſo hätte ich eine beſſere Ausſicht, den Wunſch meines Vaters zu erfüllen. Ich würde der Sache nicht gegen Sie erwähnt haben, wenn Sie nicht ſo freund⸗ lich geweſen wären, mich zu verſichern, daß meine Dienſte von einigem Werth waren. Ich würde eine viel günſtigere Ausſicht im Leben gerne in die Schanze ſchlagen, wenn ich mir damit die Mühle wieder erringen könnte— als Cigenthum meine ich; den Preis wollte ich gerne allmählich mit meiner Arbeit abtragen.“ 71 Mr. Deane, der ihm aufmerkſam zugehört hatte, machte jetzt eine gedankenvolle Miene. „Ich ſehe, ich ſehe,“ ſagte er nach einer Weile. „Die Sache ließe ſich einleiten, wenn eine Ausſicht vorhanden wäre, daß Wakem das Anweſen abgibt. Aber eben dies iſt mir zweifelhaft. Er hat den jungen Jetſome auf den Platz geſetzt, und ich ſtehe dafür, der Ankauf iſt nicht ohne Grund geſchehen.“ „Der junge Jetſome iſt eine leichtſinnige Haut,“ verſetzte Tom.„Er hat ſich auf den Trunk gelegt und läßt, wie ich höre, das Geſchäft verkommen. So hat mir wenigſtens Lucas, unſer alter Mahl⸗ knecht, erzählt. Er ſagt, wenn es keine Veränderung gebe, ſo bleibe er nicht mehr. Ich dachte, wenn es ſo zugehe, ſo dürfte Wakem wohl geneigt ſein, die Mühle wieder abzugeben. Lucas meint, die Art, wie es jetzt getrieben werde, könne Einem wohl die Galle zum Ueberlaufen bringen.“ „Gut, ich will mir's überlegen, Tom. Ich muß vorher weitere Erkundigungen einziehen, eh' ich mit Mr. Gueſt darüber ſpreche. Aber Du ſiehſt, das iſt eine neue Branche, und ſie muß Dich von derjenigen abziehen, in der Du Dich befindeſt. Und eben in dieſer wünſchen wir Dich zu erhalten.“ „Ich glaube, im Stande zu ſein, mehr als das Mühlgeſchäft zu leiten, wenn es einmal gehörig im Gang iſt. Arbeiten macht mir Freude; ich kümmere mich ſonſt nicht um viel.“ Selbſt Onkel Deane's geſchäftsmäßigem Ohr ent⸗ ging es nicht, daß dieſe Worte aus dem Munde eines dreiundzwanzigjährigen Menſchen etwas wehmüthig klangen. 72 „Pah! pah! wenn's Dir ſo fortgeht in der Welt, ſo nimmſt Du bald eine Frau, die für Dich ſorgt. Was indeß die Mühle betrifft, ſo dürfen wir unſere Hühnchen nicht allzu früh zählen. Doch verſpreche ich Dir, darauf zu denken, und wenn Du wieder zu⸗ rückkömmſt, ſo wollen wir weiter davon reden. Ich muß jetzt zum Eſſen. Nimm morgen Dein Frühſtück bei uns und verabſchiede Dich, eh' Du Deine Reiſe antrittſt, von Deiner Mutter und Deiner Schweſter.“ Sechstes Kapitel. Beleuchtet die Geſetze der Anziehung. Der geneigte Leſer bemerkt, daß Maggie bei einem Moment ihres Lebens angelangt iſt, den alle klugen Perſonen als eine bedeukungsvolle Gelegen⸗ heit für ein junges Frauenzimmer betrachten werden. In die höhere Geſellſchaft von St. Oggs eingeführt, mit einer auffallenden Perſönlichkeit begabt, die den Vortheil hatte, den meiſten Beſchauern ganz unbe⸗ kannt zu ſein, und unter der beſcheidenen Beihilfe des Coſtüms, von dem man ſich aus Luciens ange⸗ legentlicher Zwieſprache mit Tante Pullet einen klei⸗ nen Begriff machen kann, befand ſich Maggie zuver⸗ läſſig an einem neuen Ausfahrtshafen ihres Lebens. Bei Luciens erſter Abendpartie ſtrengte der junge Torry ſeine Geſichtsmuskel mehr als gewöhnlich an, damit er„das ſchwarzäugige Mädchen dort in der Ecke“ in der ganzen zugeblichen Herrlichkeit ſeines Augenglaſes ſehen möge; und mehrere junge Damen kehrten nach Haus zurück mit dem feſten Vorſatz, — 73 kurze Aermel und ſchwarze Spitzen zu tragen und ihre Haare an der Hinterſeite des Kopfs in eine breite Krone flechten zu laſſen, weil die Couſine der Miß Deane darin ſo gut ausſah. In der That war die arme Maggie, obſchon ſie ſich die Erinnerung an eine ſchmerzliche Vergangenheit und die Ahnung einer ſtürmevollen Zukunft nicht aus dem Sinn ſchla⸗ gen konnte, auf dem beſten Weg, ein Gegenſtand des Neides zu werden— ein Geſprächthema für das neuerrichtete Billardzimmer und für ſchöne Freundin⸗ nen, die in Putzangelegenheiten kein Geheimniß vor einander hatten. Die Fräulein Gueſt, die mit den Familien von St. Oggs hauptſächlich auf dem Fuß der Herablaſſung verkehrten und daſelbſt als der Spiegel der Mode galten, wußten allerdings gegen Maggie's Benehmen mancherlei Ausſtellungen zu machen. Sie hatte eine gewiſſe Art an ſich, den in der guten Geſellſchaft gangbaren Bemerkungen nicht gleich beizupflichten unter dem Vorwand, daß ſie nicht wiſſe, ob ſie richtig oder unrichtig ſeien, und gewann dadurch den Anſchein eines linkiſchen Weſens, das den gleichförmigen Strom der Unterhaltung ſtörte; aber es iſt eine Thatſache, welche auch eine ſehr günſtige Deutung zuläßt, daß Frauenzimmer durch untergeordnete Eigenſchaften einer neuen Bekannten ſich nicht ſtören, ſondern eher ermuthigen laſſen, ſie in Affection zu nehmen. Auch war Maggie ſo ganz frei von jenen artigen koketten Manieren, die von Alters her im Ruf ſtehen, die Herren zur Verzweif⸗ lung zu bringen, daß ſie ſich ſogar einiges weibliche Mitleid zuzog, weil ſie ihre Schönheit nicht beſſer zu benützen wußte. Dem armen Ding war ſo wenig zu gut gekommen, und man mußte geſtehen, daß ſie durchaus keine Anmaßung beſaß; das Kurzangebun⸗ dene und Eckige ihres Weſens war augenſcheinlich eine Folge ihrer Zurückgezogenheit und ihrer dürf⸗ tigen Verhältniſſe. Man mußte ſich nur wundern, daß ſie ſich ſo frei vom Gemeinen gehalten hatte, wenn man in Betracht zog, wer die übrigen Ver⸗ wandten der armen Lucie waren, deren Erwähnung den Fräulein Gueſt immer einen kleinen Schauder einflößte. Es war nicht angenehm, durch Heirath in eine Verwandtſchaft mit Leuten wie die Glegge und die Pullete zu kommen; aber wenn Stephen ein⸗ mal ſeinen Kopf aufgeſetzt hatte, ſo half kein Wider⸗ ſpruch mehr, und es wäre überhaupt unmöglich ge⸗ weſen, gegen Lucie etwas einzuwenden, die alle Welt lieben mußte. Natürlich erwartete ſie von den Fräulein Gueſt Aufmerkſamkeit gegen die Couſine, die ihr ſo theuer war, und bei Stephen würde es einen mächtigen Sturm abgeſetzt haben, wenn ſie es an Höflichkeit hätten fehlen laſſen. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden konnten die Einladungen nach dem Parkhaus nicht ausbleiben; und auch anderwärts war Miß Deane zu populär und ein zu ausgezeichnetes Mit⸗ glied der Geſellſchaft von St. Oggs, als daß ihr nicht von allen Seiten her ähnliche Aufmerkſamkeiten erwieſen worden wären. So war denn Maggie zum erſtenmal in die Welt der jungen Mädchen eingeführt und erfuhr nun, was es hieß, am Morgen außzuſtehen ohne einen dringenden Grund, das Eine eher als das Andere zu thun. Dieſes neue Gefühl der Muße und der ungeſtörten Luſt unter den ſanften Lüften 75 und den ſüßen Düften des Frühlings, unter der Ueberfülle von Muſik, auf den langen Spaziergängen im Sonnenſchein und während des köſtlichen träu⸗ meriſchen Dahingleitens auf dem Fluß konnte nach ſo vielen Jahren der Entbehrungen kaum ohne be⸗ rauſchenden Einfluß auf ſie bleiben, und ſchon in der erſten Woche begannen ſich ihre traurigen Erinne⸗ rungen und trüben Ahnungen zu zerſtreuen. An ihrem gegenwärtigen Leben hatte ſie ſicherlich keinen Grund etwas auszuſetzen; es war ſo angenehm, ſich für den Abend anzukleiden und ſich ſelbſt als eine der ſchönen Frühlingsblumen zu fühlen. Und es gab bewundernde Augen, die ſtets ihrer harrten; ſie war keine unbeachtete Perſon mehr, die man beliebig ausſchmälte und von der man unabläſſig Aufmerkſamkeiten verlangte, ohne daß Jemand die geringſte ihr entgegen zu erweiſen ſich bemüßigt fand. Weiter war es, wenn Stephen mit Lucie ſich auf einem Spazierritt befand, ſo angenehm, allein an dem Piano zu ſitzen und die Wahrnehmung zu machen, daß die alte Bekanntſchaft ihrer Finger mit den Taſten durch die lange Trennung nicht Schaden gelitten hatte, ſondern raſch wieder neu auflebte— die Weiſen, welche ſie am Abend vorher gehört, zu probiren und ſie ſo oft zu wiederholen, bis ſie darauf gekommen war, ſie in einer beſonders ausdrucksvollen und leidenſchaftlichen Weiſe vorzutragen. Die bloße Harmonie der Octaven war für Maggie eine Luſt, und ſie ſchlug oft„die Anfangsgründe des Klavier⸗ ſpielens“ lieber auf, als eine Melodie, um in der Abſtraction den mehr urſprünglichen Eindruck der Intervalle beſſer zu genießen. Nicht daß ihre Freude 76 an der Muſik von der Art geweſen wäre, welche ein großes Talent dafür verräth, ſondern ihre große Empfänglichkeit für die Harmonie der Töne war nur eine von den Formen leidenſchaftlicher Erreg⸗ barkeit, die ihr ganzes Weſen bildeten und ihre Fehler und Tugenden derart in einander verſchmelzen ließen, daß zum Beiſpiel auch ihre innige Liebe bis⸗ weilen begehrlich aufloderte oder andererſeits ihre Eitelkeit veranlaßt wurde, ſich nicht in der Form bloßer weiblicher Liſt und Eroberungsſucht, ſondern in dem poetiſcheren Charakter des Ehrgeizes kund zu geben. Doch wir kennen ja unſere Maggie ſchon von länger her und brauchen uns nicht weiter mit ihrer Charakteriſtik zu behelligen; es iſt uns um ihre Geſchichte zu thun, die ſich ſelbſt mit der voll⸗ kommenſten Kenntniß aller einzelnen Charakterzüge kaum vorausſagen läßt, da die Tragödie des Lebens nicht ganz aus dem Innern der Menſchen ſtammt. „Der Charakter,“ ſagt Novalis in einem ſeiner zweifelhaften Aphorismen—„der Charakter iſt das Schickſal.“ Aber nicht die ganze Summe unſeres Schickſals. Hamlet war ſpeculativ und unentſchloſ⸗ ſen; in Folge davon haben wir eine große Tragödie. Wenn aber ſein Vater ein hohes Alter erreicht hätte und ſein Onkel eines frühen Todes verblichen wäre, ſo könnten wir uns den däniſchen Prinzen denken, wie er Ophelia heirathete und mit dem Ruf eines geſunden Verſtandes durch's Leben kam, ungeachtet ſeiner vielen Selbſtgeſpräche und einiger tollen Sar⸗ casmen gegen die ſchöne Tochter des Polonius, der ſchreienden Unhöflichkeit gegen ſeinen Schwieger⸗ vater gar nicht zu gedenken. 77 Maggie's Schickſal iſt uns alſo vorläufig noch verborgen, und wir müſſen ſeiner Enthüllung har⸗ ren wie der des Laufs eines auf den Karten noch nicht verzeichneten Fluſſes, von dem wir blos wiſſen, daß er ſehr waſſerreich iſt, mit raſcher Strömung ſich bewegt und, wie alle Flüſſe, endlich ſich in's Meer ergießt. Unter dem Zauber der neuen Ge⸗ nüſſe hörte Maggie von ſelbſt auf, mit ihrer lebhaf⸗ ten Einbildungskraft ſich trübe Bilder von der Zu⸗ kunft zu entwerfen, und ihre Angſt vor der erſten Begegnung mit Philipp milderte ſich, je länger die⸗ ſelbe verſchoben wurde, vielleicht weil ihr, ohne daß ſie ſelbſt es wußte, dieſe Zögerung nicht un⸗ lieb war. Philipp hatte ſich nämlich an dem Abend, an welchem er erwartet wurde, nicht eingefunden und Mr. Stephen Gueſt die Nachricht gebracht, er ſei in einem Ausflug nach der Küſte, wahrſcheinlich einer Künſtlerwanderung, begriffen, und man wiſſe nicht, wann er zurückkehren werde. Dies ſah Philipp gleich— nur ſo fortzugehen, ohne irgend Jemand etwas davon zu ſagen. Er kam erſt am zwölften Tag wieder nach Haus, wo er Luciens beide Billete vorfand. Bei ſeiner Abreiſe hatte er noch nichts von Maggie's Ankunft gewußt. Vielleicht hat Niemand nöthig, wieder neunzehn Jahre alt zu werden, um ſich die Gefühle zu vergegen⸗ wärtigen, welche Maggie innerhalb dieſer zwölf Tage beſtürmten, und mit zu empfinden, wie lang dieſe Zeit für ſie wurde bei der Neuheit der täg⸗ lichen Erfahrungen und der wechſelnden Stimmung ihres Geiſtes. Die Erſtlingsperiode einer Bekannt⸗ 78 ſchaft hat faſt immer eine ſolche Wichtigkeit für uns und nimmt in unſerer Erinnerung einen viel größe⸗ ren Raum ein, als die nachfolgenden, die weniger reich ſind an Entdeckungen und neuen Eindrücken. Während jener zehn Tage gab es wenige Stunden, die Mr. Stephen Gueſt nicht an Luciens Seite, ſei es in gewöhnlicher Unterhaltung, beim Klavier oder auf einem Ausflug, zubrachte; ſeine Aufmerkſam⸗ keiten waren augenſcheinlich eifriger geworden, und dies fand Jedermann begreiflich. Lucie fühlte ſich ſehr glücklich, um ſo glücklicher, weil Stephens Geſellſchaft ſeit Maggie's Anweſenheit an Reiz und Intereſſe zugenommen zu haben ſchien. Es fan⸗ den bald ſcherzhafte, bald ernſte Erörterungen ſtatt, in welchen Stephen und Maggie die Bewunderung der ſanften, anſpruchsloſen Lucie weckten, und es drängte ſich ihr mehr als einmal der Gedanke auf, welch ein entzückendes Quartett ihr gemeinſchaftlicher Lebensgang werden müßte, wenn Maggie den Philipp heirathete. Iſt es eine unerklärliche Erſcheinung, daß ein Mädchen ſich der Geſellſchaft ihres Liebhabers um ſo mehr erfreut, wenn eine dritte Perſon zu⸗ gegen iſt, und daß auch nicht der mindeſte Zug von Eiferſucht ſich einſchleicht, wenn die Unterhaltung vornämlich mit dieſer dritten Perſon vor ſich geht? Gewiß nicht bei einem ſo ruhigen Herzen wie dem unſerer Lucie, welche der feſten Ueberzeugung lebte, daß ſie die Gefühle ihres Verehrers kenne, und von dieſer Ueberzeugung nur auf den Grund der triftig⸗ ſten Gegenbeweiſe abzugehen geneigt war. Zudem ſaß ja Stephen neben ihr, reichte ihr den Arm und berief ſich auf ſie als auf diejenige, auf deren Uebereinſtimmung mit ihm er immer zählte. Auch bewies er ihr mit jedem Tag dieſelbe zarte Höflich⸗ keit, dieſelbe Aufmerkſamkeit auf ihre Wünſche, die⸗ ſelbe Sorgfalt, ihnen entgegen zu kommen. War es aber auch wirklich ſo? Lucien ſchien er ſogar noch aufmerkſamer zu ſein, und es iſt kein Wunder, daß ihr die wahre Bedeutung dieſes Wechſels entging. Es ſpricht für Stephens Gewiſſenhaftigkeit, daß nicht einmal er ſelbſt eine klare Vorſtellung davon hatte. Die perſönliche Rückſichtnahme, die er Maggie zu Theil werden ließ, war verhältnißmäßig nur un⸗ bedeutend, und es hatte ſogar ein gewiſſer Abſtand zwiſchen ihnen Platz gegriffen, welcher eine Erneue⸗ rung des erſten ſchwachen Galanterieanlaufs bei Ge⸗ legenheit der Bootfahrt hinderte. Wenn Stephen kam, ohne daß Lucie im Zimmer war, oder wenn Lucie ſie allein ließ, ſo ſprachen ſie nie mit einander. Stephen machte ſich dann mit den Büchern oder mit den Muſikalien zu ſchaffen, während Maggie ſich emſig mit ihrer Arbeit beſchäftigte. Jedes war ſich der Anweſenheit des Anderen bis auf die Fin⸗ gerſpitzen hinaus in drückender Weiſe bewußt. Und doch ſehnte ſich Jedes, daß der nächſte Tag keine Veränderung bringen möchte. Keines von ihnen hatte der Sache weiter nachgedacht oder im Stillen die Frage an ſich geſtellt:„Wohin ſoll Alles dies führen?“? Nur Maggie fühlte, daß dieſes Leben ihr etwas ganz Neues aufſchließe, hielt ſich aber dabei bloß an die unmittelbare Erfahrung, ohne daß ſie die Kraft fand, ſich Rechenſchaft darüber zu geben oder die Thatſache mit dem Licht des Verſtandes zu beleuchten. Stephen enthielt ſich abſichtlich jeder 80— Selbſtprüfung und wollte ſich nicht einräumen, daß er unter einem Einfluß ſtehe, der auf ſein Benehmen beſtimmend zu wirken geeignet war. Und wenn Lucie wieder in's Zimmer kam, hatte es mit allem Zwang ein Ende. Maggie konnte ihm widerſprechen und über ihn lachen, während Stephen ihr das Beiſpiel jener bezaubernden Heldin Miß Sophia Weſtern, welche„einen großen Reſpect vor dem Verſtand der Männer hatte,“ zur Nachachtung empfahl. Maggie ſah jetzt Stephen wieder an— ſie that dies, wer weiß aus welchem Grunde, nie, wenn ſie allein waren; und er forderte ſie vielleicht auf, ihn, während Luciens Finger mit ihrer Bazararbeit zu thun hatten, auf dem Piano zu begleiten, und las ihr den Text, wenn ſie nicht Tact hielt, was aller⸗ dings Maggie's ſchwache Seite war. Eines Tags— es war der Tag von Philipps Rückkehr— hatte ſich Lucie plötzlich vorgenommen, den Abend bei Mrs. Kenn zuzubringen. Der zarte Geſundheitszuſtand dieſer Dame drohte in Folge einer Lungenentzündung den Charakter eines ſtän⸗ digen Leidens anzunehmen, und ſie hatte deßhalb ihre Verrichtungen bei dem künftigen Bazar an an⸗ dere Frauen abgeben müſſen, denen ihrem Wunſch gemäß auch Lucie ſich zugeſellen ſollte. Die Zuſage wurde im Beiſein des Mr. Gueſt gegeben, der mit anhörte, wie Lucie verſprach, früh aufzuſtehen und um ſechs Uhr Miß Torry, die Ueberbringerin von Mrs. Kenns Erſuchen, abzuholen. „Da haben wir wieder eine von den moraliſchen Folgen dieſes einfältigen Bazars,“ brach Stephen los, ſobald Miß Torry das Zimmer verlaſſen hatte. 81 „Laufen da junge Damen von den Pflichten des häus⸗ lichen Herdes weg, um unter Sophakiſſen und ge⸗ ſtickten Strickbeuteln die Zeit zu verderben. Ich möchte wiſſen, welche Verrichtung einem Frauenzim⸗ mer beſſer anſteht, als die, zu machen, daß die Ehemänner zu Haus bleiben, oder daß die Jung⸗ geſellen ausgehen. Wenn dies noch lange ſo fort geht, ſo löſen ſich alle Bande der Geſellſchaft.“ „Nun, es währt ja nicht mehr lange,“ verſetzte Lucie lachend;„denn der Bazar wird am Montag über acht Tage abgehalten werden.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte Stephen.„Kenn ſelbſt hat ſich letzthin dahin geäußert, daß ihm die⸗ ſer Plan, die Citelkeit in den Dienſt der chriſtlichen Liebe zu preſſen, nicht gefalle. Aber gerade wie das engliſche Volk nicht vernünftig genug iſt, eine unmittelbare Beſteuerung auf ſich zu nehmen, beſitzt auch St. Oggs nicht genug Kraft des Willens, Schulen zu bauen und zu begaben, ohne die Kraft der Thorheit in Anſpruch zu nehmen.“ „Hat er ſo geſprochen?“ verſetzte die kleine Lucie erſchrocken und ihre nußbraunen Augen weit aufſper⸗ rend.„Ich habe ihn doch nie ſo reden hören und glaubte immer, er habe ein Gefallen an unſerem Thun.“ „Ich bin überzeugt, daß er ein Gefallen an Ihnen hat,“ ſagte Stephen, ihr freundlich zu⸗ lächelnd.„Ich geſtehe, Ihre abendlichen Ausgänge haben ein ſchlimmes Ausſehen, aber ich weiß, daß nur Ihre Güte die Veranlaſſung dazu iſt. „Oh, Sie denken zu gut von mir,“ verſetzte Lucie den Kopf ſchüttelnd mit einem leichten Er⸗ Eliot, Die Mühle am Floß. III. 6 82 röthen; und damit hatte die Sache ein Ende. Aber es wurde ſtillſchweigend angenommen, Stephen werde an dieſem Abend nicht kommen, und in Folge dieſer ſtummen Uebereinkunft machte er ſeinen Morgen⸗ beſuch um ſo länger, indem er ſich erſt nach vier Uhr verabſchiedete. Maggie ſaß kurz nach dem Diner mit Minnie auf dem Schloß in dem Beſuchzimmer, während ihr Onkel bei ſeinem Wein blieb und ſein Schläfchen machte, Mrs. Tulliver aber ſich mit ihrer Strickerei, und einem gelegentlichen Nicken unterhielt, wie ſie gewöhnlich, wenn keine Geſellſchaft zugegen war, im Speiſezimmer bis zur Theezeit zu thun pflegte. Maggie beugte ſich nieder, um den kleinen, ſeiden⸗ haarigen Liebling zu ſtreicheln und ihn ſo in der Abweſenheit ſeiner Gebieterin zu tröſten, als der Ton eines Fußtritts auf dem Kiesweg ſie zum Auf⸗ ſchauen bewog und ſie Mr. Stephen Gueſt, der ge⸗ raden Wegs vom Fluß herzukommen ſchien, im Gar⸗ ten bemerkte. Dies war ſo bald nach der Mahlzeit eine ſehr ungewöhnliche Erſcheinung. Er hatte ſich oft darüber beklagt, daß man in dem Parkhaus ſo ſpät ſpeiſe. Und dennoch war er da in ſeinem ſchwarzen Anzug; er mußte augenſcheinlich zu Hauſe geweſen und zu Waſſer wieder zurückgekommen ſein. Maggie fühlte, wie ihre Wangen glühten und ihr Herz klopfte; dieſe Angegriffenheit war natürlich, denn ſie hatte noch nie Gäſte allein empfangen. Ihr Aufſchauen konnte ihm bei der offenen Glas⸗ thüre nicht entgehen. Er lüpfte ſeinen Hut und kam näher, um durch die Glasthüre ſtatt durch die des Hauſes einzutreten. Auch er erröthete und fühlte * 83 ſich ſo befangen, wie man es von einem verſtändi⸗ gen, beſonnenen jungen Mann erwarten kann, wenn er ſich einer Dame mit einer Muſikalienrolle in der Hand nähert. Mit einigem Stocken begann er: „Es wird Sie überraſchen, mich wieder zu ſehen, Miß Tulliver— ich ſollte um Entſchuldigung bitten, daß ich ſo unerwartet erſcheine; aber ich wollte wie⸗ der in die Stadt und habe deßhalb unſeren Fähr⸗ mann beauftragt, mich zu rudern. Dieſe Gelegen⸗ heit benützte ich, für Ihre Couſine dieſe Muſitſtücke aus dem Mädchen von Artois“ mitzubringen, die ich heute Morgen vergeſſen hatte. Wollen Sie die Güte haben, ſie ihr zu geben?“ „Ja wohl,“ verſetzte Maggie, die mit Minnie auf dem Arm verwirrt aufgeſtanden und nun, da ſie nicht wußte, was ſie Anderes thun ſollte, ſich wieder niederſetzte. Stephen legte ſeinen Hut und die Notenblätter ab, die auf den Boden rollten; dann nahm er auf dem Stuhl neben ihr Platz. Dies hatte er früher nie gethan, und er ſowohl als Maggie fühlten das Neue in ihrer wechſelſeitigen Lage. 1 „Du verwöhntes Schoßhündchen!“ ſagte Ste⸗ phen, indem er ſich niederbeugte, um das Thier an dem langen Ohr zu zupfen, das über Maggie's Arm niederhing. Dieſe Bemerkung forderte keine Erwiederung, und da der Sprecher ſie nicht weiter entwickelte, ſo machte die Unterhaltung natürlich keinen Fortgang. Es ſchien Stephen wie eine Handlung im Traum zu ſein, welche er thun mußte, obſchon er ſich die ganze Zeit darüber wunderte, daß er jnwahxend 84 Minnie's Kopf ſtreichelte. Doch es war ſo ange⸗ nehm; er wünſchte nur, daß er es wagen dürfte, Maggie anzuſehen, und daß auch ſie ihn anblickte — ja, nur ein einziger langer Blick in die Tiefe ihrer wunderbaren Augen; dies würde ihn zufrieden⸗ geſtellt und wieder zur Vernunft gebracht haben. Es kam ihm vor, als werde es eine Art von Wahn⸗ ſinn in ihm, daß er ſich nach dieſem langen Blick von Maggie ſehnte, und er quälte unaufhörlich ſeine Erfindungsgabe, um zu Erreichung dieſes Zwecks irgend ein Mittel zu entdecken, das nicht auffiel und keine Verlegenheit bereitete. Maggie dagegen hatte keinen beſtimmten Gedanken; ſie fühlte nur die An⸗ weſenheit von Etwas, wie wir vielleicht in der Dun⸗ kelheit die Nähe eines dicht über uns ſchwebenden breitſchwingigen Vogels fühlen würden; denn ſie war nicht im Stande, aufzuſchauen und ſah nichts als Minnie's ſchwarze, wellige Haare. Doch dies mußte einmal ein Ende nehmen— vielleicht redete er ſehr bald und es ſchien nur lange zu ſein, wie etwa der Traum einer Minute. Ste⸗ phen ſaß zuletzt ſeitlings aufrecht auf ſeinem Seſſel, ließ die eine Hand und den Arm auf der Lehne ruhen und ſah Maggie an. Was ſollte er ſagen? „Ich denke, es gibt einen prächtigen Sonnen⸗ untergang; werden Sie nicht ausgehen und ihn be⸗ trachten?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Maggie; dann erhob ſie muthig ihre Augen und ſchaute zu dem Fenſter hinaus—„ob ich nicht mit dem Onkel Cribbage ſpielen muß.“ Eine Pauſe, während welcher Minnie wieder ge⸗ 8⁵ ſtreichelt wird; das Thierchen hat aber Verſtand genug, um nicht dankbar dafür zu ſein, da es im Gegentheil ſich etwas knurrig erweist. „Sind ſie gerne allein?“ Ein etwas ſchalkhafter Blick überflog Maggie's Antlitz; ſie ließ ihn flüchtig gegen Stephen hinglei⸗ ten und antwortete: „Wäre es ganz höflich, wenn ich Ja ſagte?“ „Es war freilich eine verfängliche Frage für einen Eindringling,“ verſetzte Stephen, entzückt über die⸗ ſen Blick und entſchloſſen, noch einen weiteren ab⸗ zuwarten.„Aber Sie werden noch mehr als eine halbe Stunde für ſich haben, nachdem ich fort bin,“ fügte er, ſeine Uhr herausnehmend, bei.„Ich weiß, „ Mr. Deane kömmt nicht vor halb acht Uhr herein.“ Abermals eine Pauſe, während welcher Maggie ſtetig zum Fenſter hinausſah, bis ſie endlich unter großer Anſtrengung den Kopf bewegte, um wieder auf Minnie's Rücken niederzuſchauen. „Es wäre mir lieb, Lucie hätte nicht ausgehen müſſen,“ ſagte ſie.„Wir kommen heute um unſere Muſik.“ „Morgen Abend kriegen wir eine neue Stimme,“ verſetzte Stephen.„Wollen Sie Ihrer Couſine mit⸗ theilen, daß unſer Freund Philipp Wakem zurück⸗ gekommen iſt? Ich begegnete ihm, als ich nach Haus ging.“ Maggie fuhr ein wenig zuſammen— es ſchien kaum mehr als ein Vibriren zu ſein, das in einem Nu vom Kopf bis zu den Füßen ſie durchzuckte. Aber die neuen Bilder, die durch Philipps Namen 86 heraufbeſchworen wurden, zerſtreuten einigermaßen den Bann, der auf ihr gelaſtet hatte. Sie erhob ſich mit plötzlicher Entſchloſſenheit von ihrem Stuhl, legte Minnie auf ſein Kiſſen und holte Luciens großen Arbeitskorb aus ſeiner Ecke hervor. Stephen ſah in großer Verwirrung zu. War es vielleicht Maggie zuwider, daß Wakems Name in dieſer abgebrochenen Weiſe von ihm genannt worden?— denn er erin⸗ nerte ſich jetzt, was ihm Lucie von der Familien⸗ feindſchaft vertraut hatte. Es war nutzlos, länger zu bleiben. Maggie nahm wieder am Tiſch bei ihrer Arbeit Platz und zeigte eine kalte, ſtolze Miene; er aber— er erſchien ſich ſelbſt als ein Thor, daß er überhaupt gekommen war. Ein ſo aus der Luft gegriffener, ganz überflüſſiger Beſuch mußte ihn noth⸗ wendig in einem unangenehmen, lächerlichen Lichte zeigen. Natürlich konnte es Maggie mit Händen greifen, daß er haſtig ſein Mahl auf ſeinem Zimmer eingenommen und ſich ſogleich wieder auf den Weg gemacht hatte, um ſie allein zu treffen. Ein ſehr knabenhafter Gemüthszuſtand für einen talentvollen jungen Herrn von fünfundzwanzig, der ſich juridiſcher Kenntniſſe rühmen konnte! Wenn wir übrigens einen Blick auf die Geſchichte werfen, ſo wird er nicht unglaubwürdig erſcheinen. In dieſem Augenblick rollte Maggie's Strick⸗ knäuel auf den Boden, und ſie fuhr auf, um ihn wieder zu holen. Auch Stephen erhob ſich, und als er den Knäuel auflas und ihr denſelben hinreichte, that er es mit einem ſo bekümmerten Blicke, daß ſeine Augen dadurch für Maggie einen ganz neuen Ausdruck gewannen. 87 „Gott befohlen,“ ſagte Stephen in einem Ton, der vollkommen mit dem Blicke harmonirte. Er wagte es nicht, bei dieſen Worten die Hand auszuſtrecken, ſondern ſteckte beide in die Rock⸗ taſchen. Maggie meinte, ſie ſei vielleicht unartig geweſen. „Warum eilen Sie ſo?“ verſetzte ſie ſchüchtern und ſah nicht weg, da dies vielleicht wieder als un⸗ artig erſchienen wäre. „Das Boot wartet auf mich,“ entgegnete Stephen und blickte in die halb widerſtrebenden, halb bezau⸗ berten Augen wie ein Durſtiger nach dem Weiden⸗ ſaum eines fernen Baches.„Sie werden es Ihrer Zoujns ſagen?“ 2 a.“ „Daß ich das Muſikheft gebracht habe, meine ich.“ X 9.“ „Und daß Philipp zurückgekommen iſt.“ „Ja.“(Maggie zeigte diesmal bei Nennung von Philipps Namen keine Bewegung.) „Wollen Sie nicht noch ein wenig in den Gar⸗ ten hinauskommen?“ fragte Stephen in noch ſanf⸗ terem Tone, ärgerte ſich aber im nächſten Augenblick, als ſie nicht„Nein“ ſagte, ſondern einfach auf die offene Glasthüre zuging; er mußte ſeinen Hut auf⸗ nehmen und an ihre Seite treten, ſann aber dabei auf Etwas, was ihn in beſſerem Licht erſcheinen ließ. „Nehmen Sie meinen Arm,“ ſagte er leiſe, als handle es ſich um ein Geheimniß. In dem Avbieten eines feſten Arms liegt für die meiſten Frauen etwas ſeltſam Gewinnendes; man bedarf zwar im Augenblick, vom phyſtkaliſchen — 88 Standpunkt betrachtet, der Hilfe nicht, aber das Be⸗ wußtſein ihrer Nähe, der Anweſenheit einer Kraft, die nicht die ihrige iſt und doch ihnen gehört, übt einen ungemein wohlthuenden Einfluß. Ob dies oder ſonſt etwas der Grund ſein mochte— Maggie nahm den Arm. Und ſo wandelten ſie mit einander um den Grasplatz und unter dem grünen Gewölbe der wilden Reben dahin in demſelben unbeſtimmten träumeriſchen Zuſtand, der ſie vor einer Viertelſtunde gefangen gehalten, nur mit dem Unterſchied, daß Stephen jetzt der erſehnte Blick zu gut kam, obgleich ſich in Folge davon keine Symptome der wiederkehrenden Vernunft bemerklich machten, während bei Maggie durch den Nebel die Fragen zuckten, wie ſie hieher und warum ſie herausgekommen ſei. Es fiel kein Wort. Wäre geſprochen worden, ſo hätte wohl keines von beiden die Nähe des Anderen ſo nachdrücllich geſühlt. „Nehmen Sie ſich vor dieſer Stufe in Acht,“ ſagte endlich Stephen. „Ah, ich will jetzt wieder hineingehen,“ verſetzte Maggie, in ihrem Innern die Stufe als eine Er⸗ löſerin begrüßend.„Guten Abend.“ Sie zog haſtig ihren Arm an ſich und eilte nach, dem Haus zurück, ohne zu bedenken, daß dieſe plötz⸗ liche Handlung die verwirrenden Gedanken der let⸗ ten halben Stunde nur um ſo peinlicher machen mußte. Doch für ſolche Erwägungen war ihr Herz zu voll; ſie warf ſich einfach in den niedern Lehnſtuhl und brach in Thränen aus. „O Philipp, Philipp!“ rief ſie.„Wollte Gott, wir wären wieder ſo ruhig beiſammen in den rothen Tiefen.“ 4 3 89 Stephen ſah ihr einen Augenblick nach, begab ſich dann zu ſeinem Boot und wurde bald an dem Kai gelandet. Er verbrachte den Abend im Billard⸗ zimmer, rauchte Cigarre um Cigarre und ließ ſich wieder und wieder in der Poule todt machen. Er wollte nicht aufhören, denn er war entſchloſſen, kei⸗ nen anderen Erinnerungen als ſolchen Raum zu geben, die ihm ſtetig Maggie's Bild vorzauberten. Er ſah ihr in die Augen, und ſie ſtützte ſich auf ſeinen Arm. Dann aber kam die Nothwendigkeit, im kalten Sternenlicht nach Haus zu gehen, und mit ihr die weitere, die eigene Thorheit zu verwünſchen und mit bitteren Gefühlen den Entſchluß zu faſſen, nie wie⸗ der allein mit Maggie zuſammenzutreffen. Es war der helle Wahnſinn— er, der Verehrer der liebens⸗ würdigen Lucie, und an ſie durch alle Bande ge⸗ feſſelt, die einen ehrlichen Mann zu verpflichten ge⸗ eignet ſind. Hätte er doch dieſe Maggie Tulliver, welche ihn in ein ſolches Fieber verſetzte, nie ge⸗ ſehen! Sie gab vielleicht eine liebe, wunderliche, aufgeweckte, anbetungswürdige, Frau für Dieſen oder Jenen; er ſelbſt aber würde ſie nie gewählt haben. Theilte ſie wohl ſeine Gefühle? Er hoffte— nein. Er hätte nicht hingehen ſollen— wollte in Zukunft ſich Gewalt anthun, ſich ihr unangenehm machen— durch einen Streit vielleicht. Ein Streit mit ihr? War dies möglich einem Weſen gegenüber, das ſolche Augen hatte— Augen voll der köſtlichſten Gegenſätze, trotzig und abbittend, widerſprechend und anſchmiegend, gebieteriſch und flehend? Es wäre Alles werth geweſen, ein ſolches Geſchöpf 90 in Liebe ſchmelzen zu ſehen— zu einem andern Manne. Ein halblauter Ausruf, der leider wie das Gegen⸗ theil eines Gebetes klang, endigte dieſes innerliche Selbſtgeſpräch, als Stephen den Stumpf ſeiner letz⸗ ten Cigarre wegwarf und mit in die Taſchen geſteck⸗ ten Händen ruhigeren Schritts durch das Gebüſch weiter wandelte. Siebentes Kapitel. Philipp tritt wieder auf. Der nächſte Morgen war ſehr naß— ein Mor⸗ gen, an welchem männliche Nachbarn, die zu Haus keine dringlichen Geſchäfte haben, ihre ſchönen Freun⸗ dinnen gern mit nicht enden wollenden Beſuchen be⸗ ehren. Der Regen, der für den Herweg noch er⸗ träglich genug war, wird ſicherlich ſo ſchwer und ſtellt mit ſolcher Gewißheit ein baldiges Nachlaſſen in Ausſicht, daß nur ein offener Zankausbruch die Viſite abkürzen kann; ein ſtilles Grollen reicht nicht aus. Und was kann es in England für Verliebte Köſtlicheres geben, als einen Regenmorgen? Der Sonnenſchein iſt zweifelhaft, die Hüte ſind nie ganz ſicher, und wenn man ſich in's Gras niederſetzt, ſo kann man einen Catarrh davon tragen. Der Regen dagegen bleibt zuverläßig. Man galoppirt in einem Mackin⸗ toſh unter ihm weg und erreicht bald den Sitz, der Einem am beſten gefällt— ein wenig über oder ein wenig unter dem, welchen die Göttin einnimmt (vom metaphyſiſchen Standpunkt iſt dies gleich⸗ 1 91 werthig, und daher kömmt es auch, daß man zu gleicher Zeit die Frauen anbetet und auf ſie herab⸗ ſieht), und erfreut ſich dabei der beruhigenden Ueber⸗ zeugung, daß man durch keine Damenbeſuche geſtört wird. „Ich weiß, Stephen wird dieſen Morgen früher kommen,“ ſagte Lucie.„Er hält es immer ſo, wenn es regnet.“ Maggie gab keine Antwort. Sie war nicht gut auf Stephen zu ſprechen und begann zu glauben, daß ſie ihm böſe ſein ſollte. Ohne den Regen wäre ſie dieſen Morgen zu Tante Glegg und ihm ganz und gar aus dem Wege gegangen, ſo aber mußte ſie einen Vorwand erſinnen, um das Zimmer mei⸗ den und bei ihrer Mutter bleiben zu können. Aber Stephen kam nicht früher. Dagegen ſtellte ſich vor ihm ein anderer Beſuch ein, der in näherer Nachbarſchaft wohnte. Als Philipp eintrat, wollte er gegen Maggie nur eine Verbeugung machen, weil ihm ſein Inneres ſagte, ihre Bekanntſchaft ſei ein Geheimniß, das er nicht verrathen dürfe; wie ſie aber auf ihn zuging und ihm ihre Hand darbot, er⸗ rieth er ſogleich, daß Lucie in's Vertrauen gezogen war. Der Moment des Wiederſehens wirkte auf⸗ regend auf Beide, obſchon Philipp ſich viele Stunden darauf vorbereitet hatte; doch verlor er, wie alle Perſonen, die auf ihrer Lebensbahn nicht viel auf Sympathie rechnen dürfen, nur ſelten ſeine Faſſung und ſcheute mit ſtolzer Empfindung jede augenfällige Kundgebung ſeiner Gefühle. Eine etwas größere Bläſſe, eine ſtärkere Ausdehnung der Naſenlöcher beim Sprechen und in der Stimme ein etwas höhe⸗ 92 rer Ton, in welchem Fremde den Ausdruck kalter Gleichgültigkeit geſucht˖haben würden— dies waren die einzigen Zeichen, durch welche ſich das in Phi⸗ lipps Innerem vorgehende und an effectvollen Par⸗ tien nicht arme Drama kund that. Maggie dagegen, welche die in ihrer Seele hervorgerufenen Eindrücke nicht zu verhehlen vermochte, fühlte, daß ihre Augen größer wurden unter den hervorquellenden Thränen, als ſie ſich wechſelſeitig ſtumm die Hand reichten. Sie waren keine Aeußerung des Schmerzes, ſondern hatten ungefähr dieſelbe Urſache, welche den Thrä⸗ nen der Frauen und Kinder zu Grund liegt, wenn ſie einen Schutz aufgefunden haben, an den ſie ſich anklammern können, und dabei auf eine Gefahr zu⸗ rückſchauen, von der ſie bedroht geweſen. Denn Philipp, der vor noch nicht langer Zeit Maggie's Seele in einer Weiſe beſchäftigt hatte, welche Tom wohl mit einigem Recht hätte tadeln können, war in kurzer Friſt für ſie⸗ zu einer Art äußerlichem Gewiſ⸗ ſen geworden, bei dem ſie Kraft und Hilfe zu finden hoffte. Ihre zarte Anhänglichkeit an Philipp mit ihren tiefen, bis in die Kindheit zurückgreifenden Wur⸗ zeln und ihren Erinnerungen an die langen, ruhigen Geſpräche, welche den erſten inſtinktartigen Drang allmählig durch beſtimmtere Eindrücke klärten— die Thatſache, daß in ihm die Berufung nachdrucks⸗ voller an ihr Mitleid und ihre Opferwilligkeit, als an ihre Citelkeit oder an eine andere egoiſtiſche Eigen⸗ ſchaft ihres Weſens erging, ſchien ihr jetzt zu einer Art Heiligthum zu werden, zu welchem ſie ſich flüch⸗ ten konnte vor den verführeriſchen Einflüſſen, denen ihr beſſeres Ich widerſtehen mußte, und die in ihrem 93 Innern nur Stürme, nach außen blos Elend zur Folge haben konnten. Dieſe neue Auffaſſung ihrer Beziehung zu Philipp vermehrte die ängſtlichen Be⸗ denken, die ſie ohnehin gefühlt haben würde, damit ſie ja nicht die Grenzen des Verkehrs überſchreite, die Tom ihr vorgeſteckt hatte, und ſie ward ſich keines innern Zügels bewußt, als ſie ihm die Hand dar⸗ bot und die Thränen in ihren Augen quollen. Der Auftritt war gerade ſo, wie ihn Lucie erwartet hatte, und ihr wohlwollendes Herz jubelte bei dem Gedan⸗ ken, daß ſie es geweſen, die Philipp und Maggie wieder zuſammengebracht hatte, obſchon ſie bei all' ihrer Achtung vor Philipp doch dem Eindruck nicht widerſtehen konnte, man dürfe es ihrem Vetter Tom nicht ſo ſehr übelnehmen, wenn er Anſtoß nehme an dem zwiſchen den Beiden beſtehenden phyſikaliſchen Mißverhältniß— einer proſaiſchen Perſon wie Vet⸗ ter Tom, der nichts wiſſen wollte von Poeſie und Feenmärchen. Sie begann ſobald als möglich das Wort zu ergreifen, um die Spannung des Augen⸗ blicks auszugleichen. „Es iſt ſehr ſchön und edel von Ihnen,“ ſagte ſie in ihrem lieblichen Sopran, der ſich wie das trauliche Gezwitſcher der kleinen Vögel ausnahm, „daß Sie gleich nach Ihrer Ankunft herkommen. Und in Anbetracht deſſen will ich Ihnen Verzeihung zu Theil werden laſſen für Ihr unartiges Fortlaufen, ohne Ihren Freunden etwas davon zu ſagen. Kom⸗ men Sie und nehmen Sie hier Platz,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihm den Sitz hinſtellte, der am beſten für lin paßte.„Wir wollen Gnade für Recht ergehen aſſen.“ 94 „Sie wären zu einer Obrigkeit verdorben, Miß Deane,“ verſetzte Philipp, indem er ſich niederließ, „denn Niemand würde an Ihren Ernſt glauben, ſon⸗ dern der Sünder ſich mehr und mehr verſtocken in dem Bewußtſein Ihrer Nachſicht mit ſeinen Miſſe⸗ thaten.“ Lucie erhob dagegen einen ſcherzenden Widerſpruch, auf den übrigens Pbilipp nicht achtete, da ſeine Aufmerkſamkeit zunächſt Maggie galt, welche ihn mit jenem offenen, treuherzigen Blick betrachtete, den man nach langer Trennung an ſich wieder⸗ ſehenden Freunden bemerkt. Welch ein Moment war ihr Scheiden geweſen! Und Philipp meinte, es habe erſt geſtern ſtattgefunden. Er fühlte dies ſo nachdrücklich, mit einer ſo treuen, ausführlichen Erin⸗ nerung und einer ſo lebhaften und leidenſchaftlichen Vergegenwärtigung ailes deſſen, was bei ihrer letz⸗ ten Zuſammenkunft in Worten und Blicken ausge⸗ drüct worden war, daß er mit jenem eiferſüchtigen Mißtrauen, welches man faſt immer bei ſchüchternen Naturen mit lebhaften Gefühlen findet, in Maggie's Mienen und Weſen das Zeugniß eines Wechſels zu leſen glaubte. Schon der Umſtand, daß er es fürch⸗ tete und halb erwartete, konnte in Ermangelung poſitiver Beweiſe vom Gegentheil zu Hervorrufung ſolcher Gedanken ausreichen. „Ich bin in der großen Vacanz,“ ſagte Maggie. „Lucie iſt wie die Pathin Fee: ſie hat im Nu aus dem Aſchenbrödel mich zur Prinzeſſin umgewandelt. Ich thue jetzt den lieben langen Tag nichts, als was mir gefällt, und ſie findet immer aus, was ich brauche, noch eh' ich ſelbſt es weiß.“ 95⁵ „Ich bin überzeugt, ſie fühlt ſich glücklich, daß Sie um ſie ſind,“ verſetzte Philipp.„Sie müſſen natürlich ihr beſſer gefallen, als eine ganze Mena⸗ gerie von Schoßhündchen. Und Sie ſehen recht gut aus— die Veränderung iſt Ihnen zu ſtatten gekommen.“ Die gezwungene Unterhaltung machte eine Weile in dieſer Weiſe fort, bis Lucie, die der Sache ein Ende machen wollte, mit gut geſpieltem Aerger aus⸗ rief, daß ſie Etwas vergeſſen habe, und flugs das Zimmer verließ. Sogleich beugten Maggie und Philipp ſich vor⸗ wärts, und die Hände verſchlangen ſich wieder unter Blicken wehmüthiger Freude, wie man ſie etwa bei Freunden bemerkt, deren Begegnung die Erinnerung an früheres Leid weckt. „Ich ſagte meinem Bruder, daß ich Sie zu ſehen wünſche, Philipp; er willigte ein, mich meines Ver⸗ ſprechens zu entbinden.“ Im Drang ihres Herzens wollte Maggie Philipp ohne Umſtände die Stellung kund thun, welche ſie wechſelſeitig einzunehmen hätten; aber ſie hielt als⸗ bald wieder inne. Was Alles vorgefallen, ſeit er mit ihr von ſeiner Liebe geſprochen hatte, war ſo ſchmerzlich, daß ſie es nicht wagte, zuerſt darauf an⸗ zuſpielen. Es ſchien ihr faſt eine Kränkung für Phi⸗ lipp zu ſein, ihres Bruders zu erwähnen, von dem er ſo ſchwer beleidigt worden. Er aber war ſo ganz von dem Gedanken an ſie in Anſpruch genommen, daß 8 in dieſem Augenblick für nichts Anderes Sinn atte. „Dann können wir wenigſtens Freunde ſein, 96 Maggie? Dieſem wird wenigſtens kein Hinderniß mehr im Wege ſtehen?“ „Wird Ihr Vater nicht Einſprache dagegen er⸗ heben?“ verſetzte Maggie, ihre Hand zurückziehend. „Ich laſſe mich durch nichts beſtimmen, als durch Ihre eigenen Wünſche, Maggie,“ entgegnete Philipp erröthend.„Ich habe Ihnen ſchon oft erklärt, daß es Punkte gibt, in welchen ich meinem Vater keinen Einfluß auf mich geſtatte. Dies iſt einer.“ „Dann wird unſerer Freundſchaft nichts hinder⸗ lich ſein— das heißt, daß wir uns ſehen und ſpre⸗ chen, ſo lange ich noch hier bin. Aber ich werde bald wieder fort müſſen— ſehr bald ſogar, da ich eine neue Stelle antreten werde.“ „Iſt dies unvermeidlich, Maggie?“ „Ja; ich darf nicht lange hier verweilen. Es würde mich unpaſſend machen für das Leben, in das ich doch wieder eintreten muß. Ich mag von Nie⸗ mand abhängig ſein, nicht einmal von meinem Bru⸗ der, obſchon er jetzt ſehr gut gegen mich iſt. Er würde gern für mich ſorgen; aber dies wäre mir unerträglich.“ Philipp blieb eine Weile ſtumm; dann aber ſprach er mit jener hohen, ſchwachen Stimme, welche anzeigte, daß er entſchloſſen eine innere Bewegung niederkämpfte: „Bleibt Ihnen keine andere Wahl, Maggie? Müſſen Sie ſich durchaus in ein Leben werfen, das Sie von Allen trennt, welche Sie lieben?“ „Ja, Philipp,“ entgegnete ſie, ihn mit einem flehenden Blick anſehend, als bitte ſie ihn, zu glau⸗ ben, daß ſie zu dieſem Schritt gezwungen ſei; „wenigſtens wie die Dinge jetzt ſtehen. Was die Zeit bringen wird, weiß ich noch nicht. Ich fange übrigens an zu glauben, daß mir aus der Liebe nie viel Glück erblühen wird— es hat ſich immer ſo viel Schmerzliches darein gemiſcht. Wollte Gott, ich könnte mir, wie die Männer, eine Welt ohne ſie ſchaffen.“ „Sie kommen da wieder, nur in einer neuen Form, auf Ihren alten Gedanken zurück— den Ge⸗ danken, den ich ſo oft bekämpfte,“ erwiederte Philipp mit einem Anflug von Bitterkeit.„Sie möchten eine Form der Entſagung auffinden, die Sie über den Schmerz erhebt. Ich ſage Ihnen aber noch einmal, dies wird nur dadurch möglich, daß der Menſch ſein eigenes Weſen umkehrt oder verſtüm⸗ melt. Was würde aus mir werden, wenn ich ver⸗ ſuchen wollte, dem Schmerz zu entrinnen? Welt⸗ verachtung und Cynismus wären mein einziges Opium, es ſei denn, daß ich in eine Art dünkel⸗ vollen Wahnſinns verfallen und mich für einen Lieb⸗ ling des Himmels halten könnte, weil ich kein Lieb⸗ ling der Menſchen bin.“ Die Bitterkeit hatte im Verlauf von Philipps Rede den Charakter des Ungeſtüms angenommen; ſeine Worte waren augenſcheinlich eben ſo gut ein Erguß ſeiner unmittelbaren Gefühle, als eine Ant⸗ wort für Maggie. Es lag in dieſem Augenblick etwas ſchwer auf ſeinem Herzen. Mit ſtolzem Zart⸗ gefühl enthielt er ſich jeglicher Anſpielung auf die Verſicherungen der Liebe, die zwiſchen ihnen gewech⸗ ſelt worden waren; es hätte den Anſchein gehabt, Eliot, Die Mühle am Floß. III. 7 98 als wolle er Maggie an ihre Zuſagen erinnern und einen ſchnöden Zwang auf ſie üben. Er konnte nicht bei der Thatſache verweilen, daß er unverändert geblieben ſei, denn auch dies würde ſich wie eine Berufung ausgenommen haben. Seine Liebe zu Maggie trug ſogar in noch höherem Grade, als ſeine übrigen Er⸗ fahrungen den Stempel des empfindlichen Bewußt⸗ ſeins, daß er eine Ausnahme ſei und daß auch ſie wie Jedermann ſonſt ihn in dieſem Lichte betrachten müſſe. Aber Maggie fühlte Gewiſſensbiſſe. „Ja, Philipp,“ verſetzte ſie mit der frühern kind⸗ lichen Zerknirſchung, wenn er mit ihr ſchmälte,„ich weiß, Sie haben Recht. Ich denke immer zu viel an meine eigenen Gefühle und nicht genug an die von Andern— nicht genug an die Ihrigen. Ich hätte wohl nöthig, daß Sie mich immer auf meine Fehler auſmerkſam machten und mich belehrten; es iſt ſo viel wahr geworden, was Sie mir früher ſagten.“ Während dieſer Worte hatte Maggie den Ellen⸗ bogen auf den Tiſch geſtützt und blickte Philipp mit halb reuiger, vertrauensvoller Innigkeit an. Er er⸗ wiederte ihren Blick mit einem Ausdruck, der, wie ſie ſich bewußt wurde, allmählig einen beſtimmteren Charakter gewann und klare Erinnerungen zu um⸗ faſſen ſchien. War ſein Geiſt zurückgeeilt zu etwas, das auch ihr jetzt vor die Seele trat— zu etwas das einen Liebhaber Luciens betraf? Es war ein Gedanke, der ſie ſchaudern machte; er verlieh ihrer gegenwärtigen Lage und dem möglichen Ende deſſen, was geſtern vorgefallen war, deutlichere Umriſſe. 3 Sie entfernte ihren Arm von dem Tiſch und ver⸗ änderte ihre Haltung, dazu gedrungen von jenem körperhaften Herzdruck, der bisweilen eine plötzliche geiſtige Beängſtigung begleitet. „Was fehlt Ihnen, Maggie? Iſt Ihnen etwas zugeſtoßen?“ fragte Philipp in höchſter Beſorgniß; denn ſeine Einbildungskraft war nur zu bereit, überall das Schlimmſte für ſie und für ſich ſelbſt zu ſehen. „Nein— nichts,“ verſetzte Maggie, all' ihrer verborgenen Willenskraft aufbietend. Philipp konnte nicht dieſen häßlichen Gedanken in ſeiner Seele ber⸗ gen, und ſie wollte ihn auch aus der ihrigen ver⸗ bannen.„Nichts,“ wiederholte ſie.„Es laſtet nur auf meinem Geiſte. Sie pflegten zu ſagen, ich werde die Wirkung des Hungerns der Seele fühlen, und dies trifft bei mir zu. Ich kann der Muſik und all' der Genüſſe, die mich jetzt umgeben, nicht ſatt werden.“ Sie nahm ihr Geſtrick auf und arbeitete mit Macht darauf los, während Philipp zweifelnd zuſah, ob ihr wirklich nicht noch etwas Anderes, als dieſe allgemeine Anſpielung auf dem Herzen gelegen habe. Es lag allerdings ganz in Maggie's Charakter, ſich durch ſolche unbeſtimmte Selbſtantlagen aufregen zu laſſen. Aber bald erſcholl ein wohlbekanntes, un⸗ geſtümes Läuten der Thürglocke, welches dröhnend das ganze Haus erfüllte. „Das dringt durch Mark und Bein,“ ſagte Maggie, die ihre volle Faſſung wieder gewonnen hatte, obſchon ihr innerlich das Herz pochte.„Wo nur Lucie ſein mag?“ Lucie war nicht taub gegen das Signal geweſen, 100 und nach einer Weile, welche für einige dringliche, aber nicht übereilte Fragen ausreichte, führte ſie Stephen ſelbſt ein. „Ha, alter Freund,“ ſagte er, geradenwegs auf Philipp zuſchreitend und ihm die Hand reichend, wo⸗ bei er im Vorübergehen ſich gegen Maggie verbeugte, „es iſt ja herrlich, daß wir Sie wieder hier haben; nur wünſchte ich, daß Sie es nicht hielten, wie der Sperling mit ſeiner Wohnung unter dem Hausdach, indem Sie beſtändig ein⸗ und ausgehen, ohne das Geſinde etwas davon wiſſen zu laſſen. Ich habe ſicherlich zwanzigmal die unzähligen Stufen bis zu Ihrem Malzimmer hinaufſteigen müſſen, nur deßhalb, weil die Leute meinten, daß Sie zu Hauſe ſeien. Solche Nachläſſigkeiten machen Einem die Freund⸗ ſchaft ſauer.“ „Ich erhalte ſo wenig Beſuch, daß es kaum der Mühe werth iſt, von meinem Aus⸗ und Eingehen Anzeige zu machen,“ verſetzte Philipp, auf den das ſchöne, kräftige Ausſehen und die ſtarke Stimme Stephens eben jetzt einen beengenden Eindruck machte. „Sie ſind doch dieſen Morgen recht wohl, Miß Tulliver?“ ſagte Stephen, ſich mit ſteifer Höflichkeit an Maggie wendend und in einer Weiſe die Hand ausſtreckend, als erfülle er einfach einen geſellſchaft⸗ lichen Brauch. Maggie gab ihm ihre Fingerſpitzen und entgeg⸗ nete im Ton ſtolzer Gleichgiltigkeit: „Ganz wohl, ich danke Ihnen.“ Philipp beobachtete ſie mit ſcharfem Auge; Lucie aber war an Veränderungen in ihrem wechſelſeitigen Benehmen gewöhnt und bedauerte, daß zwiſchen „ 101 beiden eine natürliche Abneigung beſtehe, die ge⸗ legentlich gegen ihren Willen durchbrach.„Maggie iſt nicht der Frauenzimmerſchlag, der Stephens Bei⸗ fall hat, und an ihm mißfällt ihr etwas, was ſie für Dünkel deutet.“ So wußte ſich die argloſe Lucie in der Stille Alles zurecht zu legen. Stephen und Maggie hatten kaum dieſe ſtudirte Begrüßung beendigt, als ſchon Jedes durch die Kälte des Ande⸗ ren ſich verletzt fühlte. Und während Stephen Fra⸗ gen auf Fragen an Philipp über ſeinen kürzlichen Skizzirausflug richtete, dachte er nur um ſo mehr an Maggie, obſchon er ſie gegen ſeine frühere Gewohn⸗ heit nicht mit in's Geſpräch zog.„Philipp und Maggie ſehen nicht glücklich aus,“ dachte Lucie. „Die erſte Begegnung muß eine traurige gewe⸗ ſen ſein.“ „Ich denke, auf uns Leute, die wir keinen Ritt gemacht haben, wirkt der Regen herabſtimmend,“ ſagte ſie zu Stephen.„Muſiciren wir ein wenig. Wir müſſen die Gelegenheit, daß wir Sie und Philipp wieder bei einander haben, benützen. Singt uns das Duett aus Maſſaniello; Maggie hat es noch nicht gehört, und ich weiß, es wird ihr gefallen.“ „So kommen Sie,“ verſetzte Stephen, auf das Piano zugehend und in einer tiefen, recht ange⸗ nehm klingenden Brummſtimme präludirend. „Und Sie, Philipp— nicht wahr, Sie accom⸗ pagniren?“ ſagte Lucie.„Ich kann dann an mei⸗ ner Arbeit fortmachen. Sie thun es doch gerne?“ fügte ſie mit einem lieblichen, bittenden Blicke bei, denn ſie war wie gewöhnlich beſorgt, ob ſie nicht etwas vorgeſchlagen habe, was Jemand Anderem 10² unangenehm war. Dann ſchaute ſie verlangend nach ihrer unvollendeten Stickerei hin. Philipp heiterte ſich auf bei dieſem Vorſchlag, denn es gibt vielleicht kein Gefühl, das Uebermaß der Furcht oder des Kummers ausgenommen, das nicht in der Muſik Erleichterung fände; und Philipp war in jenem Augenblick von einer Fülle verhal⸗ tener Gefühle bedrängt, die ſo wirr in ihm wogten, wie nur immer Leidenſchaften in einem Terzett oder Quartett, das beſtimmt iſt, zu gleicher Zeit Liebe 4 und Eiferſucht, Ergebung und bitteren Argwohn aus⸗ zudrücken. „O ja,“ ſagte er, ſich vor dem Piano nieder⸗ laſſend.„Man gewinnt dadurch ein Mittel, ſein unvollkommenes Leben zu dehnen und zumal drei Perſönlichkeiten in ſich zu vereinigen— eine die ſingt, eine die ſpielt und eine die zuhört. Beim Singen und Malen geht's in ähnlicher Weiſe.“ „Ah, Sie ſind ein beneidenswerther Menſch. Ich weiß mit meinen Händen gar nichts anzufangen,“ ſagte Stephen.„Doch dies iſt, glaube ich, bei allen Männern von bedeutendem adminiſtrativem Talent der Fall. Die reflertirenden Vermögen ſtreben in mir nach dem Uebergewicht— haben Sie dies noch nicht bemerkt, Miß Tulliver?“ Stephen war gegen ſeine Abſicht wieder in die Gewohnheit verfallen, eine ſcherzhafte Berufung an Maggie zu erheben, und ſie konnte ſich's nicht ver⸗ ſagen, eine ſpöttiſche Antwort darauf folgen zu laſſen. „Ich habe allerdings das Streben nach dem Uebergewicht wahrgenommen,“ verſetzte ſie lächelnd, „ 5b 103 und Philipp hoffte in jenem Augenblick andächtig, daß ſie dieſes Streben unangenehm finden möchte. „Kommt, kommt!“ rief Lucie.„Muſik, Muſik! Wir können ein andermal die Eigenſchaften der Herren beſprechen.“ Wenn muſicirt wurde, verſuchte Maggie ſtets vergeblich, in ihrer Arbeit achtſam fortzumachen, und ſie fand dies heute ſchwerer als je. Der Gedanke, daß Stephen bekannt ſei, wie gern ſie ihn ſingen hörte, verlieh zwar ihrem Widerſtand mehr Nachdruck: auch wußte ſie, daß er ſtets die Stellung einzuneh⸗ men pflegte, in welcher er ſie anſehen konnte. Doch es half Alles nichts; ſie ließ bald ihre Arbeit fallen, und ihre Vorſätze gingen unter in dem unbeſtimm ten Zuſtand der Erregung, welche das begeiſternde Dueit einflößte— einer Erregung, welche ſie zu gleicher Zeit ſtark und ſchwach zu machen ſchien, ſtark im Gefühl der Wonne und ſchwach zum Widerſtand. Als die Tonart in Moll überging, fuhr ſie, von dem Wechſel plötzlich durchbebt, halb von ihrem Sitz auf. Die arme Maggie! Sie nahm ſich ſehr ſchön aus, wenn die unerbittliche Gewalt der Töne alſo mit ihrer Seele ſpielte. Man konnte das leich⸗ teſte Beben über ihren ganzen Körper hin verfolgen, während ſie, ein wenig vorwärts gebeugt, wie zu Kräftigung ihrer Muskel die Hände verklammerte, und ihre großen, glänzenden Augen den kindlichen Ausdruck ſtaunenden Entzückens zeigten, der ſich ſtets an ihr bemerklich machte, wenn ſie ſich glücklich fühlte. Lucie, die ſonſt immer am Klavier geſeſſen hatte, wenn Maggie unter dieſem Zauber befangen war, konnte dem Drang nicht widerſtehen, ſich an ihre 104 Seite zu ſchleichen und ſie zu küſſen. Auch Philipp warf gelegentlich von dem Notenheft weg einen Blick nach ihr hin und mußte ſich geſtehen, daß er ſie nie in einem ähnlichen Zuſtand von Aufregung geſehen hatte. „Mehr, mehr!“ rief Lucie, nachdem das Duett wiederholt geſungen worden war.„Wieder etwas Feuriges. Maggie ſagt immer, ſie liebe einen rech⸗ ten Sturm von Tönen.“ „Dann werden wir wohl das ‚Hinaus in's Weite wählen müſſen,“ ſagte Stephen;„es paßt ſo gut für einen regneriſchen Morgen. Aber ſind Sie bereit, die heiligſten Pflichten des Lebens ein wenig bei Seite zu legen und uns mit Ihrer Stimme zu unterſtützen?“ „O ja,“ verſetzte Lucie lachend,„wenn Sie die „Bettleroper aus der großen Schublade hervor⸗ holen wollen. Sie hat eine befleckte Decke.“ „Ein guter Leitfaden, wenn man in Erwägung zieht, daß wenigſtens zwei Dutzend Decken mit wett⸗ eifernder Befleckung daliegen,“ ſagte Stephen, die Lade ausziehend. „Oh, ſpielen Sie einſtweilen fort, Philipp,“ bat Lucie, als ſie bemerkte, daß ſeine Finger über die Taſten hinwanderten.„Was ſpielen Sie jetzt?— etwas Köſtliches, das ich nicht kenne?“ „Wie, Sie kennen es nicht?“ entgegnete Philipp, die Weiſe beſtimmter vortragend.„Es iſt aus der Somnambola— Ahl perche non posso odiarti! Die Oper ſelbſt iſt mir unbekannt; aber es ſcheint, der Tenor ſagt der Heldin, daß er ſie lieben werde, wenn ſie ihn auch verlaſſe. Sie haben mich's in 3 10⁵ freier Ueberſetzung ſingen hören: Dich lieb' ich ſtets’.“ Philipp hatte nicht ohne Abſicht dieſe Arie auf⸗ gegriffen, die mittelbar Maggie kund thun ſollte, was er direct ihr zu ſagen nicht über ſich gewinnen konnte. Ihre Ohren waren für ſeine Worte offen geweſen, und als er zu ſingen begann, verſtand ſie die klagende Leidenſchaft der Muſik. Der bittende Tenor hatte als Stimme keine beſonders auszeich⸗ nende Eigenſchaften; aber er war ihr nicht ganz neu, da er ihr in gedämpften Lauten ſo manche Weiſe vorgeſungen hatte während der Spaziergänge auf dem Raſen in der Nähe der Höhlungen und unter der geneigten Eſche in den rothen Tiefen. Es ſchien eine Art Vorwurf in den Worten zu liegen— be⸗ abſichtigte Philipp dies? Wie ſehr wünſchte ſie, wäh⸗ rend ihres Geſprächs ſich deutlicher gegen ihn dahin ausgeſprochen zu haben, daß ſie keiner Hoffnung auf ein Liebesverhältniß zwiſchen ihnen Vorſchub leiſten wolle, und zwar blos deßhalb, weil es ſich mit den Verhältniſſen, die zu ändern außer ihrer Macht liegen, nicht vertrage. Sie fühlte ſich gerührt, nicht ergriffen von dem Lied, da es ihr beſtimmte Er⸗ innerungen und Gedanken an die Hand gab und ſtatt der Aufregung nur ein ruhiges Bedauern weckte. „So treiben's dieſe Tenore immer,“ ſagte Stephen, der mit der Muſikrolle in ſeiner Hand wartete, bis Philipp ſein Lied zu Ende gebracht hatte.„Ihr demoraliſirt das ſchöne Geſchlecht, indem ihr dem⸗ ſelben eure ſentimentale Liebe und Beſtändigkeit trotz aller Arten von ſchnöder Behandlung vorgurgelt. 106 Ich glaube, eure Entſagungswuth könnte nur dadurch zu Paaren getrieben werden, wenn man eure Köpfe wie den jenes Tenors oder Troubadours aus dem Mittelalter in einer Schüſſel beim Diner auftragen wollte. Ich muß ein Gegenmittel appliciren, bis Miß Deane es über ſich gewonnen hat, ihre Stick⸗ nadel ruhen zu laſſen.“ Stephen trällerte mit muthwilligem Nachdruck: „Soll ich in Verzweiflung ſterben, Weil ein Mädchen lieblich iſt?“ und ſchien ein neues Leben ſogar in die Luft des Zimmers zu bringen. Lucie, die immer ſtolz auf das war, was Stephen that, warf ihm, während ſie lachend an das Piano ging, einen bewundernden Blick zu, und Maggie fühlte ſich trotz ihres Wider⸗ ſtrebens gegen den Geiſt des Lieds und den Sänger von dem unſichtbaren Einfluß gefaßt und erſchüttert; ſie vermochte nicht der über ſie hereinbrechenden Welle zu widerſtehen. Gleichwohl hinderte ſie ihre Empfindlichkeit, ſich zu verrathen; ſie griff daher nach ihrer Arbeit und fuhr mit großer Beharrlichkeit fort, falſche Nähte zu machen und ſich in die Finger zu ſtechen, ohne auch nur aufzublicken oder auf das, was um ſie her vor⸗ ging, zu achten, bis alle drei Stimmen ſich zu dem ‚Hinaus in's Weitee ſich vereinigt hatten. Ich fürchte, es würde ihrem Herzen eine geheime Befriedigung bereitet haben, wenn ſie gewußt hätte, wie ganz und gar der Geiſt dieſes trotzigen, muth⸗ willigen Stephen von ihr erfüllt war, und wie raſch er von dem Entſchluß, ſie mit recht augenfäl⸗ —,— 107 liger Gleichgültigkeit zu behandeln, zu dem aufregen⸗ den Verlangen nach einem Zeichen der Zuneigung von ihr, wäre es auch nur ein geflüſtertes Wort oder ein Blick geweſen, überging. Auch fand ſich dazu bald eine Gelegenheit, als ein Muſikſtück aus dem ‚Sturm“ an die Reihe kam. Maggie fühlte das Bedürfniß eines Fußſchemels und ging durch das Zimmer, ſich zu dieſem Geräth zu verhelfen; Stephen aber, der gerade nicht ſang und auf jede ihrer Be⸗ wegungen achtete, errieth ihre Abſicht, beeilte ſich, ihrem Wunſch zuvorzukommen und erhob den Sche⸗ mel mit einer bittenden Miene, ſo daß es unmög⸗ lich war, nicht mit einem Blick der Dankbarkeit dar⸗ auf zu antworten. Und wenn dann der Schemel ſorgfältig niedergeſetzt wird durch eine allzu ſelbſt⸗ vertrauende Perſon— nicht irgend eine, ſondern eine beſtimmte, ſelbſtvertrauende Perſon, die plötzlich ganz ängſtlich und demüthig ausſieht, zögert und gebeugt ſtehen bleibt, um zu fragen, ob der Platz nicht im Zug zwiſchen dem Kamin und dem Fenſter liege und ob es nicht erlaubt ſei, den Arbeitstiſch bequemer zu rücken, ſo ſind dergleichen Dinge wohl geeignet, ein wenig vorſchnelle verrätheriſche Innig⸗ keit in dem Auge eines Mädchens hervorzurufen, dem von früheſter Jugend an ſeine Lebensaufgaben in einer ſehr trivialen Sprache nahegelegt worden ſind. Für Maggie waren ſie keine Alltagsereigniſſe, ſondern ein neues Element in ihrem Leben, dem ihr Hunger nach Huldigung ganz friſch entgegenkam. Der Ton ſanfter Beſorgniß nöthigte ſie, zu dem Antlitz aufzublicken, das gegen ſie vorgebeugt war, und zu ſagen:„Nein, ich danke Ihnen,“ aber nichts 108 konnte hindern, daß der wechſelſeitige Blick für Beide gerade ſo entzückend war, wie am Abend zuvor. Von Seiten Stephens war es nur ein Act ge⸗ wöhnlicher Höflichkeit, der keine zwei Minuten in Anſpruch nahm, und Lucie, die eben ſang, hatte ihn kaum beachtet. Aber Philipp, deſſen Geiſt ſich mit unbeſtimmten Beſorgniſſen quälte und in jedem geringfügigen Umſtand beſtätigende Gründe dafür zu ſehen glaubte, entging dieſer plötzliche Eifer Stephens und die Veränderung in Maggie's Geſicht nicht; ſie war augenſcheinlich ein Spiegelbild des in ſeinen Zügen vorgegangenen Wechſels und bildete einen ſo lebhaften Gegenſatz zu den früheren übertriebenen Zeichen von Gleichgiltigkeit, daß er nicht umhin konnte, eine ſchmerzliche Bedeutung darin zu ſuchen. Stephens Stimme, die ſich auf's Neue vernehmen ließ, wirkte auf ſeine nervöſe Reizbarkeit wie das Dröhnen ſtürzender Eiſenplatten, und er hatte gute Luſt, das Piano disharmoniſch dreinſchreien zu laſ⸗ ſen. Allerdings war er ſich keines mittheilbaren Grundes bewußt, um zwiſchen Stephen und Maggie ein ungewöhnliches Geſühl zu argwöhnen. Dies ſagte ihm ſein eigener Verſtand, und es drängte ihn, nach Haus zu gehen, um über die falſchen Vor⸗ ſtellungen ruhig nachdenken zu können, bis er ſich von ihrer Nichtigkeit überzeugt hätte. Dann aber wollte er wieder ſo lang verziehen, als Stephen da⸗ blieb, und immer anweſend ſein, wenn er mit Mag⸗ gie beiſammen war. Dem armen Philipp ſchien es ſo natürlich, ja ſogar nothwendig zu ſein, daß jeder Mann, der in Maggie's Nähe kam, ſich in ſie ver⸗ liebte. Aber konnte ſie auf Glück hoffen, wenn ſie —— 109 ſich von Stephen Gueſt zur Gegenliebe bethören ließ? Dieſer Gedanke ermuthigte Philipp, ſeine eigene Lei⸗ Ddenſchaft in dem Licht einer weniger ungleichen Gabe zu betrachten. Unter dieſem betäubenden inneren Sturm begann er ſehr falſch zu ſpielen, und Lucie ſah ihn erſtaunt an, als der Eintritt der Mrs. Tul⸗ liver, welche die Gäſte zum Lunch berief, eine gute Gelegenheit bot, die Muſik plötzlich abzubrechen. „Ah, Mr. Philipp,“ ſagte Mr. Deane, als ſie in dem Speiſezimmer anlangten,„ich habe Sie lange nicht geſehen. Ihr Vater iſt wohl nicht zu Hauſe, denk ich? Ich wollte ihn letzthin auf ſeinem Bureau aufſuchen, habe aber hören müſſen, daß er nicht in der Stadt ſei.“ „Er war Geſchäfte halber mehrere Tage in Mudport,“ verſetzte Philipp,„iſt aber jetzt wieder zurück.“ „Die Landwirthſchaft noch immer ſein Stecken⸗ pferd, wie?“ „Ich glaube ſo,“ erwiederte Philipp, den dieſes plötzliche Intereſſe an dem Treiben ſeines Vaters überraſchte. „Ah,“ entgegnete Mr. Deane,„wenn's mir recht iſt, hat er ſowohl diesſeits als jenſeits des Fluſſes Grundbeſitz.“ „Ja.“ „Ich denke, ſein Feldbau iſt eine geldfreſſende Liebhaberei,“ fuhr Mr. Deane fort, indem er von der Taubenpaſtete vorlegte—„ein koſtſpieliges Steckenpferd. Ich habe nie ein Steckenpferd gehabt — mich nie damit abgegeben. Und die allerſchlimm⸗ ſten ſind diejenigen, mit denen die Leute etwas ver⸗ 110 dienen zu können wähnen. Man thut dann den Geldſack auf und läßt herauslaufen, als ob's ein Kornſack wäre.“ Lucie wurde etwas ängſtlich bei der augenſchein⸗ lich vom Zaun abgebrochenen Kritik ihres Vaters über Mr. Wakems Geldverbrauch. Die Sache ging aber nicht weiter und ſo lang das Frühmahl noch währte, verhielt ſich Mr. Deane ungewöhnlich ſchweigſam und gedankenvoll. In Lucie, die ihren Vater gut auskannte und, namentlich ſeit letzter Zeit, gute Gründe zu einem beſonderen Intereſſe für Alles hatte, was ſich auf die Wakem bezog, weckten Mr. Deane's Fragen eine große Neugierde, und das Schweigen, das er darauf folgen ließ, brachte ſie auf den Argwohn, daß ihnen nicht bloß die Behentung einer gleichgiltigen Rede beizule⸗ en ſei. 3 Unter dem Einfluß dieſer Vorſtellung griff ſie zu ihrem gewöhnlichen Kunſtgriff, wenn ſie ihren Vater über etwas Beſonderes ausholen wollte; ſie erſann nämlich einen Vorwand, um nach dem Mittagmahl ihre Tante Tulliver aus dem Speiſezimmer fortzu⸗ bringen, und ſetzte ſich neben ihrem Vater auf einem Schemelchen nieder. Unter ſolchen Umſtänden glaubte Mr. Deane einige der angenehmſten Momente zu genießen, die er ſeinem verdienſtvollen Leben zu danken hatte, obgleich Lucie, die ihr Haar nicht mit Schnupftabak gepudert haben mochte, gewöhnlich damit den Anfang machte, daß ſie ſich bei der⸗ artigen Anläſſen der Tabaksdoſe ihres Vaters be⸗ meiſterte. „Nicht wahr, Papa, Sie wollen noch nicht 111 ſchlafen?“ ſagte ſie, nachdem ſie auf dem Schemel Platz genommen hatte, um ſofort die ſtarken Fin⸗ ger, welche die Doſe umfaßt hielten, zu öffnen. „Nein, noch nicht,“ verſetzte Mr. Deane, nach dem Lohn des Verdienſtes in der Flaſche hinblickend. „Aber was willſt Du?“ fügte er bei, ſie zärtlich in das Grübchenkinn kneipend.„Mir noch einige Gold⸗ ſtücke aus der Taſche ſchwatzen für Deinen Bazar, was?“ „Nein, ich habe heute ganz und gar keine böſen Anſchläge und will nur mit Ihnen plaudern, nicht betteln. Sagen Sie mir, warum haben Sie Philipp Wakem heute über ſeines Vaters Feldbauliebhaberei gefragt, Papa? Es kam mir etwas ſonderbar vor, denn Sie ſprechen ſonſt faſt nie von ſeinem Vater, und was kümmert Sie's, ob Mr. Wakem mit ſeinem Steckenpferd zu Nutzen oder Schaden kömmt?“ „Es ſteht in Beziehung zu Geſchäftsangelegen⸗ heiten,“ verſetzte Mr. Deane die Hände bewegend, als wolle er ein Eindringen in dieſes Geheimniß abwehren. „Aber Papa, Sie ſagen immer, Mr. Wakem habe Philipp wie ein Mädchen erzogen; wie kommen Sie nun auf die Vermuthung, eine Geſchäftsaus⸗ kunft aus ihm herauszulocken? Jene plötzlichen Fragen klangen ſo eigenthümlich und müſſen Philipp ſehr ſonderbar vorgekommen ſein.“ „Poſſen, Kind,“ verſetzte Mr. Deane in der Abſicht, ſein Mißverhalten in der Geſellſchaft zu rechtfertigen; denn er hatte ſich während ſeiner Lauf⸗ bahn ſtets Mühe gegeben, ſich tadellos zu benehmen. 112 „Ich habe verlauten hören, daß Wakem's Mühle und Meierhof auf der anderen Seite des Fluſſes — Du kennſt ja die Dorlcotemühle, das frühere Eigenthum Deines Onkels Tulliver— nicht mehr ſo rentabel ſei, wie früher. Da wollte ich nun auf den Buſch klopfen, ob Dein Freund Philipp ſich nicht etwa darüber auslaſſe, daß ſein Vater die Landwirthſchaft ſatt habe.“ „Wollen Sie vielleicht die Mühle kaufen, Papa, wenn er Luſt hätte, ſie abzugeben?“ fragte Lucie haſtig.„Oh, ſagen Sie mir Alles— da, Sie kriegen Ihre Tabaksdoſe wieder, wenn Sie's mir ſagen. Maggie hat mir nämlich verſichert, alle ihre Herzen hängen daran, daß Tom mit der Zeit die Mühle wieder erwerbe; ihr Vater habe dies noch wihden Sterbebette ihrem Bruder zur Auflage ge⸗ macht.“ „Bst! kleines Miezchen,“ verſetzte Mr. Deane, ſich der zurückgegebenen Doſe bedienend.„Du mußt gegen Niemand ein Wörtchen davon ver⸗ lauten laſſen— hörſt Du? Es iſt geringe Aus⸗ ſicht vorhanden, daß ſie oder irgend Jemand ſonſt die Mühle aus Wakems Händen kriegen werden. Und wenn er erfährt, daß unſere Abſicht darauf hinausläuft, ſie wieder an die Tulliver zu bringen, ſo wird er ſie um ſo weniger fahren laſſen. Nach dem, was vorgefallen, iſt dies auch ganz natürlich. Er hat ſich gegen Tulliver recht wacker benom⸗ men; aber für die Karbatſche dankt man nicht mit Roſinen.“ „Papa, wollen Sie mir vertrauen?“ entgegnete Lucie, eine feierliche Miene annehmend.„Sie — 113 müſſen aber für das, was ich ſagen will, nicht alle Gründe zu wiſſen verlangen und ſich mit meiner Verſicherung begnügen, daß ſie ſehr gewichtig ſind. Gewiß, ich bin ſehr vorſichtig.“ „Nun, ſo laß hören.“ „Ich glaube, wenn Sie mir erlauben, den Philipp Wakem in unſer Vertrauen zu ziehen— ihm zu ſagen, daß und in welcher Abſicht Sie die Mühle zu kaufen wünſchen— daß mein Vetter und mein Bäschen ſie haben möchte, und warum— ich glaube, daß er uns dann behilflich ſein wird, es zu Stande zu bringen. Von ſeinem guten Willen bin ich überzeugt.“ „Ich ſehe nicht ein, wie dies gehen kann, Kind,“ entgegnete Mr. Deane mit einer ungläubigen Miene. „Warum ſollte er ſich um die Sache kümmern?“ Dann ſah er ſeine Tochter plötzlich mit ſcharfem Auge an.„Du meinſt doch nicht, der arme junge Menſch liebe Dich, und Du könneſt ihn zu Allem be⸗ wegen, was Du wünſcheſt?“(Mr. Deane fühlte ſich n e lohung auf die Neigung ſeiner Tochter ganz icher. „Nein, Papa, er kümmert ſich ſehr wenig um mich— nicht ſo viel, als ich mich um ihn kümmere. Aber ich habe Gründe dafür, von dem, was ich ſage, überzeugt zu ſein. Fragen Sie mich nicht — und wenn Sie es ja errathen, ſo ſagen Sie's mir nicht. Ich bitte nur um die Erlaubniß, han⸗ deln zu dürfen, wie es mir paſſend ſcheint.“ Lucie ſtand von ihrem Schemel auf, um ſich auf ihres Vaters Knie zu ſetzen, und unterſtützte ihre letzte Bitte mit einem Kuß. Eliot, Die Mühle am Floß. III. 8 114 „Weißt Du gewiß, daß kein Unfug daraus erwächst?“ ſagte er, mit väterlicher Wonne ſie be⸗ trachtend. „Ja, Papa, gewiß. Ich bin ſehr klug und habe alle Ihre Geſchäftstalente geerbt. Haben Sie nicht mein Abrechnungsbuch bewundert, als ich es Ihnen zeigte?“ 3,3. nun, wenn der junge Mann verſchwiegen iſt, ſo ſehe ich nicht ein, was es ſchaden kann. Auch geſtehe ich offen, daß ich in anderer Weiſe mir nicht viel von unſeren Schritten verſpreche. So, jetzt geh' und laß mich mein Schläfchen machen.“ Achtes Kapitel. Wakem in einem neuen Licht. Eh' drei Tage nach dem Geſpräche, mit welchem wir das vorige Kapitel ſchloßen, vorüber waren, hatte Lucie einen Beſuch Maggie's bei ihrer Tante Glegg dazu benützt, ſich mit Philipp unter vier Augen zu benehmen. Der letztere erwog einen Tag und eine Nacht lang in raſtloſer Aufregung, was ihm ſeine junge Freundin bei dieſer Gelegenheit mit⸗ getheilt hatte, bis er endlich über einen Plan des Handelns mit ſich im Reinen war. Er glaubte jetzt eine Möglichkeit vor ſich zu ſehen, ſeine Stellung zu Maggie zu ändern und wenigſtens ein zwiſchen ihnen liegendes Hinderniß zu beſeitigen. In den Tagen ſeines erſten Eifers berechnete er alle ſeine Züge mit der geſpannten Ueberlegung eines Schach⸗ ſpielers und mußte ſich ſelbſt wundern, daß er plötz⸗ 115 lich ſo viel tactiſches Genie an ſich bemerkte. Sein Plan war kühn und in allen ſeinen Theilen auf s Sinnreichſte ausgedacht. Nachdem er einen Augen⸗ blick abgewartet hatte, in welchem ſein Vater kein dringlicheres Geſchäft zur Hand hatte, als das Leſen der Zeitung, trat er hinter ihn, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte: „Vater, wollen Sie nicht in mein Sanctum hin⸗ aufkommen und meine neuen Skizzen anſehen? Ich habe ſie jetzt geordnet.“ „Meine Glieder werden allmählig zu ſteif, Philipp, um Deine Treppen hinan zu klettern,“ verſetzte Wakem mit einem freundlichen Blick auf ſeinen Sohn, wäh⸗ rend er die Zeitung niederlegte.„Aber ich will mit Dir gehen.“ „Ein hübſches Plätzchen für Dich, was meinſt Du, Philipp? Eine treffliche Beleuchtung vom Dach aus, wie?“ lautete wie gewöhnlich die erſte Be⸗ merkung des Vaters, nachdem er in das Malzimmer getreten war. Er liebte es, ſich und auch ſeinen Sohn daran zu erinnern, daß ſeine väterliche Für⸗ ſorge dieſe Bequemlichkeit geſchaffen hatte. Er war ein guter Vater geweſen. In dieſer Beziehung konnte ihm Emilie keine Vorwürfe machen, wenn ſie aus dem Grabe zurückkehrte. „Du haſt ja da eine famoſe Ausſtellung,“ fuhr er fort, indem er ſeine Lörgnette über die Naſe hielt und Platz nahm, um bequem eine allgemeine Rund⸗ ſchau halten zu können.„Auf mein Wort, ich ſehe nicht ein, warum Deine Sachen nicht ſo gut ſein ſollen, als die des Londoner Künſtlers— wie 8 116 heißt er doch?— für die Leyburn ſo viel Geld ausgab.“ Philipp ſchüttelte den Kopf und lächelte. Er hatte ſich auf ſeinen Malſtuhl geſetzt und ein Blei⸗ ſtift in die Hand genommen, mit dem er grobe Striche machte, um einer gewiſſen Zitterigkeit ent⸗ gegen zu wirken. Er ſah zu, wie ſein Vater auf⸗ ſtand, langſam umherging und gutmüthig viel länger vor den Bildern ſtehen blieb, als er gethan haben würde, wenn er blos den Eingebungen ſeines Geſchmacks für Landſchaftsmalerei Gehör geſchenkt hätte. Endlich machte Mr. Wakem vor einer Staf⸗ felei Halt, an der zwei Bilder befeſtigt waren, das eine viel größer als das andere, das kleinere von einem Lederfutteral umſchloſſen. „Der Tauſend, was haben wir da?“ ſagte Wa⸗ kem, verwundert über den plötzlichen Uebergang von der Landſchaft zum Porträt.„Ich meinte, Du ha⸗ beſt die Figuren aufgegeben. Wer ſind dieſe?“ „Beide die gleiche Perſon in verſchiedenem Alter,“ verſetzte Philipp. „Welche Perſon?“ entgegnete Wakem ſcharf, in⸗ dem er ſeine Augen argwöhniſch auf dem größeren Bild haften ließ. „Miß Tulliver. Das kleine ſtellt ſie dar, wie ſie etwa ausſah, als ich mit ihrem Bruder zu King's Lorton auf der Schule war, das größere iſt nicht ganz ſo gut— ſie mochte ſo ausſehen, als ich von meinen Reiſen zurückkam.“ Wakem drehte ſich ungeſtüm um und ſein Ge⸗ ſicht glüͤhte; er ließ ſein Augenglas fallen und warf ſeinem Sohn einen Moment einen wilden Blick zu, —,— —— . 117 als habe er gute Luſt, dieſes kecke Häuflein Schwäche von ſeinem Stuhl herunter zu ſchlagen. Dann aber warf er ſich nieder in den Armſtuhl, ſteckte die Hände in ſeine Hoſentaſchen und fuhr fort, zornige Blicke nach Philpp hinſchießen zu laſſen. Dieſer ſchaute nicht auf, ſondern ſaß ruhig da und betrachtete die Spitze ſeines Bleiſtifts. „Du willſt mir damit zu verſtehen geben, Du habeſt ſeit der Rückkehr von Deinen Reiſen eine Be⸗ kanntſchaft mit ihr gehabt?“ ſagte Wakem endlich mit jener vergeblichen Anſtrengung, in der ſich die Wuth ſtets erſchöpft, um möglichſt viel Strafé in Ton und Worte zu legen, wo man mit Streichen nicht ankommen kann. „Ja; ich bin während des Jahrs vor dem Tod ihres Vaters mit ihr bekannt geworden und traf oft in dem Gebüſch bei der Dorlcotemühle— den rothen Tiefen mit ihr zuſammen. Ich liebe ſie aus tiefſter Seele und werde nie ein anderes Weib lieben können. Sie hat in meinen Gedanken gelebt, ſeit ſie ein kleines Mädchen war.“ „Nur fortgemacht, Sir— und man hat dieſe ganze Zeit über mit ihr correſpondirt?“ „Nein. Ich ſprach nie mit ihr von meiner Liebe, als unmittelbar ver unſerer Trennung, und ſie ver⸗ ſprach ihrem Bruder, mit mir nie zuſammen zu kommen oder in einen Briefwechſel zu treten. Ich weiß nicht gewiß, ob ſie mich liebt oder in eine Verbindung mit mir willigen möchte. Aber wenn ſie Ja ſagte— wenn ſie mich wirklich genug liebte, ſo würde ich ſie heirathen.“.. „Und dies ſoll der Dank ſein für alle die Sorg⸗ 118 falt, die ich auf Dich verwendet habe?“ rief Wakem mit käſebleichem Geſicht und zitternd in unmächtiger Wuth dem ruhigen Trotz und der Willensfeſtigkeit ſeines Sohnes gegenüber. „Nein, Vater,“ verſetzte Philipp, zum erſtenmal nach ihm aufſchauend,„ich betrachte die Sache an⸗ ders. Sie ſind gegen mich ein nachſichtiger Vater geweſen; aber ich habe immer gefühlt, daß dies deß⸗ halb geſchah, weil Sie den liebevollen Wunſch heg⸗ ten, mir ſo viel Glück zu bereiten, als ſich mit meinem traurigen Schickſal verträgt— Sie können es nicht als eine Schuld betrachten, für die Sie von mir dadurch Zahlung erwarten, daß ich alle meine Hoffnungen auf ein Erdenglück der Befriedigung Ihres Grolles opfere, den ich nicht theilen kann.“ „Ich denke, die meiſten Söhne würden in einem ſolchen Fall die Gefühle ihres Vaters theilen,“ ent⸗ gegnete Wakem mit Bitterkeit.„Der Vater des Mädchens war ein dummes Vieh, das mich um ein Haar ermordet hätte. Die ganze Stadt weiß das. Und der Bruder iſt ein ebenſo unverſchämter Kerl, nur nicht in jener hitzköpfigen Weiſe. Er verbot ihr, mit Dir zuſammen zu kommen, ſagſt Du? Gib Acht, er zerſchlägt Dir noch jeden Knochen im Leib— zu Förderung Deines Erdenglücks. Aber Du ſcheinſt mit Dir im Reinen zu ſein und haſt vermuthlich auch die Folgen berechnet. Ich habe Dir natürlich nichts zu ſagen, und Du kannſt das Mädchen mor⸗ gen heirathen, wenn Du willſt, da Du Deine fünf⸗ undzwanzig Jahre zurückgelegt haſt. So geh’ Du Deinen Weg, und ich gehe den meinigen. Wir ha⸗ ben nichts weiter mit einander zu ſchaffen.“ —,— —,— — 119 Wakem ſtand auf und bewegte ſich nach der Thüre hin, fühlte ſich aber von Etwas zurückgehal⸗ ten, ſo daß er das Zimmer nicht verließ, ſondern eben ſtürmiſch auf⸗ und abging. Philipp beeilte ſich nicht mit einer Antwort; und als er endlich ſprach, lag in ſeinem Ton eine ſchneidende Ruhe und eine Klarheit wie nie. „Nein, ich kann Miß Tulliver nicht heirathen, ſelbſt wenn ſie mich haben wollte, wofern ich für ihren Unterhalt auf meine eigenen Hülfsquellen an⸗ gewieſen wäre. Ich bin für keinen Beruf erzogen worden und könnte ihr nicht zugleich Armuth und Ungeſtalt anbieten.“ „Ah, dies iſt ohne Zweifel der Grund, warum Du Dich an mich hältſt,“ entgegnete Wakem noch immer bitter, obgleich Philipps letzte Worte ihm einen Stich durch's Herz gegeben und ein Gefühl wieder angeregt hatten, das ihm während eines Vierteljahrhunderts zur Gewohnheit geworden war. Er warf ſich wieder in den Seſſel. „Ich habe alles dies erwartet,“ ſagte Philipp, denn ſolche Scenen kommen gar häufig vor zwiſchen Vätern und Söhnen. Wäre ich wie andere Männer meines Alters, ſo könnte ich auf Ihre gereizten Re⸗ den mit noch bittereren antworten— wir kämen aus einander— ich könnte das Weib heirathen, das ich liebe, und hätte eine Ausſicht, ſo glücklich zu werden, wie die Andern. Aber wenn es Ihnen zur Befriedigung gereicht, den Endzweck von alle dem zu vereiteln, was Sie für mich gethan haben, ſo haben Sie einen Vortheil vor den meiſten Vätern; 120 Sie können mich des einzigen Gegenſtands berauben, der mir das Leben werth macht.“ Philipp hielt inne. Sein Vater blieb ſtumm. „Sie müſſen am beſten wiſſen, welche Genug⸗ thuung es Ihnen bereiten kann, wenn Sie einem lächerlichen Groll nachhängen, der höchſtens eines nomadiſchen Wilden würdig iſt.“ „Einem lächerlichen Groll?“ brach Wakem los. „Was willſt Du damit ſagen? Zum Teufel, ſoll ſich ein Mann von einem hohlköpfigen Bengel mit der Reitpeitſche mißhandeln laſſen und ſich dafür. noch recht ſchön bei ihm bedanken? Dazu noch dieſer kalte, ſtolze Wicht von einem Sohn, welcher mir bei der Abrechnung ein Wort hinwarf, das ich ihm nicht vergeſſen werde. Er gäbe ein ſo gutes Ziel für eine Kugel ab, als ich nur eines kenne, wenn's bei dem Kerl ſich der Koſten lohnte.“ „Ich meine nicht Ihre Empfindlichkeit gegen dieſe Beiden,“ verſetzte Philipp, der ſeine Gründe hatte, mit dieſer Anſicht über Tom zu ſympathiſiren,„ob⸗ ſchon man ſich ſelbſt das Leben vergiftet, wenn man ſich ſeiner Rachegefühle nicht entſchlagen mag— ſon⸗ dern die Ausdehnung Ihres Haſſes auf ein hilfloſes Mädchen, das zu viel Verſtand und Herzensgüte beſitzt, um ſich von den engherzigen Vorurtheilen ihrer Verwandten beeinfluſſen zu laſſen. Sie hat ſich nie an den Familienſtreitigkeiten betheiligt.“ „Was liegt daran? Wir fragen nicht danach, was eine Weibsperſon thut, ſondern wem ſie gehört. Schon der Gedanke an eine Heirath mit der Tochter des alten Tulliver iſt eine Herabwürdigung für Dich.“ Zum erſten Mal während dieſes Zwiegeſprächs 4 — 121 verlor Philipp Einiges von ſeiner Faſſung; er er⸗ röthete unwillig und entgegnete mit Bitterkeit: „Miß Tulliver würde jedem Stande Ehre machen. Sie beſitzt eine feine Bildung, und ihre Verwandten, was man ihnen auch ſonſt nachſagen mag, ſind all⸗ gemein wegen ihrer Chrenhaftigkeit und Rechtlichkeit geachtet. Ich glaube, ganz St. Oggs würde er⸗ klären, daß ſie ſogar über mir ſtehe.“ Wakem ſchoß einen wilden Frageblick auf ſeinen Sohn; Philipp aber, der in einem gewiſſen reuigen Gefühl nicht nach ihm hinſah, fuhr nach einer Weile gleichſam zur Erklärung ſeiner letzten Worte fort: .„Gibt es wohl in ganz St. Oggs eine einzige Perſon, die Ihnen nicht ſagen würde, ein ſo ſchönes Weſen werfe ſich weg an ein ſo klägliches Geſchöpf, wie ich bin?“ „Ich ſage nein!“ rief Wakem, ſich erhebend und in dem Ausbruch ſtolzer Empfindlichkeit, die halb in der eigenen Perſon, halb in ſeinen väterlichen Ge⸗ fühlen begründet war, alles Uebrige vergeſſend.„Du wäreſt eine verteufelt gute Partie für ſie. Es iſt der helle Unſinn, von einer zufälligen Körperbeſchä⸗⸗ digung viel Aufhebens zu machen, wenn ein Mäd⸗ chen wirklich einem Mann zugethan iſt.“ Aber das Zugethanſein der Mädchen iſt unter ſolchen Umſtänden nicht ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte Philipp. „Nun ja,“ entgegnete Wakem etwas brutal, in⸗ dem er die frudere Haltung wieder zu gewinnen verſuchte,„wenn ſie ſich nichts aus Dir macht, ſo hätteſt Du Dir die Mühe erſparen können, ihrer gegen mich zu erwähnen; Du hätteſt dann auch mich 122 der Mühe überhoben, meine Zuſtimmung zu einem ſehr unwahrſcheinlichen Ereigniß zu verweigern.“ Wakem ging mit langen Schritten nach der Thüre und ſchlug ſie, ohne umzuſchauen, hinter ſich zu. Das Vorgefallene benahm Philipp die Hoffnung nicht, ſeinen Vater am Ende doch für das zu ge⸗ winnen, was er von ihm zu erhalten wünſchte; aber die Scene hatte in hohem Grad angreifend auf ſeine frauenhaft empfindlichen Nerven gewirkt. Er beſchloß, nicht zum Diner hinabzugehen und wollte an dieſem Tag mit ſeinem Vater nicht wieder zuſammentreffen. Wakem pflegte, wenn er nicht zu Haus Geſellſchaft hatte, Abends oft ſchon um halb acht Uhr auszu⸗ gehen, und da der Nachmittag ſchon weit vorgerückt war, ſo ſchloß Philipp ſein Zimmer ab, um einen Ausflug zu machen und erſt wieder zurückzukehren, wenn ſein Vater nicht mehr zu Haus wäre. Er ſtieg in ein Boot und ließ ſich flußabwärts nach einem vielbeſuchten Dorf führen, wo er ein Mittag⸗ eſſen einnahm und ſich ſo lange aufhielt, bis es ſpät genug zur Heimkehr war. Er hatte nie zuvor mit ſeinem Vater einen Zwiſt gehabt, und das pein⸗ liche Gefühl bedrückte ihn, daß die eben begonnene Mißhelligkeit ſich vielleicht wochenlang fortſpann. Was konnte nicht Alles in dieſer Zeit geſchehen? Er mochte nicht auf eine nähere Zergliederung dieſer Frage, die ſich unwillkürlich aufwarf, eingehen. Wenn er aber einmal als Maggie's erklärter Lieb⸗ haber anerkannt war, ſo hatten ſeine unbeſtimmten Beſorgniſſe viel von ihrem Boden verloren. Er begab ſich wieder nach ſeinem Malzimmer hinauf, 3 = — 123 warf ſich mit dem Gefühl der Erſchöpfung in den Armſtuhl und ließ ſeine Blicke zerſtreut über die um⸗ herhängenden Waſſer⸗ und Felspartien hin⸗ und her⸗ ſchweifen, bis er endlich einſchlummerte. Es kam ihm vor, Maggie gleite die grünſchleimige Rinne eines Waſſerfalls hinab und er müſſe hilflos zu⸗ ſchauen; da weckte ihn plötzlich aus ſeiner Angſt ein lautes Geräuſch. Es rührte von dem Aufgehen der Thüre her. Er konnte kaum einige Augenblicke geſchlummert ha⸗ ben, da ſich in der Abendbeleuchtung keine Verän⸗ derung bemerklich machte. Sein Vater war einge⸗ treten. Philipp wollte ſich erheben, um ihm Platz zu machen; Mr. Wakem aber hinderte ihn daran mit den Worten: „Bleib' nur ſitzen; ich gehe lieber.“ Nachdem er einige Mal im Zimmer auf⸗ und abgeſchritten war, blieb er, die Hände in die Seiten⸗ taſchen geſteckt vor Philipp ſtehen, und ſagte wie in Fortſetzung einer abgebrochenen Unterhaltung: „Aber das Mädchen muß Dich doch gern gehabt haben, Philipp, ſonſt wäre ſie nicht in ſolcher Weiſe mit Dir zuſammen gekommen.“ Ppbhilipps Herz ſchlug ungeſtüm und ein flüch⸗ tiges Roth zog wie ein Lichtſtrahl über ſein Geſicht hin. Er mußte ein Weile zuwarten, bis er Ruhe genug fand, um zu antworten. „Sie hatte mich gern in King's Lorton, als ſie noch ein kleines Mädchen war, weil ich ihren Bru⸗ der zu unterhalten pflegte, als er wegen einer Fuß⸗ verletzung das Bette hüten mußte. Sie vergaß dies nicht und hat mich lange als Freund betrachtet. 124 Als wir uns ſpäter begegneten, dachte ſie nicht daran, daß ich ihr als Liebhaber nahen könnte.“ „Wohl; aber Du haſt ihr endlich doch Deine Neigung erklärt. Was ſagte ſie darauf?“ entgegnete Wakem, der wieder zu gehen anfing. „Sie ſagte, daß ſie auch mich liebe.“ „Ei, zum Henker, was willſt Du denn mehr? Iſt ſie eine Kokette?“ „Sie war damals ſehr jung,“ verſetzte Philipp ſtockend.„Ich fürchte, ſie verſtand ihre Gefühle ſelbſt nicht, und unſere lange Trennung mag in Ver⸗ bindung mit dem Gedanken, daß die Verhältniſſe eine unzerſtörliche Scheidewand zwiſchen uns auf⸗ gepflanzt hätten, einen großen Wechſel bewirkt haben.“ „Aber ſie iſt in der Stadt. Ich habe ſie in der Kirche geſehen. Haſt Du ſie ſeit Deiner Rückkehr nicht geſprochen?“ „Ja, bei Mr. Deane. Aber ich konnte aus ver⸗ ſchiedenen Gründen meine Anträge nicht erneuern. Ein Hinderniß fiele weg, wenn Sie Ihr Jawort gäben und Ihre Geneigtheit erklärten, ſie als Schwiegertochter anzunehmen.“ Wakem blieb eine Weile ſtumm vor Maggie's Porträt ſtehen. „Sie hat nichts von Deiner Mutter, Philipp,“ ſagte er endlich.„Ich ſah ſie in der Kirche— ſie iſt ſchöner, als dieſes Bild— verteufelt ſchöne Augen und ſchöne Figur; aber etwas gefährlich und unlenk⸗ ſam, wie?“ „Sie iſt ſehr gefühl⸗ und liebevoll— dabei ſo einfach, ohne das manierirte und ränkeſüchtige Weſen der andern Mädchen.“ —.,— — —,— — 12⁵ „So?“ verſetzte Wakem; dann ſchaute er wieder nach ſeinem Sohn zurück.„Aber Deine Mutter ſah ſanfter aus; ſie hatte daſſelbe braune, wellige Haar und die grauen Augen wie Du. Freilich kannſt Du Dich ihrer nicht mehr gut erinnern. Es iſt Jammer⸗ ſchade, daß ich kein Porträt von ihr beſitze.“ „Sollte Sie's dann nicht freuen, wenn Sie mir das gleiche Glück bereiten und mir das Leben ver⸗ ſüßen könnten? Es kann für Sie kein ſtärkeres Band. geben, als dasjenige, das vor achtundzwanzig Jah⸗ ren Sie am Traualtar mit meiner Mutter vereinigte und das Sie ſeitdem immer feſter geknüpft haben.“ „Ach, Philipp, Du biſt der Einzige, der meine beſte Seite erkennt,“ ſagte Wakem, ſeinem Sohn die Hand reichend.„Wir müſſen, wo es immer thun⸗ lich iſt, zuſammenhalten. Was ſoll ich nun thun? Komm' nur mit, Du kannſt mir's drunten ſagen. Soll ich dieſer ſchwarzäugigen Jungfer einen Beſuch machen?“ So war nun die Schranke durchbrochen, und Philipp konnte ſich gegen ſeinen Vater frei über ihr ganzes Verhältniß zu den Tullivern ausſprechen— über den Wunſch, das Mühlgut wieder an die Fa⸗ milie zu bringen, und über die Veräußerung des⸗ ſelben an Gueſt und Co. als einleitenden Schritt. Er durfte es jetzt wagen, in ſeinen Vorſtellungen dringlich zu werden, und ſein Vater ging bereit⸗ williger, als er erwartet hatte, auf ſeine Vor⸗ ſchläge ein. „Ich für meinen Theil mache mir nichts aus der Mähle,“ ſagte er endlich mit einer Art unmuthiger Bereitwilligkeit.„Ich habe mich in letzter Zeit wegen 126 ihrer hölliſch ärgern müſſen. Man ſoll mir zahlen, was ich darauf verwendet habe, und damit Punk⸗ tum. Aber eins mußt Du nicht von mir verlangen; ich will in durchaus keine unmittelbare Beziehung zu dem jungen Tulliver kommen. Wenn Du ihn um der Schweſter willen verſchlucken willſt— meinet⸗ wegen; aber ich kenne keine Brühe, mit der ich ihn hinunter brächte.“ Man kann ſich die angenehmen Gefühle denken, mit denen Philipp am nächſten Tag ſich in Mr. Deane's Wohnung begab, um daſelbſt zu melden, daß Mr. Wakem bereit ſei, auf Unterhandlungen einzugehen— dazu noch den Triumph, mit welchem Lucie von ihrem Vater die Anerkennung ihrer hohen Geſchäftsgewandt⸗ heit einforderte. Mr. Deane war etwas betroffen und vermuthete, daß unter den jungen Leuten etwas „ſpucke“, wozu ihm der Schlüſſel abging; aber für Perſonen von ſeinem Schlag iſt das Treiben des jungen Volks dem Ernſt des Geſchäftslebens gegen⸗ über eben ſo belanglos wie das der Vögel und Schmetterlinge, wenn es nicht etwa hinterliſtiger Weiſe auf Geld abzielt. Und im gegenwärtigen Fall ſchien es eine Geldverhandlung ſogar auf eine vor⸗ theilhafte Weiſe zu fördern. Neuntes Kapitel. Die chriſtliche Liebe in Gala. Der Höhenpunkt von Maggie'’s Laufbahn als bewundertes Mitglied der Geſellſchaft von St. Oggs war ſicherlich der Tag des Bazars, als ihre einfache »— — 127 edle Schönheit in einem Kleid von weichem weißem Muslin, das, wie ich vermuthe, der Garderobe der Tante Pullet entſtammte, unter den geſchmückteren, modiſcheren Damen ihrer Umgebung ſich vortheilhaft hervorhob. Wir entdecken vielleicht nie, wie viel von unſerem Benehmen in der Geſellſchaft aus künſt⸗ lichen Manieren beſteht, bis uns eine Perſon zu Geſicht kommt, die zugleich ſchön und einfach iſt; ohne Schönheit ſind wir geneigt, die letztere Eigen⸗ ſchaft mit dem Ausdruck„tölpiſch“ zu bezeichnen. Die Miß Gueſt waren viel zu gebildet für die Gri⸗ maſſen und den affectirten Ton anſpruchsvoller Ge⸗ 4 meinheit; aber da ihre Bude neben der ſtand, in welcher Maggie verkaufte, ſo fiel es heute doch auf, daß die ältere Miß Gueſt ſich ziemlich hoch trug und daß Miß Laura eine Rührigkeit und Redſeligkeit zeigte, die augenſcheinlich auf Effect berechnet war. Alle wohlgekleideten Perſonen aus St. Oggs und der Nachbarſchaft waren da, und es hätte ſich ſogar der Mühe gelohnt, von weiter her zu kommen, um die ſchöne, alte Halle mit ihrem offenen Dach, dem geſchnitzten eichenen Sparrenwerk und den ſchweren, eichenen Flügelthüren zu ſehen, in welchen das Hoch⸗ licht das Farbenſpiel der unten ausgeſtellten Gegen⸗ ſtände in angenehmer Weiſe hervortreten ließ. Es war ein wunderlicher Platz— breite, verblichene Farbſtreifen an den Wänden und da und dort ein heraldiſches Thier von borſtiger und rüſſeliger Be⸗ ſchaffenheit, die Deviſen einer edlen Familie, welcher ehedem die jetzt bürgerliche Stadt angehört hatte. Ein großer, an dem einen Ende in die obere Wand geſchnittener Bogen überwölbte ein eigenes Orcheſter 128 und hatte nach hinten einen offenen Raum, in wel⸗ chem Treibhauspflanzen und Buden für Erfriſchungen aufgeſtellt waren— ein angenehmer Zufluchtsort für die Herren, die ſich die Zeit vertreiben und, nachdem ſie unten gehörig zerdrückt worden, das Gewühl von einem bequemeren Standpunkt aus betrachten wollten. In der That verlieh die voll⸗ kommene Tauglichkeit des alten Gebäudes für einen löblichen modernen Zweck der chriſtlichen Liebe den Anſtrich der Eleganz, und die Eitelkeit eiferte ſo ſehr für die Deckung des Deficits, daß Niemand die Räumlichkeiten betrat, ohne eine oder die andere Bemerkung über die Schönheit des Anblicks fallen zu laſſen. Unfern von dem großen Bogen über dem Orcheſter befand ſich ein zu einem Nebenraum führendes Fenſter mit farbigem Glas, eine der ehr⸗ würdigen Inconſequenzen der alten Halle, und in unmittelbarer Nähe davon hatte Lucie ihre Bude, weil ſie da gewiſſe einfache Artikel von großem Um⸗ fang, die ſie von Mrs. Kenn übernommen, bequemer aufſtellen konnte. Maggie hatte ſich die Erlaubniß er⸗ beten, ihren Platz am offenen Ende der Bude einnehmen und gerade dieſe einfacheren Gegenſtände verkaufen zu dürfen, da ſie ſich auf dieſelben beſſer verſtand, als auf die Perlenſtickereien und ähnliche feine Arbeiten. Es zeigte ſich übrigens bald, daß die Herrenſchlaf⸗ röcke, die ſich unter ihren Waaren befanden, allge⸗ meine Aufmerkſamkeit und Nachfrage hervorriefen. Man ſtellte Werthvergleichungen an, unterſuchte die Stärke des Futters, wollte die Röcke anprobiren, und ſo kam es, daß die Stelle, wo ſie verkaufte, die belebteſte wurde. Die Frauenzimmer, die ſelbſt —,— 129 Waaren zu verkaufen hatten und keine Schlafröcke brauchten, erkannten alsbald die Leichtfertigkeit und den ſchlechten Geſchmack dieſer männlichen Vorliebe für Waaren, die jeder Schneider liefern konnte, und es iſt wohl möglich, daß die auszeichnende Aufmerk⸗ ſamkeit, welche Maggie bei dieſem öffentlichen Anlaß zu Theil wurde, in dem Geiſt vieler Anweſenden ein ſehr ſtarkes und unverkennbares Licht auf ihr ſpä⸗ teres Benehmen warf. Nicht daß Aerger über ver⸗ ſchmähte Schönheit Plat finden könnte in dem himm⸗ liſchen Buſen barmherziger Damen, ſondern die Ver⸗ irrungen von Perſonen, die einmal viel bewundert wurden, nehmen ſich nothwendig in Folge des Gegen⸗ ſatzes viel ſchwärzer aus, und der Umſtand, daß Maggie an jenem Tag ſo gefeiert wurde, ließ zum erſtenmal gewiſſe charakteriſtiſche Züge wahrnehmen, aus denen man ſpäter Erklärungen ziehen zu dürfen glaubte. In dem freien Blick der Miß Tulliver lag etwas Keckes, in dem Styl ihrer Schönheit eine ge⸗ wiſſe, nicht näher beſtimmbare Rohheit, und alle weiblichen Beurtheiler waren darin einverſtanden, daß ſie in dieſer Beziehung ihrer Couſine Miß Deane weit nachſtehe; denn die jungen Damen von St. Oggs hatten nun ihre hypothetiſchen Anſprüche an⸗ Mr. Stephen Gueſts Bewunderung Lucien vollſtän⸗ dig abgetreten. Was die liebe kleine Lucie ſelbſt betraf, ſo hatten ihr jüngſter wohlwollender Triumph in der Mühlen⸗ angelegenheit und die liebevollen Plane, mit denen ſie ſich wegen Maggie's und Phlilipp's trug, ſie heute beſonders heiter geſtimmt, und ſie fühlte ſich glücklich darin, daß man ihr Bäschen ſo anziehend ſand. Eliot, Die Mühls am Floß. III. 9 130 Allerdings ſah ſie ſelbſt auch ſehr bezaubernd aus, und Stephen bewies ihr bei dieſer öffentlichen Ge⸗ legenheit die größte Aufmerkſamkeit, indem er eifer⸗ ſüchtig alle die Gegenſtände ankaufte, die er unter ihren Händen hatte entſtehen ſehen, und ihr eifrigen Beiſtand leiſtete, um die männlichen Beſuche des Bazars zum Ankauf nutzloſer Mädchenarbeiten zu beſchwatzen. Er hatte ſeinen Hut bei Seite gelegt und trug ein von ihr geſticktes Scharlachfez; doch deuteten natürlich oberflächliche Beobachter dies nicht ſo faſt als ein Compliment gegen Lucie, ſondern als einen Zug von Geckenhaftigkeit.„Gueſt iſt ein großer Zierbengel,“ bemerkte der junge Torry;„aber er hat in St. Oggs das Narrenvorrecht, und Alles wird an ihm bewundert. Wenn ein Anderer ſolche Dinge thäte, ſo würde Jedermann ſagen, daß er ſpinne.“ Und Stephen kaufte abſolut nichts von Maggie, bis Lucie in verdrießlicher Stimmung halblaut gegen ihn bemerkte: „Sehen Sie nur, alle Strickereien Maggie's gehen ab, ohne daß Sie ein einziges Stück gekauft haben. Da ſind noch ein Paar köſtlich weiche Puls⸗ wärmerchen— kaufen Sie.“ „Oh nein,“ verſetzte Stephen,„die mag eine phantaſiereiche Perſon kaufen, welche an einem ſo warmen Tag ſich durch Gedanken an den Kaukaſus er⸗ kälten kann. Sie wiſſen, ich halte es mit dem nüch⸗ ternen Verſtand. Sie müſſen Philipp veranlaſſen, die Pulswärmer zu erſtehen. Beiläufig, warum ſieht man ihn nirgends?“ „Er geht nicht gerne an Plätze, wo ſich viele 131 Menſchen zuſammenfinden. Ich drang in ihn, zu kommen, und darauf verſprach er mir, von meinen Arbeiten Alles zu erſtehen, was ich nicht abſetze. Aber jetzt kaufen Sie der Maggie etwas ab.“ „Nein, nein— ſehen Sie, da hat ſie ſchon wieder einen Kunden.'s iſt wahrhaftig der alte Wakem ſelbſt, der ſich an ſie macht.“ Lucie blickte mit ängſtlicher Theilnahme auf Mag⸗ gie, um zu ſehen, wie nach einer traurig denkwür⸗ digen Zeit dieſe erſte Begegnung mit einem Manne ablaufe, gegen den ſie ſo eigenthümlich gemiſchte Gefühle hegen mußte, bemerkte aber mit großem Vergnügen, daß Wakem Takt genug beſaß, ſich nur auf ein Geſpräch über die Bazarwaaren einzulaſſen; er ſchien ein Intereſſe an dem Verkauf zu nehmen, lächelte dann und wann Maggie freundlich zu und veranlaßte ſie nicht zu vieler Gegenrede, da ihm ihre Bläſſe und zitterige Angegriffenheit nicht entging. „Wakem thut ja ſehr liebenswürdig gegen Ihre Couſine,“ bemerkte Stephen leiſe gegen Lucie.„Iſt dies pure Großmuth? Sie haben mir von einem Familienzwiſt erzählt.“ „Oh, ich hoffe, dieſer Schaden wird bald geheilt ſein,“ verſetzte Lucie, die in der Zufriedenheit ihres Herzens etwas unbeſonnen wurde, mit bedeutungs⸗ voller Miene. 8 Stephen ſchien jedoch nicht darauf zu achten, und da einige kaufluſtige Damen kamen, ſo ging er nach Maggie' Seite hinüber und machte ſich mit einigen unbedeutenden Waaren zu ſchaffen, ohne der ſchönen Verkäuferin nahe zu kommen, bis Wakem, der jetzt ſeine Börſe zog, ſeine Einkäufe beendigt hatte. 9 5 13²2 „Mein Sohn iſt mit mir gekommen,“ hörte er Wakem ſagen,„aber in irgend einem anderen Theil des Saals verſchwunden, ſo daß die Unterſtützung der Liebeswerke mir anheim fiel. Ich hoffe, Sie wer⸗ den ihm ſein knauſeriges Benehmen vorhalten.“ Sie erwiederte ſein Lächeln und verbeugte ſich, ohne eine Antwort zu geben. Wakem wandte ſich ab und nickte Stephen zu, den er erſt jetzt bemerkte. Maggie, welche wußte, daß der junge Gueſt ſich in der Nähe befand, beſchäftigte ſich mit dem Zählen ihres Geldes, ohne nach ihm aufzuſchauen. Es war ihr ſehr angenehm geweſen, daß er ſich heute Lucie gewidmet und fern von ihr gehalten hatte. Am Morgen war es zwiſchen ihnen nur zu einer gleich⸗ giltigen Begrüßung gekommen, und beide fühlten ſich durch den wechſelſeitigen Abſtand erleichtert, wie etwa ein Patient, der einmal ohne ſein Opium durch⸗ gekommen iſt, nachdem es ihm bei früheren Ver⸗ ſuchen nicht ſo gut geworden. Ueberhaupt waren die letzten Paar Tage reich an Entſchlüſſen geweſen, die man wieder fallen ließ in Anbetracht der gro⸗ ßen Wahrſcheinlichkeit einer baldigen Trennung, welche das Aufgeben der Selbſtüberwindung im Einzelnen als ſehr entſchuldigbar erſcheinen ließ. Stephen wagte ein Schrittchen um's andere, als würde er unwillkürlich fortgezogen, bis er um das offene Ende der Bude herumgekommen war, wo ein Schirm von Stoffen ihn halb verbarg. Maggie fuhr fort, ihr Geld zu zählen, bis ſie plötzlich eine tiefe ſanfte Stimme ſprechen hörte: „Sind Sie nicht ſehr müde? Erlauben Sie mir, * 133 Ihnen etwas zu bringen— Obſt oder Eingemachtes. Darf ich?“ Die unerwarteten Laute erſchütterten ſie wie ein plötzliches zufälliges Vibriren einer nahen Harfe. „O nein, ich danke Ihnen,“ verſetzte ſie mit er⸗ ſtickter Stimme, indem ſie nur für einen Moment halb aufblickte. „Sie ſehen ſo blaß aus,“ fuhr Stephen in dring⸗ licherem Tone fort.„Sie ſind ganz erſchöpft. Ich muß ungehorſam ſein und Ihnen etwas holen.“ „Nein, ich kann in der That nichts genießen.“ „Sind Sie mir böſe? Was hab' ich verbrochen? Sehen Sie mich doch an.“ „Ich bitte, gehen ſie fort,“ verſetzte Maggie, einen flehenden Blick nach ihm, dann aber nach der entgegengeſetzten Ecke des Orcheſters entſendend, das zur Hälfte durch die Falten eines verblichenen grauen Vorhangs verhüllt war. Maggie hatte kaum ihre Bitte ausgeſprochen, als ſie auch ſchon ſchmerzlich das darin liegende Zu⸗ geſtändniß fühlte. Stephen wandte ſich plötzlich um, folgte ihrem Blicke aufwärts und bemerkte in der halbverborgenen Ecke Philipp Wakem, der daſelbſt in einer Weiſe Platz genommen, daß er wenig mehr als jenen kleinen Theil der Halle überſchauen konnte, in welchem Maggie beſchäftigt war. Da ſtieg in Stephen ein ganz neuer Gedanke auf; er vergegen⸗ wärtigte ſich Wakems Benehmen, wie auch Luciens Antwort auf ſeine Bemerkung, und gelangte ſo zu dem Schluß, daß außer der kindiſchen Beziehung, von der er gehört hatte, zwiſchen Philipp und Mag⸗ gie eine nähere beſtanden haben müſſe. Unter dem 134 Einfluß eines gemiſchten Impulſes verließ er raſch die Halle, begab ſich die Treppe hinauf nach dem Erfriſchungszimmer, wo er Philipp aufſuchte, nahm neben ihm Platz und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Studiren Sie ein Porträt, Philipp,“ ſagte er, goder eine Skizze für jenes farbige Fenſter? Bei Sanct Jürgen, Sie haben von dieſer dunklen Ecke aus eine prächtige Ausſicht, die von dem Vorhang da gut abgegränzt wird.“ „Ich habe einen Ausdruck ſtudirt,“ verſetzte Phi⸗ lipp kurz. „Wie, an Miß Tulliver? Ich denke, er iſt heute ziemlich übel gelaunt, etwa wie der einer herunterge⸗ kommenen Prinzeſſin, die hinter dem Ladentiſch dient. Ihre Couſine ſchickte mich zu ihr, ich ſolle ihr eine Erfriſchung anbieten, und ich bin wie gewöhnlich angeſchnauzt worden. Ich glaube, es beſteht eine natürliche Antipathie zwiſchen uns; ich habe ſelten die Ehre, ihr zu gefallen.“ „Was Sie für ein Heuchler ſind,“ entgegnete Philipp mit unwilligem Erröthen.. „Wie, weil mir die Erfahrung geſagt haben muß, daß ich allgemein gefalle? Ich gebe die Regel zu; aber ſie hat auch ihre leidigen Ausnahmen.“ „Ich gehe,“ ſagte Philipp, indem er ſich plötzlich von ſeinem Sitz erhob. „Ich auch, um ein wenig in friſche Luft zu kom⸗ men; es herrſcht hier eine drückende Schwüle. Ich habe, glaub' ich, lange genug aufwartende Cour gemacht.“ Die beiden Freunde gingen ohne zu ſprechen mit 13⁵ einander die Treppe hinunter. Philipp bog durch die äußere Thüre in den Hof ein, Stephen aber trennte ſich von ihm mit den Worten:„Ich muß dort einen Beſuch machen,“ und begab ſich den Gang entlang nach einem der Nebengelaſſe am anderen Ende des Ge⸗ bäudes, wo ſich die Stadtbibliothek befand. Er hatte das ganze Zimmer für ſich, und ein Mann braucht nicht einmal ſo viel, wenn er ſeine Mütze auf den Tiſch ſchleudern, ſich mit geſpreizten Beinen auf einen Stuhl werfen und eine Ziegelmauer mit einem Geſicht anſtarren will, deſſen Furchen recht gut auf einen Sieg über die„rieſige Pytho“ gepaßt hätten. Das Benehmen, das aus einem moraliſchen Kampf hervorgeht, hat oft eine ſo große Aehnlichkeit mit der Untugend, daß jedes äußerliche, blos an die Vergleichung der Handlung gegründete Urtheil trüg⸗ lich wird. Es iſt dem geneigten Leſer hoffentlich klar, daß Stephen kein Heuchler— das heißt, keiner abſichtlichen Falſchheit zu einem ſelbſtſüchtigen Zwecke fähig war; und doch ſprach in ſeinem Schwanken zwiſchen der Hingabe an ſeine Gefühle und der ſy⸗ ſtematiſchen Verheimlichung derſelben viel zu Gunſten der von Philipp gemachten Anſchuldigung. Mittlerweile ſaß Maggie kalt, zitternd und mit jenem peinlichen Gefühl in den Augen, das von einer entſchloſſenen Unterdrückung der Thränen her⸗ rührt, in ihrer Bude. Sollte denn ihr ganzes Leben ſo entſchwinden und ihr ſtets eine neue Quelle in⸗ neren Kampfes aufſchließen? Sie hörte die geſchäf⸗ tigen Stimmen um ſich her und wünſchte, ihr Geiſt möchte denſelben ruhigen geſchwätzigen Strom ein⸗ ſchlagen können. In demſelben Augenblick kam Doc⸗ 136 tor Kenn, der erſt ſpät in der Halle angelangt war, die Hände auf den Rücken gelegt, durch den Raum herunter, um die Ausſtellung zu beſichtigen; er faßte bei dieſer Gelegenheit zum erſtenmal unſere Maggie feſter in's Auge, da ihm der ſchmerzliche Ausdruck auf ihrem ſchönen Geſicht auffiel. Sie ſaß ſtille da, denn die Kaufluſtigen hatten ſich in der ſpäten Nach⸗ mittagsſtunde verlaufen. Die Herren waren um Mit⸗ tag gekommen, und Maggie's Bude erſchien jetzt ziemlich verlaſſen. Dies und der gedankenvolle, weh⸗ müthige Ausdruck ihrer⸗Züge vollendete den Gegen⸗ ſatz zwiſchen ihr und ihren geputzten Gefährtinnen, an denen Alles Leben und Rührigkeit war. Er fühlte ſich ſeltſam angezogen. In der Kirche war das neue intereſſante Geſicht ſeiner Aufmerkſamkeit nicht entgangen, und als er einmal bei Mr. Deane einen Geſchäftsbeſuch machte, hatte man ſie ihm vor⸗ geſtellt, ohne daß übrigens die Bekanntſchaft über ein Paar Worte der Begrüßung hinausgegriffen hätte. Jetzt ging er auf ſie zu, und Maggie, welche be⸗ merkte, daß Jemand herankam, raffte ſich auf, um den etwaigen Käufer zu empfangen. Sie fühlte ſich inſtinktartig von dem Gefühl der inneren Unruhe er⸗ leichtert, als ſie bemerkte, daß die Augen des Doc⸗ tors auf ihr hafteten; denn das einfache, ernſte, wohlwollende Geſicht des in mittlerem Alter ſtehen⸗ den Mannes ſchien ein Menſchenweſen anzukündigen, das wohl einen feſten, ſicheren Strand errungen hatte, aber dennoch mit hilfreichem Mitleid auf die mit den Wellen Ringenden niederſchaute. Der Blick übte in jenem Moment auf Maggie eine Wirkung, deren ſie ſich ſpäter gern erinnerte, da ſie darin eine — — 137 Art Verheißung zu leſen vermeinte. Das mittlere Alter, in welchem der Mann ſeine kräftigſten Er⸗ regungen überwunden hat, die Erinnerung aber noch immer halb leidenſchaftlich und nicht blos contem⸗ plativ iſt, beſitzt in der That eine Art natürlicher Prieſterwürde, zu der die ſtrauchelnde Tugend und die Opfer der Verzweiflung gern ihre Zuflucht neh⸗ men, indem ſie Hilfe ſuchen bei dem durch die Schule des Lebens gebildeten und geläuterten Geiſt. Die Meiſten von uns würden in ſo manchen Momenten ihres früheren Lebens einen Prieſter von dieſer Ord⸗ nung, ſei's in canoniſchem oder uncanoniſchem Ge⸗ wand, freudig willkommen geheißen haben, mußten aber durch alle die Schwierigkeiten ihrer Jugend ohne ſolche Hilfe ſich emporarbeiten, wie unſere Maggie in ihrem neunzehnten. „Ich fürchte, Sie finden Ihren Dienſt etwas er⸗ müdend, Miß Tulliver?“ begann Doctor Kenn. „So ziemlich,“ verſetzte Maggie einfach, die nicht daran gewöhnt war, augenfällige Thatſachen zimpfer⸗ lich in Abrede zu ziehen. „Aber ich kann meiner Frau mittheilen, daß Sie Ihre Waaren ſehr raſch verkauft haben,“ fügte er bei. „Sie wird Ihnen ſehr dankbar ſein.“ „Die Schuld liegt nicht an mir. Die Herren kauften raſch die Schlafröcke und die geſtickten Weſten weg; aber ich glaube, jede von den andern Damen würde beſſer verkauft haben. Ich hab' es nicht ver⸗ ſtanden, die Waaren gehörig anzupreiſen.“ Doctor Kenn lächelte. „Ich hoffe, ich werde Sie als Pfarrkind behal⸗ 138 ten— oder nicht, Miß Tulliver? Sie ſind uns ſo lang ferne geblieben.“ „Ich war Lehrerin an einer Schule und werde ſehr bald wieder eine andere derartige Stelle an⸗ treten.“ „So? Ich hoffte, Sie würden bei Ihren Ver⸗ wandten bleiben, die, wie ich glaube, insgeſammt hier und in der Nachbarſchaft anſäßig ſind.“ „Oh, ich muß wieder fort,“ verſetzte Maggie ernſt und blickte dabei den Doctor mit einem Aus⸗ druck des Vertrauens an, als habe ſie ihm in dieſen wenigen Worten ihre ganze Geſchichte erzählt. Es war einer von jenen Momenten ſtillſchweigender Ver⸗ ſtändigung, die bisweilen zwiſchen Leuten vorkommen, welche ſich nur flüchtig auf einem kurzen gemein⸗ ſchaftlichen Gang oder auf einem Ruheplätzchen am Wege begegnen. Die Möglichkeit eines ſolchen Wor⸗ tes oder Blickes von Seiten eines Fremden iſt ge⸗ eignet, das Bewußtſein eines gemeinſchaftlichen Bru⸗ delben des durch die Geſammtmenſchheit wach zu er⸗ alten. Doctor Kenns Ohr und Auge erkannten alsbald, daß Maggie'’s in kurze Worte gefaßtes Vertrauen weit mehr in ſich ſchloß, als der knappe Ausdruck angab. „Ich verſtehe,“ ſagte er,„Sie halten es für zweckmäßig, zu gehen. Das hindert aber hoffentlich nicht, daß wir uns wieder ſehen und näher mit ein⸗ ander bekannt werden, im Fall ich Ihnen irgend⸗ wie ſollte einen Dienſt leiſten können.“ Er hielt ihr ſeine Hand hin und drückte die ihrige freundlich, eh' er weiter ging. 139 „Sie hat etwas auf dem Herzen,“ dachte er. „Das arme Kind! Sie ſieht ganz darnach aus, als ob an ihr zur Wahrheit werden ſollte: „Die Seele, von Natur zu hoch geſpannt, Sinkt allzu tief im Leide.⸗ Es liegt etwas wunderbar Ehrliches in dieſen ſchö⸗ nen Augen.“ Es überraſcht vielleicht, daß Maggie, unter deren vielen Unvollkommenheiten auch eine übermäßige Sehnſucht nach Bewunderung gehörte, hier ſowohl wie damals, als ſie die Zigeuner in der Abſicht belehrte, unter ihnen die Stellung einer Königin zu gewinnen, ſich nicht gehobener fühlte an einem Tag, der ihr den Tribut ſo vieler lächelnden Blicke eintrug, um ſo mehr, da ſie von Luciens großem Spiegel das Bewußtſein mit ſich fortgenommen hatte, daß ihre ganze Figur unter der Nacht ihrer reichen Haarkrone einen ſehr gewinnenden Eindruck machen mußte. Sie hatte bei dieſer Beſchauung ſich ſelbſt zugelächelt und in dem Gefühl der eigenen Schönheit alles Andere vergeſſen. Wenn dieſe Stimmung hätte nachhaltig ſein können, ſo würde ſich ihre Wahl alsbald für 140 Strömung der Eitelkeit bald weggefegt und ging unbemerkt unter in dem breiteren Fahrwaſſer, das eben heute ſeine Wellen beſonders kräftig dahin be⸗ wegte, unter dem doppelten Drang der Ereigniſſe und der inneren Impulſe, welche die letzte Woche gebracht hatte. Philipp hatte mit ihr noch nicht über die Be⸗ ſeitigung der Hinderniſſe geſprochen, die ihnen von ſeinem Vater aus im Weg geſtanden— er ſcheute davor zurück; aber Lucie war von Allem unterrichtet. Er hatte ſie zur Vertrauten gemacht in der Hoff⸗ nung, ſie werde es Maggie beibringen und dieſe ihm durch ein ermuthigendes Zeichen kund thun, daß ſie ſich glücklich fühle in dieſer Ausſicht auf eine größere Annäherung. Der Sturm widerſtreitender Gefühle war in Maggie's Innerem zu ungeſtüm, als daß ſie Lucien viel hätte antworten können, welche ihr mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht, einem von Cor⸗ reggio's Engeln ähnlich, die triumphirende Enthül⸗ lung brachte; und es nahm Lucie auch gar nicht Wunder, wenn ihr Bäschen wenig mehr thun konnte, als vor Freude weinen bei dem Gedanken, daß der Wunſch ihres Vaters ſich erfüllen und Tom als Lohn ſeines mühevollen Ringens die Mühle davon⸗ tragen werde. Die Einzelnheiten der Vorbereitung auf den Bazar waren dann dazwiſchen gekommen und hatten für die nächſten Paar Tage Luciens Auf⸗ merkſamkeit vollſtändig in Anſpruch genommen; die Couſinen fanden daher vorerſt keine Gelegenheit, ſich über Gegenſtände zu beſprechen, die geeignet waren, die Gefühle tiefer anzuregen. Philipp war mehr als einmal im Haus geweſen, hatte aber Maggie nicht —— ₰— 141 allein ſprechen können, und ſo blieb ſie darauf an⸗ gewieſen, ihren innerlichen Kampf ohne Einmengung durchzuringen. 3 Als aber nach Beendigung des Bazars die Cou⸗ ſinen wieder allein und zu Haus in ihrer Ruhe wa⸗ ren, ſagte Lucie: „Du mußt den Beſuch bei Deiner Tante Moß, den Du auf übermorgen beſtimmt haſt, verſchieben, Maggie. Schreib' ihr, ich habe Dich um dieſen Aufſchub ge⸗ beten; ich will das Billet durch unſern Knecht hin⸗ ausſchicken.é Sie wird es nicht übelnehmen, denn Du haſt ja noch Zeit genug, zu ihr zu gehen, und ich möchte Dich jetzt um den Weg behalten.“ „Ach, meine Liebe, ich muß zu ihr und darf nicht länger ſäumen. Ich möchte nicht um die Welt Tante Gritty übergehen, und es bleibt mir nur noch wenig Zeit, da ich am fünfundzwanzigſten Juni meinen neuen Poſten antrete.“ „Maggie!“ rief Lucie in höchſtem Erſtaunen er⸗ blaſſend. „Ich habe Dir's nicht geſagt, meine Liebe,“ ver⸗ ſetzte Maggie, die ſich alle Mühe gab, gefaßt zu bleiben,„weil Du ſo geſchäftig warſt. Aber ich ſchrieb vor einiger Zeit an unſere alte Lehrerin, Miß Firniß, und fragte ſie, ob ſie mir nicht einen Platz wiſſe, den ich ausfüllen könne. Vor ein Paar Tagen erhielt ich ihre Rückantwort; ſie wünſcht, daß ich drei von ihren Schülerinnen während der Vacanz nach der Küſte begleite, und meint, ich könne es nach⸗ her verſuchen, wie es mir bei ihr in der Eigenſchaft einer Hilfslehrerin gefalle. Ich habe auf den Antrag geſtern ein zuſagendes Schreiben abgehen laſſen.“ 142 Lucie fühlte ſich für eine Weile ſo verletzt, daß ſie nichts zu erwiedern vermochte. „Maggie,“ ſagte ſie endlich,„wie konnteſt Du ſo lieblos gegen mich ſein— mir nichts davon zu ſagen, daß Du einen ſolchen Schritt vorhaſt— und jetzt!“ Sie zögerte ein wenig und fügte dann bei:„Und Philipp? Ich meinte, es gehe jetzt Alles ſo prächtig. O Maggie— welchen Grund haſt Du dafür? Sag' wieder ab— ich will ſchreiben. Es iſt ja jetzt nichts mehr vorhanden, was Dich und Philipp trennt.“ „Ja, wohl,“ verſetzte Maggie mit tonloſer Stimme. „Tom iſt dagegen. Er ſagte, wenn ich Philipp hei⸗ rathe, müſſe ich ihn aufgeben. Und ich weiß, er bleibt bei ſeinen Entſchließungen oder ändert ſie wenigſtens nicht ſo ſchnell— es müßte denn etwas eintreten, was ihn milder ſtimmt.“ „Aber ich will mit ihm reden; er kömmt in die⸗ ſer Woche zurück, und die frohe Poſt in Betreff der Mühle wird ihn beſänftigen. Ich werde mit ihm wegen Philipp ſprechen. Tom iſt immer ſehr ge⸗ fällig gegen mich geweſen, und ich glaube nicht, daß er ſtarrſinnig bleibt.“ „Ich muß unter allen Umſtänden fort,“ entgeg⸗ nete Maggie in tief bekümmertem Tone,„und einige Zeit darüber hingehen laſſen. Dränge mich nicht zu bleiben, Lucie.“ Lucie blieb eine Weile ſtumm und blickte ge⸗ dankenvoll in eine andere Richtung. Endlich kniete ſie neben Maggie nieder, blickte mit angelegentlichem Ernſt zu ihrem Antlitz auf und ſagte:. „Maggie, geſchieht es deßhalb, weil Du Philipp —,— 3 —, —— 143 nicht genug liebſt, um ihn heirathen zu können? Sprich— vertraue mir.“ Maggie druückte ſchweigend Luciens Hände; die ihrigen waren ganz kalt. Als ſie aber nach einer kurzen Pauſe zu reden begann, klang ihre Stimme klar und beſtimmt. „Ja, Lucie, ich würde ihn zu meinem Gatten wählen; denn ich glaube, es könnte mir kein beſſeres und ſchöneres Loos zu Theil werden, als das, ſein Leben glücklich zu machen. Er liebt mich ſchon lange, und Niemand ſonſt könnte mir ganz das ſein, was er mir iſt. Aber ich kann mich nicht für meine ganze Lebenszeit von meinem Bruder trennen. Ich muß fort— muß zuwarten. Ich bitte, ſprich mir nicht weiter zu.“ Lucie ließ ſich dies geſagt ſein, obſchon das Ver⸗ bot, über das ſie ſich nicht genug wundern konnte, ihr ſchmerzlich wurde. „Gut, meine liebe Maggie,“ ſagte ſie endlich; „aber Du gehſt doch morgen noch zu der Tanz⸗ unterhaltung im Parkhaus mit? Du hörſt dann doch noch Muſik und haſt einen heitern Abend, eh' Du die langweiligen, pflichtmäßigen Abſchiedsbeſuche antrittſt. Ah, da kömmt die Tante und der Thee.“ Zehntes Kapitel. Der Bann ſcheint gebrochen. Die Reihe der Zimmer, welche im Parkhaus in einander gingen, prunkte gebührend im Glanz der Lichter, im Schmuck der Blumen und der perſön⸗ 144 lichen Pracht von ſechszehn Paaren mit begleitenden Eltern und Vormündern. Der Brennpunkt aller Herrlichkeit aber war der lange Salon, in welchem unter dem begeiſternden Einfluß des großen Piano's das Tanzen vor ſich ging. Die Bibliothek, welche an dem einen Ende an den Salon ſtieß, hatte eine nüchternere, für das reifere Alter berechnete Beleuch⸗ tung, und es waren daſelbſt Karten und Marken⸗ ſchüſſelchen aufgeſtellt; an dem anderen Ende befand ſich das hübſche Sitzzimmer mit einem anſtoßenden Gewächshaus, wo man ſich nach der Hitze der Be⸗ wegung etwas abkühlen konnte. Lucie, welche zum erſten Mal ihr Schwarz abgelegt hatte und in einem reichen weißen Florgewand auftrat, wurde als die Königin des Feſtes anerkannt, das von Seiten der Fräulein Gueſt den Charakter der vollkommenſten Herablaſſung trug, ſofern keine andere Ariſtocratie als die von St. Oggs geladen war, die ſich bis zu den äußerſten Grenzen des gentilen Beamten⸗ und Kaufmannſtandes erſtreckte. Maggie hatte anfangs nicht tanzen wollen unter dem Vorwand, daß ſie die Figuren nicht mehr kenne, da ſie ſeit ihren Schuljahren nicht mehr getanzt habe. Dieſe Entſchuldigung kam ihr ſehr gelegen, denn es tanzt ſich ſchlecht mit einem ſchweren Herzen. End⸗ lich aber wirkte doch die Muſik auf ihre jungen Glieder, und es kam die Sehnſucht, obgleich es nur der ſchreckliche junge Torry war, der zum zweiten Mal auf ſie zukam, um ſie überreden. Sie erwie⸗ derte ihm, daß ſie nichts tanzen könne, als einen Ländler; er aber wollte natürlich auf dieſes hohe Glück warten und meinte ihr ein Compliment zu — — — 145 machen, wenn er ihr zu wiederholten Malen die Verſicherung gab, es ſei„ſehr langweilig,“ daß ſie nicht walzen könne, denn er würde ſo gerne mit ihr gewalzt haben. Endlich kam die Reihe an den guten altmodiſchen Tanz, bei welchem allerdings die Eitelkeit wenig, dafür aber die Heiterkeit einen um ſo größeren Spielraum hat, und Maggie ver⸗ gaß die Bekümmerniſſe ihres Lebens in der kindlichen Freude an dem halbbäuriſchen Rhythmus, der von einer anſpruchsvollen Etikette nichts wiſſen will. Sie wurde ſelbſt dem jungen Torry ganz geneigt, als ſeine Hand ſie dahin trug und im Tanze aufrecht hielt; ihre Augen und Wangen zeigten das Feuer der jungen Freude, das auflodert, ſo lang es noch einen Lufthauch finden kann, und ihr einfacher ſchwar⸗ zer Anzug mit den ſchwarzen Spitzen nahm ſich wie die dunkle Faſſung eines Brillianten aus. Stephen hatte ſie noch nicht zum Tanz aufgeboten und überhaupt nur ganz flüchtig begrüßt. Seit geſtern war das Bild von ihr, das ihm immer vor⸗ ſchwebte, halb durch das von Philipp überſchattet worden, das ſich wie ein Kleks darauf ausnahm. Es beſtand eine Beziehung zwiſchen ihr und Philipp, oder es fühlte dieſer wenigſtens eine Zuneigung zu ihr, durch welche ſie ſich gebunden glaubte. Hier erging alſo, wie Stephen ſich ſelbſt ſagte, ein wei⸗ terer Ruf der Ehre an ihn, der ihn aufforderte, der Anziehung zu widerſtehen, die ihn ohne Unterlaß zu überwältigen drohte. Ja, er war ſich in dieſer Beziehung vollkommen klar; und doch empörte ſich für Augenblicke ſeine ganze Seele gegen dieſes Ein⸗ Eliot, Die Muͤhle am Floß. III. 10 146 dringen von Philipps Bild, das faſt für ihn zu einer neuen Verlockung wurde, auf Maggie zuzuſtürzen und ſie für ſich ſelbſt zu verlangen. Er hatte indeß gethan, was er ſich für dieſen Abend vorgenommen — das heißt, ſich fern von ihr gehalten, kaum nach ihr hingeſehen und Lucien ſeine volle Aufmerkſam⸗ keit gewidmet. Aber jetzt verzehrten ſeine Augen Maggie, und er fühlte ein wahnſinniges Verlangen in ſich, den jungen Torry mit einem Fußtritt aus der Tour zu ſtoßen und ſeinen Platz einzunehmen. Er ſehnte ſich nach dem Ende des Tanzes, um ſeine Tänzerin los zu werden. Die Möglichkeit, daß auch er mit Maggie tanzen und ihre Hand ſo lang in der ſeinigen behalten konnte, begann wie ein bren⸗ nender Durſt ihm zuzuſetzen. Aber ſogar jetzt be⸗ gegneten ſich ihre Hände in dem Tanz, und dies wiederholte ſich bis zu dem Ende desſelben, obſchon beide ſonſt weit von einander abſtanden. 3 Stephen wußte kaum, wie ihm geſchah oder in welcher automatiſchen Weiſe er während der Pauſen die Pflichten der Höflichkeit erfüllte, bis er ſich be⸗ freit und Maggie wieder allein in der Ecke des Saales ſitzen ſah. Er umging die Paare, die zum Walzer angetreten waren, um zu ihr zu gelangen, und als Maggie bemerkte, daß er ſie ſuchte, erfüllte ſich ungeachtet aller der früheren Gedanken ihr Herz mit einer freudigen Glut. Ihre Augen und Wan⸗ gen ſtrahlten noch von der Erregung des Tanzes, ihr ganzer Körper athmete Luſt und ſelbſt der künf⸗ tige Schmerz konnte ihr nicht bitter ſcheinen— ſie war bereit, ihn als einen Theil ihres Lebens hinzu⸗ nehmen, denn das Leben erſchien ihr eben jetzt nur in dem Licht eines hin⸗ und herſchwankenden Be⸗ wußtwerdens von Freude und Leid. Dieſe eine, dieſe letzte Nacht konnte ſie ſich noch zwanglos in der Wärme der Gegenwart gehen laſſen ohne die kalten, freſſenden Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft. „Man tritt zum Walzer an,“ ſagte Stephen, ſich mit jenem Blick und Ton gedämpfter Zärtlichkeit an ſie wendend, wie junge Träume in den Sommer⸗ wäldern ſie ſchaffen, wenn ſanfte, lockende Stimmen die Luft erfüllen. Solche Blicke und Töne bringen den Hauch der Poeſie auch in Räumlichkeiten, in denen man halb erſtickt vor greller Gasbeleuchtung und eifriger Courmacherei. „Man tritt zum Walzer an. Vom Zuſchauen wird einem ſchwindlig, und im Saal iſt es ſehr warm. Wollen wir nicht ein wenig umhergehen?“ Er nahm ihre Hand, legte ſie in ſeinen Arm und ſie begaben ſich nach dem Sitzzimmer, wo die Tiſche zum Beſten der Gäſte, die nichts von dergleichen Dingen wiſſen wollten, mit Kupferſtichen belegt waren. Sie trafen keine Gäſte und gingen weiter nach dem Gewächshaus.— „Wie ſeltſam und unnatürlich ſich die Bäume und Blumen zwiſchen den aufgeſteckten Lichtern aus⸗ nehmen,“ ſagte Maggie mit gedämpfter Stimme. „Sie ſehen aus, als gehörten ſie einem Zauberland an und ſollten nie welken; man könnte ſich vorſtellen, ſie ſeien aus Edelſteinen gemacht.“— Sie blickte, während ſie ſo ſprach, nach einer Reihe von Pelargonien hin. Stephen gab keine Antwort; aber ſeine Augen hafteten auf ihr— 10 148 und verſchmelzt nicht ein großer Dichter Licht und Ton mit einander, indem er die Dunkelheit ſtumm, das Licht beredt nennt? Eine eigenthümliche Ge⸗ walt lag in dem Licht von Stephens langem Blicke, denn er bewog Maggie's Antlitz, ſich ihm zu und aufwärts zu richten— langſam, wie eine Blume vor dem aufſteigenden Tagesgeſtirn. Und ſie gingen unſtet weiter, kaum ſich bewußt, daß ſie gingen, kaum für etwas Anderes einen Sinn habend als für den langen ernſten wechſelſeitigen Blick mit jener Feierlichkeit, welche jeder tiefen menſchlichen Leiden⸗ ſchaft inwohnt. Der ihnen vorſchwebende Gedanke, daß ſie einander entſagen mußten und auch entſagen wollten, machte dieſen Moment ſtummen Bekennt⸗ niſſes in ſeiner Wonnigkeit noch eindrucksvoller. Sie waren an dem Ende des Gewächshauſes angelangt und mußten jetzt inne halten und um⸗ kehren. Der Wechſel in der Bewegung brachte Maggie wieder zum Bewußtſein; ſie erröthete tief, wandte das Geſicht ab, zog ihre Hand zurück und näherte ſich einigen Blumen, um daran zu riechen. Stephen blieb regungslos ſtehen; er ſah ganz blaß aus. „Oh, darf ich dieſe Roſe nehmen?“ ſagte Maggie, die ſich nach Kräften zuſammennahm, um etwas zu ſprechen, und das brennende Gefühl eines nicht widerruflichen Geſtändniſſes zu zerſtreuen.„Ich bin ganz vernarrt in die Roſen— ſammle ſie und rieche daran, bis all' ihr Geruch verduftet iſt.“ Stephen blieb ſtumm; er war außer Stand, einen Satz zuſammen zu bringen, und Maggie erhob den Arm ein wenig nach der großen halboffenen Roſen⸗ 3 4 149 knoſpe, die ihre Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Wer hat nicht den Zauber eines ſchönen Frauenarms gefühlt— der unausſprechlichen Ahnungen von Zärtlichkeit, die in dem Ellenbogen mit ſeinem Grüb⸗ chen liegen, und aller der verſchiedenen weichen Cur⸗ ven bis zu dem feinen Handgelenk hinab mit den zarten, faſt unmerklichen Kerben in der feſten und doch ſo weichen Form? Ein Frauenarm regte vor zweitauſend Jahren den Geiſt eines großen Bild⸗ hauers dermaßen an, daß er für das Parthenon ein Bild deſſelben anfertigte, das uns in der liebevollen Umfaſſung eines verwitterten, kopfloſen Marmor⸗ rumpfs noch immer bewegt. Der Arm Maggie's war ein ſolcher, aber in die warmen Farben des Lebens getaucht. Ein wilder Drang wurde in Stephen übermäch⸗ tig; er ſtürzte auf den Arm zu und bedeckte ihn mit Küſſen, während er das Handgelenk feſthielt. Aber im nächſten Augenblick hatte Maggie ſich losgeriſſen und blickte wie eine beleidigte Kriegsgöttin, bebend vor Zorn und Beſchämung, nach ihm hin. „Wie können Sie es wagen?“— ſie ſprach mit tief erſchütterter, halberſtickter Stimme.„Welches Recht habe ich Ihnen gegeben, mich zu beſchimpfen?“ 1 Sie ſtürzte von ihm weg in ein anſtoßendes Zimmer und warf ſich keuchend und zitternd auf das Sopha.. Eine ſchreckliche Strafe war über ſie gekommen, weil ſie ſündhafter Weiſe einen Augenblick ſich einem Glück hingegeben hatte, das ein Verrath an Lucie, an Philipp— an ihrem eigenen beſſeren Ich war. Dieſes augenblickliche Glück war mit Befleckung und 150 Fluch beladen; Stephen mußte von ihr eine viel geringere Meinung haben, als von Lucie. Stephen dagegen lehnte an einem Strebepfeiler des Gewächshauſes, ſchwindlig vom Kampf der Lei⸗ denſchaften— Liebe, Wuth und Verzweiflung: Ver⸗ zweiflung über ſeinen Mangel an Selbſtbeherrſchung, und Verzweiflung, daß er Maggie beleidigt hatte. Das letztere Gefühl überwog alle anderen. Wie⸗ der an ihrer Seite zu ſein und Vergebung von ihr zu erflehen— dieſer Gedanke war das einzige trei⸗ bende Moment in ihm, und ſie hatte noch nicht lange einſam geſeſſen, als er demüthig wieder vor ihr er⸗ ſchien. Aber Maggie's Zorn war noch nicht verrauſcht. „Laſſen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten darf,“ ſagte ſie mit ſtolzer Heftigkeit,„und meiden Sie mich für die Zukunft.“ Stephen trat von ihr zurück und ging an dem andern Ende des Zimmers auf und ab. Es war die grauſame Nothwendigkeit vorhanden, wieder in den Tanzſaal zurückzukehren, und er begann, ſich deſſen bewußt zu werden. Sie waren nur ſo kurze Zeit abweſend geweſen, daß bei ſeinem Eintritt der Walzer noch fortmachte. Auch Maggie kehrte bald nach dem Saal zurück. Der ganze Stolz ihres Weſens loderte auf; die haſſenswerthe Schwäche, welche ſie in den Bereich der Wunde gebracht, die ihrer Selbſtachtung geſchla⸗ gen wurde, hatte endlich die eigene Kur bewirkt. Die Gedanken und Verſuchungen des letzten Monats ſollten begraben werden in einen nie beſuchten Winkel ihres Gedächtniſſes; es gab für ſie nichts Verlocken⸗ des mehr. Die Pflicht wurde ihr jetzt leicht, und —„ 1⁵¹ die frühere ruhige Feſtigkeit konnte das Scepter wieder aufnehmen. Sie trat wohl mit einem vor Aufregung glühenden Geſicht, aber auch mit einem Gefühl ſtolzer Faſſung, die jeder weiteren Erregung trotzte, in den Saal. Zum Tanzen war ſie nicht mehr zu bewegen; aber ſie unterhielt ſich bereitwillig und ruhig mit Jedem, der ſie anſprach. Und als ſie an jenem Abend nach Haus kam, küßte ſie Lucien mit einem freien Herzen, faſt jubelnd über den ver⸗ zehrenden Moment der Befreiung von der Mög⸗ lichkeit eines weiteren Wortes oder Blickes, der das Gepräge des Verraths an ihrem edlen, argloſen Bäschen getragen hätte. 3 Am andern Morgen brach Maggie nicht ſo bald, als ſie erwartet hatte, nach Baſſet auf. Ihre Mut⸗ ter wollte mitfahren, und ſo mußten zuvor noch die Haushaltungsangelegenheiten beſorgt werden⸗ Mag⸗ gie, die mit ihren Vorbereitungen bald zu Ende ge⸗ kommen war, mußte nun in voller Ausrüſtung für die Fahrt im Garten warten. Lucie machte ſich im Haus zu ſchaffen, indem ſie einige Bazargeſchenke für das junge Volk in Baſſet einwickelte; und als ein lautes Klingeln von der Hausthüre her erſcholl, fühlte Maggie einige Unruhe, Lucie möchte Stephen zu ihr herausbringen; denn es konnte kein anderer Menſch als Stephen ſein. Doch bald nachher kam der Beſuch allein in den Garten und nahm auf einem Rohrſtuhl an ihrer Seite Platz. Es war nicht Stephen. „Wir können von dieſem Sitz aus die Spitzen der ſchotiſchen Föhren ſehen, Maggie,“ ſagte Philipp. Sie hatten einander ſtumm die Hand gereicht, 152 Maggie aber dabei ihn mit dem alten, kindlichen, liebevollen Lächeln angeblickt, ſo daß er neuen Muth ſchöpfte. „Ja,“ verſetzte ſie,„ich ſehe oft danach hin und wünſche mir, ihre Stämme wieder in der Abend⸗ beleuchtung zu ſchauen. Aber ich bin ſeitdem nur ein einziges Mal wieder hingekommen— als ich mit meiner Mutter den Kirchhof beſuchte.“ „Ich bin viel dort geweſen— und gehe noch immer häufig hin,“ entgegnete Philipp.„Ich habe Nichts, wovon ich zehren könnte, als die Vergan⸗ genheit.“ Ein Blitz der Erinnerung, ein Aufzucken des Mitleids bewog Maggie, Philipp ihre Hand zu ge⸗ ben. Sie waren ſo oft Hand in Hand mit einander gegangen. „Ich erinnere mich noch eines jeden Plätzchens,“ ſagte ſie,„wo Sie mir dieſes oder jenes Neue er⸗ zählten— ſchöne Geſchichten, die ich nie zuvor ge⸗ hört hatte.“ „Sie werden doch wieder einen Beſuch dort ma⸗ chen, Maggie?“ fragte Philipp ſchüchtern.„Die Mühle wird in kurzer Zeit die Heimath Ihres Bru⸗ ders ſein.“— „Ja, aber ich folge ihm nicht dahin ,“ verſetzte Maggie.„Ich werde nur aus der Ferne Kunde er⸗ halten von ſeinem Glück, denn ich gehe wieder ſort — hat Ihnen Lucie nichts davon geſagt?“ „Soll ſich denn die Zukunft nicht, an die Ver⸗ gangenheit anknüpfen, Maggie? Iſt dieſes Buch ganz abgeſchloſſen?“ Die grauen Augen, die ſo oft mit flehender 15³3 Bewunderung zu ihr aufgeſchaut hatten, blickten ſie jetzt wieder mit einem letzten kämpfenden Hoffnungs⸗ ſtrahl an. Maggie gab einen offenen ehrlichen Blick zurück. „Dieſes Buch wird nie zum Abſchluß kommen, Philipp,“ ſagte ſie mit wehmüthigem Ernſt.„Ich verlange nach keiner Zukunft, die mit der Vergan⸗ genheit bricht. Aber das Band, das mich an mei⸗ nen Bruder knüpft, iſt eines der ſtärkſten. Mit Abſicht kann ich nichts thun, was mich für immer von ihm ſcheidet.“ „Iſt dies der einzige Grund, der unſere Schei⸗ dung verlangt, Maggie?“ entgegnete Philipp mit verzweifelter Entſchloſſenheit, ſich eine beſtimmte Ant⸗ wort zu verſchaffen. „Der einzige,“ erwiederte Maggie mit ruhiger Entſchiedenheit. 24 Und ſie glaubte es ſelbſt. Sie fühlte in jenem Moment, als ſei der Zauberkelch zu Boden geſchmet⸗ tert. Die rückwirkende Aufregung, welche ihr eine ſtolze Selbſtbeherrſchung verliehen, hatte ſich noch nicht gelegt, und ſie blickte mit dem Gefühl einer ruhigen Wahl auf die Zukunft. Sie ſaßen einige Minuten Hand in Hand, ohne mit einander zu ſprechen oder einander anzuſehen. Maggies Geiſt beſchäftigte ſich mehr mit den erſten Liebesſcenen und der Trennung, als mit dem gegen⸗ wärtigen Augenblick; Philipp erſchien ihr als der⸗ jenige aus den rothen Tiefen. Pphilipp mußte ſich ſagen, daß ihre Antwort ge⸗ eignet ſei, ihn durchaus zu befriedigen; ſie war ſo 154 offen und klar wie ein Gebirgsſee. Warum fühlte er ſich aber nicht in dieſem Maß befriedigt? Die Eiferſucht möchte gern allwiſſend ſein und ſelbſt die kleinſten Falten des Herzens durchſchauen. Eilftes Kapitel. Im Feldwege. Maggie befand ſich bereits vier Tage bei ihrer Tante Moß und verlieh dem Sonnenſchein des Früh⸗ juni's in den kummertrüben Augen dieſes liebevollen Weibes eine neue Klarheit; für ihre Vetterchen und Bäschen aber groß und klein machte ſie eine Epoche, denn das Völkchen ahmte ſie nach in Worten und Handlungen, als ſei ſie eine vorübergehende Verkör⸗ perung der vollkommenſten Weisheit und Schönheit. Sie ſtand in jenem ruhigen Moment des Meierei⸗ lebens, der Zeit vor dem Abendmelken, mit ihrer Tante und einem Häuflein der Kinder, welche die Hühner fütterten, auf der Straße. Die großen Ge⸗ bäude um den ausgefahrenen Hof her ſahen ſo trüb⸗ ſelig und baufällig aus, wie nur je; aber über der alten Gartenmauer begannen die wuchernden Roſen⸗ büſche ihren Sommertrieb zu machen, und das graue Holz und die alten Backſteine des Hauſes weiter oben zeigten im hellen Licht der Nachmittagsſonne ein Ausſehen ſchläfrigen Alters, das recht gut zu der ruhigen Zeit paßte. Maggie hatte ihren Hut über den Arm gehängt und lächelte auf den Schwarm flaumiger Küchelchen nieder, als ihre Tante plötzlich ausrief: — 15⁵ „Ei du meine Güte, was kommt da für ein Herr zum Thor herein?“ Es war ein Herr auf einem großen Braunen, und der Hals und die Seiten des Thieres ſahen vom ſtarken Reiten ſchwarz geſtreift aus. Maggie fühlte ein Klopfen im Kopf und im Herzen, als ſei ein grimmiger Feind, der ſich todt geſtellt, mit einem Mal wieder in's Leben geſprungen. „Wer iſt's, meine Liebe?“ fragte Mrs. Moß, die es Maggie in dem Geſicht anſah, daß ſie den Fremden kannte. „Es iſt Mr. Stephen Gueſt,“ verſetzte Maggie mit tonloſer Stimme.„Meiner Couſine Lucie— ein Herr, 3. Hauſe meiner Couſine ſehr gut be⸗ kannt iſt.“ Stephen befand ſich ihnen ſchon ſehr nahe; er war von ſeinem Pferd geſprungen und trat mit dem Hut in der Hand heran. „Halt' das Pferd, Willy,“ ſagte Mrs. Moß zu dem zwölfjährigen Knaben. „Nein, ich danke,“ verſetzte Stephen, das Pferd, das ungeduldig den Kopf ſchüttelte, am Zügel nach⸗ ziehend;„ich ſitze ſogleich wieder auf. Ich habe einen Auftrag an Sie zu beſtellen, Miß Tulliver, in einer Privatangelegenheit. Darf ich mir die Freiheit neh⸗ men⸗Si zu bitten, einige Schritte mit mir zu gehen?“ Er ſah halb erſchöpft, halb ärgerlich aus, wie etwa ein Mann, der von Sorge oder Verdruß in einer Weiſe gehetzt wird, daß weder Eſſen noch Schlaf ihm zu Frommen kommen. Er ſprach abgebrochen, als ent⸗ hebe ihn die Dringlichkeit ſeines Auftrags der Mühe, 156 ſich um das zu bekümmern, was wohl Mrs. Moß von ſeinem Beſuch und ſeinem Verlangen denken mochte. Die gute Frau, welche ſich in der Gegen⸗ wart dieſes augenſcheinlich ſtolzen Herrn etwas be⸗ ängſtigt fühlte, legte ſich in ihrem Innern die Frage vor, ob es nicht am Platz wäre, ihn wieder zu er⸗ ſuchen, das Pferd abzugeben und in das Zimmer hineinzugehen; Maggie aber, welche die ganze Ver⸗ legenheit des Augenblicks fühlte und außer Stand war, etwas zu ſagen, ſetzte ihren Hut auf und machte ſich gegen das Thor hin auf den Weg. Stephen folgte ihr, das Roß fortwährend am Zügel führend. Es wurde kein Wort geſprochen, bis ſie draußen in dem Feldweg waren. Maggie hatte die ganze Zeit über gerade vor ſich hin geſehen; jetzt aber blieb ſie ſtehen und ſagte mit ſtolzer Empfindlichkeit: „Es iſt für mich kein Grund vorhanden, weiter zu gehen. Ich weiß nicht, ob Sie es als eines Mannes von Bildung würdig oder überhaupt mit dem Zartgefühl verträglich betrachten, daß Sie mich in eine Lage verſetzten, die mich zwang, mit Ihnen heraus zu kommen. Oder wünſchen Sie vielleicht gar, mich noch weiter zu beſchimpfen, da Sie auf dieſe Weiſe mich zu einer Beſprechung nöthigen?“ „Sie ſind natürlich ungehalten darüber, daß ich hieher komme,“ verſetzte Stephen mit Bitterkeit. „Es liegt begreiflicher Weiſe nichts daran, was ein Mann zu leiden haben mag— nur die weibliche Würde verdient, daß man ſich um ſie kümmere.“ Maggie fuhr ein wenig zuſammen, als ſei ſie — — — — 2— von einem ganz leichten electriſchen Schlag betroffen worden. „Als ſei es nicht genug, daß ich dieſer Weiſe verſtrickt, daß ich bis zum Wahnſinn in Sie verliebt bin und daß ich der ſtärkſten Leidenſchaft, die ein Mann fühlen kann, widerſtehe, weil ich anderen Anſprüchen gerecht zu werden verſuche— Sie müſ⸗ ſen mich auch noch wie ein Unthier behandeln, das Sie abſichtlich beleidigen wollte. Oh, daß meine Wahl frei wäre! Wie, wenn ich Sie dann bäte, meine Hand, mein Vermögen, mein ganzes Leben hinzunehmen und damit zu thun, was Ihnen gut dünkt? Ich weiß, ich vergeſſe mich. Ich habe mir eine unverantwortliche Freiheit gegen Sie genommen und haſſe mich ſelbſt deßwegen. Aber ich habe ſo⸗ gleich bereut— ſeitdem ohne Unterlaß bereut. Sie ſollten nicht ſo unverſöhnlich ſein. Ein Mann, der wie ich mit ganzer Seele liebt, kann ſich wohl für einen Augenblick von ſeinen Gefühlen hinreißen laſ⸗ ſen; aber Sie ſollen wiſſen und dürfen es mir glau⸗ ben, daß es mir den bitterſten Schmerz bereitet, Sie gekränkt zu haben, und daß ich eine Welt darum geben würde, wenn ich meine Verirrung un⸗ geſchehen machen könnte.“ Maggie wagte es nicht, zu ſprechen— wagte es nicht, den Kopf umzuwenden. Die Kraft, die aus ihrem Zorne gequollen, war völlig dahin, und ihre Lippen bebten ſichtlich. Sie durfte ſich nicht trauen, wenn ſie die volle Vergebung ausſprach, die als Antwort auf dieſes Bekenntniß in ihr aufſtieg. Sie waren nun wieder in die Nähe des Thors gekommen. Bebend machte ſie Halt. 158 „Sie müſſen nicht ſolche Dinge reden, und ich darf ſie nicht anhören,“ ſagte ſie, kummervoll zu Boden ſchauend, während Stephen vor ſie hintrat, um ſie zu hindern, daß ſie ſich noch mehr dem Thore näherte. „Ich bedaure zwar ſehr, wenn Sie einen Schmerz durchzukämpfen hatten, aber was nützt es, davon zu ſprechen?“ „Nein, es iſt nicht nutzlos,“ verſetzte Stephen mit Heftigkeit.„Es wäre von großem Nutzen, wenn Sie mich nur einigermaßen mit Mitleid und Rück⸗ ſicht behan delten, ſtatt daß Sie mir ſo ſchnödes Un⸗ recht thun. Ich könnte Alles ruhiger ertragen, wenn ich wüßte, daß Sie mich nicht als einen unverſchäm⸗ ten Laffen verachten. Betrachten Sie mich— ſehen Sie, welch ein gehetzter armer Schelm ich bin; ich habe jeden Tag einen Ritt von dreißig Meilen ge⸗ macht, um den Gedanken an Sie zu entrinnen.“ Maggie wagte es nicht, dieſer Einladung zu folgen, denn ſie hatte bereits einen Blick auf das abgehärmte Antlitz geworfen. Aber ſie ſagte mit ſanfter Stimme: „Ich denke nichts Schlimmes von Ihnen.“ „Dann ſehen Sie mich an, meine Theure,“ ent⸗ gegnete Stephen in dem zarteſten Ton der Bitte. „Verlaſſen Sie mich jetzt noch nicht. Schenken Sie mir noch das Glück eines Augenblicks und laſſen Sie mich fühlen, daß Sie mir vergeben haben.“ „Ja, ich vergebe Ihnen,“ erwiederte Maggie, von dieſen Lauten erſchüttert, obſchon ſie ſich dabei nur um ſo mehr vor ſich ſelbſt fürchtete.„Aber laſſen Sie mich jetzt wieder hineingehen. Ich bitte, entfernen Sie ſich.“ — ——,— — ₰———.,— — Eine große Thräne quoll unter den geſenkten Lidern hervor. „Ich kann nicht fort von Ihnen— kann Sie nicht verlaſſen,“ ſagte Stephen noch immer in lei⸗ denſchaftlichem Flehen.„Ich komme wieder zurück, wenn Sie mich ſo kalt fortſchicken— ich kann dann nicht für-mich ſelbſt ſtehen. Aber wenn Sie mich nur noch eine kleine Strecke weit begleiten, ſo kann ich davon zehren. Sie ſehen klar, daß Ihr Zorn mich nur zehnmal unvernünftiger gemacht hat.“ Maggie wandte ſich um. Aber Tankred, der Braune, begann ſo lebhafte Gegenvorſtellungen gegen dieſes häufige Wechſeln der Richtung zu machen, daß Stephen, welcher Willy durch das Thor herausgucken ſah, ihm zurief: „Komm her da und halt' mir mein Pferd auf fünf Minuten.“ „O nein,“ ſagte Maggie haſtig,„meine Tante könnte es auffallend ſinden.“ „Gleichviel,“ verſetzte Stephen ungeduldig,„man kennt hier die Leute von St. Oggs nicht. Führ' das Roß fünf Minuten auf und ab,“ fügte er gegen den Knaben bei, der herangekommen war; dann trat er an Maggie's Seite, und ſie gingen weiter. Es war klar, daß ſie jetzt nicht anders konnte. „Nehmen Sie meinen Arm,“ ſagte Stephen bittend. Und ſie nahm ihn; aber es war ihr, als falle ſie im Traum von einer großen Höhe herunter. „Soll denn dieſer Jammer kein Ende nehmen?“ begann ſie in der Hoffnung, ihre inneren Gefühle könnten ſich legen, wenn ſie ſpreche.„Es iſt ſchlecht 160 — nichtswürdig— ſich nur ein Wort oder einen Blick zu erlauben, wovon Lucie— wovon Andere nicht Zeugen ſein dürfen. Denken Sie an Lucie.“ „Ich denke an ſie— Gottes Segen ſei mit ihr. Wenn ich's nicht thäte—“ Stephen legte ſeine Hand auf die von Maggie, die auf ſeinem Arm ruhte, und beide fühlten, daß es ihnen ſchwer wurde, zu ſprechen. „Und mich feſſeln andere Bande,“ fuhr Maggie endlich mit verzweifelter Anſtrengung fort,„ſelbſt wenn Lucie gar nicht vorhanden wäre.“ „Sie ſind mit Philipp Wakem verlobt,“ ſagte Stephen haſtig.„Iſt es ſo?“ „Ich betrachte mich als ihm verlobt— gedenke nicht, Jemand anders zu heirathen.“ Stephen ſchwieg, bis ſie aus der Sonne in einen ſchattigen, graſigen Nebenweg eingetreten waren. Dann brach er mit Ungeſtüm los: „Es iſt unnatürlich— es iſt ſchrecklich. Maggie, wenn Sie mich liebten, wie ich Sie liebe, ſo könn⸗ ten wir alles Andere in die Winde werfen, um uns wechſelſeitig anzugehören. Wir würden alle dieſe thörichten Bande zerreißen, die wir uns in der Blindheit anlegten, und den Entſchluß faſſen, uns zu heirathen.“ „Lieber ſterben, als in dieſe Verſuchung fallen,“ entgegnete Maggie langſam und beſtimmt; die ganze geiſtige Kraft, die ſie in langen Schmerzensjahren ſich erſammelt, kam bei dieſem Aeußerſten ihr zu Hilfe. Sie zog, während ſie ſprach, ihre Hand von ſeinem Arme zurück. „So ſagen Sie mir, bin ich Ihnen denn gar nichts?“ entgegnete er mit Heftigkeit.„Sagen Sie mir, daß Sie Jemand anders mehr lieben.“ Maggie kam der plötzliche Gedanke, es biete ſich hier eine gute Gelegenheit, den äußeren Kampf ab⸗ zuwehren, wenn ſie Stephen ſagte, daß ihr ganzes Herz Philipp gehöre. Aber dieſe Erklärung wollte nicht über ihre Lippen, und ſie blieb ſtumm. „Wenn Sie mich lieben, meine Theure,“ fuhr Stephen fort, indem er ihre Hand wieder ergriff und ſie in ſeinen Arm legte,„ſo iſt es beſſer, ja ſogar das einzig Richtige, daß wir uns heirathen. Wir können'’s nicht ändern, wenn es auch Schmerz bereitet. Es hat uns ſo erfaßt, ohne daß wir es ſuchten, und kam ganz natürlich; meiner hat es ſich bemächtigt trotz aller meiner Beſtrebungen, Wider⸗ ſtand zu leiſten. Gott weiß, wie ich gerungen habe, meinen ſtillſchweigend eingegangenen Verbindlichkeiten treu zu bleiben. Die Sache iſt dadurch nur ſchlim⸗ mer geworden, und ich hätte beſſer gethan, gleich von Anfang meinen Gefühlen zu folgen. Maggie ſchwieg. Wäre es am Ende doch nicht unrecht? Wenn ſie ſich nur erſt davon hätte über⸗ zeugen können, ſo brauchte ſie nicht länger gegen dieſen Strom anzukämpfen, der ſo ſanft und doch ſo gewaltig war wie eine Sommerfluth! „Sagen Sie Ja,“ flehte Stephen mit einem ein⸗ dringlichen Blick auf ihr Antlitz.„Was kümmert uns die ganze Welt, wenn wir uns angehören dürfen?“ Ihr Athem berührte ſein Geſicht— ſeine Lippen waren den ihrigen ſehr nahe— aber ſeine Liebe zu ihr lag in den Banden der Furcht. Eliot, Die Mühle am Floß. III. 11 162 Ihre Lippen und Lide bebten; ſie ſchlug für einen Moment ihre Augen voll auf wie ein ſchönes wildes Thierchen, das ſcheu gegen Liebkoſungen an⸗ kämpft. Dann wandte ſie ſich plötzlich, um nach dem Haus zurückzukehren. „Und im Grunde breche ich keine beſtimmte Zu⸗ ſage,“ fuhr er im Ton der Ungeduld fort, indem er verſuchte, ſeine wie ihre Bedenklichkeiten niederzu⸗ kämpfen.„Wenn Lucie mir ihre Neigung entzogen und Jemand anders geſchenkt hätte, ſo wäre ich nicht berechtigt geweſen, Anſprüche an ſie geltend zu machen. Auch Sie ſind nicht unbedingt an Philipp verſagt; von uns Beiden iſt keines ge⸗ bunden.“ „Ich glaube dies nicht— und auch Ihnen kann es unmöglich ernſt ſein,“ verſetzte Maggie.„Auch Ihnen muß, wie mir, das Herz ſagen, daß das wahre Band in den Gefühlen und Erwartungen be⸗ ſteht, die wir in Anderen geweckt haben. Es ließen ſich ja dann alle anderen Verpflichtungen brechen, wenn eine ſolche ſtraflos bliebe, und es gäbe keine Treue mehr auf Erden.“ Stephen antwortete nicht; er konnte dieſe Be⸗ gründung nicht anerkennen, denn die gegentheilige Ueberzeugung hatte in den vorausgehenden Kämpfen zu feſte Wurzel in ihm gefaßt. Er gewann jedoch der Sachlage bald einen neuen Geſichtspunkt ab. „Die Verpflichtung iſt unerfüllbar,“ ſagte er mit dringlichem Ungeſtüm.„Sie iſt unnatürlich, und wir vermögen nur zum Schein uns Jemand anders zu ſchenken. Auch hierin liegt ein Unrecht— eine Quelle des Elends für ſie ſowohl, wie für uns. 4 163 Maggie, Sie müſſen dies in's Auge faſſen— ſehen ſie es nicht ein?“. Er ſah ſich ſehnſüchtig in ihrem Antlitz nach einem Zeichen der Uebereinſtimmung um; ſeine Hand hielt die ihrige ſanft, aber feſt gefaßt. Sie blieb eine Weile ſtumm, und ihre Augen hafteten an dem Bo⸗ den; dann athmete ſie tief auf, blickte ihn wehmüthig feierlich an und entgegnete: „Oh, es iſt ſchwer— das Leben iſt ſehr ſchwer. Bisweilen ſcheint es mir recht zu ſein, wenn wir unſeren innigſten Gefühlen folgen. Aber dieſe Ge⸗ fühle kommen ſo oft in Widerſtreit mit den Banden, mit denen das ganze frühere Leben uns umſchlungen hat, mit den Banden, die uns an Andere ketten, und möchten dieſelben geradezu zerreißen. Wenn das Leben ſo leicht und einfach wäre, wie es im Paradis geweſen ſein mag, und uns immer das Weſen zuerſt entgegenträte, das.... Ich meine, wenn das Leben uns nicht Pflichten auferlegte, eh' wir die Liebe kennen, ſo wäre ihr Eintreten aller⸗ dings ein Zeichen, daß Zwei zuſammen gehören. Aber ich ſehe— ich fühle es, daß es jetzt nicht ſo iſt. Es gibt Dinge, auf die wir im Leben verzich⸗ ten müſſen, und Einigen iſt das Glück der Liebe verſagt. Vieles erſcheint mir ſchwer und dunkel; aber ſo viel erkenne ich klar, ich darf und kann mein Glück nicht darin ſuchen, daß ich Andere opfere. Die Liebe iſt ein Zug der Natur; aber daſſelbe gilt auch von dem Mitleid, von der Treue, von der Erinnerung. Dieſe würden in mir fortleben und mir zur Strafe werden, wenn ich ſie mißachtete. Ich könnte das Leiden, das ich geſchaſſen, nir nicht allein empfangen. Das ſprechende Geſicht ver⸗ 164 aus dem Sinn ſchlagen. Unſere Liebe wäre ver⸗ giftet. Dringen Sie nicht weiter in mich; helfen Sie mir— helfen Sie mir, weil ich Sie liebe.“ Maggie war im Verlauf ihrer Rede immer ernſter geworden; ihr Geſicht glühte, und aus ihren Augen ſprach voller und voller die flehende Liebe. Eine edle Saite in Stephen ſprach auf dieſe Berufung an; aber in demſelben Augenblick— wie hätte es auch anders ſein können?— gewann die bittende Schönheit neue Gewalt über ihn.. „Mein Herz,“ ſagte er faſt in Flüſterlauten, während ſich ſein Arm um ſie ſchlang,„ich will Alles thun, Alles ertragen, was Sie wünſchen. Aber— einen Kuß— einen einzigen— den letzten— eh' wir ſcheiden.“ Ein Kuß— und dann ein langer Blick— bis Maggie mit bebender Stimme ſagte: „Loſſen Sie mich jetzt— ich muß zurück.“ Sie eilte von hinnen, ohne daß ein weiteres Wort geſprochen wurde. Stephen blieb ſtehen und winkte, als ſie in Willy's Nähe kamen, daß er vs Pferd bringe. Maggie verſchwand durch das Thor. Mrs. Moß ſtand allein unter dem alten Portal; ſie hatte aus freundlicher Sorglichkeit alle die Kin⸗ der in's Haus geſchickt. Es war vielleicht etwas Erfreuliches, daß Maggie einen reichen und ſchö⸗ nen Liebhaber hatte; aber ſie fühlte ſich mög⸗ licherweiſe verlegen, wenn ſie wieder herein kam — und es konnte ja auch etwas Unerfreuliches ſein.— Für alle Fälle wollte Mrs. Moß Maggie 84 — 165⁵ kündete deutlich, daß die Freude, wenn anders von einer ſolchen die Rede ſein konnte, von ſehr auf⸗ regender und zweiſelhafter Art war.. „Setz' Dich ein wenig hieher, meine Liebe.“ Sie zog Maggie unter das Portal und nahm auf der Bank neben ihr Platz. Es gab kein Ge⸗ heimzimmer im Haus. „Oh, Tante Gritty, ich bin ſehr unglücklich. Wollte Gott, ich hätte ſterben können, als ich fünf⸗ zehn war. Damals ſchien es mir ſo leicht, Alles aufzugeben, und jetzt wird es mir ſo ſchwer.“ Das arme Mädchen umſchlang den Hals ihrer Tante und brach in ein langes, ſchmerzliches Schluch⸗ zen aus. Zwölftes Kapitel. Eine Familienpartie. Maggie verließ ihre gute Tante Gritty zu Ende der Woche und begab ſich nach Garum Firs, um der Verabredung gemäß der Tante Pullet ihren Beſuch zu machen. In der Zwiſchenzeit hatten ſich ſehr unerwartete Dinge zugetragen, und es ſollte in Garum eine Familienzuſammenkunft ſtattfinden, um eine Veränderung in den Glücksverhältniſſen der Tulliver zu beſprechen und zu feiern, welche geeignet war, den letzten Schatten ihrer Verſchuldungen wie den äußerſten Rand einer Sonnenfinſterniß vollends wegzunehmen und ihre bisher verdunkelten Tugen⸗ den in vollrundem Lichte ſtrahlen zu laſſen. Es iſt ein angenehmes Bewußtſein, daß neueingetretene 166 Miniſter nicht die einzigen Nebenmenſchen ſind, welche ſich einer Periode hoher Würdigung und vollbackigen Lobes zu erfreuen haben; in vielen achtbaren Fami⸗ lien finden Verwandte, die ſich wieder zur Achtbar⸗ keit aufſchwingen, eine ähnliche herzliche Anerkennung, welche, da ſie ſich unabhängig hält von dem Zwang der Vorgänge, die hoffnungsvolle Möglichkeit in Ausſicht ſtellt, wir könnten uns eines Tages unver⸗ merkt in das wahre tauſendjährige Reich verſetzt ſehen, in welchem die Baſilisken zu beißen aufgehört haben und die Wölfe nur noch in den allerſanfteſten Abſichten die Zähne weiſen. Lucie kam ſo früh, daß ſie ſogar der Tante Glegg den Vorſprung abgewann, denn ſie ſehnte ſich, ungeſtört mit Maggie die merkwürdigen Neuig⸗ keiten zu beſprechen. Schien es nicht— that es nicht ſo, ſagte Lucie mit ihrer allerliebſten Weisheits⸗ miene— als ob Alles, ſelbſt das Unglück anderer Leute(die armen Geſchöpfe h), ſich dazu verſchwöre, die arme liebe Tante Tulliver, den Vetter Tom und auch die hochmüthige Maggie, wenn ſie nicht ſtarr⸗ ſinnig auf das Gegentheil erpicht wäre, ſo glücklich zu machen, als ſie nach den vielen überſtandenen Widerwärtigkeiten verdienten? Zu denken, daß an demſelben Tag— demſelben Tag— an welchem Tom von Neweaſtle zurückgekommen, der unglück⸗ liche junge Jetſome, den Mr. Wakem auf die Mühle geſetzt hatte, im trunkenen Zuſtand vom Pferde geworfen wurde, ſo daß Wakem den Wunſch aus⸗ gedrückt hatte, daß die neuen Käufer das Anweſen ſogleich in Beſitz nehmen könnten! Es war freilich ſchrecklich für den unglücklichen Menſchen; aber es — — 167 ſchien, als habe der Unfall lieber damals als zu jeder anderen Zeit eintreffen müſſen, damit Tom deſto früher den Lohn für ſein muſterhaftes Be⸗ tragen ernte— denn Papa hielt gar hohe Stücke auf ihn. Tante Tulliver mußte allerdings jetzt nach der Mühle ziehen und Toms Haushaltung führen; dies war ein Verluſt, der ſich in Luciens Haus⸗ weſen ſchwer fühlbar machte; aber dann welcher Troſt, daß die Tante wieder an dem alten Platz war und allmählich ſich wieder mit den früheren Be⸗ quemlichkeiten umgeben konnte! In Betreff des letzteren Punktes hatte Lucie ihre ſchlauen Plane; nachdem ſie in Begleitung von Maggie den gefährlichen Weg über die blanke Treppe nach dem ſchönen Sprechzimmer zurückgelegt hatte, wo ſogar die Sonnenſtrahlen reinlicher als anderswo zu ſein ſchienen, richtete ſie, wie jeder andere große Taktiker gethan haben würde, ihre Manöver gegen die ſchwächere Seite des Feindes. „Tante Pullet,“ ſagte ſie, auf dem Sopha Platz nehmend und liebkoſend das loſe Haubenband die⸗ ſer Dame in Ordnung bringend,„laſſen Sie doch hören, was Sie an Leinwand und anderen Sachen in Toms Haushaltung zu ſtiften gedenken. Sie ſind ja immer ſo großmüthig— ſchenken ſo hübſche Sachen weg— und wenn Sie mit einem guten Beiſpiel vorangehen, ſo wird Tante Glegg folgen.“ „Das kann ſie nie, liebes Kind,“ verſetzte Mrs. Pullet mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit,„denn ſie hat keine Leinwand, die ſich neben der meinigen ſehen laſſen dürfte, kann ich Dir ſagen. Es fehlt ihr an dem Geſchmack, ſelbſt wenn ſie die Auslage 169 ſeine Verwandten ihm an die Hand gehen und ihm helfen. Da iſt das Tiſchzeug, das ich bei Deiner Auction gekauft habe, Beſſy; ich that es aus reiner Gutherzigkeit, denn es hat ſeitdem völlig unbenützt in einer Truhe gelegen. Aber ich habe nicht Luſt, Maggie noch mehr von meinem indiſchen Muslin und von ähnlichen Dingen zu geben, wenn ſie wie⸗ der in einen Dienſt geht, während ſie doch dableiben, mir Geſellſchaft leiſten und meine Nähtereien beſor⸗ gen könnte, wenn ſie ihr Bruder nicht eben braucht.“ „In einen Dienſt gehen“— unter dieſem Aus⸗ druck verſinnlichte ſich der Dodſongeiſt die Stellung einer Lehrerin oder Gouvernante, und Maggie's Rückkehr in eine ſo untergeordnete Lage, nun ihr die Umſtände beſſere Ausſichten aufſchloſſen, mußte wohl allen Verwandten, Lucie ausgenommen, zum Stein des Anſtoßes werden. Maggie in ihrer rohen Form mit dem hinunter hängenden Haar und den unliebens⸗ würdigen Hoffnungen, die ſie erregte, war eine ſehr unwünſchenswerthe Nichte geweſen; jetzt aber befand ſie ſich in der Lage, der Familie in gleicher Weiſe zur Zierde und zum Nutzen zu gereichen. Der Gegen⸗ ſtand wurde in Tante und Onkel Gleggs Anweſen⸗ heit bei Thee und Müffchen auf's Neue aufgenommen. „Pah, pah, Unſinn!“ ſagte Mr. Glegg, Maggie gutmüthig auf den Rücken pätſchelnd.„Komm uns nicht wieder mit einem Platz, Maggie. Du mußt bei dem Bazar wenigſtens ein Halbdutzend Schätze aufgefiſcht haben; iſt keiner vom rechten Schlag dar⸗ unter— he?“ „Mr. Glegg,“ ſagte ſeine Gattin mit einem Schatten erhöhter Höflichkeit in ihrer Strenge, den 17⁰0 ſie ſtets mit ihren krauſeren Stirnlocken anlegte, zentſchuldige, aber Du biſt gar zu leichtfertig für einen Mann von Deinen Jahren. Die Achtung und das Pflichtgefühl gegen ihre Tanten und die übrigen Verwandten, die ſo gut gegen ſie ſind, ſollte meine Nichte abgehalten haben, mit Umgel 3 unſeres Rathes wieder einen Platz anzunehmen— nicht aber die Schätze, wenn ich mich eines ſolchen Worts be⸗ dienen ſoll, obſchon es in meiner Familie nie ge⸗ hört worden iſt.“. „Ci, wie habt ihr denn uns genannt, als ich und Nachbar Pullet euch zu Hof ritten? Ich denke, man hat uns damals gehörig geſchätzt,“ ſagte Mr. Glegg mit einem ſpaßhaften Blinzeln, während Mr. Pullet die Erinnerung an die Süßigkeit jener Zeit durch ein etwas größeres Zuckerzeltchen auffriſchte. „Mr. Glegg,“ entgegnete Mrs. Glegg,„wenn Du undelicat werden willſt, ſo laß mich es wiſſen.“ „Ei, Jane, Dein Mann macht ja nur ein Späß⸗ chen,“ ſagte Mrs. Pullet;„ſei froh, daß er geſund und ſtark iſt und Luſt zum Spaſſen hat. Da iſt der arme Mr. Tilt— ſein Mund hat ſich ganz gegen die eine Seite hingezogen, und er könnte nicht lachen, wenn er auch wollte.“ „Darf ich Dich dann um das Brodkörbchen be⸗ mühen, Glegg,“ ſagte Mrs. Glegg,„wenn ich ſo frei ſein darf, Dein Spaſſen zu unterbrechen. Ich kann freilich keinen Spaß darin ſehen, wenn eine Nichte die älteſte Schweſter ihrer Mutter und das Haupt der Familie mit Geringſchätzung behandelt, die ganze Zeit ihres Aufenthalts in der Stadt ſie nur mit ein Paar Schnappviſiten beehrt und ſich, 171 ohne ſich bei ihr Raths zu erholen, wieder zum Fort⸗ laufen entſchließt. Dies mir, die ich ausdrücklich für ſie ein Kapitälchen angelegt und in meinem Teſta⸗ ment mein Geld ſo gleich vertheilt habe—“ „Schwectar,“ unterbrach ſie Mrs. Tulliver ängſt⸗ lich,„ich à überzeugt, daß Maggie nicht daran „ däaͤchte, wegzugehen, ohne bei Dir ſo gut wie bei den Anderen ein Paar Tage zu bleiben. Nicht daß mir ihr Gehen lieb wäre— ganz im Gegentheil; aber was kann ich dafür? Ich hab' ihr oft und oft geſagt: ‚Meine Liebe, Du haſt keinen Grund zum Fortgehen.: Aber es ſind ja noch zehn oder vier⸗ zehn Tage, bis Maggie einzutreffen hat; ſie kann dieſe Zeit eben ſo gut bei Dir zubringen, und ich mache dann, wenn ich freie Zeit gewinne, gelegent⸗ lich mit Lucie einen Beſuch bei Dir.“ „Beſſy,“ verſetzte Mrs. Glegg,„wenn Du Dein Denkvermögen nur ein Bischen mehr übteſt, ſo müß⸗ teſt Du Dir ſelbſt ſagen, daß ich es kaum für der Mühe werth halten kann, ein Bett herzurichten und alle die Unluſt durchzumachen, juſt in der letzten Zeit, während doch unſer Haus kaum eine Viertel⸗ ſtunde von dem des Schwager Deane abgelegen iſt. * Sie kann früh Morgens kommen und Abends ſpät wieder heimgehen und ſollte Gott danken, daß ſie eine gute Tante hat, der ſie Geſellſchaft leiſten kann. So würde wenigſtens ich es gehalten haben, als ich in ihrem Alter war.“ 2„O Jane,“ verſetzte Mrs. Pullet,„Deinen Bet⸗** ten thäte es gut, wenn einmal Jemand darin ſchliefe. 8 Dein geſtreiftes Zimmer riecht entſetzlich moderig, und der Spiegel iſt ſtockig wie alles Andere. Wahr⸗ 172 haftig, ich glaube, ich hätte den Tod davon, wenn ich da ſchlafen müßte.“ „Oh, da iſt Tom!“ rief Lucie, ihre Hände zu⸗ ſammenſchlagend.„Er reitet den Sindbad, wie ich ihm geſagt habe. Ich fürchtete ſchon, er werde ſein Verſprechen nicht halten.“ Als Tom eintrat, eilte Maggie ihm entgegen und küßte ihn mit Innigkeit, denn ſie traf wieder zum erſtenmal, ſeit die Ausſicht auf die Rückerwer⸗ bung der Mühle ſich ihm aufgethan hatte, mit ihm zuſammen; dann faßte ſie ihn bei der Hand und führte ihn nach dem Stuhl neben ihr. Es war ihre ſtete Sehnſucht, welche tiefe Wurzel geſchlagen und bei allen Wechſeln ſich gleich erhalten hatte, daß keine Wolke zwiſchen ihr und Tom ſchweben möchte. Er lächelte ihr dieſen Abend ſehr freundlich zu und ſagte:„Nun, Magſie, was macht die Tante Moß?“ „Schau, ſchau,“ rief Mr. Glegg, ſeine Hand ausſtreckend,„der Herr Neffe iſt ein großer Mann geworden und hat, ſcheint's, Alles vor ſich nieder⸗ geworfen. Du biſt viel früher in die Wolle gekom⸗ men, als wir alten Leute— aber ich wünſche Dir Glück, ich wünſche Dir Gluck. Ich wette, es ſteht* — nicht mehr allzu lang an, ſo iſt die Mühle wieder Dein Eigenthum; denn ich merke ſchon, Du bleibſt nicht auf dem halben Wege ſtehen.“ „Aber ich hoffe, er wird nicht vergeſſen, daß er es der Familie ſeiner Mutter zu danken hat,“ be⸗ mmerkte Mrs. Glegg.„Hätte er nicht ihr nachgeſchla⸗ gen, ſo wäre er jetzt übel genug daran. Cs gab 4 inen Bankrutt, einen Proceß, ein verſchwen.. 173 deriſches Treiben in unſerer Familie— auch kein Sterben ohne Teſtament—“ „Nein, und keine plötzlichen Todesfälle,“ bemerkte Tante Pullet.„Stets wurde ein Doctor berufen. Aber Tom hat die Dodſonhaut, wie ich von Anfang ſagte. Ich weiß nicht, was Du zu thun gedenkſt, Schweſter Glegg; aber ich bin Willens, ihm außer den Leintüchern drei von meinen andergrößten Tafel⸗ tüchern zu geben. Ich ſage nicht, was ich noch mehr zu thun gedenke; aber dieſe ſoll er haben— und wenn ich morgen ſterbe, ſo wirſt Du nicht vergeſſen, Pullet, obſchon Du Dich in den Schlüſſeln vergreifen und es nie im Kopf behalten wirſt, daß auf dem dritten Simsbrett links im Kleiderſchrank hinter den Nachthauben mit dem breiten Band, nicht hinter denen mit der ſchmalen Spitzenbordure, der Schlüſſel zu der Kommode im blauen Zimmer und in dieſer der Schlüſſel zu dem blauen Weißzeugkaſten liegt. Gib Acht, Du verſiehſt's, und ich kann's nicht mehr gut machen. Du haſt ein wundervolles Gedächtniß für meine Pillen und meine Mixturen— dies muß ich Dir ſtets zum Ruhm nachſagen— aber in Schlüſ⸗ ſeln kennſt Du Dich nicht aus.“ Das düſtere Bild der Verwirrung, die nach Mrs. Pullets Hinſcheiden in Ausſicht ſtand, wirkte ſehr angreifend auf dieſe Dame. „Du treibſt Dein Ein⸗ und Ausſchließen zu weit, Sophie,“ ſagte Mrs. Glegg in einem Ton, als widere ſie dieſe Thorheit an.„So iſt es in der Familie nie Brauch geweſen. Es kann mir Niemand nachſagen, daß ich meine Sachen nicht verſchließe; aber ich halte dabei ein vernünftiges Maß und Ziel 174 ein. Und was die Leinwand betrifft, ſo will ich nachſehen, was noch brauchbar iſt, und meinem Neffen ein Geſchenk damit machen. Ich habe Lein⸗ wand, die noch gar nicht gebleicht und mehr werth iſt, als anderer Leute ſchönes Holländertuch; ich hoffe, er wird darin ſchlafen und ſeiner Tante ge⸗ denken.“ Tom dankte Mrs. Glegg, wich aber dem Ver⸗ ſprechen aus, allnächtliche Betrachtungen über ihre Tugenden anzuſtellen; und Mr. Glegg erzielte für ihn dadurch eine Abſchweifung, daß er ihn über Mr. Deane's Abſichten in Betreff der Dampfeinrichtungen befragte. Lucie hatte ihre weit abſehenden Plane gehabt, als ſie Tom bat, auf Sindbad zu kommen. Wenn es nämlich Zeit zum Heimgehen war, ſo mußte der Bediente das Pferd heimreiten, und Vetter Tom hatte dann ſeine Mutter und Lucie zu kutſchiren.„Sie müſſen allein ſitzen, Tantchen,“ ſagte dieſe erfin⸗ deriſche junge Dame,„weil ich den Platz neben Tom für mich brauche; denn ich hab' ihm ungemein viel zu ſagen.“ Lucie konnte es in dem Eifer ihrer zärtlichen Beſorgniß für Maggie nicht über ſich gewinnen, ein Geſpräch über ſie mit Tom hinauszuſchieben, da ihrer Meinung nach ein ſo voller Freudenbecher, wie die Erfüllung ſeines Wunſches in Betreff der Mühle war, ihn beugſam und geſchmeidig machen mußte. In ihrer Natur lag nichts, was ihr einen Schlüſſel zu Toms Weſen an die Hand gegeben hätte; ſie fühlte ſich daher ſchmerzlich betroffen, als ſie die un⸗ angenehme Veränderung bemerkte, die bei ihrem * — 175 Bericht über die Art und Weiſe, in welcher Philipp ſeinen Einfluß auf ſeinen Vater benützt hatte, in ſei⸗ nem Geſichte vor ſich ging. Ihrer Berechnung nach ſollte dieſe Enthüllung ein feiner politiſcher Zug ſein, der Toms Herz vollkommen für Philipp ge⸗ winnen mußte und außerdem den Beweis lieferte, daß der alte Wakem bereit war, Maggie mit allen Ehren als Schwiegertochter aufzunehmen. Es fehlte alſo nichts mehr, als daß der liebe Tom, der immer ſo freundlich lächelte, wenn er ſein Couſinchen Lucie anſah, vollſtändig umſattelte, gerade das Gegentheil von dem ſagte, was er bisher immer geſprochen, und für ſeinen Theil erklärte, er freue ſich über die Ausgleichung des alten Zwiſts und habe nichts da⸗ gegen, wenn Philipp die Maggie in möglichſter Ge⸗ ſchwindigkeit heirathe. Nach der Meinung der guten Lucie ging dies ganz leicht. Abber wo ein Geiſt ſtark markirt iſt durch po⸗ ſitive und negative Eigenſchaften, welche Strenge erzeugen— Kraft des Willens, Ueberzeugung von der Gerechtigkeit des Strebens, Beſchränktheit der Einbildungskraft und des Verſtandes, Selbſtbeherr⸗ ſchung und die Neigung, Gewalt auszuüben über Andere— da bilden ſich Vorurtheile als natürliche Nahrung für Tendenzen, welche ihren Unterhalt nicht ſchöpfen können aus dem verwickelten, fragmentariſchen und zweifelerzeugenden Wiſſen, das wir Wahrheit nennen. Mag ein Vorurtheil vermacht, aus der Luft übertragen, vom Hörenſagen aufgenommen oder durch die Augen eingeſaugt worden ſein, ein ſolcher Geiſt bietet ihm eine Wohnſtätte; es iſt etwas, das einer ſtarken und tapfern Verfechtung bedarf, das Erſatz bietet für die Inhaltloſigkeit der Gedanken, das man Anderen mit dem Gewicht bewußten Rech⸗ tes aufdringen kann— kurz es iſt ein Stab, der zugleich als Stütze und als Wehr dient. bedenn Vor⸗ urtheil, das dieſen Zwecken entſpricht, bedarf eines Beweiſes. Der Geiſt unſeres guten, aufrichtigen Tom Tulliver gehörte in dieſe Klaſſe; die innerliche Mißbilligung der Fehler ſeines Vaters hinderte ihn nicht, deſſen Vorurtheil anzunehmen— ein Vorurtheil gegen einen Mann von wandelbaren Grundſätzen und nicht ſtrenger Lebensweiſe, in welchem alle ge⸗ täuſchten Hoffnungen der Familie und der perſönliche Stolz einen Sammelpunkt fanden. Auch noch an⸗ dere Gefühle trugen dazu bei, Toms bitteren Wider⸗ willen gegen Philipp und ſeine Verbindung mit Maggie zu erhöhen, und obgleich Lucie eine große Gewalt über ihren eigenſinnigen Couſin beſaß, ſo erzielte ſie doch von ihm nichts als die kalte Wei⸗ gerung, je ſeine Zuſtimmung zu einer ſolchen Che zu geben. Aber natürlich konnte Maggie handeln, wie ſie wollte, und hatte außerdem erklärt, ſie wolle nicht abhängig ſein. Was Tom betraf, ſo hielt er ſich durch das Andenken an den Vater und durch jedes männliche Gefühl verpflichtet, jede Beziehung zu der Wakem'ſchen Familie von ſich zu weiſen. Lucie hatte alſo durch ihre eifrige Vermittlung nichts bewirkt, als daß Tom fortan erwartete, Maggie's verkehrter Entſchluß, wieder in eine Stelle einzu⸗ treten, werde ſich, wie es bei allen ihren Ent⸗ ſchließungen der Fall ſei, bald zu etwas eben ſo Verkehrtem— wenn ſchon von ganz anderer Art umwandeln— zu einer Heirath mit Philipp Wakem. 177 Dreizehntes Kapitel. Hingetragen von der Fluth. Nach weniger als einer Woche befand ſich Maggie wieder in St. Oggs— dem Aeußeren nach ſo ziem⸗ lich in denſelben Verhältniſſen, wie zur Zeit des Beginns ihres Beſuches. Es wurde ihr leicht, ihre Morgen getrennt von Lucie zu verbringen, denn ſie hatte ihrer Tante Glegg fleißige Beſuche verſprochen, und es war natürlich, daß ſie in den letzten Paar Wochen mehr als ſonſt mit ihrer Mutter umging, namentlich da auch Vorbereitungen für Toms Haus⸗ haltung getroffen werden mußten. Für ein Weg⸗ bleiben in den Abendſtunden aber wollte Lucie keine Entſchuldigung gelten laſſen. Maggie ſollte immer vor dem Diner von Tante Glegg zurück.—„Was hab' ich ſonſt von Dir?“ erklärte Lucie mit einem thränenreichen Schmollen, dem ſich nicht widerſtehen ließ. Und Mr. Stephen Gueſt zeigte unerklärlicher Weiſe ein Verlangen, ſo oft als möglich bei Mr. Deane zu ſpeiſen, ſtatt dies, wie er ſonſt zu thun pflegte, zu vermeiden. In der erſten Zeit begann er den Morgen mit dem Vornehmen, nicht dort zu diniren, ja, Abends nicht einmal hinzugehen, bis Maggie fort wäre. Er hatte ſogar den Plan ent⸗ worfen, das liebliche Juniwetter zu einer Reiſe zu benützen und ſich dadurch von dem Kopfweh zu be⸗ freien, mit dem er ſein dämiſches, ſchweigſames Ver⸗ halten zu entſchuldigen pflegte. Aber die Reiſe unterblieb, und ſchon am vierten Morgen wurde in Eliot, Die Mühle am Floß. III. 12 178 Betreff der Abende kein beſtimmter Entſchluß mehr gefaßt; ſie erſchienen nur noch als Zeiten, in denen man noch ein wenig von Maggie ſehen, vielleicht eine leichte Berührung, einen Blick von ihr erhaſchen konnte. Warum auch nicht? Es gab keine Heim⸗ lichkeit mehr zwiſchen ihnen— ſie hatten ihre Liebe bekannt, einander entſagt, und ſahen der Trennung entgegen. Ehre und Gewiſſen traten ſcheidend zwi⸗ ſchen ſie, und Maggie hatte mit der aus ihrer innerſten Seele quellenden Berufung den Ausſchlag gegeben; aber ſicherlich durften ſie ſich noch einen zögernden Blick zuwerfen über den Abgrund, eh' ſie abwandten, um ſich nicht wieder zu ſehen, bis jenes wunderbare Licht für immer aus ihren Augen ge⸗ wichen war. Maggie bewegte ſich dieſe ganze Zeit über mit einer Ruhe, ja mit einer Erſtarrung in ihrem Weſen, die gegen ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit ſo abſtach, daß Lucie wohl eine andere Urſache für die Ver⸗ änderung hätte ſuchen müſſen, wenn ſie nicht über⸗ zeugt geweſen wäre, das Verhältniß ihrer Couſine zu Philipp und ihrem Bruder, wie auch der Hin⸗ blick auf die ſelbſt auferlegte, mühereiche Verbannung genüge vollkommen, ihre gedrückte Stimmung zu erklären. Aber unter dieſem Eis wogte ein unge⸗ ſtümer Kampf, wie ihn Maggie in ihrem früheren Leben nie gefühlt oder auch nur geahnt hatte; es ſchien ihr, als ob das Schlimmſte in ihr bisher nur im Hinterhalt gelegen und jetzt auf einmal vollbewaffnet mit ſeiner ganzen häßlichen, hinreißen⸗ den Gewalt hervorgebrochen ſei. Es gab Augen⸗ blicke, in welchen eine grauſame Selbſtſucht die 179 Herrſchaft über ſie gewinnen wollte. Warum ſollte nicht Lucie— warum nicht Philipp leiden? Für ſie waren ja ſo viele Jahre ihres Lebens ein ſteti⸗ ges Leiden geweſen, und wer hatte ſich um ihret⸗ willen etwas verſagt? Und wenn nun von jener Ueberſchwänglichkeit des Daſeins, nach der ihr gan⸗ zes Weſen dürſtete— Liebe, Wohlſtand und edler Lebensgenuß— etwas in ihren Bereich kam, warum ſollte ſie darauf verzichten im Intereſſe einer Anderen — einer Anderen, die deſſen vielleicht weniger bedurfte? Aber durch dieſen neuen Sturm der Leidenſchaft ließen ſich ſtets die alten Stimmen mit geſteigertem Nachdruck vernehmen, bis ſie zeitweilig den Tumult zum Schweigen brachten. War die Exiſtenz, die ſo verführeriſch auf ſie wirkte, die volle Exiſtenz ihrer Träume? Wie verhielt ſich's dann mit allen den Erinnerungen an ihr früheres Streben, mit dem tiefen Mitleid für die Schmerzen Anderer, das durch Jahre der Zuneigung und Mühſal die Nahrung ihrer Seele geweſen, mit allen den göttlichen Ahnun⸗ gen von etwas Höherem, als bloßem perſönlichem Genuß, die das Heiligthum ihres Lebens ausge⸗ macht hatten? Sie konnte eben ſo gut hoffen, nach Verſtümmelung ihrer Füße eines Spaziergangs ſich zu erfreuen, als ſie erwarten durfte, ſich in einem Daſein glücklich zu fühlen, das ſie erkaufen mußte durch Bruch der Treue und Aufgeben des Mitgefühls, dieſer beſten Organe ihrer Seele. Und dann, wenn der Schmerz ſchon ihr ſo ſchwer vor⸗ kam, was mußte er erſt für Andere werden?— „Ach Gott, bewahre mich davor, daß ich ihnen wehe thue— verleih' mir Kraft, es zu keagen— Wie 180 war ſie doch in dieſen Kampf mit einer Verſuchung gekommen, vor der ſie früher ſich für ſicher gehalten hatte wie vor einem überlegten Verbrechen? Wann war der erſte verhaßte Moment geweſen, in wel⸗ chem ſie ſich eines Gefühls bewußt wurde, das ſo ſchreiend verſtieß gegen ihre Treue und Dankbar⸗ keit, ohne daß ſie entſetzt davor zurückbebte, wie vor etwas Verabſcheuungswürdigem?— Und doch be⸗ gegnete, da dieſer wunderbare, ſüße, hinreißende Einfluß nicht übermächtig in ihr werden und blos ihr eigener Schmerz bleiben ſollte, ihr Geiſt dem von Stephen in demſelben Gedanken, daß es ihnen geſtattet ſei, vor dem ſchließlichen Abſchied noch einige Augenblicke ſtummen Bekenntniſſes aufzu⸗ haſchen. Denn litt nicht er auch? Sie ſah dies täglich, erkannte es in der erſchöpften Haltung, in die er verſank, ſobald er nicht genöthigt war, ſich zuſammen zu nehmen, an der Gleichgiltigkeit gegen Alles, nur nicht gegen die Möglichkeit, ſie zu beob⸗ achten. Konnte ſie es abſchlagen, bisweilen auf den flehenden Blick zu antworten, der ihrem Ge⸗ fühl nach ihr folgte, wie ein leiſes Flüſtern der Liebe und des Schmerzes? Sie ſträubte ſich weni⸗ ger und weniger dagegen, bis endlich der Abend für ſie beide nur in dem einen wechſelſeitigen Blick Bedeutung gewann; ſie dachten daran, bis er kam, und wenn er gekommen war, dachten ſie an nichts Anderes mehr. Nur um Eines ſchien ſich Stephen hin und wieder noch zu kümmern— um den Ge⸗ ſang; denn in ihm konnte er mit Maggie ſprechen. Vielleicht war er ſich nicht beſtimmt bewußt, daß allen ſeinen ausgeſprochenen Entſchließungen zum — 181 Trotz eine geheime Sehnſucht, ſeinen Platz in ihrem Herzen zu befeſtigen, ihn dazu drang. Möge Jeder auf ſeine eigenen Reden achten; wenn er dann findet, daß ſie oft von eben ſo wenig zur Klarheit gekom⸗ menen Impulſen beeinflußt werden, ſo mag er ſich daraus den Widerſpruch in Stephen deuten. Philipp Wakem kam weniger häufig zu Beſuch, ſtellte ſich aber doch zuweilen Abends ein, und ſo war er denn auch zugegen, als die Geſellſchaft eines Abends um Sonnenuntergang draußen auf dem Raſen ſaß und Lucie die Bemerkung hinwarf: „Jetzt hat Maggie die verordnete Zahl von Be⸗ ſuchen bei Tante Glegg gemacht, und ich denke, wir ſollten bis zu ihrem Abgang jeden Tag eine Boot⸗ fahrt machen. Wegen dieſer widerwärtigen Viſiten iſt ſie nicht halb genug zu Waſſerausflügen gekommen, die ihr lieber ſind, als alles Andere. Meinſt Du nicht, Maggie?“ „Als jeder andere Ausflug, wollen Sie hoffent⸗ lich ſagen,“ verſetzte Philipp mit einem Lächeln gegen Maggie, die ſich in einem niederen Garten⸗ ſtuhl zurücklehnte,„ſonſt müßte ſie wohl ihre Seele an den geſpenſtiſchen Schiffer, der auf dem Floß ſpuckt, verkaufen, damit er für alle Ewigkeit ſie in ſeinem Boot mit herumführe.“ „Möchten Sie wohl ihr Schiffer ſein?“ ſagte Lucie.„Wenn Sie Luſt haben, ſo können Sie mit uns kommen und ein Ruder nehmen. Wäre der Floß nur ein ruhiger See ſtatt eines Fluſſes, ſo brauch⸗ ten wir keinen Herrn, denn Maggie rudert vor⸗ trefflich; ſo aber ſind wir auf die Dienſte von Rit⸗ —— 182 tern und Knappen angewieſen, die ſich jedoch mit Anbietung derſelben nicht ſehr beeilen.“ Sie warf einen ſcherzhaften Blick des Vorwurfs auf Stephen, der auf⸗ und abſchlenderte und in einem Pianiſſimofalcett vor ſich hinſang: „Der Seele glühend heißer Durſt Verlangt nach Göttertrank.“ Er nahm keine Notiz davon, ſondern hielt ſich fern, wie er in neuerer Zeit während der Beſuche Philipps häufig gethan hatte. „Sie ſcheinen keine Freude mehr an Waſſer⸗ fahrten zu haben,“ ſagte Lucie, als er herankam, um ſich neben ſie auf die Bank zu ſetzen.„Behagt Ihnen das Rudern nicht?“ „Oh, die vielen Leute in einem Boot ſind mir zuwider,“ verſetzte Stephen mit einiger Heftig⸗ keit.„Ich ſtehe zu Dienſt, wenn Sie Niemand anders haben.“ Lucie erröthete, da ſie fürchtete, Philipp werde ſich durch dieſe Erwiederung verletzt fühlen. Ein ſolcher Ton war an Stephen etwas Neues, aber man ſah ja, daß er in der letzten Zeit nicht wohl geweſen. Auch Philipp erröthete, aber weniger im Gefühl perſönlicher Kränkung, als in dem unbe⸗ ſtimmten Verdacht, daß Stephens launiſches Weſen irgend eine Beziehung zu Maggie habe, die während ſeiner Worte von ihrem Sitz aufgeſtanden und an das Lorbeergehäge getreten war, um den Wider⸗ ſchein der untergehenden Sonne in dem Fluß zu be⸗ trachten. „Miß Deane konnte nicht wiſſen, daß ſie, indem — — 183 ſie mich einlud, Andere ausſchloß,“ ſagte Philipp. „Ich halte mich daher für verpflichtet, wegzubleiben.“ „Nein, das ſollen Sie nicht,“ entgegnete Lucie ärgerlich.„Ich habe für morgen namentlich auf Ihre Geſellſchaft gerechnet. Die Fluth kommt um halb eilf Uhr gelegen, und wir haben dann, eh' es zu heiß wird, ein Paar köſtliche Stunden, um nach Luckreth und wieder zurück zu fahren. Und was können Sie gegen vier Perſonen in einem Boote einzuwenden haben?“ fügte ſie mit einem Blick auf Stephen bei. „Gegen die Perſonen habe ich nichts, wohl aber gegen die Zahl,“ ſagte Stephen, der ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte und ſich jetzt ſeiner Rohheit ſchämte.„Wenn ich für eine vierte ſtimmte, ſo wären natürlich Sie, Philipp, dieſelbe. Aber wir wollen uns nicht in das Vergnügen, die Damen zu geleiten, theilen. Ich beſorge übermorgen den Dienſt.“ Dieſer Vorfall hatte die Wirkung, Philipps Auf⸗ merkſamkeit mit erneuter Beſorgniß auf Stephen und Maggie zu lenken; als ſie aber wieder in's Haus kamen, wurde vorgeſchlagen, zu muſiciren. Mrs. Tulliver und Mr. Deane machten mit einander eine Partie Cribbage; Maggie aber ſaß beiſeits in der Nähe des Tiſches, wo die Bücher aufgelegt waren, und hörte zerſtreut der Muſik zu. Stephen wollte haben, daß Lucie und Philipp ein Duett mit einan⸗ der ſingen; ſie hatten dies zuvor öfter gethan, aber an dieſem Abend ahnte Philipp in jedem Wort, in jedem Blick von Stephen einen Doppelſinn und ließ den jungen Mann nicht aus dem Auge, obſchon er ſich ſelbſt über ſeinen Verdacht ärgerte. Denn hatte 184 nicht Maggie dem Weſen nach ihm die Verſicherung gegeben, daß ſeine Zweifel grundlos ſeien? Und ſie war ja die Wahrheit ſelbſt; unmöglich konnte er, wie ſie zuletzt im Garten mit ihm geſprochen, ein Mißtrauen in ihre Worte und Blicke ſetzen. Stephen war vielleicht von ihr verzaubert(konnte etwas na⸗ türlicher ſein?); aber Philipp hielt es für eine Ge⸗ meinheit, ſich in das wahrſcheinlich ſchmerzliche Ge⸗ heimniß ſeines Freundes einzudrängen. Gleichwohl hielt er die Augen offen. Stephen, der von dem Piano zurücktrat, näherte ſich nachläßig dem Tiſch, an welchem Maggie ſaß, und blätterte anſcheinend gleichgiltig in den Zeitungen. Dann nahm er, den Rücken dem Klavier zugekehrt, Platz, zog eine Zei⸗ tung unter ſeinen Ellenbogen und ſteckte die Finger in's Haar, als habe irgend eine Localneuigkeit des Lacehamer Couriers ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen; in Wirklichkeit aber ſah er nach Mag⸗ gie hin, die von ſeiner Annäherung nicht die min⸗ deſte Notiz genommen hatte. Sie beſaß in Philipp's Anweſenheit ſtets eine größere Widerſtandskraft, wie wir überhapt unſere Reden beſſer in unſerer Gewalt haben an einem Platz, der uns als heilig erſcheint. Aber endlich hörte ſie das Wort„Theuerſte“ im weichſten Ton ſchmerzlichen Flehens, ähnlich dem eines Kranken, der um etwas bittet, was man ihm ungefordert hätte geben ſollen. Seit dem Vorfall in dem Baſſeter Feldweg hatte ſie dieſes Wort, welches damals wieder und wieder faſt unwillkürlich einem unartikulirten Schrei ähnlich von Stephens Lippen gekommen war, nicht wieder vernommen. Philipp konnte nichts verſtehen, war aber an die 18⁵ andere Seite des Piano's getreten und bemerkte, wie Maggie zuſammenfuhr, erröthete und einen Moment auf Stephen ſchaute, unmittelbar darauf aber einen ängſtlichen Blick auf ihn ſelber warf. Sie konnte nicht wiſſen, daß Philipp ſie beobachtet hatte; aber ein Gefühl von Scham nebſt dem Bewußtſein, daß hier Etwas geheim gehalten werden mußte, bewog ſie, aufzuſtehen und an der Seite ihrer Mutter dem Kartenſpiel zuzuſehen. Bald nachher ging Philipp voll häßlicher Zweifel, gemengt mit einer elend machenden Gewißheit, nach Haus. Er konnte jetzt nicht mehr der Ueberzeugung widerſtehen, daß ein wechſelſeitiges Verſtändniß zwi⸗ ſchen Stephen und Maggie ſtattfinde, und dieſe un⸗ ſelige Thatſache laſtete die halbe Nacht faſt mit dem Gewicht des Wahnſinns auf ſeinen empfindlichen, reizbaren Nerven; er konnte nicht einmal den Verſuch zu einer Erklärung machen, durch die ſich ihre Worte und Handlungen in Einklang bringen ließen. Als endlich das Bedürfniß, Maggie zu vertrauen, das gewohnte Uebergewicht wieder gewann, trafen ſeine Vermuthungen ſo ziemlich mit der Wahrheit zuſammen — ſie kämpfte, ſie verbannte ſich ſelbſt— dies war der Schlüſſel zu Allem, was er ſeit ſeiner Rückkehr geſehen hatte. Aber in ſeinen Glauben an ſie drängten ſich auch andere Möglichkeiten ein, die nicht ſo leicht abzuwehren waren. Seine Einbildungs⸗ kraft arbeitete ſich die Sache in folgender Weiſe aus: Stephen war wahnſinnig in ſie verliebt und hatte ſich gegen ſie erklärt; ſie hatte ihn zurückgewieſen und wollte jetzt fort. Aber ließ er wohl von ihr ab, wenn er wußte— Philipp fühlte dies mit herz⸗ 186 zerreißender Verzweiflung— daß ihre Gefühle für ihn ſie halb hilflos gemacht hatten? Am andern Tag war Philipp zu unwohl, um an eine Betheiligung bei der Waſſerfahrt denken zu können. In ſeiner gegenwärtigen Aufregung konnte er über nichts zu einer Entſcheidung kommen, ſondern nur zwiſchen widerſprechenden Entſchließungen hin⸗ und herſchwanken. Zuerſt wollte er Maggie allen Ernſtes befragen und ſie bitten, ihm zu vertrauen; dann aber verzweifelte er wieder an dem Erfolg eines ſolchen Schrittes. Hatte er nicht ſtets all' ſein Vertrauen in Maggie geſetzt? Er gedachte der Worte, die ſie vor langer Zeit in ihrer jugendlichen Unwiſſenheit gegen ihn ausgeſprochen; mußte er ihr nicht verhaßt werden, wenn er ihr ſie ſtets wie ein unter Brief und Siegel gegebenes Verſprechen vor⸗ hielt? Und hatte er ein Recht, von ihr die Offen⸗ barung von Gefühlen zu verlangen, die ſie ihm augenſcheinlich vorzuenthalten beabſichtigte? Er ge⸗ dachte ihr fern zu bleiben, bis er die Ueberzeugung gewonnen, daß er aus reiner Beſorgniß für ſie, nicht aber aus ſelbſtſüchtiger Gereiztheit handeln könne, und ſchickte deßhalb in der Früh an Stephen einen Bedienten mit einem Billet des Inhalts, daß er nicht wohl genug ſei, dem Verſprechen, das er Miß Deane gegeben, nachzukommen. Ob nicht Stephen ihn entſchuldigen und ſeinen Platz einnehmen wolle? Lucie hatte einen entzückenden kleinen Plan ein⸗ gefädelt, der ihr Stephens Weigerung, ſich an der Waſſerfahrt zu betheiligen, ſehr willkommen machte. Sie war nämlich dahinter gekommen, daß ihr Vater am nämlichen Morgen um zehn Uhr nach Lindum 8— 187 mußte, und das war ein Platz, nach dem ſie ſich längſt gern begeben hätte, um Einkäufe zu machen — wichtige Einkäufe, die ſich nicht auf eine andere Gelegenheit verſchieben ließen; und Tante Tulliver mußte mitgehen, da Einiges von dem, was gekauft werden ſollte, ſie ſelbſt betraf. „Dies bringt Dich nicht um Deine Bootfahrt,“ ſagte ſie zu Maggie, als ſie ſich mit einander von dem Frühſtückzimmer aus nach einem obern Gemach begaben.„Es iſt ein köſtlicher Morgen, und Phi⸗ lipp wird um halb eilf hier ſein. Nein, ſprich mir kein Wort dagegen, Du liebes, ſchmerzenreiches Ding. Was hilft's mich, die Pathe Fee zu ſpielen, wenn Du Dich gegen alle die Wunder wehrſt, die ich für Dich wirke? Denke nicht an den ſchrecklichen Vetter Tom; Du darfſt ihm wohl ein bischen ungehor⸗ ſam ſein.“ Maggie beharrte nicht auf ihren Einwendungen und freute ſich faſt über den Plan; denn vielleicht ſewann ſie wieder Kraft und Ruhe, wenn ſie mit hilipp allein ſein konnte: es war gleichſam das Wiederbeſuchen eines ſtilleren Schavplatzes, auf dem ſelbſt die Kämpfe in Vergleichung mit dem täglichen Tumult der Gegenwart den Charakter der Ruhe trugen. Sie traf ihre Vorbereitungen und ſaß um halb eilf Uhr harrend in dem Beſuchzimmer. Die Thürklingel ſchellte ſehr pünktlich, und ſie vergegenwärtigte ſich eben mit halb wehmüthigem Vergnügen Philipps Ueberraſchung, wenn er erführe, daß nur ſie zwei die Fahrt machen würden, als ſie plötzlich von der Flur her einen feſten, raſchen Tritt 188 vernahm, der unmöglich von Philipp ausgehen konnte. Die Thüre ging auf, und Stephen Gueſt trat ein. Im erſten Moment waren beide viel zu aufge⸗ regt, um ſprechen zu können, denn Stephen hatte von dem Geſinde erfahren, daß die übrigen Fami⸗ lienangehörigen bereits aufgebrochen ſeien. Maggie fuhr auf und nahm mit klopfendem Herzen wieder Platz; Stephen dagegen warf Mütze und Hand⸗ ſchuhe ab und ſetzte ſich ſchweigend neben ſie, die noch immer meinte, daß Philipp mit jedem Augen⸗ blick ankommen könne. Mit großer Anſtrengung und unter ſichtlichem Zittern erhob ſie ſich, um nach einem entfernteren Stuhl zu gehen. „Er kommt nicht,“ ſagte Stephen in gedämpftem Tone.„Ich rudere Ihr Boot.“ „Oh, wir können nicht gehen,“ verſetzte Maggie, wieder auf den Seſſel zurückſinkend.„Lucie hat dies nicht erwartet und würde ſich verletzt fühlen. Warum kömmt Philipp nicht?“ „Er iſt nicht wohl und bat mich, ſeine Stelle zu 1 vertreten.“ „Lucie iſt nach Lindum gegangen,“ ſagte Maggie, mit haſtigen, zitternden Fingern ihren Hut abneh⸗ mend.„Wir müſſen dableiben.“ „Gut,“ verſetzte Stephen träumeriſch, indem er ſie anſah und den Arm auf der Lehne ſeines Seſſels aufſtützte.„Dann bleiben wir eben.“ Er blickte ihr in die tiefen, tiefen Augen— fern⸗ abliegend und geheimnißvoll wie die ſternhelle Nacht, und doch ſo nah, ſo ſchüchtern in ihrer Liebe. Maggie ſaß— vielleicht Augenblicke, vielleicht auch Minuten— regungslos da, bis ſie ihre Zitterangſt 189 bewältigt hatte: dann überflog eine warme Glut ihre Wangen.— „Der Schiffer wartet und hat bereits die Pol⸗ ſter in's Boot geſchafft,“ ſagte ſie.„Wollen Sie hinunter gehen und es ihm ſagen?“ „Was ſoll ich ihm ſagen?“ verſetzte Stephen faſt flüſternd. Seine Blicke hafteten an ihren Lippen. Maggie gab keine Antwort. „Laſſen Sie uns lieber gehen,“ murmelte Ste⸗ phen bittend, indem er ſich erhob und auch ihr zum Aufſtehen die Hand reichte.„Wir werden doch nicht mehr lange beiſammen ſein.“— Und ſie gingen. Maggie fühlte, wie ſie zwiſchen den Roſenbüſchen durch den Garten geführt wurde, wie eine feſte Hand zärtlich ihr in's Boot half, wie man das Polſter und den Mantel für ſie zurecht⸗ legte und der Sonnenſchirm(den ſie vergeſſen hatte) ſich über ihr ausſpannte— alles dies durch ein ſtärkeres Weſen, welches ſie dahintrug ohne Mit⸗ wirkung ihres eigenen Willens, als ſei in ihr nur das zugäbliche Ich vorhanden, das unter dem plötz⸗ lichen aufregenden Einfluß eines mächtigen Tonicums auftritt. Sie fühlte ſonſt nichts; die Erinnerung war erloſchen. 4 Sie glitten unter Stephens von der nachlaſſen⸗ den Flut unterſtützten Ruderſchlägen raſch dahin, vorbei an den Häuſern und Bäumen von Tofton— fort zwi⸗ ſchen den ſtillen ſonnigen Feldern und Waiden mit ihrer Fülle von Naturluſt, die keinen Vorwurf gegen ſie hatte. Der Hauch des jungen kräftigen Tags, das liebliche rhythmiſche Eintauchen der Ruder, das ab⸗ gebrochene Lied eines Vogels, das ſich gelegentlich vernehmen ließ, als ſei es nur das Ueberſtrömen eines randvollen Wonnebechers, die ſüße Sorge eines zwiefältigen Bewußtſeins, das in eines zuſammenfloß durch jenen angelegentlichen, nie ermüdenden Blick, der ſich nicht abwenden mochte— was ſonſt hätte in der erſten Stunde ihre Gemüther beſchäftigen können? Aus Stephens Bruſt hob ſich wohl hin und wieder ein leiſer Liebesſeufzer, während er halb automatiſch die Ruder ſpielen ließ; aber kein Wort kam über ſeine Lippen. Was hätten Worte anders ſein können, als der Ausdruck von Gedanken, und Gedanken fanden keinen Raum in dem Zaubernebel, der ſie umgab, ſondern gehörten der dieſſeits und jenſeits gelegenen Vergangenheit und Zukunft an. Maggie ſah die Ufer kaum, an denen ſie hinfuhren, und hielt ſich nicht auf mit dem Erkennen der Dör⸗ fer; ſie wußte, daß ſie an mehreren vorbeikommen mußten, ehe ſie Luckreth erreichten, wo man gewöhn⸗ lich anhielt und das Boot zurückließ. War ſie ja auch ſonſt Anfällen von Zerſtreutheit unterworfen, ſo daß es nicht befremden kann, wenn ſie nicht auf die Landmarken achtete. Endlich legte Stephen, der immer läßiger und läßiger gerudert hatte, die Ruder ganz nieder, kreuzte die Arme und ſchaute auf das Waſſer, als wolle er die Schnelligkeit bemeſſen, mit welcher das Boot ohne ſeine Beihilfe vorwärts kam. Dieſe plötzliche Veränderung weckte Maggie. Sie blickte auf die weithin ſich erſtreckenden Felder, auf die nahen Ufer, und konnte ſich nirgends auskennen. Ein plötzlicher Schreck bemächtigte ſich ihrer. t„Oh, wir ſind über Luckreth hinausgekommen— 191 wo können wir halten?“ rief ſie, indem ſie zurück⸗ ſchaute, um zu ſehen, ob das Dorf noch im Bereich der Augen liege. Aber da war nirgends etwas wahr⸗ zunehmen. Sie wandte ſich wieder um und warf einen angſtvoll fragenden Blick auf Stephen. Er fuhr fort, das Waſſer zu beobachten, und ſagte in einem ſeltſam zerſtreuten, träumeriſchen Tone: „Ja— ein weiter Weg.“ „Oh, was fang' ich an?“ rief Maggie in tieſſter Herzensangſt.„Wir kommen vor Stunden nicht nach Hauſe— und Lucie— ach Gott, hilf mir!“ Sie rang die Hände und brach wie ein erſchreck⸗ tes Kind in ein Schluchzen aus. Alle ihre Gedan⸗ ken vereinigten ſich in dem an das Zuſammentreffen mit Lucie; ſie ſah an ihr den Blick ſchmerzlicher Ueberraſchung und Zweifel— hörte ſchon ihre ge⸗ rechten Vorwürfe. Stephen rückte an ihre Seite und zog ſanft ihre verſchlungenen Hände nieder. „Maggie,“ ſagte er in dem tiefen Tone bedächtiger Entſchiedenheit,„wir wollen nicht wieder nach Haus zurückkehren— bis uns Niemand mehr ſcheiden kann — bis wir verheirathet ſind.“ Der ungewöhnliche Ton und die inhaltſchweren Worte thaten Maggie's Schluchzen Einhalt; ſie blieb ruhig und verwundert ſitzen, ob Stephen vielleicht eine Möglichkeit aufgefunden habe, Alles zu ändern und unglückliche Thatſachen ungeſchehen zu machen. „Sie ſehen, Maggie, wie Alles gekommen iſt, ohne daß wir es ſuchten, ſogar unſeren Gegenbe⸗ ſtrebungen zum Trotz. Wir dachten nie daran, daß wir uns allein wieder ſehen würden; es iſt Alles durch Andere herbeigeführt worden. Sehen Sie, 192 wie die Ebbe uns hinausträgt— hinweg von den unnatürlichen Banden, die wir vergebens feſter um uns zu ſchlingen verſuchten. Sie wird uns nach Torby bringen, wo wir an's Land ſteigen, uns in 4 einen Wagen werfen und von da nach York und Schottland eilen, ohne einen Augenblick anzuhalten, bis wir ſo feſt mit einander vereinigt ſind, daß blos der Tod uns ſcheiden kann. Mein theures Herz, dies iſt der richtige Ausweg aus der unſeligen Ver⸗ ſtricung, und Alles hat zuſammengewirkt, um uns auf ihn hinzuweiſen. Wir haben nicht für uns ge⸗ 3 handelt, nichts ſelbſt herbeizuführen geſucht.“ Stephen ſprach im Tone tiefernſter Bitte. Maggie hörte ihm zu und ihr beſtürztes Staunen ging in die Sehnſucht nach dem Glauben über, nur die Flut ſei Schuld daran, und ſie könne mit dem ſtillen, raſchen Strom dahingleiten, ohne daß ſie weiter ge⸗ gen ihn anzukämpfen brauche. Aber durch dieſen beſchleichenden Einfluß zuckte der ſchreckliche Schatten älterer Gedanken, und das plötzliche Entſetzen, daß jetzt die verhängnißvolle Trunkenheit ſie zu verſchlin⸗ gen drohte, regte ihr Gefühl zu einem entrüſteten Widerſtand gegen Stephen auf. „Laſſen Sie mich los!“ rief ſie in aufgeregtem Tone, indem ſie ihm einen zornigen Blick zuwarf 3 und ihre Hände frei zu machen ſuchte.„Sie haben mich der freien Wahl berauben wollen; Sie wußten, daß wir ſchon zu weit waren, und haben ſich erdrei⸗ ſtet, von meiner Gedankenloſigkeit Vortheil zu ziehen. Es iſt unmännlich, mich in eine ſolche Lage zu bringen.“ Von dieſem Vorwurf verletzt, ließ er ihre Hände 193 los, rückte wieder an ſeinen früheren Platz, und kreuzte ſeine Arme in einer Art von Verzweiflung über die Schwierigkeit, die ihm Maggie's Worte vor⸗ gehalten hatten. Wenn ſie nicht einwilligte, weiter zu gehen, ſo fiel auf ihn der Fluch der Verlegenheit, in die er ſie verſetzt hatte. Aber das Unerträglichſte war ihm ein Vorwurf von ihr, und es traf ihn kaum ſchwerer, als das Scheiden ſelbſt, wenn er beſorgen mußte, ſie glaube, daß er ſich eine unwürdige Hand⸗ lung gegen ſie erlaubt habe. Endlich ſagte er im Tone unterdrückter Wuth:— „Ich hatte erſt beachtet, daß wir an Luckreth vorbei waren, als wir das nächſte Dorf erreichten, und da kam mir der Gedanke, daß wir weiter fah⸗ ren könnten. Ich kann das nicht rechtfertigen, da ich es Ihnen hätte ſagen ſollen. Sie werden mich wohl jetzt haſſen, da Sie mich nicht genug lieben kön⸗ nen, um ſich über alles Andere wegzuſetzen, wie ich. Soll ich mit dem Boot halten und Sie hier an's Land zu ſetzen verſuchen? Ich will Lucien ſagen, daß ich wahnſinnig war— daß Sie mich haſſen— und daß Sie von mir nie mehr behelligt werden wür⸗ den. Niemand kann es Ihnen zum Vorwurf machen, daß ich mich in unverzeihlicher Weiſe gegen Sie ver⸗ fehlt habe.“ Maggie fühlte ſich gelähmt; es war leichter, Stephens Bitten als dem Ausdruck des innern Lei⸗ dens zu widerſtehen, der ſich bei ſeiner Selbſtver⸗ theidigung an ihm bemerklich machte— leichter ſo⸗ ar, dem Blick ſeiner Zärtlichkeit, als dem der tiefen ekümmerniß über ihre ſelbſtſüchtige Iſolirung den Eliot, Die Mühle am Floß. III. 13 194 Rücken zuzuwenden. Er hatte in ihr eine Stimmung hervorgerufen, welche ſie die Gründe, die auf ihr Gewiſſen wirkten, nur noch in dem Licht der Selbſt⸗ achtung würdigen ließen. Das Feuer des Unwillens in ihrem Auge war erloſchen, und ihr Blick gewann den Ausdruck ſchüchternen Jammers. Sie hatte ihm vorgeworfen, daß er ſie in dieſe unwiderrufliche Ver⸗ ſchuldung verſtrickte— ſie, die ſelbſt ſo ſchwach ge⸗ weſen war. „Als ob ich nicht eben ſo gut fühlen könnte, wie es Ihnen zu Muth ſein muß,“ ſagte ſie mit einem Vorwurf anderer Art— mit dem Vorwurf der Liebe, der mehr Vertrauen fordert. Dieſes Eingehen auf die Idee von Stephens Gram war verhängnißvoller, als das andere Nach⸗ geben, weil es weniger von dem Bewußtſein der Anſprüche Anderer abwich, das die moraliſche Grund⸗ lage ihres Widerſtandes bildete. Er fühlte das Milderwerden ihres Tones und ihres Blickes— der Himmel that ſich wieder vor ihm auf. Er rückte abermals an ihre Seite, nahm ihre Hand und ſtützte ſeinen Ellenbogen auf den Bord des Bootes. Keine Sylbe ging über ſeine Lippen; ja er wagte nicht einmal eine weitere Be⸗ wegung aus Furcht, neue Vorwürfe und Zurück⸗ weiſungen hören zu müſſen. Ihre Zuſtimmung ward für ihn zur Lebensfrage; alles Andere erſchien ihm nur im Licht eines wirren, hoffnungsloſen Elends. So fuhren ſie dahin in dem gleichen Schweigen wie in einem Hafen, beide voll Furcht, ihre Gefühle könn⸗ ten wieder eine Spaltung hervorrufen, bis ſie be⸗ merkten, daß der Himmel ſich umwölkte, der Wind v 195 ſtärker und ſtärker wurde und der Tag einen ganz andern Charakter gewann. „Sie werden ſich in Ihrem leichten Anzug er⸗ kälten, Maggie. Erlauben Sie mir den Mantel um die Schultern zu legen. Ich bitte, ſtehen Sie einen Augenblick auf.“ Maggie gehorchte. Es lag ein unausſprechlicher Zauber darin, daß ſie ſich ſagen laſſen konnte, was ſie thun ſollte, und anderwärts über ſie verfügt wurde. Sie ſetzte ſich, in ihren Mantel gehüllt, wieder nieder, und Stephen ergriff auf's Neue die Ruder, um die Fahrt zu beſchleunigen; denn ſie mußten Torby ſo bald als möglich zu erreichen ſuchen. Maggie war ſich kaum bewußt, etwas Entſcheiden⸗ des geſagt oder gethan zu haben. Alles Nachgeben iſt mit einem weniger lebhaften Bewußtſein verbun⸗ den, als der Widerſtand, und kann als ein theil⸗ weiſer Schlaf der Denkkräfte betrachtet werden, wo⸗ bei die eigene Perſönlichkeit in einer andern unter⸗ geht. Alles trug dazu bei, ſie zur Zuſtimmung einzulullen: das traumhafte Dahingleiten des Nachens, das nun ſchon vier Stunden gewährt und eine ge⸗ wiſſe Erſchöpfung nach ſich gezogen hatte— die Angſt vor der Schwierigkeit, in dieſer unbekannten Entfernung von der Heimath aus dem Boot zu kom⸗ men und wer weiß wie viele Meilen zu Fuß gehen zu müſſen— Alles dies wirkte zuſammen, ſie voll⸗ ſtändiger dem ſtarken, geheimnißvollen Bann zu unter⸗ werfen, welcher ſie in dem letzten Abſchied von Ste⸗ phen den Tod aller Freude, in dem Gedanken, ihm wehe zu thun, das erſte Anlegen des Foltereiſens erblicken ließ, zu dem ſie ſich nicht eniſchliehen konme. 3 196 Dazu kam noch das Gefühl des Glücks in ſeiner Nähe, das ihre ſchlaffe Thatkraft vollends ver⸗ zehrte.— Stephen bemerkte bald ein Fahrzeug, das ihnen nachkam. Mehrere Schiffe, darunter das Mudporter Dampfboot, waren ihnen in der erſten Periode der zurückgehenden Fluth begegnet; in der letzten Stunde aber hatten ſie keines mehr geſehen. Er ſah ängſt⸗ licher und ängſtlicher nach dem Fahrzeug aus, als habe es einen neuen Gedanken in ihm wach gerufen, und blickte dann zweifelnd auf Maggie. „Meine liebe Maggie,“ ſagte er endlich,„wenn dieſes Schiff nach Mudport oder ſonſt einem nörd⸗ lichen Küſtenplatz ginge, ſo wäre es wohl am beſten, wenn wir uns aufnehmen ließen. Sie ſind müde — vielleicht kommt es bald zum Regnen— und es wird ein unluſtiges Geſchäft ſein, wenn wir in die⸗ ſem Boot Torby erreichen wollen. Es iſt allerdings nur ein Transportſchiff, bietet aber doch wahrſchein⸗ lich ein leidliches Unterkommen. Wir wollen die Polſter aus dem Boot nehmen. Sicherlich iſt dies das Beſte, was wir thun können, und man wird uns gern aufnehmen, da ich gehörig mit Geld ver⸗ ſehen, folglich auch in der Lage bin, den Dienſt gut zu bezahlen.“ Maggie's Herz begann bei dieſem Vorſchlag mit erneuter Unruhe zu klopfen; aber ſie blieb ſtumm. Ihre Lage war verfänglich, was auch geſchehen mochte. Stephen rief das Fahrzeug an. Es war ein nach Mudport beſtimmter Holländer, und der eng⸗ liſche Mate erklärte ihm, wenn der Wind anhalte, 197 werde er in weniger als zwei Tagen ſeinen Hafen erreichen. „Wir ſind zu weit mit unſerem Boot heraus⸗ gekommen,“ ſagte Stephen.„Ich verſuchte Torby zu erreichen, aber das Wetter macht mich ängſtlich, und dieſe Dame— meine Frau— wird erſchöpft ſein von Müdigkeit und Hunger. Wollen Sie uns nicht an Bord nehmen und das Boot aufholen? Sie ſollen gut bezahlt werden.“ Die vor Furcht zitternde und halb ohnmächtige Maggie wurde an Bord gebracht und von den Holländern mit großem Reſpekt empfangen. Der Mate fürchtete, die Dame werde eine traurige Zeit in dem Fahrzeug haben, denn es fehle ganz und gar an Bequemlichkeit für ſolche unvorhergeſehene Paſſagiere, und keine von den Privatcajüten ſei größer als ein alt⸗ modiſcher Kirchenſtuhl. Dennoch waltete die hollän⸗ diſche Reinlichkeit, die alle ſonſtigen Mängel erträg⸗ lich macht, und aus den Bootspolſtern wurde in aller Geſchwindigkeit auf dem Hinterſchiff für Maggie ein Ruhebett hergeſtellt. Zunächſt aber fühlte ſie die Nothwendigkeit, ſich von Stephens kräftigem Arm unterſtützt auf dem Deck zu ergehen. Dann kam die Mahlzeit und dann ruhte ſie auf den Pol⸗ ſtern aus, durch das Bewußtſein getröſtet, daß für dieſen Tag kein neuer Entſchluß mehr gefaßt wer⸗ den konnte. Alles Weitere mußte bis morgen ver⸗ ſchoben bleiben. Stephen ſaß an ihrer Seite und hielt ihre Hand gefaßt. Sie konnten nur leiſe mit einander ſprechen und hin und wieder einen Blick austauſchen, denn es ſtund zu erwarten, daß es lange dauern würde, die Neugierde der fünf Männer an 198 Bord einzuſchläfern und das ſchöne junge Paar auf das geminderte Niveau von Intereſſe zu bringen, mit dem der Matroſe ſeine gewöhnliche Umgebung zu betrachten pflegt. Aber Stephen fühlte ſich über alle Maßen glücklich. Jeder andere Gedanke, jede andere Sorge wich in eine unbeſtimmte Ferne zu⸗ rück vor dem Gedanken, daß Maggie ſein werden mußte. Der Sprung war gethan. Zwar hatte ihm ſein Gewiſſen ſchwer zugeſetzt und er kräftig ange⸗ kämpft gegen die Gewalt ſeiner Leidenſchaft, ehe er ſie gewähren ließ; aber Reue war unmöglich. Er murmelte in abgebrochenen Sätzen von ſeinem Glück, von ſeiner Verehrung, von ſeiner Zärtlichkeit und von ſeinem Glauben, daß ihr vereinigtes Leben ein Himmel auf Erden ſein müſſe; ihre Nähe werde ſelbſt jedem ſeiner Werktage einen neuen Zauber verleihen, ihre kleinſten Wünſche zu befriedigen ſei ihm Seligkeit, für ſie werde ihm Alles leicht, nur nicht das Scheiden, und jetzt könne von einem Scheiden nicht mehr die Rede ſein; er gehöre ihr für immer — und all' ſein Eigenthum ſei auch das ihrige und habe nur als ſolches Werth für ihn. Solche frag⸗ mentariſche Ergießungen der jungen Leidenſchaft üben nur eine geringe Wirkung— auf erfahrene, fern⸗ ſtehende Gemüther. Die arme Maggie aber trafen ſie aus der unmittelbarſten Nähe; ſie waren wie Nektar, der an ihre dürſtenden Lippen gehalten wurde; es gab alſo— ja es mußte hienieden für die Sterb⸗ lichen ein Leben geben, das nicht hart und kalt und in dem die Liebe nicht mehr ein Selbſtopfer war.— Stephens leidenſchaftliche Worte führten ihr das Bild eines ſolchen Lebens in klareren Farben vor, als ſie 199 es je zuvor geſchaut hatte, und das Traumgeſicht ſchloß zur Zeit alle Wirklichkeit aus— alle, mit Ausnahme des reflectirten Sonnenlichts, das beim vorrückenden Abend auf dem Waſſer ſpiegelte und ſich miſchte mit den Viſionen des verheißenen Glücks— alle, mit Ausnahme der Hand, welche die ihrige drückte, der Stimme, die ihr zuflüſterte, und der Augen, die ſo voll ernſter, unausſprechlicher Liebe ſie anblickten. Es kam nicht zum Regnen. Die Wolken ver⸗ zogen ſich wieder und bildeten den großen purpurnen Wall und die langen Purpurinſeln jenes wunder⸗ baren Landes, das ſich uns enthüllt, wenn die Sonne untergeht— des Landes, über dem der Abendſtern wacht. Maggie ſollte die ganze Nacht auf dem Hinter⸗ ſchiff ſchlafen; es war beſſer ſo, als im Raum drun⸗ ten, und ſie wurde mit den wärmſten Teppichen be⸗ deckt, die das Schiff liefern konnte. Es war noch nicht ſpät, als die Ermüdung des Tages die ſchläf⸗ rige Sehnſucht nach vollkommener Ruhe herbeiführte, und ſie legte ihr Haupt nieder, den Blick auf die matte, erſterbende Glut im Weſten gerichtet, wo die einzige goldene Lampe klarer und funkelnder hervor⸗ trat. Dann ſah ſie zu Stephen auf, der noch immer an ihrer Seite ſaß und ſich über ſie hinbeugte, wäh⸗ rend er ſeinen Arm auf den Schiffsbord ſtützte. Aber hinter allen den köſtlichen Geſichten der letzten Stunden, die wie ein ſanfter Strom ſie überfluthet und ganz paſſiv gemacht hatten, lauerte das nebelige Bewußtſein, daß dieſe Lage nur eine vorübergehende ſei, daß der Morgen die alten Kämpfe des Lebens wieder bringen werde, und daß es Gedanken gebe, 200 die für ein augenblickliches Vergeſſen ſchnell Rache nehmen würden. Doch dies war nur eine unklare Vorſtellung; ſie wurde in den Schlaf gelullt von demſelben ſanften Strom, der ſie überfluthete und deſſen köſtliche Bilder in einander verſchmolzen wie das wunderbar luftige Land im Weſten. Vierzehntes Kapitel. Erwachen. Nachdem Maggie eingeſchlafen war, ging Ste⸗ phen, der ſich ungeachtet der Ermüdung von dem ungewöhnlich vielen Rudern und der inneren Auf⸗ regung während der letzten zwölf Stunden noch zu unruhig fühlte für den Schlaf, mit ſeiner Cigarre bis lang nach Mitternacht auf dem Deck hin und her, ohne auf das dunkle Waſſer oder die goldenen Sterne zu achten, da er nur in der nahen und fer⸗ nen Zukunft lebte. Endlich wurde die Müdigkeit Herr über ſeine Unruhe, und er legte ſich zu Mag⸗ gie's Füßen auf ein Stück Theertuch nieder. ie war vor neun Uhr eingeſchlummert und hatte ſechs Stunden fortgeſchlafen, ohne daß ſich die leichteſte Andeutung einer Hochſommerdämmerung be⸗ merklich machte. Sie erwachte aus jenem lebhaften Träumen, das den Saum unſerer tieferen Ruhe bil⸗ det: ſie befand ſich mit Stephen auf dem weiten Waſſer in einem Boot, und in der dunkler werden⸗ den Nacht erſchien etwas wie ein Stern, das größer und größer wurde, bis ſie darin die im Boot des heiligen Ogg ſitzende Jungfrau erkannte; es kam ——O—— —ZOZOCO⸗⸗OC—O⸗O—O—j 201 immer näher heran, bis ſie bemerkte, daß die Jung⸗ frau Lucie war und der Schiffer Philipp— nein, nicht Philipp, ſondern ihr Bruder, der an ihr vor⸗ beiruderte, ohne nach ihr hinzuſehen; und ſie erhob ſich, um ihre Arme auszuſtrecken und ihm zu rufen; bei dieſer Bewegung aber ſchlug ihr Fahrzeug um, und ſie begann zu ſinken, bis ſie in krampfhafter Todesangſt zu erwachen glaubte, um zu finden, daß ſie wieder als Kind beim Dämmerlicht in dem Wohn⸗ ſtübchen ſaß und der anweſende Tom nicht mit ihr zürnte. Von dem beruhigenden Gefühl des Traum⸗ erwachens ging ſie in das wirkliche über; ſie hörte wieder das Waſſer an der Schiffſeite ſpielen, ver⸗ nahm den Ton eines Fußtritts auf dem Deck und ſah den ſternhellen Himmel. Es trat ein Augen⸗ blick völliger Verwirrung ein, eh' ihr Geiſt ſich von dem ungeordneten Gewebe der Träume losmachen konnte; aber bald trat ihr wieder die ganze ſchreck⸗ liche Wahrheit vor die Seele. Stephen befand ſich eben nicht bei ihr, und ſie war allein mit ihrer Er⸗ innerung, mit ihrer Furcht. Das unwiderrufliche Unrecht, das einen ſchwarzen Flecken bildete in ihrem Leben, war begangen: ſie hatte Jammer gebracht in das Leben von Perſonen, die mit Vertrauen und Liebe an ihr hingen. Ein Gefühl von wenigen kur⸗ zen Wochen hatte ſie in Sünden geſtürzt, vor denen ihr ganzes Weſen zurückbebte— in Treubruch und grauſame Selbſtſucht; die Bande, welche der Pflicht eine Bedeutung verliehen, waren von ihr zerriſſen worden, und ſie erſchien ſich als eine verſtoßene Seele, die keinen Führer hatte, als die Leidenſchaft mit ihrer verkehrten Wahl. Wohin konnte dieſe ſie 202 führen— wohin hatte ſie ſie ſchon geführt? Früher meinte ſie, daß ſie lieber ſterben, als in Verſuchung fallen möchte, und es war ihr auch jetzt noch ſo, nun die Folgen eines ſolchen Falls ſich ihr vergegenwär⸗ tigten, noch eh' der äußerliche Act in der Vollendung daſtand. Ihr langjähriges Ringen nach dem Höch⸗ ſten und Beſten hatte wenigſtens ſo viel bewirkt, daß ihre Seele, wenn auch verrathen, betrogen und verſtrickt, nicht mit freier Ueberlegung das Niedrigere wählen konnte. Und welche Wahl war es! Ach Gott, keine Wahl der Freude, ſondern bewußte Grau⸗ ſamkeit und Härte; denn mußten nicht Lucie und Philipp mit ihrem verrathenen Vertrauen, ihren ge⸗ mordeten Hoffnungen ſtets vor ihrer Seele ſchweben? Ihr Leben mit Stephen konnte kein Heiligthum haben; ſie mußte, getrieben von einem unſicheren Impuls, unſtet umherwandern, denn der Schlüſſel des Lebens, den ſie vor langer Zeit in ihrer jugendlichen Noth ſo feſt erfaßt hatte, war für ſie verloren gegangen. Sie hatte damals allen Freuden entſagt, noch ehe ſie dieſelben kannte— noch eh' ſie in ihren Bereich gekommen waren. Philipp konnte ihr mit vollem Recht entgegenhalten, daß ſie nichts von der Ent⸗ ſagung wiſſe; damals erſchien ſie ihr als eine ruhige Verzückung, jetzt lernte ſie dieſe traurige, geduldige, lebendige Kraft, die den Schlüſſel des Lebens hält, von Angeſicht kennen und ſah die blutenden Male, welche die Dornen ihrer Stirne eingedrückt hatten. Ach, dieſes unwiderrufliche Geſtern! wenn ſie es hätte vertauſchen können gegen ein inneres ſtilles Leiden, von was immer für einer Dauer, ſie würde mit einem Gefühl von Ruhe ſich unter dieſes Kreuz gebeugt haben. 203 Der Tag brach an mit dem röthlichen Licht im Oſten, während die Vergangenheit ſie in dieſer Weiſe mit dem feſten Griff anfaßte, den man in den letz⸗ ten Momenten einer möglichen Rettung verſpürt. Sie konnte ſehen, wie Stephen noch ſchlafend auf dem Deck lag, und mit dieſem Anblick überfluthete ſie eine Schmerzwoge, die mit einem lang unter⸗ drückten Schluchzen endete. Die herbſte Bitterkeit des Scheidens— der Gedanke, der ihr den brünſtig⸗ ſten innerlichen Hilferuf entrang— lag in dem Schmerz, der ihm dadurch bereitet wurde. Am meiſten aber erſchrack ſie vor der Möglichkeit des Fehlſchlagens; ſie fürchtete, ihr Gewiſſen könnte ſich auf's Neue einſchläfern laſſen und nicht wieder ſeine Kraft gewinnen, bis es zu ſpät war.— Zu ſpät! Es war ſchon zu ſpät, um dem Jammer vorzu⸗ beugen— zu ſpät vielleicht für Alles, ausgenommen die Flucht vor der letzten ſchnöden Handlung, dem Genuß der Wonne, die geknickten Herzen geraubt worden. Die Sonne erhob ſich und Maggie fuhr mit dem Gefühl auf, daß für ſie ein Tag des Widerſtandes beginne. Ihre Wimpern waren noch feucht von Thränen, als ſie, ihren Shawl um den Kopf ge⸗ wunden, den Blick auf der langſam ſich hebenden Sonne haften ließ. Auch Stephen erwachte jetzt, ſtand von ſeinem harten Lager auf und nahm an ihrer Seite Platz. Der ſcharfe Inſtinct beſorgter Liebe erkannte in dem erſten Blick etwas, was ihm Unruhe einflößte. Er fürchtete irgend einen Wider⸗ ſtand in Maggie'’ Weſen, den er vielleicht nicht zu überwältigen vermochte. Sein geängſtigtes Innere 204 rief ihm zu, er habe ſie geſtern ihrer vollen Freiheit beraubt, und es lag zu viel natürliches Chrgefühl in ihm, um nicht zu fühlen, daß, im Fall ſie nicht einwilligte, ſein Betragen abſcheulich und ſie befugt war, ihm die bitterſten Vorwürfe zu machen. Aber Maggie fühlte dieſe Berechtigung nicht; ſie war zu ſehr ihrer eigenen unglücklichen Schwäche ſich bewußt— zu erfüllt von jenem Zartgefühl, das gern ſeinen Einfluß übt, wenn man genöthigt iſt, Wunden zu ſchlagen. Als er ſich an ihre Seite ſetzte, geſtattete ſie ihm, ihre Hand zu nehmen, und ſie lächelte ihm zu, freilich nur mit einem wehmüthi⸗ gen Blicke; ſie fühlte ſich außer Stand, ihm etwas zu ſagen, was ihm weh thun konnte, bis der Augen⸗ blick des Scheidens näher war. Und ſo tranken ſie mit einander ihren Kaffee, gingen auf dem Deck hin und her, und vernahmen mit ſchwerbedrücktem Her⸗ zen aus dem Mund des Capitäns die Verſicherung, daß ſie um fünf Uhr in Mudport eintreffen würden; auf ihm laſtete nämlich eine unbeſtimmte Furcht, deren Zerſtreuung er ſich von den nächſten Stunden verſprach, während in ihr ein Entſchluß zu Stande kam, den ſie ſtumm mehr und mehr zu befeſtigen ſuchte. Stephen erklärte während des ganzen Mor⸗ gens ſein Bedauern, daß die Fahrt ſo ermüdend und unbequem ſei, und vertröſtete ſie auf die Bewegungs⸗ veränderung und Ruhe, die ihr nach dem Landen in einem Wagen zu gut kommen werde, wobei er ſich ſelbſt durch die Vorausſetzung ermuthigen wollte, daß Alles gehen werde, wie er es im Sinn habe. Geraume Zeit begnügte ſich Maggie, ihn zu ver⸗ ſichern, daß ſie eine gute Nachtruhe gehabt habe und 20⁵ der Aufenthalt auf dem Schiffe ſie nicht beſchwere — es ſey nicht wie in offener See, ſondern nur ein bischen weniger angenehm als in einem Boot auf dem Floß. Aber ein verhaltener Entſchluß verräth ſich in den Augen, und Stephen fühlte ſich mit dem Vorrücken des Tages mehr und mehr durch das Ge⸗ fühl beunruhigt, daß Maggie ihr paſſives Weſen ganz verloren habe. Er ſehnte ſich, wagte es aber nicht, ſeinem innern Drang Worte zu leihen, von ihrer Hochzeit zu ſprechen, wohin ſie die Brautreiſe machen und wie er ſeinem Vater und den Anderen das Geſchehene beibringen wollte. Er ſehnte ſich, von ihr wenigſtens eine ſtillſchweigende Zuſtimmung zu erhalten. Je öfter er ſie übrigens anſah, deſto mehr Furcht flößte ihm die neue ruhige Trauer ein, die aus ihren Zügen ſprach. So wurden beide im⸗ mer ſchweigſamer. „Da kömmt uns Mudport in Sicht,“ ſagte er endlich.„Jetzt, meine Theuerſte,“ fügte er bei, in⸗ dem er einen halbflehenden Blick auf ſie heftete,„iſt der ſchlimmſte Theil unſerer Fahrt vorüber. Am Land können wir über die Schnelligkeit gebieten. Noch anderthalb Stunden und wir ſitzen mit einan⸗ der in einer Kutſche— nach einem ſolchen Fahren eine wahre Erholung!“. Maggie fühlte, daß es Zeit war, zu reden, denn ein ſtillſchweigendes Glaubenmachen der Zuſtimmung wäre eine Härte geweſen; ſie ſprach daher viel lei⸗ ſer, als ſie bisher gethan hatte, aber mit beſtimm⸗ ter Entſchloſſenheit: „Wir gehen nicht mit einander— ſondern Jedes für ſich.“ 206 Das Blut ſchoß Stephen in's Geſicht. „Nein,“ rief er.„Lieber will ich ſterben.“ Es war, wie er gefürchtet hatte— der Kampf ſollte nicht ausbleiben. Noch wagte keines von ihnen ein weiteres Wort zu ſprechen, bis das Boot niederging und ſie nach dem Landungsplatz gebracht wurden. Hier hatte ſich eine Gruppe von Zuſchauern und Reiſenden geſammelt, welche auf die Abfahrt des Dampfboots nach St. Oggs warteten. Nachdem Maggie an's Land geſtiegen, war es ihr, als trete ihr, während Stephen ſie raſch weiter führte, eine Geſtalt aus dem Menſchenhaufen entgegen und wolle ſie anreden. Aber ſie war hurtig vorbeigehuſcht und verhielt ſich gleichgültig gegen Alles, nur nicht gegen die bevorſtehende Prüfung. Ein Lohndiener führte ſie nach dem nächſten Gaſt⸗ und Poſthaus. Als Stephen durch den Hof kam, ertheilte er die Weiſung, eine Kutſche einzuſpan⸗ nen. Maggie achtete nicht darauf, ſondern ſagte nur: „Verlangen Sie ein Zimmer, in dem wir ſitzen können.“ Sie traten ein, aber Maggie nahm nicht Platz, und Stephen, in deſſen Geſicht eine verzweifelte Ent⸗ ſchloſſenheit ſich ausſprach, wollte eben die Klingel ziehen, als ſie ihn mit feſter Stimme anredete: „Ich gehe nicht mit. Wir müſſen uns hier trennen.“ „Maggie,“ verſetzte er, ſich raſch gegen ſie um⸗ wendend und in dem Tone eines Mannes ſprechend, welcher fühlt, daß für ihn eine Folter beginnt,„wol⸗ len Sie mich tödten? Wozu dies jetzt noch? Die Sache iſt geſchehen.“ 207 „Nein, ſie iſt nicht geſchehen,“ entgegnete Maggie, „leider iſt zu viel geſchehen, mehr als wir je wie⸗ der gut machen können; aber weiter darf es nicht kommen. Verſuchen Sie nicht auf's Neue, mich zu überreden. Ich hatte geſtern keine Wahl.“ Was ſollte er thun? Er wagte es nicht, ihr zu nahen— ihr Zorn konnte losbrechen und eine neue Schranke um ſie ziehen. In einer Verwirrung, die an Wahnſinn ſtreifte, ging er auf und ab. „Maggie,“ ſagte er endlich, indem er vor ihr Halt machte, in flehentlichem Tone,„haben Sie Mit⸗ leid mit mir— hören Sie mich an— und ver⸗ geben Sie mir, was ich geſtern gethan habe. Ich will Ihnen fortan gehorchen— will nichts thun ohne Ihre volle Einwilligung. Aber vergiften Sie nicht unſer Daſein für immer durch einen übereilten, verkehrten Entſchluß, der Niemand zu Statten kom⸗ men, wohl aber neue Uebel hervorrufen kann. Setzen Sie ſich, meine Theuerſte; warten ſie ab— über⸗ legen Sie, was Sie thun wollen. Sie müſſen mich nicht behandeln, als ob Sie mir nicht trauen könnten.“ Er hatte die wirkſamſte Form der Berufung ge⸗ wählt; aber Maggie'’s Wille, den Bruch unwider⸗ ruflich zu machen, ſtand feſt. Sie hatte beſchoſſen, ihr Kreuz auf ſich zu nehmen. „„Wir dürfen nicht warten,“ verſetzte ſie mit leiſer aber feſter Stimme.„Jetzt muß geſchie⸗ den ſein.“ „Sprechen Sie nicht von Scheiden, Maggie, ich kann es nicht ertragen,“ entgegnete Stephen mit Heftigkeit.„Was nützt es, dieſes Elend über mich zu verhängen? Der Schlag, wen er auch getroffen 208 haben mag, iſt einmal gefallen. Wird Jemand anders einen Vortheil davon haben, wenn Sie mich zum Wahnſinn treiben?“ „Ich will nicht einmal um Ihretwillen durch überlegte Zuſtimmung zu einem Unrecht mir eine Zukunft bereiten,“ verſetzte Maggie mit bebender Stimme.„Was ich zu Baſſet Ihnen ſagte, fühle ich jetzt tief; hätte doch Gott mich lieber ſterben als in dieſe Verſuchung fallen laſſen. Es wäre beſſer geweſen, wir hätten uns ſchon damals für immer getrennt; aber jetzt muß es geſchehen.“ „O, keine Trennung,“ rief Stephen, indem er inſtinctartig den Rücken gegen die Thüre pflanzte und ſchon Alles, was er einige Augenblicke vorher geſprochen, wieder vergeſſen hatte.„Ich halt's nicht aus. Sie hetzen mich in Verzweiflung— ich werde nicht wiſſen, was ich thue.“ Maggie zitterte. Sie fühlte, daß es mit der Trennung nicht ſo auf einmal ging. Sie mußte eine langſamere Berufung an Stephens beſſeres Ich ergehen laſſen, und eine ſchwere Aufgabe beſtehen, als einfach fortſtürzen, ſo lange der Entſchluß noch friſch war. Sie ſetzte ſich nieder. Stephen, der ſie mit jenem Verzweiflungsblick betrachtete, welcher wie. ein trübes Licht in ſeinen Augenhöhlen brannte, kam von der Thüre her langſam auf ſie zu, nahm dicht neben ihr Platz und faßte ihre Hand. Ihr Herz klopfte wie das eines ſcheuen Vogels; die unmittel⸗ bare Nähe ſteigerte den Muth zum Widerſtand, und ſie fühlte, daß ihr Entſchluß ſich kräftigte. „Erinnern Sie ſich, was Sie vor Wochen fühl⸗ ten,“ begann ſie im Ton dringlicher Bitte,— 209 „erinnern Sie ſich, was wir beide fühlten— daß wir Verpflichtungen gegen Andere haben und jede Nei⸗ gung bekämpfen müſſen, die uns untreu machen könnte gegen dieſe Schuld. Es iſt uns nicht gelun⸗ gen, an unſeren Entſchließungen feſtzuhalten, aber das Unrecht bleibt das gleiche.“ „Nein, es bleibt nicht das gleiche,“ verſetzte Stephen.„Wir haben an uns die Unmöglichkeit erfahren, ſolche Entſchließungen zu halten— haben den Beweis, daß die Gefühle, die uns an einander ketten, zu mächtig ſind, um ſich überwinden zu laſſen. Das Naturgeſetz geht allem Anderen vor, und wir können nicht dafür, wenn ſich Mißklänge darein miſchen.“ „Es iſt nicht ſo, Stephen— mein Inneres ſagt mir, daß Sie Unrecht haben. Ich habe wieder und wieder auch ſo zu denken geſucht; aber ich ſehe, daß man, wenn ſolche Grundſätze richtig wären, keinen Augenblick ſicher ſein könnte vor dem grauſamſten Verrath, und man hätte das Recht, ſelbſt die heilig⸗ ſten Bande, die auf Erden geſchloſſen werden können, zu zerreißen. Wo können überhaupt Verpflichtungen liegen, wenn ſie nicht auf die Vergangenheit, auf Vorgänge ſich gründen? Wir hätten dann ja gar bein anderes Geſetz, als die Neigung des Augen⸗ icks!“ „Aber es gibt Bande, die nicht durch den bloßen Entſchluß unverſehrt erhalten werden können,“ ſagte Stephen auffahrend und wieder hin und her gehend. „Was iſt eine äußerliche Treue? Wird man uns dankbar ſein für ein ſo hohles Gefühl, wie es die Beſtändigkeit ohne Liebe iſt?“ Eliot, Die Mühle am Floß. III. 14 L 210 Maggie antwortete nicht ſogleich. Sie hatte eben ſo gut einen innerlichen, wie einen äußerlichen Kampf zu beſtehen. Endlich ſagte ſie in leidenſchaftlicher Verfechtung ihrer Ueberzeugung ſowohl gegen ſich ſelbſt, als gegen ihn: „Dies ſcheint auf den erſten Blick richtig zu ſein; aber bei näherer Betrachtung gewinne ich die Ueber⸗ zeugung, daß nur der Schein dafür ſpricht. Unter Treue und Beſtändigkeit verſteht man, daß man etwas Anderes thue, als das, was uns am leichte⸗ ſten und angenehmſten dünkt. Man verſteht darun⸗ ter einen Verzicht auf Alles, was dem Vertrauen entgegenſteht, das Andere zu uns haben— was denjenigen Kummer bereiten könnte, die unſer Lebens⸗ gang von uns abhängig gemacht hat. Wenn wir — wenn ich beſſer und edler geweſen wäre, ſo hätte ich dieſer Anſprüche keinen Augenblick ver⸗ geſſen können, und ſie würden meinem Herz ſtetig eben ſo zugeſetzt haben, wie ſie es jetzt thun in den Augenblicken meines erwachten Gewiſſens. Das Ent⸗ gegengeſetzte hätte nicht ſo, wie es geſchehen iſt, in mir aufkommen können, ſondern ſich mit einemmal erſticken laſſen. Ich würde ſo dringlich um Beiſtand gefleht haben, und ich wäre davor geflohen wie vor» einem gefährlichen Ungeheuer. So aber habe ich keine— gar keine Entſchuldigung für mich. Ich würde mich nie gegen Lucie und Philipp, ſo wie ich es that, vergangen haben, wenn ich nicht ſchwach, ſelbſtſüchtig und hart geweſen wäre. Hätte ich an ihren und nicht an meinen Schmerz gedacht, ſo hätte auch die Verſuchung keine Gewalt über mich gewinnen können. Oh, was mag Lucie jetzt fühlen! Sie 211 glaubte an mich— ſie liebte mich— war gut gegen mich. Wenn ich an ſie denke....“ Maggie's Stimme brach bei dieſen ihren letzten Worten. „Ich kann nicht an ſie denken,“ rief Stephen, ſchmerzlich auf den Boden ſtampfend.„Ich habe für nichts einen Sinn, als für Sie, Maggie. Sie fordern von mir das Unmögliche. Ich fühlte dies ſchon einmal, kann aber jetzt nicht wieder darauf zurückkommen. Und wenn Sie daran denken, ſo hat es keinen anderen Zweck, als mich zu quälen. Sie vermögen ihnen jetzt nicht mehr den Schmerz zu erſparen, und wenn Sie ſich von mir losreißen, ſo hat das Leben keinen Werth mehr für mich. Und ſelbſt wenn wir umkehren und unſere Verpflichtungen erfüllen könnten— falls dies jetzt noch möglich wäre— ſo vergegenwärtigen Sie ſich nur den entſetzlichen Gedanken einer Verbindung mit Phi⸗ lipp, mit einem Mann, den Sie nicht lieben. Wir ſind beide vor einem ſchweren Mißgriff bewahrt ge⸗ blieben.“ Ein tiefes Roth überflog Maggie's Antlitz, und ſie vermochte nicht zu ſprechen. Stephen bemerkte dies. Er ſetzte ſich wieder nieder, faßte auf's Neue ihre Hand und ſah ſie mit dem Ausdruck leiden⸗ ſchaftlichen Flehens an. „Maggie, mein theures Leben— wenn Sie mich lieben, ſo ſind Sie die Meine. Wer könnte dann größere Anſprüche an Sie haben, als ich? Mein Leben hängt ab von Ihrer Liebe. Keine Ver⸗ gangenheit kann unſer Recht an einander vernich⸗ ten; es iſt bei uns beiden die erſte, aus der gan⸗ 14 11— 212 zen Fülle des Herzens und der Seele quellende Liebe.“ Maggie blieb noch eine Weile ſtumm und ſah zu Boden. Stephen gab neuer Hoffnung Raum; am Ende trug er doch den Sieg davon. Sie aber erhob die Augen wieder und antwortete mit einem Blick, der wohl ſchmerzliches Leid, nicht aber Er⸗ gebung ausdrückte. „Nein, nicht aus der Fülle meines Herzens und meiner Seele, Stephen,“ entgegnete ſie ſchüchtern, aber entſchloſſen.„Dieſe haben nie darein gewilligt. Es gibt Erinnerungen, Neigungen und eine Sehn⸗ ſucht nach dem vollkommnen Guten, die einen ſtarken Halt in mir haben und nicht auf die Dauer unter⸗ drückt werden können; ſie würden zurückkehren und mir nur Kummer und Reue bringen. Mein Frie⸗ den wäre dahin, wenn der Schatten einer abſichtlichen Sünde zwiſchen mich und meinen Gott träte. Ich weiß— ich fühle es, daß ich bereits zu vielem Schmerz Anlaß gegeben habe; aber es iſt nie mit Vorbedacht geſchehen, und ich habe nie geſagt: zmögen Sie leiden, auf daß ich mich freue.: Es lag nie in meinem Willen, Sie zu heirathen, und wenn mein Gefühl für Sie Ihnen auch zu einem augenblicklichen Triumph verhilft, ſo werden Sie doch nicht meine ganze Seele gewinnen. Könnte ich mich in die Zeit von vorgeſtern zurück verſetzen, ſo würde ich mich dafür entſcheiden, der ruhigeren Stimme meines Innern Gehör zu geben und ohne die Wonne der Liebe zu leben.“ Stephen ließ ihre Hand los; er ſtand ungeduldig -—— * ö * 213 auf und ſchritt in unterdrückter Wuth das Zimmer auf und ab. „Guter Gott!“ brach er endlich los,„welch ein klägliches Ding iſt nicht die Liebe des Weibes der des Mannes gegenüber. Ich könnte für Sie Ver⸗ brechen begehen— Sie aber wägen ab und wäh⸗ len in ſolcher Weiſe. Doch Sie lieben mich nicht. Wenn nur ein Zehntel von dem Gefühl, das ich für Sie empfinde, in Ihnen lebte, ſo könnten Sie unmöglich auch nur einen Augenblick daran denken, mich zu opfern. Ihnen macht es freilich nichts aus, daß Sie das ganze Glück meines Lebens zerſtören.“ „Maggie preßte die in ihren Schoß verklammer⸗ ten Finger faſt krampfhaft zuſammen. Eine ſchwere Angſt bemächtigte ſich ihrer, als ſehe ſie die Stelle, wo ſie ſtand, nur gelegentlich in den plötzlich auf⸗ zuckenden Blitzen, und ſtrecke dann wieder im Dun⸗ keln die Hände aus. „Nein— ich opfere Sie nicht— ich vermöchte nicht, dies zu thun,“ ſagte ſie, ſobald ſie ihrer Sprache wieder mächtig war;„aber ich kann nicht glauben, daß zu Ihrem Beſten dient, was, wie ich fühle— wie wir beide fühlen— ein Unrecht gegen Andere iſt. Es ſteht uns nicht zu, über unſer oder über Anderer Glück zu beſtimmen; wir wiſſen nicht einmal, wo wir es zu ſuchen haben. Wir können nur wählen, ob wir uns hinreißen laſſen wollen von dem Einfluß des Augenblicks, oder ob wir uns ent⸗ ſcheiden für den Gehorſam gegen die in uns rufende Stimme, die uns mahnt, treu feſtzuhalten an den Grundſätzen, die unſer Leben heiligen. Ich weiß, daß dieſe Ergebung ſchwer iſt und daß ich mich wie⸗ 214 der und wieder gegen ſie empört habe; aber es iſt mir klar geworden, daß der Leitſtern in dem Dunkel meines Lebens unterginge, wenn ich gänzlich von ihr abfiele.“ „Iſt es denn möglich, Maggie,“ ſagte Stephen, ſich wieder neben ihr niederlaſſend,„daß Sie nicht einſehen, wie der Vorgang von geſtern die ganze Sachlage geändert hat? Welche Bethörung, welches ſtarrſinnige Vorurtheil macht Sie blind dagegen? Es iſt jetzt zu ſpät, zu ſagen, was wir hätten thun können, oder thun ſollen. Mag man das Geſchehene ſelbſt von der ſchlimmſten Seite auffaſſen, es iſt ein⸗ mal eine Thatſache, die beſtimmend auf unſer wei⸗ teres Handeln wirken muß, und die rechte Bahn iſt nicht mehr diejenige, die wir früher gehen konnten. Wir müſſen uns zu unſeren Handlungen bekennen und von ihnen aus einen friſchen Anlauf nehmen. Setzen wir den Fall, wir hätten uns geſtern trauen laſſen. Unſer Verhältniß iſt nahezu daſſelbe. In der Wirkung auf Andere wäre kein Unterſchied vorhanden; nur für uns ſelbſt fände er ſtatt,“ fügte Stephen mit Bitterkeit bei,„ſofern Sie dann ein⸗ räumen müßten, daß Sie an mich feſter gebunden ſeien, als an Andere.“ Abermals überflog eine tiefe Glut Maggie's Ge⸗ ſicht, und ſie antwortete nicht. Stephen glaubte auf's Neue an einen endlichen Sieg— er hatte nie daran gedacht, daß es ihm fehlen könne, denn es gibt Möglichkeiten, die uns zu ungeheuerlich vor⸗ kommen, als daß wir ſie fürchten. „Meine Theure,“ ſagte er in ſeinem zäFrtlichſten Ton, indem er ſich zu ihr niederbeugte und den Arm 215 um ſie ſchlang,„Sie ſind jetzt einmal mein— die Welt glaubt es— und ſo erwachſen uns auch Pflich⸗ ten daraus. In wenigen Stunden ſollen Sie auch geſetzlich mir angehören, und diejenigen, welche An⸗ ſprüche an uns hatten, werden ſich fügen und ein⸗ ſehen, daß eine Kraft da war, welche ihre Rechte überbot.“ Maggie fuhr entſetzt und mit großen Augen vor dem Geſicht zurück, das dem ihrigen ſo nahe war. Sie ſah leichenblaß aus. „O, ich kann's nicht thun,“ rief ſie wie in tief⸗ ſtem Seelenſchmerz.—„Stephen— verlangen Sie es nicht von mir— dringen Sie nicht in mich. Ich kann mich nicht länger mit Gründen wehren— ich weiß nicht, was zuläſſig iſt; aber mein Herz erlaubt mir nicht, es zu thun. Ich ſehe— ich fühle jetzt ſchon ihren Schmerz; er brennt wie ein Brandmal auf meiner Seele. Ich habe ja ſelbſt gelitten, ohne daß Jemand Mitleid mit mir hatte, und nun ſoll ich Leiden über Andere bringen. Dies käme mir nie aus dem Sinn und würde mir ſelbſt Ihre Liebe verbittern. Philipp liegt mir— obſchon in einer anderen Weiſe— am Herzen; ich erinnere mich aller der Worte, die zwi⸗ ſchen uns fielen, und weiß, wie er in mir ſeine ein⸗ zige Lebenshoffnung ſah. Er wurde an mich gewie⸗ ſen, damit ich ihm ſein ſchweres Loos erleichtere, und ich habe ihn verlaſſen. Und Lucie— auch ſie iſt betrogen worden— ſie, die mir mehr als irgend Jemandem ſonſt vertraute. Ich kann Sie nicht heira⸗ then, kann nicht für mich Vortheil ziehen aus dem, was ihrem Elend abgerungen wurde. Wir dürfen uns nicht von der Macht unſerer wechſelſeitigen Ge⸗ 216 fühle beherrſchen laſſen; es würde mir dadurch Alles entriſſen, was mir mein vergangenes Leben theuer und heilig machte. Ich kann das alte nicht ver⸗ geſſen und ein neues anfangen, ſondern muß auf die Vergangenheit zurückgreifen und in ihr meinen Halt ſuchen; denn ſonſt wird es mir ſein, als habe ich keinen feſten Boden mehr unter meinen Füßen.“ „Guter Gott,“ ſagte Stephen, indem er gleich⸗ falls aufſtand und ihren Arm faßte,„Sie raſen. Wie können Sie zurückkehren, ohne mich zu heirathen? Sie wiſſen nicht, was die Welt ſagen wird, und verkennen den wahren Stand der Dinge.“ „Ich verkenne ihn nicht; aber man wird mir glauben. Ich will Alles bekennen. Lucie wird mir glauben, wird Ihnen vergeben, und— und— o es wird ſchon noch gut werden, wenn wir an dem Rechten feſthalten. Mein lieber, theurer Stephen, laſſen Sie uns umkehren— verſtricken Sie mich nicht noch tiefer in Gewiſſensbiſſe. Meine ganze Saele hat nie eingewilligt und thut es auch jetzt nicht.“ Stephen ließ ihren Arm los und ſank halb be⸗ täubt von der Wuth der Verzweiflung auf ſeinen Stuhl zurück. Er ſchwieg eine Weile und ſchaute nicht nach ihr hin, während ihre Augen im Schrecken über dieſe Veränderung bittend auf ihm hafteten. Endlich ſagte er, ohne nach ihr hinzuſehen: „So gehen Sie— verlaſſen Sie mich— quã⸗ len Sie mich nicht länger— ich kann es nicht er— tragen.“ Sie beugte ſich unwillkürlich gegen ihn vor und ſtreckte ihre Hand aus, um die ſeinige zu berüt een; 217 er aber fuhr vor dieſer Bewegung zurück, als be⸗ drohe ihn ein glühendes Eiſen, und wiederholte: „Verlaſſen Sie mich.“ Maggie wußte nicht, wie ihr geſchah, als ſie dem finſteren, abgewendeten Geſicht den Rücken zu⸗ kehrte und das Zimmer verließ; es war eine Art automatiſcher Bewegung, die unter dem Impuls eines vergeſſenen Entſchluſſes vor ſich ging. Was kam dann? Ein traumhaftes Gefühl von Treppen, die ſie hinabſtieg— von Flieſenſteinen— von einer Kutſche und Pferden vor dem Hauſe— von einer Straße und der Umbiegung in eine andere, wo der Poſtwagen ſtand und Paſſagiere einnahm— und nun der aufblitzende Gedanke, der Wagen könnte ſie fortnehmen, vielleicht nach Hauſe. Die Heimath, wo ſie die Mutter fand und den Bruder, Philipp und Lucie, der Schauplatz ihrer Bekümmerniſſe und Prüfungen war jetzt der Hafen, nach dem ſich ihre Seele ſehnte, der Altar, der ihre heiligſten Reliquien barg und an dem allein ſie Be⸗ wahrung finden konnte vor weiterem Fall. Der Gedanke an Stephen klopfte in ihr wie ein heftiger Schmerz, der aber nach Art ſolcher Schmerzen alle anderen Gedanken zur Thätigkeit zu drängen ſchien. Für das, was Andere von ihrem Benehmen ſagen oder glauben würden, hatte ſie zur Zeit kaum einen Sinn, ſo ſehr war ihre Seele von Liebe, tiefem Mitleid und dem Kummer der Reue erfüllt. Der Poſtwagen brachte ſie nach York, alſo weiter weg von der Heimath; aber ſie erfuhr dies erſt, als ſie um Mitternacht in dieſer alten Stadt abgeſetzt wurde. Gleichviel; ſie konnte dort ein Nachtlager 218 haben und am anderen Morgen früh wieder auf⸗ brechen. Sie hatte ihre Börſe in der Taſche und all' ihr Geld darin— eine Banknote und ein Gold⸗ ſtück; als ſie vorgeſtern ausging, um Einkäufe zu machen, hatte ſie aus Vergeßlichkeit ihre geſammte Baarſchaft bei ſich behalten. Schritt, als ſie ſich jene Nacht in dem düſteren Schlafgemach des alten Gaſthauſes zur Ruhe legte, ihr Wille unwandelbar fort auf dem Pfade reuiger Opferbereitſchaft? Die großen Kämpfe des Lebens gehen nicht in dieſer leichten Weiſe von Statten und ſeine großen Aufgaben ſind nicht ſo klar. In der Dunkelheit jener Nacht ſah ſie Stephens Antlitz mit dem Ausdruck des Schmerzes und leidenſchaftlichen Vorwurfs ſich zugekehrt; ſie lebte noch einmal alle die bebende Luſt in ſeiner Nähe durch, welche ihr Daſein in einen leicht hinfluthenden Strom der Freude umwandelte und die ruhigen Entſchließungen, mit voller Kraft gegen die Verſuchung anzukämpfen, in den Hintergrund drängte. Die Liebe, der ſie ent⸗ ſagt hatte, kehrte mit ihrem grauſamen Zauber zu⸗ rück; ſie fühlte, wie ſie ihre Arme ausbreitete, um ſie auf's Neue aufzunehmen, und dann ſchien ſie mehr und mehr zu erbleichen und zu verſchwinden, ohne etwas Anderes zurückzulaſſen, als den hinſter⸗ benden Ton einer tiefen, ergreifenden Stimme, welche ſagte:„Dahin— für immer dahin!“ —— —— —¼ a2 —‿½ = — — G Erſtes Kapitel. Die Rückkehr nach der Mühle. Zwiſchen vier und fünf Uhr am Abend des fünf⸗ ten Tags nach jenem, an welchem Stephen und Maggie St. Oggs verlaſſen hatten, ſtand Tom Tulliver auf dem Kiesweg vor dem alten Wohn⸗ haus der Dorlcotemühle. Er war jetzt der Herr dort und der Wunſch ſeines ſterbenden Vaters zur Hälfte erfüllt; er hatte es durch jahrelange ſtrenge Selbſtbeherrſchung und unermüdliche Thätigkeit dahin gebracht, daß man an ihm bereitwillig die alte Acht⸗ barkeit, dieſes ſtolze Erbe der Dodſone und Tulliver, ſogar in einem beſonders auszeichnenden Grade an⸗ erkannte. Aber in dem Antlitz Toms lag, als er an jenem Sommerabend in den heißen Strahlen der Sonne ſtand, kein Zug von Freude, kein Triumph. Sein Mund zeigte einen höchſt bittern Ausdruck und ſeine ſtrenge Stirne ihre härteſte und tiefſte Falte, während er, zum Schutz gegen die Sonne den Hut bis zu den Augen niedergedrückt und mit tief in den Taſchen ſteckenden Händen, auf dem Kies hin⸗ und herwan⸗ 222 delte. Von ſeiner Schweſter hatte er nichts weiter erfahren, ſeit Bob Jakin mit dem Dampfboot von Mudport zurückgekommen war, um allen den un⸗ wahrſcheinlichen Vermuthungen über ein mögliches Verunglücken auf dem Waſſer durch die Angabe ein Ende zu machen, daß er ſie mit Mr. Stephen Gueſt von einem Schiff habe an's Land ſteigen ſehen. Lautete die nächſte Kunde wohl, daß ſie verheirathet war— oder wie? Wohrſcheinlich nicht verheirathet. Tom befand ſich in einer Stimmung, daß er ſich auf das Schlimmſte gefaßt hielt, was eintreten konnte — nicht auf den Tod, wohl aber auf Schande. Während er, den Rücken dem Hofthor und das Geſicht dem rauſchenden Mühlſtrom zugekehrt, ein⸗ herging, näherte ſich eine uns wohl bekannte große ſchwarzäugige Geſtalt dem Eingang und machte mit hochklopfendem Herzen Halt, um ihm nachzuſehen. Ihr Bruder war das menſchliche Weſen, das ſie von Kindheit auf am meiſten gefürchtet hatte— mit jener Furcht gefürchtet, die aus der Liebe zu einer ſtarren, unbeugſamen und unerbittlichen Perſon, aus der Liebe zu einem Geiſt entſpringt, nach dem wir den unſrigen nicht bilden können, obſchon wir es nicht über uns zu gewinnen vermögen, uns ihm zu ent⸗ fremden. Dieſe tiefgewurzelte Furcht machte jetzt Maggie zittern, obſchon ihr Inneres ſie drängte, zu dem Bruder zurückzukehren, der ihr die einzige natür⸗ liche Zuflucht bot. In der tiefen Demüthigung, welche ſie in dem Rückblick auf ihre Schwäche em⸗ pfand, und in der Reue über das von ihr begangene Unrecht ſehnte ſie ſich faſt nach der Strenge von Toms Verweis, und ſie wollte ſich mit geduldigem 223 Schweigen dem harten, verdammenden Urtheil unter⸗ werfen, gegen das ſie ſich ſo oft empört hatte; es ſchien ihr jetzt nur eine gerechte Strafe zu ſein, denn wer war ſchwächer als ſie? Sie verlangte nach jener äußeren Unterſtützung ihrer beſſeren Entſchließungen, die ſie ſich nach einem vollſtändigen, unterwürfigen Geſtändniß und von der Nähe derer verſprach, deren Blicke und Worte im Einklang ſtanden mit der Rüge ihres Gewiſſens. Maggie hatte in York wegen lähmenden Kopf⸗ wehs, der natürlichen Folge der übermäßigen Auf⸗ regung während der letzten vierundzwanzig Stunden, einen Tag das Bett hüten müſſen. Auf ihrer Stirne und um ihre Augen bemerkte man noch immer einen Ausdruck phyſiſchen Leidens, wie denn auch ihr ganzes Aeußere und ihr lange nicht gewechſelter Anzug auf Erſchöpfung und Kummer deutete. Sie drückte auf die Thorklinte und ging langſam hinein. Tom hörte das Thor nicht aufgehen, da er eben in der Nähe des rauſchenden Mühlwehrs ſtand; als er aber ſich bald nachher umwandte und die Augen auſſchlug, bemerkte er die Geſtalt, deren jammerwürdiges Aus⸗ ſehen ſeine ſchlimmſten Vermuthungen zu beſtätigen ſchien. Er blieb ſtehen, blaß und zitternd vor inner⸗ lichem Zorn. Auch Maggie machte Halt— nur drei Schritte vor ihm. Sie fühlte den Haß, der aus ſeinem Ge⸗ ſichte ſprach, fühlte, wie er alle ihre Muskeln durch⸗ zuckte; aber ſie mußte ſprechen. „Tom,“ begann ſie mit matter Stimme,„ich bin zurückgekommen zu Dir— in die Heimath— um eine Zuflucht zu ſuchen— und Dir Alles zu ſagen.“ . „Bei mir findeſt Du keine Heimath,“ verſetzte Tom, vor Wuth bebend.„Du haſt Schande gehäuft auf uns Alle und biſt Deinen beſten Freunden zum Fluch geworden. Ha, des ſchändlichen Benehmens und der ſchnöden Hinterliſt!— kein Beweggrund iſt kräftig genug geweſen, um Dich abzuhalten. Ich waſche gegen Dich meine Hände für immer. Du gehörſt mir nicht mehr an.“ Die Mutter war jetzt in die Nähe des Hofthors gekommen und blieb vor Schrecken gelähmt ſtehen, br ſie Maggie's anſichtig wurde und Toms Worte örte. „Tom,“ verſetzte Maggie mit mehr Muth,„ich bin vielleicht nicht ſo ſchuldig, als Du meinſt. Es lag nie in meiner Abſicht, meinen Gefühlen nachzu⸗ geben. Ich habe dagegen angekämpft. Das Boot hatte mich zu weit fortgeführt, als daß ich am Dienſtag hätte zurückkehren können, und ich kam wie⸗ der, ſo bald es mir möglich war.“ „Ich kann Dir nichts mehr glauben,“ ſagte Tom, allmählig von der zitterigen Aufregung des erſten Augenblicks zu kalter Unbeugſamkeit übergehend. „Du haſt in einem heimlichen Einvernehmen geſtan⸗ den mit Stephen Gueſt— wie früher mit einem Anderen. Er ſuchte Dich auf bei der Tante Moß; Du gingeſt allein mit ihm in die Feldwege. Dies hätte nicht geſchehen können, wenn Du Dich benom⸗ men hätteſt, wie es einem beſcheidenen Mädchen gegen den Liebhaber ſeiner Couſine ziemte. Die Leute in Luckreth ſahen Dich vorbeikommen— man hat Dich an allen andern Plätzen vorbeifahren ſehon und Du wußteſt, was Du thateſt. Du haſt Philipp ————— * 225 Wakem als Deckmantel benützt, um Lucie, die wohl⸗ wollendſte Freundin, die Du je hatteſt, zu betrügen. Geh hin und ſieh, wie Du ihr lohnteſt: ſie iſt krank — unfähig, zu ſprechen— und die Mutter darf ihr nicht nahe kommen, damit ſie nicht an Dich erinnert werde.“ Maggie war halb betäubt; die Angſt laſtete zu ſchwer auf ihr, als daß ſie den Unterſchied zwiſchen ihrer wirklichen Verſchuldung und den Anklagen ihres Bruders hätte faſſen, geſchweige ſich vertheidigen können. „Tom,“ ſagte ſie, in gewaltſamer Anſtrengung zu ſprechen unter ihrem Mantel die Hände zuſam⸗ menpreſſend,„was ich auch gethan habe, ich bereue es bitterlich und will es wieder gut machen. Ich will Alles über mich ergehen laſſen und ſehne mich danach, daß man mir es unmöglich macht, wieder Un⸗ recht zu thun.“ „Was könnte Dir dies unmöglich machen?“ verſetzte Tom mit grauſamer Bitterkeit.„Die Re⸗ ligion nicht, und eben ſo wenig die natürlichen Ge⸗ fühle der Dankbarkeit und der Ehre. Und er— er verdiente eine Kugel vor den Kopf, wenn er nicht— aber Du biſt zehnmal ſchlimmer, als er. Ich ver⸗ abſcheue Deinen Charakter und Dein Betragen. Du habeſt gegen Deine Gefühle angekämpft, ſagſt Du. Ja. Ich habe auch gegen Gefühle ankämpfen müſſen, bin aber über ſie Herr geworden. Das Leben wurde mir härter, als Dir; aber ich fand meinen Troſt in der Erfüllung meiner Pflicht. Einem Charakter wie dem Deinigen will ich nicht zur Stütze dienen. Die ganze Welt ſoll erfahren, daß ich zwiſchen Recht und Eliot, Die Mühle am Floß. III. 15 226 Unrecht zu unterſcheiden weiß. Geräthſt Du in Noth, ſo ſollſt Du nicht darben— laß es die Mutter wiſſen. Aber unter meinem Dach werde ich Dich nicht dulden. Es iſt genug, daß ich den Gedanken an Deine Schande tragen muß; ich will nicht auch noch Dein verhaßtes Geſicht ſehen.“ Verzweiflung im Herzen, wandte ſich Maggie langſam ab. Doch die arme eingeſchüchterte Mutter⸗ liebe brach jetzt alle Bande der Furcht. „Mein Kind, ich will mit Dir gehen. Du haſt eine Mutter.“ Oh, welche ſüße Ruhe in jener Umarmung für die herzkranke Maggie! Weit hilfreicher als alle Weisheit iſt ein Zug einfachen menſchlichen Mitleids, das uns nicht verlaſſen will. Tom wandte ſich um und ging in das Haus. „Komm herein, mein Kind,“ flüſterte ihr Mrs. Tulliver zu.„Er wird Dich wohl bleiben und in meinem Bett ſchlafen laſſen. Dies ſchlägt er mir ſicherlich nicht ab, wenn ich ihn darum bitte.“ „Nein, Mutter,“ verſetzte Maggie in einem dum⸗ pfen Tone, der wie ein Stöhnen klang,„ich werde nie hineingehen.“. „Dann wart' auf mich außen. Ich bin bald fertig und gehe mit Dir.“ Als Mrs. Tulliver mit aufgeſetztem Hut wieder herauskam, trat Tom in der Flur ihr entgegen und drückte ihr Geld in die Hand. „Mein Haus iſt ſtets das Eurige, Mutter,“ ſagte er.„Ihr könnt kommen und mich wiſſen laſſen, was Ihr braucht. Ich erwarte, daß Ihr wieder z mir kommt.“ 227 Die arme Mrs. Tulliver nahm das Geld und wagte nichts zu erwiedern. Soviel war übrigens ihrem mütterlichen Inſtinct klar, daß ſie mit ihrem unglücklichen Kind gehen konnte. Maggie wartete draußen vor dem Hofthor; ſie nahm ihre Mutter bei der Hand, und beide gingen eine Weile ſchweigend neben einander her. „Mutter,“ ſagte endlich Maggie,„wir wollen zu Lucas gehen. Er wird mich in ſeine Hütte aufneh⸗ men, denn er war immer von meinen Kinderjahren an ſo freundlich gegen mich.“ „Der Platz iſt jetzt zu beengt für uns, meine Liebe, da er ſo viele Kinder hat. Ich weiß wahr⸗ haftig nicht, wohin wir gehen ſollen, wenn Du nicht etwa zu einer von Deinen Tanten willſt, und dies wird man kaum wagen dürfen,“ entgegnete die arme Mrs. Tulliver, deren geiſtige Hilfsquellen in dieſer Noth völlig verſiegt waren. Maggie ſchwieg eine Weile und ergriff dann wieder das Wort. „So laßt uns zu Bob Jakin gehen, Mutter; ſein Weib wird uns wohl aufnehmen können, wenn ſie nicht etwa einen neuen Miethsmann eingethan hat.“ Sie begaben ſich daher nach St. Oggs und ſuch⸗ ten das alte Haus am Flußufer auf. Bob war zu Haus und fühlte ſich von einer Schwere bedrückt, die ſelbſt der neuen Freude und dem Stolz nicht weichen wollte, ein zwei Monate altes Kindlein— das lebhafteſte Geſchöpfchen von dieſem Alter, das je einem Prinzen oder einem Hau⸗ ſirer geboren wurde— zu beſitzen. Er würde viel⸗ leicht das Zweideutige von dem Ericheinen Maggiet 228 mit Mr. Stephen Gueſt auf dem Kai von Mudport nicht ſo durchaus begriffen haben, wenn er nicht Zeuge von der Wirkung geweſen wäre, welche ſein Bericht über die Thatſache auf Tom hervorbrachte. Auch waren ſeitdem die Umſtände, welche ihr Ent⸗ weichen jedenfalls mit einem ſehr verdächtigen Cha⸗ rakter bekleideten, bereits über die gebildeteren Kreiſe von St. Oggs hinaus ruchbar und zum Tages⸗ geſpräch ſogar der Hausknechte und Laufbuben ge⸗ worden. Als er daher die Thüre öffnete und Mag⸗ gie in Kummer und Erſchöpfung draußen ſtehen ſah, wußte er keine andere Frage zu ſtellen, als diejenige, welche er an ſich ſelbſt zu richten wagte— wo Mr. Stephen Gueſt ſei. Bob für ſeinen Theil hoffte, er möchte ſich in dem heißeſten Theil eines Aſyls be⸗ finden, das in einer anderen Welt die Beſtimmung haben ſoll, Herren von unmoraliſchem Charakter auf⸗ zunehmen. Die Wohnung war nicht beſetzt, und ſowohl Mrs. Jakin, die Größere, als Mrs. Jakin, die Kleinere, erhielt Befehl, Alles gemächlich herzurichten für„die alte Miſſis und die junge Miß“— leider, daß ſie noch eine„Miß“ war. Bob konnte bei all' ſeinem Scharfſinn nicht ausklügeln, wie es wohl zu einem ſolchen Reſultat kommen mochte— war es möglich, daß Mr. Stephen Gueſt ſie im Stiche ließ, oder daß er ſie fortließ, wenn er die Wahl hatte, ſie bei ſich zu behalten? Aber er ſchwieg und wollte auch ſeiner Frau nicht erlauben, eine Frage an ihn zu richten; auch blieb er von ihrem Zimmer weg, um nicht den Anſchein eines aufdringlichen, ſpionirſüch⸗ tigen Menſchen zu gewinnen, denn er hegte noch die⸗ 229 ſelbe ritterliche Geſinnung gegen die ſchwarzäugige Maggie, wie in den Tagen, als er ihr das denk⸗ würdige Büchergeſchenk machte. Nach ein Paar Tagen entfernte ſich Mrs. Tul⸗ liver auf einige Stunden, um in der Mühle nach Toms Haushaltungsangelegenheiten zu ſehen. Mag⸗ gie hatte dies gewünſcht; denn nach dem erſten hef⸗ tigen Ausbruch ihrer Gefühle, welcher kam, ſobald ſie nicht mehr in Erfüllung ihres Vorſatzes thätig auftreten konnte, bedurfte ſie der Nähe ihrer Mutter nicht mehr ſo ſehr, und ſie wünſchte ſogar jetzt, allein zu ſein mit ihrem Kummer. Sie hatte jedoch nicht lange in dem alten, gegen den Fluß hinaus⸗ ſehenden Wohnſtübchen einſam geſeſſen, als ſich ein Klopfen an der Thüre vernehmen ließ. Mit der Aufforderung, einzutreten, wandte ſie ihr trauriges Geſicht um und bemerkte unter der Thüre Bob, der ſein Kind auf den Armen und Mumps hinter ſich hatte. „Wir kehren ſogleich wieder um, wenn wir Sie ſtören, Miß,“ ſagte Bob. „Nein,“ verſetzte Maggie mit ſchwacher Stimme und dem vergeblichen Verſuch eines Lächelns. Bob machte die Thüre hinter ſich zu und trat vor ſie hin. „Sie ſehen, Miß, wir haben ein Kleines, und ich wünſchte, Sie möchten es anſehen und auf den Arm nehmen, wenn Sie ſo gut ſein wollen. Wir haben uns die Freiheit genommen, es nach Ihnen taufen zu laſſen, und es kömmt ihm vielleicht gut, wenn Sie ein bischen Notiz von ihm nehmen.“ Maggie konnte nicht ſprechen, ſtreckte aber ihre Arme aus, um das Kindlein in Empfang zu nehmen, während Mumps es ängſtlich beſchnüffelte, um ſich zu überzeugen, ob von dieſer Uebertragung nichts zu befürchten ſei. Maggie fühlte ihr Herz ſchwellen bei dieſer Handlung und Rede Bobs; denn ſie erkannte wohl, daß er ihr in dieſer Weiſe ſeine Theilnahme und Achtung bezeugen wollte. „Nehmen Sie Platz, Bob,“ erwiederte ſie auf ſeine Anrede, worauf er ſchweigend ſich niederließ, da er ſeine Zunge in ganz neuer Manier unlenkſam fand, ſo fern ſie ſich weigerte, das zu ſagen, was er ſie ſagen laſſen wollte. „Bob,“ fuhr ſie nach einer Weile fort, indem ſie auf die Kleine niederſah, welche ſie ſo ängſtlich hielt, als fürchte ſie, daß ſie des Kindleins vergeſſen und es zu Boden gleiten laſſen könnte,„ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.“. „Sprechen Sie nicht ſo, Miß,“ verſetzte Bob, indem er Mumps an der Haut ſeines Halſes faßte. „Wenn ich etwas für Sie thun kann, ſo iſt mir dies ſo lieb wie der Verdienſt eines ganzen Tages.“ „Ich wünſche, daß Sie zu Doctor Kenn gehen, ihn zu ſprechen verlangen und ihm ſagen, ich ſei hier und werde es ihm Dank wiſſ wenn er mich beſuchen wolle, während meine Mutter abweſend iſt. Sie wird nicht vor Abend zurückkommen.“ „Ei, Miß, dies ſollte im Augenblick geſchehen ſein, denn es iſt nur ein Schritt; aber die Frau des Doctors liegt todt im Haus— ſie iſt an dem Tag meiner Zurückkunft von Mudport geſtorben und ſoll morgen begraben werden. Es iſt Schade, daß ſie — 231 gerade ſterben mußte, wenn Sie ihn brauchen. Man wird ihm jetzt nicht gut beikommen können.“ „Dann müſſen wir es freilich ausgeſetzt ſein laſ⸗ ſen, Bob,“ ſagte Maggie„auf ein Paar Tage viel⸗ leicht, oder bis Sie hören, daß er wieder ausgeht. Aber er verläßt am Ende gar die Stadt— ver⸗ reist,“ fügte ſie mit einem neuen Gefühl von Zag⸗ haftigkeit bei dieſer Vorſtellung bei. „Der nicht,“ verſetzte Bob.„Er iſt keiner von denen, die fortlaufen, keiner von den vornehmen Herrn, die in's Bad reiſen müſſen, um ihre geſtor⸗ benen Frauen zu beweinen. Er hat Anderes zu thun und ſieht fein und ſcharf nach ſeinem Kirch⸗ ſpiel. Meine Kleine iſt von ihm getauft worden, und da kam er gleich hinter mich und wollte wiſſen, was ich an den Sonntagen treibe, da ich nicht in die Kirche komme. Ich ſagte ihm aber, daß ich drei Viertheile meiner Sonntage auf der Reiſe ſei— und dann habe ich mich ſo daran gewöhnt, auf den Beinen zu ſein, duß ich nicht ſo lang ſitzen könne — ‚und Hercules, Sir,“ ſag' ich, ein Hauſirer reicht ſchon mit einer kleinen Portion Kirche aus; man kriegt einen Geſchmack davon,“ ſage ich, ‚und es verträgt ſich nicht mit meinem Beruf, dieſen allzu ſtark anzulegen. Ei, Miß, wie freundlich die Kleine gegen Sie thut! Iſt's doch, als ob ſie Sie kenne — aber's iſt vielleicht ſo, wie die Vögelchen auch den Morgen kennen.“ Bob's Zunge war nun augenſcheinlich des unge⸗ wohnten Zwanges ledig und gerieth vielleicht gar in Gefahr, mehr Arbeit zu leiſten, als von ihr ver⸗ langt wurde. Aber die Gegenſtände, über die er 232 ſich zu belehren wünſchte, lagen ſo hoch und ſchwer zugänglich, daß das erwähnte Organ lieber in der Ebene fortlief, als ſeinem Herrn auf dieſer unbe⸗ tretenen Bahn folgte. Bob fühlte dies und verhielt ſich wieder eine Weile ſtumm, inzwiſchen die mög⸗ lichen Formen erwägend, in denen er eine Frage anbringen könnte. Endlich begann er mit unge⸗ wöhnlicher Schüchternheit: Wollen Sie mir nur eine einzige Frage erlauben, Miß?“ Maggie war etwas betroffen; ihre Antwort aber lautete: „Ja, Bob, vorausgeſetzt daß Sie nur mich und nicht Jemand anders betrifft.“ „Wohlan denn, Miß, ich möchte Sie fragen, ob Sie auf irgend Jemand einen Groll haben.“ „Nein,“ antwortete Maggie, ihn forſchend an⸗ ſehend.„Warum?“ „Ci, Hercules, Miß,“ entgegnete Bob, den Hals ſeines Hundes ſchärfer als je zwickend;„ich wünſchte, es wäre der Fall, und Sie ſagten es mir. Ich wollte ihn ledern, daß ihm Sehen und Hören ver⸗ ginge— ja, das wollt' ich, und die Juſtiz könnte dann hintendrein mit mir anfangen, was ihr gut dünkte.“— „Oh, Bob,“ erwiederte Maggie mit einem matten Lächeln,„Sie meinen es recht gut mit mir; aber ich möchte Niemand ſtrafen, auch wenn er mir Un⸗ recht gethan hätte, da ich ſelbſt mir ſo vielen Un⸗ rechts bewußt bin.“ Dieſe Anſchauung der Dinge trug nicht dagu bei, in Bobs Gehirn ein Licht aufzuſtecken, ſondern 233 hüllte für ihn das, was zwiſchen Stephen und Mag⸗ gie vorgegangen ſein mochte, in eine noch tiefere Dunkelheit. Weiteres Fragen wäre aber aufdring⸗ lich geweſen, ſelbſt wenn er eine paſſende Form dafür gefunden hätte; er begnügte ſich daher, das Kleine der harrenden Mutter wieder zurück zu bringen. „Vielleicht macht es Ihnen Vergnügen, den Mumps um ſich zu haben, Miß,“ ſagte er, nachdem er die kleine Maggie wieder an ſich genommen.„Er iſt ein ganz guter Geſellſchafter, weiß Alles und macht nicht viel Weſens davon. Wenn ich's ihn heiße, ſo liegt er vor Ihnen nieder und hat auf Sie Acht— ſo ſtill, als müſſe er meinen Pack hüten. Es wird gut ſein, wenn Sie ihn ein Bis⸗ chen bei ſich behalten— er wird Sie bald lieb ge⸗ winnen. Hercules, es iſt was Schönes darum, wenn man ein ſtummes unvernünftiges Thier um ſich hat, das Einen liebt. Es hält treu bei Einem aus und macht keinen Lärm davon.“ „Ja, laſſen Sie ihn da, wenn Sie ſo gut ſein wollen,“ verſetzte Maggie.„Ich möchte gern Mumps zum Freund haben.“ „Mumps, leg' Dich daher,“ ſagte Bob, nach einer Stelle vor Maggie deutend,„und rühr' Dich nicht, bis man Dich anredet.“ Mumps gehorchte ſogleich und zeigte keine Spur von Unruhe, als ſein Herr das Zimmer verließ. — 234 Zweites Kapitel. Wie St. Oggs richtet. Es wurde bald durch ganz St. Oggs bekannt, daß Miß Tulliver zurückgekommen ſei; ſie war alſo nicht entlaufen, um Mr. Stephen Gueſt zu heirathen— jedenfalls hatte Mr. Stephen Gueſt ſie nicht ge⸗ heirathet, was, ſoweit ihre Schuldhaftigkeit in Frage kam, auf's Gleiche hinauslief. Wir beurtheilen Andere nach den Erfolgen— warum nicht, wenn uns der Prozeß, durch welchen ein Erfolg erzielt wird, unbekannt iſt? Wäre Mrs. Tulliver nach ein Paar Monaten Reiſen als Mrs. Stephen Gueſt mit einer nachhochzeitlichen Ausſtattung und allen den Vortheilen zurückgekehrt, die auch das unwill⸗ kommenſte Weib eines einzigen Sohnes beſitzt, ſo würde in St. Oggs die öffentliche Meinung, die wie überall wußte, was ſie zu denken hatte, in ſtrengem Einklang mit dieſen Reſultaten geurtheilt haben. In ſolchen Fällen iſt die öffentliche Meinung immer weiblichen Geſchlechts— das heißt, ſie geht von der weiblichen Welt aus, und ſie würde die Wahrnehmung gemacht haben, daß zwei ſchöne junge Perſonen— der Herr aus der erſten Familie von St. Oggs— in eine falſche Lage gekommen und dadurch zu einem Schritt verleitet worden ſeien, der nach mildeſter Beurtheilung höchſt unklug ge⸗ nannt werden mußte, und nur Kummer und Täuſchung, namentlich für das ſüße junge Weſen, die Miß Deane nach ſich ziehen konnte. Mr. Stephen Gueſt hatte ſich gar nicht gut benommen; aber junge Män⸗ 235 ner waren ſtets ſolchen thörichten Anfällen ausgeſetzt geweſen, und ſo ſchlimm es auch an Mrs. Stephen Gueſt erſcheinen mochte, daß ſie den Liebhaber ihrer Couſine auch nur im Geringſten ermuthigte(ſie war dem Vernehmen nach noch obendrein mit dem jungen Wakem verlobt geweſen, wie man aus dem Munde des alten Wakem ſelbſt wiſſen wollte), ſo mußte man doch auch ihrer großen Jugend Rechnung tra⸗ gen;— er iſt ein mißgeſtalteter junger Mann— und der junge Gueſt ſo gar bezaubernd; und man ſagt, er bete ſie poſitiv an(natürlich iſt dies nicht von Dauer), und er entführte ſie in dem Boot ganz gegen ihren Willen— was konnte ſie da machen? Zurückkommen nicht, denn Niemand würde ſie mehr angeſehen haben. Und wie gar gut die dunkle Maisfarbe ihrer Haut ſich ausnimmt! Und es ſcheint, als ob die Bruſtfalten in die Mode kom⸗ men wollen; mehrere von ihren Kleidern ſind ſo ge⸗ macht; man ſagt, es ſei nichts zu ſchön, was er ihr nicht kaufe. Die arme Miß Deane! Sie iſt ſehr zu bedauern. Aber ein beſtimmtes Verlöbniß hat nicht ſtattgefunden, und die Seeluft wird ihr gut thun. Wenn übrigens der junge Gueſt keine tiefere Liebe zu ihr fühlte, ſo war es im Grunde beſſer, daß ſie ihn nicht heirathete. Welch' eine aus⸗ gezeichnete Partie für ein Mädchen wie Miß Tulli⸗ ver— ganz romantiſch! Auch will der junge Gueſt bei der nächſten Parlamentswahl als Candidat auf⸗ treten. Nichts ſteht heut zu Tag höher als der Handel! Der junge Wakem iſt faſt verrückt ge⸗ worden— war immer ein beſonderer Kauz; aber er befindet ſich jetzt auf Reiſen, um aus dem Weg 236 zu ſein— das Beſte, was ein mißgeſtalteter junger Mann thun kann. Miß Null erklärt, ſie werde Mr. und Mrs. Stephen Gueſt nie beſuchen— Un⸗ ſinn— will beſſer ſein als andere Leute. Die Geſellſchaft könnte nicht beſtehen, wenn man es mit dem Privatverhalten der Leute ſo genau nähme— und die chriſtliche Liebe gebietet uns, nichts Arges zu denken. Miß Null wird wohl keine Viſitenkarte erhalten haben. Wir wiſſen indeß, daß die Reſultate nicht von der Art waren, um eine ſo milde Beurtheilung der Vergangenheit zu rechtfertigen. Maggie war ohne Ausſtattung, ohne einen Mann, in jenem herabge⸗ würdigten und verachteten Zuſtand zurückgekehrt, zu dem bekanntlich ſolche Verirrungen führen; die weibliche Welt erkannte daher mit jenem feinen In⸗ ſtinct für die Erhaltung der Geſellſchaft ſogleich, daß Miß Tullivers Benehmen nicht ſchlimmer, nicht ab⸗ ſcheulicher hätte ſein können. Ein Mädchen, das ſo ganz von ihren Verwandten abhing— deren Mut⸗ ter, wie ſie ſelbſt, im Deane'ſchen Haus ſo viele Liebe und Wohlthaten genoſſen— konnte ſich's in den Kopf ſetzen, ihrer Couſine, die wie eine Schweſter an ihr gehandelt hatte, vor der Naſe weg die Liebe eines Mannes abzugewinnen? Abzugewinnen? Dies war nicht die rechte Bezeichnung bei einem Mädchen wie Miß Tulliver; man würde richtiger ſagen, ſie ſei rein durch unweibliche Kechheit und ungezügelte Leidenſchaft geleitet worden. Sie hatte immer etwas Zweideutiges an ſich gehabt. Ihre Beziehung zu dem jungen Wakem, die ja viele Jahre beſtanden haben ſollte, ſah ſehr ſchlimm aus und erregte in ☛ 237 hohem Grad Aergerniß. Aber bei einem Mädchen von ſolchem Charakter! In Miß Tullivers ganzem Aeußeren hatte die weibliche Welt von Anfang an mit feinem Inſtinct etwas herausgefühlt, das auf Unheil deutete. Der arme Stephen Gueſt war eher zu bedauern, als zu tadeln; man darf einen jungen Mann von fünfundzwanzig in ſolchen Fällen nicht allzu ſtreng beurtheilen, denn man iſt in dieſem Alter nur allzu leicht den Anſchlägen eines frechen Mädchens zugänglich. Und es war klar, daß er wider ſeinen Willen verſtrickt wurde; er hatte ſie ja wieder abgeſchüttelt, ſo bald er konnte, und der Umſtand, daß ſie ſo bald wieder von einander kamen, ſchrie laut genug— gegen ſie. Er hatte wohl in einer ſchriftlichen Erklärung alle Schuld auf ſich genommen und dem Vorgang eine ganz romantiſche Färbung gegeben, ſo daß ſie vollkommen unſchuldig erſchien; er konnte dies natürlich ſchon thun. Aber der feine Inſtinct der weiblichen Welt ließ ſich nicht täuſchen— zum Glück; denn was ſollte ſonſt aus der Geſellſchaft werden? Hatte doch ihr eigener Bruder ihr die Thüre gewieſen; er mußte begreif⸗ licher Weiſe genug von ihr erfahren haben, ſonſt hätte er nicht zu dieſem Aeußerſten gegriffen. Ein wahrhaft achtungswerther junger Mann, dieſer Mr. Tom Tulliver, und ganz dazu angethan, in der Welt zu ſteigen. Die Schande ſeiner Schweſter war natürlich für ihn ein ſchwerer Schlag. Es ſtand zu hoffen, daß ſie nicht in der Umgegend blieb, ſon⸗ dern fortging— nach Amerika oder ſonſt wohin, um die Luft von St. Oggs von dem Gift ihrer Gegenwart, das den daſigen Töchtern ſo überaus 238 gefährlich war, zu befreien. Gut konnte es ihr nicht gehen, und man hoffte, ſie werde reuig in ſich gehen und Gott ihr gnädig ſein; denn Er hatte nicht in die Geſellſchaft zu ſorgen, wie die weibliche elt. Der feine Inſtinct brauchte nahezu vierzehn Tage, um zu allen dieſen Inſpirationen zu gelangen; denn es hatte faſt eine Woche angeſtanden, bis der Brief einlief, in welchem Stephen ſeinem Vater den Sachverhalt mittheilte und ihm anzeigte, er ſei nach Holland gegangen, habe in Mudport auf einen Wechſel Geld gezogen und fühle ſich vor⸗ derhand außer Stand, irgend einen Entſchluß zu faſſen. Maggie war inzwiſchen zu ſehr ein Raub quälen⸗ der Sorge, als daß ſie dem Urtheil, das die Welt von St. Oggs über ihr Betragen fällte, einen Ge⸗ danken hätte widmen können: Sorge um Stephen — um Lucie— um Philipp, ſo daß ihr armes Herz von den gemiſchten Gefühlen der Liebe, der Reue und des Mitleids beſtürmt wurde. Wenn ſie überhaupt an eine ungerechte verwerfende Beurthei⸗ lung denken konnte, ſo mochte es ihr vorkommen, daß das Schlimmſte bereits geſchehen ſei und nach den Worten, die ſie von den Lippen ihres Bruders vernommen, nichts Unerträgliches ſie mehr treffen könne. Durch ihren Kummer um die Geliebten und Gekränkten zuckten jene Worte wieder und wieder durch gleich einem furchtbaren Schmerz, der ſogar einen Himmel von Wonne in Elend und Entſetzen umgewandelt haben würde. Die Vorſtellung, je wieder glücklich zu werden, tauchte keinen Augenblick 239 1 in ihrer Seele auf; es war ihr, als ſei jede Empfin⸗ dungsfaſer in ihr ſo ganz von Weh beladen, daß ſie auf keinen anderen Einfluß mehr anzuſprechen vermöge. Das Leben erſchien ihr nur noch in dem Licht eines fortgeſetzten Bußactes, und wenn ſie ihrer Zukunft gedachte, betete ſie bloß um Bewah⸗ rung vor einem weitern Fall. Ihre Schwäche ſchwebte ihr ſtets vor in Geſichten häßlicher Mög⸗ lichkeiten, die ſie zu keinem Frieden kommen ließen, wenn ſie nicht irgendwo einen völlig ſicheren Zufluchts⸗ ort finden konnte. Doch trug ſie ſich auch mit practiſchen Planen. Der angeerbte unabhängige Sinn, der ihr zur Ge⸗ wohnheit geworden, erinnerte ſie daran, daß ſie durch ihre eigene Thätigkeit für ihr Auskommen ſorgen mußte, und da andere Projekte als unſicher erſchienen, ſo kam ſie auf ihr Weißnähen zurück, von dem ſie ſich wenigſtens einen hinreichenden Ertrag verſprach, um an Bob die Hausmiethe zu bezahlen. Sie gedachte, gelegentlich ihre Mutter dahin zu bringen, daß ſie wieder zu Tom in die Mühle zu⸗ rückkehrte, und dann fügte ſich's wohl ſo oder ſo, daß ſie in St. Oggs ihren Unterhalt gewann. Doctor Kenn ging ihr vielleicht mit Rath und That an die Hand. Sie erinnerte ſich noch der Worte, mit denen er ſich im Bazar von ihr verabſchiedete. Das Gefühl des Vertrauens, das er ihr eingeflößt hatte, als er mit ihr ſprach, erwachte auf's Neue in ihr, und ſie ſehnte ſich nach einer Gelegenheit, ihm ihr Herz auſſchließen zu können. Ihre Mutter kam jeden Tag in Mr. Deane's Haus, um ſich zu er⸗ kundigen, wie es Lucien ging; der Bericht lautete 240 immer traurig— ſie hatte ſich noch nicht aufraffen können aus dem Zuſtand theilnahmloſer Schwäche, in die ſie durch die erſte Erſchütterung verſetzt wor⸗ den war. Von Philipp konnte Mrs. Tulliver nichts erfahren, denn man wollte natürlich nicht mit ihr über Dinge ſprechen, die ſich auf ihre Tochter be⸗ zogen. Endlich faßte ſie ſich ein Herz und ſuchte ihre Schweſter auf, die begreiflich von Allem unter⸗ richtet ſein mußte und in Mrs. Tullivers Abweſen⸗ heit auch bei Tom in der Mühle geweſen war, ob⸗ ſchon dieſer ihr nicht ſagen mochte, was bei dieſer Gelegenheit geſprochen worden. Sobald die Mutter fort war, ſetzte Maggie ihren Hut auf. Sie war entſchloſſen, in's Pfarrhaus zu gehen und ſich bei Doctor Kenn Gehör zu erbitten, ohne Rückſicht auf die Trauer dieſes Herrn; denn unter ſolchen Umſtänden hat man keinen Sinn für das Leid Anderer. Seit ihrer Rückkehr war dies ihr erſter Ausgang, und es drängte ſie ſo ſehr zu ihm, daß ihr gar nicht einfiel, wie unangenehm es ſein würde, unter Wegs anderen Leuten zu begegnen jedoch kaum aus den engeren Straßen in der un⸗ mittelbaren Nähe von Bobs Wohnung hinausge⸗ kommen, als ihr auch ſchon die Blicke auffielen, die man ihr allenthalben nachwarf. Dies bewog ſie zu größerer Cile, und ſie wagte weder rechts noch und von ihnen angeſtarrt zu werden. Sie war links zu ſchauen. Sie begegnete auch Mrs. und Miß Turnbull, alten Bekannten ihrer Familie; beide warfen einen ſeltſamen Blick auf ſie und wichen ihr aus, ohne ſie anzureden. Solche Blicke wären ſonſt Maggie unerträglich geweſen; ietzt aber überwogen 241 die Selbſtvorwürfe die Empfindlichkeit. Kein Wun⸗ der, daß ſie nicht mit mir ſprechen mögen, dachte ſie; Lucie iſt ihnen eine liebe Freundin. Aber jetzt mußte ſie an einer Gruppe von Herrn vorbei, die vor der Thüre des Billiardhauſes ſtanden, und ſie konnte nicht umhin, zu bemerken, daß der junge Torry mit dem Glas im Auge aus dem Häuflein hervortrat und mit jener unbekümmerten Miene, mit der man eine freundliche Kellnerin zu begrüßen pflegt, ſich gegen ſie verbeugte. Maggie war zu ſtolz, um ſelbſt mitten in ihrem Kummer dieſen Schimpf nicht zu fühlen, und zum erſtenmal wurde der Gedanke in ihr mächtig, daß man ſich wohl mit noch anderen üblen Nachreden über ſie trug außer denen, die ſie, wie ſie fühlte, durch ihren Treubruch gegen Maggie verdient hatte. Aber ſie war jetzt an dem Pfarrhaus angelangt; da fand ſie vielleicht etwas Anderes als Vergeltung. Letz⸗ tere kann Jeder, ſelbſt der roheſte, verthierteſte Knirps an der Straßenecke üben. Mitleid und Hilf⸗ bereitwilligkeit ſind ſeltenere Eigenſchaften— zum Glück ein Bedürfniß für das Herz des Gerechten. Sie ließ ſich anmelden und wurde ſogleich nach dem Studirzimmer des Doctors geführt, der daſelbſt vor aufgebeugten Büchern ſaß, aber augenſcheinlich ihnen keinen rechten Geſchmack abgewinnen konnte, denn er hielt den Kopf ſeines jüngſten Kindes, eines dreijährigen Mädchens, gegen ſeine Wange gedrückt. Das Kind wurde von der Pflegefrau fütherzagen⸗ Nachdem die Thüre wieder geſchloſſen war, ſetzte der Doctor für Maggie einen Stuhl und begann: Eliot, Die Mühle am Floß. III. 16 V V — — —— 2 242 „Ich war im Begriff, Sie aufzuſuchen, Miß Tulliver; Sie ſind mir zuvorgekommen, und ich freue mich darüber.“ Maggie blickte ihn mit derſelben kindlichen Offen⸗ heit wie im Bazar an und entgegnete: „Ich muß Ihnen Alles ſagen.“ Aber alsbald füllten ſich ihre Augen mit Thränen, und die ganze verhaltene Aufregung ihres demüthigenden Ganges durch die Stadt drohte ſich Luft zu machen, eh' ſie weiter reden konnte. 8 „Sprechen Sie ſich unverhohlen aus,“ verſetzte der Doctor mit ruhiger Freundlichkeit in ſeiner ern⸗ ſten, feſten Stimme.„Betrachten Sie mich als einen Mann, dem die Erfahrung langer Jahre zu Gebot ſteht und der deßhalb vielleicht im Stande iſt, Ihnen zu helfen.“ In ziemlich abgebrochenen Sätzen und Anfangs mit einiger Anſtrengung, bald aber mit größerer Ge⸗ läufigkeit, da ſie in ihrem Bekenntniß eine Erleich⸗ terung fühlte, erzählte ſie die kurze Geſchichte eines Kampfes, welcher der Anfang langen Jammers zu werden beſtimmt war. Doctor Kenn hatte erſt am Tage zuvor den Inhalt von Stephens Brief erfah⸗ ren und ihm ſogleich, ohne die Beſtätigung durch Maggie abzuwarten, Glauben geſchenkt. Jener un⸗ willkührliche Klageruf:„Oh, ich muß fort,“ war für ihn das Wahrzeichen geweſen, daß in ihrem In⸗ nern ein Zwieſpalt herrſchte. Maggie verweilte am längſten bei dem Gefühl, das ſie gedrängt hatte, zu ihrer Mutter und ihrem Bruder zurückzukehren, auf die alle ihre Erinnerungen aus der Vergangenheit hinwieſen. Nachdem ſie fertig 243 war, blieb der Doctor einige Minuten ſchweigend ſitzen, da ihm der Fall eben nicht als leicht erſcheinen mochte. Dann erhob er ſich und ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen auf und ab. Endlich nahm er wieder Platz, ſah Maggie an und ſagte: „Der Drang, Ihre nächſten Verwandten aufzu⸗ ſuchen und bei denen zu bleiben, mit denen Sie durch alle Bande des Lebens verknüpft ſind, iſt ein ganz richtiges Gefühl und ſteht im Einklang mit der ur⸗ ſprünglichen Einrichtung und Zucht der Kirche, welche für die Reuigen ihre Arme öffnet, über ihren Kin⸗ dern wacht bis auf's Letzte und ſich nur von den hoffnungsloſen Auswürflingen abwendet. Und die Kirche hätte die Aufgabe, das Gefühl der Zuſammen⸗ gehörigkeit zu vertreten, ſo daß jede Gemeinde eine Familie darſtellen ſollte, in der chriſtliche Brüder unter einem geiſtlichen Vater mit einander verbunden ſind. Leider ſind die Begriffe von Zucht und Bru⸗ derliebe dermaßen abgeſchwächt, daß ein Gemeingeiſt dafür gar nicht mehr zu finden iſt und ſie nur noch in der ſondernden widerſprechenden Form fortleben, welche ſie in den kleinen Kreiſen ſchismatiſcher Ge⸗ meinden gewonnen haben; und wenn ich nicht den feſten Glauben zur Stütze hätte, daß die Kirche zu⸗ letzt jene Einrichtung wieder gewinnen muß, welche allein den menſchlichen Bedürfniſſen angemeſſen iſt, wo wollte ich Muth hernehmen zum Wirken Ange⸗. ſichts des Mangels an Gemeingeiſt und der Ver⸗ läugnung aller wechſelſeitigen Verantwortlichkeit in meiner Heerde? Es iſt eine Zeit, in der Alles auf Lockerung der Bande hinſtrebt und an die Stelle des Feſthaltens von Verpflichtungen, die d der Ver⸗ 244 gangenheit wurzeln, eine verkehrte Wahlfreiheit geſetzt wiſſen will. Ihr Gewiſſen und Ihr Herz hat Ihnen über dieſen Punkt das rechte Licht aufgeſteckt, Miß Tulliver, und ich ſpreche mit Ihnen ſo, damit Sie daraus erkennen mögen, wie ich Ihnen rathen würde, wenn ich dabei meinem eigenen Gefühl und meiner Meinung folgen dürfte und nicht entgegenwirkenden Umſtänden Rechnung tragen müßte.“ Doctor Kenn hielt eine kleine Weile inne. In ſeinem Weſen ſprach ſich ſo wenig entgegenkommen⸗ des Wohlwollen aus, daß in dem Ernſt ſeiner Miene und Stimme eher eine gewiſſe Kälte lag. Hätte Maggie nicht gewußt, daß ſeine Herzensgüte ebenſo groß war, wie ſeine Zurückhaltung, ſo wäre ſie viel⸗ leicht abgeſtoßen und eingeſchüchtert worden; ſo aber hörte ſie ihm erwartungsvoll und in der feſten Ueber⸗ zeugung zu, daß ſein Rath nicht fruchtlos für ſie ſein werde. Er fuhr fort: „Ihre Unerfahrenheit in der Welt, Miß Tulliver, hindert Sie, in voller Ausdehnung ſich die ſehr un⸗ gerechten Deutungen zu vergegenwärtigen, die man wahrſcheinlich Ihrem Betragen geben wird, Deu⸗ tungen von ſehr verderblicher Wirkung, ſelbſt wenn die Gegenbeweiſe offenkundig vorliegen.“ „Oh, doch— ich fange an, es einzuſehen,“ ver⸗ ſetzte Maggie, welche dieſen Aufruf im Hinblick auf die kürzlich erfahrene Kränkung nicht zu unterdrücken vermochte.„Ich weiß, man wird nich ſchimpflich behandeln— wird mich für ſchlechter halten, als ich bin.“ „Es iſt Ihnen vielleicht noch nicht bekannt,“ fuhr Doctor Kenn mit einem Anflug von mehr per⸗ 245 ſönlichem Mitleid fort,„daß ein Schreiben einlief, welches geeignet iſt, Sie in den Augen Aller, die Sie früher kannten, zu rechtfertigen. Sie haben den ſteilen, ſchwierigen Pfad der Rückkehr zur Pflicht in einem Augenblick gewählt, in welchem Ihnen dieſe Rückkehr beſonders ſchwer fallen mußte.“ „Oh— wo iſt er?“ rief die arme Maggie mit hohem Erröthen und einem Zittern, das zu unter⸗ drücken ſie nicht im Stande geweſen wäre, wer auch hätte mögen zugegen ſein. „Er iſt auf Reiſen gegangen und hat alles Vor⸗ gefallene ſeinem Vater geſchrieben. Er rechtfertigt Sie in allen Stücken, und ich hoffe, die Mittheilung jenes Briefs an Ihre Couſine wird eine wohlthätige Wirkung auf ſie hervorbringen.“ Doctor Kenn wartete, bis ſie ruhiger geworden war, und nahm dann wieder auf: 4 „Dieſer Brief ſollte, wie geſagt, ausreichen, um alle falſchen Gerüchte über Sie niederzuſchlagen; aber ich muß Ihnen zugleich bemerken, Miß Tulli⸗ ver, daß nicht nur die Erfahrungen meines ganzen Lebens, ſondern auch meine Wahrnehmungen wäh⸗ rend der letzten drei Tage mich befürchten laſſen, daß ſelbſt die bündigſten Gegenbeweiſe nicht aus⸗ reichen werden, Sie vor den ſchmerzlichen Folgen falſcher Unterſtellungen zu bewahren. Die Perſonen, welche am allerwenigſten eines Gewiſſenskampfs fähig ſind, wie der Ihrige war, werden vornämlich einen Anſtoß an Ihnen nehmen, weil ſie an dieſen Kampf nicht zu glauben vermögen. Ich fürchte, Sie wer⸗ den hier nicht nur viel Schmerzliches erleben müſſen, ſondern auch Hinderniſſe die Fülle zu bekämpfen 246 haben. Aus dieſem Grund— und zwar einzig aus dieſem Grund— möchte ich Sie bittten, in Er⸗ wägung zu ziehen, ob es nicht vielleicht beſfer wäre, wenn Sie Ihren früheren Abſichten gemäß eine Stelle auswärts annähmen. Ich will mir Mühe geben, baldigſt einen paſſenden Platz für Sie aus⸗ zumitteln.“ „Oh, wenn ich nur hier bleiben könnte!“ ent⸗ gegnete Maggie.„Ich habe nicht den Muth, mich wieder an die Fremde zu gewöhnen, und hielte es nicht aus auf die Dauer. Ich würde wir vorkom⸗ men wie ein einſamer Wanderer, ganz abgeſchnitten von der Vergangenheit. Ich habe der Dame, die mir eine Stelle anbot, abgeſchrieben. Wenn ich hier bliebe, könnte ich vielleicht gegen Lucie— und gegen Andere— Manches gut machen, wenigſtens ſie von meiner Reue überzeugen. Und,“ fügte ſie bei, indem einiges von dem alten ſtolzen Feuer her⸗ vorloderte,„ich will nicht fortgehen, weil mir die Leute unwahre Dinge nachſagen. Sie ſollen erfah⸗ ren, daß ſie mich falſch beurtheilen. Und wenn ich auch zuletzt fort muß, weil— weil Andere es wün⸗ ſchen, ſo will ich doch jetzt nicht gehen.“ „Wenn dies Ihr feſter Entſchluß iſt,“ entgegnete Doctor Kenn nach einiger Erwägung,„ſo können Sie ſich darauf verlaſſen, daß ich allen Einfluß, den mir meine Stellung bietet, zu Ihren Gunſten an⸗ wenden werde. Ich bin kraft meines Hirtenamtes verpflichtet, Ihnen Beiſtand zu leiſten und Ihre Sache zu verfechten. Auch will ich noch beifügen, daß ich perſönlich ein tiefes Intereſſe nehme an Ihrem See⸗ lenfrieden und an Ihrer Wohlfahrt.“ 247 „Das Einzige, was mir Noth thut, iſt eine Be⸗ ſchäftigung, die mich in die Lage ſetzt, mein Brod zu erwerben und nicht von Anderen abhängen zu müſſen,“ ſagte Maggie.„Meine Bedürfniſſe ſind gering. Ich kann in dem Haus, wo ich gegenwärtig bin, bleiben.“ „Ich muß mir die Sache reiflicher überlegen,“ verſetzte der Doctor.„In ein Paar Tagen werde ich beſſer im Stand ſein, mir über die öffentliche Meinung ein Urtheil zu bilden. Ich will Ihrer ſtets gedenken und dann zu Ihnen kommen.“ Nachdem Maggie ſich entfernt hatte, blieb Doc⸗ tor Kenn mit auf dem Rücken verſchlungenen Hän⸗ den gedankenvoll ſtehen und hielt im peinlichen Ge⸗ fühl des Zweifels und der obwaltenden Schwierigkeit den Blick auf den Teppich geheftet. Der Ton von Stephens Brief, den er geleſen hatte, und die Ver⸗ hältniſſe aller betheiligten Perſonen drängten ihm mit Macht den Gedanken auf, daß eine ſchließliche Heirath zwiſchen Stephen und Maggie wohl das kleinſte Uebel ſein dürfte; nur dann erſchien das Verbleiben des Mädchens in St. Oggs als zuläſſig, während es andernfalls wünſchenswerth erſchien, daß ſie auf Jahre hinein den Ort mied, wo ſie mit Stephen zuſammenkommen konnte. Dagegen ver⸗ mochte er als ein Mann, der ſelbſt ſeine Geiſtes⸗ kämpfe durchgerungen und eine Reihe von Jahren aufopferungsvoll dem Dienſt der Menſchheit gewid⸗ met hatte, vollkommen in den Zuſtand von Maggie's Herz und Gewiſſen einzugehen, der ihr die Einwil⸗ ligung zu dieſer Heirath im Licht einer Entweihung erſcheinen ließ. Eine ſolche Gewiſſensfrage durfte 248 nicht leichthin behandelt werden, und die Grundſätze, nach denen ſie gehandelt hatte, waren weit ſicherere Leitſterne, als jegliches Abwägen der Folgen. Seine Erfahrung belehrte ihn, daß hier die Einmengung eine Verantwortlichkeit auferlegte, die eine ernſte Er⸗ wägung forderte, ſofern die Bemühung, zwiſchen Lucie und Philipp die alten Beziehungen wieder herzuſtellen, wie der Rath, ſich dieſem Anſtürmen eines neuen Gefühls zu unterwerfen, zu Folgen füh⸗ ren konnte, die ſich um ſo weniger ermeſſen ließen, weil jedem unmittelbaren Schritt ſich ein Uebel an⸗ heftete. Das große Problem der umſchlägigen Beziehung zwiſchen Leidenſchaft und Pflicht iſt auch dem nicht klar, der ſie zu begreifen vermag. Die Frage, ob der Augenblick da ſei, in welchem dem Menſchen die Entſagung zur Unmöglichkeit wurde und er der Herr⸗ ſchaft einer Leidenſchaft ſich hingeben muß, gegen die er bisher als Sünde ankämpfte, läßt für ihre Löſung keinen für alle Fälle paſſenden Hauptſchlüſſel zu. Die Caſuiſten haben ſich allerdings lächerlich gemacht; gleichwohl war ihr verkehrtes Streben, auch auf die kleinlichſten Unterſcheidungen einzugehen, der Schatten einer Wahrheit, gegen welche ſich leider die Augen und Herzen nur zu oft verſchließen— der Wahrheit, daß moraliſche Beurtheilungen nothwendig falſch und hohl ausfallen müſſen, wenn ſie nicht ſtetig auf die beſonderen Umſtände Bezug nehmen, die den Unbiwidnellen Fall bezeichnen, und ſich durch ſie leiten aſſen. Alle Perſonen von gutem natürlichen Verſtand haben einen inſtinctartigen Widerwillen gegen die 249— Männer der Maxime, denn ſie begreifen wohl, daß ſich die geheimnißvolle Vielſeitigkeit des Lebens nicht in den Rahmen von gewiſſen Sätzen einengen läßt, und daß der Bann eines ſolchen Formelnweſens nur zu Unterdrückung des göttlichen Drangs und der Inſpirationen führt, welche aus der Erkenntniß und der Theilnahme entſpringen. Der Maximenmenſch iſt der Repräſentant der Geiſter, die bei ihrem mora⸗ liſchen Urtheil ſich blos von allgemeinen Regeln leiten laſſen und das Rechte auf dem mechaniſchen Weg einer ſchon fertigen Patentmethode zu finden hoffen, ohne daß ſie ſich die Mühe nehmen, mit Verſtand, Geduld und Unparteilichkeit an die Unter⸗ ſuchung zu gehen; ja, es liegt ihnen nicht einmal daran, ſich zu überzeugen, ob ſie auch die Einſicht beſitzen, welche nur durch eine reifliche Würdigung der Verſuchung oder durch ein Leben gewonnen wird, das friſch und innig genug iſt, um alles Menſchliche mit einem fühlenden Herzen zu umfangen. Drittes Kapitel. Zeigt, daß alte Bekannte im Stand ſind, uns zu überraſchen. Als Maggie wieder nach Haus kam, erhielt ſie von ihrer Mutter Nachricht über ein ſehr unerwar⸗ tetes Benehmen von Seiten ihrer Tante Glegg. So lang man nichts von der Verſchwundenen wußte, hatte Mrs. Glegg ihre Läden halb geſchloſſen und die Vorhänge niedergelaſſen in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ihre Nichte ertrunken ſei; denn dieſer Fall erſchien ihr weit wahrſcheinlicher, als daß eine 250 Verwandte und Erbin von ihr etwas thun konnte, was die Familienehre in dem zarteſten Punkte ver⸗ letzte. Nachdem ſie aber endlich von Tom erfahren, Maggie ſei wieder nach Hauſe gekommen, und ihn darüber ausgeholt hatte, wie ſie ihre Abweſenheit erklärte, brach ſie in bittere Vorwürfe gegen ihren Neffen los, daß er gleich das Schlimmſte von ſeiner Schweſter annahm, während es doch an zwingenden Beweiſen fehlte. Wenn man nicht zu ſeiner„Ver⸗ wandtſchaft“ ſtehen will, ſo lang nur noch ein Fetzen Ehre zu retten iſt, mit wem will man es ſonſt hal⸗ ten? An einem Familienglied ſo leichthin ein Be⸗ tragen einzuräumen, das eine Abänderung des Teſtaments nöthig machte, hatte nie in der Art der Dodſone gelegen; und obgleich Mrs. Glegg ſchon in einer Zeit, in welcher andere Leute vielleicht weni⸗ ger klarſichtig waren, ſich von Maggie's Zukunft nichts Gutes verſprochen, ſo erkannte ſie doch im ehrlichen Spiel ein Kleinod, und es ſtund den eige⸗ nen Verwandten ſchlecht an, wenn ſie ein Mädchen ihres guten Rufs berauben halfen und ihr den Schutz der Familie verſagten, um ſie der Ver⸗ achtung der äußeren Welt preis zu geben und ſie dadurch zu nöthigen, in Wirklichkeit eine Schande der Familie zu werden. Die Umſtände hatten in Mrs. Gleggs Erfahrung keinen Vorgang— nie hatte ſich etwas Aehnliches unter den Dodſonen zuge⸗ tragen; aber es handelte ſich um einen Fall, in welchem ihre angeſtammte Rechtlichkeit und ihre per⸗ ſönliche Charakterſtärke mit ihren Grundſätzen über Verwandtſchaft ſich eben ſo zu einem gemeinſchaft⸗ lichen Strom vereinigten, wie mit ihrem von Jugend 251 auf gehegten Billigkeitsgefühl in Beziehung auf Geldangelegenheiten. Sie ſing Streit an mit Mr. Glegg, deſſen in Mitleid gegen Lucien überſtrömen⸗ des Wohlwollen ihn Maggie eben ſo hart beurthei⸗ len ließ, als es Mr. Deane ſelbſt that; und gegen ihre Schweſter Tulliver war ſie gar bitter böſe, weil ſie nicht ſogleich zu ihr gekommen war, um bei ihr Rath und Hilfe zu ſuchen. So ſchloß ſie ſich denn mit„Baxters Ruhe der Heiligen“ vom Morgen bis in die Nacht in ihrem Zimmer ein und ließ ſich gegen alle Beſuche verläugnen, bis Mr. Glegg von Mr. Deane Kunde über Stephens Brief erhielt und ſie nach Haus brachte. Mrs. Glegg fühlte nun, daß ſie einen guten Boden für das Gefecht hatte; die„ewige Ruhe“ wurde bei Seite gelegt, und ſie hielt ſich gefaßt, jedem Ankömmling entgegen zu treten. Während Mrs. Pullet nichts zu thun wußte, als den Kopf zu ſchütteln und zu wünſchen, daß lie⸗ ber Vetter Abbot oder Gott weiß wer ſonſt noch geſtorben, als dieſes in der Familie paſſirt wäre (etwas Aehnliches war nämlich noch nie vorgekommen, ſo daß man nicht wußte, wie man ſich benehmen ſollte, und Mrs. Pullet konnte nie wieder nach St. Oggs gehen, weil alle„Bekannte“ ſie darum anſahen)— hoffte Mrs. Glegg, es möchte nur Mrs. Wooll oder ſonſt eine Perſon ihr lügenhafte Gerüchte über ihre Nichte hinterbringen; ſie wollte dieſem übel berathenen Volk ſagen, wo es her war! 1 Es hatte wieder zwiſchen ihr und Tom eine Scene ſtattgefunden, die um ſo ſchärfer ablief, da ſie ihren Standpunkt geſicherter fühlte. Aber wie andere unbewegliche Dinge ſchien Tom unter dem 2⁵² Verſuch, ihn zu erſchüttern, nur einen deſto feſteren Grund zu faſſen. Der arme Tom! er urtheilte nach dem, was er hatte ſehen können, und das Urtheil wurde für ihn ſelbſt ſchmerzlich genug. Er meinte, er habe ſeit Jahren den thatſächlichen Beweis aus dem Zeugniß ſeiner eigenen Augen, die noch nicht mit Altersſchwäche drohten, wie unzuverläſſig und voll ſchlimmer Neigungen Maggie's Charakter ſei, ſo daß man ſie nicht mit Milde behandeln könne; er handle nach dieſem Beweis, was es ihn auch koſten möge, obgleich ſchon der Gedanke daran ihm ſeine Tage verbittere. Tom konnte ſo wenig, wie irgend eines von uns, über die Grenzen ſeines eige⸗ nen Weſens hinaus, und die Erziehung, die leicht über ihn hingegangen, hatte ihm nur eine ganz dünne, oberflächliche Politur verliehen; wenn man daher Luſt hat, gegen ſeine Strenge ſtreng zu ver⸗ fahren, ſo möge man nicht außer Acht laſſen, daß die Toleranz nur das Eigenthum eines weiteren Geſichtskreiſes iſt. In Tom war eine Abneigung gegen Maggie erwachſen, die er um ſo ſtärker empfand, wenn er der frühern kindlichen Liebe, der Zeit, als ihre Fingerchen ſich noch mit einander verſchlangen, und der ſpäteren Gefühle gedachte, als ſie ſich in gemeinſamer Pflicht und gemeinſamem Leide nahe ſtunden; ihr Anblick war ihm, wie er geſagt hatte, verhaßt. Tante Glegg fand alſo in dieſem Zweig der Dodſonfamilie einen Charakter, der kräftiger war, als der ihrige— eine Natur, in welcher das Gefühl für die Familie die Eigenthümlichkeit der Vetter⸗ und Baſenſchaft verloren, dafür aber die doppelttiefe Färbung des perſönlichen Stolzes an⸗ 2⁵3³ genommen hatte. Mrs. Glegg gab zwar zu, daß Maggie Strafe verdient habe— ſie war nicht die Frau, dieſen Sachverhalt abzuläugnen— und wußte recht wohl, wie das Betragen eines Mädchens ſein ſollte; aber die Strafe mußte im Verhältniß ſtehen zu den Miſſethaten, die ſich gegen ſie beweiſen ließen, nicht aber zu denen, welche ihr zur Laſt gelegt wurden von Perſonen, die nicht zur Familie ge⸗ hörten und ſich glücklich preiſen durften, wenn ihre Familien nicht ſchlechtere Glieder aufzuweiſen hatten. „Deine Tante Glegg hat mich ausgezankt wie nie, meine Liebe,“ ſagte die arme Mrs. Tulli⸗ ver, als ſie zu Maggie zurückkehrte,„weil ich nicht früher zu ihr gekommen bin— ſie ſagte, es ſei nicht an ihr, zuerſt zu kommen. Sie ſprach aber auch wie eine Schweſter. Sie iſt wohl immer recht⸗ haberiſch, und man kann ihr ſchwer etwas zu Ge⸗ fallen thun— aber, Du mein Himmel, ſie hat mir das freundlichſte Wort geſagt, das ich je wegen Deiner hörte, mein Kind. Sie ſagt, obſchon ſie ſonſt keine Freundin davon ſei, einen Gaſt im Haus zu haben, weil man ſich mit den Löffeln und Allem auf ihn einrichten und in Beziehung auf die eigene Bequemlichkeit mancherlei Störung erleiden müſſe, ſo ſollſt Du doch ein Obdach bei ihr finden, wenn Du pflichtmäßig zu ihr kommeſt, und ſie werde ſich Deiner annehmen gegen die üblen Nachreden von Leuten, die beſſer vor der eigenen Thüre kehrten. Ich ſagte ihr dann meine Gedanken, daß Du ſo tief gebeugt ſeieſt von Kummer und daß Du Nie⸗ mand ſehen mögeſt, als mich; aber ſie antwortete ———— 6 254 mir darauf:„Ich will ihr kein böſes Wörtchen geben— es gibt außerhalb der Familie Leute genug, die ſich eine Freude daraus machen, es zu thun. Aber meinen guten Rath ſoll ſie hören und ihn mit Beſcheidenheit annehmen.“ Es iſt ein wahres Wunder vorgegangen mit Jane; denn wenn bei mir etwas unrecht ausfiel, wußte ſie des Scheltens kein Ende— ob nun der Roſinenwein ſchlecht ge⸗ rathen, die Paſtete verbrannt oder ſonſt ein Fehler vorgefallen war.“ „Oh, Mutter,“ rief die arme Maggie, die der Gedanke an jede Berührung, welche ihr wunder Geiſt zu ertragen haben dürfte, mit innerlicher Scheu erfüllte;„ſagt ihr, daß ich ihr Erbieten dankbar anerkenne und daß ich ſie beſuchen wolle, ſo bald es mir möglich ſei; aber ich kann jetzt noch Niemand ſehen, als den Doctor Kenn. Ich bin bei ihm ge⸗ weſen— er will mir mit ſeinem Rath an die Hand gehen und mir zu einer Beſchäftigung verhelfen. Sagt zu der Tante, ich könne nicht bei Jemand anders leben und mich abhängig machen; ich wolle mir ſelbſt mein Brod verdienen. Aber habt Ihr nichts gehört von Philipp— von Philipp Wakem — Niemand geſehen, der etwas von ihm weiß?“ „Nein, meine Liebe; aber ich bin bei Deinem Onkel Deane geweſen und habe mich nach Lucie er⸗ kundigt. Er ſagt, ſie hätten ſie dazu vermocht, den Brief anzuhören, und ſie habe auch Miß Gueſt Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt und allerlei Fragen geſtellt, ſo daß der Doctor meint, ſie ſei auf dem Weg der Beſſerung. Was doch dies für eine Welt iſt— Jammer auf Jammer, o Himmel! Mit dem Pro⸗ - 4 2⁵⁵ ceſſiren fing's an, und da ging es fort vom Schlim⸗ men zum Schlimmern, ſelbſt als man meinte, das Glück ſei ſchon im Umkehren.“ Dies war die erſte Weheklage, in die Mrs. Tul⸗ liver über Maggie ausbrach; die Zuſammenkunft mit Schweſter Glegg hatte die alte Gewohnheit wieder wach gerufen. „Meine arme, arme Mutter!“ rief Maggie, im Schmerz des Mitleids und der Reue die Arme um den Hals ihrer Mutter ſchlingend,„ich bin immer böſe und Euch zur Laſt geweſen. Ihr könntet jetzt ſo glücklich ſein, wenn ich nicht wäre.“ „Ach, meine Liebe,“ verſetzte Mrs. Tulliver, ihr Geſicht an die warme jugendliche Wange drückend, „ich muß vorlieb nehmen mit meinen Kindern, denn ich kriege keine mehr. Und wenn ſie mir Unglück bringen, ſo muß mir auch dies lieb ſein; an was ſonſt könnte ich mein Herz hängen, da meine Aus⸗ ſteuer ja längſt dahin iſt? Und Du biſt einmal recht gut geweſen; ich kann mir nicht denken, wie es ſo arg mit Dir geworden ſein ſoll.“ Es vergingen noch zwei oder drei Tage, ohne daß Maggie etwas von Philipp hörte. Die Angſt um ihn wurde in ihr ſo übermäßig, daß ſie ſich ein Herz faßte, den Doctor Kenn bei ſeinem nächſten Beſuch zu befragen. Er wußte nicht einmal, ob Philipp ſich in St. Oggs befand. Der alte Wakem war in Folge gehäufter Widerwärtigkeiten ſehr übel gelaunt; auf das Unglück des jungen Jetſome, dem er augenſcheinlich ſehr zugethan geweſen, kam die Cataſtrophe, welche für die Hoffnungen ſeines Soh⸗ nes verhängnißvoll wurde, nachdem er ihnen ſeine 6 256 eigenen Gefühle zum Opfer gebracht und dies ſogar unvorſichtiger Weiſe in St. Oggs ausgeſagt hatte. So kam es denn, daß ſich ſein barſches Weſen faſt zur Wuth ſteigerte, wenn man ihn wegen ſeines Sohnes fragte. Philipp konnte nicht wohl krank ſein, da die Beſuche des Arztes aufgefallen wären; es ſchien deßhalb wahrſcheinlich, daß er für eine Weile die Stadt verlaſſen hatte. Maggie litt ſehr unter dieſer Ungewißheit, und ihre Phantaſie trug ſich unabläſſig mit Bildern von Philipps Kummer. Was mochte er wohl von ihr glauben? Endlich brachte ihr Bob einen Brief ohne Poſt⸗ zeichen; die Adreſſe an ſie war eine bekannte Schrift, dieſelbe Hand, welche ihren Namen vor langer Zeit in eine Taſchenausgabe des Shakeſpeare, die ihr ge⸗ hörte, eingezeichnet hatte. Mrs. Tulliver war im Zimmer; Maggie eilte daher in großer Aufregung nach ihrem Schlafſtübchen hinauf, um den Brief un⸗ geſtört leſen zu können. Die Schläfen klopften ihr, als ſie den Inhalt durchflog. „Maggie! „Ich glaube an Sie— weiß, daß es nie Ihre Abſicht war, mich zu täuſchen— weiß, daß Sie es verſucht haben, mir und Allen die Treue zu bewahren. Ich glaubte dies, eh' ich einen ande⸗ ren Beweis dafür beſaß, als den, welchen mir Ihr ganzes Weſen bietet. In der Nacht, in wel⸗ cher ich Sie zum letztenmal ſah, habe ich ſchwere Qualen durchgemacht. Ich hatte mich mit eigenen Augen überzeugt, daß Sie nicht frei waren— daß es Jemand gab, deſſen Nähe eine Macht über Sie übte, wie die meinige nie; aber durch 257 alle die Einflüſterungen— faſt mordgierigen Ein⸗ flüſterungen der Wuth und der Eiferſucht brach ſich mein Geiſt Bahn zu dem Glauben an Ihre Wahrhaftigkeit. Ich war überzeugt von Ihrem guten Willen, an mir feſtzuhalten, wie Sie ſagten, und glaubte, daß Sie ihn zurückgewieſen hatten, daß Sie ſich Gewalt anthaten, auf ihn zu verzichten um Luciens und um meinetwillen. Aber ich konnte für Sie nur einen verhängnißvollen Ausgang abſehen, und dieſe Furcht ließ den Gedanken an eine Entſagung nicht in mir aufkommen. Ich ſah voraus, daß er nicht von Ihnen ablaſſen würde, und glaubte damals, wie ich es noch jetzt glaube, daß die ſtarke Anziehung zwiſchen euch beiden nur von einer Seite eurer Charaktere ausgehe und jener partiellen, getheilten Thätigkeitsſphäre un⸗ ſerer Natur angehöre, welche zur Hälfte die Tra⸗ gödie des menſchlichen Schickſals ausmacht. Ich habe in Ihrem Weſen das Erbeben von Saiten gefühlt, die ich in dem ſeinigen nie wahrgenom⸗ men. Aber vielleicht bin ich im Irrthum; viel⸗ leicht fühle ich in Beziehung auf Sie, was der Künſtler bei der Scene empfindet, über der ſeine Seele mit Liebe gebrütet hat; er zittert bei dem Gedanken, ſie anderen Händen vertrauen zu müſſen und kann nie glauben, daß ſie für Jemand an⸗ ders dieſelbe Schönheit und hohe Bedeutung habe, wie für ihn. „Ich wagte mich an jenem Morgen nicht in Ihre Nähe; meine Seele war voll ſelbſtſüchtiger Leidenſchaft und mein Körper gelähmt von den wachen Delirien der Nacht. Ich ſagte Ihnen lange Eliot, Die Mühle am Floß. III. 17 2⁵8 vorher, das Entſagen, ſelbſt nach Maßgabe der Mittelmäßigkeit meiner Vermögen, ſei nie meine Sache geweſen; wie hätte ich mich ergeben können in den Verluſt des Einzigen auf Erden, in welchem ich die Verheißung einer ſo hohen Wonne ſah, daß ſie dem vorausgegangenen Schmerz eine neue und ſegenvolle Bedeutung gab— die Verheißung eines anderen Ichs, das meine ſchmerzliche Sehnſucht zu der göttlichen Luſt eines ſtets jungen und ſtets befriedigten Bedürfniſſes erhob? „Aber das Elend jener Nacht hat mich vorbereitet auf das, was vor der nächſten kam. Es über⸗ raſchte mich nicht. Ich fühlte, daß er Sie ver⸗ mocht hatte, ihm Alles zu opfern, und erwartete nichts Anderes, als Kunde zu erhalten von der Heirath. Ich bemaß Ihre und ſeine Liebe nach der meinigen. Aber ich hatte Unrecht, Maggie. Es iſt etwas Stärkeres in Ihnen als Ihre Liebe zu ihm. „Ich will Ihnen nicht ſagen, was ich ſeit jener Zeit durchgemacht habe. Aber ſelbſt in den Augen⸗ blicken bitterſter Schmerzen, welche die Liebe durch⸗ machen muß, um ſich der Hüllen ſelbſtſüchtiger Begierden zu entäußern— reichte meine Liebe zu Ihnen aus, mich ohne Beihilfe eines anderen Mo⸗ tios vor Selbſtmord zu bewahren. Selbſt in mei⸗ nem Egoismus konnte ich den Gedanken nicht er⸗ tragen, als ein Geſpenſt durch das Feſtmahl Ihrer Freude zu ſchleichen. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, aus einer Welt zu ſcheiden, in der Sie noch lebten und vielleicht meiner bedurften; es war ein Theil der Treue, die ich Ihnen ge⸗ 259 lobt hatte— zu warten und zu dulden. Maggie, dieſe meine Zuſchrift möge Ihnen als Verſicherung dienen, daß ich in keinem Schmerz, den ich um Ihretwillen zu tragen hatte, einen zu hohen Preis ſehe für das neue Leben, das mir in der Liebe zu Ihnen aufging. Ich wünſche, daß Sie ſich nicht grämen wegen des mir zugefügten Leides. Ich bin in der Schule der Entbehrung herangewachſen und habe nie auf Glück gerechnet; als ich Sie ken⸗ nen und lieben lernte, iſt mir ein unveräußerliches Gut zugefallen, das mich mit dem Leben verſöhnt. Sie waren meinem Herz, was das Licht, die Farbe meinen Augen, die Muſik meinem inneren Ohr iſt; Sie haben meine unklare Ruheloſigkeit zum leben⸗ digen Bewußtſein gehoben. Das neue Leben, das ich in der Theilnahme an Ihren Freuden, an Ihrem Schmerz fand und das mich dieſelben inniger fühlen ließ, als die eigenen, hat den Geiſt des rebelliſchen Murrens in den eines willigen Duldens umge⸗ wandelt, aus dem die kräftigſten Sympathieen quellen. Ich glaube, nur eine ſolche vollkommene, Alles überwindende Liebe vermochte mich tauglich zu machen für das erweiterte Leben, welches dar⸗ aus ſein ſtetiges Wachsthum holt, daß es das Leben Anderer in ſich aufnimmt; denn früher wurde ich ſtets davon abgezogen durch ein ſtets gegen⸗ wärtiges peinvolles Selbſtbewußtſein. Bisweilen denke ich ſogar, das Geſchenk eines übertragenen Lebens, das mir in der Liebe zu Ihnen zu Theil wurde, dürfte ſich in mir zu einer neuen Kraft entfalten.. „So ſind Sie denn, meine Theure, 15 alles 260 Geſchehenen der Segen meines Daſeins geweſen. Quälen Sie ſich nicht mit Selbſtvorwürfen um meinetwillen. Sollte doch eher ich mir Vorwürfe machen, weil ich Ihnen meine Gefühle aufdrang und Sie zu übereilten Zuſagen veranlaßte, die wie Feſſeln auf Ihnen laſteten. Sie wollten die⸗ ſen Zuſagen treu bleiben und ſind es wirklich ge⸗ blieben. Ich kann Ihr Opfer aus dem ermeſſen, was ich ſelbſt während einer einzigen halben Stunde in Ihrer Nähe empfand, in der ich träumte, daß Ihre volle Liebe mir gehöre. Aber Maggie, ich habe nur an Ihre liebevolle Erinne⸗ rung einen gerechten Anſpruch. „Ich ſcheute mich lange, Ihnen zu ſchreiben, weil ich ſelbſt den Schein vermeiden wollte, als wünſche ich mich Ihnen aufzudringen und ſo den alten Irrthum erneuen; aber Sie werden meine Abſicht nicht mißdeuten. Ich weiß, daß wir uns lange nicht wieder nahe kommen dürfen; wenn auch nichts ſonſt, ſo zwingen uns die böſen Zun⸗ gen dazu. Aber ich werde nicht fortgehen. Der Ort, wo Sie ſind, iſt der einzige, wo mein Geiſt weilen kann, und wenn ich auch die ganze Welt durchreiste. Vergeſſen Sie nicht, daß ich unwan⸗ delbar der Ihrige bin— der Ihrige, nicht in Folge ſelbſtſüchtiger Wünſche, ſondern mit einer Ergebung, welche ſolche Wünſche ausſchließt. „Gott tröſte Sie, Maggie, mit Ihrer liebe⸗ vollen, großen Seele. Wer ſonſt auch Sie ver⸗ kannt haben mag, erinnern Sie ſich, daß der⸗ jenige, deſſen Herz Ihnen vor zehn Jahren werth war, nie einen Zweifel in Sie ſetzte. 261 „Wenn Ihnen Jemand ſagt, ich ſei krank, weil ich mich nicht außer Haus ſehen laſſe, ſo glauben Sie ihm nicht. Ich habe nur an nervöſem Kopf⸗ weh gelitten, das nicht ſchlimmer war, als wie es mich ſchon früher plagte. Aber die große Hitze macht mich geneigt, den Tag in vollkommener Ruhe zuzubringen. Ich bin kräftig genug, um jeder Aufforderung zum Beiſtand mit Rath und That zu entſprechen, die Sie an mich ergehen laſſen ſollten. „Der Ihrige bis in den Tod, „Philipp Wakem.“ Als Maggie, dieſen Brief unter ſich zuſammen⸗ gepreßt, ſchluchzend neben ihrem Bette niederkniete, ſuchte ſie ihren Gefühlen wieder und wieder, faſt immer mit den gleichen Worten, in dem geflüſterten Ausruf Luft zu machen: „Ach Gott, gibt es denn ein Glück in einer iebe, die mich ihre Schmerzen vergeſſen machen onnte?“ Viertes Kapitel. Maggie und Lucie. Zu Ende der Woche hatte Doctor Kenn die Ueberzeugung gewonnen, daß es nur einen einzigen Weg gab, in St. Oggs Maggie ein paſſendes Unter⸗ kommen zu verſchaffen. Trotz zwanzigjähriger Er⸗ fahrung in der Seelſorge bemerkte er mit Entſetzen, daß man ungeachtet des vorliegenden Gegenbeweiſes hartnäckig fortfuhr, die Thatſachen boshaft zu ent⸗ 262 ſtellen. Bisher war er mehr als ihm lieb angebetet und in allen Angelegenheiten um Rath angegangen worden; wenn er aber jetzt verſuchte, in Beziehung auf Maggie Tulliver den Frauen Vernunft zu pre⸗ digen und in's Gewiſſen zu ſprechen, ſo fand er, daß er ſo machtlos war, als ob er ſich unterfangen hätte, ſeinen Einfluß auf die Form der Damenhüte ausdehnen zu wollen. Man konnte ihm natürlich nicht widerſprechen und hörte ihn daher ſchweigend an; ſobald er aber das Zimmer verlaſſen, hatte eine Vergleichung der Anſichten ſeiner Zuhörer zur Folge, daß es ſtets beim Alten blieb. Miß Tulliver hatte ſich unläugbar auf eine tadelnswerthe Weiſe benommen, wie ſelbſt Doctor Kenn nicht in Abrede zog; wie mochte er alſo ſie ſo oberflächlich beurthei⸗ len und Allem, was ſie gethan, eine ſo günſtige Auslegung geben? Selbſt wenn man annahm, was doch dem Glauben das Aeußerſte zumuthen hieß, daß nämlich nichts von alle dem, was über Miß Tulliver geſprochen worden, wahr ſei, ſo war ſie doch einmal damit in's Gerede und in einen üblen Geruch gekommen, ſo daß kein Frauenzimmer, das auf ſeinen eigenen Ruf oder auf die Ehre der Ge⸗ ſellſchaft hielt, mit ihr verkehren konnte. Maggie bei der Hand zu nehmen und zu ſagen:„Ich will ohne Beweis nichts Schlimmes von Dir glauben; auch ich bin eine irrende Sterbliche, welche die Unzu⸗ länglichkeit ihrer feſteſten Entſchließungen fühlt und dem Straucheln unterworfen iſt; Dein Schickſal iſt ſchwerer, Deine Verſuchung größer geweſen, als die meinigen; wir wollen einander helfen feſtzuſtehen und nicht mehr zu fallen“— ich ſage, dies zu thun, würde 263 Muth, tiefes Mitleid, Selbſtkenntniß und edles Ver⸗ trauen, überhaupt einen Geiſt gefordert haben, der nicht einen Genuß fand in üblen Nachreden, keine Selbſterhöhung fühlte im Verdammen und ſich nicht mit hochtönenden Worten in den Glauben hinein betrog, als könne irgend ein Lebenszweck erreicht werden oder der Religion ein Dienſt geſchehen, wenn man von dem Streben nach vollkommener Wahr⸗ heit, von der Gerechtigkeit und von der Liebe gegen gewiſſe männliche oder weibliche Nebenmenſchen, welche auf unſerer Erdenbahn mit uns in Berüh⸗ rung kommen, Umgang nimmt. Die Damen von St. Oggs ließen ſich nicht auf weite philoſophiſche Speculationen ein, hatten aber doch einen abſtracten Lieblingsbegriff, Geſellſchaft genannt, der ihre Ge⸗ wiſſen vollkommen beruhigte, wenn ſie thaten, was ihrer Selbſtſucht ſchmeichelte— im gegenwärtigen Fall von Maggie Tulliver das Schlimmſte dachten und redeten und ihr den Rücken zukehrten. Es war natürlich für Doctor Kenn ſehr verdrießlich, daß er nach zweijähriger überflüſſiger Beräucherung durch ſeine weiblichen Pfarrkinder finden mußte, wie ſie auf ihren Anſichten im Widerſpruch mit den ſeinigen, ja ſogar im Widerſpruch mit einer höheren Autori⸗ tät, die ſie lange verehrt hatten, beharrten. Dieſe Autorität hat eine unbedingte Antwort für Alle, welche in der Ungewißheit, wo ihre geſellſchaftlichen Pflichten beginnen, etwa geneigt ſind, den Ausgangs⸗ punkt willkührlich anzunehmen, und zielt nicht etwa auf das ſchließliche Wohl der Geſellſchaft, ſondern auf einen beſtimmten Menſchen ab, der in Noth an dem Wege lag. 264 Nicht daß St. Oggs der Frauen mit Gewiſſen⸗ haftigkeit und Zartgefühl ganz entbehrt hätte; wahr⸗ ſcheinlich beſaß ſie eben ſo gut ihren Antheil an Herzensgüte, wie heut zu Tage jede andere kleine Handelsſtadt. Aber wie nicht jeder wackere Mann tapfer iſt, ſo müſſen wir auch erwarten, unter den wackeren Frauen furchtſame zu finden, und zwar ſolche, die zu furchtſam ſind, um an die Richtigkeit ihrer beſten Eingebungen zu glauben, wenn ſie eine Majorität gegen ſich haben. Und nicht einmal wacker waren alle Männer von St. Oggs, denn es gab manche darunter, die einen Klatſch liebten, in einer Ausdehnung ſogar, die ſich von der gewöhnlichen Fraubaſerei nur durch Einmengung männlicher Späſſe und ein gelegentliches Achſelzucken über den gegen⸗ ſeitigen Haß des Weibervolks unterſchied. Es galt unter den Männern von St. Oggs allgemein die Meinung, daß man ſich nicht darein mengen dürfe, wenn die Weiber ſich wechſelſeitig ſchlecht machten. Und ſo fand ſich Doctor Kenn in allen Rich⸗ tungen, in welchen er Wohlwollen für Maggie zu wecken und ihr eine Beſchäftigung auszuwirken bemüht war, in ſeinen Hoffnungen getäuſcht. Mrs. Jane Torry konnte ſich nicht entſchließen, ſie auch nur zeitweilig zu ihren Kindern zu nehmen— ein jun⸗ ges Frauenzimmer, über die man„ſolche Sachen ausgeſagt hatte“ und über die„die Herrn ſich luſtig machten“; und Miß Kirke, die von einem Rücken⸗ markleiden behaftet war, und einer Geſellſchafterin und Vorleſerin bedurfte, fühlte ſich feſt überzeugt, Maggie's Geiſt müſſe von einer ſolchen Beſchaffenheit ſein, daß ſie für ihre Perſon keinerlei Berührung mit 265 demſelben wagen dürfe. Warum nahm Miß Tulli⸗ ver nicht den Schutz an, welchen ihre Tante Glegg ihr geboten hatte? eine ſolche Ablehnung ſchickte ſich durchaus nicht für ein Mädchen wie ſie. Oder warum ging ſie nicht aus der Gegend, um da, wo man ſie nicht kannte, eine Stelle anzunehmen?(Es war augenſcheinlich nicht von Belang, wenn ſie ihre gefährliche Neigungen in fremde, zu St. Oggs nicht bekannte Familien einführte.) Sie mußte ſehr keck und verhärtet ſein, daß ſie in einer Stadt bleiben mochte, wo Alles ihr nachſah und man ſich ſo viel von ihr zu erzählen wußte. Doctor Kenn war ein Mann von Feſtigkeit und begann als ſolcher, wie es leicht geſchieht, wenn man von einer Oppoſition geſpornt wird, eine Ent⸗ ſchiedenheit zu zeigen, welche ſogar über das Maß der Nothwendigkeit hinausging. Er brauchte ſelbſt eine Gouvernante für ſeine jüngeren Kinder, und obgleich er Anfangs Bedenken getragen hatte, dieſe Stelle Maggie anzubieten, ſo wurde jetzt der Ent⸗ ſchluß, mit der ganzen Macht ſeines perſönlichen und amtlichen Charakters zu hindern, daß das arme Mädchen nicht als Opfer der Verläumdung die Stadt verlaſſen müſſe, für ihn maßgebend. Maggie über⸗ nahm bereitwillig einen Dienſt, der ihr eine würdige Beſchäftigung und zugleich ein beſcheidenes Aus⸗ kommen verlieh; den Tag über hatte ſie zu thun, und die Abende konnte ſie in ruhiger Einſamkeit zubringen. Sie brauchte ihrer Mutter nicht länger das Opfer aufzuerlegen, bei ihr zu bleiben, und Mrs. Tulliver ließ ſich bereden, nach der Mühle zurückzukehren. 266 Aber nun begann man die Entdeckung zu machen, daß Doctor Kenn, den man bisher für ein Muſter gehalten, ſeine Launen, vielleicht ſogar Schwächen hatte. Der männliche Geiſt von St. Oggs lächelte ſchalkhaft und wunderte ſich gar nicht darüber, daß Kenn gerne ein Paar ſchöne Augen um ſich ſah und ſich geneigt zeigte, die Vergangenheit in einem mil⸗ den Lichte zu betrachten; der weibliche Geiſt da⸗ gegen, welcher in dieſer Frage nicht ſo viel galt, gewann dem Fall einen melancholiſcheren Geſichts⸗ punkt ab. Wenn Doctor Kenn ſich etwa verführen ließ, dieſe Miß Tulliver zu heirathen! Man durfte keinem Mann, ſelbſt dem beſten nicht, trauen. Ein Apoſtel war gefallen und hatte hintendrein bitterlich geweint; und obgleich die Verläugnung des Petrus nicht gerade ein ähnlicher Vorgang genannt werden konnte, ſo war dafür um ſo wahrſcheinlicher auf das Eintreten der Reue zu zählen. Maggie war noch nicht viele Wochen täglich in das Pfarrhaus gewandelt, als die ſchreckliche Mög⸗ lichkeit, ſie könnte mit der Zeit Frau Pfarrerin wer⸗ den, ſchon mit ſolcher Zuverſichtlichkeit umhergetragen wurde, daß die Frauen bereits ſich zu beſprechen begannen, wie ſie ſich unter ſolchen Umſtänden gegen ſie benehmen ſollten. Denn man wollte wiſſen, man habe den Doctor eines Morgens, als Miß Tulliver ihren Unterricht ertheilte, eine halbe Stunde in dem Schulzimmer geſehen; andere ſagten, dies geſchehe jeden Morgen, und er habe ſie einmal— einmal nur? nein, faſt immer— nach Haus begleitet, oder wenn nicht, ſie doch Abends in ihrer Wohnungsbeſucht. Was dies für ein hinterliſtiges Geſchöpf war! Welch 1 267 eine Mutter für dieſe Kinder! Die arme Mrs. Kenn würde ſich in ihrem Grab umkehren, wenn ſie wüßte, daß ihre Waiſen kaum ein Paar Wochen nach ihrem Tod der Pflege eines ſolchen Mädchens anheimfielen. Trieb er wohl die Unſchicklichkeit ſo weit, ſie zu heirathen, eh' das Jahr um war? her männliche Geiſt wurde ſarcaſtiſch und meinte ein. Die Fräulein Gueſt fanden in der Thorheit ihres Pfarrers eine Erleichterung für ihr Leid. Ihr Bru⸗ der wenigſtens war jetzt ſicher. Stephens Starrſinn hatte ihnen ſtets Unruhe eingeflößt; denn ſie fürch⸗ teten, er werde zurückkommen und Maggie heirathen. Sie gehörten nicht unter diejenigen, welche dem Brief ihres Bruders keinen Glauben ſchenkten, hatten aber kein Vertrauen zu Maggie'’s Beharren auf ihrer Entſagung, indem ſie meinten, nur die Entführung, nicht aber der Heirathsantrag habe ſie erſchreckt, und ſie bleibe nur deßhalb in St. Oggs, weil ſie erwarte, er werde ſie da wieder aufſuchen. Die Perſon war ihnen immer widerwärtig geweſen; jetzt hielten ſie dieſelbe für hinterliſtig und ſtolz, ohne dafür einen beſſeren Grund zu haben, als zu jedem beliebigen anderen Urtheil. Sie hatten früher auch kein beſonderes Wohlgefallen gehabt an der beab⸗ ſichtigten Verbindung mit Lucien; jetzt aber ſteigerte die Furcht vor einer Heirath zwiſchen Stephen und Maggie das Gefühl für die arme Verlaſſene zu einer wahren Theilnahme und Entrüſtung, und ſie wünſchten, daß er wieder zu ihr zurückkehre. So⸗ bald Lucie zu reiſen im Stande war, ſollte ſie in Geſellſchaft der Fräulein Gueſt gegen die drückende 268 Auguſthitze Schutz an der Küſte ſuchen; es gehörte in den Plan der Schweſtern, daß Stephen dort ſich ihnen anſchloß. Sobald der Klatſch über Maggie und Doctor Kenn auskam, trugen ſie pflichtlich Sorge, ihren Bruder von dem Gerücht in Kenntniß zu ſetzen. Maggie erhielt durch ihre Mutter, Tante Glegg oder Doctor Kenn häufig Nachricht von Luciens all⸗ mählichem Beſſerwerden und weilte mit ihren Ge⸗ danken ſtets in dem Haus ihres Onkels Deane; ſie hungerte nach einer Zuſammenkunft mit Lucien, wäre es auch nur auf fünf Minuten, um gegen ſie ihre Reue ausſprechen und den Blicken und Lippen ihrer Couſine die Verſicherung entnehmen zu können, daß ſie nicht an einen abſichtlichen Verrath von Seite der⸗ jenigen glaube, welcher ſie ihr Vertrauen und ihre Liebe geſchenkt hatte. Sie wußte übrigens, ſelbſt wenn ihr nicht das Haus ihres entrüſteten Onkels verſchloſſen geweſen wäre, daß die Aufregung einer ſolchen Begegnung ſich für Lucien von ſelbſt verbot. Aber es wäre ſchon eine Erleichterung für Maggie geweſen, ſie nur zu ſehen, wenn auch nicht zu ſprechen; denn es ſchwebte ihr immer ein bei aller Sanft⸗ muth grauſames Geſicht vor, deſſen ſie ſich ſo gut erinnern konnte mit ſeinen frohherzigen ſüßen Blicken der Liebe und des Vertrauens, und jetzt hatte der erſte Herzſtoß ſie in Blicke des Schmerzes und der Trauer umgewandelt. Im Verlauf der Zeit wurde das bleiche Geſicht immer deutlicher und gewann unter dem rächenden Stachel des Gewiſſens immer beſtimmtere Umriſſe; ſtets hafteten die ſanften nuß⸗ braunen Augen mit ihrem wehmüthigen Ausdruck 269 auf Maggie und ſchnitten ihr um ſo tiefer in die Seele, da ſie keinen Zorn darin ſehen konnte. Lucie war indeß noch nicht im Stande, zur Kirche oder nach irgend einem Platz zu gehen, wo Maggie ſie ſehen konnte, und ſelbſt die Hoffnung darauf ent⸗ ſchwand, als ſie von ihrer Tante erfuhr, Lucie reiſe wirklich in einigen Tagen mit den Fräulein Gueſt nach Scarborough ab, wo dieſe mit ihrem Bruder zuſammenzukommen erwarteten. Nur wer den ſchwerſten inneren Kampf ſelbſt durchgemacht hat, kann wiſſen, wie es Maggie war, als ſie den Abend, nachdem ſie von Mrs. Glegg die erwähnte Kunde erhalten, einſam in ihrem Stüb⸗ chen ſaß; nur wer die Furcht vor den eigenen ſelbſt⸗ ſüchtigen Begierden kennt, wie etwa die wachende Mutter, kann eine Angſt haben vor dem Schlaftrunk, der ihren Schmerz ſtillen ſoll. Sie ſaß ohne Licht in der Dämmerung und ihr Fenſter ſtand gegen den Fluß hin offen; das Ge⸗ fühl der drückenden Hitze miſchte ſich unbeſtimmt in das von dem Gewicht ihres Schickſals. Ihr Stuhl ſtand am Fenſter und ihr Arm ruhte auf dem Fenſter⸗ ſims; ſie blickte ſtarr hinaus auf die raſche Strö⸗ mung der vorrückenden Fluth und gab ſich Mühe, ſich das ſüße Geſicht in ſeiner vorwurfsfreien Trauer zu vergegenwärtigen, das jeweilig zu verſinken und hinter einer Geſtalt ſich zu verbergen ſchien, welche ſich dazwiſchen warf und Dunkelheit verbreitete. Als ſie die Thüre aufgehen hörte, meinte ſie, Mrs. Jakin bringe wie gewöhnlich das Nachteſſen, und mit jenem Widerſtreben gegen triviale Reden, das gerne der Ermattung und dem Unglück anhaftet, mochte ſie 270 nicht einmal ſich umwenden und ſagen, daß ſie nichts eſſen wolle, da ſonſt wohl die gute kleine Mrs. Jakin eine gutgemeinte Gegenbemerkung gemacht hätte. Aber im nächſten Augenblick— ſie hatte keinen Fußtritt vernommen— fühlte ſie eine leichte Hand auf ihrer Schulter, und dicht neben ihr ſagte eine ſanfte Stimme„Maggie!“ Das Geſicht war da— verändert, aber nur um ſo lieblicher; die nußbraunen Augen waren da mit ihrer herzzerreißenden Liebesfülle. „Maggie!“ ſagte die ſanfte Stimme. „Lucie!“ klang es entgegen wie ein ſchriller Schmerzenslaut. Und Lucie ſchlang ihre Arme um Maggie's Nacken und legte ihre. bleiche Wange an die heiße Stirne der letzteren. „Ich habe mich herausgeſtohlen,“ ſagte Lucie faſt flüſternd, während ſie dicht neben Maggie ſich niederſetzte und ihre Hand ergriff,„als Papa und die übrigen fort waren. Alice iſt mit mir gekommen; ich habe ſie gebeten, mir an die Hand zu gehen. Aber ich darf mich nur ganz kurze Zeit aufhalten, weil es ſchon ſo ſpät iſt.“ Es war leichter, zur Einleitung dies als irgend etwas Anderes zu ſagen. Sie ſaßen da und ſahen einander an. Es hatte den Anſchein, als ſolle es bei dieſer Begegnung gar nicht zum Sprechen kom⸗ men, ſo ſchwer ließen ſich die Worte finden. Aber bald begann in Maggie jeder beſtimmte Gedanke von dem Wellenſchlag liebevoller Reue überfluthet zu werden, und unter Schluchzen brach ſich die Rede Bahn. 271 „Gott ſegne Dich, daß Du gekommen biſt, Lucie.“ Das Schluchzen machte fort in erſchütternden Stößen. „Liebe Maggie, ſei getroſt,“ nahm jetzt Lucie das Wort, indem ſie wieder ihre Wangen an Mag⸗ gie's Geſicht anſchmiegte.„Gräme Dich nicht.“ Und ſie blieb ruhig ſitzen in der Hoffnung, Maggie durch dieſe zarte Liebkoſung zu beruhigen. „Ich habe Dich gewiß nicht hintergehen wollen, Lucie,“ ſagte Maggie, ſobald ſie ſprechen konnte. „Es hat mich immer elend gemacht, daß Gefühle in mir auftauchten, die ich Dich nicht mochte wiſſen laſſen.... denn ich dachte, ich werde Herr werden über ſie, und ſo werdeſt Du nie etwas ſehen, was Dir weh thun könnte.“ „Ich weiß es, meine Liebe,“ verſetzte Lucie. „Ich weiß, Du hatteſt nie die Abſicht, mich unglück⸗ lich zu machen. Es iſt eine Trübſal, die über uns Alle gekommen iſt— Du hatteſt ſchwerer getragen, als ich— und gabſt ihn auf, als.... Du haſt gethan, was Dich ſehr ſchwer ankommen mußte.“ Sie blieben wieder eine Weile, die Hände ver⸗ ſchlungen und die Wangen an einander geſchmiegt, ſtumm ſitzen. „Lucie,“ begann Maggie wieder,„auch er hat gerungen. Er wollte Dir treu bleiben. Er wird zu Dir zurückkehren. Vergib ihm— er wird dann glücklich ſein....“ Dieſe Worte rangen ſich mit einer Anſtrengung, ähnlich der, mit welcher der Ertrinkende krampfhaft 272 die Hände zuſammenkrallt, aus Maggies tieſſter Seele. Lucie zitterte und blieb ſtumm. Es pochte leiſe an die Thüre. Das Dienſtmäd⸗ chen Alice trat ein und ſagte: „Ich wage es nicht, länger zu bleiben, Miß Deane. Man wird dahinter kommen, und dann gibt es Zank wegen Ihres ſpäten Ausgehens.“ Lucie ſtand auf und entgegnete: „Gut, Alli— nur noch eine Minute.“ „Ich reiſe am Freitag ab, Maggie,“ fügte ſie bei, nachdem Alice die Thüre wieder geſchloſſen hatte. „Wenn ich wieder zurückkomme, werde ich kräftig genug ſein, ſo daß man mich thun läßt, was ich will. Ich komme dann ſo oft zu Dir, als es mir gefällt.“ „Lucie,“ verſetzte Maggie mit einer abermaligen ſchweren Anſtrengung,„ich bete unaufhörlich zu Gott, daß ich für Dich nie mehr Anlaß zum Kummer wer⸗ den möge.“ Sie drückte die kleine Hand, die ſie zwiſchen den ihrigen hielt, und blickte zu dem ihr zugewendeten Antlitz auf. Lucie vergaß dieſen Blick nie. „Maggie,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme und mit der Feierlichkeit eines Bekenntniſſes,„Du biſt beſſer als ich. Ich kann nicht. Sie brach hier ab und ſprach nicht weiter; aber ſie hielten einander in einer letzten Umarmung um⸗ ſchlungen. 273 Fünftes Kapitel. Der letzte Kampf. In der zweiten Woche des Septembers ſaß Maggie wieder in ihrem einſamen Stübchen und kämpfte mit den alten ſchattenhaften Feinden, die, wenn ſie für immer erſchlagen zu ſein ſchienen, ſtets wieder von Neuem aufſtanden. Es war Mitternacht vorbei, und der Regen ſchlug, vom ſauſenden und ſtöhnenden Wind gejagt, ſchwer gegen das Fenſter. Den Tag nach Luciens Beſuch war nämlich ein plötzlicher Witterungswechſel eingetreten; die Hitze und Trockenheit hatte kalten, veränderlichen Winden und zeitweiligen ſtarken Regengüſſen Platz gemacht, ſo daß die beabſichtigte Reiſe bis auf beſtändigeres Wetter verſchoben werden mußte. In den Strichen höher aufwärts am Floß war der Regen anhalten⸗ der geweſen, ſo daß man die Ernte nicht hatte be⸗ endigen können. Während der letzten zwei Tage war auch im unteren Floßgebiet ſtetiger ſtarker Regen gefallen, ſo daß die alten Leute die Köpfe ſchüttelten und von einer ähnlichen Witterung vor ſechzig Jah⸗ ren ſprachen, die um die Zeit der Tagundnachtgleiche eine mächtige Ueberſchwemmung herbeiführte, welche die Brücke hinwegriß und großes Elend über die Stadt brachte. Aber die jüngere Generation, die ſchon mehrere kleine Ueberſchwemmungen geſehen hatte, machte ſich nicht viel aus dieſen düſteren Er⸗ innerungen und Prophezeihungen, und Bob Jakins mit dem ihm angeborenen Hang, ſein eigenes Glück im hoffnungsvollſten Lichte zu betrachten, lachte über Eliot, Die Mühle am Floß. III. 18 274 ſeine Mutter, als dieſe über die Erwerbung eines Hauſes am Flußufer jammerte; dies ſei ja eben gut, da ſie ſonſt keine Boote hätten, die doch im Fall einer Ueberſchwemmung, welche die Leute nöthige, das Eſſen weit her zu holen, ein werthvoller Beſitz ſeien. Doch die Unbekümmerten wie die Furchtſamen ſchliefen jetzt in ihren Betten. Es war Hoffnung vorhanden, daß der Regen mit dem Morgen nach⸗ laſſen würde; die Jungen entſannen ſich, daß es bei pbloöblichem Thauwetter nach ſtarkem Schneefall oft ſchon ſchlimmer ausgeſehen habe, und im äußerſten Fall war anzunehmen, daß, wenn die Fluth mit Un⸗ geſtüm herankam, die Uferwehren ſchon weiter unten „ am Fluß einbrachen, das Waſſer alſo abfließen konnte, 4½ mehr als eine vorübergehende Unbequemlichkeit herbeizuführen. Fühlbare Verluſte mochten vielleicht 4. die ärmere Klaſſe treffen; doch da ließ ſich durch Mildthätigkeit abhelfen. Es war Mitternacht vorbei und Alles zu Bette, mit Ausnahme ſolcher einſamen Wachenden, wie un⸗ ſere Maggie war. Sie ſaß in ihrem kleinen, gegen den Fluß hinausgehenden Stübchen und hatte auf dem Tiſch ein Licht ſtehen, das nur einen daneben liegenden Brief mit einiger Deutlichkeit erhellte. Dieſer Brief, der ihr heute zugekommen, war eine von den Urſachen, welche ſie bis tief in die Nacht hinein auf erhielten; ſie wußte nichts von dem Flug b der Stunden und dachte nicht an ihr Lager; kein Gedanke an Ruhe kam ihr zu Sinn, als der an jene weit abgelegene, aus der ſie nicht mehr zu erwachen brauchte zu den Kämpfen des Erdenlebens. 275 Zwei Tage vor dem Einlaufen dieſes Briefes war ſie zum letztenmal im Pfarrhaus geweſen. Der ſchwere Regen würde ſie gehindert haben, hinzu⸗ gehen; aber diesmal leitete ſie ein anderer Beſtim⸗ mungsgrund. Doctor Kenn, der Anfangs nur durch einige Winke ein Licht erhielt über die neue Wen⸗ dung, welche die Klatſch⸗ und Läſterſucht in Be⸗ ziehung auf Maggie eingeſchlagen, war in jüngſter Zeit deutlicher darauf hingewieſen worden durch die ernſte Vorſtellung eines männlichen Gemeindemit⸗ glieds, welcher ihm auseinander ſetzte, wie unklug es ſei, die öffentliche Meinung durch einen beharr⸗ lichen Widerſtand umſtoßen zu wollen. Doctor Kenn, der in der Sache nichts Arges fand, hatte wohl Luſt, beharrlich zu bleiben, und war nicht geneigt, vor einer ungerechten öffentlichen Meinung, die er verachtete, die Segel zu ſtreichen; aber am Ende ließ er ſich doch durch die Berückſichtigung der eigen⸗ thümlichen Verantwortlichkeit herumbringen, die an ſeinem Amt haftete und ihn ſogar den böſen Schein meiden hieß— einen„Schein“, der immer von dem durchſchnittlichen geiſtigen Werth der Umgebung ab⸗ hängt. Wo die Geiſter roh und gemein ſind, hat der Schein einen verhältnißmäßig ſehr weiten Spiel⸗ raum. Vielleicht gerieth er in Gefahr, aus Starr⸗ ſinn zu handeln; vielleicht war es ſeine Pflicht, nach⸗ zugeben. Gewiſſenhafte Leute ſind ſo gern geneigt, in dem ihre Pflicht zu ſehen, was ſie am ſchwerſten ankömmt, und für Doctor Kenn war ein Zurück⸗ treten immer ſehr peinlich. Er entſchied ſich deßhalb dafür, Maggie zu rathen, daß ſie für eine Weile St. Oggs verlaſſe, und erfüllte dieſe Aandabe nit mög⸗ 276 lichſtem Zartgefühl, indem er nur im Allgemeinen ſagte, er finde, daß ſein Verſuch, ihrem Verweilen an dem Platze das Wort zu reden, eine Quelle des Zwieſpalts zwiſchen ihm und ſeinen Pfarrkindern ſei, der ſeine Wirkſamkeit als Geiſtlicher beeinträchtigen könnte. Er bat ſie um die Erlaubniß, an einen ſei⸗ ner Amtsbrüder ſchreiben zu dürfen, der ſie wahr⸗ ſcheinlich als Gouvernante in ſeine Familie aufneh⸗ men werde oder doch ſonſt einen paſſenden Platz für ein junges Frauenzimmer aufzutreiben wiſſe, an deren Wohlfahrt er(Doctor Kenn) ſo großen Antheil nehme. Die arme Maggie hörte ihm mit bebenden Lip⸗ pen zu und konnte nur mit einem matten:„Ich danke Ihnen— werde Ihnen ſtets verpflichtet ſein,“ darauf antworten; dann kehrte ſie mit einem neuen Gefühl von Verlaſſenheit durch den ſchüttenden Regen nach Haus zurück. Sie war darauf angewieſen, ein⸗ ſam durch die Welt zu pilgern— mußte wieder hin⸗ aus unter fremde Geſichter, die ihr verwundert nach⸗ ſahen, weil ihr die Welt keine Freude zu bieten ſchien— und ſollte ein friſches Leben anfangen, in dem ſie ſich zuſammennehmen mußte für die Auf⸗ nahme neuer Eindrücke, obſchon ſie ſo unausſprech⸗ lich erſchöpft und elend war. Es gab keine Hei⸗ math, keine Hilfe für die Verirrte, und ſelbſt die⸗ jenigen, welche Mitleid mit ihr hatten, mußten hart gegen ſie ſein. Aber konnte ſie ſich beklagen? Durfte ſie zurückſchrecken vor der lebenslangen Reue, durch die allein ſie die Laſt anderer Leidenden erleichtern und die Verirrung der Leidenſchaft in eine neue Kraft nicht ſelbſtſüchtiger Menſchenliebe umwandeln konnte? Den ganzen nächſten Tag ſaß ſie in ihrem einſamen 277 Zimmer, wo eine Wolke und der mächtige Regen ihr Fenſter verdunkelte, gedachte der Zukunft und rang um Geduld. Konnte die arme Maggie je an⸗ ders als durch Ringen Ruhe gewinnen? Und am dritten Tag, demſelben, deſſen Schluß wir ſie haben überwachen ſehen, war der Brief an⸗ gelangt, der vor ihr auf dem Tiſch lag. Der Brief war von Stephen. Er befand ſich nicht mehr in Holland, ſondern, ſeinen Angehörigen unbewußt, wieder in Mudport, von wo aus er ihr geſchrieben und ſeine Zuſchrift einer vertrauten Per⸗ ſon in St. Oggs beigeſchloſſen hatte. Das Schrei⸗ ben war vom Anfang bis zum Ende ein leidenſchaft⸗ licher Schrei des Vorwurfs, eine Aufforderung, nicht nutzlos ihn und ſich ſelbſt zu opfern, eine Wider⸗ legung der vermeintlichen Pflicht um einer bloßen Idee willen, nicht aber wegen weſenhafter Zwecke, die Hoffnungen des Mannes zu knicken, den ſie liebte und der ſie wieder liebte mit jener überwältigenden Leidenſchaft, die der Mann nur einmal in ſeinem Leben dem Weibe zu widmen vermag. „Man hat mir geſchrieben, daß Sie den Doctor Kenn heirathen werden. Als ob ich dies glauben könnte! Vielleicht hat man Ihnen auch ſolche Fabeln von mir mitgetheilt, vielleicht Ihnen ge⸗ ſagt, ich ſei auf Reiſen“. Mein Körper hat ſich wohl irgendwo herumgeſchleppt; ich aber bin nie von dem häßlichen Platz fortgekommen, wo Sie mich verließen, wo ich auffuhr aus der Betäubung einer hilfloſen Wuth, um zu finden, daß Sie fort waren. „Maggie, welcher Schmerz wäre dem meinigen 278 zu vergleichen? Wer erleidet ſo ſchweres Unrecht wie ich? Wer außer mir begegnete jenem langen Blick der Liebe, der ſich mir in die Seele ein⸗ brannte, ſo daß kein anderes Bild darin mehr Platz finden kann? Maggie, rufen Sie mich zu ſich zurück— zurück zum Leben und zur Liebe. Jetzt bin ich aus dem Bereich beider verbannt. Es fehlt mir an jedem inneren Trieb und ich bin leichgiltig gegen Alles. Die letzten zwei Monate hden mir nur die Gewißheit geben können, daß das Leben keinen Werth für mich hat ohne Sie. Schreiben Sie mir nur ein einziges Wort— ſchreiben Sie: Komm! In zwei Tagen werde ich bei Ihnen ſein. Maggie, haben Sie vergeſſen, was es war, beiſammen zu ſein— zu weilen in dem Wechſelbereich unſerer Blicke— gegenſeitig unſere Stimmen hören zu können?“ Als Maggie zum erſtenmal dieſen Brief las, war es ihr, als habe die rechte Verſuchung erſt jetzt. begonnen. Beim Eintritt in die dunkle kalte Höhle wenden wir uns mit friſchem Muth vom warmen Lichte ab; aber wie iſt's, wenn wir weit gewandert ſind in der feuchten Nacht und plötzlich eine Oeff⸗ nung ſich über uns zeigt, die uns einlädt, zurückzu⸗ kehren zum lebenvollen Tage? Der Sprung der vom Schmerz erdrückten natürlichen Sehnſucht ge⸗ ſchieht mit ſolcher Gewalt, daß man leicht alle we⸗ niger unmittelbaren Beweggründe vergißt— bis man des Schmerzes ledig iſt. Es ſtund mehrere Stunden an, während welcher Maggie glaubte, daß all' ihr Ringen vergeblich ſei. Stundenlang wurde jeder andere Gedanke, den ſie heraufzubeſchwören ſuchte, bei Seite gedrängt durch das Bild Stephens, welcher auf das einzige Wort harrte, das ihn zu ihr bringen ſollte. Sie las den Brief nicht, ſondern glaubte deutlich die Worte zu hören, und die Stimme erſchütterte ſie mit der alten ſeltſamen Gewalt. Den ganzen vorherigen Tag war ihr das Bild einer einſamen Zukunft vorge⸗ ſchwebt, durch die ſie, nur von ihrem guten Glauben aufrecht gehalten, die Laſt der Klage hinſchleppen ſollte. Und hier in ihrem nächſten Bereich lag eine andere Zukunft, die ſogar Anſprüche an ſie erhob— eine Zukunft, in welcher ſie ein ſchweres Loos aus⸗ tauſchen konnte gegen ein ruhiges, köſtliches Anleh⸗ nen an die liebende Kraft eines Andern. Und doch wirkte die Verheißung des Glücks, die an die Stelle der Trauer trat, nicht mit der wilden Gewalt der Verſuchung auf ſie. Es war der Ton des Jammers in Stephens Brief— der Zweifel in die Gerechtig⸗ keit ihres Entſchluſſes, was die Wagſchale zum Wan⸗ ken brachte und ſie bewog, plötzlich von ihrem Sitz aufzuſpringen und nach Feder und Papier zu greifen, damit ſie niederſchreibe:„Komm!“ Aber kaum war die That vollbracht, als ſie ſchon wieder davor zurückbebte und der Geiſt des Wider⸗ ſpruchs mit ihrem vergangenen Ich in den Momen⸗ ten ihrer Kraft und Klarheit wie der Schmerz einer bewußten Herabwürdigung ſich ihrer bemächtigte. Nein— ſie mußte warten— mußte beten— das Licht, das ſie verlaſſen hatte, kam ſchon wieder; es mußte ihr bald aufs Neue ſein wie damals, als ſie entfloh unter einer Eingebung, die ſtark genug war, ihren Schmerz und ihre Liebe zu überwinden; ſie 280 konnte dann wieder fühlen, wie zur Zeit, als Lucie neben ihr ſtand— als Philipps Brief alle die Fibern, die ſie mit einer ruhigeren Vergangenheit in Verbindung ſetzten, zum Erbeben gebracht hatte. Sie ſaß bis weit in die Nacht hinein ſtill da, ohne ſich bewogen zu fühlen, in ihrer Haltung etwas zu ändern, ja ſelbſt ohne zureichende Willenskraft, einen geiſtigen Halt im Gebet zu ſuchen; ſie harrte nur des Lichtes, das ſicherlich wieder kommen mußte. In dieſer Stimmung tauchten die Erinnerungen auf, die keine Leidenſchaft auf die Dauer zu erſticken ver⸗ mochte; die lange Vergangenheit trat wieder vor ihre Seele, und zugleich begannen die Brunnen ent⸗ ſagungsvollen Mitleids, treuer Anhänglichkeit und guten Willens auf's Neue zu ſtrömen. Die von der ruhigen Hand in dem alten Büchlein angeſtrichenen Worte, die ſie längſt auswendig wußte, machten ſich von ſelbſt Luft in einem Flüſtern, das verloren ging in dem Klatſchen des an's Fenſter ſchlagenden Regens und in dem lauten Stöhnen und Sauſen des Win⸗ des:„Ich habe das Kreuz empfangen, ich habe es empfangen aus Deiner Hand; ich will es auf mich nehmen und tragen bis in den Tod, weil Du es mir auferlegt haſt.“ 3 Aber bald ſtiegen auch andere Worte auf, die 7 nur ſchluchzend hervorquollen:„Vergib mir, Ste⸗ phen. Es wird vorübergehen. Du wirſt zu ihr zu⸗ rückkehren.“. 3 Sie nahm den Brief auf, hielt ihn an das Licht und ſah zu, wie er langſam auf dem Herd ver⸗ brannte. Am Morgen wollte ſie ihm ſchreiben und auf immer von ihm Abſchied nehmen. ſ 281 „Ich will es auf mich nehmen und tragen bis in den Tod. Aber wie lange wird es anſtehen, bis der Tod kömmt! Ich bin noch ſo jung, ſo ge⸗ ſund. Woher nehme ich Kraft und Geduld? Wird der Kampf, das Unterliegen und die Reue ſich wie⸗ derholen— hat das Leben noch andere eben ſo⸗ ſchwere Prüfungen für mich?“ Mit dieſem Ruf halber Verzweiflung ſank Mag⸗ gie vor dem Tiſch auf ihre Kniee nieder und verhüllte ihr bekümmertes Geſicht. Ihre Seele nahm ihre Zuflucht zu dem unfehlbaren Erbarmen, das nicht von ihr weichen konnte bis zum Ende. Sicherlich hatte ſie aus den Nöthen, die ſie erfahren, etwas gelernt— ſie fühlte, daß ſie das Geheimniß, auch auf dem Pfade der Leiden die Nächſtenliebe zu wah⸗ ren, lernen mußte— ein Geheimniß, welches ſich nur ſelten dem aufſchließt, der nie geirrt hat.„O Gott, wenn ich noch lange leben ſoll, ſo gib, daß mein Leben Andern zum Troſt und zum Segen werde——“. In demſelben Augenblick fühlte Maggie eine ſeltſame Kälte um ihre Kniee und Füße: es ſtrömte Waſſer unter ihnen hin. Sie fuhr auf; der Strom kam von der Thüre her, die nach der Flur hinaus⸗ ging. Der Anblick hatte nichts Erſchreckendes für ſie — ſie wußte, daß der Fluß ausgetreten war. Der Sturm der Gefühle, welchen ſie in den letz⸗ ten zwölf Stunden durchgemacht hatte, ſchien in ihr eine tiefe Ruhe zurückgelaſſen zu haben; ſie eilte, ohne Lärm zu machen, nach Bob Jakins in einem höheren Stock gelegenem Schlafgemach hinauf. Die — 282 Thüre ſtand halb offen; ſie ging hinein und rüttelte ihn an der Schulter. „Bob, der Fluß iſt ausgetreten und das Waſſer ſchon im Haus. Laſſen Sie uns ſehen, ob wir nicht die Boote in Ordnung bringen können.“ Sie zündete ſein Licht an, während ſein armes Weib, das zuerſt nach dem Kleinen griff, in ein lau⸗ tes Geſchrei ausbrach; dann eilte ſie wieder hin⸗ unter, um zu ſehen, ob das Waſſer ſchnell ſtieg. Von der Thüre im Treppenhaus führte eine Stufe abwärts in ihr Zimmer; ſie bemerkte, daß das Waſſer mit dieſer Stufe bereits die gleiche Höhe hatte. Während ſie zuſah, krachte es gegen das Fenſter; der Kreuzſtock und die verbleiten Scheiben ſtürzten unter Geklirr in das Gemach, und das Waſſer drang nach. „Es iſt das Boot!“ rief Maggie.„Bob, kom⸗ men Sie herunter und ſorgen Sie für die Boote.“ Und ohne ſich im mindeſten einſchüchtern zu laſſen, patſchte ſie durch das Waſſer, das bereits bis zu ihren Knieen geſtiegen war, und kletterte im Scheine des Kerzenlichts, das ſie auf dem Treppen⸗ geländer gelaſſen, auf den Fenſterſims und von da in das Boot, deſſen Vordertheil durch das Fenſter herein ragte. Bob kam alsbald ohne Schuhe und Strümpfe, aber mit einer Laterne in der Hand, ihr nachgeeilt. „Da ſind ja beide Boote,“ ſagte er, nachdem er in das, welches bereits Maggie aufgenommen hatte, geſtiegen war.„Es iſt ein Wunder, daß dieſer Strick nicht eben ſo gut riß, wie das Anlegtau.“ Die Aufregung, in das andere Boot zu kommen, 283 3 es loszumachen und eines Ruders ſich zu bemäch⸗ tigen, ließ Bob nicht bemerken, daß Maggie ſich in einer gefährlichen Lage befand. Der Menſch iſt nicht geneigt, für den furchtloſen Genoſſen ſeiner Gefahr zu fürchten, und Bobs Geiſt war zu ſehr in An⸗ ſpruch genommen von dem, was ſich für die Sicher⸗ heit der hilfloſen Weſen im Hauſe thun ließ. War doch Maggie zuerſt aufgeweſen, hatte ihn geweck und beim Handeln die erſten Schritte gethan; daraus erwuchs denn für Bob der unbeſtimmte Eindruck, ſie werde ihm beſchützen helfen, nicht aber ſelbſt des Schutzes bedürfen. Auch ſie hatte ein Ruder aufgegriffen und das Boot vom Hauſe abgeſcho⸗ ben, um es aus dem Bereich des Fenſterrahmens zu bringen. „Das Waſſer ſteigt ſo ſchnell,“ ſagte Bob,„daß es bald die oberen Stuben erreichen wird; das Haus iſt ſo nieder. Wenn's angeht, habe ich gute Luſt, Priſſy, das Kind und die Mutter in's Boot zu ſchaffen und mich dem Waſſer anzuvertrauen, denn das alte Haus bietet nicht viel Sicherheit. Und wenn ich das Boot gehen laſſe.... aber Sie,“ rief er, plötzlich das Licht ſeiner Laterne auf Maggie fallen laſſend, die, das Ruder in der Hand, mit ſtrömendem Haar im Regen daſtand. Maggie hatte keine Zeit, zu antworten, denn eine neue Strömung der Fluth trieb ſie an der Häuſerreihe hin und führte beide Boote mit einer Kraft, welche die entgegengeſetzte des Fluſſes weit überbot, in's weite Waſſer hinaus. In den erſten Augenblicken fühlte Maggie nichts, dachte an nichts, als daß ſie raſch einem Leben ent⸗ 284 führt werde, das ſie gefürchtet hatte; es war der Uebergang zum Tod ohne deſſen Schmerzen— und ſie befand ſich in der Dunkelheit allein mit Gott. Alles war ſo raſch, ſo traumartig vor ſich ge⸗ angen, daß die Fäden der gewöhnlichen Ideenver⸗ nüpfung nicht Stand hielten. Sie ſank auf den Sitz nieder, hielt mechaniſch das Ruder feſt und gewann geraume Zeit keine beſtimmte Vorſtellung von ihrer Lage. Das Erſte, was ſie zu vollerem Bewußtſein weckte, war das Nachlaſſen des Regens und die Wahrnehmung, daß in die Dunkelheit ein mattes Licht hereinbrach, welches den überhängenden ſchwarzen Himmel von der unermeßlichen Waſſer⸗ fläche unterſchied.— Sie wurde dahin getragen von den Fluthen der Ueberſchwemmung— dieſer ſchrecklichen Heimſuchung Gottes, wie ihr Vater ſie zu nennen pflegte, die ſchon in den Träumen ihrer Kindheit gelegentlich wie ein Alp auf ſie gewirkt hatte. Und an dieſen Gedanken hefſtete ſich ein Bild von der alten Heimath, von Tom und von ihrer Mutter, die alle Zeugen geweſen waren von den Worten des Hingeſchiedenen. „O Gott, wo bin ich? Wie finde ich den Weg nach Haus?“ rief ſie in ihrer Einſamkeit. Wie ging es wohl denen in der Mühle? Sie war von der Ueberſchwemmung ſchon einmal faſt zerſtört worden und befand ſich vielleicht wieder in Gefahr. Ihre Mutter und ihr Bruder waren dort, allein— außer dem Bereich der Hilfe! Ihre ganze Seele drängte ſich in dieſem Gedanken zuſammen; ſie vergegenwärtigte ſich die theuren Geſichter, wie 28⁵ ſie in der Dunkelheit ſich nach Hilfe umſahen und keine fanden. Sie ſchwamm jetzt auf glattem Waſſer, vielleicht weit drinnen auf den überflutheten Feldern. Keine unmittelbare Gefahr hinderte ſie, im Geiſt die alte Heimath zu beſuchen, und ſie ſtrengte ihre Augen an, um durch den Vorhang der Finſterniß die Stelle zu erkennen, wo ſie ſich befand, und ſich daraus einen Schluß über die Lage des Platzes zu bilden, welcher der Mittelpunkt aller ihrer Beſorgniſſe war. O wie willkommen war ihr jetzt die Weite der unheimlichen Waſſerfläche, das allmähliche Lichter⸗ werden des wolkigen Firmaments, die ſchärfere Ab⸗ gränzung der ſchwarzen Gegenſtände über der ſpiegel⸗ glatten dunklen Ebene. Ja, ſie mußte draußen in den Feldern ſein— denn dort konnte ſie die Wipfel der an den Hecken ſtehenden Bäume unterſcheiden. In welcher Richtung lag wohl der Fluß? Sie ſchaute hinter ſich und ſah die Reihen ſchwarzer Bäume; vor ihr war nichts dergleichen vorhanden; hier alſo mußte der Fluß ſein. Sie ergriff ein Ruder und begann mit der Kraft der erwachenden Hoffnung das Boot vorwärts zu treiben. Die Däm⸗ merung ſchien ſich raſcher zu verbreiten, nun ſie in Thätigkeit war, und ſie konnte bald die armen ſtum⸗ men Thiere unterſcheiden, welche ſich auf dem Hügel, zu dem ſie ihre Zuflucht genommen, furchtſam zu⸗ ſammen drängten. Sie ruderte im lichter werdenden Morgen weiter und weiter. Ihre naſſen Kleider lagen ihrem Leibe dicht an, ihr triefendes Haar flatterte im Wind, aber körperlich war ſie kaum einer anderen Empfindung ſich bewußt, als der der Kraft, 286 welche ſie ihrer Aufregung verdankte. Mit dem Gedanken an die Gefahr und die mögliche Rettung an die unvergeßlichen Weſen in der alten Heimath verknüpfte ſich eine unbeſtimmte Vorſtellung von Ver⸗ ſöhnung mit ihrem Bruder. Welcher Hader, welche Härte, welches Mißtrauen kann fortbeſtehen Ange⸗ ſichts einer großen Gefahr, wenn alle die künſtlichen Ueberkleidungen des Lebens dahin und wir allein ſind bei einander mit den urſprünglichen Bedürfniſſen ſterblicher Weſen? Maggie fühlte dies in der Kraft ihrer wieder auftauchenden Liebe gegen den Bruder, welche alle ſpäteren Eindrücke von bitterer Kränkung und Mißverſtändniß verwiſchte und nur Raum ließ für die tiefen, unerſchütterlichen Erinnerungen ihrer früheren Einigkeit. Aber nun tauchte in der Ferne eine große ſchwarze Maſſe auf, und Maggie konnte in ihrer unmittel⸗ baren Nähe die Flußſtrömung unterſcheiden. Die dunkle Maſſe konnte nichts anderes ſein, als St. Oggs. Jetzt wußte ſie, in welcher Richtung ſie ſich nach den wohlbekannten Bäumen, den grauen Weiden, den vergilbenden Kaſtanienbäumen und dem darüber hinausragenden Dach umſehen mußte. Aber es ließ ſich noch keine Farbe, keine Form unterſcheiden; Alles ſchwamm unbeſtimmt im Grau. Die Span⸗ nung ſteigerte ſich und ihre Kräfte legten zu, als hätte ihr Leben Vorräthe aufgehäuft, die ohne Rück⸗ ſicht für die Zukunft in dieſer einzigen Stunde ver⸗ braucht werden ſollten. Sie mußte ihr Boot in die Strömung des Floß bringen, da ſie ſonſt nicht in den Ripple gelangen und der Mühle nahen konnte. Dies war der de⸗ 287 danke, der in ihr auſtauchte, als ſie ſich lebhafter und lebhafter den Stand der Dinge um die alte Heimath vergegenwärtigte. Aber dann kam ſie viel⸗ leicht zu weit abwärts und war nicht mehr im Stande, das Boot wieder aus der Strömung her⸗ auszubringen. Zum erſtenmal begannen beſtimmte Vorſtellungen von Gefahr ſie zu bedrängen; aber ſie hatte keine Wahl, keine Zeit zum Zaudern, und ſo ließ ſie ſich von der Strömung fortnehmen. Es ging jetzt raſch und ohne Anſtrengung weiter; in der größeren Nähe und in der helleren Tagesbeleuchtung begann ſie die Gegenſtände klarer zu unterſcheiden und die Bäume und Dächer zu erkennen; ja, ſie bemerkte in nicht großer Ferne eine raſche, ſchmutzige Strömung, die nichts Anderes als der ſeltſam ver⸗ änderte Ripple ſein konnte. Großer Gott! es kamen maſſenhafte Gegenſtände darauf angeſchwommen, die vielleicht gegen ihr Boot anſtießen und zu früh ſie in den naſſen Tod ſtürzten. Woher ſtammten dieſe Gegenſtände? Zum erſtenmal begann Maggie's Herz in Todes⸗ ängſten zu klopfen. Sie ſaß hilflos da, nur unbe⸗ ſtimmt ſich bewußt, daß ſie weiter ſchwamm, denn die Furcht vor einem plötzlichen Anprall lähmte an⸗ dere Gedanken. Doch auch dies ging vorüber und die Fahrt wurde ſicherer, noch eh' die Magazine von St. Oggs auftauchten. Sie war ſchon über die Mündung des Ripple hinaus und mußte daher alle ihre Geſchicklichkeit und Kraft aufbieten, um aus der Hauptſtrömung zu kommen und das Boot umzu⸗ wenden. Sie konnte jetzt ſehen, daß die Brücke eingeriſſen war und die Maſten eines geſtrandeten 288 Schiffes hoch über die Waſſerfläche emporragten. Aber keine Boote bewegten ſich auf dem Fluß, und wo man eines in Thätigkeit ſah, war es in den überſchwemmten Straßen beſchäftigt. Mit friſcher Entſchloſſenheit griff Maggie wieder zu dem Ruder, das ſie ſtehend regierte; aber die eingetretene Ebbe beſchleunigte die Geſchwindigkeit des Fluſſes, und ſie wurde über die Brücke hinaus⸗ geführt. Von den Fenſtern her, die gegen den Fluß hinausgingen, hörte ſie Rufe, die ihr zu gelten ſchienen. Erſt in der Nähe von Tofton konnte ſie ihr Boot aus der Strömung bringen. Einen ſehn⸗ ſüchtigen Blick nach dem Haus ihres Onkels Deane entſendend, das weiter abwärts am Floß lag, griff ſie jetzt beide Ruder auf und trieb mit aller ihrer Macht über die überſchwemmten Felder ihr Boot zurück gegen die Mühle. Jetzt ſchien auch die Farbe zu erwachen, denn als ſie in die Nähe des Dorlcote⸗ ſchen Gutes kam, konnte ſie die Tinten der Bäume, rechts die ſchotiſchen Föhren und vor ihr die um das Haus her gepflanzten Kaſtanienbäume unterſcheiden. Oh, wie tief ſtanden ſie im Waſſer, viel tiefer als die Bäume auf der anderen Seite des Bergs. Und das Dach der Mühle— wo war es? Die ſchweren Trümmer, welche den Ripple herabgekommen— was hatten ſie zu bedeuten? Aber ſie kamen nicht von dem Wohnhaus— dieſes ſtand feſt, bis zum erſten Stock hinauf zwar im Waſſer, aber doch feſt; oder war es vielleicht an dem der Mühle zugekehrten Ende auch ainzebrahen⸗ Keuchend vor Freude, endlich angelangt zu ſein — vor Freude, die alle Trübſal überwältigte, näherte 289 ſich Maggie der Vorderſeite des Hauſes. Sie ver⸗ nahm Anfangs keinen Laut, konnte nirgends eine Bewegung wahrnehmen. Ihr Boot befand ſich in gleicher Höhe mit den Fenſtern des erſten Stocks. Sie rief mit lauter, durchbohrender Stimme: „Tom, wo biſt Du? Mutter, wo ſeid Ihr? Maggie iſt da!“ Bald nachher vernahm ſie vom Fenſter des Dach⸗ ſtübchens im mittlern Giebel aus Toms Stimme: „Wer iſt da? Habt ihr ein Boot gebracht?“ „Ich bim's, Tom— Maggie. Wo iſt die Mutter?“ „Nicht hier; ſie ging vorgeſtern nach Garum. Ich will hinabkommen zum unteren Fenſter.— Allein, Maggie?“ rief Tom erſtaunt, als er das gleich hoch mit dem Boot liegende mittlere Fenſter öffnete. „Ja, Tom; Gott hat mich in ſeine Obhut ge⸗ nommen und zu Dir geführt. Steig, hurtig ein. Iſt ſonſt Niemand mehr da?“ „Nein,“ verſetzte Tom, in das Boot tretend; „ich fürchte, der Mahlknecht iſt ertrunken. Der Ripple riß ihn, glaube ich, mit fort, als ein Theil der Mühle zuſammenſtürzte. Ich habe ihm wieder⸗ holt zugerufen, ohne eine Antwort zu erhalten. Gib mir die Ruder, Maggie.“ Erſt als Tom das Boot abgeſchoben und in freies Waſſer gebracht hatte— er befand ſich jetzt Angeſicht in Angeſicht mit Maggie— ging ihm ein Licht auf über die volle Bedeutung deſſen, was vor⸗ gegangen war. Es bemächtigte ſich ſeiner mit ſo über⸗ wältigender Gewalt, war für ſeinen Geiſt eine ſo neue Offenbarung der Tiefen des Lebens, die ſo weit außer Eliot, Die Mühle am Floß. III. 19 290 ſeinem Geſichtskreis gelegen hatte, obgleich er Alles ſcharf und klar zu erfaſſen geglaubt— daß er ſich außer Stand fühlte, eine Frage zu ſtellen. Sie ſaßen ſich ſtumm gegenüber und ſahen einander an — Maggie mit ſo lebenvollen Augen in dem er⸗ ſchöpften, bekümmerten Antlitz, er bleich im Gefühl der Demüthigung und einer gewiſſen ehrfurchtsvollen Scheu. Seine Gedanken waren thätig, obſchon ſeine Lippen ſchwiegen; er konnte zwar nicht fragen, er⸗ rieth aber gleichwohl eine Geſchichte von faſt über⸗ menſchlicher, unter göttlichem Schutz ſtehender An⸗ ſtrengung. Endlich ward es wie Nebel vor ſeinen blaugrauen Augen, und die Lippen fanden ein Wort, das ſie auszuſprechen vermochten— das alte kind⸗ liche„Magſie!“ Maggie konnte nur antworten durch ein langes, tiefes Schluchzen, die Kundgebung jener geheim⸗ nißvollen, wunderbaren Wonne, die nicht ohne Schmerz iſt. Und als ſie zu ſprechen vermochte, ſagte ſie: „Wir wollen zu Lucie gehen, Tom. Wir wollen ſehen, ob ſie in Sicherheit iſt, und dann können wir den Uebrigen Beiſtand leiſten.“ Tom ruderte mit unermüdeter Kraft, die weit größeren Erfolg hatte, als die der armen Maggie. Das Boot gelangte wieder in die Strömung des Fluſſes, und ſie hofften, bald Tofton zu erreichen. Von einer der Werften hatte ſich einiges Balken⸗ werk abgelöst, und mächtige Trümmer kamen ein⸗ hergetrieben. Die Sonne ging eben auf, und der weite Raum einer öden Waſſerfläche dehnte ſich in fürchterlicher Klarheit um ſie aus— mit ſchrecklicher — 291 Deutlichkeit trieben die drohenden Maſſen immer näher. Ein Menſchenhaufen in einem Boot, das ſich die Toftonhäuſer entlang arbeitete, bemerkte ihre Gefahr und rief ihnen zu, ſie ſollen aus der Strö⸗ mung zu kommen ſuchen. Doch dies ging nicht ſo leicht, und Tom, der vor ſich hin ſah, erkannte, wie der Tod auf ſie zu⸗ ſtürzte. Rieſige Trümmer, die in verderbenbringen⸗ der Kameradſchaft ſich unter einander verſchlungen hielten, bildeten eine einzige weite Reihe quer über den Strom. „Es kömmt, Maggie!“ rief Tom mit erſtickter Stimme, ließ die Ruder fallen und umſchlang ſie. Im nächſten Augenblick ſah man das Boot nicht mehr auf dem Waſſer; in grimmigem Triumph hatte die rieſiglange Trümmerreihe daſſelbe überrannt. Aber bald kam der Kiel des Fahrzeugs wieder zum Vorſchein, ein ſchwarzer Fleck auf dem goldenen Waſſer. Das Boot war wieder da, aber das Geſchwiſter⸗ paar untergegangen in einer Umarmung, die ſich nicht wieder löſen ſollte; ſie hatten in einem einzigen er⸗ habenen Augenblick auf's Neue die Tage durchlebt, als ihre kleinen Hände ſich liebend verſchlangen und ſie mit einander hinſchweiften über die von Maß⸗ liebchen beſäeten Felder. * 1 S hln ß. Die Natur ſtellt Alles wieder her, was ſie ver⸗ heert— ſtellt es her mit ihrem Sonnenſchein und mit der Arbeit des Menſchen. Die durch die Ueber⸗ ſchwemmung bewirkte Verwüſtung ließ nach fünf Jahren auf dem Angeſicht der Erde kaum mehr eine Spur wahrnehmen. Der fünfte Herbſt war reich an goldenen Getreideſchobern, die in dichten Gruppen hinter den fernen Heckenreihen in die Höhe ſtiegen; die Werften und Magazine am Floß waren wieder in voller Thätigkeit, und unter dem Laden und Ausladen erſchollen die Stimmen geſchäftigen Eifers. Und Alle, deren unſere Geſchichte Erwähnung gethan hat, waren noch am Leben, diejenigen aus⸗ genommen, deren Ende wir kennen. Die Natur ſtellt ihre Verheerungen wieder her — aber nicht alle. Die umgeſtürzten Bäume wur⸗ zeln nicht wieder, und die Einriſſe in die Berge bleiben. Wenn ein neuer Wuchs nachkommt, ſo ſind die Bäume nicht mehr dieſelben wie ehedem, und die Berge zeigen unter ihrer grünen Decke die Mar⸗ 293 ken der früheren Gewalt. Für das Auge, das mit der Vergangenheit vertraut war, gibt es keine voll⸗ ſtändige Wiederherſtellung. Die Dorlcotemühle war neu gebaut. Und der Dorlcotekirchhof, wo man nach der Ueberſwemmung das ausgemauerte Grab eines uns bekannten Va⸗ ters mit dem darauf liegenden Stein wieder fand, zeigte wieder den alten Graswuchs, die alte an⸗ ſtändige Ruhe. In der Nähe des gemauerten Grabs wurde ſehr bald nach der Ueberſchwemmung ein anderes her⸗ geſtellt für zwei Leichen, die man in inniger Um⸗ armung aufgefunden hatte. Und es ward zu ver⸗ ſchiedener Zeit beſucht von zwei Männern, von denen jeder fühlte, daß hier ſeine höchſte Wonne und ſein herbſter Schmerz begraben lag. Einer davon beſuchte das Grab wieder mit einem holden Geſicht zur Seite— doch dies geſchah erſt Jahre nachher. Der Andere blieb immer einſam. Seinen ein⸗ zigen Genuß fand er unter den Bäumen der rothen Tiefen, wo die begrabene Wonne noch immer zu weilen ſchien wie ein aus dem Jenſeits zurückgekehr⸗ ter Geiſt. Das Grab trägt die Namen Tom und Maggie Tulliver; darunter liest man die Inſchrift: „Im Tode vereinigt.“ Ende. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: J. Ff. Smilh, Licht⸗ und Schattenſeiten des Lebens. 5 Bande. Dhlr. 2.— fl. 3. Das Erbe oder die Lehren des Lebens. 4 Bände. Thlr. 2. 4 Sgr.— fl. 3. 12 fr. Der junge Prätendent oder vor hundert Jahren. 3 Bände. Thlr. I. 2 Sgr.— fl. 1. 36 kr. Die Abtei Carrow. 4 Bände. Thlr. 1. 10 Sgr.— fl. 2. Der Glücksſoldat. 2 Bände. 28 Sgr.— fl. I. 24 kr. Sein und Schein. 3 Bände. Thlr. I. 14 Sgr.— fl. 2. 12 kr. Milly Moyne. 5 Bände. Thlr. 2.— fl. 3. J. F. Smith gehört zu den beliebteſten Novelliſten der Neuzeit. Seine Werke haben in England, Amerika, Frankreich und Spanien die glanzendſten Erfolge er⸗ rungen; ſeine Erzahlungen geben eine meiſterhafte Be⸗ ſchreibung des häuslichen Lebens, ſkizziren auf das Genaueſte die verſchiedenen Phaſen des menſchlichen Charakters und offenbaren einen ſolchen Einblick in das menſchliche Herz, eine ſolche Kenntniß der menſchlichen Natur, wie dies ſelten einem Schriftſteller gelungen und wie es nur wahrhaft großen Autoren möglich iſt. Die Charaktere, welche Smith zeichnet, ſind Wirk⸗ lichkeiten, die Scenen, die er beſchreibt, ſind keine bloßen Phantaſiebilder, die Geſchichten, die er zu Tage bringt, haben eine innere Wayrheit. Der hohe moraliſche Ton ſeiner Compoſitionen iſt ein ſtark ausgeprägter, ſehr ehrenvoller Zug. Während er ſtets als unbeugſamer Vertheidiger der Armen, Unglücklichen und Unwiſſenden auftritt, ſcheut er ſich nie, das Laſter, ſei es in Lumpen oder Purpur gehüllt, laut zu verklagen. Wir glauben voll Zuverſicht, daß Smith auch ein entſchiedener Günſt⸗ ling des deutſchen Publikums wird, wozu wir durch gediegene Ueberſetzung und äußerſt billigen Preis das Unſrige beitragen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung.