4* *— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 8 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———-—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 II— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.. 6. Schadenersatz. Ne beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e ees 2 bua ee —— — Geſammelte Schriften von Heinrich Koenig. Vierter Band. König Jeroͤme's Carneval. Ddritter Theil. ——— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1855. König Jerömes Carneval. 2 — Geſchichtlicher Roman h von Heinrich Koenig.— In drei Theilen. Dritter Theil. ——— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1855. —————;——, ͤensͤ ☚e Re A Ge 6= G G 1 — Aℳ N 4 N 8 „ 4— 1 K8 74 O7 ℳqo— 4₰ „ A A — ————— F.— 8 8—.— 4 3 4 3—. 8 8 8 5 *— —— 1 8 Inhalt des dritten Theiles. Fünftes Buch. Seite Erſtes Capitel. Ein Räthſel und ein Geſtändniß..... 3 Zweites Capitel. Ein Beſuch und ein Ausflug!..... 15 Drittes Capitel. Geld⸗ und Badegeſchäfte......... 27 Viertes Capitel. Eine Uebereilung!............==⸗ 36 Fünftes Capitel. Hermann aus der Fremde......... 50 Sechstes Capitel. Der überliſtete Trödler........... 61 Siebentes Capitel. Adieu, Mademoiſelle Cecile...... 75 Achtes Capitel. Die Welt ein Markt............. 84 Neuntes Capitel. Das Feſt des Hofmarſchalls....... 94 Zehntes Capitel. Ein ehelicher Zwiſt.............. 107 Elftes Capitel. Die Kraft einer Verlegenheit!....... 117 Zwölftes Capitel. Doppeltes Scheiden........... 137 Sechstes Buch. Erſtes Capitel. Eine geheime Poſt..............v 153 Zweites Capitel. Verſteckte Perſonen.........= 161 Drittes Capitel. Eine gefährliche Saloppe......... 172 Viertes Capitel. Doſen und Priſen...........⸗= 182 Fünftes Capitel. Jeröͤme's Geburtstag............ 194 Sechstes Capitel. Bewilligt und beſchenkt........... 209 Siebentes Capitel. Eine Trauung und ein Vertrauen 218 Achtes Capitel. Der Herzſchlag des Reichs........ Neuntes Capitel. Wintervergnügungen............. 237 Zehntes Capitel. Feiertage in Homberg............ 243 Elftes Capitel. Ein Blick in die Verſchwörung!...... 256 Zwölftes Capitel. Wer war nun der Narr?........ 266 Dreizehntes Capitel. Eine Parole Jeröme's........ 279 Siebentes Zuch. Erſtes Capitel. Verhängniſſe der Zukunft........... 297 Zweites Capitel. Ausſichten des Frühlings......... 309 Drittes Capitel. Un poisson d'Avril.............. 316 Viertes Capitel. Nachwirkungen eines Regenſchirms.. 328 Fünftes Capitel. Die Sturmglocke von Homberg.... 341 Sechstes Capitel. Der Aufbruch zu Nacht.......... 353 Siebentes Capitel. Der Empfang am Morgen...... 364 Achtes Capitel. Mitgegangen, mitgefangen......... 373 Neuntes Capitel. Eine Flucht und ein Abſchied..... 384 Zehntes Capitel. Rück⸗ und Nachwirkungen......... 394 —0. — —— Fünftes Zuch. Koenig, Jeröme's Carneval. III. 1 8 8 A„ — , —. Erſtes Capitel. Ein Räthſel und ein Geſtändniß. Am Morgen nach Hermann's frühzeitiger Abreiſe, wäh⸗ rend Ludwig etwas düſtern Kopfes ſein Frühſtück nahm, um auf das Bureau zu gehen, konnte Lina der Ungeduld ihres Herzens nicht widerſtehen, gleich jetzt ein Anliegen vorzubringen, mit dem ſie ſich vor einem Widerſpruch ihres Mannes ein wenig ängſtigte. Sie hatte ihre zwei Taſſen raſch genommen, und ſuchte, während Ludwig noch an ſeiner Pfeife rauchte, hinter geſchäftigem Ab⸗ räumen des Tiſches vom Abendſchmauſe, ihrem Anliegen den Schein einer Nebenſächlichkeit zu geben, und ſelbſt gleichgültiger zu ſcheinen, als ſie es in der That war. Es betraf ihren Beſuch bei Cecile Heberti. Hermann hatte keine Gelegenheit gefunden und keine Stimmung dazu gehabt, der Freundin über ſeinen Abſchied bei der Familie Simeon umſtändlich zu berichten, und ihr mehr zu ſagen, als daß ſie von Cecile erwartet werde. Selbſt dies war gleich bei ſeiner Ankunft, als er Lina im Vor⸗ 1* * 4 zimmer begrüßte, flüchtig geſchehen, und wäre ſonſt viel⸗ leicht, wie die ganze Salongeſchichte, im Rauſche des lu⸗ ſtigen Spätabends vergeſſen worden. Für Lina war es aber zu wichtig, als daß es ihr über Nacht nicht im Ge⸗ müth gelegen hätte. Allein ſie erinnerte ſich nicht weniger aauch alles Deſſen, was zwiſchen ihr und ihrem Manne wegen Vermeidung allen Umgangs mit Madame Simeon ſchon früher verabredet war, und ſuchte jetzt mit einem raſchen, heitern Anlauf darüber hinauszukommen. Sie berief ſich gleich ſelbſt auf jene Verabredung, erklärte aber, es ſei von keinem Umgang, ſondern blos von einem leichten Beſuche die Rede; ſie wolle ſich ausdrücklich auch bei Mademoiſelle Heberti und nicht bei Madame Simeon melden laſſen.— Und, ſetzte ſie hinzu, wäre die Frau Excellenz durchaus nicht zu umgehen, ſo nehme ich es oder gebe es vielmehr für einen Ehrenbeſuch auf die wiederholten Einladungen, die wir nicht ſo glücklich ge⸗ weſen ſind annehmen zu können. Denn eigentlich, lieber Ludwig, haben wir uns darin doch eine unziemliche Ver⸗ nachläſſigung zu Schuld kommen laſſen. Wir hätten we⸗ nigſtens das Gebräuchliche thun müſſen. Ludwig's Widerwillen und jene Verabredung bezog ſich nicht blos auf den Salon der Miniſterin Simeon, obſchon ihm gerade dieſe Dame wenig zuſagte, ſondern auf die ganze höhere Geſellſchaft, vor deren Ton und Treiben, wie vor ihren Untiefen und Wirbeln, er ſeine Frau bewahren wollte, wie ſie auch ſelbſt die entſchiedenſte Abneigung davor hatte. Aber jetzt noch einmal darauf zurückzukommen, was Alles früher im beſten Einverſtänd⸗ niß beſprochen worden, war ihm ſo verdrießlich und für ſeinen etwas verdüſterten Kopf ſo weitläufig, daß er lie⸗ ber abbrach, aber mit deſto lebhafterer Unzufriedenheit verſetzte: Und von dieſer ſogenannten Mademoiſelle Cecile hat ſich unſer Hermann ſo einnehmen laſſen? Kennen wir ſie denn, Ludwig? entſchuldigte Lina. Sie iſt ja erſt ſeit kurzem hier. Und doch ſchon lang genug ein iihſelhañts Geſchöpf für Alle, die von ihr wiſſen,— eine Verwandte der Madame Simeon! Und ſogar von dieſer Weltdame wird ſie den caſſeler Cirkeln vorenthalten, weil ſie ſelbſt für dieſe unheimlichen Kreiſe noch zuviel Geheimniß hinter ſich hat. „Es liebt die Welt das Strahlende zu ſchwärzen“, wie der Dichter ſagt, lieber Ludwig, bemerkte Lina. Lie⸗ ber, kluger Mann, ſollten wir nicht gerade aus dieſer Zurückhaltung auf ein ernſtes, edles Mädchen ſchließen, das keinen Sinn, kein Herz für die caſſeler Geſellſchaft hat? Das nicht eingeführt ſein will? Eine junge Pariſerin? fiel Ludwig ein. Gib Acht, Lina, und borge ihr nicht zuviel von deinem Herzen. Ich ſage dir, ſie hat keinen Credit, ſie bleibt dir ſchul— dig.—— Und, geſetzt auch, es hätte kein beſonderes Häkchen damit, ſ thut mir's leid, daß Hermann ſich auf dieſem Wege von uns losmacht. So ſehr ich ihn ſchätze und liebe, ſo mag ich doch um ſeinetwillen keine Fran⸗ zöſin in unſern vier Wänden, in unſern herzlichen Stun⸗ den, ſie mag ſo talentvoll, ſo glänzend begabt ſein als ſie will. Lina war weniger von dieſem Einwand als von dem Ton betroffen, womit er vorgebracht worden. Sie konnte ihrem Manne nicht Unrecht geben; allein es that ihr weh, daß dem Freund Unrecht geſchehen ſollte. Ich denke gerade ſo wie du, Ludwig! ſagte ſte. Ge⸗ rade darum wollte ich aber hingehen, ſie kennen lernen, um dem Freunde mit Einſicht und Bedacht rathen oder abrathen zu können. Hermann denkt im Gegentheil, ſich uns durch eine Herzensverbindung näher, inniger, um⸗ gänglicher zu ſtellen. Und es wäre mir wahrlich recht leid, wenn ich gegen Cecile nichts zu erinnern hätte, als daß ſie nur franzöſiſch ſpricht. Leid— um deinetwillen, deiner Abneigung wegen. Uebrigens muß ich dir geſtehen, Ludwig, daß ich ſelbſt ihn zu einem Herzensbund er⸗ muntert habe, um unſern Bekannten allen Argwohn gegen ſeine Vertraulichkeit mit uns abzuſchneiden. Du ſiehſt ein, daß ich mich nun auch ſeiner Wahl annehmen muß, um ihn nicht zu einem Misgriff verleitet zu haben. So geh' hin, und ſieh', was du findeſt, und— was an dir gefunden wird! Mit dieſem heftigen Worte nahm Ludwig Hut und Stock und ging nach der Thür. Hier holte ihn Lina ein, hing ſich an ihn und ſagte mit weichem Ernſt: Ludwig! Mit dieſem Unwillen willſt du gehen? Dieſe Unzufriedenheit gegen mich mitnehmen in deinen langen Bureautag? Herzensmann, es wird dich reuen, beun⸗ ruhigen; du wirſt mich nicht aus dem Sinn kriegen, und keine Arbeit wird dir flecken. Und ich in meiner Ein⸗ ſamkeit ſoll dich mir böſe wiſſen? Ludwig? Soll ich mich grämen, mich beim Nähen immer in die Finger ſtechen und dir die Suppe verſalzen? 1 6 7 Ludwig blickte ihr ins Geſicht: ihr Mund lächelte, ihre Augen glänzten feucht. Er küßte ſie auf die Stirne, ſtreichelte ihre Wange und ſagte milder: Nimm's denn im Guten, Herzchen, wenn ich noch einmal ſage: So geh' hin, beſuche dieſe„Mademoiſelle Cecile“! Du wirſt das Beſte nicht an ihr finden, denk' ich. Ludwig hatte dies letzte Wort mit ſo ironiſchem Lä⸗ cheln geſprochen, daß Lina hinter ſeinem Weggang in Nachdenken ſtehen blieb und überlegte, wie er es wol gemeint hätte?„Ich würde das Beſte nicht an ihr fin⸗ den?“ ſprach ſie vor ſich hin. Meint er, weil es ihr fehle, oder, daß ich es nicht erkennen möchte? Nicht an⸗ erkennen, weil ich etwa— nun ja, weil ich eiferſüchtig auf ſie ſei? Die Haſt, mit der ſie jetzt die guten Sachen vollends vom Tiſch räumte, verrieth eine mismuthige Unruhe ihrer Empfindungen. In dieſer Stimmung gab ſie es auf, heut bei Cecile anzufragen. Sie ordnete mit der Magd die nöthigen Ausgänge in die Stadt und die Vorkehrun⸗ gen in der Küche an, und eilte nach der mütterlichen Wohnung, um von Hermann's Abreiſe zu hören.— Sie fand die Mutter auf Hermann's Stube, beſchäf⸗ tigt, die Vorhänge von den Fenſtern abzunehmen. Ein Bündel Wäſche lag auf dem Boden. Dieſe Unordnung und der regnichte Morgen machten ihr einen trübſeligen Eindruck. Ach, wie öde ſieht es hier aus! rief ſie ſtatt eines freundlichen Morgengrußes der Mutter entgegen. Ich will hier tünchen und reiben laſſen; auch muß Einiges an Thür und Lambris in Oel aufgefriſcht wer⸗ den, erklärte Frau Wittich. So? Das freut mich, daß du mit deinem Mieth⸗ manne ſo zufrieden biſt, um es ihm noch hübſcher einzu⸗ richten, ſagte Lina. Aber du eilſt ja ſo; kommt Hermann ſo bald zurück? Das weiß er ſelber nicht, war die Antwort. Er läßt dich noch einmal herzlich grüßen. Wenn's fertig iſt, iſt's fertig, Lina, und der Oelgeruch kann eher vergehen. Auch die zurückgebliebenen Kleider müſſen einmal tüchtig ausgeklopft und an die Luft gebracht werden, ſchon we⸗ gen der Motten. Eins hab' ich vergeſſen: Sieh' doch einmal nach, ob noch Schnupftücher in den zurückgeblie⸗ benen Kleidern ſtecken und zur Waͤſche gehören. Lina öffnete den Wandſchrank. Es war von Kleidern wenig zurückgeblieben. Außer dem häuslichen Ueberrocke mit leeren Taſchen hing der Frack von geſtern Abend da, und wirklich war noch ein Schnupftuch in der linken Taſche und— in der rechten ein zuſammengedrücktes Papier. Auseinandergezupft und glattgeſtrichen ergab ſich ein Brief⸗ chen, franzöſiſch geſchrieben, hübſche runde Handſchrift, kleines Wappen in feinem Lack. Lina kämpfte einige Augenblicke mit ſich ſelbſt. Es war ja offenbar eine männliche Hand, war ſo verknittert eingeſteckt,— es konnte nichts Geheimes ſein. Am Ende ſiegte die Verſuchung,— ſie zog ſich ins Seitengemach und las mit Herzklopfen: „Ich eile, liebenswürdige Cecile, Sie zu benach⸗ — richtigen, daß der König zwar zur Stadt gekommen, aber verhindert iſt, Sie bei ſich zu haben. Er beklagt ſehr, eine ſo ſüße Stunde entbehren zu müſſen. Wiſſen Sie aber, was ich glaube? Daß der geliebten Ceeile dieſe Abbeſtellung vielleicht nicht ſo unangenehm iſt wie ihm ſelbſt, und daß ſie ſtatt ſeines Willkommen heut lieber dem hübſchen jungen Doctor ein Lebewohl ſagt.— Meine Zeilen ſollen Sie noch im Mädchengewande tref⸗ fen; wären Sie aber wirklich ſchon im Begriff zu kom⸗ men, das heißt— im Pagenanzuge: ſo würde ich mich gern, zur Strafe für meine Verſäumniß, dem Dienſt Ihrer Kammerjungfer unterziehen.— Noch Eines! Laſſen Sie den jungen Mann noch zu keiner Erklä⸗ rung kommen, ihn aber, wenn er dringend wird, doch auch nicht ohne Hoffnung abreiſen. Er hat dem Kö⸗ nig ſehr gefallen; Jeröme will aber— vielleicht aus einer kleinen Eiferſucht, Sie zu verlieren— Ihre Zu⸗ kunft und Stellung erſt mit Ihnen ſelbſt beſprechen. Ich komme morgen zu Ihnen. Bis dahin wird un⸗ ſer Leibarzt Zadig den guten Onkel Simeon überzeugt haben, daß Lucie Pyrmont brauchen muß: drei bis acht Becher täglich aus der Hauptquelle und Bäder aus der ſogenannten„heiligen Quelle“. Dieſe Bezeichnung wird unſere Andacht nicht ſtören. Es verſteht ſich dann, daß Sie zu Luciens Begleitung mitgehen. Pyrmont für den Onkel ſtatt Nenndorfs für uns gibt ein artiges Quidproquo! Adieu, Sie ₰ oh!! Dienſtag Abend 7.“ 10 Der unterſchriebene Name war auf franzöſiſche Weiſe undeutlich und umſchnörkelt geſchrieben. Die erſten grö⸗ ßern Buchſtaben ließen ſich auf Marin entziffern und die abnehmenden folgenden konnten ville heißen. Doch dachte Lina an dieſe Namensenträthſelung erſt, als das Herz⸗ klopfen nachließ, das bis an ihren ſchönen Hals herauf⸗ pulſirte. Sie hörte den Ruf der Mutter; aber keines Wortes mächtig, vernahm ſie blos zunickend den Auftrag derſelben, und eilte hinab in die freie Luft unter dem übergeſpannten Zelte des Balcons. Dort im Lehnſtuhle überließ ſie ſich dem ganzen Ungeſtüm ihrer Empfindun⸗ gen und Gedanken. Wie ſie die Mutter in der Nähe hörte, verbarg ſie das Briefchen unter ihrem Halstuche. Doch erſchrocken, als ob eine Schlange die reine, warme Bruſt berühre, zog ſie es raſch zurück und ſteckte es in ihre Taſche. Sie hatte die Ruhe nicht, zu bleiben, nicht Sammlung genug, mit der Mutter eine Unterhaltung zu führen, und eilte unter einem Vorwand nach Hauſe. Ihr Nachdenken fand keinen Haltpunkt, keinen Ab⸗ ſchluß. Wenn auch die Beziehung des Briefes keinen Zweifel ließ, ſo blieb es um ſo unbegreiflicher, wie ſolch! ein Billet in Hermann's Beſitz gekommen ſei. Ceeile mußte es um die Zeit ſeines Beſuches erhalten haben. Vernichtet hatte ſie das verrätheriſche, entſiegelte Velin nicht; aber hatte ſie es ſo offen liegen laſſen, daß es gefunden werden konnte? Und war Hermann auf ihr Zimmer gekommen, um es zu ſehen und— an ſich zu nehmen, zu entwenden? Auch das glich ſeinem ſchicklichen Benehmen nicht. Hatte es ihm Cecile mitgetheilt?— Nicht möglich!— Oder, wie? Spielt ſie vielleicht die 14 reumüthige Bekennerin, und Hermann verzeiht, Her⸗ mann hebt ſie vom ſündigen Boden auf, und ſie ihn da⸗ für zum König und zu hohen Ehren empor?— Nein, nein! rief ſie laut, auf den Zehen ſich erhebend, die Linke auf ihre Bruſt gedrückt, die Rechte, ſo hoch ſie konnte, wie zu einer heiligen Betheuerung, emporgeſtreckt,— nein, nimmermehr! Hermann's Bild ſchwebte ihr wie eine ſtrafende Er⸗ ſcheinung vor, und ein Scharlachroth brach aus ihren Wangen, daß ſie ſolchen Gedanken gefaßt habe. Das Billet war auch zerknittert geweſen: eine wü⸗ thende Hand ſchien es zuſammengeballt zu haben. Und doch war es behalten, und ſogar in der Rocktaſche ver⸗ geſſen worden. Sollte ſie eine höhere Fügung darin er⸗ kennen, daß ſie es auf ſo wunderſame Weiſe gefunden hatte? War es ihr zugeführt worden, um für den Freund zu handeln? Es würde ſchwer ſein, mit erzählenden Worten dem Wechſel, der Windsbraut von Gedanken zu folgen, die in Lina's Bruſt ſtürmten. Sie litt unausſprechlich unter dieſer wechſelnden Theilnahme an dem Freunde. Jede Minute ſeiner Reiſe führte ihn weiter hinweg von ihr für die einzige kurze Frage, wie es ſich mit dem Billet verhalte. Zuletzt blieb ein Strom von Thränen nicht aus, der aus der tiefſten Quelle des Herzens kam, ohne doch ihre Angſt, ohne ihr Räthſel zu löſen. Zwar hatte ſie den langen ſtillen Tag mit hundert kleinen Beſchäftigungen vor ſich, ehe Ludwig vom Bureau erſchien; dennoch war ſie ſo wenig zu einiger Faſſung 12² gekommen, daß er mit dem erſten Blick ihr verſtortes Weſen bemerkte. Nun? ſagte er etwas beunruhigt. Ich ſehe, du warſt dort, und— ich vermuthe nichts Erfreuliches, Lina? Und während ſie ihn lächelnd anſah, ſtumm, weil eine unausſprechliche Zufriedenheit über ſie kam, fuhr er fort: Ich will nicht hoffen, Lina, daß dir ſelbſt etwas Un⸗ angenehmes gemacht worden ſei? Du ſiehſt mich ſo eigens an. Nun? Ludwig's Erſcheinung wirkte ſo wohlthuend auf ſie, daß ſie ſich einige Augenblicke dieſer Empfindung über⸗ ließ. Er erſchien ihr wie eine hülfreiche Macht. Es ward ihr zu Muth, als hätte ſie ſich auf einmal ſelbſt wieder⸗ gefunden, oder in einer Wildniß unter reißenden Thieren käme ihr ein Erretter entgegen. Eine wunderbare Heiter⸗ keit breitete ſich über ihr bewegtes Angeſicht, als ſie ſich an ſeine Bruſt warf. Ich war nicht dort, ſagte ſie leiſe und geheimnißvoll; dennoch habe ich— wie du geſagt— das Beſte nicht an ihr gefunden, lieber Ludwig. Nicht wahr, ein Räth— ſel? Ja, ich bin in Räthſeln recht glücklich geweſen: nämlich bei der Mutter. Sieh', dort hat ſich im Rocke, den Hermann geſtern Abend anhatte, und worin er— notabene!— von Madame Simeon kam, dies Brieſchen gefunden. Sie reichte es ihm hin; ihre Blicke hingen an ſeinen Zügen, während er es las. Nun ja, da haben wir's! ſagte er endlich, und ließ 43 ſich im Seſſel nieder. Da haben wir das Geheimniß der Einſiedlerin, der Geſellſchaftsverſchmäherin! Er faßte Lina, die vor ihm ſtand, bei der Hand, und ſagte im Tone milder Theilnahme: Da iſt dir, liebe Lina, eine unerwartete Frucht vom Baume der Erkenntniß zugefallen. Und damit dir über den Baum ſelbſt kein Zweifel übrigbleibe, hat ſich hier unten an ſeiner Wurzel— Marinville geringelt. Aber, wie in aller Welt denkſt du dir nur, lieber Mann, daß ſolch' ein Blatt in Hermann's Taſche gekom⸗ men ſein könnte? Das iſt es eben, Lina! Freilich, wie? Der Baum wirft auch einen Schatten, einen tiefen Schatten. Ach, einen giftigen Schatten, Ludwig! rief ſie, von wiederkehrendem Leid ergriffen. O, was hab' ich dieſe Stunden gelitten! Gelitten haſt du, mein Herz? erwiderte er, auch ihre zweite Hand faſſend. Nun, Ludwig, befremdet dich das? Findeſt du's nicht begreiflich, wenn unſer Hermann—?. Sie verſtummte, unter Ludwig's mildem Lächeln er⸗ röthend, und Ludwig fuhr mit eindringlichem Blicke lei⸗ ſer fort: O ja, ich find' es begreiflich, Lina, es befremdet mich nicht: Du liebſt Hermann! Lina zuckte zuſammen, erblaßte einen Augenblick, dann in träumendem Nachdenken, mit dem Elnbogen auf ſeine Knie niederkauernd, ſagte ſie, die glänzenden Augen voll zu ihm emporgerichtet: Ja, Ludwig, vor dieſem ſchmachvollen Betrug, den 2*. 4—— 14 man ihm bereitet, fühle ich, daß ich ihn liebe. Aber ich bin ſeine Geliebte nicht, ſondern deine, Ludwig, und er iſt mein lieber Freund, und iſt der deinige, Ludwig! Und— Sie entzog ihm die eine Hand, drückte ſie feſt auf ihre Bruſt und fuhr fort: So wie ich ihn liebe, Ludwig, darf ich es, und du denkſt groß genug, daß ich es dir bekennen kann, und daß du mich verſtehſt. Nicht wahr? Ludwig?— Und dieſe Liebe, die mein allein iſt, von der Hermann ſelbſt nichts weiß, nichts ahnet, iſt ein Reichthum mehr meines Herzens, das dir gehört, und mit dieſer Liebe, die ich dir zubringe, nimmſt du mich oder behältſt du mich an deiner edeln Bruſt? Er zog ſie gerührt empor auf ſeine Knie. Sie um⸗ ſchlang ſeinen Hals und lehnte den Kopf an ſeine Schul⸗ ter. So ſaßen ſie, mit liebevollen Blicken in einander verſunken, eine ſtumme Weile, und empfanden das innigſte Glück reinſten Verſtändniſſes und des ungetrübten Ver⸗ trauens zu einander. Auf den Brief kam heut keine Rede mehr. Beide fühlten, daß er zu jenem Einklang ihrer Seelen nur einen Miston geben könnte, und daß dieſem ruhenden Räthſel ſeine Löſung ſchon kommen werde. ₰ Zweites Capitel. Ein Beſuch und ein Ausflug. Dieſer Einklang der Herzen, dieſe geſteigerte Empfin⸗ dung konnte ſich nicht lange auf ihrer reinen Höhe er⸗ halten, ohne— wie alle Stimmungen der Seele— zu Betrachtungen zu führen. Lina ward ſich bald bewußt, daß ſie nun ihrem Lud⸗ wig das zarte Wohlwollen, das ſie für Hermann em⸗ pfand, ehrlich eingeſtanden habe. Durch die liebevolle Aufnahme ihres Bekenntniſſes fühlte ſie ſich gegen ihre frühern Zweifel gewiſſermaßen gerechtfertigt und in ihrer Zuneigung befeſtigt. Sie durfte ihren Schleiermacher'ſchen Freund haben und behalten. Ja, daß ſie mit ihrem Herzen und für ihr Herz gegen ihren Ludwig Recht be⸗ halten, gab ihr unvermerkt einen gewiſſen weiblichen Stolz. Hermann war ihr noch theuerer geworden, und ſie überlegte, was ſie— das Räthſel des bedenklichen Briefes beiſeite geſetzt— für den Freund zu thun habe. Sie entſchloß ſich nach einigen Tagen der Ueberlegung, Cerile doch zu beſuchen. Ob eine weibliche Neubegierde dabei war, ſteht dahin; aber ſie hoffte, an Ort und Stelle, wo der Brief aufgenommen worden, vielleicht auch Einiges zu ſeinem nähern Verſtändniß zu ent⸗ decken. 16 Sorgfältig, aber nach ihrem Geſchmack einfach ge⸗ kleidet, ging ſie zur Mittagszeit nach dem Juſtizpalaſt und ließ ſich bei Mademoiſelle Cerile melden. Der Bediente kündigte ſie aber ſeiner Anweiſung gemäß ſtillſchweigend bei der Miniſterin an. Madame Simeon ward etwas betroffen. Sie wußte wol durch Cecile von der Abſicht der ſchönen Frau, zu Beſuch zu kommen, und erklärte ſich dieſen Gang aus dem Verhältniß, das ſte, nach ihrem Geſchmack, zwiſchen Lina und dem Doctor vorausſetzte. Dies war es aber nicht, was ſie ſo befangen machte. Allein Cecile hatte ihren Brief vermißt, und konnte nach allem Nachſuchen und Nachſinnen nicht über den Gedanken hinauskommen, Hermann müſſe ihn entwendet haben. Sie und die ver⸗ traute Tante ſchwebten in der ängſtlichen Unruhe, und in dieſer Ungewißheit ſollte ſie den Beſuch empfangen. Sie bedachte nicht, daß eine Frau wie Lina unmöglich gekom⸗ men ſein konnte, jenes Billet auszufechten. Aber ſie war gewandt genug, der ſchönen Frau mit einer Art entgegenzutreten, die dieſe noch immer für höflich nehmen durfte, mit der ſie ſich aber nichts vergeben hatte, falls ſie ſich etwa hinter ihre Würde zurückziehen müßte. Sie wollen zu meiner Nichte, Madame, ſagte ſie, aber Cecile iſt ſeit geſtern abgereiſt, und— Nach Frankreich, Madame? fiel Lina ſo raſch und mit ſo unverkennbarer Zufriedenheit ein, daß Frau von Si⸗ meon, die eine vergnügte Eiferſucht darin erblickte, nicht ohne ſchalkhaftes Lächeln erwiderte: Das nicht. Es wäre mir auch leid, das liebe Mäd⸗ chen zu verlieren. Nein, nur nach Pyrmont. Meine 17 Tochter iſt ſeit dem Frühjahr leidend; Doctor Zadig hat ihr das Eiſenwaſſer von Pyrmont verordnet. Ich konnte ſie nicht begleiten, und ſo hat es Cecile gethan. Sie wird bedauern, um Ihren Beſuch zu kommen, Madame. Ich habe mir erlaubt, dieſe Seltenheit mir zuzuwenden, obgleich Ihre Artigkeit mir nicht zugedacht war. Lina erwiderte mit einigen höflichen Worten, entſchul⸗ digte ihre bisherige Zurückhaltung auf die freundlichen Einladungen der Frau Miniſterin, und bedauerte die Ab⸗ weſenheit der Mademoiſelle Cecile, von der ihr Doctor Teutleben ſoviel Liebenswürdiges erzählt habe. Wirklich? Hat er das? fragte Madame Simeon mit ſchlauen Blicken. Wir waren den letzten Abend ein wenig ungehalten über ihn. Iſt er nicht etwas verſtimmt zu Ihnen gekommen, etwas— nun wie ſoll ich ſagen—? Nicht? Gar nicht, Madame! antwortete Lina. Wir hatten ihm zum Abſchied einige Freunde eingeladen und wurden den Abend noch recht luſtig. So? In der That? Ich dachte, weil er ſo plöͤtzlich, ſo— gewiſſermaßen heimlich fortgeeilt war, gegen meine Verabredung. Ich hatte ihn noch gebeten, mit Cecile in den Salon zu kommen, und verſprach mir für meine kleine langweilige Geſellſchaft einen artigen Spaß. Cecile hatte ihn nämlich auf ihr Zimmer rufen laſſen; ſie war in ei⸗ nem Pagenanzug, und wollte, glaub' ich, eine kleine Rolle mit ihm verabreden. O Sie glauben nicht, Madame, welche artigen Talente meine Nichte beſitzt, und wie char⸗ mant ſie in verfchiedenen Rollen einen vertrauten Kreis rühren und manchmal auch äffen kann. Hat Ihnen der Koenig, Jeröme's Carneval. III. 2 18 Doctor nicht geſagt, warum er uns ſo plöͤtzlich fortgelau⸗ fen iſt, was ihn etwa—?2 Kein Wort, Madame! Er kam heiter, wie geſagt, aber ſchon etwas ſpät; die übrigen Gäſte waren ſchon alle da, und das allgemeine Geſpräch zog ihn gleich mit ſich fort. Er konnte mir nur ganz flüchtig bemerken, daß er mich bei Mademoiſelle Cecile angekündigt habe. Den nächſten Morgen iſt er abgereiſt. Lina brachte dies ziemlich zerſtreut vor. Die behut⸗ ſame, taſtende Weiſe der Miniſterin und der erwähnte Pagenanzug, deſſen auch in dem Briefe gedacht war, be⸗ ſchäftigten ihre Ueberlegung. Madame Simeon bemerkte es jedoch nicht. Auch ſie hatte noch eine hintere Reihe von Gedanken, mit denen ſie ſich wegen des verſchwunde⸗ nen Briefes beruhigte. Und da ſie Marinville erwartete, ſo machte ſie auch, als Lina ſich zum Fortgehen erhob, keine Umſtände, ſie länger aufzuhalten. Wirklich war der Erwartete ſo nahe, daß ihm Frau Lina auf der Treppe begegnete. Er blieb mit ehrerbieti⸗ ger Begrüßung ſtehen, und redete ſie an, indem er es beklagte, um einige Augenblicke zu ſpät zu kommen.— Bei Madame Simeon hätte ich Sie feſtgehalten, ſagte er. Und wiſſen Sie, daß ich das Zaubermittel dafür beſitze? Ich hätte Ihnen erzählt, wie ſehr Se. Majeſtät der Kö⸗ nig Herrn Ludwig Heiſter ſchätzt,— ſeine Kenntniß der Verhältniſſe, ſeine Gewandtheit in Geſchäften, ſeinen kla⸗ ren Vortrag, ſein feines Urtheil. Ich ſehe der erſten Ge⸗ legenheit entgegen, wo wir Ihren Herrn Gemahl beför⸗ dern können. Nicht wahr, davon hätte ich mit Ihnen —— 19 u⸗ plaudern dürfen? Und zu meiner Unterhaltung mit der Miniſterin hätten Sie uns nach Ihrem Adieu den intereſ⸗ ü, ſanteſten Gegenſtand hinterlaſſen— an der Bewunderung, on die wir bereits aus der Ferne für ſoviel Schönheit und nit Liebenswürdigkeit gefaßt haben. aß Lina war an dieſen Ton einer mehr oder weniger en feinen Schmeichelei nicht gewöhnt, und in entſprechender/ Weiſe zu erwidern nicht geübt. Dies noch weniger vor t⸗ einem Manne, gegen den ſie voraus eingenommen war, te und der nun durch ſeine angenehme Perſönlichkeit ſie mit e⸗ ihrer vorgefaßten Meinung in Verlegenheit ſetzte. Da⸗ te gegen war ihr von Natur eine graziöſe Art verliehen, mit— 3 he ablehnender Geberde ungläubig zu lächeln. Und ſo entzog e⸗ ſie ſich auch jetzt mit der freundlichen Bemerkung, er werde e, von der Frau Miniſterin bereits erwartet. b, Unterwegs hing ſie der Betrachtung nach, wieviel 3 mächtiger doch, als der Ruf eines Menſchen, die leben⸗ dige Gegenwart ſeiner Perſönlichkeit wirke. Sie hielt u auch mit dieſer Bemerkung gegen Ludwig nicht zurück, 8 ——— i⸗ als ſie ihm ihren Beſuch und die Begegnung auf der 8 Treppe erzählte.— Ich kann mir denken, ſagte ſie, daß 15 der auffallende Abſtich der liebenswürdigen Erſcheinung r. eines Mannes mit der übeln Nachrede, worin er ſteht, 2 8 5 ihm ſogar noch zum Vortheil ausſchlagen kann. ⸗ O ja, meinte Ludwig: wie eine dunkle Unterlage r den Glanz eines durchſichtigen Gegenſtandes erhöht. 5 Auch noch anders, fuhr ſie fort; denn ſolche Menſchen 4 5 von zweideutigem Ruf ſind eben wenig durchſichtig. Nein, 5 ich glaube, daß gerale die edelſte Regung des menſchlichen n HKerrzens ſolchem Contraſt zugut kommt, indem bei perſön⸗ „ 0* . 2. 20 licher Liebenswürdigkeit unſer gutes Herz einen lebhaften Zweifel gegen das üble Vorurtheil der oft neidiſchen Welt faßt, und ſeinen bisherigen Glauben daran durch innige⸗ res Vertrauen auszugleichen ſich gedrungen fühlt. Vortrefflich, Linchen! rief Ludwig lachend aus. Ich ſehe wol, du haſt über Marinville tief nachgedacht. Wo haſt du denn ſeinen Brief an Cecile? Beiße mir ja nicht zu tief in die Frucht vom Baum der Erkenntniß, Evas⸗ töchterchen! Denn ich gehe noch weiter in der Erklärung des Glücks, das ſolche— Roues bei euerm Geſchlecht machen. Das weibliche Herz ſcheint nämlich über das bloße gute Vertrauen hinaus zu einem Verſuch ge⸗ drungen, ob denn in der That hinter ſoviel Liebenswür⸗ digkeit des Mannes auch— etwas Liederlichkeit ſtecken könnte. Da biſt du wieder einmal auf deinem weſtfäliſchen Capitel, ſagte Lina halb empfindlich, halb ſcherzend, und kam auf den erwähnten Brief zurück. Sie hatte ihn bis⸗ her an ſich behalten. Eine zarte Empfindung für Her⸗ mann trieb ſie an, das Papier um ſo ſorgfältiger zu verwahren, als er ſelbſt es ſo unachtſam preisgegeben hatte. Sie glaubte durch ihren Beſuch der Löſung des Räthſels etwas näher gekommen zu ſein. Nach der Aeuße⸗ rung der Dame Simeon hatte Hermann dieſe Cecile in dem Pagenanzuge getroffen, deſſen im Briefe gedacht war. Vermuthlich macht ſie ihre Beſuche beim König in ſolchem Anzug, meinte Ludwig. Soviel läßt ſich nicht blos aus dem Briefe vermuthen, ſondern es entſpricht auch ganz dem luſtigen Geſchmack und den leichtfertigen Intriguen unſers Hofes. Man erzählt ja auch von der — 21 ‿ reizenden Hofdame, Gräfin Löwen⸗Weinſtein, daß ſie den König in Mannskleidern beſuche. Wir haben hier immer Carnevalslaune. Hier ſind von allen Enden Deutſchlands, ich moͤchte ſagen Europas, Proben der feinen Bildung unſerer Zeit ausgeſtellt,— Frauen, die ihren Gang durchs Leben machen, ohne ernſtere und tiefere Beziehungen auf Grundſätze der Sittlichkeit oder auf Zwecke höherer Ein⸗ ſicht, die dagegen für alles Schöne, Gefällige, Anmuthige Neigung und Befähigung haben. Leicht, gewandt, zu Schelmerei und Neckerei aufgelegt, zu Rollenſpiel, Ver⸗ kleidungen, Vexationen immer geſchickt, finden ſie hierin ihre Aufgabe, womit ſie ohne Bewußtſein von einem Ge⸗ ſammtzweck menſchlichen Daſeins von Tag zu Tag luſtig hinleben. Ganz recht, Ludwig! rief Lina. Das ſtimmt zu Dem, was die Simeon an Cecile rühmte und was unſern Her⸗ mann wahrſcheinlich ſo für ſie eingenommen hat. An die⸗ ſem Pagenanzuge mag er aber doch irre geworden ſein, beſonders als das Briefchen dazu kam, und ich errathe, wie's damit gegangen ſein mag. Es iſt Dienſtag 7 Uhr Abends ausgeſtellt, und kann mithin gerade, wie er dort war, bei Ceeile abgegeben worden ſein. Vielleicht welchen Eindruck es auf ſie machte, der Hermann's Mistrauen er⸗ regte, ſodaß er es heimlich entwendete. Mitgetheilt kann ſie ihm ſolche Schmach nicht haben; ſo ſentimental iſt wol keine Franzöſin, ſelbſt wenn ſie ſchon geſtimmt wäre, reu⸗ müthig in ihr Magdalenenhaar zu weinen. Soweit ſcheint's aber bei Cecile noch nicht gekommen zu ſein, da ſie ja noch im Pagenanzug abbeſtellt wurde. Und nun wird mir auch klar, warum Madame Simeon ſo bezüglich fragte, ob Hermann nicht etwas verſtimmt zu uns gekommen ſei; Cecile hat wahrſcheinlich ihren Brief vermißt und iſt hin⸗ ter Hermann's heimlichem Wegeilen, wie es Frau Simeon nannte, auf dieſelbe Vermuthung gekommen, auf der ich jetzt ſelber bin. Bei Gott, nicht anders, Lina! fiel Ludwig ein. Her⸗ mann hat das Billet raſch eingeſteckt, konnte es natürlich auf der nächtlichen Straße nicht leſen, vergaß es während unſerer Fröhlichkeit, und da er ſpät und etwas beduſelt nach Hauſe kam, ließ er es im Rock ſtecken. Richtig, lieber Mann, ſo kam es aus der Taſche— vom raſchen Einſtecken zuſammengedrückt! Ja, Lina! Aus Wuth nach dem Leſen hätte er es ſchwerlich zuſammengeballt und wieder eingeſteckt; er hätte es vernichtet, oder zu einem ſpätern Zweck mit Ueber⸗ legung aufbewahrt. So wären wir denn auf einmal klar! Wie bin ich nun doch froh, Ludwig, daß ich mich zu dem Beſuch überwunden habe! Aber nie ſoll Hermann das fatale Billet zu ſehen bekommen. Ich will ihm— nicht wahr, Ludwig, wir wollen ihm die Beſchämung, die Kränkung erſparen, ſein Herz einem ſo unwürdigen Ge⸗ genſtande hingegeben, ſich ſo getäuſcht zu haben? Nun, Lina, ſo weit war es vielleicht noch nicht! lächelte Ludwig. Wenn es aber war und dies Volk hatte, wie der Brief vermuthen läßt, Abſichten auf den Getäuſchten: wie können wir ihn ſicherer enttäuſchen, als durch den Brief, der nirgends einen Zweifel übrig läßt? Denn wenn er den Brief nicht kennt, bleibt zu fürchten, daß er dort wieder anknüpft. Ueberdies, Lina, wenn er ihn wirklich entwendet hat, und wir ſollen es ihm nicht für 23 ein Unrecht, für eine Unſchicklichkeit anrechnen, ſo müſſen wir es für eine höhere Fügung oder Eingebung gelten laſſen, aber auch dazu gebrauchen,— das heißt, ihn zu warnen. Dieſe letzte Erinnerung Ludwig's, eben weil ſie für ein etwas ſchwärmeriſches Gemüth ſo ſchlagend erſchien, knüpfte aus den halb entwirrten Fäden des Briefräthſels eine neue Schlinge für Lina's Herz. Es blieb für ſie ein ſtiller Harm, ebenſo tief als zart empfunden, daß ſie mit dem Briefe dem geliebten Freund eine ſo beſchämende Täuſchung aufdecken ſollte. Eher hätte ſie ſich entſchlie⸗ ßen koͤnnen, das Papier an Ceeile zurückzugeben und ſie damit aus Caſſel zu vertreiben, oder auf dieſem Wege dem lieben Freund zu ſeiner Rettung das edlere Leid zu bereiten, daß er von einem vermeintlich ſo liebenswürdi⸗ gen Geſchöpfe verſchmäht werde. 4 So gingen die nächſten Tage ſtill vorüber. Von Her⸗ mann war ein Bericht an ſeinen Miniſter eingelaufen und hatte einen Beiſchluß für Lina mitgebracht. Sie freute ſich an der heitern, witzigen Reiſebeſchreibung, die der Brief enthielt, noch inniger aber an dem ſanften, gerühr⸗ ten Andenken, das ſich hindurchzog. Inzwiſchen war auch der König mit vertrauter Hof⸗ umgebung ſeit einer Woche im Bade Nenndorf. Er war Tags nach jenem Beſuche Lina's bei Madame Simeon dahin abgereiſt, und Marinville hatte eben damals Ab⸗ ſchiedsbeſuch gemacht. So oft Lina der freundlichen Mit⸗ theilungen gedachte, die ihr der Cabinetsſecretär von der günſtigen Meinung des Königs für Ludwig und von deſ⸗ 7 3† 1 1 24 ſen guten Ausſichten im Dienſte gemacht hatte, fühlte ſie ſich geſtimmt, dem ihr ſo arg beſchuldigten Manne Vieles zu vergeben. Sie hätte ſich— wie man zu ſagen pflegt— nicht im Traum einfallen laſſen, daß mit ſolcher unbefan⸗ genen Artigkeit ein Netz für ſie angeknüpft, eine Ver⸗ ſuchung für ſie angelegt werden koͤnnte. Sie war daher aufs angenehmſte überraſcht, als Ludwig eines Mittags zu ganz ungewöhnlicher Stunde, heiter aufgeregt, nach Hauſe kam und ihr vergnügt zurief: Willſt du mit, Lina? Ich fahre nach Nenndorf. Du? Nach Nenndorf? fragte ſie. Ja, zu einem mündlichen Vortrag beim König, ant⸗ wortete er. Wahrhaftig, Ludwig? erwiderte ſie mit ſtolzer Zu⸗ friedenheit. Siehſt du, lieber Mann, daß es doch da⸗ mals nicht blos artig und ſchmeichelnd von Marinville gemeint war, wie du glaubteſt! Nein, Lina, es war wenigſtens damals ernſt und ehr⸗ lich gemeint. Er iſt kurz darauf zu meinem Miniſter ge⸗ kommen, ihm zu ſagen, daß er in ſehr preſſanten Ange⸗ legenheiten mich gehörig inſtruirt nach Nenndorf abordnen möchte, um dem Könige mündliche Erläuterung zu geben, falls ihm die ſchriftlichen Berichte noch Bedenken übrig ließen. Bei der Entfernung des Bades iſt nämlich das Hin⸗ und Herſchreiben etwas umſtändlich. Simeon hat mir das in ſeinem ehrlichen Vertrauen mitgetheilt, als eben jetzt ein ſolcher Anlaß eingetreten iſt. Außer einigen dringenden Geſchäftsfragen liegt die Rede des Staatsraths Müller vor, womit der Reichstag in des Königs Ab⸗ weſenheit geſchloſſen werden ſoll. Ueberdies hat der Mi⸗ —— —ꝑæ— — 2⁵ niſter ein Anliegen ſeines humanen und loyalen Herzens beigefügt. Der Reichstagsabgeordnete Häberlin liegt näm⸗ lich auf dem Tode— ein ausgezeichneter Mann von gro⸗ ßem Ruf, Profeſſor der Rechte in Helmſtädt, berühmt durch ſeine Schriften, durch öffentliche Geſchäfte und durch ſeine Thätigkeit bei der Reichsdeputation zu Raſtadt. Simeon, ſtets darauf bedacht, ſeinen leichtfinnigen König vor der Welt in ein günſtiges Licht zu ſtellen, trägt jetzt im vor⸗ aus darauf an, einen um die deutſche Wiſſenſchaft ſo ver⸗ dienten Mann dadurch zu ehren, daß im Falle ſeines Todes der Witwe deſſelben, ohne ihr Anſuchen, ſofort eine Penſion von 1800 Franes bewilligt und eine Staats⸗ unterſtützung für das Fortkommen ihrer Kinder zugeſagt werde. Der wackere Häberlin iſt erſt 52 Jahre alt. Mußt du denn heut noch fort? fragte Lina. Ja, in ein paar Stunden, denk' ich, und komme des⸗ wegen her, damit du dich darnach einrichteſt; denn ich hoffe, du entſchließeſt dich mitzugehen. Nenndorf, das ganze ſchöne Weſerthal, iſt dir neu, und auf dem Rück⸗ wege nehmen wir Pyrmont mit. Für Lina war dies Anerbieten zuerſt überraſchend. Wenn Ludwig ihr auch nicht leicht ein Vergnügen ver⸗ ſagte und nicht ſelten geſtimmt war, ihr einen oder den andern Wunſch aus eigenem Antrieb nahe zu legen, ſo nahm doch ſeine Artigkeit nicht leicht eine Richtung, die in die Nähe des Hofes oder zur Verbindung mit der höhern Geſellſchaft führte. Denn Ludwig war nicht ohne Eiferſucht— man noöchte ſagen: des Verſtandes. Wenn es auch ſein Herz nicht beunruhigte, daß Lina ein 26 —Qqnaqq— zärtliches Wohlwollen für einen ihm ſelbſt lieben Freund von zuverläſſiger Geſinnung empfand und bekannte, ſo würde doch jede Bewerbung eines lüſternen Mannes um ihre Gunſt, jede Annäherung roher oder raffinirter Leichtfertig⸗ keit als Misachtung ihrer Frauenwürde und als perſön⸗ liche Beleidigung ihn heftig erregt, und unter Umſtänden zum Aeußerſten geführt haben. Doch an alles Dies dachte er auch jetzt nicht. Es war ja auf keinen Badeaufenthalt, auf keinen Verkehr mit der Geſellſchaft abgeſehen. Ueber⸗ dies kam Mehres zuſammen, was ihn heiter und liebens⸗ würdig ſtimmte. Er fühlte ſich in Folge der ärztlichen Behandlung wohler, und durch den ehrenvollen Auftrag in ſeinem Ehrgeiz befriedigt. Ueberdies hatte die vertrau⸗ liche Scene des Einverſtändniſſes mit Lina die gute Nach⸗ wirkung, daß er ſich zu liebevoller und artiger Bethäti⸗ gung gegen ſie lebhafter gedrungen fühlte. Lina erkannte dieſe Stimmung mit inniger Rührung. Sie nahm Ludwig's Vorſchlag mit Freude, ja mit einem kindlichen Jubel auf. Daß der Gedanke an Pyrmont und an Ceeile, die ſie dort zu finden glaubte, auch in Betracht kam, läßt ſich denken; doch war ihr Entſchluß auch ohne dies gefaßt. 1 Gut denn! rief Ludwig aus. So mache dich gleich daran, Wäͤſche und Kleider zuſammenzutragen, und zu packen, was wir auf ein paar Tage brauchen. Ich mache mich im Miniſterium fertig und beſtelle den Wagen. Es wird ein guter Hofwagen mit Extrapoſt gegeben. Wir eſſen dann ſo früh du's anrichten kannſt, und fahren noch bis Karlshafen, wo wir übernachten. Der ſchöne Som⸗ merabend, der friſche Morgen, dort im reizenden Winkel —————— 27 zwiſchen der Weſer und der Diemel, ſollen uns recht wohl thun und erquicken. Die ſchroffen Berge werden dir ge⸗ fallen, die theils grün, theils felſennackt den anmuthigen Ort einfaſſen. Dann der prächtige Strom, und wenn wir über die ſchöne Brücke auf die bremer Straße gelan⸗ gen, von hoch herab das weite, herrliche Thal— o du wirſt dich recht freuen, Lina! Wir wollen dieſer paar Sommertage recht froh werden. Und wenn Hermann zurückkommt und mit dem Rheinſtrome prahlt, kannſt du doch auch mit einem reſpectabeln deutſchen Fluß— mit der Weſer großthun! Drittes Capitel. Geld⸗ und Badegeſchäfte. Der im Miniſterium eingelaufene Bericht Hermann's war von Herrn von Bülow mit Wohlgefallen aufgenom⸗ men worden. Dieſe Zufriedenheit galt jedoch nur der Arbeit des Berichtserſtatters; denn der Inhalt ent⸗ ſprach keineswegs den Wünſchen des Miniſters, wenn er auch deſſen Erwartungen nicht täuſchte. Hat mir's nicht gleich geſchwant, lieber Provencal, ſagte er, daß aus dem Geſchäft nichts werden würde? Es war mir deshalb ganz erwünſcht, ja ich hab' es ſo eingeleitet, daß die Unterhandlung um die Anleihe durch eine ſtändiſche Deputation geſchehen mußte. Die Bereit⸗ 28 willigkeit der Holländer, dem jungen Staate Geld zu lei⸗ hen, ward uns übertrieben geſchildert. Im Gegentheil zeigen ſie gar keine Neigung, etwas zu wagen. Ah, ich verſtehe Ew. Exeellenz! erwiderte der Ge⸗ neralſecretär. Indem das Geſchäft von den Ständen, von den Abgeordneten des Landes, geführt wird, ſo trifft das Mistrauen der Börſenwelt das neue Reich geradezu; wäre es vom Miniſterium betrieben worden, ſo könnten Ihre Gegner ausſchreien, der Herr von Bülow, gerade dieſer Finanzmann, habe für ſein Portefeuille keinen Credit. Sie haben die Sache richtig gefaßt, lieber Provencal, entgegnete Bülow, durch die Erinnerung an ſeine Gegner etwas beunruhigt. Aber ich werde nun meinen perſön⸗ lichen Credit ausſpielen, ich werde, was man auch im Spiele ſo nennt— fodern. Sehen Sie, hier hab' ich ſchon einige Ideen und eine Ausſaat von Ziffern zu Pa⸗ pier gebracht. Wenn dieſe Samenkörner in den Taſchen unſerer Wohlhabenden richtig aufgehen, ſo machen wir eine erkleckliche Ernte. Es gilt, eine Anleihe im Reiche ſelbſt zu verſuchen. Eines von beiden: Credit im Aus⸗ lande oder Vertrauen im Innern, verlange ich von einem Staate, der ſich lebend behaupten will. Hat unſer aus Länderportionen zuſammengeſchoſſenes Reich keinen Credit in der Handelswelt, ſo muß es ſich aus eigenen Kräften helfen. Und ein Picknick fällt ja manchmal reichlicher aus, als das Mahl aus nur einer Küche hergerichtet. Ich projectire eine Anleihe im Reiche ſelbſt, in den Provin⸗ zen, deren Schulden ja auch zuſammengeworfen ſind. Das Unternehmen muß nur richtig berechnet und ohne Druck angeordnet werden. Bis die rückkehrenden Deputirten 29 Caſſel erreichen, muß mein Plan fertig ſein, und anſtatt dann niedergeſchlagen zu erſcheinen, wird Hanns Victor von Bülow einen kühnen Schlag ausführen. Alſo eine freiwillige Anleihe im Köͤnigreiche ſelbſt, Excellenz? Hoffentlich ſoll ſich der ganze Bedarf der zwanzig Millionen durch freiwillige Betheiligung decken. Wir machen hunderttauſend Obligationen, jede zu 200 Francs, auf den Namen des Darleihers ausgeſtellt, doch ſo, daß dieſelbe durch einfaches Indoſſement, wie ein Wechſel, auf einen andern Inhaber übergehen kann. Wir zahlen halb⸗ jährige Zinſen, und zwar den Abnehmern im erſten hal⸗ ben Jahre ſechs Procent, im zweiten fünf und im dritten vier Procent. Ahl! ein guter Sporn zur Beſchleunigung des Abſatzes der Obligationen! Ich denke, lieber Provengal. Und da die ganze An— leihe auf die Einkünfte des Reichs hypotheeirt iſt, in be⸗ ſtimmten Terminen zurückgezahlt wird, und die Coupons bei Zahlung der Perſonalſteuer für baar angenommen werden, ſo wird— denk' ich— die Anleihe ziehen. Was aber dennoch nach Ablauf der drei Termine an Obligationen nicht abgeſetzt iſt, wird zwangsweiſe un⸗ tergebracht, das heißt: Jeder, der an Geld oder Gut über 3000 Francs Vermögen beſitzt, wird gezwungen, ſich nach Maßgabe beſtimmter Vermögenselaſſen bei der Anleihe zu betheiligen, erhält dann aber nur drei⸗ procentige Zinſen und verliert andere Vortheile, die dem freiwilligen Darleiher zugut kommen.—— Sehen Sie, Provencal, das ſind ſo die Hauptumriſſe 30 meines Projects, das im Einzelnen noch auszuarbeiten bleibt. Ich denke, Excellenz köͤnnen hinter dieſem Project die Holländer auslachen. Und dieſe Krämer haben ſich alſo zu gar nichts verſtehen wollen. Doch! Zu einer lumpigen Darleihe von zwei Millio⸗ nen, antwortete der Miniſter; aber in einer Weiſe, die man eine Wechſelreiterei zu nennen pflegt. Hören Sie, Provencal,— im Vertrauen! Ich will dieſe Zufälligkeit dem Schatzmeiſter des Königs anbieten. Sie wiſſen ja, daß Jeröme juſt zwei Millionen zu ſeinem Regierungs⸗ antritt geliehen hat, um ſich in Frankreich als Prinz zu löſen und in Weſtfalen als König zu realiſtren. Jetzt, anſtatt die Schuld aus ſeiner Ciyilliſte abzutragen, wie es recht und ehrenhaft wäre, überweiſt er ſie der Staats⸗ kaſſe und bringt mich in Colliſion mit dem General⸗ director des öffentlichen Schatzes. Sie ſehen, daß man eben nicht aus Bourbon'ſchen Blute zu ſein braucht, um létat c'est moi zu ſagen. Der ſogenannte Chevalier Duchambon mag als Kronſchatzmeiſter das Geſchäft mit den Holländern machen; er mag ſich eben durch einen Wechſelritt als— Chevalier bewähren, und wenn bei dieſem Reiten ein Wolf herauskäme, mag er ihn für einen Antipoden ſeiner rothen Weinnaſe anſehen! Dieſe neue Angelegenheit nahm den Miniſter ſo ſehr ein, daß er die weitere Inſtruction für Hermann auf deſſen Anfragen dem Generalſecretär übertrug, und dem jungen Freunde dabei einen Wink geben ließ, daß der franzöſiſche Geſandte nicht auf ſeinem rheiniſchen Gute zu 341 finden, ſondern in Caſſel geblieben ſei.— Der Kaiſer kommt nämlich im Laufe des September nach Erfurt zu einem großen Convent mit dem Kaiſer Alexander, ſagte Herr von Bülow. Dies hält den Baron von Reinhard ab, nach Falkenluſt zu gehen, wo er gern in den ſchönen Herbſt hinein geblieben wäre. Er geht morgen blos auf zwei Tage nach Vacha zu einem Rendezvous mit Goethe, der aus Weimar dahin kommt. Indeß hatte auch vor dieſem Winke Hermann die Rheinreiſe ſchon aufgegeben, und kündigte ſeine baldige Rückkehr dem Freundespaare in einem zweiten Briefe an, den Lina Tags nach ihrer Abreiſe von der Mutter nach⸗ geſchickt erhielt. In Nenndorf waren die Reiſenden von Karlshafen aus, wo ſie übernachtet, gegen Abend angekommen und im großen Logirhauſe eingekehrt. Schon von Rodenberg aus, die ſchattige Allee entlang, die durch Klein⸗Nenndorf nach dem Badeort führt, gab es viel Bewegung. Die Anweſenheit des Königs hatte zu dem anſehnlichen Ge⸗ folge deſſelben viel Beſuch aus der Nachbarſchaft, von Hannover, von Bückeburg und Minden herbeigezogen, die Familien aus Caſſel nicht gerechnet, die um des Hofes willen ab- und zugingen. Die Fröhlichkeit des Badelebens verkündigte ſich den Ankommenden durch eine Abendmuſik, die vor dem Schloſſe ſpielte, in deſſen Säulenhalle ſich eine ausgeſuchte Geſellſchaft niedergelaſſen hatte. Das Logirhaus war ſehr beſetzt; doch fand Ludwig ein eben freigewordenes, geräumiges und angenehmes Zim⸗ mer mit Cabinet, zwei Treppen hoch. Während er nach 1 — 32 dem Schloß eilte, ſeine Briefe abzugeben und ſich beim dienſtthuenden Kammerherrn für die Befehle des Königs anzumelden, ordnete Lina ihren Anzug, weil Ludwig noch einen Gang in die Anlagen vorhatte. Sie fanden die ſchönen Gebäude des Orts, die vom Kurfürſten herrührten, von geſchmackvollen Anlagen um⸗ geben. Es fehlte an freien Ruheſitzen und an ſchattigen, ſchützenden Tempelchen nicht; ebenſo wenig als an Da⸗ men und Herren, die ſich ihrer bedienten. Unter ſoviel fremden Geſichtern, die ihnen hier be⸗ gegneten, erblickten ſie unvermuthet eine bekannte Dame, auf einer ſtillen Bank mit einem Buche ſitzend. Es war die Baronin von Schele, die Lina zuletzt am Verlobungs⸗ abende bei Engelhard geſehen hatte, jene declamirende Freundin der poetiſchen Mutter Philippine. Sie ſchloß ſich mit beeiferter Artigkeit den Freunden an, die noch vor Sonnenuntergang den Blick von der anmuthigen Höhe des Galenberges aufſuchten. Lina fragte, ob ſie das Bad brauche. Nein, meine Liebe, ſagte ſie, ich will Verwandte in Hannover beſuchen, und gehe über hier, um alte Erinne⸗ rungen zu feiern. Ich bin ſchon früher zuweilen, von Hannover aus, hier geweſen, habe hier auch meinen Mann kennen gelernt, ach! und wir haben hier die Primeln der Liebe gepflückt! Das iſt lieb von Ihnen, gnädige Frau! rief Lina. Sie erneuern dies frohe Begegniß jetzt, da Ihr Gemahl eben in der Ferne iſt. Nicht wahr, die Königin—? Hat mir ihn als ihren Kammerherrn mit ſich in den Schwarzwald entführt. Ich träumte eben von ritterlichen ———————ãöSEöEöſſ —— 7 k—— —— —-— ———„— 33 oder chriſtlichen Abenteuern, die er dort zu beſtehen habe; denn ich kann mir den Schwarzwald nicht ohne Geiſter⸗ ſpuk denken, und habe mir eben zum Troſt das ſchöne Lied von Georg Jacobi„An die Liebe“ vorgeſagt, das mit dem herrlichen Verſe ſchließt: O du, dein Athem iſt's allein, Der allen Staub lebendig weht; Du gabſt den Sternen ihren Schein, Und bleibſt, wenn Erd' und Meer vergeht. Zu dir hinauf erhebe mich, Zu deiner unſichtbaren Welt! Da lebt und liebt's, und ewiglich Wird bleiben, was an dir ſich hält. Sie hatten die Höhe erreicht und entzückten ſich an dem unvergleichlichen Ausblick. Die tiefe Sonne ſtreifte über das weite Land und blitzte da und dort von den Kirchenfenſtern der zahlreichen Ortſchaften zurück, die auf der ausgedehnten Ebene ſich zerſtreuen. Auf dem Rückwege, da es inzwiſchen ſtill im Parke geworden war, ließ ſich die Ehrendame der Königin über das Leben und Treiben um den König aus. Ich bin mit Abſicht ein paar Tage geblieben, ſagte ſie, aber länger iſt meines Verweilens nicht; es geht mir doch zu dithyrambiſch zu, wie Schiller ſingt: Kaum daß ich Bacchus den luſtigen habe, Kommt auch ſchon Amor der lächelnde Knabe, Phöbus der. herrliche— Doch nein, Phoͤbus findet ſich nicht ein. Ich meine hier am Hofe nicht. Dafür aber gehen unſere Schwert⸗ Koenig, Jerömes Carneval. III. 3 34 damen ab und zu. Die Gräfin Erneſtine, geborene von P.— Sie kennen Sie ja von ihrer Adlernaſe und den gewölbten Augenbrauen—, war vorige Woche hier und etliche Tage krank. Es hatte aber nichts zu ſagen; Je⸗ röme beſuchte ſie, ſtatt des Badearztes, und beruhigte ihren Puls. Die ſchöne Bianca Lafleche iſt geſtern wie⸗ der zurück, und hat einen reichen Halsſchmuck mitgenom⸗ men— das Brillanteſte, was hier zu kaufen war. Sie hat der Generalin Du Coudras Platz gemacht, die ihren Mann, den Gardeoberſten, beſucht. Auch die Du Cou⸗ dras hat jetzt die beiden Schwerter auf der Bruſt, den Orden Jeröme's, den Schmuck, der die unzugänglichen Herzen bezeichnet. Das hätte ſich dieſe Tochter des Ge⸗ fangenwärters Bergerat zu Metz in ihrer leichtfertigen Kindheit auch nicht träumen laſſen! Sie ſind eine ſcharfe Beobachterin, meine Gnädige! bemerkte Ludwig. Sie dürfen mich ja nicht falſch beurtheilen, erwiderte ſie. Ich bin eine reine Beobachterin, heißt das— die nur beobachtet, um des Beobachtens willen. Unſere übri⸗ gen Hofdamen theilen ſich in zwei Claſſen: jene, die es mit Jerome halten, beobachten blos einander mit der Eiferſucht der Eitelkeit oder des Eigennutzes; die da⸗ gegen auf Seite der Königin ſtehen, beobachten gar nicht, um der Königin zu Lieb ja nichts von Dem zu wiſſen, was die andern der Königin zu Lieb ja nicht wollen wiſſen laſſen. Ich bin die Einzige, die zwiſchen beiden, beide beobachtend, ſteht und— rathen Sie, was thut? Schweigt? antwortete Lina. Nein, liebe Frau, im Gegentheil laut, ganz laut— 3⁵ declamirt, deutſche Gedichte, und die dabei über nichts gefragt wird, weil man nicht voraus weiß— wieviel Strophen ſie eben auswendig kann! Man lachte und kam lachend vor dem Logirhauſe an. Hier bekommen Sie vielleicht auch zu beobachten, flůͤ⸗ ſterte die Hofdame. Der König geht auch hier aus und ein. Mademoiſelle Delahaye wohnt hier, die Stieftochter Ihres Miniſters, Herrn Heiſter. Was? fiel Lina ein. Die ſoll ja in Pyrmont Stahl brauchen, ſagte mir— Nein, ſie braucht nenndorfer Schwefel, oder auch nicht. Sie geht regelmäßig an den Brunnen, ohne zu trinken. Sie ſcheint aber auch nicht ihrethalben, ſondern einer piquanten Schönen wegen da zu ſein, mit der ſie zu— weilen ausgeht. Ludwig und Lina ſahen einander bedeutſam an und ſchwiegen. Die Baronin, die im Gaſthof wohnte, em⸗ pfahl ſich. Beide erboten ſich, ſte durch die Dämmerung zu begleiten, und Lina bat um Erlaubniß, ſie morgen beſuchen zu dürfen,— ſie vorerſt vertraulich allein, bis ihr Mann mitkommen könnte, der im Schloß Geſchäfte habe. Ihnen zu Lieb' bleib ich recht gern noch einen Tag länger, ſagte Frau von Schele. Sie werden für einen ſo kurzen Aufenthalt doch keine Bekanntſchaften ſuchen. Auch habe ich noch Manches einzukaufen, um den Kin⸗ dern meiner Schweſter etwas mitzubringen. Ich bin einige mal bei ſolchen Geſchäften durch Geſichter geſtoͤrt worden, denen ich aus dem Weg gehe. Ich will hier meinen Gedanken nachhangen. Ich habe auch ſo meine Herzens⸗ 37 36 angelegenheiten. So bin ich in einer eigenen Verlegen⸗ heit: ich ſoll dieſe Wochen lang eine Strohwitwe machen, und das Korn iſt theilweiſe noch nicht geſchnitten und das heimgebrachte noch nicht ausgedroſchen. Sie wünſchte lachend gute Nacht, und unſer rück⸗ kehrendes Paar, ohnehin etwas nachdenklich geſtimmt, kam erſt unterwegs hinter den geſuchten Witz und etwas matten Spaß der declamatoriſchen Hofdame. Es galt ihr nämlich um friſches Stroh. Viertes Capitel. Eine Uebereilung. Kaum hatte am andern Morgen der König den Früh⸗ rapport über den Ab⸗ und Zugang der Badegeſellſchaft erhalten, als der ſchon am Abend angemeldete Ludwig ins Schloß befohlen wurde. Marinville empfing ihn im Arbeitscabinet, und beſprach einige Geſchäftsſachen, bis der König ſelbſt erſchien, ſich gegen Ludwig ſehr huldreich erwies, und zum Vortrage Marinville's über die vor⸗ bereiteten Sachen Platz nahm. Die Sachen wurden, wie gewöhnlich, leicht behandelt und kurz abgethan. Bei ſoviel Ungeduld, als Jeröme in Staatsgeſchäften hatte, fehlte es ihm glücklicherweiſe nicht 37 an Scharfſinn und leichter Faſſungsgabe, wie er denn auch für Recht und Wahrheit zugänglich war und ein wohlwollendes Herz beſaß. Dies Letztere bewies er auch wieder bei dem Antrage zu Gunſten der Familie des kranken Häberlin: er bewilligte für den Fall des Todes die vorgeſchlagene Penſion und Unterſtützung für die hin⸗ terbleibenden Kinder. Ludwig ſollte alsbald die Ver⸗ fügung an den Miniſter entwerfen, damit im Falle des traurigen Ereigniſſes die Familie wenigſtens um den einen Kummer der Zukunft erleichterter ſei. Der König gab ſich während der Vorträge ſehr preſ⸗ ſirt und lehnte einige Gegenſtände mit dem Bemerken ab, daß Herr Heiſter ſich morgen wieder einfinden werde. Sie haben wohlgethan, ihre Frau mitzubringen, ſagte er, ſich erhebend. Hat ſie denn auch Bekannte hier, da⸗ mit ſie keine Langweile habe, während ich ihren Mann in Anſpruch nehme? Die Baronin von Schele will ihr zu Lieb noch einen Tag verweilen, Sire, antwortete Ludwig. Ah! Wenn Ihre Frau Declamationen liebt—! lachte Jeröme etwas ärgerlich. Aber in Bädern macht man ja leicht Bekanntſchaften; die Etiquette der Geſellſchaft iſt weit und bequem. Marinville ſagt mir, daß Sie eine ſehr liebenswürdige Frau haben. Es iſt mir ſehr ſchmeichelhaft, Sire, wenn der Herr Baron dies findet, erwiderte Ludwig. Der Mann ſelbſt, der ſeine Frau liebt, hat jedenfalls dieſe Ueberzeu⸗ gung. Da haben Sie Recht. Vergnügen Sie ſich in Nenn⸗ dorf, Herr Heiſter! Auf Wiederſehen! ——y——— * — ——— 38 Auf dieſe Entlaſſung hatte ſich Ludwig kaum entfernt, als Jeröme leiſer und lebhaft ſagte: Eh bien, Marinville! Was denken Sie Geſcheites anzufangen. Ich muß die Frau ſehen, von deren Reizen Sie ſelbſt ſo hingeriſſen ſind. Wie denken Sie's zu machen? Daß Heiſter ſie mitgebracht hat, Sire, laß ich mir gleich als gute Vorbedeutung dienen. Dies Mitbringen war unberechenbar, und doch hatte ich bei ſeiner Abſen⸗ dung darauf gerechnet. Sie ſehen, daß ich mich auf den höhern Calcul und auf incommenſurable Größen ver⸗ ſtehe. Ueberheben Sie ſich nicht, Marinville, und verderben mir am Ende die Sache durch Ihr allzu keckes Vertrauen! Und nun— 2 Die ſchöne Frau wollte doch Cecile's Bekanntſchaft machen, als dieſe ſchon hierher war. Offenbar aus Freundſchaft für unſern jungen Doctor, vielleicht aus Eiferſucht. 1 Es iſt mir lieb, Marinville, daß ſie ſchon ein Ver⸗ hältniß mit dem jungen Mann unterhält: es verräth ein bedürftiges Herz, ein verlangendes. Weiter, Marinville! Ich gehe jetzt hinüber zu Cecile, und beſpreche mit ihr, der ſchönen Frau den Gegenbeſuch hier in Nenndorf zu machen und einen Abendgang mit ihr zu verabreden. Verſteht ſich— mir zu Lieb. Befehlen Sie nur, Sire, wo Sie die charmante Frau überraſchen wollen. Ich denke auf dem Mineralbrunnen? Es iſt ja wahr! Dort haben wir ja die Einrichtung für dergleichen. Die herrliche Allee ein halb Stündchen 39 dahin ermüdet ſo angenehm, daß die Damen mit Ver⸗ gnügen die Einladung der Badewirthin, die ich voraus benachrichtige, in das ſtille grüne Zimmer annehmen wer⸗ den. Lucie zieht vor, ſich in den Garten zu ſetzen, und Cecile geht, Erfriſchungen zu beſorgen. Sie treten ein, und ich halte Cecile ſolange mit den Erfriſchungen zurück, bis Sie die Schelle ziehen. Recht gut, Marinville! Aber wird die ſchöne Frau Cecile's Einladung annehmen? Ohne Zweifel, Sire, wenn der Mann miteingela⸗ den wird. Den wir aber nicht brauchen konnen, Marinville? Den ich daher im rechten Augenblick ihres Weggehens aus dem Logirhauſe zu einem kurzen dringenden Geſchäft rufen laſſe. Die Damen gehen einſtweilen voraus. Und Sie, Marinville, begleiten ihn dann— aus beſonderm Attachement. In den Anlagen haben Sie Ge— legenheit, ihn mit Ihren botaniſchen Kenntniſſen zu un⸗ terhalten, ihn bei ſeltenen Stauden aufzuhalten. Und Sie, Sire, verſuchen indeß bei ſeiner Frau, ob ſie zu den Mimoſen gehört und ein Noli me tan-— gere iſt. Tangere? Meinen Sie Seetang, Marinville? Pardon, Sire! Man hat ein Blümchen, das den Namen führt: Ne veuille pas me toucher. Ah! Eine Seltenheit, Marinville, nicht wahr? Meinen Sie das Blümchen, Sire? Ja, das Blüm⸗ chen iſt eine Seltenheit; denn es iſt ihm Ernſt mit ſei⸗ nem„Rühr' mich nicht an!“; es fällt gleich in Ohnmacht, wenn man es berührt. 40 Aber hören Sie, Marinville, wendete Jeröme ein, übereilen wir nichts! Laſſen wir die Leutchen erſt Ver⸗ trauen zur hieſigen Luft faſſen. Heut Abend habe ich ohnehin die Frau meines Gardecapitäns zu unterhalten, da ich ihren Mann mit einem Auftrag nach Bückeburg geſchickt habe. Alſo auf morgen Abend? Bis dahin ſehe ich auch Ceeile ſelbſt. Ich werde ihr voraus begreiflich machen, erklärte Marinville, daß Madame Heiſter vor allem für einen Gegenſtand intereſſirt werden müſſe, wenn ſie nicht den jungen Doctor, ihren jetzigen Verehrer, von einer Hei⸗ rath abhalten ſoll. Wir müſſen eine Eiferſucht mit der andern neutraliſiren, todtſchlagen. Jeröme hatte unter dieſer flüchtigen Wechſelrede die ihm vorgelegten Ausfertigungen unterzeichnet, und eilte nach ſeinem Bad. Inzwiſchen Ludwig nach dem Schloß gegangen war, machte Lina der Baronin von Schele einen Morgenbeſuch, um zugleich auch den Tag mit ihr zu verabreden, der ſich heiter anließ. Sie hörte im Zimmer reden, und lauſchte einen Augenblick. Es war aber die Stimme der Baronin, die eben laut und mit Nachdruck las oder ſprach: Ein getreues Herze wiſſen, Hat des höͤchſten Schatzes Preis. Der iſt ſelig zu begrüßen, Der ein treues Herze weiß. Mir iſt wohl bei höchſtem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. 2————— ———— . 2—— öyʒ· —————— 5 dn 41 Die Dame ſaß bei ihrem Frühſtück, ein offenes Buch neben ihrer Taſſe. Sie empfing Lina herzlich und zog ſie auf das Kanapee an ihre Seite. Da Lina für das angebotene Frühſtück dankte, mußte ſie wenigſtens einige Gedichte von Paul Flemming anhören, deſſen alte ver⸗ geſſene Sachen die Baronin ungemein pries, an deſſen frommen Empfindungen ſie ſich entzückte. Dann wurde ein gemeinſchaftliches Mittageſſen verabredet, und die Ba⸗ ronin übernahm, als Kennerin des Platzes, die Leitung des Ausflugs für den Nachmittag. Als Lina zurückeilte, ihren Mann zu erwarten, be—⸗ gegnete ſie vor dem Logirhauſe Marinville, der eben von Cecile kam. Er eilte ihr entgegen, ſie zu begrüßen und willkommen zu heißen. Indem er beklagte, daß Herr Heiſter ſehr werde in Anſpruch genommen werden, ver⸗ ſicherte er mit Nachdruck, wie ſehr ſelbſt Se. Majeſtät der König ſich Sorge darum mache, daß ſie keine Lang⸗ weile in Nenndorf haben moͤchte. Sei es nun, daß ſeine verwegene Abſicht ihn ſelbſt kecker ſtimmte, oder daß er durch lüſterne Scherze die ſchöne Frau für dieſe Abſicht zu ſtimmen dachte: er nahm heut einen freiern Ton an, und erlaubte ſich Anſpielun⸗ gen, die wenigſtens gegen ſein früheres anſtändiges Be⸗ nehmen ſehr abſtachen. Er ſchien des Königs Warnung, ihm ſein Bemühen um die liebenswürdige Frau nicht durch allzu keckes Vertrauen zu verderben, in den Wind geſchlagen zu haben. Sein frivoler Sinn täuſchte ihn oft noch mehr über ſich ſelbſt, als ſeine Eitelkeit. Denn als Lina raſch abbrach und mit würdevoller Hal⸗ tung ihn ſtehen ließ, dachte er nichts weiter dabei, als 42 daß eben— wie die Männer gute Miene zu ſchlechtem Spiel— die Frauen umgekehrt in der Liebe ſchlechte Miene zu gutem Spiel zu machen pflegten. Lina dagegen nahm ſich vor, dem unheimlichen Men⸗ ſchen künftig auf alle Weiſe aus dem Wege zu gehen. Ludwig erwartete ſie oben. Seine Heiterkeit, ſeine Zufriedenheit mit der Aufnahme des Königs ſetzten ſie ſchnell über den kleinen Verdruß hinaus, den ſie Lud⸗ wigen nun lieber ganz verſchwieg. Nur mit dem Vor⸗ ſchlage der Baronin machte ſie ihn gleich bekannt, und da er damit einverſtanden war und, um ſich für den Nachmittag frei zu machen, noch einmal ins Schloß eilte, ſetzte ſie ſich, ihn bei einer von der Baronin mitgebrach⸗ ten Lecture zu erwarten, ans Fenſter. Nicht lange ſaß ſie, in das Buch vertieft, als ihr Mademoiſelle Delahaye gemeldet wurde. Die Eintretende brachte Cecile mit. Für Lina kam der Beſuch, da ſie bereits von der Anweſenheit Beider wußte, weniger über⸗ raſchend. Die Unterhaltung blieb aber befangen durch die Hinterhaltsgedanken auf beiden Seiten ſowol, als durch die Sprache, in der ſich Lina nicht frei genug be⸗ wegte. Ich dachte, die Damen auf dem Rückwege in Pyr⸗ mont zu finden, ſagte Lina; worauf Lucie raſch, als ob dieſe Erinnerung erwartend, verſetzte: Allerdings war ich dahin gewieſen, Madame, wie Ihnen die Mutter geſagt hat. Aber Doctor Zadig kennt unſere Bäder ſchlecht, und der Arzt in Pyrmont ſchickte mich auf der Stelle hierher. Es war uns recht fatal, des Hofes wegen. Aber wir haben gleich dem Herrn von 43 Marinville erklärt, wir wären hier Badegäſte und wollten das Schwefelwaſſer ganz incognito genießen. Und der König reſpectirt auch unſer Incognito, be⸗ merkte Cecile,— heißt das, das Incognito meiner Cou⸗ ſine; denn meine kleine Perſon iſt ihm ohnehin ein hal⸗ bes Incognito. Im Laufe der Unterhaltung, die ſich wie der Faden einer ungeübten Hand ungleich und oſt abbrechend ab⸗ ſpann, erfuhr Lucie das Vorhaben Lina's für den heu⸗ tigen Tag und ſagte: Für heut ſind Sie alſo ganz in Anſpruch genommen, und Sie werden die kleinen Partien des Ortes erſchöpfen. Aber ein halb Stündchen weiter iſt noch ein gar an⸗ muthiger Platz,— der ſogenannte Mineralbrunnen. Dieſen Spaziergang müſſen Sie ſich für uns aufſparen. Wir wollen Ihnen auch etwas zeigen, und freuen uns auch einmal in Geſellſchaft zu wandeln; denn wir halten uns hier ſehr zurück. Cecile geht nicht einmal an den Brunnen. Alſo, wir holen Sie morgen Nachmittag ab, es iſt ein angenehmer Gang zu Fuß, eine ſchattige Allee entlang, und es fehlt dort nicht an einfachen Erfriſchun⸗ gen zum Ausruhen. Lina zog ſich hinter die Zuſtimmung ihres Mannes zurück, deſſen Abſichten für morgen ſie nicht kenne. Verſteht ſich, daß er uns begleitet! rief Lucie aus. Wir gehen auch gern in Geſellſchaft eines liebenswürdi⸗ gen Mannes. Und gewiß hat er ſoweit hinaus noch nichts beſtimmt. Nicht wahr, Sie ſagen uns zu? Unter dieſem Vorbehalt des Schutzes und der fran⸗ zöſiſchen Zunge Ludwig's fühlte ſich Lina geborgen genug, —————— ——,y— 6 4 4 1 1 4 — 44 —C—Qgääq um die Einladung ſo lieber anzunehmen, als die Ge⸗ legenheit, Cecile kennen„ zu lernen und zu beobachten, nicht erwünſchter ſein konnte. Im Ganzen würde ihr Cecile einen vortheilhaften Eindruck gemacht haben, wäre nicht der fatale Brief ge⸗ weſen, den ſie ſogar, wenn auch ohne beſondere Abſicht, mitgebracht hatte. Dieſe Erinnerung lag ihr jedoch zu lebhaft im Gemüthe, als daß ſie ſich von dem ſchüchter⸗ nen, ehrſamen Gebahren der Franzöſin hätte irre machen oder im mindeſten anfechten laſſen. Ludwig, der bald darauf zurückkam, billigte die an⸗ genommene Einladung. Wie wollen wir's beſſer finden? ſagte er. Es müßte mit dem Kuckuk zugehen, wenn ſich in der Atmoſphäre eines Bades und bei ländlicher Fröhlichkeit auch das ver⸗ ſteckteſte Mädchenherz keinen Augenblick verrathen und vergeſſen wollte! Und— ich denke, zum Aufpaſſen ſind wir geſtimmt genug, Lina? ſetzte er ſchalkhaft hinzu. Mit ſoviel guter Erwartung genoß Lina des heitern Tags. Das Gewicht der Weltbildung und der vorneh⸗ men Manieren der Baronin ward durch ihre etwas lächer⸗ liche Schwachheit für poetiſche und declamatoriſche Stellen erleichtert, und da zum Schluß des Abends der jungen bürgerlichen Freundin auch ſonſt nichts Unangenehmes, ſondern überall nur eine ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit der gemiſchten Badegeſellſchaft für ihre Erſcheinung be⸗ gegnet war, ſo blickte ſie am andern Morgen mit Heiter⸗ keit und aufgeräumtem Sinn dem ſchönen Tag ent⸗ gegen. —ͤ S 1——— S/ͤ 12 S ——— ad n 45 Sie hatte Lucien ſchon früh von der Trinkquelle zu⸗ rückkommen ſehen, und fand daher kein Bedenken, ſobald Ludwig nach der Schloßkanzlei gegangen war, den beiden Damen den Gegenbeſuch zu machen. Dieſe wohnten juſt unter ihr, eine Treppe hoch, erſtes Zimmer in den Gang rechts. Aus dieſem trat aber, gerade wie ſie anklopfen wollte, eine Kammerjungfer, die das Zimmer reinigte, und beſchied Lina nach der folgenden Thür, wo ſich die Damen einſtweilen befänden. Hier wurde eben lebhaft geſprochen, und Lina erkannte die Stimme Marinoille's. Sie zog ſich daher, ihres Vorſatzes eingedenk, raſch zu⸗ rück, und verſchob den Beſuch, um mit der Baronin einen Gang durch die Kaufhallen des Arkadenbaues zu machen. Die kleinen Einkäufe der Hofdame, ein Aufenthalt im Kurſaal, wo muſieirt wurde, und ein Spaziergang in den Anlagen brachten den Mittag herbei, und Lina eilte, ihren Ludwig zu Hauſe zu finden. Auf dem Platze vor dem Logirhauſe wandelten in angelegentlichem Geſpräche Marinville mit Lucien, als ob ſie auf Jemand warteten, hin und wieder. Lina ſuchte unbemerkt ins Haus zu kommen. Als ſie ſich von Lucien angerufen hörte, eilte ſie, ohne darauf zu achten, nur deſto mehr der Thüre zu. Die Verlegenheit ihres Be⸗ nehmens ſetzte ſie in Angſt; in der Angſt glaubte ſie auf der Hausflur Schritte hinter ſich zu vernehmen, dachte an Marinville, und ſtürzte mit Herzklopfen die Stiege hinauf. In ihrer Verwirrung wendete ſie ſich ſchon auf dem erſten Gang rechts, öffnete die erſte Thür, und er⸗ blickte ſtatt ihres Ludwig— Cecile, die von den Knien f 1 5 5 5 8 8 ſ —— ——— ͦ—— ———— —,——— 46 eines auf dem Sopha in leichter Kleidung ſitzenden Mannes aufſprang und ſich vor ihn ſtellte. Es währte einige Augenblicke, bis die entſetzte Frau ihren Irrthum begriff, flüchtig um Entſchuldigung bat, und forteilend jetzt erſt, die zweite Treppe hinauf, rechts das richtige Zimmer erreichte, wo ſie erſchöpft in Lud⸗ wig's Arme ſank und zu Athem zu kommen ſuchte. Ludwig war nicht wenig erſchrocken. Auch Lina's Er⸗ zählung konnte ihn nur über ſie ſelbſt, nicht ſobald aber über den Eindruck und die Nachwirkung beruhigen, die ihre Uebereilung, wie er es doppelſinnig nannte, hin⸗ terlaſſen würde. Es iſt der König und Niemand Anderes, den du bei Cecile getroffen, flüſterte er. Der Koͤnig? verſetzte ſie, zuerſt ziemlich betroffen. Ich war ſo beſtürzt und verwirrt—! Und Ceeile hatte ſich aufſpringend vor ihn geſtellt. Der König alſo? Wirklich der König? Ja, fuhr Ludwig fort, und ſeine Unruhe ward durch ihr Staunen noch verdrießlicher. Aber, es iſt doch— nimm mir's nicht übel, Lina!— aber, iſt es nicht kin⸗ diſch von dir, ſo fortzurennen vor einem Menſchen, der nicht einmal allein iſt? Und— fühlſt du nicht, daß du auch eine Blöße gegeben haſt? Einem Menſchen, wie die⸗ ſer Marinville iſt, muß eine ſo echte Frau, wie du, ſchon durch ihre bloße Haltung Reſpect einflößen. Aber— fortlaufen bei ſeinem Anblick! Was ſoll ein Menſch, wie der, denken! Ja, ich will dir ſagen, was ein ſo leicht⸗ fertiger Burſche denkt: eine Frau, denkt er, die ſo läuft, ließ erwarten, daß ſie auch— fallen könnte. 47 Ludwig! rief Lina zurücktretend, mit einem Blick und Ton, der ihn zur Beſinnung über ſeine Selbſtvergeſſen⸗ heit brachte, wenn man es hinſichtlich ſeines Benehmens gegen Lina Selbſtvergeſſenheit nennen konnte, daß er nur zu ſehr an ſich ſelbſt und an die Folgen dachte, die der Vorfall gerade für ihn haben möchte. Nein, Ludwig, ſprach Lina, ihm die Hand reichend, mit ſteigender Seelenerhebung weiter, nein, es thut mir keinen Augenblick leid, daß es ſo gekommen iſt. Dich ſelbſt kann es nicht anfechten: was kannſt du für die Uebereilung deiner Frau? Dagegen ſind wir nun außer allem Zweifel, was— Sie ſchwieg. Doch Ludwig, der es errieth, was eben ihre Gedanken am lebhafteſten beſchäftigte, verſetzte mit mehr Ruhe und Faſſung: Nun ja, Lina, du haſt Recht: mir kann es nichts ſchaden, und was unſern Hermann betrifft— das woll— teſt du doch ſagen, ſo ſind wir außer allem Zweifel. Was mir aber noch mehr gilt, ſo erwarte ich jetzt, daß dieſe Cecile nun von ſelbſt abbreche, da ſie ja weiß, daß du vertraut genug mit ihm biſt, um ihm die Entdeckung mitzutheilen. Lina warf ſich an ſeine Bruſt. Ja, liebſter Ludwig, rief ſie, das dachte ich eben auch, das fühlte ich eben ſelbſt! Wie glücklich bin ich, beſter Mann, daß unſere Herzen ſo auf das gleiche Gefühl der Liebe und der Freundſchaft geſtimmt ſind, und daß meine dunkelſten Empfindungen in deiner klaren Seele laut werden! 48 So war denn ein liebevoller Einklang abermal her⸗ geſtellt. Ludwig beruhigte ſich um ſo leichter, als er die⸗ ſen Morgen bei Hof entlaſſen worden. Wir können nach Tiſch abreiſen, Lina, wenn wir wollen, ſagte er. Nein, Ludwig, laß uns lieber nicht wollen! erwiderte ſie. Du biſt ja auch noch nicht ganz entlaſſen. Eigentlich doch, Lina, verſetzte er. Nur, wenn noch eewas vorfiele, wollte mich Marinvoille rufen laſſen. Sind wir aber fort, ſo bin ich eben nicht mehr zu rufen und— es kann nichts mehr vorfallen. Ludwig hatte freilich keine Ahnung davon, was mit dem vorbehaltenen Vorfallen und Rufen gemeint war. Er beſorgte vielmehr im Stillen, Marinville könnte den unangenehmen Vorfall zur Sprache bringen, und dies wünſchte er zu vermeiden. Aber Lina meinte: Nein, Ludwig, warte es ab! Ueberlege dir, was du Treffendes antworteſt, wenn er etwa meiner Ungeſchick⸗ lichkeit gedenken ſollte. Du biſt ja ein Mann, und biſt mein Mann, mein ritterlicher Schutz! Ueberdies haben wir auch den beiden— Perſonen zugeſagt, uns abholen zu laſſen. Warten wir das ab! Eilten wir fort— Du weißt ja(lächelte ſie), wie ungeſchickt es von mir war, daß ich vorhin fortrannte; liefen nun gar wir Beide— 2 Und plötzlich in feierlichen Ton übergehend rief ſie aus: Sie wird uns nicht abholen, dieſe Mademoiſelle Cecile! Gewiß nicht! Und ſollte ſie dennoch ſo unverſchämt ſein, zu kommen— Sie eilte nach ihrer Brieftaſche, nahm ein Papier — 49 heraus, das ſie heftig auf dem Tiſch ausbreitete, und fuhr fort: Jetzt wäre der Augenblick, Ludwig! Das Räthſel des Briefes iſt gelöſt; da liegt er offen! Sie ſoll ihn finden, ſie ſoll ihn leſen. Laß mich ausreden! Du bleibſt ganz aus der Sache. Höre, Ludwig, wie wir's machen! Ich ſage nichts,— ich nehme dieſe Schmach nicht in den Mund; aber du verläſſeſt einen Augenblick das Zimmer, und ich trete vor den Spiegel, meine Perlenſchnur am Halſe zu ordnen. Dann mag ſie ihn leſen Und ſie wird ihn leſen. O ja! Ihr Schelmenauge wird wahrlich auf dieſe Zeilen, auf dies gelöſte Siegel, auf dies gelöſte Ge⸗ heimniß fallen. Und wenn ſie dann noch bleibt und nicht in die Knie ſinkt unter dem Gewicht ihrer Schmach, dann werd' ich ihr den Brief ſpendiren und ſagen: Gehen Sie, Mademoiſelle Cecile, werd' ich ſagen, gehen Sie mit dieſem Pagen, aber nicht mit uns! Ludwig, bewegt und lächelnd, zog die exaltirte Frau an ſeine Bruſt, küßte ſie auf die Stirne und ſagte: Kind, Kind, in weſſen Namen biſt du ſolch' ein Rache⸗ engel! Wahrlich, du wärſt eben toll genug dazu, Linchen! Glücklicherweiſe ſind noch einige Stunden bis dahin, und mit Suppe, Gemüß und Braten werden uns wol andere Gedanken kommen, mein Herz. Nicht wahr? O lieber Ludwig! rief ſie, wir ſind doch zum Wohl für unſern edeln Hermann durch meine Uebereilung wei⸗ ter gekommen, als mit aller Klugheit und mit allen guten Vorſätzen zu prüfen und zu beobachten! Aber komm', lieber Herzensmann, und laß uns zu Tiſche gehn! Koenig, Jeröme's Carneval. III. 4 Fünftes Capitel. Hermann aus der Fremde. Das anmuthige Wetter, das bisher unſer reiſendes Paar begünſtigt hatte, gönnte ihnen nur noch einen hal⸗ ben guten Tag in Pyrmont, und ſchlug in kühlen, an⸗ dauernden Regen um, der ſie auf der Heimfahrt begleitete und ihnen den Blick in die reizenden Wechſel des Weſer⸗ und des Diemelthals verdüſterte. Doch ſtörte es ihnen die innere Heiterkeit nicht, mit der ſie plaudernd oder träumend dahinfuhren, und Lina beſonders kam mit einer ſtillgehobenen Stimmung in Caſſel an. Es war nämlich ein eigenthümliches Spiel von Ge⸗ danken des Herzens, was ſie bewegte. Daß die beiden Franzöſinnen nicht gekommen waren, ſie zu dem verab⸗ redeten Abendgang nach dem Mineralbrunnen abzuholen, auch Marinville ihren Ludwig nicht mehr hatte rufen laſſen, gereichte ihr zur innigſten Befriedigung. Es galt ihr für ein ſtillſchweigendes, aber thatſächliches Bekennt⸗ niß böſen Gewiſſens. Ein drohendes Unglück für den lieben entfernten Freund war nun, wie es ihr ſchien, durch ihr Bemühen verbannt. Bedachte ſie dann aber, mit welchem beſchämenden Leid Hermann ihre Erfahrung aufnehmen werde, ſo miſchte ſich eine leiſe Wehmuth in ihre Zufriedenheit, bis der Aber⸗ glaube eines liebenden Herzens, womit ſie das unerwar⸗ 5¹ tete Erlebniß mehr und mehr für eine höhere Fügung anſah, Glück und Gram der Seele, wie durch eine Weihe, ins Feierliche ausglich. Dieſe wohlthuende Erhebung des Gemüths ſetzte ſich, gleichſam als Nachwirkung der glücklichen Badereiſe, nach Lina's Ankunft in Caſſel fort. Ihr Erſtes war nämlich, in das mütterliche Haus zu eilen. Hier, nachdem ſie die liebe Alte begrüßt und ihr das Allgemeinſte erzählt hatte, ſtieg ſie mit dem Vorwand, Hermann's neu hergeſtelltes Zimmer zu beſehen, hinauf, öffnete raſch den Kleider⸗ ſchrank und brachte den verhängnißvollen Brief, wieder etwas zuſammengedrückt, in dieſelbe Taſche des zurückge⸗ bliebenen Fracks, aus der ſie ihn genommen hatte. Jetzt, da ihr Gemüth frei und hoffnungsfroh war, erkannte ſie nicht ohne Beſchämung, wie unrecht es eigent⸗ lich von ihr geweſen ſei, ſich des Briefes zu bemächtigen. Aber auch dies Unrecht gehörte ohne Zweifel mit zu der wunderbaren Fügung, wie ſie zu ihrer Beruhigung glaubte. Es blieb ihr Unrecht, aber es hatte einer höhern Be⸗ ſtimmung gedient. Der Brief war eben der Talisman geweſen, der das dem theuern Freund beſtimmte Ver⸗ hängniß auf geheimnißvolle Weiſe mit ſich nach Nenndorf übertragen und jenes unberechnete Begegniß herbeigeführt hatte. Damit war aber ſeine Beſtimmung noch nicht vollendet; er mußte wieder in die Taſche zurückkehren, wohin er ſich verloren hatte, mußte dem Freund in die Hände fallen, ihn erinnern, warnen und—? Sie wußte ſich ſelber nicht zu ſagen, was und wie es dann noch weiter kommen ſollte. Sie beſtärkte ſich nur in dem mit Ludwig gefaßten Vorſatze, dem Freund 4* — — V ——— 52 jede beſchämende Zeugenſchaft ſeines Irrthums zu ſparen, auch von dem Erlebniß ihrer nenndorfer Uebereilung und Verirrung in Cecile's Zimmer nichts zu ſagen, ſondern ſchweigend abzuwarten, was er ſelber von dem Briefe mittheilen und welche Schritte er thun werde. Dieſe Er⸗ wartung, wenn der Freund das Palais wieder beſuche, ob man ihn annehmen und wie man ihm begegnen werde, bot der Phantaſie auch einen weiten Spielraum, während ein Bericht über den geleſenen Brief, über die durch Un⸗ vorſichtigkeit ertappte Schöne nur mit Beſchämung und Verlegenheit für beide Theile abſchließen konnte. Die eingetretene ungünſtige Witterung ſtörte denn auch die gute Wirkung, die das Bad anfänglich auf die rheu⸗ matiſchen Leiden des Königs gezeigt hatte. Jeröme mußte ſeinen nenndorfer Aufenthalt ſelbſt über den Schluß des Reichstags hinaus verlängern. Inzwiſchen kam die De⸗ putation aus Holland ohne zu Stand gebrachtes Staats⸗ anlehn zurück, das Project des Finanzminiſters zu einer Anleihe im Innern des Reichs ward in Zug geſetzt, die letzten Geſetze und am 21. Auguſt das Budget für 1809 von den Ständen angenommen, und ſo erſchien am 22. der Staatsrath Müller in der Sitzung, um im Namen des Königs den Reichstag ohne weitere Feierlichkeit zu ſchließen. Dieſe erſte Seſſion war mithin einem Weine zu ver⸗ gleichen, der ſich dem Geruch mit vollwürzhaftem Bouquet ankündigt, hinter ſtarken Zügen aber auf der Zunge matt abfällt. 53 Die geiſtreiche Rede, die der berühmte Hiſtoriker bei dieſem Anlaß vorgetragen, gab an einem ſpätern Abende den Stoff der Unterhaltung für eine engere Geſellſchaft ab, die Herr von Bülow zu Ehren der holländiſchen De⸗ putation um ſich verſammelt hatte. Die Reſidenz war noch ſtiller geworden; denn die Mitglieder des Reichstags waren abgereiſt. Nur Nathuſius hatte noch ſeine hollän⸗ diſche Abweſenheit bei der Braut nachzuholen gehabt, und Jacobſon war in Finanzſachen zu Rath gezogen worden. Nun aber, nach Verlauf einer Woche, ſtanden beide im Begriff, jener nach Magdeburg, dieſer nach Braunſchweig zurückzukehren. Der Abendkreis war klein und vertraut. Herr von Bülow wußte einen Ton anzuſtimmen, worin auch ſo verſchieden geſtellte Männer ſich mit edler Offenheit in ihrer deutſchen Geſinnung ausſprachen, und ſelbſt der fran⸗ zoͤſiſche Geſandte ſich als halber Landsmann geben durfte. Iſt es Ew. Excellenz nicht aufgefallen, fragte Jacob⸗ ſon, wie ſonderbar Herr von Müller den Kaiſer Napo⸗ leon bezeichnete?„Der, vor dem die Welt ſchweigt, weil Gott die Welt in ſeine Hände gegeben“, ſagte er doch. Sie meinen, Herr Geheime Finanzrath, die Welt mache ja im Gegentheil gerade deshalb ſoviel Lärm um ihn? bemerkte Bülow; und als jener bejahte, ſetzte er hinzu: Vielleicht meint Müller mit dem le monde se tait— die Welt fügt ſich, unterwirft ſich? Dem würde nun freilich, was wenigſtens die deutſche Welt angeht, eine andere Stelle ſeiner Rede widerſpre⸗ chen, meinte der Geſandte, Herr von Reinhard. Da ſagt ——y— ——— —— — 54 er nämlich:„Das Sonderbare haben die Völker vom germaniſchen Stamm: ſo oft in Gottes Rath beſchloſſen war, ihnen eine neue Art oder einen höhern Grad von Cultur beizubringen, ſo mußte ein Stoß von außen kom⸗ men, gleich als bedürfte die natürliche Ruhe der Völker, bei welchen eine minder freigebige Natur des Erdreichs und Himmelſtrichs weniger Bedürfniſſe und Begierden und eine nicht ſo vielfältige Gährung der Begriffe erregt, und welche nicht ſowol jenen Glanz mittäglicher Phantaſie, als eine achtungswerthe Gründlichkeit des Urtheils haben, ge⸗ wiſſe von Zeit zu Zeit aufweckende Erſchütterungen ge⸗ gen das einſchläfernde Herkommen.“ Es iſt alſo von aufwecken, nicht von ſich unterwerfen die Rede. Vielleicht finden nur die Altkurfürſtlichen oder der preu⸗ ßiſche Tugendbund die richtige Ausgleichung des Wider⸗ ſpruchs von se taire und von s'éveiller du sommeil, in- dem ſie ſagen, man müſſe ſich ſtillſchweigend erheben. Man lachte zum Lächeln des Sprechers, und Her⸗ mann meinte: Mlller wird keinen Widerſpruch in ſeiner Rede zu⸗ geben. Er ſpricht von einem Stoß von außen, wenn den deutſchen Völkern eine neue oder höhere Cultur bei⸗ gebracht werden ſoll. Er ſagt ja ferner:„Der Kaiſer ſchuf aus zwanzig Ländern ein Reich et lui a donné son frere. Weſtfalen, wie es ſcheint, ſoll dann eben ein Herd dieſer neuen Cultur werden. Eine franzöſiſche Colonie alſo für franzöſtſche Ver⸗ faſſung, Geſetzgebung und Sitten? fragte Baron Rein⸗ hard, und Bülow fiel etwas erregt ein: Das eben iſt der Punkt, wo Gewinn und Gefahr 55 einander durchkreuzen, und die Meinungen der Menſchen, die Beſtrebung der Parteien ſich entzweien. Im Politi⸗ ſchen und Kriegsweſen— à la bonne heure, da mögen wir von Frankreich lernen; aber in Sitten und Sprache, und was auf dieſen ruht, müſſen wir uns gegen allen fremden Einfluß behaupten. Ein rechter Stoß von außen hat mir immer was Bedenkliches! rief Jacobſon. Die deutſche Nation hat zwi⸗ ſchen dem hitzigen Frankreich und dem froſtigen Rußland gar viel Fugen und Riſſe bekommen— Völkergrenzen und Schlagbäume; ein gewaltiger Stoß könnte leicht ähnliche Wirkung haben, wie eben Müller ſagte:„De vingt provinces il a fait un Royaume“, ſodaß es hieße: „Aus vierzig Reichen iſt ein Kaiſerthum geworden!“ Iſt ſchwerlich zu erwarten, Moynheer Jacobſon, Mit⸗ holländer! rief ſcherzenden Tons Nathuſius. Aber wir wollen es ſchon als weltgeſchichtliche Beſtimmung Napo⸗ leon's ſegnen, wenn nur ſein Stoß von außen juſt ſtark genug iſt, ſoviel Abgelebtes, was uns beläſtigt, abzu⸗ ſchütteln, krankhafte Ohnmacht zu vernichten und die ge⸗ lähmte Nationalkraft zu erwecken. Wir werden immer noch ſo dicke und verſchieden gewickelte Zöpfe übrig be⸗ halten, daß ſie in den Fugen Deutſchlands als gute Wülſte jedem Zuſammenſtoß trotzen können. Unter dieſen ernſten Geſprächen hatte Frau von Bü⸗ low, als Wirthin ab- und zugehend, Hermann in ein ſtilles Eckchen zu ſich gewinkt und ein trauliches Geſpräch angeknüpft. Sie ließ ſich von ſeiner Reiſe erzählen, und ward bald genug an ſeiner Art und Weiſe ſich zu geben und auszuſprechen inne, daß ſo bedeutende Eindrücke an⸗ 1 — 56 derer Länder und größerer Weltverhältnifſe nicht ohne Wirkung an ihm vorübergegangen waren. Wenn ſie ſich auch nicht klar darüber machen konnte, worin es eigent⸗ lich lag, ſo empfand ſie deſto lebhafter die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Und allerdings hatte der Freund unter ſo manchen neuen Erſcheinungen eines frem⸗ den Natur⸗ und Volkslebens und durch die engere Ver⸗ bindung mit zwei im großen Weltverkehr gereifter Män⸗ ner an Freiheit in der Auffaſſung und an Muth in der Behandlung des Lebens überhaupt gewonnen. Ich dachte Sie geſtern im Salon der Frau von Si⸗ meon zu ſehen? ſagte endlich die Baronin, und ihr feines Lächeln verrieth, daß ſte dieſen Gegenſtand beſonders auf dem Herzen gehabt hatte. Hermann blickte ihr groß in die heitern Augen, lachte dann mit der ſchalkhaften Miene des Verſtändniſſes, und erwiderte leiſe und leichthin: Man will mich dort nicht mehr, Excellenz. Und Sie wiſſen vielleicht darum? Wollen mich vielleicht— tröſten? Keine Silbe weiß ich! betheuerte ſie. Mein Lächeln bezog ſich nur auf Ihre frühern Beſuche jener Abende neben Marinville. Alſo— wie denn, Gnädige Frau! antwortete Hermann, und drohte ihr ſcherzhaft mit dem Finger. Sie wiſſen gewiß mehr, als keine Silbe. Sie hatten ja auch— fällt mir eben ein— an jenem Morgen, wo der Herr Miniſter mit Bezug auf Marinville etwas verſtimmt gegen mich war, noch eine Frage, zu der's dann nicht mehr kam. Ein altes Apropos, gnädige Frau! Ich ahne jetzt, daß beides ſich auf etwas bezog, was ich nun erſt durchblicke. Sie wiſſen wol Ge⸗ 57 heimes von der Nichte der Madame Simeon? Nur in dieſer Vorausſetzung könnte ich ſelbſt gegen Sie, verehrte Frau, offenherziger ſein, als ich ſonſt vielleicht aus ſcho⸗ nender Rückſicht für Mademoiſelle Ceeile ſein dürfte. Wenn Sie das Verhältniß des Mädchens zum König meinen, flüſterte ſie, ſo wußten wir allerdings darum, und fürchteten für Sie; aber wir durften Sie nicht vor⸗ eilig warnen. Sie wiſſen, mein junger Freund, es gibt Dinge in der Geſellſchaft, die man— ich will ſagen— an die man nur durch ſich ſelbſt zum Glauben kommt. Auch hier iſt der Glaube eine Gnade, kein fremdes Verdienſt. Und ſo bin ich dazu gekommen, o meine gnädige Frau! rief er mit unterdrückter Aufwallung aus. Ein andermal umſtändlich! Heut nur ſoviel, daß mir am Ab⸗ ſchiedsabende vor meiner Reiſe ein Billet in die Hände kam, ein Billet von Marinville an Cecile— ich ſage, ungeleſen in meine Taſche kam. Ich hatte es abliefern ſehen unter Umſtänden, die mich ſtutzig machen mußten; daher war es— glaube ich— eine Ahnung oder höhere Mahnung, daß ich es— einſteckte; und doch vergaß ich es an dem froͤhlichen Abende, den ich noch mit meinen liebſten Freunden hinbrachte, reiſte früh darauf ab, und dachte nicht weiter daran. Zurückgekommen, eile ich an einem der erſten Tage mit den alten Empfindungen nach dem Palais, und werde— abgewieſen. Der Kammer⸗ diener, der mich von meinen Trinkgeldern kennt, flüſtert mir zu, die jungen Damen ſeien in Nenndorf. Am Hof⸗ lager? frage ich mich ſelbſt, oder vielmehr— fragt etwas in mir. Und indem ich ſo in Gedanken über den Corri⸗ 58 dor gehe, wie ich an jenem letzten Abende gegangen war, überfällt mich plötzlich, wie ein Geſpenſt aus dem Winkel, die Erinnerung an meinen Abſchied und an das Billet. Eile ich alſo nach Haus, ſuche den Frack von jenem Abend hervor und finde das Billet noch in der Taſche. O wel⸗ ches Licht, gnädige Frau, auf eine Schmach, für die ich— der Schatten werden ſollte! Es traf mich raſch und tief! Glauben Sie mir's! Aber es traf wie ein Pfeil, der doch nicht, wie die Pfeile der Wilden, vergiftet war, ſon⸗ dern mit einem Balſam beſtrichen nur eine Wunde ritzte, durch die ich von einer Thorheit genas. Bald ſah ich auch ein, daß nur das Herz meiner jugendlichen Eitelkeit davon blutete. Ich hätte es kaum ſo gut,— ich hätte eine Züchtigung verdient für meine gemachte, vermeinte Zuneigung. Ja, nehmen Sie es ſo, damit Sie begreifen, daß ich eigentlich ſeelenvergnügt bin, einer Bizarrerie des Herzens ſo leichten Kaufes losgeworden zu ſein. Warum aber Madame mich abgewieſen, verſtehe ich nicht; ſie müßte denn vermuthen, das wahrſcheinlich vermißte Billet ſei in meinen Händen. Und doch, da ich mich ja zu Beſuch ein⸗ ———————ſſͤ1 ——— 8 fand?— Ich verſteh's nicht!— Da ich wiederkam, konnte ſie ja nicht vermuthen, daß ich ein ſolches Billet kenne! Vielleicht weil die Mädchen abweſend waren, meinte die Baronin. Sie ſind aber jetzt zurück; doch hat ſich Cecile geſtern Abend nicht blicken laſſen. Ueberhaupt muß etwas vorgefallen ſein; Madame Simeon konnte mit aller Mühe, die ſie ſich gab, über eine gewiſſe Niedergeſchla— genheit nicht hinauskommen, und hatte ſehr vertraute Be⸗ ſprechungen mit Pigault⸗Lebrun, dem Vorleſer des Königs, ——— 59 der jetzt auch in den Salons erſcheint. Dieſer Roman⸗ poet iſt, wie ich höre, die Kehrſeite von Marinville: wie dieſer die angehenden, beſorgt Pigault die abgehenden Liebeshändel des Königs. Ah! Ich verſtehe ſchon, gnädige Baronin! lachte Her⸗ mann. Marinville, des Königs Garderobemeiſter, wirk⸗ licher Mattre de la Garde-robe, beſorgt die neuen An⸗ ſchaffungen, und Pigault hat das Abgelegte zu vertrödeln. Wiſſen Sie was? flüſterte ſie, indem ſie ſich lächelnd erhob. Sie kennen ja den alten Schwätzer: ſuchen Sie ihn zu ſprechen; vielleicht verräth er Einiges, was Ihnen zu erfahren dient. Ja, ein Schwätzer iſt er, erwiderte Hermann. Ich glaubte früher, es ſei die Eitelkeit eines alten, geckenhaf⸗ ten Franzoſen, daß er mir gleich bei der erſten Bekannt⸗ ſchaft ſoviel von des Königs Geſchichtchen erzählte; viel⸗ leicht hängt es aber mit dem Troͤdelgeſchäft zuſammen, wenn er mit Jeröme's Liebesgeheimniſſen ſo leichtfertig umgeht. Was in abgelegten Kleidern ſtecken bleibt, iſt ja preisgegeben. Kommen Sie, höͤren wir, was Jacobſon ſo vergnügt erzählt! Mit dieſen Worten näherte ſich Frau von Bülow wie⸗ der der Geſellſchaft. Eben ſprach der Geheime Finanzrath: Nun ja, die Schulanſtalt in Seeſen, die ich für Chri⸗ ſten und Juden gemeinſchaftlich gegründet habe, mag heil⸗ ſam wirken. Das ſoll ſie auch. Aber, meine Herren, machen Sie mich nicht eitel durch Ihr Lob! Ich will Ihnen lieber aus meinem Leben eine Erinnerung mit⸗ theilen an etwas, was mir eine von aller Eitelkeit freie ——— — ———— 60 Luſt gewährt hat. Es iſt vielleicht eine meiner reinſten Freuden. Als ich noch, ein armes Judenjüngelchen, mit meinem Kleinhandel umherreiſte, hatte ich bei ſo vielen Entbehrungen doch ſchon eine vornehme Liebhaberei, die nämlich, einen guten Taback, etwas Feines, zu rauchen. Komme ich einmal in einem ländlichen Wirthshaus mit einem reiſenden Spenglergeſellen zuſammen, der bei ſei⸗ nem Glaſe Bier meine Tabackswölkchen mit Behagen ein⸗ athmet und den köſtlichen Taback preiſt. Sind Sie auch Raucher? frage ich ihn.— Ja, ſagt er, aber ich will mir den Geruch Ihres Tabacks nicht durch meinen ſchlech⸗ ten Knaſter verderben; ich will Ihren Taback lieber nur riechen, als meinen rauchen.— Rauchen Sie denn mit mir! ſage ich darauf, und ziehe meinen Beutel heraus, eine welke Blaſe mit grüner Schnur eingefaßt. Aber denken Sie ſich meinen Schreck, wie er ſeinen rieſigen Maſerkopf aus der Taſche zieht und den ganzen Reſt meines Tabacks mit breitem Daumen in den Kolben drückt. Ein wahres Raubſchiff von'nem Pfeifenkopf, ein Corſar von einem Daumen, ſag' ich Ihnen! Erſt überläuft's mich; ich kann meinen heimlichen Verdruß kaum verwin⸗ den, bis er ſeinen brennenden Schwamm aufgelegt hat und nun an der langen, geringelten Pfeifenſpitze zieht. Aber wie zieht? Ein ſeliges Vergnügen ſpielt um ſei⸗ nen breiten Mund, er verdreht die Augen, wie verzückt, und hat er ein Wölkchen herausgeblaſen, fängt er es ſchnell noch einmal mit der linken Hand auf und fächelt es ſeiner Naſe zu. Jetzt fühl' ich erſt recht, wie glück⸗ lich ich einen Menſchen gemacht habe, und der ſo ganz in ſeiner Seligkeit aufgeht, daß er ſich ſogar zu bedanken 6ʃ vergißt. Wie gern hätte ich ihm noch eine zweite Pfeife voll zurückgelaſſen, wenn ich ſie noch gehabt hätte! Eine Erzählung gab nun die andere. Auch Nathuſius brachte rührende Züge aus ſeiner bedrängten Jugend vor. Und ſo verbreitete der Contraſt von gegenwärtigem An⸗ ſehen und Reichthum dieſer Männer mit anfänglicher Noth und Arbeit einen zugleich äſthetiſchen und ſittlichen Duft über die feinen Schüſſeln, die jetzt zum Abendbrot auf⸗ getragen wurden. Sechstes Capitel. Der überliſtete Trödler. Als Hermann ziemlich ſpät in ſeine Wohnung kam, fand er auf dem Tiſch ein Blatt Papier, von einer der⸗ ben franzöſiſchen Hand etwas zitternd beſchrieben und mit dem Namen Pigault⸗Lebrun unterzeichnet. Er las: „Sie ſind von Ihrer Reiſe zurück; ich bin aber nicht ſo glücklich, Sie in Ihrem reizenden Bellevue anzutreffen, und kann mich Ihrer alten, rein deutſchen Wirthin kaum zu einem Blättchen Papier verſtändlich machen, um Ihnen einen freundſchaftlichen Gruß zu hinterlaſſen. Ich habe Ihnen eine Entſchuldigung und Erklärung der Dame Si⸗ meon zu überliefern. Morgen iſt Sonntag und Sie be⸗ ſuchen vielleicht Napoleonshöhe. Um die Zeit der ſprin⸗ ———— —-O——— —ᷓ— 62 genden Waſſer will ich Sie erwarten. Es iſt nämlich auch intereſſante Literatur aus Paris angekommen, und darunter gewiß Manches, was Sie gern leſen, ehe es für die anzulegende Bibliothek des Königs gebunden wird. Es iſt vielleicht eine höhere Anordnung der menſchlichen Dinge, daß— wenn Könige Bücher anſchaffen, ſich auch Unterthanen finden, die ſie leſen. Mein Freund Andrieux ſagt in ſeinem Müller von Sansſouci»: Et ces malheureux rois dont on dit tant de mal, ont du bon quelquefois.“ Nach Dem, was der Freund eben von der Baronin Bülow über den anrüchigen alten Romandichter vernom⸗ men hatte, lächerte ihn der drollige Zufall, daß derſelbe, offenbar als Lockvogel, in das Revier kommen mußte, worin eben eine Vogelſcheuche nicht für— ſondern gegen ihn aufgeſteckt worden. Dennoch war Hermann nicht ab⸗ geneigt, den bedenklichen Alten zu beſuchen. Einmal er⸗ ſchien ihm, aufgeräumt wie er eben war, Manches, was ihn ſonſt bedächtig gemacht hätte, einer Beobachtung werth. Es reizte ihn, zu verſuchen, was der alte Trödler anzu⸗ bieten habe, und wie der Schalk es angreifen werde, ihn zu gewinnen. Dann überlegte er auch, daß er, bei dem Einfluſſe Marinville's, ſeine Stellung und ſein Fortkom⸗ men nicht aufs Spiel ſetzen dürfe, und daher das Ge⸗ heimniß des entwendeten Briefs mit aller Unbefangenheit ignoriren müſſe. Ja, ſchon des bloßen Entwendens hätte er nicht geſtändig ſein mögen. Er erkannte die Gefahr, in die er durch thörichte Abſichten gerathen war, und dankte ſeinem guten Glück, daß er ſich gegen Cecile noch 63 in einer Entfernung gehalten hatte, die ihm erlaubte, ſich gemach zurückzuziehen, und den Anſchein davon auf die Abweiſung ſeines Beſuchs bei Frau von Simeon fallen zu laſſen. Er durfte daher, wie er meinte, die Einladung Pigault's nicht ablehnen, ſondern mußte ſie gerade zu ſeinem Vorhaben benutzen. Dennoch würde er ſich vielleicht nicht beeilt haben, ihr gleich morgen zu folgen, wäre nicht bereits eine Fahrt nach Napoleonshöhe auf den Sonntag verabredet geweſen. Nathuſius wünſchte nämlich mit ſeiner Verlobten, zum Abſchiede von Caſſel, noch einmal hinaufzufahren, und die Waſſerkünſte ſowie die Löwenburg zu beſehen, die er bis jetzt noch unbeſucht gelaſſen hatte. Wer konnte wiſ⸗ ſen, ob gegen den Herbſt, wenn er zur Vermählung wie⸗ derkäme, Wetter und Umſtände ſo günſtig wie jetzt ſein würden. Da die Mutter der Braut aber ſich etwas un⸗ wohl fühlte, ſo war Lina zur Begleitung erſucht worden, und Nathuſius hatte, um ſeiner Thereſe etwas Liebes zu erweiſen, Hermann zur Fahrt eingeladen. Man fuhr gleich nach dem früher genommenen Mit⸗ tagstiſche, um auf der Esplanade des Schloßflügels, im ſchattigen Ausblick auf die tiefe Landſchaft, den Kaffee zu nehmen, und dann die waldigen Steige hinauf den Waſſern entgegen zu gehen. So einladend das Wetter war, blieb doch wegen der Abweſenheit des Königs der Park von der höhern Ge⸗ ſellſchaft ziemlich unbeſucht. Dagegen hatte der Wirth die⸗ ſen ſtillen Sonntag zu einem Bürgerfeſte benutzt. Für die verſchiedenen Stände waren Tanzplätze eingerichtet. Die Dienſtmägde hatten ſich, mit und ohne Liebhaber, in weißen ——,· —, ——4————— —— p,. gefunden; die Bürgerfrauen ſtolzirten in dem neumodiſchen Aufwande nachgemachter türkiſcher Shawls einher, unter deren Flügeln ſich die großen Arbeitsbeutel mit Mundvor— rath für Mann und Kinder zu verſtecken ſuchten. Lärm und Lachen, Jubel und Jauchzen wurden laut genug; denn die Gendarmen, die hier Aufſicht hielten, ließen heut fünf gerade ſein, und mancher Mädchenſchrei rührte von der Zärtlichkeit eben der mitluſtigen Wächter der guten Ord⸗ nung her. Beim Aufbruch unſerer kleinen Geſellſchaft nach der 4 Höhe trennte ſich Hermann mit der Verabredung, ſich auf der Löwenburg wieder zu ihnen einzufinden. Er eilte nach dem entferntern Schloßflügel zur bekannten Woh⸗ nung Pigault's. Der alte Poet empfing ihn noch in ſehr ungeordnetem Anzuge. Babet dagegen war heut vollſtändig und ge⸗ ſchmackvoll, nur etwas leichtfertig gekleidet, und ſah rei⸗ zend aus durch die pariſer Künſte, die dem Vergänglichen einen täuſchenden Schein von Dauer gewähren, und das Verſchwendete durch die geheimnißvollen Mittel erſetzen, die unter Benennung nach der unvergeßlichen Ninon ſich einſchmeicheln, als Ninonlocken, Ninoncorſet und der⸗ gleichen. Nach den erſten artigen Wechſelreden und bei flüch⸗ tiger Anſicht der für Jeröme angekommenen Bücher ver⸗ ſuchte Pigault verſchiedene Wendungen, um Babet zu entfernen. Aber ſie ließ mit ſchalkhaftem Lächeln alle Winke oder Aufträge unbeachtet. Hermann fragte daher nach dem Auftrag der Dame Simeon an ihn, und gab Kleidern und Blumenkränzen um den Kopf, zahlreich ein⸗ 1 . 65 zu verſtehen, daß er auf der Löwenburg erwartet werde und Eile habe. Ah! Ich begleite Sie dahin! rief der Alte. Madame Simeon will Ihnen übrigens noch ſelber ſagen, was ſie damals verhindert hat, Sie zu empfangen. Sehr gütig von Ihrer Excellenz! erwiderte Hermann. Aber— ich war freilich ein wenig unbeſcheiden mit mei⸗ nen frühern allzu häufigen Beſuchen, und ich verdiente dieſe Zurechtweiſung. Gomment, Monsieur le Docteur! rief Pigault er⸗ ſchrocken. Was denken Sie? Auf Ehre, das iſt die Sache gar nicht. Glauben Sie mir, Mademoiſelle Ce⸗ eile— Er verſtummte mit einem lauernden Blick nach Babet, die mit der Miene der Unachtſamkeit ſich vor dem Spie⸗ gel zu thun machte, worin ſie, was hinter ihr vorging, mit geſpannter Miene beobachtete. Sie wiſſen doch, fuhr Pigault fort, daß beide junge Damen in Nenndorf waren? Ja, Madame Heiſter hat mir erzählt, daß ſie das Vergnügen eines Beſuches von ihnen gehabt hat, erwi⸗ derte Hermann; worauf der Alte mit lebhaften forſchen⸗ den Mienen ausrief: Nun, mein Herr, haben Sie nicht auch eine Partie zuſammengemacht? Wie? Lina hatte über jenes Stubenbegegniß bei Ceeile ab⸗ ſichtlich gegen Hermann geſchwiegen; dieſer konnte daher mit der ehrlichſten Unbefangenheit antworten: Davon weiß ich nichts. Meine Freunde ſind ſchon am zweiten Tage gegen Abend abgereiſt, da Herr Heiſter Koenig, Jeröme's Carneval. III. 5 4 4 3 1 V — — ———— 66 bereits am Morgen von Herrn von Marinollle ſeiner Geſchäfte entlaſſen war. Ah! Das iſt ein Anderes! rief Pigault, vergnügt die Hände reibend. Sehen Sie, Madame Simeon er⸗ wartete damals, als Sie zu Beſuch kamen, beide De⸗ moiſelles aus dem Bade zurück. Aber nun, mein Herr, müſſen Sie Ihren Beſuch wiederholen. Wenn Sie mir die Verſicherung geben, mein lieber Pigault, daß ich in der That nicht unwillkommen bin, entgegnete lächelnd der Freund, ſo werde ich mich zur nächſten Aſſemblée— Freitag? fiel der Alte ein. O mein Herr, nein! Morgen müſſen Sie kommen, und vertraulich, wie ſonſt. Ich bin morgen auch da, wiſſen Sie! Und Mademoiſelle Cecile— Er warf wieder einen Blick nach Babet, und fuhr dann, ſich unterbrechend, fort: Aber Sie eilen, mein Herr, und ich begleite Sie. Pardon! Ich will mich nur ſchnell ein wenig anziehen! Er eilte nach dem Seitenzimmer, ohne die Thür hin⸗ ter ſich zu ſchließen. Babet blickte ihm geſpannt nach, und ſobald ſie ihn inwendig beſchäftigt hörte, ſchlich ſie ſchwebenden Schrittes und mit warnenden Geberden zu Hermann, faßte ihn am Arme und flüſterte, faſt un⸗ anſtändig ſich an ihn ſchmiegend, ins Ohr: Sie muß fort,— Cecile,— ſie wird von Pigault nach Mainz gebracht,— der Kaiſer hat es befohlen. Ah, mein Herr, das iſt eine tragiſche Geſchichte! Kom⸗ men Sie zu mir, wenn Pigault fort iſt— nächſter Tage— und ich erzähle Ihnen Alles. Ah! 2 — 67 Sie drückte bei dieſem Ah! mit Blicken und Händen aus, wie merkwürdig die Sache ſei. Hermann, ſich zu⸗ rückziehend, deutete ihr mit dem Finger drohend nach der Seitenthür; worauf ſie dahin ſchleichend und an der Oeff⸗ nung ein Rübchen ſchabend wieder an ihr früheres Plätz⸗ chen zurückkehrte. Die Stille im Zimmer mochte den vorſichtigen Pigault mehr als ein lautes Geſpräch zur Beeilung ſeines An⸗ zugs antreiben; er kam in ziemlich nachläſſigem Coſtüm zurück, und nahm mit dem freundlichen Zuruf:„Adieu, Babet!“ Hermann mit ſich fort. Doch das Mädchen, den Shawl ergreifend, erwiderte mit mehr neckiſchem als ern⸗ ſtem Ton: Ich geh' mit, lieber Onkel! Nun entſtand ein poſſirlicher Streit begütigender Ab⸗ wehr mit lachendem Trotz, bis Pigault in lächerlichem Zorn gebot: Sacré mille, Babet! Du bleibſt, ich befehle es dir! Worauf er dem vorausgegangenen Hermann nacheilte und hinter ſich den Stubenſchlüſſel umdrehte. Doch hat⸗ ten ſie die Treppe noch nicht erreicht, als Babet aus der Thüre des Seitenzimmers lachend nachrief Geh' nur, grauköpfiger Mercur, du kommſt doch zu ſpät! Dieſe höhnende Prophezeiung, auf die heimliche Mit⸗ theilung bezüglich, ſollte noch in anderm Sinn, als ſie gemeint war, in Erfüllung gehen. Denn kaum hatte Pigault, im Park angelangt, das Geſpräch auf Cecile gebracht, als er ſich von hinten angerufen hörte, und ein 5* 68 Bedienter ihn eiligſt zu Madame Simeon einlud, die im Schatten der Esplanade auf ihn warte. Ah, das iſt fatal! Das bringt mich um das Ver⸗ gnügen Ihrer Geſellſchaft! flüſterte der alte Poet, von dieſer ungewöhnlichen Einladung etwas betroffen. Aber Sie kommen morgen oder übermorgen, und helfen uns Babet halten. Sie will nach Paris. Und— ecoutez! (ſetzte der Schalk vertraulichen Tons hinzu) Babet's An⸗ gelegenheit iſt günſtig erledigt; der König war ſo gnä⸗ dig, ſie in Nenndorf zu beſuchen, und auf ihrem Zimmer wurden die letzten Bedenken gehoben. Sehr vortheilhaft für Mademoiſelle! Nun will ſie fort, und Madame Si⸗ meon iſt troſtlos darüber, noch mehr der Miniſter. Aber Madame wird Ihnen das Alles— Alſo auf Wieder⸗ ſehen, Sie Herzenseroberer! Er eilte zurück, und Hermann ſah ihm mit vergnüg⸗ tem Lächeln nach. Wie er ſich dann der waldigen Höhe zuwendete, er⸗ blickte er links, hoch aus den Gipfeln des Bergwaldes hervorragend, die graue Burg mit ihren Zinnen und zahlreichen Thurmſpitzen. Rechts ſprang unter dem Jauch⸗ zen der bürgerlichen Zuſchauer die große Fontaine. Her⸗ mann wußte, daß Nathuſius mit den Damen bis zu den Cascaden emporgeſtiegen war, und von dort auf den ſchönen, waldſchattigen Gängen zur Löwenburg herüber⸗ kommen wollte. Er nahm daher die kürzere Richtung gleich links, die ziemlich ſteil hinaufführte, und ſuchte ſich im Labyrinth der Fuß⸗ und Fahrwege zurechtzufinden. Längſt ehe der Freund die Höhe erglimmen konnte, 4 69 hatte Pigault die Dame aufgefunden, die ihn mit den ungeduldigen Worten begrüßte: Ich muß alſo Sie aufſuchen, Pigault? Muß da herauf ſpazieren fahren, heut unter dies Volk, um die Gnade zu haben, Sie zu ſprechen. Verzeihung, Madame! Aber ich hatte heut den Doc⸗ tor— Dings abzuwarten, und wäre den Abend zur Stadt gekommen. Und, hören Sie! Er weiß gar nichts, von Nenndorf nichts, nichts von Allem! Er beklagt nur, daß er abgewieſen worden. Sie hätten ihn als zudring⸗ lichen Menſchen behandelt. Ah bah! Pigault, wie köonnen Sie ſich täuſchen laſ⸗ ſen? Sie! Ich, ſagen Sie? Eben darum, Madame, ich nicht! Was? Der Verfaſſer von„Les barons de Felsheim“, von „L'enfant du carnaval“ ließe ſich täuſchen? Und von einem jungen deutſchen Burſchen? Madame, begraben wir dies Wort in Vergeſſenheit! Die Miniſterin ſchlug ein Lachen auf und verſetzte: Immerhin, Pigault! Es kommt nichts mehr darauf an. Hören Sie! Unſere Hauptſorge iſt gehoben. Mein Gott, das ſage ich ja eben auch, Madame! Was ſagen Sie, Pigault? Sie meinen, daß Cecile's Liaiſon verrathen worden? Nein! erwiderte ſie ungeduldig. Daß Simeon nicht begreift, warum Ceecile fort will, daß wir für den gu⸗ ten Mann keinen Vorwand hatten, keinen für ihn zu⸗ reichenden Grund, ſie ſo eilig fortzuſchaffen. Nun iſt aber ein Brief meiner Schweſter an den Miniſter gekommen, worin ſie ihre Tochter ſchnell zurückverlangt. Mir im Vertrauen ſchreibt ſie, daß ihr der Kaiſer habe befehlen laſſen, ihre Tochter unfehlbar bis Ende Auguſt von Caſ⸗ ſel zurückzuziehen. So ſind wir wegen meines Mannes beruhigt, und das iſt mir noch das Angenehmſte bei der Sache, die mich zu beunruhigen, zu bedrohen anfing. Cecile packt, und Sie, Pigault, machen ſich fertig, über⸗ morgen zu reiſen. Aber, mein Gott! Wenn's uns gelänge, ſie zu ver⸗ heirathen? Dann holen wir ſie wieder zurück, verſetzte ſie kurz und barſch, dann brauchen wir keine Maske mehr, Sie— „Verfaſſer von L'enfant du carnaval“! Begreifen Sie das? Alſo Dienſtag ſchon? fragte Pigault, dem dieſe Reiſe nicht ſehr angenehm zu ſein ſchien. Aber, Madame, Jeröme kommt ſchon die Mittwoch von Nenndorf zu⸗ rück; wird er Cecile nicht noch einmal ſehen, ihr Adien ſagen wollen? Auch die Königin trifft zur Mittwoch wieder ein, erwiderte ſie, und da hat er ein Willkommen zu ſa⸗ gen. Das Adieu iſt abgemacht. Ich kann nicht anders ſagen als— generös, wie es von Jeröme zu erwarten, beſonders— wenn eine neue Neigung dahinterſteckt! Dieſe letzte Aeußerung war mit mehr Hohn und Bitterkeit empfunden, als ſie ausgeſprochen wurde. Die Dame Simeon aachtete den alten Pigault nicht genug, um ſich in ſeinen Augen verletzt, gekränkt zu zeigen, und war zu vorſichtig, etwas zu verrathen, was der könig⸗ liche Vorleſer ſeinem Gebieter— vorplaudern könnte. Dieſer hatte bereits leiſe und forſchend gefragt: Eine neue Liaiſon, Madame? ᷣ— 71 Frau von Simeon ſchwieg einige Augenblicke nach⸗ denklich, dann ſagte ſie mit einer gewiſſen Feierlichkeit: Hören Sie, Pigault, es gibt doch verhängnißvolle Augenblicke, magiſche Einflüſſe im Leben der Könige. Jeröme hatte noch die volle Leidenſchaft für meine Nichte, als er ſie nach Nenndorf kommen ließ, ja ſelbſt noch, als er ſie dort beſuchte und an jenem Morgen ihre Zukunft mit ihr beſprach, hatte ſie bis zum Augenblicke, wo die ſchöne Frau in Cecile's Zimmer tölpelte. Dies war der Moment einer zauberhaften Umwandlung ſeines Herzens. Alle Leidenſchaft für Cecile war wie erloſchen, und lo⸗ derte für die Frau, die in reizender Verwirrung— oder was es war, eine Weile daſtand. O Madame, auch ich kenne dieſe königlichen Au⸗ genblicke! rief Pigault. Aber woher wiſſen Sie ſo genau—? Von Marinville, der geſtern nach Caſſel kam, nur um zu hören, welche Empfangsfeſte vorbereitet würden, und wie bei einer ſolchen Gelegenheit die ſchoͤne Frau Heiſter in die Nähe des Königs zu bringen ſei. Jeröme kann es nicht erwarten, ſie zu ſehen, ſich ihr zu erklä— ren, ſie zu beſitzen. Herr Heiſter wird Carrière machen, prophezeie ich Ihnen! Und— wie, Madame? flüſterte Pigault. Das ſagt Ihnen Marinville? Ihnen, der Tante Ceeile's? Warum nicht? entgegnete ſie. Der Brief des Kai⸗ ſers kam noch am Abende deſſelben Tags nach Nenndorf; das Verhältniß mit Cecile hat aufgehört, und Marin⸗ ville, indem er durch ſeine Mittheilungen Cecile's ſtolzes, eiferfüchtiges Herz aufruft, erleichtert ihr die Abreiſe. — aõͦ—õ—C—᷑—᷑Q—C—CQCQ—O—CęO———ę—᷑—Q—O·D————— 72² Auch weiß Marinville, in welcher Sorge ich, bei aller Gunſt des Königs, fort und fort geſchwebt habe— meines Mannes wegen. O, Marinoille iſt Menſchenken⸗ 8 ner, ſo gut wie der Verfaſſer von„L'enfant du car- naval“! Mit Stolz abreiſen,— a la bonne heure, Ma⸗ dame, verſetzte Pigault. Aber an der Hand des jungen, liebenswürdigen Herrn— Dings bleiben, ſcheint mir ein beſſerer Trotz. Sie vergeſſen den Befehl des Kaiſers, Pigault, mit dem nicht zu ſpaßen iſt, ſagte die Dame, indem ſie ſich erhob. Und abgeſehen von dem verlorenen Brief, der ge⸗ wiß in den Händen des jungen Mannes iſt, und von der Ungewißheit ſeiner Abſichten, ſo hat jedenfalls Jeroͤme jetzt kein Intereſſe mehr, ihn zu befördern, und mit einem artigen Mann ohne Stellung läßt ſich nicht trotzen. Kom— 1 men Sie, begleiten Sie mich nach dem Gaſthof zu meiner kleinen Geſellſchaft! 4 Während dieſer Verhandlung hatte Hermann die Höhe der Löwenburg erreicht, und betrat über die Zugbrücke 4 und durch ein eiſernes Gitterthor, die Militärwache be⸗ grüßend, das glatte Pflaſter des von allen Seiten um— bauten Hofes. Nathuſius kam eben mit den Damen aus der Burgkapelle, um zunächſt die anſtoßende Rüſtkammer mit der Sammlung alterthümlicher Waffen zu beſehen. Der vergnügte Bräutigam war entzückt über den im be⸗ ſten Geſchmack des funfzehnten Jahrhunderts ausgeführten Bau. Es fehlte ſelbſt der Rittergarten und der Brunnen 4 vor der Burg nicht. Ein artiges Mädchen, die Tochter — —————-— 73 des Caſtellans, führte die Geſellſchaft umher, da der Vater während des Königs Abweſenheit öfter, als es ſonſt geſchehen konnte, ſeine caſſeler Freunde zu beſuchen pflegte. Sie fanden die obern, fürſtlichen Gemächer der Burg, etwa vierzig an der Zahl, ganz im Geſchmack der Zeit, auf die der Bau zurückwies, moͤblirt und eingerichtet. Die freundliche Caſtellanin öffnete ihnen heut ſelbſt das auf Jeröme's Befehl ſonſt verſchloſſen gehaltene Arbeits⸗ cabinet des Kurfürſten. Die Burg, nach ſeiner Phan⸗ taſie erbaut, war ſtets in der guten Jahreszeit ſein Lieb⸗ lingsaufenthalt geweſen, und Jeröme, in einer Anwand⸗ lung fürſtlicher Pietät, hatte das Cabinet in dem Zuſtande belaſſen, worin er es nach der Flucht des Kur⸗ fürſten zuerſt gefunden hatte. Ja, die Damen, wie ſich das dämmerige Gemach öffnete, glaubten im erſten Augen⸗ blicke zu ihrem Schreck den Kurfürſten ſelbſt zu erblicken. Es war aber nur ſein Bruſtbild, in Oel lebensgroß und ſprechend ausgeführt, und— wie die Führerin erröthend eingeſtand— von ihrem Vater in den Armſtuhl geſtellt, wo ſonſt der Herr geſeſſen. Ohne Zweifel war der Ca⸗ ſtellan ein ſtiller Anhänger des Fürſten, und ſuchte, zur heimlichen Befriedigung ſeines treuen Herzens, den recht⸗ mäßigen Herrn, bis Andere ihn wieder in ſein Land zu⸗ rückbringen würden, einſtweilen wenigſtens bildlich auf dem Sitze zu erhalten. Dies verrieth mehr noch als das befangene Erröthen der Tochter ihre Bemerkung, daß wenn Jerome einmal heraufkäme, der Vater das Gemälde zu entfernen pflege. In der Regel beträte jedoch der König das verſchloſſen gehaltene Cabinet gar nicht. Freilich erinnerte auch die ganze Einrichtung nur all⸗ zu lebhaft an den vorigen Regenten. Da hing noch eine Perücke mit Zopf auf ihrem Geſtell, und die Uniform mit ausgeſchlagenen rothen Schößen und kurzem Kragen, ſowie die lange mit Gold⸗ und Silbertreſſen beſetzte Weſte lagen über einen Stuhl gebreitet. Man hätte glauben können,„der Herr“ werde im Augenblick hereintreten, um ſich zur Parade anzukleiden. Vor dem carmoiſin⸗ rothen Seſſel ſtand der Schreibtiſch, noch mit dem Schreib⸗ geräthe beſtellt, ja, das von probirten Federn bekritzelte Papierblatt lag noch darauf. Mit gleichfarbigem Sam⸗ met, wie der Seſſel, waren die Wände beſchlagen, und die zwei kleinen Fenſter mit Vorhängen von Seidenzeuch deſſelben Roths eingefaßt. Schränke mit reichverzierten Thüren verwahrten die Garderobe und ſonſtige Gebrauchs⸗ gegenſtände des vertriebenen Fürſten. Zuletzt beſtieg die kleine Geſellſchaft den platten Thurm, von wo aus man einer unbeſchreiblich ſchönen Ausſicht genoß. Nathuſius verließ ſo vergnügt die Burg, daß er der Wachtmannſchaft, die am vordern Eingang im Schatten eines ruinenartig erbauten Thurms ihre Pfeifen rauchte, ein anſehnliches Geſchenk machte, damit ſie ſich zu ihrem Knaſter auch eines guten Trunks erlaben moͤchten. Unterwegs der breiten ſchattigen Gänge ſagte er leiſe: Das iſt doch ein anderes Stück Sommerluſt, als es der König von Preußen bei ſeinem Potsdam beſttzt. Moͤchte der gute Friedrich Wilhelm, wenn er in rückkeh⸗ renden Tagen des Glücks ſich das verlorene Magdeburg wieder holt, einige Schritte weitergehen und ſein Sans⸗ 75 ſouci für ſich und die herrliche Königin da herauf ver⸗ legen! Meinſt du nicht auch, Thereschen, wie lieb es † wäre, wenn unſere ſonſt preußiſch⸗heſſiſch getrennten Wohn⸗ orte ebenſo politiſch, wie wir ſelbſt dieſen Herbſt kirch⸗ lich, copulirt würden? Thereſe umarmte ihn und ſagte mit lächelnder Rüh⸗ rung: Sie ſind es ja jetzt ſchon, lieber Chriſtian,— Caſſel und Magdeburg! Siebentes Capitel. „.. Adieu, Mademoiſelle Ceeile! Die glückliche Stimmung des wackern Nathuſius kam dem jungen Freunde zu ſtatten, inſofern ſie die Zer⸗ ſtreuung ſeiner Aufmerkſamkeit und die Unruhe ſeines Innern einigermaßen deckte. Als ihn nämlich Pigault verlaſſen, war er in der kürzeſten Richtung der hoch aus dem Wald hervorleuch⸗ tenden Burg zugeeilt, bis ſie in den waldigen Pfaden, die er betrat, aus ſeinen Augen verſchwand. Hier, wo die entfernte Fröhlichkeit der Muſik und des Tanzes ver⸗ hallte, hätte er aufjauchzen mögen über Babet's verſtoh⸗ lene Nachricht von Cecile's Verbannung aus Caſſel. Doch die jäheſte Steige, die er nach dem Augenmaße zu ſeinem Ziele genommen hatte, ließ ihm zum Aufjubeln keinen Athem übrig, und er kam bei ſeiner Haſt ziemlich ange⸗ griffen vor der Zugbrücke an, als er eben überlegen wollte, wie er ſich jetzt am klügſten zu benehmen hätte. Dieſe wechſelnde Stimmung Hermann's entging der Theilnahme Lina's nicht. Ihr fiel es mehr als den zärt⸗ lichen Verlobten auf, wenn der Freund bald überhörte, was er gefragt wurde, bald über eine Kinderei, wie ein Kind, lachen konnte, oder wie ein ausgelaſſener Knabe tolle Sprünge machte. Was mochte er ſo Aufregendes von dem Vorleſer des Königs vernommen haben? Lina konnte es nicht errathen, wagte aber auch nicht, ihn darum zu befragen, weil ſie die tlegenheit dazu ungeeignet fand und ſich im voraus auch mehr Betrubendes als Erfreu⸗ liches davon erwartete. Dieſe Beſorgniß nahm zu, je mehr ſie bei der Vermuthung, daß es Cecile betreffen möchte, zu bemerken glaubte, daß Hermann's Aufregung doch eigentlich vergnüglicher Art war. Sie verlebte daher einen unruhigen Abend bei Engelhard's, wohin auch Lud⸗ wig kam, und einen kummervollen Montag, an welchem Hermann ſich nicht ſehen ließ. Aber in die heftigſte Un⸗ ruhe verſetzte es ſie, als er ſich Dienſtag gegen Mittag zu ihrem Fünfuhrtiſche anſagen ließ. Sie zweifelte nicht, daß es einer Erklärung in Ludwig's Beiſein gelte. Ge⸗ rade hieraus vermuthete ſie das Unglücklichſte zu ver⸗ nehmen, und ängſtigte ſich darüber, wie ſie und Ludwig ihm das Entſetzlichſte offenbaren ſollten, oder wenn es zu ſpät ſei, ob ſie es ihm vorenthalten dürften. Das Einzige, was ihr einige Beruhigung gab, war der Ge⸗ — 77 danke, daß er den unglücklichen Brief vielleicht jetzt erſt in ſeinem Kleide gefunden hätte und zur Sprache brin⸗ gen möͤchte. Ludwig, vom Bureau kommend, hatte kaum bemerkt, daß für Drei gedeckt war, als Hermann eintrat, und Lina nicht ohne Beklommenheit erklärte: Hier kommt der Dritte, der ſich hat anſagen laſſen, als du ſchon aufs Bureau warſt. Aha! lachte Ludwig. Ich weiß nun ſchon—! Und, Lina,— du haſt doch eine Flaſche Champagner herauf⸗ beſorgt? Sie erſchrak. 4 Ja, ſagte ſie kleinlaut, weil du das gern haſt mit einem Freunde, Ludwig. Von einer andern Bedeutung weiß ich nichts. 6½ wird doch nicht etwa— Sie vermochte es nicht auszuſprechen, was ſie ſagen wollte, und Ludwig rief abermals lachend: Nein, Linchen, du erräthſt es nicht. Es gilt dem Freund eine Verzweiflung wegtrinken zu helfen. Vielleicht koſtet es zwei Flaſchen, je nachdem—! Denke dir nur: Cecile iſt dieſen Morgen nach Paris abgereiſt! Hermann, einen Augenblick ſtutzend, ſprang auf Lud⸗ wig los, faßte ihn an beiden Schultern und mit dem lachenden Ausrufe: Menſch, Kerl, Halunke! machte er einen dreifachen Luftſprung, und fuhr dann, ihn freundlich ſchüttelnd, fort: Wahrhaftig, Ludwig? Wie käm' ich denn ſonſt darauf? Aber, Menſch, Chef de division, du bringſt mich ja 78 um meinen ganzen Spaß! Komme ich da extra zum Eſſen, um euch zu ſagen, daß ſie fort ſoll, und nun überraſcheſt du mich, daß ſie ſchon fort iſt! Ludwig umarmte ihn mit ernſter Herzlichkeit, indem er ſagte: 1 Danke dem Himmel, Freund, und nimm meinen in⸗ nigſten Glückwunſch! Bei dieſer ſo unerwarteten Wendung war Lina ihrer Bewegung nicht mächtig. Sie ſank einen Augenblick an Hermann's Bruſt, und die Thränen ſtanden ihr nahe, als ſie ausrief: O welche Angſt und Sorge nimmt uns das vom Herzen! Nicht wahr, Ludwig? Aber ſag' mir doch lieber beſter Mann—? Und als ob ſie ihre Selbſtvergeſſenheit gegen den Freund ungeſchehen machen wollte, warf ſie ſich ihrem Ludwig um den Hals und küßte ihn. Nun ja doch! lachte Ludwig, ich will's euch eben er⸗ zählen. Wie ich dieſen Morgen nach dem Palais gehe, finde ich das Thor offen und nehme dieſen kürzern Ein⸗ gang nach unſerm Hinterbau. Ein Reiſewagen hielt da, der Poſtillon auf dem Bock. Der Miniſter ſtand neben Pigault-Lebrun, dieſer im Reiſerock, am Wagen, Cecile erwartend. Er erwiderte meinen Gruß mit den Worten: „Denken Sie, lieber Herr Heiſter, meine Nichte verläßt uns! Ihre Mutter in Paris bedarf ihrer, und Herr Pigault hat die Gefälligkeit, ſie nach Mainz zu bringen.“ Ich ſprach mein innerlich vergnügtes Bedauern aus, und Pigault lächelte mich mit ſeinen ſchwimmenden Augen ma⸗ litiös wie ein Faun an. Indem höre ich Frau von 1 79 Simeon mit der Nichte kommen, und ſtehle mich fort.— Nun faſſe dich, Hermann, in deinem Verluſt! Sei ein Mann, und denke mit Vater Claudius: Das Sternlein iſt verſchwunden, Ich ſuche hin und her Wo ich es ſonſt gefunden, Und find' es nun nicht mehr. Hermann lachte und ſprach: Ja wol war's ein Sternlein,— nur bei Nacht zu erblicken, ein Trabant von Jupiter,— ein Page Jupiter's! Er lachte ſchalkhaft, und tanzte, die Hände reibend, durch das Zimmer. Der Ausdruck Page hat Bedeutung, ſag' ich euch, rief er mit Nachdruck in Blick und Wort, und ſehr vergnügt, daß Beide ſo herzlich lachten. Dann ſetzte er hinzu: Aber kommt, daß die Suppe nicht kalt wird. Wenn ich ans Erzählen komme, werden euch Mund und Augen offen ſtehen. Bedrohe uns nicht mit Ueberraſchungen, lächelte Lina, indem ſie die Suppe vorlegte, du biſt in dem Artikel nicht immer glücklich geweſen. Ludwig blinzte ihr Stillſchweigen zu, und ſagte: Aber, daß du ſo ausgelaſſen luſtig darüber biſt, ſcheint mir doch eine beſondere Art von Verzweiflung zu ſein,— eine krampfhafte Verzweiflung. Hm? Du wirſt es begreifen, wenn ich dir hernach— Doch halt! Ich geb's einſtweilen in nuce und auch in einem Vers: 80 Das Sternlein iſt verſchwunden, Es ſank ſchon lang' gar tief. Zum Troſt hab' ich gefunden 'nen bitterböſen Brief. Gut! lachte Ludwig auf. In Caſſel kommen Briefe oft gar wunderbar in die unrechten Hände. Aber— ein etwas leichtſinniger Liebhaber ſcheinſt du mir doch; denn eine Geliebte verlieren, ſchmerzt ja doppelt, wenn man zugleich den Glauben an ſie einbüßt. Hermann ſah ihn einen Augenblick betroffen und ver⸗ wundert an, und ſprach dann mit weichem Ernſte: Geliebte? O beſter Ludwig, das war ja eben meine Thorheit, die ich jetzt weglachen möchte, meine Kinderei, oder wie du's nennen willſt, daß ich mich zu lieben über⸗ redete, zu freien hetzte, egomet memet. Foreirte Be⸗ werbung, Ludwig! Und warum? Er legte den Löffel hin, ſah den Freund gerührt an, und wiederholte: Und warum, Ludwig? Ich weiß es, aber ſag's nur heraus! verſetzte Ludwig. Hermann ſprang auf und fiel Ludwigen um den Hals, indem er ausrief: Dir zur Beruhigung! Dich nicht zu entbehren und Lina nicht! Ich wollte im Spiel unſerer Herzen auch meinen Partner haben, auch meinen Einſatz geben, und hätte um ein Haar anſtatt des Goldſtücks,— wie du, Freund, eine Karoline eingeſetzt haſt,— ſtatt des Goldſtücks eine ſchmuzige Spielmarke, einen goldgelben, klappernden Rechenpfennig eingebracht. Heiliger Gott, Ludwig! Oh! 84 Ludwig umarmte ihn mit den Worten: Beruhige dich, lieber Hermann! Wir hiätten deinen Einſatz gar nicht angenommen. Aber freilich, du hätteſt deine Blechmarke in der Taſche gehabt, und die Züchti⸗ gung für deinen Argwohn wäre zu hart geweſen! Aber ohne alle Buße kommſt du nicht ab: ich abſolvire dich; aber geh' hin und bitte Lina um einen Kuß, und ich hole den Champagner! Nein, Hermann, nein! gebot Lina. Ich dächte, ihr hättet an Gemachtem, an Forcirtem genug. Setze dich, und Ludwig wird eine Geſundheit ausbringen, die ich frohen Herzens mittrinken kann. Der einfache Tiſch unterhielt die erneute Herzlichkeit. Lina bereute jetzt in ihrer weichmüthigen Fröhlichkeit, daß ſie der unvermutheten Glücksſtunde keine feſtliche Schüſſel bieten konnte. Sie bekannte, daß ſie zu beſorgt und ängſt⸗ lich geweſen, und von Hermann's Tiſchbeſuch eine ſo pein⸗ liche Verhandlung erwartet hätte, daß Einem wol der Appetit vergangen wäre. Wirklich wollte auch jetzt noch keines von den Dreien nur durch den Austauſch ſo un⸗ würdiger, wenngleich glücklich ausgegangener Geſchichten in ihrer ſo herzlichen Stimmung geſtört ſein. Man ver— ſchob die beiderſeitige Erzählung auf einen morgigen Spa⸗ ziergang nach Napoleonshöhe, wo König und Königin zurückerwartet wurden. Beide Freunde ſetzten ſich zu ihrem Wein und einer Pfeife Taback auf das Sopha, und Lina zur Unterhal⸗ tung derſelben an ihren Flügel, wo ſie nach der Polo⸗ naiſe von Oginski, die Hermann ſeit jenem Abend immer Koenig, Jeröme's Carneval. III. 6 8² gern hörte, ein damals beliebtes einfaches Lied, ſo gut es eben nach Tiſche mit der Stimme gehen wollte, aus⸗ drucksvoll ſang: Beglückt, beglückt, wer die Geliebte findet, Die ſeiner Jugend Traum begrüßt; Wenn Arm in Arm und Geiſt in Geiſt ſich windet, Und Seel' in Seele ſich ergießt. Die Liebe macht zum Goldpalaſt die Hütte, Sie pflanzt auf Wildniß Tanz und Spiel; Enthüllet uns der Gottheit leiſe Tritte, Gibt uns des Himmels Vorgefühl. Am andern Nachmittage war wirklich die Allee nach Napoleonshöhe ſehr belebt. Da jedoch heut auf Mitt⸗ woch der Park für das Publieum nicht geöffnet war, ſo wurde deſto mehr in den Wirthshäuſern beider Dörfer und im Keilholz'ſchen Kaffeegarten eingekehrt. Jeröme hatte ſeine Rückkehr aus Nenndorf beeilt, um ſeiner Gemahlin zuvorzukommen und ſie zu empfangen. Die hohen Staats⸗ und Hofbeamten erwarteten ihn un⸗ ter den Säulen der hohen Treppe. Er ſchien nicht aufs heiterſte geſtimmt, ſprach nur mit Einzelnen, und zog ſich mit Bercagny in eines der nächſten Zimmer zurück. Hier warf er ſich ermüdet auf ein Sopha und ließ den Po⸗ lizeichef mit den Worten an: Sagen Sie mir, Bercagny, wer iſt der verwünſchte Correſpondent nach Paris? Der Kaiſer erfährt auch das Geheimſte, was um mich her vorgeht. Haben Sie noch immer nichts ausgemacht? Ich hahe bis jetzt noch keine Spur entdecken können, Sire, antwortete der Polizeichef. Es iſt durchaus nichts 83 unterlaſſen worden. Ich habe mit Pothau die genaueſte Ueberwachung der nach Paris gehenden Correſpondenz an⸗ geordnet; kein pariſer Brief bleibt ungeleſen, aber— gar nichts, Sire! Nun, Sie wiſſen, daß die Heberti, die Thörin, die dem Theater entlaufen war, ſich ſelbſt im Juſtizpalaſt und bei aller Klugheit nicht hat verborgen halten koͤnnen. Der gute Simeon thut mir leid, der in das liebenswür⸗ dige Geſchöpf ganz vernarrt war. Ich weiß, wie man in Paris von ihr denkt, und es iſt mir daher ganz recht, daß ſie fort iſt; nur hätte es nicht vom Kaiſer dürfen befohlen werden koͤnnen. Und ſie iſt nicht das Einzige, was mein erlauchter Bruder von hier weiß. Sorgen Sie dafür, Bercagny, daß der fatale Spion in aller Kürze entdeckt werde, damit ich mich nicht nach einem beſſern Kopfe für die Polizei umzuſehen brauche, als wofür ich Sie bis jetzt gehalten habe. Marinville erſchien und Bercagny zog ſich ziemlich ver⸗ blüfft aus dem Gemach zurück.— Es iſt in der Ordnung, Sire, berichtete der Cabinetsſecretär. Baron Boucheporn hat zu ſeinem Feſte, da es in Coſtüm ſein ſoll, bereits eingeladen; er wird aber die Einladungen ausdehnen, ſo wie ich ihm vorgeſchlagen. Aus den Miniſterien ſollen Einzelne der Bureauchefs Einladung erhalten, und ich werde bei Herrn Simeon veranlaſſen, daß Herr Heiſter nicht übergangen wird. Der Miniſter weiß ohnehin, daß ſein Diviſionschef dem König ein angenehmer Mann iſt. Und wird das Paar annehmen und kommen? fragte Jeröme. Sie ſagten mir, Marinville, daß es ſich von der Geſellſchaft zurückgezogen hält? 6* 84 Niemand kann ablehnen, Sire, oder wegbleiben, da das Feſt zum Wiederempfang beider Majeſtäten gegeben wird und die Theilnahme als Beweis der Ergebenheit gilt. Im Augenblick hörte man die blaſenden Poſtillone. Der König erhob ſich und eilte mit aufgeräumter Miene hinaus. Die Wagen der Königin fuhren an, und Jeröme ſtieg die majeſtätiſchen Stufen hinab, ſeine Gemahlin zu umarmen. Katharina brachte die Prinzeſſin Hohenlohe⸗Kirchberg mit und ſtellte ſie dem König vor. Jeröme hieß ſie mit vieler Artigkeit willkommen, und führte ſie ſo wie ſeine Gemahlin an beiden Armen die Treppe hinauf. Und kaum waren ſie durch die grüßenden und begrüßten Reihen der hohen Beamten in das Schloß getreten, als vor dem⸗ ſelben die volle Muſik der Garden zur Bewillkommnung die Nationalhymne ſpielte:„Oùu peut-on étre mieux qu'au sein de sa famille!“ Achtes Capitel. Die Welt ein Markt. Der erſte September begrüßte das angekommene, von Bädern und Reiſen erheiterte königliche Paar mit der Ausſicht auf die anmuthigſten Tage des Herbſtes. Der Morgen ſtreifte ſein duftiges Nebelgewand vom tiefblauen 85⁵ Himmel; die Sonne ſchien über und über, und wohin ſie ſtrahlte, blitzten ihr von grünen Hügeln und graſigen Thälern die Tropfen des reichlich gefallenen Thaues ent⸗ gegen. Drei heiße, gewitterige Sommermonate liegen zwiſchen September und Mai, die beide, in günſtigen Jahren, durch Erwartung oder durch Erinnerung, ſowie durch die lieblichſten Gaben am reinſten erfreuen. Soviel der Mai an duftigen Blüten ausſtreut, bringt der September an würzigen Früchten dar: jener entzückt durch ſeine reizen⸗ den Nachtigallenmorgen, er knüpft eine unendliche Sehn⸗ ſucht in ſeine Blumenſträuße; dieſer beruhigt mit ſeinen langdämmernden Mondſcheinabenden und haucht eine ſüße Wehmuth über ſeine duftigen Früchte. Wie Vieles ver⸗ ſchwendete der ſingende Mai an den wachſenden Sommer, was der ſinnige September nun im Innern ſammelt, be⸗ wahrt oder auch betrauert! Die lebhaftere Bewegung, die mit dem zurückgekehrten Hof in der Reſidenz entſtand, blieb diesmal gerkter, weil ſie in die letzte caſſeler Meßwoche fiel. Unter dem Lärm und der Luſt des Volks, die an dem herrlichen Tag ihren Höoͤhepunkt erreichten, achtete man kaum der Staatswagen, worin die hohen Beamten zum Mittags⸗ mahle nach Napoleonshöhe fuhren. Der weite Raum von der Königsſtraße nach dem Au⸗ thor hinab war ein Tummelplatz aller halsbrechenden Künſte, Schaubuden, Guckkaſten und Carrouſels, zwiſchen denen zahlreiche Muſikbanden mit ihren Trommeln und Clarinetten, Zitherſpielerinnen und Drehorgeln einen ſinne⸗ 86 verwirrenden Lärm anrichteten. Wie eigenthümlich ſtach nicht dieſer hochgelegene belebte Platz gegen die Ruhe der ſonnigen Herbſtlandſchaft ab, auf die man über Thal und Hügel weit hinausblickte! Doch wer achtete darauf! Die Jugend drängte ſich um einen Guckkaſten, worin für vier Centimes Napoleon mit ſeinen Marſchällen gezeigt wurde, während eine heiſere Stimme mit geläufiger Zunge die Heldenthaten des neuen Charlemagne und ſeiner Pairs ableierte. Von da ſtrömte man einer Menagerie zu, worin Löwe, Tiger und Hyäne zu ſehen waren, bis die Stunde kam, daß die Seiltänzer ihre ſchwindelnden Künſte producirten. Auch die Waarenbuden erhielten heut, am Tage der Gehaltsauszahlungen, lebhaftern Beſuch als in letzter Woche, wo die Damen mehr zu Hauſe blieben, weil die Gelder ausgegangen waren. Lina hatte bei gutbeſtellter Hauskaſſe ihren Winter⸗ bedarf an Kleiderſtoffen und Hausgeräth gleich in der erſten Woche unter vollſtändiger Auswahl angeſchafft, und mit Ludwig und Hermann nach und nach auch die thieri⸗ ſchen und menſchlichen Künſte und Seltenheiten beſucht. Sie hatten ſelbſt eine ſechsunddreißigjährige häßliche Lappländerin in ihrer kleinen Bude nicht verſchmäht, und ſich in dem gro⸗ ßen Bretterhaus am untern Platz die vielbeſprochenen Gei⸗ ſtererſcheinungen gefallen laſſen. Für heut blieben ihnen nur noch die Canarienvögel des Monſieur Jeanet zu be⸗ wundern übrig. Dieſe Vögel waren abgerichtet, zu vor⸗ gelegten Worten die einzelnen Buchſtaben aus Käſtchen herauszupicken und zuſammenzuſetzen. Der Zudrang zu dieſen gefiederten Schriftſetzern war immer ſehr groß; hier 87 gab's unter dem Erſtaunen zugleich auch ein Räthſel über die Kunſt der Vogelſchnäbel oder über die Geſchicklichkeit der Finger des Meiſters zu löſen. Mit Unruhe erwartete man immer den ſogenannten„Profeſſor“, wie Herr Jeanet den geſchickteſten ſeiner Canarienvögel zu nennen pflegte. Dieſer löſte ſogar Rechnungsaufgaben. Heut wie gewöhnlich brachte ihn der Meiſter mit prahleriſcher Ankündigung hervor. Voilà den Herrn Profeſſor, meine Herrſchaften! Sie ſehen, er ſein nicht gelb wie die zahmen, civiliſirten canarins. Er haben noch das Grau von ſein origine auf den Canarien, der Bauch verdatre, ich ſage, le ventre grünlich. Das Grau bedeuten aber jetzt ſein tief Weis⸗ heit. Nur die Augen ſein roth wie bei die zahmen, be— deuten aber ſein tief Studium in der Alphabet und Al⸗ gebre. Haben ſich neun Jahre präparirt, und ſein der erſte Profeſſor in ſein Fach in ganz Europa. Allons, Monsieur le Professeur, travaillez für ihr eigen Ehr! Der Jude Sußmann, den Hermann ſeit jenem Jam⸗ mer über den nach Spanien„gelieferten“ Sohn nicht wie⸗ der geſehen, hatte ſich in die vorderſte Reihe der Zu— ſchauer gedrängt und ein ſchriftliches Wort übergeben. Indem er bei dem letzten Ausrufe Jeanet's mit vorlauter Eitelkeit umherblickte, nahm er Hermann wahr und rief in das erwartungsſtille Gedränge: Herr Doctor! Geben Sie Acht, lieber Herr Doctor! Ich habe den berühmten Namen Jacobſon vorgelegt— da dem Herrn Profeſſor! Der Profeſſor wird ihn lie⸗ fern— in Buchſtaben. Unglücklicherweiſe winkte er, um Hermann's Blick auf 88 ſich zu lenken, mit ſeinem roth⸗ und blaugewürfelten Schnupftuche, und gab ſo unbedachterweiſe das Signal zum entſetzlichſten Unglück. Der rothäugige Profeſſor er⸗ ſchrak vor dieſer heftigen Bewegung, ſcheute und flatterte auf, ſtieß ſich mit dem Kopf an den hohen Käfig von gelbem Draht, worin ſeine Kunſtgenoſſen, ſeine gefiederten Collegen ſaßen, und fiel zu Boden. Halt! Ruhig, ruhig! rief Jeanet und warf ſich, den Profeſſor zu retten, auf den Boden. Der verſcheuchte Vogel, unbeholfen wie mancher andere Profeſſor, flatterte vor der zutappenden Hand ſeines Meiſters weiter zwiſchen die Füße der Zuſchauer; Jeanet ſchrie entſetzlich; die Um— herſtehenden, um ja Ruhe zu halten, geriethen in Bewe⸗ gung. Ein Augenblick, und der Vogel lag zertreten da; ein dumpfes Ach! der Menge wurde bei dieſer Ent⸗ deckung laut. Aber wer beſchriebe das Gebahren des entſetzten Jeanet? Er drängte ſich, alle Wuth in den tiefſchwar⸗ zen Augen, mit zwei gehobenen Fäuſten nach dem Ur⸗ heber des Unglücks, und da er den zurückgewichenen Sußmann im Gedränge nicht erreichen konnte, ſchlug er beide Hände verzweiflungsvoll in ſein eigenes ſtruppiges Haar. Ebenſo heftig wechſelte Fluchen mit Heulen, bis er ſich ſoweit faßte, um in ſeinem Sprachenmiſchmaſch zu klagen: O mein arm Profeſſor! Neun Jahre haben dreeſſirt. O mon professeur nourricier, mein Ernährer— caput! Der Napoleon von tous les canariens— caput! Et sacré cochon, caput durch ein canaille von juif! Auf dieſe letzten Worte, beleidigend und anzüglich zu⸗ — 89 ☛rr Napoleon mit cochon, canaille und caput ſo nahe zuſammengerückt war, rief eine Stimme in fran⸗ zoͤſiſcher Sprache: Halt da, Monſieur Jeanet! Ruhe! Der Herr Oberſt Bongars befiehlt Ruhe! Es war der junge Mann, den Hermann unter dem Namen Wilke kannte und den er jetzt neben der ruhigen, ehrwürdigen Geſtalt des Legionschefs der Gendarmerie erblickte. Was ſoll hier der Name Napoleon? Und die Juden ſind Bürger von Weſtfalen! fuhr der junge Mann fort, und wiederholte, um ſeinem Chef und dem Publicum zu⸗ gleich zu genügen, jeden franzöſiſchen Satz noch einmal deutſch. Beruhigen Sie ſich, Jeanet. Das Unglück iſt geſchehen. Ein berühmter Canarienvogel iſt hinüberge⸗ gangen zu ſeinen Vätern. Auch die Profeſſoren ſind ſterb⸗ lich. Aber die Judenſchaft von Caſſel wird ſich zu einer Entſchädigung des bisherigen Beſitzers verſtehen, da Einer ihrer Leute durch ſein emancipirtes Betragen das Unglück herbeigewinkt hat. Und nun wird für heut die Bude geſchloſſen. Die Canarienvögel legen Trauer an. Allons, meine geehrten Mitbuͤrger, entfernen wir uns! Das Gedränge der Zuſchauer ſetzte ſich in Bewegung. Der alte Bongars klopfte ſeinen Sprecher mit beifälligem Lächeln auf die Schulter. Draußen drängte ſich Sußmann an den jungen Freund mit den flüſternden Worten: Der unglückliche Jacobſon! Er liefert nicht nur Sol⸗ daten; er hat eben auch mit ſeinem bloßen Namen einen Profeſſor geliefert. 90 Hermann, empört über ſolchen giſtigen wendete ihm ohne Antwort den Rücken. Lina beklagte den armen Inhaber der Vögel; Ludwig aber zweifelte nicht, daß der hingeworfene Wink wegen einer Entſchä⸗ digung gute Folgen haben und keinesfalls wie der arme Profeſſor würde todt getreten werden.— Aber iſt es nicht zum Lachen? ſagte er. Der junge Menſch nimmt ſich erſt des Juden als gleichberechtigten Bürgers an, und macht hernach doch die Judenſchaft für Einen ihrer Leute ver⸗ antwortlich! So waren ſie durch das Gedränge der Meſſe eben um die Ecke des Juſtizpalaſtes gekommen, als Miniſter Simeon, von der köͤniglichen Tafel zurück, an ihnen vor⸗ über in das Thor fuhr und durch das Wagenfenſter Ludwigen ins Haus winkte. Am Ende noch ein Geſchäft, noch ein Auftrag vom König? bemerkte Hermann, indem er mit Lina langſam vorausging. Das wäre mir heut unangenehm, erwiderte Lina. Der Abend iſt ſo herrlich, und Ludwig ſelbſt freute ſich auf unſern Gang nach der kölniſchen Allee. Die nächſte Woche aber wollen wir auf unſerm Landſitze recht ge⸗ nießen, Hermann, wollen die ſchöne Gegend um Homberg recht durchſchwärmen. Du gehſt doch gleich mit, nicht wahr? Hermann bezweifelte es, hoffte jedenfalls aber bald nachzukommen. Beide ſprachen noch von den herrlichen Tagen, die ſie auf dem kleinen Gute Ludwig's haben wollten, als dieſer mit vergnügter Miene das Paar einholte. 91 Nun? Du ſtrahlſt ja, Ludwig! ſagte Lina. Biſt du vielleicht Präfect geworden? Das nicht, verſetzte er lachend, aber es ſteht uns doch eine andere Ehre bevor, eine Auszeichnung. Der Hof⸗ marſchall, Baron Boucheporn, bereitet nämlich ein großes Feſt in der Bellevue vor,— eigentlich eine Demonſtra⸗ tion wegen glücklicher Zurückkunft der beiden Majeſtäten. Deswegen ſoll die Theilnahme umfaſſend ſein, ſodaß auch die Bureaux der höhern Behörden vertreten werden. Ich bin nun Einer der Begünſtigten. Wahrſcheinlich hat ſich der König, von unſerer letzten Reiſe her, gnädig über mich ausgeſprochen, ſodaß der Miniſter gerade mich vor⸗ geſchlagen hat. Und du haſt nicht abgelehnt? fiel Lina ein. Du begreifſt wol, Lina, daß das hier nicht geht, ſo wenig ich ſonſt für ſolche große Geſellſchaften bin. Aber es iſt, wie ich ſagte, eine Demonſtration der Treue und Anhänglichkeit, und mir in meiner untergeordneten Stel⸗ lung eine Auszeichnung dabei zugedacht. Ablehnen geht alſo nicht. Denk' nur gleich an deinen Anzug, Linchen! Es iſt eine Geſellſchaft, ein Ball im Coſtüm, und du haſt eine weite Wahl, aber kein langes Wählen. In einigen Tagen iſt das Feſt. Der Gedanke an dieſe Wahl ſchien ihre Phantaſie zu beſchäftigen, ſodaß ſie des erſten unangenehmen Eindrucks von dieſer Nachricht vergaß, bis ſie auf ihre Frage, ob Hermann auch hingehe, vernahm, daß dies nicht zu er⸗ warten ſei, da Hermann noch keine anerkannte dienſtliche oder geſellſchaftliche Stellung habe. Aber das iſt mir recht fatal, ſagte ſie. Denn ſiehſt 92 du, Ludwig,— immer nur an deiner Seite zu bleiben, ſieht ſonderbar aus, iſt in den Augen der großen Welt ſchlechter Ton, und ich finde doch am Ende keine Frau, an die ich mich anſchließen möchte. Moͤchte, liebe Lina! wendete Ludwig mit tadelndem Ton ein. Wenn man von gutem Ton in der großen Geſellſchaft ſpricht, darf man auch im Wechſelverkehr mit derſelben kein„möchte“ haben. Eine Frau, die ſich da nur an ihre guten Freundinnen und Alltagsbekannten an— klammert, erinnert an die Kinder, ſolange ſie ſich noch an den Tiſchen und Stühlen der Stube hinbewegen und keinen freien Schritt wagen. Geh', Linchen, ſag' ſo'was nicht! Du wirſt Frauen genug finden, bei denen wir Beſuch gemacht haben, und zwiſchen denen du mit gutem Ton und Tact ein paar Stündchen abwechſelnd verkeh⸗ ren magſt. Ja doch, miſchte ſich Hermann ein, als ſie eben vor das Thor gekommen waren,— und Lina wird dich über⸗ raſchen, lieber Freund, wie damals bei euern Staatsbe⸗ ſuchen, wo du ſo entzückt über ihr feines Benehmen bei der Mutter zu Tiſche kamſt. Genug! Jetzt disputirt euch nicht, ſondern hoͤrt ein paar Verſe an, die mir im Markt⸗ gewühl einfielen, weil ſie das Leben mit einem Markte vergleichen. Ja, lieber Hermann, verſetzte Lina, laß mich nur Ludwig noch ſagen, daß ich ihm zu Lieb gern mitgehe. Das Coſtüm erleichtert mir's: ich wähle mir ein anſtändi⸗ ges; denn— ausgeſchnittene Kleider habe ich verſchworen! Indem ſie dabei Hermann bezüglich anlächelte, ſagte ſie: Nun deine Verſe! v 93 Sie ſind von dem perfiſchen Dichter Attar, durch deſſen Poeſie ein myſtiſcher Hauch weht. Hört! Die ganze Welt ein Marktplatz iſt der Liebe. Iſt wol ein Ding, das fern von Liebe bliebe? Ein Liebeszeichen ſchuf Gott jedem Weſen, Das kannſt ſogleich du an der Stirn' ihm leſen. So Erd' wie Himmel, Sonne, Mond und Sterne, An jedem glänzt das Liebesmahl von ferne. Von Liebesluſt ſind alle heiß entglommen; Viel tauſend Jahr' ſie nicht zu Sinnen kommen. Was ſuchen alle Weſen ämſig?— Liebe. Was lispelt ein's dem andern eilig?— Liebe. Und folgen ſie nicht dem Verbindungstriebe, So ſprechen mit ſich ſelbſt ſie von der Liebe. Als Hermann ſchwieg, ſagte Lina: Recht ſchön! Aber ich nehme die Verſe, wie du ſie gegeben haſt, nur als Erinnerung an den Marktplatz, nicht als Vorbedeutung auf den Boucheporn'ſchen Abend, wo hoffentlich nicht ämſig von Liebe gelispelt wird und die coſtümirten Geſchöpfe kein Liebeszeichen an der Stirne tragen. Wenigſtens die verheiratheten Männer nicht, Linchen! lachte Ludwig ſchalkhaft. Neuntes Capitel. Das Feſt des Hofmarſchalls. Die Einladungen zum Feſte des Hofmarſchalls waren ſchon der Ankunft der beiden Majeſtäten vorausgegangen, und zwar auf einen nahen Abend beſtimmt, ſodaß den Gäſten für die Wahl und Ausführung ihres Geſchmacks zu einem coſtümirten Ball nur kurze Friſt gelaſſen war. Dadurch entſtand eine unruhige Bewegung in den Fami⸗ lien, ein Sturm auf die Putzläden und Modehandlungen, eine Treibjagd auf die Schneider und Putzmacherinnen. Frau Lina, für die ein ſolches Feſt etwas ganz Neues 6 war, blieb von ähnlicher Unruhe nicht verſchont, wogegen ihre innerliche Aengſtlichkeit mehr zurücktrat. Sie hatte mancherlei Einfälle zu einem Coſtüm, und es machte Lud⸗ wig Spaß, ſie in ihren Vorſchlägen bald zu bewundern, bald zu durchkreuzen. Sie wollte anſpruchslos und mög⸗ lichſt unbemerkt erſcheinen, und doch gefiel es ihr, wenn Ludwig erklärte, ſie ſei gerade als Bürgerliche ihrem Ge⸗ ſchmack und Ausſehen, ſowie ſeiner untergeordneten Stel⸗ lung ſchuldig, ſich hervorzuthun und geltend zu machen. Indem ſie nun mit dieſem und jenem Project die Kleiderſchränke bei ſich und bei der Mutter muſterte, um zu ſehen, was ſich allenfalls von den vorräthigen Anzü⸗ gen benutzen ließe, fiel ihr der Mutter Brautkleid in die Hände. Es war nach der Mode der vorrevolutionären ,—— „ 95 Zeit, in der Tracht der guten Bürgerfamilien, und gab ſich noch wie neu erhalten, von ſchwerem geſchmackvollen Stoffe— Silberbrocat mit eingewirkten Blumen in Azur—, in der Farbe des reinen ungetrübten Himmels. Als ſie es mehr des Spaßes als einer Abſicht halber anzog, kam ein entſcheidender Gedanke dazu, ſie für jenen ganz vergeſſenen Geſchmack einzunehmen. Dieſer Schnitt der Kleider ſtach für gutgebaute Geſtalten vortheilhaft gegen die Mode des Tages und den Geſchmack jener pariſer Zeit ab. Die hohe Taille, wie man ſie jetzt trug— im Rücken unmittelbar unter den Schulterblättern und vorn unter der offenen Bruſt befeſtigt—, ließ die von hier ausgehenden Falten mehr oder weniger eng, aber ſtrack über die Hüften herab bis an die Knöchel fallen. Wie reizend dagegen umſchloß an dem alten Anzug ein knappes Mieder den ſchmalen Leib bis an die Hüften, die nun gerundet hervortraten! Nur dieſe übertreibenden Wulſte und Poſchen kamen Lina geſchmacklos vor. Bei ihrem vollendeten Bau konnte ſie auch faſt aller Unterlage entbehren und doch das Cha⸗ rakteriſtiſche des Anzugs, ins Schöne gemäßigt, hervor⸗ heben. Wie artig fielen im Schooſe des Kleides Schleife an Schleife herab, bis wo die zierlichen Füße, in weiß⸗ ſeidenen Strümpfen, auf hohen Abſätzen der Schuhe ſchweb⸗ ten, dieſe azurblau wie das Kleid. Was ſich aus dem Mieder in reizender Form hervorhob, ſollte ſich locker unter einem Muſſelintüchlein verbergen, das ſeine Zipfel unter dem Mieder überkreuzte und von dem Halsgrüb⸗ chen an leicht über die runden Schultern zurückfiel. Zum Schmuck des Halſes beſaß Lina die ſchönſten Perlen in doppelten Schnüren, ſodaß ſie einen Theil derſelben ver⸗ 96 wenden konnte, das über kleinen Wulſten aufzubauſchende Haar zu durchwinden. Und wenn dies wellige Haar in ſeinem ſchoͤnen Blauſchwarz ein wenig gepudert erſcheinen mußte, ſo konnte es dafür durch einen Kranz künſtlicher Cyanen gehoben werden; goldene Weizenähren ließen ſich dazwiſchen anbringen, und ein paſſender Blumenſtrauß mit einer Mohnblüte vor der Bruſt vertrat den Juwelenſchmuck. Träumte ſich dann Lina hinzu, wie die Hand in weißen Glacehandſchuhen aus dem herabhangenden, eben wol wie das Kleid mit Schleifen und Spitzen verzierten Aermel hervorgehoben, den Fächer mit ſeinem bunten, vergoldeten Blumengemälde anmuthig auf- und zufaltete, ſo empfand ſie eine innere Befriedigung mit dieſem Ballſtaate. Und da ſich nun in dem andern Schranke auch der Bräuti⸗ gamsanzug ihres Vaters noch prächtig erhalten vorfand— das breite, hellbraune Kleid mit umbordeten Schößen, Taſchen und Aufſchlagärmeln nebſt kurzem Kräglein, ſo⸗ wie die lange, geſtickte Weſte mit Patten und die pfirſich⸗ blütefarbene Kniehoſe mit Schnällchen zu den ſeidenen Strümpfen mit Schnallenſchuhen—, ſo war der Entſchluß gefaßt, die Wahl geſchehen, und die Haarbeutelperücke, die aus einer Schachtel hervorkam und leicht zu accomo⸗ diren war, gab die letzte Beſtätigung dazu. Lina machte nun mit Hülfe einer Nähterin, im Hauſe und nach nähern Angaben der Mutter, ihren Anzug ins⸗ geheim fertig, legte ihn eines Nachmittags an, und em⸗ pfing ſo ihren Chef de division aus dem Miniſterium. Sie trat ihm mit Fächerſpiel und Knickſen entgegen, und führte ihn im Menuetſchritt vor die Stühle, auf welchen ſein entſprechender Anzug ausgebreitet hing. Ludwig konnte 97 lachend nicht widerſtehen, die allerliebſte Frau um die Taille zu umſpannen, und erhielt dafür einen zärtlichen Fächerſchlag auf die Wange. Alſo, Ludwig, es iſt dir recht, in dieſem Coſtüm—? Ein altdeutſches Paar mit dir zu machen? Ja, Lin⸗ chen, von Herzen gern! fiel er ſchalkhaft ein. Wir re⸗ präſentiren ſo dein liebes Aelternpaar, wie es ſich eben auf den Weg machte, beim Klapperſtorche das Glück mei⸗ nes Herzens zu beſtellen. Er zog ſie in ſeine Arme, und ſie legte erröthend ihren ausgebreiteten Fächer ihm über das ſchelmiſch la⸗ chende Geſicht. Und ſo finden wir denn, nachdem auch Ludwig's An⸗ zug etwas geſchmackvoller anbequemt worden, unſer ver⸗ alterthümlichtes Ehepaar am Abende des Feſtes, heiter geſtimmt, des Wagens harrend, der ſie nach dem Belle⸗ vue⸗Palaſte bringen ſollte. Ludwig ſah recht ſtattlich und Lina über die Maßen reizend aus. Sie hatte noch zuletzt, nach einer Erinnerung der Mutter, zwei herab⸗ hängende Locken hinter den Ohren zu beiden Seiten des Chignon und zwei an die Schläfen feſtgedrückte Löckchen, ſowie im Geſicht einige ganz kleine Schönfleckchen von ſchwarzem Taft recht anmuthig angebracht. Der Lohnkutſcher, heut viel in Anſpruch genommen, hatte ſie ziemlich lange warten laſſen, ſodaß die feſtlichen Räume ſchon ſehr belebt waren, und der Strom der zu⸗ gleich Ankommenden ſie unter kurzen Reverenzen an den empfangenden Wirthen vorüberführte. Baron von Boucheporn war der Sohn eines vor⸗ Koenig, Jeröme's Carneval. III. 7 98 maligen Intendanten auf Corſica, den die Revolution vertrieben hatte. Man behauptete von mehren Seiten, er ſei vor ſeinem jetzigen Hofmarſchallamte Spitzenhändler in Hamburg geweſen. Seinen Amtsſtab führte er mit der Gravität, die einen etwas bornirten Mann verrieth. Er war erſt ſeit kurzem mit Flora Desportes, der ein⸗ zigen Tochter des franzöſtſchen Präfecten im Oberrhein⸗ departement verheirathet, jener jungen, lilienlieblichen Er⸗ ſcheinung, die damals bei Morio's Hochzeit im Garten neben der ruſſiſchen Geſandtin, ſo abſtechend mit dieſer, geſeſſen hatte. Das Paar gab heut ſein erſtes großes Feſt, und nahm es daher mit dem Empfang der Gäſte ebenſo feierlich als artig. Im Zudrang dieſer Gäſte waren alſo Ludwig und Lina bei ihrem Eintritte gleich in den kreiſenden Wirbel der bunteſtcoſtümirten Geſellſchaft gerathen. Denn man nahm anfänglich keine ruhigen Plätze ein, ſondern Alles war in Bewegung, die feſtlichen Räume ſtaunend zu durchwandeln. Zu ſoviel Herrlichkeit, als hier entfaltet wurde, bot das Palais nach vorn und hinten zwei Reihen Zimmer, denen man noch die Gemächer des anſtoßenden Hauſes zugezogen hatte. Dem ungleichen Fußboden, der dadurch gegeben war, hatte man den eigenthümlichen Reiz zweier an einander ſtoßenden, verſchwenderiſch beleuchteten Tanz⸗ ſäle abgewonnen, aus deren einem man durch offene Ver⸗ bindung aufs anmuthigſte in den andern, mehre Stu⸗ fen tiefer gelegenen, herabblickte. Aus dem untern Saale öffneten ſich dann rechts und links zwei Galerien. In 99 jener befand man ſich zwiſchen lauter Spiegelwänden, die, von den Armleuchtern gelber Säulen überſtrahlt, die be⸗ wegten Menſchen und die haftende Ausſchmückung— Alles und Alles ins Unendliche vervielfältigten. Die Galerie links ſtellte, jener lichtſtrömenden ent⸗ gegen, einen durch bunte Lampen halbdunkel gehaltenen Laubgang vor, von blühenden Gewächſen durchduftet. Hier ſchien es auf die Einkehr traulicher Empfindungen, wie dort auf den Erguß lauten Entzückens abgeſehen. Beide Gänge führten nach einem myſterioͤſen Rondel mit Arabesken und Verzierungen aus geſchliffenem Glas auf dunkelm Grunde. Ein transparent erleuchteter Tem- pel der Natur war vorgeſtellt, aus großen Blumenvaſen auf Piedeſtalen von würzigen Düften durchhaucht. Hier ließ ſich der Grundgedanke des Feſtes errathen: es galt eine Doppelfeier, einmal der Geneſung durch un⸗ terirdiſche Kräfte, die die Natur in ihren Heilquellen bie⸗ tet, und ſodann der Freude an den Genüſſen, die ſie uns in ihren ſonnigen Erntegaben ſpendet. Beides zu ver⸗ anſchaulichen, bewegten ſich hier zwei Züge. Von der einen Seite erſchien Aesculap, der langbärtige Gott der Geſundheit, den ſchlangenumwundenen Stab in der Rech⸗ ten und von zweien ſeiner Töchter begleitet, von Hygiäa und Panacea, die in Schalen und Gefäßen ihre Heil⸗ und Wundertränke trugen. Von der andern Seite ſtell⸗ ten ſich Schnitter und Schnitterinnen mit dem Erntekranz um ihre Garben und Obſtkörbe dar. Und als ſollte man ſich mit Dank für das Eine wie für das Andere zu noch höhern, göͤttlich wirkſamen We⸗ ſen erheben, ſo führte von da ein enger Bogengang ſanft 100 über grünen Fußteppich ſtufenauf zu einem Feentempel— einem Salon, von Licht und Duft durchzaubert, und mit Gewächſen ausgeſchmückt, durch deren hochgewölbte blü⸗ hende Zweige ein künſtlicher Sternenhimmel ſchimmerte. Grüne, niedere Sitze boten ſich auf Raſenteppichen dar, zwiſchen Blumenvaſen, die durch Roſengewinde verbunden waren. Oben ſtand die Statue der Minerva, mit Lor⸗ beren bekränzt, rechts und links Apollo und Bacchus; am entgegengeſetzten Ende die Göttin Cythere in einer mit Roſen eingefaßten Niſche, vor einem großen Spiegel, der Alles in zauberiſche Ferne verlängerte. So war man wieder in die Nähe des obern Tanz— ſaales gelangt, aus dem man eben die allgemeine Bewill⸗ kommnung der Majeſtäten vernahm— den Gruß der Trompeten und Pauken und das allgemeine viye le Roi, vive la Reine! Beide ließen ſich auf erhöhten Sitzen nieder. Jeröme hatte von ſeinen Adjutanten nur den Oberſten, Prinzen von Heſſen⸗Philippsthal bei ſich, Katharina war von der Prinzeſſin Hohenlohe⸗Kirchberg und von ihrer Oberhof⸗ meiſterin begleitet; König und Königin nicht in Phan⸗ taſieanzug. Jeroͤme trug die gewöhnliche weiße Garde⸗ uniform mit Orange, worin er ſich am beſten zu gefallen ſchien. Die Königin hatte ein goldgeſticktes Spitzenkleid mit einer Schleppe von Kaſchemir, durchaus mit Blumen⸗ zweigen gewirkt, über dem Ganzen ein goldenes Netz von Stickerei, welche die Blumen und Blätter einfaßte und um den ſchweren, goldgewirkten Schleppenbeſatz lief. Der Hofmarſchall traf jetzt auf des Königs Wunſch die Anordnung, daß die ganze Geſellſchaft, einzeln, paar⸗ 1⁰1 weiſe oder in Gruppen, wie ihr Coſtüm es mit ſich brachte, vom untern Saal herauf an den Majeſtäten vorüberwandelte. Der Hofmarſchall ſelbſt, als Wirth, hielt ſich neben Jeröme's Stuhle, um auf Verlangen die am Hof unbekannten Perſonen zu nennen oder ein räthſel⸗ haftes Coſtüm zu erklären. Auch wurden einzelne Per⸗ ſonen zur Vorſtellung befohlen. Es läßt ſich denken, daß man von Seite der Ein⸗ geladenen nichts geſpart hatte, um in auffallendem Staat oder ausgezeichnetem Coſtüm ſich hervorzuthun. Alle Völker der Erde, alle Gottheiten des Olymps und alle Berühmtheiten alter oder neuer Geſchichte hatten dazu herhalten müſſen. An das Nächſte hatte man nicht ge⸗ dacht, vielleicht ſchon weil man nicht hoch zu achten pflegt, was nicht weit her iſt, oder weil man es nicht für prunkhaft genug hielt. Deſto mehr ſtachen jetzt Ludwig und Lina in ihrem einfachen, aber hoͤchſt kleidſamen alt⸗ deutſchen Anzug hervor. Und in der That hatte beſon⸗ ders Lina in Geſtalt und von Angeſicht wol noch in kei⸗ nem Anzuge vortheilhafter ausgeſehen. Die Königin ſelbſt kam noch ihrem Gemahle mit dem Wink an Boucheporn, das Paar aufzuhalten, zuvor. Auch erkannte Jeröme jetzt erſt die ſchöne Frau, auf die er es den Abend abgeſehen. Während Ludwig der Königin Auf⸗ ſchluß über den Anzug gab, war Jeröͤme aufgeſtanden, Lina genauer zu betrachten. Er konnte dem Reize nicht widerſtehen, ſie am Arm zu faſſen, um ſie der Königin von allen Seiten zu zeigen. Nach dieſer Vorführung begannen die Tänze mit der Polonaiſe, an der auch die Majeſtäten Antheil nahmen, 4⁰² indem der Hofmarſchall mit der Königin voraus die ſchwe⸗ benden Paare durch alle glänzenden Räume führte. Ludwig und Lina hielten ſich von nun an etwas zu⸗ rück. Es wurde ihnen um ſo leichter, als Alles ſich nach der Umgebung der Majeſtäten drängte, die Bekann⸗ ten nur flüchtiger Begrüßung Stand hielten, und manche Vornehme dem Paare die Auszeichnung, die es erfahren hatte, durch hochmüthiges Ueberſehen entgelten ließen. Sie entſchloſſen ſich, das Feſt früh zu verlaſſen, zumal die anfangs ſo auffallenden Erſcheinungen bald anfingen, durch Wiederholung zu ermüden. Inzwiſchen nahmen ſie in einem ſtillen Eckchen des Feentempels Platz, und ließen ſich etwas von den ausgeſuchten Erfriſchungen gefallen, die umher geboten wurden. Bald zoͤg ſich auch die Kö⸗ nigin aus dem Getümmel des Tanzſaales hier in dieſe Stille zurück, und verſammelte um ſich her einen kleinen Kreis von Damen, der ſich in vertrauter Unterhaltung abſchloß. Als endlich unſer Paar überlegte, in welcher Rich⸗ tung ſie am unbemerkteſten ſich entfernen konnten, kam der Hofmarſchall umherſpähend herbeigeeilt. Ah! rief er, als er Beide erblickte, find' ich Sie end⸗ lich? Kommen Sie, ſchöne Frau! Der König wünſcht mit einer altheſſiſchen Braut einen deutſchen Walzer zu tanzen. Er reichte mit artiger Geſchäftigkeit nach ihrer Hand, die Lina zögernd mit einem fragenden Blick auf Ludwig hingab. Eine hohe Gnade, Lina! ſagte Ludwig mit ermun⸗ terndem Wink, und folgte den Vorauseilenden in den obern Tanzſaal. 103 Jeröme, gewöhnlich ſchon etwas ſchwankenden Gangs, walzte ſchlecht; aber Lina verſtand es, ihn im Tact und Umſchwung zu halten, ſodaß er ſich, vielleicht zum erſten mal, in dieſem deutſchen Tanze gefiel, und ſie ſehr ver⸗ gnügt ſeine Maitreſſe, ſeine Meiſterin im Walzen nannte. Ah, ich begreife! ſagte er. Sie bringen in dem rei⸗ zenden Anzuge auch die Kraft und Anmuth jener liebens⸗ würdigen Damen der alten Zeit mit. Wie glücklich müſſen die Männer geweſen ſein, die von ſolchen Frauen Liebe empfingen. Sie ſollten ihrem König auch davon etwas überliefern, Sie, herrliche Frau! Sollten mich lehren, in der ſchönſten Tochter meines Volks mein Volk zu lieben! Aus ſolchen Aeußerungen läßt ſich ſchließen, wohin Jeröͤme das Geſpräch lenkte, als er nach beendigtem Tanze Lina auf einen entfernten Sitz nöthigte, und ſich ver⸗ traulich neben ihr niederließ. Alles zog ſich, der Hof⸗ ſitte gemäß, aus der Nähe des Köͤnigs zurück. Und wenn ſchon dieſe Bewegung die junge bürgerliche Frau ſehr beſtürzte, ſo konnte man ihr bald genug die Seelen⸗ angſt anſehen, in die ſie durch Jeröme's Unterhaltung verſetzt wurde. Denn die Blicke der Entferntſtehenden verriethen, daß man mit den Augen zu vernehmen ſuchte, was man den Ohren hatte verſagen müſſen. Ludwig, der ihr den Kampf und die Unſicherheit ihres Benehmens zwiſchen weiblicher Entrüſtung und geſellſchaft⸗ licher Rückſicht anſah, zog ſich langſam zurück, aus Be⸗ ſorgniß, ſie möchte, wenn ſie ſeiner anſichtig würde, vol⸗ lends alle Haltung verlieren. Eine Angſt überkam ihn, als er bemerkte, wie ſie bald mit dem Stuhl leiſe vom 1⁰⁴ König abrückte, bald ihm mit einer barſchen, ſich über⸗ hebenden Kopfbewegung erwiderte. Er mochte ahnen, was jeden Augenblick Auffallendes geſchehen könnte, und—— was in dieſem Augenblicke wirklich geſchah. Lina erhob ſich mit ſtolzer Miene, und verließ mit flüchtiger Verneigung den König in ſo auffallender Weiſe, daß in der zuſchauenden Geſellſchaft eine murmelnde Ver⸗ wunderung entſtand. Ludwig, erſchrocken, eilte ihr ent⸗ gegen, und indem er ſie, an der Hand gefaßt, umkehrte, flüſterte er ihr zu: Um Gotteswillen, Lina, was machſt du? Geh', ſtelle mich dem König vor! Dies war einer jener Momente raſcher Beſonnenheit, deren Lina früher einmal gegen Hermann gedacht hatte, und die— wie ſie ſagte— etwas augenblicklich Ueber⸗ wältigendes für ihre Empfindung hatten. Auch jetzt gab ſie dieſem Zwang nach, und trat mit den erſtickenden Worten: Mein Mann! vor den König, der bereits auch aufgeſtanden war und ihnen entgegenkam. Ah! rief Jeröme, jetzt verſtehe ich, Madame! Ich begriff nicht, daß Sie ſo fortlaufen konnten. Aber Sie holen Ihren Gemahl, und es iſt zum Entzücken, wie vortrefflich Sie Ihr Coſtüm durchführen. Sie zeigen uns eine der ehrſamen Frauen aus jener guten alten Zeit, da ſich die Verheirathete auf ihr Haus beſchränkte, und nicht einſah, daß eine liebenswürdige Frau von Geiſt und Anmuth Anſpruch hat auf die Huldigung der Welt. Empfangen Sie die meinige, Madame! Und Sie, mein —— 105⁵ lieber Heiſter, bringen Sie uns eine ſo entzückende Frau mehr in die große Geſellſchaft! Ich werde Ihnen Ge⸗ legenheit dazu geben und Stellung. Bon Soir! Genießen Sie den ſchönen Abend! Boucheporn verdient die Aner⸗ kennung ſeines Geſchmacks. Und— ſetzte er deutſch hin— zu— Sie, Madame, muß ſein mehr luſtig! Lina hatte wol öfter gehört, daß man dieſem Je⸗ röme, bei allem Mangel an gediegener Bildung, doch viel natürlichen Scharfſinn und eine gewiſſe Wohlreden⸗ heit nicht abſprechen könne. Der Beweis aber, den ſie eben davon empfing, war nichts weniger als gemacht, ſie in ihrem Gefühl innerlicher Entwürdigung aufzurichten. Ludwig bemerkte, während Jeröme noch ſprach, ihre Bläſſe, ihr Beben, ihre Anſtrengung, und führte ſie jetzt raſch durch den Saal nach einem innern Zimmer. Und kaum hatte er dieſen ſtillen Raum erreicht, als Lina zu⸗ ſammenbrach. Er hob ſie auf einen Lehnſeſſel, er blickte umher, was er anfangen ſollte. Aus dem Saale war Niemand gefolgt. Ein einzelnes, wunderlich ausſehendes Paar zeigte ſich, und ſchon eilte auch die Dame mit ihrem Flacon herbei und bemühte ſich um die Erſchöpfte. Hermann erkannte in ihrem zurückgetretenen Begleiter den Baron von Barral, einen der vielen Kammerherren des Koͤnigs. Er, der ſich auf einige Aehnlichkeit in ſei⸗ ner Geſichtsbildung und Geſtalt mit Voltaire etwas zu⸗ gut that, wollte wol jetzt auch in dem breitſchößigen ge⸗ ſtickten Rock und der Allongeperücke den Philoſophen von Ferney darſtellen. Die Dame, mit der er Hand in Hand gegangen war, nicht mehr jung und nichts weniger als hübſch, ſchien eine Fremde und ſtellte eine Schäferin vor, 106 mit Schäferhut und Schüppe, mit Blumen und Bändern phantaſtiſch geſchmückt. Der erſte dankbare Blick, den Lina, ſich erhebend, auf die vor ihr kniende Unbekannte richtete, fiel auf die ro⸗ ſenfarbene Buſenſchleife der Schäferin und auf ein flat⸗ terndes Band mit den darauf gedruckten Worten: Vive la joie! In dieſem Augenblick erſchien auch, von dem erwähn⸗ ten Voltaire benachrichtigt, die Wirthin, Baronin von Boucheporn, mit einem Diener, der Erfriſchungen trug. Sie bedauerte den Unfall der lieben Frau, und überredete ſie, etwas zu ſich zu nehmen. Lina that desgleichen, wünſchte aber, nach Hauſe zu kehren. Für dieſen Fall finden Sie unten einen bereiten Wa⸗ gen, ſagte die Baronin, ſo leid es mir thut, Sie ſo früh gehen zu ſehen. Sie begleitete Lina nach einem ſtillen Ausgang auf den Corridor und wünſchte ihr eine ſanfte Nacht. Das zeitig beſtellte Dienſtmädchen wartete wirklich ſchon unten mit den Mänteln, und ein Wagen ſtand, wahrſcheinlich für dergleichen unvermuthete Vorfälle, an⸗ geſpannt. Mit dieſen Eindrücken verließen unſere Freunde das Feſt des Hofmarſchalls. 407 Zehntes Capitel. Ein ehelicher Zwiſt. Lina hatte das Dienſtmädchen mit in den Wagen ge⸗ nommen, nicht blos um es bei ihrer Ankunft gleich zu Hauſe zu haben, ſondern um durch ſeine Gegenwart jede Erörterung mit Ludwig unterwegs abzuhalten. Sie fühlte ſich ſehr erſchöpft, und eine unſägliche Wehmuth lag ihr auf dem Herzen. Der Wagen fuhr raſch die Bellevue⸗ Straße hinab, am Author und an der alten Burg vor⸗ über, den Marſtällerplatz entlang nach dem Altſtädter Markte, wo ihre Wohnung mit dem Ausblick auf die Fuldabrücke lag. Oben angekommen, ließ ſich Lina von dem Mädchen nur aufhäkeln, ſchickte es ſchlafen, und warf ſich, in lau— tes Weinen ausbrechend, auf das Sopha. Ludwig, der von ihrer innern Bewegung eher Vor⸗ würfe als ſo heftige Thränen erwartet hatte, war ſehr erſchüttert. Er kniete vor ihrem Lager nieder und ergriff ihre Hand. Ob er ihre Leidmüthigkeit ahnte oder nicht recht begriff, ſeine Frage darnach ſprach ſich nur in ängſt⸗ lichen Blicken aus. Erſt als ihr ſtürmiſches Weinen et⸗ was nachließ, ſagte er mit theilnehmendem Ton: Lina? Ach, wie biſt du mit mir umgegangen! Wie haſt du mich verrathen, vernichtet! rief ſie, und mit dem erſten lauten Wort erneuerte ſich ihr leidvolles Weinen. 108 Ich, Karoline? Ich dich verrathen? Ach, und du fühlſt es nicht einmal, du erkennſt es nicht? fragte ſie und richtete ſich unwillig empor. Was denn, liebe Lina? verſetzte er. Ohne Zweifel hat dir der Koͤnig Unziemliches geſagt, hat dir unge⸗ bührliche Erklärungen oder— unanſtändige Anträge gethan? Hat, hat! unterbrach ſie ihn aufſtehend, die Hände leidenſchaftlich erhebend. Ein„hat“ vom Eismeer! Hei⸗ liger Gott! Und was hab' ich denn, Ludwig? Ich hatte mich dagegen erhoben, mit aller Empörung meines Her⸗ zens hatte ich den König verlaſſen: da führteſt du mit aller Härte deines Armes mich zurück wie eine Sünderin an der Majeſtät, erniedrigteſt mich zur Geberde einer Büßerin. O Gott, o Gott! Liebe, theure Lina, wie überſpannſt du dich! Deine Entrüſtung über ihn war gerecht, und mir ſchien, du haſt ihn auch mit Worten entſchieden genug abgefertigt. Aber dann liefſt du fort, ließeſt den König vor allen Zuſchauern ſitzen! Das verſchlug doch gegen alle Schick⸗ lichkeit und Sitte, gegen die Hofſitte, und ich mußte der Uebereilung einen entſchuldigenden Sinn geben. Hofſitte! lachte ſie auf. Alſo Hofſitte gilt über Un⸗ ſitte! Nein! Aber bedenke doch nur, daß das Schickliche, die beſtehende Sitte, auch zum Sittlichen gehört, daß es doch immer der König iſt, und daß dem König— Ja, es iſt der König, unterbrach ſie ihn, iſt der Hort des Rechts und der Ehre, und wenn der eine ſitt⸗ ſame Frau antaſtet unter den Augen aller Welt, dann — 4⁰9 bleibt ihr als Zuflucht nur ihr Mann, wenn nicht als Richter, doch als Ritter. Iſt denn die Majeſtät der Un⸗ ſitte heiliger als die Ehe, als die vertrauende Tugend einer Frau? Geh', Ludwig, ich verſtehe dich nicht mehr! Dein Ritter! Liebe Lina, ich bitte dich—! Und was ſollt' ich denn als Ritter thun? Hineilen und dem König den Marſch machen? Ihn herausfodern und eine Lanze mit Jeröme brechen? Bedenke doch, gute, vernünftige Frau! Und— hab' ich mich denn deiner auch nicht an⸗ genommen? Ich rede ja eben der Unſitte dieſes Mannes das Wort nicht, habe deine ganze Entrüſtung recht ge⸗ funden und gebilligt. Dich ſelbſt nur habe ich zu ſchützen geſucht, diesmal aber gegen dich ſelbſt. Die edle Frau iſt die Hüterin des Schicklichen, wie der König ein Hort des Rechts. Eine Frau, die gegen Unbilde kämpfend das Schickliche verläßt, wirft ihre Waffe fort, oder ſchlägt vielmehr ſich ſelbſt mit ihrer eigenen Waffe. Ich eilte ja dir entgegen, gab dir die Waffe wieder in die Hand: ich war dein Ritter! O ja, Ludwig, an Klugheit, an Spittzfindigkeit fehlt es dir nicht. Gut! Ich habe gegen die Schicklichkeit ge⸗ fehlt, aber nur gegen Hofſchicklichkeit, Etiquette. Und was wär's denn geweſen, wenn man deiner Frau nach⸗ ſagte, ſie verſtehe den Hofton nicht? Und was wird denn die höhniſche Welt jetzt ſagen, daß ich dich herbei⸗ geholt habe, dich mit deiner jämmerlichen Klugheit, die der König nicht einmal erkannt hat! Sagt mir dieſer entſetzliche Mann, ich verſtehe mein Coſtüm durchzuführen, eine ehrſame Frau alter Zeit zu ſpielen. Ich— eine Komödiantin der Ehrbarkeit! Jeſus, Jeſus! Ludwig, das vergebe dir Gott! Das iſt ein Riß durch unſer ganzes Leben! Sie ſank wieder auf das Sopha zurück und barg ihr Geſicht in die Kiſſen. Ludwig war in peinigender Befangenheit. Er fand ſein vorſichtiges Benehmen, womit er Lina's Uebereilung gegen den König vor einer ſo glänzenden Geſellſchaft zu decken geſucht hatte, nicht unbedingt zu verwerfen. Wenn ihm aber auch Lina's Empfindlichkeit darüber etwas über⸗ trieben ſchien, ſo fühlte er deſto lebhafter mit ihr das Kränkende, Schmähliche, das allerdings durch die Aus⸗ legung des Königs ihr ehrliches Herz getroffen hatte. Nur konnte er ſeine gute Abſicht doch nicht für eine ſo— unerwartete Wendung verantwortlich machen, und Lina's Entrüſtung, wie gerecht ſie war, fiel mit Unrecht auf ihn zurück. Solche innern Widerſprüche ſind ganz gemacht, einen reizjbaren Mann, wie Ludwig, zu einer Ungeduld und Unduldſamkeit zu verſtimmen, für die er nach einem Ge⸗ genſtande ſucht. Er ereiferte ſich in Gedanken über nichts⸗ würdige Menſchen, ſo entartet, daß ihnen nicht einmal ein Verſtändniß für die ſittliche Empfindung einer recht⸗ ſchaffenen Frau geblieben ſei.—— Dann wurmte ihm auch Lina's Frage, was die höͤhniſche Welt dazu ſagen werde, daß ſie ihn nach ſolcher Unterhaltung mit dem König herbeigeholt.— Was wird ſie ſagen, dachte er, als die ſchöne Frau unterhandle mit Jeröme, des Man⸗„ nes Beförderung ſei der Preis ihrer Ergebung. So die Bruſt voll Leid, voll Mismuth und Unwillen, wandelte er hin und wieder, bis Lina ſtill geworden. Nun ſetzte er ſich leiſe zu ihr, indem er mit dem zärt⸗ lichſten Tone ſagte: Höre mich mit Geduld an, gute Lina! Ich habe ſehr gefehlt, ich erkenne es; aber— erkenne nun auchedu, daß ich nur aus Liebe zu dir gefehlt habe. Der Stolz eines Mannes auf ſeine Frau gehört ja mit zu ſeiner Liebe, und meine Eitelkeit gerade auf deine äußern Vor⸗ züge war ja dieſen Abend aufs höͤchſte geſteigert. Denke dir, wie empfindlich es mir ſein mußte, daß dieſe hoch⸗ müthigen Frauen, die dir deine Vorzüge und dein Glück neideten, gerade an deinem Benehmen gegen den Köͤnig, an dieſer, wenn auch Kleinigkeit eines Verſtoßes gegen die Etiquette ihre Schadenfreude finden ſollten,— ſie, die gerade dieſe Affengrimaſſen, dieſe Papageienworte des Hoftons für das Höchſte in der Welt halten. Dieſe Empfindung war es, was mich bewog, mit dir zum Kö— nig zurückzukehren. Sie ſollten glauben, der König habe nach mir verlangt. Wie konnt' ich mir denken, daß Je⸗ röme es in ſo kränkendem Sinn nehmen würde? Ich hatte ja geſehen, mit welcher Würde du ihm erwiderteſt. Und das war auch der Weg ihn abzufertigen, Lina. Die Sittlichkeit iſt eine innere Macht und hat ihre eigenen Waffen; man beleidigt aber geſellſchaftlich nicht, wen man eben moraliſch misachtet. O ja, du wirſt ſchon Recht behalten, Ludwig! er⸗ widerte ſie müde. Ich will nicht Recht behalten, liebe Lina, ich will nur entſchuldigt ſein. Ich fühle jetzt das Jämmerliche meiner Klugheit tiefer als— glücklicherweiſe— du ſelbſt; 412 ich theile in dieſem Augenblicke mehr als je deine Ent⸗ rüſtung über die Unſittlichkeit dieſes Volks. In dieſem Einklang werden wir uns verſtändigen über das Leid, das dir widerfahren iſt, wie über den Kummer, den ich empfinde, es veranlaßt zu haben. Doch ſolche Schmerzen wollen ruhig ausbeben. Weißt du was, mein Herz? Geh' morgen voraus nach unſerm traulichen Weiler. Du haſt ja ſchon Alles zur Reiſe vorgerichtet, und wir ha⸗ ben uns ſo auf dieſe heitern Herbſttage gefreut. Nun geh' du voraus, Lina. Die ländliche Ruhe wird dir wohlthun. Sobald du es dann wünſcheſt, komme ich nach. Dort wirſt du erfahren, was du im Stolberg'ſchen Liede ſo manchmal ſingend empfunden haſt: Süße, heilige Natur, Laß mich gehn auf deiner Spur! In dieſer kurzen Trennung wird der Riß heilen, den du— Ach, willſt du denn einen Riß für unſer Le⸗ ben, Lina? Ob ich will, Ludwig! fuhr ſie auf. Wie kannſt du glauben, daß ich wolle? Ach, das iſt ja des Lebens Jammer, daß etwas geſchieht, was man nicht will! Aber du haſt Recht, ich will morgen gehen! Nun komm', es iſt ſpät! Lege dich zu Bett! Hole mir eine Decke, Ludwig, und laß mich hier ruhen, dieſe Nacht nicht neben dir, Ludwig. Ein ſchmerz⸗ liches Misverſtändniß hat uns entzweit; laß mich erſt wieder recht innig zur Sehnſucht kommen, Eins mit dir zu ſein. Ach, ich wünſche es, Ludwig! Geh', hol' mir eine Decke! Ludwig ergab ſich betrübt in ihre Empfindungsart, holte ihr Kiſſen und Decke, und drückte ihr die Hand zu Gutnacht. Die Frühdämmerung fiel ſchon auf die ſteinerne hohe Bruſtwehr der Brücke, als er das Rollgehänge des Schlaf⸗ gemachs herabließ. Lina ſchlummerte aus Müdigkeit bald ein. In ihren erſten Traum ſpielte noch das von Lud⸗ wig angeregte Lied mit den Worten: Wenn ich dann ermüdet bin, Sink' ich dir am Buſen hin, Süße, heilige Natur! Ludwig kam nicht zum Schlafen. Seine Nervenreiz⸗ barkeit hielt ihn wach. Lina's anklagende Gefühle, ſeine einredenden Gedanken ſtritten fortwährend in ſeinem In⸗ nern. Die Tageshelle nahm zu, ohne daß ſie einen End⸗ beſcheid in dieſen Proceß des Verſtandes mit dem Herzen gebracht hätte. Er ſtand auf, um nachzuſehen, ob Alles gehörig ge⸗ packt ſei, und ſchickte dann das Mädchen aus, einen Wa⸗ gen nach Homberg zu beſtellen. Er legte noch zu Lina's Sachen, was er für ſich ſelbſt voraus mitgenommen haben wollte, und ging dann Lina zu wecken. Sie war ſchon auf, und reichte ihm freundlich die Hand. Mit gleicher Freundlichkeit, wiewol nicht ohne eine gewiſſe Zurückhal⸗ tung von beiden Seiten, wurde beim Frühſtück die Reiſe beſprochen. Der Wagen ſollte erſt gegen Mittag abholen, und damit Lina nicht allein reiſe, wollte Ludwig auf dem Wege nach dem Bureau die Mutter zu ihrer Begleitung beſtimmen. Beide waren einverſtanden, die gute Frau Koenig, Jeröme’s Carneval. III. 8 1144 durch keine Mittheilung über den Vorfall beim Feſte zu beunruhigen. Und um ſpgleich die einzige Einrede, die ſie machen würde, zu heben, mollte Ludwig auf die Dauer der Abweſenheit der Mutter Hermann bei ſich zu Gaſt laden. Bei dieſem Vorſchlage nickte Lina blos ihre Zuſtim⸗ mung. Die heimliche Frage, wie der Freund ihre Krän⸗ kung und Ludwig's Benehmen anſehen werde, beunruhigte ſie ſehr; aber ſie ſchwieg darüber. Erfahren mußte er doch von dieſer Uneinigkeit, und ſie mochte weder zweifel⸗ haft über ſein Urtheil, noch als Anklägerin ihres Mannis erſcheinen. Beide ſchieden dann mit herxlihem Lebewohl auf Wie⸗ derſehen und mit der Verabredung, ſich vorher brieflich zu verſtändigen. Als Ludwig gegen Abend den Freund mit zu Tiſch brachte, war Hermann noch ſehr bewegt von Allem, was ihm derſelbe unterwegs von dem Ereigniß beim Feſte und von dem häuslichen Auftritt mitgetheilt hatte. Das Dienſt⸗ mädchen berichtete, daß ein vornehmer Herr dageweſen ſei, ſich nach dem Befinden der Madame zu erkundigen. Er habe ſich über ihre Abreiſe gewundert, aber ſehr gefreut, daß ſie wieder ganz wohl ſei. Gewiß hätte ihr nur die Schwüle des Saals und der ſtarke Duft der Gewächſe die ſchlimme Anwandelung zugezogen. Er habe ſich auch ſehr genau nach dem Landſitz erkundigt, wohin Madame gegangen ſei. Seinen Namen habe er nicht genannt, aber ein närriſcher Menſch müſſe es ſein, denn er habe neben dem einen goldenen Knopf des blauen Frackrockes an der Hüfte noch zwei kleine goldene Knöpfchen ſitzen gehabt. 115 Die Freunde waren noch zu voll von ihrer Ange⸗ legenheit, um weiter darauf zu achten. Sie nahmen es für eine Artigkeit des Hofmarſchalls, der doch weder deutſch ſprach, noch Kammerherrenknöpfchen trug. Ihre Beſprechung über Tiſch war offen und warm. So ſehr Ludwig's raſche, kluge Wendung von Hermann als gutes Impromptu bewundert wurde, ſo nachdrücklich entſchied er ſich doch für Lina's edle und muthige Entrüſtung. Mir fällt eine frühere Aeußerung von ihr ein, ſagte er unter Anderm. Es war, als ich euch im Mai auf dem Land beſuchte. Du warſt in Homberg zurückgeblieben, und ich wollte andern Morgens wieder nach Caſſel ab- reiſen; Lina fragte mich, wofür ich wegen meiner Ver⸗ handlungen mit dem Polizeichef entſchieden ſei. Sie rühmte und empfahl mir deine einſichtsvolle Klugheit. Da ich ihr aber erklärte, Einiges in deinem Rath widerſtrebe zu ſehr meinem innerſten Selbſtgefühle, ſo verſetzte ſie: dann folge dieſem! Die Klugheit vermag viel, man kann mit ihr die ganze Welt gewinnen; was hat man aber davon, wenn man darüber ſich ſelbſt verliert? Siehſt du, Lud⸗ wig, das iſt es! Lina wollte, als ſie den König verließ, ihr edles Selbſt behaupten. Wahrlich! es liegt— möcht' ich faſt ſagen— etwas Tragiſches in euerm Misverſtänd⸗ niß. Iſt es nicht wenigſtens die ſeltſamſte Fügung: du wollteſt ihr den Schein der Weltmanier, der Hoſſchicklich⸗ keit retten, und gabſt ihr damit das niederdrückende Ge⸗ fühl, ſich ſelbſt verloren zu haben. Nun ja, das iſt Alles recht gut mit den Gefühlen, erwiderte Ludwig etwas verdrießlich dem Freunde gegen⸗ über, der ſich eben auf Lina's Seite ſchlug. Wenn ſie 8⸗ 416 nur nicht immer ſoviel Wohlgefallen an ſich ſelbſt hätten, dieſe Gefühle, und— zur Raiſon kommen wollten. Sein Selbſtgefühl muß man mit andern Waffen aufrechthalten. Ich begreife Lina recht gut; ſie begreift nur mich nicht. Es iſt ihr ſchon wiederholt begegnet, wie— bildlich zu reden— einer jungen Frau, die ſich nach einer fremden Stadt verheirathet hat: der mitgebrachten Ausſtattung der⸗ ſelben fehlt auch Elle und Wage nicht; ſie wiegt immer ſorgfältig das vom Metzger gelieferte Fleiſch, die vom Markt eingekaufte Butter nach; aber es trifft ihr überall nicht zu, ſie kommt immer zu kurz und ereifert ſich über Betrug von allen Seiten, bis ſie endlich einſieht, daß hier am Ort anderes Maß gilt— das Gewicht leichter, die Elle kürzer iſt, als ſie beides mitgebracht hat. Sieh', ſo geht's meiner guten Frau! Nur mit dem Unterſchied, lieber Ludwig, daß das volle, ſittliche Maß, wie es Lina mitgebracht hat, bei uns gilt, das ſchlechte, verfälſchte aber von dieſen Frem⸗ den eingeſchleppt iſt. Ludwig, der ſich geſchlagen fühlte, ſchwieg eine Weile, dann, auf einen andern Gaul ſich ſchwingend, ſagte er lächelnd: Nun, was folgt denn daraus, Hermann? Daß wir dieſe Fremden und ihr falſches Maß, ihr zu leichtes Gewicht aus dem Hauſe werfen müſſen,— das folgt daraus, oder du willſt es daraus gefolgert haben! Nicht wahr? Ah! ſiehſt du das endlich ein? Ja, Hermann, bre⸗ chen das Scepter, dieſe Königselle, die uns ſolche Thaten zumißt, brechen! „ 117 Gut! Und was folgt noch weiter, Ludwig? Nun, was? Daß Lina im tiefſten Grund Recht hatte! Ihr ſprecht immer von Volkserhebung, und wenn ſich eine deutſche Frau, die liebenswürdigſte und rechtſchaffenſte der Reſidenz, von der Seite eines Königs erhebt, der eben kein König, ſondern— was ihn ſein kaiſerlicher Bruder ſelbſt ſchon genannt hat— un petit polisson iſt, dann ſchreit ihr über verletzte Hofſitte. O mein lieber Ludwig, du hätteſt ihr ja die Hand reichen mögen, nur nicht um ſie zurück⸗, ſondern um ſie fortzuführen, als die Fahnenträgerin der Frauenwürde,— fort durch die ganze lächelnde Schar dieſer Hofweiber, dieſer Hofhühner hindurch. Ludwig ſchwieg nachdenklich, und Hermann beſann ſich auf eine ableitende Unterhaltung. Elftes Capitel. Die Kraft einer Verlegenheit. Lina ſollte bald genug erfahren, wie wunderbar über ungewöhnlichen Begegniſſen die Stimmungen des menſch⸗ lichen Gemüths wechſeln und ein neues Gleichgewicht der innern mit der äußern Welt ſuchen. Solange ſie in Ludwig's Nähe äußerlich mit ihm verbunden war, em⸗ pfand ſie nur den innern Zwieſpalt ihres Herzens mit ſeinem Handeln. Jetzt, kaum acht Stunden Wegs von 118 ihm entfernt, ſtrebte ihr Gemüth nach Verſtändniß, mit⸗ hin nach innerlicher Vereinigung mit ihm. Die Mutter, nur über Nacht geblieben, war am nächſten Mittag mit demſelben Wagen nach Caſſel zurück⸗ gekehrt. Nun in ſtiller Häuslichkeit und heiterer länd⸗ licher Umgebung allein, war Lina nicht ſobald zum Ge⸗ fühl ihrer Einſamkeit gekommen, als ſie auch dem Zweifel nachhing, ob vielleicht Ludwig doch nicht blos klug, ſon⸗ dern auch richtig gehandelt habe, und ob ſie ſich vom Gefühl ihrer Kränkung, auch wenn daſſelbe gerecht ge⸗ weſen, ſoweit hätte dürfen hinreißen laſſen. Von dieſem Zweifel hing es ab, ob ſie Ludwig's Rechtfertigung ab⸗ warten oder ihm mit ihrem Bekenntniß zuvorkommen ſollte. Da ſie nicht ins Klare mit ſich kommen konnte, entſchloß ſie ſich, der Ueberlegung Zeit zu laſſen, und ging, um eine freiere Stimmung zu gewinnen, nach Homberg hinüber, Beſuch im Stift zu machen. Sie hatte dabei keine andere Abſicht, als die der Schicklichkeit und eines herzlichen Verlangens nach den ihr ſo lieben und theuern Frauen. Wie ſie aber die Dechan⸗ tin allein zu Hauſe traf und mit einer herzlichen Um⸗ armung empfangen wurde, kam ihr plötzlich der Gedanke, ob ſie ſich ihr, die mit zartfühlenden Frauenſinn ſoviel Kenntniß des Hoflebens verbinde, nicht anvertrauen ſolle. Marianne von Stein führte ihren Gaſt in den Gar⸗ ten zwiſchen den runden und länglichen Beeten hindurch, die in vollem Herbſtflor prangten, zu einer Laube, in der noch neben einem Obſtkörbchen die Nachmittagslectüre der Dechantin lag— ein Band der Schweizergeſchichte von Johannes von Müller. Sie nahm das Körbchen, um 119 noch etwas von dem edeln Obſt zu brechen, das an der Mauer und an Spalieren gezogen wurde. Iſt Ihr Mann ein Freund von Obſt? fragte die Dechantin. Er kommt doch nach? Dieſe einfache Vorausſetzung regte die Erinnerung an die ſchönen Maitage, die ſie gemeinſam mit Ludwig hier verbracht hatte, ſo lebhaft in ihrem Herzen auf, daß ſie nicht ohne Bewegung, ohne den Ton der Wehmuth Lud⸗ wig's Abweſenheit ausſprechen konnte. Die Dechantin blickte ſie mit ihren klaren blauen Au⸗ gen an und ſagte: Was iſt Ihnen, liebe Tochter? Mein Gott! es iſt doch nichts Betrübtes vorgefallen? Lina warf ſich an ihre Bruſt, und Marianne flüſterte ihr zu. Sie wollen ſich mir mittheilen, nicht wahr, gutes Kind? Sie ſind gekommen, mir Ihr Herz auszuſchütten? Nun ſehen Sie, welche gute Stunde Sie getroffen haben! Wir ſind allein. Unſere Damen, nach dem Baumbachshof gefahren, werden vor Nacht nicht zurückkehren. Kommen Sie her und ſetzen ſich recht vertraulich zu mir! Sie behielt ſitzend Lina's Hand in der ihrigen, und ihre ſeelenvollen Augen ſtrahlten eine ſolche Herzensgüte und Innigkeit auf die junge Frau, daß Lina nichts von all' ihrem Kummer und Zweifel zurückbehalten konnte. Marianne Stein war nachdenklich geworden. Sie mußte ſich bekennen, daß ſie mit ſoviel Liebe und Haß, als ſie für Deutſchland und gegen die fremde Gewaltherr⸗ ſchaft im Herzen trug, kein unparteiliches, ungetrübt auf die Frage gerichtetes Urtheil habe. Sie war voreinge⸗ nommen für Lina und gegen Alles, was Napoleon hieß. Endlich ſagte ſie: Ich glaube, meine Liebe, Ihr Gefühl war ſo edel als lebhaft. Handeln nach der Hofſitte iſt ja nicht das höchſte Handeln für alle. Wie? Wenn das heilige Königthum in unwürdige, unberufene Hände gefallen iſt, ſoll darum unſer ſittliches Herz ſich auch erniedrigen, um nicht gegen die Formen des Herkommens zu verſtoßen, das ſelbſt herab⸗ gekommen, mit der Krone ſelbſt unwürdig geworden iſt? Seien Sie froh, liebe, gute Frau, daß Ihnen Ihre bür⸗ gerliche Stellung und Herkunft das Privileg gibt, freier, muthiger und nach höhern Antrieben zu handeln, als es vielleicht denen zukommt, die mit den Vorrechten ihrer Geburt und ihrer Beſtimmung auch dem Vorurtheil. des Hofzwangs unterworfen ſind.—— Wir ſprechen ein andermal darüber, Liebſte. Ich ſehe den Rittmeiſter von Pogwitz auf das Stift zukommen. Wir haben ſeit kurzem im Diſtrict das erſte Küraſſierregiment liegen, und der Rittmeiſter kommt zuweilen von Melſungen herüber. Er hat hier vertraute Familienverbindungen. Der könnte Ihnen auch von Jeroͤme erzählen, liebe Freundin! Eben betrat er den Garten, und ſie ging ihm ein paar Schritte mit dem Zuruf entgegen: Gott grüße Sie, Herr Rittmeiſter! Sie ſehen ver⸗ gnügt aus? 2 Der hübſche, ſtattliche Reiteroffizier küßte der Dechan⸗ tin die Hand und verneigte ſich gegen die ihm genannte Frau Lina. Als er höͤrte, die Damen ſeien auf dem Baumbachshofe, lehnte er den angebotenen Sitz mit den Worten ab: Vö 121 Dann thu' ich am beſten, den Umweg dahin zurück⸗ zureiten. Entſchuldigen Sie mich, gnädige Frau, es wird ſchon Abend, und ich habe eine Beſtellung an Fräu⸗ lein Uslar. Es ſoll mir lieb ſein, gelegentlich auch Karo⸗ linen zu Hauſe zu ſprechen, und zu ſehen— lächelte er— wie weit's mit der Stickerei iſt. Für meinen Verluſt bei Ihnen hole ich mir nächſter Tage volle Entſchädigung. Ich habe ohnehin wol eine vertrauliche Beſprechung geſtört! Er empfahl ſich, und die Dechantin, die ihm einige Schritte folgte, rief noch: Ich habe Briefe von meinem Bruder Karl, wenn Sie wiederkommen. Aus Berlin? Geht's gut? fragte er. Sehr! Auch Vertrautes von Major Schill! war ihre Antwort. Der Offizier hob ſeine Rechte feierlich empor, zückte mit der Linken den Pallaſch, und verneigte ſich tief. Als ſich die Dechantin gedankenvoll geſetzt hatte, knüpfte Lina das Geſpräch mit der Frage an: Alſo auch dieſer hübſche Mann hat von Jerome— 2 Ja wol, meine Liebe! flüſterte Marianne. Hören Sie! Vertrauen gegen Vertrauen!—— Dieſer Herr von Pog⸗ witz ſtand noch vor kurzem in der Grenadiergarde. Er liebte die Tochter einer ſehr angeſehenen deutſchen Familie, die wir ungenannt laſſen wollen. Die Aeltern waren ein⸗ verſtanden, das Paar zuſammenzugeben; nur ſollte der Offizier erſt einen höhern Rang im Militär oder eine gute Stelle bei Hof erlangt haben. Es will ſich lange nichts machen, bis man endlich hört, es ſei die Abſicht Jeröme's, das Schloß zu Wabern für einen wechſelnden 2 Aufenthalt, zu einem Jagdſchloß einrichten zu laſſen und einen Palaſtpräfecten oder Maréchal des logis hineinzu⸗ ſetzen. Eine ganz neue Stelle. Aber— wie bewirbt man ſich auch darum! Und wie beeifern ſich die Mütter von Stand, ihre franzöſiſch plaudernden Töchter bei Hofe vorzuführen! Denn man wußte, daß es hauptſächlich um eine reizende Marſchallin oder Palaſtpräfectin zur Unter⸗ haltung für den König bei ſeinen einſamen Beſuchen galt. In jenen Tagen nun kommt Jeröme einmal von Napo⸗ leonshöhe und übernachtet, wie er wol zuweilen that, im alten Schloß. Unvermuthet erhält Herr von Pogwitz, da der Offizier des Tags plötzlich erkrankte, die Wacht im Schloß vor dem Schlafcabinet des Königs. Kurz nach Mitternacht erſcheint ein Kammerherr mit einer tiefver⸗ hüllten Dame, die er ins Cabinet führen will. Der Offizier, der von einer Ordre deshalb nichts weiß, ver⸗ tritt ihm den Weg mit ſeinem gebieteriſchen Halt: C'est le cabinet du Roi! Der Kammerherr weiß das, und will eben dahin; er beruft ſich auf den Befehl des Königs. Herr von Pogwitz bemerkt die Unruhe der vermummten Geſtalt, ihr Beſtreben, wieder zurückzukehren, ihr Bemühen, den Schleier dichter zuſammenzuziehen. Die Haltung, die Bewegungen der Dame kommen ihm ſo bekannt vor; eine Angſt überfällt ihn, und mit den Worten:„Iſt hier Be⸗ trug? Ich muß wenigſtens wiſſen, wer zum König ein⸗ dringt!“ faßt er den Schleier und ſchlägt ihn zurück. Es iſt ſeine Geliebte, die leichenblaß, mit halb erſticktem Schrei dem Kammerherrn entflieht. Der Kammerherr meldet im Cabinet den Vorfall, und wie er zurückkehrt, dem Offizier zu ſagen, daß ihm der König Stillſchweigen „ v- befehle, findet er ihn noch mit geſenktem Degen, wie ver⸗ ſteinert ſtehen. Am andern Morgen wird er zum Küraſ⸗ ſierregiment nach Braunſchweig verſetzt. Seit voriger Woche iſt nun dieſe Waffe in den hieſigen Canton und nach Melſungen verlegt worden. Die Dechantin wurde unterbrochen. Eine Familie vom Land war angefahren und wurde vom Hausmeiſter in den Garten geführt. Lina empfahl ſich unter dem Nachrufe der Dechantin, recht bald wiederzukommen. Zu Hauſe die Wohnſtube betretend, fiel ihr erſter Blick auf einen Brief, der eben von einem Boten war abgegeben worden. Noch nie, ſelbſt als Braut, hatte ſie mit ſo verlangendem Herzklopfen Ludwig's Siegel erbrochen. Ludwig erzählte ganz ſchlicht ſeine Unterhaltung mit Her⸗ mann über die ſtreitige Frage, und ſchloß mit den Worten: „Ich ſubmittire mich und komme, ſobald ich meinen Urlaub erhalte.“ Lina fuͤhlte der ganzen Abfaſſung des Schreibens und dem gebrauchten fremden Worte„ſubmittire“ an, daß Ludwig ihr doch nicht ohne Empfindlichkeit Recht geben mochte. Sie ließ ſich, den Brief zwiſchen den gefalteten Händen, in den Lehnſtuhl nieder. Ihre Augen trübten ſich ein wenig, indeß ihr Mund lächelte. Dann eilte ſie nach dem offenen Fenſter und breitete die Arme in der Richtung nach Caſſel aus. Und noch einmal den Brief durchlaufend, ſprach ſie vor ſich hin: Ja, ja, das hab' ich geſagt: mit Klugheit kann man die Welt gewinnen; was hat man aber davon, wenn man ſich ſelbſt verliert? In dieſem ſelben Zimmer hab' 12⁴ ich's geſagt, und— Hermann hat's nicht vergeſſen! Durch dies Fenſter da hat er mir damals ſein Maßliebchen ge⸗ reicht.— Weißt du, Lina, ſagte er, wie dies Blümchen auf franzöſiſch heißt? Marguerite, paßt aber nicht auf Lina.—— Ach, ſo knüpft ſich wieder alles äußerlich wie innerlich zuſammen— Alles zwiſchen Mai und Septem⸗ ber, und kein Riß geht durch unſer Leben. Nein, Lud⸗ wig, das ſoll es nicht! Aber der Freund iſt es, der Alles verknüpfte! Von jetzt an ſah Lina mit jedem Tag ihrem Ludwig entgegen. Sie hielt ſich daher des Nachmittags gern zu Hauſe und zwar im Garten auf, und machte nur die dringendſten Anſtandsbeſuche drüben in der Stadt, in Hom⸗ berg, am Vormittag ab.— Vielleicht brächte Ludwig, ſchon um das befangene Wiederſehen zu erleichtern, Her⸗ mann mit, dachte ſie; aber ſie ſcheute ſich, eine Vorkeh⸗ rung darauf zu machen, als könnte ſie dadurch ihrem Ludwig die Ueberraſchung ſtören, die er ihr etwa damit bereiten moͤchte. Als ſie eines Nachmittags ins Freie hinaus den Weg nehmen wollte, den Ludwig kommen mußte, erſchien der Metropolitan Martin aus der Stadt, ihr ſeinen Gegen⸗ beſuch zu machen. Er kam des Wegs von Homberg mit einem wunderlich ausſehenden ältern Manne in einer ab⸗ getragenen Livree bis an den Garten, und trat mit nach⸗ träumendem Lächeln ein. Es iſt doch ein ganz närriſcher Kauz, der alte Rem⸗ mert, ſagte er unter ſeiner Begrüßung, und da Lina den Mann nicht kannte, erzählte Martin: 12⁵ Ein ehemaliger Gerichtspedell, und hat ſich mit ſeiner ſchmalen Penſion bei Melſungen niedergelaſſen. Hier hatte er dieſen Sommer das Unglück, von einem ſchlüpferigen Abhang des Fuldaufers in den durch Gewitterregen an⸗ geſchwollenen Fluß zu gleiten. Doch wußte er ſich zu faſſen, und zwar in doppeltem Sinn des Wortes— durch Beſonnenheit nämlich und an den Wurzeln eines alten Weidenſtammes. Als ich mir's nun eben von ihm erzählen ließ und ſeine Geiſtesgegenwart lobte, verſetzte er: Allerdings, Herr Metropolitan, hatte ich die Gegenwart eines Geiſtes. Aber, Sie glauben nicht, wie Einem in einer ſo ſchrecklichen Inſinuation zu Muth iſt. Der Schreck der Seele und das kalte Gewäſſer treiben alles Blut in den innern Menſchen zurück. Doch gerade dadurch ge⸗ winnt er ſein Heil! Sehen Sie,— da drückt das Ge⸗ blüt auf das Gemüth, und gibt dem Menſchen die wahre Kraft einer Verlegenheit. Im Laufe der Unterhaltung brachte Martin die Neuig⸗ keit, daß Jeröme der Herbſtjagd wegen das nahe Schloß Wabern auf eine Woche bezogen habe. Der geſprächige Prediger ließ ſich an, Lina von der glänzenden Zeit des Schloſſes zu unterhalten; allein ſie erinnerte ihn, daß ihr ſeliger Vater dieſe Zeit mitgelebt habe.— Ich kenne den großen, prächtigen Garten des ſchönen Schloſſes, ſagte ſie, und habe noch als Kind darin geſpielt und mich ausge⸗ tobt. Und wie oft hat der Vater nachmals von den Herr⸗ lichkeiten erzählt, wenn Landgraf Friedrich die Monate Juni und Juli dort zu verbringen pflegte. Hof und Militär, mehre Regimenter, begleiteten ihn dahin; das franzöſiſche Theater, Ballet und Oper ſpielten. Man zog auf die Reiherbeize aus; ſelbſt die Damen folgten der Falkenjagd in Scharlachgewändern und ärgerten mit die⸗ ſer Farbe die Truthähne, die Puter auf den Höfen. Ein prachtvolles, genußreiches Leben erfüllte die weite, frucht⸗ bare Ebene. Sobald ſich der Metropolitan empfohlen hatte, eilte Lina ins Freie hinaus. Es war ihr, als müſſe heut Ludwig eintreffen und ſie ihm entgegenkommen. Wirklich hatte ſie kaum den nächſten Hügel erreicht, als ſie in der Ferne herankommend zwei Reiter erblickte. Es verwun⸗ derte ſie zwar, daß Ludwig und Hermann zu Pferde kommen ſollten; doch war ja Hermann wenigſtens ſchon einmal ſo eingetroffen. Bald aber nahm ſie wahr, daß der zweite Reiter ſich eine Strecke hinter dem erſten hielt,— vermuthlich ein Küraſſieroffizier mit ſeinem Reitburſchen. Um dieſen nicht ſo allein zu begegnen, wendete ſie um. Ehe ſie aber das Haus erreichte, waren ihr die Reiter nahe genug gekommen, daß ſie Männer in Civil er⸗ kennen konnte. Sie blieb daher neubegierig in der Thür ſtehen, bis ſie im Vorderſten, der heranſprengte, den König erkannte. Erkennen und ins Zimmer eilen war ein Nu. Jeröme mit ſeinem Seeheldenblicke hatte ſie ſchon von weitem erkannt, und ſich durch ſie ſelbſt zu ihrer Woh⸗ nung zurechtgefunden. Er ſtieg ab, ſein Pferd dem Stall⸗ meiſter überlaſſend, und eilte ins Haus, wo ihn Lina im Wohnzimmer mit nachlaſſendem Herzklopfen und mit all' ihrer zuſammengerafften Faſſung empfing. Es ging ihr, ohne daß ſie eben daran dachte, wie dem alten Rem⸗ 127 mert: das Geblüt, aufs Gemüth drückend, gab ihr die wahre Kraft einer Verlegenheit. Ich bin Ihr Nachbar in Wabern geworden, Madame, und konnte mir nicht verſagen, Ihnen meine Viſite zu machen, ſagte Jeroͤme mit dem verbindlichſten Anſtand, den er ſich vorgeſetzt zu haben ſchien. Unverdiente Gnade, Ew. Majeſtät! erwiderte ſie, wo⸗ bei ſie mit einer anmuthigen Geberde ihm die Wahl eines Sitzes anbot. Ich erwarte jeden Augenblick meinen Mann, der es ſehr beklagen würde— Heut, Madame, dürfen Sie ihn nicht erwarten! fiel er ein. Simeon konnte ihm, eines dringenden Geſchäfts wegen, den gebetenen Urlaub noch nicht ertheilen. Es iſt mir auch lieb, daß ich vorher mit Ihnen, meine ſchöne Frau, ſeine Beförderung beſprechen kann. Das iſt der zweite Gegenſtand meines Beſuches. Heiſter verdient ei— nen höhern Poſten, und es bieten ſich jetzt mehre Stellen; ich möchte ihm aber einen Platz geben, auf dem auch Sie ſich gefielen. Nicht wahr?—— Es war gut, daß Lina in ihrer verſoͤhnten Stimmung gegen Ludwig den eigentlichen Anlaß dieſes für ſie ſo ängſtlichen Beſuchs nicht vermuthen konnte, ſie würde ſonſt einen neuen Verdruß gegen ihn gefaßt haben. Denn die heutige Heimſuchung Jeröme's hing wirklich mit dem Feſtabend beim Hofmarſchall zuſammen. Man hatte dem Benehmen der ſchönen Frau die ſchlimmſte Auslegung ge⸗ geben. Selbſt Ludwig's Entgegenkommen, als ſie vom Könige weggeeilt war, hatte wie eine Verabredung für den vorkommenden Fall ausgeſehen. Dieſem leider! mehr auf Misgunſt als auf eigent⸗ licher Böswilligkeit ruhenden Gedanken der Geſellſchaft lieh Marinville das Wort bei Jeröme, als die vertrau⸗ liche Rede auf den Vorfall gekommen war.— Was fan⸗ gen wir nun mit Herrn Heiſter an, Sire? ſagte er. Die charmante Frau hat ihrem König den Weg zu ihrem Be⸗ ſitze gezeigt. Es iſt der hier ſo gern betretene Pfad ei⸗ ner Beförderung des Mannes. Jeröme ſelbſt war von dieſer Auslegung überraſcht. Sie ſtimmte nicht recht zu den mündlichen Aeußerungen, womit die reizende Frau ſeine Bewerbung erwidert hatte. Allein dies konnte in ihrer bürgerlichen Ungewandtheit liegen. Ueberdies widerſprachen ſeine Erfahrungen einem Winke nicht, der ſeinem Wunſche ſo ſehr entſprach. Er ſchickte einen ſeiner deutſchen Kammerherren, ſich nach Lina's Befinden zu erkundigen, und ihre Flucht auf das Land und in die Nähe von Wabern beſtätigte entweder Marin⸗ ville's Andeutung, oder verlockte wenigſtens zu einem neuen Verſuche. Jeröme ging auf die Jagd, und Ludwig erhielt einen dringenden Auftrag als Chef de division. Ohne die mindeſte Ahnung hiervon, fühlte Lina aus der Aeußerung Jeröme's nur heraus, daß er länger, als ſie zuerſt erwartet hatte, zu verweilen dächte. Ein guter Gedanke kam ihr wie eine Eingebung. Sie bat um die Erlaubniß, ihrem hohen Gaſt einige Erfriſchungen anbie⸗ ten zu dürfen. Und obgleich Jeröme dankte und ſie zu⸗ rückzuhalten ſuchte, beſtand ſie doch darauf, daß ſie nicht gegen die ländliche Sitte fehlen dürfe. So eilte ſie hinaus, gab dem Mädchen den Schlüſſel 129 zu Wein, Obſt, Pfeffernüſſen und was man Alles auf dem Lande für unerwartete Beſuche vorräthig zu halten pflegt, und ſchrieb indeß im Zimmer ihres Mannes fol— gende flüchtige Zeilen an die Dechantin: „Der König iſt zu Pferd gekommen, und verweillt, wie es ſcheint. Ich weiß nicht, was—? Soll ich ihm noch einmal fort und zu Ihnen laufen, oder wollen Sie mir zu Hülfe kommen? Lina Heiſter.“ Mit dieſem Billet ſchickte ſie den Hausknecht laufender Eile nach dem Stift, und brachte mit dem Mädchen die Erfriſchungen ins Zimmer. Jeröme noͤthigte ſie, Platz an ſeiner Seite zu neh⸗ men. Ihr Gefühl ſagte ihr, ſie dürfe durch Sprödethun keine Blöße geben, ſondern ſich nur mit würdevoller Hal⸗ tung waffnen. Ich habe mir erzählen laſſen, ſagte er, daß Sie mit Ihren Aeltern im Schloſſe Wabern gewohnt haben, und Sie erinnern ſich deſſen noch? Ich habe darüber vor einer Stunde mit dem Prediger aus Homberg geſprochen, Sire, antwortete ſie. Ich be⸗ komme nämlich jetzt ſtündlich Beſuche aus der Stadt und aus dem Damenſtifte. In jener ältern Zeit ging's ſehr glanzvoll in Wabern zu. Es iſt auch ein reizender Aufenthalt, fuhr er fort, ich fühle es jetzt recht lebhaft, und ich denke wieder eini⸗ ges Leben dort zu erwecken. Darüber wollte ich mit Ihnen reden. Simeon ſchlägt mir Ihren Mann zum Generalſecretär der Präfectur vor. Allein ich möchte ihn Koenig, Jerome’s Carneval. III. 9 4130 näher an meiner Perſon haben. Ich habe mich über⸗ zeugt, wie brauchbar er iſt,— einſichtvoll, unterrichtet, hat neben Kenntniß des Landes Ideen und Klarheit im Vortrag. Ich brauche ſolche Männer,— fremd wie ich in meinem Reiche noch bin. Doch möchte ich einem noch ſo jungen Manne, geboren in Caſſel, aus bürgerlichem Hauſe, keine Stellung von ſichtbarem Einfluß auf meine Entſchließungen geben. Das erweckt die Eiferſucht der Parteien, die Intriguen der Familien, unter denen er ſelbſt und Sie mit ihm leiden würden. Dazu hab' ich Sie zu lieb, meine anmuthige Freundin. Wenn ich ihn aber— etwa nach Wabern ſetzte, als Schloßpräfect oder in irgend einer Hofcharge, wo ich, ſo oft es mir nöthig ſchiene, mich mit ihm berathen und ihm Arbeiten über⸗ tragen könnte: ſo gäbe das ein glückliches Verhältniß, worin ihn gar kein Schein eines Einfluſſes im Staat berührte. Glauben Sie nicht auch? Und es würde mich dabei noch beſonders glücklich machen, zu wiſſen, daß Sie in jenen ſchoͤnen Räumen unter den Erinnerungen Ihrer Kindheit, mit allem Zauber Ihrer Liebenswürdigkeit, als Königin ſchalteten. Würde Ihnen das keine Freude machen? Er faßte näherrückend ihre Hand mit nur allzu ver⸗ langenden Blicken. Lina bebte im Innerſten bei ſolchem Vorſchlag ſowol als bei dieſer Annäherung eines ſo verwegenen Mannes von privilegirter Stellung. Ihre Herzensangſt pulſirte die Bruſt hinauf bis an den ſchönen Hals. Sie fühlte ihre Hand zu feſt gehalten, um ſie leiſe zurückzuziehen, und hatte zugleich ein dunkles Vorgefühl, ihr entſchiede⸗ 13¹ nes Zurückziehen könnte einen Mann wie Jeröme zu einem ſtürmiſchen Angriff, zu einer Verwegenheit heraus⸗ fodern, die eine Scene, eine heftige Abwehr, am Ende gar einen Hülferuf nöthig machte, was ſie doch aus Rück⸗ ſicht für ſeine Perſon, ja, um ihrer ſelbſtwillen vermei⸗ den müſſe. Da faßte ſie den Muth, zu einer innern Waffe zu greifen, wie es Ludwig genannt hatte. Ew. Majeſtät ſind ſehr huldreich für uns geſinnt, ſagte ſie, mit jedem fernern Worte tiefer aufathmend. Ich will Ihnen offen meine Gefühle ausſprechen, Sire. Ah, meine liebenswürdige Karoline! flüſterte Jeröme, der ihr ängſtliches Athmen in ſeinem Sinne nahm, und ihre zuckende Hand an Mund und Herz drückte. Wir werden uns verſtehen! Sie werden meine heftige Liebe erkennen, und mit dem unvergleichlichen Zauber Ihrer Liebenswürdigkeit über das Herz, über die Macht Ihres Königs gebieten. Ew. Majeſtät haben darin Recht, fuhr Lina, nun wieder freier Hand, fort, daß eine einflußreiche Stellung meines Mannes in der Nähe ſeines Koönigs den Neid, beſonders der franzöſiſchen Partei, erregen würde; und mein Mann hat eine ſehr reizbare Geſundheit. Aber einen noch ge⸗ fährlichern Neid würde ihm eine Stellung im Schloſſe Wabern zuziehen. Hier würde er es nicht blos mit Männern, ſondern auch mit gar manchen Frauen ver⸗ derben. Denn er iſt verheirathet, und Ew. Majeſtät wiſſen ja, wie lebhaft ſich die deutſchen Mütter in Caſſel für ihre Töchter um die Gunſt einer ſolchen Stelle be⸗ werben. Mein lieber Ludwig ließ ihnen keine Hoffnung übrig. Nein, Sire, ich müßte meinem Mann durchaus 9* 413² abrathen. Was aber mich ſelbſt betrifft und die Be⸗ mühungen, die eine Frau im Schloß Wabern für den König zu übernehmen hat, ſo könnte ich mich zu keinem Wettlauf mit Damen von ſo adeliger Abkunft entſchließen,— ich, eine einfache bürgerliche Frau, Sire, die nicht blos ein altdeutſches Coſtüm, ſondern auch eine altdeutſche bürgerliche Treue für ihren Mann durchzuführen ent⸗ ſchloſſen iſt. Lina hatte dies mit ſteigendem Affect geſprochen. Jeröme, zuerſt von ihrem allerdings etwas geſpann⸗ ten Tone betroffen, fühlte doch bald heraus, daß hier von Unterhandlung keine Rede ſein konnte. Befangen, überlegend nagte er an den Nägeln der linken Hand, während er mit der rechten die Pfeffernüſſe auf dem Tel⸗ ler durcheinander rüttelte. Die Gemüthsbewegung Lina's hatte ſogar ihr Fran⸗ zöſiſch etwas flüſſiger gemacht, und ein gewiſſes Selbſt⸗ gefühl über ihre gelungene Abwehr regte, während der König ſchwieg, etwas von ihrem leichten, natürlichen Uebermuth auf, ſodaß ſie lächelnd verſetzte: Verzeihung, Sire, für meine Offenheit! Sie ſehen, daß ich für die Frau eines Schloßpräfecten nicht einmal angenehm genug im Franzöſiſchen bin. Nein, Sire, ein ſtiller Platz, entfernt von Hof, aber von Wirkſamkeit für das Wohl des Landes würde uns am glücklichſten machen! O das können Sie haben, Madame! erwiderte Je⸗ röme verſtimmt. Da ich jetzt Ihren untergeordneten Ge⸗ ſchmack, Ihre beſcheidene Wünſche kenne— In dieſem Augenblicke klopfte es an die Thür, und 133 die Dechantin trat ein. Sie that überraſcht von des Kö⸗ nigs Anweſenheit, trat dann aber mit würdevollen, hof⸗ mäßigen Reverenzen gegen ihn vor, und Lina, die ſeinen nachdenklichen zerſtreuten Mienen anſah, daß er ſich der Dame nicht gleich beſinnen konnte, ſagte: Ew. Majeſtät kennen ja ſchon die Frau Dechantin von Stein aus Homberg! Ah! von Stein! erwiderte er lebhaft und mit ra⸗ ſchem Griff nach ſeiner Bruſttaſche. Ein etwas ſchaden⸗ frohes Lächeln zuckte über ſein Geſicht. Ich war unterwegs, Ihnen meinen Beſuch zu machen, wendete ſich die Dame an Lina, und dieſe verſetzte, jetzt mit freier, heiterer Stimmung: Ich freue mich ſehr, daß Sie eine Stunde getroffen haben, wo Sie ſich für Ihre Freundlichkeit durch einen Antheil der hohen Gunſt belohnt finden, die Se. Maje⸗ ſtät dieſem ſtillen, kleinen Hauſe gegönnt haben. Sie bot der Dechantin einen Platz, und Jeröme nahm mit einem geſpannten Lächeln das Wort: Sie kommen mir erwünſcht, Frau Dechantin! Ich konnte Sie hier nicht vermuthen, und doch habe ich eine ſehr intereſſante Neuigkeit für Sie in der Taſche. Das fügt ſich recht artig! Marianne Stein war von dieſer Miene zu ſehr be⸗ troffen, um ſich von der angekündigten Neuigkeit etwas Gutes zu verſprechen. Sie blickte den König vielmehr mit ängſtlicher Erwartung an. Er hatte ein Zeitungs⸗ blatt aus der Taſche gezogen, und ſprach, indem er es entfaltete: Es iſt der„Moniteur“ von Paris. Eben als ich weg⸗ reiten wollte, erhielt ich das neueſte Blatt aus Caſſel zugeſchickt. Sagen Sie mir, Madame, kennen Sie den Fürſten Sayn⸗Wittgenſtein? Die Dechantin bejahte mit ſichtlich zunehmender Be⸗ wegung. Dieſer Fürſt hat aus Dobberan an den Miniſter von Stein geſchrieben, an Ihren Bruder, Madame, und die Antwort iſt in die Hände des Marſchalls Soult gerathen, der ſie für intereſſant genug gehalten hat, ſie nach Pa⸗ ris zu ſenden. Sie erſcheint hier im„Moniteur“ abgedruckt. Vielleicht iſt es Ihnen angenehm, einige Bemerkungen des preußiſchen Miniſters, Ihres Herrn Bruders, zu ver⸗ nehmen, die dem Kaiſer, meinem Herrn Bruder, von lebhaftem Intereſſe ſein werden. Wenn Sie mir er⸗ lauben—! Er durchlief das Zeitungsblatt und las, als er die Stelle gefunden, mit ſcharfer Betonung einzelner Worte, die er zugleich mit einem wilden Blick auf die blaſſe, be⸗ bende Dame begleitete: „Die Erbitterung nimmt in Deutſchland immer zu; es iſt rathſam, ſie zu nähren und auf die Menſchen zu wirken. Ich wünſchte ſehr, daß die Verbindungen in Heſſen und Weſtfalen erhalten würden, und daß man auf gewiſſe Fälle ſich vorbereite, auch eine fortdauernde Verbindung mit energiſchen, gutgeſinnten Männern er⸗ halte und dieſe wieder mit andern in Berührung ſetze.“ Mit argwöhniſchem Blick auf die Dechantin faltete der König das Zeitungsblatt, indem er ſagte: * — V W 4 —————’ 43⁵ Haben Sie vielleicht Briefe, Madame, über dieſe— „gewiſſe Fälle“, wovon hier die Rede iſt? Die Dechantin überhörte entweder in ihrer Beſtürzung den Sinn der Frage, oder verſchmähte darauf zu ant⸗ worten. Und wirklich hatte ſie nur zu kämpfen, um in der Aufregung ihrer bekümmerten, ſorgenvollen Gedanken ſich ſelbſt und eine würdige Faſſung aufrecht zu erhalten. Sie erwiderte: Das iſt für mich eine ſehr ſchmerzliche Zeitung, Sire! Der Brief des Miniſters iſt gewiß deutſch geſchrieben, und wer weiß, welchem Ueberſetzer er in die Hände gefallen iſt! Aber mein armer Bruder wird jedenfalls nach der Ueberſetzung, das heißt— franzöſiſch gerichtet werden. Ihr armer Bruder iſt einer der Miniſter, die den guten König von Preußen arm machen, indem ſie ihn um ſein Land bringen, verſetzte Jeröme mit Heftigkeit, wobei jedoch mit ſeinem Lieblingsgedanken an Länder⸗ zuwachs für Weſtfalen ein ſeltſames Lächeln dieſen bit⸗ tern, ſchmerzlichen Vorwurf begleitete. Die Dechantin nahm ſich zuſammen, und entgeg⸗ nete: Ich bitte um Verzeihung, daß ich durch meine Gegen⸗ wart Ew. Majeſtät zu ſolcher Heftigkeit veranlaſſe. Ihre lächelnde Miene verräth mir, wie gern Sie ſo verletzende Aeußerungen mir, einer Dame aus dem friedlichen Stift Wallenſtein, einer Schweſter Stein's, erſparen möchten. Ich würde mich entfernen, Sire, um Ihrer Humanität kein ſo ſchweres Opfer zuzumuthen; allein ich fühle mich ſo angegriffen, daß ich warten muß, bis meine liebe Frau Heiſter mich begleiten kann. 136 Bei dieſen anzüglichen Worten erhob ſich der König raſch und rief: Der Stallmeiſter ſoll mein Pferd vorführen! Und— während Lina hinauseilte, ſetzte er, gegen die Stiftsdame gewendet, hinzu: Ich ſehe, Madame la Doyenne, ich überzeuge mich, daß Sie die Geſinnungen Ihres Bruders, des Miniſters, theilen, daß Sie ſolcher— Loyalität auch gegen Ihren König vielleicht nicht fremd ſind. Die Dechantin erhob ſich mit Reverenz und ant⸗ wortete: Niemand, Ew. Majeſtät, könnte mir ein beſſeres Zeugniß über meine Loyalität geben. Der Brief meines Bruders, wie es ſich auch damit verhalte, verräth jeden⸗ falls die treueſte, lebhafteſte Anhänglichkeit an ſeinen König! Dieſe ſo kühne als feine Antwort verwirrte Jeröme ſo ſehr, daß er, vergebens nach einer Erwiderung ſuchend, ſeinen Hut ergriff, und mit kurzer Verneigung des Kopfs und der Reitpeitſche das Zimmer verließ. Als Lina von der Hausthür, bis wohin Sie ihren hohen Gaſt geleitet hatte, ins Zimmer zurückeilte, warf ſich ihr Marianne Stein in die Arme und ließ ihren Kummer, ihre Entrüſtung in den lebhafteſten Wor⸗ ten aus. Ach! rief ſie, mein ſonſt ſo vorſichtiger Bruder. Und ſein Brief, ſolch' ein Brief, wird aufgefangen— konnte aufgefangen werden! Der Himmel weiß es, aber— —4? — wenn dabei nicht Schurkerei, Treuloſigkeit des Boten im Spiel iſt—! Lina beklagte, daß ſie durch ihr Billet, durch ihren Hülferuf der gnädigen Frau dieſes Leid zugezogen habe. O liebe Tochter, erwiderte Marianne, nein, das kön⸗ nen Sie ſich nicht zurechnen und darf Sie nicht beküm⸗ mern! Auch war ich ſchon unterwegs, Sie zu beſuchen, als Ihr Bote mir begegnete. Ich ſchickte Mathilden zu⸗ rück, die mich begleitete. Ach, dies Leid wäre mir ja nicht ausgeblieben! Glauben Sie mir, die Franzoſen, der Kaiſer wird Lärm genug davon machen. Es iſt mir nun ſogar lieb, daß ich ſo früh darum weiß. Ich will nun gleich nach Homberg und mich mit den dortigen Freunden berathen. Kommen Sie, Liebſte, und begleiten mich eine Strecke. Lina führte ſie bis an die Stadt. Die Dämmerung brach eben an. Zwölftes Capitel. Doppeltes Scheiden. In dieſen Tagen war auch Luiſe Reichardt aus Halle zurückgekehrt und beſchäftigt, ihren Ueberzug dorthin aus⸗ zurichten. Hermann ging ihr dabei, ſoviel er von ſeinem Geſchäft abkommen konnte, zur Hand, und ſuchte das Lob, das ihm die Mutter Reichardt für ſeine ſeitherigen treuen Beſuche ertheilte, auch bei der Freundin durch Beiſtand und Hülfeleiſtung zu verdienen. Dabei tauſchten Beide ihre Zwiſchenerlebniſſe gegen einander aus. Luiſe war durch ihren Schwager Steffens und andere vertraute Männer der preußiſchen Bundesfarbe von den Planen zu einer allgemeinen Erhebung in Norddeutſchland genau unterrichtet, und fand zu ihrer großen Zufriedenheit den jungen Freund mehr als früher für die Sache einge⸗ nommen. Fichte's Reden hatten auf dem Wege der Be⸗ trachtung, für den er von der Schule her beſonders em⸗ pfänglich war, und eigene Beobachtung auf dem Wege der Erfahrung, zuletzt noch durch Lina's Erlebniß, ſein Nachdenken beſchäftigt und ihn nun entſchieden in das heſſiſche Bündniß gezogen, das ſich mehr und mehr zu einer Verſchwörung ausbildete. Ich habe Ihnen früher von dieſer Verbindung ab⸗ gerathen, lieber Freund, ſagte ſie. Was iſt Ihnen der Kurfürſt, den ihr wieder herſtellen wollt? frage ich auch heute noch. Soll denn, wenn wir das Außerordentliche unternehmen, nichts Größeres dabei herauskommen, als die alte Armſeligkeit der Nation? Wollen wir denn die⸗ ſen ſchweren Pflug der Fremdherrſchaft, der uns durch⸗ furcht, die alte Ländereintheilung zerſtört und den öͤffent⸗ lichen Zuſtand gewendet hat, nicht zur Ausſaat einer größern und ſtolzern Zukunft benutzen? Wollen uns in großer Geſinnung zuſammenthun, ohne zu lernen, was wir in Einheit vermögen?— Nun höͤre ich aller⸗ dings, daß ihr mit dem preußiſchen Tugendbund in Ver⸗ kehr ſteht, und freilich, wenn das heſſiſche Volk nur für 139 den Kurfürſten auf die Beine zu bringen iſt, ſo müßt ihr es bei dieſer Standarte feſthalten und dadurch die große Erhebung verſtärken, die am Ende wol dieſe Sonder⸗ intereſſen verſchlingen wird. Nur darf euer Unternehmen nicht vereinzelt und vom preußiſchen getrennt gehen wol⸗ len, wenn es nicht nutzlos oder gar zum Nachtheil für das allgemeinere ausfallen ſoll. Für ſich allein muß es mislingen. Für Sie, lieber Hermann, wäre es daher eine rechte Aufgabe, das Verſtändniß mit den preußiſchen Freunden aufrecht und lebendig zu erhalten, damit nichts übereilt werde. Die Leichtfertigkeiten des Jeröme’ſchen Hofes haben etwas Anſteckendes, am Ende ſogar für Un⸗ ternehmungen, die gegen ſie ſelbſt gerichtet ſind, und die leichtſinnige Gewalt behält zuletzt den Sieg über einen unvorſichtigen Aufſtand. Ich wollte nur, Ihre Stellung wäre weniger gebunden, und Sie könnten ſich zuweilen perſönlich mit den preußiſchen Freunden in Verbindung ſetzen. Halle und Magdeburg ſind die beiden Angeln für die preußiſch⸗heſſiſchen Bewegungen. Beſonders auf Magde⸗ burg ſehen es die Preußen ab. Hermann ſtimmte der Freundin bei, und ſie verab⸗ redeten eine geheime Correſpondenz durch die heimlichen Boten des Tugendbundes. Als der nicht veräußerte Theil des Reichardt'ſchen Mo⸗ biliars gepackt und der Fuhrmann damit abgefahren war, brachte die Familie noch zwei Nächte im Palais des Ba⸗ rons von Reinhard zu. Hier empfingen ſie auch das Lebewohl ihrer vertrauteſten Bekannten. Am letzten Abende vor der Abreiſe war die Mutter 140 Reichardt früh zu Bett gegangen. Luiſe entſchuldigte ſie, als unter Andern auch Herr und Frau von Bülow Ab⸗ ſchied zu nehmen kamen. Die Mutter iſt nicht blos von den Anſtrengungen der letzten Tage erſchöpft, ſagte ſie, noch weniger als ſolche kann ſie Kummer ertragen. Sie iſt ihr Leben lang von liebender Umgebung geſchont worden. Ich konnte ihr aber nicht alles Leidige erſparen, dem ſie entgegengeht. Sie glaubte noch immer in unſerm Giebichenſtein einzukehren, und ich ſelbſt dachte vor meiner Abreiſe dahin, die zer⸗ ſtoͤrte Wohnung ließe ſich leichter herſtellen. Aber das durch die Kriegszüge zerſtörte Haus, der verödete Garten bieten einen traurigen Aufenthalt in der überhaupt ganz verwandelten Gegend. Wir müſſen uns vorläufig in Halle bei meinem Schwager Steffens einrichten. Nun ſchweben der Mutter nur allzu lebhaft die glücklichen Tage vor, die wir auf unſerer ſchönen Beſitzung verlebt haben. Kennen Ew. Excellenz vielleicht Giebichenſtein? Nur von außen, antwortete der Miniſter. Im Vor⸗ überfahren hab' ich es über den traulichen Ufern und hohen Felſen liegen ſehen, da, wo die Saale in getheilten Armen dahinfließt. Der eigentliche, herrliche Blick iſt aber von Giebichen⸗ ſtein ſelbſt aus in die Umgebung, fuhr Luiſe fort. Es wird nicht leicht eine mannichfachere, reichere Ausſicht in irgend einem flachen Lande geſehen, ſagt mein Vater, der Vielumhergekommene. Wie der Fluß ſich da in kühner Beugung durch die ſchöngeformten Felsufer von ewigem Porphyr hindurchdrängt, bei dem ruhigen Fiſcherdorfe Krollwitz und ſeiner reichumpflanzten Papiermühle und 141 . „ dem buſchbewachſenen Werder vorbei über das hohe Wehr brauſend fortrauſcht, dann durch's fruchtbare Land ruhig hinſtrömt, bis ſich bei Lettin und dann weiterhin bei Wettin wieder hohe Felsufer erheben. Dort erblickt man das alte Schloß, in welchem der geniale, geiſtreiche Prinz Louis Ferdinand ſeine letzten unglücklichen Sommer ver⸗ lebte, die Seele ſtets voll trüber Ahnungen eines nahen vernichtenden Geſchicks. Von der Höhe unſers Gartens hinausgeſehen, erhebt ſich dann der Petersberg mit ſeinen Ruinen im Hintergrunde, an ganz hellen Tagen wol auch der Brocken am tiefen blauen Himmel. Auf der einen Seite der hohe alte Weinberg, zur andern die angenehme Holzung, Meiereien und Schäfereien auf der fruchtbaren Fläche; im Rücken die Stadt Halle mit ihren Thürmen und dampfenden Salzkothen, und der Blick da wieder tief in Sachſen hinein nach Merſeburg, Lauchſtädt und weiter fort; das ganze Land rundum ſo reich und luſtig bebaut, von der ſchönen pappelbepflanzten Chauſſee durchſchnitten, die von Magdeburg nach Leipzig zieht. Welch' ein anſchauliches Bild der prächtigen Landſchaft Sie uns geben, beſte Luiſe! rief Frau von Bülow. Ach, könnte Ihnen auch etwas von den ſeligen Tagen und Abenden herzaubern, die wir dort verlebt haben! Unſer Garten, einfach angelegt, mit europäiſchen und amerikaniſchen Bäumen beſetzt und in Park und Küchengarten getrennt, hegte Haſen und Rebhühner, die kein Schuß erſchrecken durfte; zahlreiche Nachtigallen be⸗ lebten die Idylle. Wir Schweſtern ſangen alle, und der Vater hatte Kutſcher und Bedienten auf's Horn einge⸗ lernt. Wenn dann an ſchönen, lauen Sommerabenden von 1⁴² unſern Stimmen, von zwei Hörnern begleitet, die alten trauten deutſchen Lieder erklangen, war der Eindruck hin⸗ reißend; eine friedliche, ſelige Ruhe herrſchte auf dieſer geweihten Stätte, bis die Sterne, als ob Theil an un⸗ ſerm Erdenglücke zu nehmen, einer um den andern hel und immer heller herabblinkten. Sie geben uns in dieſem kleinen Gemälde ein Abbild unſerer friedlichen, glücklichen Vergangenheit, ehe der Sturm aus Weſten unſere zerſtreuten deutſchen Paradieſe zerſtörte! rief Herr von Bülow aus. Ja, und das Gegenbild davon liefert Halle in ſeinem jetzigen Zuſtande, verſetzte Luiſe. Seit dem unglücklichen Tage, da der unbedachte Widerſtand die Wuth des Fein⸗ des gegen die offene Stadt reizte, was hat ſie nicht ge⸗ litten! Jetzt iſt die Armuth auf ſchreckliche Weiſe im Zu⸗ nehmen: die Salinen bringen nichts ein, dieſe Haupt⸗ nahrungsquelle vieler Einwohner, die durch die fortdauernden Durchmärſche vollends ausgeplündert werden. Alle Kräfte ſind gelähmt, ſtumpfe Gleichgültigkeit gegen die Zukunft auf einer, ſtiller Ingrimm gegen Napoleon's Macht auf der andern Seite, theilen die Bevölkerung in zwei nachbarliche Lager. Ja, ja! nahm Baron von Reinhard das Wort. Da blickt nun das arme Volk nach ſeinen Fürſten zurück und findet ſte zur Erbärmlichkeit, Schwäche oder ſelbſtſüchtiger Erniedrigung herabgeſunken. Ein neues Bedürfniß er⸗ wacht— nach Verfaſſung, nach Einheit, Kraft, Natio⸗ nalität. Wenigſtens gewinnt die Ueberzeugung immer mehr Raum unter den Denkenden und wird nach und nach unter das Volk kommen, daß nämlich mit den bis⸗ ——* 143 herigen Mitteln und Wegen der Verwaltung Deutſchlands keine Ehre zu erreichen, keine Schmach abzuwenden iſt; daß ein neues Leben die Fürſten und die Stämme durch⸗ ſtrömen müſſe, indem ſie ſich als einig in ſich, als Theile eines Ganzen zu fühlen hätten. Eben trat Staatsrath Müller ein. Er war in letz⸗ ter Zeit ſehr innig mit Herrn von Reinhard geworden, und brachte öfter einige Abendſtunden bei ihm zu. Rein⸗ hard, der ihn mit beiden Händen empfing, flüſterte ihm zu: Sprechen wir jetzt nichts von dem verunglückten Briefe Stein's: die gute Luiſe Reichardt iſt zu erſchüttert davon. Dieſe hatte inzwiſchen den Herrn von Bülow beiſeite genommen, und ſagte mit ihrem milden Lächeln: Ich will von Ihnen noch einen beſondern heimlichen Abſchied als Denunciantin nehmen, Herr Finanzminiſter! Doctor Teutleben, Ihr Finanzprakticant— Verzeihung! Wo iſt er denn? fiel Bülow ein. Wir haben uns ſchon nach ihm umgeſehen; der liebenswürdigſte Verehrer wird Ihnen doch nicht bei der letzten Abend⸗ andacht fehlen? Oder iſt dies Weihrauchkorn Ihrer Ado⸗ ration ſchon verdampft, ehe wir gekommen ſind? Nein, Excellenz, ich hoffe, es wird noch geſtreut wer⸗ den. Blaſen Sie nur einſtweilen die Kohlen des Rauch⸗ faſſes an! Sie ſind ein Spötter! Aber hören Sie! Er hat ſich, inzwiſchen ich fort war, in die Verſchwörung der Kurfürſtlichen ziehen laſſen. Ich habe ihm gerathen, ſich dabei hauptſächlich die Aufrechthaltung der Verbin⸗ dung und des Zuſammenwirkens mit Preußen angelegen 444 ſein zu laſſen. Ich zeige Ihnen das an, um nich als Verführerin zu denunciren. Ich verlaſſe Caſſel; ihn mö⸗ gen Sie nun entweder beſchäftigen, daß er ſich nicht regen kann, oder ihm eine Stelle verſchaffen, die ihm eine gün⸗ ſtige Bewegung läßt. Was? Mademoiſelle Reichardt? rief Bülow leiſe, mit lächelnder Entrüſtung. Sie wollen einen königlich⸗-weſt⸗ fäliſchen Miniſter in Verſuchung führen? Oder ihm auf den Zahn fühlen? Oder meinen Sie, ich ließe mich von einer berühmten Componiſtin zu einem Choral für den Tugendbund in Noten ſetzen— in Notiz? Lachend auf dieſe ſchalkhafte Entrüſtung rief Luiſe: Laſſen Sie mich arretiren! Uebergeben Sie mich dem Criminal! Nur warten Sie, bis ich fort bin! Sie ſchloß ſich den beiden Baroninnen an, mit ihnen dem Geſpräche der Männer lauſchend, die ſich über den bevorſtehenden Convent in Erfurt unterhielten. Der Köͤnig trifft ſchon Anordnung zu ſeiner Hinreiſe, ſagte Bülow. Man erwartet eine glanzvolle Verſamm⸗ lung dort. Ich fürchte nur, es werden ſoviel Fürſten zuſammenkommen, daß die Concurrenz ihren Preis her⸗ abdrückt. Da fieht man doch gleich den Finanzminiſter, lächelte Herr von Reinhard, den Mann, der die Fürſtlichkeiten unter den Geſichtspunkt des Marktpreiſes bringt und wie einen Handelsartikel nach der Zufuhr taxirt. Vielleicht hat Napoleon einen höhern Geſichtspunkt, meinte Müller. Jemehr Abſtufungen von Königen, Her⸗ zogen, Fürſten, Grafen, Baronen und geadelten Staats⸗ männern in der Zuſammenſtellung zu Einem Zwecke den —,——— —,.,— Völkern in die Augen fallen, deſto erhabener nehmen ſich die beiden kaiſerlichen Standbilder Napoleon und Alexan⸗ der aus. Gut! wendete Bülow ein. Was bedeuten aber dieſe beiden Standbilder unter der großen Glocke von Erfurt? Keineswegs ſcheint es doch auf etwas abgeſehen, was man— wie man zu ſagen pflegt— an die große Glocke bringen will. Gilt es Preußen? Gilt es dem ganzen Deutſchland? Ich denke, die Abſichten des Convents ſind ausge⸗ ſprochen, lächelte Baron Reinhard. Mein Kaiſer, ent⸗ ſchloſſen, der wachſenden Volkserhebung in Spanien durch ſein perſoͤnliches Auftreten ein Ziel zu ſetzen und ſeinen Bruder auf dem Throne zu befeſtigen, muß ſich begreif⸗ licherweiſe vor allem der Ruhe in Nordoſt verſichern, und ſich alſo der Freundſchaft Kaiſer Alexander's vergewiſſern. Nicht wahr? Wohl! Aber welche Pfänder der Freundſchaft wer⸗ den ſie austauſchen? Und Deutſchland, das den Ort der Zuſammenkunft bietet,— wird es auch die Koſten und Gefahren des Rendezvous beſtreiten müſſen? fragte Bülow. Als hierauf Reinhard die Achſel zuckte, flüſterte Müller: Entre nous soit dit, was mir Freund Gentz ſchreibt: „Nach Kälte, Tod und den Franzoſen haſſe ich nichts ſo herzlich, als die Ruſſen. Ich entrüſte mich gegen die Oeſtreicher; wenn ich ſie aber von jenen Barbaren mit Füßen getreten ſehe, ſo kehren ſich meine deutſchen Ein⸗ geweide um, und ich fühle, daß ſie meine Brüder ſind.“ Wenn Sie damit ſagen wollen, daß Deutſchland zwi⸗ ſchen beiden Reichen ſchlecht gebettet iſt, ſo haben Sie Koenig, Jeroͤme'’s Carneval. III. 10 4146 Recht, beſonders weil viele der gekrönten Häupter in die⸗ ſem Bette gar alberne Träume haben. Auf dieſe Aeußerung des Herrn von Reinhard öffnete ſich mit einigem Ungeſtüm die Thür, und Hermann— man durfte ſagen— ſtürmte herein. Er war aufge⸗ regter, als ihn die anweſenden Frauen und Männer noch geſehen hatten. Luiſe trat ihm entgegen, und fragte laut und nicht ohne Beſorgniß, was er habe, was es gebe. Aber Hermann, die Damen nur flüchtig grüßend, wen⸗ dete ſich gegen die Männer, beſonders gegen ſeinen Mini⸗ ſter.— Wiſſen Ew. Excellenz davon? fragte er. Oder kommt es geradezu aus dem Cabinet? Der Chef de Di⸗ viſton, Herr Heiſter, mein Freund, iſt aus dem Miniſte⸗ rium verwieſen, iſt als Friedensrichter nach Homberg ver⸗ bannt? Baron von Bülow ſah ihn betroffen an, ohne auf die Frage zu antworten, und Hermann, nach dem erſten Ausbruch etwas erleichterter, fuhr fort: Ja, ich komme eben von ihm. Er hatte dieſen Nach⸗ mittag ſein Urlaubsgeſuch mündlich erinnert, und Herr von Simeon ihm ſtatt des Urlaubs ein Deeret als Frie⸗ densrichter nach Homberg übergeben. Martin, der bis⸗ herige Friedensrichter, iſt, ich weiß nicht für welchen Poſten beſtimmt. Der Miniſter ſchien dabei verlegen, ja bewegt, und bat Herrn Heiſter, ſich nur vorerſt zu beruhigen und die Beförderung abzuwarten, die er für ihn angetragen habe. Es war nicht zu verkennen, daß Herr Simeon nur die Ungnade des Königs zu decken ſuchte, bis er ſie zu verſöhnen im Stande ſei. An der Ungnade ſelbſt ließ ſich nicht lange zweifeln. Mein Freund nämlich, in der — 147 erſten Anwandelung entſchloſſen, ſeine Entlaſſung zu neh⸗ men, geht nach Hauſe, die Sache zu überlegen. Ehe er aber zu einem Entſchluſſe kommt, erſcheint vom Lande zurückkehrend ſeine Frau, und erzählt, was dort voraus⸗ gegangen war. Der König hatte ihr von Wabern aus einen Beſuch gemacht und ihres Mannes Beförderung mit ihr beſprochen, er wollte ihn als Schloßpräfecten nach Wabern ſetzen. Sie hatte dies entſchieden abgelehnt und ſich ſeiner Artigkeiten mit der reſoluten Erklärung er⸗ wehrt: ſie wage ſich in keinen Wettlauf mit den vor⸗ nehmen Damen, die ſich um jene Stelle— für ihre liebenswürdigen Töchter bewürben. Sie wünſche für ih⸗ ren Mann zu ihrem ſtillen häuslichen Glück ein Amt, worin er, entfernt vom Hofe, für das Wohl des Landes arbeite. Hierauf hatte der König mit Unwillen erklärt, es würde ſich ſchon für ſolchen untergeordneten Geſchmack ein ſchicklicher Platz finden. Nun hat er ſich gefunden, und zwar ganz in der Nähe des Landſitzes, wo die bei⸗ derſeitigen Wünſche ausgetauſcht worden. Auf dieſe Mit⸗ theilung hat ſich mein Freund entſchloſſen, das Friedens⸗ richteramt doch anzunehmen; ſeine liebe Frau habe ſich ja ſchon als eine vortreffliche Friedensrichterin ausgewieſen. Bei aller Freimüthigkeit, womit Hermann berichtet hatte, fühlte man doch durch, wie ſehr er noch an ſich hielt. Keines mochte daher, wie vertraut man ſich auch zu einander wußte, eine Aeußerung über Das thun, was offenbar Alle nachdenklich geſtimmt hatte. Frau von Rein⸗ hard nahm den Ausweg, nach den verſchiedenen Amtsver⸗ richtungen eines Friedensrichters zu fragen. 10* 148 Hermann, noch immer aufgeregt genug, um beinahe unbedacht zu ſein, antwortete: O meine gnädige Frau, was das Amt betrifft, ſo bietet es vielleicht den Kenntniſſen und Talenten meines Freundes weniger glänzende Aufgaben, aber deſto mehr Befriedigung für ſein vaterländiſch geſinntes Herz. Er tritt in den unmittelbarſten Verkehr mit dem Volke als „Richter in ſtreitigen Sachen von beſtimmtem Werth, in Angelegenheiten der Grenzen des Eigenthums, der Vor⸗ mundſchaften, als Lenker der Familienräthe und in Hand⸗ habung der Gemeindepolizei. Wahrlich, die erſprießlichſte Thätigkeit iſt ihm geboten, um ſich für eine königliche Ungnade zu— entſchädigen! Es ſchien Allen angenehm, als ſich noch ein Paar Freundinnen Luiſens aus dem Theater einfanden, ihr Lebe⸗ wohl zu ſagen. Herr und Frau von Bülow empfahlen ſich, Baron Reinhard nahm den Staatsrath Müller mit ſich auf ſein Studirzimmer, und auch ſeine Gemahlin zog ſich zurück, ſodaß Luiſe mit ihrem Beſuch und zuletzt mit Hermann allein blieb. Die Aufregung des Gemüths, mit der er gekommen war, löſte ſich zuletzt in Wehmuth auf, als er beim Lebe⸗ wohl der Freundin von der Betrachtung erſchüttert wurde, daß er nun nicht blos ſie, ſondern auch Lina und Lud⸗ wig aus dem ſüßen, gewohnten Verkehr verliere. Es iſt faſt, was Schiller die ſüße Gewohnheit des Daſeins nennt, rief er aus. O wie einſam, wie verlafſen werd' ich mich finden, Luiſe! Es iſt beinah' kein Leben mehr zu nennen! 4 4 Was du an den Einzelnen einbüßeſt, mein lieber betrübter Freund, verſetzte ſie, ihm die Abſchiedshand reichend— das ſuche dir am Ganzen zu erobern! Gehe den Beſtrebungen der Nation nach, wenn dir die Pfade zu lieben Freunden vereinſamen. Unſer Haus, Heiſter's Wohnung verſchließen ſich dir; aber wir ſelbſt gehen dir nicht verloren. Blicke dafür nach Erfurt, wo vielleicht vernichtende Würfel über Deutſchland fallen. Rufe, wo du kannſt, dem Volke mit Herder zu: Soll dein Name verwehn? Willſt du zertheilet auch Knien vor Fremden? Und iſt keiner der Väter dir, Dir dein eignes Herz nicht, Deine Sprache nicht Alles werth? Sprich, mit welcher,— mit welcher begehrteſt du Sie zu tauſchen? Dein Herz, ſoll es des Galliers, Des Koſacken, Kalmucken Pulsſchlag fröhnen? Ermuntre dich! Hermann ſtürzte kniend vor ihr nieder, ihre Hand an ſeine bebenden Lippen preſſend. Sie legte ihre Rechte auf ſein Haupt, ſie neigte ſich auf ſeine Stirne, dann zog ſie ihn empor. Kein Wort ward weiter gewechſelt. Sie wendeten ſich, die Hände gefaßt— Luiſe nach innen, Hermann nach außen des Zimmers, zögernd, bis ſie erſchüttert, Beide mit abſtürzenden Thränen von einander ſchieden. Sechstes Buch. 5 —— .2 Erſtes Capitel. Eine geheime Poſt. Ludwig hatte ſeinen Ueberzug nach Homberg aus leiden⸗ ſchaftlicher Aufregung, aber auch um des erledigten Amtes willen ſehr beſchleunigt. Er nahm mit Lina einen vor⸗ läufigen Aufenthalt auf ſeiner benachbarten Beſitzung, um von hier aus die Einrichtung der Stadtwohnung zu be⸗ ſorgen. Das Gerichtslocal mit Schreibſtube und den Bureaukoſten wurden verfaſſungsmäßig von den Gemein⸗ den geſtellt, die zum Canton gehörten, während die Ge⸗ halte des Friedensrichters und des Gerichtsſchreibers auf den Beſoldungsetat der Staatskaſſe kamen. Hermann hatte das abziehende Paar auf einige Tage begleitet und ſeine frühere Stube wieder bezogen. Aber wie verändert gegen früher war alles Andere,— ſeine eigene und die Lage der Freunde! Und mit welch' andern Empfindungen, als in den letzten Maitagen, kehrte er diesmal nach Caſſel zurück! Zwiſchen jetzt und damals lag der ganze Reichthum einer doppelten Freundſchaft, die ſich einen lieben Sommer hindurch, gleich einer ge⸗ füllten Blume duftend und glänzend, entfaltet hatte. Er fühlte den ganzen Gewinn, darum aber auch das ganze Leid einer dauernden Trennung, wenn auch nur durch eine Entfernung von acht Stunden! Es war bei ſeinem Scheiden eine fleißige Correſpon⸗ denz verabredet worden, und ſollte mit dem geheimen Verkehr gehen, der ſeit kurzem zwiſchen den zerſtreuten Lenkern des Heſſenbundes eingerichtet war. Ein Victua⸗ lienhandel nach der Reſidenz deckte dieſe gefährliche Poſt; ſchubkärrner und Träger waren die Boten, die oft mit ihren franzoſenfeindlichen Briefſchaften ſelbſt vor dem Hauſe eines franzöſiſchen marchand des comestibles hielten. In geheimen Behältern verſteckten ſich die Papiere und hielten ſich ſelbſt vor den dienſteifrigſten Gendarmen und ver⸗ kappteſten Polizeiſpionen ſicher. Als Hermann zum erſten mal an Lina zu ſchreiben ſich eines ſpäten Abends niederſetzte, ſtieg ihm ſo plöoͤtzlich und lebhaft eine Erinnerung auf, daß ſie den Eindruck einer Erſcheinung auf ſeine Seele machte. Es kam ihm vor, als ſchwebe Lina durch das Zimmer, wie damals, wo ſie ihm die Commode einräumte und den Tapeten⸗ ſchrank anrühmte, der gegen Staub ſchließe. Hinter jener Tapetenthür, die eben offen ſtand, war auch das Schatten⸗ bild verſchwunden. Es war ein Nu innerer Anſchauung; aber eine ahnungsvolle Unendlichkeit ſchien aus dieſem Nu zu quellen, wie zuweilen von einer tief unterirdiſchen Zuckung ein heißer Sprudel zu Tage kommt, und in ſei⸗ nem Innern rief es: Du liebſt Lina! Er ſtand erſchrocken auf und trat ſehr bewegt ans Fenſter. Ach! welche ſchlafengehende Ruhe eines glücklichen Som⸗ mers webte im nebeligen Thal, und bettete ſich auf den mondhellen Hügeln! Auch die Nachbarſchaft und die nahe Reſtauration war ungewöhnlich ſtill. Nur auf einer der nachbarlichen Altane ward das Violoncello eines vor kur⸗ zem dort eingezogenen deutſchen Muſikers vom Orcheſter geſtimmt. Die herrliche Mondſcheinnacht ſchien ihn zur Melodie des Goethe'ſchen Liedes zu locken: Fülleſt wieder Buſch und Thal Still mit Nebelglanz. Die Melodie dieſer ſingenden Saiten rief all' die ſüßen Empfindungen wach, die in den Worten jenes Gedichts ſchlummern, bis ſein Blick wieder ins Zimmer und auf die rein und ruhig flammenden zwei Kerzen fiel, bei de⸗ nen er ſchreiben wollte. Er faßte ſich in dem feierlichen Vorſatze, ſeine Liebe zu hüten, ſie mit keinem Worte zu verrathen, um ſie nicht zu entweihen, und ſelbſt ſchon das innige Glück nicht zu zerſtoren, das in dieſer Empfindung für ihn lag, ſo lange ſie ein ſeliges Geheimniß blieb. Denn es ſtand ihm lebhaft vor, wie heiter und hingebend ſchweſterlich Lina mit ihm zu verkehren ſich gewöhnt hatte; dies wollte er ſich um keinen Preis verderben. Lina mochte ſeine Liebe, wenn er ſie laut werden ließ, theilen oder verwer⸗ fen: das ruhig beglückende Verhältniß konnte nicht fort⸗ dauern, und ſeiner Hut entlaſſen gewann das Bekennt⸗ niß eine leidenſchaftliche Macht, die ſein Herz in unbe⸗ rechenbare Kämpfe und Frevel zu reißen drohte. Nein, ſchon dies bloße Bekenntniß wäre ein Unrecht, das den Frieden Lina's ſtören und ihn ſelbſt für immer der ver⸗ trauenden Freundſchaft Ludwig's unwerth machen würde. Mit dieſem Gelöbniß ſetzte er ſich und ſchrieb: „Welche Gottheit ſoll ich zum Beginn unſers Brief⸗ wechſels anrufen, liebe, prächtige Lina? Es hat mich zuerſt traurig geſtimmt, zu bedenken, daß das ganze, ſchöne, lebendige Glück, das ich bisher im Umgang mit dir und Ludwig genoſſen, fortan unter Couvert verkehrt und, ich weiß nicht mit welcher Hoffnung beſiegelt, hin— und herſchleicht. Und wenn dann wirklich eine Hoffnung das Siegel wäre,— bliebe es nicht auch eine ſchlimme Vorbedeutung, daß es erſt jedesmal gebrochen werden muß, um Das zu erfahren, was dann nur unter ver— nichteter Hoffnung hervortritt,— gerade all' das Liebe, was ſo unter dem Butterfäßchen unſers Schubkärrners, in der Kiſte für Hülſenfrüchte, oder im Häckerling der Hüh⸗ nereier hin- und wiederwandert? „So ſind es auch nicht die Meilen allein, Herzens— Lina, die uns trennen,— freilich nicht ſo raſch zu durch⸗ meſſen, wie die abſchüſſige Gaſſe vom Steinweg bis an die Fuldabrücke: nein, viel trauriger iſt es, daß ich jetzt mittels einer Gänſefeder, die aus dem Tintenfaſſe ſchöpft, mit dir rede, ſtatt ſonſt ich mit der Zunge ſchrieb, un— mittelbar ins Herz getaucht. „Aber— fort mit allen Klagen, Lina⸗Schweſter! Ich habe mir zwei Wachskerzen angeſchafft, bei denen ich ſtets an dich ſchreiben will, um mich an der ruhigen Licht⸗ flamme, die ſich von reinem Blumenwerk der Bienchen nährt, zu erbauen, und mein Herz zu beſchämen, wenn es flackern will und dunſten wie ein Talglicht. Auch — ——„ 157 kommt mir bei meiner heutigen Stimmung das Licht des Vollmonds zugut, das von Homberg her über den Wald in mein Thal hineinfällt.—«Jeden Nachklang fühlt mein Herz froh⸗ und trüber Zeit», und mich beſeligt, fern von euch, aber im Gedanken an dich— awas von Menſchen nicht gewußt oder nicht bedacht, durch das Labyrinth der Bruſt wandelt in der Nacht. „Aber— laß mich vom Alten los und zu Neuig⸗ keiten kommen! „Der König reiſt morgen nach Erfurt und hat allerlei Gnaden hinterlaſſen. Er hat meinen verehrten Miniſter für ſeine Perſon und ehelichen Nachkommen in den Gra⸗ fenſtand erhoben, und ich habe der liebenswürdigen neuen Gräfin heut die Hand geküßt. Ihr lieber Blick fiel aber noch mit der alten, nicht hochgeborenen Freundlichkeit auf mich, und wärmte noch in der alten Nähe des edeln Frauenherzens. Jeroͤme mag gerade bei der nahen Ab⸗ reiſe, die Geld koſtet, recht lebhaft empfunden haben, was ein ſolcher Mann werth iſt, der ein in Holland durchge⸗ fallenes Anlehn im Lande ſelbſt zu Stande bringt. Denn zu Stand wird es kommen, und ſchnell. Sein Project, das in der Ausführung liegt, findet Beifall, und man wird ſich lebhaft betheiligen. Es iſt ein glücklicher Griff, der ihn ſelbſt zum Grafen macht. „Um aber durch dieſe Auszeichnung die franzoͤſiſche Partei nicht vor den Kopf zu ſtoßen, iſt auch der ehe⸗ malige Marinecapitän Meyronnet, als Großmarſchall des Palaſtes, zum Grafen Wellingerode erhoben worden. Graf Booch iſt Großceremonienmeiſter geworden. Man glaubt, es ſei ihm und der Dame d'Atours damit ein Wink ge⸗ geben, daß Jeroͤme zwiſchen ſich und der Frau Gräfin etwas mehr— Ceremonien in Abſicht habe. Auch ſollen die falſchen Wochen, die ſie gehabt hat, eigentlich nur eine falſche Hoffnung geweſen ſein. „Mir ſelbſt iſt ein Strich durch die Rechnung geſchehen. Der Miniſter hatte mich zum Inspecteur des économats vorgeſchlagen Nicht wahr, das klingt nach etwas oder ſchallt ſogar? Unter économat verſteht man die Verwal⸗ tung der Güter und Einkünfte von Bisthümern, Abteien, Prioreien, Beneficien in katholiſchen Ländern. Geſſetzlich ſoll nämlich bei uns in beſtimmten Terminen während zehn Jahre die Summe von 500,000 Franes aus jenen Revenuen der katholiſchen Landestheile Weſtfalens in die Schuldentilgungskaſſe fließen. Zur deshalbigen Ueber⸗ wachung der Adminiſtration jener Güter und Gefälle iſt eine Generaldirection beſtellt, deren Generalſecretär zu⸗ gleich zur Inſpection der Kirchenſtiftungen im Fulda⸗ und Werra⸗Departement verwendet wird. In den übrigen De⸗ partements verſehen die Domänendirectoren dieſe Geſchäfte nebenher. Ich würde mir auf dieſem Poſten ein Pferd gehalten haben, das mich dann auch außer meinen Ge⸗ ſchäftsreiſen zuweilen nach Homberg, oder auch über Hom⸗ berg zu meinem Geſchäft gebracht hätte. Mein Miniſter mag dieſe Gunſt im Sinne gehabt haben; wenigſtens lächelte er ſehr bezüglich dabei, als er ſeinen Vorſchlag mit mir beſprach. „Aber, dieſer Bercagny war mein Unglück! Man hatte mich verſichert, er trüge mir nichts mehr nach, und er handelte vielleicht auch nicht gerade gegen mich, ſondern nur im Intereſſe ſeiner franzöſiſchen Partei. Er war .— 7 4 “ 159 ämlich zu der Cabinetsſitzung mitzugezogen, in welcher der Miniſter auch meine Anſtellung antrug. Da brachte er raſch einen Franzoſen in Vorſchlag, der auch als Ka⸗ tholik geeigneter für dieſe Geſchäfte ſei. Herr von Bülow, ſchon aus Grundſatz gegen die Anſtellung von Franzoſen in ſeinem Departement, wußte zwar den empfohlenen Monſieur Berault beiſeite zu ſchieben, fand dafür aber auch räthlich, mit ſeinem Candidaten auf beſſere Gelegen⸗ heit zurückzuhalten. Als er mich darüber heiter gefaßt ſah, theilte er mir vertraulich mit, wie es mit Bercagny's Widerſpruch gekommen ſei. Herr von Bülow, wegen ſei⸗ ner Standeserhöhung von der franzöſtſchen Partei noch übler angeſehen, hatte es in einer der letzten Staatsraths⸗ ſitzungen vollends mit derſelben verſchüttet. Es wurde nämlich ein Decret zur Hebung der Poſteinnahmen be⸗ rathen. Bülow war gegen Erhöhung beſonders der Brief⸗ portoſätze, und ſah ſich dadurch im Widerſpruche mit dem Generalpoſtdirector Pothau. Dieſer, ein Alltagsmenſch und ohne tiefere Einſichten ſelbſt im Poſtweſen, iſt aber ein Schwager des Grafen Fürſtenſtein, Le Camus, und ein geſchmeidiger Intrigant. Er wurde heftig in Ver⸗ theidigung ſeiner Sätze, und Jeroͤme, vielleicht ſchon gegen Bülow ein wenig aufgehetzt, fragte endlich ziemlich lebhaft: Reden Sie deutlich, Herr Miniſter, ſind Sie gegen die Adminiſtration der Poſt oder nur gegen den Adminiſtra⸗ tor?— Gegen Beide, Sire! Sie taugen Beide nichts, ant⸗ wortete Bülow mit lächelnder Unbefangenheit gegen Pothau. „Hiermit hatte er freilich dem Kalb der franzöſiſchen Partei, ins Auge geſchlagen, und über dies Kalb— iſt mein Gaul erepirt! 16⁰ „Wenn dir, liebe Lina, ſolche caſſeler Anekdoͤtchen nicht gefallen, ſo denke, ſie ſeien für Ludwig allein mitgetheilt. Ihn intereſſiren ſie. „Schließlich ſage ihm, über das Nähere wegen Stein's Brief hätten wir noch keine Mittheilungen aus Berlin.“ Als am andern Morgen Hermann aufs Bureau kam, erfuhr er, daß der König noch nicht nach Erfurt, ſondern nur nach Vach gereiſt ſei, um den dort vorüberkommen⸗ den Kaiſer zu begrüßen. Wirklich kam Jeröme nach einigen Tagen zurück, und man erfuhr jetzt, daß er den kaiſerlichen Bruder empfan⸗ gen und auf das Schloß des Prinzen von Heſſen⸗Phi⸗ lippsthal gebracht habe. Hier war ein Detachement der Grenadiergarde im Schloßhof aufgeſtellt geweſen. Napoleon hatte ſie einige Uebungen machen laſſen und, mit der Ausführung ſehr zufrieden, ſich um acht Uhr Abends zum Mittageſſen ge⸗ ſetzt, an dem auch der Prinz von Heſſen⸗Philippsthal, freilich der Wirth des Hauſes, Theil zu nehmen die Ehre hatte. Darauf war der Kaiſer, von Jeroͤme drei Stun⸗ den Wegs begleitet, weiter gen Erfurt geeilt. Erſt am 5. Oectober reiſte denn auch der König und die Königin von Napoleonshöhe mit glänzendem Gefolge dahin ab. Zweites Capitel. Verſteckte Perſonen. Die Erwartung, die mit Herbſtes Anfang nach Erfurt gerichtet war, ſpannte ſich nun mit jedem Tage mehr. Man quälte ſich mit Vermuthungen; doch gab es ſchwer⸗ lich einen Mann von Einſicht und deutſchem Herzen, der unter den obwaltenden Verhältniſſen von einer Zuſammen⸗ kunft Napoleon’s mit dem ruſſiſchen Kaiſer etwas Heil⸗ ſames für das bedrängte, entzweite, erniedrigte Deutſch⸗ land erwartet hätte. Indeß fehlte es in höhern und nie⸗ dern Kreiſen auch an kindiſchen Seelen nicht, die nach dem Prunk und den Feſten gafften, an denen es bei einem ſolchen Zuſammenfluß von Fürſtlichkeiten, Generalen und Staatsmännern nicht fehlen konnte, und auf die es ſogar von Napoleon abgeſehen war, um mit einer blendenden Lichtatmoſphäre den dunkeln Kern des erfurter Staats⸗ geheimniſſes zu umgeben, und zugleich ſelbſt als der leuch⸗ tende Mittelpunkt zu erſcheinen, um den ſich in engern und weitern Kreiſen die herrſchenden Planeten von Europa bewegten. Was dergeſtalt alle Gemüther einnahm, ließ begreif⸗ licherweiſe die auch in Heſſen zerſtreuten Wahlverwandten des preußiſchen Tugendbundes nicht gleichgültig und un⸗ thätig. Der briefliche und der perſönliche Verkehr ging jetzt lebhafter. Gerade ſie waren vielleicht am eheſten Koenig, Jeröme’s Carneval. III. 11 16² auf das Bedrohliche gefaßt, um das ſich die Welt äng⸗ ſtigte; denn ſie ſahen ihm wenigſtens den Vortheil ab, daß es zu Gunſten ihres geheimen Unternehmens auf die Nation wirken könnte. In dieſer ſchwungvollen Stim⸗ mung nahmen ſtie es vielleicht auch weniger ängſtlich als ſonſt mit ihren Schritten, weil ſie die nach dem großen Convent gerichtete Aufmerkſamkeit von ihren Pfaden ab⸗ gezogen glaubten. Hermann, der in ſeiner Verlaſſenheit ſo manche frü⸗ her vernachläſſigte Unterhaltung ſuchte— vor den Buch⸗ läden ſtehen blieb, im Cabinet de lecture der franzöſi⸗ ſchen Buchhandlung Thurneisen fils einkehrte, oder das literariſche Caſino beſuchte—, nahm jetzt auch an den Zu⸗ ſammenkünften des Heſſenbundes mehr Antheil, ohne daß er auch nur einmal recht befriedigt oder gar gehoben nach Hauſe gekommen wäre. Das große Unternehmen, das ihm mit Sichte's Worten vor der Seele ſchwebte, zer⸗ pflückte ſich, faſerte ſich ihm ſozuſagen in den oft un⸗ einigen, nicht ſelten übertriebenen, manchmal recht un⸗ verſtändigen Discuſſionen und Planen aus, die da zur Verhandlung kamen. Die Standarte der Volkserhebung, in den Lüften flatternd, würde ihn ohne Zweifel mit ſich fortgeriſſen haben; wenn er aber die Weberei betrachtete und wie dieſe Oriflamme zubereitet wurde, kam ihm Vie⸗ les gar gemein und der Zuſchnitt oft unrecht und ver⸗ letzend vor. Daß ein ſo praktiſches Wagniß ſeiner ganzen Anſchauungsweiſe und Geiſtesrichtung fremd war, ſah er dennoch nicht ein: die fortdauernde Begeiſterung für das Ziel täuſchte ihn über ſich ſelbſt. 163 Man war mit den von auswärts gekommenen Freun⸗ den ſchon wiederholt im hintern Sälchen des Gaſthauſes zur Stadt London verſammelt geweſen, als Hermann eines regneriſchen Abends abermals dahin ging. Sein ehemaliger Wirth Kerſting winkte ihm nach jenem hin⸗ tern Stübchen, worin er ihm am Abende ſeiner Ankunft die erſten guten Warnungen gegeben hatte. Hier ſaß Herr von Schmerfeld mit einem preußiſchen Herrn von Schepeler bei einer Flaſche Wein. Es iſt heut Abend nichts! flüſterte Schmerfeld. Wir ſind beargwohnt und ſollen polizeilich heimgeſucht werden. Wir Beide ſind nur da, um die Ankommenden wieder fortzuſchicken und dann ſelbſt zu gehen. Wie alſo auch Hermann ſich wieder fortmachen wollte, bezeichnete ihm Schmerfeld den verabredeten Ort ihrer nächſten Zuſammenkunft, und ſagte dann vertraulich: Apropos! Sagten Sie mir nicht einmal, Sie kenn⸗ ten den jungen Employe bei Bongars? Meinen Sie Wilke? Ja, den kenne ich, das heißt nur von Anſehen. Wäre mir ſchon genug geweſen. Hören Sie! Kommt da ein Menſch, in einen Mantel gehüllt, den Hut ins Geſicht gedrückt, vor einer Stunde auf mein Zimmer zu Hauſe. Oberſt Langenſturz war eben bei mir und Herr von Jagow. Der Kammerherr? fragte Hermann. Bewahre! Ja der! Nein, ſein Neffe, der Lieutenant, fuhr Schmerfeld fort. Der Vermummte nimmt mich bei⸗ ſeite:„Ihre Verſammlungen ſind bemerkt und über⸗ wacht“, flüſtert er mir zu.„Sie ſollen dieſen Abend 11* 164 von Polizei und Gendarmen überraſcht werden.“ Dies geſagt, wendet er ſich kurz und die Herren grüßend nach der Thür. Da rutſcht ihm der Mantel ein wenig von der Schulter, und in dieſem Moment wollte der Oberſt den jungen Scribenten bei Bongars erkannt haben. Sonderbar! erwiderte Hermann. Aber ich erinnere mich, daß derſelbe ſchon früher einmal dem Herrn von Rehfeld in einer polizeilichen Verlegenheit einen verſtohle⸗ nen Wink im Theater gegeben hat. Eine Hinterliſt, eine Falle iſt nicht denkbar, verſetzte Schmerfeld. Dennoch iſt mir der junge Menſch, den ich perſönlich nicht kenne, als der eifrigſte Franzoſenfreund bezeichnet. Bei allen lauten Huldigungen zu Gunſten der fremden Gewalt gibt er den Ton an; bei öffentlichen Er⸗ ſcheinungen Jeröme's iſt er der Chorführer der Vivats, und ſo oft zur Begrüßung der Majeſtäten in der großen Loge des Theaters das Orcheſter die Melodie des belieb⸗ ten Volksliedes anſtimmt:„Ouù peut-on éêtre mieux qu'au Sein de sa famille“, iſt es dieſer Wilke, der am lauteſten klatſcht und ſein Bravo ſchreit. Und dieſer warnt uns jetzt vor der Gendarmerie, deren Befehle er freilich am beſten kennt, weil er ſie dienſtlich ausfertigt? Hermann ſchied mit der Zuſage, dem Räthſel nach⸗ zuforſchen. Er erinnerte ſich lebhaft, daß ihm der junge Mann beim erſten Begegnen im Schaumburg'ſchen Gar⸗ ten durch ſeine franzöſiſche Politik und ſein zuthätiges Weſen gleich aufgefallen war und einen mistrauiſchen Eindruck gemacht hatte. Und da ihm zugleich einfiel, daß der General Bongars morgen früh beim Miniſter Bülow zu einer mündlichen Berathung erwartet werde, ſo nahm — 165⁵ er ſich vor, nach dem jungen Wilke zu fragen, um zu hören, ob er etwa in Ungunſt gefallen ſei. Dieſe Berathung betraf die Inſtruirung der Gendar⸗ merie zur Unterſtützung der Steuerbeamten bei vorfallen⸗ den Executionen und Auspfändungen. Die Beſprechung darüber behufs der ſchriftlichen Ausfertigungen fand ſtatt, und ſobald der junge Freund in ſeinem anſtoßenden Ca⸗ binet hörte, daß ſie beendigt und Bongars im Aufbruch begriffen war, nahm er Anlaß, mit einer Anfrage bei ſeinem Miniſter einzutreten. Wie erwartet, ſtellte der Graf ihn dem General vor, und dieſer ſelbſt brachte das beſte Stichwort, indem er freundlich bemerkte, er kenne den Herrn Doctor ſchon durch ſeinen Sohn Wilke. Ah! entgegnete Hermann. Der junge Mann iſt mir ſehr intereſſant erſchienen und muß Ihnen ſehr werth ſein, Herr General, indem Sie ihm einen ſo zärtlichen Namen beilegen. Allerdings, mein Herr! Ich behandle ihn als Sohn, und er verdient es, ſagte Bongars. Sie erinnern ſich ſeiner wol auch, Herr Graf; ich habe ihn ſchon etliche mal mündlichen Auftrags an Sie geſchickt. Letztes Früh⸗ jahr meldete er ſich mit guten Zeugniſſen zu einer va⸗ canten Employeſtelle in meinem Bureau. Er gefiel mir gleich, und erwarb ſich durch Aufmerkſamkeit, Fleiß und unbedingte Ergebenheit an das Intereſſe des Königs meine Gunſt. Er iſt von dürftiger, aber achtbarer Familie⸗ Zur Erleichterung ſeiner Militärpflicht habe ich ihn unter die Gendarmen aufgenommen, ohne ihn im Dienſt zu verwenden; aber ich laſſe ihn vorrücken, um ihn durch die Unteroffiziergage in ſeinem Schreibergehalt zu ver⸗ 466 beſſern. Daneben hab' ich ihm Privatunterricht geben laſſen und ihn in meinen Familienkreis aufgenommen. Auch meine liebe Frau hat ihre Freude an ihm. Er nimmt Theil an unſerer trauten Herzlichkeit, ja, wir ha⸗ ben keine Familiengeheimniſſe vor ihm. Er iſt unſer Sohn, wenn Sie wollen. Eine treue Seele, und es vergeht kein Tag, an dem er uns nicht Beweiſe der rüh⸗ rendſten Dankbarkeit gibt. Der alte Mann, wie er mit ſeinem kurzen grauen Haar etwas vorgeneigt daſtand, wurde ordentlich weich⸗ müthig und brach raſch ab. Er nahm ſeinen Säbel untern Arm, grüßte den Grafen, und nickte Hermann mit den freundlichen Worten zu: Ich ſage Wilken einen guten Morgen von Ihnen, mein Herr! Ein braver Mann, der alte Bongars! ſagte Bülow, als er von ſeinem Geleit des Generals zurückkehrte. Ein gemüthlicher Hausvater und treuer Diener ſeines Kö⸗ nigs! Als ſolcher kann er auch barſch und brutal wer⸗ den, während er ſonſt ein freundlicher, wohlwollender Mann iſt. Hermann war von dem Widerſpruche in Wilke's Betragen ſo erfüllt, daß er unbedachterweiſe dem Mi⸗ niſter raſch und lebhaft erzählte, was ihm und geſtern den politiſchen Freunden mit demſelben begegnet war. Bülow ging nachdenklich im Zimmer hin und wieder, ſchellte dann und ſagte zum eintretenden Bedienten: Ich bin ausgegangen, Fauſt, wenn Jemand zufragt. Dann vor Hermann hintretend, ſagte er leiſe: Sie haben mir eben bekannt, welchen Verſammlungen 467 Sie beiwohnen. Ich wußte davon, aber ich konnte es ignoriren. Das kann ich nun nicht mehr, und ich muß mich mit Ihnen verſtändigen. Es bleibt aber unter uns! Wir ſprechen jetzt außergeſchäftlich! Er reichte ſeine Hand hin, und Hermann, etwas be⸗ troffen und ſeiner Unbedachtſamkeit erröthend, legte die ſeinige hinein, worauf Bülow fortfuhr: Die Befreiung Deutſchlands iſt gewiß ein hohes, hei⸗ liges Unternehmen. Sie ſteht höher als das Portefeuille der weſtfäliſchen Finanzen, und ſie erfüllt auch meine Seele. Aber ich habe einem von den Mächten anerkann⸗ ten Könige Wort und Eid eines deutſchen Edelmanns gegeben, und bin in einer untergeordneten Sphäre von Pflichten gebunden. Solange Jeröme frei iſt als Kö⸗ nig, bin ich ſein Miniſter, oder ich muß dies Amt nieder⸗ legen. Hierzu habe ich aber keinen Anlaß, um ſo we⸗ niger, als ich hier, ganz im Kreiſe meiner Pflichten, für dieſelbe hohe Angelegenheit wirke, indem ich auf meinem Platze für das Wohl des Volks, für Aufrechthaltung unſerer Sprache, unſerer Sitte kämpfe. Ja, ich leiſte eigentlich für eure Sache mehr, als ihr bis jetzt mit ge⸗ heimen Berathungen. Ich bleibe mithin auf meinem Poſten. Sie haben andere Erwägungen, weniger tief⸗ wurzelnde Pflichten: Sie haben mir Handgelübde für Das gethan, was ich Ihnen auftragen würde. Wollen Sie das etwa doch zurücknehmen? Hermann, nach einiger Ueberlegung, antwortete: Da ich in dem hohen Sinn dienen darf, in welchem Sie ſchaffen, will ich es halten. Gut! Was über meine Anweiſungen hinausliegt, iſt 468 Ihre eigene Sache. Ich will nichts davon wiſſen. Und da ich damit umgehe, Ihnen einen weitern, freiern Wir⸗ kungskreis anzuweiſen, ſo mögen Sie zuſehen, ob ſich derſelbe auch um andere Dinge als meine Aufträge ſchlingt. Ich rathe Ihnen, nur recht vorſichtig zu ſein, um ſich der Zukunft zu erhalten und mich, Ihren Chef, nicht bloßzuſtellen. Hermann ergriff mit Ungeſtüm des Miniſters Hand, und drückte ſie, wie zu einer doppelten Betheuerung, mit beiden Händen. Nun ſagen Sie mir: Nimmt Ihr Bund auch Mit⸗ glieder auf, die nicht mitwirken, ſondern nur mitwiſſen? Die nichts verſprechen, aber auch nichts verrathen? Ja wohl, Excellenz! Ich ſelber bin ſo aufgenommen worden. Halten Sie mich für einen Mann ſolchen Vertrauens werth? Keine Frage, Herr Graf! Gut! Dann geben Sie mir einen Einblick in Ihre Verbindung. Wie ſteht der Heſſenbund zum Kurfürſten und zum Tugendbunde? Und worauf geht das Unter⸗ nehmen hinaus? Ueber das letzte Ziel des Unternehmens iſt man noch zu keinem rechten Einverſtändniß gekommen, erklärte Her⸗ mann. Der Heſſenbund will den Kurfürſten zurückfüh⸗ ren und die alte Ordnung herſtellen. Hierbei ſpricht ſich, wenigſtens bei Manchen, ein racheſüchtiger Haß gegen den König und deſſen Vertraute aus. Nur Einzelne verſtehen ſich zu den weitern Abſichten des Tugendbundes, der we⸗ nigſtens in ſeinen einflußreichſten Mitgliedern, neben einer 169 Wiederherſtellung Preußens, ſich doch auch dem Gedanken an eine weſentliche Umgeſtaltung der deutſchen Verfaſſung nicht verſchließt. Die Verſtändigen ſind endlich darüber einig geworden, das Unternehmen nur auf eine allgemeine Erhebung und Vertreibung der Franzoſen zu formuliren, und das Weitere dem guten Glücke Deutſchlands zu über⸗ laſſen. Sie wollen vor allem nur die Herrſchaft der Fremden ausradiren, und es hoöͤhern Mächten überlaſſen, eine neue Karte darauf zu zeichnen. Nur daß es eben eine allgemeine oder doch ſehr umfaſſende Erhebung ſein müſſe, ſieht man ein, weil ſonſt die Uebermacht Napo⸗ leon's noch leichter, als ſie die entzweiten Könige be⸗ ſiegt hat, die getrennten Volksaufſtände unterdrücken würde. Hermann bezeichnete dann als die Leiter des Heſſen⸗ bundes einige Kriegsräthe und ein paar alte Miniſter des Kurfürſten, die ſich mit ängſtlicher Vorſicht zuweilen beim Kriegsrathe Knatz verſammelten, der dem guten Scheine zu Lieb ein kleines weſtfäliſches Pöſtchen ange⸗ nommen habe. Der Briefwechſel mit dem Fürſten, ſoviel Hermann wußte, ging damals über Gotha, wo die Kurfürſtin bei der Herzogin, ihrer Tochter, lebte, durch Vermittelung ihres Oberhofmeiſters, Geheimraths Kunkell von Löwen⸗ ſtern. Ein Mitempfänger der Briefe war der Banquier Büding in Caſſel. Was dem Freunde vom Verkehr des Tugendbundes bekannt war, beſchränkte ſich in der Hauptſache darauf, daß Scharnhorſt und Gneiſenau im Hintergrunde wirkten, und ein Hauptmann von Lützow die Verbindung mit 170 Heſſen vermittelte. Hierzu war eben auch ein Major von Schepeler angekommen, der zu dieſem Zwecke einen ruhi⸗ gen Aufenthalt nahm, während Baron Rehfeld jetzt mehr als früher hin- und wiederreiſte. An Briefboten und wandernden Agenten fehlte es nicht, und dieſen beſonders lauerte die Polizei auf. Eben waren ihre Mouchards einem derſelben, Namens Feuerſtein, auf der Spur ge⸗ weſen, der ihnen von Berlin aus ſignaliſirt war. Dieſer aber, ſchlau und heimlich gewarnt, hatte noch zeitig ge— nug ſein Ausſehen an Bart und Anzug, und ſeinen Na⸗ men in„Stahl“ verändert; ſodaß ihnen, wie Hermann ſcherzend bemerkte, doch durch Stahl und Feuerſtein des launigen Agenten kein Licht geworden war. Der Ausbruch der großen Erhebung ſollte von einer glücklichen Conjunctur abhängen. Man rechnete darauf, daß Napoleon ſeine beſten Kräfte werde nach Spanien ziehen müſſen. Wenn Oeſtreich dann dieſen Moment benutzte, um loszuſchlagen, ſo wollte man ſich raſch an⸗ ſchließen und das Signal für Norddeutſchland zum be⸗ waffneten Aufſtande geben. So würde von Süd und Nord her die ganze Nation ſich erheben. Für ein ſolches Zuſammentreffen müßte freilich Alles vorbereitet und be⸗ ſtimmt, die Rollen müßten vertheilt ſein; ſo bedenklich es auch erſcheine, eine fertige Empörung lange in der Hand und im Geheimniß zu behalten. Der Miniſter hatte den Mittheilungen Hermann's mit ſo ruhiger Aufmerkſamkeit zugehört, daß kein Wort, keine Miene eine weitere Theilnahme verrieth. Am Ende ſagte er: Ein ſolches Unternehmen hat freilich innere und äußere 2 5 171 Bedenklichkeiten. Es hat ſich vor allem gegen Das zu hüten, wodurch es allein gelingen kann, und am meiſten auf Das zu rechnen, was ganz unberechenbar iſt. Die innere, begeiſterte Vaterlandsliebe darf ſich zu keiner Ueber⸗ eilung hinreißen laſſen, und unſern vielen deutſchen Vater⸗ ländern gegenüber nicht engherzig werden. Die Gunſt wechſelnder Weltlagen aber hat Niemand in der Hand, und da ſie als höhere Verhängniſſe erſcheinen, ſo ent— ziehen ſie ſich auch dem feinſten Verſtande. Die ſchlechte⸗ ſten Rathgeber dabei ſind dann die Diplomaten; denn ſie, mit ihren Machtgebern, ſind nur allzu geneigt zu glauben, ſie hätten die Geſchicke der Völker und die Wen⸗ dungen der Geſchichte in ihren Portefeuilles, und ſie wä⸗ ren die faiseurs von Dem, was doch nur durch ſie geſchieht. Da nimmt es ſich denn freilich ſchöner und richtiger aus, wenn ein gedrücktes, mishandeltes Volk mit innigem, begeiſtertem Gottvertrauen an ſein gerechtes Werk geht. Es liegt darin die Anerkennung eines höhern, ewigen Waltens, und dies gibt Muth zum Kampfe und Demuth im Siege. Herr von Bülow zog bei dieſen Worten die Klingel, und ſagte zum eintretenden Diener: Fauſt, ich bin wieder zu Hauſe, wenn Anfrage kommt. 17² Drittes Capitel. Eine gefährliche Saloppe. Hatte man ſich einmal mit heimlicher Beſorgniß oder mit ruhigem Abwarten in das erfurter Geheimniß ergeben, ſo behielt die Neubegierde auf die glänzenden Vorgänge an jenem politiſch dunkeln Hintergrunde die Vorhand zu ihrem Spiel, und beſchäftigte die Gemüther. Daher war in dieſen Tagen das literariſche Caſino in der Königsſtraße beſuchter als je. Wer irgend eine Nachricht von Erfurt hatte, eilte dahin, voraus verſichert, daß er ſie mit Glanz anbringen und ſich an der aufgeregteſten Theilnahme be⸗ friedigen konnte. Die früheſten Nachrichten und zugleich die zuverläſſig⸗ ſten lieferte der Geſandtſchaftsſecretär der franzöſiſchen Le⸗ gation; denn Herr von Reinhard war ja ſchon beim feierlichen Empfang Napoleon's am 27. September in Erfurt anweſend, während Jeröme mit ſeinem Gefolge erſt am 3. October Caſſel verlaſſen hatte. Ehe heut Monſieur Lefsvre, mit ſeinem Ehrenlegions⸗ kreuz im Knopfloch, erſchien, ſaß Hermann über dem „Journal de l'Empire“, vertieft in einen kleinen Artikel, der offenbar mit Spott auf Oeſtreichs Kriegsrüſtungen zielte. Es wurde berichtet, mit welch' lebhafter Theil⸗ nahme man in den verſchiedenen Provinzen des Kaiſer⸗ ſtaats das kriegeriſche Feuer der Knaben betrachte, die ordentliche Regimenter bildeten, Manoeuvres ausführten und ſich ſchon blutige Kämpfe lieferten. Es koͤnnte nichts rührender ſein, als ſolches Schauſpiel anzuſehen, und ohne Zweifel werde der ſo auffallend plötzlich freigelaſſene General Mack, dieſer große Krieger, ſich um das Com⸗ mando über die junge furchtbare Armee bewerben. Herr von Rehfeld trat heran, ſeit geſtern von Ber⸗ lin zurück, las ebenfalls den Artikel und flüſterte dem Freunde zu: Wenn den Franzoſen der Humor ſäuerlich und ſchal wird, iſt es immer ein Zeichen, daß er mit zu viel Aer⸗ ger verſetzt iſt. Als jetzt Lefevre eintrat und mit feinem Lächeln einen Brief aus der Taſche zog, drängte man ſich um ihn her. Die Nachricht betraf die erſte Zuſammenkunft beider Kai⸗ ſer. Napoleon war dem ruſſiſchen Alexander eine Meile Wegs entgegengeritten. Der Czar hatte ſeinen Wagen verlaſſen, Napoleon war vom Pferd abgeſtiegen und Beide umarmten ſich. Dann hatten Beide zu Pferd, un⸗ ter dem Donner des Geſchützes und dem Geläut aller Glocken, ihren Einzug in die von den Vivats der Ein⸗ wohner wiederhallende Stadt gehalten— Alexander mit der großen Decoration der Ehrenlegion, Napoleon mit dem großen Alexander⸗Newskiorden geſchmückt. Am folgenden Tage ging ſchon ein Strom kleiner deutſcher Fürſtlichkeiten durch den Audienzſaal Napo⸗ leon's.. Das franzöſiſche Theater gab ſeine claſſiſchen Stücke. In der„Andromache“ hatte Talma den Oreſt, Mademoi⸗ ſelle Duchesnois die Hermione gegeben, und in der„Zaire, 1474 Mademoiſelle Bourgoin ſich als Zaire, Lafond als Oros⸗ man hervorgethan. Die großen Bänder des ruſſiſchen St. Andreasordens und der franzöſiſchen Ehrenlegion waren verſchiedentlich ausgetauſcht worden. Unter den ausgezeichneten Fremden, die in Erfurt angekommen waren, wurde auch der berühmte Violin⸗ ſpieler Rode aus Petersburg angeführt. Der wird ſich ſehr irren, wenn er glaubt, in Erfurt die erſte Violine zu ſpielen! bemerkte der Hofbanquier Jordis⸗Brentano. Oder gar, wenn er meint, die deutſchen Fürſten wür⸗ den nach ſeiner Geige tanzen! lachte Baron Rehfeld. Hervorgehoben wurde im Briefe des Geſandten die Nachricht, daß der öſtreichiſche Botſchafter, General Graf St. Vincent, eine ſehr lange Audienz bei Napoleon ge⸗ habt habe. Es war dabei ganz leiſe auf eine Verſtän⸗ digung wegen Krieg und Frieden hingedeutet. Hermann brachte dieſe Neuigkeit mit dem ſpöttiſchen Artikel in Bezug, den er eben im„Journal de l'Empire“ geleſen hatte. Er wußte, daß es jetzt brave Leute gebe, die um das Heil des Kriegs beteten. Einige Tage ſpäter, an dem trübſten, ſchwärzeſten Octoberabende, verließ Hermann mit Herrn von Rehfeld ziemlich früh das Caſino. Ein Begegnender nahm den Baron auf dem obern Gang einige Augenblicke beiſeite, und Hermann, der indeß voraus die erleuchtete Treppe hinabging, bemerkte, daß eine weibliche Geſtalt durch die Hausthür hereinblickend ſtehen blieb. Wirklich wurde er 47⁵ von einer friſchen, jugendlichen Stimme franzöſiſch an⸗ geſprochen: Haben Sie die Güte, mein Herr, mich zurechtzuwei⸗ ſen. Ich kann mich hier noch nicht orientiren. Ich bin erſt ſeit kurzem aus Paris hier, und habe mich verirrt. Ein piquantes, lebhaftes Geſicht blickte mit lachenden Augen aus einem Kammerjungferhäubchen, und die zier⸗ lichſten Füße, weißbeſtrumpft, ſahen bis über die Knoͤchel unter einer ſchwarzſeidenen Saloppe hervor, die eine an⸗ genehme Geſtalt in weißen Unterkleidern mehr verrieth als verhüllte. Wo wollen Sie denn hin? fragte der Freund, oder wo wohnen Sie? Ich diene bei Frau Generalin Du Coudras, dem königlichen Schloß gegenüber. O dann bin ich Ihr Nachbar, Mademoiſelle!, und ich bringe Sie dahin. Huſch hing ſie in ſeinem Arm, und Hermann ſagte lächelnd: Nur einen Augenblick! Ein Freund begleitet mich. Aber ich habe Eile, mein Herr! flüſterte ſie ver⸗ traulich. Da kommt er auch ſchon!— Sehen Sie einmal, Baron, was ich da für eine allerliebſte Pariſerin einge⸗ fangen habe! ſagte Hermann franzöſiſch. Ah! jy retiens part! Halbpart! rief Rehfeld, und faßte nach dem rechten Arme der Schönen, die aber ihre Hand raſch unter die Saloppe zurückzog. Es fing an zu tröpfeln, und man eilte ſchräg über den Königsplatz, die enge Jacobigaſſe hinab. 476 Es iſt ein Nachtoogel. Ich bin begierig, wo ſie uns hinlockt! ſagte der Baron deutſch. Zu Zwei können wir ſchon etwas wagen. Aber ſchon machte ſie vor einem anſehnlichen, der alten Burg zugekehrten Hauſe Halt, und ſchloß auf. Alſo doch hier? fragte er. In der That, es iſt die Wohnung des Generals.— Aber ſchade, daß wir Ihnen ſchon Gutnacht ſagen ſollen! Wir wären gern noch wie⸗ weit mit Ihnen gegangen— auf geraden und krummen Wegen, Mademoiſelle! Wie heißen Sie denn, mein ſchöͤ⸗ nes Kind? Ich? Ich heiße eben— Mademoiſelle! Was geht Sie mein Name an? Oho! Mademoiſelle heißen gar vielerlei Mädchen, die bei Nacht über die Straße gehen, und Sie müſſen noch einen ſchönen Beinamen haben, der uns mehr ſagt als— Mademoiſelle. Fanchon, wenn Sie's doch wiſſen wollen. Charmanter Name! Fanchon, wiſſen Sie— Fanchon bei Madame Du Coudras— wäre mir ſogar lieber als Madame Du Coudras ſelbſt. Was haben Sie gegen Madame Du Coudras, was? Aber, Baron, es fängt heftig zu regnen an! bemerkte Hermann. Eilen wir nach meiner Wohnung. Treten Sie ein, mein Herr! ſagte Fanchon zu ihm. Ich bin allein zu Hauſe. Heißt das, Sie brauchen ſich nicht zu geniren. Madame iſt in großer Geſellſchaft und der General mit dem König verreiſt. Treten Sie nur herein, bis der Regen nachläßt. 177 Hermann hatte keine Luſt; allein der Baron zupfte ihn am Aermel und flüſterte ihm deutſch zu: Gehn Sie nur! Es iſt ein artiges Abenteuer; aber es gilt nur Ihnen. Ich gönn' es Ihnen! Mit dieſen Worten drängte er ihn ins Haus. Her⸗ mann aber faßte ihn raſch am Rock und zog ihn lachend mit hinein. So tappten ſie nach der Treppe und fanden ſich, der Führerin nach, zurecht. Fanchon, mit raſchen Schrittchen und rauſchender Saloppe voraus, öffnete eine Thür, durch die ein Schimmer von Licht auf den obern Hausgang fiel. Es war ein üppig eingerichtetes ſogenanntes Schmoll⸗ ſtübchen, das ſich ihnen öffnete— traulich zum Aufent⸗ halt, bequem zum Aus- und Einſchlüpfen, von einer kleinen Ampel matt erleuchtet und von ſüßem Wohlge⸗ ruch durchduftet. Ein tiefes Ruhebett, mehr zum Liegen als zum Sitzen gepolſtert, ſtand zwiſchen einem großen beweglichen Spiegel und einem ſeidenen Schirm, den man zu einem Verſteck vorſchieben konnte, zwiſchen beiden ein Tiſchchen mit Erfriſchungen, Wein und Leckereien beſetzt,— nicht anders, als ob man Gäſte ermartet hätte Die ganze Einrichtung ſah nach einer Dame aus, die hier orientaliſche Ruheſtündchen zuzubringen oder auch ei⸗ nen vertrauten Freund zu empfangen pflege, von einer Zofe bedient, die, wie eben Fanchon, in die Geheimniſſe des Gemachs eingeweiht genug ſchien, um in Abweſenheit der Herrin die Gewohnheiten derſelben mit Glück nachzu⸗ ahmen. Wenigſtens warf ſich Fanchon mit der anmuthig⸗ ſten Nachläſſigkeit auf die Ottomane, indem ſie die Herren Platz zu nehmen einlud. Ihre Saloppe behielt ſie an, Koenig, Jeroͤme's Carneval. III. 12 178 und freilich ſah man, wenn das Mäntelchen auseinander⸗ fiel, wie leicht, ja leichtfertig ſie darunter gekleidet war. So reizend und verführeriſch ſie dergeſtalt für einen Einzelnen geweſen wäre, ſo anſtändig benahm ſie ſich ge— gen die Zwei; mit dem Unterſchiede, daß ſie gegen Her⸗ mann ebenſo aufmerkſam, als kurz und abweiſend gegen den Baron verfuhr. Dieſen ließ ſie deutlich genug mer⸗ ken, daß ſie ihn eben für überflüſſig anſah. Deſto zuthätiger benahm ſich der Schalk. Er führte eine leichtfertige Unterhaltung mit ſo drolligem Ernſte, daß Hermann nicht aus dem Lachen kam. Als das Ge⸗ ſpräch einen Augenblick ſtockte, fragte Hermann mit Hin⸗ blick auf einen daliegenden Brief, ob gute Nachrichten vom Herrn General eingelaufen ſeien. Ja, dieſen Brief hab' ich erſt heut noch erhalten, antwortete ſie,— haben wir erhalten, wollt' ich ſagen, heißt das, hat Madame Du Coudras erhalten. Intereſſirt es Sie, wie die Koͤnige zu Erfurt im Theater ſitzen? Da, leſen Sie! Sie reichte den Brief aber nicht an Hermann, der gefragt hatte, ſondern an Rehfeld, vermuthlich um ihn zu beſchäftigen, wobei ſie mit dem Finger auf eine Stelle im Brief deutete, und hinzufügte: Es ſind allein zweiundvierzig Fürſten und Prinzen anweſend, außer vier Königen und zwei Großherzogen, nebſt einem halben Hundert Generale und dergleichen. Der Baron blickte Fanchon mit verſchmitztem Lächeln und zweifelhaftem Kopfſchütteln an, und las dann laut, während Fanchon gegen Hermann liebäugelte: „Hinter den Muſikern ſitzen im erſten Parterre die 179 beiden Kaiſer in der Mitte,— Alexander rechts von Na⸗ poleon, und dieſem zur Seite reihen ſich der König von Baiern, von Sachſen und der Fürſt Primas an. Auf Napoleon's Seite ſitzen der König von Würtemberg, der Großfürſt Konſtantin und der Prinz Wilhelm von Preußen. Dem Theater gegenüber, in einer mit carmoiſinrothem Sammet ausgeſchlagenen Loge, nehmen unſere beiden Ma⸗ jeſtäten von Weſtfalen nebſt Gefolge, worunter ich, ihre Plätze. Die übrigen Fürſten, Prinzen, Generale u. ſ. w. finden ſich im Amphitheater zwiſchen den kaiſerlichen Sitzen und den erſten Logen zuſammen.“ Den Brief zurückgebend ſagte der Baron mit ſchalk⸗ haftem Lächeln: Aber, wahrhaftig! Mademoiſelle Fanchon ſteht ſich gut mit dem General; er ſchreibt Ihnen recht artig! Mir? Der Brief iſt an Madame! Sie ſind unartig, mein Herr. Ich hatte mich vorhin verſprochen. Wohlan, ſehen Sie nur die Adreſſe, da! Ah, Pardon! ſchoͤne Fanchon! Dann ſtehen Sie aber deſto beſſer mit Madame, und liegen auch ſo reizend auf der Ottomane, wie nur immer eine Generalin liegen kann. Eigentlich hätte Madame mit dem König reiſen und der General bei Fanchon bleiben ſollen. Sie ſind ein Böſewicht! Gehn Sie fort! rief ſie mit lachendem Unwillen. Fort ſoll ich gehen? rief der Baron und ſtand auf. Sie ſind mir böſe, ſchöne Fanchon? O ich bin in Ver⸗ zweiflung. Ich gehe denn, und laſſe Ihnen meinen Freund zurück. Er ſoll mir Ihre Verzeihung erbitten. Fanchon lachte in ihr Schnupftuch, die leuchtenden 12* 18⁰ Augen auf Hermann gerichtet. Jenes galt ihrer Zufrie⸗ denheit, dies ihrer Erwartung. Der Freund, zuerſt betroffen und dann lachend, war aber auch ſchon aufgeſtanden und ſagte: Scherz beiſeite! Aber kommen Sie, Baron; Made⸗ moiſelle kann uns nicht länger brauchen, und es hört nicht auf draußen. Wir wollen uns in Gottes Namen durchregnen laſſen. Hören Sie nur, wie es gießt! 1 Ihnen, mein Herr, will ich einen Regenſchirm mit⸗ geben, ſagte Fanchon zu Hermann. Den Baron da laſſen Sie nur durchnaß werden; er verdient's nicht beſſer. Hermann wollte ablehnen,— er wohne ganz in der Nähe, ſagte er, und würde zu Hauſe dem Baron einen Schirm geben; allein Rehfeld verſetzte: Nehmen Sie doch nur, Freund! Es gilt nicht um den Schutz, es gilt um das Zurückbringen des Schirms. Fanchon hatte inzwiſchen aus einem Tapetenſchranke einen gelben Schirm genommen, und Rehfeld ergriff ihn mit der artigen Frage: Darf Ihnen mein Freund den Schirm morgen Abend um ſieben Uhr—? Um acht Uhr will ich ihn an der Hausthür abneh⸗ men, ſagte ſie, und zog die Klingel. Ein Mäadchen er⸗ ſchien im Hausgang mit Licht. Beide Herren wünſchten gute Nacht, Rehfeld mit ſcharfem, vergleichendem Blick auf beide Dienerinnen. Unterwegs ſagte er: Hören Sie, Doctor, mit der Kammerjungfer iſt's nicht richtig! Ich behaupte, Fanchon iſt nicht Fanchon; die Fanchon iſt von einem andern Himmel, als dem Kapellmeiſter aus Treuenbriezen componirt. Indeß— * 181 ihre Leier verſpricht etwas. Sagen Sie, wie theilen wir uns in das Abenteuer? Das laß' ich Ihnen ohne Halbpart, ganz, Herr von Rehfeld! lachte Hermann. O das iſt mir ſehr dankenswerth, mein Freund! ver⸗ ſetzte der Baron. Ich hoffe, Sie misverſtehen mich nicht. Ich gehe ſchon lange auf eine Bekanntſchaft aus, die bis in den luſtigen Liebeskreis des Königs reicht oder— ſpioniren kann. Madame Du Coudras iſt jetzt die Be⸗ günſtigte Jeröme's, und Fanchon— legt ſich auf die Otto⸗ mane, lieſt die Briefe, verfügt über den Regenſchirm und die andere Dienerſchaft ihrer Dame, hat alſo auch den Schlüſ⸗ ſel zu den Geheimniſſen. Sehr begreiflich, Freund: ohne Vertraute kann eine Frau ſolchen Verkehr mit einem König hinter ihrem Manne her nicht unterhalten. Verſtehen Siemich? Hiermit waren ſie an Hermann's Wohnung angekom⸗ men, und Rehfeld fuhr fort: So! Nun nehm' ich den Regenſchirm, und liefere ihn morgen Abend ab— um acht Uhr. Auf gut Glück! Denn Sie werden erwartet, und ich werde einen deſto ſchlimmern Stand bekommen,— ich, der heut ſchon nicht gern geſehen war. Sie ſind einmal für ſo'was nicht, ſonſt hätten Sie's leichter und angenehmer. Mich wird's Geld koſten; Sie hätten mit— dem Herzen bezahlt. Hüten Sie das Ihrige, Baron! Es iſt ein verfüh⸗ reriſches Geſchöpf! entgegnete Hermann, und trällerte aus der Oper„Fanchon“: Eine liebenswürdige Schöne, Sanft von Herzen, redlich ſcheinend. Gute Nacht, Baron! 182 Rehfeld ſang laut die folgenden Worte: Sprach einſt zu mir, daß ſie mich liebte, Keinen Umgang hätte, als nur mit mir. Gute Nacht, Philoſoph! Er eilte unter ſtrömendem Regen den Steinweg hin— auf über den Friedrichsplatz, der nach einer neueſten Ver⸗ ordnung des Königs— Ständeplatz hieß, ſowie auch das Friedrich'ſche Muſeum in ein— Haus oder Palais der Stände umgetauft war. Viertes Capitel. Doſen und Priſen. Daſſelbe unruhige Verlangen nach Neuigkeiten, das die Männer auf dem Caſino verſammelte, belebte auch ungeachtet der Abweſenheit des Hofes die Wochenaſſemblee beim Grafen Bülow. Heut erwartete man auch beſtimm⸗ tere Nachrichten von der Zurückkunft des Königs und der Königin. Auch General Salha mit Gemahlin und Frau von Simeon mit ihrer Tochter waren wieder einmal gekommen. Hermann hatte bereits früher mit kluger Selbſtüber⸗ windung Anlaß genommen, der Dame Simeon ſein Be⸗ dauern auszuſprechen, daß ihre liebenswürdige Nichte ſo unerwartet abgerufen worden ſei. Doch ſein Ton„ die — 183 ganze Art, wie er ſich benahm, und ſogar von ihren Abenden wegblieb, ließ der argwöhniſchen Dame keinen Zweifel hinſichtlich ſeiner Entwendung des verrätheriſchen Briefes übrig. Sie hatte ſich mit Pigault⸗Lebrun ent⸗ zweit, als er es ſehr empfindlich aufnahm, daß ſie ihn wegen ſeiner Unterhandlungen mit Hermann verlachte, und ihm ſagte: l'enfant du Carnaval habe ſich demaskirt und zum Narren halten laſſen.—— In ihrem Aerger war ſie noch weiter gegangen, und hatte Marinville gegen Hermann einzunehmen verſucht. Doch das war ihr mis⸗ lungen und ſie von dem heitern Manne, der wie Jeröme ſelbſt Cecile vergeſſen wollte, nur mit lächelndem Scherz getröſtet worden. Begreiflich, daß ſie Hermann, als er ſich dieſen Abend mit Begrüßung näherte, nicht allzu freundlich aufnahm. Er aber dachte: Oho! und zog ſich deſto artiger zurück. Er war nicht mehr ſo leicht einzuſchüchtern wie ſonſt. In dieſer Stimmung der Miniſterin näherte ſich ihr die Generalin Salha. Auch ſie war nicht des beſten Humors, und ſo kam's, daß Beide wieder einmal ihren in Honig getauchten Stachel aneinander verſuchten. Die Generalin, flüchtig grüßend, ſagte etwas aufgeregt: Nun, Morio wird dieſe Woche von Neapel zurück⸗ erwartet? Ah, meine Liebe! Drum ſehen Sie ſo freundlich dem jungen Doctor nach. Sie haben ihm wol für ſeine Hälfte am Geheimniß des gräflichen Boudoirs auch ein Antheil⸗ chen an Ihrer Rache gegen Morio zugedacht. Sie irren ſich, liebe Freundin! Was Sie meine Rache nennen, gilt dieſem Le Camus, dem Bruder der Dame 184 Morio. Um Morio thut es mir leid; aber an Le Camus zu kommen, kann ich nicht über ihn hinaus. Und aller⸗ dings— er ſelbſt wird wild werden, und der Verdruß des etwas brutalen Mannes könnte leicht auch den jungen Doctor mittreffen. Ich begreife, daß Ihnen das Kummer macht, liebſte Simeon. Viel lieber, als ſolche Unannehm⸗ lichkeit, hätten Sie ihm Ihre reizende Nichte gegönnt. Apropos! Haben Sie ſchon Briefe von Cecile? Mit ſoviel Anſtrengung, als Madame Simeon ihren Ingrimm zu verbergen ſuchte, verrieth ſich doch etwas da⸗ von in dem bebenden Ton, womit ſie antwortete: Aus Metz, beſte Salha, haben wir kurze Nachricht. Dort hat ihre Mutter ſie in Empfang genommen. Aber hören Sie wegen Morio's! Es wäre Ihnen gewiß ſehr lieb, wenn man dem jungen Sprachmeiſter einen Wink gäbe, auf ſeiner Hut vor dem General zu ſein. Ihre Melanie koöͤnnte dann den früher vorbehaltenen deutſchen Unterricht nehmen, und gewiß zu ihrem Vortheil. Sie hat ja nun— freie Hand! Und der artige Sprachmei⸗ ſter, wiſſen Sie, hat eine ſehr angenehme Methode für junge Damen! Auf dieſe Bitterkeit ſtand Madame Salha raſch und giftigen Blicks auf, indem ſie flüſterte: Niemand weiß von meinem Geheimniß außer Ihnen. Niemand! Wenn irgend ein Wink auskommt, ſo weiß ich, bei wem ich mich zu bedanken habe, und es ſoll mir am rechten Danke nicht fehlen, Madame! Das wiſſen Sie! In dieſem Augenblicke gerieth die ganze Geſellſchaft in Bewegung; der franzöſiſche Geſandte trat in den Salon. 8— 48⁵ Er war vor einigen Stunden von Erfurt zurückgekehrt, und verkündigte die Ankunft der Majeſtäten auf morgen Abend ſpät. Obſchon man die kluge Vorſicht des Herrn von Rein⸗ hard kannte, beſtürmte man ihn doch um Neuigkeiten. Er ließ ſich aber nur auf das Allgemeinſte ein.— Nach der engen Verbindung, ſagte er, die zwiſchen beiden Kai⸗ ſern und ihren Miniſtern herrſcht, läßt ſich abnehmen, daß auf dem vertrauten Divan zwiſchen den höchſten Majeſtäten das intimſte Einverſtändniß ruhte. Täglich ſpeiſte Alexander bei Napoleon. Beide beſuchten hierauf das Theater, das um halb acht Uhr anfing, und Napo⸗ leon brachte dann den übrigen Abend bis Mitternacht im Palaſte des ruſſiſchen Kaiſers zu. So tauſchten ſie— franzöſiſche Küche und ruſſiſchen Thee gegen einander aus. Und dies war auch ohne Zweifel der Zweck des Convents! Noch nichts von Ländervertheilung, Excellenz? fragte mit bezüglichem Lächeln Oberſt von Hammerſtein. Von Ländervertheilung weiß ich nichts, erwiderte der Geſandte; aber von einem neuen König war ganz priva⸗ tim die Rede. Man war höchſt geſpannt, als er in ſeinem heitern Tone fortfuhr: Es iſt noch ein Geheimniß, und ich will auch den neuen Johann ohne Land Ihrem Errathen preisgeben. Einer der vielen kleinen deutſchen Regenten, die in Erfurt ſich eingefunden hatten, kam von ſeiner Aufwartung bei Napoleon aus dem Gouvernementshötel. Er mag ſehr ſtattlich ausgeſehen haben, ſodaß ein Wachtpoſten, der ihn von weitem erblickt, eben die Mannſchaft herausrufen will, 186 als der wachthabende Offizier ihm zuherrſcht: Laissez done! Ce n'est qu'un Roi! Man lachte, und Herr von Reinhard entzog ſich den weitern Fragen dadurch, daß er den Grafen Bülow be⸗ grüßend beiſeite nahm.— Der König kommt ſehr ver⸗ ſtimmt zurück! flüſterte er ihm zu. Verſtimmt? Wovon? Verſtimmt, verdroſſen, wie Sie wollen. Vielleicht verſchnupft—. Ah! mein Gott! Da fällt mir's auf einmal ein! Sie wiſſen ja doch, daß der Großſtallmei ſter, General d'Albignac, der Großmarſchall, jetzt Graf von Wellingerode, und der Großceremonienmeiſter Tabatièren von Napoleon erhalten haben? Dieſe Drei, Baron? Ja. Graf Fürſtenſtein und General Du Coudras ſind leer ausgegangen. Nun, und der König? Das wollt' ich eben ſagen: der Koͤnig hat die Pri⸗ ſen zu jenen Doſen erhalten. Sehen Sie, das iſt es! Er tippte lächelnd in Bülow's goldenes Spanioldös⸗ chen, und fuhr fort: Aus einer übereilten Aeußerung Jeröme's über Ber⸗ cagny's Unbrauchbarkeit ſchließe ich, daß der Kaiſer Mit⸗ theilungen über Hofgeſchichten erhalten und ſeinem lieben Bruder Vorwürfe gemacht hat. Geben Sie Acht, lieber Graf, wer jetzt am Hofe von ſeinem Schnupfen ange⸗ ſteckt wird! Wirklich traf Jeröme mit der Königin am folgenden Abend gegen zehn Uhr in Caſſel ein. Es regnete vom —=ł — v/ 2 4 87&△: ſchwärzeſten Himmel. Doch waren Vorkehrungen getroffen, daß die Majeſtäten durch beleuchtete Straßen fuhren und es nicht an Menſchen fehlte, die ihre dreimaligen Vivats anſtimmten. Der König kehrte jetzt in der Winterreſidenz der Stadt ein, wo die hohen Beamten zu ſeinem Empfang verſam⸗ melt waren. Er begrüßte ſie nur in ihrer Geſammtheit, klagte über Ermüdung auf den ſchlechten Straßen, und entließ ſie auf Wiederſehen. Der Erſte, der am nächſten Morgen zur Audienz kam, war der Generaldirector der hohen Polizei. Der König empfing ihn auf dem Ruhebette, und Bercagny berichtete ſtehend, den Hut unterm Arm, über die Vorgänge der Zwiſchenzeit. Jeröme hörte ihn mit Ruhe und Gleich⸗ gültigkeit an, und fragte ebenſo nach der etwaigen Ent⸗ deckung des geheimen Spions, der dem Kaiſer berichte. Keine Spur, Sire! antwortete Bercagny verzagt, und um den unangenehmen Eindruck, den er bei der ängſtigenden Kälte des Königs fürchtete, zu verwiſchen, ſetzte er raſch hinzu: Dagegen iſt meiner Wachſamkeit Eines nicht entgan⸗ gen, Sire, was ich nicht verſchweigen darf. Madame Du Coudras iſt inzwiſchen wieder in ihre frühere Nei⸗ gung verfallen, des Abends zuweilen verkleidet in den Straßen umherzuſchwärmen. Ich erbitte mir Ew. Maje- ſtät Befehle, ob ich dieſe Ausgänge überwachen ſoll oder unbeachtet laſſen. Mit Vorſicht überwachen, antwortete Jeröme, und mit der groöͤßten Schonung wegen meines braven Gardecapi⸗ 188 täns! Mir berichten, wenn ich frage. Schicken Sie mir Bongars herein! Mit einer Handbewegung war Bercagny entlaſſen, und der alte Legionschef der Gendarmerie trat ein. Hören Sie, Bongars, redete ihn Jerome, ſich auf⸗ richtend, an: es wird ſeit längerer Zeit über alle Vor⸗ gänge an meinem Hof, über mein geheimſtes Thun und Laſſen an den Kaiſer berichtet. Es iſt mir ſehr unan⸗ genehm. Bercagny kann den Spitzbuben nicht entdecken. Wiſſen Sie keinen Weg, des Schurken habhaft zu werden? Nach einiger Ueberlegung verſetzte Bongars: Ein ganz einfacher Weg, Sire, wenn Ew. Majeſtät ihn genehmigen. Ich ſchicke einen gewandten Menſchen nach Paris, ermächtigt, alle Briefe zu erbrechen, die aus Caſſel oder, da der Schurke ſchwerlich hier am Ort etwas zur Poſt gibt, überhaupt aus Weſtfalen ankommen. Bravo, Bongars, Bravo! rief der König, indem er lebhaft aufſtand und den Alten auf die Schulter klopfte. Da ſieht man, wo Verſtand und Talent iſt! Sie haben meine Genehmigung, und gehen Sie hinüber zu Marin⸗ ville, das Weitere wegen der Beglaubigung Ihres Em⸗ ploye bei der Poſt in Paris zu verabreden. Kommen Sie heut zu Tiſch; ich erzähle Ihnen, wie der Gendar⸗ meriedienſt in Erfurt eingerichtet war, nach den Ideen des Kaiſers.. Indem Bongars ſich entfernen wollte, trat Marinville mit Cabinetsſachen ein. Jeroͤme machte ihn nun ſelbſt mit dem Vorſchlage des Generals bekannt, und die Sache kam ſofort zur Berathung. Dazwiſchen wurde General Salha gemeldet und hinter Bongars angenommen. * * X 189 Der König empfing ihn mit einiger Befangenheit, die aber verſchwand, ſobald er bemerkte, daß Salha ſich durch den Auftrag geſchmeichelt fand, der ihm zugedacht war— ein Geſchäft, wozu Jerome, wie er ſich ausdrückte, eines ſo altvertrauten Freundes bedurfte. Es betraf eine Sen⸗ dung an den neuen König Joſeph, Jeroͤme's Bruder in Spanien.— Marinville und Le Camus werden Sie mit der Angelegenheit ganz vertraut machen, ſagte er, und ich gebe Ihnen dann noch beſondere Aufträge. Es wird Ihnen ſehr intereſſant ſein, unter den jetzigen Verhält⸗ niſſen Madrid zu ſehen. Und um Ihnen die Reiſe an⸗ genehm zu machen, denke ich— Sie nehmen Ihre Familie mit, wenigſtens bis Paris. Dies kam dem General weniger erwünſcht, wie es ſchien. Als er einige Erinnerungen entgegnete, verſetzte Jeröme: Ich habe einen beſondern Grund dafür, lieber Salha. Sie wiſſen, es ſind mir ſehr leidige und auch für Sie verdrießliche Erörterungen Ihrer Frau mit Le Camus vor⸗ gefallen. Dieſe koͤnnten ſich erneuern, wenn Morio zurück iſt, den ich in wenigen Tagen von ſeiner Reiſe nach Nea⸗ pel erwarte. Vermuthlich geht dann die Verbindung un⸗ ſers Le Camus mit der. Comteſſe Hardenberg vor ſich. Es kann ja Ihrer Frau und Tochter nur ganz erwünſcht kommen, unter ſo gutem Anſchein, als Ihre ehrenvolle Miſſion darbietet, von Caſſel fort zu ſein, wenn dieſe Vermählung, mit Feſtlichkeiten und Gratulationen ver⸗ bunden, vor ſich geht. Theil daran nehmen werden Beide nicht wollen, und ſich ausſchließen, hieße eine Blöße ge⸗ ben. Ich denke, General, Sie erkennen meine gute Abſicht. 190 Aber ich hoffe, die Reiſe und Paris ſelbſt geben neue Eindrücke, die Ihrer beiden Damen heitere Stimmung und feine Liebenswürdigkeit wieder herſtellen. Nach einigen weitern Erörterungen war Salha zu⸗ friedengeſtellt, und entfernte ſich, um die Seinigen mit der zu beeilenden Reiſe bekannt zu machen und die drin⸗ genden Vorkehrungen zu treffen. Jeroͤme ließ ſeine Befriedigung über die glücklich er⸗ ledigte Angelegenheit aus.— Ich wollte noch meinen guten Garderapitän ſprechen, aber ich bin erſchöpft von dieſen Verhandlungen, ſagte er. Du Coudras wird drau⸗ ßen ſein, Marinville; ſprechen Sie mit ihm. Sagen Sie ihm, ich würde ihn bis morgen zum Colonelgeneral der Garden befördern. Ich denke, das wird ihm lieber ſein, als wenn er auch eine Tabatiere in Erfurt erhalten hätte. Dann gehen Sie heut einen Augenblick hinüber zu ſeiner Frau, und ſagen Sie ihr: ſie möchte vor Ber⸗ cagny's Spionen ein wenig auf der Hut ſein, wenn ſie in Verkleidung ihre abendlichen Promenaden machte. Falls ſie Unannehmlichkeiten mit der Polizei bekäme, würde ich genöthigt ſein, ſie von Hofe zu verbannen. Die Rückkehr des Hofes, gewiſſermaßen eine doppelte, nämlich von Erfurt und von Napoleonshöhe, brachte zum Beginn des Winterlebens einen neuen Schwung in die Reſidenz. Die Blicke der Bewohner, zwei Wochen lang nach Erfurt gerichtet, fielen jetzt auf nähere und weniger räthſelhafte Vorgänge. In der höhern Geſellſchaft gab es das Bildniß des Kaiſers auf den Tabatieren der Groß⸗ beamten zu bewundern, und im Stillen die Brillanten — 191 abzuſchätzen, von denen es eingefaßt war; ferner gab es Glückwünſche an drei große Bänder zu knüpfen: an das große Band des königlichen Ordens beider Sieilien, das General Morio mit von Neapel brachte, und an die beiden großen Bänder des Ordens der Ehrenlegion, die der Kaiſer kurz vor ſeiner Abreiſe von Erfurt durch einen Kurier zur Vertheilung an Jeröme geſchickt, und die der König an den Grafen Bülow und Grafen Booch ver⸗ liehen hatte. Damit es aber der AAMed. Mnzenden Theilnahme auch nicht an einer dunkeln, räthſelhaften Seite fehle, ſo war Salha mit einer geheimen Sendung ſchnell abgereiſt, und man flüſterte von heftigen Scenen mit der Genera⸗ lin, die ſich nur ungern zur Mitreiſe entſchloſſen hätte. Auf Erfurt kam in der höhern Geſellſchaft wenig mehr die Rede. Dort, nach unermeßlichem Feſtgepränge, hatten zum Schluß des Congreſſes noch die deutſchen Für⸗ ſten den 14. October, als den Jahrestag des Napoleon'⸗ ſchen Sieges über Preußen bei Auerſtädt, mitfeiern hel⸗ fen, und waren darauf in ihre kleinen Reſidenzen zurück⸗ gekehrt— wie die glänzenden Blumenblätter einer pracht⸗ vollen Fackeldiſtel, die nur eine Mitternacht blühte, welk auf die nachbarlichen Blumenſcherben abfallen. Das Ge⸗ heimniß jener Mitternacht, zu deſſen Befruchtung ſie ge— glänzt hatten, war vielleicht ihnen ſelbſt verſchloſſen ge⸗ blieben. In Caſſel bedauerte man nur, daß die berühm⸗ ten franzöſiſchen Schauſpieler nun doch nicht, wozu man bisher einige Hoffnung gehabt hatte, über Jeröme's Reſi⸗ denz nach Paris zurückgekehrt waren, bei welcher Gelegen⸗ heit ſie wahrſcheinlich einige Vorſtellungen gegeben hätten. 192 Etwas von den erfurter Verhandlungen kam inzwi⸗ ſchen doch aus, und ſtahl ſich als Geheimniß auf gehei⸗ men Umwegen zu den Einverſtandenen des preußiſch⸗heſſi⸗ ſchen Bundes. Hermann fand ſich veranlaßt, einige Zeilen darüber an die Freunde in Homberg zu geben. Er that dies in dem Anhang eines ſeiner freundſchaftlichen Briefe an Lina, den er eben im Begriff war abzuſenden. Die Zeilen lauteten: „Zum Schluß, liebe Lina⸗Schweſter, habe ich euch etwas Näheres über den verunglückten Brief des Mini⸗ ſters von Stein zu melden, der dich an eine ſo leidige Stunde erinnert. „Der— um das Wenigſte zu ſagen— gewiſſen⸗ los nachläſſige Bote, Aſſeſſor Koppe, hatte briefliche Vorſchläge des Fürſten Sayn⸗Wittgenſtein wegen Anlei⸗ hen bei hamburger Häuſern oder beim reichen Kurfürſten in Itzehoe überbracht, und wartete des Miniſters Antwort bei ſeiner in Berlin wohnenden Frau ab. Hier ging ein Franzoſe, Namens Vigneron, aus und ein, ein Liebhaber der Schwägerin Koppe's, die bei ihrer Schweſter wohnte. Was nun hier geſchehen, verabredet, oder von Stein's lauernden Feinden ausgekundſchaftet worden, liegt jetzt noch im Dunkel. Genug, Koppe empfängt den Brief, in wel⸗ chem jene Stelle vorkommt, die du mit Frau Dechantin aus königlichem Munde vernommen haſt, reiſt ab, und wird auf Marſchall Soult's Befehl bei Spandau feſtge⸗ nommen. Ein Gendarm zieht ihm ohne allen Wider⸗ ſtand den Brief aus der Bruſttaſche. So wenig Vorſicht hatte der Bote gebraucht, ſo leicht zum Wegnehmen hatte er den Brief eingeſteckt. Ob er gewonnen, ob er Ver⸗ räther war? Man glaubt es. Einſtweilen, vielleicht nur zu ſeiner eigenen Sicherheit, oder um den Schein zu wahren, iſt er nach Frankreich gebracht worden. Der Miniſter wird nun ſeinen Abſchied nehmen müſſen. Sei⸗ nem unglücklichen Konig geht er verloren; hoffentlich ge⸗ winnt ihn die preußiſche Sache, und in dieſer muß auch der König ſeine Entſchädigung finden. „Sodann haben wir Nachrichten über das erfurter Bündniß zwiſchen Oſt und Weſt zur Zerſtörung des Reichs der Mitte, wie man wol Deutſchland auf gut Chineſiſch nennen kann. Die Mittheilungen, vom hannö⸗ verſchen Miniſter Hardenberg und dem öſtreichiſchen Sta⸗ dion ausgegangen, ſind uns über London zugekommen. Im Allgemeinen rechtfertigen ſie die Beſorgniß, die man vom Congreß hatte. Es ſoll verabredet worden ſein, die Zukunft von Europa zu ändern und alle europäiſchen Länder einer Theilung zu unterwerfen. Das Beſondere wird Oberſt Dörnberg und Herr Martin den Freunden mündlich berichten. Der Oberſt nimmt auf ein paar Tage Urlaub, auf die Jagd zu gehen. Ich ſoll ihn euch auf nächſten Montag ankündigen. „Mich betreffend, liebe Lina, bemerke ich noch nach⸗ träglich, daß mein Miniſter nächſtens meine Anſtellung wieder in Anregung zu bringen denkt. Es iſt mir eigentlich mehr um den Dienſtgaul als um den Dienſtgehalt zu thun. Wäre ich ſchon beritten, ſo käme ich mit Dörnberg auf einen halben Tag zu euch. Aber ich bin vorerſt noch auf Schuſters Rap⸗ pen beſchränkt. Dafür hoffen wir, die Mutter und ich, daß ihr zu den Feſtlichkeiten an des Königs Geburtstage hierher kommt. Sie richtet jetzt ſchon die vordere Stube Koenig, Jeröme's Carneval. III. 43 194 für euch ein. Und ich? Ich räume nach und nach mein Herz von aller Politik und Arbeit auf; ich blaſe den Actenſtaub aus meinen Gedanken, um meine liebſten Menſchen— Lina und Ludwig zu empfangen. Man verſpricht ſich außerordentlichen Pomp, und der Kalender— friſche, trockene Witterung! Alſo dürfen wir auf euch rechnen.“ 4 Fünftes Capitel. Jeroͤme's Geburtstag. Der Kalender hielt diesmal wirklich Wort; das Freun⸗ despaar in Homberg aber erfüllte nur zur Hälfte die Erwartung Hermann's und ſeiner Hauswirthin. Glück⸗ licherweiſe war es die Hälfte, die Beide, ohne es ſich ein⸗ zugeſtehen, und da es doch einmal nicht anders war, am liebſten für das Ganze nahmen. Lina traf nämlich ohne ihren Ludwig Montags am 14. November gegen Mittag bei der Mutter ein. Nach dem erſten heitern und herzlichen Empfang, und während ſie ſich in dem ſanft durchwärmten Zimmer be⸗ haglich einrichtete, brachte ſie Ludwig's Entſchuldigung vor. Es ſchien nach Allem, was ſie in ihrer Weiſe darüber mittheilte, eine Art von Trotz, was ihn gerade jetzt von einem Beſuche Caſſels abhielt. Miniſter Simeon hatte 4 4. 495 ihm an die Hand gegeben, ſich mit einer angemeſſenen Be⸗ ſchwerde um eine andere Stelle an den König zu wen⸗ den. Er hatte ihm, mit leiſer Andeutung, daß den Kö⸗ nig die Uebereilung reue, ziemlich gute Hoffnung gemacht, jedenfalls ſeine nachdrückliche Unterſtützung zugeſagt. Ludwig hätte nun dem wackern Simeon wenigſtens einen Beſuch der Erkenntlichkeit machen müſſen, was er vermeiden wollte, weil er auf deſſen Vorſchlac gar nicht eingehen mochte. Das politiſche Geheimniß Heſſen⸗ bundes hatte ihn durch das ihm widerfahrene Anrecht noch lebhafter eingenommen, und er mochte voterſt die Gegend gar nicht verlaſſen, wo ſich der beabſichtigte Auf⸗ ſtand ſammelte und gewiſſermaßen ſeinen Herd hatte. Er wollte bleiben, bis das Unternehmen, gerade jetzt ſtark in ſeinem Werden begriffen, glücklich durchgeführt ſei, wornach ſich dann unter dem erneuten Regiment des Kur⸗ fürſten ein wohlverdienter Platz in Caſſel für ihn finden werde. Ludwig mit ſeinem gekränkten Ehrgeize gefiel ſich in dieſer muthigen Empfindlichkeit, bis es ihm zuletzt ſchien, als ob auch der Fortbeſtand des ihm begegneten Unrechts ſeine thätliche Widerſetzlichkeit mehr rechtfertige, und als ob eine gute Beförderung, die er annähme und die ihn zur Dankbarkeit verpflichtete, die mitverſchworenen Freunde vielleicht mistrauiſch gegen ſeine Geſinnung machen könnte. Lina gab ſich nun ganz der ſeelenvollen Gegenwart hin, die ſich durch lebhafte Erinnerung an ihre erſten Begegniſſe mit Hermann gerade in dieſen Räumen noch mehr einſchmeichelte. 15* 196 Zwiſchen Beiden war doch ſeit ihrer Trennung eine weitere, innerliche Entwickelung vorgegangen, über die ſie ſich nicht täuſchten, wenn ſie auch nicht viel darüber grü⸗ belten. Lina war ſich bewußt, daß ſie ihr liebevolles Wohlwollen für den brüderlichen Freund gegen ihren Mann ausgeſprochen, ohne eine Misbilligung oder Eifer⸗ ſucht zu erfahren. In dem Grade, als dadurch ihre Zu⸗ neigung anerkannt und gewiſſermaßen gerechtfertigt er⸗ ſchien, fühlte ſich die liebenswürdige Frau für Hermann's anziehende Erſcheinuug und einnehmendes Betragen em⸗ pfänglicher, und ihr Herz, früher mehr für des Freun⸗ des Geſchick eingenommen, heftete ſich jetzt an ſeine Per⸗ ſönlichkeit. Sie empfand dies nach den erſten Stunden des Wiederſehens mit der Lebhaftigkeit einer Ueberraſchung. Dies vielleicht um ſo mehr, als ihrer Trennung, ihrem Ueberzug nach Homberg mehr als ein betrübendes, ſtö⸗ rendes Erlebniß vorausgegangen war. Ihre Neigung war im Stillen ein Hang geworden, und ein Vorgefühl, daß— nach unſerer ſinnreichen Sprache— dieſe Rich⸗ tung zu einem Fall führen könnte, gab ihr die War⸗ nung, ſich vor aller äußerlichen Hingebung und vor der Unbefangenheit ihres frühern Verkehrs ſorgfältig zu hü⸗ ten. Sie überredete ſich zu ihrer eigenen Beruhigung, daß Hermann ſelbſt ihre Empfindung für ihn nicht als Liebe erkenne, und ihr nur ein brüderliches Herz, eine anſpruchsloſe Freundſchaft zuwende. Aber gerade darin irrte ſie. Denn auch ihm war es inzwiſchen vor den zwei Wachskerzen, die ihr ruhiges Licht auf den erſten Briefbogen für Lina warfen, klar genug geworden, daß er die Freundin liebe, daß er nur W 497 im Glück ihres Umgangs froh werden könnte. Von ſei⸗ nem letzten Geſang mit ihr aus dem Duett von Haydn waren ihm die Worte und Toöne:„Mit dir, mit dir iſt Seligkeit das Leben“, tief in Sinn und Seele haften ge⸗ blieben. Und eben jetzt, als die Mutter das Zimmer verlaſſen hatte, um in der Küche zu ſchaffen, wurde er von dieſer Innigkeit ſo ungeſtüm ergriffen, daß er aller Selbſtbeherrſchung bedurfte, die herrliche Frau, die er dieſe Wochen hier entbehrt hatte, nicht an ſeine Bruſt zu ziehen und zu rufen:„Keine Stunde mehr ohne dich!“ Aber dies Zurückdrängen des heftigſten Verlangens regte ihn auch ſo ſchmerzlich⸗wehmüthig auf, daß er, der Thrä⸗ nen nicht mächtig, das Zimmer verließ und in ſeine Stube eilte, ſich zu faſſen und ſeine männlichſten Vor⸗ ſätze zu erneuern. Und Lina? Warum ſollten Thränen der Rührung weniger an⸗ ſteckend ſein, als Gähnen der Langweile?— Sie über⸗ ließ ſich, in die Kiſſen des Sophas zurückgelehnt, dieſer Sympathie und den bewegten Empfindungen, die ſich zu— letzt in dem bisher vergeſſenen Versſpruche ſammelten: Was die Lieb' ſei, was Geliebtſein— forſche nicht! Hermann kam zum frühen Mittagstiſche der Haus⸗ mutter heiter und geſprächig zurück. Nachher, in trau⸗ licher Unterredung, erzählte Lina von ihrer Einrichtung und von dem geſellſchaftlichen Leben in Homberg. Sie hatte dort auch an Frau von Stölting, einer Offizier⸗ witwe, eine innige gebildete Freundin und an deren kränk⸗ licher Tochter eine zarte Schweſter gewonnen. 198 Erſt als bei der früh anbrechenden Abenddämmerung der erſte von den einundzwanzig Kanonenſchüſſen fiel, die den Vorabend, die Vigilien, des Königsfeſtes verkündig⸗ ten, erinnerte ſich Hermann des Theaters. Wir müſſen hingehen, Lina! ſagte er. Ich hatte mir für dich und Ludwig zwei von den 1200 Freikarten verſchafft, die von den Großbeamten des königlichen Hau⸗ ſes ausgegeben worden ſind. Du mußt eben Alles ſehen, was zum Feſt gehört. Gewiß, antwortete ſie, und da mir Ludwig geſagt hat, du müßteſt an ſeiner Statt mein Chevalier d'hon- neur ſein, ſo verleihe ich nun dir die zweite Karte. Ich werde mich gleich ein wenig geputzt haben; denn heut wird der freie Eintritt mit feſtlichem Staat honorirt. Mach's nur kurz, Lina, lächelte der Freund, du haſt es ja leicht: du ſchmückſt den Anzug. Unterwegs nach dem Theater berichtete Hermann über das zu erwartende Stück. Es iſt eigens für den Tag verfaßt, ſagte er, ein muſikaliſches Schauſpiel, von einem jungen Franzoſen Bruguieres, dem vor zwei Jahren von der Akademie eine Dichterkrone verliehen worden iſt. Es behandelt— ohne Zweifel etwas ſchmeichleriſch— einen Zug aus Jeröme's Leben, ſeinen Zug nach Algier nämlich, wohin er, um die gefangenen Italiener zurückzufodern, auf Napoleon's Anordnung mit einem kleinen Geſchwader von Genua aus⸗ lief. Wirklich brachte er 250 Befreite zurück, darunter einen Seemann aus der Provence, der, ans Land ge⸗ ſtiegen, ſeiner Frau und Tochter begegnete, die ihn zuerſt △ 4199 nicht wieder erkannten. In der Wahl dieſes Gegenſtan⸗ des verräth ſich allerdings ein politiſcher Tact des jungen Poeten. Jener Triumph unter den Augen Genuas bildet die erſte öffentliche Erſcheinung eines unbedeutenden Mannes, der, für einen noch zu ſchaffenden Thron be⸗ ſtimmt, eben— und auch auf Befehl Napoleon's— das kleine Privathinderniß ſeiner amerikaniſchen Frau mit ihrer erſten Mutterhoffnung abgeſchüttelt hatte. Es war ein kluger Gedanke des Kaiſers, dieſe fatale Ehe⸗ ſcheidung, die Rom nicht billigen konnte, durch ein ritter⸗ liches Unternehmen von Genua aus zu decken. Jeröme erſchien ein kleiner Karl V., der nach Tunis gezogen war und zwanzigtauſend Chriſtenſklaven befreit hatte. Der Theaterplatz wimmelte von Menſchen, die ohne Einlaßkarten in der qualmenden Lohe der Pechkränze ihre Neubegierde an den Ankommenden und Anfahrenden be⸗ friedigten. Unſer glückliches Paar war mit ſeinen Karten auf das Parterre gewieſen, und drängte ſich zu guten Plätzen durch. Das Haus ſtrahlte in der That vom Schmuck der Wände und der Zuſchauer. Das Licht von tauſend Ker⸗ zen wurde durch reiche Blumenguirlanden nur gemildert, um der Bühnenbeleuchtung ihr Vorrecht und dem reichen Hofcoſtüm, dem Putze der Damen und den bunten Mi⸗ litär- und Civiluniformen einen Antheil des Glanzes zu laſſen. Es überſchimmerte die goldenen Franſen, durch die ſich heut die Logen des erſten Ranges hervorthaten. Mit dem Eintritt der Majeſtäten in die Mittelloge begann die Ouverture. Heut ließ es ſich der General⸗ 200 director Blangini nicht nehmen, ſtatt des Orcheſterdirectors Legaye vor dem Pulte der Partitur das Scepter zu führen. Der Vorhang ging auf, und man erblickte Genua und die Menge des Volks, das, von der Angſt vor einer herankommenden engliſchen Flotte herbeigezogen, im Augen⸗ blick erfährt, daß es keine feindliche, ſondern eine fran⸗ zöͤſiſche ſei. Das Drama, in Verſen und mit Liedern durchzogen, entwickelt nun vor den geſpannten Zuſchauern folgende Geſchichte: Madame Florville lebt ſeit zwanzig Jahren getrennt von ihrem Manne, der etwa ein Jahr nach ihrer Ver⸗ heirathung eine Reiſe nach der Levante zu machen hatte. Sie begleitete ihn damals bis Genua, blieb aber, in ihre Heimat zurückgekehrt, ſeitdem ohne alle Nachricht, und man hält ſeinen Untergang auf der See für gewiß. Ihr zum Troſte wächſt Laura, das Kind, das ſie einige Mo⸗ nate nach des Vaters Abreiſe geboren, mit den liebens⸗ würdigſten Eigenſchaften und voll kindlicher Liebe heran, und mildert in etwas die Trauer um ihren unvergeß⸗ lichen Raimund. Die Unruhen in Frankreich haben ſie wieder nach Italien getrieben, wo ſie ſeit acht Jahren unter dem Namen Florville lebt, von einem alten Diener Robert, einem geweſenen Seemanne, bedient, der unter ſeinem derben Freimuth ein edles Herz und zartes Ge⸗ fühl verbirgt. Eine Privatangelegenheit hat Madame Florville nach Genua geführt, wo ſich Leo, ein junger Soldat, Sohn eines reichen handelnden Seemanns, in Laura verliebt. 2 ip Bei den edeln und liebenswürdigen Eigenſchaften des jun⸗ gen Mannes bleibt Madame Florville nicht unbeſorgt um das Herz ihrer Tochter und beſchließt daher, Genua ſchnell zu verlaſſen, da ihr eine Gegenneigung der Tochter, we⸗ gen der Ungleichheit des Vermögens des jungen Paares, nicht erwünſcht wäre. Nach dieſem Entſchluß erſcheint der junge Leo, den verehrten Damen die Freude zu verkündigen, daß ſein Vater aus der Gefangenſchaft von Algier zurückkehre. Herr Belmont war nämlich auf einer Reiſe nach Livorno in die Sklaverei gerathen, Leo hatte als braver Sohn ſeine Auslöſung dahin geſchickt, und erhielt eben die Nach⸗ richt, er kehre mit andern Gefangenen, die ein junger Held ohne Löſegeld befreit, auf dem eben heranſegelnden Schiffe zurück. Madame Florville theilt ſeine Freude, er⸗ ſchreckt ihn aber durch die Erklärung ihrer bevorſtehenden Abreiſe. Eine Liebeserklärung und eine Scene der Be⸗ trübniß erfolgt, indem die Mutter bei ihrer Abſicht be⸗ harrt. Da meldet der alte Robert die Ankunft des freude⸗ bringenden Schiffes; Kanonendonner verkündet die Lan⸗ dung der Escadre, und Leo eilt fort, ſeinen Vater zu empfangen. Das Volk am Geſtade umringt einen Seeoffizier, der eine für Jeröme ſchmeichelhafte Erzählung von der Be⸗ freiung der Gefangenen macht. Der Sultan hat Löſe⸗ gelder gefodert, aber Jeröme hat die Kanonen richten laſſen, um mit Feuer und Blut zu bezahlen, wenn inner⸗ halb einer Stunde nicht alle Gefangenen freigegeben wären. 1 1 Il a dit: et son ton, sa noble contenance Le feu de l'heroisme éclatant dans ses yeux Ont glacé de terreur ces monstres furieux Et leur saisissement se peint par leur silence. So bezügliche Stellen wurden natürlich jedesmal mit ſtürmiſchem Beifall aufgenommen. Hermann bemerkte einige Bänke weiter vorn nach dem Orcheſter den jungen Wilke, der gewöhnlich mit ſeiner Stimme und ſeinem wehenden Taſchentuche den Applaus anſtimmte. Die Muſik⸗ ſtücke waren aus bekannten Opern entliehen und den Me⸗ lodien derſelben die eingelegten Geſänge angepaßt. Bei jeder bekannten Melodie blickten Hermann und Lina ein⸗ ander mit lächelndem Zunicken an, als ob ſie ſo an ſich ſelbſt den guten Bekannten begrüßen wollten. 4 Der zweite Act fing mit der Ausſchiffung der Befrei⸗ ten an, die ſich feierlich nach der Kirche zum Dankgebet begaben. Nur ein tiefgebeugter Mann bleibt zurück, und bejammert ſein Schickſal, daß er aus der Gefangenſchaft, in die er durch Schiffbruch an Afrikas Küſte gerathen war, endlich befreit, an derſelben Stelle landen müſſe, wo ihm einſt ſein theures Weib Lebewohl geſagt, ohne ſie nun wiederzufinden, da der Tod ſie und ſein un⸗ gekanntes Kind ihm geraubt habe. Schmerz und Er⸗ innerung ergreifen ihn ſo lebhaft, daß er wie ohnmächtig auf die ſteinerne Bank neben der Fontaine in Mitte des Hafendammes niederſinkt. In dieſem Zuſtande findet ihn Laura, die nach der Kirche gehen will. Sie ſpringt ihm bei, erquickt ihn mit Waſſer aus der Fontaine, und erweckt in der Bruſt des dankbaren Greiſes wunderbare Sympathien. Nun 203 erſcheint Leo mit ſeinem Vater, und findet ſeine Geliebte, ſowie der Vater in Raimund den alten Freund erkennt, dem er aus einem Unglück in der Gefangenſchaft das Leben zu danken hat. Er nimmt den trauernden Greis mit in ſeine Wohnung. Der dritte Act bringt nun die alten Getrennten und die jungen Liebenden glücklich zuſammen. Raimund hat ſeiner lieben Erquickerin verſprochen, ſie zu beſuchen. Er erſcheint; aber ſo wenig ſich in einer Madame Florville ſeine längſt für todt betrauerte Gattin vermuthen läßt, ſo wenig erinnert er ſelbſt durch ſeine in Kummer und Elend verfallenen Züge, durch dieſe verblichenen Haupt⸗ und Barthaare eines Mannes in Sklavenkleidern die Frau an ihren Raimund in ſeinen blühenden Tagen. Nur der alte, treue Robert, von der Stimme des Fremdlings er⸗ griffen, lieſt die Züge ſeines ehemaligen Herrn, wie ſie in ſeiner Erinnerung leben, aus dem verfallenen Ange⸗ ſichte zuſammen, und ruft, indem er ſich ihm zu Füßen wirft:„Großer Gott, er iſt es!“ Die rührende Scene der Wiedererkennung verfehlte ihre Wirkung auf das gefüllte Haus nicht. Sie ergreift die Zuſchauer und ruft eine Stille hervor, in der Raimund ſich aus den Armen ſeiner Familie losreißt, und die ganze Wirkung des Drama auf den anweſenden König wendet, indem er mit flehend zum Himmel gehobenen Händen ſpricht: Tranche, Grand Dieu, mes destinées pour ajouter à ses années: Daigne chercher toi-méême un prix à ses bienfaits; Et Pentourant de grandeur et de gloire, 1 G 204 Laisse toujours présent à sa mémoire Le touchant souvenir des heureux qu'il a faits! Unter rauſchendem Beifall, Bravoruf und Vive le Roi! fiel der Vorhang. Aus dem Lichtglanze des Theaters wurde man heut von feſtlich erleuchteten Straßen aufgenommen. In der Stadt war buntes, lärmendes Treiben, bei Hofe— Cerele. Am folgenden, dem eigentlichen Geburtstage, der un- ter einer Artillerieſalve erwachte, reihte ſich ein feſtlicher Vorgang an den andern. Bei Hofe großes Lever, Vorſtellung der Großofftziere der Krone und der Armee, der Hofdamen und der Ge⸗ ſandten; Einführung der Corporationen, der Municipa⸗ lität und nach der Meſſe im Palaſt Vorſttüng des gan⸗ zen Offiziercorps. Dieſen feierlichen Vorgängen und der feſtlichen Stim⸗ mung des ganzen Landes hatte Miniſter Simeon in einer pomphaften Anſprache Worte geliehen, indem er erklärte: „Die Geburt von Regenten bleibt immer ein großes Ereigniß für die Völker; aber die Bedeutung erhöht ſich, wenn es Fürſten gilt, die vom Verhängniß berufen wur⸗ den, neue Staaten zu gründen und zu bilden.“ Zu Mittag ward unter einer zweiten Kanonenſalve, und in Gegenwart des Hofes und der Autoritäten, ein Tedeum in der katholiſchen Kirche celebrirt, worauf um 2 Uhr große Revue auf dem Raſenplatze der Orangerie ſtattfand. Um 6 Uhr war köͤnigliche Tafel unter Aſſi⸗ ſtenz der Damen und Offiziere des Hauſes. 205 Ein Feſt beim Grafen Fürſtenſtein, von beiden Ma⸗ jeſtäten beglückt, und die dritte Geſchützesſalve beſchloſſen für die hohe Geſellſchaft den Tag. Neben dieſen Feierlichkeiten lief das eigentliche Volks⸗ feſt her. Es war Landesfeiertag und Gottesdienſt in den Kirchen. Wenn manche Kanzel von Schmeichelrednerei überfloß, ſo fehlte es doch auch auf andern nicht an ver⸗ ſteckten Bitterkeiten, die ſich in ernſte Betrachtungen miſchten. In Caſſel, wie in den übrigen Departemental⸗Haupt⸗ orten, wurden zwei Ehepaare getraut, deren unbeſcholtene Bräute Ausſteuern von je hundert Thalern aus öffent⸗ lichen Fonds erhielten. Der Zudrang des heut ohnehin müßigen Volks zu dieſem kirchlichen Vorgang war groß. Für Viele hatte er etwas Rührendes; es fehlte aber auch nicht an Spöttern, die mit ſchalkhaftem Ernſt fragten, ob die Bräute das Zeugniß ihrer Unbeſcholtenheit für den König oder von dem Könige beizubringen hätten. Der Hauptſpaß war aber eine Lotterie, zu der Tags vorher jeder Bürger zwei und jeder Beiſaß eine Nummer gezogen hatte, und die heut um 11 Uhr auf dem mit Tannenbäumen und Buden aufgeputzten Stände⸗ platz ihre Preiſe ausſpielte. Dieſe beſtanden in lauter Eßwaaren. Der erſte Preis brachte der Glücksnummer einen wilden Schweinskopf mit zwei Flaſchen Cham⸗ pagner. Von dieſem ſtuften ſich die Preiſe mit einem wälſchen Hahn und Burgunder, einem Rehziemer und Bordeauxwein, mit Haſen und Kapaunen, Schweine⸗ und Hammelsbraten zu entſprechenden Flaſchen leichten fran⸗ zöſiſchen und deutſchen Weins ab. Die Nieten fehlten —ᷣ—;————— 2 3 ☛ nicht; aber jede Niete brachte doch eine Bratwurſt mit einem Brötchen, ſodaß auch der Verlierende wenigſtens nicht hungrig davonging. Den Nachmittag über lockten die Kletterbäume(mats de cocagne) mit ihren flatternden Preiſen die Gewandt⸗ heit und den Muthwillen der Jugend herbei. Muſik⸗ banden ſpielten abwechſelnd an beiden Enden des weiten Platzes, der heut für die beſetzten Fenſter der langen Häuſerreihe ein luſtig wechſelndes Schauſpiel darbot. Mit einbrechender Nacht verwandelte ſich der Pracht⸗ bau des Ständepalaſtes in einen Zaubertempel. Aber die Menge theilte ſich jetzt: hier hinauf nach dem Theater, wo die Zauberflöte frei gegeben wurde, dort hinab nach dem Königsplatze, der in ſeiner Rundung mit einem Bogengang aus Fichtengrün geſchmückt und glänzend erleuchtet war. Auf den Pfeilern flammten, ſtatt der abgenommenen Laternen, Pechkränze, und gaben ihren gelbgrauen Qualm zum Spiel der Abendwinde hin. Die Stadt war erleuchtet, die Straßen belebt, aus den Wein⸗ und Kaffeehäuſern erſchallte Lärm und Lachen. Am anſtändigſten ging es noch in dem kleinen, aber ſehr eleganten Café restaurant des Herrn Bergener in der Königsſtraße zu. Es war das bekannte Kaffeehaus zum häßlichen Männchen, und wurde nur von Beamten und Offtzieren höhern Rangs beſucht. Vor demſelben blieben heut die Vorüberziehenden ſtehen und betrachteten das Bild über der Thüre. Das gewöhnliche, mit recht gutem Pinſel ausgeführte Schild eines häßlichen Männ⸗ chens mit der Ueberſchrift Café au laid war heut mit einem Transparent überdeckt. Daſſelbe alte, häßliche —— 207 „— Männchen empfing ſitzend eine Taſſe Kaffee aus der Hand einer neben ihm ſtehenden jungen, reizenden Frau, die einen Säugling an der offenen Bruſt hielt. Die Um⸗ ſchrift lautete:„Café au laid avec un petit pain au lait.“ Einer der Zuſchauer erzählte, Herr Bergener habe zuerſt die Unterſchrift genommen: Café au Roi avec un pain à la reine“, was auch ein Milchbrötchen bedeute. Aber einer ſeiner Kaffeegäſte habe ihn gewarnt: es könnte anzüglich gefunden werden und Verdruß abſetzen. Und doch, fügte er hinzu, iſt und bleibt Herr Bergener ein Schalk! Sie ſprechen ihn deutſch aus:„Bergener“, wie? fragte ein Anderer. Nun ja, erwiderte Jener, die Franzoſen ſagen Mon- sieur Bergener; er läßt ſich Beides gefallen,— er iſt eben ein Elſaſſer, und hält ſich noch immer wie ein gu⸗ ter Deutſcher ſo— entre deux,— iſt à deux mains brauchbar! Auch Hermann und Lina waren ſtehen geblieben, be⸗ trachteten das Leuchtbild und machten einander durch Händedrücken auf die Unterhaltung aufmerkſam. In dieſem Augenblicke trat Nathuſius mit ſeiner The⸗ reſe hinzu,— beide Paare aufs angenehmſte von ein⸗ ander überraſcht. Nathuſius war erſt im Laufe des Tags von Magdeburg eingetroffen, und übermorgen ſollte die Trauung ſein. Lina mußte ihm verſprechen, noch über den Donnerſtag zu bleiben, und Thereſe nahm Hermann die Zuſage ab, daß er ebenfalls zur Trauung und zum 208. Reiſefrühſtück kommen wolle. Die Geſchäfte des großen Fabrikherrn duldeten ſeine längere Abweſenheit nicht. The⸗ reſe wies ihrem Chriſtian die Freundin zu, und nahm Hermann's Arm, um zuſammen weiter zu wandeln. Erzählen Sie mir, wie Lina ſeither gelebt hat, flü⸗ ſterte ſie. So ſehe ich nicht nur das kleine Lebensbild, ſondern auch— wie ſich's in Ihrem Herzen abſpiegelt. Hermann überhoͤrte den bezüglichen Ton der letztern Worte, indem er eben an der Ecke des Präfecturpalaſtes ein vorüberhuſchendes Paar erblickte, und in dem Herrn, wie ſehr er ſich auch zu verhüllen ſuchte, den Baron Rehfeld erkannte. Raſch nachſchauend, glaubte er in dem Frauenzimmer an Gang und Haltung jene Kammerjung⸗ fer, nur heut in anderm Anzuge, zu errathen, die ſie Beide damals zur Wohnung der Generalin Du Coudras geführt hatten. Beide, Hermann und Rehfeld, waren einander ſeit⸗ dem nur in den geheimen Verſammlungen begegnet, und der Baron hatte dem Freunde auf die Frage, wie's mit dem Regenſchirmabenteuer abgelaufen ſei, kurz und nicht ohne einige Befangenheit geantwortet:„O es iſt noch unerwartet gut, beſſer als ich dachte, gegangen!“ Her⸗ mann hatte daraus vermuthet, der kecke Mann ſei mit langer Naſe abgefahren. Dem widerſprach aber nun, wenn er ſich in ſeiner Wahrnehmung nicht irrte, die jetzige Begegnung. So wandelte er an der Seite einer glücklichen Braut mit einem Räthſel in Gedanken, das ihn vielleicht in ſo liebenswürdiger Geſellſchaft weniger hätte zerſtreuen dür⸗ fen, als es doch wirklich that. Sechstes Capitel. Bewilligt und beſchenkt. Als Hermann am andern Morgen ziemlich ſpät ins Miniſterium kam, empfing ihn die freundliche Gräfin auf dem Niſchenſopha ihres Mannes.— Heut müſſen Sie mir berichten, Herr Doctor, ſagte ſie. Mein Mann iſt zu dringenden Vorträgen ins Schloß gefahren. Der Kö⸗ nig reitet jetzt Nachmittags gern auf die Jagd. Sie winkte ihn zu ſich heran; er mußte ihr vom ver⸗ lebten Feſt erzählen, und berichtete die Ankunſt und Ver⸗ mählung des Freundes Nathuſius. Sie war eben in ihrer liebenswürdigſten Laune, worin ſie ſich gern mit Freunden neckte. Nichts ſtand ihr auch reizender als ihr mädchenhafter Muthwille, mit dem ſie ſich beſonders gegen Hermann gern gehen ließ, nicht ſo⸗ wol vielleicht, weil ſie bei ſeinem edeln und ſinnigen We⸗ ſen ſich mit ihrer Hingebung ſicherer fühlte, als weil ſie dafür ſo empfänglich war. Das kleine Geheimniß mit Adelen, das ſie von ihm kannte, gab ihrem Wohlwollen eine prickelnde Unterlage, ohne daß es den jungen Freund, der davon nichts ahnete, irgend eingeſchüchtert hätte. Als er in ſeiner leicht erregbaren Weiſe von Lina's Beſuch erzählte, ſteigerte ſich ihr neckiſcher Muthwille. Ihrem guten weiblichen Blick entging ſeine Herzensregung Koenig, Jeröme's Carneval. III. 14 nicht. Sie winkte ihm in ihr Zimmer, ſetzte ſich ans Klavier und ſang mit ihrem zarten Singſtimmchen die Menuetmelodie: Als ich noch im Flügelkleide In die Mädchenſchule ging, O wie hüpft' ich da vor Freude, Wenn mich Lina ſanft umfing, Sich—— Sie konnte vor Lachen über dieſen Namen, worauf es ihr nur abgeſehen war, den folgenden Vers nur in den Notentönen geben, bis zu den Worten: Und zu mir ſprach: ich bin dir gut. womit ſie aufſtand, und lachend nach einem Seſſel lief. Frau Gräfin, verſetzte Hermann flüchtig erröthend, wenn Sie nicht ſo„hochgeboren“ wären— ſo gar hoch, daß ich nicht hinaufreichen kann, ſo würde ich mich rächen! Ich würde— nun ich weiß nicht, was ich würde. So aber darf ich mich nur ein wenig in Ihre berliner Zunge verlieben, wenn Sie ſingen: In die Mädchenſchule„jink“, und— ich bin dir„jut“. Wie glücklich wäre ich, wenn mir einmal eine liebenswürdige Berlinerin ſagte: Ich bin dir jut! Er faßte nach ihrer Hand, ſie zu küſſen, und ſie gab ihm einen lachenden Klapps auf die ſeinige mit den Worten: Sie Ungenügſamer! Nicht zufrieden, daß Ihnen die liebenswürdigſte Caſſelanerin gut iſt, ſoll Ihnen auch eine Berlinerin noch—„jut ſind“. Aber kommen Sie her⸗ über, ich höre meinen Mann anfahren! Der Miniſter trat lebhaft und heiter ins Zimmer.— 0 211 Ah! daß Sie da ſind! rief er, Hermann erblickend, und ſagte, indem er Hut und Stock dem Diener überließ, zu ſeiner Frau: Du kannſt gratuliren, Auguſte, hier dem neuen In- specteur des économats! Excellenz? Herr Graf? Mehr konnte Hermann in ſeinem freudigen Schreck nicht vorbringen. Was lieber Mann? verſetzte die Gräfin. Er ſoll alſo wirklich unter Baron Coninx arbeiten? Ja, Liebe, und uns deſto öfter als Freund beſuchen. Aber, ſetzen wir uns, und hört!—— Sieh' nur, Au⸗ guſte, er iſt ganz verdutzt! Ich habe ihn überraſcht. Aber es koſtet mich nichts; ich hatte eben auch eine hübſche Ein— nahme an Ueberraſchung gemacht. Er führte ſeine Frau zum Sopha, winkte dem Freund nach einem Stuhle neben ihr und erzählte: Jeröme war juſt im Bad, als ich hinkomme, und ich muß warten. Da erſcheint unerwartet und mit vergnüg⸗ ter Ungeduld der alte Bongars, und dringt darauf, ge⸗ meldet zu werden. Während dies geſchieht, flüſtert er mir ins Ohr: Ich bringe dem König eine Nachricht, die ihm— in der Hauptſache wenigſtens, angenehm ſein wird. Wenn Sie etwa eine kitzliche Angelegenheit haben, die auf guten Wind wartet, ſo lichten Sie die Anker! In dieſem Augenblicke wird er vorgefodert. Die Ver⸗ handlungen dauern lange. Meine Ungeduld wächſt— ich geſteh's— mit einer gewiſſen Angſt, es möchte eine preu⸗ ßiſche Neuigkeit ſein, ſo etwa, wie der unglückliche Brief Stein's. Darüber blättere ich in meinem Portefeuille, 14* — 212 und finde richtig den früher zurückgenommenen Antrag wegen Ihrer Anſtellung, lieber Doctor. Endlich kommt denn Bongars zurück, mit einem Ge⸗ ſicht, auf dem Vergnügen und Verdruß im Proceß zu liegen ſcheinen.— Gehen Sie hinein! ſagte er mir. Sie werden erwartet. Aber— thun Sie mir um Gottes⸗ willen die Freundſchaft, und bringen den Köͤnig von ſeiner Idee ab. Er hat für mich— eine Excellenz im Sinn; bitte, laſſen Sie mir ſie nicht in den Pelz kommen! Geben Sie beſſern Rath! Er wird Sie fragen. Iſt es Ernſt, General, oder Beſcheidenheit? fragte ich. Ich bitte, führen Sie mich nicht in Verſuchung,! Voller, gründlicher Ernſt! betheuert er. Ich werd's Ihnen danken, wenn Sie von mir abwenden, was mir der König gnädig zugemuthet hat. Nun? Liebſter Hanns, es quält mich; ſprich, was iſt es? fiel die Gräfin ein. Gut, ich will nur das Reſultat berichten. Alſo Je⸗ röme, ſo ungemein freundlich er mich empfing, ſo höchſt aufgeregt ſah er aus: lief hin und wieder, wußte nicht wie er mir's ſagen, noch weniger wie er's anpacken ſollte, und aus den Fingern wollte auch nichts kommen, ſo ſehr er daran nagte und ſaugte. Die Sache iſt die, daß Bon⸗ gars ihm endlich den geheimen Berichterſtatter nach Paris herausgebracht hat. Durch einen gewandten Employe, den er nach Paris geſchickt, hat er dort auf der Poſt alle Briefe aus Weſtfalen öffnen laſſen. Eben war ein ſehr umſtändlicher Bericht über die jüngſten Vorfälle am Hof, ja im Cabinet eingelaufen. Und wer iſt der Verräther? Niemand anders als— Herr Savagner, Bercagny's 8₰ 213 Generalſecretär. Er hat ſeine Correſpondenz nie in Caſſel, ſondern ſtets auswärts zur Poſt gegeben. Sie gelangte unter einer unanſehnlichen Adreſſe an einen Zwiſchenträger des Kaiſers. Bongars brachte Abſchrift deſſen, was eben in Paris eingelaufen war, mit. Jeroͤme, der Entdeckung froh, war doch zugleich wüthend, nicht nur gegen Sa— vagner, den er zum Teufel jagen will, weil er ihn nicht hängen laſſen kann, ſondern auch gegen Bercagny, weil er ſich hat täuſchen laſſen und ſeinem Generalſecretär Dinge auf die Naſe gebunden hat, die zwiſchen ihm und dem König Geheimniß waren, oder die er durch Marin⸗ ville kannte. Dieſe Schwatzhaftigkeit wäre von einem Polizeimann unbegreiflich, wenn man nicht wüßte, daß er eitel auf des Königs Vertrauen iſt und dabei zuwei⸗ len gutmüthig gegen Angehörige, die er im Jähzorn ver⸗ letzt hat. Jeröme's erſter Gedanke war nun, Bongars als Chef der Gendarmerie zum Polizeiminiſter zu machen. Er verlangte meine Meinung. Ich ſchlug ihm vor, die Polizei als ſelbſtändige Behörde aufzuheben und als eine beſondere Diviſion mit dem Juſtizminiſterium zu vereini⸗ gen. Dies würde den Hof von aller Spionerie befreien, und im ganzen Lande Freude und Vertrauen erregen; denn die geheime Polizei ſei ein Fluch geworden, und die Heuſchrecken der Mouchards eine ägyptiſche Plage. Dieſe Anſicht machte den König nachdenklich; er behielt ſich Ueberlegung vor. Natürlich referirte ich jetzt nur über das Unverſchieblichſte, ließ aber im rechten Augenblick mein Promemoria über die Anſtellung eines Inspecteur des économats aus der Ledertaſche fallen. Jeröme erinnerte ſich gleich des frühern Widerſpruchs von Bercagny, und— 214 das beförderte jetzt gerade die Sache.— Bercagny hat keinen Blick für die Menſchen! ſagte er. Aber dies Talent haben Sie, Graf. Auch in dem jungen Mann hat er ſich ſchon geirrt: er wollte ihn als literariſchen Spion brauchen. Ah bah! Sie werden aus ihm einen guten Inſpector machen. Auch Marinville hat mir ihn em— pfohlen. Mit dieſen Worten ſchrieb er ſein bewilligt unter meinen Vortrag, und nun bleibt mir nur die weitere Ausfertigung, die ich beeilen werde. Den Freund unterbrechend, der ſeinen gefühlteſten Dank ausſprach, fuhr der Miniſter fort: Im Grund hat der König, was man ein gutes Herz nennt, nur mit allen Schwächen des guten Herzens. Hat er einmal etwas Rechtes bewilligt, ſo juckt ihn ſozuſagen das Bewilligen. Er iſt dann leicht zu misbrauchen, ja er misbraucht ſich ſelbſt. So rief er mir, als ich ſchon entlaſſen war, nach, ob ich die zwei herrlichen Reitpferde ſchon geſehen hätte, die er vom Kaiſer zum Geſchenk er⸗ halten. Und als ich verneinte, ſagte er: Es ſind zwei koſtbare Pferde, Graf, ein feuriger Neapolitaner von kräftigem Wuchs und edelm Anſtand, und ein Araber der beſten Familie; er wird für einen Kohlani ausgegeben. Kohlani, lieber Mann? fragte die Gräfin. Ja wohl, Auguſte! Du weißt doch, daß die Araber auch Stammbäume ihrer guten Pferderacen führen. Nun haben ſie eine Legende, wornach der Prophet fünf Racen beſonders geſegnet und über den Augen mit Kohol, wie die Frauen ihre Augenbrauen, gefärbt hätte. Ein Ab⸗ kömmling von einer dieſer Racen heißt dann ein Kohlani. 60 213— Ich bin nun überreich an Reitpferden, fuhr der König fort, und habe deshalb geſtern dem Oberſten von Dörn- berg meinen ſpaniſchen Rappen geſchenkt, der ihm immer ſo gefiel. Mein lieber Oberſt iſt ein vortrefflicher Reiter, wie überhaupt ein wackerer, ritterlicher Mann und mir ſehr ergeben. Ihnen, lieber Graf, werde ich meinen Grau⸗ ſchimmel der Berberei zuſchicken. Haben Sie nicht einmal den kühn geſchwungenen Hals und den kleinen Kopf mit den klugen Augen bewundert? So nöthigte er mich, das Pferd zu preiſen, um mir den Dank abzuſchneiden. Er that dies auch noch mit ab⸗ wehrender Hand, indem er lachend ſagte: Hören Sie, Graf, ich habe mir einen Spaß ausgedacht. Dieſer Tage kommt der Fürſtbiſchof von Corvey, um mit uns zu jagen. Sie wiſſen ja, er iſt einer der Apoſtel, die nicht in alle Welt gehen, das Evangelium zu predigen, aber in alle Wälder reiten, um Hirſche und Wildſchweine zu bekehren. Ihn will ich den neuen Neapolitaner reiten laſſen. Mir iſt das Thier zu lebhaft; aber der wackere Baron Lüning⸗ Oſtwig hat die Schenkel eines Cölibatärs, und wird ſich im Sattel halten. Aber wir wollen lachen, wenn er etwa das kleine, dreieckige Hütchen vom Kopfe verliert, das er zu ſeinem Jagdcoſtüm zu tragen pflegt. Als Bülow lachend ſchwieg, fragte die Gräfin: Alſo haſt du den Grauſchimmel angenommen, lieber Mann? Nun ja, Auguſte! Ich dachte, wenn ein König vom Kaiſer nimmt, kann ein Graf vom König nehmen. Gewiß, lieber Hanns! Und wenn ein Graf vom König nimmt, kann ein Inspecteur des économats vom 216 Grafen nehmen. Dein Mecklenburger muß ja nun doch dem Grauſchimmel Platz machen. Unſer Freund da braucht nun einen Gaul im Dienſt und wird ſich auch gern unter den Töchtern des Landes umſehen, und wenn er etwa keine Lina mehr frei findet, kann er ſich eine Ida oder Minna nehmen, immerhin ein minnigliches Weſen, das ihm„jut“ iſt. Der anmuthige Scherz erregte Lachen und Verlegen⸗ heit zugleich; dieſe nicht nur bei Hermann, ſondern einigermaßen auch beim Grafen, der ſo unerwartet über ſein bisheriges Reitpferd verfügt ſah. Doch ſagte er mit artigem Lächeln: Du bringſt mich um das Verdienſt des erſten Gedan⸗ kens, Auguſte, beruhigſt mich aber dadurch über ein Be⸗ denken. Wenn der neue Inſpector nur Nebenritte auf die Freierei macht, ſo hat das gute Wege; wie aber, wenn er ſich zum berittenen Rebellenanführer machte? Und der Miniſter hätte ihm ſogar noch das Pferd dazu geſtellt? Weißt du was, lieber Mann? erwiderte ſie. Er muß uns vor allem verſprechen, daß er zuerſt heirathen will, dann wird's auch mit der Rebellion gute Wege haben. Was ſagen Sie dazu, Herr— Darf ich ihn ſchon In⸗ ſpector nennen, lieber Bülow? Unter uns, ja, liebe Auguſte. Ich werde gleich das Anſtellungsdecret entwerfen und von der ſauberſten Hand in meinem Bureau zur Unterſchrift des Königs ausfer⸗ tigen laſſen. 4 Alſo, Herr Inſpector, was meinen Sie dazu? wen⸗ dete ſich die Gräfin an Hermann. 217 Hermann, der ſich auf die gute Laune der liebens⸗ würdigen Frau gar wohl verſtand, antwortete mit gutem Humor: Wie mir ſcheint, gnädige Gräfin, ſetzt beides eine ebenſo reizende als bedenkliche Cavalcade oder Ritterſchaft voraus— auf Freierei für das eigene Haus, oder für die Freiheit des Volks zu ſatteln. Auch iſt es eine ſchwer zu beantwortende Frage, ob man erſt gegen gefährliche Rieſen ausreiten und die beſiegten ſeiner Dulcinea zuſen⸗ den ſoll, um ihre Huld zu verdienen, oder ob man vor⸗ her ſeine häusliche Statthalterſchaft gründe, um zu wiſſen, wofür man gegen Rieſen oder Windmühlen ausreite. Ich bin auf morgen zur Trauung des Herrn Nathuſius ein⸗ geladen; vielleicht, daß mir in dieſer feierlichen Stunde eine gute Eingebung zu Hülfe kommt, oder ich mit Shakeſpea⸗ re's Worten die Warnung erhalte: Sir, set vour knight- hood a side!(Herr, ſetzt Eure Ritterſchaft beiſeite!) In dieſem Augenblicke trat der alte Fauſt mit der Meldung ein, Herr Nathuſius mit Braut wünſchten auf⸗ zuwarten. 1 Sehr willkommen! rief Bülow und eilte ihnen ent⸗ gegen. Auch die Gräfin erhob ſich, die Braut zu umarmen. 218 Siebentes Capitel. Eine Trauung und ein Vertrauen. Damals ſchon, als Nathuſius dem Miniſter, dem alten magdeburger Freunde, ſeine Verlobung mit Thereſe Engelhard anzeigte, hatte Herr von Bülow ſich zum Zeu⸗ gen bei der Trauung angeboten, und kam auch dem Freunde beim heutigen Beſuch mit der Erinnerung daran zuvor. Am andern Morgen holte der Miniſter in ſeinem Stadtwagen das Paar mit dem Zeugen der Braut zur Kirche ab. Auch die Gräfin fand ſich nach der Trauung bei Engelhard's ein Die Anweſenheit eines ſo angeſehe⸗ nen Paares, wie der Graf und die Gräfin von Bülow waren, that eine gute Wirkung, auf die man nicht ge⸗ rechnet hatte; ſie legte ein Gegengewicht ein gegen die Wehmuth des Scheidens, die ſonſt in einer ſo herzlichen Familie leicht übermächtig geworden wäre, indem nach ei⸗ nem ſtillen Frühſtück, das bei der Eile des Fabrikherrn Nathuſius die Hochzeit vertreten mußte, das vermählte Paar abreiſen wollte, vorerſt nur von zwei Schwe⸗ ſtern der jungen Frau, von der älteſten und der jüngſten, begleitet. Die Unterhaltung während des Imbiſſes ging nicht ſehr laut und lebhaft. Die Rührung, die ſchon in der Kirche unter der Trauung über alle Angehörigen gekom⸗ men war, wurde aufs neue erweckt, als Herr von Bülow — ͤ — mit herzlichen Worten an die freundſchaftliche Vergangen⸗ heit mit Nathuſius erinnerte, und auf das Glück des in Liebe verbundenen Paares in einer für ſchaffende Thätig⸗ keit und deutſches Bewußtſein frohern Zukunft trank und zu trinken einlud. Die Geſpräche wurden immer leiſer; die ganze Weihe der Stunde lag in den feuchten, innigen Blicken, womit man zum Scheiden oder Bleiben einander ſegnete. Thereſe hatte unvermerkt das Zimmer verlaſſen, und als ſie in ihrem Reiſeanzug wieder erſchien, nahm die mit ſich kämpfende Rührung der Angehörigen noch zu; die vier zurückbleibenden Schweſtern drückten ſich, eine um die andere, an ihr Herz. Herr von Bülow war in einer geſchäftlichen Rückſprache mit Nathuſius auf deſſen Zimmer gegangen, und ſo drohte die Unterhaltung gänzlich zu verſiechen. Um nun dieſe gedrückte Stimmung ein wenig zu he⸗ ben, vielleicht auch um Hermann's und Lina's noch ein⸗ mal recht froh zu werden, ſprach Thereſe in ihrem an⸗ muthigen Frauenhäubchen den Wunſch aus, das liebe Paar noch einmal ſingen zu hören. Ja wohl, rief die Mutter Engelhard, und recht paſ⸗ ſend wäre gerade jetzt das Duett aus der„Schoöpfung“, das ihr Beide ſo herrlich ſingt. Die Noten wurden hervorgeſucht, das Klavier geöff⸗ net und nur auf die hinausgegangenen beiden Herren gewartet. Als ſie eintraten, ging Thereſe ihrem Manne entgegen.— Komm, lieber Chriſtian, ſagte ſie, unſere Freunde dort wollen uns zum Abſchiede das Duett aus der„Schöpfung“ ſingen. Mit dieſen Accorden wollen wir 220 unſer magdeburger Paradies einweihen, flüſterte ſie, indem ſie ſich ihm innig anſchmiegte. Hermann und Lina, bewegt wie ſie waren, ſangen mit einem Ausdruck, der unter einer unbefangenern Stim⸗ mung, als eben in dem kleinen Kreiſe herrſchte, leicht ein Verräther ihrer eigenen Herzen geworden wäre. So durch⸗ ſichtig für das umkleidete Gefühl hatte man lange keine Töne menſchlicher Stimmen vernommen. Nur Thereſe hatte eine Empfindung davon. Während der Schluß⸗ accorde war ſie hinter ihnen herangetreten, und indem ſie Beide umſchlang, flüſterte ſie: O wie wäret ihr werth, mit einander zu erleben, was ihr mit ſolcher Seele ſingen könnt: Mit dir, mit dir iſt Seligkeit das Leben! Doch kaum geſagt, erklang von der Straße herauf das Poſthorn mit der Melodie eines bekannten Abſchiedsliedes. Der dreiſpännige Reiſewagen fuhr langſam an. Eine Bewegung entſtand. Frau Philippine legte der Tochter den Mantel um und drückte ihr Schnupftuch an die weinenden Augen des Kindes; Nathuſius umarmte den ſtillen, blaſſen Vater Engelhard zu dieſer Ausfertigung des Endbeſcheids in Sachen ſeiner väterlichen Gewalt. Man hörte lautes Weinen, Stöhnen, gepreßte Lebewohl! Auf Wiederſehen! Glückliche Reiſe! Gott mit euch! Man hätte einander halten mögen und drängte ein⸗ ander fort. Das Zimmer leerte ſich, da Alles dem Doppelpaare der Vermählten und der begleitenden Schweſtern an den Wagen folgte, der vier bequeme Eckſitze bot. —.— — 8⁴ ‿ʃρ 221 Abermals erklang das Poſthorn; die Pferde zogen an und trennten die Hände, die von der Straße und aus dem Schlag ſich gefaßt hielten. Noch eine Strecke lang winkten Hände, wehtzn Tücher nach und zurück, bis der Wagen um die Ecke bog und Aeltern und Schweſtern weinend ins Haus eilten. Schleichen wir uns ohne Abſchied fort! ſagte Graf Bülow. Laſſen wir die Lieben ihrem Herzeleid und legen ihnen keinen längern Zwang auf. Sie haben auch Ab⸗ ſchied genug und für lange! So kamen denn ziemlich ſtill von nachbebendem Mit⸗ gefühl Hermann und Lina bei der Mutter an,— Beide etwas befangen gegen einander, ſeitdem das liebreiche Herz der vermählten Freundin ausgeſprochen hatte, was Beide gegen einander zu hüten ſuchten und gehütet glaubten. Beſonders ängſtlich war Lina. Sie machte ſich einen Vor⸗ wurf aus Dem, was ſie im erſten Augenblick als eine Vorahnung empfunden hatte. Es kam ihr nämlich vor, als hätte ſie im Nu eines innern Schauens in die Zu— kunft Das als wirklich erblickt, was die gute Thereſe doch nur als etwas bezeichnet hatte, deſſen ſie werth wäre— mit ihm nämlich, mit Hermann, ſei Seligkeit das Leben. Dieſe Aengſtlichkeit kam unvermuthet zu Wort, als der Freund ſich nach der letzten Verſammlung der Ver⸗ bündeten in Homberg erkundigte.— Erinnere mich nicht daran, lieber Hermann! ſagte ſie. Leider habe ich ge⸗ rade damals einen unfreiwilligen Antheil an den Bera⸗ thungen genommen. Sie fanden nämlich auf unſerm Landſitze ſtatt, um nicht jedesmal beim Wirthe Dörfler in der Stadt zuſammenzukommen. Ich hatte das untere große Zimmer heizen laſſen, und war die Bewirthung zu beſorgen, damit kein Dienſtbote das Zimmer betrete, im Stübchen nebenan. Vor kurzem erſt hatte ich den Be⸗ ſuch des Königs in demſelben Zimmer überſtanden, wo jetzt Männer beiſammen ſaßen, die ihn vertreiben wollten. Jene Erinnerung hätte mich für ihre Abſicht gewinnen können, aber ihr Vorhaben ſuchte Mittel und Wege, die mir misfielen, und ſprach ſich zuweilen ſo leidenſchaftlich und roh aus, daß es mich eher zurückſtieß. Beſonders beunruhigte mich der tollköpfige alte Emmerich. Ich konnte mich bei ſeinen verwegenen Reden der Angſt nicht erweh⸗ ren, er möchte mit ſeinem Drängen das ganze meinet⸗ halben gerechte Unternehmen in ein Unheil verkehren. Gott, wenn ich mir denke, daß es dir oder meinem Lud⸗ wig das Leben koſten könnte—! Dieſe Vorſtellung, oder was es ſein mochte, ward ſo lebhaft in ihrer Seele, daß ſie, wie von einer Ohnmacht angewandelt, erblaßte. Mein Gott, Lina, wie kannſt du dich von einem Ge⸗ danken, von einer Phantaſie ſo entſetzen laſſen! rief Her⸗ mann, ihre Hände erfaſſend, die im Augenblick ganz er⸗ kaltet waren. Sie blickte aufathmend und lächelnd zu ihm auf. Aber bei ſeinem Anblick ward ihr nur klarer, daß es eben keine Phantaſte geweſen, was ſie ſo erſchüttert hatte, ſondern daß ihr begegnet war, was dem edelſten Menſchen begeg⸗ nen kann, wenn der Spötter in unſerer Bruſt oder ein Dämon, wie aus der Luft, uns einflüſtert. Die Frage 223 war ihr in der aufgeregten Seele lebendig geworden,— wen von Beiden es ihr koſten könnte, den Hermann oder den Ludwig, und wenn ſie es zu entſcheiden hätte,— wenn ſie den Einen oder den Andern hingeben müßte, welchen ſie dann— Genug, genug, Hermannl rief ſie aufſtehend. Sprich nicht weiter, kein Wort mehr von den entſetzlichen Din⸗ gen! Großer Gott, was wird das Unternehmen noch für ſchmerzliche, ſorgenvolle Stunden koſten! Sie öffnete die Stubenthür und rief: Mutter, iſt vielleicht der Wagen ſchon da? Eben iſt er angefahren, Lina! antwortete die Gefragte aus der Küche.. Alſo doch, Lina? Du willſt noch nach Homberg zurück? Ja, Hermann, ich will doch lieber! Ich habe um The⸗ reſens Vermählung willen meinen Urlaub ſchon über⸗ ſchritten, und morgen hat Ludwig über Land zu thun. Dann erlaube mir,— ich habe dir etwas mitgeben wollen! Der Freund eilte aus dem Zimmer, und brachte we⸗ nige Augenblicke ſpäter ein höchſt ſorgfältig geſchriebenes Heft mit zurück. Nimm dies bei deinem erſten Beſuch als ein kleines Gaſtgeſchenk, liebe Lina, ſagte er. Es iſt meine eigen⸗ thümliche Bearbeitung des Platon'ſchen„Gaſtmahls“,— ſowie es deutſche Frauen mit der wenigſten Einbuße von Gedanken und Bildern des Originals genießen können,— überſetzt nicht blos aus der antiken Sprache, ſondern auch in die moderne Denk⸗ und Gefühlsweiſe. Vielleicht iſt es freilich in dieſer Geſtalt nur noch ein Schattenriß des Platon'ſchen unſterblichen Werks. 224 Lina war auf's lebhafteſte überraſcht. Innig ver⸗ gnügt ſah ſie bald den Freund an, bald blätterte ſie in der Handſchrift.— Prächtiger Menſch! rief ſie aus. Etwas Lieberes hätteſt du mir nicht ſchenken können! Und wie ſchön du es auch noch geſchrieben haſt! Wie geſtochen! Ach, wieviel liebe, gute Stündchen haſt du darüber geſeſſen! Nicht wahr? Sie reichte ihm zum Danke die Hand. Er hielt ſie feſt, indem er ſagte: Ach! es waren ſo glückliche Stündchen, Lina; du ſaßeſt immer dabei, und ich war nicht allein. Es war ein er⸗ laubtes, ein ſchuldloſes Stück von dem:„Mit dir iſt Se⸗ ligkeit das Leben!“ Hermann! rief ſie mit einem Zwiſchenton von Rüh⸗ rung und Verwarnung aus, indem ſie, als ob ſich vor ihm zu verbergen, ſich an ſeine Bruſt lehnte. Hermann, ſeiner nicht mehr mächtig, umfaßte ſie und hielt ſie feſt in beiden Armen, während er ſie mit einem Ungeſtüm küßte, daß ſie ſich mit Gewalt und Entrüſtung entwand, und mit Unwillen ausrief: Nie, niemals mehr gebe ich dir eine Hand! Geh', wie verkümmerſt du mir den glückſeligen Augenblick! Ja, du haſt Recht! verſetzte er. Es geſchah gegen meine eigenen, heiligſten Vorſätze. Vergib, vergib noch einmal! Ja, entziehe mir, verſage mir deine Hand; nur als Zeichen der Vergebung reiche ſie mir zum letzten mal! Sie gab ſie hin, indem ſie mild und leiſe ſagte: Laß uns nie mehr ſo uns begegnen, Hermann! Lieben dürfen wir uns vielleicht, da wir nicht anders können; aber angehören nicht! Die reine Liebe hat keine Ge⸗ ſtalt, ſie lebt im Ewigen. Was ſich berührt, gehoͤrt der erſcheinenden Perſon an, wird raſch zu einem Anſpruch an dieſe, und ſchließt ſich im Sinnlichen ab. Hüten wir uns vor jeder Berührung!—— Und nun, packe mir dein liebes Andenken ein, deinen Schattenriß, in dies ſeidene Tüchlein! Ich habe noch mit der Mutter— Sie eilte hinaus, und er packte die Handſchrift in das Tuch, mit Stecknadeln vom Nähkiſſen der alten Mutter verwahrt. Jetzt kam Lina mit der Mutter herein und ſagte ihm Lebewohl. Er begleitete ſie an den Wagen und eilte dann gedankenvoll auf ſein Zimmer. Ein matter Sonnenſtrahl, der über das Wieſenthal hinſtreifte, als er das Fenſter öffnete, ließ ihn hoffen, daß er mit ſeinem kleinen Fernrohre Lina's Wagen er⸗ blicken werde, wenn derſelbe aus der Vorſtadt und am Siechenhofe vorüber um den ſogenannten Forſt in die nürnberger Landſtraße lenkte. So ſollte ihm von dem Abſchiedsleide, deſſen er heut Zeuge geweſen war, unerwartet noch ein Tropfen in den eigenen Lebenskelch des Tages fallen. Doch war der Idealismus eines ſehnſüchtigen Herzens noch ſo mächtig in dem Freunde, daß ſelbſt ein ſo heißes Verlangen, als er an Lina's Lippen empfunden hatte, ſich in dieſe nach⸗ blickende Träumerei auflöſte.. Als er ſich nun nach ſeinem kleinen Perſpectiv umſah, fand er auf ſeinem Schreibtiſche Lina's Schattenriß in einem geſchmackvollen Rähmchen und aus ihren Haaren geflochten ein Uhrband darüber hingelegt. Koenig, Jeröme's Carneval. III, 15 226 Er erſchrak ordentlich, nicht blos über das unerwartete Andenken, ſondern auch über die ſprechende Aehnlichkeit in einem ſo einfachen, dunkeln Bildchen. Freilich lag auch in dem ſchön geformten und eigenthümlich gehaltenen Kopfe mit der Fülle des Haares und in dem ſo rein und ſcharf gezeichneten Profil Lina's ein großer Theil ihrer Schön⸗ heit. Aber auch etwas von den heitern Zügen drückte ſich um die ſanft geſpaltenen Lippen und der ſeelenvolle Blick durch die langen feinen Augenwimpern aus, die ſich auf dem Goldgrunde abzeichneten. Wie beglückt fühlte er ſich durch dieſen Beſitz! Eine Welt von Gedanken, von Erinnerungen und Hoffnungen bewegte ſeine Bruſt, während ſeine Augen auf dem bald fern, bald näher gehaltenen Bilde ruhten, und ſein Herz Alles vernahm, was dieſe Lippen, dieſe Wimpern ihm zu bekennen und zu verſprechen hatten. Und ſo ging es ihm, wie es einem jungen Philoſo⸗ phen nicht beſſer gehen kann: über das Bildchen vergaß er des Wagens, der ihm die geliebte Freundin weiter und weiter entführte. Denn nun kam auch, ehe er wieder an ſein kleines Fernrohr dachte, die freundliche Mutter herauf, zu ſehen, wie er ſich der heimlichen Ueberraſchung freue. Das Bild⸗ chen, erzählte ſie, habe ein reiſender Franzoſe, ein gar geſchickter Menſch, in Homberg gefertigt. Lina habe auf Ludwig's Verlangen dem fremden Künſtler ſitzen müſſen, um dem Herrn Doctor eine Freude zu machen.— Das Haargeflecht aber, ſagte ſie, iſt aus Lina's Haaren von einer der Stiftsdamen gemacht, die in ſolchen feinen Ar⸗ beiten außerordentlich geſchickt iſt. Aus Haaren von ver⸗ 182— ——jj4=— 227 ſchiedenen Farben, und wenn ſie auch Löckchen von Kin⸗ derköpfen und Greiſeſchädeln haben kann, weiß die junge Dame ganze Blumenſträuße zu machen. Hermann hörte der Alten ſchweigend zu. Die Erin⸗ nerung an Ludwig beſchämte ihn tief innerlich, und alles Wünſchen und Hoffen, das eben noch ſo lebendig in ſei— nem Herzen geworden war, ſchloß, als die geſprächige Wirthin das Gemach verlaſſen hatte, mit Lina's War⸗ nung ab: Lieben dürfen wir uns vielleicht, aber angehören nicht. Achtes Capitel. Der Herzſchlag des Reichs. Hermann's gutes Glück verließ ihn nicht lange in ſol⸗ cher unfruchtbaren Innerlichkeit des Träumens und Grü⸗ belns. Schon die nächſten Tage führten ihn zu einer fri⸗ ſchen Thätigkeit und in einen Verkehr mit neuen Menſchen. Seine Beſtallung und Dienſtanweiſung waren voll⸗ zogen. Er nahm Abſchied von dem traulichen Cabinet, worin er neben dem Zimmer eines hohen Gönners eine ſo gute Schule für Geſchäft und Leben gemacht und ſo erinnerungsfrohe Stunden gehabt hatte. Bülow gab ihm einige gute Winke für ſeine nächſten Schritte mit, und die Gräfin entließ ihn mit einer Freundlichkeit, an der er, 15* — — 228 wie an einem unſichtbaren Fädchen, zum Wiederkommen gebunden blieb. Er hatte ſich nun vor allem bei ſeinem neuen Gene⸗ raldirector, dem Staatsrathe Baron von Coninx, vor⸗ zuſtellen. Herr von Coninx war ein ſchlanker, wohlgebauter Mann in den beſten Jahren, heiter, leicht und artig von Manieren, tüchtiger Juriſt, beſonders von der eleganten Jurisprudenz, nicht ohne Talent und Kenntniſſe in Kunſt und Literatur, dabei aber von einer Alles überwiegenden Lebensluſt beherrſcht. Er hatte ſich gleich beim Miniſter nach dem neuen Inſpector, der zugleich ſein Generalſecre⸗ tär war, mit der leiſen Beſorgniß erkundigt, vielleicht keinen gewandten Arbeiter an ihm zu bekommen. Denn er ſelbſt brauchte für ſeine eleganten Gewohnheiten viel Zeit, die er dem Geſchäft abknappte. Er liebte, ſeine Nachmittage umherzuſchlendern, mit Damen zu verplau⸗ dern und einer oder der andern ſeine Bewunderung zu bethätigen. Er hatte eine anmuthige Art, mit der Lin⸗ ken ſeine Brille zu rücken, wenn er eine Dame necken wollte, und ſo oft er mit ſeinem Taſchentuche die Gläſer der Brille wiſchte, durfte man ſich, als Gegenſatz dieſer ſaubern Bemühung, auf ein ſchillerndes Hiſtörchen oder ſcharf ſchmeckendes Anekdötchen gefaßt machen. Den Abend brachte er dann gern in Geſellſchaft und, wenn er keine Einladung hatte, in einer Reſtauration oder im Café au laid zu, wie mancher andere Garcon. Dieſe heitere Lebensrichtung hatte für Hermann den Vortheil, daß der Chef nach vorgefaßtem guten Vertrauen in die Fähigkeit und Geſchäftsgewandtheit ſeines Inſpec⸗ en 229 tors ihm gleich ſehr artig begegnete, und ſich, da ihm auch Hermann's Perſönlichkeit zuſagte, auf jovialen Fuß mit ihm ſetzte, um ihm dann unter Scherz und Lachen ſoviel von den Arbeiten, als nur immer anging, zuzu⸗ ſchieben. Glücklicherweiſe für den jungen Freund war die Grundlage und Haupteinrichtung dieſer neugeſchaffenen Ad⸗ miniſtration ſchon gemacht. Die zum Geſchäft gehörige Ueberwachung der Verwaltung jener Güter und Gefälle, von denen der zehnte Theil in die Economatskaſſe fiel, war einfach angeordnet, und die unmittelbare Verwaltung der vacant gewordenen Güter und Pfründen gab eben jetzt, bei vollſtändiger Beſetzung jener Einkünfte, gar wenig zu thun. Nur das Eine war dem jungen Freunde nicht ganz nach Wunſche, daß ſein Dienſt vorerſt auf das Bureau beſchränkt und Inſpectionsreiſen auf das Frühjahr aus⸗ geſetzt blieben. Das ihm zum freien Gebrauch geſtellte Pferd des Miniſters diente ihm daher jetzt nur zu Spa⸗ zierritten oder höchſtens, um dann und wann einmal auf einen Sonntag nach Homberg zu den Freunden zu traben. Zunächſt legte ihm die neue Stellung, indem ſie ihn dienſtlich und geſellſchaftlich in neue Beziehungen ſetzte, mancherlei Beſuche auf. Er mußte ſich den Miniſtern und den Generaldirectoren der verſchiedenen Adminiſtra⸗ tionen vorſtellen. Die bisherigen Miniſter kannten ihn bereits. Herr von Simeon und Graf Fürſtenſtein hatten ſchon Anknüpfungspunkte ihres Empfangs für ihn. Auch in das Palais des Kriegsminiſters begleitete ihn eine alte Erinnerung, die jedoch beim Gedanken an Adelen, die junge Generalin, nicht ohne Aengftlichkeit blieb. Der Zufall wollte, daß gerade ſie, im Begriff aus⸗ 230 zufahren, aus dem Zimmer trat, als er eben dem Be⸗ dienten ſchellte. Sie empfing ihn mit den unbefangenſten Manieren einer Weltdame, die nur mit dem flüchtigſten Lächeln verräth, daß ſie keinen ganz ungekannten Men⸗ ſchen vor ſich habe. Dennoch ſchien aus der Art, wie ſie, etwas haſtig und niederblickend, den linken Handſchuh einknöpfte, eine lebhaftere Empfindung zu ſprechen. Viel⸗ leicht dachte ſie an die Scene auf der Treppe der Gene⸗ ralin Salha und an den kleinen Handſchuh von damals, deſſen Eroberer eben vor ihr ſtand; oder ſie überlegte, ob ſie dem jungen Manne die Artigkeit einer Einladung ins Zimmer erweiſen dürfe. Sie entſchied ſich doch für dieſe Höflichkeit, wobei ſie ihren Mann entſchuldigte, der eben ausgeritten ſei. Während Hermann die Abſicht ſeines Beſuchs aus— ſprach und den freundlichen Glückwunſch der Dame hin⸗ nahm, fiel ihm die der jungen Frau weit weniger gün⸗ ſtige Fülle der einſt ſo niedlichen Geſtalt auf, und es war wol nicht weniger dies, als das gehaltene Benehmen Ade⸗ lens, was ihm das einſt ſo verführeriſche Geſchöpf zu einer ganz andern Perſon machte, an der ſeine aufgeregte Erinnerung immer wieder abglitt. Er war aber zu be⸗ wegt oder doch noch zu ſehr ein gemüthlicher Deutſcher, um den Augenblick eines ſolchen Wiederſehens ſo leicht und vergeßlich zu behandeln, als er es an der ſtolzen Dame ſah. Erſt wie er das Haus hinter ſich hatte, ging etwas von dieſer Heiterkeit und von dem leichten Sinn der ihm ſo fremd gewordenen Geliebten auf ihn über. Adele gab ihm ja den Eindruck inniger Befriedigung, und von Morio 231 war bekannt, wie glücklich er ſich preiſe. So erleichterte der Anblick des zu Stande gekommenen Glücks den Vorwurf, den der Freund ſich machte, durch ſeine Selbſtvergeſſenheit den übereilten und täuſchenden Schritt Adelens mitver⸗ ſchuldet zu haben. Hermann war geneigt, an dieſer Schuld den moraliſchen Gewinn, den Adele gemacht hatte, in Ab— zug zu bringen. Offenbar hatte ihr mitſchuldiges Bewußt⸗ ſein eine glückliche innere Umwandelung angeregt, ſodaß ſie mit Ernſt und mit einer ihr früher ganz unbekannten Selbſtbeherrſchung und liebevollen Hingebung ihren Mann zu befriedigen ſuchte.— Sie hat vielleicht mit ſittlicher Ueberlegung das Reſſort verbeſſert und verſtärkt, auf dem das Glück ihres Hauſes ſich bewegt, dachte er, und ſetzte, aller Aengſtlichkeit ſich entſchlagend, hinzu: Je nun, die Reſſorts, die treibenden Stahlfedern, werden ja ohnehin im Verborgenen angebracht! Inzwiſchen war im Staatsminiſterium eine Verände⸗ rung geſchehen, die für Hermann noch eine weitere Auf— wartung herbeiführte. Savagner war in Folge der gegen ihn gemachten Ent⸗ deckung ſeiner pariſer Correſpondenz alsbald ſeiner Dienſt⸗ ſtelle entlaſſen und aus dem Köͤnigreiche verwieſen worden. Bercagny, den keine Schuld, wol aber der Vorwurf traf, ſeinen Generalſecretär nicht durchblickt zu haben, ſchwebte mehre Tage in Ungewißheit über ſein eigenes Verhäng⸗ niß. Die hohe Geſellſchaft nahm an, daß er in Ungnade ſei; man vermied ſeine Perſon. Dies ging ſo weit, daß, als er an einem Hofabende mit ſeiner Frau im Audienz⸗ ſaal erſchien, ſich Alles von ihm zurückzog, bis Jerome eintrat und an ihm vorübergehend freundlich Bon soir, Bercagny! ſagte, worauf ſich denn ebenfalls wieder Alles glückwünſchend um ihn her drängte. Der König war aber ſo heiter erſchienen, weil er nach langer Ueberlegung einen Entſchluß gefaßt hatte. Dieſer ging dahin, daß die Generaldirection der Polizei aufgehoben wurde, und Ber⸗ cagny bis zu einer paſſenden Verwendung in den Privat⸗ ſtand zurücktrat. Die hohe Polizei wurde mit dem Mi⸗ niſterium der Juſtiz verbunden, bildete hier eine beſondere Diviſion und erhielt einen braven, ſehr geſchätzten Mann, den als human und praktiſch anerkannten Herrn von Varigny, zum Vorſtande. Um nun aber den ohnehin mit ſeinem Doppelminiſterium überladenen Simeon zu er⸗ leichtern, ward ihm das Portefeuille des Innern abgenom⸗ men und einſtweilen, vorbehaltlich der Ernennung zum Mi⸗ niſter, dem Staatsrathe, Herrn von Wolffradt, übertragen. Auch dieſem hatte ſich nun Hermann vorzuſtellen. Als er ſich dem Diener zur Anmeldung nannte, ſagte dieſer: Ich weiß nicht, ob der Herr Staatsrath noch an⸗ nimmtt es iſt eine Sitzung im Schloß bei Sr. Majeſtät! Dabei blickte er nach einem offenen Fenſter, in wel⸗ chem ein dienſtlicher Anzug hing, um gelüftet zu werden. Aber er wurde angenommen, und betrat ein von Tabacksrauch erfülltes Zimmer, worin ihm der Staats⸗ rath von Müller entgegenkam und ihn dem Herrn von Wolffradt mit den Worten vorſtellte: Hier ſehen Sie meinen jungen vortrefflichen Freund, den ich Ihrem Wohlwollen um ſo herzlicher empfehle, als er meinem Departement untreu geworden iſt. 233 Wolffradt hatte ſich vor ſeinem Arbeitstiſche, neben welchem Müller's Seſſel ſtand, erhoben und begrüßte mit Verneigung den Ankömmling, wobei er ſeine lange Ta⸗ backspfeife geſenkt hielt. Ein Mann, ſchon vorgerückt in Jahren und von ſtattlicher Fülle der Geſtalt, etwas gra⸗ vitätiſch in ſeiner Haltung, gegen welche der weiche braun⸗ ſchweiger Dialekt eigens abſtach. Wie er im Geſpräch ſeine Pfeife neben den vielen andern an der Wand hin⸗ term Ofen unterbrachte, warf der junge Freund einen Blick auf das große Oelgemälde über dem Arbeitstiſche. Es ſtellte den verſtorbenen Herzog Ferdinand von Braun⸗ ſchweig in ſeiner Feldherrnuniform dar. Zu einem eigentlichen Geſpräch konnte es nicht kom— men; Hermann erinnerte an die Sitzung des Miniſteriums, und empfahl ſich. Müller ſchloß ſich ihm an, und Wolff⸗ radt begleitete ſie hinaus, um ſich in einem andern Zim⸗ mer anzukleiden. 4 Dieſen Umſtand bezeichnete Müller, der ſich unterwegs über ſeines Collegen Eigenheiten und Verdienſte vertrau⸗ lich ausſprach.— Der vortreffliche Mann, ſagte er, ſteht nämlich unter der Oberherrlichkeit ſeiner dampfenden Ta⸗ backspfeife. Er kleidet ſich jetzt von Kopf bis zu den Füßen in den gelüfteten Anzug, verſpritzt dann vielleicht noch ein ganzes Glas kölniſchen Waſſers, durch welches hindurch ihm der König dennoch den Taback anriechen wird. Sie wiſſen, Jeröme kann Taback und Schnurr⸗ bart am Civil nicht leiden, iſt aber viel zu gutmüthig und menſchenfreundlich, um dieſe Ungunſt einen ſo wür⸗ digen Mann und Diener empfinden zu laſſen. Höchſtens daß er ihn ein wenig und auf liebgemeinte Weiſe mit ——ÿ—ÿ—ÿ—ÿꝑ——.— ſeinem Rauchen neckt. Wirklich iſt der Staatsrath ein vortrefflicher Mann von Geiſt und Geſinnung. Sie wiſſen wol, daß er Geheimrath und Miniſter des Herzogs von Braunſchweig war. Oui, oui! Er beſaß das volle Ver⸗ trauen dieſes vielfach ausgezeichneten Fürſten. Noch in der Sterbeſtunde, die der unglückliche Feldherr, in der Schlacht bei Jena⸗Auerſtädt auf den Tod verwundet, flüchtig, ſei⸗ nes Landes verluſtig, in Ottenſen bei Altona fand, war der brave Geheimrath um ihn. Es hat für mich etwas Rührendes und iſt ein echt fürſtlicher Zug, daß der ſter⸗ bende Herr, der ſeinen Feldherrnruhm, auf den er ſo ſtolz war, eben eingebüßt hatte und nun ſein Leben hingeben ſollte, noch um die Zukunſt ſeines angeerbten Landes be⸗ ſorgt blieb. Der Mann, den er für den treueſten hielt, mußte ihm verſprechen, unter allen Umſtänden bei Braun⸗ ſchweig zu halten. Dies Land gehört jetzt zum König⸗ reich Weſtfalen, Braunſchweig liegt in Caſſel; ſo finden Sie ihn jetzt hier, weil er Wort hält, und— er wird Miniſter werden, ſage ich Ihnen.. Etwas aufgeregt, wahrſcheinlich von einer bedeuten⸗ den Unterhaltung mit Wolffradt, hatte Müller über den Ständeplatz hin ungewöhnlich offen geſprochen. Er wollte einen Beſuch in der Bellevueſtraße machen, und Hermann begleitete ihn. Die Promenade hinauf, die jetzt über die niedere Terraſſenmauer einen ziemlich winterlichen Ausblick in die weite Landſchaft darbot, war es zwar noch ſtiller als auf dem Platz; dennoch fuhr der Sprecher jetzt leiſer und zuweilen ſtehenbleibend fort: Sehen Sie, ſo wird der miniſtterielle Wolffradt für Braunſchweig arbeiten, wie der edle Bülow für Preußen. 23⁵ Ich meine, nicht über die Grenze des Landes und ihres Eides hinaus, nein, ſondern ganz ehrlich in ihrem Beruf. Sie arbeiten— ich moͤchte ſagen, aus einem Inſtinet für die Zukunft— der Zeit in die Hände, die dies zuſam⸗ mengeleimte Koͤnigreich wieder in Stücke brechen wird. Betrachten Sie einmal unſer ganzes Miniſterium, mein junger Freund, mein lieber Auditor— nicht beim Staats⸗ rath, aber für Gottes Rathſchläge! Jenen beiden braven Deutſchen gegenüber ſtehen die Franzoſen Le Camus und Morio, Beide tüchtige Leute, der Eine mit dem Porte⸗ feuille des Aeußern, der Andere des Kriegs, aber Beide nach dem Augenwink oder Fauſtſchlag des Kaiſers gerichtet. In der Mitte zwiſchen Beiden, wie das Zünglein des Rechts zwiſchen zwei deutſch⸗ und franzöſiſchſchwankenden Wag⸗ ſchalen, ſteht mein ehrlicher Simeon, ehrlich um der Ehr⸗ lichkeit willen, aber mehr mit dem Blick auf den König. Er moͤchte Jeröme's Schwächen decken, und ihm da und dort einen Glanzpunkt aufſetzen. Hinſichtlich des König⸗ reichs iſt er vielleicht— trop indolent et même un peu trop souple.—— Ich ſage Ihnen das, lieber junger Mann, weil ich weiß, daß Sie ſich für die Beſtrebungen einer patriotiſchen Partei intereſſiren. Aber— nur vor⸗ ſichtig! Nichts übereilt! Es kommt von ſelbſt! Der Herz— ſchlag des Reichs iſt Rebellion. Ich drücke mich ſtark aus, nicht wahr? Aber,— o mein lieber junger Mann! Solche Betrachtungen verfolgen mich auch wie Geſpenſter! Ich verſinke in Muthloſigkeit, in Hoffnungsloſigkeit! Ach, wie leid thut mir das, hoher, verehrter Mann! erwiderte Hermann, und fuhr auf einen ängſtlichen Wink Müller's, nicht laut zu werden, leiſer fort: 236 Und doch, wie mir ſcheint, hätten gerade Sie alle Urſache zufrieden zu ſein. Sie ſind hier der Vertreter und Hort der Wiſſenſchaften. Darin ſind Sie einig mit ſich ſelbſt, einig mit dem Könige, der die Univerſitäten will, wie Sie mir ſagen, einig mit Deutſchland, das ja leider! eben nur in Wiſſenſchaft und Sprache noch einig mit ſich ſelber iſt. Bei Gott, Sie könnten der glücklichſte Beamte in Weſtfalen ſein! Sie athmen ja in vollem Einklang mit ſich und der Welt! Herr von Müller drückte dem jungen Freunde die Hand, indem er verſetzte: Aber,— was wird aus der Welt? Ich habe mein Ohr an die Conferenzen in Erfurt gelegt. Eine tiefe Beſchämung ergreift mich beim Namen Napoleon. Sie wiſſen, wie groß ich noch jüngſt vom Kaiſer dachte. Mit meinem Vertrauen auf ihn wankt all' meine Hoffnung auf die Zukunft, und greift mir Jeröme noch die Univerſi⸗ täten an, ſo bricht mein Leben. Ja, Napoleon! Aber frei⸗ lich, ein Hiſtoriker wie Johannes Müller von Schafhau— ſen, hätte ſich längſt ſagen können, daß einem Manne, der mit ſeinem 29. Lebensjahr allen Ruhm erſchöpft hatte, nichts übrigbleibe, als ein Egoiſt zu werden. Qui, oui, mein Freund Perthes hat Recht. Der Weltgewaltige iſt des Teufels geworden, wie kein Anderer, ſchreibt er mir, weil er ſich ſelbſt zu ſeinem Gott gemacht hat, wie kein Anderer. Dieſem dämoniſchen Menſchen iſt die Welt da⸗ hingegeben, nicht ſich ihm zu fügen, ſondern an der pei⸗ nigenden Kraft des Böſen die erſtorbene Kraft des Guten wiederzuerwecken. Welcher Neubau entſtehen wird,— wer weiß es! Aber das Entſetzlichſte wäre es, wenn nach 237 dieſer Zeit des Schreckens die alte flaue Zeit mit ihren zerbrochenen Formen wiederkehren ſollte. Indem öffnete ſich Beiden gegenüber ein Fenſter im zweiten Stock eines Hauſes, und eine huſtende Stimme ließ ſich hören. Müller blickte dahin und grüßte mit der Geberde, daß er eben komme.— Herr Profeſſor Eich⸗ horn aus Göttingen iſt hier zu Beſuch, ſagte er gegen Hermann, dem er jetzt die Hand zum Abſchied reichte. Gott behüte Sie, und gebe Ihnen freudiges Gelingen auf Ihrem neuen Poſten! Aber vergeſſen Sie einen alten kran⸗ ken, traurigen Mann nicht! Beſuchen Sie mich manchmal! Apropos! rief er, und kehrte noch einmal zurück. Nicht wahr, Sie haben ſich doch den Genius, den ich Ihnen früher empfahl, angeſchafft, und halten ihn feſt, der— wiſſen Sie? Der den Zeigefinger auf die Lippen drückt, nicht wahr? lächelte Hermann. Ja, Herr Staatsrath! Und die Linke legt er aufs Herz, um anzudeuten, daß unverdientes Ver⸗ trauen doppelt heilig zu halten ſei! Neuntes Capitel. Wintervergnügungen. Solche Betrachtungen, mit ſoviel Innigkeit ausgeſpro⸗ chen, hinterließen bei Hermann einen andauernden Ein⸗ druck, ja vielleicht eine ähmende Nachwirkung. Sie kamen 238 aus dem Munde eines Mannes, den er ſo hoch hielt, und verriethen gerade aus einem ſonſt ſo ängſtlichen Munde— als ob ihre Wahrheit Alles überwinden müßte— eine unwiderſtehliche Macht der Ueberzeugung. Ueberdies ſpra⸗ chen ſie bei Hermann eine Sinnesart an, die überhaupt mehr zur Betrachtung als zur Behandlung des Lebens, mehr zur Reflexion als zur Action neigte. Einem ſolchen Sinne widerſtrebt natürlich eine zer⸗ ſtörende Thätigkeit noch beſonders. Gerade eine ſolche konnte durch Uebereilung die Beſorgniß Müller's recht⸗ fertigen, daß die alte flaue Zeit mit ihren abgenutzten Staatsformen wiederkehren möchte, weil ja dann eine in⸗ nere, nur innerlich zu Stande kommende Neubildung noch nicht reif geworden wäre. Sollte man ſich da nicht lie— ber bei der Vorausſicht beruhigen, daß dies Königreich Weſtfalen, in ſich ſelbſt auseinanderſtrebend, beim ge⸗ ringſten Anſtoß eines Weltereigniſſes von ſelbſt zuſammen⸗ brechen werde? Wie oft hatte der Freund auch ſchon dieſe Anſicht von Andern ausſprechen hören! Und wie der Zu⸗ fall manchmal von der poſſirlichſten Laune iſt, ſo mußte Hermann gerade heut jenes Schnupftuch von Perkal ein— geſteckt haben, worauf die Landkarte von Weſtfalen ge⸗ druckt war, und von dem Lina vorausgeſagt, es werde ſich nicht halten. Und wirklich erſchien es auch ſchon ziem⸗ lich ausgewaſchen. Dieſe heitere Erinnerung zerſtreute ſein Nachdenken. Und ein luſtiger Anblick kam dazu, als er eben über den Ständeplatz nach ſeiner Wohnung ging. Ein glänzender Jagdzug bewegte ſich nämlich von der alten Burg herauf. Es war der König mit Gefolge zu Pferd, die hinauf nach dem Frankfurter Thor ritten, wahrſcheinlich ein paar Jagdtage vom Schloß Wabern aus zu halten. Dem Könige rechts ritt ein ſtattlicher Herr kraftvollen Ausſehens; das gutgebildete Geſicht, von unverkennbarem Gepräge eines katholiſchen Prälaten, hatte zugleich den Ausdruck jovialer Lebensluſt. Es war der Fürſtbiſchof von Corvey, Ferdinand Baron von Lüning⸗Oſtwig. Gleich den Jagdoffizieren Jeröme's— wie der Großjägermeiſter, Graf von Hardenberg, der zur Linken des Königs ritt, wie in zweiter Reihe der Baron Siersdorff, Herr Albert Colignon und Herr von Seebach— trug er, hoch zu Roß, hofmäßiges Jagdcoſtüm, den Hirſchfänger umgeſchnallt, geſtiefelt und geſpornt, und nur durch ein abſonderlich geformtes dreieckiges Hütchen ausgezeichnet. Hermann begriff, daß ein ſo lebensfroher Prälat ſich zum Hof eines jungen, luſtigen Königs hingezogen fühlte und öfter einſprach. Er galt denn auch für einen treuen, ehrlichen Anhänger Jeröme's. Der Freund blickte lange dem glänzenden Zugt nach. Seine Gedanken eilten demſelben voraus uüͤber Wabern nach Homberg. Dort hatte man ihn bei ſeinem letzten Beſuche zu einer Jagdpartie eingeladen. Er war nie Jagdliebhaber geweſen; aber er hatte jetzt über ein Pferd zu verfügen, und Ludwig beſaß zwei vortreffliche Jagd⸗ gewehre. Und wie jetzt vor dem Thore die Fanfare luſtig erklang, kam eine lebhafte Sehnſucht über ihn, in der ſich Jagd und Liebe, Luſt und Kampf in wunderſamen Phantaſien miſchten. Der Advent⸗ war gekommen; alle Zeichen ließen ſich zu einem ſtrengen Winter an, und die trüben Tage, mit Schneewolken umhangen, zogen ſich dem Freunde öde und langweilig hin. Sein Geſchäft war ſehr einfach und ließ ihm manche Zwiſchenſtunde für Lectüre und Studien. Nur die Abendſtunden, die er im kleinen vertrauten Kreiſe der Gräfin Bülow zubrachte— denn in ihren Gemächern verſammelte man ſich—, galten ihm in ſeinem dermali⸗ gen Zuſtande für Ziffern, denen gar manche Nullentage nicht nach-, ſondern vorgeſetzt waren, und mithin auch nach der Rechenkunſt des Herzens nicht zählten. Zuweilen erhielt er auf den geheimen Wegen des Tugendbundes Briefe von Luiſe Reichardt aus Halle. Sie erfriſchten ihn durch ihren ſeelenvollen Inhalt und beſonders auch durch Beiſchlüſſe aus dem väterlichen Hauſe, die jetzt mehr Inhalt brachten, als früher auf dem be⸗ denklichen Wege der Poſt. Was man ihm über Preußen meldete, war nicht gerade beſonders erfreulich, aber es ſah doch zuweilen ein wenig nach Hoffnung aus. Die Franzoſen hatten endlich Berlin geräumt, und mit der Rückkehr des Königs erwartete man ein aufathmen⸗ des Leben und einen Ausblick auf die Zukunft. Ein tief beklagtes Ereigniß war die Entlaſſung des Miniſters von Stein, die der König mit ſchwerem Herzen gegeben hatte. War es nicht ein neuer Sieg Napoleon's über Preußen? Der Miniſter hatte an demſelben Tage, an welchem Na⸗ poleon ſeinen ſiegreichen Einzug in Madrid gehalten, heim⸗ lich und in geheimer Richtung Königsberg verlaſſen. Eine Volkserhebung in Preußen ſtand noch in weitem Feld. In Caſſel füllte das Theater die düſtern Abende aus. Das Ballet war Hermann's Vorliebe nicht. Es regte 241 ihn auf, ohne eine edle Erhebung der Seele zu geben; es erweckte ein ſinnliches Verlangen, wo er ſich lieber mit einer ſanften Sehnſucht des Herzens befriedigt hätte. Doch erhoben ſich einige Ballete zu wirklich künſtleriſcher Leiſtung, wie Le déserteur, La fille mal gardée, und Le Songe d'Ossian. Etwas Neues für die höhere Geſellſchaft und für den Hof brachte ein Herr von Seckendorf auf ſeiner Kunſtreiſe mit. Er hatte die Stelle eines Kammerdirectors in Hild⸗ burghauſen niedergelegt, und reiſte unter ſeinem Schrift⸗ ſtellernamen Patrik Peale auf Declamation und Mimik; wobei ihn die bekannte Madame Hendel unterſtützte, die— zugleich in Draperien machte und in plaſtiſchen Darſtellun⸗ gen ſich als Madonna zeigte. Von etwas ſcharfſchmeckendem Abſtich mochten die jetzt wieder beliebten parties fines, die kleinen Orgien, im Schloß und in einzelnen Kreiſen der höhern Geſellſchaft, ausfallen, wovon unter Vertrauten Manches erzählt wurde. Ein Witz des Majors Roſſi aus einem dieſer Abende des zweiten Rangs machte viel Glück unter luſtigen Män⸗ nern, und war eine Zeitlang das Stichwort der Chroni- que scandaleuse. Hermann hörte davon im Leſecabinet der Buchhandlung Thurneiſen. Der Hofbanquier Jordis hatte nämlich einen vertrauten Abend gegeben. Einige der Eingeladenen waren ſo frei geweſen, ohne Vorwiſſen des Wirths, ſoviel Ballettänzerinnen als Gäſte kamen dahin zu beſtellen. Dieſe fanden ſich des ſchlechten Wet⸗ ters wegen alle in ſchwarzen Strümpfen ein, und führten Koenig, Jeroͤme's Carneval. III. 16 242 darin auch ihre Tänze auf. Von welcher Art oder Ent⸗ behrung das übrige Coſtüm dieſer Bajaderen geweſen war, brauchte nicht erzählt zu werden, um den kecken Witz des Majors zu verſtehen, der auf einmal lachend ausgerufen hatte:„Voilà la grosse cavalerie à bottes d'écuyer!“ In den weitern Kreiſen der Geſellſchaft verſprach man ſich für die ſtille Adventszeit eine Entſchädigung durch die öffentlichen und durch die geſchloſſenen Luſtbarkeiten des Carnevals. Auch beim Grafen Buülow war eines Abends die Rede davon. Es war naämlich nach einer Idee des Königs die Anordnung getroffen worden, daß ein jeder der Miniſter während des Carnevals einen Maskenball in ſeinem Hötel geben ſollte, zu dem der Hof das Büffet liefern würde. Dieſe Maskenbälle wollte der König, der die öffentlichen Maskenbälle im Theater für ſeine Perſon allein beſuchte, mit der Königin beehren. Bülow hätte nun gern etwas Apartes gehabt. Er war ſchon mit ſeiner Gemahlin zu Rath gegangen, und ſie hatten allerlei Gedanken zuſammengebracht. Er hielt aber damit zurück, und foderte Hermann und Provencal auf, ſich auf etwas Eigenthümliches zu beſinnen und ihm mit einer glücklichen Idee an die Hand zu gehen. Unter allem ſolchen wichtigen oder nichtigen Treiben kamen die Chriſtfeiertage heran. Nach einem ſtark ge⸗ fallenen Schnee war ungewöhnlich ſtrenge Kälte einge⸗ treten. Hermann hatte ſchon vorher einen zehntägigen Urlaub genommen, und freute ſich, als endlich der 24. December 243 erſchien, mit deſſen Anbruch er, in Mantel und Mütze gehüllt, die Füße in den mit Stroh umflochtenen Steig⸗ bügeln, friſch und fröhlich gen Homberg trabte. Zehntes Capitel. Feiertage in Homberg. Hermann, als er in Homberg einritt, fand die Stadt für einen Wintertag ſehr belebt. Die Garniſon hatte Appell, und bei einzelnen Familien kam Beſuch auf die Feiertage angefahren oder angeritten, wie Hermann eben ſelbſt. Lina empfing ihn mit Jubel, auch Ludwig eilte herbei, und führten ihn gleich auf ſein durchwärmtes Zimmer. Das Pferd fand einen guten Platz im Stall. Nachdem er ſeine erſtarrten Glieder etwas durchwärmt hatte, nahm ihn Ludwig mit hinab, wo ihm Lina noch eine Nachmahlzeit anrichtete. Denn unterwegs mehrmal von der Kälte zur Einkehr in Wirthshäuſer genöthigt, war er zu ſpät zur homberger Mittagſuppe gekommen. Hier galt noch kein franzöſiſcher Fünfuhrtiſch, ſondern die Eſſens⸗ und die Schlafenszeit richtete ſich noch nach der altheſſiſchen Uhr.— Dieſe Erinnerung, die Ludwig dem Freund machte, war gleichſam nur das Stichwort für andere heſſiſche An⸗ 16* 244 gelegenheiten, die hier nur auf die rechte Loſung zu war⸗ ten ſchienen. Denn noch ſaß Hermann beim warmgehal⸗ tenen Haſenbraten, als der Oberſtlieutenant Wolf von Gudensberg ſich anmelden ließ. Dieſe Form des Beſuchs in einer Landſtadt und von einem Küraſſieroffizier kündigte gleich einen artigen Mann an. So erſchien denn auch der ſtattliche Offizier, deſſen ehrliches, herzliches Weſen ſich doch die geſellſchaftlichen Formen anbequemt hatte. Er begrüßte Hermann, ſobald er ihm genannt war, als einen patriotiſch Einverſtan⸗ denen. Der Oberſt iſt nach Tiſche gleich wieder gen Melſun⸗ gen geritten, ſagte er lachend. Er hat uns nur ein Schock Donnerwetter, ein paar Kluppert Himmelſackerment und einige Dutzend Kreuzbataillon zurückgelaſſen, die uns aber nicht, wie er in Perſon gethan hätte, abhalten wer⸗ den, dieſen Abend bei Dörfler zu ſein und neuange⸗ kommene Freunde zu empfangen. Der Major von Wür⸗ then und die beiden Rittmeiſter von Crammon und von Pogwitz kommen ebenfalls zum Abend herüber. Der Poſtmeiſter von Wabern iſt mir eben auch aufgeſtoßen, und der Metropolitan hat Neuigkeiten von ſeinem Sohn. Da bringen Sie denn gleich Ihren lieben Gaſt mit in die Bataille, Herr— Juge-de- paix! Verzeihung, Herr Oberſtlieutenant! fiel Lina ein. Für heute lege ich Beſchlag auf unſern Freund. Ich habe ihn ſchon bei Frau von Stölting angeſagt, wo heut Be ſcherung iſt. Ah! verſetzte der Offizier mit Verneigung, das iſt ein Anderes. Damen haben Vorhand, und wenn eine Frie⸗ 245 densrichterin Beſchlag legt, wage ich nicht, das Siegel zu brechen. Auch beſcheren wir noch nicht, Herr Heiſter, nicht wahr? Unſere Beſcherung kommt vielleicht zu Oſtern. Oſtereier, ha, ha! Weißer Chriſttag, grüne Oſtern. Er hatte dann noch ein beſonderes Apropos für Ludwig in Petto, und dieſer führte ihn auf ſeine Stube. Kaum waren Beide hinaus, als Lina vertraulicher zu Hermann rückte. Während ſie ihm von dem Medoc ein⸗ ſchenkte, den er heut dem Rheinwein vorzog, ihm eine Goldreinette ſchälte und ein paar Wallnüſſe auskernte, ſagte ſie mit aller ſeither zuſammengeſparten Herz⸗ lichkeit: Ich habe dich abſichtlich der heutigen Zuſammenkunft entzogen, lieber Hermann. Du mußt dich erſt mit der Lage der Dinge bekanntmachen. Das Unternehmen für den Kurfürſten macht Ernſt. Du kommſt jetzt gerade zu einer auf das Feſt verabredeten Zuſammenkunft der Einverſtandenen. Ich ſage nicht gern Verſchworene, lie⸗ ber Freund! Das Wort ängſtigt mich immer ſo— um dich und um Ludwigen. Aber, lächelte Hermann, du verſtehſt doch wol ein und daſſelbe darunter, Lina? Nicht wahr? Nun ja, es iſt eine Albernheit von mir, du haſt Recht, lieber Freund; aber es fühlt ſich im Augenblick doch verſchieden. Oder, recht beſehen, iſt auch noch ein Unterſchied.„Einverſtanden“ liegt noch im Hinterhalte des Verſtandes, der Ueberlegung;„verſchworen“ aber ſteht ſchon ſchlagfertig im Bereich des Willens, unter der Fahne der Zuſage, und ich ſehe ihm gegenüber ſchon die 246 Mündung der Kartätſchen oder gar die angeſchlagenen Büchſen der zur Hinrichtung commandirten Jäger. Hu! Es iſt ſchauerlich, entſetzlich! Sie umfaßte einen Augenblick den Freund, hingeriſſen von einer Beſorgniß, die freilich nur noch in ihrer Ein⸗ bildung, aber allerdings lebhaft genug beſtand. Hermann drückte ihre Hand, indem er lächelnd fragte: So ernſthaft ſieht es ſchon bei euch aus, Lina? Ja, Hermann, ganz ernſthaft. Die Männer des ein⸗ flußreichſten Adels ſtehen an der Spitze; die Greben, die Gemeindevorſtände von den benachbarten Diſtricten, ſind in das Unternehmen gezogen und bearbeiten mit Vor⸗ ſicht die ſtreitbaren Männer; an bisher verborgen gehal⸗ tenen Büchſen, Soldatenflinten, Pallaſchen fehlt es nicht; die alten, kurfürſtlichen Soldaten, die bei Mortier's Ein⸗ rücken die Gewehre ſtrecken mußten, reiben ſich ſchon die Hände, ſie wieder aufzunehmen. Und, was eine Haupt⸗ ſache iſt, das hier und in Melſungen ſtationirte Küraſſier⸗ regiment iſt für das Unternehmen gewonnen, und Oberſt Dörnberg, der Anführer des ganzen Wagniſſes, rechnet auf die Carabiner ſeiner Jägergarde. Was? rief Hermann. Auch die Offiziere des Re⸗ giments—? Ja, zum größern Theil. Nur einigen mistraut man noch; andere ſoll der Moment der Erhebung mitfort⸗ reißen. Wenn er nicht das Gegentheil thut und ſie abwen⸗ dig macht, Lina! Die Feiertage ſind nun beſtimmt, die letzten Entſchlüſſe zu berathen. Bisher hat man ſich nur theilweiſe bei Einem oder dem Andern, öfter auch beim Wirthe Dörf⸗ ler verſammelt. Die Feſttage mit ihren lebhaftern Fa⸗ milienbeſuchen ſollen nun die größern Zuſammenkünſte decken. Eine ſolche iſt dieſen Abend. Du wirſt aber wohlthun, lieber Hermann, vor allem über deine Hal⸗ tung, deine Stellung zu dieſen eifrigen, manchmal leiden⸗ ſchaftlichen Männern einig mit dir ſelbſt zu werden. Denn Mistrauen darfſt du durchaus nicht geben, und weißt doch, wie leicht man verkannt wird, wenn man mit ſol— chen Leuten nicht blindlings drauf losgehen kann, oder auch nur Bedenken hat. Beſprich die Sache mit Lud⸗ wigen. Einſtweilen gehen wir dieſen Abend zu Frau von Stölting. Und wer iſt Frau von Stölting? fragte Hermann. Ich habe dir ſchon in Caſſel von ihr geſprochen, ant⸗ wortete ſie. Es iſt die Witwe eines Stabsofftziers, die hier in einer nicht breiten, aber anſtändigen Einrichtung lebt,— eine feine, gebildete Frau von guter, adeliger Familie. Ihr Sohn dient in dem Küraſſierregiment, liegt aber in Melſungen. Eine Tochter iſt bei ihr; ach! ein armes, liebes Weſen. Cordula iſt die verkörperte Herz⸗ innigkeit, leidet aber an einem organiſchen Herzfehler. Das iſt ja wahrhaftig fataliſtiſch, daß ein ſolches Kind auf den Namen Cordula, Herzchen, getauft wird, bemerkte Hermann. Du wirſt ſehen, wie lieb ſie iſt, wie lieb man ſie haben muß, erwiderte Lina. Ach! Und jede Gemüths⸗ bewegung bedroht doch ihr Leben! 248 „ Frau von Stölting empfing unſer Freundespaar mit ihrer ſanften, vornehmen Freundlichkeit. Es war das vornehme Weſen einer edlern Seele, worin das Gefühl der adeligen Geburt aufgelöſt iſt. Sie war von ſchlan⸗ ker Geſtalt und hoher Haltung, das blaſſe Geſicht von unregelmäßiger Bildung, weniger ſchoͤn, als vom wohl⸗ wollendſten Ausdrucke belebt. Die Tochter in ihrem Seſ⸗ ſel grüßte, ohne ſich zu erheben, innig lächelnd, mit vor⸗ geſtreckten beiden Händen, von denen Hermann auch eine ergriff. Sie glich der Mutter nur in der edeln Geſtalt und den ſeelenvollen Mienen, ſonſt war das Geſicht regel⸗ mäßiger, aber ungemein zart, und die Bläſſe von dem eigenthümlichen bläulichen Schimmer tiefen Herzleidens verdunkelt.. Hermann, von ihrem Zuſtande gerührt, von dem un⸗ beſchreiblich tiefen vergeiſtigten Blick und himmliſchen Lä⸗ cheln angezogen, hatte ſich gleich neben ſie geſetzt. Cor⸗ dula gab mit ihrer ganzen Erſcheinung, obgleich ſie nicht klein war, den Eindruck eines lieben Kindes, von dem man ſich immer wieder eine Hand geben läßt und ſie ſtreichet. Er ſprach im Gefühl, ſie in Allem ſanft zu berühren, leiſer und in einem ſo naiv heitern Ton mit ihr, wie Lina es noch gar nicht von ihm gehört hatte. Auch war Cordula in den erſten zehn Minuten mit ihm wie mit einem alten Bekannten, dem ſie doch lauter Neues zu erzählen hatte. 1 Sehen Sie, lieber Doctor, ſagte ſie in ihrer lang— ſamen aufathmenden Art zu ſprechen,— oder, nicht wahr, Sie heißen jetzt Inſpector? Liebe Cordula, fiel die Mutter ein, geſtehe nur gleich ——— 2 2 249 dem lieben Freund unſerer guten Frau Heiſter, daß du die Titel nicht gern haſt. Nein, lieber Herr, ich habe Titel nicht gern, lächelte Cordula. Der Mann mit ſeinem ohnehin verborgenen Kern ſteckt damit in einer unſchmackhaften Schale mehr, und an der man ihn doch immer anbeißen ſoll. Nun gar die Frauen, denen ſolche Schale gar nicht einmal angewachſen, ſondern nur umgelegt iſt! Ueberhaupt aber, lieber Freund, finden Sie es nicht auch ſonderbar, daß die Menſchen lieber nach ihrem Dienſt, nach ihrer Arbeit an⸗ geredet ſein wollen, als nach ihrer Perſon mit einem Vor⸗ und Zunamen? Es iſt vielleicht Beſcheidenheit, liebe Cordula, fiel Lina ein; denn die Meiſten fühlen wol, daß ſie von Perſon nicht immer etwas ſind, aber doch noch etwas leiſten können. Nun, dann ſollten ſie gerade froh ſein, wenn man ſie bei Namen anredet, als wenn ſie von Perſon etwas wären, entgegnete Cordula. Sie haben Recht! ſagte Hermann, und zur Mutter: Drum erlauben Sie, gnädige Frau, daß mich das Fräulein Hermann nennen darf, und ich ſage dann kurz⸗ weg Fräulein Cordula. Die Mutter nickte gerührt. Sie bemerkte den wohl⸗ thuenden Eindruck, den der junge Freund auf die Kranke machte, an der all' ihre Sorge hing. Ich wollte Ihnen ſagen, Hermann, daß ich die Welt außerordentlich lieb habe, erzählte jetzt das Fräulein. Ich darf mich nicht viel bewegen, ich bekomme leicht Herz⸗ klopfen und werde athemlos. Sehen Sie, da kommt die 250 Welt ganz freundlich an mir vorüber, nickt mir zu und beſchenkt mich. Beſonders im Sommer, wenn ich im Freien ſitze, ſehe ich, wie ſich die Menſchen freuen. Und alle bringen mir ein Stück Welt um das andere an mei— nen Seſſel oder Rollſtuhl heran. Und die Zeitungsblät⸗ ter und gedruckten Nachrichten aller Art ſind eine gar prächtige Einrichtung. Sie kommen wie Tauben in meine Arche und bringen mir blühende Zweige, wenn auch manchmal eine Brennneſſel. Und Sie, lieber Hermann, ſehen ganz darnach aus, als ob auch Sie mir viel, oder etwas Apartes, erzählen könnten. Ich weiß, gute Cordula, daß Sie die Muſik lieben, erwiderte Hermann, und da kann ich Ihnen Einiges von Beethoven und andern herrlichen Menſchen aus Wien er⸗ zählen. Ich habe intereſſante Briefe von Reichardt durch Luiſen mitgetheilt erhalten, liebe Lina, und habe ſie mit⸗ gebracht. Ach, Sie lieber, guter Menſch! rief Cordula, und reichte ihre Hand hin. Geben Sie mir auch die andere Hand noch! Sehen Sie, wie ich's treibe: wie ich liebe, freundliche Menſchen gleich feſthalte? Nun will ich Ihnen auch gleich ſagen, wofür Sie mich nehmen müſſen. Ich habe früher einmal von den Korallen geleſen, die aus ihren feſtſitzenden Röhrchen kleine lebendige Fangarme, oder Fingerchen, wie Blumenblätter hervorſtrecken und ausbreiten. Sie wiſſen's ja, Hermann, und damit fan⸗ gen Sie, was Ihnen das bewegte Meer Erwünſchtes zu⸗ führt. Nun ſehen Sie, ſo eine kleine Koralle bin ich, und das Leben hat Sie eben auch hierhergeſchwemmt, und— nicht wahr, ich habe Sie gefaßt? Ja, wenn ich 251 ein Fiſchchen waͤre, das im Lebensſtrom umherſchwimmen könnte und auch einmal vor lauter Luſt einen Sprung in die Luft machte! Aber ich mache keine Sprünge: ich lege mein Herz aus dem angefeſſelten Corallenröhrchen heraus, und wenn Sie vertrauen, es wäre eine Blume, eine Seeroſe— huſch! ſind Sie gehaſcht, ich halte Sie feſt, und Sie müſſen mir von Beethoven, und was Sie Gu⸗ tes wiſſen, erzählen. Bei dieſen Worten erhob ſich Frau von Stoͤlting raſch und nahm Lina mit ins Nebenzimmer. Cordula blickte ihr nach, und ſagte leiſe zu Hermann: Die Mutter iſt gerührt und will es uns nicht merken laſſen. Ach, lieber Freund, es iſt eine Engelsmutter! Gerade, wenn ich recht froh bin, kommen ihr die Thrä— nen. Aber es ſind Freudenthränen,— wiſſen Sie, wie manche Blumen, wenn ſie am ſchönſten blühen, Honig⸗ tröpfchen im Kelche haben. Das wiſſen auch die kleinen Bienen. Sie ſcheinen mit der Natur recht vertraut, liebe Cordula? Ei ja doch, Hermann, die Natur hält mir eben Stand. Sie hat niemals Eile und ich auch nicht. Ich bin am wohlſten, wenn ich ſo ruhig athmen kann wie ſie, wie die Natur am Sommerabend über Blumen ath⸗ met, und ich kann nicht dankbarer für ihre Geſchenke ſein, als wenn ich ſie recht betrachte. Inzwiſchen war im andern Zimmer Frau von Stöl⸗ ting an Lina's Bruſt geſunken. Ach, mein liebes, armes Kind! flüſterte ſie. So 252 durchleuchtet von innerer Seligkeit hab' ich's noch gar nicht geſehen. Eben durchbebte mich die Ahnung, daß in dem kranken Herzen die Liebe noch erwachen könnte, und daß es daran ſtürbe, wie die kranke Muſchel an ihrer wach⸗ ſenden Perle. Ich kann nicht ſagen, liebe Freundin, daß ich es fürchte: ach! es wäre ja eine Neigung ohne An⸗ ſpruch und Erwartung. Ich ſehe ja täglich der Auflöſung meines edeln Kindes entgegen, und bin ſelbſt auf ein plötzliches Hinſcheiden gefaßt. So gönnte ich meiner ſüßen Ephemere, daß ſie noch in dieſem Liebesabendglanze ihres flüchtigen Lebenstages das halbätheriſche Körperchen ab⸗ ſtreifte. Ich hänge ſogar an dem Aberglauben, liebe Lina, daß die Liebe ein Gefieder ſei, womit man ſich in der Geiſterwelt höher ſchwingen könne, als es einer un⸗ geſtederten Seele gegeben iſt. Aber nicht wahr, Ihr Freund iſt ein reiner Menſch, der nichts ſagt, nichts denkt, was meinen zarten Engel erſchrecken oder nur zu ſtark erregen könnte? Man darf ihm vertrauen, ſcheint mir? Im Augenblicke, wo Lina ſich für Hermann herzlich ausſprechen, gut für ihn ſagen wollte, war im vordern Zimmer Beſuch eingetreten, und Frau von Stölting eilte hinüber, von Lina begleitet. Sie hatten die Frau Dechantin zu begrüßen, die vom Stift heraufkam. Ich habe mich verſpätet, ſagte Marianne von Stein. Wir hatten auch Beſcherung vor dem Thee. Die gute Frau Aebtiſſin wollte es gern den jungen Dämchen, die wir zu Beſuch haben, recht wie zu Hauſe machen. Während ſie ſich dann zu Cordula ſetzte, und mit ihr 253 und Hermann freundlich plauderte, zündete im Neben⸗ zimmer Frau von Stölting den Chriſtbaum an, klingelte dann, und die Zwiſchenthür öffnete ſich, ſodaß der Licht⸗ glanz lockend hereinfiel. Cordula freute ſich wie ein Kind. Die Dechantin kam ihr zu Hülfe, ſie ſanft hinüberzuführen, wobei ſie Her⸗ mann winkte, den Seſſel nachzuſchieben. Der ſtrahlende Baum war mit kleinen Geſchenken um— legt. Niemand ging leer aus: Cordula war von der Mutter, von der Dechantin und Lina bedacht, die Mut⸗ ter von beiden Letztern, Lina von der Dechantin und Frau von Stölting, und Hermann von Lina. Alle Gaben hielten ſich in den Schranken eines näch⸗ ſten kleinen Bedürfniſſes oder einer artigen Brauchbarkeit, und erfreuten durch liebevolle Aufmerkſamkeit, ohne durch prunkenden Aufwand zu beſchweren. Das Koſtbarſte war die Reiſebeſchreibung einer Fahrt um die Welt mit Kupfern und Karten für Cordula. Sehen Sie, Hermann, wie die Welt zu mir kommt! jubelte ſie, von der innern und äußern Bewegung etwas kurzathmig. Du erinnerſt mich an die Welt, Herzchen, ſagte Ma⸗ rianne Stein. Was weiß man denn in Caſſel von mei⸗ nem Bruder Erminiſter, lieber Herr Doctor? Daß er Königsberg verlaſſen, gnädige Frau, weiter noch nichts. Die neueſte Nachricht iſt mir dieſen Abend als Be⸗ ſcherung Napoleon's eingelaufen, erzählte die Dechantin. Der Kaiſer hat von Madrid aus meinen Bruder mit der Bezeichnung Le nommé Stein in die Acht erklärt, und 2⁵4 Befehl gegeben, daß alle ſeine im Rheinbund liegenden Güter mit Beſchlag belegt werden. Mein lieber Karl ſelbſt iſt aber, Gott ſei Dank! geborgen in Prag an⸗ gekommen. Die heitere Faſſung, mit welcher die Dechantin eine ihren Bruder und die Familie ſo ſchwer bedrohende Neuig⸗ keit mittheilte, erleichterte die betrübte Theilnahme der Freunde. Man ſprach von den beſſern Zeiten, die Alles wieder herſtellen müßten. Auch der Allen ſo nahe liegen⸗ den vaterländiſchen Unternehmung wurde gedacht,— von Marianne mit beſſern Erwartungen, als Frau von Stöl⸗ ting zu hegen ſchien, ohne daß jedoch der Theilnahme des Stifts an dem Aufſtande auch nur mit einer Silbe ge⸗ dacht wurde. Als nun der Thee im vordern Zimmer genommen werden ſollte, verlangte Cordula, von Hermann geführt zu werden. Er hat's ja von Ihnen geſehen, und muß es lernen, Frau Dechantin, ſagte ſie. Denn er wird uns jetzt öfter beſuchen, und im Frühling ſoll er mich in unſer Haus⸗ gärtchen führen. Nein, Herzchen, dann wirſt du hinausgetragen! ver⸗ ſetzte Marianne. Die Mutter ſchrak bei dieſen Worten zuſammen und erblaßte. Sie mußte ſich einen Augenblick ſetzen, denn die Knie zitterten ihr. Die Andern, um die Kranke be⸗ müht, bemerkten es nicht,— zum Glück für die Dechan⸗ tin, die ſich ſonſt über den Doppelſinn ihres Wortes gar ſchwer beruhigt hätte. Hermann hatte Cordula umfaßt, ſodaß er ſie halb⸗ 255 getragen führte. Lina ſchob den Seſſel nach. Cordula, obgleich angegriffener als vorher, rief aus: Er kann's, er kann's ſchon gut! Ich athme viel leich— ter. Und nach dem Thee ſingt er uns auch ein Lied. Ich will mich freuen, wenn Lina nicht zuviel von ſeinem Geſang geſagt hat. Der übrige Abend verlief unter heitern Geſprächen und einigem Geſang am Klavier der Frau von Stöl⸗ ting. Beim Abſchied mußte Hermann der Kranken ver⸗ ſprechen, recht bald mit den wiener Briefen wiederzu⸗ kommen. Gewiß! ſagte er, während ſie ihn bei der Hand hielt. Cordula iſt ein Cordelettchen, ein Schnürchen, und wenn's zuckt, bin ich da! Die obern Fenſter beim Wirthe Dörfler waren noch hell erleuchtet, als Hermann und Lina auf dem Heim⸗ wege vorüberkamen. 256 Elftes Capitel. Ein Blick in die Verſchwörung. Die kurzen, kalten Tage der Feſtwoche, die Hermann in den homberger Kreiſen verweilte, gingen ihm wie in einem Rauſche hin. Es wechſelten geheime Verſammlun⸗ gen der Einverſtandenen mit Feſteſſen bei angeſehenen Familien und mit Treibjagden. Nur eine der letztern machte der Freund mit. Sonſt zog er es vor, während es draußen in den Forſten knallte, mit Lina in herzlichen Geſprächen über höhere Fragen des Lebens, in Träumen von einer glücklichen Zukunft oder am Pianoforte zu ver⸗ kehren. Dazwiſchen machten ſte Beſuche im Stift, wo heitere junge Damen zu Gaſt waren. Darunter Karo⸗ line von Baumbach, die Hermann von früher her kannte, nicht weniger blühend von Ausſehen, als im vergangenen Mai, aber noch ernſter, man konnte ſagen geſpannter, oder myſteriöſer in ihrem Benehmen. Sie betrieb es auch, daß Schiller's„Jungfrau von Orleans“ einen Abend geleſen würde. Es kam aber nicht dazu; denn Hermann und Lina zogen ſich ſtets zurück, weil ſie die Abende, den traulichſten Theil eines froſtigen Wintertags, am lieb⸗ ſten bei Frau von Stölting zubrachten. Hermann hatte gewöhnlich Reichardt's Briefe bei ſich, um, wenn es paßte, Eins oder das Andere daraus mit⸗ zutheilen. Denn Frau von Stölting knüpfte gern Ge⸗ — —ÿxV 257 ſpräche an die einzelnen Nachrichten, die dann hinter ſolche lebhaftere Mittheilungen zurücktraten. Sie hatte durch ihren Vater, der in weitreichenden Verbindungen geſtan⸗ den, manche Perſonenkenntniß aus deutſchen Reſidenzen, wie ihr überhaupt die Welt und ihr Verkehr durchaus nicht fremd war. Unter den neuern Componiſten liebte ſie Beethoven, und gerade über ihn brachten die Briefe manche Nachricht. Ihn zu beſuchen hatte Reichardt viel Mühe gehabt, bis er ihn erfragte; denn er bewohnte in Wien auf gut Deutſch kein ſo anſehnliches und eigenes Haus wie Salieri, der Italiener, und man bekümmerte ſich nicht ſehr um ihn. „Endlich“, ſchrieb Reichardt,„fand ich ihn in ei— ner großen, wüſten, einſamen Wohnung. Er ſah an— fänglich ſo finſter aus wie ſeine Wohnung, erheiterte ſich aber bald, ſchien ebenſowol Freude zu haben, mich wiederzuſehen, als ich an ihm herzliche Freude hatte. Es iſt eine kräftige Natur, dem Aeußern nach eyklopen⸗ artig, aber doch recht innig, herzig und gut. Er wohnt und lebt viel bei einer ungariſchen Gräfin Erdödy, die den vordern Theil des Hauſes inne hat.“ Dieſe Gräfin, ſagte Hermann, iſt auch ſo ein gutes, krankes Menſchenkind, eine Menſchenblume, die in ihrem Stückchen Erde wurzelnd die liebevollſten Gedanken wie Thautropfen des Himmels in ihrem warmen Herzen em⸗ pfängt. Reichardt ſelbſt ſchreibt, daß bei ſeinem Beſuche die Rührung faſt mächtiger als die Freude über ihre Be⸗ kanntſchaft geweſen wäre. Hören Sie, was er ſchreibt! „Denkt euch eine ſehr hübſche, kleine, feine, fünfund⸗ zwanzigjährige Frau, die im funfzehnten Jahre verhei⸗ Koenig, Jeröme’s Carneval. III. 17 258 rathet wurde, gleich vom erſten Wochenbette ein unheil⸗ bares Leiden behielt, ſeit den zehn Jahren nicht zwei, drei Monate außer Bett hat ſein können, der allein der Ge⸗ nuß der Muſik blieb, die ſelbſt Beethoven'ſche Sachen recht brav ſpielt, und mit noch immer geſchwollenen Füßen von einem Fortepiano zum andern hinkt, und dabei doch ſo heiter, freundlich und gut.—— Und nun bringen wir den humoriſtiſchen Beethoven noch ans Fortépiano, und er phantaſirt uns wol eine Stunde lang aus der innerſten Tiefe ſeines Gefühls mit Meiſterkraft und Gewandtheit, daß mir wol zehn mal die heißeſten Thränen entquollen. Wie ein innig bewegtes glückliches Kind habe ich an ſei⸗ nem Halſe gehangen, und mich wieder wie ein Kind dar⸗ über gefreut, daß ihn und alle die enthuſiaſtiſchen Seelen auch meine Goethe'ſchen Lieder glücklich zu machen ſchienen.“ Ja, die ſind auch charmant! rief Frau von Stoͤlting, die ihrer Tochter tiefe Rührung bemerkte. Gehen Sie, Hermann, und ſingen uns eines der anmuthigſten! Hermann öffnete das Klavier und ſang das herrliche kleine Lied: Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh. Doch traf er es bei der leicht ſchreckbaren Mutter mit dem Schluſſe:. Warte nur, balde Ruheſt du auch— nicht gut. Sie winkte der Frau Lina zu, die nun raſch den Freund mit einem damals beliebten Lied ablöſte, über deſſen Anzüglichkeit ſie aber auch erſt unter dem Singen für ſich ſelbſt betroffen wurde. Es begann: ₰ 4 1 259 Heimlich zwar, doch inniglich Lieben wir uns Beide; Denn die Liebe ſcheuet ſich Weislich vor dem Neide u. ſ. w. Sehr gegen dieſe ſtillen, herzinnigen Abende ſtach ein Mittageſſen im Stift ab, aus den verſchiedenſten Gä⸗ ſten gemiſcht, die nicht alle zu den Eingeweihten des Bun⸗ des gehörten. In ſolchen Kreiſen beſchränkten ſich dieſe Begeiſterten darauf, Anekdoten vom Kurfürſten zu erzäh⸗ len, die an die Gerechtigkeitsliebe des Fürſten, an ſein Bemühen für die Wohlfahrt des Landes, an ſeine Spar⸗ ſamkeit zur Erleichterung der Abgaben u. ſ. w. erinnerten. Man wollte, wenn auch verſteckterweiſe, für den guten Zweck wirken, und überließ dabei Jedem, den Vergleich mit der Gegenwart anzuſtellen, überzeugt, daß auch Die⸗ jenigen, die nichts weiter dabei dächten, doch die nach⸗ wirkenden Geſchichtchen unter das Volk bringen würden. Höchſtens äußerte Einer oder der Andere, wie billig es doch ſei, daß der wohlhabende Adel ſein Eigenthum ruhig zu genießen, der vermögenloſe gute Stellen im Militär oder Civil zu erhalten wünſche. Die handeltreibende Claſſe müſſe natürlich eine Wiederherſtellung freien Verkehrs ohne große Aufopferung verlangen. Dann ſetzte wol ein Anderer hinzu: die Mittel⸗ ſtände hingen nun einmal mit alter deutſcher Geſinnung an der frühern Verfaſſung, und es gehöre viel dazu, die Liebe zu einem Fürſtenhauſe vergeſſen zu machen, das Jahrhunderte lang, durch Glück und Unglück hindurch, als Säule der Hoheit eines edeln deutſchen Volks be⸗ ſtanden habe. 3 17* 260 Sobald jedoch die Unterhaltung zu bezüglich zu wer⸗ den drohte, brachte die Aebtiſſin mit ihrer gutmüthigen Schlauheit das Wort an irgend einen Gaſt, der ſolche Aeußerungen neutraliſiren konnte. Heut war es ein be⸗ nachbarter Pfarrer, der durch ſeine eiteln, unterwürfigen Manieren ſich der Geſellſchaft mehr, als er es wollte, zum Beſten gab. Die Aebtiſſin, die Hermann bei ſeinem Frühjahrs⸗ beſuche nicht angetroffen hatte, war eine Dame aus dem alten heſſiſchen Hauſe der von Gilſa, von würdevoller Haltung und ausnahmsweiſe in ihrer Familie von hoher Geſtalt. Sie verſtand und liebte es, einer großen Wirth⸗ ſchaft vorzuſtehen, die mit Verſtand verwaltet und mit Wohlwollen verwendet wird. Pfarrer Dellermann, der durch die kluge Güte der Dame wieder ans Wort gekommen war, unterließ denn auch nicht, zu dem inzwiſchen vorgelegten Braten einen Trinkſpruch„auf die beſtändige Prosperität des hoch⸗ adeligen Wallenſtein'ſchen Stiftes“ auszubringen. Und indem er nach dem allgemeinen Hoch der Tiſchgenoſſen⸗ ſchaft ſtehen blieb und im Trinken abſetzte, ſagte er: Aber, Hochwürden Gnaden, das iſt ein delicioͤſer Wein! Und mit Vergunſt für meine Wenigkeit muß ich hinzu⸗ fügen— es iſt ein rechtes Vinum für meine ſtomacha⸗ liſchen Umſtände. Man lachte, und der Oberforſtmeiſter verſetzte: Ohne zu unterſuchen, was Ew. Ehrwürden für ſto⸗ machaliſche Umſtände haben, müſſen wir doch anerkennen, daß Sie ein grammatikaliſch richtiger Mann ſind. Denn —— da Vinum im Latein ſächlichen Geſchlechts iſt, ſo muß es 261 allerdings heißen— ein rechtes Vinum. Wir denken immer an unſern männlichen Wein, und meinen, es müſſe heißen— ein rechter Vinum. Ah, mein gnädiger Herr Oberforſtmeiſter, erwiderte der Pfarrer, ich müßte mich ja einer Sünde gegen die elaſſiſchen Autoren, meine Abgöͤtter, ſchämen, wollt' ich ſagen— ein richtiger Vinum. Zumal hier der Fall nicht eintritt, wie bei jenen Studenten, die einen katholi⸗ ſchen Pfarrherrn heimſuchten. Als er ihnen nämlich einen leichten Wein vorgeſetzt, und darauf in ſeinem Küchen⸗ oder Kirchenlatein gefragt hatte, wie ſte den Wein fän⸗ den, antworteten ſie: Bonus vinum. Worauf der Pfarrer bei ſich dachte: Das ſind mir auch ſchöne Lateiner! Bei Tiſche gab er ihnen dann eine beſſere Sorte und fragte abermal, da er denn die Antwort erhielt: Bonum vinum, Domine! Auf die Frage, warum ſie denn früher den lateiniſchen Schnitzer gemacht hätten, verſetzten ſie: Quale vinum, tale latinum! Wie der Wein, ſo das Latein! Ha, ha! Iſt das nicht charmant? Und indem er das ihm von einem Tiſchnachbar in⸗ zwiſchen gefüllte Glas leerte, rief er aus: Bonum vinum, immo optimum!— Worauf er mit Selbſtzufriedenheit fortfuhr: Ja, meine gnädigen Herrſchaften, ich darf wol ſagen, daß ich den lateiniſchen Autoribus die glücklichſten Stun⸗ den meines häuslichen Lebens ſchuldig bin, zumal wir der Kinder entbehren. Beſonders haben mich im Terentio die muntern Scherzreden des Davus immer weidlich er⸗ götzt, und neben gutem Wein iſt herzliches Lachen das beſte Mittel für ſtomachaliſche Umſtände meiner Art. Hatte ſich Hermann an dieſem latemiſchen Gecken er⸗ götzt, ſo machte es einen ſehr ernſten Eindruck, als am andern Frühabende der Metropolitan Martin in die Ver⸗ ſammlung der Kurfürſtlichgeſinnten beim Wirthe Dörfler eintrat, und die Grüßenden mit den feierlichen Worten anredete: Ubi non adest pudor, nec pietas fidesque, haud stabile regnum est, ſagt ſchon der alte Seneca. Ja, wo keine Scheu mehr waltet, keine Pietät und Treue, iſt ein Reich ohne Beſtand. Dieſe in den ewigen Geſetzen der Weltgeſchichte begründete Wahrheit gibt mit Einem uns zugleich die Loſung zu unſerm Unternehmen und die Bürg⸗ ſchaft des Gelingens. Ich habe hier die Punkte unſerer Beſprechung und unſers Einverſtändniſſes zu Papier ge⸗ bracht, und können wir nun die gemeinſame Berathung alsbald in Gottes Namen ſchließen, indem mehre der Freunde noch mit dem aufgehenden Mond abreiſen wollen. Ueber dieſe feſt angenommenen Beſtimmungen haben wir nun die abweſenden Bundesgenoſſen gelegentlich zu ver— ſtändigen und mit uns zu einigen. Sodann habe ich auf dieſem beſondern Blatt Dasjenige angedeutet, was nun zunächſt noch mit der größten Klugheit und Vorſicht aus⸗ zurichten bleibt. Aber Herr von Dörnberg, den wir ja als unſern Feldhauptmann anerkennen, iſt der Mann für ſolche Klugheit und Berechnung ſo der Menſchen wie der Mittel. Wenn nämlich unſere Abſicht dahin geht, den gutmüthigen, jugendlichen König, der ſelbſt kaum weiß, wie und wozu er auf einen deutſchen Thron gekommen iſt, und den wir mit aller Schonung entfernen wollen, ihn und ſeine treuen Generale in der Nacht vor dem — 263 Ausbruch der Erhebung zu arretiren und im Caſtell zu verwahren, ſo muß freilich erſt noch der Commandant des Caſtells und ein Hauptmann der Grenadiergarde ge⸗ wonnen werden, der in jener Nacht die Schloßwache über⸗ nimmt. Ebenſo iſt allerdings zwar der Aufbruch der be⸗ waffneten Landesbezirke durch die tapfern Küraſſiere gedeckt, deren bravſte Führer bereits unſerm Bunde angehören; aber Dörnberg muß ſich dann auch noch ſeines Jäger⸗ regiments verſichern, das ſich bei Caſſel zu uns ſchlägt, ſodaß die übrigen Truppen, die etwa noch zur Sache des Königs ſtehen moͤchten, durch das Beiſpiel beider Regi⸗ menter gewonnen, oder durch deren uns befreundete Waf⸗ fen mitüberwältigt werden. Dörnberg beſetzt dann die Reſidenz, und Schmerfeld nebſt Witzleben übernehmen die proviſoriſche Regierung bis zur Ankunft des Kurfürſten. Soweit erſtreckt ſich die innere Vorbereitung, die in unſere Hand gegeben iſt. Die Gunſt des Zeitpunkts der Ausführung aber hängt freilich von höhern Fügungen und auswärtigen Combinationen ab. Das Frühjahr muß je⸗ denfalls abgewartet werden. Bis dahin wird hoffentlich Oeſtreich gegen Napoleon vorgehen, und Preußen wird ohne Zweifel endlich einmal ſoviel Verſtand haben, ſich an Oeſtreich anzuſchließen; dann wird mit uns muthigen Heſſen auch das übrige gedrückte Volk ſich erheben, die ganze begeiſterte Nation wird aufſtehen, Alles was ſich ihr entgegenſtellt erdrücken, und Deutſchland wird in neuer Freiheit aufathmen und in neuer Verfaſſung ſeine hohe Zukunft antreten. Dieſe Anrede rief, vielleicht mehr durch den Nachdruck und den vertrauensvollen Blick des würdevollen Redners, ——— —— —— ———õ—⅓———ÿᷣ b 264 als durch den Inhalt ſelbſt, unter den Anweſenden eine tiefe Bewegung hervor. Man umarmte ſich, drückte ein⸗ ander die Hände, blickte einander in die Augen. Zuver⸗ ſicht in das Unternehmen und in die wechſelſeitige Treue und Verſchwiegenheit waren darin ausgeſprochen, und dieſe Empfindungen und Gelöbniſſe, wie ſie einem Geheimniſſe galten, nahmen ſelbſt den Ausdruck des Geheimnißvollen an. Es galt jetzt noch um Eines: wie man nämlich die Beſprechungen und Beſchlüſſe der Verſammlung an Dörn⸗ berg und die caſſeler Verbundenen am beſten überliefere. Schriftlich war es zu weitläufig oder auch bedenklich; durch wen aber konnte es mündlich mit Verlaß geſchehen? Da kam Hermann in Vorſchlag, der ohnehin im Be⸗ griff ſtand, nächſter Tage nach Caſſel zurückzukehren. Der Freund hatte ſich gleich anfangs mit Ludwig be⸗ rathen und dieſen vermocht, ihm eine mehr paſſive Theil⸗ nahme nachzugeben, und ſolche in der Verſammlung der Einverſtandenen durch ſeine eigenthümliche Dienſtſtellung zu rechtfertigen und zur Anerkennung zu bringen. Dies war dann auch geſchehen. Man mistraute dem Freunde Ludwig's nicht, und fand ihn durch ſeine geiſtige Be⸗ gabung und äußerliche Erſcheinung zum Vermitteln und Verſtändigen beſonders geeignet. Hermann übernahm alſo den Auftrag, und hoffte auf dieſen Wegen Manches in ſeinem Sinn und aus ſeinen höhern Geſichtspunkten ausrichten zu können. Als er am 2. Januar nach Caſſel zurückkam, fiel es ihm doch auf, wie in einer ſo lebhaften Reſidenz doch ——— gleich, auch hinter der kürzeſten Abweſenheit, ſich hundert kleine Begebniſſe anhäufen, die, einzeln erlebt, ſich der Be⸗ achtung leicht entzogen hätten. Zuerſt fand er eine Viſitenkarte von Jacobſon, der nun als Präſident des neuen jüdiſchen Conſiſtoriums nach Caſſel übergezogen war. Seine Antrittsrede, mit der er die erſte Sitzung eröffnet hatte, lag dabei. Es ſprach ſich darin ein unterrichteter, aufgeklärter, denkend⸗ umblickender und der chriſtlichen Bildung nacheifernder Israelit aus. Hermann mochte ihm nicht Unrecht geben, wenn derſelbe die Ausartung des Judenthumes auch in den trefflichen und erhabenen Stücken der Lehre und Geſetze deſſelben, jener grenzenloſen Gleichgültigkeit beimaß, welche die Re⸗ gierungen bisher gegen die religiöſe und ſittliche Verfaſſung der Juden bewieſen hatten. Sodann intereſſirte den Freund, daß Herr von Wolff⸗ radt nun zum wirklichen Miniſter des Innern ernannt worden war. Einige Erſcheinungen, wie geringfügig ſie auch aus⸗ ſahen, ſchienen ihm doch in Bezug auf das Unternehmen des Heſſenbundes nicht ohne Bedeutung. Es hatten ſich an verſchiedenen Orten bei der Militärziehung Widerſetz⸗ lichkeiten ergeben, ſodaß man ein beſonderes Depot für die Widerſpänſtigen in Paderborn errichtet hatte. Im Parterre des Theaters war es zu Tumulten ge⸗ kommen, für die man von mehren Seiten die neue Ein⸗ richtung der Polizei gern verantwortlich gemacht hätte. Auch neue Genüſſe für den Winter waren angeboten. Unter Anderm hatte im Foyer des Theaters ein gewiſſer Seignart de Villiers, geweſener Lector an dem ſchwedi⸗ 266 ſchen und preußiſchen Hofe, declamatoriſche Vorträge aus Tragodien, Komödien und Poſſen eröffnet,— vier Vor⸗ träge im Abonnementspreis von einem Friedrichsd'or, wo⸗ bei jeder Herr eine Dame frei mitbringen konnte. Dieſe Nachricht erinnerte Hermann an das Anliegen ſeines Gönners, des Miniſters Bülow, wegen einer Idee zu ſeiner Staatsmaskerade für das bevorſtehende Carneval. Zwölftes Capitel. Wer war nuun der Narr? Ueber Nacht war dem Freunde für ſolchen Zweck ein wunderlicher Gedanke aufgedämmert. Er wußte ſelber nicht, wie er darauf gekommen war; denn das Humori⸗ ſtiſche lag ſeiner leicht erregbaren Gemüthsſtimmung we⸗ niger nahe, als etwa das Witzige und im gewöhnlichen Sinn Launige. Je mehr er ſich aber den Gedanken klar machte, deſto mehr bedünkte ihn, die unerſchöpflichen Narrheiten des menſchlichen und geſellſchaftlichen Lebens müßten ſich für eine Maskenluſtbarkeit prächtig einführen laſſen; luſtig, unterhaltend und doch zugleich bedeutſam dadurch, daß ſie, bezüglich aufgefaßt, mit dem Tiefſinn des Lebensernſtes durchſchlügen. Er ließ ſich von dieſem Ge⸗ danken ſo einnehmen, daß er kaum den Abend erwarten konnte, um zur Gräfin zu eilen und ſie vor allem, viel⸗ leicht gegen die Einwendungen des Miniſters, zu gewinnen. 267 Sein Einfall wurde denn auch von Beiden mit dem freundlichſten Beifall aufgenommen. Indeß hatte die Gräfin ſelbſt ſchon einige Ideen„ausgeheckt“, wie ſie ſagte, die ſie ungern aufzugeben ſchien, und der Miniſter erinnerte, daß nicht nur alles Anzügliche, was in die höhern Kreiſe träfe, allzu ſorgfältig vermieden werden müßte, ſondern daß er auch den Gedanken, das Feſt aus einem einzigen Ge⸗ ſichtspunkt anzuordnen, habe aufgeben müſſen.— Ich muß mit meinen Einladungen weiter greifen, ſagte er, als daß ich mich mit allen Gäſten wegen ihrer ſich anſchließenden Masken benehmen könnte. Ueberdies bleibt zu bedenken, daß die Franzoſen für eigentlichen Humor keinen Sinn haben; daß überhaupt nur Einzelne meiner Gäſte in eine umfaſſende Idee eingehen würden, denn die Meiſten in der Welt haben ebenſoviel Mangel an Einſicht, als Ueber⸗ fluß an Eigenliebe und Eigenſinn; und endlich, ſo würden wir ja den ganzen Zweck eines Carnevalfeſtes verfehlen, wenn wir die Gäſte in ihrer Maskenfreiheit beſchränken wollten. Doch iſt Ihr Gedanke, mein lieber Freund, ſo köſtlich, daß er wenigſtens theilweiſe als Ingredienz, viel⸗ leicht als Würze des Ganzen ausgeführt werden muß. Meine Frau wird mit näher bekannten Perſonen die Aus⸗ führung beſprechen, und Sie müſſen ſie dabei unterſtützen, verſteht ſich.— Ob nun von Bülow's Abſichten und Zubereitungen etwas verlautet, oder ob man gewohnt war, von dem geiſtreichen preußiſchen Staatsmanne etwas Abſonderliches zu erwarten,— genug, Jedermann beeiferte ſich, um nicht zurückzubleiben, mit einer ſinnreichen Maske, und als der 268 Tag des Bülow'ſchen Carnevals kam, konnte es nicht feh⸗ len, daß das Feſt außerordentlich glänzend und zahlreich beſucht wurde. Und da ſich auch Jeröme von dem Abende viel verſprach, ſo fiel ſelbſt das vom Hof beſorgte Büffet beſonders fein aus. Unter den mannichfachen, theils einzelnen Figuren, theils zuſammengehörigen Gruppen oder ganzen Zügen zeichneten ſich vier Nürnbergerinnen durch den Geſchmack aus, wo⸗ mit ſie nach Albrecht Dürer coſtümirt erſchienen, und ſich allerliebſt benahmen. Der Gedanke war von der Gräfin ausgegangen, und ſie ſelbſt verrieth ſich in einem dieſer Anzüge leider dadurch ſehr früh, daß ſie ſich zu ange⸗ legentlich bemühte, den Umherſtehenden abzulauſchen, ob und wie ihnen die Maske gefalle. Ddie für Hermann's Gedanken gewonnenen Perſonen hatten ſich nur zu den unſchuldigſten Narrheiten verſtan⸗ den, und befriedigten ſehr wenig die Erwartungen, die er ſich von ſeinem Einfall gemacht hatte. Es erſchien eine geographiſche Närrin mit Landkarten bedeckt. Eine aſtronomiſche Närrin hatte einen langſchweifigen Kometen auf der Stirne und einen mächtigen Tubus un⸗ term Arm. Eine Wappennärrin wandelte mit großen und kleinen rothen Wappenabdrücken auf dem weißen Gewand, und führte eine mit Wappen behangene Fichte als Stamm⸗ baum mit ſich. Ein Blumennarr ſah aus einem Blumenklump hervor, den er mit ſich umhertrug, und ein Spielnarr ging in ——— 269 Kartenblättern gekleidet, mit einer viereckigen Muͤtze bedeckt, die vier Kartenfarben bezeichnend, Pique nach vorn, Coeur nach hinten gewendet. Das meiſte Aufſehen machte aber ein närriſcher Apo⸗ theker, den Mörſer als Mütze mit dem Stößel als Zopf aufgeſetzt, über die Bruſt mit Recepten behangen, einen ellenlangen Preiscourant aller Medicamente in der Linken, und zur Rechten von ſeinem Proviſor begleitet, der Büch⸗ ſen, Gläſer, Schächtelchen, Duͤten mit Aufſchriften, wie ein Tabulettkrämer, trug. Den Zudringenden, Zufragen⸗ den theilte er von ſeinen Recepten oder Medicamenten aus, anzüglich aber ſo fein und allgemein abgefaßt, daß, wo ſie nicht als Heilmittel perſönlich trafen, ſie doch als Lebensvorſchrift oder Präſervativ ironiſch dienen mußten. Es läßt ſich denken, daß der Schalk von einem Narrn ſehr bald ausgeplündert war und als müßiger Apotheker umherging, während man ſich mit ſeinen Mitteln beſchäf⸗ tigte, die wie andere Pillen bei Manchem von hartem Verſtand langſam wirkten. Der König war früh gekommen und trieb ſein belieb⸗ tes Spiel, in wechſelnden Anzügen zu erſcheinen. Aber bei ſeiner Figur, ſeiner Haltung und einem gewiſſen kecken Behandeln der Damen gelang es ihm ſelten, lange uner— kannt zu bleiben. Doch war es angenommen, daß man ihn nicht zu kennen that, und ſich barſch gegen ihn be— nahm, was ihm gerade Spaß machte. Er mochte von dieſem Wechſeln und Umhertreiben er⸗ müdet ſein, als er im Rittergewand eines Kreuzfahrers mit einem Mönche ſich in Bülow's bekanntes Arbeitszim⸗ mer zurückzog, das am Ende der Zimmerreihe heut zu einem 270 dämmerigen Ruhezelt eingerichtet war. Beide ließen ſich auf dem Polſterſitz der Niſche nieder und nahmen die Masken ab. SHFaben Sie die Generalin Du Coudras herausgefunden, Bercagny? fragte Jeröme. Ich glaube immer noch, Sire, daß es die Blumen⸗ händlerin iſt, antwortete der Mönch. Der leichtfertige An⸗ zug iſt ganz in ihrem Geſchmack, und als ich ſie um eine Paſſionsblume bat, glaubte ich auch ihre Stimme zu er⸗ kennen, ſo ſehr ſie dieſelbe zu verändern ſuchte. Fatal! Ich habe dem Blumenmädchen nirgends be⸗ gegnen können. Ich würde das üppige Weib an den Formen ihres Baues, an den genußſüchtigen Bewegungen ihres Benehmens erkannt haben. Und ſollte ihr Freund, ihr Abendbeſucher, nicht hier ſein? Sie kennen ihn noch nicht, Bercagny? Sie haben kein Glück mit geheimen Correſpondenten und geheimen Liebhabern. Verzeihung, Sire! Aber Ew. Majeſtät legen mir zu viel Rückſichten, zu viel Schonung für ihn auf. Wenn ich ihn nur einmal feſtnehmen und enthüllen dürfte. Er wechſelt ſeine nächtlichen Beſuchſtunden, ſeinen Anzug. Er ſcheint auch nicht ohne Waffen zu gehen, und meine unbewaffneten Agenten fürchten ſich ihm nahe zu kommen. Und ſchleichen ſie ihm nach, zu beobachten, wo er ein⸗ kehre, iſt er plötzlich in den Gaſſen wie verſchwunden. Sie müſſen einen jüngern, gewandten Aufpaſſer oder mehre nehmen, Bercagny! Gewalt möcht' ich nicht brau⸗ chen, des Aufſehens wegen, da wir nicht wiſſen, wie weit es der kühne Liebesheld treibt. Denn Ihre Agenten ſind nicht vom Geſetze beſchützt, nicht mehr im öffentlichen Dienſt und dürfen ſich keine Gewaltthätigkeit erlauben. 271 Zwei mal iſt er auch ſchon aus dem Gedränge des Theaters in den Wagen der Generalin geſtiegen, und mit ihr nach Haus gefahren. Kann denn Würtz nichts von ihrer Kammerjungfer herausbringen? fragte Jeröme. Gar nichts, Sire! Im Gegentheil muß ſie ganz ge— wonnen ſein und meinen Agenten verrathen, denn ſeine Nachforſchungen ſcheinen den Beſucher nur noch vorſichti⸗ ger und verwegener gemacht zu haben. Still! Der närriſche Apotheker! flüſterte Jeröme. Kennt man ihn? Man vermuthet den Grafen von der Lippe, Sire. Oh! Glauben Sie? Jedenfalls iſt's eine deutſche Idee. Beide nahmen die Masken vor und verließen das Zimmer, als eben die entfernte Mufik wieder einen Contre⸗ tanz anſpielte. Nur die Vertrauten des Königs wußten, in welcher Beziehung zu dieſem jetzt der entlaſſene Polizeichef ſtand. Indem nämlich Jeroͤme ganz zufrieden damit war, daß die jetzige Polizei des Herrn von Varigny keine Spione mehr über den Hof begünſtigte, mochte er ſelbſt doch nicht der geheimen Kundſchaft entbehren, an die Bercagny ihn gewöhnt hatte. Er zog daher dieſen in ſein Vertrauen, und Bercagny warb einige Leute an, die im Intereſſe des Königs ſpionirten. Der Hauptagent war Würtz, der ſich bei Herrn von Varigny unbeliebt und entbehrlich gemacht und in ſeiner Noth an den alten Chef gewendet hatte. In dieſem Privatdienſte beeiferte er ſich jetzt, und ſuchte 272 da, wo er, wie jetzt bei der Entdeckung des abendlichen Beſuchers der Frau Du Coudras, keine Befriedigung gab, durch andere Mittheilungen einzuſchmeicheln. So hinter⸗ brachte er auch, was ihm die Zofe der Oberhofmeiſterin von jenem Abend, da der König die Gräfin überraſchte, vertraulich ausgeplaudert hatte,— wie ſie nämlich, um den König zu belauſchen, durch das Schlafzimmer in das Ankleidezimmer ihrer Herrin geſchlichen war, und hier unbemerkt das ſchnell entfernte Paar— Adelen und den Sprachmeiſter— in einer Lection der Zärtlichkeit erblickt hatte. Dem König, der Morio liebte, war es höchſt un⸗ angenehm, daß dies Geheimniß des Boudoirs, das ſeinen Günſtling außer ſich gebracht hätte, in die Diseretion ei⸗ niger feilen Menſchen und einer ſo leidenſchaftlichen Frau, wie die Generalin Salha, gegeben war. Er hatte durch Bercagny dem Würtz und der Zofe Angelique Landesver⸗ weiſung androhen laſſen, wenn ſie nicht verſchwiegen wä— ren, und er ſelbſt der Generalin Salha bei einer Ein⸗ ladung zu Tafel unbedingtes Stillſchweigen geboten. Inzwiſchen hatte es ſich der närriſche Apotheker im dämmerigſten Eckchen des Zimmers zum Ausruhen be— quem gemacht, als eine Weile nach dem Weggang des Kreuzritters und des Mönchs zwei weibliche Geſtalten mit Heftigkeit hereinkamen— eine Blumenhändlerin und eine Pilgerin.— So! Hier ſind wir allein! flüſterte franzöſtſch die Er⸗ und die Pilgerin verſetzte in derſelben Sprache: Wer ſind Sie? Was wollen Sie von mir? Frragen will ich, wie Sie dazu kommen, mit dem König ſter⸗ 273 zu coquettiren, ſich dem König aufzudringen, Sie arme Figur! Glauben Sie, der Kreuzritter müſſe ſich einer Liebespilgerin erbarmen? Was können Sie dem Kö⸗ nig bieten? Wer Sie auch ſeien,— ſehen Sie, Das wollt' ich!— Mit dieſen letztern Worten gab ihr die erhitzte Maske einen empfindlichen Schlag unter den Pilgerhut an den Kopf. Die Getroffene riß ihre Maske ab, faßte die Andere am Arm und rief: Hülfe! Hülfe! Jetzt ſprang der Apotheker herbei, und hielt die Blu⸗ menhändlerin, die ſich von ihrer Gegnerin losgemacht und entfliehen wollte, feſt. Er hatte in der Beleidigten die Stieftochter Simeon's erkannt, und eilte, ſich ihrer an⸗ zunehmen. Halt da, Maske! rief er. Mademoiſelle Delahaye muß wiſſen, wer ſie ſo arg beleidigt hat; ſie muß wiſſen, wer ihr Genugthuung ſchuldig iſt. Nehmen Sie Ihre Maske ab. Er ſelbſt nahm im Augenblicke, wo die Delahaye, muthig durch ſolchen Beiſtand, der verblüfften Gegnerin die Maske abriß, die ſeinige weg. Es war Hermann, und die Entlarvte loslaſſend, rief er betroffen: Fanchon? Wie? Ah, Herr Doctor, ich danke Ihnen! Stehen Sie mir bei, ich bitte! rief Mademoiſelle Delahaye. Aber, mein Gott, eine Kammerjungfer? Wie wagen Sie ſich in dieſe Geſellſchaft, Mademoſſelle! fragte Her⸗ Koenig, Jeröme's Carneval. III. 18 274 mann. Und hier ſogar Damen zu beleidigen? Kommen Sie! Entfernen Sie ſich ſchnell! Er führte das verblüffte Blumenmädchen nach der Ausgangsthür. Sie war offen, und indem er die ver⸗ meintliche Kammerjungfer mit Artigkeit hinausdrängte, ſagte er: Machen Sie, daß Sie fortkommen, ſonſt werden Sie übel angeſehen! Nehmen Sie es als Dank für Ihren Regenſchirm! Indeß hatte der Auftritt, trotz der rauſchenden Muſik, einige Perſonen herbeigezogen, und die Gräfin Bülow ſelbſt, als ſchöne Nürnbergerin, fragte: Was iſt das? Was geht hier vor? Gnädige Gräfin, ſagte Hermann, die Kammerjungfer der Generalin Du Coudras hat hier Mademoiſelle Dela⸗ haye gröblich beleidigt. Eine Kammerjungfer hier? In Maske? rief außer ſich die Wirthin des Feſtes. Haben wir Domeſtiquen eingeladen? Beruhigen Sie ſich, flüſterte er, ich habe ſie ſchon fortgeſchafft! Verzeihung, Frau Gräfin! Es war die Generalin ſelbſt! rief die Beleidigte. Ehe ſich das Misverſtändniß löſen konnte, war ſchon die Nachricht von der eingedrungenen Kammerjungfer durch alle Zimmer gelaufen. Zum Glück hatte der Ge⸗ neral Du Coudras ſelbſt den Ball nicht beſucht. Auch Jeroͤme und Bercagny erſchienen, und der König fragte nach dem Vorfall. 27⁵ Ich höre, Sire, die Generalin Du Coudras hat Ma⸗ demoiſelle Delahaye beleidigt, antwortete die Gräfin Bülow. Geſchlagen, Ew. Majeſtät! erklärte die Beleidigte. Und wo iſt die Generalin? fragte Jeröme. Herr Doctor Teutleben hat ſie für ihre Kammerjung⸗ fer gehalten und durch jene Thür entfernt, antwortete die Gräfin Bülow. Kammerjungfer? Was heißt das? Wie kommt das? fragte der König, bald Bercagny, bald die Gräfin oder Hermann anblickend. Die Situation war für den jungen Freund nur ein paar Augenblicke eigentlich verwirrend, denn er überlegte ſchnell aus ſeiner Erinnerung, daß die ihm und dem Ba⸗ ron Rehfeld gleich ſo bedenklich vorgekommene Fanchon allerdings wol die Gräfin ſelbſt geweſen ſein möchte. Deſto größer blieb aber nun für ihn die Verlegenheit, das Räthſel durch Erzählung eines Abenteuers zu löſen, das auf ihn ſelbſt einen unſittlichen und zugleich lächer⸗ lichen Schein werfen konnte. Ehe er aber nur zu einer Erklärung kam, war Ber⸗ cagny mit dem König beiſeite getreten. Da haben wir ja den nächtlichen Liebhaber der Ge⸗ neralin! ſagte er. Ew. Majeſtät haben doch vorhin den Apotheker nach jenem dämmerigen Eckchen ſchleichen ſehen. Gewiß galt es einem Rendezvous mit dem Blumenmäd⸗ chen. Die Delahaye, die ſich heut um alle Herren be⸗ müht, vorhin auch Ew. Majeſtät am Arm hing, hat das Paar hier geſtört, und die leidenſchaftliche Frau hat 18* ihr eine Ohrfeige gegeben. Voilà ce que c'*est! Der rit⸗ terliche Liebhaber hat ſie ſchnell entfernt, um ſie der Verlegenheit zu entziehen. Chevalier d'honneur, Sire! Während deſſen hatte Madame Simeon, in lebhafter Aufregung über die ihrer Tochter widerfahrene Unbilde, ihren Mann aufgefodert, auf der Stelle Genugthuung vom Könige zu fodern. Der gute Miniſter, der eben auch die ungeziemende That mehr als den zu einer Be⸗ ſchwerde unpaſſenden Ort und Augenblick im Sinn hatte, trat jetzt mit feierlicher Haltung gegen den König vor, und bat in den beſten juriſtiſchen Ausdrücken um Unter⸗ ſuchung dieſer thätlichen Injurie und um angemeſſene Satisfaction für Mademoiſelle Delahaye, die Tochter ſei⸗ ner Frau. Gut, gut, lieber Simeon! erwiderte Jeröme unge⸗ duldig und etwas verſtimmt. Aber jetzt nur ruhig, und ſtören wir den ſchönen Abend Ihres Collegen Bülow nicht! Luſtig, luſtig! Mademoiſelle Delahaye, kommen Sie zu einem Walzer! Ew. Majeſtät, ich bin unendlich beglückt! rief die Be⸗ leidigte, und hüpfte an ſeinen Arm. Bercagny, befehlen Sie einen Walzer! Während Alles nach dem Tanzſaale zog, winkte die Gräfin Bülow Hermann zu ſich und verlangte eine Er⸗ klärung des Misverſtändniſſes. Die ungewöhnlich ernſte Miene der ſonſt ſo freund⸗ lichen Dame beſtätiget ihn noch mehr in dem ſchon ge⸗ U — △⏑ 277 faßten Vorſatze, ſich durch die einfachſte Erzählung aus der Sache zu ziehen. Mein Misverſtändniß, gnädige Gräfin, ſagte er, ſieht viel ſchlimmer aus, als es iſt. Es war im letzten Spät⸗ herbſt, als mich eines dunkeln Abends auf dem Wege aus dem literariſchen Caſino eine Franzöſin anſprach,— ſie ſei hier fremd, kürzlich aus Paris gekommen, habe ihre Herrin in eine Geſellſchaft begleitet, und könne ſich nicht nach ihrer Wohnung zurechtfinden. Sie ſei die Kammerjungfer der Generalin Du Coudras, dem alten Schloß gegenüber wohnhaft. Das war ſo ziemlich mein eigener Weg; ich gebe ihr meinen Arm, wir eilen die Gaſſe hinab, denn es fing zu regnen an. Wir kommen an das Haus, ſie öffnet richtig,—— es kommt Licht, und ein ganz artiges, hübſches Frauenzimmer dankt und bittet mich einzutreten, weil es eben heftiger regnete. Allein, meine Wohnung iſt in der Nähe, und——— da blickt nun vorhin aus der abgenommenen Maske des Blumenmädchens daſſelbe niedliche Geſicht, es iſt dieſelbe Stimme. Ich entſetze mich über die Verwegenheit einer Kammerjungfer, ſich in Ihre Geſellſchaft zu drängen, gnädige Frau, und weiſe ihr ſchnell die Thür, um die ärgerliche Geſchichte ohne Aufſehen zu beſeitigen. Leider iſt mir's mit dieſer Abſicht nicht gelungen! Das, gnädige Frau, iſt die Sache. Die Gräfin blickte ihn nachſinnend an; ſie wußte bei⸗ läufig von dem Geſchmack der Generalin, und der naive Irrthum Hermann's in der Perſon ſprach für ſeine Un⸗ ſchuld in der Sache. Ein freundliches Lächeln kehrte auf ihr Geſicht zurück. — 278 Ja, ſo iſt Alles begreiflich! flüſterte ſie, und ich kann es dem König erklären. Sie nickte ihm freundlich zu, und eilte nach dem Sa⸗ lon, woher eben der verſöhnende, beglückende Walzer rauſchte. Aber nun ſich Hermann in den Augen ſeiner Gönne⸗ rin gerechtfertigt fühlte, überkam ihn erſt recht ein bitterer Verdruß. Er zog ſich, wie er ſich allein ſah, nach dem ſtillen Gemach zurück, als ob er dort freundlichere Er⸗ innerungen zu Hülfe gegen ſeinen Mismuth aufrufen möchte. Er verwünſchte den Anzug, worin er ſich in ſeiner umgewandelten Stimmung noch immer erblicken mußte, und entſchloß ſich raſch, das Feſt zu ver⸗ laſſen. 3 Wer war denn nun eigentlich der Narr, fragte er ſich ſelber, und mochte im Stillen wünſchen, daß er von ſeinen ausgetheilten Recepten das rechte für ſich ſelbſt zurückbehalten hätte——— Dreizehntes Capitel. Eine Parole Jeroͤme's. 4 Zwiſchen den Maskeraden in den Wohnungen der Miniſter fanden auch Maskenbälle für das große Publi⸗ cum im Theater ſtatt. Auch dieſe beſuchte Jeröme, jedoch nur im Domino und ohne Larve, ſodaß ſeine Anweſen⸗ heit nie zweifelhaft blieb. Aber ſtatt dem maskirten Völkchen dadurch einen Zwang aufzulegen, hatte er ſich vielmehr durch einen Zug fürſtlicher Herzensgüte in be⸗ ſondere Gunſt beim Carnevalspublicum geſetzt. Kurz nach dem erſten dieſer Bälle erzählte man ſich in der Stadt, wie der König in ſeinem Domino ein bei einfachen Er⸗ friſchungen vertraut ſitzendes Paar unbemerkt belauſcht habe. Die Liebenden hatten ſich deutſch, aber des Tu⸗ mults wegen ziemlich laut unterhalten, einander ihrer Liebe und Treue verſichert, und der junge Mann die kla⸗ gende Geliebte damit getröſtet, daß er bei der großen Zu⸗ friedenheit ſeines Chefs mit ihm und ſeinen Arbeiten die Ausſicht habe, nächſtens befördert und in ſeinen Appointe⸗ ments ſo verbeſſert zu werden, daß ſie ſich dann endlich heirathen könnten. Jeroͤme, unbemerkt hinweggeſchlichen, hatte ſich durch ſeinen Adjutanten nach dem jungen Mann erkundigen laſſen, und da demſelben die beſten Zeugniſſe ſeiner Vorgeſetzten ertheilt wurden, hatte er ihn noch im Laufe des andern Tags durch Zufertigung eines Anſtellungs⸗ ————P2P2 2.——ͤ decrets mit Contraſignatur des Geheimraths„Carneval“ aufs rührendſte überraſcht. So kam die eigentliche Faſtnacht heran. Den Sonn⸗ tag war große Maskerade bei Hof, an welcher auch die Königin mit ihren Damen einen durch luſtige Neckereien überraſchenden Antheil nahm, und die bis zum hellen Tag dauerte. Auf den Montag Abend hatte Jeröme zur Erholung von der Sonntagsnacht eine kleine Geſellſchaft auswärts einladen laſſen. Ein Kreis vertrauter Frauen und Herren der höhern Geſellſchaft fanden ſich, leicht coſtümirt, aus der Stadt in den durchwärmten Gemächern des Schlöß⸗ chens Schönfeld zu geräuſchloſen Myſterien ein. Der Dienſtag aber ließ es ſich nicht nehmen, in all— gemeiner und derber Luſt ſich auszutoben, und die Luft, im Uebergang zu Thauwetter, begünſtigte das öffentliche Treiben der Masken und die angeordneten tollen Umzüge in der Stadt. 3— Zu letztern gehörte eine große Fahrt, die am Nach⸗ mittag unter dem lebhafteſten Zulauf aller Welt vom Theater ausging. Die Schauſpieler fuhren auf dem gro⸗ ßen Decorationswagen in den bizzarreſten und lächerlich⸗ ſten Verkleidungen, einen Rieſen in ihrer Mitte. Ein Zug wunderlichſter Geſtalten ſchloß ſich an,— Schäferin⸗ nen in hohen Stiefeln, Soldaten in Weiberunterröcken und dergl. Dieſen wurde der aufgeputzte Faſtnachtsochſe von Metzgergeſellen nachgeführt. Das Thier ſchritt ſo munter einher, als ob es zu eigener Beruhigung mit den „Gelehrten einverſtanden ſei, die das Wort Carneval da⸗ 1 ——- ——— her ableiten, daß nun wegen der ernſten Faſtenzeit dem Fleiſch(carni) Valet geſagt würde. Den Schluß des Zuges machte die Leiche des ſelig dahingeſchiedenen Seigneur Carneval, der im Schlafrock auf offener Bahre lag, und von maskirten Leidtragenden zu allgemeinem Gelächter betrauert wurde. Die bunte Wallfahrt, auf dem ganzen Weg ihrer luſtigen Andacht von zwei Gendarmen zu Pferd begleitet, machte ihre Stationen,— zuerſt an der Königsburg, wo ihnen ein Geſchenk von 40 Louisd'or zufiel, ſodann an den Wohnungen der Miniſter vorüber, und erreichte ihr Ziel vor dem Holländiſchen Thor, wo ihnen der Kö⸗ nig einen Freiball gab. Für Jeröme, ſoviel Spaß er an ſolchen Volksluſtbar⸗ keiten fand, ging doch ein Schmerzenston durch den tollen Lärm des Tags. Er hatte ein kriegsgerichtliches Urtheil zu beſtätigen gehabt, das in der Frühe der Aſchermitt⸗ woche auf dem ſogenannten Forſt vor der Stadt mit ſechs Bleikugeln vollzogen werden ſollte. Ein Sergeant Hildewig hatte ſich von einem fremden Emiſſär zur Deſertion mit Wehr und Waffen anwerben laſſen, und noch fünf Gemeine von ſeiner Compagnie zu gleichem Schritt überredet. Dieſe aber, reuig geworden, hatten die Sache verrathen, ſodaß er auf der Flucht, noch ehe er die Weſer erreichte, eingeholt, vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Tod verurtheilt wurde. Dem König machte der Vorfall den lebhafteſten Ver⸗ druß. Er erblickte im Hintergrund eine feindſelige Thätig⸗ keit, die von Preußen aus zum Aufſtand reize, und v* 282 fürchtete das Beiſpiel, das gerade von einem ſo braven Unteroffizier, dem Sohn eines Pfarrers und dem Günſt⸗ ling ſeines Oberſten, ausgegangen war. In dieſer Stimmung kam es ihm ganz angenehm, daß Marinville auf den Abend ein feines Notturno in den Gemächern Jeröme's angeordnet hatte. Es waren nur die vertrauten Herren der geſtrigen kleinen Abend⸗ geſellſchaft geladen, um ſich bei ſanfter Muſik, einem ſcherzhaften Ballet und einem feinen Champagnerpunſche auf die ſtille Faſtenzeit vorzubereiten. Nur zwei neue Gäſte waren zugezogen: der Schatz⸗ meiſter der Civilliſte, Duchambon, jene groteske Figur eines vormals emigrirten St.⸗Ludwigsritters, der mit ſeinen zwei großen Schwächen für Flaſchen und für Frauen⸗ zimmer, ſowie mit ſeiner rothen Naſe und poſſenhaften Luſtigkeit dem König zum Spaß und als Spaßmacher diente; ſodann der Graf Leo, der früher einmal, als ſeine Gemahlin verreiſt war, dem König einen ſolchen Abend zugedacht hatte. Jeröme, der ſich deſſen erinnerte und den ängſtlichen Anſtandsmann ein wenig necken wollte, hatte ihn nach der Mittagstafel ſelbſt eingeladen, um ihm, wie er lächelnd ſagte, die gute Abſicht von damals zu vergelten, und— ſetzte er ſchalkhaft hinzu— Sie ſollen auch die Ceremonien dabei wahren, lieber Graf, die Stunde hüten, wo die Faſten eintreten. Und dazu wüßt' ich mir keinen beſſern Mann am Hof. Der Graf verneigte ſich für die ihm ſo widerwärtige Gunſt. An die Faſten erinnern, während die Frivolität dauert! ſeufzte er im Stillen, als die Abendſtunde her⸗ e— — 283 ankam. Dürfte ich vorher mit meinem Memento da⸗ zwiſchentreten, mit jener Signatur, die morgen früh der Meßprieſter vom zinnernen Aſchenteller auf die Stirn der Andächtigen kreuzt: Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris!(Gedenk', o Menſch, daß du Staub biſt und in Staub zurückkehrſt!) Blangini mit ſeinem für Notturnos ſo glücklichen Talent hatte einige neue Stücke geſchrieben, und zwei Mitglieder des Orcheſters, Spieß und Köhler, hatten ſie für zwei Hörner, ſowie Demoiſelle Gallo für die Harfe eingeübt. Ein halbes Dutzend Ballettänzerinnen waren dazu befohlen und warteten im Hinterhalte. Die Stücke ſprachen ſehr an, und bewegten ſich in jenen ſüßen anmuthigen Melodien und Paſſagen, für die Jeroͤme in ſeiner heutigen Abſpannung von Genuß und Verdruß ſo empfänglich war. Graf Leo freute ſich im Stillen dieſes Eindrucks. Er hoffte, es würde vielleicht gar nicht zu dem ärgerlichen Ballet kommen. Er ging dabei ab und zu, indem er beſonders das Vorzimmer des kleinen Saals zu hüten ſuchte. Hier hatten neben dem Kammerdiener Gardien die beiden Lakaien Grashoff und Harbus den Dienſt. Graf Leo war ſo leutſelig geſtimmt, daß er ſich auch mit dem dienenden Perſonal freundlich unterhielt. Die Muſik wird bald abgehen, ſagte er zu den beiden Deutſchen; dann ſorgt, daß Niemand hier hereinkomme. Ihr ſelbſt dürft heut ein Kartenſpielchen machen, wenn ihr wollt, hier nebenan. Ich geb' euch ſchon einen Wink, wenn's was gibt!— Aber nicht wahr, redete er franzöͤſiſch 3. 8 4 den Kammerdiener an, das iſt eine vortreffliche Muſik von Blangini? Gardien, der auf ein bischen Deutſch ſehr eitel war, antwortete: O ja, Herr Graf, das iſt ein wunderbar, orest à merveil, wie die Oerner doucement blaſen! Ah! verſetzte der Graf ſehr laut, als ob er dann beſſer von dem Franzoſen verſtanden würde,— die Hör⸗ ner ordnen ſich der Harfe unter. O es ſind wahre Vir⸗ tuoſen, Gardien, beſonders auch im piano. Se. Majeſtät bezahlen auch die Horniſten der Ka⸗ pelle beſſer als die übrigen Inſtrumente, bemerkte Harbus. Sie verdienen's auch, Harbus, ſie verdienen's! ent— gegnete Leo, indem er ſich wieder zurückzog. Bezahlt ſie nur zu gut! murrte Grashoff. Wir keu⸗ chen, denk' ich, und blaſen auch nicht ſchlecht, wenn wir gehetzt werden, und müſſen dabei piano thun, wenn wir eben aus der Haut fahren möchten; aber Alles bei ſehr einfacher Gage. Du haſt Recht, Grashoff, verſetzte Harbus mit ſeinem ſpitzbübiſchen Lächeln. Aber der König bezahlt die Hor⸗ niſten nicht blos beſſer, ſondern wenn ſie artig verhei⸗ rathet ſind, ſtellt er ihnen auch noch die Hörner! Das iſt die Möglichkeit! rief Grashoff in ſeinem nei⸗ diſchen Eifer und ſchlug mit einer Fauſt in die Luft. Gardien, der an der Saalthür gelauſcht hatte, fragte jetzt: Hören Sie, Harbus, wie ſagen man Notturno in Deutſch? 28⁵ Nachtſtück, Nachtmuſik, war die Antwort. Ah, Nacktmuſik, ganz recht! Nacktmuſik. Oui! Während aber Graf Leo ſich von dem etwas ſenti⸗ mentalen Eindruck der Muſik auf Jeröme die Wirkung verſprach, daß die Ballettänzerinnen, zumal es ſchon ſpät war, vielleicht ohne Weiteres entlaſſen würden, bedachte er nicht, daß ſüße Melodien nicht, wie edle Gedanken, unſere ſinnlichen Regungen reinigen oder auflöſen, ſon⸗ dern, ſelbſt von ſinnlicher Natur, unſer Gefühl oft nur ſteigern, bis es in ſein gerades Gegentheil umſchlägt. Dies ſollte er nun erleben. Denn kaum hatten Hörner und Harfe den Saal verlaſſen, als auf Marinville's Wink die zum Ballet befohlenen Theaternymphen, in leichten Gewändern hervorſchwebend, ſich der gehobenen Stimmung ihrer Zuſchauer bemächtigten. Es waren De⸗ moiſelle Aſtruc, die älteſte Bekannte Jeroͤme's von Paris, die ſchöne Clara Lacome, die ſchelmiſche Adele Louis, die raſche, launige Couſtou, die zierliche Romain und die wilde, bachantiſche Lavancourt. Bald entſtand auch ein ſolcher Lärm und Lachen, daß die Drei im Vorzimmer an die Thür ſchlichen, zu lauſchen. Ja, der Stellung Gardien's nach hätte man vermuthen ſollen, es ließe ſich gebückt ſchärfer hören, oder durch das Schlüſſelloch etwas von den anmuthigen und kunſtreichen Tänzen für eines Kammerdieners Auge gewinnen. Während nun die beiden Andern ſich auf Stühlen be⸗ quem machten, Harbus gedankenvoll lächelnd, Grashoff kopfſchüttelnd und zuweilen laut murrend, ziſchte Gardien 286 Stille, und kam dann ſehr aufgeregt heran, um ſich den Andern zu erklären. Hören Sie, ſagte er mit lebhaften Geberden und hohem Ernſt, der Marinville iſt ein homme d'es- prit. Haben Sie gehört, haben Sie verſtand? Er ha⸗ ben ſich expliciren, daß die Demoiſelles ſollen tanzen den wiedergefundnen Paradies. Alle der Putz, ſagen Ma⸗ rinville, und die vielen Kleider von den Damen ſein ge⸗ mackt, non, nonl ſein hervorgekommen aus dem Feigen⸗ blatt von der Paradies. Aber mit der Garderobe en avant ſein der Paradies immer mehr retour,— fort, verloren. Müſſen alle wieder se retirer, die Robes, die Unterkleid, Alles, Alles, und— das will heißen der Paradies wiedergefunden,— ſagen Marinville. Ah, das iſt eine ſublime Idee! Das iſt Philoſophie von ein maitre de la garderobe! Das iſt alſo ein philoſophiſcher Tanz da drinnen! lachte Harbus. Da Lärm und Lachen noch lauter wurden, ſo lauſchte Gardien abermal, und kam dann mitlachend wieder heran. Sie haben den Duchambon zum Narren! ſagte er. Er ſollen macken den Feigenbaum; er ſein ganz toll für die Demoiſelles. Er laufen ihnen nach. Sie wollen aber nicht Duchambon. Er iſt ein Narr; aber der König ha⸗ ben viel Spaß. Duchambon iſt der faiseur von Spaß, wenn der König—— Eh bien, quand Sa Majesté est en goguettes! O das iſt eine Schande ſelbſt bei Nacht! rief Gras⸗ hoff, und ſtand zornig auf. 287 Comment, Monsieur Grasoff? verſetzte Gardien. Was ſagen Sie? Bei Nackt ſagen Sie? Was? Harbus lachte laut auf. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Saalthuͤr, und man hörte Jeroͤme lachen: Ah! Il n'est pas manchot, ce gaillard! Es war der Graf Leo, der wieder und zwar aufge⸗ regt von der verdrießlichſten Unruhe herauskam. Geht ein wenig hinaus, gebot er den Dreien. Geht hier nebenan! Laßt mich allein! Hinter den abgetretenen Dienern warf er ſich in einen Lehnſeſſel, die Hände gefaltet, Kopf und Schultern hin⸗ und herwiegend, als ob ſich die Laſt ſeines kummervollen Verdruſſes abſchütteln ließe. In halblautem Monolog bejammerte er ſeine unglückliche Stellung zwiſchen dem Hof und dem Himmel. Eine fromme Weichmüthigkeit überkam ihn. Er dachte an die Betſtunden, die während der drei fündhaften Carnevalstage die Kirche zur Ver⸗ ſöhnung des Himmels abhalten laſſe, und die er ganz verſäumt hatte. Und wie ihm in ſolchen Herzensbeklem⸗ mungen nicht leicht ein guter Vorſatz ausblieb, ſo über⸗ legte er auch jetzt verſchiedene Gelöbniſſe, die er thun könnte, und unter denen ihn eine geſtiftete jährliche Seelenmeſſe am meiſten anſprach. Während dieſer Stille öffnete ſich leiſe die Thür vom Corridor her, und der Hauptmann der Grenadierwache blickte herein. Ah, Sie da, Herr Graf? Erlauben Sie! Er winkte zurück mit den Worten: Kommen Sie herein! 288 Der Graf war dicht herangeeilt, um die Eintretenden ſo weit wie möglich von der, Saalthür entfernt zu halten. Es war Freund Hermann, eine ältliche, ſorgfältig aber ſehr ländlich gekleidete Dame am Arm, die ſich tief und demüthig verneigte,— blaß und bebend, aber von edeln, einnehmenden Zügen, eine Frau gegen die Funfzig. Expliciren Sie ſich Sr. Excellenz dem Herrn Gra⸗ fen! ſagte der Hauptmann, und zog ſich wieder zurück. Nur leiſe, leiſe! gebot Graf Leo in unruhiger Er⸗ wartung, und Hermann nahm das Wort: Ew. Excellenz ſehen hier die unglückliche Mutter des Sergeanten Hildewig, der morgen früh— ich muß wol ſagen dieſen Morgen, in einigen Stunden— Exeel⸗ lenz wiſſen es ja. Die Frau Pfarrerin iſt erſt die Nacht hier eingetroffen, von einigen Freunden in Homberg an mich gewieſen, und will ſich um Begnadigung ihres Sohnes an Se. Majeſtät wenden. Da ſie nicht fran⸗ zoͤſiſch ſpricht, habe ich ihr dieſe Vorſtellung an den Kö⸗ nig abgefaßt, und wir wollten ſie eben dem Offizier der Wache übergeben, um ſolche vor Tagesanbruch unter die Augen Sr. Majeſtät zu bringen, als wir von dem Herrn Hauptmann erfuhren, daß der König noch wach und in kleiner Geſellſchaft iſt. Nun will die arme Mut⸗ ter— wenn irgend möglich— durch die Gunſt Ew. Excellenz— ſich Sr. Majeſtät ſelbſt vorſtellen, und hofft Begnadigung. Sich ſelbſt vorſtellen? entgegnete der Graf, ängſtlich und zerſtreut in doppelter Aufmerkſamkeit auf ſeine Audienz und auf den Lärm im Saal. Selbſt vorſtellen? Vor⸗ E ͤ——— 289 ſtellen? Wird nicht gehen,— jetzt nicht gehen. Nein! Morgen vielleicht,— im Laufe des Tags.— Ja! Aber, dann iſt es ja zu ſpät, Excellenz! bemerkte Hermann. Ja, dann iſt's zu ſpät, Excellenz! erwiderte in Ge⸗ danken der Graf. Ach Ew. Gnaden, Exeellenz, laſſen Sie ſich erflehen! fiel die Pfarrerin ein. Verſetzen Sie ſich in die Lage einer armen Mutter, die ihren Sohn auf ſo grauſame Weiſe verlieren ſoll. Der König wird Erbarmen haben, er iſt gütig, und ich hoffe mein Kind zu retten. Beden⸗ ken Sie das! Sie ſind vielleicht auch Vater und wiſſen— Bringen Sie mich nicht um meine letzte Hoffnung, viel⸗ leicht um das Leben meines Sohnes. Ew. Gnaden können ſich den Himmel verdienen! Haben Sie Er⸗ barmen! Den Himmel, gute Frau? Den Himmel? rief der Graf. Ach ja, den Himmel haben wir nöthig— ich und einige Andere. Plötzlich hielt er inne und blickte nach der Decke des Zimmers, als ob ihm eine neue Gedankenreihe aufginge, oder eine höhere Eingebung käme. Viielleicht, daß er ſei⸗ ner vorhin gefaßten guten Vorſätze gedachte, und die arme Frau als eine Beſcherung des verſöhnlichen Himmels er⸗ kannte.—— Gut, ruhig, liebe Frau Pfarrerin! flüſterte er. Ich will etwas für Sie thun! Der Himmel weiß, was ich für Sie wage. Kommen Sie! Sehen Sie dort,— in jenes Zimmer gehen Sie und ſetzen ſich ruhig hin, ganz ruhig. Und ſobald die Geſellſchaft des Koͤnigs aus⸗ einandergeht, rufe ich Sie heraus, und Sie übergeben Koenig, Jeroͤme's Carneval. III. 19 290 Ihre Vorſtellung mit einem Fußfall. Verſtehen Sie mich? Aber Geduld müſſen Sie haben; denn es kann noch eine Weile dauern. Hermann bat um Erlaubniß, bei der armen Frau zu bleiben, um ſie zu beruhigen— ruhig zu halten. Gut! Thun Sie das! Aber Sie dürfen ſich nicht ſehen laſſen, nicht mit herauskommen, wenn der König erſcheint. Bei Leibe nicht! Der Freund verſprach es, und führte die etwas be⸗ ruhigte Frau nach dem bezeichneten Zimmer. Wie der Graf vorausgeſagt, dauerte es noch eine Weile, ehe die Tänzerinnen, in ihre Mäntel gehüllt, fort⸗ ſchlüpften, und dann verſtrichen auch noch zwei Stündchen beim Kumpf vortrefflichen Ananaspunſches, vom Grafen Löwen⸗Weinſtein zubereitet, der für ziemlich gleichgültig gegen die Cabinetsballete, aber für die Krone der Jerömen⸗ ſchen Zechgenoſſen galt Mit der Beruhigung ſeines guten Vorhabens nahm Graf Leo bei der ſtark duftenden Bowle ſeine Entſchädi⸗ gung für den Kummer über das Ballet. Duchambon, der Spaßmacher, that desgleichen, aber nicht mit, ſondern zur Beruhigung über die muthwilligen Tänzerinnen, von denen er ſich wenigſtens keine bloßen Neckereien erwartet hatte. Da er in leichtem Rauſche witziger und anſtändi⸗ ger als in ſeiner Verliebtheit war, ſo ergötzte ſich Jeröme und die kleine Geſellſchaft an ſeinen Späßen. Er nahm die feinen Neckereien mit Heiterkeit auf und erwiderte die zu derben mit guten Trümpfen. Als es endlich zum Aufbruch kam, eilte Graf Leo —I voraus, und ſchickte die Lakaien fort, die ſich indeß wie⸗ der im Vorzimmer eingefunden hatten. Alle die Herren waren ziemlich angetrunken, und ka⸗ men glühend und lachend aus dem Saale. Jeröme be⸗ ruhigte noch einmal den etwas wankenden Duchambon über die Sprödigkeit der Tänzerinnen gegen ihn.— Sie haben heut kein Glück gehabt, ſagte er; Sie waren gerade nicht unbeſcheiden, Duchambon, nein, gar nicht! Sie hat⸗ ten es auf die magerſte abgeſehen, wahrſcheinlich weil Sie ſich erinnerten, daß die Faſtenzeit nach Mitternacht angeht. Aber nun halten Sie Abſtinenz, Duchambon! Der Him⸗ mel hat Ihnen einen Faſtenwink gegeben. Gehen Sie mir geraden Wegs nach Hauſe! Verirren Sie ſich nicht in un⸗ rechte Gaſſen! Ne rompez pas le caréme, Duchambon! Aſchermittwoch iſt angebrochen. Thun Sie Buße! Ziehen Sie nach und nach die Oriflamme Ihrer Naſe ein, die immer auf„Morgen wieder luſtig“ aushängt. Indem wurde Jeroͤme inne, daß ſein unachtſamer Kronſchatzmeiſter ſehr ernſt nach der entgegengeſetzten Seite ſtarrte. Er wendete ſich um, und in dieſem Augenblicke warf ſich die Pfarrerin, ihre Bittſchrift in den gehobenen Händen, mit dem Ausruf: Gnade Ew. Majeſtät für mei⸗ nen unglücklichen Sohn! Der König, von der unerwarteten Erſcheinung be⸗ troffen, beinahe entſetzt, fuhr mit dem Ausrufe zurück: Aber, mein Gott, Madame—! Er wollte Mutter hinzuſetzen, als er ſich eben noch ſeiner Täuſchung beſann. Graf Leo war vorgetreten. Er bat um Verzeihung, daß er es gewagt, die ehrwürdige Frau vorzulaſſen; er . 19* 292 habe geglaubt, eine Bitte um Gnade an dieſem Bußtage nicht abweiſen zu dürfen,— eine Bitte, die ſich um Mitternacht in die Nähe eines gnädigen Königs gedrängt habe.— Es iſt die Mutter des unglücklichen Sergeanten, der mit Tagesanbruch erſchoſſen werden ſoll, ſagte er,— die Witwe eines verdienten Pfarrers. Jeröme betrachtete die mit Thränen zu ihm aufblickende Frau einige Augenblicke, faßte dann die Hand, aus der er die Bittſchrift empftng, und ſagte in mildem Ton: Stehen Sie auf, Madame! Aber, Ihr Sohn— Deſerteur— nicht gut, Madame! Gnade, Ew. Majeſtät! Gnade für Recht! flehte ſie mit einem Blick, in dem ein Strahl von Hoffnung leuchtete. Jeröme, indem er die Bittſchrift durchlief, ſagte zu Marinville: Ich war ganz betroffen, Marinville, wahrhaft er⸗ ſchrocken: ich glaubte im erſten Augenblicke Madame Lätitia zu erblicken, meine gute Mutter. Was rathen Sie mir zu thun? Marinville, leiſe redend, ſchien eine Begnadigung zu empfehlen, was unter den jetzigen Verhältniſſen im Mi⸗ litär und im Königreich den beſten Eindruck machen werde. Jeröme wendete ſich an den Grafen Leo mit den Worten: Sagen Sie ihr, Graf, ſie erinnere mich durch ihre Geſtalt und ihre Züͤge an meine Mutter. Der Graf ſagte es ihr, und ſie, die Hände faltend und tief aufathmend, rief aus: Ach! dann wird Se. Majeſtät auch fühlen, wie einer Mutter zu Muthe iſt, die einen ungerathenen Sohn hat, 293 den ſie aber liebt, und den ſie noch einmal mit ganz an⸗ dern Schmerzen dem Leben ſchenkt! Die Herren, die Deutſch verſtanden, lächelten ver⸗ ſtohlen. Der Graf aber überſetzte es dem König mit den Worten: Ach! dann würden Ew. Majeſtät auch fühlen, wie einer Mutter zu Muthe ſei, die ihren Sohn liebt, den ſie durch des Königs Gnade noch einmal dem Leben ſchenkt. Jeroͤme, dem das Lächeln des Generals von Lepel und des Oberſten von Hammerſtein nicht unbemerkt geblieben war, ſah den Grafen mit mistrauiſchem Lächeln an und fragte dann: Wollen Sie es auf ſich nehmen, Graf, wenn ich den Verurtheilten begnadige? Ew. Majeſtät üben dann nur das ſchoͤnſte Vorrecht der Könige aus! antwortete Leo mit tiefer Verneigung. Gut! rief Jeröme. Dann bleiben Sie einmal in einer dieſer anmuthigen Verneigungen, und leihen mir Ihren Rücken! Sein erſter, übermüthiger Gedanke war, auf dem Rücken des Grafen zu ſchreiben; während aber Marin⸗ ville aus ſeiner Brieftaſche eine Bleifeder nahm und ſie ihm überreichte, beſann er ſich ſeiner Würde und des Anſtandes. Er trat an das nächſte Tiſchchen und ſchrieb mit angenetztem Blei in derben Zügen auf die Bittſchrift: „Wird vollſtändig begnadigt, und tritt mit bisheri⸗ gem Rang in die Compagnie zurück. Jeröme N.“ Dann gegen die Pfarrerin gewendet: Hier, Madame! Holen Sie Ihren Sohn aus dem 294 Caſtell, ehe es Tag wird. Er ſoll meine Gnade durch Tapferkeit verdienen. Wie die glückliche Mutter laut weinend ſich noch ein⸗ mal niederwerfen wollte, um zu danken, wehrte es der König mit den Worten ab: Nein, Madame! Gehen Sie, eilen Sie, es wird ſchon Tag! Er befahl noch dem Oberſten Hammerſtein, ihr den dienſtthuenden Adjutanten mit nöͤthiger Weiſung an den Commandanten nach dem Caſtell mitzugeben, und entließ dann die übrigen Gäſte mit den Worten: Gute Nacht, meine Herren! Guten Morgen! Ich ſage heut nicht, wie ſonſt: Morgen wieder luſtig! Wir haben mercredi des cendres! Aber, nehmen Sie ein Wort, das auch Freude bedeutet: Heut, für Aſchermitt⸗ woch, gebe ich im Namen meiner theuern Mutter die Parole— Lüätitia! Siebentes Zuch. —————————— * 5 . Erſtes Capitel. Verhängniſſe der Zukunft. Die Faſtnacht war kaum vorüber, als das mildeſte Thau⸗ wetter eintrat und den langen harten Winter brach. Laue Weſtwinde und Regengüſſe löſten die Maſſen Schnees, die über einander lagerten. Fluß und Bäche traten aus; aber die Noth oder Angſt ging raſch vorüber, und als die Märzſonne zuletzt aus den zerſtreuten Wolken hervorkam, fiel ſie auf lachende Winterſaaten. Bald regte es ſich in den Feldern, man fing an, die Gärten auszuſtellen, und Luft und Wolken ließen ſich zu einem günſtigen Früh⸗ jahr an. Aber noch andere Erwartungen ſchienen zu treiben und aufzugrünen. Eine unbeſtimmte Unruhe, ahnungsvol⸗ ler, geiſtiger als das Frühjahr ſie gewöhnlich für unſere Pulſe mit ſich bringt, ging durch ganz Deutſchland. Wun⸗ derbare Gerüchte liefen um, und ſo ängſtlich oder un⸗ glaublich ſie zuerſt herbeikamen, ſo muthig ſetzten ſie ſich bald zu einer öffentlichen Meinung feſt. Gar wenige im 298 Volk mochten ſich von Dem, um was es galt, eine be⸗ ſtimmte Vorſtellung machen; doch Allen drängte ſich ein dunkles Gefuͤhl auf, daß ein großer Umſchlag des Zu⸗ ſtandes in Deutſchland bevorſtehe. Alles erregte die Ge⸗ müther und ſpannte die Erwartung. Der Frühling, der ſich ſo ruhig und regelmäßig entwickelte, bot dieſe ſo ſel⸗ tene Gunſt vergebens zu frohathmendem Genuß an: die Menſchen waren auf Begebenheiten gerichtet; die Saa⸗ ten ſchienen geborgen, man erwartete Exeigniſſe, und machte ſich auf das Außerordentliche gefaßt, das hinter jeder träu⸗ menden Nacht hervorbrechen konnte. Nur Diejenigen, die um Alles keine Aenderung der Dinge wünſchten, wollten hinter dieſer dumpfen Regung, hinter dieſem— wie ſie es nannten— rumeur sourde nichts als die Geſchäftigkeit der ſich immer mehr verzwei⸗ genden geheimen Geſellſchaften erkennen, nur beſtrebt, durch ausgeſtreute Gerüchte die Geiſter zu erbittern, die Gemüther zu verhetzen und ſo die öffentliche Meinung zu Beförderung thörichter Aufſtände zu ſtimmen. Um dieſe Zeit, bald nach Mittfaſten, verſammelte ſich eines heitern Nachmittags in einem Eckhauſe der winke⸗ ligen Dorotheengaſſe der untern Stadt ein halbes Dutzend junger Frauen bei einer Freundin, die vor kurzem ihr erſtes Wochenbett glücklich beſtanden hatte. Unter dem Schein eines gewöhnlichen Gratulationskaffees verſteckte ſich eine politiſche Vorbereitung. Es waren nämlich lauter Frauen untergeordneter Be⸗ amten,— vorſichtiger junger Heſſen, die mit ihren Ti⸗ teln und Emolumenten in der neuen Jeröme'ſchen Ver⸗ 299 faſſung aufgrünten, und bei einer Umwendung des poli⸗ tiſchen Bodens von Weſtſalen entwurzelt zu werden fürchteten. In dieſer Beſorgniß blieben ihnen die ver⸗ gnügten Blicke jener ältern caſſeler Herren nicht unbe⸗ merkt, die ſchon unter dem Kurfürſten anſehnliche Poſten innegehabt hatten, und denen man eine geheime Verbin⸗ dung mit dem alten Herrn ſelbſt unter ihrer Jeröme'ſchen blauen, weißgeränderten Cocarde zutrauen durfte. Sie erkannten darin eine Beſtätigung des dunkeln Gerüchts von der bevorſtehenden Rückkehr des Kurfürſten, an die man im Volke mit ſchweigſamer Zuverſicht glaubte. Kaum Einzelne von leicht erregbarem Gemüth liehen in vertrau⸗ tem Kreiſe ihrer guten Erwartung ein leiſes Wort, und nur ein armer Schneider, deſſen Verſtand mit ſeiner Na⸗ del ſtumpf geworden war, ließ es ſich nicht nehmen, ſo oft er von der Polizei auch eingeſteckt wurde, immer wie⸗ der laut auf offener Straße die Rückkehr des Kurfürſten zu prophezeien. Für dieſen, wenn auch glaublichen, doch jetzt noch bedenklichen Fall wollten die jungen Männer ſich insgeheim gefaßt halten und eine Anhänglichkeit an den alten Regenten durch ein unzweifelhaftes Anhängſel öffentlich an den Tag legen. Dies freilich nur zur rech⸗ ten Zeit und mit kluger Vorſicht, daher ſie ihre Vorkeh⸗ rungen den jungen Frauen überließen, die ſich eben bei der Freundin verſammelten. Frau Culemann, die glückliche junge Mutter, hatte ihr erſtgeborenes Antonchen gewaſchen, und ließ es auf der ſaubern Doppelwindel von Wollen und Leinen, unter welcher der Anfang der aufgerollten Wickelſchnur lag, ver⸗ gnügt zappeln. Sie gab die Aermchen und Bäckchen des 300 lachenden Knäbleins zu betätſcheln, und wendete es dann um, damit die Freundinnen auch an Beinchen und Backen ſich von dem geſunden Fleiſch des kleinen Anton überzeu⸗ gen konnten. Mit zarten Klappſen auf dieſen Theil trug das wackere Bübchen den Beifall, den das Mütterchen für dieſe Darſtellung einerntete. Da klopfte es beſcheiden an die Stubenthür. Herein! Und ein hageres, ſchmächtiges Männchen erſchien, ſpitz von Naſe und Kinn, lächelnden Mundes, mit vor⸗ liegenden, unruhigen Augen und zierlich geſetzten Füßen. Es hatte einen abgeſchabt olivenfarbigen Ueberwurf an, den die Franzoſen une redingote rapée de couleur olive genannt hätten. Der Grüßende trug eine längliche Schachtel unterm Arm und ſetzte ſie auf einen kleinen Tiſch, unter welchem er ſeinen Hut auf den Boden ſtellte, einen am Rand ſtark vergriffenen, ehedem ſchwarzen Filz, der nun ins Röthliche fallend eine verſchämte Blödigkeit verrieth, die ſich unter dem Tiſche gut ausnahm. Der Mann, offenbar ein zurückgekommener Perücken⸗ macher, ſprach ſehr lebhaft mit einem in Unterwürfigkeit gekleideten Selbſtgefühl. Die Stubenthür wurde jetzt aus Vorſicht verriegelt, und man ging an das Werk. Es iſt Alles fertig bis auf die letzte Umwickelung, ſagte der Mann. Haben die geehrten Damen für ſchwarze Schnur geſorgt? Ja wol, Herr Poppereh, antwortete eine freundliche Blondine, hier haben wir ein ganzes Stück, von der 301 Frau Chef de Bureauin Sombart für uns Alle an⸗ geſchafft. Herr Poppereh nahm das Stück, blickte aber unter dem Aufknüpfen des Bandes die Sprecherin mit ſchalkhaft lächelnder Miene an, indem er ſagte: Aber, aber, meine liebenswürdige Madame Reutel! Was ſagen Sie? Chef de Bureauin?„Chef“ iſt ja das Hauptwort, und„de Bureau“ iſt nur die Neben⸗ bezeichnung. Sie müſſen, wenn Sie den Titel richtig acco⸗ modiren wollen, unmaßgeblich ſagen: Chefin de Bureau, oder Bureauchefin. Aber— nichts für ungut! Ver⸗ zeihen Sie die beſcheidene Erinnerung!—— Alſo dieſe Sorte haben Sie gewählt? Nun ja, gut! Die Schnur iſt recht. Sie wollen Wollen? Ich will ſagen, Sie wol⸗ len wollene Schnur, kein Floretband nicht? Mein Mann meint, antwortete die Bureauchefin, es würde dem Kurfurſten als ein Beweis von Sparſamkeit angenehmer in die Augen fallen, wenn die Zoͤpfe un⸗ ſerer ſubalternen Männer in Wollenſchnur gefaßt wären. Allerdings, da haben Sie ſehr Recht! betheuerte Pop⸗ pereh. Der Herr waren immer ein abſonderlicher Freund vom Einfachen, von einer erübrigenden Oekonomie. Gut alſo, bon! Nun gilt es die Auswahl der Zöpfe ſelbſt nach Ihrem Geſchmack. Sehen Sie, hier haben Sie, was das Herz nur begehren mag! Er öffnete ſeine Schachtel und legte Zöpfe verſchie⸗ denen Maßes und Haares heraus,— das Nackenhaar zum Anheften oder Umbinden gefaßt, und im Uebrigen fer⸗ tig gewickelt bis auf das Umlegen der ſchwarzen Schnur, 4 302 die Poppereh dem Geſchmack und den Auslagen der Da⸗ men überlaſſen hatte. Nun wählen Sie, meine Damen, ſagte er: ſchmäch⸗ tig oder dick, lang oder kurz, blond, braun, wie's für Ihre Männer paßt. Gewickelt ſind ſie für die Ewigkeit, obſchon ſie vielleicht nur proviſoriſch angeſteckt werden,. bis das eigene Haar gewachſen iſt. Und beim Himmel! ſage ich Ihnen, wenn erſt die gute heſſiſche Zeit wieder⸗ kehrt, werden die Haare erſtaunlich ſchnell wachſen, wie die Zwiebeln bei gutem Wetter. Jetzt ging nun das Wählen der jungen Frauen an, und es nahm ſich höchſt drollig aus, wie dieſe lächerlichen Dinger, mit ſolchem Ernſt und Eifer geprüft, aus einer in die andere Hand gereicht wurden. Es ſah aus, als ob eine Jede an dem Zopf für ihren Mann die Wahl eines Mannes ſelbſt mache. Derweil rollte Poppereh die Schnur auf, wobei ihm aber die Zunge keinen Augenblick ſtillſtand. Indem er das Kind ſtreichelte und mit der Zunge anſchnalzte, ſagte er: Aber, meine verehrte Frau Culemann, Sie wickeln noch Ihren charmanten Kleinen? Wiſſen Sie nicht, daß die Aerzte nicht mehr für das Wickeln ſind? Mein lieber Herr Poppereh, antwortete die Mutter, ohne aufzublicken, indem ſie die widerſtrebenden Aermchen unter den Umſchlag der Doppelwindel ſtrich und die ge⸗ ſtrickte Wickelſchnur darumſchlug, was wiſſen denn die Aerzte? Das Wickeln kommt ja eben wieder auf, wie ich ſehe. Und mein Tonchen iſt ein rechtſchaffenes Heſſenkind, und die braven Heſſen, wiſſen Sie, müſſen gewickelt werden. — —y— Und doch, meine hochgeehrte Frau Culemann, brin⸗ gen Sie keinen eigentlichen Zopf heraus! neckte Poppereh. Denn, wie Sie da nun eben das Windelwerk über die Roſafüßchen Ihres Kindes hinaufſchlagen und überwickeln, wird die Figur breit, und Sie bekommen die wahrhaftige Geſtalt eines Haarbeutels. Ganz recht, Herr Poppereh. Das Antonchen reprä⸗ ſentirt ſo eine gute alte Zeit, lachte ſie, und tänzelte das gewickelte Kind. Sie aber errathen doch ſchwerlich den Unterſchied zwiſchen ſo einem lebendigen und einem nur ſprüchwörtlichen Haarbeutel. Hm, Herr Poppereh? Sprüchwörtlicher Haarbeutel? erwiderte er, den rech⸗ ten Fuß graziös vorgeſetzt, und den Finger zum Nach⸗ denken an die Naſe gelegt. Nein! Sprüchwörtlicher Haar⸗ beutel? Lebendiger? Unterſchied? Errathe nicht! Nein, nicht poſſibel! O Sie geſcheiter Mann! Sie Diplomat! Nun, ſo will ich's Ihnen verrathen! Von einem Manne pflegt man doch unter Umſtänden zu ſagen, er habe ſich einen Haarbeutel angetrunken: das iſt der ſprüchwörtliche Haar⸗ beutel; da mein Haarbeutel aber trinkt ſich ſelber an. Nun? Poppereh wollte ſich wälzen vor Lachen. Parole d'Honneur! rief er, ich ſubmittire mich! Ich habe meine Meiſterin gefunden. Erlauben Sie, daß ich die wickelnde Hand küſſe, meine hochtheure Frau—. Aber, wo ſoll ich das beliebte in am Titel Ihres Mannes anbringen— des Herrn Commis d'ordre? D'Orderin? Commiſin? Es thut's nicht. Nein! Aber, bei dieſer guten Vorbedeutung da— 304 Er ſtreckte einen Zopf feierlich empor. Bei dieſem Zeichen, geehrte Frau, prophezeie ich und titulire Sie pränumerando— Frau„Regiſtratorin“, künftige„Archivarin“. Parole d'Honneur! Ja, glauben Sie mir, es geht nichts über die alten Zöpfe! Parole de Poppereh! Inzwiſchen hatten die jungen Frauen ihre Zopfwahl gemacht, und hörten dem Sprecher zu, jede ihren aus⸗ gewählten Zopf in der Hand, der mit dem Haarbüſchel nach oben, wie eine kleine Kerze ausſah, zu der die An⸗ dacht auf den höher gerötheten Wangen der ſechs Wahl⸗ 3 ſchönen brannte. 3 Poppereh fuhr mit vielem Nachdruck fort: Glauben Sie mir, meine Damen, die alten deut⸗ ſchen Titel werden Sie Alle demnächſt beſſer kleiden. Frau Regiſtrator, Frau Seeretarius, Frau Probato⸗ rin—! Prächtig! Das franzöſiſche Weſen ſchlägt deut⸗ ſchen Frauen nicht gut an, und ſie finden ſich nicht recht hinein. Da iſt z. B. eine gewiſſe Frau Präfecturräthin. Nun ja, der Titel geht noch an: er iſt an ſeiner hin⸗ tern Hälfte deutſch! Aber unverbeſſerlich deutſch iſt und bleibt die Frau ſelbſt. Ihre Tochter hat doch den jungen Franzoſen Girouſt zum Anbeter, und er hat ihr ein koſt⸗ bares Nähekäſtchen verehrt, ein ſogenanntes Neceſſaire. Auch die Tochter, die ſich des Franzoſen wegen mit dem Franzöſiſchen befaßt, nennt es— ihr Neceſſaire. Die Mutter aber thut's nicht anders, und ſagt immer, weil„ es doch zum Nähen beſtimmt iſt— Nähzeſſär. Se⸗ hen Sie! Nein, das Franzöſiſche muß bei uns mit Stumpf —— 30⁵ und Stiel, in Wort und Werk ausgerottet werden. Laſſen Sie nur erſt die gute heſſiſche Zeit wiederkehren, wo der Kamm und die Brenneischen dieſer pariſer Windbeutel uns nicht mehr das Brot vor dem Mund wegnehmen, und deutſche Hände den Zopf wickeln, das Sinnbild un⸗ ſerer Anhänglichkeit! Wie will ich mich freuen, wenn ich demnächſt mein Schild mit dem kürfürſtlichen Wappen über meiner Hausthür erblicke mit der goldenen Umſchrift: „Lorenz Poppereh, kürfürſtlich⸗heſſiſcher Hoffriſeur!“ Die Frauen lachten, und Frau Culemann, die ſich, ihr Kind zu ſtillen, mit dem Rücken gegen die Geſellſchaft geſetzt hatte, ſagte: Doch wieder Friſeur? Haarkräusler müſſen Sie ſetzen. Haarkräͤusler! erwiderte Poppereh mit verdrießlich wegwerfendem Ton. Ich muß Ihnen ſagen, Madame, ich kann mit„Haarkräusler“ durchaus nicht ſympathi⸗ ſiren. Lieber noch— Perückenmacher. Freilich, das iſt wenigſtens halbdeutſch! Vergebung, ganz, ganz deutſch! Wir ſchreiben's nur falſch. Wir müßten's mit weichem B ſchreiben. Es kommt von berücken; weil wir Haarkünſtler— Ha, mein Gott, da haben wir's ja! Haarkünſtler werde ich auf das Schild ſetzen— kurfürſtlich-heſſiſcher Haar⸗ künſtler. Weil wir, wollte ich ſagen, durch unſere Arbeit die Welt über einen verſchämten Kahlkopf, über eine ge⸗ heime Glatze täuſchen, alſo berücken. Daher Berücken⸗ macher! Jetzt werden Sie auch begreifen, meine verehrten Damen, daß die Perückenmacher und die Diplomaten in ihrer verſchiedenen Richtung doch von einem Princip aus⸗ Koenig, Jeröme’s Carneval. III. 20 306 gehen, gewiſſermaßen eine Union bilden, worin ſogar die geſchickten Hände der Einen manchen Kopf der Andern in ſeinen Blößen zu decken haben. Unter ſolchem Schwadroniren hatte Poppereh mit der Umſtändlichkeit eines Mannes, der bei vieler Lebhaftigkeit wenig zu thun hat, die aufgeloſte Schnur durch die Länge des Zimmers ziehen laſſen, um für die einzelnen Zöpfe das erfoderliche Wickelſtück abzumeſſen und abzuſchneiden. Während er ſodann mit zierlich geſpreizten Fingern einen Zopf nach dem andern wickelte, kam er vom Hundertſten ins Tauſendſte zu reden. Wiſſen Sie ſchon, daß die Frau von Gerſen ganz geheim auch bereits einen Zopf bei mir beſtellt hat? fragte er. Dieſe Nachricht ſchien den Frauen unangenehm. Was? Auch in der Nähe des Hofes hat man ſchon unſere guten Gedanken—? rief Frau Reutel. So iſt es, meine Damen! Schon in dieſen Kreiſen glaubt man an den bevorſtehenden Umſchlag der Dinge. Freilich hat ſie ganz im Vertrauen die Beſtellung ge⸗ macht. Was aber die Frau für ihren Mann ſorgtV! rief eine Andere, in ihrem Verdruß ſich übereilend. Erſt hat ſie ihm einen königlich weſtfäliſchen Schmuck— Sie verſtummte erröthend. Und Poppereh fiel la⸗ chend ein: O ich verſtehe Sie ſchon, Madamchen. Nun ja, dem königlich Jeröme'ſchen Schmuck, den Sie meinen, hält nun ein kurheſſiſcher Zopf das Gegengewicht. Ha, ha! Das heißt man ſeinen Mann accomodiren! Aber, fuhr er mit 307 feierlichem Ernſte fort, eine frivole Frau iſt es! Ja, fri⸗ vol, ſage ich. Denken Sie, was ſie mir bei der Beſtel⸗ lung ſagte!„Mein guter Mann“, lächelte ſie,„gilt in den Augen unſerer frommen Heſſen nicht für chriſtlich ge⸗ nug; machen Sie ihm einen Zopf, der bis ans Heiligen⸗ bein herabreicht.“—— Hier, meine liebenswerthe Chefin de Bureau, haben Sie für Ihren lieben Mann einen Talisman gegen alle Gefahren eines politiſchen Um⸗ ſchwungs! Hiermit überreichte Poppereh, mit Daumen und Zeige⸗ finger der rechten Hand gefaßt, den fertigen Zopf, und nahm einen andern vor, indem er weiter ſprach: Indeß, meine Damen, waren jenes nur leichtfertige Worte; es gehen aber bei uns leichtfertige Dinge vor, die noch mehr zu beklagen ſind. Komme ich da letzten Sonnabend zu Mademoiſelle—— Niein, ich will ſie doch nicht nennen! Ihrem Vater ſelig habe ich alle Per⸗ rücken geliefert, und von daher bediene ich auch noch die Tochter bei beſondern Gelegenheiten. Sie hat ein admi⸗ rables Haar, iſt überhaupt eine einnehmende Perſon, halb und halb verlobt mit einem jungen Herrn, der auf eine Stelle wartet, und genießt eines ſehr guten Rufs. Denken Sie daher, wie mich Eines überraſchen mußte! Während ſie ſich leſend ſetzt, daß ich ihr die Locken wickeln ſoll, ſagt ſie mir:„Dort, lieber Poppereh, liegen Papier⸗ ſchnitzel!“ Ich ſehe aber auch ein zierliches franzöſtſches Billet daneben, und nehme es an mich, um es hinter ihrem Rücken zu leſen. Herr Poppereh! rief im Tone verwunderten Vorwurfs Frau Culemann. Schämen Sie ſich nicht? 20* 308 Beſte Madame, ſupponiren Sie keine Unbeſcheidenheit! betheuerte er. Ich hätte allerdings ſagen ſollen, um das Billet zu prüfen, ob es auch zu einer Papillote beſtimmt ſei. Es lautete: „Si deux Louis et un joli dejeuner Vous peuvent convenir, Mademoiselle—“ kurz, um es Ihnen deutſch zu ſagen:„Wenn zwei Louisd'or und ein artiges Frühſtück Ihnen anſtehen, Mademoiſelle, ſo erfreuen Sie mich morgen früh in meiner Gartenwohnung vor dem—“ In dieſem Augenblick wendet ſich Mademoiſelle— Soundſo nach mir um; raſch drehe ich das Papier zu einem Wickel, und fahre damit in ihre Locken. Aber was ſagen Sie? Si deux Louis— ihr Verlobter heißt auch Louis. Schweigen Sie, Poppereh! gebot Frau Culemann. Was kann ein braves Mädchen gegen einen unverſchäm⸗ ten Franzoſen? Wohlgeſprochen, liebwerthe Frau Culemann! rief er aus. Das iſt es eben! Und es thut mir nichts leid, als daß ich nicht erſt noch die Nummer des Gartenhauſes— wahrſcheinlich vor dem Napoleonshöher Thor— und den Namen des Unyverſchämten leſen konnte. In Gedanken aber ließ ich mich gegen ihn ſehr nachdrücklich aus. Wie, ſagte ich ihm, wie können Sie, leichtfertiger, zudring⸗ licher Menſch, ſich unterfangen, einer jungen, unbeſchol⸗ tenen Dame, wie Mademoiſelle Lademann iſt— Dem plötzlichen Verſtummen Poppereh's folgte ein lautes Gelächter der Frauen, das aber nicht wie befrie⸗ digte Neubegierde, ſondern wie eine Zufriedenheit klang, daß es Niemand Beſſeres als Mademoiſelle Lademann war. — 20—— 309 Poppereh aber war ſo verblüfft und verwirrt, daß er die Schnur verwickelte und den Zopf ganz wieder auf⸗ wickeln mußte. Ueberdies klopfte es an die Thür, und Alle griffen zu, die Verhängniſſe oder vielmehr Anhäng⸗ ſel der Zukunft in Poppereh's Vorſehungsſchachtel zu bergen.. Zweites Capitel. Ausſichten des Frühlings. Kleine Erlebniſſe anderer Art, als der Haarkünſtler Poppereh mit den Zoöpfen für die vorſorglichen jungen Frauen auf⸗ und abwickelte, begegneten unſerm jungen Freunde Hermann. Er machte jetzt ſeine erſten kleinen Amtsreiſen in die nachbarlichen Bezirke, um dieſe und die Beamten kennen zu lernen, mit denen er als Inspecteur des économats zu thun hatte. Das gute Wetter, die Bilder des erwachenden Früh⸗ lings ſtimmten ihn aufs heiterſte, wenn er auf ſeinem muntern Pferde das anmuthige Hügelland durchritt, neuen Thälern und neuen Trachten begegnend. In den Wäl⸗ dern regten ſich die Vögel, die Schwarzdroſſel verſuchte ihren Schlag; die Birken entfalteten ihr leichtes Blätter⸗ werk, die weidenartigen Gewächſe trieben ihre farbigen 310 Kätzchen. An den Rainen ſchimmerte das junge Grün, gelbe und weiße Blümchen wagten ſich ſchon hervor. Eine milde Sonne durchſchimmerte den Duft, der die Hügel der weitgeſtreckten Wieſenthäler verſchleierte. Und ſo räthſel⸗ haft verhüllt wie dieſe lag vor der Phantaſie des Reiters der Fernblick in ein herrliches Jahr mit den Nachtigallen und Roſen des Frühlings, mit den wogenden Saatfeldern und jubelnden Lerchen des ſtillen Sommers, bis zu den dämmerigen Mondſcheinabenden eines früchtereichen Herbſtes. Ein Reigentanz unſichtbarer Elfen umſchwebte ihn— Erinnerungen und Erwartungen, die gleich Tänzerinnen, Hand in Hand, vor ſeiner Seele wechſelten, jene an⸗ muthig lächelnd, als fürchteten ſie vergeſſen zu werden, dieſe neckiſch verſchleiert, als wollten ſie errathen ſein. Dazwiſchen nöthigten ihn ſeine Beſuche und ſein Ge⸗ ſchäft doch auch wieder mit Verſtand zu beobachten, was aber den wiederkehrenden Stündchen des Träumens nur einen neuen Reiz verlieh. Noch nie hatte er ſeine Bruſt ſo aufgeräumt, ſein Herz ſo aufjauchzend empfunden. Nichts lag hinter ihm, was ihn noch geſchmerzt, nichts vor ihm, was ihn be⸗ ängſtigt hätte. Wohin ſeine Gedanken gingen, winkten ihm liebe, edle Menſchen nach, und Lina ſaß vollends vor ihm zu Pferd; denn der Schattenriß der Freundin, den er unter der Weſte mit ſich führte, nahm, von ſei⸗ ner Phantaſie belebt, die volle Geſtalt an, und der Träumende umſpannte ſie mit den Zaumriemen ſeines Pferdes, wobei er ſelbſt zuweilen ſozuſagen in den Zügel biß, den er ſeinen Empfindungen und Wün⸗ — —, 341 ſchen angelegt hatte. Dergeſtalt ſpielten ſich ihm die be⸗ ſten Stunden in lauter Accorden ab, in ſo vollen Noten, daß auch, wenn er in einer Galoppade hätte aufjauchzen mögen und ſein Pferd ungeſtümen Herzens in Galopp ſetzte, doch Alles wieder vor der bewegten Seele in den erhabenen Klängen eines Chorals austönte. Hermann ließ es ſich angelegen ſein, beſonders auch die katholiſchen Pfarrherren ſeines Fulda⸗Werrabezirks zu beſuchen. Dieſer Schlag von Würdenträgern war ihm neu, und er fand meiſt heitere, lebensfrohe Männer, die leichter als andere an der ſchweren Zeit trugen. Doch empfanden ſie dieſelbe mit. Die Welt fühlte unter jenem Druck ein innigeres Zuſammenhalten in wechſelſeitigem Leiden und Helfen. Im Drang des Beſchaffens, unter dem Zwang des Entbehrens, mit der Eintracht des Dul⸗ dens dachte man an keinen Unterſchied im Glauben. Das Bedürfniß der Liebe glich allen kindiſchen Hader aus. Das Schwert lag in der Hand des Soldaten ent⸗ blößt, und der Prieſter wußte, daß ihm nur zu ſegnen übriggelaſſen ſei: er fühlte den Muth zu verſöhnen, nicht den Hochmuth, zu verfolgen. Indeß fand Hermann doch, wenn er Abends ſeinen Tag überdachte, manche heitere Bemerkung über den Un⸗ terſchied zwiſchen katholiſchen und proteſtantiſchen Geiſt⸗ lichen zu notiren. Es wollte ihn bedünken, als ob die Proteſtanten mit einer gewiſſen ſteifen Werkeltagsförmlich⸗ keit den Mangel an Ceremonien ihrer Sonntagsfeier aus⸗ zugleichen ſuchten; während die katholiſchen Pfarrherren, von ihren täglichen Meſſen des ceremoniöſen Zwangs müde, ſich gern im Weltleben etwas gehen ließen. Da⸗ 31² bei macht es auch einen Unterſchied, daß den Paſtoren mit ihren meiſt zahlreichen Familien das Leben ſehr ſchwer wird, wo der Mann des Cöoͤlibats geneigt iſt, zu leben und leben zu laſſen, weil er das Leben wohlfeiler hat. Freilich wird er dabei auch leicht egoiſtiſch und genuß⸗ ſüchtig, indem er eben alles Gute für ſich allein hin⸗ nimmt, während die Sorge für Viele den proteſtantiſchen Geiſtlichen hingebender, wenn freilich oft auch habſüchtiger macht. Und ſo erfreulich ſich auch unter guten Verhält⸗ niſſen ein proteſtantiſcher Pfarrherr in Mitte einer heitern Familie ausnimmt, ſo wird es doch in ärmlicher Lage einem katholiſchen Pfarrer auch leichter, in den Augen des Volks ſeinen Prieſterrock vom Schmuz der Windeln und von den Faſen und Federn der Hausmutter in der Kinderſtube rein und ſchimmernd zu erhalten. Was die politiſche Stimmung betraf, ſo fand Her⸗ mann, daß bei aller Vorſicht der Einen wie der Andern in ihren Aeußerungen gegen einen ihnen noch fremden jungen Mann doch die proteſtantiſchen Pfarrer eine heim⸗ liche Anhänglichkeit an den alten Herrn ſo wenig ver⸗ bergen konnten, als die katholiſchen ihre Zufriedenheit darüber, daß an Jeröme's prunkhaftem Hofe doch auch die Prälaten der römiſchen Kirche glänzten. Die weltlichen Beamten heſſiſchen Schlags ſonderten ſich in der Regel nach Alt und Jung für das frühere oder für das neue Regiment. Jene verdroß ſchon die fremde Sprache, mit welcher dieſe eitel thaten. Der Code Napoleon, jetzt in einer geſetzlichen deutſchen Ausgabe eingeführt, war den Alten eine Fußſchelle im gewohnten Schlendrian, den Jüngern ein Flügel zum Aufſchwung 313 ihres Ehrgeizes. Dieſe Entzweiung nahm nicht ſelten den ſchärfſten Widerſpruch ſogar zwiſchen Vater und Sohn an, und Hermann erlebte auf einem ſeiner Ritte den halbkomiſchen Fall, daß der Sohn eines Beamten, dem Vater zum Gehülfen beigegeben und in Geſchäften oft genug uneins mit ihm, eines Tags in Verkleidung und mit angemachtem Bart als Inſpector erſchien, um eine Geſchäftsreviſion vorzunehmen. Er ſprach nur franzöſiſch, und ſetzte hiermit und dadurch, daß er alle die Aecten herausfand, wo irgend etwas gefehlt oder verſäumt war, den geängſteten Beamten in eine wahre Verzweiflung. Der rannte zwiſchen der Amts- und der Wohnſtube hin und her, und ſprengte alle Dienſtboten fort, um ſeinen „Louis“ herbeizuſchaffen. An dieſem Namen hatte der Herr Sohn bereits eine franzöſiſche Anerkennung im Hauſe durchgeſetzt. Den tobenden Franzoſen ſuchte der bedrängte Papa, die Doſe in der Hand, in der er nach einer prise de contenance wühlte, flehend zu beruhigen:„Haben der Herr Inspecteur nur patience bis mein Louis arrivirt.“ Da jedoch der Louis viel zu nahe war, um draußen ge⸗ funden zu werden, ſo entſchloß ſich endlich die Tochter des Hauſes, den franzöſiſchen Wütherich zu einem Glaſe Wein einzuladen; da ſie denn mit ihrem guten Blick als⸗ bald den Bruder erkannte ihm den falſchen Bart abriß, und ihn mit der niedlichen Fauſt auf den Rücken züchtigte. Das Landvolk, ſoviel der reiſende Freund prüfen konnte, war durchaus für den Kurfürſten geſtimmt, und ging mit dieſer Geſinnung viel offener heraus, als die ſogenannten Honoratioren. Doch auch dieſe, wenn ſie in 314 größerer Anzahl oder beim Glaſe Wein zuſammenſaßen, ließen ſich, ohne gerade den Zuſtand der Gegenwart aus⸗ drücklich zu tadeln, im Ton billiger Anerkennung über die Verdienſte des alten Herrn aus. Man rühmte die Ord⸗ nung, Pünktlichkeit und Sparſamkeit, womit zur Auf⸗ rechthaltung des öffentlichen Credits zu ſeiner Zeit ver⸗ waltet worden ſei. Und weit entfernt, dem erprobten Neuen zu widerſtreben, habe der Herr vortreffliche Ein⸗ richtungen ausgeführt. Die Amtspachtung, das Lotto, die Tortur ſeien abgeſchafft, die Frohndienſte ermäßigt, Huten und Wüſtung urbar gemacht worden; der Fürſt habe die Waldpflanzungen und die Fruchtbaumzucht be⸗ günſtigt, und für geſchmackvolle Anlagen, für Hebung der⸗ Geſundbrunnen das Außerordentliche gethan. Zu allem Dem habe eine ungehinderte Juſtiz und ein billiges Ab⸗ gabenſyſtem das Leben des Volks geſchützt und erleichtert. An all' dieſen Beobachtungen brachte Hermann von ſeinen erſten Geſchäftsritten für die Verbündeten die be⸗ feſtigte Ueberzeugung mit, daß ein Aufruf zur Erhebung für den Kurfürſten einen lebhaften Anklang unter der ländlichen Bevölkerung finden werde. Er ſelbſt vernahm dann auch, was inzwiſchen zur Förderung des Unter⸗ nehmens weiter geſchehen war. Der Commandant des Caſtells hatte ſich mit dem Vorhaben, den König und die franzöſiſchen Generale im Caſtell zu verwahren, einverſtanden finden laſſen, und Hauptmann von Bork bei der Grenadiergarde wollte in der verhängnißvollen Nacht die Schloßwacht übernehmen. Dies war um ſo leichter anzuordnen, als der ſeit kurzem zum Commandanten der Grenadiere von der Garde er⸗ nannte Major von Langenſturz für Dörnberg's Unter⸗ nehmen gewonnen wac. Dörnberg's Schwiegerſohn, Graf von Gröben, ſtand unter den Jägern und gab gute Er⸗ wartungen von den Carabiniers. Noch andere Offtziere waren ins Vertrauen gezogen, und der Verkehr mit den Preußen wurde durch einen Hauptmann von Lützow klug und eifrig betrieben. Mehr und mehr ließen ſich auch die Weltverhältniſſe für das Unternehmen günſtig an. Die Zeitungen brach⸗ ten täglich Nachrichten von zunehmenden Bewegungen und Rüſtungen in Oeſtreich, und der Ton, womit franzö⸗ ſiſche Blätter die Kräfte des Kaiſerſtaats an Mannſchaft und Kriegsmitteln herabſetzten, gab zu erkennen, welche Anſtrengung man von Seite Oeſtreichs erwarte. Nicht lange, ſo erfuhr man, daß dort ſich drei Armeecorps bil⸗ deten, und der Kaiſer ſelbſt mit dem General⸗Quartier⸗ meiſter Chaſteler das Commando des einen, der Erzher⸗ zog Karl des zweiten und der Erzherzog Johann des dritten übernehmen würden. Und als endlich die Nachricht vom Einrücken franzöſiſcher Truppen in Baiern zu einem Beobachtungscorps an der Donau einlief, bot ſich auch ſchon der Anknüpfungspunkt für die heſſiſche Erhebung. Wenigſtens theilte man ſich im Vertrauen mit, Oeſt⸗ reich wolle vom Corps des Erzherzogs Ferdinand Trup⸗ pen durch Sachſen vorrücken laſſen, und die preußiſchen Verbündeten hätten bereits die weſtfäliſche Feſtung Magde⸗ burg ins Auge gefaßt, um ſich ihrer als eines Anhalt⸗ punkts für die ganze norddeutſche Erhebung zu bemächtigen. Drittes Capitel. Un poisson d' Avril. Auch der König empfand den günſtigen Einfluß des ungewöhnlichen Frühjahrs. Er fühlte ſich körperlich außer⸗ ordentlich wohl und geiſtig aufs heiterſte angeregt. In ſolcher Stimmung war er voll Anerkennung für gute Dienſte, die ihm geleiſtet wuͤrden, geneigt zu Nachſicht und zum Schenken für Männer und Frauen, und im engen Kreiſe der Vertrauten zu Allem aufgelegt, wozu eine ſinnliche Jugend in ſo unverdient begünſtigten Lebens⸗ verhältniſſen ſich nur allzu leicht verlockt fühlt. Da blieb „Lätitia“ nicht lange Parole, ſondern das„Luſtig“ ward wieder ausgeſpielt, und wenn's recht dick kam, mit ſchwä⸗ biſcher Zunge„luſchtik“ ausgeſprochen, wie Jeröme wahr⸗ ſcheinlich das Wort zuerſt von ſeiner Gemahlin gelernt hatte. Um dieſe Zeit waren der Krone zwei Lehen heim⸗ gefallen, Bernterode und Keudelſtein. Jenes bedeu⸗ tendere verlieh Jeröme ſeinem Gardecapitän, dem General Du Coudras, den er zum Grafen von Bernterode er⸗ nannte. Er wußte, wie ſehr den braven Mann das leichtfertige Betragen ſeiner Frau kränkte, die es ſich we⸗ nig anfechten ließ, daß ihr in Folge des Vorfalls auf Bülow's Maskenfeſte und zur Beruhigung des Miniſters Simeon der Hof verboten war. —=ye— 317 Außer der guten Ermunterung für ſeinen General hoffte doch Jeröme von dieſer Standeserhöhung noch im— mer eine heilſame Wirkung auf die Frau, für die er fortwährend leidenſchaftlich eingenommen blieb.— Sie möchte nun mehr Würde behaupten, ließ er ihr durch Marin⸗ ville ſagen, und die Gelegenheit ergreifen, im Rang einer Gräfin ſich mit der Geſellſchaft auszuſöhnen und in ein anſtändiges Verhältniß zu ſetzen. Was ihren Abendfreund betraf, ſo hielt Bercagny, trotz Allem, was die Gräfin Bülow zu Gunſten Her⸗ mann's erklärt hatte, den König bei der Vermuthung feſt, daß der junge, liebenswürdige Inſpector und kein Anderer der Liebhaber ſei, um den die lebhafte Frau ſich ſo vergeſſen hätte. Jeröme blieb nicht unempfindlich über einen jungen Mann, der ihm wiederholt in den Weg gekommen war, und Bercagny benutzte dieſe Laune, dem König einen kleinen luſtigen Gewaltſtreich anzurathen, hinter dem ſich zugleich auch für ſeinen Günſtling Berault die demſelben früher entgangene Stelle Hermann's wieder⸗ finden ließ. Wenn nämlich die Abendbeſuche bei der Ge⸗ neralin noch nicht aufhören würden, wollte er, um ihre Wohnung nicht zu beunruhigen, den jungen Mann, ſo⸗ bald ſie ihn wieder einmal aus dem Theater mitnähme, in einen Wagen packen und mit Gendarmerie nach Halle an das Haus ſeines Vaters bringen laſſen. Das andere Lehen gab der König ſeinem General⸗ intendanten der Civilliſte, Staatsrathe Lafleche, dem Manne der ſchönen Bianca, der es ſehr ſchwer ward, ſich mit ihrer italieniſchen Zunge Baronin von Keudelſtein zu nennen. Um dieſer prächtigen Frau willen hatte der 348 König ſchon einmal einen bedeutenden Kaſſendefect ihres Mannes nachgeſehen. Lafleche, der Kaufmannsſohn aus Marſeille, war nämlich, ſelbſt nach dem Urtheil der Fran⸗ zoſen, ein unbedeutender, wenig brauchbarer Menſch— homme nul et inept. Diejenigen bei Hofe, die den König nach ſeiner Grund⸗ ſtimmung kannten, aber ihm doch nicht nahe genug ſtan⸗ den, um auch den Modulationen derſelben 33 ¹ folgen, zweifelten nicht, daß bei ſeiner ſo dauernd guten Laune eine neue zärtliche Neigung im Spiele ſei. Ganz ohne ſchien es damit allerdings nicht; nur daß Jeröme's ſchwung⸗ volle Stimmung, ces goguettes de Sa Majesté, we⸗ niger die Folge einer neuen Leidenſchaft, als der An⸗ trieb zu einer ſolchen waren. Jene ſogenannte ſchwediſche Gräfin hatte ſich gegen die von Zeit zu Zeit wieder⸗ kehrende Annäherung Jeröme's fortwährend ſpröde ge⸗ halten. Es war eine Dame, die ſich durch vornehme Haltung und liebenswürdige Manieren in einem gewiſſen Kreiſe der höhern Geſellſchaft zu behaupten wußte, was man auch von dem Beſuch und den kleinen Spielpartien reicher und angeſehener Herren in der geſchmackvoll ein⸗ gerichteten Wohnung der Gräfin, beim Juden Jolberg in der Martinigaſſe, flüſtern mochte. Vertraute wollten ſo⸗ gar wiſſen, ſie halte einen beſondern Agenten, der ange⸗ ſehenen Fremden im Theater Einladekärtchen zu ihren Abendeirkeln zuſtellte. Nur den Zutritt bei Hofe hatte ſie, bei der Weigerung der Königin ſie zu empfangen, noch nicht durchſetzen können. Für ihren vertrauten Umgang außer den Spielpar⸗ tien, für ihren Herzensverkehr, wenn man es ſo nennen 349 will, ließ die Gräfin ſich durch ihr Wohlgefallen an ſchö⸗ nen blühenden Männergeſtalten beſtimmen. Solchen Vor⸗ zug beſaß Jeröme nicht, um ſie ſo leicht einzunehmen; aber er bot ſtatt deſſen durch ſeine hohe Stellung eine Glücksnummer, für welche die abenteuernde Dame einen Einſatz der Eitelkeit und des Eigennutzes im Sinne hatte. Sie griff es mit Schlauheit an, und hielt den König eine Zeitang mit ſeinen Anträgen hin aus Berechnung, wie es ſchien, daß ſie mit dem Anſpruch auf Empfang bei Hof die Geltung ihrer Perſon und den Preis ihrer Gunſt ſteigern könnte. Zuletzt gab ſie ſoweit nach, daß ſie ſich mit der Einladung zu einem der kleinern Abende des Königs begnügen wolle, wenn es nur ein aus Da⸗ men und Herren der höhern Geſellſchaft gemiſchter Cirkel wäre. Schnell erging nun in den letzten heitern März⸗ tagen eine Einladung zu einem Fiſch⸗ und Vogelfang, wie es hieß, auf Sonnabend den 1. April nach der Löwenburg. Fiſchfang auf der waldigen Löwenburg? fragte man ſich, und man ahnete wohl, daß es auf eine Aprilneckerei abgeſehen ſei. Da man aber wußte, wie artig und an⸗ ſtändig der König ſolche Scherze ausführte, ſo nahm man keinen Anſtand und ignorirte der Majeſtät zu Lieb die Abſicht des kleinen Feſtes, und ließ dem König den Spaß. Ein dunkles Abendroth verglomm hinter dem Zuge des Habichtswaldes, als man nach Napoleonshöhe hinauf⸗ fuhr. Die hellen kleinen Fenſter der hohen Burg leuch⸗ teten in die Dämmerung des Parks, und auf dem platten Thurme derſelben brannten Pechkränze, in deren qualmen⸗ der Lohe eine aufgeſteckte Fahne über den Wipfeln des Waldes wehte. Im Burghofe war die Gardemuſtk auf⸗ geſtellt, und die Hofdienerſchaft wurde von einem Gehül⸗ fen des ſchwer an einer Bruſtentzündung darniederliegen⸗ den Caſtellans angeſchickt. Eine Reihe der Zimmer war angenehm durchwärmt und erleuchtet, bis auf das vor dem verſchloſſenen Cabinet des Kurfürſten gelegene Ge⸗ mach, das ſtill und halbdämmerig gehalten wurde. Jeröme empfing ſeine Gäſte mit artigem Anſtand. Es war eine kleine, ausgewählte Geſellſchaft in dem für ſolche Abende vorgeſchriebenen Coſtüm, das für die Da⸗ men den tiefſten Ausſchnitt der Schulterbekleidung mit ſich brachte. 2 Die ſchwediſche Gräftn, wie man ſie kurzweg nannte, weil man dem angegebenen Namen Stjernhielm nicht recht traute, und ihn daher mit lächelnder Anzüglichkeit für etwas zu ſchwer ausſprechbar erklärte,— die Schwedin hatte dieſem Coſtüm mehr als genug gethan. Sie erregte ſelbſt unter den anweſenden Damen dieſes Zuſchnitts einiges Aufſehen, was den umſtehenden Herren nicht unbemerkt blieb. Marinville, der Schalk und Spötter, machte ſogar aufmerkſam auf die Empfindlichkeit der Damen. Dieſe ſaßen im Halbkreis, und die Herren gingen ab und zu, oder ſtanden ihnen gegenüber bei feinen Er⸗ friſchungen, die umhergereicht wurden. ¹ Sehen Sie nur, meine Herren, ſagte Marinville, wie ſtill entrüſtet unſere Damen ausſehen! Was halten Ew. Durchlaucht davon? Was mag es ſein? Gilt es der rei⸗ zenden Schwedin? 321 Dieſe Frage war an den Fürſtbiſchof von Corvey ge⸗ richtet, der eben der Oſtern wegen wieder nach Caſſel gekommen war. Der joviale Prälat hatte die mündliche Einladung des Königs angenommen, ſich aber gegen die etwa zu weit gehende Luſtigkeit mit ſeinem geiſtlichen An⸗ zug gerüſtet. Er trug den veilchenblauen Talar mit dem biſchöflichen Diamantenkreuz auf der Bruſt. Ein ebenſo feiner geiſtlicher Schalk, als Marinville ein frivoler welt⸗ licher war, antwortete der ſtattliche Prälat: Ich ſehe dieſe Entrüſtung der ſchönen Damen mit Vergnügen, und Sie werden ſich jetzt überzeugen, Herr Baron, daß unſere Hofdamen des weiblichen Zartgefühls nicht ganz ſo bar ſind, wie ihre Bruſt der Bedeckung. O Ew. Durchlaucht! rief Marinville. Ich gehe noch weiter und behaupte, daß ſie noch unwilliger über die Möglichkeit als über die Wirklichkeit ſolcher Dar⸗ legung ſind. Wie meinen Sie das? Ich meine, unſere zartfühlenden Damen ſind verdrieß⸗ lich nicht ſowol darüber, daß die Schwedin ſoweit ge⸗ gangen iſt, ſondern daß ſie ſoweit gehen konnte. We⸗ nig Damen ſind für ein ſo kühnes Coſtüm ſo gut ein⸗ gerichtet. Und doch ſtudiren wir Männer die Geographie der Frauenſchönheit nicht gern bei einem Planiglobium. Die umherſtehenden Herren lachten beifällig, und der Prälat verſetzte mit heiterer Drohung des Zeigefingers: Nehmen Sie ſich in Acht, Baron! Wir ſind hier auf einen räthſelhaften Fiſch⸗ und Vogelfang eingeladen, und Sie ſind ein großer Spottvogel, wie wir im Deutſchen einen Spötter nennen. Koenig, Jeröme’s Carneval. III. 21 322 ₰ Indem war feines Zuckerbackwerk in Form von Fi⸗ ſchen und Vögeln angeboten worden; Jeroͤme trat mit ſeiner leichten Anmuth vor den Halbkreis der Damen und hielt eine heitere Anſprache. Ich habe zu Fiſchen und Vögeln eingeladen, ſagte er, aber nicht blos in Zuckerwert⸗ wie es ſich eben Ihrem Wohlgeſchmack empfiehlt, ſondern auch in anderm Sinn und Bedeutung. Zuerſt meine ich einen Frühlingsvogel. Ich habe in dieſen letzten Tagen einen guten Bürger aus Caſſel begnadigt, oder vielmehr für ſchuldlos erklärt. Er hatte auf den König geſchimpft, aber mit einem deutſchen Ausdruck. Er hatte geſagt— Jeröme ſprach die folgenden Worte ebenfalls deutſch: „Der Kuckuk ſoll holen den König! Der Jeroͤme ſoll marſchiren zum Kuckuk! Zum Kuckuk gehen.“ Dann fuhr er franzöoͤſiſch fort: Ein deutſcher Mouchard hatte den Mann angezeigt, und Miniſter Simeon fragte an, ob ich meine Majeſtät von dieſer Verwünſchung für beleidigt hielte?— Nein, Herr Miniſter der Juſtiz, hab' ich geſagt. Der Kuckuk iſt ein lieber Vogel, und wenn man zum Kuckuk geht, iſt es Frühling, und der Kuckuk ruft die Nachtigallen her⸗ bei. Wirklich habe ich geſtern ſchon einen gehört und ihn eingeladen. Hören Sie! St! St! Alles ſchwieg und lauſchte. Ein Page hatte unvermerkt ein Zeichen gegeben, und es ließ ſich in einiger Entfernung durch künſtliche Veranſtaltung ein Kuckuk hören, der ſo lange ſchlug, bis das Gelächter der Herren und Damen ſich beruhigte. Dann fuhr Je⸗ röme fort: 323 Aber, nun fragen Sie auch nach den Fiſchen, meine liebenswürdigen Damen? Fiſche ſo hoch im Wald? Ja, das ſind Zauberfiſche, die nur einen Tag im Jahr er⸗ ſcheinen. Nicht durch Zauber, ſondern um uns zu be⸗ zaubern! Er winkte einem Pagen, der ſchon ein zierliches Fiſch⸗ netz in Bereitſchaft hielt. Jeröme ergriff es, und im Nu eines geſchickten Wurfes lag's vor den Füßen der Damen ausgeſpreitet; worauf er, einige Schritte zurückgetreten, in die Hände klatſchend ausrief: Poissons d'Avril, poissons d'Avril! Les voilà! Die Herren hinter Jeröme lachten und klaſchten aufs lebhafteſte mit, ſodaß die ganze Neckerei offenbar auf die Damen allein fiel. Dieſe ſprangen auf und umringten Jeroͤme mit lä⸗ chelnden Drohungen. Einige hoben das Netz vom Boden, und machten Miene, ihn darein zu verwickeln, um— wie ſie lachten— einen königlichen Aprilfiſch zu fangen. Der König entfloh ihrem Kreis und rettete ſich hinter die Herren. Dieſe gingen den Verfolgerinnen mit offenen Armen entgegen und faßten jeder eine. Die Muſik fiel ein und ſpielte einen Contretanz. Man hatte dem Koͤnig die Schwedin übriggelaſſen, und er kam nun faſt nicht mehr von ihrer Seite. Dies ſetzte eine heimliche Verſtimmung auf den Grund eines Misverſtändniſſes ab. Die Damen waren nämlich der Meinung geweſen, die räthſelhafte Fremde ſei ſo gelegent⸗ lich miteingeladen worden; Jeroͤme aber, der um ihret⸗ willen den ganzen Scherz angeordnet hatte, behandelte 21* 324 ſie in dieſem Sinn als Ehrengaſt, und ſie ſelbſt benahm ſich darnach. Die Herren, in ziemlich unvefangener Unterhaltung mit den Damen und mit ihnen Jeröoͤme beobachtend, hiel⸗ ten ſich an das Gute, was reichlich geboten wurde. Nur der Prälat von Corvey langweilte ſich herzlich. Wieviel wohler hätte er ſich im Wald auf der Auerhahnbalz ge⸗ fühlt! Wirklich kam er mit ſeinen Gedanken auf dies be⸗ ſondere Waidwerk, das zu ſeinen nobeln Paſſionen ge⸗ hörte, und wozu Frühling und Bergwald nahe genug waren. Und wenn er jetzt den König in Alles vergeſſen⸗ der Zuthätigkeit um die Gräfin erblickte, konnte er ſich des ſchalkhaften Vergleichs nicht erwehren: Sieh', ſieh', der echte Auerhahn! Wenn jetzt der Kurfürſt heranſchliche! Ich wär' begierig, ob er's auf den Hahn oder— auf die Henne anlegte! Die Auerhenne misfiel aber dem Prälaten gründlich, zumal nach Allem, was er in den katholiſchen Familien der Reſidenz, mit welchen er bei ſeinen caſſeler Beſuchen verkehrte, nicht das Beſte von dieſer Dame gehört hatte, um die ſein König jetzt ſo bemüht erſchien. In dieſer Stimmung empfing er die Gräfin, als Je⸗ röme herantrat, ſie ihm vorzuſtellen. Das kecke Selbſt⸗ gefühl, womit die Dame in ihrem auffallenden Anzug, ohne Scheu vor ſeinem geiſtlichen Talar und biſchöflichen Kreuz, vor ihm ſtand, verdroß ihn, ſo weltvergnügt er ſich ſonſt zu fühlen pflegte. 5 Sehen Sie, mein lieber Fürſtbiſchof, ſo geht's Einem! ſagte Jeröme. Wir glaubten zu fiſchen, und wir werden gefiſcht. Ich komme, Sie vor dieſer liebenswürdigen Fiſcherin zu warnen. Marinville, der herangetreten war, ſetzte lächelnd hinzu: Sie iſt beſonders eiferſüchtig auf katholiſche Prälaten, die vom Apoſtel Petrus her ein Fiſcherrecht in Anſpruch nehmen. Hüten ſich Ew. Durchlaucht vor ihrem Netz! Der Prälat mit etwas prieſterlich niedergeſchlagenen Augen erwiderte: Ich werde dieſe verwegene Fiſcherin alsbald vor mei⸗ nem königlichen Herrn verklagen. Es beſtehen Verord⸗ nungen, wornach man ſich beim Fiſchen keines Köders bedienen darf. Und die Gräfin—! Er ſtreifte mit einem wahrhaft geiſtlichen Blick ihre entblößten Schultern. Jeröme lachte. Ja, komm' Einer einem alten Jäger, rief er, der alle Jagd- und Fiſchreglements kennt! Und doch,— Verzeihung, Sire! fuhr der Fürſt⸗ biſchof fort, ich vergaß, daß Ew. Majeſtät Hofordnung den Fiſchen erlaubt, was nach den ältern Verordnungen nur den Fiſchern verboten iſt,— ein für alle mal er— laubt, das heißt— einen Köder für Alle.— Aber, Verzeihung Frau Gräfin, daß ich ſo pedantiſche Sachen vorbringe! Nach ſo viel Günſtigem, als ich von der ſchönen Dame gehört, fühle ich recht lebhaft, wie un⸗ geſchickt ein deutſcher Cölibatsmann zwiſchen ſpaniſchen Schlöſſern und ſchwediſchen Gräfinnen ſich benehmen kann! Die Gräfin war ſich viel zu lebhaft als Abenteuererin bewußt, um es nicht anzüglich zu finden, daß ihre Gräf⸗ lichkeit mit Dem, was man ſpaniſche Schlöſſer oder ſpa⸗ miſche Dörfer zu nennen pflegte, auf eine Linie ge⸗ ſetzt wurde. Sie wendete ſich empfindlich ab, indem ſie ſagte: Ew. Majeſtät wollten mir ja das Cabinet— A la bonne heure! fiel Jeröme ein. Dupac de Marſollier! Der gerufene Page trat vor. Schließen Sie das Cabinet auf! gebot Jeröme. Une lampe à Quinquet! Der Page, bereits angewieſen, ergriff die Argand'ſche Lampe und ſchritt dem Paare voraus durch das in Halb⸗ dämmerung gelaſſene Zimmer. Jeröͤme, hier ſeiner Ge⸗ ſellſchaft entzogen, ſchmiegte ſich der reizenden Dame ver⸗ traulicher an; ſein flehender Blick ſuchte ihre Augen, die ihm auch lächelnd zublinzten. Der Page ſchloß das Cabinet des Kurfürſten auf, und trat vorleuchtend halb rückwärts hinein. In demſelben Augenblick, in welchem das unruhig athmende Paar die Thür betrat, fuhren Beide zugleich mit Entſetzen zurück. Ein durchdringender Schrei der Gräfin, das Praſſeln der Lampe, die der erſchrockene Page fallen läßt, und der Ruf des Königs: Schließen, ſchließen! folgen raſch auf einander. Die Geſellſchaft eilt herbei; aber ſchon kommen ihnen der König, die Gräfin, der Page, alle Drei leichenblaß, entgegen, und die Gräfin fällt halb ohnmächtig in einen Seſſel. Man umringt ſie und fragt, was es ſei. ₰ 1 327 Nichts, nichts! antwortete Jeröme, ohne ſich doch faſſen zu können. Eine Täuſchung, eine Einbildung, die wir hatten! Wir glaubten den Kurfürſten zu ſehen, ächzte die Dame im Seſſel. Ja, wir ſahen den Kurfürſten; er erhob ſich von ſeinem Sitz, als wir— Hu, mein Gott! Ich ſage Ihnen aber, es war eine Einbildung! rief Jeröme unruhig und abwehrend. Ja wol, eine Täuſchung, eine ſonderbare Einbildung, die wir Beide zugleich hatten,— Se. Majeſtät hatten und ich! wendete die Gräfin ein, und ſetzte gegen die Damen hinzu: Se. Majeſtät wollte mir nämlich das intereſſante Ca⸗ binet des Kurfürſten zeigen. Still, nennen Sie ihn nicht, befahl Jeroͤme. Verzeihung, Ew. Majeſtät! verſetzte Marinville. Ich glaube, daß es nur ein— ſoll ich ſagen Revenant d'Kvril iſt. Ein verwegener Aprilſcherz. Hören Sie, Marſollier! Was haben Sie geſehen? Ich? Eigentlich— ich— nichts! Ich blickte nicht hinein, ich— Geben Sie den Schlüſſel! Wir wollen gleich nach⸗ ſehen! Halt da, Marinville! rief Jeröme. Ich verbiete das. Keine Tollkühnheit dieſe Nacht! Marſollier, Sie ſind für den Schlüſſel verantwortlich. Morgen— Aber ehe wir gehen, verpflichte ich Sie Alle, Herren und Damen, das unbedingteſte Stillſchweigen über den Vorfall zu beobach⸗ ten. Ich befehle es bei meiner Ungnade! Marinville, be⸗ fehlen Sie es der Dienerſchaft. Hat es nicht eben gedonnert. —— uuuu—u— 328 Ein Wagen iſt in den Hof gefahren, Sire! antwor⸗ tete der Prälat von Corvey. Aber es iſt allerdings ſehr milde Mitternacht,— etwas gewitterhaft in der Luft— wie in der Zeit. Die Wagen alſo! Gehen wir! rief Jeröme. Gute Nacht! Morgen wieder— Er wollte in gedankenloſer Verwirrung das gewohnte luſtig ſagen, beſann ſich aber und rief: Morgen wollen wir unterſuchen laſſen. Es iſt nichts, aber— Sie haben mir Stillſchweigen gelobt. Sagen Sie mir— keine Thorheit nach. Gehen wir, die Wa— gen fahren an! Viertes Capitel. Nachwirkungen eines Regenſchirms. Cs war wol damals ſchon bei Hofe vorgekommen, daß man einen Pagen zum Stillſchweigen verpflichtete, nachdem er hinter einem Fenſtervorhange, beiſeite ge⸗ brachtes Zuckerwerk naſchend, den mit einer Hofdame ein⸗ getretenen König unvermeidlicherweiſe belauſcht und in ſeiner verſchämten Angſt ſich ſelbſt durch Mioſen ver⸗ rathen hatte. 5 Auch dem Gardeoffizier von Pogwitz war ja eaue⸗ — Qañnn— gen auferlegt worden, als er damals vor dem Cabinet Jeröoͤme's ſeine Verlobte in der Geſpenſterſtunde er— blickt hatte. Waren dennoch dieſe ſo einfach geknüpften Geheimniſſe ausgekommen, wie hätte ſich die Geſpenſterſcheinung auf der Löwenburg hinter ſoviel Zeugen des königlichen Schrecks und der getäuſchten Erwartung einer beneideten Abenteue⸗ rerin verheimlichen laſſen? Im Gegentheil gewann gerade durch die ängſtliche Vorſicht, mit der man ausplauderte, der Vorfall eine geheimnißvolle Bedeutſamkeit. Sogar für die anfangs Ungläubigen in des Königs Umgebung verwickelte ſich das Unerklärliche der Erſcheinung dadurch, daß die abergläubige Anwandelung Jeröme's es verhindert hatte, durch alsbald vorgenommenes Nachforſchen das täu⸗ ſchende Bild des Kurfürſten noch im Seſſel zu finden. Denn auf den entſtandenen Lärm hatte die Tochter des Caſtellans gleich in derſelben Nacht das über die Krank⸗ heit ihres Vaters außer Acht gelaſſene Gemälde entfernt, und als man am folgenden Tage nichts Verdächtiges fand, gab die Dienerſchaft die Verſicherung, daß auch am Vor⸗ abend keine Seele durch den hintern verſchloſſenen Zugang ins Cabinet gekommen ſei. Vollends aber in den Kreiſen des Volks, das am Kurfürſten hing, bildete ſich aus dem Stoff eines ſo ge⸗ heimnißvollen Gerüchts eine wunderbare, höͤchſt bedeut⸗ ſame, ja verhängnißdrohende Geſchichte. Jedermann, der in ſolcher Gemüthsſtimmung davon hörte, ſchmückte in demſelben Sinn ſeine Nacherzählung noch weiter aus. Da hatte nicht gleich beim Eintritt ins Cabinet das lüſterne Paar den warnenden Fürſten erblickt, ſondern er hatte ſie in ihrer frivolen Vertraulichkeit überraſcht; ihr Frevel hatte ſeine Racheerſcheinung heraufbeſchworen, mit drohend gehobener Hand war ihnen der Herr entgegengeſchritten, und hatte den Fliehenden die Argand'ſche Lampe nach⸗ geſchleudert, die zur Entwürdigung ſeines dem Wohl des Landes beſtimmten ſtillen Aufenthalts geleuchtet hatte. Von dem Pagen, der über den Vorfall allein geſchwiegen hatte, verbreitete ſich der Misverſtand,— er ſei ſeit jenem Augenblicke ſtumm geworden. So ward ohne alle Abſichtlichkeit, blos durch poetiſche Volksphantaſie, das kleine Ereigniß einer Täuſchung, eines Aberglaubens, zu einem Wahrzeichen der ganzen Zeit, worin ſich mit dem Unwillen über die heilloſe Fremdherrſchaft das geheime Beſtreben zur Herſtellung des frühern Regiments verknüpfte. Dieſe Stimmung im Lande kam den Verbündeten um ſo erwünſchter, als die Zeit herannahte, wo man zur Ausführung des vorbereiteten Unternehmens auf den ge⸗ hobenen Muth des Volks rechnen mußte. Die Bewegungen in Oeſtreich ließen keinen Zweifel mehr über einen nahen Ausbruch des Kriegs. Die Zei⸗ tungsberichte ergänzten und berichtigten ſich durch Privat⸗ nachrichten. Und als am 9. April die Oeſtreicher den Inn überſchritten, bebten von dem Marſche dieſer Armee alle heſſiſch-geſpannten Herzen nach. Auch Hermann theilte den Freunden aus den wiener Briefen des Kapellmeiſters Reichardt intereſſante Schilde⸗ rungen der militäriſchen Vorgänge und des patriotiſchen Aufſchwungs mit.——„Alles i*ſt jetzt in der größten Bewegung“, ſchrieb derſelbe unter Anderm.„Nach den —ÿ—ÿ—⸗—;—;—õ˖/F—ZZD 331 bairiſchen und ſächſiſchen Grenzen rücken bereits einige hunderttauſend Mann. Die entfernten Grenzregimenter rücken nach, und die Landwehr ſetzt ſich in Bewegung. Alles drängt ſich zur freudigſten Theilnahme; Niemand will zurückbleiben. Fürſten und Grafen errichten nicht blos ihre Landwehrbataillons und ſtellen ſich an die Spitze: Viele von ihnen marſchiren als Subalterne in Bataillons, die von Bürgerlichen, oder von Männern aus dem ſoge⸗ nannten kleinen Adel commandirt werden. Unzählige Beiſpiele von echtem Bürgerſinn in allen Claſſen und Ständen ließen ſich aufzählen. Die gröͤßten Handelshäu⸗ ſer ſehen ſich von ihren Comptoirgehülfen und Dienern entblößt; die Kinder vieler der erſten Häuſer, wie Lob⸗ kowitz, Dietrichſtein u. dgl. bleiben ohne Hofmeiſter und Lehrer, weil auch dieſe ſich nicht des thätigen Antheils begeben wollen. Ganze Bataillons von ſtudirenden Jüng⸗ lingen wurden errichtet, und die Theater verlieren man⸗ chen guten Acteur und bleiben ohne Figuranten. Die. Zurückgebliebenen werden thätig durch anſehnliche Beiträge aller Art für die Landwehrmänner und ihre zurückgeblie⸗ benen Familien. Collin, der edle Menſch und Dichter, verließ den tragiſchen Kothurn, und ſang Kriegs⸗ und Siegeslieder für das Volk voll Kraft und Leben“ u. dgl. Von ſolchen Liedern war eine Auswahl den Briefen beigefügt. Es waren Gebete, Gelöbniſſe, Ehrenpreiſe für das Haus Oeſtreich, oder Abſchiedsworte des Greiſes an den Sohn, des Bräutigams an die Braut. Aus letzterm Gedicht eines Bräutigams machten die Schlußverſe einen lebhaften Eindruck auf unſern jungen Freund, indem er dabei, in Ermangelung einer Braut, 33² an Lina dachte, die doch zunächſt ihren Mann in ein ge— fährliches Unternehmen ziehen ließ. Die Verſe lauteten: So laß mich zieh'n. Am Siegesmahl Soll unſre Hochzeit ſein; Bei Pauken⸗ und Trompetenſchall Will ich dich, Liebſte, frei'n. Dann rühmt dich Jeder ins Geſicht, Weil dich ein Held erlas, Der über ſeine Liebe nicht Des Vaterlands vergaß. An dieſe Mittheilungen von allgemeinem Intereſſe knüpfte ſich eine etwas ſpätere Nachricht des Kapellmei⸗ ſters aus Prag, auf die man in Caſſel einen beſondern Werth legte. Seltſamerweiſe, wie Reichardt ſich auf ſei⸗ ner Rückreiſe der Heimat näherte, gingen auch ſeine Er⸗ lebniſſe dieſe Heimat näher an. Der Kurfürſt war nämlich aus Itzehoe nach Prag übergeſiedelt, und Freund Reichardt erlebte hier die foͤrm⸗ liche Anerkennung des vertriebenen Fürſten von Seiten Oeſtreichs. Eine Compagnie von der Landwehr war mit klingendem Spiel und wehender Fahne vor ſeiner Woh⸗ nung als Ehrenwacht aufgezogen. Graf von Wallis, als Oberburggraf, in Begleitung der angeſehenſten Civil⸗ perſonen, und der Stadtcommandant, General von Riſch, mit Militärgefolge, waren zur Cour erſchienen und hatten ein kaiſerliches Reſcript überbracht, worin die feierliche Anerkennung des Fürſten und die Zuſage ſeiner Wieder⸗ herſtellung als Kurfürſt ausgeſprochen war. — Nicht lange, ſo erhielten die Verbündeten in Heſſen auch den unzweifelhafteſten Beweis von der guten Stim⸗ mung und Erwartung des„Herrn“. Fritz Dörnberg, des Oberſten Bruder, brachte von Prag eine Anweiſung auf 30,000 Thaler, die der Kurfürſt für den Fall des Gelingens der Unternehmung zu Gunſten ſeiner Wieder⸗ herſtellung bewilligte. Dieſe Bedingung trug freilich die Farbe des vorſichtigen Herrn, der nur auf die gewin⸗ nende Nummer einſetzen wollte. Wer aber am wenig⸗ ſten Zweifel über das Gelingen hegte, waren eben die Anführer des Aufſtandes. Man vertheilte nun die Rollen für das ernſte Spiel auf den Fall eines unerwarteten Anſtoßes von außen, während man nur noch die vom Major Schill zugeſagte preußiſche Hülfe abwarten wollte, um loszuſchlagen. Ein⸗ mal war früher ſchon wegen Anrückens franzöſiſcher Trup⸗ pen der Termin zum Ausbruch verſchoben worden, und das gefährliche Geheimniß hielt ſich unverrathen, obgleich wol hundert Perſonen in Caſſel eingeweiht und an dreißig Gemeindeanführer auf dem Land inſtruirt waren. Ge⸗ fährlicher drohten die dumpfen Gerüchte zu werden, die täglich umliefen. Bald ſollten die franzöſiſchen Heere aufs Haupt geſchlagen ſein, bald bei Hofe bereits Alles zur Flucht gerüſtet werden; heut waren die Engländer in Bremen gelandet, morgen lugte der Kurfürſt ſchon aus dem Söhrewald auf ſeine Reſidenz herab. Bei der Vertheilung der Rollen war hauptſächlich auf den zum Commandanten der Garde ernannten Oberſten von Langenſturz und auf den Capitän von Bork als wachthabenden Offizier der verhängnißvollen Nacht ge⸗ ——— —-— n— õ—=— age—— 334¾ rechnet. Oberſt Dörnberg an der Spitze ſeiner Chaſſeurs⸗ Carabiniers commandirte die ganze Bewegung. Her⸗ mann, der junge Freund, dem man als Nichtheſſen, auch abgeſehen von ſeiner Jugend und mangelnden Kriegs⸗ übung, keinen ſelbſtändigen Poſten anvertraute, wurde als gutberittener Adjutant dem Oberſten Doͤrnberg zur Verwendung beſonders für den Verkehr mit Homberg, dem Herde des Ausbruchs, untergeben. Ein Poſten, der unter Umſtänden, wenn die Truppen des Königs mit dem Aufgebot der Verbündeten handgemein wurden, ſehr gefährlich für das Leben oder die Freiheit des Freundes ausfallen konnte. Hermann berechnete das nicht; ihn freute das Vertrauen eines Mannes wie Dörnberg. Bei der Berathung und Rollenvertheilung ſiel ihm nur Eines, nämlich der Ungeſtüm auf, womit Baron Rehfeld die Feſtnehmung des Generalcapitäns der Garde, Du Coudras, jetzigen Grafen von Bernterode, für ſeinen Antheil foderte,— er, der es ſich früher nicht wollte nehmen laſſen, den„leichten“ Koͤnig ſelbſt auf ſeiner Schulter davonzutragen. Fanchon's Regenſchirm hatte einige Kälte in den ver⸗ trauten Umgang des Barons mit Hermann gebracht. Rehfeld vermied es offenbar, von ſeinem Erfolg bei Ab⸗ lieferung des Schirms etwas Aufrichtiges mitzutheilen. Entweder war er mit der leichtfertigen Kammerjungfer⸗ dame in ein Verhältniß gerathen, deſſen er nicht geſtän⸗ dig ſein mochte, oder war in einer Weiſe abgefahren, de⸗ ren er ſich ſchämte. Ebenſo räthſelhaft blieb es nun aber auch, ob er ſich durch einen Handſtreich gegen den Ge⸗ neral an der ihm abholden Frau räͤchen wollte, oder mit 2 33⁵ der ihm vertrauten vertraulicher zu ſetzen dachte. In je⸗ dem Fall aber blieb der Baron, wie Hermann ihn kannte, ein beim Unternehmen gegen Jeroͤme ſehr waghalſiger, ebenſo kühner als kluger Mann. 4 So gingen die nächſten Apriltage hin. Die Verbün⸗ deten hatten vor allem die Rückkehr des Königs abzu⸗ warten, der mit ſeiner Gemahlin einen Frühlingsausflug durch einige Departements machte. Hermann, wie ſehr ihn ſeine geſchäftlichen Ausritte anmutheten, war augenblicklich doch ſehr zufrieden damit, daß ihn die Arbeiten des Bureau vorerſt in Caſſeel feſt— hielten, da man jeden Tag Nachrichten aus Preußen er⸗ wartete, und er alsdann für das große Unternehmen, das bevorſtand, geſchäftsfrei oder doch frei zu auswärtigen Geſchäften zu ſein wünſchte. Betrachten wir den jungen Freund in ſeiner Lage, ſo finden wir allerdings, daß er ſich über ſeine Theilnahme an dem heſſiſchen Aufſtande keine kaltverſtändige Rechen⸗ ſchaft gab. Seiner ſittlichen Entrüſtung über den geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtand in Caſſel hielt der Anblick eines ſchwungvollen neuen Staatslebens ein Gegengewicht, und gegen die Perſon des leichtſinnigen Königs hegte er kei⸗ nen individuellen Groll. Allein der von der Univerſität mitgebrachte Napoleonshaß und das im Verkehr mit be⸗ deutenden Männern nach und nach entflammte Gefühl der Schmach und Entwürdigung Deutſchlands hatten ſein Ge⸗ müth eingenommen. Nicht ohne anregenden Einfluß blie⸗ ben dabei die achtbaren Männer, die er in den geheimen 336 Verſammlungen höͤrte, die Briefe Luiſens— jener Freun⸗ din, deren Nimbus in der Ferne noch glänzender gewor⸗ den war; ferner der Eifer ſeines Freundes Ludwig und vor allem auch der Schwung, den ſein Herz bei dem Gedanken an Lina nahm— eine Stimmung, die gegen— über der angſtvollen Abneigung Lina's vor dem Wagniß ſelbſt doch eigentlich etwas Räthſelhaftes, wenn nicht Ahnungsvolles behielt. Und am Ende, wenn es auch eine bloße Sehnſucht, ein unbeſtimmtes Verlangen nach Glück, nach Poeſie, nach Liebe für das Leben geweſen wäre,— oder eine jugendliche Unruhe nach etwas Un⸗ gewohnlichem, was ſich ereignen, nach etwas Unnennbarem, was ihm begegnen ſollte, ja nur der ungeſtüme Puls, den ein ſo herrlicher Frühling im Herzen der Jugend anregt—: Alles dies hätte den Freund zu jenem Unter⸗ nehmen hintreiben können, das umfaſſend und unbeſtimmt genug ausſah, um Alles zu verſprechen, was eines un⸗ befriedigten Jünglings Herz und Phantaſie begehren mag. In dieſem erwartungsvollen Abwarten erhielt Her⸗ mann eines Tags eine Einladung zu ſeinem Miniſter von Bülow. Einladung— nicht zu einem Feſt oder Schmauſe, ſondern in dem damaligen franzöſiſch⸗höflichen Kanzleiſtil— Monsieur est invité. Der Graf empfing ihn auf ſeinem Geſchäftsſopha, freundlich, aber gedankenvoll. Bercagny, unſer alter Gegner, war bei mir, ſagte er,— im Auftrag des Königs, mit einem Befehl, den er aus Braunſchweig erhalten haben will. Es ſind An⸗ zeigen von geſchäftswidrigem Betragen verſchiedener Steuer⸗ ————d 337 officianten in einigen Cantons des Werradepartements eingelaufen. Es müſſen von meinen angeſtellten Preußen ſein, denn ſie ſollen an öffentlichen Orten ihre Anhäng⸗ lichkeit für den unglücklichen König ſelbſt durch Vivats haben laut werden laſſen. Dies iſt mir noch lieb, daß es Preußen ſind: Vivats auf den Kurfürſten würde der König viel ſchwerer nehmen. Ich ſoll die Sache blos disciplinariſch unterſuchen laſſen und zwar— durch Sie! Als er Hermann's Betroffenheit bemerkte, dem der Auftrag allerdings, wenn auch aus andern Geſichtspunk⸗ ten, in die Quere kam, fuhr der Graf fort: Nicht wahr, es befremdet Sie auch? Und allerdings iſt das Verfahren ſo abweichend, daß mir eine Neben⸗ abſicht dahinter zu ſtecken ſcheint. Ich kann mir nur durchaus nicht denken, was es ſein möchte. Was mich in meinem Argwohn beſtärkt, iſt der Umſtand, daß ge⸗ rade dieſer mir fatale Bercagny der Ueberbringer des Auftrags iſt, den allem Vermuthen nach auch er aus⸗ geſpitzt hat. Er beſorgt nämlich, im Vertrauen geſagt! Jeröme's Privatpolizei. Ich kann mir keine Liebesange⸗ legenheit dahinter denken, lächelte Herr von Bülow, wo⸗ bei einer von uns Beiden gemeint wäre. Oder will man mich wegen meiner Begünſtigung preußiſcher Subjecte compromittiren? Dann würde man aber einen Andern mit der Unterſuchung beauftragen; oder will Sie auf die Zinne des Tempels führen: denn Bercagny, wiſſen Sie, war gegen Ihre jetzige Anſtellung. Die Unterſuchung mag allerdings vom König befohlen ſein; der Auftrag dazu für Sie iſt aber ganz gewiß ein Plänchen von Bercagny. Aber laſſen Sie ſich das nicht anfechten! 22 Koenig, Jeröme'’s Carneval. III. 338 Genug, die Sache muß geſchehen, und ich kann Ihnen nur ſagen: Gehen Sie gründlich dabei zu Werk— um Ihretwillen, aber auch mit vorſichtiger Schonung der Angeklagten. Dieſe allerdings ſchlechten weſtfäliſchen Patrioten ſind gewiß tüchtige Officianten und wahrſchein⸗ lich Hausväter. Suchen Sie dieſelben wo möglich durch⸗ zuſchleppen, und bringen Sie ihnen in meinem Namen die Warnung bei, mehr Anſtand und Vorſicht in ihrem Benehmen walten zu laſſen. Ihre Vollmacht und die nöthigen Notizen ſollen Sie morgen in der Frühe auf meinem Bureau finden. Bercagny hat ſie noch zurück⸗ behalten. Rüſten Sie ſich, nach Empfang ſofort Ihren Auftrag zu erledigen. Der Miniſter ließ ſich noch mit Hinweis auf die Pflichten und Inſtruction der betreffenden Beamten darüber aus, wie eine ſolche Unterſuchung mit Umſicht ohne über⸗ flüſſige Umſtände zu behandeln ſei. Die Winke, die er dabei, um ſie nicht ausdrücklich zu geben, ſo leichthin fallen ließ, hätten verrathen können, daß er den Auf⸗ trag mehr auf ſeine Perſon zielend glaubte, als auf den jungen Mann, dem er ertheilt war. Hermann dagegen bezog denſelben gar nicht auf ſich; es war ihm nur un⸗ angenehm, daß er ſich gerade jetzt auf mehre Tage von Caſſel entfernen ſollte. Die Cantons waren ihm noch nicht bezeichnet; er hoffte es aber ſo einrichten zu können, daß er ſeinen Rückweg über Homberg nehme, um Lina zu ſehen, und ſein herzliches, herzleidendes Cordelchen mit einigen Neuigkeiten zu erfreuen. Als er in ſeine Wohnung kam, hörte er, daß ein Billet an ihn mit nachdrücklicher Empfehlung deſſelben „—— 129—9 A 339 zur Beachtung von einem Knaben abgegeben worden ſei. Das zuſammengekniffene Briefchen lag auf ſeinem Theater⸗ billet, und lautete mit entſtellter Handſchrift: „Herr Dr. Teutleben wird gewarnt, ſich heut nach dem Theater dem Wagen der Frau Du Coudras, Gräfin Bernterode, ja nicht zu nähern.“ Heut? rief er verwundert aus. Bin ich denn ſchon je einmal in die Nähe dieſes Wagens gekommen? Es iſt mein Name, kein Irrthum in der Abgabe des Billets! In welchem Ruf muß ich ſtehen, oder welches Misver⸗ ſtändniß waltet hier ob? Iſt das vielleicht noch ein Re⸗ cept von dem närriſchen Apotheker, der mich mit der fal⸗ ſchen Kammerjungfer in Verwirrung gebracht hat? So ärgerlich und nachdenklich der Freund geſtimmt war, mochte er doch nicht aus dem Theater wegbleiben. Die Oper„Joſeph“, von Mehul, wurde zum erſten mal gegeben. Es war großer Zudrang zu erwarten. Er be⸗ eilte ſeine Vorkehrungen zur morgenden Reiſe, und fand wirklich nur noch einen hintern Platz in der Par⸗ terreloge. Die Durchführung der neuen Oper war gelungen zu nennen. Hermann, heiterer geſtimmt, verließ etwas vor dem Schluß ſeinen Platz, um die An⸗ und Abfahrt der Wagen zu beobachten. Doch würde er ſehr wahrſchein⸗ lich ſeines Zwecks verfehlt haben, wäre nicht in der un⸗ tern Halle die Gräfin, die ebenfalls früher ihre Loge verlaſſen hatte, an ihm vorübergehuſcht. Sie ſchlüpfte zwiſchen den vordern Wagen hindurch nach einer entfernt haltenden Equipage. Ein behender Mann im Mantel 22* — 340 folgte ihr von außen. Aber im Augenblick, wo er ihr in den Wagen half und ſelbſt einſteigen wollte, wurde er von zwei aus einer nahen Kaleſche ſpringenden Gen⸗ darmen gepackt, und in ſeinen eigenen Mantel verwickelt in die Kaleſche gehoben. Beide Bewaffnete ſtiegen mit ein, ein Dritter zu Pferd ſprengte aus dem Hintergrunde des Platzes heran, und nun im Augenblick, wo die erſten Wagen am Haus anfuhren und das Parterre ſich toſend entleerte, jagte der leichte Wagen fort die Köͤnigsſtraße hinab. Hermann athmete auf. Es war etwas von ſchaden⸗ frohem Behagen in der Betrachtung, daß die dahineilende Kaleſche ſeinen guten Ruf einholen werde für Diejenigen, die vielleicht ihn einzufangen gedacht hatten.— Dein Recept, unbekannter Apotheker, war gut; es iſt nur an den unrechten Mann gekommen! Mit dieſem lachenden Gedanken ging er nach dem Hötel de France des Monſieur Legendre, um ſich für den glücklich ausgegangenen Verdruß etwas gütlich zu thun. 341 Fünftes Capitel. Die Sturmglocke von Homberg. Im Lauf der nächſten Tage war Hermann ſeinem Auftrag an verſchiedenen Cantonsorten des Diſtricts Hers⸗ feld nachgekommen, und ritt in der Frühe des 21. April von Rotenburg, wo er übernachtet, auf Vicinalwegen gen Homberg. Der Tag begann ſo friſch und heiter, wie es der Vorabend hatte erwarten laſſen. Der Freund erinnerte ſich kaum eines ſo herrlichen Frühlingsſonnen⸗ untergangs, als er, von der waldigen Parkhöhe des Land⸗ grafenſitzes über das Fuldathal und die Ebene von Bebra hinausblickend, Tags vorher genoſſen hatte. Und nun fand er an Hecken und Bäumen geſchützter Lage die erſten ausbrechenden Blüten. Die Lerchen ſangen und ſonnten ſich über den ſprießenden Saatfeldern; die Landſchaft war von pflügenden Ackerbauern und weidenden Heerden belebt. Hermann ritt zum Theil über Pfade, deren er ſich von den Landleuten beſcheiden ließ, frei athmend und im Gefühl des ihm gelingenden Geſchäfts, in Erwartung des Wiederſehens der homberger Freunde, ſeelenvergnügt. Aber auch mit dieſem Verlangen ließ er doch keinen an⸗ muthigen Ausblick von einem nahen Hügel, keinen durch⸗ ſonnten Waldweg ungenoſſen. So kam es, daß er noch eine Strecke vor Homberg ritt, als von dort her die ——QO‿————————Q—.—O—O,—— 342 Mittagsglocke in ruhigen Schlägen zu ihm drang, und die Arbeiter ſich aufrafften, das Feld zu verlaſſen. Doch kaum hatte der Freund ſein Pferd in lebhaftern Schritt geſetzt, als die eben verſtummte Glocke abermal und in raſchern Schlägen wie mit Sturmſignalen ertönte, und— als ob im Aufgebot dieſer Zeichen— ein leb⸗ hafterer Wind Trompetenklänge und Trommelſchläge dem Reiter entgegenführte. Die militäriſchen Signale konnte ſich Hermann er⸗ klären. Schon in Rotenburg war von dem bevorſtehen⸗ den Ausmarſche der weſtfäliſchen Truppen, die am Kriege gegen Oeſtreich theilnehmen ſollten, die Rede geweſen, und es ließ ſich denken, daß vor dem Ausrücken Uebun⸗ gen gemacht würden. Aber was bedeutete die Sturm⸗ glocke? Er ſetzte ſein Pferd in Trab. Sein Erſtaunen wuchs aber, als er nicht blos einzelne Küraſſiere aus der Stadt nach verſchiedenen Seiten jagen ſah, ſondern auch Bauern, mit Flinten und Säbeln bewaffnet, von den nächſten Hö⸗ fen der Stadt zueilten. Nun vernahm man auch von nahen und entferntern Ortſchaften Glockenſchläge, die offen⸗ bar, von der in Homberg noch forttönenden Sturmglocke geweckt, weit und weiter ins Land hinein ein Aufgebot verkündeten. Mit ängſtlicher Ahnung ritt der Freund in die Stadt. Er mußte Schritt halten, denn in den Gaſſen wimmelte es von Alt und Jung, und Alles eilte dem hochgelegenen Marktplatze zu. Ehe er ſelbſt ihn erreichte, brach dort ein unendlicher Jubel aus, und der Reiter erblickte über den Häuptern der zuſammengedrängten Menge das alt⸗ — 0 △—ℳ— 4u— V—s” 343 heſſiſche Banner entfaltet und geſchwenkt. Tauſend Hüte und Mützen winkten in der Luft, und von den Fenſtern der Häuſer grüßten die Schnupftücher der Frauen. Als endlich der wilde Jubel, mit dem ſich die langverhaltenen Herzen aufthaten und ſich nicht genugthun konnten, auf einige Augenblicke verſtummte, erhob ſich in feier— lichem Tact ein tauſendſtimmiger Ruf:„Es lebe der Kurfürſt! Hoch!“ Und dem gewaltigen Einklang knatter⸗ ten einzelne Stimmen nach:„Zum Teufel mit den Fran⸗ zoſen! Zum Kuckuk mit dem Jeroͤme!“ Nur mit Mühe gelang es dem Reiter, durch Seiten⸗ gaſſen Ludwig's Wohnung zu erreichen. Sein Herz ſchlug ungeſtüm. Die Volkserhebung hatte ihn überraſcht, fern von Caſſel, wo er jetzt ſein ſollte. Eine räthſelhafte Ge⸗ ſchäftsverwickelung hatte ihn von dem Poſten entfernt, der ihm beſtimmt war. Welche Theilnahme blieb ihm nun übrig? Er ſtellte ſein Pferd bei Ludwig ein. Nur Lina hatte ihn gehört und kam ihm an der Treppe entgegen— blaß, bebend. Sie reichte ihm ſchweigend die Hand und führte ihn raſch an Ludwig's Zimmer vorüber, aus dem man den Lärm wild durcheinander redender Männer ver⸗ nahm. Auf ihrer Stube warf ſie ſich weinend an ſeine Bruſt. So kommſt du doch auch! rief ſie. Und ſo willſt du denn auch theilnehmen— o Gott, o Gott!— an dem Entſetzlichen, an dem ihr Alle zu Grund gehen werdet, das alles Unheil über uns bringen wird! Hermann ſuchte ſie zu beruhigen, ihr Muth und Ver⸗ trauen einzureden. Er ſetzte ſich zu ihr, erzählte, wie er eigentlich hierherkomme und ſelbſt von der Bewegung in der Stadt überraſcht worden ſei. Wie iſt das nur ſo plöͤtzlich gekommen? fragte er. Und was hat man zunächſt vor? O der unglücklichen Fügung, die dich gerade jetzt hier⸗ herführt! rief ſie aus. Ich glaubte dich noch in Hers⸗ feld; ich wünſchte dich nach Ziegenhain, Marburg; ich habe dich nie ſoweit von uns fortgewünſcht, wie dieſen Morgen, als der junge Martin von Caſſel eintraf mit der Nachricht, daß es heut noch losbrechen ſollte. Ach! Das Wagniß wird viel zu ſehr übereilt, als daß es gelingen könnte, und ich— ich verliere Mann und Freund dabei! In dieſem Augenblicke ſtürmten die Männer aus Lud⸗ wig's Stube fort, und unſer Friedensrichter ſelbſt kam herüber, ein rothes Band um den linken Arm gebunden, ein Schwert an der Seite. Lina warf ſich lautweinend an ſeinen Hals. Ludwig, auffallend blaß ausſehend, gedankenvoll zerſtreut, haſtig in ſeinen Bewegungen, drängte etwas ungeduldig die beſorgte, ängſtliche Frau zurück, und reichte dem Freunde die Hand, indem er bei deſſen Anblicke wie neubelebt ausrief: Alſo biſt du gekommen? Willſt mit uns ziehen? O das iſt treu, das iſt brav von dir, Hermann! Aber du haſt noch keine Waffen? Nein, Ludwig, ich bin auf meiner Geſchäftsreiſe hier und von dem plötzlichen Aufſtand ganz überraſcht. Ich komme ganz zufällig, aber recht glücklich dazu. Es iſt eine höhere Fügung, Hermann, kein Zufall! Das Vaterland ruft, und du biſt da. An Waffen fehlt es uns nicht: rüſte dich! Ja, es ruft, und du biſt da! ———— —— 345 Es war etwas Geſpanntes im Ton dieſer Worte, die auch dem verſtändigen Ludwig nicht recht eigneten und an ihm auffielen. Hermann erwiderte: Gewiß rüſte ich mich! Aber ich habe meinen Platz an Dörnberg's Seite, und bitte dich nur, mir zu ſagen, wie die Sachen ſtehen, und ich eile dann nach Caſſel. Euer Zug geht doch dahin; aber wann, Ludwig? Nächſte Nacht, Freund! Doch wir erwarten Dörn⸗ berg's Befehle wegen unſers Einrückens vor Caſſel. Warte das ab, und du reiteſt dann voraus dahin und meldeſt, was hier geſchehen. Dörnberg ſelbſt nimmt in nächſter Nacht die Stadt und beſetzt ſie.— So ſei doch ruhig, beſte Lina! Es iſt gar keine Gefahr, es kommt zu gar keinem Kampfe, liebe Frau! Bis wir dort anlangen, iſt der König mit ſeinem ganzen Anhange feſtgenommen; die Truppen treten zum Theil zu uns über, oder ſind ohne Commando, ſind unthätig, Wir ziehen als Sieger ohne Kampf in die Reſidenz. Dieſe beruhigende Anſicht war nicht blos um Lina's willen vorgebracht: ſie entſprach den Vorausſetzungen Ludwig's und der übrigen Anführer des Unternehmens, und bildete ſozuſagen die Wolkenſäule, die dem auf⸗ brechenden Zuge des Landſturms vorleuchten ſollte. Dennoch erſchien der Friedensrichter von Homberg in einem Gemüthszuſtande, der ſolcher innern Beruhigung nicht ſehr entſprach. Es verrieth ſich darin keine eigent⸗ liche Muthloſigkeit, ſondern nur die nervenreizbare Natur des bisher nur gedankenthätigen Mannes, der, um ein großes, bedenkliches Vorhaben ruhig zu tragen, nicht Spannkraft des Gemüths genug beſitzen mochte. Daher 346 kam's auch, daß er ſich ſo haſtig, zerſtreut und leicht em⸗ pfindlich benahm, ja ſogar, gegen ſeine gewohnte Mäßig⸗ keit, öfter zu einem Glaſe Wein griff. Hermann dagegen war mehr vom Schlage Derjenigen, die ſich vor einem ernſten Unternehmen geſammelter, man möchte ſagen zuſammengeballter und daher gehobener und geſpannter fühlen. Mit dieſem eigenen Humor gelang es ihm auch, Lina aufzurichten, zu erheitern und in das Gleichgewicht ihres ſonſt ſo reſoluten Herzens zurück⸗ zubringen. Hermann vernahm nun von Ludwig, daß der plötz⸗ liche Anſtoß zur Erhebung gegen den König eigentlich von dieſem ſelbſt herrührte. Sein Befehl zum Ausrücken der Truppen gegen Oeſtreich bedrängte die Verſchworenen, die ſich nach dem mitbeſtimmten Ausmarſche des erſten Küraſſierregiments und der gelernten Jäger dieſer ſo wichtigen Hülfswaffen beraubt geſehen hätten. Sie muß⸗ ten ſich raſch entſchließen, vorher loszuſchlagen.— Schnell war Herr von Bothmer nach Berlin geeilt, um den Ma⸗ jor Schill zu benachrichtigen, der im Begriff ſtand, mit ſeinem ſchwärmeriſch ihm ergebenen Regiment auf eigene Fauſt gegen die Franzoſen auszurücken. Geſtern Abend unter dem herrlichen Sonnenuntergang hatte noch eine Verſammlung in Dörnberg's Wohnung ſtattgehabt, und waren die letzten Beſchlüſſe gefaßt worden. Mit dieſen war der junge Martin über Nacht nach Homberg geeilt, um den Aufbruch in Bewegung zu ſetzen. Die Flut dieſer Bewegung ſtieg nun im Laufe des Nachmittags. Drei Escadrons der Küraſſiere hatten ſich auf dem Marktplatz aufgeſtellt. Die Offiziere hielten vor 347 der Fronte, mit Ausnahme einzelner, die ſich mit Un⸗ wohlſein entſchuldigt oder ſtillſchweigend nicht eingefunden hatten. Kleine Detachements wurden in die Umgegend abgeordnet, und durch Feldpoſten der Verkehr nach außen geſperrt. Ein großer Schwung für das Unternehmen ſchien un⸗ ter den Reitern gerade nicht zu herrſchen. Eine Anzahl vormals preußiſcher und öſtreichiſcher Unteroffiziere dienten im Regiment und gefielen ſich unter franzöſiſcher Behand⸗ lung. Sie fühlten ſich eben nicht geſtimmt, zu Gunſten einer Wiederherſtellung des Alten auf die Soldaten zu wirken. Dieſen wurde nun auch noch vom commandiren⸗ den Offizier in einer Anſprache freigeſtellt, ob ſie mit dem Volksheere ziehen oder zurückbleiben wollten, wo ſie dann in Homberg ſich ruhig zu halten hätten. Gegen die kalte Haltung der Küraſſiere ſtach die ſchwär⸗ meriſche Begeiſterung ab, mit der ſich aus der Stadt und Umgegend Tauſende bunt bewaffnet einfanden. Altkur⸗ fürſtliche Soldaten, Förſter und Amtleute, Poſtmeiſter und Schullehrer, Prediger und Gaſtwirthe, Juden und Weiber, Leute jeden Alters ſtrömten herbei. Man brachte Waffen zuſammen, die bisher waren verſteckt gehalten wor⸗ den. Lange Tafeln wurden aufgeſchlagen, und die Sol⸗ daten, die ſich zur Volksſache ſchlugen, mit Wein und Speiſen bewirthet. Und der Wein wurde zum Werber Im Laufe des Nachmittags, als Ludwig fort war, um für die herrſchaftlichen Gebäude und Kaſſen eine Schutzwache durch ehemalige heſſiſche Jäger oder durch Füſiliere der alten Regimenter anzuordnen, erhielt Lina von Frau von Stölting ein Billet, worin dieſe um einen 348 Beſuch der Freundin bat, Cordula beruhigen zu helfen, die, von den lärmenden Vorgängen ſehr angegriffen, ſich ängſtige, wo jetzt der liebe Freund Hermann ſei, und ob er gar auch Antheil an dem bedenklichen Aufſtand nehme. Lina überredete den Freund mitzukommen. Sie wollte aber vorausgehen, das gute Kind über ihn zu beruhigen. Die Wohnung der Dame hatte die Annehmlichkeit eines hochgelegenen Gärtchens am Hauſe. Hierher hatte ſie ihre Kranke bringen laſſen, um ihr an der bewegten Luft das Athmen zu erleichtern und die bebenden Nerven zu beruhigen. Hermann's vorbereitetes Erſcheinen machte den beſten Eindruck einer Gegenwirkung auf das beſorgte Herz. Er ſetzte ſich zu dem lieben Mädchen, und bewun⸗ derte die ſchöne weiße Lilie, die in einem Topfe gezogen ihren freiwachſenden Schweſtern in der Zeit voraus⸗ geeilt war. Cordula erzählte ihm, daß es ihre Lieblingsblume ſei, und die gute Frau Dechantin ſie gezogen und ihr zuge⸗ ſchickt habe. Wiſſen Sie, Hermann, womit ich dieſe Blume gern vergleiche? fragte ſie. Mit einer Jahreswoche. Jede Woche iſt gleichſam eine neue Lilie, nur nicht immer, ja gar ſelten und nur bei einzelnen Menſchen in ſo reinem weißen Kelch abgeſchloſſen. Sehen Sie die ſechs Staub⸗ fäden im Kelch oder in der Blume mit dem einen drei⸗ narbigen Griffel? Ja, mein Lehrer, der jetzt Pfarrer iſt, hat mir Einiges von den Blumengeheimniſſen verrathen. Die ſechs Staubfäden ſind wie die ſechs Wochentage der Arbeit. Sie ſchaffen den Samen der Zukunft für neue 1 1 349 Lilien, und der eine Griffel da empfängt dieſen Samen und gilt mir für den Sonntag in der Woche. Er ſam⸗ melt den Gewinn der ſechs für die Fortdauer der Lilie in neuer Ausſaat. Das haben Sie ſich recht artig ausgedacht, liebe Cor⸗ dula, erwiderte Hermann. Aber es hat auch eine recht gute Bedeutung, wenn Sie wollen. Sehen Sie, wenn man ihren Sonntagsgriffel da herausbräche, ſo verwehte all' der Staub dieſer ſechs Fäden vergebens in die Luft, und die Lilie welkte für immer hin. Und ſo iſt alles Schaffen unſerer ſechs Wochentage, wie reich es ausfalle, ohne höhere Bedeutung und Folge für den Menſchen, wenn es ſich nicht in ſeinem innern Sinn zu den Ge⸗ danken des Ewigen und Göttlichen ſammelt, worin allein er ſeine höhere Fortdauer und das Unſterbliche gewinnen kann. Dieſe Sammlung der Fruchtkörner göttlicher Ge⸗ danken wird für die Maſſe des Volks durch den Sonntag vorgeſtellt und vermittelt; er iſt der hohe Griffel in un⸗ ſerer Wochenlilie. Und— wollen wir nicht auch in der dreifachen Narbe dieſes Liliengriffels eine Bedeutung ſu⸗ chen? Je nun, man könnte ſagen, die eine deutet auf die Andacht des Hauſes und des Herzens Derjenigen, die keine Kirche beſuchen können oder keine haben, keine, die gerade ihnen die Gedanken des Ewigen befruchtet. Die andere Narbe bedeutet die öffentliche allgemeine Sonntagserbauung, und die dritte gilt der Sonntagsfreude— der edeln Geſelligkeit bei Muſik und Geſang, dem fröhlichen Tanze des Volks und dem Jubel der Arbeiter von ſechs Tagen. Ach wie lieb, Hermann, daß Sie das Alles mit zum 350 Sonntag rechnen! rief Cordula, und reichte dem Freund ihr zartes Händchen hin. Gewiß, Herzchen! erwiderte er. Die Freude iſt auch eine menſchliche— Andacht; ſie iſt der Abendthau für Predigt und Meſſe, damit dieſe fröhlicher aufgehen. In der edeln Freude gedeiht das Echtmenſchliche, in ihr fallen die Samenkörner des Göttlichen wieder in unſere Arbeitstage und gehen in ſchönem Wohlthun auf. Sehen Sie, drum gefällt mir der engliſche Sonntag nicht: die Andacht wird da zu einer Arbeit des ſiebenten Tags, und bildet, von keiner Sonntagsfreude durchſonnt, ein hochmüthiges Volk, das nicht ſingen kann. Während deſſen war Frau von Stölting in eifrigem Geſpräche mit Lina hin und wieder gewandelt. Als Letz⸗ tere jetzt den Sitz neben Cordula mit Hermann tauſchte, nahm ihn die Dame beiſeite. Sie war mit dem patrio⸗ tiſchen Unternehmen innig vertraut, wie ſie denn mit den angeſehenſten adeligen Familien der Nachbarſchaft, die An⸗ theil daran hatten, in gutem Vernehmen ſtand; deſto mehr fiel dem Freunde die lebhafte Beſorgniß auf, mit der ſie ſich über den Ausgang der jetzigen Erhebung aus⸗ ſprach. Preußen iſt jetzt ſo wenig wie im Jahre 1805 ge⸗ ſtimmt, ſich an Oeſtreich anzuſchließen, ſagte ſie unter Anderm. Ach, zum Unglück Deutſchlands wird es auch in Preußen nie an Eigenſinn, an Eigendünkel und an Eigenliebe fehlen! Auch Schill, auf den man zählt, wird jetzt nicht kommen. Unſer Aufſtand bleibt mithin ver⸗ einzelt, und wird auch ſo übereilt, daß von acht Colon⸗ nen, auf die gerechnet war, nur drei ſi Bewegung —— 3⁵ʃ ſetzen, wie ich vorhin vom Metropolitan gehört habe. Der Zuzug von Marburg, Ziegenhain, Frankenberg her wird ſich, ungeachtet aller Thätigkeit des Oberſtlieutenants Emmerich, verſpäten, da die Männer von Homberg, Felsberg und Wolfhagen ſchon dieſen Abend von hier aufbrechen. Sie werden vernichtet ſein, ehe die Entfern⸗ tern auch von Göttingen her eintreffen können. Ich ſage Ihnen das nicht, lieber Freund, um Ihnen zu rathen oder abzurathen; ich muß mich auf bloße herzliche Wün⸗ ſche für Sie zurückziehen. Sie ſind dem Herrn von Dörn⸗ berg beigegeben, wie ich von Frau Lina höre. Ich kenne Dörnberg. Er war ein Freund meines ſeligen Mannes, und er iſt der meinige. Ich ſchätze ſeinen hohen Sinn, ich kenne ſeine umfaſſenden Verbindungen, ich begreife ſeine erhabene Vaterlandsliebe; wie er aber ſein Unter⸗ nehmen gegen den König mit ſeinem demſelben geleiſte⸗ ten Eid, mit dem von Jeröͤme angenommenen gunſtvollen Vertrauen in Uebereinſtimmung, in die Conſequenz eines ritterlichen Mannes bringen will—? Ich maße mir kein Urtheil darüber an, aber— es macht mich bange, und ſchlägt alle meines Herzens Hoffnungen und Wünſche nie⸗ der. O ich bebe innerlich, lieber junger Mann, für Alle, die in edelm Enthuſiasmus mitgehen, mitwagen, denen ich zurufen müßte:„Auf! Zieht mit Gott, edle deutſche Herzen!“ und die ich heut doch lieber halten möchte mit meinen und— meines Kindes Händen. Ich begreife wohl, lieber Hermann, wie ein edler, hoher Mann, der in enger Sphäre untergeordneten, alltäglichen Berufs durch einen Eid gebunden iſt,— wenn es plötzlich um die große allgemeine Wohlfahrt des Volks, wenn es um 35² die Freiheit und Rettung des Vaterlands von fremder Schmach gilt, ſich erheben und, zuerſt ſelber frei, über ſeinem Wort ſtehen will,— ich begreife es! Aber das Beiſpiel von Eidesbruch iſt und bleibt für die Welt be⸗ ängſtigend, und der Misverſtand erhabener Abſicht, der ſich in eine ſelbſtſüchtige, charakterloſe Zeit fortwälzt, und jedem Schmeichler, jedem eiteln, egoiſtiſchen, ſpitzfindigen Wohldiener der Macht eine Handhabe, eine Waffe wird, iſt entſetzlich. Gott, wenn ich mir dächte, eine Zeit könnte kommen, wo Alles ſchwankend in Heſſen würde, was auf heiligen Eiden ruht, und wo man die Patrioten des Rechts, die Würdenträger der Treue und der Ueber⸗ zeugung mit pietiſtiſchen Fußtritten abfertigte—! Nein, der Himmel bewahre uns! Aber mein Herz iſt heut ſehr ſchwer. Auch liegt mir den ganzen Tag meine edle Freun⸗ din Marianne von Stein im Sinn. Sie werden wiſſen, welchen Antheil die guten Damen des Stifts an dem va⸗ terländiſchen Unternehmen haben. Ich bange für meine 4 liebe Marianne, wenn es ſchlimm ausgeht und der Brief ihres verbannten Bruders Karl dem König in Erinne⸗ rung kommt. Er wird den kleinen Napoleon an der Schweſter machen, den der große am Bruder ge⸗ macht hat.. Ehe noch Hermann aus der tiefen Bewegung ſeines Gemüths etwas erwidern konnte, bemerkte Frau von Stoͤlting, daß Cordula, da eben die Sonne das Gärtchen verlaſſen hatte, ihr wollenes 2ncj feſtera um ihre Schultern zog. Sie eilte hin.— Wir müſſen ins Haus, Herzchen! ſagte ſie. Ich vergaß 3⁵3 auch ganz, daß es zu kühl für dich wird. Ich will den Andreas rufen, dich hinaufzutragen. Ei, gnädige Frau, das können wir auch! rief Her⸗ mann, und Cordula winkte beifällig. Er faßte Lina's Hand, Cordula ſetzte ſich auf dieſe ſchwebende Schaukel zweier verbundenen Arme, und um⸗ ſchlang das tragende Paar um die Schultern. Aber die Treppe im Hauſe war zu ſchmal, und Hermann nahm hier die liebe Laſt allein auf ſeinen Arm. Kaum hatte man das Zimmer betreten, als ein wil⸗ der Jubel ſich vom Markte her erhob. Die Frauen er⸗ ſchraken, und Hermann, um zu ihrer Beruhigung zu ſehen, was vorgehe, eilte mit leichtem Gruße fort. Sechstes Capitel. Der Aufbruch zu Nacht. Das Jauchzen der Volksmenge war verſtummt, als Hermann auf die Straße kam. Er hörte aus einiger Ferne eine laute männliche Stimme, die einen Vortrag oder eine Anſprache hielt und mit einem Lebehoch ſchloß, worauf ein dreimaliges feierliches Hoch der Menge folgte. Jetzt erblickte er auch durch die geſchwenkten Mützen einen Reiter, den er, als derſelbe den Federhut abnahm, für Koenig, Jeröͤme's Carneval. III. 23 3⁵⁴ den Oberſten Dörnberg erkannte. Wirklich war es der Oberſt, in der Gardejägeruniform, auf dem ſpaniſchen Rappen, den er von Jeröme geſchenkt erhalten. Er ſchwenkte den Hut mit vornehmer Herablaſſung gegen das Volk, und Hermann, näher gekommen, vernahm eben, wie er zu ſtrenger Ordnung und Gehorſam ermahnte. Ehe der Freund aber weit genug vordringen konnte, ſich dem Oberſten zu präſentiren, ritt derſelbe, von den An⸗ führern der Bewaffneten begleitet, hinab nach dem Da⸗ menſtifte. Hermann entſchloß ſich, ihn auf dem Plaatze zurück⸗ zuerwarten, um ſeine Befehle zu empfangen. Er zwei⸗ felte nicht, daß er an der Seite des Befehlshabers werde zu bleiben und den nächtlichen Feldzug mitzumachen haben. Auf das gegebene Signal fanden ſich die früher vom Platz entlaſſenen Küraſſiere wieder ein, aber es blieben auffallende Lücken in den Gliedern. Gar mancher war nicht wiedergekommen, dem die Wahl, mit dem Volks⸗ heere zu ziehen oder ſich ruhig in Homberg zu verhalten, allzu früh gelaſſen war. Vor der Fronte gingen die Offi⸗ ziere ſchweigend und nachdenklich hin und wieder. Luſtiger ſah eine Abtheilung von Reitern aus, die ſich in altheſſiſchen Uniformen, auf ſchweren Ackergäulen zuſammengefunden hatten und, mit einem Trompeter an der Spitze, den Ehrenplatz des rechten Flügels in An⸗ ſpruch nahmen. Die ehemals heſſiſchen Jäger, ſoweit ſie nicht zu Wachtpoſten verwendet waren, verſtärkt durch ein Häuf⸗ lein von Chaſſeurs⸗Carabiniers auf Urlaub, ordneten ρ̈o——— 35⁵ ſich zu einer beſondern Schar unter dem Commando eines weſtfäliſchen Offiziers. Ebenſo hatte ſich ein ſtarkes Commando jener Füſi⸗ liere geſammelt, die beim Einzuge des Marſchalls Mortier, hinter der Flucht des Kurfürſten, ihre Gewehre mit In⸗ grim geſtreckt oder zerſchlagen hatten. Ihre weißbordirten kleinen Hütchen und reglementsmäßigen Zöpfe erinnerten an jenen trüben 1. November; ihre verwitterten heitern Geſichter aber ſahen ganz darnach aus, als gelte es, über Nacht das Frühſtück der Vergeltung zu holen. Der commandirende Offtzier ließ ſie mit Trommelſchlag unter's Gewehr treten, zog ein Blatt des weſtfäliſchen Moniteur aus der Taſche und las nach kurzer Anſprache: „Auszug eines Briefs des Herrn Brigadegenerals Maupetit, Barons des Reichs, u. ſ. w. an Se. Exeellenz den Kriegsminiſter von Weſtfalen aus dem Hauptquartier zu Salamanca den 14. März 1809——“ Ich übergehe, ſprach der Offizier, was der General von der Tapferkeit der weſtfäliſchen Hülfstruppen in der Affaire von Hynoyoſa berichtet, und leſe nur Folgendes, was uns und unſer Unternehmen angeht: „Unter den Todten zählen wir den Oberſten Müller.“ Nach einigen Augenblicken tiefer Stille commandirte er: Achtung! Präſentirt Gewehr! und rief ſodann: Es iſt der brave Major Müller vom 1. November 1806, der an jenem Unglücksmorgen mit Zorn ſeinen Degen zerbrach und— franzöſiſche Dienſte nahm. Er theilte unſern Groll, aber nicht unſere ſtille, ausharrende Treue. Nun iſt er als Opfer gefallen, und hat uns 23* 356 mit ſeinem Tode ein Pfand des Sieges gegeben. Er ruhe in Frieden! Die Trommel wirbelte dumpf, worauf der Offizier wieder Gewehr zur Ruhe commandirte. Nicht Alles, was in bunteſter und oft ſeltſamer Be⸗ waffnung ſich zudraͤngte, konnte Platz auf dem Markte nehmen. Ein Corps Senſenmänner aus dem Schwalm⸗ thale, kraftvolle Geſtalten, ſtellten ſich in der Seitengaſſe auf, und nannten ſich lachend— des Kurfürſten neue Leibgarde. Eine andere Schar aus Homberg und benachbarten Landſtädten fand ſich mit Büchſen und Hirſchfängern ein— Förſterſoͤhne und Jagdliebhaber. Dies Alles wogte noch in maſſenhafter Gährung durch einander, des letzten, ordnungſchaffenden Machtwortes har⸗ rend. Ein gottvertrauender Muth leuchtete aus all' den wetterharten Zügen, eine gefühlte Kraft regte ſich in den ländlichen Trachten, und die rothen Beutel, die aus den Mützen eines Theils der Landbevölkerung auf die brau⸗ nen Schläfen herabhingen, konnten an die Gebirgsbewoh⸗ ner von Catalonien erinnern und ſchienen ſo einem ähn⸗ lichen Kampfe wie in Spanien vorzuleuchten. Hermann ſah hin- und herwandelnd dieſen Bewegun⸗ gen zu. Sein Herz ſchlug feſter und ſpannte ſich in einer Stimmung, die, aus jener Aengſtlichkeit der Frau von Stölting und aus der Kühnheit dieſer Kampfluſtigen eigens gemiſcht, im beſten Sinne Wehmuth heißen konnte,— ein unglückahnendes Leid, dem es doch nicht an ergebenem Muth fehlte. In ſeinem Innern tönte, als ——;O—CQQQOCOQOQOQC—Q—nDn:ůpůöů4—B— 357 ob dies Gemiſch von Leid und Luſt eine entſprechende Melodie ſuche, fort und fort die Menuet aus„Don Juan“, aber wie von Poſaunen geblaſen. Aus dieſen Träumereien weckten plöͤtzlich wirbelnde Trommeln den Freund. Es ward ſtill bis auf das Schar⸗ ren der Truppen, die ſich in Reihe und Glied ordneten. Bald zeigte ſich ein Zug, der vom Stift heraufkam. Der würdige Metropolitan voraus, gleichſam als Weg⸗ weiſer durch Gottvertrauen. Ihm folgte Fräulein von Baumbach mit einer ganz neu geſtickten Fahne, begleitet von andern Fräulein, die geſtickte Feld- und Armbinden für die Scharenführer trugen. Hinter denſelben ritt Dörn⸗ berg unter dieſen Führern. Der ganze Zug ordnete ſich um einen Tiſch, den der Metropolitan beſtieg, um eine Anrede zu halten. Eine große Stille entſtand, während der Geiſtliche mit kräf⸗ tiger Stimme ſprach, und mit einfachen, eindringlichen Worten den Druck und die Noth der Zeit, die Laſt und Schmach der Fremdherrſchaft, das Recht und den Muth eines edeln Volks ſchilderte, das ſich erheben, ſeine Mis⸗ handlung abſchütteln, die Fremden vertreiben und die alte heilige, ihm von Gott beſtimmte Ordnung und Herrſchaft herſtellen wolle. Dann ergriff er die neue Fahne, ſegnete ſie, weis— ſagte ihr den Sieg und rief, indem er ſie drei mal ſchwenkte: Sieg oder Tod im Kampfe für das Vaterland! Die Trommeln wirbelten, die Trompeten blieſen. Dörn⸗ berg ritt heran, ergriff die Fahne, hielt ſie hoch empor, und rief dieſelben Worte, die nun, während er die Fahne —— 1[ ☛¶̈˙— 359 Hermann mit ſeinem dunkeln, tiefen, heut etwas ver⸗ düſterten Auge ſcharf an, und ſagte mit ironiſcher Ver⸗ wunderung: Sie ſind da, verſchwundener Adjutant? Sieh, ſieh! Und wollen wirklich mit in den Kampf? Ich erwarte Ihre Befehle, Herr Oberſt! Ich dachte mir, Sie hälfen der Calenberg aus dem Spaniſchen überſetzen—„Leben ein Traum“. Alſo nicht? Lieber mit Bart? Ihr Pferd auch da? Nicht buglahm? Nein, ausgeruht, Herr Oberſt, und eine Büchſe ge⸗ laden und einen Säbel geſchliffen. Alles zu Befehl. Dörnberg lächelte. Gut, mein Freund, Sie werden es brauchen! Machen Sie ſich fertig! Ich ſage nur meiner guten Frau von Stölting guten Abend und finde Sie dann hier auf dem Platze.— Meine Herren Offiziere, die Scharen in der beſtimmten Ordnung hinaus auf die Straße führen! Ruhe und Stille halten! Jeder der Herren bei ſeinem Com⸗ mando! Indeß wird es völlig Nacht! Er ſchwang ſich vom Pferd, das er einem Burſchen überließ, und nahm die Richtung nach der Wohnung der Frau von Stölting. Hermann eilte mit Ludwig nach Hauſe, wohin indeß auch Lina gekommen war. Frau von Stölting ſaß bei ihrer Cordula, die nach Hermann's Entfernung ſehr unruhig geworden war. Der ſpäte Beſuch überraſchte ſie in der Dämmerung des Zimmers. Sie, lieber Dörnberg? rief ſie aus. Ha, der Tu⸗ mult war alſo zu Ihrer Begrüßung! Willkommen! 3⁵8 dem zum Fahnenträger erkorenen jungen, hübſchen Bur⸗ ſchen überreichte, tauſendfach wiederhallten: Sieg oder Tod im Kampfe für das Vaterland! Die Stimmen bebten, Thränen ſtürzten aus den Augen der Männer; man umarmte ſich, Manche jauchzten über⸗ müthig auf, Andere beteten laut. Jetzt drängten ſich die Scharen der Zuſchauer in die aufgelöſten Reihen; die Mütter, die Kinder ſtürzten herbei, den Gerüſteten das letzte Lebewohl zu ſagen. Auch Hermann war jetzt bis zu den Damen vor⸗ gedrungen, und verlangte von Fräulein von Baumbach eine Armbinde. Er erhielt ſie. Dieſelben tauſendſtimmig verhallten Worte hafteten eingenäht auf dem Bande. Der Anblick der Fahnenträgerin aus der Ferne— wie ſie daſtand von hoher Geſtalt und gehobener Seele, mit be⸗ geiſterten Augen, und aus ihren leuchtenden Zügen wie mit einem Strahlenkranz umgeben, eine heſſiſche Johanna »Are, hatte ihn mächtig ergriffen und hingeriſſen. Jetzt, wo ihr die Fahne aus der Hand genommen und dem Verhängniß der Nacht und des nächſten Kampfes hingegeben war, ſchien die Kraft ihres Herzens gebrochen, die Begeiſterung erloſchen, von der ſie ſelbſt monatelang getragen worden; ihr ſchien zu Muthe zu ſein, als ob alle die Seiden- und Silberfäden, die auf der vaterlän⸗ diſchen Standarte flatterten, aus ihrem Herzen geſponnen, aus ihrer Seele gezogen wären. Sie war erblaßt, die Augen halb erloſchen, ihre Füße wankten, und mit einem lächelnden Scheidegruß für Hermann und die Umſtehenden ließ ſie ſich von den Freundinnen fortführen. In dieſem Augenblicke ritt Dörnberg heran, blickte 360 Seien Sie uns ein Abendroth nach dem ſtürmiſchen Tage! Ja, liebe Freundin, ſagte er, ihre Hand küſſend, ich werd' es hier ruhig machen. Morgen wird's hier recht artig ſtill zugehen. Und wie geht's denn unſerm Her⸗ zenskind? Er ſetzte ſich zu Cordula. Sie machen uns ſchreckliche Tage, lieber Onkel! lä⸗ chelte die Kranke. Ich will Sie gar nicht mehr ſo nen⸗ b nen; Sie geben mir ja den Aufruhr zum Couſin. V Beruhige dich, mein Herz! fiel die Mutter ein. Es iſt gut, daß er ſelber da iſt. Darüber hat man vorhin ſo gejubelt, Liebchen! Man hat blos auf ſeine Befehle gewartet, und nicht gedacht, daß er in Perſon käme, um die Leute anzuführen. Auf dies zweideutige Wort blickte der Oberſt die Freundin wehmüthig lächelnd an. Ich glaube ſelbſt, liebe Henriette, daß wir angeführt ſind, ſagte er. Je nun, wie's der da oben fügt! Ich wollte mir nur ſchnell noch den lieben ſüßen Frieden Ihres Zimmers und den Segen Ihres Herzens mitnehmen. Ich wollte nur eilig noch einmal in Ihre lieben Augen ſehen, in denen— wie der ſtille Abendſchimmer eines ländlichen Sommertags— die Erinnerungen an unſern guten Stölting und an die hoffnungsvollſten Tage unſers vergangenen Lebens ruhen. Denn vielleicht, liebe Henriette,— wer⸗ den wir uns lange nicht wiederſehen. Dörnberg? Und mit ſolchen Vorempfindungen woll⸗ cen Sie eine Rebellion hinausführen? Halten Sie ein, noch iſt ja nichts verſpätet! 361 Rufen Sie dem Kanonier Halt zu, wenn ſeine Lunte gezündet hat, Henriette! Doch, glauben Sie nicht, daß es ſo ſchlimm mit uns ausſieht! Es war Stimmung, was Sie mir eben angefühlt haben. Ich war mit tiefer Bitterkeit aus Caſſel weggeritten. Das hing mir nach, ſelbſt über den Abſchied von meiner verehrten Dechantin hinaus. Doch, es iſt ſchon anders in mir geworden. Ich dachte mir's ja, daß hier bei Ihnen wieder Muth und Heiterkeit über mich kommen würden. Jacta est alea! Es wird Alles gut gehen. So lebt wohl, ihr Lieben! Auf Wiederſehen! Auf Wiederherſtellung! Komm, Kind, gib mir einen Kuß! Ja, Onkelchen, Alles, was Sie wollen; aber Sie müſſen mir erſt etwas verſprechen! Ja, was du willſt, Herzchen! Gewiß! Wenn ich's nur bei mir habe; denn ich trage jetzt Alles mit mir, Alles unter dieſem Federhut! Ja, Sie haben's bei ſich, Onkel Doͤrnberg! Wiſſen Sie— ich habe jetzt einen funkelneuen Geliebten, und will ihm einen rechten Streich ſpielen, weil er mir heut ohne Adieu fortgelaufen iſt. Sehen Sie, er will durch— aus mit Ihnen in den Aufruhr, und— den ſollen Sie fortjagen.— Den Aufruhr? lächelte Dörnberg. Nein, den lieben Herzensfreund, Sie boͤſer Onkel! Iſt es Ernſt, Henriette? fragte der Oberſt die Mut⸗ ter, die, zu Thränen gerührt, lachend erwiderte: Ja, lieber Dörnberg! Cordula hat nur zuerſt meinen Wunſch ausgeſprochen. Es iſt eine Geſchichte, zu der jetzt keine Zeit iſt. Gut! Er wird fortgejagt! lachte der Oberſt. Wie heißt er? Hand drauf, Onkelchen! Auf Cavalierparole? Nichts Cavalierparole! Zum Teufel mit dem fran⸗ zöſiſchen Cavalier und Parole! Auf Ritterwort! ſage ich. Er heißt Hermann Teutleben, und die Leute betiteln ihn Inſpector,— Oekonomie⸗Inſpector, glaub' ich. Der? rief der Oberſt. Mein Adjutant? Cordelchen, was haſt du für ein richtiges Herz! Ich geb' ihn ungern; du fühlſt ja ſelbſt, wie ungern man ihn entbehrt. Aber freilich, da er Teutleben heißt, ſo iſt er ſchon uns An⸗ dern weit voraus. Wir ſtecken noch im Franzoſenleben. Alſo— behaltet ihn! Lebt wohl! Er nahm Cordula's Kuß, umarmte die Mutter, und ſie begleitete ihn hinaus. Hoffen Sie wirklich, Dörnberg? fragte ſie auf der Haustreppe. Dörnberg blickte umher. Es war todſtille auf der Gaſſe bis auf das Plätſchern eines Röhrenbrunnens. Alles war hinaus, den Kampfgenoſſen Lebewohl zu ſa⸗ gen, und man hörte das ferne Toſen der Menſchen. Ich will Ihnen kurz ſagen, wie's ſteht! flüſterte Dörn⸗ berg. Niemand hier weiß es noch, ſoll es noch wiſſen. Nach unſerer letzten Abſprache geſtern Abend bei mir war Alles gut. Auch Oberſt Langenſturz übernimmt noch eine Rolle, gegen die er bisher Bedenken hatte. So reite ich dieſen Morgen aus, die Revue mitanzuſehen, die Gene⸗ ral Du Coudras angeſagt hat, um zu ſehen, ob Alles zum Felddienſte in Ordnung iſt. Der König war Tags T 363 vorher zurückgekommen. Da ſtürzt mein Graf von Grö⸗ ben auf mich zu,— in Homberg und Wolfhagen ſei ſchon Alles im Aufſtande. Misverſtand! Aber noch Schlim⸗ meres folgt auf dem Fuß. Denn im Augenblick ſprengt ein Adjutant des Königs vorüber mit dem Ruf, es ſei Rebellion im Land. Ich reite ihm ruhig nach, zu ſehen, was es wird; da begegnet mir Du Coudras und befiehlt, mit zwei Compagnien meiner Jäger das Schloß beſetzen zu laſſen. Von der andern Seite ſchleicht Bothmer heran, athemlos, mir zu ſagen, mein Name ſei genannt worden, und ich werde ſogleich arretirt werden. Dieſer Wink iſt mein Glück. Denn kaum einige Schritte weiter geritten, erblicke ich von fern Bongars, den Legionschef der Gen⸗ darmerie, dem ich ſonſt nicht mistraut hätte, aber nun noch ausweichen kann. Ich ſprenge fort nach Wehlheiden, wo meine Jäger bereits aufgeſtellt ſind, die Carabiner im Arm. Ich rede ſie an, ſpreche es mit wenig ſehr ent⸗ ſchiedenen Worten aus, um was es jetzt gilt, und daß ich auf ſie rechne; ich fordere ſie auf, mit ihrem bis⸗ herigen Vertrauen mir zu folgen— Alles ſtumm und regungslos. Ich ſehe die Offiziere an: ſie haben die Arme untergeſchlagen oder bohren mit dem Degen im Staube. Es iſt keine Zeit zu verlieren,— ich erhebe meinen Degen,— gebt mir ein Zeichen, ruf' ich, und ſei's zum ewigen Abſchied! Präſentirt mir ein Ja, oder ſetzt bei Fuß ein Nein. Geſagt, und die Carabiner ſtür⸗ tzen auf den Boden. Einen Augenblick war mir, als läge mein Herz unter dieſen hundert Kolben. Ich ſtecke aber gelaſſen meinen Degen ein, übertrage den Befehl zur Schloßbeſetzung dem Major, ſchwenke zum Abſchied meinen 364 Hut und trabe gegen Homberg,— trabe, galoppire, jage, bis ich dies Caſſel aus dem Geſicht habe. Ein dumpfer Schmerz bebte noch einmal in dieſer Stimme des Oberſten. Er drückte die Hand der Dame, daß ſie ſchmerzhaft zuckte, und ſchritt dann mit: Gott befohlen, Henriette! feſt und ſtolz die Gaſſe entlang. Auf dem Markt hielten einzelne Führer und Hermann zu Pferd mit Büchſe und Säbel. Döoͤrnberg beſtieg ſeinen muthigen Rappen und rief dann: Doctor Teutleben! Hermann ritt ſalutirend vor. Ich finde für nöthig, unſern Freunden in Caſſel die umſtändlichſte Nachricht von unſerer Stärke und von der abgeänderten Richtung unſers Zuges zu geben. Sie ken⸗ nen den genauen Stand der Dinge: reiten Sie die kür⸗ zern Wege mit Vorſicht voraus, und geben Sie Rapport über Alles, was verlangt wird. Wir ziehen, 8000 Be⸗ waffnete ſtark, von hier ab, und werden mit Tagesan⸗ bruch bei der Knallhütte die Höhe von Caſſel erreichen. Ihre Waffen, Herr Adjutant, laſſen Sie natürlich zurück. Ihre Actentaſche iſt Ihre Patrontaſche durch die etwa auf⸗ geſtellten Wachtpoſten. Machen Sie's gut! Auf Wieder⸗ ſehen! He! rief er dem Fortreitenden nach. Haben Sie die Parole? Nein, Herr Oberſt! Unbeſonnener! Wiſſen Sie nicht, daß unſere Feld⸗ poſten Niemanden durchlaſſen?„Heſſen“ iſt die Pa⸗ role. Einen Augenblick fragen Sie bei Frau von Stölting e, 365 an, ob ſie'was zu beſorgen habe. Dann aber reiten! Sie müſſen mehre Stunden vor uns dort ſein!—— Und nun auf, meine Herren! Voran, voran! Siebentes Capitel. Der Empfang am Morgen. Es war eine ſtille Frühlingsnacht, eine mailiche April⸗ nacht, in die Hermann mit dem zweiten Abſchiede von Lina hineinritt. Beim erſten Lebewohl für Ludwig und ihn war ſie, von angſtvollem Leid ganz aufgelöſt, zurück⸗ geblieben. Als Hermann nachher ſeine Waffen wieder überlieferte, nahm ihr Kummer, nach der erſten auf— blitzenden Freude, eine ſorgenvolle Unruhe um ihren ver⸗ laſſenen Ludwig auf. Sie fühlte, daß doch noch einiger Troſt dabei geweſen war, zu wiſſen, daß beide Freunde neben einander, einer vielleicht dem andern zur Rettung, das gefährliche Unternehmen beſtänden. Sie würde dem Freunde gezürnt haben, wenn ſie ihn nicht geliebt hätte. Nun ritt Hermann allein— allerdings auf gefahr⸗ loſern Wegen. Die Sterne ſchimmerten; da und dort von einſamen Gehöften her blickte Licht; zuweilen regte ſich im Gebüſch ein aufgeſchreckter Vogel, oder zwitſcherte ein ge— 366 fiedertes Pärchen, das im friſchen Neſt, hinter der noch nicht fertigen Gardine des jungen, ſprießenden Laubes, ſeine Frühlingsliebe feierte. Einmal ließ ſich auch ſchon eine Nachtigall hören, die zu ihrem großen Maiconcert Scala übte.— Jenes geheimnißvolle Säuſeln der kurzen Som— mernächte fehlte noch; dann und wann aber, und immer entfernter vernahm der Reiter die Schläge der Sturmglocke, womit das Volksheer, wenn es an einem Kirchdorfe vor⸗ überkam, begrüßt und zuziehende Mannſchaft aufgeboten wurde. Dazwiſchen brachte ein lebhafterer Nachtwind weit⸗ her den ſchweren Hall eines feierlichen Geſangs, und Hermann unterſchied die Melodie:„Ein' feſte Burg iſt unſer Gott!“ Der Freund war nicht wenig überraſcht, als er auf der leipziger Straße, eine ziemliche Strecke vor Caſſel, von einer militäriſchen Feldwacht angerufen wurde.— Alſo war man in Caſſel vorbereitet und erwartete von allen Seiten den Landſturm?e—— Der Reiter, zum nächſten Offizier geführt, um ſich über ſeinen nächtlichen Ritt von der gefahrdrohenden Seite her auszuweiſen, fand einen ihm bekannten freundlichen Mann, der nach Einſicht ſeines Geſchäftsauftrags ihm Nachricht über den Stand der Dinge in Caſſel gab. Dieſe Mittheilungen konnten ihm zur Warnung für ſein Benehmen dienen; aber ſie beſchwerten dafür ſein Herz mit einer unſäglichen Angſt um das von der andern Seite der Stadt heran⸗ ziehende Heer, das auf ſolchen Empfang, ſoviel er wußte, nicht gefaßt war. Er dachte an Ludwig und Lina, und empfand eine tiefe Beſchämung über ſeinen Ritt, der nun, 367 der militäriſchen Bedeutung beraubt, wie eine ſchlaue Flucht ausſah. Als nun der Freund mit ſeinem Freipaß die Stadt erreichte, ward eben an den Thoren und Straßenecken eine Proclamation angeſchlagen, worin mehre der ihm bekannten Männer namentlich geächtet und überhaupt die Stifter und Anführer der„Rebellion“ zu ihrer Verur⸗ theilung in drei Claſſen getheilt wurden, in ſolche, die nach Kriegsgebrauch ſtandrechtlich erſchoſſen; ſolche, die als Flüchtlinge verfolgt, und ſolche, die vor die gewöhnlichen Gerichte geſtellt werden ſollten. Wie hart und heftig ſchlug nicht bei dieſen das Un⸗ glück der Volkserhebung vorausſetzenden Drohungen, und bei dieſen ihm ſo bekannten, ja vertrauten Namen Her⸗ mann's Herz! Doch waren es nur einige wenige Namen. Man ſchien doch keine genaue Kenntniß von den Mit⸗ gliedern des Bundes zu haben. Die theils geängſtigte, theils bekümmerte Stadt war ſchon ſo früh in Bewegung, daß Hermann kein Bedenken nahm, gleich nach dem Hötel ſeines Miniſters zu reiten. Er wünſchte doch vor allem auch den Rath ſeines Gön⸗ ners für ſein eigenes Benehmen zu hören. Der Graf war ſchon vor dem Hauſe, im Begriff, nach dem Schloß zu reiten und ſich dem König anzuſchließen, der einen Theil der Truppen um ſich verſammelte. Er hoͤrte nicht ohne Spannung den flüchtigen Bericht Her⸗ mann's an, und ſagte dann, ſichtlich erleichtert: So iſt's gut! Gehen Sie nach Hauſe und halten ſich ruhig. Das Geheimniß des Bundes, kann ich Ihnen ſa⸗ en, hat ſich gut bewahrt; hoffentlich wird auch kein 368 Verrath Diejenigen treffen, die der Gefahr glücklich ent⸗ kommen. Man kennt bis jetzt nur jene Theilnehmer, und hat ſie geächtet, die durch zeitige oder vielleicht auch zu voreilige Flucht ſich ſelbſt verrathen haben. Vor allem ſchließen Sie Ihr Unterſuchungsprotokoll mit der Erklä⸗ rung, daß Sie, zur Fortſetzung des Geſchäfts nach Hom⸗ berg gekommen, durch den eben ausgebrochenen Aufſtand genöthigt worden ſeien, unverrichteter Sache über Nacht nach Caſſel zu eilen. Es iſt mir für die beſchuldigten Beamten lieb, daß die ganze Sache ſich als unbedeutend herausſtellt. Auch weiß ich jetzt, daß ſte nur zu einem Nebenzweck aufgegriffen worden iſt, aber Ihnen, lieber junger Mann, zu gutem Glück. Wer weiß, wo Sie bei dem Aufſtand hingerathen wären! Die ganze Geſchichte läuft für uns auf einen Spaß, auf einen heimlichen Spott hinaus. Ich rede von Bercagny's Auftrag. Man hat Sie nämlich für einen heimlichen Liebhaber der Gräfin Bernterode— Sie wiſſen ja, jener Kammerjungfer, je⸗ ner moraliſchen Saloppe— gehalten, und— ich weiß bis jetzt noch nicht, wen man nun beim Einſteigen in den Wagen der Dame nach dem Theater von Gen⸗ darmerie hat aufpacken und fortbringen laſſen. Vorher hatte Ihnen Bercagny den angeblich höchſt wichtigen Ge⸗ ſchäftsauftrag zugewendet, und war andern Morgens nicht wenig erſtaunt darüber, daß Sie die Geſchäftsreiſe wirk⸗ lich angetreten hatten, während er Sie auf einer unfrei⸗ willigen Reiſe dachte, und wahrſcheinlich Ihr gewiſſenlos verlaſſenes Amt alsbald mit ſeinem Günſtling beſetzen wollte. Nun iſt er der Betrogene ſeiner eigenen Finte, und hat wieder einmal ſich ſelbſt überliſteet. Er wird nun freilich die Ohren an den Kopf drücken, wie man ſagt, und— findet leider! auch an dem unglücklich übereilten Volksaufſtand einen Ableiter für den kleinen Verdruß. Als Hermann nach Hauſe kam und ſeine beſorgte Wirthin wegen ihres Schwiegerſohns beruhigt, das heißt— aus guter Abſicht und in Erwartung guten Ausgangs der Sache für Ludwig— getäuſcht hatte, fand er auf ſeinem Zimmer einen Brief aus Halle. Baron Reh⸗ feld ſchrieb: „Das ausgeſuchteſte Quidproquo, ein wahrer Lecker⸗ biſſen für einen Mann wie ich, hat mich hierher nach Halle geführt und vor dem Pfarrhauſe Ihres Herrn Va⸗ ters abgeſetzt. Ich hatte unterwegs in der guten Geſell⸗ ſchaft einiger Gendarmen, die mir zur Unterhaltung mit eingepackt waren, meinen guten Humor wieder gewonnen, und benutzte eine ſo ſeltene Gelegenheit, den werthen Ihrigen meine Aufwartung zu machen und ſie mit den friſcheſten Nachrichten von Ihnen zu erfreuen. Ich ſoll Ihnen das Herzlichſte auch von Luiſe Reichardt vermel⸗ den, und erlaube mir, dieſer angenehmen Beſorgung eine kleine Bitte von meinetwegen beizuſchließen. Ich werde vermuthlich Abhaltung haben, ſobald wieder nach Caſſel zu kommen, ſelbſt wenn die Oper vom keuſchen Joſeph M wiederholt würde. Haben Sie daher die Gefälligkeit, * meine wenigen Habſeligkeiten packen zu laſſen und mir unter beigefügter Adreſſe zu überſenden. Sie finden auch noch Baarſchaft im Secretär, zu dem ich den Schlüſſel Koenig, Jeröme's Carneval. III. 24 370 beilege, um die Miethe zu berichtigen und meinen Diener abzulohnen. Soviel in Eile. Später Näheres. Hierbei Vollmacht, wenn Sie ſolche nöthig hätten. Adien! Nun komme ich leider um Alles, was dort ſo glücklich vorbereitet iſt. Ich habe einen ganz andern Burſchen aufpacken wollen, und bin aufgepackt worden. Sic eunt fata hominum! Aber ohne Verdruß für mich im— Tugendbunde wird dieſe Wallfahrt, dieſe Hegira(ſprich: Hedſchra) nicht ablaufen! Ich verbleibe in unvermutheter Ferne, wie in gewünſch⸗ ter Nähe, ſtets Ihr bekannter Eugen.“ In dieſem Augenblicke fiel von fern her ein dumpfer Kanonenſchlag. Hermann ſchrak zuſammen. Er warf den Brief weg, deſſen launiger, leichtfertiger Ton ſo ent⸗ ſetzlich mit dieſem verhängnißvollen Kanonendonner über⸗ eintraf. Er öffnete das Fenſter. Ein zweiter Kanonen⸗ donner rollte von der Höhe von Kirchbauna her. Der Nebel im Fuldathal wallte auf und nieder; der Söhre⸗ wald tauchte hervor. Ein dritter Donner erfolgte noch heftiger. 8 Hermann konnte ſich nicht länger halten. Er eilte in die Stadt. Alles war in Bewegung. Neue Truppen, von der Poſition vor dem Leipziger Thor her, ſtürmten durch die Stadt zum Frankfurter Thor hinaus. Die Men⸗ ſchen rannten durch einander,— dieſe von Angſt, jene von Erwartung, Alle von Mistrauen gegen einander be⸗ wegt. Der Freund begegnete dem Arzt Harniſch und ver⸗ ————— 371 nahm die Vorkehrungen des geſtrigen Tages. Wer den Aufſtand zuerſt verrathen, wußte man noch nicht genau. Ein junger Mann, ein Mitverſchworener, ſollte aus Un⸗ vorſichtigkeit und Uebereilung auf die Spur und Ver⸗ muthung gebracht haben. Andere nannten den Kammer⸗ herrn, Grafen von Jagow, der dem König die erſte Warnung und Anzeige gegeben hätte. Der König, von der gegen Döoͤrnberg erhobenen Beſchuldigung betroffen, habe an deſſen„Treuloſigkeit“ ſolange nicht glauben wollen, bis die Flucht des Oberſten keinen Zweifel mehr gelaſſen, und eine wahrgenommene Volkserhebung auch von andern Seiten her beſtätigt worden ſei. Soviel ich gehört und ſelbſt beobachtet, hat der Kö⸗ nig eine gute Faſſung und viel Freimuth bewieſen, ſagte der Arzt. Zu Pferd und vom Grafen Bülow, ſowie vom franzöſiſchen Geſandten heinb⸗ begleitet, redete er die aufgeſtellten Truppen an, franzöſiſch, was Bülow Satz für Satz deutſch nachſpr rach Jeröme berief ſich auf die Rechtſchaffenheit ſeiner Soldaten, ſtellte aber jedem Einzelnen frei, auszutreten und ſich ſelbſt ungehindert dem Volk anzuſchließen. Wirklich traten mehre aus, legten ihre Waffen ab und verließen ungehindert die Stadt. Den Offizieren gab Jeroͤme ſein Ehrenwort, daß Jeder, der Bedenken trage, für die Sache des Königs zu käm⸗ pfen, auf der Stelle ausſcheiden und nach England oder Amerika auswandern dürfe. Keiner jedoch that es; alle riefen:„Vive le Roi!“ und der König erklärte, er nehme dieſe Acclamation für einen neuen Eid an.— Ich kenne das Herz der Soldaten, hörte ich ihn rufen. 736 habe die ſchönere Hälfte meines Lebens im Felde zu⸗ 24* 372 gebracht; ich kenne Soldaten, aber das Herz eines Ver⸗ räthers lerne ich heut erſt kennen an einem Manne, der mit einer Fülle meiner Gunſt und Wohlthaten mich hinter⸗ gangen, verrathen und verlaſſen hat. Der Arzt hatte dieſe ganze, halblaut gemachte Er⸗ zählung bald etwas pathetiſch, bald mit ſchalkhaftem Lä⸗ cheln vorgebracht. Plötzlich rief er in einem ganz andern, etwas bittern Ton: Apropos! Wiſſen Sie denn, wer eigentlich die Co⸗ lonne draußen commandirt und die Kartätſchen auf das arme Volk ſpielen, ich möchte ſagen— ſpeien läßt? O Sie errathen ihn nicht! Aber Sie kennen ihn! Es iſt ein gewiſſer Oberſt, der ſich mit einem großen L ſchreibt, den Vorabend noch ein eifriger Theilnehmer an der Be⸗ rathung und den Verabredungen bei Doͤrnberg war, über Nacht aber ſich anders beſonnen hat, zum Frühſtück Bri⸗ gadegeneral geworden iſt, und jetzt droben bei der Knall⸗ hütte ſeine vaterländiſche Motion macht. Hermann blieb ſtehen, in ſtummes, trübes Nachdenken verſinkend. Kommen Sie, Freund! flüſterte der Arzt, ich ver⸗ ſchreibe Ihnen ein Löffelchen Syrup auf meine bittern Tropfen. Begleiten Sie mich nach Hauſe. Die Frau von Reinhard iſt bei uns mit ihren Kindern. Der Geſandte hat uns beim Ausbruche des Aufſtandes für den Fall einer Flucht des Koͤnigs, den er begleiten müſſe, ſeine Familie übergeben, mit dem lächelnden Vertrauen, daß ich wol ſelbſt zu den Verſchworenen gehöre. Kommen Sie! Hermann entſchuldigte ſich mit ſeiner Unruhe, ſeiner innern Angſt und unüberwindlichen Herzenstrauer. Auch V 373 4 ſchlug er eine ſtillere Gaſſe ein, um ſich ſo geſtimmt kei⸗ nem etwa begegnenden Bekannten zu zeigen. Um die nächſte Ecke wendend, erblickte er einen ihm bekannten Gaſtwirth, der eben vom Thor nach Hauſe ge⸗ eilt ſeine Frau ſuchte, und da er höͤrte, daß ſie im Keller ſei, heiß, wie er war, durch die Kellerthür hinäbrief: Katharinchen, Katharinchen! Bonnes nouvelles! Der König iſt nicht fort: wir ſiegen! „ 8. Achtes Capitel. 1 Mitgegangen, mitgefangen. Und in der That kam es ſo, wie der franzoſenfreund⸗ liche, des Beſtehenden ſo frohe Wirth es vorausgewſge, tert hatte. Das Volksheer, unter lachendem Morgenroth auf der⸗ affel aziehenden Hoͤhe ange⸗ langt, ſtutzte, als— einger Entfernung eine be⸗ trächtliche Colonne könis uppen in S Schlachtordnung vor ſich erblickte, und von der Fronte deſſelben aus mit Paßkugeln begrüßt wurde. Man hatte eine ſchlummernde Reſidenz zu überrumpeln gedacht, und wurde zu einer Feldſchlacht empfangen. Aber der Muth, die Begeiſterung der Scharen fand ſich ſchnell auch in dies Verhängniß. 374 Die Schützen rückten gegen die weſtfäliſchen Voltigeurs vor, die altheſſiſchen Reiter warfen ſich auf die Garden. Auf dieſer Seite war die Ueberzahl, drüben aber die krie⸗ geriſche Abrichtung. Hier fehlte Geſchütz, von dort her⸗ über hagelten die Kartätſchen und lichteten die Reihen Derer, die keine Begeiſterung kugelfeſt machte. Dörnberg's Muth und Allgegenwart hielt mit den auseinandergeriſſe⸗ nen Haufen lange Stand und führte die Weichenden immer wieder vor. Er ſchien entſchloſſen, der Fahnen⸗ und Feldbindeninſchrift treu, um Sieg oder Tod zu kämpfen. Und dieſen würde er gefunden haben, wenn nicht, vor dem zerſchmetternden Geſchütz auseinanderſtiebend, das Bauernheer in allgemeiner Flucht ſeinen widerſtrebenden Anführer mit ſich fortgeriſſen hätte. Die Küraſſieroffiziere, die am Aufſtand Theil ge⸗ nommen, die Edelleute, Beamten und manche andere Männer von Auszeichnung nahmen ihren verabredeten Rückzug über Gudensberg nach der nächſten Landesgrenze. Sie ſammelten ſich auf dem Schloß Riede, wo ſeit länger her Männer von Bildung und Literatur beim Landrathe von Meyſenbugh, dem kinderloſen Schloßherrn, einzuſpre⸗ chen pflegten, und die Unglücklichen jetzt auch Erquickung, Rath, Geld und Anzüge zum Verkleiden erhielten, bis eben Alles erſchöpft war, was augenblicklich helfen und die Flüchtlinge auf nächtlichen Wegen ins Ausland, bis Braunau, Prag und Wien hin, retten konnte. 1 Indeß nahmen doch nicht alle Führer dieſe Richtung. Die Verwirrung der Flucht riß da und dort hin, und mancher Verirrte wurde gefangen. Dörnberg ſelbſt wen⸗ dete ſich nach Homberg zurück, und Ludwig folgte ihm ———— 375 mit dem Gedanken an Lina. Doch ſein Pferd, von einer Kugel geſtreift, blieb mehr und mehr zurück, bis er durch ſolche Verzögerung auf vermeintlichen Schleichwegen einer mobilen Colonne, die gegen die Flüchtlinge abgeſchickt war, in die Hände fiel. Mit Wehr und Waffen und im Schmuck der Feldbinde ergriffen, wurde er nach Caſſel geführt. Inzwiſchen hatte unter der angſtvollen Stille, die ſeit dem Verſtummen der Kanonen, bei dem ungewiſſen Ge⸗ ſchick ſo vieler braven und angeſehenen Patrioten, auf der Stadt lag, Hermann die Ruhe des Zimmers nicht aus⸗ halten können; er hatte ſatteln laſſen und war in der Richtung des Kampffeldes hinausgeritten. Bald aber, als er wahrnahm, daß mehr auf Seitenwegen als auf der Landſtraße Gefangene eingebracht wurden, war er zu⸗ rückgeeilt, hatte ſein Pferd wieder eingeſtellt und hielt ſich jetzt in der Nähe des Caſtells, damit ihm keiner der Unglücklichen entgehe, den er etwa kenne, und von dem er vielleicht über Ludwig und Dörnberg ein vertrautes Wort erfahren könnte. Es ſchien, daß man auf der allgemeinen Flucht die gewöhnlichen Bauern hatte laufen laſſen und nur ſolche feſtgehalten, die ſich durch Feldzeichen, Waffen oder einen ſoldatiſchen Anzug auszeichneten. Ehe aber der Freund Gelegenheit fand, einen derſelben anzureden, ſollte er durch Ludwig ſelbſt die entſetzlichſte Nachricht erhalten. Dieſer kam nämlich in Mitte einiger jungen Leute, von Gendarmen escortirt, über die Brücke, auf die er ſonſt von ſeiner Wohnung aus, ſo ahnungslos des Unglücks, 376 herabgeſchaut. Er ſah blaß und zerſtört aus; doch belebte ſich ſeine Miene, als Hermann mit einem Ausrufe tiefſten Schmerzes an ſeine Bruſt ſtürzte. Der unglückliche, kör⸗ perlich erſchöpfte Mann wankte unter der Bewegung die⸗ ſes Wiederſehens. Er wollte reden, aber die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, und er konnte nur die Worte„Standrecht“—„Lina“ hervorbringen; zwei Worte, deren Gewicht den Juriſten und den lieben⸗ den Mann zu erdrücken drohte. Hermann, der ihn umſchlungen fortgeleitete, ſuchte ſich ſelbſt zu faſſen, um den Freund zu beruhigen. Du mußt gerettet werden, flüſterte er ihm zu. Was kann ich thun, Ludwig,— welche Mittel und Wege—? Keine, beſter Hermann,— ich weiß keine. Ach, für mich gibt's auch keine! Hör', Ludwig! Verzweifle nur nicht, gib nur nicht gleich Alles auf, und beſinne dich! Der Gnadenweg bleibt ja offen; aber wir wollen ihn vor dem Urtheil ein⸗ ſchlagen. Man muß Freunde, Göͤnner in Bewegung ſetzen. Weißt du dir denn Niemanden? Keinen Mann von Einfluß beim König? Komm' mir doch zu Hülfe: ich bin ſo zerſtreut! Erinnere mich doch an irgend wen! O mein Herzensfreund, welcher Mann wagte in ſol⸗ cher Angelegenheit ein Fürwort? Nein! Nur von einer Seite könnte man noch— vielleicht noch bei Jeröme an⸗ kommen; aber ich kenne keine leichtfertige Dame! Hermann ſtutzte wie vor einem Blitz. Aber ich, Ludwig! flüſterte er dem Freunde zu. Ich kenne eine,— keine leichtfertige, aber eine edle, hohe Frau,— eine rettende Seele. Sei getroſt: nun hab' ich's! ———— —— 377 Sie ſtanden vor dem Caſtell und mußten warten, bis geöffnet wurde, da bei ſoviel Eingebrachten und vor dem Zudrange der Menſchen auf dem Platz die Veſte um⸗ ſtändlicher geſchloſſen wurde. Hermann erhielt die Erlaub⸗ niß, mit in den Hof einzutreten, um für die beſondere Verköſtigung ſeines Freundes zu ſorgen. Er übergab dem Gefangenwärter, was er an Geld bei ſich hatte, und empfahl ihm Ludwigen zur ſorgfältigſten Behandlung und Beköſtigung. Dann flüſterte er dem Freunde zum Ab⸗ ſchied einen Namen zu, bei dem der gebeugte Mann doch einen Athemzug der Hoffnung that. Nun eilte Hermann über die Brücke und den Markt⸗ und Marſtäller-Platz hinauf, ſtracks nach dem alten Schloß, wo er ſich bei der Gräfin Oberhofmeiſterin drin⸗ gend melden ließ. Alles rannte durch einander, in Bewegung zur Ab⸗ reiſe der Königin. Es war eigentlich die in der geſtrigen Angſt vor der Rebellion beſchloſſene Flucht nach Stras⸗ burg, die nun nach dem beſiegten Aufſtande doch nicht zurückgenommen, ſondern uneingeſtanden mit einer„wieder⸗ holt erfolgten Einladung der Kaiſerin von Frankreich“ beſchönigt werden ſollte. Die Gräfin, über die Anmeldung verwundert, ließ den Freund nach einem entlegenen Cabinet führen, wo ſie ihn, von ſeinem Ausſehen vollends betroffen, mit der Frage empfing: Mein Himmel, was haben Sie, lieber Doctor? Iſcht ein Unglück geſchehen? Hermann war mit dem dringendſten Anliegen unge⸗ 378 ſtüm genug gekommen; aber die Erſcheinung der hohen Frau in dieſer vornehmen Umgebung ſetzte ihn bei ſeiner empfänglichen Bildung ſchneller in das Gleichgewicht einer beſonnenen, aber entſchloſſenen Seele.. Ja, ein Unglück, Ew. Durchlaucht, antwortete er mit ſeiner wohltönenden, aber etwas bewegten Stimme,— V das größte, glaube ich, das mir begegnen konnte. Mein Freund Ludwig Heiſter, Friedensrichter in Homberg, iſt eben ins Caſtell gebracht worden. Er hat ſich an dem 4 Aufſtande betheiligt, und das Standrecht bedroht ſein Le⸗ 76 ben. Ew. Durchlaucht haben mir früher die Erlaubniß, den unverdienten Muth gegeben, mich in vorkommender Noth an Sie zu wenden: ſo bin ich nun gekommen. Helfen Sie jetzt, retten Sie einen edeln Menſchen, eine Familie und meine eigene Zufriedenheit! Er ließ bei dieſen Worten ſich auf ein Knie nieder und faltete die bittenden Hände. Sein Herz war aufs tiefſte bewegt. Ruhig, ruhig, lieber Freund! Stehen Sie auf! Be⸗ denken Sie, wo Sie ſind, und ſprechen S' hier ja ganz gelaſſen! Vergebung, Durchlaucht, wenn die dringende Gefahr mich ungeſchickt macht. Ich fühlte eben mehr das ſchwere Wort Standrecht. Es endigt mit„Tod durch Pulver und Blei“. Eilen Sie zum König, erwirken Sie Begnadi⸗ gung! Es iſt der einzige Weg. Ddie Gräfin trat einen Schritt zurück, erblaßt und betrübt vor ſich niederblickend. Dann verſetzte ſie mit leiſem Kopfſchütteln: L——— 379 Das iſcht viel verlangt, guter Freund, zu viel. Der König ſieht heut noch gar nicht darnach aus, Gnade für Recht ergehen zu laſſen,— ſo bald. Heut noch nicht? O gnädige Gräfin, mein Freund hat vielleicht nur das heut noch. Dies heut, bei Gott! muß verſucht werden im letzten Tropfen des Möglichen. O laſſen Sie ſich bewegen, gnädigſte Fürſtin! Und haben S' denn auch bedacht, daß Sie mit Ihrer Verwendung— als Freund eines Rebellen erſcheinen? Sie ſelbſt—! Ich müßte mich doch auf Sie, auf Ihr Anrufen beziehen? Für mich ſeien Ew. Durchlaucht ein für alle mal ganz unbeſorgt. Und was den„Rebellen“ betrifft,— o ſo ſehen Sie das Ereigniß, das Unternehmen, dieſen Volksaufſtand einmal nicht mit ſtrengfürſtlichem Auge an! Sie haben ein Recht auf ein altfürſtliches Auge für Em⸗ pörung von Unterthanen. Und auch Könige von geſtern gewöhnen ſich nur allzu ſchnell an dieſen Blick, ſelbſt wenn ſie von einer Revolutivn geboren, von der Uſurpation gekrönt ſind. Aber König Jeröme wird ſich beim Namen Heiſter doch auch erinnern, welches Unrecht dieſem Manne von Sr. Majeſtät geſchehen, welche Entehrung ihm zu⸗ gedacht war, ehe die liebenswürdige Frau des Freundes die Anträge Sr. Majeſtät— vieklleicht nicht rückſichtsvoll genug von ſich gewieſen hatte. Mein Gott, jetzt beſinne ich mich des Namens und des Vorfalls beim Feſchte des Hofmarſchalls und— Aber ſtill davon! Still, ſtill! Nun ja, und derſelbe Mann, derſelbe verletzte Be⸗ amte, von all' dieſer Kränkung noch heiß bewegt, hat ſich * 380 zum Aufſtande hinreißen laſſen. Das iſt ſeine Schuld! Doch, gnädigſte Frau, mit ſeinem Unglück iſt die Sache des Königs nicht abgethan, ſie geht mit ins Standgericht. Sagen ihm Ew. Durchlaucht, es werde in den Augen der Reſidenz wie eine Rache ausſehen, wenn der Mann der ungefälligen Frau erſchoſſen würde. Nur durch Be⸗ gnadigung könnte die Majeſtät— O, Sie verſtehen mich! Die Gräfin war in lebhafter Unruhe. Sie wandelte nach dem Fenſter, ſie kam zurück; man konnte ihr an⸗ ſehen, daß ihr Herz— ob mit einem Entſchluß kämpfte oder um einen Ablehnungsgrund verlegen war. Endlich ſagte ſie mit umhertaſtender Befangenheit: Ich weiß uͤberhaupt nicht, ob in einem ſolchen Falle Ausnahmen vom Geſetze gemacht werden. Andern wird's auch nicht an Beſchwerden fehlen, ihre Theilnahme am Aufſtand zu beſchönigen. Aber wenn auch Begnadigung ſtattfinden kann: ich für meine Perſon darf ſie nicht an⸗ ſprechen,— ich nicht! Gnädige Gräfin, wendete Hermann ein, ich habe gerade gedacht, Sie vor allen Menſchen am Hof könnten es am eheſten, am wirkſamſten,— Ihrer Stellung, Ihrem perſönlichen Werth und Gewichte nach. Sie verſtehen das nicht, Sie— unabläſſiger Menſch! verſetzte die Dame ungeduldig und verlegen, während ſie doch verſtanden oder entſchuldigt ſein mochte.— Was wiſſen Sie denn mit Ihrem Fodern und Dringen! Neh⸗ men Sie doch einmal den Fall und ſagen mir ehrlich, ganz ehrlich,— wenn die Frau Heiſter— ich meine nach jener Unterhaltung mit dem König— an meinem Platz wäre, und— ſollte beim König eine ſo ſchwere 381 Bitte anbringen und mit Nachdruck: ob ſie's thäte, ob ſie's riskirte? Sie wendete ſich befangen ab, als ob ſie nach etwas ſuche; indem aber Hermann betroffen und nachdenklich einige Augenblicke ſchwieg, kehrte ſie zurück und ſah ihn befangen an. Iſt es ſo, gnädigſte Frau, ſeufzte er. Stehen Ew. Durchlaucht ſo, daß Sie— Unterhandlungen, Gegen⸗ foderungen zu fürchten haben? Ach, ich begreife das— von König Jeröme! Aber— Gott im Himmel! Zwi⸗ ſchen ſolchen beklagenswerthen Verhältniſſen, ſolchem ent⸗ ſetzlichen Schacher— o verzeihen Sie, edle Frau!— ſoll mein braver Freund zu Grund gehen, der ſonſt zu retten wäre? Und— in ſolche unedle Bruſt wäre das himmliſche Vorrecht der Begnadigung gelegt? Gnade, das Lehn der Gottheit, dem echten König verliehen, wäre ſo mit dem unedelſten, gemeinſten Gelüſt in die ſchwe⸗ bende Schacherwage gelegt? Gnade für—! O Gott, o Gott! Und, Gräfin— laſſen Sie mich denn es ge⸗ ſtehen, was mich zum Aeußerſten meiner Bitte bringt! Laſſen Sie mich nun nach ſolchem Bekenntniß von Ihnen in unſerm edelern Handel mein höchſtes Gebot thun! Ich— liebe die Frau meines Freundes,— Ludwig weiß es, ich kam eben aus dem Caſtell von ihm, und ich habe ihm Rettung verſprochen, habe ihm Ihren, der letzten Hoffnung Namen genannt. Und wenn er morgen vor den ſechs Kugelläufen ſteht, die auf ſeine Bruſt anſchla⸗ gen, und bei ſich dächte,— einen ewigen Augenblick dächte,— ich— ich hätte nicht das Letzte gethan, und— ich berechnete meine Zukunft, ich würfelte mein Glück mit 38² den ſechs Bleikugeln— die ihn träfen: Gott im Him⸗ mel, Gräfin, Fürſtin—! Hülfe, Rettung für mich wie für ihn! Er fiel auf die Knie, er faßte ihre ſeidene Robe und drückte ſie an ſeine Lippen, an ſeine Augen. Doch nur einen Augenblick; denn ſie trat erſchrocken und erſchüttert zurück, indem ſie ängſtlich ausrief: Stehen Sie auf! Vergeſſen Sie doch nicht, wo Sie ſind, wer jeden Augenblick eintreten kann! O verzeihen Sie mir, gnädigſte Frau! fuhr Hermann gefaßter fort. Aber— Sie ſehen ein, daß ich ohne Hoffnung nicht gehen kann. Meine Füße bringen mich nicht hinweg. Und— vergeben Sie mir das Wort— wäre denn keine Frau an dieſem Hof, auch keine deutſche Frau, die, königlicher als der König, ihm— zuſagte, was ſie nicht zu halten gedächte,— eine königliche Hand⸗ lung, eine unfreie, aber beglückende That mit einer ſtol⸗ zen Täuſchung erkaufte? Eine dankbare, ſegnende Zukunft für drei befreundete Menſchen würde geſchaffen oder ge⸗ rettet durch eine ſchwebende Seifenblaſe, die bald genug als ein trübes Tröpfchen Waſſer zu Boden fiele? In dieſem Augenblicke hörte man aus den nächſten Gemächern lebhaftes Reden. Die Gräfin, unruhig, auf⸗ geregt, ſagte mehr mit Unwillen als mit ihrer gewohn⸗ ten Freundlichkeit: Bleiben Sie hier, halten Sie ſich ruhig, und erwar⸗ ten Sie meine Rückkunft. So ſtürmte ſie fort. Dieſe Rückkunft verzögerte ſich wol eine gute halbe Stunde, die der Freund mehr erſchöpft als ängſtlich zu⸗ 383 brachte. Bald faßte er einige Hoffnung, bald beruhigte er ſich bei dem Gedanken, daß er wenigſtens das Mög⸗ liche für Ludwig gethan habe. Endlich kam die Gräfin zurück, von einem Pagen be⸗ gleitet, der einen großverſiegelten Brief in Händen hatte. In ſtolzer Haltung, mit ſtrengem, geſpanntem Ausdruck in dem aufgeregten, ſtärker gerötheten Geſichte ſagte ſie franzöſiſch: Folgen Sie hier dem Herrn Baron von Lehſten zum Commandanten des Caſtells. Dort werden Sie verneh⸗ men, in welcher Weiſe Ihr Freund wird entlaſſen wer⸗ den. Sagen Sie mir kein Wort! Sorgen Sie, daß Ihr Freund ſchnell und ſo weit wie möglich komme. Le⸗ ben Sie wohl! Wir werden uns nicht wiederſehen! Niemals! Ehe Hermann dazu kam, ein Wort des Dankes, eine Bitte um Vergebung ſeiner Kühnheit vorzubringen, war ſie durch die nächſte Thür entſchwunden. Er wendete ſich dem Pagen zu, der ihn mit raſchen Schritten nach dem Caſtell begleitete. 384 Neuntes Capitel. Eine Flucht und ein Abſchied. Mit wieviel überſpannter Zuverſicht und Erwartung Hermann auch den gewagten Gang nach der alten Burg, zu einer halbvergeſſenen Gönnerin, unternommen hatte: der gute Erfolg konnte ihn immer noch durch die Schnellig⸗ keit überraſchen, womit er gewonnen war. Dennoch blieb die Zufriedenheit des Freundes weit hinter ſeinem Glücke und hinter der vorausgegangenen leidenſchaftlichen Be⸗ wegung ſeiner Seele zurück. Die ſtolze Entrüſtung, wo⸗ mit ſeine fürſtliche Gönnerin ihn zuletzt doch entlaſſen und ſozuſagen mit Unwillen abgefertigt hatte, ſchien in ſeinem nun herabgeſtimmten Innern nachzuwirken, und er fühlte nicht ohne Beſchämung, daß er auf eine ſo verwerf⸗ liche Zumuthung in dem ſittlich zarteſten Verhältniß als letztes Mittel zur Rettung Ludwig's fallen konnte, und die er ſogar gegen eine hohe, edle Frau ſo unbe⸗ fangen ausgeſprochen habe. Indeß ließ ihm die Dring⸗ lichkeit ſeines Anliegens in Begleitung des Pagen keine Zeit, weder über den Verdruß einer fürſtlichen Dame, noch über den Jeſuitismus freundſchaftlicher Verzweiflung lange nachzugrübeln. Der Commandant des Caſtells, eben jener Offtzier, dem das Dörnberg'ſche Unternehmen nicht fremd geweſen 385 war, gehörte nicht zu jenen Einverſtandenen, die hinter dem Mislingen des Aufſtandes her ſich als Gegner deſſel⸗ ben beeiferten. Nachdem er ſchon àm Morgen die Ver⸗ ſicherung ſeiner Ergebenheit und ſeines Gehorſams gegen den König ſchriftlich eingeſchickt hatte, that er Alles, was ſich mit ſeiner Verantwortlichkeit vertrug, zur Erleichte⸗ rung und Erheiterung der eingebrachten Gefangenen, die das Unglück des Unternehmens zu tragen hatten. Mitt dieſer wohlwollenden Geſinnung wendete er ſich, nachdem er den Ueberbringer des ſchriftlichen Befehls ent⸗ laſſen hatte, an Hermann, indem er vertraulich ſagte: Das iſt mir eine hoͤchſ erfreuliche Ordre, ſo ſehr mich die Art der Ausfertigung befremdet. Wir wollen darum eilen, ſie zu vollziehen. Ich ſoll Herrn Heiſter bei Nacht entſchlüpfen laſſen. Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen, und mehr bedarf es ja für Sie auch nicht. Tref⸗ fen Sie Ihre Anſtalten zu einer recht ſchnellen Flucht Ihres Freundes. Wir wollen gar nicht die Nacht, ſon⸗ dern nur die Dämmerung abwarten. Die Unterſchrift des Königs, die mir zu meiner Rechtfertigung genügt, iſt von Niemanden contraſignirt, und der Inhalt der Ordre, wie es ſcheint, einer Frauenhand in die Feder dictirt. Wir wollen darum eilen, jedem Widerruf zuvor⸗ zukommen; ſorgen Sie dafür, daß eine etwaige Verfol⸗ gung des Entflohenen zu ſpät komme. Um hierzu das Nöthige zu verabreden, ließ der Com⸗ mandant den Gefangenen herab in den Hof bringen. Die Eile, womit die Gunſt der nächſten Stunden benutzt wer⸗ den mußte, geſtattete den Empfindungen der Freude und der Hoffnung wenig Raum. Ludwig entſchloß ſich, Koenig, Jeröme's Carneval. III. 25 — —— 1 88 f 1 386 über Homberg zu gehen, um Lina Lebewohl zu ſagen. Hermann übernahm es, ſie durch einen reitenden Boten voraus zu benachrichtigen, damit zur Weiterflucht Alles 3 vorbereitet ſei. Und da zu fürchten war, daß ſie, von 4 Ludwig's Unglück benachrichtigt, vielleicht ſchon auf dem Wege nach Caſſel ſei, ſo ſollte der Bote die Straße rei⸗ ten, die ſie gewöhnlich zu nehmen pflegte, um ihr zu begegnen. Das Nächſte war ſodann für Hermann, daß er bei Jacobſon eine Summe in Gold aufnahm und ſein Pferd füttern und ſatteln ließ. Als die Dämmerung herankam, führte ſein Burſche das muntere Thier hinaus vor das Leipziger Thor. Hermann ſelbſt nahm den im Caſtell umgekleideten Freund am Ausgang in Empfang, und ſchlenderte mit ihm, unter den dringendſten Verabredun⸗ gen für die nächſte Zukunft, hinaus, wo ſodann Ludwig mit heißem herzlichen Lebewohl das Gold einſteckte, das Pferd beſtieg, und mit thränenden Augen der ſinkenden Nacht entgegeneilte. Schwere, leidvolle Tage folgten jetzt. Die Küraſſiere, die am Aufſtande Theil genommen, waren unter Anführung ihrer Unteroffiziere großentheils von der mobilen Colonne als Gefangene aufgebracht worden. Sie wurden ſtand⸗ rechtlich je der zehnte Mann erſchoſſen. Auch andere Ein⸗ gebrachte, Soldaten und Bauern, verfielen dem Urtheil auf Hinrichtung durch Pulver und Blei. Die Vollſtreckung dieſer Urtheile fand auf dem ſogenannten Forſte ſtatt, von woher an manchem ſchönen Frühmorgen die Büchſenſchüſſe mit dem Oſtwind an Hermann's hohem Fenſter wieder⸗ ——————— 387 hallten. Es war eine entſetzliche Vorfeier jener nahen Frühlingstage, die den Freund vor einem Jahre zum h erſten mal hier, im Ausblick über die weite herrliche Landſchaft, entzückt hatten. Solcher Erinnerungen und deſſen, was ſich daran knüpfte, froh zu werden, war die traurige Zeit nicht an⸗ gethan. Denn es blieb nicht bei den betrübenden Ereig⸗ niſſen im Weichbilde der Reſidenz von der Knallhütte herab nach dem Forſte: leidvolle Nachrichten ſtanden aus Homberg bevor, und ganz Deutſchland ward von dem Unglück erſchüttert, das die öſtreichiſchen Waffen traf. An demſelben 22. April, an welchem in der Frühe die heſſi⸗ ſchen Inſurgenten zerſprengt wurden, war bei Eckmühl die öſtreichiſche Armee aufs Haupt geſchlagen und zerſtreut worden. Und ſo wehmüthig man zuerſt im weſtfäliſchen A Moniteur las, wie ſehr die Gemeinden des Köͤnigreichs ſich beeiferten, die ehrfurchtsvolle Huldigung ihrer uner⸗ ſchütterlichen Treue und Ergebenheit an Se. Majeſtät zu den Füßen des Thrones niederzulegen und erneuerte Eid⸗ ſchwüre anzubieten, ſo ſchmerzlich für deutſche Herzen nah⸗ men ſich in franzöſiſcher Sprache die Lobeserhebungen aus, die Napoleon dem würtemberger Armeecorps für den tapfern Mitkampf gegen Oeſtreich in ſeinen Bülletins ſpendete,— ſo demüthigend kam dem für die heſſiſchen 3 Patrioten zu ſpät erfolgten Auszuge des Majors Schill l 1 mit ſeinem Regiment eine verdammende Ordre des Königs von Preußen, ein„Ruhe ſei die erſte Soldatenpflicht“ 1 von Königsberg am 8. Mai nachgehinkt. Hermann, weit 1 e entfernt, ſich zufrieden zu geben, daß er mit ſeiner ruhigen, — beſonnenen, aber ebenſo feſten Entſchloſſenheit durch klein⸗ 25 388 liche, faſt lächerliche Hofintriguen an dem Unglücke der Erhebung vorübergeführt worden, fühlte nur deſto leid⸗ müthiger all' den Jammer mit, der durch das zerriſſene, getheilte, in ſeinen Fürſten uneinige Deutſchland ſchwer und ſchmachvoll über eine ſo edle, über die begabteſte Nation kam. Die Königin hatte indeß Caſſel wirklich verlaſſen. Die deutſchen Bittſchriften mehrer bedrängten Familien von hingerichteten Inſurgenten erreichten die Prinzeſſin von Würtemberg nicht mehr, die ſonſt auch nur fran⸗ zöſiſch abgefaßte Bittgeſuche anzunehmen pflegte. Ihre Oberhofmeiſterin, die Gräfin Antonie, war jedoch mit dem Vorwande von Unpäßlichkeit zurückgeblieben. Es ſchien aber zu einem andern Zwecke geſchehen zu ſein. Sie hatte eine lange und herzliche Berathung mit ihrem Gemahle gehabt, und war mit ihm einig über ein Vor⸗ haben, deſſen Eröffnung aber dennoch ihr Gemüth be⸗ wegte, als ſie gegen Abend eines ſtillen Tages in ihrem Wohnzimmer auf⸗- und niederwandelte.— Es war heut nicht mehr ganz die alte Ordnung je⸗ nes Gemachs, worin einſt Adele Le Camus mit Hermann ihre deutſchen Stunden gehabt hatte. Koſtbarere Möbel aus dem andern Zimmer waren eingeſtellt, und an den Wänden hingen mehre gute Gemälde, die in glänzenden Rahmen Landſchaften aus dem rauhen, romantiſchen Theil von Hechingen darſtellten, unter Anderm über den beiden geſchloſſenen Thüren zum Boudoir und zum Salon der Gräfin das alte Bergſchloß Zollern, von zwei Seiten aufgenommen. Einige Blumenvaſen auf Pfeilertiſchchen ſtanden friſch gefüllt. Die Gräfin ſelbſt war ſorgfältig angezogen, was man in vollem Staat nennen konnte. Sie hatte befohlen, keinen Beſuch zuzulaſſen außer dem, um deſſentwillen der Kammerdiener die gute Livree trug, worin er eben die Thür aus dem Salon aufriß. Der König trat mit Lebhaftigkeit ein, und Gräfin Antonie empfing ihn mit großer Reverenz. Was iſt das? fragte er betroffen, indem er ſie an— ſtarrte und im Zimmer umherblickte. Was ſoll das be⸗ deuten? Der Diener in Liorze, das Zimmer ausgeſchmückt, die Herrin im Putze? Ich war auf die allereinfachſte Er⸗ ſcheinung meiner lieben Gräfin Antonie gefaßt, des zärt⸗ . lichſten Stündchens einer liebevollen Hingebung, des Glücks einer langerſehnten Gewährung verlangend, und— werde ausgeſucht feierlich empfangen? Doch— ich denke, es iſt t nicht ſo gemeint, wie es ausſieht, liebe, liebe Antonie! Er breitete die Arme aus, ſie zu umfaſſen; ſie wich . mit zurückweiſender Hand aus, indem ſie mit Ernſt und 1 Würde verſetzte: Nicht dieſe Vertraulichkeit, Sire, ich bitte! Erlauben 4 Sie mir zwei ſoweit auseinanderliegende Momente, als die Erwartung Ew. Majeſtät und mein eigentliches Vor⸗ haben ſind, raſch, durch ein offenes Bekenntniß auszu⸗ gleichen.—— Ich war in mehr als Einem Betracht die rechte Perſon nicht, die Ew. Majeſtät um die Frei⸗ 11 heit, um die Begnadigung eines unglücklichen Mannes 1 anſprach, der nun wol die Grenze Ihres Reichs weit r* hinter ſich hat. Allein der Freund dieſes Mannes, Herr n 4 Teutleben, den Ew. Majeſtät kennen, wendete ſich eben n an mich, und ich fürchtete, daß vielleicht kein Mann 390 eine Fürſprache in dieſer Sache ſo früh, als es doch ge⸗ ſchehen mußte, bei ſeinem mit Recht entrüſteten Könige wagen werde. Dennoch hätte ich es nicht thun ſollen. Ich foderte allerdings eine echt königliche Handlung, eine hohe That der Gnade, durch die zugleich eine ſtrenge Ausübung der Gerechtigkeit an einem Verbrecher der Mis⸗ deutung entzogen wurde, als gelte es Ihnen, Sire, um eine unwürdige Rache gegen die Gattin des Mannes, die früherhin Ew. Majeſtät ſtadtkundige Aufmerkſamkeit für ſie— ſo wenig paſſend zu behandeln wußte. Aber, in⸗ dem gerade ich dieſe große Mahnung an den König wagte, regte ich unbedacht in dem Manne Jeröme eine alte— Capriſe für das Weib in der Bittſtellerin auf, und lebhaft wie Ew. Majeſtät zu empfinden pflegen, ver⸗ gaßen Sie über dieſe Laune für mich, den König in Ihnen. In der Aufregung des Augenblicks, wo ſoviel Bedeutendes auf dem Spiele ſtand, und ich Ew. Majeſtät um Alles von einer menſchlichen Schwäche zu einer fürſt⸗ lichen That zurückbringen mußte, vergaß ich mich ſoweit, zu Ihrer Bedingung, zu Ihrer Gegenfoderung auf eine Weiſe ſtill zu ſchweigen, die wie eine Einwilligung, wie ein Zugeſtändniß ausſehen konnte. Mein Troſt war, Ew. Majeſtät würden ſich in ruhiger Stunde des Rechten beſinnen; aber ich fühle nun ſchmerzlich, daß Sie ge⸗ kommen ſind, mich meine Selbſtvergeſſenheit tief empfin⸗ den zu laſſen. Jeröme, durch den für ihn doch etwas bittern Ernſt der langen, offenbar vorbedachten Rede noch mehr ent⸗ rüſtet, als in ſeinem getäuſchten Verlangen zugleich ge⸗ reizt, erwiderte heftig: — Gräfin? Ich will nicht hoffen, daß Sie ernſtlich ſolche Täuſchung, ſolches Spiel mit mir ſich erlaubt haben. Das war nun das rechte Wort eben nicht für eine Frau, die in ihrem fürſtlichen Selbſtgefühl einen lange gefammelten Unwillen kaum bemeiſtern konnte. Erlaubt, Sire? rief ſie lebhaft aus. Ja, ich habe mir's erlaubt! Eine augenblickliche Stille entſtand. Die Gräfin hielt an ſich und nahm ſich zuſammen; dann fuhr ſie ſanfter fort: Vergebung! In dieſem Tone dachte ich nicht von Ew. Majeſtät mich zu verabſchieden. Mein Mann und ich haben nämlich die Abſicht, Caſſel zu verlaſſen. Ver⸗ zeihen Sie meine Aufwallung! Aber, ich bin auch im tiefſten Herzen ſehr verſtimmt— über mich, über Vie⸗ les; traurig, ſehr traurig, Sire, über die unglückliche Zeit, über ſoviel Unwürdiges, was um uns her vor⸗ geht, über ſoviel Verhängniſſe, die in ganz Deutſchland Hoch und Niedrig treffen. Drum, Sire, laſſen Sie uns die bittere Stunde abbrechen! Sehen Sie, dazu habe ich dieſen kleinen Schmuck des Zimmers—— Ich dachte zu einem heitern Abſchied— Mich hier ſtehen zu laſſen, mich ja nicht aufzuhalten! fiel Jeröme mit verhaltenem Groll ein.* Die Anſpielung der Gräfin auf den Hof und die po⸗ litiſchen Verhältniſſe ſteigerte noch ſeinen Unwillen. Er ſuchte nach einem Trumpf, womit er lachend und mit ſiegendem Stolze gehen koͤnnte. Ich weiß nicht, was Sie mit Ihrer Trauer über die 392 Zeit meinen, Madame, ſagte er. Frauenpolitik kann mich auch nicht ſehr anfechten. Aber Eines begreife ich, daß ich es mit Ihrer Zeit nicht gut getroffen habe. Ich komme, einen zugeſagten Dank zu holen, wo Sie ge⸗ rade einen zäͤrtlichen Dank ſelbſt zu empfangen ſich ge⸗ ſchmückt und— ſo reizend verjüngt haben. Ich verſtehe Sie nicht, Sire! Ei, erwiderte er mit boshaftem Lächeln, iſt hier ne⸗ benan nicht das Boudoir, wo bei meinem frühern uner⸗ warteten Beſuche der junge Sprachmeiſter mit Adelen Le Camus ein Stündchen verſteckt war? Damals gab er Unterricht, heut wird er mit ſeinem Danke warten. Ich will ihm die Zeit ja nicht länger machen! Er griff nach dem abgelegten Hut. In demſelben Augenblicke zuckte die Gräfin zuſammen, leichenblaß, die Hand an ihr Herz gedrückt. Dann nach einigen Augen⸗ blicken der Faſſung ſich erhebend, hochgetragen und mit einem Blicke der Verachtung ſchritt ſie, die Thür des Boudoirs zu öffnen. Jeröme lachte laut auf. Ha! rief er, ich weiß es zu ſchätzen, daß Sie mich überzeugen wollen! Die Gräfin ging ebenſo ſchweigend, die Salonthür aufzumachen. Dann ſagte ſie, anfangs nicht ohne Beben in Stimme und Bewegung, bald aber mit all' ihrem fürſtlichen Stolze: Ja, ich habe Ew. Majeſtät überzeugen wollen, daß kein Domeſtik in der Nähe iſt, wenn ich Ihnen Lebewohl ſage. Ich übergehe den eben ausgeſprochenen Argwohn, Sire, an den Sie ſelbſt nicht glauben, der nur eine 393 augenblickliche Erfindung Ihres königlichen Herzens iſt. Ich war mit meiner Fürbitte für den begnadigten Herrn Heiſter nicht etwa inconſequent, Sire. Seit Sie die Grille verfolgten, mich den liebenswürdigen Frauen beizugeſellen, die ihre eigene und die königliche Gunſt beſſer als ich zu ſchätzen wußten, war es mein Bemühen, Sie an könig⸗ liches Handeln zu erinnern. Nicht etwa um Ihretwillen, Sire: was kümmerte mich der jüngſte Sohn der Madame Lätitia Buonaparte, der ja beſſere Lectionen von ſei⸗ nem kaiſerlichen Bruder erhält! Nein, ich that es für meine Königin, für meine Jugendfreundin aus einem alten Fürſtenhauſe, der ich die Zufriedenheit gönnte, ſich wenigſtens menſchlich würdig vermählt zu glauben. Mein Beſtreben war vergebens! Jeröme hat ſich doch zu lange in der Atmoſphäre von Baltimore aufgehalten, um nicht Liebhaberei an Handel und Wandel zu bekommen, und mit den königlichen Prärogativen gute Geſchäfte zu machen. Was thun wir hier, Sire? Wir gehen alſo! Ich bin nun durch Sie ſelbſt beruhigt, daß Sie doch nicht vergebens hierher gekommen ſind. Ich fürchtete anfangs, Sie kämen blos, um mich erniedrigt zu finden. Aber nein, Sie haben ſich mir noch einmal in Ihrer ganzen Liebenswürdigkeit zeigen wollen. Sie ſind alſo nicht ver⸗ gebens dageweſen. Leben Sie wohl, Sire! Sie verneigte ſich wie eine Fürſtin, die einen außer⸗ ordentlichen Geſandten entläßt, und betrat ihr Voudoir, das ſie hinter ſich verſchloß. Die dunkeln Rollgehänge waren ſchon herabgelaſſen; es herrſchte tiefe Dämmerung im Gemach. Eine Er⸗ ſchöpfung überkam die aufgeregte Dame. Sie fühlte ſich 394 einer Ohnmacht nahe, und wie ſie nach dem Schellenzug wankte, glaubte ſie in ihrer aufgeregten Phantaſie Her⸗ mann und Cerile Arm in Arm heranſchweben zu ſehen.* Sie faßte den Schellenzug ſo heftig, daß er abriß; ſie ſelbſt ſank bewußtlos zu Boden. 1 Nach einigen Tagen las man im Moniteur, daß Se. Majeſtät den Abſchied der Oberhofmeiſterin und des Ober⸗ kammerherrn, der ſich auf ſeinen Gütern bei Koͤnigsberg aufhalten müſſe, anzunehmen geruht hätte. Zehntes Capitel. Rück⸗ und Nachwirkungen. Frau Lina hatte ſich nach dem ſchmerzlich frohen Ab⸗ ſchiede von ihrem Ludwig nicht entſchließen können, nach Caſſel auch nur zu Beſuch zu kommen, viel weniger über⸗ zuſiedeln. Sie zog ſich für den Sommer auf ihren nach⸗ barlichen Weiler zurück, und lud Hermann ein, ihr die Mutter, wenigſtens auf einige Tage, zu ihrer wechſelſei⸗ tigen Beruhigung zu bringen, ihren herzlichen Dank für die Befreiung Ludwig's zu empfangen, und ſein Pferd ſelbſt abzuholen, das, von Ludwig überritten, in der Be⸗ handlung des Thierarztes ſei. 1 Jetzt konnte Hermann ſeiner guten Wirthin das Ge⸗ ſchick ihres Schwiegerſohnes nicht länger verſchweigen. Sie vernahm es mit jener Faſſung, die ältern Leuten, bei nicht mehr allzu lebhaften Empfindungen, leichter wird. Auch zogen nur allzu bald betrübende Begebenheiten in Homberg die befreundeten Gemüther in Mittheilnahme. Zwar über Doͤrnberg vernahm der Freund beruhi⸗ gende Nachrichten. Der flüchtige Oberſt hatte beim Ober⸗ forſtmeiſter oder Forſtinſpector von Buttlar ſeine Uniform gegen einen Anzug vertauſcht, wie ſolcher zum Namen „Peter Müller“ paßte, unter welchem er mit einem An⸗ lehn der Aebtiſſin von zwanzig Friedrichsd'or glücklich über die Grenze ins Fuldaiſche entkam. In derſelben Richtung war ihm Ludwig gefolgt, und ſeine Hinterbliebenen ſahen nun mit mehr Hoffnung als Beruhigung ſeinen, Nach⸗ richten entgegen, die freilich auf geheimen Wegen ſo ſchnell nicht zu erwarten waren. Kaum aber hatte ſich Hermann mit dieſer guten Aus⸗ kunft und nach heiterm Abendbeſuche bei Frau von Stöl⸗ ting und der holdſeligen Cordula, in der Frühe des Ta⸗ ges, zu Pferde gen Caſſel auf den Weg gemacht, als ſich in Homberg der Schreck verbreitete, daß in der Nacht ein Polizeicommiſſar angekommen ſei, das Damenſtift auf⸗ zulöſen. Wirklich wurden unter der Beſchuldigung, daß die Stiftsfrauen die Fahne des Aufruhrs geſtickt und dreitauſend Thaler zum Aufſtande beigetragen hätten, die ſämmtlichen Papiere des Stifts in Beſchlag genommen und die Frauen Aebtiſſin, Dechantin und von Metzſch unter ſtarker mili⸗ täriſcher Bedeckung nach Caſſel abgeführt. öͤöͤſͤſſſſſſͤͤ⁄ͤ 2 396 Wie der Wagen an der Wohnung der Frau von Stölting vorüberkam, eilte die erſchütterte Freundin, die vorher am Stift abgewieſen worden, an den Schlag, um den Damen Lebewohl zu ſagen. Marianne Stein hätte gern noch einmal ihr„Herzblättchen“ Cordula um⸗ armt; ſie wurde aber nicht aus dem Wagen gelaſſen, auch fürchtete die Mutter einen zu lebhaften Eindruck auf die Kranke. Doch dieſe, von dem Heulen und Weinen der Menſchen, beſonders der Armen, auf der Straße be⸗ unruhigt, hatte ſich vom Dienſtmädchen an das Fenſter führen laſſen, und war im Augenblicke, wo ſie, mit dem linken Arm auf die Führerin geſtützt, beim Anblick der bewaffneten Bedeckung und der aus dem Wagen vorge⸗ beugten Dechantin ſchreckhaft bewegt, mit einem raſchen Griffe das Fenſter öffnen wollte, unter ſchmerzlichem Aufſchrei in die Arme des Mädchens zurückgeſunken. Wäh⸗ rend der Bemühung deſſelben, die Erblaßte mit Eſſenz zu beleben, fand die Mutter einige Minuten ſpäter ihr Kind im Armſeſſel an einem Herzſchlag hingeſchieden.——— Das Verfahren gegen die Stiftsdamen ging kurzer Hand. Obgleich nachgewieſen wurde, daß die Fahne vom Baumbachshof herbeigebracht worden, Fräulein Karoline ſich auch freimüthig als Verfertigerin bekannte, und aus den Stiftsrechnungen keine ungerechtfertigte Ausgabe nach⸗ zuweiſen war, ſo blieb doch das ſehr bedeutende Ver— mögen des Stiftes eine große Verlockung. Es wurde unter Aufhebung der Anſtalt mittels Decrets für verfallen erklärt, obgleich es, zum groͤßten Theil im Ausland an⸗ gelegt, nicht eingezogen werden konnte. Die Aebtiſſin wurde durch Verwendung ihres bei Hof angeſehenen Bru⸗ ders mit Verhör verſchont; die Dechantin aber, im Be⸗ ſondern noch einer Correſpondenz mit ihrem Bruder Miniſter, dem le nommé sStein, beſchuldigt, wurde unter unfreundlicher Behandlung in Begleitung von Fräulein Metzſch nach Mainz abgeführt. Im Uebrigen wurde der Aufruhr in ſeinen Theil⸗ nehmern nicht ohne Rückſicht und ſchonenden Anſtand be⸗ handelt. Der König war nicht rachſüchtig, und von den Miniſtern gab ſich keiner zu unermüdlichen Anklagen und widerwärtigen Verfolgungen her. Nur die durch ihre Flucht anerkannten Unternehmer und Hauptanführer des Aufruhrs wurden für Verräther am Vaterland und Kö⸗ nig erklärt, und unter Beſchlagnahme ihres Vermögens in Contumaz verurtheilt. Die Ortsbeamten, die zum Aufſtande geläutet oder aufgefodert, wurden vor Gericht geſtellt. Die Unterthanen aber, ſofern ſie ſich binnen acht Tagen in ihrer Heimat einfanden, erhielten Amneſtie und ſogar die Senſen, Gabeln und ſonſtigen Geräthe, womit ſie ſich bewaffnet hatten, wieder zurück. Zum Schluß wurde den Miniſtern aufgegeben, alle jene Be⸗ amte, die ſich durch Muth und Entſchloſſenheit gegen die Inſurrection hervorgethan hätten, zum Behuf ihrer Be⸗ lohnung auszumitteln. Nun trat denn auch der neue Orden der weftfäli⸗ ſchen Krone als glänzende Auszeichnung der Getreuen hervor. Dieſer Orden trug ſeinen Namen von einer Krone mit dem Blumenſchmucke acht goldener Fleurons auf blau — —— — — —— * 398 emaillirtem Band mit der Deviſe:„Charakter und Aufrichtigkeit“. Auf und in Mitte der Krone ſtanden Adler und Löwe mit dem Rücken zuſammenſtoßend unter einer Krone verbunden; rechts vom Löwen das weſt⸗ fäliſche Pferd, links vom Adler der caſſeler Löwe— alle überragt von dem gekrönten kaiſerlichen Adler mit der Inſchrift:„Il les unit“. Mit dem goldenen Ring einer ſic in den Schwanz beißenden Schlange hing die Decoration an einem dunkel⸗ blauen, gewäſſerten Bande. Die Großcommandeurs tru⸗ gen ſie über dem Kleid von der rechten Schulter zur lin⸗ ken Hüfte mit einem ſilbernen Stern auf der linken Bruſt, die Commandeurs um den Hals, die Ritter im Knopf⸗ loche. Das beſondere Coſtüm der Ordensglieder war rehfarben— couleur-ventre de biche. Jeroͤme ſelbſt geftel ſich ſo in dieſem Anzug und Schmuck, daß er zuweilen darin zur Sonntagsparade er⸗ ſchien: im deutſchen kurzen Waffenrocke von rehfar⸗ benem Sammet, mit enganliegenden Beinkleidern derſelben Farbe, in altdeutſchen Ritterſtiefeln mit klirrenden Spor⸗ nen, ein Ritterſchwert an breitem Bandelier über die Schulter gehängt, das große blaue Ordensband daneben. Um aber etwas Apartes zu haben, oder auch um durch das vorgeſchriebene Barett von ſchwarzem Sammet nicht zu unanſehnlich zu erſcheinen, liebte er es, ſtatt deſſen den gewöhnlichen dreieckigen militäriſchen Federhut aufzu⸗ ſetzen, der ſich freilich zur altdeutſchen Tracht, couleur- ventre de biche, ſeltſam genug ausnahm. Gar bald verbreitete ſich zu dieſem heitern Ausſehen die erſte poſſirliche Aeußerung des Kaiſers Napoleon, 399 die er bei der Vorlage der Zeichnung zur Genehmigung des Ordens gethan haben ſollte. Nach ruhiger Betrach⸗ tung hatte er mit leiſem Kopfſchütteln geſagt:„Il y a bien des béêtes dans cet ordre là!“ Ein ſcharfſinniger Zuhörer dieſer bei einer Parade er⸗ zählten Anekdote bemerkte, der Kaiſer habe ganz über⸗ ſehen, daß ſein Adler mit dabei ſei—„Il les unit“ heißt es ja doch! Der Kaiſer Franz würde'was Anderes geſagt haben, flüſterte ein Schalk.„Es ſind halter lauter Viecher ohne Hörner auf dem Orden“, würde er geſagt haben. Und ich hätte ihm geantwortet:„Majeſtät, laſſen wir unſern guten König Jeroöͤme dafür ſorgen, daß die richtigen Leute unter den Orden kommen!“ Solche Aeußerungen geſchahen jetzt wieder mit größter Vorſicht; denn die Polizei war nach dem Aufſtande ver⸗ ſchärft und unter beſonderer Generaldirection hergeſtellt worden. Jeröme, auf ſeinen frühern Gedanken zurück⸗ gekommen, hatte dieſelbe dem alten Bongars zu ſeinem Commando der Gendarmerie übertragen, und dieſer ſich zum Generalſecretär einen Polizeimann von Ruf ange⸗ nommen, einen Herrn von Schalch— er ſelbſt ein Schweizer, ſein von aber von unbekannter Herkunft—, ein ſchöner Mann bis auf ſeine tellerformige Glatze. Wie methodiſch er zu Werk ging, zeigte ſich dadurch, daß er gleich als Baſis polizeilichen Verfahrens ganz Heſſen in drei Claſſen von Einwohnern theilte: in franzöſiſche, alt⸗ deutſche und zweideutige Patrioten. —————— 400 Bei alledem, daß Jeroͤme ſich bald wieder zu zer⸗ ſtreuen anfing und„wieder luſtig“ zu ſein nicht vergeſſen hatte, es daher auch gern ſah, daß ſein Jugendgenoſſe, Graf Fürſtenſtein, ſeine Vermählung mit der Comteſſe Adelheid von Hardenberg mit glänzendem Aufwande be⸗ ging, hinterließ doch das heſſiſche Ereigniß, wenngleich verunglückt, doch einen nachhaltigen Eindruck auf ſein Gemüth. Er benahm ſich, wenigſtens anfangs, mit mehr Ernſt und würdiger Haltung. Die deutſche Sprache und Partei war allerdings ſeiner Gunſt nicht näher geruüͤckt; daß er aber die Bewegungen in Deutſchland fortan mehr beachtete und richtiger erkannte, bewies ein Brief, den er allerdings erſt ſpäter an den Kaiſer ſchrieb, den wir aber hier einſchalten, weil er uns aus der Betrübniß über die unglückliche Wendung der Dinge in Heſſen und in Oeſtreich prophetiſch auf die große, ſiegreiche Erhebung des ganzen Vaterlandes hinweiſt. Jeröme ſchrieb: „Ich weiß nicht, was Ew. Majeſtät über den Geiſt in Deutſchland berichtet wird; aber wenn man Ihnen von Unterwerfung, Ruhe, Schwäche ſchreibt, ſo iſt das Lüge und Täuſchung. Die Gährung iſt auf dem höchſten Gipfel, die thörichtſten Erwartungen ſind wach; man nimmt ſich Spanien zum Beiſpiel. Wenn es zum Krieg kommt, wird alles Land von der Oder bis zum Rhein in hellen Aufruhr losbrechen.——— Die Verzweiflung der Völker, die nichts mehr zu verlieren haben, weil man ihnen Alles genommen hat, darf Beſorgniß erregen. Nicht blos in Weſtfalen und den Frankreich unterwor⸗ fenen Ländern iſt das Losbrechen zu fürchten, ſondern in 40r4 den Gebieten aller Rheinbundsfürſten; dieſe ſelbſt werden das erſte Opfer ſein.“ Doch die beſſern Einſichten Jeröme's verbeſſerten auf die Dauer nichts an dem Carneval ſeiner Regierung, und gerade gegen die Zeit hin, die er vorausſagte, ſchilderte ein Augenzeuge in ſeinem ſchlagenden Franzöſiſch die weſt⸗ fäliſche Wirthſchaft mit den Worten: „Les contribuables ne pavent pas, les militaires se rebutent, e Roi s'amuse,— la boutique va à les fonctionnaires se relàâchent, les ministres s'endorment, 1 tous les diables.“ („Die Steuerbaren zahlen nicht, die Beamten er— ſchlaffen, das Militär verliert den Muth, die Miniſter ſchlummern ein, der König vergnügt ſich,— die ganze Wirthſchaft geht zum Teufel!“) — Inzwiſchen war endlich auch ein lange erwartetes Schrei⸗ ben von Ludwig eingelaufen oder vielmehr eingeſchlichen. Die Kürze deſſelben und die auffallend unſichere Hand⸗ ſchrift erſchreckten Lina, noch ehe ſie nur den Inhalt kannte. Ludwig ſchrieb: „Ich bin hier in Prag nach mancher Gefahr, Müh⸗ ſeligkeit und Angſt leidlich wohl angekommen. In Fulda traf ich Herrn von Dörnberg; wir reiſten nach den Um⸗ ſtänden bald zuſammen, bald Rothen Hauſe eingekehrt. Der Erſte, der mir auf der Treppe begegnete, war unſer Kapellmeiſter Reichardt, im Begriff, zu ſeiner Rückkehr nach Halle einen Platz auf der Poſt zu beſtellen. Er will nun meinethalben noch ein 26 Koenig, Jeroͤme's Carneval. III. getrennt, und ſind hier im paar Tage bleiben. Ach, wie zuckt unſer Herz von Freude und Wehmuth beim Anblick eines Bekannten in der Ver⸗ bannung! Wir ließen uns, Dörnberg und ich, ſogleich beim Kurfürſten melden, und wurden ſehr gnädig em⸗ pfangen. Der Herr war bereits von Allem genau unter⸗ richtet, und als Dörnberg ſich darüber verwunderte, weil der vertraute Anhang des Fürſten auf der Flucht ſei, lächelte er und fragte nach einer Weile, wie zufällig, ob wir einen gewiſſen Herrn Wilke kennten?— Ich ver⸗ ſetzte: Ja, königliche Hoheit, wie man ein unaufgelöſtes Räthſel kennt. Er iſt Gendarmerieſcribent bei Bon⸗ gars.— Der Herr ſah mich ſcharf an, ſchwieg aber mit einer Miene, die mir auf einmal Licht über den jungen Mann gab, der unſerm lieben Hermann bisher eben ein ſo unheimliches Räthſel war. Am Ende iſt er weſtfäliſcher Scribent und kurfürſtlicher Agent zugleich. Ein guter Platz für Letzteres gerade bei der Polizei, und eine gute Schule zu einem künftigen Diplomaten!—— Bei un⸗ ſerm Weggehen erlaubte ich mir, eine warme Fürſprache für die armen Familien einiger unglücklichen Flüchtlinge und Gefangenen, die inzwiſchen vielleicht erſchoſſen worden, allerunterthänigſt vorzubringen. Der Herr ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er mit geheimnißvoller Miene: Das verſtehen Sie nicht, lieber Heiſter,— die Staats⸗ klugheit erfodert hier, daß ich allen Schein von Theil⸗ nahme an dem weſtfäliſchen Aufruhr vermeide. „Liebe Lina, was ich in dieſem Augenblick empfand, kann ich dir nicht beſchreiben. Ach, den ganzen weiten Weg meiner angſtvollen Flucht hatte mich doch der Kum⸗ mer um die Unglücklichen nicht verlaſſen, deren Elend ich ö ———— vielleicht mitverſchuldet. O Gott, o Gott! Wie ich nach Hauſe kam, weiß ich nicht. Aber— es fröſtelt mich jetzt, und ich habe ſo arges Kopfweh, daß ich mich zu Bett legen will, um mich erſt recht auszuruhen. Da ich aber dem kurfürſtlichen Cabinetsrath einen Brief an dich ver⸗ ſprochen habe, den er mit eigenem Schreiben beſorgen will, ſo ſende ich bis auf Weiteres dieſe Zeilen ab, die dich wenigſtens wegen meiner beruhigen koͤnnen. Ach, was iſt Verbannung und Fremde für eine ſchwere Koſt! Aber Reichardt wird herüberkommen und mich ſchon erheitern. „Nächſtens mehr, unvergeßliches Herz! Dein Ludwig.“ Nur einige Augenblicke ſtand Lina, den Brief in den herabhangenden Händen, niedergebeugt, dann richtete ſie ſich langſam auf, mit dem Blick nach oben, als ob ſie ſich der Angſt und Ahnung gewachſen fühlen wollte, die aus dem Brief ſo ſchwer über ſie kamen. Sie eilte zu Frau von Stölting nach Homberg hinüber, ſich mit der mütterlichen Freundin zu berathen,— nicht außer ſich, wie man zu ſagen pflegt, ſondern ganz geſammelt, wie eine edle Frau, wenn ihr nicht zu leiden, ſondern zu leiſten auferlegt wird. Der Arzt ſaß eben bei der trauernden Mutter, und Lina rief: Ha, welch' eine Mahnung des Himmels erſcheinen Sie mir! Leſen Sie den Brief, Doctor! Er las; ſie ſah ihm geſpannt ins Geſicht, bis er vom Papier betrübt zu ihr aufblickte. Da rief ſie mehr bejahend als fragend: 26* Nicht wahr, ich muß nach Prag? Leiſe nickend, antwortete er: Es wird gut ſein, werthe Nachbarin! Unſerm edeln Freunde wird eine liebreiche Hand gar wohl thun, die ihn pflegt; Herz und Auge der Gattin wird die ſchlaf⸗ loſen Nächte hüten und die kritiſchen Momente nicht über⸗ ſehen, die ihm bevorſtehen. Aber der Weg iſt weit, liebe Frau,— Sie müſſen eilen! Gewiß muß ich eilen! Gehen Sie, beſtellen Sie mir einen Wagen hinüber! Ich fahre noch in dieſer Stunde. Sie, Mutter, geben unſerm Hermann Nachricht, und er wird alles Andere beſorgen; denn ich laſſe Alles liegen und ſtehen, wie es iſt. Sie umarmte Frau von Stöͤlting und eilte fort. Ehe der Freund jedoch die betrübenden Zeilen der Frau von Stölting erhielt, lief unmittelbar an ihn ein Brief Reichardt's ein, der ihn von dem gaſtriſch ⸗nervöſen Fieber, das Ludwigen mit aller Heftigkeit befallen habe, eiligſt in Kenntniß ſetzte, um Lina davon auf die geeig⸗ netſte Weiſe zu benachrichtigen. Bis aber Hermann mit der guten Mutter Lina's nach dem Weiler kamen, war Lina ſelbſt ſchon weit fort un⸗ terwegs nach Prag. Die Mutter nahm Beſitz vom klei⸗ nen Gut, und es blieb nun für Alle nichts übrig, als mit Ergebung das Weitere zu erwarten und ſich eines guten Ausgangs zu getröſten. — Welche angſtvollen vierzehn Tage mußten aber über⸗ ſtanden werden, ehe ein nächſter Brief ankam,— ſchwarz geſiegelt! Er war von Luiſe Reichardt, die auf Lina's 405 —— von Halle aus, die Freundin nach Prag be⸗ Ludwig war am einundzwanzigſten Tage Luiſe meldete zugleich, daß a, ſobald es ihr ſtein nehmen wür⸗ Durchreiſe, gleitet hatte. ſeiner Krankheit unterlegen. Vater die erſchütterte Lin mit ſich nach Giebichen iſchen in bewohnbaren Zuſtand geſetzt, der ſie und der Zuſtand erlaube, den, das inzwi trauernden Freundin den wohlthuendſten Aufenthalt, we⸗ nigſtens auf die Dauer der guten Jahreszeit, verſpreche. Lina fühle ſich von Hermann's Aeltern und Schweſter, bei denen ſie auf der Durchreiſe ſich eine Nacht ausgeruht habe, aufs innigſte angezogen, und ſehne ſich nach dem Umgang mit ihnen. Dieſer letzte Um maßen mit dem betrüͤ din auf ſo lange und ſtand verſoͤhnte den Freund einiger⸗ benden Gedanken, die geliebte Freun⸗ ſo weit entfernt zu wiſſen. Und allerdings— Frühling und Sommer auf dem herrlichen Landſitze; edle Muſik, die da zu Hauſe war; liebevolle Menſchen, denen ſich Lina ſeelenverwandt fühlte; ein Kreis ausgezeichneter Männer, die von Halle herüber ab⸗ und zugingen: gab es einen angemeßnern Aufenthalt, eine traulichere Zuflucht für eine junge Witwe, wie Lina, um ſich von bittern Erlebniſſen zu erholen, und das Herz fuͤr die Welt zu erheitern?—— Gewiß, gewiß! geſtand ſich Hermann ein, und ſetzte in Gedanken hinzu: Und keine geeignetere Zurückgezogenheit, um auch zwi⸗ d Hoffnung die Geſellſchaft mit einem ſchen Erinnerung un und dann— Trauerjahr abzufinden, was er wei⸗ Doch ſein Herz klopfte heftiger bei dem, beſchämender Vorwurf ſtieg in ſei⸗ ter dachte, und ein ner Bruſt auf, als er bei ſolchen Wünſchen den Flor auf dem Tiſche liegen ſah, den er um Ludwig am Hute tragen wollte. Unſere Erzählung ſchwebt auf beruhigten Wellen wie ein Schiff, das nach langer, zuletzt etwas ſtürmiſcher Fahrt im Ausblick auf den Hafen kreuzt, und der Flut zum Einlaufen harrend die Segel einzieht. Das umliegende Geſtade zeigt noch großartig formirte Felſen, anmuthig bewachſene Buchten; aber die Paſſagiere haben die Ruhe nicht mehr, ſie ins Einzelne zu betrachten. Auf andere Erwartniſſe gerichtet, werfen ſie nur den flüchtigſten Blick auf die nächſten hohen Ufergeſtaltungen, an denen ſie auslaufend vorüberkamen, und die ſie nun rückblickend zu vergeſſen denken. Der Kreis von hervorragenden Menſchen, mit denen Hermann ſeit ſeiner vorjährigen Frühlingsankunft in Ver⸗ bindung kam, hat ſich, von der Abreiſe des Kapellmeiſters Reichardt an, nach und nach zu löſen angefangen. Der Nächſte, der ihn nun noch verließ, war der Staatsrath Johannes von Müller. Er hatte ſich, wie es ſchien, von der lebensgefährlichen Krankheit, die ihn nöthigte, das Staatsſecretariat des Miniſteriums aufzugeben, nie gänz⸗ lich erholt. Aber neben den fortdauernden körperlichen Leiden und nagenden Geldverlegenheiten begleitete ihn auch noch unaufhörlich der Kummer ſeines verzagten Herzens um die Täuſchung aller Hoffnungen, mit welchen Napo⸗ leon's dämoniſches Uebergewicht ihn, ſogar perſönlich, eine 407 Zeitlang geblendet hatte. So war er ein hinfälliges Ge⸗ fäß geworden, dem der nächſte Stoß mit Zerbrechen drohte. Dieſer Stoß traf ihn nun auf der edelſten Seite ſeiner jetzigen Exiſtenz, als vereinzelte Unruhen da und dort im Lande— in Marburg und in Halle— ſich regten, an denen ſich auch die Studenten einigermaßen betheiligten. Der König ließ den Generaldirector des öͤffentlichen Unterrichts rufen, und überhäufte den armen Müller unter den heftigſten Vorwürfen mit Drohungen gegen die Univerſitäten. Toutes vos universités ne vaà- lent rien— rief er—, je les brülerai toutes. Müller wankte nach Hauſe. Eine gallichtnervöſe Krankheit ergriff und warf ihn raſch in Todesgefahr. Was half es, daß Baron Reinhard als franzöſiſcher Ge⸗ ſandter und Müller's Freund ins Schloß eilte, und den König unter den lebhafteſten Vorwürfen mit Napoleon's Ungnade bedrohte. Der Leibarzt Zadig, den Jeroöͤme zur Behandlung des Erkrankten ſchickte, ward dort zurück⸗ gewieſen. Doch ein Strahl der Zukunft Deutſchlands fiel noch in die letzte Stunde des großen Hiſtorikers: der Arzt Harniſch theilte ihm die erſte Nachricht vom Siege des Erzherzogs Karl über Napoleon bei Aspern mit. Müller ſtarb, und ward am letzten Maitage mit militäriſchen Ehren begraben. Ein Bataillon des dritten Linienregiments gab eine Salve an der Wohnung, und begleitete den vierſpännigen Leichen⸗ wagen mit gedämpften Trommeln. Dieſem folgten in dem von drei Marſchällen und dem Superintendenten geführ⸗ ten Zuge die Miniſter, der Gouverneur, die Staatsräthe, das Präfecturperſonal und über dreißig Equipagen. Miniſter 408 Simeon ſprach ſeinem lieben Papa Müller die Leichenrede, indem er eine beredte Schilderung der einfachen Perſön⸗ lichkeit und der vielfachen Verdienſte deſſ ſelben mit den Worten ſchloß: „Die Gelehrſamkeit verliert in ihm einen ihrer treue⸗ ſten Günſtlinge, die ſchönen Wiſſenſchaften einen Mann, der ihnen neuen Glanz mittheilte, der König einen eifri⸗ gen Diener, wir, meine Herren, einen Freund, einen Collegen; aber ſein Andenken und ſeine Werke werden ihn uns wiedergeben. Der Menſch, der, aus dem Leben ſcheidend, einen Theil ſeines Geiſtes unter den Mitmen⸗ ſchen zurückläßt, und durch nützliche und bleibende Werke die Thränen lohnt, die wir um ihn vergießen,— er ſtirbt nicht ganz.“—— Dem verzagteſten Manne folgte ſehr bald der toll⸗ kühnſte von Hermann's Bekannten. Der Oberſtlieutenant Emmerich, in die Verſchwörung verwickelt, die einen Mo⸗ nat nach Müller's Tode in Marburg ausbrach, wurde ſtandrechtlich verurtheilt, und ward unter ſtarker Bedeckung an dem früheſten Sommermorgen hinaus auf den Forſt geführt. Die Sonne ging über dem Zug des Söoͤhrewaldes auf, als der zweiundſiebzigjährige Greis, ſein thoͤnernes Pfeiſchen rauchend, noch einmal ruhig umherblickte. In dem wallenden Nebel des Gebirgsabhanges zog noch einmal flüch⸗ tig die Erinnerung an die luſtigen Abenteuer ſeines langen Lebens vorüber. Und wie ſein Pfeifchen ausgeraucht war, ſagte er gegen die Soldaten gerichtet, die mit dem Pulver und Blei des Kriegsurtheils ihm gegenüber ſtanden: Ein ſchöner friſcher Morgen, Kameraden! Eine char⸗ mante Dame hat mich einmal den Frühſtücksmann ge⸗ 409 nannt: nun, ſo früh wie heut hab' ich ſonſt nur im Feldlager und in Capagnen gefruͤhſtückt. Ihr habt an⸗ gerichtet, Burſche? Damn! Ich wollt', ihr hättet einen richtigern Mann zu bedienen, als den alten Parteigänger Emmerich.— Aber, es macht doch heut ſchaurig kalt. Wohlan! Capitän, geben Sie Feuer!—— Eines gewaltſamen Todes ſtarb denn einige Jahre ſpäter auch der frühere Kriegsminiſter Morio als Groß⸗ ſtallmeiſter des Königs. Er war, ohnehin etwas barſch— wir laſſen es hingeſtellt ſein, ob etwa durch frühere, ihm noch zugetragene Geſchichten eiferſüchtig—, noch brutaler geworden, und behandelte ſeine Untergebenen ſehr hart. Die Polizei in den hintern Höfen führte er mit der Peitſche, berichtet ein Zeitgenoſſe, und theilte rechts und links Hiebe mit einem ſo würdevollen Phlegma aus, daß es zum Lachen war. Ein Hufſchmied, Namens Leſage, fand aber dieſe Behandlung und eine ihn mittreffende Gehaltsver⸗ minderung ſo wenig ſpaßhaft, daß er eines Morgens dem Großſtallmeiſter, wie er eben die königlichen Wagen unter⸗ ſuchte, eine Kugel durch den Rückgrat ſchoß, und die zweite gegen ſich ſelbſt verfehlte. Der König war tief betrübt, und ehrte ſeinen alten Liebling mit einem pomp⸗ haften Begräbniß, zu welchem Blangini einen Trauer⸗ marſch componirte, auswärtige Garniſonen herbeigezogen und Kanonenſchüſſe geloͤſt wurden. Der Biſchof hielt unter Mozart's Requiem das Seelenamt, Simeon die Leichenrede. Noch bei einem Dritten ſeiner Freunde erſchien am Ende deſſen weſtfäliſcher Laufbahn der ehrliche alte Simeon, Koenig, Jeröme'’s Carneval. III. 27 410 diesmal aber nicht mit edeln Worten, ſondern mit frei⸗ müthigem Handeln. Den Gegnern des Grafen Bülow war es endlich, während einer abermaligen Abweſenheit des Miniſters in Paris, doch gelungen, dieſe Säule des Deutſchthums im Königreiche zu ſtürzen. Man brachte einen aufgefangenen Brief des Generalſecretärs Provencal an Bülow mit Nachrichten aus Caſſel unter Jeröme's Augen. Daß M Provencal darin ſeinen Chef den„Erſehnten“— le de- siré de la nation— nannte, verletzte Jeröme an ſeiner. eiferſüchtigen Seite. Was? Ich allein bin das Verlangen des Volks! herrſchte er Provengal an. Bülow ſelbſt wird bei ſeiner Rückkehr huldvoll em⸗..“ pfangen, erhält aber zu Hauſe durch Bongars den Befehl, Caſſel zu verlaſſen und ſich auf ſeine Beſitzung Eſſenrode— bei Braunſchweig zurückzuziehen. Er reiſt unter Gendar⸗ meriebedeckung ab. Die Polizeiſpione, von allen Seiten. an ihn gehetzt, dringen noch vor dem Hauſe auf ſeinen Wagen an, um dieſen und die Koffer nach Correſpon⸗ denzen zu durchſpähen, mittels deren man ihm vielleicht den Proceß machen könnte. Da erſcheint Simeon, ſchilt die Spürhunde hinweg, und begleitet ſeinen Collegen im Wa⸗ gen Gus der Stadt. Die Bureauchefs werden in Unter⸗ ſuchung gezogen und, da ſie gegen den ehrenwerthen Mi⸗ niſter nichts ausſagen können, entlaſſen. Hermann gehörte nicht mehr zu den Employes im Miniſterium; er beſann ſich aber keinen Augenblick, ſeine Stelle bei der Direction des Economats niederzulegen, und folgte ſeinem Goͤnner nach Eſſenrode. r 414 Hier lebte er einen heitern Sommer im trauten Um⸗ gang mit der liebenswürdigen Familie ſeinen alten Stu⸗ dien, bis er mit Empfehlungen des Grafen nach Berlin ging und ſich an der neugegründeten Univerſität habi⸗ litirte. Und ſpäter, als nach der großen, glücklichen Er⸗ hebung des Vaterlandes Graf von Bülow nach Preußen zurückberufen wurde, war einer ſeiner erſten Beſuche bei Freund Hermann. Als er mit ſeiner Gemahlin dort ein⸗ . trat, ſaß der Herr Proſeſſor mit— Lina am Flügel. Sie ſangen, jetzt mit vollen Stimmen: Mit dir, mit dir iſt Seligkeit das Leben, — . und ein kleiner Ludwig Teutleben zappelte dazu am Arme der Großmutter Wittich— wenn auch nicht gerade — im Tact. Und als das„ſelige“ Paar jubelnd aufſprang, den überraſchenden Beſuch zu begrüßen, ſagte Frau von Bü⸗ low mit ihrer alten liebenswürdigen Schalkheit: Alſo, lieber Freund, haben Sie doch endlich die rechte 3 Lina gefunden, die Ihnen—„jut“ iſte* Ja, Gräfin, ja! rief er. Und— ſehen Sie, da iſt auch ſchon wieder Einer—„im Flügelkleide. Er hob ihr ſeinen Knaben entgegen. Nun, nun, lachte ſie, wie lange wird's dauern, daß er„in die Mädchenſchule jeht“. Und ſodann, gnädige Gräfin, die hohe Schule der Frauen bezieht. Möge er darin beſtehen, wie ſein Vater! 3 Der eitle Mann meint, weil er da die erſte Prä⸗ 412 mie erhalten hat, lächelte Lina, und nahm ihm, mädchen⸗ haft erröthend, den Knaben ab. Schöne Frau Profeſſorin, fiel Herr von Bülow ein, ein Kind iſt keine Prämie, ſondern eine Dividende! Ja, Excellenz, erwiderte ſie etwas feierlich,— eine Dividende der Familie; aber auch eine Nummer auf die große Dividende der deutſchen Zukunft, auf die Dividende der Verheißungen unſers Konigs—„an ſein Volk“. Sehen Sie, Graf, dieſe unruhige Nummer wird das große Loos des freien und einigen Deutſchlands mitgewin⸗ nen helfen!. 1 A. Sie hob den Knaben feierlich empor. Graf Bülow faßte eines ſeiner Händchen, und ſagte mit ſeiner ſchalk⸗ haften Feinheit: Ja, liebe Freundin, der Burſche ſieht recht wacker aus: er kann ſehr alt werden! Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— 4 1 Arirt ——* * ——————