— 8 eehar. ———— 8 —— —— — Geſammelte Schriften von Heinrich Koenig. Neunter Band. Die Clubiſten in Mainz. ——— Zweite Anflage. Dritter Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1857. Die Clubiſten in Mainz. Ein Roman von Heinrich Koenig. In drei Theilen. Zweite Auflage. Dritter Theil. Leipzig: F. A. Brockhhaus. 1857. Thema: Herrſchen und Dienen. V Lennig und Jean Baptiſt. Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 1 ————————— 6* — Erſtes Kapitel. Der Monat October, der mit Angſt und Flucht begon⸗ nen hatte, dieſe ſonſt mit Weinlaub ſo luſtig geſchmückten Wochen waren ſchwer vorübergegangen. Seit zehn Ta⸗ gen athmeten die Mainzer von den Beſorgniſſen, die ſie vor einer harten Belagerung gehabt, eben ſo leicht, wie es ſchien, wieder auf, als ſich ihre Feſtung ſelbſt an den Obergeneral Cuſtine ergeben hatte.„Wir haben die Stadt verſpielt,— dies leichtſinnige Wort voll tiefer Wahrheit war aus dem Munde ſelbſt Derjenigen gehört worden, die nichts für ſie eingeſetzt hatten. So war hinter dem Abzuge der deutſchen Beſatzung ein artiger Feind in Mainz eingerückt, und die ſchönen Zuſagen einer neuen Freiheit, die er mitgebracht, ſuchten nun eben ſo heiter in den Herzen der überraſchten Bewohner Platz zu nehmen. Nur die Jahreszeit begünſtigte keinen heiteren Auf⸗ ſchwung der Gedanken. Ein ſchwerer, ſchauriger Himmel ſtand über der öden Umgegend, und drohte hinter dem Verhängniß her, das er gebracht hatte, mit den erſten leichten Schneeflocken. Dazu kam heut noch eine ernſte 1 4 Feier. Die Glocken läuteten zu den Meſſen des Aller⸗ ſeelentags, und dieſe Andacht der Trauer und wehmüthi⸗ ger Familienerinnerungen trieb die Menſchen zahlreich nach den Kirchen. Die Gemüther der Gläubigen ſtimmten ſich leicht zu dieſer Feier, wozu man dunkle Kleider, und die Bürgerfrauen ihre ſchwarzen Mäntel angelegt hatten. Nur das Getümmel auf den Straßen blieb dieſem Tage fremd. Es wimmelte von Soldaten der franzöſiſchen Linientrup⸗ pen und Nationalgarde; Trommeln wirbelten; luſtig tönte, geſungen und gepfiffen, das ſtürmiſche Ca ira durch die Gaſſen und von unharmoniſchen Blech⸗Inſtrumenten rauſchte die Marſeiller⸗Hymne. General Neuwinger rückte mit einer Truppenabtheilung aus, um in der Nähe von Frank⸗ furt den General van Helden zu decken, der dieſe Reichs⸗ ſtadt gleich nach der Einnahme von Mainz überrumpelt und beſetzt hatte, und ſich von heranziehenden Preußen und Heſſen bedroht ſah. Heut, an dieſem feierlichen Tage, fiel das Getümmel und das ganze abſtechende Ausſehen der Franzoſen beſon⸗ ders auf; da ſie noch eben ſo zerlumpt und ſchmutzig er⸗ ſchienen, wie ſie vor zwölf Tagen nach der unerwarteten Capitulation eingezogen waren. Das Geſindel lachte; aber der wohldenkende mainzer Bürger konnte ſich nur ſehr ſchwer an die luſtige und lebhafte Unſauberkeit gewöhnen, die nicht blos Parade machte, ſondern auch gerade in den beſſeren Wohnungen Quartier genommen hatte. Wo ſich der Soldat, beſonders von der Nationalgarde, ohne Strümpfe oder mit ungeflickten Beinkleidern zeigte, wen⸗ dete ſich der Blick der Frauen erſchrocken ab, als könnte das Kleidungsſtück vollends reißen und der Mann auf der Stelle werden, was er ſchon voraus hieß,— ein Ohnehoſe. Dies Befremden der Einwohner war nicht zu verwun⸗ dern. Das Auge des Mainzers, von jeher an geputzte, gepuderte Paradeſoldaten in knappen Röcken und Bein⸗ kleidern, gewichſten Kamaſchen und blanken Waffen ge⸗ wöhnt, faßte einen verächtlichen Widerwillen vor ſolchen ſchmutzigen und zerlumpten Kerlen, die nicht einmal alle die blaue Uniform mit rothen Aufſchlägen trugen, ſon⸗ dern zum Theil ſich mit dem nächſten beſten Bürger⸗ rock oder Bauernkittel behalfen, und mit Piſtolen im Gurt wie Banditen ausſahen. Nicht weniger ſtachen ge⸗ 4 gen die gewohnte ſteife Haltung und pedantiſche Bewe⸗ gung der mainzer„Pfaffenſoldaten“ dieſe luſtigen Fremd⸗ linge durch ihren militairiſchen Aufzug und ihre Waffen⸗ führung ab; indem ſie kaum gleichen Schritt hielten, nach Belieben den Stummel einer irdenen Pſeife im Munde führten und ſich mit ihren Offizieren neckten. Und wie ſeltſam nahm es ſich gegen die früheren Paraden aus, wenn der Nationalgardiſt, mit einer kurzen irdenen Pfeife im Mund, eine Portion rohen Fleiſches an das Gewehr, ein Laibchen Commißbrot an das Bayonnet geſpießt, oder einen Fiſch im leinenen Säckchen angehängt und den Ran⸗ zen über der Patrontaſche angeſchnallt, auf die Wacht zog? Aber wenn dies Alles an den Soldaten der neuen Freiheit vielleicht nur eine Weile auffallen konnte und am Ende natürlich gefunden wurde; ſo fehlte es doch auch nicht an Erſcheinungen, die einen unüberwindlichen Abſcheu erregten. Dieſe Nationalgardiſten waren höchſt 6 unſauber; Niemand wollte ihre Waͤſche beſorgen, und man ſah ſie daher täglich an den flachen Ufern des Rheins, beſonders unter dem Fiſchthore, halb entkleidet, dabei ſin⸗ gend und pfeifend, ihr Leibgeräth ſelber reinigen, und das unermüdliche„Ca ira“ gewann dabei einen luſtigen Sinn. Doch ganz entſetzlich anzuſehen war es, wenn die Sol⸗ daten in allen Gaſſen und am hellen Tage ſich zu Ver⸗ richtungen niederließen, die dem anſtändigen Mainzer den unſauberſten und unanſtändigſten Begriff von der neuen Freiheit beibringen mußten, und die ſeine reinliche Stadt mit ſinnlichem und ſittlichem Ekel bedrohten. Der Kaufmann Rapallo, vor einigen Tagen aus Frankfurt zurückgekehrt, erzählte vor der Seitenthüre des Doms einigen Bürgern, welchen Widerwillen auch jene Reichsſtädter gegen die Franzoſen gefaßt hätten.— Die Frankfurter haben's nun noch mehr Urſach als wir! ſetzte er hinzu. In Mainz iſt das Volk doch ganz artig ein⸗ gerückt, bezahlt und zeigt ſich in ſeiner luſtigen Ohne⸗ hoſenſchaft vergnügt und gefällig; dort aber verlangen ſie das Zeug zu neuen Hoſen. Eine Brandſchatzung von zwei Millionen Gulden iſt kein Spaß. Uns rühren ſie blos durch Ekel den Magen;, dort rühren ſie aber auch den Geldbeutel der Reichen. Auf die Frage, wie der General Cuſtine nur zu einer ſolchen Forderung käme, rief Rapallo mit lebhaften Ge⸗ berden: Kahle Vorwände und nichts weiter! Die Frankfurter hätten die Emigrirten und mainzer Flüchtlinge gefördert; auch hätte Preußen und Oeſtreich viel Geld in Frankfurt ſtehen, und die franzöſiſche Nation nähme Rache an ih⸗ — ren Feinden. Ihr könnt denken, wie ſehr die Frankfurter im Stillen auf die Preußen hoffen, die aus der Cham⸗ pagne zurückgekommen, ſich um Montabauer zuſammen⸗ ziehen. Sie ſollen zwar ſtarke Verluſte erlitten haben, und übel zugerichtet ſein: aber man weiß, daß ſie ſich durch die Heſſen verſtärken. Hört! ſetzte er leiſer hinzu, wenn Cuſtine von Frankfurt verjagt wird, kommen die Preußen auch hierher, und es kann Denen übel auf⸗ ſtoßen, die jetzt mit den dreifarbigen Kokarden in den Club laufen. Die Preußen haben ſchlechten Champagner gefunden und die rachſüchtigſte Galle im Leib.— O dieſer Leichtſinn der Mainzer! Die Kaufmannſchaft hat ſich aber ehrenwerth benommen. Wir haben die Auf⸗ foderung Cuſtine's, daß ſich die Mainzer eine ſelbſtbelie⸗ bige Regierungsverfaſſung wählen ſollen, mit einer höf⸗ lichen, aber nachdrücklichen Erklärung beantwortet, daß wir für die franzöſiſche Conſtitution nicht gemacht wären und einen deutſchen Fürſten mit Landſtänden haben wollten. Die Clubiſten wollen darüber aus der Haut fahren, und heut Abend müßt ihr jedenfalls in den Club gehen; die Sache ſoll verhandelt werden. Eben hob im Dom die Orgel an, und der eifrige Rapallo eilte hinein, die Finger nach dem Weihwaſſer⸗ keſſel ausgeſtreckt. Während des Seelenamtes wandelte ein Kapuziner mit Querſack und Wanderſtab durch die ſtillen Gaſſen, und fragte ſich nach der Wohnung des geiſtlichen Rathes Garzweiler zurecht. Als er dort anklopfte, vernahm er aus dem Hausärn ein weibliches Kichern und eine männ⸗ liche Stimme in gebrochenem Deutſch. Ein hübſches jun⸗ — —ᷣ—ᷣ—ÿÿ—ᷣ—ᷣᷣ— — — — —õziÿ — ——— 8 — — — — 8 ges Weibsbild öffnete, und ein franzöſiſcher Offizier von gutem Ausſehen verließ eben das Haus. Die Treppe hinaufgewieſen, betrat der Moͤnch das Zimmer, und blieb beim Eintritte mit dem Gruße: Ge⸗ lobt ſei Jeſus Chriſt! ſtehen, lächelnd und geſpannt, ob ihn Garzweiler noch kenne. Dieſer war ihm mit räth⸗ ſelndem Auge entgegengetreten und rief nach kurzem Be⸗ ſinnen: Mein Gott! Hilarion Wagmüller? Alſo kennen Sie— kennſt du mich noch? fragte der Kapuziner, und Garzweiler reichte ihm die Hand mit den Worten: Ja wol, Hilarion! obgleich dein rother Bart chocolade⸗ braun geworden iſt. Auf dieſen Gruß warf der Mönch ſeinen Querſack ab, und umarmte Garzweiler; wobei er mit luſtiger nh⸗ zigkeit ausrief: O mein alter leber Ignaz Joſeph, d Tauſendſchwerenöther! Beide maßen einander nach dem früheren und jetzigen Ausſehen, und beſeufzeten eine ſchöne Reihe von Jahren, die dazwiſchen lag. Sie gedachten der Zeit, da ſie am heiteren Mainſtrom nachbarlich gelebt,— Hilarion im Kapuzinerkloſter zu Wertheim, Garzweiler im Franziska⸗ nerkloſter zu Milteberg. Hilarion's Erinnerungen traten jovialer hervor als ſeines Freundes, der ihnen vielmehr zu entkommen ſuchte und endlich zu wiſſen verlangte, was den andern nach ſo langer Zeit gerade jetzt hierherführe. Woher kömmſt du nur? fragte er. Stracks von Krautheim, war die Antwort, vom Hofhalte des Kurfürſten komme ich als ſein legatus a latere! —— —— — ——— 9 Der Kurfürſt in Krautheim? rief Garzweiler verwun⸗ dert. Wir glaubten ihn im Eichsfelde? Niichts da, Alter! In Krautheim, auf dem dortigen Bergſchlößchen! verſetzte Hilarion. Freilich! wer hätte ſich das erwartet! Weißt du, was ich dazu geſagt habe? Krautheim, hab' ich geſagt, du geringſtes unter den Städt⸗ chen des kurmainzer Landes, du, bisher nur Unkraut, dir iſt Heil widerfahren. Euch Krautheimern, hab' ich ge⸗ ſagt, fällt vielleicht der einzige Vortheil der Einnahme von Mainz zu. Euer Oberamt, ſonſt am mainzer Hofe wenig beachtet, wird jetzt der Sitz des Hofes, und das macht euer Kraut fett! Ha, ha! Ja, ja! verſetzte Garzweiler mit boshaftem Lächeln, die Coudenhovin ſteckt wol auch in Krautheim? Ha, ha! lachte der Mönch und hielt ſich den ſtarken Bauch. Ich verſtehe dich, Alter: die macht's ja fett, ohne daß ſie geſchlachtet iſt. Und, hab' ich weiter den Krautheimern geſagt: Genießt eure kurze Faſtnacht; denn vielleicht kömmt eine lange Faſtenzeit, wo ihr mit Fiſch fürliebnehmen müßt und froh ſein werdet, wenn ihr noch einen guten— Salm in euer Krautheim bekommt! Garzweiler hatte ſchnell berechnet, daß der Mönch eine geheime Sendung haben könnte, und fragte, ſeine Neu⸗ begierde unter einen Scherz verbergend, ob der Querſack ein ehrlicher Bettelſack des Kloſters ſei, oder blos als Freipaß, als guter Geleitsbrief diene. Mit verſchlagenem Lächeln hob der Mönch den Quer⸗ ſack vom Boden auf, wählte unter den darin befindlichen Schwarzbroten ein gezeichnetes aus, und indem er es auf den Tiſch legte, bat er um ein Meſſer. 10 Wart' nur! Ich gebe den Wein dazu! ſagte Garz⸗ weiler, und zog die Schelle. Ich vergaß ganz, wie man Kapuziner behandeln muß, wenn ſie ſprechen ſollen. Die junge Magd, die ſchon auf die Schelle abgerich— tet war, kam gleich mit einer geſiegelten Flaſche und gu⸗ tem Zwieback. Garzweiler beſtellte ein Gedeck auf den Mittag für den Möͤnch. Du weißt, es iſt heut Faſttag! ſagte er. Ich kann dir keinen Braten zum Wein anbie⸗ ten. Worauf Hilarion, der Magd nachſehend, erwi⸗ derte: Ei, ei! Du machſt dir das Faſten und die Abſtinenz gar zu ſchwer, Ignaz, da du dich von ſo blühendem Fleiſche bedienen läſſeſt. Meine Alte, verſetzte Garzweiler gleichgiltig, hat mich verlaſſen,— belauſcht und belugſt. Sie iſt mit dem Adel entflohen. So vornehm war ſie durch den Bedienten des kurfürſtlichen Leibarztes geworden. Nun habe ich mir die junge, hübſche Perſon, genommen, die mehr auf den Spiegel, als auf mein Thun und Laſſen Acht gibt, und die mich bei den Franzoſen in den Arg⸗ wohn einer Herzensſchwäche bringt, dahinter ich meine Politik verbergen kann.— Du ſiehſt, ſetzte er ſchlau hin⸗ zu, ich bin ganz offenherzig gegen dich. Ja, ja! Die hübſche Magd dient mir, wie dir der Querſack für ver⸗ ſtohlene Gänge. Du warſt doch von jeher ein Pfiffikus! lachte der Mönch; machte ſich aber zugleich luſtig darüber, daß Garzweiler an dem Schäfchen, mit dem er die Franzoſen betrügen wolle, ſelbſt geſchoren werde; wobei er an den jungen Offizier im Hausärn erinnerte. 44 Ich weiß, ich weiß! rief Garzweiler ärgerlich. Ich werde darauf denken, ihn auszuquartieren. Es iſt der leichtſinnigſte und verwegenſte Menſch von der Welt, heißt Cardinet und iſt einer der Adjutanten Cuſtine's. Das hat man von dieſer neuen Freiheit und Gleichheit, daß auch kein Geiſtlicher mehr von Einquartierung frei, ſon⸗ dern allen Laſtträgern gleich iſt. Inzwiſchen hatte Hilarion mit einem Meſſer den Bo⸗ den ſeines Brotes von der Oberkruſte gelöſt, und ſchüt⸗ telte eine Anzahl Briefe aus dem gehöhlten Laibe. Garz⸗ weiler warf einen flüchtigen Blick auf die Adreſſen, ſchenkte dabei aber ruhig ein, verrieth keine Neubegierde und be⸗ handelte die ganze geheime Sendung als geringfügig, in der Abſicht, die Eitelkeit des Mönches dadurch zu reizen, und ihn zu einer deſto lebhafteren, allen Rückhalts ver⸗ geſſenden Mittheilung zu ereifern. Er kannte ſeinen Mann, der in klöſterlichen Angelegenheiten oft in entfernte Pro⸗ vinzen verſchickt zu werden pflegte, und hatte den Prah⸗ lenden ſchnell durchblickt. Ein eigenthümliches Gemiſch von Einfalt und Verſchlagenheit, von praktiſchem Ver⸗ ſtande bei mangelnder Bildung und Intelligenz machten den Kapuziner ſehr brauchbar zu gewiſſen Geſchäften, die mit Liſt und Unterwürfigkeit am beſten ausgeführt wur⸗ den. Beſchränkt und für die Anſichten des Ordens und der Kirche eifrig, behandelte Hilarion das Weltleben ohne Scrupel über Bauſch und Bogen, konnte, wenn es Vor⸗ theil brachte, ſeine kirchlichen Ueberzeugungen mit belachen helfen, verſäumte aber auch bei den wichtigſten Anliegen ſeines Kloſters den eigenen Genuß nicht, wenn ihn die Gelegenheit anbot. So war er auch jetzt, da er im Klo⸗ ſter zu Walltürn ſtand, von ſeinem Quardian, Pater Achatius Wazelhahn, dem Kurfürſten als brauchbarer und unverdächtiger Geheimbote empfohlen worden. Garzweiler hatte ſich nicht verrechnet; es war ihm ge⸗ lungen, den fleißig trinkenden Mönch in muntere Mit⸗ theilung zu verſetzen, und durch ſteigende Verwunderung alle Schleußen des Geheimniſſes zu öffnen. Breit ausge⸗ ſtreckt im Lehnſtuhl, und den dreiknotigen Lendenſtrick um die braune Hand auf und abwickelnd, lag Hilarion da, und munterte den mäßigen Garzweiler zum Trinken auf, um ſelbſt zu trinken.— Und mein Brot magſt du gar nicht verſuchen! lachte er mit behaglichem Moͤnchshumor. Nicht wahr, es iſt nicht recht ausgebacken, he? Aber, weißt du, die Briefe ſind deſto beſſer eingebacken. Das iſt die weiße Krume unter der braunen Kruſte, und wird wol den Herren geiſtlichen und weltlichen Räthen nicht unverdaulich ſein. Glaubſt du wol, daß die Herren der Einladung des Kurfürſten folgen werden? An bequemen Wohnungen wird's freilich in Milteberg fehlen, wenn die ganze Landesregierung mit Hofgericht und Hofkammer dort unterkommen ſoll. Aber du weißt, Ignaz, wie herrlich dafür die Landſchaft iſt! Und was haben ſie jetzt in Mainz? Das iſt nicht mehr das alte goldene Mainz: das iſt das kothige Mainz. Schmutzige Soldaten und fran⸗ zöſiſcher Geſtank! Ja, man kann wohl ſagen: die Franzoſen haben euch mit der Freiheit beſch— Pfui, ich habe mich geekelt. Und das will was ſagen von einem Kapuziner! lachte Garzweiler. 3 Du! drohte Hilarion. Ich meſſe dir meinen Strick an, Ermönch, der du biſt! 13 Hüte du deinen geweihten Strick und vergiß der ein⸗ geknüpften drei Knoten nicht! mahnte Garzweiler; worauf der Mönch lachend verſetzte: Es iſt wahr, Alter! Der heilige Franz muß ſeine Söhne für ſehr vergeßlich gehalten haben, daß er ihnen die drei Gelübde der Armuth, der Keuſchheit und des Gehorſams an einem Seil um den Leib einknüpfte, wie andere Leute ſich einen Knoten ins Schnupftuch machen! Nennſt du mit Abſicht den Gehorſam zuletzt, Hila⸗ rion? Nein! In dieſer Reihenfolge pflegt man ſie ja ge⸗ wöhnlich zu nennen. Damit kann's Jeder halten, wie er will. Ich knüpfe die Armuth nie zu oberſt ein: ſie mag im unterſten Knoten mit dem Staube des Bodens Be⸗ kanntſchaft machen. Mein oberſter Knoten gilt dem Ge⸗ horſam! Ganz recht, Hilarion! Dieſer Knoten berührt noch den Bauch und hält mithin zu ſeinem Herrn und Meiſter. Schweig', du Necker! Und ſage mir lieber, ob ich die paar Tage, bis die Briefe beſtellt und beantwortet ſind, bei dir logiren kann, oder in unſer Kloſter gehen und den Quardian, Pater Timotheus Kilbert, anſprechen muß? Du erregſt weniger Aufmerkſamkeit, wenn du im Klo⸗ ſter einkehrſt, ſagte Garzweiler, und kannſt mir dort zu⸗ gleich einen Gefallen thun, wenn du mir die Mönche ein wenig ſondirſt. Ich ſehe an deinem Beiſpiele, daß auf gefährlichen Wegen die Querſäcke der Kapuziner die ſicher⸗ ſten Felleiſen für geheime Sendungen ſind. 14 Ei, haſt du was? fiel Hilarion begierig ein. Ich bin wie ein Kaufmann, der mit ſeiner Ladung glücklich eingelaufen iſt, und ſich nun nach Rückfracht umthut. Sag' mir, was du haſt! Für dich hab' ich an den Kurfürſten Dies und Jenes. Ich ſtand zuletzt nicht ganz grün beim alten Herrn; aber — es kann ihm jetzt doch Niemand beſſer dienen als ich. Wir ſprechen noch davon und auch vom Uebrigen. Vor Allem mußt du dich mit dem Stande der hieſigen Dinge bekannt machen. Verſteht ſich! rief der Mönch. Ich ſoll dem Fürſten genau berichten. Jetzt nur ſo viel, als du für meine Angelegenheit wiſſen mußt, ehe du zu den Kapuzinern gehſt, fuhr Garzweiler fort. Höre! Seit dem Einrücken der Fran⸗ zoſen hat ſich der früher geheime Club öffentlich aufgethan. Die Freunde der Revolution haben kaum den Augenblick erwarten können, da es ihnen erlaubt war, ihre Grund⸗ ſätze laut zu bekennen, und an einer Umgeſtaltung der mainzer Verfaſſung zu arbeiten. Sie ſind zu einer „Volksgeſellſchaft“, wie ſie's nennen, zuſammengetreten, und Cuſtine, der Eroberer von Mainz, wofür er ſich ausgibt, hat ihnen zu ihren öffentlichen Verſammlungen den prachtvollen Akademieſaal im Schloß eingeräumt, den der Kurfürſt mit erſtaunlichem Aufwande bauen laſſen. Unſere Clubiſten genießen nun den Triumph, fürſtlichen. Prunk zu ihrem unſauberen Republikanismus zu entwei⸗ hen. Nun ſtrömt der mainzer Pöbel allabendlich dahin, füllt die Galerien, und glaubt ſich im Mitgenuß einer ihm ehemals unzugänglichen Herrlichkeit. Dieſe Herrlich⸗ 4⁵ keit iſt abgeſtorben; allein der Pöbel iſt eine Hyäne, ein Grabthier, das auch eine Leiche nicht verſchmäht. Von der Rednerbühne dieſer deutſchen Sansculotten herab ver⸗ nimmt das wankelmüthige Völkchen allen Schimpf und Hohn auf ſeinen ehemaligen Herrſcher, alle die Mängel, Gebrechen, Ungerechtigkeiten, Tyranneien und wie man es ſonſt bezeichnen mag, was früher in Mainz von oben geſchah, und Verwünſchungen gegen den entflohenen Prie⸗ ſterfürſten werden laut. Heiliger Franziskus, bitte für uns! ſeufzete Hila⸗ rion, indem er die derben braunen Hände zuſammen⸗ ſchlug. Das thun die Mainzer? Und unterm Dach ihres rechtmäßigen Herrn und Erzbiſchofs? Da ſollte man ja glauben, der Pöbel ſetze ſich auf den geweihten Thron! Iſt das nicht, als ob die von Gott beſtellte Herrſchaft der glücklichen Kurlande auf den Kopf geſtellt ſei, und die emporgeſtreckten Füße, ja eine jede ſchmutzige Zehe wolle ſich die Krone oder ein Krönchen aufſetzen? Wie werd' ich das Sr. kurfürſtlichen Gnaden beibringen? Er wird die Tollheit gar nicht begreifen. Mit kaum verſtecktem Hohn erwiderte Garzweiler: O vielleicht doch, Hilarion! Er iſt ein gar einſichti⸗ ger Herr, und kennt ja ſchon das alte Sprichwort: Wenn die Katze fortgelaufen, ſpringen die Mäuſe auf Tiſch und Bänke. Es iſt mir nur lieb, mein Freund, daß unſer alter Kater— mit ehrfurchtsvollem Spaß zu ſa⸗ gen!— ſich erſt gut herausgefüttert hat, um die Mäuſe eine Zeitlang zu entbehren. Er hat nämlich glücklicher⸗ weiſe alle Landeskaſſen mitgenommen, ſelbſt die Pupil⸗ len- und Witwenkaſſegelder. Du kannſt dir denken, 16 daß dies die Mainzer auch ein wenig toll gemacht hat. Und als Hilarion ſchweigend ſeinen langen Bart ſtrich, fuhr Garzweiler fort: Vielleicht kannſt du dem Kurfürſten auch erzählen, was mit ſeinen ſchönen Sachen geworden iſt. Die hohen Offiziere, die ſo artig waren, dem General Cuſtine die Feſtung zu übergeben, ſind aus dem kurfürſtlichen Mar⸗ ſtalle beſchenkt worden. Der Commandant von Gymnich hat die ſechs Iſabellen bekommen. Die koſtbaren Mobi⸗ lien, Bilder und Bücher, die der Herr Miniſter fortzu⸗ ſchaffen vergeſſen, werden verkauft, verſchenkt, verſchleppt. Wer ſollte denn auch das Fürſtengut retten? Der getreue Adel war wie der wirbelnde Staub hinter der Windsbraut des Hofes her; man ſuchte nur die Stammbäume zu ret⸗ ten, die der neue Freiheitsbaum zu überwachſen drohte. Nun tanzt der Pöbel hinter den großen Hoffeſten her den Kehr⸗ aus: iſt es zu verwundern, wenn's ein wenig wüſt her⸗ geht? Wer iſt ſchuld, Hilarion? Findeſt du es nicht in der natürlichen Ordnung, wenn alle Macht und Herrſchaft weicht und Raum gibt, daß die Unterthänigkeit aufhört und die Dienſtbarkeit in die Backen bläſt? Hilarion, verdutzt, wie es gemeint ſei, oder wie er es nehmen dürfe, ſchwieg und fragte, aus was für Leu⸗ ten der Club eigentlich beſtehe. In ſeinem Kern aus undankbaren Fremdlingen, die der Kurfürſt in ſeine katholiſche Reſidenz berufen hat, antwortete Garzweiler; aus Studenten, von ihren fanati⸗ ſchen Profeſſoren verführt, aus Bankrottirern, aus auf⸗ geblaſenen Köpfen, die ſich vom Hofe vernachläſſigt fühl⸗ ten, aus luſtigen Pfaffen, Müßiggängern und Habſücht⸗ lingen, die durch die Franzoſen ihr Glück machen wollen. Aber ſieh! gerade an dieſer Miſchung wird der Club ſelbſt zu Grunde gehen. Hochmuth und Eigennutz ſind die Prie⸗ ſter der Göttin Freiheit und werden die Gläubigen und Schwärmer bald genug ſtutzig und nüchtern machen. Jene ſchlichten, braven Bürger, die in den erſten Tagen aus Neugier, aus Entrüſtung über die allgemeine Flucht der Vornehmen, aus getäuſchter Erwartung hundertweiſe in den Club eilten und ſich zur neuen Freiheit bekannten, bleiben ſchon nach und nach zurück. Das erſte ſtürmiſche Wohlgefallen hat ſich nicht in Hochſchätzung und Vertrauen, ſondern in Mißachtung und Spott verwandelt. Lachen und Hohn wird ſchon unter den Zuhörern laut, und der Spitzname Lumpenclub hier und da vernommen. Nun wollen die Eiferer morgen einen Freiheitsbaum errichten und dann Miſſionaire der Freiheit ausſenden, um das Landvolk zu gewinnen. Dem aber müſſen wir entgegen⸗ arbeiten, und dazu hat mich dein Querſack auf die rech⸗ ten Wege geführt. Du gehſt gegen Abend ins Kloſter, ſondirſt mir mit deinem guten Blick die Patres Kapuzi⸗ ner, ſprichſt mit dem Quardian, und bringſt mir die rechten Leute morgen mit zu Tiſche. Mein Adjutant hat morgen Dienſt, und wir ſind allein. Die Mönche müſſen hinaus, Pfarrer und Bauern zum Widerſtand ermuthigen. Ich werde ſie zurechtweiſen und ihnen zum Nutzen des Kloſters eine Anzahl Seelenmeſſen zuwenden. Wie hoch, Ignaz, wie hoch das Dutzend? fragte be⸗ gierig Hilarion. Bisher ſtand das Hundert guter Seelenmeſſen auf Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 2 48 26 Gulden 40 Kr., verſetzte Garzweiler, thut per Stück 16 Kr. Ich habe jedoch eine Anzahl zu 20 Kr. per Stuck. Höre! Davon laß mir ein halb Geſchock zukommen! bat der Mönch. Drei Dutzend, die ich noch zu leſen habe, gebe ich dafür zu Hauſe ab; dort bei uns ſtehen ſie niedriger. Aber, Freund, läſſeſt du die armen Seelen ſo lange warten? rief Garzweiler mit ſchmunzelnder Aengſtlichkeit. O Ignaz, wie weit biſt du zurück! verſetzte der Moͤnch, ſich einſchenkend. Weißt du nicht, daß Alles auf die Intention ankömmt? Wie die Meſſen beſtellt und bezahlt ſind, ſind ſie ſo gut wie geleſen. Bedenkſt du nicht, daß die armen Seelen in der Ewigkeit leben, mit⸗ hin an keine Zeit gebunden ſind und nicht von Tag und Stunden abhangen? Garzweiler lachte laut auf.— Was? rief er. Alſo auch an eure Klöſter klopft das philoſophiſche Zeitalter an, und wirrt etwas von ſeiner Weisheit in eure Bärte? Mit dem großen Kant raiſonnirt ihr über Raum und Zeit, laßt für eure Seelenmeſſen ſeine Kategorien der Qualität und Quantität gelten: wie ſieht es aber in eurem Handel und Wandel mit ſeinem kategoriſchen Im⸗ perativ aus? Hilarion drückte, verlegen lächelnd, den Tabak in ſei⸗ ner Doſe feſt, und Garzweiler brach ab. Er mahnte: ſeinen Gaſt, noch einige der Briefe vor Tiſch auszutragen und nicht zu ſpät zum Eſſen zu kommen. und wie er ihm die Briefe ausſuchen half, fiel ihm auf, daß keiner an den Regierungsrath von Wallbrun darunter war. 419 4 r† O dort, im Wallbrun'ſchen Hauſe, hab' ich ſchon einen ganzen Laib ausgeleert! flüſterte der Mönch mit ge⸗ heimnißvoller Wichtigkeit. Es war mir von der Gräfin anbefohlen, ſogleich bei meiner Ankunft dort abzugeben. —— Mit dem Baron ſchaut's übel aus: der liegt in der dickſten Patſche der Ungnade! Kurfürſtliche Dienſtent⸗ laſſung, Abſagebrief der Frau Gräfin, zurückgegebene Brautgeſchenke der Comteſſe und dergleichen war Alles im abgebackenen Laibe Brot. Dieſe Nachricht beunruhigte Garzweilern. Er ging nachdenklich im Zimmer hin und wieder, ſo daß es dem Mönche ſelbſt auffiel, der ängſtlich fragte, was es ſei? Garzweiler wollte ihn mit nichts! nichts! abweiſen; doch Hilarion fragte nur um ſo zudringlicher.— Ich freue mich blos über das Glück dieſes tollen jungen Mannes! antwortete Garzweiler mit ſchlecht verhehltem Aerger. Bleibt doch dieſer ſchwärmeriſche Trotzkopf in Mainz zurück,— er von Adel und früher im kurfürſtlichen Kabinet geſtan⸗ den,— bleibt, ohne zum Club zu treten! Mußte er nicht für einen zurückgebliebenen Spion des Kurfürſten gelten? Hier konnte man ihn vernichten,— wenn man an ihn wollte. Nun wird dieſe Ungnade des Fürſten ſein Schutz! Sie wird ihm zur rechten Zeit ins Haus gebracht: iſt das nicht ein Narrenglück? Er trat unmuthig ans Fenſter, bis Hilarion mit einem frommen Gruße ſich zum Gehen wendete. Garz⸗ weiler eilte ihm nach, und indem er ihn durch das Vor⸗ zimmer begleitete, ſagte er: Thue mir den Gefallen, Freund, und ſprich in der Stadt nichts von des Barons Unglück, von des Fürſten 2* 5 .— Myhſ⸗ 20 Ungnade. Es ſchadet ihm bei den Bürgern, und— ich habe noch andere Gründe. Ich will ſelbſt mit ihm reden. Du ſchweigſt, und ein halbes Schock meiner Seelenmeſſen fällt in deine Kapuze! Hilarion ſah ihn groß an, nickte freundlich und reichte zum Gelöbniß ſeine derbe braune Hand. Zweites Kapitel. Der Club, zu eifrig, um an dieſem Allerſeelentage ſeine ge⸗ wöhnliche Verſammlung auszuſetzen, hatte vielmehr einen Gegenſtand auf die Tagesordnung genommen, der auch die ernſten frommen Bürger anziehen ſollte,— jene Erklärung der Kaufmannſchaft nämlich, deren ſchon dieſen Morgen auf dem Kirchengange der Handelsmann Rapallo gedacht hatte. Es war eine Antwort an den General Cuſtine, auf die von ihm gleich nach der Beſetzung von Mainz an die Landesbewohner erlafſene Auffoderung,— ſich mit unbeſchränkter Freiheit eine beliebige Verfaſſung zu wählen. Zuerſt hatte ſich der gelehrte Stand und zwar für die Annahme der neufranzöſiſchen Republik ent⸗ ſchieden. Die Eingabe der Kaufleute ſuchte dagegen die franzöſiſche Conſtitution als für das mainzer Volk unge⸗ eignet abzulehnen, und ſprach ſich für einen Fürſten mit Landſtänden im Verbande mit dem deutſchen Reich aus. Dieſe Erklärung beunruhigte die eifrigen Clubiſten 2 ¹ — durch die Furcht vor dem Eindruck, den ſolche vorausge⸗ hende Abſtimmung des angeſeheneren Theils der Bürger⸗ ſchaft auf die Zünfte und das Landvolk machen könnte. Sie hatten, um den möglichen Einfluß auf die Entſchlie⸗ ßung derſelben abzuwenden, verſchiedene Reden vorbereitet, wodurch die Anſichten der Kaufmannſchaft widerlegt, und, ſo zu ſagen, die Republik gerettet werden ſollte. Dieſe Verhandlung ſtand heut auf der Tagesordnung, ein Gegenſtand, der freilich die lebhafteſte Theilnahme der beſorgten wie der neuerungsſüchtigen Mainzer erregen mußte. Man drängte ſich daher ſchon vor der gewöhnlichen Abendſtunde auf die Galerie des Akademieſaals im neuen Schloßflügel. Auch Baron Franz Karl, der ſich wieder einmal zu einem ſolchen für ihn wenig anziehenden Be⸗ ſuch entſchloſſen hatte, kam zeitig genug, um ſich in ſehr befangener Stimmung den Eindrücken der Umgebung zu überlaſſen.— Es war für ihn immer eine eigene Em⸗ pfindung, von da oben hinabzuſchauen, wohin er ſonſt vom gebohnten Eſtrich des prachtvollen Saales emporge⸗ blickt hatte. Nun ſtand er hier, ſelbſt ein Zuſchauer deſ⸗ ſen, was da unten, wo ſonſt Adel und Anſtand geherrſcht hatten, Ungehöriges und nicht ſelten Ungebührliches vor⸗ zugehen pflegte. So glaubte wenigſtens der junge Freund, und die lärmende, zügelloſe Art, wie ſich im Saale die Clubiſten und auf der Galerie die Zuſchauer einfanden, verſcheuchte ihm alle jene, in ſeiner erſten Hofbegeiſterung empfangenen Eindrücke feierlicher Stille und hoher Er⸗ wartung, alle Erinnerung an die ſchönen und glanzvollen Feſte, deren ſtolzer Mitgenoß er beſonders im letzten Win⸗ ter geweſen war. Dieſe Eindrücke dauerten fort, auch 22 nachdem ſeine Vorſtellungen und Anſichten von dem Für⸗ ſten und dem Hofe ſich verändert hatten. Ohne Standes⸗ genoſſen, wie er ſich hier fand, und von wildem Getöſe umgeben, fühlte er eine gewiſſe ariſtokratiſche Verſchämt⸗ heit, ſich auf der Galerie zu befinden, wo ſonſt bei man⸗ chen Feſten und Feierlichkeiten bürgerliches Beamtenthum oder untergeordnete Familien aus beſonderer Gunſt als Zu⸗ ſchauer zugelaſſen wurden. In ſeiner Verlegenheit blickte er nach dem großen Plafond⸗-Gemälde in der Einfaſſung koſtbarer Stuckarbeit, oder beugte ſich über das umlau⸗ fende broncirte Geländer, die 32 Säulen vom ſchönſten grünlichen, weißdurchäderten Gypsmarmor zu zählen und die weißen, reichvergoldeten Kapitäler, auf denen die Ga⸗ lerie aufſaß, zu betrachten. Durch die großen Fenſter in Rundbogen zwiſchen den Säulen, über die Zwiſchenfelder der Wand von violettem Marmor und gelber Einfaſſung ſtahlen ſich, wie verdroſſen, die letzten Tageslichter aus dem lärmenden Saale. Unter den angezündeten Kron⸗ leuchtern vermehrte ſich Lärm und Gelächter der Clubiſten im Saal, und der Baron, heut alles Widerwärtige auf⸗ zuſpüren getrieben, konnte es nicht laſſen, ihre neufränki⸗ ſchen Anzüge mit der ehemaligen Hofkleidung, und ihr rückſichtloſes Betragen mit dem vormaligen Ceremoniel zu vergleichen. Dieſelbe Pracht des Saales, die noch jüngſt Majeſtäten und Fürſtlichkeiten mit Glanz umgeben hatte, ſtrahlte jetzt mit gleicher Hoheit auf dies gemeine Treiben herrſchſüchtiger Männer, die ſich Volksfreunde nannten. Welch' ein Abſtich von Sonſt und Jetzt in der⸗ ſelben Einfaſſung! Und welches bange Räthſel der Zu⸗ kunft drängte ſich in dieſen Vergleich! 23 Sobald auf die Schelle des Präſidenten einige Ruhe eingetreten und die Sitzung mit einer kurzen Anrede er⸗ öffnet war, betrat Profeſſor Hofmann die Rednerbühne zu einem umfaſſenden Vortrag über Fürſtenregiment und Landſtände. Er ging von der Behauptung aus, daß es nach reinen Grundſätzen des Naturrechts wie der Ver⸗ nunft keinen erweisbaren Grund gebe, welcher einen Men⸗ ſchen zur Beherrſchung anderer vernünftigen Menſchen ohne deren Einwilligung berechtigen, oder die einzelnen Glie⸗ der des Staates verpflichten könne, ſich ihres Rechtes der Mitregierung zum Vortheil eines Einzelnen zu begeben. — Mit einer ſeiner lebhaften Redewendungen foderte er den Coadjutor Dalberg ſelbſt, den vorauserwählten Nach⸗ folger des entflohenen Kurfürſten, zur Entſcheidung dieſer Frage auf.—„Sei du Richter zwiſchen dir und uns!“ rief er aus,„du, deſſen ſeltene Kenntniſſe in deinem Stand und noch ſeltenere Herzensgüte ich mit Bewunde⸗ rung verehre. Denn, wer von deinem Stande zog, wie du, dem Schwunge der Wiſſenſchaften nach, und getraute ſich mit dir in die unbekannten Regionen der Menſchen⸗ rechte einzudringen, ſo ſehr ſie dir auch mit jedem Schritte deinen politiſchen Tod ahnen ließen?“ Dieſe und andere Worte der Anerkennung und Be⸗ wunderung aus dem Munde eines der heftigſten Clubiſten machten einen günſtigen Eindruck auf den Baron Franz Karl. Zum erſtenmal empfand er gerade hier mit einem gewiſſen Bedauern, daß er nicht dazu gekommen war, unter dieſem geiſtvoll⸗gütigen Fürſten in Erfurt zu dienen. Der Freund erwartete nun aus dem Munde des Redners einige Ausſprüche oder Stellen aus den Schriften Dal⸗ berg's als Antwort auf die an ihn geſtellte Frage. Statt deſſen kam Hofmann mit einem Sprung auf den Kur⸗ fürſten, deſſen Regierungshandlungen er als Zeugniſſe für ſeine weitere Behauptung herbeizog. Dieſe ging dahin, daß ein Volk, ſo lange es auch nur dem Namen nach einen Fürſten im Land habe, niemals ſo ſicher, wohlha⸗ bend und glücklich leben könne, als ohne Fürſten; indem auch die landſtändiſche Beſchränkung der Fürſtengewalt un⸗ zureichend für das öffentliche Wohl und, genauer beſehen, nur eine Täuſchung des Volkes ſei. Franz Karl, als der Name ſeines Fürſten genannt wurde, ängſtigte ſich, was nun geſagt werden möͤchte. Auch fiel der Redner gleich ſehr heftig mit der Behaup⸗ tung herein, daß weder die Reichsgeſetze noch das Dom⸗ kapitel als Landſtände den alten Herrn gehindert hätten, alles für Land und Leute Verderbliche ungeſtraft zu treiben. Hier ſaß nun Hofmann auf ſeinem Lieblingsgaul, den er oft genug in der Leſegeſellſchaft und in Weinhäuſern getummelt hatte. Auch war er in der mainzer Hof⸗ und Staatswirthſchaft bewandert genug. Mit Ziffern und Zahlen wies er Einnahme und Ausgabe, Schulden und Anleihen, Verkümmerungen an dem nothwendigen Staats⸗ bedarf und Verſchwendungen im unnützen Hofaufwande nach, berechnete die Koſten fürſtlicher Günſtlinge und Maitreſſen und zählte die Privat⸗ und Regierungsſünden des alten Herrn mehr als ſchonungslos auf. Zum Be⸗ weis, wie dienſtwillig der Adel gegen den Fürſten, wie nachſichtig der Fürſt gegen den Adel geweſen, ließ der Redner es nicht an Anekdoten, halb bekannten Vorfällen und an angeſehenen Familiennamen fehlen. Er ſprach von einer„Hofkupplerzunft“ und„Kammerplusmacher⸗ gilde“, von Schwämmen, die über Nacht am Hof auf⸗ geſchoſſen und in neugeſchaffene Chargen eingewachſen ſeien, gedachte eines„ingelheimer Hausdiebes, der wegen Mein⸗ eids vor Gericht gezogen, dennoch ſtatt ins Stockhaus— an die Hofkaſſe geſetzt worden ſei, nachdem er die Woh⸗ nung der Gräfin Coudenhove geſchmackvoll ausmöblirt 1 habe“, und rief, nachdem er von verkauften Stimmen der mainzer Landſtände geſprochen: 6 „Dadurch werden denn die Familienangelegenheiten und Schulden regulirt, alte Stellen reſuscitirt, neue creirt, Heddesdorf wird Univerſitäts⸗Curator, Fechenbach's Bru⸗ der Oberſtleutnant, und Ritter's Beſchließerin bekömmt ein Aſſeſſors⸗Decret für ihren Amanten auf die Hofkammer.“ Dies waren lauter bekannte Namen und ein ſtarkes Getöſe entſtaud auf den Galerien; indem der Beifall, in welchen der Pöbel ausbrechen wollte, durch eben ſo laute Mißbilligung angeſehener Männer unterdrückt wurde. Der Redner ließ ſich dies Geräuſch nicht anfechten, und fuhr fort, in der Fürſtengewalt eine erbliche Neigung zum Deſpotismus durch die Geſchichte der Völker nachzuweiſen. —„Um den Thron“, rief er aus,„verſammeln ſich die Intereſſen Aller und vom Throne gehen alle Strahlen der beglückenden Hoffnung aus. Aber wenn an des Himmels reiner Sonne ſich jedes Inſekt der lebenden Natur wärmt, ſo brütet ſich an der Höfe nachgeäfftem Sonnenſcheine alles politiſche Ungeziefer aus. Der Fürſt wünſcht und winkt, und das dienſtſuchende Sklavenheer eilt und rennt, ſein eigenes und ſeiner Mitbürger Beſtes der ſchnöden 26 Laune ſeines Fürſten aufzuopfern. Ihr ſeid ihnen nur Volk, Pöbel, Lumpenpack, blos gemacht zur Arbeit und Frohnde, nicht zum Mitgenuſſe deſſen, was ihr mit der Anſtrengung des Arbeitsviehes der Erde abgerungen habt.“ Dieſe Worte blieben nicht ohne lebhaften Beifall der Galerie, und Hofmann ging auf den Vorzug über, den Frankreich als Schutzmacht des Rheinlandes vor den deut⸗ ſchen Großmächten verdiene, da von dort, wo kein König mehr regiere, auch keine Königskriege zu fürchten ſeien, wie von den Monarchen, die nur ſtets ihr eigenes Herr⸗ ſcher⸗Intereſſe in die Wage von Krieg und Frieden leg⸗ ten.—„Und was man euch vom lieben heiligen römiſch⸗ deutſchen Reiche vorſchwatzt“— ſprach Hofmann mit bitterem Tone—„glaubt ihr denn, daß nach dem Kriege, wenn die beiden großen Angelmächte deſſelben, Oeſtreich und Preußen, mit ihren Armeen glücklich zurückgekommen wären, noch ein Schatten davon fortgedauert hätte? Die Theilung und das Ende deſſelben waren ſchon beſchloſſen, ehe ſie gegen Frankreich auszogen, und die dem Reiche zugefügten Kränkungen der Franzoſen dienten ihnen nur zum Vorwande ihres bedrohlichen Bündniſſes,— mögen die berliner Kabinetsknechte dagegen ſchreien wie ſie wol⸗ len. Auch euerm Mainz, wo dieſe Monarchen ſo herrlich bewirthet wurden, war eine gar erbauliche Beſtimmung zugedacht. Und du, armer Fürſt von Fulda, ſchickteſt noch deinen Hühnerkorb voll Soldaten nach Mainz, und ahn⸗ teſt nicht, zu welchem Schmauſe ſie beſtimmt waren, und daß man dich ſchon dem———— in Kaſſel zuge⸗ ſagt hatte!“ Der Schluß der Rede war hauptſächlich für die Kauf⸗ leute gemünzt.—„Wo iſt ein politiſches Uebel“, behaup⸗ tete der Redner,„das in einer Monarchie nicht zehnmal größer, als in einem Freiſtaate— und wo ein ſolches Gut, das in einem Fürſtenſtaate nicht tauſendmal kleiner, als in einer Republik iſt? Ihr Mainzer habt zwei Flüſſe, wie ſie auf Europas Boden nirgends ſo zuſammenſtrömen, und Frankfurts niedere Ufer ſind nur vom einſamen Main beſucht: und doch meidet der millionenträchtige holländer Handel eure nähere Fürſtenreſidenz, und wirft ſich dort der entfernteren Demokratie der freien Stadt in die Arme. Habt ihr keine Augen, Kaufleute, für die holden Braut⸗ blicke der reichausgeſtatteten Freiheit? Auf denn! Rechts und links, gegen Oſten und Weſten, und beide Ufer eures Goldbaches entlang, nach Holland und der Schweiz ſind alle Augen auf euch geheftet, alle Arme flehend ge⸗ gen euch ausgebreitet und erwarten eure Entſchließung, Wohl oder Weh, Fluch oder Segen. Ihr könnt Tau⸗ ſend und Tauſend eurer Nachbarn, ja das ganze dienſt⸗ bare Deutſchland ſeinen Wütherichen entreißen, die unter⸗ drückte Menſchheit in ihre heiligen Rechte und goͤttliche Würde wieder einſetzen. O verſäumt, verträumt, ver⸗ ſchlaft den koſtbaren, unwiederbringlichen, vielleicht einzigen Augenblick nicht, dem troſtloſen Menſchengeſchlechte jenen Segen zu bringen, den nur eine Gottheit, nur die der Franken ſich erbarmende Gottheit geben konnte!“ Dieſer letzte Gedanke empörte den Baron Franz Karl ſo ſehr, daß er, dem ungeſtümen Widerſpruche ſeiner Empfindungen nacbangend, im Aufruhr ſeines Gemüthes den übrigen ſtürmiſchen Schluß der Rede überhörte. 28 Ein großer Eindruck blieb, als der Redner unter lär⸗ mendem Beifall der Clubiſten die Tribune verließ, unter den Zuhörern zurück; nur war derſelbe nicht überzeugend und hinreißend, vielleicht ſchon, weil die Rede auf den Pöbel und die Verſtändigen zugleich berechnet war, und daher Falſches und Wahres, Skandal und Geheimniſſe, trübſelige Erinnerungen und koſtbare Zuſagen gleich einem Strom vorüberwälzte, und bald ſchmutzigen Schaum ge⸗ ſchmackloſen Ausdrucks, bald eine Glanzwelle hoher Be⸗ redtſamkeit emportrieb. Man fühlte ſich mehr wie von einem Eisgange, der eine große Zerſtörung mit ſich reißt, beängſtigt, als von einem Strome gelockt, dem man im Abglanze des heitern Himmels ſeine Güter anvertrauen möchte. Nur den Sieg hatte Hofmann gewonnen, daß die nach ihm Sprechenden keinen Eindruck mehr auf die nach⸗ ſinnenden Gemüther machen konnten.— Wedekind, der zuerſt auftrat, blieb ſchon mit ſeinem ſchwächeren, klang⸗ loſen Organ hinter ſeinem Vorgänger zurück; auch bot ſeine Rede über die Nothwendigkeit einer Revolution in Mainz weniger Inhalt, und die heftigen, ſchmähenden Stellen entbehrten Hofmann's ſaftigen Ausdruck. Vollends der dritte Redner, Pape, brachte ſchon durch ſein bloßes Erſcheinen viel ſtrenggeſinnte Zuhörer gegen ſich auf. Kanonikus und Profeſſor zu Arnsberg war Pape, um eine freiere Wirkſamkeit zu erlangen, nach⸗ Kolmar ausgewandert, dort Director des Nationalſemi⸗ nars geworden, und jetzt als Kommiſſar des oberrheini⸗ ſchen Departements mit Cuſtine's Armee nach Mainz ge⸗ kommen. So ruhig er und nicht ohne Würde über die Vereinbarkeit der franzöſiſchen Verfaſſung mit dem Katho⸗ licismus ſprach: ſo mißfiel er doch als weltfahrender Be⸗ nedictiner⸗Prieſter und durch den Gegenſtand ſeiner Rede gerade bei dem mainzer Bürger, der bei flacher Religio⸗ ſität deſto mehr auf kirchliche Aeußerlichkeiten zu halten und als heiterer Lebemann jene Abergläubigkeiten und Mißbräuche, gegen welche Pape ſprach, zu den pikanten Genüſſen ſeiner Kirchentafel zu rechnen pflegte. Ein Welt⸗ geiſtlicher von einem gewiſſen Anhang, Namens Rüffel, hetzte auch die murrenden Bürger zum Ausziſchen Pape's doch unerwartet brach auf der anderen Seite der Galerie eben ein beifälliges Lachen aus, als der Redner, bei Er⸗ wähnung des bekannten Manifeſtes, den Herzog Ferdi⸗ nand— den Don Quixote von Braunſchweig nannte. Franz Karl hatte ſich von manchen Anſichten des auf⸗ geklärten Geiſtlichen angeſprochen gefühlt; doch verdarb ihm der zur Republik aufmunternde Schluß der Rede dieſe zufriedene Stimmung, und in der Verzweiflung, noch etwas Wohlthuendes zu vernehmen, benutzte er eine Bewegung unter den gedrängten Zuhörern, um ſich durch das Gewühl auf der Galerie zu arbeiten, und das Haus zu verlaſſen.— Nur das Bild des Coadjutors Dalberg begleitete ihn durch die nächtlichen Gaſſen.. Er hing in Gedanken den Vorzügen dieſes eben ge⸗ 1 rühmten Mannes nach, und ſein Bedauern, um die Nähe deſſelben in Erfurt gekommen zu ſein, verwandelte ſich ſchon in das edlere Leid, daß dieſer Fürſt nicht, ſtatt des entflohenen, den Stuhl von Mainz inne gehabt hätte. Seine weiſere Politik, dachte er, ſein perſönlicher Muth würden den Fall der Feſtung oder doch die Schmach des 30 entwichenen Adels verhütet haben.— Nun erinnerte ſich der Freund auch jener früheren Mittheilung Lennig's,— wie fröhlich ſein ſeliger Vater am Feſttage der Coadju⸗ torwahl geweſen, und, an jenem Tage vom Schlage ge⸗ troffen, ein Opfer dieſer Freude geworden ſei.— Dal⸗ berg iſt ein Verhängniß unſeres Hauſes! rief er ſchmerz⸗ lich aus. Drittes Kapitel. Den Tag nach Allerſeelen brachte der heilige Hubertus einen trüben Sonnabend, an welchem jedoch zum erſten⸗ mal nach dem Einzuge der Franzoſen gute Marktgeſchäfte gemacht wurden. Denn anfangs hatten die Landleute der Umgegend ſich mit den Erzeugniſſen ihrer Feld⸗ und Gartenwirthſchaft nicht zur Stadt gewagt, bis das Be⸗ tragen der Franzoſen Vertrauen für Handel und Wandel erweckte. Nun zog Vortheil und Neubegierde zugleich das Landvolk deſto zahlreicher zur Stadt. Hier hörten ſie von der Feierlichkeit, womit Nachmittags der erſte Freiheits⸗ baum geſetzt werden ſollte, und wer bei dieſen kurzen Tagen nicht gar zuweit nach Haus hatte, blieb, das funkel⸗ neue Schauſpiel mit anzuſehen, in Mainz zurück. Dieſe Gelegenheit benutzte ein Mann, der mit dem uns bekannten Pape von Kolmar nach Mainz gekommen war,— ein gewiſſer Friedrich Cotta, Sohn eines da⸗ 31 mals bekannten Nachdruckers, zur Verbreitung zahlreicher Abdrücke eines Flugblattes. Unter dem verlockenden Ti⸗ tel:„Wie gut es die Leute am Rhein und an der Mo⸗ ſel jetzt haben können,“ empfahl er den Landleuten die Annahme der franzöſiſchen Verfaſſung, wodurch ſie mit einmal alle Laſten der Leibeigenſchaft, das Mann⸗ und Kopfgeld, die herrſchaftlichen Frohnden und Schäfereien, den Wildſchaden, das Weg⸗ und Umgeld, die Zehnten und Acciſe u. dgl. los würden. Solche Verſprechungen, die einem mit ſoviel Ketten beſchwerten Volke bald als Erlöſung erſchienen, regten wenigſtens die Gemüther auf und riefen einen Zwieſpalt von Wunſch und Zweifel her⸗ vor, der in den Wein- und Wirthshäuſern durch hefti⸗ gen Wortwechſel zwiſchen deutſch⸗ oder franzöſiſchgeſinnten Zechbrüdern noch mehr entflammt wurde. Nachmittags drängte ſich die Volksmenge um den Schloßflügel des Akademieſaals, worin die Clubgenoſſen zum Feſtzuge ſich verſammelten. Auf dem alten Schloß⸗ platze ſpielte türkiſche Muſik patriotiſche Melodien. Einige fahle Herbſtſchimmer fielen durch die abgeregneten Wol⸗ ken des Abendhimmels auf das röoͤthliche Schloß. Loſes Geſindel, empfänglicher als der ſorgenvolle Bürger für die verkündigte Freiheit und Gleichheit, lärmte und betrug ſich ausgelaſſen genug unter ſich und gegen die Vorüber⸗ gehenden. Sie ſelbſt hatten, um Andere zu necken und zu hänſeln, früher eine gute Schule vor den Haustreppen des hohen Adels beſtanden, wo ſelbſt kein achtbarer Bür⸗ ger ohne Mißhandlung übermüthiger Dienerſchaft vorüber⸗ gekommen war. Am ſchlimmſten erging es einem kleinen, kurzbeinigen Manne, der in Putz und Haltung geziert, 32 mit der Miene der höchſten Wichtigkeit nach dem Schloß eilte.— Herr Studinger, Herr Studinger! riefen ihm mit ſchalkhaftem Hüſteln zweideutige Weibsperſonen zu, von denen ſonſt ein Mann von ſolchen äußeren Anſprü⸗ chen nicht gern gekannt iſt. Die Straßenbuben und mü⸗ ßige Lehrburſche pfiffen ihm, warfen mit loſem Kies hin⸗ ter ihm her und riefen: Studinger, verſchlagener Stadt⸗ Cupido!— ein Spottname, der auf bedenkliche Geſchichten zu deuten ſchien. Hinter dieſer luſtigen Ausgelaſſenheit zogen ſich im⸗ mer mehr Gruppen ernſter Bürger zuſammen, die ſich mit einer ſchweren Frage zu beſchäftigen ſchienen. Franz Karl, von ſeiner beobachtenden Unruhe umhergetrieben, erkannte einige ſeiner Galerie⸗Nachbarn aus dem geſtrigen Club und redete ſie an. Die Ehrerbietung, womit ſie den Baron begrüßten, verrieth, daß dieſe gelaſſenen Män⸗ ner ſich noch nicht von allen Folgerungen der neuverkün⸗ digten Freiheit und Gleichheit hatten einnehmen laſſen. Mehrere geſtanden dem Baron ein, daß ſie nach den geſtrigen heftigen Reden nur noch unentſchloſſener gewor⸗ den ſeien, und ſich eben an einen Mann gewendet hät⸗ ten, auf den ſie ein großes Vertrauen ſetzten. Aha! rief der junge Freund, nun errathe ich ſchon euer Orakel. Ich ſah vorhin einige unſerer braven Bür⸗ ger in die Wohnung des geheimen Staatsrathes von Müller gehen. Nicht wahr? So iſt es, Herr Baron! war die Antwort. Und hat denn wirklich der Herr Staatsrath den kurfürſtlichen Dienſt verlaſſen? 1 Ja, erwiderte Franz Karl. Er iſt ſeit geſtern zurück⸗ 33 gekehrt, ſeine Sachen zu packen und in die Schweiz zu ziehen. Ich gönne ihm dieſe Freiheit lieber, als die uns ſo dringend angebotene. Er rettet ſich in ein Land, wo die Natur mit ihren Gletſchern und fruchtbaren Thä⸗ lern, mit Felſen und Triften den freien Menſchen ein großes Bild der Ungleichheit vor Augen hält. Mit dieſen großen Erinnerungen wird auch Müller als freier Mann gewiß unparteilich rathen. Sie ſprachen noch darüber, als die Abgeordneten ſehr aufgeregt zurückkamen.— Nun, was hat er geſagt? rief man ihnen zu. Was ſollen wir thun? Franzöſiſch werden! rief Schmuttermeier, der Maurer. Was? fiel ihm Zimmermeiſter Riedel ins Wort. Deutſch bleiben! hat er geſagt. Nein doch! betheuerte Jener. Hat er nicht nach lan⸗ gen, geheimnißvollen Explicationen geſagt: Tout ou rien? Ja, das hat er geſagt! Alſo tout geht voraus, und heißt: Wagt Alles, werdet franzöſiſch! Oder: rien! Wagt Nichts, bleibt deutſch! entgegnete Riedel. Ei, ei! Schöne Erplicationen! erklärte der dritte Abgeordnete, Uhrmacher Weidenheimer. Alſo rien und deutſch wäre gleichbedeutend? Wie ich den Herrn gehei⸗ men Staatsrath verſtanden habe, und wie er ſich auch weiter explicirt hat, ſollen wir uns für Eins oder das Andere entſcheiden;— auf das Wörtchen„oder“ kömmt's an, und er räth uns, der Gewalt nachzu⸗ geben. Hört, ihr braven Bürger! fiel Franz Karl ein. Macht Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 3 34 euer Orakel nicht zweideutiger, als es iſt. Wir wollen nicht über tout ou rien ſtreiten: ich glaube eher, daß rien auf das Franzöſiſche zielt; nicht blos weil ich von dieſer franzöſiſchen Freiheit und Gleichheit nichts erwarte, nichts Heilſames,— ſondern weil, wenn ihr eben nichts wagt, franzöſiſch bleibt. Viele unſerer Mitbürger waren ſehr niedergeſchlagen, daß unſer Adel entfloh, und nichts wagte: wir ſind geblieben und wollen nun auch nichts wagen? Wohl! Nichts, gar nichts für eine Republik: aber Alles für einen richtigen Fürſten! Was ſagt ihr zu Dalberg, unſerem Coadjutor? Ein vortrefflicher Mann! Und hat Anrechte auf Mainz. Die deutſchen Mächte kön⸗ nen nichts gegen ihn haben, und unſer alte Erthal wird ihm gern den Kurhut und die Schamröthe abtreten, ohne die er nicht wieder in Mainz einziehen könnte.——— Doch, hier iſt der Ort nicht, um mehr zu ſagen. Nur Eins: übereilt euch nicht! Ihr habt Zeit. Zögern iſt die erſte Bürgerpflicht in eurer Lage,— Abwarten! Es werden ſich Leute finden, die euch rathen und beiſtehen. Ja, wenn Sie, Herr Baron—! rief Weidenheimer. Sie ſind bei uns geblieben,— auf Sie wollen wir hören. Franz Karl winkte ihm, zu ſchweigen, und eben fiel auch die türkiſche Muſik mit dem täglichen Ca ira ein. Der Zug entfaltete ſich aus dem Portal des Schloßflü⸗ gels. Jener„verſchlagene Stadt⸗Cupido“ ſchritt vor⸗ aus, eine junge Fichte vor ſich hertragend, die mit drei⸗ farbigen Bändern und einer rothen auf die Krone des Baums geſtülpten Mütze aufgeputzt war. Ihm folgte als Anführer des Zuges der für die Woche gewählte Club⸗ präſident Doctor Wedekind, einen Jakobinerſäbel in der Hand, in Mienen und Geberden ſehr exaltirt. Paarweiſe ſchloſſen ſich die Clubiſten an, jeder mit der Auszeichnung eines runden, mit den eingeprägten Buchſtaben F. G. bezeichneten Meſſingblechs, das an einem dreifarbigen Band auf der Bruſt hing. Der Zug ging über die große Bleich, den Thiermarkt, den Ballplatz und Leichhof nach dem Marktplatze. Hier am Stadtgerichtshauſe gegen die Sanct⸗Albans⸗ Kapelle lag auf drei ſteinernen Poſtamenten, ſelbſt in Form eines Steins, ein altes eiſernes Denkmal, über deſſen Ur⸗ ſprung und Bedeutung verſchiedene Sagen gingen. Von dieſen Ueberlieferungen griffen die Clubiſten die bekannteſte heraus, die ihnen zugleich zu einer ſymboliſchen Handlung entgegenkam, womit ſie die theils ſchwankende, theils abgeneigte Bürgerſchaft durch die Macht ſinnlicher Vor⸗ ſtellungen gegen alte Tyrannei und für die neue Freiheit einzunehmen dachten. Ein unzähliges Volk war zuſam⸗ mengelaufen, und umdrängte den Kreis, den franzöſiſche Nationalgardiſten um das Denkmal gezogen hatten. Die blätterloſen Linden der nahen Promenade und die eiſer⸗ nen Fenſtergitter des Biſchofhofes waren erklettert, die Fenſter der umherliegenden Häuſer Kopf an Kopf beſetzt, ja bis zu den oberſten Luken der Dächer und der Thürme des nahen Doms hatte die Neubegierde ſich verſtiegen. Innerhalb des Kreiſes hielt zu Pferde der Obergeneral Cuſtine mit einem kleinen Reitergeſolge. Unter dieſem zog beſonders Houchard, Oberſt der reitenden Jäger, von Frankfurt, wo er commandirte, zu dieſer Feierlichkeit ge⸗ kommen, die Blicke der Landleute auf ſich,— ein Mann 3* —— — — nn————— 5 * 8 ——õ;—— ſſſſſſſſſſſſſ ——— 1 — 36 von anſehnlicher Geſtalt, aber gebückter Haltung zu Pferde, das Geſicht durch Säbelhiebe gräulich entſtellt, ſo daß der halbe Mund aufwärts ſtand und ein Auge ſich auf die Wange herabzog. Angenehmer erſchien Cuſtine, ein Fünfziger von mittler Statur, ernſter und würdevoller Haltung, durch einen wilden, tief herabhängenden Schnurr⸗ bart und kluge Augen ausgezeichnet, die unter dem tief⸗ ſitzenden Hute unaufhörlich nach allen Seiten umher⸗ ſpielten. Die Feierlichkeit begann mit der marſeiller Hymne, in deren kühne Melodie die Clubiſten mit wildem Geſang einſtimmten. Darauf ſchwang ſich der Clubpräſident auf das Denkmal, und hielt eine kurze Rede, worin er, die gänge Volksſage benutzend, an jene früheren Tage erinnerte, als der Kurfürſt Diether von Iſenburg, mit Adolph von Naſſau um den Kurhut ſtreitend, Mainz mit nächtlichen Liſten und tagelangen Kämpfen beunruhigt hatte. Und nun hört! ihr brüderlichen Mainzer, rief er mit Nachdruck, hört! was nach ſolchen Erinnerungen an ſchwere Verhängniſſe, die eure Vorfahren betroffen haben, für euch und eure Nachkommen dieſe glückliche Stunde bedeutet! Jener von den Bürgern vertriebene Kurfürſt, als ihn ſein gutes Geſchick wieder obſiegend zurückführte, beraubte die Stadt ihrer ſchönen Privilegien und Freihei⸗ ten, und indem er dieſe Eiſenmaſſe, auf der ich ſtehe, hier auf euerem Markte feſtſchmiedete, rief er mit dem Hohne, der Fürſten eigen iſt, eueren Vätern zu: Hier, mein Volk, lege ich dir einen Butterweck hin, und ſobald ihn die Sonne weggeſchmolzen, ſollſt du deine Rechte und Freiheiten wiederhaben!— Welche Hoffnung blieb da, 34 bei der ewigen Verdammniß ſeiner Freiheit, dem biederen mainzer Volk übrig? Und ſeht! heut' iſt dieſe Sonne doch wirklich aufgegangen, die den Butterweck der Ty⸗ rannei hinwegſchmelzen ſoll. Fort mit dieſem Denkmal argliſtiger Fürſtenherrſchaft, das ein Bild eurer ewigen Dienſtbarkeit unter meinen Füßen liegt! Und das ſeit Jahrhunderten von keiner Sonne beſchienene Fleckchen Erde trage fortan den Baum der Freiheit! Kein Kurfürſt kehre mehr zurück, euch die Früchte der Freiheit zu rauben! Und nun fort mit dieſer trotzigen Eiſenmaſſe, die aus ihrer langen Ruhe geweckt, als Siegesbotin der Freiheit umlaufen ſoll, indem ſie zu Denkmünzen beſtimmt iſt, mit der Aufſchrift: Von der Sonne der Freiheit ge⸗ ſchmolzen! Herabgeſprungen traf Wedekind das Monument mit drei feierlichen Hammerſchlägen; worauf unter dem luſtigen Spiele des Ga ira einige beſtellte Schmiede mit ihren Poſſekeln und Brecheiſen die Maſſe löſten und hinweg⸗ räumten. Der geſchmückte Baum wurde auf der Stelle eingeſetzt und befeſtigt, worauf Wedekind rief: Es lebe die Freiheit! Nur ein getheilter Wiederhall erfolgte unter der Menge. Als aber der Vicedom von Bibra rief: Es lebe das Volk! brach ein unbeſchreiblicher Jubel aus. Theils war man nämlich der Anweſenheit dieſes adeligen Beam⸗ ten froh, theils fand man in ſeinem Zuruf einen Wink und eine Ermunterung, daß doch jetzt Alles auf das Volk ankomme.— Sobald es nach und nach ſtill wurde, brachte der„verſchlagene Stadt⸗Cupido“ ein drittes Hoch der Republik aus, das jedoch mit verzetteltem Geläch⸗ ter und vereinzeltem Pfeifen aufgenommen wurde. Die Clubiſten umarmten einander, und reihten ſich paarweiſe zu einem Umzuge um den Freiheitsbaum, wobei einige ſich zum Walzen umfaßten, andere die vergnügteſten Bock⸗ ſprünge machten. Franz Karl und Forſter hatten ſich zufällig im Ge⸗ dränge gefunden und ſahen dem Vorgang von einem Treppenſteine zu. Sie unterhielten ſich mit Erasmus Lennig, der hier im Hauſe eines Bekannten ein Fen⸗ ſter des Erdgeſchoſſes eingenommen hatte. Der Baron beklagte, daß er den Herrn von Bibra im Zuge die⸗ ſer Narren erblicken müſſe; worauf Erasmus lächelnd er⸗ widerte: Mein Herr Vicedom ſpielt den Klugen! Er dachte anfangs wacker auszuhalten, und hat darüber den Augenblick der Flucht verſäumt. Nun maskirt er ſich, bis er eine günſtige Stunde findet, Mainz zu verlaſſen. Er wird ſich dann nach Fulda machen. Aber da ſehen Sie ein⸗ mal, welche ſeltſamen Verkoppelungen die neue Freiheit zuwege bringt! Dort, Herr Baron, im paarweiſen Zuge der Clubiſten! Da geht der Pfarrer Rumpel mit dem Juden Iſaak Bär aus Weißenau, der verarmte Schneider Bohmensritter führt ſich am Doctor Hagen, der verlau⸗ fene Auguſtiner Hornung hüpft neben dem Kaufhaus⸗ knechte Gutenſohn! Ein neues Gelächter brach hier und dort hinter der abziehenden Feierlichkeit aus. Und wie die Menge nach⸗ folgte, bemerkte Lennig einen ihm bekannten Juden, den er heranwinkte.— Nun, Moſes Hecht, ſagte er, was ſagſt du zu dem Baum dort, zu dem aufgeputzten Frei⸗ —— 39 heitsbaum? Oder haſt du vielleicht die Bänder dazu ge⸗ liefert? Die Bänder? erwiderte der Jude. Nein, Herr Ver⸗ walter! Das Blau war mir ausgegangen, und es mußten doch die drei Farben ſein. Nun, was ſoll ich ſagen von das Bäumchen? Schauen Sie's nun an: es iſt doch ein Bäumchen ohne Wurzel, und ein Käppchen drauf ohne Kopf! Lennig lachte laut auf.— Bei Gott! der hat Recht, rief er; darin iſt die ganze Zukunft der neuen Herrlich— keit ausgeſprochen. Aber ſchweig' und mach' dich aus dem Staub, Moſes! Weißt du nicht, daß die Prophe⸗ ten geſteinigt werden? Viertes Kapitel. Hatte unſer junger Freund, der Baron Franz Karl, ſchon früher, wo er in Geſchäften und mancherlei Verbindun⸗ 1 gen lebte, nur ungern einen Abend bei Forſter verſäumt: ſo wußte er jetzt, wie ſehr auf ihn gerechnet wurde, und welche Freude er Frau Thereſen machte, wenn er ſich recht pünktlich zu ihrer Theeſtunde einfand. Dieſe Abendan⸗ dacht, dieſe Vesper der Freundſchaft, wie ſie es ſcherzend — nannte, gehörte zu ihrer Lebensordnung, und es war mehr als die Hälfte ernſtlich gemeint, wenn ſte lächelnd den General Cuſtine verwünſchte, daß er ihren Theezirkel geſprengt, und die lieben Abendfreunde verſcheucht habe. — Das iſt lieb von Ihnen, Herr Baron, daß Sie bei der alten Andacht bleiben! ſagte ſie mehr als einmal dem jungen Freunde, wenn er kam. Nein, die Revolution ſoll doch nicht alle Altäre umſtoßen. Gleich ſollen auch die Kerzen angezündet werden und die Orgel des Waſſer⸗ keſſels ſpielen. Forſter hatte den Profeſſor Dorſch geſprochen, der von Straßburg unerwartet eingetroffen war. Er und Thereſe äußerten ſich mit Wohlwollen über den geiſtrei⸗ chen Mann, den ſie von früher kannten. Franz Karl wußte nur Unbeſtimmtes von ihm aus der Zeit, da der⸗ ſelbe an der Univerſität in Mainz geſtanden. Damals werden Sie freilich, und gerade in Ihren Kreiſen, nicht das Beſte von ihm gehört haben! ſagte Forſter. Ich will auch dem eiteln, mitunter etwas leicht⸗ fertigen Charakter dieſes ehemaligen katholiſchen Geiſtlichen das Wort nicht reden. Schon als Kaplan in Findheim ſoll er ein luſtiger Kumpan geweſen ſein, und Paris, wohin der Kurfürſt ihn zum Studium der Philoſophie ſchickte, war der Ort nicht, einen ſolchen jungen Mann ernſter und gediegener zu machen. Wenigſtens erzählte man ſich nach ſeiner Rückkehr eine ärgerliche Geſchichte von der jungen Witwe eines Kaffeewirthes, die er in unglück⸗ licher Lage treulos verlaſſen habe. Doch all' dergleichen Geſchichten kamen eigentlich erſt ins Publikum, als die hieſigen Pfaffen den jungen Profeſſor weder mit Verſpre⸗ chungen noch mit Drohungen von der ihnen verhaßten kantiſchen Philoſophie abbringen konnten. Der deutſchen 44 Philoſophie blieb er treuer, als der pariſer Kaffeewirthin, und gerade für ſeine Ueberzeugungen fehlte es ihm nicht an Charakter. Damals richtete ihm die Prieſterſchaft den übeln Ruf an, wie ſie es zu machen pflegen, und Dorſch ging vor zwei Jahren nach Straßburg. Man ſprengte ihm, wie er fort war, noch einen boshaften Witz nach: er gehe, hieß es, beiweitem nicht in ſo guter Hoffnung aus Mainz, als die niedliche Haushälterin, die er mit⸗ nehme. Aber ein trefflicher Kopf iſt er, und lehrte mit ausgezeichnetem Vortrage die kantiſche Philoſophie und ka⸗ noniſches Recht; beſaß auch eine hübſche Bücherſammlung. Schade, daß ſolche Männer, die zur Förderung neuer Wahrheiten berufen ſind, nicht immer imponirenden Cha⸗ rakter und hohe Geſinnung mit der Macht ihrer Talente verbinden! So war es vielleicht auch ein Unglück für den Kampf unſeres Jahrhunderts um Licht und Freiheit von Adels- und Pfaffenbanden des Mittelalters, daß die erſten Lichter von Männern, wie Bolingbroke, Voltaire u. dgl. ausgingen, die der gläubigen Seelen ſpotteten. Und doch, lieber George, fiel Thereſe ein, iſt vielleicht gerade ſolche Schärfe des Geiſtes und etwas Fäulniß des Charakters unentbehrlich, um eine neue Zeit in Gährung zu ſetzen. Sauerteig und Hefen ſind für uns Frauen auch nichts Angenehmes an ſich, ſo ſehr wir ſie zu ſchätzen wiſſen, wenn wir geſundes Brot backen wollen. Der edle Menſch iſt von Natur leicht zu verzagt, ins bewegte Leben einzugreifen, und verſteht ſich zu gar Vielem nicht, was zur Umgeſtaltung verdorbener Zuſtände deſſelben gethan werden muß; er nimmt einen Widerwillen am Anblicke der Fäulniß, an den ekelhaften Entwicklungen einer heil⸗ —— ſamen Gährung. Aber, wie kömmt denn dieſer Dorſch ſo unerwartet hierher? Er ſagte mir, antwortete Forſter, der General Cuſtine habe ihn von Straßburg berufen, um dem hieſigen Club einen andern Geiſt einzuhauchen, ihm eine beſſere Richtung zu geben. Mit dieſem Zwecke der Berufung ſchien Forſter ſehr einverſtanden. Wie er bemerkte, hatte ſich Dorſch ver⸗ wundert, ihn noch ohne Theilnahme am Club zu finden, und hatte ihn aufgefodert, zur Umgeſtaltung deſſelben mitzuwirken. Der Freund hatte nicht zugeſagt, aber er gab zu verſtehen, daß eine Stellung außerhalb des Club mit jedem Tag in Mainz ſchwieriger werde. Sie ſprachen noch darüber, als ein ſpäter Beſuch ſich durch heftiges Klopfen an die Hausthüre und durch Lärm und Gelächter auf der Stiege ankündigte. Thereſe er⸗ kannte die weibliche Stimme, und ſchien über dieſe Heim⸗ ſuchung nicht ſehr erfreut. Wirklich war es, wie vermu⸗ thet, Frau Karoline Böhmer, die mit ihrem Manne kam. Dieſer, Gymnaſial⸗Profeſſor in Worms, hatte ſich durch ſeine Schwärmerei für die Revolution und durch ſeine — genaue Bekanntſchaft mit den mainzer Verhältniſſen dem General Cuſtine auf deſſen Zuge nach Mainz ſehr em— pfohlen, und war nach der Kapitulation als Sekretair deſſelben mit eingerückt. Seine Frau, eine Tochter des berühmten Orientaliſten Michaelis in Göttingen, war von daher eine etwas jüngere Jugendbekannte Thereſens, eine geiſtreiche feurige Frau von üppigen Formen, die durch vorgerückte Mutterhoffnung noch verſtärkt waren. Ein unabhängiger Sinn, der einſt beide Jugendfreundinnen —,— — inniger verbunden hatte, war bei der Profeſſorin Böhmer, 43 durch ihre Ehe mit einem phantaſtiſchen Manne und durch die politiſche Aufregung, in die ſte mit ihm gerieth, faſt zur Carikatur ausgeartet, worin Thereſe einzelne Züge ihrer eigenen Denkart, wenn auch übertrieben und entſtellt, nicht ohne Widerwillen erblicken mußte. Beim Eintritt ins Zimmer ſtürzte das Paar gleich auf Forſtern los,— die Frau, ihn zum Abendgruße zu umarmen und Böhmer mit Vorwürfen, daß er den Frei⸗ heitsbaum nicht mitbegleitet und gepflanzt habe.— Sie ſchließen ſich vom Club aus, rief er pathetiſch,— weh' Ihnen! Wiſſen Sie, daß beim General Cuſtine ſchlimm von Ihnen geſprochen wird? Sie haben vor wenig Ta⸗ gen als Abgeordneter der Univerſität die freundlichſte Auf⸗ nahme von dieſem großen Mann erfahren; er hat von Ihrer Perſon die beſte Meinung gefaßt, ſich über Ihr echtes Franzöſiſch gefreut, das hier Niemand ſo gut ſpricht, und muß Sie nun für einen verkappten Ariſtokraten erkennen. Oho! rief Forſter lachend. Wie kömmt der kluge Mann dazu? Wie er dazu kömmt? verſetzte Böhmer. Glauben Sie, wir wüßten nicht, daß Sie auf dem vertrauteſten Fuße mit einem Spion des Kurfürſten ſtehen,— mit einem gewiſſen Baron Wallbrun? Nur einen Augenblick dauerte die erſchrockene Pauſe der Verlegenheit, und als Forſter mit edler Aufwallung ſagte: Hier ſitzt der Baron—, ſaß Franz Karl wirklich ſchon nicht mehr, ſondern war aufgeſprungen, und wie Einer, der eben Genugthuung fodern oder nehmen will, 44 gegen den zurückweichenden Böhmer vorgetreten. Forſter faßte ihn am Arm, ihn zu beruhigen, auch Frau Karo⸗ line war dazwiſchen getreten und ſagte mit freundlichen Blicken: Einen Augenblick, Herr Baron! Ein ſo lieber, hübſcher Mann iſt das nicht, was da mein übereilter Böhmer eben geſagt hat. Hörſt du, George,— du mußt dem Herrn Baron eine Ehrenerklärung geben! Böhmer, höͤchſt verlegen, ſuchte mit hochbeinigen Wor⸗ ten aus der Patſche zu kommen, worin er watete, und rief: Was? Baron? IVch erkenne dich nicht mehr, Ka⸗ roline! Haben wir noch Barone in Mainz? Bürger ſind wir und Alle gleich untereinander. Freiheit und Gleichheit iſt unſer Cvangelium! Böhmer! nahm Forſter mit hohem Ernſte das Wort. Hier ſteht ein junger Mann von Chre, dem Sie ſchmäh⸗ lich Unrecht gethan, und dem Sie abbitten müſſen! Abbitten? rief Böhmer.— Ja, abbitten! erklärte Forſter. Auf meine Bürgſchaft für ihn! Oder ich öffne Ihnen die Stubenthüre! 6* Recht, lieber Forſter! fiel Frau Böhmer lachend ein. Werfen Sie ihn hinaus! Wir bleiben doch noch zwei Paare. Wiſſen Sie, daß mein Wort nicht ohne Grund ge⸗ ſprochen war? ſagte Böhmer. Der junge Bürger iſt als ein ſolcher, wie ich ihn genannt, beim Obergeneral ange⸗ zeigt, und wir haben die Verſicherung eines reſpectabeln höhern Geiſtlichen, daß ein gewiſſer Wallbrun— Agent des Kurfürſten ſei. Und— freilich! ein junger Adeliger aus dem Kabinet des Erthal, der bei den Conferenzen der Miniſter deutſcher Tyrannen das Protokoll geführt, und nach der allgemeinen Flucht zurückbleibt— was darf man von dem glauben? Daß er ein Ehrenmann iſt, der ſeine Vaterſtadt nicht im Stich läßt, ſondern ihr Schickſal theilen will! ſprach Forſter. 1 Aber ſich beharrlich vom Club, von den Freunden des Volkes entfernt hält? warf Böhmer ein. Der Club iſt das Schickſal von Mainz!— Karoline, was ſagſt du zu dieſem Gedanken? Was? eiferte Forſter. Habt ihr nicht volle Freiheit verkündigt? Klebt nicht an allen Straßenecken Cuſtine's Proclamation, worin jedem Bürger Freiheit der Ueber⸗ zeugung gelaſſen wird? Selbſt dann, heißt es in jener Verkündigung, wenn ihr die Sklaverei den Wohlthaten vorziehen werdet, mit welchen die Freiheit euch winkt, bleibt es euch überlaſſen, zu wählen, welcher Deſpot euch⸗ eure Feſſeln zurückgeben ſoll. Bleibt es alſo nicht der ganzen Stadt überlaſſen, dem Kurfürſten anzuhangen, wenn ſie will? Aber mein Freund könnte ſich mit einem höchſt ungnädigen Dienſtentlaſſungs⸗Reſcript des Kurfür⸗ ſten gegen jede Pfaffen⸗Denunciation vertheidigen, wenn es deſſen bedürfte. Ich frage Sie nur: Wer gilt Ihnen mehr, Böhmer,— Forſter oder ein Pfaff? Forſter! Gewiß! Forſter über Alles! rief Böhmer und wollte den Freund umarmen. Doch dieſer hielt ihn von ſich ab, und wies ihn mit dem wiederholten Wort „Abbitte“! an Franz Karl. Im Augenblick, als Böhmer ſich mit träger Miene dem Baron zuwendete, trat ſeine Frau dazwiſchen und ſagte: 46 Mein ehrlicher Phantaſt iſt in der Klemme, und ſeine brave Frau muß ihm die Noth erleichtern! Sie ſind ein Ehrenmann, Herr Baron, und Böhmer bittet Sie um Ver⸗ zeihung wegen eines Mißverſtändniſſes! Sie vergeben ihm? Um ſo mehr, liebe Frau Profeſſorin, lächelte Franz Karl, als der Bürger Böhmer mich nicht kannte, alſo dieſe Figur, die ich hier vorſtelle, nicht beleidigen wollte. Richtig! Das nennt man Logik! verſetzte ſie. Um⸗ armen Sie mich, zum Zeichen der Verſöhnung! Der junge Freund, mehr verwundert als betreten, reichte ihr die Hand; ſie aber, nicht zufrieden damit, um⸗ faßte und küßte ihn mit den Worten: Bruderkuß für meinen Mann! Aber, Karoline! rief Frau Thereſe mit erröthendem Vorwurf; worauf Böhmer lachend verſetzte: Laſſen Sie meine Frau gewähren, Bürgerin Forſter! In ihren Umſtänden darf ſie ſich kein Verlangen verſagen, und mir macht es wahren Juks, je mehr Freiheiten ſie ſich nimmt,— der ſympathetiſchen Wirkungen wegen auf unſeren Sohn, dem durch die Freiheiten der Mutter der wahre Freiheitsſinn ins Blut und Herz gepflanzt wird. Der Bube ſoll mir ein echter Gracchus werden, jenem Römerpaare ähnlich, das für die Wohlfahrt des Volkes zum Opfer fiel. Und welchen von dieſen beiden Gracchen willſt du zu Gevatter bitten, George? fragte Frau Böhmer, die keine Gelegenheit vorüberließ, ihren Mann zu ſchrauben. Mir einerlei, Karoline! erwiderte dieſer, ob's der Ti⸗ berius Sempronius oder der Cajus Gracchus iſt. Wel⸗ cher dir am beſten gefällt. Du haſt die Wahl. 47 Man lachte, und Frau Thereſe bot ihren Gäſten nach⸗ bereiteten Thee. Böhmer ſchlürfte ſeine Taſſe mit Un⸗ ruhe und Zwiſchenreden, und ging dabei nicht auf das Sauberſte zu Werk. Auge und Ohr der Umherſitzenden wurden von ſeiner Art zu genießen wenig erbaut, und wie er ſeine tollen Projecte aufs Tapet brachte, und was er Alles im Club anregen und in Mainz durchſetzen wolle, prahleriſch aufzählte, verletzte er auch noch den ge⸗ ſunden Sinn ſeiner Zuhörer. Manches davon ging von bloßer Willkür aus; Anderes ſtreifte an baare Tollheit. So that er ſich nicht wenig auf den Plan zu gut, alle Schul⸗ und Schreiblehrer der franzöſiſchen Rheinprovinz ſollten angewieſen werden, ihre Schüler, um möglichſt früh den rechten Freiheitsſinn in ihnen zu wecken, immer nur die Worte: Freiheit und Gleichheit ſchreiben zu laſſen, und erſt wenn darin die Hand feſt und ſicher ſei, zu an⸗ deren in einem freien Staat vorkommenden Bezeichnungen, wie Adminiſtration, Municipalität u. ſ. w. überzugehen. Ja, ja! ſagte Forſter ermüdet und ungeduldig,— ich ſehe ſchon, ihr ſeid auf dem beſten Wege, euer Evangelium der Freiheit und Gleichheit in Deutſchland heilſam einzu⸗ führen. Unter hohen Declamationen gegen altffürſtliche Tyrannei öffnet ihr eine Perſpective ganz neuer Willkür; wie ihr denn auch ſchon eine meſſingblechene Ausnahme von der allgemeinen Gleichheit aller Bürger für euch ſelbſt gemacht habt. Ich meine das Schild mit den eingeprägten Buchſtaben F. G., das ihr auf der Bruſt tragt. So werth⸗ und geſchmackvoll, wie die Ordenszeichen der Für⸗ ſten, finde ich eure Auszeichnung nicht. An einem der erſten Clubabende ſprach Hofmann von der Rednerbühne 48 des überfüllten Saals über den jetzigen Zuſtand Deutſchlands und über die Erbärmlichkeit der jetzt regierenden Herren, und ſuchte darzuthun, daß eine funkelneue Herrſchaft gebo⸗ ren werden müſſe. Gut und geiſtreich geſprochen war's: wenn aber der Club der Mutterſchoos dieſer neuen Herr⸗ ſchaft werden ſoll, ſo befürchte ich eine ſchmähliche Geburt, und der neue Freiheitsbaum, in den republikaniſchen Staat eingepflanzt, verſpricht uns ſo viel jammervolle Deſpoten abzuſchütteln, als er in ſeinem heimatlichen Waldboden Fichtenzapfen getragen hätte. Böhmer ward heftig, ſprang auf, ſetzte ſich wieder, und handirte zu ſeinen Redensarten ſo ungeſtüm über den Tiſch, daß Thereſe, ihr Theegeräth zu ſchützen, die Hände darüber hielt, wozu ihr Karoline lachend beiſtand.— Was haben Sie gegen den Club? fragte er wiederholt. Wie hab' ich vorhin geſagt, Karoline? Der Club iſt das Schickſal für Mainz! Hoffentlich ſind Sie kein Prophet! ſagte Forſter kurz. Und wiſſen Sie, fuhr Böhmer fort, Ihr ungerechtes Vorurtheil widerlegt ſich durch den wachſenden Zudrang zu demſelben. Strömt nicht ganz Mainz dahin und ver⸗ räth uns eine Empfänglichkeit für die neue Wohlthat der Freiheit, wie wir kaum erwartet hatten? Wir, Forſter, die dies mainzer Völkchen früher gekannt haben. Es ge⸗ hörte ſtets zu den Reptilien, zu den kriechenden Geſchöpfen. . Nun ja! erwiderte Forſter mit Würde, der Mainzer iſt nicht unempfänglich fuͤr Neues und Närriſches. Neh⸗ men wir aber unſeren Jakobinern den Schimmer, den der erleuchtete Verſammlungsſaal— alſo noch ein Reſt von Fürſten⸗Nimbus!— um ſie verbreitet und die weſentli⸗ 49 chen Vorzüge einiger rechtſchaffenen und aufgeklärten Män⸗ ner, die den Kern der Geſellſchaft bilden: ſo bleibt eine ungleichartige Maſſe zurück, die mit allen Gebrechen ihrer übereilten Entſtehung behaftet iſt, und den ekeln Sinn des gebildeten und geſitteten Menſchen auf keine Weiſe befrie⸗ digt. Mehrere geſchickte Rechtsgelehrte, deren Unparteilich⸗ keit ſie mit der Ungnade und Verfolgung des Regenten beehrt hatte, einige angeſehene Kaufleute und ehrbare Bürger von allgemein anerkannter Redlichkeit, einige Pro⸗ feſſoren der vom Kurfürſten mit Einkünften begabten, aber auch von ihm ſelbſt großentheils wieder darum be⸗ vortheilten Univerſität, endlich auch verſchiedene hellden⸗ kende, tugendhafte, zu echten Lehrern der Menſchen um⸗ geſchaffene Prieſter ſtehen auf dem Verzeichniß der Volks⸗ freunde, und würden einer jeden Geſellſchaft durch ihren Beitritt Ehre bringen. Allein, einen Schwarm von ro⸗ hen Studenten, und andern zum Theil noch unbärtigen jungen Leuten nebſt mehreren durch ihre Sittlichkeit nicht vortheilhaft bekannten Perſonen hat man, theils um die Zahl der Mitglieder ſchnell zu verſtärken, theils um dem Grundſatze der Gleichheit ſein volles Recht zu laſſen, ohne Prüfung und Auswahl aufgenommen. Böhmer hatte mit zuckenden Mienen und Geberden zugehört und erwiderte mit den tollſten Uebertreibungen und mit abgeſchmackten Phraſen. Und da er Forſtern nur mißächtlich dazu lächeln ſah, ward er immer heftiger, bis er von dem ungeduldigen Freunde zur Mäßigung er⸗ mahnt, nicht ohne bösgemeinte Drohungen fortrannte. Frau Böhmer folgte ihm aber nicht, ſondern lachte von Herzen, und gab zu ihres Mannes Phantaſtereien treffende Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 4 50 Bemerkungen und lächerliche Pröbchen aus ihrem häusli⸗ chen Leben.— Franz Karl, von der hübſchen Frau wie von ihrem unangenehmen Manne gleichwenig eingenom⸗ men, brach auf, lobte Forſter's treffliche Worte und em⸗ pfahl ſich. Frau Böhmer foderte ihn auf, nur noch ein paar Augenblicke zu verziehen, und ſie über die Straße zu begleiten. Worauf der junge Freund, in Ton und Geberde ſehr artig, verſetzte: Verzeihung! Ich wage es nicht, dem Hausherrn vor⸗ zugreifen, und meinen Freund um dies Vergnügen zu bringen. Sie ſehen, Frau Profeſſorin, ich bin noch ſo ariſtokratiſch, auf Vorrechte und Privilegien zu halten. Verrathen Sie es ja Ihrem Herrn Gemahl nicht! Er eilte fort, doch hörte er ſie noch nachrufen: Wart; nur, Barönchen, wart'! Ich werde dir's gedenken! Fünftes Kapitel. Oft iſt eine Kleinigkeit hinreichend, einer ſchwebenden Wagſchale das Uebergewicht zu geben. So ward das Begegniß mit dem Ehepaar Böhmer ziemlich entſcheidend 1 für unſeren jungen Freund. Nach dem Thee und der Gemüthsbewegung des letzten Abends war er. früher als gewöhnlich erwacht, und erwartete den ſpäten Anbruch des Tages unter Betrachtungen über ſeine perſönliche Lage 1 8 d r 5 8 ge 1 51 und den öffentlichen Zuſtand von Mainz. Die letzten Wochen, die er ſeit der Kapitulation der Stadt mit den Franzoſen in ſchwankendem Mißmuthe zugebracht hatte, gingen noch einmal lebhaft an ſeiner Seele vorüber, und ein Entſchluß ward immer klarer in ſeinem Herzen, wie der Tag ſelbſt durch das in ſeinem Fenſterladen einge⸗ ſchnittene Herz ihm entgegendämmerte. Erſt über die ſchmähliche Flucht des Adels empört, dann vom unerwarteten Falle der Feſtung niedergebeugt, endlich vom unſinnigen Treiben der Franzöſiſch⸗Geſinnten abgeſtoßen, ſah er ſich ohne Geſchäfte, ohne Theilnahme, ohne irgend ein Ziel und Vorhaben. Zu jener alten lieben Beſchäftigung mit Studien fehlte ihm jetzt die be⸗ ruhigte Stimmung; außer dem Hauſe gab es für ihn keine Geſellſchaft mehr, und ſelbſt unter ſeinem Dache ver⸗ mißte er die alte häusliche Gewohnheit des Umgangs mit Mutter und Schweſter. Er beſuchte Beide in jeder Woche wenigſtens auf einen oder zwei Tage; aber ihre verdüſterte Unzufriedenheit mit dem gezwungenen Landaufenthalt im Winter verleidete ihm auch dieſen Verkehr. Ja, bei ſeinem jüngſten Beſuche vor etlichen Tagen hatte ihn Cäcilie auf eine räthſelhafte Weiſe geängſtigt. Er hatte ſie in vernachläſſigtem An⸗ zuge blaß und ſchwermüthig gefunden. Ein Geheimniß, vor dem ſie ſich ſelbſt zu entſetzen ſchien, wich den Fragen des Bruders aus, und er bemerkte auch nicht, wie beſtürzt und heftig ſie das Zimmer verließ, als die Baronin⸗Mut⸗ ter eine Rolle Geld aus dem Schreibtiſche nahm und ih⸗ rem Sohne für den Schiffer Jean Baptiſt zuſtellte.— Err hat ſich ſehr viel Mühe mit unſern Sachen gemacht, A 4* 52 ſagte ſie, und will mir durchaus kein Geld abnehmen. Und doch glaube ich, daß er in den erſten Tagen nach unſerer Flucht nur darum öfter gekommen iſt und uns geholfen hat, um ein Geſchenk zu empfangen. Kurz, ich will nicht, daß er umſonſt hier geweſen ſein ſoll. Cäcilie hatte den Bruder gebeten, die unzufriedene Mutter zu einer Reiſe und zu einem Winteraufenthalt bei ihrer Schweſter in Münſter zu überreden. Der Baronin war dieſer Vorſchlag offenbar auch ſehr angenehm; nur wollte ſie nicht ohne Cäcilien reiſen, und Cäcilie war ent⸗ ſchieden, nicht mitzugehen, obſchon ihr Entſchluß beſtimm⸗ ter, als ihre Gründe dafür lauteten. So war denn auch auf dieſem anmuthigen Sitze der Unfrieden eingekehrt, und wenn Franz Karl der glücklichen Lenz⸗ und Sommerſtunden gedachte, die er hier allein und mit Forſtern genoſſen, ſo überſchlich ihn ein unausſprech⸗ liches Leid. Er verließ immer bald wieder den lieben Ort, wo ihn nichts hielt und kehrte nach Mainz zurück, wohin ihn nichts zog;— ein öder Zuſtand, den ihm der jüngſte Abſchied von der Schweſter ſehr erſchwert hatte. Sie war in Thränen zerfloſſen, als er ſie umarmte, und hatte ihm mit leidenſchaftlicher Heftigkeit, ſo zu ſagen, ein dorniges Räthſel ins Herz gedrückt. In Mainz war der Baron ſeither nur aufgeregten oder verſtörten Menſchen, ſchmutzigen Soldaten und ver⸗ unreinigten Häuſern begegnet. Er ſchämte ſich gewiſſer⸗ maßen, ſo wie ſonſt zierlich gekleidet über die Straßen zu gehen. Er zog ſich nachläſſiger an, wie es dem Ausſehen der Stadt und den öffentlichen Verhältniſſen zu entſpre⸗ chen ſchien, indem Alles nach der revolutionairen Waſſer⸗ ——;—¼.— ———— —— n —9 G 2—2=— —— 53 wage geebnet, frei und gleich ſein ſollte. Wenn er nun oft genug und nicht ſelten am hellen Tage ſo mancher Un⸗ anſtändigkeit des luſtigen Sansculottismus begegnete, murrte er mit Bitterkeit vor ſich hin: Nun weiß man doch end⸗ lich, wozu dieſe Ohnehoſenſchaft gut iſt! Daß man näm- lich ohne viel Umſtände alle Straßen und alle Welt ver⸗ unreinigen kann!— Hinter dieſer Empfindung verbarg ſich, dem Freunde ſelbſt unbemerkt, nicht blos ein Wider⸗ wille der Sinne, ſondern auch des Geiſtes. Die neuen Ideen der Zeit, für die er ſich nach und nach ſo lebhaft hatte einnehmen laſſen, ſchienen ihm jetzt in einverleibter und verlumpter Geſtalt entgegenzukommen, und jene hoch⸗ ſchwebenden Gefühle des Weltbürgerthums, indem ſie ſich auf feſten Boden herabließen, ſtutzten gleichſam vor der Unart eines beſondern Volkes. Natürliche Empfindſam⸗ keit, zarte Erziehung, gebildeter Geſchmack, Alles in dem jungen Freunde nahm Anſtoß an dieſer neuen Geſell⸗ ſchaftsform, die ſich aus der Ferne ſo reizend ausgenom⸗ men hatte. Es war eine Selbſttäuſchung des jungen Mannes, ein Vorurtheil des Barons, das er unvermerkt gegen manches früher abgelegte aufnahm. Dennoch hatte Franz Karl in der erſten Zeit ſeiner Unzufriedenheit dieſen Eindrücken des Neuen und Unge⸗ wohnten nicht ohne Kampf nachgegeben. Er hatte ge⸗ ſucht, Herr derſelben zu werden, ſie der Prüfung und ei⸗ ner neuen, wenn vielleicht auch leidigen Ueberzeugung zu unterwerfen. Da beſuchte er im Gedränge des Volkes die Galerie des Akademieſaales und hörte die Vorträge der Clubiſten an. Er verſchmähte jetzt auch die Wein⸗ häuſer der beſſern Bürger nicht, um nuf die Fährte der 54 öffentlichen Meinung zu kommen. Von der Rednerbühne des Club hörte er täglich die Regierung des Kurfürſten mit allen unzähligen Mängeln, Gebrechen, Ungerechtigkeiten, Erpreſſungen in den ſtärkſten Farben ſchildern. Man riß, wie ſich Forſter gegen den jungen Freund ausdrückte, den Vorhang hinweg, den die Nächſtenliebe und die beſchei⸗ dene Züchtigkeit ſonſt vor das Privatleben der Fürſten zieht, und deckte Greuel auf, die den Prieſter und den Regenten entehrten. Franz Karl kannte aus eigener Beob⸗ achtung und aus den Geheimniſſen des rothen Buches die wahren und die entſtellten Züge jener Schilderungen genau; aber ſein feiner und edler Sinn ertrug es nicht, daß eine ſo häßliche Wahrheit zum Gegenſtand einer öf⸗ fentlichen Ausſtellung gemacht werde. Von nun an ſtand der Entſchluß feſt in ihm, niemals ein Mitglied des Club zu werden. Und wenn auch von den achtbaren Volks⸗ freunden manches treffende Wort über die öffentlichen Verhältniſſe in Deutſchland, über die Rechte des Volkes und über unvermeidliche Umgeſtaltungen im Staatsleben vorgebracht wurde: ſo verſchwand es ohne tiefen Eindruck ſchnell wieder unter den Uebertreibungen der exaltirten Redner, im Gemenge des Unſinns und im Gelächter des Pöbels. In der Unterhaltung mit Forſtern und Frau Thereſe kam unſer junge Freund auch mehr und mehr zur Ein⸗ ſicht über die erſt ſo lebhafte und nun ſchon wieder ſchwankende Neigung der Mainzer für das eingedrungene Franzoſenthum. Beſonders machte ihm Forſter klar, daß einem durch ſo lange Zeiten geiſtig bevormundeten Volke vor Allem in Urtheil und Haltung jede Selbſtändigkeit 55⁵ abgehen mußte, die dem Sturm und Andrange des Neuen hätte widerſtehen können. Die Flucht des Adels und der reichen Familien hatte überdies Handel und Gewerbe ins Stocken gebracht; die unbegreifliche Uebergabe der Feſtung, die man nur durch einen ſchändlichen Verrath erklären wollte, hatte die Beſſerdenkenden mit Unmuth erfüllt; die Begierde nach Vortheilen, nach Arbeit oder Anſtellung bemächtigte ſich der Müßigen und Habgierigen, und ſo drängte ſich Alles nach dem Club hin, der aus dem Füll⸗ horn der rothen Jakobinermütze die herrlichſten Verſpre⸗ chungen ausſchüttete. Doch bald ſahen ſich die Erwartun⸗ gen getäuſcht oder hingehalten, und verwandelten ſich nach und nach in Abneigung gegen die unſauberen Fremden, die ſogleich die altgewohnte Gemächlichkeit der Familien ſtörten, die verminderten Genüſſe des ſtockenden bürger⸗ lichen Lebens vorwegnahmen, die Bedürfniſſe des Tags vertheuerten und durch Spott und Störung in kirchlichen Dingen den religiöſen Eifer erweckten. Immer mehr Stühle blieben in den Clubſitzungen leer, und die Blech⸗ zeichen verminderten ſich auf den Röcken der Bürger. In dieſen Tagen hätte ein Schalk und Spötter, wenn er beſonders des Griffels oder der Feder zu launigen Zeichnungen mächtig geweſen wäre, an den wunderlichen Contraſten der Menſchen und des öffentlichen Zuſtandes in Mainz die heiterſte Beſchäftigung gefunden. Baron Franz Karl war jedoch zu gemüthswarm und ſchwärme⸗ riſch, um die Feder, die ſich früher in ſentimentalen Ver⸗ ſen verſucht hatte, in ſeine milde Galle zu tunken. Ihm galt es um eine Theilnahme für ſein Herz und um eine Aufgabe für ſein Beſtreben. Aber wo ſollte er ſie finden? 56 Und wenn er für den Club nur eine immer entſchiedenere Abneigung faßte, ſo ſcheute er auch wieder vor dem Ge⸗ danken an eine Rückkehr des Kurfürſten. Solche Betrachtungen und Zweifel beſtärkten den Ba⸗ ron immer mehr in jener Idee, die zuerſt ihn ſelbſt über⸗ raſcht und ſeitdem viel beſchäftigt hatte. Er nannte ſie ſeine Dalbergs⸗Idee, und empfand eine gewiſſe Schaden⸗ freude, daß er ſie gerade dem Republikaner Hofmann ver⸗ dankte. Sie hatte ihm vorgeſchwebt, als er die rathſu⸗ chenden Bürger auf dem Schloßplatze ermahnte, nichts zu übereilen und auf Männer zu rechnen, die ihnen rathen und beiſtehen würden. Er zweifelte nicht, daß er mit dem edeln Namen Dalberg alle Unzufriedenen, alle Deutſchge⸗ ſinnten in Mainz gewinnen und vereinigen würde; allein die Sache foderte eben ſo viel Vorſicht als Thätigkeit. Ein zufälliges Wahrzeichen, für den Verſtändigen vielleicht eben ſo kindiſch, als bedeutſam für ein ſuchendes Herz, ſollte ihm unerwartet eine Richtung und einen Anſtoß geben. Als nämlich Franz Karl an dieſem Morgen zum Frühſtücke durch die zu ſeiner Vermählung vergebens ein⸗ gerichteten Zimmer ging, hatte der Bediente, aus Beſorg⸗ niß vor einer Froſtnacht, die wenigen Blumenſcherben, die noch vor den ins Hausgärtchen gerichteten Fenſtern geſtanden, ins Zimmer hereingeſetzt, und Franz Karl er⸗ blickte zum erſtenmal wieder den kleinen einfachen Gold⸗ lack, den er, von Fides verworfen, als Schickſalsſtrauß erhaſcht und mit nach Hauſe gebracht hatte. Wie man denn in wehmüthigen und unbefriedigten Stunden nur zu gern auf ſonderbare Spielereien mit kleinen Zufälligkeiten —ᷣ—ᷣᷣ — — 57 oder geliebten Andenken verfällt: ſo war es an jenem Abende dem Baron gegangen. Leid⸗ und ahnungsvoll bewegt, hatte er den vorgeſteckten Lack mit den feuchten Erdklümpchen der Wurzel aus dem beſchmutzten Weſten⸗ verſteck genommen, und in eine Blumenſcherbe geſetzt. Damals, in ſeiner Innigkeit, dachte er blos, dem zufälli⸗ gen Andenken ein ſchickliches Plätzchen zu goönnen: nun aber, wie er die vergeſſene Pflanze in der guten Erde angegangen und treibend wiederfand, war er geneigt, einen geheimnißvollen Wink darin zu erblicken. Freilich lächelte er gleich ſelbſt über ſeinen alten Hang, mit Zufälligkeiten, wie ſie jeder Tag mit ſich bringt, auf die Geſchicke der Zukunft zu würfeln. Dennoch lag dieſer Würfel des Goldlacks, indem er an Fides erinnerte, mit dem höchſten Werthe von ſechs Augen vor ihm da. Es waren die ſechs Augen einer lieben Bürgerfamilie, an die er jetzt mit rechter Sehnſucht dachte. Er wollte ſie beſuchen, und nahm, in ſeiner jetzigen Stimmung, den Vater Erasmus mit einem bedeutenderen Antheil, als früher, in ſein Ver⸗ langen auf. Denn gerade an Lennig hoffte er den rech⸗ ten Mann für ſeine heimliche Idee und einen geſchickten Vermittler ſeiner politiſchen Abſicht in den bürgerlichen Kreiſen zu finden.— Wenn er dabei an Fides dachte, empfand er eine innige, wunderbare Zufriedenheit ohne Unruhe und Verlangen. Nicht als ob er ſich ihres Her⸗ zens und ihrer Hingebung für ſo ſicher gehalten hätte, ſondern es war ihm etwa zu Muthe, wie Einem, der das lange Geträumte, indem es nun in der Wirklichkeit ihm entgegenkömmt, noch ein wenig aufzuhalten ſucht, als ob er das alte Harren und Hoffen, das ihm durch die Dauer 58 ſo lieb und nun durch die Gewißheit ſo ſüß geworden iſt, erſt noch einmal recht durchkoſten möchte. Vielleicht webten aber auch noch andere Empfindungen im Herzen des jungen Freundes und die letzten Erlebniſſe hatten etwa noch nicht ausgeklungen. Nach der erſten Entrüſtung bei der unerwarteten Flucht ſeiner Verlobten hatte nämlich der Baron, ohne ſich im ſentimentalen Sinn verlaſſen zu fühlen, doch als ein verlaſſener Bräutigam dageſtanden. Dieſe Kränkung ſeines Stolzes und der unbeſtimmte Zu⸗ ſtand ſelbſt legten ihm ein verſchämtes und zugleich vor⸗ ſichtiges Schweigen auf. Es war ihm ein recht leidiger Zuſtand,— getrübt, geſtört, aber nicht entſchieden. Erſt ſeit ein paar Tagen,— ohne Zweifel auf des alten Frommont getreuen Bericht— hatte Franz Karl mit ei⸗ nem ſehr bittern Briefe der Gräfin Coudenhove und mit verſchiedenen der Comteſſe Joſephine gegebenen Andenken ſein Verlobungswort zurückerhalten, und da der gefällige Diener auch das ſinnbildliche Abſchneiden der goldenen Kammerherrnſchlüſſel richtig gemeldet haben mochte, war auch eine ungnädige Dienſtentlaſſung erfolgt. Die Lage des Freundes war nun entſchieden, aber ſolche Entſchei⸗ dung, die ſo anerkannte Verbindungen ehrenvollen Dien⸗ ſtes und ausgeſprochener Neigung abriß, konnte an einem edelfühlenden Herzen nicht ohne Leid vorübergehen, und vielleicht hatte Franz Karl niemals ehrlicher und zarter für die Comteſſe empfunden, als bei der gewaltſamen Auflöſung eines unter Scherzen geknüpften Bundes. Und ſo fügte es ſich natürlich und doch bedeutſam genug, daß der junge Freund vielleicht zur Strafe ſeines Widerwillens gegen die neuverkündigte politiſche Freiheit und Gleichheit 59 nun auch ſeiner glücklichen Herzensfreiheit erſt nach und nach froh werden ſollte. Die Gleichheit zwiſchen ihm und Fides machte ihm ohnehin noch zu ſchaffen, und ſeltſam genug fiel ihm, als er ſich entſchloß Lennig zu beſuchen, jenes unangenehme Begegniß vor der Treppe mit den bei⸗ den Offizieren ein, und er dachte daran, daß ihm doch jetzt kein lächelnder Adel mehr in der Umbach begegnen könne. Alsbald aber auch über dieſen Gedanken beſchämt, rief er mit verdrießlichem Scherz aus: Nein, nein! das will ich nicht ſagen, das iſt ſehr albern! Vielmehr bleibt es gar erfreulich, daß Freiheit und Gleichheit, die jetzt unſer ſauberes Mainz ſo verun⸗ zieren, wenigſtens vor der Treppe jenes bürgerlichen Hau⸗ ſes ein neues Pflaſter legen, worauf ein Reichsbaron der Hühneraugen ſeiner ariſtokratiſchen Vorurtheile vergißt! War dies aber nicht derſelbe Scrupel, nur anders ausgeſprochen? Sechstes Kapitel. Als nach einigen Tagen Franz Karl dazu kam, ſeinen Beſuch bei Erasmus Lennig auszuführen, traf er außer der Familie den Notar Leykam, der eben das Zimmer verließ, und einen hübſchen jungen Mann in neufränki⸗ ſchem Anzuge, der betroffen etwas bei Seite trat. Auf 60 dem Tiſche lagen um das Schreibzeug Papiere, im Bogenformat derb beſchrieben, und ſtanden die Reſte ge⸗ noſſener Erfriſchungen und geleerter Weingläſer. Alles deutete auf ein amtlich abgemachtes oder vorbereitetes Geſchäft, wobei die ſchöne Fides etwas aufgeregt aus⸗ ſah. Nach der erſten Begrüßung, die ſo herzlich und un⸗ befangen wie früher war, ſagte Vater Lennig lachend: Den jungen Herrn da erkennen Sie wol nicht wieder, Herr Baron? Der junge Mann wendete ſich, verlegen lächelnd, um, und trat wie ein zu löſendes Räthſel vor den Baron. Die Pantalons mit kurzer Weſte, der feine Frack hoben den ſchlanken Wuchs vortheilhaft heraus, und eine Fülle dunkler ungepuderter Locken umſchatteten das friſche leb⸗ hafte Geſicht. Gewiß erkenne ich ihn! verſetzte der Baron. Ich werde Jean Baptiſt nicht erkennen! Jean Baptiſt, noch befangen und nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Aengſtlichkeit trat mit den Worten an den Baron heran: Erlauben Sie mir von der jetzigen Freiheit und Gleich⸗ heit ſo viel, Herr Baron und Bürger, daß ich Ihnen die Hand reichen darf! Franz Karl, betroffen von dieſer geſuchten Art, ſich auszudrücken, empfing die ſchwielige Hand des Schiffers, und ſagte: Auf unſere Hände hat ſich die allgemeine Gleichheit noch nicht erſtreckt: die meinige kömmt beim Zugreifen zu kurz. Aber,— willkommen im neuen Anzuge, der eine 61 gründliche Umwandlung bedeutet! Ei ja! möchte doch die Revolution alle Welt ſo gut kleiden, wie— er wollte Ihn ſagen, wendete aber ſchnell das Wort in — Sie. Ja, Herr Baron, lachte Lennig, der Neffe iſt ein Freiherr nach dem neuen Schnitt, ein dreifarbiger Cava⸗ lier der Freiheit und Gleichheit. Aber die alte Zeit hat ihm das Zeug dazu geliefert: die Flucht des Adels hat ihn zum reichen Mann gemacht. So wechſelt es in der Welt! Ich habe mich die ganze Nacht mit dem Gedan⸗ ken herumgeſchlagen, was eine ſtürmiſche Zeit nicht für wunderbare Erſcheinungen und Umwandlungen mit ſich bringt. Das iſt nun freilich noch kein Weltwunder mit dem Jean Baptiſt; aber immer doch bedeutſam und be⸗ denkenswerth. Muß der Burſche da, der Herr Neffe Jo⸗ hann Baptiſt Fernekorn will ich ſagen, der ſich immer über die Emigrirten luſtig gemacht und gelegentlich auch einen oder den andern aus einem Luſtgarten ſpedirt hat, — muß der gerade an unſeren einheimiſchen Flüchtlingen einen ſo koſtbaren Fang thun! Man ſieht, es geht in allen Lebenskreiſen ähnlich zu; denn bei Sturmwetter thut man auch manchmal einen prächtigen Fiſchzug. Aber vor⸗ wärts geht's doch nicht immer damit: die um und um geſtürzte Welt fällt immer wieder ins Alte zurück. Das Leben iſt ein wahres Hanſelmännchen,— wiſſen Sie, Herr Baron, wie man die Dinger aus Hollundermark und Blei macht: mag man's werfen und ſtellen, wie man will, immer kömmt's wieder auf ſein altes Blei zu ſtehen, und das Hollunderköpfchen wackelt obenauf. Ich will damit ſagen, daß ſogar unſer Musje Jean Baptiſt 62 — oder Bürger,— damit umgeht, das flüchtige Geld gleich wieder zu ftriren. Er ſteckt's nämlich in Landbeſitz und bringt es ſo gleichſam wieder auf adeligen Fuß. Während der junge Schiffer erröthete, als ob man ſeinen geheimen Gedanken auf die Spur käme, ſprach der Baron, indem er mit freundlichem Nicken aus Fides' Hän⸗ den etwas von den Erfriſchungen nahm: Wiſſen Sie, lieber Lennig, daß das eine vortreffliche Bemerkung iſt, die Sie gemacht haben? Ich meine nicht Ihr Hanſelmännchen: denn es wäre doch ſchlimmer als ſchlimm, wenn die Welt, hinter allen edeln und gerech⸗ ten Anſtrengungen her, immer wieder in den alten Zu⸗ ſtand zurückfallen wollte; ſondern was Sie vom Gelde ſagen. Und Vetter Jean Baptiſt macht ſich um das alte Mainz verdient, indem er einen Theil des adeligen Gel⸗ des auf deſſen ſchnöder Flucht gleichſam arretirt und zur Haft bringt. Alſo in Gütern legen Sie es an? Nun,— was man Güter nennt, Herr Baron! ant⸗ wortete mit ſtolzem Lächeln Jean Baptiſt. Alles mit Unterſchied! Und es iſt nicht ſo arg, wie's der Herr Onkel macht. Ja, Ihr Landſitz bei Oeſtrich— Er ſtockte und ſchwieg mit einer Scharlachröthe und mit Geberden einer peinigenden Verlegenheit. Lennig lachte und rief: Da ſehen Sie, wie hoch er hinauswill! Ja Oeſtrich! Aber er ſchämt ſich ſelbſt, und hat ſich bisher auch mit der Beſcheidenheit eines Cavaliers der neuen Zeitrechnung ſeines guten Fangs nicht bloß gethan. Er hat meiner Tochter ein Gütchen abgekauft, ein Vermächtniß ihrer ſeli⸗ gen Tante in Alzenau; eben haben wir das Geſchäft ab⸗ — — 63 gemacht. Das iſt freilich noch kein Adelsſitz; aber er hat ſich ſchon nach umherliegenden Grundſtücken umgethan, aus denen ſich ein recht artiges Beſitzthum bilden läßt, charmant gelegen an der warmen Halde des freigerichter Bergzuges. Nicht wahr, der Name Freigericht hat dich ſchon angezogen, Jean Baptiſt? Ich ſage Ihnen, Herr Baron,— der Neffe hat Ihnen ein Sümmchen zuſam⸗ mengebracht, das man vor einem altadeligen Herrn gar nicht nennen darf, um ihm nicht vorzurechnen, wieviel es ſeine Standesgenoſſen ſich haben koſten laſſen, aus Mainz zu entkommen, ehe noch die Noth an den Mann ging. Franz Karl drückte ihm als Zeichen ſeiner Zuſtim⸗ mung die Hand, und lenkte auf den Zweck ſeines Be⸗ ſuches.— Wir Zurückgebliebenen haben deſto mehr gut zu machen, ſagte er. Wir können das zu Gant gegan⸗ gene mainzer Adelthum auf ein Meiſtgebot adeliger Ge⸗ ſinnung und muthigen Handels zugeſchlagen erhalten. Da ſtehen wir gleich zu Dreien, wie die verſchworenen Schwei⸗ zer auf dem Rütli— Bleiben Sie nur da, liebe Fides! Ein reines Mädchenherz iſt eben der rechte Altar zu einem Schwur für das Vaterland. Offen, lieber Lennig! Hal— ten Sie es mit der franzöſiſchen Freiheit und Gleichheit? Nein! verſetzte Lennig, und noch lauter ein zweites Nein! Und unſer Jean Baptiſt—? fuhr der Baron fort. Freilich in dem franzöſiſchen Anzug und mit dem Ver⸗ langen etwas zu werden und für etwas zu gelten, kann ich mir die Frage ſelbſt beantworten. Dennoch glaub' ich, ein Mann wie Sie ſollte mit adeligem Geld auch etwas von der verſchleuderten adeligen Geſinnung aufgenommen 64 haben, und wie Sie ſonſt ein muthiger, entſchloſſener Menſch waren, dürfte man ſich von Ihnen auch Muth zum Widerſtand gegen eingedrungene Fremdherrſchaft ver⸗ ſprechen. Lennig war, während Jean Baptiſt nachdenklich ſchwieg, ſo erfreut über des Barons Worte, daß er eine Bewe⸗ gung machte, ihn zu umarmen. Doch faßte er ſich, und ſchüttelte ihm blos die Hand. Lieber Lennig, fuhr der Freund fort, ich habe früher zuweilen über Ihre Schwärmerei für Deutſchland gelächelt, und begriff nicht, wo zwiſchen all' den großen und klei⸗ nen Herrſcherſitzen dies liebe Deutſchland ſtecken ſollte. Leider! mußte dieſer Sansculottismus kommen, um mir klar zu machen, was doch über all' dieſen Thronen und Throͤnchen an Sinn und Sitte, an Geiſt und Gemüth, an Schickſal und Sprache als Deutſch herrſche. Ich habe viel über dies gemeinſame Schickſal nachgedacht, das durch die Franzoſen über uns kommen kann. Vielleicht hat unſer Volk die fündhafte Vorliebe ſeiner Großen und Herrſchenden für franzöſiſche Sprache und Bildung zu verbüßen; vielleicht iſt ihm auch vorbeſtimmt, durch das Franzoſenthum deutſch und nationaler zu werden. Die erſte Vorliebe des Volkes für dies Franzoſenthum will mir daher wie ein Inſtinkt unſerer tief erkrankten Natio⸗ nalität vorkommen, ſich an etwas Unnatürlichem geſund zu eſſen. Jedenfalls wird uns nur durch Widerſtand ge⸗ gen die fremde Macht zu helfen ſein, die uns doch nur erniedrigen kann. Und durch dieſen Widerſtand werden wir auch die wahre, die innere Freiheit und Gleichheit gewinnen. Wir wollen dieſen wüthenden Declamationen — —, ⏑⏑————————— 6⁵ des Club gegen die Tyrannen ein edles Selbſtvertrauen entgegenſetzen, und wenn wir einmal in gemeinſchaftlichem Kampfe gegen einen anmaßlichen Feind unſere deutſche Seele erkannt haben, werden wir auch die innere Will⸗ kür unſerer Herrſcher und die ſelbſtgefällige Dienſtbarkeit unſeres in ſich zerfallenen Volkes mit anderen Waffen überwinden, als mit der Pike des Jakobinismus. Aber bei dieſer Erklärung ſetzte Erasmus allen alt⸗ mainzer Anſtand bei Seite und umarmte den Baron mit lebhafter Zuſtimmung. Und da ſich Franz Karl über Jean Baptiſt's gelaſſenes Schweigen wunderte, erklärte die⸗ ſer, daß ihm jetzt gar Manches am Herzen liege, was ihn ſo zerſtreut und manchmal recht irre mache; er habe ſich ſchon vorgeſetzt, zum Herrn Baron zu kommen und ſich ihm zu entdecken.— Es betrifft etwas, ſagte er, was Sie vielleicht betrübt, was aber für mich gut ſagt,— daß ich Ihnen mit Leib und Seele angehöre und ge⸗ horche, und— Er ergriff mit einer inneren Bewegung, die alle in Verwunderung ſetzte, des Barons Hand, und indem er ſie recht wacker drückte, fuhr er fort: Vergeſſen Sie nur nicht, was Sie vorhin geſagt ha⸗ ben, daß man nämlich jetzt in Mainz— herrenloſen Adel erlangen kann, oder ſo'was ſtatt des Adels,— etwas, — nun ich verſtehe Sie ſchon! Sie beſuchen mich alſo, und ich habe auch etwas von meiner Mutter für Sie! ſagte der Baron; worauf Jean Baptiſt erröthend ausrief: Was? Und das ſagen Sie mir ſo freundlich? Mein Gott! wäre es ſchon ſo weit, und ſchon ſo viel gewonnen—? Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 5 66 Viel wird es nicht ſein, ſagte Franz Karl, und fuhr gegen Lennig fort, ſich über den Zuſtand in Mainz zu erklären, und ihm ſeine Idee mitzutheilen. Vor Allem müſſe man die Deutſchgeſinnten in Mainz ermuthigen und eng verbinden, dann aber insgeheim mit den deutſchen Mächten anknüpfen. Den Kurfürſten aber, meinte der Baron, müſſe man geradezu aufgeben; denn er habe durch ſeine Flucht ſich ſelbſt und der Club ihn durch Enthüllung der Hofgeheimniſſe um alles Vertrauen gebracht.— Ma⸗ ler und Lackirer, die ſeine Wappen auf den Reiſe⸗ und Galawagen wiederherſtellen und auffriſchen, finden ſich wol, rief der junge Freund bitter, aber was im Herzen des Volkes erloſchen iſt, läßt ſich durch keinen Lack und Firniß wiederbringen. Auch die Fürſten, nicht blos ihre Völker, müſſen durch Unglück büßen und lernen. Von dieſer Aeußerung ſchien Erasmus Lennig weni⸗ ger erbaut. Franz Karl, der es bemerkte, ſagte mit lä⸗ chelndem Stolz auf ſeine Idee: Haben wir nicht zum Glück den Coadjutor Dalberg? Coadjutor, Mithelfer,— welch' ein prophetiſches Wort für das verlaſſene Land wie für den hülfloſen Fürſten! Was ſagen Sie? Einen Mann von Geiſt und von den neuen Ideen eingenommen! Als Statthalter in Erfurt iſt er ein Regent, wie Kaiſer Titus, und dabei ein Mit⸗ telpunkt der gelehrten Welt, ein menſchenfreundliches Herz für das gedrückte Volk und ein Beſchützer aller Beſtrebun⸗ gen in Kunſt und Wiſſenſchaft. Mit ſeinem Namen ge⸗ winnen wir für uns das alte und das neue Mainz zu⸗ gleich; denn wir finden im Alten das Neue, die Vor⸗ theile der Umgeſtaltung ohne Umſturz, und ſchließen eine 67 für Mainz und für Deutſchland friſche, neubelebte Zu⸗ kunft auf mit dem alten Rufe: Iſt kein Dalberg da? Der Stolz des Adels, die Treue des Bürgerthums und die Ideen der beſſeren Clubiſten begegnen ſich in dieſem Namen. Während Erasmus gedankenvoll lächelte, kündigte Fides, die am Fenſter ſtand, den Beſuch des Profeſſors Blau an. Sie verabredeten noch ſchnell, das Weitere zu beſprechen, und indem Franz Karl freundlich zu Fides trat, rief der hereinkommende Geiſtliche: Nun hat die mainzer Revolution das erſte glückliche Paar gemacht. Fides und Franz Karl erſchraken und errötheten. Blau, Hut und Stock ablegend, fuhr fort: Eben hat ſich Eickemeyer mit ſeiner Freundin auf Neufranzöſiſch bürgerlich trauen laſſen. O, wie leid thut mir das um den wackern Mann! fiel Erasmus ein. Dieſen Schritt hätte er jetzt nicht thun ſollen. Alle Zeitungen bezeichnen ihn als den Verräther von Mainz. Unſere feig entflohenen Generale ſprengen ihn als den Sündenbock in die Welt; ſo ungereimt es iſt, daß ein Major verrathen haben ſoll, was kein Ge⸗ neral zu vertheidigen verſucht hat. Nun aber Cickemeyer auf Cuſtine's Zureden franzöſiſche Dienſte genommen, und jetzt auch noch eine katholiſche Ehefrau nach neufränkiſchem Geſetz heirathet: muß er da nicht, indem er die perſön⸗ lichſten Vortheile der Uebergabe von Mainz für ſich hin⸗ nimmt, auch Diejenigen über ſeine Rechtſchaffenheit irre machen, die noch nicht an ihm zweifelten? Beſtätigt er ſo nicht ſelber die gegen ihn ausgeſprengten Beſchuldigun⸗ gen jener heilloſen Flüchtlinge, die ſich wie der Dinten⸗ 5* 68 fiſch hinter ihren trüben Ergießungen vor oͤffentlicher Verachtung verſtecken? Nein, nein! Es gibt Zeiten und Zuſtände, da man ſeinen Namen höher achten muß, als ſein Glück; denn an den Namen hält ſich die Welt! Blau verſicherte, Eickemeyer ſehe das auch ein, zweifle aber, daß er mit Verzicht auf ſeinen militairiſchen Beruf und auf das Glück ſeines Herzens die öffentliche Meinung ändern werde; dagegen habe er eine kurze, klare Darſtel⸗ lung dieſer, ſelbſt vielen Mainzern unbegreiflichen Ueber⸗ gabe entworfen, und werde ſie dieſen Abend im Club vortragen und dann dem Druck übergeben. Der freund⸗ liche Mann foderte den Baron und Erasmus auf, dieſen Vortrag Eickemeyer's ja nicht zu verſäumen. Geh' mir mit euerem Club! rief Lennig. Er iſt auf dem beſten Weg, ein Tollhaus zu werden. Erſt habt ihr Freiheitsprediger und Pflanzer von Freiheitsbäumen aufs Land unter die Bauern hinausgeſchickt; nun leſe ich geſtern in der Reichspoſtamtszeitung eine öffentliche Auf⸗ foderung an geübte deutſche Redner, die man zu Frei⸗ heitspredigern gegen monatliche 150 Gulden anzuwerben ſucht. Wie? habt ihr für die Freiheit keine freie Begei⸗ ſterung mehr,— keine unbezahlten Worte mehr? Blau ſchüttelte mit ſeiner milden Freundlichkeit den Kopf und ſprach gegen den Baron gewendet: O wie ſehr wäre zu wünſchen, daß jetzt alle nachden⸗ kenden und für das Wohl der Mainzer mitfühlenden Män⸗ ner ſich dem guten Kern der Volksfreunde anſchlöſſen, um den Tollheiten der Schwärmer und der Gemeinheit der Habſüchtigen einen Damm zu ſetzen! Ich fürchte, daß die 69 Narren und der Troß im Club ein entſetzliches Unheil über unſere Stadt bringen! Der Baron ſchwieg zu dieſer Einladung. Er ſchien mit dem ehrlichen Blau über deſſen Beſorgniſſe einver⸗ ſtanden, nicht aber, wie er, an eine Verbeſſerung des Club zu glauben. Siebentes Kapitel. So ſehr jedoch unſern jungen Baron der Club anwi⸗ derte,— wie man etwa vor einem mit trübem Miſch⸗ tranke gefüllten Pokale ſchaudert: ſo entſchloß er ſich doch zu einem abermaligen Beſuch, um Eickemeyer's Selbſt⸗ vertheidigung zu hören. Er ſchätzte dieſen Mann ſehr, hatte ſich früher lebhaft für ihn intereſſirt, und wünſchte ihn vor der Welt wegen des ihm angeſchuldigten Ver⸗ rathes gerechtfertigt zu ſehen. Manche Einzelnheit jener verrufenen Uebergabe war ihm ſelbſt noch unklar, und in⸗ dem er daher für ſich ſelbſt einen tieferen Einblick in das Gewebe jenes Räthſels zu gewinnen hoffte, faßte er im Voraus eine gute Meinung von Eickemeyer's Muthe; in⸗ dem ſich dieſer Mann in die Klemme wagte, entweder die wahren Verräther zu bezeichnen, und es dadurch mit Cuſtine, der ſich gern für den Eroberer von Mainz gelten ließ, zu verderben, oder den Fall der Feſtung als 70 eine Waffenthat dieſes Generals darzuſtellen und dadurch alles Vertrauen der Mainzer zu verlieren, die wenigſtens ſo viel bezeugen konnten, daß kaum ein feindlicher Ka⸗ nonenſchuß gefallen, ſondern Alles durch Capitulation ge⸗ ſchehen war. 3 Dem Baron fiel gleich beim Eintritt in den Akade⸗ mieſaal der veränderte Ton auf, der heute gegen das vo⸗ rige Mal auf der überfüllten Galerie herrſchte. Der Ernſt, die feierliche Spannung fehlte, und man ſchien mit der bloßen Erwartung eines Poſſenſpiels gekommen zu ſein. Die gewöhnliche Clubſtunde hatte ſchon eine Weile geſchlagen, und die Galerie wurde unruhig. Da rührte Hofmann, als heutiger Präſident die Schelle, und eröff⸗ nete den verſammelten Brüdern, daß Eickemeyer für den erſten heutigen Vortrag noch nicht eingetroffen ſei.— Es hat damit ſeine eigene Bewandtniß, ſagte er mit ſchalkhaf⸗ tem Lächeln. Er begeht bei frugalem Mahle mit weni⸗ gen Freunden, die hier ebenfalls noch fehlen, ſein Vermäh⸗ lungsfeſt. Und an ſolchem Abende, wo jeder Andere ſich nur gegen ſeine Frau als richtigen Mann darzuthun ſu⸗ chen würde, will Bruder Eickemeyer ſich gegen ſeine Va⸗ terſtadt Mainz als Mann von Ehre rechtfertigen. Für uns einſichtigen Brüder bedürfte er deſſen nicht; denn da wir die edle Nation, die uns die Freiheit gebracht hat, für keinen Feind halten, ſo kann unſerer Seits auch von keinem Verrath die Rede ſein. Die fremden Waffen ha⸗ ben uns nicht bekämpft: ſie waren nur das Chrengeleit. der Freiheit, und Mainz hat ſich wie ein Bräutigam der ankommenden Braut in die Arme geworfen. Doch dafür 714 gilt in Deutſchland die Freiheit noch nicht, und ſelbſt viele Mainzer, die noch gegen das neue Glück der Freiheit und Gleichheit kalt oder aufgehetzt oder wankelmüthig ſind, ſehen die Sache anders an, und ſprechen von einem Fall von Mainz durch Verrath. Zu dieſen wird Eickemeyer re⸗ den. Und ſo mögen ſie denn Diejenigen kennen lernen, die Mainz an den großen General Cuſtine überliefert ha⸗ ben, ehe es derſelbe mit Macht nehmen konnte,— jene Männer, die nach ihrem eigenen Sinne gemeſſen, wirk⸗ lichen Verrath begangen und der Welt gezeigt haben, daß die Knechte der Deſpoten in den Tagen der Noth ihre eigenen Gebieter zuerſt im Stiche laſſen; wodurch ſie Alle denn freilich das Vaterland und deſſen koſtbaren Schmuck, die bürgerliche Freiheit, für immer einbüßen. Hofmann hatte dies mit einer gewiſſen Nachläſſigkeit in der Stellung und mit unruhigen Fingerbewegungen vorgebracht, wie er bei mangelnder Vorbereitung und wenn ſein Gemüth nicht bewegt war, zu ſprechen pflegte. Darüber war Profeſſor Dorſch zu ihm getreten, flüſterte ihm ins Ohr, und wie er dann ſelbſt den Präſidenten⸗ ſtuhl pathetiſch einnahm, ſich erhob, die Arme bewegte, mit Grazie die Schelle handhabte, brachte er die Zuſchauer auf die Vermuthung, daß er eben dem zeitigen Präſiden⸗ ten eine vertrauliche Vorleſung darüber halte, mit welcher Miene und Würde man einen ſo hohen Stuhl einzuneh⸗ men habe. Doch Hofmann ſchien wenig geneigt, die Lection dankbar aufzunehmen, ſondern ſtieß mit einem lauten: Gehen Sie zum Teufel! den niedlichen Dorſch zum Ergötzen des Publikums heftig zurück. Indeß hatte Boͤhmer mit zwei Büchern in Folio die 72 Rednerbühne betreten. Unter lebhaften Geberden und öf⸗ terem Räuspern ſprach er über die Nothwendigkeit, daß die ſo lange unſchlüſſigen und theilweiſe dem Club wieder abgefallenen Bürger ſich endlich entſcheiden, und für oder wider das Glück der Freiheit ſich erklären müßten. Zu dem Ende hob er die beiden Bücher hervor. Das eine in rothen Saffian gebunden, dreifarbigen Schnitts, an beiden Decken mit goldenen Freiheitsmützen geziert und mit dreifarbigen Bändern zum Zubinden verſehen, ward „Buch des Lebens“ genannt und ſollte die Namen der⸗ jenigen Bürger aufnehmen, die für Abſchaffung der alten monarchiſchen Verfaſſung ſtimmen und ſich zu einer rhei⸗ niſchen Republik bekennen wollten. Aus dieſem Buche las er die Eingangsformel, zu der man ſich durch Na⸗ mensunterſchrift verpflichte, ſehr pathetiſch vor. Sie lautete: „Im Namen des Allmächtigen! Wir Unterzeichne⸗ ten huldigen dem Geſetze, welches die höchſte Gewalt in die Hände des Volkes legt, um ſie durch Perſonen ausüben zu laſſen, die es ſich ſelbſt von Zeit zu Zeit wählt. Wir erkennen Freiheit und Gleichheit als die Hauptgrundſätze, worauf eine gute Staatsverfaſſung gebaut ſein muß. Da das edle Volk der Franken be⸗ reits den Anfang gemacht hat, auf dieſe Grundſätze eine neue Verfaſſung zu bauen: ſo nehmen wir dieſe Conſtitution, ſo weit ſie jetzt exiſtirt, und ſo wie wir ſelbſt durch unſere Stellvertreter, in Gemeinſchaft mit den Bevollmächtigten der fränkiſchen Nation, ſie ver⸗ faſſen werden, mit Vergnügen an.“ Hierauf zeigte er mit der Miene und Geberde des kündigung, es ſolle den Bürgern freiſtehen, ſich entweder 73 Abſcheues das in ſchwarzes Papier eingebundene viel dün⸗ nere Buch vor, an deſſen Decken, ſtatt der Freiheits⸗ mützen, Sinnbilder der Tyrannei, und zum Zubinden zwei ſchwarze Blechkettchen angebracht waren. Dies ver⸗ ächtliche Buch ſollte für Jene beſtimmt ſein, die ſich aus eigener Wahl dem alten Joche der Tyrannei unterwerfen und als Sklaven bezeichnen wollten. Was aber dieſem phantaſtiſchen Vorſchlag einen bedenklichen Schluß gab, war die beigefügte Drohung, daß ſolche Bekenner des Sklaventhums denn auch als Sklaven behandelt werden ſollten.. Ein lebhafter Beifall rauſchte von den Händen vie⸗ ler Clubiſten, indeß auf der Galerie eine ahnungsvolle Stille herrſchte. Im Augenblicke bemerkte der Baron, durch den Vor⸗ trag innerlich empört, ſeinen Freund Forſter unter den Clubiſten ſitzen, als derſelbe ſich eben erhob und über die Tafel hin gegen ſeine Nachbarn ſich wider Böhmer's Vor⸗ ſchlag zu ereifern ſchien. Ein neuer Unwille riß den jun⸗ gen Freund über alle Beſinnung zu einem übereilten Schritt. Es war ihm in dieſem Moment, als ob For⸗ ſter's Entrüſtung der letzte Haken ſei, woran er den Freund faſſen und von ſeiner Verirrung zum Club zurück⸗ ziehen könne. Laut, als müſſe er mit dem Ton des ei⸗ genen Zornes dem Freund eine Stimme des Gewiſſens werden, rief Franz Karl in den Saal hinab: Welch' ein Antrag iſt das? Stehen ſolche Maßregeln nicht in offenbarem Widerſpruche mit dem Aufrufe des Generals Cuſtine vom 26. Oktober?— mit jener Ver⸗ 7½ zu einer Republik oder zu einer ſogenannten Deſpotie zu bekennen? Nun ſoll an dieſe freie Wahl dennoch eine gute oder üble Behandlung geknüpft werden? Iſt das noch Freiheit? Iſt das nicht neue— oder vielmehr iſt das nicht erſt Tyrannei? Und jene Proclamation— hat nicht ein gewiſſer Böhmer ſie zur Beglaubigung unter⸗ zeichnet? Wie vielerlei Böhmer wachſen denn jetzt in Mainz? Ein lärmender Beifall erfolgte von der Galerie, wäh⸗ rend deſſen man die heftigen Bewegungen Böhmer'’s und vieler Clubiſten ſah, deren Stimme man nicht hören konnte. Auch brachte nicht die Schelle des Präſidenten, ſondern der Eintritt Eickemeyer's in ſeiner militairiſchen Haltung einige Stille hervor. Nun erſt verſtand man Böhmer's heftige Worte gegen Ariſtokraten und mehrſtim⸗ miges Schelten gegen unberufenes Sprechen von der Ga⸗ lerie. Doch der Präſident drang auf Abſtimmung über den Antrag, der denn auch lebhaft angenommen wurde. Die Berathung, wie und wo beide Bücher unter Auf⸗ ſicht einer Deputation zu den Unterzeichnungen aufliegen ſollten, ward durch den Clubiſten Stumme unterbrochen, der athemlos in den Saal ſtürzte, und, zwiſchen den Sitz des Präſidenten und die Rednerbühne getreten, berichtete, wie er eben von Weißenau komme, wo er im Auftrage des Club den Freiheitsbaum habe ſetzen laſſen. Alles ſei unter dem Spiel der Muſik vortrefflich gegangen bis zum Tanz um den Baum. Den hätte man verweigert, und er habe wohl bemerkt, daß ein Kapuziner, der ſich herbei⸗ gedrängt, die Leute irre gemacht, und ihnen von einer Baalsverehrung, von einem goldenen Kalb der Freiheit 15 geſprochen habe.— Kurz! Sie verweigern den Tanz, rief er gegen Böhmer,— was iſt zu thun? Sie ver⸗ weigern den Tanz! 4 Es war ſehr ſtill geworden, als Böhmer, nach i. zem Beſinnen, den Arm von der Rednerbühne weit aus⸗ geſtreckt, feierlich rief: La danse ou la vie! Während Stumme, verlegen über dieſen Beſcheid, mit dem er nichts anzufangen wußte, bald Böhmern, bald den Präſidenten anſah, erhob ſich am Tiſche der Clubfſten ein gewiſſer Gutenſohn, Knecht im Kaufhauſe, und nahm ſtotternd und mit lächerlicher Verlegenheit das Wort: So iſt's recht! Reſpekt muß ſein und thut dem Club ſehr nöthig. In der ganzen Stadt heißt es, im Club ſeien nichts als Lumpe.. Er ſetzte ſich raſch und huſtete. Einige Lachtöne wur⸗ den von oben vernommen, als der Clubsbruder, Feld⸗ ſchütze Steppes, aufſprang und mit heiſerer Stimme rief: Es iſt auch wahr, was der vorſprechende Bruder Gu⸗ tenſohn geſagt hat. Der Doppelſinn dieſer Worte erregte lauteres Lachen. Als aber auch ein gewiſſer Melzer, der einen kleinen Mehlhandel trieb, den eben ſo ſchiefen Antrag ſtellte,— der Club möge vor Allem unterſuchen, ob ſich auch die Sache ſo verhalte, wie die zwei vorſprechenden Brüder geſagt: ſo war des Galerie⸗Jubels kein Ende, und die Schelle des Präſidenten erſtickte a ahekmal im Tumult Franz Karl, für dasgeherlie iche dieſes Intermezzo nicht empfänglich, verließ unzufrieden mit ſich und den Ver⸗ handlungen, ohne Cickemeyers Vortrag abzuwarten, das Haus.—— 15 3 ¼ Achtes Kapitel. Ohne daß am andern Morgen der Baron ſeine lebhafte Entrüſtung über das rothe und ſchwarze Buch bereute, coonnte er ſich doch die Uebereilung nicht verz zeihen, ſo hef⸗ tig von der Galerie herab, wo er bisher auch nur zu ſtehen ſich geſchämt, in die Verhandlungen des ihm ſo widerwärtigen Clubs geſprochen zu haben. Dieſe Erin⸗ nerung war ihm höchſt peinigend, bis er ſich ſeines mit Lennig gefaßten Vorhabens erinnerte. Solchen Abſichten erſchien dann ſein Benehmen weniger ungemäß; ja er machte ſich klar, daß die deutſche Sache, die er ergriffen, ihn gar nicht anders als zu einem Widerſpruche gegen den Club und zur Vertretung des Bürgerthums führen könne. Nur fand er ſein Benehmen nicht klug im In⸗ tereſſe der deutſchen Sache ſelbſt, die jetzt noch nicht ſo laut werden dürfe, und gerade durch ihn als Adeligen leicht in ein falſches Licht gerathen könne. Er nahm ſich daher vor, nicht ſelbſt an die Spitze der Oppoſition zu treten, ſondern ſich nter Lennig, dieſen geachteten Bür⸗ er, zu ſtellen und 15 nur mit Muth und Gehankon zu ger unterſtützen. r Wweun 8. Indem aber dieſe neue ellung, in welche das große Verhängniß der Zeit den jungen Baron drängte, ihn zuerſt an der noch immer etwas empfindlichen Seite ſeiner Herkunft drückte, ſollten hn d ld genug aus —,——,, — ꝛ—.,—— 77 den bürgerlichen Kreiſen ſelbſt, in die er ſich zu ſchicken hatte, manche Verwicklungen entſpringen, die gerade darum, weil ſie nicht ſeinen alten Vorurtheilen, ſondern ſeinen neueſten Vorſätzen widerſtrebten, ihn deſto mehr erſchüttern mußten. Zuerſt erblickte er Forſtern, den er ſo hoch hielt, ſte an deſſen Bürger⸗ und Gemeinſinn er ſich herangebildet te, b hatte, wider alles Erwarten auf die andere Seite getreten. f⸗ Sich eben jetzt von dieſem edeln Manne verlaſſen, ja mit zu ihm in Widerſpruch geſetzt zu wiſſen, ſchmerzte und ver⸗ ſo wirrte ihn. Hatte doch Franz Karl für ſeine Idee und n Abſicht gerade auf den alten einſichtvollen und großgeſinn⸗ nit ten Freund gerechnet. 1 ten Er eilte zu ihm und traf ihn noch mit Thereſen beim er Frühſtücke. In der Aufregung ſeines Gemüthes umarmte n, er gegen ſeine gelaſſene Weiſe Forſtern mit Lebhaftigkeit en und rief: een O mein Freund! Sie haben ſich zum Club gewen⸗ m det? Himmel! wie konnten Sie nach jener Seite ſich ſo verirren, woher Sie doch ſelbſt, ſo gut wie ich, alles Un⸗ gen heil für Mainz befürchteten? Sehen Sie weitblickender ſich Mann dort nicht eine tolle Pöbelherrſchaft aufſchießen, die zu weit ſchlimmer, als die unbeſchränkte Alleingewalt des r Kurfürſten zu werden droht? zu Eben darum habe ich mich zum Club entſchloſſen, mein Freund! erwiderte Forſter mit Ruhe. Es iſt die dae höchſte Zeit, daß die Guten, Einſichtigen, Redlichen ſich tte, um die Neugeſtalt unſeres politiſchen Lebens zuſammen⸗ eite ſchließen, um die Lebenskraft derſelben zu verſtärken, die das Schlechte und Verderbliche ausſcheiden muß. Aber gerade das iſt es ja, was mich entſetzt, liebſter Forſter,— eben dieſe Neugeſtalt, wie Sie es nennen. Was iſt dieſe Neugeſtalt? Das Franzoſenthum, den Sans⸗ culottismus wollen Sie, der uns beſchämt und beſchmutzt! O Frau Thereſe, theure Freundin! Ihnen vertraue ich noch, daß Sie mir beiſtehen und unſern edeln lieben George zurückführen helfen! Männer wie Forſter dürfen unſer deutſches Volk und Vaterland nicht verlaſſen! Lieber Baron! erwiderte Thereſe mit erzwungenem Scherz, ich fürchte mich vor der Politik, die meine Ju⸗ gendfreundin Böhmer ſo meduſenartig verwandelt hat. Aber ich freue mich, das Wort Vaterland ſo wohltönend aus Ihrem Munde zu hören. Sie beſuchen wol Vater Lennig fleißig? Scherz bei Seite, liebe Thereſe! fiel Forſter ein. Un⸗ ſer Freund iſt ſehr bewegt; wir müſſen uns verſtändigen. O wüßten Sie, beſter Forſter, welch' ein Schreck es mir war, Sie geſtern am Tiſche der Clubiſten zu erblicken! rief Franz Karl nicht ohne Rührung. Ich fühlte mich in dem Tumulte des Saals, in dieſer Verwirrung der Stadt wie mit dem Boote der Zukunft auf ein ſturmvolles Meer geworfen, und im Augenblicke, da ich nach Ihnen ſah, bedeckte die Wetterwolke meinen Polarſtern und der Mag⸗ netnadel meines Compaſſes war von tückiſchen Gewalten die ewige Treue ihrer Richtung entzogen. Ich ſah mich laſſen. Von der Schmach der Flucht haben Sie mich zurückgehalten, und jetzt, da ich mich dem einzigen Kampfe widme, der nun den Treugebliebenen ziemt, fliehen Sie von dem heiligen Boden, auf dem wir Hand in Hand mit hohen Entſchlüſſen und ſtummen Schwüren geſtanden vom Lichte des Himmels und vom Rechte der Erde ver⸗ ſind. O wie verlaſſen, und wenn auch nicht ohne Muth, doch ohne Macht bin ich nun! Er warf ſich in einen Lehnſeſſel mit Blick und Ge⸗ berden, aus denen ein tiefer Schmerz ſprach. Forſter trat ſehr bewegt zu ihm, und die Hand auf des Freundes Schulter gelegt, ſagte er: Faſſen Sie ſich, mein lieber Franz Karl! Auch ich habe das Alles, was Sie fühlen, mit mir durchgekämpft. Sie wiſſen, ich habe mit mehreren gutgeſinnten Männern mich ſeither von Allem zurückgehalten: allein die Neutra⸗ lität war auf die Dauer mißlich, die Kriſe naht heran, und man muß Partei ergreifen. Das Beiſpiel Frankreichs hat gezeigt, was das Schickſal der Emigrirten überall ſein müſſe. Die combinirte deutſche Armee in Frankreich, an⸗ fangs ſo ſiegreich, iſt vernichtet, und der dadurch geweckte Revolutionsgeiſt wirkt bereits ſo kräftig, daß für die deutſche Verfaſſung Alles zu befürchten ſteht, wenn man im Frieden nicht die bereits franzöſiſch gewordenen Theile ablöſt und willig hingibt. Den deutſchen Reichskörper zu retten, muß ihm ein leidendes Glied abgenommen werden. Raſerei wäre es, wenn man jetzt noch an die alten Träume von Unverletzbarkeit und Unzertrennlichkeit des Reiches dächte. Die Anſteckung greift unaufhaltſam um ſich, wenn man nicht um jeden Preis einen Frieden er⸗ kauft, der die deutſchen Fürſten in den Stand ſetzt, ihrer Unterthanen mächtig zu bleiben. Unter dieſen Umſtänden habe ich die Pflicht gegen meine Mitbürger zu Rathe ge⸗ zogen, um ſo mehr, da ſie mir Vertrauen und Achtung ſchenken. Sagen Sie, ob ich nicht mit ehrlicher Ueber⸗ zeugung mein Vaterland liebe? Ich habe darum auch 80 ein Amt angenommen, das vielleicht in ſchlimme Hände gekommen wäre, wenn Männer wie Blau und der alte brave Geheimerath Reuter, den Sie kennen, ſich hätten zurückziehen wollen. Wir ſind nämlich Mitglieder der neuen Adminiſtration geworden, welche General Cuſtine an die Stelle der aufgehobenen bisherigen Landesregierung für die neue Rheinprovinz von Landau bis Bingen unter der Präſidentſchaft des von Straßburg berufenen Dorſch eingeſetzt hat. Auch die Stadt erhält eine tüchtige Mu⸗ nicipalität unter dem Richter Razen als Maire. Heute wird die Proclamation des Generals Cuſtine darüber er⸗ ſcheinen. In dieſem neuen Berufe wird das Beſte des uns anvertrauten Landes und ſeiner ſämmtlichen Einwoh⸗ ner mein Augenmerk ſein. Ich helfe die Habe und den Wohlſtand der Bürger erhalten; hernach bekomme wer da wolle das Land, und er wird es in guten Umſtänden haben. Kömmt es zu einem zweiten Feldzuge, ſo iſt ganz Deutſchland in einer anarchiſchen Gährung, und ich ſtehe den Fürſten für ihre Throne nicht. Es iſt eine der ent⸗ ſcheidenden Weltepochen, in welcher wir leben. Daß man doch um des Himmelswillen! einſehen möge, wie die Stimmung unſerer Zeit iſt: dem Enthuſiasmus kann nichts mehr widerſtehen, und bürgerliche Freiheit iſt die Noth⸗ wendigkeit unſerer Zukunft geworden. Ich ſelbſt bleibe jetzt freier Bürger, es mag kommen was da wolle. Kehrt der Kurfürſt zurück, ſo wird für den redlichen Mann, der nicht umſonſt bezahlt ſein will, auch in Frankreich Brot und Unterkommen ſein; bleibt Mainz frei, ſo liebe ich den Aufenthalt genug, um ihn nicht ohne wichti⸗ gen Beweggrund zu verlaſſen. Hier haben Sie mein 84 Credo! Und möchte ich Sie nur ſo beruhigt ſehen, als ich es bin! Franz Karl richtete ſich auf, indem er mit Entſchloſ⸗ ſenheit ſprach: O mein Freund! Ich ſehe wohl, Ihr edles Herz ver⸗ läßt Sie auf keinerlei Wegen: was darf ich mir da ver⸗ ſprechen? Ich muß es aufgeben, Sie für meine Abſichten zu gewinnen. Was vermöchten meine Worte? Ihr Herz bleibt Ihnen immer doch näher, und indem es Ihnen je⸗ den Augenblick mit großen, uneigennützigen Entſchließun⸗ gen zuſpricht, koͤnnen Sie, einem ſo edeln Begleiter ver⸗ trauend, ſich in alle Irre verlaufen, und werden, von ihm ſelbſt in Ihren Täuſchungen beſtärkt, jedes fremden Zu⸗ ſpruches lächeln. Nein, ich muß es aufgeben, Sie zu wi⸗ derlegen. Aber auch von Ihnen kann ich mich nicht über⸗ zeugen laſſen. Und wenn ich Alles könnte, ſelbſt meinem Stand, meiner Familie, meiner Liebe entſagen, ſo könnte ich die Richtung nicht verlaſſen, in der ich dem tiefſten, wenn auch unerklärbaren Triebe meiner Seele folgen muß. Aber,— o der unglücklichen Zeit, die zwiſchen den innig⸗ ſten Menſchen den Boden ſpaltet, und Verbindungen zer⸗ reißt, in denen man ſeine reinſte Befriedigung feſthielt und genoß! Ja, verſetzte Forſter, wir leben in einem ſeltſamen Zeitpunkte, wo man die Menſchen kaum mehr richtig beur⸗ theilen kann, wenn man ſie nur nach ihren äußeren Ver⸗ hältniſſen richtet, wo die Maßſtäbe, womit wir ſonſt ein⸗ ander zu meſſen pflegten, faſt möcht' ich ſagen— zerbro⸗ chen werden müſſen, und nur der eine der Humanität übrig bleibt. Grundſatz, Charakter, Wandel, Laufbahn,— Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 6 8² in dem Allen kann man jetzt irre werden. Das Herz ſcheint das Einzige zu ſein, welches— wo es vorhan⸗ den iſt, das wahre point de ralliement unter redlichen Männern bleibt. Eine Stille war entſtanden, da, wie es ſchien, keiner von Beiden den erſten Schritt zum Aufbruch und Abſchied der Freundſchaft thun, und weder Franz Karl zuerſt Lebe⸗ wohl ſagen, noch Forſter ihn zurückhalten mochte. Da trat Thereſe dazwiſchen, und der Baron rief in Verlegenheit: O was ſagen Sie denn, theuerſte Frau? Ach! da bleibt mir nicht viel zu ſagen, erwiderte ſie, als daß ich Sie um die Ruhe und das Zutrauen auf die Sache der Wahrheit bitte, die ich habe, und die mich Armuth, Unruhe und— wenn es ſein müßte— Tadel und Spott mit Muth erwarten laſſen. Ich bin nicht fana⸗ tiſch, ich ſah aber, daß dies Forſter's Weg war. Forſter drückte ihr mit einem innigen Blick die Hand, und der Baron rief: O mein Gott! So muß ich denn von Allen und Allem ſcheiden! Warum müſſen Sie denn das? fragte, zwiſchen Beide getreten, Thereſe. Iſt es denn ſo unmöglich, daß zwei Freunde von reinem Gehalt und Gepräge ſich von den Mißverſtändniſſen einer leidenſchaftlichen Zeit frei erhalten? Müſſen denn die Fäuſte und der bittere Groll der Herzen aufgeboren werden, um entgegengeſetzten Meinungen Nach⸗ druck zu geben? Folgt eueren Ueberzeugungen, aber hal⸗ tet euere edle Freundſchaft als ein neutrales Gebiet, wo⸗ hin ihr aus eueren Kämpfen heiter und vergeſſend zurück⸗ kehrt! Oder laßt mich, als eine ökonomiſche Wirthſchafterin, N -—— 83 euch Beide wie zwei echte Goldmünzen von der Währung zweier kriegführenden Mächte in der ſeidenen Börſe der Freundſchaft beiſammenhalten! Muß denn die eine oder die andere verrufen und außer Umlauf geſetzt werden, blos weil ſie mit ihrem ſonſt guten Schrot und Korn aus der Münze des Gegners ſtammt? Gebt euch die Hände! Euerem Geiſt und Herzen bleibt noch eine Welt gemein⸗ ſamer Güter neben dem tricoloren Tummelplatze dieſes unglückſeligen Winters! Beide Freunde ſahen einander an, Forſter lächelte und Franz Karl reichte die Hand. Sie ſchüttelten die inein⸗ ander befeſtigten Hände und umarmten ſich; worauf der Baron Thereſen mit Dank für die Verſtändigung die Hand küßte. Sie begleitete ihn, als er ſich bald darauf empfahl, und ſagte: Meine Theeſtunde dauert fort, lieber Freund. Alle Theeclubiſten haben mich verlaſſen: bleiben Sie mir treu! Mein Mann wird nun auch noch in die Geſchäfte gezo⸗ gen, und Niemand kümmert ſich um mich. Erinnern Sie ſich, wenn der frühe Abend dämmert, wie ſanft mein Waſſerkeſſelchen brauſt, viel ſanfter als der Akademieſaal im Schloß, und bedenken Sie, wie anmuthig Sie mir dabei erzählen können— von einer verloren gegangenen Comteſſe, von weggeworfenen goldenen Schlüſſeln und dergleichen. Sie ſehen, Forſter hat mir Manches verra⸗ then, was Sie mir hätten erzählen ſollen. Erzahlen Sie mir's noch einmal, wir wollen das lieblichſte Mährchen daraus machen, und ich helfe Ihnen einen Zauber auffin⸗ den, der es auf das Glücklichſte beſchließen ſoll. 6* Neuntes Kapitel. Dieſer anmuthige Scherz Thereſens ſpielte in der Phan⸗ taſie unſeres jungen Freundes im Stillen fort. Selbſt der verunglückte Kammerherrnſchlüſſel nahm in dem Mähr⸗ chen, das er träumte, eine ſinnreiche Bedeutung an, indem derſelbe den verwünſchten Palaſt, woraus eine verlockende Prinzeſſin entflohen war, für immer verſchließen mußte, und dabei die Macht heſaß, eine Felsgrotte zu öffnen, worin ein alter Zauberſpruch die ſchönſte und lieblichſte Jungfrau gefangen hielt. Die Entflohene hatte einen tückiſchen Schatz, ein ſchmähliches Heirathsgut mit ſich genommen; wogegen die befreite Jungfrau in ihrem einfachen Reiz aus dem Bann hervortrat, nur von einer guten Fee mit einer Perlenſchnur um den Hals geſchmückt, die den Lie⸗ benden auf ewig zu feſſeln gefeit war. Wie beglückt fühlte ſich der irrende Ritter durch die Liebe der eroberten Jungfrau, die er mit muthigem Schwert durch Sturm und Verfolgung zu ſeliger Verbindung in ſeine ttanliche Burg am Rhein führte! Indem der Baron dieſen Träumereien nachhing, das Mährchen in bezüglichen Einzelheiten ausbildete und in der Manier Wieland's niederſchrieb, fühlte er ſich wieder ein⸗ mal in ſeinem Studirzimmer heimiſch und vergaß in alter poetiſcher Anwandlung auf ein paar Tage des verdrießli⸗ chen Sansculottenthums um ſich her. Zugleich beſann er 85⁵ ſich aber auch, mit welchem feinen Borwurfe Frau The⸗ reſe ihn an ſeine unterbrochene Vermählung erinnert hatte, wovon ſie nur das Allgemeinſte durch ihren Mann wußte. Er tadelte ſich ſelbſt über ſeine unmanierliche Zurückhal⸗ tung gegen die frühere Vertraute, und um ſich recht offen und herzlich über dies folgenreiche Lebensereigniß auszu⸗ ſprechen, kam er zu ihrer Theeſtunde und knüpfte ſeine Eröffnung mit dem Mährchen an, das er ihr vorlas. Thereſe nahm dieſe Phantaſie und ſein Bekenntniß mit lebhafter und inniger Freude auf, und da es ihr nicht an Erfindungsgabe fehlte, deutete ſie ihm Manches an, was das Mährchen noch anmuthiger und ſinnreicher ma⸗ chen konnte. Daneben neckte ſie den jungen Freund mit guten Bemerkungen über ſeine irrende Ritterſchaft, wo⸗ bei ſie ihn mit Anſpielung auf ſein unentſchloſſenes Weſen in der Liebe einen fahrenden und fahrigen Ritter nannte. — Aber wie ſchön und treffend haben Sie die befreite Jungfrau geſchildert! ſagte ſie endlich. Ich möſchte wiſſen, ob die Getroffene ſich wol ſelbſt darin erkennen würde! Sie ließ ſich dann ſehr herzlich und anerkennend über Fides aus, war aber, als ſie Franz Karl ſo vergnügt und aufgeregt darüber ſah, eher zu warnen, als zu er⸗ muntern geneigt. Die Zeitverhältniſſe, die einen Entſchluß des Barons begünſtigten, ſchienen Thereſen ernſter und bedenklicher zu ſtimmen, als ſie früher für des Freundes Neigung geſchwärmt hatte. In einem Betracht, ſagte ſie, iſt es mir lieb, daß die neu verkündigte Freiheit und Gleichheit nicht ſehr in Gunſt bei Ihnen ſteht: wie leicht könnten Sie ſonſt im Jubel des Augenblicks abermal ein— irrender Ritter 86 werden, ehe Sie die ſchöne Burg am Rhein bezögen. Den fatalen Standesunterſchied, dieſer unglückliche Spalt der Geſellſchaft, den die Revolution durch eine äußerliche Gleichheit Aller aufheben will, müſſen Sie, mein Freund, auf deutſche Weiſe innerlich— durch Kraft des Herzens und hohe Einſicht des Geiſtes ausgleichen. Sie erinnern mich daran, daß ich Ihrer Neigung früher das Wort ge⸗ ſprochen. Ja, lieber Baron! damals hätte eine Verbin⸗ dung mit Fides einen Kampf gegen die noch herrſchenden Vorurtheile gekoſtet, und durch ſolchen Kampf wären Sie zu der Kraft und Einſicht gekommen, die ich meine. Jetzt aber, wo dieſe Vorurtheile in Mainz entthront ſind, hat das große politiſche Ereigniß Ihrem Entſchluß einen freien Weg geöffnet, der indeß auch einer luſtigen Uebereilung offen ſteht. Wie aber, wenn dies Ereigniß vielleicht nur vorübergehend wäre? Und könnte nicht zwiſchen Ihrer Verlobung und Ihrer Hochzeit der Zuſtand von Mainz ploͤtzlich umſchlagen? Nicht zu rechnen, daß Ihre Familie, Ihre Standesgenoſſen, die über das eingedrungene Fran⸗ zoſenthum wüthen, viel gereizter, als ohnehin, eine Ver⸗ bindung aufnehmen würden, die von der franzöſiſchen Prieſterin Egalite eingeſegnet wäre. Vielleicht verzeiht man Ihnen aber eine Mißheirath um des Haſſes willen, den Sie gegen die Revolution behaupten, und woran man Sie doch noch als getreuen Standesgenoſſen erkennt. Franz Karl mußte dieſe treffenden Bemerkungen gelten laſſen. Er ſprach noch Manches darüber, und ließ ſich gern von einer ſo einſichtigen Freundin den Weg andeu⸗ ten, der ihn zu Fides' Herzen und zu einem gemeinſamen Glück führen müſſe. Jedenfalls hatte dieſe warnende Un⸗ 87 terhaltung den Vortheil, daß die Gedanken des Freundes aus den Verdrießlichkeiten des Tages abgezogen und mehr in den Zauberkreis der liebenswürdigen Fides verſetzt wurden. Seitdem fehlte Franz Karl ſelten am Theetiſche der Frau Forſter. Und was konnte ihn auch abhalten, als etwa eine gute Stunde länger bei Lennig? Sein Tag, nicht ohne Beſchäftigung, blieb doch ohne eigentliche Ge⸗ ſchäfte, und der Novemberabend kam mit jedem Tage früher. Wenn die lauten Neuigkeiten aus dem Club oder die Zeitungen über den Schreck und die Angſt der deut⸗ ſchen Höfe nach dem Fall von Mainz ihn verſtimmt, die heimlichen Verabredungen mit Erasmus und den Deutſch⸗ geſinnten ihn aufgeregt hatten, ſehnte er ſich recht nach der ſtilleren Univerſitätsgaſſe und nach der Beruhigung, deren er zwiſchen dem gleichmäßigen Brodeln des Theekeſ⸗ ſels und der geiſtreichen Unterhaltung Thereſens ſtets ge⸗ wiß war. Heute trat er ungewöhnlich ungeſtüm und hart bei ihr ein, ſo daß ſie ihm lachend entgegenrief: Guten Abend, St.⸗Michael!— Und als er ſie verwundert anſah, ver⸗ ſetzte ſie lächelnd: Nun, haben Sie etwa keinen Drachen unter den ſtampfenden Füͤßen? Franz Karl lachte mit.— Sie kennen ſchon mei⸗ nen Lindwurm! ſagte er,— den Club! und zog zwei gedruckte Verordnungen aus der Taſche, deren eine die Grenzen der Preßfreiheit beſchränkte, und den Verkauf wie die Verbreitung ſogenannter volksfeindlicher Schriften verbot. 88 Und die andere—? fragte mit einem Blick auf die Standuhr Frau Thereſe. Die andere, antwortete er, bedroht Alle, die durch mündliche oder briefliche Aeußerungen den franzöſiſchen und mainzer Republikanismus in übeln Ruf bringen, mit ſtrengen Strafen. Aber, warum beſchuldigen Sie den Club? fragte Thereſe, die Verordnungen ſind ja von der Landes⸗Admi⸗ niſtration erlaſſen! Das iſt es eben! rief der Baron. Daß der Club toll iſt, wiſſen wir längſt, aber daß die Regierung ein Werkzeug dieſer wüthenden Verſammlung werden ſollte, das erwarteten wir nicht! Auch unſer gute Forſter nicht. Im Gegentheil, er wollte den Club reformiren helfen. Ja, da reformire Einer! Und was haben dieſe Menſchen nicht geſchrien, als der Kurfürſt, nach langer Geduld, ein paar revolutionaire Schriften und Journale verbieten ließ! Der Club hat alſo den kurfürſtlichen Deſpotismus ſehr raſch überholt! Nun haben Sie noch drei Minuten! bemerkte Thereſe mit ſchalkhaftem Blick auf die Uhr, und Franz Karl, in⸗ dem er mit lachte, beruhigte ſich. Dieſe Exrinnerung bezog ſich auf eine heitere Verab⸗ redung, die Beide für ſich getroffen hatten, nämlich die Vorfälle des Tages, gleich den Ehrentänzen auf einem Ball, vor Allem abzumachen, aber nur 15 Minuten dar⸗ auf zu verwenden. Franz Karl ſah dies für einen Zoll an, den man der ſchweren Zeit entrichte, und Thereſe für eine Reinigung des Gemüthes vor der Theeandacht.— Sie ſelbſt ſuchte ſich zwiſchen den ſtreitenden Beſtrebungen 89 des Tages möglichſt leidenſchaftlos zu erhalten. Einſam, wie ſie jetzt lebte, verbrachte ſie die Stündchen, die ihre Häuslichkeit übrig ließ, mit mannichfacher Lectüre und mit ihrem Briefwechſel, der durch die Entfernung ihres Freun⸗ des Huber zugenommen hatte, und ihre Gedanken noch mehr, als ihre Feder beſchäftigte. Mit ihres Mannes Beſtre⸗ ben und Begeiſterung war ſie nicht immer einverſtanden; allein ſie freute ſich ihn dabei geſund und heiter zu ſehen, und ließ ſich das Einkommen von ſeiner jetzigen Stelle gefallen, ohne welches ihr Hausweſen nicht hätte beſtehen können. Denn abgeſehen von der zunehmenden Theurung und dem ängſtlichen Mangel an Mehl, Holz und Salz, waren die Univerſitäts⸗Einkünfte, zu drei Vierteln aus Zehnten beſtehend, die eben fällig, von den überrheiniſchen Bauern nicht eingebracht und von den freigewordenen diesſeitigen Bauern verweigert wurden, ſo ſehr ins Stocken gerathen, daß das letzte Beſoldungsquartal der darauf an⸗ gewieſenen Beamten nicht mehr bezahlt werden konnte. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte Franz Karl zwi⸗ ſchen den Tellern mit den Zuthaten des Thees einen nied⸗ lichen verdeckten Korb, und wurde von der lächelnden Freundin aufgefodert zu rathen, was er enthalte. Er rieth auf Dies und Jenes, und Thereſe hielt ihn hin, bis der Thee getrunken war, dann hob ſie den Deckel auf und zeigte— Forſter's abgeſchnittenen Zopf. Als ſie Franz Karl's ſchweigende Mißbilligung in ſeinen Mienen las, ſagte ſie heiter: Sie glauben aber nicht, mein Freund, wie gut ſich Forſter's ungepudertes Haar ohne das häß⸗ liche Anhängſel ausnimmt. Er ſieht aus wie ein Abbe. Die Zöpfe waren mir auch von jeher zuwider. Wir 90 Deutſchen haben überdies noch gar Manches außer den Zöpfen mit den Chineſen gemein, und nichts wäre ver⸗ dienſtlicher, als wenn ſich eine fromme Geſellſchaft bildete, die uns von dieſem Chineſenthum und von den ver⸗ ſchiedenartigen Haar⸗ und Staats⸗Zöpfen bekehrte, unter denen, wie ich höre, die heſſiſchen beſonders dick und ſtark gewickelt ſein ſollen. Doch dieſe heitere Stimmung der Freundin verſchwand, als unter dem weggeſetzten Körbchen ein Brief zum Vor⸗ ſchein kam. Sie ſeufzete und eröffnete dem theilnehmen⸗ den Freunde, daß mit dieſem Briefe des wohlwollendſten Inhalts doch eine ſchwere Ahnung über ſie gekommen ſei. — Er iſt von Herrn von Rougemont aus Neufchatel, ſagte ſie, einem alten Freunde meines Vaters, der mich auffodert, das unruhige und wie er meint— bedrohte Mainz zu verlaſſen, und nach der Schweiz zu kommen. Ich weiß nicht, was für Mainz zu fürchten ſein ſoll, und begreife mein kindiſches Bangen nicht. Auch iſt es viel⸗ leicht nur die natürliche Aengſtlichkeit, die man vor einer größeren Reiſe in jetziger Jahreszeit empfindet. Dennoch werde ich es nicht verſchieben können. Denn Forſter ſcheint doch gewiſſe Gefahren für Mainz zu beſorgen, und macht mir begreiflich, wie beruhigend es unter bedrohlichen Umſtänden für ihn ſein würde, mich und die kleine Roſa geborgen zu wiſſen. Für den jungen Freund lag der Gedanke einer Bela⸗ gerung, worauf Thereſe kam, eben nicht fern, und er mochte ihr auch dieſe Beſorgniß gar nicht ausreden. Was konnte man Anderes wünſchen, um die Franzoſen wieder los zu werden, als eine deutſche Wiedereinnahme der Stadt? 91 Ohne dieſe Erwartung auszuſprechen, deutete er ſie an. — Sie wiſſen, ſagte er, daß die Preußen und Heſſen gegen Frankfurt heranrücken, und den franzöſiſchen Com⸗ mandanten zur Uebergabe haben auffodern laſſen. Als gute Deutſche müſſen wir hoffen, daß ſie auf deutſchem Boden gegen das eindringende Franzoſenthum glücklicher ſind, als auf dem franzöſiſchen Boden, wo ſie die Ein⸗ dringlinge waren. Sie haben es theuer bezahlen müſſen. Die erſten Siege in der Champagne haben die Preußen zu weit ins Land und dort ins Verderben gelockt. Es wa⸗ ren tückiſche Vortheile. Ich habe einen Brief geleſen, der das Elend der Armee grauſenhaft ſchildert. Die Pferde fielen ſcharenweiſe; Hunger und die rothe Ruhr warf die Maeunſchen nieder, und nur allzuſchnell hatte Krankheit und Deſertion die Hälfte der ſchönen Armee hinweggerafft, mit welcher der berühmte Herzog von Braunſchweig ſo drohend in Frankreich eingezogen war. Schon ſind die Preußen bis an den Rhein zurückgetrieben, in einem Zu⸗ ſtande, daß, wie ich geſtern hörte, in Koblenz täglich 50 todte Soldaten in den Rhein geworfen werden. Arme Flüͤchtlinge, die nicht einmal im Tode zur Ruhe kommen, ſondern ein ſtrömendes Grab finden! Hoffen wir, daß keine Nachfoderungen an den Uebermuth der Herrſchenden über den Rhein hinaus gemacht werden! So endigte der heitere Abend mit trüben Betrachtun⸗ gen. Frau Thereſe war ſehr niedergeſchlagen, und Franz Karl, als er gute Nacht wünſchte, nahm an dem Gedan⸗ ken der Abreiſe ſeiner Freundin— gleichſam ein voraus⸗ bezahltes Leid mit nach Hauſe. Zehntes Kapitel. Schon war mancher Tag vorübergegangen, und Franz Karl dachte nicht mehr an den ihm zugeſagten Beſuch Jean Vaptiſt's, als dieſer eines Morgens ſich anmelden ließ. Der Cavalier der Freiheit und Gleichheit, wie Len⸗ nig ihn genannt, trat nicht mit ſeiner alten Zuverſicht ein, ſondern benahm ſich ſehr verzagt, machte die verlegenſte Verbeugung, und athmete aus der hohen Schifferbruſt wie unter einer Herzenslaſt auf. Der Baron war ihm freundlich entgegengetreten, verwundert über dieſe unge⸗ wöhnliche Befangenheit des ſonſt ſo kecken jungen Mannes. Aber ſeine heitere Anſprache, ſein vertraulicher Scherz über ſolche Niedergeſchlagenheit verwirrte den ängſtlichen Schiffer nur noch mehr. Denn im Augenblicke fühlte Jean Bap⸗ tiſt, daß ihm das Faden⸗Ende der Rede, die er ſich aus⸗ gedacht hatte, plötzlich entſchlüpft war, oder ſich doch an des Barons ſcherzhafte Worte nicht anknüpfen ließ. In⸗ deß— geſprochen mußte werden; denn der Baron ſtand mit erwartendem Lächeln da. Aber indem der verwirrte Jean Baptiſt ſich zu einem muthigen Anlauf zuſammen⸗ nahm, gerieth er in einen wunderlichen Ton zwiſchen un⸗ gewohnter Leidmüthigkeit und ſeiner alten Verwegenheit. Dabei ſchwirrten einzelne Gedanken der verlornen Rede in ſeinem Kopf, und miſchten ſich in die Eingebungen des 93 Augenblicks, ſo daß Natürliches mit Geſchraubtem auf das Sonderbarſte herauskam. Ich verdiene Ihre freundliche Aufnahme nicht, Herr Baron! ſagte er; ſehen Sie, das drückt mich ſo. Ich wollte Sie hätten mich mit einer Tracht Schläge empfan⸗ gen, dann hielt ich meine Schuld für verbüßt und hätte meinen alten tollen Muth wieder. Es iſt was recht Un⸗ angenehmes paſſirt, Herr Baron. Was ſag' ich Unange⸗ nehmes! Unrechtes, Unerlaubtes! Hätten Sie mich nur erſt als braven, ehrlichen Kerl beſſer kennen gelernt, ehe Sie mich ſo von der unordentlichen Seite ſehen müſſen! So bin ich gar der Alte nicht mehr. Aber freilich— äußerlich bin ich es auch nicht mehr. Eine angeſehene Fa⸗ milie hat's mit mir nicht mehr als Schiffer zu thun. Sie wiſſen ja, ich habe mein Metier aufgegeben, und wenn ich noch einige Gondeln und Ruderburſche behalte, ſo iſt es in der Art, wie die Vornehmen Kutſche und Pferde haben, und das Ruder nehme ich ſelber nur zur Hand, wie ein Cavalier zu ſeinem Vergnügen die Zügel faßt und kutſchirt. Lieber Jean Baptiſt, verſetzte Franz Karl, das wollen Sie mir gewiß nicht ſagen. Nicht wahr? Ich ſehe Sie in Ihrem Innerſten ſo bewegt, ſo erſchüttert! Es thut mir recht leid, daß ich Sie nicht verſtehe. Sie haben was Anderes auf dem Herzen. Ei, ſo faſſen Sie doch Ver⸗ trauen zu mir, und reden Sie gerade heraus! Ja, Herr Baron, ich fang's auch verkehrt an! ſeufzete Jean Baptiſt. Ich weiß ja doch als guter Katholik, daß man erſt ſeine Sünde beichten muß, ehe man Reue und Leid erweckt.—— O mein Herr Baron rief er dann, 94 Franz Karl's Hand ſo ungeſtüm ergreifend, daß der Freund zurückſchrak. Wiſſen Sie! Ihre Schweſter, die gnädige Baroneſſe— ich will ſagen Cäcilie, und ich, meine Wenigkeit— haben uns gern gehabt,— und ſind unter Ihrem Stammbaum zuſammengekommen, und—— es will nun ein neuer Zweig ausſchlagen! Ach! Gott— daß es heraus iſt! Wäre dies verblümte Wort auch weniger deutlich ge⸗ weſen, ſo hätte es ſich durch die Erinnerung an Cäcilien erklärt, deren Zuſtand dem Bruder jetzt lebhaft vor die Seele trat. Aber man denke ſich des Barons Entſetzen! Leichenblaß wankte er zurück. Wie jedoch das bedrängte Herz mit heftigeren Schlägen das Blut in ſeine Wangen trieb, ſtürzte er mit Wuth auf Jean Baptiſt und faßte ihn an beiden Weſtenflügeln. Jean Baptiſt, unter dieſem Zorn hin⸗ und herwankend, hielt ſchweigend ſtill, bis ihn der Baron, noch immer keines Wortes mächtig, fahren ließ, nach der Thüre eilte und die Schelle heftig zog. Da rief Jean Baptiſt entſchloſſen und in drohender Stellung: Was wollen Sie, Herr Baron? Hören Sie! Wenn Sie mir ſchimpflich begegnen—! Gott ſei Ihnen gnä⸗ dig! Die Zeiten der adeligen Hetzpeitſche ſind vorbei. Wagen Sie es nicht, mich durch einen Bedienten—! Der Diener kam hereingeſtürzt.— Herr Baron? fragte er mit ängſtlichem Blick auf ſeinen Herrn. Dieſer war mit verſchränkten Armen an ein Fenſter getreten und ſchwieg. Gnädiger Herr Baron—? wiederholte der Diener. Dem jungen Freunde kam jetzt ein ſanfteres Tempe⸗ rament wohl zu Statten, indem er noch ſoviel Ueberlegung behielt, um im Nu zu erkennen, daß er durch eine Ueber⸗ eilung den Ruf der Schweſter preisgeben könnte. Eure Gnaden haben geſchellt! erinnerte der Bediente zum drittenmal. 8 Es war aber für Franz Karl nicht ſo leicht, mit dem rechten Gedanken auch den rechten Ton zu finden, als er mit erzwungener Unbefangenheit ſagte: Ha! Du biſt da, Friedrich! Eine Flaſche Wein mit etwas—! Deſto unmuthiger über den Zwang, den er ſeiner ge⸗ rechten Entrüſtung vor dem Urheber derſelben anthun mußte, warf er ſich, als der Bediente hinaus war, in das Sopha, und Jean Baptiſt ſtürzte vor ihm nieder.— Sie können mit mir machen was Sie wollen! rief er. Ja, laſſen Sie mich's recht entgelten! Es peinigt mich, daß ich Sie ſo erſchrocken ſehe. Es iſt Ihnen in die Glieder gefahren. Ich bitte Sie, machen Sie ſich Luft! Laſſen Sie ſich irgend an mir aus! Ich hab's verdient. Aber Franz Karl war im Kampfe widerſtreitender Gefühle und Gedanken noch immer keines Wortes vermö⸗ gend. Jean Baptiſt, als er den Bedienten kommen hörte, ſtand auf, und beſah ſich eines der Wandgemälde.— Friedrich brachte Wein mit Backwerk, und ſchenkte mit verſtohlenen Blicken auf den Baron und Jean Baptiſt ein. Als er fort war, ſeufzete der junge Freund: O meine arme Cäcilie, wie konnteſt du dich vergeſſen—! MMiit dieſem ſchmerzlichen Ausrufe fühlte ſich Jean Baptiſt wie befreit von ſeiner eigenen Herzensangſt. Er richtete ſich wieder empor, und indem er glaubte, nun auch etwas zu ſeiner Entſchuldigung vorbringen zu dürfen, ſagte er:. Ja, Herr Baron, es iſt eine recht nachdenkliche Ge⸗ ſchichte! Wenn man ſo überlegt, was die Zeit nicht Alles an dem Menſchen verübt—! Ich will Ihnen ſagen, wie der Fall geweſen iſt. Ich habe viel darüber nachgedacht, und bin ordentlich ohnmächtig von lauter Nachdenken geworden. Denn Sie glauben nicht, was es einen Menſchen angreift, der immer mit den Armen ge⸗ ſchafft hat, und ſoll ſich nun einmal mit dem Kopf hel⸗ fen. Da hatt' ich nun, wie Sie wiſſen, der gnädigen Baronin ihre Sachen auf das Gut gebracht, und die gnädige Baroneſſe und ich— Aber Sie müſſen nicht etwa denken, daß wir uns da zum erſtenmal freundlich geweſen wären: ſondern ich und Cäcilie hatten uns ſchon früher zuweilen geſprochen, und geneckt und mit unſeren Herzen geſpielt, ſo zu ſagen, wie Kinder mit dem Feuer! — und da half ich nun Alles ins Schlößchen ſchaffen; es waren doch die tollen Tage der Flucht, oder vielmehr gleich darauf, und ich hatte das viele adelige Geld einge⸗ nommen. Ich will nicht ſagen, daß ich ſtolz geworden wäre, Herr Baron,— nein! ich wußte wer ich war, und wohin ich gehörte; aber ſehen Sie! wenn ſo Alles durch⸗ einander geht,— die Vornehmen fliehen, die eingelegten Nöbel ſtehen und liegen am unrechten Platz, der gebohnte Glanz iſt abgerieben, nichts mehr in ſeiner Ordnung: da hört gewiſſermaßen auch der alte Reſpect ein wenig auf; die Baroneſſen haben kein„von“ mehr vor ſich ſtehen, was Einen abhält, und ſind im leichten Hauskleid ohne alles Fiſchbein; der Schiffer hat auch ſein Ruder 97 weggelegt und ſein Kamiſol aufgeknöpft. Dabei iſt es ein heißer Tag; die gnädige Frau macht ihr Mittags⸗ ſchläſchen, die Dienerſchaft iſt faul, und die Baroneſſe hat doch ihre Zimmer gern eingerichtet. Ich helfe ihr mutterſeelenallein, und auch da ſteht und liegt wieder Alles durcheinander,— Kommoden und Bettladen, Spie⸗ gel und Waſchtiſch, Kiſſen und Matratzen; ich reiche ihr, ſie nimmt mir ab: ſehen Sie, da herrſcht eine menſch⸗ liche Freiheit und Gleichheit, die nicht von Paris einge⸗ führt iſt; man fühlt ſich Adam und Eva; da heißt es nicht mehr„gnädige Baroneſſe“ und„Er, Jean Bap⸗ tiſt;“ da heißt es einfach Jean Baptiſt und Cäcilie; man ſpielt wieder, wie ich geſagt habe, mit dem Feuer, wie die Kinder, und es flammt auf, eh' man ſich's ver⸗ ſieht! Der Baron, verlegen, verſchämt über dies Gemälde eines ſo verhängnißvollen Stilllebens, ſchwieg noch im⸗ mer, und Jean Baptiſt fuhr in ſeiner Betrachtung fort: Geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern! Das hat ſchon unſer Vater Adam erfahren, als er und Eva einen Apfel miteinander getheilt haben. Seien Sie ſo gnädig und vergeben Sie mir! Erinnern Sie ſich, was Sie jüngſt ſelber geſagt haben, daß man nämlich jetzt in Mainz Adel erwerben kann. An mir ſoll's nicht fehlen, daß Sie ſich meiner nicht zu ſchämen haben. Ich will mich nicht dick machen, Herr Baron, und mich auch nicht beſchönigen: aber,— wer iſt am Ende an allem Un⸗ glück ſchuld? Wir Bürgerlichen rufen Freiheit und Gleich⸗ heit; aber wer bringt uns darauf und macht eigentlich Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 7 Freiheit und Gleichheit? Sehen Sie, wenn der Adel feſt und würdig ſtehen blieb': ſo gäb's eben keine Gleichheit; wenn aber die Hohen ſich erniedrigen und am Ende gar fortlaufen: ſo iſt die Gleichheit gleich da. Es heißt wol, die Bürgerlichen erheben ſich, aber ich habe immer gefunden, daß Fallen leichter iſt als Steigen. Dieſe einfache Weltweisheit beſchämte den Baron, und machte ihm zugleich das gemeſſene Benehmen Cäci⸗ liens zweifelhaft; ſo daß er ſich um ihretwillen doch milder geſtimmt fühlte. Er ſchenkte dem jungen Mann den erſten Blick und fragte, wie er ſeitdem mit Cäcilien ſtehe. Sie will mich ja nicht mehr ſehen! antwortete Jean Baptiſt betrübt. Und— es unterbleibt auch? fragte der Baron. Muß ich ihr nicht gehorchen? verſetzte der junge Mann. Ich hoffte aber, wenn ich Alles bei Ihnen in Ordnung brächte, würde ſie mir wieder gut werden, und nicht ſo ſtolz und vornehm thun. Und darum bin ich zu Ihnen gekommen; ſonſt hätte ich ja die ſchwere Ent⸗ deckung der gnädigen— Ciäcilie überlaſſen können. Aber, wie denn in Ordnung bringen? Wie meinen Sie das? Mit Ihrer Hülfe, Herr Baron! Sie ſollen mir ſa⸗ gen, was ich thun und laſſen kann. Die Zeit, denk' ich, die das Unglück gebracht hat, könnte auch viel wie⸗ der gut machen. Ich könnte mich ganz hübſch einrichten, auf einem ſtillen Landſitze, und wir könnten uns heira⸗ then. Einige äußerliche Bildung muß ich freilich anneh⸗ men; aber das wird ja keine Hexerei koſten; und bis ich dieſe angenommen hätte und der Firniß trocken wäre, könnten wir im Stillen leben. Innerlich denke ich beſſer zu ſein als mancher Baron, und Fernekorn iſt ein recht⸗ ſchaffener Name in jetziger Zeit. So? rief Franz Karl. Meinſt du, was der Sturm der Leidenſchaft, die Verwegenheit des Augenblicks raubt und an ſich reißt, gäbe ein dauerhaftes Fundament für eine beruhigte Zukunft? Die Leidenſchaft fährt raſcher als die Liebe; aber dieſe nur vereint und gibt jene Gleichheit, die ihr beglückendes Band nicht um einen be⸗ rauſchten Moment, ſondern um die Ewigkeit ſchlingt. Es fragt ſich, ob Cäcilie dich nicht haßt, ob ihre augenblick⸗ liche Selbſtvergeſſenheit ſich nicht mit dauerndem Groll rächt. Jean Baptiſt ſah den Baron groß an, und ſagte dann mit Empfindung: Das ſollte mir leid um Ihre Schweſter thun, lieber Baron, wenn ſie durch Haß zu verwiſchen dächte, was nur durch Liebe gut gemacht wird. Sie ſchmähte ſich ja ſelbſt, wenn ſie mich um jener Stunde willen haßte. Vornehm thun iſt was Rechtſchaffenes, Herr Baron, und ich habe jedesmal meine Mütze gezogen, wo ich ihm begegnet bin: aber,— wie ſoll ich ſagen?— es muß dem Menſchen vorausgehen, nicht hinterherkommen. Sie verſtehen mich ſchon! Ich, Herr Baron, liebe ſie jetzt, nachdem ich ſie damals nur— ich weiß nicht wie ich ſagen ſoll. Und wenn ich ein recht verwegener Burſche war, als ich die reizende Baroneſſe an meine Bruſt zog: ſo hätte ich jetzt den Muth, Alles und Alles fahren zu laſſen, um ihret- und ihres Glückes willen. Machen Sie zu * 1 ihr aufs Gut, Herr Baron! Vielleicht haßt ſie mich nicht gerade, ſondern iſt nur ihres Zuſtandes halber in Ver⸗ zweiftung vor der Mutter. Stehen Sie ihr bei und ver⸗ laſſen ſie jetzt nicht! Und wenn ſie beruhigter iſt, und will doch nichts von mir wiſſen: dann ſagen Sie ihr, Jean Baptiſt ſoll ihr keinen Augenblick im Wege ſein, wenn ſie lieber eine adelige Baroneſſe bleiben will. Weiß Gott! Ich will mir das ganze Gewicht des adeligen Geldes, das ich erworben, an den Hals knüpfen und mich drunten an der Lurlei in den Rhein ſtürzen, wenn da⸗ durch Cäcilie recht adelig bleibt, und unſer Kind durchaus ein kleiner Baron werden muß. Er fuhr raſch mit der Hand über die ſchönen Augen, und wendete ſich der Thüre zu. Der Baron eilte ihm nach, faßte ſeine Hand und ſagte ſo warm als ehrlich: Du haſt die Feuertaufe eines Barons, lieber Jean Baptiſt. Beruhige dich! Ich fahre nach Tiſche hin, und will zuſehen, wie ſich dieſe ſchwere Verwickelung löſen laſſe. Vielleicht ſöhnt ſich Cäcilie mit dir aus, oder das Kind verſöhnt erſt ſpäter ihr trotziges Mädchenherz. Denke nicht ſchlimm von ihr, wenn ſie dich haſſen ſollte: du kannſt dir eben nicht denken, wie eine Tochter unſeres Standes in einer ſolchen Lage fühlt. Vielleicht haßt ſie in dir nur ſich ſelbſt und jene gemeinmenſchliche Schwäche, über die ſie eine edle Selbſtbeherrſchung verloren hatte. Wie es aber auch jetzt oder ſpäter kommen mag: auf Eins rechne ich bei einem ſo edeldenkenden Burſchen, wie du biſt, und fodere es von dir: ewige Verſchwiegenheit. Mit keiner Sylbe, mit keinem Schelmenblick aus den Augenwinkeln, mit keinem ſchalkhaften Lächeln deiner 101 Backengrübchen darfſt du je beim Namen der Baroneſſe Cäcilie verrathen, daß du meine Schweſter gekannt haſt. Ehrenwort, Cavalier der Freiheit! Schifferhand, wackerer Jean Baptiſt! Er ſtreckte ſeine Hand hin; Jean Baptiſt ſchlug ein, und der Baron mußte es leiden, daß der kräftige Schif⸗ fer ihn an ſich riß, feſt an ſich preßte, und mit ge⸗ rührtem Ausruf: Bruder Franz Karl! herzte und küßte. So ſtürzte er fort. Aber als er die Stubenthüre ſchon geöffnet hatte, kehrte er noch einmal um, blickte lächelnd nach dem kleinen Tiſche, und ſagte: Gießen Sie etwas von dem Wein aus, Herr Ba⸗ ron, und ich ſtecke etwas von dem Backwerk ein: Ihr Friedrich ſah ſich vorhin ſo lauernd um, und darf nicht auf die Vermuthung kommen, daß Ihre Beſtellung nur des Scheines wegen und blos eine Verlegenheit war. Er ging, und Franz Karl lächelte dieſer naiven Vor⸗ ſicht, worin er eine Bürgſchaft der Verſchwiegenheit des klugen und wohlgeſinnten jungen Mannes zu finden glaubte. Elftes Kapitel. Ein ſo unerwartetes Unglück, wobei der Baron nicht weniger an die Mutter, als an die Schweſter dachte, er⸗ füllte ihn mit Kummer und Sorge. Bald mahnte ihn die Unruhe nach dem Landſitze zu eilen, bald hielt eine unbeſtimmte Angſt ihn wieder zurück. Und wenn er ſein Zögern damit entſchuldigte, daß er noch immer keine Aus⸗ kunft für die Verwicklung gefunden, ſo mußte er ſich auch wieder bekennen, daß eine ſolche ſich am beſten mit der unglücklichen Schweſter ſelbſt überlegen ließe. Für dieſe ſprach ihr eigenes Unglück, das vom Bruder Schonung und Beiſtand foderte. Dennoch konnte er auch die vor⸗ ausſichtliche Entrüſtung, ja Verzweiflung der Mutter nicht tadeln. Er kannte ihren ſtillgrollenden Stolz hinreichend, um ſich zu ſagen, daß ſie mit ihrer jetzigen Stimmung im Unglück ihrer Tochter nichts Anderes, als einen über⸗ müthigen Streich des Bürgerthums, einen empörenden Poſſen erkennen werde, den die verwünſchte Freiheit und Gleichheit ihrem altadeligen Hauſe geſpielt habe. Mit welchem Entſetzen hatte ſie es nicht ſchon aufgenommen, als ihn ſelbſt früher die Stöcke der Handwerksgeſellen in zufälligem Handgemenge getroffen hatten! Franz Karl brachte den Tag in Aufregung zu, überlegte eine ſchlaf⸗ loſe Nacht hindurch, wie ein entſetzlicher Bruch zwiſchen Mutter und Tochter abzuwenden ſei, und fand ſich erſt folgenden Mittags in einiger Faſſung, um mit der nö⸗ thigen Unbefangenheit die Seinigen aufzuſuchen. Es war am erſten Adventſonntag, den zweiten De⸗ cember; ein dünner Schnee ſchimmerte vom Höhenzuge des Taunus dem Baron entgegen, als er in ſeiner Ka⸗ leſche über die Schiffbrücke fuhr. Viele Menſchen kamen in ängſtlicher Haſt von Caſtel herüber, und ſagten auf Befragen aus, man habe auf der Höhe von Hochheim ſeit Tagesanbruch viel Schießens gehört, und die Nach⸗ richt ſei eingelaufen, daß der preußiſche General Graf von Kalkreuth, nachdem er den Commandanten von Frank⸗ furt, General van Helden, vergebens zur Uebergabe auf⸗ gefodert, die Stadt bedränge; der Wind bringe die Ka⸗ nonenſchläge und das Rottenfeuer immer vernehmlicher herüber, was auf einen Rückzug der Franzoſen ſchließen laſſe. Schritt vor Schritt, wie der Baron auf der Bohlen⸗ brücke fahren mußte, überlegte er, ob es nicht gerathener ſei, in Mainz den Ausgang und die Folgen des Treffens ab⸗ zuwarten. Doch das Herz für die Seinigen ſiegte, und eben wollte er von der Brücke ab raſcher zufahren laſſen, als er auf dem Felde neben Caſtel Forſtern und There⸗ ſen erblickte. Sie waren gleich nach Tiſche herüberge⸗ wandelt, die Arbeiten der von Cuſtine angeordneten Be⸗ feſtigung des Platzes zu beſehen. Scharen von Bauern, zum Schanzen zuſammengetrieben, handirten zwiſchen den franzöſiſchen Soldaten mit Hacken und Spaten, mit Kar⸗ ſten und Karren. Dazwiſchen rannten Ingenieure mit Riſſen und Meßſchnüren umher,— Alles in einem Eifer, 4 0 4 als müſſe dies neue Bollwerk noch heut einem anrücken⸗ den Feind entgegengeworfen werden. Und in der That, während der Baron ſich noch mit dem befreundeten Paar aus dem Wagen unterhielt, kam ein franzöſiſcher Reiter auf der hochheimer Straße vorübergeſprengt, der den Of⸗ fizieren zurief: Trahison! Masacre! Vangeance! Die arbeitenden Franzoſen liefen zuſammen, hörten, und ein hundertſtimmiges Echo hallte jene bedrohlichen Worte nach. Viele Bauern benutzten die Verwirrung und liefen davon. Einige andere Flüchtlinge zu Pferd brachten die genauere Nachricht, die Frankfurter ſeien im Einverſtändniß mit den Preußen gegen die franzöſiſche Beſatzung aufgeſtan⸗ den, General Neuwinger, mit ſeinen Regimentern her⸗ beigeeilt, ſei von den Preußen und Heſſen zurückgeworfen worden, und die Preußen drängen gegen Mainz vor. So ſchnell wird das nicht gehen, meinte Forſter; denn auch Cuſtine ſelbſt iſt noch mit einer Truppenabthei⸗ lung zu Hülfe gezogen. Wir wollen darum deine Ab⸗ reiſe nicht übereilen, liebe Thereſe; obſchon uns dieſe Vor⸗ fälle noch vollends beſtimmen müſſen, unſere Vorkehrun⸗ gen zu treffen. Ich werde bei ſo drohenden Bedrängniſ⸗ ſen, nicht ruhig ſein bis ich dich geborgen weiß. Dann kommen Sie bald zurück, lieber Baron! ſagte Thereſe zum Abſchied, ſonſt kann ich Ihnen nicht einmal Lebewohl ſagen. Am beſten begleiteten Sie mich in die Schweiz: Sie kommen ſonſt ganz aus der Theeandacht heraus, und in ſo aufrühreriſchen Zeiten iſt nichts ge⸗ fährlicher, als alte gute Gewohnheiten zu verlaſſen. Auch iſt der Jura bei Neufchatel doch ein anderer Kerl, als der Taunus dort, den die Franzoſen wahrſcheinlich auch “ 10⁵ republikaniſiren werden, wenn es ihnen gelingt, den ſtol⸗ zen Altkönig unter die Guillotine zu bringen. Vielleicht gebe ich Ihnen Jemand mit, liebe Frau, wenn ich ſelbſt Sie nicht begleiten kann, erwiderte Franz Karl ſo raſch und lebhaft, daß es Frau Forſter für mehr als Scherz nahm. Der Gedanke an ſeine Schweſter war nämlich dem jungen Freunde plötzlich wie eine gute Eingebung gekom⸗ men, und er bildete ihn unterwegs zu einem Vorſchlage für Cäcilien aus. Wenn ſie ſich dazu verſtehen könnte, überlegte er,— und viel Wahl blieb ihr ja nicht übrig, — ſo könnte ſie etwa in Trauerkleidern, als die junge Witwe eines bei Mainz oder Frankfurt gefallenen Offi⸗ ziers von einem guten, aber weniger gekannten Namen mit nach der Schweiz gehen; Frau Forſter wäre ihr eine gute Geſellſchaft und ein rechter Beiſtand in all' den be⸗ denklichen Entwickelungen, die ihr bevorſtanden. Bei die⸗ ſem Plan fand auch der umſichtige Bruder nicht blos für Cäciliens perſönliche Bedürfniſſe, ſondern für ihren Ruf am beſten geſorgt. Die Reiſe ſelbſt hatte unter den Zeit⸗ umſtänden nichts Auffallendes; Frau Thereſe erſchien als die edelſte Verwahrerin eines ſo unglücklichen Geheimniſ⸗ ſes, und hinter den kriegeriſchen Bewegungen am Ober⸗ rhein, zwiſchen den hohen Kalkwänden des Jura, konnte die Stimme eines unwillkommenen Säuglings ungehört verhallen, bis das arme Kind durch ſein weinendes und lächelndes Daſein Liebe und Ergebung erwecken, und in ſeinem ſchlichten Beiderwand aus Adel und Bürger⸗ thum, kräftig von ſchweizer Luft und Milch, einer frohen Anerkennung entgegengedeihen würde. 4106 Während der Baron in ſolcher Ueberlegung raſch am Rhein dahinfuhr, hatte ſich das Ehepaar wieder der Brücke zugewendet. Sie begegneten Freunden aus dem Club, den eraltirten Böhmer und ſeine Frau an der Spitze. Angſt und Sorge ſprachen lebhaft aus den Mie⸗ nen dieſer Aufgeregten, und Böhmer wagte ſich ſchon nicht über die Mitte der Brücke hinaus, ſondern nahm Forſtern unterm Arm und wendete, zuweilen ängſtlich zu⸗ rückblickend, mit ihm nach der Stadt um. Frau Karo⸗ line, die es bemerkte und ihren Mann nicht gern unge⸗ rupft ließ, ſagte: Lieber Böhmer, haſt du dein Augenglas nicht bei dir? Es ſind noch keine preußiſchen Röcke, was du von Caſtel kommen ſiehſt. Man lächelte; indeß Böhmer mit einigen lateiniſchen Sprüchen die Freiheit und den ſüßen Tod fürs Vater⸗ land pries. Mein Mann iſt ganz des Kuckuks! ſagte Frau Böh⸗ mer. Er ſchleppt aus den Klöſtern alle ſchweinsledernen griechiſchen und römiſchen Klaſſiker zuſammen, und bildet ſo ein antikes Heer, mit welchem er den Preußen und Kaiſerlichen entgegenziehen, und ſie mit den ſchlagend⸗ ſten Stellen für eine Republik überzeugen oder beſiegen will. Man lachte laut genug zur Beſchämung Böhmer's, der jetzt zu nichts weniger als zum Studiren aufgelegt, doch aus Profeſſors⸗Pedanterie Alles, was er von Schar⸗ teken auftreiben konnte, zuſammenſchleppte. Sobald aber Doctor Wedekind ſich ebenfalls über Böhmer's Courage luſtig machen wollte, ſchlug ſich Karoline auf ihres Man⸗ nes Seite, und verſetzte: ——— ——;ʒÿ;ʒ:“;— Ja, Sie auch, Doctor Wedekind! Ihr Muth iſt unvergleichlich. Wie ich Sie kenne, laſſen Sie ſich näch⸗ ſtens für die Republik todtſchlagen, und ſtehen ſpäter als Leibarzt am darmſtädter Hof wieder auf, und laſſen ſich adeln. Zum Glück für die Verlegenheit der Geſellſchaft dräng⸗ ten ſich franzöſiſche Flüchtlinge zwiſchen ſie,— National⸗ gardiſten, die theilweiſe zur Erleichterung ihrer Flucht Waffen und Torniſter weggeworfen hatten, und im Vor⸗ übereilen nach der Stadt über frankfurter Verrath und preußiſche Kanonen ſchimpften. Forſter, aus einer An— wandlung von Theilnahme, rief Einigen zu: Vive la re- publique! worauf Einer ſich umwendend mit einem Blick komiſcher Verachtung erwiderte: Sacre Dieu! Elle vivra bien sans vous! Noch lachte Thereſe über dieſen Stolz des bitterſten Unmuthes, als ein Kapitain zu Pferd, leicht am rechten Arme verwundet, im Vorbeireiten Böhmern erkannte und grüßend anhielt. Schnell drängten ſich die zahlreichen Menſchen aus der Stadt zuſammen, um zu vernehmen, was von ſeinem müden Gaul herab der Offtzier berich⸗ tete. Mit der beſten Laune erzählte er die Vorgänge des Treffens vor der Stadt Frankfurt, ſoweit er ſie Vormit⸗ tags mitgemacht hatte. Hier waren die heſſiſchen Garde⸗ Grenadiere hart mitgenommen, aber auch die franzöſiſche Beſatzung von Frankfurt zu Gefangenen gemacht worden. Der franzöſiſche General Neuwinger, mit einem ſtarken Corps herbeigeeilt, hatte ſich nicht ſehr thätig gezeigt, ſo daß die Preußen ſich bei Roödelheim mit einer fürchterli⸗ chen Kanonade auf den nachgerückten General Cuſtine 408 werfen, und ihn von den Ufern der Nidda zurückdrängen konnten. Der Kapitain hatte dies in franzöſiſcher Sprache ge⸗ meldet. Wie er aber den dichten Kranz von Menſchen auf der Brücke überſchaute, rief er mit franzöſiſcher Gut⸗ müthigkeit oder vielleicht auch aus Eitelkeit auf ſein bis⸗ chen Deutſch ſehr laut: O die Preuß haben kewaltig kanonirt! Sechs Schuß — aber die Franzoß nur eins. Ah! Unſere Papas ſind ſick geloffen bei Roßback und wir bei das Frankfurt. O viel Schläge! Und ick haben Alles verloren. Ah pah! Ick bekommen ſchon wieder andere Saken! O, das iſt ſchlimm für die Franzoſen! rief Lennig, der ſich vorgedrängt hatte, mit der angenommenen Miene des Bedauerns. O nein, Bürger— chose! Nicht ſchlimm für die Franzos, aber ſehr ſchlimm für die Jacobins! Er grüßte luſtigen Ausſehens, und ritt nach ſeinem Quartier. Hinter ihm her verlief ſich die Menge, da die Nacht hereinbrach und mit Regen drohte. Böhmer ereiferte ſich über dieſe unkluge Offenherzigkeit des Kapitains, den Mainzern zu erzählen, worüber ihnen die Schadenfreude aus den Augen geleuchtet habe. Die Landes⸗Adminiſtra⸗ tion iſt viel zu laß! ſchalt er gegen Forſtern. Sobald Cuſtine zurückgekehrt iſt, werde ich ihn ſtrengere Maß⸗ regeln befehlen laſſen. Das Reden in den Wirthshäuſern wird allzu frei und laut: es muß mit Arreſt und Prügeln belegt werden. Ich werde darauf antragen, daß ein gehei⸗ mer Lauſchausſchuß beſtellt werde, um bei den langen dun⸗ —— 1⁰9 keln Abenden an den Fenſtern die Geſinnungen der Ein⸗ wohner zu kontroliren. Wie träge gehen die Einzeichnun⸗ gen in das rothe Buch, das nun ſchon ſo viele Tage offen liegt! Was ſollen die Commiſſaire des National⸗ convents dazu ſagen, wenn ſie von Paris ankommen? Und was haben wir von dieſen Mainzern und heimlichen Feinden Frankreichs zu erwarten, wenn ſich erſt die Preu⸗ ßen drüben in Caſtel zeigen? Schon, daß man ſich nicht ins rothe Buch erklärt, iſt eine unumwundene Erklärung feindſeliger Geſinnung. Durfte jemals im alten Sparta ein Bürger neutral bleiben, wenn das Vaterland in Ge⸗ fahr kam? Forſter pflegte auf dergleichen Ergießungen nicht mehr zu antworten, und Frau Karoline fragte ſehr ernſt⸗ haft: Wie war's denn aber im alten Athen, lieber Georg? Doch Böhmer überhörte die Neckerei; denn auf dem Karmeliterplatze, wo ſie eben gingen, erſcholl aus einem Weinhauſe Jubel und Vivat. Böhmer ſprang auf die Treppe, und blickte durch die angelaufenen Fenſter.— Wahrhaftig, rief er, ſie bringen den Preußen ein Lebe⸗ hoch! Wache, Wache! Hiermit ſtürzte er durch die Karmelitergaſſe dem Flachs⸗ markte zu, wo er ein Wachthaus wußte. Die Uebrigen folgten ihm eilig, um ihn von thörichtem Beginnen ab⸗ zuhalten; was ihnen diesmal leicht wurde, da der Wacht— offizier ſelbſt die Auffoderung des erhitzten Mannes ver⸗ lachte. Zwölftes Kapitel. Freilich hätte ein Mann, ſeiner Phantaſie ſo dienſtbar wie Böhmer, in dieſer Nacht Anlaß genug gefunden, ſich ins Unbedachte zu erhitzen. Denn manche Bürger, bisher nur im Stillen dem Kurfürſten und dem Reich anhäng⸗ lich, faßten, auf die Nachricht von der Niederlage der Franzoſen und in Erwartung der nachrückenden Preußen, den Muth, in den Wein⸗ und Wirthshäuſern ihre Ge⸗ ſinnung lauter als bisher werden zu laſſen. Und da die geringe Beſatzung, die Cuſtine zurückgelaſſen, ſich auffal⸗ lend ruhig und gleichgiltig verhielt: ſo wagten es manche der angetrunkenen Nachtſchwärmer auf ihrem Heimwege unter den Fenſtern bekannter Clubiſten ein Lebehoch auf Preußen auszubringen. Ja, der nächſte Morgen entdeckte ſogar einen Unfug, der in der Nähe zweier Wachtpoſten — vor dem Biſchofhofe und dem nächſten Stadtgerichts⸗ gebäude— während die Schildwacht ſich vor dem Regen untergeſtellt hatten, am Freiheitsbaume verübt worden. Der Baum war nämlich umgebogen und ſeiner Zierrathen beraubt, die der Wind umhertrieb. Die rothe Mütze, vom geknickten Herzaſte genommen, war, als Nachttopf gebraucht, neben hingeſetzt worden. Die Franzoſen ſelbſt lachten des Unfugs und legten kein Gewicht auf die Bedeutung deſſelben; deſto mehr er⸗ eiferten ſich die Clubfreunde von Böhmer's Schlag oder 141 Anhang. Mit heftigen Reden in den Abendverſammlun⸗ gen und mit jähen Anträgen gegen die öffentliche Freiheit ſetzten ſie die Landesadminiſtration und die eingeſetzte Mu⸗ nicipalität in keine geringe Verlegenheit, da beide Behörden zwiſchen einem leidenſchaftlichen Club und dem leichtgereiz⸗ ten Obergeneral der fremden Macht mit ihrer eigenen Ueberzeugung hin⸗ und hergeworfen wurden. Im Club ſelbſt, dem auch die Mitglieder der Ad⸗ miniſtration angehörten, regten ſich bereits, die Anfänge einer Spaltung in zwei Parteien, die von dem uner⸗ ſchrockenen Profeſſor Hofmann und dem geſchmeidigen Profeſſor Dorſch vertreten wurden. Verſchiedener, als dieſe beiden Männer, konnten auch nicht leicht zwei Par⸗ teiführer auftreten: Hofmann, derb von Geſtalt wie von Geſchmack im Ausdruck, aber offen und ehrlich in ſeiner Geſinnung; Dorſch, zierlich gebaut, eitel auf ſeinen kleinen Fuß, und eben ſo zierlich in Stil und Sprache, aber verſteckt und ſelbſtſüchtig von Charakter; Jener von einer ſtreng römiſchen Republik träumend, Dieſer von einer Re⸗ publik mit Hofpracht eingenommen; Jener wahr und durch Wahrheit verletzend, Dieſer artig und durch Höflichkeit ge⸗ winnend. Zu Jenem hielten ſich die jungen Leute, Stu⸗ denten und wer ſonſt für die neuen Ideen ſchwärmte; an Dorſch wendeten ſich gern außer den Fremden und peiſenden, die ſich jetzt zahlreich nach der neufränkiſchen Geſtalt der Dinge umſahen, alle jene zum Theil verlump⸗ ten oder verlaufenen Subjecte, die bei dem neuen Um⸗ ſchwung der Verhältniſſe ihren Vortheil ſuchten. Dorſch ſtand im augenblicklichen Einfluß durch den franzöſiſchen General, an den er ſich anſchmiegte; während Hofmann 112 mit ſeinem Anhang auf die Conventsdeputirten rechnete, die täglich von Paris erwartet wurden. Inzwiſchen zog Cuſtine ſeine Truppen über den Rhein zurück, und traf Vorkehrungen zum Schutze der Stadt und der Plätze des Stromes, wo ein Uebergang des Feindes zu fürchten war. Eine ſtarke Beſatzung blieb in Caſtel zurück, deſſen Befeſtigung mit lebhafter Anſtren⸗ gung betrieben ward. Dieſer Rückzug der Franzoſen ſchleppte ſo viel Ver⸗ wundete und Erſchöpfte mit ſich, daß die Spitäler im Altmünſterkloſter und im Schönborn'ſchen Hof nicht mehr zureichten und Raum für dieſelben im kurfürſtlichen Schloß beſchafft wurde. Die Adminiſtration zog ins deutſche Haus über, und der Club mußte ebenfalls den herrlichen Saal zu einem Lazareth räumen. Nur Cuſtine behielt die früher vom Kurfürſten bewohnten reizenden Zim⸗ mer bei. Als unter dieſen Bewegungen Franz Karl eines Abends ſpät nach Mainz zurückgekehrt war, eilte er des andern Morgens zu Forſtern. Vor dem Haunſe hielt ein bepackter Haudererwagen, und oben traf er Frau There⸗ ſen reiſefertig in Forſter's Armen. Wie gerufen, um Bei⸗ den den ſchmerzlichen Abſchied zu erleichtern, trat der junge Freund ein. Thereſe ſchrie freudig auf, wie denn leidenſchaftliche Herzen einer heftigen Empfindung durch die andere Gewalt anzuthun pflegen.— Ich hatte Sie ſchon mit Betrübniß aufgegeben, mein lieber Baron, ſagte ſie, und freue mich ſehr, Sie nun noch einen Au⸗ genblick zu ſehen. Aber— Sie wollten mir ja Jemand mitgeben? Es iſt gerade noch ein Platz im Wagen, und —— ²—— 113 wenn's ſein muß, wartet auch der Hauderer noch einen Tag. Wie? Befangen, bedenklich, in großer Unruhe ſtand der Freund da. Sein Anliegen war ein zartes Geheimniß; aber es foderte eine fremde Hülfe. Und indem er kei⸗ nen Augenblick ſchwankte, Thereſen das unbedingteſte Ver⸗ trauen zu ſchenken, wußte er doch nicht gleich, wie er es anfaſſen und ausſprechen ſollte. Er hatte ſeine Mitthei⸗ lung noch zu überlegen, noch mit Thereſen allein das rechte Stündchen dafür zu finden gehofft, und nun drängte ihn der Augenblick in Forſter's Gegenwart.— Ich konnte nicht früher zurückkehren, ſagte er in Ueberlegung zögernd. Es koſtete viel, meine Mutter zu einer Reiſe nach Mün⸗ ſter zu bewegen. Doch mußte es geſchehen, und ich brachte ſie nach Koblenz, wo ein Vetter ſie nach Münſter zu begleiten übernahm. Dann hatte ich mit meiner ar⸗ men Schweſter— Arm? Iſt die gute Baroneſſe krank? fragte Thereſe mit lebhafter Theilnahme. Das Wort war ihm in der Zerſtreuung entſchlüpft, und er ſtand ſchon im Begriff, Thereſens Frage kurzweg zu bejahen und die Sache damit abzubrechen, als im Augenblicke der Kutſcher auf der Flur nach den Päckchen für die Sitzkaſten des Wagens fragte. Forſter eilte mit ſeiner kleinen Roſa auf dem Arme hinaus, und dieſen gu⸗ ten Augenblick ergreifend, flüſterte der Freund: Meine Schweſter befindet ſich in der unglücklichſten Lage, in die— ein Mädchen kommen kann, ſo glücklich eine Verheirathete ſich darin fühlt. Ich wollte ſie Ihnen nach der Schweiz mitgeben, allein in ihrem Zuſtande will Koenig, Elubiſten in Mainz. III. 8 414 ſie durchaus nicht vor Ihnen erſcheinen. Ich allein ſoll ihr eine Zuflucht ausmachen, und ich weiß mir doch nicht zu helfen. Ich helfe Ihnen, lieber guter Baron] erwiderte haſtig Thereſe. Ich bleibe vorerſt in Straßburg. Forſter ſieht nicht gern, daß ich nach Neufchatel gehe, weil es preu⸗ ßiſch iſt. In Straßburg mache ich eine ſtille anſtändige Familie aus— Vortrefflich! Für die junge Witwe eines bei Frank⸗ furt gefallenen Offiziers! Sie verſtehen mich. Ich bringe ſie dann hin. Es hat noch einige Wochen Zeit, und Sie ſchreiben mir erſt. Aber, nicht wahr— 2 Thereſe verſtand die verlegene Frage, reichte ihre Hand hin und flüſterte: Geheimniß, mein Freund! Franz Karl ergriff die Hand, ſie zu küſſen. Seine Blicke, ſein gerührtes Lächeln ſprachen den Dank aus, den er mit der Betrübniß des Abſchieds empfand. In der Verwirrung ſeines Herzens, worin er doch die mah⸗ nende Peitſche des Kutſchers vor dem Hauſe gehört haben mochte, nahm er den Arm der bewegten Freundin und führte ſie an den Wagen hinab. Der Augenblick war gedankenvoll, der Abſchied ver⸗ ſtummte in ahnungsvollem Leid. Forſter reichte ihr das Kind in den Wagen, und zum letztenmal ruhte Thereſens naſſer Blick in ſeinem dunkeln, zuckenden Auge, e Hand an Franz Karl's heißer Lippe.— Wir ſehen uns in der Schweiz! rief wie aus einer Eingebung der junge Freund, und Thereſe, die nicht ſprechen ko onnte, antwortete mit lebhaftem Nicken und klatſchenden Händen.— Die ſde zogen an, und Forſter ſtürzte in das Haus, wo ihn, a —* re 415 die Treppenpfoſte geſtützt, Franz Karl in heftigen Thrä⸗ nen fand. Er umſchlang ihn und faßte ſeine Hand. Forſter folgte ihm hinauf.— Ach! ſeufzete er, daß auch das Nothwendige noch Schmerzensopfer fodert! Es mußte ſein, lieber Freund. Ich werde ruhiger werden, nun ich meine Schätze geborgen weiß. Belagerung, Verheerung, Epidemien bedrohten mir ſie mit hundert Gefahren. War doch in letzter Zeit ſchon der Aufenthalt in unſerm einſt ſo glücklichen Hauſe meiner lieben Thereſe verleidet wor⸗ den. Sie blickte ſo gern in den Schönborn'ſchen Garten, und nun iſt es der Garten eines Lazareths. Wie ich jetzt allein ſtehe, mein edler Freund, erſchrecken mich die preu⸗ ßiſchen Bomben nicht mehr. Franz Karl erzählte, um den Freund zu zerſtreuen, wie er im Rheingau wirklich ſchon auf ſtreifende Preußen geſtoßen ſei, bei welcher Gelegenheit er dem Profeſſor Hofmann einen großen Dienſt auf die bequemſte Weiſe erwieſen habe. Und wie das? fragte Forſter. Er war allerdings vom Präſidenten Dorſch ins Rheingau geſchickt, um die von den Emigrirten zurückgelaſſenen Mehl⸗ und Frucht⸗ vorräthe zu retten oder zu vernichten. Es iſt ihm nicht gelungen! erklärte Franz Karl. Er mußte auf ſeine Flucht denken, ward unterwegs von preu⸗ ßiſchen Huſaren aufgegriffen, und vor den Rittmeiſter gebracht, der eben an meinem Wagen hielt, mich zu examiniren. Hofmann erſchrak nicht wenig, als er mich erkannte. Er warf mir einen flehenden Blick zu, wobei er fremd gegen mich that. Er gab ſich nämlich für einen Seifenſieder aus Lohr, der eine Schweſter in Kreuznach 8* 116 beſucht habe, und nannte ſich Michael Kerz. Der Offi⸗ zier maß ihn mit ſcharfem Auge. Wir wiſſen, ſagte er, daß von den verfluchten Patrioten welche herüberkommen; allein ich habe noch keine näheren Notizen. Ich ſchwieg und Hofmann wurde entlaſſen.— Das Drollige dabei war, ſetzte Franz Karl hinzu, daß der Offizier gerade auf dieſen Hofmann fahndete, von deſſen Umherſtreifen im Rheingau er einen Wink hatte. Er verſicherte mich, daß der General von Kalkreuth eine Liſte der Clubiſten durch einen mainzer Mönch erhalten habe, und ich konnte dieſem Rittmeiſter, der auf Clubiſtenfang ſo verſeſſen war, gar wohl abmerken, daß dieſe mainzer Herren in preußiſchen Händen nicht zum beſten aufgehoben ſein würden. Dreizehntes Kapitel. Der Baron, der in den erſten Stunden nur Forſter's Verluſt und Verlaſſenheit lebhaft mit empfunden hatte, erfuhr bald genug, wieviel er ſelbſt durch Thereſens Ent⸗ fernung entbehrte. Die Forſter'ſche Wohnung, ſchon län⸗ ger das liebſte und zuletzt faſt das einzige Haus, das er in jeder Stimmung mit Verlangen beſucht und ſelten un⸗ befriedigt verlaſſen hatte, war nun für ihn ſo gut wie verſchloſſen. Denn auf Forſtern, wenn er ihm auch den bedeutendſten Antheil an dem hohen Genuß jener ſchönen — — — 417 Theeabende gern zuerkannte, durfte er doch jetzt nicht rech⸗ nen; da der ernſte Freund die Stunden der Früh⸗ und der Abendlampe ſeinen Studien und literariſchen Arbeiten, ſeinen Tag den Geſchäften bei der Landesadminiſtration und die ehemalige Theezeit den Clubverſammlungen wid⸗ mete. Was die geſcheite, geiſtreiche Frau zuletzt noch vermittelt hatte, hielt nun nicht recht mehr zuſammen; beide Freunde begegneten einander nur zufällig und flüch⸗ tig, und wenn dann auch der innigſte Händedruck die alten Herzen wieder aufſchüttelte: ſo gingen doch ihre ent⸗ gegengeſetzten Richtungen immer weiter auseinander. Franz Karl empfand das Alles tief, und nie ging er von Hauſe nach der großen Bleich oder zurück, ohne einen wehmü⸗ thigen Blick in die neue Univerſitätsgaſſe und nach jenem Hauſe zu werfen, hinter deſſen hohen Fenſtern er die beſten Stunden verbracht hatte. Aber indem er nur die gerührte und dankbare Erin⸗ nerung dieſes Verluſtes hegte, war ihm dieſer ſelbſt noch zu neu und nahe, als daß er die eigenthümliche Fügung, die darin für den Gang ſeines Lebens lag, hätte erken⸗ nen mögen. Dort hatte er nämlich zuerſt eine gemiſchte, aber durch Geiſt und Bildung ausgeglichene Geſellſchaft gefunden; bürgerliche Wirthe, aber durch Adel der Seele ausgezeichnet, voll hoher Geſinnung und reich an Gedan⸗ ken, hatten eine ſtille Umwandlung ſeiner ſchrofferen Den⸗ kungsart, eine allmälige Auflöſung ſeiner anerzogenen Vorurtheile bewirkt und die urſprünglich edle Richtung ſeines Herzens gefördert. So hatte eine geraume Zeit dies Haus als Uebergang aus den adeligen in die bür⸗ gerlichen Kreiſe gedient, und war nun wie ein Lebens⸗ 4118 organ, das ſeine Beſtimmung erfüllt hat, abgewelkt, um ihn dem reinbürgerlichen Verkehr zu überlaſſen, der ihm glücklicherweiſe mit liebenswürdigen Geſtalten und einer würdigen Aufgabe von politiſcher Bedeutung entgegen⸗ kam. 1 Durch Lennig's Bemühungen hatte ſich die Partei der Deutſchgeſinnten im Stillen verſtärkt. Man verſammelte ſich an den langen dunkeln Abenden abwechſelnd bei den angeſeheneren Mitgliedern. Es war ein wandernder Club, der gerade dadurch der Beobachtung zu entgehen ſuchte. Darum rieth auch Erasmus ab, als Franz Karl bei einem ſeiner traulichen Beſuche ſeine eigene Wohnung zu ſtändigen Zuſammenkünften vorſchlug.— Nein, Herr Ba⸗ ron, ſagte Lennig, das finde ich nicht räthlich. Sie kön⸗ nen hundertmal zu Einem und dem Andern gehen, und es wird nicht ſo bemerkt, als wenn wir Alle regelmäßig zu Ihnen kommen. Auch hat man ein beſonderes Augen⸗ merk auf Sie, wie wir durch Freund Blau wiſſen. Ihr Adel hat einen wunderbaren Zauber: öffentlich oder unter den Augen der Clubvertrauten wird er Ihnen und uns verderblich; insgeheim wirkt er bei den unſchlüſſigen Bür⸗ gern zum Erſtaunen. Je mehr ſich unſere patriotiſchen Bemühungen bekommen, deſto vorſichtiger müſſen wir ſein. Wie mich das Wort patriotiſch lächert! Wir neh⸗ men es für unſere Sache, wie die Clubiſten für die ihrige in Anſpruch. Ja wohl! verſetzte Franz Karl. Wie vielen guten Deutſchen gilt nicht Patriot und Jakobiner für gleichbe⸗ deutend! Und wie wir auf dem Theater geſehen haben, daß Hamlet und Laertes in der Hitze des Gefechtes ihre 119 Waffen vertauſchen; ſo geht's den Parteien dieſer auf⸗ rühreriſchen Zeit mit ihren Schimpf⸗ und Chrennamen. Sehr wahr! erwiderte Erasmus. Das erinnert mich an Moſer's Wort. Lächeln Sie nicht über mein Stecken⸗ pferd! Er ſagt aber gar ſchön: Wieviel ſogenannte Pa⸗ trioten gehen auf die feine Mark? Denn ſoviel deutſche Länder, ſovielerlei Patrioten gibt es, und wer dort für einen Patrioten gilt, wird eine halbe Stunde weiter als Rebell todtgeſchlagen. Ein deutſcher Patriot,— ruft weiter dieſer von heſſiſchen Gewaltſtreichen ſo ſchwer ge⸗ troffene Ehrenmann aus,— ein deutſcher Patriot muß bei tiefſter Rechtskenntniß, bei den feurigſten Wünſchen ſeines Herzens, bei den redlichſten Geſinnungen für das Vaterland niemals vergeſſen, daß er ein Deut⸗ ſcher iſt. Fides, die an den Unterhaltungen lebhaften Antheil nahm, holte aus einem Eckſchränkchen ein Buch und ſagte: Ihr habt mir geſtern dieſe Stelle aufgeſchlagen, Vater; aber ich habe da noch eine andere gefunden, die auch zu bedenken iſt. Hier heißt es nämlich: „Unſere deutſche Freiheit iſt der Stein der Weiſen. Man ſagt, daß er wirklich in der Welt ſei. Unſere Väter haben ihn geſucht, und ſind darüber geſtorben und zum Theil verdorben.“ Und nun ſehe ich Euch, lieber Vater und Sie, Herr Baron Franz Karl, abermals recht eifrig ſuchen. Sie ſagte das mit einem ſo bedauerlichen und be⸗ klagenden Tone, daß der Baron lächelnd erwiderte: Ich habe ſchon öfter bemerkt, lieber Lennig, daß un⸗ ſere herzliche Fides mit unſern deutſch⸗patriotiſchen Be⸗ 412²⁰0 ſtrebungen nicht recht einverſtanden iſt. Das thut mir ſehr leid; denn ich habe gerade auf ſie gerechnet. Auf mich, Herr Baron? fragte Fides verwundert. Ja, meine liebe Freundin! antwortete er. Ich weiß ſehr wohl, daß wir auf der Wanderung ins gelobte Land der Freiheit noch gar tief in der Wüſte ziehen, und beſonders bei Nacht pilgern, das heißt— heimlich und verſtohlen. Da gerade wäre denn für uns ſo ver⸗ worrene, berechnende, leidenſchaftliche Parteimänner ein edles weibliches Herz mit ſeinen Ahnungen und urſprüng⸗ lichen Gefühlen die rechte, leitende Feuerſäule; doch Ihre Begeiſterung, liebe Fides, ſchwebt, wie mir ſcheint, gar ſehr nach dem gelobten Lande der franzöſiſchen Freiheit und Gleichheit. Nicht wahr? Fides lächelte ſchalkhaft, indem ſie verſetzte: Da entſteht nun freilich der Zweifel, ob ich die rechte Feuerſäule nicht bin, oder ob Sie ein eigenſinniger Wüſten⸗ pilger ſind. Ein Kameel, nicht wahr? lachte Franz Karl, und Fides fuhr fort: Sagten Sie nicht, ich könnte Ihnen, da Sie des Weges zweifelhaft ſeien, als Feuerſäule dienen? Und doch wollen Sie mir nicht folgen, weil ich in einer fal⸗ ſchen Richtung ſei. Iſt das aber nicht der baarſte Wider⸗ ſpruch? Hätten es die Kinder Israel, ſo wie der Herr Baron ſchon voraus beſſer wiſſen wollen, als ihre Feuer⸗ ſäule, ſo wäre ihnen dieſe ſehr überflüſſig geweſen. Doch nein, Herr Baron! Ich bin lieber ſelbſt eine Tochter der Wanderſchaft, und mein Blick folgt der Feuer⸗ und Wol⸗ kenſäule der neuen, großen Ideen der Zeit, die alle edeln ir ⅓⁸ n N 1 121 Seelen zum Aufbruch gerufen haben. Aber es gab auch damals ſchon ungeduldige oder zu bequeme Israeliten, die ſich Blaſen an den Füßen gelaufen hatten, und bald wie⸗ der nach den guten Schüſſeln und Zwiebeln des alten Aegyptens zurückverlangten. O Sie irren, liebſte Fides! eiferte Franz Karl. Wir wollen das Alte nicht, das ſich ja ſelbſt verloren hat; wir wollen aber das Neue nur aus den Verwandlungen des Alten. Das iſt ein himmelweiter Unterſchied. Auch iſt mein Widerſpruch nicht ſo ſtark, wie Sie ihn machen. Wir ſchwanken blos in dem, was wir wollen, wiſſen aber ganz genau, was wir nicht wollen. Wir wollen eben keine franzöſiſche Freiheit. Ja, ich weiß wohl! Ihr wollt deutſche Freiheit, er⸗ widerte Fides, haſtig in ihrem Buche blätternd, und von dieſer ſteht auch ein Wöͤrtchen hier im Moſer: „Wenn Gott wird ein Volk ſtrafen wollen, wird er es mit deutſcher Freiheit heimſuchen“, heißt es hier. Erasmus rieb mit vergnügtem Lachen die Hände. So eifrig er als mainzer Patriot dachte, ſo hörte er doch nicht auf, ein noch vergnügterer Vater zu ſein, und die Tochter ſogar über ſeinen flüchtig gewordenen Kurfürſten gelten zu laſſen. Dies war nicht das letztemal, daß Fides und Franz Karl in widerſprechenden Wortwechſel kamen. Beide irr⸗ ten ſich gegeneinander in den ſüßen Täuſchungen, worin ihre Phantaſie und ihr Herz verkehrten. Denn des Ba⸗ rons deutſche Begeiſterung, verſtohlen, wie ſie ſich einmal geberden mußte, verſteckte ſich unvermerkt hinter das alte Bild des kurfürſtlichen Hofes; nur daß er unter dem 4²⁷ d Thronhimmel des Kurfürſten, unter dem Baldachin des Erz⸗ biſchofs nicht mehr die greiſe Geſtalt Erthal's, ſondern den friſchen Dalberg erblickte. Er konnte ſich eben unter den da⸗ maligen Verhältniſſen keinen andern Zuſtand der Dinge vorſtellen, als den einer Umgeſtaltung des Alten, einer Ab⸗ ſolution der reumüthigen und büßenden alten Sünderin deutſcher Reichsverfaſſung. Eben ſo ſchwer ward es der ſchönen Fides, die alten Träume aufzugeben, woran ihr Herz früher mit ſeinen heimlichſten Wünſchen gehangen hatte, damals als ſie Berg und Thal des geſellſchaftlichen Lebens für eine edle Liebe geebnet zu ſehen gehofft hatte. Dieſen Anſpruch an die Revolution hatte Fides für ſich aufgegeben, wie auch Franz Karl für ſeine Perſon nichts von dem neuen mainzer Hof erwartete: aber Revolution und Hof hatten für das edle junge Paar eine ideale Be⸗ deutung angenommen für ſchöne, wünſchenswerthe Zuſtände des Lebens, worin der Baron das Recht des freigeworde⸗ nen Staates, und Fides das Glück ungekränkter Familie erblickten. Vierzehntes Kapitel. So wunderbar verſteckte ſich hinter dem großen ppolitiſchen Widerſpruche, der jetzt ganz Mainz, ja eine Welt in Haß und wechſelſeitiger Verfolgung zertrennte, die zarteſte Wechſelnei⸗ gung zweier liebenden Herzen. Wie heftig Fides und Franz Karl in mancher Abendſtunde mit abweichenden Meinungen ſich beſtritten: im Innerſten waren ſie nicht entzweit; ſie ſuchten den Hader, um einander ſelbſt darin zu finden, und wie andere Paare ſich liebkoſen, ſo liebgrollten ſie ſich. Der Mutter Lennig preßten ſolche Wortwechſel manche Verlegenheit und Angſt aus; Vater Erasmus dagegen hatte ſeinen ſtolzen Spaß daran; und wenn er zuweilen etwas von dem Geheimniß ahnete, das darunter lag: ſo ängſtigte ihn das jetzt nicht mehr. Wie ſehr hatten nicht die Zwiſchenereigniſſe einer kurzen Zeit ſein Verhältniß zur Tochter und ſeine Meinung vom Baron verändert! Ja ſelbſt die neue Macht des Tages hob ihn über die Beſorgniſſe ſeines väterlichen Herzens hinaus. Die Ge⸗ genwart mit all' ihren Umgebungen, ob man ſie liebte oder haßte, hatte eine veränderte Temperatur, und die neuen Ideen der Zeit machten es wie die Sanseulotten ſelbſt: auch wo ſie verwünſcht waren, nahmen ſie doch Quartier. Soweit ging indeß der Einblick Lennig's nicht, um in den politiſchen Streitigkeiten des Barons und der Tochter einen dunkeln Drang zu ahnen, aus welchem beide Liebende die rauhe Schale des Standesunterſchiedes aneinander abzureiben ſuchten. Sie ſelbſt dachten ja nicht daran, und wenn ſie oft auch wieder in rein menſchlichen Dingen einig, bei ſchönen Gedanken und hohen Empfin⸗ dungen gleichmäßig gerührt und über edle Handlungen der Zeit und der Vergangenheit entzückt waren, wurde ihnen nicht klar, daß ſie auf politiſchem Boden vielleicht nur dazu rückwärts auseinandergingen, um einen ſtärkern An⸗ lauf zu höherem Einverſtändniß des Herzens zu nehmen. In ſolcher Stimmung hatte der Baron mehr als ein⸗ 424 mal ſein wiederholt umgearbeitetes und ſorgfältig abge⸗ ſchriebenes Mährchen zu ſich geſteckt, um es der Freundin für das Album zu übergeben; aber in ihrer Nähe konnte er ſich keinmal dazu entſchließen. Es kam ihm dann vor, als ob ein Liebesbekenntniß, wie es in dem Mährchen kaum verſteckt lag, zu kindiſch für das Gefühl ſei, das er in ſeiner Bruſt ſchweigen ließ, und als ob auch ihre bei⸗ den Herzen inmitten des großen Aufruhrs der Zeit einer höhern Macht hingegeben ſeien, als dem ſpielenden Zug ihrer Wünſche. Vielleicht ſagte ihm auch ſchon ſeine gute Lebensart, daß der Uebergang von einer Comteſſe zu einer Fides— von einem verlobten zu einem liebenden Herzen, nicht mit hüpfenden Schritten geſchehen dürfe. All' dieſe Regungen der Liebe blieben ſich geheimniß⸗ voll, während Lennig und der Baron manch' heimlich Stündchen zu einem patriotiſchen Vorhaben verwendeten. Ein wirkſamer Verſuch der Deutſchgeſinnten mußte näm⸗ lich geſchehen; denn mit jedem Tage wurden die Commiſ⸗ ſare des National⸗Convents aus Paris erwartet, die das von Cuſtine beſetzte Rheinland für die franzöſiſche Nation in Beſitz nehmen ſollten. Die Verſtändigen ſahen ein, daß dieſe Abgeordneten der Revolution nicht ſo zaudern würden, die neue Eroberung der franzöſiſchen Republik einzuverleiben, wie die mainzer Bewohner noch immer ſchwankten, ſich mit Nachdruck für einen deutſchen Fürſten zu erklären. Noch immer hörte man ja in den Weinhäu⸗ ſern die Loſung ſelbſt angeſehener Männer: 8 „Wer uns gewinnt, der hat uns!“ Franz Karl und Lennig kamen überein, den Kampf gegen den Club in deſſen eigenem Lager zu erheben. Sie hofften dadurch auf die unſchlüſſige Bürgerſchaft einen leb⸗ haften Eindruck zu machen, und ſelbſt manche Clubiſten zu gewinnen, die aus Ueberzeugung oder aus Unzufrieden⸗ heit mit der trübſeligen Lage der Dinge insgeheim für den Coadjutor geſtimmt waren. Zu dieſem Zwecke ent⸗ ſchloß ſich Lennig in den Club zu treten, und wirklich er⸗ regte dieſer Schritt, als er ausgeführt wurde, das lebhaf⸗ teſte Aufſehen. Erasmus ſtand durch ſeine Perſönlichkeit und als Mitglied des Vicedomamtes bei der Bürgerſchaft in großer Achtung. Daher nahmen ihn die eifrigen Club⸗ männer mit Lärm und Jubel auf, ohne zu ahnen, daß das Gewicht dieſer Auszeichnung gegen ſie ſelbſt in die Wage fallen könnte. Erasmus beſuchte nun fleißig die Abendverſammlungen der ſogenannten Volksfreunde und wußte ſich in eine gewiſſe Geltung zu ſetzen, während um ſeinetwillen,— um für oder wider ihn Partei zu nehmen, auch die Weinſtuben fleißiger beſucht wurden. Zu dieſem Aufruhr lächelnd, ſaßen Lennig und Franz Karl vertraulich zuſammen und arbeiteten eine Rede aus, die Erasmus im Club halten wollte. Das Staatsrecht des jungen Freundes verband ſich mit Lennig's praktiſchem Blick, um etwas zu Stande zu bringen, was auf alle Klaſſen der Bürger einen entſcheidenden Einfluß gewinnen ſollte. Dem jungen Freunde gelang in dieſer Sympathie mit Erasmus zu ſeiner eigenen Verwunderung der popu⸗ läre Ton, womit er das Intereſſe der deutſchen Höfe bei Aufrechthaltung des linken Rheinufers für das deutſche Reich entwickelte, und die Gefahren für Mainz darſtellte, wenn es eine eigene Republik oder mit Frankreich verei⸗ nigt werden ſollte. Es wurde ſehr anſchaulich gemacht, wie unmöglich Mainz ſich bei einer reichswidrigen Conſti⸗ tution halten koͤnnte, vielmehr mit dem wärmſten Patrio⸗ tismus unter kahler franzöſiſcher Freiheit im erſten Winter erfrieren müßte. Lennig in ſeinem Beitrag zur Rede be⸗ mühte ſich beſonders auf das jetzt ſchon gedrückte Volk zu wirken, und war mit den bisherigen Verhältniſſen vertraut genug, um zu wahrer Beängſtigung der Bürgerſchaft dar⸗ zuthun, wie abhängig der mainzer Nahrungsſtand vom freien Verkehr mit der Pfalz und den übrigen deutſchen Nachbarländern jenſeit des Rheins ſei, und wie wenig Stadt und Land ohne den reichen geiſtlichen und weltli⸗ cchen Adel beſtehen könnten, der mit ſeinen ſchönen Reve⸗ nüen aus den beſten Ländern Deutſchlands ſo lange nicht zurückkehren werde, als die Vogelſcheuche einer rothen Ja⸗ kobinermütze auf einem Freiheitsbaum ausgeſteckt bleibe. Mit der fliegenden Batterie dieſer Rede bereitete ſich Lennig vor, den Club zu überraſchen. Fünfzehntes Kapitel. Lennig und der Baron hatten ſich nicht über die Wir⸗ kung getäuſcht, die ſie von ihrer gemeinſchaftlich verfaßten Rede erwarteten. Dieſe Rede war, ſo zu ſagen, ein aus adeliger Staatskenntniß und bürgerlicher Gewerbskunde — * 127 geſchickt gewebtes Netz, worin Gelehrte und Bürger, Ganz⸗ und Halbvögel, ſich fangen mußten. Wirklich hatte ſich auf Betrieb der deutſchen Partei eine ungewöhnlich ſtarke und gemiſchte Zuhörerſchaft im neuen Clublokal eingefun⸗ den. Dies war, ſeit der Verwendung des Akademie⸗Saa⸗ les zu einem Lazareth, im Schauſpielhaus hinter der ehe⸗ maligen Wohnung der Gräfin Coudenhove eingerichtet. Hier ſtand vor dem ehemaligen Souffleurkaſten die jetzige Rednerbühne; unter derſelben im Orcheſter war der Präſidententiſch, rechts von einem Freiheitsbaume, links von einer aufgeſteckten Pike eingefaßt, und etwas tiefer der Tiſch der Sekretäre aufgeſtellt. Das Parterre nah⸗ men die Clubiſten ein, ſo daß dem zuhörenden Volke die Logen und Galerien blieben, mit dem altrömiſchen Namen „Tribunen“ beehrt. Der Raum, gegen den prachtvollen Akademieſaal durchaus nicht glänzend zu nennen, ward auch von einer einzigen, hochſchwebenden Lampe nur ſo dürftig beleuchtet, daß es in dieſem Tempel der Freiheit nicht an dunkeln Eckplätzen fehlte, die von dem ſittenloſen Theil des Publikums ſogleich zu Kapellen für untergeord⸗ nete Freiheiten benutzt wurden. Doch heut begünſtigte dies Helldunkel des Saales den Eindruck der Rede Len⸗ nig's und den Beifall, den man ihr ſpendete. Denn es waren verzagte Seelen genug darunter, deren Begeiſterung ſich nur im Dämmerlicht hervorwagte. Anfangs hatte eine große Stille der Erwartung und Verwunderung geherrſcht. Als aber einige der wüthendſten Clubiſten aus Aerger und Beſorgniß dem Redner Stillſchweigen zuriefen, entſtand ein kämpfender Tumult: auf jeden Clubiſtenruf zum Schweigen erfolgte eine Volksaufmunterung zum 128 Weiterreden, und jeder Beifall der Logen und Galerie rief einen Widerſpruch des Parterres hervor. Lennig hatte ſich dergleichen erwartet und verlor auf der Rednerbühne ſeine lächelnde beharrliche Faſſung nicht. Sobald es ſtürmte, zog er die Segel ein, und ſpannte ſie bei der erſten Stille wieder auf. Als aber auch der verdutzte Präſident Schweigen auferlegen wollte, erhob ſich Blau am Tiſche der Clubiſten und ſprach mit Nachdruck: Niemand kann hier Stillſchweigen gebieten gegen Ge⸗ danken und Ueberzeugungen, ſo lange ſie nicht in unan⸗ ſtändiger Einkleidung erſcheinen. Freiheit der Meinung und des Wortes iſt des Clubs Grundgeſetz, und jeder wahre Volksfreund würde mit mir von dieſem Tiſch auf⸗ ſtehen, ſobald man hier nur der Partei zu Lieb' ſprechen dürfte. Ich würde mich ſchämen ein Volksfreund zu hei⸗ ßen, könnte man mir unterſagen, wenn auch nicht die Wahrheit einer Rede, doch den Muth des Redners zu bewundern. Und wenn ich je dem Sprecher, der mein Freund iſt, das Zeugniß der Ehrlichkeit nicht verſagen konnte, ſo kann ich es am wenigſten jetzt, wo er ſich von der Wuth Derjenigen nicht einſchüchtern läßt, die ſich ſo leicht hinter die öffentliche Macht von Mainz verſtecken können. So weit hatten es dieſe Eraltirten gebracht, daß ſelbſt einer der angeſehenſten Clubmänner gegen ſie ſprechen mußte. Die eifernde Partei verſtummte; Lennig beendigte ſeine Rede und ſtieg unter dem Jubel der Logen und Ga⸗ lerien von der Rednerbühne. Viele der Zuhörer verließen das Haus ohne weitere Verhandlungen abzuwarten, als ob ſie nun ein für allemal über die mainzer Lebensfrage entſchieden wären. 129 Dennoch war die Sache damit nicht abgethan, und die zum Schweigen gebrachten Clubiſten blieben darum nicht unthätig. Noch in der Nacht berathſchlagten die Eifrigſten mit Böhmer, was zu thun ſei. Dieſer eral⸗ tirte Mann, ſoviel er ſonſt durch ſein überſpanntes Weſen dem commandirenden General Cuſtine zu lachen und zu ſpotten gab, war doch als deſſen Sekretair in Dingen, die eine beſondere Kenntniß von Mainz vorausſetzten, oder die den mißtrauiſchen und eiteln Franzoſen mit Verlegenheit bedrohten, nicht ohne Einfluß; ſo daß er unter Umſtänden manches Uebertriebene dennoch durchſetzen konnte. Daher war es nicht zu verwundern, als ſchon am andern Mor⸗ gen eine Auffoderung Cuſtine's an die Bürger erſchien, alle Feuergewehre, die ſie beim Anzuge der Franzoſen aus dem Zeughaus erhalten hätten, und die ſie eigenthümlich beſäßen, binnen fünf Tagen abzuliefern. Hausſuchung und 500 Gulden Strafe von jedem verheimlichten Gewehre wurden dabei angedroht. Um aber auch die Rede Lennig's zu entwaffnen, kün⸗ digte der Profeſſor Metternich eine Widerlegung derſelben mit ſehr viel Lärm an, wodurch ſich an dem anberaumten Clubabend ein zahlreiches Publikum aufgeregter und ſkan⸗ dalſüchtiger Einwohner ins Schauſpielhaus verlocken ließ. Wie erſtaunte man aber, als man vor den Eingängen, an den untern Schranken und auf den Galerien franzöſi⸗ ſche Schildwachten fand, die unter den Augen der Eintre⸗ tenden ihre Gewehre luden! Der Baron und Lennig ver⸗ ließen ſogleich mit ſtolzer Entrüſtung das Haus, und zogen viele ängſtliche Männer mit ſich fort. Doch die Menge blieb aus Neubegierde und in geſpannter Erwartung zurück. Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 9 130 * Mit der Zuverſicht auf ſeine bewaffnete Unterſtützung beſtieg Metternich die Rednerbühne und führte die Be⸗ hauptung aus, daß die deutſche Verfaſſung den natürlichen Rechten der Menſchen und der Bürger widerſtrebe, und ihre deſpotiſche Natur am unwiderlegbarſten durch das auf dem Lande beſtehende Elend darlege. Begreiflicherweiſe hielten ſich die Zuhörer vor den Mündungen der Gewehre ſehr ruhig. Nur als der Red⸗ ner gegen den Beifall eiferte, den Lennig's„Vorſpie⸗ gelungen“, wie er es nannte, bei den Unverſtändigen gefunden, und den er einen bezahlten Enthuſiasmus nannte, erhob ſich gegen dieſe allgemeine Beleidigung ein Murren; doch ſchnell erfolgte aus allen Ecken des Thea⸗ terbaues ein gebieteriſches Silence! der Wachtpoſten mit raſſelndem Anſchlag der Gewehre. Alles verſtummte und die furchtſamſte Stille herrſchte bis zum Schluß der Rede, wo das Schweigen ſelbſt einen kleinen Triumph feierte. Als nämlich Metternich ſeinen leidenſchaftlichen Vortrag mit dem feierlichen Aufgebote ſchloß: „Wer ſchwört nun nicht mit mir, frei zu leben oder zu ſterben?“ ſprangen zwei bis drei Clubiſten auf und riefen mit dün⸗ nen Stimmen: Ich ſchwöre. Dieſe Lächerlichkeit wäre durch ein heiteres Lachen des Publikums verwiſcht worden; da jedoch auch nicht eine Stimme laut wurde, ſo fiel das Komiſche des Augenblicks wie eine unverſöhnte Selbſt⸗ verhöhnung auf die Tafel der Clubiſten nieder. Böhmer und ſeine Freunde fühlten auch, wie wenig ſie mit dieſer Rede bewirkt und welchen Mißgriff ſie ge⸗ macht hatten, die Gemüther durch Furcht zu verſchließen 131. und zu verbittern. Sie ſuchten daher einen andern Zu⸗ gang für ihre Belehrungen bei der mainzer Bewohner⸗ ſchaft, und Böhmer brachte es dahin, daß Cuſtine die Koſten zum Druck der Rede Metternich's und anderer ein⸗ dringlichen Clubvorträge bewilligte. In Tauſenden von Abdrücken verbreitete ſich nun Met⸗ ternich's Rede über das Land. Dies brachte den Baron Franz Karl auf den Gedanken, auch Lennig's Rede in den Druck zu geben, um das Volk in den Stand zu ſetzen, eine für ſeine Zukunft ſo ſchwere Frage von allen Seiten zu prüfen. Des andern Tags ſaß er eben mit Lennig in Ueber⸗ legung, wie ſich die Abdrücke am ſicherſten verbreiten lie⸗ ßen, als der Druckereibeſitzer in athemloſer Haſt die Hand⸗ ſchrift zurückbrachte.— Er fei mit Zerſtörung ſeiner Wohnung und Preſſe bedroht worden, erklärte der angſt⸗ volle Mann. Der Baron fragte nach einem ſchriftlichen Verbot Cu⸗ ſtine's oder der Adminiſtration oder der Municipalität, und da kein ſolches ergangen war, belehrte ihn der junge Freund über die Gewerbsbefugniſſe ſeiner Preſſe in einem Staate der Freiheit und Gleichheit, und Lennig machte ihm begreiflich, daß man ihn eben nur ängſtige, weil man mit keinem Verbot an ihn könne. Ach! rief der Mann, und rückte ſeine ſchwere ſilberne Brille zurecht, man will mich ja nicht verklagen, mir kei⸗ nen Prozeß vor einem rechtmäßigen Richter machen: zer⸗ ſtören will man mich! Dabei blieb denn auch der eingeſchüchterte Drucker. Was man ihm auch erklären mochte,— er ſah es ein, 9* 132 war aber durch nichts zu bewegen, die Handſchrift wieder mitzunehmen. Die Angſt vor der pöbelhaften Gewalt wirkte mächtiger bei ihm, als ſonſt vielleicht der Reſpekt vor einem obrigkeitlichen Befehl vermocht hätte. Sechzehntes Kapitel. Zu dieſem Verdruß kamen mit jedem Tage mehr betrü⸗ bende, ja empörende Eindrücke, die dem jetzt ſo reizbaren Baron, wäre er nicht von ſeinem patriotiſchen Vorhaben und ſeiner Herzensneigung eingenommen geweſen, den län⸗ gern Aufenthalt in Mainz gänzlich verleidet hätten.— Die Unſauberkeit in der Stadt nahm mit jedem langen Abend und ſpäten Morgen zu. Sogar die Fenſter an vielen Häuſern wurden aus Muthwillen oder als nächſte beſte Auskunft von den Nationalgardiſten zu Verrichtun⸗ gen gebraucht, die ſelbſt der Naturmenſch zu verheimlichen ſucht. Die Ausgelaſſenheit der einquartierten Soldaten, die nach Luſt und Laune ihre Gewehre abfeuerten, äng⸗ ſtigte die Bürger und hatte ſelbſt kleine Beſchädigungen verurſacht. Dabei griff die Unſittlichkeit auf entſetzliche Weiſe um ſich. Wer auch um den verwerflichen Verkehr, den der lange Winterabend in bekannten Häuſern und einſamen Gaſſen begünſtigte, ſich nicht bekümmern mochte, war doch nicht ſicher, mancherlei Unanſtändigkeiten der 133 Soldaten und Leichtfertigkeiten mainzer Dirnen am hellen Tage zu begegnen. Bürgertöchter ſcheuten ſich ohne Be⸗ gleitung über manche Straße zu gehen, und von den Fie⸗ berkranken im Schönbornerhofe war gegen junge Mädchen, die aus der Schule vorüberkamen, Gewalt gebraucht wor⸗ den.— Die Beſchwerden der Einwohner wurden immer dringender und erwirkten einen ſcharfen Tagsbefehl des Obergenerals, wodurch dem Betragen der„Soldaten des Heeres der Republik“ Schranken geſetzt wurden. An einem der nun ſtilleren Abende, als der junge Freund von Lennig nach Hauſe kehrte, empfing er an der Treppe ein Billet aus der bebenden Hand eines Mädchens in dunkelm Bürgermantel. Auf ſeine Frage, von wem das Briefchen komme, erfolgte keine Antwort, ſondern die Ueberbringerin verneigte ſich mit einem langen, dunkeln Aufblick aus dem zuſammengerafften Mantel, und ſchwebte mit anmuthigen Schritten nach der Emmeransgaſſe hinab. Auf dem Zimmer las der Baron nicht ohne Befremden die wenigen Zeilen: „Ihrem Herzen das Theuerſte iſt bedroht und Sie ſelbſt mit Ihrer unpolitiſchen Politik werden ſich in Mainz kaum lange genug halten können, um Ihre Geliebte zu behüten. Wollen Sie Löſung dieſes Räthſels, ſo ver⸗ trauen Sie ſich der Hand an, die Ihnen morgen Abend ſieben Uhr unter der matten Laterne des Dienheimer⸗ hofs zur Führung geboten wird.“ Ein C. ſtand als Unterſchrift dieſer Zeilen von einer wie es ſchien, ins Grobe verſtellten Frauenhand. 3 Der Freund las wiederholt, als ob er damit das ver⸗ ſteckte Abenteuer aus dem räthſelhaften Dunkel hervorziehen 134 könnte. Es war das erſte ſolcher Art, das ihm geboten wurde, und er fiel daher gleich auf den Zweifel, ob nicht eine Neckerei dahinterſtecke. Doch zu ſolchen Späßchen ſchien ſo wenig, als zu verliebten Unternehmungen dieſe troſtloſe Zeit geſtimmt zu ſein, und die Geſellſchaftskreiſe fehlten jetzt ſogar in Mainz, von denen dergleichen ſonſt vielleicht hätte ausgehen mögen. Ueberdies enthielt das Billet Winke, die nur ein mit ſeiner Lage bekannter Menſch zu geben im Stande war. Dabei konnte er ſich auch darüber nicht täuſchen, daß er wirklich in Mainz eine bedenkliche Stellung genommen habe, wenn er auch ſie zu behaupten den Muth in ſich fühlte. Aber Fides? Wer kannte ſie als ſeine Geliebte? Wer wußte von dieſem wenigſtens nicht ausgeſprochenen Verhältniß? Und ein ſolcher konnte freilich auch von Gefahren wiſſen, die ihr drohen ſollten.— Oder, wäre Fides gar nicht ge⸗ meint, und der ganzen Einladung läge ein Irrthum in ſeiner Perſon zu Grunde?— Aber die Botin des Brie⸗ fes kannte doch gewiß den Bewohner des Hauſes, an deſſen Treppe ſie ihn erwartet hatte.— Der bedenkliche Freund erinnerte ſich plötzlich jenes Abends, da er unter den Fenſtern der Geliebten ſich Kummer um ihre Zukunft gemacht hatte, und der entwurzelte Goldlack als Sinnbild ihres Mißgeſchicks an ſeine Bruſt geflogen war.—— Eine wunderſame Angſt foderte ihn auf, der Einladung zu folgen, und am andern Abende ſchnallte er den Degen um, mit welchem er ſich bei Cuſtine’'s Annäherung zur Vertheidigung von Mainz an die Spitze einer Bürger⸗ Compagnie geſtellt gehabt hatte.— In Kriegszeiten dür⸗ fen auch verliebte Abenteuer nur bewaffnet unternommen 43⁵ werden! ſagte er lächelnd zu ſich ſelbſt; doch hoffte er dieſe Klinge, die er früher einem edeln Kampfe nur verlobt, aber nicht vermählt hatte, auch diesmal aus niederen Ge⸗ fahren jungfräulich zurückzubringen. Den Regenmantel umgeworfen, ſtand er zeitig genug unter der bezeichneten Laterne. Sie brannte matt durch die niederſchlagende Nebelluft des Decemberabends, und warf ein ſchauriges Halbdunkel über den Mitternachtplatz. Nur vereinzelte Geſtalten, die ſich, vielleicht dem Namen des Platzes zu Lieb', wie Ge⸗ ſpenſter der Mitternacht ausnahmen, huſchten in durchkreuz⸗ ter Richtung nach den ſtillen Gäßchen. Am ſchreckhafteſten kamen zwei dunkle Perſonen das enge Mitternachtgäßchen herauf, und ſchlüpften durch die nur angelehnte Thüre des Dienheimerhofs ein. Franz Karl erkannte zwei Mönche, und ſann mit Verwunderung nach, was dieſe frommen Väter ſo ſpät in einem Hauſe ſuchten, deſſen Bewohner, der Kapitular von Bettendorf, mit den klugen Andern entflohen war. Darüber ſah er gerade, was er erwartete, nicht herankommen, und plötzlich ſtand dieſelbe weibliche Geſtalt, die ihm das Billet zugeſtellt hatte, vor ihm, winkte, als ſie ihn erkannt, und ſchwebte vor ihm her das ſchaurige Gäßchen hinab. Nur rechts von einigen alten Häuſern, links von den hohen fenſterloſen Hinter⸗ gebäuden des Zeughauſes eingezwängt, ſcheint es bei Nacht in dumpfer Schlund, der in einen Abgrund führt. Um ddie Ecke rechts erweitert ſich nur ein weniges die untere oöhrgaſſe, und einer hohen Mauer gegenüber liegen ein paar niedere Wohnungen, aus denen eben Zank und La⸗ chen vermiſcht ſich vernehmen ließ, als der Freund, von 136 ſeiner Begleiterin am Mantel gefaßt, in das erſte Häus⸗ chen gezogen wurde. Durch einen ſchmalen Gang, der von einer Hausrinne durchfeuchtet war, tappte er an ihrer Hand eine noch engere ſteile Treppe hinauf, wo ſich, um ihm die bängliche Bruſt zu erleichtern, ein helles Stübchen vor ihm aufthat,— ſauber eingerichtet, mit feinem Sande beſtreut, und ein wenig von Wachholderbeeren durch⸗ räuchert. 1 Halb abgewendet, wie verſchämt ſich nun ſehen zu laſſen, legte das Mädchen den dunkeln Kapuzmantel ab, warf ein Tüchlein über die weiße Schulter, und wollte, ſeine Verlegenheit zu verbergen, des Barons Mantel ab⸗ nehmen. Aber Franz Karl verwehrte es, den fragenden Blick auf das Mädchen geheftet, das ſchlank gebaut, in anmuthiger Befangenheit vor ihm ſtand, und nach einem ſtummen Weilchen ein dunkles, ſchwärmeriſches Auge zu ihm aufſchlug. Eine Fülle loſe aufgeſteckten Haares fiel dabei in den Nacken zurück, und umſchattete ein blaſſes, einnehmendes Geſicht. Der Anzug des intereſſanten Ge⸗ ſchöpfes war leichter, als es der Jahreszeit zukam, und eher dem Zimmer angemeſſen, das von einem alten Ka⸗ chelofen überheizt war. Setzen Sie ſich, Herr Baron! ſagte endlich das Mäd⸗ chen mit einem Tone, den ein Herzklopfen durchzitterte. Franz Karl ſetzte ſich auf einen geflochtenen Stuhl, und warf einen Blick über die getünchten, mit kleinen Bildchen verzierten Wände. Ein Paſtellgemälde hing über einer Commode, das Portrait, wie es ſchien, eines geiſtli⸗ chen Herrn im Weltkleide. Es ſieht ganz artig hier aus,— beſonders wenn 137 man ſo fatale Gäßchen hinter ſich hat, ſagte der Baron etwas verlegen, und ſetzte über ein Weilchen hinzu: Aber ich möchte doch nun gern wiſſen— Ja, Ew. Gnaden,— erwiderte das Mädchen mit geſenktem Blick,— ich ſoll Ihnen die Wahl vorſchlagen, ob Sie eine wichtige Mittheilung aus den Karten meiner Mutter, oder aus dem Munde einer Freundin vernehmen wollen. Von der lieblichen Stimme und dem gebildeten Aus⸗ drucke überraſcht, verſetzte Franz Karl etwas freundlicher: Allen Reſpekt vor den Karten deiner Mutter, mein artiges Kind! Aber du wirſt ſelbſt einſehen, daß man doch dem Munde einer Freundin mehr Vertrauen ſchenken muß, zumal einer Freundin, an der ich in dieſer Region gewiß eine neue Entdeckung mache. Dann müſſen freilich Eure Gnaden noch ein wenig verziehen: die Dame iſt noch nicht da. Und deine Mutter—? Iſt im anſtoßenden Hauſe, Herr Baron. Ihr habt alſo zwei Wohnungen? bemerkte der Baron, und das Mädchen ward feuerroth, als es erwiderte: Ja, wir mußten noch dieſe nehmen, weil drüben der Zuſpruch ſo ſtark war. Es kam Vornehm und Gering, und— Da haſt du die Karten ſchlagen helfen? fragte der Baron. Nein, Eure Gnaden. Ich mußte— die Mutter wollte, daß ich die Wartenden unterhalten mußte. Sie ſchwieg ſtockend, und die langen dunkeln Augen⸗ wimpern fächelten eine Thräne zurück. 138 Wie heißeſt du denn? Dorothea, Eure Gnaden! Laß dieſen Titel, gutes Dorchen! ſagte lächelnd der Freund. Die Gnaden ſind in Mainz abgeſchafft, und du mußt dich nun in die allgemeine Gleichheit ſchicken, nach⸗ dem du dich, wie mir ſcheint, in ſo mancherlei Freiheiten geſchickt haſt. Nicht wahr? Dorchen wendete ſich mit einem Seufzer vom Baron ab. Iſt deine Mutter etwa die berühmte Kartenſchlägerin Steiglehner? fragte der Baron. Dorchen nickte. Von der hab' ich früher gehört, fuhr der Freund fort. Die ſoll merkwürdige Dinge aus den Karten ge⸗ ſagt haben, und die Vornehmen haben euch damals ſehr beſucht. Doch bei den Franzoſen werdet ihr auch nicht zu kurz kommen: ſie, die ſo viel Glauben abgeſchafft ha⸗ ben, laſſen ſich nun eher etwas Aberglauben gefallen. Dorchen ſah den Baron lächelnd an, und er fragte, was ihr Vater geweſen ſei. Vicariats⸗Kanzliſt, antwortete ſie. Aha! darum alſo, des Vicariats wegen, hat er ſich halb geiſtlich getragen? O nein, Herr Baron! Warum meinen Sie das? Iſt denn das nicht ſein Bild? Das dort! Es iſt ja doch dein Geſicht? Dorchen machte ſich am Fenſter zu ſchaffen, und ſagte 1 kleinlaut: Nein, Herr Baron, das iſt der geiſtliche Rath Patt⸗ berg,— ein Freund des Vaters,— jetzt im Eichsfelde. — Mein Gott, ich höre kommen! 4139 Die Thüre öffnete ſich, und ein geſchminktes Mädchen, leichtfertig angezogen, ſtürzte wild herein, ſtutzte aber über den Beſuch, und ſagte an der Thüre ſtehend: Nun hernach, Doris! Dorothea winkte ihr mit beiden heftigen Händen fort⸗ zugehen. Jene aber hüpfte herbei, und flüſterte ihr, hin⸗ ter dem halblauten Namen„Chadelas,“ ins Ohr. Ich will nicht, und ich will nimmermehr! antwortete ihr Dorothea heftig, und drängte ſie zur Thüre hinaus. Chadelas? fragte der Baron. Was will der Gene⸗ ral⸗Adjutant Cuſtine's hier? Er kömmt doch nicht herein? Er ſtand heftig auf. Erſt war es die Verlegenheit, hier gefunden zu werden; dann fiel ihm die Warnung des Billets ein, und ein Argwohn beſchlich ihn,— er ſei hier in die Gefahr gelockt worden, vor der man ihn ge⸗ warnt habe. Wie erſtaunt war er daher, als Dorothea vor ihm niederſtürzte, und ſeine Kniee umfaſſend ausrief: Helfen Sie mir, Herr Baron! Ich bin von Gott und der Welt verlaſſen. Kein ſo reiner, edler Herr iſt noch hier hereingekommen: ſeien Sie mir darum auch ein guter Geiſt, und gehen Sie nicht fort ohne ein edles Werk! Retten Sie mich, und helfen Sie mir aus dieſem Hauſe! des reuigen Mädchens erſchüttert, reichte ſeine beiden Hände hin. Er kam ſich im Augenblick wie ein Heiliger vor, der eine Seele erlöſt, ohne daß er bedachte, welchen Vor⸗ theil er bei dieſem himmliſchen Vergnügen als Menſch durch den Beigeſchmack des ſinnlichen Wohlgefallens an einer ſo anmuthigen Erſcheinung voraus hatte. Dorothea Franz Karl, von dem flehenden Ton und Aufblick 4⁴4⁰ hatte ſich an ſeinen Gnadenhänden aufgerichtet; doch ehe er ſeine Gewährung und ſie ihren Dank ausſprechen konnten, öffnete ſich leiſe die Thüre, und Frau Karoline Böhmer in einem Herrnmantel trat herein.— Ahal rief ſie mit einem Blick auf Dorothea, die ihre Augen trock⸗ nete, meine Iris ſchwebt auf einem Regenbogen! Ich er⸗ rathe ſchon! Soll ich euch Mythologie leſen? Sie ſehen, Baron, wie ich aus dem Kalten ins Warme komme, ſchlage ich auch gleich von meines Mannes froſtiger Ge⸗ lehrſamkeit aus. Aber Sie wiſſen ja, daß die Göttin Iris eine Schweſter der Harpyien war, und meine Iris da war vorhin auch eine ſolche raubend e, entführende Göttin, und hat nun ſchnell ihren Regenbogen wieder vorgenommen. Wahrhaftig, lieb Irischen, das Magda⸗ lenennaß ſteht dir ſehr gut zu Geſicht! Wie iſt es, Ba⸗ ron, können Sie'was für das arme Ding thun? Hat es Ihnen gebeichtet, wie lange es ſchon ein zärtliches träu⸗ meriſches Herzchen für Sie gehegt hat, und Ihnen zu ge⸗ fallen gegangen iſt? O Frau Profeſſorin! rief Dorothea mit erröthendem Mädchenzorn. Wie ſehr mißbrauchen Sie mein Vertrauen! Ich weiß, Sie ſind eine wilde Frau, aber mich ſo zu demüthigen—! Sie verließ heftig weinend das Zimmer. Siebzehntes Kapitel. Eine ſo raſche Aufeinanderfolge des Unerwarteten mußte den etwas reizbaren jungen Freund verwirren. Doch nur wenig Augenblicke, und ein lebhafter Aerger über die ein⸗ getretene Frau gewann die Oberhand.— Sie alſo, Ma⸗ dame Böhmer, haben mich hierher geladen? fragte er em⸗ pfindlich und den Mantel ordnend, der ihm von der rechten Schulter gerutſcht war. Aha! er iſt böſe! ſagte Frau Karoline lachend vor ſich hin. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie geſtört habe! Allein, Sie ſtanden ſo hölzern vor dem Mädchen, daß ich mir auch nicht hätte denken können, Sie wollten ſich in den Magdalenenthränchen baden. Ich glaub's auch noch nicht, da ich weiß, wie unabſichtlich Sie in das bedenkliche Haus gekommen ſind. Allerdings,— nach Ihnen, Madame! Auf Ihre Einladung! erwiderte er. Sie lachte, indem ſie ſich behaglich ſetzte, und ſprach, ihm zu Gehör, vor ſich hin: Er muß recht böſe ſein, denn er wird grob! Aber Zorn ſteht einem Manne ſo lieb zu Geſicht, wie einem Mädchen Thränen.— Nun, ich will Sie nicht lange aufhalten, lieber Baron. Es iſt mir eigentlich auch nur um das Weggehen zu thun, wie Sie gleich hören ſollen. Wiſſen Sie alſo, daß Sie an Pater Garzweiler nicht den 4⁴² beſten Freund haben? Notabene! was ich Ihnen mit⸗ theile, habe ich von vertrauten Männern aus der Umge⸗ bung Cuſtine's, und iſt Dienſtgeheimniß: ich rechne alſo auf Ihre Verſchwiegenheit! Der genannte Pfaff hat Sie zuerſt als kurfürſtlichen Spion bezeichnet. Da jedoch For⸗ ſter und andere Freunde gleich für Sie eingetreten ſind, und wir auch die kurfürſtlichen Spione durch die unſerigen kennen: ſo iſt der Schelm von Pater damit abgefahren, hat aber ſeinen Haß— wie man zu ſagen pflegt, auf einen andern Karren geladen. Er hat ſeiner Einquartierung ſo viel und lange von einer gewiſſen Fides Lennig vorge⸗ ſchwatzt, bis Herr Cardinet ſich entſchloſſen hat, beim Einquartierungswechſel in nächſter Woche zu Lennig's über⸗ zuziehen. Cardinet, einer der Cuſtine'ſchen Adjutanten, iſt ein Freund von mir, ich meine von Böhmer, und ich kann Ihnen daher ſagen, daß er ein eben ſo verwegener und gewiſſenloſer Menſch iſt, als Sie ihn vielleicht für einen artigen, einnehmenden Mann kennen. Und Garz⸗ weiler ſcheint ihm von Fides Lennig und Ihrem Umgang mit ihr einen ſo leichtfertigen Begriff beigebracht zu ha⸗ ben, daß Sie ſich Alles von ihm erwarten können. Thun Sie mir den Gefallen, beſter Baron, und entfernen lieber Fides ganz aus dem Hauſe: vielleicht quartiert ſich dann Cardinet gleich wieder um. Ihnen den Gefallen? Ich dachte, Sie handelten für mich? erinnerte der Baron. Mit einer, bei dieſer Frau ſeltenen Verlegenheit ant⸗ wortete ſie ein wenig hochtrabend: Es iſt die edle Sache aller Frauen, daß eine Jung⸗ frau nicht gekränkt werde, ſei es auch nur durch Blick 143 und Wort! Alſo—! Das iſt Eines. Und dann ſchrieb ich Ihnen zweitens, daß Sie ſich ſehr unpolitiſch beneh⸗ men. Kaum haben Ihre Freunde gut für Sie geſagt, ſo ſtecken Sie ſich hinter Papa Lennig, regen ihn an, laſſen ihn Reden halten, die den Club in Harniſch brin⸗ gen, betreiben geheime Bürgervereine—. Glauben Sie denn, wir hätten keine Horcher und Späher? Und wiſſen Sie, wer unſer beſter Spion iſt? Pater Garzweiler! Stellen Sie ſich mit dem auf beſſern Fuß, ſonſt können Sie ſich nicht halten, und müſſen am Ende noch für Len⸗ nig büßen, den man als erklärten Clubiſten, der Conſe⸗ quenz halber, noch ſchont. Aber man wird dem guten Manne dafür andere Kränkungen von Herzen gönnen, und an ſeiner Fides iſt er gewiß am verletzlichſten. Sie, beſter Baron, haben durch Ihr Verhältniß mit dem lieben Mädchen und durch Garzweiler's Rachſucht die ſchlimmſten Gefahren auf Fides gezogen, und benehmen ſich dabei ſo, daß man Sie aus Mainz wegbringen muß. Vergeſſen Sie denn ganz alle Ritterlichkeit gegen Ihre Dame? Tauſend noch einmal, Barönchen! Am ſicherſten ſchlöſſen Sie ſich an meinen Mann an: doch kann ich Ihnen nicht zureden, denn ich merke wohl, daß Sie ſich nichts aus mir machen. Und nun bin ich am rechten Ziel. Glau⸗ ben Sie etwa, ich hätte Sie hierher beſtellt, um Ihnen das Alles aus Liebe für Sie zu ſtecken? Da ſind Sie ſehr irre! Ich habe Sie nur einmal hierher bringen wollen. Wiſſen Sie! Seit Sie mir bei Forſter's ſo ſchnöde begegnet ſind, habe ich meinen Kopf darauf ge⸗ ſetzt, daß Sie mich einmal nach Hauſe führen müſſen. Allons, Herr Baron,— Ihren Arm her! 444 Und ohne des jungen Freundes dankbare Artigkeit zu erwarten, faßte ſie ihn unterm Arm, und zog ihn lachend mit ſich fort. Auf dies Lachen kam Dorchen aus dem untern Zimmer, und trat mit Licht an die enge Treppe. Kaum aber hatten Beide, Karoline voraus, die tennige Flur erreicht, als man vor der Hausthüre aufſtampfende Gewehre vernahm, und ein Offtzier ins Haus trat, in welchem Karoline nicht ohne Schreck den beſprochenen Ad⸗ jutanten Cardinet erkannte. Auch der Adijutant ſchien nicht wenig überraſcht, indem er ausrief: Ah, Madame! Sie hier? Und mit einem jungen Herrn? Ganz recht, mein Freund! verſetzte ſte; nur daß ich eben aus dieſem untern Zimmer komme, und der junge Herr vermuthlich die Treppe hinauf will. Wir begegnen uns hier bei Einem Licht. Iſt das nicht eine gefährliche Beſtellung? Aber— daß auch Sie, Bürger⸗Adjutant, ſich hier— die Karten legen laſſen, hätte ich nicht gedacht. Und ich, Madame, habe längſt gedacht, daß Sie mit falſchen Karten ſpielen, war die Antwort. Laſſen Sie doch ſehen, was heute Trumpf bei Ihnen iſt! Indem er bei dieſen Worten Dorothea's Hand mit dem Licht lenkte, um dem Baron keck ins Geſicht zu ſchauen, rief er mit ſchadenfroher Ueberraſchung: Mein Gott! Bürger Wallbrun? Ha! Madame,— iſt das Ihr Trumpf? Aber den ſteche ich! Ha, ha! Ich komme eben von Ihrer Wohnung, Bürger, und da ich hörte, daß Sie zu Tiſch erwartet würden: ſo wollte ich hier nur erſt ein Glas Punſch trinken. Aber nun bin ich alsbald zu Ihrem Befehl: folgen Sie mir! Folgen? Und wohin? fragte der Baron nicht ohne Beſorgniß. Sie ſind arretirt, und werden morgen das Weitere hören. Wie kann man mich arretiren? rief der Freund ent⸗ rüſtet. Hab' ich ein Verbrechen begangen? Bürger Wallbrun, erwiderte der Soldat mit leichtem Lächeln, verſehen Sie mich für Ihren Richter, vor dem Sie ſich vertheidigen? Ich bin der Adjutant Cardinet, wiſſen Sie! und habe Befehl, Sie zu arretiren. Iſt Ih⸗ nen das verſtändlich? Sonſt ſtehen vor der Thüre einige Explicationen. Ehe der Wortwechſel heftiger werden konnte, wozu der beleidigte Baron Miene machte, hatte Karoline das neben ihr ſtehende Mädchen verſtohlen am Kleide gezupft, und ſagte, indem ſie Cardinet am Arm nach der Haus⸗ thüre zurückführte: Auf ein Wort, mein Freund! In dieſem Augenblicke blies Dorothea ihr Licht aus, und zog den Baron ins anſtoßende Zimmer, das ſie raſch hinter ſich verriegelte. Sie eilte mit ihm in ein Hinter⸗ ſtübchen, öffnete das Fenſter, half ihm mit ſeinem be⸗ ſchwerlichen Mantel und Degen hinaus, wies nach einer Gartenmauer und nannte den Dienheimerhof. So beſon⸗ nen als raſch verſchloß ſie die Kammer, ſchob mit Hülfe zweier Mädchen, die hinterm Ofen geſeſſen, den ſchweren eichenen Tiſch an die verriegelte Thüre, an welcher von Cardinet's Fußtritten bereits der untere Kloben wich, löſchte das Licht, und entſchlüpfte durch eine dritte Thüre, die in das anſtoßende Haus gebrochen war. Dort ſank ſie von Eifer und Eile erſchöpft zu Boden. Koenig, Clubiſten in Mainz. III. Achtzehntes Kapitel. Durch dieſe Vorkehrungen eines ſchwärmeriſchen Mäd⸗ chens hatte der Baron Zeit gewonnen, mittelſt einer nie⸗ dern Breterwand zwiſchen beiden Höfchen der kleinen Häuſer ſich über die hohe Mauer zu ſchwingen. Er befand ſich in einem, wie es ſchien ausgedehnten Garten, und ver⸗ muthete, daß derſelbe hinter den ärmern Häuſern herlau⸗ fend zu dem von Dorothea genannten Dienheimerhof ge⸗ höre. Kaum hatte ſein Auge ſich etwas an das Dunkel gewöhnt, als er auch auf dem Grasplatze, wo er ſtand, einen ſchmalen Steig nach der Mauer bemerkte, über die er eben gekommen war. Er tappte noch ein paar Schritte weiter, und ſtand auf einem ſchimmernden Sandwege, der ihn richtig an das Stacket führte, das den Garten vom Hofraume ſchied. Es war ſchlecht erhalten und bot Lücken zum Durchgang. Dagegen war die Hofthüre verſchloſſen, und der Freund nahm Bedenken, durch Klopfen Lärm zu machen, und ſich ſo den Verfolgern zu verrathen. Ein matter Lichtſchein fiel durch das Fenſter der Flur, aber es war zu. Doch ſtand ein Flügel des nächſten dunkeln Fenſters offen, und ein leeres Weinfäßchen in der Trep⸗ penecke ließ ſich leicht unter das Fenſter rollen, wo es eine Stufe zum Einſteigen abgab. Kaum hatte der Flüchtling die Brüſtung erreicht, ſo hörte er aus einem anſtoßenden vordern Zimmer männliche Stimmen ſprechen ——x — 447 und lachen. Er ſchlich durch die Stube nach der Verbin⸗ dungsthüre, und erkannte Garzweiler's Ton. Er erſchrak. Seine Flucht hatte ihn von einem erklärten Verfolger zu einem heimlichen geführt. Er hing gleichſam zwiſchen Thüre und Angel, und konnte nicht anders, als vorwärts oder zurück.— Eine Lichtritze in der Thüre verrieth ihm einen Schieber, den er, als die Sprechenden lauter wur⸗ den, ein wenig zu heben wagte. Da erblickte er nun wirklich Garzweilern mit einigen Kapuzinern um eine ge⸗ deckte Tafel, von einer ab- und zugehenden alten Magd bedient. Während die aufgeregten Patres ſich noch wacker an die Flaſchen hielten, hatte Garzweiler aus einem Wandſchränkchen Briefe herbeigebracht, über welche eben die lebhafte Unterhaltung ging, und die er nach den laut verleſenen Adreſſen den einzelnen Mönchen zutheilte. Sie waren an Pfarrer oder Amtsvögte des beſetzten Rhein⸗ landes gerichtet, und wurden von den jovialen Mönchen mit etwas derben Scherzen über dort ſtationirte Freiheits⸗ prediger in Empfang genommen. Aber wie erſtaunte der geſpannte Freund, als Garzweiler einem ältlichen ſtillen Pater ein Schreiben an einen preußiſchen Kriegscommiſſar übergab! Es mochte nicht der erſte Brief ſein; denn man ſprach von dem Commiſſar wie von einer bekannten Per⸗ ſon.— Ihr trefft ihn vielleicht nicht in Wiesbaden, Pater Florian, bemerkte Garzweiler. Die Preußen leiden im naſſauer Gebirge großen Mangel, und der Commiſſar iſt oft unterwegs— in Wickert, Maſſenheim, Telkenheim, Erbenheim und wo ſie ſonſt Kantonirungsquartiere bezo⸗ gen haben. Wäre er vielleicht nach Frankfurt, woher das Hungerleidervolk jetzt die beſte Fütterung bezieht: ſo dürft 10* 448 Ihr den Brief ja nicht in andere Hände geben. Nur der Commiſſar iſt im Vertrauen des Generals von Schoͤnfeld. Ihr nehmt auch den Weg nicht über die Brücke nach Wiesbaden, ſondern laßt Euch bei Mombach oder Buden⸗ heim überſetzen. Wir müſſen auf unſerer Hut ſein: das Ohnehoſengezücht wird mit jedem Tag argwöhniſcher, und könnte unvermuthet einmal die terminirenden Kapuziner ſchärfer ins Auge faſſen. Der Himmel und der Kurfürſt wird uns ja die harten Umwege und frommen Mienen belohnen, womit wir uns in jetziger Noth zwiſchen Jako⸗ binern und Proteſtanten zum Sieg der guten Sache durcharbeiten müſſen. Während dieſer mit bedeutſamen Geſten geſprochenen und vom Pater Florian abwechſelnd mit Nicken und Ach⸗ ſelzucken vernommenen Rede hatte Letzterer den Brief in einer, unter der langzipfligen Kapuze angebrachten gehei⸗ men Taſche verwahrt, und leerte das Glas auf gut Glück ſeiner Botſchaft. Dieſe Vorgänge und die dazwiſchen fallenden Aeuße⸗ rungen ließen dem lauſchenden Freunde keinen Zweifel über eine geheime Correſpondenz, die Garzweiler mit den Preußen unterhielt. Wie war er verwundert, dieſen Mann, den er in ſo verſchiedenen Wandlungen geſehen, unvermuthet auf ſeinem eigenen Wege zur deutſchen Sache zu finden! Frau Böhmer hatte ihn aber auch für den beſten Spion der Franzoſen erklärt: welcher Partei diente er nun, und welche verrieth er? Der Baron hatte nicht Zeit dieſer Frage nachzudenken, indem er vom Garten her die heftige Stimme eines Man⸗ nes vernahm, und im Schein einer Laterne einige Fran⸗ 149 zoſen erblickte, die von der Wohnung der Kartenſchlägerin her ſeiner Spur folgend ſich ſchon dem Hauſe näherten. Er eilte in die Hausflur, um wo möglich durch die Haus⸗ thüre zu entkommen. Doch im Augenblicke ſtampften Gewehre auf die Treppe und der Thürklopfer ſchlug hart an. Franz Karl ſchlüpfte in die Stube zurück, als die Andern eben in den Hof drangen, und er ſo von hinten und vorn abgeſchnitten war. Durch den Schieber erblickte er die Mönche aufgeſtanden und in höchſter Unruhe hin und wieder rennen. Garzweiler hatte ein Fenſter und den Laden geöffnet, um hinauszublicken, und wendete ſich eben mit den ängſtlichen Worten ſeinen Gäſten zu: Fran⸗ zoſen ſind an der Thüre! Franzoſen! Sind wir verrathen? Einer der Möͤnche, um zu entfliehen, riß die Thüre, hinter welcher Franz Karl ſtand, auf, und prallte vor der Erſcheinung des Barons ſo heftig gegen Pater Florian zurück, daß der alte Mönch wider den Tiſch geworfen wurde; wodurch Gläſer und Flaſchen zuſammenklingend umſtürzten und ſich ausleerten.— Ruhig, ruhig, es gilt mir! rief der Freund. Man verfolgt mich, ſetzt mir durch den Garten nach. Retten Sie mich, Pater Garzweiler, verſtecken Sie mich! Und als er des Paters auskunftfrohes, achſelzuckendes Aufathmen bemerkte, ſetzte er gleich mit Entſchloſſenheit hinzu: Zögern Sie nicht! Wenn man mich findet, ſo laſſ' ich auf der Stelle auch den Brief unter des Paters Ka⸗ puze finden. Ich habe Alles gehört! Aber jetzt war an Garzweiler Schreck und Angſt. Er zitterte, rannte hin und wieder, und rieb die kalte Stirne, als ob er aus den ſchweren Beſinnungsfalten einen Rettungsgedanken raſpeln wollte. Dazwiſchen klopfte es immer heftiger an die Haus⸗ und Hofthüre, und die unbemerkt gebliebene alte Magd fragte immer dringender, ob ſie öffnen ſolle. Nein, nein! ſchrie gedämpften Tons Garzweiler, und ſtürzte im Aerger ſeiner Verlegenheit mit einem Schimpf⸗ namen und zwei Fäuſten auf die alte zitternde Perſon los. Sie haben den Kopf verloren, Pater! ſchalt Franz Karl, dem die Gefahr einen beſonnenen Muth gab. Oeffnen Sie ſelbſt die Hausthüre, und locken die Solda⸗ ten herein, derweile ſpringe ich hier durchs Fenſter. Schon ſtand er auf einem hingeſchwungenen Stuhl, hakte den Mantel am Halſe feſt und zog ſeinen Degen. — Garzweiler war hinausgeeilt, und öffnete die Thüre mit höflicher, dringender Einladung.— So wie der Ba⸗ ron das Eindringen der Soldaten hörte, wand er ſich durch das Fenſter, und ſprang auf die Straße hinab. Zufällig war ein Soldat noch nicht eingetreten, bemerkte den Sprung und drang mit gefälltem Gewehr auf den Flüchtling ein, der zwiſchen zwei Pflaſterſteinen den Fuß verſtaucht hatte. Mit gewandter Kraft wehrte der Freund das Gewehr ab, und ſtieß mit Heftigkeit den Soldaten in die Schulter, daß er zu Boden taumelte. Mit gezogenem Degen, ſeines Schmerzes nicht achtend, hinkte er fort über den Mitternachtplatz in die nach dem Flachsmarkte hin dunkeln und verſchlungenen Gäßchen. Leiſe Schritte, die er hinter ſich vernahm, mußten ihn nur immer ängſtlicher vorwärts treiben. Neunzehntes Kapitel. Was den Baron glücklich gerettet hatte, der Sturz des blutenden Soldaten, brachte nun Garzweilern in die Klemme. Denn der Getroffene, eigentlich nur von dem heftigen Stoße niedergeworfen, und durch das Lederband der Pa⸗ trontaſche nur leicht verwundet, hatte ſich bald aufgerafft, und ſeine Ausſage über die Flucht brachte den inzwiſchen aus dem Hof eingelaſſenen Adjutanten Cardinet in über⸗ eilte Wuth. Er befahl Alles im Hauſe zu arretiren.— Hier gehen nächtliche Verſammlungen vor, und man be⸗ günſtigt die Feinde der Republik! rief er mit drohender Geberde.— Worauf Garzweiler, der ſeine Beſonnenheit wiedergefunden hatte, mit lächelnder Ruhe verſetzte: Sie ſehen an dieſen leeren Flaſchen, Bürger⸗Adjutant, gegen welchen Feind wir verſchworen waren, und an die⸗ ſen Fiſchgräten, mit welcher Wuth wir Politik getrieben. Nein, nein! mein Freund, wir haben den Namenstag des Pater Thomas gefeiert; es iſt heut der 21. December, wie Sie wiſſen. Möge Sie dieſer Tages⸗Heilige mit et⸗ was von ſeiner berühmten Ungläubigkeit ſegnen! Warum hat man uns aber nicht gleich geöffnet? fragte Cardinet. Wir ſchämten uns, auf ſolchem Schlachtfelde ge⸗ funden zu werden, antwortete Garzweiler, da es heut 4⁵² Freitag, mithin Faſttag iſt, und wollten ſchnell ein we⸗ nig aufräumen; doch wie Sie ſehen, iſt es uns ſchlecht gelungen! Aber der Wallbrun war auch hier? Wie geht das zu? Machen Sie nicht eben Jagd auf ihn? Sie haben uns den Haſen zugetrieben. Und ich habe ihn nicht ein— mal geſehen. Woher iſt er denn gekommen, Pater Tho⸗ mas, während ich die Hausthüre öffnete? Etwas verdutzt, weil er nicht Thomas hieß, verſetzte der angeredete Mönch: Hier durch die Thüre iſt er hereingekommen. Mir gilt's, mir gilt's! rief er, und ſprang durch das Fenſter. Dann werden wir auch ſeine Spur finden! Kommen b Sie, Bürger Cardinet! Mit dieſen Worten ergriff Garzweiler ein Licht und öffnete die Seitenthüre. Hier, wo der Baron hinter dem Schieber geſtanden, unter dem Fenſter, durch das er her⸗ eingekommen, und auf dem Fäßchen im Hofe lagen die Sandſpuren ſeiner feuchten Sohlen. Dieſer Augenſchein war zu überzeugend für Cardinet, zumal er auch am be⸗ ſten wußte, woher der Baron gekommen, und wie lange er höchſtens im Hauſe war. Ja wohl, Bürger Cardinet, ſagte der Pater mit an⸗ genommenem Bedauern. Es iſt uns Beiden ein gutes Wild entgangen. Sie kennen mich ja. Ich hätte wiſſen ſollen, daß es in mein Gehege käme! Wäre ich wenig⸗ ſtens nur im Zimmer geweſen! Und mit vertraulichen Winken flüſterte er ihm ins Ohr: 4⁵³3 Die Patres da konnten ihn nicht feſthalten: die wiſſen von nichts. Sie ſehen, wie ganz perplex ſie da⸗ ſtehen! Darauf lud er die Franzoſen ſehr artig zu Tiſche, ließ friſch auftragen, was noch zu haben oder ſchnell zu bereiten war, und mahnte die Kapuziner, ſeine Gäſte be⸗ dienen zu helfen. Sie folgten ſeinem Wink in die Küche, wo er ihnen ſchnell die Briefe wieder abnahm, und ge⸗ füllte Flaſchen übergab. Die Soldaten ließen ſich den guten Wein ſchmecken, und als ſie munter wurden, muß⸗ ten ſich die Kapuziner zu ihnen ſetzen. Dieſe, durch den Schreck wieder nüchtern geworden, hielten ſich zum zwei⸗ tenmal tapfer. Mönche und Sansculotten, wunderlich verbrüdert, ſchenkten einander fleißig ein, und umarmten ſich in berauſchendem Einverſtändniſſe. Ein gebrochenes Deutſch, ein zerhacktes Franzöſiſch taumelte von den lal⸗ lenden Zungen. Der Franzoſe zupfte zuweilen den Kapu⸗ ziner am Bart, und dieſer erlaubte ſich, den Soldaten am Zopfe zu ſchütteln. In dieſer Vertraulichkeit von hinten und vorn fanden ſie die längſte Nacht des heiligen Thomas lang genug, um keinen Zweifel übrig zu laſſen, daß Möͤnch und Sansculotte gegen Morgen ſo beſoffen waren, wie man es nur immer auf dem rechten und lin⸗ ken Rheinufer werden kann.—— Der Baron Franz Karl hatte doch nicht gar weit laufen können, ohne ſich von dem Schmerz am Fuße und der inneren Bewegung erſchöpft zu fühlen. Er blickte nach den Schritten um, die er hinter ſich hörte, und da er eine weibliche Geſtalt unterſchied, blieb er vor dem Kloſter der welſchen Nonnen ſtehen, und betrat die kleine gewölbte Eintrittshalle, um ſich auf einer Steinbank un⸗ ter dem Schellenzuge niederzulaſſen. Die Geſtalt näherte ſich ſchüchtern, und auf ſein Anrufen trat Dorothea zu ihm. Ihre Erſcheinung brachte für den verlaſſenen Freund etwas Erquickendes mit ſich. Er fragte nach dem Ver⸗ lauf der Geſchichte im Hauſe. Dorothea war aus ihrer Ohnmacht bald wieder zu ſich gekommen und hatte ſich, um dem Zorne Cardinet's zu entgehen und den Ausgang ihres Rettungsverſuches zu beobachten, auf dem Boden ihrer Wohnung verſteckt gehalten, bis des Flüchtlings Spur gefunden war. Nun von neuer Beſorgniß getrie⸗ ben, hatte ſie ſich durch die Bauerngaſſe nach dem Mit⸗ ternachtplatze geſchlichen, und war dem entſprungenen Ba⸗ ron durch die Gäßchen gefolgt. Franz Karl von ihrer athemloſen Anhänglichkeit ge⸗ rührt, faßte mit freundlichem Dank ihre Hand, und zog ſie neben ſich auf den Sitz. Dorothea, von Froſt oder Herzklopfen bebend, ſchmiegte ſich ihm mit einer In⸗ nigkeit an, die ihn an Frau Böhmer's neckende Worte und an Dorothea's beſchämtes Eingeſtändniß ihrer Schwär⸗ merei erinnern mußte. Der ängſtliche Athem des Mäd⸗ chens, das blaſſe, ſeelenvolle Geſicht, das im matten Strahl des vor einem Muttergottesbilde brennenden Lich⸗ tes zu ihm aufdämmerte, bewegten ihn wunderbar in der Ermüdung und Stimmung dieſer wechſelvollen Stunde.— Was haſt du, gutes Dorchen? fragte er nach einer ſtum⸗ men, empfindſamen Weile. Du weinſt ja?— Und da⸗ bei ſtrich er mit ſanfter Hand über Stirn' und Wange des Mädchens. Ich bin ſo froh, Eure Gnaden! war die ängſtliche Antwort. Wie nach einem guten Gelingen, nicht wahr? ſagte er. Du haſt mir auch einen großen Dienſt erwieſen: daß ich jetzt frei bin, danke ich deinem klugen Herzen. Ach, könnte ich Ihnen immer dienen! ſeufzete Dorchen. Doch, ich verlange zu viel: ſeine Sünden büßt man nicht im Himmel ab! Biſt du denn eine ſo arge Sünderin? Geh', gutes Kind, und beruhige dich mit dem Troſte, der in der Bibel ſteht: Du haſt viel geliebt, d'rum wird dir viel vergeben. Ach nein! Erſt jetzt weiß ich, wie man liebt, und darum ſchmerzt mich Eines ſo, was ich Ihnen nicht ſagen kann. Und doch mußt du mir's ſagen! erklärte Franz Karl. Auch iſt es ja ein geweihter Ort; nimm dieſes kleine Kreuzgewölbe für einen Beichtſtuhl und ich bin ein mil⸗ der Pater. Nach einigem Zögern flüſterte Dorothea: Ach, ich habe Ihr edles Bild verletzt, wo ich unter mancher Sünde an Sie dachte. Und mit dieſem allerſonderbarſten Liebesbekenntniß glitt das unglückliche Geſchöpf weinend an ihm nieder— tief und tiefer bis zu ſeinem Fuß, den ſie küßte, wie einſt ihre Mutter Garzweiler's Fuß geküßt hatte. Den Freund überſchauerte dieſe Berührung der Demuth; er faßte, Dorothea aufzurichten, ihre Hand.— Ja, jal rief ſie, ſeine Hand an ihre heißen Lippen gepreßt,— Sie allein können mich aufrichten. Als Sie in der hellen, warmen * 4156 Stube vor mir ſtanden, nicht wie andere Männer zu⸗ dringlich, ſondern mit ſo reinem, wohlthuendem Blick auf mich ſahen, da empfand ich zuerſt, was ein edler Mann iſt. Und da war's, als ob in meinem Herzen ein heißer Quell aufſpränge und füllte meine ganze Bruſt mit Schmerz und Reue aus, bis herauf an die Augen. Und da rief etwas in mir: Jetzt, Dorothea, iſt es Zeit, dei⸗ nen Weg zu verlaſſen! Das Schöne und Cdle iſt dir erſchienen,— ergreif's, ſtatt der Hand deines Schutz⸗ engels, der dich verlaſſen hat.——— Helfen Sie mir nun auch! Ich gehe nicht wieder zu meiner Mutter. Ich will dienen und demüthig ſein. Ich habe einen ſchönen, großen Ablaß gewonnen, als ich zu Ihrer Rettung das Licht löſchte, das ſo manchmal über meiner Schmach und Erniedrigung erloſchen iſt. Während Dorothea ſtill vor ſich hinweinte, überlegte der Freund, was er für ſie thun könne. Seine Schwe⸗ ſter Cäcilie fiel ihm ein, welche in der Kürze nach Straß⸗ burg reiſen ſollte, wo Frau Forſter eine Zuflucht für ſie beſorgt, und nur die letzte Nachricht über die fertige Ein⸗ richtung und ihre eigene Abreiſe in die Schweiz zu geben hatte. Franz Karl fühlte die Lage des Mädchens mit einem für ihn ganz neuen Mitleid, und was ihn auf das wunderſamſte bewegte, war der ſo leicht zu mißdeutende Drang Dorothea's, gerade vor dem ſchwärmeriſch geliebten Manne ihre beſchämende Schuld und Schmach zu bekennen. —— CEr ſagte ihr einige milde und verſprechende Worte, erhob ſich, als es eben von der nahen Emmeranskirche Neun ſchlug, und ließ ſich, auf ihre Schultern geſtützt und ſei⸗ nen Mantel um ſie geſchlagen, weiter führen. Nach Hauſe 4⁵7⁷ durfte er nicht gehen, um dort nicht von den Franzoſen aufgegriffen zu werden. Er dachte an Forſter, und als er Licht auf des Freundes Stube ſah, kehrte er ein. Er traf ihn unter guter Vorbedeutung, nämlich über Briefen von ſeiner Thereſe. Ein Beiſchluß an ihn ſelbſt war das Gaſtgeſchenk, womit Forſter den Baron aufs herzlichſte bewillkommnete. Zwanzigſtes Kapitel. Als der Baron ſein Abenteuer erzählt und für ſich und Dorothea eine vorläufige Zuflucht beſprochen hatte, wurde der leidende Fuß in Behandlung genommen. Ein hei⸗ teres Geſpräch knüpfte ſich an; doch lag das Erlebniß des Abends dem Baron zu nahe, um nicht ſeine politiſche Unzufriedenheit mit einzumiſchen. Er beklagte die zuneh⸗ mende Willkür leidenſchaftlicher und exaltirter Clubiſten, die ſelbſt den Franzoſen die Köpfe toll machten, und die Lage der Dinge immer tiefer verwirrten.— Dieſe Nar⸗ ren ſind auch ſchuld, ſagte er, daß die Municipalität ihre Polizeigewalt mit der Militairbehörde theilen muß. Nur ſo konnte das geſtrige Aergerniß vorfallen, daß man einen mainzer Bürger aus dem Weinhauſe nach dem Stadtgericht ſchleppte, und mit 25 Stockprügeln mißhan⸗ delte. Und wofür? Daß er auf die Geſundheit des Kai⸗ ſers und des Königs von Preußen getrunken hat! 15⁵8 Auch Forſter mißbilligte eine ſolche Härte gegen eine bloße Unklugheit. Nicht einmal Unklugheit iſt es zu nennen! rief der Baron. In einem wahrhaft freien Staat kann's eine ſolche Unklugheit nicht geben. Jener Bürger ſetzte ſeinen Trinkſpruch nur den Schimpfreden gegen Preußen und Oeſtreich entgegen, womit ein elender Burſche alle Gäſte gereizt hatte. Bringt es aber die öffentliche Freiheit mit ſich, daß man über Potentaten ſchimpfen darf: ſo muß es auch erlaubt ſein, auf ihre Geſundheit zu trinken. Forſter hoffte von den erwarteten Commiſſaren des National⸗Convents eine Umgeſtaltung des Clubs und einen beſſeren Geiſt dieſer Geſellſchaft.— Die Stadt verdirbt übrigens auch Manches, ſagte er; indem die Lauigkeit der Einwohner die Eiferer aufregt. Auf dem Lande, von Speier bis Bingen, herrſcht ein lebhafterer Sinn, und alle Stimmen erklären ſich für die Einverleibung mit Frankreich und für die Annahme der franzöſiſchen Ver⸗ faſſung. Und das, mein lieber Freund, iſt auch der ein⸗ zige Weg, die Ruhe von Europa wiederherzuſtellen. Oder wird man jenſeit des Rheins ernſtlich darauf denken, die Menſchen, die ſich freiwillig trennen, wieder mit Gewalt an ſich zu reißen: Solche Aeußerungen konnten freilich dem jungen Freunde nur den Zwieſpalt ihrer beiderſeitigen Anſichten und Stellung wieder lebhaft in die Seele rufen, und er ſchwieg. Aber auch Forſter ſchien Manches auf dem Her⸗ zen zu haben, was ihn drückte. Er klagte über ſeine Einſamkeit und über die Laſt der ihm auferlegten Arbei⸗ ten.— Ich mache mir nichts daraus, ſagte er, mich ganz 88 ———— 0b +———ͤ— 1⁵9 aufzuopfern: nur möchte ich, daß es ſich auch der Mühe lohnte, und ich etwas damit für die Anderen erwerben könnte; ſonſt iſt bei Gott! das Leben, das ich jetzt führe, nicht der Mühe werth, ſich einen Augenblick zu beſinnen, ob man es hingeben ſolle oder nicht. Wahrlich! jetzt, da Sie unter meinem Dache ſind, theuerſter Freund, könnte ich alle Laternen in Mainz mit mir herumtra⸗ gen, ohne einen Menſchen zu finden. Und eben darum, weil ihnen ſelbſt Alles fehlt, wiſſen ſie von keinem Man⸗ gel. Kein Funke von Willen und Entſchiedenheit, keine Kraft, keine Thätigkeit, keine Vernunft, keine Kenntniſſe, kein Gefühl, keine Zuneigung. In dieſer gänzlich iſolirten Lage thue ich Alles, was ich kann, ohne Hoffnung, etwas Weſentliches zu wirken. Soll ich die Wahrheit bekennen? Ich mache jetzt ſonderbare Betrachtungen über mein Schick⸗ ſal und über das Loos der Menſchen überhaupt, und finde, daß meine Thereſe Recht hat, wenn ſie ſo oft be⸗ hauptete, nur die breiweichen Menſchen kämen fort, und fänden Freude. Auch der freie Republikaner hat die Wahl nicht, von Menſchen, von ihren Privatabſichten und Leidenſchaften und dem daraus erwachſenden Partei⸗ geiſt unabhängig zu bleiben, bei Strafe, ſich von allen Seiten beengt und eingeſchränkt zu ſehen. Ich hange dem General nicht an, nicht den Kriegscommiſſaren, nicht dem Präſidenten der Adminiſtration; aber ich arbeite unaus⸗ geſetzt und merke wohl, daß man dieſe Art von Unbe⸗ ſtechlichkeit mehr fürchtet als ehrt, mithin ſich zwar mei⸗ nen guten Willen zu nutze macht, aber weiter keinen Theil an mir nimmt, weil ich dem Eigennutz all' dieſer Menſchen nicht diene. 160 Franz Karl hörte dem Freunde ſtillſchweigend, aber nicht ohne innige Theilnahme zu, und Forſter, der lange kein ſo herzliches Stündchen gehabt hatte, überließ ſich ſeinem aufgeregten Gefühl. Was ihn am ſchmerzlichſten berührt zu haben ſchien, war, unter ſo viel öffentlichen Stimmen in Deutſchland, die ſein Benehmen verurtheil⸗ ten, ein Brief ſeines Schwiegervaters Heyne aus Göttin⸗ gen, der ihm Undank gegen den Kurfürſten vorwarf. — Undank rief er lebhaft aus. War der Kurfürſt recht⸗ mäßiger Herr über das, was er vergab? Gab er nicht Volkseigenthum weg? Und ſeit wann muß denn der Vortheil eines Einzelnen dem Wohl vieler Tauſende vorgehen? Und endlich, kann denn ich hindern, was ge⸗ ſchieht, und iſt er denn der Menſch, der mich entſchädigt hätte, wenn ich von hier weggegangen wäre? Nicht ein⸗ mal zu gedenken, wie niederträchtig ich mich dadurch ge⸗ macht hätte. Papa Heyne ſpricht immer nur davon, daß man ſehen müſſe, wie man auskomme; immer ſoll man nur für ſich handeln und nicht bedenken, ob man ein Vaterland habe oder nicht. Dieſe reine edle Ueberzeugung, die ſich in Forſter's Klagen ausſprach, verſöhnte den jungen Baron immer wieder mit einer Richtung, die er nicht billigte oder viel⸗ mehr mit dem Freunde, der von einer ſo hohen Geſin⸗ nung geleitet wurde. 3 Es war tief in der Nacht, als Forſter ſeinen Gaſt in ein ſtilles hinteres Zimmer brachte, und ihm mit einer Umarmung gut' Nacht wünſchte. 4 Den folgenden Tag mußte der Baron ſeines leidenden Fußes warten, und richtete ſich mit der Pflege deſſelben ——— 1 I ſt T 461 auf dem Sopha zum Leſen und Schreiben ein. Doro⸗ thea bediente ihn mit der anmuthigſten Aufmerkſamkeit, wobei ſie ſich anſtändig und beſcheiden benahm, wie es der Freund kaum erwartet hatte. Denn eine bereute Ver⸗ gangenheit iſt noch keine überwundene, und was man im Lebenskreiſe der Unſitte annimmt, legt ſich nicht ſo leicht ab, als was man dort verliert. Nun aber mochte der Baron Dorothea im Stillen mit einem Vogel ver⸗ gleichen, der die Mauſer beſtanden hat, und ein neues glänzendes Gefieder ſetzt. Im Intereſſe der Beſtimmung, die er ihr zudachte, beobachtete er ſie ſchärfer, hieß ſie Manches thun und belauſchte durch kurze, flüchtige Un⸗ terhaltung ihre Denk⸗ und Sinnesart. Als er ſie darauf zum Dienſte bei ſeiner Schweſter vorzubereiten ſuchte, war es ihm lieb, daß ſie wenig von Cäcilien wußte. Er gab ihr kurze Andeutungen, der gnädigen Frau zu begegnen, da dieſelbe noch in der tiefſten Be⸗ trübniß über den frühen Verluſt eines theuern Gatten leider! etwas ungeduldig und nicht ergeben genug ſei. Dorothea gab die beſten Zuſagen, und Franz Karl machte das Uebrige von der Schweſter abhängig, der er ſie in den nächſten Tagen vorſtellen wollte. So ſtill es in Forſter's Wohnung um den verborge⸗ nen Flüchtling blieb: ſo drang doch etwas von den Be⸗ wegungen des Sonnabendsmarktes zu ihm hinauf; indem ihm Dorothea von den vielen Fichtenbäumchen erzählte, die heute ſchon auf nächſten Montag⸗Abend zur Chriſt⸗ beſcherung gekauft und vorübergetragen würden,— die Freiheitsbäumchen der Kinder, wie der Baron ſie nannte, mit Gaben des frommen Glaubens geſchmückt. Freund Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 11 162 Forſter trug ihm Neuigkeiten aus der Stadt zu, und theilte ihm nicht ohne Beſorgniß mit, welche Anordnun⸗ gen an den Thoren gegen die Flucht des Freundes ge⸗ troffen ſeien. Auch den Schiffern war verboten, den Ba⸗ ron überzuſetzen. Forſter vermuthete, daß dies Alles nur von Cardinet betrieben ſei, den man von Frau Böhmer begünſtigt wußte, und der ſeine Freundin im Verdacht eines Rendezvous mit dem Baron zu haben ſchien. For⸗ ſter war auf dieſe Frau überhaupt nicht gut zu ſprechen; der Baron aber meinte, nur aus übertriebener Liebe zu ihrem Mann, der Cuſtine's Civil⸗Adjutant ſei, begünſtige ſie alle Militair-Adjutanten des Generals.— Man über⸗ legte hin und her, was zu thun ſei, und Franz Karl ließ endlich den Schiffer Jean Baptiſt rufen, und entdeckte ſich ihm.— Mir iſt nichts verboten, ſagte der junge Mann, bei Franz Karl's Anblick erheitert. Man weiß, daß ich meine Fahrzeuge verkauft und mein Geſchäft auf⸗ gegeben habe. Doch was würde mich auch ein ſolches Verbot bekümmern, wenn es darum gilt, Ihnen zu die⸗ nen. Wieviel wird jetzt nicht verboten! und die Mainzer ſagen ſehr wahr: Verbot iſt wohlfeiler als Brot. Ja, ja, ich ſetze Sie mit meiner Privatgondel über. Das Ruder iſt mir immer noch ein liebes Möbel und ich werd' es in mein Wappen aufnehmen, wie der Wagnersſohn Willigis das Rad ins mainzer Wappen. Nur rathe ich Ihnen, am hellen Mittag überzuſetzen, wo man der Be⸗ wegungen auf dem Rhein am wenigſten achtet. Dahin wurde nun die Verabredung getroffen. Doch wollte Franz Karl die Stadt nicht verlaſſen, ohne Fides benachrichtigt, gewarnt und ihr Lebewohl geſagt zu haben. ch 163 Dieſer Brief beſchäftigte ihn des anderen Morgens in der Stille und Feierlichkeit des letzten, wettertrüben Advent⸗ ſonntags. Franz Karl meldete der geliebten Freundin von ſei⸗ nem Abenteuer ſoviel er für geeignet hielt, ſie auf die ihr drohende Verſuchung aufmerkſam zu machen. Die Feder, die einen zarten Ausdruck und bedeutenden Inhalt ſuchte, nöthigte den Baron, tiefer in ſich einzugehen. So traf die Warnung der Frau Böhmer, obgleich, wie es ſchien, aus bloßer Eiferſucht gegeben, doch eine Stelle in ſeinem Herzen, wo ſie Boden fand. Er mußte ſich eingeſtehen, daß nur um ſeinetwillen Fides den ſchmäh⸗ lichen Angriffen eines verwegenen Soldaten ausgeſetzt ſei, daß ſie von dem feindſeligen Garzweiler mißbraucht werde, nur um ihn ſelbſt zu kränken oder in gefährlichen Streit mit den feindlichen Offizier zu verwickeln. Er begriff die wunderbare Fügung, daß die Gefahr, die er in ahnungs⸗ voller Stunde für die Geliebte befürchtet hatte, von ihm ſelbſt herbeigeführt werden ſollte, und faßte eine unbe⸗ ſtimmte Angſt vor allem Thun und Laſſen in einer ſo unſeligen, verhängnißvollen Zeit. Dieſer Vorwurf, den er ſich zu machen hatte, und die Sorge um die Ruhe der edeln Fides ſtimmten ihn während des Schreibens ſo ängſtlich und in dieſer Aengſtlichkeit ſo zärtlich und ſchwär⸗ meriſch, daß eine tiefe Neigung, eine hoffende Liebe, eine hohe Leidenſchaft ſich in jedem Worte verriethen, und am wenigſten einem gleichgeſtimmten Herzen verborgen bleiben konnten. Der Freund vergaß ſeiner bisher ſo enthaltſa⸗ men Vorſätze dergeſtalt, daß ihm unvermerkt die Geſchichte jenes dämmerigen Abends und des vorbedeutſamen Gold⸗ 11* lacks aus dem Herzen in die träumeriſchen Zeilen ſeines Briefes floſſen. Ja, als er ſich verkleidet am Spätabend über den Thiermarkt nach Hauſe wagte, um Anordnun⸗ gen für ſeine Abweſenheit zu treffen, brachte er ſein Mähr⸗ chen mit zurück, und fügte es dem Briefe bei. So ſeltſam wird oft der unentſchloſſene Menſch ſeiner Zukunft entgegengeführt! Und Franz Karl ahnete nicht, wie viel ſchneller er in ſeinem ängſtlichen Verſteck vor⸗ wärts gekommen war, als mit all' ſeinen bisherigen Gän⸗ gen nach der Umbach. Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Brief war abgeſchickt, und Franz Karl rüſtete ſich mit Anbruche des Montags zu ſeiner Flucht. Ein fernes dumpfes Kanoniren eröffnete den Tag, und Forſter, der auf Erkundigung auslief, brachte die Vermuthung zurück, daß die Preußen mit der angedrohten Beſchießung der Veſte Königſtein begonnen hätten. Die fangen ſchon mit dem dämmerigen Morgen ihre Chriſtbeſcherung an! ſagte Forſter. Die Bewegung, die hierdurch in die Stadt kam, war den Freunden ganz erwünſcht, indem dieſelbe die Auf⸗ merkſamkeit der Franzoſen und Clubiſten von dem Baron, wenn er nach dem Rhein hinabginge, abzuziehen ver⸗ ſprach. Aber gegen Mittag regte ein neuer Lärm die 46⁵ Stadt noch mehr auf. Generalmarſch wurde geſchlagen, und brachte Soldaten und Bürger auf die Beine. Im erſten Augenblicke glaubte man, die verbündete öſtreichiſch⸗ preußiſche Armee rücke gegen die Stadt vor, und Angſt und Jubel zugleich gaben die entzweite Geſinnung der Ein⸗ wohner kund. Man beſtärkte ſich in dieſer Vermuthung, als alle Bataillone mit Waffen und Torniſtern, klingen⸗ den Spiels, vom Thiermarkt über die Bleich nach dem Schloßplatze zogen, und die Munitions⸗ und Bagage⸗ wagen mit voller Beſpannung folgten. Auch hörte man, daß ſchon früher eine Abtheilung Küraſſiere und Jäger zu Pferd auf der Straße nach Worms vorgerückt ſeien. Noch hatte ſich hinter den Truppen her das Gedränge der Menſchen nicht verlaufen, als Forſter aus der Stadt kam und den Baron auffoderte, nach dem Rhein zu eilen. — Vom Schloß bis ans Neuthor wird ein Spalier ge⸗ zogen, ſagte er, ſo daß Sie ſpäter vom Fluß abgeſchnit⸗ ten ſind.— Und als ihn der Baron betroffen anſah, ſetzte er lachend hinzu: Es gilt Ihnen nicht, lieber Freund, es gilt nicht den Fang eines flüchtigen Barons, ſondern dem Empfang der Commiſſare des National⸗Convents, die denn endlich über Straßburg kommen, und in ein paar Stunden hier eintreffen. Den Commiſſaren, die das linke Rheinufer der fran⸗ zöſiſchen Republik einzuverleiben kommen? rief der junge Freund lebhaft. Seltſame Fügung, daß ich in derſelben Stunde Mainz verlaſſen muß! Ja, nun iſt die Flucht keine Schmach mehr! Ich eile auf die deutſche Seite, wo mein friedliches Beſitzthum liegt. Dennoch geht der Bruch 1 166 durch mein Herz, daß dieſe goldene Arabeske des linken Rheinufers aus dem kaiſerlichen Schmucke Deutſchlands gebrochen wird. Ein Edelſtein fällt dabei aus der Faſſung über den Rhein hinüber! rief Forſter, und umarmte den jungen Freund. Leider ſitzt der größere, koſtbarere Juwel zu feſt! ſeuf⸗ zete Franz Karl, und preßte ſein Geſicht hart an Forſter's Bruſt. Dooch es war keine Zeit zu verlieren, und Franz Karl im weiten Bürgerrock drückte einen großen Schlapphut in die Stirne und ergriff einen Schreinermaßſtab als Stock. So folgte er Forſtern in die kleine Langgaſſe, wo er Fi⸗ des zuerſt begegnet war, und warf an der Ecke der krum⸗ men Steingaſſe einen Abſchiedsblick nach ihrer Wohnung. Der bewegte junge Freund nahm es für eine gute Vor⸗ bedeutung, daß die Geliebte, wahrſcheinlich nach den öf⸗ fentlichen Vorgängen ausſchauend, eben herüberſah. Was hätte er darum gegeben, zu wiſſen, ob ſie ihn auch er⸗ kannt, als er ſeinen Schlapphut grüßend geſchwenkt hatte. Als ſie ohne Anfechtung die beſprochene Abfahrtsſtelle erreichten, ſteuerte ſchon Jean Baptiſt mit ſeiner Gondel heran. Auf der Martinsburg wehte eine große dreifarbige Fahne; denn Cuſtine hatte den National⸗Deputirten ſeine Zimmer als Ehrenwohnung eingeräumt.— Und was werden es für Burſche ſein, die dieſen Kurfürſtenſitz be⸗ ziehen? ſagte der Baron. Wir werden ſehen! erwiderte Forſter. Von Rewbell weiß ich, daß er General⸗Syndikus zu Kolmar war; 467 Hausmann iſt ebenfalls von dort, und wie ſich Merlin von Thionville, der Sohn eines Bierbrauers, mit den mainzer Weinfäſſern vertragen wird, muß ſich bald zeigen. Jean Baptiſt hatte angelegt, und der Baron mit kur⸗ zem ſtummen Abſchied von Forſter ſprang in die Gondel. Hinter ihm wirbelten die franzöſiſchen Trommeln, vor ihm rollten dumpfe Kanonenſchläge der Preußen vom Taunus herab. Welche Zukunſt lag zwiſchen dieſen kriegeriſchen Signalen? Es war jetzt die Sonnenwende des Win⸗ ters: welche Verhängniſſe ſollten die zunehmenden Tage bringen? Unter dieſer Betrachtung ſchwamm das Boot ſchräg hinüber nach der Uferſtelle, wo auf dem Wege nach Biebrich ein beſtellter Hauderer mit einer Kaleſche hielt. Hier, nachdem er den Anzug gewechſelt und die aus⸗ gezogenen Stücke an Jean Baptiſt zurückgegeben hatte, fuhr er guten Trabs die Straße entlang. Das bisherige Regengewölk zog langſamer und ſchien ſich zu heben; die Luft war rauher geworden: der Winter bereitete ſeinen Einzug. Doch diesmal hing der Freund weniger der Naturbetrachtung nach, obſchon er das linke Wagenleder zurückgeſchlagen hatte, um den Fluß, der ihn fortwährend begleitete, im Auge zu haben. Der Freund ſah ihn mehr als einen mit ſeiner eigenen trüben Stimmung ſympathi⸗ firenden Grenzwächter zweier feindſeligen Ufer an.— Wie entzweit ſchlagen nicht ſeit dem unglücklichen October hüben und drüben die deutſchen Herzen, die ſonſt ein und der⸗ ſelbe Kurmantel umfaßte! dachte er. Wie verwirren ſich hier und dort die Meinungen, verhetzen ſich die Beſtre⸗ 168 bungen der Menſchen! Hier am rechten Ufer klammert man ſich gegen die fränkiſchen Neuerungen an das alte Vaterland, und haßt, was dort am linken Ufer ſich Patriot nennt. Wie lange wird es dauern, ſo ſchla⸗ gen von beiden Ufern feindſelige Bayonnette auf einander an, die der Strom auseinanderhält, und ſpeien Geſchütze hin und wieder, denen das breite Gewäſſer nicht wehren kann. Zum Glück darf ich ſelbſt, der ich drüben ein verfolgter Bürger und Flüchtling bin, mich hier als ge⸗ treuen Baron froh und geborgen fühlen. Wie freue ich mich, daß mein liebſter Beſitz auf der Seite liegt, wo mein Herz mit ſich ſelbſt einig iſt. Und was meine po⸗ litiſchen Ueberzeugungen angeht, ſo glaube ich am rechten Ufer auch des rechten Glaubens zu leben. Unter dieſen und ähnlichen Betrachtungen erreichte er Hattenheim, und ſah ſchon etwas weiter unten ſein ſchö⸗ nes Beſitzthum liegen. In Hattenheim wollte er in eini⸗ gen Tagen Jean Baptiſt und Dorothea finden, um Cä⸗ eilien mit dem jungen Mann auszuſöhnen und ihr die künftige Dienerin vorzuſtellen. Um wegen Beider Beſtel⸗ lungen zu machen, ließ er am bekannten Wirthshauſe halten. Als er das rechtſeitige Wagenleder zurückſchlug, trat eben der ſtattliche Wirth in die Thüre, und zog die Mütze; ſobald er aber den Baron erkannte, eilte er er⸗ ſchrocken ins Haus zurück und rief der Tochter. Auch Sabina trat auffallend verzagt heran, ſie, die ſonſt ſo geſchäftig dem Baron entgegengekommen war, und ſich von ſeinem Gruß als„liebe Nachbarin“ oder„ſchöne Spanierin“ ſo geſchmeichelt gefühlt hatte. Sie hörte zer⸗ ſtreut, während ſie verlegen an ihren dunkelglänzenden 469 Flechten ordnete, des Barons Beſtellung an, und warf dabei einen verſtohlenen Blick der großen ſchwarzen Au⸗ gen nach den obern Fenſtern des Hauſes. Franz Karl, von dem Benehmen befremdet, bog ſich über den Schlag, um auch hinauf zu ſchauen, und wie er hinter den Scheiben einen preußiſchen Offtzier erblickte, fragte er, ob es Einquartierung ſei.— Ach! nun hat der Major Sie geſehen! antwortete Sabine ängſtlich.—— Eilen Sie fort! Der Major commandirt hier, und—— hat Sie auf der Liſte der Patrioten. Er paßt Ihnen auf! Sie zögerte noch mehr zu ſagen; ja, ſie erſchrak, ſo viel verrathen zu haben, und eilte, wie ſie das obere Fenſter knarren hörte, ohne Gruß ins Haus zurück. Der Kutſcher fuhr weiter, hatte aber kaum das Dorf verlaſſen, als der Freund ein Alarmzeichen vom Wirths⸗ hauſe her vernahm. Er ließ raſch zufahren,— an der Mauer ſeiner Beſitzung vorbei, über die er einen betrüb⸗ ten Blick nach den Fenſtern des Schloſſes warf. Der Schreck des Wirthes bei ſeinem Anblick, die Befangenheit der Tochter bekräftigten ihm die Warnung, die ſchon ſchwer genug in dem Worte Patriot lag. War es Beſorgniß um ihn oder der allgemeine Haß gegen die Clubiſten, was dieſe ſonſt ſo dienſtfertigen Menſchen ge⸗ gen ihn verſchüchtert hatte? Der Offtzier kannte ihn von Perſon nicht, aber der Freund traute der Miene des Wirthes wenig Verſchwiegenheit zu. In ſolcher Unruhe und Ungewißheit blickte er öfter aus dem Wagen zurück, und bemerkte wie er in Oeſtrich einfuhr, ein Reiter⸗Piket in gutem Trab hinter ſich herkommen. Er ließ an einer 2* 3 F 170 Scheune halten, ſprang aus dem Wagen, befahl dem Kutſcher, immer eilig auf Mittelheim los zu fahren, und ſtahl ſich um die Häuſer nach der bekannten Wohnung des Krahnmeiſters Cratz. Dieſer, zwar überraſcht, ja faſt erſchrocken, ſammelte ſich doch gleich zur heiterſten Begrüßung.— Sind Sie es denn wirklich, Herr Baron? rief er. Wir wuß⸗ ten gar nicht, wie wir Sie jetzt aus Mainz zu unſerm Vorhaben bekommen ſollten, und nun ſind Sie von ſel⸗ ber da,— wie vom Himmel gefallen! Das iſt ja eine wahrhafte Beſcherung auf Chriſtabend! Meine Frau war recht in Verlegenheit, ihres Verſprechens halber. Ich bin's, ja, ich, lieber Cratz! fiel der Baron ein. und indem er mit flüchtigen Worten das ſonderbare Miß⸗ verſtändniß andeutete, aus dem er verfolgt werde, bat er dringend um ein Verſteck. Der gelaſſene Krahnmeiſter verlor den Kopf nicht, verriegelte vor Allem die Hausthüre, und nahm nach einigem Ueberlegen den Baron mit ſich die Treppe hin⸗ auf. Hier vor dem Zimmer nach vorn, das zuletzt Garz⸗ weiler bewohnt hatte, hieß er ihn ein wenig warten, und trat leiſe und ruhig ein. Nach einer Weile öffnete er dem harrenden Baron mit dem Winke, ja recht leiſe zu thun. Wie befremdet war aber der Freund, als er in ein verdunkeltes Zimmer mit verhangenen Fenſtern trat! Er erkannte nicht gleich die Umgebung bis ihn Frau Ger⸗ trud aus einem Vorhangbett begrüßte. Er trat näher, ein Wickelkind lag in ihren Armen. Doch ließ ihn Cratz nicht zu Worte kommen, ſondern nöthigte ihn, ſich zwi⸗ ſchen das Bettgeſtell und den Vorhang zu ducken, deſſen ——— 171 Falten er auf nachläſſige Weiſe um ihn her verdichtete. Schon hörte man vor dem Hauſe die Hufen der Pferde und Rufe der Reiter, die des Hauderers Kaleſche leer gefunden, und ſich im Dorfe nach dem Entflohenen zu⸗ rechtgefragt hatten. Cratz gab der Hebamme, die am Ofen wollenes und leinenes Geräth für den Neu⸗ geborenen wärmte, einen ernſten Wink, nichts zu ver⸗ rathen, und eilte hinab, den Anklopfenden die Hausthüre zu öffnen. Während man von unten einen lebhaften Wortwechſel hörte, fand innerhalb des Bettraums ein leiſes Zwie⸗ geſpräch zwiſchen zwei Geſichtern ſtatt, deren eines aus der Decke hervor, das andere zwiſchen den Vorhangfalten heraufſah.— O mein Herr Baron! Ich begreife noch gar nicht Hab' ich Si⸗ doch nicht erſchreckt, liebe Frau Nach⸗ barin? Ich wußte ja nicht— Ach nein, Herr Baron! Das iſt es nicht: aber— Sie ſind noch nie ſo unbequem bei uns geweſen. Ah pah! Wenn ſie mich nur nicht finden, und fortſchleppen! Den Kopf koſtet es nicht; aber es ſind Unannehmlichkeiten. Auch muß ich ja den Kleinen aus der Taufe heben. Es iſt doch ein Kleiner und nicht eine Kleine? Ein prächtiger Bub', Eure Gnaden, antwortete die Hebamme. Auch noch nicht getauft— 2 Nicht doch! Geſtern früh glücklich zur Welt gekom⸗ men! erwiderte dieſelbe Frau mit vergnügten Gedanken an des gnädigen Herrn Taufgeſchenke. 472 Ach Gott! ſie kommen herauf! rief Gertrud ängſtlich, und Franz Karl duckte unter. Frau Cratzin, um des Himmelswillen keine Altera⸗ tion! warnte die Hebamme. Und ſtillen Sie mir jetzt bei Leibe das Kind nicht! Nehme Sie den Nazi auf den Arm, Frau Dotzler: ſieht Sie nicht, daß der böſe Junge neugierig um den Vorhang krabbelt? Cratz öffnete die Thüre und ſagte laut: Liebe Frau, erſchrick nicht! Es wird ein Flüchtling im Hauſe geſucht, der wahrſcheinlich nur um unſer Haus herum ins Freie entwichen iſt; aber der Herr Offtzier muß ſich doch überzeugen— Und das leideſt du, lieber Mann? erwiderte mit klu⸗ gem Unwillen Frau Gertrud. Wie kannſt du ſo was zugeben? Nehmen denn die preußiſchen Herren ſo wenig Rückſicht eine Wöchnerin zu ängſtigen? Sind wir denn in Feindes Land? Man ruhig, MadameV! ſagte der eintretende Major. Ich muß mir doch überzeugen, ob effectiver Stand eines Kindes vorhanden iſt! Er ſah ſich ſcharf nach allen Ecken um, taſtete an den Vorhang, und da im Augenblicke das von der Mut⸗ ter emporgehobene Kind zu greinen anhob, rief der Of⸗ fizier, aus Aerger in gemeiner Mundart: Ne, det is keen Baron nich; det benimmt ſich wie ein janz jemeiner bürgerlicher Jöre! 8 Hiermit verließ er lachend das Zimmer, und nach⸗ dem er noch alle oberen Räume durchſucht hatte, auch das Haus mit einem Dutzend guter Huſarenflüche. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Erſt jetzt, als der Baron ſich aus ſeinem faltigen Ver⸗ ſteck hervorwand, überkam die Wöchnerin hinter ihrer verſchwindenden Angſt her eine verſchämte Verlegenheit vor dem jungen, vornehmen Manne. Doch die Unbefan⸗ genheit Franz Karl's erleichterte eine ſo ungewöhnliche Vertraulichkeit, die von der Noth herbeigeführt war.— Da ſehen Sie nun, wie's Einem in jetziger Zeit ergeht! ſcherzte er. In Mainz verfolgt man mich, weil ich kein Clubiſt werden will, und hier, weil man mich für einen nimmt. Aus Schonung für die liebe Frau verſchwieg der Freund den Namen des Mannes, der ihm offenbar dieſe widerſprechende Doppelverfolgung angerichtet hatte. Denn daß die Liſte der Clubiſten, worauf er oben anſtehen ſollte, durch Garzweiler in die Hände der Preußen gekommen war, blieb gar nicht zu bezweifeln. Statt dieſer Mit⸗ theilung ſuchte der Freund das wunderliche Spiel des Zufalls ins Bedeutſame zu wenden, indem er heiter ſagte: Sehen Sie, ſo wiſſen die Menſchen, die's übel mit Einem vorhaben, oft nicht, wie gut ſie's eigentlich machen. Denn iſt es nicht eine höhere Fügung, daß ich, über allen ordinairen Anſtand hinaus, vor das Wochenbett einer 474 lieben Nachbarin geführt werde, um das Kind aus der Taufe zu heben und ſo eine alte Zuſage zu erfüllen? Dieſe Zuſage hatte der guten Frau viel Sorge ge⸗ macht, und nur die katholiſche Gewohnheit, ein Kind nicht lange ungetauft zu laſſen, hatte ſie bewogen, ihre Zuſtim⸗ mung zur Gevxatterſchaft des Amtsſchreibers zu Eltvill zu geben. Doch mußte dieſer nun zurückſtehen, und ſollte gleich morgen in der Frühe abbeſtellt werden. Während nun der Chriſtbaum für den kleinen Nazi vor dem Bette der Mutter brannte, und Kind und Heb⸗ amme um die Wette jubelten, berathſchlagte man über die Lage des Barons. Franz Karl war geneigt, ſich dem Major zu entdecken und ihn über den Irrthum in Betreff ſeiner Perſon aufzuklären. Allein Cratz wider⸗ rieth es entſchieden.— Ja, wenn der Major die Sache abmachen könnte! ſagte er. Aber alle Verdächtige, die man bei Tage auffängt oder bei Nacht aufhebt, werden weit umher, von Pontius zu Pilatus geſchleppt, und nicht ſehr freundlich, ſondern oft ſehr ſchnöde behandelt. Noch vor ein paar Tagen iſt der junge Studioſus Weit⸗ zel, ein gar hoffnungsvoller Menſch, glücklich entgangen. Auf dem Wege von Rüdesheim zum Beſuche ſeiner Mut⸗ ter auf dem Johannisberg kehrt er in Eibingen ein, um ein Glas Wein zu trinken, und hört hier von der Wirthin, die ihn nicht kennt, daß der im Haus einquartierte Offi⸗ zier dieſe Nacht wieder einen der Schelme von Patrioten ausheben werde. Wiitzel fragt in treuherziger Weiſe nach dem Namen dieſes Schelms, und erfährt ſeinen eigenen. Natürlich machte er ſich aus den Aeſten, und ſah ſich vor. 4175 Nach Allem, was Franz Karl über die Stimmung und Geſinnung der Preußen gegen Mainz und den Club vernahm, ließ er ſich rathen und ein Verſteck in dem einmal durchſuchten Hauſe gefallen. Pfarrer Chambion ward in das Geheimniß gezogen, und übernahm die Ver⸗ abredungen mit Barkneſſe Cäcilie, da zu beſorgen war, daß der Major jetzt den Verkehr mit dem Schloß ſchär⸗ fer beobachten ließe. Am andern Abende, nach der häus⸗ lich vollzogenen Taufe, brachte Cratz ſelbſt unter dem Schutze der Nacht den Baron in einem Kahne am Ufer entlang auf das Gut und nach den dringendſten Verab⸗ redungen mit der Schweſter wieder zurück. Da ſich der Baron jetzt weder im Schloß aufhalten, noch nach Mainz zurückkehren konnte: ſo entſchloß ſich Cäcilie, alsbald in ſeiner Begleitung nach Straßburg abzureiſen. Dorothea war ihr nach des Bruders Mittheilungen ganz recht; nur fand ſie es unbedacht, daß Franz Karl das Mädchen in die Nähe des Schloſſes beſtellt hatte, wo es von jedem Menſchen die wahren Verhältniſſe Cäciliens erfahren konnte. Der Freund hatte dieſe Vorſicht auch ganz über⸗ ſehen. Gegen Jean Baptiſt dauerte die ſtolze Erbitte⸗ rung der Baroneſſe fort, und ſie war durch nichts zu bewegen, ihn vor ſich zu laſſen; wie denn Franz Karl die Schweſter nach der Abreiſe der Mutter gefaßter und muthig, aber auch gegen ihr früheres Weſen hart und entſchloſſen fand. Er ließ daher durch Pfarrer Chambion Dorotheen nach Mainz zurück und Jean Baptiſt nach Oeſtrich beſcheiden. Der Baron hatte ſeine wahre Noth mit dem jungen Manne, der in der Nähe des Schloſſes, worin er Cäci⸗ 476 lien wußte, und die verhängnißvollſte Stunde ſeines Le⸗ bens pulſirt hatte, höchſt aufgeregt und in eine erwar⸗ tungsvolle Unruhe gefallen war, die keinen Zuſpruch und keine vernünftigen Vorſtellungen annahm. Dem Baron blieb aus Theilnahme für ihn und aus Vorſicht wegen des Familiengeheimniſſes nichts übrig, als ihn über Cä⸗ eiliens Geſinnung und Abſichten zu täuſchen und mit heimlichen Hoffnungen auf die nächſte Zukunft und auf einen Beſuch in Straßburg hinzuhalten. Dieſe Ausſicht, indem ſie den Gedanken ein beſtimm⸗ tes Ziel vorſteckte, brachte den ungeſtümen Menſchen zu einiger Faſſung, und um ihn nach und nach auf andere Gegenſtände zu führen, zog ihn Franz Karl in ſeine eige⸗ nen mainzer Angelegenheiten. Er übertrug ihm Beſtel⸗ lungen an Lennig, entdeckte ihm das ſchlimme Vorhaben des Adjutanten Cardinet auf Fides, und ließ ihn ſogar, um ſein Vertrauen zu feſſeln, etwas von ſeiner Theil⸗ nahme an der ſchönen Baſe merken. Wie jubelte Jean Baptiſt bei dieſer letzteren Entdeckung! Wie ſah er ſich ſo unerwartet in ſeiner eigenen Neigung beſtärkt, und er⸗ blickte in dem Baron einen mitfühlenden Gehülfen ſeiner eigenen ſo zu ſagen— blutverwandten Abſichten! Er gelobte Alles, was Franz Karl verlangte; beſonders wollte er Cardinet nicht aus dem Auge laſſen und über Fides wachen. In dieſer exaltirten Stimmung blieb er auch, bis ihn Franz Karl mit dem Auftrag an Doro⸗ thea, ſich zur Mitreiſe in Caſtel einzufinden, entließ. Er umarmte mit ungeſtümem Lebewohl den Baron, wobei er mit ſchalkhaftem Bezug auf Franz Karl und Fides fol⸗ gende Verſe, die eigentlich ſein eigenes Verhältniß zu 477 Cäcilien ſehr wahr bezeichneten, in ſingendem Tone re⸗ citirte: Sie ſprach zu ihm, ſie ſang zu ihm, Da war's um ihn geſchehen: Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin, Und ward nicht mehr geſehen. Gertrud, obſchon ſie den jungen Mann nur ein Vier⸗ telſtündchen beobachtet hatte, fand ihn nach ſeinem Aus⸗ ſehen und Benehmen ſehr verändert, und ſie ſprachen länger darüber. Franz Karl, den die Sache bekümmerte, hielt zu eigener Herzenserleichterung mit ſeinen Betrach⸗ tungen nicht zurück.— Wie merkwürdig bilden ſich die menſchlichen Verhängniſſe! ſagte er. Und ſo reißen hier altadeliges Geld und neue bürgerliche Freiheit, in eigen⸗ thümlichem Zuſammentreffen, einen ohne beides ſo tüch⸗ tigen Menſchen in ihren Wirbeln mit ſich fort. Seit er ſein Geſchäft aufgegeben, lebt Jean Baptiſt in wunder⸗ lichen Phantaſien. Der bewegte Strom, der ſonſt in an⸗ muthig-verſchlungenem Laufe die Einbildungskraft des Jünglings beſchäftigte, hat ihn verlaſſen, und er bringt ſeine müßige Zeit in Träumereien und ungewohnten Ge⸗ nüſſen zu. Der holländiſche Reichthum, dieſe Berlocke am ſchimmernden Strombande, ſetzte früherhin ſeinem dürftigen Boot ein Segel auf, bis der hineinfallende ein⸗ heimiſche Gewinnſt es in bildlichem Sinn unterſenkte. An⸗ fangs hatte ſich unſer Jean Baptiſt mit lebhafter Regung in den Club aufnehmen laſſen; gerieth aber bald ins Schwanken, ob er ſein Glück auf dem neuen oder auf dem alten Weg am beſten verfolgen könne. Das Geld lockte nach adeligem Beſitz, die Freiheit nach revolutionai⸗ Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 12 478 rer Verbindung, ohne daß die höhere Bedeutung der einen oder anderen Richtung den rechten Verſtand bei ihm gefunden hätte. So verlor ein begabter Menſch oder warf vielmehr mit dem Ruder, für das er geboren war, — ſo zu ſagen, die Balancirſtange für ſein ſittliches Leben weg. Er entfremdete ſich dem Kreiſe, worin er galt, ohne einen höheren zu finden, der ihn anerkennen mochte Nun fängt er an, dieſen Zwieſpalt zu empfin⸗ den, und ſeine Wünſche treiben ihn von Mainz hinweg, wo ihn ſeine Erinnerungen feſſeln. Ich möchte ſagen, die Flucht des Adels zieht an ſeinem Gelde, aber der Strom, auf dem er es verdient, lockt ihn noch fortwährend mit dem geheimnißvollen Zuge ſeiner blaßgrünen Wellen. Da hat nun dieſer Strom unglücklicherweiſe einen neuen, bisher ihm unbekannten Zauber über ihn gewonnen, und ihm eine bedenkliche Parole gegeben. Wie er mich näm⸗ lich öfter beſucht, traf er mich vor einiger Zeit bei einem dringenden Briefe, den ich nach Straßburg zu ſchreiben hatte. Ich heiße ihn niederſitzen, und er findet einen aufgeſchlagenen Band Gedichte, worin ich geleſen, und läßt ſich von der Ueberſchrift eines derſelben:„Der Fiſcher“, intereſſiren. Es iſt eine ſchöne Ballade von einem unſerer Dichter, Namens Goethe, den ich jüngſt per⸗ ſönlich kennen gelernt. Ein Fiſcher, wie er eben angelt, wird von der Nixe, die ihre lieben Fiſchchen zu beſchützen aus dem Waſſer blickt, mit ſüßen Worten in die Tiefe verlockt. Dieſe Verſe ergreifen den träumeriſchen Jean Baptiſt; ich muß ihm das Buch auf der Stelle ſchenken, und er führt es nun ſtets in der Taſche, ohne etwas Anderes, als die Ballade darin zu leſen. 179 Die Freunde verſtanden nicht Alles, und freilich konnte ihnen der Baron einen Zuſtand nicht ganz begreiflich machen, der in dem unſeligen Liebesgeheimniß wurzelte. Ihn ſelbſt aber beſchäftigte deſto lebhafter das Nachdenken über ein ſo eigenthümliches Verhältniß. Der leidenſchaft⸗ liche Bund des Augenblicks erſchien ihm wie ein Früh⸗ lingsgewitter ſinnlicher Jugend. Aber jener zündende Wetterſtrahl, in welchem die geſpannten Elemente ſich entluden,— welche verſchiedene Temperatur beider Herzen hatte er nicht zurückgelaſſen? Ein kalter Stolz des Stan⸗ des war in Cüäciliens Seele erwacht, während in Jean Baptiſt's maiwarmer Bruſt eine ernſte, ſehnſüchtige Liebe wuchs. Dennoch mochte Franz Karl die Schweſter nicht unbedingt tadeln. In ihrem Stolze ſchienen ſich doch die Gefühle eines ſonſt verweichlichten Gemüths wieder auf⸗ zurichten, indeß bei Jean Baptiſt ein wackeres Naturel ſich unter dem ſchwülen, wolkigen Himmel ſeiner Seele aufzulöſen drohte. Aus Vorſicht hatte Franz Karl durch den Pfarrer Chambion den preußiſchen Major um einen Geleitsbrief für Cäcilien angehen und auf Kutſcher und einen Be⸗ dienten mit ausſtellen laſſen. So kamen ſie guten Muths durch die preußiſchen Pikete nach dem von den Franzoſen noch beſetzten Caſtel. Hier im Wirthshauſe, wohin Do⸗ rothea beſchieden war, kehrte Cäcilie ein, bis Franz Karl, in der Livree ſeiner eigenen Herrſchaft, das Reiſegepäck auf einen bereit ſtehenden Haudererwagen hatte überſchaf⸗ fen laſſen. Während dieſes Vorgangs, durch welchen die Um⸗ wandlung der Baroneſſe in eine junge trauernde Offi⸗ 12* 180 ziers⸗Witwe geſchah, näherte ſich in einen Mantel gehüllt Jean Baptiſt, der Dorothea herüber begleitet hatte, um Cäcilien wenigſtens aus der Ferne zu ſehen. Franz Karl erkannte ihn, und trat zu ihm, den unvorſichtigen Men⸗ ſchen zu entfernen. In dieſem Augenblicke bemerkte er einen die Straße herkommenden Mönch, in welchem er den Pater Florian wiedererkannte. Der Brief an den preußiſchen Kriegs⸗Commiſſar ſiel ihm ein, und ſein er⸗ ſter Gedanke war, ob der Pater nicht etwa mit der Ant⸗ wort von Wiesbaden käme? Gedacht, und mit einem Wink gegen Jean Baptiſt trat er dem Pater entgegen, bat ihn, mit in den Hof des Wirthshauſes zu treten, und hier, hinter einer Scheuer, ſagte er mit ängſtlichem Flüſtern: Ich habe Euch hier erwartet, frommer Pater. Herr geiſtliche Rath Garzweiler ſchickt mich mit dieſem Manne da, den Ihr vielleicht kennt. Auf der Brücke ſteht eine Wacht, die jeden Moͤnch durchſucht. Man iſt hinter die Sache gekommen, und wenn Ihr vielleicht Schreibens vom Kriegs⸗Commiſſar habt: ſo gebt's nur ſchnell heraus, und dieſer unverdächtige Mann ſoll's hinüberbringen. Habt Ihr? Der Moͤnch, der mit mißtrauiſchem Blicke das Geſicht des Bedienten zu kennen ſchien, hatte kaum bei dieſer Frage unwillkürlich genickt, als Franz Karl den jungen Schiffer antrieb, unter der Kapuze nachzuſehen. Ehe nur Pater Florian zur Ueberlegung kam, hatte Jean Baptiſt die verborgene Taſche gefunden und einen Brief heraus⸗ gezogen, den er an Franz Karl hingab. Nun geht mit Gott rief dieſer, und berichtet Euerm 181 Garzweiler, der Baron Wallbrun ließ ihn grüßen, und würde den Brief wohl zu verwenden wiſſen. Jetzt erkannte Florian mit einem Aufſchrei den Baron und flehte um Rückgabe des Briefes. Nein, guter Pater! erklärte, den Brief einſteckend, der Freund mit Entrüſtung. Garzweiler hat mich den Fran⸗ zoſen als Spion, den Preußen als Clubiſten, Beides fälſch⸗ lich, angegeben. Sagt ihm, er müſſe Beides binnen acht Tagen zurücknehmen, ſonſt überlieferte ich den Brief an Cuſtine. Und nun macht, daß Ihr über die Brücke kommt! Der Möoͤnch eilte nach vergeblich wiederholter Bitte, in ängſtlicher Verwirrung fort. Franz Karl übergab Jean Baptiſt zu ſorgfältiger Verwahrung den verdächtigen Brief, den er nicht mit ſich führen konnte, und eilte ins Wirthshaus. Nach wenig Augenblicken beſtieg Cäcilie in ihrem ſchwarzen Anzuge mit Dorothea den Wagen; Franz Karl ſchwang ſich auf den Bock, und das Fuhr⸗ werk nahm den Weg nach Hochheim hinauf. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Jean Baptiſt ſchlenderte gedankenvoll eine Strecke Wegs der Kaleſche nach, bis ſie in einem Hohlwege ſeinen Blicken entſchwand. Seine Gedanken wechſelten zwiſchen Cäcilien und dem Baron; jene verſchmähte, dieſer begün⸗ ſtigte ihn: aus beiden Ziffern ſuchte er ſeine Zukunft zu berechnen, und kam doch zu keiner beſtimmten Summe. Seine Wünſche eilten dem trägen Fuhrwerke nach Straß⸗ burg voraus, bis eine ſchwere Glocke vom Dom ihn an Mainz und an des Barons Aufträge erinnerte. Er eilte zurück, und indem er ſich dieſe Aufträge vorzählte, tauchte ſonderbarerweiſe eine bibliſche Erzählung aus der Knaben⸗ ſchule in ſeiner Erinnerung auf. Er kam ſich wie der junge Jakob vor, der mit dem liſtig entwendeten Segen der Erſtgeburt flüchtig geworden, in der Fremde um die geliebte Rahel dienen muß. Dieſer Gedanke erheiterte ihn, und machte ihm des Barons Anliegen bedeutſam und wichtig. So Vieles, was zu thun, und das Höchſte, was für ſein Herz zu gewinnen war, lag vor ihm, und befreite ihn von der verdroſſenen Stimmung, in die ein müßiges Brüten den rührigen Burſchen bisher herſetzt gehabt hatte. Er fühlte ſich wie neugeboren und ſo auf⸗ geregt, daß er den Schiffer Chriſtian, der ihm auf der Brücke begegnete, um den Hals faßte und ausrief: ——-—y————— — 483 Ach wüßteſt du, wie's Fiſchlein iſt So wohlig auf dem Grund, Du ſtiegſt hinunter, wie du biſt, Und würdeſt erſt geſund. Aber das Vorhaben, das ihn augenblicklich ſo froh machte, drohte ſich ſchon zu verwickeln, als er zu Hauſe eine Vorladung zum geiſtlichen Rathe Garzweiler erhielt. Er beſann ſich des ihm anvertrauten Briefes„ und da er ſolchen in der oft unverſchloſſenen Commode aufzubewah⸗ ren Bedenken trug, verſteckte er ihn ohne viel Ueberle⸗ gung im Kleiderſchranke in einem der jetzt zurückgehäng⸗ ten Schifferwämmſer. Die Feindſeligkeit Garzweiler's ge⸗ gen den Baron machte ihm Sorge: Jenem wie Dieſem verbunden, wußte er nicht, wen von Beiden er in einem ausſchließenden Falle zurückſetzen dürfe. Glücklicherweiſe trat diesmal der befürchtete Widerſpruch nicht ein, daß der Pater den Brief verlangt hätte, der ihm vom Baron auf die Seele gebunden war. Pater Florian, der ſchon fortgeeilt geweſen, als Franz Karl das bedenkliche Schrei⸗ ben abgegeben, hatte nichts davon melden können. Der Pater erkundigte ſich nur nach allen Umſtänden des Be⸗ gegniſſes, und ſchien ſehr froh, den Baron auf einer weiteren Reiſe zu wiſſen, obſchon er beklagte, daß ſich nun das unangenehme Mißverſtändniß hinauszöge. Sein Hauptanliegen war aber, dem jungen Mann ein ſtrenges Stillſchweigen aufzulegen. Beim Oheim Lennig, wohin Jean Baptiſt die erſten Aufträge hatte, fand er Fides eben beſchäftigt, auf die Dauer der Einquartierung des Adjutanten Cardinet zu Felir Blau überzuziehen. Als Mitglied der Adminiſtra⸗ 184 tion hatte dieſer alte Freund Lennig's keine Einquartie⸗ rung; wie denn viele Clubiſten, ungeachtet der allgemei⸗ nen Gleichheit, ſich Ausnahmen von Geſetz und Ordnung geſtatteten, ſo daß Subalterne in irgend einer Dienſtſtel⸗ lung ihren nichtclubiſtiſchen Vorgeſetzten ſehr übermüthig begegneten, andere mit bedecktem Haupt in die Gerichts⸗ ſtuben traten, und was dergleichen mehr war.— Eras⸗ mus hatte, auf des Barons ſchriftliche Warnung, jenen Ausweg zum Schutze ſeiner Tochter mit Blau verabredet, und lachte noch immer vergnügt ſeines guten Einfalls, den ſpitzbübiſchen Franzoſen, wie er meinte,— hinter's Licht zu führen.— Er vernahm nun Jean Baptiſt's Be⸗ ſtellungen, erfreut über des gnädigen Herrn Theilnahme „an ſeinem Hauſe“, wie er es nannte; wobei er je⸗ doch mit einem ſtolzen und beifälligen Lächeln nach ſeiner Fides blickte. Als Jean Baptiſt ſich mit Fides allein ſah, hielt er, ſeiner eigenen Liebeshoffnungen voll, mit dem nicht zu⸗ rück, was ihm der Baron ſelbſt von ſeiner Geſinnung für ſie bekannt hatte. Fides hörte es lächelnd an. Für ihre heimlichſten Gedanken war nichts Ueberraſchendes da⸗ bei; der jüngſte Brief Franz Karl's hatte ihr unendlich mehr geſagt: dennoch gewann dies Alles durch des Vet⸗ ters Mitwiſſenſchaft eine neue Bedeutung; ſie glaubte ein anerkennendes Echo der Welt darin zu vernehmen. Sie erſchrak nicht mehr davor, und die Art, wie ſie ſtill und ſtolz dazu lächelte, zeigte recht, welche große Veränderung im öffentlichen Leben von Mainz und in ihrem eigenen Herzen ſeit jenem Namenstagsmorgen der Mutter vorge⸗ gangen war, da ſie der alten Magd entſetzt und warnend 18⁵ zugerufen hatie: Welch' ehrbares Mädchen darf auf einen Herrn von hohem Adel achten! Doch hielt ihr Zartgefühl des Vetters Vertraulichkeit in Schranken, und ſie wendete zuletzt Alles zu einem Scherz, indem ſie ihn lächelnd den Schildträger ihres entfernten Ritters nannte, und ſich ſei⸗ ner guten Knappenliſt gegen d den lauernden Cardinet aufs beſte empfahl. Sie ſprachen noch zuſammen, als Cardinet's Bedien⸗ ter, ein Elſaſſer von verſchlagenem Ausſehen, verſchiedenes Gepäck ſeines Herrn überbrachte, und die Logirſtube ein⸗ richten wollte. Jean Baptiſt ließ die gute Gelegenheit nicht vorüber, mit dem Menſchen anzubinden. Indem er— auf die leichtfertigen Späße des Burſchen einging und ihm einige Treuherzigkeit zeigte, hatte er ihn ſchon halb und halb eingenommen, und verſprach ſich, die neue Be⸗ kanntſchaft zum Vortheil des Barons wohl zu benutzen. In dieſer Lage der Dinge wurde der Neujahrstag mit viel Lärm begangen. Aber es hob auch mit dem Januar eine neue Thätigkeit der Menſchen an,— eine Regſamkeit, als ob die Abſichten der Parteien von dem hellen und kalten Wetter eine friſche Anregung empfangen hätten.— Während der Feſte, die man den drei Com⸗ miſſaren der franzöſiſchen Nation gegeben hatte, war von der Adminiſtration zur Aufnahme der Volksſtimmen in Betreff der neuen Verfaſſung des Landes eine Inſtruction entworfen worden, womit die beſtimmten Beamten in die Bezirke von Mainz, Speier und Worms abgingen, um zugleich auch die Wahl der Deputirten zu einer baldigen rheiniſch-deutſchen Nationalverſammlung anzuordnen. Zur Unterſtützung dieſer wichtigen Angelegenheit er⸗ 186 ließ der Club Zuſchriften an die Landesbewohner, worin denſelben mittels der brüderlichen Verfaſſung der Franzo⸗ ſen die Wohlthaten eines zufriedenen Lebens, überflüſſigen Brotes, nöthiger Kleidung und zur Ruhe von ihren Tag⸗ werken die freudige Andacht, von einer liebenden Gottheit zu vernünftigen Menſchen geſchaffen zu ſein, feierlich zuge⸗ ſagt wurden. Eine große Aufregung entſtand hierdurch unter den Bauern, beſonders gegen die neuen Freiheits⸗ prediger, die nicht immer willige Ohren fanden. Ja. Metternich, der nach Fintheim und Ginſenheim kam, mußte vor aufgehobenen Stöcken die Flucht ergreifen. Andere Zwiſte entſpannen ſich zwiſchen der Admini⸗ ſtration und dem erzbiſchöflichen Vicariat. Schon früher hatte dieſe geiſtliche Behörde durch einen Erlaß an das Volk vor den Irrlehren in jener Rede gewarnt, welche der abtrünnige Prieſter Pape im Club über die Ueberein⸗ ſtimmung des Katholicismus mit der franzöſiſchen Ver⸗ faſſung gehalten hatte. Jetzt wurde vom Präſidenten Dorſch die Foderung an das Vieariat geſtellt, gewiſſe, von Cotta zuſammengedruckte Aufſätze, beſonders jenen: —„Wie gut es jetzt die Leute am Rhein und an der Moſel haben können“, von den Kanzeln der Pfarreien verkündigen zu laſſen. Das Vicariat verweigerte dieſe Dienſtbarkeit der Kirche gegen den Staat. Vollends aber widerſetzte ſich daſſelbe, als ihm in der Perſon des gewe⸗ ſenen Kapuziners und Profeſſors Nimis ein Mitglied als geiſtlicher Rath aufgenöthigt werden ſollte, und gab auch nicht nach, als der Präſident Dorſch ein Decret zur Ab⸗ ſetzung des ganzen Vicariats bei der Adminiſtration durch⸗ ſetzte. Es brach im Gegentheil allen Verkehr mit der ———2—(3/ 1 — 187 Adminiſtration ab, und wendete ſich mit nachdrücklicher Beſchwerde an die franzöſiſchen National⸗Commiſſare, wo dieſe Streitigkeit unter noch anderen Verlegenheiten liegen blieb. Am wildeſten ging es aber im Club ſelbſt zu. Der alte Riß zwiſchen beiden Parteien ſpaltete ſich immer tie⸗ fer, ſeit Hofmann mit ſeinem Anhange ſich an die Na⸗ tional⸗Commiſſare angeſchloſſen hatte, wie Dorſch ſich längſt zu Cuſtine und der Militairpartei hielt. Dieſer feine und freundliche Lebemann Dorſch hatte bei ſeinem Auszug aus dem Schloſſe ſich und ſeine Geliebte mit kur⸗ fürſtlichen Möbeln und koſtbaren Bildern, beſonders eini⸗ gen geſchätzten Rubens, in der Stadt aufs prächtigſte ein⸗ gerichtet, und hierdurch Hofmann's derbe Chrlichkeit tief empört. Dies freimüthige Rechtsgefühl Hofmann'’s war auch ſchon bei andern öffentlichen und verſtohlenen Betrü⸗ gereien franzöſiſcher Offiziere und ſelbſtſüchtiger Clubiſten laut und den Betheiligten läſtig geworden, und hatte da⸗ her Verfolgungen erfahren, die den ungeſtümen Mann doch nicht einſchüchtern konnten. Jetzt, als das Decret zur Abſetzung des Vicariats im Club zur Sprache kam, brach Hofmann's Unmuth heftig gegen Dorſch aus.— Was? rief er mit ſeiner kraftvollen Stimme,— geht etwa der niedliche Präſident Dorſch, der ehemalige Kaplan von Fintheim, damit um, die ſtolze Biſchofmütze, die er dem Friedrich Karl Joſeph Erthal abgeriſſen, ſich ſelbſt aufzuſetzen und ſein Katharinchen zur Gräfin zu machen? Soll uns denn ſo das Alte, das doch noch in ſeiner Art eine gewiſſe Größe hatte, durch den Storchſchnabel ver- zierlicht, wieder vorgebracht werden? Von ſolchen Mißklängen war jetzt das goldene Mainz 4 188 verſtimmt. Mehr und mehr Bürger folgten dem Beiſpiele des Profeſſors Vogt und ſtrichen auf der Clhbiſtenliſte ihre Namen aus. Sie löſten die franzöſiſche Kokarde von den Hüten und Rockaufſchlägen ab, und betheiligten ſich an den Späßchen und Spöttereien über die Blechdecoration der Clubmitglieder. Beſonderes Glück machte in dieſer Richtung ein Judenwitz Iſak Bär's aus Weißenau. Be⸗ fragt, was wol die beiden Buchſtaben F. G. auf jenen Ehrenzeichen bedeuteten, meinte er, ſie hießen— Frau Grauſin; und wer nur immer dieſe Witwe des Wa⸗ ſenmeiſters als die Verkäuferin der Hundezeichen kannte, verſtand auch gleich das bittere Wort. Gegen ſo bedenkliche Unruhen ließ Cuſtine auf vier Hauptplätzen der Stadt, auf dem Schloßplatze, dem Thier⸗ markt, Speiſemarkt und Leichhofe Galgen errichten. So lebhaft aber auch über dieſe elf Schuh hohen, weiß ange⸗ ſtrichenen Pfähle das Entſetzen in der Dämmerung und die Angſt bei Tage war: ſo wagten ſich doch Witz und Spott auch an dieſe Gefahren heran, die vom Waſen⸗ knechte her, der ſie aufgeſtellt hatte, beißend genug— die Mathes'ſchen Freiheitsbäume hießen. Ein Erlaß der Adminiſtration, wodurch den Einwoh⸗ nern zur Pflicht gemacht wurde, die Verbreiter falſcher Zeitungsnachrichten, ſo wie alle irgend verdächtigen Per⸗ ſonen bei der Municipalität zur Anzeige zu bringen, hatte nur noch gefehlt, um die Bürger zu ihren alten Aengſten auch noch in Verſuchung zu führen oder jedem Böswilli⸗ gen preiszugeben. Niemand wagte mehr in einer Geſell⸗ ſchaft zu ſprechen; ſcheu und ſtumm zog Jedermann ſich in ſeine vier Wände zurück. A Vierundzwanzigſtes Kapitel. In ſolchen Zeiten pflegen die Zimmer der Familien wohnlicher zu werden: der Kachelofen erweiſt ſich jetzt mittheilſamer, und ſtatt der fahlen Wangen lächeln die freundlichen Wände vom ehrlichen Lampenlichte. Solche Abende gab es auch jetzt bei dem milden, liebevollen Herrn Felirxr Blau. Fides, die ſich nicht blos als Zu⸗ fluchtsgaſt ihres väterlichen Freundes betrachten wollte, hatte deſſen Wirthſchaft übernommen. Vielleicht hätte Katharine, die blonde„Petra“, ihr Schlüſſelbund nicht ſo freundlich abgegeben, wäre ihr dafür nicht der junge Neeb mit ſeiner huldigenden Aufmerkſamkeit an die Seite getreten. Dieſer liebenswürdige Mann, ſeitdem er die Vorleſungen ſeines Lehrers an der hohen Schule über⸗ nommen hatte, ſchien ſich nun auch um deſſen Freundin zu bewerben, bei welcher er nur auf die Nachleſe der Liebe rechnen mochte. Er unterhielt ſie gern mit ſeiner Abſicht, bei der jetzigen Gunſt der Zeit für junge Geiſt⸗ liche ſich durch eine Heirath häuslich einzurichten. Neeb war nicht ohne Geiſt und beſaß eine ſchöne Empfänglich⸗ keit für das Hohe und Bedeutende im Leben; nur daß es ihm an Tiefe und Stärke des Charakters fehlte. An ſeinem Lehrer Blau hing er dabei mit einer Liebe, die 190 ſich nur mit ſeiner Schwärmerei für Jakobi's Philoſophie vergleichen ließ. Zu dieſen langen traulichen Abenden fand ſich faſt täglich Erasmus Lennig allein oder mit der„Mutter“ ein, und Blau lud wol noch einen oder den andern zu⸗ verläſſigen Freund dazu; da denn bei einigen Schüſſeln ein paar Flaſchen ihre Siegel und die Zungen der Män⸗ ner löſten. Durch die drückenden Nebel der Gegenwart ſprach man ſich in eine heitere Zukunft hinein. Blau, der wirkliche Clubiſt, war mit Lennig, dem Schein⸗Clu⸗ biſten, über die troſtloſe Lage von Mainz einverſtanden; nur trugen ſeine ſanften Gedanken nicht ſoweit darüber hinaus, wie Lennig's muthiges Herz. Der edle Geiſtliche war von der unglücklichen Wendung der Dinge, von den leidenſchaftlichen Stürmen im Club und von den verwor⸗ renen Arbeiten bei der Adminiſtration ſehr erſchöpft. Man hatte ihm in der Verwaltung die Partie der Fi⸗ nanzen übertragen, und das Siechthum des öffentlichen Einkommens ſchien auf die reizbare Bruſt des gefühlvollen Mannes ſympathetiſch zu wirken. Dennoch ſprach er im⸗ mer mit einſichtvoller Liebe auch von dieſer betrübenden Lichtwandlung des öffentlichen Lebens und von der Noth⸗ wendigkeit ſolcher Vorentwicklungen. Aber indem er ſich mit gutem Vertrauen darein ergab, ſchien ihm doch vor einem Rückfall des Alten bange zu ſein,— vor der Rach⸗ ſucht vertriebener und rückkehrender Gewalt, die vielleicht mehr Glück als gutes Gewiſſen habe. Was man bereits von dem Uebermuthe und den feindſeligen Drohungen der Preußen gegen das jetzige Mainz vernahm, ſchreckte auch die ehrlichen Männer im Club, zu denen Blau wie For⸗ 191 ſter gehörte, und beſtimmte ſie voraus ſich mit dem Rücken gegen Deutſchland zu wenden, und von Frankreich, woher ſie das Glück der Revolution gehofft hatten, nun wenig⸗ ſtens ihre perſönliche Sicherheit zu erwarten.— Wir haben jetzt freilich erſt die Flegeljahre der Volksherrſchaft durchzumachen, die nicht ohne Puff und Knuff abgehen, ſagte Blau; aber es iſt doch nur die Ungeberde der erſten freien Jugend, die einer reifenden, ſich beſinnenden Zu⸗ kunft entgegengeht, in der man ein allgemeines In⸗ tereſſe darin erkennt, daß Ruhe und Ordnung gehalten werde. Was haben wir dagegen von dem alterſchwachen, launenvollen Regententhum zu erwarten, deſſen Intereſſe ein apartes, ein Familien⸗Intereſſe iſt? Und ſprecht mir auch nicht von der Heilſamkeit des Unglücks, von den Lehren ſchmerzlicher Erfahrung, von Buße und Beſſerung abſoluter Herren! Der Abſolutismus iſt ein Greis, deſſen Hirn zu trocken und Herz zu welk für tiefere Eindrücke der Gegenwart iſt, und der nur für eine alte Vergangen⸗ heit, für die Jugend ſeiner unangefochtenen Macht, ein treues Gedächtniß hat. Im Unglück erkennt er nicht ſeine eigene Schuld, ſondern nur was ihm die Unterthanen während ſeiner Verbannung ſchuldig geblieben ſind, und er ſtreicht es mit doppelten Ruthen ein. Wenn Einer behaupten wollte, der Abſolutismus lerne und vergeſſe nichts, ſo wäre damit eben nichts Beſonderes und nicht mehr geſagt, als was man täglich an jedem Graukopfe wiederkehren ſteht, der ſein Geſtern und Vorgeſtern ver⸗ gißt und nur mit ſeiner guten Zeit liebäugelt. Das „Von Gottes Gnaden“ würde uns zuerſt wieder heim⸗ ſuchen. Was ſagt aber dein Orakel, Erasmus,— dein 192 Moſer?—„Daß ein Regent Niemandem als Gott Ver⸗ antwortung ſeiner Handlungen ſchuldig ſei, iſt ein Deſpo⸗ tismus, der drückender erſcheint als der orientaliſche.“ Bei ſolchen Ueberzeugungen ſeines geiſtlichen Freundes konnte Erasmus nur eine bedenkliche Miene deſſelben er⸗ warten, als er eines Abends, heiter aufgeregt, mit einem Briefpacket kam, das ein Mann aus Speier auf verſtoh⸗ lenen Wegen überbracht hatte. Es waren Neuigkeiten vom Baron aus Frankfurt mit einer Nachſchrift aus Speier. Manches von deſſen Erlebniſſen, was auch nur für Fides Intereſſe hatte, theilte Lennig nur kürzlich mit. — Durch Fürſprache Hubers, der noch in Frankfurt ver⸗ weilte, Sömmering's und verſchiedener Flüchtlinge aus Mainz war es dem Baron gelungen, die preußiſche Ge⸗ neralität von der Falſchheit der gegen ihn vorliegenden Beſchuldigung zu überzeugen, und Befehle zu ſeiner Si⸗ cherheit an die im Rheingau ſtationirten Offiziere zu er⸗ wirken. Bei Huber hatte er gute Nachrichten von Frau Forſter aus Neufchatel vorgefunden. Huber ſelbſt ſtand im Begriff mit nachgeſuchter Dienſtentlaſſung zum Beiſtand ſeiner Freundin nach der Schweiz zu gehen.— Das Fol⸗ gende las Lennig wörtlich vor: „Was ich aber für eine wahre Schickung anſehen muß, ſo kam am Vorabende unſerer feſtgeſetzten Weiter⸗ reiſe— rathen Sie einmal wer? mein lieber Lennig! und ſtieg im römiſchen Kaiſer ab? Wer?—— Seine erzbiſchöflichen Gnaden, der Coadjutor von Dalberg mit kleinem Gefolge, worunter ich einen Mainzer fand, den Sie wohl kennen,— den Regierungsrath Doctor Strecker, dieſen lebendigen, fröhlichen, liebenswürdigen Mann, der 193 ſein eigenes Wohlwollen in die ganze Welt hineinlachen möchte, und wahrhaft liberal in häuslicher wie in po⸗ litiſcher Bedeutung des Worts heißen darf. Natürlich verweilten wir nun noch, und ließ ich mich dem Coadjutor vorſtellen. Ich eröffnete ihm meine Dalbergs⸗Idee und das Geheimniß der in ſeinem Namen verbündeten Main⸗ zer. Sie können denken, wie huldvoll ich damit aufge⸗ nommen ward. Die Zufriedenheit wiegte ſich auf der vorragenden Unterlippe des Fürſten. Der joviale, geiſt⸗ volle, humane Mann iſt nicht ohne weichliche Sinnlichkeit und hat ſeine Portion Ehrgeiz. Er war auf der Reiſe von Erfurt nach Krautheim begriffen, um mit dem Kur⸗ fürſten eine Conferenz zu haben, und ihn nach Erfurt ein⸗ zuladen. Ich mußte ihn öfter beſuchen, da wir denn die Zeit und Zukunft beſprachen. Er befürchtet nur in Be⸗ treff ſeiner Uebernahme der Regierung den Widerſpruch des Kurfürſten und der kriegsverbundenen Mächte, die einmal darauf erpicht ſeien, das unbedingt Alte wieder herzuſtellen, und es für Zugeſtändniß an die Revolution anſehen würden, dem Vernünftigen einigen Raum zu geſtatten. So ſpielte nun ſeine lebhafte Phantaſie zwi⸗ ſchen Hoffnung und Hinderniſſen, in welchem Wechſel er mich ſelbſt bald Excellenz, bald armen Verbannten beti⸗ telte; da er meint, vom Kurfürſten würde ich ausgewie⸗ ſen, von ihm aber in ſein Miniſterium aufgenommen werden. Für dieſe gute Meinung und Abſicht habe ich ihn, glaub' ich, zuletzt noch beleidigt. Wie er nämlich hörte, meine Schweſter ſei mit mir, wollte er ſie durch⸗ aus beſuchen; denn galant iſt er von den Hühneraugen bis zur Tonſur. Und obgleich ſein Beſuch bei Cäcilien Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 13 194 am Tage und durch die Thüre, nicht aber, wie's in Er⸗ furt vorgekommen ſein ſoll, bei Nacht durchs Fenſter ge⸗ ſchehen wäre: ſo blieb doch meine Schweſter ein für alle⸗ mal entſchieden gegen ſeinen Beſuch, und wir reiſten an⸗ dern Morgens ohne Abſchied weiter. Nun beſteht in Frankfurt ein mainzer Bund, der die Vertreibung der Franzoſen aus dem Rheinlande bei den hohen Mächten Oeſtreich und Preußen betreibt. Man hat mich eingeweiht und mir den Poſten in Mainz angewieſen. Sie ſehen, daß ich— was es auch koſte, dahin zurück muß. Hel⸗ fen Sie alſo durch Garzweiler, dem wir die Daumſchrau⸗ ben des verdächtigen Briefes anlegen können. Einſtweilen erhalten Sie die beigefügte Anzahl Abdrücke einer Auffo⸗ derung an unſere Mitbürger. Verbreiten Sie ſolche nach beſter Thunlichkeit!“ Hier, wo das Schreiben ſich an Fides wendete, brach Erasmus ab und übergab es der Tochter. Ein Wort⸗ wechſel widerſtreitender Anſichten entſpann ſich, ohne daß es dem ſanften Eifer des oft von Hüſteln unterbrochenen Felir Blau gelingen wollte, den alten Freund von den bedenklichen Folgen, die der gedruckte Brief nach ſich ziehen könnte, zu überzeugen. Böhmer's Phantaſtereien und Cuſtine's Mißtrauen— welches Unheil koöͤnnen ſie nicht über Mainz bringen! rief er mit bedauerndem Kopfſchütteln. Sie ſprachen noch darüber, als Jean Baptiſt, der ſich auch zuweilen einfand, mit einer gewiſſen ärgerlichen Auf⸗ geregtheit herein kam.— Es iſt etwas im Werke, rief er, und ich kann nicht dahinter kommen! Die Franzoſen ſind rechte Halunken! Dacht' ich doch den Burſchen Car⸗ dinet's ganz in der Taſche zu haben, und bringe doch 195 nichts von ihm heraus. Er ſchimpft auf die Mainzer und droht, aber ich weiß nicht, was er eigentlich in der drohenden Fauſt feſthält. Mit einer Redoute haben ſie 'was vor, darauf möͤcht' ich wetten. Der Cardinet will einen ſaubern Schifferanzug von mir geliehen haben. Ich kann mir nur nichts dabei denken. Gut, daß wir darauf kommen! fiel Blau ein. Es iſt eine Redoute zu Ehren der Commiſſare des National⸗ convents, von der ſich kein echter Clubiſt ausſchließen werde, wie man erwartet. Ich rathe dir, Freund Eras⸗ mus, dich bei dieſer Gelegenheit auf ſo wohlfeile Weiſe wieder in einigen Credit zu ſetzen. Wir führen deine Tochter mit uns hin, und wahren dadurch den guten Schein der Sorgloſigkeit vor dem argwöhniſchen Cardinet. Fides, ſo neu und lockend ihr ein Maskenball war, willigte doch nur in der Vorausſetzung ein, daß„ihr Ritter“— wie ſie lächelnd ſagte, wieder in Mainz ſei und ſie beſchütze. Und Erasmus, ohne etwas gegen Blau's Vorſchlag einzuwenden, verſetzte: O der Cardinet iſt jetzt ſehr artig! Ja, er iſt ſo zuthätig und zuvorkommend, daß ich eine Argliſt dahinter fürchten würde, wenn der Menſch nicht ſo bodenlos leicht⸗ ſinnig wäre. Nun, nun! meinte Blau. So lange ſich der Garz⸗ weiler an ihn drückt, moͤchte ich ihm nicht unbedingt trauen! Ei nun! das hat doch ſeinen guten Grund! fiel Jean Baptiſt ein. Der Pater hat, meine ich, Urſach genug, ſich den Franzoſen beliebt zu machen. Wenn man den bewußten Brief gegen ihn vorbrächte: ſo würde wol einer unſerer vier Galgen ein erſtes Anhängſel bekommen! 13* 196 Bei dem Worte Brief holte Lennig ſein Päckchen hervor, und theilte, unter ſchalkhaftem Lächeln gegen Blau, der es mißbilligte, dem Neffen eine Anzahl der gedruckten Briefe zur Verbreitung mit der Warnung zu, ja vorſich— tig dabei zu Werke zu gehen. Jean Baptiſt las eines der Exemplare. Der Brief lautete in derbem Druck: „Mainzer Bürger! Einwohner des mainzer Landes! Eure Befreiung naht heran. Erwartet ſie gefaßt. Eure Treue und Standhaftigkeit iſt euern Vorſtehern bekannt, und ſie ſorgen für euch in der Stille. Auch die braven Preußen, Heſſen und Oeſtreicher, die zu eurer Rettung herbeikommen, kennen und ehren eure Rechtſchaffenheit. Rechnet auf ſie, rechnet auf uns! Das Ziel iſt geſteckt für die Gewaltthätigkeiten eurer Unterdrücker. Die Zeit naht, wo Rechtſchaffenheit und Verbrechen, jedes ſeinen verdienten Lohn erhält. Trotz aller Beſtrebungen der Ruheſtörer ſollen geſetzliche Ordnung, Sicherheit und Wohlſtand wieder in Mainz und im Lande zurückkehren. Eure abweſenden Freunde und Vorſteher.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Dieſer Brief, der ſich durch die Hände der Deutſchge⸗ finnten ſchnell verbreitete, machte das lebhafteſte Aufſehen; 1 indem er Beſorgniſſe auf einer Seite und noch übertrie⸗ ) benere Erwartungen auf der andern hervorrief. Die über⸗ 1 legenden Männer im Club unterließen nicht, auf den un⸗ e beſtimmten Urſprung und nichtsſagenden Inhalt des Brie⸗ fes aufmerkſam zu machen: aber gerade in dieſer geheim⸗ r nißvollen Dämmerung fand die Phantaſie aller Parteien d für Alles, was ſie fürchtete oder wünſchte, Raum und 5 Antrieb. Eine Kinderei kam dazu, die Angſt der Clu⸗ e biſten zu erhöhen. Eines Morgens hing nämlich am 1 3 Galgen des Leichhofplatzes, den Vorübergehenden zur An⸗ 6 lockung, ein Schattenriß des Generals Cuſtine mit leiden⸗ ſchaftlichen Ausfällen gegen ihn, den Präſidenten Dorſch und den geweſenen Prieſter Pape. So roh der Angriff war, blieb er doch den drei vom öffentlichen Haſſe bezeich⸗ neten Männern nicht gleichgültig; als überdies auch noch, wenige Tage darauf— wie es ſchien aus höheren Krei⸗ ſen entſprungen,— am neu errichteten Freiheitsbaum ein franzöſiſch geſchriebener Anſchlag haftete mit den Reimen: Arbre de miseére, Bonnet de Corsaire, Guerre de Brigands: Avis aux honnétes Gens! 198 Nun ſchien es doch dem Cuſtine'ſchen Anhang die höchſte Zeit, einer ſo übermüthig drohenden Verſchwörung zuvor⸗ zukommen. Das hergebrachte Früh⸗ und Nachtgeläute wurde durch einen Tagsbefehl Cuſtine's eingeſtellt, viel⸗ leicht aus Beſorgniß, der Ausbruch einer revolutionairen Vesper oder Mette könnte an ſolch' ein Glockenſeil ge⸗ knüpft ſein. Streifwachen gingen jetzt auch den Tag über durch die Stadt, und man war im beſten Zuge zu noch ſtrengeren Maßregeln, als ein großes Ereigniß plötzlich alle Gemüther erſchütterte, und dem Obergeneral ganz an⸗ dere Beſorgniſſe erweckte. Am 26. Januar kam nämlich durch Staffette die Nachricht von der am 21. ſtattgehabten Hinrichtung des unglücklichen Königs Ludwig nach Mainz, und riß den Spalt der Geſellſchaft noch tiefer,— nicht blos zwiſchen den deutſchgeſinnten Einwohnern, die wie betäubt von die⸗ ſem Schlage des Guillotinenbeiles waren, und dem Club, der von wilden Reden und rohen Anträgen auf Dank⸗ adreſſen wiederhallte, ſondern ſelbſt auch zwiſchen den franzöſiſchen Linien⸗Truppen der Beſatzung, die jene Hin⸗ richtung mit lebhaftem Mißvergnügen aufnahmen, und den Nationalgarden, die ihren Jubel nicht zu mäßigen wußten. Die Erbitterung beider Waffen gegen einander ſteigerte ſich mit jedem Tage bis zum drohenden Ausbruche von Thätlichkeiten, und ſetzte den General in die Angſt, daß die mainzer Verſchwörung ſich mit ſeinen eigenen Truppen verbinden und bewaffnen könnte. Ein ſtrenger Tagsbefehl des Stadt⸗Commandanten, Generals von Wimpfen gebot, während man mit den Truppen unter⸗ handelte, allen Einwohnern der Stadt, bei entſtehendem — —, 4. e.—6— — 199 Lärm Thüre und Fenſter zu ſchließen und ſich ruhig zu halten, bis durch Trommelzeichen die wiederhergeſtellte Ruhe verkündigt werde.— Mit der Bangigkeit der Ein⸗ wohner ſtieg die Kälte, die denn auch das Behagen der Menſchen einzuengen pflegt; der Rhein ging ſtark mit Eis und die Brücke mußte abgeführt werden. Man hatte das Vorgefühl einer Belagerung, und Viele ſahen es als ein Vorſpiel derſelben an. In dieſen ängſtlich geſpannten Tagen kehrte Franz Karl mit Erlaubniß des Commandanten, doch nicht ohne einige Vorſicht zurück. Er hatte ſich, gegen ſeine Zeit⸗ berechnung, länger in Frankfurt, öfter unterwegs, und der betrübten Schweſter zu Lieb' auch in Straßburg aufhalten müſſen, um ihr dort in die Gewohnheit der neuen Lage zu helfen. Dies war ihm eben nicht leicht geworden, und er hatte, um die Anſprüche Cäeiliens mit der Demuth Dorothea's auszugleichen, Verdruß und Mühe genug gehabt. Kaum aber fühlte ſich der Baron, mit dem Rückblick auf die letzten unruhigen Wochen, ſeines lange entbehrten Zimmers froh, als Jean Baptiſt, der von ſeiner Ankunft unterrichtet war, ihn aus ſeinem Behagen ſtörte. Er fo⸗ derte ihn auf, ſich vorerſt noch ein wenig verſteckt zu hal— ten, wozu er ihm eine Stube in ſeiner eigenen, hinter dem rothen Thore ſtill gelegenen Wohnung anbot.— Es geht etwas vor, ſagte er abermals; ich kann es nur im⸗ mer noch nicht herausbringen. Doch die Art, wie Garz⸗ weiler ſo ängſtlich und Cardinet's Burſche ſo ſpitzbübiſch ſich erkundigen, ob Sie noch immer nicht zurück ſeien, und ob Sie etwa der Erlaubniß mißtrauten, iſt mir verdäch⸗ 200 tig, und ein Zettel des Paters hat mich vollends bedenk⸗ lich gemacht. Was werden Sie aber von mir denken, daß ich ein ſo argwöhniſcher Schleicher geworden bin? Wahrlich! dieſer Garzweiler hat mich ganz heruntergebracht! Und es iſt auch jetzt ein Spitzbubenleben in Mainz. Ein Zettel, Jean Baptiſt? fragte der Baron. Ja, hören Sie! erzählte der junge Mann. Läßt er mich letzt rufen, und ich bemerke beim Eintreten, daß er einen Zettel verſtohlen vom Tiſch auf das Sopha zieht; ſteht dann auf, und es war Ihretwegen. Er habe nun all' die Mißverſtändniſſe beſeitigt, ſagte er, und hoffe von einem, ſtets ſo wahrhaft adeligen Manne, wie Sie ſeien, den bewußten Brief bald, und am liebſten von Ihnen ſelbſt zu erhalten. Er habe mit Ihnen ſehr Wichtiges zu beſprechen, und Sie würden ihn gewiß ſo wenig, als Ihr eigenes mainzer Herz verrathen. Darüber kömmt der Adjutant Cardinet, und ſie treten ins Fenſter und ſprechen Franzöſiſch. Derweile fällt mein Blick auf den Zettel, und — Sie wiſſen, was ich für ein weitſchweifiges Auge habe! — was ſteht darauf? Nichts als Name unter Name,— Hofrath Itzſtein, Profeſſor Waldmann, mein Onkel Lennig, der Domprediger Reichert, der Buchhändler Alef, Stadt⸗ rath Krebs und Andere, die ich nicht mehr leſen konnte, weil eben Garzweiler das Papier holte und es dem Ad⸗ jutanten zuſtellte. Wie er ihn darauf hinaus begleitet, und wieder zurückkömmt, ruft er mit einer aufgehobenen Fauſt aus: O dieſe Franzoſen! Denke dir, ehrlicher Jean Baptiſt, daß ſie damit umgehen, eine Anzahl unſe⸗ rer beſten Leute als Geißel nach Frankreich abzuführen, um ſich der Ruhe der Stadt zu verſichern.— Ich denke 201 mir nichts, dir nichts dabei, bis mir dieſe Nacht brühheiß einfällt, ob der Zettel nicht gar die Liſte der Bürger ge⸗ weſen, die gegeißelt werden ſollen?. Was ſagen Sie? Der Baron, indem er Jean Baptiſt's Hand ergriff, ſagte mit lebhafter Entrüſtung: Ja, mein ehrlicher, wachſamer Schildträger, du magſt es errathen haben! Vielleicht hat der Pater die Liſte ſelber aufgeſtellt, und wenn ich noch nicht darauf ſtand, mich einſtweilen mündlich empfohlen. Was könnte er auch Beſſeres für ſich thun? Wenn mich die Franzoſen als Geißel wegnähmen, würde er mich ja mit der un⸗ ſchuldigſten Miene los. D'rum kitzelt er mich auch bei meiner adeligen Geſinnung: ich ſoll nur hübſch edelmän⸗ niſch ſchweigen, bis mich andere Leute fortgeſchafft und unſchädlich gemacht haben. Der Schalk hat Recht: ich möchte auch wahrlich nicht für mich ſelbſt Teufel austrei⸗ ben mit Hülfe Beelzebubs, ſo lange noch mein ritterliches Schwert blank iſt; aber— um Lennig's willen? Sein Name ſteht auf der Liſte, ſagſt du. Ich werde mit ihm reden. Hoffentlich wird man eine ſo grauſame Maßregel nicht übereilen. Doch ehe mir dieſer brave Mann, unſer lieber Erasmus, als Geißel entführt wird, will ich den Pater als Spion gehenkt ſehen! Für einen Freund iſt das erſte Mittel das beſte. Unter dieſen Umſtänden wagte der Baron nicht vor Nacht auszugehen, und begab ſich dann in Begleitung Jean Baptiſt's nach Blau's Wohnung, um Fides zu ſe⸗ hen und Lennig zu finden. Da jedoch gerade dieſen Abend mehrere Freunde oben waren, die Franz Karl lieber ver⸗ meiden mochte, ſo kehrte er mit Jean Baptiſt in deſſen 8 202 Wohnung zurück. Des andern Abends war die große Redoute, und es blieb ihm daher nichts übrig, als durch Vermittlung Jean Baptiſt's die nöthige Verabredung zu treffen, um Fides und Lennig unter den Masken heraus⸗ zufinden. Jean Baptiſt berichtete, daß Fides als Pilgerin kommen wolle, und ſich freue, ihm als Pilger zu begegnen. Der Freund ließ ſich daher gleich einen ſolchen Anzug beſorgen, worin er auch am wenigſten erkannt zu werden hoffte, während dieſe Maske gerade ſeinem jetzigen unſte⸗ ten Leben ſo entſprechend ſchien. Im Laufe des Tages fand, aus Zufall oder Abſicht, ein Aufzug ſtatt, wie er von den Franzoſen zu den wich⸗ tigen Proclamationen Cuſtine's eingeführt war. Der Po⸗ lizei⸗Commiſſar Scheuer ritt, hinter einer Reihe Tromm⸗ ler, 25 ſchweren Reitern vor, von denen die beiden erſten ihre Stutzflinten geſpannt, die übrigen ihre Säbel gezogen führten. Den Zug beſchloß der bürgerliche Wachtmeiſter⸗ lieutenant zu Pferde mit den Polizeidienern zu Fuß. Auf allen Kreuzgaſſen und öffentlichen Plätzen wurde Halt gemacht, und die Verkündigung durch Trommelſchlag er⸗ öffnet. Laut und langſam verleſen wurde dann ein Erlaß Adam Cuſtine's, Generals en chef der Vogeſiſchen Ar⸗ mee, an alle Bürger der Provinz zwiſchen Landau, der Moſel und dem Rhein, einſchließlich der ſich darin auf⸗ haltenden Adeligen, Geiſtlichen und Beamten, weß Stan⸗ des und Ranges ſie vorher geweſen ſein möchten, ſo wie aller Mitglieder der Univerſität, der Seminare und geiſt⸗ lichen Behörden, mit der Auffoderung an Alle, welche bis jetzt noch nicht zur Freiheit und Gleichheit geſchworen,— bis zum 20. Februar eine ſchriftliche Erklärung an Eides 203 Statt dahin auszuſtellen, daß ſie dem Volk und den Grundſätzen der Freiheit und Gleichheit treu ſein, und ſowol dem Kurfürſten und ſeinem Anhang, als auch allen ihren bisherigen Vorrechten und Privilegien entſagen wollten. Angedroht war dabei, daß Alle, die ſich des Eides weigern würden, als der öffentlichen Freiheit und der fränkiſchen Republik gefährlich, über die Grenze ent⸗ fernt, und dem Feinde, deſſen verrätheriſche Helfershelfer ſie ſeien, zugeſchickt werden ſollten. Dem jungen Freunde blieb den Tag über in ſeinem Berſteck Zeit und Einſamkeit genug, ſich die Folgen dieſer feindlichen Maßregel,— die Seelenkämpfe ehrlicher Bür⸗ ger zwiſchen dem gefoderten Schwur und der angedrohten Ausweiſung, und die Bilder der Trennung und Verban⸗ nung auszumalen. Sein Bewußtſein warf ihm einmal die Frage auf, ob nicht etwa die geheime Verbindung zu Gunſten des Coadjutors und der ausgeſtreute Brief der auswärtigen Freunde den grauſamen Befehl zur Abſchwö⸗ rung hervorgerufen hätten. Aber ſein Herz ſchlug ſo heftig dabei, daß er mit verzweifelnder Gewalt ſich von dieſer Betrachtung losriß. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 8 Dennoch blieb ein Mißmuth, eine dumpfe Unzufrieden⸗ heit mit ſich ſelbſt in der Bruſt des Freundes zurück, bis der Abend der feſtlichen Redoute angebrochen war. Die Beſchäftigung mit ſeinem Anzug und die Sehnſucht nach Fides brachten ihn auf andere Gedanken und in eine ge⸗ hobenere Stimmung. Nur mit halber Ueberlegung und halb aus Gewohnheit der letzten Zeit ſchnallte er, als die Pilgerkutte ſchon übergeworfen war, noch ſeinen Degen um. Jean Baptiſt, in der Maske eines Sennhirten aus Schm, bediente ihn. Sie hatten nur eine kurze Strecke am Kaufhauſe vor⸗ bei, über den Karmelitterplatz und durch die enge Gaſſe zum Schröder'ſchen Kaffeehauſe, worin dergleichen Bälle gehalten wurden, ſeit der Umfang des Saales und die innere Einrichtung dieſes ehemaligen Gutenbergerhofs das ältere adelige Redoutenhaus am Neubrunnen überflügelt hatten. Ein dicker Nebel war mit dem Abend herabgeſunken; durch das rothe Thor hörte man das knirſchende Rauſchen dichtdrängender Eisſchollen, mit denen der Rhein ging, und Jean Baptiſt, der auf die Erſcheinungen des Stroms zu achten gewohnt war, wollte darauf wetten, daß ſich bei dieſem feuchtkalten Duft das Eis ſtellen werde. Die hellen Fenſter des Redoutenſaales ſtrahlten— wenn es von einer ſo üppigen Luſtbarkeit bei wilder tür⸗ 20⁵ kiſchen Muſik geſagt werden dürfte— einen Heiligen⸗ ſchein in den Duftnebel. Das Haus war von neugieri⸗ gem Volk umdrängt; Treppe und Vorplatz wimmelten ſchon von Masken, und ein lärmendes, lachendes, quiken⸗ des Getümmel empfing den Pilger Franz Karl und den Schweizer Jean Baptiſt beim Eintritt in den Saal.— Was ihnen zuerſt aufſiel und wie eine üble Vorbedeutung verkehrter Welt ausſah, waren an den taghell erleuchteten Wänden die großen Bilder der alten Kurfürſten, die man aus republikaniſchem Eifer umgewendet hatte, ſo daß ſtatt der Gemälde die ſchmutzige Leinwand mit den Pinſelpro⸗ ben und Farbenkleckſen der Maler als Schmuck des Saals herausgekehrt war. Den Freund lächerte im Stillen dieſe Erſcheinung, worin die Clubiſten, wie durch Inſtinkt, ſelbſt dieſe alten geiſtlichen Kurfürſten in Sansculotten umge⸗ ſtaltet hatten.— Unter den Bildern war eine Ballord⸗ nung angeſchlagen, welche elf Uhr zum Demaskiren und zur Präſentation aller Masken vor den drei Convents⸗ Commiſſaren beſtimmte. Unſere beiden Masken trieben ſich, die Pilgerin aufzu⸗ finden, im Saale umher. Der Walzer hinderte ſie überall, der ſich durch das Gedränge der Masken wie ein mühſa⸗ mer Wirbel in ſtockendem Strom bewegte. Im Augen⸗ blicke wo Franz Karl ſeine Pilgerin im Gewühl erblickte, faßte ihn ein ägyptiſcher Prieſter am Arm, und indem er mit ſeinem Stabe bedeutſame Zeichen vor ihm in die Luft ſchrieb, nahm er ihn mit ſich unter den Kronleuchter eines Seitenzimmers, wo er ihm die feierlichen, nur von Hüſteln unterbrochenen Worte ins Ohr raunte: Sklave des Verhängniſſes, deſſen zermalmende Wagen⸗ 206 räder du ſchieben hilfſt, beſinne dich! Du reizeſt mit Druckbriefen die Stadt zum Widerſtande, und bedenkſt nicht, daß du nur die übermüthige Gewalt reizeſt. Flieh' zu deinem Coadjutor, ehe du die Kämpfe ſchaueſt, die der fürchterliche Eid dem Kurfürſten abzuſchwören, deinen Mitbürgern bereitet hat. Noch einmal hob Saraſtro den Stab, während ſeine bebende Linke auf der Bruſt ruhte, als zwiſchen ihm und dem ſtarr zurückgetretenen Pilger eine wunderliche Figur mit Bockſprüngen hindurchſetzte, und eine Menge lachender Masken nach ſich zog. Hinter dieſen war der Prieſter verſchwunden, und die tolle Geſtalt kehrte noch einmal zurück, und umtanzte mit ſpöttiſchen Geberden unſern Pilger. Es war eine weibliche Geſtalt, bunt aus ver⸗ ſchiedenen Volkstrachten gekleidet, um die plumpe Taille eine dreifarbige Schärpe geknüpft, woran vorn und hin⸗ ten zwei Schildchen hingen,— jenes über dem Schooſe mit dem Worte Freiheit, das hintere mit dem Worte Gleichheit beſchrieben. Dieſe ſcharfe und ſchalkhafte, ja unanſtändige Deutung der beiden politiſchen Heilsworte erregte nur theilweiſe ein verſtohlenes Gelächter; denn Manche nahmen Aergerniß daran, und Viele ſchienen zu fürchten, daß der Spaß übel aufgenommen werde. Auch konnte, da die Maske an ſich und durch ihre tollen Sprünge alle Aufmerkſamkeit auf ſich zog, der verborgene Schalk nicht lange unerrathen bleiben. Denn kaum hatte er noch einigemal den Saal durchraſt: ſo hörte man erſt einzeln, und bald zunehmend — Dietler! der närriſche Dietler! rufen, und das ſoge⸗ nannte Genie fand für gut zu verſchwinden. 207 Der Baron trieb ſich inzwiſchen beſtürzt und bedenklich im Gewühl umher. Er ſuchte wieder Fides auf, und konnte ſich doch nicht von dem Räthſel des Prieſters los⸗ machen, das ihn verfolgte. Wer nur in der Maske ſtecken könnte— Freund oder Feind, fragte er ſich, und ob es nicht gerathener wäre, den Saal zu verlaſſen, wo er nicht blos von Perſon, ſondern in ſeinem geheimſten Bezuge gekannt ſei. Er war geneigt, die Warnung eines Wohl⸗ wollenden in jenen Worten zu finden, weil ein böswilli⸗ ger Gegner ihm wol Nichts geſagt haben würde, was er als Wink benutzen konnte. Indem ſich der Freund aber, um den Unbekannten noch einmal zu treffen und zur Rede zu ſtellen, nach ihm umſah, erblickte er ſeine Pilgerin wieder, die ſich an einen reiſenden Doctor hielt, in welcher Maske der Baron den Vater Lennig wußte. Dieſe ſeltſame Figur ergötzte die Umſtehenden, und ſchien aus dem Leben gegriffen, da ſolche wandernde Heil⸗ künſtler ſich in manchen Gegenden noch unter den Bauern umhertreiben und ihre Mittel aus zerriebenen Erdarten, roh gequetſchter Wermuth mit Branntwein vermiſcht oder einem Abſud von Kamillen und Ehrenpreis, Alles friſch aus eigener Fabrik, verkaufen durften. Unter einer ent⸗ ſprechenden Larve mit kupferigter, warziger Naſe, rothen, wolkenartigen Haaren und borſtigem Schnurrbarte trug der reiſende Quackſalber einen dunkelblauen Ueberrock mit gelben Metallknöpfen, rothe Weſte mit Spuren von Gold⸗ borten, gelblederne Beinkleider, halb durch hohe enge Stie⸗ feln bedeckt, einen großen Dreſſenhut und ein altdeutſches Schlachtſchwert. Aus einem Tablette, worin er ſeine Apo⸗ theke trug, theilte er mit halb lateiniſchen Redensarten 208 ſeine Mittel aus, die unſer Erasmus, in ſeinem politiſchen Uebermuthe, leider! etwas bitter und auf mainzer Ver⸗ hältniſſe bezüglich verſchrieben hatte; ſo daß er nur zu ſehr damit auffiel. Franz Karl nahm, nach einiger Maskenbegrüßung ſeine Pilgerin mit ſich fort, um in einem Nebenzimmer ver⸗ traulich mit ihr zu reden, und ihr ſeine Beſorgniſſe mit⸗ zutheilen. Aber ein Mohr, der ihnen gefolgt war, trat ſo dicht an ſie heran, daß ihm Franz Karl ſeine Zudring⸗ lichkeit verwies, und den Arm hob, um den trotzigen Menſchen zurückzuſtoßen, als dieſer ſich mit einem Dolche zur Wehr ſetzte. Fides ward ängſtlich und zog den Freund mit ſich nach dem Saale zurück. Der Mohr folgte ihnen an der Ferſe. Franz Karl, um zu ſehen, wem die Verfolgung gelte, trennte ſich von Fides: der Mohr blieb hinter der Pilgerin. Während er überlegte, was zu thun ſei, geſellte ſich zu dem Mohren die Maske eines Schiffers, woran der Freund, nach Jean Baptiſt's Mittheilung, den Adjutant Cardinet erkennen mochte. Ein himmelblauer Domino begleitete ihn. Auf des Mohren Bericht faßte der Schiffer den nicht gar entfernt ſtehenden Baron ſcharf ins Auge, und mit einer Bewegung gegen ihn, foderte er etwas von dem Mohren. Ditſſer ſteckte ihm verſtohlen ſeinen Dolch zu. Der Schiffer fuhr raſch damit in die Bruſttaſche des Schifferkamiſols, und brachte einen Brief heraus, den er mit Geberden der Verwun⸗ derung dem Domino vorzeigte. Dieſer, ſchreckhaft zurück⸗ fahrend, ergriff haſtig den Brief; doch in demſelben Au⸗ genblick entriß ihn ihm der mißtrauiſche Schiffer wieder, und eilte damit einem Seitenzimmer zu, worin Cuſtine ———— ε— —*☛ 8N 209 mit den Conventsdeputirten verweilte. Franz Karl be⸗ merkte, wie ſich darauf der Domino mit ſcheuen Umblicken ins Gedränge verlor. Auch der Mohr hatte ſich jenem Zimmer ſchleichend genähert, ohne doch Fides ganz aus dem Auge zu laſſen. Dieſe myſteriöſen Vorgänge, die der Freund mit gro⸗ ßer Spannung beobachtet hatte, floͤßten ihm eine unbe⸗ ſtimmte Beſorgniß ein. Er eilte zu Fides, die ihn er⸗ wartend ſtehen geblieben war, als es eben an der Uhr im Saal elf ſchlug und Viele ſich ſchon demaskirt zeigten. — Ich kann nicht länger bleiben, flüſterte er ihr zu, ich darf mich nicht entdecken. Wollten Sie nicht lieber auch weggehen, liebe Fides? Ich will Sie nach Hauſe beglei⸗ ten. Eine Angſt quält mich—. Kommen Sie!* Wie kann ich das, Herr Baron? erwiderte ſie, nicht ohne Befangenheit. Mein Vater würde mich vergebens ſuchen, und in Sorge kommen. Wo iſt Ihr Vater? Ich ſehe ihn eben nicht. Ich ſah ihn ſchon eine Weile nicht. Und Herr Profeſſor Blau? Iſt ſchon früher nach Hauſe gegangen. Er verträgt die ſpäte Unruhe nicht. War er maskirt, liebe Fides? Ja, als Saraſtro. Er war es? rief Franz Karl angenehm überraſcht. Das iſt gut! Er hat mir ſehr bange gemacht, und viel Betrübendes geſagt. Doch ich muß fort. Alles demaskirt ſich. Wie viel hätte ich Ihnen zu ſagen, theure Fides! Ich will unten an der Ecke der Karmelittergaſſe warten: Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 14 210 ſuchen Sie zu entkommen, wenn Sie den Vater geſpro⸗ chen. Ich werde nicht eher ruhig ſein! Er hatte bei dieſen letzten Worten ihre Hand gefaßt, und ſchied mit einem leiſen Druck derſelben. An der Thüre traf er mit ſeinem Schweizer zuſammen, von dem er längſt getrennt worden war, und der ebenfalls zu entkommen ſuchte. Jean Baptiſt faßte ihn am Arme, und mit dem leiſen Zurufe: Gott ſei Dank, daß Sie da ſind! Ge⸗ ſchwind, geſchwind! zog er ihn mit ſich fort. Vor dem Hauſe war es ſtille, das neugierige Volk hatte ſich verlaufen. Eben verſtummte auch die Muſik, man hörte nur das Getümmel des Saales, und matter durch den dichteren Nebel ſtrahlte das Licht der Fenſter. Der Brief,— der preußiſche Brief an Garzweiler—! rief Jean Baptiſt ängſtlich und nicht ohne Verlegenheit. Ich bin damals ſo zerſtreut geweſen, als ich den Brief ja recht gut aufbewahren wollte, und habe vergeſſen ge⸗ habt, daß er im Wamms ſtak, als ich es dem Adjutan⸗ ten geliehen. Nun hat er ihn gefunden und dem Cuſtine überliefert. Um Gotteswillen, was wird das werden? Laß werden, Jean Baptiſt! ſagte nach einigem Ueber⸗ legen der Baron. Ich verlaſſe Mainz, und du berufſt dich auf mich. Du haſt den Brief von mir erhalten, für mich bewahrt: was weißt du vom Inhalt und Her⸗ kommen deſſelben? Nichts! Und man wird dir nichts anhaben. Sie waren in den Winkel der Mauer getreten, die das Kaffeehaus mit den vorſpringenden Häuſern der Kar⸗ melitergaſſe verband. Franz Karl, indem er das Pilger⸗ gewand ablegte, das ihn im raſchen Gehen hindern 11 konnte, trieb den jungen Mann, noch einmal hinaufzu⸗ gehen, wenigſtens bis an die Saalthüre, und Fides abzu⸗ holen. Jean Vaptiſt that es, nicht ohne zögernde Ban⸗ gigkeit. Während nun der einſame Freund, die Kutte gegen die feuchte Kälte um die Schulter geſchlungen, in ängſt⸗ licher Unruhe hin und wieder wandelte, bemerkte er in der Nähe eine dunklere Stelle des Karmelitterplatzes, und entdeckte näher getreten, eine Chaiſe mit einem maskirten Kutſcher, der ihm auswich. Dies ſchien ihm verdächtig. Er zog ſich wieder in die Ecke zurück. Nicht lange, ſo war aus dem Hofe des Redoutenhauſes ein lebhaftes Flüſtern zu vernehmen; das Pförtchen der Mauer riegelte ſich auf, und zwei Masken mit umgeworfenen Mänteln traten heraus.— Kommen Sie doch nur, Mademoiſelle! ſagte der Eine. Dort um die Ecke ſteht die Chaiſe, und Ihr Vater wartet darin. Eilen Sie, man ſucht ihn, er ſoll arretirt werden! Seine Freunde haben ihn geflüchtet. Geſchwind doch! Sie müſſen noch mit ihm nach Weiße⸗ nau fahren. Nein, nein! Erſt ſollte er im Hofe ſein, nun auf der Straße? Wer ſeid ihr? Was habt ihr vor? Doch ja! Wartet nur! Laßt mich frei hinaus! Und indem beide Männer etwas zurücktraten, kam eine ſchlanke Geſtalt eiligſt auf die Straße heraus und rief laut: Iſt Niemand da? Es war Fides, und offenbar galt ihre laute Frage dem Freunde, den ſie in der Nähe wußte, und der auch raſch hervortretend antwortete: 14 Ich! Hier bin ich! Zurück da! gebot in franzöſiſcher Sprache ein Dritter, der inzwiſchen um die Ecke des Hauſes herangekommen war. Und augenblicklich drang Cardinet in der Schiffer⸗ maske, mit einem Dolche ſo ungeſtüm auf den Baron ein, daß er, als dieſer zurückſpringend ſich raſch zur Wehr ſetzte, unverſehens in den eben ausfahrenden Degen rannte, und mit einem Schrei zu Boden ſtürzte. Ein Moment ſtummen Entſetzens folgte dieſem uner⸗ warteten Unglück; worauf die zwei Masken durch den Hof entwichen, und Fides in Franz Karl's Arme ſank. Wer weiß, wie lange der beſtürzte Freund auf der gefahrvollen Stelle noch gezögert hätte, wäre nicht Jean Baptiſt aus dem Hauſe mit den ängſtlichen Worten her⸗ beigekommen: Fort, fort! Mein Oheim iſt arretirt, in der Stadt wird arretirt, Geißel werden genommen und fortgebracht! Der blaue Domino war ihm gefolgt, trat hinzu, und indem er auf die Leiche deutete, ſagte er mit dumpfer Stimme: Rettet euch! Rettet mich! Sie eilten über den Karmelitterplatz hinab. Die Lauer⸗ Chaiſe war auf dieſen Lärm ſchon fortgefahren. —= Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wohin?——— Dies war die ſchwere Frage dieſer kalten, finſtern Nacht. Jean Baptiſt, mißtrauiſch gegen den Domino wagte nicht in ſeiner nahen Wohnung einzukehren. Er wendete ſich dem rothen Thore zu, das jetzt, ſeit die Brücke abgefahren war, keine beſondere Wache hatte.— Hier ſtanden nun dieſe vier Menſchen vor dem dumpfen Rau⸗ ſchen des Eisſchollenzuges bebend vor Angſt und Kälte. Ueberſetzen! rief der Baron. 1 Ueber den Rhein? Durch das dicht treibende Cis? Nicht möglich! antwortete Jean Baptiſt. Gerade weil es dicht geht, ſtoßen wol die Schollen weniger, erwiderte Franz Karl. Nur immer ſchräg hin⸗ über mit dem Strom: mögen wir bei Bibrich oder wo immer ankommen! Nur ans andere Ufer! In dieſer Dunkelheit? In dieſem erſtickenden Nebel? Immer ſicherer als hier bleiben. Die Thore ſind ge⸗ ſchloſſen: uns bleibt nur der Strom. Nicht dein Brief allein, die Leiche Cardinet's verfolgt uns hier. Und wer weiß, ob wir nicht ohnedies ſchon zu Denen gerechnet waren, die feſtgenommen werden ſollten? Wir haben uns⸗ nur nicht demaskirt, um gekannt zu werden. Eben die Leiche! verſetzte Jean Baptiſt ängſtlich. Sie trägt meine Kleider: der ermordete Schiffer, das Ge⸗ — 244 ſpenſt, ſetzt ſich mit uns ins Boot, und wir ver⸗ ſinken. Aberglauben! murrte der Domino mit dumpfer Stimme. Ueberſetzen! Jean Baptiſt iſt ein tüchtiger Schiffer, und ich bringe Glück und Segen mit. Franz Karl glaubte die verſtellte Stimme zu kennen; als man die Schritte einer Patrouille hörte.— Weichen wir aus! ſagte er. Nach Zwölf ſammeln wir uns hier wieder. Kommt! Der Domino entſchlüpfte. Man hatte nicht Zeit über ihn zu räthſeln; zumal er offenbar keine Gefahr brachte, ſondern die vorhandene mit zu fürchten hatte. Der Ba⸗ ron ſchickte Jean Baptiſt mit Befehlen an die Dienerſchaft ſeines Hauſes und nach der Umbach, um Frau Lennig zu beruhigen und ihr Nachricht von Fides zu geben, die er zu ihrer größeren Sicherheit auf der Stelle zu den wel⸗ ſchen Nonnen bringen wollte. Fides, die inzwiſchen Alles bedacht hatte, benahm ſich mit einem bewundernswerthen Muthe. Froh, der ihr of⸗ fenbar zugedachten Entführung und Mißhandlung durch die Entſchloſſenheit ihres Freundes entgangen zu ſein, be⸗ ruhigte ſie ſich ihres Vaters wegen durch die Betrachtung, daß er als Geißel für Mainz keine üble Behandlung zu erfahren habe, und daß er in guter Geſellſchaft anderer braven Mainzer nach Frankreich gebracht und vielleicht bald zurückkehren werde. Nur eine Sorge um Franz Karl laſtete auf ihrem Herzen mit aller Angſt einer ſo entſetzlichen Stunde und der bevorſtehenden Ueberfahrt. Von dieſen Empfindungen und nicht blos von der feuchten Kälte ſchlotterten ihre Glieder und ſchlugen ihre 245 Zähne auf einander, während ſie an Franz Karl's Arm durch die ſtillen, dunkeln Gaſſen eilte. Nun ſtanden ſie unter derſelben gewölbten Halle, wo vor Kurzem die arme Dorothea ihre rührende Liebesbeichte abgelegt hatte. Doch nicht dieſe Erinnerungen, andere Eingebungen des Herzens bewegten den Freund. Er mußte wiederholt und hart die Glocke ziehen, die das jungfräuliche Kloſter aus dem erſten Schlaf erwecken ſollte. Inzwiſchen ruhte die zitternde Pilgerin, von der Pilger⸗ kutte des Freundes umhüllt, abermal, wie einſt im Bie⸗ nenzellchen ihrer Manſarde— nur mit welch' andern Em⸗ pfindungen! an der Bruſt des geliebten Mannes. Jenes Augenblickes gedenkend, ſagte Franz Karl: Welches Verhängniß, das uns hier zuſammenführt! Aber, theure Fides, wie Sie mir auf ſo grauſenvollem Scheideweg meines Lebens begegnen, gehören Sie mir durch eine heilige Fügung an. Die beſten Abſichten, in der Welt und für die Welt zu wirken, mißrathen mir. Nur Eins iſt mir gelungen, Sie aus einer ſchmählichen Gefahr zu befreien. Heißt das nicht offenbar, daß ich nur durch Sie eine Zukunft gewinnen ſoll? Darum kann ich Sie nicht durch dieſe ſchwere Thüre verſchwinden ſehen, ohne mich des glücklichſten Wiederſehens zu verſichern. Sie haben es gewiß erkannt, liebſte Fides, wie ich Ihnen mit dem beſten Theil meiner Seele angehöre, und durch all' mein Irren und Schwanken angehört habe. So war mir nun einmal zur Erkenntniß zu kommen beſtimmt. Aber immer noch ſchien mir die Zeit zu ſchwer, um blos an das Glück meines Herzens zu denken; doch was hab' ich mit all' meinen großgefaßten Unternehmungen? Sie „ ‿ hab' ich in mein Verhängniß gezogen. Laſſen Sie es nun nicht meine Schuld, ſondern mein Glück ſein! Sa⸗ gen Sie, daß Sie mich lieben, und Schuld und Unglück verſchmelzen zu einem gemeinſamen Lebensgeſchick. O ſage, daß du mich liebſt! Ach! wenn Sie nur nicht über den Rhein ſetzen müß⸗ ten! ſeufzete Fides. Sage, daß du mich liebſt, und mir angehören willſt, rief er, und ich fahre mit dem Segen deiner Schutzengel⸗ ſeele, mit deinem und meinem Lebensglück,— und das geht nicht unter! Um deinetwillen nicht unter! O mein Franz Karly] flüſterte ſie, und umſchlang ſeine Schultern. Ein entzückter Augenblick, ein reiner Blitz des Gelöb⸗ niſſes brach aus dieſer ſchweren Mitternachtsſtunde. Das frühere Siegel des Bundes, auf die jungfräuliche Stirne gedrückt, ſchmolz auf die Lippen zu einem heißen Bekennt⸗ niß. Alle Schauer der Winternacht waren verſchwunden, und das Beben der ſeligen Fides war zitternde Liebe. In dieſem Augenblick öffnete ſich das Schubfenſterchen der Kloſterthüre. Der Lampenſchimmer dreier Nonnen in übereilten Schleiern fiel auf die wunderbare Erſcheinung’ einer Pilgerin, die um Einlaß flehte, und in welcher die ſchlaftrunkenen Schweſtern bald eine ehemalige Schülerin erkannten.— Schnell ging das Pförtchen auf.— Nehmt und ſchützt meine Braut! ſagte der Baron. Sie wird euch Alles erklären.— Fides war eingetreten, Franz Karl ſtand außen, und ihre Hände fügten ſich über der geweihten Schwelle in⸗ einander. Noch einmal wurden die zärtlichen Namen Fides und Franz Karl, noch einmal das verlobende Du gewechſelt, und neben der Thürpfoſte, die Kloſter und Welt ſchied, begegneten ſich noch einmal, unter ſechs nie⸗ dergeſchlagenen Nonnenaugen, die ſcheidenden Lippen. Lebe wohl, ewige Fides! Gott führe dich, mein Franz Karl! 8 Gelobt ſei Jeſu Chriſt, Herr Baron. Gut' Nacht, Schweſter Beatrix! Hinter dieſen Wechſelgrüßen verſchwand die Lampe der Nonnen. Zum erſtenmal wußte der junge Freund nicht, wie er die langen Gaſſen hinab an den Rhein gekommen war, wo er Jean Baptiſt an der Bucht fand. Dieſer hatte bereits einen Kahn vom Ufer hinabgeſchoben, und einige Mäntel und Erfriſchungen aus ſeiner nahen Wohnung herbeigeholt. Eine mitgebrachte Laterne hielt er verdeckt, um keine Aufmerkſamkeit zu erregen, obgleich ſie durch den dicken Nebel kaum einige Schritte weit leuchtete. Der Kahn iſt für Drei zu klein! ſagte er, als der Domino eben aus einer alten Breterhalle hervortrat. Einer muß zurückbleiben. Wer von uns Beiden? fragte der Baron die Maske in ſcherzhaftem Tone. Nicht ich! war die kurze, finſtere Antwort des Unbe⸗ kannten, über welche verdroſſen Jean Baptiſt heftig ausrief: Steigen Sie ein, Herr Baron! Wird dein Ruder ſeinen Wohlthäter verläugnen? ſagte der Domino, und indem er die Maske abnahm, 0◻ 24 8 ſtand Garzweiler da.— Was nöthigt mich zu fliehen, fuhr er fort, als euer Verrath meines Briefes? Das Wenigſte iſt, daß ihr mich jetzt aufnehmt, und mit euch rettet. Bei Gott! ich rath' es euch auch zu thun; denn meine Perſon iſt für euer ſchmales Boot doch immer noch leichter, als mein Fluch. Ihr irrt, Pater! verſetzte Jean Baptiſt verdroſſ en. Nicht wir, der Zufall hat den Spitzbubenbrief verrathen. Steigt in Gottesnamen ein! Mag uns nun auch der Zufall ſteuern! Garzweiler ſtieg zum Baron ein, und dieſer ſagte in der heitern Stimmung ſeines Herzens: Legt nur aber auch vor Allem den Groll gegen mich ab, Pater Ignaz! Wenn er auch den Kahn zur glück⸗ lichen Fahrt nicht beſchwert, ſo beſchwerte er doch, falls wir verſänken, Euer Herz. Halte mir Einer die Laterne hoch! rief Jean Baptiſt, indem er mit Anſtrengung zwiſchen den knirſchenden Eis⸗ tafeln durchzukommen arbeitete. Der Baron hob die Laterne empor, und Jean Baptiſt fuhr murrend fort: Das Ding leuchtet auch in des Teufels Namen nicht beſſer, als ein Stück faules Holz! Licht und Hülferuf erſtickt in dem verfluchten Nebel. Müßt' uns nur der Lucifer ſeinen Höllenſchweif vorhalten: wir hätten eine beſſere Laterne! Könnte ich dir mein ſeliges Herz borgen, Jean Bap⸗ tiſt! ſagte der Freund. Könnte ich dir mit der Flamme meiner Liebe vorleuchten! Faſſe Muth, guter Jean Bap⸗ tiſt! Wir gehen nicht unter: wir fahren mit dem Zauber 249 meines Glücks, mit dem Nachtgebete meiner Fides. Unter dieſem Schirme nehme ich euch Beide mit. Wißt, Pater Ignaz, daß ich mich eben mit Fides verlobt habe! Euch danke ich die erſte Bekanntſchaft, und wie Ihr's auch damals gemeint haben mögt: um des frohen Endes wil⸗ len iſt Euch Alles vergeben. Dieſer Liebe, von der Ihr Euch ganz andere Dinge verſprochen, verdankt Ihr jetzt noch eine glückliche Ueberfahrt in dieſer ſchaurigen Nacht. Das habt Ihr doch nicht erwartet! Garzweiler erwiderte nichts. In ſeiner Seele war es ſo kalt und finſter, wie in ſeiner Umgebung von Nebel und Eis. Keine Silbe verrieth den Trotz und die Angſt ſeines Herzens. Wir frieren ein! rief Jean Baptiſt. Muß der ver⸗ fluchte Wind nach Nord umſpringen! Das Eis ſtellt ſich! Wir kommen nicht weiter, oder müſſen verſuchen, übers Eis wegzugehen. Der Wind ſchnitt ſcharf. Der Schiffer ſchlug die Arme kreuzweiſe über die Bruſt, um die naſſen Hände zu trocknen und zu erwärmen.— Reißt die Sitzbreter los! gebot er nach einer Weile der Ueberlegung. Wir legen ſie aus, und verſuchen darüber wegzugehen. Die beiden Männer ſtrengten ſich an, die Sitzbreter krachten. Der Schiffer legte das erſte über die ſtehenden, aber theilweiſe noch ſchwankenden Schollen, und betrat es, ſeine Stange in der Rechten, die Linke einem Nachfolgen⸗ den darbietend. Ihr habt den Vortritt, Pater! ſagte der Freund, hal⸗ tet Ihr die Laterne, und ich nehme das andere Bret. So ſtanden ſie nun alle Drei draußen, und drängten „9 220 ſich mit verzagten Füßen nach der vorderſten Spitze des Bretes zuſammen. Jean Baptiſt legte das zweite Bret aus, betrat es, und zog die Andern nach. Der Baron als Hintermann hob ſodann das überſchrittene erſte, das ſchon anfrieren wollte, los, und reichte es an Jean Bap⸗ tiſt zum Weiterlegen. So langſam vorwärts auf den wechſelnden ſchmalen Bretern, unter Froſt und Angſt zit⸗ ternd und zagend, ſchob ſich die grauſenhafte Wanderſchaft. Die Laterne leuchtete nur, den dichten Nebel zu ſehen, der um ſie her zu erſtarren ſchien. Kein Ton der Welt war zu hören, außer dem Knirſchen und Krachen des Eiſes, das unter und neben ihnen ſich dehnte und ſtreckte, ſich bog und bauſchte. Am nächſten Morgen, als der Nebel aufgeſtiegen war, erblickte man von beiden Ufern in Mitte des erſtarrten Stromes einen ſchmalen Kahn, halb vom Eiſe verſchlun⸗ gen, emporragen. Man räthſelte, wie er dahin gekommen oder welchen Unglücklichen er unter das Eis begraben habe, um als Leichenſtein dazuſtehen. Doch ein dichtes Schneegeſtöber entzog bald auch dies räthſelhafte Denkmal den Blicken der Menſchen. — — 3 e A 8 — 0 2 η — 5 1 Erſtes Kapitel. Ein tiefblauer Himmel ſtand über den Bergkuppen des Jura und leuchtete in das längliche Thal, das in der Einfaſſung der Felſen wie in einem Ringe der weithin gezogenen Bergkette lag. Die Juliſonne neigte ſich bereits hinter die weſtliche Wand; in halbem Lichte ſtuften ſich die koloſſalen Würfel gelblichen Kalkſteins, unterſetzt mit gebroche⸗ nen Felstafeln, und hier und da mit Buſchwerk und Tannen bewachſen, ſteil übereinander, und einzelne Fichten, vom Spiel der Lüfte bewegt, wiegten ſich auf der Firſte im Abendglanze des Himmels. An den unteren Bergabſätzen hingen vereinzelte Hütten, mager umgrünt, und von Zie⸗ gen umklettert. Freundliche Häuſer mit hellen Fenſter⸗ ſcheiben ſtanden um den lebhaft ſtrömenden Bach, aus welchem die Gießkanne kleine Blumenbeete und die Pflan⸗ zungen des Spatens bewäſſerte. Es war noch ſtill um die Häuſer. Durch die großen Fenſterſcheiben erblickte man männliche und weibliche Geſtalten über feinen Arbei⸗ ten der Finger gebückt. Nur eine halbblinde Greiſin ſaß in einem Gärtchen, und hörte dem Plaudern eines ſpielenden kleinen Mädchens zu, das mit ſeinem kindlichen Deutſch ſich der Franzöſin begreiflich zu machen, nicht er⸗ müdete. 224 Adbisconne tiefer hinter die Felſenkuppen getreten war, und die Schatten des Thals an der öſtlichen Berg⸗ wand langſam emporſtiegen, kam Frau Thereſe Forſter an Huber's Arm von einem Spaziergange. Sie betraten den kleinen Garten und nahmen an einem Tiſchchen Platz, das bereits gedeckt ſtand. Huber legte ſein Buch bei Seite, und lockte die kleine Roſa auf ſein Knie, während Thereſe ab⸗ und zugehend das einfache Mahl bereitete. Dazwiſchen kam Etienne, der Hauswirth, leicht gekleidet und gebückter Haltung, aus dem Hauſe, übergab There⸗ ſen mit ſeinem freundlichſten„Bon soir“ einen Brief aus Neufchatel, und rief Micho, den kleinen Sohn, herbei, der ein Schächtelchen fertiger Uhrgeräthe noch vor Nacht über den Berg nach Valangin bringen ſollte. Dann ſetzte ſich Herr Etienne, indem er eine verſtohlene Priſe nahm, neben Huber, und ſagte mit ſcherzhafter Neubegierde: Sie ſind geſtern bei uns eingezogen, Madame, und empfangen heute ſchon Correſpondenz? Ah! Madame, Sie haben noch mehr Freunde, als Monſieur Uber? Thereſe, die den Brief durchlaufen hatte, erwiderte mit lächelnder Rührung: Ich habe noch meinen Mann, lieber Herr Etienne. Und Sie können mir gleich einen guten Rath geben. Er iſt unterwegs von Paris hierher: kann ich ihn hier em⸗ pfangen, oder bleibt er beſſer drüben in Pontarlier auf franzöſiſchem Boden? Madame, ich verſtehe Sie nicht! bemerkte mit ge⸗ ſpannter Miene Etienne. Sie haben Recht, Herr Etienne! lächelte Thereſe weh⸗ müthig. Sie wiſſen ja nicht, wie die Sachen ſtehen. 7 Hören Sie! Der Zuſtand von Mainz iſt Ihnen bekannt. Mein Mann ſtand dort bei der Adminiſtration der Rhein⸗ provinz, die der General Cuſtine beſetzt hielt. Die Com⸗ miſſaire des National⸗Convents, die von Paris geſendet wurden, haben eine große rheiniſch⸗deutſche Nationalver⸗ ſammlung gehalten, in der man ſich für die franzöſiſche Republik erklärt, und meinen Mann nebſt zwei anderen Mainzern zu Deputirten nach Paris erwählt hat, um die Vereinigung der Rheinprovinz mit Frankreich zu betreiben. Dieſe Deputation iſt gegen Ende März nach Paris ge⸗ kommen, mein Mann hat im National⸗Convent ge⸗ ſprochen— Ah! Ihr Mann, Madame! fiel Etienne mit ehr⸗ erbietiger Verbeugung ein, und Thereſe fuhr fort: Worauf die Einverleibung des Rheinlandes mit Frank⸗ reich durch Acclamation genehmigt worden iſt. Seitdem verweilt mein Mann in Paris. Erſt hielt ihn eine Zeit⸗ lang das wichtige Geſchäft feſt, und als er hätte zurück⸗ kehren können, waren die Preußen gegen Mainz vorge⸗ rückt, das ſie jetzt belagern. Sehen Sie, unter dieſen Umſtänden will uns mein Mann auf einige Tage beſu⸗ chen, um Verſchiedenes zu verabreden, was uns von Wichtigkeit iſt. Aber, darf er es wol wagen, das neuf⸗ chateler Gebiet zu betreten, das Preußen gehört? Iſt ſeine Freiheit hier nicht gefährdet, lieber Herr Etienne? Ah, jetzt verſtehe ich Sie, Madame! verſetzte er. Ja, wir gehören allerdings zu Preußen; aber nur unſere Ari⸗ ſtokraten drunten am Ufer des Sees, in den Paläſten und Landhäuſern von Neufchatel, ſind auch preußiſch ge⸗ ſinnt; hier oben in den Bergen ſind wir Schweizer. Ah, Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 15 Madame! was thun wir auch mit einem König, der 300 Lieues von hier reſidirte Und was haben wir von ihm? Unſere Vornehmen ſchicken ihre Söhne nach Berlin, und laſſen ſie am Hof oder in der Armee Dienſte nehmen: wir aber und unſere Söhne machen die Uhren für Eu⸗ ropa. Glauben Sie mir, Madame, unſere Uhren ſind aufrichtiger, als die preußiſche Politik; unſere Uhrfedern gehen richtiger mit der Zeit, als die Federn des berliner Miniſteriums. Laſſen Sie nur immerhin Ihren Mann kommen! Der Weg nach Pontarlier geht hier unweit vorüber, und Neufchatel erfährt nicht, daß ein mainzer Deputirter in unſerem kleinen Thal, dieſſeit des Chaſſe⸗ ral eingekehrt iſt. Etienne erhob ſich.— Ich muß noch vor meinem Salat einen kleinen Lauf machen, ſagte er, indem er verſtohlen ſchnupfte, und dann nach dem Fenſter rief: Madelon! Komm herab! Laß deine Zifferblätter!— Meine Tochter iſt zu fleißig, ſetzte er mit Stolz hinzu. Sie iſt ſo fleißig als geſchickt. Sie emalllirt vortreff⸗ lich. Aber ſehen Sie dort ihre Großmutter! Dieſe war auch im Malen und Emallliren die erſte Künſtlerin. Die Lupe hat ihre ſchönen braunen Augen getödtet. Guten Abend, theure Mutter! Geht doch ins Haus, ehe es zu kühl wird. Kommt, ich führe Euch hinein. Es iſt noch der Schenkel eines Huhns da: genießt ihn zu Eue⸗ rem Salat!. Und kommen Sie, Madame! ſagte Huber. Ein Glas von dieſem rothem Weine wird Ihnen gut thun! Echter Cortaillod! Ah! Monſieur Uber, Sie ſind ſehr gütig! rief 227 * Etienne, wobei er mit artigen Umſtänden eine Priſe anbot. Wenn mein Freund Forſter hier ſein wird, ſagte Huber mit klugem Nachdruck, ſo müſſen Sie, Herr Etienne, uns die Ehre ſchenken zu einigen Flaſchen dieſes vortrefflichen Cortaillod, die wir mit großer Verſchwie⸗ genheit über unſern Beſuch leeren wollen. Monſieur Uber, Sie ſind charmant! antwortete Etienne. Sehen Sie, ſeit Sie drüben bei meinem Nach⸗ bar Vital wohnen, ſehe ich auch das Haus wieder an. Wir ſind Nebenbuhler, Vital und ich; nicht in der Liebe, ach nein! Meine Cataut kenne ich ſeit ihrer Confirma⸗ tion; aber in der Geſchicklichkeit ſind wir Rivalen. Er macht nur Uhrſchrauben, ſehen Sie! und ich mache ver⸗ ſchiedene der kleinen Räder, und meine Spindeln ſind ſehr geſucht. Das beneidet er mir. Ich verdiene auch an Wochenlohn das Doppelte ſeines Erwerbs. Ah, Ma⸗ delon, biſt du da? Komm! Madelon, ein blaſſes, mageres Mädchen mit einge⸗ drückter Bruſt und blinzelnden Augen, nahm des Vaters Arm. Im Forthüpfen ſang Etienne an Vital's Hauſe vorüber, wahrſcheinlich aus eigener Poeſie: Bon soir, Vital, mon cher voisin! Me voilà heureux à ton chagrin. Ich denke, ſagte Huber, die Ausſicht auf meinen Cor⸗ taillod wird dieſen Etienne verſchwiegen machen. Wüßte er von dem Preiſe, der auf Forſter's Kopf geſetzt iſt: ſo würde ich ihm weniger trauen. Der Abend war ſo ungewöhnlich mild unter dem far⸗ bigen Glanze des Himmels, der über der dunkeln Berg⸗ 15* 228 E. wand leuchtete, daß unſer befreundetes Paar tief in die Nacht ſitzen blieb. Ein Glas des rothen Cortaillod hatte Thereſens Nerven gehoben; denn nicht nur der Brief hatte ſie angegriffen: ſie war ſchon ſeither über Forſter's Be⸗ ſuch ſehr nachdenklich geweſen. Daß George dadurch ſeine perſönliche Sicherheit und ihr friedliches Aſyl in Neuf⸗ chatel aufs Spiel ſetze, war es nicht allein, was ſie be⸗ unruhigte. Dieſer Beſuch galt beſonders auch der Ueber⸗ legung und den geeigneten Einrichtungen wegen ihrer ge⸗ meinſamen Zukunft. Thereſens Herz geſtattete ſich aller⸗ dings keine zweifelhafte Wahl zwiſchen dem Freund und dem Gatten; aber es fand Gedanken, die es ſich ſchon eher eingeſtehen durfte und die ſich mit erlaubten Em⸗ pfindungen vertrugen.— Welche Laſt und niederdrückende Sorge würde jetzt Frau und Kind für den verbannten Mann ſein! ſagte ſie gern. Wir müſſen durch jede Art von Selbſterhaltung ihm wenigſtens dieſe Erleichterung verſchaffen. Und wie könnte ich mein liebes deutſches Vaterland verlaſſen und nach Frankreich ziehen, wo George ſich ſelbſt nicht glücklich fühlt? Nein, lieber Hu⸗ ber, es gelingt uns vielleicht, ſeine Verbannung zu lö⸗ ſen und ihn wieder zu uns herüberzuziehen. Mit dieſen Gedanken hatte Thereſe ſich vertraut ge⸗ macht und beruhigt. Deſto mehr war ſie nun von einer Stelle des Briefes erſchüttert worden. Sie ließ eine Lampe kommen, und las nicht ohne hrinen dem Freunde die Worte vor: „Nach ſo vieljähriger angeſtrengter Arbeit iſt mir nun⸗ mehr Alles, was ich zu meinem Fortkommen unter⸗ nommen hatte, fehlgeſchlagen, und ich fange die Welt 229 gleichſam von Neuem an, e zu wiſſen, wie und womit, da ich von ganz Europa abgeſchnitten, mit Schulden überhäuft, hier ohne alle Mittel, ohne alle Unterſtützung und faſt ohne Ausſicht bin. Ich habe mich anheiſchig gemacht, Alles anzunehmen, was man mir anbieten würde, wäre es auch eine Sendung nach St. Domingo oder Oſtindien; allein in dieſem unge⸗ heueren Strudel wird jetzt das Individuum verſchlun⸗ gen, das keinen Rückhalt hat, um ſich geltend zu ma⸗ chen, und vor Allem keine Unverſchämtheit und Zu⸗ dringlichkeit. Gelehrtes Verdienſt und ſelbſt die Talente des Geſchäftsmannes gelten jetzt nichts. Wer oben auf ſchwimmt, ſitzt am Ruder, bis ihn der Nächſte, der für den Augenblick am ſtärkſten iſt, verdrängt. Wenn man nicht verfolgen, denunciren und guillotiniren kann, iſt man nichts. Kurz, zum erſtenmal in meinem Le⸗ ben helfen mir all' meine Hülfsmittel nichts, und ich ſtehe ſo verlaſſen da wie ein Kind, das keine Kräfte hat, ſich ſelbſt zu ernähren.“ Heiterer ſchreibt er über den auf ſeinen Kopf geſetzten Preis, ſagte Thereſe, und las: „Alſo 100 Dukaten auf meinen Kopf? Der arme Schelm von einem preußiſchen General, da er nicht beſſer weiß, was ſo ein Kopf werth iſt. Ich gäbe keine ſechs Kreuzer für den ſeinigen.“ Und doch finde ich es für Deutſchland conſequent, ſagte Huber mit ſchmerzlicher Bitterkeit, daß man einen Kopf, den man ſo wenig zu ſchätzen weiß, ſo lange man ihn brauchen und ehren ſollte, auch nicht hoch taxirt, wenn man ihn abſchlagen möchte. Unſer Unglück iſt, daß wir 230 ſo viel vortreffliche Körfeſzun Dienen, und ſo jämmer⸗ liche regierende Häupter haben, und daß dasjenige, was wahrhaft excellirt, nicht unterm Toupet der Excellenzen zu wohnen pflegt. Mit einer Stelle des Briefs hielt Thereſe zurück, bis ſte von einem kühleren Winde, der jetzt ins Thal herab⸗ wirbelte, zum Aufbruche getrieben wurde. Jetzt ſagte ſie mit einiger Befangenheit: Ich hatte ihm von den befremdenden Mienen und Be⸗ merkungen geſchrieben, womit uns die Societät von Neuf⸗ chatel betrachte, lieber Ferdinand; darauf antwortet er nun: 1 „Liebe Frau, ſei ruhig bei den Albernheiten deiner ehrlichen Umgebung,— ſie haben mich nicht frappirt, denn ich habe ſie mir vorausgeſagt. Du kannſt ihnen nichts entgegenſetzen, als die ſtrengſte Beobachtung der Regel, die du dir ſelbſt vorſchreibſt, und daneben die vollkommenſte Nichtachtung ihrer eingeſchränkten Be⸗ griffe. Ich könnte mir die Befriedigung wünſchen, ei⸗ nige Augenblicke in einem ſo geſtrengen Zirkel zu ſein, um ihnen Allen die Mäuler zu ſtopfen; denn mich dünkt, das iſt das Vorrecht der Tugend.“ Iſt er nicht der edelſte Menſch, unſer George! rief ſie auf⸗ ſtehend. Er allein unter Tauſenden faßt unſer Verhält⸗ niß recht und rein auf, und nicht der leiſeſte Argwohn findet Zugang in ſeinem großen Herzen. Huber ſchwieg nachdenklich, indem er die Lampe auf⸗ hob. So begleitete er Thereſen bis an die Thüre des Hauſes, die Vorſchrift achtend, nie mit ihr einzu⸗ kehren. 231 Aber noch lange blieben die oberen Fenſter in Etien⸗ ne's und Vital's nachbarlichen Häuſern offen, und zwei Geſtalten erſchienen hüben und drüben, die nach der fri⸗ ſchen Luſt des Gebirges ausathmeten, und nach dem ſternhellen Himmel aufblickten, der über dem ſchwarzen Kamme des Jura ſtand. Zweites Kapitel. Für die kurze Zeit, die Forſter zu bleiben dachte, hatte Etienne noch eine Manſarde eingeräumt, die auch mit dem Nothwendigſten eingerichtet war, als der Freund auf einen in Pontarlier vorgefundenen Brief bei Thereſen eintraf. Das Wiederſehen war beiderſeits ſtumm und innig,— nicht ohne Thränen, die aus Schmerz und Freude zu⸗ gleich floſſen.— Leidvolle Erinnerungen, ängſtliche Er⸗ wartungen preßten die Herzen der Gatten. Forſter ſah ſehr geſund aus; dennoch lag etwas in ſeiner Stimmung, was um ſein Befinden beſorgt machen konnte. Und wenn früher Muth und Schwung ſeines Geiſtes ihm leicht über körperliche Leiden hinausgeholfen hatten, ſo ſchien jetzt ſein müdes Herz am guten Ausſehen ſeines Körpers wenig Antheil zu nehmen. Auch in ſeinem Be⸗ tragen erſchien Manches verändert, und wenn er gegen Thereſen noch ſo zart und aufmerkſam wie früher war, 232 ſo verſagte er ſich doch jede Zärtlichkeit; wogegen er Hu⸗ bern gleich bei der erſten Umarmung und ohne weitere Erklärung darüber mit vertraulichem Du näher trat. Seine kleine Roſa herzte und hegte er mit doppelter Innigkeit, that ſie aber niemals anders von ſich, als daß er ſie Hubern mit einem tiefen verweilenden Blick in des Freun⸗ des Auge übergab. Die erſten Stunden gingen im Austauſche ſeitheriger Erlebniſſe hin. Thereſe ſprach ihre Zufriedenheit aus, zu rechter Zeit Mainz verlaſſen zu haben.— Aber, o dies mainzer Volk! rief ſie aus. Mit wie viel Schmäh⸗ ſchriften und Bettelbriefen haben ſie mich bis hierher ver⸗ folgt! Nicht wahr? erwiderte Forſter. Und doch, wie ſchwer wurde es dir gutem Geſchöpf, an die ſchändliche Auffüh⸗ rung der mainzer Clubiſten zu glauben! Woher ſollten auch rohe Knaben,— denn das waren die meiſten— Studenten und Leute ohne Erziehung und Grundſätze auf einmal tugendhaft geworden ſein? Thereſe gab es zu; aber ſie beklagte die Redlichen unter ihnen, die im Fall einer Wiedereinnahme von Mainz von den ſiegenden Preußen ſo ſchlimm, wie die Unedeln würden behandelt werden. Und jene Rechtſchaf⸗ fenen, meinte ſie, hätten doch Recht in der Sache, wenn auch der Troß in der Art und Weiſe, ja wol auch in den Abſichten fehle. Was auch das bevorſtehende Schickſal von Mainz und von Europa ſein werde, antwortete Forſter, die eine Ueberzeugung habe ich voraus, daß gerade die jetzige Periode eine von denen iſt, welche am deutlichſten die Abhängig⸗ keit der allgemeinen Schickſale des Menſchengeſchlechts von einer höheren Ordnung der Dinge beweiſen. Und da wir die Verhängniſſe nicht kennen, ja, nicht einmal wiſſen, wer wir ſind und was wir ſind: was bleibt uns da übrig, als die Cine Verbindlichkeit, die einzige, die wir gegen uns haben,— unſerer ſelbſt werth zu ſein?— Auch iſt dies ja die einzige Grundlage aller Moralität des Menſchen. Tauſend und noch tauſend Dinge, welche die Menſchen für erlaubt halten, weil ſie ſich Regeln abſtrahirt haben, die ihre ganze Verbindlichkeit erſchöpfen, ſind mir nicht möglich; eben ſo aber ſind mir viel Dinge erlaubt, die bei den Menſchen durch unrichtige Folgerungen aus ihren Regeln, oder ſogenannte Vorurtheile, für Vergehungen gelten. In liebe- und gedankenvollem Verkehr— wie ſchnell ſchwanden die Tage hin! Und über die Zukunft blieb noch ſo Manches zu beſtimmen übrig. Mit einer weh⸗ müthigen Scheu hielt der Freund immer noch mit der geheimen Angelegenheit zurück, derenthalben er gekommen war. Es ſchien, als ob ſein ſo vielfach bewegtes Herz noch immer nicht die rechte Faſſung zu ſolcher Mitthei⸗ lung finden könnte. Dies brachte natürlich in den Um⸗ gang, ſo traulich und hingebend er war, eine gewiſſe ängſtliche Spannung. Thereſe, die dieſe Verſtimmung zu heben ſuchte, hatte aus den Klagen ihres Mannes über ſeinen verlaſſenen Zuſtand einige Hoffnung geſchöpft, daß er ihr Vorhaben, in Deutſchland zu bleiben und für ihr Fortkommen ſelbſt zu ſorgen, deſto leichter billigen werde. In einem günſtigen Augenblick kam ſie darauf zu reden, und entdeckte ihrem Manne, was bereits begonnen war. Sie hatte nämlich angefangen, aus dem Franzöſiſchen zu 234 überſetzen und ſich mit einer deutſchen Erzählung zu ver⸗ ſuchen, um ihren Freund Huber zu unterſtützen, der jetzt auf den bloßen Erwerb ſeiner ſchriftſtelleriſchen Feder die theure Familie des ausgewanderten Freundes übernommen hatte. Zögernd, mit mädchenhafter Verlegenheit überließ die ſonſt ſo unbefangene Frau zur Anſicht des Gatten ihre erſten ſchriftſtelleriſchen Verſuche, die in Stil und Rechtſchreibung von Huber's Bleifeder ſtark verbeſſert aus⸗ ſahen. Erſt ſuchte Forſter ſeine Rührung hinter Scherz und freundlichem Necken zu verbergen; bald aber über⸗ mannte ihn das Leid, und er verließ das Zimmer; ja die kummervollſten Betrachtungen trieben ihn durch das einſame Thal ſo lange umher, bis der rauſchende Bach und der ſtolze Anblick des Jura ſein ſtürmiſches Herz be⸗ ſchwichtigt hatten. Denſelben einſamen Pfad und irgend einen ſchattigen Sitz auf vorſpringenden Felsplatten, unter flüſternden Tannen, ſuchten auch gern die drei befreundeten Menſchen gemeinſchaftlich auf, und der lange, ſtille Nachmittag ver⸗ ging dann in traulichen Geſprächen. Dieſe Gedanken und Gefühle dreier echtdeutſchen Einwanderer— welche Fremd⸗ linge waren ſie unter den Kalkſteinwürfeln dieſer Einſam⸗ keit! Wie rührend flüſterten dieſe Worte unter den wil⸗ den Bienen, die um die ſpärlichen Blüthen eines verſteck⸗ ten Jurathales ſumſeten! In dies Thal, zwiſchen den kindiſchen Neid armer Uhrmacher, hatte das ſtürmende Unglück der Zeit dieſe innigen Menſchen gewürfelt! An einem ſolchen Nachmittage, gegen Abend, traf ein junger Fußwanderer über die Höhe von Valendys im Thale ein, von einem Boten begleitet, der des vorneh⸗ 235 men jungen Mannes Gepäck trug. Er fragte ſich an den wenigen Häuſern nach Thereſens Wohnung zurecht, und nahm in Erwartung ihrer Rückkehr den Sitz am Garten⸗ tiſchchen ein, das bereits für die Heimkehrenden gedeckt ſtand. Durch den Boten ließ er nach einer Wohnung auf ein paar Tage umfragen, und fand Nachbar Vital bereit, ihm eine Schlafſtätte einzurichten. Inzwiſchen hatte er Briefe und ein geſchriebenes Heft hervorgezogen, und beſchäftigte ſich mit Leſen und Notiren, bis er hinter der Hecke hervor bekannte Stimmen vernahm. Aber, welch' ein Jubel begrüßte ihn jetzt hinter der erſten Ueberraſchung her! Und der zu überraſchen Gekommene— wie war er ſelbſt von dem unvermutheten Freunde Forſter überraſcht!— Hier alſo müſſen wir uns wiederfinden, mein theuerer Baron Franz Karl! rief Forſter mit einer Umarmung. Ach! welche unberechnete Zulage zu meinem hier geſuchten Glück! Habe ich nicht unſerer lieben Frau Thereſe einen Be⸗ ſuch in die Schweiz verſprochen? ſagte Franz Karl, und ihr die Hand reichend ſetzte er hinzu: Müſſen jetzt nicht die Menſchen deſto pünktlicher ſein, da die Zeit ſo wenig Wort hält? Ihre Rührung zu verbergen, äußerte Thereſe über⸗ eilt, er werde wol von Straßburg kommen? Und als er es mit einem ſchmerzlichen Blicke bejahte, fragte ſie erſchrocken halblaut: Wäre denn etwa ſchon— 2 Ach, ja wol! Ein unglücklicher Fall hat eine zu frühe— war die leiſe Antwort. Mein Gott! Doch nicht todt— flüſterte ſie. 236 Nur das Kind. Die Mutter iſt nach überſtandenen ſchwe⸗ ren Leiden wohl, und— in der Schweiz, drunten in Neuf⸗ chatel. Was habt ihr für Geheigrniſſ? fragte Huber ſcher⸗ zend, und die Vertrauten ſchwiegen, alle Fragen ableh⸗ nend. Thereſe ſetzte ſich zwiſchen Garten und Haus in heitere Geſchäftigkeit, indem ſie ſagte: Heut aber— Thee! Das Wunder, wie ſich der vertrauteſte Kreis meiner Theebekenner, das Presbyterium unſerer vertriebenen Andacht, hier im hohen Jura zuſam⸗ mengefunden, wollen wir hier auf alte Weiſe feiern. Die geweihten Gefäße fehlen uns freilich, beſonders beklage ich mein in Mainz jetzt mitbelagertes Waſſerkeſſelchen, das zugleich unſere Orgel vorſtellte. Indeß, man muß ſich heutzutage in Alles ſchicken lernen. Und erzählen Sie uns dabei von Ihrer wunderbaren Nachtfahrt durch den Eisſtrom! rief Forſter. Wir ſind, mit Ihrer Vergebung! noch nicht auf Ihre Perſon zu reden gekommen, beſter Baron, und— du weißt auch noch nicht einmal, Thereſe, daß der Baron verlobt iſt! Mit—? fragte ſie geſpannt; worauf Franz Karl lachend und vergnügt erwiderte: Beruhigen Sie ſich, liebe Frau! Mit der richtigen Fides! Konnte ich denn auch das Bedenklichſte und Ge⸗ fährlichſte in meinem Leben anders, als— in fidem, auf Treu und Glauben und zugleich mit der heiligſten Zuverſicht unternehmen? Und das war meine Verlo⸗ bung und meine Rheinfahrt in der bänglichſten Winter⸗ nacht. Ich darf wohl ſagen,— Fides hat mir zur rech⸗ ten Stunde nicht gefehlt.—— Aber, fuhr der Baron ——— 237 nach empfangenen Glückwünſchen fort, wie werde ich für einen ſo heiteren lauen Sommerabend Eis und Nebel kalt und dick genug beſchreiben können, um euch einen Begriff von jener Nacht zu geben? Für die Nebel zwar habe ich jene Felſenwand: wahrhaftig! ſo ſtarr und dick ſtand er um uns her. Und nun malte der Freund mit aller Heiterkeit eines frohen Gemüths jene nächtliche Fahrt ins Allergrauſen⸗ hafteſte aus; da es denn einen gar ſeltſamen Eindruck hervorbrachte, als am Ende die drei verzweifelnden Flücht⸗ linge nach unſäglicher Angſt und Anſtrengung in der Irre des Nebels auf demſelben Geſtade wieder angelangt waren, von welchem ſie ſich, mit dem Einſatz ihres Lebens, zu retten geſucht hatten.— Im Gegentheile von jenen Mainzern, ſagte der junge Freund, die nach der Kapitulation geru⸗ fen hatten,—„wir haben Mainz verſpielt“, konnten wir mit gleich luſtiger Verzweiflung ſagen: Wir haben Mainz gewonnen. Und wer von uns war dabei reicher? Doch jetzt, von Kälte erſtarrt, fanden wir endlich das Mittel, das wir gleich anfangs hätten ergreifen können, wären wir nicht von unbeſtimmter Furcht noch mehr als vom Nebel verwirrt geweſen: wir ſuchten nämlich eiligſt, — denn es war ſchon gegen Morgen,— Jeder ein Ver⸗ ſteck. Ich fand es bei meinem lieben Forſter, Jean Bap⸗ tiſt bei einer alten Muhme, die ſchon zur Frühmeſſe wach war, und Garzweiler hoffte bei den Patres Kapuzinern einen guten Winkel zu finden, woran es keinem Kloſter fehlen ſoll. Ein Umſtand kam uns dabei zu gut, daß nämlich nach Anbruche des 3 ges, fälle der Redoute erftehr, e 238 am Ufer gefunden und der Kahn im Eis erblickt wurde: Niemand zweifelte, wir lägen unter der Grabdecke des Eiſes, und kein Menſch dachte daran, uns außzuſpüren. Mein Erſtes war nun, Fides durch Forſter's Beſtellung von meiner Rettung zu benachrichtigen, und meine weitere Flucht vorzukehren, die nach einigen Tagen in guter Verkleidung leicht zu bewirken war. Ich entkam nach Straßburg, froh, den unſeligen Ereigniſſen von Mainz enthoben zu ſein, von denen ich Einiges aus einem Ta⸗ gebuche meiner Fides mittheilen kann. Dies Tagebuch iſt mir nämlich vor Kurzem durch Jean Baptiſt überliefert worden, nachdem er, ſo glücklich als tollkühn, ſich aus der belagerten Stadt nach Straßburg gerettet hat. Unter dieſer Erzählung war die Nacht eingebrochen; die Freunde zogen ſich auf Thereſens Zimmer zurück, und ſetzten ſich um die Lampe, die weniger lebhaft als das herzliche Geſpräch loderte. Hatte Forſter ſchon in dieſen Tagen, wenngleich mit liebevollen Worten Vieles zu klagen gehabt; ſo brach, als jetzt auch Franz Karl mit mancher Betrübniß und mit Zweifeln über ſich ſelbſt nicht zurückhielt, ſein ſchmerzlich bewegtes Herz vollends aus. — O mein Freund! rief er, den Baron umarmend, mußten wir in dieſe Ferne entrückt werden, um wie von einer hohen Zinne der Welt unſere Lebenswege zu über⸗ ſchauen? Mit welcher ſchönen Wärme des Herzens ver⸗ beßen Sie ſ manche n le Ihres Standes, und te uen Zeit bis zur und des Adels 239 V Verlobungsnacht, aber die Trümmer eines alten, gehei⸗ ligten Herrſcherthums, das in ſich ſelbſt zuſammenbrach, den ſchönen deutſchen Strom. Doch bald ſchied ſich unſer V gemeinſame Weg, als ich zum Club übertrat, und Sie— ich weiß nicht von welcher verbeſſerten Rückkehr der alten Macht träumten. Wer hat nun mehr geirrt von uns Beiden,— ich am Neuen, oder Sie am Alten? Doch wozu ſolche Frage? An der einen Ueberzeugung halten wir Beide feſt, daß politiſche Freiheit das höchſte Bedürf⸗ niß unſerer Mitbürger und Mitmenſchen ſei, und es ſchmerzt uns darum, wenn ſie ſolche nicht erwerben kön⸗ nen, wenn Böſewichter ſie ihnen rauben, wenn ſie ſelbſt nicht Kraft genug haben, ſie zu behaupten. Freilich iſt dies Bedauern unfruchtbar, und unſer unmittelbares Wir⸗ ken vermag ebenfalls ſo gut als nichts dazu zu thun. Wenn ich blos erwäge, wie wenig Alles, was ich ſeit dem November gethan, jetzt zweckmäßig erſcheint; ſo möchte ich manchmal wünſchen, ich wäre ruhig aus Mainz weggezogen und hätte mich in Hamburg oder Altona nie⸗ dergelaſſen, ohne etwas mit den Händeln der Völker zu thun zu haben. Wenn ich dagegen bedenke, daß nur auf dieſe Art unſer Schickſal die Richtung nehmen konnte, die in unſerer Lage nun einmal die einzige war, daß nur ſo die Gewißheit in mir entſtehen konnte, meinen politiſchen Grundſätzen Genüge geleiſtet zu haben, daß nur auf dieſe V Weiſe eine gewiſſe Entwickelung meiner ſelbſt möglich war, eine wenn auch unendlich ſchmerzliche, doch auch ei⸗ genthümlich bildende, und daß ich bei dem Allem das Bewußtſein in mir trage, nach der jedesmaligen Ueber⸗ zeugung, die ich hatte, und nicht aus Leidenſchaft gehan⸗ 240 delt zu haben: dann bin ich zufrieden mit Allem, was geſchehen iſt. Aber ich? ſeufzete der junge Freund. Wer gibt mir eine gleiche Beruhigung, wenn das Alte in ſeiner ganzen Verdorbenheit zurückkehren ſollte? O Sie haben doch viel gelernt! erwiderte Forſter. Sie werden es erkennen, wenn es einſt wieder zu han⸗ deln gilt. Sie haben gelernt, daß alles Wirkenwollen über einen gewiſſen Kreis hinaus durch die Ungewißheit des Erfolges zum böſen Hazardſpiele wird. Eine große Uebung und Erfahrung, eine umfaſſende Beurtheilung ge⸗ hört dazu, wenn man beſtimmen will, wo endlich gehan⸗ delt werden muß, und wo man mit leidendem Verhalten den Begebenheiten ihren Lauf zu laſſen hat, um das Gute nicht zu verrücken. Uns Deutſchen wird noch lange die Schule noth thun, und umgekehrt, wie die Hunde mit Schlägen ihrem Herrn angewöhnt werden, wird die Ruthe des Mißgeſchicks uns die hündiſche Natur austrei⸗ ben müſſen. Ich ehre Treue und Beharrlichkeit als ſchöne, männliche Tugenden: aber— ſagen Sie ſelbſt!— welch' ein Lob iſt es für eine ſo große Nation, als wir noch immer nicht werden können, wenn man immer und immer wieder und nichts als die Alles duldende Anhänglichkeit an unſere angeſtammten und oft auch weiter nichts werthen Fürſtchen preiſt? So theuer bezahlen wir es, daß nichts aus uns wird in der Welt? Sie ſind jung: ſparen Sie ſich für beſſere Zeiten auf! Gründen Sie eine Familie, und der Himmel ſegne ſie mit Söhnen, in denen neue Geiſter der Zukunft aufwachſen. Bedenken Sie das Eine! Deutſchlands Lage, der Charakter ſeiner 241 Einwohner, der Grad und die Eigenthümlichkeit ihrer Bildung, die Miſchung der Verfaſſungen und Geſetzge⸗ bungen, kurz, ſeine phyſiſchen, ſittlichen und politiſchen Verhältniſſe haben ihm eine langſame, ſtufenweiſe Ver⸗ vollkommnung und Reife vorbehalten; es ſoll durch die Fehler und Leiden ſeiner Nachbarn klug werden und viel⸗ leicht von oben herab eine Freiheit allmälig nachgelaſſen bekommen, die Andere von unten gewaltſam und auf einmal an ſich reißen müſſen. Die Uebereilungen der Re⸗ formatoren können dieſen ruhigen Gang hemmen, die Regenten ihn beſchleunigen: Beides gegen ihre beſtimmteſte Abſicht. In der That haben die Fürſten eben durch ihre unzeitige Einmiſchung in die fränkiſchen Angelegenheiten die Ruhe Deutſchlands aufs Spiel geſetzt; allein diesmal rechtfertigen ungeſchickte Freiheits⸗Apoſtel ſelbſt in den Augen des Volkes dem ſie Freiheit aufdringen wol⸗ len, die Strenge der Maßregeln, womit einige Regenten ſich allen Neuerungen widerſetzen. Darüber reifen wir dem Haß aller willkürlichen Herrſchaft entgegen, und wehe den Gewalthabern, die einſt auch noch die Freiheit verfolgen, wo ſie begehrt wird! In unſerer altgewohn⸗ ten ſubmiſſen Stellung, in der dankbaren Verneigung für das Lob unſerer Treue, wiſſen wir nur noch nicht, wie groß wir an Geiſt und Herzen ſind; ſtänden wir einmal auf, ſtrack in unſerem vollen Wuchſe: wir würden alle — ich ſage nicht deutſchen Throne, ſondern europäiſchen Völker überragen. 1 Forſter ſchwieg und eine nachdenkliche Stille entſtand um die Lampe. Er ſchloß die Augen mit dem Lächeln des Nachbrütens. Aber bald verzog es ſich in den Ernſt Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 16 242 des Entſchlummerns. Franz Karl winkte Hubern, und Beide erhoben ſich leiſe, küßten Thereſens Hand, und ver⸗ ließen mit freundlichem Nicken auf leiſen Zehen das Gemach. Drittes Kapitel. Auf die Ermüdung ſeiner Fußreiſe und nach den leb⸗ haften Gemüthsbewegungen des Abends ſchlief der Baron vortrefflicher, als ſonſt ein glücklicher Bräutigam, ſo fern von der Geliebten, zu ſchlafen pflegt. Wie er erwachte und auf Huber's Zimmer kam, war es ſchon verlaſſen: er trat an das offene Fenſter; da erblickte er Thereſen, die ihm aus dem kleinen Garten zuwinkte. Sie lud ihn zu ihrem Frühſtück, das in Kaffee mit Butter und Ho⸗ nig beſtand. Es verlangt mich recht nach Ihrer Mittheilung, ſagte ſie, und dieſe Stunde iſt uns dazu gegönnt, da George mit Huber in einer Verhandlung begriffen iſt, die er bisher von Tag zu Tag verſchoben hatte. Ich habe ſehr unruhig geſchlafen: ich mochte meinen Mann auf dem Stuhl nicht aus ſeinem ſanften Schlummer wecken, und mußte ihn doch auf dem unſichern Stuhle hüten. Spä⸗ ter träumte ich von Ihrer Schweſter und dem Unglücke, das ſie durch zu frühe Wochen genommen hat. Ja, es ſind Monate aus dieſen Wochen geworden, 243 ſagte Franz Karl, indem er ſich nachdenklich in ſeine Er⸗ zählung verlor. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß es durch einen Fall kam, den meine Schweſter that, als ſie leb⸗ haft durch das Zimmer eilend, ſich mit dem Fuß in den Teppich verwickelte. Sie lag ſehr lange darnieder. Doch war es vielleicht weniger die körperliche Erſchöpfung, woran ſie zu leiden hatte, als der nagende Gram, die heimliche Sorge, die ihre Geſundheit tief untergraben hatten. Denken Sie ſich, in welche Mitleidenheit ich da⸗ durch ſelbſt gezogen war! Glücklicherweiſe hatten wir hülf⸗ reiche Hausleute, Cäciliens Dienerin bewährte ſich durch zuthätigen Verſtand und aufopfernde Befliſſenheit, und ſo lange noch Briefe von Fides kamen, fehlte mir auch nicht die beſte Erquickung des Herzens und Erhebung der Seele. Doch dies durch Vor⸗ und Nachgenuß ſo reiche und rei⸗ zende Glück ſeelenvoller Briefe hörte auf, als die Preu⸗ ßen endlich Mainz einzuſchließen begannen. Wie ſchwer findet man ſich in die Entbehrungen des liebſten Genuſ⸗ ſes und der auch noch der einzige iſt, den man in ſolcher Verbannung hat! Zu einigem Troſt machte ich eine neue Bekanntſchaft, die ſich bald als eine würdige bewährte. Als nämlich meine Schweſter ſo weit hergeſtellt war, daß wir die ſchweizer Luft und Ruhe aufſuchen konnten, tra⸗ fen wir in Baſel mit einem preußiſchen Hauptmann, einem Herrn von Humbert aus Neufchatel, in den drei Königen zuſammen. Er war in der Affaire bei Marien⸗ born am rechten Arme verwundet, und wollte bei ſeiner Mutter und Schweſter der völligen Herſtellung warten. Marienborn? Bei Mainz? fragte Thereſe, und der Baron fuhr fort: 16* 244 Ja wol! Dort iſt, nach des Hauptmanns Beſchrei⸗ bung, das Hauptquartier der Preußen in Mitte eines Halbkreiſes von Lagern und Batterien, die vom linken Ufer des Rheins oberhalb Mainz anfangend, die Stadt in der Entfernung einer halben Stunde umziehen, und ſich unterhalb derſelben wieder an den Strom anlehnen. Die Franzoſen verſuchten gegen Ende Mai einen nächt⸗ lichen Ausfall auf jenes Hauptquartier, um den eomman⸗ direnden General von Kalkreuth in Marienborn oder auch den Prinzen Ludwig auf dem nahe dabeigelegenen Chauſ⸗ ſeehauſe zu fangen oder zu tödten. Bei dieſem Ueberfall, der den Franzoſen jedoch fehlſchlug, wurde Humbert nebſt manchen anderen Offizieren verwundet. Ein hübſcher Mann, wie er iſt, machte er ſich uns durch ſein feines Weſen, durch die Erzählung von dem liebevollen Verkehr mit Mutter und Schweſter, gar bald auch durch die ſtren⸗ gen Urtheile über den verdorbenen Zuſtand des preußiſchen Militair⸗ und Civildienſtes achtbar und intereſſant. Wir ließen uns gern von ihm auf die Terraſſe des Münſters begleiten, wo man den reizenden Ausblick über den grü⸗ nen Rhein nach den dunkeln Höhen des Schwarzwaldes hat, und waren ihm um ſo freundlicher, als er unſert⸗ halben zu verweilen ſchien. Selbſt in der Herſtellung ſeiner Geſundheit begriffen, nahm er ſichtlich einen zarten Antheil an meiner wiedergeneſenden Schweſter, und brachte mit ernſtlich gemeintem Scherz ein Feſt in Vorſchlag, womit Beide auf dem Righi oder irgend einem intereſſan⸗ ten Punkte der Schweiz ihre Geneſung feiern wollten. Nun kann ich Ihnen, meine theure Freundin, wie Sie Cäcilien von ihrer tadelnswerthen Seite kennen, nicht ge⸗ —— —— —— 245 nug ausſprechen, welche glückliche Entwicklung durch die Kriſe des moraliſchen Bewußtſeins und der erſchöpfenden Krankheit ihr ganzes Weſen genommen hat. Es iſt zum Erſtaunen, wie mit jedem Tag ihres friſcheren Aufblühens eine ruhige, wohlwollende, auf den Ernſt des Lebens ge⸗ richtete Seele ſich hervorthut. Ihr natürlicher Verſtand trübt ſich nicht mehr durch ungeduldiges Verlangen des Herzens, ihre Anſprüche ſind beſcheiden, ihre Erwartun⸗ gen gelaſſen, ihre Urtheile gütig. Mit dem Bewußtſein ihres ſittlichen Verluſtes, möchte ich ſagen, hat ſie ſogar aufgehört, ſich, wenigſtens in früherer Weiſe, als Baro⸗ neſſe zu fühlen. So nimmt ſie denn auch Humbert's lie⸗ benswürdige Aufmerkſamkeit für weniger hin, als er ſie gibt, und ich zweifle, daß ſie bei ihren jetzigen Scrupeln ſich entſchließen werde, auf ſeine Abſichten, die er mir vertraulich bekannt hat, einzugehen; ſo ſehr mich die glückliche Fügung freuen ſollte, wenn ein Verhältniß, das wir vorher zu gutem Zweck erdichtet hatten, ſich dahinter⸗ her verwirklichen wollte, und die vorgebliche Witwe eines erſchoſſenen Offiziers die Frau eines verwundeten Kapi⸗ tains würde. Bis jetzt hat Herr von Humbert noch zu viel Achtung vor der Trauer der Witwe eines erſchoſſe⸗ nen Kameraden, um auf dem Schlachtfelde des Lebens ſo raſch an deſſen erledigte Stelle vorzutreten. Aber, wie lieb wäre mir dies um meiner Mutter willen, die auf mein rheingauer Gut zurückgekehrt iſt, und ſehr nach uns verlangt! Doch ſo leicht wird es Einem in verſchuldeten Verhältniſſen nicht gemacht. Unerwartet fand ſich Jean Baptiſt ein. Seine Sehnſucht nach Cäcilien, wie er mir ſagte, und Träume von einer Untreue gegen ihn hatten 8. 246 den unbefriedigten Menſchen getrieben, ſich durch eine ver⸗ zweifelte Nachtfahrt auf dem Rhein aus der belagerten Feſtung zu flüchten. In Straßburg erfragt er uns, in Baſel ſind wir leicht zu finden. Nach ſolchem Aufwand von Anſtrengung gab ich es auch gleich auf, ihn abzu⸗ weiſen, und bereitete meine Schweſter vor, ihn zu ſehen. Wir überlegen das Verhältniß, für welches ſie keinen Zug in ihrem Herzen, ich kein Fürwort in meiner Vernunft finden kann; weil es mir ohne die Weihe der Liebe nich⸗ tig in ſich ſelbſt erſcheint. Mit bewundernswürdiger Ruhe und Freundlichkeit empfing ihn Cäcilie, ſprach mit Liebe und Einſicht über ihre beiderſeitige Lage, und indem ſie ihn an den Himmel ſelbſt verweiſt, der das Band ihrer beiderſeitigen leidenſchaftlichen Selbſtvergeſſenheit gelöſt habe, nimmt ſie im ganzen Ausdruck ihres Weſens etwas ſo Erhabenes an, daß ſie den natürlich und lebhaft em⸗ pfindenden Menſchen zu Thränen und unbedingter Unter⸗ würfigkeit bewegt. Dafür geſtattet ſie ihm, acht Tage lang um uns zu bleiben, und nimmt auch, als Herr von Humbert eben eintritt, einen guten Vorwand, ihm den jungen Mainzer vorzuſtellen, und ſeine Verdienſte um unſere Familie zu rühmen. Dieſe unbedachte Wendung der Verlegenheit that mir leid. Es wäre beſſer geweſen, ſie hätte das mir überlaſſen; denn ich ſah, welch' übeln Eindruck das Unwahre darin auf Jean Baptiſt machte, der nun auch ſogleich noch die zarte Annäherung des vor⸗ nehmeren Mannes an Cäcilien bemerkte und ſtillſchweigend verwinden ſollte. Indeß war ich froh, die Sache ſoweit abgemacht zu wiſſen, indem ich nun bald daran denken durfte, Sie, meine theure Freundin, im Gebirge aufzu⸗ 247 ſuchen, wohin Sie gegen mein Erwarten gezogen waren. Und wie nun Herr von Humbert uns im Namen ſeiner Mutter einlud, Wohnung auf ihrem reizend gelegenen Landſitze zu nehmen, kam mir das, um Cäciliens willen, ganz gelegen; ich redete ihr zu; blieb aber ſelbſt mit Jean Baptiſt im Hotel des Alpes zurück. Jetzt wußte ich Cäeilien vollends geborgen, und fand ſie auch auf ihrem ſtillen Zimmer vergnügt über das abgebrochene Verhält⸗ niß, das ihr bisher noch auf dem Herzen gelegen hatte. Wie entzückte ſie ſich über die reizende Ausſicht auf den grünen See, den blauen Jura, auf die Rebenhügel und ſauberen Landhäuſer umher! Ich dachte nun wieder leb⸗ hafter an meine liebe Frau Forſter, und entſchloß mich ohne Weiteres Ihnen nachzuziehen. Nur ſollte ich erſt noch die Partie auf den nahen Chaumont mitmachen, wozu uns denn auch glücklicherweiſe einer der ſeltenen hellen, nebelloſen Abende beſchert war, um die charmante Ausſicht auf den neuenburger, murtener und bieler See, ſowie über die fruchtbaren Hügellande nach Solothurn, Bern und Freiburg hin zu genießen. Meine Schweſter hatte auf dem Landſitze Rouſſeau's:„Réêveries d'un promeneur solitaire“ gefunden, und ein Buch, das ihr in Mainz langweilig vorgekommen wäre, feſſelte ſie jetzt. Sie hatte es mitgenommen und las uns, während wir oben ausruhten, das Lob der Peter⸗Inſel im nahen bieler See vor, auf welcher der Einſiedler Rouſſeau nach ſeiner Vertreibung aus Genf zwei Monate lang im Schaff⸗ nerhauſe ein Zimmer bewohnt hatte. Wie Cäcilie jetzt, beim Anblicke ſchöner Natur, leicht in eine früher nicht gekannte Empfindſamkeit verfiel, ſo trug ſie mit vieler Gemüthsbewegung jene Stelle vor, die, ſo viel ich mich der Worte erinnere, ungefähr lautet: Que ne puis-je aller finir mes jours dans cette ile chérie, sans en ressortir jamais u. ſ. w. Der Wunſch, dieſe von einem berühmten und ſeltenen Manne geweihte Stätte zu be⸗ ſuchen, lag ſehr nahe und ergriff auch mich, ſo daß wir verabredeten, bei meiner Rückkehr aus dem Gebirge die kurze Fahrt dahin zu machen. Jean Baptiſt hatte beim Vor⸗ leſen dieſer Stelle Thränen in Cäciliens Augen geſehen, und ich mußte ihm unterwegs die rührenden Worte über⸗ ſetzen, die ihn ſehr nachdenklich machten, und ihn an das Goethe'ſche Gedicht vom Fiſcher erinnert haben mußten, das ich des andern Morgens bei ihm aufgeſchlagen fand, als ich ihm Lebewohl ſagte und noch einige Winke wegen ſeines Betragens gegen Cäcilien gab. Sehen Sie, liebe Freundin, ſo ſtehen die Sachen jetzt, und wie ich glaube, ganz gut, bis auf Humbert's Neigung für meine Schweſter, die uns noch mit einigen Verlegenheiten be⸗ droht. Thereſe hatte dieſen Mittheilungen anfangs ſehr ge⸗ ſpannt, zuletzt nicht ohne einige Zerſtreuung zugehört; denn die Unterhandlungen, die zwiſchen Forſter und Hu⸗ ber noch immer nicht beendigt waren, ſchienen ihr Gemüth ein wenig zu beunruhigen. Bald aber kamen beide Freunde Arm in Arm und mit befriedigten Mienen aus dem Hauſe. Man beſprach den Tag, und da der Him⸗ mel leicht bewölkt und die Luft ziemlich friſch war, ent⸗ ſchloß man ſich, nach Valangin zu wandern, und dort im belobten Gaſthauſe zur Krone zu Mittag zu eſſen. Darüber und über die Ausflüge der nächſten Tage kam 249 der Baron immer nicht dazu, aus dem mainzer Tagebuche vorzuleſen, das er aus den frühern Briefen und den von Jean Baptiſt mitgebrachten Aufzeichnungen ſeiner geliebten Fides zuſammengeſtellt hatte. Auch mochte der Freund, da er ſah, wie wohlthuend Forſtern die Stille des Jura⸗ thals war, ihm die Erinnerungen an Mainz gerade nicht aufdringen. In dieſer Wahrnehmung über die Seelenſtimmung des Freundes fand ſich der Baron beſtätigt, als ein Brief aus Paris ankam, der Forſtern dahin zurückberief, und obgleich er eine Ausſicht in die Zukunft eröffnete, doch den un⸗ glücklichen Mann durch die Nothwendigkeit des Abſchieds ſehr niederdrückte.— Ich muß Alles annehmen und ver⸗ ſuchen, ſagte er, ſo unmöglich es faſt iſt, daß ein Mann von meiner Denkungsart, von meinen Grundſätzen, von meinem Charakter ſich dort in einem öffentlichen Poſten erhalten, mithin dem Staat nützen kann. Tugend, Red⸗ lichkeit, gute Abſicht, Aufopferung ſind nichts, das Schi⸗ boleth, das Parteizeichen iſt Alles: und kann der freie Mann dies ſein Alles ſein laſſen? Schlägt der Verſuch fehl, ſo trete ich freiwillig in meine ſchriftſtelleriſche Lauf⸗ bahn zurück und arbeite für Voß und Treuttel. Was ich von Voß verdiene, tilgt meine Schulden und hilft mein Kind ernähren, Treuttel's Zahlungen geben meinen noth⸗ dürftigen Unterhalt. Wo ich mein Zelt aufſchlage, weiß ich noch nicht; ich wünſchte an der Rhone, in oder unweit Lyon, ſobald dort Alles ruhig iſt. Wie ſchwer iſt es nicht dermal zu ſagen, was man will, da man nicht weiß, was für ein Soll und Muß dahinter liegt! Ich habe kein Intereſſe, mich vor mir ſelbſt beſſer zu machen, als — — — 250 ich bin; aber ich müßte lügen, wenn ich geſtehen wollte, daß irgend ein armſeliger Beweggrund mich in die thä⸗ tige Laufbahn geworfen hätte. Ich wäre jetzt, hätte ich gegen Ueberzeugung und Gefühl handeln wollen, Mitglied der Akademie in Berlin mit einem Gehalt, wobei ich allenfalls zu leben gehabt hätte, und— wer kaufte mir nun das Bewußtſein der Schande ab, meine Grundſätze, die ich ſo oft zu erkennen gegeben, verleugnet zu haben? Denn man ſage nur nicht, daß ich in Berlin ſo hätte fortſchrei⸗ ben, fortdenken können, wie ich angefangen hatte. Sie ſollten die Geſchichte dieſer Tage ſchreiben, ſagte der Baron. Wer könnte das, wie Sie? Wer lebte ſo in der tiefſten Strömung dieſer Zeit, und ſteht doch ſo bald ſchon auf ihrer Höhe? Ich kann es nicht, antwortete Forſter. 8. ſeit ich weiß, daß keine Tugend in der Revolution iſt, ekelt es mich an. Ich konnte fern von allen idealiſchen Träumereien mit un⸗ vollkommenen Menſchen zum Ziel gehen, unterwegs fallen und wieder aufſtehen und weiter gehen: aber mit Teufeln und herzloſen Teufeln, wie ſie dort in Frankreich ſind, iſt es mir eine Sünde an der Menſchheit, an der heiligen Mutter Erde und am Lichte der Sonne. Immer nur Eigennutz und Leidenſchaft zu finden, wo man Größe erwartet und verlangt; immer nur Worte für Gefühl, immer nur Prahlerei für wirkliches Sein und Wirken,— wer mag das aushalten und beſchreiben?—— Es iſt nicht Reue, was mich ſo ſprechen läßt! Freiheit und Gleichheit? Das Bewußtſein meines Lebens ſagt mir, daß dieſe Grundſätze mit mir, mit meiner Empfindung innig verwebt ſind und es von jeher waren. Ich kann und werde ſie nicht verleugnen. 25⁵ʃ* Aber wo ich in jetziger Zeit noch Tugend und Sinn fand, war es bei Leuten, die ſtill ihren Gang gehen, fern vom Geräuſche der öffentlichen Geſchäfte. Solch' ein Glück iſt jetzt der Gegenſtand meiner Träume. Vor Ih⸗ nen, mein junger Freund, liegt es da. Folgen Sie ihm! O um wie viel verkürzt und verkümmert ſich mir dies Glück, verſetzte der Baron, da ich in dieſem Augenblicke nicht ſagen kann: Kommen Sie, mein Freund, und theilen Sie es mit uns! Ja, ich bin vom deutſchen Boden verbannt! rief For⸗ ſter ſchmerzlich. Der Sieg der deutſchen Sache wird von edler Vergebung — oder beſſer geſagt,— von Einſicht und Verſtändniß begleitet ſein, erklärte Franz Karl mit Wärme. Ich werde Alles in Bewegung ſetzen, daß man Sie und Ihr Thun ſo begreife und würdige, wie ich Sie verſtehe, und wie ich mit meiner Perſon und meinem Beſitzthum Bürgſchaft für Sie leiſten kann. Verſprechen Sie mir, daß Sie dann an den Rhein ziehen und mit uns leben wollen! Wir werden die glücklichen Stunden fortſetzen, die uns dort— erinnern Sie ſich!— mit der Ausſicht auf un⸗ ſere vereinigte Zukunft, mit dem Vorgefühl gemein⸗ ſamen Genuſſes und Wirkens beſchieden waren! Ver⸗ ſprechen Sie mir's. Gerührt, aber mit wehmüthigem Kopfſchütteln um⸗ armte Forſter den jungen Freund, deſſen Erwartungen von der Einſicht und dem Edelmuthe der deutſchen Fürſten er nicht zu theilen ſchien. Doch mehr als dieſe Ueber⸗ zeugung mochte die ſchmerzliche Foderung von den Seinen zu ſcheiden, ſein Herz belaſten. L 25² Der Morgen des Lebewohl war denn unabänderlich gekommen. Franz Karl und Huber, in Erwartung des Freundes, der noch mit Thereſen auf ihrem Zimmer ver⸗ weilte, wandelten im Gärtchen hin und wieder,— ſtumm und in Gedanken, die gewiß weiter auseinander gingen, als ihre nachbarlichen Schritte. Endlich kam Forſter mit Thereſen herab, das Kind auf dem Arm. So ſchritt er auch mit ihr voraus, Hubern und den Baron im Ge⸗ folge, am Flüßchen hin bis zur Stelle des ſich verengen⸗ den Thales, wo im Schatten einer überhangenden Felſen⸗ ſchicht mit Tannenwuchs das Pferd hielt, auf dem er nach Pontarlier reiten wollte, um von da nach Paris zu fah⸗ ren. Er ließ es noch eine Strecke vorausführen, um das herzzerreißende Lebewohl noch aufzuſchieben. Endlich mußte er doch ſtehen bleiben, und warf tief aufathmend noch einen Blick über die hohe Gebirgswand zerklüfteter Kalk⸗ würfel, als ob er an dieſer zerriſſenen und doch ſo ſtolzen Felſenhalde ſein verzagtes Herz aufrichten möchte.— Es iſt eine ſeltſame Lage, worin ich mich befinde, mein Freund,— ſagte er zu Franz Karln, indem er zum Scheiden deſſen Hand ergriff. Ich werde ſelbſt von De⸗ nen, die keine Alltagsmenſchen ſind, nicht verſtanden wer⸗ den. Man wird nicht begreifen, wie ich Das thun konnte, was ich nicht laſſen darf. Aber ich muß meinen Weg fortgehen, und ohne jetzt weiter vor mir ſehen zu können, als ein Wanderer bei Nacht und Nebel, will ich doch die Möglichkeit nicht aufgeben, zu unſerer allſeitigen Ruhe einſt noch beitragen zu können.— Ach in dieſer Stunde fühle ich recht, wie ſehr mein Unglück mich verändert hat, fuhr er gegen Thereſen fort. Sieh', meine Beſte, es fehlt 253 mir nicht an Muth und Kraft, aber an jener heitern und freien Geiſtesregſamkeit, die ich noch hatte, als ich hoffen konnte. Ich bin jetzt da, wo Menſchen in meiner Lage ſich immer glücklich ſchätzen können hinzugelangen,— im Hafen der Reſignation. Aber der Name ſelbſt lehrt ſchon, daß es die letzte, öde Zuflucht des von Stürmen umhergetriebenen Herzens iſt. Ich bin ruhig, aber ich bin ausgebrannt. Er ſetzte ſeine kleine Roſa nieder, blos— wie es ſchien— um gebückt, und während er ihr Hütchen zu⸗ rückſchiebend die kindliche Stirne küßte, ſeine Thränen zu verbergen, die heiß in die blonden Löckchen tropften. Die Kleine, als ob ſie die ganze Tiefe dieſer Alles auflöſenden Stunde mitempfände, umſchlang ſeine Kniee, das Geſicht dazwiſchen gedrückt, feſt, ohne Regung. Dann richtete ſich Forſter, die Lippen krampfhaft verſchloſſen, empor, faßte Thereſens und Huber's rechten Hände, fügte ſie in einander, umſchlang das Paar mit Thränen und Beben, küßte Frau und Freund, und lehnte ſich noch einmal, nicht ohne heftige Stöße der Bruſt, an Thereſens Schulter.— Löſt mich von dem Kinde! flüſterte er, ſobald er es konnte, und die Neuverbundenen nahmen jedes eine Hand des Kindes, das widerſtrebend vom Vater gezogen wurde. So befreit und ledig, ſtürzte der erſchütterte Mann fort, beſtieg das Pferd und trabte der Felſenecke zu, um die ſich der Weg ſchlang. Hier ſah er im Fluge ſich noch einmal um, und es war der letzte Blick, den die Zurück⸗ gelaſſenen von ihrem unvergeßlichen Forſter hatten. Viertes Kapitel. Der Baron fand ſich nach Forſter's Abreiſe in eine we⸗ nig befriedigte Gemüthsſtimmung verſetzt. Je reiner und tiefer er des Freundes Schmerz und ahnungsvolles Schei⸗ den mit ſich umhertrug, deſto leichter ſtörte und verdroß ihn der Anblick Huber's und Thereſens, die er viel mit einander beſchäftigt ſah. Forſter hatte ihre Hände zuſam⸗ mengefügt, und ſie hielten ſich nun auch aneinander, wie ſie bisher ſich blos zuſammengehörig empfunden hatten. Ihre Neigung, als ob ſie nun beſtätigt ſei, zeigte ſich of— fener. Wenngleich erſchüttert von des Freundes Lebewohl, waren Beide doch auch von ſeinem Edelmuthe gerührt, und hatten ſich gleichſam in eine Verlaſſenſchaft des Hin⸗ gegangenen zu theilen. Franz Karl konnte in wunderlicher Reizbarkeit ſeines beweglichen Gemüthes die Vorſtellung von lachenden Erben nicht loswerden, und fand ſich verlaſſen zwiſchen ihnen, mit denen er eben nichts zu theilen hatte. Das Bild und Andenken Forſter's trat ihm deſto näher; er glaubte allein den Schmerz des unglücklichen Mannes recht zu verſtehen, ja zu theilen, indem auch er mit ſeinen innigſten Ueberzeugungen und Beſtrebungen am Mißver⸗ ſtand einer ſelbſtſüchtigen Welt zu ſcheitern bedroht war.— In dieſer theils wahren, theils überreizten Verſtimmung hielt ihn nur ein gewiſſes Zartgefühl und ſein natürlicher 25⁵ Stolz zurück, um nicht ſeinen Beſuch raſch abzubrechen und mit der Miene des Gekränkten nach Neufchatel zurück⸗ zukehren. Was vielleicht an ſeiner heimlichen Kränkung einen ihm ſelbſt unbewußten Antheil hatte, war doch auch der Gedanke, daß er nun noch weniger, als früher, dazu kommen würde, aus dem mainzer Tagebuche ſeiner ver⸗ lobten Fides vorzuleſen, und ſo die unſchuldige Eitelkeit ſeines liebenden Herzens zu befriedigen. Er nahm ſtatt deſſen die theuern Briefſchaften auf einſame Spaziergänge mit, wo er ſich in die Betrachtung des Gefüges und der Lagerung des Jurakalks ſowie der magern Gebirgsvege⸗ tation verlor; oder er beſuchte die verſchiedenen Häuſer, um den Arbeiten der Uhrmacher zuzuſehen, wenig belehrt von dieſen Stückwerken, deren Zuſammenfügung ihm in⸗ tereſſanter geweſen wäre. Thereſe fand ſich indeß ſchnell wieder zurecht, und mit ihrem guten Takte foderte ſie von dem jungen Freunde, deſſen Verdruß ihr nicht unbemerkt blieb, Mittheilungen aus dem Tagebuche. Mit ziemlicher Heiterkeit brachte da⸗ her Franz Karl eines heißen Nachmittags das ſaubere Heft mit in das Gärtchen unter den breiten Nußbaum, und begann auch gleich ſeine Vorleſung, jedoch mit Aus⸗ wahl ſolcher Stücke, die den innern Zuſtand und die in⸗ tereſſanten Vorfälle in Mainz darſtellten; indem er unterm Leſen ſelbſt eine zarte Scheu vor jenen Stellen empfand, wo Fides blos ihren Gefühlen, ihren Träumen und ihrer Sehnſucht Worte gab, ſo ſtolz er gerade auf dieſe zarten Ergüſſe war. Zu ſeinem Mißvergnügen wurde er im Leſen durch einen Boten unterbrochen, der ihm einen als dringend 256 8 bezeichneten Brief überlieferte, von eilfertiger Hand Cäci⸗ liens geſchrieben, und folgenden Inhalts: „Mein theuerſter Bruder! Deine Rückkehr nach Neufchatel verzieht ſich gegen Er⸗ warten, und ich komme mit jeder Stunde tiefer in Verhältniſſe, die mir deinen Rath und Beiſtand unent⸗ behrlich machen. Herr von Humbert, der wohldenkende Mann, begegnet mir mit Aufmerkſamkeiten, die mich eine Erklärung ſeiner Zuneiguug und Wünſche befürch⸗ ten laſſen. Zartfühlend wie er iſt, wartet er wol nur den Augenblick ab, wo ich das Haus ſeiner Familie wieder verlaſſen habe, und frei von allen andern Rück⸗ ſichten bin. Aber Zweierlei wird mir für alle Zukunft unmöglich ſein: einem edeln Manne meine Vergangen⸗ heit zu entdecken, und von einem gleichgültigen die Verzeihung derſelben anzunehmen. Ich bete täglich, der Himmel möge mein Herz vor einer wahren Neigung bewahren, deren Recht und Hoffnung es verwirkt hat. Auf der andern Seite nimmt Jean Baptiſt, der uns noch immer nicht verlaſſen, des Kapitains Annäherung, vor der ich doch ſo unausſprechlich bange, als von mir begünſtigt auf, und ſein Betragen darüber fängt an, der Familie eben ſo ſehr aufzufallen, als mich ſelbſt zu beunruhigen. Er verſinkt abwechſelnd in Träumereien, die ihm oft den Ausdruck eines irren Menſchen geben, und bricht dann wieder in eine Eiferſucht aus, die mich mit der entſetzlichſten Verlegenheit bedroht. Du haſt mich der Verſchwiegenheit ſeines beſſern Herzens ver⸗ ——-⏑— ——-⏑— ſichert; aber— wieviel ein leidenſchaftlicher Augenblick über all' unſere gute Geſinnung vermag,— habe ich es denn nicht grauſam genug erfahren müſſen? Seine acht Tage ſind vorüber, und als Herr von Humbert ge⸗ ſtern eine Aeußerung über die bevorſtehende Abreiſe fallen ließ, brachte ich raſch, um ſolche zu fixiren, die Partie in Vorſchlag, mit der wir auf dich warten, lie⸗ ber Franz Karl,— die Fahrt nach dem bieler See und der Peters⸗Inſel. Ich gab ihm zu verſtehen, daß wir ihn ſo eine Strecke Wegs begleiten könnten. Er nahm es ohne Antwort auf, und mir ſcheint, er ſieht es für eine Verabredung, ihn fortzutreiben, an. Wäh⸗ rend wir heut unſere kleinen Vorkehrungen zu dieſem Ausfluge treffen, höre ich, daß er die ganze Nacht im Gebirge umhergeirrt iſt. Eine ungeheure Angſt liegt auf meinem Heczen. Auf welche Wunderlichkeiten fällt man nicht in ſolcher gedrückten Stimmung! So beun⸗ ruhigt es mich eben, daß die Inſel, wo ich den gekränk⸗ ten Menſchen verabſchieden ſoll, juſt denſelben Namen führt, wie die Rheinau, wo ich ihm an jenem Feſtabend im Mondſcheine leider! Anlaß zu ſeiner erſten Leicht⸗ fertigkeit gab. Lächerlich, nicht wahr? Am Ende iſt die ganze Angſt nichts weiter, als meine verſteckte Be⸗ ſorgniß, Jean Baptiſt möchte etwa von der Inſel doch nicht weiter reiſen, ſondern wieder mit zurückkehren. Eile darum, mein theurer Bruder, der du mir ſchon ſo viel Liebe und Geduld bewieſen haſt, noch einmal her⸗ bei, und tritt mit deinem freundlichen Anſehen zwiſchen mich und den unglücklichen Menſchen. Du allein ver⸗ magſt noch etwas über ihn. Sollteſt du nicht mehr Koenig, Elubiſten in Mainz. III. 17 258 zur morgenden Partie kommen können, ſo erwarte uns bei Frau von Humbert. Sie geht nicht mit. Oder komm' uns auf der Straße nach Biel entgegen. Alles wird gut ſein, wenn ich dich nur erſt bei mir weiß, und ſchon daß ich dich nun gewiß erwarten darf, nimmt einen großen Theil der fürchterlichen Angſt von meinem Herzen. Auf froheres Wiederſehen!“ C. Dieſer Brief, der den Bruder nur zu einer entſchiedeneren Rückkehr antreiben ſollte, beunruhigte ihn mit Vorwürfen, die er ſich machte, über ſein Verlangen nach Frau Forſter jene bedrohlichen Verwicklungen nicht vorausgeſehen zu ha⸗ ben. Seine leicht aufgeregte Einbildungskraft malte ihm die Mißverſtändniſſe zwiſchen einem neu ſich bewerbenden und einem altanſpruchvollen Liebhaber von ſo verſchiedener Stellung und Bildung ängſtlich genug aus. Er ſah das beſchämende Geheimniß der Schweſter bedroht, ihr Ver⸗ hältniß mit Jean Baptiſt, durch deſſen gereizte Eiferſucht, von der Familie errathen, dieſe ſelbſt empört, den Haupt⸗ mann in ſeinen edeln Abſichten und an ſeinem gerechten Stolze gekränkt, und Cäcilien als vorgebliche Witwe von der geſtrengen neufchateler Geſellſchaft aus ihren Kreiſen verbannt. Dieſe Angſt trieb ihn zu raſchem Aufbruch, den er kaum vor Thereſen und Huber rechtfertigen konnte. Seine Unruhe wuchs, als er bei nochmaligem Einblick in den Brief wahrnahm, daß derſelbe durch ein Verſäumniß verſpätet, und ſtatt geſtern Abend erſt dieſen Nachwittag überliefert war. Nun wollte er wenigſtens bei der Rück⸗ kehr der Geſellſchaft vom bieler See anweſend ſein, wenn auch nur um Cäcilien zu beruhigen. Er hoffte, da er 259 dem kühleren Abende entgegen— und die größere Strecke des Weges abwärts ging, noch bei guter Zeit in Neuf⸗ chatel einzutreffen. So eilte er mit dem Boten, der ſeine Sachen trug, über Valendys durch das fruchtbare Val de Rüz und die angenehme Schlucht hinab, welche der Seyon durchſtrömt, indem er dem See zueilt. Der ſteile Jura warf ſchon ſeinen Schatten über die Stadt, als Franz Karl das Land⸗ gut erreichte, wo er Frau von Humbert in Erwartung der Ihrigen und wegen ihres Ausbleibens in Sorge fand. Aus verſchiedenen Aeußerungen der gemeſſenen Dame konnte der Baron ſchließen, wie verlegen man ſich ſchon durch Jean Baptiſt's räthſelhaftes Betragen fühlte und es gelöſt zu ſehen wünſchte. Franz Karl, in der Ungewiß⸗ heit, was beim Abſchiede des unglücklichen Menſchen vor⸗ gefallen ſein konnte, war in der Verlegenheit eine Erklä⸗ rung zu geben, die ihn ſelbſt leicht beſchämen und bloß⸗ ſtellen dürfte. So verging die peinlichſte Dämmerſtunde, ehe der Wagen im Garten anfuhr, und der Freund, hin⸗ abgeeilt, zu ſeiner Verwunderung nur den Hauptmann von Humbert, deſſen Schweſter und Dorothea ausſteigen ſah. Sie eilten auf ihn zu; Humbert umarmte ihn, Roſalie ergriff ſeine Hand, Dorothea ſank vor ihm nieder und preßte den Zipfel ſeines Ueberrocks an ihre Augen. Dieſe Geberden der Theilnahme und des eigenen Verza⸗ gens konnten den Baron auf ein Unglück vorbereiten, das erſchütternd genug aus ſo entſtellten Zügen ſich verkün⸗ digte. Endlich, als Roſalie auf das Rufen der Mutter zu ihr geeilt war, führte Herr von Humbert den Freund auf Cäciliens Zimmer, und erzählte ſtockend, von innern 17* 5 260 Bewegungen oft unterbrochen, die Erlebniſſe des Tages. Auch Dorothea, als der Hauptmann das Zimmer verlaſ⸗ ſen hatte, gewann ſoviel Faſſung, um ihre eigenen Wahr⸗ nehmungen, ſowie einige Aeußerungen ihrer unglücklichen Gebieterin und was ihr Jean Baptiſt vertraut hatte, zu berichte!——— Wir verzichten darauf, die wechſelnde Tonart dieſer Unglücksverkündigungen und die zerreißenden Eindrücke, die der Freund davon hatte, ausführlich darzuſtellen, ſondern theilen ganz einfach das Geſchehene mit, wie es der Ba⸗ ron nach einer ſchlafloſen Nacht mit gefaßter Trauer überſchaute. Sie hatten zu fünfen eine ziemlich ſtille und durch Jean Baptiſt's verdüſtertes und in ſich verſunkenes Weſen ſehr verlegene Fahrt gehabt. Beſonders hatte ſich Cäcilie nur allzuſehr beunruhigen laſſen. Im Stillen verſprach man ſich dafür eine deſto vergnügtere Heimfahrt, beſonders wenn ſich vielleicht der Baron noch einfinden ſollte, um Jean Baptiſt's Platz im Wagen einzunehmen. Bei der Ueberfahrt über den See nach der Inſel hatte der un⸗ glückliche junge Mann, aus ſeiner Verſunkenheit in ſich ſelbſt auffahrend, eine wunderliche und für Dorothea, die ihn nach ſeinem Gewerb kannte, ſehr befremdende Angſt und Scheu vor dem Waſſer gezeigt. Auf der Peter⸗Inſel beſah man das Schaffnerhaus und fragte nach dem von Rouſſeau ehemals bewohnten Zimmer. Ein junger Herr aus Lauſanne, der für Rouſ⸗ ſeau ſchwärmte, hatte es auf ein paar Wochen gemiethet, war aber artig genug, die Pilger, die ſich zu ſeiner eige⸗ nen Andacht bekannten, auf dem Zimmer zu empfangen. ——— 5 b ———— 261 Er pries das Glück ſeines Aufenthalts, und las ihnen mit geſteigertem Ausdruck die bezüglichen Stellen der „Reveries“ vor, die ſie ſchon kannten. Auch auf Jean Baptiſt, ſo wenig er von der franzöſiſchen Unterhaltung verſtand, ſchien das aufgeregte Weſen des jungen Fremd⸗ lings erheiternd zu wirken. Nachdem man ein beſtelltes Mahl eingenommen, wan⸗ delte man zwiſchen Gärten und Weinhügeln nach dem Höhepunkt der Inſel, und ſetzte ſich im Schatten der herr⸗ lichen Eichen, die den nördlich gegen den See ſehr ab⸗ ſchüſſigen Gipfel bedecken. Hier in wechſelnder Unterhal⸗ tung bringt Humbert das Geſpräch auf einen Ausflug nach Lauſanne und Genf, wovon er Cäcilien die herrlich⸗ ſten Eindrücke verſpricht. Sie nimmt dieſe ſchoͤnen Er⸗ wartungen mit lächelndem Vergnügen auf: da erhebt ſich Jean Baptiſt mit Ungeſtüm.— Auch ich reiſe ja! ruft er aus. Und ich ſoll ja nun allein reiſen. Muß ich wirklich allein reiſen? Man war aufgeſtanden, und Cäcilie ſagte mit Freund⸗ lichkeit und Güte: O Sie haben Zeit, lieber Herr Ferne⸗ korn. Es ſind nur zwei Stunden bis Biel, und ich würde Ihnen rathen, für heute nicht weiter zu gehen, damit Sie den morgigen Tag friſch und ganz für den von der Birs durchrauſchten Engpaß des Jura und für das ſchöne Münſterthal behalten. So? Iſt das Alles, was Sie mir rathen? erwiderte er mit etwas wildem Blick. In Biel übernachten? Ich allein? Und den weiten Weg bis Baſel, und die lange Strecke bis Straßburg, und— wie weit iſt es dann noch bis Mainz? Und was hab' ich dort in Mainz? 262 — Er hatte dies mit ſteigendem Tone kindiſcher Verzweif⸗ lung geſprochen, ſchwieg dann nachdenklich, und mit den zuckenden Mienen innern Kampfes; während die Andern aus Verlegenheit ſtumm und Cäcilie erblaßt war. End⸗ lich nahm er ſich, wie es ſchien, zuſammen, warf einen Blick umher, und ſagte ſehr ruhig: Ich hätte gern noch den Herrn Baron geſprochen, und ihm Einiges geſagt: aber— er bleibt wol abſichtlich weg, und— darf ich es Ihnen ſagen, Frau von—? Er verneigte ſich gegen Cäcilie, die mit ſtolzer Miene vortretend, ihn bei Seite nahm und ein Streckchen mit ihm vorauswandelte. Die Andern folgten den angeneh⸗ men Steig hinab, der am Rande der Inſel vorwärts führte. Humbert ließ das Paar nicht aus dem Auge, und glaubte zu bemerken, daß ſie einen lebhaften Wort⸗ wechſel hatten, und beſonders Cäcilie mit ſehr entſcheiden⸗ den Bewegungen der Hände ſprach.. Unten, wo die Felſen etwas hervortreten, und ein ſchmaler Steig zwiſchen denſelben und dem Waſſer hinzieht, blieb Jean Baptiſt ſtehen, mit der Bewegung, als ob er etwas Ueberraſchendes erblickte. Er nahm Cäcilien bei der Hand und deutete nach dem Gegenſtande. Herr von Humbert eilte hinzu, die Schweſter und Dorothea folgten; wo man denn auf einem Felſenvorſprung den jungen Lauſanner ſitzen ſah, ſeine Angel an ſchwanker Ruthe in den See geworfen.— Mein Gott, wie gefährlich ſitzen Sie da! rief ihm erſchrocken Herr von Humbert zu; einen Ruck und Sie gleiten hinab. Wiſſen Sie, daß hier der See am tiefſten iſt? Auf dieſe laut geſprochene Warnung, als ob von den 263 franzöſiſchen Worten begeiſtert, declamirte Jean Baptiſt noch lauter und mit wilden Geberden gegen den Angler: Was lockſt du meine Brut Mit Menſchenwitz und Menſchenliſt Hinauf in Todesglut?— Und gegen Cäcilie, ihre Linke ergreifend, als wollt' er mit ihr zum Tanze gehen, rief er: Ach wüßteſt du, wie's Fiſchlein iſt, So wohlig auf dem Grund, Du ſtiegſt herunter wie du biſt, Und würdeſt erſt geſund! Und im Nu ſie umſchlingend, ſchwang er ſie hoch empor. Sie ſchrie entſetzt: doch ehe Humbert mit ſeinem linken Arme, da der rechte im Verbande lag, den verzweifelten Menſchen erreichte, war dieſer mit drei Schritten am Rande des Sees und warf ſich mit der Geliebten hinab. Ein paar Augenblicke ſah man Beide mit der Flut ringen, ehe ſie verſanken, und ſchon war Dorothea hülferufend nach dem Landungsplatze fortgeeilt, und der junge Lau⸗ ſanner ohne Ueberlegung, um zu retten, von ſeinem Felſen in den See geſprungen. Während Herr von Humbert, bald dem erlahmenden Schwimmer zurufend, bald der ohnmächtigen Roſalie beiſpringend, in verzweifelnder Hülf⸗ loſigkeit hin- und herrannte, kam der Fährmann mit ſei⸗ nem Boote eiligſt herbei,— dem jungen Franzoſen zum Glück, der eben verſinken wollte, und dem er vor Allem ins Boot und ans Ufer half. Vergebens aber verſuchte er dann, über dem Abgrunde kreiſend, mit ſeiner Haken⸗ ſtange und einer Hakenleine die Verſunkenen zu erreichen: der tiefe See hielt ruhig ſeine Beute feſt. Wir verlaſſen die erſchütterte Familie, und die betrüb⸗ ten Erörterungen über ein Unglück, das nur verwirrend und niederdrückend auf die Gemüther wirken konnte. Franz Karl, entſchloſſen das Andenken der Schweſter vor der Welt in Ehren zu halten, vermied es, das räthſel⸗ hafte Unglück durch Cäciliens Vorgeſchichte befriedigend zu erklären, und fand ſich durch ſolche Zurückhaltung und unzureichende Vermuthungen, die er vorſchob, ſehr un⸗ gern einer liebenswürdigen Familie entfremdet, der er lie⸗ ber Beweiſe ſeiner dankbaren Geſinnung gegeben hätte. Wir überlaſſen ihn der troſtloſen Pflicht, abzuwarten, daß der See die beiden Leichen herausgebe, und der Kirchhof von Neuenſtadt ihnen am Fuße des hohen Geſtler ein gemeinſames Grab verleihe. Indeß, und bis wir dem Freunde gefaßter und vor bedeutſameren Ereigniſſen wieder begegnen, theilen wir einige Bruchſtücke aus des Barons Briefſchaften mit,— Aufzeichnungen ſeiner Fides, die uns zum Verſtändniß der nächſten Begebenheit in Mainz in die von unſerer Erzählung überſprungene Zeit zurückführen. Fünftes Kapitel. Aus dem mainzer Tagebuche. Den 7. Februar. Ich habe ſchon nach ein paar Tagen aufgehört, eine Zufluchtſchweſter der welſchen Nonnen zu ſein, und bin wieder die Tochter meiner betrübten Mutter. Ich konnte ja mein Verſteck auch gar wohl verlaſſen; denn Cardinet war begraben, und der Mann, in deſſen Degen er gerannt war, geborgen, ja nicht einmal erkannt worden, und Garzweiler nebſt Jean Baptiſt, denen man des Briefes wegen nachforſchte, galten für verunglückt unter dem Eis. Meine Mutter verlangte aber auch nach mir; denn ob⸗ gleich ſie dem Vater alle Bedürfniſſe reichlich nachgeſchickt hatte und ſeinethalben eigentlich auch beruhigt war, konnte ſie ſich doch nicht darein finden, ſeines Anblicks und ſeiner Anordnungen zu entbehren;z ihre Liebe und ihr Gehorſam fühlten ſich ganz verlaſſen. Ich mußte das Hausweſen übernehmen und ſie liegt nun blos noch dem Beten ob. —— Und, wie ſehnte ich mich ſelbſt aus dem Kloſter hinaus! Ich war ja auch nur von dir, mein Herzens⸗ Franz Karl, dahin geführt worden, um in jener bebenden Nacht, wo meine Seele gleichſam in einem Wechſelfieber von Jubel und Angſt lag, für deine Rettung zu beten. Ja wol, Jubel und Angſt! Wie hüätte ich je gedacht, 266 daß ſie bei einander ſein könnten, und zugleich ins Herz einer Braut einzögen! Sie ſtörten mich auch recht im Beten. Doch warſt du nun wohlbehalten in der Welt und ich mußte darum auch hinaus. So entfernt ich dich auch wußte, kam ich mir doch mehr in Verbindung mit dir vor. Mein erſter Gang war nach deinem Hauſe: ich wollte mir das Fenſter denken, aus welchem ich einſt zum erſtenmal mit dir herausſehen würde. Aber ich vergaß dieſer Abſicht ganz, als ich zu meinem Schreck auf einer angelehnten Leiter einen Maurergeſellen mit Meißel und Schlägel beſchäftigt ſah, dein Wappen über dem Thor abzuſchlagen. Zuerſt dachte ich, es ge⸗ ſchähe auf deinen Befehl, vielleicht— daß ich nicht vor deiner Herkunft erſchrecken ſollte, wenn du mich einmal ins Haus führteſt, oder aus irgend einem andern Grunde. Bald aber hörte ich, die Wappenbilder an allen adeligen Häuſern würden auf Befehl der Munieipalität abgehauen, und mein lieber Herr Profeſſor Blau erzählte mir, auch der Kurhut auf der Säulenſpitze am Neubrunnen habe in eine Freiheitsmütze umgemeißelt werden ſollen, der Bild⸗ hauer Pfaff aber habe gerathen, lieber eine ſolche Mütze von Blech machen zu laſſen und darüber zu ſtülpen: das ſei leichter zu machen, und habe noch den Vortheil, daß man nach Umſtänden die Blechkappe gleich wieder könnte abnehmen, und den Kurhut ohne Schaden zum Vorſchein kommen laſſen. Der gute Blau lächelte recht herzlich da⸗ bei, und meinte, an dem Bildhauer ſei ein Diplomat ver⸗ dorben, und man ſollte ihn Preußen empfehlen, wenn es vielleicht einen Separatfrieden machen wollte. Das ver⸗ ſtand ich nicht recht; aber in Einem gab ich ihm Unrecht, ——— ——+——/ — 2 — QOQ⏑—V—V———— 267 als er nämlich prophezeiete(oder ſchreibt man vielleicht prophezieh?), es würde jetzt eine Zeit kommen, wo über⸗ haupt Alles nur proviſoriſch gelte. Nein, lieber Freund, ſagte ich ihm,— Alles, nur nicht meine Liebe und Franz Karl's Wort. Den 18. Februar. Es iſt eine außerordentliche Bewegung in der Stadt, eine unbeſchreibliche Angſt. General Cuſtine hat befoh⸗ len, daß die Einwohner ſich mit Proviant auf ſieben Monate verſehen ſollten. Aber dieſe Furcht vor einer Belagerung iſt es nicht allein; ſondern es naht auch der 20. heran, an dem alle Einwohner dem Kurfürſten ab⸗ ſchwören und der Freiheit und Gleichheit aufſchwören ſollen. Aber damit glauben die Bürger nicht nur ihrem alten Fürſten, ſondern auch ihrem Kirchenhaupte zu entſagen, und ängſtigen ſich, daß ſie um ihre Religion gebracht werden ſollten. Alle Proclamationen, die Leute darüber zu beruhigen, helfen auch nichts; ſondern die Zünfte, das Kammeramts⸗ und Stadtgerichts⸗Perſonal haben ſich ver⸗ abredet, den Eid zu verweigern, ſie haben Erklärungen und Druckſchriften übergeben, worin ſie um Verſchonung mit ſolchem Schwur bitten, und ſich auf die ausdrücklichen Beſtimmungen der Capitulation berufen.—— Das Eis, das in jener Maskenballnacht ſich geſtellt hatte, iſt von lauen Regengüſſen und Südwinden plötzlich aufgebrochen. Es ſetzte einen rechten Lärm und Noth ab 268 zu der Angſt, die ſchon in der Stadt war. Alarmſchüſſe fielen in der Nacht und kündigten den drängenden Eis⸗ gang an. Trommler raſſelten durch alle Straßen, die Bürger zu wecken, die denn auch den bedrohten Bewoh⸗ nern der untern Gaſſen zu Hülfe eilten. Die Bocksbatterie ſprengte das Eis mit Kanonen. In der Unruhe, die ich jetzt immer habe, konnte ich mich nicht halten, und lief mit unſerer Magd auch hinab. Das geſtaute Waſſer drang durch die Thore ein, und da man nicht wußte, wie hoch es ſteigen würde, ſuchten die Erdgeſchößner ihre Sa⸗ chen fortzubringen. Da hab' ich recht geſehen, wie die Noth und die Tollkühnheit gern beiſammen ſind. Die Schiffsleute fuhren auf Kähnchen, ja auf Bretern das Thor aus und ein, daß man ſie jeden Augenblick fürch⸗ tete in die Flut ſtürzen zu ſehen. Dabei lamentirten die Bedrängten, und die Helfenden fluchten. Warum man nur ſo leicht in Nöthen und Aengſten flucht? Ueberhaupt, wie mir ſcheint, hört man regelmäßige Arbeiter, wie Schreiner, Schuhmacher u. dgl. nicht fluchen, aber Schiff⸗ leute, Laſtträger, Holzmacher pflegen bei ihrer zeitwei⸗ ligen Thätigkeit zu fluchen. Seltſame Redensarten und wunderliche Gedanken kriegt man dabei auch zu hören. Einem Schifferknecht, der in Gefahr ſchwebte, rief ſein Kamerad zu: Wenn dich der Teufel holt, biſt du gut verkauft. Und Jean Baptiſt, der außerordentlich thätig in der Noth war, rief einem trägen Ruderer zu: Nun du— 2 Lauerſt du auf eine Ohnmacht und kannſt nicht hinein⸗ fallen?——— Am größten war die Noth, als das Maineis quer durch den Strom beim Holzthore eindrang. Alles arbeitete; doch Einer, der am ruhigſten blieb, leiſtete 2△080——j —— ͤ„⸗—. die beſte Hülfe, das war der alte Kaſtanienbaum auf der Holzbatterie: an ihm brachen ſich die gefährlichen Schollen. Da haben ſie ihn nun geſtern, unter Muſik, mit Citro⸗ nen und Bändern geſchmückt, und ihm als Ordenszeichen ein Täfelchen angehängt mit dem Vers: Du hölzerner Kaſtanienheld, Dich hat der Herr hierhergeſtellt, Um gegen Flut und Eisgefahren Die gute Stadt Mainz zu bewahren.—— Jean Baptiſt kam heut und ſagte mir, er habe bei dem Eis⸗Alarm ſich nicht länger verſteckt halten können. Glück⸗ licherweiſe hat er einem Hauptmann der Pontoniers das Leben gerettet, wurde aber vor den General Cuſtine be⸗ ſchieden, der ihn befragte, wo er bisher geſteckt habe. Mit ſchalkhafter Mien« hat er geantwortet: Die Mainzer haben mich ja unter's Eis verſinken laſ⸗ ſen, Herr General, und da hab' ich nur den Eisgang ab⸗ gewartet, um wieder hervorzukommen. Cuſtine hat darauf, ſeinen großen Schnurrbart ſtreichend, gelacht und ſich die Geſchichte der Flucht und des Briefes erzählen laſſen. Jean Baptiſt war aber ſchlau genug, nichts von dir zu ſagen, auch von Garzweiler's Aufenthalt nichts zu wiſſen. Er hat dem General in die Hand verſprochen, daß er es mit der Freiheit und Gleichheit halten wolle; worauf er zur Belohnung ſeiner That an dem Hauptmann für einen freien mainzer Bürger erklärt worden iſt. Den 25. Februar. Ach! welche Auftritte haben wir verlebt! Die ſämmt⸗ b lichen geiſtlichen Räthe ſind in die Wohnung des Generals Leblou vorgeladen und zum Abſchwören aufgefodert wor⸗ den. Sie haben ſich aber ſtandhaft geweigert und erklärt, ſie könnten ihrem Erzbiſchof nicht entſagen, mit dem ſie nur die Glieder eines einigen Körpers ausmachten. Wor⸗ auf ſie den Beſcheid erhielten,— die Glieder möͤchten ſich alſo nur ohne Verzug zu ihrem Haupt verfügen. Sie wurden alſo nach ihren Wohnungen gebracht, und nach⸗ dem ihr Eigenthum unter öffentliches Siegel gelegt war, insgeſammt, ohne daß ſie mit Jemandem verkehren durf⸗ ten, von der Domprobſtei aus, theils zu Wagen, theils zu Fuß, einen Trompeter voraus, und von ſchwerer Rei⸗ terei begleitet, nach der Brücke, von hier aber mit ver⸗ bundenen Augen langſam unter Angſt und Beleidigungen durch Kaſtel bis zu den preußiſchen Vorpoſten bei Hoch⸗ heim gebracht. Ebenſo iſt es dem Handelsmann Dumont auf der großen Bleich ergangen. Während die ganze Straße zur Verhütung allenfallſigen Aufruhrs mit Soldaten beſetzt war, wurde ſein Vermögen verſiegelt, und er ſelbſt den preußiſchen Vorpoſten überliefert. Ein neuer Befehl des Stadt⸗Commandanten verbreitet eine neue Angſt. Es ſollen nämlich auch noch alle Sei⸗ tengewehre und zwar bei Todesſtrafe abgeliefert werden. Nun haben die entflohenen Cavaliere und Beamten und manche abweſende kurfürſtliche Hofdiener ihre Galan⸗ terie⸗Degen im Verſchluß zurückgelaſſen, und die Bedienten 0 4 271 0‿ und Frauen der Abweſenden ſchweben in der Angſt, die Schränke möchten erbrochen, und die Degen gefunden werden. Man köͤnnte ſagen, daß in ſolch' einer verkehr⸗ ten Zeit ſogar die Galanterie⸗Degen ungalant würden; aber es iſt jetzt mit der Angſt kein Spaß zu treiben. Wir haben den Stahldegen meines Vaters gleich einge— ſchickt. Und was ganz gräßlich iſt, ſo haben ſich die Clu⸗ biſten ein Schreckenswort aus Paris angewöhnt, und man hört auf allen Gaſſen rufen:„An die Laterne mit den Ariſtokraten!“— In meinem Abend- und Morgengebet danke ich dem Himmel, daß du, mein geliebter Franz Karl, fern biſt und allen den— ich will nicht gerade ſagen Gefahren, aber doch widerwärtigen Eindrücken überhoben. N. S. In der Stadt laufen dutzendweiſe die Schnurrbärte umher. Jeder, der ſeine Freude am Tode des armen Königs Ludwig an den Tag legen will, läßt ſich einen Schnurrbart wachſen. Ach! wie verkehrt muß ein Herz ſein, das mit ſeinem Haß groß thut! Oder iſt es vielleicht eine Verrücktheit des Verſtandes? Lie⸗ ber Gott, was verrückt und verſchiebt dieſe ungeſtüme, leidenſchaftliche Zeit nicht Alles! Und gerade der Verſtand kömmt da leicht am erſten zu kurz. Den 15. März. In jener Nebelnacht, da ich kein Auge ſchloß, des fe⸗ ſten Glaubens, wenn ich einſchliefe, gingſt du auf dem Rhein zu Grund, habe ich mit dem Gebet um dein Leben und um die Gnade, daß ich mit meiner Liebe dich be⸗ glücken möchte, auch für mich ſelbſt eine hohe Gunſt,— das himmliſche Geſchenk eines unbeſchreiblichen Muthes er⸗ halten. Oder es iſt vielleicht das Gefühl, daß mein Ge⸗ bet erhört worden iſt, was mich jetzt ſo unerſchrocken macht.—— Jene Mitternacht entführte mir den Vater, und ſchenkte mir den Mann meines Herzens und meiner ewigen Zukunft. Doch ſcheint mir, ich würde jetzt, unter dieſen entſetzlichen Erſchütterungen des bürgerlichen Erd⸗ bebens, ſelbſt an meines Vaters Seite ſo muthvoll und vertrauend nicht geſtanden ſein, als ich mich mit dem blo⸗ ßen Bild und Andenken von dir, mein Seelenmann, auf⸗ recht halte. Alles droht um mich her einzuſtürzen; aber ich ſtehe mit dem nie erlöſchenden Gedanken an dich, mit dieſem Grubenlichte meines einſamen Herzens, unter dieſen Trümmern, voll jener Zuverſicht, mit der du zwiſchen die Eisſchollen des umnebelten und umnachteten Stromes hin⸗ ausfuhrſt. Ich würde ſie meiden und fliehen dieſe tägli⸗ chen Ereigniſſe, die mir das Herz zerreißen, müßte ich ſie nicht für dich ſehen und aufſchreiben. Die Feder iſt die Stütze meines Herzens: ich überwinde Angſt und Entſetzen mit dem Bemühen, dir unſere Bedrängniſſe mitzutheilen. Aber glaube nicht, mein koſtbarer, lieber Franz Karl, daß ich mich allen Widerwärtigkeiten ausſetze! Nein, Jean Bap⸗ tiſt berichtet mir Vieles. Ich laſſe ihn aus meiner Arche hinaus in die Sündflut fliegen, und die Taube bringt mir, ſtatt eines Oelblattes im Schnabel, etwas om Schmutz des Bodens an den Füßen mit zurück. Ich habe dir noch nicht vom merkwürdigen 24. Fe⸗ bruar geſchrieben. Es war eine Todtenſtille in der Stadt. 273 Alle Deutſchgeſinnten und wer nicht ſchwören wollte, ver⸗ ſchloſſen ſich in ihren Wohnungen, und darbten lieber, als daß ſie nur eine Magd ausgeſchickt hätten, etwas zu holen. Es war der Tag zu den Ur⸗ und Gemeindewah⸗ len, zu deren Vornahme ſechs Kirchen beſtimmt waren. Um acht Uhr läuteten alle Glocken dieſer Kirchen, und die erſchienenen Bürger legten, nach dem kirchlichen Anruf des heiligen Geiſtes den Eid ab, daß ſie dem Volke und den Grundſätzen der Freiheit und Gleichheit treu ſein wollten. Ach der Freiheit und Gleichheit! Alle ſüßen und rei⸗ chen Hoffnungen, den ganzen lockenden Inhalt dieſer beiden Worte habe ich in einem einzigen Augenblick eingebüßt, als ich auf jener Redoute eine tolle Weibsperſon erblickte, die mit Inſchriften jener Worte behangen war. Ein un⸗ begreiflicher Schauer überrieſelte mich bei jenem Anblick; ich wußte nicht, was mich ſo entſetzte, und ſcheute mich zugleich, darüber nachzudenken. Ach! welche Zuſagen fand ich,— nicht für mich, aber für die Welt in jener Loſung der Zukunft! Und faſt ſchäme ich mich der Empfindung einer ſo ungeſtümen Freude meines Herzens darüber, daß ich in derſelben Nacht für den Verluſt, den ich die Welt erleiden ſah, eine Entſchädigung für mich ſelbſt erhielt,— ſtatt der Freiheit nämlich dein Herz, und ſtatt der Gleich⸗ heit deine Hand. Du mußt mir verſprechen, daß, wenn einſt dein und mein Herz durch deine und meine Hand verbunden ſind, wir in unſerm ſeligen Glück die Welt nicht Hergeſſen, ſondern auch ſie, ſo viel wir vermögen, befreien und beglücken helfen. Aber ich habe ja die ſechs Kirchen vergeſſen! Nur über dich, mein theurer Franz Karl! Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 18 274 Nachdem die Bürger geſchworen hatten, wurden neue ſtädtiſche Behörden und ſechs Deputirte zum rheiniſchen Na⸗ tional⸗Convent gewählt. Auch dein Freund Forſter iſt vom Stadtviertel Litt. B. zu einem dieſer Deputirten ge⸗ wählt worden. Während dieſer Vorgänge in den Kirchen ſtreiften reitende Patrouillen mit geſpannten Piſtolen und blanken Säbeln durch die Stadt. Es war wol mehr zur äußern Feierlichkeit; denn die öffentliche Ruhe ſchien nicht von Denen bedroht, die ſich ſo ängſtlich in ihren Wohnungen verſchloſſen hielten. Wäre nur ſtatt deſſen innerhalb der Kirchen mehr Feierlichkeit geweſen! Aber viele Clubiſten ſollen ſich zum allgemeinen Unwillen un⸗ anſtändig betragen haben. Nicht nur, daß ſie während der Vorgänge in der Kirche aßen und tranken, ſie ſteckten auch ihre mitgebrachten Tabakspfeifen bei der ewigen Lampe des Hochaltars an, hetzten ihre Hunde und ließen ſie über die Altäre ſpringen. Es iſt empörend für unſer Gefühl, dergleichen zu erfahren, doch Profeſſor Blau er⸗ klärte mir, wie die menſchliche Unvernunft auch gegen leb⸗ loſe Dinge von einer Uebertreibung in die entgegengeſetzte fallen müſſe, um zur Vernunft zu kommen, und wie eine abergläubige Erniedrigung ſich in ungerechten Uebermuth verkehre. Die Sklaven des Gehorſams, ſagte er, betragen ſich zügellos, um zu zeigen, daß ſie frei ſeien. Sie begreifen nicht, daß man erſt frei iſt, wenn man ſich ſelbſt binden kann um des Himmels willen. Während jenes— beinahe hätte ich Gottesdien⸗ ſtes geſagt! wurde eine Anzahl Bürger, die ſich gegen die neufränkiſche Freiheit zu laut ausgeſprochen hatten, aus ihren Wohnungen theils ins Zuchthaus, theils auf 275 die Rheininſel bei Heidesheim gebracht, um dort Holz zu fällen. Aber nun denke dir, daß die Preußen dies Holz⸗ machen nicht leiden wollten und vom rechten Ufer mit Kanonen auf die Inſel ſchoſſen! Welche Arbeit unter To⸗ desangſt! Alles, was nur einen Paß erhalten kann, verläßt auch Haus und Hof in dieſem unglücklichen Mainz. Den 1. April. Der tolle Club iſt geſprengt worden. Merlin von Thionville, der Convents⸗Deputirte, hat mit gezogenem Degen ein paar Kreuzhiebe in die Luft gemacht und ge⸗ rufen: Ich ſprenge den Club! Herr Blau, der mir's erzählte, meint, die Franzoſen hätten ihr eigenes Kind über die Klinge ſpringen laſſen: ſie müßten alſo ſelbſt den Club für einen ganz ungera⸗ thenen Buben gehalten haben. Die Uneinigkeit der Mit⸗ glieder ſoll aber auch aufs Höchſte geſtiegen geweſen ſein. Nachdem die Veſte Königſtein genommen war, hat die Furcht vor den anrückenden Preußen viele Mitglieder ver⸗ zagt und reuig gemacht, Andere aber auch wieder zu ver⸗ zweifelten Streichen des Trotzes getrieben. Manche woll⸗ ten ſelbſt den neuen Eid nicht leiſten; Etliche hetzten zu den ſchiefften Zwangsmitteln gegen die eidweigernden Ein⸗ wohner auf. Nun haben Forſter, Hofmann, Blau und einige Andere einen neuen Club der für Glück und Un⸗ glück entſchloſſenen, muthigen und beſonnenen Männer 182 276 gegründet. Dieſe Geſellſchaft hält auch wieder im Schloß ihre Verſammlungen,— im ſogenannten blauen Saal. Der große rheiniſche National⸗Convent iſt jetzt hier eröffnet; Profeſſor Hofmann iſt Präſident, Forſter Viee⸗ präſident, Frank und Schlemmer ſind Secretaire dabei. Viel Bauern, zum Theil mit militairiſcher Gewalt nach Mainz gebracht, ſitzen unter den Mitgliedern dieſer Volks⸗ vertretung. Der liebe, edle Blau meinte mit ſeinem gut⸗ müthigen Lächeln, dieſe wackern Leute, die ſich im großen Ritterſaale des deutſchen Hauſes recht ſtattlich ausnähmen, hätten doch etwas ſehr Offenes, nämlich ein aufgeſperr⸗ tes Maul für die Verhandlungen und zwei weite Weſten⸗ taſchen für die 5 Gulden 30 Kreuzer Tagegelder. Beſſere Deputirte könnte ſich kein deutſches Land wünſchen. Vor Allem hat unſer Convent den Entwurf Forſter's zu einem Decret genehmigt, wodurch der Landesſtrich von Landau bis Bingen für frei, vom deutſchen Reich unab⸗ hängig und aus der Souverainetät ſeiner bisherigen Für⸗ ſten ausgeſchieden erklärt wird. Dies Geſetz iſt dann mit 30 Kanonenſchüſſen und durch 30,000 Abdrücke publicirt worden, und Cuſtine hat mit 30,000 Mann die Stadt und die Freiheit zu ſchützen gelobt. Eins, dachte ich, wird bei dieſen Ziffern mein lieber deutſcher Mann Franz Karl vermiſſen: daß nämlich jedem Abgeordneten, der für dies Decret geſtimmt hat, 30 Silberlinge ausgezahlt wür⸗ den. Aber, geliebtes Herz, wo wäre denn der rechte Ju⸗ dasbeutel dazu?——— Hierauf hat man die Stellung von Mainz in Betracht ſeiner Zukunft berathen, und weil es zu ſchwach ſei, um ſich als beſondere Republik gegen die feindſeligen deutſchen 277 Mächte zu behaupten, hat man ſich für eine Vereinigung mit der großen Republik Frankreich erklärt, und drei Depu⸗ tirte gewählt, die das linke Rheinufer dem franzöſiſchen National⸗Convent anbieten ſollen. Ich weiß nicht, wer den Präſentir⸗Teller dazu liefert; die drei Abgeordneten aber ſind— Forſter, den du kennſt, der Kaufmann Potocki und ein Studirter, der aber jetzt in Koſtheim ein Güt⸗ chen bebaut, Namens Lux. Man hat Forſtern gewählt, angeblich um in Paris das Wort zu führen; eigentlich aber wollte man ihn gern los ſein, wie mir Blau ſagte, weil er durch ſeinen edeln Eifer für die Sache, durch ſeine Selbſtändigkeit gegen Perſonen und Parteien den Franzo⸗ ſen und Parteimännern läſtig war. Dieſe drei Abge⸗ ordnete ſind bereits nach Paris abgereiſt.——— Wir haben uns zu Blau gerettet, meine Mutter und ich, und finden unſern Schutz an ihm. Denn alle in herrſchaftlichem Dienſte geſtandenen Perſonen und ihre Fa⸗ milien ſollten bis zum 30. März ſchwören oder ſich zur Ausweiſung über den Rhein gefaßt halten. Denke dir, geliebter Franz Karl, das Entſetzen der Menſchen! Viele Einwohner, die erſt noch entſchloſſen waren, alles Unge⸗ mach der Belagerung mit ihren Mitbürgern zu tragen, verſahen ſich nun eiligſt mit dem Nothwendigſten zum Fortkommen, ſtahlen ſich ohne Päſſe über die Brücke und wanderten als Spaziergänger aus. Und nun war der Tag da. Alle ehemals Bedienſteten des Hofmarſchallam⸗ tes, alle Pedellen und Bedienten von der Regierung, dem Hof- und Stadtgericht, vom Vicariat und Domkapitel, den Stiftern und Klöſtern, alle ehemaligen Lakaien und Kammerdiener, Kutſcher, Jäger, Heiducken, Gardereiter 278 und ehemaligen mainzer Soldaten, die den Eid noch nicht geleiſtet hatten, mußten ſich mit ihren Familien nebſt dem nöthigſten Gepäck früh um acht Uhr an der Schloßwacht einfinden, und wurden, mehrere Hundert Köpfe ſtark, zum Schloßthore hinaus, der Brücke zugetrieben,— eine Heerde des Jammers. Du hätteſt dieſe Schmerzen und Kämpfe ſehen ſollen, dies Ausreißen der Herzen aus dem heimiſchen Boden, wobei die zarteſten Faſern abbra⸗ chen! Greiſe wanderten darunter, von ihren Enkeln geführt, da ihr Auge nicht mehr ſehen, daher auch nicht mehr weinen konnte; Mütter wehrten ihre ſchreienden Säuglinge von der Bruſt, die jetzt von Angſt und Verzweiflung vergiftet war; Knaben klammerten ſich an die Rockſchöſſe des Va⸗ ters, der dumpf, in ſich verſunken dahinſchrit. Ehema⸗ lige Dienſtboten einzelner Familien ſtürzten herbei, um Abſchied zu nehmen. Manche flehten, mitgenommen zu werden, um den Vertriebenen zu dienen, und wurden weinend und mit Herzeleid abgewieſen. Eine Treue ſtieß die Andere von ſich, und Jede war in Verzweiflung. Dazwiſchen ging wol manches Mütterchen, familienlos und das ſich an nichts mehr in der Welt halten konnte, als an ſeinen Roſenkranz, den es laut und lächelnd abbetete, oder ſchritt ein junger Geiſtlicher, der freiwillig und mit freundlichem Leid ſeine Mutter begleitete. Und nun denke dir dieſe Gruppen des Elends, dieſe auswandernde Trauer, dieſe vertriebene Treue, dieſe zitternde Entſchloſſenheit,— Alle und Alle, die auf der Brücke hundertmal zurückſa⸗ hen, ihre Hände nach der Stadt ausbreiteten, und ſich mit dem Blicke nach dem Dom bekreuzten, denke ſie dir umſprungen von raſenden Clubiſten, die wie Hetzhunde 279 die Heerde anbellten, ſie aushöhnten, ausſchimpften, bis die Auswandernden ins Bereich der preußiſchen Vorpoſten kamen, wo man von dem zahlreichen Zuge befremdet, die Kanonen auf das anrückende Elend richtete, ehe man es erkannte, und die entſetzliche Lunte zurückzog. Mein Herz war zermalmt, als ich nach Hauſe kam. Und dies Leid, das unſere Seele nur niederzudrücken ge⸗ macht iſt, war mir nicht einmal rein und ohne den bit⸗ terſten Nachgeſchmack gegönnt. Ich hatte nämlich unter den Auswanderern auch den Kammerkanzliſten Grimm er⸗ kannt, und hörte nachher ſeine häusliche Noth, die mir noch ſchlimmer als ſeine Auswanderung vorkömmt. Seine eigene Frau hatte ihn nämlich als einen gefährlichen Ari⸗ ſtokraten angezeigt, in der Hoffnung, nach ſeiner Auswei⸗ ſung in den Beſitz ſeines Vermögens zu kommen. Allein das Stadtgericht hatte gleich Alles unter Siegel gelegt. Da wendet ſich das ſchlechte Weib an den franzöſiſchen Commiſſar des Vollziehungsrathes, Namens Simon. Und was thut dieſer? Er hebt auf ſeine eigene Fauſt das ganze Stadtgericht auf, und läßt die Siegel abnehmen. Aber nun mußte man den Lärm und Aufruhr aller Bür⸗ ger über den Mord der Juſtiz hören! Sie hätten nicht mehr außer ſich ſein können, und wenn ihnen die Stadt überm Kopf wäre zuſammengeſchoſſen worden. Wie ſchön, daß dem deutſchen Manne doch Recht und Gerechtigkeit über Alles geht! Kurz, der rheiniſche National⸗Convent ſah ſich genöthigt, das Verfahren des Commiſſars Simon für null und nichtig zu erklären, und legte das Grimmſche Vermögen wieder unter das öffentliche Siegel. Da weiß man aber doch wirklich nicht mehr, wer 280 Koch oder Kellner iſt, wer zu befehlen und wer zu ge⸗ horchen hat. Gleich darauf hat ſich unſere rheiniſche Verſammlung in Erwartung des Beſchluſſes des pariſer National⸗Con⸗ vents über das mainzer Land vertagt. Einzelne Mitglie⸗ der hatten ſich ſchon vorher nach Hauſe geſtohlen, und auch der Adminiſtrations⸗Präſident Dorſch iſt mit Sack und Pack heimlich nach Straßburg entwichen. Er ſoll einem Freund geſagt haben,— in Straßburg ſtehe er ſich grün; die Ladſtöcke der Preußen würden aber nächſtens die mainzer Clubiſten berlinerblau färben.— Mein vä⸗ terlicher Freund, als er mir's erzählte, ſetzte mit ſeinem milden Lächeln hinzu Was werden denn die Preußen mit mir anfangen,— ich bin ja ſchon als Blau bekannt? Sie ſind kornblumenblau, hab' ich ihm geſagt,— die freundliche Cyane in der reifenden Saat der Zukunft. Worauf er mit wehmüthigem Lächeln erwiderte: Und falle unter der Sichel ohne Aehre, meine liebe Tochter! Den 2. Mai. Meine Briefe hören nun auf, geliebter Franz Karl 3 denn die Preußen, Oeſtreicher und Heſſen haben uns ein⸗ geſchloſſen, und laſſen keine Correſpondenzen mehr durch. Ach! nun ſind mit Lagern und Batterien viel dichtere und verſchloſſenere Mauern zwiſchen uns gezogen, als jene des welſchen Nonnenkloſters waren, worin ich mich zu eng 287 fühlte. Mein Troſt iſt der freiſtrömende Rhein. Wenn ich ihn beſuche, blinkt er mir ſo grün und luſtig zu, als wollt' er mir ſagen: dein Herzensmann iſt in der Schweiz und ich hab' ihn geſtern ſtehen ſehen. Manchmal ſpru⸗ delt eine Welle auf, und ich denke, ſie hat mir einen Gruß von dir auszurichten gehabt. Ich bin viel unru⸗ higer geworden; aber ich ſchreibe ruhiger, da das Ge⸗ ſchreibſel vorerſt doch bei mir liegen bleibt, und ich möchte lieber Alles malen, was ich dir zu melden habe. Wenn ich darüber nicht Alles notire, was vorfällt, ſo ſollſt du doch nicht darum kommen; denn der junge Neeb führt eine Chronik, die er dir gar gern mittheilen wird, wenn du wieder da biſt, und das Allermeiſte wird dir der Thürmer auf der Stephanskirche erzählen können, weil der von ſeiner Höhe in die Gaſſen der Stadt und ins Lager des Feindes zugleich ſchauen kann. Was hätte ich dir auch dieſe Wochen her melden können, als Ausweiſung und Verbannung von Einwoh⸗ nern? Sie ſind die Tagesgewohnheit unſeres Unglücks geworden, und bleiben doch immer neu durch ihre Schrecken und ihre wechſelnden Auftritte. Wie abſtechend waren 3. B. zwei ſolcher Züge, die ich mit angeſehen! Ein Transport Juden gerieth in Verzweiflung, nicht blos weil ſie fort ſollten, ſondern weil ein Samstag dazu beſtimmt war, an dem ſie nicht reiſen dürfen. Alles heulte und flehte nur um Verzug eines Tages. Es half aber nichts: die Clubiſten betrieben den Schabbes, und ohne Zweifel thaten ſie es zum Poſſen. So zogen nun die Armen, von Municipalräthen geführt und von Soldaten gedrängt, den Preußen zu, mit Wehklagen, daß ſie gegen das Geſetz 282 ſündigten, vielleicht auch, weil ſie doch heut keine Bündel mitnehmen konnten. Die Clubiſten verhöhnten das unru⸗ hige, hin und wieder rennende, trotzend verzagte Völk⸗ chen mit dem Zuruf:„Die Kinder Israel ziehen aus! Aber es iſt eine ſchlechte Speculation, ihr ſeid noch bei keinem Geſchäft ſo leer ausgegangen“, u. dgl.— Eine andere Pilgerſchaft beſtand aus Geiſtlichen der verſchiedenen Orden. Wie rührend war die edle Haltung, die Ruhe und Würde, womit dieſe treuen Prieſter des alten Mainz und ihres alten Eides den Dom und Sitz ihres Erzbi⸗ ſchofs verließen! Eifrige Bürger waren in die Kirchen geeilt, und zogen alle Glocken. Aber noch höhere Feier⸗ lichkeiten miſchten ſich darein. Es war Nachmittag; ein Frühgewitter zog von der Bergſtraße herüber, und der ſchwarze Himmel, aus dem es donnerte, breitete ſich bis über Hochheim herauf; die Sonne fiel hinein und ſprengte von jenſeit Caſtels nach Weißenau, über Strom und Brücke hin, einen Regenbogen. Die Geiſtlichen gingen paarweiſe, theils vor, theils hinter einem Seſſel, in wel⸗ chem, von vier jungen Benedictinern getragen, der ehr⸗ würdige Abt Iſaachy ruhte. Er war im Sterben begrif⸗ fen, verlangte aber mit ſeinen auswandernden Söhnen zu ziehen. Ueber die Lehne des Seſſels zitterte ſeine ſegnende Hand gegen die Menge, die den Zug betend und weinend umdrängten. Auf der Mitte der Brücke machte der Zug plötzlich Halt, und das Tragbett ſenkte ſich auf die Boh⸗ len. Alles kniete nieder bis auf einen jungen Geiſtlichen, der des Sterbenden Hände unterſtützte, indem ſie ſich zum letzten Gebet falteten. Es läutete vom Dom und donnerte aus Oſten, und während der junge Geiſtliche die gefalteten 83 Hände des Greiſes auf deſſen Bruſt ſinken ließ und die erloſchenen Augen zudrückte, loderte wie eine Pforte des Friedens, wie ein Siegesthor der Treue jener Regenbogen in funkelnden Farben auf. Alle Geiſtlichen erhoben ſich mit verklärtem Aufblick und ſangen den Pſalm, den ich früher bei den welſchen Nonnen mitgeſungen: In exitu Israel ex Aegypto. So zogen ſie weiter, und das weinende Volk folgte bis es von der Wache in Caſtel zurückgetrieben wurde. Seit dieſem Zuge verſchwand vollends alles religiöſe Vertrauen zu den Geiſtlichen, die ſich mittelſt der Eides⸗ leiſtung in die erledigten Pfarreien geſetzt hatten. Eine Sehnſucht vertrieben zu werden, ergriff viele Menſchen. Die Furcht vor den Preußen, die unterhalb Bingen den Rhein überſchritten hatten, und die Franzoſen gen Mainz zurückdrängten, kam dazu; ſo daß man jetzt diejenigen Einwohner feſthalten mußte, die man während der Bela⸗ gerung zu verſchiedenen Dienſten, beſonders auch des Lö⸗ ſchens der Brände nöthig haben möchte. So jammerte man nun bleiben zu müſſen, wie man früher vertrieben zu werden gejammert hatte.—„Wir haben früher den Kurfürſten und jetzt den Abt Cöleſtin auswandern ſehen, und können nicht fort!“ hörte man laut klagen. Ach! ſagte ich zu mir ſelbſt, wie doch die Schätzung der menſchlichen Lagen und der Werth des Lebens ſelbſt wechſelt! Und wenn ich mein eigenes Leben betrachte, wie iſt es in der bedenklichſten Nacht und durch ein ein⸗ zig Wort von dir, du mein Herzensfreund, in ſeinem Werthe geſtiegen, durch jenes Wort, das den ganzen Reichthum meiner verborgenen Liebe in Geltung ſetzte! 284 O mein Franz Karl, kehre zurück, und ſtehe in Troſt und Hülfe für Andere der Verlaſſenen bei, die du ſo froh gemacht haſt, und die ſich faſt ſchämt, allein in dieſem unglücklichen Mainz ſo glücklich zu ſein!——— Bei Annäherung des Feindes ſind Cuſtine und Hou⸗ chard mit einem Theil der Truppen nach Landau abgezo⸗ gen, und haben die Vertheidigung der Stadt dem Gene⸗ ral d'Oyre überlaſſen. Auch der Oberkriegs⸗Commiſſar Blanchard hat ſich mit der Kriegskaſſe aus Mainz ent⸗ fernt.— Seitdem läßt ſich auch Pater Garzweiler wieder, wiewol mit Vorſicht blicken. Er trägt die Kutte eines Franziskaners, was er zuerſt geweſen ſein ſoll. Wie mir Jean Baptiſt ſagt, hat er ſchon früher, aus Miß⸗ trauen gegen die Franzoſen, all' ſeine Heimlichkeiten in der Sacriſtei der Jeſuitenkirche verſteckt, und bringt jetzt manche Nächte dort zu, vielleicht als lebendiges Geſpenſt ſeiner ſündhaften Geheimniſſe, wenn nicht aus Vorſicht, um ſeinen Nachtaufenthalt zu wechſeln. Von den Verſchanzungen der Feinde um die Stadt, von den ſtörenden Ausfällen der Franzoſen u. dgl. ver⸗ ſtehe ich nur ſo viel, daß Jedermann in Angſt lebt; aber die zunehmende Theuerung ſchlägt ſchon mehr in mein Fach. Das Maß Milch koſtet bereits 48 Kreuzer, das Pfund Butter 3 Gulden 40 Kreuzer und die alten Hennen werden mit jedem Tage hochmüthiger, ſeitdem ſie mit 3 Gulden das Stück geſucht werden. Da freut ſich Man⸗ cher, wenigſtens im Stillen, daß ſo viel Hundert Mäuler exportirt ſind, die uns ſonſt in eine noch größere Theue⸗ rung mit hineinäßen. Und wie waren doch auch dieſe Auswanderer in Sorgen um ihr Fortkommen!—„Wie 285 ſollen wir in der Fremde unſere Kinder ernähren?“ rie⸗ fen über die Brücke wandernd manche Mütter, und die Antwort der Clubiſten war: Werft ſie in den Rhein! Dieſer frevelhafte Spott hat den Tollköpfen im tiefſten Herzen der Mainzer einen unvergeßlichen Haß erweckt, wenn dieſer Widerwillen überhaupt noch erhöht werden konnte. Wie viele chriſtlicher geſinnte Menſchen haben ſich nicht in Frankfurt gefunden! Dort hat der evange⸗ liſche Stadtpfarrer Hufnagel durch ſeine Predigten ein echtchriſtliches Mitleiden erweckt und durch ſeine Bemühun⸗ gen in der Stadt und Umgegend bedeutende Unterſtützun⸗ gen für die vertriebenen mainzer Familien geſammelt. —— Das iſt der Segen des Unglücks, daß es Liebe und Einigkeit unter den Verſchiedengläubigen erweckt, und man überzeugt ſich dann, daß die wahre W Wurzel des Chriſtenthums ihre Früchte nicht in Farben des Glaubens, ſondern in Werken der Liebe treibt. Hoffentlich haben unſere ausgewieſenen Prieſter, wenn ſie einſt zurückkehren, Duldung und Liebe in der Verbannung gelernt. Wir leben Tag und Nacht in Lärm und Unruhe. Tägliche Ausfälle der Beſatzung bringen bald einen Vor⸗ theil, bald eine Schlappe ein. Geſtern Abend hatten wir eine ſchaurige Erinnerung an die Feſtlichkeiten vergangenen Jahrs. Du haſt jene nächtliche Beleuchtung der Kirchthürme in den nächſten Ortſchaften von der Favorite aus geſehen: letzte Nacht brannte der Ort Koſtheim unter einer entſetzlichen Kano⸗ nade der preußiſchen Batterien. Die grauſenvolle Be⸗ leuchtung ſpiegelte ſich im Zuſammenfluß des Mains und Rheins ab. Zu wildem Zechen loderte dieſe raſende 286 Fackel; denn während die Franzoſen in den Weinkellern des Ortes ſich berauſchten, wurden ſie von den Preußen überfallen, und Wein und Blut ſtrömten bei dieſem nächt⸗ lichen Gelag. Den 30. Juni. Die Stadt zittert und bebt, die Kirchthürme wanken von den unaufhörlichen Bomben und Haubitzen der Be⸗ lagerer, und ein loderndes Dach verräth jeden Pfühl, in welchen die wilde Karkaſſe ihr feuriges Haupt eingewühlt hat. Aber mein Herz verzagt nicht, und ich bin da und dort, helfe retten, wo es brennt, und tröſte, wo man verzagt. Woher ſchöpfe ich ſo viel Mädchenmuth? Aus dem Gedanken an dich, theurer, unvergeßlicher Mann. Du biſt nicht da, und ich muß für dich da ſein. Jetzt, da die Stadt um mich bebt, die nächſte Welt vor und neben mir zuſammenbrechen will, fühle ich erſt recht mit Stolz, wem ich angehöre, weſſen ich bin, und dein Bild ſchwebt mir vor, hält mein Herz, und hebt meine Seele. Ich würde verzagen in dieſem Aufruhr der Zerſtörung: aber an deinen Namen, wie an eine ſchützende Säule gelehnt, fühle ich eine neue, wunderbare Begeiſterung; dieſe Er⸗ ſcheinungen machen mich zur Dichterin, dieſe Gefahren zur Heldin,— Beides durch dich. Aber auch nur für dich, nur ſtatt deiner, mein Franz Karl; und wenn du ſelber erſcheinſt, werde ich verzagt ſein, Wort und Muth werden ſich in das Herz zurückziehen, woher ſie ſtammen. ——— 287 Ach! möchteſt du dann zufrieden ſein, glücklich ſein mit dieſem Herzen und Allem, was ſich darin ver⸗ birgt! Wüßte ich nur manchmal, wie nahe oder wie fern du mir biſt; ob du im Geſichtskreiſe dieſer Feuerkugeln lebſt, die unſere Johannisnächte leuchtend durchſchwärmen, — im Anblicke der Bomben, die wie Sternſchnuppen auf unſere Thürme und Dächer niederfallen. Ich war nahe genug, als die erſte Brandfackel auf die Liebfrauenkirche niederſc=hlug, die Magazine in Brand ſteckte und mit der ungeſtümen Flamme die Kirche und Dechanei verzehrte. Die Splitter zerſprungener Haubitzen warfen neben mir einige Menſchen nieder, und ich rief im erſten Schreck, was mir am nächſten war— laut dei⸗ nen Namen aus. Hundert und hundert Kehlen riefen mir nach: Franz Karl! als ob es eben die Loſung der Nacht, das rettende Wort der Noth, oder der Schutz⸗ engelruf des Augenblicks ſei. Ich erſchrak nun ſelbſt vor dieſem unerwarteten Nachhall, als wäre dein ſüßer Name in tauſend Stücke zerſprungen, und alle Welt dürfte ſich in dich theilen. Ach! dachte ich zuletzt, als ich unter ei⸗ nem ſchützenden Dache ſtand, ſo geht es wol manchem hehren Worte der Weisheit oder des Glaubens: Jahr⸗ hunderte ſprechen es mit Andacht und Schwärmerei nach, und doch nur Eine Seele wußte recht, was es be⸗ deute! Zuweilen, wenn es bei Nacht zwiſchen den Bomben⸗ 3 ſſchlägen ſtill wird, höre ich von meinem Fenſter aus die Rufe des Werda? und die Wechſelfragen der ausgeſtellten franzöſiſchen Poſten; höre die Trommelwirbel und Trom⸗ 288 petenſignale aus dem preußiſchen Lager. Wenn kein Kirch⸗ thurm fackelt, keine Feuerkugel ſchwärmt, glüht noch der lichtgelbe Saum des nordweſtlichen Sommerhimmels. Wo biſt du jetzt, geliebter Mann? Könnte ich mir auch deine Umgebung träumen! Welche friedlichen Klänge der Som⸗ mernacht ſpielen um dich, und welche Berggipfel ragen dunkel in dein leuchtendes Abendroth? Ich dachte die lange Nacht an dich, in der jener blaſſe Schimmer am Horizont nicht erloſch. Ich ſpielte mit dem Gedanken, ob die Abendröthe wol auch einen fernen Bräutigam habe, und nicht ſchlafen gehen möchte. Aber ich weiß es doch beſſer: die Sonne hat eben jetzt nicht viel Zeit zu ſchlum⸗ mern, und verläßt uns nicht weit; ſie braucht den lan⸗ gen Sommertag zu ſegenvollem Herrſchen. Da ſchreitet die hohe Königin, wo die wogenden Kornfelder ſich vor ihr verneigen, wo die Waizengürtel der Hügel ſich ver⸗ golden, der Mais ſeine rauſchenden Fähnchen entfaltet, von ihrem Lächeln die Kinder des Aepfelbaums erröthen, unter ihrer warmen Sandale, in den lockern Hügeln des Kartoffelfeldes, ein Schatz für die Armen wuchert, und die Beeren des Rebſtocks ſich vom Athem der müden Herrſcherin verſüßen. Nur auf kurze Stündchen wirft ſie ſich auf das Ruhebett, ohne den Purpur und das gelb⸗ atlaßne Gewand abzulegen, deſſen Zipfel auf der Schwelle des Horizonts liegen bleibt. Vorgeſtern Nachmittag ſtreifte eine Haubitze den hohen Chor des Doms an ſeiner äußerſten Spitze, prallte ab, und erſchlug im nahen Kramladen den Handelsmann Mo⸗ linari. Gegen zehn Uhr Abends traf eine Brandkugel den 289 Dom noch einmal; Dach und Thürme entbrannten, und zündeten fünfzehn Nachbarhäuſer. Es war ein entſetzli⸗ ches Feuer,— über dem Heiligthume des Erzſtiftes ein flammender Buſch! Ich wandelte mit dem Profeſſor Blau bis Mitternacht auf dem Platz, und Jean Baptiſt, der ſich uns zugeſellte, berichtete von andern Bränden und von 40 Menſchen, die im Hoſpital der Franziskanerkirche in den dort ausgebrochenen Flammen umgekommen ſeien. Da, mit einem Mal ſauſeten zwei bis drei Brandkugeln herüber, und knickten hinter der Schuſtergaſſe nieder. Eine Bewegung unter den Menſchen entſteht, und bald ruft es, die Jeſuitenkirche brenne. Wir eilen dahin, und betreten das Plätzchen, wo ſonſt die alte Braunſchiedel ihren Obſt⸗ körbethron aufſchlägt. Sie ſtand auch ſelbſt da, bange, glaub' ich, daß ihr Reichsgebiet zerſtört werde. Die Kirche thut ſich auf; doch Niemand wagt ſich hinein, außer ei⸗ nigen Kapuzinern, die herbeikommen, die Heiligthümer zu retten. Ein Mönch mit übergezogener Kapuze eilt heraus, tritt umherſpähend zwiſchen die Menſchen, und wie er mich erkennt, erkenne ich ihn,— Pater Garz⸗ weiler— und er übergibt mir eine Schatulle, die er unterm Arme hat,— dieſelbe, die ſchon einmal in mei⸗ ner Manſarde verwahrt ſtand. Sie war ſchwer; ich ſehe mich nach Jean Baptiſt um, der ſich vor dem Pater zu⸗ rückgezogen hat, und übergebe ſie ihm.— Es iſt das Teufelsgeld des Pfaffen! flüſtert mir der Vetter zu. Ich will's nur gleich in deine Wohnung tragen, ſonſt ſchleppt mich der Verführer noch in die gefährliche Kirche, ihm zu helfen. So eilt er fort. Inzwiſchen war der Pater wieder in die Kirche ge⸗ Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 19 290 laufen. Brennende Latten, loderndes Gebälk ſtürzt vom Thurm auf das Dach, vom Dach auf den Platz. Die Menſchen weichen immer weiter zurück. Abermal kömmt der Pater heraus mit einer Kiſte; ich ſehe, wie er beim Anblick des brennenden Scheiterhaufens vor der Kirchen⸗ treppe ſtutzt, einen Augenblick in Beſinnung ſteht, und dann mit raſchem Entſchluß an die Flamme tritt, und die Kiſte mit Schriften dem Feuer übergibt. Wie er jetzt mit ausgebreiteten Armen betend niederkniet, kann ich mich, bei dem Mißtrauen, das ich nun einmal gegen ihn habe, des Gedankens nicht entſchlagen, er bete die Schuld dieſer Papiere ab, die eben ihr Fegefeuer beſtehen. Gedacht, und ein entſetzliches Krachen des einſtürzenden Gewölbes wird aus der Kirche vernommen. Die Menſchen ſchreien auf, der erſchrockene Pater erhebt ſich raſch; doch im Au⸗ genblicke ſchmettert, vom Feuer geſprengt, ein Quaderſtein nieder, trifft ihn in den Nacken, und wirft ihn aufs An⸗ geſicht zu Boden. Wir Alle gerathen in Bewegung, ſchreien um Hülfe, aber Niemand wagt ſich hinan. Eine Weibsperſon, von der du, lieber Franz Karl, als Kar⸗ tenſchlägerin Steiglehner weißt, wird von wilder Begei⸗ ſterung ergriffen, rennt umher, und fodert uns und Alle zum Beiſtand für den heiligen Mann auf. Ehe ſie je⸗ doch einen Menſchen bewegen kann, ſtürzen die Kapuziner ſchreiend und händeringend aus einer Seitenthüre hervor, erblicken Garzweilern, den ſie geſucht zu haben ſcheinen, und heben ihn raſch auf, um ſich mit ihm aus dem Be⸗ reiche der Gefahr zu flüchten. Wie ſie zwiſchen uns tre⸗ ten, bildet ſich ein Kreis, und wir ſehen, daß der arme Pater mit zerſchmettertem Rücken todt iſt. Die Moͤnche 291 faſſen die Leiche zu bequemerem Tragen: da erhebt ſich aus der feierlichen Stille die grelle Stimme der Steig⸗ lehner und ruft: Heiliger Garzweiler, bitt' für uns! Die Braunſchiedel ruft es nach, und wol hundert Menſchen rufen: Heiliger Garzweiler, bitt' für uns! Die Mönche ſchreiten mit der Leiche und einer Litanei vorwärts, die beiden Weibsperſonen, die den Abgeſchie⸗ denen zuerſt heilig geſprochen, ſchließen ſich mitbetend an, und paarweiſe folgt die Menge dem Zuge nach der hohen Kirche auf dem Stephansberge.— Herr Blau und ich waren allein zurückgeblieben, und ſahen einander in die blaſſen Geſichter. Ein unbeſchreibliches Lächeln ſchwebte um die freundlichen Lippen meines väterlichen Freundes; doch, mit einem Blick auf die brennende und einſtürzende Jeſuitenkirche, ſagte er blos: Komm, meine Tochter, die Ignatius⸗Andacht iſt aus! Sechstes Kapitel. Eine mehrtägige Reiſe zu Pferd über Baſel nach Straß⸗ burg hatte den trauernden Baron Franz Karl zerſtreut und mit reizenden Anſchauungen der Natur und des fröh⸗ lichen Erntebetriebs erquickt. Wie ihm nun mit jeder Stunde Gerüchte von Mainz entgegenkamen, trieb es ihn, vorwärts zu eilen. Ein Waffenſtillſtand ſollte geſchloſſen, die Uebergabe der Stadt in Unterhandlung ſein. Zu 19* Worms hörte er über Nacht, daß bereits die Außenwerke der Feſtung von den Deutſchen beſetzt wären. Mit den beſten Erwartungen brach er alſo in der Frühe des 24. Juli auf und kam, mittelſt des in Frankfurt erwirkten preußiſchen Reiſepaſſes, unbehindert am Chauſſeehauſe bei Marienborn, zwiſchen den Lagern und Batterien der Preu⸗ ßen an. Die Stadt war noch nicht geöffnet, und der Baron hatte zu überlegen, was er inzwiſchen vornehmen möchte. Die Ordnung des Lagerdienſtes inmitten der Kriegsverheerung wäre hier zu beobachten geweſen, hätte nicht eine ungewöhnliche Menge von Menſchen aller Art die Aufmerkſamkeit des Freundes noch näher und lebhaf⸗ ter auf ſich gezogen. Auch was er hier ſah, konnte er mit einer Ernte vergleichen; denn dies bewegte Volk war eben darauf geſpannt, die Früchte in Empfang zu neh⸗ men, die das jetzt ruhende Geſchütz abgeſchüttelt hatte. Daher trieb ſich, indeß die Arbeit des Belagerungsheeres ruhte, dies erwartungsvolle Völkchen unruhig genug um⸗ her,— obdachloſe Einwohner der nahen, abgebrannten Ortſchaften; mainzer Ausgewieſene, die mit ihrem leichten Gepäck in ihr Eigenthum einzuziehen nicht erwarten konn⸗ ten; Ausgewanderte, die zu Wagen und Pferd ihren Triumpheinzug vorbereiteten; dazwiſchen auch Neubegierige aus Frankfurt und der Umgegend, die das ſo ſeltene Schauſpiel einer Belagerung und die durch Bomben zer⸗ ſtörte Bühne deſſelben nicht gern ungeſehen ließen. Im Schatten zur Seite des Chauſſeehauſes haltend, beobachtete der Baron das Treiben nah und fern und ſah, wie ſorgfältig die ehemals Ausgewanderten ſich von den Ausgewieſenen geſondert und entfernt hielten.— Ge⸗ 293 wiß gilt ihnen Flucht für vornehmer als Verbannung! dachte er bei ſich. Das gemeinſame Unglück ſcheint ohn⸗ mächtig an dem alten Familienſtolze vorübergegangen zu ſein, und ſchon vor den ungeöffneten Thoren ſehe ich, daß es mit dem kurzen Reiche der Gleichheit zu Ende iſt. Es war, wie geſagt, ein buntes Durcheinander. Viele verzehrten in den ſtaubigen Chauſſeegräben ihr kaltes Mahl; Andere liefen pfeifend und ſingend umher; Frauen hatten mit den verſchiedenartigen Bedürfniſſen oder Noth⸗ durften ihrer größeren oder kleineren Kinder zu ſchaffen, und ihre Männer ſchienen daneben in heftigen Reden und Geberden bald einig, bald uneinig zu ſein. Verſchiedene Geiſtliche, mit Stöcken und Handbündelchen verſehen, wandelten dazwiſchen, betheiligten ſich am Geſpräche der Männer, und der Beron, der ſie für Friedensprediger anſah, glaubte doch zu bemerken, daß da, wo ſie weg⸗ gingen, die Lebhaftigkeit der Aufgeregten nicht abgenom⸗ men hatte.— Einer derſelben, in welchem Franz Karl den Pfarrer Schick von St. Quintin in Mainz erkannte, näherte ſich ihm, und ſprach mit vieler Salbung ſeinen Glückwunſch zur frohen Rückkehr aus.— Leider! ſagte er, iſt unſer Verlangen, in die Stadt zu kommen, grö⸗ ßer geweſen, als der Eifer der Franzoſen, ſie zu verlaſ⸗ — ſen. Nun haben ſie ſich, zu unſerem Verdruß, in der Capitulation bedungen, daß vor dem gänzlichen Abzuge der Beſatzung kein außerhalb der Stadt befindlicher Main⸗ zer dahin zurückkehren dürfe. Nur einzelnen Leuten iſt es durch Liſt oder mit Gunſt der Wachtpoſten gelungen, ſich durch die Caſematten und Linien bis an die inneren Werke 294 zu ſtehlen, um friſche Butter und Fleiſch hinzubringen; denn die Theuerung iſt aufs Hoͤchſte geſtiegen. Manche ſind bei dieſer Gelegenheit auch in die Stadt ſelbſt einge⸗ drungen. Während ſie noch ſprachen, hatten einzelne Staub⸗ wolken, die ſich von der Stadt her erhoben, eine allge⸗ meine Bewegung verurſacht, und viele der heftig ſprechen⸗ den Männer an das Chauſſeehaus herangelockt. Man hörte jetzt deutlich die Drohungen und Verwünſchungen, die gegen die Clubiſten ausgeſtoßen wurden, und was man aus der Ferne für Zank gehalten, verrieth ſich nun als die leidenſchaftlichſte Einigkeit, worin Jedermann den Unglücklichen Tod und Verderben ſchwor. Der Baron foderte den Pfarrer auf, den wüthenden Menſchen zuzureden, und ihnen chriſtlichere Abſichten einzu⸗ ſprechen. Worauf der Geiſtliche mit Achſelzucken erwiderte: Die gerechte Wuth dieſer unglücklichen Menſchen iſt zu groß, und leider! die Schuld jener Ruchloſen noch größer. Sie kennen das ja ſelber, gnädiger Herr Ba⸗ ron. Auch mich hat ein nichtswürdiger Menſch, der von dem eingedrungenen Biſchof von Straßburg die Weihen empfangen und den franzöſiſchen Conſtitutionseid geleiſtet hat, in meiner Pfarrei erſetzt, und mir bebt das Herz, wenn ich bedenke, wie manchen Sterbenden er die Sacra⸗ mente ungültig geſpendet und ſie um die awidr Seligkeit gebracht hat! Was? rief Franz Karl entrüſtet aus. Mit ſolchem Friedensgruße kehrt ihr zurück? Dieſe Seelenängſte wollt ihr in die Gemüther des Volkes werfen, zerſtören⸗ der als die Feuerkugeln in ihre Wohnungen gefallen ſind? E— Dieſe heftige Frage beantwortete der Pfarrer nur mit bedauerndem Achſelzucken, womit er ſich entfernte.— Ja, rief Franz Karl, da haben wir wieder dieſe geiſtlichen Herren! Nur im Unglücke ſind ſie Prieſter; im Glück werden ſie Pfaffen. Inzwiſchen vernahm der Freund von der vorderen Seite des Hauſes her kräftigen Zuſpruch an die drohen⸗ den Haufen, und die Stimme war ihm bekannt. So ſchlimm habt ihr's vor? lautete die Rede. Nein, nein! Dafür kann euch kein wohldenkender Menſch lo⸗ ben. Alſo wollt ihr die Rückkehr in einen friedlichen häuslichen Zuſtand mit neuem Haß und Krieg verunrei⸗ nigen? Soll denn durch ſolche Rache das Unglück ſich verewigen? Und dürft ihr euch denn auch ſelber Rache nehmen? Ihr klagt die Clubiſten der Eigenmacht und Gewaltthätigkeit an: nun wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten? So ſeid ihr ja ſelbſt wieder Clubiſten, und da ihr euch zu einer Geißel der Rache macht: ſo ruft ihr auch wieder eine Geißel auf euern Rücken hervor. Jene Menſchen haben allerdings entſetzlich viel verſchuldet: aber man muß ihre Beſtrafung den hohen Alliirten und dem wahren Landesherrn nach deſſen Rückkehr überlaſſen! Franz Karl, während dieſer Rede mit ſeinem Pferde hinterm Haus hervorgekommen, erblickte hier in dem Red⸗ ner den Geheimerath Goethe, der auch ihn gleich er⸗ kannte und aufs freundlichſte willkommen hieß. Während ſie die erſten Begrüßungen wechſelten, zogen ſich die hef— tigen Männer, reſpektvoll vor dem ſtattlichen Herrn, der mit rückwärts überkreuzten Armen und den feurigen ſchwarzen Augen von dem Plätzchen am Hauſe zu ihnen — 296 geſprochen hatte, langſam und in leiſem Widerſpruche zu⸗ rück.— Goethe, der es bemerkte, wie wenig überzeugt und gebeſſert ſie waren, ſagte lächelnd: Zum Bußprediger fehlt es mir an Glück oder an der rechten Weihe; aber ich war denn eben auch nur im wirklichen Sinn des Wortes Cicero pro domo sua, und bin zufrieden, daß ich mir dieſe Aufgeregten vor dem Hauſe weggeſprochen, wo ſie mich mit ihrem wilden Schreien und den leidenſchaftlichen Geberden ſchon gar ſehr beunruhigt und angewidert haben. Uebrigens bin ich eben mit meinem Eifer nur der gegenwärtigen Zeit ver⸗ fallen. Denn, wiſſen Sie, Herr Baron, wie's jetzt heißt? Was der Eine will bereiten, Einem Andern will's nicht gelten; Hüben, drüben muß man ſchelten: Das iſt nun der Geiſt der Zeiten. Der Baron gab ihm Recht, und ſagte lächelnd: Aber wenn das Ew. Excellenz Wohnung iſt, ſo wer⸗ den Sie als hieſiger Chauſſeegeld⸗Erheber ſchlechte Ein⸗ nahmen machen; indem Sie, wie eben, die zeitläufige Münze dieſer Menſchen abwehren. Goethe lachte, und lud ihn ein, bei ihm vorlieb zu nehmen, und es ſich bequem zu machen.— Hier war vor Kurzem noch das Quartier des Prinzen Louis von Preu⸗ ßen, ſagte er, und mit meinem gnädigſten Herrn, der im preußiſchen Heere commandirt, hatten wir Zelte inne. Seit der Prinz aber in der Nacht vom 16. auf den 17. d. M. durch eine Kartätſchenkugel am Schenkel verwun⸗ det, nach Mannheim gebracht worden, hat mein gnädig⸗ 297 ſter Herzog dieſe Wohnung genommen, worin ich nun auch mein ſchmales Unterkommen habe. Dabei gab er einem Burſchen in Livree Befehl, den Mantelſack des Herrn Barons vom Pferde zu nehmen und das Thier bei den übrigen einzuſtellen.— Sie kön⸗ nen heut nicht in die Stadt, fuhr er dann gegen Franz Karl fort, und werden den erwarteten Auszug der erſten franzöſiſchen Colonne am beſten von meinem Fenſter aus ſehen können. So nahe vor dem Thor Ihrer Vaterſtadt wird freilich Ihre Ungeduld groß genug ſein. Mich treibt nicht weniger mein herumſchweifendes Leben und die po⸗ litiſche Stimmung aller Menſchen nach Hauſe. Ich habe mich ſeither mit dem fabelhaften Reinecke Fuchs beſchäf⸗ tigt, und die Verſe ſind während der Belagerung wie gute Preußen vorgerückt; vor Allem aber ſuchte ich dem Schlaukopf Reinecke abzulernen, wie man ſich zwi⸗ ſchen gar manchen Unannehmlichkeiten des wechſelvollen Lebens beſtens durchzudrücken ſuchen muß. Dergleichen hätte ich mir nicht an jenem Abende gedacht, als wir mit Sömmering bei vortrefflichen Schüſſeln und Flaſchen des beſten Humors waren. Apropos! Freund Sömmering hat ſich geſtern, wo ich bis an das Thor vorgeritten war, glücklich in die Stadt einzuſchleichen gewußt, um Forſter's Eigenthum in Schutz zu nehmen. Ei! rief der junge Freund, faſt verdrießlich. So kömmt mir der lebhafte Mann darin zuvor? Ich hatte mir das zur Aufgabe gemacht, als ich Forſtern ſo beſorgt um ſeine literariſchen Schätze ſah, und dieſer Vorſatz ne⸗ ben einer noch ſüßeren Hoffnung trieben mich vor Allem hierher, ſtatt nach meinem friedlichen Landſitz im Rheingau. 298 Forſtern? rief Goethe etwas leiſer. Haben Sie ihn geſehen? Sie müſſen mir das erzählen! Treten wir aber lieber in das Haus! Der Name Forſter iſt von übelm Klang im preußiſchen Lager. Doch habe ich die Zuverſicht, die hohen Verbündeten und vor Allem Se. kurfürſtliche Gnaden werden aus Antrieb ihres frohen Sieges Vergebung und Vergeſſenheit ausſprechen. Die Wiſſenſchaft gehört ja mit zur Ausſaat des Friedens, und Forſter, wenn ſeine politiſche Hülſe gebrochen iſt, fällt mit ſeinem edeln Kern in die Furchen der neuen Zeit, in der er noch Herrliches hervorbringen wird. So betraten ſie das Haus und Goethe's Zimmer. Siebentes Kapitel. Ueber des Barons Mittheilungen aus dem Jurathal war es Mittag geworden. Zwei Maler, die ſich zu Studien des Belagerungslebens und nächtlicher Brandeffekte hinter dem Lager aufhielten, kamen zu Tiſche, und auf Goethe's Verſicherung, daß die Küche noch mehr Gäſte vertrage, nahm auch der Freund die Einladung an. Vor dem Hauſe hatten ſich inzwiſchen die Menſchen etwas verlaufen oder im Schatten der ſtaubigen Bäume gelagert. Eine große Stille herrſchte in der Natur und zwiſchen den Zelten des Lagers, als man von der Stadt hex⸗ einige Wagen herankommen hörte, die bald auch — — 299 dreiſpännig kurz hintereinander raſch vorüberfuhren. Aber ſchon hinter dem letzten her rannten, mit den Armen winkend, einige aus dem Chauſſeegraben aufgeſprungene Männer nach, und ſchrieen: Haltet auf! haltet auf!— Doch zum Aufhalten war es zu ſpät, und ein gräßliches Toben und Schimpfen entſtand unter den Zuſammenge⸗ laufenen. Der Baron, vor das Haus getreten, fragte, was es ſei, und erfuhr, man habe in den verſchiedenen Wagen einige der Haupt⸗Clubiſten, namentlich den Präſidenten Hof⸗ mann, den Doctor Wedekind und den lumpigen Metternich er⸗ kannt.— Gott weiß es, wer's noch alles war! ſchrie einer der höchſt erboſten Männer. Die Hauptſpitzbuben ſind uns entgangen. Sitzen wir da, und ſammeln in Gedan⸗ ken Fauſtſchläge und Fußtritte für dieſe Halunken, für dieſe Schurken und Nichtswürdigen, die uns ins Elend ge⸗ bracht haben, und derweile fahren ſie dreiſpännig vor⸗ über, lachen jetzt in ihre Fäuſte hinein, und wir,— und wir—? Aber wartet nur! drohte ein Anderer gegen die Stadt. Ihr da drinnen ſollt's eingetränkt kriegen. Die dort ſind uns entgangen, aber die Prügel, die ihnen zugedacht wa⸗ ren, bleiben wohl aufgehoben, und ſollen euch Anderen nicht verloren gehen! Wacht gehalten! Keine Chaiſe mehr vorbeigelaſſen! ſchrie ein Dritter, und Alles rief und lief wild durcheinander. Durch die Fenſter hörten nun die Freunde bei Tiſch die verſchiedenen Betrachtungen der ergrimmten Männer vor dem Hauſe. Einer dieſer Erboſten fand es auffal⸗ lend, daß eben kein Wachtpoſten, kein Piket und nichts 300 zu ſehen ſei, wobei er behauptete, man habe mit Abſicht, um die Clubiſten entſchlüpfen zu laſſen, jedes Hinderniß entfernt. Ein erneutes Schelten und Drohen ward dar⸗ über laut, und Alle waren darin einig und verſchworen, ſich nicht um die übrigen Clubiſten prellen zu laſſen. Ich glaube ſelbſt, ſagte Goethe, daß man übereinge⸗ kommen iſt, den flüchtigen Clubiſten durch die Finger zu ſehen. Ich weiß wenigſtens, daß der General d'⸗Oyre in den Punctationen der Capitulation für alle in Mainz be⸗ findlichen Perſonen, welche an der Revolution Antheil ge⸗ nommen, freien Abzug ausbedungen hat. Solch' ein Ver⸗ langen war denn auch von Seiten der Franzoſen zu Gunſten ihrer Anhänger nicht mehr als billig; darum ließ es ſich, als der Graf von Kalkreuth dieſen Punkt unbedingt verworfen hatte, der General d'Oyre nicht ver⸗ drießen, geſtern ſelbſt ins Lager herauszureiten, um noch mündlich das Seinige zu thun. Bei dieſem Anlaß hab' ich ihn geſehen. Er kam hier vorüber,— ein großer, wohlgebauter, ſchlanker Mann von mittleren Jahren, in Betragen und Haltung recht natürlich. Da jedoch auch des Königs von Preußen Majeſtät, an den ſich der Ge⸗ neral noch beſonders ſchriftlich gewendet, nur mit und wegen Militairperſonen zu unterhandeln befohlen: ſo war nichts für die Clubiſten weiter zu bedingen; da man denn wahrſcheinlich dem General, um ihn zufriedenzuſtellen, eine ſtillſchweigende Nachſicht gegen jene, zwiſchen Thür und Angel ſchwebenden Menſchen zugeſagt hat. Freilich wer⸗ den ſie nun, wenn man ihnen auch auf einer Seite durch die Finger ſieht, auf der andern in deſto ſchlimmere Klauen fallen. 301 Durch die Unterhaltung der beiden Künſtler, die— wie Goethe ſcherzte,— das Unglück ſelbſt maleriſch zu machen gekommen waren, erfuhr der Baron manches Schreckhafte von Brand und Bruch ehrwürdiger Bauten in Mainz aus der Zeit, auf welche ſich die Tagebuchs⸗ mittheilungen nicht erſtreckten. Sie wurden jedoch durch den beginnenden Auszug der Franzoſen unterbrochen, den die kleine Geſellſchaft von den Fenſtern aus auf das be⸗ quemſte mit anſehen konnte.— Preußiſche Reiterei, als Geleit, eröffnete den Zug. Bei der erſten franzöſiſchen Colonne rief Goethe aufgeräumt: Seht doch, ihr Freunde! hat nicht König Edwin ſei⸗ nen Berg aufgethan, und ſein munteres Zwergenheer aus⸗ geſendet? Da verkenne einmal Einer an dieſen kleinen, ſchwarzen, buntſchäckigen und lumpig gekleideten Geſellen das marſeiller Blut!——— Ahal! nun kommen re⸗ gelmäßigere Truppen! fuhr er, über die Köpfe ſeiner Gäſte hinausblickend, fort, wie er denn, beſonders in weinfröhlicher Stimmung, was er ſah und dachte, laut auszuſprechen liebte.— Jäger zu Pferd! Se⸗ hen etwas ernſt und verdrießlich aus; aber durchaus nicht beſchämt und niedergeſchlagen.—— Hört doch, wie langſam zu ihrem ſchleichenden Ritt das Tempo des Marſeillermarſches genommen iſt! Dies revolutionaire Tedeum hat ohnehin etwas Trauriges, Ahnungsvolles, wenn'’s auch noch ſo muthig vorgetragen wird: ſo aber iſt es ganz ergreifend und furchtbar.—— Lange, ha⸗ gere Männer, von ernſter Miene! Jeder Einzelne könnte euch Malern zu einem Don Quirote ſitzen; zuſammen aber machen ſie eine ehrwürdige Maſſe aus⸗ ———— — —— 302 Unter der Reiterei erblickte man einzelne bängliche Männer in bürgerlichen Kleidern zu Fuß, und ihr An⸗ blick erregte die Wuth des umſtehenden Volkes; denn man erkannte Clubiſten in ihnen. Die Leidenſchaftlichſten unter den Zuſchauern ſprangen zwiſchen die Glieder, um einen oder den andern dieſer Verhaßten herauszureißen; doch die Huſaren ritten ſchnell dazwiſchen und ſchützten die Flüchtlinge. Zwiſchen den Colonnen ritt Merlin von Thionville in Huſarenkleidern, durch Bart und Blick wild ausſehend. Ihm zur Seite, in gleichem Coſtüm, zeigte ſich ein Rei⸗ ter, den die Mainzer aber gleich als verkleidet erkannten. Ein ſtarker Mann ſprang auch zu, und fiel dem Pferd in die Zügel.— Ja, er iſt es! rief er zurück. Es iſt Razen, der vermaledeite Clubiſt! Schon hob aber Mer⸗ lin drohend ſeinen krummen Säbel und rief in ziemlich gutem Deutſch: Zurück da! Im Namen der franzöſiſchen Nation, deren Repräſentant ich bin! Keine Gewalt an einem fran⸗ zöſiſchen Bürger! Bedenkt, daß ich nicht zum letztenmal in Mainz geweſen bin! Ich rathe euch, unſere Rache nicht zu reizen! Man kann ſich die Wuth der rachedurſtigen Menſchen denken, als ihnen abermal ſo mancher Clubiſt unter ihren Augen entzogen ward. Die Erbitterung der Gemüther, die wechſelſeitige Verhetzung wußte ſich keinen Rath. Goethe, um aus der ihm ganz widerwärtigen Region zu kommen, ſchlug einen Gang ins Lager zum Marketender vor, deſ⸗ ſen Champagner man nicht ſchelten dürfe. Des Barons Entſchuldigung, daß er noch ein Nachtquartier aufzuſuchen 303 habe, wurde nicht angenommen.— Machen Sie ſich keine Sorge, ſagte der Dichter. Sie haben nur nach Oberdulm zu reiten, und finden ein gutes Nachtlager. Ich habe früher auch da geſchlafen. Wir beſtellen Ihr Pferd an das Zelt und Sie reiten zur rechten Zeit hinüber. Im Zelte des Marketenders trafen ſie eine Anzahl Offiziere, und da der Wein wirklich nicht übel war, ſo fand er lebhaften Zuſpruch. Nicht weit entfernt ſpielten die Hautboiſten von Thadden das Ca ira und die Mar⸗ ſeillaiſe; die Fröhlichkeit ward immer lauter, und Goethe ſelbſt ungemein luſtig. Vorfälle der Belagerung wurden abwechſelnd erzählt, und Jeder erhob die Gefahren, denen er glücklich entgangen war. Alles dies regte den jungen Freund ungemein auf, aber es machte ihn auch reizbarer; ſo daß ihm die etwas harſche Anrede eines Huſaren⸗Of⸗ fiziers recht in die Quere kam als derſelbe, etwas an⸗ getrunken, in ſcharfem berliner Accent ſagte: Sie, Baron, als Mainzer, müſſen doch wol den Spitzbuben kennen, den Verräther Eickemeyer? Wo ſtickt er denn jetzt, der Burſche? Wenn wir ihn man hier hätten, er müßte bammeln, wie der Bauer aus Ober⸗ ulm, der die Franzoſen beim nächtlichen Ueberfall ange⸗ führt. Kennen Sie ihn? Ich meine den nichtswürdigen Eickemeyer? Eickemeyer iſt bekanntlich als General in franzöſiſche Dienſte getreten, antwortete Franz Karl. Zufällig weiß ich, daß er jetzt bei der Diviſion am Oberrhein ſteht, die zur Verſchanzung der Zugänge aus der Schweiz ins ba⸗ ſeler Gebiet commandirt iſt; denn ich begegnete ihm in 304 Baſel, wohin er aus dem nahen Hauptquartier in Bourg⸗ libre geritten war. Alſo mit dem Generals⸗Patent hat er ſich den/ Ver⸗ rath bezahlen laſſen? rief der Huſar. Hole der Donner ſolche Generäle! Und iſt er ſo unverſchämt geweſen, Sie anzureden, Baron? Ich hätte ihm einen Schurken ins Geſicht geſchmiſſen! Wenn ich von ihm erzählen ſoll, erwiderte Franz Karl mit verhaltener Empfindlichkeit, ſo muß ich ihn vor Allem gegen die Beſchuldigung des Verraths in Schutz nehmen. Ich habe die Uebergabe von Mainz mit erlebt, und mich über manches mir doch noch gebliebene Räthſel derſelben aufzuklären geſucht. Major Eickemeyer war ſo weit entfernt, die Feſtung zu verrathen, daß er vielmehr im Kriegsrathe der Einzige blieb, der ſich für die Verthei⸗ digung erklärte. Aber keiner unſerer Generäle hatte Entſchloſſenheit genug dazu. Ich will mit keinem abſpre⸗ chenden Urtheil gegen dieſe Männer vortreten; ich laſſe ihren perſönlichen Muth ganz außer Acht, und erwähne nur, daß der innere Zuſtand und die politiſche Lage von Mainz entmuthigend genug waren. Schon der lütticher Feldzug hatte manche militairiſche Schwäche, Folge lan⸗ gen Friedens und ſittlicher Haltloſigkeit, verrathen. Dazu waren die Feſtungswerke verfallen und unzureichend her⸗ geſtellt; Fürſt und Adel entflohen, was einen beängſtigen⸗ den Eindruck zurückgelaſſen hatte. Ermuthigend war auch das Benehmen der Reichsfürſten nicht, die ihre Contin⸗ gente verweigerten, beſonders Darmſtadts, das ſeine Trup⸗ pen faſt unter unſern Augen nach Gießen zog, um ſich die Franzoſen geneigt zu machen.— Von all' dieſen 305 und anderen Schwächen war der anrückende General Cu⸗ ſtine unterrichtet, und hierbei mag etwa Verrath im Spiele geweſen ſein, den aber, weiß der Himmel wer! zu ver⸗ antworten hat. Dennoch, hätte unſere Generalität ſo viel Vertrauen auf ihren Muth gehabt, als Cuſtine auf ihre Muthloſigkeit hegte, ſo wäre Mainz wol noch zu halten geweſen. Keiner der Generäle mochte aber zur Vertheidigung vortreten, im Gegentheil, man ließ ſich unnter nichtigen Vorwänden, z. B. wegen eines ver— ſtauchten Fußes, und ähnlicher Unglücke, von den be⸗ drohten Schanzen abloͤſen. Cuſtine drohte mit Sturm, ließ ein Wort von Plünderung fallen, und warf ein paar Bomben in die Stadt; das war genug! Der Gou⸗ verneur erklärte im Kriegsrath, der entflohene Kurfürſt habe ihm das Wohl der Stadt ohne Rückſicht auf das landesherrliche Intereſſe auf die Seele gebunden, und fragte, ob nicht das Wohl der Stadt am beſten durch eine Uebergabe zu wahren ſei. Eine hohe Erleuchtung kam über die übrigen Generäle, und ſie erkannten dies auch. Nur der Major Cickemeyer war nicht ſo einſichtsvoll, und meinte, die Vertheidigung der Reichsveſte ſei möglich und geziemend.— Sie ſehen, der gute Mann dachte zu weit: er träumte über das Wohl von Mainz hinaus vom Intereſſe des Reiches! Ungeduldig fragte ihn der Gou⸗ verneur,— ob er für die Folgen eines mißlungenen Verſuchs perſönlich verantwortlich ſein wolle. Aber— wie hätte Eickemeyer für ſich eine ſolche Verantwortlichkeit übernehmen mögen? Konnte er bei ſolchem Verſuche die Generäle entbehren, oder— auf ihren Muth rechnen? Ueberdies war ja die Majorität der Generäle gegen den Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 20 306 Major. Kurz, man trat in Unterhandlung mit Cuſtine, und übergab die Stadt, zum Schreck und Staunen aller Welt. Hätte man jetzt nur noch bekannt, daß man dem Wohl von Mainz die perſönliche Ehre zum Opfer ge⸗ bracht habe! Aber nein! Man fühlte wohl, was man gethan, und ſah ſich nach einem Sündenbock um, dem man unter den Augen des erſtaunten deutſchen Reiches die Sündenſchuld aufbürden könnte. Und ſieh! da fand ſich wie gerufen der Major Eickemeyer, der allein einen vor⸗ lauten und beſchämenden Muth an den Tag gelegt hatte, und gerade auch im Kriegsrathe der einzige bür⸗ gerliche Tölpel geweſen war. Daß der auf ihn geworfene Verdacht leicht an ihm haften blieb, iſt zum Theil Eicke⸗ meyer's eigene Schuld: der Treubruch ſeines deutſchen Herzens, den er durch Annahme eines dem Reich feind⸗ lichen Degens beging, ſtellte ihn mit Recht bloß. Man irrte nur darin, daß man ein franzöſiſches Generals⸗Pa⸗ tent für Belohnung gewiſſer Dienſte anſah, während es von Seite Cuſtine's nur eine Anerkennung der Brauch⸗ barkeit Eickemeyer's, und für den unglücklichen Mann ſelbſt der nächſte, damals vielleicht einzige Weg war, eine be⸗ drängte Familie zu erhalten. So ſteht nun Eickemeyer als Verräther der Feſtung Mainz vor der erſt entſetzten und nun deſto lebhafter ſchmähenden Welt da, die— möcht' ich ſagen, durch den Staub des zuſammengebroche⸗ nen Reichsbollwerkes den wahren inneren Verrath nicht erkennen konnte. Franz Karl erhob ſich, und winkte dem Burſchen, der ſein Pferd führte. Eine heftige Debatte entſpann ſich am Tiſche. Die Seitenhiebe des Freundes auf die adeligen 307 Generäle, wodurch der bürgerliche Eickemeyer gleichſam aus ſeiner Bedrängniß herausgehauen werden ſollte, hat⸗ ten einige der Offtziere verdroſſen. Rede und Gegenrede ſpitzten ſich zu, und drohten verletzend zu werden. Der Baron erhob ſich und leerte ſein Glas mit einer artigen Wendung auf die preußiſchen Waffen, und ging, von Goethen begleitet, nach ſeinem Pferde.— Sie haben ſich eines, wie mir nun ſcheint, mit Unrecht beſcholtenen Man⸗ nes gar muthig angenommen, mein lieber Baron, ſagte der Dichter; aber dieſe Herren werden ſich einen ſo be⸗ quemen Gegenſtand für ſtolze Entrüſtung und ſoldatiſchen Tadel ſo leicht nicht entziehen laſſen;z daher denn der ehr⸗ liche Eickemeyer noch eine Zeitlang wird herhalten müfſen. Ueberhaupt, aber faſſen die Menſchen gar ſchwer, wie ein Weltereigniß, ſei es der Sturz einer Veſte oder einer Monarchie, durch inere Schuld und Fäulniß mit unſicht⸗ barer Nothwendigkeit herbeigeführt werde. Und wie ſie denn in allen Stücken auf das Aeußere gerichtet ſind, ſo können ſie auch im politiſchen Leben gewöhnlich nur die mechaniſchen Kräfte von Stoß und Gegenſtoß begreifen. Der Baron war aufgeſeſſen, reichte dem Dichter dan⸗ kend die Hand, und ritt mit guten Geleitswünſchen nach Oberilm. Achtes Kapitel. Des andern Morgens, als der Baron ſich bei guter Zeit am Chauſſeehauſe wieder einfand, war der Auszug der Franzoſen bereits im Gang; aber auch die Menge der ihres Einzuges harrenden Mainzer hatte über Nacht zugenommen, und Fuhrwerke mit Lebensmitteln hielten ſich bereit, beim erſten Aufgang der Stadt noch die hohen Preiſe der Theuerung zu finden. So viel bekannte Geſichter dem Freund auch unter der aufgeregten Menge vorkamen, verſuchte er es doch nicht, zur Begütigung der Gemüther zu ſprechen, in denen die Empfindungen der Rache ſich mit dem Gefühl ihres gren⸗ zenloſen Unglücks verſchwiſterten. Auch war die Menge der Grollenden ſo groß, daß es ohne beſondere Folgen geweſen wäre, Einen oder den Andern zur Vernunft zu bringen, zumal jedes Wort, jedes Beiſpiel der Wuth ein wankend gewordenes Herz doch raſch wieder mit ſich fort⸗ geriſſen hätte. v Zwiſchen den einzelnen Regimentern der über 17,000 Mann ſtarken Beſatzung fuhren die Packwagen und ein⸗ zelne Chaiſen mit Menſchen. Keine der letzteren wurde undurchſucht von den lauernden Volkshaufen vorüber ge⸗ laſſen, um ſich zu überzeugen, daß keine Clubiſten, ſon⸗ dern wirkliche Franzoſen oder Fremde die Stadt verließen. Mit den Regimentern zogen viel mainzer Mädchen mun⸗ 309 ter zu Fuß und mit kleinen Bündeln auf dem Rücken oder an der Hand davon. Ohne Schimpf und Spott der Umſtehenden kamen ſie jedoch nicht vorüber. Die Männer riefen ſie bei Namen oder mit Spottnamen, fragten, ob ſie das Franzöſiſche gut begriffen, oder ob ſie haltbare Sohlen an den Füßen hätten u. dgl., wobei man ihnen glückliche Reiſe wünſchte. Die Weiber ließen ſich dann ſchon heftiger aus, ſcheltend, daß die Dirnen ſo frei ziehen, und vielleicht was für fremdes Gut fort⸗ ſchleppen dürften. Dieſen Vorgängen ſah der Baron vor den Fenſtern des Chauſſeehauſes zu, wohin er, Goethen zu begrüßen, geritten war. Eine Einladung in die ſchon überfüllte Stube hatte er nicht angenommen, und ſtieg auch nicht ab, weil er verſuchen wollte, in die Stadt vorzudringen, was Einzelnen auf dieſe oder jene Weiſe gelang. Wäh⸗ rend des Geſprächs kam wieder von der Stadt ein Wa⸗ gen, aus deſſen beiden Schlagfenſtern zwei Frauenzimmer freundlich umher grüßten. Franz Karl erkannte auf der einen Seite ſchon von weitem Frau Böhmer, und faßte eine lebhafte Beſorgniß, wie es jetzt ihrem ſo verhaßten Mann ergehen dürfte. Ehe ſie ſelbſt noch den Baron er⸗ blickte, war der Wagen angehalten; beide Schläge wur⸗ den aufgeriſſen, und ein gräßliches Jubelgeſchrei erhob ſich, ſeltſam genug mit dem Ausrufe: Stumme, Stumme! Wirklich war es der zitternde und ſchreiende Kammerſecre⸗ tair und Clubiſt, der aus dem Wagen gezogen, und mit Fauſtſchlägen und Fußtritten nach dem nächſten Acker ge⸗ ſchleppt wurde, wohin ihm ſeine jammernde und flehende Frau folgte. Inzwiſchen hatten auch Einige die Frau des ———— — q qꝓd—— —ů— =— 310 Erz⸗Clubiſten Böhmer erkannt und ſuchten ſie aus dem Wagen zu bringen. Sie ſchrie entſetzlich, bemüht, mit ihrem vorgehaltenen Wickelkinde die Unholde zu beſänfti⸗ gen. Franz Karl ritt entſchloſſen an den Wagen. Frau Karoline erkannte ihn, und flehte um Schutz. Vergebens aber ſprach der ritterliche Freund den Wüthenden zu; keine Bitte, keine Vorſtellung fand Gehör, und es blieb ihm nichts übrig, als ſein Pferd zu ſpornen, und mit Ca⸗ priolen Platz um den einen Schlag zu gewinnen; wäh⸗ rend er gegen den andern mit Reitpeitſchenhieben ſeine Dame von den eingekrallten Händen eines Schifferknechtes frei zu machen ſuchte. Nun half er dem zitternden Weibe aus dem Wagen, und begleitete es mit gezogenem De⸗ gen, da er dieſe Waffe als Geleit auf der Reiſe angelegt hatte. Offenbar wirkte dabei der Muth und das Anſehen ſeiner Perſon mehr, als die rührende Weiſe, wie die Be⸗ drängte ihr Kind zwiſchen den zur Abwehr vor Verletzung geſpreizten Armen trug. Am Chauſſeehaus nahm Goethe die ihm von Franz Karl genannte und übergebene Frau mit Artigkeit in Empfang, und ſicherte ihr Schutz und gutes Fortkommen zu. Inzwiſchen hatte man das fürchterliche Schreien Stum⸗ me's vom Felde her vernommen, und ſah durch das Gedränge manche der gräßlichen Bewegungen ſeiner Miß⸗ handlung. Franz Karl ritt nach der nächſten Lagerwacht, und rief zur Hülfe auf, die kaum noch zeitig genug kam, um des armen Mannes Leben zu retten. Zerſchlagen an allen Gliedern, mit blutend entſtelltem Geſicht, wurde er unter Wachtgeleite nach dem nächſten Bauernhauſe ge⸗ bracht, und die Frau ihm ohnmächtig nachgetragen. 311 Aehnliche Scenen wiederholten ſich, als zwiſchen den Gliedern des nächſten Bataillons, das vorüberzog, mehrere bekannte Clubiſten erblickt wurden. Unglücklicherweiſe ſchützten auch die Soldaten jene Flüchtlinge nicht, wie die frühern gethan, ſondern ließen es mit Lachen geſchehen, daß man ſie packte und fortſchleppte. Bei Mehreren fand man Klumpen goldener Borden und zuſammengeſchlagener Silberverzierungen, worin man Kirchengut erkannte, deſſen ſich dieſe Männer, vielleicht zur Beſtreitung ihres Fort⸗ kommens, bemächtigt haben mochten. Es läßt ſich den⸗ ken, wie ſehr dadurch die Wuth des Volkes geſteigert wurde, und doppelt gerechtfertigt erſchien. Dieſe Auftritte erſchütterten den Baron, und eine kurze Unterhaltung mit Frau Böhmer empörte ihn vollends. Sie erſchien nämlich durch Goethe's Artigkeit ſehr bald getröſtet, dankte dem jungen Freunde mit ſchalkhaftem Lächeln, daß er ſie nun doch endlich einmal, wenn auch nur eine kleine Strecke, begleitet hätte, und erzählte, daß ihr Phantaſt ſich nicht habe von den alten Scharteken und ſchweinsledernen Autoren aus den Kloſterbibliotheken trennen können; ſonſt ſie den erſten Tag gewiß glücklich entkommen wären. Offenbar hatte ſie ihren Mann endlich ſitzen laſſen, was Franz Karl aus Verſchämtheit für das leichtfertige Weib ſelbſt nicht ausdrücklich fragen mochte. Im Innerſten verletzt und betrübt ritt der Baron, ſobald die Chauſſee wieder frei war, der Stadt zu, und kam auch unbehindert bis an den Schlagbaum des äußer⸗ ſten Thors. Dieſer war geſchloſſen, und viele Menſchen, Männer und Frauen, die des Einzugs von Freunden und Nachbarn warteten, oder der Zufuhr von Lebensmitteln entgegenſahen, drängten ſich hier zuſammen. Man er⸗ kannte und empfing den Reiter mit Jubelruf und grüßen⸗ den Schwenkungen der Hüte. Sein Name wurde genannt, und das Wort„gnädiger Herr Baron“ wirkte auf die Gemüther wie ein glücklich wiedergefundener Zauberſpruch. Franz Karl dankte mit freundlicher Handbewegung, und fragte den franzöſiſchen Poſten, ob er bald abgelöſt werde. Wir ziehen mit dem letzten Bataillon ab, war die Antwort, und dann ziehen die Preußen auf. Franz Karl, der in Unterhaltung mit dem Franzoſen die ab⸗ und zuſtrömende Menge durchmuſterte, erblickte in einiger Entfernung, was er geſucht zu haben ſchien, — Fides, indem ſie ſich eben von der Seite eines langen, hagern Bürgers, ihres Begleiters, losmachte, und durch das dunkle Feſtungsthor in die Stadt zurückeilte. Raſch gegen den Poſten gewendet, ſagte er: Freund, habt Ihr keine Geliebte, keine Braut zu Hauſe? Nein, Bürger! Aber doch eine Schweſter? Ja, Bürger! Ich ſehe dort die meinige nach langer Entfernung: ſeid ſo gut, ich bitte, und öffnet mir den Schlagbaum! Mit gutmüthiger Artigkeit öffnete der Franzoſe. Nun aber umdrängte den eilfertigen Freund die Menge mit neuem Vivatrufe und einer Fröhlichkeit, die ihm, ſo un⸗ geduldig er war, doch einige Rückſicht auferlegte.— Willkommen, willkommen, Eure Gnaden! hieß es. Gott ſegne Ihre Einkehr ins alte, freie Mainz! Der Baron lächelte über das Wort„frei“, das 343 ihm nun wie ein zweideutiges Schlagwort der Zeit auf das Volk vererbt erſchien. Jener hagere, lange Bürger hatte ſich indeß angele gentlich durch das Gedränge gearbeitet, machte, ſo viel er Raum dazu fand, ſeinen Scharrfuß, und rief mit lächer⸗ licher Feierlichkeit: Sie erſcheinen uns, gnädiger Herr Baron, wie der Morgenſtern vor Sonnenaufgang. So gehen Sie der Ankunft unſeres geliebten Landesvaters, als deſſen Ab⸗ geordneter, voraus. O verkündigen Sie uns: Wann werden die Strahlen Sr. kurfürſtlichen Gnaden gleich der Frühlingsſonne nach hartem Winter, unſer armes Mainz beglücken? Wer ſeid Ihr, guter Mann? fragte der Baron lä⸗ chelnd und ausweichend. Ich bin der honeste penſionirte Rector Meiſenzal, an der Realſchule, unterthänig aufzuwarten! war die Antwort. Und die ſchöne Nachbarin, die neben Euch ſtand? Jungfer Fides Lennig, mein holdſeliges Nachbarskind, hat ſchnell nach Hauſe gemußt. Sie hatte ſich mir an⸗ geſchloſſen, um einen Augenblick vors Thor zu blicken, ſintemal wir wiſſen, daß unſere theuern Emigrirten und Exportirten draußen harren und hoffen. Alſo Seine kurfürſtlichen Gnaden— wenn ich fragen darf? Bringt ihm ein Lebehoch! antwortete Franz Karl kurz, und ſuchte durch das Gedränge zu kommen. Habt ihr's gehört, ihr Nachbarn und Freunde? rief der Rector. Ein getreues Lebehoch unſerm Kurfürſten Erthal! Hoch! Alles fiel jubelnd ein, während die Trommeln eines ausziehenden Regiments unter der langen Wölbung des nahen Thores raſſelten. Neuntes Kapitel. Fides kam in ſehr feierlicher Stimmung nach Hauſe; und indem ſie die Mutter ohne weiteres aus der Küche in die gute Stube führte, ſagte ſie: Mutter, er kömmt! Setzt Euch hier in den Seſſel, und empfangt ihn mit Liebe und Freundlichkeit! Sie zog den ledernen Lehnſtuhl, worin wir ſie einſt nach den Vorkehrungen zum Namenstage der Mutter ſo träumeriſch ausruhen geſehen, hinter dem Ofen hervor, und nöthigte die verwunderte Frau zum Niederſitzen.— Wer denn nur Fides? fragte dieſe. Wer ſoll denn kommen? Wie Ihr auch fragen könnt! verſetzte Fides. Wer könnte denn kommen, als Franz Karl? Der Herr Baron? rief die Alte, und ſprang auf. Nein, ſo kann ich ihn ja nicht empfangen. Fides hielt ſie zurück, und gab nicht zu, daß ſie ſich umkleide.— Er wird gleich da ſein, ſagte ſie begütigend. Bleibt nur immer, wie Ihr ſeid, liebſte Mutter! Franz Karl ſoll uns finden, wie wir eben ſind; es muß nichts Gemachtes ſein, wie er uns trifft. Und— hat er denn auch nicht auf Anderes zu ſehen, als auf Eure Küchen⸗ ſchürze? 315 Sie brachte die verlegene Frau wieder zum Sitze, zog das Fußſchemelchen neben den Lehnſtuhl, und ſetzte ſich darauf, indem ſie mit kindlicher Anmuth der Mutter Hand ergriff, und feſthielt. Es war auch hierin nichts Gemach⸗ tes, nichts Ueberlegtes: es entſprach ſo der Empfindung des erwartungsfrohen Mädchens, das bei Franz Karl's Anblick ängſtlich und— ein Kind geworden war.— Ei, Fides! tadelte die Mutter, aus Verlegenheit ihres Zwangs etwas ärgerlich. Was ſetzeſt du dich nun, wie ein einfältig Ding, auf das Fußbänkchen? Worauf Fides erwiderte: Habt Ihr denn vergeſſen, liebe Mutter:„Wer ſich erniedrigt, ſoll erhöht werden.“ Ihr wißt doch, wozu Franz Karl kömmt? Wozu er kömmte verſetzte die Mutter. Biſt du denn ſo gewiß, daß er dich noch will? Das war damals in der kalten, dunkeln Nacht, wo er ſich dir verſprochen hat 3 wenn du ihn überhaupt bei dem dicken Nebel recht ver⸗ ſtanden haſt! Und jetzt iſt es heißer Sommer,— ein halb Jahr darüber hinaus, und der Kurfürſt ſoll wieder⸗ kommen, wie's heißt, und ſoll all' dem Freiheits⸗ und Gleichheitsweſen ein Ende machen. Haſt du das auch überlegt? Liebſte Mutter, antwortete Fides,— von dem Allem iſt jetzt die Rede nicht; ſondern der Augenblick ſteht vor Euch, daß Franz Karl meine Hand von Euch begehrt. Heiliger Jeſus! rief Frau Hildegard, und wäre auf⸗ geſprungen, hätten die Hände, die ſich an der Mutter halten wollten, nicht auch die Mutter gehalten.— Und darauf ſoll ich ihm antworten? Aber, was hab' ich ihm ——— ͤſſ ——— — — ——— —— 346 denn darauf zu antworten? Wie antwortet man denn überhaupt einem Baron? O ich weiß wol zu reden und zu antworten, wo ich's mit Meinesgleichen zu thun habe, und wenn der Baron ein ordentlicher Bürgerſohn wäre, meinetwegen könnte er auch Rechnungsſchreiber oder Hof⸗ kammer⸗Secretarius ſein, und ich wüßte gar wohl, wie mein Vater ſelig zu deinem Vater geſagt hat, als er auf ſeinen zwei Freiersfüßen hereinkam: Es gereicht uns zur Ehre, Herr Vicedomamtsſchreiber, ſagte er, und gebe der Himmel, daß es meiner Hildegard auch zum Glück gereiche! Aber ſo ſpricht man doch zu keinem Baron? Daß auch jetzt gerade mein Alter nicht da iſt! Der weiß für Vor⸗ nehm und Gering die Rede zu ſetzen. Und es iſt auch eigentlich ſeine Sache; es iſt deines Vaters Sache, und ich will gar nichts damit zu thun haben! Liebſte Mutter, verſetzte Fides. Ihr ſeid jetzt an des Vaters Stelle da, und müßt ſtatt ſeiner reden und thun. Aber denkt bei Franz Karl ja nicht an geſuchte und ge⸗ ſetzte Worte: ſprecht nur, wie's Euch ums Herz iſt! Doch braucht Ihr Euch gerade nicht zu demüthigen: Ihr ſeid die Mutter von uns Beiden und gebt dem Baron Euer Beſtes und Alles, und was auch Franz Karl ſo hoch hält, als ob es eine Baroneſſe wäre. Zwiſchen dieſen und ähnlichen Ermunterungen, welche Fides im Sinn der Mutter und nach ihren eigenen ängſt⸗ lichen Empfindungen faßte, lauſchte ſie fortwährend nach der Straße. Denn ſie erwartete in ihren Gedanken ei⸗ nen Reiter, und glaubte immer aus dem Schreien und Lärmen draußen die Tritte eines Pferdes zu hören. Sie, wie die Mutter, waren ſo ſehr von ihrem aufgeregten —.——— „—1 Herzen eingenommen, daß ſie in ihrer Befangenheit eines ſo auffälligen Getümmels, wie es eben auf den nächſten Gaſſen vorging, gar nicht achteten. So kam es, daß Fides bei geſpannter Erwartung doch überraſcht werden konnte, als nach leiſem Anklopfen die Thüre aufging, und Franz Karl eintrat. Fides ſprang auf und flog ihm mit dem Ausrufe ſeines Namens entgegen; doch wie er ſie zu empfangen ſeine Arme breitete, ergriff ſie verſtummend ſeine Hand, ſah ihn lächelnd an, und führte ihn nach dem Lehnſtuhl, in welchem die Mutter aufgeſtanden war. Nehmen Eure Gnaden Platz! ſagte Frau Hildegard unter verlegenen Knixen, und der Baron, indem er einen Stuhl ergriff, und ſtehen blieb, erwiderte gegen Fides, die ſich wieder auf ihr Schemelchen niedergelaſſen hatte: Aber, Fides!— bin ich dir denn ſo fremd geworden? Sie lächelte erröthend und verneinend zu ihm auf. Dann zeigſt du dich wenigſtens anders, als in deinen Briefen, fuhr er fort. Wie lieb und herrlich haſt du mir geſchrieben! Und wie ſehnte ich mich da nach der Schreiberin,— nach der Hand, die ſolches geſchrieben, nach dem Munde, der es ausſprechen würde! Ich werde wieder fortgehen müſſen, weithin, meine Fides, damit du mir wieder ſchreibeſt! Ach nine n Franz Karl! rief ſie, ſprang auf, und umfaßte mit aller Zärtlichkeit, ihn feſtzuhalten, den Ge⸗ liebten! Bei jedem Kuß, den Beide unter wechſelnden Verſi⸗ cherungen tauſchten, zupfte Frau Hildegard verſtohlen und immer ſtärker ihre Tochter am Kleide.— Ja, ſiehſt du, 348 lieber Franz Karl, ſagte Fides, Schreiben und Sprechen iſt verſchieden. So oft ich an dich ſchrieb, ſtandeſt du ganz anders vor mir,— wie aus Licht und Duft fern, und deine Erſcheinung wandelte und richtete ſich immer nach meinen Empfindungen. Wie du aber jetzt vor mir ſtehſt, ſo nahe und ſo feſt: da iſt es etwas anders, obſchon du ſelbſt nicht anders biſt. Ich weiß es nicht zu ſagen. Vielleicht nur weil du eben da biſt, und ich ſo ſehr auf dich blicken und achten muß. Wenn ich an dich ſchrieb, da ſuchte ich dich— in meinem Herzen, und fand darin Gedan⸗ ken an dich; jetzt ſind aber all' meine Gedanken außer mir! Indem beſann ſie ſich wieder auf ihre Mutter und auf ihre Erwartung, und ſetzte hinzu: Aber, lieber Franz Karl,— meine Mutter iſt ganz verwundert über uns, und weiß nicht, was ſie von uns denken ſoll,— meine Mutter da! Bei dieſen Worten ſetzte ſie ſich wieder mit wunder⸗ barer Anmuth auf ihr niederes Stühlchen, und der Ba⸗ ron, indem er kindlich vergnügt vor Frau Lennig nieder⸗ kniete, rief aus: Ach ja wohl! Ich Vergeſſener! Ver⸗ zeihung! Aber nicht wahr, beſtes Mütterchen,— Fides iſt mein? Frau Lennig, die eine umſtändliche, förmliche Bewer⸗ bung erwartet haben mochte, war von dieſer kurzen, kind⸗ lichen Frage ganz verblüfft, und ſah, wi erklärung und Beiſtand ſuchend, bald den Baron, bald Fides an, die mit gefalteten Händen und innigem Lächeln zu ihr aufblickte. — Herr Baron, ſagte ſie verlegen,— wenn ich Sie recht verſtanden habe, wollen Sie uns die Gnade erzeigen — Ich will mich zwar nicht demüthigen— Ach Gott! —2— △— 349 wenn doch nur mein Alter da wäre! Wiſſen Sie denn nicht, Herr Baron, ob mein Erasmus bald zurückkommen wird? Gewiß wird er bald! antwortete Franz Karl. Nach Uebergabe der Feſtung müſſen ja die Geißeln zurückgege⸗ ben werden. Und damit wir ihn dann mit einem häus⸗ lichen Feſte recht froh bewillkommnen, ſo laſſen Sie ihn mit der Tochter zugleich einen Sohn finden! Einen Sohn, Euer Gnaden? fragte ſie verwundert. Nun ja! Wenn Sie mich nämlich wollen, Herzens⸗ mütterchen! Ah ſo! Nun verſtehe ich! Einen Herrn Sohn! Nun ja! So nehmt euch nur in Gottes Namen! Es wäre freilich meines Mannes Sache; aber wenn er mir aus meiner Voreiligkeit vielleicht einen Vorwurf macht, ſo werd' ich ihm ſagen: Ich habe dir nichts vergeben, Erasmus,— ſie hatten ſich ja ſchon vorher! Liebe, theure Mutter! rief Franz Karl, indem er ihre Hand küßte und ſie umarmte.— Und wie er nun auf⸗ geſtanden, nach dem Geſchenk der Mutter— nach Fides reichte, ſagte ſie gerührt: Zieh' mich zu dir auf, Franz Karl! Er hob ſie auf, und ſie ſank an ſeine Bruſt. Frau Lennig, nach glücklich überſtandener Klemme um Vieles gefaßten legte Beider Hände in einander, und ſagte: Sehen Eure Gnaden zu, was Sie an meiner Fides haben! Sie iſt nicht vornehmer Leute Kind: mein Eras⸗ mus meint aber, ſie habe doch ein gar vornehmes Weſen an ſich, und iſt jedenfalls Alles, was wir haben; wozu der liebe Gott ſeinen Segen geben mag.—— Aber, 320 nun müſſen Sie verzeihen, Herr Baron, und ich bin recht in Verlegenheit. Sehen Sie,— wir hätten nicht ge⸗ dacht, daß Sie ſo früh kämen,— ich meine, in dieſe theure Zeit, wo nichts zu haben iſt. Denn ſchicklicher⸗ weiſe müßten Sie nun doch bei uns zu Mittag eſſen, und wir können nicht einmal ſagen, Sie möchten vorlieb nehmen: denn wo nichts Rechtes und Schickliches zu haben iſt, da kann eben kein Chriſtenmenſch vorlieb nehmen. Es fehlt ſogar an friſchem Fleiſch. Denken Sie nur, daß ein Ei ſechs Batzen koſtet, ein Pfund Dürrfleiſch drei Gulden, und ein Pfund alt Kuhfleiſch war nicht mehr unter einem Dukaten zu haben. Franz Karl lächelte, indem er ſprach: Iſt es nicht ordentlich ſinnreich, liebe Fides, daß unſer unſchätzbares Glück in eine ſo theure Zeit fällt?—— Aber beruhigen Sie ſich, beſte Mutter! Vor den Thoren hält eine außerordentliche Zufuhr, die vielleicht heut noch oder doch morgen zu Markt kömmt. Machen Sie ſich um uns keine Sorge: Liebende entbehren nichts leichter als die Küche. Inzwiſchen hatte das Getümmel auf den Straßen nicht nachgelaſſen, und man erblickte vor einzelnen Häu⸗ ſern Volkshaufen, die unter Schimpfen und Toben ein⸗ gebrochen waren, Thür' und Fenſter zerſchlugen, alles Geräth auf die Straßen warfen, und es theils zertrüm⸗ merten, theils verſchleppten. Es iſt entſetzlich! rief Franz Karl mit Unwillen. Schon auf meinem Ritt durch die Stadt, auf meinem Gang von Hauſe hierher, habe ich dieſe Pöbelhaufen bemerkt, die ſich gegen die Beſtimmung der Capitulation — — 321 einzuſchleichen gewußt haben, und in Verbindung mit Leu⸗ ten ihres Gelichters aus der Stadt dieſen empörenden Unfug verüben. Es gilt den Clubiſten. Man rottet ſich zuſammen, hetzt die einzeln in die Stadt gekommenen deutſchen Soldaten zum Plündern auf, und überfällt mit ihnen die Wohnungen der Clubfreunde, mißhandelt die Familien derſelben, und raubt oder zerſtört ihr Eigen⸗ thum. Niemand widerſetzt ſich dieſer Wuth der Rache und der Raubſucht; der Pöbel iſt Herr in dieſer Zwi⸗ ſchenzeit der Geſetzloſigkeit. Ich habe daher auch mein Schwert nicht von mir gethan, ſondern es nur draußen vor die Stubenthüre geſtellt. Es iſt eine Zeit des Fauſt⸗ rechts und der Selbſthülfe! Dieſe Worte der Entrüſtung über einen Unfug, den man vom Fenſter aus vor Augen hatte, ſetzte die Mutter Lennig in Angſt und Unruhe. Sie faßte für ihr eigenes Haus die Beſorgniß, daß man ihrem entfernten Manne ſeine Verbindung mit dem Club gedenken dürfte. Der Baron ſuchte dagegen mit ruhigem Zuſpruch die perſön⸗ liche Achtung Vater Lennig's, und was er als Geißel für die Stadt gelitten, geltend zu machen. Doch erſt, als mehrere tumultuariſche Haufen auch ohne die Miene, daß es auf Lennig's Wohnung mit abgeſehen ſei, vorüber⸗ gezogen waren, beruhigte ſich die gute Frau inſoweit, um ihre Fides unter Franz Karl' ſchützendem Geleit nach der Wohnung des lieben Profeſſors Blau ziehen zu laſſen, dem wol auch eine Unbilde zugedacht ſein konnte. Mit dieſer Sorge, die durch das Glück gemildert war, zum erſtenmal am Arme des Geliebten durch die Straßen von Koenig, Clubiſten in Mainz. III. 21 3 22 Mainz zu ſchweben, verließ Fides mit Franz Karl, der ſeinen Degen wieder umgelegt hatte, das Haus in der Umbach. Zehntes Kapitel. Wohin ſich das glückliche Paar wendete, traten ihnen die bejammernswertheſten Erſcheinungen der Unordnung und Zerſtörung in den Weg. Schmutz und Wuſt hatten ſich nicht mehr in den Winkeln gehalten, ſondern nahmen die breiteſten Straßen und Plätze ein. Doch das Ent⸗ zücken, Arm in Arm zu wandeln, Beiden ſo neu, trug die Frohen über dieſe Begegniſſe leichter hinweg. Ein ſo unausſprechliches Glück, als ſie inmitten ſolcher Zerſtörung gewonnen hatten, ſchien auch die jammervollen Eindrücke derſelben zu mildern! Sie hatten die ahnungsvolle Em⸗ pfindung, als ob dieſe Welt umher, in ihrer vormaligen Herrlichkeit ihnen ſo bekannt, in ſolche Trümmer hätte zerbrechen, in dieſen Wuſt zerfallen müſſen, um ihnen den vergrabenen Schatz herauszugeben, der in der alten Ord⸗ nung des Lebens verzaubert gelegen, und ihnen jetzt ſo beglückend zugefallen war. Hand in Hand und voll Hoff⸗ nung ihrer ſchaffenden Zukunft, erblickten ſie weniger, was zerſtört umherlag, als was in neuem Bund und Frieden ſich noch ſchöner aufbauen ſollte. Als ſie aus einiger Ferne vor Blau's Wohnung Alles ruhig fanden, kamen ſie überein, jetzt nicht einzukehren, 323 ſondern weiter zu wandeln. Franz Karl hatte ſo Vieles mitzutheilen, auch Betrübendes, was ſeiner Verlobten mit zu gehören ſchien. In raſchen Umriſſen erzählte er ihr die Geſchichte Cäciliens und Jean Baptiſt's,— eine Trauer, die ihnen durch Verwandtſchaft beider Unglückli⸗ chen gemeinſam war, und durch den Contraſt mit ihrem eigenen Glück einen tragiſchen Eindruck auf Fides machte. Dorotheen hatte der Baron auf ſeine Koſten vorerſt bei Frau Forſter untergebracht, die wieder aus dem Gebirge nach Neufchatel übergezogen war. Die künftige Beſtim⸗ mung des ſchätzbaren Mädchens ſollte von Fides geſchehen. — Nun ſtand aber dem glücklichen Freunde noch eine harte Stunde mit der Baronin Mutter bevor. Er hatte ihr geſchrieben und ſich ihr angekündigt. Nach vieler Ueberlegung entſchloſſen, ihr in Betreff Cäciliens nichts von der Wahrheit zu verſchweigen, fand er ſich jetzt darin durch die Zuſtimmung ſeiner Fides bekräftigt. Abgeſehen von der Schwierigkeit, eine haltbare Geſchichte zu erfinden, die doch nur die Umſtände des Unglücks, nicht dieſes ſelbſt mildern konnte, glaubte der Baron auch, die volle Wahrheit nicht blos ſeiner Geſinnung, ſondern eben ſo ſehr der hohen Bedeutung des Ereigniſſes ſelbſt ſchuldig zu ſein.— Aber, wendete Fides ein, wird deine Mutter, die ich freilich zu wenig kenne, das Unglück auch in dieſem Sinne faſſen? Allerdings iſt mir dieſer Zweifel auch gekommen, meine theure Fides! erwiderte er. Wenn ich aber auch fürchten müßte, Schmerz und Kränkung werde zu tief auf das Gemüth der Mutter wirken, als daß es eine freie, verſöhnende Betrachtung faſſen könnte: ſo verſpreche ich 21* 324 mir doch einen andern Vortheil davon. Ich hoffe näm⸗ lich, der durch die Umſtände ſo erſchütternde Verluſt einer Tochter wird ihr den Erſatz durch eine Schwiegertochter deſto erwünſchter machen. Mit einem zärtlichen Händedruck verſetzte Fides: Muß denn aber die Wahrheit gerade auch noch einen Vortheil bringen, beſter Franz Karl? Das nicht, mein Herz! antwortete er. Wenn jedoch meine Mutter einſehen muß, wohin verſchrobene, unna⸗ türliche Verhältniſſe der höhern Geſellſchaft führen kön⸗ nen: ſollte ſie dann nicht leichter über ihre alten Vorur⸗ theile hinauskommen? Denn— ich darf dir nicht ver⸗ ſchweigen, meine theure Fides, daß ſie ſich keine bürger⸗ liche Schwiegertochter wünſcht, ja, ſich vielleicht kaum einer ſolchen Neigung zu mir verſieht. Worauf Fides, indem ſie ſich feſt an ihm ſchmiegte, mit gerührtem Blick verſetzte: Wie froh machſt du mich, mein geliebter Franz Karl, indem du mir das offen ausſprichſt! O daß ich dich dafür im Angeſicht dieſes hohen und zerſtörten Doms um⸗ armen könnte! Du zeigſt mir ein edles Vertrauen, und ſollſt dich darin nicht irren, daß ich es verdiene. Sieh', liebſter Freund, ich verſpreche mir von deiner Mutter nicht, was du erwarteſt. Ein ſo ſchmerzliches Opfer kann ihr mütterliches Herz eben ſo leicht verhärten, als verſöhnen; ja vielleicht öffnet es, ſtolz, wie es iſt, in einer Zeit wie die jetzige, ſich noch leichter dem Trotz als der Ergebung. Es wird mich tief betrüben, wenn ich der Frau Baronin keine werthe Tochter ſein kann; aber die Liebe darf ſich dem Vorurtheil nicht unterwerfen, und das Leid der Mut⸗ ter über ſolchen Ungehorſam können wir mit aller kind⸗ lichen Liebe ihr leider! nicht erſparen. Sag' mir nur, mein lieber, ehrlicher Freund,— haſt du dich auch ge⸗ prüft, und biſt du gewiß, daß die Mißbilligung der Mut⸗ ter, die ſich vielleicht von uns trennt, dein Glück und un⸗ ſer Glück nicht ſtören wird? Niemals, niemals! rief der Baron mit hohem Ernſte. So wahr uns dieſe verhängnißvollen Vorbilder umgeben! Mußte nicht dies altadelige Mainz ſelbſt unter den neuen Gedanken der Zeit brechen? Mag immerhin das alte Vorurtheil unter der alten Fürſtenperrücke noch einmal ſiegreich wiederkehren! Dieſe Bollwerke ſind nicht verge⸗ bens gefallen; vergebens nicht hat die Zerſtörung dieſen Grund und Boden, hat Empörung, Haß und Liebe der Herzen gemiſcht: das zitternde Zepter kann die Zukunft nicht mehr bewältigen, die zwiſchen dieſen Trümmern und aus den Kämpfen der Menſchen mit neuen Schöpfungen, mit einer höhern Geſtalt des bürgerlichen Lebens hervor⸗ dringen wird.——— Hier in der Umgebung des Doms wandelte das Paar recht im Mittelpunkte der Zerſtörung. Die Trümmer der zuſammengeſchoſſenen und in Flammen aufgegangenen Hauptgebäude lagen umher; ſtehen gebliebene Mauern drohten den Einſturz; einzelne Thürme, im Innerſten er⸗ ſchüttert, vermochten ſich kaum noch aufrecht zu halten. Der herrliche Dechaneibau jammerte den Freund. Noch ſtand die Säulenhalle aufrecht; die Decken aber lagen in Schutthaufen, und die Drahtgitter der zur Erleuchtung von oben eingerichteten Fenſter waren wie Netze über die Zerſtörung geworfen. Der alte Bau hatte im Geſpen⸗ 326 ſterrufe geſtanden, und hier noch erblickte man an Bruch⸗ ſtücken vergilbter Wände die Kreuze und Heiligennamen, die man von Zeit zu Zeit als Geſpenſterſcheuchen unter geſprengtem Weihwaſſer angeſchrieben hatte.— Indem das wandernde Paar ein oder das andere noch erhaltene Gebäude betrat, fanden ſie, zu ihrem noch lebhafteren Verdruß, ſtatt betrübender Zerſtörung die empörenden Spuren von Rohheit, Muthwillen und Frevel, die ſich an Decken und Wänden, an Stuck und Marmor ausge⸗ laſſen, als dieſe Räume zu Wachtſtuben, Einquartierungs⸗ ſälen, Schneiderwerkſtätten u. dgl. gedient hatten. In die Nähe des Schloſſes durfte man ſich kaum wa⸗ gen, und man errieth hinter breternen Angebäuden die ſchmähliche Verunreinigung dieſes hohen Fürſtenſitzes. CEine Wildniß ineinandergeſchobener Kanonen, Lavetten, Pulverwagen, theils vom Feinde zerſtört, theils im Ge⸗ brauch verdorben, erfüllte den weiten Platz. Einige Reiter begegneten dem Paar auf der großen Bleich, und Franz Karl, als er den ſtattlichſten darunter von weitem erkannte, flüſterte ſeiner Fides den Namen Goethe zu. Die kleine Geſellſchaft war nach dem Ab⸗ zuge des letzten franzoſiſchen Regiments, um den Zuſtand der Stadt zu beſchauen, von Marienborn hereingeritten. — Ha, welch' ein erquickender Anblick! rief der Dichter aus, als ihm der Baron ſeine Braut vorſtellte. Ein ſchönes Paar, liebend und verlobt, und mit Werde⸗ luſt auf eine glückliche Zukunft gerichtet, begegnet uns zwiſchen dieſen beklagenswerthen Ruinen! Sagt, ihr Freunde! Sollen wir es mit zwei Edelſteinen verglei⸗ chen, die aus dem zerbrochenen Luſtpokale von Mainz 327 gefallen, in ein Liebesband gefaßt werden? Oder wieder- holt ſich uns die mythologiſche Zeit, da aus zerſtörenden Fluten Deukalion und Pyrrha, von Promotheus und Pandora ausgeſtattet, ſich retteten, um ein neues Geſchlecht zu begründen? Der Baron, indem er des Dichters Hand ergriff, ver⸗ ſetzte dankend und artig: Sie retteten ſich, ſo viel ich weiß, auf den Parnaß, unter Apollos ſegnende Augen: und ſo ſtellen wir uns jetzt freilich als Deukalion und Pyrrha dar!—— Goethe beklagte die gräuelvolle Zerſtörung.— Wir kommen von der Fauorite, ſagte er, und konnten kaum noch den Platz unterſcheiden, wo Terraſſen, Orangerien, Springwerke, Gartenſaal und Götterbilder den zaubervol⸗ len Aufenthalt geſchmückt hatten. Weinend erzählte uns der Gärtner von den Herrlichkeiten des vorigen Sommers, als der Kurfürſt die höchſten Häupter und zahlreiches Ge⸗ folge unter jenen Alleen, an unüberſehbaren Tafeln, auf damaſtenen Decken und ſilbernen Tellern geſpeiſt hatte. So ſehen wir denn in Schutt und Trümmer zuſammen⸗ geſtürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelungen, was in der ſchönſten Lage der Welt an Reichthümern von Provinzen zuſammengefloſſen, und was Religion als Beſitzthum ihrer Diener zu befeſtigen und zu vermehren bedacht geweſen war!—— Nach ſolchen Klagen ſchied der Dichter mit wohlgefäl⸗ ligen Blicken auf die ſchöne Fides, deren Auge mit an⸗ dächtigem Staunen an dem hohen Manne hing.— Selbſt für mich, wie viel weniger für ein ſeliges Paar, iſt hier des Bleibens nicht! ſagte er. Ziehen Sie mit dem geret⸗ teten Schatze dahin, lieber Baron, wo der Zauberkreis, deen Freundſchaft und Liebe, Wiſſenſchaft und Kunſt um uns ziehen, von keinen Fragen und Bedrängniſſen der Zeit geſtört wird.—— Sieh', meine theure Fides! rief Franz Karl hinter den Weggerittenen her, ſo ſegnen die Mahnungen und Weiſſagungen der edelſten Geiſter unſern Bund ein! Wie der Dichter mit frohen, ſo wies Forſter mit ſchmerzlichen Worten auf die Zukunft hin.—— Wie ſie weiter kamen, hörte man von fernher Trom⸗ meln und Muſik eines deutſchen Marſches. Die Straßen wurden lebendig, und Alles rannte dahin, um den Ein⸗ zug des Königs von Preußen mit ſeinen Garden zu ſehen. Wie ein Wolkenbruch ergoß ſich zugleich durch alle Thore die Flut der ausgewieſenen und ausgewanderten Mainzer und was von fern und nahe ſich ihnen anhing. Leider! erneuerten ſich mit dem neuen Zufluß der Menſchen die tumultuariſchen Auftritte.—„Das iſt auch Einer“! ſchrie es in allen Straßen, und dieſer Hetzruf eines jeden Schur⸗ ken konnte die Jagd der Rachſüchtigen auf den unſchuldig⸗ ſten Menſchen lenken. Man drang in die Wohnungen, und wo man keine Clubiſten fand, fand man ihr Eigen⸗ thum. Die Verſteckten zog man hervor, mißhandelte und lieferte ſie den Preußen aus, von denen ſie mit Kolben⸗ ſtößen empfangen, dem öffentlichen Geſpött preisgegeben und eingeſteckt wurden, um nach Frankfurt geſchleppt zu werden, wo eine„mainzer Commiſſion“ zur Unter⸗ ſuchung gegen die Clubiſten beſtellt war.— Die Rach⸗ ſucht des Pöbels kannte keine Grenzen. Selbſt die Frauen und Kinder der Unglücklichen erfuhren Unbilden aller Art. Ja Manche wurden ſelbſt mit fortgeſchleppt und mit Zucht⸗ haus und Schanzarbeit bedroht. Entſetzt von ſolchen Vorgängen eilte Franz Karl mit Fides fort. Doch kaum konnte man in irgend einer Rich⸗ tung ähnlichen Auftritten entgehen. So wurde unter ih⸗ ren Augen auf dem Platz um den Neubrunnen, im Ge⸗ dränge der Menſchen, ein junges, ſchönes Mädchen für todt vom Pflaſter aufgehoben und fortgetragen. Noch über die Ohnmächtige ergingen Schmähworte und Schimpf⸗ namen, aus denen man errathen konnte, worin ihre Schuld beſtand,— daß ſie nämlich auf einem Liebhaber⸗ theater der Clubiſten in einigen patriotiſchen Stücken eine Rolle geſpielt hatte. Elftes Kapitel. Dieſe Unordnungen hörten mit der Beſetzung der Stadt durch Preußen und Heſſen nicht auf. Selbſt eine Procla⸗ mation des preußiſchen Gouverneurs, Generals von Wolf⸗ ramsdorf, und des Commandanten, Generals von Greve⸗ niz, worin zur Ruhe und Ordnung ermahnt, vor Pri⸗ vatrache gewarnt, und Gehorſam gegen den rechtmäßigen Landesherrn anbefohlen wurde, half dem Unfug nicht überall ab, und man ſah ſich genöthigt, Streifwachen, auch den Tag über, beſtändig im Gang zu halten. Der Baron hatte das Forſter'ſche Haus ziemlich im 330 Auge behalten, und es war ihm mit Sömmering, der des abweſenden Freundes Sachen packen ließ, gelungen, wiederholte Anfälle des Pöbels, die doch nur einer Plün⸗ derung gelten konnten, abzuwehren. Endlich fand er einen preußiſchen Poſten vor dem Haus aufgeſtellt, und erfuhr, daß der Prinz Louis von Preußen in Anerkennung der gelehrten Verdienſte Forſter's dieſe Schutzwacht befohlen habe. Der lebhafte Sömmering pries mit rührendem Stolz auf den unglücklichen Freund dieſe fürſtliche Groß⸗ ſinnigkeit, und verſprach ſich von ſolcher Gunſt eine voll⸗ ſtändige Amneſtie für den Verbannten. Nun hatte der Baron keine Entſchuldigung mehr, den ängſtlichen Beſuch bei ſeiner Mutter länger hinauszuſchie⸗ ben. Auch flößte ihm der Anblick des Stroms, als er über die Brücke ritt, Muth und Entſchloſſenheit ein. Nach längerer Abweſenheit athmete er hier mit der erquicklichen Luft die heiterſten Erinnerungen, und faßte mit einem Blick ins Rheingau hinab die belebendſten Ausſichten in ſeine Zukunft. In dieſer Stimmung ließ er ſich auch den öden Anblick verwüſteter Felder und Gärten, Alleen und Rebenhügel um Caſtel nicht anfechten. Innerhalb der Feſtungswerke fand er Alles, wie es die Franzoſen bei der Nachricht von der Uebergabe ſtehenden Fußes verlaſſen hatten, und kaum war zum Durchkommen der Verhau geöffnet, zu welchem die Belagerten alle Obſtbäume der fruchtbaren Umgebung ſchonungslos niedergehauen, und zu einem letzten Bollwerk mit Kronen und Aeſten ineinan⸗ dergeſchoben hatten. Als nach etlichen Tagen der Baron nach Mainz zu⸗ rückkehrte, taumelte die Stadt noch in einem unendlichen 331 Feſtjubel. Der Kurfürſt hatte ſeinen Einzug gehalten, und die Luft dröhnte noch vom wilden Jauchzen des Vol⸗ kes, vom Geläute der Glocken und dem Donner der preu⸗ ßiſchen Batterien. Die zwölf Metzger, die ſtatt der aus⸗ geſpannten Pferde den Reiſewagen des Fürſten mit dem friſch aufgemalten Wappen durch die Stadt gezogen hat⸗ ten, ſchleppten eben eine reiche Weinſpende aus den im Gewölbe des Doms bewahrten Vorräthen nach einem Vergnügungsplatze, und ſchlugen gelegentlich, im Ueber⸗ muth ihrer Verdienſte, an einigen Clubiſten⸗Wohnungen die letzten noch vorhandnen Scheiben ein. Mit der Abendkühle des 31. Juli betrat Franz Karl das kleine Haus in der Umbach, und überraſchte Fides, die eben am Fenſter einen großbedruckten Bogen las. Sie ließ in der Aufwallung ihres ſehnſüchtigen Herzens das Blatt zur Erde fallen, und eilte mit ausgebreiteten Armen dem Geliebten entgegen. Wie? Du haſt geweint? rief der Freund erſchrocken. Ach! der arme Blau! ſeufzete ſie, und kämpfte mit dem wiederkehrenden Leide. Sie haben ſeine Möbel zer⸗ ſchlagen, ſein Geräth geraubt, den Wein, den ſie nicht leeren und fortbringen konnten, auslaufen laſſen. Er ſelbſt hatte ſich verſteckt, und wäre gewiß auch mit Hülfe des jungen Neeb glücklich entkommen, hätte nicht einer ſeiner ehemaligen Collegen an der Univerſität den edeln Mann verrathen. Er wurde, gleich den übrigen Clubi⸗ ſten, die man auffand, ergriffen und zur Haft gebracht. Vorgeſtern hat ihn nun der König, der Kronprinz nebſt anderen hohen Perſonen in des Königs Gefolge vor ſich führen laſſen, um den„Finanzminiſter der Adminiſtra⸗ 33² tion“, wie ſie ihn ſpottend nannten, zu ſehen. Lange ſoll er zu den Spöttereien der hohen Herrſchaften ſchwei⸗ gend gelächelt haben, bis er in edelm Unwillen an die Wandelbarkeit des Glücks und an die Leichtigkeit, eines Gefangenen zu ſpotten, erinnerte. Da erhielt er mit har⸗ tem Reiterhandſchuh einen Schlag ins Angeſicht. Von wem? rief Franz Karl in aufwallender Ent⸗ rüſtung. 2 Ich habe ihn gefragt, fuhr Fides fort. Es gelang mir nämlich, ihn einige Augenblicke im Gefangenhauſe zu ſprechen, als er geſtern mit Profeſſor Böhmer und ande⸗ ren Clubiſten aus Mainz gebracht wurde. Aber— nein, nein, meine Tochter! antwortete er mir mit ſanftem Kopf⸗ ſchütteln. Laß mich den zornmüthigen Herrn verſchwei⸗ gen! Gott kennt ihn, und möge der gütige Himmel die Hand ſegnen, die mir ſo weh gethan, und Schwert und Scepter, die ſie einſt führen ſoll, vor der Wandelbarkeit des Glücks bewahren!— Auch verſchwieg mir der edle Mann, daß er- Fides umſchlang laut weinend den Geliebten, und konnte nur ſtöhnend die Worte hervorbringen: Daß er auf höchſten Befehl,— Stockprügel——! Eine tiefe Stille entſtand, in welcher das von Schmerz — und das von Zorn bebende Herz des verſtummten Paares heftig aneinanderſchlugen. Endlich erklärte Franz Karl mit beruhigenden Worten: Wir verlaſſen dieſes unſelige Mainz, o meine geliebte., Fides! Und es wird uns auch leicht gemacht, hier ab⸗ zuſchließen. Ich komme eben von Albini, den mir der Zufall in den Weg führte: er war ein wenig verlegen, that ein wenig fremd; doch ließ er mich endlich errathen, daß der Kurfürſt mancherlei Gnaden im Werk hat. Ich werde z. B. aus Mainz verbannt, vorgeblich wegen mei⸗ ner Dalbergs⸗Idee, wahrſcheinlich aber auf eine Einge⸗ bung der Gräfin Coudenhove, die wieder, jedoch ohne ihre nach Hauſe gekehrten Nichten, im Pavillon zum gol⸗ denen Pferd eingekehrt iſt; dein Vater wird ſeines Dien⸗ ſtes entlaſſen, weil er, wenn auch nur zum Schein und ſelbſt aus Treue und Anhänglichkeit, ſich doch einmal zum Club eingeſchrieben hatte, und was ſonſt noch Erfreu⸗ liches herauskommen wird. Die Verdienſte werden jetzt gar abſonderlich gemeſſen. Nur wer Mainz und ſeine Mitbürger im Stich gelaſſen, hat Recht und Gnade zu erwarten; unter den Zurückgebliebenen fällt ein Lächeln des Fürſten blos auf Diejenigen, die als Spione des entflohenen Hofs gedient, nicht auf Jene, die zum Schutz ihrer Familien und Anvertrauten, zur Erhaltung ihres Beſitzthums, zur Ermuthigung verzagter Herzen, zur Anfeuerung deutſcher Geſinnung in Verfolgung, Gefahr und Leiden ausgeharrt haben. Jetzt, mein treues, edles Herz, iſt es Zeit, daß wir auswandern. Wie glücklich macht es mich, daß ich die ſeligſte Zuflucht für uns habe. Für uns Beide, meine ich, und die Deinigen: ihr macht jetzt meine Familie aus; denn meine Mutter— Er ſchwieg einen Augenblick, und ſagte dann mit Ruhe und Faſſung: Meine Mutte iſt nach Münſter abgereiſt! O mein lieber Franz Karll rief Fides ſchmerzlich, in⸗ dem ſie ihn umfaßte und küßte. Dafür kömmt dein Vater! fuhr der Freund heiter fort. Die Geißeln werden gegen ſolche Clubiſten ausge⸗ 334 wechſelt, die nach Frankreich überſiedeln wollen. Ich habe ſchon im Voraus Wohnung für dich und deine Mutter bei der wackeren Frau Gertrud, meiner Gevatterin, ein⸗ richten laſſen. Dort ſeid ihr meine lieben Nachbarinnen; indeß ich Alles für den glücklichen Tag vorbereite, der uns, nach der Rückkehr deines Vaters, mit heiliger Weihe zu einer einigen, frohen Familie verbinden ſoll. Für uns Alle iſt Raum in meinem ſtillen, friedlichen Hauſe. Nichts fehlte bis jetzt auf jenem Paradirſiſchen. Sitze, als eine Herrin wie meine Fides! Sie ſank an ſeine Bruſt. Mutter Hildegard kam dazu. Sie hatte auf dem überfüllten Markte gute Ein⸗ käufe gemacht, und deckte mit behaglichem Lächeln den Abendtiſch. Franz Karl nahm den bedruckten Bogen vom Fuß⸗ boden auf, und ſetzte ſich ans Fenſter, die Proclama⸗ tion des Kurfürſten an ſein Volk zu leſen. Sie war am Tage des Einzugs verbreitet worden und von Aſchaffenburg aus datirt. Bei einzelnen Stellen lächelte der Freund ſtill vor ſich hin, andere las er halb laut, und rief endlich Fides herbei, ſie mit anzuhören.— Komm, mein Herz! ſagte er. Die braven Kinder be⸗ kommen da vergoldete Nüſſe beſchert. Er las: „Wir haben mit gerührtem Herzen und der lebhaf⸗ teſten Freude die beharrliche deutſche Treue und Stand⸗ haftigkeit erfahren, womit unſere gutgeſinnten Unter⸗ thanen“—— Ich bin deine Unterthanin! unterbrach ihn Fides, indem ſie ſich auf dem Fußbänkchen neben ihm niederließ, und ſich mit traulichem Lächeln auf ſeine Knie ſtützte. Nun 2 lies weiter, lieber Herr und Gebieter! Ich muß mir doch etwas von den ſchönen Worten und Redensarten zu eigen machen, die mir vorhin gar zu fremd und kalt vorgekom⸗ men ſind. Nun lies doch! Franz Karl ſchlang ſeinen Arm um ihre Schulter, und las weiter: „Vor Allem wollen wir zum eignen Wohl unſerer Unterthanen die vorige Ordnung der Dinge wiederher⸗ ſtellen. Zu dem Ende heben wir alle von der fran⸗ zoͤſiſchen Generalität, dem anmaßlichen Convent, Ad⸗ miniſtration und Municipalität getroffenen Verfügungen, ertheilten Geſetze und Verordnungen wieder auf, und erklären dieſelben für null und nichtig.“ Nein, nein! lachte Franz Karl. Die vorige Ordnung der Dinge können wir Beide nicht brauchen. Wir wollen die allerneueſte Ordnung der Dinge. Aber, ich fange doch auch mit Aufheben an, und hebe dich, liebſte Fides, auf meine Knie. Ich bin nur der Thron meiner Herrin und Gebieterin. Wir erklären uns für die neue Ord⸗ nung der Freiheit und Gleichheit,— der Freiheit im Küſſen und der Gleichheit durch Umarmung, wobei im⸗ mer Eins ſo viel hat und bekömmt, als das Andere. Nachdem Beide lachend dieſe neue Ordnung eingeſetzt, und durch Wiederholung beſtätigt hatten, las Franz Karl leiſe weiter bis zu den Worten: „—— Uss ferner die mit ruhmvoller Standhaftig⸗ keit erprobte Treue zu beweiſen; dagegen auch von Uns überzeugt zu ſein, daß wir keinen andern Wunſch in Unſerm Herzen nähren, als den Reſt unſerer Tage 336 dem Glück und der Zufriedenheit unſerer geliebten Un⸗ terthanen noch ferner zu widmen.“ Aber, meine ſüße Fides, erinnerte Franz Karl mit ſchalkhafter Wichtigkeit,— wäre es nicht Schade für die ſchönen Worte, wenn ſie keine Wahrheit wären? Sag', wie machen wir ſie wahr? Ich weiß es, mein Herzens⸗Franz Karly] erwiderte ſtie. Wenn du mein Kurfürſt biſt, ſind ſie wahr! Wenn ich aber ein richtiger Kurfürſt ſein ſoll, wen⸗ dete er ein, ſo muß ich auch küren, und ich erküre dich zu meiner Kaiſerin: ſo ſind ſie doppelt wahr! Sie ſind wahr, die ſchönen Worte ſind wahr! riefen Beide jubelnd und in die Hände klatſchend. Eben trat Frau Hildegard ein, ſchmunzelnd über die duftenden Feldhühner, die ſie gebraten auf den Tiſch ſetzte. Unſer Erbtruchſeß! lachte Franz Karl, und blinzelte auf die Mutter. Fides lachte mit, und die geſchäftige Frau ſchalt freundlich: Seid ihr nicht Kinder! Da ſetzt euch lieber her, und ſtopft euch die Mäuler! Kinder? Ja, theure Mutter, rief mit Wärme Franz Karl, indem er die gute Frau umarmte,— aber auch Zauberer! Eben haben wir herrliche Blüthen, unver⸗ gängliche Früchte für uns aus vertrockneten Reiſern des Hofgartens hervorgelockt! Zwölftes Kapitel. Es war wieder ein ſo ſchwüler und gewitteriger Tag, wie jener, an welchem Garzweiler vor der Kaiſerkrönung, das goldene Vließ einer Familie zu gewinnen, den ſtillen Rhein hinabgeſchifft war, als heut Baron Franz Karl mit ſeiner Fides und Frau Hildegard langſam die große Bleich hinabfuhr, um mit eben ſo ſüßen und heimlichen Hoffnungen dieſelbe Gondel zu beſteigen. Er hatte ſich dies Fahrzeug von den Erben Jean Baptiſt's ausbehalten, als er ihnen die nöthigen Nachweiſe über den Tod des reichen und unglücklichen Schiffers mit guten Rathſchlägen zuſtellte. Der Sonntag Portiuncula ward gefeiert. Noch lagen Schutt und Schmutz in allen Gaſſen. Denn von oben bis zum geringſten der zurückgekehrten Diener herab, wa⸗ ren Alle ſo voll perſönlicher Anliegen und gieriger Be⸗ mühungen, daß man des öffentlichen Wohls noch immer nicht achten konnte. Zum Vergnügen oder zur Andacht geputzt, trieb ſich die bürgerliche Einwohnerſchaft auf— und zwiſchen dem Braß von Brand und Einſturz, wie Mücken auf der Fäulniß, fröhlich hin und wieder. Aus halbverbrannten, mit Balken geſtützten Häuſern wirbelte der Rauch von Garküchen für die Soldaten und Familien, die noch des eigenen Herdes entbehrten. Tanzmuſik und Jubel zechender Preußen und Heſſen erſcholl aus Kneipen Koenig, Elubiſten in Mainz. III. 22 ————O——C—B—V——— 338 und Kaſernen. Zank und Zotenlieder, Lärm und Lachen tobten durch die unſauberen Gaſſen, und auf den Tanz⸗ böden. Das beſiegte Ca ira ſpielte zu luſtiger Erinne⸗ rung immer wieder aus den Wirthshäuſern. Dazu läu⸗ teten die Glocken; eine feierliche Dankproceſſion wallte durch die Straßen, und das unbefriedigte Volk, zu allem Aufregenden getrieben, ſchloß ſich in unabſehbaren Reihen betend an. Patrouillen, die der noch ſo leicht aufwal⸗ lenden Unordnung wachten, durchkreuzten die Proceſſion. Die Litaneien der Andächtigen, Spottlieder der Zechenden vermiſchten ſich ſeltſam, und zwiſchen den Gläubigen, die, ſich bekreuzend, vor dem rothen Baldachin des Weih⸗ biſchofs niederknieten, ſtanden rauchend und lachend über⸗ müthige Preußen. Leidenſchaftliche Wallbrüder ſchlugen mit ihren brennenden Fackeln nach den Spöttern, und dieſe zogen ihre Seitengewehre: wenig fehlte, daß nicht Mord und Todtſchlag das Dankfeſt beſchloſſen hätten. Bei Hofe war große Vorſtellung. Der Kurfürſt hatte das deutſche Haus, das vor und unter der Belage⸗ gerung unverſehrt geblieben war, bezogen. Die Gitter⸗ thore ſtanden weit geöffnet; zwiſchen ihren ſteinernen Pfei⸗ lern fuhr die Gala der Hoffähigen ein, und füllte den weiten Hofraum des ſchönen Gebäudes. Durch die offe⸗ nen Fenſter des großen Ritterſaals erblickte man das Gewimmel der zurückgekehrten Uniformen. Auf den be⸗ kränzten Balkon der ſchattigen Rheinſeite des Palaſtes war die Gräfin Coudenhove mit den übrigen Freundinnen des Fürſten herausgetreten, die erquickende Luft des grü⸗ nen Stroms mit großen Fächern zu fangen. Sie ſahen fremd und ſchnöde herab, als der Baron in ſeiner offenen 6 — 339 Kaleſche vorüberfuhr; vergnügten Lächelns blickte er hin⸗ auf, noch vergnügter Fides in die Augen des Verlobten, die von keinen Hoferinnerungen getrübt waren.— Was ſiehſt du mir ſo geſpannt in die Augen, mein Herz? fragte er freundlich, und Fides erwiderte, ihre frohe Rüh⸗ rung unter Scherz verbergend: Ich beobachte das Wetter unſerer Zukunft! Auf meinem Geſichte? a, lieber Franz Karl! Weißt du, wenn der Mond einen Hof hat, wie man's nennt, bedeutet es Niederſchläge und trübe Witterung. Dein Auge war eben ein glänzen⸗ der Vollmond, und hatte— keinen Hof. O mein Engel! rief Franz Karl entzückt. Wünſcheſt du dich nicht an den Hof? Dort hinter uns, im Ritter⸗ ſaale des deutſchen Hauſes, wäre dies geiſtreiche Wort auspoſaunt worden, und der Kurfürſt hätte dir wenigſtens die Hand geküßt! Du biſt ja mein Kurfürſt! ſagte ſie, und reichte ihm ihre Hand hin. Franz Karl küßte die kleine weiße Hand, und da der Wagen eben am Landungsplatze anfuhr, hielt er die liebe Hand feſt, hob die Geliebte aus dem Wagen, und führte ſie nach der Gondel. Die Mutter folgte, und der Be⸗ diente trug die ſchwere Schatulle nach, die als ungezähltes Erbe der Tochter und der Enkel Garzweiler's mit nach Oeſtrich genommen wurde. Hier an dieſem zaubervollen Ufer— welch' eine ſe— lige Stille zwiſchen dem Segen der Ernten nahm die mainzer Flüchtlinge auf!——— Im Schlößchen herrſchte jetzt eine ſtille Thätigkeit, um 22* — 340 den glücklichen Tag vorzubereiten, an dem man die Trauer um eine begrabene Schweſter abzulegen dachte, um den rückkehrenden Vater Lennig und den Trauſegen des Pfar⸗ rers Chambion feſtlich zu empfangen. Doch darüber ging noch der hohe Monat Auguſt hin. Endlich wurde am Landungsplatze des Schloßgartens eine Ehrenpforte errichtet und ausgeſchmückt. Bald glitt ein Boot zwiſchen den Inſeln hindurch, und lenkte nach dem Geſtad herüber. Jetzt fielen vom Tempelhügel des Gartens Böllergrüße des Willkomms. Frau Hildegard mit Fides und Franz Karl an beiden Händen, Meiſter Cratz und Gertrud im Sonntagsſtaat, Chambion und der Schulmeiſter, die Bedienten in Gala gruppirten ſich um die geſchmückte Pforte. Und als Herr Erasmus Lennig lächelnd und bewegt die Ufertritte heraufkam, wußte er nicht, wen er zuerſt umarmen ſollte. Da trat Nazi als Liebesgott hervor und überreichte dem Ankömmling einen friſchen Eichenkranz. Vom Balkon ſpielte Muſik. Die Begrüßungen und Erklärungen, die Glückwünſche und Umarmungen waren vorüber, die Erfriſchungen ein⸗ genommen, da rief Lennig in vertrautem Kreiſe: Ja, hier laſſ' ich mich willkommen heißen! Vergeſſen wir Mainz, hier am Sitze des Friedens, wo Liebe und Verſtändniß der Zeit einander die Hände reichen, Eins dem Andern dient, Eins das Andere beherrſcht! O hätten wir nur noch zwei edle Freunde mit herüberretten können! Der gute Blau liegt ohne viel Hoffnung darnieder. Die ſchmählichen Mißhandlungen haben ſeine kranke Bruſt hart getroffen! Katharine iſt wenigſtens doch zu ſeiner Pflege 341 zugelaſſen. Und von Forſter hört' ich unterwegs, daß heftige Gicht, und wer weiß, welches Seelenleid ſein ed⸗ les Leben bedroht. Eine tiefe Stille feierte die fromme Trauer der Her⸗ zen. Nach einer Weile fuhr Erasmus fort: Ach, dies beklagenswerthe Mainz! Dort haben Ei⸗ nigkeit und Vertrauen ſich in Haß und Mißtrauen ver⸗ wandelt. Tückiſche Schadenfreude und zügelloſe Ueppigkeit begegnen einander auf den Schutthaufen des alten Wohl⸗ ſtands. Der Adel ſchickt ſich wieder an, in gedankenloſer Beſchäftigung und frivolem Betragen darzuthun, daß es über dem denkenden und arbeitenden Bürgerthume eine erhabenere Gattung von Menſchen gebe, und die Prieſter⸗ ſchaft legt dem vom Unglück verzagten Volke mit alten Kunſtgriffen neue Ketten an. Da habt ihr die neueſte Verordnung des Weihbiſchofs und Provicars vom 31. Auguſt! Hierin wird das Volk umſtändlich über die von den unrechtmäßigen Prieſtern geſpendeten Sakramente belehrt. Die Taufe der Kinder wird noch für giltig an⸗ geſehen: man will doch einmal keine Wiedertäufer; alle geſchloſſenen Ehen aber werden für nichtig erklärt, und die Eheleute auseinandergeriſſen, um ein neues Sakrament nachzuſuchen. Die Sünder, die jenen Prieſtern gebeich⸗ tet, werden zu anderweiter Buße angewieſen, und die mit ungiltiger Abſolution Verſtorbenen der Barmherzigkeit Gottes empfohlen; während ihre Hinterbliebenen der Ver⸗ zweiflung ihrer Seelenängſte überlaſſen bleiben. Am Schluß dieſer Verordnung heißt es,— hört doch, ihr Kinder!— heißt es: „Ein jeder Menſch ſei der höhern Macht unterthänig, 342 — denn es iſt keine Macht, als von Gott, und alle ſind von Gott verordnet worden; wer alſo der Macht widerſtrebt, der widerſtrebt den Anordnungen Gottes: durch dieſen regieren die Könige.“——— Erasmus ſah mit fragenden Mienen das liebende Paar an, die aber Eins in des Andern Augen, wie es ſchien, eine freundlichere Zukunft erblickten; worauf Vater Erasmus ſcherzend ausrief: Nun, lieber Sohn Franz Karl,— was ſagen Sie denn nun zu meinem Hanſelmännchen? Wackelt das Köpfchen aus Hollundermark nicht wieder ganz vergnügt oben auf? Aber ich beruhige mich mit einem neuen Spruch, den ich inzwiſchen kennen gelernt. Lacht nur im⸗ merhin, daß er wieder von meinem braven Moſer her⸗ rührt. Der herrliche Mann ſagt nämlich: „Wir werden unſer Ca ira denken, ohne es zu ſin⸗ gen, aber uns mehr Zeit nehmen, als die National⸗ verſammlung der Franzoſen.“—— Pfarrer Chambion kam aus dem Garten, und fragte, welchen Tag die Trauung ſein ſollte. Uebermorgen, antwortete Franz Karl raſch und mit lächelndem Blick auf ſeine erröthende Fides. Und während der Pfarrer die Notiz in ſeinen Ta⸗ ſchenkalender nahm, ſagte er verwundert vor ſich hin: Juſt derſelbe Septembertag, an welchem vor zwei Jah⸗ ren der Handwerksburſchenunfug in Mainz war! Wo ich dich zum erſtenmal ſah, Fides! Und ich dich, Franz Karl. ————— Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.